4. „---— fiotbek Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen M 1. Offensein der Bibliothek. Did Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, be i Entgegennah me ſeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunme JI hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret 4 4 j wird. ' 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ⁴——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf „ 3 3 2„=„ 3„—„ 4„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloörene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. us ie ne il. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 1 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. william Shakſpeare. —— Erſter Theil. Thema: Dichten und Trachten. Ein Roman von Heinrich Koenig. Zweite, neu bearbeitete Auflage. Erſter Theil. Leipzig: F. A. Brockhausz. 4 1850. Erſtes Buch. Koenig, William Shakſpeare. I. 1 * Erſtes Kapitel. Es kommt im menſchlichen Leben nicht ſelten vor, daß ein langgehegtes Leid ſich plötzlich nicht mehr beruhigen läßt. Der einſiedleriſche Kummer hielt ſich lange zurück; endlich hört er das Wehr des menſchlichen Treibens aus der Ferne rauſchen, und nun iſt er nicht mehr zu beſchwich⸗ tigen: er ſtuͤrzt zu irgend einem verzweifelten Unterneh⸗ men fort. Dies erfuhr eines Nachmittags die ſchöne Thekla, während ſie mit unruhiger Ueberlegung hinter verſchloſſe⸗ ner Thüre ſaß, und einen friſchen Rosmarinkranz flocht. Es war Donnerstag und Bärenhetze im Parisgarten. Die Königin Eliſabeth ſelber hatte, dem franzöſiſchen Ge⸗ ſandten zu Ehren, dies ungeſchlachte Schauſpiel beſucht, und ein anſehnliches Gefolge mit ſich gezogen. Da wim⸗ melte die Themſe von Hausgondeln der Vornehmen und Reichen, von Kähnen und Nachen für das Volk, die Menge ungerechnet, die ſich über die Londonbrücke hin⸗ über nach Southwark trieb. Dadurch war es nach und nach ſtiller in den Gäßchen am Strande geworden, und nur von Zeit zu Zeit, wenn das Beifallgeſchrei der Zu⸗ ſchauer aus dem Parisgarten mit dem Südwinde herüber⸗ 1* 4 ſcholl, jauchzte das Schiffsvolk in der Docke am Billings⸗ thore nach. Der Lärm ward bis in die Fiſchergaſſe ge⸗ hört, wo eben in einem Eckhauſe des krummen Gäßchens die ſchöne Thekla bei offenem Fenſter ſaß. Mit jedem Geſchrei ſchrak ſie auf, und der Gedanke zu entfliehen, dem ſie in unruhiger Angſt nachhing, wurde dringlicher. Sie hob mehrmals, wie zu fragen, den dunkeln Blick von dem fertigen Kranze nach einem Bild empor, das uͤber dem Schmucktiſche auf alten flanderiſchen Tapeten hing. Endlich ſtand ſie auf und heftete mit bebender Hand den Kranz unter das Bild.— Rosmarin des An denkens! flüſterte ſie, und plötzlich ſtürzten ihr die Thrã nen heiß über die Wangen.— Ja, ich fliehe, Schweſter! rief ſie laut. Halte mich nicht mit deinem wehmüthigen Blick auf, Roſalie; frage nicht mit deinem ſchmerzlichen Munde, wohin ich will oder kann. Laß nur! Wo ich auch zu Grunde gehen mag! Gerade der Tod nur könnte uns wieder vereinigen. Laß kommen, was da wolle! Blindlings will ich mich in das ſtrudelnde Leben ſtürzen, auf Alles gefaßt, in das Bitterſte ergeben, wenn ich nur nicht dein Andenken noch länger geſchmäht ſehe. Bitte du bei der heiligen Thekla für mich: du biſt reumüthig geſtorben, und gewiß den Heiligen nah. Abermals ein Lärmen die Fiſchergaſſe herauf. Thekla eilte an das Fenſter; das Spiel ſchien aus zu ſein. Un entſchloſſen rannte ſie hin und wieder. Sie öffnete eine Schmucklade, aus der ſie eine Summe Geldes zu ſich nahm. Ein Dolch wurde flüchtig eingeſteckt. Zögernd und mit bedenklicher Miene holte ſie ein Käſtchen hervor S S e ſah nach dem Bild auf, als ob ſie fragte: darf ich? 5 und da kein Ja herabnickte, öffnete ſte den Deckel, als er⸗ warte ſie vom Inhalt eine Antwort. Da lag nun ein werthvoller Schmuck enthüllt, unverkennbar derjenige, der auf dem Bildniß um den ſchönen Nacken der Schweſter mit treuer, niederländiſcher Kunſtfertigkeit gemalt war. Iſt es unrecht, wenn ich das— fragte ein feuriger Blick nach dem Bild hinauf. Dir war er geliehen; er iſt ver⸗ dient mit unzähligen—. Sie wollte Sünden ſagen, aber die Lippe zuckte das Wort Schmerzen heraus. Ich nehme ihn als dein Vermächtniß. Dieſe theuern Steine— u Kann ich betteln? Wovon ſoll ich die Ueberfahrt nach Frankreich oder nach Hauſe beſtreiten? Sie ſchloß raſch das Käſtchen, und ſteckte es eiligſttt über dem Gürtel ein. Im anſtoßenden Gemach durch⸗ wühlte ſie noch einige Behälter, bis Stimmen unten im Hauſe laut wurden. Sie warf einen Mantel um, und befeſtigte ihn mit dem Haken über der Bruſt; dann rie⸗ gelte ſie mit einem Abſchiedsblick nach dem Bild die Stu⸗ benthüre auf. An der ziemlich dunkeln Treppe ſtieß ſie auf einen Mann, vor welchem ſie erſchrak. Ein ſchlanker Fünfziger, in hofgemäßem Anzuge und von feinem Anſtand. Er kam eben aus dem Parisgarten, höchſt verſtimmt, daß ihn die Königin aus ihrem Gefolge hatte wegweiſen laſſen. Betroffen über Thekla's Anzug und Ausſehen, winkte er den Diener hinweg, und führte die Flüchtige mit ſich ins Zimmer zurück.— Was haſt du im Sinne, Thekla? Wie kommſt du mir vor? fragte er nicht aufs Freundlichſte Ich habe einen Ausgang, antwortete ſie kurz. Du? In der fremden Stadt? Zum erſten mal heut? 6 erwiderte er. Und in dieſem Anzuge, im Mantel— in ab den beſten Kleidern? Fliehen willſt du, undankbare. ver Dirne! b Bi Mit wem redet Ihr, Herr von Lasko? fuhr Thekla d ſtolz auf. Welche Eurer verächtlichen Bekanntſchaften liegt di Euch im Sinne, während Ihr mit mir redet? Ja, ich nu dachte zu fliehen; nun Ihr dazu gekommen ſeid, werd' G ich gehen. P Albert von Lasko ſchwieg, und ſah ihr ein Weilchen e forſchend ins Geſicht. Er überlegte, und nahm ſich zu— d ſammen.— Komm', ſagte er dann freundlicher, ſetze dich b d einmal hierher zu mir. Ich weiß wohl,— ich habe dich 6 gekränkt. Wie kannſt du aber glauben, daß ich dich im g Ernſt ausgeboten hätte! Ich wollte dir nur begreiflich m machen, welche Qual es für mich iſt, dir ſo nahe zu G ſein, ohne dich zu beſitzen. Komm,, und vergib es mir, 1 1 daß ich ſo ungeſchickt war! Teufel! Ja doch! Der ver⸗ 6 fluchte Wein und luſtige Geſellſchaft ſind meine Feinde; ſie machen mich ſo ungeſchickt, ſie verwildern mich. Aber es war auch ſchon ſo ſpät, als ich die Nacht heimkehrte, ſo früh am Tage, daß ich dachte, du wärſt wol ſchon aufgeſtanden, und ich dürfte in dein Zimmer kommen. O Herr von Lasko! erwiderte Thekla, mit Verach⸗ tung ſich von ihm wendend. Und wär's auch anders gemeint geweſen, fuhr er fort, vergib mir's diesmal! Du weißt, wie ſelten ich von meiner Mäßigkeit abweiche. Still davon, Herr von Lasko! verſetzte ſie. Meine 4 ſelige Schweſter hört es. Die Erde iſt noch locker auf ihrem Hügel. Ihr Andenken wird Euch nicht beſſern; 7 aber da ſogar mein Anblick Euch nicht zügeln kann, ſo verlaſſe ich den Ort, wo Ihr die arme Seele unter ihrem Bilde verhöhnt. Thor von einem Mann! Bei mir um Das zu werben, was Ihr Liebe nennt! Lasko und— Liebe! Habe ich denn mit der Schweſter nicht lange ge⸗ nug bei Euch gelebt, um Euch zu kennen und zu haſſen? Euch vergeben? Meiner Schweſter noch thränenfeuchtes Pfühl habt Ihr mir angeboten, und wollt es hernach einſegnen laſſen? Von welchen Gauners Hand? Sagt doch, iſt der Schurke vielleicht wieder da, der drüben an der Moſel meine bethörte Schweſter getraut hat? Konnte Euch all' der Harm eines liebevollen Herzens, das nun* gebrochen iſt, bewegen, Euch von echter Prieſterhand nachtrauen zu laſſen? Und wo liegen Eure Güter, Herr Baron, auf die Ihr uns führen wolltet? Ihr werdet wol Schlöſſer in Spanien beziehen, wenn Euer ſpaniſches Geſchäft hier in London gelingt, und die Königin von England— Sie konnte nicht ausreden: Lasko drückte ihr mit Wuth im Geſicht den Mund zu. Thekla entwand ſich ſeinem Arme, und ſtellte ſich ihm entſchloſſen gegenüber. Er eilte an die Stubenthüre und ſah hinaus, ob Jemand lauſche. Dieſe Augenblicke genügten ihm, ſeiner Verſtel⸗ lung Herr zu werden.— Solche kindiſche Träume könn⸗ ten gehört werden, ſagte er zurückkehrend. Du brüteſt doch immer wunderliche Sachen aus. Aber du bleibſt einmal die liebenswürdigſte Dichterin. Ich weiß, o ich bereue es, was ich an deiner Schweſter gefehlt habe. Ich habe es von Tag zu Tag gut machen wollen. Ach die liebevolle Roſalie! Wie hätte ich auch fürchten ſollen, * 8 ſie ſo unerwartet zu verlieren! Und du wollteſt gehen P und mich der Gelegenheit berauben, an dir Einiges wie ver der gut zu machen, Thekla? Thekla lachte laut auf.— Herr von Lasko, ſagte ſie, du wenn Ihr keine andere Gnaden habt, als aus dem Beutel Ge Eurer Reue, ſo will ich nicht mit Euch Hungers ſterben der Nein, laßt mich lieber mit dem Reiſegeld wandern, das ich ich mir bei Euch erſpart habe,— mit einer unerſchöpf, vo lichen Verachtung. Es iſt nicht die Erbſchaft meiner dö Schweſter: hätte die edle Seele ſolchen Schatz beſeſſen, ſie lebte noch. Der Haß hätte ſie erhalten können; ſie liebte er Euch, und ging zu Grund. Ich aber— ſage Euch ſte Lebewohl. R Du darfſt nicht! rief er aus, und hielt die Scheidende dei am Mantel zurück. Was füͤr Grillen ſind das? Habe fre ich deine Schweſter nicht gehalten, als ob uns ein Car 7 vo dinal getraut hätte? Was willſt du denn? War etwa ut deine Mutter getraut, als ſie von dem deutſchen Grafen ſi aus Welſchland entführt, Roſalien am Rhein und dich lg an der Moſel gebar? Laß es gut ſein! Ich habe für d dich zu ſorgen, ſelbſt auf deinen Undank hin. Und wenn i du auch mich nicht nöthig hätteſt,— ich kann dich nicht laſſen, kann deinen Geſang, deine Erzählungen 2 deine Märchen und Erfindungen nicht entbehren,— wunderbares Gemiſch du von deutſchem Vater und von italieniſcher Mutter, launenhaftes, farbenreiches Geſchöpf, das wie ein Regenbogen auf meiner dunkeln Zukunft d ſtrahlt! Wer ſoll mir den Bandello, den Boccaccio vor ¹ leſen? Ich will deine Träume, deine abergläubigen Ge ſchichten hören. Du ſollſt mir den Lebensquell deiner —ÿj— —Q:———— A Phantaſie nicht verſchließen. Warum haſt du mich ſo verwöhnt? Ich dich verwöhnt? lachte ſie auf. Mitgenoſſen haſt du es, wie der Hund die Knorpel unterm Tiſche der Gebieterin. Für meine Schweſter war es aufgetragen; der unglücklichen Roſalie, der kummervollen Seele ſang ich, erzählte ich. Für ſie war mein Spiel, und was ich vorlas; für ſie ſprangen die Sprudel meiner Phantaſie. Du haſt nur mitgetrunken. Bedanke dich und lebe wohl! Wie ſie entſchloſſen ſich nach der Thüre wendete, faßte er ſie hart am Mantel, und gebot ihr mit dem barſche⸗ ſten Tone, zu bleiben.— Deine Stelzen ſind noch keine Flügel, ſagte er. Ich habe noch einiges Intereſſe bei deinem Gehen. Wohin willſt du? Die Stadt iſt dir fremd, kaum in die nächſten Gaſſen haſt du geblickt. Wo⸗ von willſt du deinen Unterhalt beſtreiten, und wenn du überzuſchiffen denkſt, woher willſt du's nehmen? Leicht⸗ ſinnig biſt du; aber auf Gerathewohl in die Welt zu laufen,— für ſo thöricht halte ich dich doch nicht. Willſt du dich vielleicht an die Königin Eliſabeth wenden und ihr von meinen hieſigen Geſchäften erzählen? Mit dei⸗ nen unſinnigen Vermuthungen dir ein Gnadenauskommen erkaufen? Du biſt Phantaſtin genug, der mistrauiſchen Regentin von einer neuen Verſchwörung der Katholiken, von einem geheimen ſpaniſchen Sendling, von Vergiftung, von tauſend Lügen und Jeſuiten zu erzählen. So denkſt du auf meine Gefahr hin dein Glück zu machen. Einen Plan haſt du gewiß, und du haſt mir eben deine Ge⸗ ſinnung zu ſehr verrathen, als daß ich Narr genug wäre, dich fort zu laſſen. Ja, wenn ich dir ſogar für jetzt & — — 3 — — — 40 noch die beſte Geſinnung zutrauen wollte, ſo weiß ich zu ſehr, wohin einen Menſchen die Noth bringen kann. Und der Noth wirſt du in London nicht entgehen, und eben⸗ ſo wenig der Verworfenheit. Nein, du bleibſt hier! Sei du nun eine Thörin, die ihrem Haſſe folgt, oder eine Bettlerin, die der Verzweiflung entgegenrennt: ſo fodert Klugheit wie Liebe, dich zurückzuhalten, dich ein⸗ zuſperren. Hiermit faßte er ſie, und zog ſie nach dem innern Gemach. Wie ſie ſeiner ſich zu erwehren rang, entſfiel ihr das Schmuckkäſtchen aus dem faltigen Gewande. Lasko erkannte es gleich, und hob es auf. Er hatte im Stillen für Fälle der Noth auf den Werth des Schmuckes ge rechnet, und gerieth bei dem Gedanken an deſſen Verluſt in wahre Wuth. Er ſchalt Thekla eine Diebin, und ließ ſich an, ihre Kleider nach weiter eingeſteckten Sachen zu durchſuchen. Aber Thekla wollte ſich nicht das zweite mal packen laſſen. Mit einer raſchen Wendung hatte ſie den Dolch aus dem Buſen gezogen, und ſchlug, ohne ſich lange zu einer blos drohenden Abwehr zu ſtellen, mit dem ſcharfen Stahl ſo heftig nach Lasko's Bruſt, daß ſie ihm, der zum Glücke ſich im Nu ſeitwärts wendete, das reichgeſtickte Sam metwamms bis tief herunter aufriß. Bei ſeiner zu kurzen Wendung war er im linken Sporn hängen geblieben und zu Boden getaumelt. Er ſchrie nach Hülfe, bang vor der Wuth des leidenſchaftlichen Mädchens. Der Diener ſprang herein.— Halte ſie, halte ſie! rief Lasko. Der Burſche ſchrak aber vor dem blitzenden Auge und gezückten Dolche Thekla's zurück. So entkam ſie die Treppe hinab aus dem Hauſe Zweites Kapitel. Thekla hatte keine genau überlegte Richtung; nicht nur weil ſie den Gedanken der Flucht zu kurz und zu raſch gefaßt hatte, ſondern weil ſie überhaupt bei leichtem, hei⸗ term Sinne lieber einer lebhaften Empfindung, als ge⸗ meſſenen Abſichten folgte. Nachdenken und Ueberlegen, wenn ein Umſtand es verlangte, verſetzte ſie leicht in Angſt und Ungeduld; dann ergriff ſie gewöhnlich die nächſte Abhülfe, welche ihre Phantaſie anbot, und gerieth dadurch oft genug in noch tiefere Verwirrung. So hatte ſie jetzt, von Lasko's Zudringlichkeit geängſtigt, den Gedanken der Flucht in dieſem London gefaßt, wo ſie mit Menſchen und Verhältniſſen viel zu wenig bekannt war, um irgend etwas Berechnetes und Planmäßiges zu unternehmen. Indeß ohne alle Abſicht verließ Thekla das Haus nicht. Sie hatte die erſte Woche nach der Ueberfahrt aus den Nie⸗ derlanden mit ihrer damals ſchon kränklichen Schweſter zu Greenwich bei einer verſtändigen Witwe zugebracht; wäh⸗ rend Albert von Lasko voraus nach London gegangen war, um erſt im Stillen die Lage der Dinge einzuſehen und eine Wohnung einzurichten. An jene heitere Wirthin wollte ſich Thekla wenden, um Rath und Beiſtand zum Weiterkommen zu finden. Ihr Wunſch war, über die Niederlande nach dem Rhein zurückzukehren, wozu ſie den Schmuck der Schweſter an ſich genommen hatte. Nun — 12 war ihr blos die kleine Summe Geldes geblieben, die zu weiten Unternehmungen ſchwerlich ausreichen konnte. Vor dem Hauſe ſah ſie ſich vom Gewühl der Volks menge nach entgegengeſetzter Richtung mit fortgezogen. Denn an die Themſe hinab zur Ueberfahrt nach Green wich war nicht zu gelangen, ohne dem Volksſtrom entge genzudrängen. Thekla fühlte aber, wie bedenklich dies unter dem Pöbel war, der eben vom rohen Spiel der Bärenhetze kam, zu Muthwillen und Ausgelaſſenheit noch mehr, wie immer aufgeregt. Es ſchien ihr daher gerathen ſich dem Zuge der Menge zu überlaſſen, um nur ſchnell hinwegzukommen, weil ſie von Lasko verfolgt zu werden fürchtete. Dieſe Furcht war nicht ohne Grund; denn kaum bis in die Lombardſtraße gelangt, ward Thekla von dem nach eilenden Diener am Mantel ergriffen.— Geht im Guten mit zurück, flüſterte der Burſche, ſonſt nehme ich mir Einen der Büffelledernen zu Hülfe, und laſſe Euch nach Bridewell in die Geſellſchaft der Eingezogenen bringen Thekla verſtand dieſe, freilich nur ſo hingeworfene Drohung des londoner Burſchen nicht, da ſie weder wußte, daß in Bridewell ein Zuchthaus, noch daß die Gerichts diener in London büffelledern gekleidet waren. Sie wider ſprach und ſuchte ſich immer wieder loszureißen. Die Vorübergehenden wurden aufmerkſam und umringten das uneinige Paar. Ein junger Mann von angenehmer Ge ſtalt und lebhaftem Weſen trat hervor, betroffen von Thekla's Schönheit und befremdlichem Ausſehen. Sein eigener phantaſtiſcher Anzug fiel Niemanden auf, nur Thekla ſtutzte bei ſeinem blaſſen phantaſievollen Geſichte. Der 1 — — leichtfertige Muth und die verwegene Heiterkeit ſeiner ſchö⸗ nen braunen Augen hatten etwas Einnehmendes.— Schöne Lady, ſagte er zu Thekla, bedürft Ihr eines Armes, um die unartige Hand dieſes Burſchen loszuwerden? Ach ja, mein Herr! erwiderte ſie lebhaft. Befreit mich von dieſem Menſchen, mit dem ich nichts zu ſchaf⸗ fen habe. He, guter Baſch! lächelte der hülfreiche Freund, da haſt du einen Schilling; aber nimm ihn mit der linken Hand. Gereizt durch den Namen Baſch, der für Jagd⸗ und Fanghunde üblich war, ſchüttelte der Burſche brummend ſeinen ſtruppigen Lockenkopf, ohne die linke Hand von Thekla's Mantel loszulaſſen. Raſch hatte er ſtatt des Schillings einen derben Schlag von des Freundes Degen⸗ ſcheide ab, daß er das Gewand fahren ließ und mit lau⸗ ten Schimpfreden den Beiſtand der Umſtehenden anrief. Da machte ſich ein ſtattlicher Mann in einem Mantel und tief eingedrückten Federhute Platz durch das Gedränge, und trat zwiſchen Thekla und den Freund, den er un⸗ ſanft bei Seite ſchob. Mit Anſtand und der Miene eines Bekannten, der das verlegene Mädchen geleiten wolle, faßte er Thekla's Arm, indem er ihr gebückt mit artigem Lä⸗ cheln zuflüſterte: Bei allen Teufeln, folge mir nach Haus! Du gehſt in dein Unglück! Thekla, furchtſam und verlegen, ließ ſich fortziehen; aber der zurückgeſtoßene junge Mann trat ihnen mit ge⸗ zogenem Degen in den Weg, und foderte Genugthuung für den erhaltenen Stoß. Was fällt Euch ein? lachte der Gefoderte, der am Anzuge den Schauſpieler erkannte. Schlagt Euch mit Denen, die Komödie mit Euch ſpielen. Geht und übt Eure Rolle an einem Andern, wenn Ihr etwa einen Helden einſtudiren wollt. Dieſer Hohn ſetzte den jungen Mann in Flammen Mit heftigen Worten und kecken Schwingungen des Degens ging er dem Verhüllten ſo hart zu Leibe, daß dieſer Thekla loslaſſen und ſich zur Abwehr ſtellen mußte.— Ich will Euch nur mit dieſer Heftnadel da Euer aufge⸗ ſchlitztes Sammetwamms flicken, ſagte der junge Mann. Euer Herz iſt wol ſchon herausgefallen; Ihr haltet ja nicht Stand. Wie nun Aller Blicke auf den durchriſſenen Sammet fielen, der unter dem aufgegangenen Mantel des Fremden hervorblickte, brach ein wildes Gelächter aus. Schimpf⸗ reden und Drohungen fielen, und drangen auf den Ver⸗ hüllten ein; vielleicht nur, weil er ſich unkenntlich zu machen ſuchte.— Albert von Lasko kannte den londoner Pöbel hinlänglich, und hielt es an der Zeit, ſich zurück zuziehen. Mit verächtlichem Blick umher und einem ſtol⸗ zen Zurückwerfen des Nackens entfernte er ſich, und die Menge ließ es bei einem zweiten Hohngelächter, das ſie ihm nachjauchzte, bewenden. Als nun der zurückgebliebene junge Mann ſich nach Thekla umſah, war ſie fort. Ueber die Streitenden hatte man der Fliehenden nicht geachtet. Niemand wußte zu ſagen, wohin ſie ſich gewendet: der junge Mann betrübte ſich. Er glaubte einen unerſetzlichen Berluſt erlitten zu haben. Vielleicht daß ſo phantaſtevolle Menſchen, gerade wo ſie nur wunderlichen Anwandlungen unterworfen ſchei nen, mit beweglicher Seele tiefere Lebensbeziehungen 4⁵ empfinden, künftige Verbindungen ahnen, und nicht ſowol von Launen, als von geheimen Verwandtſchaften zu an⸗ dern Menſchen ergriffen ſind. Reizbare Perſonen haben ja auch von bevorſtehenden Stürmen oder Gewittern ein ſchmerzendes Vorgefühl. In dieſer Stimmung umfaßte ihn ein Bekannter, der neubegierig nach dem Vorgefallenen fragte. Es war Lowin der Schauſpieler, ein blonder, ſehr ſtarker Mann. Froh, ſeiner Empfindung freien Lauf zu laſſen, ſtürmte der junge Mann am Arme des Freundes fort nach Cornhill hinauf. Sein Gang war ſo ungeſtüm, wie ſeine Erzählung, ſo⸗ daß der dicke Lowin bald heiß und athemlos ſtehen blieb. Höre, William, ſagte der Aechzende, ich weiß nicht, ob deine Erzählung oder unſer Gang auf meine Milz wirkt. Sage mir, Herzensburſche, haben wir etwa um tauſend Mark einen Wettlauf begonnen? Dann will ich um die Hälfte abſtehen, und du ſollſt Sieger bleiben. Wahrhaftig, Willy, du nimmſt mich gewiß für voll⸗ wichtig; aber du wirſt deine Noth haben, mich in umlauf zu bringen. Meine Milz iſt ein ſchlechter Zuſatz zu meinem Feingehalt, eine elende Legirung. So, nun geht's wieder. Aber nur vernünftige Schritte, Herr Ritter! William lächelte zu dieſem ſchon gewohnten Spott⸗ titel, den ihm Lowin gutmüthig beilegte, ſo oft er den Freund in einem Anflug edlen Stolzes ſah.— Was? rief William aus. Sollen wir uns Erniedrigung gefallen laſſen, wir, denen die Welt die erhabenſten Gefühle ver⸗ dankt? Du haſt jenes Burſchen verächtliche Worte, weg⸗ werfende Mienen, herabwürdigende Blicke nicht erduldet, 16 als er mich für einen Schauſpieler erkannte. Aber ich habe ihm meinen langen Degen unter die Naſe gehalten, weil er verſchnupft war, mit mir zu fechten. Nicht nie derbeugen wollen wir uns laſſen. Bei Gott! von der Bühne herab entzücken wir ſie, und wollen ihnen das im Leben eintränken. Nehmen wollen wir uns, wenn ſi le es verſagen, was uns auch im geſellſchaftlichen Verkehr gebührt,— Anerkennung, Adel. Und wenn die Güter, auf welche wir unſere Anſprüche gründen, in höhern Re gionen liegen, als die Schlöſſer und Parke dieſer hoch müthigen Lords, ſo müſſen wir auch höher fliegen, um auf unſern Gütern zu ſein. Welche Theilung, Lowin, welch' ungerechter Widerſpruch, daß wir im Leben Schmach um derſelben Talente willen erdulden ſollen, die uns ewigen Ruhm in der Poeſie und Kunſt gewähren? Gewiß, mein Freund, dieſe Misachtung, welche die vornehme Welt dem Künſtler, ja manchmal auch noch dem Dichter zeigt, iſt nur eine Anerkennung und ein Groll, daß unſere Be gabung ein Adel und eine Auszeichnung der Natur iſt Aber, wir wollen keine Verachtung leiden! Nein, ich— will das Brandmal nicht tragen, das unſerm Namen aufgedrückt iſt. Liebe und Ehre fodere ich von der Welt, einen reichen, genügenden Antheil an dieſen beiden höchſten Gütern. Liebe und Ehre! William war im beſten Zuge, noch weiter zu ſtür men, als ſie in der innern Biſchofthorgaſſe auf eine Ver ſammlung jubelnder Menſchen ſtießen. In der Abend dämmerung ſtanden auf dem Plätzchen vor der Thüre eines anſehnlichen Hauſes Tiſche mit Wein und Speiſen beſetzt, wovon Jedermann nach Belieben genießen konnte Hauſe alteren anſah es ſit die be ſie de Trepp Haus an A zeite Beche entſch hane — 2 —— * — — —— 17 Es war ein vergnügtes Treiben. Eine grelle Hoboe ſpielte und die Jugend ſprang wild durcheinander; das Alter ſah zu, und munterte bei vollen Mäulern mit Händen und Füßen zum Tanzen auf. Von Zeit zu Zeit erſcholl ein Lebehoch den Neuvermählten. Oben auf freiem Erker des Hauſes ſtand der Bräutigam und dankte; neben ihm ein älterer, ſtattlicher Mann, dem man den reichen Squire anſah, und der in den Haufen herunterrief: ſie möchten es ſich ſchmecken laſſen. Indem bemerkte der Bräutigam die beiden vom Haufen getrennt ſtehenden Freunde, zeigte ſie dem Squire, und eilte, von dieſem aufgefodert, die Treppe herab, die unter leichtem Dach an das äußere Haus angebaut war. Indem er ſich mit Ehrerbietung an William wendete, lud er beide Freunde zu ſeiner Hoch⸗ zeit ein. Er fügte hinzu, daß der edle Squire bei einem Becher Wein ihre Bekanntſchaft zu machen wünſche. Lowin entſchuldigte ſich, weil er entweder wirklich Abhaltung hatte, oder vielleicht auch nur aus Empfindlichkeit, indem er fühlte, daß die Einladung weniger ihm, dem Schau— ſpieler, als ſeinem Freunde, dem Dichter, gelte. William folgte alſo allein dem ihm ſonſt unbekannten Bräutigam die Treppe hinauf Drittes Kapitel. Oben empfing ihn der Squire mit vieler Herzlichkeit.— Habt Dank, ſagte er, daß Ihr nicht verſchmäht, als unſer ehrenwerther Gaſt einen Becher auf dieſes jungen Paares Koenig, William Shakſpeare. I. 2 48 Wohl zu leeren. Uns ſeid Ihr nicht fremd, geſchätzter Meiſter, und wenn Ihr von John Holles gehört habt, ſo kennt Ihr auch mich. Dieſer Handelsmann, Maſter Oldys, hat Marget Orme, meines Hausmeiſters Tochter, heimgeführt, und da ich meinen treuen Orme vor den Verfolgungen des Grafen Talbot nach Irland geflüchtet habe, ſo bin ich heut hereingeritten, um Vaterſtelle zu vertreten. Nun wolan, bringt dem Paar Euern dich⸗ teriſchen Segen! Prieſterworte und Dichterworte bezeichnen doch immer am beſten, worauf es im Leben ankommt; ſie rühren aus höherer Eingebung her, und lenken viel⸗ leicht auch das Geſchick der Geſegneten. Ein Page ſtand ſchon da, und bot dem Dichter einen funkelnden Pokal. William ergriff den Kelch und ſprach mit Anmuth, beſonders gegen die hübſche Braut gewen⸗ det, einen artigen und ſchönen Glückwunſch, den die Um⸗ ſtehenden mit Beifall aufnahmen. Es zeigte ſich auch bei dieſer Geſellſchaft, was ein guter Trinkſpruch im ſchick⸗ lichen Augenblicke für neubelebende Wirkung thut. Ein paar friſche Gedanken, einige glückliche Bilder geben einer Verſammlung neuen Schwung und eine andere Richtung Iſt ja doch der Jubel ein Fieber, das raſch aufzehrend immer neue Nahrung verlangt. Die Geſellſchaft war zahlreich, und William, durch die ihm hier begegnende Aufmerkſamkeit verſöhnt und er⸗ quickt, hätte ſich gern drein gemiſcht, um mit den zum Scherz aufgelegten hübſchen Frauen und Mädchen anzu⸗ binden; allein der freundliche Edelmann hielt ihn bei vor⸗ trefflichem Verdea⸗Wein in einem Eckchen feſt. Ein um das andere mal drückte er ihm die Hände zur Verſicherung, wie ſe zu ma Freund der me anfäng wie m kender, die Pe digung vater, ſeieler den G lain g Verſta Lange quch poeten ſeine mora mir höre, lebt. ſo of Stüch hann das wich dicht hiel. geſchätzer ort habt, „Maſter 5 Tochter, vor den geflüchtet rſtelle zu eern dich⸗ bezeichnen ankommt; ken viel⸗ gter einen nd ſprach t gewen⸗ die Um⸗ ˖auch bei im ſcjc⸗ hut. Ein geben einer Richtung aufzehrend am, durch gt und er⸗ den zum hen anzu⸗ nbei vor⸗ Ein um erficherung, 19 wie ſehr er ihn ſchätze und ſich freue, ſeine Bekanntſchaft zu machen.— Ich fürchte nicht, ſagte er, daß Ihr meine Freundſchaft zu jener eiteln Zudringlichkeit rechnet, mit der man jetzt in London ausgezeichnete Dichter zu quälen anfängt. Erſt hat man ſie hintangeſetzt, und in der Art, wie man ſie nun hervorzieht, wird man oft noch krän⸗ kender, als wenn man ſie fortwährend überſähe. Ich liebe die Poeſie über Alles, und ſchätze mit aufrichtiger Hul⸗ digung den Geiſt, der ſie beſitzt und ſpendet. Mein Groß⸗ vater, wie Ihr vielleicht wißt, hielt eine eigene Schau⸗ ſpielergeſellſchaft, und that es hierin dem Lord Admiral, den Grafen Eſſer und Hertford, ja dem Lord Chamber⸗ lain gleich. So iſt eine Liebe für die Poeſie und einiger Verſtand von der Sache gleichſam mit mir aufgewachſen. Lange war Robert Green mein Liebling, wie ſehr ich auch Marlow und George Peel, den londoner Stadt⸗ poeten, ſchätzte. Green iſt ein gar heiterer Geiſt, und ſeine Sachen ſind leicht und lebendig. Ja ſogar ſeine moraliſchen Schriften mag ich zuweilen gern; obſchon ſie mir wol nur darum ſo intereſſant ſein mögen, weil ich höre, daß der Verfaſſer ſelber ſehr luſtig und liederlich lebt. Dazwiſchen las ich nach und nach, und ſah auch, ſo oft ich nach London kam, die neuen vaterländiſchen Stücke, die ſo viel Aufſehen machten,— den König Jo⸗ hann, den Heinrich VI., die Richarde. Gott's Augenlid, das ergriff mich, das war etwas Gewaltiges! Ich konnte mich vor ſtaunender Freude nicht einmal ärgern, daß der Dichter ſo herrlicher Schauſpiele nicht der Mühe werth hielt, ſich zu nennen. Und ich hätte doch ſo gern manch⸗ mal auf ſeinen Namen den Pokal erhoben, Mitternachts, 2⸗ * —— S—— ’ʒèç;· · 20 wenn ich nicht vom Buche wegkommen konnte, oder zu⸗ weilen aufſprang, das Fenſter in den Park aufriß, und dachte, draußen ſtände mein dunkler Poet, er wär's, der in den brauſenden Eichen und Fichten athmete. Nun denkt Euch, Meiſter, wie überraſcht und erfreut ich war, als mir Oldys vorhin ſagte: Sir, dort unten ſteht der Dichter, der Eure Lieblingsſachen gemacht hat; man kennt ihn jetzt, er heißt William Shaxper. Und plötzlich ſprang der Squire auf, pochte und rief in die lachende Geſellſchaft hinein: Ich erſuche euch, meine Freunde, eine Geſundheit mit mir zu trinken: Meiſter William, unſer ehrenwerther Gaſt, hoch! Glück und Liebe ſeinem ſchlagenden Herzen! Alles drängte ſich mit vollen Kelchen zu dem Gaſte herbei⸗ Seht hierher, Sir! rief William. Eure Wünſche ſtehen ſchon in der Ernte:— Glück und Liebe!— Hier⸗ mit küßte er eine um die andere der ſchönſten Frauen, was einen jauchzenden Beifall erweckte. So iſt es recht! rief der Edelmann. Ein Dichter muß ins tolle, luſtige Leben hineinranken; in der Freude reift er und wird ſüß, dann bleibt der Schmerz nicht aus, der ihn keltert.— Ja, fuhr er leiſer fort, indem er William wieder neben ſich zog, ſo gedankenlos ſind die Menſchen, daß ſie den Wein der Poeſie ſchlürfen, ohne daran zu denken, welche heiße Tage ihn gezeitigt, welche Stöße des Schickſals ihn gekeltert, welche trübe, verzweif lungsvolle Stunden ihn abgeklärt haben. Wahrlich man ſollte den echten Dichter nicht anders leſen als mit einer Thräne an der Wimper. Und edle Seelen thun das auch. Ihr werdet mich verſtehen, mein geſchätzter Freund? B trauen Freund trüber I Cuer wir n die al uns aufgen geriſſe Gibfel an jer der C aufnel niſſe noch ſter, Ja, und „oder zu ufriß, und wär's, der nete. Nun ut ich war, n ſteht der man kennt zte und rief euch, meine en: Meiſter Glüͤck und Gaſte herbei⸗ e Wünſche — Hier⸗ en Frauen, Ein Dichter der Freude chmelz nicht ort, indem kenlos ſind lurfen, ohne tigt welche e, verzweif hrlich! man 3 mit einer n thun das ter Freund! 21 Bei dieſer Frage legte er vertraulich und um Ver⸗ trauen werbend ſeine Hand auf William's Schulter. Der Freund aber lächelte nur, wiewol nicht ohne Anflug trüber Erinnerungen. Indeß glaube ich nicht, fuhr der Squire fort, daß Cuer beſter Wein ſchon abgegoren ſei. Bis jetzt haben wir nur vaterländiſche Stücke von Euch. Ihr habt nur die alten Schmerzen Englands ausgeſprochen. Ihr habt uns auf dem Theater die alten ſcharfen Gebirgszacken aufgedeckt, an denen Englands Geſchichte ihre Bruſt auf— geriſſen und ausgeblutet. Aber zwiſchen dieſen weiten Gipfeln leben wir Alle, und Ihr mit, und Euer Herz, an jenen großen Schickſalen erweitert, wird nun die Looſe der Einzelmenſchen, die heitern wie die dunkeln, in ſich aufnehmen und rütteln, es wird auch ſeine eigenen Erleb⸗ niſſe ausſpielen. Dieſe neue Poeſte wird den Menſchen noch begreiflicher ſein, wird ſie näher angehen. Ei, Mei⸗ ſter, das müßt Ihr ja beſſer fühlen, als ich! Ihr ſeid ein guter Menſchenkenner! lächelte William. Ja, ich möchte einmal ſo etwas machen, etwas voll Luſt und Liebe. Es treibt in mir, ich weiß nur nicht, wo es hinaus will. Ich ſuche nur einen rechten Gegenſtand, eine Geſchichte, die ſich knapp um jedes Herz ſchließe, und dennoch die ganze Welt umfaſſe. Wartet's nur ab! fiel der Squire ein. Die Knospen müſſen ihre Zeit zum Schwellen haben. Der Himmel beſcheere Euch lauen Mairegen der Trauer, warme Son⸗ nenblicke der Freude! Schmerz wie Luſt ſind für den Dichter ein Glück. Vor Allem— Liebe, echte, glühende Liebe! fiel Wil⸗ 22 liam ein. Kein Dichter ſollte die Feder ergreifen, ehe Liebesſeufzer ihm die Dinte gemiſcht. Der Squire lächelte und fuhr dann fort: Wir werden noch Herrliches von Euch erhalten. Ja, ich freue mich recht, in der jetzigen Zeit zu leben. Mein jüngſt verſtor⸗ bener Großvater hatte manches Land bereiſt und blickte das Leben ſtets mit einem tüchtigen Verſtand an. Der hielt dafür, England ſei jetzt in ſeiner ſchönſten Blüte. Für einen Propheten hat er ſich nie gehalten, und gal auch zu, daß England im Wachſen begriffen ſei. V können reicher und mächtiger werden, ſagte er oft, a mir geht nichts über die Jugend. Wir liegen ſo, vaß wir einſt vielleicht den Ocean beherrſchen: aber wird auch unſer Herz weiter werden? Wir können Schätze und Beſitzthümer häufen, ob wir aber nicht unſern Frohſinn, unſere Feſte dafür einbüßen? Viele jugendliche Nationen ſind durch Macht und Reichthum engherzig und ſittenſteif geworden. Vor Kurzem haben wir die ſpaniſche Seemacht, die un⸗ überwindliche Flotte eines allmächtigen Monarchen geſchla⸗ gen. Mit dieſem Meiſterſtücke ſind wir in die Herrſcher⸗ gilde der europäiſchen Mächte getreten. Wir fühlen un⸗ ſern Werth und unſere Kraft; in dieſem Jugendgefühl haben wir die ganze Zukunft beiſammen, die ſich ſpäter entwickeln und vielleicht verzetteln wird. Unſere dermalige Jugend iſt voll Schaffens; dies Schaffen erſcheint aber noch in ſeiner urſprünglichſten und reinſten Geſtalt— als Dichten. Die zahlreichen Dichter unſerer Zeit deuten auf eine außerordentliche Triebkraft unſeres Volkes. Es iſt die Zeit vor Johannis, da die Vögel aus tauſend und tauſend Kehlen jubeln, die Zeit des Brütens, die Zeit der Liebe und der Freude! U winkte ſelbſt der d Sohn Entzu Laßt hauſe lache Könn Tiin war, glüch tung werd Fe mit n, ehe werden 2 mich erſtor⸗ blickte Der Blüt⸗. — gal Y 23 Unſer fröhliches England hoch! rief William, und winkte Stille in den Saal. Lange ſchlug England ſich ſelbſt in Wahnſinn, rief er laut, blind vergoß der Bru⸗ der des Bruders Blut, der Vater würgte den eigenen Sohn, dieſer ward des Vaters Schlächter. In gräulicher Entzweiung ſpaltete York und Lancaſter das ſchöne Reich. Laßt nun Eliſabeth, die echte Erbin des vereinten König⸗ hauſes, die Folgezeit mit mildem Frieden ſegnen, mit lachendem Gedeihen und heitern Tagen. England und die Königin, dreimal hoch! Muſik und allgemeiner Jubel erſcholl hinter dieſem Trinkſpruche her. O mein Freund, ſagte, als es wieder ſtill geworden war, der Squire, wären wir nur im Innern unſeres glücklich in die See gefaßten Albion, vor falſchen Rich⸗ tungen geſchützt, die leider! mit jedem Tage mächtiger werden. Ich meine die puritaniſche Frömmelei, die unſere Freuden verdammt, unſer Herz austrocknet, und die Welt mit einer wunderlich benamſten Brut bevölkern will. Zweitens meine ich dieſe wachſende Ehrſucht des Adels neben der Gewinnſucht des Bürgerthums. Der Adel, den ſonſt ein König mit der Fauſt niederhält, ſtreckt ſich jetzt, um einer Königin die Hand zu küſſen. Unter Eliſabeth, unſerer Monarchin, nimmt der Ehrgeiz der Großen den rothen Kamm der Buhlſchaft an, und ſie ſtreiten und ſträuben ſich wie eiferſüchtige Hähne. Dabei lockt der neue Weg nach Oſtindien, die neue Welt hinter dem alten Ocean, fort und fort nach See⸗Abenteuern und indiſchen Schätzen. Seit vor Kurzem unſer Mitbürger Lee den kunſtreichen Strumpfwirkſtuhl erfunden hat, ſinnt unſer — — ———ÿy 24 bisher lebensfroher Geiſt nur auf neue Maſchinen und Fabriken. Dies Trachten nach Prunk und Reichthum wird ſeiner Natur gemäß leicht unbändig, und droht alles edle Schaffen in ein gemeines Schachern zu verkehren. Ihr Dichter, die ihr jetzt noch ein menſchenwürdiges Leben aus Sonnenſtrahlen und Blumenſtaub weben möget, wer⸗ det bald unnütze Knechte heißen, wenn ihr nicht in den Kohlengruben oder bei Spinnereien euer Brot verdienen könnt. Ja, dieſe Trübſalsbrüder in gelbledernen Strümpfen und Kniegürteln, dieſe Puritaner, ſollen mir verwünſcht ſein! rief William. Halb Heuchler, halb Frömmler brei⸗ ten ſie ſich langſam und heimlich immer weiter aus, und verfinſtern die ganze Unterlage unſeres Lebens, indem ſie die Herzen des Volks gegen heitere Kunſt und fröhliches Weltwirken einnehmen. Aber jenes Schaffen im Handel, die Unruhe des Gewerbs, das Trachten über Meer ſcheint mir ſo unwürdig nicht. Wenn wir den Ocean pflügen, die Gebirge ſpalten, finden wir ganz andere Schätze, als unſere weiteſten Phantaſien und das Dunkel unſerer Träume gebären. Die webende und ſchmiedende Hand ſchafft auch Gedichte. In dieſem Schalten und Schaffen mit den Dingen der Erde liegt doch eine Befriedigung für Genuß und Ruhe. Was habe ich von meinem Dichten? Ver⸗ druß und Mismuth, Sehnen und Seufzen. Und vollends dies elende Handiren auf der Bühne. Eine Zielſcheibe für die albernen Witze der vornehmen Couliſſenſchemel und für die faulen Aepſel der Parterre⸗Gründlinge zu ſein! So treiben wir Poſſen mit der Zeit, und die Gei⸗ ſter der Weiſen ſitzen in den Wolken und ſpotten unſerer. D mir n lich,d weg z die ta und a den T herab und nur wieden mit h enuß Ver ends heibe emel e zu Gei ſerer 25 Der Squire lachte.— Euer Herz, ſagte er, ſcheint mir noch voll unruhiger, unbeſtimmter Sehnſucht; natür⸗ lich, daß Eure Phantaſie geſchäftig iſt, ihm einen Aus- weg zu finden. Die Heilquellen Eurer Poeſie ſind gegen die täglichen Zuflüſſe aus dem Leben noch nicht gefaßt und abgeſchloſſen genug. Aber, bemerkt Ihr denn nicht den Widerſpruch darin, daß Ihr Eure große Dichtergabe herabſetzt gegen die gemeinen Beſtrebungen der Menſchen und doch in dieſen gerade Das herausfindet, was Ihr eben nur mit jener Gabe darin entdecken könnt, und was wieder nur jene Gabe nährt und ſtärkt? Zieht einmal mit hinüber nach den wundervollen Indien: Ihr werdet Euch doch, während die Andern Gold und Güter ſuchen, nur nach neuen Wundern für Eure Phantaſie umſehen Ja, glaubt mir, mit allem Dichtermismuth, mit allem unbeſtimmten Sehnen und Trachten, werdet Ihr doch nur in der Befriedigung Eures Dichtergenius die Zufriedenheit Eures noch abenteuernden Herzens finden. Ein Diener rief in ängſtlicher Haſt den Squire bei Seite.. William miſchte ſich unter die Gäſte. Die erhitzten Tänzerinnen zogen ihn an, und reizten ihn, eine Canarie mitzutanzen. Da fiel ihm die vorhin verlorene Unbe⸗ kannte ein. Vielleicht hatte ſie auch zu dieſem Feſte gehen wollen; wenigſtens war dem Freunde, als ob er ſie im Gedränge herausfinden müſſe. Und da er ſie nicht fand, konnte er es doch nicht laſſen, ſich ihrer auf das Lebhafteſte zu erinnern, und ſie mit den Schönſten zu vergleichen, die luſtig an ihm vorüberſchwebten. Er nahm 26 ſich vor, ihr nachzuſpüren, und verlor ſo auf recht poetiſche Weiſe über Jene, von der er träumte, Diejenigen aus dem Sinne, die ihn anlachten. Eine Unruhe und Bewegung unter den Gäſten ſpie⸗ gelte ſich endlich am Schreck der jungen Mädchen ab. Der Tanz ſtockte, die Muſik verſtummte.— Was gibt es, was iſt geſchehen? fragte William. Talbot's Leute haben eben der Unſern Einen vor der Hausthüre erſchlagen, war die Antwort. Der Graf von Shrewsbury hält mit einem Troß Bewaffneter in der Straße, und lauert auf unſers Herrn Heimkehr Indem erblickte William den Edelmann, der in einem Seitengemach ſeine Rüſtung anlegte. Er eilte zu ihm, und erbot ſich zu ſeinen Dienſten. Sir John Holles dankte, und ſetzte ruhig lächelnd hinzu: Wir ſind ſtark genug. Mein Großvater zog nie von ſeinem Landſitze zu einer Gerichtsſitzung ohne dreißig prächtig gekleidete Be⸗ waffnete. Ich werde doch alſo nicht nach London kommen, ohne mich gegen die Talbots vorzuſehen. Hat mein Groß⸗ vater mir die Gefahr erregt, ſoll mir auch ſeine Vorſicht zu Statten kommen. Der Bräutigam, der William's Befremden merkte, ſagte: Ich will's Euch erklären. Der Großvater des Squire hatte ihn mit einer Verwandten des Grafen von Shrewsbury verlobt. Der Squire nahm ſich aber eine andere Frau und zog ſich dadurch die Talbots auf den Hals. In dieſem Zwiſt hat vor Kurzem Orme, meiner Braut Vater, den Stallmeiſter des Grafen im Zwei⸗ kampf erſchlagen. Der Squire hat ihn, ſeinen Haus⸗ meiſter, nach Irland geflüchtet, bis er ihm die Gnade veliſche n aus ſpie⸗ 4 Der öt es, er der f von 1 der iinem ihm olles ſtark Be zu Be⸗ men Groß⸗ orſicht erkte, des von eine deu einer wei⸗ aus⸗ dnade 27 der Königin ausgewirkt hat. Nun ſuchen ſie Rache; aber— Der Edelmann trat jetzt gerüſtet hervor und nahm Abſchied von dem beunruhigten Hochzeitpaare. Die Braut weinte ſehr in Erinnerung an ihren geflüchteten Vater und aus Angſt für den Squire. Dieſer aber küßte ſie lächelnd auf die Stirn, und flüſterte ihr einen Scherz ins Ohr.— Das Gefolge ritt vor dem Hauſe auf. Einige Fackel⸗ reiter wurden in die Mitte genommen. Der Edelmann ſetzte ſich an die Spitze und ſo trabten ſie mit gezückten Waffen dem Biſchofsthore zu. 5 Viertes Kapitel. Um eine Schar ſo muthiger und gerüſteter Männer, die vielleicht nicht einmal angegriffen werden, brauchen wir nicht ſo beſorgt zu ſein, daß wir uns nicht lieber nach der entſchwundenen Thekla umſehen ſollten. Jenen Augenblick, da der uns nun bekannte junge Mann dem verfolgenden Lasko ſo hart zu Leibe ging, daß dieſer Thekla loslaſſen und ſich zur Wehr ſetzen mußte, hatte das erſchrockene Mädchen benutzt, um ſich unter der zudringenden Menge langſam zurückzuziehen. Die Meiſten, auf den Ausgang des Streites geſpannt, achteten ihrer nicht; Einige winkten ihr ſogar aufmun⸗ 28 ternd zur Flucht. So rannte ſie fort durch Bucklersbury und das feuchte Pancrazgäßchen. In der Angſt nahm ſie das Lachen, Rufen und Pfeifen neckender Geſellen hinter ihr für erneute Verfolgung. Athemlos eilte ſie weiter, ſie wußte nicht wohin, noch wo ſie ſich befand, wendete ſich rechts hinauf, und ſtürzte auf einmal ins Gewühl von Cheapſide, wo die Straße am breiteſten war. An der Ecke eines Hauſes ſtand eine Sänfte mit klaffender Thüre. Thekla ſchlüpfte hinein und ſank faſt bewußtlos auf den Sitz. Ihr Herz ſchlug heftig, wäh rend ſie eine Weile mit geſchloſſenen Augen ſaß. Bald erwachte ſie vom Brauſen der Menſchen auf der Straße Sie ſchlug die Augen auf und ſah, daß ſie im Herein— ſchlüpfen die Thüre anzuziehen nicht vergeſſen hatte. Nun beſann ſie ſich auch auf zwei Sänftenträger, denen ſie unbemerkt geblieben war, weil beide eben als ſie ein ſchlüpfte, lachend einer Balgerei zuſahen. Nach und nach legte ſich ihr Blut und ihre Angſt; je mehr es in der Straße lärmte, deſto ſicherer fühlte ſie ſich in ihrem Ver ſteck. Aber wie lange konnte ſie hier bleiben? Die Sänfte wartete natürlich auf Jemand, der einſteigen würde. Sie ſchielte durch das Zugvorhängchen, und hielt vor einem anſehnlichen Hauſe mit hohen Giebeln, Schießſchar ten und italieniſch verzierten Säulen. Sie wünſchte die Dämmerung herbei, um wieder hinauszuſchlüpfen, und irgend eine öffentliche Herberge zu erfragen. Allein plötzlich rief eine ſanfte Stimme vor der Sänfte die achtloſen Träger an, und der Schlag ging auf. Eine ſchlanke junge Lady fuhr beim Eintritte erſchrocken zurück. Thekla ſtreckte bittend die Hände entgegen.— Man ver folgt Gebt Platze 1 gen, hob man ßen. nach geſe dem ſA 29 folgt mich, flüſterte ſie; ich habe mich herein gerettet. Gebt mich nicht dahin, nehmt mich nur eine Strecke vom Platze mit! Die Lady wies die neugierigen Träger an die Stan⸗ gen, und ſetzte ſich ſtumm neben Thekla. Die Sänfte hob ſich und ſchwankte fort. Kein Geſpräch entſtand; man höͤrte das Lachen und die Späße des Pöbels drau⸗ ßen. Zuweilen ſchielte die Lady mit vornehmer Miene nach dem ſchönen Mädchen an ihrer Seite und ſchien ſich an deſſen überladenem Anzuge zu befremden. Auch Thekla kam nicht zu Wort. Sie ſtieß ſich an die kalte Miene der Lady, und konnte ſich auf nichts beſinnen, was ſie zu ihrer eigenen Rechtfertigung vorbrächte. Das Ausſehen der Lady war vornehm und ſchwächlich; ihre Haut, ihre feinen Zähne waren wie durchſichtig. Der koſtbare, aber geſchmackvolle Anzug verrieth zwei edle Häuſer: dasjenige, dem ſie angehörte, und jenes, aus dem ſie von einem ſriewlichen Beſuche kam. Die Straße ging zu Ende, und bald war man durch Newgate zur City hinaus. Nach Holbourne hinauf ward es ſtill, und endlich kam man an einen einzeln ſtehenden Palaſt. Die Lady verließ die niedergeſetzte Sänfte mit den Worten: hier iſt es ruhig; Niemand iſt uns gefolgt. Wohnt Ihr in der Nähe, oder— wünſcht Ihr Euch etwa der Sänfte weiter zu bedienen? Ach! Ich bin gänzlich unbekannt, ich bin fremd in London, antwortete Thekla ſeufzend. Die Lady maß das fremde Mädchen mit unentſchloſſe— nem Blicke.— Die Nacht iſt vor der Thüre, ſagte ſie endlich. Ihr ſeid fremd in London? Dann möchte ich 30 Euch vor unſerer gaſtlichen Thüre nicht wegweiſen. Kommt denn mit herein! Ich denke wol, wir dürfen Euch bis morgen eine Zuflucht gewähren? Thekla, ohne ſich an die halb mistrauiſche Frage zu ſtoßen, dankte mit Verneigung, und folgte der Einladung durch ein feſtes Thor in den Vorhof. Sie konnte kein Wort des Dankes finden, ihr Herz fror unter dem kalten Blicke der Lady. Dennoch mochte ſie das Anerbieten nicht abweiſen. Sie fühlte ſich in der weiten Stadt wie ver⸗ loren, und faßte ohne viel Ueberlegung die erſte darge⸗ botene Hand. Man ſtieg eine Treppe hinauf; die Be⸗ dienten wichen ehrerbietig zurück. Durch einen ſchmalen Seitengang gelangten ſie zu einem hintern Zimmerchen. Hier könnt Ihr ruhig ſein, bemerkte die Lady. Morgen früh ſtelle ich Euch meiner Mutter vor. Thekla blieb nun allein zurück. Sie verriegelte die Thüre und warf ſich in einen Seſſel, höchſt verſtimmt, ohne zu wiſſen worüber. Doch das Stübchen war ſo traulich, die dämmernde Stille that nach der geräuſchvollen Angſt und Unruhe ſo wohl, daß ihr Herz ſich bald er⸗ heiterte. Sie machte ſich bequem, und überlegte ihre ſo plötzlich veränderte Lage. Wie es ſchien, war ſie bei einer vornehmen Familie eingekehrt: wie ſollte ſie darin auftreten und ſich benehmen? Als Unbekannte konnte ſie eines angeſehenen Hauſes Schutz nicht annehmen; durfte ſie aber ihre Abkunft und ihre Verbindung mit Lasko bekennen? Vielleicht kannte man Lasko in dieſer Familie; wenigſtens hatte er ſich, ſeiner Erzählung nach, bei Hofe vorſtellen laſſen, und beſuchte die erſten Häuſer. Thekla ſann hin und her, gja ſie kämpfte mit ſich. Vielleicht mt 31 wenn ſie gleich morgen früh dankend Abſchied nähme, könnte ſie aller nähern Erklärung ſich entziehen; vielleicht wäre es auch eben kein großes Unrecht, wenn ſie ſich in irgend eine erdichtete Erzählung einhüllte, um dann in längerm Schutze des Hauſes einen günſtigen Augenblick zu irgend einem Unternehmen abzuwarten. Sie mußte ſich geſtehen, daß bei den geringen Mitteln auf eigene Hand zu leben, ſolch' ein Unterkommen ein rechtes Glück für ſie wäre. Freilich mußte ſie vor Allem die günſtige oder ungünſtige Aufnahme der Hausgebieterin abwarten, ehe ſie weitere Entwürfe machte. Aber der Gedanke, unter irgend einer Erdichtung länger in einer vornehmen Familie zu verweilen, behielt für Thekla, die für alles Phantaſtiſche und Geheimnißvolle einen Hang hatte, etwas ſehr Lockendes. Und wenn ſie einmal ins Phantaſiren kam, gerieth ſie auf die wunderlichſten Gedanken. So ſah ſie bald den eben erlebten Zufall ihrer Rettung für ein Verhängniß an, und zweifelte nicht, eine ſo unerwar⸗ tete Fügung müſſe vorbeſtimmte Folgen haben,— der günſtige Zufall werde ſich in ein glückliches Schickſal ver⸗ wandeln. Dabei dachte ſie freilich an jenen intereſſanten Mann, der ihr auf ſo heiterkecke Weiſe Schutz und Ge⸗ leit angeboten hatte. Lasko ſchien ihn als Schauſpieler zu kennen, da er ihn auf das Theater verwieſen hatte. Wer er aber auch ſein mochte,— ſie fand es immer ſchmeichelhaft, einen ſo raſchen, lebhaften Eindruck in der großen Stadt gemacht zu haben, und der leichtſinnige Gedanke ſtieg in ihr auf, es könne ihr mit ihren ſchönen Gaben nie und nirgends fehlen In dieſen lebhaft wechſelnden Stimmungen überhörte 2 32 ſie ein leiſes Klopfen an die Thüre, und erſchrak, als es laut anpochte. Sie öffnete mit Zagen. Ein Mann trat herein, deſſen Anblick alsbald beruhigen konnte. Denn bei der brennenden Lampe, die er trug, war der Haus narr nicht zu verkennen. Doch war es keiner der jün⸗ gern, bockſpringluſtigen, ſchellenbehangenen, ſondern ein älterer Mann in langem, goldverbrämtem Sammetrock und kaputzenartiger Kopfbedeckung; die auf das Kleid ge⸗ ſtickten Füchſe und Eichhörnchen waren in Farbe verblichen und faſeten ſich hier und dort aus. So erſchien er als abgelegter und auf das Gnadenbrot geſetzter Diener einer der neumodiſchen Familien, welche die alte Sitte der Vor nehmen, einen Hausnarren zu halten, abkommen ließen; ſodaß dies letzte Subject ſeines Berufs in dem abgetra genen Narrenkleide wie eine Ruine verfiel. Dies Misge⸗ ſchick ſoah man auch dem unzufriedenen Geſichte des Man nes an, in deſſen ſtehend gewordenen Lachzügen aus älte⸗ rer Zeit ſich ein jüngerer Mismuth anſiedelte. Glücklicher Abend! grüßte er. Nicht wahr, du brauchſt Licht? Oder haſt du brennende Erinnerungen, ſchöne Perſon? Um einen Narren zu ſehen, wäre es wol genug geweſen, antwortete ſie. * Darin haſt du recht, gutmüthiges Ding, fuhr er fort; denn ein Narr iſt ſelber ein Licht, wiewol abgebrannten gehöre, die nur noch dampfen. Dann wird mir dein übles Dampfen Hüſteln verur ſachen, ſcherzte Thekla. Und ich denke dann, noch hell ich zu jenen du huſteſt mir aus einem dun keln Eckchen in Bermudas, ſtichelte er an- gen h um d dunke ſchlech Ich Schw ſind, im al eingef zu br birnlo ten, lichſſte ſelber ein w Ko 33 Bei dieſen Worten ſah der alte Schalk Thekla ſcharf an—, verwundert, daß ihre Miene ganz unbefan⸗ gen blieb. Aber freilich war Thekla zu fremd in London, um den Namen eines Quartiers zu kennen, in deſſen dunkeln Gäßchen nur Elend und Unſittlichkeit hauſte, und ſchlechte Schuldner Zuflucht ſuchten.— Er fuhr alſo fort: Ich weiß nicht, ob du die dunkeln Abende gern haſt, Schweſter. Sie werden aber, obſchon wir im Frühjahre ſind, alle Tage länger, weil die Narren hier in London im abnehmenden Lichte ſtehen. Warum nennſt du mich Schweſter, du Narr? fragte Thekla. Wenn du mich kurzweg Narr nennſt, dann bin ich freilich nur dein Stiefbruder, lächelte er. Da ich aber ein abgängiger Narr bin, ſo kann ich dich ſchon eher Schweſter nennen; oder ich müßte dich nicht für eine ab⸗ gängige Thörin halten. Mithin ſind wir Beide auf dem Wege der Beſſerung alſo Geſchwiſter im Guten,— Trübſalsgeſchwiſter. Auch dieſe Anſpielung auf die Puritaner, von einem ſtechenden Blicke begleitet, blieb unverſtanden; wie denn Thekla überhaupt nicht errieth, daß der ſchlaue Alte nur aus Neugier gekommen war, um über das ſo heimlich eingeführte und verwahrte Mädchen etwas Näheres heraus zu bringen. Nach Dem, was die zwei handfeſten aber hirnlahmen Sänftenträger in der Geſindeſtube erzählt hat⸗ ten, war dies Völkchen der Dienſtboten auf die wunder⸗ lichſten Vermuthungen gerathen. Der Narr„glaubte aber ſelber nicht zu irren, wenn er die ſchöne Unbekannte für ein verirrtes Mädchen nähme, welches die frömmelnde Lady Koenig, William Shakſpeare. I. 3 34 auf den Weg der Beſſerung und in die Verſammlung der Puritaner zu führen ſuche. An den Federn hatte er, ſeinem Ausdrucke nach, den gerupften Vogel erkennen wollen. Dieſer Ausdruck aber bezog ſich auf den Anzug Theklas; indem ſich damals in London leichtfertige Frauens perſonen ſehr bunt zu tragen pflegten. Nur ſchien dem Narren jetzt viel darauf anzukommen, ob der liſtige Vogel der Lady zugeflogen ſei, um ſich zu mauſern und eine Zeit lang füttern zu laſſen, oder ob ihn die fromme Alice eingefangen, um ihm mit Gewalt einige Pſalmen vorzu⸗ orgeln, und das gottloſe Geflügel für den Himmel abzu⸗ richten. In ſolcher Vorausſetzung taſtete er in ſeinen Anſpielungen mit ziemlich grober Hand. Er hätte nicht ſo eingebildet auf ſeinen Scharfſinn ſein müſſen, wenn er zarter hätte zu Werke gehen ſollen. Ich verſtehe dich nicht, Narr! verſetzte auf jene Be merkung Thekla mit einiger Ungeduld über ſolche Anſpie⸗ lungen, die nur durch ein ſchalkhaftes Lächeln beleuchtet waren. Das iſt mir ein Zeichen deiner ſchon tief gewurzelten Beſſerung, lächelte der Narr; denn ein Mädchen, mich in der That nicht verſteht, muß ſelber ſchwer zu — begreifen ſein. Wenn du ernſtlich dafür gelten willſt, liebe Schweſter, ſo laß uns um ſo vertraulicher aneinander vorübergehen. Es iſt ein wichtiges Begegnen, unſeres: denn geht's auch abwärts mit mir, geht's doch mit dir aufwärts. Warum aufwärts, Narr, und wie? Ei, iſt das nicht aufwärts, wenn eine Wincheſtergans zu einem himmliſchen Schwan wird? rief er laut das lachend — aus, weiſe, ſter, wiſſer Peüſſ Sage erliſch verw komn eben ſch ſerer aus ſes dieſe dere ſtatt gebi Ein heit gehe der er, nen zug ns ans gend 35⁵ aus, und ſetzte ſchnell, um die Bitterkeit, nach Narren⸗ weiſe, wieder wegzuſchmeicheln, hinzu: In der That, Schwe⸗ ſter, du haſt einen ſehr ſchönen Hals. Und willſt du wiſſen, warum es mit mir abwärts geht? Weil du ein lahmer Narr biſt, deſſen Witz mit keiner Peitſche mehr in Trab zu bringen iſt, erwiderte ſie. Sage mir lieber, Narr, ehe dein dampfend Licht vollends erliſcht, in welchem Haus ich mich befinde. Dieſe ganz ehrliche Frage verblüffte den Narren und verwirrte ſeine Vermuthungen. Was? du kennſt unſere Lady nicht, rief er aus, und kommſt doch in ihrer Sänfte mit? Die Sänfte ſtand mir bequem im Wege, als ich eben einer Unterkunft bedurfte, und Eure Lady nahm ſich meiner an. Ei! ſchüttelte der Narr den Kopf. Alſo wirklich un⸗ ſerer Lady unbekannt, und keine Wincheſtergans? Was iſt das? fragte Thekla. Der Narr lachte ſo ſchalkhaft und keck, daß Thekla aus mädchenhafter Ahnung der ſchlimmen Bedeutung die⸗ ſes Wortes hoch erröthete.— Und wirklich waren mit dieſer Benennung jene unglückſeligen Geſchöpfe gemeint, deren heimlich beſuchte Wohnungen damals, ſeltſam genug, ſtatt unter einer weltlichen Polizeibehörde, unter dem Amts⸗ gebiete des Biſchofs von Wincheſter ſtanden. So, ſo? ſchmunzelte der Narr, die Hände reibend. Ein verſcheuchtes ungerupftes Geflügel,— eine Selten⸗ heit! Und von der frommen Alice eingefangen und ein⸗ gehegt zum Schutze vor Stoßvögeln! Er lachte und klatſchte in die Hände. Es fiel ihm 3 36 ein, welch' ein Spaß es wäre, wenn der junge Graf ſich vii in das ſchöne Mädchen verliebte, und die Schweſter hätte achte es ihm in all' ihrer Frömmigkeit zugeführt. Seit er gebli den Narren nicht mehr ſpielen durfte, war er ſehr bos⸗ won haft geworden. Mit ſchadenfroher Miene verneigte er kom ſich gegen Thekla und ſprach: Das ſchöne Abendroth auf ſolle deinen Wangen, theures Heggeflügel, bedeutet heitere hoch Witterung für die Grafſchaft Southampton. Jagdwetter ſali für den Grafen. Huſſah, ſchöne Lady! In Eurer Hand ich — erlaubt mir ſie zu küſſen!— liegt meine Verjüngung. eng Ich denke, wir werden doch gute Geſchwiſter werden. Ich will jetzt gleich den abgelegten Feſtrock wieder hervor⸗ trach holen und die Schellen wieder anheften, benebſt der Hah⸗ ſein nenkammmütze. Koko, mein Affe, wo biſt du? Komm fall herbei, du Narrengeſelle! Wir Beide gelten wieder! Die dun Familie Southampton braucht wieder einen Narren,— nen der Graf oder die Schweſter, Eins von Beiden braucht laſſ ihn. Vielleicht alle Beide! He da! wo iſt meine Pritſche, Cs und mein alter Schnappſack, und mein alter Affe? Juchhe, ben 4 Narr! Juchhe! Ich trete bei den Frommen in Dienſt! rec Mit dieſen Worten hüpfte der Alte, die Finger ſchnel⸗ tie zend, fort, und verſuchte mit neuer Luſtigkeit jene ſpaß⸗ Be haften Sprünge wieder, für die ſeine Beine zu ſteif ge⸗ pr worden waren. ſ Nicht ſo luſtig blieb Thekla zurück. Was ihr an lih den Anſpielungen des Alten unverſtändlich war, fühlte ſie me doch in ſeiner argen Bedeutung heraus. Es empörte ſie fer noch mehr, als es ſie ſchmerzte. Ihr Herz ſchlug heftig, 3 Win indeß ſie ihren Schatten an der Wand anſtarrte — Ta 1 m Nein, das ertrage ich nicht! rief ſie endlich aus. So 37 denkt das Geſinde von mir? Daher alſo der Lady ver⸗ achtendes Auge? Sie hat dieſe Schmach auf mich aus⸗ geblickt; warum dächte ſonſt die Dienerſchaft ſo ſchlimm von einem Mädchen, das mit ihrer„frommen“ Lady kommt? So darf ich das Haus nicht verlaſſen! Sie ſollen mich kennen! Beſchämt will ich ſie ſehen! Ha, dieſer hochmüthigen Lady will ich begegnen!— Roſalie! Ro⸗ ſalie! So gehen ſie mit mir um, die Erſten, bei denen ich Zuflucht ſuche. Ich bin keine—! O heil'ger Schutz⸗ engel mein! Sie warf ſich in den Seſſel mit der ſchmerzlichen Be⸗ trachtung, daß ſie den Anfechtungen Lasko's nur entflohen ſein ſollte, um in einen ſo unverdienten Verdacht zu fallen. Und wie in ſo reizbaren Gemüthern die Empfin⸗ dungen raſch wechſeln, ſo vergoß ſie die bitterſten Thrä⸗ nen. Ihr Herz, das kaum einen verhaßten Mann ver⸗ laſſen hatte, faßte einen neuen Haß gegen das Fräulein. Es empörte ſie, für verächtlich zu gelten, weil ſie hülfs⸗ bedürftig erſchienen war. Sie empfand nur dieſes Un⸗ recht, das ihr widerfuhr, ohne zu überlegen, ob ein ſo tief kränkender Argwohn auch wirklich im Herzen ihrer Beſchützerin, und nicht etwa nur in der Geſindeſtube ent— ſprungen ſei. Wohin auch ihre aufgeregten Gedanken ſchwärmten, Thekla kehrte immer wieder zu dieſer ſchmerz⸗ lichen Vorſtellung zurück, und beſtärkte ſich nun deſto mehr in der Abſicht, ſie müſſe jetzt bleiben und ſich recht⸗ fertigen. In ihrer Unklarheit ward ſie natürlich nicht inne, daß ſie gerade nur aus Angſt vor einer unbeſchütz⸗ ten Reiſe über Meer jeden erſten Anlaß, an Ort und Stelle zu bleiben, gern ergriff. Aber nun mußte ſie auch 38 überlegen, wie ſie ſich geltend machen, das heißt, wofür ſie eigentlich gelten wollte. Sie ſann hin und her, doch war ſie viel zu unruhig zum Ueberlegen, und riß ſich endlich mit dem Gedanken los,— es habe ja Zeit da⸗ mit bis morgen; es werde ihr ſchon etwas einfallen,— etwas Gutes träumen. Ein Dienſtmädchen erſchien mit einigen Schüſſeln zum Abendeſſen. Es lächelte ſehr ſchnöde und geberdete ſich ziemlich vertraulich. Allein Thekla wußte ſich ſchnell mit gemeſſener, vornehmer Haltung dem Mädchen ſchwer zu machen, und es zur Unterwürfigkeit hinabzudrücken, ſodaß die übermüthig gekommene Dienerin zuletzt froh war, auf freundliche Fragen Thekla's über die Verhältniſſe des Hauſes und der Herrſchaft ſich mit gefälligen umſtändlichen Nachrichten aus der Verlegenheit zu ziehen Fünftes Kapitel. So viel leidenſchaftliche Vorfälle eines ſpäten Nachmit⸗ tags bebten noch in Thekla's Schlaf hinein und beunru⸗ higten ihn mit Träumen. Auch die Fabel, mit welcher ſie in der gräflichen Familie ſich einführen wollte, ihre Phantaſie in Unruhe.— Ein Märchen recht ſpannende Erzählung zu erfinden, z war ſonſt für Thekla ein Spiel und eine Luſt; wenn ſie auch ihre Er⸗ dichtungen meiſt nur aus eigenen Begegniſſen und aus ſetzte oder eine unzä Nun band Haue Verl Erle inter ſie dach gan Fra⸗ Ma wen ſtuͤch 39 unzählig geleſenen italieniſchen Novellen zuſammenwob. Nun aber fiel es ihr, bei der Sorge, die ſich damit ver⸗ band, nicht ſo leicht, ihre eigene, in ein ſo vornehmes Haus hineingewehete Perſon unter den ihr unbekannten Verhältniſſen dieſer Stadt mit einem Gewebe angeblicher Erlebniſſe ſo einzukleiden, daß ſie dabei glaubwürdig und intereſſant zugleich erſcheinen könne. Als Thekla früh am Tage ihren Anzug ordnete, war ſie mit ſich einig, die zwiſchen Schlaf und Wachen ausge— dachte Erzählung von ihrer Herkunft und ihren Schickſalen ganz allgemein zu halten, um ſich auf etwa nachfolgende Fragen und Bemerkungen ihrer Zuhörer in den weiteſten Maſchen der Erfindung deſto ungebundener drehen und wenden zu können. Sie legte einiges von den Kleidungs⸗ ſtücken, die ſie blos der Flucht wegen mitgenommen hatte, bei Seite; ſodaß Alice, als ſie ihren Gaſt zur Mutter abzuholen kam, überraſcht war, die ſchöne Fremde ſo viel einfacher gekleidet zu finden. Dies Wohlgefallen des Ge⸗ ſchmacks miſchte ſich in ihre Stimmung. Sie gab ſich heiterer hin, nahm mit Freundlichkeit Platz, und Thekla fand, daß dies zarte Antlitz einen ſeelenvollen Liebreiz gewinnen konnte.— Nachdem Alice ihren Gaſt mit dem Namen und Rang des Hauſes bekannt gemacht hatte, er⸗ hoben ſich Beide nach dem Zimmer der Gräfin. Sie ka⸗ men durch mehrere Gemächer, die eben vor der milden Morgenſonne gelüftet wurden. Die Einrichtung verrieth geſchmackvollen Reichthum. Die koſtbarſten Teppiche und gewirkte Tapeten, theils Figuren, theils Landſchaften dar⸗ ſtellend, bekleideten die Wände und waren größtentheils in zierliche Stellrahmen geheftet. Es fehlte nicht an Ge— mälden, die ſich als werthvoll durch ihre ſeidenen Vor⸗ hänge verriethen. In einem größern Gemache waren die Tiſche aus feinen Blättern, um nach Bedürfniß Platz zu machen, mit beweglichen Schragen ſo eingerichtet, daß ſie an der Wand emporgehoben und befeſtigt werden konnten. In den Ecken ſtanden metallene Candelaber, geſchmiedete Rittergeſtalten in Rüſtung, mit ausgeſtreckten Armen worin die Dillen der Kerzen lagen. Das Zimmer der Gräfin war einfach und heiter aus⸗ geſchmückt. Unter den Mobilien erblickte man ein reich beſetztes Büchergeſtell, auf welchem die koſtbar gebundenen Schriften nach damaligem Geſchmack, nicht mit dem Rücken, ſondern mit dem Schnitt herausſtanden, ſodaß man das ſeidene Band oder die goldene Klammer, womit die Decken verbunden waren, vor Augen hatte. Thekla fand die Gräfin Southampton in einem Seſſel bei Spitzenklöppeln in geſchmackvollem Morgenkleide, noch jugendlich ausſehend und als eine heitere, freundliche Frau. Bei dem Ernſt und Alter der Tochter, die ſchon über zwanzig Jahre war, hatte Thekla ſo viel Schönheit und Anmuth der Mutter nicht erwartet, und fand es nun nicht mehr auffallend, was ihr das Hausmädchen beim Abend⸗ eſſen erzählt hatte, daß Sir Thomas Heminge, der Kö nigin Schatzmeiſter, ſich um eine ſo einnehmende Witwe leidenſchaftlich bewerbe. Die Gräfin, von ſo viel Schönheit und Anſtand ihres Gaſtes auf das Angenehmſte überraſcht, empfing Thekla mit vertraulichem Lächeln, und winkte Alicen, die Früh⸗ ſtückſuppe reichen zu laſſen.— Habt Ihr Euch von der geſtrigen Angſt erholt? fragte ſie. Meine Tochter hat mir tzählt, Sänfte kehren Ve ſacht! angebr die mi ſeht, weifel bleiben D genhei⸗ tes G. Londo chen( pen; liſche ſchwe alloin prach zärtelt T 41 erzählt, auf welche überraſchende Weiſe ſie Euch in ihrer Sänfte gefunden, als ſie vom Beſuch einer Freundin zurück⸗ kehren wollte. Verzeihung wegen des Schrecks, den ich Euch verur— ſacht! ſagte Thekla zu Alicen. Meine Abſicht war, mit angebrochener Dämmerung die Sänfte wieder zu verlaſſen, die mir ſo recht gelegen im Wege geſtanden war. Ihr ſeht, gnädige Gräfin, wie man in der Angſt gar nicht zweifelt, eine Sänfte müſſe gerade ſo lange ruhig ſtehen bleiben, als man ſie nöthig hat. Das Engliſche iſt nicht Eure Mutterſprache, bemerkte die Gräfin. Thekla verſtand den Wink, und um auch ihre Befan⸗ genheit eher loszuwerden, knüpfte ſie gleich ihr ausgedach⸗ tes Geſchichtchen an.— Ich bin erſt wenige Wochen in London, ſagte ſie, und habe mein vorher gelerntes Bis⸗ chen Engliſch noch wenig bereichern können. In Antwer- pen zwar fehlte es mir nicht an Gelegenheit zum Eng⸗ liſchen, doch fällt einem italieniſchen Munde die Ausſprache ſchwer. Freilich war nur meine Mutter aus Italien, allein ich war mit ihr mehr als mit dem Vater, ſie ſprach und las mit mir dieſe weiche Mundart und ver⸗ zärtelte dadurch meine Zunge. Alſo von italieniſchem Geſchlecht? fragte die Gräfin. Ja, Gnädige! fuhr Thekla fort. Mein mütterlicher Großvater ſtand in Dienſten Margarethens von Oeſtreich, der Statthalterin der Niederlande, die bekanntlich einen italieniſchen Gemahl und italieniſche Dienerſchaft hatte. Als ſie nach Ankunft des grauſamen Herzogs Alba dieſem das Regiment übergab, die Niederlande verließ, und einige 42 ihrer vertrauteſten Räthe mitnahm, lag mein Großvater ſterbenskrank und blieb zurück. Lange hatte er die Be— werbungen eines reichen Niederländers um die Hand ſei— ner Tochter abgewieſen. Nun machte ihn der Kummer um ſein einzig Kind, wenn er es ſterbend hinterlaſſen müßte, nachgiebiger. Er verſagte ſeine Einwilligung nicht länger, und kaum war die Ehe vollzogen, ſo ſtarb er auch. Seine Tochter folgte ihrem Gemahl nach Antwer⸗ pen. Hier ward ich geboren und wuchs vergnügt auf. Der ſpaniſche Druck war ſo ſchwer, daß der Vater dem Himmel dankte, als weiter keine Kinder nachfolgten. Ihr habt von der Belagerung Antwerpens gehört. Ein Brand traf meines Vaters Magazine, eine Bombe meine arme Mutter. Dem Vater blieb von ſeinen Reichthümern wenig übrig; doch wäre es zu einem neuen Anfang hinreichend geweſen, da ging aber nach ſchreckvollen Tagen die Stadt an die Spanier über. Mein Vater wurde als heimlicher Proteſtant verrathen, und hielt es für gut zu fliehen. Ein ehrloſer Vetter, dem ſeiner Liederlichkeit wegen mein Vater zweimal meine Hand verſagt hatte, verrieth uns. Nur mit Lebensgefahr entkamen wir. O welche Flucht war das! Ueberall im Lande ſtanden Galgen und Räder, die Opfer des Religionshaſſes hinzurichten, ja die Land⸗ ſtraßen entlang erblickten wir an Bäumen und Pfählen Gehängte und Geköpfte. Denkt Euch, wie Fliehenden zu Muth iſt, die auf Wegen und Stegen ſchaudernd er⸗ blicken, was ihnen bevorſteht, wenn man ihrer habhaft wird. Und wir flohen meiſt bei Nacht. Hu, wie habe ich mich gefürchtet! Aus allen Dörfern hörte man die Todtenglocke; es war, als ob uns eine eherne Zunge nach riefe! kümm er, al komm blieb allein nahm zuſan ters dem retten das T gem will. mein wen hier am keit ſteh mein Yet Ufer kom rinn hint da ſchen auf. 43 riefe und verrathen wollte. Dieſe Aengſte und die Be⸗ kümmerniß um mich ſetzten dem guten Vater ſo zu, daß er, als wir endlich doch hier in London glücklich ange⸗ kommen waren, erkrankte und in Fiebern ſtarb. Nun blieb ich mir ſelbſt überlaſſen, ein ängſtliches Geſchöpf, allein, und in einer fremden Welt. Welche Lage! Ich nahm meine geringe Baarſchaft und all' meinen Muth zuſammen, um nach Frankreich zu gehen, wo meines Va⸗ ters Verwandte leben. Auch dachte ich daran, mit frem⸗ dem Beiſtand in Antwerpen noch einiges Vermögen zu retten. Aber wie ich im Begriffe bin, mit meiner Habe das Boot zu beſteigen, packt mich jener verrätheriſche Vet⸗ ter, der unſere Spur verfolgt hatte, und mich nach lan⸗ gem Forſchen im Augenblick entdeckt, da ich mich retten will. Mit ſeiner anmaßenden Keckheit bemächtigt er ſich meiner Habe unter der Miene für mich zu ſorgen. An wen ſoll ich mich um Beiſtand wenden? Ich bin fremd hier, kenne keine Gewohnheit, keine Obrigkeit. Wen ich am Fluß anrede, hört mich entweder in ſeiner Geſchäftig— keit nicht, oder lacht über meine Ausſprache und läßt mich ſtehen. Bei den Schiffleuten erklärt ſich der Vetter für meinen Mann. Entſetzen befällt mich. Zuletzt, als der Vetter ſich mit meinen Sachen zu thun macht, und das Ufer von Menſchen wimmelt, die aus der Bärenhetze kommen, wage ich es und bin glücklich genug, zu ent— rinnen. Ich eile die Gäßchen aufwärts, doch der Vetter, hinter mir drein, faßt mich und will mich zurücknöthigen Da wirft ſich aus dem um uns her gerinnenden Men⸗ ſchenſtrom ein edler, ritterlicher Mann zu meinem Schutz auf. Ein Wortwechſel entſteht, die Degen werden gezo— 44 gen. Umherſtehende winken mir, ich benutze den Augen⸗ blick und fliehe weiter. Immer tiefer in die unbekannten Gaſſen mich verlaufend, höre ich hinter mir Lärm, halte mich abermals für verfolgt, und finde, wie ich mich um eine Ecke wende, die,— ſo ſcheint es,— vom Himmel mir geſandte, Sänfte mit halb offener Thüre und die Träger entfernt. Die edle Lady rettet mich, und Ihr, gnädige Frau, mögt mir nun rathen, wie ich es angreife, um mit Gottes Hülfe nach Frankreich, oder den Nieder⸗ landen zu kommen, wenn es nicht etwa beſſer iſt, eine Zeitlang in London zu bleiben. Ich habe vergeſſen,— ich heiße Roſalie de la Roue. Thekla hatte mit ſo viel Lebendigkeit und Ausdruck erzählt, daß Mutter und Tochter, ſtatt die Kunſt darin zu erkennen, von Theilnahme bewegt waren. Wir müſſen doch gleich Eure Habſeligkeiten aus dem Schiffe zurückfodern, bemerkte die Gräfin. Mit dem un⸗ gezogenen Vetter, der ſie Euch vorenthält, wollen wir ſchon fertig werden. Sie klingelte einem Bedienten. Das Schiff iſt fort, fiel die betroffene Thekla raſch ein. Es iſt zu ſpät, gnädige Gräfin. Wer ſagt Euch das, Roſalie? fragte Alice. Der Wind war geſtern Abend umgeſchlagen, bekräf⸗ tigte Thekla; die Schiffer, die nur darauf warteten, woll⸗ ten bei Sonnenuntergang die Anker lichten. Entweder iſt nun der Vetter mitgeſegelt, oder wenn das Schiff liegen geblieben, hat er es mit meinen Sachen verlaſſen, weil ich ihm entgangen bin, und er fürchten muß, daß ich die Behörde gegen ihn aufbiete. O laßt doch meine Sachen —— immen nem als e mit d wonn Schu renes das ande Geſc geſin ſolche berec aus n n n 45 immerhin verloren ſein: es war Flüchtlingshabe, von kei⸗ nem großen Werth. Wenn man ſo viel verloren hat, als einen liebevollen Vater, mögen ſolche Kleinigkeiten mit dareingehen. Ach, und wenn man ſo viel wiederge⸗ wonnen hat, als in der Stunde der Verfolgung den Schutz eines edlen Hauſes, darf man da noch ein verlo⸗ renes Bündel in Anſchlag bringen? Mit ſo artigen und gefühlvollen Worten lenkte Thekla das Geſpräch ab, aus Furcht, die Gräfin möchte noch auf andere Unternehmungen denken, die ſich an die unwahre Geſchichte anknüpfen ließen.— Jetzt erſt kam dem leicht— geſinnten Mädchen eine Ahnung, wie unmöglich es ſei, bei ſolchen Erdichtungen auch Alles und Jedes voraus mit zu berechnen, was die Andern vielleicht in der beſten Abſicht aus dem Erzählten machen möchten. Der Gräfin blieb Thekla's Verlegenheit nicht unbe— merkt; ſie legte aber in ihrem Zartgefühl dieſe Befangen⸗ heit ihres Gaſtes als Scham über ein wahrſcheinlich nur ſehr ärmliches Gepäck aus. Sie ließ daher alle weitern Vorſchläge fallen, und lenkte das Geſpräch auf die Noth der ſpaniſchen Niederlande.— Dies unglückliche Land geht uns Nachbarn beſonders nah, ſagte ſie, da wir Eng— länder noch die fürchterlichen Auftritte unſerer eigenen Re⸗ ligionskämpfe friſch im Andenken haben. Ja, mitten in unſerm jetzigen Frieden und im Glanze, der unſere glor⸗ reiche Königin umgibt, ſchweben wir in täglicher Beſorg⸗ niß irgend eines entſetzlichen Ausbruchs. Denn wir wiſſen gar wohl, daß heimliche Sendlinge derſelben Spanier, welche jetzt die Niederlande foltern, daß Jeſuitenzöglinge aus Frankreich täglich unter allerhand Verkappungen her⸗ — 46 uͤberkommen, um Verſchwörung gegen die Königin, Auf⸗ rin ruhr der unterdrückten Papiſten anzuzetteln. Ich finde es üs daher recht natürlich, daß die Niederländer unſere Freund⸗ ſiert ſchaft und ein enges Bündniß ſuchen. Ja, man ſpricht 6 9 davon, ſie wollten ſich unſerer Königin als Unterthanen nolt unterwerfen. Man erwartet in dieſen Tagen eine nieder⸗ Kini ländiſche Geſandtſchaft in London.— Ei, was fällt mir nider ein! Ihr Roſalie.— Seht doch! das kommt ja recht ge linge legen: dieſe Geſandtſchaft, dies weltgeſchichtliche Ereigniß, ha mag das kleine Boot Eures Privatgeſchicks ins Schlepp nict tau nehmen. Ich will ſagen,— Ihr könnt vielleicht mit ſten dieſer Geſandtſchaft nach den Niederlanden, nach Antwerpen auch zurückkehren. Möglich, daß ſogar Bekannte Eurer Fa⸗ Hofte milie, Freunde des Hauſes de la Roue im Gefolge jener ſonde Botſchaft ſind. Jedenfalls ſollt Ihr uns bis dahin oder Köni bis zu einer andern guten Gelegenheit ein angenehmer nieb Gaſt ſein und Southamptonhouſe als Eure Zuflucht anſehen. mine Die Gräfin umarmte das betroffene, nachdenkliche im Mädchen zum Zeichen gaſtfreundlicher Aufnahme. Eine Hen Unglückliche von edler Familie und ſo liebenswürdiger V bere Bildung ſchien aller Herzlichkeit und Güte werth zu ſein teln Sie wurden durch den Morgenbeſuch des königlichen b ei Schatzmeiſters, Sir Thomas Heminge, unterbrochen, eines bed Mannes in vorgerückten Jahren, aber von jugendlicher Lebendigkeit. Seinem Blicke und artigen Betragen merkte de man gleich die Zuneigung für die Gräfin an. Seine dii Aufmerkſamkeit für Alice hatte etwas Gezwungenes: bald lun als ob er den Widerwillen der Tochter gegen eine Wie⸗ ir 47 derverheirathung ihrer Mutter nicht beachten,— bald als ob er ihn verſöhnen möchte. Er drückte ſich gern ſo ge⸗ ziert aus, wie es damals bei Hofe üblich war, und wie es auch geiſtreiche Höflinge angenommen hatten. Dies mochte wol, wenigſtens zum Theil, daher rühren, daß die Königin in ihrem hohen Alter ſich für die Huldigung, ja zuweilen für Liebeserklärungen hübſcher Männer und Jüng⸗ linge empfänglich zeigte, wodurch ein eigenes Gunſtbewer⸗ bungsſyſtem entſtand, in welchem den Nebenbuhlern oft nichts übrig blieb, als bei kalten Empfindungen wenig— ſtens ſchöne Worte zu heizen, hinter denen ſich manchmal auch ein leiſer Spott verſtecken konnte. Dieſer ſüßliche Hofton erſchien nicht ſelten mit gelehrten Anſpielungen be⸗ ſonders aus der alten Götterlehre aufgebauſcht, da die Königin und manche adelige Frauen die alten Sprachen trieben. Nach den erſten Begrüßungen des Sir Thomas He⸗ minge wollte ſich Alice mit Roſalie— wie Thekla nun im Hauſe hieß,— unter einem Vorwand entfernen; Heminge aber bat, ſie möchte bleiben, und holte eine ſau— bere Handſchrift hervor, die er ihr mit bedeutendem Lä⸗ cheln übergab. Gedichte? rief Alice, das Heftchen durchblätternd aus. Seit wann gelte ich bei Euch für eine Liebhaberin von Gedichten, Sir Thomas? Nur einen huldvollen Blick hinein, theuere Alice! bat der Schatzmeiſter. Schöne Sonette an Euern Bruder Heinrich gerichtet, und ihn zur Liebe und zur Vermäh⸗ lung auffodernd; die lieblichſten Sonette, ſüßer, als Ed⸗ mund Spenſer's Verſe! —— 48 Mit einem Male, bei dem Gedanken an ihres Bru ders Vermählung, war Alice freundlich, und zwar ge⸗ wann Mund und Blick bei dem Lächeln einen holdſeligen Ausdruck.— Seltſamer Gegenſtand für eines Dichters Sonette! rief ſie. Und der Verfaſſer? Von dem wir ſchon öfter geſprochen! verſetzte He minge. William Shaxper, der herrliche Burſche. Der Graf, Euer Bruder, hat bei dem eifrigen Beſuchen der Bühne dieſem Schauſpieler, ſeit er ihn als Dichter der bedeutenden hiſtoriſchen Dramen kennt, viel Aufmerkſam⸗ keit geſchenkt. William ſcheint eine große Verehrung für einen ſo gnädigen Gönner gefaßt zu haben. Natürlich intereſſirt er ſich nun auch für des Grafen ſtadtkundig gewordene Herzensangelegenheit. Aber wie fein und artig! Er nimmt ſich nicht heraus, die Hinderniſſe zu kennen, die unſere Königin der Heirath macht, ſondern der Dich⸗ ter pflückt, ſo zu ſagen, den Anlaß zu den Sonetten von der Liebenswürdigkeit des jungen Grafen ſelbſt. Geſtern, als ich der Theatergeſellſchaft für die bei Hofe gegebenen Vorſtellungen den Chrenſold auszahlte, blieb William zurück und übergab mir die Handſchrift mit der Bitte, ſie dem Grafen zuzuſtellen. Eure Fürſprache, ſagte er mir, wird den Gedichten einen Werth geben, der ihnen fehlt — Er iſt ein artiger, liebenswürdiger Mann und recht hübſch. Ja wol, theuere Alice,— wie nun Alles in der Welt auf Tauſch und Wechſelgewinn berechnet iſt: ſo hofft der Dichter durch meine Hand Empfehlung für ſein Werk, und ich ergreife daſſelbe, um mir damit einen hei⸗ tern Blick von Euch zu gewinnen. Nehmt ſie, dieſe ſüßen Verſe, und ſtellt ſie ſelber Euerm Bruder zu. Eure und So tend min ich elnp entſt ſehr diel alle S 49 ſchweſterlichen Wünſche haben an den dichteriſchen Verſen die beſten Verbündeten von der Welt. Wenn der lie⸗ benswürdige Dichter wüßte, daß er ſo glücklich Eures Herzens Thema getroffen und geſpielt hat! Als Nachti⸗ gall lockt er Eures Bruders Frühlingsherz zur Liebe und zu Hymens Bund. Aber dieſer Gott, deſſen Segen Ihr für den Bruder wünſcht, hat noch manch' andern Segen. Wenn Ihr, theure Alice, den Gott für einen Bruder anruft, wollt Ihr ihn für einen naheſtehenden Freund— Er ſchwieg, denn er fürchtete, wenn er in dieſem bit⸗ tenden Tone weiter ſpräche, der anweſenden Mutter zu viel zu vergeben; da dieſe, um ſich wieder zu vermählen, nicht von der Tochter Zuſtimmung abhing. Alice blätterte verlegen in der Handſchrift, bis Sir Thomas in ſeiner Verlegenheit lächelnd fragte: Nicht wahr, Alice? Ich verſtehe Euch nicht, Sir Thomas! erwiderte ſie, und las aus Befangenheit laut einige Worte des erſten Sonettes aus der Handſchrift. Ja du, der Welt nun jugendlichſte Zier und froher Herold all' der Frühlingsreize, . Begräbſt die Luſt noch in der Knospe dir— Wie ſie leſend inne ward, daß die Verſe als ſpot⸗ tende Antwort für den ſchon alternden Sir Thomas He⸗ minge gelten könnten, erröthete ſie und hielt ein. Wirk⸗ lich hatte die Gräfin das Verletzende der geleſenen Worte empfunden, und fragte raſch nach Hofneuigkeiten. So entſpann ſich ein Geſpräch, bei welchem beſonders Thekla ſehr aufmerkſam war. Denn ſie, die von früh an ſo viel Novellen geleſen und geträumt hatte, liebte nicht nur alles Novellenartige im täglichen Leben, ſondern fühlte Koenig, William Shakſpeare. I. 4 50 auch, wie nöthig es ihr ſei, in den Zuſtänden Londons und in den Bezügen des Hauſes Southampton heimiſch zu werden. Sechstes Kapitel. So unzufrieden Alice war, daß dieſe fremde Roſalie gleich am erſten Morgen einen Blick in die Mishelligkeit des gräflichen Hauſes gethan hatte, ſo vergaß ſie es doch bald über ihr Vergnügen an den Sonetten Dies Wohl⸗ gefallen galt nicht der Poeſie, noch weniger dem ihr un⸗ bekannten Dichter, ſondern ging aus der Beſtimmung der Verſe hervor,— eine Freude, wie ſie verſtändigen Men⸗ ſchen eigen iſt, denen jede Poeſie nur um irgend eines Zweckes willen gefällt, als anmuthige Dienerin guter Abſichten. Alice liebte nämlich ihren einzigen Bruder, wie eine einzige Schweſter mit ungetheilter Zärtlichkeit liebt. Sie fühlte ſich noch inniger zu ihm getrieben, ſeitdem ſie ihrer Mutter Herz wieder den Bewerbungen eines Mannes zu⸗ gänglich ſah. In dieſer Zeit hatte der junge Graf, nur wenige Jahre älter als ſeine Schweſter, die Bekanntſchaft. der ſchönen, liebenswürdigen Eliſabeth Vernon, einer Baſe des Grafen Eſſex, gemacht, und bewarb ſich um ihre Gunſt. Eliſabeth war Alicens Buſenfreundin und ge wiſſermaßen ihr Schützling, weil ſie jünger, heiterer und — 51 hingebender als Alice war, und an dieſer ältern Freundin zugleich eine Vertraute ihrer heimlichen Neigung zu dem jungen Grafen hatte. Alice hielt dieſe Liebe ſehr hoch; ſie ſah in dem Geheimniſſe der Freundin das wünſchens⸗ wertheſte Glück für einen Bruder. Allein die Königin hatte ſich gegen die Bewerbung des Grafen erklärt, wie ſie denn, ſtolz auf ihren unvermählten Stand, ſich nur allzugern aus alternden Grillen, Launen und Eiferſüchte⸗ leien in Herzens- und Familienangelegenheiten miſchte. Während dieſer Widerſpruch den jungen Grafen, dem an ſeiner Monarchin Huld und Beförderung viel gelegen war, von einer förmlichen Erklärung gegen die Geliebte abhielt, erfuhr Alice, daß eine der Hoffräulein, eine leichtfertige, üppige Schöne, ſich um des Grafen Aufmerkſamkeit be⸗ mühe. Es war zu fürchten, daß die Königin am Ende dieſe Verbindung lieber zu Stande kommen ſähe, oder vielleicht ſchon begünſtige. Noch andere Gerüchte von dem luſtigen Leben mancher Freunde des Grafen kamen Alicen zu Ohren, und erweckten Beſorgniſſe, wie eine edle Schwe— ſter ſie leicht empfindet; ſodaß der Wunſch, den Bruder würdig und glücklich vermählt zu wiſſen, zu einer unru⸗ higen Angelegenheit für ſie erwuchs. Wie angenehm mußten ihr daher eben jetzt die So⸗ nette eines Dichters kommen, der ſeit kurzem in London eine namhafte Perſon geworden war, und nun durch einen günſtigen Zufall als ihr Verbündeter erſchien. Sie hoffte, daß ein ſolcher Zuſpruch bei dem für Poeſie ſo empfänglichen und ſchwärmeriſchen Bruder vielleicht noch eher, als ihre ſchweſterlichen Winke Eingang finden dürf⸗ ten. Urſache genug, Alicen aufgeräumt zu machen, ſo⸗— 4* 5²2 daß ſie zuweilen ſelbſt mit Thekla ziemlich unbefangen plauderte. Jede Annäherung erneuerte jedoch bei Alicen den in⸗ ſtinctartigen Widerwillen, den ſie beim erſten Anblicke gegen dieſe Roſalie empfunden hatte, und den ſie mit aller frommen Geſinnung und geſellſchaftlichen Bildung nicht unbemerklich machen konnte. Aber auch ohne dies waren Alice und Thekla zu verſchiedenartige Naturen, als daß es ihnen mit aller Selbſtüberwindung möglich gewe ſen wäre, ſich näher zu kommen und zu vertragen. Jede Aeußerung der Einen wurde von der Andern mit heim⸗ lichem Tadel aufgenommen, führte zu Wortwechſel und zu Misdeutung. Alice nahm ohnehin gern Alles zu ſchwer und ernſt, und ſah daher jede heitere Aeußerung Thekla's fur Leichtfertigkeit an. Und Thekla, der es wirklich nicht an Leichtſinn fehlte, fand Alicen unausſtehlich. Etwas übermüthig durch die offenbare Gunſt der Gräfin Mutter, war ſie ſtets geneigt, einen Gedanken, der Alicen befrem⸗ dete, nur deſto mehr auf die Spitze zu treiben. So ſprach ſie einmal von dem Unbekannten, der ſich ihrer jenes Abends gegen ihren Verfolger ſo manierlich ange⸗ nommen habe, und ſetzte hinzu: Ich weiß nicht, wie mir jedesmal, wenn ich an ihn denke, Euer Bruder einfällt Ich bin recht begierig, den Grafen zu ſehen. Wäre er nicht außerhalb Londons, ich glaubte gewiß, jener anmu⸗ thige junge Mann wäre der Graf geweſen. Ach nein! lächelte Alice. Mein Bruder iſt mit dem Grafen Eſſex verreiſt. Euer fahrender Ritter iſt jedenfalls ein anderer Mann und ſchwerlich ein Graf geweſen. Schwerlich? erwiderte Thekla gereizt. Habt Ihr Luſt, 53 Milady, als unbekannte Pilgerin mit mir drauf auszu⸗ gehen, wer von uns den erſten Grafen gewinne? Bei dieſer kecken Frage wendete ſich Alice mit verach⸗ tender Miene weg.— Doch ließ ſie es noch zu keinem völligen Bruche kommen; vielmehr verſuchte ſie es, ihrer religiöſen Denkart gemäß, auf Roſaliens Sinnesänderung zu wirken. Ein Freund des Hauſes, Sir Chriſtopher Blount, ein Vierziger, und alſo in einem Alter, wo Männer nach Ehre oder Genuß jagen, bekannte ſich zu den Frommen, und beſuchte dann und wann Alicen; wenn es auch den Schein hatte, als beſuche er die Familie Alice hegte auch für ihn eine hohe Meinung. Sie hoffte, des Freundes ernſte Anſichten über das Leben, ſein frommer Eifer gegen die Leichtfertigkeiten der Welt, ſeine Herabwürdi⸗ gung der Künſte und Luſtbarkeiten würden Roſalien, das leichtfertige Mädchen, zum Nachdenken bringen, und zog ſie daher in ihre erbaulichen Unterhaltungen mit dem Freunde. Thekla betrug ſich auch ſehr geſetzt in Blount's Gegenwart; die wunderlichen Redensarten des Puritaners ſchienen ihr eine neue Unterhaltung zu gewähren. Alice freute ſich dieſer Aufmerkſamkeit und dachte ſchon daran, ihren Gaſt mit in die Abendverſammlung der Brüder zu nehmen, zumal auch Blount dem fremden Mädchen viel Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien.— Was ſagt Ihr, Roſalie, zu Sir Chriſtopher? fragte Alice nach einigen Beſuchen deſſelben. Ei nun, antwortete Thekla, er ſpricht gar erbaulich; aber ſeine Blicke ſcheinen mir doch einen andern Weg zu gehen, als ſeine Worte; wenngleich beide ſeltſam zu nennen ſind. Nehmt ECuch vor ihm in Acht, Milady! 54 Seine Andacht iſt gewiß nur äußerlich. Der iſt ein Schleicher, darauf wette ich, und geht ſicherlich auf etwas ganz Anderes aus, als dem Himmelreiche Gewalt an⸗ zuthun. Man kann denken, wie ſehr dieſe mit Lachen begleite⸗ ten Worte Alicen empörten. Einige bittere Bemerkungen gegen Thekla konnte ſie nicht zurückhalten, ſo ſehr hernach ihr Stolz ſich darüber kränkte. Von dieſem Augenblicke hielt ſie die ſchlimmſte Ueberzeugung von Roſaliens ge⸗ meiner und unverbeſſerlicher Geſinnung feſt. So nahm zwiſchen Beiden unyermerkt eine feindſelige Stimmung zu, die aus einem Wechſelabſtoß zweier unver⸗ träglicher Naturen hervorzubrechen ſchien.— Glücklicher⸗ weiſe, um ſich in Southamptonhouſe halten zu können, fand Thekla deſto mehr Gunſt bei der Gräfin Mutter. Die heitere Frau liebte Muſik, und da Thekla den Ver⸗ luſt ihrer Laute beklagte, ward ein gutes Inſtrument her⸗ vorgeholt,— Alicens Laute, die unbenutzt ſtand, ſeit das Fräulein bei wenig Geſchick für Geſang und Spiel auch eine religiöſe Abneigung gegen die Muſik gefaßt hatte. Thekla überraſchte mit einer herrlichen Stimme und einem in England ungewöhnlich ſchönen Vortrage die Gräfin und deren Freund, Sir Thomas Heminge. Dabei hatte ſie die Bruſt voll Lieder und eine kleine weiße Hand voller Akkorde. Doch war es weniger ein Talent zu nennen, womit Thekla ihre Zuhörer erfreute, als ein zur Muſik geborenes Naturel, welches durch das Inſtrument geweckt wurde. Denn ihre ganze Perſon ward zur Muſik: ihre Bewegungen waren fließende Anmuth, ihre Laune ein Zug von Melodien und eine zauberiſche Phantaſie blickte 5⁵ aus ihren Augen. In ſolcher Stimmung erzählte ſie wol auch Geſchichten oder ſtellte durch Geberdenſpiel wunder⸗ ſame Märchen dar. Es war durchaus nichts Schauſpie⸗ leriſches im gewöhnlichen Sinne, ſondern ihr innerſtes Weſen ſchien nur durchleuchtend zu werden, und die Wirk⸗ lichkeit der Perſon ging gänzlich in der Wahrheit des Dargeſtellten auf. Was ihr dabei zu ſtatten kam, war ein wunderbar biegſames Organ, mit welchem ſie die Stimme und Sprache anderer Menſchen auf das Tãäu⸗ ſchendſte nachmachen konnte. Es war zum Erſtaunen; doch fühlte jeder Gebildete, daß man Roſalien zu ſolchen Leiſtungen nie auffodern dürfe, ſondern die gute Stunde für dies Aufblühen eines ungewöhnlichen Naturels abwar⸗ ten müſſe, um ſich mit Bewunderung daran zu erfreuen. Einem näher Beobachtenden konnte es auch nicht entgehen, daß in ſolchen Augenblicken der innerſten Erregung bei Roſalien die beſten Gedanken, die edelſten Gefühle erwacht waren. Ein liebreiches Wohlwollen enthüllte ſich aus den Geſangstönen, eine anmuthige Gefälligkeit ſchwebte auf dieſem fertigen Saitenſpiel herbei. Muſik ſchien eben Thekla's innerſtes Weſen: ihre Seele war Fröhlichkeit und Fröhlichkeit ihre erſte Tugend. Von nun an kam Thekla wenig aus den Gemächern der Gräfin. Die Lady überließ dem liebenswürdigen Mädchen gern jenen Theil des Umgangs, den ihre Tochter nicht mehr einnahm, weil dieſelbe einmal den Sir Thomas Heminge vermied, das andere mal ſich ihrer täglich zu⸗ nehmenden frommen Richtung hingab. Die Gräfin wußte, daß Alice das Bethaus der Puritaner in Thurmhill öfter beſuchte. Der Mutter misfiel freilich dieſe neue Frömmig⸗ — 56 keit; um aber Alicen Vorſtellungen dagegen zu machen, fühlte ſie zu ſehr, daß ihre eigene, nicht weniger neue Gunſt für den königlichen Schatzmeiſter der Tochter ebenſo wenig gefalle. Oft, wenn ſie ihr freundlich zuſprechen wollte, doch mehr die weltlichen Anſprüche ihres Alters und Standes geltend zu machen, flüſterte ihr etwas im Innern zu: daß wol die frühe Frömmigkeit eines jungen Mädchens eben nicht thörichter, als die ſpäte Heirath einer alternden Witwe ſei, und daß am Ende die Tochter noch viel leichter als die Mutter ihren erkannten Irrthum ver beſſern könne. Siebentes Kapitel. Inzwiſchen hatte Alice den Sonettenkranz wiederholt ge leſen, und erwartete mit Ungeduld die Rückkehr des Bru⸗ ders. Mehrmals hatte ſie die reinliche Handſchrift zurecht gelegt, um ſie mit zu Eliſabeth Vernon zu nehmen; allein jedesmal unterließ ſie es wieder, weil ſie eine Kränkung für die Freundin darin fand, daß der Mann, den dieſe ſo innigſt liebte, eines ſolchen Sporns und Antriebs zu muthiger Bewerbung bedürfen ſollte. Auch lag in den Verſen ſelbſt etwas ihr Misfälliges und was ihr ver letzend für die Freundin vorkam. Hierüber ſich auszu ſprechen, ſo zart es war, fand ſich Alice doch am andern Mon Sir ſuche unoe durch fügt mor dem dure ding und liebe Morgen durch eine Art von Ereiferung hingeriſſen. Denn Sir Thomas Heminge fragte bei ſeinem gewöhnlichen Be⸗ ſuche, was ſie nun zu den ſchönen Gedichtchen ſage. Der unverdroſſene Hofmann ließ auf ſchmeichelhafte Weiſe durchfühlen, wieviel er auf ihr Urtheil gebe.— Ich denke, fügte er hinzu, wir laſſen den Bruder, wenn er über⸗ morgen kommt, den poeſieduftenden Kranz Abends auf dem Bette finden. Da mag er ihn vor dem Einſchlafen durchleſen, und Morpheus wird vollenden, was Apollo eingeleitet. Vielleicht erwacht der Bruder mit einem Muth und Entſchluß, der Euer Schweſterherz erfreut und unſere liebenswürdige Eliſabeth Vernon beglückt. Den Bruder beglückt, Sir Thomas! verbeſſerte Alice und fragte dann, ob Heinrich, ihr Bruder, über⸗ morgen wirklich käme. Uebermorgen mit Graf Eſſer! war die Antwort. Zu⸗ gleich bat Heminge um Verzeihung, daß man über den wahren Grund der Entfernung des Grafen Mutter und Schweſter habe täuſchen müſſen. Es galt kein Güterge⸗ ſchäft, ſondern einen Gang mit dem brutalen Hauptmann Gray, der wegen jenes dienſtlichen Vorfalls im letzten ſpaniſchen Feldzuge auf Genugthuung beſtand. Der Vorfall war den Frauen bekannt, und da He⸗ minge die Verſicherung gab, daß Graf Heinrich nicht nur unverletzt, ſondern auch ſein Gegner mit einer nur unbe⸗ deutenden Schlappe weggekommen ſei, ſo beruhigten ſich Mutter und Schweſter von ihrem flüchtigen Schreck. Vielleicht war dieſer bedenkliche Waffengang kein Um⸗ weg zu unſern Abſichten, fuhr Sir Thomas fort. Die Gedichte finden jetzt ein deſto fröhlicher geſtimmtes Herz 58 an unſerm liebenswürdigen Grafen Heinrich. Nach ſolcher Gefahr iſt man wieder recht aufgelegt, irgend etwas Be⸗ deutendes für das gleichſam neugefundene Daſein zu ver⸗ ſuchen, dem wiedergewonnenen Leben mit etwas recht Werthem gütlich zu thun. Aber wir vergeſſen, theuere Alice, was Ihr zu den Gedichten ſagt, und ob ſie das Glück Eures Beifalls haben? Ich weiß nicht, verſetzte ſie mit einiger Befangenheit, was die gewöhnlichen Männer im Auge haben, wenn ſie für ihr Leben wählen und ſich verbinden; der Dichter aber ſollte das höchſte Ziel, die edelſten Beweggründe eines ſolchen Bundes andeuten. In dieſen Sonetten iſt nun immerfort nur von der Schönheit des Jünglings, von der Vergänglichkeit des blühenden Daſeins die Rede, und welch' ein Glück es ſei, einen Erben alles Deſſen zu be ſitzen, was ſo unwiderruflich verſchwinde. Es mag ja wol eine Freude ſein, Kinder zu haben, an denen man die eigenen abgewelkten Frühlinge wieder aufknospen ſieht; es mag auch die natürliche Beſtimmung der Menſchheit ſein, in immer erneuter Nachkommenſchaft eine irdiſche Ewigkeit zu gründen: aber das findet ſich von ſelbſt und ſollte gar niemals genannt werden; wogegen man mehr auf Das hinweiſen müßte, was ſo ſelten als die Haupt⸗ ſache angeſehen wird, daß die Ehe ebenſo ein heiligeres Ziel habe, wie unſer ganzes Leben eine überirdiſche Be⸗ ſtimmung hat. Warum ruft nun der Dichter einem Jüng⸗ linge, der ohnedies bei gutem Bewußtſein körperlicher Vorzüge iſt, immer nur zu:„Du biſt ſchön, du wirſt alt werden; wie unglücklich wirſt du dich fühlen, in trüb⸗ ſeligen Jahren keinen Erben deiner Kraft und Schönheit, kein iſt Kön We rette nent haft eine die lebe welc nach und unt eine er lich erh 1 it 59 keinen friſchen Aufſtrahl deines Lebens zu haben!“ Es iſt auch nicht ein frommer Gedanke in dieſen Sonetten. Könnte man dies nur dem Dichter recht ans Herz legen! Wenn er doch Jemand hätte, der ſeine großen Gaben rettete! Wie dürfte man die Ehe eine heilige Einſetzung nennen, wenn ſie blos beſtimmt wäre, dem irdiſchen, ſünd⸗ haften Leben, dieſem Minotaurus im Labyrinth der Erde, einen immer friſchen Tribut an Jugend zu liefern? Nein, die Ehe iſt der erſte Act der Erlöſung aus dem Sinnen⸗ leben, der ſorgfältig geſuchte Einklang zweier Herzen, in welchen der reine Grundton der Ewigkeit anſchlägt, um nach dieſem das ganze übrige Leben in ſeinem Dichten und Trachten zu ſtimmen. Dieſer fromme Ausbruch erregte eine befremdete Stille unter den Anweſenden. Sir Thomas Heminge ſuchte nach einem Auswege, um Alicen nicht zu widerſprechen, denn er fühlte wohl, daß er es gerade in dieſem Punkte gänz— lich mit ihr verderben könnte.— Ihr habt da eine ſehr erhabene Anſicht ausgeſprochen, meine Theuere, ſagte er. Bedenkt aber auch, auf welche geheimnißvolle Weiſe ge— rade an dieſe Vorbereitung zum Himmel doch die Erhal⸗ tung der Erde geknüpft iſt. Jene Naturanſtalt, die erſt ſolche Weſen liefert, welche ſich zum Himmel vorzubereiten haben, kann eben darum keine Nebenſache ſein. Ja doch! Wie die Geburt früher iſt, als die Erlöſung, ſo iſt auch die Liebe älter, als die Hoffnung. Uebrigens finden ſich ſolcher engen Vereinigungen einer abwärts und einer auf⸗ wärts gehenden Richtung mehrere in der menſchlichen Na⸗ tur, ſolcher Knoten möchte ich ſagen, wo ein irdiſcher und ein himmliſcher Faden zuſammengeknüpft ſind. Oder iſt 1 —— 5 2 60 z. B. die betende Zunge nicht zugleich, und zwar früher, die ſchmeckende? So ſind auch in der Ehe, wie in allen Erſcheinungen des Lebens, ein Hereinbilden, ein Ver⸗ dichten oder Dichten des Ueberſinnlichen zur Ebenbürtig⸗ keit unſers Daſeins, und ein Trachten des Menſchlichen und Irdiſchen überhaupt nach höhern Zuſtänden mitein⸗ ander verbunden.— In den beſprochenen Sonetten hat nun der Dichter ſein Theil herrlich durchgeführt. Welche ſchöne Lebensbilder, welche ſchöpferiſche Gedanken ſind nicht in dieſe Auffoderung zur Ehe eingewoben! Nehmt nur das achte Sonett, in welchem eine glückliche Che mit einer Muſik verglichen wird, durch Einklang zwiſchen Va ter, Mutter und Kindern zu Stande gekommen. Laßt nur dieſe Lieder mit ihrem friſchen Naturwehen in des Grafen geſundes Herz einziehen, und wartet es ab, daß ein glücklicher Bund, wenn erſt geknüpft, zur rechten Zeit auch eine höhere Sehnſucht in den Verbundenen anregen werde. Doch Eins ſchien das Andere nicht recht zu verſtehen. Nur Thekla lächelte zu Beidem, und ergriff endlich die Laute. Mit ſchnell erfundener Singweiſe pflückte ſie ein— zelne in ihrem guten Gedächtniß haften gebliebene Verſe aus dem Sonettenkranze. Sir Thomas und die Gräfin lächelten ihr beifällig zu. Schalkhaft blickte Thekla von ihm zu ihr, und indem ſie ſich anmuthig neben Heminge ſtellte, ſang ſie, gegen die Gräfin geneigt, mit dem ſpre⸗ chendſten Ausdrucke einer Liebeserklärung die Schlußworte des fünfzehnten Sonettes: Im Kampfe mit der Zeit lieb' ich Euch treu, Und bringe, was ſie nahm, Euch wieder neu. — 614 Alice verließ unzufrieden das Gemach, und Sir Tho⸗ mas küßte der Gräfin inbrünſtig die Hand, indem er dieſelben Verſe mit zärtlichem Blick und Ausdruck wie⸗ derholte. Achtes Kapitel. In Erwartung ihres Sohnes wußte die Gräfin nicht gleich, auf welche ſchonende Weiſe ſie Roſalien für den Anfang aus dem Zimmer entfernt halten ſollte. Die adlige Abkunft, ſowie Bildung und Betragen der Frem⸗ den foderten gaſtfreundliche Behandlung. Eigentlich fühlte die Lady zum erſten male, daß ſie dem liebenswürdigen Mädchen unvermerkt ſchon zuviel Rückſichten eingeräumt hatte, und daß es daher leicht gekränkt werden könnte. Dennoch ſchien ihr um des jungen Grafen willen eine andere Stellung Roſaliens nöthig. Zwar ſetzte ſie kein Mistrauen in die Grundſätze und Geſinnungen ihres Sohnes, ſondern glaubte vielmehr durch ihre Erziehung die Neigungen und Triebe, den Geſchmack und das Tem— perament ihres Heinrich genau geregelt zu haben. Allein ſie wußte doch, wie leicht die Phantaſie ihres Sohnes einzunehmen, und ſein Herz zu einer gewiſſen ritterlichen Schwärmerei zu ſtimmen war. Eine ſo ſtrahlende Lie⸗ benswürdigkeit, wie Roſalie, in ein geheimnißvolles Un⸗ glück eingefaßt, durfte, ihrer Berechnung nach, dem Rück⸗ —-—ʒ—- — —— — kehrenden jetzt nicht vorkommen, wo zweien Familien Alles daran gelegen war, daß des Jünglings Herz und Einbildungskraft unverlockt und unbefangen im Schwunge für ſeine Bewerbung um die ſchöne und reiche Eliſabeth Vernon bliebe. Die Abneigung der Königin gegen dieſe Verbindung erfoderte alle Aufmerkſamkeit und Thätigkeit des jungen Grafen; daher die Mutter klüglich Alles zu entfernen ſuchte, was ſein Intereſſe, ſeinen Eifer theilen und aufhalten koönnte.— Sie überlegte, wie Roſalie an⸗ derswo unterzubringen wäre, bis eine Erklärung ihres Sohnes gegen Eliſabeth Vernon erfolgt ſei. Es wun⸗ derte ſie, daß Alice bei ſonſt ſo wenig gutem Vorurtheil für Roſalien ſo ruhig blieb. Die Gräfin hätte ſich gern ihrer Verlegenheit überhoben geſehene und fürchtete doch, ihre Tochter mit einem Auftrag in dieſer Sache anzugehen, aus Beſorgniß, ſie möchte zu wenig ſchonend verfahren. Allein Alice dachte an keine Vorſicht. Es fiel ihr, wie vielen Schweſtern, gar nicht ein, daß ein für ihr Gefühl abſtoßendes, zweideutiges Mädchen einem edeln Bruder liebenswürdig und verführeriſch erſcheinen könne; zumal ſie denſelben durch entſchiedene Neigung für ihre Freundin für gebunden und verlobt anſah. Während die Gräfin dieſe Angelegenheit bis auf die letzten Augenblicke hin und her wendete, kam ihr Thekla ſelbſt zuvor.— Gnädige Gräfin, ſagte ſie des Abends, morgen trifft Euer Sohn ein; beſſere Geſellſchaft wird dieſe Zimmer beleben; erlaubt mir die Laute mit in die Einſamkeit meines entfernten Zimmers zu nehmen.— Thekla hatte von der Gräfin gehört, welche zahlreiche Geſellſchaft nach der Rückkehr des jungen Grafen in 63 Southamptonhouſe verkehren werde. Sie war fein genug, zu fühlen, daß ſie dabei überflüſſig ſei, oder einer neuen Einladung bedürfe. Wahrſcheinlich erwartete ſie auch eine ſolche; ſie erhielt aber nur die freundliche Antwort: Gern, gern, gute Roſalie! Die Laute kann Euch freilich ange⸗ nehmer ſein, als das tolle Gerede ſo vieler Euch unbe⸗ kannter Perſonen, die wenigſtens für den Anfang unſer Haus überſtrömen werden. Ich denke Euch in guten Stündchen aufzuſuchen, um mich ſelbſt bei Euch zu er⸗ holen. So war denn Thekla wenigſtens für den Anfang ent⸗ fernt, und die Gräfin beruhigte ſich mit dieſer freilich nur halben Verbannung um ſo lieber, als ſie ihr leicht ge— macht worden war. Roſalie ſchien ihr auch entfernt ge⸗ nug; denn ihr Zimmer lag in einem Hinterbau auf einem Gang, den der Graf nie zu betreten pflegte, und ſah ins Freie hinaus nach den Feldern des nahen Dorfes Sanct Giles. Eine eigene Treppe führte von dem Gang hinab zu einer Hinterthüre auf den Dorfweg. Die Grä⸗ fin rieth noch Roſalien, ſie möchte zuweilen die Stadt beſuchen, und ſtellte ihr einen Bedienten zur Verfügung, damit ſie ſich nicht verirre und im Volksgedränge unan⸗ gefochten fortkomme Der Graf war nun zurück, und Southamptonhouſe ward wieder von der regelmäßigen Flut der vornehmen Welt erreicht, die vom Strand und der Fleetſtraße nach jenem halbländlichen Sitze hinaufſtieg. Wo ſchlügen Wogen an, die keinen Schaum abſetzten? Wo trieben ſich Höflinge zuſammen, und es kämen keine 64 Albernheiten vor? Doch gab es in Southamptonhouſe nicht blos ſchaumabſetzende Beſuche: die erſten Männer des Hofes und des Staates kamen hierher, mit großen Entwürfen beſchäftigt, und von gediegenem Ehrgeize be⸗ wegt. Graf Eſſer bildete den Mittelpunkt, damals der Königin Günſtling und mit der Familie Southampton, ſeitdem ſeine Baſe Vernon die Bewerbungen des jungen Grafen Heinrich gern zu ſehen ſchien, im innigſten Ver⸗ trauen. Beide Grafen waren jetzt enge Freunde. Eſſex, älter an Jahren, und ehrgeiziger als Southampton, trach⸗ tete damals nach dem Oberbefehl in Irland gegen den Demagogen Tyrone. Die Königin ſchien aber nicht ge⸗ neigt, dem Grafen dieſen Oberbefehl anzuvertrauen, oder vielleicht ihren Liebling nach Irland zu entlaſſen. Mit ihren zunehmenden Jahren gaben nur zu oft ihre klein⸗ lichen Eitelkeiten in den wichtigſten Geſchäften des Tages den Ausſchlag; zu dieſen gehörten neben den irländiſchen Angelegenheiten die einberufenen Parlamente und der Zu⸗ ſtand der Niederlande, aus denen nun wirklich Verriken als Abgeſandter mit einem anſehnlichen Gefolge in Lon— don eintraf. So viel öffentliche Angelegenheiten und daran han⸗ gende geheime Anliegen zogen auch den jungen Grafen Southampton mehr, als ihm lieb war, in ihre Wirbel. Er hätte viel lieber blos ſeinem Herzen nachgehen mögen, das in der That, wie der Schatzmeiſter vermuthet hatte, nach der gefahrvollen Abweſenheit eine zärtliche Stimmung, einen ſehnſüchtigen Schwung genommen hatte. So oft er ſich daher von Hauſe los machen konnte, eilte er zu Eliſabeth Vernon, und von ihr zurückkehrend, beſtärkte er ſie dung Mide genug mit doch in ſi umfa nach den? als d mung Alte und gleich erſchi aus und Kop der Prit offen herei tägli 6⁵ er ſich wieder durch den Sonettenkranz in ſeinen Empfin⸗ dungen und Abſichten. So kam er dem liebenswürdigen Mädchen immer näher, obſchon er nicht leidenſchaftlich genug war, die Rückſichten und Formen des Standes mit einem jugendlichen Anlaufe zu überſpringen. Und doch empfand er in mancher Stunde den Frühlingsdrang in ſich, irgend etwas Liebſtes mit allem Ungeſtüm zu umfaſſen. Er hatte eben an einem heitern, ruhigen Morgen, nach wiederholtem Blättern in der zierlichen Handſchrift, den Vorſatz gefaßt, ſich heute gegen Eliſabeth zu erklären, als der Hausnarr, wie von der Witterung dieſer Stim⸗ mung gelockt, in das Zimmer des Grafen trat. Der Alte hatte ſich in den erſten Tagen gänzlich zurückgehalten und war bei dem Aufwande der geputzten Dienerſchaft, gleich einer abgelegten Livree, nicht vermißt worden. Nun erſchien er unerwartet in dem vielfarbigen langen Rock aus goldverbrämtem Sammet mit eingeſtickten Füchſen und Eichhörnchen; die Mönchskapuze war halb über den Kopf gezogen, als ob ſich die grauen ſchlichten Haare vor der Narrentracht verſtecken möchten. Schnappſack und Pritſche waren nicht vergeſſen, und als er, die Thüre offen haltend, hinaus winkte, hüpfte auch Koko, der Affe, herein, den er früher, nach Weiſe der Hausnarren, zum täglichen Geſellen gehabt hatte. Der Graf empfing den Narren mit lautem Lachen, das am unveränderlichen Ernſte des Eintretenden ſich noch verſtärkte.— Was? rief er aus. Haben wir denn wie⸗ der einen friſchen Narren? Wirkt denn das Früh⸗ jahr auch auf die Narrheit? Der alte morſche Weiden⸗ Koenig, William Shakſpeare. I. 5 ſtamm ſchlägt wahrhaftig noch einmal aus, und treibt junge Gerten. Ich dachte, verſetzte der Narr, wenn etwa die Weis⸗ heit im Zweikampf bliebe, würde die Narrheit wieder aufkommen. So? Nun dann Valet, Narr! erwiderte der Graf. Du kannſt dich an meinem geſunden Leib und Leben über⸗ zeugen, daß du den Rock wieder ausziehen mußt. Verzeih, Graf! rief der Narr. Es liegen immer noch Wechſelfälle vor. Wenn du erlaubſt, ſo trage ich den Rock einſtweilen,— bis du heiratheſt. Was? lachte der Graf. So iſt alſo dein Narrenrock im Bündniſſe mit den Verſen da, um mich zur Heirath anzutreiben? Nein, nein! wehrte ſich der Narr. Mit Poeſie be⸗ faſſe ich mich nicht. Würde ich ſo über meiner alten Narrentracht halten, wenn ich mich in die neumodiſche zu kleiden verſtände? Nein, meine Meinung iſt, ich will den Rock jetzt mit Vergunſt tragen, weil ich ihn nach deiner Hochzeit mit gutem Fug zu tragen hoffe. Spitzbube! drohte der Graf. Wenn du die Pritſche hervorholſt, warum bringſt du nicht auch die Peitſche mit? Pritſche und Peitſche, haſt du es vergeſſen?— ſtehen im Wechſelverkehr, wie Ausgabe und Einnahme des Narren. Ci, erwiderte der Alte, wenn du heiratheſt, dann biſt eben du der Gepeitſchte, un ich theile mit dir. Seit wann biſt du denn ein ſo edler Narr? fragte der Graf Southampton. Du mußt das Theilen nur recht verſtehen, Graf! fuhr der N deine Rocke Heitat macher haſt d den J J weil wöhn kümm eulch Fre R 67 der Narr fort. Ich meine nämlich, du nimmſt dann deine Schläge geduldig hin, und ich decke ſie mit meinem Rocke zu, indem ich als der Narr auftrete, und deine Heirath für einen geſcheiten Streich gelten laſſe. So machen wir beide einen vollſtändigen Narren aus: du haſt das Einkommen und ich habe die Schmach; du ſtellſt den Adel vor und ich das Volk. Nach einigem Schweigen, und doch etwas verſtimmt, weil er ſich wahrſcheinlich der Narrenunterhaltung ent⸗ wöhnt hatte, ſagte der Graf: In eurer Geſindeſtube be⸗ kümmert ihr euch gar voreilig um mein Thun. Wer hat euch von meinen Abſichten unterrichtet? Ich könnte dir und deinem geliebten Rock zum Poſſen gar nicht heira— then; was würdeſt du dann mit deinem Rock anfangen, für den du immer einen Vorwand ſuchſt? Dann wären immer noch Wechſelfälle, verſetzte der Narr. Du kennſt die Bedürfniſſe eines großen adeligen Hauſes nicht. Ich werde deiner Schweſter Narr. Meiner Schweſter? Alicens? Ja, bei der trete ich dann in Dienſte. Ich helfe ihr Nelken ziehen für die Trübſalsbrüderſchaft. Wir haben jetzt eine prächtige Nelke im Haus. Ich hätte Luſt, um einer ſolchen Nelke willen mir ſelbſt ein paar gelblederne Strümpfe mit Kniegürteln anzulegen, wenn ich nicht zum Beſten deiner Schweſter in meinem Rock bleiben müßte. Nelken für die Trübſalsbrüder? verwunderte ſich der Graf. Ich weiß, Alice beſucht die Verſammlungen der Frommen; dennoch verſtehe ich dich nicht. Du haſt den Rock lange nicht getragen, Narr: dein Witz iſt abſtändig geworden; es iſt Trübwitz, wie es Trübwein gibt 5* 68 Es geht ſo! erwiderte der Alte. Die abgekommenen Narren und die Aufkommenden ſind niemals recht ſchmack⸗ haft: jene ſind morſches Obſt und dieſe herbes. Nur die Narren in der richtigen Mitte ſind die Genießbaren; das ſind jetzt die Allerweltsnarren. Wenn ich dir un⸗ verſtändlich bin, ſo verſuche es einmal mit Alicen, die nach angehender Narrheit ſchmeckt. Ihre Narrheit, ich meine ihre ſchöne Nelke, iſt ſchon leichter— zu begrei⸗ fen. Ich bitte dich, liebe Narrenhälfte, komm' mit mir! Ich gehe in die Küche, denn ich muß mich ſchon heraus⸗ füttern, und du gehſt an der Küche vorüber den düſtern Gang hin, bis zum Zimmer, das du deutlich gezeichnet findeſt. Wenn ich dennoch meinen Schnappſack ablegen ſoll, ſo könnte vielleicht Alice ihre fromme Weisheit hin⸗ einpacken. Es iſt ja doch ein Familienſtück. Meine Schellen kann ſie auch haben, um zu ihrer Andacht zu läuten. Und an Affen fehlt es nicht unter den Frommen, Komm', mein treuer Koko! Er tänzelte laut raſſelnd hinaus, und Graf Heinrich ſah ihm betroffen nach.— Etwas muß vorgefallen ſein, dachte er, und ward unruhig darüber. Hinter den Be⸗ merkungen des Narren ſchienen ſich Späße des Hausge⸗ ſindes über Alicens Betragen zu verſtecken. Die Schwe⸗ ſter war ihm ſchon bei Ueberreichung der Sonette ſehr aufgeregt vorgekommen, und ihre puritaniſche Richtung hatte ihm längſt misfallen. Alſo ſchritt er, unruhig was in ſeiner Abweſenheit vorgefallen ſein möchte, nach dem Corridor, den Narren nicht bemerkend, der mit einem Auge hinter der Küchenthüre hervorlugte. Ueber der letz⸗ ten Stubenthüre auf dem Gang ſah der Graf im Geſims enen eine Nelke ſtecken. Er erkannte das Merkmal des Alten, ack⸗ ohne die Anſpielung gleich zu verſtehen. Wie ſollte ihm Nur auch in ſeinem Hauſe einfallen, daß von einem jener un⸗ ten; glücklichen Mädchen die Rede ſei, die man mit dem Na— un⸗ men„Nelken“ bezeichnete?— Leiſe auftretend vernahm die der Graf Lautenklänge aus dem Gemach. Uebt ſich die ich Schweſter wieder in der ſonſt verſchmähten Muſik? dachte rei⸗ er. Aber wie kommt ſie in dies verſteckte Zimmer? Warum nir! treibt ſie das insgeheim? Plötzlich ſtieg ihm der Gedanke nus⸗ auf, Alice ſei vielleicht gar verliebt, oder bemerke wenig⸗ tern ſtens mit Vergnügen die Huldigung eines Mannes. Jetzt hnet waren ihm die Anſpielungen des Narren klar, denn man gen kannte im Hauſe längſt den Aerger des Alten an jeder zin⸗ Liebe und Heirath. Alice verliebt! flüſterte er. Gott, eine wenn das wäre! Liebe würde ſie gewiß auf heitere Wege zu bringen, da es die Poeſie nicht kann. Ja, durch die nen Liebe würde ſie auch die Poeſie finden! Der Graf öffnete das Gemach. Man denke ſich ſeine nich Ueberraſchung! Aber auch Thekla's. Und wer dazu ge⸗ kommen wäre, hätte nicht weniger betroffen ein ſo ſchö⸗ ein . nes Paar angeſtaunt. Erröthend und einander anlächelnd ige⸗ ſchienen Beide ihr wechſelſeitiges Befremden ganz heiter we zu empfinden. Der junge Graf galt in London für ein ehr Bild von Schönheit; nur war es eine mehr jugendliche ung als männliche Geſtalt, und eher ein edles, als ein geiſt⸗ vas reiches Geſicht. em Wie? rief endlich Southampton. Muſen und Gra— em zien ſind in meiner Abweſenheit hier eingekehrt? Von h⸗ Verſen komme ich zu Geſang? Doch der Geſang ſollte ben erſt angehen: ich bitte, ſetzt Euch wieder, und ſeht ims 70 Euch für nicht geſtört an. Der Sohn des Hauſes ge⸗ hört mit zu Eurer Bequemlichkeit. Graf Southampton? fragte ſie mit anmuthiger Ver neigung. Weiter nichts! lächelte er. Ich bitte! Er nöthigte ſie aufs Artigſte; es war ihm lieb, daß er die unbekannte Erſcheinung an irgend etwas faſſen konnte, um ſich zu beſinnen. Auch Thekla ließ ſich nicht ungern nöthigen, um ſich zu faſſen. Citelkeit iſt doch immer behaglicher als Verlegenheit. Sie ſang. Der Graf ſtaunte, und faßte eine hohe Meinung von dem unerwarteten Gaſte.— Herrlich, außerordentlich! rief er am Schluſſe des Liedes. Aber beim Himmel! ich weiß nicht— und ſtaune doch ſchon nicht mehr, daß Ihr hier ſeid! Unſere Familie hat von jeher einiges unerwartete Glück gehabt. Allein, daß es meine Mutier einem ſo ſpäten Zufall überläßt, mir Eure Bekanntſchaft zu ver⸗ ſchaffen, ſetzt mich in Verlegenheit, Euch, ohne Zweifel unſern theuern Gaſt,— nicht einmal gebührend anreden zu können, meine liebenswürdige—? Dem Zufall? fragte Thekla etwas empfindlich. Die gnädige Gräfin hat Euch nicht von mir geſagt—? Dann muß ich freilich wiederholen, daß ich Roſalie de la Roue heiße. Das Andere laßt Euch von der Mutter oder der Schweſter erzählen;— doch lieber von der Mutter; ſie weiß meine unglückliche Lage beſſer zu begreifen. Die Schweſter, Lady Alice, ſcheint mir weniger hold. Aber ich wundere mich,— gar nichts von mir geſprochen— 2 Und Ihr kommt wirklich ganz zufällig an meine Thüre? Vergebt, ſchöne Roſalie! bat der Graf. Wir haben 714 ge bisher ſehr unruhige Stunden gehabt. Meine Mutter hat ganz gewiß den beſten Augenblick abwarten wollen. 1 Ich eile zu ihr, um mit Euch bekannt zu werden, und Eure, wie Ihr ſagt,„unglückliche Lage“ zu erfahren. Es wird hoffentlich kein unüberwindliches Unglück ſein. Oft aß ſucht das Schickſal in den Augen der Welt— freilich ſen auf ſehr ungeſchickte Weiſe, die Vorzüge der Schönheit cht und Liebenswürdigkeit durch einiges Unglück auszugleichen. och Oder es beabſichtigt vielleicht auch dem hülfreichen Wohl der wollen und einer ausgleichenden Liebe einigen Anſpruch* em und Antheil an jenen Gaben zu gönnen. er Er ſagte noch einiges Schmeichelhafte, und verließ iß ziemlich aufgeregt das Zimmer. Seiner Mutter Still⸗ er ſchweigen über Roſalie ſiel ihm auf, wie es auch Thekla ete befremdet hatte. Beide dachten darüber nach, und aus ſo dieſem beiderſeitigen Nachdenken bildete ſich der erſte Stoff zu einem ſtummen Einverſtändniſſe,— der treibende fel Keim einer Vertraulichkeit. Beide fühlten nämlich, daß den man ſie voreinander hüten wollte, und achteten deſto mehr aufeinander Die nn Wie nun Southampton einmal die Fremde unver⸗ muthet entdeckt hatte, nahm es die Gräfin abſichtlich nicht ue er hoch auf. Sie zog Roſalien ſchnell wieder an ſich heran, ie und ſuchte das reizende Gewand des Geheimniſſes von üe ihr entfernt zu halten. Freilich legte dafür das begabte 4 Mädchen den Schmuck des Talentes und eines höchſt an⸗ muthigen Betragens an, wofür der junge Graf weit empfänglicher als für körperliche Reize ſchien. Beſonders nahm ihn, den poetiſchen Schwärmer, Roſaliens klang 72 volle Stimme und liederreiche Bruſt ſo ſehr ein, daß er ſich mit ihrem Geſchick nur allzu lebhaft beſchäftigte. So kam ohne Abſicht und Ueberlegung eine gewiſſe Lauheit in ſeine Bewerbung um Eliſabeth Vernon. In dieſer Stimmung lernte Southampton bei ſeinem Freunde Eſſer den niederländiſchen Geſandten Verriken kennen, den die Königin auf eine feierliche Audienz war⸗ ten ließ, weil ſie mit ihren Geheimräthen über die gegen die hülfeſuchenden Niederlande zu befolgende Politik nicht einig werden konnte. Die Vornehmen ſuchten indeß dem Abgeordneten durch Einladungen und Feſte den Aufent— halt in London angenehm zu machen. Graf Eſſer be⸗ nutzte noch den Umſtand, daß im Gefolge des Geſandten der damals namhafte Maler Cornelius Janſen mit her übergekommen war, und ließ ſeine Gemahlin ſowie ſeine Baſe Eliſabeth malen. Ganz anders war Southampton bei der Anweſenheit des niederländiſchen Geſandten inter⸗ eſſirt. Er mußte ſeiner Mutter Recht geben, daß zu einer Rückkehr für Roſalien die beſte Gelegenheit im Ge⸗ folge des alten ehrwürdigen Verriken wäre, dem man überdies, als einem einflußreichen Manne, auch die Ver⸗ mögens⸗Angelegenheiten des unglücklichen Mädchens empfeh len könnte. Und doch hatte dieſe Abſicht etwas Ver⸗ ſtimmendes für ihn. Er mochte ſich nicht eingeſtehen, wie ſehr er von der liebenswürdigen Fremden eingenom men war, und überredete ſich endlich, ein Vorſchlag der Art müſſe für Roſaliens Gefühl wie eine Mahnung zur Abreiſe, wie eine ungeduldige Gaſtfreundſchaft ausſehen, die dem gräflichen Hauſe zur Unehre gereichen könnte. Dieſe Anſicht ergab ſich aber ſehr bald als unhaltbar geg auf erwe geſt aner Vo von wo gegen die Mutter. Die Gräfin blieb bei ihrem Abſehen auf den niederländiſchen Geſandten, deſſen Beſuch man erwartete. Roſalie ſollte ihm bei ſchicklichem Anlaß vor⸗ geſtellt, und ihre Perſon und Familienangelegenheit ihm anempfohlen werden. Dieſe Verabredungen geſchahen natürlich ohne Thekla's Vorwiſſen, und das vergnügte Geſchöpf hatte keine Ahnung von der peinlichen Verlegenheit, die ihr aus lauter Wohl⸗ wollen und Fürſorge bereitet wurde. Neuntes Kapitel. Bei all' dieſer Aufregung und Unruhe blieb Southamp⸗ ton doch nicht gleichgiltig gegen die ihm gewidmeten So⸗ nette. Er hatte ſie wiederholt geleſen, und fand, im Gegentheil von ſeiner Schweſter Alice, nicht ſowol an der Beſtimmung, als an der Schönheit der Gedichte ſeine Freude. Sie beſtärkten ſein altes Wohlwellen für den Dichter.. Was mir an dieſen Sonetten mehr, als die Huldi⸗ gung des Dichters und ſelbſt als der Reiz des Verſes gefällt, iſt das geiſtig-moraliſche Element in dieſen ſüßen und herrlichen Gedichten, ſagte er;— oder vielmehr die geiſtig⸗moraliſche Kraft des Dichters, die ſich in denſelben ausſpricht. Dieſer Blick, den der Poet auf das Men⸗ ſchenleben richtet, macht die Artigkeit, die er mir erweiſt, — zu etwas Höherem und Allgemeinem. Ja, ſo mag mei⸗ nethalben ein begabter Dichter ſchmeicheln, indem er, um ſeinen Geſang darzubringen, uns erſt über den vornehmen Stand erhöht, den gerade ſo mancher Verſelump in uns anbettelt. Wie viel dichteriſche Schauſpieler haben meine Neigung für die Bühne, meinen nahen, ſtets beſetzten Couliſſenſchemel ſchon benutzt, um meine und meiner Freunde Gunſt anzuſprechen! Unſer Dichter dagegen hat ein uneigennütziges Intereſſe an meiner Perſon und Lage gefaßt, und ſchenkt mir eher ſeine Theilnahme, als daß er ſich die meinige erſchliche. Täuſchen wir uns darüber nicht, und geſtehen wir es, wenigſtens unter uns, daß ein Graf mit ſeinem Golde die Gaben nicht ausgleichen kann, die ein wahrer Dichter zu ſpenden im Stande iſt. Wohl uns, wenn wir es einſehen, daß eine Lordſchaft immer noch von höhern Würden überſtrahlt wird. Dann aber erfüllt es mich mit hoher Achtung für dieſen Dich⸗ ter, daß er, wie ich nun gewiß weiß, ſelbſt höchſt un glücklich verheirathet, mich mit ſo überzeugender Begeiſte⸗ rung zur Vermählung antreibt. Wie mancher misver⸗ gnügte Träumer würde die Ehe anſchielen, weil ihm, vielleicht durch eigenen Misgriff, ein böſes Weib zu Theil geworden iſt. Nur ein ſtarkes Herz, ein muthiger Geiſt ſondert ſein Eigenweh von der Wahrheit der Welt. Die Biene ſaugt Honig aus der rauhen Diſtel: der Dichter fliegt von ſeinem Unglück ohne Bitterkeit empor. Habt ihr, wie ich, die ſüße Wehmuth herausgefühlt, die durch die naturfriſchen Laute dieſer Sonette flüſtert? Es iſt mir vorgekommen, als ob der Dichter mitten im Schmerze ſeines Unglücks nur darauf ſänne, das ihm verlorene 7⁵ Gut mir zuzuwenden. Ja, wir müſſen Freunde werden! Ich fühle es, in dieſem dichteriſchen Gemüthe ſpringen die Quellen, an denen meine eigenſte Sehnſucht, mein beſtes Trachten ihren Widerſchein und ihre Befriedigung finden. Die Frauen, ſagt man, faſſen am ſchnellſten ein heim⸗ lich⸗tiefes Intereſſe für einen ausgezeichneten Mann, wenn er noch durch den Schlagſchatten häuslichen Unglücks ge⸗ hoben wird. Wenigſtens ſchien es in Southamptonhouſe der Fall zu ſein. Zu welcher Kirche bekennt er ſich?— Wie alt iſt er denn?— Er hat doch eine gewiſſe geſellige Bildung?— fragten zu gleicher Zeit Alice, Roſalie und die Gräfin. Er mag an der Schwelle der Dreißige ſein, antwor⸗ tete Southampton gegen Roſalie, und fuhr, die Frage der Schweſter überhörend, fort: Seine Manieren, liebe Mutter, ſind nicht die anerzogenen, angewöhnten, oder, noch beſſer geſagt, die angeſchraubten unſerer höhern Stände; aber ſie ſind einfacher und natürlicher, dabei von Takt und Anmuth begleitet; es iſt keine Abrichtung, aber Gefühl und Geiſt in ſeinem geſelligen Betragen. Ja, ſetzte Sir Thomas Heminge hinzu, für einen von Stratford weggelaufenen jungen Burſchen iſt ſein Benehmen zum Erſtaunen. Weggelaufen? fragte Alice. Ja, meine Theuere, erzählte Sir Thomas weiter. Seine Bekannten necken ihn mit einem tollen Streiche, den er mit luſtigen Geſellen im Parke des Squire Lucy von Charlecot ausgeführt. Sie haben nämlich Wild er⸗ legt und andern Muthwillen dabei begangen. Es iſt freilich ein lächerlicher Pedant, dieſer mir gar wohl be⸗ 76 kannte Squire. Damals iſt unſer Poet, es mögen ſechs Jahre her ſein, von Hauſe und von ſeiner Frau wegge⸗ laufen. Er ſtellt zwar in Abrede, daß ihn jener Muth— wille gegen den Squire zur Flucht bewogen habe, hält aber den wahren Grund ſeiner Entfernung auch gegen ſeine vertrauteſten Freunde geheim. In ihn dringen kann man nicht, ſein Auge hat etwas Achtung Gebietendes. Die Schuld ſcheint mir an ſeiner Frau zu liegen; doch ſagt er ihr nicht nur nichts Uebles nach, ſondern ich weiß auch, daß er, ſeitdem ſein Einkommen ſich verbeſſert hat, Geld nach Hauſe ſchickt. Sein Vater, ein geachteter Mann in Stratford, iſt nämlich in ſeinem Vermögen ſehr zurückgekommen.— Was es nun aber auch ſei,— wir verdanken ſeinem Misgeſchick einen ausgezeichneten Geiſt, der in erträglicher häuslicher Lage vielleicht ver borgen geblieben wäre. Es ſind eben die Schläge der Vorſehung, die aus dem harten Leben die Geiſterfunken ſprengen. Hat er auch hübſche Novellen geſchrieben? fragte Thekla. Novellen nicht, antwortete der Graf. Das iſt mehr Sache der Italiener. Wir lieben in England das Drama. Wer weiß aber, was er noch Alles dichten wird! Das Herrlichſte erwarte ich erſt von ihm. Jetzt ſcheint er noch in einem Lebenstaumel begriffen, der ſein tiefquellendes Schöpfungsvermögen trübt und ſtört. Er verändert hauptſächlich ältere Stücke, fertigt Prologe und Zwiſchen ſpiele,— Alles gelegentlich und eiligſt, nur um davon zu leben. Aber dieſe genialen Würfe glücken, und die Theaterunternehmer reißen ſich um ſeine Sachen, wie die Freunde um ſeinen Umgang. Wenn er nur erſt ſein Talent für ſeinen Beruf anerkennte! So iſt er aber noch zu ſehr auf das Leben und die Lebensgenüſſe gerichtet. Und darin ſoll er es freilich etwas bunt treiben! lachte Heminge mit Schalkheit. Beſonders ſoll ihm die Liebe tolle Streiche ſpielen. Tadeln wir nicht zu raſch, Sir Thomas! rief der Graf. Unſere Thorheiten fallen gern nach der Seite hin, wo unſer Unglück liegt, denn da ſind wir abhängig. Auch wiſſen wir ja, daß reichbegabte Geiſter ſpäter als andere klar über ſich ſelbſt werden. Sie haben auch vor den gewöhnlichen Menſchen den Vortheil des Misgeſchicks voraus, daß es ihnen zu höhern Entwickelungen dient. Vielleicht, daß die Liebe, wenn ſie unſerm Dichter Poſſen und Unglück genug geſpielt hat, ihn auch am beſten zur Erkenntniß führt. Wenigſtens hat er, ſeinen Sonetten nach zu urtheilen, in all' ſeinen Liebesirren den Glauben an edle Frauen nicht eingebüßt. Eine bedenkliche Hoffnung! rief die Gräfin aus. Seine bürgerliche Stellung bringt ihn zu leicht mit untergeord⸗ neten Frauen, wenn nicht gar mit verächtlichen, in Ver⸗ bindung. Ihm thäte, nach Dem, was ich höre, eine aufwärts gerichtete Neigung noth. Bis aber ein tief⸗ geſtelltes Talent die geſellſchaftlichen Hinderniſſe beſiegt, verliert es leicht den Geſchmack an höherm Umgang und hiermit alsdann alle edeln Richtungen des Lebens. Sehr richtig, theuere Mutter! fiel Southampton ein. Dieſe gute Bemerkung beſtätigt mich in einem guten Ge⸗ danken. Ich dachte ſchon daran, wie ich dem mir erge⸗ benen Dichter ſeine Anhänglichkeit auf das Zarteſte er⸗ — widern könnte Soll ich ihn beſchenken, wie ich Andern gethan? Ich ſchäme mich, ihm Geld zu bieten. Dage⸗ gen fühle ich mich geneigt, ihn freundſchaftlich zu behan⸗ deln, wodurch er dann auch in höhere angemeſſene Kreiſe gelangte. Wenn wir uns ein klein wenig über unſere Standesvorurtheile hinwegſetzen möchten, wer könnte wür⸗ diger als er einen Mantel mit unſerm Wappen tragen, ſodaß er dann den jungen Männern guter Familien gleichgeſtellt würde, die durch dies Abzeichen unſerm Hauſe angehören? Dieſer mit edler Aufwallung ausgeſprochene Vorſchlag ſtieß bei der Gräfin auf Widerſpruch. Sie machte auf⸗ merkſam, was man eben den angeſehenen Männern und Jünglingen ſchuldig ſei, die durch Abzeichen des gräflichen Hauſes zu deſſen Angehörigen gezählt würden, und gewiß ungern einen Schauſpieler zu ihrem Rang und Umgang erhoben ſähen. Manches Hin- und Herreden entſpann ſich, bis Sir Thomas Heminge bemerkte, daß William nicht als Schau⸗ ſpieler, ſondern als Dichter anzuſehen ſei. Manche hohe Häuſer hätten wol Dichtern ſchon ähnliche Gunſt bewilligt, und die Königin ſelbſt dem Edmund Spenſer Audienz und Gnadengehalt verliehen. Ja, dem Edmund Spenſer! rief die Gräfin aus. Wenn unſer dichteriſche Freund etwas der Art, wie Spenſer's Feenkönigin oder deſſen Schäfergedichte, kurz, ſo etwas Klaſſiſches geſchrieben hätte! Schauſpiele ſind doch, auch die beſten, immer nur für das Volk, und ſelbſt eine Kaufmannsfrau der City geht nicht ohne Larve ins Theater. Nur die klaſſiſche Poeſie adelt den Dichter. dern Es war zum erſten male ſeit lange der Fall, daß Alice, zumal in einem ſo zarten Punkte, auf des Schatz⸗ meiſters Seite ſtand; nur, meinte ſie, müſſe man den Dichter doch erſt perſönlich kennen lernen, ehe man ihm eine Gunſt gewähre, die ihn berechtige, auch uneingeladen Southamptonhouſe zu beſuchen. Der ſchwunghafte Geiſt eines Mannes erleichtere die Geſellſchaft nicht vom Drucke roher Sitten und ungeſchlachter Manieren. Hierbei blieb man ſtehen, und Sir Thomas Heminge erbot ſich, dem Dichter den Dank des Grafen abzuſtatten, und ihn zu einem ſchicklichen Zeitpunkt in Southampton⸗ houſe vorzuſtellen.— Nein, fiel der Graf ein, die So⸗ nette ſind zwar durch Eure Hände gegangen, den Dank aber will ich doch ſelbſt übernehmen; ich kann mir dann auch den rechten Ort und Augenblick dazu wählen. Ich will den Poeten in ſeiner Wohnung aufſuchen: es inter⸗ eſſirt mich, einen Blick in die bunte Wirthſchaft eines ſo genialen und ungebundenen Mannes zu thun. Im Grunde war Alicens Theilnahme an dem heute ſo umſtändlich beſprochenen intereſſanten Dichter nichts we⸗ niger als im Widerſpruche mit ihrer frommen Richtung. Denn es war ein Grundſatz der Puritaner, dem Schau⸗ ſpiel und allen ſogenannten eiteln Künſten entgegenzuwir⸗ ken. Alice hing nun ſehr dem Gedanken nach, ob ſich einem ſo talentvollen Dichter nicht ein religiöſes Thema aufgeben ließe, und wieviel damit gewonnen wäre, wenn man ihn auf ſittlichere Bahn brächte. Ihr Bruder, dem ſie unter vier Augen dieſe Gedanken mittheilte, wider⸗ ſprach ihr nicht, ſondern lächelte für ſich ſtill vergnügt darüber, daß ſie die Poeſie in den Dienſt der Religion —— 80 nehmen wollte. Sie iſt alſo noch keine eingefleiſchte Pu⸗ ritanerin, dachte er, und kann, da ſie der Poeſie nicht ganz entrathen will, vielleicht noch von ihrer jetzigen Frömmigkeit geneſen, wenn ihr einmal entweder die Liebe, oder— dieſer verwandt— etwas recht Poetiſches ans Herz greift; denn nur die Natur iſt der falſchen Religioſi⸗ tät gewachſen. Zehntes Kapitel. ₰‿ꝑ Seit Thekla ſich auf Ermunterung der Gräfin unter dem Schutze eines vorausſchreitenden Dieners zum erſten mal in die große und lebhafte Stadt gewagt hatte, fand ſie Vergnügen daran, ſolche Spaziergänge, die eine Ge⸗ ſchäftsmiene hatten, zu wiederholen. Zuweilen beſuchte ſie den ſtillern und vornehmern Theil der Stadt, indem ſie von Southamptonhouſe am Conventgarten hinab nach dem Savoyiſchen Quartier wandelte, und ſich dann rechts den Strand hinauf über den breiten Platz um Charing Croß nach Weſtminſter wendete. Dies Charing Croß war einer der Merkplätze, wo ſie ſich nach verſchiedenen Richtungen hin zurecht fand.— Der Hofhalt der Köni⸗ gin, die an- und ablandenden Gondeln der Vornehmen belebten das Ufer und die Themſe. Man zog damals im Verkehr mit der Altſtadt und Weſtminſter den offenen, breiten Fluß den engen, ſchlicht gepflaſterten, und oft Pu nicht tigen Liebe, 3 ans gloſi⸗ 81 von Menſchen verſtopften Gäßchen vor, daher auch die Vornehmen und Reichen den Aufwand von Pracht und Geſchmack, den man heut an Staatskutſchen zeigt, da— mals an ihre Hausgondeln wendeten. Die Fahrzeuge und ihre Bemannung trugen an Wimpeln und Feder⸗ büſchen die Farben und Abzeichen ihrer Herrſchaften. Hier fand alſo Thekla viel Neues und Eigenthümliches zu be⸗ ſchauen. Noch lieber wandelte ſie im geräuſchvollern Theile der Stadt an den offenen Läden in Templebar, in der Fleetſtraße an den Buden der Nähterinnen und Schneider hin, und kehrte durch die offene Paulskirche zurück. Im Durchgang durch dieſe Kirche trieb ſich ein buntes Völk⸗ chen von Wechslern und Händlern, Kupplerinnen und Taſchendieben, leichtfertigen Mädchen und Zierlingen, Glücks⸗ rittern und Bettlern durcheinander. Es blieb ihr nicht unbemerkt, welches Aufſehen ſie erregte, und wie oft, ihr vornehme Herren mit lautgeſpendeter Huldigung an der Ferſe folgten⸗ Einigemal, wenn der Bediente im Ge⸗ dränge non Ihrer Seite geſchoben ward, ſah ſie ſich von dreiſten Mäsnern keck angeredet. Man nannte ihr Häu⸗ ſer und Plätze, wo man ſie zu ſprechen wünſchte. Bräng⸗ ſtigt eilte ſie fort, erröthend über das Misverſtändniß, das man vhn ihrer Perſon zu faſſen ſchien. Es beun⸗ ruhigte ſie, was denn nur Leichtfertiges an ihrem Aus— ſehen ſein könnte, daß man ihr ſo begegne. Sie hielt ſich dann deſto dichter hinter dem Diener, der ihr durch ſeine Livree Schutz und Ehrerbietung verſchaffte. 2 Seit des Grafen Rückkehr wendete Thekla mehr Auf⸗ merkſamkeit auf ihren Anzug. Sie glaubte nicht voll— ſtändig und nicht nach dem Zuſchnitte der höhern Geſell⸗ Koenig, Wihliam Shakſpeare. I. 6 8² ſchaft gekleidet zu ſein. In den offenen Läden von Tem⸗ plebar hatte ſie die beſten Stoffe ausgelegt, und eine Un⸗ zahl von Schneidern beſchäftigt geſehen. Sie wußte ſich daher zu helfen, um Dies und Jenes an ihren beſſern Anzügen ändern zu laſſen, oder das Fehlende zu ergän⸗ zen. Ihren ingwerfarbenen Atlas ließ ſie mit breitern Beſätzen von Goldſtoff verzieren, und ſchaffte ſich unter den Hut ein ſeidnes, golddurchwirktes Netz an. Einem neuen mit Zobel beſetzten Nachtkleide konnte ſie nicht wi⸗ derſtehen, obſchon Zobel damals zu den theuerſten Schmuck⸗ gegenſtänden gehörte, und ihn nur die Vornehmſten tru⸗ gen. Holländiſche Leinwand, zu 8 Schillingen die Elle, chat ihr, wie ſie glaubte, noth. Durchduftete Hand⸗ ſchuhe und ſpaniſche Strümpfe war ſie ſich um der Ehre des gräflichen Hauſes willen ſchuldig, wo ſie noch wie lange Zeit zu bleiben träumte. Mancherlei Kleinigkeiten verſtand ſie ſelbſt zurecht zu machen, und kaufte dazu den erfoderlichen Battiſt, Flor und Cambrik. So war nach einigen Beſuchen der verführeriſchen Putzläden die kleine Summe erſchöpft, die ſie bei ihrer Flucht zu ſich geſteckt hatte. Thekla dachte zuweilen an ihre Heimfahrt; aber ſie überließ ſich keiner bekümmerten Ueberlegung; ihr leicht⸗ ſchiffendes Herz nahm keine Sorgen auf.— Vorerſt muß ich alſo bleiben, dachte ſie; ich bin feſt geebbt; doch die Flut hat ihre Zeit und Wiederkehr. Das Geld iſt ja nicht eigentlich fort: es iſt ſehr vortheilhaft an mich ſelbſt gewendet. Ich habe mich für das Glück geſchmückt, bin nun fertig, und es kann kommen, wann es will, Ro⸗ ſalie de la Roue— wäre ſie nicht jedes Grafen werth? Sie lächelte ſich in dieſen ſchmeichelhaften Traum hin⸗ Tem⸗ Un⸗ ſich eſſern rgän⸗ etern 83 ein; ihre trüben Gedanken verloren ſich darin, wie dunkle Reihervögel in tiefem Abendroth verſchwinden. Gerade während einer ſolchen Wanderung Thekla's nach den Putzläden von Templebar machte der niederlän⸗ diſche Geſandte ſeinen Beſuch in Southamptonhouſe. Graf Heinrich bemerkte mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit, daß ſeine Mutter nach Roſalien fragte, und war froh zu hö⸗ ren, ſie ſei ausgegangen. Er dachte nicht gern daran, daß ſie London verlaſſen ſollte, wenn er auch nicht wußte wie und wozu ſie bleiben könnte. Ihre Anweſenheit fing an, ihn aufs Angenehmſte zu beſchäftigen. Seine Gedan⸗ ken fanden bei ihr einen erheiternden Anklang; Alles was Roſalie vorbrachte, kam ihm ſo friſch, ſo eigenthümlich und reizend vor. Nach und nach ſchlug dies ſtumme Wechſelverſtändniß in ein heimliches Beifallnicken des Gra⸗ fen, in ein verſtohlenes Zulächeln Roſaliens aus. Dieſer ſtumme, aber bedenkliche Verkehr blieb nicht länge unbemerkt. Alice nahm ihn mit Schrecken wahr; ſie dachte an ihre Freundin Vernon, und ihr Widerwille gegen Roſalien ſtieg aufs Höchſte. Auch die Gräfin blieb nicht ohne Beſorgniß, und war darin mit der Tochter einverſtanden, daß eine entſchloſſene Abhülfe nöthig ſei. Nur beſtand ſie auf einer vorſichtigen Behandlung der Sache. Mit Zartheit zu Werke zu gehen, ſagte ſie, ſind wir uns ſelbſt ſchuldig, nachdem wir das leichtſinnige Mädchen mit ſo viel Vertraulichkeit aufgenommen und ſo manchen an⸗ geſehenen Familien vorgeſtellt haben. Was ſollen dieſe denken, wenn wir nun ſelber Roſalien in ein ſchlimmes Licht bringen? Wollen wir uns um ihretwillen in Schatten ſtellen? Auch verderben wir Alles, wenn wir 6* 84 für Roſalien treiben; denn bis jetzt noch ſcheint es mir Mu doch nur eine unbedachte Freundlichkeit, wenigſtens von erſt ſeiner Seite. Wir wollen uns ſeiner Vorliebe für das iict Mädchen anſchließen, um in gleichem Schritte mit ſeiner 1 b deinen Bruder durch heftiges Verfahren zur Parteinahme gen doch Neigung zu bleiben, und ſolche, wo möglich, im Gebiete En. des bloßen Wohlwollens zu halten. Er ſoll mit uns dm einſtimmen, für Roſalien zu ſorgen, indem wir ſie fort⸗ Un ſchaffen. Ich werde mit dem niederländiſchen Geſandten we reden; Verriken muß das leichtſinnige Geſchöpf mit zu⸗ ten rücknehmen, und bis dahin wollen wir ſie nicht von un⸗ ſad ſerer Seite laſſen. Ueberwinde dich, meine Tochter, und 1 gib dich freundlich mit ihr ab, wenn ich verhindert bin ic Sie muß keinen Augenblick finden, mit Heinrich allein t. zu ſein! 6 1 So war die Angelegenheit in verſtändige Bahn ge⸗ d d lenkt; doch Zwiſchenereigniſſe ſollten ſie zu einem leiden⸗ d ſchaftlichen Ausgang führen. d Lord Hunsdon, der Konigin Oberkammerherr, gab 1 1I dem niederländiſchen Geſandten zu Ehren ein Schauſpiel 1 in ſeinem Palaſte. Er hielt nämlich, wie mehrere andere t Große, eine eigene Schauſpielergeſellſchaft, zu der vor⸗ 1 1 zügliche Künſtler und auch Shaxper gehörte. Ein belieb⸗ 9 tes Stück dieſes Dichters war vorbereitet, und eine zahl⸗ 3 reiche Geſellſchaft des höhern Adels eingeladen worden 6 Auch der Graf Southampton erhielt eine Anzahl Karten 6 1 für Angehörige und Freunde. Aber die Gräfin fühlte 4 ſich unwohl und Alice wendete ihre Abneigung gegen das G Schauſpiel vor. Sie hoffte dadurch auch Roſalien zurück⸗ zuhalten. Dieſe nahm aber mit dem lebhafteſten Vergnü⸗ 3 85 gen des Grafen Einladung an, und ſteigerte noch aus Muthwillen gegen Alice ihre Freude am Schauſpiel, dem erſten, welches ſie in London ſehen würde. Um ſie nun nicht allein mit dem Bruder zu laſſen, entſchloß Alice ſich doch mitzugehen. Es läßt ſich denken, mit welch bitterer Empfindung dies geſchah, und wie hoch ſie dieſen Zwang dem ihr widerwärtigen Mädchen im Stillen anrechnete. Und doch erreichte ſie ihren Zweck nicht ganz. Denn während des Schauſpiels und auf dem Heimwege dräng⸗ ten ſich Freunde des Grafen zu ihrer Unterhaltung herbei, ſodaß Southampton faſt nur mit Roſalien verkehrte. Unbekümmert um Alicens Unfreundlichkeit ließ Roſalie ſich am andern Morgen über das Schauſpiel aus. Sie erzählte der Gräfin die Fabel des Stücks, und ſtellte mit Geberden die ergreifendſten Auftritte dar, wie namentlich der übermüthige Richard II., erſt als er von Bolingbroke der Krone beraubt iſt, die verſchloſſene Blume echt könig⸗ licher Geſinnung entfaltet.— Auch den Dichter des Stücks, unſern Sonettenliebling, habe ich geſehen, gnädige Gräfin! rief ſie; aber Schade! alt geſchminkt, mit grauem Bart in der Rolle Gaunt's. Ich konnte nicht wahrnehmen, wie jung oder hübſch er ausſieht. Nur ſein herrliches Auge war nicht alt; es leuchtete zu ſeiner klangloſen Stimme. Und doch war auch in dieſer etwas eigens Ergreifendes für mich, beſonders als der ehrwürdige Greis in das Lob Englands ausbricht, und ſcheltend dem König die Worte zuruft:„Laß leben Die, ſo Lieb' und Ehre haben!“ Ich glaubte in dieſem Augenblicke, My— lady, der unglückliche Dichter brächte für ſich ſelbſt einen Toaſt aus, ſo eigens betonte er dieſe bedeutſamen Worte 86 Thekla gab ſich in ihrer Freude über das großartige Theaterſtück und in der Wärme, womit ſie das Schöne und Ergreifende des Drama hervorhob, ſo unbefangen liebenswürdig, daß die Gräfin nicht ohne einige Beſchä⸗ mung ihrer verheimlichten Abſichten gegen das argloſe Mäd⸗ chen gedenken konnte. Sie mußte ſich bekennen, daß doch in dieſer reichbegabten Seele, gegen die ſie ſo viel Arg⸗ wohn gefaßt hatte, ein tiefes, lebendiges Gefühl des Hohen und Edeln wohne. Aber— lag nicht gerade darin das Gefährliche und Verlockende für ein ſo reiz⸗ bares Herz, wie das ihres Heinrich? Von welcher Seite ſie das Mädchen betrachten mochte,— es mußte entfernt werden. Offen darüber mit ihr zu ſprechen, konnte ſie ſich nicht entſchließen, und beruhigte ſich damit, daß ſie dies früher gethan, und daß die Reiſe nach den Nieder⸗ landen dem urſprünglichen Vorhaben Roſaliens entſpräche. Iſt es nicht dankenswerth, dachte ſie, wenn ich ihr die ſchicklichſte und anſtändigſte Gelegenheit dazu verſchaffe? Elftes Kapitel. Eine Einladung des niederländiſchen Geſandten zum Mittagmahl in Southamptonhouſe ward nun beeilt. Die Gräfin und Alice äußerten abſichtlich nichts weiter von ihrem Vorhaben wegen Roſaliens, weder gegen dieſe noch gegen den Grafen Heinrich. Roſalien deutete Wan nur 87 an, wie ſie ſich zu ſolcher Geſellſchaft kleiden möge, und ſprach von einigen der Frauen, die ſich einfinden würden. Thekla wußte wohl, daß dem Geſandten dies feſtliche Mittageſſen gelte, und der frühere Vorſchlag der Gräfin war ihr nicht vergeſſen; da ſie ſich aber durchaus nicht vorſtellen konnte, daß man ſie überraſchen würde, ſo legte ſie ſich das Schweigen der Gräfin zu ihren Gunſten aus, indem ſie ſich überredete, der junge Graf habe aus In⸗ tereſſe für ſie das Vorhaben ſeiner Mutter rückgängig zu machen gewußt. Das Herz voll Jubel betrat ſie mit der Gräfin den Verſammlungsſaal, wo ſich die nähern Bekannten des Hauſes ziemlich früh einfanden, um den Ehrengaſt mit Aufmerkſamkeit zu empfangen. Den Ankommenden ward die ſchöne Fremde, ohne weitere Erklärung über ihre An⸗ weſenheit, kurzweg als Roſalie de la Roue aus Antwer⸗ pen vorgeſtellt. Indem man ſie dadurch in den Augen der Lady's ein wenig zurückſetzte, zog Thekla ſelbſt durch ihre Schönheit und Anmuth deſtomehr die Aufmerkſam⸗ keit der Männer auf ſich. Der Ton der damaligen Ge⸗ ſellſchaft, ſelbſt der beſten, war nicht eben fein und ſcho— nend. Die Männer erlaubten ſich loſe Scherze und Wort⸗ ſpiele, und die Frauen waren daran gewöhnt, daß ſelbſt derbe Schlüpfrigkeiten ſchallendes Gelächter fanden. The⸗ kla's Ausſprache und Betonung des Engliſchen gab nun den Männern, die ſie in ihren Kreis gezogen hatten, will⸗ kommenen Anlaß zu muthwilligen Wortverdrehungen und ſchalkhaften Fragen. Thekla, die den misbilligenden Ernſt des Grafen Heinrich bemerkte, zog ſich mit anmuthigem Unwillen zurück, und ſagte, gegen die Frauen gewendet, 88 laut und lächelnd: Es liegt wol nur daran, weil ich in London fremd bin, wenn mich hier Eins und das An⸗ dere— ſehr befremdet.—— Ein wohlgeſtalteter junger Mann, den eine hohe, gedankenvolle Stirne und ein Zug des Tiefſinns zwiſchen den klaren Augen auszeichnete, war unſerer Thekla nicht unbemerkt geblieben, und näherte ſich jetzt an der Hand des jungen Grafen, der ihn als Sir Francis Bacon vor⸗ ſtellte. Seine Unterhaltung verrieth einen Mann von umfaſſenden Kenntniſſen und Weltblick. Und als ihn Graf Eſſex mit auszeichnender Artigkeit entführte, wußte der junge Graf den philoſophiſchen Geiſt und edeln Ehr⸗ geiz ſeines Freundes nicht genug zu rühmen.— Er iſt der zweite Sohn des verſtorbenen Großkanzlers, ſagte er. Der Miniſter Burleigh, ſein Oheim, hält ihn aus einem gewiſſen Neid im Aufſtreben zurück. Sir Francis hat darum bei ſeiner neulichen Rückkehr von einer größern Reiſe ſich zum parlamentariſchen Weg entſchloſſen, und wird in das eben einberufene Parlament treten. Zwei Wege zu den höchſten Zielen liegen vor ihm: der Weg des Philoſophen und jener des Staatsmannes. An mei⸗ nem hohen Freund hat er einen entſchiedenen Gönner, und zählt ſelbſt zu unſerer Partei. Das Geſpräch wechſelte indeß, wie die bewegten Grup⸗ pen der Geſellſchaft ſelbſt. Am längſten hielten ſich die Frauen bei den neueſten Moden von Venedig und Paris auf, und die Modeſüchtigſten wieſen ſolche an ihrem An⸗ zuge vor. Im Allgemeinen waren die Anzüge von den reichſten Stoffen, und gaben durch bauſchende Unterkleider, 89 gefütterte Schultern und ſteife Halskrauſen den Frauen, die dazu noch Schuhe mit hohen Abſätzen trugen, ein koloſſales Anſehen. Wohlriechende Arm- und Halsbänder, duftende Handſchuhe waren beliebt. Das röthliche Haar war nicht immer natürlich, ſondern wurde von Hoffrauen, der hochblonden Königin zu Gefallen, erkünſtelt. Im Haare trug man nach der neueſten Mode künſtliche Erb⸗ ſenſchoten offen ſtehend mit einer Reihe Perlchen als Erb⸗ ſen. Keiner Lady von gutem Ton fehlte aber ein Spie⸗ gelchen, das am Gürtel hing, ein mit Silber und Gold geſticktes Taſchentuch und eine üppig auf die Schulter her⸗ abfallende Liebeslocke.— Einige kamen auf das bei Lord Chamberlain aufgeführte Stück und deſſen Verfaſſer zu reden.— Ich höre ſeit meiner Rückkunft ſo viel von dieſem William Shaxper, ſagte Bacon, iſt denn ein ſo tiefpoetiſcher Geiſt ſo plötzlich unter uns erſchienen, wie vom Himmel gefallen? Er iſt doch ſchon ſeit Jahren in London, erwiderte Eſſer, und manches bedeutende Stück von ihm, beſonders aus der engliſchen Geſchichte, haben wir mit Luſt und Bewunderung geſehen, ohne uns viel um den Verfaſſer zu bekümmern, der ſich aus einer ſo ſeltenen als ſeltſamen Beſcheidenheit nicht zu erkennen gab. Was mich ſo ſehr in Erſtaunen ſetzt, fuhr Bacon fort, iſt das poetiſche Auge dieſes Dichters, der unſern Landesgeſchichten gerade die Seite abgewinnt, auf der wir nun, was wir bisher ſo wirklich als Geſchichte ge⸗ kannt haben, ebenſo wahr im Gedicht erblicken. Ich unterſcheide nämlich eine höhere Wahrheit von der ge⸗ meinen Wirklichkeit 90 Jetzt fangen unſere frühern Könige, ihre Vettern und Oheime erſt recht an, mir zu gefallen, lächelte Eliſabeth Vernon. Früher vergaß ich immer wieder, was ſie ein⸗ zeln in der Welt gethan haben, jetzt iſt mir, als hätte ich es mit ihnen erlebt, und fühlte ihr Herz ſchlagen. Sehr richtig, ſchöne Eliſabeth, verſetzte Bacon. Die Könige, wißt Ihr ja, werden nach ihrem Tode einbal⸗ ſamirt, wobei man ihre Eingeweide herausnimmt. So gehen ſie in die Geſchichte über. Der Dichter aber gibt ihnen Herz, Leber und Galle wieder zurück, wenn er nämlich geſchickt genug iſt, dieſe Träger des Lebens und der Leidenſchaften aufzufinden. So werden die in der Geſchichte Begrabenen im Gedicht wieder lebendig. Ich begreife die Wunderlichkeit der Menſchen nicht, wendete Alice ein, die im Leben Täuſchung und Lüge haſſen und verfolgen, und doch entzückt werden, wenn beides ihnen als Poeſie begegnet. Dieſe Bemerkung brachte eine umgreifende Gährung in die Geſellſchaft. Man hatte ſchon Bacon's Unter⸗ ſcheidung zwiſchen Wahrheit und Wirklichkeit nicht begrif⸗ fen und wußte nicht gleich klar zu machen, wie ſich die Lebenslüge zur Dichtungswahrheit verhalte. Nur darüber ſchienen Viele einverſtanden, daß ſie keine Poeſie als et⸗ was Wirkliches durchleben möchten; wiewol Einige etwas Täuſchung einer unangenehmen Wahrheit vorziehen wollten. Bacon verſetzte: Was iſt Wahrheit? fragte einſt Pi⸗ latus, ohne die Antwort abzuwarten. Die Wahrheit kommt mir vor, wie das bloße, klare Tageslicht, das die Masken und Larvenſpiele, die Prachtaufzüge der Welt nicht halb ſo ſtattlich und prunkvoll erſcheinen läßt, als Kerzenlicht. Wahrheit mag im Preiſe wol einer Perle gleichkommen, die bei Tag am beſten kleidet; aber nie wird ſie bis zum Diamant oder Karfunkel ſteigen, die ſich bei wechſelnden Lichtern am beſten ausnehmen. Eine Beimiſchung von Lüge macht jedenfalls mehr Ver⸗ gnügen. Nein, nein! rief Alice, alle Lüge iſt mir ein Greuel. Und die Täuſchung, welche Wahrheit und Lüge zuſam⸗ menmiſcht, iſt vielleicht noch ſchlimmer. O Mylady, fiel Bacon ein, entzöge man den Men— ſchen alle ihre eiteln Meinungen, ihre Hoffnungen, mit denen ſie ſich ſchmeicheln, ihre falſchen Schätzungen, will⸗ kürlichen Einbildungen: was würden denn die Seelen Vieler noch anders ſein, als arme, zuſammengeſchrumpfte Weſen, voll trübſinnigen Misbehagens, die ſogar an ſich ſelbſt keine Freude haben koͤnnten! Indeß hatte Graf Southampton, da der Hauptgaſt noch immer ausblieb, die Laute hervorgeholt und Roſa⸗ lien um ein Lied gebeten. Er ſetzte ihr neben Eliſabeth Vernon einen Stuhl, und ſtellte ſich mit der Miene ge⸗ genüber, als ob er die ſo verſchiedene Schönheit Beider vergleichen, oder gar ſeinem Herzen eine Wahl erleichtern wolle.— Thekla ſang: O Schatz, auf welchen Wegen irrt Ihr? O bleibt und hört, der Liebſte girrt hier, Singt in hoch und tiefem Ton. Hüpft nicht weiter, zartes Kindlein, Liebe find't zuletzt ihr Stündlein, Das weiß jeder Mutterſohn. 92 Was iſt Lieb'? Sie iſt nicht künftig: Gleich gelacht, iſt gleich vernünftig, Was noch kommen ſoll, iſt weit. Wenn ich zög're, ſo verſcherz' ich: Komm' denn, Liebchen, küß' mich herzig! Jugend haält ſo kurze Zeit. Verriken, der niederländiſche Geſandte, war mit Ge⸗ mahlin und Gefolge während des Geſangs eingetreten, und ſtellte ſich um nicht zu ſtören, der Gräfin und dem Grafen mit leiſer Begrüßung vor. Wie Thekla geendigt hatte, und von Vielen viel Artiges artig hinnahm, er⸗ kundigte ſich auch Verriken nach ihr. Die Gräfin ergriff ſchnell die gute Gelegenheit, und trat mit ihm zu Thekla. Unſer liebe Gaſt iſt ſogar eine Landsmännin, ſagte ſie, und faßte Thekla bei der Hand.— Liebe Roſalie, fuhr ſie fort, Ihr habt hier gleich durch Euern Geſang einen Landsmann eingenommen, der Herr Abgeordnete der Nie⸗ derlande wünſcht Euch bekannt zu werden. Eine Landsmännin? fragte Verriken. Roſalie de la Roue aus Antwerpen! erklärte die Gräfin. Verriken ſah Thekla, die Gräfin, die Umſtehenden verwundert an, und lachte dann laut und herzlich, wobei er der Gräfin mit dem Finger drohte.— Thekla errö thete.— Ei, fuhr er dann fort, woher weiß man denn ſchon hier in London von den luſtigen Schwänken, die wir jüngſt, der unglücklichen Zeit zum Trotz, bei Roſaliens Vermählung uns erlaubt haben? Dieſer Roſalie? fragte Alice, und Eins ſah das An⸗ dere befremdet an. 93 Nicht doch dieſer! rief Verriken. Allein, Mylady, Ihr behaltet eine ſo ernſte Miene—? Woran bin ich denn? Gilt es denn nicht einer Anſpielung, einer mun⸗ tern Neckerei, indem Ihr mir die ſchöne Sängerin als Roſalie de la Roue vorſtellt? Verzeiht, ſagte die Gräfin. Hier iſt wol ein Mis⸗ verſtändniß: wir reden von dem Kaufherrn de la Roue. Ja, ja, ganz recht, von meinem Freunde in Antwer⸗ pen, der kurz vor meiner Hierherreiſe ſeine Tochter ver⸗ mählte, betheuerte der Geſandte. Eine große Stille trat ein. Eins blickte das Andere fragend an. Thekla blieb mit niedergeſchlagenen Augen und unruhiger Haltung ſtumm. Die Gräfin ſah in bren⸗ nender Verlegenheit nach ihrem Sohne. Dieſer aber wendete kein Auge von dem verlegenen Mädchen, dem er ſich langſam näherte. Wie? fiel Alice gegen Thekla ein, Ihr habt ja doch denſelben Mann ſchon früher als unglücklichen Flüchtling hierher nach London begleitet, und den Hingeſchiedenen be⸗ graben? Nun lebt er auf einmal in Antwerpen wieder auf und Ihr ſelbſt werdet drüben vermählt? Thekla bebte unter all' den befremdeten Blicken, die auf ſie gerichtet waren. Sie vermochte noch immer kein Wort vorzubringen. Eine drückende Stille herrſchte, wäh⸗ rend Bediente das laue Waſſer zum Händewaſchen, wie es vor Tiſche üblich war, umherreichten.— Eliſabeth Vernon lehnte ſich an die Gräfin, und flüſterte ihr zu: Helft ihr doch aus der Pein! die Arme dauert mich. Welch' ein ſeltſames Misverſtändniß! Sie kann ſich nicht erklären. 94 Die Gräfin nickte und wendete ſich, um von Alicens Uebereilung einzulenken, gegen Thekla. In dieſem Augen⸗ blicke aber ſprach ſchon die Gräfin Nottingham, eine ſehr hochmüthige Hofdame, ganz laut zu Southampton: Lieber Graf, eure„liebenswürdige“ Roſalie verſchwindet auf ein⸗ mal in ein Geheimniß, das uns den Appetit verderben könnte; Ihr wißt uns doch wol zu ſagen, wer denn ei⸗ gentlich der Gaſt Eurer Mutter iſt? Der boshafte Blick der Sprechenden ſetzte noch mehr, als ihr hochmüthiger Ton, die Geſellſchaft in Verlegenheit. Da öffnete ſich die breite Zwiſchenthüre, und in die Stille hinein rief die rauhe Stimme des Hausmeiſters: Das Mahl iſt aufgetragen! Die ſchnarrende Stimme des Rufenden hatte an ſich etwas Komiſches, und da er bei ſeiner lauten Einladung zugleich nieſen mußte, ſo brach ein allgemeines Lachen aus Man lachte, ſo zu ſagen, ungeheuer, um die große Verlegenheit der Geſellſchaft darunter zu begraben. Eine willkommene Bewegung entſtand. Die Herren führten die Frauen nach dem Speiſeſaal; der Geſandte die Gräfin Southampton voraus. Keiner bot der beſchämten Roſalie den Arm. Man that, als wäre ſie nicht da; bis Alice, an der Hand des Grafen Eſſer, mit den Worten zu ihr trat: Wir danken Euch für die Komödie, die Ihr in unſerm Hauſe geſpielt habt. Hättet Ihr uns nur den letzten Act erſpart, der mit einer Beſchämung für meine gütige Mutter geendigt hat! Ihr gereizter Ton gab der verlegenen Thekla ſchnell die Faſſung wieder.— Wer iſt an eurer Beſchämung Schuld, als ihr ſelbſt, rief ſie aus,— da ihr mich ſo heimtu mir üt Nebenr ſollte warum Mein ſich m die m ſie ſi mödie hat naken A des nüiſch auf das dand der gent erho au p fluſte bei ſprec Ant ☛ 95 heimtückiſch dem Geſandten vorgeſtellt habt? Das heißt mir übel mitgeſpielt; ihr habt wenig Ehre von euern Nebenrollen in der„Komödie“. Eine Puritanerin ſollte mehr frommen Glauben haben. Was wißt Ihr, warum ich meinen ehrlichen Namen verſchweigen muß! Mein Unglück ſuchte ein wärmeres Herz als Eures, um ſich mitzutheilen; meine Schmerzen ſind keine Betbrüder, die mit Euch heucheln; ſie ſind wahr und ehrlich, indem ſie ſich vor Euch verleugnen. Genug! Laßt es eine Ko⸗ mödie ſein; es endigt ja ſo: Das Fräulein de la Roue hat Hochzeit gemacht. Geht Ihr, und eßt Eure Paſti⸗ naken! Alice erbleichte und entfernte ſich ſchnell am Arme des Grafen Eſſexr, der ſich lächelnd nicht in den Streit miſchte. Thekla blieb allein im Saale zurück. Sie ſank auf einen nahen Seſſel. Aus dem innern Saale brauſte das Geſpräch der Gäſte. Sie hörte nichts. Ihre Ge⸗ danken waren verwirrt; ihr Herz ſchlug heftig; Gefühle der Rache ſtiegen in ihrer Bruſt auf. In dieſem Au— genblicke hätte ſie das Entſetzlichſte thun können, und ſie erhob ſich endlich mit dem Vorſatz, es zu thun. Wie ſie nach ihrem Zimmer rannte, um ihre Sachen zu packen, kam ihr des Grafen Kammerdiener nach, und flüſterte ihr zu: Mylord wünſcht Euch dieſen Abend bei Sonnenuntergang auf dem Platze Charing Croß zu ſprechen. Wer iſt Mylord? fragte ſie heftig Seine Herrlichkeit der Graf Southampton, war die Antwort. Bei Charing Croß? Ja! Sonnenuntergang? Ja! Sage dem Grafen, ich erwarte ihn! Zweites Buch. Koenig, William Shakſpeare. I. De beſuch Them beſon dann häiten und ſchf 1— au Erſtes Kapitel. Die Ankertaverne galt damals eine Zeit lang für die beſuchteſte Wirthſchaft in London. In der Nähe der Themſe und des Hauptlandungsplatzes gelegen, war ſie beſonders für Schiffleute ſehr bequem, und dieſen zog ſich dann Alles nach, was nur irgend mit Handelsangelegen⸗ heiten zu thun hatte. Das Haus war vielfach geräumig und aufs Anſtändigſte eingerichtet, ſodaß man hier Ge⸗ ſchäfte verabreden und abſchließen konnte. Jeder fand hier zu beſtimmten Stunden, wen er von Handels⸗ oder Schiff⸗ fahrtsverwandten brauchte,— Schiffer, Rheder, Mäkler, Handlanger, Laſtträger und dergleichen. Dieſe Geſchäfte wußte der Hausbeſitzer auch als Wirth auszubeuten, indem er eine gute Küche und einen ausgewählten Keller hielt, und ſich auf kluge Behandlung ſeiner Gäſte verſtand. So kam es, daß auch Geſchäftloſe, die nur auf Leckerbiſſen und Neuigkeiten ausgingen, ſich hier, nach einem ſcherz⸗ haften Ausdrucke des Wirthes— gern vor Anker legten. Zu Schiff ankommende Fremde kehrten gewöhnlich hier ein, um ſich in die Stadt führen zu laſſen oder von hier aus ihre Einrichtungen zu machen. Ein ſo vielfältiger Verkehr brachte freilich auch man 7*† — 1⁰⁰ chen Seeſturm mit in die Wirthſchaft; allein Dumbleton, der Wirth, war ein geſchickter Steuermann. Mit ſo viel Ruhe im Blick, als Beweglichkeit in den Beinen fand er ſeine Luſt an der kleinen tollen Welt, die er mit Laune überſah und mit Verſtand beherrſchte. Er ließ Jeden gelten und behandelte ihn, wofür er gelten mochte; die Geſcheiten ſchätzte er, und ergötzte ſich an den Narren. Er konnte ſich über ernſthafte Dinge mit treffendem Ur⸗ theil unterhalten, und wendete ſich dabei einem Gecken zu, um eine Albernheit zu beantworten. Gegen Alle war Dumbleton zuvorkommend, bequemte ſich Allen an, und ließ doch am Ende Keinen auf eine oder die andere Weiſe ungeneckt. Denn— ſagte er zu Vertrauten— Niemand, wenn er nicht zur Niederträchtigkeit geboren iſt, kann im⸗ mer und überall unterwürfig ſein, ohne ſich auch irgendwo einmal zu überheben. Ich muß Allen dienen, das iſt mein Geſchäft, Jedem den Durſt löſchen, Vieles über mich ergehen laſſen: dafür zapfe ich denn auch einmal die Thorheit meiner Gäſte an und nippe an ihren Albern⸗ heiten, um nicht zuletzt ganz zu vertrocknen. Das bunte Treiben im Anker, die geſchmackvolle Wirth⸗ ſchaft, der humoriſtiſche Wirth zogen noch eine andere Geſellſchaft herbei, die mit Schiffahrt und Handel nichts zu thun hatte,— junge Männer voll dichteriſchen Ueber⸗ muths und Künſtlerlaunen, die in ihrem ungebundenen Wandel täglich etwas wilden Zeitvertreib und neue Auf⸗ regung ſuchten.— Ein Theil dieſer luſtigen Geſellen,— Dichter, Schauſpieler und Kunſtfreunde, hatten auf heut ein feines Abendeſſen beſtellt, da es gerade den ganzen Tag über im Anker wild durcheinander ging. Es war nämlich lich hei man t theils d Waare werden farbig befren Hande nämlich die erſte engliſche Expedition nach Oſtindien glück⸗ lich heimgekehrt, und brachte koſtbare Ladung mit, die man theils an den reichen Küſten friedlich eingetauſcht, theils den Portugieſen feindlich abgenommen hatte. Dieſe Waaren und Beuten ſollten nun ausgeſchifft und vertheilt werden. Was gab es da nicht anzuſtaunen? Einige farbige Sklaven, ſeltſame Thiere, ſonderbare Gewächſe, befremdliche Kunſtſachen und koſtbare Güter. Der ganze Handel, alles Schiffvolk und jede Neubegierde von Lon⸗ don war in Bewegung, eilte nach den Schiffen, und drängte ſich in den Anker. Kaufleute und Lords verga⸗ ßen ihre Standesunterſchiede über das gemeinſame Ver⸗ langen nach indiſchen Schätzen. Dazwiſchen war ein Fra⸗ gen und Verwundern. Der ſchmuzigſte Schifferjunge die⸗ ſer indiſchen Expedition wurde hoch angeſehen, und unter den zurückgekehrten Matroſen war Keiner, der ſich nicht als einen Mittelpunkt von Wundern und Abenteuern ge⸗ fühlt hätte, die er alten Bekannten und neuen Zudring⸗ lichen ausſpendete. Die ungemeſſenen Fragen der Um⸗ ſtehenden nöthigten die Erzähler, ſich ſelbſt zu überbieten. Denn die Meinung, die man von dem märchenhaften In⸗ dien hegte, war nicht ſo leicht zu befriedigen; ſodaß die Erzähler, um doch nicht unter der Erwartung zu bleiben, ſich mit den abenteuerlichſten Erdichtungen aufwinden muß⸗ ten. Dies ſetzte den wildeſten Lärm in der untern Wirth⸗ ſchaftshalle ab, ein Getöſe, das von Zeit zu Zeit bei neuem Wein und Willkommen in lauten Jubel auf⸗ loderte. Unter dieſem Wirrwarr vergaß aber Dumbleton jene Künſtler, ſeine Lieblingsgäſte, nicht. Für ſie hielt er ein 1⁰² oberes Säͤlchen abgeſchloſſen, aus welchem die luſtigen Freunde über einen Balcon herab die untere weite und hohe Wirthſchaftshalle überblicken konnten. Dieſe Gele⸗ genheit war eben zu ihrer Unterhaltung mit berechnet, indem es die Schauſpieler und Dichter vergnügte, zur Abwechslung nun auch einmal Zuſchauer eines Spectakels zu ſein, das ihnen ſo bunt gemiſchte Gäſte, ohne es ſelbſt zu wiſſen, aus dem Stegreife ſpielten.— He, ihr Burſche! rief der Wirth einigen ſeiner Aufwärter zu, die in leinenen Hoſen, offenen Jacken und grünen Schürzen umherſprangen. Vergeßt mir den Parnaſſus nicht!— Bei dieſen Worten blinzte er nach dem Altane an der hintern Wand.— Seht zu, wie weit der Ochſenrücken gebraten iſt. Meine Athenienſer werden bald da ſein. Der„König Johann“ agirt ſchon ſeit drei Stunden. Es war mithin vier Uhr nach Mittag; da zu jener Zeit das Schauſpiel von 1 Uhr an bei hellem Tageslichte gegeben wurde. Der„König Johann“ iſt ein großes Stück und ſpielt lange! bemerkte ein ſtiller Gaſt im Eckchen, mit welchem der Wirth ſich eben unterhalten hatte. Ich habe das Stück letzten Winter in Black Fryars geſehen. Nicht wahr, ſie ſpielen ja ſchon in Southwark? Ja, verſetzte der Wirth, in der Roſe; das Sommer⸗ theater iſt ſeit dem I. dieſes Monats angegangen, oder vielmehr aufgegangen. Es wird aber heute nicht ſehr beſucht ſein: das Volk ſpielt ja ſelbſt hier und draußen am Fluß das neue indiſche Maulaffenſtück. Ich bin ſonſt nicht ſo, wie die londoner Welt in das Schauſpiel vernarrt, fuhr der Gaſt fort: der„König Jo⸗ hann’ und i d Dumt droben J Tro dem ſiter Gäf vort nol ſit 1⁰03 hann“ aber ſcheint mir doch ein vortreffliches Stück Arbeit, und rührt gewiß von einem guten Kopfe her. Den Kopf könnt Ihr nachher ſehen, Meiſter! verſetzte Dumbleton. Er kommt auch mit den Andern, und ſpeiſt droben auf dem Parnaß. Was nennt Ihr: par Naß? fragte der Bürger. Trocken ſitzt man ja nirgends im Anker, weder oben noch unten, dafür iſt das Haus bekannt. Geht's denn droben beſonders par naß zu? Gut geſagt! lachte Dumbleton. Kommt alſo nur immer zu meinem Naß hierher, wenn Euch die Muſen auf dem Trocknen ſitzen laſſen. Wiſſet, da oben hinter dem Balcon heißt es der Parnaß, wo die Muſenſöhne ſitzen. Dort iſt doch der Rahm, der Schmant meiner Gäſte, und ſetzt ſich mit Recht obenauf— ganz oben der vortreffliche Kopf, von dem wir ſprachen. Das iſt mein nobler Epheſier, das iſt der wahre Imperator. Heut ſitzt er wieder auf Nummer Eins,=— mit parfümirter Serviette. Ja, das iſt ein außerordentlicher Kopf für die Welt und was über der Welt hinausliegt; mit einem Munde, der lauter Perlen und Diamanten ſpricht, der ſich jedoch auch für Stockfiſch mit Paſtinaken, für Pökel⸗ fleiſch mit Rüben aufthut. Ja, das iſt es eben, Maſter Dumbleton, ſagte der Gaſt, daß dieſe außerordentlichen Köpfe doch auch nicht ohne den Bettelſack des Magens durch das Leben kommen. Und ſie ſind vielleicht noch erpichter als Andere auf die Lebensgenüſſe. Da kommen Einem doch die Puritaner viel reſpectabler vor. Ich war neulich in einer ihrer Ver⸗ ſammlungen, der Lord⸗Major und mehrere Aldermänner 104 waren auch da,— und ich gebe dieſen gläubigen Brüdern nicht Unrecht, daß ſie wider die gottloſe Poeſie und das ſittenloſe Schauſpiel eifern. Es iſt doch keine Kleinigkeit um einen ſaubern chriſtlichen Wandel! Gewiß! ſagte Dumbleton. Ich will auch jetzt ein chriſtlich Schild an meinen Anker ſetzen:„Kommt Alle zu mir, und ich will euch erquicken.“ Ich will ganz nach der Bibel wirthſchaften! Unterdeſſen hatten ſich mehrere Freunde, die heut nicht ins Theater gegangen waren, voraus im obern Sälchen eingefunden, und traten auf den Altan heraus, um dem lärmenden Treiben in der Halle zuzuſehen. Dumbleton grüßte ſie von unten, und deutete lachend auf das tolle Gewühl. Da ſie ihn aber nicht verſtanden, ging er hinauf. Heut werdet ihr edeln Athener euer eigenes Wort nicht verſtehen, ſagte er. Seht, da unten umſegeln ſie eben das Cap Comorin; dort links liegen die Nikobar⸗ Inſeln, und wenn ihr euer Auge recht anſtrengt, ſo ſeht ihr da hinten nach dem Schenktiſche zu Malakka hervor⸗ tauchen. Hört ihr den langen Matroſen dort von den Seeungeheuern Indiens erzählen? Und ſeht, wie ihm Alles gaffend zuhorcht! Iſt es nicht merkwürdig,— ſeht nur!— und woher kommt es, daß eifrig zuhörende Menſchen nach dem Maße ihrer Verwunderung die Mäu⸗ ler aufſperren? Ei nun, verſetzte Naſh, vor erſtaunlichen Dingen werden wir immer wieder zu Kindern, und wollen die Sachen ins Maul ſtecken. Aber was die nicht erzählen können! fuhr Dumble⸗ ton fort unten. Kürzern und all in der ſind un werden, W des J. Di eurer eipier 8 Ab hören den W nach ſein. Kam werd Han lenj trink bleto geſag ſond uns Jeit 4⁰⁵ ton fort. Heut iſt mein Haus voller Dichter, oben und unten. Ihr, meine edeln Athenienſer, zieht heute den Kürzern. Ich wette, die da unten bringen Meerwunder und all eure Spectakelſtücke in Blakfryars, in der„Roſe“, in der„Hoffnung“ und wo nur Breter aufgeſchlagen ſind und eine Traverſe herabhängt, werden abſtändig werden, wie zu alte Fiſche. Wer ſind denn aber die getrennten Schreier jenſeit des Pfeilers? fragte Thomas Dekkar. Die dort? erwiderte der Wirth. Wie ſoll ich ſie in eurer gelehrten Sprache nennen? Das ſind die Parti⸗ cipien der zukünftigen Zeit. Solche gibt's im Engliſchen nicht! rief Naſh. Aber in England! überbot ihn der Wirth. Jene ge⸗ hören nämlich zu Walter Raleigh's Geſchwader, das nach den Wildniſſen von Guiana ſegelfertig liegt. Dort ſoll nach allen Reiſeberichten die Stadt Eldorado anzutreffen ſein. Alle die lumpigen Kerle, die kein ganzes Stück Kamelot auf dem Leibe haben, hoffen dort vergoldet zu werden, und als Goldkäfer zurückzuſchwärmen. Hof⸗ und Handelsleute haben das Geſchwader ausgerüſtet, und thei⸗ len ſich demnächſt in die ungeheuern Schätze. Die dort trinken einſtweilen darauf. Haha! lachte Naſh,— nun verſtehe ich dich, Dum⸗ bleton: die participiren alſo an der Zukunft. Gut geſagt! Aber vergiß du über dein Latein die Küche nicht, ſondern ſchaffe dein beſtes Küchenlatein herbei, und mach' uns bald zu Participanten der gegenwärtigen Zeit. Verſtehſt du? Ohne Randgloſſe, ihr Herren! Ihr ſprecht einen der⸗ ben Text, beſonders wenn ihr kritiſirt, antwortete der Wirth. Sobald ihr beiſammen ſeid, kann's losgehen. Aber es fehlen noch Etliche. Wo bleibt denn heut unſer edle Epheſier, Maſter William? Das iſt noch ein Mann, der beſſert an ſeinen Werken, nicht an ſeinen Wirthen. Auch Burbadge fehlt noch! riefen Einige. Wie kommt denn das? Beide ſind doch ſonſt viel zu artig gegen einen guten Braten, um ihn warten zu laſſen. Geduldet euch ein wenig,— es wird da unten gleich zu einer herrlichen Vorkoſt kommen, lachte Dumbleton. Hört nur! die heimgekehrten Indienfahrer übertreiben ihre Erzählungen, um Jene zu ärgern, die nach Guiana wollen, und dieſe ſpannen dafür ihre Erwartungen, um Jene zu überbieten. Aus Eiferſucht und Misgunſt fallen die bit— terſten Stichelreden; ehe wir uns deſſen verſehen, werden ſie handgemein ſein, und Dieſe, was ſie erdichten, Jene, was ſte erwarten, mit Fäuſten gegeneinander abwägen. Oder ſie drehen mir die Beine aus den Stühlen. Wirklich hörten die Freunde nicht lange dem Wort⸗ wechſel zu, als ein Tumult in dem dämmernden Saal aufwetterte. Erſt regnete es Schimpfreden, bald hagelten die Knittel drein, die man damals immer in der Nähe hatte. Der Wirth eilte hinab; doch blieb den Freunden keine Zeit, den Friedensſchluß abzuwarten, weil hinter ihnen im eigenen Speiſeſälchen Lärm entſtand. William war eben eingetreten, und Burbadge erreichte ihn mit heftigen Zankworten. Richard Burbadge, ein paar Jahre jünger als Wil⸗ liam, war von kleiner Statur, aber ausgezeichnet durch ein ſchönes Auge und ein herrliches Sprachorgan. Er ſpielte n vom P. ſelte, d Bühnen Willian Umgan mit w. zuneh⸗ tender hervor im doch S Kame berder entkle ſchaf vero unſe euch eber unſe mmt egen gleich ton ihre 4⁰7 ſpielte nur ernſte, aber ſehr verſchiedene Rollen, und war vom Publicum, deſſen Blicke und Gehör er magiſch feſ⸗ ſelte, durch unermüdlichen Beifall, beſonders bei ſeinen Bühnen⸗Abgängen, ſehr verwöhnt. Ein Landsmann William's, waren Beide wenigſtens für den gewöhnlichen Umgang ganz gute Freunde, bis auf ein wenig Neid, mit welchem Burbadge, der Heldenſpieler, auf William's zunehmenden Dichterruf blickte; indem er gern ſein bedeu⸗ tenderes Schauſpielertalent gegen William's Dichtergaben hervorzuheben ſuchte. Darüber hatte man ſie wol ſchon im Wortwechſel geſehen, diesmal aber ſchien der Zwiſt doch mehr auf ſich zu haben. Solche Tücke und Treuloſigkeit hebt alle Gebühr edler Kameradſchaft auf! ſprach Burbadge mit lebhaften Ge⸗ berden. So handeln Menſchen, die ſich des Zartgefühls entkleidet haben, und ohne den Schmuck edler Freund⸗ ſchaft leben,— Selbſtlinge, elende Habſüchtlinge! Ha, ich verachte das! Aber ich trage darauf an, Shaxper aus unſern vertraulichen Abenden auszuſtoßen. Jeder von euch hat ſich gleicher Hinterliſt zu verſehen, wie ich ſie eben von ihm erfahren habe. Ich ſpreche im Intereſſe unſeres Abendvereins. Hier muß volles Vertrauen wal⸗ ten. Hier muß ungebundene Luſt keine hinterrückliche Falſchhelt zu fürchten haben. Schon bisher hat der da (er deutete auf Shaxper) den Pokal unſerer nächtlichen Feſte ſelten bis auf die Hefen mitgetrunken, theils aus Geiz, denn es iſt ja bekannt, wie er die Engel und die Soveregns unterm Daumen hält; vorzüglich aber aus Hochmuth, denn ihr ſeht ja, wie er ſich über dem unver⸗ dienten Glück ſeiner zuſammengeflickten Schauſpiele täglich mehr ſtreckt, und ſeinen Hohn über uns ausläßt. Sollen wir uns das gefallen laſſen? Ich frage, warum? Schrumpft etwa unſer gediegene Werth ein, wenn ſeine Einbildung ſich aufbauſcht? Und wenn nun ſein Dünkel auch nicht einmal mit Zartgefühl gefüttert iſt: ſo ſchließe ſich unſere Geſellſchaftskette um ein Glied enger,— um ein ange⸗ roſtetes. Iſt hier mein Platz gedeckt? Ich eſſe nicht mit; ich werde zu gehen wiſſen wo dieſer bleiben darf. Die Freunde hörten dieſe Phraſen mit Verwunderung an.— So redet doch deutlicher! Was iſt denn vorge⸗ fallen? riefen Mehrere, und ſahen abwechſelnd von dem hin- und herrennenden Burbadge nach William, der in einer Ecke mit gefalteten Händen auf dem Knie ſeines übergeſchlagenen Beines ruhend lächelte.— Unſer tragiſche Freund verſteht keinen Spaß! ſagte er, und ihr verſteht unſern erhabenen Burbadge nicht. Heut agirt er mit der wahren Grazie des geſteiften Kragens. Er hat einmal den edlen Schwung, Alles hoch aufzunehmen, wobei uns aber die trefflichen Reden und die wohlgemeſſenen Ge⸗ berden zugut kommen. Hüte dich vor dieſen Geberden! rief Burbadge, wenn ich dich züchtige, werden ſie ungemeſſen. Seht ihr! verſetzte, ein wenig gereizt, William, ſeht ihr den Verſchwender! So geht er mit den erſparten und erborgten Redensarten ſeiner Rollen um! Ich habe meinen Freund und Landsmann, wie ihr Alle wißt, immer ſehr hochgehalten, und von ihm geſagt: Burbadge macht Dichter durch ſein bezauberndes Spiel. Aber kein Dichter kann ihm mehr mit Ehren ſo kühne Worte leihen; er bringt ſie in den Kneipen durch. dreimal Vei Tragödie allgemei Gler hobener los. nem S ſprange dich di auch V zwei und il digun⸗ 109 durch. So ſoll er ſchon den ganzen„Hieronymus“ dreimal verputzt haben. Bei dieſer Anſpielung auf die ſogenannte ſpaniſche Tragödie, ein damals verſpottetes Machwerk, brach ein allgemeines Gelächter aus. Elender! ſchrie Burbadge, und rannte mit zwei ge⸗ hobenen Fäuſten um den gedeckten Tiſch auf William los. Dieſer aber ſtand ſchon, den Beleidiger mit gezoge⸗ nem Degen zu empfangen und abzuhalten. Die Freunde ſprangen dazwiſchen. Iſt das Anſtand und Betragen? rief Condell. Haben dich die Matroſen drunten angeſteckt, Burbadge? Was auch William gegen dich gefehlt haben mag: du haſt eben zwei unziemliche Fäuſte dagegen in die Wagſchale gelegt, und ihr müßt euch entweder ausſöhnen, oder die Belei⸗ digung ausfechten, wie es Künſtlern geziemt. Ausfechten, ja, ausfechten! rief Burbadge. Ich rathe lieber zum Frieden, fiel Naſh ein, und be⸗ ſchwöre euch bei dem gebratenen Ochſenrücken mit ſcharfer Brühe, den hier unſer eherne Dumbleton heranſchiebt: Verſöhnt euch und bedenkt, wie nach dieſer Motion die köſtlichen Biſſen ſchmecken werden! Mit dieſem koſtbaren Botargo! rief der Wirth, dem die Kellner mit den Schüſſeln folgten. Botargo, ihr Athenienſer! der Vater des Durſtes, der Kuppler weißen und rothen Baſtardes! Er ſtellte die Flaſchen umher, die mit den damals ſo benannten Weinſorten gefüllt waren. Hat euch der„König Johann“ noch Kräfte gelaſſen, fuhr Dumbleton fort, ſo zeigt es jetzt. Auf! ihr Kämpfer 110 am Parnaſſus, und laßt die Schlacht beginnen. Sagt mir nichts von den dreihundert Spartanern bei Thermo⸗ pylä: meine zwölf Athenienſer will ich fallen ſehen. Le⸗ gitime Künſtler ſollen hier von„Baſtarden“ geſchlagen werden: ſolch' eine Tragödie ſoll hier auf dem Parnaſſus in Action kommen, oder vielmehr in Paſſion.— Nun, was gibt's? Maſter William, mein nobler Epheſier, hier oben iſt Euer Platz Dein nobler Epheſier iſt angeklagt! lachte Armin. Doch, wie wär's, Brüder, wenn wir unſern Wirth zum Richter ſetzten? Er ſoll den Zwiſt dieſer beiden Streit⸗ hähne ſchlichten. Unſer weiſe Dumbleton, unſer Salomo ſpreche Recht Viele riefen Beifall, und der Wirth ſetzte ſich ſogleich mit gravitätiſcher Miene auf den oberſten Platz, indem er ſeine Schürze als Mantel über die Schultern nahm.— Toby! rief er dem aufwartenden Kellner zu, geh' und glüh' einen Sekt mit Zucker und Gewürz, und richte dort in der Ecke ein Banket an für zwölf Mann, für ein Dutzend Epheſier. Einer der Streitenden iſt gewiß ſchul⸗ dig, und Den verurtheilen wir in die Koſten des Bankets. Oder wenn der Fall überſalomoniſch verwickelt wäre, ſo vertheilen wir die Koſten unter beide Streitende. Ich werde mir als ein guter Richter zu helfen wiſſen. Und nun tragt mir den Fall vor. Naſh, unſer Kritiker, zer⸗ legt einſtweilen den Ochſenrücken, bis er wieder einen Dichter unter's Meſſer kriegt. Ihr werdet den Braten ganz nach euerm Geſchmack finden; ganz nach der Zube⸗ reitung eurer Kritiken,— inwendig noch ein wenig roh. Nun zur Sache! Sprich, William, mein Hector! Dieſe trag im badge re nehmen, Ich delt,— Nu jetzt un Worter vor der Weiſe meine( meine euerm Mäter E thür habt 6 ter J den iſt h — d lichei haben agt mo -1u Dieſer, ſo aufgefodert, verſetzte: Wollt ihr einen Vor⸗ trag im großen, pathetiſchen Stil, ſo laßt Maſter Bur⸗ badge reden; wollt ihr aber einen Spaß ſpaßhaft ver⸗ nehmen, ſo will ich das Wort behalten. Ich halte es mit einem guten Spaß, ernſthaft behan⸗ delt,— entſchied der Wirth. Nun, ſo hört! begann eben William, als der bis jetzt unruhig hin⸗ und hergewandelte Burbadge mit den Worten ſtehen blieb: Ich erwarte Euch um Mitternacht vor dem Hauſe, in welchem Ihr Euch vorhin ſchurkiſcher Weiſe eingedrängt habt. An jener Schwelle fodere ich meine Genugthuung. Lowin und du, Oſtler, kommt als meine Secundanten mit. Meinen Tiſchplatz laſſe ich gern euerm weiſen Salomon. Lebt wohl! Auf Wiederſehn um Mitternacht,— wer kein Schuft iſt! Eherner Jaſon, rief ihm der Wirth, an die Stuben⸗ thür eilend, nach,— Ihr rennt in die Proceßkoſten, Ihr habt das Banket zu beſtreiten und den gebrannten Sekt! Das Beifallsgelächter der Freunde erſcholl. Ein zwei⸗ ter Daniel, unſer Wirth! rief Naſh; er hat, denke ich, den Nagel auf den Kopf getroffen. Und doch reißt er aus! ſchmunzelte Dumbleton. Er iſt heut eben kein Nagel, der Burbadge, er iſt vielmehr — vernagelt, ſonſt wendete er dieſen dampfenden Herr⸗ lichkeiten den Rücken nicht. Indeß— laßt ihn! Wir haben die Gnade Gottes, und er hat genug! ————ͤͤͤͤ ———— —-— .—, — Zweites Kapitel. Sobald das Hauptgericht verzehrt war, mußte William erzählen. Vor Anfang des fünften Aktes, ſagte er, bemerkte ich einen zerlumpten Burſchen mit langen, leiſen Schritten auf der Bühne umherſpähen, und erkannte ihn für einen der Gauner, wie ſie vor und in dem Theater aufwarten, und ſich zu Beſtellungen und Aufträgen anbieten. Erſt glaubte ich, er ſehe ſich nach einem der vornehmen Sche⸗ mel⸗Inſaſſen um, die uns auf der Bühne den Platz ver⸗ ſperren; da er aber nach dem Hintergrunde ſuchte, wo wir uns aufhalten, trat ich ihm mit der Frage in den Weg: zu wem er wolle.— Zum großen Burbadge, zu Maſter Burbadge! ſagte er, und nahm in demſelben Au⸗ genblicke den Geſuchten wahr, der am Quervorhange ſtand. Die Neugier reizte mich: es galt offenbar eine Beſtellung. Huſch! war ich hinter der Traverſe und horchte. Der Gauner beſchrieb unſerm Burbadge ein Haus am Dowgate, wo man quer nach der Conwikſtraße geht, und wenn es dem Maſter gefällig wäre, eine halbe Stunde nach dem Theater dort anzuklopfen, ſo würde ihm auf das Loſungswort:„Johann ohne Land“ aufge⸗ macht werden. Ein reizend Weibchen und der Mann ver⸗ reiſt, kicherte der Liebesbbote. Dort in der zweiten Loge rechts über dem Yard könnt Ihr ſie ſehen; ſie hat aber freilich d ein Tiin Rolle w des Stü Abſicht, kehre u bei ſei Höchſte meiner diſhe kommt bezeichn genome bläckich wunde =v Aben oder auf falle Den ſchla ſt ſ legun 113 freilich die Maske vor.— Burbadge ſagte zu, und reichte ein Trinkgeld. Ich verlor mich hinter der Traverſe. Meine Rolle war etwas früher zu Ende; ich eile am Schluſſe des Stückes voraus nach dem Dowgate. Ich hatte keine Abſicht, als zu ſehen, ob wirklich eine Frau nach Hauſe kehre und Burbadge folge, denn dieſer war, wenn nicht bei ſeiner Ehre, ſo doch bei ſeiner Rolle angegriffen. Höchſtens dachte ich mir den Spaß, den Freund mit meinen Anſpielungen zu verblüffen, wenn er ſpäter zu Tiſche käme. Kaum ſtehe ich in eine Ecke gedrückt, ſo kommt wirklich eine junge Frau und eilt munter in das bezeichnete Haus. Sie hatte zwar ihre Theatermaske ab⸗ genommen, aber einen ſeidenen Schleier vor. Augen⸗ blicklich erinnert ſie mich durch Gang und Geſtalt an jene wunderbare Schöne, von der ich dir erzählt habe, Lowin — weißt du, vor etlichen Wochen, als du mich gegen Abend nach meinem Streit mit ihrem Verfolger, Mann oder Liebhaber, auf der Straße trafſt. Seitdem gehe ich auf allen Wegen der entſchwundenen Unbekannten zu Ge⸗ fallen. Keinen Tag iſt ſie mir aus dem Sinn gekommen. Denkt euch alſo meinen freudigen Schreck! Mein Herz ſchlägt heftig, meine Gedanken verwirren ſich. Endlich iſt ſie gefunden! rufe ich laut aus, und ſtürze ohne Ueber⸗ legung, in meinen Mantel gehüllt, nach dem Hauſe, klopfe;— wer draußen? ruft eine ſanfte Stimme. Jo⸗ hann ohne Land! brumme ich. Der Riegel geht auf, ein weibliches Weſen rauſcht in die nächſte Stubenthüre; ich folge. Es iſt wegen der geſchloſſenen Fenſterläden ziemlich finſter; ich werfe mich der Schönen— dafür halte ich ſie, in die Arme und preiſe mich glücklich, ſie Koenig, William Shakſpeare. I. 8 endlich nach jenem Abende wieder zu finden.— Nach welchem Abende? flüſterte ſie betroffen. Wir funkeln ein⸗ ander mit den Augen an, die ſich inzwiſchen an die Dämmerung gewöhnt haben, und erkennen unſern wech⸗ ſelſeitigen Irrthum. Ich flehe um Verzeihung; ſie lacht, ich lache, und das heitere Misverſtändniß knüpft raſch ein neues Verſtändniß. Ich kann euch nur ſagen,— ſie hatte keine abgelegten Lippen der mondſüchtigen Diana gekauft, ſondern verſtand ſich auf das Küſſen.— Da klopft's an die Stubenthüre. Gott's Augenlid! ruft meine Schöne in brennender Verlegenheit. Ich hatte nämlich in der Haſt die Hausthüre hinter mir offen gelaſſen, und ſo klopfte denn der beſtellte Gaſt immer lauter an die Stu⸗ benthüre.— Haltet Euch ruhig! flüſterte ſie.— Aber es wird Burbadge ſein, ſage ich lächelnd.— Wer? fragte ſie höͤchſt verlegen.— Der beſtellte Burbadge, der verſpätete Held! lache ich.— Es war recht dumm und undankbar von mir; ich mußte der guten Frau in ganz falſchem Licht erſcheinen.— Nun klopft's ungeſtüm.— Wer da? frage ich.— Johann ohne Land! heißt es draußen.— Beſetzt! rufe ich.— Zum Teufel! Ich ſage Johann ohne Land, und aufgemacht ſchreit Burbadge.— Die Frau zittert und bebt über den Lärm.— Ich öffne alſo dem zürnenden Freunde mit den Worten: Guten Abend, Herr Johann ohne Land! Ruhig! Ich bin Wil— helm der Eroberer. Damit eile ich lachend aus dem Hauſe. Der witzige Ausgang eines luſtigen Abenteuers ſetzte die Freunde in die beſte Laune, die nicht ohne Rückwir⸗ kung auf die ſtarken Getränke blieb. Dieſe jungen Män⸗ ner kam Genüſſe ihnen n wollten genen“ ſie faſt ihr Ue durchz tollen reichen menge meſſen bei ſ Keine guten Ads von den ſcha Cor eine 115⁵ ner kamen eben zuſammen, um mit ihren Gedanken und Genüſſen über alles Maß hinauszugehen. Es genügte ihnen nicht, die Tage hindurch ungebunden zu leben: ſie wollten auch, wo möglich, keine Nacht an den„eingezo⸗ genen“ Schlaf verlieren. Daher ſchlemmten und zechten ſie faſt jeden Abend, ſchwatzten und ſangen, und wenn ihr Uebermuth aufs Höchſte ſtieg, verließen ſie das Haus, durchzogen die Stadt, führten entweder gemeinſam einen tollen Streich aus, oder verloren ſich einzeln in jene zahl⸗ reichen Häuſer, wo Glücks⸗ oder Liebesſpiel ihre zuſam⸗ mengeſchmolzene Barſchaft vollends aufſog. Die unge⸗ meſſenſten Begierden, die ungeregeltſten Gedanken fanden bei ſolchen Zuſammenkünften am meiſten Beifall, und Keinem aus der Verbrüderung fehlte es an Geiſt und gutem Humor, um dies rohe Treiben zu überſchmelzen. Als Schauſpieler von ehrendem Umgang ausgeſchloſſen, von den Bahnen eines höhern Ehrgeizes abgeſperrt, fan⸗ den ſie, ſo zu ſagen, nur noch die Abwege der Geſell⸗ ſchaft für ſich offen. Ihr Leben war ankerlos und ohne Compaß: ſo ſteuerten ſie wie Tolle auf das Ungefähr eines jeden Tages los; das Daſein war ihnen ein Spiel, die Welt ein Spott. William war vielleicht der Einzige, der aus dem Uebermuthe leicht in den Ernſt fiel. Dann ergriff ihn wol eine Wehmuth oder eine Schwärmerei, und oft, wenn er dem Hohn und Gelächter der Uebrigen nicht wehren konnte, verließ er ihre Verſammlung. Sein eben erzähltes Abenteuer führte das Geſpräch auf die Liebe und die Frauen. Es iſt zu verwundern, rief Naſh, daß man ſich hin⸗ ſichtlich der Frauenliebe noch nicht zu einem völkerrecht⸗ 8* lichen Grundſatze des Gemeinguts und des friedlichen Ge⸗ nuſſes vereinigt hat,— Jedem ohne Neid und Streit zu gönnen, was ihm an Liebe irgend zu Theil wird, was er ſich erobert. Denn nur in ihren Naturbezügen iſt die Liebe wahr und zuverläſſig; ihre ſittlichen Räthſel löſen ſich meiſt in Trug oder Täuſchung auf. Mein Gott,— wie man ſich nur um einer Geliebten willen ſchlagen mag! Eine Tollheit, der nun heute gar Einer unſerer Brüder verfällt, an dem mithin alle unſere an⸗ dächtigen Ankernächte ohne Erleuchtung vorübergegangen ſind. Liebe und Waſſer ſind Lebenselemente, und dienen zur freien Verbindung der Weſen, ſind nothwendig für den allgemeinen Durſt. Frauenherzen und Trinkquellen ſind mithin Gemeingut. Wo ein Brönnlein ſpringt, ein Bächlein rieſelt, mag Jeder ſchöpfen, der daran kommen kann. Die Sonne ſaugt aus dem Meer der Liebe, und läßt es über alle Steppen regnen. Ich bringe einen Toaſt aus: Wilhelm der Eroberer! Aber in doppelter Be⸗ deutung, in perſönlicher für unſern Freund, und in ſym⸗ boliſcher, als Loſungswort für unſer Leben. Wilhelm der Eroberer für immer! Die närriſchen Ehemänner, rief Condell, die ihre aparte Liebe haben wollen! Das Weibchen am Dowgate — hal! ha! Das eingethane Brönnlein rieſelt unter dem Treppenſtein hervor und ſucht Verbindung. Ja, haſt recht, Naſh: Waſſer und Liebe, Liebe und Waſſer! O Condell, oh! erwiderte Naſh. Du haſt dem Weine ſo zugeſetzt, daß du nicht mehr deutlich Waſſer ausſprechen kannſt. Du würdeſt bei dem Liebesbrönnlein zu— kurz kom⸗ men! Geh', leg' dich in dein kalt Bett und wärme dich. Eir und ich Wir klärte L Blut ve ſchwäche und do M Schwa Wol mit T brechli men! wit Frau Ge⸗ Streit wird, ügen ithſel Mein illen Liner an⸗ ngen enen für elen ein men und nen 447 EGi was! rief Condell, du haſt die Gnade Gottes, und ich habe genug. Rivo! Wir müſſen den Burbadge zur Vernunft bringen, er⸗ klärte Lowin. Welche Thorheit, um Einer willen unſer Blut vergießen, wodurch wir uns auch für die Andern ſchwächen. Den Weibern wollen wir ihre Schwäche laſſen, und das Lachen für uns behalten. Man gab ihm Recht, und ſtimmte ein Lied auf die Schwachheit des weiblichen Geſchlechts an. William ſprach: Wol ſind die Frauen ſchwach, wir ſollen es aber nicht mit Verachtung ſagen. Sie ſind, wie ihr Spiegel, zer⸗ brechlich und wandelbar in den Geſtalten, die ſie aufneh— men und zeigen; aber wir Männer entehren uns, indem wir ſie misbrauchen. Zart, wie von Bau, ſind die Frauen auch von Seele,— weich für jeden Eindruck, für den falſchen, wie für den edeln. Liegt es nicht in ihrer Naturbeſtimmung, empfänglich zu ſein? Wir ſind die Sünder, wenn wir das Unedle an ihnen ausprägen. Wie dürfen wir das Wachs weich ſchelten, da es ja be⸗ ſtimmt iſt, das Siegel der Ehre in ſich aufzunehmen? Wir ſollten ſie nicht täuſchen, ſondern die Seele ſchätzen, die ſich hingibt, um Liebe, nicht um Schmach zu em⸗ pfangen. Ein ſchallendes Gelächter der Freunde folgte auf dieſe mit einer gewiſſen Rührung ausgeſprochenen Worte Wil⸗ liam's.— Er iſt wieder aufgeweicht, er iſt beträchtlich gerührt! hieß es. Er hat mit ein paar Bechern eingefeuert, und nun kocht ſchon ſein Herz Wehmuth. Ei William! rief ein Dritter, du haſt ja das Sprich⸗ —————— 148 wort:„Ein Feuer brennt das andere nieder“, kommt, laßt uns zuſammengehen! Ein Tellerchen gekochter Pflau⸗ men wird unſerm Willy gut thun. Dieſe Anſpielung auf die liederlichen Häuſer, wo man den Beſuchenden gekochte Pflaumen vorzuſetzen pflegte, ver⸗ droß unſern Freund auf das Tiefſte. Still, Freunde! rief Naſh, der Kritiker, in ſeiner trockenen, bittern Weiſe. Wir haben auch unſern William ſehr gekränkt. Er iſt nicht, wie wir ſind: er ſchätzt die Treue, er hält ſich gern an Eine, die ſich auch ihm allein widmen ſoll; er concentrirt ſich und findet, was wir bei Hunderten ſuchen. Er beſitzt alſo Weisheit. Aber noch mehr,— er beſitzt auch Tugend, ja er beſitzt die drei Cardinaltugenden, denn neben der Liebe hat er bekannt⸗ lich einen unbedingten Glauben an die Geliebte, hat die feſte Hoffnung, ſeine jedesmalige Eine zu beſſern und zu bilden. So nimmt er ſich jetzt eines jungen Dings an, das er unterrichten läßt mit der Nadel um⸗ zugehen. Das treue Schätzchen hat es mir ſelber lachend erzählt. Denn durch eine gewiſſe Sympathie der Freund⸗ ſchaft gerathe ich immer auf William's Tugendwege und ſtoße mich an ſeine Glaubensartikel. Doch verkenne ich auch hier meinen Beruf nicht, und wo er edle Liebe dichtet, recenſire ich ſie. Ein abermaliges Gelächter brach aus. William er— hob ſich mit einem verachtenden Blicke. Aber man hielt ihn feſt, und bat ihn, Spaß zu verſtehen. Der Neckerei machte ein halb Dutzend neuankommen⸗ der Geſellen ein Ende, die ſich ohne Weiteres mit zum Ban dieſe für ſchle ſpie tommt, Pflau o man „ ver ſeiner silliam allein ir bei noch drei annt⸗ hat eſſern ungen um achend reund 119 Banket und zum dampfenden Würzſekte niederließen. Um dieſes einmal bereiteten Nachtiſches willen gab man es für heut auf, noch anderswohin zu ziehen, und der Vor⸗ ſchlag zu einem Spiele fand Zuſtimmung.— Was aber ſpielen wir? wurde gefragt. Primaviſta oder Treſchak? Mit oder ohne Tiddy? Mit, mit! Nichts da, wir würfeln Es wurde gewürfelt und zwar um hohen Einſatz. Auch William, um ſeine Unruhe und Verſtimmung los⸗ zuwerden, nahm Platz am Spieltiſche. Allein dieſe Un— zufriedenheit mit ſich ſelbſt lockte das Glück nicht herbei: er verlor ſeine ganze Barſchaft und einige Stücke von Werth, die er an ſich hatte. Wie Mitternacht herannahte, trieben die Secundan ien heimlich zum Aufbruch. An der Luſt im Freien empfanden erſt die Fortgeſchlichenen, wie ſehr ſie ſich über nommen hatten. Auch William ſchritt etwas wankend. So langten ſie am Dowgate an, als es eben von Sanct Pauls zwölf ſchlug. Burbadge ſtand ſchon an der Haus treppe, ein Fenſterladen war halb geoͤffnet, der Mond ſchein fiel ſchräg in die enge Gaſſe, und gab hinreichen des Licht. William, verſtimmt durch den Wirrwarr des Abends, ärgerlich durch ſeinen Verluſt, und von dem genoſſenen Wein und Sekt ſchweren Kopfes, gab dem beleidigten Freunde eine Erklärung, die ihn hätte befriedigen kön nen. Auch die Secundanten ließen es nicht an vernünf tigen Vorſtellungen fehlen. Allein Burbadge gab nicht nach. Er hatte der leichtfertigen Frau, wie ſie ſich über 120 1 b William's Zudringlichkeit höchſt gekränkt ſtellte, den fei⸗ gen Flüchtling an der Hausſchwelle zu züchtigen gelobt, 4 und beſtand nun, der am halboffenen Fenſter Lauſchenden zu Gehör, mit prahlenden, beleidigenden Worten auf dem Kampfe. William ahnete nichts von der Tücke des Freundes. Als er aber, von dem ziemlich gewandten Fechter Burbadge hart nach der Schwelle des Hauſes ge⸗ Ac drängt, eine weibliche Stimme ängſtlich flüſtern hörte: fan Schont ihn, guter Burbadge!— begriff er die ihm zu⸗ geſt gedachte Beſchämung.— Ha, iſt es ſo gemeint? rief er muk empört aus. Willſt du hier eine Heldenrolle ſpielen?— ſich Mit den kühnſten Wendungen ging er nun dem Bur— hat badge zu Leibe. Dieſer gab in ſeiner Verlegenheit eine ne 1 Blöße, und William ſtieß im Jähzorn heftig und mit den Worten: Da, Prahler! nach der Bruſt des Gegners. un Mit einem Schrei ſank Burbadge auf die Treppe. 3 Mehrere Nachbarn der engen Gaſſe, durch das b Klirren der Degen geweckt, entriegelten ihre Thüren, V b und ſchrien: Stöcke her! Nachbarn heraus! Stöcke her! William eilte nach der Themſenſtraße hinab, auf das b Blackfriars⸗Quartier los, in welchem ſeine Wohnung lag. n fei gelobt, enden n auf Tücke ndten 8 ge⸗ hörte: n zu⸗ tef er 2— Bur⸗ eine mit ners Drittes Kapitel. Ats William aus kurzem, unruhigem Schlaf erwachte, fand er ſich, nur halbentkleidet, quer auf ſeinem Lager hin⸗ geſtreckt. Er erhob ſich mit trübem Kopfe; ſeine Stim⸗ mung war wüſt, und nicht ohne Anſtrengung beſann er ſich auf die letzten Vorfälle des geſtrigen Abends. Er hatte Burbadge verwundet, vielleicht lebensgefährlich ge⸗ troffen, und wenn die Kampfzeugen ſich unklug oder un⸗ vorſichtig benahmen, ſo fiel er in gerichtliche Unterſuchung und in die harte Strafe, die auf Zweikampf geſetzt war. Zu dieſer Angſt um ſeine Freiheit kam die Beſorgniß um Burbadge. William ſtand auf, um den Freund zu beſuchen, ihn zu verſöhnen und für ihn ſorgen zu helfen, zugleich aber auch zu hören, was er etwa zu ſeiner eige⸗ nen Sicherheit thun könne. Das Licht brannte noch, obſchon der Tag durch die Fenſter ſchimmerte. Spenſer's„Feenkönigin“ lag aufge⸗ ſchlagen und daneben der„S äferkalender“ deſſelben Dich⸗ ters. William pflegte vor Schlafengehen in einer oder der andern Schrift ſeines Lieblings, wenn auch nur we⸗ nige Verſe zu leſen, und ſich in zaubervolle Regionen, oder noch lieber in den Frieden des ländlichen Lebens zu träumen. Er zählte die Tage zu den guten, die mit die⸗ ſem Abendrothe der Empfindung geſchieden waren. Der geſtrige Tag gehörte zu ſolchen nicht. Er hatte, ohne ſich darauf beſinnen zu können, aus angewöhntem Bedürfniß das eine und das andere Buch aufgeſchlagen, aber ver⸗ gebens zu leſen verſucht. Nun fiel ihm auch ein, daß Nelly, ſeine Hauswirthin, nicht wie ſonſt auf ſeine Heim— kehr wach geblieben war. William fühlte einen bittern Vorwurf darin, wie ungern er ſich auch in dem Zuſtande hätte ſehen laſſen mögen, in welchem er heimgekehrt und aufs Bett geſunken war. Nun gedachte er auch der leicht⸗ fertigen jungen Frau am Dowgate, der ſchwelgeriſchen Mahlzeit, der verwegenen Reden und unſaubern Scherze, und wie er ſich nach dem Eckchen in der Schublade um⸗ ſah, wohin er Abends ſeine Barſchaft abzulegen pflegte, hatte er nichts mitgebracht. Dies Alles ballte ſich zu einer troſtloſen Verſtimmung zuſammen. Er machte ſich die heftigſten Vorwürfe, ja er ſtieß Verwünſchungen gegen ſich ſelbſt aus. In dieſer verzweifelten Stimmung überraſchte ihn Nelly, ſeine Hauswirthin, die das Frühſtück brachte. Nelly war die Witwe eines beim Schiffbauweſen ver⸗ unglückten Mannes, der ihr ein Söhnchen und ein arti⸗ ges Vermögen hinterlaſſen hatte. Sie war noch jung, zierlich von Bau, ſittſam und ſinnig in ihrem Thun und Laſſen. Mit lebhaftem Verſtand und wirthſchaftlichem Sinne verband ſie eine eigens zuſammengeleſene Bildung. Sie war nämlich die Tochter des Buchbinders Bill, der für die Königin Eliſabeth, dieſe große Bücherfreundin, und für den Erzbiſchof Parker, dieſen leidenſchaftlichen Bücherſammler, die koſtbaren Einbände zu liefern hatte. Die ganze vornehme Welt Londons, die um des Hof⸗ tones willen Bücher wenigſtens anſchaffte und aufſtellte, ließ d beiten und duuck dunke Herz. unge mit Dich friar wur ürfniß ver⸗ daß Heim ittern ſtande und leicht⸗ riſchen herze um⸗ legte, einer ) die gegen telly, ver arti⸗ jung, und ichem ung der ndin, ichen atte Hof ellte ließ denn auch bei Meiſter Bill, dem Hofbuchbinder, ar— beiten, und das lebhafte Töchterchen Nelly durchblätterte und durchnaſchte Alles, was in der Mutterſprache ge⸗ druckt war. Sie las noch immer gern, und ihr ſchönes dunkelblaues Auge verrieth ein für Poeſie ſchwärmendes Herz. Aus dieſer Neigung für Poeſien hatte ſie auch die ungern entbehrte hübſche Giebelſtube ihres kleinen Hauſes mit der Ausſicht auf ein Stück der Themſe nur einem Dichter vermiethet, als William in der Nähe des Black— friars⸗Theaters, wo er ſpielte und ſeine Sachen gegeben wurden, eine Wohnung ſuchte. Als Nelly mit dem Frühſtück eintrat, war ſte ſchon in vollem Anzug einey ſehr ordentlichen Frau; das Käpp⸗ chen von Grauwerk und die ſilberne Bruſtnadel mit einem Perlenknopfe verriethen die angeſ ſehene Bürgerin. William hielt ſich ſtill, während Nelly ſchweigſam und zögernd aufräumte Endlich konnte ſie doch nicht weggehen, ohne mit ſchmerz lichem Blick und weicher Stimme zu fragen: Wie geht es Euch denn, William? Seid Ihr wohl? So, ſo, liebe Nelly! antwortete er mit erzwungenem Gleichmuthe. Nicht ſo gut, als wenn ich mit deinem freundlichen Gutnacht! ſchlafen gegangen wäre. Ach! was helfen denn meine Wünſche? ſchalt ſie. Ihr habt Euch wieder einmal einen unglücklichen Tag gemacht. Freilich, g Nelly! wenn's bei einem bleibt! Wie übel Ihr ausſeht! Und wie wird Euch erſt zu Muthe ſein! Schändlich, Nelly. Verfluchtes Geſtern! Könnte ich es mit dieſen Nägeln wegtilgen! Nelly ſetzte ſich. Ihr feines Geſicht war lebhaft be⸗ wegt, und ſo hart und heftig ihre Vorwürfe klangen, war doch die innige Theilnahme nicht zu verkennen. Daß Ihr Euch auch niemals zu halten und zu mä⸗ ßigen wißt, ſagte ſte, und Euch ſo viel Leid und wirre Stunden macht! Aber was das Schlimmſte iſt,— dieſe böſen Tage wiederholen ſich jetzt öfter als vormals. Wißt Ihr das, Ihr unordentlicher Mann? Ich wollte, du lögſt, Nelly! rief der Freund ſchmerz⸗ lich aus, und warf ſich in einen Seſſel. Ich verfluche mich ſelbſt. Narren leuchten meine Tage heim, meine Abende verlöſchen wie qualmende Lampen. Ich verwünſche mein Leben. Wie ein Schatten ſtreicht es vorüber. Gleich mir ſelber iſt es ein elender Gaukler, der ein Stündchen raſt, ein Stündchen jammert, und von Niemanden mehr beachtet wird; es iſt eine Zote, die ein Narr erzählt,— es iſt ein Schall, ein Bombaſt, der nichts bedeutet. Nun, nun! Thut Euch nicht Unrecht, guter William! lenkte ſie milder ein. Ihr habt viel Wackeres geſchaffen, und Euer edler Geiſt könnte noch Herrliches thun. Thun? Was iſt dies Thun? rief William bitter aus. Was bedeutet dieſe alberne Gabe der Poeſie? Die Welle, die in einer ſchmuzigen Bucht des Lebens Schaum ſchlägt, und an der hungrigen Düne naſcht,— das iſt der Dich⸗ ter. Habe ich Liebe, habe ich Ehre davone Nur drau⸗ ßen auf hoher See des Lebens bringt man dieſe Güter und Beuten heim. Wenn Euch Poeſie und Kunſt ſo wenig froh machen, ſagte Nelly, ſo ergreift doch etwas Anderes; ein Geiſt wie C Aber 8 Leben dieſe zum ſchm unſe los ſoba Köd den Wo Un t be⸗ ngen, mä⸗ wirre dieſe mals merz⸗ -luche neine nſche Jleich dchen mehr 1 2⁵ wie Eurer kann ja das Leben an hundert Seiten faſſen. Aber Schade wär's doch! Wie ſchlecht verträgt ſich mein Geiſt mit dieſem tollen Leben! verſetzte William. Was will dieſe Glut in mir, dieſe Begier zu ſchaffen, die, noch ehe ſie ſich bethätigt, zum Fluche wird, unbändig, wild, treulos, mordſüchtig, ſchmachvoll! Freuden bietet dieſes Leben aus, und wenn unſer Geiſt ſie erringt, muß er ſie verachten. Vernunft⸗ los jagt er hinter des Lebens Beute her, und haßt ſie, ſobald er ſie gewonnen. Alles wird zu einem giftigen Köder, der uns toll zu machen hingelegt iſt. Wild wer— den wir im Verfolgen, raſend im Genuß des Lebens. Was ich anſtrebe, was ich erringe und umfaſſe, reißt ins Ungemeſſene fort und labt mit Unfrieden. Nach Segen und Heil ringe ich, und erfaßt entwickelt ſich ein Fluch daraus. Was ein Glück ſchien, wird ein Traum; was als Wahrheit lockte, zerrinnt in Täuſchung; denn die Welt ſelbſt, aus Nichts erſchaffen, ſpielt nur den Schöpfungs⸗ fluch ab, auch wieder zu Nichts zu werden. Doch, wem iſt das etwas Neues? Wer aber lehrt uns jenen Himmel meiden, der uns in eine Hölle wirft? Ach! ſeufzte Nelly, daß ich Euch ſo muthlos und in ſolchem Zerfall mit Euch ſelbſt ſehe, mitten in Euerm ſchönſten Lebensſommer! Und mich dünkt doch, es müßte für Euch etwas ſo Leichtes ſein, glücklich oder doch ver⸗ gnügt zu werden. Wenn ich es Euch nur recht deutlich machen könnte! Lenkt doch nur einmal Euern Geiſt und Eure Luſt auf Dinge, die Euer Herz nicht verwerfen muß, und Ihr werdet bald einig mit Euch ſelber ſein Vor Allem ſolltet Ihr Euch von Cuern jetzigen Freunden 126 und Gefährten weglaſſen, und dann Eure herrlichen Ga⸗ ben anbauen. Warum laßt Ihr denn Euer ſchönes Ge⸗ dicht vom Adonis wieder liegen? Erſt hattet Ihr ſo viel Luſt daran. Ach, wenn ich keine andern Sorgen hätte! rief Wil⸗ liam. Wo ſoll ich denn ein dichteriſches Behagen her⸗ nehmen? Sorgen habt Ihr? fragte Nelly betrübt. Ich habe ja doch noch eine hübſche Summe von Euch in Verwah⸗ rung, und anzuſchaffen iſt jetzt nichts. Oder mache ich Euch noch nicht Alles recht? So ſagt doch nur, was Euch fehlt, um bequem und ſorgenlos zu ſein! Oder ſeid Ihr nicht zufrieden damit, wie ich Euer Geld ver⸗ walte, Euere Anſchaffungen mache, Euer Geräth beſorge und Alles, William? Wofür hältſt du mich, gute Nelly? rief der Freund aus. Nein, das iſt es nicht. Du machſt Alles und Alles recht, du biſt verſtändig und treu. Ich bin gehal⸗ ten wie ein Lord. Aber kannſt du auch ſo für mein Herz ſorgen? Ja, du könnteſt wol, Nelly: du biſt rei⸗ zend und anmuthig; aber eigenſinnig und kalt. Liebe, Liebe ſuche ich. O dies Leben, das nicht einmal ein Herz für mich hat! Das iſt ein Leben für Polypen, nicht für Poeten, für Seequappen, für kaltes Gewürm, das ſich im Moder nährt. O Nelly, und du haſt ein ſo treues Herz! ſetzte er hinzu, indem er ſie zärtlich umarmte. Nicht ſo, William! rief ſie, und entzog ſich ihm. Nennt das nicht Liebe, wonach Ihr mit ſolchem Unge⸗ ſtüm trachtet. Was Ihr unter dieſem misbrauchten Na— men ſucht, wird Euch niemals befriedigen, und was Euch n Ga⸗ s Ge⸗ ſo viel †Wil n her⸗ ) habe erwah⸗ reund und gehal⸗ mein ſt rei⸗ Liebe, I ein nicht 127 beglucken könnte— das ſucht Ihr nicht. Nein! Laßt uns nicht vergeſſen, wie wir zuſammen ſtehen wollen. Ein heiteres Wort, ein freundlicher Blick von Euch ma⸗ chen mich recht froh. Und könnte ich Euch zufrieden und glücklich ſehen, ſo hätte ich in aller Welt keinen Wunſch mehr, außer daß mein kleiner Hamneth gedeihen und ein berühmter Mann werden möchte,— ſo begabt wie Ihr, nur nicht ſo unglücklich Ho, ho! lachte William. Wenn man Eins ohne das Andere ſein könnte! Ach das wäre ja traurig! ſeufzte ſie. Es war nicht Ziererei, daß Nelly ſich der zärtlichen Dankbarkeit William's ſo ängſtlich entzog. Im Gegentheil verbarg ſie kaum ihre lebhafte Neigung für ihn, und wehrte nur mit entſchiedenem Ernſte jene ungebundene, unzarte Behandlung und ſinnliche Vertraulichkeit ab, die ſich der Freund, vielleicht von frühern weiblichen Bekannt⸗ ſchaften her, nicht übel nahm. Sie bewunderte den geiſt vollen Mann und beklagte ſeine Unordnungen. Aus zwei ſo widerſprechenden Gefühlen flocht ſich deſto feſter ein Intereſſe für ihn, das Nelly jetzt nicht anders als durch Sorge für ſeine Wirthſchaft und durch Kummer um ſeine Ausſchweifungen zu bethätigen wußte. Sie war von Natur ſinnig, und beſaß bei äußerer Anmuth jene Gediegenheit des Herzens, die eine Frau oft in harter Ehe gewinnt. Sie freute ſich, den Freund behaglich zu ſehen, und wenn ſie einen Vortheil ſuchte, ſo war es kein anderer, als daß ihr kleiner Sohn Hamneth manchmal auf William's Knien ſitzen, und edle Worte oder artige Geſchichten hören durfte. 128 Nachdem Nelly Einiges bei Seite geräumt, fragte ſie aängſtlich, ob William nun geſtimmt ſei, einen Beſuch anzunehmen. Was? rief William, ſind die Gerichtsdiener da? Nelly ſchrie vor Schreck auf. Was iſt geſchehen? fragte ſie. Um Gott, was habt Ihr begangen, William? Wir wollen zu Burbadge ſenden, verſetzte der Freund. Wo bleibt mein Burſche? Wir haben einen Zweikampf gehabt, um Kindereien. Und wenn er nicht in ſeiner Wohnung iſt, zu Lowin. Ich muß wiſſen, wie es um ihn ſteht; ich habe ihn in die Bruſt getroffen, oder— ich weiß nicht wohin. Nelly rang die Hände. Sie wollte ſelber mit dem Burſchen gehn und nachfragen, erklärte ſie. Faßt Euch nur, William, bat ſie, Euere Mutter kommt. Um Gott, laßt die ängſtliche Aite nichts merken! William erſchrak, war verlegen und— ward gerührt, Alles kommt auch heut zuſammen! ſeufzte Nelly. Ich habe ſie abſichtlich nicht beherbergt, ſondern bei meiner Schweſter untergebracht. Ich merkte wol, daß es eine betrübte Angelegenheit iſt, in der ſie kommt. Ich wollte Euch vorbereiten, und auch die Mutter nicht wahrnehmen laſſen, wie ſpät Ihr etwa nach Hauſe kämt. Eben ließ ſich ein Huſten vor der Thüre hören, und die Mutter trat ein,— eine bürgerlich gut gekleidete Frau von ſtattlicher Geſtalt, aber etwas gebeugt, das einſt volle Geſicht ein wenig verkümmert. Stirne und Augen erinnerten an den Sohn.— William empfing ſie mit tiefer, ſtummer Rührung, brachte ſie auf den Polſterſitz, hehen? lliam? Freund. ikampf ſeiner es um et it dem t Cuch Gott, rrührt 31 meiner s eine wollte ehmen , und kleidete das e und ng ſie ſterſit 429 umarmte ſie wiederholt, küßte und hielt ihre welken Hände feſt, während er ſein Geſicht an ihrer Bruſt verbarg.— Die Mutter weinte; Nelly entfernte ſich ſtill. Nicht wahr, ich habe euch lange nicht beſucht? rief William, ſobald ſeine Rührung zu Worte kam. Und habe auch eine Weile nichts geſchickt?— Er warf ſich abermals an ihre Bruſt. Das nicht! erwiderte die Mutter. So bedürftig ſind wir nicht mehr; unſer Geſchäft hat ſich mit deinen Mit⸗ teln gehoben. Der Wollenhandel zieht; es iſt ein ängſt⸗ licher Segen, den dein unſeliges Geld trägt. Unſelig, Mutter? Unſeliges Geld? O mein armer Willy! ſchluchzte ſie. Ich kann es nicht länger auf dem Herzen behalten, ich habe mich auf den weiten Weg gemacht, den ich ſeit fünfzehn Jahren nicht betreten: ich muß deine Seele retten. Warum haſt du uns ſo getäuſcht? Wir haben dich die fünf Jahre, ſeit du von Stratford weggegangen, für einen wohlſtehenden Schreiber gehalten, und müſſen nun hören, daß du bei dem ſündhaften Schauſpiel biſt, und ſogar Sachen erdich⸗ teſt und ſchreibſt, die ſo viel chriſtliche Seelen bethören. Dein Vater iſt außer ſich; du kennſt ſeine Heftigkeit. Und iſt er auch ſehr zurückgekommen, ſo kann er doch nicht vergeſſen, welche Ehrenämter er einſt bei der Stadt be⸗ kleidet hat, und daß er noch immer das ihm vom He⸗ roldsamte bewilligte Wappen führt. Und nun iſt ſein verlaufener Sohn, ſolch' ehrenwerther Abkunft vergeſſend, ein Komödiant geworden. Mein Alter hat in der Wuth ſelber hierher gewollt, ich fürchtete aber, er würde ganz London in Aufruhr bringen, und bin ſelbſt gekommen, Koenig, William Shakſpeare. I 9 um dich zu beſchwören und zu bewegen Verlaß dieſen gottloſen Weg! Komm mit zurück und genieße mit uns, was wir ja dir verdanken. Mit dem Squire Lucy iſt dein toller Streich im Park ausgeglichen, und die Wolle ernährt uns Alle. O mein guter Willy,— nicht wahr, du ehreſt noch Vater und Mutter, und haſt dich noch nicht über das vierte Gebot hinaus gedichtet? O meine geliebte Mutter! rief William. Was ſoll ich auf ſolche Bekümmerniſſe erwidern, in denen mich die Mutterliebe, wenn auch in ſo fremder Sprache, aufſucht? Mutter und Sohn, von einerlei Adern durchwebt, von demſelben Blute durchwärmt, und Herz an Herz gedrückt, ſtehen doch in dieſem trübſeligen Augenblicke zu weit aus⸗ einander, um ſich zu verſtehen. Sie umfaſſen ſich mit Liebe, und begreifen ſich nicht. Alſo auch dieſen Zwie⸗ ſpalt meines Lebens noch, daß Glück und Ruhm, wenn ich ſie erringe, und wie Sonnenſchein auf mein väter⸗ liches Dach fallen laſſe, verwünſcht und angeflucht wer⸗ den! Darum alſo, theuerſte Mutter, kommt Ihr her, um mir die ſchönſte Hoffnung zu vernichten? Einſt wollte ich nach Stratford zurückkehren, die Knabenthorheiten mit meinem Ruhm übergrünen, und die Armſeligkeiten der Jugend mit Seide überkleiden. Soll denn aber mein Verdienſt der Wuth meines Vaters begegnen, und mein Ruhm die Augen meiner Mutter in Flut ſetzen? Ja wol, ich bin der verlaufene Sohn! Ein gemeines Weib, ein ungerechter Vater haben mich von Thorheit zu Thor⸗ heit bis in die Verzweiflung hineingetrieben. Doch— wem erzähle ich das? Liebe Mutter,— wir haben uns ja niemals misverſtanden. Ihr habt mir Euern letzten dem dem? uns! habe Cuch uun Lage Lond 1374 dieſen letzten goldenen Pathenlöffel mit dem Apoſtelbilde auf t uns, dem Stiele zur Wegſteuer zugeſteckt, als ich bei grauen⸗ icy iſt dem Tage über die nebelfeuchte Schwelle floh: ſollten wir Wolle uns mit der alten Liebe nicht auch jetzt verſtändigen? Ich twahr, habe bei meinen Beſuchen niemals über die Sache mit h noch Euch reden können. Hört mich jetzt an, und da Ihr mich nun als Schauſpieldichter kennt, ſo betrachtet einmal meine as ſoll Lage von meiner Seite. Ich kam damals hierher nach nich die London. Wie anders ward mir an der Themſe zu Muth lfſucht? als am Avon! Daheim ängſtigten mich Spießbürger und , von Erbärmlichkeiten der engſten Gäßchen; hier erhob mich edrückt der Anblick eines großen Lebens, kühne Unternehmungen, t aus⸗ glänzende Feſte, fürſtliche Männer, herrliche Frauen, ein ch mit brauſendes Volk, das aus den Tiefen des Lebens hervor⸗ Zwie ſprudelte, in die Abgründe des Lebens hineinſchäumte wenn Und mich kannte Niemand: kein Nachbar blinzte über die väͤter⸗ Schulter auf mich, keine Gevatterin zuckte mit den Mund⸗ ht wer winkeln. Ich durfte meine Hutfeder ſo hoch tragen, als ger, um ich reichte. Eine Weile war ich in der That ein Ab⸗ ollte ich ſchreiber, und ſchwamm ſo in dieſen Wogen mit, wie ein en mit Seeſtern, hin⸗ und hergeſchaukelt. Bald aber mußte ich ten der mir einen bedeutſamern Antheil dieſes großen Lebens an⸗ r mein eignen. Nun ſagt ſelber, Mutter,— welchen ſollte ich d mein nehmen, welchen konnte ich? Freunde hatte ich nicht 1? 3n gleich, keine Familie, kein Gewerbe; ich hatte nur Sinn „Weib für Alles, ich begriff oder fühlte Alles, ich gehörte dem Ganzen an, und mußte mich dem Ganzen widmen. In Thor 4 Le— 6 2 dieſem Volksſtrome hatte das ſonnige Leben eine glänzende haben Abſpiegelung in dem großartigen Volkstheater. Hier ſoll⸗ Guen ten ſich die Freuden und Schmerzen, die Tiefen und Thor⸗ 9* 13² heiten der Menſchheit in bedeutenden Geſtalten zeigen. Machen wir ſie denn dieſe Tollheiten oder auch Tugen⸗ den des menſchlichen Lebens? Nein, wir ſpiegeln ſie ab, der Menſchheit zur Selbſtbeſchauung; wir ſchaffen das Leben nach, wie es Gott geſchaffen. Ich ſah dies füͤr einen großen Beruf an, und ergriff ihn. Nichts iſt ge⸗ ring in der Welt, theure Mutter: es kommt auf den Sinn an, mit dem man es treibt.— Bald ſollte ich mich nicht mehr als bloßen Mitgenoſſen des Lebens, ſondern auch als einen Sohn Englands fühlen. Damals näm⸗ lich, als das ganze Reich bei Annäherung der ſpaniſchen Armada in Bewegung kam, und unſere Königin, das Heer zu muſtern, in das Lager bei Tilbury ritt. Auf einem edeln Streitroſſe, mit einem Marſchallſtabe in der Rechten, jagte ſie dahin; der Stahlharniſch glänzte auf ihrer königlichen Bruſt und dem prachtvollen Anzuge;zihr blondes Haar flatterte, und hinter ihr trug ein Page den Helm mit dem weißen Buſche. Das engliſche Heer und Volk jauchzte einen Sturmwind über die See, und die„unüberwindliche“ Flotte zerſtob. Damals, o meine Mutter, dufteten alle feindſeligen Roſen, die weißen und die rothen zuſammen, und Albion war von Begeiſterung durchwürzt. Die alten Geſchichten, die Ihr ſelbſt mir als Knaben erzählt hattet, Mutter, knospeten bei ſolcher vater⸗ ländiſchen Witterung aus dem Herzen und blühten auf; die alten Kämpfe und Leidenſchaften ſchlugen an das ein⸗ müthige Herz des Vaterlandes. Ihr wißt, ich machte den kurzen Feldzug freiwillig mit, und trage den Degen jetzt mit Ehren. Ich war dann zurückgekehrt;— ich hatte England verſtanden: ich dichtete, und England verſtand zeigen. Tugen⸗ ſte ab, en das ies für iſt ge zuf den ich mich ſondern näm⸗ miſchen in, das Auf in der zte auf gez ihr 1 Page he Heet ee, und ) meine gen und iſterung nir als vater⸗ en auf; as ein⸗ chte den en jebt ch hatte verſtand 133 mich.— Nur meine Mutter verwirft meine Schauſpiele, und mein Vater den verlaufenen Sohn! Die Mutter war von dieſen letzten, ſchmerzlich heraus⸗ geſtoßenen Worten William's ſehr ergriffen, ohne daß ſie doch den Sohn für gerechtfertigt hielt.— Ach, mein Willy, ſagte ſie, du dauerſt mich, und doch muß ich deinen ſündhaften Irrthum bejammern. Aber ich ent⸗ ſchuldige dich: es iſt ein gar verlockender Schein, mit welchem dein bewegliches Herz verſucht worden iſt. So ſiehſt du mit verblendeten Augen nicht, wie du dem Müßiggang eines leichtſinnigen Pöbels dienſtbar geworden biſt, dich auf ſchmähliche Weiſe verkleideſt, dein ehrliches, von Gott gemachtes Angeſicht mit Bart und Schminke entſtellſt, und dich zum Ergötzen der Thoren und Sünder auf einem bemalten und behangenen Pranger geberdeſt und erniedrigſt. Gott hat dir ſchöne Gaben verliehen, ein ehrbares Gewerbe zu treiben, dir und Andern zu nützen, und betend und arbeitend ein frohes Leben zur Ehre deines Schöpfers zu führen. Statt deſſen verbrauchſt du dieſe Gaben, um Narrheiten auszuſpinnen, und Spott und Späße zuſammenzuweben zur Beluſtigung unreiner Herzen. Als Komödienſchreiber putzeſt du, ſo zu ſagen, die Leichen der Geſchichte auf, und handirſt ſie wie wirk liche Geſtalten; als Komödiant machſt du aus deinem eige⸗ nen lebenden Leib einen bemalten und aufgeputzten Leich nam zur Einkehr verſtorbener oder erdichteter Weſen Wie? Und mit dieſem frevelhaften Treiben, mit dieſen Geſpenſtern des Müßiggangs verdienſt du dein Brot, und ſuchſt Ehre und Achtung unter chriſtlichen Menſchen? William ſchwieg aus Unmuth und un ſich nicht gegen 134 ſeine Mutter durch Sprechen zu erhitzen. Er fühlte ſich durch dieſe, der Mutter beigebrachten puritaniſchen Anſich⸗ ten aufs Empfindlichſte gekränkt; und doch dauerte ihn dabei die bekümmerte Alte, die es auch in ihrem Mis⸗ verſtande treu mit ihm meinte. Er mußte ſich überzeugen, daß er das befangene Auge der Greiſin nicht löſen könnte: wie ſollte er ihr Herz beruhigen? Am bitterſten war es ihm, daß er ſich in ſeinem mit Eifer vertheidigten Stand in der That nicht wohl fühlte. Eine ungeſchickte Hand, die er abwehren mußte, hatte doch ganz richtig die wunde Stelle gefunden, die Berührung war wahr, und doch der Griff falſch. Und nun fuhr mit neuem Misverſtande die Mutter fort: Siehſt du, daß du mir ſelber ſtillſchweigend Recht geben mußt! Und nicht ohne Grund haſt du bei deinen Beſuchen in Stratford deine wahren Verhältniſſe ver⸗ ſchwiegen, und uns in dem guten Glauben gelaſſen, du ſeieſt immer noch ein Schreiber. Laßt das jetzt, Mutter! verſetzte er etwas ungeduldig. Ich hatte andere Gründe, heimlich zu thun. Auch hoffte ich auf Glück und Gelingen, als beſte Vermittler, um einſtens meinen Namen bei der Welt, mein Herz bei Euch zu rechtfertigen. Laßt das jetzt; es durchkreuzt mich zu vielerlei Verdruß heute, und— warum, liebe, gute Mutter, ſoll ich mich durch Widerſpruch um die Freude Eures Beſuchs bringen? Nein, ſetzen wir das jetzt bei Seite; bleibt eine Weile bei mir, ſeht Euch London an,— ein anderes Mal verſtehen wir uns beſſer. hlte ſich Anſich⸗ erte ihn n Mis⸗ tzeugen, könnte war es Stand Hand, wunde och der inde die * Recht deinen ſe ver ſen, du geduldig h hoffte ler, um zerz bei t mich e, gute e Eures Seite; — ein 13⁵ Viertes Kapitel. Nelly ſtürzte athemlos herein; wie ſie aber die alte Mutter erblickte, ſuchte ſie ſich zu faſſen.— Es kommen Leute, ſagte ſie mit dem ſorgenvollſten Blick; es wollen Männer zu Euch. Ob ſie Euch jetzt auch recht kommen, Meiſter? Wir wollen einſtweilen hinübergehen, Mutter! Kommt! Sie führte mit ängſtlichem Zwang die Alte fort, und kaum waren Beide in eine Nebenkammer entfernt, als der Sherif mit Gerichtsdienern eintrat. Der in Scharlach Gekleidete ſetzte mit feierlicher Miene und pedantiſchen Umſchweifen auseinander, warum Maſter William vor Gericht und in Haft folgen müſſe. Der Freund blieb während deſſen ganz verdutzt. In andern Fällen nicht ohne Verwegenheit, ſah er ſich doch jetzt einer Gewalt gegenüber, von der ihn kein perſönlicher Muth befreien konnte. Er ſuchte Ausflüchte, that unge hörige Fragen, ſchickte ſich an, zu folgen, und ſchützte dann wieder bald ein dringendes Geſchäft, bald Unwohl ſein vor; kurz, er benahm ſich wie ein Mann, der nicht ohne Schuld, aber ohne Rechtskniffe, unwillig, aber un⸗ gewandt in ſeiner augenblicklichen Lage iſt. Es half nichts, er mußte ſich ankleiden, um dem Sherif zu folgen, und ſo ſehr er dabei zögerte, fiel ihm doch keine Ausflucht vor ſolcher widerwärtiger Gewalt ein. Der Sherif ſuchte —, — ihn zu beruhigen: Newgate ſei ja ganz in der Nähe.— Was! rief William, das Criminalgefängniß!— Es überlief ihn kalt und heiß. Eine Erſchöpfung wandelte ihn an; er warf ſich auf den Polſterſitz. Vor ſeinen Au⸗ gen dunkelte es; er fühlte ſeine Zukunft als eine ſchauer⸗ volle Nacht, die des Sherifs Scharlachanzug wie ein Höl⸗ lenfeuer durchleuchtete. Er erklärte feſt, er würde nicht folgen. Der Sherif winkte den Dienern Gewalt zu brauchen; da ſtürzte Nelly herein. Graf Southampton iſt ins Haus getreten, ſagte ſie. Wartet noch, Sherif, Maſter William bekommt Beſuch von ſeiner Herrlichkeit!— Und dem Freunde flüſterte ſie zu, er möchte doch des Grafen Schutz und Einfluß an⸗ ſprechen.— William erhob ſich, und fühlte ſich erhoben. Der Graf trat herein, maß mit flüchtigem Blicke den Sherif, und faßte mit freundlichem Gruße William's Hand.— Ich komme, hob er an, ſah ſich aber gleich wieder nach dem Sherif um und ſagte: Ihr habt da einen Scharlachhandel? Ein Streit mit Burbadge, Mylord, erwiderte William, hat meinem Degen einen unglücklichen Sieg verſchafft, und die Maſters wollen mir nun einen ebenſo leidigen Sie⸗ geszug nach Newgate bereiten. Ein Zweikampf? lächelte Southampton. Ja wol, Eure Herrlichkeit! fiel Nelly ein, und Lowin mit den andern falſchen Freunden haben die Anzeige ge⸗ macht. Ich war eben aus, und habe alle die Schlechtig⸗ keiten vernommen. Und mit Burbadge iſt es gar nicht einmal der Mühe werth; er iſt noch am Leben. ihe.— — s vandelte een Au⸗ ſchauer⸗ in Höl⸗ folgen. auchen; gte ſie Beſuch erte ſie iß an rhoben cke den lliam's r gleich zabt da Lilliam, ft, und Lowin ge ge lechtig⸗ r nicht Sherif, ſagte der Graf, ich leiſte Bürgſchaft für den Maſter, ich ſtehe für ihn ein. Ich bürge, daß er das Haus nicht verläßt, bis er geſetzlich freigegeben wird. Ich werde hernach Burbadge beſuchen und in Perſon vor das Gericht kommen, wenn es erfodert wird. Es liegen Misverſtändniſſe in der Mitte. Ich werde darthun, daß es gar kein eigentlicher Zweikampf geweſen iſt, ſondern blos eine im Dunkel begangene Unvorſichtigkeit mit dem Degen. Geht nur, ich werde Alles ins Klare bringen. Das Geſetz paßt nicht auf den Fall! Der Sherif verlangte nur eine ſchriftliche Erklärung des Grafen, erhielt ſie, und verließ nun zu William's Freude und von Nelly geleitet das Haus. Ich komme, Euch für die köſtlichen Sonette zu dan⸗ ken, die Ihr mir gewidmet habt, fuhr nun der Graf fort. Eure Herrlichkeit! rief William aus,— es wäre genug, daß Ihr mir meine Kühnheit verziehet. Nicht alſo! verſetzte Southampton. Ihr habt mir wol früher angemerkt, wie ſehr ich Eure Dichtungen ſchätze. Darum dürft Ihr vorausſetzen, daß ich es für keine poetiſche Freiheit, ſondern für Dichtergunſt anſehe, wenn Ihr mir nicht blos ſo ſüße Verſe widmet, ſondern mich ſelbſt, ſo zu ſagen, in Poeſie kleidet. Allerdings hat mich Eure freundliche Huld aufgemun⸗ tert, erklärte William. Wie Ihr in jedem meiner Stücke vorn auf der Bühne ſaßt, war mir Euer huldvolles Auge der Polarſtern, nach dem ich mich richtete. Das Klatſchen der Menge galt mir nur, um mich an die vielen Hände zu erinnern, die bezahlt hatten. Für meine Stücke war Eure Herrlichkeit mein Publicum. So war es früher 138 Nun Ihr aber, ſeit ich Euch meine Sonette überreichen ließ, faſt gar nicht mehr ins Theater gekommen ſeid, glaubte ich, Ihr zürntet mir. Bewahre! lächelte der Graf mit einer wehmüthigen Erinnerung an Roſalien. In der letzten Zeit habe ich meine Abende vertändelt. Ich könnte ſagen, ich hätte ebenfalls ein Schauſpiel geſehen; freilich von anderer, als poetiſcher Täuſchung. Nun werde ich aber wieder zu Euern Dichtungen eilen. Bei alledem, daß ich auf der Bühne Euch oft genug ſo nahe ſaß, bin ich doch niemals dazu gekommen, Euch auch nur zu ſagen, wie ſehr ich Euch ſchätze. Ich unterließ es abſichtlich. Ein ſolches Lob iſt bei unſern jungen Edelleuten zu ſehr zur bloßen Phraſe geworden: ich fürchtete, es möchte Euch aus mei⸗ nem Munde ebenſo wohlfeil erſcheinen, als es von An⸗ dern an Andere geſpendet wird. Mir aber war es ſehr ernſt mit meinem verheimlichten Beifall, von welchem Euch nur meine Augen etwas verrathen haben. Ich wollte Euch kein Gnadengeſchenk des Lobes, ſondern einen reinen Tribut entrichten. Darum komme ich jetzt aus⸗ drücklich in Eure Wohnung, wo ich das Wort allein habe. Damit ſoll es aber nicht abgethan ſein, wir wollen uns künftig näher bleiben. Meine Mutter wünſcht Euch ken⸗ nen zu lernen; da Ihr aber des Ehrenhandels wegen, bis ich die Sache ausgeglichen, in häuslicher Haft ſeid, ſo will ich Euern Beſuch in Southamptonhouſe auf ein an⸗ dermal einrichten. Wenn Euch meine Verbindungen, mein geringes Vermögen in irgend etwas förderlich ſein können, ſo habt Ihr die Schuld, wenn Ihr ſchweigt. Herr meiner Liebe! rief William aus bewegtem Her⸗ rreichen n ſeid, tthigen abe ich hätte r, als der zu zuf der iemals ehr ich ſolches bloßen s mei 1 An⸗ z ſehr velchem . Jch n einen zt aus⸗ n habe en uns h ken⸗ in, bis eid, ſo in an⸗ ungen, ch ſein gt n Her 139 zen, Euer hohe Werth, Euer Verdienſt hat mich mit Allem, was ich bin, Euch dienſtbar gemacht. Ich habe Euch die kleinen Gedichte geſendet, um Euch meine Er— gebenheit, nicht das Ergebniß meiner Dichtkunſt zu zeigen. Zu groß iſt meine verehrungsvolle Neigung für Euch, als daß meine Poeſie reich genug wäre, ſie mit würdigen Worten zu kleiden; vielmehr hoffe ich von Eurer edeln Geſinnung, daß Ihr meinen guten Willen in ſeiner Nackt⸗ heit nicht für verwerflich achtet. Wenn einſt der Stern, der mich durchs Leben führt, heiterer, huldreicher auf mich niederlächelt, und meiner Neigung, die jetzt noch wie eine Bettlerin ausſieht, einige Zier verleiht: dann erſcheine ich vielleicht Eurer wohlthätigen Achtung werther, als jetzt, und darf eher mit meiner Liebe für Euch groß thun; wenn mir auch bis dahin nur mein Haupt vor Euch zu neigen ziemt. Der Graf faßte den Dichter herzlich bei der Hand. Nein, ſagte er, die Schranken, die zwiſchen uns Geburt und Beruf aufgeſteckt haben, ſollen ſo freie, fliegende Seelen, wie wir ſind, nicht hindern, Freunde zu werden. Ich bemerke einen edeln Stolz, ein höheres Trachten an Euch, William. Laßt mich mit der echteſten Freundſchaft, die man haben kann, Euch in Regionen bringen, in denen ſolche Gefühle eher flügge werden, als im Gehege Eures Handwerks. Wenn Ihr, werther Freund, ſetzte er lächelnd hinzu, etwas dichten wolltet, in der Art, wie es unſern Edmund Spenſer berühmt gemacht hat; der⸗ gleichen erzählende und lyriſche Poeſien gelten der höhern Geſellſchaft; ſie werden gedruckt und geleſen; ſie ſtempeln den eigentlichen Dichter und machen ihn bei dem Adel —* 414⁰ geſellſchaftsfähig, während die dramatiſchen Sachen nur als Beluſtigung des großen Haufens gelten. Verſteht ſich,— ich denke anders darüber. Mir geht nichts über den reichen Schatz Eurer Dramen: aber es gilt mir um einen Einſtand in die gute Geſellſchaft. Es iſt etwas dergleichen, wie Ihr meint, ſchon ange⸗ fangen, Mylord! erwiderte William. Nach dieſem er⸗ munternden Beſuche Eurer Herrlichkeit werde ich gute Stunden finden, es zu vollenden. Ich ſchweige noch über den Gegenſtand; demnächſt aber mag er Euch beweiſen, mit welcher Geſinnung ich Euch ſchon vor Euerm freund⸗ lichen Beſuche zugethan geweſen bin. Ich ſehe hier Spenſer's Feenkönigin aufgeſchlagen, be⸗ merkte der Graf. Ihr grollt alſo dieſem alternden Dich⸗ ter nicht, der in ſeinen„Thränen der Muſe“— Nun, ſagt es nur heraus, fiel William ein, Ihr meint,— der ſich über das junge England und über meine Ungelehrtheit ſo ſehr ereifert? Nein, ich grolle ihm nicht. Köonnte ich ihn nur perſonlich kennen lernen. Lebt er wol noch auf ſeinem Gut in Irland? Er war eben dahin gezogen, als ich vor fünf Jahren hierher kam. Nein, verſetzte Southampton. Die Inſurgenten ha⸗ ben ihn von dem ſchöͤnen Eigenthum vertrieben, ſein Schloß verbrannt. Er hatte eben erſt ein junges, reizen⸗ des Landmädchen geheirathet, um an ihrem einfachen Her⸗ zen die treuloſe Roſalinde ſeiner Jugend zu vergeſſen. Wie jammert er mich! rief William. Daß gerade die Dichter in der Liebe ſo unglücklich ſind! Alſo vertrie⸗ ben, der glückliche Hirt,—„der oft die kühlen Schatten der grünen Erlen an Mullas Geſtad beſuchte.“ en nur Verſteht nichts ilt mir ange⸗ em er⸗ hh gute ich über :weiſen, freund⸗ en, be Dich⸗ 1, Ihr d über grolle lernen Er war er kam en ha⸗ —, ſein reizen⸗ n Her⸗ en gerade vertrie⸗ schatten 441 Er ſoll jetzt in London leben, ſagte Southampton. In London? rief William lebhaft aus. Und ich habe ihn noch nicht geſehen! Wo, wo wohnt er? Der Himmel weiß es! antwortete der Graf. Wir haben noch nicht ausforſchen können, in welchem Winkel er ſich verborgen hält. Ich fürchte, ſein Unglück hat ihn menſchenſcheu gemacht; ſonſt würde er ſich wenigſtens ſei⸗ nen Gönnern zeigen.— Ihr habt den Triumph, mit dem Schauſpiel in der Gunſt des Volks zu ſegeln, indeß Jener mit der Vorliebe der Großen— wer weiß in welcher Bucht auf dem Sande des Elendes feſtliegt. Nach manchen lebhaften Geſprächen ſchied der Graf herzlich, und William geleitete ihn vor das Haus. Zu⸗ rückkehrend, fand er Nelly am obern Treppengeländer. In der Freude umfaßte ſie ſeinen linken Arm. Ihr ſeid frei, William, rief ſie, und habt einen hohen Gönner gewon⸗ nen! Nicht wahr, Mutter! fuhr ſie, das Zimmer öffnend, fort: wir haben zuletzt ein wenig gelauſcht? Welch' ein edler Menſch iſt dieſer ſchöne Graf! O William, das iſt ein guter Umgang für Euch! Dafür könnt Ihr ſchon Manchen Eurer bisherigen Geſellen fahren laſſen! Nach Southamptonhouſe ſeid Ihr eingeladen. Nun, Mutter, warum noch ſo niedergeſchlagen, und ſeht Euern Sohn ſo hoch geſchätzt? Ich beklage ihn, und er dauert mich umſomehr! ſeufzte ſie. Wie ſoll er zur beſſern Erkenntniß kommen, wenn er von ſo vornehmen Leuten beſtärkt wird? In dieſer Stadt, ſehe ich, iſt Alles von derſelben Thorheit und Sünde ergriffen, Vornehm und Gering, und ihr werdet es nicht eher einſehen, bis die Stadt wieder von — — 3——— ———— 142 der alten Peſt heimgeſucht wird, die auch keinen Unter⸗ ſtimm ſchied zwiſchen Vornehm und Gering macht. Alsdann und ſchließt ihr eure Theater wieder. Wie oft waren ſie ſchon dder geſchloſſen, und die Züchtigung des Herrn iſt an euch Salſ verloren gegangen! wie William hörte mit unvermögendem Kummer dieſen 68, beharrlichen Glauben an. Er ſann viel darüber nach, Mor wie er der guten Frau beikommen könnte, und fiel end⸗ und lich auf den Gedanken, ein großes, bedeutendes Bühnen⸗ nach ſtück müßte ſeine ſonſt gefühlvolle und früher ſo ſchwärme⸗ war riſche Mutter ergreifen, und auf andere Anſicht bringen. haft Er beſprach ſich mit Nelly darüber, die ihm aber ent⸗ theil ſchieden abrieth, der guten Alten einen ſolchen Vorſchlag ihn zu thun, der ſie kränken könnte. So blieb ihm, um Gng ſeine Mutter nicht ganz troſtlos zu entlaſſen, nur das Verſprechen übrig, daß er einſt die Bühne und die Stadt mit verlaſſen, und ſich nach dem traulichen Stratford zurück⸗ V ziehen werde. ſtr Mit dieſer Hoffnung kehrte die erquickte Mutter nach in einigen Tagen wieder heim. de ℳ lun Aw . ber Fünftes Kapitel.— —— gef 3 Ei William brachte den übrigen Tag in einer aufgeregten 1' Stimmung zu, wie ſie bei begabten, aber unbefriedigten 3 Menſchen nicht ſelten einkehrt, wenn auf körperliche Ver⸗ nter dann chon euch teſen nach end⸗ nen⸗ me⸗ gen ent⸗ hlag um das tadt ruck⸗ nach gten gten Ver 443 ſtimmung, auf Reue und Mismuth, auf eigene Vorwürfe und fremde Engherzigkeit irgend ein muthiger Gedanke oder ein ſpannendes Ereigniß folgt, und das gedrückte Selbſtgefühl erhebt. Ein einziger guter Einfall zückt oft wie ein Blitz durch das dumpfe, ſchwüle Gemüth, reinigt es, und verklärt die trübſten Stunden.— Jene bittern Morgengefühle William's ſchlugen ſich immer mehr nieder, und ſeine Zufriedenheit beſtärkte ſich. Sein Leben ſchien nach einer ſtürmiſchen Nacht wie durch einen Ruck uner⸗ wartet in eine höhere Region gehoben;— er fühlte leb⸗ haft, daß er auch Höheres zu leiſten habe. Die Vorur⸗ theile ſeiner Mutter, ſeines Vaters Entrüſtung durften ihn nicht länger bekümmern und aufhalten, er war allem Engen, wie allem Niedern entrückt. In dieſer Stimmung durchwühlte er eine kleine Lade mit Handſchriften. Wo er ſeinem, bisher in des Vaters Weiſe geſchriebenen Namen„Shaxper“ begegnete, durch⸗ ſtrich er ihn, und ſchrieb ihn bedeutſam und prunkender in„Shakſpeare“ um. Endlich fand er die geſuchten Hefte der beiden Dichtungen„Venus und Adonis“ und „Lukretia“. Beide waren ſchon vor ſeiner Ueberſiede⸗ lung nach London, auf träumeriſchen Spaziergängen am Avon entworfen und auf einzelnen Blättern niedergeſchrie⸗ ben. Vor Kurzem hatte er aber das Gedicht„Venus und Adonis“ wieder hervorgeſucht und auszuarbeiten an⸗ gefangen. An Adonis hatte er, wie durch eine glückliche Eingebung, ein wahres Abbild des ſchönen Grafen ge⸗ zeichnet, zu dem er ſeit längerer Zeit eine faſt verliebte Zuneigung hegte. Dieſe Vorliebe mochte wol zuerſt an die ſchmeichelhafte Aufmerkſamkeit des Lords für William's — 444 erſte ohne ſeinen Namen aufgeführte Stücke angeknüpft ſein; allein des Dichters Sinn für die Schönheit und die geiſtigen Vorzüge des jungen Grafen ſpann jene Em⸗ pfindung zu einer gewiſſen Schwärmerei aus. Dies wieder hervorgeholte Gedicht wollte William nun ſchnell fertigen, feilen und als Einſtand in die vornehme Welt drucken laſſen, dazwiſchen aber ſich nach neuen Fa⸗ beln zu Schauſpielen umſehen. Er fühlte einen Drang in ſich, neue, ungemeine Geſtalten und Lebensſchickſale darzuſtellen. Tiefere Schmerzen, eine edlere Luſt, als in ſeinen bisherigen Stücken, ſollten Worte finden. Er zweifelte nicht, wie er an des gräflichen Freundes Hand nur noch einige Schritte aufwärts zu thun habe, um eine unabſehbare Zukunft vor ſich zu erblicken; ſo werde er auch neue Gegenſtände, unerhörte Begebniſſe für ſeine Poeſie finden. Während der Freund in ſolchen Gefühlen und Vor⸗ ſätzen ſchwärmte, hatte der Graf durch Zuſpruch und ein anſehnliches Geſchenk den verwundeten Burbadge verſöhnt. Der Blutverluſt und die Hoffnung baldiger Wiederher⸗ ſtellung hatten den Heldenſpieler ſehr weichmüthig ge⸗ ſtimmt, und nachdem er geeignete Erklärungen über Irr⸗ thum und Misverſtändniß in der Streitſache bei Gericht abgegeben, war der Handel durch des Grafen Anſehen leicht niedergeſchlagen worden. Southampton benachrichtigte William, um ihn der läſtigen Haft zu entheben, ſchriftlich vom guten Ausgang der Sache. Wie der Freund, das Billet erbrechend, ans Fenſter trat,— es war gegen Mittag— fiel ihm auf der Straße ein junges Frauenzimmer auf, dem ein Page eknupft und die 2 Em⸗ im nun rnehme en Fa Drang chickſale als in Er Hand m eine rde er ſeine erſöhnt derher ig ge⸗ r Irr Gericht inſehen hn der lsgang d, ans m auf Page 1+ ohne Livree, aber gut gekleidet, vorausging. Geſtalt und Gang erinnerte ihn, er wußte nicht gleich an welche Bekannte. Wie ſie eben unter ſeinem Fenſter hinſchwebte, erkannte er in ihr jene reizende Fremde, für die er in der Lombardſtraße gegen ihren Verfolger den Degen gezo⸗ gen und nachdem ſie verſchwunden, ſeither geſchwärmt hatte.— Ja, ſie iſt es! rief er, und würde ihr ohne weiteres gefolgt ſein, wenn er gehörig gekleidet geweſen wäre. Bis er aber Hut und Mantel herbeiholte, fiel hm ſeine Haft ein. Aergerlich durchlief er das Billet des Grafen, und ſah ſich frei. Nun hielt ihn nichts mehr, er eilte fort, die Straße hinab, glaubte die Schöne noch an der Ecke nach der Paulskirche zu erblicken, und drängte ſich durch die Menſchen, die von Cheapſide herab urch Paternoſter⸗Row kamen. Die Zpiſchengaſſe hatte inen Durchgang unter der Halle eines überbauten Hau⸗ ſes. Rechts und links führten einige Höfchen zu ver— ſteckten Wohnungen. Hier war ihm die verfolgte Schöne plötzlich verſchwunden. War ſie in eine der Wohnungen oder in das hübſche Haus über der Durchgangshalle, oder durch dieſe ſelbſt weiter gegangen: dies war das Räthſel, vor dem William um ſo verdrießlicher ſtehen blieb, als günſtig die kleinen Zufälligkeiten geweſen wa⸗ ren, die ihn eben gelockt hatten, um ihn abermals zu täuſchen. Erſt hat er ſich in der leichtfertigen Frau am Dowgate geirrt, und gerade während er um dieſer un⸗ glücklichen Thorheit willen ins Haus gebannt iſt, führt der Zufall jene Unbekannte vorüber, nach der er ſeither wochenlang vergebens ſuchend, ſich umhergetrieben hat. Ja im Augenblick ihrer Erſcheinung löſt ſich durch des Koenig, William Shakſpeare. I. 10 146 Grafen Gunſt ſeine Haft; er eilt ihr nach, er beſinnt ſich ſchon auf das entzückteſte Wort, womit er ſie am Ge⸗ wand ergreifen will, und— ein ſchadenfrohes Misge⸗ ſchick entreißt ſie ihm vor den Augen. Mit dieſer Betrachtung wandelte William kleinmüthig nach Hauſe, und erfuhr jetzt, was Misvergnügten oft be⸗ gegnet, daß ſie nämlich hinter ihrem Misgeſchicke gern ein Zuſammenwirken wunderbarer Verhängniſſe ſuchen, wäh— rend der Glückliche die Gunſt des Lebens ohne ſchwere Gedanken hinnimmt und genießt. Sechstes Kapitel. Thekla hatte das Haus unter der Durchgangshalle be⸗ treten, und fand oben am Ende eines etwas düſtern Ganges einen ſtattlichen jungen Mann, eben im Begriff, ihre verſchloſſene Stubenthüre wieder zu verlaſſen. Sie winkte den Pagen weg, und öffnete. Kennt mich die ſchöne Roſalie noch? fragte eintretend der Beſuchende. Sie blickte ihn ſchärfer an und erröͤthete. Dieſer Purpur galt der plötzlichen Erinnerung an den beſchä⸗ menden Vorfall in Southamptonhouſe. Damals, vor dem Feſtmahle zu Ehren des niederländiſchen Geſandten, hatte dieſer junge Mann ſich ihr vorſtellen laſſen, und war, innt ſich m Ge Misge⸗ nmüthig oft be gern ein wäh⸗ ſchwere halle be düſtern Begriff n. Sie intretend Dieſer beſchi vor dem en, hatte nd war 447 wenige Augenblicke darauf, Zeuge ihrer Demüthigung geweſen. Sir Francis Bacon? lächelte ſie. Zu mir? Welch ein glückliches Gedächtniß, liebenswürdige Ro— ſalie! erwiderte Bacon. Oder dürfte ich etwas davon auf mein Glück rechnen? Erlaubt mir dieſe Hand, die eine Ewigkeit von Küſſen fodert! Indem er ſie an der Hand faßte, trat ſie zurück und fragte mit Unruhe: Woher, Sir Francis, kennt Ihr meine Wohnung? Mein Verſteck? Ihr wißt nicht, holde Liebenswürdigkeit, ſagte er be— fangen, daß ich Philoſoph bin, und mithin eingeweiht in die hohe Wiſſenſchaft, das Verborgenſte zu ergründen Sollten wir nicht ſo gut, als den Lauf der Geſtirne, den Wandel eines liebenswürdigen Mädchens berechnen können? Meinen Wandele rief ſie empfindlich. Ich bitte mir aus, was Ihr unter meinem Wandel meint! Was könnt Ihr meinem Wandel nachſagen? Ihr misverſteht meinen Ausdruck, Theuerſte! wendete Bacon ein. Verzeiht! Man braucht dies Wort von den Geſtirnen. Ich wollte nur ſagen— Ihr ſollt nichts ſagen! Ich will nicht misverſtehen! verſetzte ſie erröthend. Ich will nur wiſſen, von wem Ihr meinen heimlichen Aufenthalt erfahren. Ich wechsle meine Anzüge, die Stunden meines Ausgangs, wähle die einſamſten Gaſſen zu meiner Heimkehr; ich lebe ſtill, ſehe nur durch die Vorhänge ins Gewühl der Gaſſe hinab, ich blicke vorſichtig um, wenn ich meine Wohnung aus- und eingehe. Auch ſeid Ihr mir ja nicht gefolgt; 10* 148 Ihr wart ſchon hier. Wie habt Ihr meine Wohnung gefunden, ja mein Zimmer? Der Graf Southampton hat mir vertraut,— ver⸗ ſetzte Bacon zögernd; aber Thekla fiel ins Wort: Was! der Graf hat es Euch verrathen, daß er mich— 2 Und beſucht mich nicht mehr, ſeit— ſo viel Tagen, und ſchickt Euch hierher, und verräth meine Einſamkeit? Bacon war ſehr betreten.— Hattet Ihr es ihm ver⸗ boten, theures Mädchen? fragte er. Beruhigt Euch, ich bin ſein vertrauteſter Freund, ein verſchwiegener Freund. Verboten, ich? zuͤrnte ſie. Es war ſein Wille; ich lebte, wie es ihm gefiel; ich that was er wünſchte. Ich hatte nicht Urſach ein Geheimniß aus meiner Liebe zu machen: aber er, der Verlobte! Nun, bleibt er erſt weg, und verräth dann.— Oder— was? Soll unſer Ver⸗ hältniß vielleicht kein Geheimniß mehr ſein? Will er es bekannt werden laſſen? Hat er mit Eliſabeth Vernon ge⸗ brochen? Und ſoll ich für Das gelten, was ich ihm bin? So ſprecht doch, Sir Francis! Warum kommt aber Hein⸗ rich nicht mit Euch? Wozu ſchickt er Euch her? Euch allein? Das Alles war ſo leidenſchaftlich geſprochen, die Be⸗ wegungen Thekla's verriethen einen ſo tiefen Aufruhr ihres Gefühls, daß der ſonſt weltgewandte junge Mann nicht unbetreten blieb. Lächelnd ſuchte er nach Ausflüchten; während es ihn bei überwiegender Gemüthskälte im In⸗ tereſſe des Seelenbeobachters lockte, dieſe leidenſchaftlichen Regungen und— ſo zu ſagen— dieſe auf unſichtbarer Folter zuckende Schönheit zu betrachten. Antwortet mir, Sir Francis! rief Thekla. ung 49 Bacon, der nicht errathen konnte, wie es gemeint ſei, und worauf es eigentlich dem leidenſchaftlichen Mädchen ankomme, zögerte, um ſich auf etwas Beſchwichtigendes zu beſinnen, die Worte heraus: Ihr ſprecht von meinem Wag⸗ niß,— und allerdings hätte mir des Grafen Aufmun⸗ terung, Euch zu beſuchen, nicht genügen dürfen, geradezu, ohne Euer Vorwiſſen, hierher zu kommen. Muß ich mir aber ſolche Vergunſt nicht von Euch ſelbſt erflehen? Seht, darum erſcheine ich eben! Auch gereicht es mir zum Ver⸗ gnügen, Euch, mein liebes, heftiges Kind, zu hinterbrin⸗ gen, daß der Graf, auch wenn er Euch nicht mehr be⸗ ſuchen kann, doch für Eure Bedürfniſſe ſorgen, und Euch aller Verlegenheit überhoben ſehen will, beſonders im Falle Ihr eine Ueberfahrt nach Frankreich— oder den Niederlanden— Ueberfahrt? ſchrie ſie, als ob das Wort ein Dolch wäre, und ſetzte nach einer Pauſe ſchmerzlich ſanft hinzu: Hat der Graf Heinrich in der That von einer Ueberfahrt nach Frankreich geſprochen? Ich ſage Euch, rief Bacon lebhaft,— es darf keine Rede davon ſein. Ich habe dem Grafen auch gleich er⸗ widert, wir dürften keinen ſolchen Verluſt erleiden, wir müßten dieſen Juwel von Liebenswürdigkeit in London feſt halten, und in Gold faſſen. Und da hat er Euch, Sir Francis, zum Juwelier er koren? fragte ſie mit erbittert heftigem Tone. Jetzt glaubte ſich Bacon in Thekla's Stimmung zu finden.— Liebenswürdige Roſalie, ſagte er, Ihr thut meinem Freunde Unrecht, Southampton weiß gar wol, was er abtreten kann. Abtreten? unterbrach ſie ihn. Aufgeben wollt Ihr ſagen. Hattet Ihr es nicht in dieſem Sinne gemeint? fragte er. Nun ja! ſeufzte ſie. Was wolltet Ihr ſagen? Mein Freund weiß gar wol, fuhr er fort, daß es Juwele gibt, die ſelbſt beſtimmen müſſen, von wem ſie umfaßt,— ich ſage gefaßt ſein wollen. Der Graf hat mir erlaubt, wegen Eurer Wünſche bei Euch anzufragen. Ich komme zu hören, worin Ihr eines Freundes bedürfen möchtet. Ihr wohnt hier im lebhafteſten Theile der Stadt; aber es bleibt ſehr wahr, was die Lateiner ſagen:„Eine große Stadt,— eine große Einſamkeit.“ Wahrlich, nichts Anderes, als eine kümmerliche Einöde iſt jede Lage, in welcher uns wahre Freunde fehlen. Die Menſchen wiſſen wenig davon, was Einſamkeit iſt, und welch' einen weiten Umfang dieſer Begriff hat. Denn ein Haufen iſt keine Geſellſchaft, und wo die Liebe fehlt, ſind Menſchen⸗ geſichter nichts weiter, als eine Galerie von Bildern, iſt ihre Rede nur eine klingende Schelle. Dürfte ich nun, ſchöne Roſalie, mich Euch zu dem anbieten, was abermal die Römer ſo ſchön ausdrücken, zum Theilnehmer Curer Sorgen; falls Ihr, wie unſere Damen, Latein verſteht,— parliceps curarum? Wer es gewußt hätte, auf welch' leichtfertiges Unter⸗ nehmen hin Sir Francis die Treppe herauf gekommen war, hätte über dieſe ſchwerfällige Gutmüthigkeit lachen müſſen, in welche hinein ihn Thekla mit ihrem ungeſtümen Weſen verſchüchtert hatte. Das leidenſchaftliche Mädchen Ihr nt? Ige, chen nen iſt hen⸗ 4⁵¹ gab auch wenig auf ſeine weiſe Rede Acht: auf einen Polſterſitz hingeſunken, überließ es ſich den bitterſten Em⸗ pfindungen.— Er hat mich verlaſſen! rief Thekla aus, und wiederholte noch ſchmerzlicher die Worte: Er will mich abtreten! Sie brach in Thränen aus bis dem reichlich ſtrömen⸗ den Leid neue ſtürmiſche Leidenſchaft folgte.— Abtreten? rief ſie, und erhob ſich gegen Bacon. Ich will verſchmach⸗ ten in dieſem üppigen London, ich will mich drunten an Broken Wharf in die Themſe ſtürzen, wenn ſie von der Meeresflut anſchwillt: aber ich will nicht abgetreten ſein. Ich habe mich dem Grafen hingegeben: ich habe ihn ge⸗ liebt. Ich baute auf ſeine Ehre, und habe kein Verſpre⸗ chen verlangt. Nun ſind meine Hoffnungen, meine Zu— kunft, mein Bewußtſein zuſammen gebrochen. Er wird ſich beruhigen, und ich werde zu Grund gehen. Was bleibt mir noch, als daß ich ihn haſſe und verachte? Geht, Sir Francis, und ſagt ihm, er ſei nicht beſſer, als alle ſchmählichen Männer. Oder bittet ihn, daß er mich noch einmal beſuche, und ich will ihm ſein ſchönes Geſicht zeich⸗ nen zur Warnung aller Welt. Ich will nichts von ihm! Sagt ihm das! Und nichts von Euch! Geht, Herr Phi⸗ loſoph, und macht, daß Ihr mit Weisheit die Treppe hinab kommt; herauf hat Euch doch die Thorheit geführt. Ihr ſollt nicht auch, wie Euer Freund, hohnlächelnd über ein fremdes Mädchen aus dieſem Hauſe ſchleichen, weder um Mittag noch um Mitternacht. Geht, und laßt die Vor⸗ würfe nicht kalt werden, die Ihr dem Grafen von mir zu überbringen habt. Sie warf ſich abermals auf die Polſter, und preßte, 41⁵² die Thränen zu verbergen, ihr Angeſicht in beide flache Hände; ihre Bruſt ſchlug von zurückgehaltenen Seufzern. Sir Francis ſtand betreten und verwirrt vor ihr, und wußte ſich nicht zu helfen. Sein Misgriff ward ihm nun klar. Er war im Auftrage Southampton's da, um mit Roſalien ein freundſchaftliches Abkommen zu treffen. Denn es reute den Grafen, daß er ſein vertrauliches Verhältniß mit ihr nur ſtillſchweigend abgebrochen, und nicht zart genug gelöſt hatte. Er hoffte die Sache durch Bacon gut zu machen, der ſich für Roſalien lebhaft intereſſirte. Nun fühlte ſich Sir Francis beſchämt, daß er, anſtatt des Freun⸗ des Anliegen rein zu beſorgen, ſeine eigene Liebesbewer⸗ bung eingemiſcht, und ſo vielleicht Beides verdorben hatte. Er fand nun keine andere Auskunft, als ſich für diesmal zurückzuziehen, ohne doch für immer abzubrechen. Er legte einen werthvollen Ring auf das Tiſchchen und ſprach ziem⸗ lich kleinlaut: Verzeiht, edle Roſalie,— ich habe Euch ſehr betrübt. Wahrlich ohne Abſicht! Ich gehorche Euche jetzt und gehe. Aber ich laſſe ein kleines Pfand zurück, daß ich wiederkomme, und Euch Angenehmeres ſage. Ich werde noch einmal ernſtlich mit dem Grafen reden. Solltet Ihr meines Rathes und Beiſtandes früher bedürfen: ſo ſendet nur nach Grays Inn, wo ich wohne. Er wendete ſich zu gehen; doch Thekla, raſch aufgeſprun⸗ gen, rief ihn zurück.— Ihr habt mich getäuſcht, ſagte ſie; denn ſeht nur,— Ihr ſeid ganz weich und reumüthig ge⸗ worden. Ha, ich errathe es,— der Graf hat Euch nichts geſagt, Ihr habt es auf eigene Hand hinter ſeinem Rücken verſucht, hierher zu kommen, und mich in Verſuchung zu führen. Geſteht es nur! Nennt Ihr Cuch nicht einen Phi⸗ flache ern und nun mit Denn ltniß zart jatte smal legte iem Euch Cuch urück, volltet n. ſo rrun⸗ eſie; g ge⸗ nichts ücken 3g zu Phi⸗ 153 loſophen? Philoſophen ſind Betrüger; ſie lehren ohnehin, was wider die gemeine Wahrheit iſt; ſie ſpielen mit uns um hohle Nüſſe, und bringen uns mit Spitzfindigkeiten um allen Kern des Lebens. Und Ihr ſolltet gegen ein armes Mädchen ſchonender verfahren, etwa weil Ihr jung und artig ſeid? Bekennt nur,— der Graf weiß nichts von dieſem Beſuche. Geſtehet nur gleich ein, ich bitte Euch! Wenn Ihr's gern haben wollt! lächelte Sir Francis. Nicht, nicht? rief ſie. So rechtfertige dich, du Philo⸗ ſoph, und ich will deinen Ring annehmen. Sage, was der Graf von mir erzählt. Wenn du das Rechte weißt, kannſt du es nur von ihm wiſſen. Nun, du weißt alſo nichts?— Ha, ha! Gar nichts weiß er! hr Meint Ihr, ſchöne Roſalie, was Ihr ihm bei Charing Croß nach Sonnenuntergang erzählt habt? ſchmunzelte Bacon. Bei Charing Croß? Iſt das Alles, was Ihr wißt, Sir Francis? erwiderte ſie. Dort haben uns viele Men⸗ ſchen zuſammen ſprechen ſehen. Ich nicht! fuhr Bacon fort. Auch habe ich erſt jetzt von dem Grafen Eure wahre Geſchichte vernommen. Ihr wart nämlich nicht ohne guten Grund unter fremdem Namen in Southamptonhouſe aufgetreten. Der Gemahl Eurer Schweſter hatte ſich als ſpaniſcher Ausſendling ver dächtig gemacht, und war entflohen. Ihr und die Schwe⸗ ſter, von dem Böſewicht hintergangen, wart in Angſt und Noth zurückgeblieben. Die Schweſter ſtarb aus Kummer, und um nun nicht etwa als Schwägerin jenes verdächtigen Menſchen in Verlegenheit zu kommen, nahmt Ihr den nie⸗ derländiſchen Namen an, der Euch und die Familie Sout⸗ 154 hampton in ſolche Verlegenheit brachte. Ihr heißt) eigent⸗ lich Roſalie Zanotti, und der Graf, mein Freund, hat Euch ſeitdem dieſe Wohnung gemiethet, und für Euch ge⸗ ſorgt.— Nun, meine theure Freundin, weiß ich das Rechte?— Und von wem kann ich es wiſſen? Geſorgt hätte er für mich? rief Roſalie. Spricht der Graf ſo? Alſo nicht mich geliebt? O hört doch,— geſorgt! O der Heuchler! Und nun ſollt Ihr für mich ſorgen, nicht wahr? Was? Bin ich denn nur da, um für mich ſorgen zu laſſen, und der ſchenkenden Hand zum Spiel zu dienen? Ihr ſollt Alle verwünſcht ſein, Alle, Alle, die ihr für mich ſorgen wollt! O deutet es doch ſo nicht! bat Bacon. Erkennt viel⸗ mehr, welch' ein Vertrauen unſer geliebte Graf Heinrich in mich ſetzt. Und wenn er, in Familien⸗Angelegenheiten verſchlungen, die Sorge für Euch auf mich überträgt, ſo ſeht doch darin weiter nichts, als wie werth er mich eben hält, weil er Euch wohl will. Ich bin ſtolz auf des Gra⸗ fen Freundſchaft, und ich würde noch glücklicher durch eine Gunſt ſein, die Ihr von ihm auf mich übertrüget. Thekla wendete ſich mit verachtendem Blick zu einer heftigen Erwiderung raſch um; aber Thränen überſtürzten ihren Zorn. Nach einem Weilchen ſagte ſie ſanft: Hier, Sir Franeis, nehmt Euren Ring zurück. Die Glücklichen mögen Ringe tragen, die noch auf Männer und auf Liebe vertrauen, die noch einen ſtillen Bund haben, deſſen ſie mit heimlicher Luſt gedenken,— Hoffnungen, Träume, Selbſt⸗ täuſchungen, die ſich Stunde für Stunde am Goldfinger abzählen laſſen. O, Sir Francis, ich weiß es, wer mich um dies Alles gebracht hat. Ich kenne dieſe Alice! Bei 1⁵⁵ nt⸗ allen Heiligen, es wird eine Stunde kommen, wo ich es hat ihr gedenke. Gott vergebe es ihr! Ich nimmer! ge⸗ Sie nöthigte dem kalt verlegenen jungen Manne den as Ring wieder auf, indem ſie ihn mit den Worten nach der Thüre drängte. Geht, ſagt dem Grafen, daß ich ſelbſt für icht mich ſorgen werde. Ich verwünſche die Beweiſe ſeiner Theil⸗ — nahme, die nur aus einem kalten, liebloſen Herzen kommen. nich Ich verwünſche, daß ich ihn je geſehen! für Hinter dem Abgegangenen verſchloß ſie das Gemach, um warf ſich in ganzer Länge auf den mit welken Binſen be— lle, ſtreuten Boden, und überließ ſich der ungemeßnen Empfin⸗ dung,— ſie möͤchte nicht mehr aufzuſtehen brauchen. el⸗ rich— ten ſo&. ben Siebentes Kapitel. ra⸗ eine Wirklich blieb Thekla eine Weile ſo liegen. Doch, wie iner wunderbar wechſeln die Empfindungen der Seele! Als der zten Schmerz nachließ, der in ſeiner Heftigkeit nicht dauern ßier, konnte, betrachtete ſie ihre eigene dahingeſtreckte Geſtalt. Sie hen gefiel ſich in ſolchem heftigen Ausdruck ihrer Gefühle, und iebe ſog bei der Nachempfindung Deſſen, was ſie aus Liebesleid mit zu thun fähig geweſen, eine mit Eitelkeit verſüßte Er⸗ bſt⸗ quickung ein gger Wie es nun aber Nachmittags in der Gaſſe wieder nich lebhafter ward, das Treiben des Volkes, Lärm und Lachen durch das offene Fenſter herein ſcholl, raffte ſie ſich empor 156 und blickte hinaus. Matter Sonnenſchein lag dauf den Dächern; alle Welt regte ſich ſo geſchäftig und froh. Thekla ward erſt wehmuͤthig, bald aber gewann doch ihr leichter Sinn dieſem Treiben eine Theilnahme ab. Es ward ihr, wie nach überſtandner Krankheit, leicht ums Herz, ſo ſelt⸗ ſam mattigkeitswohl; ſie athmete jetzt in ein unbeſchrünktes Leben hinaus. Von einer doppelten Rückſicht, ſich nämlich verborgen zu halten und unbeſtimmter Beſuche eines Freun⸗ des gewärtig zu ſein, fühlte ſie ſich entbunden.— Jede Leidenſchaft iſt eine Tyrannin, und ſo ſehr iſt Freiheit das Element unſerer unſterblichen Seele, daß auch hinter der leidenſchaftlichen Liebe her ein verlaſſenes Herz, wenn es nur irgend von einer heitern Sinnesart begleitet wird, den erſten Troſt in dem freien Aufathmen von ängſtlichen Gewohnheiten findet. An der Stelle der täglichen ſüßen Erwartungen gewinnt eine reizende Willkür die lockendſten Fernſichten. In dieſer träumeriſchen Stimmung blieb Thekla einige Tage ſtill zu Hauſe; dann aber, bei wiederkehrendem An⸗ blicke der lauten, hin- und hertreibenden Menge ward ſie unruhig. Sie dachte daran, wieviel Menſchen ſich jetzt an die Putzläden drängten, hinaus nach Finsbury wandelten, oder nach Brentford führen, wohin ſie durch Southamp⸗ ton's Veranſtaltung an beſuchten Tagen einigemal gekom⸗ men war. Sie ſehnte ſich ins Freie. Hätte ſie nur als lediges Mädchen ohne männlichen Schutz nicht die Zudring⸗ lichkeit der Modeherren oder den Spott des Volkes zu fürchten gehabt. Ihr Page war nur ein Miethling für die nothwendigſten Ausgänge in beſtimmten Stunden des Tages.— Dazwiſchen fiel ihr doch auch wieder ihr künf⸗ nige An⸗ ſie an ſten, mp⸗ im als 157 tiges Fortkommen ein. Sie überſchlug ihr vorräthiges Geld, und begriff jetzt, warum der Graf ihr bei ſeinem letzten Beſuch eine ſo anſehnliche Summe zurückgelaſſen hatte. Es ſollte ihr wahrſcheinlich nicht an den Mitteln fehlen, England zu verlaſſen, wenn der Geliebte ſie ver— laſſen hätte. Wenig fehlte, und ſie hätte mit ſchon auf— gehobener Hand das ganze Geld zum Fenſter hinausge⸗ worfen. Es kränkte ſie, daß er ſo verſtohlen und berechnet an ihr gehandelt habe. Auch hatte er damals ſo leiſe und wie zufällig die Mittel und Wege, nach Frankreich oder den Niederlanden zu kommen, angedeutet, mit der Miene, als ob er ſich bei ihr darnach erkundige. Der falſche Mann! dachte ſie, und verwarf nun unbedingt den Gedanken an eine Abreiſe. Sie ſchauderte bei der Vorſtellung von der Seekrankheit. Nein, dem Grafen zum Trotz wollte ſie bleiben; ſie wollte ihm überall begegnen, ihn ängſtigen und ſeine Braut necken. Vielleicht konnte ſie ſogar das noch nicht geknüpfte Band löſen und ſich rächen. Wie viel hatte ſie nicht in London zu verrichten! Ihr Herz und ihr Geiſt war beſchäftigt.— Aber ſie mußte auch auf ihr Auskom men denken. Sie wollte„zuſehen“; vor Allem ſich ein— ſchränken, und wenn es nicht anders ſein könnte, einen Dienſt ſuchen. In dieſer leidenſchaftlichen Verwirrung ihrer Gedanken und Abſichten kam ſie auf den ſeltſamen Einfall, ſich als . s Pagen in ein vornehmes Haus zu verdingen. Sie liebte alle Mummerei, alles Verſteckte. Nach ihrer raſchen Weiſe nahm ſie auch gleich Geld zu ſich, und ging, ſo bald ſich zur gewohnten Stunde der gemiethete Diener einſtellte, mit ihm in die Stadt, um männliche Kleidungsſtücke anzukaufen. 58 In ſolcher Verkleidung konnte ſie ſich dann allein umher⸗ treiben, die öffentlichen Plätze und Luſtbarkeiten beſuchen. Ihr unruhiges, unbefriedigtes Gemüth ſehnte ſich nach un⸗ gezwungener Bewegung, und überdies waren Verkleidun⸗ gen von Kindheit auf in Thekla's abenteuerlichem Geſchmack geweſen. 1 In einem eben nicht beſuchten Laden an der Sanct⸗Dun⸗ ſtanskirche wählte Thekla, um im Anfange nichts Auffal⸗ lendes zu haben, einen ſchlichten bürgerlichen Anzug, wie ihn Künſtler, Schreiber und dergleichen junge Leute trugen. Wie nun Thekla zurückgeeilt bei verſchloſſener Thüre unter lächelndem Behagen die einzelnen Stücke anlegte, ward es ihr doch nicht leicht, ihren echt weiblichen Wuchs zu ver⸗ bergen. Das Wamms wollte ſich oberhalb und unterhalb der Herzgrube nicht glatt ausgleichen laſſen; die etwas einwärts ſinkenden Kniee zeigten nur deſto auffallender ihre rund ausgeſchweiften Hüften, wie vielfältig ſie auch den ſchwarzen Mantel ſo oder ſo um ſich ſchlug. Auch das reiche lichtbraune Haar machte ihr zu ſchaffen, ehe es paſſend unter dem hochſpitzen Hute untergebracht werden konnte. 1 Sie mußte bald, wie ſie ſich gehend und ſtehend be⸗— trachtete, den Einfall, als Page zu dienen, aufgeben. Wie hätte ſie, ohne ihr Geſchlecht zu verrathen, einen noch knap⸗ peren Anzug tragen können? Nun ſchritt ſie hin und wie⸗ der, und übte ſich in einem freien, kecken Gang und in muthigen Geberden. Sie legte ſich an das Fenſter, und 3 da die Vorübergehenden ohne zu ſtutzen heraufblickten, faßte ſie, jedoch erſt gegen Abend, den Muth auszugehen. 1 Niemand im Gedränge der Cheapſideſtraße achtete ihrer, und wie ihr alſo nichts Unangenehmes aufſtieß, konnte ſie nher⸗ ſchhen. un⸗ dun⸗ mack Dun⸗ üffal⸗ wie en. inter des ver⸗ halb was ihre den ˖das iſſend nte. be⸗ Wie nap⸗ wie⸗ d in und kten, ehen. hrer, te ſie 45⁵9 es nicht laſſen, durch Newgate über Holbourne zu wandeln, und an dem ſtillgelegenen Southamptonhouſe einigemal hin und her zu ſchweifen. Hier aber drückte ſie in ſeltſamer Angſt ein Tuch ins Geſicht, obgleich es bereits tiefe Däm⸗ merung war. Da fiel ihr ein, daß ſie das beſte Stück eines täuſchenden Anzugs vergeſſen hatte, eine ſeidene Maske nämlich, wie ſolche damals in London nicht ungewöhnlich waren, beſonders auch für Frauen, die an öffentlichen Orten unerkannt erſcheinen wollten. Thekla nahm ſich vor, gleich morgen eine zu kaufen. So kam ſie ſehr zufrieden mit ihrem erſten Wagniß nach ihrer Wohnung zurück, überdachte was ſie morgen unternehmen wolle, und legte ſich mit Lächeln und Ver⸗ trauen auf Glück und Zukunft ſchlafen. Achtes Kapitel. William hatte in einem Eifer ſein Gedicht„Venus und Adonis“ vollendet, und ſtatt der Ueberarbeitung eine zierliche Abſchrift ſelber gefertigt; indem er unter ſolcher langſamen, mechaniſchen Uebertragung die Strophen feilte, und manchen Vers umſchmolz. Eine Einladung nach Sout⸗ hamptonhouſe war noch nicht erfolgt; daher er ſich ent⸗ ſchloß, die Handſchrift dem Grafen zu überſenden.— Wie er eben das geleitende Billet ſchrieb, brachte ihm Nelly 160 das Frühſtück, und legte die Handſchrift des Gedichtes daneben. Du biſt ſchon fertig damit, Nelly? fragte William. Seht Ihr's meinen Augen nicht an, daß ſie ſich bei der Lampe ſehr angehalten haben? Zweimal ſogar habe ich's geleſen, verſetzte ſie. So ſehr hat es dir gefallen? forſchte der Freund. Im Ganzen außerordentlich! antwortete ſie. Da iſt es auch ſinnreich und ſittſam gemeint; im Einzelnen iſt es aber nur ſchön. Ihr habt wieder Vieles zu ſinnlich und muthwillig ausgemalt, und der Moral ein zwar ſchönes, aber gar zu leichtfertiges Gewand gegeben. Wie? lachte William. Hab' ich denn auch Moral darin? Ich habe ja nur eine alte Fabel umgefabelt. Was! verſetzte Nelly, und ward in Blick und Ton immer wärmer und ſchwärmeriſcher,— ſtellt Eure Venus denn nicht die unordentliche Liebe vor, die einen ſchönen, reinen Jüngling verlockt? Dieſer aber verſchmäht und ver⸗ höhnt die tolle Verführerin, und Adonis hat darin ganz Recht: iſt es nicht unnatürlich, daß ſie um Liebe wirbt? Und wenn es noch eigentlich Liebe wäre; aber— Eure Venus iſt mir recht zuwider! Ja, es iſt recht garſtig von ihr! lachte William. Nicht wahr, umgekehrt kann man es ſich ſchon eher gefallen laſſen; ſo wie des Adonis Jagdroß der ledigen Stute nachläuft? Nelly erröthete hoch.— Darüber wollte ich nichts ſa⸗ gen, verſetzte ſie. Aber nun lacht Ihr noch dazu. Das iſt auch gewiß nicht in der alten Fabel ſo geweſen; ſondern es iſt ſo ein Zug, ſo ein Spott in Euxer Art. Nein, 161 William, dieſen bittern Hohn kann ich nicht loben. Ihr wollt die Venus in ihrer ungeordneten Begierde durch die beſſer geregelten Triebe der Thiere beſchämen: Ihr be⸗ ſchämt aber noch mehr den Leſer; Ihr werft, ſo zu ſagen, ein liebendes Herz unter die Hufe des Thieres. Nein! Es iſt nicht ſchön, William, auch wenn Wahrheit darin wäre. Die Thiere mögen uns immerhin verwandt ſein, wie man ſagt, aber wir haben uns dieſer Vettern und Baſen in vielen Stücken zu ſchämen. Und was recht garſtig iſt: ſo laßt Ihr Eure Venus nicht einmal be— ſchämt werden, ſondern ſie ermuntert noch bei dieſem An— blicke thieriſcher Neigung den liebeskalten Adonis, vom Thiere zu lernen. Pfui, pfui, William, das gefällt mir nicht! Das gefällt auch gewiß Niemanden! Der Freund lachte aus vollem Herzen, indem er da— zwiſchen ſein Frühſtück mit Behagen einnahm.— Und doch, liebe Nelly, ſagte er, gelingt es der gottloſen Göt⸗ tin wirklich, den kalten Adonis zu entzünden; er liebt ſie endlich. Nein, er liebt ſie nicht! eiferte Nelly. Er läuft ſei— nem losgeriſſenen Pferde nach, und Venus ihm. Er liebt ſie nicht, ſondern läßt ſich nur verführen. Dieſe Verführung aber habt Ihr ganz gut angelegt; wenn ſie doch einmal da ſein ſollte. Ihr laßt nämlich den Adonis nicht eher einige Neigung faſſen, bis Venus müde und aus Schmerz, keine Liebe zu finden, ohnmächtig wird. Jetzt iſt ſie ein Weib, iſt leidend und erweckt nun auch eher bei Adonis ein menſchliches Mitgefühl. Liebe iſt es aber doch nicht, vielmehr erkennt er ja gleich hinter der That ſelber beſchämt an, daß dieſe hingeriſſene Nei⸗ Koenig, William Shakſpeare. I. 11 162 gung ihn ſchlimmer gemacht habe. Sagt er nicht die ſchönen Worte— Nelly ſchlug das Heft auf, und ſuchte in der Hand⸗ ſchrift nach einer Stelle, die ſie am weißen Rande mit einem kaum ſichtbaren Nagelſtreifchen ihres feinen Zeige⸗ fingers angeſtrichen hatte. Hier! ſagte ſie, und legte den Finger daran, indem ſie, dem Freunde das Heft zuſchie⸗ bend, ſich ihm entgegenbeugte. Wie ſie jedoch mit ihrer heißen Wange die ſeinige berührte, fuhr ſie zurück, er— griff das Manuſcript, und las mit Herzklopfen und be⸗ bender Stimme: Nicht Liebe nenn' es; denn die Liebe floh Zum Himmel, ſeit die Wolluſt ſie erſchreckte, Die unter'm Namen Liebe, täuſchungsfroh, Die unſchuldfriſche Schönheit ſchmachbefleckte. Beſchmuzend nur kann heiße Gierde zehren, Wie Raupen ſich auf zarten Blättern nähren. Die Lieb' erquickt, wie Sonnenſchein auf Regen; Die Wolluſt iſt ein Sturm nach Sonnenſchein; Friſch bleibt der Liebe ſanfter Frühlingsſegen, Der Wolluſt Winter bricht ſchon Sommers ein. Die Liebe ſchwelgt nicht,— Luſt iſt ohne Gnüge, Lieb' iſt ganz Treue,— Wolluſt lauter Lüge. Ja, das iſt recht ſchön, William ſprach ſie weiter. Das iſt zwiſchen den ſchönen Naturſchilderungen des Ge⸗ dichtes ſo wie— womit ſoll ich es vergleichen?— ja, ſo wie die Papiſten Betkapellen in einer ſchoͤnen Land⸗ ſchaft ſtehen haben, ſo iſt es. Die Freude iſt mir bei dieſen beiden Strophen in die Augen geſchoſſen, und hier auf die Handſchrift getropft. Seht Ihr da das welke icht die Hand de mit Zeige gte den zuſchie⸗ it ihrer nd be⸗ weiter. s Ge⸗ — ja, Land⸗ nir bei nd hier jwelke 163 Fleckchen auf dem glatten Papier? Ja, William, das iſt ſo ſchön, und von ſo herrlicher Wahrheit, daß ich Euch darum küſſen könnte, wenn Ihr nicht gleich ein ſo unge⸗ ſtümer Mann wäret. Thu's, Nelly, komm! rief William. Auf Ehre, ich rühre dich nicht an! Lächelnd lehnte ſie ſich auf des Sitzenden Schulter, und küßte ihn, während ſie ſeinen Arm hielt, auf die ſchöne freie Stirne.— Wie freue ich mich für Euch, fuhr ſie fort, wenn Ihr einmal ſo etwas ſagt. Wie glücklich wird er werden, denke ich dann, wenn er einmal mit ſeinem beſſern Herzen recht in Eintracht kommt! William lächelte ihr ins Auge, und faßte ihre Hand. Doch Nelly zog ſie zurück und ſprach weiter: Laßt mich noch das Uebrige von den Gedichten ſagen!— Adonis wendet ſich bald von der Verführerin ab,—„im Her⸗ zen Zorn, das Angeſicht voll Scham“, und ſtürmt auf die Eberjagd. Aber der arme Adonis! Nicht von Liebe, ſondern blos vom Naturtriebe beſiegt, iſt er auch der tückiſchen Natur verfallen; ſie hat Macht über ihn gewon⸗ nen: er unterliegt dem wilden Eber, dieſer ſchlägt ihm die Bruſt auf, daß Purpur über die weißen Glieder ſtrömt. Recht ſchön iſt nun die Klage der Venus. Welch' herrliche Gedanken und mächtige Gefühle habt Ihr darin ausgeſprochen, William! Aber warum läßt denn die leichtfertige Venus die ſchöne Blume nicht ſtehen, die aus des Adonis Blute ſproß, als ſein Leichnam verſchwand? Auch daran muß ſie noch ihre Luſt büßen, und bricht dieſe purpurglühe und weiße Blume, das Kind der Rein heit aus ſchamrother Reue,— bricht ſie ab, und ſteckt 11 164 N ſie an die Bruſt, daß ſie da verwelke, wo Adonis ſelbſt verwelkt iſt.— So bleibt es im Ganzen ein herrliches Gedicht, gleichſam ſelbſt eine Adonis-Blume, purpurroth von ſinnlichen Bildern, und weiß in ſeiner reinen Be⸗ deutung. Jetzt, als ſie ſchwieg, und den lächelnden Dichter an⸗ ſah, erröthete ſie über ihren eigenen beredten Schwung, und ſuchte ſich hinter William's Schulter zu verbergen. Dieſer aber, von ihrer Anmuth hingeriſſen, erfaßte ſie, und wollte ſie auf ſeine Knie niederziehen. Doch Nelly ſchwang ſich empor und erklärte betrübt und ungehalten: Immer vergeßt Ihr doch wieder, oder verſteht wol gar nicht, wie es von mir gemeint iſt. Ich ſuche Cuch in jedem Wort, in jeder Zeile recht zu begreifen, und aufs Beſte zu deuten; Ihr aber wollt Euch auch nicht ein Bischen bemühen, mich zu verſtehen und zu behandeln. Mit dieſen erzürnten Worten verließ ſie das Zimmer. Neuntes Kapitel. Auf dem ſchmalen Gange rannte Nelly in ihrem Eifer wider einen wunderlich ausſehenden Mann, der nach William fragte. Es war der uns ſchon bekannte Narr aus dem gräflichen Hauſe. In das Gemach gewieſen, ſah er ſich keck und verwundert um, maß mit einem hochmü⸗ ner. 165 thigen, misachtenden Blicke den Dichter, und ſagte endlich: Ich weiß nicht, ob ich hier recht bin? Und ich nicht, wen Ihr ſucht, antwortete William Einen Narren ſuche ich, einen ſchriftſäſſigen Nar⸗ ren, fuhr jener fort. Es ſieht mir hier nur zu ordent⸗ lich für eine Narrenwirthſchaft aus. Du müßteſt denn eine Närrin um dich haben, die dich gut beſorgte. Holla, die iſt mir ja eben auch draußen begegnet, und kam aus deinem Zimmer. Du biſt es alſo doch. Heißeſt du nicht William Shaxper? Ja, für alle ſchlichten, vernünftigen Menſchen,— antwortete der Freund. Nur? lachte der Narr. Wie heißeſt du denn für dich ſelbſt? Ich bin eben ſchlicht und aus einem Zeuche, nicht, wie du, gefüttert, erwiderte William. Du kleideſt dich in einen Narren, der den Schurken zum Unterfutter hat. Und zwar biſt du bei all' deinem welken Geſichte noch ganz nach der Mode, und trägſt wie unſere Stutzer, theu⸗ res Unterfutter unter geringem Oberzeuch. Der Narr ſah den ernſthaften William einen Augen⸗ blick befremdet an, dann verſetzte er lächelnd und viel höflicher als vorher: Nun ja doch! So laſſ' ich mir's ſchon gefallen, wenn man ſo prompt antwortet. Ich hatte mich in dir geirrt; ich glaubte, du wäreſt blos ein Poet; aber du biſt ein geſcheiter Kerl, der ſeine Zeit kennt, und ſich in die Welt zu ſchicken weiß. Nun die Narren im Abkommen ſind, biſt du Dichter geworden Wenn ich nur ſo jung wäre wie du, ich würde es auch noch mit dem verwandten Handwerke verſuchen. So aber 166 bin ich nur noch gut genug, um dir Platz zu machen. Glück auf! Wenigſtens werde ich dich nun doch lieber im Hauſe ſehen. Alſo habe ich dir zu ſagen, daß ſich der Graf, mein Herr, in Gnaden empfehlen läßt, und dich gegen Mittag erwartet.— Du wirſt heute deinen Dienſt antreten ſollen, denk' ich mir. Von welchem Grafen ſprichſt du denn? fragte William befremdet. Vom Grafen Southampton. Wie, von ſeiner Herrlichkeit—? rief der Freund. Aber, welchen Dienſt hätte ich denn dort anzutreten? Ei, biſt du denn nicht ſein Dichter geworden? fragte der Narr. Meines Herrn Dichter? Sein Dichter? Wie meinſt du denn das? Welche Frage für einen ſo geſcheiten Kerly! rief jener. Ich war früher ſein Narr; nun will ſich der Graf aber nach der Mode einrichten, und da biſt du ſein Dichter Ei, Eure Sorte hat's lange gut. Wir Narren mußten Zeit und Perſonen kennen, mußten im Geruch des Au⸗ genblicks, auf der Fährte aller hohen Launen ſein; muß⸗ ten ſtets für die Langeweile, dieſe vornehme Bettlerin, ein gutes Almoſen in der Taſche haben; mußten auch der ſchärfſtkralligen Leidenſchaft die Fänge und Federn ſtutzen: das Alles war keine Kleinigkeit; das foderte Verſtand und Muth zugleich; ja ſogar. Weisheit war nöthig, die ſich aber beſcheiden und wohlfeil als Witz kleiden mußte. Nun verlangt die wetterwendiſche Welt ſtatt der lebendi gen Narrheit geſchriebene, auswendig gelernte. Ihr habt es leicht; ihr könnt eure Antworten daheim aus den Fin⸗ gern ſaugen, über euern Späßen ausſchlafen, und wenn 467 ihr eure Einfälle ſchriftlich überreicht habt, könnt ihr euch aus dem Bereich der Peitſche ziehen. Höchſtens treffen euch auf dem Theater faule Aepfel. Aber darin liegt auch wieder euer Unglück: denn wie lange wird ſich das halten? Der dichtende Narr braucht zu viel Zeit zu ſei— nen Ergötzlichkeiten und kommt entweder zu ſpät für die unruhigen Launen der Großen, oder ſeine Narrheiten dauern, weil ſie ſchriftlich ſind, länger, als die Stim⸗ mung, mit der ſie zuſammentreffen ſollten. Man wird euch Poeten bald müde werden. Und dann kommt die Reihe wieder an Andere. Vielleicht kommen dann die Puritaner dran, und die Betbrüder werden ihre Streiche machen müſſen. In Gottes Namen! Ich hoffe das nicht zu erleben. Ich habe meine geſtickten Füchſe mit Ehren abgetragen; Andere mögen nun in erborgten Fuchspelzen ihre Armſeligkeit verbergen!— Alſo, Freund Poet, gegen Mittag in Southamptonhouſe! Betragt Euch ſo, daß wir gute Freunde werden. Ich kann Euch manche Winke geben, die Euch forthelfen können, wenn einmal Eure Feder ſtumpf wird. Er drückte William die Hand, machte einige dem Freunde unverſtändliche Geberden, und hüpfte zur Thüre hinaus. William blieb in Gedanken allein. Den wunderlichen Aeußerungen des Narren hing er nicht weiter nach, ſon⸗ dern überdachte, nicht ohne eine ängſtliche Aufregung, was ihm zunächſt bevorſtand. Noch vor Mittag ſollte er der Mutter und Schweſter ſeines gräflichen Gönners vorge⸗ ſtellt werden. Er durfte ſo hohen Frauen nicht misfallen, und empfand daher noch ängſtlicher, zu welch' ungewohnter Region er jetzt aufſteigen ſollte. Er überredete ſich, auf jenen Höhen der großen Welt werde ſein Leben eine an⸗ dere Richtung gewinnen, und ſeine Seele werde bei an— dern Lüften auch andere Segel ſetzen.—„Laßt leben Die, ſo Lieb' und Ehre finden!“ declamirte er laut, und träumeriſch-gehegte Wünſche gaben ſich bei dieſer Loſung aus ihrem Fernduft hervortretend, mit gewogenem Lächeln zu erkennen. Doch der Freund durfte ſich jetzt in ſolche Betrachtun⸗ gen nicht verlieren: er ſchritt nach ſeiner Kleiderlade, um ſein Beſtes anzuziehen. Ein richtiges Gefühl leitete ihn, daß er jene phantaſtiſchen Schmuck⸗ und Gewandſtücke bei Seite ſchob, in denen er ſich ſonſt auf öffentlichen Plätzen gern umhertrieb. Seinem Diener lieh er eines ſeiner Wämſer und ein ſauberes Baret; denn er ſollte ihm die Reinſchrift ſeines Gedichtes„Venus und Adonis“ voraustragen. Er ging Nelly um ein ſeidenes Tüchelchen an, das Manuſeript dareinzuſchlagen, und ſie brachte mit feierlichem Vergnügen ein Stück goldgelben Taffet von der Brautſchürze ihrer längſtverſtorbenen Schwiegermutter herbei. Bald ſehen wir unſern Freund mit guter Faſſung hinter dem Diener her ſeiner neuen Zukunft entgegen⸗ gehen. Er ſchlug, vielleicht um auf ſeinem Glückspfade einigen Bekannten zu begegnen, einen kleinen Umweg durch die belebte Fleetſtraße ein, wandelte an Templebar hin, das Kanzleigäßchen entlang über Holbourne. Einigen Freunden, die ihn verwundert anſahen, ſagte er mit einem gewiſſen wegwerfenden Selbſtgefühl: Ich gehe eben nach Southamptonhouſe. von der herbei. Faſſung gegen⸗ Spfade imweg plebar enigen einem n nach Zehntes Kapitel. Die Gräfin empfing den von ihrem Sohne vorgeſtellten Dichter mit gemeſſener Freundlichkeit. So hatte er ſich ſeine Königinnen und Herzoginnen gedacht, jene wahrhaft hohen Frauen, deren Huld und Milde nicht ſowol herab⸗ laſſend, als emporhebend iſt. Nicht ebenſo leicht wußte der Freund ſich in Alicen zu finden. Sie ſchien ihm, wenn er abgewendet ſprach, die heimlichſte Aufmerkſamkeit zu widmen; ſobald er aber Blick und Wort an ſie ſelbſt richtete, blieb ſie nicht unbefangen, und wie er ihr einmal näher trat, wich ſie ſogar mit ſichtbarer Angſt zurück. Dies Räthſel würde ihn geſtört haben, wären ihm nicht Southampton und Sir Thomas Heminge als alte Be— kannte in ihrer lauten Unbefangenheit gute Stützen gewe⸗ ſen. Und als er nun„Venus und Adonis“ enthüllte und übergab, lenkte er die Aufmerkſamkeit Aller auf dies Ge⸗ dicht, ſodaß er ſich ſelbſt faſſen, und ſeiner Umgebung bemeiſtern konnte. Der Graf blätterte begierig in dem Heft, las hier und da eine Strophe vor, und Alle wa— ren erſtaunt. Glücklicher Weiſe fiel der blätternd⸗leſende Southampton auf keine jener ſinnlichen Malereien der Liebe, die der Dichter nun ſelbſt in Alicens und der Grä⸗ fin Gegenwart nicht um Alles hätte anhören mögen; ſo ſchalkhaft er ſich daran beim Abſchreiben gefreut hatte Er fühlte jetzt, daß er darin zu viel gethan, und fand Nelly's Tadel gerecht. Herrlich, köſtlich! rief dazwiſchen der junge Graf. Und Heminge erklärte: Dies Gedicht, Meiſter William, wird Euer Glück in den höhern Kreiſen machen. Der gute Edmund Spenſer iſt verſchollen; ſeine„Feenkönigin“ bezau⸗ bert nicht mehr. Bald wird„Venus und Adonis“ auf den Schmucktiſchen unſerer Ladys liegen. Ihr müßt nur ſchnell das Gedicht drucken laſſen. Wir geben es bei Witchurch in die Preſſe, und laſſen es mit den prächtigen Verzie⸗ rungen jener Officin ausſtatten. Nicht ſo eilig! fiel Southampton ein. Wir wollen erſt die Perle ein Weilchen für uns allein haben. Dieſe zier⸗ liche Handſchrift gehört Euch, theure Mutter; William gibt ſie als Einſtand in unſer Haus und in Eure Gunſt. Nun aber bitte ich Euch darum für meine liebe Eliſabeth. Das Gedicht kommt ja wie ein Feengeſchenk juſt an un⸗ ſerm Verlobungstage. Leugne mir noch Einer, Dichter ſeien nicht mit höhern Mächten im Bunde! Graf Heinrich war höchſt vergnügt. Er ließ auch gleich den Korb mit Schmuckſachen herbeibringen, der eben ſeiner Braut zugetragen werden ſollte, und verſteckte noch das Gedicht hinein, mit Nelly's goldgelbem Taffet um⸗ ſchlagen. Ich liebe dieſe Gattung von Gedichten außerordentlich, ſagte die Gräfin, und leſe Spenſer's„Feenkönigin“ von Zeit zu Zeit immer wieder. Ich meine die Erzählungen, worin Menſchen mit höhern Weſen verkehren. Das ſcheint mir auch das rechte poetiſche Gebiet zu ſein. Wenn Ihr aber, 171 Meiſter William, in dieſer Gattung ſo viel Beifall bei der höhern Geſellſchaft findet; ſo werdet Ihr Euch am Ende von der Bühne abwenden. Es fragt ſich nur, ob Euch auch der ſtillere Beifall der Edlern für das laute Jauch⸗ zen der Menge entſchädigen könne. Das Theater bietet freilich geräuſchvollere Triumphe, und verlockt die Dichter, wie es die Zuſchauer hinreißt. Auf dieſen leiſen Wink der Gräfin, als ob er ihn nicht verſtände, erwiderte William ſehr entſchieden und lebhaft: Auf das Geräuſch des Beifalls kommt es mir nicht an, gnädige Gräfin; der Jubel des Volkes gilt mir aber als Echo auf einen Ruf des echt Menſchlichen. Wenn menſchliche Leidenſchaften auf wahrhafte Weiſe laut wer— den, ſo ſchlagen auch menſchliche Herzen an. Ich begreife, daß vornehme Leute ſich in der Poeſie an einem Verkehr der Menſchen mit höhern Weſen freuen, ſie, die ja im täglichen Leben gewohnt ſind, mit Herrſchenden in Be— rührung zu kommen. Darum iſt wol auch die poetiſche Sprache in ſolchen mythologiſchen Gedichten gewöhnlich ſo verzwickt, wie es die Hofſprache auch iſt. Dies will ich zwar nicht von Spenſer's Verſen geſagt haben: denn dieſe ſind ſüß und wohlklingend. Allein ſeinen allegoriſchen Perſonen fehlt doch der wahre menſchliche Kern; ſie reißen uns nicht hin, wir können nicht recht an ſie glauben, und wo wir ſie anrühren, zerfließen ſie in Dunſt. Das wahr⸗ haft Menſchliche kommt aber zum Vorſchein, nicht wenn die Menſchen auf den Knien liegen, ſondern wenn ſie auf ihren eigenſinnigen Füßen ſtehen. Es findet ſein ſchönſtes Abbild in der dramatiſchen Poeſie.— Da ſchweben wir 472 einmal über unſerm natürlichen Element, in welchem wir ſonſt ſchwimmen,— über dem Leben. Die ſtürmiſchen Wogen menſchlicher Leidenſchaften überfluten da nicht unſer Herz, überſchäumen nicht unſer Urtheil. Iſt es nicht wun⸗ derbar, daß wir ſo erſt im Spiele der Täuſchungen die Wahrheit des Lebens herausfinden? Dabei fällt mir ein, ob wir Menſchen nicht etwa für höhere Geiſter nur Schau⸗ ſpieler auf der großen Bühne der Welt ſind! Männer und Frauen treten um uns her auf, und ſpielen ihr Le⸗ ben als aufgegebene Rollen durch. Zuerſt das greinende, ſprudelnde Kind auf den Armen der Amme. Dann ſchleppt der weinerliche Knabe mit glattem Morgenangeſicht ſein Bücherbündel, wie die Schnecke ihr Haus, träg nach der Schule. Bald hoͤren wir des Verliebten Lied auf die Au⸗ genbrauen ſeiner Liebſten, wie ein ächzendes Lüftchen im Kamin. Ganz anders klingen des pardelbärtigen Soldaten ſeltſame Flüche,— des Ehrgeizigen, Raufboldigen, der ſelbſt in der Mündung feindlicher Kanonen die Seifenblaſe Ruhm ſucht. Dort tritt ein Richter mit kapaungefülltem Bäuchlein hervor, um mit ſtrengem Blicke, raſirtem Kinn und glatten Sprüchen ein warnendes Exempel zu ſtatuiren. Doch ſchon geht's abwärts mit unſerm ſiebenaktigen Le⸗ bensſchauſpiel. Das hagere Alter ſchleicht in ſeinen Socken herbei; die Brille hängt ihm auf der Naſe, das Beinkleid, wohl geſchont, ſchlottert um die verſchrumpfte Lende; die Mannesſtimme quiekt kindiſch, und ſo ſchließt der letzte Akt mit einer zweiten Kindheit, die in Vergeſſenheit un⸗ tertaucht, wie die erſte aus Erinnerungsloſigkeit hervorſtieg. Die Gräfin lächelte zu dieſer ihr neuen und unge⸗ wohnten Lebhaftigkeit und bilderreichen Ausdrucksweiſe des m wir niſchen unſer wun⸗ die tem, Schau⸗ Nänner fenblaſe fülltem n Kinn atuiren. gen Le⸗ Socken inkleid, de; die r letzte it un⸗ orſtieg unge⸗ iſe des 173 jungen Mannes, deſſen Auge und Wange in lebhaftem Sprechen immer mehr aufleuchteten. Eine ungeſuchte An⸗ muth nahm für den Sprecher ein. Nach dieſer Anſicht dürfte man alſo die Bühne doch nicht verſchmähen, verſetzte mit etwas bebender Stimme Alice. Nur bleibt es dabei betrübend, zu denken, daß wir in dieſem Leben unſer Heil noch nicht wirkten, ſondern erſt nach dieſem arbeitſamen Vormittage drüben als Zu⸗ ſchauer des Lebens zur beſeligenden Einſicht kommen müßten. Vielleicht wären dann gerade diejenigen Menſchen be⸗ vorzugt, erwiderte William, die ſchon mitten in dieſem Lebensſpiele durch die Täuſchungen deſſelben zu höherer Einſicht über ſich und ihre ewige Beſtimmung kämen! Schön! rief Alice mit Wärme aus. Möchte dann beſonders auch der Dichter ſo bevorzugt ſein, um einzu⸗ ſehen, wozu ihm ſo viel Macht über die Gemüther ver⸗ liehen ſei. Er hat einen Zauberſtab der Täuſchungen Misbrauche er dieſe Gewalt nicht, um uns in die Nich— tigkeiten des Daſeins zu ziehen und zu bannen. Sollte nicht gerade der Dichter berufen ſein, über dieſes in Ver⸗ geſſenheit untergehende Menſchenleben eine Verklärung zu malen, und die Gefühle hervorzurufen, mit welchen ein edler Menſch unter ſolchem Hoffnungsſchimmer ſchlafen geht? Ihr ſprecht da ſelbſt einen verklärten Gedanken aus, edle Lady, erwiderte William betreten. Aber oh! der armen Dichter! die eher beſtimmt ſcheinen, den Täuſchun⸗ gen des Lebens zu unterliegen, als ſie zu beherrſchen! Was vermag ein Dichter, den Natur und Geſchick in das dichteſte Gewühl des Tages geſtoßen, in die Gährung des Lebens eingemengt haben? Nur Glück und Liebe leihen 17 4 uns Verklärungsfarben. Nur wer hoch ſteht, hoch fliegt, kann nach dem Himmliſchen trachten. Reicht mir die Hand zu Euch hinauf, leiht mir Euer himmliſches Auge, und—. Alice erſchrak und trat zurück. William verſtummte; denn er fühlte bei dieſer Bewegung ſelber den Doppelſinn ſeiner Worte, die er nur als redneriſche Wendung ohne perſönlichen Bezug gemeint hatte. Die Umſtehenden lächel⸗ ten, und die Gräfin fiel mit einem Blick auf ihren Sohn ein: Wir dürfen uns eigentlich nicht über Eure Poeſie beklagen, Meiſter William, da dieſelbe ſchon früher den heiterſten Antheil an den glücklichen Ereigniſſen unſers Hauſes genommen hat. Mein Sohn wird ſich dieſen Nach⸗ mittag förmlich verloben, was er mit dem Herzen ſchon früher gethan. Eure ſchönen Sonette ſind alſo damals wie ein Blumenſtrauß fuͤr den Bräutigam gekommen. Es würde zu ſpät ſein, Euch jetzt noch dafür zu danken; aber wir wollen Euch von nun an als einen Angehörigen un⸗ ſers Hauſes anſehen. Während William ſich der Gräfin näherte, um ſeinen Dank auszudrücken, flüſterte Southampton dem nächſten Bedienten einen Befehl zu. Herren und Frauen wurden gemeldet, und traten mit Glückwünſchen an die Gräfin und den Grafen heran. Lebhafte Geſpräche kamen auf, unter denen William eine ſtumme Aufmerkſamkeit auf Ali⸗ cen richtete. Ihr räthſelhaftes Weſen war ihm ſehr an⸗ ziehend. Er hatte eine weibliche Geſtalt vor ſich von edeln Formen, aber ohne jene Fülle und Lebhaftigkeit, die den Reiz begründen, nicht ſchön, aber von der reinſten und zarteſten Weiblichkeit bewegt. Der Freund hatte in Stun⸗ den des Mismuths und der Reue viel von einer edeln, Poeſie er den unſers Nach⸗ ſchon ſeinen rächſten wurden Gräfin n auf, 175⁵ reinen Liebe geträumt; er hatte ſelbſt nach jener verdrieß lichen Nacht in der Ankertaverne und am Dowgate die ſchöne Strophe in„Venus und Adonis“ gedichtet, in wel⸗ cher Liebe und Wolluſt einander gegenübergeſtellt werden Nun kam ihm aber zum erſten Mal ein weibliches Weſen vor, welchem er alle dieſe ungemeſſenen Gefühle und Vor⸗ ſtellungen anpaſſen und anträumen konnte. Wenn er dieſe ruhige, zarte Bruſt, dieſen feinen keuſchen Mund, die mit Bläſſe und Röthe ſchnell wechſelnde Wange, und dies reine, wunderſam glänzende Auge betrachtete; ſo glaubte er in einen Kreis zu treten, in welchem er von Irrthü⸗ mern und Thorheiten geneſen müſſe. Die Empfindung war ihm neu, daß es eine dauernde, befriedigende Zu⸗ neigung ohne vorwaltende Sinnlichkeit geben könne. Ein unbeſtimmtes Verlangen, ungeſtaltete Wünſche regten ſich tief und dunkel; er wußte nicht, was ihn antrieb, ſich Alicen zu nähern. Die rauſchende Seide ihres geſtickten Rockes, der leiſe Wohlgeruch, der aus ihren Kleidern duf⸗ tete, regten ihn zu einer wunderſamen Sehnſucht auf.— Er ſprach von ſeinem heutigen glücklichen Tage, von den neuen Eindrücken, die er empfangen, von dem Beſtreben, das er gefaßt habe, den Edelſten und Würdigſten zu ge⸗ fallen. So gelang es ihm, Alicens wunderliche Bangig⸗ keit zu verſcheuchen, und er kam eben auf den beſten Weg, ins Ungemeſſene hinein zu plaudern, wozu es gerade durch das laute und luſtige Reden der Uebrigen eine recht trau⸗ liche Stimmung gab: als Graf Southampton dem Freunde zuflüſterte, ſich heimlich mit ihm zu entfernen, um noch vor Mittag einen Beſuch beim Grafen Eſſex zu machen, dem er den Dichter vorſtellen wollte. Erlaubt mir, verehrte Alice, ſagte der Freund noch, daß ich Euch gelegentlich in gebundenen Worten den theuer⸗ ſten Gewinn dieſer guten Stunde ausſpreche. Alice nickte eine freundliche Genehmigung, und William folgte dem Grafen. Auf dem Vorplatze ſtand in ſeinem vollen Dienſtan⸗ zuge der Narr, und hielt einen Mantel über dem linken Arme. Nun, was gibt's? fragte Southampton. Hier den Eh. renmantel für Meiſter William! antwortete der Alte,— indem er ſich anſchickte, den Freund zu bedienen. Ich habe ihn dem Peter abgenommen, fuhr er fort; denn ſolche Inſtallation, Beſtallung oder Einſtallirung meines Nach⸗ folgers ſchickt ſich am beſten für mich, und kommt mir zu; es ſind vielleicht meine letzten Narrenſporteln. Mit einem ſtrengen Blicke nahm ihm Southampton den Mantel weg, in welchen ſeines Hauſes Wappen ein⸗ geſtickt war.— Ihr habt von meiner Mutter gehört, Freund, wendete er ſich an William, daß Ihr zu den Angehörigen des Hauſes gezählt werdet. Damit Euch Alle dafür erkennen, ſo tragt dieſen Mantel ſtatt des Eu⸗ rigen, und zählt Euch den edeln Jünglingen und Männern zu, die ſich durch das gleiche Zeichen für Southampton⸗ houſe bekennen. Mögt Ihr uns in dieſem Mantel bei heiterem und ſchlimmem Wetter frohe Jahre lang heim⸗ ſuchen. O mein huldreicher Herr! rief William überraſcht aus Ja, gebt her, damit ich aller Welt zeige, wie prunkend ich mich in Eure Gunſt und Freundſchaft kleide! Seht, wie er mir ſteht! Ich will dieſen Mantel ſo ſtolz tragen, d noch, theuer dilliam enſtan⸗ linken h habe ſolche Nach⸗ t mir aupton en ein— gehört, zu den t Euch es Eu⸗ ännern npton⸗ wie der adeligſte Eurer Angehörigen und treuer, als Einer. Beim ewigen Himmel, das will ich, und will es in allen Wetterlaunen des Lebens und Eures Glückes! Der Graf umarmte den Dichter feſt und innig. Hinter ihnen her, wie ſie ſich nun entfernten, brummte mit Kopf⸗ ſchütteln der Narr: Bald werde ich doch an dieſem Poeten irre. Das umarmt ſich ja ganz brüderlich— Graf und Dichter! Ich glaubte, es ſollten neue Narren werden, und ſie helfen nur neue Thorheiten machen. Ob wir Alten dann wieder auffommen? Oder ob das junge England ſein eigener Thor und Narr zugleich iſt? Das wäre nicht blos eine Vermiſchung der Stände, ſondern auch eine Ver⸗ minderung der Erwerbszweige. Darüber muß ich mit mei⸗ nen Freunden reden!— So viel ſehe ich ein: die Welt geht einer großen Umwandlung entgegen. Sie ſteht ſchon zu lang und fängt an zu gerinnen; ſie ſcheidet ſich in Parteien: die abkommenden Narren, die aufkommenden Poeten, die dazwiſchen kommenden Puritaner, die trun⸗ kenen Indienfahrer und die neuen Strumpfweber auf Ma⸗ ſchinen! Und die Herren dieſer tollen Welt?— Genuß und Geld! Koenig, William Shakſpeare. I. Elftes Kapitel. Der Graf Eſſex, damals Liebling der Königin, bewohnte eines der anmuthigen Häuſer am Strande, die mit grö⸗ ßern oder kleinern Gärten bis an die Themſe hinab reichten. Eine ſolche Lage war von hochſtehenden Män⸗ nern aus mehr als einer Hinſicht geſucht. Mit wenigen Ruderſchlägen konnte man Weſtminſterhall zu Hof⸗ und Staatsgeſchäften erreichen, und vom Garten aus jeden Verkehr mit der königlichen Burg, die Bemühungen der Nebenbuhler um die Gunſt der Monarchin beobachten Denn wegen der engen und gedrängten Gaſſen der Stadt waren Kutſchen und Staatswagen in damaliger Zeit noch eine Seltenheit, und kamen eben erſt mit viel Pracht in Gebrauch; ſodaß die Themſe als breite, freie Straße zwiſchen der Altſtadt, Southwark und Weſtminſter diente. Wer aber auch nicht mit Höflingsblick und Eiferſucht an den Farben und Abzeichen der Gondeln die Herrſchaften und Intereſſen zu bewachen brauchte, die nach Weſtmin ſterhall ſteuerten, hatte doch in dieſen Wohnungen die angenehme Strom- und Gartenluft und den Blick auf ein ſo vielfältig belebtes Waſſer. Southampton und William, die vom Strande aus den Palaſt des Grafen betraten, wurden in den Garten gewieſen. Hier trafen ſie eine Anzahl der täglichen Ge⸗ noſſen, Gunſtbefliſſenen und Anhänger des Grafen, die ewohnte nit grö hinab Män⸗ venigen und jeden. eit noch racht in Straße rdiente. ſucht an rſchaften eſtmin gen die auf ein de aus Garten hen Ge⸗ fen, die unter breitem Zelt⸗ und Apfelbaumſchatten der Rückkehr ihres Gönners von Hofe warteten. Die Meiſten hatten dem mächtigen Günſtling irgend ein perſönliches Anliegen anvertraut, und ein Jeder hoffte im Stillen, heute viel⸗ leicht werde der kluge Graf den rechten Augenblick finden, um gerade dieſe Sache bei der Monarchin oder den Mi⸗ niſtern durchzuſetzen. Alle miſchten indeß ihre heimlichſte Ungeduld mit heiterer Geſchicklichkeit unter die bunten Ge genſtände, mit welchen ihre Unterhaltung ſpielte. So kam man auch auf den niederländiſchen Geſandten Verriken zu reden, der mit einem ungünſtigen Beſcheid der Königin London verließ. Mehrere Miniſter hatten darauf gedrungen, daß man den unglücklichen Niederlanden Hülfe gegen den ſpaniſchen Druck leiſte. Die Königin aber hatte ſich aufs Heftigſte widerſetzt und geſchworen, ſie werde nimmermehr ſolchen empörten Unterthanen Beiſtand gegen deren rechtmäßigen Monarchen gewähren Der Königin iſt es ſehr unangenehm geweſen, daß man den Abgeordneten überall ſo gaſtfreundlich empfangen, und hierdurch den Niederländern ſo viel Sympathie bewieſen hat, bemerkte Einer der Herren. Beſonders unwillig hat ſie ſich über Sir Francis Bacon geäußert, der mit Ver⸗ riken ſehr vertraulich umgegangen iſt. William hatte ſchon oft und mit Auszeichnung von Bacon reden hören. Auch jetzt ſprach man mit viel Auf⸗ heben von ihm. Man rühmte die Kühnheit, mit welcher der junge Mann ſich in den Parlaments⸗Sitzungen der Geldfoderung der Königin widerſetzt, und auf größere Redefreiheit gedrungen habe. Ein ſolcher Muth in einem diesmal beſonders blöden 12 18⁰ Parlament und nach den ſtrengen Erklärungen der Kö⸗ nigin bei Eröffnung der Seſſion verdient doppelte, drei⸗ fache Bewunderung! rief Southampton. Seine Herrlichkeit, der Graf Eſſex, war auch ganz hingeriſſen von dieſem jungen Freunde, bemerkte ein ält⸗ licher Mann.— Mehrere der Anweſenden ſahen einander ſtillſchweigend mit ſpöttiſchem Lächeln an; denn man wußte, daß Eſſer in eigenem Intereſſe gern eine Oppoſition gegen ſeine Monarchin unterhielt, und Bacon zu ſeinen Werk⸗ zeugen gehörte. Sir Francis iſt ein Mann, ſagte Southampton, der mit Geiſt und Kenntniſſen nicht weniger Charakter ver bindet, und der ſeinen männlichen Ehrgeiz nicht bei Hofe, ſondern im Vaterlande befriedigen wird. Ich ſehe in Sir Francis einen außerordentlichen Mann heranwachſen, fuhr der Aeltere fort, einen Mann, der unſer Zeitalter mit ſeinem Geiſte für Jahrhunderte ſtem⸗ peln wird. Wenn ich nämlich ſeine philoſophiſchen Anſich⸗ ten recht verſtehe, ſo leitet er alles Erkennen aus der einen Quelle der Erfahrung her. Wir Engländer fangen aber an, gerade durch Erfahrung groß zu werden. Nicht umſonſt ſind wir vom Feſtlande abgerückt, und auf eine hohe Warte im Weltmeer geſtellt: wir ſollen durch den Verſtand der Wirklichkeit wachſen und herrſchen. Es iſt ſehr wahr, was unſer großer Seefahrer Walter Ra leigh ſagt:„Wer die See beherrſcht, beherrſcht den Han⸗ del, wer den Welthandel beherrſcht, beherrſcht die Reich⸗ thümer der Welt und folglich die Welt ſelbſt.“ Dieſer Verſtand des Wirklichen wird ſich auch über die jetzt ſo beliebten Spiele und Täuſchungen der Poeſie mehr und er Kö⸗ drei⸗ ganz in ält⸗ nander wußte, gegen Werk⸗ Hofe, Mann 1, der ſtem⸗ Anſich— ¹s der gländer verden. nd auf durch Es r Ra Han⸗ Reich Dieſer jeßt ſo hr und 181 mehr hervorthun. Bacon's Philoſophie erſcheint mir da⸗ her als ein Vorausblick des engliſchen Volksgeiſtes ſelbſt. Dieſer wird einſt die Welt ſo methodiſch behandeln, wie Bacon die Wiſſenſchaften. Und in welchem geiſtigen Ge⸗ biete wäre dieſer nicht mit tiefem Blick und feiner Beob⸗ achtung zu Hauſe? Dabei beſitzt er ein erſtaunliches Ge⸗ dächtniß und große Imagination. Schon als Kind ließ er Ungewöhnliches erwarten, und fiel damals auch unſerer gnädigen Königin auf, wenn ſie ſeinen Vater, den Groß⸗ ſiegelbewahrer, in ihrer vertraulichen Weiſe beſuchte. Sie nannte den Knaben damals ſcherzweiſe ihren kleinen Groß⸗ ſiegelbewahrer. Aber ich fürchte, Sir Francis fängt es nicht geſchickt genug an, um ſo bald an das große Siegel zu kommen. Die Königin verträgt einmal ſolchen Parla⸗ mentswiderſpruch nicht, und hat ihren Kopf darauf geſetzt, von ihren Vorrechten nichts abzwacken zu laſſen. Wiſſen wir nicht Alle, was ſie auf des Sprechers Verlangen nach mehr Redefreiheit erwidert hat? Die Gemeinen haben Freiheit genug, um ja oder nein zu ſagen, hat ſie erklärt. Wage nur Einer etwas! Hat ſie nicht den Peter Wenk⸗ worth und den Advocaten Moritz mitten im Parlament ergreifen und feſtnehmen laſſen, weil ſie ſich in Angelegen⸗ heiten gemiſcht hatten, die unſere Königin dem Hauſe der Gemeinen entzogen wiſſen wollte?— Ha, dort kommt Bacon eben her. Möchte er bei Dem bleiben, wozu die Natur ihn an Stirn und Auge geſtempelt hat,— bei der Philoſophie! Die Anweſenden empfingen Bacon mit einer Ehrer⸗ bietung, welche, nach William's ſtiller Gloſſe, kein anderer ſo junger Mann irgend hätte erwarten können. Als 182 Bacon mit ſcharfem Blicke William maß, nahm Sout hampton die Gelegenheit, Beide einander vorzuſtellen— Innige Freundſchaft zwiſchen dem Denker und dem Dichter iſt ſelten, bemerkte der Graf; doch können Beide einander fördern und ergänzen. Gewiß! verſetzte Bacon. Beide müſſen ſich eigentlich in ihrer verſchiedenen Richtung begegnen: der Dichter bindet, der Denker löſt die Welt. Jeder von Beiden braucht den Andern, wenn er vollkommen werden will. Und wären beide Weltgewichte vereinigt, ſo hätten wir das echte Prieſterthum, das die ſchaffende und die erlö⸗ ſende Macht in ſich verknüpft,— das Ewige herabdichtet, um die Seele zum Trachten nach Oben zu wecken Sollte nicht auch die echte Liebe dieſe ſchaffende und erlöſende Gewalt in ſich haben? fragte William. Nicht einverſtanden! rief Bacon. Denkt Ihr des Sprichwortes nicht: Niemand kann lieben zugleich und weiſe ſein? Liebe iſt eine Leidenſchaft, die nicht blos an⸗ dere Dinge, ſondern ſich ſelbſt verliert. Derjenige, welcher Helena vorzog, ließ, nach des Dichters Erzählung, die Gaben der Juno und der Pallas fahren. Und gibt nicht in der That, wer ſich der Liebe überläßt, Reichthum und Weisheit auf? Die Erfahrung zeigt es alle Tage, wie ſehr die Liebe uns um die Welt täuſcht. William behauptete, was er unter Liebe verſtehe, ſei von Sir Francis in zu engen Begriff aufgefaßt.— Der Gegenſtand würde durch Einmiſchung der übrigen Herren breiter getreten worden ſein, wären nicht eben andere Anhänger des Grafen Eſſer am Garten gelandet. Von der Gondel aus riefen ſie ſchon: Wißt ihr es bereits, ihr Herren? Sout ichter under ntlich ichter eiden will wir rlo htet und elcher die nicht 183 Was denn? Was ſollen wir wiſſen? war die Gegen⸗ frage. Halbpart, wenns was Gutes iſt! Gutes? Ja, wenn ihr mit den Rebellen theilen wollt! verſetzten die nun in den Garten Getretenen. Wollt ihr aber ein patriotiſch Halbpart, ſo haltet nur eure Rücken zu Schlägen hin. Wer ſchlägt denn, wer? fragten Mehrere. Der Graf Tyrone hat uns geſchlagen, ganz Irland iſt im Aufſtande! Nun, nun, fiel Einer der Angekommenen ein. Bleibt beim rechten Maß, und laßt es bei der Provinz Ulſter bewenden, die im Aufruhr iſt. Aber das übrige Irland wartet nur auf des Spa⸗ niers und des Papſtes Unterſtützung, um ſich zu empören, nahm der Andere wieder das Wort,— und Papſt und Spanier ſind unſere Todfeinde. Alſo ſage ich einſtweilen, ganz Irland ſei empört. Alſo wirklich geſchlagen? fragte Bacon. Ihr wißt doch, fuhr der Erzählende fort, daß Heinrich Bagnal mit der Blüte unſers Heeres aufgeboten war, das Fort Blackwater zu entſetzen, das der verwegene Ty⸗ rone belagerte? Ja doch, das Fort, welches Lord Borough den Re⸗ bellen früher mit großen Verluſten entriſſen hatte, ſagte Bacon. Ganz recht! fuhr der Erzählende fort. Und vor eben dieſem Fort hat nun Bagnal die größte Niederlage erlit ten, die noch ein engliſches Heer in Irland erfahren. Bagnal ſelber mit ſieben ausgezeichneten Hauptleuten und 1500 Mann liegen auf dem Schlachtfelde; die Feſte iſt 184 an die Rebellen übergegangen, und Tyrone prahlt, er werde keine Bedingungen von der Königin annehmen, ſondern unter Waffen ſtehen bleiben, bis er durch des ſpaniſchen Königs Hülfstruppen verſtärkt ſein werde. Unglückliches Irland!, riefen Mehrere. Drum bleibt denn auch mein Freund Eſſer ſo lang aus! bemerkte Southampton. Der Staatsrath wird über dies Unglück berathen, über den zu ergreifenden Mitteln brüten. Denn jetzt gerade iſt guter Rath theuer. Wen hat die Königin für den wichtigſten Poſten eines Statt⸗ halters und Oberfeldherrn von Irland, als eben Eſſex? William war von dem Gegenſtande der Unterhaltung, von ſo manchen aus höhern Geſichtspunkten über Irlands Lage hingeworfenen Bemerkungen lebhaft angezogen, und ſah ſich ungern von Bacon unterbrochen, der ihn mit ſich in den Garten zog.— Laſſen wir dieſe politiſchen Schmet⸗ terlinge, ſagte er, dieſe Scheinweiſen, die einander mit Spitzfindigkeiten unterhalten, um über die Sache wegzu⸗ ſchlüpfen. Aulus Gellius nennt ſolche Geſellen homines deliros, qui verborum minutiis rerum frangunt pondera. Ihr verſteht Latein, Meiſter William? Gerade genug, antwortete William, um in dieſem Spruch Thoren zu erkennen, die mit ſpitzfindigen Worten gewichtige Dinge zermalmen wollen. Richtig! fuhr Bacon fort. Auch Plato ſpottet über dieſe Sorte Menſchen, indem er in ſeinem„Protagoras“ den Prodicus eine Rede halten läßt, die aus lauter Unterſchei⸗ dungen beſteht. Laßt uns lieber dieſe Anlagen beſehen. Ich liebe Gärten: hier ſchöpfen die Lebensgeiſter der Men⸗ ſchen die beſte Erquickung; wie ſich die Seele überhaupt lt, er hmen, ſchei⸗ ſehen Men⸗ haupt 18⁵ in der freien Natur am leichteſten von den Täuſchungen der Geſellſchaft erholt. Man ſollte für alle Monate des Jahres eigene Gärten haben; denn auch für die Winter⸗ monate bietet die Natur an Strauch und Baum Grünes, Lebendiges genug. Ich meine zum Beiſpiel Stechpalmen, Epheu, Lorbeeren, Wachholder, Cypreſſen, Eiben, Tannen und Fichten, Rosmarin, Sinngrün, Gamander, Schwert⸗ lilien, Pomeranzen⸗, Zitronenbäume, Myrten; verſteht ſich, wenn man Treibhäuſer errichtet. William erſtaunte, wie umſtändlich ſich noch weiter der junge Philoſoph über die beſten Anlagen großer, könig⸗ licher Gärten ausließ, und die Pflanzen aufzählte, wie ſie jeden Monat an die Reihe des Blühens kommen. Durch eine Allee traten ſie an eine kleine, mit blü⸗ henden Rankgewächſen umhegte Bucht, die mit einer halb⸗ runden Treppe ausgelegt war. Hier ſtieg man zur Themſe hinab, und einige Gondeln lagen an Ringen befeſtigt und von den hereinwirbelnden Wellen gewiegt. Eben ſah man des Grafen Eſſer Prachtgondel mit raſchen Ruderſchlägen von Weſtminſterhall herabſchießen. Die Harrenden erhoben ſich zum Empfang ihres hohen Gönners nach der Treppe. Ihre lächelnde Neubegierde ſchlug aber ſchnell in Verlegenheit um vor dem Ausdrucke der Wuth, die ſich in Mienen und Geberden des Lord Stallmeiſters ausdrückte.— Eſſex ſprang aus der Gon⸗ del die Treppe herauf, ſtierte aus dem Kreiſe der Anwe⸗ ſenden den Grafen Southampton heraus, und faßte ihn krampfhaft an der Hand. Man ſah ihm an, wie ſchwer es ihm ward, vor den betretenen Gäſten ſeiner innerſten Aufwallungen Herr zu werden. 186 Dank, meine Freunde, für euern Beſuch! ſagte er end— lich. Ich komme von Hofe, habe aber für Keinen etwas aus⸗ richten konnen; die Königin hat mich heut allein bedacht Ha! die alte— Tänzerin! Wie konnte ſie nur ihrem ge⸗ krümmten Rückgrate ſo viel zumuthen. Eſſer hatte ganz die Miene und den Anlauf, noch Ehrfurchtloſeres auszuſtoßen, daher ihn Southampton un⸗ terbrach, um ihm William vorzuſtellen. Willkommen, mein poetiſcher Meiſter! rief Eſſer aus. Ich könnte Euch eben eine Tragoödie in der Blüte zeigen, die ſeltener iſt als die Aloe. Oder ich könnte Euch auch eine alte Alve nennen, die nicht mehr blüht, aber noch ſticht. Was meint Ihr, könnte man eine königliche Ohr⸗ feige zu einer Kataſtrophe brauchen? Ohne die Antwort des betretenen Dichters abzuwarten, ſetzte er hinzu: Ich ſage euch, wenn keine poetiſche Kata⸗ ſtrophe daraus zu machen iſt,— eine politiſche ſoll es werden. Gott verdamme!— Raſch wendete der Graf ſich nun gegen Bacon. Sir Francis, ſagte er, es iſt nichts mit Eurer Beförderung! Ihr habt an Lord Bur⸗ leigh einen gar wohlwollenden Oheim. Er erſtaunte, daß ich für einen noch ungebildeten Jüngling, wie er Euch nannte, die Stelle eines General-Anwaltes anſpräche. Ei, mein Freund, warum habt Ihr auch ſo friſche, ela— ſtiſche Talente für eines erlahmenden Staatsmanns Eifer⸗ ſucht? Und die Königin meinte,— ein Betragen wie Eures im Parlament hätte zu ihres Vaters Zeiten hin⸗ gereicht, um einen Mann Zeitlebens wenigſtens von Hofe zu verbannen; ſtatt eine Stelle zu verlangen, wäre es Kühnheit genug von Euch, wenn Ihr ſpäter einmal, nach 187 beſſerm Benehmen, um die Gnade nachſuchtet, wieder an den Hof kommen zu dürfen, wo Ihr vor der Hand weg⸗ bleiben möchtet. Eſſer blickte mit herausfoderndem Lächeln Bacon an; dieſer aber ſchwieg blaß und verlegen. Munter, munter, lieber Freund! fuhr dann Eſſer fort. Der Hof iſt noch nicht Euer täglich Brot geweſen; ei, laßt ihn unverſucht, wenn er Euch verſalzen wird. Ich will Euch zum Erſatz eine würdigere und philoſo— phiſchere Zuflucht verrathen. Er faßte den jungen Philoſophen unter dem Arm, und führte ihn eine Strecke in den Garten. Ich ſehe Euch betreten, mein edler Freund, ſagte er. Munter, munter, Sir Francis! Was kümmert Euch ein altes Weib, deren Urtheil ſo ſchief iſt, wie ihr Rückgrat. Aber hört! Ich bin Euch Erſatz für die Verluſte ſchuldig, die Ihr aus Freundſchaft für mich leidet. Ich habe Euch zur Oppoſition im Parlament ermuntert, Ihr ſeid, wenn auch nur vorübergehend, ein Opfer meiner Abſichten. Ihr müßt mir daher erlauben, Euch einen Kaufbrief über mein Landgut bei Barnet ausfertigen zu laſſen. Dort habt Ihr einſame Natur und doch die Nähe der Stadt, mithin den rechten Aufenthalt für das Amphibium Phi⸗ loſoph. Die Rechnungen über den Ertrag des Gutes werde ich Euch zuſtellen laſſen, und Ihr werdet finden, daß Euch der kleine Beſitz auch einen ganz ſorgenloſen Aufenthalt bietet und manches einträgliche Aemtchen er ſetzen kann, bis es beſſer mit unſerer Regierung wird. Gerührt von der Großmuth des Grafen faßte Bacon die Hand des Gönners. Dieſer aber drückte die Hand 188 des Dankenden mit Artigkeit und den leiſen Worten: Laßt es nur, Sir Francis! die Herren dort brauchen an unſerm Handſchlag nicht zu errathen, welchen Handel wir eben abgeſchloſſen haben. Sie kehrten zur Geſellſchaft zurück. Bacon's heitere Miene war Allen ein Räthſel. Sir Francis war es wol zufrieden, daß er, wie er ſich überredete, um ſeines fürſt⸗ lichen Gönners willen, dieſes Räthſel unaufgelöſt liegen laſſen konnte. Hört, lieber Vetter, redete Eſſer den Grafen Sout⸗ hampton an, ich bin nicht mehr damit einverſtanden, daß Eure Verlobung heimlich geſchehe. Wir laden alle unſere Hausfreunde auf dieſen Nachmittag ein, und bringen die Verlobte mit Muſik nach Southamptonhouſe zu Eurer Mutter. Die Königin wird es für Trotz nehmen, wendete Southampton ein. Sie hat ihre Zuſtimmung zu meiner Heirath noch nicht gegeben. Das ſoll ſie eben, ſie ſoll es für Trotz nehmen] ſchrie Eſſer. Sie liebt ja Muſik, die alte Tänzerin. Wir wollen ihr aufſpielen, Gott verdamme! Ich will ihr die Violine ſtreichen, als ob König Jakob's Lord Leibbarbier im Vorzimmer warte. Alle vernahmen ſtumm und betreten dieſe Bitterkeit über eine am Hofe bekannte Schwäche der Monarchin. König Jakob von Schottland bediente ſich nämlich zum Briefwechſel mit der ihm verwandten jungfräulichen Kö⸗ nigin ſeines zum Edelmann erhobenen Leibbarbiers. So oft dieſer nun Audienz hatte, ließ ihn Eliſabeth gern im Vor⸗ zimmer warten, während ſie im innern Gemach nach einer 189 Violine tanzte; damit der Briefbote ſeinem Monarchen berichten könne, wie jugendlich die Königin ſei, und wie wenig er, als ihr Nachfolger, ſich ſchmeicheln dürfe, den Thron von England ſo bald zu beſteigen. Wir wollen es doch noch einmal überlegen, lächelte Graf Southampton; Euer Humor, Vetter, iſt kein guter Staatsrath. Aber ein deſto beſſerer Kampfrichter, Heinrich! rief Eſſer. Ich gehe mit Euch eſſen, und werde Euch erzäh⸗ len. Vergebt, Meiſter William, daß ich Euch in meinem Hauſe ſo übel empfange. Die Herren da kennen mich ſchon als ältere Freunde. Nehmt den Poeten auch mit, Vetter, wir wollen zuſammen eſſen, und ich erzähle ihm eine Kataſtrophe, eine— wie nennt Ihr's?— Peripetie für ein politiſches Drama. Und gegen die Uebrigen gewendet, ſagte er gnädig lächelnd: Ihr lieben Freunde, findet euch doch um vier Uhr wieder hier ein: die Verlobung geſchieht jedenfalls — ſo oder ſo. Verſpätet euch nicht! Ihr ſollt mich nicht mehr in der jetzigen Stimmung treffen; ich werde bei gutem Verſtande ſein. Auf Wiederſehen! Mit einer ſtolzen Handbewegung, wie ein König, der Audienz gegeben, verabſchiedete Eſſer die Anweſenden. Dieſe verneigten ſich tief und eilten mit langen Geſichtern und räthſelbrütenden Mienen aus dem Garten. 190 Zwölftes Kapitel. Die Freunde und Hausangehörigen der beiden Grafen fanden ſich in Feſtkleidern zur beſtimmten Nachmittags⸗ ſtunde im Palaſt Eſſer ein. Sie wurden in einer mit ſeidenen und geſtickten Teppichen behangenen Vorhalle 6 empfangen. William traf ſchon eine Anzahl älterer und jüngerer Herren verſammelt an, als er eintrat. Sein Erſcheinen erregte einen wahren Aufruhr unter den jün⸗ gern Adeligen, beſonders von der Schutzgenoſſenſchaft des Grafen Southampton, denen er als neuer Mitgenoſſe vorgeſtellt ward. Sie begegneten dem Dichter nicht blos kalt, ſondern Einige ſelbſt mit Ungeberde. William über⸗ ſah es, während er ſich an einige der geſetztern Männer hielt, die er Vormittags im Garten des Grafen Eſſer kennen gelernt hatte. Doch dieſer Rückhalt ermuthigte nur die Zierlinge noch mehr zu höhnenden Mienen und Worten. William merkte den ältern Männern an, daß ſie ſeinet⸗ halben in Verlegenheit waren. Er trat alſo mit lang⸗ ſamen Schritten vor das ſeitwärts ſtehende Häuflein hin, muſterte ſie mit dem großen braunen Auge, lüpfte ein wenig die Degenklinge, und ſtieß ſie dann, mit einem verächtlichen Blicke über die linke Schulter ſich abwendend, wieder in die Scheide. Dieſe Bewegung wirkte; auch nahm ſie ſich ſehr gut gegen die ſteife, gezierte Haltung aus, mit welcher dieſe jungen Leute, dem Modeton gemäß, 191 ihre engen, ſeidenen Kleider, den geſtärkten Bart und das in gekünſtelter Form aufgekämmte Stirnhaar trugen. Das Häuflein zog ſich in Kichern und Flüſtern zuſammen. Um William, wie ſie glaubten, zu demüthigen, ließen ſie ſich laut und lachend über Dinge aus, in denen ſie ſich für überlegen hielten. Cavaliero Brisk, hieß es, dein Bart hält am beſten unter uns, die Form des umgekehrten T. Wer nur noch ſeinen Bart in der Kratzeiſenform tragen mag! Der müßte eigentlich in guter Geſellſchaft abkratzen! ha! ha! Ha, ha! Bravo! Was ſagt ihr zu dieſen Handſchuhen, ihr Herren? Wo haſt du ſie gekauft, carino? Es iſt die echte braune mit grauem Ambra gefärbte Sorte. Das will ich meinen! Gekauft? In der New exchange bei der allerliebſten kleinen Putzhändlerin, von der ich dieſe Roſe im Ohr trage. Ah! ſeht doch! Nun wiſſen wir auch, warum er alle Tage ein Paar neue Handſchuhe trägt. Oime Signor! Steht ihr noch miteinander vor den Ohren? Mich hat es ein einzig Paar gekoſtet, um erhört zu werden. Ha, ha! Vortrefflich geſagt. Ja, ich verſichere euch! Dieſer Schwärmer da bleibt doch mit ſeinen Liebſchaften immer in den höhern Re⸗ gionen: ſeine vorige Süße führte ihn nämlich an der Naſe umher, und die Putzmacherin hält ihn nun an den Ohren feſt. O weh! laß dir ſie nur nicht zu lang ziehen! Ha, ha! God's lid! Du biſt ein verdammt witzi⸗ ger Kerl! 492 Nun, iſt es nicht wahr? Wir Andern bringens ſo hoch nicht hinauf. Wir kämpfen in den Niederlanden für unſern guten Glauben, oder um einen echten ſpani⸗ ſchen Kragen und einige brennende Rubinen. Ein ſchalkhaftes Kichern lohnte den Witzling.— He, Ganymed! rief Einer dem aufwartenden Pagen zu. Her da mit deinem Kamm! Meine Vorpoſten fallen zuſammen. Kaum aber hatte der Page angefangen, dem ſich bückenden Zierling den eingeſunkenen Haarbuſch über der Stirne wieder aufzuſtrecken, als ihn der junge Mann mit den Worten zurückſtieß: God's eye! dein warmer Athem erſchlafft mir den Halskragen. Und ſeht! Iſt das nicht die wahre Grazie des geſteiften Kragens? Zwiſchen dieſem Geſchwätz ordneten ſich Einige vor dem Spiegelchen, das ſie im grauen Filzhute trugen, die Halskrauſe, den Bart oder die Bandroſe im Ohr. Einer ringelte die ſandfarbige Locke, die er von ſeiner Geliebten in einem Ring am linken Ohre trug, mit dem linken Zeigefinger auf. Andere glätteten an ihren pfirſichblüt⸗ farbenen Strümpfen, zupften die goldenen Franſen ihrer ſpaniſchen Lederſtiefel zurecht, betrachteten wohlgefällig die vergoldeten Sporen an den magern Beinen, die damals für Merkmale eines feinen Mannes galten, oder drückten auf den Schuhen die ungeheuern Bandroſen auseinander Höre, Harrington! rief Einer prahleriſch laut. Ich habe echte Wincheſterpfeifen erhalten. Willſt du nicht, oder ihr Alle, wollt ihr nicht zu einem Rauchſtündchen kommen? Ihr ſollt ſehen, wie ich jetzt den Whiff weg habe. Es iſt die genteelſte Rauchart, der Whiff. Da unſer Carino Denning ſteht noch am Euripus; er Einer liebten linken hblüt⸗ ihrer ig die amalé ückten ndei 0ℳ 6 Ich nicht, dchen Whiff Thiff el 193 hat aber ſchon acht Tage den Schnupfen, und kann den Rauch nicht durch die Naſe laſſen, was doch der echte Euripus iſt. Dies und ähnliches eitle Geplauder wurde von den ältern Herren überhört, ſobald jener bedächtige Mann, der ſich Vormittags im Garten ſo lobend über Bacon ausgelaſſen hatte, jetzt in die Halle getreten war, und mit geheimnißvoller Miene die Andern zu ſich winkte. Wißt ihr nun, was heut bei der Königin vorgefallen? Was dem Grafen Eſſer widerfahren iſt? Was ihn ſo außer ſich gebracht hatte?— Die Monarchin hat ihm eine Ohrfeige gegeben,— nichts mehr und nichts weni⸗ ger, als eine Ohrfeige. Alle verſtummten betroffen. William, dem es vom Mittagtiſche her nichts Neues war, ſchwieg, um zu hören, wie man den Vorfall in dieſem Kreiſe anſehen möchte. Ich weiß es unmittelbar aus dem Geheimrathe, fuhr der Erzählende flüſternd fort. Es wurde nämlich über die Ernennung eines Statthalters für Irland berathen. Ihr wißt, wie Eſſex nach dieſem Poſten trachtet. Die Königin hatte aber den Lord Montjoy im Auge. Der Graf erklärte dieſen für untauglich; die Königin wider⸗ ſprach; der Graf führte Beweis; die Königin ließ ſich nicht überzeugen, und kurz, Eſſer erhitzte ſich ſo, daß er der Monarchin, als ſie fortwährend für Montjoy war, mit verächtlichem Lachen den Rücken zuwandte. Entſetzlicher Uebermuth! flüſterten Einige. Aber ſo viel vertrug die Königin vor ſo vielen Zeugen nicht, fuhr Jener fort. Mit einer raſchen Wendung,— doppelt raſch für eine ſo alte, gebückte Lady— traf ſie Koenig, William Shakſpeare. I. 13 194 den verwöhnten Günſtling mit einem Schlag und den Worten: Geh' und laß dich hängen! Und der Graf? Griff an ſein Schwert. Der Großadmiral warf ſich dazwiſchen, ſonſt— ich weiß nicht, was ſonſt geſchehen wäre. So aber ſtieß Eſſex nur noch einen Schwur aus: er würde ſolche Beleidigung nicht von Heinrich dem Ach⸗ ten ertragen haben, und ſtürzte in Wuth fort. Jetzt war Allen des Grafen Zuſtand, wie er im Gar⸗ ten ankam, begreiflich. Manche hingen der ſtummen Be⸗ trachtung nach, welche üble Folgen dieſer Vorfall haben könnte, und wie weit dieſer unerwartete Sturm ihre eige nen, dem Grafen anvertrauten Angelegenheiten verſchlagen möchte. Ein unſerm Freunde unbekannter Mann, den eine rothe Naſe auszeichnete, ſagte mit wichtiger Miene: Das kann den Grafen ſein einträgliches Privileg koſten, ich meine— den Handel mit rothen Weinen. Was eben vor iſt, verbeſſert die Sache nicht, fuhr der Alte fort. Eſſer hat den jungen Southampton, der freilich Schwärmer genug dazu iſt, zu einem öffentlichen, trotzenden Verlöbniß überredet, während die Königin die⸗ ſer Heirath noch entgegen iſt. Mich, wenn die Monarchin unſere Theilnahme an dem Verlobungsfeſte übel anſehen möchte, bekümmert ihre Ungnade wenig. Aber nicht wahr, fuhr er mit ſchalkhaftem Lächeln fort, Mancher von uns, wenn ihm dieſe Umſtände früh genug aufs Herz gefallen wären, hätte krank davon werden,— Herzklopfen bekom⸗ men können, und ſich entſchuldigen müſſen? Es freut mich, uns hier Alle wohl zu ſehen! Bis auf Bacon, nicht wahr? Eben iſt er mir auf einem Pferde des Grafen den 19⁵ begegnet. Er wollte auf ſein Gut zu Barnet reiten. Seit wann hat er dort ein Gut? Sicherlich hat ihm Eſſer das ſeinige geſchenkt; vielleicht heut morgen erſt, wo ſie ſo heimlich zuſammen thaten. Nun reitet er aus dankbarer Freude hin, reitet aber zugleich dem Zorne der Königin aus dem Wege(habt ihr bemerkt, wie blaß er dieſen Morgen über der Königin Ungnade wurde?), und borgt dazu noch ein Pferd des Grafen unter irgend einem Vor⸗ wande, um doch dieſen Gönner durch ſtummes Wegbleiben nicht vor den Kopf zu ſtoßen. Wißt ihr nun, was Phi⸗ loſophie iſt?— Weltweisheit! Der Haushofmeiſter öffnete beiden, Hand in Hand eintretenden Grafen Eſſer und Southampton die Thüre. Eſſer war wieder gefaßt und ſprach, als ob nichts vor— gefallen, aufgeräumt mit den einzelnen Anweſenden. Southampton nahm William unterm Arm, und wan⸗ delte mit ihm nach einer Fenſterniſche.— Ich muß Euch geſtehen, lieber Freund, ſagte er, daß mir wunderbar zu Muth iſt vor dieſem feierlichen Gang zu meiner über Alles theuern Eliſabeth. Ihr habt mich über Tiſche ſchwer⸗ müthig gefunden. Es war keine Beſorgniß vor der Un⸗ gnade der Königin. Was braucht mich am Ende auch eine Königin zu bekümmern? Gewinne ich nicht eine Eliſabeth, die mein Leben beglückt, wenn ich eine andere verliere, die es beherrſchen will? Nein, ich wußte ſelber nicht, was es mit dieſem Trübſinne auf ſich hatte, bis Eure ſchönen Gedanken über die Liebe mich mit einmal klar machten. Ja, mein William, ſo finde ich gleich heute ſchon, was ich mir von Eurer Freundſchaft verſprochen habe,— Befriedigung meines vielfach bedürftigen Herzens 13*† 196 Seht, ich nehme ſo meiner Eliſabeth Erſtlingsliebe, ihre reinſte Seelen⸗ und Leibesblüte hin, ohne daß ich ihr ein gleich unverſuchtes Herz zubrächte. Noch vor kurzem war ich in eine ſo ſüße Thorheit verſtrickt, daß ich beinah irr' in meiner Heirathsabſicht geworden wäre. Ein liebreizen⸗ des Mädchen, Roſalie, die der Zufall wie eine Verſu⸗ chung in unſer Haus geführt, hatte mich gänzlich einge⸗ nommen. Auch habe ich mich nur mit aller Gewalt verſtändiger Ueberlegung von dem bezaubernden Weſen losgekämpft. Wie ich das gemacht, gehört zwar auch zu meinen Bekümmerniſſen; doch ſei davon heut keine Rede; nächſtens erzähle ich Euch die ganze Geſchichte. Wer könnte denn auch überall ohne Anſtoß durchs Leben kommen? Nein, Freund! das iſt es eigentlich nicht. Aber, daß ich bei meiner heutigen Verlobung Edleres hinnehme, als ich darbringe,— das iſt es, was mich niederſchlägt! Ei, mein verehrter Gönner— verſetzte William. Freund,— ich bitte, nennt mich Freund, rief Sout⸗ hampton; denn nur mit einem Freunde kann ich meines Herzens Geheimniſſe theilen und berathen. Wohl denn edler Freund! fuhr William fort. Die Liebe des Mädchens iſt, denke ich, eine weſentlich andere, als des Mannes. Im weiblichen Herzen ſoll die Liebe ſich in urſprünglicher Reinheit bewahren, voll Sehnſucht, Trachtens und Heimwehs nach ihrer ewigen Abkunft. Das weibliche Herz iſt ein Kelch, den die Sinnlichkeit nicht ver⸗ giften darf; daher iſt Keuſchheit die Ehre der Frau. Des Mannes Liebe kann ſich aber nicht in ihrer Urſprünglich⸗ keit erhalten; denn ſie iſt zum Schaffen berufen, ſie iſt eine lebendichtende Liebe; ſie muß ſich mit den irdiſchen ndere, Liebe ſucht, Das ver Des gglich⸗ ſie iſt iſchen 1 1 97 Elementen miſchen und Lebenswandlungen anfachen. Da täuſcht ſie ſich denn oft genug, und bringt auch Misge⸗ burten oder eigentlich Miserzeugniſſe hervor. Aber in den Misgriffen des ſchöpferiſchen Dranges liegt des Mannes Unehre nicht. Er, der Liebe ſuchen muß, kann oft nicht vorüber, ohne auch zu verſuchen, und, wenn er auf Liebe ausgeht, ſich auch zu verirren. Dem Pilger, dem fahrenden Ritter nimmt man ſeine Abenteuer nicht übel; wenn er ſie nur beſteht, und das Ziel ſeiner Fahrt nicht verfehlt. Darum, mein Freund, habe ich Euch im Stillen glücklich geprieſen, daß Ihr ſo früh im Leben mit Euern Liebesverſuchen fertig ſeid, und die Liebe eines rei⸗ nen Frauenherzens findet. Wie mancher wackere Mann ringt ſich ſein Lebelang nicht aus dem bunten Farbenſpiele zum reinen weißen Strahle eines Frauenherzens, das ihn erlöſen könnte! Aufrauſchende Muſik aus dem Vorhofe ſchien dieſen Ausſpruch des Dichters zu beſtätigen. Es war aber nur das Zeichen zum Aufbruche, wozu Graf Eſſer den Wink gegeben.— Der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Trom⸗ meln und Pfeifen, Hoboen und Zinken, Hirtenflöten und Geigen zogen einer Fahne des Hauſes Eſſer voraus, die von zwei Mohren umtanzt ward. Eine Schar Lanzen⸗ träger folgte, hinter welchen neugekleidete Pagen die Wap⸗ pen des Hauſes Southampton und der Familie Vernon trugen. Nun ritten Eſſer und Southampton; dieſer rechts in reichem Schmuck und karmoiſinrothem Sammetmantel mit ſchwerer Stickerei. Hinter beiden Reitenden wandel⸗ ten in langem Zuge die Anhänger beider gräflichen Häu— ſer. Eine zweite Schar Lanzenknechte ſchloß den Zug. Unzählige Menſchen hatten ſich vor dem Palaſte ver⸗ ſammelt, und ballten ſich immer dichter aufeinander, je weiter der Zug ſich am Strande hinab durch die belebte Fleetſtraße nach der Altſtadt wälzte. Hier, auf dem brei⸗ ten Platze in Cheapſide, öffnete ſich das Thor jenes mit hohen Giebeln, Schießſcharten und Säulen ausgezeichneten Hauſes, an welchem damals Thekla Zuflucht in der har⸗ renden Sänfte gefunden hatte. Dreizehntes Kapitel. Der Zufall fügte es, daß Thekla zu derſelben Stunde vor dieſes Haus gerieth. Von dem Geliebten nämlich verlaſſen, einſam und von Geldverlegenheit bedroht, hatte ſie keine behagliche Stunde mehr. Sie ward von launenhafter Unruhe umhergetrie⸗ ben. Heut, nach ihrem einfachen Mittagsmahle, war ſie auf den Gedanken gekommen, den Weg ihrer Flucht von Lasko's Wohnung bis nach Southamptonhouſe zu durch⸗ wandeln, um ſich recht lebhaft aller Vorfälle jenes Tages zu erinnern, deſſen ſie nun als eines unglücklichen, wiewol mit lebhaft aufgeregter Seele gedachte. Sie hatte ſchon früher einmal geſchwankt, ob ſie ſich in ihrer Verlegenheit nicht an Lasko wenden ſollte. Allein, wie ſie den Mann kannte war ihr der Gedanke noch zu peinigend geweſen. und von Stunde rgetrie⸗ war ſie cht von durch⸗ Tages wiewol e ſchon legenhelt Mann gent eſen 199 Heut aber, als ſie die Themſenſtraße hinab, und an der Brücke in die Fiſchergaſſe lenkend, zur alten Wohnung gekommen war, trat ſie raſch hinein, und fragte im dunk⸗ lern Hofſtübchen nach Lasko.— Er wohnt noch hier, war der Beſcheid; aber ſeit Wochen iſt er nicht nach Hauſe gekommen. Nur ſein Diener fragt ein über den andern Tag an, wer etwa zu ſeinem Herrn verlangt habe. Wer ſeid Ihr, junger Herr, daß wirs ihm ſagen können? Thekla zweifelte nicht, Lasko halte ſich ſeit ihrer Flucht, aus Beſorgniß vor ihrem Verrathe, irgend verſteckt.— Sagt dem Diener, wenn er wieder anfragt, erwiderte ſie daher, eine dem Herrn gar wohl bekannte Perſon ſei hier geweſen; Herr von Lasko möge nur ganz unbeſorgt ſein; ein Flüchtling ſei noch kein Verräther. Weiter wandelnd kam ſie an die Stelle, wo jener angenehme junge Mann ſich ihr ſo ritterlich angetragen hatte. Wie lebhaft wünſchte ſie ihm irgend zu begegnen! Sie ſah ſich um, ob ihn der Zufall heute nicht wieder daherführen möchte. Vielleicht war ſie jetzt noch mehr, als damals, eines muntern, hülfreichen Freundes bedürf⸗ tig. Nun betrat ſie die Gäßchen, welche ſie jenes Abends athemlos durchrannt hatte. Bei dieſer Erinnerung eilten unwillkürlich ihre Schritte. Sie vernahm eine brauſende Volksmenge und fernherankommende Muſik. Schüchtern wendete ſie ſich um die Ecke. Wo damals die Sänfte geſtanden, war heute das Gedräng am dickſten,— hier vor dem Hauſe mit den hohen Giebeln und Säulen. Das Thor öffnete ſich.— Was geht denn hier vor? fragte Thekla ein altes Weib, das ſich auf einen ſchmalen Treppenſtein erhoben hatte Verlobung, mein hübſches Bürſchchen, etwas, worauf du dich eher ſpitzen darfſt, als ich,— war die Antwort. Wer wohnt hier im Hauſe? Die ſchöne Eliſabeth Vernon, die ſich dem ſchönen Grafen Southampton verlobt. Eben wird der Graf mit ſeinen Freunden kommen, ſie nach Southamptonhouſe ab⸗ zuholen. Wirklich kamen ſie mit der Muſik. Thekla eilte mehrere Schritte nach dem Gäßchen zurück. Hier blieb ſie an die Mauer gedrückt ſtehen. Sie zog den Hut tiefer ins Ge⸗ ſicht, als ob der Graf ſie aus Tauſenden heraus in ihrem Winkel erblicken, in ihrem Anzug erkennen könnte. Das Beifallgeſchrei des Volkes erſtickte die Zinken und Flöten. Die Menſchen, die hohen Häuſer kreiſten vor Thekla's ſchwindelhaften Augen. Die Bewaffneten drängten die Menge auseinander, und der Zug betrat den alterthüm⸗ lichen Palaſt. Thekla hatte im Nu den Grafen auf dem Pferde erblickt. Ein neues, muthigeres Gefühl ergriff ſie jetzt: ſie athmete auf, ſie wühlte ſich in die Volkswoge.— Alles drängte nun rückwärts, um nach dem Söller des Hauſes aufzuſchauen. Thekla wurde gedrückt, geſchoben; ſie empfand keinen Stoß, keinen Fußtritt; nur das Ath⸗ men ward ihr ſchwerer: ein dumpfes Leid laſtete auf ihrer Bruſt, und trocknete ihre Kehle aus. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis das Söllerfenſter aufging, und Southampton ſeine Braut herausführte. Wie das ſchöne Paar ins Gedränge herabgrüßte, brach ein betäubender Jubel aus. Thekla ſchrie mit,— ihr Herz ſtieß unwillkürliches Schluchzen aus, Thränen ſtürz⸗ ten aus ihren Augen. 201 Eben trat Graf Eſſex auf den Söller, und warf einige Handvoll Engelmünze und den Beutel ſelbſt unter das Volk. Dort balgte man ſich um das Geld, hier ſchrien einzelne Bürger: Hol' der Teufel dein Geld, du privile⸗ girter Weinküfer! Es war bekannt, daß die Braut der gräflichen Mutter nach Southamptonhouſe zugeführt würde; man ſetzte ſich alſo in Bewegung dahin. Thekla folgte gedankenlos der Menge, und ſetzte ſo ohne Ueberlegung den Weg fort, den ſie das erſte Mal in der Sänfte gemacht hatte, und heute zu wiederholen ausgegangen war.— Draußen vor Newgate lag ein Gemüs⸗ und Blumengarten. Die Nel⸗ ken, das Geisblatt, Himbeerſträuche, duftendes Knaben⸗ kraut verbreiteten in feuchtwehender Luft ihre Wohlgerüche über den Weg. Thekla blickte ein Weilchen über die Hecke in den Garten, und eilte dann hinein. Sie wählte und band zwei Sträuße aus den Frühlingsblumen, warf ihr letztes Geld dafür hin, und eilte auf Southamptonhouſe zu. Das Thor war ſchon von Menſchen umdrängt. Sie fürchtete für ihre Sträuße. In der neuen Aufregung, von der ſie ergriffen war, hatte ſie kein Bedenken, durch das ihr bekannte Hinterthürchen in den Palaſt zu treten Alles war hier in Bewegung, ſodaß man einen wohl gekleideten jungen Menſchen mit Sträußen ſeiner vermeint⸗ lichen Beſtimmung überließ. Sobald die ankommende Muſik vernommen ward, eilte die geſchmückte Dienerſchaft an ihre Poſten. Das Thor wurde geöffnet, und nicht lange, ſo zogen die Spielleute und die Fahne herein, die Bewaffneten ſtellten ſich vor dem Hauſe auf, Eliſabeth auf einem Zelter und Graf Heinrich, der ihn von ſeinem Pferd aus führte, ritten ein. Da ſtürzte Thekla hervor, trat in ihrer Aufregung kühn zwiſchen beide Pferde hin⸗ ein, und reichte dem überraſchten Paar ihre Sträuße. Ihr Auge flammte, ihr Mund zuckte; was ſie Bitteres hatte ſagen wollen, war vergeſſen; mit erſtickender Stimme liſpelte ſie: Da, und ſeid glücklich! Danke, holder Knabe! lächelte Eliſabeth. Von wem gibſt du uns die ſchönen Blumen?— Und als Thekla ſchwieg, fragte ſie ihren Bräutigam: Kennſt du das Ge⸗ ſicht, lieber Heinrich? Geſehen hab' ich es irgendwo. Nicht ohne Verlegenheit und Beſorgniß erwiderte der Graf, der die verkleidete Roſalie gleich erkannt hatte, ge⸗ gen Thekla gewendet, laut und nachdrücklich: Mir ſcheints ein Knabe, der mit einem Mädchenherzen die Welt falſch beurtheilt, aber ſeinen Dichtungen nicht gewachſen iſt. Hüte dich, Knabe! Du wünſcheſt uns Glück und weinſt? fragte die Braut. Ich weine nicht! ſchluchzte Thekla. Es iſt nur der Thau von euern Blumen, den ich für mich behalte. Thau vom duftenden Knabenkraute.„Männertreu“ iſt nicht ſo gerathen, wie Euer„Maßlieb,“ Lady. Schenke doch dem Armen etwas für mich! flüſterte Eliſabeth dem Grafen zu. Er ſcheint— Sie deutete mitleidig an ihre Stirne. Schenken? fiel Thekla ein. Schenken iſt an mir. Nehmt Euern Heinrich und Alles! Hiermit drängte ſie ſich zwiſchen den Pferden durch, und wühlte ſich in die Volksmenge hinein. An ihrer Bewegung im Entfliehen erkannte Eſſex das verkleidete te der 203 Mädchen und beſann ſich auf Roſaliens Geſicht. Er ſah den ängſtlich zurückblickenden Bräutigam lächelnd an, und legte zwei Finger an die Lippe.— Das Gefolge zu Fuß konnte von dem ganzen Vorfalle kaum etwas wahrneh⸗ men, weil das neugierige Volk, ungeduldig den Empfang des unter dem Thor haltenden Paares zu ſehen, den ab⸗ wehrenden Lanzenträgern zum Trotz, bis unter die Halle eingedrungen war. Inzwiſchen eilte Thekla Holbourne entlang. Die Haſt mit der ſie lief, verhetzte noch mehr ihr ungeſtuümes Blut, und verwirrte ihre Gedanken. Sie fand in des Grafen Worten und im Lächeln der Braut nur Spott und Krän⸗ kung. Sie zweifelte nicht, daß man ſie erkannt habe. Sie hatte ihre Neigung verrathen; man lachte über ihre Thorheit,— es gab ein luſtig Geſchichtchen für das Volk und für das Theater. Reue über den mislungenen Schritt kam zur quälendſten Eiferſucht. Sie wollte London ver⸗ laſſen,— aber ihre letzten Schillinge waren ausgegeben. Wo hinaus? dachte ſie, und ſtarrte umher, wer dieſe Frage gethan habe. Denn ihr Gemüth war ſo aufge⸗ regt, daß ihre innerſten Gedanken ihr als Eingebungen von Außen vorkamen.—„Da unten fließt die Themſe, tief genug für dein Unglück. Wie raſch wirſt du hinab⸗ gleiten, wie kühl und weich werden die Wellen dich auf— nehmen!“— Es war ihr, als ob ein Schutzengel ihr dieſe Worte zugeflüſtert habe. Ihre Vorſtellungen ver⸗ wirrten ſich immer mehr. Sie rannte, ihrer ſelbſt nur noch dunkel bewußt, durch das Cowgäßchen, Old Baily hinab, über Black Friars, in ein ſchmales Winkelgäßchen, das ihrer Meinung nach an den Strom führen mußte 204 Doch dies Suchen, dies Umblicken brachte ſie zur Beſin⸗ nung. Sie hörte Schifferruf und Jolen. Ein Schauer überlief ſie bei dem Gedanken an das Waſſer. Sie blieb ſtehen, und ward plötzlich von einer jungen Frau ange⸗ ſprochen. Es war Nelly, deren Haus in der Nähe lag, und die an der Thüre ſtehend das verſtörte Weſen des hüb⸗ ſchen Knaben bemerkt hatte.— Kann ich dich zurecht weiſen, junger Menſch? fragte ſie. Wo hinaus wollt Ihr denn? Dem Ton und eindringlichen Blicke, womit die Frage gethan wurde, mochte Thekla anfühlen, daß ihre verzwei felte Abſicht von der hübſchen Frau vermuthet werde. Ein wunderlicher Trotz, ein verwegenes Prahlen mit Dem, wovor ſie ſich jetzt fürchtete, regte ſich in der leichtfertigen Seele, und ſie antwortete keck: Geht's hier zur Themſe hinab?— Zur Themſe? wie⸗ derholte Nelly gedehnt und überlegend. Wenn Ihr ſo eilig ſeid, ſo will ich Euch den kürzeſten Weg durch dies Haus hier zeigen. Kommt, folgt mir! Sie faßte Thekla bei der Hand. Dieſe folgte in ſon⸗ derbarer Verlegenheit, bis Nelly hinter ihnen die Haus⸗ thüre abſchloß. Da riß Thekla ſich los.— Was habt Ihr mit mir vor? rief ſie. Was iſt das für ein Haus? Nur ruhig und vertraue mir! ſprach ihr Nelly zu Ich will dir nur vom obern Fenſter das Waſſer zeigen. Du wirſt ſehen, daß ich's gut mit dir meine. So ein hübſcher Fant— und willſt ins Waſſer ſpringen? Geh' doch! Es wär' Schade um dich. Bedenke dich bis mor⸗ gen, und nimm beſſern Rath an! Sieh' mich einmal an: 20⁵ ich bin Witwe, heirathe mich lieber! Dann haſt du im mer noch Zeit ins Waſſer zu ſpringen, und vielleicht mehr Grund dazu. Auf William's Giebelſtube führte Nelly ihren ver wunderten Gaſt ans offene Fenſter.— Sieh' dir einmal das erſtaunliche Waſſer an, und bedenke, wie kalt es iſt! rief ſie ſich ſchauernd. Nach einer ſtummen Pauſe bot Nelly einen Stuhl Setze dich zu mir, ſagte ſie, und wenn du dich zum Hei— rathen durchaus nicht entſchließen kannſt, ſo wende dich hier an die Feenkönigin. Hier, ſiehſt du? Ich wollte mich doch lieber den Feen, als den Fiſchen hingeben Nelly hob von den friſch geſtreuten Binſen des Zim mers ein Reischen auf, und legte es als Merkzeichen in das aufgeſchlagene Buch; blätterte dann ein Holzſchnitt bildniß der Feenkönigin hervor, und ſchob es dem Gaſte hin.— Noch Eins! ſagte ſie über ein Weilchen. Wenn du etwa einen guten Herrn ſuchteſt, um als Page zu dienen: hier im Zimmer wohnt Einer, ein großer Dich⸗ ter. Du ſcheinſt ein netter Junge, und dürfteſt wol, wie irgend ein ſauberer Burſche, neben deinem Herrn in ei⸗ nem Rollbettchen ſchlafen,— hier neben dem Stand bett. Unſer Poet hatte bisher einen ziemlichen Tölpel von Bedienten, muß ſich aber nun vornehmer einrich⸗ ten; denn der Graf Southampton iſt ſein Freund ge⸗ worden. Was ſagt Ihr? fuhr Thekla empor Southampton, ſage ich, bei deſſen Verlobungsfeſte er eben iſt.— Aber komm', nun kannſt du etwas Kühlendes brauchen. Leg' dein Mäntelchen ab, knöpfe dein Wamms 206 auf, damit die tolle Hitze herauskomme, und erwarte ein⸗ mal unſern Poeten. Nelly bemerkte mit Vergnügen, wie es ihr durch Scherz und Plaudern gelungen war, den verzweifelten jungen Menſchen auf andere Gedanken zu bringen. Sie holte eine Erfriſchung herbei, und machte ſich daran, den Burſchen zu bedienen. Dem Gedankenvollen ward das Mäntelchen abgenommen, an der Halskrauſe hinabfahrend öffnete Nell) das Wämmschen und— lüpfte eine heiß⸗ duftende Mädchenbruſt. Herr, mein Gott erſchrak ſie. Wie heißt Euer Miethmann, des Grafen Freund? fragte Thekla, aus ihrem Nachdenken erwachend Mein Miether— erwiderte Nelly höchſt unruhig. Ja, der wird jetzt gleich nach Hauſe kommen. Fort, fort! Ich will Euch nach Eurer Wohnung zu den Eurigen bringen. Ich denke, Ihr werdet nun klug und vernünftig ſein. Kommt! Aus unſerer Heirath wird nun doch nichts, und zum Pagen— wärt Ihr mir auch der Rechte, be⸗ ſonders für einen Dichter! Nein, nein, Euer Mieder paßt nicht zu meinem Miether. Indem ward die Hausthüre mit einem Schlüſſel geöff⸗ net, und William kam die Treppe herauf. Raſch warf Nelly dem Mädchen den Mantel wieder um.— Thekla erſchrak vor dem Eintretenden; denn ungeachtet der Däm⸗ merung des Zimmers erkannte ſie ihn gleich für den jun⸗ gen Mann, deſſen ſie heut ſo lebhaft gedacht hatte. Aber deſto mehr ſuchte ſie ſich zu verhüllen, und unerkannt mit Nelly zu entkommen. Nicht ſo raſch! bat William. Da gehen artige Ver⸗ kleidungen vor. Und zwar auf meinem Zimmer. Iſt das ein Liebhaber, Nelly, ein Bewerber? Heut iſt ein glücklicher Tag für Verlobungen. Laßt mich nur immer dabei ſein; ich bringe die beſte Feſttagslaune mit. Geht, liebe Nelly, und holt Licht, damit ich ſehe, was ich da für einen freundlichen Beſuch habe.— Oder Ihr, Nelly! Nelly wußte ſich nicht zu helfen. In der Verlegen— heit, was ſie thun oder laſſen ſolle, entfernte ſie ſich end— lich nach Licht. William trat heran, und faßte den Fremd⸗ ling, um ihm ſcharf ins Geſicht zu ſehen, über die Schulter Still, ſtill! flüſterte Thekla. Ich kenne Euch. Ich bitte, thut nicht, als kenntet Ihr mich! Ha! rief William. Welche Stimme! Ja, beim Him⸗ mel, Ihr ſeid es! Endlich, endlich finde ich Euch! Und hier, auf meiner Stube! Wie ſeltſam! Wie? Ich ſoll Euch nicht kennen? Wolan, ſo begleite ich Euch! Ich muß Euch ſprechen. Ich laſſe nicht mehr von Euch.— Ihr ſollt mir nicht wieder und wieder verſchwinden! Der Freund war außer ſich. Thekla entwand ſich ihm. Nein, nur keine Begleitung! gebot ſie. Morgen, zu dieſer Stunde auf der Londonbrücke! Geduldet Euch,— faſſet Euch—! Nelly trat mit Licht ein. Verzeiht, aber ich will nicht erkannt ſein! rief Thekla mit Verſtellung, hielt ihren Mantel vor, und faßte weg— eilend Nelly's Hand. Nelly öffnete unten die Hausthüre, ſetzte dann das Licht bei Seite, um die Fremde zu begleiten. Wie ſie jedoch vor die Hausthüre kam, war der ſeltſame Gaſt entflohen Drittes Buch. Koenig, William Shakſpeare. I. Erſtes Kapitel. Der erſte Gedanke Thekla's, als ſie am andern Morgen aus tiefem Schlafe munter erwachte, war der junge Mann, mit welchem ſie einſchlummernd ſich beſchäftigt hatte. Sie lächelte über das wunderliche Zuſammentreffen mit ihm, gerade an dem Tage, da ſie eine Wallfahrt zur Erinne⸗ rung an ihre Flucht und an ſein erſtes, kühnes Begegnen angeſtellt hatte. Sollte darin keine höhere Beſtimmung liegen? fragte ſich die abergläubige Thekla. Wenigſtens ſchien es ihr eine bedeutſame Fügung, daß ſie aus Ver⸗ zweiflung über einen treuloſen Geliebten in die Wohnung eines werbenden Freundes gerathen war, der ihr zum Erſatz oder zur Rache dienen konnte. Dichter und Freund Southampton's hatte ihn die Witwe genannt. Wer konnte es anders ſein, als jener Sonettendichter, von welchem in Southamptonhouſe ſo oft die Rede geweſen war? Sie erinnerte ſich nun auch ſeiner Stimme aus dem Schauſpiele bei Lord Hunsdon, als er die Rolle Gaunt's geſpielt hatte. Es waren ja wirklich auch jene leuchten— den Augen. Aber hatte nicht gerade er den Grafen Heinrich zur Heirath ermuntert, und alſo zu ihrem Un⸗ glück beigetragen? Doch nein! Was konnte der Dichter 14* 242 dafür, daß der wankelmüthige Geliebte jene Eliſabeth Vernon und nicht Roſalien de la Roue gewählt hatte? Sie lachte laut über die vorgebliche Roſalie; der Spaß gefiel ihr; ſie lachte mit jener wilden Luſt, in der ſich eigentlich der Aerger über ihre mislungene Liebeserwar⸗ tung ausließ. Nun war aber die Frage, wie ſie es mit dem auf den Abend beſtellten Dichter halten ſollte. Da regten ſich in ihrem von geſtern noch ſo reizbaren Herzen die widerſprechendſten Empfindungen. Es war ihr ärger⸗ lich, daß ſie den jungen Mann ſo raſch beſtellt hatte. Sie entſchuldigte es damit, daß ſie auf andere Weiſe ſeine Begleitung ſchwerlich hätte abwehren können, und er ſollte doch ihre Wohnung nicht erfahren. Sie brauchte ja nur nicht an die Londonbrücke zu kommen, und die Sache war abgethan, ohne daß ſie ihm vielleicht je wieder be⸗ gegnete. Doch gerade dies wäre ihr auch leid geweſen: ſie fühlte ſich jetzt ſo einſam und verlaſſen, ja ſie brauchte Rath und Hülfe.— Sollte ſie denn aber einem inter⸗ eſſanten Manne, den vielleicht eine hohe Meinung von ihr oder eine Neigung für ſie einnahm, nur als Bedürf⸗ tige, als Verzweifelnde entgegenkommen? Er kannte ſie nicht, und ſie hätte in ſeinen Augen lieber für etwas Rechtes gelten und angeſehen ſein mögen. Sie fühlte ſich ohnehin ſo erniedrigt: ſie hatte ſich geſtern ſo ſehr vergeſſen, und der treuloſe Geliebte hatte ſie ſo. ſchnöd verlaſſen.— Kränkung, Reue, Rachegefühl, Troſtloſig⸗ keit, Sehnſucht,— und wer kann alle die Empfindun⸗ gen bezeichnen, die raſch wechſelnd Thekla's Herz beſtürm⸗ ten? Der leichte Sinn, die hülfreiche Phantaſie, ſchienen heut ihren Liebling ganz verlaſſen zu haben. Sie konnte liſabeth atte? Spaß eer ſich arger⸗ Sie ſeine ſollte a nur Sache r be veſen auchte inter⸗ - von edürf nte ſie etwas fühlte ſehr ſchnod lloſig⸗ ndun. 213 zu keinem Entſchluſſe kommen. Das Bild des jungen Mannes trat immer wieder hervor. So ſchoͤn freilich, ſo liebenswürdig wie Southampton, war er nicht; aber er hatte viel Einnehmendes, eine flammige Verwegenheit, und war ein berühmter Dichter. Doch dies Letztere hatte auch wieder etwas Beängſtigendes für ſie. Ein ſolcher Geiſt, ein ſolcher Blick würde ſie ganz durchſchauen und beherrſchen. Gerade vor einem Dichter fürchtete ſie mit ihren Erfindungen und Täuſchungen ſchlecht zu beſtehen. Schon der Graf hatte ihre Finten ſo bald durchſchaut, wie vielmehr würde es der Dichter! Nein, nein! Sie wollte lieber nicht nach der Brücke kommen. Der ver⸗ mögenloſe Dichter konnte ihr ohnehin nicht viel helfen. Sie dachte wieder an Southampton. Er war für ſie verloren; ſie ſollte ihn nie wiederſehen. Hätte ſie ſich nur noch einmal mit allen Vorwürfen, von denen ihre Bruſt ſo voll war, gegen ihn auslaſſen können! Der Dichter war des Grafen Freund. Durch ihn hätte ſie freilich manchmal von dem Geliebten etwas höoöͤren koͤnnen; ſie wäre in Verbindung, in geheimnißvollem Bezuge mit Southamptonhouſe und den Perſonen ihrer Eiferſucht, ihres Grolles geblieben. Der Dichter kannte ſie nicht als des Grafen Geliebte; er erfuhr höchſtens als Freund deſ⸗ ſelben von einer gewiſſen Roſalie, und hätte ihm dafür immerhin von ſeiner theuern Thekla erzählen können. Sie lachte über dieſen Einfall und hing ihm lächelnd nach. Ja, wenn ſie ſich in dieſer doppelten Perſönlichkeit zwiſchen beiden Freunden unentdeckt zu halten verſtände, ſo wäre ſie eine Zauberin, die das Unbegreiflichſte ver⸗ richten kͤnnte.— Thekla klatſchte in die Hände bei die— 214 ſem glücklichen Fund. Es war ein gewagtes Unterneh⸗ men, aber es war noch lockender als gewagt. Nun wollte ſie doch nach der Brücke kommen und mit dem Dichter anknüpfen. Sie fühlte ſich wunderbar belebt und zu neuen Entwürfen, zu verſtohlenen Abſichten aufgeregt. Sie hatte wieder ein Tagwerk, eine Zukunft vor ſich; das Meer, die Ueberfahrt, das Einpacken und die See⸗ krankheit lagen tauſend Meilen weit von ihr. Eines nur fehlte ihr,— Geld Sie ſprang aus dem Bette und durchwühlte ihre Ki⸗ ſten nach irgend etwas Verpfändbarem. Da fiel ihr eine ganz vergeſſene nürnberger Uhr in die Hände, die ſie, ein Vermächtniß ihrer Schweſter, bei ihrer Flucht von Lasko zu ſich geſteckt hatte. Seitdem war ſie unaufgezo⸗ gen liegen geblieben. Sie kleidete ſich an, um die Uhr zu verſetzen. Sie wußte, wie koſtbar damals die Uhren in England waren, die man noch aus Deutſchland bezog. Sie war ſchnell fertig, und hatte in der Zerſtreuung nicht ihren männlichen, ſondern einen weiblichen Anzug genom⸗ men. Aber nun gerieth ſie in Verlegenheit, an wen ſie ſich mit ihrem Geſchäfte wenden ſolle. Dem Hauswirthe, dem ſie Miethe ſchuldig war, wollte ſie durch eine Er— kundigung ihre Verlegenheit nicht verrathen, und ging alſo aufs Gerathewohl aus, um in den Straßen ſich zu⸗ rechtweiſen zu laſſen. Es war noch frühſtill, als ſie unter die Durchgangs⸗ halle ihrer Wohnung trat. Ein Mann ging eben vor— über, ſeltſam, doch gewiſſermaßen ehrwürdig ausſehend— in gelbledernen Strümpfen mit Kniegürteln, in ſchäbigem Mantel, langem Barte und ſchlappem Filzhute. Er wan⸗ ᷣ 215 delte gebückt mit gefalteten Händen vor ihr her, und ſchielte einige Male nach ihr um. Sie redete ihn alſo an, und fragte nach einem Hauſe, wo man auf Pfänder leihen kͤnne. Nach einem durchdringenden Blicke die Augen niederſchlagend, antwortete der Befragte: Du biſt der Ausſprache nach ein Fremdling in London; ich ſah dir ſchon auf deiner Haustreppe an, daß du früh mit einer Sorge auf dem Herzen ausgingeſt. Was für ein Pfand haſt du? Eine Uhr, Ehrwürdiger! verſetzte ſie Damit kannſt du dich an Niemand beſſer wenden, als an Eſaias Gottgeprüft. Ich bitte, weiſt mich zurecht nach ſeiner Wohnung, bat Thekla. Es iſt nicht weit dahin, erwiderte der Mann, folge mir mit Gott. Stillſchweigend, rechts und links umherſchielend, führte er Thekla eine Strecke durch Cheapſide und lenkte dann in ein Winkelgäßchen, wo er ein altes, einſtöckiges Haus aufſchloß und dem ängſtlichen Mädchen winkte.— Hier wohnt Eſaias Gottgeprüft, ſagte er, und ich bin es ſelber. Komm nur, der Herr führt dich einen guten Weg. Warum habt Ihr nicht gleich geſagt, daß Ihr's wärt? fragte Thekla mistrauiſch, indem ſie in die Stube getreten, ſich der Thüre nahe hielt. Ich habe überlegt, ob ich auch auserwählt genug ſei, mich in der Frühe des Tages mit verlockender eitler Ju⸗ gend einzulaſſen, und ob du für einen Gläubigen nicht eine Verführung des Satans ſeieſt, antwortete er. Geängſtigt durch die ſeltſamen Blicke des Mannes, rief 246 Thekla: Dann laßt mich lieber gleich weiter gehen!— Sie wendete ſich der Thüre zu. Bleibe! rief der wunderliche Mann. Ich bin ſchon be⸗ ruhigt. Der Herr hat mir unterwegs angedeutet, es ſei zu deinem Beſten, daß du zu mir kämeſt. Alſo, ſchöne Tochter Kanaans, wo iſt dein Pfand? Dieſe Uhr, ſagte ſie, iſt mir zu werth, um ſie zu ver⸗ kaufen. Wollt Ihr mir zehn Engel vorſchießen, und unter welcher Bedingung? Zehn Engel? verſetzte er zögernd, und betrachtete die Uhr. Eine deutſche Uhr. Zehn Engel! Dich hatten gewiß die Engel verlaſſen, als du dieſe Uhr gewannſt in der Stunde der Verſuchung. Wie meint Ihr das? fragte Thekla. Das Werk iſt gut, fuhr er betrachtend fort. Aber die Werke der Finſterniß ſind ein Räderwerk, das die Stunde der Verdammniß herbeiführt. Laß dich auf⸗ ziehen, du ablaufende Sünderin, mit dem Schlüſſel der Gnade. Ihr ſeid ein Narr! rief Thekla. Gebt mir die Uhr zurück. Du biſt ungeduldig, ſchöne Kanaaniterin, verſetzte der Mann. Laßt mich immerhin ſolche Betrachtungen bei dieſer Uhr anſtellen: nur den Auserwählten iſt es gege⸗ ben, an die Eitelkeiten der Welt— Erlöſungsgedanken anzuknüpfen. Ja, glaube mir, dieſe Uhr zeigt mir noch mehr, als die Stunden deines dahinrauſchenden Lebens. Vielleicht auch die Stunden Eurer bleibenden Albern⸗ heit? fragte Thekla ungehalten. Sie zeigt mir, fuhr er fort, daß du vornehme, reiche 217 Galane haſt, die bei dir die Zeit vergeſſen und die Uhren verlieren, Männer, die des Thieres Zeichen an der Stirn tragen, die dich aber auch wieder verlaſſen haben, ſonſt würdeſt du nicht nach Engeln bei mir ſuchen. Dieſer grobe Argwohn zu der Angſt, in welcher Thekla ſchon bebte, preßte ihr Thränen aus. Gebt mir die Uhr zurück! rief ſie. Wer gibt Euch ein Recht, mir ſo zu begegnen? Mich zu kränken? Der Herr naht ſich dir in mildem Regen! ſagte Eſaias. Deine Thränen ſind Thau himmliſcher Verge⸗ bung. Weg jetzt mit dieſer Uhr, meine Tochter! Faſſe Muth, weinende Magdalena, ſo lange dich ein Auser⸗ wählter Tochter nennt! Die Uhr ſchließe ich vor Allem hier ein: die Gedanken des Himmels finden leichter Zu⸗ gang bei dir, wenn die Erinnerungen der Sünde entfernt ſind. Es war eine Eingebung deines Erlöſers, die Uhr zu verſetzen. Erkennſt du nicht die Fügung, daß ich gerade in dieſer frühen Stunde an deiner Wohnung vor⸗ über kommen mußte, als du um ein Darlehn ausgingſt? Der Herr hat dich an mich gewieſen: vertraue dich mir an! Es ſoll dir vor Allem ein Darlehn der Gnade werden. Komm, laß mich einmal prüfen, ob du auch unſerer ſchönen Disciplin würdig ſeieſt. Weiche nicht zurück, ich will nur deiner bläßlichen Wange anfühlen, ob du der Tugend ſchon allzuſehr abgewelkt ſeieſt. Welkes Fleiſch findet ſeinen Erlöſer nicht. Er kniff die Widerſtrebende, indem er ſie mit wildem Ungeſtüm am Arme faßte, in die Wange.— Nein, nein! flüſterte er zitternd. Du biſt noch nicht ſo geſunken; in dieſer derben Wange ſitzt noch Erlöſung. Oder, ſprich! 218 Biſt du etwa dem Teufel der Eitelkeit verfallen? Laß ſehen, ob du die Miſſethat eines Schnürleibs an dir haſt. Eine unterſchnürte Bruſt athmet in den Feſſeln des Satans. Eſaias wollte ſie mit dem Arme umfaſſen; ſie ſtieß ihn zurück, und eilte nach der Thüre. Er vertrat ihr den Weg und beſchwor ſie mit keuchender Stimme, der Gnade nicht zu entrinnen. Sie ſollte ſich ihm anver⸗ trauen, ſich ihm entdecken, ihm in die Verſammlung der Brüder folgen. Die ſchöne Disciplin werde für ſie ſor⸗ gen, ihr ein angenehmes Loos bereiten, ihr den Pfad zum Himmel ebenen und verſüßen. Zwiſchen dieſen und andern haſtig und halblaut hingeworfenen Vorſchlägen ſtöhnte er lauter: Ergib dich, ergib dich dem Herrn! Ent⸗ ziehe dich nicht dem Arme ſeines Auserwählten! Verſage dich nicht der rettenden Liebe! Suche zuerſt das Himmel⸗ reich und alles Andere wird dir zugeworfen werden! Thekla ſchwebte in der entſetzlichſten Angſt. Dieſe wilden Blicke in Begleitung von Bibelworten waren ihr doppelt grauſenhaft. Sie zweifelte nicht, daß ſie mit einem Wahnſinnigen zu thun habe. So ſtark, wie eines Tollen Arm, war auch der Arm, der ihre Hand gefaßt hielt. Sie ſtrebte, ſich ihm zu entziehen. Nun flehte er, ſie möchte ſich traulich zu ihm ſetzen, er wolle ihr Alles erklären; ſie möchte ſich nur beruhigen, ihn nicht misverſtehen. Sie bat dagegen, er möchte ſie nur erſt loslaſſen. Sie hoffte nämlich auf einen freien Augenblick zum Ent⸗ ſpringen. Ich laſſe dich nicht los! ſchrie er wild. Das Him⸗ Pfad — und chlägen n nicht zlaſſen m Ent dich. Komm, gib mir den frommen Schweſterkuß! Indem er ſie nun mit Ungeſtüm an ſich riß und wie der und wieder küßte, nahm ſie alle ihre Kraft zuſam⸗ men, rang und ſchrie um Hülfe. Still, ſtill! flüſterte er. Der Herr iſt überall. Du biſt verſtockt der Heiland gebeut mir, dich zu zwingen. Damit ſchlang er ſeinen Arm um ihren Nacken. Sie bäumte ſich mit aller Kraft, und traf ihn mit ihrem Elbogen ſo heftig an die Naſe, daß ſogleich ein Strom des erhitzten Blutes über ſeinen Bart ſchoß. Er ließ ſie los, und ſie gewann die Thüre. Glühend und athemlos rannte ſie die Straße entlang, ihr losgegangenes Haar flatterte. Die Straße war ſchon belebter, und die Vor⸗ übergehenden lachten und höhnten hinter fr her, indem ſie auf ihre verſchobenen Gewänder deuteten. Es war ein Glück, daß man die einzelnen Blutflecke auf ihrer Schulter nicht wahrnahm, weil man ſonſt die Arme aus noch ſchlimmerem Verdacht ergriffen hätte. Erſchöpft kam ſie in ihrer Wohnung an, und ſank mit ſchwindendem Bewußtſein auf ihr Lager. ZM 7,— melreich will Gewalt leiden. Gib nach! der Herr erleuchte Zweites Kapitel. In beſſerer Stimmung, als Thekla, brachte William den Tag zu. Die Probe des neu zur Aufführung beſtimmten Stückes von Marlow:„Der Jude von Malta“ ward abbeſtellt, und ſo blieb der Freund in ſüßer Aufregung den Tag über daheim. An etwas Umfaſſenderem zu dich⸗ ten, war ſein Gemüth zu erwartungsvoll und unruhig. Er warf daher einige der kleinen Lieder ſeines„leiden⸗ ſchaftlichen Pilgers“ hin, und überließ ſich dazwiſchen jenem traumſeligen Zuge der Begeiſterung, die in eines müßigen Dichters Herzen mit aufknospenden Gedanken, wie laue, würzige Mailuft mit blühenden Geſträuchen ſpielt.— Er ſpann eine lange Unterhaltung mit der Un⸗ bekannten, deren Namen er noch nicht einmal wußte. Er wollte ihr das Artigſte ſagen, wodurch er ſie günſtig zu ſtimmen hoffte, und gerieth;. da es ihm an Berührungs⸗ punkten ihres wirklichen Lebens fehlte, auf lauter Gezier⸗ tes und Zugeſpitztes. Natürlich ließ er ſich von der Fremden nach wenigen ſpröden Worten die angenehmſten Erklärungen und Zuſagen geben.— Eigentlich hatte er nicht die günſtigſte Meinung von ihr, und ließ ſich nicht bange ſein, ſie zu behandeln. Der Zufall einer zweimal ſo auffallenden Begegnung ſtellte das ſchöͤne Mädchen nicht eben in das beſte Licht, und was ihm Nelly erzählt hatte, deutete auf verzweiflungsvolle Verhältniſſe.— Da⸗ dich⸗ iſtig zu rungs⸗ Gezier⸗ on der hmſten atte er nicht weimal ————— 221 zwiſchen dachte er auch an Alicen. Seine Phantaſie wiegte ſich von der Einen zur Andern,— von den be— zaubernden Reizen der Fremden zu dem edeln, durchſichti⸗ gen Weſen der Lady. Er verwechſelte in ſeinen fiebern⸗ den Wünſchen Eine mit der Andern, einem Kinde gleich, das ſeine Puppen abwechſelnd herzt und umkleidet. Er hatte bei ſeinem erſten Beſuche Alicen verſprochen, ihr ge⸗ wiſſe Empfindungen und Vorſätze in Verſen auszudrücken. Nun fiel es ihm ſchwer, die richtigen Worte zu finden. Gewiß war es auch nicht der rechte Augenblick dazu. Jene Regungen, die er in Southamptonhouſe empfunden hatte, waren viel zu unbeſtimmt, um bei einem jetzt ſo heißen Verlangen nach der ſchönen Unbekannten zu Worte zu kommen. Doch verſuchte es der Freund mit einzelnen Zeilen und durchſtrich ſie wieder. Endlich nach Tiſche brachte er, halb ſchlummernd unter lauem Mittagwinde, folgendes Sonett, er wußte ſelber nicht, wie zu Stande: O laßt ſie, denen hold ihr Stern gelacht, Mit Ehren und mit ſtolzen Titeln prangen! Mich, den das Glück ſo günſtig nicht bedacht, Erfreue ſtill ein ſeliges Verlangen. Des Fürſten Liebling breitet aus ſein Grün, Wie an der Sonne Strahl die Ringelblume Ein Zornblick ſtreift die ſtolzen Blätter hin, Die nun ein Grab nur ſind dem eignen Ruhme Der mühenvolle Kriegsheld, ſtolz genannt, Nach hundert Siegen einmal nur geſchlagen, Wird aus dem Kreis der Ehren weggebannt, Vergeſſen aller Ruhm aus heißen Tagen. O glücklich! wer um Liebe Liebe findet, Mit Treue, ſelbſt gebunden, ewig bindet! William war mit dem Sonette nicht zufrieden: es ſtand etwas da, was er eigentlich nicht hatte ausdrücken wollen; ja er wußte, wie Mancher ſeine eigene Handſchrift ſchwer lieſt, nicht zu ſagen, ob die Verſe, wenn auch an ſich ſchön, doch eher auf ſeine Unbekannte, als für Alicen paßten, an die ſie doch gerichtet ſein ſollten. Endlich kam der Abend heran, und William verließ ſeine Wohnung. Auf der Londonbrücke drängten ſich zwiſchen Fuhrwerken die hin- und hereilenden Menſchen. Die Brücke war damals mit Häuſern bebaut. Aus man⸗ chen Fenſtern ſahen luſtige Geſichter herab, und neckten die Vorübergehenden. Auch ein Spiel⸗ und Speiſehaus, ein ſogenanntes Ordinary, lag hier mit einem Hinterſtüb⸗ chen auf den Fluß. William hatte es zuweilen beſucht, und jetzt ſcholl ihm, wie ein alter Gruß, durch die offene Hausthür der Jubel ausgebrachter Geſundheiten entgegen. Er wendete um, beſorgt, im Gedränge die Erwartete zu verfehlen. Dieſe Aengſtlichkeit nahm mit jeder Minute ſeines ungeduldigen Harrens zu. Seine Blicke verſchlan⸗ gen das Gewühl.— Wenn ſie ihm entging, oder gar ausblieb, wo ſollte er ſie wiederfinden? Es that ihm leid, daß für den Fall des Verfehlens keine Abrede auf ein andermal getroffen war. Indem ſah er am Eingang auf die Brücke die Them⸗ ſenſtraße herab einen Rudel junger Burſche lachend und drängend hinter einem Frauenzimmer herkommen. Er er⸗ kannte beim zweiten Blick ſeine Erwartete, bemüht, ſich von ihren Verfolgern loszuwickeln. William drängte ſich ihr entgegen, und ſie faßte ſeine Hand wie eines Erret⸗ ters. Die ausgelaſſenen Geſellen waren an ihren platten verließ en ſich enſchen man⸗ neckten 223 Mützen und Späßen für Handwerkslehrlinge und Kauf⸗ mannsdiener zu erkennen. William fand es nicht räth⸗ lich noch rühmlich, gegen die klappernden Stöͤcke derſelben anzugehen. Er warf ihnen einen Zornblick entgegen und führte ſeinen Schützling raſch ins Gewühl auf der Brücke. Doch die gereizten Burſche blieben nicht zurück; ſie folgten drohend. Er hatte ſich, wie er ſolche Geſellen kannte, auf ihren Angriff gefaßt zu machen. Dabei konnte das ihm theuere Mädchen verletzt werden, oder durch die Flucht ihm entgehen. In dieſer Betrachtung kam er wieder an das Speiſehaus, worin eben ein Rundgeſang anhob.— Laßt uns hier eintreten! flüſterte er Thekla zu, und eilte mit ihr durch die offene Hausthüre, die er hinter ſich zu⸗ warf.— He da! Verzeihung, edle Herren, daß ich euch unterbreche, rief er den Gäſten zu. Ich nehme euern Beiſtand gegen eine Rotte. Geſindel in Anſpruch. Sie verfolgen dies Fräulein, das im Gedränge den begleiten⸗ den Pagen verloren hat.— Haltet Euch hier einen Au— genblick ruhig! wendete er ſich dann an Thekla. Ich ſehe, die edeln Herren ſtehen uns bei. In der That hatten ſich die luſtigen Gäſte erhoben Es waren einige abgedankte Kriegsleute, die zu ihren zerriſſenen Kleidern lange Degen trugen; Andere waren Schiffer und Schiffszimmerleute, die Meiſten aber ſahen aus wie Menſchen, die, zu beſtimmten Geſchäften ungeſchickt, mit deſto mehr Geſchicklichkeit von täglichen Wechſelfällen leben. Allen kam das angebotene Zwiſchenſpiel ganz recht. Die Meiſten kannten William.— Hal! riefen ſie, unſer Will', unſer köſtlicher Junge! Sollen wir heute Euch eine Komödie aufführen? Das gibt einen prächtigen 224 Humor! Seht, da dringt das Pack ein,— dieſe Jauche, dies Pech, dieſe weggeworfenen Bindfadenendchen, dieſe ungeleimten Tüten! Was wollt ihr? He, haut ſie in die Pfanne! Mit dieſen und noch derberen Schimpfworten ſtürz⸗ ten die Gäſte auf die eindringenden Handwerksburſche heraus. Der Kampf wirbelte durch die ausweichende, ſchreiende Menge bis nach Southwark hinüber, wo die Verfolgten ſich in die Gaſſen zerſtreuten. Während des Kampfes hatte ſich einer der abgedank⸗ ten Kriegsleute von unförmlicher Geſtalt, was die Länge des Oberleibes, die Dicke des Bauches und die Fülle der Backen betraf, zur Unterhaltung Thekla’s herbeigewälzt. Auf ſein langes Schwert geſtützt, lächelte er mit kleinen funkelnden Augen; von der Naſe waren nur zwei offene Löcher unter einem glührothen. Fleiſchklümpchen zu ſehen. Die zurückkehrenden Gäſte nahmen ihn wegen feigen Zu⸗ rückbleibens vom Kampfe übel mit. Was wollt ihr? rief Sir John, wie man ihn ſcher⸗ zend nannte. Erkennt ihr meine Großmuth ſo ſchlecht? Soll ich euch alten, treuen Freunden die magere Ernte der Lorbeern verkümmern? Soll ich Alles für mich weg⸗ nehmen? Wohin ich mich mit dieſem ſchlachtgewohnten Schwerte wälze, zerdrücke ich, wie ein Elephant, ganze Lorbeerwälder, an denen Heere ſatt hätten. Ich bin ein Walfiſch im Meere der Tapferkeit, wißt ihr das nicht längſt? O ja! rief Einer, wir erkennen dich ſchon an den leeren Tonnen, mit denen du ſpielſt,— Tonnen Sektes, die du geleert 22⁵ Jauche, Richtig! verſetzte Sir John. Das geſchieht, wenn die 1, dieſe Sonne des Friedens ſcheint und das Meer ruhig iſt. Ein ſie in Walfiſch kann nicht von Art laſſen, auch im Spielen. Und ich hätte die ganze Schar, an der ihr euch müde ftürz⸗ gekämpft habt, mit einer einzigen leeren Tonne verjagt. burſch Eigentlich liefen ſie gleich, wie ſie meiner nur anſichtig eichende wurden. Solche Feinde blicke ich ſchon in die Flucht. wo die Aber wenn ein Heer ſteht wie eine Mauer, wenn Breſche gelaufen werden muß, dann ruft nur: Sir John, tapfe⸗ zgedank⸗ rer Sir John, wolan, dein Schwert heraus! Und e Länge dann ſollt ihr alte Wunder ſehen, die ein neues Erſtau— ille der nen erregen. gewälzt. William hatte inzwiſchen zu dankbarer Bewirthung kleinen ſeiner Hülfstruppen Sekt herbeigeſchafft, und hörte mit offene Wohlgefallen dem närriſchen Kriegsgeſellen zu, an dem ſehen er ſchon öfter ſeinen Spaß gehabt. Man ließ William gen Zu⸗ und ſeine ſchöne Lady leben. Wie aber auch Sir John zu einem Becher griff, ging die Neckerei ernſtlicher los. n ſcher⸗ Wer nicht mitgefochten, ſollte nicht mitzechen, hieß es. ſchlecht? Was? ſchrie der Dicke, und ſchlug mit ſeinem Schwert 2 Ernte auf den Tiſch. Ich könnt' euch hundert Gründe anführen, ch weg warum ich beim Trinken ſein muß; aber ihr ſollt euch wohnten mit einem einzigen begnügen. Der Schreck, den die Gau⸗ ganze ner bei meinem Anblick erfuhren, rührt von meinem bin ein Leibe her,— hier heraus iſt er gefahren, hier hat er 1s nich eine Lücke gelaſſen, und verlangt eine Herſtellung durch Sekt. Gekämpft habe ich nicht mit euch, um eure Ehre an den nicht zu ſchmälern; aber vom Sekte unſers ritterlichen Sektes Sir William nicht mittrinken, hieße die Güte des edeln Spenders nicht ſchmälern wollen, und das würde heißen, Koenig, William Shakſpeare. I 15 226 — dieſe Güte für weniger als unerſchöpflich halten. Solche Unhöflichkeit ſoll man dem Sir John nicht nach⸗ ſagen.— Nein, rief er, nachdem ein Glas hinunterge⸗ ſtürzt war, Sekt und Muth haben eine nahe Verwandt⸗ ſchaft zueinander; ſie ſtürzen aufeinander los, wo ſie ſich erblicken, und ſchwören einander ewige Freundſchaft. Nur der Sekt iſt ein wenig beſchämt, daß er nicht immer in ſo reichem Maße vorhanden iſt, als der innere Muth. Der edle Muth aber leidet ſolche falſche Scham nicht, und verweiſt ſie aus dem Freundſchaftsbunde. Da ſetzt ſie ſich hier oben auf die Naſe und protzt. Begreift ihr nun das Roth, welches tapfere Geſellen an der Naſe tragen? Es iſt eine Fahne uneigennütziger Freundſchaft. An ſolchen drolligen Erwiderungen und Reden ergötz⸗ ten ſich nun die überluſtigen Gäſte; ja ſie neckten eigent⸗ lich den Dicken nur, um die wunderlichſten Gedanken und Witze gleichſam aus ihm herauszuſchlagen, wie Funken aus einem Kieſel.— William winkte ſeiner Schönen, und ſtahl ſich mit ihr hinweg. Drittes Kapitel. Die Dämmerung war eingebrochen. Auf der Brücke ging es ruhiger zu. Das Paar ſchlug die Richtung nach den ſtillern Gaſſen der Altſtadt ein. halten nach⸗ nterge⸗ wandt⸗ ſie ſich t. Nur mer in Muth zt, und ſeßt ſie r nun agen? Brücke nach 227 Vor Allem,— wo hinaus gehen wir? fragte Wil⸗ liam. Wir ſind nicht weit von der Lombardſtraße, wo ich Euch das erſte Mal begegnet bin. Iſt das Euer Heimweg?— Und— wohnt Ihr vielleicht allein? Darf ich Euch nach Hauſe begleiten? Ihr irrt Euch in mir, erwiderte ſie empfindlich. Ich wohne nicht allein. Ich erlaube Euch bis Cheapſide mit⸗ zugehen. Bis Cheapſide? Aber auf einem kleinen Umweg, meine ſchöne—. Ich bitte um Euern Namen! Ich heiße Thekla. Thekla? Das iſt ein ſchöner Name, und ein ſeltener in London. Auch iſt Eure Mundart fremd; Ihr habt keine londoner Zunge. Ihr ſeid wol aus Irland, ſchöne Thekla? Oder auch noch weiter her. Doch will ich mich nicht ſo weit von meiner Abſicht entfernen. Ich habe Euch zu ſprechen gewünſcht, um Euch für die früher mir bezeigte Artigkeit zu danken. Durch Eure muthige Dazwiſchen⸗ kunft bin ich einer widerwärtigen Verfolgung glücklich ent⸗ kommen. Dafür habt Ihr die Schuld auf Euch, daß Ihr mir damals entflohen ſeid, und mir ſo viel unruhige Sehn⸗ ſucht im Herzen zurückgelaſſen habt. Thekla lehnte dieſen artigen Vorwurf mit Scherz ab; allein William war einmal im Anlaufe, ihr auf das Lebhafteſte zu bekennen, wie ſehr ihre Flucht ihn betrübt, wie oft er ihrer gedacht, wie tief er es empfunden habe, daß er ihr noch irgendwo begegnen müſſe. Er verſchwieg nicht, mit welcher Sehnſucht er ſich an öffentlichen Orten 15* 228 umhergetrieben habe, um mit Hülfe des Zufalls aufzu⸗ finden, was er nach keiner hinterbliebenen Spur, nach keinem ſichern Merkmal hätte aufſuchen können. Ich hatte ja nichts von dir, rief er aus, als dein Bild. Und wie lagen nicht Herz und Auge um dies Bild im Streite! Jedes machte auf den Alleinbeſitz dieſer Eroberung An⸗ ſpruch. Das Auge hatte es gefunden, aber auch verloren, und ſo dachte das Herz deſto feſter für ſich zu behalten, was das Auge nirgends wiederfinden konnte. Thekla lachte.— Wer von beiden hat denn zuletzt geſiegt? fragte ſie ſcherzend.. Seit geſtern Abend haben Herz und Auge Frieden gemacht, antwortete der Freund. Nun leben beide im traulichſten Wechſelverkehr, und laden einander ſtündlich zu ihren Feſten ein,— das Auge zur Erinnerungsfeier dei⸗ nes Anblicks, das Herz zum Jubel ſeiner Hoffnungen. Ja, meine liebenswürdige Thekla, du warſt mir entflohen. Laß mich immer„du“ ſagen. Warſt mir entflohen; doch die munterſten Gedanken in mir waren wie unermüdliche Diener, die dir auf der Flucht folgten, und mir Traum⸗ grüße und Hoffnungsblicke zurückbrachten. Noch ein zwei⸗ tes Mal habe ich dich geſehen: du kamſt an meiner Wohnung vorüber; ich eilte dir nach, und verlor dich hinter Paternoſterrow. Dort umher muß deine Woh⸗ nung ſein. Thekla betheuerte, ihre Wohnung ſei nicht dort, und lenkte das Geſpräch ab, indem ſie bemerkte, auch ſie habe ihn ſeitdem geſehen, und zwar in Lord Hunsdon's Pa⸗ laſte, als er in der Rolle Gaunt's aufgetreten ſei.— Der Freund erſchrak. Wie? ſagte er, und ließ das ver⸗ liich zu er dei nungen tflohen n; doch müdliche Traum⸗ in zwel⸗ meiner traulich umfaßte Mädchen und ſein keckes Du zugleich fah⸗ ren. Ihr wart unter jenen Ladys? William konnte nämlich in Lord Hunsdon's Haus⸗ theater nur adelige Zuſchauer von höherem Range ver⸗ muthen. Wofür ſollte er nun ſeine Unbekannte nehmen? Er hatte ſich offenbar in ihr geirrt; ſie aber kannte ihn als einen Schauſpieler. Dennoch hatte ſie nicht verſchmäht ihn zu beſtellen; ſie hatte ſich ein vertrauliches Du gefallen laſſen. Es war ein Räthſel; aber es feſſelte um ſo mehr, und verſprach ſich heiter zu löſen. Thekla bemerkte gar wohl, in welch günſtiges Licht ſie ſich durch Erwähnung des Lord Hunsdon bei dem jungen Mann geſetzt hatte, und fuhr fort: Ja, es war das erſte Stück, das ich in England ſah, und auf dem Feſtlande iſt das Schauſpiel noch weit zurück. Ich ward alſo ſehr ergriffen und bewegt. Beſonders rührten mich die ſchönen Worte, die Ihr ſo leidenſchaftlich ausrieft: „Laßt leben Die, ſo Lieb' und Ehre haben.“— Ich dachte nach ſo Manchem, was ich von hohen Perſonen über Euch gehört hatte, Ihr brächtet mit jenen Worten Euch ſelbſt ein Lebehoch. O Mylady, wie gütig ſeid Ihr! rief William aus. Welch' ein Glück für mich, wenn ich bei Euch in ſolcher Meinung ſtehe! Lieb und Chre! Ja, Ihr nennt da die Zwillingsbeere des männlichen Sommers, des Lebens Doppelſchmuck, nach welchem ich trachte. Sie können ge⸗ trennt und vereinzelt ſein, dieſe Perle der Liebe und der Demant der Ehre; aber eine Liebe, wie die Eure, würde mich ſo beglücken, daß ich der Ehre vergäße, oder würde mich ſo beflügeln, daß ich ihren höchſten Sitz erſchwänge. 230 Dann brauchte ich mir ſelber kein Lebehoch zu bringen: die Welt ſollte es mir zujauchzen. Willtam hielt Thekla's Hände flehend gefaßt. Sie lächelte ihm zu; er umfaßte ſie mit Ungeſtüm, als wollte er ſich des höchſten Glücks verſichern, das aus heimlicher Gunſt zu ihm herabgeſtiegen ſchien. Ruhig, ruhig, mein Freund! flüſterte ſie abwehrend. Dichter ſind zu Thorheiten geneigt: wollt Ihr mich Euern begangenen zuzählen? Bei dieſen Worten überkam den Freund eine wunder⸗ bar gemiſchte Empfindung. Die Lady hatte, nach ihrem eigenen Geſtändniſſe, von ihm gehört und ſeine Schau⸗ ſpiele geſehen. Er glaubte ſich in ſeinem Dichten und Irren erkannt, aber auch ſeines Standes ungeachtet heim⸗ lich geliebt. Er fühlte ſich beſchämt und entzückt zugleich. Der Stern, der ihn durch das Leben führte, wie er ſich ſo gern ausdrückte, ſchien nun endlich wolkenlos auf ihn herab: ein hoher Freund hatte ſich ihm angetragen, und nun ſollte ihm eine ebenſo würdige Liebe begegnen. Dies war die Empfindung weniger Augenblicke. Sein Leben lag offen; durfte ſein Herz verſchloſſen bleiben? Vielmehr konnte er ſich einer ſo hohen Gunſt, eines ſo heimlichen Glückes nur durch zwei Tugenden würdig machen, durch Offenheit über ſich ſelbſt und durch Verſchwiegenheit in Betreff der Geliebten.— William verſetzte: Begangene Thorheiten? O Mwylady, ich leugne ſie nicht. Aber von dieſem Abende an, der ſo huldvoll her⸗ unterthaut, laßt mich mein Leben ändern. O welche Tränke ſchlürfte ich höllenheiß gebrauter Sirenenzähren! Zwiſchen Furcht und Hoffnung taumelnd, was verlor ich, wollte eimlicher wehrend h Cuern wunder⸗ h ihrem Schau en und t heim⸗ zugleich er ſich auf ihn een, und n. Dies in Leben Vielmehr eimlichen a, durch nheit in ugne ſie oll ha⸗ . welche mähren! t ich, erlo 231 wo ich mich im Gewinn glaubte! In welche Tollheiten hatte ſich mein Herz verſtrickt, wo es ſich geſegnet hielt, wie nie! Doch auch die Sünde heilt, und ich erkenne jetzt, wie man durch das Böſe beſſer wird, und wie reuige Liebe nur deſto reiner und herrlicher aufſteigt. Laßt mich Eure Knie umfaſſen, Mylady! Aus dem frühen Schiffbruche meines Lebens gönnt mir vor einem ſegnen⸗ den Götterbilde auf höherem Geſtade hoffend aufzu⸗ athmen! Sie ſtanden unweit Cornhill zwiſchen Gartenmauern in einſamer Dämmerung. Die Stimmung und Geſin nung des Freundes war für Thekla befremdend und ge⸗ wiſſermaßen peinigend. Ihr Bewußtſein, ihre Abſichten ſtimmten durchaus nicht zu William's Glauben und Er⸗ wartungen. Und damit ſich das Misverſtändniß nur noch mehr verwirre, ſo ermuthigte gerade dieſe Verlegenheit den Dichter zu weitern ſchwärmeriſchen Erklärungen und Bewerbungen. Doch hieran fand auch Thekla ihre Faſ⸗ ſung wieder. Sie konnte den Freund am Ende nicht ohne alle Hoffnung ſcheiden laſſen. Wirklich war ſie auch nicht gleichgiltig gegen ihn geblieben. Sein ſchwunghafter Geiſt, ſein lebhaftes, anmuthiges Weſen hatten einen neuen, gewinnenden Eindruck auf ihr Herz gemacht. Sein Irrthum über ihre Perſon beſchäftigte ihre Phantaſie, und hatte ſie vorher darauf gerechnet, durch William in ge⸗ heimnißvollem Bezuge mit dem Grafen Heinrich, ihrem treuloſen Geliebten, zu bleiben, ſo vergaß ſie im Augen⸗ blicke dieſer Abſicht über das ſchmeichelhafte und muthwil⸗ lige Behagen, in den Augen eines Dichters eine dichte⸗ riſche Perſon zu ſpielen, und für eine Lady zu gelten. Sie gab alſo dem ſtürmiſchen Flehen des angenehmen jungen Mannes nach, und verſprach ihn manchmal zu ſehen. Man verabredete fernere Zuſammenkünfte, wobei William ſeine Freundin einer zu großen Aengſtlichkeit und Vorſicht zu beſchuldigen hatte. Ihr kennt meine Lage nicht, ſagte ſie. Ich bin fremd in London und doch nicht freier, als eine Einheimiſche, die bei jedem Schritte auf Verlegenheiten ſtoßen könnte. Meine Verhältniſſe ſind ſehr verwickelt. O gönnt mir vor Allem eine Theilnahme an Eurer Lage, bat William. Erzählt mir Eure Geſchichte! Ihr kennt mich: laßt keine dunkle Hälfte in unſerm Bunde ſein. Meine Geſchichte iſt mein Geheimniß, erwiderte ſie. Ich weiß nicht, ob Dichter ſchweigen können; ſie plaudern, wie ich höre, ihre Erlebniſſe gern in ihren Schriften aus. Ihr habt aber auch noch Freunde, mancherlei Verbindun⸗ gen. Männer erzählen einander gern von ihren Neigun⸗ gen und von Dem, was ſie ihre Siege nennen. Meine Geſchichte iſt nicht blos mein vergangenes Schickſal, ſon⸗ dern auch mein zukünftiges Verhängniß. Es braucht nur wenig von mir in London bekannt zu werden, und ich müßte die Stadt in derſelben Stunde verlaſſen. Doch iſt dies nicht aus irgend einer Schuld, ſondern aus Un⸗ glück ſo. O Mylady! rief William aus. Ich bin kein Geck, der das ſchönſte Glück ſeines Lebens auf den Würfel einer kindiſch plaudernden Zunge ſetzt. Wüßtet Ihr, mit wel⸗ chem Leid ich meines Lebens ſchönſte Jahre lang nach edler Frauenliebe vergebens getrachtet,— Ihr würdet mir zutrauen, daß ich eine Gunſt zu verdienen wiſſe, die genehmen chmal zu e, wobei bkeit und bin fremd heimiſche, n könnte in Curer Ihr de ſein. erbindun⸗ Neigun⸗ Meine ſal, ſon⸗ aucht nur und ich Doch iſt 1115 als rfel einer mit wel⸗ uang nac würdet wiſſe, N 233 uns nie reizender und beglückender, als im Nachtgewande des Geheimniſſes naht. Auch weiß ich mich in meiner bürgerlichen Stellung zu beſcheiden, und kenne die zarten Pflichten, die Euerm Herkommen und der geheimnißvollen Huld gebühren, der Ihr mich würdigt. Ja, Mylady, wir müßten, wenn auch durch die ungetheilteſte Wechſelliebe Eins, im Leben doch als getrennte Zwei erſcheinen. Noch kleben meinem Ruf und Stande Flecke an, und ich muß ſie allein tragen. Unſere Doppelliebe folgt einem gleichen Hochgefühle; doch liegt zwiſchen unſern Lebenspfaden ein, nicht auch Euch gemeinſchaftlicher, Hohn, der zwar die Weihe unſers Bundes nicht ſtört, jedoch unſere Liebe um manche ſüße Stunde bringt. Nicht überall darf ich Euch als Bekannte grüßen, ſoll ich Euch nicht beſchämen, und Ihr dürft mich nicht mit öffentlicher Huld beehren, um Eurer Ehre willen. So ſteht es jetzt noch. Doch, My⸗ lady, kennt nur erſt meine Liebe recht! Und ſeid Ihr die Meinige, gehört dann Eure Zufriedenheit nicht mit zu meinem Glücke? Ja, ja, Ihr ſcheint ein edler Menſch! verſetzte Thekla. Ich vertraue Euch, Ihr ſollt meine Geſchichte hören,— das nächſte Mal. Aber hier zur Stelle verlaßt mich. Noch bin ich Euch ein Geheimniß, laßt mich alſo auch ins Dunkel verſchwinden. Es half nichts,— der Freund mußte hier mitten auf der nächtlichen Cheapſide⸗Straße ſcheiden. Sie blickte ihm eine Strecke nach, und wie er ſich umſah, war ſie in ein Seitengäßchen verſchwunden. Mit welch andern Gedanken über das reizende Ge⸗ ſchöpf, als mit denen er ausgegangen war, kehrte Wil⸗ liam nach Hauſe! Thekla's Perſönlichkeit ſchlug allen Argwohn nieder, dem er ſo willig Raum in ſeinem Her⸗ zen gegeben hatte. Manches ſprach freilich gegen ſie,— ihr erſtes Begegnen auf der Flucht vor einem verhüllten Manne, und zuletzt der Zuſtand, in welchem Nelly ſie aufgenommen hatte.— Allein, rief William aus,— wie manches edle Weſen hat— und gerade darum weil es edel iſt— eine Ausnahmsſtellung in dieſer gemeinen All⸗ tagswelt! Da wo der anmaßliche Schein herrſcht,— und er herrſcht oft in Freundſchaft und Liebe, in der Prahlerei des Kriegers wie in der Pedanterei des Ge⸗ lehrten— da wird echte Tugend, edler Charakter, reine Bildung verfolgt, und im Treiben der Geſellſchaft ent⸗ würdigt. Und ſagte Thekla nicht ſelbſt, daß nicht Schuld, ſondern Unglück ſie verfolge? Mit ſolchen edeln Aufwallungen und den ſchwung⸗ vollſten Hoffnungen warf ſich der Freund in die Arme des Schlafes. Viertes Kapitel. Folgenden Abends trafen ſie ſich am verabredeten Platze wieder. Thekla war unbefangener, als geſtern. Dies machre unſern durch lockere Geſellſchaft loſen Freund gleich auch im Benehmen kühner und freier. Allein Thekla ließ ihm te Wil⸗ g allen em Her⸗ ſee— erhullten celly ſie — wie weil es nen All⸗ ſcht,— in der chwung⸗ e Arme Plate 3 machte ich auc ließ ihm nichts hingehen, während ſie ſich ſelbſt bei aller Heiterkeit durchaus gemeſſen zu betragen wußte.— Lieber Freund, ſagte ſie, wollt Ihr gute Geſellſchaft, ſo lernt ſie auch richtig angreifen. Oder ſie drohte: William, William! Es iſt ein Unglück für euch Poeten, daß ihr dem Hohen und Schönen zufliegt: eure Hände bleiben dabei in ſchlimmer Geſellſchaft zurück, und gewöhnen ſich ſchlecht. Unermüdlich wies ſie ihn zurecht, ſo oft er ſich vergaß, und ward für William die beſte Lehrerin; indem ihr Schicklichkeitsgefühl mehr geſellſchaftlichzart, als moraliſch⸗ empfindlich war. Denn ſo blieb ſie unverdroſſen und doch liebenswürdig genug, um einen verwöhnten, begehrlichen Mann, während ſie ihm ſtrenges Entbehren auflegte, doch aufs Lebhafteſte anzuziehen. William hatte Thekla's Geſchichte erwartet; aber ſie ließ ſich an ihr Verſprechen erinnern. Es iſt mir noch ein Bedenken aufgeſtiegen, ſagte ſie. Habt Ihr keine Pflichten der Freundſchaft? Innige Freunde dürfen keine Geheimniſſe voreinander haben. Steht Ihr mit keinem Freunde auf ſo pflichtmäßigem Vertrauen? Ich habe das Gehege verlaſſen, in welchem ich meine Freunde hatte, antwortete William. Mit ihnen habe ich nichts Höheres gemein. Einen wahren Freund habe ich am Grafen Southampton; er iſt mir vertraulich zugethan. Der Freund ſagte dies mit einem gewiſſen Stolze, der das Gleichgewicht gegen Thekla's vornehmen Stand herſtellen ſollte. Southampton? erwiderte ſie mit angenommenem Stau⸗ nen. Ich habe viel von dieſem Grafen gehört. Ihr müßt mir gelegentlich von Southamptonhouſe erzählen. Aber ——— — ——— 236 ſeht, gerade dieſe Familie und beſonders der Graf, ob⸗ ſchon ich in keine perſönlichen Berührungen mit ihnen komme, dürften durchaus nichts von mir erfahren. Ihr werdet den Grund ſpäter einſehen. Der Graf wird Euch von ſeinen Heimlichkeiten vertrauen, vielleicht von ſeinen Liebſchaften reden; denn ohne Zweifel hat er deren ge— habt;— man erzählt von einer gewiſſen Roſalie—. Das Alles darf Euch hinſichtlich meiner zu keiner gleichen Offenherzigkeit verpflichten. Daß Ihr liebt, wird er ge⸗ wiß Euerm träumeriſchen Weſen anſehen. Daß Euch der Name Thekla entſchlüpfte, wäre ſchon kaum zu verzeihen. Aber dann werdet Ihr ihm mein Ausſehen beſchreiben, meine Launen ſchildern, meine Stimme loben, meinen Gang nachmachen, oder meinen Anzug verrathen, und von meinem häuslichen Treiben, von meinen Gaben ſprechen wollen, nicht wahr? William betheuerte, daß nichts von allem dem Statt finden dürfe. Er gelobte feierlichſt, was immer Thekla von ihm verlangte. Solchen Schwur blos der Form wegen! ſagte ſie. Ich wäre eine Thörin, traute ich Euerm offenen Auge nicht mehr, als allen Betheuerungen. Und ehe ich Euch hun⸗ dertfach geprüft habe, ſollt Ihr Euch nicht meiner min⸗ deſten Gunſt rühmen können; darauf haltet Euch gefaßt. Und nun hört meine Geſchichte! Meine Mutter war die Tochter eines italieniſchen Mu⸗ ſikers in Florenz, berühmt durch ihre Schönheit. Unter zahlreichen Bewerbern war ein deutſcher Fürſt der Be⸗ günſtigte, und verweilte ihrethalben Jahr und Tag in Florenz. Sein ſchwärmeriſches Herz und meiner Mutter taf, ob⸗ t ihnen n. Ihr d Euch ſeinen eren ge⸗ alie— gleichen er ge⸗ Luch der rzeihen greiben, meinen nd von pprechen n Statt Thekla ſie. Ich ge nict h hun⸗ r min⸗ gefaßt n Mu⸗ Unter er Be⸗ Lag in Muttel 237 leidenſchaftliches Gefühl hielten nicht Maß in den heimli⸗ chen Stunden, wann ſie ſich ſahen. Sie fühlte ſich bald in einem Zuſtande, den ſie dem zornmüthigen Vater zu offenbaren verzweifelte. Scham und Angſt brachten ſie dahin, daß ſie mit dem hohen Geliebten auf deſſen Güter in Böhmen floh. Dort gebar ſie eine Tochter Roſalie und ein Jahr ſpäter mich. Wir wurden ſorgfältig erzo⸗ gen; Muſik und Italieniſch lernten wir von der Mutter, in andern Dingen unterrichtete uns ein frommer Mönch. Wie wir heranwuchſen, fanden wir viel Aufmerkſamkeit bei den Männern, die zuweilen mit dem Vater auf das Gut kamen. Wir ſahen ſie hoch an, und begriffen es nicht, wenn die Mutter uns warnte, es ſeien Abenteurer. Mir beſonders huldigte ein reicher Pole von ſchon geſetz⸗ tem Alter. Er ſagte mir, er habe bei dem Fürſten um meine Hand geworben, aber eine verſagende Antwort er⸗ halten. Dies betrübte mich in meiner kindiſchen Empfin⸗ dungsweiſe, und er geſtand mir weiter, der Fürſt habe ihm verboten, mich wiederzuſehen. Dies machte mich trotzig und ſtimmte mich mehr und mehr für einen Mann, den ich eigentlich nicht liebte, ſondern der mir ehrwürdig war. Es dauerte lang, bis er mich bei heimlichen Be⸗ ſuchen dahin brachte, daß ich mich in einer nahen Berg⸗ kapelle mit ihm trauen ließ, und ihm in die Welt folgte. Wir kamen nach den Niederlanden. Hier hatte mein Gemahl viel Geheimnißvolles zu thun, und da er mit Aufträgen der ſpaniſchen Statthalter nach London gehen ſollte, ſo lernten wir Engliſch. Ich ging ungern über Meer; auch hatte mein Gemahl mich nach ſeinen Gütern in Frankreich bringen wollen. In London war ich viel — —— allein, indeß mein Mann wichtigen Geſchäſten nachging. Jener Tag, wo Ihr mich gegen Abend auf der Flucht in der Lombardſtraße betratet, William,— er war der un⸗ glücklichſte meines Lebens. Es war nämlich ein Brief überbracht worden, deſſen Ueberſchrift von weiblicher Hand mich an meiner Schweſter Roſaliens Federzüge erinnerte. In der Ueberraſchung überſah ich, daß er an meinen Mann gerichtet war. Mit freudigem Herzklopfen erbrach ich das Wachs; aber faſt ebenſo ſchnell brach auch dies klopfende Herz. Der Brief war von meines Mannes rechtmäßiger Gattin. Sie hatte erfahren, daß er ſich durch die frevelhafte Hand eines als Prieſter verkleideten Gauners mit einem ehrbaren Mädchen habe trauen laſſen, und daß er jetzt in London ſei, um in ſpaniſchem In⸗ tereſſe eine Verſchwörung gegen die Königin von England zu betreiben. Ich ſah nun ein, daß mein falſcher Ge⸗ mahl ein güterloſer Abenteurer war, der in ſpaniſchem Solde ſtand. Doch wie hätte ich alle Vorwürfe leſen können, die in dem Briefe gehäuft waren! Ich fühlte mich nur auf das Entſetzlichſte betrogen. Das Licht des Tages ſchwand mir, ich ſank in Ohnmacht. Wie ich zu mir kam, blieb mir nichts übrig, als Verzweiflung. Bald aber gab mir doch die Entrüſtung über den Betrüger und die Scham vor meiner Entwürdigung neuen Muth. Ich raffte mich auf, um das Haus zu verlaſſen. Mein Gemahl(ich muß ihn um meiner Ehre willen ſo nennen) kam eben an, und hielt mich feſt. Ich zeigte ihm den Brief, und wie er nun erblaſſend mich losließ, ſtürzte ich aus dem Hauſe und unter die Menſchen. Ich hatte den dunkeln Drang, in die Themſe zu ſpringen; die wogende nachging FKlucht in der un⸗ n Brief zer Hand erinnerte meinen merbrach auch dies Mannes er ſich kleideten laſſen, em In⸗ England ſcer Ge paniſchem rfe leſen ch fühlte Licht des Betrüger Muth Mein nennen) ihm dem türzte ih hatte den wogende 239 Menge aber ſchwemmte mich in die Stadt. Ein Diener meines Gemahls holte mich ein, und dieſer ſelbſt, ſobald er ſich ein wenig vermummt hatte, eilte mir nach. So traft Ihr mich, William! Ach! rief der theilnehmende Freund aus,— mit welch' keckem Uebermuthe trat ich damals an dich heran, edle Thekla, ohne Ahnung der entſetzlichen Qualen, von denen dein Herz zerriſſen und wund war. Wieviel Leid richtet man nicht in der Welt an, oft durch ſeine beſten Empfindungen, die nur eben nicht zur Lage des Andern ſtimmen! Aber wie gut iſt es, daß der Schurke noch vor deiner Flucht zurückkam. Du hiätteſt dir ſonſt vielleicht vorgeworfen, einem trüglichen Briefe übereilt geglaubt zu haben. Nun hat aber das Erblaſſen des Elenden ein Geſtändniß ſeiner Schuld abgelegt. Wohin flohſt du nun, während ich mit dem Elenden ſtritt? Ich ſtürzte in enge, unbekannte Gäßchen, fuhr Thekla fort. Aus Muthwillen ſchrie man hinter mir her, und dies erneuerte meine Angſt. So warf ich mich einer alten Lady zu Füßen, die eben aus einer Sänfte ihre Wohnung be⸗ treten wollte. Sie nahm mich gütig auf, ich erzählte ihr mit aller in jener Stunde lebendigen Verzweiflung meine Geſchichte, und fand bei ihr ein Aſyl. Dort lebe ich nun in tiefer Verborgenheit. Mein Gemahl, fürchte ich, hält ſich fortwährend in London auf, und iſt mit Vornehmen in Verbindung. Meine Gönnerin beſteht darauf, daß ich ihren Namen nicht nenne; ſie verlangt dies als einzigen Dank für ihr Vertrauen zu mir. Sie iſt nämlich ge⸗ müthskrank. Ich ſinge und leſe ihr vor, bis ſie von ihrer Schwermuth aufs Heftigſte ergriffen wird. In dieſem Zu⸗ — 240 ſtande läßt ſie Niemanden vor ſich, und an ſolchen Tagen gehe ich dann behutſam aus, um freie Luft und Be⸗ wegung zu haben. Seit zwei Tagen leidet ſie heftiger, als je. Nun begreife ich nicht, ſagte William mit einiger Be⸗ fangenheit, was Cuch, geliebte Thekla, in dieſer ſtillen Zuflucht noch ſo Widerwärtiges begegnen konnte, als ich befürchten muß. Nelly, meine Wirthin, erzählte mir näm⸗ lich, Ihr wärt damals verzweiflungsvoll nach der Themſe geſtürzt, um Euch— Die Närrin! fiel Thekla erſchrocken ein. Ich hatte mich mit einem Auftrage meiner Gebieterin verſpätet; hatte mich bei meiner Haſt und Zerſtreuung in den Gäß⸗ chen verirrt, und mag wol ein wenig erhitzt ausgeſehen haben. Nach der Themſe fragte ich, um mich von dem Strome her leichter aus den wunderlichen Gäßchen zurecht⸗ zufinden. Eure Wirthin deutete ſich mein Ausſehen falſch. Den männlichen Anzug trug ich zuweilen, um nicht immer einen begleitenden Diener mitzunehmen. Und, ich will nicht leugnen,— es macht mir auch Spaß, ſo verkleidet das Leben und Treiben der Menſchen mit anzuſehen. Es iſt mir hier in London ſo Vieles neu und merkwürdig Seht da die ganze Geſchichte meiner Verzweiflung! In der Dämmerung der einſamen Gaſſen, durch welche das Paar wandelte, gewann Thekla in ihren Erzählungen eine Zuverſicht, die ſie vor dem taghellen Auge des Freun⸗ des ſchwerlich gehabt haben würde. Dennoch war gerade ein Mann wie William, von ſo beweglichem Herzen und räthſelſchaffender Phantaſie, mehr, als mancher Andere, geneigt, wunderſame Lebensgeſchichten zu glauben, ja in chen Tagen und Be e heftiger iniger Be⸗ eſer ſtillen als ich mir näm⸗ er Themſe Ich hatte rſpätet; den Gäß⸗ sgeſehen von dem n zurecht hen falſch iccht immer ich will verkleidet ſehen Es rkwürdig 1 hlungen s Freun ar gerade erzen und Andert 244 ſeiner Weiſe zu ergänzen. Dabei regten ihn Thekla's vor⸗ nehme Abkunft und geheimnißvolle Lage nicht weniger auf, als ihn ſo viel bisher ungewohnter Reiz eines an⸗ muthigen Weibes lebhaft einnahm und beſchäftigte. In ſolcher wechſelſeitig einſchmeichelnder Stimmung wandelten beide bis in die Nacht. Auf ihrem Rückwege kamen ſie wieder in die Cheapſide⸗Straße. Thekla hielt den Freund am Eingange in das Gäßchen an, wo Eſaias Gottgeprüft wohnte. Sie wollte ihre Uhr nicht verloren geben, und hatte ſich ausgedacht, ſie mit William's Hülfe wieder zu erlangen. Sie erzählte dem Freunde den Vor⸗ fall, indem ſie eine ſchickliche Verlegenheit zur Erklärung ihres um ein Anlehn gethanen Schrittes vorgab. Ha, ein Puritaner! zürnte William. Das iſt die verwünſchte Verbrüderung, die ſie ihre„ſchöne Disciplin“ nennen. Komm', wir wollen ihm die Uhr abängſtigen, dem Heuchler! William klopfte an den Fenſterladen. Nach wieder⸗ holtem Pochen regte ſich ein ſpärliches Licht durch die La⸗ denritze. Wer ſtöͤrt mich ſo ſpät im Nachtgebet? fragte eine magere Stimme. Wie heißt er? flüſterte William. Eſaias Gottgeprüft, ſagte Thekla. Mit verſtellter Stimme rief jetzt der Freund: Ein gläubiger Bruder klopft; öffne, mein Eſaias Gottgeprüft! Es dauerte noch ein Weilchen bis die Gaſſenthüre entriegelt ward. Schnell trat William in die Hütte, und hielt die Thüre für die eintretende Thekla offen. Ci was! rief der Puritaner, als er im Lichtſtrahle des Koenig, William Shakſpeare. I. 16 242 offenen Zimmers das Paar erblickte, und ſuchte es hinaus⸗ zudrängen. Du wirſt nicht übel nehmen, verſetzte William, daß ein ungläubiger Bruder ſo ſpät zuſpricht: wir wiſſen eben nicht, wie's an der Zeit iſt, und wollen bei dir nach der Uhr fragen. Es iſt Nacht, was habt ihr Nachts hier zu thun? rief Eſaias ärgerlich. Schwärmt draußen euern Sünden nach, ſchattiges Nachtgevögel, und fallt nicht über die Wohnungen der Gerechten her, die da beten und faſten und dem Himmelreich Gewalt anthun. Frommer Eſaias, faßt Euch in Geduld! verſetzte Wil⸗ liam. Euer Gebet iſt dem Herrn ein Wohlgeruch. Mir riecht es hier nach einem echten Rinderbraten mit ſcharfer Brühe. Oder, nicht wahr, Mylady, es könnte auch Hirſch⸗ fleiſch ſein, in Blätterteig gebacken? Doch nein, nein! Wie konnte ich mich ſo irren! Es iſt ein Faſan! Gewiß ein Geſchenk von einem Landjunker, der nicht bezahlen kann, und ſeinem Wucherer das Maul ſtopft. Immer bleibt es aber doch ein anziehendes Räthſel für mich. Erlaubt mir, frommer Eſaias Gottgeprüft, daß ich es wie ein Weltkind prüfe. Und da ich vom Faſten der Puritaner ohnehin ſehr lockende Vorſtellungen habe, ſo möchte ich wol in eure„ſchöne Disciplin“ aufgenommen ſein. William ergriff raſch die Lampe und ſprang nach der dunkeln Kammer. Hllfeſchreiend eilte Eſaias nach. Aber ſchon ſcholl ihm des muthwilligen Freundes Gelächter ent⸗ gegen. Wirklich ſtand ein für zwei Perſonen gedecktes Tiſch⸗ chen da, mit wohlriechenden Speiſen beſetzt am daß dir wiſſen dir nach zu thun? Sünden über die nd faſten zte Wil⸗ Mir ſcharfer h Hirſch⸗ nein! Gewiß bezahlen Immer uür mich Ses wie zuritaner öchte ich 243 Seht doch, ſchoͤne Thekla, rief William, wie die Hei— ligen faſten, und wie ſie dem Himmel Gewalt anthun, dem Himmel in Geſtalt dieſer fürchterlichen Flaſche Or⸗ leanswein! Aha, Ihr habt aber Hülfe gehabt. Euer Gaſt iſt entflohn; da liegt nur noch das einfache ſammetne Käppchen der guten Schweſter, der gläubigen Bürgers⸗ tochter, die Euch hat faſten helfen. Und hier auch Nach⸗ tiſch: verzuckerter Kümmel mit Aepfeln! Ich bitte, frommer Eſaias, nehmt doch von dem Kuͤmmel! Ihr wart vorhin mit Redensarten von Beten und Faſten ſehr beſchwert. Während dieſer raſch und launig geſprochenen Reden ſtand Eſaias vor Wuth keines Wortes mächtig. Frommer Eſaias, fuhr jetzt William mit ſehr ernſtem Tone fort. Dieſe Lady hat Euch geſtern früh eine Uhr übergeben, ein echtes nürnberger Ei. Ihr habt es aufbe⸗ wahrt, und wir bitten es uns jetzt wieder zurück. Weſſen iſt die Uhr? ſchrie Eſaias heftig und barſch, wie Einer, der aus ſeiner Verlegenheit einen glücklichen Ausweg entdeckt. Dieſer Lady gehört ſie, antwortete William. Und Ihr beſchützt ſie? fragte Eſaias weiter. So iſt es, frommer Mann. Alſo iſt ſie die Diebin, und Ihr ſeid der Diebsheh⸗ ler! rief der Puritaner leidenſchaftlich. William maß mit finſterem Blicke den Sprecher, und fragte dann ruhig: Erlaubt Ihr, Lady, daß ich den heuch⸗ leriſchen Schurken da vor Euern Augen züchtige? Laßt, ich bitte, beſter William! fiel ſie ängſtlich ein. Und zu Eſaias gewendet, ſagte ſie: Ihr ſeid mir geſtern morgen mit Ungebühr begegnet. Ich hoffe, Ihr werdet 16* mir nicht auch noch die Uhr ableugnen, ſondern ſie her⸗ ausgeben. Das Eine thue ich nicht, und das Andere vermag ich nicht, erklärte Eſaias. Warum ſeid Ihr fortgelaufen und habt die Uhr da gelaſſen! Ich wollte Euch nicht darum bringen. Inzwiſchen aber hat ein Fremder, der mich in Geſchäften beſuchte, dieſelbe Uhr hier bei mir liegen ſehen, ſie für ſein Eigenthum erkannt, und ſich ihrer bemächtigt. Er behauptet, die Uhr ſei ihm von einer ſchönen jungen Lady entwendet worden. Ich könnte aber beſchwören, daß Ihr ſchön und jung ſeid. Wendet Euch an ihn, er hat ſie mitgenommen. Wer iſt der Betrüger? rief William. Indeß, wir halten uns an Euch: Euern Händen war das Pfand an⸗ vertraut. Es iſt ein Herr aus Deutſchland, verſetzte Eſaias. Die ſchöne, junge Lady wird ihn ſchon kennen. Hier, wartet, hier iſt das Zettelchen! Da hat er ſeine Adreſſe aufgeſchrieben, falls Ihr etwa nachfrüget. Er holte ein Zettelchen hervor und las:„Albert, Baron von Lasko, wohnhaft“— Mit einem Schrei entfloh Thekla. William eilte ihr nach. Mit Verwünſchungen verriegelte hinter ihnen Eſaias Gottgeprüft die Hausthüre. ſie her ermag ich ufen und ht darum wmich in gen ſehen, emächtigt. n jungen ſchwören, Eſaias . Hier „ Adreſſe Albert im eilte CGſaias Fünftes Kapitel. William, der am andern Morgen ſeinen Freund Sout⸗ hampton beſuchte, traf ihn mit dem Grafen Eſſer in leb⸗ hafter Verhandlung an. Auch Francis Bacon, auf deſſen Scharfſinn Eſſex viel gab, war zugezogen. William wollte zurücktreten; allein Eſſer rief ihm zu: Nur herbei, Ma⸗ ſter! Gerade ein Poet fehlt uns noch. Hier ſitzt der Philoſoph, ich nehme mir den Kriegsmann, und du, Hein⸗ rich, magſt den Staatsmann vertreten. Einer Königin Ohrfeige iſt keine Kleinigkeit. Wir müſſen ſie von allen Seiten betrachten; ſie ſpielt in alle Farben; ſie iſt ein Juwel, der an mehreren Seiten geſchliffen werden muß. Denn geſteht nur, daß ſie etwas ſehr Ungeſchliffenes war! Ha, ha! Alſo zu meinem Juwel! Sagt, wie faſſen wir ihn? Wie faſſen wir des Grafen Eſſer Ohrgehäng? Es bleibt ein Familienſtück. Ja, Gott verdamme! Ihr ſeht, wie ſchwer es mir wird, die rechte Faſſung zu finden. Lächelnd reichte Southampton einen auf dem Tiſche liegenden Brief zur Durchleſung an William. Ja, mein Poet, fuhr Eſſer fort, hierauf eine Ant⸗ wort, darum gilt es! Ihr ſeid nun zu drei und könnt in aller Form berathen. Ich bin der Betheiligte, das heißt, ich habe meinen Theil. Was ſage ich? Ich habe ſie ganz, die Ohrfeige. Gott's Augenlid,— da brennt ſie 246 wieder! Seit dieſem Briefe da brennt ſie wieder. Aber meine Meinung ſoll durchaus nichts gelten: richtet ihr! Sprecht ihr zwiſchen eines Grafen Ohr und einer Köni⸗ gin Hand. Sprecht, hochweiſer Areopag, ſprecht! Ich laſſe mir Alles gefallen. Es war ein Brief des Kanzlers Egerton, der den Grafen Eſſex im Vertrauen beſchwor, ohne Zeitverluſt, in aller Unterwürfigkeit die Vergebung ſeiner beleidigten Königin nachzuſuchen. Es waren beſonders auch Reli⸗ gionsgründe für ſolche Unterwerfung geltend gemacht. Die Königin, meinte der Kanzler, werde den Grafen für ein⸗ verſtanden mit den Puritanern anſehen, die jedwede über die Gleichheit der Menſchenrechte hinausliegende Oberherr⸗ lichkeit verwürfen. Einer von Gott eingeſetzten Gewalt und den daraus herfließenden Handlungen dürfe Keiner in ſeiner beſchränkten Einſicht widerſprechen.— Eſſex wollte jedoch von ſolch' unbedingtem Gehorſam nichts wiſſen. Das Volk, den Pöbel ſagte er, mag man an ſolche Krippe binden: ein edles Roß duldet ſie nicht. Und ich dulde ſie nicht. Aber ſprecht ihr! Ich laſſe mir eure Meinung gefallen. Southampton ſuchte ihn zu mäßigen. Die Wuth ſeines Vetters, wie jeder leidenſchaftliche Ausbruch, beäng⸗ ſtigte ihn.— Der Kanzler will dir wohl, ſagte er. Das mußt du vor Allem nicht verkennen, ſondern es jedenfalls mit gleicher Freundlichkeit aufnehmen. Und dann bedenke, was es heißt, einer Königin in Gegenwart ihres Staats⸗ raths hohnlachend den Rücken kehren. Und bedenke noch, daß es in einem Augenblicke geſchah, wo über Maßregeln gegen einen Rebellen, gegen dieſen Tyrone berathen wurde. Aber t ihr! Köni⸗ Ich er den verluſt, digten Reli⸗ Die Eſſer nichts an an Und r eure Wuth heäng⸗ Das nfalls denke taats⸗ noch, rregeln vurde 247 Da ſchien es ja, als ob Tyrone ſchon in England, ſchon in London, ſchon in den Staatsrath eingedrungen ſei. Verzeih! Aber du wirſt mir zugeben, daß dein Betragen ein viel härterer Schlag war, viel härter traf, als jemals die Locke des ritterlichen Mannes von einer Monarchin ſanfter Hand verletzt werden kann. Der Graf Eſſer ſchien betroffen und verlegen, was er dagegen ſagen ſollte.— Sanſte Hand! rief er ärgerlich aus. Welke Hand! Hätteſt du noch„welke Hand“ ge⸗ ſagt. Runzlige Hand laſſe ich mir gefallen.— Nun, und Ihr, Herr Philoſoph, wie meint Ihr denn? Habt Ihr Euch den Vorfall in der Einſamkeit Eures Gutes zu Barnet ein wenig überlegt? Ich glaube, zögerte Bacon, bei Erwähnung des ge⸗ ſchenkten Gutes nicht ohne Befangenheit,— es ſcheint mir, und ich könnte nicht anders ſagen, als daß ſeine Herrlichkeit der Graf Southampton eben— in gewiſſem Betracht wohl geſprochen hat. Ich kann nämlich durchaus nicht annehmen, daß Mylords Ehre durch jenen Verſuch der Königin,— überhaupt durch einer Monarchin Hand verletzt werden könne. Nicht allein weil Mylords Ehre von zu haltbarem Stoffe iſt; ſondern weil auch eine re⸗ gierende Dame, wo und inſoweit ſie keine ritterliche Sa⸗ tisfaction geben kann, als unmündig betrachtet werden muß. Doch nein! das wollte ich eigentlich nicht geſagt haben, weder überhaupt noch in gewiſſen Einſchränkungen. Vielmehr wollte ich anführen, daß Obherrſchende durch das Symbol des Schlags Ehren ertheilen, wie z. B. der Nitterſchlag ertheilt wird. In Betracht der Klugheit aber ſollte ſich Mylord keinen Fußbreit von der Gunſt ſeiner ———— 248 Königin entfernen. Sonſt zwängen ſich Eure Feinde in den Spalt, erweitern ihn, und bringen Euch um die Ge⸗ legenheit Großes zu wirken und Euern Freunden zu nützen. Ich erinnere Euch auch noch an die köſtliche Klugheits⸗ lehre, die ich einmal aus Euerm Munde vernommen: Der ſei kein richtiger Haushalter, der ſich auf etwas ein⸗ laſſe, von deſſen Fehlſchlagen mehr Schaden entſtehe, als das Durchſetzen Ehre bringen könne. Uebrigens geht auch das Privilegium zu Ende, welches Mylord wegen des Handels mit rothen Weinen hat. Ha, ha, hal fiel Eſſer ungeduldig ein. Nun ſoll ich gar mein rothes Ohr als Schild meines renovirten Pri⸗ vilegs auf rothe Weine aushängen. O Sir Francis, wo habt Ihr heut Eure Weisheit? Eure Ohren—! Doch vergebt, ich bitte Euch! Ich wollte das nicht ſagen. Ver⸗ gebt!— Nun, dritte Abſtimmung! Was ſagt denn unſer Poet! Ich laſſe mir ja Alles gefallen. Ich glaube nicht, Mylord, ſagte William ſehr ent⸗ ſchieden, daß Ihr der Königin geziemend begegnet ſeid, und Ihr dürftet wol Eurer Ehre ſelbſt viel eher zu nah gethan haben, als die entrüſtete Königin, die ſich in ihrer Räthe Gegenwart unmöglich durfte herabſetzen laſſen. Hättet Ihr Unverſchuldetes erfahren,— wer weiß, wozu ich rathen würde! Ich ſehe die Ohrfeige ſogar als Aus⸗ druck einer gewiſſen Vertraulichkeit und Herablaſſung an; ſonſt hätte die Königin ganz anders mit Euch verfahren. Allein, muß ich gleich auch für Unterwerfung ſtimmen, ſo verkenne ich dabei nicht, daß ein Mann, wie Eure Herrlichkeit, ſolchen Rath jetzt gewiß nicht befolgen wird. Das laſſe ich mir gefallen! rief Eſſer vergnügt aus⸗ nützen. gheits⸗ zmmen: as ein⸗ he, als ht auch en des laſſen mw ozl Aus⸗ 249 Das iſt vernünftig geſprochen. Nein, ich befolge nicht! Nein, ich unterwerfe mich nicht. Seid ſo gut, Maſter William, und ſetzt eine Antwort an den Kanzler auf, in dieſem Sinne, Ihr wißt ja, in dem Sinne, in dem ich jetzt bin, wie Ihr mich da ſeht. Hier iſt Dinte und Feder. Während William, verwundert über des Grafen un⸗ vermuthete Zufriedenheit, ſich zum Schreiben niederſetzte, fuhr Eſſex fort: Was Monarchin! Iſt eine Gewalt, eine Herrſchaft auf Erden ohne Grenzen? Nein, nein, mein Herr Kanz⸗ ler! Laßt Salomo's Narren lachen, wenn er gegeißelt wird! Laßt Diejenigen, welche von Fürſten ihren Gewinn ziehen, auch für deren Mishandlung kein Gefühl haben. Laßt die eine unbegrenzte Herrſchaft auf Erden anerken⸗ nen, die ſonſt nicht einmal eine unhedingte Unendlichkeit des Himmels glauben mögen. Was aber mich anbelangt, — ich bin beleidigt worden, und fühle es. Komme nun, was da wolle! Die Mächte der Erde können nicht mehr Beharrlichkeit zeigen, mich zu unterdrücken, als ich im Erdulden Deſſen beweiſen will, was man über mich ver⸗ hängen mag. William entwarf das Antwortſchreiben, und flocht am Ende die eben vom Grafen geſprochenen Worte mit hin⸗ ein. Wie er es vorlas, mußte man wenigſtens eingeſte⸗ hen, daß ein männliches Gefühl ſich in beredter Sprache Luft mache. Auch hörte es Eſſer mit großer Zufrieden⸗ heit an, und belobte den Dichter namentlich wegen der letzten von ihm ſelbſt geſprochenen Worte. Das ſind treffliche Gedanken, ſagte er, und ſehr wahr. Man ſollte — 250 nicht glauben, daß ein Dichter das Wirkliche ſo richtig bezeichnen könnte.— Da nun Alle ſchwiegen, ging Eſſer ſchnell in ſeine heitere, liebenswürdige Stimmung über. Man begab ſich nach dem Gemach der Gräfin, wo Frühbeſuch war. Ungeachtet des lebhaften Geſprächs fuhr Heinrich Tracy, ein Günſtling des Grafen Eſſex, an Ali⸗ cens Seite fort, ſie auf das Angelegenſte zu unter⸗ halten. Ihr freundlicher Gruß kam indeß unſerm Freunde William, als er ſich ihr näherte, mit der Frage ent⸗ gegen: ob er das verſprochene Gedicht mitbringe. Es gibt ſo ſchüchterne und dabei doch ſo hohe Gefühle, antwortete er, daß ſie ſich auch von geflügelten Worten nicht fangen oder erreichen laſſen. So iſt es mir mit Dem, was ich niederſchreiben wollte, ergangen: als ich es in Reim und Reihen feſthielt, war es etwas Anderes, als wonach ich getrachtet hatte. Hier iſt es! Ihr mögt es Euerm Bruder übergeben, der Abſchriften meiner Liedchen und Sonette zu ſammeln wünſcht. Nehmt es für ein Kind des Einfalls ohne allen Bezug und Deutung. Alice nahm und las das Gedicht mit einiger Haſt. Am Schluſſe erröthete ſie leicht, erblaßte wieder, und ward ſtumm. Sie machte eine Bewegung, die das Herz⸗ klopfen verrieth, an dem ſie oft litt. Es hat Euern ſtillen Beifall, ſagte Tracy, dürfte ich darum bitten? Was denkt Ihr! erwiderte ſie. Es iſt für meinen Bruder, und darf wol nicht eher ſeinen Freunden be⸗ kannt ſein, als ihm ſelbſt. Mit dieſen Worten verbarg ſie das Papier bei ſich. 25⁵* ———y— richtig Ach! ſeufzte Tracy, wenn nur meine Empfindungen ig Eſſer auf ihrem Wege ſo glücklich wären, wie Eure Gedichte, über Maſter William! Auch Eure„Venus und Adonis“— in, wo Wer ſagt Euch das? fiel Alice erröthend ins Wort. hs fuhr Dieſes Gedicht iſt unmittelbar an meinen Bruder gelangt. an Ai⸗ Wie könnt Ihr ſagen, Tracy, daß ich es geleſen habe? unter⸗ Tracy hatte etwas ganz Anderes ſagen wollen, als Alice eben leugnend eingeſtanden hatte. Wie er ſich nun Freunde zu rechtfertigen anfing, rief ihn Graf Eſſer mit einer ge ent⸗ lebhaften Frage an, und William benutzte den Augen⸗ blick, Alicen zu bitten, ſie möchte„Venus und Adonis“ efühle, nicht leſen. Ich war ein Anderer, als ich es ſchrieb, Worten ſagte er; ich kannte damals das Revier noch nicht, in air mit welchem Eure Liliengefühle blühen. ich es Er hatte dieſes raſch und unüberlegt hingeſprochen, z als war aber bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe uneins und un⸗ nigt 63 zufrieden mit ſeinen Reden und mit ſeinem Gedicht. Er Liedchen glaubte in Alicens Auge ein ſcheues, heimliches Wohl⸗ wollen für ihn bemerkt zu haben. Was er dabei em⸗ im in pfand, war von ſo träumeriſcher Art und mit ſo ver⸗ Haft ſteckten Wünſchen gemiſcht, ſchwindelte um ſo ferne, aber r, und lockende Höhen des Lebens, daß es wie ein zarter Fern⸗ z Hei duft zerrann, und ſich mit keinem gediegenen Worte be— zeichnen ließ. Er fühlte ſich von ſo reiner, vornehmer , 1h Weiblichkeit höher geſtimmt und nach einem ſtolzen, viel— rſi leicht unerreichbaren Ziele ſeines Beſtrebens gelenkt. Dachte er dann wieder an Thekla, ſo klopfte ſein Herz heftiger von ſüßen, nahen, ungeſtümen Wünſchen. Er gerieth in Zweifel und Unruhe. Es ward ihm zu Muthe, als ob er auf einem Scheidewege des Lebens zwiſchen zwei ſo verſchiedenen und gleich wünſchenswerthen Frauenbildern zu wählen, und ſich in dieſer Stunde für eines oder das andere zu entſcheiden hätte. Dort eine ſo reine hohe Jung⸗ frau, hier ein ſo reizendes, vornehmes Weib. Dort eine weiße Roſe auf ſonniger Hoͤhe, hier eine rothe im traulichen Thal. Mit einem Seußzer rief er aus:„O dreimal ſelig, die ihr Blut beherrſchend, die jungfräuliche Pilgerſchaft beſtehen! Aber die gepflückte Roſe iſt irdiſcher beglückt, als die am unberührten Dorne wächſt, welkt und ſich in heiliger Einſamkeit entblättert.“ Bei dem Gedanken einer gepflückten Roſe durchzuckte ſein Innerſtes ein ungeſtümes Verlangen nach dem lieb⸗ reizenden Geſchöpfe, eine ſchmerzliche Sehnſucht nach dem innigſten Beſitze eines ſo reich und liebenswürdig ausge⸗ ſtatteten Weſens, wie Thekla war. Wenn er freilich ihr ſtrenges Betragen und ihre vornehme Abkunft erwog, be⸗ ſchied er ſich ſelbſt, daß hier von keinem leicht erkauften, ſchnöd hingenommenen Genuſſe die Rede ſei; ſondern daß hier die Luſt nur im Kelche der Liebe blühe, daß um ſolche Gunſt mit Vertrauen angeknüpft, mit Anmuth ge⸗ worben, mit Treue beharrt werden müſſe. Ein liebrei⸗ zendes Weſen war hier in Geheimniſſe eingehüllt, und er kam ſich wie ein Jünger vor, der in die Myſterien einer Gottheit eingeweiht werden ſollte, wozu er manche Stufe der Prüfung durchzugehen habe. Er erneuerte vor ſich ſelbſt das der Geliebten gethane Gelöbniß des Schwei⸗ gens.— Bei näherer Betrachtung ſchien ihm ein oder der andere Umſtand günſtig. So war es ihm lieb, daß er es nicht mit einem ungeprüften Mädchen von ſolcher Ab⸗ kunft, ſondern mit einer bedrängten, in Lebenswirrniſſe eenbildern oder das he Jung⸗ ine weiße hen Thal. , die ihr beſtehen! als die heiliger urchzuckte m lieb⸗ ach dem ausge eilich ihr wog, be— erkauften, dern daß daß um muth ge⸗ liebrei⸗ llt, und Myſterien mancht terte vol Schwei⸗ oder der daß it cher Ab wirniiſt 253 gerathenen Freundin zu thun hatte. Einer ſolchen hoffte er ſchon eher durch Muth und Treue unentbehrlich zu werden. Sie hatte ein ungiltig Eheband zerriſſen, und er ſah ſein eigenes, innerlich unwürdiges Ehebündniß ſeit er Stratford verlaſſen, für gelöſt an. Was ihm dagegen nicht gefiel, war die gebundene Lage der Geliebten, die ihr beiverſeitiges Verhältniß auf einen bloßen Umgang, auf ein einförmiges, verſtohlenes Umhergehen in den abendlichen Gaſſen beſchränken mußte. Er konnte ſie nicht in ihrer Wohnung beſuchen, und ſchon um Nelly's willen auch nicht bei ſich einführen. Er ſann auf Mittel, dieſen Misſtand zu heben, und da ihm nichts einfiel, nahm er ſich vor, dieſen Abend mit ihr zu ſprechen, und ſich über ihre Zukunft gegen ſie zu erklären. Bei ſo lebhaften Empfindungen und Vorſätzen konnte er von Stunde zu Stunde in keine rechte Stimmung zur Arbeit kommen, und war froh, als der ungeduldige Tag zu Ende ging. Aber vergebens harrete er am verabrede⸗ ten Orte mit Angſt und Sehnſucht auf die Geliebte. Er harrete den zweiten und dritten Abend vergebens. Er wollte ungehalten werden; aber der Gedanke erſchreckte ihn, ſie möchte das Verhältniß ganz und gar abgebrochen haben. Sie hatte ihm jenen Abend vor der Wohnung des Eſaias Gottgeprüft keine Erklärung über die Uhr ge⸗ geben, ſondern war in der leidenſchaftlichen Aufregung von ihm geſchieden, nachdem ſie ihn beſchworen, ihr nicht zu folgen, und bis zum Wiederſehen zu vertrauen.— Was hatte ſie vielleicht gewagt? Und wer war der Mann, der die Uhr als Eigenthum in Anſpruch genommen hatte? In welchem Verhältniſſe hatte ſie zu ihm geſtanden, um ——— —— 254 die Uhr zu ſich nehmen und verſetzen zu können? Und— was das Schlimmſte wäre— hatte ſie ſolche wirklich entwendet? William machte ſich Vorwürfe über einen ſolchen Ver⸗ dacht. Er ſann über alle denkbaren Fälle nach, die eine von ſo viel Rückſichten bedrängte Freundin einige Tage abhalten könnten. Dennoch kam immer wieder der Zwei⸗ fel hervor, ob ſie nicht etwa wegbliebe, weil ſie keine be⸗ friedigende Antwort zu geben im Stande ſei?— Wie, wenn jener Unbekannte ſie hätte feſtnehmen laſſen? In welches Misgeſchick war ſie gerathen? Wie war ihr zu helfen? Und jener Unbekannte ſelbſt—? Es war ein fremder Name geweſen, den Eſaias vom Zettel abbuch⸗ ſtabirt hatte, und William konnte ſich nicht mehr auf den in ſeiner Zerſtreuung nur flüchtig angehörten Namen beſinnen. Man denke ſich die Unruhe des Freundes, und welche unſeligen Stunden er zubrachte! Sechstes Kapitel. Es ging aber unſerm William wie Einem, der aus dem Tageslicht in eine dunkle Kluft hineinſtarrt: er glaubt Dinge zu ſchauen, die nicht da ſind, und was wirklich da iſt, ſieht er nicht. So fürchtete er Misgeſchicke für Thekla, denen ſie freilich hätte begegnen koͤnnen, wäre die Und— wirklich zen Ver⸗ die eine ge Tage t Zwei⸗ eine be — Wie 112 In ihr zu var ein abbuch auf den Namen d welche nus dem glaubt 9 „ 4 wirklich Hicke ful i- are nü 25⁵ Lebenslage, in welcher ſie dem Dichter erſchien, nicht ſelbſt bloße Erdichtung geweſen. Nur Mislichkeiten der klein⸗ lichſten Art waren ihr aufgeſtoßen. Der Hauswirth und die Speiſewirthin hatten ſich nämlich nicht länger mit Zahlungsausflüchten wollen hinhalten laſſen; ſie ſetzten ihr mit den bedeutend angewachſenen Foderungen zu, ſagten ihr Koſt und Miethe auf, und legten zur Sicherung ihres Guthabens Hand an Thekla's Habſeligkeiten. Kaum lie— ßen ſie ihr den Anzug, in welchem ſie ausgehen mußte, wenn ſie irgendwo Mittel herbeiſchaffen wollte. Aus der Haſt und dem Ungeſtüm, womit die Gläu— biger verfuhren, ſowie aus manchen Aeußerungen derſel⸗ ben, hätte Thekla Verdacht ſchöpfen können, ob beide nicht etwa zu ſolcher Heftigkeit von irgend Jemand angetrieben wären. Allein ſo leichtſinnig Thekla erſt geborgt hatte, ſo eniſetzlich war ihr jetzt die Noth des Bezahlens. Sie dachte nichts dabei, wenn die Speiſewirthin mit Grinſen die Frage wiederholte: Habt Ihr denn gar keinen Freund oder Angehörigen, an den Ihr Euch wenden könntet? Gott's Lid! In ſolcher Lage, wie die Eure, muß man gute Worte geben. Mit Trotz könnt Ihr Miethe und Eſſen nicht bezahlen. Ei, mein ſchönes Kind! Ihr ſeid ia ein„Engel“, dem jeder Lord oder Baron gegen So⸗ vereigne oder gegen Portugaleſer einwechſelt, das Stück zu drei Pfund zwölf Pence gerechnet. Solche und noch frechere Reden mußte ſich Thekla ge⸗ fallen laſſen. Was ſollte ſie anfangen? Sie hatte wol früher daran gedacht, den ihr verſchwägerten Lasko um Unterſtützung anzuſprechen. Wie ſie nun aber den Gang thun ſollte, und ihr jener trübſelige Abend ihrer Flucht — 256 lebhaft ins Gedächtniß kam, entſetzte ſie ſich vor dieſem Ausweg. Sie kämpfte mit ihrem Stolze, mit ihrer Ab⸗ neigung gegen Lasko und mit der Furcht vor den Zu⸗ muthungen eines leidenſchaftlichen Mannes, dem ſie ſich gewiſſermaßen verpfändete. Dieſe Furcht ſiegte. Lieber wollte ſie ſich nach Grays-Inn an Bacon wenden, um ihn als Vermittler bei dem Grafen Southampton zu brauchen; denn von ihm ſelbſt mochte ſie nichts annehmen, — ſie wollte keinen Bewerber zum Gläubiger haben. So leicht aber ward es ihr nicht, dieſen Entſchluß zu nehmen. Der Graf hatte ſie verlaſſen, und ſie ſollte ihn anſprechen? Es koſtete ihr die bitterſten Thränen, die ſie jemals glaubte vergoſſen zu haben. Allein ſie wußte um ihrer Ehre willen keinen ſonſtigen Ausweg. Sie dachte wol an ihren Freund William und an deſſen ſchwärmeriſche Liebe zu ihr; allein, ſollte ſie dieſe Schwär⸗ merei und die ſchmeichelhafte Täuſchung zerſtören, in der ſie ſich vor ihm ſo wohl gefiel? Sie wollte nicht bedürf⸗ tig in den Augen des Dichters erſcheinen; und— wie konnte ſie auch im Schutze einer reichen Lady in Geld⸗ verlegenheit ſein? Oder ſollte ſie, um ihre Noth begreif— lich zu machen, ſich in neue Erdichtungen und Geſchichten verwickeln, die des Freundes Mistrauen erregen konnten? Sie entſchloß ſich alſo, ein paar Worte an Bacon zu ſchreiben, und ihn zu einem Beſuch einzuladen. Eine Laſt fiel ihr damit vom Herzen. Sie ſehnte ſich recht nach der beſtellten Zuſammenkunft mit William, um alle die Ver⸗ drießlichkeiten des Tages bei ihm zu vergeſſen.— Wie ſie bei einbrechender Dämmerung ihr Zimmer verließ, trat ihr von der dunkeln Treppe ein Mann entgegen, der t dieſem hrer Ab⸗ den Zu⸗ ſie ſich Lieber den, um apton zu nnehmen aben ſchluß zu ollte ihn die e wußte — Sie n deſſen Schwär⸗ „in der t bedürf⸗ — wie in Ged begreif heſchichte konnten! Bacon zu Eine Laſt nach der die Ve Vi verließ en de ſte raſch in das Gemach zurückdrängte, und ſich aus ſei⸗ nem Mantel als Lasko enthüllte. Dieſer Beſuch, den ſie nun erhielt, nachdem ſte ſich nicht hatte entſchließen können, ihn zu machen, überraſchte ſie nicht gerade unangenehm, zumal Lasko ſich mit der zarteſten Artigkeit benahm. Befremdend war es ihr nur, daß er ihre Wohnung kannte. Dieſe Uhr, ſagte er, war meine Wegweiſerin. Ich habe ſie dem Schelm von Puritaner abgenommen, nur um ſie Euch ſelber zurückzuſtellen. Verzeiht, daß Ihr ſie dieſe Tage habt entbehren müſſen. Ich verdanke ihr, daß ich endlich ſo glücklich bin, Eure Wohnung außzufinden. Eſaias hatte Euch jenen Morgen aus der Halle dieſes Hauſes hervorkommen ſehen, und das Weitere vernahm ich von den Hausleuten. Indem nun Lasko den ihm nicht angebotenen Sitz mit Anſtand nahm, fuhr er fort: Es war mir ein wahres Herzensbedürfniß, Euch, theuere Thekla, wieder einmal zu ſehen. Ich will Euch nicht herrechnen, was ich durch Euern verlorenen Umgang eingebüßt habe. Ich bin durch eigene Schuld um Cuer Vertrauen gekommen, und muß wol darauf verzichten, (Such aufs Neue in meiner Wohnung zu beſitzen. Dies hat mich ſo boshaft gemacht zu wünſchen, Ihr möchtet Euch manchmal auch ein wenig einſam fühlen. Dann kvürde ich Euch einen Vorſchlag machen. Ich wünſche äämlich,— Ihr möchtet mir erlauben, gewiſſe Abende in der Woche mit einigen gebildeten Männern bei Euch zuzubringen. Erlaubt, daß ich ausrede! Es ſind Freunde von mir, denen ich für empfangene Artigkeiten verſchuldet Koenig, William Shakſpeare. I. 17 ——— — 258 1 bin. Aber es fehlt mir an einer liebenswürdigen Wir⸗ b thin. Es ſind äußerſt ſchätzbare Männer, und lieben wilde Schmäuſe nicht. Ihr wohnt hier ſo ſtill, ſo heim⸗ 1 lich mitten im Gewühle der Stadt. Es verſteht ſich, ich würde als naher Anverwandter auftreten. Ich habe mich ſchon beim Hauswirthe als Euern Oheim ausgegeben. Verzeiht, ich war es Euerm guten Namen ſchuldig, da der Wirth nicht gewohnt iſt, Männer zu Euch kommen zu ſehen. V Lasko konnte dieſe Worte nicht ohne ein ſchalkhaftes Lächeln ſagen, fuhr aber mit raſch wieder ernſthafter Miene fort: Wenn ich Euch als Oheim nicht recht wäre, — ich bin im Alter, um auch als Bruder, als Schwa⸗ ger, oder ſelbſt als jugendlicher Vater zu gelten. Nicht wahr, ich thue keine Fehlbitte? Ihr empfangt uns dann und wann, beſorgt auf meine Rechnung ein kleines leckeres Mahl, und was Ihr mit Euern Talenten beitragen wollt, edle Männer zu erfreuen, ſoll ganz bei Euch ſtehen, Wahrhaftig, verlangen werde ich nichts, durchaus nichts, nie das Mindeſte. Auf Ehre! Wer ſind denn aber dieſe Freunde? fragte Thekla. Ach, es ſind wenige! erwiderte Lasko. Doctor Lopez, 8 der Königin Hausarzt, ein angenehmer katholiſcher Geiſt⸗ licher, Namens Walpole—. Doch was helfen Euch Na⸗ men! Ihr müßt die ſchätzbaren Männer kennen lernen. Sind es Eure— Verſchworenen? flüſterte ſie ſchalkhaft. Lasko lächelte.— Ihr habt das alſo noch nicht ver⸗ geſſen? ſagte er. Nicht wahr, ich muß ehrlich ſein, wenn Ihr mir vertrauen ſollt? Gut denn! Du verdienſt es überdies, liebe Schweſter, daß ich ganz offen mit dir 2 nd lieben ſo heim t ſich, ich habe mich usgegeben uldig, da h kommen ſchalkhaftes ernſthafter cht wäre Schwa⸗ en Nict uns dann leckeres gen wollt uch ſtehen aus nichts te Thella tor Lope her Geiſ Euch Na⸗ en lernen ſchalkhaft nicht der ſein wenn erdienſt i 1 mit! 259 verfahre. Du haſt deine Träume nicht misbraucht, warum ſoll ich dir die Wahrheit nicht zum Mitgebrauch geben? Du weißt ſo im Allgemeinen, daß ich im Solde ſpani⸗ ſcher Statthalter herübergekommen bin, und daß es ge⸗ fährliche Dinge ſind, wozu ſie mich geſchickt haben. Aber du kennſt meine Vielſeitigkeit nicht! Auf beiden Schultern tragen, gilt freilich bei den Alltagsmenſchen für etwas Unehrliches: wozu haben wir denn aber zwei Schultern? Nur der Schwächling hat ſie zum Abwechſeln, und trägt, den Umſtänden nach, ſein Lebensgepäck einmal auf der rechten und einmal auf der linken Achſel. Ich behaupte vielmehr, jeder wackere Mann trägt auf beiden Schul⸗ tern; nur gehe er nach einem Ziel. Daher bin ich kein Thor, und ſetze meinen Kopf, der zwiſchen zwei Schul⸗ tern ſteht, um der einen Sendung willen aufs Spiel. Nein! Ich thue gerade ſo viel, daß man mir die guten ſpaniſchen Gelder nicht entzieht, die zu meinem Unterhalt und Lohn ausgeſetzt ſind. Dagegen habe ich dann auch ein engliſches Intereſſe angeknüpft, das ſich vielleicht län⸗ ger hinausſpinnen läßt, als die ſchwachen Lebensfäden haßvoller Königsſeelen dauern. Denn wie lange wird dieſer ſpaniſche Philipp oder auch dieſe engliſche Eliſabeth noch leben? Ich gönne beiden, eines natürlichen Todes fu ſterben. Siehſt du, Thekla, das iſt hier, ſo im All⸗ gemeinen, mein Spiel, und du wirſt mir zugeben, daß es hinſichtlich meines Gewinnſtes ziemlich gut gemiſcht iſt. Das Nähere wirſt du nach und nach erfahren. Denn, verkenne es nur nicht!— wir beide ſind einmal hier an⸗ tinander gewieſen; es iſt unſer beider wahrer Vortheil, einander zu vertrauen und zuſammenzuhalten. Auch 17* —— — habe ich noch einen dritten närriſchen Plan, der auch dir viel Spaß machen könnte, und uns beide in hübſche Ge— winnſte ſetzen würde. Wenn du wollteſt, würden wir ganz London aufs Köſtlichſte myſtificiren; in der Art— weißt du— wie wir es früher am Rhein einmal aus Spaß mit einer kleinen Geſellſchaft verſucht haben. Denke dir einmal, daß du als Zauberin, als Wahrſagerin deine Feinde necken, deine Freunde verblüffen, ganz London in eine Maulſperre verſetzen könnteſt,— du, nicht gekannt, ganz in geheimnißvoller Verborgenheit, du, mit deinen Gaben und Talenten, mit deiner biegſamen Stimme, die jeden Sprechenden nachmachen kann, mit deinen Augen, aus denen ein immerwährendes Geheimniß leuchtet! Nicht wahr, ich kenne ein wenig deinen Geſchmack? Mit Spitzbuben unter der Decke zu ſtecken,— nennt Ihr das meinen Geſchmack, Herr von Lasko? fragte ſie halb ernſthaft, halb lachend. Nun, nun— Spaß bei Seite! rief er. Wir ſpre⸗ chen weiter davon. Aber ſei nur vor Allem ſo gut, und laß uns einen ſolchen Abend einrichten, wie ich dir geſagt, liebſte Herzens-Thekla! Nicht wahr? O es wird auch dir gewiß ſpäter in der ſchlimmen Jahreszeit, an den trauri⸗ gen londoner Abenden zugutkommen. Glaube mir, Liebſte! Wer weiß, wer bis dahin noch in London iſt! ver⸗ ſetzte ſie kurz. Alſo für meinen Oheim wollt Ihr gelten? Für was du willſt! rief er vergnügt aus. Ich werde in jede Erzählung paſſen, die du deinen Freunden von dir gemacht haſt. Vielleicht läßt ſich mit dieſen Freunden ſelbſt manch' gutes Einverſtändniß knüpfen. Gerade weil es vornehme Leute ſind—. Graf Southampton—! gekannt it deinen me, die Augen Nicht — nenni ftagte ſie Wir ſpre qut, und ir geſagt auch di n traurl Liebſte iſt ver hr gelte zch werd 3⁰¹ vol den 5 Freunde erade n 261 Thekla erſchrak.— Ihr ſeid mit dem Teufel im Bundel rief ſie halb ärgerlich, halb geſchmeichelt. Je nun, lachte er, dann beſtreite ich die Bundeskoſten, und laſſe dich unbeſchadet deiner Seele an der hohen Macht theilnehmen. Nein, nein, keinen Scherz! wendete ſie ein. Ich muß durchaus wiſſen, woher Ihr von Southampton gehört habt; das heißt von mir und dem Grafen; ich meine—. Nun, woher? Raſch, und beſinnt Euch nicht auf Lügen! Ci, ſchöne Thekla! rief Lasko. Keine Beleidigungen! Wie? Soll ich denn in der That meinen Zauberanzug ſo bald, ſo ſchnell ablegen, mich in deinen Augen um alle hohen Verbindungen mit überirdiſchen Mächten bringen? Nun ja! Ich muß mir ſchon dein verlorenes Vertrauen etwas koſten laſſen. Alſo denn! Mein Bedienter hat dich jenen Abend, wo ſich der Schauſpieler in unſere An⸗ gelegenheiten miſchte, nicht aus dem Auge verloren; er iſt dir gefolgt, hat dich in die Sänfte ſteigen, und in Sout⸗ hamptonhouſe einkehren ſehen. Das Uebrige erfuhr er von der Dienerſchaft des Grafen, das heißt, bis zur Zeit, wo du plötzlich das Haus verlaſſen haſt. Von da warſt du mir aus den Augen verſchwunden, und ich konnte nichts über dich erfahren, bis ich zufällig die ſilberne Uhr auf deinem ſtillen Lebenswege fand. Siehſt du, liebe Schweſter, ſo einfach hangen die Dinge zuſammen, die dir als Zauberei erſcheinen. Und gerade ſo einfach und unſchuldig können wir zuſammen manche Zauherei ver⸗ richten. Lasko zog jetzt eine ſchwere Börſe mit Gold hervor, und ſchob ſie unter Thekla's Hände.— Sieh' zu, ſagte er, wie weit du damit reichſt. Ich weiß, die Sachen ſind theuer in London. Richte uns auf übermorgen Abend ein kleines Eſſen zu, für drei bis vier Freunde. Benimm dich nur mit der Hausfrau, ſie wird dir Alles beſorgen helfen. Halt, halt! rief Thekla. Ihr habt bei meiner Seele nichts Ehrliches vor. Nehmt mir nicht übel, daß ich auf ſo artige Wendungen nur ganz einfach erwidern kann: Ich kenne dich, Lasko!— Die Sache macht mir bang, und doch hat ſie auch wieder ihre Lockungen. Eines bitte ich mir für alle Fälle aus: daß die Männer, die Ihr hier einführt, nur mit Mund und Magen kommen, und nichts für Das verlangen, was ſie ihr Herz nennen. Ihr verſteht mich. Uebrigens muß ich Zeit zum Ueberlegen haben. Zum Ueberlegen—? Gewiß! erwiderte Lasko. Ich komme morgen Abend wieder. Ich will dich nicht drän⸗ gen, aber ich weiß, wie liebreich dein Herz iſt. Kenne mich ganz, beſte Thekla! Sieh', ich möchte etwas von den ſchönen Abenden erneuern, die wir einſt zu drei ge⸗ noſſen haben, als deine Schweſter, meine unvergeßliche Roſalie, noch lebte. Ach, wie verlaſſen bin ich jetzt! Vergib! Er entfernte ſich raſch mit der Miene tiefer Rührung. Unten kehrte er bei dem Wirthe ein, um ihm zu ſagen, daß ſeine Nichte nun Alles berichtigen werde, und daß es ſich von ſelbſt verſtehe, ſie bleibe wohnen. Er legte einiges Geld auf den Tiſch, zur Entſchädigung, wie er ſagte, für das Leid, das er ihnen gemacht habe, ſeine liebe, eigenſinnige Nichte ein wenig zu ängſtigen. Er dachen ſind gen Abena Benimu beſorgen iner Seele aß ich auf ern kann mir bang Vines bitte nicht drän ſt. Kenn etwas von drei ge vergeßlich ich jett Rührung zu ſagen und dat Er lgi wie T. abe, ſe gen 263 ſchied lächelnd, und hinter ihm machte der Hauswirth Geberden über die angebliche Nichte. Thekla war gerührt zurückgeblieben,— ergriffen von der Erinnerung an die erſte glückliche Zeit der Verbindung ihrer Schweſter mit Lasko, an die ſchöne Frühlingsreiſe mit beiden, und an ihren eigenen Lenz, in welchem da⸗ mals die Primeln ihrer Lebenshoffnung ſo reich aufſchoſ⸗ ſen. Lasko kam ihr ganz verändert und liebenswürdiger vor; ihre eigene Rührung machte ſie geneigt, an ſeine Reue und Beſſerung zu glauben. Eine Sehnſucht nach geſelligem Umgang regte ſich, und zum Uebergewichte lag noch das Mittel, ſich aus augenblicklichem Drang zu hel⸗ fen, ſchwer in ihren Händen.— Der Hauswirth, die Speiſewirthin kamen und brachten demüthig die wegge⸗ nommenen Sachen zurück. Stolz warf ihnen Thekla das ſchuldige Geld hin, und war nun in Lasko's Schuld. Dafür freute ſie ſich eines Triumphes. Bacon nämlich erſchien am andern Morgen, wo ſie ſeiner und des Gra⸗ fen Unterſtützung nicht mehr nöthig hatte. Indeß durfte ſie den gefälligen Philoſophen nicht ſo ſchnöde, wie das erſte Mal, behandeln, und er ſchied mit der Erlaubniß Thekla’s wiederzukommen. Sie nahm ſich aber im Stil⸗ len vor, ihn jedesmal abzuweiſen, oder ſich verleugnen zu laſſen. Sie konnte nun nicht umhin, den zweiten Abend für den wiederkehrenden Lasko und den dritten für die zu bewirthenden Freunde deſſelben zu Hauſe zu bleiben. Sie dachte mit Unruhe an William, und da ſie mit ihrer aufgeregten Phantaſie nicht einſchlafen konnte, erſann ſie einen Plan, wie ſie ihren Freund künftighin ruhiger und 4 1 1 1 1 264 unbefangener ſehen könnte. Der Gedanke, den ſie mit ſchalkhaftem Vergnügen ausbildete, war für ſie mit eini⸗ gen Koſten verbunden; allein ihre Sorgen reichten nie⸗ mals über ihre Börſe hinaus, und ihre Berechnungen fingen immer erſt an, wenn ihr Geld aufhörte. Jetzt aber lag eine ſchöne Summe Goldes in ihrer Kleiderkiſte⸗ Am Morgen des vierten Tages ſchrieb ſie ein kurzes Billet an den Freund, worin ſie ihn auf den Abend an den früher verabredeten Platz einlud, und ſendete es in ſeine Wohnung. Siebentes Kapitel. So war nun Freund William plöͤtzlich all' den räth⸗ ſelnden Sorgen entriſſen, und hielt ein Blatt in den Hän⸗ den, das ihn mit wenig gleichgiltigen Worten höchſt be⸗ glückte. Er las eine ganze wonnevolle Zukunft zwiſchen den Zeilen. In dieſer erwartungsvollen Stimmung war ihm ein gegen Abend außziehendes Gewitter recht widerwärtig. Er beſorgte, Thekla würde nicht kommen können, oder wenn ſie käme, wie ſollten ſie in Sturm und Regen durch die Straßen wandeln?— Er eilte etwas früher an den be⸗ ſtimmten Ort, da es unter dem ſchweren Gewölk auch früher dämmerte. Schon begegnete ihm Thekla, beinahe unkenntlich in einem neuen Mantel.— Ein Wetter zieht en ſie mi mit eini ichten nie rechnungen tte. Jet Kleiderkiſte ein kurze Abend an dete es in den räth den Hän höchſt be ft zwiſche ihm ein ärtig. G herauf, ſagte ſie, wie gut iſt es, daß der Himmel ſeinen Schneckchen jedem ein Häuschen gibt! Kommt, laßt uns eilen! Sie faßte ſeinen Arm, und zog ihn nach der Lon⸗ donbrücke fort.— Wohin, wohin denn? fragte der Freund verwundert. Sie blickte ihn lächelnd, mit einem geheimnißvollen Wink an, und deutete über den Strom hinüber. So kamen ſie ſchweigend durch das Gedränge der Menſchen. Thekla wendete ſich links von der Brücke an den erſten Häuſern von Southwark hinab, führte den Freund durch einen kleinen Garten, und betrat mit ihm ein freundlich Häuschen. Sie holte Licht aus der untern Stube, und eilte voraus eine Treppe hinauf.— Ein ſchönes, bequem eingerichtetes Zimmer öffnete ſich, aus welchem man durch einen halb auseinander gezogenen Teppich⸗Vorhang in ein dunkles Kämmerchen blickte. Thekla lächelte den Verwunderten an, warf ſich an ſeine Bruſt und rief: Sei hier willkommen! Hier kön⸗ nen wir alle Wetter der Welt aushalten. Der Mantel war ihr von der Schulter gefallen, und der Freund hielt unerwartet und entzückt das reizende Geſchöpf in leichtem Gewand an ſeiner Bruſt. Augen voll Schwärmerei blickten ihn an, Lippen von ſchwellender Liebesanmuth lächelten ihm zu.— Hier wohne ich, fuhr ſie fort. Iſt es dir nicht zu weit herüber, Freund, mich zuweilen zu beſuchen? O meine Thekla! rief er aus. Und wenn ein Sturm die Londonbrücke wegriſſe, ich würde wie Leander zu ſeiner Hero über den trennenden Strom zu dir herüberſchwimmen. — Ja, hier laß uns glücklich ſein in der Wahrheit un⸗ ſerer Freundſchaft! ſagte ſie mit einer ſanften Rührung. Alle Täuſchungen des Lebens, alle Sehnſucht und Lüge, Alles was im Gedränge des Tages an uns verſchoben wird, alle fremden Mienen und Vermummungen, hinter die wir uns retten müſſen,— hier ſollen ſie vergeſſen, ſie ſollen vernichtet ſein! Aus dieſem Fenſter ſehen wir das alte London grau über dem grauen Strome liegen: denke, daß es eine Schaubühne ſei! Was dort vorgeht, was wir da ſehen oder ſelber thun: es ſoll nicht für mehr gelten, als für ein Spiel, zu dem wir uns angekleidet und geſchminkt haben. Das Herz iſt nicht bei Dem, was dort geſprochen wird,— auswen⸗ dig gelernt, oder aus dem Stegreif. Wir denken nicht weiter daran. Wer möchte es aber grämlich eine Lüge ſchelten, wenn wir voraus wiſſen, daß es keine Wahr⸗ heit iſt? Wir lächeln darüber, wenn wir hinter der Traverſe ſind,— hier in dieſem traulichen Stübchen. Hier richtet das verſchobene Herz ſich wieder ein, und in Allem, was wir füreinander fühlen und ſinnen, ſind wir ehrlich. In dem einen Herzſchlage, daß wir einander angehören und wohlwollen, mag alles Andere verſchwin⸗ den, vergeben und vergeſſen ſein! Ach das Liebſte, was in der Welt vorgeht, iſt ja nicht wahr, und was wahr iſt, gefällt uns ſelten, beglückt uns nicht immer. Welche Sehnſucht hatte ich nicht, o mein Freund, dir das zu ſagen, es dir ein für alle Mal auszuſprechen. Vergiß es nie, und laß es dir in allen Räthſeln unſerer Begegniſſe gegenwärtig ſein!. Der Freund ſchien zuerſt mehr betroffen, als hinge⸗ * heit un kührung d Lüge erſchoben , hinter gas dort es ſoll emt wir verz iſt wen⸗ en nicht ter der tübchen und in ſind win einander rſchwin⸗ te, was z wahr Welcht das zl ergiß 66 gegrife hingt riſſen. In der leidenſchaftlichen Art Thekla's lag etwas, was er an die Femeſſene Weiſe ihres frühern Umgangs nicht anknüpfen konnte. Er begriff nicht, wie nun auf einmal die Geliebte hier wohne. Dennoch ſprach ſich ihre Empfindung, ihre Sehnſucht nach etwas Wahrem ſelbſt ſo wahr aus, daß es ihn ergriff.— O meine Thekla! rief er aus. Wer könnte lebhafter dein Verlangen nach einem Aſyl von Wahrheit mit empfinden, als Einer, der vom Schauſpiel lebt, und in der Dichtung ſein beſſeres Leben ſucht? Und darf ich nun endlich dieſe erſehnte Wahrheit des Lebens in dem Glücke finden, daß du mich liebſt, daß ich dir angehöre? Und doch—! dieſe eine Wahrheit, dies Herz unſeres Lebens— iſt es nicht in eine zu nahe Täuſchung eingefaßt? Hier deine Wohnung? Nicht mehr bei der alten Lady? Vergib, daß mich dein Lächeln, deine Hingebung nach ſo verzweifelnden Tagen, dieſe Schönheit und Reize nach ſo durſtigen Stunden nicht über die kleine Befremdung hinwegheben können; daß ich nach der Wahrheit dieſes traulichen Zimmers frage im erſten Augenblicke, da ſich dein Herz mit ſo vieler Liebe öffnet. Drüben, das graue London ſoll die Bühne der Täuſchung ſein: aber dies Zimmer liegt hüben? Doch— ſagteſt du nicht, in der Wahrheit unſerer Liebe müſſe Alles verſchwinden? Wohl denn, fort mit dem Zimmer! Es iſt ja nur das Gehäuſe, worin mir deine Liebe über⸗ kommt; ich nehme den Juwel heraus und es wird bei Seite gelegt. Nicht das Kiſtchen, nur die Faſſung ge— hört mit zum Edelſtein deiner Liebe: dieſe deine reizende Geſtalt. Dieſe nehme ich als Pfand der innern Liebes⸗ wahrheit. Komm Was ich umfaſſe, an das iſt ja leicht 268 zu glauben. Himmliſche Thekla! Zum erſten Mal ſeh' ich dich ſo hell, ſo nah, ſo in freier Geſtalt. Niemand ſtört uns, keine Rückſicht auf Vorübergehende verkümmert mir deinen Anblick, deine Rede, die Fülle deines Her⸗ zens. Ich kann mich ſetzen, dich an mich ziehen. Deinen Herzſchlag fühle ich, du fühleſt den meinen. Auge verſenkt ſich in Auge, Mund ſchmilzt auf Munde hin. Thekla! Willy? Zauberin! Ruhig, ruhig, lieber Freund! Laß deine Hände ſo artig ſein, wie deine Zunge! Mit ſüßem Plaudern haſt du dich in mein Herz geſchlichen; aber es wird nur einen ruhigen, beſcheidenen Inſaſſen dulden. Laß mich nicht fürchten, daß du dich entweder in mir, oder in Dem irreſt, was du Liebe nennſt; ſonſt iſt es hohe Zeit, daß du in die Schule genommen werdeſt. Mit Anmuth entzog ſie ſich, mit Schalkhaftigkeit wehrte ſie dem ungeſtümen Freunde. Nach heiterm her⸗ zigen Plaudern deckte ſie ein Tiſchchen, richtete ein kleines Abendeſſen an, und bediente den Freund. Sie ſelbſt netzte nur die Lippe aus dem Kelchglaſe des Freundes und holte dann eine Laute hervor. Es war ihr eigenes Inſtrument, das ſie nun nebſt ihren italieniſchen Büchern von Lasko zurück erhalten hatte.— Sie ſang einige muthwillige italieniſche Lieder mit ſo lebhaftem Ausdrucke, daß William, obgleich er nur einzelne Worte verſtand, doch die ganze Laune und Schalkhaftigkeit herausfühlte. Sie hatte dieſe luſtigen Melodien aus bloßer Angſt vor dem Gewitter gewählt, das mit ſeinen rollenden Donnern in die ſcherzhafte Weiſe hineinſpielte. Wie aber die Nal ſch Niemand kümmert es Her⸗ Deinen verſenkt hekla! ände ſo mn haſt r einen nicht zaftigkeit em her⸗ kleines e ſelbſt reundes eigenes Büchern einige drucke erſtand 269 Schläge heftiger wurden, ſetzte Thekla, bänglich nach dem Fenſter ſchielend, das Inſtrument bei Seite, ergriff das Licht, winkte dem Freunde ruhig zu bleiben, und entfernte ſich in das Kämmerchen, den Vorhang hinter ſich zu⸗ ziehend So ſaß nun William dunkel und ſah eine Weile in aufgeregten Empfindungen den zuckenden Blitzen zu. The⸗ kla's Stimme und Vortrag hatten ihn überraſcht. Er liebte Muſik über Alles, und hatte die höchſte Meinung von der Macht derſelben auf ein echt menſchliches Herz: heut aber glaubte er zum erſten Mal wahren Geſang gehört zu haben, und gab ſich träumend dem neuen Zau— ber hin. Sein ſinnliches Verlangen löſte ſich in neuer Bewunderung auf. Welch' eine reiche Seele wohnte in dieſem reizenden Korper! Welche ſeligen Stunden ſtanden ihm bevor, wenn Thekla ihm angehören wollte! Konnte aber ein ſo edles, herrliches Weſen ihm anders angehö⸗ ren, als durch ein heiliges, ewiges Band? Er fühlte lebhaft, wie vergeblich und unwürdig es ſei, hier nur um flüchtige Gunſt zu werben, und daß er nach einer dauernden Verbindung trachten müſſe. Doch der Gedanke an ſeine bürgerliche und häusliche Lage verwirrte, beäng⸗ ſtigte ihn. Unruhig trat er an das Fenſter und ſah hinaus. Bei den zuckenden Blitzen konnte er in jäher, ſchauerlicher Helle den Tower mit ſeinen Bollwerken und Zwiſchenwällen, ja das Pförtchen und die breiten von der ſtürmiſchen Themſe beſpülten Treppen erblicken. Wie man⸗ cher Ehrgeiz und Uebermuth hat dort auf dem Thurmhü⸗ gel blutig gebüßt! dachte er. Wenn aber ungemeſſenes Streben nach Glanz und Macht hinter jenen ſchauerlichen 270 Baſteien ſein Ziel findet: ſo wird doch ein Dichter für ſeine Sehnſucht nach Liebe, für ſeine Bewerbung um ein fürſtlich entſproßtes Herz ſo hart nicht beſtraft werden!— Er ſann ſeiner nächſten Zukunſt nach; allein der grelle Wechſel von Licht und Schatten ſchmerzten ſein Auge; er ſchloß das Fenſter. Thekla kam noch immer nicht. William ſchlich nach dem Vorhang, und zog ihn leiſe auseinander. Da kniete ſie mit gefalteten Händen vor einem Kruzifix, das über ihrem Bette hing, und betete leiſe, indem ſie zuweilen nach dem Fenſter blickte, und bei jedem Blitze mit dem Daumen der rechten Hand Stirne, Mund und Bruſt be⸗ kreuzte. Das trauliche, kerzenhelle Kämmerchen, die rei⸗ zende Beterin, das ernſte Bild des Kreuzes und zwiſchen dieſem und jener das aufgedeckte weiße Lager durchrieſelte den Freund mit ſeltſamen Empfindungen. Wie Thekla ſich umwendend des Freundes Kopf durch den Vorhang erblickte, ſprang ſie auf und ſchalt den Lau⸗ ſcher. Lache nicht, ſagte ſie hoch erröthend, und ſage mir nichts darüber! Sie hatte beim Beten ein kleines metallnes Bild an einer Schnur aus dem Buſen gezogen, und mußte es dem Freunde erklären. Es iſt ein Amulet, ſagte ſie, ein Ag— nus Dei, gegen den Blitz geweiht. Ich würde es dir ſchenken, wenn du gläubiger wärſt, als du biſt. Doch da nimm's! Vielleicht iſt ſein Segen ſtärker, als dein Spott.— Sie nahm es ab, und ſteckte es dem Freunde in das Wamms.— Es ſchützt auch vor Feuer und Waſſer, vor Schuß und Stich, ſetzte ſie ſehr ernſthaft hinzu. Nun komm' und ſetze dich! Komm', das Wetter cter für um emn 271 iſt vorbei, laß uns dies Confekt verzehren und die Fro⸗ liks leſen. So nannte man gedruckte Reimzeilen, die um die Confektſtücke geſc=hlagen waren, mehr abgefaßt jedoch, um den großen Haufen zu ergötzen, als um Gebildete zu er⸗ freuen. Thekla zerriß daher die geleſenen, indem ſie ſagte: Laß uns ſo theilen, William, daß du das Confekt verzehrſt, und ich die Froliks zerreiße: du genießeſt dann, und ich thue etwas Gutes. Bald war ſie wieder ganz munter und aufgeräumt. Einige Tropfen des ſtarken Weines ſchienen ſie noch mehr aufzuregen. Sie verließ ihren Sitz, und tanzte mit be⸗ zaubernden Bewegungen und mit ſo ausdrucksvollen Mie⸗ nen und Geberden, daß William mit Erſtaunen eine le⸗ bendige Geſchichte, ein wirkliches Ereigniß zu ſehen glaubte. Aber auch in gleichem Grade erſchöpft ſank ſie dann ne⸗ ben ihm nieder, und lehnte ſich an ſeine Bruſt. Ihr Auge ſchloß ſich, eine Bläſſe überzog ihr ſchönes Geſicht. Der Freund hielt ſie mit dem linken Arme ſanft um⸗ ſchlungen, und ſah tief bewegt und mit Herzklopfen auf das wunderſame Geſchöpf nieder. Er war in Angſt, ſie möchte nicht wieder erwachen, und zagte doch, ſie zu wecken.— Nach und nach erwärmte ſich die Bläſſe des Angeſichtes, ſie athmete tief auf, öffnete die Augen, und lächelte den Freund an. Jetzt erſt athmete er ſelber wie⸗ der frei.— Was machſt du; Geliebte? rief er aus. Niemals in meinem Leben habe ich ſolche Angſt über⸗ ſtanden. Ich hatte das lebhafteſte Gefühl, ein theuerſtes Weſen könne die ſchöne Körperhülle abſtreifen, und mir in den Armen entſchwinden —y———ͤͤ 2472 Ich war nur müde, Willy! flüſterte ſie, und legte ihre Hand an ſeine Wange. Wie bewirkſt du dieſen Zauber, fragte er. Ich ver⸗ ſtehe, was du darſtellſt und begreife die Mittel nicht. Deine Geſtalt wird zu Kryſtall, und ich ſehe dein Herz, die Bewegungen deiner Seele durchſchimmern. Laß es! Ich weiß es ſelber nicht, erwiderte ſie. Es ging mir ähnlich, als ich bei Lord Hunsdon dein Schau⸗ ſpiel„Richard“ ſah. Sonſt war ich immer ſehr befrie⸗ digt von unſern italieniſchen Novellen geweſen; nun wurde eine viel größere Geſchichte vor meinen Augen lebendig. Weißt du was? Ich leſe dir zuweilen aus meinen No⸗ vellen vor, das heißt, aus denen, die ich gedruckt beſitze. Siehſt du hier, in dieſen Büchern ſind lauter ſolche Ge⸗ ſchichten. Vielleicht kannſt du aus einer oder der andern auch ein Schauſpiel machen. Eine beſonders iſt eine herrliche Geſchichte. Haſt du von„Romeo und Julie“ ge— hört, von dieſer ſüßen traurigen Liebesgeſchichte? Wir haben eine Erzählung in Verſen von Arthur Brooke, antwortete der Freund,„Romeus and Juliet“ be- titelt; aber ich kenne ſie nicht; ich habe mich um das Ding nicht bemüht. Ei, dann mußt du meine Novelle heute noch hören! ſagte Thekla und holte ein Buch hervor. Sie iſt von Bandello beſchrieben, ſetzte ſie blätternd hinzu. Wie ſie die Novelle gefunden hatte, rückte ſie dicht und vertraut an den Freund heran, und las mit einfacher, ganz eigen⸗ thümlicher Betonung die ſchöne Novelle langſam vor, indem ſie das Italieniſche mit raſchem Ueberblick ſogleich ins Engliſche überſetzte. ſie. Es in Schau hr befrie⸗ zun wurde lebendig nen No kt beſitze ſolche Ge der andern iſt aine och hören t iſt von 273 William fühlte ſich langſam in einen Kreis von Ge⸗ ſtalten und Gefühlen entrückt, für welche gerade an dieſem wunderbaren Abende, in dieſer heimlich liebevollen Umge⸗ bung ſein Herz ſo geſtimmt, ſeine Phantaſie ſo gehoben war. Die Geſchichte ſelbſt lag ſo ergreifend, ſo befriedi⸗ gend, ſo fertig da, daß es dem Freunde vorkam, als habe ſie nur auf lebendige Geſtaltung durch ihn gewartet. Einen ſolchen Gegenſtand hatte William längſt gewünſcht, dder beſſer zu ſagen,— geahnet; es war alſo natürlich, daß die thätigen Kräfte ſeines Geiſtes ſich alsbald des wunderbaren Stoffes zur Tragödie bemächtigten. Thekla war längſt mit Leſen fertig, als der Freund noch in ſich werſunken da ſaß. Sie glaubte ihn von dem mächtigen GEindrucke der Geſchichte ſo ergriffen; es war aber ſchon das Brüten der Phantaſie, die den tiefſften Keim einer Tragödie geſtaltete. Sie fuhr ihm mit zarter Hand über Stirn und Auge, und er erwachte lächelnd. Es war indeß ſpät geworden. Thekla öffnete das Fenſter. Das Gewölk hatte ſich verzogen; aus dem klei⸗ men Garten dufteten in laufeuchter Luft Nelken und Geis⸗ vlatt. London lag in dunkeln Umriſſen über dem ſchim⸗ mernden Strom. Wie viel glücklicher bin ich, als Julia! ſagte Thekla. Denn da du nun ſcheiden mußt, lieber Freund, gehſt du in keine Verbannung, und ich weiß, wann du wieder⸗ ſommſt. Bis dahin, William, halte den funkelnden Stern dort über Blackfriars für mein Andenken, das über dei⸗ ner Wohnung ſtrahle. Und wenn du dieſen lauen Weſtwind bei offenem Fenſter athmeſt, ſüße Thekla, erwiderte er, ſo denke, meine Koenig, William Shakſpeare. I. 18 274 Sehnſucht ſei es, die herüberhauche. Meine Liebe iſt inniger als deine: ſie dringt in deine warm athmende Bruſt ein; indeß du nur ſternlich über mir leuchteſt, das Auge erfreuend, aber dieſen verlangenden Armen uner⸗ reichbar. Sei nicht ungeduldig, herzlicher Mann! flüſterte ſie, auf ſeine Schulter gelehnt. Einſt hoffentlich gehören wir einander ganz an, wie es die Liebe begehrt. Wie dies in deiner und meiner Lage zu Stande kommen ſoll, wer⸗ den wir in mancher traulichen Stunde überlegen köͤnnen. Nur Vertrauen! Noch ein letztes Wort für heut! Du haſt nicht mistrauiſch geforſcht, wie ich auf einmal hier wohne: höre nun, wie es gekommen iſt. Ich hatte mich mit der alten Lady entzweit, weil ſie nicht leiden wollte, daß ich Abends ausgehe. Ich miethete dieſe Wohnung mit Rückſicht auf unſer heimliches Verhältniß. Wie ich aber meiner Beſchützerin ein dankbares Lebewohl ſagte, wollte ſie mich doch nicht gänzlich verlieren, und wir ka⸗ men überein, daß ich einzelne Tage für mich hier leben darf. Wir müſſen alſo die Abende verabreden, wann wir uns hier ſehen wollen; außer dem findeſt du mich niemals hier. Sie verabredeten das Nächſte, und Thekla drängte nun den Freund, zu gehen. Sie begleitete ihn an die Gartenthüre, faßte zum Abſchied ſeine Hand, und ſagte: Meine Wohnung iſt ein Geheimniß für Jedermann. Wie ich ſinge, wie ich ſpiele und tanze, darfſt du keiner Seele beſchreiben. Ich ſinge nicht nur wie die Nachtigall im Verborgenen, ſondern auch für dich allein. Ich bin deine Nachtigall. 275 1 64 Soll ich ſchwören? fragte er. Ja, ſagte ſie, mit einem Kuſſe! eſt, Aus einer langen Umarmung ſchieden beide in die men uner heimliche ſchöne Nacht. üſterte ſie— ehören! Wie die d v Achtes Kapitel. n können—— nal hit Des andern Morgens erwachte William aus ungewöhn⸗ batte mik lich tiefem Schlafe— mit dem Gedanken an Romeo und „ woltt Julie. Die Hauptperſonen, die Verwicklung und Löſung aechuun des Trauerſpiels, das Ganze ſtand klar und anſchaulich gi i wor ſeiner Phantaſie. Es war ihm ſelbſt räthſelhaft, wie obl ſa alle bei ſeinem Entſchlummern noch widerſtrebenden Schwie⸗ 43 vrk rigkeiten in Anordnung des Stoffes nun auf einmal ge⸗ bier leben löſt, und manche dunkeln Ideen bildlich geworden waren. M William wußte wohl, daß ſo Manches, was in Lebensbe⸗ den, 3 drängniſſen dem Menſchen an Rath und Muth über A dn uf Macht kommt, von den Frommen— eine Eingebung, vin eine Erleuchtung genannt wird: er hatte aber noch nicht la drän bedacht, daß die Seele alle ſchöpferiſchen Gedanken, alle bildende Kraft aus unbewußter Tiefe ſchöpft, aus einer ihr nur im Schlafe zugänglichen Quelle; daher denn auch ann.— alles Genielle und Urſprüngliche etwas Unbegreifliches an einer l ſch trägt. chtigal William ging nun in begeiſterter Stimmung an die bin! Ausarbeitung des im Entwurfe fertigen Trauerſpiels. Er 18* 276 arbeitete anhaltſam, und glaubte noch nie mit ſo viel Luſt und gutem Gelingen gedichtet zu haben. Er hatte eine wahre Frühlingsſtimmung, und Thekla's Geſang tönte in der Erinnerung wie ein ferner Nachtigallenſchlag. Dieſer Einklang ſeiner Seele brachte ihn ohne Abſicht auf Reime; die glücklichſten Bilder drängten ſich ihm friſch, wie Früh⸗ lingsblüten zu. Er hatte unmittelbar auf tolles, verwor⸗ renes Treiben ſo viel Ueberraſchendes erlebt; manche Räth⸗ ſel waren ihm zu Füßen gelegt; ein höchſtes Liebesglück blieb zu erringen oder zu verlieren; nicht ohne Selbſt⸗ überwindung mußte er ſein leidenſchaftliches Verlangen zu ſchicklichem Bewerben bändigen; er hatte die Freundſchaft hoher Männer, die Gunſt vornehmer Häuſer gewonnen: durch alles Dieſes fühlte ſich der Dichter befruchtet und geſtimmt, ein Spiel des menſchlichen Lebens zu ſchaffen, in welchem Wankelmuth und Treue, fromme Naturbe⸗ ſchauung und blutiger Familienhaß, kecker Lebensübermuth und zarte Liebeswerbung, heilige Unſchuld und Kuppel⸗ ſpäße, Lenzeshauch und Gift, Hochzeit und Tod bedeutſam, ergreifend und die tiefſten Schmerzen verklärend ſich be⸗ rühren und durchdringen. Der Freund ſchloß ſich im Zimmer ein, und Nelly mußte jeden Beſuch abweiſen, damit er in ſeiner Stim⸗ mung und Luſt nicht geſtört werde. So rückte das Trauer⸗ ſpiel in wenig Tagen Scene um Scene, Actus um Actus vor. Und wenn er dazwiſchen ausruhend an ſich ſelber dachte, empfand er eine ſo muthige Befriedigung, ein ſo heiteres Genügen in ſich ſelbſt, wie ihm noch niemals zu Theil geworden war. Er geſtand ſich ein, daß er in dieſem Zuſtande der glücklichſte Menſch ſei.— Worin ſo viel Luſ hatte ein dchaf reundſcha⸗ gewonnen ruchtet und zu ſchaffen 2 Naturb nsübermult nd Kuppel bedeutſam nd ſich b 277 dies Glück beſtehe, ſetzte ſich der Freund gern auseinander, und zählte wiederholt die Einzelbeträge, aus denen ſich die Summe ſeiner Zufriedenheit zuſammenrechnete. Ein großartiges, echtes Gedicht gelang ihm, ein reizendes, reichbegabtes Geſchöpf, wie ihm noch kein ähnliches vor⸗ gekommen war, wollte ihm durch Liebe angehören. Dieſer Flug des Geiſtes, dieſer Schwung ſeines Herzens hoben ihn über ein noch unbefriedigtes ſinnliches Verlangen. Und wenn er nach ſeiner Denkungsart auch ein ſolches nicht ver⸗ dammen und entbehren mochte: ſo blieb ihm ja die Zuſage der Geliebten, daß ſie ihm einſt ohne Einſchränkung angehö⸗ ren werde, ſo ganz und gar, wie es die Liebe fodere. Wer dies innige Glück innigſt mitfühlte, war Nelly. Sie ſah den geliebten Freund beſchäftigt und gehoben; er ſprach von ſeinem Gedicht und las ihr manche Scene vor. Sie ahnete zwar nicht, woher William Stoff und Stim⸗ mung zu dieſem neuen Werke genommen hatte; doch ver⸗ muthete ſie eine heimliche Neigung des Freundes. Und da er öfter mit Auszeichnung von Alicen ſprach, ſo zwei⸗ felte ſie nicht, ſein Herz ſchwärme nach jener Höhe. Dies kränkte ihre anſpruchloſe Neigung nicht; ſie freute ſich eher im Stillen darüber, daß wenigſtens der Flug nach einem ſo ſchwer erreichbaren Ziele dem Freunde heilſam ſei. — William war aber auch in ſeiner Zufriedenheit er⸗ kenntlicher und dankbarer gegen Nelly's Fürſorge, betrug ſich zarter gegen ſie im Umgang, und gab ſich munterer mit ihrem kleinen Hamneth ab. Mehr wünſchte ja die vergnügte Nelly nicht. Von William's nächſten Beſuchen bei ſeiner Geliebten 278 läßt ſich nur im Allgemeinen reden. Thekla wußte es auf die liebenswürdigſte Art einzurichten, daß dieſe Be⸗ ſuche ſich nicht zu oft und zu leicht wiederholten. Dafür ſah der Freund ſich auf die beſtimmten Tage heiter und liebevoll empfangen. Die Stunden des Nachmittags und des Abends gingen abwechſelnd hin. Thekla's lebhafte Theilnahme an der Welt regte ihn auf vielfältige Weiſe an, ſeine Gedanken und Geſinnungen auszuſprechen. Sie ſelbſt las und überſetzte ihm italieniſche Novellen, oder ſang und ſpielte. Zur Abwechſelung machte William ſie mit engliſchen Poeſien bekannt. Er las mit ihr mehrere Geſänge aus der„Feenkönigin“ von Edmund Spenſer. Thekla intereſſirte ſich für den Prinzen Arthur, und Wil⸗ liam verglich ſie mit Gloriana. Bei den ſchönſten Stellen des Gedichtes beklagte der Freund den unglücklichen Dich⸗ ter, der wie verſchwunden und verkommen ſei, ohne daß er ihn habe ſehen und verehren können.— Zwiſchen dieſe ernſtere Beſchäftigungen, wenn man ſie ſo nennen darf, fielen Scherze und Neckereien, die beiderſeits mit anmuthiger Unbefangenheit ausgegeben und aufgenommen wurden. Thekla's Seelenbewegungen waren überhaupt raſch wechſelnd und viel eigenthümlicher, als ſich beſchrei⸗ ben läßt. Sie faßte auf ihre Weiſe die großartigſten Gedanken William's, ließ ſeine verwegenſten Meinungen, ſeine freieſten Anſichten gelten, und hing dann doch wie⸗ der an einem wunderlichen Aberglauben oder an einer be⸗ ſchränkten Aengſtlichkeit, über welche der Freund ihr auf keine Weiſe hinweghelfen konnte. Eigenthümlich an ihr war es auch, daß ſie ſich in natürlichen Dingen über die gewöhnlichen mädchenhaften Rückſichten höchſt unbefangen 279 wußte e hinausſetzte, ohne daß William geringer von ihr denken dieſe Be konnte. Denn nur anfangs misverſtand er es, ward aber n. Dafün durch ihre Blicke und Haltung von Tag zu Tage mehr heiter und an Selbſtbeherrſchung und an ein durchaus zartes Betra⸗ ittags und gen gewöhnt. Thekla wußte ſich ſtets im Anſehen ihrer s lebhaft vornehmen Abkunft und einer guten Erziehung zu erhal⸗ tige Weſſ ten. Dabei kam ſie zuweilen auf merkwürdige Vorfälle hen. Ei aus deutſchen und niederländiſchen Fürſtenhäuſern, und llen, oder kannte die kleinen verſteckten Quellen weltkundiger Ereig⸗ gilliam ſi niſſe. Ueberhaupt galt ſie gern dafür, manches Wunder⸗ r mehrere bare erlebt zu haben und an grauſenhaften Thaten glück⸗ Spenſer lich vorüber gekommen zu ſein. Sie vermiſchte oder ver⸗ nd Wil tauſchte in ihren Erzählungen gern Geleſenes und Erlebtes n Stelli mmiteinander. Niemals aber brachte William auch nur ben Dih nwenig Stunden bei ihr zu, ohne daß ſie nach Perſo⸗ men und Verhältniſſen der Stadt gefragt und geforſcht hätte. William hielt es ihr als einer Fremden, auch tvenn es ihm einmal läſtig wurde, zu gut. Er war oft erſtaunt, wie ihr jede Kleinigkeit, die er ihr irgend ein⸗ mal erzählt hatte, unvergeſſen blieb. Ja, er konnte varüber eiferſüchteln, ob ſie aus Theilnahme an ſeiner Berſon, oder aus Intereſſe für die erzählten Sachen ſo aufmerkſam ſei. Es verſteht ſich, daß ſie nie müde ward, 2 auf Southampton und die gräfliche Familie zurückzu⸗ 1 kommen. So kehrte der Freund niemals ohne neue Bewunde⸗ rung Thekla's und ſelten ohne etwas Neues erfahren zu i haben nach Hauſe. Immer zauberhafter fühlte er ſich h amn an das liebenswürdige Weſen verſtrickt.— Der Wunſch, ber nit Thekla für das ganze Leben verbunden zu ſein, ward mit jedem Tag ungeſtümer, aber auch oft genug beun⸗ ruhigend. Denn William war freilich von ſeiner Anna in Stratford noch nicht förmlich geſchieden. Seit er von ihr weggegangen, war er ſtets der Meinung geweſen, le⸗ dig und ungebunden zu leben, eigne ſich für einen Dich⸗ ter und beſonders auch für ſein eigenthümliches Naturel. Jetzt glaubte er es beſſer einzuſehen. Er verwünſchte eine Ungebundenheit in weitem aber niederm Revier, wo es nur rohe Beluſtigungen, öde, zerſtörende Genüſſe, gemeine Verbrüderungen, entwürdigte, vergiftende Liebſchaften gebe. Welch' eine reiche, herrliche Welt ſchloß dagegen nicht das einzige Herz Thekla's in ſich! Welcher Mann, zumal ein Dichter, mußte ſich nicht viel reicher und höchſt glücklich fühlen, gerade wenn er in dies äußerlich beſchränkte, aber innerlich unermeßliche Gebiet, an dieſe friſchen Quellen des Gefühls, in dieſe Zaubergärten der Phantaſie ge⸗ bannt wäre? Welcher Dichter, meinte er, könnte wol all' dieſe Launen und Geſchichten Thekla's erſchöpfen! Je öfter der Freund dieſen Betrachtungen nachhing, deſto mehr befeſtigte er ſich in der Ueberzeugung, daß ſeine künftige Zufriedenheit und das ihm allein wün⸗ ſchenswerthe Lebensglück nur im Beſitze dieſer Thekla zu finden ſei. Hundertmal des Tags, und ſo oft er Nachts erwachte, ſprach er mit Inbrunſt und ſüßen Schauern des Verlangens ihren Namen aus. Etliche Mal ging er nun mit dem Vorſatze zu ihr, ſich über ſeine Wünſche wenigſtens zu erklären, wenn er ihr auch noch keine Vorſchläge zu thun im Stande wäre. Allein ſchon unterwegs, und noch mehr beim Anblicke Thekla's, fiel es ihm unmöglich, von ſeiner häuslichen genug beun ſeiner Ann Seit er von en Dich zes Naturcl ünſchte eine jer, wo e ſſe, gemeine haften gebe nicht das umal ein iſt glücklic n gung, dah llein wün Thella A er Nacht Hauern d te zu 4 wenn! ande We m Arbl häuslid 28ʃ Lage, von ſeiner Anna und von ſeiner frühen thörichten Heirath offen zu reden. Ein Umſtand war ihm dabei beſonders empfindlich, über den er ſich noch gegen keinen Menſchen ausgeſprochen hatte. Ja, er mochte ſich die in— nere Beſchämung ſelbſt nicht eingeſtehen, ſondern ſuchte ſich lieber hinter den Mismuth zu verſtecken,— er könne ja einer ſo reichbegabten, fürſtlich entſtammten Geliebten kein würdiges Loos bieten.— Aber, liebt ſie dich nicht? dachte er. Iſt ſie nicht ein Weib? Und lodert im Auge des Weibes nicht des Prometheus echte Flamme, und beleuchtet des Mannes dunkeln Werth, und zehrt des Le⸗ bens Außenwerke auf? Worin zeigt ſich die Liebe der Frau am ſchönſten, als in den Opfern des Entbehrens, des Verzichtens?— Aber ich—? rief dagegen ſein Stolz. Worin ſoll ich meine männliche Liebe bethäti⸗ gen, als im Erringen und in muthigen Wagniſſen? Und wenn ich das Höchſte, was Liebe gewähren kann, für mein Leben beſitzen will,— muß ich nicht vor Allem einen ehrenvollen Platz im Leben erobern? An dieſem Gedanken hielt er feſt.— Ja, rief er aus, da haben wir es wieder! Liebe und Ehre! Ich dachte mich ſchon zu beſchränken, und wollte all' mein Glück und Leben nur in der Liebe ſuchen. Vielleicht genügt dies auch einem weiblichen Herzen; aber kein Mann kann ohne die Ehre froh werden,— ohne die Ehre ſich der Liebe werth achten. So war denn aus derſelben Neigung, die den Freund, ſo lang er an Romeo und Julia dichtete, innigſt befrie⸗ digt hatte, nur zu bald neue Unruhe und Unzufriedenheit entſprungen. Alter Mismuth über ſeinen Stand und 282 Beruf regte ſich wieder; der Zweifel, was er denn eigent⸗ lich thun und zu ſeinem Glück unternehmen ſolle, kam dazu, ihm die unſeligſten Stunden zu bereiten. Da fiel ihm des Nachts plötzlich das Schreiben ein, das er auf Geheiß des Grafen Eſſer an die Königin entworfen und dieſer mächtige Gönner mit ſo lebhafter Zufriedenheit aufgenommen hatte. Sollte dieſer einfluß⸗ reiche Mann ihn nicht auf einen ehrenvollen Platz im öffentlichen Dienſt befördern können? William nahm ſich vor, bei ſchicklicher Gelegenheit ſein Anliegen dem Grafen vorzutragen, oder ſeinen edeln Freund Southampton darum zu bitten. Neuntes Kapitel. Thekla, ſeit ſie auf eigenem Fuße lebte, hatte die ver⸗ ſchiedenen Volkstheater beſucht; indem ſie in männlichem Anzuge von weitem, gewöhnlichem Zuſchnitt, mit hohem, ſpitzem Filzhute und Mantel ſich unbeachtet unter die Zu⸗ ſchauer miſchte, oder wenn ſie in Frauenkleidern hinging, nach damaliger Sitte anſtändiger Frauen eine Maske vor⸗ nahm. Nur in den Parisgarten zur Bärenhetze war ſie noch nicht gekommen. Sie hatte wol früher vom Fenſter aus oft genug den Zug des Bärenwärters geſehen, der unter Zulauf des Pöbels ſein Thier durch die Straßen lebhafter einfluß⸗ Platz im nahm ſich n Grafen on darum 283 führte, und das Volk zum Spiel einlud. Ein Spiel⸗ mann ging voraus, ein Affe ſaß auf der Schulter des Bären. Thekla hatte ſich das Vergnügen der Bärenhetze beſchreiben laſſen, und fand es roh; auch ſcheute ſie das Gedränge des Pöbels; ja ſelbſt die Erinnerung an jenen trübſeligen Tag ihrer Flucht, wo eben das Volk aus der Bärenhetze gekommen war, verleidete ihr anfangs den Beſuch jener Luſtbarkeit. Nun aber in ſo vergnügter Stimmung, aufgeregt und neubegierig, ging ſie eines Donnerstags nach Southwark hinüber, um von ihrer heimlichen Wohnung aus den Parisgarten zu beſuchen. Sackerſon, des Publikums Lieblingsbär, ſollte heute wie⸗ der einmal auftreten. Sie nahm ihren männlichen An⸗ zug, und ſchlenderte an der Themſe hinauf. Die Menge drängte ſich über die Brücke; aus den obern Quartieren der Stadt wurde an Brokenwharf und Queenhithe über⸗ gefahren. Vom Strome nach dem Strand, vom Strande nach dem Strome ſcholl ein Zujauchzen und Wechſelge⸗ ſchrei des ausgelaſſenen Pöbels. Der Parisgarten lag auf einem mit Bäumen beſetzten Platze, dem Globustheater ſchräg gegenüber. Dies Thea⸗ ter ward eben erneuert und erweitert. Eine Anzahl Bür⸗ ger, die ſelten aus der obern Altſtadt herüberkamen, ſtan⸗ den in Betrachtung vor dieſem ziegelroth angeſtrichenen Bau, der ſechseckig, einem ſtumpfen Thurme feſter Schlöſ⸗ ſer ähnlich, gezimmert war. Ein Graben zur Ableitung der Feuchtigkeiten iſt um das Theater gezogen, eine be⸗ ſondere Thüre für die Schauſpieler angebracht, und über dem Eingange für das Volk ſteh: eine grobe Statue des Herkules mit einer Weltkugel auf dem Rücken. 28¾ Eine Ueberſchrift erinnert, daß die ganze Welt Theater ſpiele. Unter den gaffenden Bürgern erkannte Thekla jenen unförmlich dicken Sir John wieder, der in dem Speiſe⸗ hauſe auf der Brücke, während ſeine Genoſſen jene muth⸗ willigen Handwerksgeſellen vertrieben, zu ihrer Unterhal⸗ tung herbeigetreten war. Seht nur, ſprach eben Sir John, was der neu an⸗ gemalte Herkules für ein Paar Augen macht. Stellt dies den Herkules vor? fragte ſchelmiſch Einer der Bürger. Ich dachte, Sir John, es wäre Eure Statue. Was die edle Geſtalt anbelangt, erwiderte dieſer, ſo mag Herkules allerdings aus unſerer Familie geweſen ſein; darf man aber ſchmeichelnden Frauen einigen Glau⸗ ben ſchenken, ſo habe ich für meine Perſon mehr Süßig⸗ keit im Blick. Da liegt's, Sir John! verſetzte ein Anderer. Da liegt's! Euer Auge hat in der That noch etwas mehr als die bloße Farbe und Form einer in lauem Waſſer aufgequollenen Roſine. Es iſt auch etwas ſehr Süßes darin; zumal wenn es ein wenig thränt. Das Haus wird nun nächſtens wieder eröffnet werden, ſagte Sir John ablenkend. Es ſoll mit einem Pracht⸗ ſtücke und einem Poſaunen⸗Prolog geſchehen. Henslow, — ihr kennt ja den Gauch, der erſt auf Pfänder lieh, und nun mit dem Wuchergewinn Theater baut— der wird eine ganz neue Geſellſchaft zuſammenbringen, aus den beſten Burſchen der verſchiedenen Theater. Auch den Maſter William wird er zu gewinnen ſuchen, deſſen lt Theate dekla jenen m Speiſe ene muth⸗ e geweſen igen Glau ttwas meh ſehr Süßes 285⁵ Prachtſtücke und Hiſtorien jetzt ſo beſucht werden. Ihr kennt ihn, Maſters? Nicht perſönlich, antwortete Einer; aber ich höre doch von ihm als Verfaſſer ſeiner Stücke viel reden. Ich nehme je alle paar Tage einmal ein Doppelbier mit ge— röſtetem Holzapfel in der Teufelstaverne, oder ich gehe auch dann und wann ins Meerweib zu einem Glaſe Sekt, da höre ich denn oft von dem Maſter reden. Ich habe wol ſeine Stücke aufführen ſehen, aber ich habe nie ge⸗ fragt, wer ſie gemacht hat. Den Maſter William kennt Ihr nicht? ſchrie Sir John. Das iſt ein göttlicher Burſche und mein ſpecieller Günſtling. Neulich habe ich ihm auch einen großen Dienſt geleiſtet. Der Spitzbube hatte eine junge Lady von Hof entführt,— eine wahre Nymphe von einem ſchönen Weibsbild. Ich ſage euch,— Zeus oder Jupiter hat ſie beim Nachtiſch aus Manna oder Ambroſia gedreht, und als ihn ſeine Ehewirthin eiferſüchtig angeſehen, hat er das ſüße Geſchöpf ſchnell auf die Erde fallen laſſen; ſo iſt ſie im Garten zu Greenwich unter die Himbeerſtauden gefallen und Hofdame der Königin geworden.— Da habt ihr Mythologie! Und hinter dem Entführer William fam nun ein ganzes Heer von Leibwache und Trabanten, und ſetzten ihm an der Ferſe nach. So ſtürzt er in das Gaſthaus, wo ich eben mit einigen edeln Herren, Freun⸗ den des Grafen Eſſer, bei Lampreten ſitze. Bei derglei⸗ hen ſitze ich ſonſt feſt, und überdies war noch Myroba⸗ ſane im Hintergrund, wenn ihr die köſtliche indiſche Frucht jennt, verſteht ſich, eingemacht. Aber meinen Maſter William im Stiche zu laſſen— nein! Ich habe ihn —- —ya1a1a denn auch glücklich herausgehauen, habe ihn dann mit edelm Sekt bewirthet, und ſeine ſchöne junge Gräfin geküßt. Und Maſter William hat ſich dafür mit einem Ge⸗ dicht bedankt, ſagte Einer, und Ihr gebt es uns jetzt zum Beſten, nicht wahr? Doch ſollt Ihr ſelber ſehr ſtark in lebenden Gedichten ſein, und kein ſchriftlicher Heldendichter ſoll ſo gute Erfindungen haben als Ihr! Kommt, kommt! rief ein Anderer. Ich höre ſchon den Sackerſon brummen. Geht Ihr nicht mit, Sir John? Der Spaß koſtet ja nur ein paar Pfennige. Ich darf mich vor dem Sackerſon nicht ſehen laſſen, verſetzte der Gefragte. Die Beſtie ſtiert mich immer ſo herausfodernd an; ſie hat einen Inſtinkt für fremde Tapfer⸗ keit im Leibe. Dann würde ich es einmal mit ihr aufnehmen! be⸗ merkte ein Bürger. Ich, ein Duell mit Sackerſon, dem Bären? Was würde die Königin von mir denken! erwiderte Sir John. Und noch ſchlimmer könnte es für den Unternehmer der Bärenhetze ausfallen. Denkt nur, wenn ich ihm ſeinen erſten Helden, der ihm die beſte Kaſſe macht, erdrückt vor die Füße legte! Lachend näherten ſie ſich dem Gedränge vor dem Gar⸗ teneingange, wo der erſte Eintrittspfennig erlegt wurde. Zwei Männer in bekannter Tracht der Puritaner ſtanden unter den nächſten Bäumen, und mahnten das zudrin⸗ gende Volk von dem gottloſen„ſodomitiſchen“ Spiel ab. — O faßt euch zu Gemüth, rief der Nächſte mit heiſerer, unſerer Thekla nicht unbekannter Stimme, und bedenkt, dann mi nge Gräfn einem Ge⸗ 1s jetzt zum hr ſtark in ore ſchon h ehmen! be ren —2, ge ßr Sir Johl dem Gau egt wund er ſtand — ir John? 3 2 Wat nehmer di ihm ſeinen erdrück von 287 wie dermaleinſt in der Ewigkeit zu Vergeltung ſolch' un⸗ chriſtlicher Luſt eure eigenen Sünden in Geſtalt von Dog⸗ gen und Bullenbeißern auf euch losgehetzt werden. Geht ihr vielleicht in der frommen Abſicht zu dieſem Spiele, um an dem geneckten Bären vorauszuſehen, wie drüben in der Ewigkeit die Peitſchen der böſen Geiſter gegen euch geſchwungen werden? Einſt wurden die Bekenner des jungen Chriſtenthums vor heidniſchen Zuſchauern wilden Thieren zu Kampf und Fraß vorgeworfen, und jetzt nehmt ihr die Sitze der Heiden ein. O ihr Sodomiter! Jedesmal, wenn der Redner ſchwieg, erſcholl ein La⸗ chen der Umſtehenden, und Jener blickte mit Ergebung gegen den Himmel.— Während nun Thekla ſich dem Eingang näherte, trat Sir John an den nächſten Redner heran, zog ihn am Aermel mit ſich und flüſterte ihm zu: Steh' ab, ſteh' ab, Freund Eſaias! Du ſiehſt, das Volk iſt verſtockt; deine Worte gehen an all' denen ver— loren. Komm' her, ich bin der Mann, bei dem wenig⸗ ſſtens deine rettenden„Engel“ gute Aufnahme finden. Schon wieder Vorſchuß? rief Eſaias. Der Herr ſei Euch gnädig! Alle ſeine Engel werden Euch nicht vor Verderben ſchützen. Oho! verſetzte Sir John. Da habe ich beſſern Glau⸗ ben, als du gläubiger Bruder haſt. Ich denke, des Herrn Barmherzigkeit wird Jeglichem nach Maß und Bedarf ſeines Naturels zu Theil. Und da gehört ſchon eine rechtſchaffene Portion Gnade dazu, mich aufzuwiegen. Ich will mich unſerm Herrgott ſchwer genug machen! Und menn ich mit der Zeit einmal in die Ewigkeit komme, nird der alte Herr lachend rufen: Platz da für Sir John. — —- 288 Der hat uns was gekoſtet! Alſo her mit deinen En⸗ geln! Es ſind doch nur von den Gefallenen, die Ihr auf unſere Verführung ausſchickt. Ihr ſeid verfluchte Kerle, ihr Puritaner. Ihr könnt, der Bibel zum Poſſen, zwei Herren auf einmal dienen; ihr macht die Commiſſionen für den Himmel und für die Hölle zugleich. Die From⸗ men ſchreckt ihr mit Teufeln und die Gottloſen verderbt ihr mit Engeln. Was habt Ihr für ein Pfand, Sir John? fragte, leiſe bei Seite tretend, der Puritaner. Pfand? rief der Ritter. Hab' ich dir meine Schuld nicht jedesmal richtig abgetragen? Hat meine Pünktlich⸗ keit noch nicht Pfandes Werth? Und überhaupt— bin ich ſelber nicht Pfands genug? Iſt dir meine Corpulenz nicht ſchwer genug? Und— hörſt du? wenn ein Bauch kein Pfand für Engel iſt, ſo ſchieß mir Nobels vor. Ihr Puritaner wollt ja doch nichts von Adel und Köni⸗ gen wiſſen: ei, gib deine Nobels weg, gib die Sove⸗ reigns aus, wenn auch nur Harrys Sovereigns zu zehn Schillingen das Stück! Ich nehme ſie für zwölf. Kannſt du ſie beſſer verwenden? Ihr geht ja doch in euern Le⸗ derſtrümpfen auf Freiheit und Gleichheit aus; da wird euch mein Bauch ſchon recht ſein als Pfand,— daran haſt du mein perſönliches Privilegium. Nur beſinne dich nicht lang! Ich muß einen gewiſſen Aufwand machen: ich gehe auf Werbung für des Grafen Eſſer irländiſches Heer. Auf Werbung? fragte Eſaias begierig, und zog den Ritter vorſichtig mit ſich fort. Guter Sir John, flüſterte er, wenn Ihr bei der Werbung ein wenig im Intereſſe unſerer ſchönen Disciplin handeln wolltet, ſo würde euch dinen G die fromme Brüderſchaft gern dienen. Befinnt Euch und deinen Er. 4. 3 die ghr au erklärt Euch. Einſtweilen könnte ich Euch gegen eine die J u-——.... 2„2,. der Handſchrift mit einer kleinen Summe beiſtehen; nur müßt ichte Kerl Ihr ſie in Waaren nehmen; es fehlt mir eben an baa— rem Gelde. oſſen zwe ommiſſione——. 2 I ⸗ Ich kenne ſchon Eure Art, verſetzte Sir John. Was ſind es denn für Waaren? Die From aee Verſchiedenes, erklärte Eſaias. Ihr mögt ausſuchen, was Ihr eben am leichteſten verwerthen könnt,— Bett⸗ hnt ſug federn, ſilberne Ohrringe mit großen Perlen, Strümpfe gin aus der Gascogne, einige Frauenſpiegel an Gürteln zu tragen, echten weißen Kirſey—. Pünttlih Sir John lachte. Nicht wahr, ſagte er, wenn du MS ſij gegen die Eitelkeit der Welt eiferſt, ſo fallen dir ſolche Corpulcn Waaren und Putzſtücke bekehrt und reumüthig zu? Ihr Lederſtrumpf⸗Seelen handelt mit Dem, was ihr doch ver⸗ ohels u dammt. Wahrlich, wenn auch euer Handel nicht verdamm⸗ und Kon lich wäre, ſo wären's eure Handlungen! die Sove Ich kann Euch auch Jemanden in der Nähe nennen, gns zu zu der Euch die Sachen wieder abnimmt, ſagte ausweichend völf. Kann Eſaias; wenn Ihr etwa— n euern! Zum wievieltenmal hat der ſie ſchon abgenommen? fiel Sir John ein. Wahrlich, dein Gewiſſen iſt nicht pfeifenswerth. Du borgſt mir Waaren mit fünfzig vom Hundert Gewinn, und dann kauft ſie mir der andere läubige Bruder ab, um abermals fünfzig. Wo ſitzt euer Gewiſſen, ihr Frommen? In eurer erfrornen Zehe, nicht nd zog! wahr? Und die juckt euch im Sommer nicht? Eſaias on, füßt Gottgeprüft nennſt du dich? Ja, geprüft hat er dich, aber m JMt du haſt ſchlecht beſtanden; du ſollſt nun„dem Teufel würd Koenig, William Shakſpeare J. 19 3— —————— —— — 290 verbrieft“ heißen. Wahrlich, ich will lieber eine Hage⸗ butte am nächſten Zaun ſein, als eine Roſe in eurer „ſchönen Disciplin“! Indeß Sir John mit ſolchen bittern Worten den ver⸗ legenen nach der Brücke eilenden Puritaner verfolgte, kam Thekla erhitzt, mit verſchobenem Mantel aus dem Ge— dränge des Gartens. Ein junger Mann eilte ihr nach, und redete ſie an. Sie erkannte Sir Francis Bacon.— Warum verlaßt Ihr den Garten und das heut ſo be— ſuchte Spiel, ſchöne Roſalie? fragte er mit Artigkeit. Thekla war verwundert, daß er ſie in ihrem Anzug erkannt habe. Ich Euch nicht erkennen! rief er mit geziertem Nach⸗ druck. O, in jeder Geſtalt, in jeder Verhüllung würde ich Euch herausfinden! Ei, ſchöne Roſalie! Müßte ich mich nicht ſchämen, ein Forſcher, ein Philoſoph zu heißen, wenn ich mich in dem Weſen irren könnte, das zu er⸗ gründen meine ſüßeſte Aufgabe ſein ſollte? Euere Ge⸗ ſtalten, Euere Wandlungen täuſchen mich nicht; wäre ich nur Eures Herzens ſo ſicher! Es iſt ein entſetzliches Spiel, das dort! rief ſie aus weichend. Ein geblendetes Thier, jenen angeketteten Bä⸗ ren, mit Peitſchenhieben wüthend zu machen! Ließen ſie ihn wenigſtens doch frei, und hätten dieſe Quäler den Muth, ſich den Umarmungen des Blinden auszuſetzen; ſo wäre es doch noch ein muthiges Blindekuh⸗ oder Blinde⸗ bärenſpiel. Ihr ſeht alſo wol das Spiel zum erſten Mal, meine Theuere? verſetzte Bacon. Ach dann hättet Ihr doch den Sackerſon abwarten ſollen. Dies Spiel nimmt ſich fri⸗ mein berich ſchon laſſer hing eine Hage⸗ e in eurer en den ver⸗ folgte, kam dem Ge⸗ e ihr nach, Bacon.— zeut ſo be⸗ rtigkeit. rem Anzug tem Nach⸗ -ung würde Müßte ich zu heißen, das zu et⸗ Cuere Ge⸗ t; wäre ich ief ſie aus⸗ ketteten Bi⸗ Lißen ſie Duüler den auszuſetzen; der Blinde⸗ Mal, meine hr doch den u ſch fi 291 ſcher aus. Der Bär iſt nämlich frei, Doggen werden an ihn gehetzt, und reizen ihn zum Kampfe— Und dann zerreißt er die Hetzhunde, die er ertappt, fiel Thekla ein, und die Menge jubelt über das ſtrömende Blut! Hu! Eilt zurück, Herr Philoſoph, damit Ihr nicht um den Sackerſon kommt! Geht, und ſeht auch gleich meinen Theil an dieſem ungeſchlachten Schauſpiele mit an! Erlaubt mir vielmehr, daß ich Euch begleite, und mein rohes engliſches Wohlgefallen an Euerm Zartgefühl berichtige, lächelte Bacon. Kein Philoſoph darf eine ſo ſchöne Gelegenheit, ſeine Einſicht zu verbeſſern, vorüber⸗ laſſen. Ohnehin, meine ſchadenfrohe Schönheit, ſetzte er hinzu, habe ich große Beſchwerden gegen Euch von neu⸗ lich, wo Ihr mir die gute Gelegenheit, Euch zu dienen, nur gezeigt habt, um ſie mir zu entziehen. Seitdem habe ich Euch nicht mehr in Eurer Wohnung gefunden. Ich war ſo unglücklich, Euch zu keiner Tageszeit anzutreffen. Ich ängſtigte mich, es ſei Euch ein Leid geſchehen. Auch Graf Southampton war in Sorgen um Euch. Wir beide haben uns ſehr bekümmert. Der Graf glaubte, Ihr hättet London verlaſſen, und am Ende war es wol nichts weiter, als daß Ihr Euch verleugnen ließt? Der Graf? In Sorgen um mich? lachte ſie laut. Nun ja, ſolche luſtige Geſchichte möchte ich wol hören! Wollt Ihr mich etwa für den Sackerſon entſchädigen,— mit Märchen und Schwänken? Geht! Mit flüchtigem Gruße verließ ſie ihn und eilte an der Brücke vorüber nach ihrer Wohnung, mit der Miene, als merke ſie es nicht, daß Bacon ihr ziemlich an der 19* 4½ * Ferſe folgte. Sie ſchien es auch ſehr ungehalten aufzu⸗ nehmen, daß er mit in den Garten getreten war, und durchaus ihre ſo artig gelegene neue Wohnung ſehen wollte. Zehntes Kapitel. Während William ſein Herz in den vielverſprechenden Hoffnungen wiegte, die er auf die Gunſt des Grafen Eſſer ſetzte, ſollte ihm aus dem höhern Lebenskreiſe, wo⸗ her er das Glück ſeiner Zukunft erwartete, ein Verdruß aufſtoßen, den der Freund, ſo kleinlich das Begegniß an ſich war, vielleicht als ſchlimme Vorbedeutung ſehr ſchmerz lich aufnahm. Der Graf Southampton hatte nämlich des Freundes Trauerſpiel„Romeo und Julie“, ſo wie es ins Reine geſchrieben war, zuerſt erhalten, und bei nächtlicher Stille in einem Sitze durchleſen. Einen ſo gewaltigen poe⸗ tiſchen Eindruck hatte er noch niemals erfahren. Er be griff nicht, wie ein ſo gänzlich neues und vollendetes Werk ſo plötzlich erfunden und ſchnell ausgeführt worden ſei. Er hatte die ganze Nacht in einer gehobenen Stim mung ſchlaflos zugebracht, und war in der Frühe nach der Wohnung des Dichters geeilt, um ihn zu umarmen, und ſein Entzücken auszuſprechen. Wie glücklich fühlten ſich beide,— der Graf in ſeiner Huldigung für den ſehr ſchmen Dichter, dieſer in der Ehrerbietung für den Lord! Jeder im Bewußtſein eines eigenthümlichen Werthes, tauſchte mit reinſtem Wohlwollen aus, was dem Andern gebührte. Auf Southampton's Vorſchlag war dann verabredet worden, daß„Romeo und Julie“ ganz insgeheim von der Privatgeſellſchaft des Lords Hunsdon einſtudirt, und an dem Geburtstage deſſelben aufgeführt werden ſollte. Dies war nun heute geſchehen. Das Trauerſpiel hatte die vornehmen Zuſchauer auf eine ihnen ganz un⸗ gewohnte Weiſe ergriffen und erſchüttert. Die Wahrheit und Glut dieſer Leidenſchaften hatte ſelbſt die Höflings⸗ herzen durchdrungen, und über die angekünſtelte Gefühls⸗ und gezierte Ausdrucksweiſe ihres geſellſchaftlichen Verkehrs, wenigſtens auf Augenblicke, hinausgehoben. Die Sprache der Liebe und einer unſchuldvollen Hingebung wirkte auf die vornehmen Zuſchauerinnen wie das Wunder einer wiedergewonnenen Offenbarung. Natürlich mußte ſolch' in tragiſches Verhängniß zweier Liebenden, die zwiſchen den blinden Stößen des Familienhaſſes zu Grunde gehen, effonders in einer Zeit erſchüttern, wo Eiferſucht fürſt⸗ icher Häuſer, Religionshaß und politiſche Verfolgungen bch in friſchem Andenken und ſelbſt noch nicht überall tloſchen waren.— Viele kannten ſchon aus der damals in Hofe beliebten italieniſchen Literatur, oder aus Arthur bwoke’s verſificirter Erzählung die Fabel des Stücks; immoch mußten ſie über die Behandlung derſelben erſtau⸗ nen; da eine Geſchichte ohne weſentliche Veränderung doch zeichſam in eine neue Atmoſphäre verſetzt und darin le⸗ ümdig geworden war. Der Dichter ſelbſt hatte in der Zolle des Bruders Lorenz mehr als ſonſt gefallen 294 Southampton war über den Erfolg der von ihm ver⸗ anſtalteten Aufführung des neuen Stücks ſo zufrieden, daß er die Schauſpieler reichlich beſchenkte, und William, den Dichter, mit ſich in die Geſellſchaftshalle des Lords Hunsdon nahm. Sein Herz war ſo voll Liebe und Be⸗ geiſterung, daß er heute gänzlich der Standesrückſichten vergaß, die ein Oberkammerherr wachend und träumend zu hüten gewohnt iſt, und die Lord Hunsdon gerade heut' ſeinen vornehmen Gäſten ſchuldig zu ſein glaubte. Wenn Southampton auch für einen ſo ausgezeichneten Dichter und ſeinen Freund unter andern Umſtänden Nach⸗ ſicht hätte fodern können, ſo blieb es doch ein Misgriff, William in die Geſellſchaft des Lords einzuführen, in deſſen Dienſten er als Schauſpieler ſtand. Bald merkte auch der Graf an den betroffenen Blicken der Höflinge, an der Unruhe des Lords Hunsdon ſeine Uebereilung. Er bangte, daß dem Freunde etwas Unangenehmes wider⸗ fahren möchte, und ſah ſich nach ihm um. William un⸗ terhielt ſich eben mit der Gräfin und mit Alicen; denn au dieſe hatte gegen alle ihre Abneigung vor dem Thea⸗ r, zu William's Verwunderung, das Schauſpiel beſucht. 8 Gräfin ſagte dem Dichter einige freundliche Worte, nicht ohne Verlegenheit und Zerſtreuung über die Stim⸗ mung der Geſellſchaft, die ſchon laut genug wurde. Die Gräfin ſah ſich nach ihrem Sohn um, und winkte ihn herbei. Seltſam genug ward die ſonſt ſo gemeſſene Alice nichts von der Bewegung im Saal inne: ſie unterhielt ſich unbefangen mit William.— Ich kann Euch noch nichts Beifälliges über das Stück ſagen, bemerkte ſie, ob⸗ gleich ich es, wie die übrigen Zuſchauer, für etwas ganz tra von ihm ſo zuftied und Willi alle des Lo Liebe und I andesrückſich und träumen unsdon gen t ſein glaut Bald me der Hüfli ne Ueberil enehmes wi William t Alicen, vor dem? Hauſpiel be ndliche I lber die s 29⁵ Außerordentliches halte. Soll ich Euch darum loben, daß Ihr mit einer ſo unglücklichen Geſchichte mein Herz in Aufruhr und Verwirrung geſetzt habt? Ich mache mir Vorwürfe, daß man bei ſo viel wirklichen Leiden der Welt Thränen über eine täuſchende Fabel vergießen kann, daß man ſo das Almoſen des Lebens an einen Traum vergeudet. Und doch, wenn ich Euch darum tadeln wollte, würde ich mir geſtehen müſſen, ich hätte noch niemals das Leben ſo begriffen, als vor Juliens Grabgewölbe und vor der Klauſe des Bruders Lorenzo. Nur iſt mir Alles noch ſelbſt wie ein Traum, was ich darüber em⸗ pfunden habe. Beſonders macht mich dieſe Julie irre. Ich möchte ihr gram ſein, daß ſie ſich dem Romeo ſo liebenswürdig anträgt. Geſteht mir ein, Meiſter William, wenn dies auch vielleicht in Italien vorkommt, daß es voch in unſerm England—. Sie ſchwieg und erröthete, faßte ſich aber ſehr ſchnell, nund bat William um die Handſchrift des Stücks, damit ſie es ruhig leſen, und mit Julien, wienſie lächelnd ſagte, ſüch verſtändigen könne. Eine kleine Pauſe entſtand, in welcher unſer Freund wicht ohne Lächeln auf die Unterhaltung umher lauſchte. Es herrſchte jener geſchraubte, ſüßliche und gezierte Hof⸗ ton, der in damaliger Zeit von der derben und natür⸗ lchen Ausdrucksweiſe des Volkes ſo ſehr abſtach. Viel⸗ leicht ſuchte man der Roheit der niedern Stände gerade dadurch zu entgehen, daß man auch ihre Natürlichkeit verließ. Die Gräfin, die ſich mit ihrem Sohne beſprochen, tiat wieder heran, und foderte ihre Tochter mit einem bedeutſamen Winke auf, mit ihr nach Hauſe zu kommen Ihr, Marſte William, müßt uns wol geleiten, ſagte ſie, da mein Sohn ſich mit ſeiner Braut zu befaſſen hat. Zu ſervibelem Dienſt! erwiderte William, und da ihn die Gräfin auf ſeinen lachenden Ton anblickte, ſetzte er hinzu: Ihr ſeht, Mylady, daß die Artigkeiten und ſüßge⸗ backenen Wörtchen der Modeherren bei mir verfangen. In meinem zottigen Weſen bleibt ein und das andere Federchen haften, die ſich dieſe auf ihre dünnen Beine ſo ſtolzen Herrchen tänzelnd zublaſen. Doch mit ſo heiterer Laune ſollte der Freund den Saal nicht verlaſſen. Höhniſche Mienen, laute ſpöttiſche Worte trafen ihn im Weggehen. Er blieb, der Gräfin vergeſſend, ſtehen, und blickte umher, als ob ſein Zwei fel eine Gewißheit, ſein Grimm eine Beute ſuche. Er nahm einige jener Gecken wahr, die ſich ſchon beim Gra⸗ fen Eſſer gegen ihn herausgelaſſen hatten, und überlegte, was er thun ſolle. Da trat Lord Hunsdon hervor, und ſagte mit einer gewwiffen ſich ſteifenden Verzagtheit: Hal⸗ tet Euch hier nicht auf, Maſter, ich bitt' Euch! Haltet Euch nicht auf!— In demſelben Augenblicke eilten Sout hampton und Heminge herbei, und nahmen William mit ſich hinaus. Doch für ihre beſchwichtigenden Worte ſchien William wenig empfänglich; zornig verließ er ſie, eilte aus dem Palaſte, und kam mit dem bitterſten Aufruhr im Herzen nach Hauſe.* Wie hatte ſich der Ruhm des Tages ſo plötzlich in Kränkung verwandelt! William ſah den Vorfall noch ſchlimmer an, als er war; er nahm ſelbſt die Güte und Klugheit der Gräfin für eine Misachtung. Thekla fiel ihm mund ſüßge r verfangen das ander en Beine in. Sie hatte ihn einſt auch in Lord Hunsdon's Pa⸗ laſte ſpielen ſehen. Er verſetzte ſie in Gedanken in die heutige Geſellſchaft, ließ ſich unter ihren Augen aus dem Saale werfen, und trat dann vor ſie hin— als Lieb haber, als Bewerber. In ſolcher phantaſtiſchen Ueber⸗ treibung erröthete er vor ſich ſelbſt. Unmuth, Verwün⸗ ſchungen, Rachegedanken wechſelten ſtürmiſch in ſeinem Herzen. Erſt bei dem laut und mit geballter Fauſt ausge⸗ ſprochenen Schwur, daß er nie mehr Lord Hunsdon's Palaſt und Bühne betreten, keines ſeiner Stücke mehr dieſen Zu— ſchauern darbieten werde, gewann er einigen Halt und Faſſung. Auch Alice brachte den Abend nicht in gewohnter ruhiger Stimmung zu. Es war ihr leid um den gekränkten Freund; doch nahm ſie den Vorfall ſo hoch nicht auf. Der Dichter würde ſich darüber hinausſetzen, dachte ſie, oder ihr Bruder ihn leicht begütigen. Mehr als dieſer Verdruß ſchien das Trauerſpiel ſie in Aufruhr und Ver⸗ wirrung zu ſetzen. Juliens Liebe brähte ſie auf ſeltſame Betrachtungen über die Liebe überhalfpt. Die einfache, unſchuldvolle Hingebung einer ſolchen Liebe in der natur⸗ getreuen Poeſie des geſchätzten Freundes regte beängſtigende Empfindungen in ihr auf. Ihr Zuſtand war viel ver⸗ worrener, als ſie es ſelber erkennen konnte. Ein Kampf nit ihren hergebrachten Anſichten war eingeleitet. Sie fühlte, etwas mußte aufgegeben werden, die ausſchließende, die ariſtokratiſche Frömmigkeit, auf die ſie bisher ſo ſtolz Zeweſen war, oder die natürlichen Anſprüche des Herzens, die ſie noch niemals ſo heiß empfunden hatte, als unter den unfreiwilligen Thränen um Juliens Geſchick —,——— 298 Unter dieſen Empfindungen bekam ſie wieder ihr krankes Herzklopfen, und konnte nicht einſchlafen.— Ihre Ge⸗ danken beſchäftigten ſich mit William's Wohlfahrt. Sie wünſchte, er möchte ſeinem Stand als Schauſpieler ent⸗ ſagen, um deſſentwillen er die heutige Erniedrigung er⸗ fahren hatte. Zugleich aber fühlte ſie zum erſten Mal, daß ihr früherer Rath, der Poeſie zu entſagen, auf einem Irrthum beruhe, und daß dem unglücklichen Freund für ſo viel ihm verſagte Lebensgüter ein übervoller Erſatz in dieſer herrlichen Gabe vom Himmel verliehen ſein moͤchte. Elftes Kapitel. 4 Am andern Mhen kam Southampton zu William, um ſich mit ihm wegen des geſtrigen Vorfalls zu verſtändi⸗ gen. William hatte keinen Augenblick daran gedacht, daß der Verdruß eigentlich durch den Grafen veranlaßt war, der ſich deſſen auch anklagte. Ihn hatte nur die Krän⸗ kung an ſich und der laute Hochmuth jener adeligen Fante empört. Doch über Nacht hatte er ſeine humoriſtiſche Stimmung wiedergewonnen, und ward vollends heiter, als der Graf ſeinen Vorſatz, den Dienſt des Lords Huns⸗ don zu verlaſſen, billigte, und ihm ſagte, wie gern die Frauen ihn im Saale bemerkt und kennen zu lernen ge⸗ r ihr krant .Ihre 6 ffahrt. S edrigung er erſten Mal , auf einen Freund fü voller Erſat rliehen ſein gilliam, un verſtänd gedacht, d anlaßt wan 299 wünſcht hätten. Am Ende foderte Southampton den Freund auf, mit zu Eſſer zu gehen.— Er hat in aller Frühe nach mir geſchickt, ſagte er; auch war er geſtern nicht bei Lord Hunsdon; es muß etwas vorgefallen ſein; vielleicht iſt er krank geworden. Sie fanden den Grafen aber nichts weniger als krank, ſondern ſchon fertig angekleidet und höchſt aufgeräumt.— Ach, recht gut, rief er, daß du den Meiſter William mit⸗ bringſt, Heinrich,— den Hexenmeiſter! Da ſetzt euch her, und leſ't einmal! Er ſuchte unter den umherliegenden Schriften; indem er die Papiere durcheinanderwerfend, vor ſich hinredete: Hier!— Nein, das ſind kluge Gedanken von dem wan⸗ kelmüthigen Bacon. Aha! Nicht doch! das iſt ja die Sattlerrechnung von meinem Marſtall. Hier! Tauſend Hagel! Dummes Zeug von dem Spitzbuben Lasko. Fallen mir denn alle unrechten Papiere—. Aha! Da iſt es,— da iſt der Wiſch! Es war ein Billet vom Kanzler Egerton, der ihn zu einer Audienz der Königin einlud, und ihn im Ver— trauen beſchwor, ſich ja ein wenig zu demüthigen, und die ſo unbegreiflich milde und huldvolle Monarchin zu ſchonen. Wie Southampton das Billet mit Verwunderung zu⸗ rückgab, ſtieß Graf Eſſex ein lautes, vergnügtes Lachen aus.— Nicht wahr, wir haben geſiegt? rief er, und lachte immer lauter. Wie iſt das nur gekommen? fragte Southampton. So ſchnell? Wer hat es vermittelt? Wer hat die Ver— ſöhnung gemacht? 300 Wie kannſt du ſo fragen? verſetzte Eſſer. Kann ſie mich entbehren? Die Sachen in Irland verwirren ſich immer mehr. Ein neuer Statthalter muß dahin, die Erx⸗ pedition dringt und ſoll auf die Beine; aber der Führer — wo hat ſie einen Führer?— Wir wollen uns aber ein wenig rar machen, ein wenig ſchwer machen. Ich habe eigentlich gar keine Luſt mehr nach Irland. Mein Himmel, was ſoll ich in Irland thun?— Ich will zur Königin, jetzt gleich, und will recht artig ſein. Sieh' einmal, Heinrich, mein Ohr iſt wieder ganz heiß, nicht wahr? Ja, ja, ich fühl' es ja. Nun, ich kann artig ſein; ich will mich für den Commandoſtab mit einer Ar⸗ tigkeit bedanken, mit einer Artigkeit—! Auf Ehre, Hein⸗ rich, meine Artigkeit ſoll ſcharlachroth ſein, und viel heißer, als mein Ohr. Southampton beſchwor den Grafen, von dieſem neuen Widerſpruch abzuſtehen, der nur wieder reizen, und den Bruch erweitern müſſe.— Es iſt doch alles Mögliche, rief er, wie huldreich aus eigenem Antrieb und alter Vor⸗ liebe die Königin vergißt und vergibt. Und wenn ſie dich ohne Weiteres rufen läßt, was ſoll ſie mehr thun zur Verſöhnung? Was ſie thun ſoll? rief Eſſex. Ich weiß es nicht. Zur Verſöhnung meinſt du? Nun ja, etwas muß ſie doch zur Verſöhnung thun. Sie kann meinethalben—. Wahrhaftig, ſie könnte einen neuen Orden ſtiften, einen Feigenorden, den man am Ohr trüge, und könnte er— klären, ſie hätte mir damals,— du weißt ja, damals — die erſte Decoration verliehen; ich meine, ſtatt des Hoſenbandordens. Hoſenband! Hoſenband iſt ſehr un⸗ nd der Mögliche ter Vol wenn ſie 304 anſtändig für eine Königin, iſt— ein unausſprechlicher Orden! Der Graf lachte aus vollem Halſe; Southampton und William lächelten mit. Dann fuhr Eſſex fort: Du wunderſt dich, was die Königin zu ſolchen Schrit ten bewogen habe? Mein Benehmen, Vetter, meine Hal⸗ tung, mein Brief voll Charakter, den ihr der Kanzler ohne Zweifel mitgetheilt hat Ganz gewiß hat er— Es wäre mir auch ſehr unangenehm, wenn ſich irgend wer eingemiſcht, und den gefälligen Vermittler gemacht hätte. Nein, nur mein Brief—; nur meinem Briefe will ich es zu danken haben.— Ja, doch, wackrer Mei ſter! wendete er ſich an William. Wir haben einen Brief geſchrieben, den die Weltgeſchichte aufbewahren kann. Bei Gott, Maſter, Cuer Brief war ein Meiſterſtück. Ihr könntet Staatsſecretair werden, Ihr artiger Poet! Bei dieſen Worten faßte er vergnügt und lachend William am Ohre. Eure Herrlichkeit! erklärte William, braucht mich nicht beim Kopfe zu einer Beförderung zu ziehen. Es wäre Schade, wenn nicht aus mir würde, wozu Ihr mich für tüchtig haltet, Mylord. Wie meint Ihr? fragte Eſſer, indem er niederſitzend die Beine überkreuzte Ich meine, lächelte William, daß ich mich nicht ſträu⸗ ben werde, wenn Ihr mich etwa zu einer ehrenvollen Stelle befördern möchtet. Ihr legt jetzt ein friſches Ge⸗ wand königlicher Huld an, und eine ausgeſöhnte Gunſt ſt doppelt mächtig. Ich habe Eure Großmuth gegen Günſtlinge früher bewundert vielleicht daß ich Euch ——— — — 302 durch ein Anliegen theurer würde. Ja, Mylord, wenn Ihr Gelegenheit findet, mich zu etwas recht Bedeutendem zu machen—! Ich ſehne mich die Bühne zu verlaſſen, und etwas zu werden, ſtatt, wie bisher, nur'was zu ſcheinen. Southampton ſtutzte, und wollte nicht begreifen, daß es ernſtlich gemeint ſei.— Wie iſt es möglich nach dem neuen Stücke, das du geſchrieben, nach der neuen Bahn, die du betreten, und nach dem Triumphe, den deine Poeſie gefeiert? rief er aus. Ein Dichter, wie du, nach welch' höhern Würden könnte er trachten? Ei, nach ſolchen, verſetzte William bitter, die mir der⸗ gleichen Triumphe erſparen, als ich geſtern gefunden. Iſt ein Trauerſpiel nicht einmal einer Mahlzeit gleich geachtet, daß die Gäſte, mit Leckerbiſſen befriedigt, aufſtehen dür⸗ fen, um den Wirth mit Füßen zu treten? Ich kann meiner Poeſie Adel verleihen, aber meine Poeſie kann mich nicht zu Ehren bringen, ſondern höchſtens auf die Beine des Flüchtlings. Eſſer wollte wiſſen, worauf die Worte zielten, und Southampton erzählte den geſtrigen Vorfall bei Lord Hunsdon. Da hat der Meiſter recht! rief Eſſer aus. Er muß eine andere Stellung haben um ſeinetwillen und um dei⸗ netwillen, Vetter. Ich werde daran denken. Verlaßt Euch darauf! Sie ſprachen noch Einiges hin und her über dieſen Gegenſtand; da jedoch die Ungeduld des Grafen Eſſex, nach Hofe zu kommen, ſichtbar wurde, ſchieden Sout hampton und William. 303 — Vor der Thüre rief ihnen Eſſex nach: Ich werde d'ran denken, Maſter William! Sir Wil⸗ u verlaſſen liam ſo und ſo! — uu Zwölftes Kapitel. deine Poeſt —— nach welch— Man ſieht doch recht, wie der Fiſch nach ſeinem Ele⸗ 1 mir der mente zappelt! lächelte William, als ſie den gräflichen 2 den. If Palaſt hinter ſich hatten. Es war alſo nur eine vernei⸗ c geachtet mende Sehnſucht, wenn der Graf ſeither den Hof und fuhen dür die königliche Gebieterin recht oft und heftig verſchmähte. ach kan Für den Menſchen liegt vielleicht einiger Troſt darin, Poeſie kan Dasjenige, was er mit Leid entbehrt, und doch eben nicht ns auf di heſitzen kann, immer wieder und recht ausdrücklich zu ver⸗ werfen; weil er es dabei doch jedesmal ein wenig auf⸗ heben und in den Mund nehmen kann. Sprechen die Jornigen, die Beleidigten nicht am meiſten von Dem, wovon ſie doch angeblich nichts hören wollen? 8r m Sehr wahr, mein lieber Freund! erwiderte Sout⸗ hampton. Und alſo weißt du nun auch, wie es dir ſelber ielten, und 4 Lun [ bei Lord 1 nd um de Reulh zu Muthe ſein wird, wenn du einmal dein natürliches 6 Ellement, die Poeſie, verlaſſen haſt. Laß uns jetzt gleich 2 in Vorhaben, das mich ſehr beunruhigt, durchſprechen. über euß uns einen Gang nach Finsbury thun; es iſt die rafen 1 Stunde, wo ſich die ſchöne Welt dort vor Tiſch ergeht. lden 9 William folgte ungern. Er fürchtete, es möchten ſich andere Vorſchläge des Grafen für den Nachmittag daran knüpfen. Er hatte auf heut einen Beſuch bei Thekla ver⸗ abredet, und dachte bei guter Zeit hinüber nach South⸗ wark zu gehen. Ihr Weg führte durch den belebtern Theil der Alt⸗ ſtadt. Finsbury lag nördlich von der City vor dem Mo⸗ rethor. Das Geſpräch der Freunde wurde im Gedränge der Gaſſen oft unterbrochen. Es behandelte in anfangs lebhafter Hin- und Widerrede die Anſicht des Grafen, William müſſe ausſchließend der Poeſie leben; wie denn Jedermann nur in der Ausübung ſeines Talents, und mithin ſeines innerſten Berufs, wahre Zufriedenheit finde; wogegen William ſeinen Anſpruch auf lebendiges Wirken, auf Ruhm und Ehre, den höchſten Lebensantheil des Mannes, behauptete. Muß ich denn auch dich, mein Freund, an einem al⸗ ten Irrthume haften ſehen, rief Southampton aus, dich, der doch ſonſt ſo tief in die Seelen der Menſchen und in das Herz des Lebens blicket? Iſt denn nur Das ein le bendiges Wirken, was die groben, äußern Bedürfniſſe des menſchlichen Daſeins behandelt,— Ackern und Schiffen, Weben und Schmieden, Backen und Bauen, in der Ge⸗ richtsſtube oder auf dem Schlachtfeld handiren? Aller⸗ dings gewinnt das Leben hierbei ſein Beſtehen und Fort⸗ kommen, und bringt es auch zu Thaten und Tugenden Soll denn aber nur ſolches Vollbrachte ausſchließend „gewirkt“ heißen? Wahrhaftig, ebenſo wenig, als blos eine Felsmaſſe oder ein ſtürmendes Meer etwas Wirkliches zu nennen ſind. Oder zählten etwa bei den Wirklichkeiten die Lichtſtrahlen nicht mit, weil du ſie mit ag daran hekla ver South der Alt dem Mo⸗ Gedränge anfangs Grafer wie denn 30⁵ Händen nicht faſſen, auf dem Ambos nicht ſchmieden kannſt? Dennoch zücken ſie aus unbekannten Höhen nie⸗ der, und ich möchte behaupten,— gerade Licht, Wärme und welche unkörperlichen Kräfte ſonſt die Natur lebendig machen, ſind das Schaffende in ihr, und bringen, ſelbſt ewig, das Vergängliche hervor, das man ſo hoch ſchätzt. So nenne denn meinethalben deine Poeſie, wenn ſie nicht für ein Wirken gelten ſoll,— ein Schaffen, ein Her⸗ vorbringen. Hat die Gottheit, oder haben die von ihr beauftragten Weltgeiſter, nicht gewirkt, weil ſie die Welt nicht mit der Schaufel zuſammengebracht, mit dem Schwerte geordnet haben? Wirken ſie weniger unaufhörlich, weil ſie den erhaltenden, erneuernden Kräften nicht Brief und Siegel ausfertigten, den Naturgeſetzen keine Monopole ausſtellen, über welchen ein Staatsſecretair geſchwitzt hat und ein Sherif wacht? Nach dem Evangelium des Jo⸗ hannes war im Anfange das Wort. Sieh, von daher ſtammt die Poeſte, die mit dem ſchaffenden Worte belehnt iſt, in unmittelbarer Geſchlechtsfolge, und dein ſo gerühm⸗ tes Wirken leitet ſich erſt von dem ab, was das Wort gewirkt hat, iſt, ſo zu ſagen, ein Afterlehn. Wer wirkt eigentlich im höhern Sinne, als nur der Dichter, der, wie geſagt, mit einem Lehn des urſprünglich⸗ſchaffenden Wortes begnadigt, dte erſtgebornen Gedanken und Ge⸗ fühle immer wieder hervorruft, und ſo die alternde, ver⸗ derbende Gemüthswelt zur rechten Zit verjüngt und erfriſcht? Dieſ Andern wirken nicht ſowol, ſondern wälzen nur die Maſſen des Lebens, wickeln nur die Fäden des Lehens auf und ab. Die Menge freilich ſchätzt die Dinge nach ihrem gemeinen Nutzen, weil eben die Koenig, William Shakſpeare. I. 20 ———— 306 Menge der Maſſe verwandt iſt. Willſt du darum etwa beklagen, daß deine Phantaſie kein Backofen iſt, vor welchem das hungrige Volk Befriedigung hoffe, daß deine Gedichte keine Kalbfelle ſind, aus denen man Schuhe und Riemen ſchneide? Staatsſecretaire und Feldhauptleute kann man aus dem gewöhnlichen Menſchenleder nach Auswahl biegſamer oder derber Felle nehmen, oder man kann ſie in der Schule kneten und backen: den Dichter aber muß man vom Himmel erwarten. Und wenn wir wieder auf die nothwendigen und gewiß ſehr achtbaren Gewerbe der Menſchen und Dienſte des Staates ſehen: ſo ſind vom niederſten Handwerke an bis zur Verwaltung eines gro⸗ ßen Reiches gerade Diejenigen die ausgezeichnetſten— Meiſter und Miniſter, die eben etwas vom wahren Dich⸗ ter haben, jene ſchöpferiſche Kraft nämlich, die in niede⸗ rem oder höherem Wirkungskreiſe etwas Urſprüngliches und Neues, etwas dem Einzelfall Angemeſſenes und für hundert Fälle Grundgeſetzliches hervorbringen können. Suche mithin, ich bitte dich, Freund William, der du ein Licht in Händen haſt, keinen Ehrenweg nach einem Schimmer. William war von der Wärme des Freundes ergriffen. Er hätte gern noch Manches eingewendet; allein er fühlte zu lebhaft, daß er die Anſichten eines Mannes nicht be⸗ ſtreiten dürfe, deſſen hohe, geſchätzte Freundſchaft er eben dieſen Begriffen von der Poeſie und dem Werthe des Dichters verdankte. Was ſollte ihn noch in den Augen des edeln Grafen halten, wenn er ſelber das hochflatternde Gewand, in das ihn die Muſe gekleidet hatte, ſchmähend ablegen würde? um etwa iſt, vor daß deine zuhe und ute kann Auswahl kann ſie ber muß teder auf eerbe der nd vom es gro ſten— n Dich n niede ungliches und fuͤr können 307 Ich will dir nur offen geſtehen, erwiderte er dem Grafen; was mich eigentlich treibt, nach einem Amte, nach einer äußern, weltgultigen Würde zu trachten. Ich liebe, und werde geliebt. Noch darf ich ſie dir nicht nennen,— dich, wie gern ich es möchte, nicht zu ihr bringen, die ein Inbegriff alles Deſſen iſt, was ich er— ſehnt, erträumt habe. Was ſage ich! Ich hatte noch gar keinen Begriff, kein Bild von ſo viel Anmuth, Reiz, Seele, Phantaſie eines Weibes. In ihr, die mich— ja ich muß ſo ſagen— mit ihrer Liebe begnadigt, ſoll ich meine zerpflückte Vergangenheit wieder ſammeln, meinen Lebensſommer mit neuen Frühlingsſproſſen berei⸗ chert ſehen. Sie vereint, was ein heißes Verlangen ſtillen kann, mit Dem, was eine ſehnſuchtvolle Seele befriedigt. Ihr Herz veredelt meine Triebe, ihr Gefühl erweckt meine Gedanken, und meine Seele, wenn in überſinnlichen Re⸗ gionen ihre Flügel ermüden, findet an der ſüßeſten Bruſt, in der Fülle jugendlicher Schönheit einen neuen, erquicken⸗ den Erdenrauſch. Du freueſt dich über„Romeo und Ju⸗ lie,,: biſt du nicht auf den Gedanken gekommen, daß bei dieſem Gedicht der Liebe auch Dichterliebe im Spiel ſei? Ja, mein edler Freund, von der Geliebten habe ich den Stoff und die Stimmung zu jenem Gedichte, das ich mein glücklichſtes Werk nennen kann, mit welchem ich ein neues Indien der Poeſie entdeckt habe. Wenn ich dir nun noch ſage, daß meine Freundin von adeliger Abkunft, hoch über meinem Stande geboren iſt: ſo wirſt du meine Un⸗ ruhe um eine würdige Stellung im Leben begreifen und gelten laſſen. Ich war die ganze Zeit her troſtlos, wie ich dabei zu Werke gehen, wie ich es angreifen ſollte; ich 20* 308 dachte im Stillen ſchon an Eſſex und an ſeine Gunſt, und ſieh', da kommt mir und meinen blöden Wuünſchen ſeine ausgelaſſene Laune entgegen! Siehſt du, ſo häkeln ſich die Ereigniſſe und die Gedanken der Menſchen an⸗ einander: der ſtolze Graf muß von ſeiner Königin eine Ohrfeige bekommen, um nun in unaufhörlichem Ohren⸗ zwange auch mich ſcherzend beim Ohre zu faſſen, und da⸗ durch vielleicht meinem niedern Geſchick eine Wendung zu geben. Southampton lächelte gedankenvoll.— Alſo auf Ver⸗ mählung iſt es abgeſehen? ſagte er endlich. Ja, mein theurer Freund! rief William. Ich könnte kein Glück mehr in meinem Leben finden, würde ich eines ſolchen Weſens nicht ganz theilhaftig, nicht auf ewig ver⸗ ſichert. Denn,— verſtehe mich recht! Was ich dir ſagte, daß mir meine Geliebte ſei, mußt du in dem Sinne nehmen, daß ſie mir es noch werden ſoll. Nur die Che kann mich in die trunkenen Geheimniſſe einweihen, die hier noch hinter dem Schleier der Zucht und Sitte ruhen. Southampton war ganz der Freund, um mit dem Freunde zu ſchwärmen. Dazu freute er ſich über das Vertrauen, welches ihm William heut zum erſten Mal zeigte. Denn in deſſen Erziehung und Erfahrungen lag es, daß er in herzlichen Mittheilungen ſich nicht leicht übereilte. Oder, um es richtiger zu ſagen, wenn William auch in ſeinen laufenden Stimmungen und Geſinnungen gemüthlich und ohne Rückhalt war und ſich in anmuthi⸗ gem Humor gab und gehen ließ: ſo lag doch in ſeiner Vergangenheit Manches, wie zum Beiſpiel ſein eheliches Gunſt, zunſchen häͤkeln den an⸗ in eine Ohren und da⸗ dung zu 309 Verhältniß, worüber er nicht ohne Verlegenheit wegeilte, und einer Zutraulichkeit von Weitem aus dem Wege ging. Sie hatten eben Finsbury betreten, und ſchlugen einen einſamern Gang des weiten Gartens ein. Southampton umarmte den Freund und ſagte: Wie freue ich mich über dein Glück, über deine Zukunft! Es gilt jetzt nicht darum, daß ich dies ausgezeichnete Weſen kenne, das dir einen Himmel ſchafft und verſpricht; auch die Liebe hat ihre Wiegenzeit, und Schweigen iſt die Wiege. Ich begreife und achte, was du einer ſo hochgeſtellten Geliebten ſchul⸗ dig biſt. Die zarte Blüte hüllt ſich ſo lange in das Ge⸗ heimniß der Knospe, als keine günſtige Sonne ſcheint. Euer bürgerlicher Abſtand wird ſich ausgleichen laſſen, und deine Liebe dann auch mündig werden, und gewiß zuerſt für den Freund. Das ſei mithin abgethan! Ueber Eins nur wünſchte ich klarer zu werden, worüber du frei⸗ lich gern zu ſchweigen ſcheinſt: du biſt noch verheirathet? Ja, verſetzte William zögernd und befangen. Wir ſind allerdings noch nicht förmlich geſchieden, ich und Frau Anna; wiewol wir ſeit Jahren in tiefſter Seele getrennt leben, und von jeher blos äußerlich, nicht aber auch durch Liebe verbunden waren. Ich werde dir dies Unglück, dieſe Schmach meiner Jugend ein andermal vertrauen,— dir, Freund, oder Niemanden. Er ſchwieg; der Graf drückte ihm die Hand.— Nach einer Weile, während ſie den Umherwandelnden ausgewi⸗ chen waren, fuhr William fort: Eine förmliche Scheidung von der beklagenswerthen Frau wird unter den vorliegen⸗ den Verhältniſſen wenig Anſtand und Schwierigkeit finden. Unſere Heirath, auf einem erſt ſpäter enthüllten Betruge —— —— 310 beruhend, war an ſich null und nichtig. Außerdem hat ſich Frau Anna in dieſen Jahren, und ſeit ſie ihres Va⸗ ters nicht unanſehnliches Vermögen geerbt, an eine ein⸗ ſame und eigenſinnige Wirthſchaft gewöhnt, und würde ſich ſchwerlich entſchließen, ihre rohe Lebenseinrichtung zu verlaſſen und ihr Vermögen mit dem heimkehrenden Gat⸗ ten zu theilen. Wende ich ihr aber im Gegentheil ein hübſches Abfindungsgeſchenk zu, ſo gibt ſie gern förmlich auf, was ſie eigentlich ohnehin nicht mehr hat, und zu verlangen ſich ſcheuen muß. Allein durch eine ſolche Scheidung, die mir keine große Sorge macht, wird nur ein Hinderniß meiner Wiedervermählung beſeitigt, keines⸗ wegs aber eine angemeſſene Stellung für mich gewonnen. Bis ich dieſe erreiche, mag auch jene häusliche Auseinan⸗ 5. derſetzung beruhen. Ja ich darf gar nicht daran denken, meiner Thekla irgend einen Vorſchlag—. Er erſchrak über den ausgeſprochenen Namen, und ſetzte hinzu: Nun ja, den Vornamen meiner Geliebten weißt du nun! Southampton verſetzte: Wie ſehr verdienſt du, mein vielerfahrner Freund, nach ſo bittern Täuſchungen und Entbehrungen ein Glück, 4 das du mir bis jetzt nur mit einem ſo ſeltenen Namen, 8 mit dem Namen Thekla, bezeichnen darfſt. Mich, Freund, wird es recht froh machen, wenn ich etwas zu deiner 6 Zufriedenheit beitragen kann. Ein Amt, ein Beſitzthum, irgend ein Fußgeſtell deines Glückes wird ſich ja wol ſchaffen laſſen. Eſſex, ich,— wir haben Freunde—. Der Graf ſchwieg, und lenkte raſch in einen Seiten⸗ weg. Sie waren nämlich tiefer unter die Umherwandeln⸗ d würde ttung zu den Gat⸗ ne ſolche zird nur keines wonnen. useinan Freund n Glück, Namen Freund ¹ deine ſitzthum den gekommen, die ſich hier aus dem Buſchwerk, von den Hügeln und den drei Windmühlen herab um die Wirth⸗ ſchaftsgebäude verſammelten.— Warum wendeſt du ſo raſch um? fragte William. Es kam uns ein junges Frauenzimmer entgegen, das ich kenne, antwortete der Graf, und dem ich nicht begeg⸗ nen möchte. Eine gewiſſe Roſalie, von großer Schönheit und wunderſamen Talenten. Sie hat ſich einige Wochen in unſerm Hauſe aufgehalten, und ich geſtehe dir, Freund, daß ich mit ihr in einer Verbindung geſtanden, die mich ſchmerzt. Sie ging eben am Arme eines Mannes. Wie lieb wäre es mir, wenn ſie mich vergeſſen hätte! Weiß ſie deine Verlobung mit Eliſabeth Vernon? fragte William. O ja wohl! verſetzte der Graf. Sie hat mir an unſerm Verlobungstage keinen geringen Schreck gemacht, die Tollkühne. Es iſt ein wunderbarer Zauber um das Geſchöpf, und— wirſt du es glauben?— es war ein Augenblick, da ich nahe daran war, ſie meiner Eliſabeth vorzuziehen, gegen die ich mich damals noch nicht erklärt hatte. Aber ich nahm noch zur rechten Zeit wahr, daß ihre ganze Eriſtenz eine lügenhafte iſt,— ihre Abkunft, ihre Schickſale, ihr Unglück, Alles erdichtet. Von dieſem Augenblicke an fühlte ich mich bei ihren Reizen und Ta⸗ lenten, wie in einem Zaubergebiet, ſeltſam beängſtigt. Ich glaubte neben ihr auf purpurnen Wolken zu ruhen, aber nicht leicht, wie ein Gott, ſondern ſterblich ſchwer. Und wenn plötzlich die Wolke zerrann, wer konnte mir ſagen, in welchen Abgrund ich ſtürzte? Ich liebe gewiß Poeſie; aber leben mag ich keine. Ich halte es mit Dich⸗ 342 tung und Wahrheit,— jede an ihrem Platze, und keine für die andere genommen! Ja, wer Roſaliens Täuſchun⸗ gen mit Täuſchung hätte begegnen mögen—! Aber meine Neigung war urſprünglich zu ernſt, um es darauf ankommen zu lafſfen, wieviel die verheimlichte Wahrheit ihres Lebens werth ſei.— Bei meiner Eliſabeth finde ich Roſaliens Talente freilich nicht; allein welch ein Glück liegt in der Treue, in der Durchſichtigkeit eines liebenden Herzens! Alſo eine Courtiſane, eine noble Nelke jene Roſalie? fragte William. Ob jetzt, weiß ich nicht, erwiderte Southampton; aber ſie war es nicht, als wir uns fanden. Unſer innigſtes 1 Verhältniß dauerte nur wenige Tage. Ich glaube, damals war ſie eben nicht verächtlich; doch trieb mich ein innerer 4 Vorwurf zu Eliſabeth zurück. Laß uns gehen! Ich mag ihr nicht begegnen. Sie gingen zurück. Nach einer Pauſe ſagte der Graf Du haſt tief in mein Herz geblickt, Freund. Ich habe mich an meiner Braut verſündigt und mich auf ewig bei Roſalien verſchuldet—. Southampton brach ſchmerzlich bewegt ab, und ging eine Strecke ſtumm am Arme des Freundes. Endlich ſagte er: Ich muß ſchlechterdings dieſe mir peinigende An⸗ gelegenheit ins Reine bringen. Ich bin nämlich ohne alle Erklärung von Roſalien weggeblieben; Stillſchweigen ſchließt aber ein ſolches Verhältniß nicht ab; es muß zu einer Erklärung, zu einer Abfindung kommen. Ich we⸗ nigſtens habe bei einer ſolchen nicht rein verſoͤhnten Ange⸗ . legenheit keine Ruhe. Ich hatte mich Bacon anvertraut, d keine zuſchun⸗ Aber darauf Jahrheit h finde Glück ebenden Hoſolio? doſall Endlich de An ne alle ne u 313 den ich für weltklug halte; allein ich glaube, er hat fehl— gegriffen. Er mag Roſalien für ein Mädchen angeſehen haben, das man ſo kurz weg für ſich ſelbſt in Beſitz nehmen und durch ein neues Spiel über alte Liebe be⸗ ruhigen könne. Er ſcheint aber abgefahren zu ſein. Du, lieber William, haſt kein freies Herz mehr, mithin auch kein ſo leicht freiendes; ich ſetze dich keiner Verſuchung aus, und du greifſt es gewiß am beſten an. Du haſt tiefe Menſchenkenntniß und wirſt der Zauberin leicht ihre Kreiſe verwirren; dich täuſchen ihre Finten nicht. Sie aber kennen zu lernen, iſt für einen Dichter ſchon der Mühe werth. Willſt du meine ſtumme Angelegenheit mit Roſalien abmachen? Aber du mußt es gern thun! Herzlich gern! Alles, was ich vermag! rief William. Und dieſer Auftrag iſt ja ſogar lockend. Southampton war erfreut.— Es bedarf keiner wei⸗ tern Erklärungen, ſagte er. Du weißt nun, wie ich in der Sache fühle, wie ich davon denke, worauf es mir ankommt. Sag' ihr darüber, was du für gut hältſt. Frage nach ihrer Lage, nach ihren Wünſchen, nach ihren Bedürfniſſen. Kein Opfer ſoll mir zu groß ſein, das außer meiner Perſon liegt. Vieles in der Welt läßt ſich nicht wiederherſtellen, und doch muß man den Bruch ſtreicheln, um zu ſcheinen, daß man ihn heile. Du be⸗ ſchwerſt dich, Freund, über dein Theaterſpiel: ach, wenn man im Leben ſpielen muß, das iſt doch die bitterſte Komödie! Sie ſtanden jetzt an der Foſtergaſſe, und der Graf lenkte nach Paternoſterrow hinab, um dem Freunde Ro⸗ ſaliens Wohnung zu zeigen. Er brachte ihn unter die 9 314 Halle, an die Wendeltreppe, die auf den obern Gang führte, und deutete ihm die zweite Thüre links als Ro⸗ ſaliens Wohnzimmer an.— Verzeih', daß ich dich ſo dränge, ſagte er; allein bei Roſaliens Anblick iſt die An⸗ gelegenheit mit aller Ungeduld in mir erwacht; ich brenne, ſie abgethan zu wiſſen. Geh denn hin, heut Abend, morgen früh, ſobald du kannſt, und bringe mir bald be⸗ ruhigende Nachricht. Dreizehntes Kapitel. William beſchäftigte ſich üͤber Tiſche mit dem Gedanken an die unglückliche Roſalie, und wie er des Grafen zar— tes Anliegen auf das Geſchickteſte anfaſſen und ausführen möchte. Er ſah dabei ſo in ſich gekehrt und geſpannt aus, daß Nelly ihren kleinen Hamneth, der um dieſe Zeit kommen und ſeine Kindereien vorbringen durfte, hin⸗ auswinkte. Sie zweifelte nicht, der Freund ſei eben von Entwürfen zu einem neuen Trauerſpiel eingenommen, oder mit der Verwicklung eines Luſtſpiels beſchäftigt. Allein William's Gedanken ſprangen immer von Roſalien ab, und kamen— auf Thekla, die ihn gegen Abend erwar⸗ tete. Er wollte ihr von ſeinen Ausſichten auf eine ehren⸗ volle Stelle erzählen, und dabei ein Wörtchen von der ſüßen Hoffnung fallen laſſen, die er auf des ehrenhaften Eſſer Zuſage bauen dürfe. Er dachte bei dieſer Gelegen⸗ n Gang als Ro dich ſo die An brenne, Abend edanker fen zar sfüͤhren geſpannt im dieſe te, hin⸗ hen von en, oder Allein en ah erwan ehrn 345 heit ihre Geſinnungen wegen einer künftigen Verbindung zu erforſchen. Dieſe Erwartung war ihm nicht theurer, als des Freundes Anliegen; aber ſie war viel ungeduldi⸗ ger, ſie war von Empfindungen bedient, die dem über⸗ legenden Verſtande immer vorſprangen. William über⸗ redete ſich endlich, es ſei beſſer, den Beſuch Roſaliens, den er nach Tiſche hatte machen wollen, auf morgen früh zu verſchieben, wo er ſie auch ſicherer treffen würde; denn vielleicht wäre ſie aus Finsbury gar nicht nach Hauſe ge⸗ kehrt.— So ging er gegen Abend nach Southwark hinüber Mit einem Lächeln, das eine koſtbare Mittheilung vorausverräth, trat er bei Thekla ein, die ihn mit einiger Unruhe erwartete. Sie hatte nämlich William mit dem Grafen Arm in Arm in Finsbury geſehen, und war un— gewiß, ob auch William ſie bemerkt, oder ob ihn Sout⸗ hampton aufmerkſam auf ſie gemacht habe.— Was lächelſt du? fragte ſie verlegen, als der Freund ihre beiden Hände faßte und ſie mit ſeinen ſchwärmeriſchen Augen feſt anſah. Sagt dir dein Herz nichts? fragte er dagegen. Sie zweifelte nun nicht, er wiſſe etwas, oder ſei über Lasko beunruhigt, an deſſen Arme ſie in Finsbury ge⸗ wandelt war. Sie hielt es für das Beſte, ihm zuvor⸗ zukommen; was ſie ihm darüber erzählen wollte, fand dann auch mehr Glauben. Was mir mein Herz ſagt? erwiderte ſie lächelnd. Was verlangſt du? Soll mein einfältig Mädchenherz ahnungsvoller ſein, als dein dichteriſches? Ich habe dich heut ſchon geſehen, war dir ganz nah, und du haſt nichts dabei empfunden, nichts davon wahrgenommen? Der E. —— ——— — 316 Rhabdomant fühlt aus dem Schooſe der Erde das edle Metall heraus;— ſein Puls verändert ſich, Röthe glüht an Ohr und Wange; Unruhe befällt ihn, wenn ſein Fuß in die Nähe einer Erzader tritt. Ein Schatz von Liebe in einem ſchlagenden Herzen thut keine ſolche Wirkung, ſcheint's,— nicht einmal auf einen Dichter. Gleich be⸗ ſinne dich, ob heut gegen Mittag dein Herz einmal hefti⸗ ger gepocht hat, und ich will mich überreden, es ſei gerade in meiner Nähe geweſen. Was? Auch du warſt in Finsbury? rief William ſo aufrichtig verwundert, daß Thekla nun überzeugt war, er wiſſe nichts. Denn ſoweit kannte ſie ſchon den Freund, daß er, voll Schalkhaftigkeit im Leben, doch in der Liebe der ehrlichſte Kerl war. Ja, weiche du nur aus! fuhr ſie lächelnd fort. Laß lieber mich fragen: Ahnet dein Herz wirklich gar nichts? Wo hätte ich Platz für Ahnungen! verſetzte ſtolz der Freund. Die Königin„Hoffnung“ mit ihrem Säckel⸗ meiſter„Glück“ iſt in dieſem Herzen eingekehrt, und nimmt alle Kammern und Gemächer ein; wo hüätte ich noch ein Nachtquartier für eine ärmliche Wahrſagerin, für eine ſchelmiſche Speculatrix, wie deine„Ahnung“ iſt. Bei dieſen letzten Worten ſah Thekla den Freund betroffen und mistrauiſch an, und entwand ſich ſeinen Armen. Nun? Befremdet dich das Wort Speculatrix? fragte William. Haſt du nie von dem Beſchwörer Gladwell gehört, der hier in London durch eine Seherin, oder Speculatrix, gläubige Fragen aus einem Kryſtall weiſſa⸗ gend beantworten ließ? Doch nein! das war vor deiner —, und atte ich in, füt ſt Freund ſeinen 317 Ankunft in London. Aber ich höre, es iſt jetzt wieder eine neue Seherin in London, der die Narren zulaufen. Ach was—] verſetzte Thekla verlegen und wegwer⸗ fend. Von welchen Hoffnungen redeſt du? Von meiner Zukunſt, von unſerer! ſagte der Freund. Setze dich hier dicht an mich und höre! William erzählte mit ausmalendem Behagen ſeinen Beſuch beim Grafen Eſſer, die Zuſage dieſes mächtigen Gönners und die Anſichten ſeines Freundes Southampton über ſeine Zukunft. Er verſchwieg nicht, daß er dem Freunde ſeine geheimnißvolle Liebe angedeutet habe, und daß Southampton hingeriſſen ſei, ihn glücklich zu wiſſen. Ja rief er endlich aus, ich werde bald ein ehrenvolles Amt haben, daß ein würdiger Rahmen für unſere Liebe, ein glänzender Schrein für unſer verbundenes Lebens⸗ glück ſei! Thekla neigte ſich unentſchieden lächelnd zu dem an⸗ muthigen und begeiſterten Sprecher, legte ihre ſchönen weißen Händchen an ſeine Schläfe und küßte ihn auf die hohe, heitere Stirne. Iſt das dein Jawort, Thekla? rief der Freund. Ver⸗ ſtanden haſt du mich, haſt du mit dieſem Kuſſe geant⸗ wortet? Du meinſt, ob ich dir angehören, mit dir vereint leben möchte? O mein ſüßer William! O du Herrlichkeit der Welt! Wol meine ich das! rief er aus und umarmte ſie mit einer ſchönen Rührung in den ſonſt luſtigen Augen. Und du—? Du weicheſt meiner Frage aus. Willſt kein Ja, kein Verſprechen geben? Doch nein! Du haſt Recht: wozu meine Frage? 318 Wo gäb' es denn echte Liebe, die nicht den innigſten Verein und einen ewigen Bund wünſchte? Nur außer⸗ halb der Liebe liegen die Hinderniſſe, die Kränkungen, die Misgunſt des Lebens. Dieſe Furcht, kein Zweifel an deiner Liebe hat mich bisher abgehalten, von unſerer Verbindung zu ſprechen. Glaube nicht, mein Freund, daß mein Herz eines hohen, glanzvollen Platzes bedarf, um mit dir glücklich zu ſein, ſagte Thekla. Allein du bedarfſt der Ehre, des Ruhms und der ſtolzen Anerkennung. Darum ſtrebe im⸗ mer darnach, erobere ſie dir,— nicht, weil ich ſie brauche und wünſche, ſondern weil ich dich dann befriedigt weiß, und unſere gemeinſame Zufriedenheit nicht mehr an dei⸗ nem Kummer erkranken kann. O Liebling du, mein Abgott Thekla! rief hingeriſſen . der Freund. Ja, laß mich ſo dich nennen, du mein Eins und Alles, du gütig heut und morgen gütig, unwan⸗ delbar in deiner Wunderherrlichkeit! Du ſchön, gut und treu! Was könnte ich in allen Sprachen und Wendun⸗ gen ausdrücken, als das Eine: Schön, gut und treu? Ja Eins ſind dieſe ſonſt getrennten Drei in dir. Und du und ich— Eins! Und nichts mehr will ich wiſſen, I als der Liebe ſüß Gebet zu allen Stunden: Du mein, ich 3 dein! Erquickt vom Balſam dieſer Segensſtunde ſchaut meine Liebe der Zukunft, ja dem Tode entgegen. Was 6 könnte mich erſchüttern und beſiegen, ſo lange ich bete: Du mein, ich dein! Du ſchön, gut und treu! Wer könnte beſtimmen, wie viel von des Freundes I leidenſchaftlichem Ungeſtüm im Herzen Thekla's eine wahr⸗ 5 haftige Erwiderung fand? Sie war mit aller Lebhaf⸗ innigſte r außer ngen die weifel an 319 tigkeit dem Freunde zugethan, ohne ſich zu fragen, was und wie tief ſie für ihn empfände. Jetzt aber, von Wil⸗ liam's Gefühlen hingeriſſen, hing ſie mit allem Aus— drucke der Rührung und Hingebung an ſeiner Bruſt Einer ſo empfindſamen, leicht beweglichen Seele, wie Thekla's, würde man aber Unrecht thun, wollte man irgend eine ihrer ſchnell vorübergehenden Empfindungen Heuchelei nennen. Solche Herzen ſind ebenſo zart be⸗ ſaitet, daß auch ohne eigene Bewegung Töne von außen darin anklingen. Das iſt gerade das unglückliche Loos eigentlich liebenswürdiger Menſchen, daß ſie von Vielen ſo Vieles hinnehmen müſſen, ohne daß ſie etwas davon oder Alles für ſich behalten könnten. Willſt du das Echo der Felſengrotte darauf verklagen, daß es deinen zärtlichen Liebesruf mit deinen Worten, ja mit deinem Ausdruck zurückgerufen hat, weil es mußte? So viel hatte der Freund wenigſtens gewonnen, daß die Unterhaltung, die nach und nach wieder ruhiger floß, fortan einen innigern und traulichern Ton annahm, wie zwiſchen einem Paare das über die zarteſte Angelegenheit mit ſich einig iſt. Das vergeſſene Finsbury fiel unſerm William auch wieder ein; er fragte, mit wem Thekla dort geweſen. Ja, Willy! ſagte ſie, denk' einmal, wem ich geſtern auf der Londonbrücke begegnet bin!— Meinem Oheim, meiner Mutter Bruder. Denke dir unſere beiderſeitige Ueberraſchung! Er iſt in geheimen Aufträgen eines Hofes hier, und hat daher ſeinen Namen Lasko adeln laſſen. Vergiß das nicht, wenn wir zu ihm kommen; denn er iſt eitel. Ich habe ihm von dir geſprochen; allein ehe er 5 — ☛2 — —— A —:xx— 1 320 dich kennen und ſchätzen gelernt, wollen wir ihm unſer Einverſtändniß verſchweigen. Er hat ſeine Wunderlich⸗ keiten, und ich möchte mir ſeinen guten Willen nicht ver⸗ ſchlagen. Denn gerade er könnte am beſten die Sache mit meinem falſchen Gemahl abmachen, was doch auch zu meiner Wiederverheirathung nöthig wäre. Wie froh will ich ſein, mich aus der Verwirrung eines ſo unglücklichen Verhältniſſes geborgen, eine ſo widerwärtige Angelegen⸗ heit abgethan zu wiſſen! Nichts iſt quälender, als eine Sache, die nicht ganz abgebrochen iſt, und die man doch nicht feſthalten will. Wie wunderbar! rief William aus, daß ich dieſen Ge⸗ danken heut zum zweiten Mal aus ſo verſchiedenem Munde höre. Southampton hat mir dieſen Morgen dieſelbe Klage mit demſelben Schmerz ausgeſprochen. Du hatteſt damals doch Recht, mein Herz, als du mir von einem Liebesverhältniß erzählteſt, das mein Freund gehabt haben ſoll. Es war eine gewiſſe Roſalie. Auch er findet ſich, wie du in deiner Lage, darin unbehaglich, daß die Ver⸗ bindung zwar abgebrochen, aber nicht ausdrücklich beige⸗ legt iſt. Er fürchtet, die tollkühne Roſalie möchte ihm noch Verdruß mit ſeiner Braut machen. Wie gerührt, wie edelgeſinnt hat er ſich gegen mich ausgeſprochen! Er hat mich gebeten, und ich werde zu Roſalien gehen, mit ihr reden, die Sache für ihn abmachen. Ich konnte es nicht ablehnen, und ich thue es gern. Welch' ein wunderliches Mädchen werde ich treffen! Er hat mir ihre Wohnung gezeigt. Sie wohnt juſt über der Halle hinter Pater⸗ noſterrow, wo ich dich, liebſte Thekla, früher einmal aus dem Auge verloren habe. Wunderbar, daß Freund und Gel nur um thu wer das wa zur Bl di ſpi wo li unſer derlich⸗ ht ver Sache uich zu h will cklichen glegen⸗ z eine n doch n Ge⸗ Nunde ieſelbe hatteſt einem haben t ſich, Ver⸗ beige⸗ e ihm rührt, Er hat t ihr nicht rliches hnung Pater⸗ aus d und 321 Geliebte ganz verwandten Kummer haben! Könnte ich nur auch dir, wie ihm, ein Vermittler ſein! Mit Herzklopfen war Thekla aufgeſtanden und hatte ſich, um ihre Unruhe und Verlegenheit zu verbergen, damit zu thun gemacht, daß ſie ein Tiſchchen deckte. Sie erwiderte nur wenige Worte der Theilnahme an dem Erzählten, und verließ das Gemach, um das gewöhnliche Abendbrot zu bereiten. Frkund, in ſüße Träumereien verſunken, nahm nicht wahr, daß Thekla länger, als gewöhnlich ausblieb. Wie ſie zurück kam, war ſie heiter und aufgeräumt. Sie hatte Blumen aus dem Garten geholt, und ſtellte ſie auf den Tiſch. Sie naſchte nur wenig vom Teller des Freundes, ſpielte dann und ſang. Erſt ſpäter fragte ſie leichthin, wann er denn zu Roſalien gehen wolle. Morgen früh, ſagte er; ich denke ein Stündchen vor Tiſche. Der Graf hat dir wol die Geliebte beſchrieben, Roſa⸗ lien? fragte ſie. In wenigen Worten, ganz allgemein, zu ihren Gun⸗ ſten, ſagte William. Ich werde ſie ja ſehen. Du wirſt nicht vergeſſen, William, ſagte ſie, was du mir gelobt haſt. Ich will nicht, daß du Beſchreibung mit Beſchreibung erwiderſt. Ich will keinem Freunde, beſon⸗ ders keinem gräflichen Freunde beſchrieben ſein, ſo lang ich für die Welt ein Geheimniß bin. Meine Geſtalt, meinen Gang, und mein Ausſehen, mein Spiel und mei— nen Geſang,— nichts, nichts von allem Dem, und über— haupt gar nichts von mir ſollſt du beſchreiben! Süßes, wunderſames Weſen! lachte William. Daß ich dich nicht nenne, nicht zeige, nicht verrathe, verſteht ſich; daß ich aber auch deine Gaben und Tugenden nicht Koenig, William Shakſpeare. I 21 rühmen, von deiner Herrlichkeit ſchweigen ſoll,— was für Gründe kannſt du nur haben, theuerſte Thekla? Gründe? du fragſt nach Gründen? rief ſie. Biſt du ein Philoſoph? Dichter müſſen ſich an Launen gewöhnen. Und hätte ich hundert Gründe, ich würde dir nicht einen einzigen ſagen, wenn du es nicht erkennſt, daß ich nur mit dem ſtreng⸗ ſten Geheimniſſe mich für dich erhalteg und retten kann. Ja nur ſo kanf'ſch einſt dir gehören. Still davof! du nur zu Roſalien! O du wirſt ſie ergründen! Du wirſt das abmachen, ihr werdet das abmachen!„Abmachen““ Sie hat ſich dem Grafen hingegeben, ſie liebte ihn; er verließ ſie ſtumm, und nun will er es abmachen. O du arme Roſalie! Du haſt ihn belogen, nicht wahr? Ei, du gottloſe Dirne, warum lügſt du auch! Ja, ſie nennen es Lügen; ſie be⸗ ſchuldigen dich, du habeſt den Geliebten getäuſcht. Armes Ding! Du hültſt dich in fremder feindſeliger Welt an einem ſelbſtgeſponnenen Faden ſchwebend; du darfſt ihn nicht abbrechen, und verwickelſt dich enger und enger in dein eigenes Geſpinnſt. Ach, ſie werden dich zertreten, wie eine Spinne,— die ſtolzen Männer! Dann iſt es abgemacht! Um des Himmels willen, was haſt du, was bewegt dich, ſüßes, theures Herz? fragte der Freund, aufs Höchſte betroffen. Was geht dich denn Roſalie an? Sie ſah ihm eine Weile mit zerſtreutem Blick ins Auge. — Glaubſt du nicht, daß es ſo iſt? fragte ſie dann. So, wie ich es mir eben lebhaft vorgeſtellt habe? Ei nun, mein Freund,— du beſorgſt und verfichſt des Grafen Sache; habe ich weniger Herz? Darf ich mich nicht der armen Roſalie annehmen?— Ich bin begierig, wie du Roſalien finden wirſt, William! fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe ſehr aufgeräumt fort. Du mußt dich recht liebens⸗ würdig machen. Und komme mir ja recht bald, und erzähle mir von der liebenswürdigen Roſalie recht umſtändlich. Sie lachte aus vollem Herzen. Liebes, ſeltſames Geſchöpf, ich begreife dich nicht! rief der Freund. Aber dies bunte, wunderſam⸗ſchillernde Band deiner Empfindungen umſtrickt mich nur deſto feſter. Was regt dieſe Stürme in dir auf? Was ſpielt dieſe Wechſelflam⸗ men aus deinem Herzen, die kein Widerſchein deiner Umge⸗ bung, die ein eigenthümliches Licht deiner tiefen Seele ſchei⸗ nen? Manchmal— bei all' deiner lebendigen, anmuthigen Schönheit— erſchrecke ich vor dir. Du kommſt mir wie ein Traumbild des in mir ſchlummernden Poeten vor. Oder biſt du mir als Muſe geſandt, die mir reiche Stoffe bringe, und wunderbare Seelenſtimmungen vorſpiele? Stoffe, wie Romeo und Julie,— Stimmungen, wie die Seligkeit, in der ich jenes Gedicht niedergeſchrieben? Wie viel Fabeln kommen mir aus deinem Mund entgegen, wieviel Seelen fliegen mir aus deinem Herzen zu! Ja, göttliches Mädchen, was brauche ich um Erfindung bekümmert zu ſein, ſo lang du deinen Mund öffneſt, und meine Verſe durchathmeſt, ſo lang du meiner Gedichte ſüßeſter Inhalt ſelber biſt, und mein kahles Papier mit herrlichen Schöpfungen überglänzeſt? Dir ver⸗ danke ich es, wenn etwas an meinen keimenden Gedichten entzücken wird. Wie ſtumpf müßte die Feder ſein, die dich ſelbſt, die dein Selbſt nicht faſſen könnte, wenn du dich als die ſchönſte Erfindung gibſt? O ſei denn meine zehnte Muſe,— mächtiger, als die neun, zu denen die Reimer flehen und betteln. Hilf dem Dichter, der dich anruft und anbetet, hilf ihm unvergängliche Werke ſchaffen 21* 4 — ue 1 324 2 O könnte ich, wie meine Spiele das begierige Volk hin⸗ reißen, ſo auch deinen Namen mit dauerndem Ruhme ſchmücken! William, William, herrlicher, göttlicher Mann! rief Thekla, von einem ſeltſamen Gefühl ergriffen, und warf ſich an die Bruſt des Freundes. O ſchreibe mir dieſe Worte nieder, bringe ſie mir in Vers und Reim! Ich will ſie als Amulet in meinem Buſen, auf dieſem unſeligen Her⸗ zen tragen. O könnte ich dir ausſprechen, welche Beruhi⸗ gung du mir mit dieſem Gedanken gibſt,— ich ſei deine Muſe! Ja, ich bin deine Muſe, ich lebe Gedichte für dich! Meine Schmerzen, meine Geheimniſſe verklären ſich durch dich zu rührenden und heitern Lebensſpielen. Meine Ver⸗ zweiflung wird deine Begeiſterung. Gib mir deine himm⸗ liſchen Worte auf Pergament! Ich bin dein! Dem Dichter gehöre ich an, dem Dichter thue ich kein Unrecht! Sie ſank erſchöpft auf den Polſterſitz. Der Freund hielt ſie feſt in ſeinen Armen. Sie athmete kurz; ihr Herz ſchlug hörbar. William begriff dieſe Regungen nicht; er verſtand die Worte, nicht den leidenſchaftlichen Sinn. Wie ſſie ſich langſam erholte, lächelte ſie ihn mit der ſüßeſten Schwermuth an. Dann ergriff ſie ihre Laute, und ſang, wie er ſie noch nicht ſingen gehört. Sein Herz ſchmolz,— in trübe Empfindungen aufgelöſt. So ſchied der Freund, als es ſchon tief in der Nacht war.— Vom Fenſter herab in den Garten rief ihm Thekla lachend nach: Alſo morgen zu Roſalien! —ꝛ— Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Volk hin m Ruͤhme lann rief und warf ieſe Worte ſch will ſi ligen Her he Beruhi h ſei deine t für dich Reine Ver ine himm em Dicter ht! der Freund kurz; ngen nicht en Sinn hn mit de ihre Laut —— r SGoilour& Grey GCortrol Chart ase Cyan Green vellow Hed Magenta Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5 6„—„ 38„ 2— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. f. Offensei pfangnahme 7 Uhr bis Al⸗ 2. Lesepre jedem Tag 5 den angenom 3.(autio! eines Buches hinterlegen, wird. 4. Abonn⸗ beträgt: „ſ für wöchentl 1 auf 1 Mona 5. Auswä der Bücher 6. Schade defecte Büch Ladenpreis e lorene oder der Leſer 8 7. Ausle beſonders de der Bücher ſelben von N⁸— S — william Shakſpeare. Zweiter Theil. Thema Dichten und Trachten. —- William Shakſpeare. Ein Roman von Heinrich Koenig. Zweite, neu bearbeitete Auflage. Zweiter Theil. ———————ʒ:—ℳ—⏑—— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1850. Viertes Buch. Koenig, William Shakſpeare. II. — Erſtes Kapitel. Ueber Nacht war Southampton's Auftrag für ſeinen poe⸗ tiſchen Freund, wenn auch nicht wichtiger, doch ſpannender geworden. William war früh munter, und ſah der Stunde entgegen, in welcher er Roſalien beſuchen wollte. In Ge⸗ danken hatte er ein leidenſchaftliches Mädchen vor ſich, und überlegte die gewinnendſte Anrede. Leicht würde ſier es ihm nicht machen, fürchtete er, und ſie ſollte es ihm auch nicht leicht machen: er wollte dem Grafen gern einen rechten Dienſt geleiſtet haben. Er geſtand ſich nicht ein, wie erwartungsvoll er eigentlich ſelbſt auf das intereſſante Mädchen war, das einen ſo kühlen Freund, wie den Gra⸗ fen, ſogar in der Zeit ſeiner Bewerbung um die liebens⸗ würdige Eliſabeth Vernon, zu einer Liebesthorheit hatte hinreißen können. Wer hätte alſo dem dichteriſchen Freunde William übel nehmen mögen, wenn er ſelber in Roſaliens Augen ein wenig intereſſant zu erſcheinen bedacht geweſen wäre? Wenigſtens kleidete er ſich mit vieler Sorgfalt an. Ein Frühbeſuch kam ihm unangenehm. Meiſter Hens⸗ low, ein Mann faſt ebenſo breit, als lang, humpelte ins Zimmer. Er hatte das Anſehen eines rohhochmüthi⸗ 1* 4 gen Menſchen, der ſeine Bücklinge und Scharrfüße nach einiger Berechnung anbringt. Früher hatte er blos auf Pfänder geliehen, ſeit einiger Zeit aber einen Theil ſeiner Capitalien auf Theaterunternehmungen angelegt. Ja zu— weilen verband er noch beide Gewerbe miteinander, die damals beide einen gemeinſamen und ſehr ergiebigen Bo den in dem fröhlichen Leben, im Luxus und in der Schau luſt der Vornehmen und des Volkes hatten. Auch arbei⸗ teten beide Gewerbe einander in die Hände, und Henslow nahm oft Nachmittags an ſeinen Theatern das Geld wie der ein, das er Morgens auf Pfänder vorgeſchoſſen hatte — Seltſam genug war Henslow durch das aus der Schauluſt der Menge ihm zugefloſſene Geld mit einer ge⸗ wiſſen Liebhaberei am Schauſpiel ſo zu ſagen angeſteckt worden. Er nahm gegen Schauſpieler und Dichter gern die Miene eines Gönners an, und hatte ſogar eine Toch⸗ ter dem Schauſpieler Alleyn verheirathet. Dieſe ſeltne Gunſt eines Geldmannes gegen einen Schauſpieler grün⸗ dete ſich wahrſcheinlich auf die bei einem Theatermenſchen ebenſo ſeltne Tugend der Sparſamkeit und Häuslichkeit, und auf den guten Ruf Alleyn's, der für ſehr wohlha⸗ bend galt. Eduard Alleyn, ein ſchlanker jovialer junger Mann, begleitete eben ſeinen Schwiegervater zu William. Der Alte mochte ihn überhaupt gern um ſich haben; obſchon ihn Alleyn unaufhörlich zum Beſten hatte, freilich ſo fein und heiter, daß Henslow es meiſtentheils ſogar für Schmei⸗ chelei aufnahm, oder wenn es etwas derber ausfiel, we⸗ nigſtens für einen guten Spaß gelten ließ. Während Henslow ſich mit kurzen Schritten und Bück⸗ 5 lingen dem Dichter entgegenſcharrte, war Alleyn ſchon mit Anſtand vorgetreten, und hatte den Kunſtgenoſſen umarmt.— Werther Freund, ſagte er auf einen Wink des verlegen⸗-huſtenden Henslow, da, mein guter Schwie⸗ gerpapa kommt, dir ſeinen Reſpect auszudrücken. Reſpect? fiel Henslow mit abwehrender Geberde ein. Nun ja, gewiſſermaßen doch auch Reſpect; ſo zu ſagen. Aber ich habe noch etwas Beſſeres, als Reſpect, oder vielmehr etwas, was meinen Reſpect am richtigſten aus⸗ drückt in Maſter William's Weiſe. Erlaubt, Papachen!— in Eurer Weiſe, bezüglich Maſter William, ſagte Alleyn. Oder bezüglich,— ganz recht! Wohl ſpeeificirt, lieber Eduard! verſetzte Henslow. William bot Stühle an, heimlich ergötzt durch Hens⸗ low's Pedanterei, wie durch Alleyn's Muthwillen.— Ich bitte, Maſter Henslow, ſagte er, macht es Euch bequem. Ich freue mich, Euch bei mir zu ſehen, und wünſche Euer Anliegen zu vernehmen. Mich bei Euch, nicht wahr? ſeufzte Henslow. Ja, ja, nun denkt Ihr daran, wie Ihr einmal bei mir wart, und ich es Euch nicht bequem machte. Ich hoffte, Ihr hättet es vergeſſen. Aha, Ihr redet von damals, als ich Euch vor etlichen Jahren um ein Anlehn anging, und Ihr mir's abſchlugt? lächelte William. O weh! rief Henslow. Siehſt du, lieber Alleyn, was er für ein herkuliſches Gedächtniß oder, beſſer zu ſagen, für ein ehernes Denkmal im Kopfe hat. Nun wer⸗ det Ihr mir's nachtragen, und ich dachte doch, die Sache 6 wäre längſt vertrocknet, und Euer Pegaſus hätte ſie mit ſeinem dürren Futter verzehrt. Henslow lachte ſich über ſeinen Witz in einen Huſten hinein. O Maſter Henslow, erwiderte William, was ich noch nicht vergeſſen habe, gedenke ich Euch darum nicht. Ich hatte ja damals kein Pfand, und Ihr lieht nur auf Pfän⸗ der. Auch wart Ihr damals noch nicht Beſitzer des Thea⸗ ters zur Roſe, und kanntet mich nicht hinlänglich. Da liegt der Haſe im Pfeffer! rief Henslow. Ja wol! Ich kannte Eure vortrefflichen Stücke, Eure Hiſto⸗ rien, noch nicht, und lieh überhaupt noch nicht auf die Li⸗ teratur, ſonſt hättet Ihr ja die beſten Pfänder gehabt, oder ich hätte Euch auch Koſt und Logis gegeben, und Euch Schau⸗ ſtücke ausbrüten laſſen, die wir dann aufgefüttert hätten. Nun, und jetzt—? fragte William. Erlaubt, daß ich dabei meinen Anzug vollende, ich habe hernach einen unverſchieblichen Beſuch zu machen. Alſo, Papachen,— heraus mit dem Reſpect! rief Alleyn. Henslow ſtreckte die kurzen, dicken Beine gerad aus, legte auf den zwiſchen beiden aufgerichteten Stock ſeine beiden Hände, und auf dieſe das Kinn oder vielmehr das Kehl.— Habt Ihr Euch denn das Globustheater ſchon etwas näher betrachtet, Meiſter? fragte er. William bejahte. Das iſt mir lieb, ſchmunzelte Henslow. Ihr wißt wol, daß ich das Haus an mich gebracht habe, daß ich es jetzt beſitze und habe renoviren laſſen. Wie gefällt's Euch denn jetzt,— erweitert, ziegelroth angeſtrichen— he? 7 Es iſt eine hübſche Farbe, beſonders bei trübem Him⸗ mel, erwiderte William, eine einladende Farbe. Ihr wer⸗ det gute Einnahmen machen, wenn ſich das ziegelrothe Haus füllt. Ihr ſeid ein wahrer ägyptiſcher König; Ihr ſolltet nicht Henslow, ſondern Pharao heißen: denn ganz London muß Euch jetzt Ziegel ſtreichen. Henslow lachte unmäßig.— Vortrefflich geſagt! rief er aus. Ueberhaupt, was wollen wir für luſtige Stun⸗ den zuſammen haben, und was für Witze laſſen! Zuſammen, Papachen? neckte Alleyn. Ihr und Ma⸗ ſter William, nicht wahr? O ja, Papachen, Witze können Euch widerfahren, dazu ſeid Ihr ganz der Mann. Aber, Ihr geht zu raſch;— ſoweit ſind wir noch nicht, Ihr ſeid ja mit Maſter William noch nicht zuſammen. Richtig! Soweit ſind wir noch nicht, bejahte Henslow. Der Globus hat mich, ſo zu ſagen, etwas raſch fortge⸗ wälzt. Alſo weiter zurück. Ich bitte dich, Alleyn, halte mir den hochgeſchätzten Maſter Henslow nicht auf, ich komme ja ſonſt auch nicht fort! bat William. Zur Sache denn! rief Henslow, und ſtieß mit ſeinem Stock auf. Alſo der Globus gefällt Euch, und die Farbe gefällt Euch, und— was ſagt Ihr zu dem Herkules über dem Eingang mit der Weltkugel und der Ueber⸗ ſchrift: Totus—. Wie lautet es, Alleyn? Alleyn verſetzte: Totus mundus agit histrionem. „Hiſtorien“! Ja, das iſt es! rief Henslow. Da ſtehen wir am Ziel. Hiſtorien brauchen wir für das neue Thea⸗ ter, und zwar von den neumodiſchen, wie jene von Romeo und Julie, die der Adel ſo lobt, — — — Papa, drohte Alleyn. Bin ich denn wieder zu raſche fragte Henslow. Daran iſt„Romeo und Julie“ Schuld,— das ſoll ein hinrei⸗ ßendes Stück ſein,— famos! Abermal unterbrach ſich der Alte mit ſchallendem Ge⸗ lächter. Findeſt du nicht, William, daß mein lieber Papa ſelbſt etwas vom Globus hat? fragte Alleyn mit einer necki⸗ ſchen Geberde auf die runde Geſtalt des Alten. Etwas vom Globus? verſetzte Henslow lachend. Das will ich doch hoffen, daß ich etwas vom Globus habe! Er koſtet mich ein ſchönes Sümmchen im Ankauf und in der Erweiterung. Der Globus muß ſeine ſehr guten Einnahmen machen; das dank' ihm der Teufel! Wie könnte ich ſonſt auch unſerm hochſchätzbaren Maſter Wil liam ſo vortheilhafte Vorſchläge thun, wenn ich nichts vom Globus hätte? Alſo Vorſchläge wollt Ihr mir thun? rief unſer Freund. Gottlob, daß ich endlich erfahre, was mir die Ehre Eures Beſuchs— Ja, hochgeſchätzter Maſter! ſagte Henslow, und rückte mit dem Stuhl. Es kommt uns auf gute Einnahme durch gute Stücke an. Es wird jetzt viel von Euerm neuen Stücke geſprochen, von„Romeo und Julie“. Papa! wehrte Alleyn. Geh' zum Teufel, Alleyn! rief Henslow. Du Hemm⸗ ſchuh unter meinem feurigen Wagen! Nein, hört mich an, Maſter William! Das Volk will auch den Romeo ſehen, es brennt auf dies neue Stück. Es verlautet ſo viel Er⸗ ſtaunliches davon: merkwürdige Vergiftungen ſollen vor⸗ gehen So Brech gehab doch Globe ſteht 7 ſen, nicht ſchaff W verle iſt N ling ling ( ausg fuhr den komn günſ hen. werb rerer Arm ſtone und 9 gehen, und es wird ſich darin wacker herumgeſchlagen. So'was zieht an. Schläge, Dolche, Gift, Strickleitern, Brecheiſen— Ihr habt die erſtaunlichſten Eingebungen gehabt. Das heiß' ich Poeſie! Ueberhaupt ſchreibt Ihr doch die beliebteſten Sachen, und ich gehe drauf los, den Globus zum beliebteſten Theater zu empören. Ihr ver⸗ ſteht mich? Alſo Schauſpiele wünſcht Ihr von mir? fragte William. Seht Ihr nun! rief Alleyn. Iſt das Reſpect bewie⸗ ſen, wenn Ihr mit Dem anfangt, was Ihr verlangt, und nicht mit Dem, was Ihr bietet? Iſt das richtige Gönner⸗ ſchaft? Ei Papachen, ſeid nobel! Was nobel! ſchrie Henslow, über den Scherz doch verlegen. Wenn ich mit Maſter William unterhandle, iſt Nobel die rechte Münze nicht. Ein Nobel ſind 6 Schil⸗ ling 8 Pence; unſer Dichter iſt ein Sovereign zu 20 Schil⸗ ling. Vivat hoch! Er lachte wieder ſchallend und mit den Ferſen beider ausgeſtreckten Füße auf dem Boden trommelnd. Dann fuhr er, von Hüſteln unterbrochen, fort: Jetzt bin ich im Zug; ich bin wie ein Feuer, das den Rauch überwunden hat, und hellauf brennt. Ich komme nämlich, Maſter William, unter gewiſſen für Euch günſtigen Bedingungen einen Geſellſchaftsvertrag einzuge⸗ hen. Ich habe den Globus erweitert und removirt, ich werbe die beſten Schauſpieler von den Privattheatern meh⸗ rerer Lords,— den Burbadge, den Lowin, den Oſtler, den Armin für die Rollen der Clowns, den Condell, Egle⸗ ſtone und eine Anzahl Chorknaben mit ganz glattem Kinn und runden Backen für die Frauenrollen. Wir wollen ——————— —— 10 ganz London bezaubern, und prächtige Einnahmen machen. Dazu gehören aber auch lockende Stücke. Ich biete Euch nun einen Antheil am Unternehmen unter der Voraus⸗ ſetzung, daß Ihr dann blos für den Globus ſchreiben wollt, und daß Eure neuen Stücke eine Zeitlang nicht gedruckt werden. Mit„Romeo und Julie“ eröffnen wir das neue Theater. Ich laſſe die ganze Bühne mit Mat⸗ ten decken, und für dies Trauerſpiel ſchwarz behängen. Dem Bürſchchen, das die Julie ſpielt, ſoll eine ganz neue, hübſche Maske gemacht werden. Wir laſſen die Zuſchauer durch den Prolog bitten, daß ſie in dem Stücke keinen Taback rauchen. Sie mögen es dem ganz neuen ſchwar⸗ zen Sammetrocke zu lieb thun, den ich für den Prolog habe machen laſſen, nebſt einem neuen Bärtchen. Ihr ſeht, vortrefflicher Maſter, daß nichts geſpart wird. Und die Eröffnung ſoll mit einem langen Poſaunentuſch ge⸗ ſchehen. Alleyn blies poſaunend in die Fauſt. Nun, William? fuhr Henslow nach einer Weile fort. Ihr blickt an der Stirne hinauf und ſchmunzelt? Habt Ihr's Euch überlegt? Nun, und wegen meines Antheils am Gewinn? fragte William. Hier habe ich eine Berechnung mitgebracht, ſagte Hens low, und zog ein Papier hervor,— über die ungefähren Einnahmen, über die Anzahl Eurer muthmaßlichen Stücke, Prologe und andere Schreibereien. Setzen wir uns und gehen es miteinander durch! Jetzt nicht! antwortete William. Ich muß fort. Ich behalte das Papier da, und ſage Euch morgen meine Er⸗ — klärung trete ve Stücke dingun ſchätzba und m fallen Mante fragte ſolle. S Er ha daß w A nere Hexen Alleyn ich glo Verech tionen zu no 6 Sc 81 mal ſ beſtim J aller 3 wenn 14 klärung. Nur Eins: ich ſelber trete nicht mehr auf, ich trete von der Bühne ab, und nur meine Kinder, meine Stücke, kommen vor die Traverſe. Das iſt meine Be⸗ dingung. Und hinſichtlich Eures Reſpects für mich, mein ſchätzbarer Henslow, könnt Ihr’s Euch ganz leicht machen, und nur meinen Antheil am Gewinn deſto ſchwerer aus⸗ fallen laſſen. William ging lachend ins Nehenzimmer, um ſeinen Mantel zu nehmen. Henslow winkte Alleyn herbei, und fragte flüſternd, was er wegen William's Spiel erklären ſolle. Schade, wenn er nicht mehr ſpielt! verſetzte dieſer. Er hatte immer etwas ſo Wehmüthiges in ſeiner Stimme, daß wir uns recht ergötzen konnten. Aha! nickte Henslow. Ich weiß ſchon,— ich erin— nere mich jetzt! Im Agiren und Reheitiren iſt er kein Hexenmeiſter, und hat manchen Bock geſchoſſen. Aber, Alleyn, er ſchien ſehr vergnügt über meinen Vorſchlag; ich glaube, er hätte es billiger gethan, und hat nun meine Berechnung in Händen. Teufel noch einmal! Vier Por⸗ tionen am Gewinnſt habe ich ihm angeboten. Ich bin zu nobel, Alleyn, immer zu nobel! Ich laſſe mich über 6 Schilling 8 Pence gelten. He, Alleyn? William kam zurück, entſchuldigte ſich, daß er dies⸗ mal ſeine edeln Gäſte nicht länger aufhalten könne, und beſtimmte eine Stunde, um Henslow Antwort zu ſagen. Meine Rechnung, ſtotterte Henslow, gilt vorbehaltlich aller Irrungen: gebunden bin ich noch nicht. Ich binde Euch nicht! ſagte William mit Stolz; aber wenn Ihr mich binden wollt, guter Henslow, zumal an 12 Eure Krippe: ſo müßt Ihr einen goldnen Faden nehmen und zwar den dickſten. Er geleitete ſeinen Beſuch vor das Haus, und wen⸗ dete ſich dann nach Paternoſterrow. Zweites Kapitel. So ſehr alſo war der Ruf unſers Freundes im Stei⸗ gen, daß die gemeine Gewinnſucht ſich um ſeine Leiſtun⸗ gen bewarb. Aber auch William hatte einen Lebensvor⸗ theil im Auge, als er die ihm angetragene Verbindung ſo raſch ergriff: er dachte an Thekla und an die Mittel zu einer anſtändigen häuslichen Einrichtung. Eine neue Exiſtenz konnte er ſich nicht aus dem Stegreife ſchaf fen; ſo wollte er wenigſtens die alte nach und nach auf ein fruchtbringendes Feld ſeiner Poeſie übertragen. Wenn die Poeſie mein irdiſcher Beruf iſt, dachte er, ſo darf ſie ſich nicht ſchämen, auch meine irdiſche Eriſtenz zu beſtreiten, ſonſt fehlt es ja dieſem Beruf an einem Boden. Nein, auf dieſer himmliſchen Domäne muß auch ein Kü⸗ chengarten angelegt werden können. Und wenn, nach der Philoſophie meines Freundes Southampton, die grobe ſinnliche Welt aus dem ſchaffenden Worte der Gottheit hervorgegangen iſt: ſo gehört es ja mit zur göttlichen Macht der Poeſie, daß ſie dem Dichter eine Häuslichkeit beſchaffe,— dem Dichter, der in ſeiner Doppelnatur zu⸗ gleich lingskr als R D Gedan ſchon hinauf offnend einem wiß d — S 2 innern Spore hören fanger L gener ihn n kannt C Gebie käme gelege men 5 13 gleich ſchöpferiſch und bedürftig iſt, der die ſüßen Früh⸗ lingsknospen und Blätter, die er hervorbringt, zugleich als Raupe benagen muß. Doch all' dergleichen berechnender und beruhigender Gedanken mußte ſich der Freund jetzt entſchlagen, denn ſchon ſtieg er die Wendeltreppe zu Roſaliens Wohnung hinauf. Er klopfte an die zweite Thüre, und fragte den öffnenden Diener nach Roſalie Zanotti. Sie iſt unwohl und zu Bette, erwiderte ſtotternd und verlegen der junge Menſch. Gar nicht zu ſprechen? Auch nicht in dringend wich— tiger Angelegenheit? fragte William. Euer Name und Anliegen? flüſterte der Page. William nannte ſich, und fügte hinzu, er komme von einem Freunde Roſaliens, mit guter Botſchaft, die ihr ge⸗ wiß angenehm ſein würde. Der Diener lehnte die nur ſchmal geöffnete Thüre zum innern Gemach hinter ſich an. Ein männlicher Tritt mit Sporen, ein Flüſtern und verhaltenes Kichern war zu hören. William dachte nichts dabei, und ſah ſich unbe⸗ fangen in dem geſchmackvoll eingerichteten Zimmer um. Bald kam der Page zurück, und meldete noch verle⸗ gener in ziemlicher Entfernung, ſeine Gebieterin könne ihn nicht ſprechen, ſie ſei nicht wohl genug für neue Be⸗ kanntſchaften. Geh, rief William empfindlich, und ſage deiner Gebieterin, ich ſei zu wohl für ungeſunde Bekanntſchaften, käme daher nicht in meiner, ſondern in ihrer eigenen An⸗ gelegenheit und wünſche zu wiſſen, wann ich ſie im Na— men des Grafen Southampton etwas beſſer finden würde; 44 vielleicht ſei ich gerade der rechte Arzt für ihren Zu⸗ ſtand. 6 Er hatte dies laut genug geſprochen, um dem Pagen die Wiederholung zu erſparen. Sein Herz ſchlug lebhaf⸗ ter, während er den geſpannten Blick nach der wieder angelehnten Thüre richtete. Diesmal trat der Page gar nicht heraus, ſondern öffnete nur ein wenig die Thüre, um die unmittelbare Antwort ſeiner Gebieterin vernehmen Das zu laſſen.— Sout Was will der Grafe rief eine Mädchenſtimme in et⸗ Er t was tief genommenem Tone. Früher hat er keine Mit ihm. telsperſon gebraucht, ſondern iſt ſelber gekommen. Und Wil wenn ſeine Liebe nur eine Poſſe iſt, ſo ſoll er ſie we⸗ werde nigſtens ſelber ausſpielen, und mir weder ſeinen Haus Unge narren noch einen Komödianten ſchicken. üͤber Ehe der Freund ſich noch auf dies beleidigende Wort und faſſen konnte, hatte der Page ſchon die Thüre zugeſchlagen mal⸗ und verriegelt. William trat dicht an die Thüre und 6 rief: Ich bin ſo ganz unrecht doch nicht gekommen, ſchöne hatt Roſalie. Ich kann dem edeln Grafen zur Beruhigung doun melden, daß Ihr zwar unwohl, jedoch nicht ohne einen Graf Tröſter ſeid, und daß es Euch auf dem alten Tugendwege aber nicht an neuen Sporen fehlt. Enzi .—, 4 161: ä Mit ſchallendem Lachen des Zorns verließ William ang das Zimmer. 3 über eines V für Räthe . die N komm Drittes Kapitel. Das Herz voll Entrüſtung beſuchte William nach Tiſche Southamptonhouſe, um ſeinem Freunde Bericht zu geben. Er traf ihn nicht allein an; Eſſex und Bacon ſaßen bei ihm. Die lebhafteſte Verhandlung war im Zuge, und William konnte ſeine leidenſchaftliche Mittheilung nicht los werden. Southampton ſah ihm die Unruhe, die innere Ungeduld an; er hielt ſie aber für begeiſtertes Entzücken über die Bekanntſchaft des ſo liebenswürdigen Mädchens, und lächelte den ſchweigend verſtimmten Freund manch⸗ mal an. Eſſer erzählte ſeine Audienz bei der Königin. Sie hatte ihn vor den Höflingen und Miniſtern ſo zuvor⸗ kommend empfangen, daß jedes ihrer Worte, wie der Graf ſagte, ein neues Ohr werth war.— Ich ſelbſt aber machte mich immer ſchwerer und dickohriger, fuhr der Erzählende nach William's Eintritte fort. Wir ſetzten uns ſpäter im geheimen Rathe zu einer Verhandlung über die Angelegenheiten Irlands und die Ernennung eines Oberbefehlshabers. Natürlich nahm ich das Wort für Lord Montjoy. Die Königin ſtutzte, die geheimen Räthe ſchielten mich an.— Gott's Augenlid! rief endlich die Monarchin aus. Können wir denn niemals überein⸗ kommen? Heut wollt' ich Euern Gaul ſatteln, mein 16 Lord Stallmeiſter, und nun reitet Ihr meinen. Ich weiß nicht, lieber Eſſex, ſind deine Worte verſöhnlicher oder nur größere Heuchler, als deine Blicke. Aber, es iſt dir nicht genug, übermüthiger Freund, daß ich deine letzt⸗ hin vorgebrachten Gründe einſehe? Ja wol, wie du ge ſagt haſt,— der Lord Montjoy iſt im Felde wenig er⸗ fahren; er hat mehr den Studien obgelegen, als den Waffen; in den Niederlanden hat er ſtets nur als Unter⸗ befehlshaber gedient; überdies fehlt es ihm an Vaſallen und Geld für ſo viel Ausgaben eines Oberbefehlshabers in Irland. Nein, Graf,— ich bin ganz Eurer letzten Meinung,— Ihr müßt nach Irland. Ich hoffe, Ihr werdet ein Ohr für Euern eigenen Verſtand, für Eure eigene Einſicht haben, wenn Ihr ſie als Echo aus dem Munde Curer gnädigen Königin vernehmt.— Bei dieſen Worten ſah ſie lächelnd nach meinem Ohre, und— ſoll⸗ tet ihr's glauben, der ſtolze Knorpel brannte aufs Neue von ihrem ſpöttiſchen Blicke. Ich entſchuldigte mich; ich ſprach ſo wegwerfend von mir ſelbſt, ich ſchob ſo viel Bedingungen vor, und lief doch hinter denſelben wieder weg, daß die Königin endlich vor Aerger roth wie ein Krebs wurde. Und von dieſem Moment an hörte mein Ohr auf zu brennen. Sir Francis, das iſt eine Sym⸗ pathie, das iſt ein Räthſel der Natur für einen Philo⸗ ſophen. Zuletzt bat ich mir einige Bedenkzeit aus, nicht zu Gunſten der Königin, ſondern meines Ohrs. Wenn dies nämlich Stand hält, und nicht mehr brennt; ſo nehme ich vielleicht den Kommandoſtab an. Die Gräfin hatte die Herren in den Garten einladen laſſen. Indem ſie nun dahin gingen, fragte Southamp ton, mit 3 nahn hielt aus ſchild Mon redne danr Ihr letzte thun 17 ton, ob Eſſer nicht Anlaß gefunden, über ihn und Bacon mit der Monarchin zu reden. Ich warf ihr einmal deinen Namen hin, Heinrich; ſie nahm ihn aber nicht auf. Euern Namen, Sir Francis, hielt ſie feſt, als ich ihr Eure Troſtloſigkeit, von Hofe, aus der Sonne der königlichen Gunſt, verbannt zu ſeln, ſchilderte.— Ei, ſagte ſie, es war ihm ja ſo wohl im Mondſcheine der Volksgunſt, dem vorlauten Parlaments⸗ redner. Fürchtet er abnehmendes Licht?— Sie rühmte dann Eure Talente und Eures Vaters Verdienſte. Wenn Ihr klug wäret, meinte ſie, und fortführet, wie in den letzten Sitzungen zu ſtimmen, ſo wollte ſie ſehen, was zu thun wäre. Der Graf führte dieſe letzten Worte mit ſpöͤttiſchem Blick und einem leiſen Nachdrucke von Bitterkeit an. Ba⸗ con fühlte den darin liegenden Vorwurf des Wankelmuths und ſagte verlegen: Ich bekenne, daß meine Seele nach Ehre athmet, aber ich werde keine falſchen Wege gehen. Die Ehre ſchließt dreierlei in ſich: eine vortheilhafte Stel⸗ lung, um Gutes zu wirken, den Zutritt zu Königen und bedeutenden Perſonen, und endlich die Verbeſſerung eigener Glücksumſtände. Dieſe drei Richtungen ſind rechtſchaffen, denke ich, und wer ſie einſchlägt, verdient keinen Tadel, weil ſie ans rechte Ziel führen. Southamptonhouſe hatte zur Entſchädigung für ſeine einſame Lage vor der Stadt den Vortheil eines ausge⸗ dehnten Gartens, der ſich, nach damaligem Geſchmack an⸗ gelegt, am Wege nach St.⸗Giles und bis an die Dorf⸗ flur hinzog. Die Einfaſſung deſſelben an dem Haupt⸗ Koenig, William Shakſpeare. II 2 18 und an den Seitenwegen lief auf einem ſanft abſchüſſigen, inwendig mit Blumen bepflanzten Walle hin,— ein aus Holz gezimmertes Werk, an welchem ſechs Fuß breite, auf hölzernen Pfeilern ruhende Bogen mit gleich breiten Zwiſchenräumen wechſelten. Ueber jedem Bogen war ein Thürmchen geräumig für einen Vogelbauer angebracht, und auf den Zwiſchenräumen der Bogen ſtanden vergol⸗ dete Figuren, die mit runden Stücken gefärbten Spiegel⸗ glaſes die Sonnenſtrahlen ſpielend auffingen. Der ſo ein⸗ gehegte eigentliche Garten hatte vorn einen ausgebreiteten Grasplatz, und lief in eine, außerhalb der Einfaſſung gelegene Heide aus. Durch bedeckte Gänge des Gras⸗ platzes gelangte man zu Seiten⸗Alleen, die oben gegen die Sonne, nebenher durch Hecken gegen die Winde ge⸗ ſchützt, zu bequemen Stellen führten, wo die weiten Bo⸗ gen der Einfaſſung Durchblicke ins Freie oder auf die Heide gewährten. Der innere Garten war einfacher und weniger gekünſtelt eingetheilt, als man es ſonſt in jener Zeit liebte. Man fand keine in Wachholder ausgeſchnit⸗ tene Figuren; nur niedere Hecken umhegten die Abthei⸗ lungen des Bodens; da und dort war eine hübſche Py⸗ ramide und hin und wieder eine Säule auf einem aus Holz gezimmerten Gerüſt angebracht. In der Mitte des Gartens, auf einem ziemlich hohen, runden Hügel, prangte ein Luſthäuschen, zu welchem aus den Seiten⸗Alleen breite bedeckte Gänge emporführten. Hinter dem Luſthauſe rauſchte ein Springquell, deſſen lebhafter Sprudel einen kleinen Teich ſpeiſte und erfriſchte.— Trat man aus dem Garten in die Heide, ſo glaubte man ſich in einer plöͤtz⸗ lichen Wildniß zu befinden; man trieb ſich in Gebüſchen von Der bedech ware klau kleine Stach ſen war von Hagebutten, Geisblatt und wilden Reben umher. Der Boden war mit Erdbeerſtauden und Schlüſſelblumen bedeckt. Kleine Hügel, wie Maulwurfshaufen verbreitet, waren mit Thymian, Nelken, Sinngrün, Roſen, Bären⸗ klau und dergleichen bepflanzt, zur Abwechſelung auch mit kleinen Büſchen von Wachholder, Stechpalmen, Berberitzen, Stachelbeeren, Rosmarin, Lorbeer und Feldroſen bewach⸗ ſen. Der Zufall ſchien hier Gärtner zu ſein; dennoch war eine verſteckte Abſicht Pflanzerin. Wie die vier Männer den Garten betraten, fanden ſie die Frauen um den kleinen Teich. Die Gräfin und Cliſabeth, die Braut, angelten; Alice begoß die Blumen, wobei ihr der junge Tracy im Waſſerholen zur Hand war. Nach den Begrüßungen drängte ſich Tracy an William, und fragte nach den verſprochenen Gedichten. William ſteckte ihm verſtohlen die flüchtig abgeſchriebenen Liedchen, unter dem Titel:„Der leidenſchaftliche Pilger“, zu, und folgte dem Winke ſeines Freundes Southampton nach einer der Seiten⸗Alleen. Ich ſehe dir längſt die Ungeduld an, lieber William, lächelte der Graf. Du biſt voll von dem bezaubernden Eindrucke, den Roſalie auf dich gemacht hat. Dennoch ſchleicht ſo etwas Finſteres in deinen Mienen umher, etwas Aergerliches. Sprich, und ſchütte dich ganz aus. Ich denke mir ſchon, daß Roſaliens Antwort unfreundlicher iſt als ſie ſelbſt. Nicht wahr? Nur heraus mit Allem! Es muß ja doch einmal zu Ende mit der Geſchichte kommen. William war ganz im Humor, durch eine kurze, trockene Erzählung des Vorfalls den Contraſt des Ge⸗ 92* 20 ſchehenen mit der Vorausſetzung des Grafen recht fühlbar zu machen. Allein dieſe Laune rief eine ſehr abſtechende Stimmung des Grafen hervor. Das ſchöne Geſicht deſ⸗ ſelben verfinſterte ſich; erblaſſend ſetzte er ſich auf eine ſtei⸗ nerne Bank, die Hände gefaltet. Auf William's verwun derte Frage verſetzte Southampton trübſinnig: Ich habe ſehr gefehlt, ich habe entſetzliches Unrecht gethan, ſo ſtumm, ſo verſtohlen, ſo feig von Roſalien wegzubleiben, ohne daß ich mich mit ihr ins Klare,— ſie ins Klare geſetzt hätte. Verlaſſen von mir, wer weiß, von welcher Noth bedrängt, hat ſie ſich Laffen in die Arme geworfen, die geſpornt zu ihr kommen, um die Tugend eines verzweifelten Mädchens zu— Erlaß mir das harte, unanſtändige Wort! Sie iſt geſunken, ſie geht verloren. Und ich,— ich habe ſie zuerſt in die Irre geführt, um ſie in der Irre zu verlaſſen. Ich bin der Urheber ihrer Schmach und Verzweiflung. Ich glaubte ſie hintanſetzen zu dürfen, weil ich ſie auf Widerſprüchen, auf Unwahrheiten fand, über welche ich ſie aus Stolz nicht einmal zu Rede ſetzen mochte. Und doch war es vielleicht nur die Lüge einer edlen Scham. Verfluchte Selbſtſucht, heuchleriſcher Egoismus, der uns in den beſten Gefühlen übervortheilt! Nun habe ich ein reiches Herz, eine ſeltene Seele geopfert. Ich habe Roſalien zu einer Erniedrigten, zu einer Verächtlichen gemacht. O ich möchte mich ſelbſt mit Füßen treten!. Wie kann ich meiner theuern Eliſabeth wieder unter die Augen kommen? Wie darf ich es wagen, meine Hand in die ihrige zu ſchlingen? Und, glaube mir, liebſter Freund, ſie wird mir noch den toll⸗ ſten Streich ſpielen,— Roſalie. Die neckenden Brieſchen, 2₰ die gew dau hat. 21 die von verſchiedenen Seiten an mich kommen, ſind ganz gewiß von ihr. Ich habe dir auch erzählt, wie ſie uns damals am Thore des Hauſes die Sträuße überreicht hat. Wenig fehlte, ſo hätte ſchon damals meine Braut ein verkleidetes Mädchen erkannt, und wer weiß, welchen Argwohn gefaßt. Doch nein! Ihr Herz iſt nicht arg⸗ wöhniſch,— es iſt vertrauensvoll zu meiner tiefſten Be⸗ ſchämung. Aber denke dir dieſe tollkühne Roſalie, und laß ſie nun erſt noch geſunken ſein und frech werden, laß ſie in Noth und Verzweiflung kommen! Ich bebe, mich zu vermählen. Roſalie ſcheint auch von allen meinen Schritten unterrichtet, der Himmel weiß, auf welchem Wege. Ich muß von Kundſchaftern eng umgeben ſein. Jene Briefchen deuten meine geheimſten Bewegungen an, und bedrohen mich für dieſen und jenen Fall. Was kann ſie nicht in der Stunde unſerer Trauung ausführen! Und hätte ich auch nichts dergleichen ernſtlich zu beſorgen,— wäre es nicht ſchon entſetzlich genug, wenn auch nur ihr Bild, ihr Andenken in jener heiligen Stunde der Trauung oder in jeder ſtillen und traulichen Nacht zwiſchen mich und meine bebende Eliſabeth träte? Dieſe Vorſtellungen ſtürmten ſo lebhaft in Southamp⸗ ton's Seele, daß er aufſprang und ſich an William's Bruſt warf mit einem Seufzer, der aus der Tiefe des Herzens kam. Der Freund konnte die Beſorgniſſe des Grafen nicht recht theilen, und ſuchte ſie ihm auszureden.— Gewiß, mein edler Freund, du fürchteſt zu viel! ſagte er. Nicht, als ob ich dieſe Roſalie für weniger treulos, wankelmüthig, lügenhaft, verächtlich hielte, ſondern weil ich zweifle, daß —₰ ſie aus Noth und Betrübniß ſo weit gekommen ſei. Sie hat ja, wie du mir geſagt, Bacon mit ſeinen Vorſchlägen und Anerbietungen abgewieſen. Auch wirſt du ſie nicht ohne Mittel gelaſſen haben. Aber, liebſter Freund, be⸗ zahle du ſolches Mädchenfleiſch mit Millionen das Quent⸗ chen, und du wirſt es nicht vor Fäulniß bewahren. Ich kenne das, o ich kenne das, Freund! Dieſer Unbeſtand einer Mädchenſeele, dieſer Wankelmuth um des Wechſels willen, während man ſich mit einem unerſchöpflichen Her⸗ zen hingeben mochte, ſind zum Verzweifeln. Nur Leicht⸗ ſinn, verhöhnender Leichtſinn, rettet uns,— wiewol frei⸗ lich blos aus der Scylla in die Charybdis. Doch weg damit! Das iſt nun vorüber, ſeit ich in Thekla das edlere Weib liebe. Dieſe Roſalie war ja aber ſchon, als du ſie kennen lernteſt, voll Lüge und Täuſchung— ein loſes, leichtes Geſchöpf. Gerade darum biſt du ja von ihr weggeblieben. Nun, wenn denn auch, was gewinne ich dabei? fragte der Graf. Gewinnen? lächelte William. Sei froh, daß du verliereſt,— nämlich einmal die Selbſtquälerei, als ob du die Verdorbene ins Verderben gebracht hätteſt, und dann die Furcht, ſie werde dir Verdruß bereiten. Jene Briefchen, wenn ſie überhaupt von ihr gekommen ſind, haben ja nie eine Folge gehabt, und in der letzten Zeit auch nachgelaſſen,— wahrſcheinlich ſeitdem Roſalie neue Neigung gefaßt hat. Ja doch! Die Leichtſinnige wird dich vergeſſen in dem Taumel, der ſie aus Eines in des Andern Arme treibt, bei demſelben Lohne, den ſonſt deine Kiſte geſpendet. O mein Freund,— blicke du heit bere das bra glü 28 heiter ins reine Auge deiner Eliſabeth! Deine ſo bitter bereute Verirrung mit Roſalien iſt nur ein Sühnopfer, das du vor euerm heiligen Bunde der Mannestreue ge⸗ bracht haſt, die ſelten unerprobt ein weibliches Herz be⸗ glückt. Sei heiter, du wirſt glücklich ſein! Dieſer muntere Zuſpruch blieb nicht ohne Wirkung. Southampton faßte nach und nach ſeinen heitern Muth' wieder.— Möchteſt du in Allem ſo Recht haben, ſagte er, wie darin, daß meine Eliſabeth gemacht iſt, mich zu beglücken! Indem ſie nun dem Ausgange der Allee zuwandelnd auf manches geſprochene Wort zurückkamen, wollte Sout⸗ hampton eine Beruhigung darin finden, daß ſie beide zuſammen Roſalien beſuchten. Er ſcheute ſich vor ihrer Leidenſchaftlichkeit, um allein zu gehen, und konnte doch immer noch nicht den Wunſch los werden, ſich von ihrer Lage zu überzeugen, und wenn es nöthig wäre, etwas zu ihrer Rettung zu thun.— Vielleicht iſt ſie noch nicht ſo weit geſunken, als es den Schein hat, meinte er, und wäre wenigſtens auf anſtändiger Bahn zu erhalten. Wieviel ſollte mir nicht die Ueberzeugung werth ſein, daß meine Leidenſchaft für ſie doch kein ſo hornblinder Irr thum geweſen. Auch würde mich eine einzige Unterhal⸗ tung mit ihr viel ſchneller über ihre Geſinnung gegen mich ins Klare und Gewiſſe ſetzen. Nur möchte ich nicht allein zu ihr gehen, wiederholte er, ſchon der ungeſtümen Erörterungen wegen, denen ich mich bei ihr ausſetze. William, noch ärgerlich über Roſalien, zuckte unent ſchieden die Achſel, ohne ſich näher zu erklären.— Wenn — — ich jetzt, ſagte er ablenkend nach einer Weile, ſolche troſt⸗ loſe Geſchöpfe anſehe, mit denen ich auch manche dumpfe Stunde verſcherzt habe, wie froh bin ich, nach ſo vielen Täuſchungen der Liebe den ſchönen Inhalt und Beſtand alles Deſſen zu gewinnen, was ich— ohne es eigentlich je beſeſſen zu haben— in Thorheiten verlieren, in Träu⸗ men verſchmerzen mußte,— die reine Liebe, den edeln Werth eines Frauenherzens. Nun thut ſich mir ein fried⸗ liches Paradies zwiſchen vier ſtrömenden Quellen auf: ich zähle deine Freundſchaft, mein Heinrich, dann die Ehre, zu der du mich hinanführſt, ich zähle die Liebe meiner Thekla und— das Einzige, was ich ſtets beſaß — die Poeſie. O Himmel, laß mir keine dieſer Quellen je verſiechen! Die Poeſie, mein Freund, iſt dir mit aller Sicherheit einer himmliſchen Gabe gewiß, ſagte Southampton, aber auch an meiner Freundſchaft wirſt du nicht zweifeln, mei⸗ nem Herzen nie, niemals mistrauen, nicht wahr, mein William? An Zweifeln und Mistrauen kränkelt ſonſt mein Herz nicht, verſetzte William. Ich glaube leicht, ich vertraue gern. Aber mein Geiſt, wenn ich in einſamen Stunden die Welt überbrüte, findet eine Verzweiflung im Ver⸗ hängniſſe alles Lebens. Wie oft hat nicht ſchon die wilde Hand der Zeit den reichen Prachtſchmuck einer ab⸗ getragenen, begrabenen Vorwelt zerriſſen! Luft'ge Burgen ſehe ich zuſammenſtürzen; des Geſchützes ewiges Erz macht ſich einer vergänglichen Wuth dienſtbar. Dort yerſchlingt der hungrige Ocean ein königlich thronendes Geſtad; dort rafft mit naſſen Armen das Feſtland ſchlammigen Boden aus Reich winn) und dann den( komn danke dern an ſ Geſe gewir fin weltg in- jetz nahn terwu Stim len nigy Ver. dung von dieſe für; cin 25 aus dem Schooſe der Flut an ſich. Hinter wachſendem Reichthume lauert Verluſt, Verluſt erlauert neue Ge⸗ winnſte. Und wenn ich ſo die Wechſelfälle des Daſeins und den Verfall ſelbſt alles Beſtehens erblicke: ſoll ich dann nicht mitten unter Ruinen den immek wiederkehren⸗ den Gedanken faſſen,— auch für mich werde ein Tag kommen, der mir das Geliebteſte raube? O dieſer Ge⸗ danke iſt ſelbſt ſchon ein Tod, der uns keine Wahl, ſon⸗ dern nur den Schmerz an Dem läßt, was man ſo feſt an ſich klammert, nur um es zu verlieren. Die nachdenklichen Freunde nahmen ihre Rückkehr zur Geſellſchaft, um erſt eine umgänglichere Stimmung zu gewinnen, über die Heide. Hier begegneten ſie der Grä⸗ fin und dem Grafen Eſſer im Geſpräche. Die kluge, weltgewandte Frau verſtand es, den choleriſchen Grafen in gelaſſenem, gleichmäßigem Schritte zu lenken. Auch jetzt hatte ſie ihn ſo weit gebracht, daß er wegen Ueber⸗ nahme des Oberbefehls in Irland der Königin eine un⸗ terwürfige Antwort zu geben verſprach, und die gute Stimmung der Monarchin zu Gunſten des wider den Wil— len derſelben verlobten Paares benutzen wollte. Die Kö⸗ nigin ſollte dann um eine Audienz zur Vorſtellung der Verlobten angegangen werden, und im Fall der Gewäh⸗ rung, wollte man eine feſtliche Fahrt auf der Themſe von Eſſergarten aus nach Weſtminſterhall veranſtalten. Dieſer öffentliche Zug zollte einigermaßen als Genugthuung für das Gepränge der Verlobung gelten, das der Monar⸗ chin ſo ärgerlich geweſen war. Viertes Kapitel. Gedie „Inzwiſchen hatte Sir Henry Tracy— ein blondhaariger, Dies rothwangiger junger Mann, nachdem er die empfangene übert Handſchrift William's hinter einer Hecke flüchtig durchlau⸗„ 8 ij fen, die beiden Freundinnen Alice und Eliſabeth in das ſpiel Sommerhaus geleitet, um ihnen das Gedicht vorzuleſen. chen Beide Mädchen beſtürmten ihn um den Namen des Ver⸗ am( faſſers; allein er wehrte mit geheimnißvollem Lächeln die licen Frage ab. Wollte er ſich auch keineswegs ſelber als Ver⸗ eiſhr faſſer vermuthen laſſen, ſo ſollte ihm doch der Gedanke nicht beider Zuhörerinnen an den einmal namhaft gemachten haber Dichter die ruhige Wirkung ſeines ausdrucksvollen Vor⸗ was trags nicht ſtören. Nur auf dieſen ſollten ſie achten. Die Verſe ſollten wenigſtens für das Gefühl eine gewiſſe Un c mittelbarkeit und Quellenfriſche behalten. Und ſo las er d nun einzelne bezügliche Stellen mit dem ſchwärmeriſchen bald Ton und Blick eines Liebenden, der die fremden Worte m als den echten Ausdruck eigener Empfindung darbringt. eine Bei ſolchen Stellen blickte er von Zeit zu Zeit über die tt Handſchrift hinaus nach Alicen. Er wollte den Eindruck und ſeines bedeutſamen Leſens erlauſchen, und mußte zu ſeinem 1 Verdruß immer dieſelbe gleichgiltige Unachtſamkeit wahr⸗ ein nehmen. Dieſe Beobachtung brachte ihn, der in unſicher du ktaſtender Neigung leicht Mistrauen faßte, auf den Ge⸗ danken, Alice möchte wol bei den lebhaften, leidenſchaft— habt lichen Verſen nur darum ſo kalt bleiben, weil ſie ihn ſelbſt für den Verfaſſer hielte.— Theure Alice, unterbrach er ſich daher, das Gedicht, oder eigentlich die einzelnen Gedichte ſcheinen Euern Beifall nicht zu finden? Ich könnte nicht ſagen, verſetzte ſie, daß mir das Gedicht ſonderlich gefiele. Es ſpringt ſo ab, bald auf Dies, bald auf Jenes; auch ſcheint mir der Ausdruck ſehr übertrieben; man weiß nicht, wie man es nehmen ſoll,— es iſt Alles ſo bildlich und unverſtändlich. Und die An⸗ ſpielung gleich vorn herein, ich glaube im zweiten Lied⸗ chen, die Anſpielung auf„Venus und Adonis“ läßt mich am Ende doch nur eine unglückliche Nachahmung des herr⸗ lichen Gedichtes von Maſter William vermuthen. Sie erſchrak bei den letzten Worten, und da ſie noch immer nicht dafür gelten wollte, dies üppige Gedicht geleſen zu haben, ſetzte ſie raſch hinzu: Ich ſage herrlich, nach Dem was ich davon gehört habe. Du mußt bedenken, liebe Alice, wendete Eliſabeth ein, daß wir einen leidenſchaftlichen Pilger vor uns haben, der bald da bald dort wandert, bald auf dürrer Höhe, bald im grünen Thale; der bald Blumen, bald Lämmer vor ſich hat, bald verſtändig, bald begehrlich, bald an einer Erinnerung ruhend, bald von einem Verlangen wei⸗ ter getrieben, für Nichts ein ganz zufriedenes Herz beſitzt, und vor Allem uns Frauen für ſo wankelmüthig hält, als er ſelbſt unſtät in ſeiner Wanderſchaft iſt. Vieles erinnert mich doch an Maſter William's Art und Aus⸗ druck, und dann—. Dann ſeht, theure Eliſabeth, wie ſehr Ihr Recht habt! fiel Tracy ein, und reichte die Handſchrift hin 28 Eben hat er mir das Gedicht mitgebracht, weil ich ihn ſchon einigemal um etwas Neues angegangen für Euch, meine hochgeſchätzte Alice,— zum Vorleſen nämlich, ich meine, was gerade ich vorleſen möchte. Alice erröthete.— Habe ich denn ſo wenig Acht ge⸗ geben? ſagte ſie. Ich bin freilich heute viel zerſtreuter, als ich ſein ſollte. Vergebt mir, Sir Henry, und leſ't weiter, ich bitte Euch! Sehr ſchön iſt, was er von Spenſer ſagt, fiel Eliſa⸗ beth ein, dort, wo er Muſik und Poeſie Geſchwiſter nennt Seht, hier heißt es: „Downland iſt dir werth, der dem Gotte gleich die Laute rührt, und Menſchenſinn entzückt, und Spenſer mir, der ſo erfindungsreich all' andres Dichten mächtig niederdrüͤckt.“ War nicht Downland ſonſt dein Liebling, Alice? Ich hatte ſein Spiel gern, ja! antwortete ſie, und bat Sir Henry fortzufahren. Sir Henry fuhr alſo zu leſen fort, und hatte kaum das Gedicht geendigt, als Beſuch für Alicen gemeldet ward. Sir Chriſtopher Blount warte im Hauſe, und wolle nicht in den Garten kommen.— Sie ſchien ver⸗ drießlich und nahm nach einiger Ueberlegung ihre Freundin Cliſabeth mit, den Beſuch auf ihrem Zimmer zu em⸗ pfangen. Wir erinnern uns noch dieſes vornehmen Puritaners und des leichtfertigen Urtheils über ihn, durch welches einſt Roſalie ſich das höchſte Misfallen Alicens zugezogen in tie nicht U ſchme Anzu 1 Blor Verl liche 9 toph Teſta antw zuget verſt ſen. reder mit trau und ſtop ſich erf e5 aus 29 hatte. Es war ein ſchmächtiger Mann mit feiner Naſe und etwas wirrem Ausdrucke der Augen. Er war heut in tiefe Trauer gekleidet; nur paßte ſeine ſüßliche Miene nicht recht zu dem Anzuge. Um des Himmels willen, Sir Chriſtopher, welch' ein ſchmerzlicher Fall hat Euch betroffen? ſagte Alice. Euer Anzug erſchreckt mich. Nicht wahr, Ihr ſeht mir eine tiefe Trauer an? ſeufzte Blount. Ach, ich fürchte, ich habe einen unerſetzlichen Verluſt erlitten. Ihr fürchtet nur, und kleidet Euch ſchon in die wirk— liche Trauer? fragte Alice. Wie ſoll ich das verſtehen. Ach ich verſteh's, rief ſchalkhaft Eliſabeth. Sir Chri⸗ ſtopher's reiche Tante iſt wahrſcheinlich geſtorben, und ihr Teſtament noch nicht eröffnet. Dieſe Tante würde ſelig im Herrn entſchlafen ſein, antwortete Blount; denn ſie iſt unſerer ſchönen Disciplin zugethan. Nein, mein munteres, weltkluges Fräulein, Ihr verſteht es nicht und würdet auch meine Trauer nicht faſ⸗ ſen. Erlaubt mir, theure Alice, von etwas Anderm zu reden, bis wir ohne Zeugen—. Eliſabeth wollte ſich entfernen; aber Alice hielt ſich mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit zurück, und ſchlug dem trauernden Blount vor, mit in den Garten zu kommen, und an der Geſellſchaft Theil zu nehmen. Sir Chri⸗ ſtopher lehnte es aber entſchieden ab, und da Eliſabeth ſich mit der Miene zu bleiben an eine Arbeit ſetzte, fuhr er fort: Ich komme im Auftrage der Brüder und— falls es mir einigen Werth in Euren Augen geben könnte— aus eigenem Antrieb zu Euch, theure Schweſter. 30 Willſt du etwas, Eliſabeth? fragte Alice die raſch aufblickende Freundin. Nein, ſagte dieſe mit verſtelltem Ernſte, ich hore da von einer neuen Verwandtſchaft, und wollte nur warten, ob du Sir Chriſtopher auf ſeine Schweſterbegrüßung auch Bruder nennen würdeſt; dann hätte ich ihn gleich auch als neuen Schwager empfangen. Alice befand ſich zwiſchen dem gläubigen Bruder und der neckiſchen Schweſter nicht ſehr behaglich. Jener ließ von finſterm Eifer die Lippe hangen: dieſe ſpitzte zu lau⸗ nigen Bemerkungen den ſchönen Mund. So ſaß Alice in beſtändiger Angſt, was der Eine herausſagen, und wie es die Andere beſcherzen könnte. Sie rückte verlegen auf ihrem Sitze, während Blount gebückt, und die gefal⸗ teten Hände zwiſchen den Knieen reibend, fortfuhr: Ihr verſäumt ſeit einiger Zeit unſere gottſeligen Ver⸗ ſammlungen, Schweſter Alice. Das beklagen die Brüder, ohne es zu begreifen. Ich begreife es, und habe aus Schonung, ſowie aus eigenem tiefem Leid um Euer Heil über die wahre Lage Eurer Seele geſchwiegen. Ihr wart, — ich erneuere mir den Schmerz, es zu ſagen!— Ihr wart im Schauſpiele bei Lord Hunsdon? Nun— fragte Alice in etwas ungeduldigem Ton. Barmherzigkeit des Himmels, wenn Ihr noch verwun⸗ dert fragt! rief Blount. Ich habe dieſe Trauer angelegt und den umwölkten Himmel angerufen, mir das Räthſel zu löſen,— was die bewährteſte, eifrigſte Schweſter ſo ſehr habe bethören können,— ſie, die wir ſchon der bal⸗ digen Aufnahme in den engern Bund der Gläubigen, in den geheimnißvollen Verkehr der Auserwählten für wür⸗ dig hi tung beſond lichen von zu Eu wißt, ſchauu dem I habt uns Daß big ſi keit meiſte getrie wahr. meine ſollen Ihr fuhre Crler geben migge Geſte dig hielten.— Der Herr hat mich noch keiner Erleuch⸗ tung hierüber gewürdigt. Darin erblicke ich einen Strahl beſonderer Gnade, die Eure Verirrung mit einer mütter⸗ lichen Hand bedeckt, und Euch Zeit gönnt, dieſen Flecken von Eurer Erlöſung zu tilgen. Dies einſehen und her zu Euch eilen, war Ein Gedanke. Ich war ja, wie Ihr wißt, immer der Nächſte, der Euch in Gebet und Be⸗ ſchauung begleitete; laßt mich nun auch der Erſte ſein, dem ihr auf reuiger Rückkehr begegnet. Meine Miſſion— Verzeiht, Sir Chriſtopher! fiel Eliſabeth ein,— Ihr habt da eine wunderliche Miſſion für einen, wie man uns Mädchen erzählt, ehemals ſo galanten jungen Mann. Daß die gläubigen Brüder im Punkte der Poeſie ungläu⸗ big ſind, iſt mir bekannt. Allein Ihr müßt wol Artig— keit und Huldigung gegen die Frauen, die Ihr ſonſt ſo meiſterlich geübt haben ſollt, auch als eine Art Komödie getrieben haben, weil Ihr ſie jetzt ſo verſchmäht. Aber wahrlich, Sir, wenn ſolche Vorwürfe, wie Ihr ſie eben meiner lieben Alice macht, eine Art von Andacht ſein ſollen; ſo ziehe ich doch die Höflichkeits⸗Komödie noch vor. Ihr begreift nicht, was Alicen in das Schauſpiel ver— führt habe? Bemüht doch ja den Himmel nicht um eine Erleuchtung darüber! Ich bin gut genug, ſie Euch zu geben. Ich ſelbſt, werther Sir, habe ſie verführt und mitgenommen. Ich bin die Verführung in perſönlicher Geſtalt. Und, Ihr könnt mir glauben, Sir Chriſtopher, —„Romeo und Julie“ iſt eine hohe Liebespredigt, und Meiſter William— nicht wahr, Alice?— iſt ein aller⸗ liebſter— Poet, der für ſeine herrlichen Wahrheiten gläubige Schweſtern findet 32 Die Zungen der Weltkinder ſind da, um die Geduld der Heiligen zu prüfen! ſeufzte Blount. Ich ſehe Euern niedergeſchlagenen Augen an, Alice, daß Ihr die Rede dieſer übermüthigen Braut misbilligt. Dieſe ſpaßhafte Freundin, um deren leichtes Herz die künftigen Freuden der Ehe gaukeln, wäre viel zu ſchwach geweſen, Euch in die Zauberſchlingen des Satans zu verlocken—. Ich bitte Euch, Sir Chriſtopher, reden wir jetzt nicht davon! ſagte Alice in gereizter Verlegenheit. Ihr mögt im Allgemeinen mit Recht gegen unſer beliebtes Volks⸗ ſchauſpiel eingenommen ſein; nicht alle Stücke, die dort dem Pöbel gegeben werden, mögen der Tugend und der guten Sitte huldigen. Aber Ihr kennt das ſchöne Tauer ſpiel„Romeo und Julie“ nicht. Ich habe in Thurmhill keinen eurer auserwählten Redner ſo ſchön und erbaulich reden hören, als in dieſem Stücke Pater Lorenz ſpricht und handelt. Und daß der Dichter dieſe Rolle ſelbſt zu ſpielen übernommen, zeigt mir zu ſeinen Gunſten, daß gerade dieſe Geſinnungen ſeine innerſten Gedanken, ſeine eigenſten Gefühle ſind. O Alice, verſetzte Blount, wißt Ihr nicht längſt, daß Satan die Stimme der Engel nachahmt? Der Erbfeind verſteht es, ſich mit den Hymnen der Gottſeligen, mit den Pſalmen der Gläubigen zu gurgeln, wenn es gilt die Schwachen zu verlocken. Geht, geht, Alice, und redet mir nicht von Erbauung im Hauſe der Sünde! Laſſen wir es gut ſein, Sir Chriſtopher, ſagte Alice empfindlich. Ihr bringt mich mit ſolchen Erklärungen erſt recht in die Bedenken hinein. Wenn ich nun die Hymnen und Pſalmen der Brüder höre, was ſoll ich davon denken ſind? fanger der n ſchein doch mert, ſchein nicht an groß das Offen Alles ſo gl kann, der 2 des Sign und und denn Cure als heiten giftig tuube dort Alſo Ko 33 denken? Wer ſagt mir denn, welches die echten Pſalmiſten ſind?— Ja, mein Freund, ich bin vielleicht weniger be⸗ fangen, als Ihr. Ich misverſtehe das Trachten der Brü⸗ der nach dem Unvergänglichen, Ewigen nicht. Ihr aber ſcheint das Wohlgefallen an Dem nicht zu begreifen, worin doch ohne Zweifel auch ein Strahl des Göttlichen ſchim⸗ mert,— in der Poeſie und in dem flüchtigen Wider⸗ ſchein des Menſchenlebens in der Kunſt. Ich habe mich nicht, wie Ihr glaubt, durch ein ſinnliches Wohlgefallen an Kunſt und Poeſie hinreißen laſſen; ſondern bin mit großer Ueberlegung und nach einem ſchweren Kampfe in das Schauſpiel gegangen. Ich ehre Gott in jeder ſeiner Offenbarungen! Und wenn Euch, Sir Chriſtopher, nicht Alles, was gedichtet und dargeſtellt wird, gefallen möchte, ſo glaubt mir, daß auch ich nicht Alles wohlgefällig finden kann, was in Curer frommen Disciplin vorgeht. Manche der Brüder tragen auf dem Pfade des Heils das Zeichen des Thiers an der Stirne. Warum ſollte ich nicht die Signatur des Ewigen an den weltlichen Künſten aufſuchen und mich daran erfreuen? Ihr liebt ja auch die Blumen, und wendet viel Sorgfalt auf ihre Pflege: ſtören Euch denn die bunten Farben und ſchmeichelhaften Gerüche in Eurer Andacht? Welche Verwirrung der Begriffe! rief Blount heftiger, als ſchicklich war: die Gaben der Natur mit den Thor⸗ heiten der Menſchen zu vergleichen! Ja, es gibt auch giftige Blumen, an ſchmuziggeſprenkelten Kelchen und be⸗ täubenden Düften erkennbar, und mir ſcheint, Ihr habt dort eine große Verworfenheit eingeathmet, Schweſter. Alſo gefällt Euch nicht Alles an den Brüdern? Seht Koenig, William Shakſpeare. II. 3 34 doch! Haben wir nicht immer bekannt, daß wir nur Men⸗ ſchen ſind? Und wenn wir Auserwählten ſogar in Kampf und Entſagung auf dem Wege der Gnade noch ſtraucheln, welches Heil mögt Ihr bei den Verworfenen ſuchen? Ich weiß nicht, wen Ihr ſo zu nennen wagt! ſagte Alice erblaſſend. Wen, wen? ſchrie Blount. Dieſe liederlichen Dichter, dieſe ſaubern Komödianten, und vor Allen den Beelzebub dieſer Verführung, dieſen berüchtigten William, den jetzt der Adel aufnimmt, wie ihm bisher das Volk nachgelau⸗ fen iſt. Dieſen— Kein Wort weiter in dieſem Tone, Sirb! rief ziemlich heftig Alice. Ihr ſprecht vom Freunde meines Bruders, von einem Gaſt unſers Hauſes. Er iſt mit demſelben Rechte drunten im Garten, wie Ihr auf meinem Zimmer; mit gleichem Rechte, nur mit ungleichem Betragen; denn er würde höchſtens über Euch lächeln, und niemals ſchimpfen. So? Im Garten iſt er? ſagte Blount und brach auf. Darum ſprecht Ihr ſo warm von ihm? Ueber mich lä⸗ cheln—, ſagt Ihr? Warm? erwiderte Alice erröthend. Ich verbeſſere nur die üble Meinung, die ich ſonſt von der Dichtkunſt hatte, und fange damit an, dieſe und den Dichter in meiner Gegenwart nicht herabwürdigen zu laſſen. So? Damit fangt Ihr an? ſtotterte Blount. Und womit hört Ihr auf? Doch das will ich nicht abwarten. So jäh abbrechend ſtürzte er fort, verdroſſen, wie es ſchien, über Alicens Gunſt für den Dichter. Denn Blount vergaß auch in ſeiner puritaniſchen Frömmigkeit ſeinen nich. C Freun⸗ haſt d als es Weic Poeſte Verſc Wa Lags geſiim Lachl ſache erbla ſeinen vornehmen Stand und ſeine hohen Verbindungen nicht. Eliſabeth umarmte lächelnd und beifällig ihre ereiferte Freundin.— Beruhige dich, Herzens⸗Alice! ſagte ſie. Du haſt dich mehr ereifert, als es der Narr verdient, und als es dir zuträglich iſt. Aber— ſetzte ſie nach einem Weilchen ſchalkhaft hinzu— nimm dich in Acht! Die Poeſie geht bei dir ins Blut, und treibt nach dem Herzen. Verſchlucke mir ja mit der Poeſie den Dichter nicht! Fünftes Kapitel. William fand ſeine Freundin Thekla, die er folgenden Tags beſuchte, ungewöhnlich aufgeräumt und zum Lachen geſtimmt. So oft ſie ihn nur anſah, erneuerte ſich ihre Lachluſt. Erſt fragte William mitlächelnd nach der Ur⸗ ſache dieſer muthwilligen Laune, und als, anſtatt ſich zu erklären, Thekla nur wieder aufs Neue lachte, fing es an, ihn zu verdrießen. Endlich ſprang er ganz unge⸗ halten auf, um fortzugehen. Sie lief ihm nach, hing ſich an ihn, zog ihn zurück, und brachte ihn ſchmeichelnd wie⸗ der zum Sitzen.— Du wirſt es nicht begreifen, ſagte ſie, daß mich ein Traum ſo ins Lachen bringt. Ich kann dir nur das wunderliche Zeug nicht erzählen; es iſt zu kunterbunt und zum Theil auch unſchicklicher, als man es ſelbſt träumen ſollte. Es kommt mir immer hochſt lächer⸗ 2* 3 36 lich vor, wenn ich im Traume mit Leidenſchaft gehandelt habe, wenn ich es wundergeſcheit angegriffen zu haben glaube, und nun beim Erwachen einſehen muß, daß alle Leidenſchaft, alle Berechnung, aller Stolz oder alles Mis⸗ vergnügen aus einer bloßen Täuſchung hervorgegangen iſt. Dann möchte ich mich todt lachen. Du würdeſt dich vielleicht ärgern: du kannſt ſo ernſthaft und empfindlich werden. Ich aber muß lachen, und nehme den Traum nicht höher auf, als es Einem ja manchmal im wachen Leben begegnet. Nicht wahr, mein lieber, verdroſſener Willy? Aber, wir vergeſſen ja die Hauptſache. Wie iſt es dir denn mit Roſalien ergangen?. Sie that dieſe Frage anſcheinend mit großem Ernſt; worauf William den Vorfall nur deſto launiger erzählte, dadurch aber eine Scene veranlaßte, wie ſolche zwiſchen beiden nicht ſelten vorfielen; indem durch das flüchtigſte Wort in Thekla's Herzen die widerſprechendſten Empfin⸗ dungen raſch angeregt und ſchnell wieder erſtickt werden konnten. Denn als der Freund am Schluſſe ſeiner von Thekla herzlich belachten Erzählung einige bittere Bemer⸗ kungen über Mädchen, wie Roſalie, hinwarf, überließ ſie ſich der lebhafteſten Entrüſtung über ſo harte Urtheile. Aber nun befremdete den Freund dieſe leidenſchaftliche Theilnahme, und Thekla mußte aus Furcht ſich zu ver⸗ rathen, ſchnell irgend eine Erklärung oder Ausflucht er⸗ finden. Dazu war ſie denn auch gewandt genug; und William hatte eine zu hohe Meinung von ihr und ihren verwickelten Schickſalen, um ſo bald ein Mistrauen zu faſ⸗ ſen. Aber dieſe Hingebung des edeln Freundes fiel dann wieder ihrem, eigentlich nicht unedlen Herzen zur Beſchä⸗ mung un lch, ver der ſieſ Willen weiflung dem ſie ſellſt hi derz der das Lel nicht h. mein 2 lie De muömach und ich Dies bald zu Mädchen Jlaubte. wenig ſolchen Herz n blcken, Bundee lichen liam's nithſelfr muth K Ausdru Mundes fen, da 37 mung und zum Vorwurf aus. Auch hierin leidenſchaft⸗ lich, verwünſchte ſie ſich und die lügenhafte Verwirrung, der ſie ſich nicht entreißen konnte, und in die ſie wider Willen immer tiefer gerieth. Ungeſtüm, ja wie in Ver⸗ zweiflung, warf ſie ſich an die Bruſt des Freundes; in⸗ dem ſie ihre Erinnerungen, ihre Lebenserfahrungen und— ſelbſt hierin wieder unwahr!— ihr allzutheilnehmendes Herz verklagte.— Hinweg mit Allem! rief ſie. Laß uns das Leben und die Menſchen vergeſſen! Sagte ich dir nicht hundertmal— Alles, Alles ſei Lüge? Komm denn, mein William,— vergiß Alles! Laſſen wir dieſe Roſa— lie! Der Graf mag mit ihr fertig werden, mag es— „abmachen“! Du gehörſt mir,— du biſt mein Freund, und ich— bin ich nicht deine zehnte Muſe? Dies Wort des Dichters ward durch Wiederholung bald zu einem Talisman, mit welchem das wunderliche Mädchen Alles beſchwichtigen und begütigen zu können glaubte. Und wirklich verfehlte dies Wort auch ebenſo wenig ſeine Wirkung auf den Freund. Er wähnte bei ſolchen ihm unerklärlichen Anwandlungen Thekla's, in ihr Herz wie in einen Abgrund von Leid und Liebe zu blicken, aus welchem er einſt, in Stunden des innigſten Bundes und Vertrauens, unerhörte Geheimniſſe des menſch⸗ lichen Lebens ſchöpfen werde. Freilich müßte man Wil⸗ liam's damals noch ſo argloſes Herz, ſeine wunder⸗- und räthſelfrohe Phantaſie beſitzen, und von der lebhaften An⸗ muth Thekla's, von der Wahrheit ihres leidenſchaftlichen Ausdrucks, und von dem Zauber ihrer Augen, ihres Mundes gleich ihm eingenommen ſein, um es zu begrei— fen, daß ein ſo geiſtvoller und herzenskundiger Mann ſich, 38 ohne allen Argwohn, wie ein Kind, in ſolchen Täuſchun⸗ gen wiegen konnte. Der unbehaglichen Stimmung, die nach den heutigen Crörterungen zurückblieb, ſuchte Thekla zu entgehen, in⸗ dem ſie dazu drängte, dem Oheim Lasko einen Beſuch zu machen. Du wirſt einen ſeltenen Mann an ihm finden, ſagte ſie unterwegs, der die Welt und die Menſchen recht durch und durch kennt, und für dich ſehr anziehend ſein wird. Ich meine, er kann dir ſein, was ein Marmor⸗ bruch dem Bildhauer: du kannſt hundert poetiſche Stoffe aus ſeinen Erfahrungen brechen. Hier in London hat er— ich weiß nicht welchen Verkehr mit angeſehenen Männern. Es iſt ſeine Art, ein wenig geheimnißvoll zu thun, und ich mache mir keine Sorge darum. Du wirſt, wenn du ihn zuweilen beſuchſt, mancherlei Männer bei ihm antreffen, mit denen ihn Geſchäfte zuſammenbringen; oder er geht auch oft am liebſten mit wunderlichen und bizarren Geſellen um. Wer das Leben, wie er, durch⸗ genoſſen hat, liebt am Ende das Scharfſchmeckende. Fällt dir je einmal an ſeinem Treiben etwas auf, oder ſucht er dich in irgend eine Angelegenheit mit hineinzuziehen: ſo ſprich lieber erſt mit mir davon. Du könnteſt ihn leicht misverſtehen: er ſcheut es oft nicht, ſchlimmer zu erſcheinen, als er iſt. Ich kenne ihn und ſeine Art, und kann dir in einzelnen Beziehungen eher etwas Beſtimmtes ſagen, als ich dir eine allgemeine Schilderung von ihm zu geben im Stande bin. Was weiß er von unſerm Verhältniß? fragte William. Er kennt unſere innige Freundſchaft, antwortete ſie, und wir abwarten Das Wohnun ſehen, f bautes Londond ſehene Willia Bemer züge d gelegene Nic Thekla jenem leicht n erinnere mals u in leich entgege ſehr d La geſchlü Nann mendes Heiter ſchieden ſprach ſch 39 und wird dich ſchätzen lernen. Das Uebrige wollen wir abwarten. Das Eckhaus des krummen Gäßchens,— jene erſte Wohnung Thekla's, aus der wir ſie haben entfliehen ſehen, fiel ihnen jetzt in die Augen. Es war ein neuge⸗ bautes anſehnliches Haus, ſehr lebhaft in der Nähe der Londonbrücke gelegen. Der Eigenthümer hatte für ange⸗ ſehene Familien einige ſchöne Miethwohnungen eingerichtet. William lobte die bequeme Treppe, worauf Thekla die Bemerkung fallen ließ, Lasko ſuche ungeachtet der Vor⸗ züge dieſer Wohnung eine andere, tiefer in der Stadt gelegene. Nicht ohne eine kleine ängſtliche Spannung öffnete Thekla Lasko's Zimmer, ob ſich nämlich William von jenem Wortwechſel mit ihm am Abende ihrer Flucht viel⸗ leicht noch des Mannes im Mantel und eingedrückten Hut erinnere. Allein gerade dieſe Verhüllung hatte ihn da⸗ mals unkenntlich gemacht. Ueberdies trug er, wie er jetzt in leichtem Hauskleide, lebhaft und artig, dem Dichter entgegenkam, den Bart nach der oft wechſelnden Mode ſehr verſchieden gegen damals zugeſtutzt. Lasko, der vielgereiſte, in mancher Verlegenheit durch⸗ geſchlüpfte, in verwegenen Unternehmungen durchtriebene Mann, hatte viel Gewandtheit und etwas ſehr Einneh⸗ mendes in ſeiner edeln Geſtalt und in freiem Anſtande. Heitere Laune belebte ſein Geſicht, das vom Anhauche ver⸗ ſchiedener Klimate gefärbt ſchien. Ein beweglicher Geiſt ſprach aus ſeinen Augen, und jene Leidenſchaftlichkeit, die ſich leicht für Wärme des Herzens und Schwung der Seele nehmen läßt, war ihm ſtatt dieſer beiden Eigen⸗ ſchaften reichlich verliehen. Wenn er in behagliches Er⸗ zählen kam, war wirklich, wie Thekla angedeutet hatte, jedes Geſchichtchen, jede Anekdote, jede Bemerkung des lebenserfahrnen Mannes ein Kern oder ein Keim für einen Dichter, der das Abgelebte mit einer Bedeutung des Lebens zu etwas Ideellem anzufachen verſtand. Sehr angeregt und zufrieden ſchied William, nach einem Stündchen lebhafter Unterhaltung, mit Lasko's Ein⸗ ladung, recht oft und unbefangen wiederzukommen. Der Freund ahnte nicht, daß es Lasko mit ſeinem zuvorkommenden Benehmen auf ihn abgeſehen hatte. Durch Thekla kannte Lasko William's vornehme Ver bindungen, und wußte aus Erfahrung, daß Schwärmerei und Begeiſterung eines Menſchen für den Klugen ein nutzbares Feld ſind. Er zog überhaupt gern wirkſame Talente an ſich, wenn auch nur auf das Gerathewol irgend eines Falles, wo man ſie brauchen könnte. So hatte er in der freundlichſten, ſcheinbar gleichgiltigſten Unterhaltung mit William unvermerkt eine Menge Ein⸗ zelnheiten über die Familie des Grafen Eſſer und Sout⸗ hampton, über deren Neigungen, Schwächen, Liebhabe⸗ reien, häusliche Einrichtungen, Lebensgewohnheiten und dergleichen herausgebracht, ohne daß unſerm Freunde nur eine Frage aufgefallen wäre. Denn nicht leicht verſtand Jemand, in ſo hohem Grade, wie Lasko, die Kunſt, was er hören wollte, als etwas anzudeuten, was er ſehr genau wiſſe. Sobald William das Haus verlaſſen hatte, eilte Lasko ſeine Bemerkungen in ein Buch einzutragen, das Zwecke führte Lacko für ge zum T wirklich genug, klas he Verſtech angfllih dieſen⸗ Grafen nicht u Lasko wänſch den zimmer tern G Hüfchen in neu⸗ war. genen nicht d 44 Ligen⸗ er zu einem auf das Sorgfältigſte geheim gehaltenen 3 Er Zwecke über die londoner Perſonen und Verhältniſſe hatte, führte. J des für ͤͤ utung Sechstes Kapitel. nach 2 2 Cin Lasko wohnte ſehr angemeſſen für einen Mann, der da⸗ einem für gelten wollte, daß er als Edelmann fremde Länder hatte zum Vergnügen und zur Belehrung beſuche. Zu ſeinen Ver wirklichen Geſchäften lag aber das Haus nicht verſteckt nerei genug, und hierin bei weitem nicht ſo günſtig, als The⸗ ein kla's heimliche Wohnung. Graf Southampton hatte dies ſame Verſteck für Roſalien zu ſeinen verſtohlenen Beſuchen mit ewol ängſtlicher Vorſicht ausgewählt.— Seit aber William dieſen Aufenthalt kannte, und jeden Augenblick mit dem Grafen kommen konnte, Roſalien zu ſprechen, lebte Thekla nicht mehr ruhig. Sie trat daher ihre Wohnung an out Lasko ab, dem ſie ſehr zuſagte und der ſie zu haben abe wünſchte. Sein geſpornter Fußtritt war es auch geweſen, den William bei ſeinem Beſuche Roſaliens in ihrem Vor⸗ und nul zimmer gehört hatte. Für Thekla fand ſich auf dem hin⸗ zand tern Gang des weitläufigen Hauſes eine kleinere auf ein mſt Höſchen gehende Wohnung; ſodaß ſie, ohne auszuziehen, ſehr in neuer Verborgenheit und zugleich von Lasko getrennt war. Denn ungeachtet ihres neuen, aus Noth eingegan⸗ genen Verkehrs mit ihm hatte ſie ihr altes Mistrauen nicht völlig abgelegt, und ſo Manches, was ſie an ihm . 42 bemerkte, war nicht gemacht, ihre heimliche Abneigung zu verſöhnen. Nun konnten ein oder der andere angeſehene Mann, der heimliche Aufträge für Lasko hatte, mancher Gauner in Lasko's Solde, und vor Allem die Freunde dieſes nie⸗ mals abſichtloſen Mannes viel unbemerkter aus⸗ und ein⸗ gehen, und manche läſtige Verabredung an drittem Ort fiel hinweg.— Als heimlicher Beſucher kam auch, ohne jedoch weder vornehm noch ein Gauner zu ſein, Sir Ro⸗ ger Aſton, der ehemalige Leibbarbier König Jakob's von Schottland, der jetzt zum Edelmann erhoben, den perſön⸗ lichen Briefwechſel ſeines Königs mit Eliſabeth von Eng⸗ land beſorgte. Er war ſeit geſtern wieder aus Schottland angekommen, und hatte heut Audienz bei der Königin, um ihre Briefe in Empfang zu nehmen. Lasko erwartete ihn, und nahm keine andern Beſuche an. Endlich, Sir Roger, nun endlich doch! rief er dem Eintretenden entgegen mit einem ſehr artigen Lächeln, das aber nebenher der ſteifen Haltung und dem ge⸗ ſchmackloſen Anzuge des ältlichen Mannes galt. Denn zum ſpaniſchen Kragen und blaßgelben Barte nach Zu⸗ ſchnitt des Adels ſtand die breite lederne Degenkoppel mit kupferner Schnalle, wie ſolche von Viehhändlern auf dem Lande getragen wurde, ebenſo lächerlich, als die Liebeslocke im ſilbernen Ohrringe zum lederbraunen fal tigen Geſichte. Dabei trug Aſton aus alter Handwerks⸗ gewohnheit die Aermel ſo weit zurückgeſchlagen, daß der ſpitze Knochen des Handgelenks zum Vorſchein kam. Ihr habt ja eine erſtaunlich gnädige Audienz gehabt, Sir Roger! ſetzte Lasko hinzu. On⸗ er alsb abſchnal lauben, fort. Schenke mir's Schafen wenig gleich ihrem diges auf die Audien Ei Curige auf Af Un helte A ſagte Jaen wolle Geiſte lichen V ſie ta offene zurück meiner ng zu Nann, auner nie⸗ ein⸗ Ort ohne tRo⸗ 3 von erſön⸗ Eng⸗ tland igin, artete 43 Gnädigſt lang, mein Herr! erwiderte Aſton, wobei er alsbald ſeinen Degen und eine verſchloſſene Brieftaſche abſchnallte, und auf den Tiſch legte. Ihr müßt mir er⸗ lauben, meine Beine ein wenig auszuſtrecken, fuhr er fort. Die Gnaden der Könige wirken ſehr übel auf die Schenkel und Knie ihrer Unterthanen. Aber ich erwartete mir's gleich. Ich habe ſo meine Zeichen. Wie ſich der Schäfer auf die Wolken verſteht, ſo verſtehe ich mich ein wenig auf die Geſichter der Majeſtäten. Und da iſt mir gleich anfangs nicht entgangen, daß die Königin unter ihrem linken Ohr ein Wahrzeichen hat, nämlich ein gnä⸗ diges Wärzchen. Je kürzer nun die drei ſteifen Haare auf dieſer Warze geſtutzt ſind, deſto länger fallen ihre Audienzen aus. Eine ſehr feine Bemerkung, zu der ein Blick, wie der Eurige, erfodert wird, Sir Roger, lächelte— mit Bezug auf Aſton's früheres Handwerk— der Schalk Lasko. Und deſto länger tanzt ſie auch! ſetzte der Geſchmei⸗ chelte hinzu. Ach ja, von dem Tanzen habe ich bei Hofe gehört! ſagte Lasko. Sie ſcheint, obgleich unvermählt, doch der guten Ordnung einer glücklichen Ehe dadurch huldigen zu wollen, daß ſie, ohnehin als ein Weib von männlichem Geiſte, in dieſer männlichen Hälfte nach ihrer eigenen weib⸗ lichen Pfeife tanzt. Verzeihung, mein Herr! rief Aſton misverſtehend,— ſie tanzt nach einer Violine, im Vorzimmer bei halb offener Thüre. Die Vorhänge werden nämlich ein wenig zurückgeſchlagen zum Durchblicke für mich, und damit ich meinem gnädigen Jakob erzähle, wie jugendlich ſie noch 44 ſei. Sie will ihm die Zeit der Thronfolge recht lang machen,— unter uns! O wir kennen das,— mein gnädiger Jakob und ich! Sir Roger, was für ein Mann ſeid ihr! rief Lasko mit angenommenem Erſtaunen. Wer könnte ſich rühmen, daß ihm eine ſo berühmte Monarchin etwas vortanze? Aſton lachte vergnügt, indem er mit halbgeſchloſſener Fauſt in der hohlen Linken, als ob er Seifenſchaum in einem Becken ſchlüge, hin und her fuhr. Die Großen, ſagte er, haben ſeltſame Vorſtellungen von unſerer bür⸗ gerlichen Klugheit: ſie bilden ſich ein, wir bemerkten nichts von Dem, worüber wir uns gegen ſie nicht ausſprechen dürfen. Denn über ihre Schwächen mit ihnen reden, wäre nicht beſſer, als gegen den Strich ſcheeren. Und dabei würde die ſchärfſte Zunge juſt das ſchmerzlichſte Meſſer ſein, im graden Gegentheil von—. Was wollte ich doch ſagen? Ja ſo! Mit meinem gnädigſten Jakob, wollte ich ſagen, ſpreche ich doch darüber, und er nennt es in ſeiner witzigen Weiſe„Eliſabeth's Jugendgedicht“, Und läßt ſich dabei die Zeit zur Thronfolge nicht lang werden? fragte Lasko Ein wenig doch! flüſterte Aſton. Je länger die Kö nigin jugendlich thut, deſto heftiger wird ſein Verlangen nach ihrer Krone. Mithin iſt ihr Gedicht doch gut, lächelte Lasko; es erregt Spannung und Erwartung. Ihr freilich, Sir Roger, dürft es gewiſſermaßen unausſtehlich finden, weil Ihr es im Vorzimmer ſtehend kaum aushalten könnt. Allein wenn dann die Violine ſchweigt, die Königin ſich verſchnauft hat, und Ihr nun eintretet,— ein ſtattlicher, anſehnlit Worte Ihr in Ueberha Klughei Jakob's an der Her Fürnte, keute, Hu durchs da nög Spanie Si Vorige ſo ehre ſchottiſ gedete Inädic eben( derſchle Ci locke⸗ Sir R Dhriin O O 4⁵ 1 ang anſehnlicher Hofmann: dann vergüten ihre huldreichen nein Worte Alles, Alles. Süße, huldreiche Geheimniſſe nehmt Ihr in Empfang—. Fühlt Ihr Euch da nicht beglückt? gk Ueberhaupt iſt Eure Stellung ſehr fein, und erfodert ꝛen Klugheit; zwiſchen Eliſabeth's Dichten und Eures gnädigen Jakob's Trachten ſteht Ihr mitten inne, wie das Zünglein ner an der Wage. in Heut war ſie etwas ungnädig, verſetzte Aſton. Sie hen zürnte, daß mein gnädiger Jakob einige katholiſche Edel⸗ ur⸗ leute, die auf verrätheriſchem Briefwechſel mit Spanien ichts über des Königs Perſon und Hofhalt ertappt worden chen ſind, ſo nachſichtig behandelt habe. Dergleichen müſſe mit en dem Tode beſtraft werden, meinte ſie. Ind Hul lachte Lasko ſchalkhaft. Und indem er einen Gang hſte durchs Zimmer machte, ſetzte er halblaut für ſich hinzu: llte da mögen ſich Die hüten, die über ihre eigene Perſon nach ob Spanien berichten! nnt Sie hat immer etwas zu klagen, fuhr Roger fort. Vorigesmal beſchwerte ſie ſich darüber, daß König Jakob mg ſo ehrerbietig an den Papſt geſchrieben, und für ſeinen ſchottiſchen Biſchof Drummond um einen Cardinalshut gebeten habe. Hierüber habe ich ihr nun heute meines ae gnädigen Jakob's geheime—. Aber halt! das ſind ja eben Geheimniſſe, und mein Herz ſollte eigentlich eine ſo 73 verſchloſſene Kapſel ſein, als dieſes Ledertäſchen iſt. * Ci was ſeh' ich! rief Lasko. Ihr tragt eine Liebes⸗ un locke? Welche der Hoffräulein iſt Euch ſo nah gekommen, nt Sir Roger, daß ſie mit ihrem Haar an dieſem ſilbernen ich Ohrringe hangen geblieben? Schalk, Schalk—! O geht! ſchmunzelte Aſton. Was Hoffräulein! Ja, 46 wenn Eure ſchöne Nichte ein Hoffräulein wäre, dann würd' ich mir eine Gnade von der Königin ausbitten. Aber jene bei Hofe ſind ſchon ziemlich gealtert, ſodaß ſie faſt alle etwas Bart haben. Deſto artiger werden ſie gegen Euch ſein, ſagte Lasko. Artiger? Warum das? fragte Roger. Wächſt denn die Artigkeit unter der Naſe? Artig, weil ſie es mit einem Kenner zu thun haben, ſcherzte Lasko mit ernſthafter Miene. Wer weiß, wie Manche ſich doch im Stillen nach Eurer gewandten Hand ſehnt. Nach meiner Hand? ſchmunzelte der Alte. Ihr neckt mich, Ihr ſeid ein Spötter. Ei was, ein Mann von Euern Verdienſten—! be⸗ theuerte Lasko. Verdienſten? rief Jener. Ich verbitte mir dergleichen Spott. Ich habe in England keine Verdienſte; ich habe Euere Königin niemals raſirt, wie meinen gnädigen Jakob. Misverſteht mich nicht ſo! verſetzte Lasko. Ihr müßt noch ganz andere Verdienſte haben,— beſondern perſön⸗ lichen Werth. Denn nicht Jeder, der eine Majeſtät ein⸗ ſeift, kann vom Schaume ſeiner Finger eine Edelmann⸗ ſchaft in ſein Becken ſtreichen. Fragt einmal, was Lord Burleigh von Euch hält! Lord Burleigh? frug Aſton, und rieb ſich lächelnd mit der Oberfläche ſeiner rechten Finger am Kinn. Nun, ſagt mir's! Was? Ich habe doch Seine Herrlichkeit niemals geſprochen. O Seine Herrlichkeit, ſowie auch der Graf Eſſer, dürften mir wol das Wort gönnen. Meinen die kords et ich auch heimlich, ppielen b vor; we⸗ ich und mein He genug, und ihr zulächel leigh em mein Sir ſpecielle Seh genbrau Set den 9- hen bli thäte⸗ In ſide ſiloſſ die Sc ſchottiſe E. Bischen Villleit Sympa Attente 47 Lords etwa, wenn ſie mich nicht anerkennten, ſo wüßte ich auch nicht, daß ihre Briefe an meinen gnädigen Jakob heimlich, hinter dem Rücken ihrer Königin gehen? Sie ſpielen bereits verſtohlen dem künftigen Thronfolger etwas vor; wer weiß dann aber, ob ſie es beide erleben, daß ich und mein gnädiger Jakob in London einziehen. O mein Herr von Lasko, ſagt ihnen doch, ich ſei Hofmann genug, ihre Briefe durch meine Finger gehen zu laſſen, und ihrer Chrlichkeit durch dieſelben Finger zu ſehen. Aber zulächeln dürfte mir doch ſeine Herrlichkeit, der Lord Bur⸗ leigh einmal, wenn er mir ſeine Briefe auch durch Euch, mein Herr, zuſtellen läßt. Sir Roger, flüſterte Lasko, der Lord hat eine ſehr ſpecielle Meinung von Euch— Sehr ſpeciell? fragte Roger mit hochaufgezogenen Au⸗ genbrauen. Das freut mich. Sehr ſpeciell! fuhr Lasko fort. Und wenn Ihr den Lord ein Viertelſtündchen in dieſes Euer Brieftäſch⸗ chen blicken ließet,— was glaubt Ihr, was Burleigh thäte? In dieſe Ledertaſche, worin die Briefe der Koͤnigin ſind? verſetzte Roger. Nichts da! Die Ledertaſche iſt ver⸗ ſchloſſen. Mein gnädiger Jakob hat einen Schlüſſel für die Schreibereien der Königin, und ſie hat einen für die ſchottiſchen Briefe. Ei nun! lachte Lasko. Dann laßt den Lord doch ein Bischen ſeine Freude an der verſchloſſenen Taſche haben. Vielleicht will er nur daran riechen. Kennt Ihr die Sympathien der Miniſter für lederne Taſchen nicht? Eine Aktentaſche geht ihnen über den Himmel. 48 Ja wol! ſeufzte Roger. Denn ſie verdienen ſich ge⸗ wöhnlich die Hölle damit. Aber ich trage keine Staats⸗ akten. Wißt! Ich trage die Worte, die eine Majeſtät zur andern in die Ferne ſpricht. Und die ſind heilig, und ſollen vor Miniſtern und ſonſtigen ſchlechten Chriſten verwahrt bleiben. Daß Ihr's wißt! Dieſe Hand, die einſt meinen gnädigen Jakob eingeſeift, hat ihm Hand⸗ ſchlag auf Treue gegeben. Es gibt auch nachgemachte Schlüſſel. Ich bin zwar Edelmann, aber ich reiche doch noch lange nicht hoch genug hinauf, daß mich Lord Burleigh. bequem über den Löffel barbieren könnte. Und— wenn er ſich auch bücken wollte, ſo— mit Erlaubniß zu ſagen! ſo ſollte mir doch keine Hand, die einen falſchen Schlüſſel führt, an die Kehle kommen. Gott verdamme! Lasko gab dem Eifernden Recht, und lobte deſſen Ge⸗ ſinnung.— Wer dächte auch an ſo Arges! rief er aus. Aber Recht habt Ihr, und wenn ich mir die Mvoglichkeit ſolcher Liſt denke, muß ich Euch rathen, die Taſche ja nicht aus der Hand zu geben. Doch,— wie vorlaut von mir, daß ich Euch rathen will,— einem ſo welter⸗ fahrenen Staatsmanne! Sir Roger war durch ſeinen Eifer unruhig geworden. Er griff nach dem Degen, und drang auf ſeine Abreiſe. Er wollte vor Nacht noch eine Strecke reiten, und fo⸗ derte die Briefe der beiden Lords, die er mit nach Schott⸗ land nehmen ſollte. Lasko nahm ihm den Degen und die Brieftaſche wieder ab, und bat ihn, nur noch ein paar Augenblicke Geduld zu haben, die Briefe des Gra⸗ fen Eſſer ſollten den Augenblick kommen. Indeß könnt Ihr meiner Nichte Lebewohl ſagen, ſetzte er hinzu. Sie wrürde m ließe, oh E mer.— den Sir Siehſt d als die! ſeine ble Las ſchickte riegelte die Lede hervorge Lord Bu Als tem Läc Neel als es davon! Dal leighs mer, v und d talöſen. würde mir's nicht verzeihen, wenn ich Euch ſo abziehen ließe, ohne daß ſie Euch geſehen hätte. Er nöthigte den ehrlichen Gecken auf Thekla's Zim— mer.— Hier, liebe Nichte, ſagte er, nimm mir einmal den Sir Roger wegen ſeiner Liebeslocke in die Beichte. Siehſt du, die blonden Haare ſcheinen ihm lieber zu ſein, als die braunen. Iſt nichts zu trinken hier? Wir wollen ſeine blonde Gebieterin leben laſſen. Lasko entfernte ſich mit einem Winke für Thekla, ſchickte dann eine Erfriſchung durch den Diener und ver⸗ riegelte ſein Zimmer. Behend öffnete er mit einem Schlüſſel die Ledertaſche Sir Roger's, und nahm eiligſt von dem hervorgeholten Schreiben der Königin eine Abſchrift für Lord Burleigh, ihren Miniſter. Als er die Taſche wieder ſchloß, ſagte er mit boshaf— tem Lächeln: Niemand kann ſanfter über den Löffel barbiert werden, als es dieſem Sir Roger geſchieht: er nimmt gar nichts davon wahr! Dann legte er, als inzwiſchen eingelaufen, Lord Bur⸗ leigh's Briefe auf die Taſche und eilte nach Thekla's Zim— mer, um die gefällige„Nichte“ von dem Lord Hofbarbier und dem Seifenſchaume der Unterhaltung deſſelben zu erlöſen. Koenig, William Shakſpeare. Bei wiederholten Beſuchen fand William Gelegenheit, manchen Blick in Lasko's Verbindungen zu thun. Be⸗ kannte traf er hier nicht, und die Fremden, die ihm auf⸗ ſtießen, waren auch meiſt ſolche, die ihn wirklich befrem⸗ deten. Der Anziehendſte darunter war ein Mann in den Fünfzigen, Namens Walpole,— ſchlank gewachſen, von ſehr eingezogener, etwas vorgeneigter Haltung und heitern, ſanft lächelnden Mienen. Er hatte verſchiedene Länder bereiſt, erzählte gern und machte viel Rühmens von Spanien. Dabei benahm er ſich mit einer gewiſſen vor⸗ nehmen Leichtigkeit, im Ganzen offen und zuvorkommend, und nur bisweilen begegnete William einem lauernden, forſchenden Blicke deſſelben. Doch dies war dem Freunde nicht das Auffallendſte; mehr machte ihn die dunkle Klei dung und der eigenthümliche Haarſchnitt ſtutzig. Beide ſchienen einen Geiſtlichen, einen der Prieſter zu verrathen, die unter dem damaligen Drucke der Katholiken weltliche Kleider trugen, in denen ſie jedoch für ihre Glaubensge⸗ noſſen etwas Ehrwürdiges zu bewahren ſuchten. In dieſer Vermuthung beſtärkten unſern Freund einige junge Engländer, die er wiederholt in ungewöhnlichen Beſuchſtunden bei Lasko traf. Sie waren jüngſt aus Frankreich gekommen, bewegten ſich unbeholfen in abge⸗ iichteten meriſches ſchein ka jeſuitiſch länder eines C nicht u⸗ zungen Reihe gegen vorgega vertraut ſo lang Kuten beſorgen ſe; da Vurleig Sonſt Jen, ſ A doch n Name Galizie gen Je 1 dieſen derſelb — 54 richteten Manieren, wobei jedoch nicht ſelten etwas Schwär⸗ meriſches, Exaltirtes in Blick und Redeweiſe zum Vor⸗ ſchein kam. Zuweilen, wenn ſie mit Lasko vertraut ſpra chen, hörte der Freund ein halblautes Wort, das ihn auf die Vermuthung brachte, es müßten junge Katholiken aus jeſuitiſchen Seminarien ſein, in denen damals reiche Eng⸗ länder erzogen wurden. So kam ihm einigemal der Name eines Cardinals zu Gehör. William konnte von nun an nicht unterlaſſen, eine ängſtliche Aufmerkſamkeit auf dieſe jungen Leute zu richten. Aus ſolchen Umtrieben war eine Reihe von Jahren hindurch mehr als eine Verſchwörung gegen die Königin und ſo manche Volksbewegung her⸗ vorgegangen. Er machte Thekla mit ſeinen Beſorgniſſen vertraut. Sie blieb aber ganz ruhig, und meinte lächelnd, ſo lange Doctor Lopez, der Königin Hausarzt, mit dieſen Leuten verkehre, ſei wol keine gefährliche Anſteckung zu beſorgen.— Mein Oheim iſt ſehr geheimnißvoll, ſagte ſie; da er aber auch in Verbindung mit dem Miniſter Burleigh ſteht, ſo glaube ich eher, daß er im Intereſſe der engliſchen Regierung ſolche Leute überwachen hilft. Sonſt müßte ja Herr von Lasko auf beiden Achſeln tra⸗ gen, ſetzte ſie lächelnd hinzu. William ſchwieg; allein im Stillen erkundigte er ſich doch nach dem Doctor, und erfuhr, daß derſelbe, wie der Name ſchon verrieth, ein Spanier von Geburt war, aus Galizien ſtammend. Graf Eſſex hatte nämlich vor eini⸗ gen Jahren, als die engliſche Flotte auf einer Expedition nach Portugal die untere Hafenſtadt Corunna wegnahm, dieſen geſchickten Arzt mit nach England gebracht, wo derſelbe auch bald in den höhern Kreiſen Vertrauen ge⸗ 1* 52 wann, ſodaß die Königin ihn zum Hausarzte annahm, indeß ihr eigentlicher Leibarzt Doctor Maſters blieb. Lo⸗ pez hatte ein ſehr ſpaniſches Ausſehen und war einſylbig und finſter. Nur Walpole verſtand es, ihn zum Sprechen zu bringen, und während er ihn mit der artigſten Auf⸗ merkſamkeit behandelte, war es nicht zu verkennen, daß der verſchloſſene Arzt mit jedem Tage unterwürfiger gegen den verborgenen Prieſter wurde. Cinmal, während William mit Thekla vertraulich flü⸗ ſternd ſaß, und ſie den Freund auf einige Augenblicke verlaſſen hatte, wurden im anſtoßenden Zimmer, wo Lasko mit Walpole arbeitete, Briefe abgegeben. Lasko erbrach ſie und beide Vertraute vergaßen ſich über dem Inhalte ſo ſehr, daß ſie lebhafter und lauter ſprachen, als ſie es vielleicht ſelbſt dachten. Ohne gerade zu lauſchen, höͤrte William durch die nur angelehnte Thüre die Namen Fuentes und Iberra nennen. Es war von einer unver⸗ ſchieblichen guten That, von einer großen Belohnung, von der Umgebung der Königin die Rede. Walpole ſchien ärgerlich und nannte mehrmals den Namen Lopez. Viel leicht fehlte ein einziges Wortchen zur Löſung dieſes Räth ſels, als Thekla wieder hereintrat. Kennſt du Fuentes und Iberra? fragte William an⸗ ſcheinend gleichgiltig. Die ſpaniſchen Statthalter in den Niederlanden? er widerte ſie. Ich kenne ſie nicht perſönlich. Warum fragſt du nach ihnen? Es ſind eben Briefe von ihnen an deinen Oheim ge kommen, antwortete er, Nachrichten, die ihn ſehr zu in⸗ tereſſtren ſcheinen Nachrich Ic und ſetz viel wiſ ns befre meinſt Ich m Spren d lich, v ſprechen ten ſich die ein cender ſchleiche die wie ſuldig Se trauen Corre forgt. in den Miniſt Köͤnig unſer an 53 Sie ſah ihn ſcheu und beſorgt an. Dein Auge fragt, was etwa mein Ohr bei dieſen Nachrichten gewonnen habe, nicht wahr? lächelte William. Ich bitte dich, ſage mir's! bat und ſchmeichelte ſie, und ſetzte, ſich beſinnend, raſch hinzu: Ich möchte wol ſo viel wiſſen, um meinen Oheim einmal auf etwas Beſtimm⸗ tes befragen zu können. Er lacht mich immer mit:„Was meinſt du denn nur?“ aus, und ich weiß dann nichts. Ich möchte nur ſo viel Faden haben, um ihm einen Sprenkel zu knüpfen. Die Worte, die ich gehört habe, ſind wenig verfäng⸗ lich, verſetzte William; Jeder kann von dieſen Dingen ſprechen, aber der Ton, in welchem dieſe beiden Vertrau⸗ ten ſich unterreden,— der macht mich betroffen. Worte, die ein entſetzliches Vorhaben ſchleppen, können nicht keu⸗ chender, kurzathmiger aus dem Herzen kommen, als die ſchleichenden Sylben dieſer beiden Freunde,— Wörtchen, die wie fröhliche Kinder hüpfen würden, wären ſie un ſchuldig, wie Kinder. Sei unbekümmert, lieber Freund! bat ſie. Im Ver⸗ trauen darf ich dir ſagen, daß mein Oheim eine geheime Correſpondenz eures Miniſters mit dem König Jakob be⸗ ſorgt. Vielleicht iſt dies der Fall auch mit den Spaniern in den Niederlanden. Du wirſt gehört haben, daß die Miniſter in den niederländiſchen Angelegenheiten mit der Königin im Widerſpruche ſind. Es iſt nur ärgerlich, daß unſer trauliche Umgang ſo nah an Staatsgeheimniſſe ge— rückt iſt. Lasko, ob nun von Thekla gewarnt, oder William's Mistrauen bemerkend, richtete es von dieſem Tage an ſo 54 ein, daß der Freund ihn nur zu beſtimmten Stunden zu Hauſe antraf, ſonſt aber von Thekla auf ihrem Zimmer erwartet wurde. Dieſe blieb ſo unbefangen wie früher, und William war froh, keinen Grund mehr zu Mistrauen zu finden. Bald ließ er ſelbſt auch den früher gefaßten Argwohn fahren, wie ein Fiſcher die Angel, wenn nichts Rechtes anbeißen will. Deſto unangenehmer ward ihm mit jedem Tage eine neue Bekanntſchaft, die er bei Lasko gemacht hatte,— ein gewiſſer Meiſter Mumblaze, ein ſchön gewachſener Mann von etwa dreißig Jahren, kräftig von Ausſehen, mit rohen Geſichtszügen. Etwas Gemeines im Ton und Frivoles im Blicke ſtieß unſern William in der erſten Stunde ſo entſchieden ab, daß er einen unbeſiegbaren Widerwillen gegen den Fremden faßte. Hierzu trug wol auch die Zudringlichkeit deſſelben gegen Thekla bei. Sie konnte ſich mit keinem gemeſſenen Ernſte, mit keinem ver achtenden Blick oder entrüſteten Worte ſeiner Schmeiche⸗ leien erwehren, und wollte es doch, wie es ſchien, nicht aufs Aeußerſte ankommen laſſen. Jedes Wort, jeder Scherz des verwegenen und ebenſo unbeſonnenen Mum⸗ blaze ſetzte ſie, wie man ihr anſah, in Angſt und Bez ſorgniß, als ob irgend etwas Unheimliches durch ihn an den Tag kommen könnte. Es blieb ihr nichts übrig, als ſich vor ihm, ſo oft es ging, verleugnen zu laſſen, und ſich mit William in ihrem Zimmer einzuſchließen. So oft ihn der Freund in Lasko's Zimmer reden hörte,— und Mumblaze ſchrie mit rauher Stimme laut genug— trat er nicht eher ein, bis er an Thekla's Thure verge⸗ bens geklopft hatte Als Lasko's muthend auch lei ein rau Holdſelt ſie dure mit un doch, Hal dem 2 gen ſe bleibt M genwon gegen finden. Gange thüre, er ſich nackt Blick den ſelöſt oder ( und — 5⁵ a zu Als nun William eines Tages wiederkam, und an juner Lasko's Thüre nur flüſtern hörte, trat er, Thekla ver⸗ lher muthend, ein. Aber Mumblaze, mit welchem wol Lasko düri auch leiſe zu reden hatte, ſaß da, und ſchlug auch gleich ten ein rauhes Lachen auf.— Sie iſt nicht daheim, unſere chts Holdſeligkeit! rief er. Wenn ihre Anbeter kommen, geht ſie durch die Lappen. Wir ſind ſchlimm d'ran, Meiſter, kine mit unſerer Andacht zu ihr! Und unſere Kerzen brennen — doch, unſere Herzen flammen. Ha! ha! Unſere Heilige! ener Ha! ha! unſere Kerzen! hen, So? erwiderte William. Iſt ſie Euch wieder aus ind dem Wege gegangen? Die Anbetung der Irrgläubi⸗ ten gen ſcheint ihr nicht zu behagen. Ich rathe Euch, Maſter: ren bleibt im Kirchſpiele des Biſchofs von Wincheſter. vol Mumblaze fand auf dieſen Spott nicht gleich ein Ge⸗ Sit genwort, und William entfernte ſich mit einer Höflichkeit 7 gegen Lasko. Er hoffte Thekla auf ihrem Zimmer zu he finden. Sie war nicht da, und wie er vom hintern cht Gange wieder zurückkam, öffnete Mumblaze die Stuben⸗ der thüre, und rief ihm einige grobe Worte zu, mit denen m er ſich zu rächen dachte. William pflegte in ſolchen Fällen Be⸗ nackter Roheit nicht zu antworten; es ſtand ihm aber ein an Blick und eine Geberde der Verachtung zu Gebote, die als den Gegner durch Mark und Bein trafen, und weil ſie nd ſelbſt keinen Wortausdruck hatten, auch keine Erklärung So oder Abbitte mehr zuließen. Er verließ das Haus, innerlichſt doch nicht ohne Verdruß, und ſchritt auf Gerathewol in die Gaſſen der Stadt hinein. ge—— Um das große Kreuz in Cheapſide fand William die Straße von Menſchen verſperrt. Ein Mann hatte ſich auf das hohe Fußgeſtell des Kreuzes geſchwungen, und ſprach zum anwachſenden Volke. Im bekannten Anzuge der Puritaner ſchrie und handirte der heftige Menſch über den Häuptern der Menge, als ob er eine Flut beſchwören wolle. Viele hörten mit andächtiger Miene zu, die Mei ſten lächelten; angenehm unterhalten ſchienen Alle. Wil— liam wühlte ſich ins Gedränge, um den Redner zu ver⸗ ſtehen. „Ja, ich zeuge Wahrheit!“ ſchrie dieſer eben,— „und rufe euch Alle zu Zeugen auf. Denn wer von euch wäre rein von der Sünde, das Schauſpiel beſucht zu haben? Erzählt uns die alte oder die neuere Geſchichte von irgend einem ausgezeichneten Sünder, von einem ſchauderhaften Verbrechen oder gottesläſterlichen Frevel, die nicht alle aufs Theater gebracht würden? Ja gibt es einen Teufel in der Hölle, der nicht auf unſern Theatern eine Rolle ſpielte? Denn was auch erſännen nicht die drei Dutzend Schauſpieldichter(wenn's kein Geſchock iſt!), die in unſerm London nach dem Aas des Lebens ſchnüf⸗ feln, um es zu Poeſie zu verarbeiten? Auf was ver— fielen ſie nicht, um euch, auf die große Weltlüge der Poeſte e tollen K nen, od nur einn deren fr giſpielt Pein in Komodi und ih lacht u Deck das Ae hören ſacht, n darſtellt Der Stimme ſchlug. und flu Gehört ein Sb meine Re noch n Ge ſuchte! zu zieh Veſtreb mittler nen he Poeſie erpichten Sünder, zu ergötzen? O wenn doch dieſe tollen Komödianten und ihr auf das Schauſpiel Verſeſſe⸗ nen, oder vom böſen Geiſte des Schauſpiels Beſeſſenen, nur einmal ernſtlich bedenken möchtet, daß die Perſonen, deren frühere Lebensthaten und Sünden auf dem Theater geſpielt werden, gerade während dieſes Spiels doppelte Pein in den ewigen Flammen zu leiden haben. Ja, ihr Komödianten, declamirt nur und heult Eure Rollen her, und ihr Schemel⸗Inſaſſen und Parterreſtändigen klatſcht, lacht und jubelt, damit ihr ja nicht etwa durch die dünne Decke unter euern Füßen herauf die Seufzer und Angſt, das Aechzen und Zähneklappern, das Geſchrei und Zeter hören mögt, die eure Gottloſigkeit in der Hölle verur⸗ ſacht, während ihr die Thaten der Verdammten ſpielt und darſtellt, belacht und beplaudert.“ Der Eiferer hatte bei dieſen letzten Worten ſeine Stimme ſo laut erhoben, daß ſie in einen Huſten um- ſchlug. Ein Nachbar klopfte William auf die Schulter, und flüſterte ihm zu: Ich ſehe Euch ergriffen, guter Mann. Gehört Ihr unſerer ſchönen Disciplin an, oder fällt eben ein Strahl der Erleuchtung in Euer Herz? Ich ſah Euch, meine ich, noch niemals in unſerer Verſammlung. Nein, mein Freund, verſetzte William, es iſt mir noch nicht gelungen, den Weg nach Thurmhill zu wandeln. Gelungen, ſagt Ihr? fuhr der Fromme fort, und ſuchte lächelnd den Freund ſeitwärts aus dem Gedränge zu ziehen.— Das deutet mir auf Euer Trachten und Beſtreben dahin. Und Ihr habt wol noch keinen Ver⸗ mittler der Gnade gefunden? Ha, der Herr beglückt mei⸗ nen heutigen Tag. Ich, ich will Euch dort einführen *— 58 Heut aber ſind wir anderswo. In Thurmhill, müßt Ihr wiſſen, iſt die große Verſammlung, da kommen auch die Lords und die Ladys hin. Da geht's in der ſtillen Erbaulichkeit zu. Allein wir wollen uns doch nicht blos in die Süßigkeiten des Gebets und der Erbauung ver⸗ lieren, wir wollen auch wirken, die Welt umgeſtalten. So verſammeln ſich denn manchmal die wirkſamen Brüder beſonders. Und heut zumal iſt etwas Apartes los. Dorthin müßt Ihr mir folgen, da lernt Ihr uns gleich im Großen und Umfaſſenden kennen. Ihr habt ja einen Blick des glanzvollen Auges, der eine ganze Welt einnimmt. Ja, ja, Ihr gefallt mir. Ich irrte mich nicht in Euch; der Geiſt trieb mich, Euch anzureden. Wir wollen uns eilen. In einem halben Stündchen thut unſer Prediger der Wahrheit ſein mächtiges Gebet. Das ſoll Euch erſchüttern. Laßt uns voraus dahin gehen. Unſer Joſua Mehrfrucht dort auf dem Kreuze wird doch ſeine Rede gleich endigen, und auch zur Verſammlung kommen. William ließ ſich von dem bekehrungsluſtigen Manne fortziehen. Er war eben in einer gereizten Stimmung, die irgend eine Nahrung ſuchte.— Ich weiß nicht, ſagte „ob man auch ohne Kniegürtel kommen darf. Iſt denn das bloße Herz ohne gelblederne Strümpfe dem Herrn kein Gräuel? Kann denn die Gnade durch ein gemeines Felbelwamms eindringen? Ich bitte Euch, macht Euch darüber keine Sorge! ver⸗ ſetzte der Puritaner. Ihr ſeht ja, ich gehe auch noch nicht vollends im Gewand der Heiligen. Man kann ſich nicht mit einem Riß aus allen Nähten der Welt los⸗ trennen. Euer leichtfertiger Anzug iſt als eine Sieges⸗ er fahne d ohne Be Wil etwas b Im Qu thümlich ab, übe Saal. und ge betend der heit Händen deſſen B Auge. genheit, ſei, als kannt zu ſein moe ſchluß g beobacht thun, ſteend Ich liam, d Ohr duch b nicht au ber. a dort, 59 fahne der Erleuchtung anzuſehen. Kommt nur immer ohne Bedenken! William folgte in ſchalkhafter, wenn nicht ſelbſt in etwas boshafter Neubegierde dem werbenden Frommen. Im Quartier Klein⸗Britannien betraten ſie ein alter⸗ thümliches Gebäude, und gelangten Treppchen auf und ab, über dämmerige Gänge in einen geräumigen öden Saal. Einzelne Männer ſtanden mit gefalteten Händen und geſenkten Hauptes an die Wände gelehnt, oder lagen betend auf den Knien. Ein ſtattlicher Mann, der Einzige, der heiter umherblickte, wandelte mit nachläſſig gefalteten Händen hin und wieder. Er faßte William, ſo lang deſſen Begleiter neben ihm blieb, mehrmals lächelnd ins Auge. Dies ſetzte den Freund in nicht geringe Verle⸗ genheit, indem er jetzt erſt recht bedachte, wie gewagt es ſei, als Dichter und Schauſpieler von den Fanatikern er⸗ kannt zu werden. Er überlegte, ob es nicht gerathener ſein möchte, wieder wegzuſchleichen. Ehe er einen Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte, denn es lockte ihn doch auch, einen beobachtenden Blick in die berüchtigten Verſammlungen zu thun,— redete ihn jener heiter ausſehende Mann flü⸗ ſternd an: Meiſter William unter den Puritanern? Ich kann die Frage nicht erwidern, antwortete Wil⸗ liam; denn ich kenne Euern Namen nicht. Ohne Sorgen, Meiſter! lächelte Jener. Sollte es Euch beruhigen,— ich heiße Aylford, und bin gerade nicht auf gläubigern Füßen hereingekommen, als Ihr ſel⸗ ber. Ich denke, wir ſetzen uns ins dämmerige Eckchen dort, und erbauen einander im Voraus. Denn was ſie uns hier auftiſchen werden, dürfte ſo gar ſchmackhaft nicht ausfallen. Auch hat unſer Benehmen für die Gläubigen, die hierher kommen, das rechte Gepräge noch nicht: wir müſſen, wie falſche Münzen, in der Dämmerung unter den giltigen Stücken mit unterlaufen. Beide ſetzten ſich, und beſprachen ſich leiſe unter er⸗ heuchelten frommen Geberden, worüber ſie ſelbſt einigemal ins Lachen zu fallen verſucht waren. Endlich nahm ſich Aylford zuſammen, und ſagte mit ſanftem Ernſte: Es iſt mir ein gar angenehmer Zufall, Euch hier zu begegnen, hochgeſchätzter Maſter. Ich hätte Euch jeden falls morgen oder übermorgen in Eurer Wohnung auf⸗ geſucht. Es iſt nun entſchieden, daß ich als Prediger nach Stratford gehe. Als ich mich vor Kurzem dort um⸗ ſah, hörte ich, wie wenig Ihr unter den Nachbarn in Eurer Vaterſtadt und ſelbſt in Eurer Familie recht ge ſchätzt und gewürdigt werdet. Falls Ihr nun nicht etwa, wie man in gerechtem Selbſtgefühle ſo gern thut, ſolcher falſchen Meinung mit Fleiß trotzen wollt: ſo könnte ich Euch vielleicht dienen. Ich habe dort ſehr ſchnell Ver⸗ trauen gewonnen, und könnte alſo leicht manche Auslage zu Gunſten der Anerkennung Eures Werthes beſtreiten. William war aufs Angenehmſte überraſcht. Er faßte den freundlichen Geiſtlichen an der Hand, und dankte ihm mit herzlichen Worten des Vertrauens.— Nein, ſagte er dann, ich will der unmündigen Meinung meiner dor⸗ tigen Landsleute nicht trotzen. Ich habe ſogar Urſache, mir die Achtung derſelben zu wünſchen. Ich gehe damit um, mich von meiner Anna förmlich zu trennen, aus Grunden kann. Aolf Die Hem ſchloſſene Jlaube, ſetzen. Welt, Eingebr Abfind! geben. nur ein Ihr, w Liebhabe bei naſſe allſchen, zu Greel auftreibe Wil dr fühl wit der wachſen beläichel bemerkte Könnte Poeſte diel mit iſ nun nenſchlic derflgen 61 Gründen und Abſichten, die ich Euch ein andermal ſagen kann. Aylford drückte William's Hand mit den Worten: Die Heirath gehört freilich nicht zu den im Himmel ge— ſchloſſenen. Ich habe dieſe Anna kennen gelernt und glaube, ſie wird ſich einer Scheidung nicht ſehr wider⸗ ſetzen. Die wunderliche Frau hängt an nichts auf der Welt, als an ihren Habſeligkeiten. Laßt ihr nur ihr Eingebrachtes, und fügt Ihr noch etwas hinzu, eine kleine Abfindung: ſo iſt Alles gut. Ich kann Euch einen Wink geben: ſie beſäße gar gern ein Stückchen Land, wenn auch nur ein Striemchen, am Wege nach dem Kirchhof, wißt Ihr, wo das Feld auf den Avon ſtößt. Ihre jetzige Liebhaberei iſt auf den Rübenbau gerichtet; ſie würde die bei naſſem Wetter ausgezogenen Rüben gar gern im Avon awſchen, und wenn Ihr vielleicht im königlichen Garten zu Greenwich für ſie noch eine gute Sorte von Zwiebeln auftreiben könnt, ſo weint ſie vor Freuden. William lächelte nicht ohne eine gewiſſe Beſchämung. Er fühlte zu lebhaft, daß eine Misheirath doch zu innig mit dem Herzen und Geſchmack der Vergangenheit ver⸗ wachſen iſt, als daß man ſie wie jede andere Verirrung belächeln könnte, die man einmal erkannt hat. Aylford bemerkte dieſe Befangenheit, und lenkte das Geſpräch ab.— Könnte ich Euch ſo viel Freude machen, als ich Curer Poeſie und Kunſt verdanke! ſagte er. Ich habe mich viel mit unſerer vaterländiſchen Dichtkunſt beſchäftigt. Es iſt nun einmal meine Liebhaberei, alle Richtungen des menſchlichen Geiſtes, ſo weit ich nachkommen kann, zu verfolgen und zu erforſchen. Wie käme ich ſonſt hierher ——,— 62 in die Verſammlung dieſer traurigen Glaubensbrüder? Ich muß aber dieſe um ſich greifende Richtung des Men ſchengeiſtes als Theolog erforſchen, wie Ihr ſie als Dich— ter beobachtet. Ich halte keine Erſcheinung des menſch⸗ lichen Geiſtes für unbedingt unwahr: nur darf keine einſeitig über ihr Maß hinausgeführt und in falſche Ver⸗ knüpfungen mit den andern Richtungen des Lebens ge⸗ bracht werden. Daraus eben entſtehen unſere Irrthümer und Täuſchungen. Als William mit beifälligem Nicken ſchwieg, fuhr der Prediger fort: Ich bin ſo ziemlich in London fertig geworden, und habe alle heitern und heimlichen Gewächſe dieſes wilden Gartens kennen gelernt. Darüber ſind mir hübſche Jahre hingegangen, ſo daß ich eilen muß, wenn ich noch etwas wirken und leiſten will. Denn jeder Tag des Verwei⸗ lens bringt neuen Aufenthalt. So iſt ſeit Kurzem von einer neuen Speculatrix die Rede, die ſo viel Aufſehen macht, daß ich dies neue Gewächs nicht unverſucht laſſen möchte. Doch vielleicht könnt Ihr mir ſagen, was daran iſt, und ob's der Mühe lohnt, das ſchwere Eintrittsgeld an ihre Prophezeihungen zu wenden? William wußte nichts Näheres; er hatte verſchiedent lich von ihr reden hören, ohne gerade beſonders darauf zu achten, da er von andern Dingen zu lebhaft einge— nommen war. Ich rede nicht von der alten Sara Skelhorn, ſagte Aylford weiter. Dieſer lief meiſt nur immer der Pöbel zu, wenn ſie aus einem kugelförmigen Kryſtall einen ein⸗ gefangenen Erzengel die an ihn gerichteten Fragen mit 63 dumpfer Stimme beantworten ließ. Nein, die jetzige Speculatrix iſt für den großen Haufen zu theuer; ſie wird deſto mehr von der vornehmen und reichen Welt aufgeſucht. Was ich über ſie höre, muß Einen freilich in Verwunderung ſetzen. Viele, die nur zu ihrem Spaße hingegangen ſind, reden mit einem ängſtlichen Erſtaunen von dieſer arabiſchen Jungfrau. Dafür gibt ſie ſich aus. Die jungen Herren rühmen, was mich am meiſten ver⸗ wundert, die Sitrſamkeit und Unzugänglichkeit der jungen reizenden Prophetin. Sie hält ſich durchaus in einer, wie ſie ſagen—„heiligen Ferne“, und widerſteht allen Anbietungen.— Als Probe ihrer Wiſſenſchaft entdeckt ſie den nach der Zukunft Forſchenden gewöhnlich erſt etwas Geheimes aus des Fragers vergangenem Leben. Eins macht mir die Sache verdächtig, daß ſie nämlich Einzelne gar nicht vor ſich läßt; vermuthlich weil ſie dieſelben noch nicht kennt, und noch nichts von ihnen weiß. Bis ſolche dann wiederkommen, har ſie durch ihre Verbindungen etwas über ſie herausgebracht. Ich fürchte, ſie wird mich auch abweiſen; denn ich bin ſo unangeſehen und fremd in London, daß eine arabiſche Jungfrau ohne Eingebung des Himmels durchaus nichts von mir erfahren kann. Ein plötzliches Geräuſch vor der Thüre und im Saale zog beide Freunde aus ihrem vertraulichen Geſpräche. Der„Prediger der Wahrheit“ war eingetreten, einem Haufen nachdrängender Brüder voraus, die ſich vor der kleinen Bühne, die jener beſtieg, auf die Kniee warfen. Es war der hagerſte Mann, den William je geſehen zu haben ſich erinnerte. Die Steckenbeine, die beiden Haken 64 ſchultern, der pfahlförmige, kurz geſchorne Kopf waren noch nicht das Lächerlichſte an dieſer wie zum Lachen ge⸗ ſchnitzten Geſtalt; denn bei den Bewegungen des Mundes konnte auch der Ernſthafteſte kaum ernſthaft bleiben. Die⸗ ſer Mund war nur ein breiter Einſchnitt ohne Lippen, und da ihm die Zähne entfallen waren, ſo berührten ſich die herabgebogne Naſe und das aufgeſchweifte Spitz⸗ kinn ſo nah, daß des Sprechenden unteres Geſicht wie eine auf- und zugehende Zange ausſah, die jeden Augen⸗ blick die Ohrläppchen abzukneipen drohte. Nachdem er wiederholt die langen dürren Arme aus einander gezuckt und wieder über der Bruſt zuſammen⸗ geſchlagen hatte, rief er mit quiekender Stimme: Die Lüge, die Lüge, o Herr, iſt die Nachſchöpfung Luzifer's, des Fürſten der Finſterniß. Lüge iſt die Fratze und Schalksgeberde Satans hinter dem Rücken des All⸗ mächtigen. Vertilg’, o Herr, die Lüge! Hinter jeder Wahrheit, hinter jeder Tugend ſitzt ein Schalk, und äfft ſie nach zur Bethörung der Blödſichtigen. Du, o Herr, ſchufſt Menſchenantlitze 1 die Lüge macht Larven. Ver⸗ tilg’, o Herr, die Lüge! ſchaffſt, o Herr, das Leben, und die Dichter vinhene die Schauſpieler gaukeln die Werke der Sünder nach. Sie behängen ſich mit Flittern und bemalen ihr Angeſicht mit Zinnober; ſie nehmen den Tod und die Verweſung in die Arme, an handiren die Puppen und Schatten des Lebens. Dafür wirſt du ſie einſt zu den ewigen Schatten der Unterwelt verbannen, und wirſt ſie ſchminken mit dem Widerſcheine deiner ewi— gen Flammen. Sei geprieſen, o Herr! Aber dafür, daß ſie am meiſten das Volk bethören und zur Sünde ver⸗ hrten Spitz⸗ wie ugen⸗ aus men⸗ pfung Fra tze d äfft Herr, Ver⸗ innen, ewi⸗ . daß ver⸗ 6⁵ führen, ſtrafe ſie ſchon dieſſeits! Laß ſie in Thorheiten und Täuſchungen ihr Leben verzehren, ihre Tage ſich in Dunſt auflöſen. Woran ſie ihr Herz hängen, da reiße jeder Haken aus; was ſie mit Sehnſucht umfaſſen, das verſchwinde, wie wirbelnder Rauch, und die Bruſt, an der ſie Troſt und Seelenruhe ſuchen, ſinke wie ein mo— driger Grabhügel ein. Durch ſie iſt London geworden— ein Babylon, voll Jubel und Gottloſigkeit. Da iſt ein Jauchzen und Singen bis in die tiefe Nacht. Sonn⸗ und Feſttage werden mit Genuß und Ueppigkeit gefeiert; jedes tiefernſte Unternehmen wird mit Flittern bekleidet, mit Schmaus geehrt. Zinken und Trommel, Geigen und Flö⸗ ten erſchallen; aber es ſind nicht die Lauten und Harfen von Zion. Strafe, o Herr, die deine himmliſchen Freu⸗ den nachlügen! Das Volk rennt zu Bärenhetzen und Faſtnachtſpielen, als ob der Herr nicht Beten und Faſten verlange. Die Kirchen verfallen und die Schauſpielhäuſer erweitern ſich. Ja, die Namen dieſer Häuſer ſind ſchon bethörende Lügen.„Die Roſe“ iſt nicht die Roſe von Jericho, ſondern jene Centifolie, die aus hundert Lügen⸗ ſpielen tödtlich duftet.„Die Hoffnung“ lockt das Volk auf die Wege zum Abgrunde der Verzweiflung. Und nun haben ſie die„Weltkugel“ erweitert, um den Schö— pfer und Erhalter der Welt zu verſpotten. O Herr, dul⸗ deſt du noch länger, daß zweihundert in Seide prunkende Komödianten, während ſo viel Arme mit Mühe ihr Leben friſten, deinen Zorn auf England herabziehen?— Und wie greift das ſchmähliche Tabackrauchen um ſich! So weit geht der Hohn unſerer, unter Lügen aufwachſenden Jugend, daß ſie die Höllenſtrafen des Herrn nachahmen Koenig, William Shakſpeare. II.. 5 66 und verſpotten, indem ſie die heimliche Glut dieſes wilden Krautes einziehen und dampfend wieder ausſtoßen. So werden ſie ſelbſt einſt in der Hölle wirbeln. Räche dich, o Herr! Schwinge wieder einmal die Zuchtruthe deiner Peſt über London, und ſchone nur, o Gerechter, Alle, die ihr Heil und deine Herrlichkeit in gelbledernen Strümpfen aufſuchen! Denn nur in der Demuth und im Entſagen iſt Wahrheit. Alles was ſich erhebt und herrſchen will, iſt Lüge. So iſt es die Prieſterſchaft. In bunten Meß⸗ gewändern, in Stolen und Alben, in Vespermänteln und Chorhemden ſpielen ſie Komödie an deinen Altären, die gleich Schaubühnen geſchmückt ſind. Straf, o Herr, die Lüge der Andacht! Und ſoll ich euch die höchſten Ko⸗ mödianten nennen: ſo gebt nur auf die Titel Acht. Wir haben Lord Chamberlains⸗Spieler, Lord Pembrokes⸗Spie ler, der Königin Spieler. Was ſagt ihr aber zu Denen, die von Gottes Gnaden agiren,— zu Denen, welche die heuchleriſchen Prologe, die blutigen Tragödien, die ſpitz bübiſchen Luſtſpiele, die albernen Poſſen und die Zwiſchen⸗ ſpiele bei Maitreſſen und Günſtlingen aufführen, wobei wir Unterthanen als Chorus mitagiren und die Geberden der Ehrfurcht, die Mienen der Dankbarkeit ausdrücken müſſen? Sind wir denn aber nicht Alle Brüder auf Er⸗ den, Alle gleich untereinander,— gleich in Traurigkeit über unſere Sünden, wie in Hoffnung auf die Gnade? Laßt mich im Stillen beten, damit die Gewaltigen auf Erden nicht hören, was wir erflehen! Er warf ſich langgeſtreckt auf den Boden, und Alle⸗ knieten nieder. Eine große Stille entſtand in dem däm merigen Saale. Wie der Hagere ſich wieder erhoben hatte, 67 dden fuhr er fort: Ich habe euch heut verſammelt, ihr Brüder, So um euch zu verkünden, was mir der Herr im Traum dich eingegeben hat. Geh, ſagte er, und erwecke aus eurer einer. Mitte einen Würgengel der Lüge, dem die feurigſten die Brüder folgen ſollen, wozu er ſie aufbietet. Gehorſam pfen ſolchem Gebot, habe ich mir Folgendes ausgedacht. Dem en Lordmajor und den Aldermännern, die unſerer ſchönen vill, Disciplin zugethan ſind, will es noch immer nicht gelin⸗ ſeß⸗ gen, das alte Theater in Blackfriars einzuziehen, und und dies wärmſte Neſt der Gottloſigkeit zu zerſtören, wo Wil⸗ die liam Shaxper, der Beelzebub der Dichter, ſeine poetiſche die Brut auffliegen läßt. Wir müſſen daher darauf ausgehen, Ko⸗ die Handwerksburſche von London an uns zu ziehen. Lir Die haben, wie ihr wißt, ein altes Privilegium, daß ſie ie am Faſtendienſtage irgend ein verdächtiges Haus zerſtören en dürfen. Aber welches ſind die ſchlimmſten Häuſer— die die Spielhäuſer, die Hurenhäuſer oder die Schauſpielhäuſer? itz⸗ Unſtreitig dieſe letztern. In jene Häuſer ſchleichen nur en⸗ Einzelne bei Nacht oder verſtohlen, und ſind mithin ſchon bei in der Erkenntniß ihrer Sünden; den Schauſpielhäuſern aber läuft das Volk tauſendweis am hellen Tage zu, in den — Verblendung über ſeine Gottloſigkeit. Ihr verſteht mich, Er⸗ Brüder. Vor Allem müſſen wir aber einen Würgengel keit der Lüge haben, der die Streiter der Wahrheit führe. den Fühlt ſich kein feuriger Mann unter euch zu dieſer Sen⸗ auf dung vom Geiſte getrieben? Dann will ich Einen ſuchen und auswählen. Vorher aber prüft euch, ihr Brüder. 4 lle Ja, der Herr will einen Würgengel der Lüge erwecken. m Spürt Keiner den Ruf des Herrn in ſich? 1 Bolüte der 2 1 * 68 Juͤnger der Wahrheit, den der Herr meint, noch unter uns fehlen? Soll ich ihn euch zuführen? Abermals entſtand eine Stille.— Er iſt da, er iſt un⸗ ter uns! rief endlich der Mann, der unſern William mit⸗ gebracht hatte. Wie? Dick Shakebag? riefen Etliche verwundert. Du—? Nicht ich! Nicht Dick Shakebag! rief der Mann, und drängte ſich ſuchend unter den Anweſenden umher. Nicht ich! Aber der Herr hat mir ihn gezeigt und zugeführt, ihn mit dem flammenden Auge. Wo biſt du, Fremdling vom großen Kreuz in Cheapſide? Joſua Mehrfrucht hat ihn heut erweckt. Hier, hier iſt er!— Und indem er unſern William hervorzog, ſetzte er hinzu: Hier iſt der Jünger der Wahrheit, der zum Würgengel der Lüge be⸗ rufen iſt! Ich zeuge Wahrheit. Der Herr hat mich er⸗ leuchtet. Ja, er iſt es! rief Joſua Mehrfrucht, und drängte ſich hervor. Wenn ich ihn erweckt habe, ſo iſt er es. Aus Beſorgniß von einem der Anweſenden erkannt zu werden, zog der Freund ſeinen Mantel hoch um die Ohren herauf. Uebrigens war es ſehr dunkel in dem zwiſchen hohen Seitengebäuden gelegenen Saale geworden. Der hagere Prediger der Wahrheit trat heran, und muſterte den Erwählten.— Hal rief er, ſein Auge glänzt im Dunkel, und er trägt ein Schwert. Hat dich der Herr wahrhaftig gerüſtet? Sprich, wer biſt du?— Und dem Freunde flüſterte er zu: Verſtehn wir uns, Freund? Wie heißt Ihr? William erhob drohend die Hand.— Ja, er iſt es! unter un⸗ mit⸗ ꝛdert. und Nicht uͤhrt, dling hat n er der 69 rief ängſtlich zurückweichend der Hagere. Sein Blick durch⸗ leuchtet die Geheimniſſe der Seelen, die Abgründe des Lebens. Sein Schwert wird die Lüge ſpalten. Auf, ihr Brüder! Und zwei der Stärkſten tragen ihn hinab ins Höfchen unter den großen Apfelbaum. Dort im Voll⸗ mond wollen wir ihn erkennen,— ich meine anerkennen, und ihm ſchwören. In der That faßten und hoben zwei breitſchultrige Männer den Freund. Hinter ihnen reihten ſich die Uebri⸗ gen paarweiſe.— Stimmt den 114. Pſalm an! rief der Hagere:„Als Israel aus Aegypten zog—.“ Nur Einzelne brummten die Worte und Weiſe des Geſangs nach. So kamen ſie in den Hof. Alle umring⸗ ten in Erwartung den unbekannten Würgengel, der,— gerade weil Keiner ihn erkannte, Sämmtlichen einen Schauer des Geheimnißvollen einflößte. William trat tiefer in den Schatten des Apfelbaums, da der Hagere ihn fortwährend zu erkennen ſtrebte. Aylford war aus dem Kreiſe zurück⸗ getreten, und machte im Rücken der Andern dem Freunde unverſtändliche Zeichen. William's Verlegenheit fing nun an zu weichen; er fühlte, daß er ſeiner eigenen Sicher⸗ heit halber und um einen Ausweg zu finden, ſich zuſam⸗ mennehmen, und auf irgend eine Weiſe geltendmachen müſſe.— Tretet auseinander! gebot er mit verſtellter, dumpfer Stimme. Wie der Kreis ſich erweiterte, bemerkte Willlam um⸗ herblickend ein Mäuerchen mit einer kleinen Thüre hinter dem Apfelbaume.— Iſt jenes Pförtchen verſchloſſen? fragte er. Der Hausverwalter, der unter den Brüdern war, eilte 70 hin, ſchloß auf und ſah hinaus, ob Jemand draußen wäre.— Es iſt Alles ſtill in der Aldersgateſtraße! rief er zurück. Dann laß geöffnet! gebot William. Die Stunde iſt gekommen, da ich euch meine Sendung durch ein Opfer darthun werde. Jenen William Shakſpeare, den Beelze⸗ bub,— ſoll ich ihn vor Allem aus eurer Mitte tilgen? dem Buben den Pelz abziehen? Ha! riefen Alle erſchrocken und erſtaunt. Nur Einer aus eurer Mitte begleite mich! Alle wichen ängſtlich zurück. Mir ſagt der Geiſt, fuhr William fort, daß ein ge wiſſer Aylford in eurer Mitte ſei; dieſer begleite mich! Mit kaum bezwungenem Lächeln trat unſer Prediger hervor und ſprach feierlich: Hier iſt Aylford, dein Diener. Seht ihr, ſeht ihr, er hat einen Geiſt, der Geiſt ſpricht aus ihm!— rief Shakebag hervorſtürmend. Mir gebührt die Ehre,— durch mich hat ihn euch der Herr zugeführt. Weiche zurück, Shakebag! rief William. Du haſt einen verdammlichen Namensanfang mit Shakſpeare. Zu⸗ rück! gebiete ich dir! Und ihr Andern kniet nieder! Sie thaten es, der Hagere jedoch nur zögernd und auf einen gebieteriſchen Wink des von ihm ſelbſt hervorgeru⸗ fenen Würgengels der Lüge, dem er nun mit Ingrimm gehorchen mußte. Und nun, fuhr William fort, indem er ſeinen Degen zog,— glaubt und harret! In fünf Minuten erhebt euch, und William Shakſpeare wird nicht mehr in eurer Mitte ſein 71 Raſch entfernte ſich der Freund mit Aylford durch das Pförtchen.— Ihr lautes Gelächter draußen ließ die gläu⸗ bigen Brüder nicht lang im Zweifel über den ihnen ge⸗ ſpielten Schalkſtreich. Wüthend eilten ſie dem Pförtchen zu; draußen aber waren Beide verſchwunden. Neuntes Kapitel. William hatte ſeinen neuen Bekannten Aylford nach deſſen Wohnung begleitet. In heiterer Stimmung über den eben aus dem Stegreife verübten Spaß blieben ſie noch eine Weile bei dem einfachen Nachteſſen ſitzen, das für Aylford bereit ſtand. Sie waren in ſo guter Laune und durch das gemeinſame Erlebniß bald vertraulich ge⸗ worden. Aylford plauderte über ſeine Vergangenheit und über ſeine Abſichten, ja, nach einigen Bechern Wein kam er ſogar auf ſeine Herzensneigung zu reden.— Ich weiß ſelber nicht, ſagte er, ſoll ich meine wunderliche Empfin⸗ dung— Liebe, Wohlwollen oder Mitleid nennen. Liebe darf es leider! nicht ſein: es wäre eine ſündhafte Nei⸗ gung, denn diejenige die ich meine, iſt ein junges, from⸗ mes Weib, das einen viel ältern kranken Gatten pflegt, und für ihn bettelt. Ich habe noch kein durch Leidmuth ſo holdſeliges Frauengeſicht, durch Kummer und Ergebung ſo einnehmendes Herz angetroffen. Ganz zufällig bin ich nahm dieſer mich ſehr bald am Fenſterchen wahr, und 72 ihr auf einem Spaziergange nach St.⸗Giles begegnet. Sie kam weinend aus der Stadt mit Arznei für ihren Mann. Ich erkundigte mich im Dorfe nach ihr, und erfuhr, daß ſie mit ihrem leidenden Gatten ſeit einiger Zeit in der letzten Hütte des kleinen Ortes wohne. Sie heißt Milliſent und ihren Mann nannten die Nachbarn nur den alten Herrn oder Squire Edmund. Etwas Ge⸗ naueres über das ſtille Paar konnte man nicht heraus⸗ bringen. Indem ich mich nun an bloße Namen halten mußte, befremdete mich dieſe Verbindung eines Namens, wie ihn meiſt dienende Frauensperſonen tragen, mit einem männlichen Namen von ſo vornehmer Geltung. Ich machte mir die ſonderbarſten Gedanken, die ſich aber immer zu Milliſent's Gunſten würfelten. Daß ich nun täglich nach St.⸗Giles hinausging, iſt leicht zu denken. Es gelang mir endlich auch, der armen Milliſent auf ſchonende Weiſe kleine Unterſtutzungen beizubringen. Ich wünſchte ihren Gatten zu beſuchen; allein der wunderliche Kranke läßt keine männlichen Fremden, beſonders aus den gebildeten Ständen, vor ſich. Er leidet an einem tiefen Mismuth über das Leben, verbunden mit Menſchenſcheu. Eine ſelt⸗ ſame, ich möchte faſt ſagen— eiferſüchtige Unruhe trieb mich endlich einmal an das kleine Fenſter der Hütte, das der Abendſonne geöffnet ſtand. Ich blickte in ein reinlich Stübchen mit nothdürftigen Möbeln, und im Alkoven lag der Squire auf dem Bett— ein edler Kopf mit einem bittern Zuge des Verdruſſes um den Mund. Mil⸗ liſent ſaß am Fuße des Bettes mit einem Trinkgefäß, und den ſorglichen Blick auf den Kranken gerichtet. Leider 73 et. hob zürnend die Fauſt. Seitdem nimmt mir Milliſent en kein Almoſen mehr ab. nd Aylford hatte dieſe letzten Worte mit einer ſeufzenden er 1 Betrübniß geſagt, und ſchwieg nun niedergeſchlagen. Wil⸗ ie liam fragte nach der Hütte, und erbot ſich, die zurückge⸗ rn wieſene Fürſorge zu übernehmen, und durch eine Freundin e⸗ dann und wann eine Unterſtützung an Milliſent zu ſchicken. 8⸗ Seine Freundin würde die Sache geſchickt angreifen.— en Aylford umarmte den Freund mit Ungeſtüm. Er über⸗ 88, gab ihm, was er für das arme Weib beſtimmt hatte. em Nun gehe ich viel leichtern Herzens nach Stratford! ſagte er. hte Zum Abſchied für heut' erhob William den Becher, zu und trank auf Milliſent's Wohl und beſſere Zukunft. ch Und auf ihres armen Edmund Herſtellung! rief Ayl⸗ ig ford ſeufzend. 1 ſe Edler Mann! ſagte William, und ſchied mit einer en herzlichen Umarmung. ßt en Unſer Freund konnte den hagern Puritaner und die Verſammlung der gläubigen Brüder nicht ſo bald ver⸗ geſſen. Mit Betrübniß dachte er den dort vernommenen Aeußerungen nach, und die ganze heimliche und heuchle⸗ riſche Tücke eines fanatiſchen Eifers gegen alle Poeſie des Lebens ward ihm klar. Es genügte jenen Trübſalsbrü⸗ dern nicht, daß der Lordmajor und ein Theil der Alder⸗ 4 männer, jener Brüderſchaft zugethan, die Errichtung einer 3 neuen Bühne in Blackfriars und die Erweiterung der . ältern in der City befindlichen Theater hinderten; man . ging ſogar auf Zerſtörung der beſtehenden Bühnen aus. Eine langſam um ſich greifende Frömmelei bedrohte alle hei⸗ 74 tere Kunſt, allen Frohſinn und Lebensgenuß.— Wie kommt es nur, überlegte William mit ſich ſelbſt, daß der Menſch ſo gern verdammt, wozu er ſich doch am lebhaf⸗ teſten getrieben fühlt— die Freude? Wir haben eine angeborene oder anerlebte Furcht vor der Sinnenwelt, die uns freilich in ihrem Ernſte leicht überwältigt, in ihren Launen unſere Hingebung täuſcht. Aber anſtatt unſere moraliſche Kraft an der Uebermacht der Natur zu ſtärken, und aus ihren gaukelnden Erſcheinungen unſer unſterbli⸗ ches Weſen kennen zu lernen, ſuchen wir uns hinter eine falſche Frömmelei zu retten. Trübſinnige Beſchränktheit oder betrügliche Herrſchſucht faſſen uns hier bei unſerer Schuld oder bei unſern Aengſten an, und machen uns ihrem Aberglauben oder ihren Zwecken dienſtbar. Beide ver⸗ dammen Poeſie und Kunſt, die gerade uns helfen und beiſtehen ſollen, die Sinnenwelt mit unſerm Geiſte zu verſöhnen, und durch die Täuſchungen der Natur unſer edles Selbſt zu gewinnen. Ja, rief er mit Wärme aus, immer glaubte ich, daß Kunſt und Viſſenſchaft edler, als Gold und Adel uns begaben. Denn leichtfertige Erben vergeuden und verdunkeln dieſe Güter der Geſell⸗ ſchaft; jenen Schätzen der Menſchheit aber folgt Unſterb lichkeit; ſie wandeln zum Gotte den Menſchen um. Ein tiefer Schmerz durchzuckte den Freund, wenn er des von jenem hagern Puritaner über die Dichter ausge⸗ rufenen Fluches gedachte:„Sie ſollen in Thorheit und Täuſchung leben; wonach ſie greifen, ſoll wie Rauch ver⸗ ſchwinden, und die Bruſt, an die ſie ſich lehnen, wie ein modrig Grab einſinken.“— Solches Misgeſchick war dem Freunde ſchon im Leben an ſich und an Andern begegnet, Wie der haf⸗ eine die ihren nſere ken, erbli⸗ eine t oder ſchuld hrem ver⸗ und te zu unſer aus, edler, ertige eſell⸗ ſterb⸗ nn er usge⸗ und ˖ver⸗ iie ein r dem egnet, 1 und es empörte ihn, daß ſolch ein Heuchler an ſeinen Fluch knüpfen wollte, was ein dunkles, räthſelhaftes Ge⸗ ſchick über dichteriſche Gemüther verhängt zu haben ſchien. Ein Vorgefühl neuer Täuſchungen überſchlich ihn, und ſteigerte ſich zu einer Ahnung allgemeiner Zeitumwand⸗ lung. Er ſah eine zerſtörende Zukunft ſturmgrau bewölkt heranziehen, das fröhliche England in Frömmelei und Arbeit verſinken, und ſeine eigenen noch ungeborenen Werke im Werkeltagsſtaube vergeſſen werden. In ſolcher Stimmung brachte der Freund mehre Tage zu. Vielleicht machte ihn gerade dieſer gegen die Zukunft gefaßte Mismuth abergläubiger für die Wahr⸗ ſagerin, von welcher ihm Aylford erzählt hatte, wenn ihn nicht etwa die Aufmerkſamkeit eines ſo beſonnenen Mannes für eine ſolche Erſcheinung einnahm. Er ſprach bei ſei⸗ nem nächſten Beſuche mit Thekla darüber. Sie lachte, daß er ſo leichtgläubig ſei. Wahrlich! ſagte ſie ſchalkhaft, ſolche arabiſche und andere fremde Jungfrauen kommen doch bei Dichtern am leichteſten an.— William berief ſich mit lebhaftem Eifer auf Aylford, einen ſo tiefſinnigen Mann, der es auch nicht verſchmähe, ſolch eine Erſchei⸗ nung näher zu erforſchen. Wer iſt Aylford? fragte ſie begierig, und wie ſie nun einmal war, wurde dem Freunde auch nichts von Dem erlaſſen, was er von dem intereſſanten Manne zu erzäh⸗ len wußte, für welchen er um der zarten Neigung willen, die derſelbe für die arme Milliſent trug, ein ſo herzliches Intereſſe gefaßt hatte. Auch dieſe Herzensangelegenheit Aylford's konnte William nicht übergehen, denn eben durch Thekla ſollte ja die Verbindung mit Milliſent, zur 76 Unterſtützung der armen lieben Frau, mit der nöthigen Zartheit angeknüpft und unterhalten werden. William brachte dies Anliegen und ſeinen Vorſchlag nicht ohne die Beſorgniß vor, Thekla möͤfchte ſich nicht geneigt dazu fin⸗ den laſſen. Allein im Gegentheil übernahm ſie den Auf⸗ trag ſehr gern, ja mit einer gewiſſen Luſtigkeit. Sie wollte noch den Abend nach St.-Giles wandeln, und mit einem guten Vorwande ſich der Hütte nähern. Sie gab gleich zwei, drei Vorwände an, und William freute ſich, ſeine Freundin auch in dieſer Sache ſo ſchlau und anmuthig zu finden. In dieſer frohen Laune kam er wieder auf die Speculatrix zurück, und fragte mit ernſt⸗ lich gemeintem Scherze, ob ſie nicht zuſammen hingehen, und ihre Zukunft erfragen wollten? Thekla ſchwieg ein Weilchen nachdenkend.— Ich habe keinen rechten Glauben an Wahrſagerinnen, ſagte ſie dann. Solche Perſonen wiſſen ſich mit unermüdlicher Schlauheit Nachrichten über Menſchen und Verhältniſſe zu verſchaffen, und ſtehen auch mit heimlichen Zuträgern in Verbindung. Ich habe eine ſolche Prophetin in Antwerpen gekannt, die einen außerordentlichen Ruf hatte. Ich war ebenfalls fremd in jener Stadt, und ſie hat mir Manches voraus⸗ geſagt, was ſeitdem allerdings eingetroffen iſt. Allein wenn ſie erſt einmal meine Lage, meine Sinnesart er— forſcht hatte, wie leicht konnte ſie irgend etwas mit viel⸗ deutigen Worten prophezeihen, was ſo oder ſo eintreffen mußte? Denn ſo machen ſie es! ſetzte ſie lächelnd hinzu, und fuhr dann raſch wieder ernſthaft fort: Manche wollen uns aus der Hand wahrſagen, und daran möchte ich noch am eheſten glauben. Iſt die Hand nicht die ver⸗ 4 77 trauteſte Dienerin des Herzens? Das Herz macht unſer Schickſal. Unſere Leidenſchaften zucken und krampfen in die Hände heraus, und ein Tiefſinniger koͤnnte wol aus dieſen Linien die Pfade des Geſchicks erkennen, die ſich wunderſam aus dem Herzen über die Hand ins Leben verlängern. Die Hände ſind die Blätter unſers Stam⸗ mes, und ſind gewiß, wie die Pflanzenblaͤtter, nur nach der Verſchiedenheit des innern Lebensmarkes ſo verſchieden gezackt, durchädert und durchfurcht. Die Neigungen, Ge⸗ wohnheiten, Bedürfniſſe und Triebe ziehen die Menſchen durchs Leben. Daraus läßt ſich Vieles vorausſehen und ſagen. Ach welche fortgeſetzte Macht übt nicht eine ein⸗ zige Lüge über uns aus, zu der wir je einmal genöthigt waren! Wenn ich von einem Menſchen wüßte, was er je von ſich gelogen hat oder zu ſcheinen gezwungen iſt, ich wollte gleich zur Wahrſagerin an ihm werden. Aber, lieber Freund, wiſſen wir das nicht ſelbſt am beſten von uns, und brauchen wir eine arabiſche Jungfrau dazu?— Doch abhalten will ich dich nicht. Ich würde dir rathen abzuwarten, was Aylford erfährt. Du ſagſt, er ſei in London ganz unbekannt? Nun, ſo laß ihn einen Ver⸗ ſuch machen; er iſt ja ein Gelehrter, ein Zweifler; er wird ſich nicht täuſchen laſſen. Und macht er dir Luſt, dein Glück zu vernehmen, ſo gehe dann hin. Aber allein. Ich mag nichts über mich ſelbſt hören, ich will in mei— ner Dämmerung fortleben, und den Himmel walten laſſen. William konnte ſolche Aeußerungen mit Thekla's ſon— ſtigem Hang zur Schwärmerei und zum Aberglauben nicht übereinbringen. Auch ſchienen ihm ſolche Anſichten aus 78 Lebensbeobachtungen und Nachdenken hervorgegangen, die der eher einem männlichen Blick als weiblichem Sinn eigneten. und Doch war ihm ſolch' ein eigenthümliches Gemiſch in The⸗ kla's Bildung nicht mehr neu, und er konnte ſich wol 66 ſ erklären, wie ein ſo begabtes Weſen durch bedeutenden keit Weltverkehr und vielfältiges Leſen ſich auch fremdartige Wi Gedanken auf ſeine Weiſe aneignen könne. Nur in der Scheu, etwas über ſich ſelbſt zu hören, erkannte er die daß wunderliche Eigenheit ſeiner Geliebten wieder. der ſo ſie dir Zehntes Kapitel. 9 Während William, auf Aylford's Beſuch geſpannt, ſich mehr als man von ihm hätte vermuthen ſollen mit dem Ko Gedanken an die Speculatrix und mit dem Räthſel ſeiner Gu 1 Zukunft beſchäftigte, kam Vormittags der Graf Southamp⸗ vin ton eilig und geſchmückt zu ihm.— Zieh' dich an, lieber auf Freund, rief er, wir fahren nach Hofe. Die Königin hat Ae endlich den Vorſtellungen des Grafen Eſſex nachgegeben, und erlaubt, ihr meine Braut vorzuſtellen. Es hat nicht ni wenig gekoſtet, ihren Unwillen über unſere eigenmächtige wi Verlobung, wie ſie es nennt, zu beſiegen. Wir fahren W. mit einem kleinen Gefolge hin. Es iſt dir doch recht, daß ich dich mitgezählt habe? Du hatteſt früher einmal ln den Wunſch, die Königin in der Nähe zu ſehen, ſie re⸗ ſor den zu hören. Die heutige Gelegenheit iſt freilich keine 41 79 der feierlichſten; doch ohne Majeſtät iſt die Königin nie, und heut hat ſie zumal noch ein Zörnchen gegen uns. Wird ſie mich aber nicht ungnädig aufnehmen? Wird es ſie nicht befremden, mich im Gefolge Seiner Herrlich⸗ keit des Grafen Southampton zu erblicken? wendete William ein. Kann ſie es übel nehmen, daß du mein Freund biſt, daß du zu unſern Hausgenoſſen gezählt wirſt? verſetzte der Graf. Im Gegentheil wird es ihr lieb ſein, dich auf ſo einfache und ſchickliche Weiſe vor ſich zu ſehen; denn ſie ſchätzt deine Werke und hat eine gute Meinung von dir. Auch mir iſt es ein Gefallen, wenn du mitgehſt: vor einem Dichter ſcheut ſich die Königin vielleicht, einen Grafen auszuſchelten. Es blieb dem Freunde nicht lange Zeit, ſich in das für ihn merkwürdige Ereigniß hineinzudenken: er mußte ſich raſch hineinſchicken. Mit hiſtoriſchen Königen und Königinnen war er kraft dichteriſcher Oberherrlichkeit nach Gutfinden umgeſprungen; nun ſollte er aber vor einer wirklichen herrſchgewaltigen Monarchin knien. Daß er ſich auf der Stelle dazu rüſten mußte, half ihm über manche Aengſtlichkeit hinaus. Freund, ſagte er unterwegs zum Grafen, meine Kö⸗ nige mußten ſich nach der Hofſitte des Parnaſſus richten; wie habe ich mich nun aber ſelber in die Etikette von Weſtminſterhall zu finden? Lachend gab ihm Southampton einige Andeutungen über die bei ſolcher Gelegenheit am Hofe geltende Sitte, ſowie er ihm hinſichtlich des Anzugs ſchon einige Winke gegeben hatte.— 80 Sie eilten nach der Wohnung des Grafen Eſſer und trafen die Andern ſchon harrend. Man beſtieg die Gon⸗ deln. Ein kleines Fahrzeug zog mit Muſik der Pracht⸗ gondel voraus, in welcher Graf Eſſer ſelber das Braut⸗ paar fuhr. Es gehörte damals zum guten Tone, die eige⸗ nen geſchmückten Fahrzeuge ſelbſt zu lenken, ſowie es bis heute für nicht unadelig gilt, ſeines eigenen Fuhrwerkes Kutſcher zu ſein. Zu beiden Seiten dieſer Gondel fuhren, getrennt in zwei Fahrzeugen, die Freunde und Freundin⸗ nen des Paares. Den Schluß machte ein großes Boot mit bewaffneter Dienerſchaft. Die Muſik ſpielte während des langſamen Zuges ſtromaufwärts, und als man an der breiten Treppe unter dem königlichen Palaſt landete, bedeckte ein grüßendes, jauchzendes Volksgedränge das Ufer. Die bewaffnete Dienerſchaft bildete eine Gaſſe, durch welche das Brautpaar mit ſeinem Gefolge nach dem Pa⸗ laſte wandelte. Sie gelangten durch eine Galerie, in welcher die gegen die Spanier gewonnenen Seeſchlachten ) auf feinen Tapeten vorgeſtellt waren, zu den beiden ſoge⸗ 71 nannten Audienzzimmern. Perſiſche und indiſche Teppiche bedeckten den Boden, und reiche Tapeten, mit Gold und Silber gewirkt, waren zum Empfang aufgehangen. Die Königin kam im Gefolge ihrer Frauen und eini⸗ ger Höflinge in weiße Seide gekleidet, mit einem ſchwarz⸗ ſeidenen Mäntelchen. Eine Marquiſe hielt ihre lange Schleppe. Ihre Bruſt war nach damaliger Sitte unver⸗ heiratheter Frauen unbedeckt, und mit einem koſtbaren Juwelenhalsbande geſchmückt, wozu ſie reiche Perlen-Ohr⸗ gehänge, und auf dem röthlichen Haar ein Krönchen trug. Sie war mittler Statur, von länglich-hübſchem, aber und Gon⸗ racht⸗ raut⸗ eige⸗ 6 bis verkes uhren, undin⸗ Voot ährend mn an ndete, das durch Pa⸗ e, in achten ſoge⸗ ppiche d und deini⸗ jwarz⸗ lange unver⸗ tbaren Ohr⸗ trug. aber 81 runzeligem Geſicht, die kleinen Augen glänzten ſchwarz und freundlich, die ſchmalen Lippen zeigten ſchwarze Zähne. Ihre Haltung war majeſtätiſch auf den hohen Schuhab⸗ ſätzen, die ſie trug— um größer zu ſcheinen, als ſie war. Eſſex lächelte einem der Lords einen ſpöttiſchen Wink zu; denn es entging den eingeweihten Höflingen nicht, daß die Königin ſo herausgeputzt kam, um ſich, ihres Alters ungeachtet, neben der jugendlichen Braut gel⸗ tend zu machen. Eine eiferſüchtige Eitelkeit blieb der gro⸗ ßen Frau ihr Leben lang treuer, als ihre Günſtlinge. Wie ſie mit einem finſtern Blicke das Paar anzureden vortrat, warfen ſich Beide, der ſtrengen Hofſitte gemäß, auf die Knie.— Unſer Vetter Eſſexr, ſagte ſie, hat uns die Gründe und den Anlaß eures ſo übereilten Verlöbniſſes mitge— theilt. Ich will ſie gelten laſſen aus beſondern Gnaden für unſern Vetter. Aber was nicht unterbleiben konnte, — Gott's Augenlid! das hätte mindeſtens ohne ſo viel Lärm und Aufſehen geſchehen können! Warum thut Un⸗ gehorſam auch noch ſo gern laut? Das Paar ſchwieg mit reumüthiger Miene. Wann ſoll die Vermählung ſein? fragte die Königin mit ſtolzem Blick. Unſer Frühling beginnt, verſetzte Southampton, ſo⸗ bald uns die Sonne Eurer königlichen Gunſt lächelt. Wir harren auf die Schlüſſelblume Eurer Gnade, auf die wol— kenfreien Sterne Eurer majeſtätiſchen Augen. Die Monarchin nickte wohlgefällig.— Gott verdamme, das wollt' ich hören,— Graf Southampton! ſagte ſie. Ich dachte ſchon, du hätteſt Luſt, deinen gräflichen Stamm außerhalb des Sonnenſcheins unſerer königlichen Gunſt zu Koenig, William Shakſpeare II. 6 pflanzen. Alſo denkt ihr doch, ihr brauchtet noch unſere Erlaubniß zum Vollzug Eurer Heirath? Gott erhalte euch bei euerm rechten Glauben! So will ich denn über eure erſtmalige Eigenmacht der Verlobung hinausſehen. Taceo video! Ich werde mich aber zu euerm eigenen Beſten mit dem Heirathsconſens nicht übereilen. Es iſt einige Zeit her, daß ich ſelber noch unvermählt bin. Ich weiß, wie ſchwer es einer Jungfrau wird, ſich in die Obergewalt eines Mannes zu geben. Ich werde dich nicht übereilen, Baſe Eliſabeth. Ich will den Mai deines Brautſtandes nicht zu ſehr kürzen. Sie reichte nach dieſen Worten, bei welchen ſie ſich ſehr aufgeſtreckt gehalten hatte, mit einem ſpöttiſchen Lä⸗ cheln dem Paare die Hand zum Kuß. Dann wendete ſie ſich mit huldreichem Blicke nach dem Grafen Eſſer.— Vetter, ſagte ſie, dein Commandoſtab liegt ausgerüſtet. Morgen iſt Geheimerath, da wirſt du ihn holen. O meine Königin! rief Eſſer. Dieſen Stab, der Hunderten ein Zauberſtab ſein würde, ſich den Schacht der Ehren zu erſchließen,— ich ſehe ihn als einen Stock an, der mir droht, und mich aus der Wohnung meiner gnädigen Gebieterin treibt, wo ich zu ihren Füßen ſchmei⸗ chelnd wedeln und das Haus bewachen durfte, worin ich mein Glück fand. Oder, um die Gunſt meiner Gebie⸗ terin nicht zu verkennen, ſei er mir vielmehr ein Stock, den die Hand meiner Herrin in das empörte Ir⸗ land ſchleudert, daß ich ihn wieder herbeihole. Ja, ich 1 werde ihn zurückbringen, mit dem Lorbeer des Sieges, mit dem fruchtreichen Halm des Gehorſams umwunden, und werde ihn zu Euern königlichen Füßen niederlegen; nicht eines der acht tock iner nei⸗ mich bie⸗ tock, Ir⸗ ich ges den, gen; 83 darf ich nur auch an derſelben Stelle die Todeswunde ausbluten, die mir allnächtlich ein prophetiſcher Traum verkündigt. Die Königin ſchien von dieſen letzten Worten ſehr er⸗ griffen. Sie war blaſſer geworden, und lächelte mit ge— rührtem Wohlgefallen auf Eſſer nieder. Ihre Schwäche für den Liebling nahm deſſen Schmeicheleien, ungeachtet der wechſelnden Unarten deſſelben, ſtets für wahre Empfin⸗ dungen auf. Sie bückte ſich, um ihre rechte Hand auf des Knienden Schulter zu legen, und ſagte weich und ver⸗ traulich: Sprich nicht ſo, Vetter, und ſei nicht abergläu⸗ big an Träume. Du wirſt nicht fallen, glaube mir! Mein treuer Burleigh kränkelt auch, abgenagt von Staats⸗ geſchäften; ich hoffe doch, der allmächtige Weltbeherrſcher, der den Kummer der Könige und ihre Laſten wägt, wird mir nicht alle treuen Freunde auf einmal nehmen. Bin ich nicht ein alt einſinkend Neſt, und muß geſtützt werden? Wie ſie bei dieſen letzten Worten ſich ſtolz ſtreckte, und mit angenommener kräftigen Haltung majeſtätiſch um— herſah, fiel ihr Blick auf das zurückſtehende Gefolge und ruhte auf William. Southampton flüſterte ihr den Na⸗ men des Dichters zu.— Gott's Lid! rief ſie aus. Iſt das nicht unſer Maſter Will'? Komm' herbei, Maſter! — Ich kenne ihn, ſetzte ſie gegen Eſſer hinzu, obſchon ich ihn ſtets nur in Bart und Schminke geſehen. William war vorgeſchritten und niedergekniet. Mit einem ſpöttiſchen Seitenblick auf das Brautpaar, fragte die Königin: Haſt du Poet dies Schauſpiel erdichtet? Oder ſtehſt du nur dahinter, um zu ſehen, wie ſie ſpielen? 6* 84 Eure Majeſtät mag dies Liebes⸗ und Huldigungsſpiel mit Nachſicht aufnehmen, verſetzte William. Euerm Ken⸗ nerauge wird es nicht entgehen, daß zu viel Natur und zu wenig Kunſt darin iſt. Ich weiß nur, daß Mylord Southampton, mein Gönner, mich hierher in die Lehre mitgenommen hat. Ich habe mehrmals verſucht, Könige darzuſtellen; Mylord aber meint, eine rechte Königin von Saba zu ſchildern, würde mir ohne Vorbild niemals ge lingen. Eine nach Weisheit und Tugend athmende Kö⸗ nigin müßte es ſein, geſchmückt mit jedem Fürſtenreize, in welchem ſich die Fürſtentugenden verdoppeln. Dier Wahrheit iſt ihre Amme; die Güte ihre Dienerin, ein hoher Sinn ihr Kanzler. Sie beglückt ſich ſelber und ihre Feinde fallen, wie Schwade gemähten Korns. Da lebt unter ſelbſtgepflanztem Fruchtbaume das Volk, und ſingt des Friedens frohe Lieder ſeinen Nachbarn. Die echte Ehre leuchtet um den Thron, und zum entwitterten Himmel ſteigen des freien Glauben heilige Pſalmen auf. Die geſchmeichelte Königin lächelte beifällig, und nickte wiederholt in jener gebückten Haltung des Alters, in die ſte verſank, ſobald ſie nachdenklich ſich vergaß. Ich kenne den Maſter ſchon, ſagte ſie zu Eſſer, ich kenne ſeinen dichteriſchen Schlag. Kannſt du mir ſagen, Vetter, wo es der Gauch gelernt hat, aus dem Herzen der Könige zu reden? Ohne zu vergeſſen, wie das Volk ſpricht: ſetzte Eſſex hinzu. Der echte Dichter iſt eine Lerche, zwiſchen Erd⸗ ſchollen niſtend und in den Wolken jubelnd. Fahre nur fort, Maſter, mit deinen edeln Schau⸗ ſtücken! wendete die Königin ſich wieder an William. Die 8⁵ Bühne hebt ſich mit deinen Flügen. Ich habe früher einige Einſchränkungen des Schauſpiels zu Gunſten der Bärenhetze befohlen. Auch die Bärenhetze muß ſein. Alles iſt mir recht, was das Volk ſchauluſtig macht. Und doch habt ihr dabei nichts verloren: wenn das Volk Don⸗ nerstags nach dem Parisgarten gelaufen iſt, drängt es ſich deſtomehr wieder euern Buden zu, und prügelt ſich um eure Stücke. Aber der Maſter findet ſich dabei wenig geehrt, ſagte Eſſex. Er ſieht ſich nach anderm Ruhme um, und hat auch Kräfte für höhere Ehren. Ich dachte, ihn mit nach Irland zu nehmen, denn ich bedarf eines vertrauten Kriegs⸗ ſchreibers. Wass? fiel die Königin ein. Kann ich dir nicht hun⸗ dert Kriegsſchreiber geben? Und du, Maſter, fühlſt dich nicht geehrt, wo du einzig biſt? William war von der eben ausgeſprochenen Abſicht des Grafen Eſſer auf das Freudigſte überraſcht. Er blickte nach dem hohen Gönner hin, da er in Gegenwart der Königin ſeine Empfindungen für den Grafen nicht ausſprechen durfte. Nun gerieth er aber mit dieſer neuen lockenden Hoffnung an den Widerſpruch der Monarchin. Er fürchtete, der Graf werde nachgeben müſſen, und ver⸗ ſetzte daher auf die Frage der Königin mit Lebhaftigkeit: O gnädigſte Königin! Mein Name wohnt freilich im Munde des Volkes. Aber der Athem des Pöbels ſtärkt nicht, ſondern erſchlafft den echten Stolz des Mannes. Im Auge der Edeln iſt meinem Namen Schmach einge⸗ brannt; mein Treiben und Beruf haften an mir, wie Farbe an des Färbers Hand. Der Lord Chamberlain 2 8 86 denkt nicht wie ſeine Königin. Und dieſe Frömmler, die wie Schmeißfliegen in dem ſchönen Sommer Eurer Re⸗ gierung, o Königin, die friſche Freude, die heitere Luſt des Lebens verderben,— ſie vergiften auch unſern Ruhm mit dem Unrath ihrer eigenen Sümpfe. Laßt darum, o Königin, die Hand ſeiner Herrlichkeit des Grafen Eſſer gewähren, die vollenden will, was mein Gönner Sou⸗ thampton begonnen hat: Beide wollen nur das huldreiche Gericht, das Eure Hoheit über den Dichter geſprochen hat, im Auge der Welt vollziehen. Du weißt nicht, was du thuſt, Vetter, ſagte Eliſa⸗ beth. Eben dieſe Puritaner, die Niemanden, außer Gott, über ſich anerkennen wollen, nicht weltlich noch geiſtlich Regiment, und die daher alle Menſchen Brüder nennen, — ſie regen mir im Reich ein tolles Trachten nach Frei⸗ heit und Gleichheit auf; ſie ziehen das Volk in finſteres Brüten, machen es nachdenklich, unzufrieden, misvergnügt Das Volk ſoll aber luſtig ſein, und wenn es von der Arbeit kommt, ſoll es die Augen von irgend etwas voll haben,— heut Sackerſon, morgen Burbadge! Der Graf lachte laut, indem er ſagte: Zufällig iſt aber Maſter William weder ein ausgezeichneter Helden⸗ ſpieler wie Burbadge, noch ein ausgezeichneter Bär wie Sackerſon. Aber er ſchafft Könige, und lehrt Unterwerfung! eiferte die Monarchin. Er füllet des Volkes Ohren und Herzen mit Majeſtät, und legt dem Pöbel Worte der Ehrfurcht auf die Zunge. Und wenn er Aufruhr und wilde Lei— denſchaften malt, ſo wettert der Athem einer Vorſehung hindurch, und Gloria blitzt um die Stirne der Hoheit. G G& e 91 Stillen die abſichtloſe Anhänglichkeit Thekla's bewundert. Stets war ſie ihm mit Liebe, mit allem Aufwande eines ſo reichen Herzens und einer ſo anmuthigen Seele ent— gegengekommen, hatte ſeine kleinen Geſchenke und die be⸗ gleitenden Sonette mit Entzücken aufgenommen und nie gefragt, ob ihnen ein gemeinſames Glück blühen werde. Dafür ſollten ihr nun auch alle die trübſeligen Empfin⸗ dungen, die mit Auflöſung einer alten, unglücklichen Ver⸗ bindung verknüpft ſind, gänzlich erſpart bleiben. Er wollte ihr den rein ausgebrochenen und ausgeſchälten Kern ſeines Lebens auf einer glänzenden Schale bieten. Mit Ungeduld ſah William ſeinem neuen Freunde Aylford entgegen. Er hatte denſelben bei wiederholten Beſuchen nicht zu Hauſe getroffen. Wie nun end dlich der heitere Mann erſchien, waren beide von ihren perſönlichen Angelegenheiten ſo erfüllt, daß ſie mit ihren Mittheilun⸗ gen einander zu überſtürzen drohten. William erzählte die Audienz bei der Königin und die glückliche Wendung ſeines Lebens. Anſtatt des gehofften Erſtaunens rief aber Aylford nach flüchtiger, glückwünſchender Umarmung ſehr ungeſtüm aus: Was werdet Ihr aber ſagen, Freund! Werdet Ihr mir glauben? Dieſe Speculatrix ſteht wahr— haftig mit höhern Mächten im Bunde! Sie iſt eine wahre und wahrhaftige Zauberin. Aber von der guten Art. Ich bin überzeugt, es iſt durchaus keine ſchwarze Magie dabei. Ja, William, ſie hat mir Alles und Alles angedeutet, was in der Dunkelheit meines Lebens liegt, und was ſich in meinem tiefſten Herzen regt. Ihr glaubt mir nicht? Wahrhaftig,— Dinge, die außer Euch Nie⸗ mand in London wiſſen konnte, hat ſie mir mit den 92 unzweideutigſten Worten ausgeſprochen. Ich habe die unruhigſte Nacht gehabt, und eben komme ich von einer Begegnung, die mich vollends verwirrt. Hört nur! Die Speculatrix hatte mir ein Wahrzeichen ihrer Vorherſagun⸗ gen angeboten. Ich ſollte mich in der Mittagsſtunde am Eingange des Dörſchens Sanct Giles aufhalten; ein jun⸗ ges Frauenzimmer würde mich nach der Wohnung der unglücklichen Milliſent fragen. Ich mußte mich aber, um dieſes Wahrzeichens würdig und theilhaftig zu werden, entſchließen, zu faſten und bis zu jener Frage kein Wort zu reden. Ihr werdet lachen; aber ich that es ehrlich. Und nun denkt Euch, daß nach einer ziemlichen Weile— denn ich war in meiner Unruhe etwas früher gegangen— ein junges Frauenzimmer— ich glaube das ſchönſte, das ich je geſehen— wirklich zu mir an die Hecke tritt, wo ich ſitze, und nach Milliſent's Wohnung fragt. Was ſagt Ihr dazu? Könnte es die Speculatrix nicht ſelbſt geweſen ſein? verſetzte William. Die Speculatrix? fragte Aylford. DO nimmermehr! Ja wäre die Speculatrix ſo ſchön, ſie würde ſich mit Wahrſagen nicht abgeben, ſie würde mit dieſem Zauber die Gegenwart in Beſchlag nehmen, und aller Blick in die Zukunft würde ihr abgehen. Auch war es eine ganz andere Stimme. Ihr glaubt alſo doch, ſie wahrſage, um ihr Brot zu verdienen, nicht aus innerm Blick und Drang der Wahr heit?— lächelte William. Nein, das will ich nicht geſagt haben! betheuerte Je⸗ ner. Gewiß wird ſie von ihrer innern Begabung getrie⸗ und 93 ben, wie der Dichter zum Schauen ſeiner Art; aber ſie muß dann auch davon leben. Ich behaupte nur, der Himmel begnadigt ein Weſen nicht mit zwei ſo hohen und doch ſo verſchiedenen Gaben, nicht zugleich mit dem Zauber für die Gegenwart und mit dem Blicke für die Zukunft. Eines hebt auch das Andere auf; denn alle Kräfte des Lebens haben ihre beſtimmten Anziehungen in Raum und Zeit. Sehen konnte ich zwar das umſchleierte Angeſicht der Speculatrix nicht; aber ihre Stimme war, wie geſagt, eine ganz andere als des heutigen Mädchens, und die Mundart war ganz verſchieden. Die arabiſche Jungfrau hat auch im gebrochenen Engliſchen den Hauch der Wüſte, eine beduiniſche Kehle. Euer Vertrauen iſt alſo gerechtfertigt, verſetzte William; und was hat ſie Euch geweiſſagt? Der kranke Gatte Milliſent's würde eines verklärten Todes ſterben, und Milliſent ſelbſt würde Vertrauen zu meinem jüngern und frohern Herzen faſſen, erwiderte Aylford mit leiſer Stimme und gefalteten Händen, Dann ſetzte er lauter hinzu: Doch ehe der Tod die kummervolle Ehe Milliſent's trennete, würde ich eines Freundes un⸗ glücklich Bündniß in Stratford löſen.— Was ſagt Ihr, Freund? Noch manches Andere habe ich zu Hauſe aufge⸗ ſchrieben. Was denkt Ihr? Iſt es nicht wunderbar? Ich bin in meinen feſteſten Ueberzeugungen wankend geworden! William war in der Stimmung eines Menſchen, der das Unglaublichſte aus dem glaubwürdigſten Munde ver— nimmt. Er konnte keinen beſtimmten Gedanken faſſen In ſolcher Stimmung zweifelt man in einem Augenblicke, und findet im andern doch wieder die friſchen Fußſtapfen 94 des bezweifelten Wunders in den faſſungsloſen Mienen des Erzählers. Beide Freunde räthſelten lang über dieſe merkwürdige Erſcheinung— beide in ihrer verliebten Hoffnung wundergläubig, beide auch durch ihren Lebens— beruf an das Wunderbare gewieſen, der Dichter an ſeine Phantaſie, der Prediger an die Offenbarung. Am Ende war William wenigſtens darüber außer Zweifel mit ſich, daß er die Speculatrix nun ebenfalls beſuchen und be⸗ fragen wolle. Aylford traf denn auch Anſtalten zur Abreiſe nach Stratford.— Ich gehe, ſagte er, mit einem erquickten Glauben, mit einem neuen Blick in unbegreifliche Erſchei⸗ nungen. Ich empfinde eine wunderſame Rührung in mir, jenen tiefinnerlichen, weichen Wohllaut, wenn die Schmer⸗ zen und die Hoffnungen des Lebens zuſammenklingen, und ihre Bebungen an unſer Herz ſchlagen. Ich vertraue jener prophetiſchen Zuſage, die mit meinem heimlichſten Wunſche übereinſtimmt. Dennoch, ehe ſich dieſelbe erfüllt, ja bevor ich nur den Traum meiner Zukunft darf laut werden laſſen, muß erſt jener arme Greis eines verklärten Todes ſterben. Es iſt betrübend; allein— überlaſſe ich denn nicht Alles den Fügungen des Himmels? Alles, bis auf Eins, Freund, worin ich mich auf Euch und Eure Zuſage verlaſſe. Ich meine die Sorge für Milli⸗ ſent. Du übernimmſt dies Anliegen. Wenn der zu er— wartende Tod des Greiſes früher eintreffen ſollte, als wir es hoffen—. Ei nun, Ihr werdet mir ja von jedem wichtigen Ereigniſſe zur rechten Zeit Nachricht geben. Wegen Eurer Familienangelegenheit ſeid unbeſorgt. Eure ienen dieſe ebten bens ſeine Ende nach ckten ſchei⸗ mir, zymer und traue chſten füllt, laut lärten ſe ich Alles, ) und Milli 95 neue, amtliche Stellung befördert meine Bemühungen; Vater und Mutter ſind nun leichter zu gewinnen, und Eurer Anna wird jetzt vollends angſt und bange vor ihrem vornehmen Manne ſein. O mein Freund, in welchen Stimmungen, unter welchen Ereigniſſen werden wir uns wiederſehen? Welche Gewinnſte werden wir zu theilen, welche auszutauſchen haben? Mit einer langen, ſtummen Umarmung ſchieden beide Freunde. Zwölftes Kapitel. In der Stimmung und Lage, worin William des nach Stratford geſchiedenen Freundes oft genug dachte, vergin⸗ gen Wochen. Es waren angenehme Tage, mit lauen, aber ſchon verlängerten Abenden. Die Ernten fielen nicht ergiebig aus; allein die Beſorgniſſe nachdenklicher Männer um die Zukunft gingen nicht auf das fröhliche Volk über; die Schauſpiele, die öffentlichen Vergnügungen und Volks⸗ feſte erfuhren keinen Abbruch. Seit William's neuem Berufe näherte ſich ihm wieder Lasko. Beide waren in letzter Zeit bis auf die gewöhn⸗ lichen Höflichkeiten auseinander gekommen. William ver⸗ mied die Zimmer des ihm unheimlichen Mannes, dem er mistraute und doch nichts anhaben konnte, und Lasko, der in William den Beobachter ſeiner heimlichen Wege 96 fürchtete, ließ ihn fahren, weil er ihn nicht mehr wie früher zu benutzen nöthig hatte. Nun war aber dieſer Phantaſt, wie ihn Lasko gern nannte, auf einen bedeu⸗ tenden Poſten gelangt, und gerade auf einen ſolchen, wo er wieder nützlich werden konnte; denn als Organ der Jeſuiten, die hinter dem irländiſchen Aufſtande wirkten, und im Briefwechſel mit dem Rebellen Tyrone, ging Lasko eben darauf aus, die Abſichten, die Mittel und Wege, die Operationsplane der engliſchen Regierung, kurz die Schwächen und die Stärke derſelben zu erkundſchaften. Allein, wie er jetzt mit dem Dichter ſtand und deſſen Mistrauen kannte, durfte er nur mit der größten Vorſicht und auf Umwegen zu Werke gehen. Es wurde ihm leicht, William wieder mehr an ſich zu ziehen; denn um Thek— la's willen ſuchte der Freund ſich immer mit Lasko zu halten, und war von Natur zu unbefangen, um ſich vor der Artigkeit irgend eines Mannes zu verſchließen. Aus Artigkeit und Vorſicht zugleich ſuchte Losko den Dichter anfangs mehr in Thekla's Zimmer auf. Unter muntern Geſprächen kam man dann immer wieder auf die iriſchen Angelegenheiten. Es war ja die Angelegenheit des Lan⸗ des und des Tages. Lasko behandelte dieſelben wie etwas ihm durchaus Fremdes, gegen das man aber im Intereſſe Englands nicht ganz gleichgiltig bleiben dürfe.— Sind wir denn ſchon wieder in dieſe irländiſchen Sümpfe ge⸗ rathen? rief er lachend aus, ſo oft es ihm gelungen war, das Geſpräch unvermerkt darauf zu bringen. Er hütete ſich alsdann wohl, an William's Amt zu erinnern, oder ihn um etwas geradehin zu fragen. Nein, er lachte über die Schwäche und Tollheit der Irländer, ſich gegen wie leſer deu⸗ wo der kten, ging und kurz aften. deſſen rſicht eicht, hek⸗ ) zu vor Aus ichter ntern ſchen Lan⸗ twas tereſſe Sind e ge⸗ ngen Er nern, gegen England aufzulehnen. Und William, zum Widerſpruche gegen Lasko leicht gereizt, behauptete die Vortheile ihrer Stellung. Dann ſchüttelte Lasko den Kopf über den Ausgang der Empörung für England, und William ent⸗ wickelte die gegen die Rebellen zubereiteten Mittel und Vorkehrungen. Lasko, der ſich für ſehr unwiſſend in kriegeriſchen Dingen erklärte, brachte eine Karte von Ir⸗ land herbei, um ſich Einiges klar zu machen, und erfuhr nun von William, welche Vertheilung und Richtung der Truppen zum Angriff der Rebellen beabſichtigt wurden. Kurz, Lasko wußte abwechſelnd Zweifel und vorlaute Be⸗ hauptungen, vorgebliche Unwiſſenheit und alberne Vor⸗ ſchläge, überflüſſige Wünſche und ängſtliche Bedenken im Intereſſe ſeiner Partei ſo geſchickt zu miſchen und auszu⸗ ſpielen, daß er dem unbefangenen, lebhaft-unachtſamen, eifernd ſchwärmeriſchen Freunde nach und nach Alles ab⸗ gewann, was er zu brauchen wünſchte. Er hatte es nämlich bald weg, daß auch William von der Eigenheit der Poeten nicht frei war, welche, wenn ſie aus ihren luftigen Gebieten in die öffentlichen Geſchäfte gerathen, ſich auf ihre Einſicht und Geſchicklichkeit in ſolchen hand⸗ feſten Dingen gern etwas zu gut thun.— Wie ſchaden⸗ froh lachte dann Lasko hinter des Dichters Rücken, und überhob ſich mit ſeinem Verſtande über ſolche unnütze, unbrauchbare Menſchen,— wie er ſich ausdrückte. Thekla, die von Lasko's irländiſchen Verbindungen noch nichts wußte, kannte ſeine Verſchlagenheit zu genau, um nicht die Abſicht ſeiner hinterliſtigen Fragen zu durch⸗ ſchauen. Sie ließ ſich aber nichts merken, bis ſie ſoweit in das Geheimniß eingedrungen war, daß Lasko um den Koenig, William Shakſpeare. II. 7 9 8 Preis ihres Schweigens gegen William ſie vollſtändig kan einweihen mußte. Leichtſinnig, wie ſie in dergleichen Dingen war, übernahm ſie nun auch Manches, was Lasko && zu erforſchen ſcheute, dem argloſen Freund unter vier Au gen abzufragen. da Wie Lasko vor ihr, hatte Thekla auch ihre Geheim ter niſſe vor ihm. So wußte er ebenſo wenig, wie William, fo daß ſie noch immer ihre alte Wohnung in Southwark ne beibehielt, und dort Beſuche empfing. Wenigſtens kamen al Sir Francis Bacon und Graf Southampton regelmäßig W an gewiſſen Tagen der Woche dorthin. Thekla ſelbſt hatte 4 1 ihnen jenes Haus bezeichnet, um ſie, William's und u Lasko's wegen, nicht mehr in der jetzigen Wohnung zu empfangen.— Es war nämlich dem Grafen Alles daran w gelegen geweſen, Roſalien verſöhnt und beruhigt zu wiſ⸗ b ſen, damit ihm das tolle Mädchen nicht irgend einen fe Streich ſpiele, und das glückliche Verhältniß mit ſeiner f Eliſabeth ſtöre. Er machte ſich um dieſer Abſicht willen- und da er ſich von leidenſchaftlichem Hang wie von un 9 ſtatthaften Wünſchen frei fühlte, keinen Vorwurf daraus, einen ſo geiſtreichen und anmuthigen Umgang zu pflegen. Doch ging er nie anders, als in Bacon's Geſellſchaft zu ihr. Dieſe Behutſamkeit entging dem leidenſchaftlichen Mädchen ſo wenig, als die ganze veränderte Stimmung des ehemaligen Geliebten. Indeß hoffte ſie noch, und legte es darauf an, ihn ohne Zeugen zu ſprechen, um—. Doch ſie machte ſich ſelber nicht recht klar, was ſie eigent⸗ lich dabei erlangen wollte. Die ſo ſehnſüchtig erwarteten Nachrichten Aylford's kamen endlich von Stratford an. gezweifelt, daß eine Verſöohnung mit ſeinen Aeltern, eine Scheidung von ſeiner Anna nach ſeinen Wünſchen zu Stande kommen werde; dennoch erfreute ihn die Nachricht davon, als ſei das Widerwärtigſte und kaum zu Erwar⸗ tende glücklich überwunden worden. ford von Schwierigkeiten, die es doch gekoſtet, und bezeich⸗ nete einige Punkte, die dem Freunde noch Zugeſtändniſſe abforderten. Allein dieſe fielen ihm nicht ſo ſchwer, als Aylford ſich vorſtellen mochte. wie einträglich die Theaterantheile William's ausfielen, und wie gut dieſe Summen von Nelly angelegt und ver⸗ Soweit alſo nur Geld in Betracht kam, Er nahm ſich vor, ſo⸗ waltet wurden. war William leichten Herzens. bald er mit Thekla übereingekommen wäre, nach Strat⸗ ford zu eilen, die theuern Aeltern zu umarmen, dem ge⸗ fälligen Freunde zu danken und ſeine Scheidung vor geiſtlicher und weltlicher Obrigkeit ins Reine zu bringen. In dieſem Sinne ſchrieb er vorläufig an ſeinen Freund Aylford, indem er zugleich gute Nachrichten über Milli⸗ ſent beifügte. In der frohſten Stimmung eilte William zu Thekla. Er fand ſie auf ihrem Zimmer mit Muſik beſchäftigt und Sie ſtellte das Inſtrument bei Seite und empfing ihn wahrhaft ausgelaſſen.— Du kommſt wie gerufen zu einem köſtlichen Einfall, ſagte ſie, den ich eben gehabt und auch gleich fertig gedacht habe. Du haſt nun, denke ich, ſatt Novellen von mir überſetzt und er⸗ Bis du die alle zu Schauſpielen verar⸗ höchſt aufgeräumt. zählt erhalten. William hatte nicht Freilich ſchrieb Ayl— Er wußte nämlich nicht, 100 beiteſt, haſt du Jahre zu thun. Wir müſſen uns eine neue Unterhaltung verſchaffen. Da iſt mir eingefallen, wir wollen manchmal abwechſelnde Perſonen aus der Ge ſchichte oder dem wirklichen Leben gegeneinander vor⸗ ſtellen, und uns als ſolche wechſelſeitig behandeln. Du kämeſt zum Beiſpiel einen Tag als Antonius und ich wäre Kleopatra. Oder du beſuchteſt mich als König Jo⸗ hann, und ich empfinge dich als Conſtanze. Aber wir beſprächen nicht die Angelegenheiten jener Perſonen, ſon⸗ dern unſere eigenen. Wäre das nicht doppelt ſpaßhaft? Uns nämlich nicht blos als fremde Perſonen zu geberden, ſondern auch unſere eigenſten Geſchichten und Anliegen wie aus fremdem Munde zu vernehmen. Du ſpielſt jetzt doch nicht mehr auf dem Theater, und ich— geſtehe dir, ich ſpiele manchmal gern im Leben Sie lachte bei dieſen letzten Worten mit dem ſchalk⸗ hafteſten Blicke von der Welt. Nein, ſagte William, dieſer Vorſchlag gefällt mir nicht. In ſolchen Wechſelgeſtalten bringſt du mich um die Wahrheit deines holden Selbſt. Gerade dich, wie du biſt, was du mir biſt und werden ſollſt,— nur das ſuche ich bei dir auf, halte es feſt, und will ſeiner immer mehr habhaft werden. Und nun willſt du mir, wenn ich dich faſſe, in einem wechſelnden Schein entſchlüpfen? Sonſt liebe ich wol einen Scherz, ich ergötze mich an einem muthwilligen Streiche, ich bin auch einem tollen Unter⸗ nehmen mit luſtigen Geſellen nicht abhold. Allein, ich weiß nicht, welch' ein tiefer Ernſt mich immer in deiner Nähe ergreift, ſeit ich dich mit tiefſter Seele liebe. Selbſt deine zauberhaften Reize fachen in mir mehr und mehr mer ich onſt nem ter⸗ ich iner Albſt nehr die reinſten Flammen an, die ewige Sehnſucht nach einer Fülle des Glücks und nach der ſeligſten, ruhigſten Ge⸗ nüge. Ich freue mich deiner Neckereien, deiner ſteten Fröh⸗ lichkeit, und ich hoffe, ſie ſollen meinen Ernſt nur um ſo ſchöner kleiden, wie goldne Zierathen gerade auf dunkelm Stahle ſich am prächtigſten ausnehmen. O wüßteſt du, mein ſüßes Herz, wie müde ich aller Masken und Täu⸗ ſchungen bin, die mir das Theater und das Leben ange⸗ than haben! Die Wahrheit, die im Schauſpiel liegt, iſt mir abgeſchmackt worden, und im Leben iſt mir die Lüge ſo oft begegnet, daß ich es nur in deiner Liebe, in un— ſerm innigen, ewigen Bunde vergeſſen kann. Die Wahr⸗ heit deines Herzens, und die Wahrheit meiner Poeſie,— ſieh' da, meine Thekla, zwiſchen dieſen beiden will ich meine Seele theilen, und meine Seligkeit finden; ſie ſind für mich die Angeln der Welt. Thekla umarmte den Freund zärtlich und ſchmeichelnd Eigentlich, mein Will', ſagte ſie, kennſt du doch die Wahrheit noch nicht, die in der Darſtellung weiblicher Leidenſchaften durch wirkliche Frauen liegt. Auf euern Bühnen werden weibliche Rollen durch Jünglinge geſpielt, durch heranwachſende Knaben. Wie können ſolche, blos durch ſchmächtige Geſtalt und bartloſes Kinn berufene Bürſchchen— mädchenhafte Verſchämtheit, mütterliche Liebe, weibliche Eiferſucht, uͤberhaupt die Macht und Tiefe der Frauenleidenſchaften wahr und ergreifend dar⸗ ſtellen? Wie können ſolche Geſellen die Geheimniſſe eines weiblichen Herzens ausſpielen? Ich ſollte dir das einmal zeigen! Darin haſt du gewiß Recht, Thekla! verſetzte er Es 1⁰² würde mir ein Entzücken ſein, ein ſo begabtes Weſen, wie du biſt, auf der Bühne ſpielen zu ſehen. Nur dich will ich dort nicht ſehen. Und zumal hier, zwiſchen die— ſen traulichen Wänden, ſollſt du mir nichts Anderes ſein, als du biſt. Nicht einmal mit gutem Vorwiſſen will ich von dir getäuſcht ſein. Wie? Ich ſollte mich daran freuen, daß du mir ſo wahr darzuſtellen weißt, was du nicht wirklich biſt, um endlich in den Zweifel zu ge⸗ rathen, ob das auch wirklich ſei, was du mir ſo wahr vorlebſte Sie lachte laut: Geh' doch! Ein Dichter, wie du, wird ſolche Skrupel haben! Gerade der Dichter, erwiderte William, braucht ſolche Wahrheit des Lebens,— er, der in der Wirklichkeit aus⸗ ruhen muß vom hohen Zwang ſeines Schaffens. Die Geſtalten ſeines Geiſtes, die Töchter ſeiner Phantaſie, jene ſüßen Täuſchungen und Träume, in denen ſich die Ge ſchlechter der Menſchen wiegen, ſind ſeine Geſchöpfe; ſie haben von ihm ihre Wahrheit, aber nicht für ihn, ſon⸗ dern für Andere, für die Welt. Die Alltagsmenſchen können ſchon eher dem Himmel danken, wenn ihnen eine ſchmeichelnde Unwahrheit, eine begeiſternde Täuſchung be⸗ gegnet, ihre träge Einbildungskraft beflügelt, und ihr ödes Herz mit Ahnungen einer unbegreiflichen Welt durchquickt. Der Dichter aber, der Vater der Täuſchungen, ſehnt ſich nach einer Wahrheit, deren Kind er ſein könne, an deren Bruſt er Troſt und Herſtellung finden muß. Braucht der Maler nicht einen feſten Grund, auf welchem er die Kinder ſeiner Phantaſie niederſetze,— einen Stab, auf welchem ſeine gebärende Hand ruhe? Nur der Zauberer 1⁰3 ſen, ruft ſeine trügeriſchen Geſtalten in Dunſt und Nebel her— dich vor, und ſie verſchwinden mit erſtickenden Dämpfen O, de⸗ meine Thekla, mein Alles, du ſollſt mir keine Zauberin ein, ſein! ich O Kind, das du biſt! lachte Thekla nicht ohne er⸗ ran röthende Verlegenheit. Biſt du denn eine Lebenswahrheit was werth? Ich will ſagen,— verdienſt du denn eine? Haſt ge⸗ du nicht Tauſende mit Traumweſen, erdichteten Gefühlen, dahr Aengſten und Freuden getäuſcht? Wollt ihr Dichter denn ſo ungeſtraft eure Täuſchungen in die Welt ſetzen, eure du, Kukukseier in die Herzen der Menſchen legen? Du kannſt den Himmel immer noch gnädig nennen, wenn er dich iche für deine außerordentliche Poeſie mit einer recht ausge⸗ us zeichneten Täuſchung heimſucht und züchtigt.— Und du Die verdienſt auch keine Schonung! fuhr ſie mit lächelndem Die ene Mismuthe fort; ſchon weil du meinen herrlichen Einfall Ge nicht auffkommen läſſeſt. Ich ſehnte mich ſo ſehr, in ir— ſie gend einer angenommenen Geſtalt mit dir auszuſchwär⸗ on⸗ men. Welche herrliche Tage ſind jetzt! Wir wären nach hen Greenwich, nach Stains oder Islington gefahren, oder eine* noch weiter, nach Cotſale gereiſt, das durch ſeine Spiele be⸗ und Luſtbarkeiten ſo berühmt iſt,— kurz überall hin, des wo Menſchen ſind, die mich nicht kennen. ickt Meinſt du das? rief William. Ich habe dich nicht ſich verſtanden. Solche Spaziergänge und Fahrten laſſe ich ren mir gefallen; ich habe ſie längſt gewünſcht; nur hatteſt icht du immer—. die Nicht wahr? lachte ſie vergnügt. Beſonders aber müſſen auf wir dabei etwas vorſtellen, du zum Beiſpiel Romeo, ich die Julie. Du biſt freilich der jüngſte Romeo nicht mehr! 104 Bei dieſen Worten ſtrich ſie mit ſchalkhafter Miene die dünnen Locken von der hohen Stirne des Freundes zurück, und lief mit herausfoderndem Lachen vom Fenſter, an dem ſie ſtanden. William verfolgte und küßte ſie. Ein Ringen, eine Neckerei entſtand, die den Freund heiter ſtimmten, um auf Thekla's Spaß einzugehen.— Alſo den Romeo? ſagte er. Soll ich den Romeo vor unſrer Heirath oder nach dem Segen des Bruders Lorenzo dar ſtellen? Nein vor! rief Thekla. Sonſt käme ich ja um den allerliebſten Augenblick, da du meine Hand begehrſt. O ſüße Thekla, der Moment iſt nah, die Werbung iſt wahr und wahrhaftig da, verſetzte William. Du ſagſt: „Allerliebſter Augenblick“? Herrliche, göttliche Thekla! O ich trunkenſter Romeo! Ja, laß hier gleich Bruder Lorenzo's Zelle ſein, und ich rufe: Leg' unſre Hände nur durch deinen Segenſpruch in Eins! Mit der unſchuldigſt⸗anmuthigen Julie⸗Miene antwor tete ſie: Ach, meine treue Liebe ſtieg ſo hoch, daß keine Schätzung ihre Schätz' erreicht. Hingeriſſen umarmte William die Freundin mit Un⸗ geſtüm. Halt, halt! rief ſie mit der täuſchenden Stimme eines Mönches die Worte Lorenzo's: So wilde Freude nimmt ein wildes Ende. D'rum liebe mäßig, ſolche Lieb' iſt ſtät; Zu haſtig und zu träge kommt gleich ſpät William war in Erſtaunen über die wunderbar wech⸗ ſelnde Stimme Thekla's, über dieſe ſo verſchiedenen Töne den und Klänge, die, kaum glaublich, aus einem und demſel⸗ ben Munde kamen. Sie beſaß die eben nicht ſo ſeltene Gabe, die Sprechweiſe und Stimme verſchiedener Menſchen täuſchend nachzuahmen, in ungewöhnlichem Grade; doch hielt ſie, aus was immer für einem Grunde, gegen Wil⸗ liam damit zurück, und hatte auch dieſe kleine Probe mehr aus Vergeſſenheit als aus Abſicht gegeben. Sie lenkte daher des Freundes Bewunderung mit den Worten. ab: Du fällſt aus deiner Rolle, William. Wir wollen aber nicht dein auswendig gelerntes Trauerſpiel geben; wir wollen aus der Fauſt ſpielen; wir wollen deine und meine Alltäglichkeit ſchmelzen, und in die Formen von„Romeo und Julie“ gießen. Das iſt ja eben der Spaß davon. Richtig! verſetzte er. Auch muß unſer Spiel luſtiger ausfallen. Ich brauche aber an dem Stück nur Einiges zu ändern, ſo paßt ſchon Vieles. Ich nehme meinen Ael⸗ tern den Haß ab, und laſſe ſie verſöhnt ſein, und ſtatt des Bruders Lorenzo nehme ich den Prediger Aylford, der hoffentlich Alles ohne Schlaftrunk und Brecheiſen be⸗ werkſtelligt. William brachte nun im Charakter des Romeo ſein wirkliches Anliegen vor. Er ſchilderte ſeine Liebe, ſein Verlangen, ſein Beſtreben. Er rühmte das Glück, das er in ſeiner Julie finden und das er ihr bereiten werde. — Er ſprach lebhaft und von ſeinen eigenen Worten ergriffen. Thekla höorte ihn nicht ohne tiefe Bewegung an; allein befangen, verworren, uneins mit ſich ſelbſt in ihrer Lage und in ihren Wünſchen ſuchte ſie durch Scherz auszuwei⸗ chen. Als er daher, der guten Nachrichten Aylford's ge⸗ — 4106 denkend, die Worte ſagt: Meine Aeltern ſind verſöhnt, mein Weib ſtimmt ein, unſel'ger Ehe Bündniß aufzu⸗ löſen, rief ſie: Was, Romeo!— Du biſt vermählt, und jene Roſalinde iſt dein Weib? O Betrüger! Mit eines Jünglings Miene kommſt du auf meines Vaters Masken⸗ ball, und haſt ein Weib daheim? O fort, verlaß mich, falſcher Mann! O arme, betrogene Julie! Was bleibt dir übrig? Ich werfe mich dem Grafen Paris in die Arme. Bei dieſen Worten brach Thekla, in Gedanken an den Grafen Southampton, aus ihrer innern Spannung in das unmäßigſte Lachen aus. Genug des Scherzes! verſetzte nach einer kleinen Pauſe William mit ſanftem Tone. Laß jetzt das Spiel; es fängt an, mich zu verletzen. Was ich dir als Romeo geſagt, es iſt deines William heiliger Ernſt. Ich, ich habe zu dir geſprochen, meine Liebe iſt es, deine Hand iſt es,— Thekla's Hand, um die es jetzt gilt. Weg mit Romeo! Fort mit Julie! Du und ich,— und kein Scherz zwiſchen uns! Daß du mich liebſt, haſt du mir hundertmal betheuert; daß du mir angehören willſt für immer— ſag' es nur ein für allemal! Wer könnte beſchreiben, was in dieſen Augenblicken ſo tief empfunden, ſo ſchmerzlich wechſelnd in Thekla's Herzen vorging! Ein edler, ſeelenvoller Mann bot ihr mit ſeiner Liebe eine Zuflucht aus ihrer bodenloſen und hoffnungs⸗ loſen Lage. Sie hatte wol bisher ſchon öfter an dieſe glückliche Auskunft gedacht, allein immer nur eine geheime Angſt dabei empfunden. Sie war einer Erklärung des Freundes immer ausgewichen; wie ſollte ſie nun dieſer entſchiedenen Werbung entgehen? Was ſie ſchon früher wohl überlegt hatte, ſtand ihr auch jetzt lebhaft vor der Seele. Das Haupt des Freienden war nämlich von ihren Täu⸗ ſchungen umwunden: mußte ſie nicht vor Allem dieſe Binde löſen? Allein wenn ſie es that, und der enttäuſchte Freund ſeine Geſinnung änderte, was verlor ſie nicht Alles, in welche neue Verwirrung gerieth ſie? Wie konnte ſie in London bleiben? Wo ſollte ſie hinaus? Wenn ſie auch glaubte, ein ſo großgeſinnker Mann, wie William, könnte ſolch' ein kindiſches Gewebe von Unwahrheiten lä⸗ chelnd verzeihen: würde er ſich wol auch über ihr früheres Verhältniß mit Southampton hinausſetzen? Konnte ein offenes Geſtändniß nicht dieſe edle Freundſchaft zerſtören? Was ſollte ſie thun? Was konnte ſie wagen? Wieviel durfte ſie unterlaſſen? Alle dieſe Fragen beſturmten Thekla's Herz mit un⸗ ſäglicher Qual. William, der dieſen innern Kampf und dieſe ſichtbare Aufregung ſeiner Freundin misverſtand, ſagte endlich mit weicher Ruhe: Wenn du geſtimmt biſt, Thekla, mich nicht werth genug zu finden und mein geringes Verdienſt dahin zu geben: ſo thu's offen und ehrlich. Ich ſchlage mich nicht übermäßig hoch an; ich will mich mit dir gegen mich ſelbſt verbinden, und ſogar deinen Wankelmuth zur Tu— gend erheben. O ich kenne meine Mängel; ich könnte, dir zu Gunſten, ein ganz Regiſter geheimer Gebrechen aufſtellen, mit welchen du über den abgewieſenen Bewer⸗ ber den Beifall einer ganzen Welt gewinnen würdeſt. Und ich will zufrieden dabei ſein, ja ich will, wie ich alle meine liebreichen Gedanken auf dich richte, ſogar ſtolz auf 108 meine Fehler ſein, mit denen ich, um deinen Rückzug zu decken, mich ſelbſt verfolge. Mein Unbill will ich hinnehmen als dein Recht. Erzähle mir alle tollen Streiche nach: ich will dir nie widerſprechen. Fern von deinen Wegen will ich bleiben, dein ſüßer Name ſoll nicht mehr auf meiner Zunge wohnen, und die beglückende Erinnerung an dich ſoll niemals laut werden. Denn ach! was habe ich noch Liebes an mir ſelber, wenn du mich hinwirfſt? O mein William! rief ſie, und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt. Misverſtehe mich nicht ſo ſchmerzlich, edler, aller Liebe, alles Glückes werther Mann! Ja, Thekla, nenne Glück und Liebe zuſammen! rief William. Mein Herz kann ſie nicht trennen. Den macht ſein Adel, den ſeine Kunſt, noch Andere macht Reichthum oder Körperkraft glücklich, oder ſie befriedigen ſich mit einem neu zugeſchnittenen Kleide, mit Falken, Roß und Hunden. Und jeder Neigung iſt ein Glück verliehen, und ein Freudenüberſchuß der Ruhe. Doch all' die Dinge ſind für mich kein Maßſtab des Glückes, das ich in höherm Gute ſuche. Mehr als Geburt gilt mir deine Liebe, macht mich reicher als Reichthum, ſtolzer als Schmuck, entzückt mich mehr als Roß und Falke. Biſt du nur mein, übkrbiet' ich aller Welten Stolz, elend nur, wenn du mit deiner Liebe mich all' Deſſen beraubſt, was mir ſonſt noch wünſchenswerth erſcheinen mag. Nur mit dem Verluſte deiner Liebe kann ich verarmen. Nein, nein, mein königlicher Freund! rief ſie leiden⸗ ſchaftlich hingeriſen. Wenn das Wenige, was ich bin, dein Alles, Alles iſt, ſo nimm mich, da, da nimm mich hin! Ich werde ſtolz, daß ich einem edeln Manne ſo viel bin. O wenn du mich kennteſt, wenn du wüßteſt, wie wenig echt der Schmuck iſt, auf den du den höchſten Werth legſt—! Doch ich vertraue deinem Edelmuth, der mich verbeſſert. Nimm mich denn hin! Wo mich das Leben ausgehöhlt hat, fülle deinen Werth hinein; wo es mich verderbt hat, die Seite leg' an dein begüti⸗ gendes Herz, und wende nur die glänzende dem Leben zu! Eins tröſtet mich: daß ich meine Mängel kenne, daß ich nicht zu alt bin, mich zu beſſern, nicht zu blöde, um zu lernen,— glücklich, glücklich, daß mein weiches Herz in deiner Hand liegt, mich zu halten, mich zu lenken, o mein Gemahl, mein Führer, mein König! Weinend, ſchluchzend glitt ſie von William's Bruſt, — wie in ſich ſelbſt verſinkend, vergehend,— an ſeinen Knien nieder. Mein, mein für ewigl! rief der Freund aus. Er hob ſie empor, er umklammerte ſie an ſeiner Bruſt, er küßte ihren Mund, ihre feuchten Augen und rief: O Herz, ſchlag' ruhiger! Dieſe Thränen ſind reich genug, alle Schuld zu tilgen,— deine wie meine! Dreizehntes Kapitel. William hatte nun die Zuſage auf eine Verbindung, die er ſich bisher nur als höchſtes Glück gedacht und ge⸗ wünſcht hatte. Er ſah ſich für verlobt an. Thekla hatte es ihm in den folgenden Tagen, wenn auch weniger lei⸗ denſchaftlich wiederholt, daß ſie ihn liebe, daß ſie ihm angehören wolle. Allein die Stimmung, in welcher dies Gelöbniß gegeben und wiederholt worden, gewährte keine volle Befriedigung; der Freund empfand eine Unruhe, die er an dieſem Ziele nicht erwartet hatte. Es war ſo viel Rückhalt und etwas von Verzweiflung in einem Ver⸗ ſpruche, der nur von verſchämter oder entzückter Hin⸗ gebung begleitet zu ſein pflegt. War es verborgene Schuld, oder bevorſtehendes Misgeſchick, was ſich zu fühlen oder zu ahnen gab: jedenfalls blieb es ſo dunkel und unbe⸗ ſtimmt, daß es ſich gar nicht einmal zur Sprache bringen ließ. An Liebenswürdigkeit und Zauber hatte Thekla nach jener Zuſage nichts eingebüßt, vielmehr geſtattete ſie dem Freunde jene Vertraulichkeiten, zu denen ſich ein Bräutigam berechtigt glaubt. Heftige Sehnſucht, unge⸗ ſtümes Verlangen erwachten nun wieder ſtärker in Wil⸗ liam's Neigung, und verdrängten mit ihrem mehr ſinn⸗ lichen Uebergewicht jene namenloſen Empfindungen und dunkeln Warnungen eines leicht bethörten, ſchwer ver⸗ ſtändlichen Herzens. —, 411 In dieſer Heiterkeit einer ſtets obſiegenden Hoffnungs⸗ luſt ſuchte William ſeinen Freund Southampton auf, um ihn mit ſeinem Glücke bekannt zu machen. Der Graf umarmte ihn mit aller Lebhaftigkeit einer überraſchten Theilnahme. Es war eine geraume Zeit keine Rede von Thekla geweſen. So oft der Graf nach ihr fragen wollte, fielen ihm ſeine vor William verheimlichten Beſuche Ro— ſaliens ein, und er ſchämte ſich, mehr Aufmerkſamkeit des Freundes in Anſpruch zu nehmen, als er ihm ſelber ge⸗ ſchenkt hatte. Einen ſo tadelnswerthen Rückhalt ſuchte er jetzt durch die wärmſte Umarmung im Stillen abzu⸗ bitten. Ei nun, mein Herzens⸗William! lachte er vergnügt. Du haſt deine Zeit benutzt, um mich einzuholen. Nun ſind wir erſt rechte Bräutigamsfreunde. Wie herrlich, daß wir nun gleiche Gewichte in die Wagſchale unſerer Freund— ſchaft legen, und auch ſo Gleichgewicht halten! Aber nun muß ich auch deine Braut kennen lernen; du mußt mich heute noch zu ihr bringen. Ich bin lange genug beſchei⸗ den geweſen, und will nun auch mein Freundesrecht ha⸗ ben. Ohnehin ſind jetzt ihre häuslichen Angelegenheiten geordnet, da ſie ſich dir verlobt hat; ſie hat keine Ur⸗ ſache mehr, ein Geheimniß zu ſein, wenigſtens für mich, deinen Freund. William hörte dieſe Worte nicht ohne Verlegenheit an. Er wußte nicht, wie er ein ſo billiges Verlangen befriedigen, noch weniger, wie er es ablehnen ſollte. Du haſt Recht, ſagte er mit einem verbiſſenen Mis⸗ muthe. Ich bin ſelber froh, daß dieſe verwünſchten Rück⸗ ſichten endlich aufhören, dieſe widerwärtigen Geheimniſſe einmal geloͤſt ſind, die mein fertiges Glück ſo lange un genießbar gemacht haben für dich, für die Welt. ECi, iſt es nicht die unſchuldigſte, die nächſte und natürlichſte Freude, daß man eine Braut,— dieſe unſerm Herzen anwachſende Lebenshälfte, auch eng an ſeiner Seite führe, ſtolz mit ihr umherwandle und die Glückwünſche der Freunde empfange? Alſo gehn wir? Ich weiß noch gar nicht einmal, wo ſie wohnt! rief der Graf vergnügt. Jetzt? Meinſt du in dieſer Stunde? fragte William mit ausweichender Verlegenheit. Es iſt die ſchicklichſte Zeit zu einem Beſuche! erklärte Southampton. Ich möchte dich gern erſt ankündigen, erwiderte Wil⸗ liam. Thekla erwartet dich nicht; es würde ſie über— raſchen—. Ich hoffe nur angenehm, Freund! fiel der Graf ein. Gewiß! Angenehm und ehrend, betheuerte William. Ich würde dich auch auf der Stelle zu ihr führen, hätte ſie nicht— früher gerade deine Bekanntſchaft abgelehnt. Meine Bekanntſchaft— abgelehnt? fragte der Graf empfindlich. Deinen Beſuch, edler Freund, verſetzte William. Ich habe mich unrichtig ausgedrückt: ſie wollte dir nicht be⸗ kannt werden. Warum, Freund? Aus welchen Gründen?— fragte Southampton. Das haſt du mir bisher verſchwiegen! Ich wüßte dir wahrlich nicht zu ſagen, warum, rief William aus. Thekla erklärte mir das, und berief ſich auf ihre Lage, auf ihre Geheimniſſe Es geſchah zu einer 113 Zeit, wo ich ihrer Neigung und Gunſt noch ungewiß war, wo ich nicht zudringlich ſein durfte, und um Alles ihr noch ſcheues Vertrauen nicht aufs Spiel ſetzen mochte. Sie vertröſtete mich auf die Zukunft, auf unſere nähere Bekanntſchaft, und ich gewöhnte mich nach und nach an ihre Wünſche; an ihre Winke, vielleicht auch ein wenig an ihre Launen. Du, mein Freund, in deiner Stellung, bei deinen Lebensvortheilen, kannſt vielleicht nicht recht begreifen, wie ein Mann im Umgang mit ſeiner Gelieb⸗ ten ſich bei ſo viel Dunkelheiten, bei ſo viel Geheimniſſen beruhigen mag. Allein bedenke, wie blöde in meiner Lage der Anſpruch an ein ſo hohes und herrliches Weſen bleiben mußte, und wie ſehr dann ſpäterhin die bloße Gegenwart eines ſo zauberhaften Weibes mich einnahm und erfüllte. Ja, mein theurer Heinrich, ich befand mich zuletzt wohl und beglückt gerade im Wechſel all' der ge⸗ fühlvollen und phantaſiereichen Launen Thekla's;— ge⸗ rade ich, der ich früher ſo manchen unwürdigen Umgang beherrſcht hatte, ſuchte nun eine Luſt darin, mich der wür⸗ digſten Liebe zu unterwerfen. Jetzt freilich muß das an⸗ ders werden: Hymens Fackel durchleuchtet die Geheimniſſe, in denen Amor ſo gern mit ſich ſpielen läßt— und ſpielt. Deine Empfindungsweiſe, mein Freund, deine Be⸗ werbung, deine Hingebung ſind mir gerade nicht räthſel⸗ haft, verſetzte der Graf; aber was Thekla gegen mich haben kann, begreife ich nicht. So viel iſt alſo gewiß, — ſie kennt mich? Ob ſie dich kennt, ich meine von Perſon, ſteht dahin, aber ſie weiß von dir, antwortete William. Sie inter⸗ eſſirte ſich ſehr für dich und für Southamptonhouſe über⸗ Koenig, William Shakſpeare. II. 8 144 haupt. Ich konnte ihr niemals genug von euch erzählen. Doch war ſie ſchon, als ich ſie kennen lernte, nicht fremd über dich und hatte namentlich von deinem Verhältniſſe mit Roſalien gehört. Es fehlte ein einzig Wort, vielleicht nur eine kleine Pauſe der Beſinnung, und Southampton wäre auf die ſo nahe liegende Vermuthung geſtoßen, ob nicht ſeine Ro⸗ ſalie und William's Thekla eine und dieſelbe leichtfertige Perſon ſei. Er hatte ja Roſalien ſchon in zwei Farben ſchillernd kennen gelernt. Nun machte ihn des Freundes Aeußerung irre, daß Thekla von ſeinem Verhältniß mit Roſalien wiſſe. Denn dies Wort, das ihm vollends auf jenen Verdacht hätte helfen können, erinnerte den gewiſ⸗ ſensängſtlichen Grafen nur zu lebhaft an ſeine Schuld. Was fuhr der Graf auf. Sie weiß von Roſalien? Bei allen Teufeln, das wird mir zu einem peinigenden Räthſel! Welche Verbindungen hat dieſe Thekla? Wel⸗ chem Kreiſe der Geſellſchaft gehört ſie nur an, dieſe Fremde? Als William betroffen ſchwieg, ward auch der Graf ſtill, und hundert Vermuthungen durchkreuzten ſeine Ge⸗ danken. Waren hier Misverſtändniſſe oder Täuſchungen im Spiel? Wäre Thekla vielleicht gar eine der vorneh⸗ men Abenteurerinnen, die im nächtlichen Dunkel Londons, oft nur von Wenigen gekannt, als Meteore oder als Stern⸗ ſchnuppen glänzten und plötzlich verſchwanden? Doch zum Fang einer ſolchen Glücksjägerin war William nicht reich und angeſehen genug, und Southampton hielt ihn über⸗ dies für zu geſcheit und lebenserfahren, um ſich ſo weit bethören zu laſſen. Oder wäre es die Angehörige eines hlen. remd tniſſe ertige atben eundes ß mit ss auf gewiſ⸗ Ud. glien? genden Wel dieſe Graf Ge⸗ hungen vorneh⸗ ondons, Stern⸗ zoch zum ht reich üͤber ſo weit „ eines ge 115 ihm und ſeiner Familie feindſeligen Hauſes, die ſeine Schritte beobachtete, um ſeine vielbeneidete Heirath zu ſtören und die William in ihr Netz zöge?——— Doch jede ſolche Vermuthung lief auf Zweifel oder Un⸗ gereimtheiten hinaus, ohne daß doch der Graf beruhigt worden wäre. Vielmehr faßte er eine wunderliche Angſt vor dieſer räthſelhaften Thekla.— Höre, William! ſagte er endlich, nach aller Ueberlegung will ich deine Verlobte doch nicht beſuchen, ehe ſie es wünſcht. Aber kennen möchte ich ſie voraus. Vielleicht iſt ſie mir doch ſchon irgend begegnet. Wie ſtellen wir es an, daß ich ſie ſehe, ohne ihr gerade vorgeſtellt zu werden? Je nun, wie das? fragte der Freund, nicht ohne heimliche Unruhe, die einem Mistrauen oder gar einer Eiferſucht ähnlich war. Dieſe unerklärte Scheu Thekla's vor dem Grafen fing jetzt an, ihn zu quälen und zu ängſtigen. Mir fällt eine kleine unſchuldige Liſt ein, ſagte Sout⸗ hampton. Wenn du irgend einen Gang, eine Spazier⸗ fahrt mit ihr verabreden wollteſt, wo ich euch begegnen zu euch ſtoßen könnte— 2 Thekla wird an einem guten Tage gern mit dir nach Brentford oder Islington fahren oder am beſten vielleicht nach Greenwich. Hier würde ich in einem Verſteck deine Braut ſehen, und nach Umſtänden mich zurückziehen oder hervortreten können. Ohne Zwei— fel trete ich hervor und der Zufall nimmt dann das Un⸗ bequeme der unvermutheten Zuſammenkunft auf ſich und entſchuldigt es. Was ſagſt du dazu, Freund? William ergriff dieſen Vorſchlag nicht ungern. Es war ihm ganz recht, daß er Thekla nicht zu überreden 8* 146 brauchte, einen Beſuch des Grafen anzunehmen, und daß ſe dieſe Lücke doch endlich ausgefüllt werden ſollte. Ein n 1 dunkles Gefühl ſagte ihm zwar, daß es eigentlich ein li l Betrug gegen ſeine Braut ſei; allein hatte ſich nicht auch— Thekla in demſelben Punkte verſteckt gegen ihn benommen? ſi Der Freund überredete ſich in ſeiner argwöhniſchen Stim 1 mung, hier liege vielleicht eine Liſt verborgen, die man nur mit Liſt entdecken könne. Ich werde mit Thekla eine Spazierfahrt verabreden, ſagte William, und dir dann einen Wink geben. Aber wahrlich, es wird mir am Ende ängſtlicher ſein, daß du in deinem Verſteck zurückbleibeſt, als daß du hervortretend Thekla überraſcheſt. Wäre es nicht ein Unglück, wenn es zwiſchen meinem theuerſten Freunde und meiner Braut ein trennendes, ein unvereinbares Etwas gäbe? Entſetz⸗ 6 lich, wenn ich gar um Eins von euch beiden ärmer wer⸗ 8 den ſollte! O mein Freund! rief der Graf aus, und faßte Wil— N 7. 54 d liam's Hände. Was fällt dir ein? Ich wüßte nicht, 1 was das ſein könnte. Misverſtehe mich nicht, mein Freund!— Es iſt hier von keinem ſtörenden Verhältniß die Rede, in 1 welchem ich zu dieſer Thekla je geſtanden haben könnte Ich hatte— das weiß Gott!— nie eine vertraute Be⸗ kanntſchaft außer mit der dir bekannten Roſalie. Allein ich könnte in irgend einer der hieſigen Familien mit deiner Thekla ein Begegniß gehabt haben, das erſt eine Erörte⸗ rung mit dir erfoderte, und nicht erlaubte, mich ihr ſo kurzweg vorzuſtellen. Und zwar nicht einmal um Thekla's ſelbſt willen, ſondern der Familie wegen, mit der ſie in Verbindung iſt. Wir ſtehen nicht mit aller Welt auf daß Ein ein auch nen? tim man eden Aber ß du etend n es raut iſetz wer⸗ Wil⸗ nicht, und! e, in unte Be Allein deiner örte⸗ jr ſo ekla s ſie in t auf herzlichem Fuße, mein lieber Freund! Doch auch das iſt wol nur eine überflüſſige Beſorgniß. Gewiß! das Ganze läuft auf einen bloßen Spaß hinaus, über den wir noch manchmal lachen werden. Und ich ſelber werde der erſte ſein, der deiner Thekla unſere kleine Spitzbüberei einge⸗ ſteht und ſie um Verzeihung bittet. Alſo nur heiter, Freund William! Vierzehntes Kapitel. Reichbegabten Menſchen iſt die Wunderkraft der Dich⸗ tung nicht umſonſt verliehen, ſie ſind dafür auch den wun⸗ derlichſten Empfindungen unterworfen. Der wahre Dich⸗ ter iſt der edelſte Herrſcher, indem er mit ſeinem Zauber⸗ zepter nur die heiterſten Gnaden verleiht, und die Launen und Laſten der Herrſchaft für ſich allein zurückbehält. Ein ſo zart beſaitetes Herz, das die leiſeſten Hauche aus einer überſinnlichen Welt auszutönen beſtimmt iſt, wird ja doch auch von den viel nähern Stürmen des alltäglichen Le⸗ bens getroffen. Unnachſichtig und oft ſtreng gegen die Reizbarkeiten und Verſtimmungen des Dichters, bedenken wir nicht, daß ein für die Wetterwechſel des Tages ge⸗ ſtähltes Gemüth, wie wir es dem Poeten zumuthen, zu ſtarr und unempfindlich ſein würde, die Einflüſſe des Ueberirdiſchen für die Welt auszubeben. Wahrlich, ein 118 Herz, das von dem Gotte beherrſcht werden ſoll, kann Re ſeinen Stolz nicht in unbedingter Selbſtbeherrſchung di ſuchen! 6 William hing, ſeiner Gewohnheit gemäß, dem Vor⸗ di ſchlage Southampton's noch lange im Stillen nach, und d träumte die ſeiner Freundin zugedachte Ueberraſchung aus. 6 Sein Herz empfand immer mehr einen gewiſſen Trotz und eine Art von Schadenfreude gegen die ſo geliebte d Braut. Er fühlte ſich aufgelegt, für ſo viel Räthſel und I Geheimniſſe, die ſein Theuerſtes umgaben, als wären es 1 Verſchuldungen, Rache zu nehmen. Die Verſicherungen ſeines Freundes Southampton beruhigten ihn nicht ganz. 1 Um einer Kleinigkeit willen hätte ſich Thekla nicht ſo ent⸗ ſchieden einer Bekanntſchaft des Grafen widerſetzt. Mis⸗ t trauen und Eiferſucht waren einmal angeregt, und erhob n ſ ſich dagegen der Widerſpruch ſeiner Liebe und ſeines alten Vertrauens: ſo wünſchte er um ſo lebhafter die verab— redete Ueberraſchung Thekla's herbei, um das beunruhi⸗ gende Räthſel ein für allemal gelöſt zu ſehen. Indeß kam er in den erſten Tagen nicht dazu, mit Thekla eine Spazierfahrt zu beſprechen. Es waren nämlich neue Nachrichten über die Fort⸗ ſchritte des Rebellen Tyrone eingelaufen, und die Ex⸗ pedition nach Irland wurde mit dem lebhafteſten Eifer betrieben. Graf Eſſex entwickelte eine ungemeine Thätig⸗ * keit, und zeigte ſich in gleichem Maße heiter und liebens⸗ würdig. Die zunehmende Gefahr erweckte den engliſchen Patriotismus. Die poetiſche Stimmung des Volkes, das Trachten nach Seeabenteuern, nahm für den Augenblick die Richtung nach Irland. Adelige und bürgerliche Ju⸗ ann ung Jor und aus, Trotz jebte und en es ungen ganz ent Mis rhob alten erab⸗ ruhi ndeß eine Fort Er Eifer gätig bens liſchen 4 das enblick * e Ju gend ſtrömte herbei, um unter dem fürſtlichen Eſſex zu dienen. Geworbene Haufen langten täglich aus den Grafſchaften an, erhielten Waffen, und wurden eingeübt; die Geübten gingen in das Lager ab. Die nördlich vor der Stadt gelegenen Felder, zum Theil ſchon von der Ernte geräumt und herbſtlich ausſehend, wurden zu ſol⸗ chen Uebungen eingenommen. Finsbury, zwiſchen Spitt⸗ lefield und Clerkenwell gelegen, war jeden regenloſen Nachmittag von der londoner ſchönen Welt beſucht, der Uebungen wegen, die auf dem nahen Moorfields Statt fanden, wo die Seifenſiedertöchter ihre Garnbleiche hatten aufheben müſſen. Dieſe Muſterungen gewährten damals ein ſehr bun⸗ tes, maleriſches Anſehen. Das Feuergewehr war noch nicht die einzige Waffe, und die ſteifen Monturen, die zur Handhabung der Flinten paſſen mögen, wechſelten noch mit mittelalterlichen Waffenröcken. Ein Theil der Mannſchaft war nämlich mit Bruſtharniſchen und langen Spießen bewaffnet; es gab Compagnien von Hellebar⸗ dieren in ſogenannter altdeutſchen Rüſtung und die Mus ketiere traten in Panzerhemden und Pickelhauben auf. Von nahen und fernen Landſitzen zogen adelige Fa⸗ milien nach der Stadt. Die meiſten kamen aus Neu⸗ begierde; viele hatten aber auch Söhne im Heere, das jetzt— aus mannichfachen, edeln und unedeln Beſtand⸗ theilen zuſammengeſchmolzen— zu einer ehernen Schutz⸗ und Trutzwaffe des Vaterlandes ausgeſchmiedet ward. Es war um dieſe Zeit hohe Lebensflut in London. Die Speiſe⸗ und Spielhäuſer, Theater und Bärenhetze hatten einträgliche Tage und Nächte. Die alten Schau⸗ ſpiele zogen jetzt wieder vor einem größtentheils neuen Publicum an, und das Globustheater war bei jeder Vor⸗ ſtellung überfüllt. Es wurde ſogar nachgeſehen, daß die Theater ſich auch an verbotenen Tagen öffneten.— In dieſer oft genug trüben Flut ſuchten die Puritaner eben⸗ falls zu fiſchen; allein ſie mußten die Erfahrung machen, daß die Zeit des Krieges, der Thätigkeit und begeiſterten Aufregung keiner Frömmelei günſtig iſt. Das Herz des Volkes ſchlägt dann von menſchlichen Hochgefühlen, und die kränklichen Stockungen, die trübſeligen Anwandlungen heben und verlieren ſich unter jenen Pulsſchlägen. Die Königin begünſtigte ſolche begeiſterte Aufregung des Vol— kes. Sie zeigte ſich faſt jeden Tag öffentlich und gab mancherlei Feſte, wobei es nicht blos auf das Vergnügen des eingeladenen Adels, ſondern auch auf die Schauluſt des Volkes abgeſehen war. So ließ ſie ein großes Mit tagseſſen in Greenwich, ihrem Lieblingsaufenthalt, anord⸗ nen. In einer prachtvollen Barke, die mit Gewinden von künſtlichen Blumen geſchmückt, und mit einem ſcharlachnen Baldachin bedeckt war, fuhr die Königin, vom Graf Eſſer und vier Kammerfrauen umgeben, von Weſtminſterhall ab. In ſechs andern Böten war das übrige Gefolge ver⸗ theilt,— alle dunkelbraun mit blauem Atlasbeſatze ge⸗ kleidet. Franſen und Silberſpangen waren nicht geſpart, und grüne Federn ſchmückten die Mützen von Silberſtoff. Dem Gefolge ſchloſſen ſich die zahlreichen Gäſte in bunten Kleidern und reich verzierten Gondeln an.— In einem prächtigen Pavillon unter einer Sammetdecke empfing die Monarchin in Greenwich ihre Gäſte. Während der Tafel wurden Lieder von guten Sängern vorgetragen. Abends euen Vor⸗ die In ben⸗ hen rten des und ngen Die Vol g ab zart, toff. nten nem die afel ends 21 kehrte die Königin, von allen Gondeln begleitet, unter Kanonenſchüſſen wieder zurück. In dieſer hochgeſtimmten Zeit blieb unſer Freund William nicht ohne vielfältige Anregung. Wie ſeine äl⸗ tern Stücke: der„König Johann“,„Heinrich der Sechste“, „Richard der Dritte“ in der jetzigen kriegeriſchen Aufregung und vor einem großentheils fremden Publicum neue Gunſt fanden, fühlte er ſich wieder zum Hiſtoriſchen aufgelegt. Er nahm ſeinen„Heinrich den Vierten“ vor, ſtellte die früher entworfenen Scenen zuſammen, ergänzte und über⸗ arbeitete ſie zu zwei Schauſpielen. Er verſprach ſich eine lebhafte Wirkung von dieſen Stücken, in denen ſich, wie eben im londoner Leben ſelbſt, Hohes und Niederes, Ed— les und Gemeines zuſammenfand und miſchte. Dieſelben drolligen und ſpitzbübiſchen Burſche, denen man alle Tage begegnete, ſollten auch einmal auf der Bühne erſcheinen, und welcher Squire oder Lord vom Lande hatte nicht in Ram⸗Alley, in Bermudas, in Little Britain und andern Quartieren der Stadt die Bekanntſchaft einer Frau Hur⸗ tig und eines Dorchens Lakenreißer gemacht, oder— wenn er ſehr eingezogen lebte,— wenigſtens Dirnen der Art im nahen, zum Vergnügen beſuchten Islington Wurſt eſſen ſehen? William hielt ſich hauptſächlich Abends und in die Nacht hinein an dieſe dichteriſchen Arbeiten. Vormittags brachte er einige Stunden in der Kriegskanzlei des Grafen Eſſer zu; Nachmittags aber ſah man ihn öfter im Ge⸗ folge dieſes fürſtlichen Befehlshabers nach Moorfields zur Muſterung der Truppen reiten. Ein Pferd aus des Gra⸗ — 1— fen Marſtall ſtand ihm bisher ſchon zur Verfügung. Auf gen dem edeln Thier erhoben, im Volksgedränge hervorragend, dae von der Woge des allgemeinen Jubels, die ſich bei jedem fan Erſcheinen des Grafen erhob, im Gefolge deſſelben mitbe⸗ me ſpült, oder ſogar auch als Dichter der beliebten Stücke un den Fremden mit Fingern gezeigt, durfte der Freund ſich zul wol für geehrt und ausgezeichnet empfinden. Seine di Bekannten merkten ihm auch hald ein muthiges Selbſt m gefühl und eine ſtolze Haltung an. Die Frauen rühmten, th wie gut ihm ſein halbſoldatiſches Amtskleid ſtehe. 1 William hatte nicht den Vortheil eines in höherem ſ Stande gebornen und zu öffentlicher Anerkennung erzoge⸗ t nen Mannes, der ſich mit ehrengewohnter Unbefangenheit b darzuſtellen weiß. Unſern Freund beſchäftigte und nahm f ſolch' ein neues Selbſtgefühl einigermaßen ein. Dieſe n 1 Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt, bei noch andern Anliegen, r die ihn beſchäftigten, brachte in ſeinen Umgang mit Thekla, die er ohnehin für die Seinige anſah, eine gewiſſe Sorg⸗ 4 loſigkeit. Doch gerade dieſe Gleichgiltigkeit ſchien Thekla deſto mehr anzuziehen. Sie gab ſich keine Rechenſchaft darüber; ſonſt hätte ſie wahrgenommen, daß in dem Maße als William ſie nicht mit begehrlicher Leidenſchaft und um einen ewigen Bund beſtürmte, ihre launenhaften Em⸗ pfindungen, ihr Eingehen und Abſpringen einem wahren Vertrauen und inniger Anhänglichkeit für den ehrlichen Freund Platz machten. Hierzu trug ein Erlebniß bei, von welchem, wie von dem ganzen Seelenzuſtande Thekla's, ——— — unſer William nichts ahnen konnte. Dem Grafen Southampton war es nämlich bei ſeinen Beſuchen mit kluger und anmuthiger Gewandtheit gelun⸗ Auf end, dem tbe ücke ſich beine lbſt aten, zerem zoge⸗ nheit ahm Dieſe egen, hekla, org⸗ hekla ahren lichen bei, kla 9, ſeinen gelun 123 gen, gerade durch eine neue, eigenthümliche Annäherung das leidenſchaftliche Mädchen von ſich zu entfernen. An⸗ fangs hatte er ſich mit vornehmer Miene artig und auf⸗ merkſam betragen, nach und nach es ſich mit Scherzen und werthvollen Geſchenken immer bequemer gemacht, und zuletzt Thekla wie eine ältere gute Freundin behandelt, die er immer nur mit den Einrichtungen zu ſeiner Hei⸗ rath und mit der Liebenswürdigkeit und Unſchuld ſeiner theuern Eliſabeth unterhielt.— Ueber ſolches Begegnen war Thekla hinter des Grafen Rücken anfangs in das ſchmerzlichſte Weinen ausgebrochen. Wie ſie dann aber ihre Erwartungen herabſpannen mußte, lachte ſie ihm aus bitterm Unmuthe nach, und war nun ſchon dahin gekom⸗ men, über das kalte, ſchöne Geſicht des Grafen, über dieſe marmorne Geſtalt ohne Herz, wie ſie ſich ausdrückte, einen rechten Widerwillen zu empfinden. Wie ſehr gewann im Vergleiche mit dem Grafen das lebendige, warme, phan⸗ taſievolle Weſen William's! Wie erquickend war ſein ſeelenvolles Auge, und wie feſt konnte man ſich an die ehrliche, argloſe Bruſt des Freundes anſchließen! Von nun an gab ſie lieber, als anfangs, dem Ge⸗ danken an eine Verbindung mit William nach; nur ward ihr in demſelben Grade auch die Verwirrung, in der ſie ſich befand, die Unwahrheit in ihrer Lebenslage, ängſtli cher. Wie ſehr bedauerte ſie jetzt, ohne Freundin und Vertraute zu ſein! Von Rath und Beiſtand verlaſſen, hielt ſie zuletzt am leichtfertigen Vertrauen zu ihrem ſeit⸗ herigen guten Glücke feſt. Sie hatte dem ſchwärmeriſch⸗ werbenden Freunde mehr aus leidenſchaftlicher Verwirrung und verlegenem Wohlwollen, als aus ungetheilter Neigung — 124 zugeſagt, und ſah nun mit Verwunderung immer mehr den Werth des Freundes und das Glück eines ſolchen Bundes ein. War es nicht offenbar, daß es der Himmel gut mit ihr meinte? Sie träumte ſich, beſonders Nachts, in eine frohe, ſichere Häuslichkeit, in ein liebevolles Zu⸗ ſammenwirken, in eine heitere Gemeinſamkeit des Genuſſes und der Thätigkeit hinein. Am lebhafteſten ſehnte ſie ſich aus der Verworrenheit ihres unwahren Zuſtandes hin⸗ aus,— glücklich, wenn ſie einmal die Sorge, immer eine neue Ausflucht zu erfinden, und die Angſt los wäre, auf Widerſprüchen und Unwahrheiten ertappt zu werden. Sie gedachte jener Beſchämung in Southamptonhouſe. Seit jener unbeachteten Warnung— wie viel tiefer hatte ſie ſich nicht in ihre„grünen Novellen“ verwickelt! So nannte ſie in guter Laune ihre Lebensgedichte. Aber mit ihren Hoffnungen und Wünſchen war noch eine große Sorge verknüpft. Eben dieſe grünen Novellen mußten doch erſt wieder aufgelöſt, und aus dem Wege geſchafft werden. Sollte ſie denn einen feſten Hausſtand unmittelbar an ihre haltloſen Erdichtungen anbauen? Und wenn ſie dieſe Phantaſie⸗Schlöſſer erſt niederreißen und wegräumen mußte, um Platz für die Wohnung eines Dichters zu finden: würde ihr der Freund auch ſo viel Täuſchungen vergeben?— Sie hoffte es. Sie wollte ſich mit einem ehrlichen Bekenntniß an ſeine Bruſt werfen Der Freund liebte ſie ja nicht ihrer Abkunft und Schick— ſale wegen; was ihn aber für ſie eingenommen und ge— feſſelt hatte,— ihre Vorzüge und Gaben, blieben ihr ja, und ſie konnte jetzt auch mit Wahrheit hinzufügen, und vor dem Prieſter beſchwören, daß ſie ihn innig und auf⸗ noch llen und richtig liebe. Es würde ſich ja, dachte ſie, zu ihrer Ent⸗ ſchuldigung irgend ein Umſtand, eine Verlegenheit erfinden laſſen, die ſie genöthigt hätten, als fremde Perſon, in täuſchendem Geheimniß aufzutreten. Und indem ſie alſo ihren beſten Vorſatz, aufrichtig und wahr zu ſein, doch wieder auf eine neue Erdichtung ſtützen wollte, blieb ihr auch noch das Bedenklichſte dem Freunde zu verſchweigen übrig,— ihr Liebesverhältniß mit Southampton. Denn wenn ihr William auch eine vergangene Liebe nachſehen würde, ſo war doch Southampton ſein Freund; der Dich⸗ ter konnte nicht des Grafen weggeworfene Geliebte zur Gattin aufnehmen, und den treuloſen Buhlen als Haus⸗ freund empfangen.— Sie dachte einen Augenblick daran, mit dem Grafen, ſtatt aller Genugthuung, die er ihr ſchuldig bleibe, ein ewiges Stillſchweigen über ihren frü⸗ hern Umgang zu verabreden. Allein außerdem, daß Southampton, wie ſie ihn kannte, ſich zu einer ſolchen Unehrlichkeit gegen den Freund nicht verſtehen würde, wußte ja Bacon auch von dem Verhältniſſe, und in Southamptonhouſe war es bekannt In dieſer Verwirrung ihrer Lage fand Thekla die beſte Auskunft darin, daß ſie dem Freunde nach Irland folge. Dort konnte ſie auch zu ihrer größeren Beruhi⸗ gung von einem katholiſchen Prieſter getraut werden. Dabei fiel ihr ein, was ihr William von Edmund Spen⸗ ſer erzählt hatte. Auch dieſer Dichter, William's Lieb⸗ ling, war einſt mit Lord Grey, damaligem Statthalter von Irland, als Secretair gegangen, und war dann mit 3000 Acker Landes in der Grafſchaft Corke für ſeine Dienſte belohnt worden; ſodaß er mit Vermögen und 126 Anſehn das Schloß Kilkolman bewohnte.— Welch' ein d reiches und vornehmes Leben könnten ſie dort führen, de fern von dem Schauplatze aller Verlegenheiten, unter den 5 leuchtenden Zinnen eines irländiſchen Schloſſes! Welche ſe Muße fände dort auch der Freund für ſeine Poeſie, und d mit welcher freien Bruſt wollte ſie ihre ſchönſten Lieder ſingen! 1 Fünfzehntes Kapitel. In dieſer Stimmung, die mit einem ſtarken Antheil von Groll gegen Southampton verſetzt war, konnte ſich Thekla an mehreren zu den Beſuchen des Grafen ſeither beſtimmt geweſenen Tagen nicht entſchließen, nach Southwark hin⸗ über zu gehen, und dieſe Beſuche zu empfangen. Sie freute ſich ſelbſt darüber, daß der Graf und Bacon vor der verſchloſſenen Thüre ärgerlich und verlegen abziehen müßten. Denn daß Southampton nie ohne Aengſtlichkeit und Vorſicht jenes Gartenhaus betrat, war ihr nicht ent⸗ gangen, und an Bacon, dem ſehr überflüſſigen Anhängſel des Grafen, wofür ſie ihn erklärte, hatte ſie ohnehin einen alten Aerger. Allein wie Thekla nun einmal war, ſprang ſie gern zu den entgegengeſetzten Empfindungen über. Sie hätte nun auch gar gern gewußt, ob der Graf ſich wol die paar vergeblichen Gänge hätte verdrießen laſſen und nicht mehr käme. Sie konnte dieſer Neugierde nicht wi⸗ ein pren, den elche und leder vor iehen chkeit tent⸗ ängſel einen drang Sie wol und tt wi⸗ derſtehen. Sie wollte es verſuchen, und ging an einem der früher beſtimmten Vormittage wieder einmal nach Southwark hinüber. Wirklich ſtellten ſich die unverdroſ ſenen Freunde, wiewol mit artigen Vorwürfen gegen Thekla, ein. Sie war gerade geſtimmt, beiden lachend zu verſtehen zu geben, daß ſie keine Luſt habe, ein Rech⸗ nungs⸗Exempel zu ſein, das mit zwei wandelbaren Ziffern zuverläſſig gefunden und gelöſt werden könnte. Wenn wir nur wüßten, ſchöne Roſalie, wofür Ihr eigentlich genommen ſein wollt,— ſagte Bacon etwas bitter. Ihr laßt uns eine weite Wahl. Meinethalben mögt Ihr mich für Luna gelten laſſen, verſetzte ſie lachend, die mit abnehmendem Lichte jeden Tag etwas länger ausbleibt. Und endlich wol gar nicht mehr erſcheint?— fiel Jener ein. Dann wäre freilich Neumond, und Ihr, theure Roſalie, würdet uns nur beſtätigen, daß Ihr, wie alle Frauen, dem Neuen hold ſeid. Da träfe wieder Salomo's Ausſpruch zu,— alle Neuheit ſei nur Vergeſſenheit. Unmöglich, beſte Roſalie, könnt Ihr in abnehmendem Lichte ſein! verſetzte Graf Southampton. Denn abgeſehen von dem täglich zunehmenden Glanze Eurer Schönheit, habe ich Euch jüngſt auch des Abends bei guter Zeit in Weſten untergehen ſehn, was, wie Ihr wißt, nur in zu nehmendem Lichte geſchieht. Ihr verwundert Euch, was ich damit meine? Ich ſah Euch hinter Sanct Giles ver ſchwinden. Oder wären es nur meine lebhaften Gedan⸗ ken an Euch geweſen? Ach nein! lächelte ſie. Dazu war es noch zu hell am Tage. So früh erſcheinen die Geiſter der Abgeſchiedenen — — —— — — nicht. Und gewiß glaubt Ihr auch ſelber nicht an Eure Geſpenſter, Herr Graf! Nein, ich war es wirklich in Perſon, und wenn ich hinter jenen Häuſern unterging, ſo geſchah's mit Euern abgelegten Strahlen. Nicht wahr, das iſt nun Euch dunkel? Als Ihr letztesmal hier weg⸗ gegangen wart, fand ich einige Goldſtücke dort auf dem Tiſchchen liegen, die Ihr vermuthlich in Gedanken hinge⸗ legt hattet. Aber für ſolche Zerſtreutheit ſolltet Ihr mit einem unfreiwilligen Almoſen büßen. Ihr ſeid ein Nach⸗ bar von Sanct Giles, und kennt doch ſchwerlich die hold⸗ ſeligſte Armuth, die dort wohnt. Es iſt ein wunderſames Weſen, zur Hälfte in Geheimniß gehüllt, zur Hälfte in Liebreiz gekleidet. Das iſt mir zwar ſchon mehr vorgekommen, ſagte der Graf mit lächelnder Verneigung gegen Roſalien; dennoch macht Ihr mich ſehr begierig. Allein, ich bitte, legt un⸗ ſerer Ungeduld keine Räthſel vor. Thekla erzählte von der armen, treuen Milliiſent, die einen unglücklichen Greis, ihren Gatten, vom Almoſen einer ihm verächtlichen Welt ernähre und pflege. Southampton und Bacon waren verwundert und neugierig; ſie wollten noch heute die merkſürdige Hütte beſuchen. Nein, ſagte ſie, das geht nicht. Als fremde Männer werdet ihr nicht vorgelaſſen, und wenn ihr eure berühm⸗ ten Namen nennt, gar abgewieſen. Mit Gewalt eindrin⸗ gen, um einen abzehrenden Greis zu empören, werdet ihr nicht wollen, und die junge Frau, die euch an der Haus⸗ ſchwelle empfängt, iſt viel zu bekümmerten Herzens, als daß ſie euer lebensluſtiges Staunen ertragen könnte. Ich Eure h in ging, ahr, weg⸗ dem inge⸗ mit KRach hold⸗ ſames fte in e der mooch un⸗ und Hütte inner ühm⸗ drin⸗ t ihr daus⸗ als 30 12²9 habe das Recht erworben, die Hütte zu betreten, und am Lager des Greiſes zu ſtehen, deſſen edle Züge und begei⸗ ſterte Sprache mich rühren. Wollt Ihr ihm Gutes thun, ſo macht mich zur Spenderin Eures Mitleids. Ich bin es bereits für einen Freund, durch den ich das Unglück jener Hütte kenne. Schon für einen Freund, und wir wiſſen noch gar nichts von Allem? ſagte Southampton, und übergab ein anſehnliches Almoſen. Bacon verſprach bei ſeinem näch⸗ ſten Beſuche eines mitzubringen. Sehen müßt Ihr aber das holde, betrübte Weib zum reichen Lohn Eures Mitleids, fuhr Thekla fort, und ſchlug vor, Southampton möchte morgen in der Mittagsſtunde an der Hütte vorüberreiten, ſie wolle dann mit Milli⸗ ſent auf der Bank unter dem ſchönen Apfelbaume, der Hütte gegenüber, ſitzen. Southampton nahm den Vorſchlag an; er und Ba⸗ con räthſelten noch darüber, wer wol dieſer menſchenſcheue Greis mit dem jugendlichen Weibe ſein, und welch' ein Unglück ihn ſo gebeugt haben möchte. Endlich kam das Geſpräch auf die Feſte des Tages, und Thekla fragte nicht ohne Abſicht, ob auch Southampton und Bacon mit nach Irland zögen. Beide verneinten— Bacon, weil er wirklich am Feldzuge keinen Antheil nahm, und Sout⸗ hampton, weil er das ihm von Eſſex zugedachte Com⸗ mando der Reiterei aus Politik noch geheim hielt. Er lenkte das Geſpräch auf das neue Schauſpiel ſeines Freun⸗ des William, das in dieſen Tagen zur Aufführung kom⸗ men ſollte, und ſetzte nach dem Lobe des Stückes hinzu: Es war Unrecht von Euch, liebe Roſalie, daß Ihr damals Koenig, William Shakſprare. II. 9 — — — 413⁰ meinen Freund abwieſet, und dieſen Dichter, einen ſo ein⸗ nehmenden Mann, nicht kennen lerntet. Ich habe damals eigentlich nicht den Dichter, ſondern den unzarten Auftrag abgewieſen, mit dem er von Euch kam, antwortete Thekla mit einem Blick des Vorwurfs. Ich wußte ja auch nicht, wer vor meiner Thüre ſtand, und habe mithin unbewußt das Rechte gethan; denn Dichter ſollen nur Boten der Liebe ſein, aber keine Todten⸗ gräber der Liebe. Der Graf ſchwieg, und Bacon nahm in ſeiner ge⸗ ſuchten Weiſe das Wort.— Für William war es gut, daß er abgewieſen wurde, ſagte er, um nicht etwa in die Sklaverei einer ſo grauſamen Schönheit zu fallen. Dich⸗ ter haben ohnehin ein zur Verzweiflung geneigtes Herz. Machen doch ſogar wir Schüler der Weisheit bei Cuch, Roſalie, die Erfahrung, wie ſchwach ſelbſt die Philoſophie iſt, uns über das Unglück Eurer Liebloſigkeit zu tröſten. Alſo ihr Philoſophen habt einen Vortheil vor den Dichtern voraus? verſetzte Thekla. Wißt Ihr aber auch, Sir Francis, worin eigentlich dieſer Vortheil beſteht? Nun— fragte Bacon Es iſt eigentlich ein doppelter Vortheil, verſetzte ſie. Denn die Dichter ſind nicht blos vermöge ihrer lebhaften Einbildungskraft leichter als die Philoſophen den Täu⸗ ſchungen des Lebens ausgeſetzt, denen ſie ſich mit ganzer Seele hingeben, ſondern die Philoſophen haben auch noch den eigenen Dünkel voraus, der ihnen treu bleibt, und mit welchem ſie ſich in allen Verluſten über dem Waſſer halten, wie Knaben mittels aufgetriebener Blaſen ſchwim⸗ men. Uebrigens zweifle ich nicht, daß Euer William ſchon ein dern Euch urfs. tand, denn dten Herz Cuch, ſſophie öſten. ar den auch 42 hte ſie. bhaften Täu⸗ ganzer ch noch t, und Waſſer ſchwiu⸗ in ſchon liebt, und wer weiß, wenn er damals bei mir vorgekom men wäre, ob er nicht, blos ſeiner Geliebten wegen, gar einen Haß gegen mich gefaßt hätte! Sie lachte laut und ſchalkhaft über ihren heimlich ſinnreichen, für beide aber unverſtändlichen Einfall, und Southampton, dadurch zur Laune geſtimmt, betheuerte— ſie habe Recht, ſein Freund William ſei nicht blos bis über die Ohren verliebt, ſondern ſogar bis über die hohe Stirne hinaus verlobt. Verlobt? fragte ſie betroffen Hat er Euch das vertraut?. Vertraut? fragte Southampton dagegen. Durfte er es vor ſeinem innigſten Freunde verſchweigen? Ich weiß es nicht, erwiderte ſie. Ich kann mir doch Verhältniſſe denken, wo Einer um der Geliebten willen Geheimniſſe vor ſeinem beſten Freunde haben müßte. Aber— ſagt mir doch, hat er gut gewählt— geſcheit? Iſt ſein vornehmer Freund damit zufrieden? Nach ſeiner Behauptung iſt ſie ein Inbegriff aller Liebenswürdigkeit, fuhr der Graf fort. Aber ich kenne das Wunder noch nicht. Das ſo ſeltſame als ſeltene Ge ſchöpf hat ihm unterſagt, ſie ſeinen Freunden auch nur zu nennen. Dann müßt Ihr Euch freilich gedulden, bis„das Ge ſchöpf“ aufgehört hat, ſeltſam zu ſein, verſetzte ſie em⸗ pfindlich, fügte aber gleich wieder leichtſinnig hinzu: Viel⸗ leicht iſt ſie Euch dann auch nicht mehr ſelten! Es liegt wahrſcheinlich nur ein Vorurtheil zu Grunde, ſagte Southampton, und wir werden es auf die leichteſte Art heben. Setzt, ich begegnete zufällig dem Freunde 0* 4 32 mit ihr: könnte ſie es dann hindern, daß der von mir angeredete Freund ſie mir als Verlobte darſtellte? O, dann brauchte er das gar nicht einmal, erwiderte ſie; Ihr könntet es Euch an den Fingern abzählen, daß ſie die Verlobte wäre, da Ihr doch einmal wißt, daß Euer Freund eine hat. Richtig! Und ſo werde ich ſie denn nächſtens kennen lernen! lachte Southampton ſchalkhaft. William wird ſie zu einer Spazierfahrt überreden, vermuthlich nach Green⸗ wich, und— da werden wir uns begegnen! Ich bin recht verlangend. Ha! welch' ein Betrug! rief Thekla lebhaft aus. Sagt vielmehr, welche Wohlthat! fuhr der Graf fort. Die beſten Menſchen hangen an gewiſſen vorgefaßten Mei⸗ nungen und Aengſtlichkeiten, vor denen ſie umherzappeln, wie die Kinder vor einer Gaſſenrinne. Man muß ſie mit Gewalt darüber hinausheben, und ſie ſind dann froh, wenn einmal die Angſt vorbei iſt. In einem oder dem andern Stücke bleibt faſt jeder Menſch ein Kind; hier thut ihm eine Täuſchung noth und wohl. So iſt es ge⸗ wiß auch mit der Wunderlichkeit jener Thekla meines Freundes. Sie ſoll mich kennen lernen, und wird dann einſehen, daß ſie nicht Urſache hat, ſich vor mir zu ver⸗ bergen, wie ſie thut. Wer weiß aber, wendete Bacon ein, ob es gerade eine grundloſe Befangenheit jenes Weibes iſt. Dieſe Thekla ſoll ſehr ſchön ſein; aber es gibt keine ausgezeich⸗ nete Schönheit, die nicht irgend etwas Seltſames in ihren Verhältniſſen hätte. Dem ſei nun, wie ihm wolle, fuhr der Graf fort. n mir viderte daß daß kennen ird ſie Green⸗ ch bin ffort. Mei⸗ ppeln, uß ſie mfroh, r dem hier es ge⸗ meines d dann zu ver⸗ gerade Diſt gezeich⸗ ihren ff folt. 433 Unſere Verabredung iſt getroffen. Der Zufall iſt ein Halbgott: wo wir ihn auch nicht preiſen, da verzeihen oder verſchmerzen wir ihn doch, ohne Groll gegen die Menſchen.— Allein das ſind eigentlich freundſchaftliche Geheimniſſe, ſetzte er ſcherzend hinzu, ich hätte mich ſo weit gar nicht verplaudern dürfen! Ihr ſeht, beſte Ro⸗ ſalie, wie ſehr ich Euch vertraue. Ihr werdet hoffentlich jener Thekla von unſerm Plänchen nichts verrathen; ſonſt könnte mein Freund bittern Verdruß, oder wer weiß, was noch Schlimmeres erleben! Sechzehntes Kapitel. Die Freunde hatten ſich unter Scherz und Lachen em⸗ pfohlen, und Thekla blieb in nachdenklicher, niedergeſchlage⸗ ner Stimmung ſitzen. Sie war zum erſten mal an Wil⸗ liam irre geworden, ward aber auch zum erſten mal recht lebhaft inne, welch' ein tiefes Vertrauen ſie bisher zu ihm getragen hatte. Früher würde ſie ſich entrüſtet haben, jetzt betrübte ſie ſich.— Was hat ihn ſo verändert, daß er dich verrathen will, ſeufzete ſie,— jetzt, da er meine ſo lang geſuchte Zuſage hat, da ich ihm angehören will, da er mich, als ſein Eigenthum, nur noch ſorgfältiger zu hüten hätte? Aber wie mit einem zuckenden Blitze wurde ihr klar, 134 * daß ja eigentlich nicht William ſie dem Freunde verrathe, de und nicht er eine Schuld begehe, ſondern daß ſie nur m den zufälligen Verrath ihrer alten Liebſchaft mit dem E Grafen fürchte, und nur ihre eigene Schuld an den Tag ſe kommen könne. Sie durfte ja nicht einmal den Freund, n den ſie fuͤr einen Verräther halten wollte, hierüber zur G Rede ſtellen, weil ſie ſonſt ihren abermaligen und eben⸗ G falls verheimlichten Verkehr mit Southampton verrathen hätte, der nur allein von jener verabredeten Liſt wußte. Sie erröthete; ſie ward ärgerlich und wußte nicht, ob über William oder über ſich ſelbſt. Und wie denn, wenn n die Seele einmal einen Damm der Liebe oder des Haſſes durchbrochen hat, alle andern Empfindungen dahin ſtrö⸗ men: ſo nahm auch über dieſen verworrenen Vorſtellun⸗ 13 gen ihr einmal gegen den Grafen gefaßter Widerwille 4 noch mehr zu. Auf ihn wälzte ſie die Schuld der ver⸗ abredeten Liſt, die er ja eben auch ſelbſt mit ſo vieler Schadenfreude, ohne es zu ahnen, an die rechte Perſon ) · verrathen hatte. Nicht William, glaubte ſie, fühle das Bedurfniß, ſeine Braut öffentlich zu zeigen, gewiß hatte — er auch keinen Argwohn gegen ſie, ſondern der liebloſe Graf konnte nur ſeine Neubegierde nicht bezähmen; Wil⸗ liam war blos ſchwach genug geweſen, hinter ſeinem ge— 1— lobten Stillſchweigen her einem, freilich für ihn zu vor⸗ nehmen Freunde nachzugeben. Zuletzt ſchloß ſie damit ab, daß ſie ihm dieſe Schwäche verzeihen, und nur ſtillſchwei⸗ gend die verabredete Liſt vereiteln wolle. In dieſer weichen Stimmung eines verletzten aber auch ſchuldbbewußten Herzens empfing ſie den nächſten Beſuch tzur eben⸗ athen vußte. t, ob wenn Haſſes ſtro llun⸗ wille ver⸗ vieler eerſon e das hatte ebloſe Wil⸗ m gk⸗ t vor it ab, chwei⸗ er auch Beſuch 13⁵ des Freundes. Sie und William begegneten einander mit ihren ganz entgegengeſetzten Abſichten deſto zärtlicher. Er wollte ſie für ſeinen Vorſchlag ſtimmen, ſie ihn von ſeinem Vorſatz abbringen. In der That aber hatte Thekla noch nie ſo viel aufrichtige Innigkeit für den Freund empfunden, war noch nie an ſeiner Bruſt von ſo ſanfter Schwärmerei bewegt geweſen. Hätte dieſe Herzlichkeit den Freund nicht hinreißen ſollen? So oft hatte er ſich der ſchönen Gaben Thekla's gefreut, an ihren Reizen ſich ent⸗ zündet, an ihrer Anmuth und bezaubernden Laune ſich entzückt; heut aber empfing er, was er noch immer ent⸗ behrt hatte, die zärtliche Hingebung einer liebevollen Seele. Alſo auch dieſer heimlichſte Reichthum eines weichen, ver⸗ trauensvollen Herzens fehlte ſeiner Geliebten nicht. Ein allbefriedigendes Glück ſtand ihm bevor, wenn einſt dieſes zauberhafte Weſen ihm gänzlich angehören und alle jene Reize und Gaben und Launen nur zum Schmuck inniger, edler Liebe dienen würden. O meine Thekla! rief der Freund, und umfaßte die Geliebte mit zärtlichem Ungeſtüm. Wie oft ſchwor ich dir, ich würde nie dich mehr und tiefer lieben können! Die Schwüre waren falſch; die Liebe iſt unendlich. Jene Macht war mir verborgen, die ſo helle Gluten noch heller anfacht. Wie ſelig⸗trunken fühle ich heut die All— macht der Zeit, die ich ſonſt fürchtete, wenn ſie Geſtalten und Herzen umwandelte, und königliche Schlüſſe brach. Bang vor ihrer Grauſamkeit, wie hätte ich nicht jeden Augenblick meiner Liebe für den höchſten betheuern ſollen? Hinter mir lag ſo viel Unbeſtand, vor mir ſo viel Zwei⸗ fel, und nur der liebevolle Augenblick war gekrönt. Ach! 136 Liebe iſt auch ein Kind, und wer gibt dies nicht mit 1 Freuden zu, wenn er ſie an ſeinem Herzen ſo beglückend int zur Vollendung aufwachſen ſieht? In dieſem Glauben bleibe ich nicht hinter dir zurück, din mein William! erwiderte Thekla. Daß ich dich jetzt lie⸗ kele ber habe, als ſonſt— ſoll ich es dir ſchwören oder los fühlſt du es? Ja, laß mich ganz aufrichtig ſein! Eigent⸗ de lich liebe ich dich erſt jetzt recht, was man Liebe nennt. O Früher war es— ich weiß nicht, welche Theilnahme g ” an dir. Darum biſt du auch ſo oft unbefriedigt, unzu— t frieden von mir gegangen. Vergib, mein ſüßeſter Freund! 4 Meine Empfindungen waren ſo verworren; ſie gingen von d Erlebniſſen getrübt, nur betrübend an dir hin. O könnte ſc ich dich heute gänzlich befriedigt von mir gehen ſehen! w Doch vielleicht kann ich es. Vielleicht verlangſt du heut ei nicht mehr, als was ich mir ſchon ausgedacht habe. Du 1 3 ſagteſt mir letzt, daß der Aufbruch nach Irland nah be⸗ 3 HL vorſtehe. Iſt es dir recht, wenn ich mit dir gehe, oder d N dir dahin folge? Ja, Willy, ganz im Ernſte! Drüben 1 laſſen wir uns trauen, wir leben zuſammen, wir trennen 1 uns nicht, wie wir bisher fürchteten; du haſt kein ſehn⸗ 1 ſüchtig Leid um mich, und ich keine ängſtlichen Sorgen um dich. Ich bewohne ein einſames Zelt, oder eine trau⸗ liche Hütte; du findeſt mich nach deinem arbeitſamen Tage und ruhſt an meinem Herzen aus. Da wirfſt du alle Trübſeligkeiten eines widerwärtigen Feldzuges von dir, und wir feiern einen ſeligen Frieden. Alle Räthſel und Misverſtändniſſe löſen ſich dort, du erkennſt mich, wie ich bin— wahr, mein William, für die Zukunft wahr und 1 glücklich! mit ſckend urück, ahme unzu⸗ eund! von onnte hen! heut Du be oder üben nnen ſehn orgen trau⸗ Tage alle dir, und e ich und Sie ſchmiegte ſich lächelnd an ihn; William hielt ſie in träumender Innigkeit feſt an die Bruſt gedrückt. Ja, mein Freund, fuhr ſie fort, ich ſehne mich nach einer Verwandlung. Ach, wenn ich mich in einem Win⸗ kelchen ſo heimlich einſpinnen, und aus ekler Entſtellung losringen könnte! Nur fort aus London! Vielleicht fin⸗ den wir in Irland einen Beſitz, und bleiben immer dort. Oder wo du ſonſt willſt, wo es heimliche grüne Hügel gibt für das Hirtenglück, für das Schäferleben, nach wel⸗ chem auch du dich ſehneſt, von welchem du in deinem „Heinrich VI.“ ſo lieblich träumſt.„O Gott, mich dünkt es wär' ein glücklich Leben, nichts Höheres als ein ſchlichter Hirt zu ſein, auf einem Hügel ſitzend—.“ Ich weiß die genauen Worte nicht mehr, mit denen der König ein Hirt zu ſein wünſcht, wie er Sonnenuhren ſchnitzen will, und die Minuten daran, die Stunden und Tage zählen, und wie er ſeine Zeit eintheilen— wann er der Herde warten, wann ruhen, wann beten, wann ſich ergötzen will, und wie er dann zähle, wieviel Tage die Schafe ſchon tragen, wann ſie lammen werden, wann die Wolleſchur kommt, bis ſo von Minuten zu Jahren die ſtille Zeit ſein graues Haar zur Grube bringt.— O laß uns mit dem Könige rufen:„Ach, welch' ein Leben wär's, wie ſüß, wie lieblich!“ Theilen wir denn hier nicht auch ſeinen königlichen Kummer—„wenn Sorge lauert, Argwohn und Verrath?“ Verrath, mein Freund! Sie hatte ſich in eine wahre Rührung hineingeſpro⸗ chen. Und wie hätte William, damals zuweilen noch ſentimental und ſchwärmeriſche Sonette dichtend, ſolcher anmuthigen Rührung und ſogar ſeinem eigenen lieblichen 138 Königstraume widerſtehen können? Jetzt gefiel er ſich freilich im Poſaunenlärm des Tages und in der Erwar⸗ tung einer ehrenvollen Zukunft; doch erinnerte ſolche heimliche Sehnſucht nach der Stille und dem friedlichen Glücke des Landlebens an ſeine frühere verworrene Zeit, an jene zwiſchen Thorheit und Reue ſchwankenden Stim⸗ mungen, und vertrug ſich noch immer mit ſeiner jetzigen traulichen Liebe, mit dem reichen Vorrathe geſammelter poetiſchen Stoffe, und mit den Geheimniſſen ſeiner Thekla. Er ahnete zugleich, wieviel ſeine Braut durch Offenher⸗ zigkeit an Liebreiz gewinnen, wie herrlich ſie aus ihren jetzigen Sorgen und Rückſichten hervorgehen werde. Ge⸗ dachte er dann ſeines dichteriſchen Lieblings, Edmund Spenſer's, der auf einem ähnlichen Poſten wie der ſeinige mit einem ſo bedeutenden Landſitz in Irland belohnt wor⸗ den war, ſo ſchienen ſeine alten Träume, Hand in Hand mit Thekla's Wünſchen, bald einen glücklichen Boden zu finden. Er zweifelte nicht, Eſſex werde endlich einmal das ewig unruhige Irland zu dauernder Unterwerfung zurückführen, damit es ihm ſpäter nicht auch wie jenem unglücklichen Dichter gehe, der von den Rebellen beraubt und vertrieben, in unbekanntem Elende verkommen war. Aber wie? fragte William. Seither war ich blos um meine Scheidung beſorgt: wie iſt es denn aber mit dir? Iſt denn deine Angelegenheit mit dem falſchen Ge⸗ mahl in Ordnung gebracht? Du haſt mir noch nichts von den Schritten deines Oheims in dieſer Sache mitge⸗ theilt. Du wollteſt mich überraſchen, ſagteſt du mir ſtets. Oder glaubſt du, daß wir in Irland ohne ſolche Um⸗ ſtände heirathen können? er ſich Erwar⸗ ſolche edlichen e Zeit, Stim⸗ jetzigen zmelter Thella feenher⸗ jihren en zu einmal erfung jenem eraubt war. h blos er mit n Ge nichts mitge⸗ t ſtets e Um⸗ 139 Lieber Freund, antwortete ſie ſchmeichelnd nach einigem Bedenken, wirſt du mir verzeihen, daß ich dich über die⸗ ſen Punkt ſo lange in Irrthum gelaſſen habe? Ich war nie verheirathet. Meine Lage war indeß, ehe mein Oheim hierher kam, von ſo zarten Rückſichten umgeben, daß ich nur in einer ſolchen Maske gut fortkommen konnte. Als ich dich kennen lernte, mußte ich dich behandeln wie jeden Andern. Wer hätte gedacht, daß unſere Freund⸗ lichkeit füreinander zu ſolch' einem vertraulichen, innigen Bunde führen würde? Nun ſprengt das Herz vor dir alle die Hüllen, die es aus Kummer und Vorſicht um ſich her gezogen, und unſere Verbindung wird ſie auch vor der Welt löſen. Manches was dir jetzt geheimniß⸗ ſchwer an mir vorkommt, wird dir eine Kinderei ſcheinen, wenn ich es ablege. Drüben in Irland werde ich mich aus all' dieſen falſchen Hülſen ſchälen, und als eine An⸗ dere an dein Herz ſinken— und doch auch keine An⸗ dere. Denn nur was dich irre an mir gemacht, was dich oft betrübt hat, werde ich von mir thun; Alles, was dir an mir gefallen, was dich für mich eingenommen hat, bleibt mir, und umkleidet ſich ſtatt der dunkeln Geheim⸗ niſſe mit dem lichten, roſigen Gewande der Liebe. Im erſten Augenblicke war William über ſeine Täu— ſchung nicht wenig betroffen. Doch begriff er leicht den von Thekla angegebenen guten Grund. Und wie gern vergab er nicht eine Vorſpiegelung, aus der ein vermeint⸗ lich irregeführtes, misbrauchtes Weib ſich ſo reizend in ein ſchuldloſes Mädchen verwandelte! Jetzt war ihm auch das ängſtliche, jungfräuliche Betragen, das Thekla ſtets gegen ihn beobachtet hatte, erklärlicher. Mit welchem Un— 440 geſtüm umarmte er wieder und wieder die Geliebte, indem er behauptete, alle frühern Zärtlichkeiten ſeien in unſchul⸗ diger Treuloſigkeit an eine unrechte Braut verloren worden. Er beſtätigte ſich jetzt in ſeinem Glauben, Thekla werde immer bezaubernder aus ihren Geheimniſſen hervorkom⸗ men; er wünſchte die unglücklichen Verhältniſſe zu kennen, die ihr ſo viel ängſtliche Vorſicht aufgenöthigt hätten. Thekla behielt ſich vor, ihm in ruhiger Stunde ihre wahre Geſchichte mitzutheilen. Jetzt erſt ſah ſie ihre Uebereilung ein, indem ſie in beſter Abſicht, ehrlich gegen den Freund zu ſein, ſo weit gegangen war, daß ſie nun nothgedrungen ein neues Märchen erfinden mußte, den Frager zu beſchwichtigen. Sie mußte ihn aufs neue täu— ſchen, nur um es zu entſchuldigen, daß ſie ihn früher getäuſcht hatte. Sie war darüber ſtill und verſtimmt, während William, aufgeregt und ſchwärmeriſch, mit mehr Phantaſie als Ueberlegung ſich über ihre nahe Verbin⸗ dung, über ihr glückliches Leben in Irland und über eine reizende Zukunft ausließ. In dieſer trunkenen Stimmung hätte er beinahe wirk⸗ lich, was Thekla wünſchte, ſein Vorhaben, ſie zu einer Fahrt nach Greenwich zu bereden, vergeſſen. Erſt beim Weggehen fiel es ihm wieder ein. Er warf nun den Vorſchlag wie eine beiläufige Kleinigkeit hin, indem es ihn doch ein wenig drückte, nach einer ſo herzlichen, glück⸗ lichen Stunde die Geliebte, wenn auch nur in einer Ge⸗ ringfügigkeit, zu hintergehen. Auch empfand Thekla jetzt die Verſtellung und Liſt des Freundes doppelt ſchmerzlich. Indeß mußte ſie ſich bezwingen, und ſtellte ihm vor, wie beſucht Greenwich ſei, und wie viel Urſache ſie noch indem ſſchul⸗ orden, werde rkom⸗ ennen, 7. ihre ihre gegen te nun den täu rüher mmt, mehr erbin⸗ eine wirk⸗ einer beim : den m es glück⸗ Ge⸗ jet rzlich. wie noch 141 habe, ſich bis zur Abreiſe nach Irland zurückgezogen zu halten. Der Freund berief ſich auf ihr früheres Verlangen nach jeweiligen Spazierfahrten, ja auf die wirklich zuſam⸗ men gemachten Ausflüge; er ſuchte die Eitelkeit eines Bräu⸗ tigams zu rechtfertigen, der an der Seite ſeiner ſchönen Verlobten ſo gern auf eine Ernte der Bewunderung, auf eine Aehrenleſe des Neides über ſeinen eingebrachten Le⸗ bensgewinnſt ausgehe. Thekla, immer gereizter, blieb ihm keine Erwiderung ſchuldig; aber natürlich überzeugte Kei⸗ nes das Andere. Sie ließ ſich nicht überreden, weil ſie William's Abſicht kannte; er ließ ihre Einwendungen nicht gelten, weil er Southampton's Wunſch erfüllen, und über ſeine heimliche Eiferſucht hinauskommen wollte.— Am Ende verſtand ſich Thekla dazu, wenn die Königin das verſprochene feſtliche Lanzenſtechen in Greenwich geben würde, mit dem Freunde dahin zu fahren. Sie hatte nämlich in ihrem Unmuthe den Gedanken gefaßt, Liſt gegen Liſt zu brauchen, und ſuchte daher vor Allem nur Zeit zu gewinnen.— Beim Scheiden ſagte ſie: Du hat⸗ teſt früher die Abſicht zu der jetzt ſo viel verſprochenen Speculatrir zu gehen. Ich habe inzwiſchen Wunderdinge von dieſer arabiſchen Jungfrau gehört. Du könnteſt nun doch einmal hingehen, und ſie über unſere Zukunft be⸗ fragen. Ich habe wegen Irlands manchmal noch eine kleine Angſt. Du mußt mir aber ganz ehrlich Alles mittheilen, was ſie dir offenbart. Es könnte doch ein heilſamer Wink in Dem liegen, was ſie ausſpricht— ein Wink für dich oder für uns beide. William ſtimmte ihr bei, ohne gerade des Nachdrucks 142 zu achten, womit ſie die letzten Worte geſprochen hatte. wl Er umarmte ſie mit einem feurigen Lebewohl, das von an Thekla ſehr kalt erwidert wurde Siebenzehntes Kapitel. t — Sobald der Freund eine ſchickliche Stunde fand, ging er 4 zu Southampton, um ihn zu einem Beſuche der Specu latrir zu überreden. Es bedurfte jedoch keiner Ueber⸗ n redung; der Graf war ſelber neugierig und ſchickte ſich( gleich zum Mitgehen an.— Ich habe es dir letzt ſchon( vorſchlagen wollen, ſagte er. Und da man zu Dreien am beſten auf Unternehmungen aller Art ausgeht, ſo wollen 1 wir gleich auch Bacon mitnehmen. Es ſcheint dir nicht ganz angenehm? Ich weiß, du liebſt den Philoſophen nicht ſehr; allein du biſt jetzt ein Weltmann, und mußt auch den geſellſchaftlichen Zwang kennen lernen. Auch iſt Bacon von ſolchem Geiſtesgehalte, daß man ſeiner Cha⸗ rakterſchwäche ſchon etwas zu gut halten muß. Man braucht oft einen ſo klar blickenden Geiſt, der die Menſchen und Lebenslagen ſcharf beobachtet und geſcheit darüber ſpricht. In einem Stücke könntet ihr beide einander zur Ergän⸗ zung dienen; es iſt. mir höͤchſt merkwürdig, in euerm Umgang wahrzunehmen, wie tief du die Menſchen in ihrem Weſen, und Bacpon ſie in ihrer Erſcheinung kennt. Du faſſeſt, ſo zu ſagen, die Menſchen an ihrer Pfahl⸗ hatte. as von ging er Specu Ueber kte ſich t ſchon eien am wollen ir nicht oſophen d mußt Auch iſt Cha⸗ braucht hen und pricht Ergän⸗ euerm ſchen in g kennt. Pfahl⸗ 443 wurzel und an den Zäſerchen, Francis aber begreift ſie an den Aeſten und Zweiglein. Und an den Früchten! fiel William ein. Du haſt Recht, ſagte der Graf,— etwas eigennützig iſt er bei allem Hang zur Verſchwendung, und auch ſo beweglich gegen äußere Einflüſſe, wie die Zweige gegen die Winde. Ganz auf ihn verlaſſen darf man ſich, glaube ich, nicht. Wenigſtens iſt er jetzt entſchieden der Volks⸗ ſache abgefallen, um die Gunſt der Königin wieder zu gewinnen. Es iſt ihm auch gelungen: er iſt wieder in Gnaden aufgenommen, und geht fleißig nach Hofe. Ich glaube, er hat die rechte Miſchung von wirkſamem Geiſte mit biegſamem Charakter, um zu hohen Aemtern und Ehren zu gelangen. Darin iſt er ſehr verſchieden von Eſſer, dem er vielen Dank ſchuldig wäre. Soll ich aber darum mit ihm brechen, und nicht mehr mit ihm um— gehen? Ich bin nun einmal ſo, daß ich auch Freunde haben muß, denen ich Manches zu verzeihen und zu gut zu halten habe, nicht blos ſolche, die ich bewundere und liebe. Der Graf begleitete dieſe letzten Worte mit einem Händedruck und liebevollen Blick. Wie ſie Grays Inn betraten, wandelte Bacon eben im Garten und betrachtete die Herbſtblumen. Der Graf machte ihn auf ſcherzhafte Weiſe mit ihrer Abſicht bekannt.— Ich wäre begierig, ſetzte er hinzu, wer wol am tiefſten in die Zukunft eindringen kann— ein Poet oder ein Philoſoph, und wer von beiden mehr Glück bei einer arabiſchen Jungfrau macht 444 Bacon lachte. Ihr ſeht, ich bin zum Ausgehen fer⸗ tig, und ſtehe ganz zu Dienſten, ſagte er. Nachdem ſie ſich im Garten umgeſehen, und Bacon ſeine häuslichen Beſtellungen gemacht hatte, gingen ſie. Unterwegs ſagte Sir Francis: Wir dürfen dieſe auffallende Erſcheinung, von der nicht blos die Menge, ſondern auch glaubwürdige Männer ſo viel Aufhebens machen, allerdings nicht unbeſehen mit einem ſchnöden Urtheile wegwerfen, ſelbſt wenn wir nicht zweifeln, daß dabei Thorheit und Betrug einander begeg⸗ nen. Alles, was eine Macht über die Menſchen ausübt, bietet zwei merkwürdige Seiten dar, eine poetiſche für die Anſchauung dieſer Macht, und eine philoſophiſche für die Erforſchung des Antheils von Wahrheit, ohne welche der Betrug keine Macht gewinnen könnte. Das Forſchen nach Wahrheit, das Werben um ihre Gunſt, die Erkenntniß der Wahrheit, das heißt ihre Gegenwart, der Glaube an Wahrheit, das heißt ihr Genuß, ſind die höchſten Güter der menſchlichen Natur. Das erſte Werk Gottes, in den ſechs Schöpfungstagen, war das Licht— das letzte die Vernunft, und das Sabbathswerk iſt ſeitdem noch immer die Erleuchtung durch den Geiſt. Zuerſt hauchte Gott Licht durch die Materie, dann hauchte er Licht ins Antlitz des Menſchen, und noch jetzt haucht er mit Licht ſeine Auserwählten an, indem er ſie begeiſtert. Wahrlich! es iſt der Himmel auf Erden, wenn ein menſchliches Gemüth, in Liebe thätig und im Vertrauen auf die Vorſehung beruhigt, ſich um den Angelpunkt der Wahrheit bewegt.. Es wäre wol der Mühe werth zu erforſchen, wodurch hen fer⸗ Bacon en ſie. von der Männer hen mit vir nicht r begeg⸗ ausübt, für die für die lche der den nach kennmiß Glaube höchſten Gottes, — das ſeitdem Zuerſt uchte er ucht er geiſtert un ein rtrauen mkt der wodurch 445⁵ die Lüge unter den Menſchen ſo ſehr in Aufnahme kommt, meinte Southampton. Ich glaube, nicht allein dadurch, verſetzte Bacon, daß die Wahrheit nur mit Mühe und Schwierigkeit zu ent⸗ decken iſt, ſondern auch durch einen verliebten Hang zur Lüge ſelbſt. Das gerade meine ich, das gerade iſt mir unerklärlich! rief Southampton aus. Woher eben ein ſolcher Hang zur Lüge,— und woher gerade jene Schwierigkeit der Wahrheit?— Urſprünglich ſollte weder das Eine noch das Andere vorhanden ſein,— die Wahrheit und unſere Neigung für ſie ſollten einander näher ſein, als ſie es zu ſein ſcheinen. Ich glaube auch, daß ſie es urſprünglich waren, fiel William ein. So lange der Menſch im Paradieſe ſich ſelber mit reinem Auge nackt ſehen konnte, ſah er auch, auf eine jetzt uns unbegreifliche Weiſe, die unverhüllte Wahrheit um ſich her. Sobald aber das erſte Paar vom Baume der Erkenntniß, gebückt und erröthet, nach dem Feigenbaume gelaufen war, und deſſen Blätter zum erſten Kleiderſtoffe verwendete, ſo verhüllte ſich auch die Wahr⸗ heit. Die Lüge iſt am Feigenbaume des Paradieſes ge⸗ wachſen, denn der Menſch erkannte nun zuerſt den Unter⸗ ſchied ſeiner Hülle und des Verhüllten,— ſeiner Glieder und ſeiner Kleider. Er lernte zuerſt als Schneider die Wahrheit verſtecken, und— wie er ſeitdem in Allem einen Hang zur Schneiderei behielt,— auch entſtellen. Da ſandte Gott den aus dem Paradieſe Vertriebenen zwei Genien nach, die ſeitdem auch unſer Geſchlecht nicht wieder verlaſſen haben,— die Dichtung, die dem Men⸗ Koenig, William Shakſpeare. II. 10 146 ſchen beim Ankleiden beiſteht, und die nackte Wahrheit des Lebens unter einer reizenden Hülle zu verbergen lehrt; dann die Forſchung, die das Leben auskleiden hilft, und den am Scheine ſich Verirrenden auf den wahren Kern des Lebens zurückführt. Jener Genius hat runde, roſige Lippen; der Andere einen ſcharfen ſtrengen Mund. Und darf ich noch eine ſcherzhafte Meinung beifügen, ſo war gewiß Eva die erſte Dichterin in Feigenblättern und Adam der erſte Forſcher nach der Wahrheit ihrer poetiſchen Ein kleidung. ( Das iſt eine ſchöne Dichtung, mein Freund! rief Southampton lächelnd. Wahrhaft platoniſch gedacht! ſetzte Bacon hinzu. Die ſer Gedanke hätte jenem Kirchenvater, der die Poeſie— Teufelswein nannte, mehr Ehre gebracht, als dieſer Aus⸗ ſpruch. Eure Anſicht läßt ſich noch mannichfach ausſpin⸗ nen, Sir William. Muß die Abends entkleidete Wahr⸗ heit ſich des Morgens nicht immer wieder verhüllen, wenn ſie unter die Menſchen geht? wie ja dieſe ſelbſt auch nicht nackt umherlaufen können, ohne zu verwildern. Nichts führt die Menſchen tiefer in die Irre, als eine zu weit verfolgte Wahrheit. Hiermit hatten ſie das Haus betreten, und gelangten durch einen düſtern und modrig⸗riechenden Gang im Hin⸗ terhauſe an eine Thüre, die auf Pochen geöffnet ward Ein Diener in langem Schlafrocke mit einem Turban öffnete, vernahm den Wunſch der Ankömmlinge, und führte ſie an ein Tiſchchen zwiſchen zwei hellen Fenſtern, wo er ihnen Sitze bot. Ein farbiger Zettel war aufge⸗ aahrheit lehrt; ft, und n Kern poſige b. Und ſo war Adam en Ein⸗ r Aus⸗ nsſpin⸗ Wahr⸗ , wenn ch nicht Nichts u weit elangten m Hin⸗ ward. Turban he, und fenſtern, aufgk⸗ legt, mit den großgedruckten Worten„Laß jede Frage um deine Zukunft von fünf Engeln begleitet ſein. Der deine Hand öffnet, wird ſie finden.“ Lachend flüſterte Southampton: Jetzt wird ein phrygiſcher Prieſter herauskommen, wie man mir erzählt hat, und wird die Linien unſerer Hände betrachten, um unſer Schickſal an dieſen Zügen in den Geſichtskreis der Seherin zu knüpfen. Mit dieſer ſelbſt dürfen wir nicht in Berührung kommen. Bei Oeffnung unſerer Hand muß er nun für jede Frage fünf Engel finden; er nimmt wol aber auch andere Münze, die fünf Engel werth iſt. Allein ſtatt des erwarteten phrygiſchen Prieſters kam nach einer Weile der vorige Diener wieder, nahm William ſtillſchweigend bei der Hand und führte ihn durch einen doppelten dichten Vorhang in ein, dem Tage verſchloſſe— nes, ſpärlich erleuchtetes Gemach. Ein ſüßer Wohlgeruch empfing ihn. Sein Auge fiel zuerſt auf die halbverhüllte Lampe, über welcher, wahrſcheinlich von der aufſteigenden Wärme des Lichts in Bewegung geſetzt, eine künſtliche Schlange um ein ſchwarzes Kreuz kreiſend tanzte, und über den Querbalken deſſelben herabzüngelte. Der erſte Anblick hatte bei aller Künſtelei im Dunkel etwas Schauer liches. Doch blieb der Freund gleichgiltig genug, um ſich die übrigen Gegenſtände, die für ſein Auge allmälig aus der Dämmerung hervortraten, zu betrachten. Einige Py⸗ ramiden ſtanden im Halbkreis, mit wunderlichen Zeichen beſchrieben. Wie er einer derſelben näher trat, rief hinter ihm eine bekannte weibliche Stimme: Hierher wende dich, Fremdling. 10* 148 Eine runde Oeffnung der Wand hatte ſich aufgethan, durch die man in ein helles Gemach blickte. Eine weib⸗ liche Geſtalt zeigte ſich in langem, weißem Gewande, das Geſicht mit einem dichtfaltigen, um die Schläfe von einem grünen Kranze zuſammengehaltenen Schleier verhüllt.— Frage, Fremdling! rief ſie. Doch wie ſtand William betroffen da! Es war Alicens Stimme,— an dem etwas dumpfen Klange und eigenthümlichen Anſtoß der Zunge bei einigen Wortlauten unverkennbar. Er ſtarrte die Geſtalt an, um ſich zu überzeugen oder zu enttäuſchen. Die Verhüllte ſchien et⸗ was kleiner als die ſchlanke Alice, und, wenn die weißen Gewänder nicht etwa trogen, voller in ihren Formen. Er verlor ſich in räthſelnder Verwunderung. Frage, Fremdling! ward wiederholt gerufen. Es war dieſelbe Stimme wieder. Aber William mußte antworten, und nahm ſich zuſammen. Kannſt du, arabiſche Jungfrau, wenn du eine biſt, in der Wüſte der Zukunft die Spuren meines Geſchicks fin⸗ den? fragte er mit verhaltenem Lachen. Das ſind hundert Fragen in einer! verſetzte ſie. Deine Hand, Unbekannter! Immer unverkennbarer Alicens Stimme.— Verlegen und zögernd reichte William die Hand hin, in welcher er noch die Summe von fünf Engeln hielt. Mit einer unwilligen Bewegung des Kopfes ſtrich die Seherin das Geld von der Hand hinweg, daß es klingend über den Boden rollte.— Hier gehen die Pfade deines Schickſals, fuhr ſie fort, indem ſie William's Hand in der ihrigen, vom Schleier bedeckten, hielt. Die Lebenslinie— kurz 149 und durchſchnitten? Menſa iſt eng,— biſt du karg?— fgethan, weib Aber wie viele Linien gehen von Menſa nach Berg Jovis de, das das deutet Geſundheit und gutes Gemüth. Die Tiſch— einem linie endet zwiſchen Zeigefinger und Mittelfinger: hüte llt.— dich, das deutet auf Blutfluß! Und doch gehört eine ſo lange proportionirte Hand einem Manne von großer Ver⸗ nunft an, der nicht ſtreitſüchtig, nicht rachedurſtig ſein kann.— Sie maß noch ſtillſchweigend die Finger, prüfte die Härte der Hand und was nach Chiromanten⸗Art war nge und rtlauten dh dergleichen mehr war. Mit bruſtüberkreuzenden Armen bien et⸗ trat ſie dann an einen Tiſch; eine Kerze, eine Räuche⸗ ueſßen rung entzündete ſich. Vor der umnebelten Lichtflamme gormen hielt ſie, an einem ſilbernen Kreuzchen gefaßt, einen run⸗ den pomeranzengroßen Beryll empor, wendete ihn hin Es war und her, und ſchaute forſchend in die ſpielenden Wölkchen tnarken der kryſtallenen Kugel.— Eintönig, wie träumend, ohne Ausdruck, ohne Bewegung des Körpers ſprach ſie vor wöif, u ſich hin: 8 iin⸗ Ich erblicke jetzt nur deine ferne Vergangenheit, Fremd⸗ ling! Deine Jugend ſpiegelt ſich hier ab. Du führſt Deiſe mit lockern Geſellen ein luſtig Leben. Armſelige Genüſſe, w. Dan tolle Streiche.— Ich ſehe einen ſtattlichen, finſtern Mann, deinen Vater.— Noch ganz jung nimmſt du ein Weib Verlegen und Antheil an deines Vaters Wollhandel Euer Ge— e welheer ſchäft geht ſchlecht, deine Ehe ſchlimm Es iſt etwas. Rit eine Unklares in euerm Bunde, ein ſchwarzes Wölkchen ver⸗ zerin das hüllt mir noch— über den Laß es, laß das Wölkchen! rief William heftig. Shickſals Sprich mir von der Zukunft, von meinem neuen Bunde, r ihrigen, von meiner— — kurz — — —— Ich kann nur ſprechen, was ich ſehe! tadelte die Se herin, indem ſie ihre Kugel dreimal um das Licht ſchwang. — Immer noch die unglückliche Ehe! fuhr ſie im frühern Tone fort. Dein Weib iſt älter, roh, engherzig. Sie zerreißt deine Papiere, Gedichte. Sie kann nicht leſen, und zerreißt auch Abrechnungen mit euern Gläubigern. Du kommſt darüber in Verdacht des Betrugs, Dein Weib hetzt deinen Vater gegen dich auf. Aber dein Kind hat die zerriſſenen Papiere geſammelt, und bringt ſie her⸗ bei. Dein Vater iſt beſchämt, du biſt gekränkt und ſtolz. Du umarmſt deine Mutter und rennſt von Haus und Hof mit dem Bündel und Reiſeſtock. Schweige, ſchweig! rief William. Ich bin jetzt hier in London. Was ſoll mir dieſe verwünſchte Vergangen heit? Blick' in meine Zukunft, wiederkauende Prophetin! Gib friſches Glücksfutter! Du biſt doch mit dem Teufel im Bunde, wie nichts Gutes, und nimmſt die Stimme eines edeln, reinen, frommen Mädchens an. Kaum hatte er dies entrüſtet geſprochen, ſo ſchwang die Seherin ihre Kugel ſo heftig um und durch die Licht⸗ flamme, daß dieſe erloſch. Auch die andern Lampen gingen aus, und das Gemach war dunkel.— Weiche, weiche von hier! rief ſie immer noch mit Alicens Stimme. Du biſt unwürdig, Weiſſagung aus geſchmähtem Munde zu vernehmen. Nur Warnung! Hüte dich! Du willſt deine Verlobte betrügen, verrathen,— wehe dir! Mit dieſer Drohung war auch die Oeffnung in der Wand verſchwunden; es war plötzlich todtſtill.— Wil⸗ liam eilte hinaus mit ſtarrem Blick und verwirrtem Aus⸗ ſehen. Vor den harrenden Freunden ſtand ein ſtattlicher die Se hwang. frühern g. Sie t leſen, ubigern Dein n Kind ſie her angen phetin! Teufel Stimme hwang Licht ampen Weiche, timme. Munde willſt in der Wil Aus ttlichen 151 Mann in ſeltſamem Prieſtergewande, mit einer phrygiſchen Mütze und breitem, ſchwarzem Barte. Bei William's plötzlicher Rückkehr verließ er ſchnell und von William wegblickend das Gemach. Beide Freunde empfingen den Dichter mit lachender Neubegierde. William lachte mit, wie Einer, der verle⸗ gen iſt, gläubig zu erſcheinen, wo es die Spötter nicht erwarten. Er wollte jetzt nicht Rede ſtehen, und trieb ſie an, das verhängte Gemach zu betreten. So kommt denn, Sir Francis, rief Southampton. Der Phrygier will ja, daß wir zuſammen hineingehen. Das iſt ein echter Phrygier aus Altengland! lachte Bacon. Dem Gauch ſind unſere zehn Engel nicht einmal der Mühe werth, um eine fremde Mundart anzunehmen. Kommt! rief Southampton. William erwartet uns hier. So betraten beide luſtiger, als eben William heraus⸗— gekommen war, das dunkle Gemach. Auch ihr Blick fiel zuerſt auf die Schlange und die Pyramiden. Allein Ba⸗ con's leiſes und waches Ohr vernahm einen Wortwechſel, der aus einem entfernteren Zimmer zu kommen ſchien Er machte den Grafen aufmerkſam, und beide traten dicht an die dunkle Wand. Durch die verhangene runde Oeff⸗ nung vernahmen ſie einige ruhige, aber unverſtandene Worte jenes phrygiſchen Prieſters und eine Frauenſtimme, die heftig dazwiſchen rief: Nein, ich will nicht und ich will nicht! Beim Himmel, ich trete nie mehr vor das qualmende Licht, ich will an der erſten Räucherung er⸗ ſticken, die ich wieder mache. Ich verlaſſe England; zieht meinethalben die abgelegte Sara Skelhorn hervor Ich bin es längſt müde, euern Schelmereien— 1⁵² Bei dieſen immer lauter geſprochenen Worten ward inwendig eine Thüre zugeſchlagen. Die Freunde blieben, einander anlächelnd, in ihrer lauſchenden Stellung, bis ſie im anſtoßenden Gemach einen feſten Schritt vernahmen, und durch die Oeffnung der Wand der Phrygier ſie— Edle Herren! anredete, die Jungfrau iſt unwohl gewor⸗ den, wie es ihr leider, nach ihren Entzückungen zuweilen begegnet. Wollt ihr nicht in einigen Tagen wieder an— fragen? Wohl, wohl! antwortete Bacon mit angenommenem Ernſte. Wenn aber die arabiſche Jungfrau durchaus nicht mehr vor das qualmende Licht treten will, ſo hoffen wir doch die alte Sara Skelhorn wiederzufinden. Die er⸗ ſtickt an keiner Räucherung mehr. Lachend verließen ſie das Gemach, und zogen den be— fremdeten William immer lauter lachend mit ſich fort. Achtzehntes Kapitel. Wie die Freunde nun draußen ihre Erzählungen gegen⸗ einander austauſchten, miſchten ſich auch die beiderſeits ſo verſchiedenen Stimmungen. Der nachgrübelnde William mußte, wenn auch nicht mit ſo freier Laune, über das lächerliche Begegniß der beiden Andern mitlachen, und dieſe konnten nach William's Mittheilung wenigſtens nicht über die Frage hinaus, woher wol die Seherin des Freun⸗ des häusliche Lage bis ins Kleinſte wiſſen könne. ward lieben, bis ſie ahmen, ſt— gewor⸗ weilen er an menem s nicht en wir gegen⸗ its ſo illiam üͤber und nicht Freun⸗ 1⁵³ Auf William's Bemerkung über die täuſchende Stim⸗ menähnlichkeit der Seherin mit Alicen beſann ſich Bacon, daß jene entrüſtete, mithin unverſtellte Stimme, die ihm gleich ſo bekannt vorgekommen, keine andere, als Roſa⸗ liens geweſen ſei. Beim Himmel, Ihr habt Recht! rief Southampton. In unſerer aufgeregten Laune iſt uns das weniger auf⸗ gefallen. Den leidenſchaftlichen Aeußerungen jener Un⸗ ſichtbaren nach, kann es aber nur die Seherin ſelbſt ge⸗ weſen ſein, die geſprochen hat, und mithin Roſalie. In der Leidenſchaft hat ſie ihre angenommene Propheten⸗ ſtimme fallen laſſen. Da iſt ja nun auch Alles erklärt! Roſalie hat in unſerm Hauſe damals, als deine Sonette kamen, durch Heminge und Andere, vielleicht auch durch mich ſelbſt, von deinen Verhältniſſen und deiner Lage gehört. Aber ſie kennt mich ja durchaus nicht von Perſon, verſetzte William, nicht ohne einige Empfindlichkeit über die erfahrne Täuſchung und Beſchämung. Woher wußte ſie, daß ich Derjenige ſei, von dem ſie in Southampton⸗ houſe dies und das gehört haben mag? Aus meiner Hand konnte ſie es doch nicht abſehen. Ci, meine Freunde! rief Bacon. Entwickelt euch doch einmal den Zuſammenhang einer ſolchen betrüͤglichen Wahr⸗ ſagerei. Schon der Bediente, der uns empfängt und an⸗ meldet, iſt gewiß ein Gauner, der die halbe Stadt kennt. Dann führt er uns nicht ohne Abſicht an das helle Fen⸗ ſter: habt ihr nicht das Gitter in der Wand bemerkt, durch das man die Angemeldeten beobachten und belau⸗ ſchen kann? Zuletzt kommt noch der Spitzbube im Prie⸗ 85 154 ſtergewande mit dem angemachten Bart, guckt uns in die Hände, um uns bequemer in die Augen zu ſehen. Kennt man nun den Anfragenden und gehört er zu Denen, über die man bereits auf irgend einem Wege hinreichend unter richtet iſt: ſo wird die Prieſterin vorbereitet und der Er wartungsvolle wird vorgelaſſen; wo nicht, ſo wird er unter irgend einem Vorwande auf Wiederkommen abge⸗ wieſen, und man zieht erſt die nöthigen Nachrichten über ihn ein. So ſeid Ihr, William, zuerſt angenommen wor⸗ den. Der Phrygier muß Euch genauer kennen; denn er hat Euch nicht in die Hände geſehen, wahrſcheinlich um nicht von Euch erkannt zu werden, und als Ihr von der Prophetin herauskamt, habt Ihr's nicht bemerkt? vermied er auch Cuern Blick. Beim Himmel! Am Ende iſt es Einer der Schauſpieler, der hier eine Nebenrolle ſpielt, und Euch kennt! Nach Euch wurden wir beide zuſammen eingelaſſen, wie wir es wünſchten; allein die gute Roſalie kennt ihre alten Freunde zu genau, und die Erinnerung hat ihren Prophetenblick getrübt. Da habt ihr die Geheimniſſe! William konnte dieſer Erklärung Bacon's nicht wider ſprechen; dennoch war er für ſolchen baaren Verſtand in dieſer Stunde zu verſtimmt. Er hätte um Alles gern einige Trümmer ſeines ſo aufgeregten Gefühls und be⸗ ſchämten Glaubens gerettet. Und wirklich fand er noch ein ſchwimmendes Bret. In ſeiner Wohnung fiel ihm nämlich ein, woher denn Roſalie, wenn ſie die Specula trir wäre, ſeine Verabredung mit Southampton zu The kla’'s Ueberraſchung wiſſen könnte? Denn hierauf ſchien ſich doch die Warnung und das ausgerufene Weh vor 55 in die einem Betruge ſeiner Braut zu beziehen. Einer andern Kennt Unehrlichkeit war er ſich nicht bewußt. Er konnte ſich über dieſen Zweifel nicht löſen, und ſprach des andern Mor⸗ 3 unter⸗ gens mit Southampton darüber. Der Graf ward ver er Er legen. Dieſe Verlegenheit galt aber nicht dem Räthſel, ird er ſondern der Löſung deſſelben. Denn der Graf mußte dem abge⸗ Freunde nun ſeine heimlich gehaltenen Beſuche bei Roſa— M über lien eingeſtehen, und verſchwieg auch nicht, daß er die wor⸗ verabredete Liſt, wie er Thekla kennen lernen werde, aus⸗ enn er geplaudert habe.— So geht's, wenn man einmal auf ch um unrechten Wegen iſt, ſagte er. Denn freilich hätte ich S der dieſe Beſuche überhaupt unterlaſſen ſollen. Meine Rück⸗ ſichten für Roſalien machten mich rückſichtslos gegen meine Ende Eliſabeth. Im Gefühl meines Unrechts verheimlichte ich volle dieſe Beſuche auch vor dir, mein William. Freillich ſoll heide man einem ſo vertrauten Freunde auch eine Schwäche n die nicht verſchweigen: ich machte mir aber in meiner verwor⸗ dir renen Empfindung weis, daß, wenn ich ſchweige, eben habt keine Schwäche vorhanden ſei. William umarmte lachend den Freund. Es war ihm . nun Alles klar. Auch Alicens Stimme im Munde der! idet⸗ Seherin blieb kein Räthſel. Hatte er ja doch auch bei d in ſeiner Thekla beobachten können, wie biegſam die Frauen⸗ gern kehle für ſolche Nachahmung fremder Stimmen ſei. Dem be⸗ Grafen war es aber ſehr ärgerlich, daß Roſalie in ihrem noch kecken Haſſe die Erinnerung an ſeine Schweſter in ihr ihm betrügliches Spiel miſchte.— Wie, wenn ſie dies bei ulo andern Bekannten des gräflichen Hauſes, die ſich etwa The⸗ von ihr weiſſagen ließen, auch thäte?— Er nahm ſich vor, von dieſem Augenblick an gänzlich mit ihr zu bre⸗ 456 chen.— Das iſt eine Circe, ſagte er. Wenn man ſich auch vor ihrem Zauberbecher hütet, weiß ſie einen doch in ihr künſtliches Gewebe zu ſtricken; man iſt ſeines Wor⸗ tes, ſeines Scherzes, ja ſeiner bloßen Stimme nicht mehr ſicher, zu welchen Fäden ſie verſponnen werden, und am Ende iſt man— der Himmel weiß, in welche Frevel, Verrathe oder Verſchwörungen eingeneſtelt. Ich fange ſogar an zu glauben, daß ſie ſich ſchon damals als Spitz⸗ bübin in unſer Haus eingeſchlichen hat, und daß alle ihre Erzählungen von Unglück, Verfolgungen und ſo weiter lauter Erdichtungen geweſen ſind. Dieſe verwünſchte Ro⸗ ſalie! Sieh, mein Freund, ſo bin ich doch nicht ohne einen Gewinn von Wahrheit zur Wahrſagerin gegangen! Roſalie hat alſo Verbindungen, Beſchäftigungen, Einkom⸗ men, Liebſchaften, und hat ſolche ſchon vor mir gehabt. Ich habe mithin keine Pflicht mehr, mich ihrer anzuneh⸗ men, nicht die Schuld, ſie verführt zu haben; kurz, ſie iſt mir mit einmal bis nach Arabien entrückt. Sie wird ſich ohne Zweifel im glücklichen Arabien fühlen; meinetwe⸗ gen mag ſie aber auch ins ſteinige gerathen: wenn ich nur Ruhe vor ihr habe, und ſie mich vergißt! Und das wird ſie! Sie hat künftighin keine Zeit mehr für Erin⸗ nerungen, da ihr ſo viel zu prophezeihen obliegt. Und das Alles, mein Freund, habe ich für fünf Engel. Hätte ich ſo viel Wahrheit aus Arabien erwartet, ich hätte gern hundert gegeben! Von ſolchen Angelegenheiten der Liebe, der Freund⸗ ſchaft und der Geſelligkeit ließ William ſich nicht abhal⸗ ten, täglich die Kriegskanzlei des Grafen Eſſex zu beſu⸗ n doch Wor tmehr d am Frevel, fange Spitz⸗ le ihre weiter hte Ro t ohne angen! inkom gehabt zuneh⸗ ſie iſt rd ſich netwe⸗ un ich nd das Crin⸗ Und Hätte te gern freund⸗ abhal⸗ u beſu chen, und an den Arbeiten Theil zu nehmen. So ſah er die Expedition nach Irland in der Schwüle, mit der ſie betrieben ward, wachſen und reifen. Es konnte ihn alſo nicht überraſchen, als Eſſer ihn eines Morgens mit den Worten auf die Schulter klopfte: Nun, Sir, denkt Ihr daran, Euch reiſefertig zu machen? Habt Ihr geſe⸗ hen, daß meine Pferde gerüſtet werden und ein Theil meines Gepäckes abgeht? Ich denke, Ihr reiſet doch in meinem Gefolge? Wenn Ihr's erlaubt, Mylord, ſagte William, ſo gehe ich einige Tage früher über Stratford, um die Eltern zu ſehen, und eine häusliche Angelegenheit abzuthun. Das geht allerdings meinem Wunſche vor, erklärte Eſſexr. Ich muß Euch heute ſagen, daß ich Euch gern um mich habe. Erſt dachte ich Euch blos eine angenehme Stellung in der Geſellſchaft zu geben; nun habe ich mich aber auch an Eure Mitarbeit gewöhnt. Ich erwartete, frei geſtanden, nicht viel für das Geſchäft von einem Dichter Und genau beſehen iſt es auch eben das in den Augen der gejochten Geſchäftsmänner Unbrauchbare an Curen Arbeiten, was mir ſo gefällt. Eure mündlichen Urtheile, Eure ſchriftlichen Abfaſſungen bezeichnen immer gewiſſe große, phantaſievolle Geſichtspunkte und Bezüge, die neben dem berechnenden Verſtande die höhere Vernunft und das Herz in den Kreis des Geſchäftes ziehen, und wenn ſie auch für die Arbeit ſelbſt keine Hebel abgeben, deſto mehr den Arbeiter erheben. Ich wenigſtens tauche gern aus den brandenden Wogen der Geſchäfte zu jenen Punkten auf, um zu ruhen und mich zu beſinnen. Ich ſehe dann die Stücke, die der Verſtand mit Berechnung aneinander⸗ 158 fügt, auch organiſch zuſammenwachſend, und das Band, welches von meiner Abſicht nach meinem Ziele geht, zeigt ſich mir dann zugleich in alle Betriebſamkeiten des Le⸗ bens, in alle Intereſſen des Volkes verflochten, ja die Ahnung tritt mir nahe, daß ich an meinem engen Platze nach Weltgeſetzen zur Entwicklung der Menſchheit mit wirke. Dabei übergaukelt Euer Witz die öͤden Steppen der Arbeit mit blitzenden Farben, und gleich läßt auch meine Ungeduld nach, die ſonſt nicht ſchnell genug ans Ziel gelangen kann. Wahrlich beneidenswerth iſt die Euch verliehene Gunſt, mit ſchönem Flügelſchlage über chaoti⸗ ſchen Arbeiten zu ſchweben, ohne Euch, feſt eingreifend, die Füße zu beſchmutzen. Solche Vögel können natürlich nur einzeln vorhanden ſein, und die Natur bringt auch die andern, die da auf dem Boden ſcharren, wühlen und aufleſen, zahlreicher hervor. Aber wenn ſolche arbeitende Thiere ihren Brotherrn gebückt mit ſchmutzigem Schna bel begrüßen: ſo iſt es für dieſen eine rechte Freude von Euch mit einem blühenden Zweig umflattert zu werden. Sehr vergnügt über des Grafen Zufriedenheit, die eigentlich den feinſten Tadel enthielt, ging William an das Auswählen und Packen der Sachen, die er mit nach Irland nehmen wollte. Seine Beſuche bei Thekla waren jetzt abgekürzter. Sie nahm ſeine Erzählung von dem ſonderbaren Vorfalle bei der Speculatrix mit gleichgilti gem Lächeln auf, und vermied wegwerfend dieſen Gegen ſtand.— Abends hielt ſich William an die Ausarbeitung ſeiner beiden Stücke:„Heinrich der Vierte“, um für ſein g ans e Euch haoti⸗ ürlich 159 ſeinen bedeutenden Gewinnſtantheil am Globustheater auch ſeiner Verbindlichkeit auf einige Zeit zu genügen. Da er ſich im Gewühl des Feldzugs einzelne gute Stunden der Einkehr in ſich ſelbſt verſprach, packte er die Sammlung von Entwürfen dramatiſcher Stücke mit ein, — ſeine„Keime“, wie er ſie zu nennen pflegte. Und wirklich waren dieſe Entwürfe, wie ſie aus Thekla's No⸗ vellen und eigenem Leſen gefaßt, und durch Nachdenken und Nachbrüten mehr oder weniger ausgeführt vorlagen, Keimen zu vergleichen, die theils noch feſt verſchloſſen, theils anſchwellend, zum Theil ſchon blattſchiebend nur eingeſenkt und gepflegt zu werden erwarteten. Der Tag war nun auch beſtimmt, an welchem die Königin das Speerrennen in Greenwich geben wollte, und William ging Abends vorher zu Thekla, um ſie zur Fahrt dahin einzuladen. Sie war ausgegangen, und Lasko bat ihn ſehr artig, ihre Rückkehr zu erwarten.— Heut, mein lieber Sir William, ſagte er, ſoll uns nicht eine zufällige Wendung des Geſprächs auf unſer beliebtes Thema über Irland bringen; ſondern ich will Euch nur friſch heraus ſagen, daß ich durch Eure Abreiſe das Ver⸗ gnügen Eures Umgangs nicht verlieren werde. Ihr ver⸗ wundert Euch? Ja, ich werde auch nach Irland gehen. Ihr habt mir durch Eure klare Darſtellung der Lage bei⸗ der Parteien ein ſo lebhaftes Intereſſe für den Feldzug erregt, daß ich ihn mitzumachen gedenke. Nicht zwar im Dienſte: dazu bin ich in keiner Weiſe tüchtig; ſondern als bloßer Beobachter. Ob ich ja eine Zeit lang hier oder dort wohne! Oder es müßten etwa friedliche Dienſte 160 zu leiſten ſein; dann vielleicht—! Ich habe alte Ver— bindungen in Irland, und auch dem Grafen Eſſer— im Vertrauen!— ſchon geheime gute Dienſte geleiſtet. Als der unparteilichſte Mann von der Welt könnte ich allenfalls, wenn man mir das Vertrauen ſchenkte, zu den Unterhandlungen, Ausgleichungen und dergleichen mitwir⸗ ken. Genug, ich gehe aufs Gerathewol mit hinüber, und ſehe zu, was mir unſer Herrgott zu thun gibt. In dieſem Augenblicke trat Maſter Mumblaze herein, wankend und ein Zotenlied trällernd. Freund! redete ihn Lasko ärgerlich an, Ihr kommt wieder von Cornhill aus dem Meerweib. Meerweib? lachte Jener. Laskochen, du biſt ein Schlau⸗ kopf, du haſt einen tiefen Blick, Spitzbübchen du! Es braucht eben keinen tiefen Blick, um zu ſehen, wenn Ihr zu tief in den Becher geguckt habt, zürnte Lasko. Wollte Gott, daß Ihr keinen tiefen Blick hättet! Vertraulich klopfte Mumblaze auf Lasko's Schulter, und ſagte mit geheimnißvollen Geſten ganz laut: Muß uns denn das Meerweib nicht die Meerwunder für die arabiſche— Du wirſt wohlthun, überſchrie ihn Lasko, dadrinnen ein wenig in die Ecke zu nicken, damit du zu gutem Ver⸗ ſtand und Ueberlegung kommeſt. Hiermit zog Lasko den Betrunkenen nach dem Sei⸗ tengemach. Mumblaze widerſtrebte und ſchrie dazwiſchen: Juchhe, Meerweib! Und immer mehr Weib! Weib und Jungfrau! Ich geh' von einem zur andern. Weißt du, Lasko,— das Meerweib iſt, eigentlich zu ſagen, eine Kupplerin für die arabiſche Jungfrau,— ſo zu ſagen, Rivo, Laskochen, Rivo! lte Ver⸗ lte V iſſer— geleiſtet unte ich zu den mitwir⸗ der, und verein kommt Schlau⸗ ſehen, eLasko. ter, und ns denn hho che drinnen m Ver m Sei⸗ iſchen Weib Weißt en, eine ſagen, 161 Nur mit großer Anſtrengung brachte der geängſtigte Lasko den Plauderer in das Nebengemach auf einen Pol⸗ ſterſitz, kam dann mit anſcheinender Unbefangenheit zurück, und ſagte: Wir ſprechen ein andermal davon; der flamän⸗ diſche Saufaus hat uns geſtört, und meine Nichte wird Euch jetzt auf ihrem Zimmer erwarten. Wie ſich William von ſeinem Sitz erhob, ſtürzte Mum⸗ blaze wieder herein.— Aha! lallte er, da iſt ja der Sir; ich hatte doch richtig geſehen. Laß mich, Lasko! Mit dem da ein Wort! Ich habe ein Ei mit ihm zu ſchälen, aber ich brauche meinen langen Degen als Meſſer. Wo iſt mein langer Degen? Es iſt ein faules Ei. Wäre ich neulich nicht im Prieſtergewande geweſen, mit Füßen hätt; ich Euch—. Was zerrſt du an mir, Lasko? Ja! Ich ſage phrygiſch hätt' ich ihn zerſtampft! Lasko, in größter Verlegenheit den Schwätzer zu entfer⸗ nen, und ihm körperlich doch nicht gewachſen, bat William, er möchte um des Friedens willen zu Thekla hinüber gehen. Ich werde Euch den Diener ſchicken, lachte der Freund, der Euch das Sektfaß ſchroten helfe. Ich bin eben kein Küfer, um Euch beizuſtehen. Mumblaze fiel jetzt in Schimpfreden und Drohungen aus, ſodaß ihn Lasko kaum zu halten vermochte, und den Freund dringend bat, ſich zu entfernen. Vergebt, beſter William, ſagte er, Ihr ſeht, in welchem Zuſtande der Menſch iſt. Ja doch! lachte der Freund. Gott ſchuf ihn, d'rum laßt ihn für einen Menſchen gelten. In der Thüre begegnete William ſeiner Thekla. Er bat ſie mit zurück auf ihr Zimmer zu gehen. Sie folgte. Koenig, William Shakſpeare. II. 11 Iſt Zank? fragte ſie ängſtlich. Was hat Mumblaze geſagt? Sprich! Was hat er geſagt? Der Sekt, der ihm zu Kopfe ſteigt, wirbelt ihm auch die Wirthshausgeſpräche durch das Hirn, antwortete Wil⸗ liam. Aber auch in dieſem Zuſtande vergißt er ſeinen Groll gegen mich nicht. Ich ſehe doch, daß er noch nicht ſo ganz unempfindlich iſt; denn ich habe ihm doch nichts gethan, als die Verachtung gezeigt, die ich bei ſeiner Roh⸗ heit empfinde. Es iſt auch ein wenig Eiferſucht im Spiel, lächelte ſie. Mumblaze hatte mir jüngſt ſeine ungehobelte Hand zuge⸗ dacht. Doch laß ihn! die lauteſten Schreier ſind gerade die gefährlichſten Feinde nicht; obſchon Mumblaze der ge⸗ wandteſte Fechter ſein ſoll. Die Liebenden vergaßen bald des Trunkenboldes über ſo manche Verabredungen zu ihrer künftigen Einrichtung und nahen Reiſe. Thekla war ſehr heiter, und ging mit liebenswürdigem Plaudern auf William's Vorſchläge ein. Sie wußte noch nichts von Lasko's Abſicht ebenfalls nach Irland zu gehen; auch ſchien es ihr höchſt unangenehm zu ſein. Sie wünſchte jedenfalls ganz und ſo weit wie möglich, getrennt von ihm zu bleiben. William ſtimmte ihr bei.— Ich fühle meine Liebe ſo reich, ſagte er, und du biſt von ſo unerſchöpflicher Huld, daß ich meine, wir hätten eine Ewigkeit lang genug an einander. Nur einen Freund moͤchte ich auch drüben in Irland nicht entbehren— Southampton. Wenn du willlſt, ſoll er auch der einzige Zeuge unſeres Glückes ſein. Ich denke, du haſt dort nichts mehr wider ihn und ſeine Beſuche? 163 nöl Wie? Geht denn Southampton mit nach Irland? fragte ſie erſchrocken. 8 au Es iſt nun kein Geheimniß mehr, daß er mitgeht, eWi⸗ verſetzte William. Er hielt es bisher geheim, weil es die fenen Königin misbilligte, daß Eſſer ihm den Befehl über die nüht Reiterei zugedacht hatte. Auch bezweifle ich ſelbſt, daß er nichts dieſem wichtigen Poſten gewachſen iſt. Aber Eſſex wird r Roh⸗ ſeiner Vorliebe für Southampton folgen. Es iſt zu be⸗ klagen, daß der Feldzug mit einem Trotz gegen die Mo⸗ elte ſie narchin beginnt. So ſegnet man ſich nicht zu einem ſo d zuge⸗ großen Unternehmen. Mit Trotze gegen die Majeſtät im gerade Herzen iſt man nicht geſchickt, Rebellen zu bekämpfen; der ge⸗ denn man iſt ja gewiſſermaßen blutverwandt mit ihnen, oder kann ſich täglich mit ihnen verſchwägern. Manchmal wandelt mich eine geheime Angſt um den glücklichen Aus⸗ über gang des Feldzugs an. richtung Thekla hörte ihm nicht zu. Sie dachte an Southamp⸗ ing mit ton, und alle Erwartungen, alle Träume und Hoffnungen, ige ein. die ſie auf Irland gebaut hatte, ſchwanden dahin. Eine s nach unſägliche Angſt und Troſtloſigkeit legte ſich ſchwer über genehm ihr Herz. Sie war einer Ohnmacht nahe und kaum im iit wie Stande, eine Entſchuldigung vorzubringen, um allein zu bleiben. Sie mußte den Freund nur ſchnell auf morgen eiebe ſo vertröſten, um ſich ihm jetzt, in dieſem verzweiflungsvollen Hul, Augenblicke, zu entziehen.— Alſo morgen, lieber Wil⸗ ug an liam, ſagte ſie matt und feierlich zugleich, morgen holſt du ben in mich ab; wir fahren nach Greenwich zum Speerrennen. willſt, n. Ic“ a.ſuche? Zeſuche Neunzehntes Kapitel. Hinter dem abgegangenen Freunde verſchloß Thekla die Thüre, um ſich ihrer bitterſten Stimmung ohne Zwang zu überlaſſen.— Wer könnte dieſen dumpfen Zuſtand ihrer Seele beſchreiben? Wie eine Nachtwandlerin beim Anrufen ihres Namens, ſo war ſie beim fremden Namen Southampton's von ihrer träumeriſchen Höhe auf den alten, hoffnungsloſen Boden zurückgefallen, innerlich lahm und zerſchmettert. Sie hatte nun gar nichts mehr, woran ſie ſich faſſen und aufrichten ſollte.— Southampton!— Dieſer Name war für ſie eine Loſung des Unglücks ge⸗ worden. Sie verwünſchte ihn. Ein Gefühl des Haſſes ringelte ſich, wie eine Natter, aus ihrem Herzen los. Alles Glück und Behagen, deſſen ſie hatte theilhaft werden kön⸗ nen, ſtieß ſich an dieſen einen Mann. In Loͤndon blieb ihr auch gar nichts mehr zu hoffen übrig: jedes Unter⸗ nehmen, denſelben Weg ſegelnd, mußte an derſelben Klippe ſcheitern. Thekla konnte dieſe Betrachtungen nicht mehr los wer⸗ den: immer kehrten ſie, und zwar immer ſchwärzer und beängſtigender in anderer Geſtalt wieder. Sie ſuchte ihr Lager auf, um ihr Misgeſchick im Schlafe zu vergeſſen, und erquickt vielleicht irgend einen guten Gedanken zu faſſen. Allein es währte bis tief in die Nacht, ehe ſie auch nur in einen unruhigen Schlummer fiel. So oft ſie 16⁵ erwachte, waren die alten Gedanken wieder da, und nag⸗ ten ihr am Herzen. Wie der Tag graute, war Thekla um nichts gebeſſert Was ſollte ſie nun heut anfangen? Sie hatte dem Freunde zugeſagt, mit nach Greenwich zum Speerrennen zu fah⸗ ven.— Hatte ſie anders gekonnt? Dort war es auf eine zufällige Zuſammenkunft mit Southampton abgeſehen.— Sie lachte bitter auf.— Sollte ſie den Tag krank blei⸗ ben? Was half es ihr? Dann brachte früher oder ſpäter. William den Grafen aufs Zimmer. Sie hatte gar keinen auch nur ſcheinbaren Grund mehr, den Freund ihres Ver⸗ lobten nicht zu ſehen. Und fände ſie auch für jetzt noch eine Ausflucht, wie ſollte ſie es in Irland machen? Sollte ſie etwa gar nicht mit dahin gehen? Alles war dazu verabredet. Welche Abhaltung konnte ſie vorſchützen? Sie hatte ja ſelbſt den erdichteten Gemahl aufgegeben, und hiermit ihren ſeitherigen geheimnißvollen Hinterhalt ver⸗ ſchüttet. Dies war in einer Anwandlung von Aufrichtig⸗ keit geſchehen. Sie hatte damit den Anfang gemacht, ehrlich gegen ihren Verlobten zu werden. Nun ſah ſie zu ihrer Verzweiflung ein, daß nicht blos jede neue Lüge, ſondern ſelbſt das Geſtändniß der Wahrheit ſie nur im— mer tiefer verwickle, und daß ſie, wie in einem Netze ge⸗ fangen, bei jeder Bewegung, ſelbſt zum Guten, nichts als Schmerz und neue Verwirrung zu erfahren habe. Sie ſprang vom Lager auf, und rannte, händeringend in ohnmächtiger Verzweiflung, in ihrem engen Zimmer umher. Eine aufgeregte Phantaſie bildete ihr dies Zim⸗ mer ſelbſt zu einem Käfig aus, in welchem ſie gefangen ſei. Das Gefühl überkam ſie, man habe ſie als Wahn— — — — 166 ſinnige und Wüthende eingeſperrt. Sie blieb entſetzt ſtehen, beſah, befühlte ſich, und ſuchte in einem Spiegel ihr Auge auf. Da brach ſie beim Anblicke ihres bleichen, ſtarren Angeſichtes in heftiges Weinen aus. Doch die Nathloſigkeit ihres Herzens ließ auch dieſen Weg einer beruhigenden Erſchöpfung nicht lange offen. Die Frage, was ſie thun müſſe, um dem heutigen Tag und der Reiſe nach Irland zu entgehen, ſetzte ihr mit peinigender Angſt zu. Sie fand keine Ausflucht. Was ihren erfinderiſchen Geiſt ganz lähmte, war eben die neu⸗ gefaßte Ueberzeugung, daß jedes Ausweichen ſie nur tiefer in Bedrängniß und Verderben ſtürze. Sie konnte ſich nur mit dem entſcheidenden Schritte helfen,— dem Freunde ſich entweder ohne allen Rückhalt zu entdecken, oder ſich ihm gänzlich zu entziehen. Entdeckte ſie ſich, ſo verlor ſie ihn; entzog ſie ſich, ſo gab ſie ihn auf. Aber ſie wollte ihn weder verlieren, noch aufgeben. Sie hatte ja nichts mehr in der Welt, als dieſen Freund, ſelbſt wenn ihr nichts übrig bliebe, als mit ſeiner Verzeihung und Hülfe England zu verlaſſen. Eine vorübergehende Trennung würde ſie gern beſtanden haben. Wenn Wil liam nach dem irländiſchen Feldzuge mit alter Liebe zu ihr zurückkehrte—, und Southampton, der Anführer der Reiterei,— wäre vielleicht auf dem Felde der Ehre ge⸗ blieben—! ha! Ihre Gedanken ſchwärmten jetzt nach einer neuen Rich⸗ tung. In die Wildniß ihres Herzens fiel eine lichte Aus⸗ kunft. Aber es ſchien eine verzweifelte zu ſein. Denn ſie warf ſich mit heftigem Herzklopfen über ihr Lager, entſetzt Spiegel leichen dieſen offen. n Tag zr mit Was ie neu rtiefer ſich dem decken ich, ſo Aber hatte ſelbſt ihung ende Wil ebe zu rer der re ge Rich⸗ Aus⸗ Denn Lagel, 467 und vergrub ihr Angeſicht in den Kiſſen. Ihre eigenen ungeſtümen Vorſtellungen ängſtigten ſie.— Die irren Träume wurden geſpenſtiſch. Ein Sherif in Scharlach ſtand unter blutenden und gefeſſelten Männern, und winkte ihr, ſie ſolle ſich verbergen. Es klopfte an die Thüre. Thekla fuhr empor. So viel war ihr jetzt klar: wenn ſie dem Freunde ſich und ihre Lage entdecken und er ſie verlaſſen würde, ſo verlöre ſie ihn auf immer und ihre Geltung, ihren Ruf mit; würde ſie ſich ihm aber nur entziehen, ſo behielte ſie in ſeinen Augen ihren Werth, könnte in günſtiger Zeit wieder hervortreten, ihn gewinnen, und ihr jetzt ge⸗ hofftes Glück in Beſitz nehmen.— Aber wie ſollte ſie ſich ihm auf eine Weiſe entziehen, bei der ſie auch nicht verkannt würde? Es klopfte wieder, und die Dienerin rief ihren Na⸗ men. Thekla öffnete, und Marget kam beſorgt herein. Als aber ihre Gebieterin verſicherte, ſich wohl zu befin⸗ den, erzählte das Maͤdchen lachend, wie drollig eben Ma⸗ ſter Mumblaze drüben auf dem Polſterſitze aus ſeinem Rauſch erwacht ſei. Er habe die ganze Nacht geſchnarcht, und nun ſchlaftrunken nicht gleich begreifen können, wo er ſich befinde Maſter Mumblaze? fragte Thekla betroffen, und an dieſen Namen ſchien ſich eine Eingebung zu knüpfen. Nach einigen Augenblicken ſagte ſie vor ſich hin: Heut iſt er mir recht, heut kann ich ihn brauchen.— Geh, Mar⸗ get, befahl ſie dann, ſende mir ihn herüber, ehe er weggeht. Bis Mumblaze kam, ging Thekla unruhig hin und — ö— — — 168 her, überlegend, mit ſich kämpfend.— Mit einer ihm ſonſt nicht gewöhnlichen Schüchternheit, vielleicht in Folge der Abſpannung nach ausgeſchlafnem Rauſche, trat Mum⸗ blaze ein. Mumblaze! redete ihn Thekla mit hörbar ängſtlichem Tone an. Ich habe noch nichts Ritterliches an Euch zu bemerken Gelegenheit gehabt. Könntet Ihr wol eine be⸗ drängte junge Lady ihrem Geliebten und zwar Angeſichts deſſelben entführen? Mit einem Lächeln ungläubiger Befremdung ſah Mum⸗ blaze die Freundin an, und fragte endlich: Spaß oder Ernſt? Beides! verſetzte ſie. Beides? erwiderte er, und ſchüttelte den Kopf. Bei⸗ des zugleich iſt viel, oder vielmehr— iſt ſchwer! Der Spaß gerinnt gewöhnlich, wenn man den Ernſt dazu miſcht. So halten wir beide geſchieden, ſagte Thekla. Ich nehme mir den Spaß. Alſo für mich der Ernſt? lachte Mumblaze. Iſt die Lady ſchön? Sie hat Euch ſonſt gefallen, war die Antwort. Was? Ich kenne ſie gar? rief der Maſter. Ihr nehmt ein paar Leute, fuhr Thekla fort, damit Ihr nicht nöthig habt, Waffen zu brauchen, ſondern blos Arme. Hört Ihr— blos Arme! Denn Ihr müßt mir geloben, daß Ihr dem Geliebten in keinem Falle feindlich begegnen wollt. Das iſt ſchwer zu geloben, lachte Mumblaze, wenn ich nicht vorher weiß, wie mir der Angegriffene begegnet. er ihm Folge Mum⸗ ſtlichem uch zu ne be⸗ geſichts Mum ß oder 169 Das ſind aber Kleinigkeiten, die ſich finden. Ich gelob' es! Sagt mir nur, wo wir die Lady hinbringen? Auf Umwegen nach Southwark zurück, und überlaßt ihr dort, welchen Dank ſie Euch für die Ritterthat erwei ſen will. Potz Maranatha und Geiſt Flibbertigibbet! rief Mum⸗ blaze ſich ermunternd. Das geht ja wahrhaftig auf dem alten ſchwärmeriſchen Ritterfuße. Ich weiß nur nicht, ob dazu meine Stiefel nicht zu knapp ſind. Je nun, es wird ja wol ſo genau nicht genommen werden. Wem Gewalt recht iſt, dem muß ſie auch wieder billig ſein. Und wenn ich mir wirklich bei der Entführten nichts herausnehmen darf: ſo müßt Ihr dafür in den Riß treten. Ich wage mich doch auch gegen die Geſetze für Euch. Alſo müßt Ihr auch—. Verſteht mich nur recht! Ich will jetzt nichts von Eurer Hand, oder von Eurem Herzen; denn dieſe und was ſonſt daran hangt, hat dermal der verfluchte Poet in Beſchlag genommen, und ich muß Geduld haben, bis den einmal der Teufel holt, und ich dann hoffentlich der Nächſte bin zu Dem, was er mir an Euch übrig läßt. Aber zu etwas Anderm müßt Ihr Euch als Belohnung für mich verſtehen. Ihr müßt die arabiſche Jungfrauſchaft wieder übernehmen, und ich will wieder Euer nobler Phrygier ſein. He?— Geſteht nur, wenn wir auch ohne Prophezeiungen zu leben, das heißt,— zu beißen und zu brechen hätten; ſo kann doch die Welt nicht ohne Wahrſagungen beſtehen. Wollt Ihr denn gar nichts für die Welt thun, Thekla, — nichts für die Wahrheit?— Heißt das— für das Wahrſagen? — 170 Ich verſpreche nichts, und will erſt Euere Verdienſte ſehen, erklärte ſie mit Ernſt. Alles nach Gehorſam und Verdienſt! Gut! lachte Mumblaze. Ich kenne Euch ſchon: man kann bei Euch nichts über'm Knie abbrechen. Alſo denn, ich übernehme die Sache! Nun ſagt mir nur das Wie, Wann und Wo, das Andere ſei dann meine Sorge! Das verabreden wir nachher, verſetzte Thekla. Gönnt mir jetzt, daß ich mich ein wenig erhole! Bleibt aber drüben: ich laſſe Euch gleich wieder rufen. Hinter dem Abgehenden verſchloß Thekla wieder ihre Thüre, und warf ſich, ihre Angſt und Aufregung aus⸗ athmend, auf ihr Lager Zwanzigſtes Kapitel. Nachmittags, als William kam, um Thekla nach Green⸗ wich abzuholen, fand er ſie in ſehr unbehaglichem Zu⸗ ſtande. Sie fühlte ſich erſchöpft und beunruhigt zugleich, und der Freund konnte ſich an ihrem Ausſehen überzeugen, daß ihr Unwohlſein kein Vorgeben war. Sie klagte über ſchlimme Träume, die ſie gehabt, und daß ſie die Angſt vor einem Unglück, welches ihr bevorſtehe, nicht loswerden könnte William bot ihr an, lieber zurück zu bleiben, und erdienſte ſam und : man ſo denn, as Wie, ge! Gönnt iibt aber Green⸗ eem Zu⸗ zugleich, rzeugen, gte über e Angſt sswerden und en 171 nicht nach Greenwich mitzugehen. Sie lehnte das aber entſchieden ab, nahm ſich zuſammen und meinte, im Freien würde ihr wohler werden. Wir gehen die paar Gäßchen hinab nach Brokenwharf, ſagte William, dort liegt ein kleines Fahrzeug, das ich für uns allein gemiethet habe. Wo werden wir am beſten landen? fragte ſie beklom⸗ men. Ich möͤfchte nicht bis Greenwich fahren, und unter ſo vielen Zuſchauern an's Land treten. Iſt nicht oberhalb Greenwich ein Platz, wo man ausſteigen, und einen Feld⸗ weg nach dem Schloßpark einſchlagen kann? Ich erinnere mich nur einer Bucht in der Nähe von Greenwich, ſagte der Freund. Es werden Steine dort eingeſchifft. Ein Weg geht nach dem Steinbruch, und ein einſamer Pfad führt von da durch ein Wäldchen. Allein da mußt du einen holperigen Weg gehen, eine ziemliche Strecke lang. Was thut das? rief ſie tief ausathmend. Ich ſcheue einen harten Weg nicht, wenn er auf die rechte Weiſe zum Ziele führt. Mit einer gewiſſen Haſt vollendete ſie nun ihren An— zug, der heute ein wenig ſonderbar gewählt war. Unter dem Anziehen fragte ſie mit einer ängſtlichen Befangen⸗ heit, ob William das Agnus dei bei ſich trüge, das ſie ihm früher beim Gewitter geſchenkt habe.— Der Freund verneinte lächelnd. Sie tadelte ihn, und warnte vor Ge— fahren, die Einem im Gedränge böſer Menſchen zuſtoßen könnten. Auch ließ ſie nicht ab, bis William ein gegen Gift und Waffen geweihtes Amulet zu ſich geſteckt hatte. Er that es lachend. Sie aber blieb ernſt, reichte ihm — — N —, — — — 72 dann mit einer feierlichen Miene die Hand, und folgte ihm durch Pauls Chain zur Themſe hinab. Der Strom wimmelte beſonders unterhalb der Brücke von Fahrzeugen aller Art und aller Wimpelfarben. Alles eilte mit haſtigen Ruderſchlägen die Themſe hinunter.— In dieſer einfachen Gondel fahren wir unbemerkt, ſagte William mit Beziehung auf ſein Vorhaben. So viel Herzen ſind heute auf etwas Außerordentliches geſpannt. Wir gehen ohne Erwartung, und doch dürfte es uns nicht befremden, wenn auch uns irgend etwas zuſtieße oder begegnete. Denn wenn das Ungewöhnliche aus un⸗ ſichtbaren Höhen mit ſo vielen Herzensgewichten herabge⸗ zogen wird; ſo kann auch uns ein unbegehrter Antheil zufallen. Ich ſage— zufallen: wo Tauſende von Men⸗ ſchen ſich zuſammendrängen, da ſchleicht nicht blos der Taſchendieb, ſondern auch der Zufall umher; jener nimmt, dieſer bringt. O der Zufall nimmt auch! verſetzte ſie, ebenfalls mit Bezug und Nachdruck. Dem Einen bringt er, was er dem Andern nimmt. Uebrigens haſt du Recht,— auch uns kann etwas zuſtoßen, und ich gehe nicht ohne Angſt. Allein ich folge dir, ich verlaſſe mich auf dich; du haſt dieſe Fahrt gewollt.— Was werden wir denn eigentlich zu ſehen bekommen, William? Ein ſehr ſchoͤnes Feſt! antwortete er. Die Königin hat im Park ein eigenes Bankethaus errichten laſſen, aus Fichtenſtämmen erbaut, mit Birkenzweigen gedeckt, und mit allen Arten von Herbſtblumen geſchmückt. Für den Hofſtaat ſind Zelte um den Platz aufgeſchlagen, auf wel⸗ chem die königliche Ehrengarde mit dem Speer rennen zuſtieße aus un⸗ herabge⸗ Antheil n Men⸗ os der nimmt, benfalls was cht,— ht ohne uf dich; ir denn Königin aus n en 173 ſoll. Du mußt wiſſen, dieſe Ehrengarde iſt die glän⸗ zendſte Waffenbrüderſchaft in Europa, aus den ſchönſten und begabteſten Söhnen des hohen Adels gebildet, deren keiner unter viertauſend Pfund Einkommen hat. Die bloße Aufnahme in dieſe Compagnie iſt an ſich ſchon eine Auszeichnung, nach welcher der Ehrgeiz der jungen Ade⸗ ligen trachtet; aber ſie führt auch noch zu weitern Ehren. Die Monarchin beſetzt nämlich die höhern Stellen ihrer Hofhaltung aus dieſen Leuten. Mancher, denke ich, übt heute im Speerrennen die Geſchikllichkeit, dereinſt ſeinen Gegner auch ohne Speer vom Platze zu ſtoßen. Nach dem Speergefechte gibt die Königin ein Abendeſſen im ländlichen Bankethauſe, und dann wird nach eingebroche⸗ ner Nacht unter Kanonenſchüſſen ein Feuerwerk abge⸗ brannt. Vor Mitternacht werden wir nicht zurückkommen, wenn wir Alles ſehen wollen. Thekla athmete bei dieſen Worten ſchwer auf. Nach einer kurzen Stille ſagte ſie mit befangener Stimme: Wenn wir nur Lasko und— Mumblaze nicht begeg⸗ nen! Beide ſind nach Greenwich voraus. Mumblaze wollte mich begleiten, und war ſehr erbittert von Lasko zu hören, ich gehe mit dir. Er hörte, daß ich mich bei dem Oheime nach einem ſtillen Landungsplatze erkundigte. Auch Lasko kannte keinen andern, als den du vorſchlägſt. Mumblaze wird uns doch nicht auflauern? Wozu ſoll er das, liebe Thekla? fragte William. Je nun,— ihr habt euch entzweit, und mir drohte er letzthin, ich müſſe die Seinige werden, und ſollte er wie ein Drache mich entführen und in ſeiner Höhle be⸗ wachen. O er iſt mir widerlich wie ein Drache, dieſer Menſch! — — — 174 Laß ihn nur! lachte der Freund. Siehſt du nicht, daß ich meinen beſten Degen bei mir habe? Nein, William! rief ſie mit flehendem Tone, ich be ſchwre dich, hüte dich vor ihm! Wenn er auch nicht waffenmuthig iſt, ſo ſoll er ſehr waffengewandt ſein. Laß ihn gehen! Mir wird er in jeder Lage widerwärtig bleiben. Eben wurden die ruhig Fahrenden von einer Pracht⸗ gondel eingeholt, die mit geſchmückten Frauen und Män⸗ nern beſetzt, raſch dahingleitete. Ein junger Mann, im Vordertheile ſitzend, ſpielte die Laute, und ſang eben Komm' herbei, komm' herbei, Tod, Und verſenk' in Cypreſſen den Leib! Laß mich frei, laß mich frei, Noth, Mich erſchlägt ein holdſeliges Weib Ohe! riefen die andern jungen Leute in der Gondel, welch' ein trübſelig Lied? Ein anderes, ein luſtiges Lied, eine Schelmenmelodie! Schauert dich, Thekla? fragte der Freund. Nicht wahr, es iſt Zug auf dem Waſſer? Ausweichend erwiderte ſie: Nicht wahr, William, Ge⸗ fechte haſt du in Irland nicht mitzumachen? Nein, verſetzte er. Für mich iſt es der harmloſeſte Feldzug von der Welt. Denn da du nun ſelbſt mitgehſt, ſo iſt auch mein früͤherer Kummer, von dir getrennt zu werden, gehoben. Wärſt du mir wol auch treu geblieben, wenn uns irgend ein Misgeſchick getrennt hätte? fragte ſie. Oder hätteſt du meiner bald vergeſſen? du nicht, ich be uch nicht ſein. Laß derwärtig Pracht⸗ nd Män— rann, im eben Gondel, ges Lied, ht wahr, am, Ge⸗ T nnloſeſte mitgehſt, rennt zu enn uns Oder 417⁵ William lächelte, wie man über eine uͤberflüſſige Frage lächelt, um ſie damit zu beantworten. Auch ich würde dir in Noth und Trennung treu ge⸗ blieben ſein, rief ſie feierlich, und fuhr mit bezüglichem Nachdrucke fort: Wenn mich irgend ein Misgeſchick, ein Unfall, irgend eines Menſchen Bosheit von dir trennte, keine Gewalt, keine Zeit ſollte mir dein Andenken und die Hoffnung rauben, dich wiederzufinden. Wohin mich irgend ein Zwang brächte, ich würde dich erwarten, dich aufſuchen, wie ein Hündchen deine Fährte verfolgen, und nach Wiedervereinigung mit dir trachten. Haſt du dies Vertrauen zu deiner Thekla, Herzensfreund, haſt du es? Ich habe es, betheuerte er, und ſo im Ueberfluſſe, wie es ſelbſt überflüſſig iſt. Denn ſind wir nicht glück— lich, und liegt die Zukunft nicht heiter vor uns? Ich habe den Zoll des Misgeſchickes früher bezahlt, mich mit den Täuſchungen des Lebens längſt abgefunden, und fodere heut dem Schickſal mein gut gemeſſen Theil von Liebe, Glück und Ehre ab. Ach, ſeufzte ſie, nach Allem, was ich jemals in Sagen und Geſchichten las, floß nie der Strom treuer Liebe ſanft. Selten, ſelten! rief der Freund aus. Denn waren auch die Widerſprüche, die Kindereien, die Engherzigkeiten und Vorurtheile der Menſchen, die Tücken und Uneben⸗ heiten des bürgerlichen Lebens gehoben und ausgeglichen, ſo zeigten ſich die Schickſalsmächte den Sympathien edler Herzen feind, und Krieg, Krankheit, Tod ſtürmten auf die Liebenden ein, und machten ihr Glück gleich einem Schalle flüchtig, wandelbar gleich einem Schatten. Schnell 176 wie ein nächtlicher Blitz in einem Winke Himmel und Erde entfaltet, und in demſelben Nu wieder verſchlingt! ſo ſchnell verdunkelt ſich des Glückes Schein.— Hier iſt die Bucht, hier landen wir!— Thekla's Bruſt hob ſich zu einem ängſtlichen Seufzer; ihre Hand war kalt, als William ihr über Bord half, und ſie über das kieſige Ufer führte.— Laß uns eilen! ſagte ſie, daß wir zu Menſchen kommen! Aus Angſt im Widerſpruche mit ihrer eigenen Abſicht, hoffte ſie Mumblaze würde noch nicht da ſein. Indem ſie unruhig umher⸗ ſpähte, fuhr ſie fort: Es iſt ſo öde und ängſtlich hier. Heut werden doch wol auch dieſe einſamen Wege begangen ſein; es werden Menſchen hin- und herwandeln? Sie eilten am Steinbruche vorüber, und lenkten in die Schneiße eines Wäldchens, die ſich bald um einige dicht bewachſene Hügel krümmte. Halt hier! rief eine rauhe Stimme, und ein Verlarv⸗ ter trat mit gezogenem Degen hervor, zwei Andere hiel⸗ ten ſich dicht an deſſen Ferſe, und ein Dritter blieb mit einem Reitpferde am Gebüſch halten. Was ſoll's hier? Aus dem Wege! rief William, und zog ſeinen Degen. Laß die Lady fahren, und du ziehſt in Frieden! gebot der Wegelagerer. Ich bitte, ich beſchwöre Euch, William! rief in höch⸗ ſter Angſt blaß und zitternd Thekla. Weichet der Ueber⸗ macht; vergießt kein Blut um mich! Wir ſehen uns wie⸗ der; ich bleibe die Euere— ewig! O! Bei Gott, wir ſehen uns wieder! Bewe ſteher Lado ethi Blu rief Ni l und llingt! eufzer; half eilen! ſſt im nblaze mher⸗ — — Sie rang die Hände und trat zwiſchen die beiden Bewaffneten. Wirklich blieb auch der Verlarvte ruhig ſtehen, und gebot nur den beiden Burſchen: Nehmt die Lady in Empfang, ihr Burſche, und bringt ſie hinweg! Der Erſte von den Zweien, der nach Thekla griff, erhielt von William einen Schlag über die Hand, daß Blut floß.— Mumblaze und Schurke, ich kenne dich! rief der Freund. Aus dem Wege, oder ich will deine Niederträchtigkeit entlarven, Gauner! Aus dem Wege! Du kennſt mich? Dann ſei dir Gott gnädig, Ver⸗ räther! rief Mumblaze, und drang mit Wuth auf Wil⸗ liam ein.— Dieſer wehrte ſich mit Beſonnenheit und Muth. Thekla rief mehrmals Hülfe, und klammerte ſich um Mum⸗ blazens Arm. Mumblaze ſuchte ſich ihrer zu entledigen William benutzte den Augenblick und traf, jedoch nur zu leicht, ſeinen Feind in die linke Schulter. Thekla von ſich ſchleudernd und mit einem wilden Seitenſprunge ſtürmte Mumblaze, raſch ſeine Finten wech⸗ ſelnd, auf William ein.— Gott ſchuf dich, aber du ſollſt doch nicht länger für einen Menſchen gelten! heulte er, und ſtieß wüthend nach William. Da! Glückliche Reiſe nach Irland Getroffen taumelt der Freund zu Boden;— das Blut ſchießt aus ſeiner Bruſt. Koenig, William Shakſpeare. II. 12 Fünftes Buch. Erſtes Kapitel. Eine Reihe trübſeliger Wochen war vorübergegangen. Das Heer war längſt nach Irland übergeſchifft; der Land⸗ adel hatte großentheils die Stadt wieder verlaſſen, und ſo ſah London, wenn auch nichts weniger als leer, doch auf⸗ fallend lebloſer aus. Die traurige Herbſtzeit kam dazu, Eintönig und langweilig goß der Regen herab,— jener ſchwermüthige, der ſich, ſo zu ſagen, vor ſeiner eigenen Verzweiflung in Nebel einhüllt, und mit dem heulenden Sturm verbrüdert.— Zugleich ſtiegen Theuerung und Noth in Folge der ſchlechten Ernte mit jedem Tage. Noch nie waren die Prozeſſionen der Armen ſo zahlreich gewe⸗ ſen, als ſie dieſes Jahr, nach altem Brauche, auf Aller⸗ ſeelentag von Straße zu Straße zogen, um Seelenkuchen zu betteln. Vor den Häuſern der Reichen prügelte man ſich um den Armenkorb, in welchem die Reſte der täg⸗ lichen Mahlzeiten geſammelt wurden, um zu beſtimmten Stunden im Pförtnerſtübchen vertheilt zu werden. Um ſo ſehnſüchtiger ſah man den Tagen der Chriſt⸗ feier entgegen, die damals mit althergebrachten Luſtbar⸗ keiten begangen wurde. Unter dieſer frohen Erwartung 182 klärte ſich nach und nach auch das Wetter auf, ward trockener, und begünſtigte die zwiſchen Chriſttag und dem Dreikönigsabende gefeierten zwölf Tage allgemeiner Freude und luſtiger Volksfreiheit. Fenſter und Thüren aller Häuſer ſchmückten ſich mit Gewinden von Epheu, Lorbeer und was ſonſt Grünes zu haben war. Nach dem erſten, der Andacht gewidmeten Feiertage behauptete die Freude ihre alten Rechte. Man beſchenkte einander mit Kuchen in Form eines Chriſtkin⸗ des, und der mit Bändern geſchmückte Krug voll Würz⸗ bieres kreiſte im Hauſe, und ward Freunden und Be⸗ kannten durch Thür und Fenſter zugereicht. Die Straßen füllten ſich mit ſingenden, jauchzenden Menſchen. Lange Züge von Dienerſchaft in Feſttags⸗Livréen, mit Fichten zweigen in den Händen, wandelten unter Muſik durch die Straßen und überbrachten irgend einem ihrer Herrſchaft befreundeten Hauſe auf ſilberner Schüſſel einen geſchmück⸗ ten Eberkopf als übliches Feſtgericht. Mit einbrechender Dämmerung wurden große Wachslichter und loderndes Kaminfeuer angezündet; die Nachtſchwärmereien, die Ver⸗ kleidungen und Mummenzüge begannen und die herkömm⸗ liche Gaſtfreundſchaft gegen Freunde und Fremde erhielt in dieſem Jahre noch einen Zuſatz von Wohlthätigkeit für die Dürftigen. Gegen Abend des zweiten Chriſttages war das Thor von Southamptonhouſe geöffnet, und unter der Halle eine Tafel mit Speiſen und Getränken beſetzt. Die Armen drängten ſich unter Aufſicht von Bedienten zu. Aber auch angeſehene Bürger ſtanden um die Einfahrt, neugierig auf die Mummerei, die vorgehen würde; denn man hatte 183 erfahren, daß die Vermählung der Gräfin mit Sir Tho⸗ mas Heminge vor ſich gehen ſollte, und eine zahlreiche Geſellſchaft erwartet würde. Schwere Kutſchen, die Kutſcher nach Sitte der Vor⸗ nehmen baarhäuptig, fuhren an. Andere Gäſte kamen zu Pferd oder auf Mauleſeln, die mit Teppichen behan⸗ gen waren, oder in Sänften von geſchmückten Dienern getragen. So oft Vermummte aus- oder abſtiegen, ent⸗ ſtand ein Jauchzen der Zuſchauer. Die Zwiſchenzeit bis zu neuen Ankömmlingen wurde mit Gloſſen, Witzen und zweideutigen Späßen über das altjunge Brautpaar hinge⸗ bracht. Die unſauberſten Scherze gingen von Denen aus, die ſich eben an der offenen Tafel den Mund abgewiſcht hatten. Zuletzt von allen Gäſten kam ein Vermummter auf einem Maulthiere, das ein Burſche am Zaume führte. Den Abſteigenden erkannte man, ungeachtet ſeiner Felbel⸗ maske mit nur zwei Oeffnungen für die Augen, doch an ſeinem unbeholfenen Körper alsbald für Sir John, und rief ihn mit Jubel beim Namen. Heiß und huſtend zog er die Larve vom Geſicht, und grüßte die Umſtehenden. Ei, Sir John! rief ein Bekannter. Schon aus Ir⸗ land zurück? Ihr bringt gewiß den Frieden mit, oder wenigſtens einen Waffenſtillſtand. Ja, ich komme ſtracks aus Irland, antwortete John, und habe mich kaum umgekleidet. Seine Herrlichkeit, der Graf Southampton, Anführer unſerer tapfern Reiterei, ſendet mich mit einem Glückwunſchſchreiben an ſeine Mut⸗ ter, jetzige Lady Heminge. Ah! dann muß es ſehr gut um unſere Sache in Ir— 4 land ſtehen, wenn man Euch dort entbehren kann, Sir John! bemerkte ein Anderer. Es iſt lauter Tapferkeit, lauter engliſch Heldenblut im Felde, verſetzte der Dicke. Es iſt Keiner weniger muth⸗ voll als ich; nur iſt nicht ein Jeder ſo ſtark. Und da ich nun in den vorderſten Reihen zu kämpfen gewohnt bin: ſo verſperre ich meinen Hintermännern den Platz; oder vielmehr, ich nehme doppelten Platz bei den Mahl⸗ zeiten der Ehre und des Ruhms ein. Das ſetzt begreif— licherweiſe Neid und Misgunſt ab, denen mich Se. Herr— lichkeit durch eine ehrenvolle Sendung entziehen wollte. Begreift ihr wol, wie's gemeint iſt, daß ich mitten im Kriege nach London komme? O Sir John! rief ein Dritter, erzählt uns lieber, der Graf habe Euch aus Neid entfernt, weil Ihr ein flinkerer Reiter wäret, als er. Wir wiſſen's beſſer, wir haben andere Zeitungen. Die Krankheiten nehmen dort über⸗ hand; die Soldaten ſind den Strapatzen der Jahreszeit und den irländiſchen— dieſen katholiſchen Beſtien nicht gewachſen, und ſchmelzen zuſammen. Da ſeid Ihr nun auf der Flucht vor den irländiſchen Fiebern, vor dieſen papiſtiſchen Segnungen. He? Kein Unrecht unſerm tapfern Sir John! fiel ein An⸗ derer ein. Sagt lieber, er ſei herübergekommen, um Me⸗ dicin für die Feldapotheke zu holen. Seht ihr denn nicht, welch' einen großen Kaſten er unterm Wamms trägt? O ihr Verläumder und Sündenmäuler! ſchalt Sir John, ernſtlich böſe. Seht ihr hier das lederne Brief⸗ täſchchen nicht, das ich zu überliefern habe? Ja, ihr kränkt unſern Sir John ſehr, nahm der — 185 Zweite wieder das Wort. Wenn ihr noch ſagtet, der Graf Southampton hätte einen Akt tiefer Staatsklugheit, oder vielmehr Lagerklugheit, oder wenn ihr wollt,— Kriegsliſt ausgeübt, indem er den Sir John entfernte! Denn in der That iſt mit ihm eine große Gefahr für das Heer entfernt worden. Zugegeben für das irländiſche! rief Sir John. Nein, nein, für das engliſche! fuhr Jener fort. Iſt denn nicht eben behauptet worden, unſer Heer ſchmelze von böſen Fiebern zuſammen? Nun denkt euch, daß Sir John mit ins Schmelzen käme! Die Provinz Ulſter, wo unſer Heer ſteht, hat ohnehin die vielen Seen zwiſchen dichten Wäldern. Denkt euch nun da dieſen Fettberg in einen Sumpf aufgelöſt, mitten im Lager, und aus jeder eingefleiſchten Sünde ein Fieber entſtehend! Denn ſolch' eine Ueppigkeit, die im kalten Frieden zuſammengeronnen iſt, muß nach Naturgeſetzen beim Kriegsfeuer ſchmelzen. Was bei nächtlichen Gelagen zuſammengeſchwemmt worden, muß im Lager auseinander fließen. Und wenn es dann blos ein Teich wäre für die londoner Wincheſtergänſe! Aber— Laßt mich in Ruhe! rief Sir John verdroſſen, und ſuchte zu entkommen. Ich ſtehe hier unter der Goſſe des liederlich⸗ ſten Quartiers in London: aber ich gehe hinein zur hohen Geſellſchaft, und wenn ich die geſchmückte Halle betrete, und rieche nach euern Witzen, ſo werfen mich die Lords hinaus. Man hielt ihn feſt, und rief ihm zu: Bleibt nur und nehmt noch ein wenig Salz mit, Ihr werdet bei Tiſche doch weit genug unter das Salzfaß zu ſitzen kommen. Laßt Euch noch einſchenken; Ihr werdet zu den Gäſten geſetzt werden, denen es keinen Wein trägt. — — Sir John rief die Hausbedienten um Beiſtand an, und dieſe ſprangen ihm auch bei, wiewol als Schelme, die ihn mit zum Beſten hielten.— Man wird drinnen erſtaunen, Euch wieder als einen ganzen und vollſtändigen Mann zu ſehen, geehrter Sir John! ſagte Einer. Warum, Jack, warum das? fragte John. Ei, iſt denn die Zeitung nicht wahr, die wir hier gehört haben? Was im engliſchen Merkur ſtand? rief Jack aus. Eine Nachricht über mich? Jack, ſprich! Im eng⸗ liſchen Merkur, ſagſt du? Ja wol! erzählte Jack, ganz ernſthaft. Ein irländiſcher David hätte Euch als Goliath herausgefodert, und der Kampf wäre auch auf den andern Morgen anberaumt ge⸗ weſen. Da hättet Ihr aber im Frühnebel Euern Bauch abgeſchnallt und unter das Heersgepäck verſteckt, und nun wäre denn um alles Geld in der Welt der Rieſe Goliath nicht mehr zu finden geweſen. Ein allgemeines Gelächter brach aus. Und da es in ſolcher Geſellſchaft nie an einem untergeordneten Kopfe fehlt, der einen guten Einfall fortſetze oder gar breit trete, ſo rief Einer der Umſtehenden: Was werden ſich die Lady's wundern, daß Sir John wieder bei Bauche iſt O! rief Jack,— nicht blos wundern: ſie werden das Gewerbe unterſuchen wollen, wo Sir John's Rieſenſchaft eingehäkelt oder angeſchraubt iſt, und——. Der Spaß⸗ vogel zog ein fratzenhaftes Geſicht. Jetzt wurde das Gelächter unmäßig, und Sir John konnte nur mit Mühe los und in den Palaſt kommen Zweites Kapitel. Inzwiſchen war die Trauung der Gräfin mit Sir Tho⸗ mas Heminge auf einfache Weiſe geſchehen. Deſto um⸗ ſtändlicher wollte man aber das Chriſtfeſt ſelbſt nach den alten, beſonders auf dem Lande in Ehren gehaltenen Ge⸗ e bräuchen begehen. Große Kerzen wurden angezündet und hierauf das Chriſtklötzchen herbeigebracht. Dies war ein ſtarker Baum⸗ wurzelblock, den vier alterthümlich gekleidete Hausknechte unter vorausziehender Muſik aus dem Garten in die ge⸗ räumige und feſtlich aufgeräumte Küchenhalle brachten. Hier bildeten die Gäſte einen weiten Kreis um das Holz. Die Gräfin und ihr neuer Gemahl ſetzten ſich zuerſt auf den Block, und Heminge, einen gefüllten Pokal empor⸗ hebend, ſang nach einer alten, von Muſik begleiteten Weiſe: n Mit Saus und mit Braus . Bringt luſtig ins Haus M5 Den Chriſtblock herein zum Feuer! ſ Mein Weibchen, juchhei! Ruft Allen: Seid frei, Und trinket, das Herz zu erfreuen Heminge trank nun auf ein luſtig Chriſtfeſt und glück⸗ liches Neujahr, worauf er den Pokal dem nächſtſtehenden Gaſte reichte, der ſich dann mit ſeiner Lady auf den 188 Block ſetzte, die zweite Strophe des Liedes ſang, trank, und den Becher weiter gab. In dieſer Weiſe ſetzten ſich nach und nach ſo viel Paare, als der alte Geſang Stro⸗ phen hatte.— Sodann wurde der Block auf den breiten Herd erhoben, und mit beigebrachten, ſorgfältig aufbe⸗ wahrten Kohlen des letztjährigen Chriſtbrandes angeſteckt. Anderer leichtentzündlicher Stoff wurde zugebracht, ſodaß ſchnell eine luſtige Flamme aufſchlug. Die Muſik ſpielte eine fröhliche Weiſe, bis die friſchen Chriſtkuchen mit auf⸗ gedrücktem Bilde des Chriſtkindes nebſt Schalen würzigen Weizenbreies umhergereicht waren. Jetzt verſtummte ſie, und zu der ſüßen Vorkoſt, mit der man den alten Ge⸗ brauch ehrte, ertönte von außen ein geiſtlicher Geſang der Chorſchüler, die während der zwölf Tage Morgens und Abends mit Chriſtgeſängen die Stadt durchzogen. Unterdeſſen richteten die Köche das Nachtmahl an, und vermummte Geſtalten ordneten ſich unvermerkt zu einer Wallfahrt. Es waren allegoriſche Perſonen, die entweder paarweiſe gingen, oder angemeſſen vermummte Fackelträ⸗ ger neben ſich hatten. Am kenntlichſten unter dieſen Ge⸗ ſtalten ſchritt, von einigen Wärtern umgeben,„Chriſt— tag“ voraus, als Greis mit Höschen, hohen Strümpfen, einem Doppelwamms, hohem Spitzhute, einem langen, dünnen Barte, weißen Schuhen, Schärpe, kreuzweiſe ge⸗ bundenen Strumpfbändern und einem Knüttel.— Ihm folgten eine Anzahl ſeiner Kinder, als: die„Unord- nung,“ deren Fackelträger einen Strick, einen Käſe und einen Korb trug; der Jubelgeſang“ in langem, braun⸗ gelbem Gewande, mit rother Mütze, einer Flöte im Gür tel, und von einem Fackelträger mit offenem Notenbuche —.,— 189 begleitet; die„kleine Fleiſchpaſtete,“ als hübſche Köchin niedlich gekleidet, neben ihrem Manne, der eine Torte, ein Tiſchchen und einen Löffel trug. Doch ehe man die übrigen, wunderlich zuſammengeſtellten und ſelt⸗ ſam vermummten Kinder des alten Chriſttags genau mu⸗ ſtern und einander erklären konnte, ſchwieg von außen der Chriſtgeſang, und der ganze Zug brach nach der gro⸗ ßen Speiſehalle auf. Voraus ſchritt der Leibjäger des Hauſes, und trug auf einer ſilbernen Schüſſel das Feſt⸗ gericht,— den geſchmückten Eberkopf. Er ſang mit einer ſchnarrenden Baßſtimme das hergebrachte Lied: Caput apri defero Reddens laudes domino. Den Eberkopf bring' ich herein, Luſtig geſchmückt mit Rosmarein. Auf, auf! und ſinget alle froh, Qui estis in convivio! Der ganze Zug der Chriſttagskinder und die hinter denſelben paarweiſe folgenden vermummten Gäſte wieder⸗ holten die letzten Verſe des Vorſängers, worauf dieſer wieder fortfuhr: Des Ebers Kopf iſt wohl bekannt Als Feſtgericht in unſerm Land. Und findet ihr ihn irgendwo,— Servite cum cantico! Mit dieſen beiden Strophen war der ganze Zug in die hellerleuchtete Halle getreten. Der Eberkopf ward oben angeſetzt, und die übrigen Schüſſeln angereiht. Die Gäſte ordneten ſich am gedeckten Tiſche. Sir John, der mitten in dieſe Ceremonien hineingekommen war, und ſich 190 nicht hervorgewagt hatte, gewann jetzt Raum, der Wirthin ſeine Brieftaſche zu übergeben. Er hoffte einen Platz an der großen Tafel zu erhalten; die Lady aber, nachdem ſie ihm einige freundliche Worte geſagt, empfahl ihn dem Hausmeiſter zur Beköſtigung. In der Taſche waren noch andere Briefe,— an Eliſabeth die Braut, an Bacon und einer, den die Lady mit ungehaltener Miene dem auf⸗ wartenden Hausnarren zur Beſorgung hinwarf. Nach dem Eſſen zog man in eine andere geräumige Halle. Hier übergab Lady Heminge ſelber den Brief an Francis Bacon, und wünſchte ihm zugleich Glück zur neuen Ganſt der Königin.— Sie hat Euch, wie ich höre, Audienz gegeben, und zu ihrem außerordentlichen Rath ernannt? Nicht das Amt freut mich ſo ſehr, antwortete Bacon als die wiedergewonnene Gnade meiner Monarchin. Dieſe fließt mir zwar langſam und ſpärlich zu; allein ſo iſt es ganz in der Ordnung. Denn ein Monarch, als Quell der Ehre, ſoll dieſe ja nie aus zu weiten Rinnen aus⸗ fließen laſſen; weil ſonſt die Höflinge das Waſſer ver⸗ kaufen, und dies alsdann, wie die Katholiken von ihrem Weihwaſſer ſagen,— ſeine Kraft verliert. Ich weiß, man beſchuldigt mich des Ehrgeizes: allein die zu frühe Ruhe, in der ich lebte, war mir drückend. Verdienſte und gute Werke ſind ja für den Menſchen das Ziel ſei nes Strebens. Sie wurden durch das tolle Treiben der Gäſte unter⸗ brochen, die ihre Mummerei und die Freiheit des Feſtes nicht unbenutzt ließen.— Bacon näherte ſich Alicen, und fragte nach ihrem Befinden. Sie war leidend, und nahm an den Vorgängen des Abends nur den Antheil einer Zuſchauerin. So freundlich ſie ihn empfing und ihm Platz an ihrer Seite anbot, ſo wollte doch ein fortſtrömendes Geſpräch nicht gleich auffommen. Alice war noch reiz⸗ barer, als früher, und gegen Das, was ihr nicht zuſagte, leicht empfindlich. Allein ſie ſchien auch ihrer Eigenheiten mehr bewußt und aufmerkſamer ſich zu beherrſchen.— Vergebt mir, Sir Francis! ſagte ſie nach einer heftigen Bemerkung, die ſie gemacht hatte. Ich dachte es gleich, daß dieſe Tollheiten des Feſtes mein krankes Herzklopfen nicht heilen würden. Ich wollte aber dem Feſte meiner Mutter mit meiner leidenden Perſon keinen Abbruch thun. Vielleicht nimmt der Himmel mein kleines Opfer am Ver⸗ mählungsfeſte für einige Genugthuung wegen des unge⸗ rechten Widerwillens, den ich vorher meiner guten Mutter zuweilen gezeigt habe. Wie wär's, mein werther Sir Francis, wenn Ihr mir ein wenig mit Eurer Philoſophie beiſtündet! Die Träume der Weisheit ſind doch immer erquicklicher, als die Gaukeleien meiner fieberhaften Schlaf⸗ loſigkeit. Meine Philoſophie dürfte einen ſchweren Stand ha⸗ ben, verſetzte Bacon mit forſchender Miene, wenn ſie Euch die Frömmigkeit und die Liebe erſetzen ſollte, die Ihr, wie ich höre— Die Liebe? fiel Alice empfindlich ein. Wer hat Euch von meiner Liebe geſagt? Mit ſchelmiſchem Blick, aber mit entſchuldigendem Tone verſetzte Bacon: Ich rede von meinem betrübten Freunde Tracy! Sir Henvry iſt ein edler Menſch, erwiderte ſie in ver 92 traulichem Tone; aber bin ich denn nicht krank? Lieber Sir Francis, wir hatten dies Jahr ſchlimme Herbſtſtürme, und auf meine ſchwache Bruſt ſtürmte noch Anderes ein Wohin ich mich wendete, trafen mich Täuſchungen der bitterſten Art. Auch den Frommen iſt nicht einmal zu trauen. O es ſind entſetzliche Menſchen darunter! Plötzlich ſah ich durch die Schafpelze durch. Ich wußte nicht mehr, woran ich mich halten ſollte, da ich an allen Freunden irre werden mußte! Vergebt! Noch nicht an allen! Cure Philoſophie hat mich noch nicht irre geführt: ich habe mich ihr noch nicht anvertraut. Was haltet Ihr von der Liebe überhaupt? Theure Alice, lächelte er,— es iſt bekannt, daß ich Alles auf die Erfahrung gebe. Darf ich da wol die Meinung bekennen,— Niemand könne lieben zugleich und weiſe ſein? Allein die Erfahrung läßt ſich auch an Andern machen, nicht blos an ſich ſelbſt. Und ſo habe ich bemerkt, daß dieſe Leidenſchaft der Liebe gerade in den Zeiten der Schwäche am höchſten ſteigt, nämlich in gro⸗ ßem Glück und in großer Widerwärtigkeit. Auf letztern Umſtand hat man bisher wenig geachtet. Beide Zeiten entflammen die Liebe, und machen ſie feuriger: Beweis genug, daß ſie der Thorheit Tochter iſt. Indeß erkenne ich an, daß in der menſchlichen Natur ein innerer Drang liegt, Andere zu lieben. Und irrt dieſer Trieb an Einem oder dem Andern, ſo verbreitet er ſich über Viele und macht menſchenfreundlich und mildthätig. Dahin kommt durch Täuſchungen ein edles Herz, und findet Erſatz für Alles. Das übermäßige Verlangen nach Macht verur ſachte den Fall der Engel; das übermäßige Verlangen nach Erkenntniß brachte die Menſchen zum Fall: aber in werkthätiger Liebe gibt es kein Uebermaß, und weder Menſchen noch Engel kommen durch ſie in Gefahr. Alice drückte ihm die Hand, und ſah ihn mit einem dankbaren Blicke an. Ein Huſten hinderte ſie zu ſprechen. Eben tanzte man wieder einen Brawl und trieb es in luſtiger Stimmung etwas wild mit den Schwingungen und Wechſelſtößen, die man, dieſem Tanze gemäß, paar⸗ weiſe in kleinen Kreiſen hüpfend, einander verſetzte. Alice ſah zu, allein mit abweſenden Gedanken, und als Bacon ſich entfernen wollte, winkte ſie ihn noch einmal zum Sitze, und fragte mit ſichtlicher Befangenheit ganz leiſe: Könnt Ihr mir ſagen, Sir Francis, wie ſich unſer Freund William befindet? Er erholt ſich für die Jahreszeit zum Erſtaunen, antwortete Bacon. Ich beſuche ihn oft und hätte Euch auch Manches in ſeinem Namen zu ſagen gehabt, wäre ſein Name nicht gerade in Southamptonhouſe verbannt geweſen Mußten wir nicht einen Mann verbannen, verſetzte ſie lebhaft, der ſich alles guten Betragens ſo ſehr entkleidet hatte? Wir waren es den Freunden und Angehörigen unſers Hauſes ſchuldig, die uns zuerſt jene entſetzliche Geſchichte hinterbrachten und auf ſeine Entfernung aus ihrem Kreiſe drangen. Wenn beſonders meine theure Mutter ihm alle Gunſt entzog, ſo war auch ihr Schreck über den plötzli⸗ chen Krankheitsanfall meiner Bruſt Schuld. Es war freilich ein ſehr betrübendes Zuſammentreffen ſo verſchiedener Unfälle, bemerkte Bacon mit forſchendem Blicke. Koenig, William Shakſpeare. II 13 So iſt es, theurer Sir, fuhr ſie fort. Und William's Misgeſchick ſetzte ſich in meiner fieberhaften Phantaſie feſt, 1 — ich ſah ihn immer mit der blutenden Bruſt. Ich hatte die ſeltſamſten Träume. Manchmal kam es mir vor, als ob ſeine getroffene und meine erkrankte Bruſt einen Schmerz litten, die zwei Hälften einer weiten Wunde wären; manchmal, als wären die Stiche in mei⸗ ner Bruſt der wiederholte Degenſtoß in die ſeinige. Was ich in ſolchen Fiebern ausrief und ſprach, weiß ich nicht mehr; aber es erbitterte doch die Stimmung meiner Mut⸗ ter gegen ihn. Wie ich mich langſam erholte, las ich doch wieder ſeine gedruckten Sachen, und was ich geſchrie⸗ ben von ihm beſitze. Ich mußte mich vor ſeinem ent⸗ ſtellten Bilde in ſeine Dichtungen retten. Hier fand ich, während er ſelbſt mir eine fremde Perſon geworden war, doch ſeine Poeſie noch unverwandelt, und verſoͤhnte mich mit ſeinem Geiſte. Ich ſage Euch das, Sir Francis, damit Ihr meiner Mutter Benehmen verſtehen möget. Schweigt noch von William bei Ihr! Ich beklage ihn. Ihr beklagt ihn, theure Alice, das heißt, Ihr verkennt ihn. Ihr haltet die Erzählung, die ſeine Neider verbreitet haben, vielleicht nur darum für ſo wahr, weil dieſe Ge⸗ rüchte ſo ſehr verbreitet waren. Wißt Ihr denn nicht, daß der Neid keine Feiertage hat, und nie Feierabend macht? William ſoll im Wäldchen bei Greenwich mit einer verächtlichen Perſon von einem Liebhaber derſelben überraſcht und verwundet worden ſein. Glaubt es doch nicht, Alice! William iſt mit einer ſehr vorzüglichen jungen Witwe,— einer Fremden, verlobt, und fuhr eben damals nach Greenwich zum Feſte und zu einer Zuſam⸗ 195 menkunft mit Euerm Bruder, dem er ſie vorſtellen wollte, als er von einem raufboldigen verſchmähten Nebenbuhler überfallen und lebensgefährlich verwundet wurde. Alſo iſt es doch wahr? rief Alice. Wir haben dem Bruder nicht geglaubt; wir dachten, er wolle nur den Freund und ſeinen eigenen Umgang mit ihm in ein gutes Licht ſetzen. Allein Ihr, Sir Francis, ſeid unparteilich, und warum ſollte ich Euch nicht glauben? Ich bitte, ſagt mir, wie wurde nur der Arme ſchnell genug gerettet? Zum Glücke— fuhr Bacon zu erzählen fort, war jenen Tag der Strom von Schiffen ſehr belebt. Thekla, wie William's Verlobte heißt, verließ den Freund nicht. Auf ihren ängſtlichen Hülferuf vom Ufer eilten einige Schiffer herbei, die den Verwundeten ſchnell zur Stadt in ſeine Wohnung brachten. Doctor Lopez übernahm den Leidenden. Die Hauswirthin, eine verſtändige, wohl⸗ geſinnte Frau, beſorgte die Pflege, und auch Thekla, wie es ſich denken läßt, war mit aller Liebe und Sorgfalt um ihn. Lange ſchwebte er in Todesgefahr. Der Wahn⸗ ſinn des Fiebers ſchien von den gewaltigen Kräften Beſitz genommen zu haben, die ſonſt, in geſunden Tagen, der dichteriſchen Phantaſie unſers Freundes dienen. In die⸗ ſem Zuſtande traf ihn Euer Bruder an, der das Unglück nicht gleich gehört hatte. Der Kranke war aber nicht zu ſprechen, die unglückliche Thekla nicht im Stande, den Grafen vor ſich zu laſſen, und die Wirthin, gänzlich ein⸗ genommen von der Sorge für den Leidenden, konnte nur das Allgemeinſte über den unglücklichen Vorfall mittheilen. Da nun Euer Bruder bei dem plöoͤtzlichen Aufbruche des Grafen Eſſer mit fortgezogen wurde, empfahl er mir den 13* 196 Kranken. Ich ging faſt täglich hin, fragte nach, gab Rath und Anweiſung. Nach und nach ward Doctor Lopez des Fiebers Herr. Der finſtere Mann hatte ihn mit der ängſtlichſten Theilnahme behandelt. Jetzt folgten Tage der Erſchöpfung, in denen nur Nelly, die Wirthin, um ihn ſein durfte. Sie hatte die rechte Faſſung des Gemüths, den ruhigen Blick, die ſanfte Hand einer Pfle⸗ gerin. Thekla war zu leidenſchaftlich geſtimmt, ſah ſich als die Urſache des Unglücks an, und würde den Kranken beunruhigt haben, wenn der Arzt ſie nicht entfernt hätte. Ich ſelbſt durfte mich nicht zeigen, bis William ein wenig zu Kräften kam. Bald erwachte dann ſeine Theilnahme an der Welt. Ich theilte ihm mit, was ihn erheitern und erheben konnte. Die Wirthin beſorgte ſeine Pflege, und auch Thekla, wie mir William erzählte, trug, nachdem er außer Gefahr war, durch ſanfte Muſik zu ſeiner Gene⸗ ſung bei. Ich ſelbſt traf ſie niemals, und kenne ſie auch nicht. Sie zog ſich immer vor Fremden zurück, und be⸗ nutzte die Zeit ſolcher Beſuche zu ihrer eigenen Ruhe und Erholung. Ihr ſeht zugleich, wie ſittſam und zartfühlend ſie iſt! Jetzt endlich bei friſcherer Witterung fühlt der Freund ſich ſoweit geſtärkt, daß er noch während der Feſttage kleine Ausgänge machen wird. Eliſabeth Vernon kam fröhlich herbei. Helft mir, Sir Francis! lachte ſie. Ich wollte ja lieber in Irland neben meinem Heinrich kämpfen, als in dieſen wilden Mummereien— Hör', Eliſabeth! fiel Alice ein, und faßte die Freundin bei der Hand. Ihr Auge glänzte ſehr. Es verhält ſich ganz anders mit William, ſagte ſie. Wir haben ihm ſehr Unrecht gethan. Es iſt ſeine Braut. Er iſt mit einer ſehr edeln Perſon verlobt. Wir müſſen in guter Stunde mit der Mutter reden. Bacon zog ſich zurück, nachdenklich über Alicens Stim⸗ mung und Seelenzuſtand. Es blieb ihm räthſelhaft, ob William blos durch ſeine Poeſie, oder auch durch ſeine Perſönlichkeit und durch ſein Betragen dieſe zarte Neigung eines ſo heimlich tiefen Gemüths erregt habe. Bei ſeiner ehrgeizigen Unruhe hatte er auf William's Verkehr mit Alicen zu wenig geachtet, um ſich dies Räthſel zu löſen. mig Mehr wußte er, durch Heminge, von dem andern Vor⸗ mme falle, auf den Alice angeſpielt hatte.— Sir Chriſtopher ind Blount hatte nämlich nichts unverſucht gelaſſen, Alicen nd der frommen Brüderſchaft zu erhalten oder wieder zu ge⸗ 4 winnen, und war, als ſie die Verſammlung wieder ein⸗ Me⸗ mal beſuchte, mit ſeiner ſchon lange ſchleichenden Neigung uch ſo unerwartet und ſinnlichplump hervorgetreten, daß es be⸗ Alicen entſetzen mußte. Dies war einige Tage vor Wil⸗ und liam's Unfall geſchehen. Zwei ſolche Täuſchungen, in nd verſchiedener Richtung ſchnell aufeinander folgend, waren der für Alicens ſchwache Bruſt zu mächtig geweſen, und Ba⸗ der con fürchtete, ſie würde ſich von dem heftigen Anfall der Lungen ſo bald nicht erholen. mir Wie er dieſen Betrachtungen mitten im tollen Toben and der Mummentänzer nachhing, erregte ein luſtiger Streit lden der Dienerſchaft im Hintergrunde der Halle ſeine Auf⸗ merkſamkeit. Der Hausnarr hatte nämlich ſeit des Gra⸗ ndir fen Abreiſe wieder den vollen alten Narrenanzug angelegt. ſich Heut ſelbſt nahm er ſich heraus, diejenigen unter den hier wartenden fremden Bedienten, die ihre aus der Mode 198 gekommenen Narrengewänder mit der gewöhnlichen Dienſt⸗ kleidung ihrer Herrſchaft hatten vertauſchen müſſen, mit höhnenden Worten zu ſchrauben. Dieſe aber, die nur die Pritſche, nicht den Witz ihres frühern Berufs abge⸗ legt hatten, bedienten den gräflichen Narren mit viel fri⸗ ſchern Hieben, als dem ſäuerlich gewordenen Alten noch zu Gebot ſtanden. Sie höhnten ihn, gerade worauf er am eingebildetſten war, mit ſeinem Anzuge, der, früher ein Ehrenkleid, heut unter der allgemeinen Verkleidung zu einem Mummenbalge geworden ſei.— Die Vorſtel⸗ lung von dieſer ſeiner Selbſtentehrung brachte den Alten außer ſich. Er beklagte und bejammerte ſein und ſeiner Zunftgenoſſen Misgeſchick, und rief endlich aus: Wir müſſen uns rächen,— in Gemeinſchaft rächen! Theils ernſtlich, theils im Scherze riefen die Andern: Ja, wir müſſen uns rächen! Aber nun hört auch, Brüder, an wem wir uns rä⸗ chen wollen! fuhr der Narr fort. Nicht an den Poeten! Dieſe haben uns zwar entſetzt, aber nicht eigentlich ver⸗ trieben; ſte haben blos auf kurze Zeit unſere Plätze ein⸗ genommen. Auch ſind es luſtige Burſche, die Schnaken und Schnurren lieben, leben und leben laſſen. Ueberdies werden ſie bald unſere Leidensgefährten ſein. Ich ſage euch, ſie ſind ſchon im Abkommen, ehe ſie noch recht auf⸗ gekommen waren. Die Poeten ſind von dem leichtwurm— ſtichigen Obſte, das unreif abgenommen, und erſt auf dem Stroh genießbar wird. Seht nur dieſen Brief an den berühmten William! Ihr hättet den böſen Blick ſehen ſollen, mit welchem er mir zur Beſtellung überge⸗ ben worden, und zwar von einer Lady, die noch vor 199 Kurzem ganz eingenommen fuͤr ihn war. In dieſem Blicke lag ein Dutzend Verabſchiedungen. Und William iſt ein Burſche, der bei meiner Seele! fünfzehn Jahre früher der erſte Narr in London geworden wäre. Ich kenne ihn. Ja, glaubt mir,— die Poeten ſind im Ab— welken. Und wer treibt ſie ab, und läßt uns doch nach ihnen nicht wieder und nimmermehr aufkommen? Die Gelblederſtrümpfe! Ich ſage euch, die ſind recht unſere Gegenfüßler. Nicht etwa, weil ſie ihren Stolz an den Beinen tragen, den wir auf dem Kopfe hegten: nein, wir ſuchten das Leben zu erheitern, und ſie gehen d'rauf aus, es zu verfinſtern; wir machten mit Narretheien die Welt weiſe, und ſie nennen ſich Weiſe, um die Welt toll zu machen. Wißt ihr, wie ich denke? Dieſe Betbrüder gönnen ſich entweder das Leben ſelbſt nicht, und wie wer⸗ den ſie uns oder die Dichter dulden, die vom Uebermuthe des Lebens leben? Oder die Spitzbuben gönnen ſich das Leben ganz verſtohlen, und ſind dann Diebe der Freude und ihre eigenen Hehler zugleich; weshalb ſie zweimal gehängt werden müßten. Seht nur, wie ſie ſich immer mehr in die Häuſer der Vornehmen und Reichen ein⸗ ſchleichen und einniſten! Sie wollen der Welt werden, was an einer büßenden Sünderin das Ungeziefer iſt. Wir werden ſie nicht vertreiben, und die Welt mag ſich bei dieſer Schärfe der Frömmigkeit jucken! Dieſe Puri⸗ taner trachten auch die hebräiſche Sprache einzuführen und mit dieſem alten Teſtament gewiß auch die Beſchneidung. Meinethalben! Ich habe nicht viel dabei zu verlieren. Allein, ſollen wir ihnen nicht wenigſtens erſt einen rechten Poſſen ſpielen? Hört! Wir wollen uns zuſammenſchlagen, 200 und in unſerer Narrentracht ihre Verſammlung in Thurm⸗ hill beſuchen. Was meint ihr dazu? Richtig, richtig! Wir thun, als hätten ſie das un⸗ erhörte Wunder gethan, und die Narren bekehrt, rief Einer. Wir wollen alle Narren in London dazu werben! ſagte der Andere. Alle? Ich denke nur die profeſſionirten! meinte der Dritte. Es gibt ſonſt zu viele! Und die ſämmtlichen Dichter dazu! meinte ein Vierter. Und Jeder nimmt ſich eine Nelke mit, um die heim⸗ liche Gottloſigkeit mittelſt der öffentlichen zu beſchämen! Ja, ja, wir müſſen ſie lächerlich machen, ehe ſie alles Lachen aus England verbannen! Dies und Mehres ſchrie das dienſtbare Völkchen durch⸗ einander, während ihre Herrſchaften die luſtigſte Canarie paarweiſe vor⸗ und rückwärts ſprangen Drittes Kapitel. Unſere ſo raſch über eine trübſelige Jahreszeit hinausge⸗ gangene Erzählung ſoll ſich auch am Krankenbette unſers Freundes nicht aufhalten.— Wie die Leiden eines Vol⸗ kes in deſſen Gedichten verſiechen und ſich verſöhnen: ſo wurden unſerm Freunde Schmerz und Herſtellung ſeiner tiefgetroffenen Bruſt in den Phantaſien ſeines Fiebers el 201 unfühlbar. Er nahm auch die Aengſte ſeiner Pflegerinnen nicht wahr, deren leiſe, lauſchende Liebe ihn retten half. Als er nach Wochen des Fiebers und des Schlummers zum Bewußtſein und Wachen zurückkehrte, war ſeine Er⸗ innerungs⸗ und Vorſtellungskraft durch körperliche Schwäche gedämpft. Wie aus dem Schaum eines ſtürmiſchen Traumes bildeten und belebten ſich vor ihm zwei weibliche Geſtal⸗ ten, die William nach und nach für Nelly und Thekla erkannte. Jene rief er zuerſt an, aber dieſe nannte er mit einer freudigern Bewegung. Wie wohl thaten ihm dieſe feuchten, frohen Blicke, dieſe leiſe flüſternden Stim⸗ men, dieſe ſanft berührenden, reichenden, helfenden Hände! In ſeinem erſchöpften Zuſtande kamen ihm beide Freun⸗ dinnen zuerſt nur als wohlthätige, verklärte Weſen vor, und zerfloſſen ineinander, bis ſie mit ſeinen zunehmenden Kräften ſich mehr und mehr verkörperten und vereinzelten. William beſann ſich auf die Veranlaſſung ſeines Zuſtan⸗ des, und erfuhr die kurze Geſchichte ſeiner Rettung. Er ſah beide Frauen einträchtig um ihn walten, und ver⸗ mied, darnach zu fragen, wie beide zu einander ſtänden, was ſie von einander und von ihm denken möchten. War Eine allein bei ihm, ſo ſprach ſie ſtets rühmend von der Andern; Thekla ſagte heiter: Deine Wirthin, und Nelly eben nicht heiter: Eure Braut.— Von Thekla verlangte der Freund zu wiſſen, wie es um Mumblaze ſtehe. Dein Fall, erzählte ſie, und vielleicht mehr noch meine Verzweiflung hatten doch den rohen Menſchen erſchüttert, oder wenigſtens verblüfft. Ein Raufbold und in ſolchen blutigen Händeln nicht unerfahren, trug er ein ſympathe⸗ tiſches Pulver bei ſich, das er für deine Wunde hervor⸗ holte. Wie das Blut ſich ein wenig ſtillte, und wir deine Wunde nothdürftig verbunden hatten, rannte ich an das Ufer zurück, und— ich weiß nicht, wo mir in der entſetzlichen Angſt die wunderbare Kraft und Beſonnenheit herkam!— ſchrie einige Schiffer herbei. Wir holten dich ab, und erſt ſpäter fiel mir ein, daß ich Mumblaze nicht mehr bei dir angetroffen hatte. Wahrſcheinlich iſt er nach Irland gefluͤchtet, wohin ſich auch nach Abzug des Heeres mein Oheim Lasko begeben hat. Vor Gericht ſagte ich nicht mehr aus, als daß er Mumblaze heiße, daß er mich einigemal bei Lasko geſehen, und ohne meine Zuſtimmung habe entführen wollen. Eine gerichtliche Unterſuchung war etwas Unangeneh⸗ mes für William; das Unglück war zu einem Stadtge⸗ ſpräche, zu einem Spiele boͤſer Zungen geworden. Aus Bacon's Miene, wenn er von Southamptonhouſe ſprach, konnte der Freund auch die üble Stimmung jener theuern Familie errathen. Dabei war es ungewiß, wie der Graf Eſſer den Vorfall aufnehmen werde, und über Alles wa⸗ ren die Hoffnungen vernichtet, die William auf die Ex⸗ pedition nach Irland gebaut hatte. Doch all' dieſes be⸗ unruhigte den Freund nicht ſehr, weil er entweder bei erſchöpften Kräften zu ſchwach für tiefes Leid war, oder weil ihm dieſe Sorgen nach dem gewaltigen Anhauche des nahen Todes zu gering vorkamen. Das wiederge⸗ wonnene Leben galt ihm jetzt Alles. Wenn ſich in ſtiller Nacht eine Sehnſucht in ihm regte, ſo war es das Ver⸗ langen bald etwas zu dichten. Seine Seele war ſo voll tiefer, dunkler Erlebniſſe, wenn auch die Phantaſie nur noch matte Schwingen hob. Mittags, wenn die Winter⸗ ſonn weic nur nter⸗ 203 ſonne ins warme Zimmer ſchimmerte, war der Freund weich geſtimmt, und leicht zu rühren. Nelly war dann im Hauſe beſchäftigt, und gedachte Thekla zufällig der Angſt, die ſie um ihn gelitten, ſo rief er, ihre Hände ergreifend, aus: Ach wir erleben noch viel wackere Tage! Deine hellen Thränen kommen in Perlen umgewandelt wieder, das Darlehn deiner Liebe zu vergüten mit Zinſen und zehnfachem Glücksgewinn. Dich wird das heitere Le⸗ ben lohnen, während ich voraus den Schatz der Todes⸗ nähe gehoben habe. Es iſt ein Gewinn, ein Glück, aus der Umarmung des Todes zum Leben zurückzukehren. Ich habe an ſeiner dunkeln Bruſt gelegen; er hat mir die Locken von der Stirne geſtrichen: ſiehſt du, wie mein Haar ausgeht? Der Tod hat mir voraus die wachſende Bürde des Alters vom Scheitel genommen: ich werde jung ſterben. Das war die Flamme ſeines Kuſſes, die du, meine Thekla, als Fieberglut meines Hauptes mit Angſt bewacht haſt. Glaube mir! Es iſt etwas Wunder⸗ bares um ſolche Todesnähe. In dunkler Bewußtloſigkeit mit unbekanntem Sinne durchſchaut man Natur⸗ und Menſchenleben in ſeinen tiefſten Schachten, in ſeinem in⸗ nerſten Mark. Die Flamme des Fiebers durchglüht das ſonſt undurchſichtige Daſein, und läßt es ausgeſchlackt zurück. Wahn und Täuſchungen, die unſer Leben verdü— ſtern, flackern hinweg, wie ſeidene Vorhänge, von der Kaminflamme ergriffen. Unſere vergänglichen Adern ſchla⸗ gen mit den Pulſen des allgemeinen ewigen Daſeins. Könnte ich dir ſagen, welch' ein großer Frieden jetzt in meiner Bruſt wohnt, welch' ein gewaltiger Einklang mit der Welt! Der Tod entläßt uns von ſeiner Bruſt nur —— — 204 mit entſiegeltem Auge und mit einem Herzen, das ſpie— lend die Welt wägt, und lächelnd ſich auf den kämpfenden Armen ewig widerſtreitender Elemente wiegt. Was in der Welt könnte mich noch bethören oder betrüben? Ich bin glücklicher als Orpheus, der in den Orkus hinab⸗ geſtiegen, ſeine Eurydike zum zweitenmal verlor. Ich habe dich zum zweitenmal gewonnen. An der ſonnigen Schwelle des Lebens trittſt du mir entgegen,— dem Hinabgeſtie⸗ genen treu, dem Verwundeten eine Retterin. Aber ich habe auch gelobt, wie Orpheus, nicht rückwärts zu ſchauen, und ich werde es beſſer halten, als er. Meine Thorhei⸗ ten, meine Irrthümer ſollen mich nicht mehr betrüben, deine Räthſel mich nicht mehr bekümmern. Fort mit Allem, was hinter uns liegt! Die Vergangenheit iſt ver⸗ blutet. Die Zukunft hegt unſer Glück, und der Juwel unſerer Liebe iſt in den Ring jedes frohen Tags gefaßt. Sieh', meine Thekla! Wie ich hier Finger zwiſchen Fin⸗ ger unſerer beiden Hände füge,— denke, daß unſere Vergangenheit zwiſchen dieſen warmen Flächen liege, und — mit einem allmächtigen Liebesdruck ſei Alles vernichtet. Deine Räthſel gehn in meinen Irrthümern, dieſe in jenen auf. Noch einen Druck! Da! Die Ewigkeit iſt unſer! William ſtreckte ſeine Arme vom Lager auf; Thekla ſank mit weinendem Lachen an ſeine Bruſt, und küßte ſeine blaſſen Lippen, ſeine Augen, ſeine Stirne. Gerührt von des Freundes hoher, edler Geſinnung, innigſt froh, allen täuſchenden Ausflüchten überhoben zu ſein, wußte ſie ſich kaum zu faſſen, noch weniger, was ſie Alles thun, betheuern und geloben ſollte.— So wahr ich dich nun erkenne und liebe, bin ich dein, unbedingt, wie ich bin, gtet htei enen 205⁵ was ich vermag, was du aus mir machen willſſt! rief ſie aus. Ich traue dir, du traueſt mir: braucht es noch einer andern Trauung? Unſer Händedruck hat uns ver⸗ mählt; vor Gott und dem Himmel gehören wir einander an, und wenn wir von nun an der Welt ſagen, wir ſeien vermählt: iſt es eine Lüge? Was vor Gott wahr iſt, muß auch den Menſchen gelten. Faſſe dich, beruhige dich, mein theurer William! Pflege dein wiedergewonne⸗ nes Leben, wir wollen es pflegen. Die nächſten Monate ſeien deiner Herſtellung gewidmet. Der nahende Früh⸗ ling wird dich verjüngen; vom erſten Maitage an— bin ich dein Weib! Lächelnd, erröthend legte ſie ihre weichen Händchen auf ſeine Augen, ihre heiße Wange an die ſeinige. Der Freund hielt ſie umfaßt; es war ſo ſtille im ſonnigen Gemach, daß man das Athmen des hoffnungsvollen Paa res hörte, und nicht lang, ſo war William, überwältigt von den lebhaften Eindrücken, in Schlummer geſunken. Viertes Kapitel. Die kältere Witterung wirkte nicht ungünſtig auf des Freundes Geſundheit. Dieſe war geſchützt genug, und bedurfte nur der Kräftigung, wozu die zarte Pflege der Frauen, die frohe Stimmung des Geneſenden und der erheiternde Beſuch weniger Freunde das Beſte thaten — 206 Denn nicht Alle wurden vorgelaſſen, die ſich nach ihm erkundigten; ſo erfreulich die Theilnahme war, die ſein Unfall hervorgerufen hatte. Unzählige Anfragen nach ſeinem Befinden geſchahen täglich, und von Bekannten und Unbekannten wurden kleine, artige Geſchenke über⸗ ſchickt, beſtimmt, den Kranken zu erquicken, oder zu erfreuen. Doctor Lopez kam nun ſchon ſeltener. Bei ſeiner einſylbig verſchloſſenen Art bezeigte er doch gegen Nelly die freundlichſte Hochachtung, während eer Thekla unacht⸗ ſam behandelte. Einmal, als er mit William allein war, und dieſer Thekla's Pflege rühmte, fuhr Lopez in ſeiner finſtern Weiſe heraus: Ihr ſeid undankbar gegen Eure Wirthin, Maſter! Dieſer ſeid Ihr Alles ſchuldig. Sie handelte in den Stunden der Gefahr beſonnen, verſtändig, unermüdlich. Viele Nächte hintereinander hat ſie gewacht, Euer Fieber gehütet, Eure tollen Phantaſien heimlich ein⸗ gefangen; während Thekla in kindiſcher Verzweiflung außer ſich, oder in kindiſchen Erwartungen unachtſam, dabei unanſtellig, voreilig war, und mit ihrer leidenſchaftlichen Selbſtbeſchuldigung uns Allen zur Laſt fiel. Sagt mir nichts von dieſer Thekla! Sie iſt liebenswürdig; denn ſo nennt man ja ihre Art und Weiſe; aber die gute Nelly iſt liebevoll. Eben trat Thekla herein, und der Arzt verließ unge⸗ halten das Zimmer. Er traf Nelly in ihrem Stübchen, und ſetzte ſich zu ihr.— Ich habe ihn ausgeſcholten, lächelte er finſter, und er ſoll's noch beſſer hören. Er ſoll wiſſen, was er Euch zu verdanken hat. Ich will's ihm ſagen! 207 ihm Thut es ja nicht, guter Meiſter! bat ſie verlegen. ſein Es kommt ja nur darauf an, daß unſer William herge⸗ nach ſtellt werde, nicht aber, wer's gethan hat. nten Nein! erwiderte Lopez, er muß ſich dieſer Thekla für über⸗ nichts mehr verpflichtet halten, als wofür er es aus ſei⸗ er zu nen geſunden Tagen her ſein mag. Zwiſchen dem Pär⸗ chen kommt es doch einmal zum Abſchluß, und er wird ſeiner dann froh ſein, wenn ſeine Schuld um all die Poſten Nelly gekürzt iſt, die ihm mit Ungebühr in Zurechnung gebracht nacht⸗ werden könnten. war, Erröthend, verlegen, unruhig fragte Nelly, ob er ſeiner nichts Genaueres von Thekla, von ihrer vornehmen Ab⸗ Eure kunft wiſſe. Sie Nein, nichts! antwortete Lopez kurz und abweiſend. undig, Ihr kennt alſo auch ihren Oheim nicht? Baron Lasko, waht wie ſie ihn nennen? ein⸗ Ich kenne ihn nicht. Thekla iſt außerordentlich begabt und einnehmend, fuhr außer dabei Nelly fort. Ich vergeſſe bei ihren Künſten manchmal ganz klichen und gar, daß ich eigentlich kein rechtes Vertrauen zu ihr 4 mir faſſen kann. Ich halte ſie für unwahr, wenn ſie vielleicht dein auch nicht gerade unehrlich iſt. Ich begreife wohl, wie e aute unſer William von ihr ganz bezaubert ſein muß: allein ich denke manchmal, er ſollte lieber glücklich ſein, als unge⸗ bezaubert. öchen, Ganz recht! antwortete Lopez. Wenn er wieder her⸗ bolten, geſtellt iſt, ſolltet Ihr mit ihm reden. oll Ich? erſchrak Nelly. Ach nein! Ich nicht. Das s ihm könnte eher ein Freund thun. Und auch ein Freund wird nicht gern Zweifel und Mistrauen in ein ſo ehrliches ———— Herz bringen, wie William's. O mein hochgelehrter Doctor,— es rührt mich, wenn ich ſein hingebendes Gemüth ſehe,— eine Seele, die ſo viel Irrungen er⸗ fahren hat, und doch immer wieder ſo fröhlich glaubt und ſo traulich ſchwärmt, wo ein Anderer nur noch Spott und Hohn für die Menſchen übrig behalten hätte. Aber ein Freund würde ihm nicht ſo weh thun, als jeder nächſte Zufall, der ihn heut oder morgen über ſeine Geliebte enttäuſchen kann,— wendete Lopez ein. Iſt es denn auch ſo gewiß, daß er ſich täuſcht? rief Nelly beunruhigt, und da Lopez finſter niederblickend ſchwieg, fuhr ſie fort: Man kann einem Menſchen ſehr leicht Unrecht thun. Vielleicht rührt mein Mistrauen gegen Thekla blos daher, daß ich ſie früher einmal in Verzweiflung geſehen habe. Ein Mädchen, das ins Waſ⸗ ſer ſpringen will, erweckt Argwohn. Allein, kann nicht Unglück oder fremdes Unrecht hinter einem armen Weſen her ſein und es verfolgen? Und wie ich, könnte ja wol auch ein Freund irren und ohne Grund Leid verurſachen, könnte gar ein geſundes Vertrauen für immer vergiften. Der Zufall aber— wenn der etwas entdeckt: ſo irrt er auch nicht, und hat darum meiſt eine heilende Hand, wo der Freund oft nur eine kränkende hat. Nun denn, ſo müſſen wir's abwarten! ſagte Lopez, und erhob ſich zu gehen. Abwarten? erwiderte ängſtlich⸗überlegend die gute Frau. Ja, hochgelehrter Doctor, wenigſtens warten, bis Sout⸗ hampton wieder zurück iſt. Der oder Keiner kann dieſe Zweifel angreifen und löſen Waſ⸗ ; nicht Weſen g wol fachen, giften irtt er d, wo 209 Seitdem war Nelly nur noch vorſichtiger, William oder Thekla von ihren Beſorgniſſen etwas merken zu laſſen. Sie freute ſich, daß ſie ihren Freund von Tage zu Tage kräftiger werden ſah. Und wenn Thekla des Abends bei der Lampe, keinen Beſuch mehr fürchtend, ſich ihren bezaubernden Launen überließ, vergaß Nelly ſo ſehr jeden Argwohn ihres Herzens, daß ſie ſich ſogar, zur Ab⸗ wechſelung mit Thekla's Novellen und lebevollen Erzäh⸗ lungen, unter Herzklopfen und Erröthen mit jenen ein⸗ fachen Geſpenſter⸗ und Unglücksgeſchichten hervorwagte, an denen man ſich auf dem Lande und in bürgerlichen Kreiſen die langen Winterabende zu unterhalten pflegte. William nahm auch dieſe liebreichen Opfer freundlich auf, und be⸗ trug ſich ſeit jenem Vorwurfe des Arztes deſto dankbarer gegen Nelly. Andere und ernſtere Gegenſtände der Unterhaltung regte Bacon bei ſeinen Beſuchen an. William brachte ihn öfter auf ſeine philoſophiſchen Anſichten. Den Dich⸗ ter, der ſeine Erlebniſſe nicht hoch anſchlug, und ſich in ſeinen guten Stunden gern über das Tagesleben erhob, freute ſich deſto mehr, einen Mann anzuhören, der ſeine beſten Kräfte auf die Natur und Erfahrung wendete, und aus beiden alle Erkenntniß und Einſicht zu ſchöpfen ſuchte. Der Menſch, behauptete Bacon, habe dann nur die ge⸗ ſchöpften Einſichten geiſtvoll zu ordnen. So zeigte er dem Dichter, wie alle Wiſſenſchaften ſich in drei nach unſern Geiſtesvermögen abgeſteckte Gebiete ordnen ließen, — nach Gedächtniß, Phantaſte und Vernunft. Im Be⸗ reiche des Gedächtniſſes lag ihm alles Geſchichtliche, die heilige Geſchichte über die Werke Gottes, die Welt⸗ und Koenig, William Shakſpeare. II. 14 g — — — — — 210 4 Literaturgeſchichte über die Werke des Menſchen, und die Naturgeſchichte über die Werke der Natur. Im Bezirk der Phantaſie ſind Poeſie und Kunſt anſäſſig; die Ver⸗ nunft aber nimmt für ſich alles Philoſophiren in Beſchlag. William überzeugte ſich doch auch bald genug, daß ein Mann, der es ſo ſehr mit der Erfahrung hielt, auch nicht leicht von ſeiner Zeit und Gegenwart loskommen konnte. So befremdete es ihn nicht mehr, daß Bacon ſeine Beweiſe oft aus der Bibel hernahm, wie man es in jener reformatoriſchen Zeit ſo gern that, und daß der Philoſoph ſich mit ſo manchen damals beliebten Fragen beſchäftigte, auf die William nicht viel hielt; wie man, zum Beiſpiel das Leben verlängern und verjüngen, die Naturkörper verwandeln, Gold machen, Wetter erregen, und die ſinnlichen Freuden erweitern könne. Anziehender für den Dichter war es, wenn Bacon ſich über das menſchliche Leben ausließ, und bei ſeinem ausgebreiteten Wiſſen, bei ſeiner ſcharfen Beobachtungsgabe kurze, tiefe Bemerkungen ausſprach. Einzelne ſolcher guten Gedanken hielt William feſt. So ſagte Bacon von den Fürſten: „Man muß geſtehen, daß die Staatsklugheit der Für⸗ ſten in neuern Zeiten nicht ſowol darin beſteht, die Ge fahren und Unfälle durch einen feſten und beſtimmten Gang fernzuhalten, als vielmehr darin, ſich— wenn ſolche nahe ſind— mit Feinheit davon loszumachen. Allein das heißt: um die Meiſterſchaft mit dem Glücke buhlen.“ Ueber Adel und Volk äußerte er: „Der Segen des Juda und der des Iſaſchar werden nie zuſammenkommen; nie wird man ſehen, daß ein Volk zugleich ein junger Löwe und ein laſtbarer Eſel ſei.— men acon telen tiefe iken 211 Läßt man in Wäldern das Pfahlholz zu dicht wachſen, ſo wird man nie ſauberes Unterholz haben, ſondern nur Stauden und Geſträuch. Ebenſo iſt es mit ganzen Län⸗ dern. Sind der Edelleute und Vornehmen zu viel, ſo werden die gemeinen Leute nur eine niedrige Geſinnung haben, und es wird dahin kommen, daß der hundertſte Kopf nicht für einen Helm paßt.“ Vom Reichthum ſagte er: „Ich kann den Reichthum nicht beſſer benennen, als mit dem Namen: Gepäck der Tugend. Denn wie zum Kriegsheer das Gepäck, ſo verhält ſich zur Tugend der Reichthum: beide können nicht entbehrt, und dürfen nicht zurückgelaſſen werden; aber ſie hindern das Fort⸗ ſchreiten, und was noch mehr iſt,— die Sorge um ſie raubt oder ſtört zuweilen den Sieg.— Gold iſt wie Dünger, der nur dann nützt, wenn er ausgebreitet wird.“ Ueber Schönheit behauptete er: „Man ſieht faſt nie, daß ſehr ſchöne Menſchen ſonſt mit großen Gaben ausgezeichnet ſind. Es iſt, als ob es der Natur hauptſächlich darauf ankäme, nicht zu irren, und weniger darauf, etwas Vollkommnes hervorzubringen.“ Natürlich kam faſt bei jedem Beſuche Bacon's die Rede auf die öffentlichen Angelegenheiten. Es entging unſerm Freunde nicht, wie unbedingt der ſonſt ſo frei⸗ ſinnige Bacon jetzt der Königin und den Miniſtern erge⸗ ben war. William legte daher auch weniger Gewicht darauf, daß er den Grafen Eſſex hart beurtheilte. Die⸗ ſem wurde bei Hofe, wie es ſchien, alle Schuld des un⸗ glücklichen Feldzugs in Irland beigemeſſen.— Ich will es 14* 212 für meine Perſon nicht tadeln, ſagte Bacon, daß Eſſer unſern Freund Southampton zum Befehlshaber der Rei⸗ terei ernannt hat; ich weiß nur, daß die Monarchin höchſt aufgebracht darüber iſt. Auch ändert er es nicht ab, wie ſie es will, ſondern er vertheidigt und belobt den Grafen in jedem Bericht. Ebenſo fährt Eſſer gegen den Willen ſeiner Gebieterin fort, Ritter zu ernennen. Schwer wird er es verantworten können, daß er von dem genehmigten Operationsplane abgegangen iſt. Er wollte nämlich mit allen friſchen Kräften gerade auf Tyrone losgehen, und hätte ihn dadurch ſehr wahrſcheinlich auch erdrückt. Statt deſſen hat er ſich durch abſichtliche kleine Aufſtände der Irländer da und dort hin zu Seiten des Heeres verlocken laſſen, und ſo ſeine Kraft zerſplittert. Er behauptet frei⸗ lich, ſein Operationsplan ſei ihm veruntreut und den Re⸗ bellen verrathen worden. Allein, iſt dies nicht eine neue Schuld, der er ſich ſelber anklagt? Welche Unachtſamkeit, daß ſolche Veruntreuung geſchehen konnte! Was für heil⸗ loſe Menſchen hat er im Kriegsrathe und in der Kanzlei, — Schurken, die mit den Rebellen oder mit ihren Unter⸗ händlern im Bunde ſind? Durch ſolches Verzögern und Hin⸗ und Herziehen in ungeſunden Gegenden ſind auch noch Krankheiten eingeriſſen. Denkt Euch! Eſſex mit dem bedeutenden Heere, das ihm mitgegeben worden, wie noch kein irländiſcher Oberbefehlshaber eines erhalten hat, mußte noch um neue Truppen bitten,— jetzt ſchon! Sie ſind ihm bewilligt worden; weitere zweitauſend Mann Fuß⸗ volk ſind ihm nachgeſchickt worden. Man will dem Gra⸗ fen nicht die geringſte Entſchuldigung oder Ausflucht laſſen, wenn er den Rebellen Tyrone nicht beſiegt. Dafür ſteht 213 aber ſeine Verantwortlichkeit auf einer grauſenhaften Spitze. Ich kann Euch im Vertrauen ſagen, daß ein Bruch zwi⸗ ſchen ihm und der Königin unvermeidlich iſt. Nehmt Eure Maßregeln danach, mein Freund! Der Graf wagt nun gar, ſeine Fehler durch Trotz zu decken. Die ſtren⸗ gen Verweiſe der Königin erwidert er durch Berichte voll offenbarer Beleidigungen. Der Himmel weiß, wo das hinaus will! Ihr könnt froh ſein, William, daß Ihr nicht drüben um den Grafen ſeid: Eure Feder hätte in ſeinem Dienſt Euch ganz dienſtbar gemacht, und Ihr wäret auf die widerwärtigſte Weiſe zwiſchen dem Zorn des Gra⸗ fen und der Ungnade der Königin eingeklemmt worden. Ja, wenn es andem iſt, daß dem Grafen der entworfene Operationsplan entwendet und dem Feinde verrathen wor⸗ den, ſo wäret Ihr als Kriegsſchreiber des Feldherrn in ſchnöden Verdacht, vielleicht in harte Unterſuchung gefal⸗ len, die nicht ohne Kerkerhaft geführt worden wäre. So ſollte denn William den feindlichen Streich, der ihn zu Boden ſtreckte, für eine gnädige Fügung des Himmels anſehen. Wie gern iſt man nach überſtandener Gefahr und erduldeten Leiden zu ſolchem Glauben geneigt! Zum mindeſten fühlte ſich William angeregt, ſeine jetzige unfreiwillige Lage mit der in Irland erwarteten zu ver⸗ gleichen. Da ſchien es ihm doch für einen freien Mann nicht ſo drückend, unter einem heftigen Fieber ohne Wahl und Widerſtand zu leiden, als wenn er einem eigenwilli⸗ gen Gebieter gegen Ueberzeugung hätte gehorchen und dienen müſſen. Auch fühlte er ſich bereits vom Zwange der Krankheit wieder befreit, während er in des Grafen 2ʃ4 A Dienſte vielleicht noch die heftigſten Kämpfe zu beſtehen 1 hätte. d William dachte nicht ohne Angſt und Sorge an ſei⸗ ſ nen Freund Southampton und an die üblen Folgen, die b der unglückliche Feldzug auch auf ihn wälzen könnte. Er ſetzte ſich hin, um das erſte Mal wieder ſelbſt an den Grafen zu ſchreiben. Es ſollten die herzlichſten Worte ſein, die den Freund erfreuen und ermuthigen möchten. b Einige Sonette, in einſamen Augenblicken und weicher b Erinnerung an ſeinen Heinrich gedichtet oder vielmehr aus⸗ empfunden, wurden niedergeſchrieben, und dem Briefe b beigefügt. Fünftes Kapitel. Während auf ſolche Weiſe,— körperlich gepflegt, geiſtig erquickt, William ſeiner völligen Herſtellung mit feſten Schritten entgegenging, ward von einer muthwilligen Ge⸗ noſſenſchaft ein Streich ausgeführt, an dem unſer Poet ein ausgelaſſenes Vergnügen empfand. Jene beim Chriſtfeſt in Southamptonhouſe verſam⸗ melten Hausnarren und Bedienten waren nämlich ihres luſtigen Vorſatzes eingedenk geblieben, und hatten eine Rache an den Puritanern ausgeſonnen. Wer nur noch einen Fetzen der alten abgelegten Narrentracht beibringen konnte, hatte ſich anſchließen müſſen. Zugleich waren ſtehen geiſtig feſten n Ge⸗ Poet rſam⸗ ihres n eine noch 215 aber auch die Dichter in das Einverſtändniß gezogen wor⸗ den, um durch dieſe Zunftgenoſſen ihren Anhang zu ver⸗ ſtärken. Was wäre nun dieſen launigen, zu allen Toll⸗ heiten ſtets aufgelegten Poeten nicht willkommen geweſen, wenn es irgend einen wilden Streich galt! Und diesmal war es vollends auf einen Unfug abgeſehen; wenn nicht wielleicht gerade die Dichter ſelbſt den von den Narren erfundenen Spaß zu ſolcher Ausgelaſſenheit verarbeitet hatten. Der Streich war für den Valentinstag berechnet. Dieſer Tag war damals in London ein häusliches Feſt. Die Fa⸗ milien kamen zuſammen, und Unverheirathete beiden Ge⸗ ſchlechts vereinigten ſich um eine Urne, in welche ſo viel Namen der anweſenden jungen Männer auf Zettelchen ein⸗ geworfen wurden, als Jungfrauen zur Geſellſchaft gehörten. Dieſe griffen dann in den Topf, und Jede zog mit ihrem Looſe den Namen eines der anweſenden Jünglinge, der nun ein Jahr lang zu artigem Dienſt und Aufwartung ihr Valentin ſein mußte. Manche erſte Neigung und heim⸗ lich abergläubige Hoffnung keimte aus dieſem Spaß, und entfaltete ſich zu einer ſchönen Verbindung für das Leben. Obgleich nun die Puritaner ſich allen aus dem Heiden⸗ thum oder dem Katholicismus abſtammenden Gebräuchen abhold erklärten: ſo hatten ſich doch gerade die vornehmen und tiefer eingeweihten Brüder zu einer Valentinsfeier in ihrer eigenen Weiſe verabredet, und dies Vorhaben war den Narren zu Ohren gekommen. Mehrere dienten ja bei Herrſchaften, die an dem Feſte Theil nahmen, und gaben den Andern Winke, wenn ſie ſelbſt auch zurückbleiben mußten. — —— — 216 Im Allgemeinen war es kein Geheimniß, daß mit den frommen Beſtrebungen ſinnliche Abſichten mit unterliefen. Wenn dies vielleicht auch mehr bei den Vornehmern der Fall war, die einen geheimen Bund in der Brüderſchaft bildeten, ſo wurde doch den Puritanern überhaupt Erb⸗ ſchleicherei bei reichen Witwen und Verführung frommer Frauen vorgeworfen. Auffallend blieb es wenigſtens, daß manche, und gerade wirklich ſittſame Ladys, wie Alice, zuweilen plötzlich der Verbrüderung abfielen, und die Bet⸗ ſtunden in Thurmhill nicht mehr beſuchten. Die Narren im Bunde mit den Poeten hatten ihre verabredete Unternehmung ſehr geheim gehalten. Nur die unbedingt Einverſtandenen und zu Allem Bereiten erfuh⸗ ren, was vorgehen ſollte. Einige der Narren hatten ſich mit erheuchelter Bußfertigkeit über ihre früheren Poſſen unter die Frommen aufnehmen laſſen, um die Gelegenheit des Ortes und der Zeit kennen zu lernen, und ſich der Mittel des Eintritts in das Haus zu verſichern. William hatte früher ſchon durch Bacon die Verabredung der Nar⸗ ren, und ſpäter durch einige der Dichter, die ihn beſuch⸗ ten, erfahren, daß der Spaß gegen die Frommen wirk⸗ lich ausgeführt werden ſollte. Ihn ſelbſt hatte man, wahr⸗ ſcheinlich aus Rückſicht für ſeine Geſundheit, zur Theil⸗ nahme nicht aufgefodert. Dies war ihm ganz recht, doch intereſſirte er ſich lebhaft für die Ausführung. Und da ſchon einige Tage vor Valentinsfeſt ziemlich laue Februar⸗ luft eintrat, ſo nahm er kein Bedenken, Nelly und Thekla nach dem Bethauſe der Puritaner zu führen, um den Vorgang mit anzuſehen.— Sie kamen ein wenig zu ſpät. Eben war in tiefer Abenddämmeruag die Narren⸗ t den tefen der ſchaft Erb⸗ nmer daß lice, Bet⸗ 217 geſellſchaft in das Haus gezogen, oder vielmehr gedrungen. Die Umherſtehenden erzählten, es ſeien anfangs nur zwei Perſonen an das Haus gekommen, und hätten dem Pfört⸗ ner das Loſungswort für den Abend gegeben; ſobald die⸗ ſer aber geöffnet, ſeien auf einen Pfiff aus allen Gäß⸗ chen Vermummte herbeigeeilt, und ins Haus eingeſtürmt. Eingedrungen ſchienen ſie in der That zu ſein, denn ſchon entſtand im Hauſe ein Tumult, ein Lärmen, Lachen, Schimpfen, ja man ſchien handgemein geworden, und mehrere dumpfe Stimmen ſchrieen um Hülfe. Die Haus⸗ thüre öffnete ſich, die fliehenden Perſonen aber, wie ſie ſo viel Volk vor dem Hauſe wahrnahmen, eilten wieder zurück. Dadurch war die vor dem Bethauſe ſich drän⸗ gende Neubegierde aufs Höchſte geſpannt. Doch nicht lange, ſo kam der innere Tumult näher; immer mehr Lichter ſchimmerten durch die Thüre, und bald bewegte ſich ein paarweiſe geordneter Zug die Treppe herunter. Eine Anzahl Fackeln ſetzten den lächerlichſten Unfug in das hellſte Licht. Die Poeten, in wunderlichen Theateranzügen, führten ebenſo ſeltſam gekleidete Mädchen jener Gattung, die man Nelken nannte, am Arme. Mit jedem dieſer Paare wechſelte ein Narr in bekannter Narrentracht, und führte ſeinen Affen oder, wenn Einer kein ſolches Thier mehr hatte, eine ſogenannte„Wincheſtergans,“ das heißt, ein Mädchen von gleicher Bedeutung mit„Nelke“. Nebenher ſchritten in demüthiger Haltung und mit frommen Ge⸗ berden die Fackelträger in der gewöhnlichen und nur et⸗ was übertriebenen Tracht der Puritaner mit gelbledernen Strümpfen und Kniegürteln. Dem Zuge voraus gingen 218 die Spielleute und blieſen auf ſchreienden Hoboen eine Melodie, nach welcher die ausgelaſſene Wallfahrt folgende von William verfaßte Strophe ſang und wiederholte: Juchhe, heut iſt St.⸗Valentin's Feſt, Da paaren die Vögel ſich zum Neſt. O Schätzchen, laß die Weltluſt fahren, In ſüßer Frömmigkeit uns paaren! Ich bin dein treuer Valentin, Für unſere„ſchöne Disciplin.“ St.⸗Valentin hat ſo verbunden, Was ſich zuſammen hat gefunden. Und wenn nichts Liederliches fehlt, So nennen wir uns„auserwählt.“ So durchzogen ſie mehrere Gaſſen, ſingend und jauch— zend, bis ihre Fackeln erloſchen, ein Paar um das andere ſich verlor, und die allein noch übrigen Spielleute ihre Pfeifen einſteckten. Es läßt ſich denken, welche Wuth unter den gläubigen Brüdern ſolch' ein Hohn entzünden mußte. Denn auch diejenigen Puritaner, die mit dem von den Brüdern ſelbſt gegebenen Anlaſſe zu dieſer Beleidigung unzufrieden waren, fielen doch darum dem gemeinſamen Intereſſe ihrer ſchönen Disciplin nicht ab. Vielmehr zeigten ſie ſich als die Ereifertſten, und glaubten die Sünde ihrer Brüder durch ihre Entrüſtung zu verbeſſern Zum Ueberfluß des ausgeführten Streiches hielten auch beſonders die Narren und die Nelken die Namen Derer nicht geheim, die ſie bei der nächtlichen Valentins⸗ Andacht angetroffen hatten, worunter denn auch Alder⸗ männer und Hofleute mit angeſehenen Frauen waren. —2 78— n eine agende jauch⸗ andere te ihre rubigen m auch rudern hielten Namen entins⸗ Alder⸗ waren 219 Da man aber weder den Narren noch den Nelken viel anhaben konnte, ſo mußten die Schauſpieler und Dichter für Alle herhalten. Der puritaniſche Eifer gegen die Bühne konnte zwar kaum noch zunehmen; aber die Un⸗ gunſt des Hofes und der Stadtvorſtände fand hinter alten, außer Uebung gekommenen Verordnungen gegen die Theater einen Hinterhalt, um zur Unterdrückung einzelner Bühnen und zur Einſchränkung anderer thätig zu werden. Daß auch neue feindſelige Maßregeln zubereitet würden, war bald genug mit Grund zu beſorgen; ja es war zu fürchten, daß man auch kleine und gemeine Rachemittel nicht verſchmähen werde. Man ward nämlich bald inne, daß die Handwerksgeſellen verſchiedener Innungen von den Puritanern bearbeitet wurden; man merkte viel Geld in den Händen der Altgeſellen und nahm an Feierabenden Zuſammenrottungen wahr.— William ſtand zwar jetzt bei ſeinem zurückgezogenen Umgang ſolchen Beobachtungen nicht nahe; dennoch ſollte er zufällig einer der erſten Zeu⸗ gen eines Vorgangs ſein, der offenbar aus Rache für jenen tollen Streich hervorging, an welchem der Freund kaum mehr Antheil, als den eines lachenden Zuſchauers gehabt hatte. Sechstes Kapitel. Den Faſtnachtdienſtag bei freundlichem Wetter holte Wil⸗ liam gleich nach dem Mittageſſen ſeinen philoſophiſchen Freund Bacon ab, um mit ihm einen Gang nach St.⸗ Giles zu machen. Er wollte Milliſent ſehen, um Ayl— ford's Anfrage nach ihrem Befinden recht beſtimmt zu beantworten. Er ſteckte das Wochengeld zu ſich, das bisher Thekla oder Nelly beſorgt hatte. Beide Freunde ſetzten ſich an der Quelle unter dem breiten Apfelbaume nieder, der ſchon, von reichlichem Früh⸗ lingsſafte durchdrungen, an Stamm und Aeſten grünlich ſchimmerte. Sie athmeten mit Behagen die laue Luft. Man hörte das Toſen der Stadt hinter den ſtillen Hüt⸗ ten des Dörfchens; indeß der Blick ſüdweſtlich die Oxford⸗ ſtraße entlang und nach Piccadilly hinab über offenes Feld und kahle Bäume ſchweifte, und ſich in die leiſen Nebel verlor, die um die entfernteren Gegenſtände webten. Zuweilen blickten die Freunde nach der von Epheu um⸗ rankten Hütte gegenüber, und das Andenken an den ge⸗ heimnißvollen Kranken regte eine ſanfte Wehmuth an. Es herrſcht hier eine ſo lockende Stille, bemerkte Bacon, daß ſich, ſo zu ſagen, ein Geheimniß meiner Bruſt hervordrängt. Wir nehmen Beide den ängſtlichſten Antheil am Schickſal des Grafen Eſſex. Wißt Ihr denn, welch' ein gefährliches Spiel er treibt? Ihr habt neulich gefta auls Ce! dung auch aber ſelb 22 gefragt, warum wol die Königin einige Truppen wieder aus Irland zurückziehe, wo ſolche doch ſo nöthig ſeien. Es hieß damals, es geſchähe aus Furcht vor einer Lan⸗ dung der Spanier in England. Dieſer Grund wurde auch dem Grafen Eſſex gegeben. Ich kann Euch jetzt aber im Vertrauen ſagen, daß es aus Furcht vor Eſſex ſelbſt geſchieht, dem man verrätheriſche Abſichten zutraut. Ha! rief William entrüſtet. Ich ſehe, des Grafen Feinde bei Hofe ſind boshafter, als ich mir dachte. Bacon zuckte die Achſel, und fuhr fort: So viel iſt gewiß, daß der Graf eine geheime Unterhandlung mit dem Rebellen Tyrone führt, und daß beide ſich einige Mal mündlich beſprochen haben. Eſſex hat dem Rebellen aus⸗ drücklich erklärt, daß er ihn, wenn er ſich ihm fügen wolle, zum größten Manne in England machen werde. Ich finde darin noch nichts Verbrecheriſches, noch kei⸗ nen Verrath, verſetzte William. Ihr ſelbſt habt mir jüngſt geſagt, der Graf habe Tyrone's Heer ſtärker ge⸗ funden, als das königliche iſt. Muß er da nicht friedliche Mittel verſuchen, um die Empörung bei nicht zureichender Gewalt mit Güte zu bezwingen? Und Befriedigung eines angeborenen und übergreifenden Ehrgeizes iſt gegen Rebel⸗ len doch das wirkſamſte Mittel, ihrem ungemeſſenen und irren Trachten Ziel und Maß zu ſetzen. Es bleibt immer gar ſchwer zu beſtimmen, meinte Bacon, wieviel man unter ſolchen Umſtänden verſuchen, und wieweit auf ſo ſchlüpfrigem Wege gerade ein ſo ei⸗ genwilliger Mann, wie Eſſex, ſich wagen dürfe. Denn auch ihn treibt ein ungemeſſener Ehrgeiz. Und mit dem Ehrgeiz iſt es, wie mit der Galle. Dieſe Feuchtigkeit macht die Menſchen thätig, munter und eifrig, ſo lange ſie nicht verſtopft iſt. Wird ſie dies aber, und kann ſich nicht ergießen, ſo brennt ſie an, wird bösartig und giftig. So der Ehrgeizige. So lange ihm der Weg zum Em⸗ porſteigen offen ſteht, iſt er mehr geſchäftig als gefähr⸗ lich; hemmt man ihn aber in ſeinen Begierden, ſo wird er insgeheim unzufrieden, ſieht die ganze Welt ſcheel an und iſt am vergnügteſten, wenn Alles rückwärts geht. Eben kam Milliſent aus der Hütte, um Waſſer zu holen Gott grüß' Euch, beſte Frau! ſagte William. Was macht Sir Edmund, Euer Kranker? Er iſt ſehr ſchwach, ſagte ſie mit weicher Stimme Er redet jetzt öfter irre und unterhält ſich mit Geſtalten ſeiner Einbildung. Ach, das iſt betrübt anzuhören! Ich fürchte, das Frühjahr— Sie konnte nicht ausreden. Ihre ſchwimmenden Augen floſſen über, und ſie verweilte zum Brünnchen gebückt länger als nöthig war, um zu ſchöpfen. Das Frühjahr greift auch die Geſunden an, ſagte Bacon. Wenn er aber ſo viel mit ſich ſelber ſpricht, ſo hat er vielleicht etwas auf dem Herzen, und Ihr müßt ihn zu vertraulicher Mittheilung bewegen. Man kann Saſſaparille einnehmen zur Oeffnung der Milz, Schwe⸗ felblüte für die Lunge, Bibergeil für das Gehirn; aber keine Mediein öffnet das Herz, als ein Freund oder eine Freundin, der man Leid und Freude, Furcht und Hoff⸗ nung, Verdacht und was immer ſchwer auf dem Herzen liegt, mittheilen kann, gleichſam wie in einer weltlichen Gehei ſein! ſonde auch anne aus ten. Ku hör 223 Beichte. Vielleicht aber ſetzt ihm das Frühjahr nur ſo zu, um ihn gründlicher herzuſtellen. Gott geb' es! Ich bete darum, ſagte Milliſent. Aber Geheimniſſe hat er nicht, die ich nicht ſchon kennte. Nur ſein Name iſt noch ein Geheimniß, aber nicht der Schuld, ſondern des Unglücks. Fürchtet ſich Sir Edmund vor dem Tode? fragte William. Er ſpricht niemals vom Tode. Ich bin unſterblich! ruft er ſtündlich aus.— Aber um meine Zukunft ſcheint er ſich Kummer zu machen. Beruhigt ihn darüber! fiel William ein. Ihr werdet auch im betrübteſten Falle Freunde finden, die ſich Eurer annehmen, gute Milliſent,— Freunde, die ſich jetzt nur aus Achtung vor der Einſamkeit Eures Gatten zurückhal⸗ ten. Macht Euch ja darüber keine Sorge zu Euerm vielen Kummer! Ach! ich ſelber mache mir keine! betheuerte ſie. Ich höre die Sperlinge auf meinem Dache ſingen, ich ſehe das Epheu an meiner Hütte grünen, und— ich habe ſo wohlthätige Menſchen gefunden! Sie erröthete und ſchlug den Blick nieder. William faßte ihre Hand, und indem er das Geld hineindrückte, ſagte er leiſe: Nelly läßt Euch grüßen; ſie konnte nicht ſelber kommen. Laut ſetzte er dann hinzu: Laßt mich dieſe Hand drücken, die einen Kranken pflegt. Ich weiß, liebe Milliſent, was eine ſo zarte Hand vermag. Der Tod ſelbſt läßt ſeine Beute fahren, wenn eine ſo fromme Hand ſie feſthält, und mit ihm ringt.— Indem er ihre zuckende Hand küßte, ſetzte er hinzu: dieſe Verehrung in meinem und in Aylford's Namen! — — 2 G 0 d 4 Leiſe und hocherröthend erwiderte ſie: Grüßt ihn! Ich bin dem edeln Manne für manche Wohlthat verpflichtet. Sie verneigte ſich mit niedergeſchlagenen Augen, und ſchwebte mit dem Waſſerkruge nach der Hütte. Die beiden Freunde, die nun hinter ihr aufbrachen, hatten nicht lange Zeit, ſich über die rührend-holdſelige Milliſent zu beſprechen; denn ein Schreien und Lärmen auffallender Art, ließ ſich vom nahen Drurylane her ver⸗ nehmen. Sie eilten dahin und ſahen, daß ein ſtarker Troß von Handwerksgeſellen daran war, das Phönix⸗ Theater zu erbrechen und zu zerſtören. Mit Brecheiſen, Aexten, Sägen, Meiſeln und dergleichen Inſtrumenten fanden ſie an dem leichten Bau wenig Widerſtand. Bald wirbelte ein gräßlicher Staub aus den abgeriſſenen Bre⸗ tern, eingeſtoßenen Backſteinwänden und angehauenen Bal⸗ ken hervor. Die Staubwolken fielen in das Gedränge des Pöbels, der gedankenlos und einer Gewaltthat froh, das fürchterlichſte Beifallsgeſchrei erhob. Da wäre es Thorheit geweſen, abzuwehren oder aufhalten zu wollen, zumal es nicht an Puritanern fehlte, die von allen Sei⸗ ten das Volk auffoderten, an dieſem gottgefälligen Werke Theil zu nehmen.— Feuer herbei! Raſches Feuer! Der Phönix liebt in Flammen außzugehen! riefen Etliche in gräulichem Scherz. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ein Friedensrichter mit Conſtablern und Wächtern nach dieſem entlegenen Platze kam.— Die Wächter trieben zwar mit ihren Aexten, wie man die Hellebarden nannte, das Gedränge auseinander, und die Glocke des Beamten gebot Halt und Stille. Allein die Zerſtörenden beriefen ſich von ihrer Knü bäut ſtur ſtarker hönix⸗ bojſon ſcheiſen, menten richter egenen 9 ihren dränge lt und 6 lhlel Höhe herab auf ihr Privileg, am Faſtnachtdienstag ein verdächtiges Haus zerſtören zu dürfen.— Wir ſind in Ausübung unſers Privilegs begriffen! hieß es. Wer darf uns hemmen? Die Privilegien hoch! Sie ſind in ihrem Recht! ſchrieen die Puritaner. Sie zer⸗ ſtören ein verdächtiges Haus. Steht ihnen bei, ihr Bürger! Drauf los, drauf los! brüllte die Menge.— Knüttel, Knüttel! ſchrieen Einzelne. Die Wuth der auf dem Ge⸗ bäude Handirenden war nur noch mehr angefacht. Einige ſtürzten in der Haſt herab, und mußten mit zerbrochenen und gequetſchten Gliedern weggetragen werden; doch auch dieſes hemmte die Gewaltthätigkeit nicht. Unerwartet kam jetzt vom Strande her eine neue Bewegung in das Gedränge; neues Geſchrei, neue Lo⸗ ſung des Kampfes. Die Menge wich auseinander, und eine ſtarke Schar Bewaffneter,— Schauſpieler, Freunde des Theaters und raſch geworbene Helfer brachen auf die Zerſtörenden los. Die Handwerker ſtanden von ihrer Arbeit ab, und ſetzten ſich mit denſelben Inſtrumenten zur Wehr, mit welchen ſie eben verwüſtet hatten. Das Volk rottete ſich gleich in Parteien, und ſchlug ſich gro⸗ ßentheils, entweder aus einem gewiſſen Rechtsgefühl, oder weil es unter den Schauſpielern ſeine Lieblinge ſah, auf die Seite Derjenigen, die ihren Theaterbeſitz vertheidigten Ein blutiger Kampf entſtand, in welchen ſich nun die Conſtabler und Wächter ebenfalls zu Gunſten des Ge⸗ bäudes miſchten, ſodaß die Handwerksgeſellen bald wei⸗— chen mußten, und ſich kämpfend nach Holbourne zurück⸗ zogen, wo ſie ſich über Gartenmauern und in winklige Gäßchen jenes Quartiers retteten. Koenig, William Shakſpeare. II. 15 226 —— 4 William war im Gedränge von Bacon's Seite weg⸗ bin m geſchoben worden, und zog ſich, von dieſen Vorgängen habe, , niedergeſchlagen, bis an den Strand zurück.— Wie er ſinen 1 in trübſeligem Nachdenken am Eſſer⸗Palaſt vorübergeht, D 4 tritt Southampton heraus. Erſchrocken, ſtaunend, zwei⸗ dein felnd empfängt William den Freund, der in ſeine Arme eilt. wort Welch' eine gute Vorbedeutung! rief der Graf nach das den erſten, lebhaften Begrüßungslauten. Du, mein Freund, der erſte Menſch, der mir in London begegnet? Du mein Au geneſener, wiedergefundener, neugewonnener Freund! uf Wiederholte Umarmungen, lebhafte Wechſelfragen, er⸗ neute Verſicherungen, friſche Vorſätze folgten den ſtürmi⸗ nigi ſchen Wechſelreden.— Wir kommen eben aus Irland an, viel erzählte endlich Southampton, und ſind einem kleinen Ge⸗ Lo d folge vorausgeritten. Ich habe Eſſex nur in ſeinem Hauſe nu angemeldet, denn er ſelber iſt von der Straße aus nach me Weſtminſter geeilt,— in den ſchmutzigſten Reiſekleidern, ar beſprützt, wie du einmal ſagſt, mit jedes Bodens Unter⸗ w ſchied, über den wir geritten ſind. Mit einem kühnen d Griffe will Eſſer der Königin Gunſt, die er durch tückiſche Gegner ſich entwendet glaubt, wieder an ſich reißen. — Um des Himmels willen! rief William. Wird ſie ihn nicht als Verräther empfangen, der die Armee und 1 die Sache des Vaterlandes verlaſſen habe? Southampton zuckte die Achſel.— Ich habe ihm von Manchem abgerathen, ſagte er, aber du weißt, der Graf 4 läßt ſich nicht einreden; er thut einen kühnen Wurf, und gewinnt oder verliert, nicht nach Verſtand, ſondern nach Glück. Diesmal freilich ſteht Alles auf dem Spiel. Ich e weg⸗ gängen Wie er ergeht, zwei⸗ m ſeine f nach Freund, zu mein en, er⸗ ſtüͤrmi⸗ nd an, en Ge⸗ Hauſe 3 nach leidern, Unter⸗ kühnen uckiſche n gird ſie re und hm von r Graf f, und m nach Ich 1 227 bin nur froh, daß ich ihn von dem Gedanken abgebracht habe, einen Theil des Heeres mit ſich zu nehmen, um ſeinen Feinden zu trotzen. Und du? Wie kommſt du ſo glücklicherweiſe mit, Heinrich? fragte der Dichter. Da Eſſex durchaus auf dieſem Schritte beſtand, ant⸗ wortete Southampton, ſo habe ich ihn vermocht, mir erſt das Commando der Reiterei abzunehmen. Richtig! Warum hört er dich nicht! rief William Alle Verantwortlichkeit während ſeiner Entfernung hätte auf dir gelegen. Nicht darum, nein! antwortete der Graf. Die Kö⸗ nigin, weißt du, iſt höchſt unzufrieden, daß der Graf ſo viel Ritter ernannt, beſonders aber, daß er mir jenen Poſten anvertraut hat. Vielleicht, wenn die Monarchin nun hört, daß er mir das Commando wieder abgenom⸗ men, mäßigt ſich ihr zorniger Empfang des unerwartet angekommenen Feldherrn, ſein Wagniß wird vielleicht für weniger waghalſig angeſehen, und die Königin findet an dieſem Stück Gehorſam eine Handhabe der Gnade. Edler Mann, liebevoller, aufopfernder Freund! rief William, und drückte den Grafen an ſeine Bruſt. Sie waren unterdeß dem nach Holbourne abziehenden Volkstumulte näher gekommen, und erblickten den von der Zerſtrung angenagten Phönix. William ſagte: Siehe da die böſe Vorbedeutung deiner Ankunft! Heut haben dieſe Puritaner den erſten, wenn auch nur halben Sieg davongetragen. Die drohende Zukunft, die ſchwarz ver⸗ hüllt vor uns hing, hat ihren erſten Ausbruch gefunden 15* — — Mir ahnet eine Zeit, da durch eine Parlaments⸗Akte die Kunſt, die Poeſie, die edle Freude aus Albion verbannt werden. Vor der Ueberſchlämmung des Meeres hat die Natur dieſen ſtrahlenden Smaragd geſchützt: wer aber ſchirmt unſere Zukunft vor der Sündflut der Frömmelei und vor dem Anhauche der Verſteinerung? Hochmuth und Arbeit werden eine neue Dynaſtie gründen, die un⸗ ſere Geiſter beherrſcht; der Spleen wird Prinz von Wales ſein und die Volksnoth ſeine natürliche Schwe⸗ ſter. Schon iſt das Handwerk im Bunde mit dem Pu⸗ ritanismus; die Hungersnoth iſt nahe, vielleicht auch die Peſt; wir ſchließen die Theater, und ziehen gelblederne Strümpfe an! Der Graf lachte, und ſuchte den Freund zu beruhigen. Das ſind Bedrohniſſe einer ungewiſſen Zukunft, ſagte er. Hätten wir keine nähern Gefahren, bei denen unſer klo⸗ pfendes Herz bangt! Doch will ich gern dieſen Phönix als Vorbedeutung für unſern Gönner Eſſex gelten laſſen: dieſer Bau, von ſeinen Feinden angegriffen, hat doch nicht zerſtört werden koͤnnen, und bald wieder her⸗ geſtellt, wird er die alte Macht auf die Herzen der Menſchen üben. lkte die rbannt jat die taber mmelei chmuth ie un⸗ z von Schwe⸗ n Pu— uch die lederne higen. gie er. r klo⸗ Phönir laſſen doch her⸗ n der Siebentes Kapitel. Am andern Morgen kam Southampton ſchon früh zu William, um ihn zum Grafen Eſſer abzuholen.— Was der Mann für ein Glück hat! rief er. Es geht ins Er⸗ ſtaunliche, ja ich möchte ſagen, es geht ins Verhängniß⸗ volle! Ich war geſtern Abend noch bei ihm aus Angſt wegen ſeines Empfangs bei der Königin. Nun höre! Wie er den Palaſt betritt, ſchrickt Alles vor ſeinem plötz⸗ lichen Erſcheinen oder vielleicht auch nur vor ſeinem un⸗ ſchicklichen Anzuge zurück. Er hört, die Königin ſei un⸗ wohl und eben im Begriff, von ihrem Bette aufzuſtehen Nun denke dir! Das hält ihn nicht ab, durch alle Zim⸗ mer bis zum Schlafgemache der Monarchin zu dringen. Wie ſie daſteht im Unterkleide mit aufgelöſtem Haare, wirft er ſich vor ihr nieder, bekennt ſeine Schuld, fleht um Gnade. Nun, addirt einmal das Negligé einer Kö⸗ nigin und den ſchmutzigen Anzug ihres Feldherrn, und ſieh', welche Summe von Gnade oder Ungnade heraus⸗ kommt. Ich möoͤchte ſagen, nach demſelben Geſetze, wie zwei ungerade Zahlen eine gerade geben, verband ſich hier die zweite Urſache zur Ungnade mit der erſten, ſeiner unbefugten Abreiſe aus Irland nämlich— und beide brachten ihm die freundlichſte Aufnahme zu Wege. Die Monarchin hat ihre Umgebung weggewinkt, hebt den Knieenden auf, lächelt ihm zu, höͤrt ſeine Beſchwerden — —— und Klagen an, und empfängt ihn nach ihrer Ankleidung zum zweiten Mal. Diesmal nun ein wenig gereizt, un⸗ einig mit ſich, oder— wie Eſſer glaubt, von der in⸗ zwiſchen eingetretenen Gräfin Nottingham gegen ihn auf⸗ geregt. Deſſenungeachtet begrüßen ihn beim Weggehen Herren und Frauen, die kaum noch vor ihm geflohen wa⸗ ren, bis auf die Anhänger des Staatsſecretairs Burleigh, die ſich zurückziehen. Was ſagſt du dazu? William bezeigte ſein Vergnügen über dieſen uner⸗ warteten Ausgang.— Nur fällt mir der Königin be⸗ denklicher Wahlſpruch ein, ſagte er: Taceo, video! Doch, denk' ich, wenn eine Monarchin ſieht und— ſchweigt, ſo iſt nichts zu fürchten. Gehen wir alſo getroſt! Er eilte, mit Southampton, ſich dem Grafen vorzu⸗ ſtellen, ehe dieſer in die Strudel des Tags und der Ge⸗ ſchäfte gezogen würde. Graf Eſſex hatte ſich verſchlafen, und war eben noch im Ankleiden begriffen. Beide mußten alſo warten, und zogen ſich in ein Seitengemach zurück, wo ſie ſich an den Kamin ſetzten.— Ich kann dir nicht ausdrücken, mein William, wie ſehr ich mich auf das nahe Frühjahr freue, ſagte Southampton. Ich habe mir in dieſer großentheils ſchlaflos zugebrachten Nacht meine nächſte Zukunft aus⸗ geträumt. Southamptonhouſe, von meiner Mutter ver⸗ laſſen, kam mir öde, einſam, betrübend vor. Nach Ir⸗ land gehe ich nicht wieder zurück, auch wenn Eſſer den Oberbefehl behalten ſollte. Nein! Ich will vielmehr ſchnell und heimlich Anſtalten zu meiner Vermählung treffen; mit oder gegen Zuſtimmung der Königin,— mir einerlei! Ich Eliſa⸗ ſhehe zubri ſten, nen Freu meit wu Do 231 leidung Ich heirathe. Ich will froh werden im Beſitze meiner t, un⸗ Eliſabeth. Die Vermählung ſoll ſtill auf dem Lande ge⸗ der in⸗ ſchehen, und dort denke ich auch die gute Jahreszeit zu⸗ n auf⸗ zubringen. Unter Knospen und Blüten will ich den ſchön⸗ eggehen ſten, ſüßeſten Mai der Liebe feiern. Aber ich konnte mei⸗ den ſ⸗ nen lieben Traum nicht abſchließen, ohne auch dich, mein urleigh Freund, mit hineinzuweben. Zu meiner Eliſabeth und meiner Liebe gehörſt auch du mit deiner Poeſie. Mehr uncr⸗ wünſche ich nicht; aber es dürfte auch nichts daran fehlen. gin be⸗ Doch ſollſt du kein bloßer Zeuge meines Glückes ſein, 1Doch, ſondern es im ganzen Umfange mitgenießen. Ich denke 1 nämlich an deine Verbindung mit Thekla. Sollte ſie mit ihren Verhältniſſen noch nicht im Klaren ſein: ſo könnt ihr euch gerade auf dem Lande über Vieles hinwegſetzen, eigt, ſo ſh was uns in London beengt und benagt. Wir ziehen auf die entfernt und traulich gelegenen Güter meiner Eli⸗ ſabeth. Ueberleg' es dir, William, und dann ſprechen wir mehr davon. Ich meine nur, was deine Verbindung en wi mit Thekla betrifft; denn wie du dich einrichteſt, ſoll dir n um keine Sorge machen, das iſt meine Sache, und darin * de mußt du mir freie Hand laſſen. a meln William hatte nachdenklich zugehört. Ein reizendes t ſurle Bild ländlichen Lebens lockte und umgaukelte ihn. Doch enthei regten ſich Zweifel und Beſorgniſſe, die er ſich nicht als⸗ ft aus bald klar machen konnte.— Wie froh würde ich nicht in tr vel deinem Paradieſe ſein! rief er aus. Wie glücklich macht ach I⸗ es mich ſchon, daß du mich ſo mit hineinträumſt, treuer, ſer den unwandelbarer Freund! Weißt du, was mich betrübt, ſchnell was mich niederbeugt? Deine Mutter, deine Schweſter nfiui denken anders von mir,— ſie misachten mich! einerlei 232 Wir hätten jetzt noch nicht davon reden ſollen, erwi⸗ derte nicht ohne Befangenheit der Graf. Das erfodert Erklärungen, Mittheilungen, die— ich meine, die nur im rechten Augenblicke geſchehen können. Beruhige dich, mein Freund! Es ſind Misverſtändniſſe, die ſich löſen laſſen, und hinter denen du das Verlorene wiederfindeſt. Ich werde dir zur rechten Zeit ſagen, was du dabei zu thun haſt, und ich ſehe dir ſchon an, daß du es an dir nicht wirſt fehlen laſſen. Sie wurden zum Grafen beſchieden, und fanden ihn nach Hofe zu fahren gerüſtet. Eſſer empfing den Dichter ſehr freundlich, wiewol mit auffallender Herabſtimmung ſeines ſonſt aufgeregten Weſens.— Ich bin noch ein we⸗ nig erſchöpft, von dem heftigen Ritt und manchen über⸗ ſtandenen Verdruſſen, ſagte er. Und nachdem er mit Bedauern des Unfalls gedacht, der dem Freunde begegnet war, ſetzte er hinzu: Ich hoffe, der Feldzug in Irland wird mit der beſſern Jahreszeit auch eine beſſere Wen⸗ dung nehmen. Auch werde ich meine Operationen ändern. Denke dir, Heinrich, fuhr er gegen Southampton fort, ich bin dieſe Nacht durch Nachdenken und Gedankenver⸗ bindung auf die Vermuthung, ja auf die Spur des Spitzbuben gekommen, der den Irländern unſere Abſichten und Plane verrathen hat. Ich laſſe mich hängen, wenn es nicht unſer Unterhändler iſt. Ich kenne ihn von an⸗ dern Geſchäften her als Achſelträger, und umſonſt iſt uns der Spitzbube nicht gleich wieder hierher nachgereiſt. Ich bitte dich, faß' ihn ins Auge und ſuche herauszubringen, welche Verbindungen er in meiner Kanzlei gehabt hat. löſen ndeſt. ei zu n dir we⸗ uber⸗ mit egnet rland ₰ Er muß die genaueſten Mittheilungen erhalten haben Ich bin von Verräthern umgeben. Was! Er iſt wieder hier? fragte Southampton. Ja wol! antwortete Eſſex. Er iſt dieſe Nacht mit meinem Gefolge eingetroffen. Er hat meinen Leuten ge⸗ ſagt, er halte ſich drüben nicht mehr für ſicher, weil er uns uneigennützige Dienſte geleiſtet habe. O du uneigen— nütziger Spitzbube!— du ſollſt dafür an dem groß⸗ müthigſten Stricke aufgeknüpft werden. Sir William, wendete ſich dann Eſſex wieder an unſern Freund. Cuer Pferd iſt hier geblieben, ich werde es Euch ſchicken, es iſt Euer. Reitet fleißig, um Euch zu erkräftigen. Ihr wer⸗ det mich hoffentlich nach Irland begleiten können. Ihr ſollt aber nicht gleich angeſtrengt werden. Morgen früh— In dieſem Augenblicke ward ein Herr von Hofe ge⸗ meldet, und trat auch gleich hinter dem anmeldenden Be⸗ dienten ein. Den freundlich ihm entgegenkommenden Gra⸗ fen wies er mit vorgeſtreckter Hand zurück, indem er ein verſiegeltes Schreiben hervorzog, und übergab. Eſſer erbrach und las es. Er ſetzte ſich wie in einer Anwandlung von Schwäche nieder, küßte das Schreiben, und ſagte ganz ſanft: Ich ſtehe in der Hand meiner gnä⸗ digen Monarchin! Geht, meine Freunde! Verlaßt mich! Mir iſt befohlen, mich einſam auf mein Zimmer zu be⸗ ſchränken, und eine Deputation des Staatsraths zu ge⸗ wärtigen, vor der ich mich wegen meines Benehmens in Irland, wegen meiner— wie es hier heißt—„Deſer⸗ tion“ und wegen meines Eindringens in der Königin Schlafgemach verantworten ſoll. —— — 234 Und daß Euch bei aller Strenge der Hof unterſagt iſt! rief der Höfling mit wichtiger Miene und Geberde. Wohlbemerkt, mein ſehr ſcharfſinniger Botſchafter! verſetzte Eſſer. Wenn ich mein Zimmer hüten muß, werde ich freilich nicht nach Hofe kommen können. Ver⸗ laßt mich, meine Freunde! Ich bin zur Einſamkeit verur⸗ theilt, ich bin mit Ungnade gebrandmarkt. Geht! Southampton warf ſich in heftigem Schmerz an des Vetters Bruſt, und William küßte gerührt ſeines Gön⸗ ners dargereichte Hand. So entfernten ſie ſich mit ban⸗ gem, bekümmertem Herzen. Achtes Kapitel. Die Loſung zu Beſorgniſſen und Unruhen der quälend⸗ ſten Art war nun gegeben. Der alte Parteikampf zwi⸗ ſchen Eſſer und ſeinen Gegnern entbrannte mit neuer Wuth, und noch niemals war ſo eigenthümlich wie jetzt das Herz der Königin ſelbſt ein Herd des öffentlichen Zwiſtes geweſen. In ihrer eigenen leidenſchaftlichen Bruſt ſtritten die zwei feindſeligen Kräfte, die außer ihr ſich bekämpften. Denn auch ohne den Wechſeleinfluß beider Parteien ſchwankte ſie in ihrer Geſinnung für und wider den alten Günſtling. Heute ſprach ſie mild, morgen im Zorne von ihm; heut ordnete ſie die ſtrengſten Maßregeln gegen ihn an, morgen ließ ſie ihm einen freundlichen Troſt überbringen. Die ſeltſame Lage war vorhanden, daß zwei Parteien nicht dahin ſtrebten, die Monarchin für ſich einzunehmen, ſondern ſie nur in einer ihrer wech⸗ ſelnden Stimmungen, hier für, dort wider den Grafen feſtzuhalten. Eſſex hatte eine Blöße gegeben, die ſeine Feinde zu einem Todesſtoße benutzen wollten, während ſeine Freunde einſahen, daß ſie mit einem ſo kühnen Wurf ihres Gönners Alles gewinnen könnten. Niemand aber wußte ſich dieſen tiefeigenen Widerſpruch im Herzen Eliſabeth's zu erklären. Vielleicht traf nur unſer Freund William mit ſeinem Seelenblick den rechten Grund; indem er dieſen Wechſel zwiſchen Gunſt und Groll auf jenen Doppelempfang des eben zurückgekehrten Grafen zurück führte.— Ihre Gunſt, ſagte er, haftet an dem Unter⸗ rocke und im aufgelöſten Haar; ihr Groll ſitzt in ihrem ſeidenen Mäntelchen und ihren falſchen Locken. Die Em⸗ pfindungen einer liebenden Dame werden ja doch von ihrem Anzuge mehr oder weniger bedeckt. Im Unterkleide war ſie Weib, im Mantel aber Königin; dort zum Verzeihen, hier zum Verurtheilen angeregt. Ich nehme deine Erklärung in dem Sinne, lachte Graf Heinrich, daß die Königin erſt unterm Ankleiden ſich beſonnen haben mag, wie der ſpöttiſche Eſſer ſie vor⸗ her überraſcht und in einem Zuſtande geſehen hatte, der jetzt keineswegs mehr ſo reizend iſt, als ſie es in den erſten Augenblicken ſeiner Ueberraſchung vielleicht geträumt hat. Je nachdem nun in den wechſelnden Stunden bald die erſte ſüße Eitelkeit, bald die zweite brennende Beſchä⸗ mung die Oberhand gewinnt, regt ſich für den Grafen ein huldreiches oder ein rachſüchtiges Herz. Nicht weniger als die wandelbare Stimmung der Kö⸗ nigin war das Benehmen des Grafen Eſſex auffallend. Er zeigte unwandelbare Gelaſſenheit und Unterwerfung. Wiederholte Schreiben an die Königin athmeten faſt Er⸗ niedrigung. Er flehte um nichts als Freiheit, damit er ſich auf ſeine fernſten einſamſten Beſitzungen zurückziehen könne.— Zwiſchen meinem Verderben und meiner Für⸗ ſtin Gunſt iſt kein Zwiſchending, ſchrieb er unter Anderm, und wenn ſie mir wieder ihre Huld gewährt, ſo gibt ſie mir damit alle Dinge, die ich auf der Welt nöthig habe und wünſchen mag.— Eſſer ließ nur ſeine nächſten An⸗ gehörigen vor ſich, um der Königin ja nicht zu misfallen; ſeine Bedienten mußten in Trauer gehen, und durften ſich bei keinem öffentlichen Vergnügen ſehen laſſen. Seine Anhängerſchaft hatte ſich jetzt ſehr vermindert. Zu den Wenigen, die ihre Anhänglichkeit zu bezeigen, nach ihres Gönners Palaſt gingen, um nach deſſen Befinden zu fragen, gehörte William. Und wie nun Eſſex, ſeinem großmüthigen Hang nach, aus ſeiner Haft gern Artigkei⸗ ten erzeigte, ſo ließ er auch dem Dichter das ſchöne Pferd zuführen, das William früher geritten hatte. Den Freunden des Grafen war dieſe ungewöhnliche Milde des ſonſt ſo gern ungeberdigen und hochfahrenden Mannes, wenn auch befremdlich, doch ganz recht, um deſto leichter bei der Monarchin für ihn zu wirken. Es läßt ſich denken, daß beſonders auch Southampton in dieſe Sorgen tief verſchlungen war. Er beſuchte faſt täg⸗ lich ſeinen poetiſchen Freund, um ſich bei einem guten Geſpräche von den Parteihändeln zu erholen, aber eben ſo ſelten, als er jetzt an ſeine eigene Vermählung dachte, 237 ſprach er von William's Verbindung, und von einem Beſuche bei Thekla war keine Rede mehr. Im Stillen hatte Southampton eine ihm unerklärliche Scheu vor der räthſelhaften Geliebten des Freundes gefaßt. Er hätte ſie gern erſt einmal ſelbſt unbemerkt geſehen, aber um Alles keinen zweiten Vorſchlag hierzu machen mögen, weil er nie ohne eine faſt abergläubige Angſt an die für Wil⸗ liam ſo ſchrecklich abgelaufene erſte Verabredung denken konnte. Aus ſolcher Befangenheit unterließ es der Graf auch, die Herzensangelegenheit William's weiter zur Sprache zu bringen, und ſuchte nur durch eigenes unbe⸗ dingtes Vertrauen auch den Freund zur Vertraulichkeit zu ermuntern. In dieſen Tagen bildete ſich jene freundſchaft- liche Zärtlichkeit des Grafen für den Dichter aus, die die⸗ ſer mit manchen ſchönen Sonetten erwiderte. Denn ſo ſehr unſer William im geſelligen Umgang mit Freunden und Genoſſen um ſeiner unbefangenen, milden Fröhlich⸗ keit, ſeines Witzes und ſeiner Schwärmerei willen geliebt und geſucht war, behielt er doch im zärtlichen Erguß gegen einen Mann eine gewiſſe Sprödigkeit an ſich. Er ſprach daher manche im Umgang zurückgehaltene Empfindung für Southampton lieber in Verſen aus, und vergütete ſo die Kargheit des Augenblicks durch einen bleibenden Ausdruck Da Southampton, gerade um ſich von verdrießlichen Angelegenheiten zu erholen, William's Umgang ſuchte, und überdies vor des Dichters ruhiger, ſchaffender Stim⸗ mung eine hohe Achtung hatte: ſo zog er ihn nicht gern in die Verwirrungen des Tages und theilte ihm nur die Vorfälle mit, nach denen William ſelbſt aus Intereſſe — — — — — 238 für Eſſer fragte. So kam denn die Rede auch nicht auf Lasko. William hatte dieſes Oheims ſeiner Geliebten gegen Southampton nie gedacht; Thekla hatte es nicht gewünſcht, und der Freund keinen Anlaß dazu gefunden. Wirklich war Lasko aus Irland zurückgeeilt, um in London zu wachen, was es mit Eſſex und den weitern Unternehmungen gegen die Rebellen werden würde. Auf den Wink des gefangenen Eſſer ließ ihn Southampton durch vertraute Leute auf allen Schritten beobachten. Um ihn geradezu anzupacken, fehlte es an Beweiſen. Lasko hätte viel eher darthun können, welche Dienſte er dem Grafen Eſſer geleiſtet habe. Dieſe Dienſte waren zum Theil von der Art, daß der Graf ſeinen Unterhändler ſchonen mußte, um ihn nicht den Gegnern in die Hände zu treiben, die ihn vielleicht gegen Eſſex ſelbſt hätten brauchen können. Es war daher Southampton's Abſicht, den verdächtigen Mann gewähren zu laſſen, und nur deſſen Verbindungen auszuforſchen, um auf die Spur des Verräthers zu kommen, von dem Lasko die Mittheilun gen aus der Kriegskanzlei erhalten hatte. Während deſſen trug ſich Manches zu, was die Lage des in Ungnade gefallenen Eſſer verſchlimmern mußte. Lord Montjoy hatte nämlich aus Freundſchaft für Eſſer, um auf ihn den Schein einer Unentbehrlichkeit zu werfen, den ihm angebotenen Oberbefehl in Irland abgelehnt, und der Feldzug kam dadurch ins Stocken. Hauptleute, Offi⸗ ziere und gemeine Freiwillige aller Waffengattungen kehr⸗ ten nach England zurück. So drohte hinter dem zuerſt ausgebrochenen Schlußſteine nach und nach das ganze Ge⸗ bäude der irländiſchen Unternehmung zu zerfallen. Die 239 Stadt ward wieder von dem ſich auflöſenden Heere be⸗ lebt, wie ſie es früher von dem ſich bildenden geweſen war. Die Monarchin gerieth in Beſorgniß; Graf Eſſer ward dem Lord Siegelbewahrer übergeben, der ihn nach Yorkhouſe brachte und vor jedem Beſuch und Briefwechſel abſchloß. Jene ungeordneten Haufen Kriegsleute fanden ihre Luſt darin, unordentlich zu leben. Die ſich aus dem fe⸗ ſteſten Verbande gelöſt hatten, betrugen ſich nun auch ungebunden genug. Nie war es des Nachts ſo toll und lärmend wie jetzt in London zugegangen. Den Kriegs⸗ geſellen, die ihre irländiſche Beute durchbrachten, hing, wie Ungeziefer, hungriges Geſindel an. Die Theurung ſtieg täglich, die Bettlerhaufen wuchſen und wurden immer verwegener. Man durfte ſich nach eingebrochener Däm⸗ merung nicht mehr in die entlegenen Gaſſen beſonders der Vorſtädte wagen, ohne beraubt, und bei einiger Wider⸗ ſetzlichkeit mishandelt zu werden. Die kühnſten Einbrüche geſchahen. Am Tage zogen Scharen hungrigen Volks durch die Straßen oder lagerten ſich an öffentlichen Plätzen. Der Verkehr mit Lebensmitteln mußte verſtohlen geſchehen; ja das bloße Anſehen von Wohlhabenheit und Genuß ſetzte ordentliche Leute dem Hohne der Bettler aus. Doch waren es nicht immer nur Bettler: auch leidenſchaftliche Menſchen, denen es nicht an Arbeit und Auskommen fehlte, ſchloſſen ſich an, nicht um an dem Bettel, ſondern um an der öffentlichen Unordnung Theil zu nehmen. Jetzt trat endlich die Stadtobrigkeit thätiger hervor, und der Lordmajor, ein ſehr entſchiedener Mann, griff mit Nachdruck ein. Doch der verwilderte Pöbel, der ſich 240 einmal über die Achtung vor dem Eigenthum hinausgeſetzt hatte, überſprang auch bald die Scheu vor dem Geſetz und das Anſehen der obrigkeitlichen Perſon. Der Lordmajor ward in ſeinem polizeilichen Amte verhöhnt und mishandelt Da ließ die Königin das Kriegsgeſetz in Kraft treten. Thomas Wildford wurde zum General⸗Profoß ernannt, und durchzog mit bewaffneter Mannſchaft die Stadt. Die Unruhigen wurden aufgegriffen, die Widerſetzlichen nach kurzem Proceß aufgeknüpft. Aus Verdruß an dieſen Auftritten der Unordnung und der Strenge zogen mehr und mehr Familien aus Lon⸗ don aufs Land, um ſo lieber, als mildes Aprilwetter mit keimendem Grün einen ſo lockenden Contraſt zu dem betrübenden Zuſtande der Reſidenz bot.— Auch Thekla lag ihrem Freunde an, für einige Zeit aufs Land zu ziehen. Seit ſie den Grafen Southampton zurückgekehrt in London wußte, hatte ſie ihre alte Wohnung in South⸗ wark wieder bezogen, behielt aber ihr Zimmer bei Lasko für außerordentliche Fälle einer geheimen Zuflucht bei. Obſchon ſich nach Allem, was ſie von William über Sout⸗ hampton's Stimmung vernahm, ihr alter Geliebter jetzt wenig um ſie zu bekümmern ſchien, ſo blieb ſie doch nicht ganz unbeſorgt. Sie ſehnte ſich daher auf das Land, zugleich in der Abſicht, ſich mit William wegen ihrer gemeinſamen Zukunft ein für alle Mal zu beſprechen, und durch ein offenes Geſtändniß über ihren früheren Umgang mit dem Grafen ſich aus der Schaukel zu retten, in der ſie bis jetzt, nicht zu ihrem Behagen, ſchwebte. Dies wollte ſie aber nicht eher, bis der Freund all' ihrer Liebe und Zärt⸗ lichkeit theilhaftig geworden ſei. Ihre Aengſte, ihre Be⸗ 241 ſorgniſſe, das entſetzliche Ereigniß, das ſie über ihres Freundes Haupt gebracht hatte, gaben ihr eine ungewohnte und ſeltſam geſpannte Richtung zum Nachdenken, zum Ueberlegen und Berechnen. Sie dachte durch leidenſchaft⸗ lichſte Hingebung ihren Freund zugleich zu bezaubern und zu verpflichten. Sie hielt ihn für ſinnlich und für edel genug zu beidem. Bei dieſer wunderlichen Berechnung regte ſich doch auch etwas von ehrlichem Verlangen nach Verſtändigung und Wahrheit zwiſchen ihr und William, eine aufrichtige Sehnſucht nach offenem Bekenntniß ihrer bisherigen Täuſchungen und nach einer Erleichterung durch William's Vergebung. Kurz, Thekla befand ſich in dem ſeltſamſten Gemüthszuſtande, der in ſeiner reinen und unreinen Miſchung nur bei einem ſo ſelten begabten und ſeltſam verſtrickten Herzen denkbar iſt. Unſer Freund William kam ihr in dieſen Abſichten halben Wegs entgegen. Er hatte die Zuſage, daß ſie ihm vom Mai an ganz angehören wolle, nicht vergeſſen, und ſehnte ſich nach dieſer innigſten-Verbindung. Indem er ſich aber eingeſtehen mußte, daß doch nur von einer Vermählung am Altare der Natur, unter Einſegnung der Liebe, die Rede ſein könnte, fand er es hoͤchſt reizend, ſolchen Bund entfernt von der Stadt, in ländlicher Früh⸗ lingsumgebung zu ſchließen, und denſelben nach dem Ge⸗ nuß aller Maiwonnen bei ſeiner Rückkehr nach London auch öffentlich fortzuſetzen, als ob er mit aller Weihe des Geſetzes vollzogen ſei. So lockend aber auch dieſer Traum war, ſo fühlte ſich William doch von der Lage ſeines Gönners Eſſex, von den Sorgen ſeines Freundes Sout⸗ hampton und von dem betrübten Zuſtande der Stadt zu Koenig, William Shakſpeare. II. 16 242 getheilt und zerriſſen, um ſich würdig und empfänglich genug ſolchem Glück der Liebe hinzugeben. Ebenſo we⸗ nig konnte er in dieſer vielfach getheilten Stimmung und abgeleiteten Herzenswärme anhaltend arbeiten. Er brachte nur einzelne Gedanken, Betrachtungen, Empfindungen, An⸗ ſchauungen und Lebensbilder zu Papier, die ſich an das Geſchick der Großen, an die Looſe der Niedern an⸗ knüpften. Dieſer unbefriedigte Zuſtand, in welchem Thekla ſo ſehr in ſich vertieft, und William außer ſich zerſtreut zu⸗ brachte, ſollte nicht allzulang dauern. Eines Nachmittags hatte William nach einem Spa⸗ zierritte mit Southampton Abſchied von demſelben am Poſternthore genommen, und ritt die Towerſtraße entlang, als ihn eine männliche Stimme aus einem Fenſter anrief. Es war jener Edelmann Holles, der einſt den Dichter zur Hochzeit von der Straße hatte rufen laſſen, um ſeine Bekanntſchaft zu machen. William ſtieg ab, übergab ſein Pferd den bewaffneten Dienern des Edelmanns, die vor dem Hauſe warteten, und eilte hinein, den ehrlichen Squire zu begrüßen. Es war ein berühmter Tabacksladen, mit welchem eine der damals üblichen Rauchakademien verbun⸗ den war. Nach herzlichen Begrüßungen und wechſelſeiti⸗ gen Erkundigungen flüſterte der Squire unſerm Freunde zu: Die Narrheiten in London nehmen ſo raſch überhand, daß unſer Einer nicht mehr nachkommen kann, ſie kennen zu lernen. Ich habe wieder einmal in der Stadt zu thun gehabt, und muß mir bei der Gelegenheit auch dieſe neu eingerichtete Rauchanſtalt beſehen zuire mit rbun⸗ lſeeiti⸗ unde hand, ennen thun „ nell f 243 Sie ſetzten ſich, um während ihrer Unterredung das Treiben der Stutzer im Auge zu behalten. Dieſe jungen, nach der neueſten Mode gekleideten Herrchen ſaßen halb⸗ dutzendweiſe um einzelne Rauchvirtuoſen, die ihnen die Kunſtgriffe der verſchiedenen Arten zu rauchen beibrachten. Jede Art hatte ihren Namen. Einige dieſer Zierlinge rauchten den„Brodel“, indem ſie den Rauch lange im Munde behielten, und dann herauswallen ließen; Andere übten ſich im„Eurippus“¹, indem ſie abwechſelnd aus Mund und Nüſtern dämpften; Wenige hatten es zum künſtlichen„Whiff“ gebracht. Für dieſe Rauchgeſellſchaft ſaß hinter einem erhöhten Tiſchchen ein ſauberer Burſche, und hackte auf einem Block von Maſerholz die Tabacks⸗ blätter klein. Ein anderer Diener unterhielt ein Feuerchen mit Wachholderholz, und reichte mit ſilberner Zange die Köhlchen umher. Dort ſchimpften einige Stutzer, ihr Taback ſei mit Oel oder mit dem Satze von Sekt ver⸗ fälſcht, und geriethen über beide Verfälſchungsarten ſelbſt in Streit. Andere ſchalten, der Taback werde hier im Hauſe in Sandgruben friſch erhalten und nehme von der Verpackung in Leder und ſchmierigen Tüchern einen übeln Geſchmack an. Auf dieſe Beſchuldigungen trat der Ladenbe⸗ ſitzer hervor, vertheidigte ſeine Einrichtungen, brachte Li⸗ lientöpfe herbei, und reichte wohlriechende Sorten zur Probe umher. Pfeifen verſchiedener Art ſtanden in einem offenen Schränkchen zur Auswahl.— Zu all' dem Trei⸗ ben lachte der Squire heimlich und durch das Fenſter blickend. Sind wir denn hier in einer Küche, ſagte er leiſe zu William, oder in einer Wohnſtube? Dabei ſuchte er mit Mund und Hand die Rauchwolken von ſich abzu⸗ 16 244 wehren.— Und was für uns unangenehm iſt, muß für die Raucher vollends ungeſund ſein, meinte er. Ei, es muß ſich ja in ihrem Innern ein höchſt ſchädlicher, ölig klebriger Ruß anſetzen und ſeine Aſche in ihre Lunge fallen. Kommt, laßt uns gehen! Vor der Thüre lud der Edelmann unſern Freund auf ſein nur eine halbe Tagreiſe entferntes Gut ein, das er eben als Erbſchaft eines Oheims ſeiner Frau angetreten hatte, und in beſſern Stand bringen wollte. Nur ein paar Meilen habt Ihr hinauszureiten, ſagte er ſehr ein⸗ dringlich, kͤnnt zuweilen nach der Stadt zurückkehren, und habt wol auch eine friſche Frühlingsſtimmung, etwas zu dichten. Ein reinliches Dorf liegt am Park, ein herr licher Wald iſt nahe, die Vögel ſingen ſchon meiſterlich. Ich bitte Euch, kommt, und bringt ein paar Frühlings⸗ wochen bei mir zu. Ihr thut mir einen großen Gefallen; denn ich bin noch einſam, meine Familie kommt erſt ge⸗ gen den Sommer nach. Verſprecht mir, daß Ihr kom⸗ men wollt! Es ſei! ſagte William. Ich hörte eben vom Grafen Southampton, daß die Köͤnigin meinem Gönner, dem Grafen Eſſer, erlaubt hat, wieder in ſein Haus zurück⸗ zukehren. Sie hat ihm, da er erkrankt iſt, eine Suppe zugeſchickt, und ihm einige freundliche Worte ſagen laſſen. Hoffentlich ſind das Vorzeichen der Begnadigung. Ich bin jetzt ruhiger, will mich mit meiner Verlobten ver⸗ binden, und die Küßwochen bei Euch zubringen. Ich darf doch gepaart kommen? Der Squire umarmte den Freund mit lebhaftem Glück⸗ wunſche. Ach ja! rief er, Ihr ſeid dann zweifach will⸗ kommen. So iſt es recht! Es iſt ja jetzt die Paarzeit für alle Sänger. Ja kommt nur gleich mit Euerm jun⸗ gen Weibchen. Ihr ſollt ein traulich Gemach voll Wald⸗ luft und Frühlings⸗Morgenſonne bei mir finden und dazu ein breites Bett hinter Vorhängen. Kommt doch ja zu unſerm Maimorgenfeſt! Wir wollen es heuer nach altem Brauche begehen. Aber kommt einige Tage vorher, damit ihr an jenem frühen Feſtmorgen gehörig ausge⸗ ſchlafen habt. Schalkhaft lächelnd ſchwang ſich der Edelmann auf ſein Pferd, reichte dem poetiſchen Freunde die Hand und trabte in der Richtung nach St. Giles durch die Stadt. Neuntes Kapitel. Seitdem lag unſerm William die Einladung des Squire beſtändig im Sinne. Ein beſtimmtes Ziel der Reiſe war gegeben, und ſo war ein Entſchluß leichter zu faſſen. Die Vorſtellung von einem traulichen Gemach voll Waldluft und von ſüßen Frühlingsnächten reizte unaufhörlich ſeine Sehnſucht und ſein Verlangen. Das junge Grün trieb mächtig an den frühen Stauden. An allen Fenſtern ſtan⸗ den Levkojen und Schlüſſelblumen; in den Hausgärten blühten Tulpen, doppelte Päonien, Weißdorn, Kirſchen⸗ und Pflaumenbäume; ſodaß der Freund ſchon die Erſt⸗ 246 linge des Lenzes zu verlieren fürchtete. Er verabredete mit Thekla die Fahrt zu dem Squire.— Wir gehen vor Allem einmal auf acht Tage dahin, ſagte er, und ent⸗ ſchließen uns dort, wenn in der Stadt nichts vorfällt, nach unſerm Wohlgefallen länger zu bleiben, oder unſern ländlichen Aufenthalt zu wechſeln. Thekla war ſehr vergnügt. Es gefiel ihr beſonders, daß es ein ſtiller Park war, wohin ſie gingen, und daß der Squire das Schloß noch allein ohne ſeine Gemahlin bewohnte.— In der fröhlichen, hochgeſpannten Stim⸗ mung beider mußte dieſe kleine Fahrt ein phantaſtiſcher Ritt werden. Lenz und Liebe lockten eine abenteuerliche Luſt hervor. Sie wollten nicht in ihrer häuslichen All⸗ täglichkeit, ſondern in irgend einer dichteriſchen Geſtalt dem ſchönſten Frühling ihres Lebens begegnen. Thekla kam auf den Einfall, ſich als Feenkönigin Gloriana zu verkleiden, und William ſollte den Prinzen Arthur vor⸗ ſtellen. Dieſer, recht in Thekla's Phantaſie aufgefaßte Gedanke ſtimmte ebenſo ſchön zu dem alten Wohlge⸗ fallen des Freundes an dem Gedichte ſeines Lieblings „Edmund Spenſer“. William war entzückt. Das Buch wurde herbeigeholt, und die Beſchreibung des Dichters von jenen Perſonen nachgeſchlagen. Thekla übernahm es, die beiden Anzüge genau der Beſchreibung gemäß zu be⸗ ſorgen. Die Vorbereitungen zur Fahrt wurden ganz ſtill in Thekla’s Wohnung getroffen. William ſetzte ſeinen Freund Southampton von ſei⸗ nem Vorhaben in Kenntniß, auf acht Tage zu verreiſen, und ſich mit ſeiner Thekla zu„verbinden“. Er wollte nicht gerade„vermählen“ ſagen, und doch den Schein bredete en vor d ent⸗ orfällt, unſern onders nd daß mahlin Stim⸗ aſtiſcher verliche 1 All Geſtalt Thekla ma zu r vor⸗ gefaßte ohlge⸗ blings Buch dichters hm es zu be⸗ i ſtill ze ſei⸗ rreiſen, wollte Schein 247 haben, daß es eine geſetzliche Vereinigung würde. So nahm es auch Southampton auf, indem er bewegt Wil⸗ liam's Hand ergriff. O du Glücklicher! rief er aus. Nun überholſt du mich noch. Die ſchönen Frühlingsträume ſind von mir gewichen. Ich darf jetzt an das Glück einer Vermählung nicht denken. Das Misgeſchick meines Vetters Eſſer nimmt mich und meine Eliſabeth zu lebhaft ein. Unſere Herzen ſind durch Kummer verdüſtert. Doch faſſe ich ſeit geſtern beſſere Hoffnung. Die Königin ſcheint eine günſtigere Stimmung gegen den Grafen angenommen zu haben. Sie hat achtzehn Bevollmächtigte aus dem Staatsrath ernannt, die des Grafen Sache nochmal prü⸗ fen, und ſeine Vertheidigung hören ſollen. Darauf will ſie einen letzten Beſchluß faſſen. Ich weiß, daß die er⸗ nannten Richter im Allgemeinen dem Grafen nicht ab⸗ hold ſind; dennoch muß mir Alles daran liegen, ihm zu ſeiner Rechtfertigung die Beweismittel über den Verrath ſeiner Operationspläne zu verſchaffen. Auf der Spur des Verraths bin ich, und habe jetzt kein lebhafteres Intereſſe, als dieſe Fährte zu verfolgen. William war ſehr erfreut über die gute Wendung dieſer Angelegenheit. Er bat den Freund um eines ſeiner für Frauen zugerittenen Pferde, und verſchwieg ihm nicht, in welcher Verkleidung er mit ſeiner Thekla ausreiten wolle, um zugleich auch in ſo luſtigen Masken das Mai⸗ morgenfeſt mit zu begehen. Southampton freute ſich des fröhlichen Unternehmens.— Ja, genieße dein Glück, o mein Freund! rief er aus, indem er William umarmte. Du bedarfſt nach dieſem traurigen, unglücklichen Winter ſolcher Wiedergeburt durch Freude. Möge dann künftig⸗ hin jede Kümmerniß des Lebens, alles Misgeſchick und jede trübſelige Verwirrung unbemerkt an dir vorüberzie hen! Nur die freie, heitere Seele des Dichters kann jene Werke ſchaffen, die viel tauſend Herzen über ihre Sorgen und Aengſte hinausheben, und die Verſtrickungen des Le⸗ bens löſen. Beim Weggehen äußerte Southampton mit einer ge⸗ wiſſen Befangenheit: Vor deiner Fahrt muß ich dich noch einmal ſprechen. Ich habe dir eine Mittheilung zu ma⸗ chen, für welche ich bis jetzt das rechte Wort oder viel⸗ leicht die rechte Minute nicht finden konnte. Thekla hatte mit den Anzügen nicht geſäumt, und der Tag zur Fahrt lag nur noch hinter Einer Nacht. Sout⸗ hampton kam noch am Vorabend in der Dämmerung, und rief dem Freunde unter den Fenſtern ſeiner Woh⸗ nung. Er wollte ihm nur Lebewohl ſagen, und war ſehr haſtig und unruhig. William eilte hinab.— Denke nur, ſagte er, was mir die verwünſchte Perſon zu ſchaffen macht! Aber ich bin nun auch dem Ausgange nahe. Weißt du, wem ich auf die Spur gekommen bin? Ich meine wegen des Verraths aus der Kriegskanzlei?— Dieſer Roſalie. Sie ſteht in Verbindung mit unſerm irländiſchen Unterhändler. Meine Aufpaſſer hatten ſie bei ihm ein⸗ und ausgehen ſehen, kannten ſie nicht, gingen ihr nach, und zeigten mir ihre Wohnung jenſeit der Themſe an. Es iſt kein Zweifel, ich kenne das Haus. Morgen früh will ich gleich ſelbſt zu ihr: ich muß her⸗ ausbringen, von wem ihr die Mittheilungen aus der Kriegskanzlei zugetragen worden. Hatte ich nicht Recht, 1 gen wie mi be bi bi bi ſo d 1 ge vo dd G B m ſ do dl ſi ſt „ 1 n b 8 g als ich ihr die verwickeltſten und gefährlichſten Verbindun⸗ gen zutraute? Iſt es nicht ein wahres Verhängniß, daß mich dieſe Perſon auf allen meinen Wegen durchkreuzt, mir in allen Richtungen zu ſchaffen macht? Gib nur Acht! erwiderte William, wir kommen auf bedeutende Entdeckungen! Das hangt Alles mit der ara⸗ biſchen Jungfrau und ihren Verbindungen zuſammen. Ich bin ſehr begierig und hätte jetzt London nicht verlaſſen ſollen. Die unruhige Erwartung wird mir meine Freu⸗ den ſchmälern und trüben. Nein, geh' du nur immer, mein Freund, und verliere nichts von dieſem ſchönen Lenze! rief Southampton. Es gereicht mir zur Freude, daß ihn wenigſtens doch Einer von uns beiden recht genießt. Ob du eine Woche früher oder ſpäter dieſe Schurkereien erfährſt. Hier nimm dieſen Brief zu dir: er enthält, was ich dir um deinet- und meinetwillen mittheilen muß, und was ſich mündlich nicht ſo gut ſagen und beſprechen läßt. Aber deine Hand darauf, daß du den Brief nicht eher erbrechen willſt, bis du mit Thekla verbunden biſt. William war betreten. Er fürchtete jetzt den Doppel⸗ ſinn ſeines Wortes und daß ein Misverſtand daraus ent⸗ ſtehen könnte,— eine Verbindlichkeit aus einem nichtigen Bunde. Mit Thekla verbunden? fragte er, und bat um nähere Andeutung; allein Southampton beſtand auf un⸗ bedingter Freundeszuſage. Wie William ſie zagend ge⸗ geben hatte, drückte ihn der Graf feſt an ſich, und küßte ihn. Dann lenkte er mit den Worten ab: Morgen habe ich noch einen unruhigen Tag, der mit dem leidigen Be⸗ ſuche bei Roſalien anfängt. Uebermorgen iſt des Grafen 250 Eſſer Verhör, und bis du wiederkehrſt, iſt ſein Geſchick gewiß entſchieden. Wir werden uns, hoffe ich, freudig wiederſehen. So lebe bis dahin wohl! Freue dich, und kehre beglückt zurück! Bei grauendem Anbruche der letzten Aprilwoche ritt William, als Prinz Arthur gekleidet, den Strand dahin, um auf dem Platze Charing Croß mit Thekla zuſammen⸗ zutreffen. Hier hielt auch ſchon des Grafen Pferd für ſie. Nicht lang, ſo kam ſie glänzend in ihrem phantaſtiſchen Anzuge als Feenkönigin Gloriana, jedoch mit vorgenommener Larve, den Fluß herauf, landete am Yorkplatze, und ver⸗ einigte ſich mit dem Freunde. Am Conventgarten hinauf gelangten ſie hinter Milliſent's Hütte auf die Orfordſtraße. Die Hütte war noch verſchloſſen; nur die Sperlinge wach⸗ ten ſchon, und flatterten um das Dach. Bald verlor unſer Paar London aus dem Geſicht, und nun gewannen ſie mehr und mehr den heitern Muth und die Laune, die zu ihrem phantaſtiſchen Anzug und Unternehmen paß⸗ ten. Sie freuten ſich kindiſch ihrer ſeltſamen Gewänder und wunderlichen Einbildung. William grüßte ſie feier⸗ lich„Gloriana“! Sie rief ihm lächelnd„Arthur“.— „Du meine Königin“!—„Du mein Prinz“!— Hun— dert Schmeicheleien, hundert Zärtlichkeiten knüpften ſich an dieſe Phantaſien, ſo oft das Paar zum Ausruhen nach jedem grünen Hügel geritten, ſich des ſchönen Tages freute, der heut— wie es ſchien, zur Schonung ſo zarter Ge⸗ wänder— ohne allen Sprühregen ablief. William hatte das Gedicht ſeines Lieblings Spenſer zu ſich geſteckt, und Geſchick freudig ich und oche ritt d dabin ammen⸗ e. Nicht Anzuge ommener nd ver hinauf edſtraße e wach verlor wannen Laune, en paß⸗ ewänder ſie feier⸗ 254 las einzelne Stellen vor. Thekla wußte manche auswen⸗ dig, beſonders auch die, wo der Dichter Arthur's ſtatt⸗ lichen Helmſchmuck beſchreibt,„der mit Perlen beſprengt und goldgeſchmückt in luſtigem Tanze ſchwankt, gleich einem Mandelbäumchen, das auf grünen Berges Haupt mit Blüten prunkend, unter jedem Windeshauche zittert und mit zärtlichen Blicken herunternickt“.— Solche dichteri⸗ ſche Worte lockten wieder neue Liebkoſungen. Die Lie⸗ besverſicherungen, die goldnen Gelöbniſſe, die ſeligen Hoff⸗ nungen erſchöpften ſich nicht.— Bei dieſer verliebten Art zu reiſen war es ſchon ſpäter Nachmittag, als ſie auf den Park des Squire zuritten. Das Haus hatte eine einſame Lage. Ein breiter ſchattiger Weg führte durch ein Ulmenwäldchen an das alte Gebäude. Hinter dieſem, abhängig nach Mittag, war ein Hausgarten, aus welchem man links über einen Bach zu einer Wieſe gelangte, rechts aber die breiten Wege des über die nächſten Hügel ausgebreiteten Parkes betrat. — Der CEdelmann wandelte eben im Garten, und eilte, als er Pferdetritte vernahm, dem ſeltſamen Reiterpaar überraſcht entgegen. Sobald er den Dichter erkannte, ver⸗ wandelte ſich die befremdete Miene in den heiterſten Aus⸗ druck der Zufriedenheit.— Erhabene Weſen, die ihr mein ländliches Haus beglückt, ſagte er mit lächelnder Feier— lichkeit, vergebt, wenn ich euch nicht nach den Ceremonien des Parnaſſus, nach der Würde eurer himmliſchen Ab⸗ kunft empfangen kann. Ich hoffe, mit derſelben Huld, mit welcher ihr zu meinem bäuerlichen Sitze niederſteigt, werdet ihr auch euern himmliſchen Magen ländlich ſtim⸗ men, und es euch bei mir ſchmecken laſſen. Wie die herbeigeeilte, gaffende Dienerſchaft ihren Squire ſchmunzeln und die wunderlichen Perſonen zu Pferd lä⸗ cheln ſah, brachen alle in lautes Mitlachen aus. Der Squire hob die Feenkönigin vom Pferd, und führte ſie ins Haus. Erfriſchungen wurden gebracht, und mit fröh⸗ lichem Behagen genoſſen. Kurz hinter dem Paare trat der erſt Mittags von London abgegangene Bote ein, der ein Bündel Kleidungs⸗ ſtücke nachbrachte. Sie wechſelten die Anzüge, und ließen ſich vom Squire in den Park führen. Der Abend war lau und lieblich; die knospenden Geſträuche dufteten, der junge Fichtenwald athmete erquickend. Von dieſen Wohl⸗ gerüchen, von ſo friſcher Waldluft war das den Gäſten inzwiſchen zubereitete Gemach erfüllt, als der Squire ſie einführte.— Das Zimmer lag zwiſchen der großen Halle und der Kapelle des alterthümlich erbauten, aber nach neuerem Geſchmack eingerichteten Hauſes. Der Boden war mit friſchen Binſen beſtreut; gewirkte Tapeten deckten die Wände zum Schmucke wie zum Schutz gegen die Kälte der Steinmauern. Ein breites, für ein Ehepaar einge⸗ richtetes Gaſtbett prangte im Alkoven hinter zurückgeſchlag⸗ nen Teppichen, die den heimlichen Raum von dem vor⸗ dern luftigen Gemache trennten. Als der Edelmann ſeine Gäſte zum Abendeſſen führte, ſagte er lächelnd: Ich habe keine Geſellſchaft einge⸗ laden: Ihr werdet müde ſein, und nicht lange Stand halten.— Als nach einigen Gerichten der Wein ge— bracht wurde, entfernte ſich Thekla. Der Squire war zum Plaudern aufgelegt; wie er aber William's Un⸗ ruhe und Zerſtreutheit bemerkte, erhob er ſich, und t fröh⸗ gs von dungs ließen nd war en, de Wohl⸗ Gäſten ire ſie Halle r nach en war ten die Kälte einge⸗ ſchlag m vor⸗ führte, einge⸗ Stand i ge⸗ e war 3 Un⸗ und 253 wünſchte dem Dichter eine glückliche Nacht in ſeinem Hauſe. Zehntes Kapitel. Williiam hielt ſich in dieſen Tagen für den glücklichſten Menſchen von der Welt. Alle ſeine Wünſche waren er— füllt; ſein Herz hüpfte in Vollgenüge. Ehre und Liebe die höchſten Güter, nach denen er getrachtet, waren ihm nun reichlich beſchieden; ſie umkreiſten ſein Leben wie ein leuchtendes, ſegnendes Tag- und Nachtgeſtirn. Genuß und Sehnſucht wiegten einander. Wohin er blickte, lag eine Unerſchöpflichkeit vor ihm. Er fühlte ſie in ſeinem Herzen und in ſeinem Geiſte,— dort in der Freude,— hier in Schaffensluſt. Jeder Moment der Liebe war von unergründlicher Tiefe, und das aufkeimende Jahr verſprach eine Ewigkeit des Genuſſes zu entfalten. Dennoch riß der Freund jede Freude mit einem Ungeſtüm an ſich, als ſei ihm nur der eine Augenblick für ein nie zu ſtillen⸗ des Verlangen gegönnt; ja es wandelte ihn mitten im höchſten Entzücken die Empfindung an,— einem ſo übermäßigen Glücke könne nur die kürzeſte Dauer ge⸗ währt ſein. Wie gern hätte er dieſe nie wiederkehrenden Tage des erſten vollen Lebensglückes auf den zärtlichen Umgang mit ſeiner Thekla und auf die müde Träumerei in Wal⸗ 254 deseinſamkeit beſchränkt! Allein der Edelmann wollte ſei⸗ ner Gäſte froh werden, und glaubte auch ſie unterhalten zu müſſen. Die Nachbarſchaft mußte beſucht werden,— die Landedelleute mit Frauen und Töchtern, die Pfarrer und Schulmeiſter, ja der freundliche Squire ſchloß auch die Freiſaſſen und die wenig angeſehenen Zinspächter nicht gänzlich von ſeinem Umgang aus; indem er zugleich als neuer Nachbar und Beſitzer ſich Gunſt und Vertrauen zu erwerben bedacht war. Thekla fand mehr Ergötzen als William daran, die zum Theil ſeltſamen und lächerlichen Geſtalten, Manieren und Geſpräche dieſer ländlichen Ge⸗ ſellſchaft kennen zu lernen. Die kleinen Alterthümer des Ortes, die Merkwürdigkeiten der Gegend bis auf die Rin— gel im Graſe, die von nächtlichen Feentänzen eingedrückt bleiben, die häuslichen und wirthſchaftlichen Einrichtungen, die Unglücksfälle und unheimlichen Perſonen der Nachbar⸗ ſchaft, die Widerſetzlichkeiten des Geſindes gegen die alten Hausordnungen, die bei den jüngſten Gaſtereien vorge⸗ fallenen Misgriffe in der Einrichtung der Tafel und was nicht Alles— kam da zur Sprache. Einzelne Frauen waren auch beleſen, und fragten mit ſtolzem Selbſtbe⸗ wußtſein, ob Thekla den Palmerin von England, oder den Eglamour von Artois kenne. Ueber ſo viel Zerſtreuung, leidenſchaftliche Empfindun⸗ gen und nachträumende Müdigkeit hätte William beinahe des Briefes vergeſſen, den ihm Southampton ſo feierlich mitgegeben hatte. Als er ihm jetzt in die Hände fiel, glaubte er ihn erbrechen zu dürfen.— Nach dem frühen Abendeſſen, das um ſechs Uhr eingenommen wurde, wan⸗ delte man noch in den Park. Während die kleine Ge⸗ lte ſei⸗ rhalten Pfarrer ß auch er nicht eich als en als erlichen en Ge⸗ ner des Rin⸗ edrückt ungen achbar⸗ ealten vorge⸗ was rauen lbſtbe⸗ oder indun⸗ einahe jerlich e fiel, fruͤhen wan⸗ Ge⸗ 255 ſellſchaft einiger eingeladenen Nachbarn ſich munter unter⸗ hielt, ſchlich William tiefer in das junggrüne Birkenwäld⸗ chen, und löſte bänglich das Siegel, in welchem das kunſt⸗ reich geſchnittene Bild einer Lukrezia abgedrückt war. „Geliebter Freund!“ lautete der Brief.„Einer, der nach demſelben Bunde trachtet, deſſen du nun für dein Leben theilhaftig biſt, wünſcht dir aus tiefſtem Herzen Glück! Froher in deiner Seele, freier im Geiſte wirſt du zurückkehren, und beruhigter nach der Seite der Liebe hin, wirſt du einen zunehmenden Antheil von Freund⸗ ſchaft deinem Heinrich zuwenden. Ueberſchwengliche Zu⸗ kunft, die wir theilen werden, die uns gemeinſam ſein ſoll! Nun du für alle Zukunft verbunden biſt, darf ich und muß ich dir ein Geheimniß ausſprechen, das ich bisher mit großer Zartheit zu behandeln hatte. Meine Schweſter liebt dich. Du mußteſt dieſen ſanſt leuchtenden Edelſtein überſehen, weil ein ſtrahlender Juwel dir näher lag. Ja, hätteſt du auch zu wählen gehabt, du würdeſt nach dem reichern Schatze gegriffen haben, der dich auch höher be⸗ glücken wird, und den ich dir gerührt gönne. Warum ich dir nun dieſe Mittheilung mache? Damit du wiſſeſt, auf welchem Wege, in welcher Weiſe du dich der leiden— den Schweſter, der bekümmerten Mutter wieder nähern könneſt, was du ſelbſt ſo lebhaft wünſcheſt, und woran auch mir ſo viel gelegen iſt. Mit dem Werthe deiner Auserwählten, mit der Würde deiner Angetrauten wirſt du leicht alle Liebe und Gunſt wieder in Beſitz nehmen können, die dir nicht verloren, ſondern nur entzogen ſind, ſo lang der Schatten einer beargwohnten Geliebten auf dir ruht. Ich bitte dich, ſetze meine liebe Alice recht bald —— in den Vortheil, daß ſie die jetzt getrübte und ſchmerzliche Neigung zu dir allmälig deiner Gattin zuwenden könne. Hierin liegt für eine ſo edle Bruſt Geneſung. Bis da— hin, und bis deine Thekla Alicens Schweſter geworden iſt, bleibt dies Geheimniß ein untheilbares für dich.— Vernichte darum auch dieſen Brief, und eile in die Arme deines Heinrich!“ des Parkes. Man kann ſich denken, in welche Gemüthsbewegung dieſe wenigen Zeilen den Freund verſetzten. Aber das Gemiſch der widerſprechendſten Regungen war ihm ſelbſt unklar, und läßt ſich kaum durchſchauen. Unruhig rannte er bis ſpät in den feuchten Abend hinein durch alle Gänge Was zuerſt aus dem Aufruhr ſeines Her⸗ zens auftauchte, war der Zweifel, ob ſeine Verbindung mit Thekla das Erbrechen des Briefes rechtfertigen könne. Offenbar hatte Southampton bei ſeinem freundſchaftlichen Verfahren einen andern, einen geſetzlichen Bund voraus⸗ geſetzt, und William hatte den Freund, den edelſten Gön⸗ ner, mit zweideutigem Worte getäuſcht. es wagen, Thekla, ſeine Geliebte, der Mutter und Schwe⸗ ſter Southampton's als Angetraute vorzuſtellen? Und wie konnte er es doch auch wieder unterlaſſen? Wie ſollte er ſich bei dem Freunde rechtfertigen, Wie durfte er den er nicht blos getäuſcht, ſondern durch dieſe Täuſchung auch um ein ſo zartes Geheimniß und um den ganzen Werth ſeines edeln Benehmens gebracht hatte? In welchen zweideuti⸗ gen, lügenhaften Zuſtand war er gerathen, und wozu ſollte entſchließen? Er beſann ſich nicht lang: er wollte offen er ſich auf dieſen Kreuzwegen der Widerſprüche in die Arme egung Aber das r ihm ſelbſt uhig rannte alle Gänge ſeines Her⸗ Verbindung tigen koͤnne aoſchaftlichen und voraus⸗ elſten Gön⸗ durfte er und Schwe⸗ ellen? Und Wie ſollte nicht blos um ein 257 gegen den Freund ſein, ein Bekenntniß ſeiner Schuld ablegen und Rath oder einen Richterſpruch von ihm empfangen. Mit dieſer Ermuthigung kehrte er ins Schloß zurück. Die Nähe der Geliebten, obgleich er ſie über ſein Aus⸗ bleiben und über ſeine Empfindungen täuſchen mußte, ſiegte doch bald über ſeine zerſtreute, trübſinnige Stim⸗ mung. Selbſt der Scrupel über ſeine Verbindung mit ihr löſte ſich, als er eingeſchlafen war, in einen heitern Traum auf. Es kam dem Dichter vor, als ob unter den zurückgeſchlagenen Teppichen ſeines Schlafgemachs Amor und Hymen ſich mit ihren Fackeln um den Wachtpoſten an ſeinem Bette bekämpften. Jeder behauptete, ihm ſtehe eigentlich der Dienſt zu. Mit jedem Schlage, den der eine Gott auf die Fackel des andern that, erloſch dieſe; entflammte aber alsbald wieder, wenn der Getroffene ſte weit ausholend gegen ſeinen Widerpart ſchwang. Wäh⸗ rend dieſes Zweikampfes lag Thekla in ſeinem Arme, und indem ſie mit ihren enthüllten Reizen ſelbſt die kleinen Götter berückte, wettete ſie lebhaft für Hymen's Sieg, William aber munterte mit verſtohlnen Winken Amorn auf, ſich zu wehren Koenig, William Shakſpeare. II. 1 —— ——— Elftes Kapitel. Der Traum war dem Freunde unausſprechlich ſüß und beruhigend: allein er wurde ebenſo jählings daraus er⸗ weckt, indem vom Hofe herauf Hörner erklangen. Er⸗ ſchrocken fuhr er auf, und Thekla ſchmiegte ſich ängſtlich an ihn. Ei, was erſchrecken wir auch! lachte jetzt William. Wir haben vergeſſen, daß es der Maimorgen iſt. Sie ziehen ja gleich nach Mitternacht in den Wald hinaus, den Maibaum zu fällen, der beim Feſt aufgerichtet wird. Heut müſſen wir früh aufſtehen, und kommen vielleicht ſpät zu Bette; denn gegen Abend reiten wir wieder nach London zurück. Heut ſchon? erwiderte ſie betroffen. Wir hatten's ja auf ein paar Wochen abgeſehen. Ich bitte dich, laß uns wenigſtens noch ein paar Tage bleiben. Ich habe ja noch ſo Vieles mit dir vertraulich zu plaudern. Ich muß end⸗ lich einmal ganz offen über meine Vergangenheit mit dir reden. Haſt du vergeſſen, verſetzte der Freund mit hohem Ernſte, daß dein Orpheus nicht zurückſchauen will, um ſeine Eurydike nicht zu verlieren? Laß das Vergangene ein aufgebranntes Opfer ſein! Unſere Gegenwart iſt zu reich, um der Vergangenheit zu bedürfen. Meinethalben denn fort mit der Vergangenheit, die en Er⸗ angſtlich William „ia noch muß end eit mit hoh will, ergang art iſt 3 dir em um ene zu 259 hinter unſerer Bekanntſchaft liegt! erwiderte ſie. Du ſagſt, unſere Gegenwart ſei zu reich, um die Vergangenheit nöthig zu haben; ich darf hinzuſetzen: Meine Vergangen⸗ heit, das heißt, ehe ich dich geſehen, iſt ohne Schuld, und wahrlich, du würdeſt deine Eurydike darüber nicht verlie⸗ ren! Allein gehöre ich dir nicht ſeit jenem erſten Abend an, da du mir in der Lombardſtraße auf meiner Flucht begegneteſt? Damals hat uns das Verhängniß an ein⸗ ander vorübergeführt, und uns für einander beſtimmt. Die ſeitdem verlebte Zeit zählt mit zu unſerer Gegen⸗ wart, zu unſerm Bunde. Es iſt die dunkle Hülſe, aus der unſer Glück, unſere Zukunft wächſt. Du mußt ſie kennen. Lerne ich ſie denn nicht kennen gerade an Dem, was daraus erwächſt? rief der Freund. Daran will ich mich halten, an Das, was mir mit dir und durch dich zu Theil wird. Aber es gereicht mir zur Beruhigung, bat ſie, dir Manches mitzutheilen,— was in unſere Zukunft mit überfließt, was unſere Zukunft trüben, vielleicht unmöglich machen kann,— Manches, was du mir zu verzeihen haſt. Ja, mein William,— gerade daran, an dieſem Verzei⸗ hen, will ich die Stärke deiner Liebe erkennen,— ob du meine jetzige Hingebung für einen Schwur ewiger Treue angenommen haſt, und ob auch ich deiner Liebe für im⸗ mer gewiß bin. Wenn es zu deiner Zufriedenheit gereicht, ſo magſt du nur Alles ſagen, was du auf dem Herzen haſt, ver— ſetzte William. Darum brauchen wir aber nicht hier zu bleiben; davon können wir auch jetzt in der Stadt reden. 17 † 260 Ich ſage jetzt, wenn du vielleicht damit bis zu unſerer innigen Verbindung gewartet haſt. Aber ich muß nach London zurück. Ein Brief Southampton's, deſſen ich ganz vergeſſen hatte, läßt mir die Ruhe nicht. Willſt du aber bleiben: ſo komm' ich in ein paar Tagen wieder Sie wurden in dieſem Wortwechſel durch den Squire unterbrochen, der an ihre Thüre pochend unter neckiſchen Scherzen rief, ſie möchten den ſchönen Morgen nicht ver⸗ ſchlafen und nicht vertändeln.— So eilten ſie denn, in ihre phantaſtiſchen Anzüge zu kommen.— Als Feenkö⸗ nigin und Prinz Arthur dürfen wir nicht bloße Zuſchauer des Feſtes bleiben, liebſte Thekla, äußerte der Freund beim Ankleiden. Wir müſſen uns dem großen Zug anſchließen. Du wirſt in dieſen Spielen des Maifeſtes einige fabel⸗ hafte Perſonen dargeſtellt finden, die dir als Fremden vielleicht unbekannt ſind. Ein geächteter Räuber aus ur⸗ alter Zeit, Robin Hood iſt nämlich in unſerm ſpätern England zur fabelhaften Perſon und zum Helden vieler Balladen geworden. Seitdem hat man ſeine poetiſche Geſtalt auch in die fröhlichen Maiſpiele aufgenommen. Es ſind ja ebenfalls Waldſpiele, wenn auch andere, als Robin Hood einſt im Sherwoodwalde ausgeführt hat. Aber in keiner poetiſchen Einkleidung erſcheint Robin allein; immer treten ſein ebenfalls vogelfreier Geſelle, der kleine Hanns und ſeine Geliebte, die Maid Mari⸗ anne, in ſeinem Gefolge auf, und ſogar ein Kaplan, der luſtige Franziskaner⸗Bruder Tuck, fehlt um den Räu⸗ berhauptmann nicht. Thekla fand dies poetiſche Wald⸗ und Räubergeſindel = 72 ep unſerer uß nach Squire neckiſchen ucht ver⸗ denn, in Feenkö⸗ Zuſchauer d beim chließen fabel⸗ Fremden ur⸗ 1116 ſpätern n vieler voetiſche ommen dere, als aort hat. Robin elle, der Mari⸗ Kaplan, ven Räu⸗ Igt ſindel allerliebſt, und wollte es als Feenkönigin in ihren Schutz nehmen. Bald ſaßen Beide nebſt dem Squire zu Pferd, und ritten, von einigen Dienern begleitet, durch den thau⸗ und nebelfeuchten Park dem Dorf und dem über demſel⸗ ben gelegnen Walde zu. Von allen Seiten ſtrömten Landleute herbei. Man hörte Jubel und dann und wann Hörnerſignale. Die Waldvögel ſchrien luſtig dazwiſchen. Um den gefällten Maibaum drängte ſich das Landvolk zuſammen, und ſah zu, wie die Ochſen geſchmückt wur— den, die ihn ziehen ſollten. Indeß ordnete ſich im Hohl⸗ wege, der zum Dorf hinabführte, der Zug an. Sechs junge Burſche, die den Baum gefällt hatten, ſchritten voraus in Lederjacken mit Aexten auf den Schul⸗ tern, und Epheukränzen mit eingeflochtenen Weißdornzwei⸗ gen um die Stirne. Ihnen folgten ſechs junge Mädchen in blauen Mie⸗ dern und Schürzen, Primelkränze im Haare. Sie führten eine hübſche, glatte Kuh, die mit goldgelb gefärbten Hör⸗ nerſpitzen, vielfarbigen Bändern und allerlei Blumen auf⸗ geputzt war. Dann kamen ſechs Förſter in grünen Röcken, grünen Mützen und Hoſen. Jeder trug an ſeidenem Band ein Jägerhorn. Ein Falkonier des Squire ſtellte den Robin Hood vor. Dieſer trug einen grasgrünen Rock mit goldnen Franſen, Mütze und Hoſe aus blau und weiß gewirktem Zeug, und eine Schnur Roſenknospen um den Kopf. Ein Bogen, ein Bündel Pfeile am Gürtel, nebſt Schwert und Dolch waren ſeine Waffen, und ein Jägerhorn hing mit langem, ſilberfranſigem Band an ſeiner Hüfte.— Zwei Pagen des Squire ſpielten die Rollen des kleinen Hanns und Wilhelms Stuckely. Beide gingen rechts und links neben Robin. Hinter ihnen zog ein Rudel Burſche, grün gekleidet, mit Bögen und Pfeilen gerüſtet, als Robin’s luſtige, vogelfreie Geſellen. Auf dieſe kecke Schaar folgten zwei Mädchen, weiß angezogen mit orangefarbnen Miedern, und ſtreuten Blu⸗ men vor der Maid Marianne her, die in Blaßblau zier⸗ lich gekleidet einherſchriit. Die Aermel der Maid waren hübſch gefältelt und mit filbernen Franſen beſetzt, der Gürtel aus einem gold- und ſilbergewebten Stoff. Ihr blondes Haar, oben in ein goldfadiges und mit blauen Veilchen geſchmücktes Netz gefaßt, ringelte ſich auf die Schultern herab. Brautjungfern und Dienerinnen gingen hinter ihr d'rein. Nun kam Frater Tuck in ſeiner Kutte an kurzem, dickem Stabe wandelnd. Der Schmied des Ortes ſpielte ihn mit echt⸗mönchiſchem Anſtande. Nach einigem Zwiſchenraum erſchienen, von einem als Muck Müllersſohn gekleideten Burſchen gelenkt, acht hüb⸗ ſche, mit Bändern, Blumen und goldgelben Hörnern ge⸗ putzte Ochſen, und zogen den Maibaum. Den Schluß des ganzen Zuges machte das Stecken⸗ pferd und der Drache. Wie der Zug geordnet ſtand, eröffnete William dem Squire ſeine Abſicht, Antheil an der Prozeſſion zu neh⸗ men.— Als die Perſonen, die meine Thekla und ich vorſtellen, ſagte er, paſſen wir recht gut in dies froͤhliche Maienſpiel. Wir erſcheinen als höhere Mächte, die dem Waldfeſte Schutz verleihen. Prinz Arthur kann vor Hanns nd link 3 gruͤn Robin's gt, der Ihr it blauen auf die gingen kurzem, es ſpielte Robert Hood herreiten, und die Feenkönigin nimmt die Maid Marianne in ihre Gunſt. Der Squire war entzückt über den ſo unerwarteten und ſinnreichen Zuwachs ſeines Feſtes.— Aber dann will ich nicht allein zurückbleiben! rief er. Ich ſetze mich an die Spitze des Zugs, als Gutsherr, der ſo hohe Gäſte bei Sonnen⸗Aufgang auf ſeinem Gebiete begrüßt hat, und ihnen den Weg weiſt. und dann blaſt zum Aufbruche. Wie verabredet, geſchah es, und die Prozeſſion ſetzte ſich unter einem Hörnermarſche in Bewegung nach dem 263 Einen Kranz her für mich, hübſchen freien Platze vor dem Dorf. Hier war ein, gegen den Andrang der Zuſchauer mit Seilen umſpanntes Gehege für die Spielenden, mit Oeff⸗ nungen zum Ein⸗ und Ausgang, abgeſteckt. dieſes Bühnenplatzes auf einem Hügel ſtand ein Zelthaus aufgeſchlagen, aus welchem die Vornehmen der Nachbar⸗ ſchaft, vom Squire eingeladen, den Vorgängen bequem zuſehen konnten. Wie der Zug aus dem Gebüſche des Hohlwegs her⸗ vortrat, brach ein Jubel aus, der ſich noch vermehrte, als man den Squire ſelbſt an der Spitze erkannte. den Fremdlinge erregten Erſtaunen durch den ſeltſamen und prachtvollen Anzug, nach deſſen Bedeutung man ein⸗ ander lebhaft fragte. Die Prozeſſion zog in das Gehege ein, und ſtellte ſich innerhalb des Kreiſes in verſchiedenen Gruppen auf. Nun wurde zuerſt dem zuſchauenden Volke ein An— theil am Feſtſpiele gegönnt. Man öffnete nämlich den Eingang, und Alles was mit einem Bande, einem Blu⸗ 264 mengewind oder irgend einem bunten, luſtigen Behängſel verſehen war, drängte ſich hinein, um den Maibaum zu ſchmücken. Wie dies geſchehen, wurde der Platz wieder geleert, und der Baum unter dem Zujauchzen der Menge aufgerichtet und befeſtigt. Die Schützen holten ſich die ſechs Milchmädchen, welche um ihre Kuh ſtanden, und tanzten nach den Melodien eines Dudelſacks mit Pfeifen und Trommeln um den Baum. Wie ſie aufhörten, kam Gregor, ein weit umher bekannter Poſſenmacher, der heut das Steckenpferd ſpielte, hervor, und machte mit ſeinen eigenen Beinen, zwiſchen denen er einen mit Pferdekopf und Schweif ausgerüſteten Stock führte, den Trab, Ga⸗ lopp und ſonſtige Pferdeſprünge zum unſäglichen Spaß des Volkes. Plötzlich wurde nun dieſes Steckenpferd vom Drachen angefallen. Des Squires Wildmeiſter, der ihn vorzuſtellen hatte, ſchlug mit erſtaunlicher Geſchicklichkeit die gewaltigen Flügel, und rollte den Drachenſchweif. Das Steckenpferd ſetzte ſich zur Wehr; ein Kampf be⸗ gann, bis unerwartet Muck Müllersſohn dazwiſchenſprang, und mit Schellen an Knieen und Elnbogen raſſelnd, die tollſten Tanzſprünge machte. Bald hier, bald dort warf er den gaffenden Bauern Händevoll Mehl ins Geſicht, oder ſchlug Dieſem und Jenem ſeinen Lederſchlauch um den Kopf. Während dieſes unaufhörlich bejauchzten Trei⸗ bens ſchritt Frater Tuck mit frommen Geberden rings im abgeſteckten Kreis um, und ſtieß mit ſeinem dicken Stock die zuweit Hereindrängenden auf die Zehen. Schrie dar⸗ über Einer auf, ſo ermahnte er ihn mit ehrwürdiger Miene, ein Vaterunſer zu beten, und ſich vor dem Fege⸗ feuer zu hüten. Zehängſel baum zu 3 wieder r Menge ſich die den, und tPfeifen der heut nit ſeinen Fferdekopf ab, Ga⸗ Spaß rd vom 26⁵ Dies wilde, fort und fort beklatſchte Spiel fand end⸗ lich ſein Ende dadurch, daß Steckenpferd, Drache und Müllersſohn ſich athemlos auf die Erde fallen ließen, und eine Weile für todt liegen blieben. Während ſie lagen, ging man zu einem ruhigern Spiele über. Eine Scheibe wurde aufgeſteckt, und die Bogenſchützen ſchoſſen um Ehrenpreiſe. Robin Hood und Willem Stuckely übertrafen heut Alle. Sie ſchoſſen zwei Pfeile in den goldfarbigen Mittelpunkt der Scheibe ſo dicht neben ein⸗ ander, daß die Meiſterſchaft das erſte mal unentſchieden blieb. Sie mußten noch einmal ſchießen. Robin traf jetzt allein in die Mitte, und Stuckely's Pfeil ſaß am Gold— rande. Jener erhielt alſo den Lorbeerkranz mit bunten Bändern und dieſer einen Epheukranz.— Hierauf zer⸗ ſtreuten ſich die ſpielenden Perſonen; die Seilſchranken wurden weggenommen, und der ganze Platz dem Volk überlaſſen, das nun ſeine Tanzluſt um den Maibaum befriedigte. Der Edelmann führte ſeine Gäſte aus dem Zelthauſe nach ſeinem Park und Schloß. Es war Mittag, und in der großen Halle ſtand eine Tafel gedeckt. Das Spiel war nach altem Herkommen angeordnet geweſen, und ſo ſollte heut auch nach ſtrengem Gebrauche geſpeiſt werden. Die Vornehmen und Geringen wurden durch ein auf der Tafel ſtehendes großes Salzfaß getrennt, und unterſchie⸗ dentlich bewirthet. Die beſſern Weine und manche Spei⸗ ſen gelangten nicht unter das Salzfaß hinab, wo die Schulmeiſter, die Freiſaſſen, die Zinspächter und derlei ländliche Nachbarn ſaßen. William nahm an der Unterhaltung wenig Antheil. Er war ermüdet, zerſtreut und dachte an ſeine Rückkehr nach London. Der Squire war ungehalten über dies Vorhaben ſeines liebſten Gaſtes, obſchon William in einigen Tagen wiederzukommen verſprach. Er drang in ihn, zu bleiben. Auch Thekla redete ihm noch einmal zu. Allein mit jedem Widerſpruche wuchs des Freundes Un⸗ ruhe. Niemand begriff, was ihn ſo trieb, und er ſelbſt war ſich nicht alles deſſen klar bewußt, was Southamp⸗ ton's Brief in ſeiner Bruſt aufgeregt hatte. Er wendete die bedenkliche Lage ſeines Gönners Eſſer vor.— Der Graf iſt in eine bedrohliche Unterſuchung gezogen, ſagte William, und man iſt den Verräthern auf der Spur, die manche Geheimniſſe der Kriegskanzlei entwendet und gegen ihn misbraucht haben. Ich war damals ſein Schreiber und finde es unpaſſend, mich gerade jetzt von London entfernt zu halten.— Er ſtellte es Thekla frei zu bleiben und ihn zu erwarten. Allein das war ihr noch weniger angenehm, und ſo entſchloß ſie ſich lieber, gegen Abend mit zu reiten. Sie ließen alſo auf Wiederkommen ihre Sachen zurück, und ritten in den phantaſtiſchen Anzügen fort, in denen ſie gekommen waren, und die zum heuti⸗ gen Tage paßten, an welchem in allen Dörfern Jubel und Mummereien ſtattfanden. rſelbſt thamp⸗ wendete — Der ſagte ur, die gegen ſchreiber London bleiben weniger Abend een ihte Anzügen n heuti⸗ 1 Jubel 267 Der Tag war ſchon von früh Morgens an ſehr ſchwül geweſen. Wie nun die Reitenden über die nächſten Hü⸗ gel gekommen waren, ſahen ſie nach der Stadt hin ein ſchweres Wetter aufſteigen. Die ſtille Luft ward immer drückender; die Pferde gingen matt. Unſere Liebenden hatten aber keine Sorge; ſie unterhielten ſich ohne viel Aufmerkſamkeit nach außen. Ihr erſter Ausflug war ſo vergnügt abgelaufen; ſie verabredeten dergleichen ländliche Beſuche zu wiederholen. Reitend oder pilgernd wollten ſie die ſchönſten Gegenden aufſuchen, nach Luſt und Laune verweilen, oder weiterziehen, um in hundert wechſelnden Lagen ihre treue Liebe zu empfinden, und das Glück zu vervielfältigen, das ſie einander bieten konnten. Muth⸗ willige Wünſche, neckende Fragen miſchten ſich darein; Scherz und Lachen jagten einander. Sie wurden darüber ſo ausgelaſſen, daß ſie nicht nur die ſeltſam geſtalteten und geſchichteten Gewitterwolken belachten, ſondern ſogar Blitz und Donner herausfoderten, mit ihnen zu liebäu⸗ geln und zu murren, wie es auch abwechſelnd in einer guten Ehe vorkomme.— Ein Wind erhob ſich in ihrem Rücken, und wirbelte ihnen voraus den Staub des We⸗ ges auf. Sie hofften, er werde auch die Regenwolken vor ihnen wegtreiben. Allein bald ſchlug er um; das dicke Gewölk zog raſch heran; es ward plötzlich tiefgraue Dämmerung.— Jetzt wurde den Reitenden ſchon bäng⸗ licher zu Muth. Sie ſahen ſich nach Häuſern um, wo ſie vor dem Platzregen unterkämen, und trabten ſchärfer zu. Bald hörten ſie das Glöckchen von St. Giles, das vor dem Wetter läutete. Nun fielen dicke Tropfen. Sie beſchloſſen an den Hütten anzureiten, und ſiehe, da ſtand 268 gleich die erſte, Milliſent's Wohnung, ſonſt immer ver⸗ ſchloſſen, jetzt mit weiter Thüre offen.— Was bedeutet das? fragte Thekla ängſtlich.— Daß wir willkommen ſind, antwortete William, und ließ die Freundin abſitzen. Dann brachte er beide Pferde nach einem benachbarten offnen Schuppen ins Trockne, und eilte durch den heftigen Regen nach der Hütte zurück. Thekla war inzwiſchen als alte Bekannte in die Stube getreten. William wagte nicht gleich, ihr zu folgen: wie er aber durch die ange⸗ lehnte Thüre eine weinende Stimme vernahm, öffnete er leiſe, und blickte hinein. Er ſah Milliiſent in Thekla's Armen liegen, und errieth, der alte Edmund ſei geſtor⸗ ben. So ſah auch der Greis wirklich aus, den er auf dem Bette wohl bemerken konnte. William eilte nun erſchrocken in das Zimmer, und trat an das Lager. Der Greis war noch nicht todt, er athmete noch in ſchwachen, ſchnellen Zügen, und wie es ſchien, mit verlornem Be— wußtſein. Der Freund ſprach der troſtloſen Milliſent zur Beruhigung. Er und Thekla erboten ſich, in dieſer Nacht bei ihr zu bleiben. Beide traten vor das Bett, und be⸗ trachteten mit Rührung den Schlummernden. Es war ein edles Geſicht mit dem Ausdrucke des Mismuths und der Bitterkeit um den Mund und um die ſchweren Au⸗ genbrauen. Milliſent betete. Während dieſer Stille blitzte und donnerte es heftig, der Regen praſſelte am nahen Fenſter herab.— Der Kranke wachte von dieſem Getöſe auf, und öffnete die ſtarren Augen. Sein Blick haftete träumeriſch an den beiden fremden Geſtalten, die ſich, wie vor einer Erſcheinung, nicht zu regen wagten. Seine Stirne faltete ſich von angeſtrengtem Beſinnen; er hob — Der hwachen, nem Be⸗ liſent zur ſer Nacht 5s war 3 und Au⸗ eren Au lle blitze nahen Getöſt c haftete ſich, wie Seine hob 269 die hagern, zitternden Hände nach Thekla empor, ſein Auge belebte ſich, ſein Mund bebte nach Worten. Milliſent fürchtete, er zürne über den Beſuch, eilte herbei, ſtützte ihn, der ſich aufzurichten ſtrebte, und rief ihm ins Ohr,— es ſeien ja ihre Wohlthäter.— Der Greis hörte ſie nicht; wie aus einer Entzückung keuchte er mit matter, angeſtrengter Stimme: Gloriana! Königin! Du würdigeſt mich—? Deine Roſſe blitzten in meine Nacht, ſchnaubten an meinen Fenſtern, ich hörte deinen rollenden Wagen. Gloriana! Mich Armen, Mishandelten nimmſt du zu dir hinauf, hinauf! Verkläreſt deinen Die— ner— Gloria— Er ſchloß die Augen und ſank erſchöpft zurück. Die Bruſt hob ſich zu einem tiefen Athemzuge, der Kopf wendete ſich, die Glieder zuckten. Er war verſchieden Es blitzte und donnerte heftiger:— er erwachte nicht mehr. Milliſent brach jetzt in lautes Weinen aus. Thekla zog ſie mitweinend an ihre Bruſt. William konnte das Auge nicht von dem Verblichenen wenden, deſſen Angeſicht langſam ſich veränderte, und einen heitern, lächelnden Ausdruck annahm.— O ſeht, ſeht! rief er gerührt aus, wie wohl dem guten Manne im Sterben wird, wie freudig er, verklärten Angeſichts, dieſe ſchwere, dunkle Erde verläßt! Beide Frauen waren herbeigetreten, und Milliſent ſagte unter Schluchzen: Der Himmel hat euch in dieſer trauri— gen Stunde hierher geführt, meinem armen Edmund zum Troſt. Ihr habt ihn im letzten Augenblicke— Sie konnte vor Weihen nicht weiter reden. Er irrte ſich in uns, erkannte dich aber doch als Glo⸗ riana! bemerkte William gegen Thekla. O gewiß kannte er Gloriana, ſeufzete Milliſent, er, 9 der Dichter—. 1 Er— 2 O ſprecht um des Himmelswillen! rief Wil⸗ G liam aus. t Ja, nun dürft ihr wiſſen, daß es Sir Edmund Spen⸗ ſer,— daß es der arme Edmund Spenſer iſt—! weinte Milliſent. Und er liegt todt und vergeſſen! Edmund Spenſer? rief William, und faltete vor Stau⸗ nen und Ehrerbietung die Hände.— So ſtand er lange ſtumm, und die Augen, die auf den lächelnden Zügen des Entſeelten ruhten, netzten ſich. Es war todſtill im Gemach. Thekla hatte ſich geſetzt, und Milliſent lag mit weinenden Augen auf ihren Knien. In den Bäumen draußen rieſelte noch leiſer Regen; in weiter Ferne donnerte es. Hingezogen von ſeinem Leide, ſtürzte William über 1 den Verblichenen, küßte die edle Stirne, und legte die kalte Hand des Todten wie zu einem Segen auf ſein eigenes Haupt. Ein unſägliches Weh ergriff ihn; ſchluch⸗ zend verließ er das Gemach, und warf ſich draußen über die naſſe Bank unter dem Apfelbaume. Unaufhaltſam ſtrömten ſeine Thränen; ſein Herz zuckte von Schmerzen über Spenſer's Geſchick und von einem tiefen, dunkeln Leide. Nach einer Weile kam Thekla leiſe herbei, und ſuchte den Freund vom naſſen Sitze aufzurichten.— Ich fühle, was dich ſchmerzt! flüſterte ſieg und ſchloß ihn feſt an ihre Bruſt. or Stau⸗ er lange n Zügen geſetzt Knien. egen; in am über gte dle auf ſein ſchluch⸗ ißen über ufhaltſam Schmerzen dunkeln und ſuche gch füͤhle feſt an Ach der Arme! ſeufzete William. Einſt geprieſen, bekränzt, vergoldet,— zuletzt vergeſſen, vom Bettel der Gattin gepflegt, die Welt verwünſchend. Da führt eine unbegreifliche Hand den Uebermuth eines Jüngers an das Lager des Sterbenden, die Geſtalten ſeiner eigenen Phan⸗ taſie beleben ſich noch einmal um ihn her, und eine Täu⸗ ſchung thauet ihm Troſt, Verſöhnung, Frieden in die ſcheidende Seele; lächelnd ſtirbt der arme Sänger. Fühlſt du das Loos der Dichter? Von Täuſchungen leben ſie, an Täuſchungen werden ſie ſelig! Aber ſie beſeligen auch mit Täuſchungen, in denen ſie der ſpielenden Welt die himmliſche Wahrheit zuwenden. O mein William! Mit dieſen Worten ſank Thekla vor dem Dichter auf die Knie und faßte mit flehendem Aufblick ſeine Hände. Eine Nachtigall ſchlug im nahen Gebüſche. William lauſchte nach dem ſeltenen Gaſte.— Edmund's Seele! flüſterte er, und richtete ſich auf.— Es donnerte noch einmal in der Ferne, und über London zuckte der blitzende Himmel. Dreizehntes Kapitel. Als William auf Thekla's Zuſpruch mit ihr in die Hütte zurückkehrte, fanden ſie Milliſent beunruhigt, daß dem Todten keine Sterbeglocke geläutet habe. Ihr Herz ſchien ſehr an dieſem alten Brauche zu hangen, an den ſie von Kindheit auf gewohnt war.— Unſer gute Edmund, ſagte William, iſt über die böſen Geiſter der Sterbeſtunde und über das Gebet der Nachbarn erhaben; allein Euch zu Liebe will ich den Küſter wecken, und die Glocke des Kirchleins ſelber läuten. So that er auch. Allein Keines hatte voraus be⸗ rechnel, welche Aufregung durch die nächtliche Glocke in der kleinen Gemeinde entſtehen ſollte. Die Nachbarn, des Gewitters wegen meiſt noch wach, eilten herbei, ſprachen ihr Leid aus, und wollten nun alle die Leichenwacht hal⸗ ten,— ein Gebrauch, der ſehr peinigend wurde, weil die Wächter bewirthet werden mußten, und wenn ſie ſich auch gerade nicht übernahmen, doch ſchon durch das bloße Ze⸗ chen den niedergeſchlagnen Angehörigen die widerwärtig⸗ ſten Empfindungen verurſachten. Nur mit Mühe gelang es dem Freunde, die Nachbarn bis zum anbrechenden Tage zurückzuweiſen, und zu bewegen, daß ſie ihm und ſeiner Thekla die Leichenwache für die Nacht überließen. Auch der Prediger des Ortes fand ſich mit ſeinem Troſt ein, und dies erinnerte den Freund an Aylford. Er ge⸗ wann einen Burſchen, dem er ſein Pferd anvertrauen konnte, und der mit Tages Anbruch nach Stratford ab⸗ ging, um dem Prediger Aylford von Sir Edmund's Tode Nachricht zu geben. Der Burſche war angewieſen, dem⸗ ſelben, wenn er nach London kommen wollte, für den Herweg das Pferd zu überlaſſen. Am andern Morgen brachte William Thekla's Pferd nach dem nahen Southamptonhouſe, und verlangte zum Grafen. Doch dieſer war ſchon nach Eſſer⸗Palaſte aus⸗ den ſie von nund ſagte ſtunde und n Euch zu Glocke des voraus be Glocke in achbarn, des dei, ſprachen enwacht hal⸗ weil die ſie ſich auch s bloße Ze⸗ widerwärtig⸗ Mühe gelang anbrecenden ihm und —. berließen. m Troſt nen d. Er gr⸗ anvertrauen — ann Stratford ab d 6 Tode dmund?* wieſen, dem⸗ für den vtefla's Pfelt 4 nate zun alaſte allt Pa 273 gegangen. Auf dem Wege dahin begegnete ihm Bacon, der ſich über William's zerſtörtes Ausſehen befremdete.— Ich komme von Edmund Spenſer's Leichenwacht! rief der Freund, und ſetzte durch Erzählung des Vorfalls Bacon in nicht geringe Verwunderung.— Es muß etwas Wür⸗ diges für die Beiſetzung des edlen Dichters geſchehen, fuhr William fort. Wollt Ihr nicht mit zu Eſſer kommen, und Theil an dieſer Sorge nehmen? Eure Abſicht verdient meinen wärmſten Beifall, ant⸗ wortete Bacon. Ich werde in meinen Kreiſen mitwirken; aber zu Eſſer kann man nicht gut mehr gehen, ich we⸗ nigſtens, in meiner Beziehung zum Hofe, darf es nicht.— Und als William betroffen fragte, was in jüngſter Woche geſchehen ſei, fuhr Jener fort, indem er den Freund durch einige Gaſſen begleitete: Nach dem letzten Verhör des Grafen trug die Com⸗ miſſion des Staatsraths bei der Königin darauf an, daß Eſſer ſeiner Aemter als Staatsrath, Stallmeiſter und Oberfeldherr zu entſetzen, dagegen aber auf freien Fuß zu ſtellen ſein möchte. Die Königin genehmigte dieſen Antrag. Dem Grafen ging es aber, wie Einem der aus ſtürmiſch hin⸗- und hergeworfenem Schiffe auf feſten Bo⸗ den tritt: er that wunderliche Schritte. So brachte er mit dem Danke für ſeine Freiheit zugleich die Bitte um Erneuerung des ablaufenden Monopols für den Handel mit rothen Weinen vor. Denkt Euch nun, Sir William, inen übermäßig⸗demüthigen Brief voll Verſicherung von Unterwürfigkeit:— der Graf wollte die Hand und die Nuthe küſſen, die ihn gebeſſert hätten, er ſehnte ſich nur ſach jenen geſegneten Augen, die ſo lange ſein Leitſtern, Koenig, William Shakſpeare. II. 18 274 ſeine Glückſeligkeit geweſen, gleich Nebukadnezar wünſchte er bei den Thieren des Feldes zu wohnen, und vom Thau des Himmels benetzt, von Graſe zu leben, bis es der Königin gefallen würde, ihn wieder aufzunehmen, und was dergleichen Huldigungen mehr waren.— Und nun, nachdem die Koͤnigin all' dieſe Demüthigung mit Zufriedenheit geleſen, findet ſie das Geſuch um Erneue⸗ rung des einträglichen Monopols angefügt. Denkt Euch ihre Entrüſtung!„Nein, nein, rief ſie zürnend aus, ſolch' einem unlenkſamen Thiere muß man den Haber kürzen.“ — Seit dieſer erneuten Ungnade der Monarchin geht Niemand mehr mit dem Grafen um. Ich erlaube mir, Euch aufmerkſam zu machen, Sir William, damit Ihr— Der Freund ließ ihn nicht ausreden, ſondern erwi— derte: Ich bin dem Grafen Dank ſchuldig. Die Gunſt der Königin iſt ein hoher Juwel; wer dürfte ihn aber in die Schmach der Undankbarkeit faſſen? Sir Francis lächelte verlegen, und ſchied mit höflichem Gruße. William verwunderte ſich, den Palaſt des Grafen Eſſer weit geöffnet zu finden. Menſchen von niederm Stande gingen aus und ein. Im innern Hofraume drängte man ſich um einen Prediger. William blieb ſtehen, weniger aus Zweifel, daß es ein Puritaner ſei, als aus Staunen darüber. Der Eiferer ſprach eben gegen das überhandnehmende Spiel.— Die Spielhäuſer zu Ehren des Teufels, rief er, ſind zahlreicher in London, als die Tempel, in denen Gott geprieſen wird. Ich kenne einen Spieler, der ſelber, und mit Recht, behauptet, die n Erneue⸗ denkt Euch aus, ſolch r kürzen.“ rchin geht laube mir, tIhr— erwi⸗ Gunſt on aber in höflichem s Grafen n niederm Hofraume jam blieb taner ſei ben gegen häuſer zu n London Ich konne dle 27⁵ Würfel ſeien aus Knochen der Hexen gedreht, und die Karten aus Hexenhaut geſchnitten. Wer ſie einmal be⸗ rührt, iſt ihrem Zauber verfallen. Hundertmal verſchwört ſich der Spieler, von beiden, von Würfeln und Karten, abzuſtehen, und immer fehlt ihm die Gnade, auch nur eins von beiden zu laſſen. William eilte mit den widerſprechendſten Gefühlen die Treppe hinauf. Er fand den Grafen Eſſer nicht mehr in der frühern Herabſtimmung oder Unterwürfigkeit. Mit einem grellen Auflachen von Zufriedenheit empfing er den Dichter.— Da iſt ja unſer treuer Poet! rief er. Der Philoſoph hat ſich dem Teufel verſchrieben, um Kanzler zu werden. Ich heiße Euch willkommen, Sir William! Könnte ich Euch mit dieſem Handdruck für immer an meine Perſon knüpfen! Ich wünſche, Ihr zögt in meinen Palaſt, und nähmt dann ſpäter den Flug nach einem meiner Güter, um es zu beſitzen. Es könnte eine Zeit kommen, wo ein Dichter ſtatt der Lorbeern eine Lordſchaft verdiente. Wir bereiten— im Vertrauen!— ein Un⸗ ternehmen vor, bei welchem mir die Flügel eines Dichters viel beſſer dienen würden, als der Schnabel eines Philo⸗ ſophen. Wenn Ihr mich fleißig beſucht, wie ich erwarte, ſo werde ich Euch überzeugen, mein Freund, daß die jetzige Partei am Hofe, die das Ruder führt, nur aus Söldlingen Spaniens beſteht, gewonnen, die Anſprüche der Infantin auf Koſten des Rechtes König Jakob's von Schottland durchzuſetzen. Wir halten es mit Jakob. Ein andermal reden wir mehr davon. Wahrlich, William, dieſer König Jakob iſt ein Gelehrter, ein Beſchützer der Kunſt und der Dichter. Mit ſeinem Regiment werden 2 18* 276 endlich Leute, wie Ihr, Geltung und Chre gewinnen. Der Geiſt unſerer Königin iſt vom Alter ſo gekrümmt, wie ihr Gerippe. William, überraſcht und betreten von ſolchen unge⸗ zähmten Reden, blickte nach Southampton, und erhielt einen Wink, ſich zu beruhigen.— Vergebt, Mylord, ſagte er, wenn ich Euch nicht gleich richtig faſſe. Ich komme ganz verwirrt von einer Entdeckungsreiſe,— mit ganz eingenommenem Herzen. Wie? lachte der Graf. Daß Ihr vom Lande kommt, weiß ich von meinem Vetter da. Habt Ihr etwa auf thauigen Spuren einer Fee das Gebiet Gloriana's entdeckt? Nein, antwortete William; aber den verlorenen Dich⸗ ter der„Feenkönigin“ habe ich aufgefunden. Was ſagſt du? rief Southampton. Von Edmund Spenſer— haſt du etwas erfahren? Ich habe ihn ſterben ſehen! ſeufzte der Freund, und ſeine eigene Betrübniß ging ſchnell auf beide verſtummte Grafen über. William ſuchte ſich zu faſſen, und erzählte mit ein⸗ fachen Worten das Ereigniß, das ihm und ſeiner Thekla bei ihrer Einkehr in Milliſent's Hütte begegnet ſei.— Und nun, ſagte er zum Schluß, komme ich als Leichen⸗ bitter, um von ſo edlen Männern ein würdiges Begräb⸗ niß für Edmund Spenſer zu erflehen. Helft mir, dem Undank des Vaterlandes eine Grenze ſetzen, und am Grabe des Dichters für die Vergehen Englands an ihm eine Sühne bringen! Auf meine Koſten das feierlichſte Begräbniß,— auf meine alleinige Koſten! rief Eſſer in edler Aufwallung gewinnen. gkkümmt Molord Er muß in der Weſtminſterabtei begraben werden, unſer herrliche Spenſer. Ich vermag jetzt bei Hofe nichts, ja ich würde durch meine Vermittelung das Beſte verderben: ſuche alſo du, lieber Heinrich, auf irgend einem Wege dem armen Dichter ein Grab in Weſtminſterabtei zu er⸗ wirken. Die Königin ſoll ſich nur erinnern, welche glück⸗ lichen Stunden der Eitelkeit ſie dem Dichter verdankt, in deſſen Feenkönigin Gloriana ſie ihre Perſon verherrlicht glaubte. Nehmt ihr beide euch des Begräbniſſes an! Ihr habt Vollmacht zu jeder Ausgabe für dieſen frommen Zweck. Dieſe Angelegenheit beſchäftigte unſern Freund für die beiden folgenden Tage ausſchließlich. Denn wo auch ſein Verſtand leicht fertig geworden wäre, ſuchte doch ſein Herz eine wehmüthige Befriedigung in der übernomme⸗ nen traurigen Pflicht. Er konnte ſich darin nicht genug thun. Kaum fand er die rechte Stimmung, um ſeinem gräflichen Freunde den geheimen Brief zurückzugeben, und ihm zu bekennen, daß er ihn geleſen, ohne mit Thekla in dem Sinne verbunden zu ſein, wie es Southampton vorausgeſetzt habe.— Wie er des Grafen betroffene, un⸗ zufriedene Miene bemerkte, ſetzte er raſch hinzu: Vergib! Unſere Liebe ſchien ſich ſelbſt genug zu ſein: ſeit deinem herzlichen Briefe fühle ich aber lebhafter als je, daß unſer Bund auch der Welt und ihren Formen genügen muß. Vergib mir, Heinrich, und ſchenke mir nur dieſe erſten traurigen Tage Geduld! Southampton ließ ſich nicht weniger als William die fromme Sorge für Spenſer's Leiche angelegen ſein. Die Königin bewilligte ein Grab in der Weſtminſterabtei ne⸗ ben dem alten Dichter Chaucer, der nach manchen Mis⸗ geſchicken in zufriedener und glänzender Lage geſtorben war, wie Spenſer umgekehrt nach glücklichem Geſchick arm 4 und unzufrieden. Southampton und zum Theil auch Bacon hatten in den höhern Kreiſen eine lebhafte Theil⸗ nahme an Spenſer's Beſtattung erweckt, während William die Dichter und Künſtler gewonnen hatte, ſich mit huldi⸗ gender Trauer einzufinden. Einige Stunden vor dem feierlichen Begräbniſſe traf auch der Prediger Aylford ein. William fand Gelegen⸗ heit, ihn dem gräflichen Freunde vorzuſtellen. Dieſem ſagte das freimüthige Weſen und der großartige Welt⸗ blick des Predigers ungemein zu. Er erkundigte ſich ins⸗ geheim nach den häuslichen Verhältniſſen William's in Stratford. Der Prediger, der Southampton's freund⸗ 1 ſchaftliche Geſinnungen für den Dichter genau kannte, ſprach ſich ganz offen über dieſe zarten Angelegenheiten aus, und ſetzte am Schluſſe hinzu: Durch die unerwartete und ehrenvolle Bekanntſchaft mit Eurer Herrlichkeit finde ich auch gleich den rechten Mann für eine ſchriftliche Mit⸗ theilung. Ich habe nämlich in Stratford die frühere Lage unſeres Freundes und die Anläſſe zu erforſchen geſucht, 9 die ihn zuerſt zur Flucht nach London bewogen haben. V Das iſt der Gegenſtand, über den William gegen uns alle ein tief beſchämtes Schweigen hält. Ich bin zu die⸗ ſem Ende mit den Eltern, Nachbarn, Genoſſen und ſelbſt mit dem Squire Lucy in Unterhaltung getreten. Die Mittheilungen all' dieſer Perſonen über ein Ereigniß, das für unſern William, ja für die ganze engliſche Poeſie chick arm heil auch te Theil⸗ William it huldi⸗ niſſe traf Gelegen⸗ Dieſem Welt iams in freund⸗ kannte, genheiten rwartete feit finde ie Mi⸗ ihere Lage — geſucht, 9 1 haben n uns eger n zu die⸗ zſſen und getreten 1 janiß, Creig ſhe Porſt als ein Verhängniß erſcheint, habe ich dann in Form einer Novelle, wie man ſolche in Italien und Frankreich liebt, zuſammengeſtellt und zu beleben verſucht. Wenn es Eurer Herrlichkeit gefällig iſt, die Handſchrift zu leſen? Ich habe darin auch das ſchmerzlichſte und kränkendſte Lebensverhältniß, das unſern Freund betroffen hat, wenig⸗ ſtens angedeutet Wir müſſen darum höchſt vorſichtig mit der Handſchrift umgehen. Der Graf bat Aylford um recht baldige Mittheilung dieſer intereſſanten Erzählung. Spenſer's Begräbniß war das feierlichſte, das ſeit Jahren in London Statt gefunden hatte. Menſchen aus allen Klaſſen begleiteten in Trauergewändern die Leiche auf dem langen Wege von St.⸗Giles durch die Mar⸗ tinsgaſſe uber den Platz Charing Croß bis zur Weſt minſterabtei. Straßen und Häuſer waren voll Neugieriger, die das Trauergepränge mit Rührung anſahen, und einen hohen Begriff von dem Verſtorbenen faßten. Aus den Fenſtern der Reichen hingen Trauerflore und Rosmarin⸗ kränze. Die Dichter warfen Elegien und Sonette in das Grab. Eine reiche Almoſenſpende breitete auch unter den Bettlern den Namen eines Dichters aus, der ihr Loos getheilt hatte, ohne daß ſie ſeine Schätze theilen konnten. Als nach der feierlichen Beiſetzung William in Be— gleitung Southampton's und Aylford's die Gruft verließ, an der noch Milliſent betend zurückblieb, ſagte er: Wie ſchwer wird es mir, von jenem Grabe zu ſchei— den! Ich nehme ein ahnungsvolles Herz mit hinweg, das, glaube ich, voll iſt von dem dunkeln Vermächtniß eines 280 Dichters an ſeinen Jünger. O wie habe ich mich ſonſt an ſeinen Phantaſien erhoben, wie oft an ſeinem Schäfer⸗ kalender mich in ein ländliches Glück geträumt! Nun bin 1 ich an ſeinem Sterbebette in den wunderbarſten Bezug zu einem Meiſter getreten, der in ſeinem Leben mich nicht kennen und nicht gelten laſſen wollte. Allen Dank habe ich ihm in einer Täuſchung abgetragen, die ihn am Schluſſe ſeines Lebens mit der Welt verſöhnte. Was glaubt ihr, meine Freunde,— wird der Todte ſich dafür rächen oder bedanken? Wie die zahlreichen Gedichte mei⸗ nem zuerſt hineingeworfenen in das Grab folgten, war mir als ob jeden Augenblick Edmund Spenſer einen Mei⸗ ſterbrief für mich herausreichen müßte. O meine theuer⸗ ſten Freunde, dieſe tiefe Betrübniß meiner Seele iſt nicht ohne einen dunkeln Inhalt. Der ſüßeſte, trunkenſte Lenz meines Lebens hat, kaum angenippt, einen bittern Nach⸗ geſchmack angenommen. Wird es mir denn ſo ſchwer, nachdem ich ſo manche erfahrene Täuſchung des Lebens überwunden habe, mich über eine zugefügte zu beru⸗ higen? Mir iſt zu Muth, als ob mir mit dem nächſten Schritt eine große Wandlung meines ganzen Daſeins begegnen ſollte. Doch laßt mich davon ſchweigen! Viel⸗ leicht iſt es nur die Stimmung dieſer traurigen Feierlich⸗ 8 keit, die mich ſo durchſchüttert. Warten wir ab, was uns begegne, überſehen wir aber nicht, was zunächſt vor 1 uns liegt. Wie ſorgen wir für Milliſent? Mit dieſer Frage blieben ſie vor der Kirche ſtehen. William wollte hierin der Meinung des Predigers Ayl— ford nicht vorgreifen. Eure Anſicht, werther Aylford, ſagte er, Eure Meinung und Wünſche, müſſen unſerm mich nicht Dank habe ihn am Was ſich dafür ichte mei gten, war nen Mei theuer ſt nicht enſte Lenz rn Nach o ſchwer s Lebens zu beru⸗ ächſten Daſeins Viel Feierlich was n 95 id ſt vor g ſtehen 3 Ahl Aylford n unſerm 28]1 guten Willen die Richtung und den Ausſchlag geben Ihr habt das wärmſte Intereſſe für dieſes edle Weſen, und Euch verdanken wir auch die erſte Bekanntſchaft Milliſent's. Bei dieſer letztern Bemerkung erinnerte ſich Graf Sout hampton, daß er ſelbſt zuerſt von Roſalien auf Milliſent und die geheimnißvolle, betrübte Lage dieſer anmuthigen Frau war aufmerkſam gemacht worden. Dies fiel ihm jetzt lebhaft auf, und er beſann ſich auch, daß Roſalie ſich damals auf die Mittheilung eines Freundes berufen hatte. War etwa Aylford damit gemeint, und hatte das unbegreifliche Mädchen auch mit dem Prediger in Ver⸗ bindung geſtanden?— Zu dieſer Frage kam eine zweite: ob nämlich Roſalie, nachdem er von ihr weggeblieben, auch ohne ſein Almoſen die arme Milliſent noch fort⸗ während unterſtützt haben möchte oder nicht?— Sout⸗ hampton ward nachdenklich. Vielleicht waren hier neue Spuren von Roſaliens heimlichen Umtrieben zu entdecken. Dieſe Fragen und Vermuthungen nahmen den Grafen ſo lebhaft ein, daß er hinter beiden, raſcher im Volksge⸗ dränge vorausſchreitenden Freunden unvermerkt zurückblieb, und ſie aus den Augen und aus den Gedanken verlor. Es trieb ihn zur Kirche zurück, um Milliſent zu befragen. Eben ſchied ſie von der Gruft, die ſchon durch die Hand der Steinmetzger geſchloſſen ward.— Liebe Frau, redete er ſie an, hat Euch denn Roſalie ſeither noch zuweilen beſucht, wie ſie früher gethan? Welche Roſalie? Wen meint Eure Herrlichkeit? fragte ſie Erinnert Ihr Cuch der ſchönen Lady nicht mehr, fuhr der Graf fort, die ich im vorigen Herbſte bei Euch am Brunnen ſitzen ſah, als ich vorüberritt? Sie rief mich an, und nannte mich Euern Wohlthäter? Wißt Ihr, ich fragte dann nach Euerm Kranken? Ach ja! Ich beſinne mich wohl, erwiderte Milliſent. Jene Lady heißt aber nicht Roſalie, ſondern Thekla. Thekla? fragte Southampton hochſt betroffen. Mis⸗ verſtehen wir uns auch nicht, gute Frau? Ich weiß nicht anders, ſagte Milliſent leicht erröthend. Ich wußte früher gar nicht, wie ſie hieß, und wer ſie war. So lange ſie allein zu mir kam, nannte ſie ſich nie, bis ſie an jenem traurigen Abende mit ihrem Ge⸗ mahl bei mir einſprach. Während beide die Nacht über um mich blieben, und mir ſo gnädig beiſtanden, hörte ich zuerſt, daß ſie einander William und Thekla nannten. Eine Roſalie kenne ich nicht. Alſo Thekla und Roſalie wäre dieſelbe Perſon? fragte Southampton erblaſſend. Ich meine, die damals bei mir am Brunnen ſaß, als Mylord vorüberritt, iſt dieſelbe, die mit Sir William die Leichenwacht bei meinem ſeligen Edmund gehalten hat,— antwortete Milliſent. Southampton verneigte ſich ſtumm. Eine Eiskälte überlief ihn, ſeine Gedanken verwirrten ſich. Er eilte fort.—„Armer, unglückſeliger Freund!“— Mehr konnte er nicht denken und ſagen.— Er ſchloß ſich in ſeinem Zimmer ein, und ließ Niemanden vor ſich. Erſt ſpät am Abend öffnete er auf wiederholtes Pochen und Rufen des Hausnarren. Dieſer überreichte ein Päckchen, das eben ein Fremder ins Haus abgegeben hatte.— Ayl⸗ mich an, ich fragte Milliſent. kla etla Mis⸗ rröthend wer ſie e ſie ſich rem Ge acht über n, hörte nannten. n? fragte Eiskälte Er eilte hr konnte n ſeinem Erſt ſpät nd Rufen hen, d ford's Novelle:„William's Flucht“ betitelt, und ſauber geſchrieben, fiel dem niedergeſchlagenen Grafen in die Hände. Vierzehntes Kapitel. William's Flucht,— eine Novelle. Unter den Ulmen am graſigen Ufer des Avon wandelten an einem ſchönen Mainachmittage Kindermädchen, und ſuchten Schlüſſelblumen für ihre Kleinen. Alles umher war ſo friſch und grün, Hecken und Obſtbäume blühten, die Vögel ſangen, die Menſchen lachten. Ein junger Mann ſah dieſem Treiben zu, gedankenvoll unter einem von Rauten umkränzten Apfelbaume ſitzend,— einem Lieblingsplätzchen, das er, zwiſchen den Gärten und über den Kirchhof ſchreitend, faſt täglich zu beſuchen pflegte. Eine Bank ſtand am Baume, und ſitzend konnte man nach Stimmung und Belieben links den Kirchhof und rechts das Thal überſchauen. Dicht unten rauſchte der Avon mit klaren Wellen, als Grenze gleichſam zwiſchen dem Bezirk der Abgeſchiedenen und dem Bereiche des Lebens. Es war ſchon ſtiller in den nahen Gärten geworden, als ein drei- bis vierjähriges Kind über den Kirchhof taumelte, und auf dem unebenen Boden etliche Mal ins 284 hohe Gras fiel. Der träumeriſche Einſame nahm das Kind nicht eher wahr, bis es laut weinend auf ihn zu⸗ te 1 ſtürzte, und zwiſchen ſeinen Knien ſich mit ausgebreiteten Armen an ihn ſchmiegte. Sannchen, mein Kind! ſagte er mit weicher Stimme, und küßte es. Die Mutter zankt wieder! ſchluchzte die Kleine. Sie hi hat mich geſchlagen; ich ſoll mich zu dir ſcheren; ich wäre li nichts nütze, wie der Vater. Er küßte die Kleine wiederholt. n 7 Du biſt aber doch gut, Vater! Bin ich auch gut? u Er nickte lächelnd in trüben Gedanken. d Nicht wahr, Vater, wir haben nichts? Du kannſt V nichts finden? Die Mutter ſagt, du machteſt nur Reime, aber man könnte ſie nicht kochen. Ich bin doch ſatt, Va⸗ 1 ter, und hab' auch hübſche Kleider, nicht wahr? b Sagt deine Mutter nicht, das ſei eben von ihr? fragte er. w V Das iſt Alles mein, hat ſie geſagt, und hat auf den ſc Boden getreten, ſo, Vater! und hat ſich am Ohr— Pfui! Sannchen, du darfſt nicht ſo Acht geben, was deine Mutter thut. e Das Kind ſah ihn groß an. Nicht, Vater? fragte ſe es. Du haſt aber doch geſagt, ich ſoll hübſch Acht haben, m was kluge und gute Menſchen thun. Ein Schluchzen entfuhr ihm. Er nahm die Kleine an ſeine Bruſt, und trug ſie über die Gräber zurück. Wie kommſt du denn gerade hierher, mein Liebes? fragte ko er, indem er die Kleine vor der Kirche wieder auf den Boden ſtellte. ahm das hn zu⸗ h gut⸗ kannſt Reime ſatt, Va⸗ von ihr! t auf den or— was r? fragte cht haben, ie Kleine zurück 32 fragle auf den 28⁵ Mutter ſagte, du ſäßeſt wol wieder hier, und mach⸗ teſt Verſe. Sie hat auch wieder deine Papiere verbrochen Zerriſſen? Was? fuhr er auf. Ja, Vater; es waren Männer da, die zu dir woll⸗ ten; da war ſie böſe. So kleine Zeilen waren's, Vater. du nennſt es Ziffern. Aber, ſetzte ſie ſchalkhaft flüſternd hinzu: ich hab's aufgehoben und verſteckt, Vater! Wil⸗ liam überhörte dies, indem er gedankenvoll weiter durch den gewölbten Lindengang ſchritt, der von der Kirchenhalle nach dem Kirchenthore führt. Die Kleine blieb ſtehen, und ſah nach den Vögeln auf, die um das alte Gemäuer der Kirche flatterten.— Was machen denn die Vögel, Vater? fragte ſie. Sie bauen Neſter, ſie füttern ihre Jungen, antwor⸗ tete er. Siehſt du, wie jener Sperling Futter im Schna bel hat? Aber warum beißen ſie ſich denn, Vater? Nicht wahr, wenn Einer kein Futter bringt, ſondern nur zwit⸗ ſchert und umherflattert, dann wird er aus dem Neſte gebiſſen? Betroffen blickte er die Kleine an und erröthete. War es ein Vorwurf oder eine Weiſſagung, was eben der un— ſchuldige Mund des Kindes ausgeſprochen hatte?— Un- muthig ging er weiter, Nachbarn und Nachbarinnen, die aus den Gärten nach der Stadt gingen, ſahen ihn lä— chelnd an und ſchüttelten die Köpfe.— Wie er in die Stadt lenkte, rief ihn aus dem letzten Häuschen eine be⸗ kannte Stimme an. Es war Quiney, der hier im ſoge⸗ nannten letzten Heller wohnte, einer ſeiner luſtigen Kame⸗ raden.—„Nur herein, Willy, nur herein! Wir war⸗ 286 ten auf dich. Es gilt einen köſtlichen Jucks, und du mußt dabei ſein!“ William ſchickte die Kleine mit Warnung vor Pfer⸗ b den und Wagen voraus zur Großmutter, und eilte in in das Haus. Lachend kamen ihm die Geſellen entgegen, m und erzählten, wie ſie ihn in ſeiner Wohnung aufgeſucht, und von ſeiner Frau ſaubere Scheltworte abgekriegt hät⸗ ten.— Wir gelten doch etwas in deinem Hauſe, Wil⸗ ſc liam! rief Hapt. Ei, was die Frau einen Aufwand ge⸗ macht hat, uns zu regaliren! Und eine Gewalt der Stimme, eine Macht des Geberdenſpiels hat ſie ver⸗ 1 ſchwendet,— die ganze Schauſpielergeſellſchaft, die jüngſt d hier in Stratford gaſtirte, hätte ſich in den Ueberfluß d theilen koͤnnen. ¹ Und dabei die ausgeſuchten Leckerbiſſen von Redens⸗ n arten, die Seltenheiten von Ausdrücken und Wendungen! fiel Hewet ein. Saftiger und kernhafter ſind ſie auf kei— b nem Wochenmarkte zu haben. Gott verdamme! Unſere 1 dicke Bierwirthin zu Bedford, von der wir jüngſt auch ſ Pröbchen erhalten haben, würde deiner Anna koſtbare 1 Redensarten nur auf die hohen Feiertage verbrauchen. Laßt das nur gut ſein, ich bitt' euch! unterbrach William etwas empfindlich die Geſellen. Was euch im mer zu Theil geworden ſein mag: unwürdig war es nur der Spenderin, nicht der Empfänger. b Da habt ihr's! rief Quiney. Ganz recht, Sir Wil⸗ 1 liam! Sagen ſie dir etwas Neues? Biſt du denn nicht an ſolche Leckerbiſſen deiner Anna, wie an dein täglich Brot gewöhnt? Habt Achtung vor unſerm braven Gent leman, und ſagt ihm, was wir vorhaben! 287 d du mußt Ei, riefen ſie nun durcheinander, leben wir denn ſeit Wochen nicht wie die Puritaner! Nur die bunten Knie⸗ vor Pfer⸗ bänder fehlen uns, und wir könnten morgen des Tags d eilte in in die Trübſalsbrüderſchaft aufgenommen werden. Wir müſſen wieder einmal einen Jucks haben. Es iſt Mai, Stauden und Bäume ſchlagen aus, und wir frohlichen Burſche ſollten nicht auch wieder einmal über die Stränge ſchlagen? fwand ge⸗ Das muthwillige Plänchen ward eröffnet und be⸗ gewalt de ſprochen. Sie wollten in Sir Lucy’s Thiergarten ſteigen ſie vir und ein Wild erlegen. Es war nicht das erſte Mal, daß die üngſt die luſtigen Geſellen ihre Luntenbüchſen ſo misbrauchten; berfluß doch da man ihnen auf die Spur gekommen, hatten ſie 8 ihre nächtlichen Streiche eine Zeitlang eingeſtellt. Nun Redens war heut der Abend ſo lockend, der Himmel heiterer als gendungen! gewöhnlich, und Vollmond Tags vorher eingetreten. Alles ſ auf ki begünſtigte den tollen Streich, den man weniger des Ge⸗ Unſere winnſtes halber unternahm, als um den Squire,—„die⸗ iſt auh ſen pedantiſchen Friedensrichter, dies aufgeblaſene Parla⸗ foſtbar mentsmitglied“, einmal recht in den Harniſch zu bringen. 3 Man freute ſich, wenn morgen der Geck nach Stratford üchemn. geritten käme, und bei jedem Bekannten am Fenſter oder neerri an der Thüre halten, und über den„eriminalen“ Streich ducj 4 ſich ereifern würde.„Das muß vor die Sternkammer!“ vat es n hörten ſie ihn rufen;„das geheime Concilium ſoll den Aufruhr erfahren! So ſoll man nicht mit Sir Thomas Sit A Lucy von Charlecot Armigero umſpringen!“ denn ni William hatte an manchen ſolchen muthwilligen Strei⸗ in i chen Theil genommen; heut aber war es zum erſten Mal en Gen auf Luey's Gehege abgeſehen,— für ihn ein leider nur zu wohlbekannter Bezirk. Hier hatte eine jugendliche Ver⸗” irrung, in verhängnißvollem Zuſammentreffen mit einem d fremden Vergehen, das Unglück ſeines Lebens geſtiftet, ſeine frühe, unglückliche Heirath. Daß über dieſe Thor⸗ 9 heit ganz Stratford die Achſeln zuckte, war ihm das T Schmerzlichſte nicht: was ihn am heimlichſten und tiefſten d kränkte, war eben jener verhängnißvolle Umſtand, den — wie er ſich überredete—, Niemand wußte, den er 6 keinem Blutsverwandten, keinem Freunde je vertraute, deſſen er ſelbſt nie ohne heiße Beſchämung und ohne das Gefühl tiefſter Erniedrigung gedenken konnte. Und doch verbanden ſich mit dieſem heimlichen Schmerz auch wieder e die lieblichſten Erinnerungen. Kein Plätzchen jenes Wald⸗ gehegs, wo er nicht einſt in ſchönen Stunden manchem lieben Traume, mancher ſchwärmeriſchen Hoffnung nachge⸗ hangen hätte. Unter dieſen ſtolzen Eichen und Buchen, deren tiefe Einſamkeit ſich gerade durch den Lärm zahl⸗ loſer Waldſänger recht fühlbar machte, waren ſeine erſten Lieder flügge geworden. Auf dieſen moſigen Hügeln hatte er die junge Brut der Gefühle und Ahnungen, wie ſie mit unſicherm Fluge ſein Herz verließen, in Reim und Reihen eingefangen. Es war die Zeit, wo der alte Shaxper in guten Vermögensverhältniſſen mit dem Squire 8 noch vertraut umging, der junge William täglich im Park umherſchwärmte, und ſich mit George Clower, dem jun⸗ gen Förſter, jagend umtrieb. Zu ſolchen Erinnerungen 1¹ kam eine neue Schwärmerei, die den unglücklichen Wil⸗ liam jetzt wieder öfter nach jenem Irrgarten ſeiner erſten Jugend zog,— eine Neigung zu dem hübſchen, aber untergeordneten Töchterchen des jetzigen Förſters in Lucy's noliche Ver⸗ mit einem geſtiftet, dieſe Thor⸗ r ihm das und tiefſten nſtand, den den er vertraute, d ohne das Und doch auch wieder 5 Wald⸗ anchem ing nachge d Buchen Lärm zahl⸗ ſeine erſten igeln hatte wie ſie Ram und o der alte dem Squire lch im Park dem jun⸗ merungm 289 Park. Sein Herz bedurfte immer eines Gegenſtandes, den er mit ſeinem heimlichen Dichten und Trachten um⸗ ſpann. Um Mary's willen beſorgte er, bei aller Abnei⸗ gung vor ſeines Vaters Wollhandel, an dem er mit dem Vermögen ſeiner Frau betheiligt war, doch wieder gern die mündlichen Beſprechungen und Abrechnungen mit Sir Luch auf ein Capital, welches der Squire aus des alten Sharper's verfallendem Geſchäft noch nicht hatte zurücker⸗ halten können. Aus dieſen Umſtänden erklärt ſich die Stimmung, mit welcher William den Vorſchlag der luſtigen Geſellen ſo lebhaft ergriff. Auch war es natürlich, daß ein ſo kräf⸗ tiges, zum Widerſpruch erregbares Herz, wie William's, der Niedergeſchlagenheit des betrübten Nachmittags nun deſto eher zu einem ausgelaſſenen Unternehmen über ſprang. Nur fehlte dem jungen Freunde ſeine Büchſe aus Doch nein,— ſie fehlte nicht: die Geſellen brachten ſie herbei. Einer war nänlich, während Anna ſchalt und ſchimpfte, auf William's Kammer geſchlichen, hatte die Büchſe geholt, und lachend waren ſie damit der Zänkerin ntlaufen Bei eingebrochener Dämmerung verließen ſie das Haus, und ſchlugen den nächſten Pfad durch das Thal ein. Ueber den entfernten Hügeln ſtieg bald, wie ein purpur⸗ nes Rad, der Mond auf. Hier und dort glänzte zwiſchen Erlen⸗ und Weidenufern der Avon. In leiſen Geſprä⸗ chen gelangten die vier Muthwillensgenoſſen über die Brücke und vor das Gitterthor des Parks. Sie ſtahlen ſich unter die Ulmen, die den Zugang bildeten. Vom Herrnhauſe her ließen ſich noch lachende Koenig, William Shakſpeare. II. 19 —-—xxx;— — 290 Stimmen im Freien vernehmen; doch Buſchwerk und Blumenbeete, die den großen Raſenplatz vor dem Gebäude umgaben, hinderten irgend eine wandelnde Geſtalt wahr⸗ zunehmen. Sie ſetzten ſich, bis es ſtill um das Haus ſein würde, auf die Eckſteine der Thorwarte und lugten nach dem Herrnhauſe. Dies war ein breites Gebäude aus neuerer Zeit von Backſteinen mit Steinecken, jede Ecke mit einem achtkantigen Thurme geſchützt und ge⸗ ſchmückt. Nach und nach verſtummten die Stimmen im Freien, und das große Bogenfenſter über dem Thor erleuchtete ſich matt. Die Geſellen winkten einander zu und ſchlichen am Gemäuer hinab, bis wo es mit hohem Pfahlwerk unterbrochen war, und von Innen ein Fichtenwäldchen anſtieß. Hier ſtiegen ſie über, wanden ſich durch das Wäldchen nach einem lang verlaufenden Baumgange mit angrenzendem Buſchwerke, aus dem hier und dort ein weißes Standbild, vom Monde beſchienen, grauenhaft hervorblickte, und gelangten wieder an den Avon, der am Hauſe vorüber durch den Park floß. Wie ſie einzeln über den Steg in das Wildgéheg eindrangen, blieb William zurück, und näherte ſich auf bekanntem Pfade dem Herrn⸗ hauſe. Die Hunde ſchlugen an, doch William rief ſie beim Namen, und beſchwichtigte ſie. Durch eine Hinter⸗ thüre trat er in die Küche und fragte nach Crank, dem Förſter. Wie er vermuthet hatte, ſaß derſelbe mit dem Squire beim Primero⸗Spiel. Lachend öffneten die Mägde die Geſtndeſtube und riefen: Mary Crank, hier fragt wer nach deinem Vater! Mary kam heraus, erröthend, als ſie den Freund erblickte. Unter einem weitausgeholten Vor⸗ ſchwerk und dem Gebäude heſtalt wahr⸗ n das Haus und lugten tes Gebäude inecken, jede t und ge⸗ im Freien or erleuchtete und ſchlichen Pfahlwerk enwäldchen mgange mit dor ein grauenhaft der am einzeln über b Wülliam dem Herrn⸗ iam rief ſi ine Hinter Grank dem * mit deun n die Mädde r fragt wer 291 wande wandelte William mit ihr nach dem Platze um das Haus. Wie ſie bis an das nächſte Buſchwerk ge⸗ kommen waren, ſagte Mary: Nein, nein! Weiter kann ich Euch nicht folgen. Ich darf Euch überhaupt nicht ſo oft und allein ſehen. Ich höre Euch recht gern zu, wenn Ihr uns Mädchen ein und das andere Eurer Liedchen vorſagt; aber daß Ihr mich immer allein ſprechen wollt, — wenn es mein Vater wüßte! Wenn du meine Liedchen liebſt! ſagte er, mußt du mir ſelber gut ſein, denn Lieder kommen nicht aus ungeliebten Herzen. Seit du mich zum erſten Mal angelächelt, ſeit ich dich, wie ſelten auch ſehe, iſt wieder ein Maitag in meiner Bruſt. Gute Gedanken kommen mir wieder, Lie⸗ der knospen und blühen auf, ja zuweilen regt es ſich, als ob Rieſenbäume aus meinem Herzen wachſen wollten. Gewiß würden ſie auch wachſen, wenn du mich nur recht lieben wollteſt, holde Mary, mir ganz angehören, ſüße Mary! Das kann ja doch nicht geſchehen, flüſterte ſie, ſeines Armes ſich ſträubend. Wozu ſoll ich Euch ſein, wenn Ihr mich nicht ins Haus haben könnt? Man ſagt, Ihr ſeid unglücklich: das thut mir recht leid um Euch, ſehr leid. Aber was kann ich zu Euern Liedchen? Ich alber⸗ nes Ding! Nein, das iſt eine Gabe Gottes, und Euch vielleicht zum Erſatz verliehen für Manches, was Euch. fehlt. Wie Mancher iſt ſo unglücklich, wie Ihr, und hat die herrliche Liedergabe nicht. Es iſt etwas mit dir vorgegangen, Mary! verſetzte der Freund betrübt. Was hat dich irre gemacht in deiner ſtillen Zuneigung, die ich mit Luſt zunehmen ſah? So 19* 292 warſt du vor ganz Kurzem noch nicht. Was du zu mei nen Liedern kannſt? O wüßteſt du, welchen Flug mein Herz nimmt, welchen Zug mein Geiſt gefunden, ſeit du mich anlächelſt. Wiſſe nur, du mußt mich lieben! Es iſt deine Beſtimmung. Denn dort in dem Förſterhauſe, das du mit deinem Vater ſeit einem Jahre bewohnſt, iſt mein Unglück entſprungen. Da, wo an mir gefrevelt worden, wo ein rohes Herz mit der Frucht einer treuloſen Hin gebung meine vertrauende Liebe getäuſcht: da muß ich auch meinen Erſatz finden, und dafür nehm' ich dich! Ungeſtüm umarmte und küßte er ſie. Verſchämt ausweichend verſetzte ſie: Euer Unglück in unſerm Hauſe— 2 Das ſoll ich dir wol umſtändlich erzählen? lachte er bitter. Nun ja, dir vielleicht noch am ehſten, wenn du mir mit ganzer, voller, unwandelbarer Liebe zugethan wärſt. Nur das liebevollſte, treueſte Auge dürfte mich in meiner Schmach ſehen. Gehſt du nicht nach Charlecot hinüber zur Kirche? Ueber den Kirchhof? Dort liegt der Schwager meiner Frau— Nun? fragte Mary. Nun? ha! lachte William bitter. Nun— der war hier Förſter vor deinem Vater, und dehnte ſeinen Birſch⸗ gang ins Gehege meiner unerfahrenen Neigung aus. Still davon!— Ja, ſeit ihr hier einzogt, ſah ich dich zuweilen. Deine leichte Geſtalt, dein anmuthiger Gang, dein ſchwär⸗ mendes Auge verriethen mir eine fliegende Seele. Mit Wohlgefallen ſah ich dich, und ſuchte dich zu ſehen. Da kam eine londoner Schauſpielergeſellſchaft durch Stratford, und gab einige Vorſtellungen. Auch du kamſt mit dei⸗ Hin muß ich ich dich Verſchämt unſerm chte er wenn du be zugethan rfte mich in arlocot 1 Charleco 293 nem Vater hinüber. Hero und Leander wurde gegeben, und ich ſah dich weinen—. O du ſanftes Herz! Nun ja! erwiderte ſie. Ich ſah eine Bürgersfrau weinen, als der Schauſpieler Green ſich ſo verzweiflungs⸗ voll geberdete. Nachher hörte ich, es war eine Baſe von Green, der aus Stratford gebürtig ſein ſoll, und ſie weinte über ihren Vetter, der ſich zu der gottloſen Komö⸗ die dem böſen Feind verſchrieben habe. Genug, ich ſah dich weinen, fuhr William fort, und hundert Trauerſpiele keimten in meinem Herzen unter die⸗ ſem Mairegen auf. Welch' ein Glück, aus ſo zartem Herzen Thränen in ſo ſchöne Augen zu locken! Welch' ein königlicher Zoll, den der Dichter an den Augenwim— pern liebreicher Frauen hebt! Welch' ein Königthum des Sängers, wenn der Schönheit Augenlider Vaſallen ſeiner Lieder ſind! Ein Trauerſpiel zu ſchreiben, war jetzt meiner Tage Drang, meiner Nächte Traum: aber ich fühlte, nur durch die Liebe würde ich zur Poeſie kommen. Ci nun, lächelte Mary verſchämt, dichtet einmal ein hübſches Hochzeitlied auf mich! Ich werde es bald nöthig haben. Ja, ich will es Euch nur ſagen,— der junge Badger wirbt um mich. Er iſt Jäger im Dienſte des Lords— nun wie heißt er nur, des zu Pebworth— 2 Mein Vater rühmt ihn ſehr, den Badger, und ſo viel iſt gewiß, daß er eine gute Beſtallung hat. Es wäre recht hübſch von Euch, wenn Ihr— Schweig'! fuhr William entrüſtet auf. Geh und hei⸗ wathe Badger! Du biſt ein Mädchen! Was brauchſt du ein Hochzeitlied, wenn Badger eine gute Beſtallung hat? Laß dir zur Hochzeit ein paar Rebhühner ſchießen! 294 In dieſem Augenblicke fiel nicht gar fern ein Schuß, und ein zweiter, ein dritter folgten. Mary ſchrie und ſank an William's Bruſt. Die Hunde bellten heftig am Herrnhauſe. William zog das Mädchen tiefer in den Schatten der Bäume und in das Verſteck des Gebüſches. Er fühlte, daß er Mary um ihretwillen verborgen und ſich ruhig halten müſſe, denn ſchon waren die Jäger und Diener des Squire vor dem Hauſe, und beſprachen ſich über die Richtung, wo die Schüſſe gefallen waren. Sie vertheilten ſich mit den Hunden, um die Wildſchützen zu verfolgen, oder ihnen auf die Fährte zu kommen. Einige ſprangen in den Kahn, und ſetzten über den Avon; An⸗ dere nahmen ihre Richtung nach der Seite, wo William ſtand. Schon bückte ſich William, und zog Mary nieder, um im Dunkel unbemerkt zu bleiben, als ein Dachshund ihre Spur gewann, und hin⸗ und zurückwatſchelnd laut und lauter anſchlug.— Ein Jäger mit einem Burſchen folgte dem Dachshunde, und drückte ſich aus Vorſicht vor den verborgenen Wilddieben hinter zwei ſtarke Baum⸗ ſtämme, um erſt des angebellten Feindes Standpunkt und Haltung im Dickicht zu erſpähen. Die ängſt⸗ liche Mary wollte fort; William hielt ſie zurück; ſie ſchrie, und wie nun der lauſchende Jäger des Mädchens Stimme erkannte, ſtürzte er hervor.— Mary, wo biſt du? rief er. Ach mein Vater! ſchrie Jene. Zürnt mir nur nicht, Vater, ich habe da in aller Unſchuld mit William ge⸗ plaudert. Dort drüben hat's geſchoſſen. William? fuhr der Alte auf. Mit einer Flinte? Ha, Wilddieb!— He, Dicky, rief er dem Burſchen, herbei!— ein Schuß, y ſchrie und en heftig am jefer in den 3 Gebüſches. erborgen und Jüger und ſprachen ſich waren. Sie ildſchützen zu men. Einige Avon; An⸗ vo William Kary nieder, Dachshund iſchelnd laut m Burſchen Vorſicht vor rke Baum⸗ Standpunkt Die angſt⸗ zurück; ſie Micen ry, wo biſt nur nicht, gilliam ge⸗ Flinte? Ha, herbeil 7 Holla voran zum gnädigen Herrn!— Vorwärts, Dicky! Was ſperrſt du das Maul auf?— Er entriß dem verblüfften William die Flinte und trieb ihn zum Gehen. Seiner Tochter aber flüſterte er zu: Dirne du! Mache dich auf einem Umweg ins Haus. Ich werde mit dir reden. Schöne Sachen das! Wenn es Badger, der Jäger, erfährt! Er wird ſich bedanken für die Kukukseier. Dicky ſtolperte indeß voraus, und ſchrie aus der Ferne „dem gnädigen Herrn zu: Wir haben Einen! Da iſt auch ſein Gewehr, eine Mordio⸗Luntenbüchſe! Er hatte auf Jungfer Mary gezielt. Der alte Crank erreichte ihn, und ſchlug ihn mit der Fauſt in den Nacken.— Burſche! knirſchte er, wenn du eine Sylbe von meiner Tochter ſprichſt, ſo ſchlage ich dir den dummen Hirnkaſten ein. Sir Thomas Lucy ſtand an der Hinterthüre des Hau⸗ ſes und trat den Ankommenden entgegen.— Sieh' da, ſiehe! Der junge Herr William? ſagte er. Was gibt's in meinem Parke, junger Herr William? Was für Ge⸗ ſchäfte, he? Geht Ihr bei Nacht auf Wolle aus, Herr Wollkämmer? Ihr ſollt mir gekämmt werden. Ihr ſollt nicht ungeſchoren bleiben. Wißt Ihr, was in fremdes Eigenthum überſteigen bedeutet? Das iſt ein criminales Verbrechen, ein verbrecheriſches Crimen! Ueberſteigen, überſteigen! Seht doch, eine ſchöne Büchſe! Wollkämmer mit Luntenbüchſen! Seht doch! Eine criminale Büchſe. Gebt Acht, Sir Thomas! ſiel William ruhig ein. Sie iſt noch geladen. Ihr ſeht, von mir iſt kein Schuß gefallen. 296 Nicht geſchoſſen? Gar kein Bischen geſchoſſen? ver⸗ ſetzte der Squire. Meint Ihr mir zu entſchlüpfen? Wollt Ihr mich um den eriminalen Fall bringen? Ihr habt einen ſtolzen Ton, Herr Wollkämmer. Ihr überſteigt Euch, Ihr habt Euch ſehr an das Ueberſteigen gewöhnt. Ich will Euch ſchon die ſtolze Ladung herausziehen. Ich werde, ich will— doch es iſt für heut ſchon zu ſpät, etwas zu beſtimmen. Dazu gehören die Formalitäten, Umſtände und Umſtehende. Sperre ihn ein, Crank, auf morgen früh, in deinem Hauſe. Aber du hafteſt für ihn. Er iſt ein Criminaler. Er ſoll mir eriminaliſirt werden, ſo wahr ich Friedensrichter bin! Gnädiger Herr, wendete Erank ein, wie ſoll ich ihn hinter meinen niedern Fenſtern feſt halten? Ich bin müde von heutigem Waldlaufen, und meiner Tochter kann ich ihn doch nicht zum Bewachen—. Ich will ſagen, meine Tochter iſt heut etwas unwohl, und hat ſich etwas früher zu Bette gelegt. Wir wollen ihn in den Thurm ſperren. Sperr' ihn nur in den Thurm! bejahte Sir Lucy. Nur hoch genug, daß er nicht entſpringe! Er hat erimi⸗ nale Beine. Das wird mir eine ſchlafloſe Nacht werden! Der Fall iſt mit Umſtänden zu behandeln. Das gibt morgen ein Frühſtück mit Umſtänden. Ha ha! Morgen bin ich ein judex pro domo sua. Und vielleicht bringen meine Leute noch ein Schock anderer Wilddiebe ein. He, Leute! daß ihr ihnen gleich die Büchſen abnehmt, und in meinem Arſenal verwahrt! g tinge hoch denk hine feue den Gle choſſen? ver⸗ fen? Nollt pfen? Woltt Ihr habt überſteigt gen gewöhnt zziehen. Ich hon zu ſpät, Formalitäten Crank, auf u hafteſt für -2 criminaliſirt h bin mude kann ich agen, meine s früher urm ſperren Sir Luch hat erimi⸗ acht werden! Das gibt 1! Morgen t bringen ein nt, und int 297 Nun ſaß William in einer Kammer des Thurmes eingeſperrt. Es war keine der oberſten, aber ſie war hoch genug, daß ein Gefangener nicht ans Entſpringen denken mochte. William dachte nicht einmal daran, nur hinauszuſehen; ja er vergaß ſelbſt den Laden gegen die feuchte Nachtluft zu ſchließen. Trübſinnig ſaß er da, nach⸗ denklich über den unglücklichen Tag. Er ſchalt ſich einen Elenden, einen Bettler, der nicht einmal eines geliebten Weſens beſcheidene Zukunft machen könne. Nun ver⸗ wünſchte er die Verwirrung ſeiner häuslichen Lage, dieſe überall nur hemmenden, nie hebenden und helfenden Um⸗ gebungen in all' ſeinem Treiben und Trachten.— War⸗ um muß ich auf dem Wege fremder Thorheiten und in fremden Gehegen Liebe ſuchen? fragte er ſchmerzlich. Und wie er nun Mary's gemeine Denkungsart und ſeinen Irrthum erkannte, fühlte er auch deſto tiefer die Thorheit, daß er um ihretwillen an einer Unbeſonnenheit Theil ge nommen, von welcher er nun nicht einmal den Spaß eines glücklich ausgefallenen Muthwillens, ſondern nur Verlegenheit und Beſchämung davontrug. In dieſer Rumpelkammer zu übernachten, morgen der Pedanterei des albernen Squire ausgeſetzt zu ſein, und am Ende noch von ſeinen pfiffigen Gefährten verlacht zu werden, gereichte ihm zu bitter⸗nagendem Verdruß. Ja, wenn er nach Haus und an die Seinigen dachte, mußte er ſich geſtehen, daß er diesmal ihre Vorwürfe nicht wie ſonſt mit Unrecht zu ertragen habe. Unruhigen Unmuths wandelte er, ſoviel ihm der enge Raum geſtattete, hin und wieder. Wie gern hätte er im tiefſten Schlafe dieſen Verdruß und ſich ſelbſt vergeſſen! 298 Er ſah ſich bei hereindämmerndem Mondlicht um. Die Kammer ſchien beſtimmt, altes Breterwerk, abgelegte Mö⸗ bel und gewebte Tapeten mit verblaßten Geſtalten aus dem alten Teſtament, löcherige Kiſſen von Lotterbetten und ſolcherlei Dinge zu verwahren,— Geräth genug, um ſich ein Lager zu bereiten, auf welchem es ſich doch immer ſanfter ſchlafen ließ, als man auf einer Schaukel innerſten Unmuths wachend zubringen konnte. O du wohlthätiger Schlaf! flüſterte William, als er ſich auf das ſchnell bereitete Lager hinwarf, und ſeine Gedanken nahmen allmälig ein träumeriſches Gewand an. Du biſt, o Schlaf, wie ein lauer See, in deſſen geheim⸗ nißvolle Tiefe der menſchliche Geiſt, gerade wenn er am meiſten mit dem Tagesleben zerfallen iſt, am liebſten ſich verſenkt. Da tritt er mit unbekannten Weſen in Verkehr, die ihn heilen und herſtellen, indem ſie ihn über die Nichtigkeit ſeiner Sorgen und Kümmerniſſe, über Zu⸗ ſammenhang und Bedeutung des Lebens belehren. Ihre Erquickung bringt er meiſtens mit zurück; wenn er auch ihre Winke und Warnungen verliert während er in ſei⸗ nen leichtſinnigen Tag wieder auftaucht. Nur ſeltſame, oft unerklärliche Neigungen und Abneigungen bleiben ihm für ſeine Welt des Trachtens übrig,— Erinnerungen ohne Zweifel, unbewußte Erinnerungen aus jener ſtillern Welt des Dichtens. Doch diesmal ſchienen die ſo ſehnſüchtig aufgeſuchten Traummächte den gläubigen Freund aus ihren dunkeln Wohnungen weiter herauf zu geleiten, als ſie ſonſt thun. Nach einem tiefen Schlafe erwachte er nämlich bei däm⸗ merndem Morgen— doch war es kein völliges Erwachen — u wund nicht ber! die Häu ihn und Gre und He ſie Ver ben ten und and hal dar ſich t um Die bge gte Mö⸗ Geſtalten aus nerbetten und nug, um ſich doch immer ukel innerſten iam, als er f, und ſeine Gewand an. ſſen geheim⸗ un er am liebſten ſich n Verkehr, hn über die über Zu⸗ ren. Ihre mer auch er in ſei⸗ r ſeltſame, bleiben ihm rinnerungen ner ſtillern ufgeſuchten dunkeln ſonſt thun bei däm⸗ 3 Erwachen — und ſann und ſchwärmte mit geſchloſſenen Augen gar wunderſamen Geſtalten nach,— ſo lebendigen, daß ſie nicht geträumt, ſondern geſchaut zu ſein ſchienen. Er ſel⸗ ber begriff das wunderſame Gedränge von Geſtalten nicht, die vor ſeiner Seele vorübergezogen waren. Gekrönte Häupter hatten ihn angeblickt, die lieblichſten Jungfrauen ihn angelächelt. Narren und Rüpel, verzweifelnde Mütter und ſchleichende Mörder. Eines wahnſinnigen, gekrönten Greiſes, eines tiefſinnigen Königſohnes beſann er ſich, und ſchluchzte noch im Nachttraume von Wehmuth. Einen Helden, wie er eine Krone ſtahl, eine ſtolze Frau, wie ſie ihre Händchen von Blute wuſch, hatte er geſehen. Verwegene, tolle, rothnaſige, dickbäuchige Geſellen, lie⸗ bende Paare, die kaum die Erde berührend dahinſchweb⸗ ten, Helden und Hexen, Mohren und Möoͤnche, römiſche und britiſche Kriegsleute, alle hatten ſich bunt durchein⸗ ander getrieben, bald im Schlachtfelde, bald im Wirths⸗ hauſe, oder auf dem Kirchhofe.— Der Träumer ſann darüber nach, welchem Ziele die einander fremden Weſen ſich zutrieben; doch ſchienen ſie, feindſelig oder holdſelig, einander aufzuſuchen, bald ſich zu finden, bald zu fliehen. Dies aber nicht aus eigener Macht, aus eigenem Trach⸗ ten, ſondern zwei Weſen höherer Art und über dem Ge⸗ wühl ſchwebend, eine ernſte und eine lachende Geſtalt, ſchienen— jene mit einem Lorbeer, dieſe mit einem Ro⸗ ſenzweige winkend und weihend, Alles zu lenken. Nun näherten und umarmten ſich beide ſchwebende Genien. In ihrer Liebkoſung, wie durch Zauber, ſchlangen beide Zweige ſich zu einem Kranz ineinander,— mit einem Myrten⸗ zweiglein, als zartem Bande, verknüpft. Wie ſich nun — 300 beide Schweſtern Hand in Hand erhoben und in Wolken⸗ duft entſchwanden, zerſtob mit einem Mal das Chaos von Geſtalten. Aus den Lüften fiel der Kranz. William griff und erhaſchte ihn: der Lorbeer war ſo ſaftreich, die Roſen ſo friſch duftend, nur das Myrtenband war verwelkt. William erwachte, und ward durch das Concert der Vögel völlig munter. Die Sperlinge ſchrien dicht an ſeinem Schalterfenſter, Buchfinken und Amſeln ſchlugen vom Wald herauf, Spechte lachten, Holztauben girrten tief, und durch den ganzen Chor hindurch ſchmetterten langgezogene und wirbelnde Töne, die William zum erſten Mal vernahm. Der Förſter Crank trat herein. Mit einem befangen⸗ freundlichen Morgengruße brachte er etwas Suppe mit geröſtetem Käſe, und bot es zum Frühſtück an.— Der Squire iſt ſchon voll auf, Euch vor ſeinem Stuhle zu ſehen, ſagte er. Was denkt Ihr denn vorzubringen, gu⸗ ter William, womit denkt Ihr Euch denn herauszulügen? Was ich vorbringen werde, antwortete William, wird ſich aus den Fragen ergeben, die mir Sir Luey ſtellen wird. Winſeln und lügen werde ich nicht. Dacht ich's nicht! fiel der Förſter mit kaum verhalte⸗ ner Wuth ein. Ihr könnt Euch nicht beſſer heraushelfen, als wenn Ihr ſagt, Ihr wäret gar nicht auf Wild aus⸗ gegangen, ſondern auf Liebſchaft mit meiner Tochter. Die Dirne hat mir geſtanden, daß ſie Euch nicht zum erſten Mal geſprochen Nicht winſeln und lügen? Seht doch den rechtſchaffenen Menſchen an! Aber meine Tochter ins Gerede bringen vor offenem Gericht, den braven Badger wild und abſpenſtig machen! Darauf ſtehen freilich keine hat din Wolken⸗ das Chaos William ſaftreich, die war verwelkt. Concert der dicht an In ſchlugen auben girrten h ſchmetterten m zum erſten a Stuhle zu bringen, gu nuszulügen? illiam, wird Luch ſtellen um verhalte⸗ eraushelfen, Wild aus⸗ Dio chter Die Cochtel ins ven Badget aoe freilch kein 301 Jagdſtrafen; aber beim heiligen Hubert, da bin ich Hege⸗ förſter und Rügenrichter, und Euch ſoll ein Kreuzdonner⸗ wetter— Ruhig, ruhig, Mann! faßte ihn William am geho⸗ benen Arme. Ihr habt mir wenig Gutes zugetraut, und mir daher den Mund mit einer Suppe ſtopfen wollen. Nun ſeht Ihr, Alter, daß ich hungrig genug war, Eure Spende raſch hinunterzuſchlingen. Bin ich Euch nun nicht beſtochen genug? Wir wollen ſehen, lenkte Crank ein, ob Ihr etwas mehr Chrlichkeit im Leibe habt, 4ls andere Tagediebe. Zur Suppe habe ich mich meiner Tochter hergegeben; aber zu Bitten und guten Worten laſſe ich mich nicht herbei Beruhigt Euch, Meiſter! lächelte der Freund. Seht Ihr nicht an der leeren Schüſſel, daß ich mich von Eurer Tochter habe abſpeiſen laſſen? O Ihr habt ein ſolides Mädchen, Crank. Sie hat mich um ein Hochzeitlied ge⸗ beten. Die macht Euch keine tollen Streiche, Alter, und ich gehe nach London. Ihr geht nach London? Es iſt mir ſo, als ginge ich nach London,— oder hat mir's geträumt. Ihr thut wohl daran! ermunterte der Förſter, ſehr wohl! Dort gibt's pfiffigere Mädchen, als meine Mary iſt; dort gibt's auch Liebhaber für Eure Liedchen, mithin auch Futter für Euch. Geht nur immer hin! Wer ſo wenig Wolle auf ſich hat, wie Ihr, bleibt dort auch un⸗ geſchoren. Indeß geht Euer Weg nach London durch des gnädigen Herrn Gerichtsſaal. Haltet Euch reiſefertig. So⸗ 302 bald Leute genug aus der Gegend gekommen ſind, wird man Euch abholen. Dem Squire war der Vorfall im Stillen nicht ganz unangenehm. Er ſah darin eine gute Gelegenheit, die Langeweile ſeines Hauſes mit etwas„Criminellem“ zu beleben. Wie ein ländlicher Wirth den verirrten Reiſen⸗ den ſchält, ſo war es jetzt auf William abgeſehen. Es währte bis gegen Mittag, ehe William abgeholt wurde. An der Treppe nahmen ihn bewaffnete Diener in Empfang, und brachten ihn nach dem Herrnhauſe. An⸗ dere Diener in großer Livrée rannten hin und her, die Menge zu ordnen, die als Zuſchauer des Gerichts aufge⸗ boten waren,— das Hausgeſinde in Feſttagskleidern, die Tagelöhner aus dem Feld und Garten, die Frohndiener und Zinsleute, ja die neugierigen Bewohner der nächſten Meierhöfe. Die Menge öffnete ſich zu einem ſchmalen Durchgang nach der großen Halle. Hier ſtand ein breiter Thronſtuhl aus Eichenholze dem großen Fenſter gegenüber, in welchem das Wappen der Lucy's mit den drei Hechtlein in bunten Scheiben einge⸗ fügt war. Die Halle, künſtlich getäfelt, mit Hirſchge⸗ weihen und andern Jagdſtücken ausgeſchmückt, hatte eine kleine Galerie, die auf Pfeilern ruhte. Hier ſaßen bereits Frau und Töchter des Squire auf ihren Plätzen, und einige Hausmädchen ſtreckten hinter ihnen neugierig die Köpfe über die hölzerne Brüſtung. Die Zuſchauer wurden jetzt hereingelaſſen, und breite⸗ ten ſich an den Wänden aus. Zu beiden Seiten des Richterſtuhls ſpreizten ſich Stallknechte in Wämmſern von rolhbre gerüſte Fichen einan Herol ( heiſen deten et h eine ihrer ſie a den dem rufen hatt legt herr die, nicht Auk ehre ſehr Na⸗ gen tern von ſind, wird n nicht ganz legenheit, die ninellem“ zu rrten Reiſen⸗ ſehen am abgeholt Dienen Frohndiener der nächſten tem ſchmalen henholze dem Wappen der heiben einge mit Hirſchge⸗ hatte eine ſaßen bereits und 303 rothbraunem Leder, mit Jagdſpießen ſtatt Hellebarden gerüſtet, die Hutkrämpen auf die Schulter hangend, und Fichtenzweige ſtatt Federbüſche aufgeſteckt. Sie lächelten einander wohlgefällig an, während der Hausmeiſter als Herold mit einem Stabe verſehen ab- und zuging. Endlich entſtand Bewegung an der Thüre. Einige heiſere Toͤne aus einem verkrümmten alten Jagdhorn kün⸗ deten den Squire an. In gehaltenem feierlichem Schritt trat er herein. Zwei Bauernbuben, als Pagen gekleidet, und einer hinter dem andern treuherzig gehend, trugen auf ihren Schultern die gepfändete Luntenbüchſe. Sie legten ſie auf den Tiſch, ſchnäuzten ſich ihre Stumpfnaſen auf den Boden und drückten ſich verſchämt an die Wand Dem Squire folgte der Gemeindevogt von Charlecot, be⸗ rufen, den Gerichtsſchreiber zu machen.— Der Sauire hatte ſeine dickſte Krauſe zu dem Sonntagswamms ange⸗ legt, und ſeine alten, aus der Zeit der Brautbewerbung herrührenden Ohrringe mit einer Liebeslocke geſchmückt, die, natürlich von der alternden Lady Lucy entnommen, nicht mehr ganz braun war. Bei William's Anblicke gerieth Sir Lucy in einige Autoritäts⸗Verlegenheit. Er blickte umher und grüßte ſehr ehrerbietig ſeine Frau. Dann ſetzte er ſich und huſtete. Alſo habe ich doch recht gehört? ſprach er und ſuchte ſehr gemeſſen zu ſprechen. Es war in der That eine Nachtigall, die wir heut Nacht und bis an den Mor— gen im Park vernommen mit den langgezogenen, ſchmet⸗ ternden Tönen? Cine erſtaunliche Nachtigall, ja, Sir Thomas Lucy von Charlecot und Friedensrichter! antwortete mit tiefer * 4 304 Verneigung der Hausmeiſter. Gewiß die erſte, die man hier in der Gegend vernommen hat. Hat Jemand von euch ſchon eine Nachtigall gehört? fragte der Squire gegen die Zuſchauer. Einige brummten ein Nein, die Andern ſchüttelten die Köpfe. Alſo die erſte! fuhr Lucy pathetiſch fort. Merkwür⸗ Gerade dieſe Nacht die erſte! Was das für eine Vorbedeutung ſein mag! In meinem Park die erſte Nachtigall! Und ſie muß dicht am Geräthethurm geſeſſen haben, dem Schlage nach zu urtheilen. Ganz dicht, Sir Thomas,— auf der Linde am Waſſer — und Friedensrichter! war des Hausmeiſters Antwort. Haſt du ſelber ſchon Nachtigallen gehört, Toby? Vergebung! Ich nicht, verſetzte Jener. Aber mein Vater hat eine gehört und zwar im Hofgarten zu Greenwich in jenem warmen Mai des Jahres 1533, dem Geburtsjahre unſerer geſegneten Königin Eliſabeth. Dazumal war mein Vater noch ein rund- und rothbackiger Burſche, der am Maimorgen die Maid Marianne zu ſpielen pflegte. Und ſo oft wir nun den Maibaum holten, erzählte er uns die Geſchichte, und machte uns den Nachtigallſchlag vor, das heißt, der Nachtigall nach. Daher kann ich ganz content urtheilen, was eine Nachtigall iſt. Ja bei Gott, es war eine! rief der Squire. Ich habe ſie auch gleich dafür erkannt. Nicht wahr, theuerſte Lady Judith von Charlecot, liebwertheſte Gemahlin, ich habe Euch gleich aus dem Schlafe geweckt, und— So gewiß, mein ehrenfeſter Sir Thomas, als ich Euern rechten Ellbogen noch unter meinem Herzen ſpüre. dig! ſchuttelten die rt. Merkwür⸗ das für eine Park die erſte in geſeſſen ur ihur de am Waſſer dachtigallſchlag kann ich 305⁵ O Verzeihung, um der Nachtigall willen, theuerſte Lady Judith! erwiderte der Squire. Es iſt zu merkwür⸗ dig, und hat gewiß ſeine Bedeutung. Wir wollen ein Nachteſſen veranſtalten, und die Nachbarſchaft auf heut Abend einladen, um die Nachtigall ſchlagen zu hören. So ſeltene Genüſſe muß man gemeinnützig machen. Aber es ſoll mir im Parke gewacht werden; es gibt auch Nach— tigallenfänger, wie es Wilddiebe gibt.— Aha! da ſind wir ja auf dem Kapitel, auf der Epiſtel des Tags!— Hört, Verbrecher, tretet näher! Stellt Euch hierher, da— mit man Euch ins Angeſicht ſehen, und Eure Ausſagen mit Euerm Ausſehen confrontiren könne. Und jetzt gebt gehörig und mit Ehrerbietung Eure Antworten zu Pro⸗ tokoll. Vor Allem wie heißt Ihr, William Shaxper, mit Vor⸗ und Zunamen? Sprecht!— Warum ant— wortet Ihr nicht? Mit launigem Lächeln verſetzte William: Ihr habt ja Eure Dreſcher unter den Zuhörern da: legt ihnen doch Wunders halber Eure Frage auf die Tenne, und Ihr werdet ſehen, daß die Antwort ſchon im Stroh ſteckt Und es iſt ein gutes Korn, was William Shaxper heißt. Cinige Bauern lachten, worüber ungehalten der Squire rief: Wollt Ihr naſeweis ſein, Sir Taugenichts? Ihr ſeid in meinen Park geſtiegen, und habt zwiſchen meine Rehböcke geſchoſſen. Was ſagt Ihr dazu? Wie könnt Ihr Euch verantworten? Wie kommt Ihr dazu, fremde Böcke zu ſchießen? Weil ich kein Squire bin, wie Ihr, Sir Thomas Lucy und Friedensrichter, antwortete William. Ihr frei⸗ lich ſchießt— eigene Böcke. Koenig, William Shakſpeare. II. 20 306 Abermals kicherten einige Zuhörer. Da rief mit grellem Ton die Lady von oben: Sir Thomas, mein Theurer, gebt Euch mit dem ruchloſen Burſchen nicht ab; Ihr werdet lauter beleidigende Ant⸗ worten erhalten. Wie ſo denn, meine theuerſte Judith— beleidi— gende? verſetzte der Squire. Aha! Meint Ihr wegen der Böcke? Ich verſtehe, ich verſtehe! Ich will ihm ant⸗ worten, Liebſte! Gebt Acht, ich antworte ihm!— So? Ihr redet bildlich, Meiſter William Wollkämmer? Sehr vorlaut, ſehr vorlaut und verwegen! Mit dem Bezahlen der Zinſen von meinem Capital ſeid Ihr nicht ſo vorlaut! Bildliche Böcke, meint Ihr? Aber auch darin habt Ihr Euch in meinem Parke vergangen, in bildlichen Böcken. Ihr wart noch nicht neunzehn Jahre alt, als Ihr hier in meinem Parke den Heirathsbock geſchoſſen. Ja doch, einen Bock habt Ihr geſchoſſen und doch eine trächtige Ziege damit ins Haus gekriegt, eine Ricke. Ha! Ha! Wunderbares Räthſel! Bin ich begreiflich? Mein verſtorbener Förſter hatte den erſten Schuß; er hätt' Euch ſagen können, wer Eures erſten Kindes Vater war. Nun, kann ich auch bildlich reden? Die Lady lachte, und ſchlug in die Hände. William, blaß und bebend, Wuth im Blick, mit zuckenden Lippen und geballter Fauſt, ſtürzte auf den Squire los, der im Augenblicke von ſeinem Sitz auf⸗ ſprang, als der alte Crank dem Wüthenden in den Weg ſprang, und ihn zurück hielt. Die Lady ſchalt von oben, die Töchter liefen fort, die Umſtehenden murrten gegen den Squire, und wurden unruhig. Sir dem ruchloſen — beleidi Ihr wegen ihm ant⸗ hm!— So! ämmer? Sehr dem Bezahlen t ſo vorlaut! darin habt n bildlichen alt, als c geſchoſſen und doch eine eine Ricke z begraffi Kindes Vater chuß; el 307 Was will der Halunke? ſchrie der Squire. Haltet eure Spieße vor, Leute! Hellebardirer, will ich ſagen. Das ſoll vor die Sternkammer! Das waren Schritte gegen den Friedensrichter, das war eine Fauſt gegen das Parlamentsglied. Criminale Schritte, ſag' ich,— eine Fauſt voll Crimen. Ich bin heut zu gut, ich kann gar nicht in meinen Zorn hineinkommen. Wie er ſchwieg, war eine große Stille. William hatte ſich gefaßt, und ſprach mit Stolz: Ihr habt mich vor dieſen Menſchen da, vor Euern Dienern und Tag⸗ löhnern ungeziemend, unedel behandelt, Sir Thomas. Ihr beruft Euch auf Amt und Würde: aber Eure gemeine Geſinnung hat Euch entwürdigt. Ich gebe keine Antwort mehr, ich erkenne Euch auch nicht als Richter an in Eurer eigenen Sache. Verlaßt den Richterſtuhl und ſetzt Euch zu klatſchen in die Geſindeſtube! Wie er ſich entfernen wollte, rief der Squire: Haltet ihn, Crank, laßt ihn nicht fort, ihr Leute, er ſoll mir ſeine Mitſchützen bekennen. Während aber Crank im Gegentheil den Leuten winkte, ſihn gehen zu laſſen, nahm William raſch ſeine Büchſe wom Tiſch, und erhob ſie drohend gegen Jeden der ihn nufhalten würde.— Man wich auseinander, und Wil⸗ liam ſchritt ſtolz durch die ihm zublinzenden Bauern. Der Squire rief: Haltet, haltet!— Crank ſuchte ihn zu be⸗ uhigen: Er hat gar nicht geſchoſſen, er hat zu mir ge⸗ wollt; aber Eure Gnaden hat ihn tüchtig abgefertigt! Sir Thomas war verblüfft, ſetzte ſich und huſtete, ſtand wieder auf, und wiſchte die Stirne, ſah nach ſeiner 20*† —— ——— 308 winkenden Lady empor, und dann wieder mit lächelnd⸗ alberner Miene unter die Umſtehenden, die einander zupf⸗ ten und anſtießen, bis ſie in unaufhaltſames Gelächter ausplatzten. William konnte des Squires Mishandlung nicht ver⸗ winden. Das Geheimniß ſeiner ſchmählichen Ehe, näm⸗ lich der an ſeiner jugendlichen Unerfahrenheit begangne Frevel, war vor ſo viel rohen Menſchen ausgeſprochen worden, und er wußte nicht, wie vielen das vermeintliche Geheimniß ſeither ſchon bekannt geweſen, in deren Augen er bemitleidet oder verachtet gelebt hatte. Er fühlte leb⸗ haft, daß er nicht länger in Stratford bleiben könne. Er dachte an London, und in dieſem Gedanken fand er einen neuen Lebensmuth. Er verließ ſich auf ſeine gute Hand⸗ ſchrift und auf Green, den Schauſpieler, mit dem er in Stratford Freundſchaft geſchloſſen hatte. In dieſem Ge⸗ danken beſtärkte ihn der harte Empfang ſeines Vaters bei ſeiner Nachhauſekunft. Der alte Schaxper, in den beſſern Tagen ſeiner Wohl⸗ habenheit und ſeines bürgerlichen Anſehens von heiterm Weſen und von einer gewiſſen vornehmen Art, war mit ſinkendem Wohlſtand und dem Verluſte ſeiner bürgerlichen Aemter täglich engherziger und heftiger geworden. Er hatte ſich von der Beihülfe des Sohns und vom Ver⸗ mögen der Schwiegertochter viel verſprochen; allein dieſe hielt ſehr zähe über dem Ihrigen, und William, ſobald er das Unglückliche und Unwürdige ſeiner Verbindung mit lächelnd⸗ einander zupf⸗ mes Gelächter ung nicht ver⸗ n Che, näm⸗ heit begangne usgeſprochen z vermeintliche deren Augen Er fühlte leb⸗ n könne. Er fand er einen qute Hand⸗ t dem er in dieſem Ge⸗ z Vaters bei n ſeiner Wohl⸗ z von heiterm Art, war mit bürgerlicen p worden.( 309 einſah, faßte einen Widerwillen gegen Geſchäfte, gerieth in den Umgang mit liederlichen Geſellen, und machte Verſe oder— wie die Nachbarn in Stratford ſagten,— machte Reime und trieb Ungereimtes. Gegen dieſes eiferte der Vater, jene zerriß die Frau, ſo viel ſie deren habhaft werden konnte. Heut nun in der Frühe, ehe William aus dem Park nach Hauſe gekommen war, hatte ein neuer Vorfall den Vater erbittert. Underhill, ein Gläubiger des Alten, hatte nämlich von einem bedeutenden Capitale, das er vorge⸗ ſchoſſen, ſchon bezahlte Zinſen noch einmal verlangt, und zwar nach einer Berechnung, in welcher die auf das Ca⸗ pital geleiſteten Abſchlagszahlungen mehrerer Jahre nicht in Abzug gebracht waren. Nun ließ ſich, um den betrügeriſchen Gläubiger zu widerlegen, das Papier nicht auffinden, auf welchem die geleiſteten Zahlungen quittirt ſtanden. William hatte die Abrechnung zu führen gehabt, und war nicht ganz ſicher, wo er nach der jüngſten Abrechnung die Blätter ver⸗ wahrt habe. Die Unruhe, mit welcher er nach denſelben ſuchte, vermehrt und entſtellt durch den heimlichen Groll gegen den Squire, fiel dem Vater auf, und erweckte in ihm einen ſchlimmen Verdacht. Er machte dem Sohne die heftigſten Vorwürfe. Dieſer bat um einige Geduld zu ruhigem Nachſuchen. Wenn du das Papier bis den Abend nicht findeſt, werde ich dir ſagen, wo es hinge⸗ kommen iſt, ſchalt der Alte mit kaum verhaltenem Arg⸗ wohn. Andere Bitterkeiten reihten ſich daran, und Wil⸗ liam verließ das Haus. Er ſuchte die Jagdgefährten auf. Dieſe waren mit der Beute eines Rehes glücklich entkom⸗ men, und hatten eben von einem reitenden Diener des Squire William's Misgeſchick vernommen. Wir müſſen dem alten Pedanten einen Poſſen ſpielen und dich rächen, Will'! hieß es. Der alte Narr hat eben auf dieſen Abend Gäſte eingeladen. Er glaubt eine Nachtigall im Park zu haben; allein, wie ſoll ſich nur ein ſo ſeltner Sänger in dieſen Park verirren? Sie überlegten hin und her, und zuletzt gab William einen Vorſchlag.— Andrews, unſer Vogelfänger, ſagte er, macht den Schlag einer Nachtigall perfect nach. Er muß ſich in die Nähe des Hauſes ſchleichen, und die neu⸗ gierige Geſellſchaft ans Fenſter locken. Wenn nun Alles horcht, und dem gaſtfreien Wirth zu Liebe in Oh! und Ach! ausbricht, erheben die Andern ein Eſelgeſchrei und ein Hohngelächter. Bis die Diener mit den Hunden kom⸗ men, die dieſen Abend der Gäſte wegen eingeſperrt wer⸗ den, ſeid ihr Miſſethäter auf und davon. Vorher habt ihr aber ein paar Verſe,„Lied der Nachtigall“ über⸗ ſchrieben, an einen Pfahl in dem offenen Weg geſteckt. Die ausgeſchickten Diener finden ſie, buchſtabiren den bit⸗ tern Hohn heraus, und bis ſie der Squire erhält, weiß Haus und Nachbarſchaft den Jucks auswendig. Der Vorſchlag fand den lebhafteſten Beifall. Man eilte zur Ausführung. Andrews wurde aufgeſucht, und William ſchlich wieder nach ſeinem Kirchhoſplätzchen. Der Groll begeiſterte ihn, und bald waren einige Strophen ausgedacht, die er daheim mit verſtellter Hand in groben Zügen auf ein Papier ſchrieb. Gegen Abend überbrachte er das„Lied der Nachtigall“ den harrenden Geſellen. Ungern blieb er von der Ausführung des Spaßes zurück; 341 don ⸗ 52 den Diener des allein er wollte ſich doch von den Seinigen den Vorwurf einer abermaligen Nachtſchwärmerei nicht machen laſſen. zPoſſen ſpielen So entfernt ſich aber auch William von der Aus⸗ alte Narr hat führung des loſen Streiches hielt, ſollte doch grade er die Er glaubt eine meiſte Unruhe von dieſem Muthwillen erfahren. Noch ie ſoll ſich nun am Spätabende kam Einer der Gäſte, ein Stadtrathsglied rren? und dem alten Shaxper befreundet, zu dieſem ins Haus t gab William und hinterbrachte den Vorfall und deſſen Wirkung. Die gelfänger, ſagte Gäſte waren aufs Höchſte getäuſcht worden, und Lucy der rfect nach. Er Wirth in ſeinem Vergnügen ſehr freigebig mit gutem , und die neu⸗ Weine geweſen. Wie nun aber auf den Spaß der Spott genn nun Alles folgte, nahm die Wuth des Getäuſchten einen ebenſo hef⸗ e in Oh’ und tigen Ausbruch. Mit einem alten Schwerte war er aus lgeſchrei und der Halle geſtürzt, Bedienten mit Fackeln und die meiſten Hunden kom Gäſte waren gefolgt. Zwiſchen dem Gelächter der Spöt⸗ geſperrt wir ter ſchlug noch manchmal aus der Ferne die falſche Nach⸗ Varber habt tigall. Am Thore ſtieß man auf den Pfahl mit dem ütigall“ über⸗„Lied der Nachtigall“, und obgleich der Squire das Pa⸗ Weg geſteck pier ſchnell herabriß, und für ſich las, konnte er doch Airen dm bit⸗ nicht alle Bitterkeiten verwinden, ſondern ſtieß die ſtärk— et, weiß ſten aus, indem er zuweilen ausrief: Was? Mich einen 8 Parlamentseſel, mich eine Vogelſcheuche auf dem Lande zu ndig 1 Am nennen?— Vielleicht war die Kränkung dadurch auch ſo Pſu 1 und bitter geworden, weil den Squire, nachdem ſeine Eitelkeit fgjuch dn ſſo lächerlich geworden, der Aufwand des Nachteſſens im Stillen zu ſchmerzen anfing. Lucy hatte auf der Stelle ſeinen Verdacht gegen Wil⸗ liam ausgeſprochen. Und obſchon der Vater den Be⸗ ſchuldigten den ganzen Abend zu Hauſe geſehen hatte, und nuch jetzt auf der Stube wußte; ſo war er doch nicht lige Strophen Zand in grobtn nd iberbrabht 3 Foſellen den Geſe rende p gos zuurll- naßes z Spüp 342 abgeneigt, ihm wenigſtens die Verſe in Zurechnung zu bringen. Der Gaſt ſchonte auch den alten Shaxper nicht, ſondern theilte ihm alle Heftigkeiten des Squire mit, der ſich nicht nur über William's Lebenswandel ereifert, ſon⸗ dern auch den Vater mit Aufkündigung des Capitals be⸗ droht hatte. Wirklich erſchien nach einer für den alten Shaxper ſehr unruhigen Nacht in aller Frühe des Squires Haus⸗ meiſter mit den unfreundlichſten Aufträgen ſeines Herrn. Sir Thomas ließ die Rückzahlung ſeines Darlehns ohne weitere Friſten einfodern, und war ſelber nach Warwick geritten, um das Gericht der Grafſchaft gegen William wegen deſſen Wilddieberei und Injurien in Bewegung zu ſetzen. Und wie es denn im Leben nicht ſelten geht, ſchienen ſich, wie Raubvögel auf ein gefallnes Thier, alle Mis⸗ helligkeiten auf dieſen unglücklichen Tag niederzulaſſen. Denn um neun Uhr ward ein Auspfändebefehl wegen eines andern fälligen Schuldpoſtens ins Haus gebracht.— Niedergebeugt, keiner Heftigkeit mehr fähig, verwies der alte Shaxper die Gerichtsdiener nach William's Wohnung und an das gute Geräth der Schwiegertochter. Dieſe aber ſetzte ſich zur Abwehr, und hielt mit heftigen Wor⸗ ten und Geberden jede zugreifende Hand von ihrem Ei⸗ genthum zurück. Ihre ungeſtümen Vorwürfe ſtürmten auf William ein, der ruhig ſitzend Sannchen auf dem Knie hielt, und dem zitternden, weinenden Kinde die Locken hinter die Oehrchen ſtrich. Zuweilen brannte ſein großes braunes Auge nach der Frau hin, doch ſchlang er mit Ueberwindung ſeine Entrüſtung hinab. hnung zu harper nicht, mit, der ifert, ſon⸗ Capitals be n Sharper nires Haus⸗ nes Herrn ſchienen alle Mis⸗ derzulaſſen. 7 wegen z Wohnung bter Dieſe ſigen Wor⸗ ibrem Ci⸗ ſturmten auf dell Kinde di brannte ſell 5 ſchlang 1 In dieſem Tumult, da ſich die neugierigen Nachbarin— nen unter dem Fenſter verſammelten, um mit einem Ohre zu hören und mit zwei Augen einander zuzublinzen, ward ein Briefchen an den Alten überbracht. Die Neuigkeit von des Squires Ingrimm gegen den jungen und alten Shaxper hatte ſich ſchnell verbreitet, und Alles fiel nun über die Unglücklichen her, die das Anſehen des Sir Tho⸗ mas bis jetzt noch einigermaßen aufrecht erhalten hatte. So trat jetzt auch der habſüchtige Underhill entſchieden hervor. Von ihm war das überbrachte Zettelchen, und kaum hatte der alte Shaxper die groben Zeilen durchlau— fen, als er es William mit den heftigen Worten hin⸗ warf: Jetzt, Junge, wo iſt das Papier über Underhill's Abrechnung. Der elende Menſch weiß offenbar, daß mir die Quittungen fehlen, und droht mit Gefängniß binnen einer Stunde. Wo iſt die Abrechnung? Ich habe Alles durchſucht, geſtern und die Nacht hin— durch: ich finde ſie nicht! antwortete William. Soweit geht meine Unachtſamkeit nicht; es muß eine fremde Hand daran gekommen ſein. Eine fremde Hand? lachte der Alte auf. Ja wohl, — deine Hand iſt mir fremd geworden. Soll ich dir ſagen, wohin das Papier gekommen? Du haſt es dem Underhill ausgehändigt,— verkauft. Du theilſt mit ihm den Höllengewinn, und dein, Vater iſt geliefert! Ach, um des Himmelswillen, nein! das hat Willy nicht, Vater! Nein! rief händeringend die Mutter, das hat er nicht und nimmer! Gott's Blitz, er hat es! betheuerte der Vater. Braucht man zu Liederlichkeiten kein Geld? Muß er alſo kein Geld ——— — 344 haben? Und nun frage ich weiter,— woher kann er es haben? Ja, ſage ich, er hat das Geſchäftchen gemacht. Das iſt meine Logik, das iſt Weisheit, an den Fingern abgezählte Weisheit. Und wo meine Weisheit anfängt, hört mein Elend auf: ich gehe in den Schuldthurm, und im Uebrigen ſeht ihr zu! Während Frau Anna entſchieden und lebhaft dem alten Schwiegervater beiſtimmte, die Mutter aber immer wärmer für William ſprach, ſtand dieſer ſtumm, mit ge⸗ falteten Händen da; ein Blick der Verachtung ruhte auf Frau Annen. Unter dieſem Streite über verlorne Papiere war Sann⸗ chen, das Kind, unbemerkt weggeſchlichen. Jetzt kam es mit zerriſſenen Blättern unterm Aermchen, und ſchob ſie in des Vaters Hände. Was iſt es? fragte William. Das Kind ſtreckte ſich am Vater hinauf und flüſterte ihm ins Ohr: Mutter hatt's zerriſſen, ich hab's aufge⸗ hoben! William warf einen Blick auf die Stücke. Eine Glut durchſchoß ſeine Wangen bis in die Schläfen. Er reichte ſeinem Vater die Papiere mit bebender Stimme hin: Hier die Abrechnung mit Underhill. Die Frau dort hat die Zeilen für Verſe gehalten, und wie meine Verſe be⸗ handelt. Und wie er nun ſein Kind in ſeinen Armen empor⸗ hob, brach ſein Gefühl in Lachen und Weinen aus. Schmerz und Freude ſchienen ſich ſo feſt zu umſchlingen, wie er ſelbſt ſein Kind am Herzen hielt. Die Mutter ſprang hinzu, und umarmte mitweinend Sohn und Enkelin. r kann er gemacht. n Fingern it anfüngt, hurm, und bhaft dem aber immer m, mit ge⸗ ruhte auf nd flüſterte 6'5 aufge⸗ Glut §r rüchte ehin: Hier rt hat die Verſe be⸗ en empor⸗ einen ali umſſchlingen di, Mutter 35 Enkelin 315⁵ Der Vater ſtand verlegen da. Bald wollte er an den Sohn ein Wort richten, bald blickte er wieder in die Papiere. Endlich ſtieß er mit zornigem Blicke gegen ſeine Schwiegertochter die Worte aus: Wer nicht leſen kann, ſollte nichts Geſchriebenes zerreißen. Hiermit eilte er fort. Jetzt fand und faßte ſich William. Er ſchickte das Kind mit Liebkoſungen zur Pathe, faßte dann ſeine Anna, und zog die Widerſtrebende in den kleinen Hausgarten; die Mutter folgte.— Hier unter den Augen des Him⸗ mels, rief er feierlich, hier ſcheide ich mich von dir und deinem erprobten Herzen, ſcheide mich laut, wie ich mich ſtillſchweigend von dir geſchieden hielt, ſeit ich aus deines ſterbenden Schwagers Munde den wirklichen Vater deines geſtorbenen Erſtgebornen kannte.— O ich ſchäme mich, däß mir dies Wort entfahren iſt,— vor meiner Mutter Ohren. Ich ſchäme mich, daß du mich ſoweit herunter gebracht haſt, noch im letzten Augenblicke ſo langer heim⸗ licher Leiden. Geh' jetzt, wir ſehen uns nicht wieder! Was war das, mein Sohn? fragte die Mutter. Wahrheit, liebe Mutter, ſchmachvolle Wahrheit! ant⸗ wortete er niederblickend. O mein Sohn! weinte ſie, Wahrheit, und du haſt die Geſetze nicht angerufen? Liebe Mutter! verſetzte er ruhig,— das Unrecht hatte mich hart genug geſchlagen; ſollte ich das Recht anrufen, um auch noch mit Beſchämung gegeißelt zu werden? Laßt es! Bis ich jenen Frevel erfuhr, war das arme Kind längſt geſtorben und— waren die meinigen geboren. Es iſt vorbei! Und nun muß ich Euch Lebewohl ſagen, Mut⸗ 316 ter. Wie ſchmerzt es mich, von Eurer treuen Liebe zu ſcheiden! Aber ich muß fort. Ja, Willy, ich wollte dir's ſelber rathen, ſagte ſie. Der Squire verfolgt dich— Was Squire! rief William. Der vertreibt mich nicht. Er hat mich einen Müßiggänger genannt, aber nicht einen Schurken, wie mein Vater that. Vergiß das, Will' flehte ſie. Es geht deinem Va⸗ ter jetzt ſchlimm. Er wird ſanfter zurückkehren. Aber wohin willſt du? Der Himmel wird mich einen Weg führen, Mutter,— ich gehe nach London. O es gibt auch ſchlimme Wege, mein Sohn! Die führt uns aber der Himmel nicht, liebe Mutter. Mein Segen begleite dich, der Himmel beſchütze dich! rief die Alte. Ich weiß, du wirſt dir mit deinem guten Kopf und deiner ſchönen Handſchrift ſchon forthelfen. Soll⸗ teſt du dennoch in Noth gerathen, oder gar in Verſu⸗ chung,— o dann halte Gott vor Augen, Willy! Laß dich nicht zu böſen Künſten der Zauberei verlocken; ver⸗ ſchwöre dich nicht mit Katholiſchen wider unſere glorreiche Königin Eliſabeth, und vor Allem— werde kein gott⸗ loſer Schauſpieler. Du haſt mit dem verlaufnen Green Umgang gehabt, als ſie hier ihre Poſſen getrieben, und haſt einen ſündhaften Hang, Verſe zu machen. Laß das, mein Sohn, und reize unſern ernſthaften Herrgott nicht, dem du Rechenſchaft geben mußt von jedem unnützen Wort und Witze. Noch manche Lehren und Ermahnungen gab ſie dem Sohn, aber auch Geld und werthvolle Stücke mit auf 31 — zuen Liebe zu den Weg. William wies das Geld zurück, und bat, ſie möchte es zur Abhülfe in jetziger Noth verwenden. ſagte ſie. Für diesmal kann ich noch helfen! ſagte ſie. Eine zurückgehaltte Summe von meinem jüngſtverſtorbenen bt mich nicht Oheim für den äußerſten Nothfall mir übergeben, ſoll er nicht einen uns diesmal heraushelfen, und der Himmel wird uns nicht verlaſſen. deinem Va⸗ Wegen Sannchens Erziehung wurde Verabredung ge⸗ hren. Aber troffen. Die Großmutter verſprach, ſich des begabten En⸗ kels anzunehmen, bis William ſchreiben würde. Mutter,— Am frühen Morgen verließ William mit einem Bün⸗ delchen das väterliche Haus. Dem Vater ließ er einen Brief zurück, den er in der Nacht geſchrieben. Wie er be Muttet. an der Ecke noch einmal nach ſeinem väterlichen Hauſe beſbütz dich! umblickte, fielen ihm ſeines Kindes Worte ein: Wenn viuem gutm Einer kein Futter bringt, ſondern nur zwitſchert und um⸗ lim. Sol⸗ herflattert, ſo wird er aus dem Neſte gebiſſen.— Die 4 in Verſu⸗ Mutter ſah ihm mit gefalteten Händen nach.—„In willb! Luß welche Verirrungen, in welche Verſuchungen wird ſein be⸗ hen ver wegliches Herz noch gerathen! ſeufzte ſie, und blickte gen ertiche Himmel.— Es war ein ſtummes Gebet für das Wohl⸗ — ergehen des Sohns. rde kein gbrn⸗ fwn Green v eben, und Laß das rrgott nich en unnüten em näb ſie del l , mlt u tücke ———V—SQOʒ—F⸗—:——— 2————— ——— Fünfzehntes Kapitel. Mit dieſer Erzählung hatte Southampton eine ſchlafloſe Nacht zugebracht. Er konnte anfangs nicht ins Leſen kommen; die augenblickliche Lage William's beunruhigte ihn zu ſehr. Die Zufriedenheit des Freundes, der ſich in Roſaliens Armen ſelig träumte, verſetzte den Grafen in mitleidvolle Beſorgniß. Auch er hatte auf dieſer roſigen Wolke geſchwebt, bis ihn die Angſt vor jähem Fall er— griffen hatte. Sollte nun der Freund dieſen Sturz thun? Wie konnte er ihn davor bewahren? An dieſer Frage, was zu thun ſei, verwirrten ſich ſeine Gedanken. Wil⸗ liam über ſeine Täuſchung klar zu machen, jetzt, wo er ſich mit dieſem betrüglichen Mädchen ewig verbunden an⸗ ſah, erſchien grauſam; ihn ſeinem Wahn zu überlaſſen, bis ein Ereigniß, ein Zufall, ein Unglück ihn enttäuſchen würde, ſtritt gegen edle Freundſchaft, ja es war dringende Pflicht, den Freund der drohenden Gefahr zu entreißen, ehe er ſich mit der Gauklerin trauen ließe, wozu er bereits entſchloſſen ſchien. Dem Grafen fiel nämlich die Aeußerung ein, womit ihm William den Brief zurückge⸗ geben hatte,—„er fühle lebhafter als je, daß ſein Bund der Liebe auch der Welt und ihren Formen genügen müſſe“. Wie aber dabei zu Werke gehen, nicht um eine ſolche Eröffnung glaubhaft, ſondern um ſie ſchonend zu machen?— Zue ſond hand Roſ Liet r Frage, Mil 219 Zuerſt dachte Southampton daran, nicht für ſich allein, ſondern nach Verabredung mit Aylford gemeinſchaftlich zu handeln. Allein, mußte er alsdann nicht, um Thekla⸗ Roſalie ins rechte Licht zu ſtellen, auf ſeine eigene frühere Liebſchaft mit ihr zurückgehen? So vertraulich mochte er aber nicht mit dem Prediger werden. Die Erinnerung an ſeine eigene frühere Verirrung war ihm jetzt noch ſchmerzlicher geworden. Er fing an zu zweifeln, ob er als Freund nicht gleich anfangs entſchiedner hätte auftre⸗ ten, und in das ihm ſo aufgefallne Geheimniß eines, wie es nun ſchien, weltunerfahrnen Freundes eindringen ſollen. Zu dieſem Bedenken kam nun leider! noch der Argwohn, William möchte jener ſo eifrig verfolgte Be⸗ amte ſein, der des Eſſer Kriegsplane verrathen habe. So ſehr ſein Herz ſich gegen dieſen Gedanken ſträubte, ſo lag doch die Verbindung dieſer Roſalie mit Lasko, und Wil⸗ liam's mit Roſalien am Tag. Mindeſtens ſchien der Dichter einer Verirrung, einer Unachtſamkeit verdächtig. Aber, was war auch hier zu thun? All' dieſen Fragen, Zweifeln und Aengſten ſuchte der (Graf ſich für dieſe Nacht⸗ zu entreißen, indem er mit An⸗ ſſtrengung, ſie zu vergeſſen, ſich in Aylford's Handſchrift hinein las. Wie ergriff ihn da wieder die innigſte Theil⸗ mahme für den ſo vielfältig geprüften Freund! Er be⸗ Briff, wie leicht ein vom Schickſal auf ſo verworrenen Wegen geführtes Herz ſich auch verirren könnte. Daß lin ſo edles Gemüth keine Menſchenverachtung gefaßt, kondern eher mit Glauben und Vertrauen neue Täuſchun⸗ den verſucht hatte, erſchien nun eher als eine Tugend Ulber es war auch ein deſto gefährlicheres Unglück. O wie — — 320 wünſchte er den Freund endlich geborgen, beruhigt, und wenn es möglich wäre— beglückt zu ſehen! Er nahm ſich vor, ihm zu helfen, ſchnell und was es koſten möchte. Aber der Tag brach an, ohne daß Southampton wußte, wie er es angreifen ſollte. Seine Schweſter hatte ihn zu ſich bitten laſſen, und er beſuchte ſie. Alice ſah heitrer aus, und glaubte ſich beſſer zu be⸗ finden. Sie las immer emſig wieder, was ſie von Wil⸗ liam's Arbeiten gedruckt oder handſchriftlich beſaß, und träumte darüber nach. Southampton ſah wol ein, daß es weniger ein lebhaftes Gefühl an dem poetiſchen Ge⸗ halt, als vielmehr eine ſtille Freude an Dem war, was ſie daran auf ihre Weiſe mit der Perſon des Dichters in Verbindung brachte. Allein, er ſtöͤrte ſie darin nicht, ſondern gönnte ihr, daß ſie an irgend etwas froh ward, und ſich erquickte. Ja er ſtrebte darnach, durch Eingehen in ihre Weiſe und in ihre Wünſche ein ſo einfaches Le⸗ ben zu bereichern, das von jeder ſtürmenden Luft und von jeder Gemüthsbewegung bedroht war. So ſprach er auch von Aylford's Novelle mit ihr, und ſuchte ſie auf die Erzählung vorzubereiten, indem er ihr den Inhalt und Geſichtspunkt andeutete, damit durch ihre Erwartung der lebhafte Eindruck gemäßigt werde, den das aufregende Leſen auf ihre kranke Bruſt machen könnte. Da wir eben von William reden, ſagte ſie, ſo höre, lieber Heinrich, warum ich dich habe bitten laſſen. Doc⸗ tor Lopez wünſcht, daß ich den Sommer auf dem Lande zubringe, und mich an Waldluft erquicke. Ich ſehne mich auch dahin; nur fragt es ſich, wer mitgehen könnte. 321 rruhigt, und Die Mutter hat jetzt für Heminge zu leben, und meine Er nahm liebe Eliſabeth ſoll um Alles dir nicht entzogen werden. koſten möchte Nun dachte ich—. Aber du mußt einer Kranken ihr Southampton ſeltſames Gelüſt oder einen wunderlichen Einfall ja nicht hweſter hatte übel nehmen! Ich dachte—. Denn, höre nur, lieber Bruder, wie ich rechne. Dieſer Sommer iſt doch wol mein letzter, ich fühle es, ohne es zu fürchten. Soll ich mich denn aber am Ausgang aus der Welt ſo ſehr he i um die Welt bekümmern, daß ich mich ängſtlich an ihre teſiß und Formen und Vorurtheile hielte, die doch mich nicht hal⸗ e ten können? Soll ich denn nur ihre Meinungen athmen, en Mp die doch meinen Athem nicht zu beleben vermögen? Eine etiſchen Ge⸗ überſinnliche Gewalt zieht mich früh aus dieſem Leben: 6 ſ ſollte es nicht Tugend ſein, freiwillig die Feſſeln der Ge⸗ Dichters in ſellſchaft abzulegen,— die Ketten, die Jene leicht tragen darin nich mögen, denen viele Tage luſtiger Geſelligkeit verliehen z froh ward ſind? Alſo höre! Ich dachte, ob mich nicht William mit ſeiner Gattin aufs Land begleiten könnte? Sie ſoll ja ein gebildetes, würdiges Weſen ſein. O wenn ſie nur er⸗ ſträglich iſt! Ich denke mir es ſo wohlthuend, wenn zu⸗ gleich meine Bruſt Waldluft und meine Seele die Poeſie des Freundes athmete. Ich habe über einiges Vermögen zu verfügen, wodurch ich dann ſcheidend des Freundes Zukunft unabhängiger machen könnte. Tauſend Pfund Erwartun 4 druns um Ankauf eines kleinen Beſitzthums könnteſt du ihm 22 uuleich— in deinem Namen, auf ſchickliche Weiſe, zuſtellen. , ſo lü Was ſagſt du, Bruder? Nicht wahr, du gönnſt mir lie ünen ſo ſüßen, friedlichen Sommer? Und dann mag der aſſen. n Herbſt— if dem Pn Dich erquickt und hergeſtellt uns wieder zurückführen! ch ſehne! Koenig, William Shakſpeare. II. 21 ben ko 3 22 fiel Southampton ein, und umarmte die Schweſter. Ich billige ganz deinen Wunſch und übernehme die Ausfüh⸗ rung. Es ſind ja wol noch einige Wochen, ehe du aufs Land ziehſt. Einem ſchönen Mai iſt doch nicht bis ans Ende zu trauen. Ich muß nämlich erſt William's Ver⸗ lobte genauer—. Ich wollte ſagen, es iſt noch unbe⸗ ſtimmt, wann ſich William verheirathen kann. Aber auch ohne dies—. Ich will's ſchon machen! Verlaß dich nur auf mich! In dieſem Augenblicke fand der Graf, wie durch eine Eingebung, die ſo ängſtlich geſuchte Auskunft mit William. Es fiel ihm ein, ſich unmittelbar an Thekla ſelbſt zu wenden, und zu ſehen, wie weit er mit ihr kommen würde. Er entſchloß ſich, dieſen Gedanken auf der Stelle auszuführen. Zufällig hatte er an einem der letzten Tage von William gehört, daß dieſer— ſeiner frühern Gewohnheit noch immer treu— Vormittags ſeinen Ge⸗ ſchäften nachgehe oder ſeinen Arbeiten obliege, und hatte mithin nicht zu fürchten, ihn jetzt bei ſeiner Thekla zu treffen. Er eilte alſo nach Southwark hinüber, in der Vor⸗ ausſetzung, ſie werde, der alten Gewohnheit treu, ihre Morgenſtunden noch immer in jener zu vertraulichen Be⸗ ſuchen beſtimmten Wohnung zubringen. Vor Eifer und Aufregung nahm er Milliſent nicht wahr, die eben von einem Morgenbeſuche bei Thekla weggehend, im Gärtchen des Hauſes etwas Lavendel brach, um ihn mit nach Hauſe zu nehmen. weſter. Ich die Ausfüh⸗ ehe du aufs nicht bis ans am s Ver⸗ t noch unbe⸗ Aber auch rlaß dich nur vie durch eine mit William kla ſelbſt zu hr kommen f der Stelle der letzten einer frühern z ſeinen Ge⸗ „ und hatt er Thekla zi in der Vol it treu, ihn raulichen B or Eifer und die eben he im Gäut tnach Hn 1' Sechzehntes Kapitel. Der unvermuthete Beſuch und vielleicht auch die Miene des Grafen befremdeten Thekla. Sie ſuchte ihre Befan⸗ genheit hinter der ſcherzhaften Verwunderung zu verbergen, daß Mylord noch dieſe Wohnung fände. Dieſe Wohnung? erwiderte Southampton mit einiger Haſt. Vielmehr muß ich mich verwundern, Roſalien noch hier zu finden, wo ich Thekla ſuche. Sie erblaßte, und ſah hoch auf. Vergebt! fuhr der Graf fort. Ihr ſeid darum nicht überflüſſig; denn eigentlich ſuche ich beide, und— finde ich ſie nicht auch beide? Ihr ſeht, liebenswürdige Dop⸗ pelgängerin, die Schlauheit iſt uns nicht ewig treu, und der Zufall iſt ein heimtückiſcher Burſche. Doch, die Sache hat noch eine höhere Bedeutung. Mein Freund William hat den ſterbenden Spenſer mit einer Täuſchung erquickt, durch Euch; dafür hat der Geſtorbene meinem Freund eine Wahrheit hinterlaſſen— durch mich,— ein Teſta⸗ ment, das dem Freunde ſelbſt bis jetzt noch nicht eröffnet iſt. Wir beide ſind Teſtamentsvollſtrecker, und ich komme, mnich mit Euch zu berathen. Es iſt mir lieb, daß ich Fuch ſo ernſthaft geſtimmt finde: ich beſchwöre Euch, ſeid n dieſer Stunde ebenſo aufrichtig und wahr, als Ihr ernſthaft ſeid; es gilt William's Glück, ſeine und Eure Zukunft. Hört mich an! 21* 4 3 2 Der Graf ſetzte ſich vertraulich Thekla gegenüber, und ſprach ſich ruhig über die verworrene Lage William's aus. Ie Wie er ſolche jüngſte Nacht nach allen Seiten gewendet de und betrachtet hatte, konnte er bündig und klar genug V1 darüber ſprechen. d Auch während ſeiner Auseinanderſetzung gewann Thekla d die rechte Faſſung noch nicht. Die Empfindung, in welch' t übelm Lichte ſie jetzt vor dem ehemaligen Geliebten ſtehe, deſſen Untreue nun gerechtfertigt ſchien, war ihr peinigend 8 und verbitterte ſie gegen ihn. In dieſer Verſtimmung ſpielte ſie, ſo zu ſagen,— Herz Trumpf, indem ſie auf N ihre Liebe und Leidenſchaft für William pochte.— O Herr Graf, ſagte ſie, Ihr macht Euch da ein ſehr verworrenes g Geflecht von Sorgen. Wir ſind über ſolche Bekümmer⸗ ” niſſe hinaus, William und ich. Es iſt wahr, ich habe 1 William über meine Lage getäuſcht, doch nicht über meine Liebe. Er weiß nicht Alles, was ich war; aber er weiß, 4 was ich ihm ſein werde. Ich liebe ihn, wie er mich; nicht mit jener flatterhaften Neigung, mit welcher ich einſt dem Grafen Southampton Gehör ſchenkte, ſondern mit langſamer, widerſtrebender, von dem edelſten Herzen und vom kühnſten Geiſt erzwungener und befeſtigter Hingebung. Ich glaube nicht, Mylord, daß es in Eurer Abſicht, und N ebenſo wenig, daß es in Curer Macht liegt, dieſen Bund 4 zu ſtören. gr Ich glaube dir, verſetzte Southampton mit ſpöttiſchem Lächeln. Ich kenne den Werth und die Gewalt meines dichteriſchen Freundes, und freue mich, daß du ihm nicht haſt widerſtehen mögen. Du liebſt ihn; ich zweifle nicht daran: warum ſollteſt du es nicht auch einmal mit einem genüber und Dichter verſuchen? Doch liebſt du ihn als Thekla oder als Roſalie? Welcher dieſer beiden reizenden Namen hat denn das Taufwaſſer für ſich? Wollt Ihr mich mit dieſer Frage kränken? rief ſie. Es ſoll Euch nicht gelingen. William kennt mich nur als Thekla, und ich werde ihm nur Thekla ſein. O wie lliam's aus ten gewendet d klar genug g, in welch theuer iſt mir dieſer Name durch ſo viel betrübte und eliebten ſtehe freudige Erlebniſſe und durch die ehrliche Liebe meines ihr peinigend William geworden! Alles dies knüpft ſich an den Na⸗ Verſtimmung men Thekla. Weg mit Roſalien! Auch bin ich nicht mehr indem ſie auf Roſalie. Ich habe dieſen Namen einer unglücklichen Schwe⸗ 4.— O Hen ſter in der ſchlimmſten Witterung Londons abgetragen. verworrenes Dies leichte, durchſichtige Gewand hat ſich ſchnell am Hoch⸗ Bekümmer muth eines vornehmen Hauſes, an der Misachtung einer at, ich hab frommen Lady und am Wankelmuth eines reichen jungen t über meine Grafen abgenutzt. Warum zog ich auch dieſes Namens⸗ aber er weiß kleid einer dahingeſchiednen Schweſter, ſtatt es im Grabe wie er wich modern zu laſſen, auf meiner Flucht und auf meinem ſcher ich einf Hoffnungswege an? Es konnte mich nur in Unglück ſonderm mi bringen. Ja doch! Was man von Abgeſtorbenen an ſich Herzen und nimmt,— ich wußte es ja, daß es alles Lebende, was Hingebung uns theuer wird, mit Vergänglichkeit anſteckt.— Ihr, Abiht, und Mylord, habt einſt dieſe Roſalie gekannt: vergeßt ſie jetzt. Hier ſteht Thekla vor Euch, ſtolz durch die Liebe Eures Freundes. Nach dieſer Liebe meines Gatten will ich ge⸗ nwürdigt ſein! Es iſt jetzt keine Zeit, mich gegen Eure Vorwürfe u rechtfertigen, verſetzte der Graf mit einiger Aufwallung. Auch habt Ihr es ja gleich ſelbſt gethan. Die Zunei⸗ zung, die ich für Roſalien gefaßt hatte, war ehrlich; aber dieſen Bü iuriii 326 wer war denn dieſe Roſalie? Ihr geſteht ſelber, ſie war gar nicht wirklich,— ſie war ein Phantom. Könnt Ihr es tadeln, wenn ich vor einem Scheinbilde— Geſpenſter⸗ furcht empfand und floh? Mit William ſeid Ihr durch kein heiligeres Band verbunden, als welches früher zwi⸗ ſchen uns— ſobald zerriß. Mich trieb Angſt vor Eurer Zukunft von Euch: fürchtet Ihr nicht, daß ein Blick in Eure Vergangenheit den Freund von Euch trei⸗ ben muß? Meine Vergangenheit? fragte ſie betroffen. Ja, Thekla! antwortete er. William kennt durch mich meine Roſalie, meine Liebſchaft mit ihr, meine Beſchul⸗ digungen gegen ſie. Ja, er hat Euch ſelbſt ſchon, als Ihr ihn damals nicht vor Euch ließt, eine Verächtliche geſcholten, ohne zu ahnen, wen er damit traf. Wie nun? Wenn er ſich mit Thekla verbindet, muß er nicht dieſelbe Roſalie mit übernehmen? Sie ſchwieg eine Weile mit innerm Kampfe. Dann ſagte ſie ruhig: Es war eine Zeit, Mylord, da ich wünſchte und damit umging, Euch zu bitten, Ihr möchtet Eure Schuld an mir dadurch gut machen, daß Ihr jene Roſalie im Reuewinkel Eures Herzens für Euch in Vergeſſenheit und für alle Welt in Geheimniß begrübet. Ich rechnete ſo, als ob Euer Wankelmuth gegen mich und meine Hin⸗ gebung an Euch einander ſo aufheben, in einander ſo aufgehen könnten, daß auch für Niemand in der Welt ein Reſt oder ein Bruch übrig bliebe. Dieſe Zeit iſt nicht mehr. Ich wünſche jetzt nicht mehr, daß mein Gatte, — denn das iſt er in meinem Herzen!— von ſeinem Freund betrogen werde. Ihr ſeht, ich bin beſſer geworden lber, ſie war Könnt Ihr — Geſpenſter eid Ihr durch früher zwi gſt vor Curen daß ein Blick on Euch trei durch wich reine Beſchul ſt ſchon, al Verächtlih Wie traf muß er nich mpfe 2 an da ich wünſcht nöchtet Eu ſene Roſal Vergeſſenh Ich rechn nd meine einanden ſ in der 2. Dieſe Zelt ß mein G von on. T gen durch William's Liebe. Bis jetzt habe ich den rechten Augenblick noch nicht gefunden, meinem William zu be⸗ kennen, daß ich einſt mit Euch in Liebe geſtanden. Ich bitte Euch, entdeckt nun Ihr ſelbſt dem Freunde unſere gemeinſame Schuld. Ich zweifle nicht an Euerm Edel⸗ ſinn, ich beſorge nicht, daß Ihr meinen Schuldantheil zu Euern Gunſten vergrößert. Seht doch, wie großmüthig Ihr ſeid! rief Southamp⸗ ton empfindlich aus. Ich zweifle nicht daran, daß Ihr in Euerm Herzen gern erleichtert wärt. Erlaubt mir aber zu bemerken, daß es ſich jetzt nicht um Eure und meine Schuld und Sühne, ſondern um meines getäuſchten Freun⸗ des Ruhe und Glück handelt. Haltet Ihr ihn für ſo gefaßt darauf, daß ſeine vergötterte Thekla und meine von ihm verachtete Roſalie plötzlich zu einer und derſelben Per⸗ ſon zuſammenſchmelzen? Und wenn Ihr doch zu rechnen liebt, glaubt Ihr, ſeine Begeiſterung für Thekla könne die Tiefe ſeiner Misachtung gegen Roſalie ausfüllen, und es werde noch genug zu ſeiner Zufriedenheit übrig bleiben? Wähnt Ihr, er werde es ertragen, daß die ganze Herr⸗ lichkeit ſeines jetzigen Liebes⸗Frühlings, die Seligkeit ſeiner Zukunft, das Paradies ſeiner jüngſten Erinnerungen in einem Dunſt aufgehen, in einem Mädchenſpiel dahin⸗ ſchwinden? O mein Gott! rief ſie in ärgerlicher Verlegenheit. Bin ich ihm denn ſo wenig geworden, daß mich, was ich ſcheinen mußte, um allen Werth, um ſein Vertrauen, um ſeine Liebe bringen ſoll? Dieſer ſchmerzlichen Empfindung überließ Thekla ſich zunter ausbrechenden Thränen. Der Graf ſah ihr ſchwei⸗ 328 gend und nicht ſehr gerührt zu. Wie ihre Empfindung ein wenig nachließ, fuhr ſie fort: O koöͤnnt' ich Euch ſa— gen, Graf, mit welchen Schmerzen ich dieſe Verwandlun⸗ gen des Scheins und der nothgedrungenen Täuſchungen durchwandelt bin! Eine Nothlüge hat mich in die andere verſchlungen; aber mein Herz hat dabei nur gelitten, ohne zu verſchlimmern. Es waren ja nur Larven vor meinem Geſicht. Wie ein Unglücklicher, Verfolgter, um ſeinen Feinden zu entgehen, die Kleider wechſelt: ſo habe ich unglücksflüchtig mich in wechſelnde Täuſchungen kleiden müſſen. Und nun, da ich dieſe Mummenhüllen ablegen will, ſoll mir mein eigenes Herz und meines Freun⸗ des Liebe darin verloren gegangen ſein? O nein doch, Mylord! Sie weinte bei dieſen leidigen Erinnerungen an ihre Vergangenheit aufs Neue. Selbſt der Graf, ſo ſehr er gegen ſie eingenommen war, wurde etwas ſanfter ge⸗ ſtimmt.— Faſſet Euch, Thekla! ſagte er. Ich will es f gelten laſſen, daß mancher Wanderer, ohne ſelber ſchwarz W zu ſein, durch die Schatten flüchtiger Wolken verdunkelt geht. Ich will kein Mistrauen gegen Euch ausſprechen, Euch eine urſprünglich ſchulgloſe Geſinnung zutrauen. V Allein, ſtellt Euch William vor, wie er mit dem letzten Glauben ſeines vielfach geräuſchten Herzens Euch für Das nimmt, wofür Ihr Euch gebt, und nun dieſe Gewänder b abermals ſchwinden ſieht: wann ſollen denn für ihn dieſe Vermummungen aufhören? Und wird denn dieſe neue Geſtalt die Ihr vor ihm annehmt, Eure wahre und letzte ſein? Sind denn dieſe edeln Gefühle und Schmerzen nicht etwa nur wieder andere Gewänder, die Ihr um Eu⸗ e Empfindung ich Cuch ſa⸗ Verwandlun⸗ Täuſchungen in die andere gelitten, ohne wor meinem um ſeinen ſo habe ich ungen kleiden üllen ablegen geines Freun 9 nein doch gen an ihr f, ſo ſehr er 3 ſanfter ge⸗ Ich will ke ſelber ſchwar verdunkel ausſprechen ng zutrauei dt dem lethe guch für Da ſe Gewände für ihn dir in dieſe nel bre und li Schmer Ihr um 6 res— Fortkommens willen anzulegen für gut findet? Wenn man Euch nur immer wechſelhaft und wandelbar geſehen, wie kann man an Euer bleibendes Weſen glau⸗ ben? Mag Euch immerhin Noth und Unglück zu ſolchen Täuſchungen und Ausflüchten bewogen haben: man mis— traut eben der Geſchicklichkeit zu ſolchen Truggeweben und dem Herzen, das ſolche Finten nicht verſchmähte. Jene Schlangenhäute, die ein fahrendes Weib ablegt, ſind doch immer aus deſſen innerſten Säften gebildet worden: glaubt Ihr, ſie ſchwächen auch eine edle Seele nicht? Und es Ibliebe nichts von der Unſchuld und dem Adel des Cha⸗ makters daran kleben? Eines wenigſtens geht dabei immer werloren,— Dasjenige im Weibe, was des Mannes Ver⸗ trauen feſſelt. Oder wäre Euch damit geholfen, wenn der Freund Eure Täuſchungen freilich nur für abgelegte Häute nähme, aber die Ueberzeugung feſthielte,— nur Schlangen häuteten ſich? Mit Luſt hätte Mancher Eure Lebenspoeſie mit Euch durchtändelt, und verließe Euch am Ende, wie man ein durchgeſpieltes, durchgenoſſenes Thea⸗ terſtück verläßt. William aber liebt Euch, und will von ſeinen Dichtungen in der Wahrheit Eures Herzens aus⸗ muihn. Unſer Poet iſt darin noch nicht ſo gottähnlich, um die wandelbare, wechſelnde Welt die er geſtaltet, in ſein genes, ewiges Weſen zu pflanzen, mit ſeiner eigenen Ewigkeit zu durchmarken. O welche Schmerzen wird es den Freund noch koſten, ehe ſein Trachten und ſein Dich⸗ tm Eins werden! Ich will ſagen, ehe ſein Trachten ſich in ſeinem Dichten auflöſt und befriedigt. Der Graf ſchwieg. Thekla ſah mit ſichtlicher Unruhe u Boden. Nach einer Pauſe ſagte ſie kurzhin: 330 Nun? Ihr ſeid gekommen—? Was wäre denn Euer Rath? Um Euern Rath bin ich hergekommen, antwortete Southampton. Allein wie ich Euch finde, bleibe ich noch wie vorher ohne Auskunft. Und, Mylord,— wie habt Ihr mich denn finden wollen? Wie? Das weiß ich nicht. Nur ſo, daß ich irgend eine Löſung der beängſtigenden Lage meines Freundes daran knüpfen könnte. Was kann ich thun, was leiſten, was opfern! Sprecht nur, Graf! rief ſie. Es wird doch auf Opfern und Ent⸗ ſagen hinauslaufen! Opfern? verſetzte er überlegend. Ja, wenn Ihr das vermoͤchtet—! Wenn Ihr Eure Liebe opfern könntet! Wie meint Ihr, Graf? Wenn Ihr nichts Höheres kenntet, als William's Glück, ſo ließe ſich vielleicht des Freundes Glauben und Zukunft retten. So? rief ſie. Ihn möchtet Ihr Alles gewinnen laſ⸗ ſen und mich Alles verlieren? O, ich kenne ja Eure Art zu lieben, Graf! Muß Liebe nicht theilen? Ich will ſein Schickſal theilen, wie bitter es ihm beſchieden ſein mag. Aber ihn verlieren? Nein, nimmermehr! Allen treuloſen Grafen zum Trotz! Ich will ihn lieben und nie mehr von ihm geſchieden ſein, oder ich will zu Grunde gehn. William verlieren—? Was hätte ich dann noch in der Welt? Das Leben hat ja nichts mehr für mich, als ihn. Die Vorſehung hat mir ihn gegeben für Alles, was ich vorher verlieren mußte. Meint Ihr, Graf, ich wollt vas Ncht dann ſtänd Täu 331 ere denn Cuer wollte undankbar gegen den Himmel ſein, und opfern, was er mir beſchieden hat? Wähle du einmal zwiſchen 1, antwortete Nichts und Allem! Gut, nehmt mir das Leben, und gleibe ich noch dann mögt Ihr ihn behalten. Ihr ſeid mir ganz unver⸗ ſtändlich, Mylord: was können meine vorübergegangnen denn finden Täuſchungen nur irgend ſeiner Zukunft ſchaden? Wenn ich fortan ihn liebe, ihm treu bin und—. aß ich irgend Schaden! fuhr der Graf ungehalten auf. So fragt nes Freundes Ihr? Iſt das all' Euer Zartgefühl? Vergebt, Roſalie! Aber—. Doch nein! Ihr fragt eben nur nach dem fern Sprech Aeußern, nach dem Handgreiflichen, und ich will mich ern und Ent darauf beſchränken. Meint Ihr denn alſo, Eure wech⸗ ſelnden Geſtalten wären, wie Lufterſcheinungen, in Dunſt enn Ihr das aufgegangen? Ihr habt in jenen Geſtalten mit Menſchen a könntet verkehrt, Geſchichten angeknüpft, Handlungen begangen: könnt Ihr die Folgen berechnen? Es gibt freilich ſogar s Williame Verbrechen, die ohne Descendenz bleiben; dafür aber gibt es Scherze, die eine entſetzliche Nachkommenſchaft haben. Ich kenne Eure verſchiednen Verbindungen nicht, ich will auich die arabiſche Jungfrau nicht beargwohnen; aber ſchon allein Euer Verhältniß zu Lasko kann in ſeinen Folgen Glauben und ewinnen la ja Cure 3 ſchlimm genug über einen Freund kommen, der mit Euch 74 Jh 5 verbunden wäre.— Und das iſt keine aus der Luft ge⸗ eſchieden 9„ griffene Beſorgniß, das iſt ein wirklich vor uns liegender mehr Nha Jall. Die Kriegsplane des Grafen Eſſer ſind den Ir⸗ I lieben im ländern verrathen worden. Durch wen? Durch Lasko! ill zu Gtun Woher aber hat ſie Lasko? Er kann ſie nur von einem ich dann ih Nanne aus der Kanzlei des Grafen Eſſer haben. Doch thr für mi hat er vielleicht keine Verbindungen mit einem ſolchen. en für Mh Gut! ſo hat er Verbindungen mit Thekla, und Thekla r. Graf, ——— 20 ) 33 hat den Kriegsſecretair des Grafen zum Buhlen oder Freund. Was ſagt Ihr dazu? Ich erwarte ein offenes, wahres Bekenntniß. Bei Eurer Liebe für William, geſteht mir Alles, damit wir wo möglich ſeine Ehre retten! Ueberraſcht von dieſer Entdeckung und von dem Arg⸗ wohn gegen William, rief Thekla ſo lebhaft als un⸗ überlegt: Nein, Mylord, nein! William iſt kein Verräther. Lasko hat ihn mit Argliſt ausgeforſcht, und William wußte nicht, daß dieſer Mann in Verbindung mit dem Jeſuiten Walpole und dem Leibarzte Lopez den Aufſtand der Irländer—. Plötzlich verſtummte ſie, vor dem ſo unbedacht ausge⸗ ſprochnen Geheimniß erſchrocken. Blaß und bebend ſank ſie in den Seſſel zurück, von dem ſie in ehrlichem Eifer für William ſich erhoben hatte. Southampton ſtarrte ſie an, ohne doch ihren Zuſtand zu bemerken. Seine inneren Anſchauungen, wie von einem Blitz erhellt, verſchlangen ſeine Gedanken.— Mein Gott! rief er aus. Da ſtehen wir ja unerwartet vor entſetzlichen Dingen, vor der ganzen, verſteckten Rotte der Landesverräther! Und Lopez— 2 ha, der Spanier! Gott ſchütze die Königin! Sein Gemüth war in Aufruhr; heſtig durchſchritt er das Zimmer, und blieb am Fenſter ſtehen mit dem Blick über den Strom nach dem alten Tower. An dieſen ſchauerlichen Mauern und Baſteien, hinter denen ſo man⸗ cher Staatsverbrecher ſein blutig Ende gefunden, ſammel⸗ ten ſich ſeine Gedanken. Er beſann ſich auf Eſſex und mach nan Ral Greuu 9 Art Buhlen oden ein offenes fur William ich ſeine Chre von dem n Arg bhaft als un Verräther und Willian dung mit der den Aufſtand bedacht ausge bebend ſan ichem Eif en Zuſtan wie d unerwartet N cten Rotte Spanier! durchſchrit mit dem 1 „nf Eſſel 1 Mii 333 William, und raſch gegen Thekla gewendet, die in ängſt— licher Erwartung daſaß, ſagte er: Ich danke Euch, Roſalie, für die beruhigende Mit⸗ theilung über William! Ich wußte wol, daß er ohne igentliche Schuld in dieſer, Sache iſt, und freue mich, daß Ihr Euch in ſeinem Intereſſe vergeſſen konntet. Aber, macht mir doch einigermaßen begreiflich, auf welche Weiſe nan ihn misbraucht hat! Er war, ſagt Ihr, in gutem Glauben an Lasko? Und dieſer— 2 Nicht ohne ſcheues Widerſtreben, ängſtlich und in ſtoockenden Sätzen ließ Thekla ſich über die politiſchen Un⸗ nerhaltungen aus, wie ſolche früher ſtattgefunden, und in denen der argloſe Dichter bald aus Eitelkeit auf ſeine ſtaatsmänniſchen Einſichten, bald aus patriotiſchem Eifer un die Fallſtricke des 3 irländiſchen Agenten gerathen war. Kopfſchüttelnd und halb laut vor ſich hin ſagte der Graf: Ja, ja! Ich ſehe wol, daß ihm für die öffentlichen Geſchäfte der rechte Schick fehlt. So gewaltig im Reiche der Dichtung, kennt er im Leben Liſt und Lüge nicht. Oder er kennt ſie durch innere Anſchauung, nicht durch äußere Erfahrung,— nach ihrem Weſen, nicht in ihrer Erſcheinung.— Um nun wieder auf unſere Angelegenheit zu kommen, fuhr er nach einigen Augenblicken gegen Thekla fort, ſo ſeht Ihr nun wol, daß unſer liebenswürdiger Freund, ſo wenig wie manchen Geſchäften, auch Eurer hut von Liebe nicht gewachſen iſt. Wie meint Ihr das? fragte ſie betroffen; worauf der Eiraf mit dem Spotte des Unwillens erwiderte: Von Eurer ſchweigſamen, ſorgloſen Liebe rede ich, die zwiſchen den bezahlten Geſchäften Lasko's und dem edeln Vertrauen Eures Geliebten ſich auf die Seite des Vortheils ſtellt, und den Freund ohne ein warnendes Wort, ohne den kleinſten wohlwollenden Wink auf dem Wege der Gefahr für ſeine Ehre und Freiheit ſich ver⸗ irren läßt. Und durch dieſe ausgeſprochne Betrachtung noch ent⸗ rüſteter, ſetzte er, während Thekla kein Wort hervor⸗ brachte, hinzu: Ich nehme an, ſchöne Roſalie, daß dies Verſtummen Eurer Liebe gegen den betrognen Freund Eure einzige Schuld bei den verrätheriſchen Geſchäften Lasko's iſt, und wünſche nur, Ihr möchtet mit dieſem Rebellen⸗Spion in keiner ſo engen Verbindung ſtehen, daß der Arm des Gerichtes Eure Perſon von dem Verbrecher nicht trennen könnte. Man iſt ihm bereits auf der Fährte—. Doch das ſind auch Geheimniſſe! Southampton erhob ſich zu gehen.— Ich ſehe wol, ſagte er, als Thekla noch immer ſchwieg, wir ſind beide nicht in der Stimmung, um in des Freundes Angelegen⸗ heit augenblicklich einen guten Entſchluß zu faſſen. Er⸗ laubt mir übermorgen in dieſer Stunde wiederzukommen, bis wohin Ihr mir vielleicht ſagen könnt, was Euch Euer Herz eingegeben, und worin Euch meine Dienſte förder⸗ lich ſein dürften. Aber, Mylord, rief Thekla kleinlaut dem Weggehenden nach,— wie begegnen wir inzwiſchen dem Freunde? O mich verlangt es nicht, Roſalie, ihm die entſetz⸗ liche Offenbarung zu machen! antwortete er. Wollte der Himmel, wir fänden einen Weg, daß wir William gar kos und dem die Seite des in warnendes Wink auf der 3 Verſtumme Eure einzig nicht zu enttäuſchen brauchten, ohne ihn jedoch aufs Neue zu täuſchen! Möchtet Ihr ſo glücklich ſein einen ſolchen zu finden! Siebenzehntes Kapitel. Mit fröhlicherem Herzen, als um ſeinetwillen Sout⸗ hampton und Thekla hatten, ging William an demſelben Morgen mit Aylfford nach Southamptonhouſe, um dem Grafen einen Beſuch zu machen; wobei der Prediger ſich zugleich verabſchieden wollte, um wieder nach Stratford Zurückzukehren. Da ſie den Grafen nicht zu Hauſe fan— den, nahmen ſie in traulichen Geſprächen einen Umweg mach William's Wohnung. Apylford hatte immer noch ein oder das andre Stratforder Geſchichtchen zu erzählen, und William wiederholte gern ſeinen Dank für des Freun⸗ des Bemühungen, ihm die Eltern zu verſöhnen und die Angelegenheit mit der unglücklichen Frau zu ordnen. Ihr hattet mir trefflich vorgearbeitet, erwiderte Ayl⸗ lord. Mit Euern überſchickten Erſparniſſen hatte Euer Vater ſeinem Geſchäfte wieder aufgeholfen und mit dem wachſenden Wohlſtande kehrte ſein guter Humor zurück. Mit dem Stolz auf ſeines Sohnes Geltung in London tärkte er ſein eigenes Selbſtgefühl. Seltſam genug regte ſich auch wieder ſeine alte Freude am Schauſpiel, das er 336 in der trüben Laune und bittern Verſtimmung ſeines Unglücks verdammt hatte. Er erzählte mir, mit necken⸗ den Seitenblicken auf Eure gute Mutter, daß er Euch als Knaben zuweilen mit in die Scheune oder Bude genom⸗ men hätte, ſo oft eine wandernde Truppe nach Stratford gekommen ſei; er that ſich'was zu gut darauf, daß er dadurch Euer Genie geweckt hätte. Bei Eurer Mutter hattet Ihr aber dadurch Alles gut gemacht, daß Ihr die Bühne verlaſſen, und ich konnte ſie nun leicht überzeugen, daß Eure herrliche Poeſie eine Gottesgabe ſei. Beide ſehnen ſich ſehr nach Euch und ich rathe, daß Ihr ſie bald einmal beſuchet. Auch muß etwas für Euer Sann⸗ chen geſchehen,— das herrliche Kind, das mit ſo viel geiſtiger Lebendigkeit und körperlicher Anmuth heran wächſt, — Euer Ebenbild, mein William! Mit wahrer Schwär⸗ merei hangt das liebliche Weſen an dem berühmten Va⸗ ter, und möchte um Alles gern eines von Euern Theater⸗ ſtücken ſehen. Mit Rührung hörte William dieſen Mittheilungen zu Ein ſüßes Heimweh beſchlich ſein Herz; alte Liebe und Sehnſucht regte ſich, die Erinnerungen ſeiner Kindheit wurden lebendig, ja unruhig in ſeiner Bruſt. Das Eine nur bekümmerte ihn dabei: er wollte nicht ohne Thekla nach Stratford gehn, und wußte doch nicht, wie er ſie jetzt mit hinnehmen könnte. In der Wohnung angelangt fanden ſie Milliſent und Nelly traulich beiſammen ſitzen, und Aylford nahm heiter plaudernd neben Milliſent Platz. Ihr werdet den Grafen nicht getroffen haben, ſagte arte lung M wern v. Koenn immung ſeinee er, mit necken aß er Cuch ald Bude genom nach Stratford arauf, daß er Eurer Mutte daß Ihr di cht üͤberzeugen de ſei. Veid daß Ihr ſſ r Euer Sann 5 mit ſo vie heran wächſt ahrer Schwät erühmten Va Fuern Theater theilungen lte Liebe un einer Kindhe ſt. Das Gn t ohne Thel ht, wie er ſ Milliſent Uü dnahm he haben 337 Nelly mit forſchendem Blick auf William. Unſere liebe Milliſent hat ihn drüben in Southwark geſehen. Ja, fiel Milliſent ein; aber er war ſo gedankenvoll und haſtig, daß er mich im Gärtchen gar nicht bemerkte, als er die Treppe hinaufſtürmte. Bei wem wart Ihr denn? fragte William. Ei, bei Thekla, war die Antwort. Wie denn, bei Thekla? Hat ſie denn noch immer ene Wohnung? William fragte dies ſo ungeſtüm, daß Milliſent ganz betroffen antwortete: Ich weiß nicht, welche Wohnung Ihr meint. Ich be⸗ gegnete ihr vor ihrem Haus in der Stadt, und ſie nahm mich ohne Weiteres mit hinüber in eins der Häuſer. Und der Graf beſuchte ſie dort? Ja, wie ich eben weggegangen war und im Haus⸗ gärtchen etwas Lavendel abbrechen wollte. Der Graf Southampton? Euer Freund, ja! Aber was iſt denn dabei, Wil⸗ liam? Ihr fragt ſo ungeſtüm und wichtig? Die Unruhe des erblaßten Freundes war auffallend. Doch ohne eine Erklärung zu geben, verließ er das Zim— mer, und eilte nach ſeiner Stube, von dem Doppelräthſel überwältigt, daß Thekla noch immer die alte Wohnung in Southwark beibehalten, und daß Southampton ſie vort beſucht habe. Die Vermuthung lag ſehr nahe, daß die Wohnung um des Grafen willen noch gemiethet ſei: doch dieſe Lö⸗ ſurg des Doppelräthſels gewährte keine Beruhigung, ſon⸗ dem verdoppelte nur die Qual. Ein Gefühl, das William Koenig, William Shakſpeare. II 22 338 bei ſo mancher frühern— ſinnlichen oder ſchwärmeriſchen Neigung noch kaum in den leiſeſten Regungen erfahren hatte, bemächtigte ſich jetzt ſeiner Seele mit der Doppel⸗ gewalt von Haß und Liebe,— die Eiferſucht. Freund und Geliebte auf Einen Schlag zu verlieren, kann einen gefühlvollen Mann ſchon tief genug beugen: vollends aber mitten im Uebermuthe des Glückes von beiden ſich be trogen zu ſehen, war für William eine Kränkung, die an Verzweiflung grenzte. Auch würde er, reizbar, wie er noch von ſeiner Krankheit her war, einem ſolchen bald empörenden bald niederſchlagenden Sturme ſchwerlich ohne bedenkliche Folgen für ſeine Geſundheit Widerſtand gelei⸗ ſtet haben, wäre nicht der ihm eigenthümliche Stolz ſei⸗ nem Schmerz mit einem Gegengewichte „ſeinem gedrückten Gemüthe mit heilſamer Spannung zu Hülfe gekommen. So brachte William die Mittagszeit und die ſtillen Stun⸗ den des Nachmittags hin. Er überhörte es, als der kleine Hamneth ihn zu Tiſche rief, und erſt als die matte Abendſonne auf den alten Giebeldächern des nachbarlichen Wardrobe ſchimmerte, öffnete wieder eine leiſe H Stubenthüre. Nelly trat ein. Beim Anblicke dieſer treuen, ehrlichen Seele brach William in unaufhaltſame Thränen aus, und weinte wie ein Kind an ihrer Schulter. Sie ſprach ihm Muth und Faſſung ein; indem ſie zugleich nach ſeinem Kummer fragte. Sie kannte oder errieth wol dies Leid, und als er ſchwieg, ſprach ſie es aus, und erklärte ſich, mit Ueber⸗ gehung Thekla's, von der ſie nicht arglos dachte, zu Gun⸗ ſten des Grafen.— Southampton, ſagte ſie, iſt ein edler Mann und braver Freund. Ich würde zu ihm gehen, and die ſchwärmeriſchen gungen erfahren nit der Doppel rſucht. Freun en, kann einen vollends abe iden ſich be Kränkung, di —, reizbar, wi em ſolchen bal ſchwerlich ohn ſtand gele nem gedrückten fe gekommen ie ſtillen Stun ſt als die malt nachbarlich iſe Hand d Seele blat und weinte n hm Muth und nem Kumm Leid, und i, mit Ut achte, zu Gun iſt ein d u ihm geht 339 William, und ihn als Freund zur Rede ſtellen. Iſt er doch auch zu Euch gekommen, wißt Ihr noch? als der Scharlach des Sherifs Euch ängſtigte und ſeine Schergen Euch nach Newgate bringen wollten. Schreibt ihm dies und ſo manches Andere zu gut, und bringt ihm perſön⸗ lich Eure jetzigen Klagen in Gegenrechnung: dann erſt wird ſich's zeigen, wer des Andern Schuldner iſt. Und als William kopfſchüttelnd ſchwieg, fragte ſie: Soll ich den Grafen um Erklärung bitten, wenn er kommt? Ha! lachte William bitter. Sie ahnen nicht, was ich weiß. Sie haben ſich wider mich verabredet. O ſie wvürden ſich zu beſchönigen wiſſen! Aber ich bin genug getäuſcht; ich verachte ſie und will ſie nicht ſehen. So wartet denn ab, bis er kommt! verſetzte Nelly Da ſprang William von ſeinem Stuhl auf, als ob der verhaßte Freund ſchon auf der Treppe wäre, und rief, indem er Nelly aus der Stube drängte Schließ' die Thüre, Nelly! Halte dein Haus verſchloſ⸗ ſen, Nelly! Laß' Southampton, laß' Thekla nicht ein! Nimmermehr! Was ſie ſagen mögen, Nelly,— nie! So ging Nelly betrübt und überließ den bedauerten Freund einer qualvollen Nacht und den Dichtungen einer fjeberhaften Phantaſte, die das Ungeheuerliche auf eines Menſchen gequältes Herz zu wälzen mächtig genug iſt Southampton, der bei ſeiner Rückkehr von Thekla⸗ Roſalie durch den Hausmeiſter den ihm zugedachten Be⸗ ſuch William's und Aylford's vernommen hatte, würde noch im Laufe des Tages den ihm beklagenswerthen 299 ⸗ ——— Freund aufgeſucht haben, wäre er nicht von andern be⸗ drohlichen Bewegungen verſchlungen worden. Die Unzufriedenen, die Abenteurer, und Wüſtlinge in London, denen der tollkühne Eſſer in ſeinem Palaſte täg⸗ lich offene Tafel gab, vermehrten ſich ſtündlich und dräng⸗ ten ſich ihm mit den frevelhafteſten Erbietungen zu. Ihre loſen Reden und keckes Treiben, ihre verwegenen Vorſchläge bildeten eine Atmoſphäre, in welcher der Graf immer mehr ſchwindelte und durch die er die Lage der Dinge mehr und mehr verdüſtert erblickte. Vergebens ſuchte Southampton mit andern treuen Freunden den leiden⸗ ſchaftlichen Mann zu mäßigen und zur Beſinnung zu brin— gen. Ihnen wirkte insgeheim Cuff entgegen— der, ſei⸗ nes gefährlichen Charakters wegen, früher entlaſſene, jetzt aber wieder in Gnaden aufgenommene Schreiber des Gra⸗ fen. Dieſer brachte ſeinen Gebieter vollends auf die toll⸗ kühnſten Anſchläge. Die Correſpondenz mit König Jakob ward noch eif⸗ riger betrieben, und der mistrauiſche Monarch mit der Vorſpiegelung geängſtigt, wie ſehr die Hofpartei, von ſpaniſchem Einfluſſe gewonnen, gefährliche Abſichten gegen ſeine Thronfolge in England betreibe. Lasko ſogar hatte ſich bei dem früher mistrauiſchen Grafen in Gunſt ge⸗ ſchlichen, und that bei dieſem Briefwechſel gute Dienſte. Indem nun Eſſer auf den Beiſtand des ſchottiſchen Kö⸗ nigs rechnete, vermaß er ſich mit ſeinen frivolen Anhän⸗ gern eines Gewaltſtreichs gegen ſeine Monarchin. Man wollte mit bewaffneter Hand ihren Palaſt nehmen, und ſie mit Güte oder Gewalt dahin bringen, die Gegner des Grafen Eſſer aus ihrem Rathe und vom Hofe zu entfemen Der Ree nicht ve iinen ge gen un werſchaff Sol denſchafß und do⸗ lichkeit Ausgan für ſeir eine d Kürigi zu ſein einen zu bri lichen deshall langte ihn n der V tigt! auf d komm jeſuiti Grafe erfoder Vorſic ihn, a 344 entfernen und ein anderes Parlament einzuberufen.— Der Regierung blieben dieſe Abſichten und Bewegungen nicht verborgen; indem die Miniſter durch Spione und einen gewonnenen Diener des Grafen von allen Vorgän⸗ gen und Anſchlägen der Verſchworenen ſich Kunde zu verſchaffen wußten. Southampton, der über die Selbſttäuſchung und Lei⸗ denſchaftlichkeit ſeines Vetters Eſſex nichts mehr vermochte und doch die Pflichten der Freundſchaft und der Anhäng⸗ lichkeit nicht aufgeben konnte, lebte in Angſt um den Ausgang und das Schickſal des Grafen. Er fürchtete für ſeine bekümmerte Braut und wagte doch nicht durch eine, wenn auch verheimlichte Heirath den Unwillen der Königin noch mehr zu reizen, da ſie ihre Zuſtimmung zu ſeiner Verehelichung noch immer zurückhielt. Er ſuchte einen Anlaß ſeine theure Eliſabeth mit Alicen aufs Land zu bringen, und dadurch von den traurigen und gefähr⸗ lichen Bewegungen in London zu entfernen. Er würde deshalb ſchon nach Stratford, wohin ſeine Schweſter ver⸗ langte, geeilt ſein, um eine Wohnung einzurichten, wenn ihn nicht im Intereſſe William's und ſeines Vetters Eſſer, der Verrath aus der Kriegskanzlei ſo angelegentlich beſchäf⸗ tigt hätte. Nun war er durch Roſaliens Uebereilung auf die Fährte, ja dicht an die Ferſen dieſes Lasko ge kommen, und verſprach ſich durch Entlarvung dieſes jeſuitiſchen Spions und Verräthers, den bethörten Grafen vielleicht zur Beſinnung zu bringen. Doch erfoderte die Enthüllung dieſes Mannes die größte Vorſicht. Denn Southampton hatte keine Beweiſe gegen ihn, als die Ausſagen eines zweinamigen, zweideutigen 342 Mädchens, das er, aus Schonung für William und für ſich ſelbſt, um Alles nicht vor die Couliſſen ziehen mochte. Daneben entſprang die Frage: ob dieſer Lasko, wenn man ſich ſeiner bemächtigte, nicht ſchon zu tief in die Geheimniſſe der Verſchworenen geblickt habe, um ſich nicht durch neuen Verrath zum Verderben des rebelliſchen Grafen Eſſer rächen zu können.— Dieſe Sorgen und Bedenken nahmen den Tag über den Grafen Southampton ein, und mit anbrechender Nacht hatte er noch keine Auskunft gefunden Achtzehntes Kapitel. Ueber Nacht hatte ſich der Sturm in William's Bruſt gelegt. Eine Stille, wie wir ſie auch in der Natur nach heftigen Orkanen beobachten, war bei ihm eingekehrt, und die Beſchaulichkeit des Geiſtes breitete ſich, wie ein wol⸗ kenfreier Himmel, über ſeinem Herzen aus. Es war an⸗ fangs jenes halbträumeriſche Spiel der Gedanken, jenes ſüße Phantaſiren, das ohne zu haften, über die Gegen⸗ wart hingaukelt, und wie mit ruhigem Flügelſchlage in hohen Lüften kreiſend, Erinnerungen und Erwartungen in ihrem Fernduft überblickt. In dieſer Stimmung griff er endlich wie aus unver⸗ ſtandener Sehnſucht nach den auf ſeinem Pulte zerſtreuten Papieren. Es waren angefangene Arbeiten, aufgezeichnete Entwürf llätterte uung,— lichem nur los und G ſtand ich mit an de bleibt zweifl ließ i ſelbſt ich bi was in L. Einſt denn ſentl möͤg kraſt Liebe viell ſie a geht winn ſchun⸗ m und für hen mochte sko, wenn tief in die im ſich nicht chen Grafen Bedenken mpton ein, Auskunſt Natur nach kehrt, und eein wol es war an nken, jenes die Gegen lſchlage in rwartungen us unyei zerſtreultn 343 Entwürfe zu dramatiſchen Arbeiten. Indem er ſie durch⸗ blätterte, ſammelten ſich ſeine Gedanken zu der Betrach tung,— wie er doch bisher immer nur aus augenblick lichem Drange gedichtet habe, froh des Hervorgebrachten nur los zu ſein, um mit leichterem Geiſte andern Genüſſen und Gütern nachzujagen, deren Täuſchungen und Unbe⸗ ſtand er nun ſo bitter erfahren hatte.— Warum freute ich mich nicht lieber an der Gabe ſelbſt, fragte er ſich, an der innern ſchaffenden Macht, die allein mir treu bleibt, die, wie ich jetzt fühle, mich auch in dieſen ver⸗ zweiflungsvollen Stunden nicht verlaſſen hat? Warum ließ ich mir nicht an einer Welt genügen, die aus mir ſelbſt hervorgeht, auf mir ſelber ruht, und deren Gott ich bin? Warum fand ich keine Befriedigung in Dem, was ich doch niemals laſſen konnte, weder in Freud noch in Leid? Ach, wie ſpät lernt man ſich doch ſelber kennen! Einſt ſagte ich zu einem Freunde: Du biſt nicht glücklich, denn was dir fehlt, ringeſt du zu erlangen, vergeſſend was du haſt. Iſt das aber nicht mein eigenſter Fall? Es war in dieſem Augenblicke dem Freund zu Muthe, als ob er eben einer tollen Verblendung und ſeines we ſentlichſten Lebensirrthums inne würde. Er hätte weinen mögen, daß er das Paradies ſeiner eigenen Schöpfungs⸗ kraft ſo wenig gekannt oder ſo leichtfertig beachtet hatte. Liebe, Freundſchaft, Ehre? rief er fragend aus. Wohl, vielleicht gibt es dieſe Güter, und wer ſie findet, hebe ſie auf, wie etwas Verlorenes, das auch wieder verloren geht. Vielleicht! Sieh', dies„Vielleicht“ iſt der Ge winn meiner Schmerzen, das Lebensmark hohler Täu⸗ ſchungen. O ſolch' ein Vielleicht iſt ein großer Gewinn! 344 In mir ſelbſt liegt eine Gewißheit, ſo ſchwer, daß ſie der ganzen ſchwankenden Welt das Gleichgewicht zu halten vermag. Ha! Ein Vielleicht ſei dem tollen, täuſchenden Leben geboten! Niemand, Niemand hat mich betrogen ich ſelbſt habe mich nur geirrt in Dem, was ich ſo feſt hielt. Ich beſaß dieſen Talisman, dies Amulet„Viel⸗ leicht“ noch nicht, als ich mir im Schooß der Liebe, an der Bruſt der Freundſchaft, auf der Schulter der Ehre das höchſte Glück vorſpiegelte. Ein Vielleicht euch necki— ſchen Lebensgeiſtern! In dieſer Erhebung eines edeln Selbſtgefühls erwei⸗ terte ſich dem Dichter auch gleich der Geſichtskreis der Ueberlegung, und indem er mit mildem Lächeln Thekla's und Southampton's gedachte, fühlte er, wie ſehr er ſich mit Eiferſucht und Argwohn übereilt haben könnte. Des Grafen frühere Selbſtanklage über ſeine Verirrung mit Roſalien widerſprach doch zu ſehr einem ſo raſch einge⸗ gangenen neuen Liebesverhältniſſe zu einer Zeit, wo der Freund ſich ſo lebhaft nach der Verbindung mit ſeiner Eliſabeth ſehnte. Auch Thekla, wie er ſie nach langer Bewerbung zuletzt ſo liebevoll und hingebend erkannt hatte, erſchien ihm eines ſolchen Betrugs unfähig. Und wie man denn in ſolchen Augenblicken erkannten Unrechts gar leicht ins Gegentheil überſpringt, ſo wollte ſich William über⸗ reden, beide wären vielleicht ſo heimlich blos überein ge⸗ kommen, ihm irgend eine angenehme Ueberraſchung zu be⸗ reiten. Nur blieb es freilich räthſelhaft, wie beide einan⸗ der Unbekannte ſich ſo ſchnell zuſammengefunden. Allein, hatte ſich nicht ſchon ſo manche Räthſelknospe dieſes zau⸗ berhaften Mädchens dem Dichter zur duftigſten Blume entfaltet zu beſu urtheile genug, einigen wohnh den te nicht die at Gedie Duft dieſe das 4 Fuühſ lächel eröffn laſſun Milli hatte. T ſproc man gelt ſüße merte ich d Fügu aus, Willi aß ſie der zu halten täuſchenden betrogen ich ſo feſt M 1 et„Viel⸗ Liebe, an der Chre euch necki⸗ rung mit iſch einge⸗ wo der mit ſeiner ch langer unnt hatte, Und wie rechts gar jam über⸗ de einan Allein ſes zall f Hluuſn „ 345 entfaltet? Er nahm ſich vor, ſie Nachmittags, wie ſonſt, zu beſuchen, ſchon um die Geliebte nicht ungehört zu ver⸗ urtheilen. Mit dieſem Abſchluſſe fuͤhlte William ſich frei genug, was er geſtern ſo ſchmerzlich empfunden hatte, in einigen Verſen niederzuſchreiben. So gewann die Ge⸗ wohnheit wieder einige Macht über ihn. Denn was aus den täglichen Begegniſſen des Lebens tiefer, wenn auch nicht dauernd, ſein Herz bewegte, faßte er gern in die abgezählten Reihen eines Sonetts, wodurch jene kleinen Gedichte entſprangen, die wie Monatröschen mit leichtem Duft das ganze Jahr hindurch nachwuchſen. Während er dieſe Verſe faßte und niederſchrieb, betrat Southampton das Haus zu einem Morgenbeſuche. Nelly, die eben das Frühſtück für William hinaufbringen wollte, empfing mit lächelnder Verlegenheit den Grafen an der Treppe, und eröffnete ihm das Verbot des Freundes. Als Veran⸗ laſſung deſſelben theilte ſie ihm leiſe und haſtig mit, was Milliſent zufällig von ſeinem Beſuche bei Thekla erzählt hatte. Betroffen und betrübt verſetzte, halb vor ſich hinge⸗ ſprochen, der Graf: Mein Gott! Dieſer arme Spenſer—. Bettler, die man beſchenkt, pflegen als Dank auszurufen: Gott ver⸗ gelt's tauſendfach! So vergilt dieſer arme Spenſer die ſüße Täuſchung eines Jüngers, in der er hinüberſchlum⸗ merte, mit unvermeidlicher Enttäuſchung. Wie gern hätte ich dem Freunde den Schmerz erſpart: doch eine höhere Fügung greift abermals über unſer Herz und Haupt hin⸗ aus, und erreicht ihn.——— Sagt unſerm guten William, liebe Frau, ich ſei dageweſen, doch kein Freund 346 zum Abweiſen, und er möge ſein Urtheil über den Gra⸗ fen Southampton aufſchieben, bis ich ihm ſein Unrecht darlegen würde. Dies könnte aber erſt nach morgenfrüh geſchehen. Mit dieſen Worten eilte Southampton fort. So viel Unerklärliches aber auch dieſe Aeußerung für William hatte, ſo erhöhte ſie doch ſeine gute Stimmung, als ſie ihm von Nelly mit dem Frühſtücke überliefert ward. Wie ſchwankend aber die Stimmungen des Ge⸗ müthes ſeien, und wie wechſelnd die Dinge der Welt ſich darin abſpiegeln, ſollte der Freund noch dieſen Tag er⸗ fahren. Als er nämlich zur gewöhnlichen Nachmittagsſtunde nach Paternoſterrow ging, um Thekla zu beſuchen, hörte er aus Lasko's vordern Zimmern ihre Stimme, und klopfte an. Sie öffnete ein wenig die Thüre und ſchlüpfte, als ſie ihn erblickte, heraus. Doch hatte er ſchon mit ſchnel⸗ lem Blicke ein Durcheinander von Mobilien und Geräth bemerkt. Nicht ohne ſichtliche Befangenheit führte Thekla den Freund nach ihrer hintern Stube.— Mein Oheim packt, ſagte ſie, um dieſe Nacht auf eine kurze Zeit zu verreiſen. Ich muß ihm helfen, und du wirſt mich mor⸗ gen freier finden. Sie bot ihm keinen Sitz an, und benahm ſich wie ſeines Weggehens gewärtig.— Wohin reiſt dein Oheim? fragte er, überlegend, wie er ſie am unbefangenſten auf ihr Begegniß mit Southampton bringen könnte. Aus dem Wohin macht mein Oheim eben wieder ein Geheimniß, antwortete ſie lächelnd. Wir kennen ja ſeine Art. 2 deinem W und ſi Ic Grafen ſind j 1 ton ſei; beant L Oheir Sache es ſe 3 ein Lond heim Nht more zuree erwi den Gra⸗ in Unrecht norgenfrüh⸗ perung für Stimmung, überliefert ndes Ge⸗ Welt ſich n Tag er⸗ tagsſtunde hen, hörte und klopfte küpfte, als mit ſchnel⸗ nd Geräth ate Thekla ein Oheim ze Zeit zu mich mor— ſich wie in Oheim! genſten aul wiedel ein Vnn n ja ſe 34 Art. Ich glaube es ſind Staatsgeſchäfte. Sag' darum deinem Freunde Southampton nichts davon, ich bitte dich! William ſah ſie mit herzklopfendem Befremden an, und ſie fuhr mit haſtigen Worten fort: Ich wußte ſeither nicht, daß Lasko auch mit dem Grafen Eſſer in Geſchäftsverkehr ſteht, und beide Lords ſind ja Verwandte. William fragte mit forſchendem Blick, ob Southamp⸗ ton vielleicht auch ſchon zu Lasko ins Haus gekommen ſei; was Thekla raſch mit einem kurzen, ſcharfen Nein beantwortete.— Nach einigen Augenblicken ſagte William Wie wäre es, Thekla, wenn wir während deines Oheims Abweſenheit aufs Land zurückkehrten? Unſere Sachen liegen noch dort, und das Wetter ſtellt ſich, wie es ſcheint, ungemein beſtändig. Laß uns gleich morgen— Ach ja, mein William! rief ſie erfreut aus. Das iſt ein prächtiger Gedanke. Ich ſehne mich jetzt recht von London fort. Wir wollen es aber für Jedermann ge⸗ heim halten; laß uns auf einmal wie verſchwunden ſein! Nicht wahr? Doch morgen— geht's noch nicht. Ueber⸗ morgen! Morgen früh hab' ich noch mit dem Oheim ab⸗ zurechnen. Morgen früh? Nachdem er die Nacht abgereiſt iſt? erwiderte William mistrauiſchen Blicks. Ach! lachte ſie erröthend. Beim Oheim heißt es auch früh geſattelt, ſpät geritten.— Doch vergib! Ich hör' ihn ungeduldig klopfen. Alſo morgen Nachmittag verab⸗ reden wir die Fahrt. Welche glücklichen Tage wollen wir haben. Sie umarmte ihn lebhaft, und zog ihn mit umſchlin⸗ n — — 1 —— — gendem Arme fort. An Lasko's Stubenthüre küßte ſie ihn noch einmal, und entſchlüpfte mit muthwilliger An⸗ muth. Dies war für William eine niederſchlagende Fröhlich⸗ keit. Und wenn er bedachte, wie fremdthuend nach einem Beſuche Southampton's Thekla von ihm geſprochen hatte, ſo konnte er nur die ſchlimmſten Gedanken faſſen, und die unterdrückte Eiferſucht erwachte mit neuen Flammen, ſein vorher zweifelhafter Argwohn fand im Benehmen Derje⸗ nigen, die er traf, die vollſte Beſtätigung. Wuth und Wehmuth wechſelten in ſeiner Bruſt. Er ſtürzte abſichts⸗ los die Gäßchen hinauf, über Smithfield zwiſchen Gärten und Feldern hin, bis er auf der Orfordſtraße umwen⸗ dend plötzlich vor Milliſent's Hütte ſtand. Sie ſelbſt war in ihrem Gärtchen beſchäftigt, und nahm des Freundes nicht wahr, der mit Rührung und Andacht das Haus und die Stube betrat, und ſich dem Lager näherte, auf dem er den armen Sir Edmund ſter⸗ ben geſehen. Niederkniend und die gefalteten Hände dar⸗ über hingebreitet, überließ er ſich den ſchmerzlichſten Em⸗ pfindungen. Ehre und Liebe waren ihm in Dunſt auf⸗ gegangen und hatten nur eine nachbrennende Wunde in ſeiner Bruſt, einen giftigen Niederſchlag in ſeinem Herzen zurückgelaſſen, die bald auch die Macht der Dichtung in ihm zerſtören würden. Auch dies war ihm gleichgiltig. Er überdachte das Misgeſchick des entſchlafenen Dichters, und wie in dieſem Augenblick ein matter Strahl der Abendſonne durch das Fenſter hereinfiel, und unter dem Zwitſchern der Sperlinge Milliſent von außen mit ſanfter Stimme einen Pſalm anhob, erſchien ihm ſelbſt Spenſer's die H Freun dies fragte auf morg ich— — Wet hafte und Alſo Fröhlih⸗ nach einem chen hatte, men, ſein nen Derje⸗ Wuth und te abſichts⸗ hen Gärten e umwen⸗ ftigt, und gt, hrung und ſich dem Loos beneidenswerth, um der edeln Seele willen, die ihn geliebt und beglückt hatte. Beruhigt durch dieſen Abendſegen, verließ William die Hütte. Er fühlte ſich muthig und entſchloſſen, dem Freund und der Geliebten Valet zu ſagen, und wollte dies gleich morgen früh thun.—— Morgen früh?— fragte er ſich ſelbſt. Hat nicht der Graf und Thekla ſich auf ein Geſchäft von morgen früh berufen?—— Beide morgen früh?— Sie werden ſich ſehen,—— und ich——? Nun ja! So finde ich ſie gleich beiſammen, — in dem ſtillen Zimmer, wo mir ein Blitz in der Wetternacht den alten Tower enthüllte und ein lügen⸗ hafter Frauenmund mir in der Geſchichte von„Romeo und Julia“ die ewige Wahrheit der Liebe offenbarte.— Alſo morgen nach Southwark! Neunzehntes Kapitel. Dies entſchloſſene Selbſtgefühl beſtärkte ſich über Nacht. In guter Faſſung ging William früh genug, um Thekla und den Grafen abzuwarten, nach Southwark hinüber, und betrat ein ſogenanntes Ordinary,— ein Spiel⸗ und Speiſehaus, an welchem beide von der Brücke aus vor⸗ überkommen mußten. Es war eine liederliche Geſellſchaft, die hier noch von der Nacht her beim Würfeln ſaß Vorgeſehen! ſcholl dem Freunde, ominös genug, das 350 Wort entgegen, das üblichermaßen ein Spieler rief, der eben über den gewöhnlichen Einſatz wagte, worauf der Bankhalter erwiderte: Auf Alles unter 10 Pfund! Die Stube war mit lächerlichen Bildern behangen, un⸗ ter denen der in Bierhäuſern gewöhnliche Spaß zweier gemalten Eſel mit der auf den Beſchauer berechneten Un⸗ terſchrift:„Wir ſind drei Eſel,“ angebracht war. Wil liam lächelte zu all' dieſen zufälligen Winken und nahm an einem Fenſter Platz. Es währte geraume Zeit, ehe er den Grafen von der Brücke her kommen ſah. Thekla mußte alſo ſchon im Hauſe ſein. Er folgte ihm aus gemeſſener Ferne. Wie er das Haus betrat, kam ihm Southampton mit der Hauswirthin aus dem hintern Garten entgegen. Ueber⸗ raſcht, aber nicht betroffen, blieb der Graf ſtehen, und ſein edles, offenes Geſicht ſchien mit wehmüthigem Lächeln des Freundes vorgefaßten Stolz zu entwaffnen. Er faßte William's Hand, und zog ihn mit ſich hinter ein Buſch— werk des Gartens.— Vergib, mein Herzensfreund, ſagte er. Ich trage mich ſchon manchen Tag mit einer kum⸗ mervollen Mittheilung, für die ich keine Brücke zu deinem vertrauensſeligen Herzen fand. Nun bietet mir dein Arg⸗ wohn einen Uebergang, und ich will kurz ſein, um ſchnell das betrübende Mistrauen zwiſchen uns zu entfernen. Zumal iſt es treffend genug, daß wir beide uns gerade hier begegnen;— in der Wohnung einer und derſelben Perſon, die für dich Thekla, für mich Rofalie hieß. William prallte zurück. Southampton erfaßte ihn bei beiden Händen, indem er dem erblaßten, verſtummten Dichter in kurzen eilenden Worten ſeine Entdeckung bei der uf der on der oon im Wie nit der Ueber⸗ u, und Lächeln r faßte Buſch⸗ „ſagte kum⸗ deinem n Arg⸗ ſchnell ffernen. gerade erſelben . hn zte ih mmten ng hei Spenſer's Begräbniß mittheilte.— Faſſe dich, mein edler Freund! rief er aus, und nimm dieſe Enttäuſchung als ein Vermächtniß deines poetiſchen Meiſters. Der Schmerz wird dir leichter werden, wenn du ihn als Dank des verewigten Dichters hinnimmſt für die beſeligende Täu⸗ ſchung ſeiner letzten irdiſchen Stunde. Nach einigen Augenblicken, in denen William ſeine Lage begriff, ſich ſelber aber noch nicht faſſen konnte, ſagte Southampton mit Rührung: O mein William! Ich tauſche den falſchen Argwohn, der uns trennen wollte, gegen eine Lebenswahrheit ein, die uns inniger verbindet. Er zog den Freund an ſeine Bruſt. Eine Weile hielten ſie einander feſt umſchlungen; ſie blickten ſich wie⸗ der und wieder in die glänzenden Augen; ſie küßten ſich, ſchüttelten einander, hoben ſich wechſelsweiſe vom Boden ſchwebend empor, als wollten ſie ihren wiedergefundenen Werth prüfen und wägen.— Southampton erkannte mit Rührung, wie ſeine bloße Gegenwart den vertrauenden Freund unbedingt hingeriſſen hatte, und die alte Liebe mächtig aufſchlug. Er ſprach ſeine Freude darüber aus, und rechtfertigte ſich jetzt durch eine einfache Erzählung ſeines Benehmens gegen Thekla. Es iſt Alles klar! ſeufzte William. Ich überſchaue mit einem Blick alle Verknüpfungen des Trugs. Soll ich lächeln, daß eines Menſchen Auge ſo bezaubert werden kann? Ein einziges Schüppchen fällt von meiner Wim⸗ per, und die Zauberwelt liegt mit abgenutzten Drähten vor mir, als ein Kinderſpiel! Wenige Worte wechſelten, in denen ſich die Beiden 35⁵2² um Verzeihung baten, Einer den Andern entſchuldigte, Jeder nur ſich ſelber anklagte,— William eines über⸗ eilten Argwohns, Southampton eines unbedachten Mis⸗ griffs.— Es ſei vergeſſen! rief der Graf. Was wir einander zu kurz gethan, ſei der erneuten Liebe als Ge⸗ winn zugelegt! Wir ſind bewährt auf ewig! erwiderte William. An demſelben Probſtein ward der echte Gehalt unſerer Freund⸗ ſchaft geprüft. Brüder theilen einen Apfel: wir haben eine Thorheit getheilt. Wir ſind gleich!— Doch nein! ſeufzte er nach einigen Augenblicken. Wir ſind nicht ganz gleich: Du haſt noch deine Eliſabeth, du biſt geliebt! Ich Geliebt? verſetzte Southampton. Mein Gewinnſt liegt im Werthe meiner Eliſabeth; denn geliebt biſt auch du— wie man nur geliebt werden kann. Wie meinſt du, Heinrich?— fragte William befan⸗ gen, indem er an Alice und des Freundes Brief dachte. Vergib, William! Es nimmt ſich im Munde des frühern Buhlen nicht gut aus, allein ich muß dir ſagen, daß Thekla nicht mehr ohne dich leben mag, daß ſie ohne dich nicht mehr zu leben denkt. Ihre Leidenſchaft macht ſie achtbar, faſt möchte ich ſagen,— macht ſie wieder ehrlich. Vielleicht! lachte der Dichter mit Entrüſtung auf. O vielleicht kann eine Liebe größer werden, wenn ſie ſich aus den Stücken wieder zuſammenſetzt, in denen ſie ſich an ungezählte Liebhaber vertheilt hatte. Du redeſt doch wol von deiner Roſalie? Von der Roſalie, die in Euerm Hauſe Zuflucht gefunden hatte, und für mich bei einer — entſchuldigte eines über dachten Mis⸗ Was wir ebe als Ge⸗ Lilliam. An erer Freund⸗ wir haben Doch nein d nicht ganz biſt geliebt winnſt liegt t biſt auch liam beſan rief dachte Munde des r ſagen daß ſie ohne ſchaft macht t ſie wieder ng auf O ſich aul ſie ſich al iſt doch w 1 in Euerd 5 bei enl ſie 353 alten Lady untergekommen war? Die dem Puritaner die geſtohlene Uhr verpfändet hatte? Die du Vormittags in Finsbury am Arm eines Mannes wandeln ſahſt, und die mich Nachmittags mit edler Leidenſchaft empfing? Die mich als Roſalie mit Hohn abfertigte, und meiner Be⸗ leidigungen vergeſſend, ſich des andern Tags über mich todt lachen wollte? Nicht wahr, die arabiſche Jungfrau liebt mich, die meinem Freunde Aylford— aus mir ab⸗ gelockten Mittheilungen weiſſagte, und die wahrſcheinlich ſchon in Antwerpen ihre Prophetenſtreiche getrieben hatte? Die Nichte Lasko's, die Angebetete des Wegelaurers Mum⸗ blaze? Liebt ſie mich mit jener Verzweiflung, mit der ſie damals nach der Themſe rannte, als Nelly ſie auffing? Siehſt du, beſter Freund, wie geſchäftig jetzt mein Ge⸗ dächtniß iſt, alle die Poſſen zuſammenzurechnen, die mei⸗ nem Verſtande geſpielt worden ſind? Und was würden erſt noch andere Männer von ihr zu erzählen wiſſen? Soll ich etwa im engliſchen Merkur bekannt machen, ich ſei derzeit Thekla's geliebter Mann, und nähme Glück— wünſche von all' Denen an, die aus Erfahrung wüßten, was man an ihr hat? Fort mit ihr! Was? Ich ſoll ihr wol noch zugethan bleiben, nachdem ſie hundertmal an mir verübt hat, was dir einfach genügte, um ſie zu verſtoßen? Du redeſt jetzt zu ihren Gunſten? Hat ſie dir vorgeweint, und du kennſt ſolche Thränen noch nicht? Hat ſie Schwüre verpfändet! und du weißt nicht, daß Schwüre ſolcher Mädchen— Geſchwüre ſind, mit denen ſie vergiften? Sie ſei verwünſcht, an die ich meine Seele hingab, als Andere ihre Schmach hintrugen! Sie mag die Erinnerung an den Thoren, der ſie liebte, Denen Koenig, William Shakſpeare. II. 23 3⁵⁴ Preis geben, die ohne Herz zu ihr kommen. Ich werde ihr den Aufwand des Tugendſcheins erſparen. Mag ſie, ſtatt mit meinem Herzblute ſich zu ſchmücken, Auszehrung ſäen in hohle Männerknochen. So und nooch leidenſchaftlicher wüthete der Freund gegen Thekla, ja gegen ſich ſelbſt, und je argloſer er ſonſt vor den Geheimniſſen ſeiner Geliebten geſtaunt hatte, deſto ſchlimmer legte er ſolche jetzt aus. Southampton ſah ein, daß es nicht an der Zeit ſei, den Freund über dieſe Uebertreibungen ſeines Gefühls zu verſtändigen. Auch mochte er Diejenige nicht in Schutz nehmen, die er ſelber einſt aus geringerem Argwohn verlaſſen hatte, und die ihn jetzt vielleicht wieder, wenn auch auf andere Weiſe, täuſchte. Deſto mehr billigte er es, daß William London auf einige Zeit verlaſſen, und ſich aufs Land zurückziehen wollte.— Ja, mein Freund, ſagte er, ruhe ein Weil⸗ chen, und geneſe an lautern Naturgefühlen! Das ſind Heilquellen für dein Herz. Erfriſcht wirſt du zurückkehren, und mit neuem, glänzendem Gefſieder dich erheben! Indem nun beide einig und innig, Arm in Arm, den Garten verließen, ſagte Southampton im Vorübergehen an der Hausbeſitzerin mit lächelndem Zweifel: Alſo verreiſt iſt Eure Lady? Verreiſt? fiel William, der Thekla's ganz vergeſſen hatte, verwundert ein. Ja, ſo hatte mich eben, als du ins Haus trateſt, die gute Frau beſchieden! war des Grafen Antwort, worauf die Wirthin verſetzte: Wenn Ihr, Sir William, nichts davon wißt—? Was wär's denn wol mit meiner Lady? Ihr Benehmen 35⁵⁵ 4 werde iſt mir ohnehin aufgefallen. Sie hat ihre guten Sachen Mag ſie, mit einer ſo ängſtlichen Haſt wegſchaffen laſſen, daß ſie luszehrung eine mit herübergebrachte Ledertaſche vergeſſen und oben liegen gelaſſen hat. Es ſind Briefſchaften darin, wie's er Freund ſcheint. Sie muß alſo doch wiederkommen. aggloſer er Mit raſchem Bedacht und einem verſtohlenen Winke aunt hatte, für den Freund, rief der Graf lebhaft: uthampton Ei, das ſind unſere Briefe, William! Zeigt uns eund über doch, gute Frau—! Eure Verreiſte hat uns auf dieſen igen. Auch Morgen hierher beſtellt, nun läßt uns die Lady wol blos eer ſelber ihr Leder finden? He? und die Die Frau öffnete, nicht ohne zweifelhaftes Zögern, Weiſe, Thekla's Stube, und Southampton fiel über das Täſch⸗ m London chen her, das nur mit einer Schnur umwickelt dalag.— nrückziehen Das iſt es ja wirklich! rief er gleich, und während er ein Wiil mit ſchnellem Blick und Finger die verſchiedenen Blätter Das ſimd durchlief, wiederholte er die Verſicherung: Ganz recht! rückkehren Was wir geſucht! Nichts fehlt! Er drückte der Frau ein Goldſtück mit den Worten in die Hand: Habt Dank, daß Ihr Euch noch zu rechter Arm, den — Zeit der Briefſchaſten erinnert!— faßte dant die Taſche zuſammen, und führte William raſch mit ſich fort. Hinter ihnen bekam die Hauswirthin Angſt; ſie lief und rief 4 ihnen nach; allein vor der Hausthüre wurde der goldene velgeſſ Portugaleſer mit ſeinem Werthe von 3 Pfund 12 Pence . ſo ſchwer in ihrer Hand, daß der Zweifel in ihrem Herzen rüe nicht weiter nachkommen konnte worga Southampton machte unterwegs nicht viel Aufhebens n h von ſeinem Fund, um nicht des Freundes Neubegierde Benehme 23* 356 auf die Papiere zu lenken, die vielleicht deſſen eigene frü⸗ here Unbeſonnenheit in Behandlung der Geſchäfte berühr⸗ ten. Er war daher auch über Lasko's Verrath kurz und leicht und verſchwieg gänzlich ſein Vorhaben, die Beweis⸗ thümer der Brieftaſche nach genauer Durchſicht und Sich⸗ tung in die Hände der Königin zu liefern, deren Leben ihm durch ihres Leibarztes Theilnahme an der Verſchwö⸗ rung bedroht ſchien. Deſto lebhafter und herzlicher ſagte er endlich: Jetzt, mein theurer, wiedergewonnener Freund, gehen wir zu meiner Mutter und Schweſter. Beide ſind ver⸗ ſoͤhnt, ſind dir wiedergewonnen, und machen an dir ſelbſt einen Gewinnſt, den du ſchwerlich berechnet haſt. Du weißt ja, welche Rolle dieſe Roſalie in Southamptonhouſe geſpielt hat. Getäuſcht von dieſer Zauberin begreifen ſie deinen Irrthum, und indem ſie dir die beſten Abſichten zutrauen, mit denen du dieſer in Thekla verwandelten Roſalie dich hingegeben haſt, freuen ſie ſich dir zu der rettenden Enttäuſchung Glück zu wünſchen. Dabei fühlen ſie ſich in dir zum zweiten Mal von einem Betrug erleich⸗ tert, der ihnen um ſo empfindlicher war, als ſie ſich allein für betroffen hielten. Nun haben ſie an dir einen Mit⸗ genoſſen ihres beſchämenden Irrthums und ein gemein⸗ ſames Erlebniß liegt hinter euch. Ja, ja, wir ſind drei Eſel! dachte William in Er⸗ innerung an das Bild im Spielhauſe; allein er ſprach es doch nicht aus, worüber er eben lachte. igene fruͤ⸗ t berühr⸗ kurz und Beweis und Sich⸗ ren Leben Verſchwö⸗ s aate cher ſagte nd, gehen ſind ver⸗ dir ſelbſt aſt. Du ptonhouſe greifen ſie Abſichte wandelten ir zu del hei fühlen g erleich⸗ ſich allen nen Mi a aemein⸗ ſprach —— 8 4—— Zwanzigſtes Kapitel. Die ſeelenvollen Stunden, die William im Umgange mit beiden Frauen und mit dem heitern, weltgebildeten Sir Thomas Heminge hatte, laſſen ſich nicht beſchreiben. Sein Herz, von einer milden Trauer bewegt, hatte eine neue oder doch geſteigerte Empfänglichkeit für die Einflüſſe eines ſolchen Lebenskreiſes gewonnen, und nach ſo wunderbaren Erlebniſſen auf Pfaden der Liebe und der Ehre war ihm eine ganz neue Welt von Ahnungen und Anſchauungen aufgethan, über der ſein Geiſt ruhig ſchwebend die tiefſten Kräfte ſeines dichteriſchen Schaffens ſammelte. Ein rüh⸗ render Contraſt ſtellte ſich dem Freund an Mutter und Tochter dar. Während die jungfräuliche Alice faſt zu⸗ ſehends hinſchwand, wie eine Seele ihre Hülle verzehrend ſich zu den reinſten und liebevollſten Empfindungen läu— tert,— ſchien ihre Mutter, ſeit ihrer Vermählung mit Heminge, ſich noch einmal zu verjüngen und— ſo zu ſagen— einen zweiten, einen Sommer- oder Johannis⸗ trieb ihrer kraftvollen Schönheit zu entfalten. Sie blickte nicht, wie Alice, aus verklärten Wolken, ſondern von den freien Höhepunkten des Lebens mit edlem gebildeten Herzen und klaren, frohen Augen auf die Welt. Heminge aber, ein Hof⸗ und Staatsmann, beſaß den mildeſten Humor, um das Bedeutſame und Nichtige, das Hohe — und das Hohle des menſchlichen Treibens in Berührung und Wechſelſpiegelung zu bringen. Und Dichter in ſeinem alten Widerwillen gegen weſen ſich durch den Blick des Weltmannes ſo trat er gerade mit dieſem Eifer auch in wenn ſo der alles Schein⸗ beſtätigt fand, den Gefühls⸗ kreis der vom ganzen Scheinleben ſich eben ablöſenden Alice willkommen ein.— Ja, rief er einmal in ſeiner alten, lebhaften Weiſe, die Welt wird ſtets durch äußern Schmuck berückt. der Schein. ein Schutz des Rechtes? Selbſt in Staat und Kirche herrſcht Oder, wäre denn der Themis Augenbinde Erſchleichen nicht Betrug und Unrecht durch ſüße Heuchlerſtimme einen günſtigen Spruch? Und in der Kirche,— wo gäbe es einen Irrwahn, den ein ehrbar Haupt nicht heiligte und mit frommen Sprü⸗ chen ſchmückte? Es findet ſich kein Laſter in der Welt, das nicht von irgend einer Tugend die trügeriſche Miene, die täuſchende Geberde annehmen könnte. muth! Wie manchem Feigling, der im Andrang der Ge⸗ fahr ſich halten würde, wie es doch, ſein Milchgeſicht mit mit dem Barte des Herkules, Und Mannes⸗ Spreu im Winde, gelingt dem Auswuchſe der Kraft, des finſtern Mars heraus⸗ zuputzen! Und freut ihr euch der Frauenſchönheit, ſo ſeht euch vor, wieviel Gekauftes ſie an ſich hat, und was von ihren Zaubern ſie nicht der ehrlichen Natur, ſondern täuſchender Kunſt verdankt. Jene Schönheit, die das Herz ſo locker macht durch Das, was locker ihr um Hals und Schläfe ſpielt. Denn dieſe Liebeslöckchen, jetzt von muthwilligen Lüften umgaukelt, ſind ſie nicht auf fremdem Kopf gewachſen, der bereits im Grabe modert? Ja, ſteure nur, du tolle Jugend, auf dieſem ſchlimmen See des Berührung tätigt fand, 1 Gefühlé⸗ ablöſenden n ſeiner ucch äußern che herrſcht Augenbinde Betrug und n Spruch wahn, den nen Syrü⸗ ars heraus hönheit, ſo n, und mii Ir, ſonden die dab r um Ha jetzt vo auf fremde ſteun 2 N, — 51 2 5 — 3—— 5 3— Lebens der trügeriſchen Küſte zu! Und ihr Hochweiſe, ihr ernſte Narren, müht euch nur um den aus Dunſt ge⸗ wobenen Schleier ab, mit dem der leichtfertige Tag die Scheinwahrheit hinter lockende Falten verſteckt! Auf dieſem Höhepunkte ſeines Lebens angelangt, em⸗ pfand William in ſchlafloſen Nächten den Drang, die großen innern Anſchauungen, die im Verkehr mit der edeln Familie immer lebendiger in ihm wurden, drama⸗ tiſch zu geſtalten. So ſagte er eines Abends beim Ab⸗ ſchiede von Alicen: Ich habe eine ganze Bruſt voll Tra— gödien und ſuche nur das Neſt, worin ich ſie ausbrüte. Worauf die Kranke lächelnd erwiderte: Mein Bruder wird Euch ein Neſt bereiten. Wir er⸗ warten ihn morgen von ſeiner geheimnißvollen Reiſe zu⸗ rück. Stellt Euch ja morgen Abend ein, ihn mit uns zu empfangen! Als William am folgenden Abend erſchien, fand er das Haus fröhlich bewegt. Southampton empfing ihn mit einer Umarmung.— Freue dich mit mir, mein Her⸗ zensfreund! rief er aus. Eben habe ich der Königin Zu⸗ ſtimmung zu meiner Vermählung erhalten. Und denke dir, woher mir der ſo friſch blühende Myrthenkranz für meine Eliſabeth zugefallen iſt: aus jener ledernen Brief⸗ raſche, deren Inhalt ich dir ein andermal mittheilen will. In dieſem Augenblicke trat Alice aus einem Seiten⸗ zimmer; ein jugendlich friſches Mädchen an der Hand. Wie ſich William begrüßend umwendete, ſprang ihm ſein ſchlankes Sannchen in die Arme. Ein Freudenruf des — ͦ— 360 Vaters, ein Jubelſchrei des wilden Mädchens athmeten ſtratforder Luft, des ſeidenen Gemachs der Lady Heminge vergeſſend. Wie freuten ſich die Umſtehenden der Aehn⸗ lichkeit von Vater und Tochter und des Feuers zweier ſo ſchönen braunen Augenpaare! Du ſollſt mich einmal ins Theater führen, Vater, und ich dich dann nach Stratford bringen, ſagte Sannchen ſehr reſolut. Ja, mein Kind! rief William, wie von einer Einge⸗ bung ergriffen. Ich kehre zurück in das Neſt, woraus der Vogel gebiſſen ward, der nur umherflattern und zwitſchern konnte! Nun aber bringt er auch Futter, mein Kind! Hocherröthet ſchmiegte ſich Sannchen an ſeine Bruſt. Aber ach! wie käme ich aus dieſem Zauberkreiſe los? fragte William zu den Umſtehenden gewendet. Wir ziehen mit! rief Southampton. Und nun wiſſe nur: ich komme von Stratford. Die Aerzte haben unſe⸗ rer theuern Alice einen Sommeraufenthalt auf einem ent⸗ fernten Landſitze angerathen. Wir haben uns für die Heimath unſeres lieben Poeten entſchieden. Dort habe ich einen lieblichen Landſitz durch Kauf erworben. Ihr geht voraus, und ich folge mit meiner theuern Eliſabeth nach. Aylford wird uns trauen, und wir feiern dort unſern Bund. O mein Freund! rief William ihn umarmend. Glück und Schmuck meines Lebens! Auf jenem anmuthigen Landgute, das vor der Stadt lag, und mit einem ſchönen Garten an den Fluß Avon ſtieß, ftiedl Man Alice gerei deran und terne mun einig nen 3 athmeten y Heminge der Aehn⸗ s weier ſo Vater, und e Sannchen iner Einge⸗ eſt, woraus lattern und Jutter, mein geine Bruſt erkreiſe los, d nun wiſe haben unſt⸗ einem eni⸗ uns für die Dort habe Ihr orben. I — Eliſabeth feiem dor jluͤch rmend. Gü Stad 361 ſtieß, finden wir nach einigen Wochen unſern Freund in friedlicher Umgebung und in edelm Umgang zu Stratford. Man hatte Milliſent zur Bedienung und Pflege für Alicen gewonnen, und war ſehr ſchnell von London ab⸗ gereiſt, weil einige Krankheitsfälle Furcht vor einem wie⸗ derausbrechenden Peſtübel erregt hatten. Dieſe Beſorgniß und noch mehr die ängſtliche Ungewißheit über das Un⸗ ternehmen des Grafen Eſſex thaten der fröhlichen Stim⸗ mung, in der man ſonſt die ſchönen Junitage verlebt hätte, einigen Eintrag. Doch vergaß man wenigſtens in einzel⸗ nen Stunden über die hohen und heitern Gegenſtände der Unterhaltung, bei Aylford's Salbung, bei William's Schwärmerei jene fernen Bekümmerniſſe. Sannchen ge⸗ hörte mit ihrem fröhlich⸗ anmuthigen Weſen zu dieſem traulichen Verkehr und ſchmiegte ſich beſonders an Alicen an. William ſchrieb in den Stunden, die ihm allein ge⸗ hörten, an ſeinem„Mitteſommernachtstraum“ Die Poeſie war ihm jetzt ein ſchmerzlich⸗ſüßer Reiz, wie wenn man ſanft um eine heilende Wunde ſtreicht. Er ſelbſt fühlte ſich auf der Sommerhöhe ſeines Lebens und von einem zweiten mächtigen Schaffenstriebe bewegt. Bald verbreitete ſich aus London eine Nachricht, die man vor Alicen und Eliſabeth zu verbergen ſuchte. Graf Eſſer, von den Miniſtern um ſeine Abſicht zur Rede ge— ſtellt, hatte es an der Zeit gehalten, mit ſeinem Unter⸗ nehmen loszubrechen. Er war mit ſeinen bewaffneten An⸗ hängern ausgerückt, um den Palaſt der Königin zu neh⸗ men. Durch Kundſchafter und falſche Gerüchte getäuſcht, hatte er auf einen großen Anhang unter den Bürgern und auf einen Beiſtand des Sherifs Shmitt mit tauſend 362 Landwehrmännern gerechnet, war aber von Allen ver⸗ laſſen, von Burleigh durch einen Herold als Rebell aus⸗ gerufen, von den Truppen der Königin zurückgeſchlagen und in ſeinem Palaſte genöthigt worden, ſich zu ergeben. Dieſe unglücklichen Vorfälle hatten die Abreiſe Sout⸗: hampton's verzögert, ſodaß er erſt wenige Tage vor Jo⸗ hannis in Stratford anlangte. Schnell wurden die An⸗ ſtalten zur Vermählung getroffen. Die Frauen bethätig⸗ ten ſich ſelbſt dabei. Nur Eliſabeth zog ſich in fromme Borbereitung zurück. Southampton und William wandelten im Garten, Der Graf berichtete über die jüngſten Vorfälle in der Stadt. Mir bangt für das Leben des Grafen Eſſexr! ſagte er. Wenn ihn die Monarchin nicht begnadigt, dier Richter— müſſen ihn verurtheilen. Was ſagſt du, Freund, daß auch Bacon unter den Richtern ſeines Göͤn⸗ ners Platz genommen hat? Bacon? rief William. Der Philoſoph zwingt uns für ſeine Göttin Erfahrung ein ſchmerzliches Opfer ab. Lebe wohl, Bacon! Southampton erzählte auch von der entdeckten Ver⸗ ſchwörung.— An der Spitze derſelben ſtanden Lasko und der Jeſuit Walpole, ſagte er. Auf Thekla's Winke war Lasko angeblich abgereiſt; man fand ihn aber in ſeinem Verſtecke auf,— ihn und den Jeſuiten. Außer dieſen hat man aber auch Mumblaze und den Arzt Lopez einge⸗ zogen. Dieſer war gewonnen worden, die Königin zu vergiften. Auf Thekla haben die Verſchworenen zwar nicht bekannt, allein durch den feſtgenommenen Mumblaze diedt wol richt heen Allen ver⸗ Rebell aus⸗ ickgeſchlagen zu ergeben reiſe Sout⸗ ge vor Jo⸗ n die An⸗ N bethätig⸗ in fromme m Garten afen Eſſer! wopez ope ——— wieder an jene Duellgeſchichte bei Greenwich erinnert, wollte das Gericht auch ſie einziehen. Auf die erſte Nach⸗ richt von Lasko’s Feſtnehmung iſt ſie jedoch in männli⸗ chen Kleidern entflohen. Alſo doch ſchuldbewußt! rief William. Die Vorſehung hat mich noch früh genug an einer großen Gefahr vor⸗ übergeführt. Sie wird hoffentlich noch glücklich nach Frankreich ent⸗ kommen ſein, ſagte der Graf. Ich war gleich nach deiner Abreiſe bei ihr, um ihr in deinem Namen Lebewohl zu ſagen. Sie beſtand darauf, dich noch einmal zu ſehen, und war außer ſich, als ſie hörte, du ſeieſt bereits nach Stratford abgereiſt. Ich rieth ihr, nach Frankreich zu gehen, und hinterließ ihr die Mittel zu ihrem Fortkom⸗ men. Dieſe brachten ſie wieder zu ſich ſelbſt, und ich überzeugte mich bald, daß ihr die Freiheit doch über die Liebe ging. William umarmte den Grafen mit dankbarem Lächeln. Ich habe ſie geliebt und vergebe ihr! rief er in weicher Stimmung aus. Möge ſie auf der Flucht und in der Ferne glückliche Tage finden! Mir verſchwindet ſie gleich einer Fee, die mich eine Zeitlang geneckt, mir aber einen koſtbaren Talisman hinterläßt. Und nun freue dich deiner glücklich beſtandenen Ver⸗ wandlung! rief Southampton. Du haſt die letzte Dich⸗ terweihe erhalten. Bereite dich in Ruhe zu deinen höhern Flügen vor. In London greift jetzt ohnehin die anſteckende Krankheit um ſich, Folge der letzten Hungersnoth. Die Theater ſind ſchon geſchloſſen und die Puritaner heulen Bußpſalmen durch die Gaſſen. Freue dich hier des hei⸗ 364 mathlichen Friedens um dich her und in dir ſelbſt. Der Sommer wird eine reiche Ernte, du wirſt neue Stücke bringen. Der Dichter und die Freude werden dann wie⸗ der nach London zurückkehren,— beide einander zur Vollendung. Johannistag war mit dem heiterſten Wetter angebro⸗ chen. In der Frühe geſchah die Trauung Southampton's mit Eliſabeth durch den Prediger Aylford. Der Tag ward feſtlich begangen; doch ſchieden gegen Abend die Gäſte, weil in jedem Hauſe das Johannisfeſt gefeiert wurde. Die Thüren der Wohnungen waren mit grünen Bir⸗ ken umſteckt, mit Fenchel, Johanniswurz, Knabenkraut, Lilien und ſonſtigen Blumen geſchmückt. An Epheuge⸗ winden wurden Glaslampen aufgehängt, und nach Son⸗ nenuntergang angezündet. Jetzt trugen die Nachbarn ge⸗ ſchäftig Holz zu Johannisfeuern auf den Gaſſen zuſammen; die Frauen rückten Tiſche aneinander, die von den Wohl⸗ habenden mit Speiſen und Getränken reichlich beſchickt wurden. Auch vor dem ſchoönen Gartenhauſe der Freunde ward eine ähnliche Feier zubereitet. William ergötzte ſich an den Neckereien des Geſindes, das ſich beſonders an An⸗ drews, dem Vogelfänger und Gärtner, ausließ. Andrews bewohnte das Pförtnerhäuschen am Eingang des Gartens. Man wußte, daß er hier nach dem Volksglauben einen neuen Anzug für eine Gärtnerin ausgebreitet, und Käs, Brot, nebſt Bier hingeſetzt hatte. Der Geneckte nahm ſeine Zuflucht zu den Frauen, die als Zuhörerinnen her⸗ angett Rcht laſſen in d konn Mitt oder man dern ts ja in C Wäbd dem in d Und Fien heim den var geth ihr Ste ſag Mi mel reif gen eue Stücke dann wie⸗ nander zur angebro⸗ hamptons Der Tag Abend die ſt gefeiert mnen Bid⸗ abenkraut Epheuge⸗ ach Son Hbarn ge⸗ uſammen; en Wohl⸗ beſchick unde ward e ſich an an An Andrelve Gartens ben einen und Kis kte nahnl nnen hel — angetreten waren.— Mylady's! ſagte er, hab' ich nicht Recht? Der Menſch muß nichts zu ſeinem Glück unter⸗ laſſen. Es iſt ein uralter, ehrwürdiger Glaube, daß man in der Johannisnacht ſeine Zukünftige ſehen könne. Sie kommt, von einem geheimen Zauber genöthigt, gegen Mitternacht in die Wohnung, nimmt das hingelegte Kleid oder koſtet wenigſtens von der einfachen Hauskoſt. Paßt man nun auf, ſo kann män ſie erkennen, und ſich an⸗ dern Tags um ſie bewerben. Gelingt mir's nicht, ſo iſt es ja kein halsbrechender Verſuch. Ei, wieviel Waghälſe in England bringen nicht dieſe Nacht in den wildeſten Wäldern zu, indem ſie den Farrenkrautſamen ſuchen, mit dem man ſich unſichtbar machen kann, und der ſelbſt nur in der Johannisnacht wenig Augenblicke lang ſichtbar wird. Und das iſt kein Spaß. Denn wer ſich nicht bei der Feenkönigin in beſonderer Gunſt weiß, der mag nur da⸗ heim bleiben! Neidiſche Geiſter lauern auf Jeden, der den zauberhaften Samen ſucht. Mancher, der ſo glücklich war, ihn zu finden, und ihn ſchon in ein Büchschen ein⸗ gethan hatte, fand es zu Hauſe leer; gar Viele verloren ihr Leben dabei. Die Frauen lachten und belobten ſeine Vorſicht. Die Nacht war angebrochen, und man ging nach der Stadt, um das feſtliche Treiben zu beſehen. Unterwegs ſagte Aylford: Es iſt eine recht poetiſche Nacht, dieſe Mitteſommernacht. Schon liegen die Frühlingsſchwär⸗ mereien hinter uns, wie die Jugendverirrungen hinter dem reifen Mannesalter. Der hohe Sommer, der fruchtbrin⸗ gende, öffnet ſich. Sanfte Freuden und Erwartungen treten an die Stelle drangvoller Sehnſucht, und doch er— 366 leuchten dieſe Johannisfeuer die Nacht nur ſo weit, daß Traum und Aberglauben doch auch noch ihr dämmeriges Eckchen be⸗ halten. Aber ſeht nur dieſe vergnügten Menſchen da! Wirklich war das frohlichſte Leben in den Straßen der Stadt. An den Tiſchen ſaßen noch die Alten zechend; die Jugend tanzte um die Feuer mit Violenſträußchen in den Händen. Dazwiſchen erſcholl Jauchzen und Geſang. Die wandelnden Freunde wurden überall ehrerbietig begrüßt. William fand an den Tiſchen Vettern, Bekannte, Jugendgenoſſen, die ihn jetzt hoch anſahen, ihm zutranken und ihn herzten. Man hatte ſo viel Erſtaunliches von ihm gehört, und fand ihn nun in der vornehmſten Ge⸗ ſellſchaft. Jetzt ſahen die Nachbarn recht lebhaft ein und flüſterten es einander zu, wie unpaſſend die alternde Anne für einen Mann ſei, der ſich unter dieſen Lady's ſo ſtatt⸗ lich ausnahm.— So ward William unvermerkt von ſeiner Geſellſchaft getrennt. Dieſe eilte voraus in der Abſicht, den zurückkehrenden Dichter mit einer kleinen Feier zu überraſchen. Endlich hatte William ſich losgeriſſen und eilte nicht ohne Wehmuth zurück, um Alicen, ehe ſie zu Bett gehen würde, noch eine gute Nacht zu wünſchen. Als er am Gartenhauſe anlangte, das im Widerſchein eines Johan⸗ nisfeuers leuchtete, trat ihm an der Hausthüre Aylford in wunderlichem Prieſtergewande entgegen, und führte ihn mit ſtummen Zeichen nach der Halle des Hauſes. Dieſe war mit hochſchwebenden Lichtern erhellt; eine Flamme brannte auf einem Altare und wirbelte Wohlgerüche um⸗ her. Zu beiden Seiten deſſelben ſtanden Lady Heminge mit William's Vater und Graf Southampton mit der Mutter ſabeth, Sannd Milliſ Rfüle nachde nen, ihiger N duunk leben erkenn nach d 9 T 8 umart an da wit Sout Ja 8 48 daß Traum Eckchen be⸗ da da Straßen der zechend; die hen in den ſang ehrerbietig Bekannte zutranken nliches von unſten Ge⸗ ft ein und ende Amm z ſo ſtatt⸗ rmerkt von nus in der ner kleinen eilte nicht Bett gehen Als er amn 33 Johan re Aylfold ITr F führte ih Dieſe « Flamme 367 Mutter. Hinter dem Altare erwartete ihn Alice und Eli— ſabeth, als ernſte und heitere Muſe gekleidet, zwiſchen beiden Sannchen als Genius der Poeſie mit einem Lorbeerkranze. Milliſent mehr zur Seite ſtehend, hielt als Hebe einen gefüllten Pokal, und ihr gegenüber ſtellte ſich Aylford, nachdem er William herangeführt hatte. Wie nun der Dichter bewegt und lächelnd vor die Gruppe trat, hatten Alle die Verſe vergeſſen, die ihnen Aylford ein⸗ gelehrt hatte. Sannchen faßte ſich kurz und ſprang mit hoch⸗ gehaltnem Kranze an des Vaters Bruſt. Er bückte ſich, ſein Kind zu küſſen: da ſetzte ihm Alice den Kranz auf. Ihres Herzklopfens wegen mußte ſie ſich auf ſeine Schulter leh⸗ nen, und wie er ſich erhob, fühlte er ſeine Hand in der ihrigen; Sannchen umſchlang beide. Aylford ſprach: Nimm, o Freund, den Kranz des Ruhms und den Trunk unſterblicher Jugend! Sei glücklich, wie wir dich lieben! Wohl Dem, der die Täuſchungen des Lebens recht erkennt! Es ſind vermummte Genien, die das Trachten nach dem Unvergänglichen erregen, und dann verſchwinden! Die Eltern, die Lady, der Graf traten jetzt heran und umarten ihn. Von Außen ertönte Geſang. Man trat an das große Fenſter, den Tanz um das Johannisfeuer mit anzuſehen. Während deſſen hatte Niemand Acht, wie Southampton mit ſeiner Angetrauten verſchwand, noch was Aylford und Milliſent einander gelobten. Es war eine Nacht voll Jubel, voll Liebesfreude und Liebeshoffen. Erinnerungen und Ahnungen umflochten die Schläfe des Dichters mit einem über Alles erhabenen Mitteſommernachttra um. ——ÿ—ÿ— Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ——————— 7* ——— danes PiS vellow Hed 4* 1 6