Leihbiblioth deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 2 wird. 4 b⁸ 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 eträgt: 3 3 5 für Wopchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 1——————x— auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. ¹5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Er ſaß gerade ſo innig vergnuͤgt mit Pinſel und Palette vor einem weiblichen Bildniß, das ihm zu gelingen ver⸗ ſprach; der Morgen war ſo ſommerhell; die Glocken aus dem Dorfe und von der Stadt herauf ruͤhrten ihn ſo feſttaͤglich. In dieſer kuͤnſtleriſchen und frommen Stimmung ſtoͤrte ihn nun, wie er glaubte, das gemeine Wort — Kaffee. Eigentlich aber war es eine Be⸗ ſorgniß, die ihn bei ſo fruͤher Einladung beunru⸗ higte; ſonſt haͤtte er nur kurzweg das Fruͤhſtuͤck 1* ablehnen oder herauf befehlen koͤnnen in ſein— Atelier, wie er gern das Zimmer nannte, das er zu ſeinen zeichnenden Liebhabereien im obern Stockwerk hatte einrichten laſſen,— ein ſtilles, geraͤumiges Gemach, das mit der eingefuͤgten großen Fenſterſcheibe auf der noͤrdlichen Seite . nach der Stadt hinab ſah. Guſtav vermuthete naͤmlich, daß ſeine Gemahlin wieder von einer jener Wallungen aufgeregt ſei, von denen ſie zuweilen, oft im Zuſammenhang mit dem Wech⸗ 4 ſel der Luft, heimgeſucht wurde. Dann ſetzte es gewoͤhnlich ein paar ſehr unfreundliche Tage ab: es wurde in den Zimmern aufgeraͤumt, der Hausrath in den Gemaͤchern gewechſelt, uͤberall aufgewaſchen und das Geſinde uͤber Alles aus⸗ geſcholten. Der ſchoͤnen Frau war dann nichts zu Gefallen zu thun und ſie verfiel in ihrer Unruhe auf das Seltſamſte. Der Baron eilte daher hinab, nachdem er das Zimmer ſorgfaͤltig hinter ſich verſchloſſen 2 5 und den Schluͤſſel verwahrt hatte, damit wenig⸗ ſtens die Ruhe ſeiner Werkſtaͤtte nicht geſtoͤrt werde. Er faßte auf der obern Treppe den ſtillen Vorſatz, ſich durch nichts beunruhigen zu laſſen, und wiederholte denſelben auf der untern Stiege. Die Baronin trat ihm aus dem Gartenzelt entgegen, allerdings ein wenig haſtig, doch mit jener heiteren, kindlichen Miene, die ihr ſchoͤnes Geſicht noch einnehmender machte. Sie um⸗ armte ihn lebhaft mit einem Morgengruß und er dankte ihr mit dem Zuſatze: Der Kaffee iſt ja heut viel fruͤher fertig, Alide! Oder irre ich mich in der Zeit? Haſt Du vergeſſen, Guſtav, daß wir nach der Stadt fahren? erwiderte ſie. Angelika ſingt ja in der muſikaliſchen Meſſe. Aber das iſt es nicht allein. Denke nur, welchen Traum ich gehabt habe!. Haſt Du wieder einmal getraͤumt, meine —— — — 6 Beſte? laͤchelte er. Sieh, ſieh! Nun dann er⸗ zaͤhle! Doch laß mich erſt die Andern be⸗ gruͤßen. Er ſchritt raſch ins Zelt vor. Angelika, das ſchlanke Kind, faßte ſeine beiden Haͤnde und huͤpfte einige Mal wie ein geſchnellter Pfeil an dem hohen Mann empor, indem ſie ihm zu⸗ lispelte: Lache ja die Mutter nicht aus, Papa⸗ chen! Es geht mich an; ich ſoll einen Mann bekommen.— Hinter dem Kaffeebret, neben dem brauſenden Waſſerkeſſel, ſaß eine edle weib⸗ liche Geſtalt, die etwa ſiebenundzwanzigjaͤhrige Erzieherin Angelika's. Der Baron reichte ihr freundlich die Hand mit dem Gruße: Guten Morgen, liebe Veronika! Du kannſt doch nicht ſagen, lieber Guſtav, daß ich ſo oft traͤumte! fuhr die Baronin fort, indem ſie ihm die erſte, von Veronika bereitete Taſſe uͤberreichte. Nur habe ich bei wilrklich bedeutſamen Traͤumen ein eigenes Vorgefuͤhl, — — 77 und Du weißt, ſie treffen mir dann auch immer ein. Und diesmal, beſte Alide— 2 Diesmal, lieber Mann, hab' ich das Vorge⸗ fuͤhl lebhafter, als je. Wir befanden uns in einem Bade,— es gab ein ungeſtuͤmes Waſſer dabei, weder Schwalbach noch Ems— Sieh, das trifft ſchon! rief der Baron laͤ⸗ chelnd. Wir ſind naͤmlich ſelbſt noch nicht einig, wohin wir gehen wollen. Allein wir ſprechen oft daruͤber, die Sache geht Dir im Kopf herum, begreiflich, daß Du— Es war gute Geſellſchaft da, fuhr die Ba⸗ ronin in ihrem Eifer fort; wir hatten intereſſante Bekanntſchaften gemacht und darunter war der artigſte junge Mann. Nun, laͤchle nur! Du merkſt ſchon, daß er ſich um unſere Angelika bewarb. Es ging auch Alles ſehr gluͤcklich von ſtatten und wir feierten hoͤchſt vergnügt die Verlobung des gluͤcklichen Paares. .39 Iſt das nicht ein bischen raſch, Angelika, fuͤr eine Badebekanntſchaft? fragte der Baron mit ſchalkhaftem Ernſt der Tochter zulaͤchelnd. Du mußt aber auch bedenken, Papa, er war ſchon laͤnger im Bad und alſo doch immer eine Bekanntſchaft, die ſich gewaſchen hatte, wie man ſagt! verſetzte die Tochter mit jener Miene, die voraus weiß, daß der kindiſche Spaß belacht wird. Auch lachte der Baron laut, indeß Veronika der Schelmin warnend zublinzte. Laßt es raſch ſein! fuhr jetzt die Baronin fort, die inzwiſchen ihre Taſſe mit Behagen geleert hatte. Hoͤhere Fuͤgungen gehen uͤber die gewoͤhnlichen Umſtaͤndlichkeiten hinaus, wißt ihr nicht? Und in dieſer Vorbeſtimmung koͤnnen wir diesmal auch gar nicht irren; denn der Name des jungen Mannes iſt mir unvergeſſen geblieben. Er hieß Lichtenberg. Seht, daran koͤnnen wir uns halten; das iſt der Pruͤfſtein 9 meines Traumes, ob er wirklich ein verhaͤngniß⸗ voller ſei. Ich ſelbſt zweifle nicht daran. Koͤnnte ich euch nur einen Augenblick dies innere Schauen mittheilen, mit dem ich es empfand, daß ich das ſchoͤnſte Stuͤck unſerer Zukunft ge⸗ traͤumt hatte! Beim Ausdrucke glaͤubigſter Ueberzeugung im Angeſicht der Mutter ſtand die eben noch ſo ſcherzesfrohe Angelika betruͤbt auf und ging, wie ſie ſagte, ſich zur Kirche anzukleiden. Vielleicht war es ihr auch nur empfindlich, daß der Vater ſtets mit laͤchelndem Seitenblick auf Veronika die Mutter mit ſeinem Scherze neckte. Kinder empfinden oft, was in der Seele der Erwachſenen, dieſen ſelbſt noch unbewußt, vorgeht. Aber haſt Du auch bedacht, liebſte Alide, fuhr der Baron fort, daß der Name Lichtenberg eine orakelhafte Zweideutigkeit hat? Es gibt buͤrgerliche und geadelte Lichtenberge. Iſt Dir 1 1** 10 nicht eingefallen, daß unſer Tapezirer aus der Stadt Lichtenberg heißt? Du haſt ihn ja neu⸗ lich noch ſo tuͤchtig ausgeſcholten, als die eben von ihm angelegte ſtrohgelbe Tapete in Deinem Zimmer geſprungen war, weil, wie ich glaubte, unſere gedankenloſe Liſette bei Oſtwind die Fen⸗ ſter zu fruͤh geoͤffnet hatte. Ich will nicht ſa— gen, daß von damals her dieſer Name Dir noch im Kopfe geſpukt und ſich in Deinen Traum eingeſchlichen habe; denn von der Mut⸗ ter geſcholten werden und um die Tochter wer⸗ ben, hat auch gar keinen Beruͤhrungspunkt. Aber denke Dir, der Lichtenberg im Bade waͤre auch kein von Lichtenberg, ſondern ein gemeiner Menſch, ein Handwerker, z. B. der geſuchteſte Friſeur am Ort. Was dann, mein Herz? Der Friſeur Lichtenberg! Oder er waͤre bucklig, wie der beruͤhmte Schriftſteller dieſes Namens war? Der Baron war nicht immer gluͤcklich darin, das Ungereimte, Unrichtige an fremden Meinun⸗ gen und Behauptungen, das er raſch und leb⸗ haft empfand, auch Andern mit den rechten Worten ſchnell begreiflich zu machen. Er hatte ſich nicht gewoͤhnt, ſcharf zu denken, ſich viel Rechenſchaft zu geben, ſondern folgte gern den Eingebungen des Herzens, das im Grund edel und ſtolz war. Bei dieſer Eigenheit konnte er manchmal mit den Wunderlichkeiten ſeiner Gemah⸗ lin nicht fertig werden. Lebhafte Eindruͤcke, vor⸗ gefaßte Meinungen beherrſchten ſie oft ſo ſehr, daß ihr mit keinem verſtaͤndigen Zuſpruch beizu⸗ kommen war. Anfangs der Ehe hatte ſich der Baron keine Muͤhe verdrießen laſſen, ſich mit ſeiner Gemahlin zu verſtaͤndigen; nach und nach war er darin ermuͤdet und, wie mancher andere gute Mann, dahin gekommen, daß er erſt Un⸗ bedeutendes dahingeſtellt ſein ließ, in Wichti⸗ gerem ſodann nachgab und endlich bei den meiſten Widerſpruͤchen in eine gewiſſe Abhaͤn⸗ 12 gigkeit von der Stimmung und Beſchraͤnktheit ſeiner Frau gerieth. Er nahm dann gern zum Scherz und, wenn er gereizt war, auch zum Spott ſeine Zuflucht, womit er indeß auch nicht viel gewann, indem Alide in ihrer leidenſchaft⸗ lichen Aufregung ſeinen Scherz nicht leicht ver⸗ ſtand und fuͤhlbaren Spott nicht vertrug. So ging es auch heut wieder; ſie erkannte den Scherz des Gemahls nicht und ereiferte ſich im Intereſſe ihres Traumes. Habe ich Dir denn nicht gleich geſagt, rief ſie lebhaft aus, daß unſer Lichtenberg von der guten Geſell⸗ ſchaft war? Genug! Ich will gar nicht mehr von einem Traume reden, es war eine Einge⸗ bung,— ich fuͤhle das! Entſchließen wir uns nur recht bald zur Badereiſe! Wenn nur der Entſchluß durch Deine— Eingebung nicht noch ſchwieriger geworden waͤre, meine Beſte! verſetzte Guſtav. Welches Bad werden wir nur waͤhlen, um nicht neben dem 13 Lichtenberg hinzugehen? Oder fahren wir etwa uͤber die Baͤder und fragen uͤberall erſt an: Iſt kein Lichtenberg da? Ich verbitte mir allen Spott, Guſtav! fuhr die Baronin auf. Unſer Arzt beſtimmt nach un⸗ ſerm Beduͤrfniß, beſonders nach dem Deinigen, und das Uebrige muß ſich finden. Du verſtehſt Dich ſchlecht auf Fuͤgungen des Himmels, mein Freund! Solche kann man nicht ſuchen, ſie muͤſſen uns finden! Aber geſetzt nun, der Arzt verordnet, blos wie es beſonders fuͤr Deine verſtimmten Nerven paßt, und es begegnet uns in der That ein Lichtenberg, ein Herr von Lich⸗ tenberg, der ſich um meine Tochter bewirbt: bleibt uns dann noch eine Wahl uͤbrig? Duͤrf⸗ teſt Du noch mit einem Zweifel kommen, noch mit einem gottloſen Spott? Der Baron ſchwieg und kaͤmpfte mit ſeinem Unwillen. Nach einer Weile ſagte er mit er⸗ zwungener Heiterkeit: Gut, Alide! Uebereilen 44. wir uns aber auch dann noch nicht. Wir brau⸗ chen ja die Verlobung nicht gleich im Bade zu feiern. Deine Tochter iſt erſt ſechzehn Jahre alt. Wir wuͤrden doch die Fuͤgung des Him⸗ mels erſt prüͤfen duͤrfen? Pruͤfen? laͤchelte ſie mit der Anmuth eines wohlwollenden Mitleids. Pruͤfen? Unglaͤubiger, thoͤrichter Philoſoph, der Du biſt. Nun ja! Ihr wollt ja auch die Offenbarung mit eurer Ver⸗ nunft pruͤfen! Das Geſchenk des Himmels an die Bettlerin Vernunft! Gewiß, Alide! Der Bettler ſieht zu, ob Dein Geſchenk auch fuͤr ſein Beduͤrfniß ge⸗ macht iſt. Laſſen wir das, lieber Mann!l erwiderte ſie. Du ſprichſt von ſechzehn Jahren? Iſt das nicht alt genug fuͤr meine Tochter? Ich ward im funfzehnten verlobt und heirathete mit ſechzehn. Mein Kind wohl verheirathet zu wiſſen, iſt jetzt meine wichtigſte Angelegenheit, iſt meine 13 Tag⸗ und Nachtſorge. Aber es laͤutet in der Stadt! Nun, Veronika, wollen Sie denn nicht mitfahren? Fronleichnam iſt kein Feiertag fuͤr uns, gnaͤdige Frau, erwiderte Veronika ſanft. Sehr belehrend, meine Beſte! ſagte die Baronin ſcharf. Ich habe noch nicht vergeſſen, daß ich Proteſtantin bin. Aber Angelika ſingt und ich hoͤre ſie ſingen. Bleiben Sie nur, wenn Sie doch kein Intereſſe fuͤr unſer Haus haben! Ich komme bald wieder, lieber Guſtav! Wir machen nur nach der Meſſe einen kleinen Beſuch beim Herrn General⸗Vikar. Ich bedarf ſeines Rathes. Adieu! Der Baron und Veronika blieben eine Weile ſchweigend ſitzen. Ihm war es anzuſehen, daß er, ſchnell genug hinter ſeiner neckiſchen Laune her, mit den bitterſten Empfindungen zu kaͤm⸗ pfen hatte. Veronika ſchien mit einem Anliegen beſchaͤftigt und uͤber die Art verlegen, wie ſie 16 es vorbringen moͤchte. Indem hoͤrte man den Wagen aus dem Hofe abfahren. Wie kann man nur ſo zufrieden zur Kirche eilen und zwei Menſchen friſch gekraͤnkt hinter ſich wiſſen? ſagte der Baron vor ſich hin, als ob es ſeine Nachbarin nicht hoͤren ſollte, und ſetzte dann hinzu: Auch Ihnen hat meine Frau wehgethan, theure Veronika! Weh? Ach ein Augenblickchen nur, bis ich mich beſann, woher die harte Beruͤhrung kam. Die gnaͤdige Frau weiß doch wol beſſer, daß ich nicht ohne das waͤrmſte Intereſſe fuͤr Alles im Hauſe bin; ſie kann es nicht ernſtlich ge⸗ meint haben. Auch bin ich nicht dagegen, daß Angelika ſich an katholiſcher Kirchenmuſik uͤbt und erbaut; nur das ganz eigne Intereſſe der Frau Baronin dabei— befremdet mich ein we⸗ nig und reizt mich zum Widerſpruch. Es iſt nicht recht von mir— Ja, ja! Da ruͤhren Sie an Das, was auch 14 mich ſo ſehr betruͤbt! rief der Baron aus der tiefſten Bruſt. Auch Sie fuͤhlen es, und war⸗ um ſoll ich mir Gewalt anthun, es nicht zu bemerken? Ich will nicht von Alidens Aber⸗ glauben und Vorurtheilen reden; ſie hangen ihr von Kindheit und Erziehung an. Allein ihr Ruͤckfall in jenes Kirchenthum, das ſie um mei⸗ netwillen verlaſſen hat,— o der iſt mir leidig und ſchmerzlich! Damit wanken die Funda⸗ mente unſeres ehlichen Bundes. Das wiſſen Sie nicht ſo, liebe Veronika. Woher ſollten Sie es auch? Meine Frau ſpricht nicht gern davon und ſtellt ſich auch zu hoch uͤber die Erzieherin ihres Kindes, und was Sie davon in der Stadt gehoͤrt haben koͤnnten, duͤrfte ſehr ſchief und entſtellt ſein. Es gibt Verhaͤltniſſe im Leben, die nicht zu rechtfertigen und doch fuͤr den Poͤbel zu hoch ſind. Der Baron ſchwieg ein Weilchen nachdenklich; dann fuhr er mit einem ſeelenvollen Blick auf Veronika fort: 183. Dieſer Gegenſtand iſt eben ſo unberufen zwi⸗ ſchen uns zur Sprache gekommen,— liebe Ve⸗ ronika, wollten Sie mein Vertrauen nicht ver⸗ ſchmaͤhen? Ich moͤchte gerade mit Ihnen ein⸗ mal daruͤber reden; mit Andern vermeide ich es lieber. Ach Gott, ich bin oft innerlich ſo wund und bang, ich verlange ſo nach einer edlen Seele, die mich nicht misverſtaͤnde! Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, was Ihrem Blicke laͤngſt kein Geheimniß iſt, ich bin nicht— ſo ganz befriedigt und gluͤcklich; allein ich liebe meine Frau, Gott ſei mein Zeuge! Und, glauben Sie mir, ich bin gerade ſtolz genug, ſie zu lieben, ſchon um die Art zu rechtfertigen, wie ich ſie mir gewonnen habe. Darf ich Ihnen erzaͤhlen und bekennen? Sie denken ſo klar und liebevoll—. Er ſtreckte ſeine Rechte uͤber den Tiſch nach ihr aus und Veronika ſchlug raſch ihre zarte Hand ein, indem ſie mit ihrem milden, großen Auge zu ihm hinuͤberſah. Ihre Miene, ihre — Bewegung druͤckte die aufgeregteſte Theil⸗ nahme aus. Nur einen Umriß unſerer Geſchichte will ich Ihnen geben, fuhr der Baron fort, gelegentlich hoͤren Sie das Einzelne. Aber laſſen Sie uns hinaus vor das Zelt gehen; dort im Schatten des Apfelbaumes iſt es friſch. Sehen Sie nur, grie da und dort ein Stuͤck des Fluſſes ſchim⸗ mert und der praͤchtige Wieſengrund funkelt. Das Gebirg iſt ſo weich von Duft umſponnen, die Stadt liegt ſo ſonnig und feſtlich. Wir feiern Beide nicht den Fronleichnam, aber die Gottheit erſcheint uns lebendig und ſichtbar in dieſer Herrlichkeit der Fruͤhlingsnatur. Eben trat ein junger Burſche, laͤndlich⸗ ſtaͤdtiſch gekleidet, mit verlegnen Buͤcklingen auf die Sprechenden zu. Veronika winkte ihm, zu⸗ ruͤck zu bleiben, und rief dabei: Heut nicht, Konrad, morgen! Ich komme den Abend zu Eurer Mutter. Was iſt es? fragte der Baron. Es iſt der junge Mann, antwortete ſie, von dem ich Ihnen geſagt, der ein kleines Capital braucht. Ich hatte ihn auf die Abweſenheit der Baronin herbeſtellt, um ſich Ihnen uͤber ſein zu grüͤndendes Geſchaͤft auszuweiſen. Aber der Augenblick iſt jetzt zu eirerlich dazu geworden. Ja, morgen, Konrad! rief ihm der Baron freundlich nach, als der Menſch ſich ſchon be⸗ truͤbt entfernte.— Erinnern Sie mich aber auch ja daran, liebreiches Weltkind, das ſo gern Gluͤckliche macht! Und nun hoͤren Sie. Ich war als nachgeborener, guͤterloſer Sohn dem Militairſtande zugewieſen worden. Lebensfroh und leichtfertig genug, fuͤhlte ich mich doch im anſpruchvollen, federprunkenden Muͤßiggang der Garniſon auf die Dauer wenig befriedigt. Des Spiels mit Herzen auf Gaͤnſefuͤßen herz⸗ lich muͤde, benutzte ich einen laͤngern Urlaub zu einer Reiſe nach Paris. Ich traͤumte ſchon da⸗ a 8 „ 21 mals gern von etwas Abſonderlichem im Leben, von hoͤhern Wahrheiten und Genüſſſen fuͤr aus⸗ erwaͤhlte Geiſter. Dort hoffte ich es zu finden. Es war im Maͤrz 1830 und die Juli⸗Revo⸗ lution gohr bereits in den Gemuͤthern. Auf der Ruͤckreiſe uͤber Bruͤſſel machte ich einen Abſtecher nach Antwerpen und wurde hier durch die Bekanntſchaft mit meiner jetzigen Frau laͤnger aufgehalten. Sie war an den reichen Banquier de Landas verheirathet, in der Pracht ihrer Schoͤnheit und ihres lebhaften Liebreizes. Sie kennen ſie. Damals war ſie etwas weniger ſtark, was ihrer Geſtalt zu Gute kam. Die blendende Fuͤlle der Schultern, die ſchoͤnen For⸗ men, die ſeltnen Farben des Angeſichts, die Glut der dunkeln, ſpaniſchen Augen, der Atlas⸗ ſchimmer des ſchwarzen Haares haben ſich noch wohl erhalten; aber all' Dies hatte vor zwoͤlf Jahren einen Duft, den auch das gluͤcklichſte Jahrzehent ſo nicht bewahren kann. Ach! und 22 ich war nur zu empfaͤnglich fuͤr ſolche Aeußer⸗ lichkeiten, hinter denen, in ſo fremder Umgebung, das tiefſte Geheimniß der Liebe zu ruhen ſchien. Doch ich will nicht rechtfertigen, was weiter geſchah! Ich wohnte ihr ſchraͤg gegenuͤber auf dem Meirplatze; wir ſahen leinander an den nachbarlichen Fenſtern und verſtrickten uns in liebevollen Blicken. Ihr Mann beſaß einige Rubens, van Oyks und einen ausgezeichneten Jordaens. Dieſe Bilder liehen den Vorwand zu einem Beſuch. De Landas war ein unan⸗ genehmer Geck, hoch in den Vierzigen, und durch Familien⸗Intriguen zu einer ſechzehnjaͤh⸗ rigen Frau gekommen, die er weder verdiente, noch zu behandeln wußte. Damals ſtand Alide zwiſchen dem einundzwanzigſten und zweiund⸗ zwanzigſten Jahre. Es gelang mir, den Mann fuͤr mich einzunehmen; ich durfte den Jordaens, den er hochhielt, in mein Skizzenbuch copiren. Bei dieſen wiederholten Beſuchen, die ich in die 23 beſchaͤftigtſten Stunden des Banquiers verlegte, da ich der reizenden Frau dann gewoͤhnlich al⸗ lein gegenuͤberſaß, machte mein offener Leicht⸗ ſinn die raſche Bekanntſchaft ihrer heimlichen Verzweiflung. Ich miethete in einem Eſtaminet im nahen Berchem ein Zimmer, wo wir uns wiederholt trafen; wir wurden innigſt vertraut und von einem wechſelſeitigen leidenſchaftlichen Wahnſinne beſtrickt. Auf gleich geheimen We⸗ gen unterhielten wir nach meiner Abreiſe einen zaͤrtlichen Briefwechſel. Unſere angezettelte Lei⸗ denſchaft erhielt dadurch einen idealen, ſchwaͤr⸗ meriſchen Einſchlag; wir hielten uns von der Vorſehung fuͤr einander beſtimmt, bejammerten das Misgeſchick, ſo weit und fuͤr immer ge⸗ trennt zu ſein, und gefielen uns zuletzt in den verwegenſten Entwuͤrfen zu einer ehelichen Ver⸗ bindung. Alide ſollte ſich entfuͤhren laſſen und Proteſtantin werden. Dies Letztere koſtete ihr einen großen Kampf; allein ihre Leidenſchaft 24 war noch maͤchtiger, als ihr Gewiſſen, und ſie willigte endlich ein. Ich eilte im Herbſte wie⸗ der nach Antwerpen. Die Unruhen in Belgien beguͤnſtigten unſer verwegenes Unternehmen. Alide entwich aus dem Hauſe, und mein Die⸗ ner, unſer alter Andreas, brachte ſie gluͤcklich nach Genf zu einem proteſtantiſchen Prediger, den ich dort kannte. Sie nahm die vierjaͤhrige Angelika mit und ließ den fuͤnf Jahre alten, kraͤnklichen Knaben dem Vater zuruͤck. Ich blieb indeß heimlich in Antwerpen und wartete es ab, was der Anwalt und die Freunde der entflohenen Alide uͤber den gekraͤnkten und zor⸗ nigen alten Mann vermoͤchten. Tolle, verwir⸗ rende Leidenſchaft! De Landas entſchloß ſich ſchwer zur Scheidungsklage; hauptſaͤchlich weil das große Vermoͤgen, das ihm Alide zugebracht hatte, als ihr beſonderes Eigenthum in ſeinem Geſchaͤfte lag und im Fall einer Scheidung zu⸗ ruͤckgezogen werden konnte. Endlich kam eine Uebereinkunft zu Stande, nach welcher Alide einen bedeutenden Theil ihres Vermoͤgens gegen Sicherheit und Verzinſung im Handelshauſe ſtehen ließ. Die Scheidung, oder vielmehr die katholiſche Trennung, ward nun bei der Be⸗ hoͤrde bewirkt, nachdem Alide inzwiſchen zur reformirten Kirche uͤbergetreten war. Ich eilte im folgenden Fruͤhjahre nach der Schweiz zu unſe⸗ rer Trauung. Ich hatte meinen Abſchied ge⸗ nommen, weil ich keinen abermaligen Urlaub erhielt und auch die Erlaubniß zu heirathen ſo⸗ bald nicht wuͤrde bekommen haben. Wir wohn⸗ ten Anfangs drunten in der Stadt, bis ich den Ankauf dieſer ſchoͤnen Beſitzung zu Stande brachte. Ich waͤhlte den hieſigen Aufenthalt, weil ich der Provinz doch einmal durch Geburt angehoͤrte, und beſonders meiner Frau zulieb, die an der Gegend Gefallen fand, und in ihrer wunderlichen und leidmuͤthigen Stimmung eine halbe Verborgenheit ſuchte, waͤhrend ſie ſich zu⸗ Veronika. I. 2 26 gleich durch die ihrer Schoͤnheit und ihrem Reichthum gezollte Aufmerkſamkeit der gutmuͤ⸗ thigen, kleinſtaͤdtiſchen Einwohner geſchmeichelt fuͤhlte. Wir glaubten nicht anders, als hoͤchſt gluͤcklich zu ſein, und konnten doch mitten in dieſem Gluͤcke nicht vergeſſen, auf welchen leicht⸗ fertigen Wegen, mit welcher Verletzung von Per⸗ ſonen und menſchlichen Anordnungen wir uns das Gluͤck verſchafft hatten. Ich war kein tiefer Denker, ich hatte mich nie gewoͤhnt, aus letzten Gruͤnden zu pruͤfen, wozu mich ein frohes, keckes und im Ganzen zum Guten gebildetes Herz trieb. Allein ich taͤuſchte mich doch nicht lange daruͤber, daß Leidenſchaft und Liebe zweierlei Dinge ſeien. Eins knuͤpfte mich den⸗ noch im Verlauf unſeres ſtillen Zuſammenlebens immer inniger an Aliden, daß ſie naͤmlich Schutz, Rechtfertigung, religioͤſen Glauben, neue Hei⸗ mat und Alles an mir und durch mich allein hatte. All' mein maͤnnlicher Stolz war aufge⸗ —— boten, ihr dieſen Beſitz, dieſe Exiſtenz, dieſen Lebensinhalt nicht zu kuͤrzen, nicht zu betruͤben. Dies war, glaube ich, das edelſte Stuͤck unſe⸗ rer Liebe, die mit Kindern ungeſegnet blieb. Doch fehlte es mir nicht an Annehmlichkeiten des Lebens; der Landbau, die Erziehung Ange⸗ lika's, Muſik und Malerei fuͤllen unſere Tage. Der geſellige Verkehr mit der Stadt zieht meine Frau mehr als mich an; ich finde ihn ohne Geiſt, ohne tiefere Intereſſen. Dafuͤr machen wir jaͤhrlich eine Reiſe, gewinnen neue oder er⸗ friſchte Lebensanſchauungen und halten, ſo zu ſagen, die verſteckte Bucht unſerer Heimat un⸗ ter Einwirkung von Ebbe und Flut der Welt. Seit den anderthalb Jahren, die Sie nun bei uns ſind, Veronika, lerne ich durch Ihr Auge und Herz auch manches kleine Gluͤck um uns her ſchaffen. Ich ſah wohl auch fruͤher viel Ar⸗ muth in dieſem Dorf und umher; allein ich verſtand es nicht, ihr auf die rechte Weiſe ab⸗ 2* 28 zuhelfen, oder die Aengſtlichkeit und Engherzigkeit meiner Frau in Geldſachen ſchuͤchterte mich ein. Sie ſind ſo erfinderiſch, liebe Freundin, den Duͤrftigen und Gedankenloſen oft mit kleinen Mitteln zu helfen, indem Sie ihnen eine Rich⸗ tung geben, ſie zur Selbſtthaͤtigkeit, zu paſſen⸗ den Unternehmungen anregen, kurz, ſie muͤndig und muthig machen. Wie viel habe ich ſelbſt dabei gelernt und gewonnen! Noch Eins darf ich nicht vergeſſen; Sie haben mich durch Ihre Vorleſungen und Urtheile in das mir fruͤher ziemlich fremde Gebiet unſerer Literatur einge⸗ fuͤhrt. Kurz, mein Leben iſt immer ruhiger und reicher geworden. Nur bemerke ich leider! ſeit Ihrer Ankunft, beſte Veronika, auch deutlicher die Maͤngel und Ruͤckſchritte meiner Frau. Wie denn ſeit meiner Ankunft? fiel Veronika erſchrocken ein. Waͤre ich denn im mindeſten ſchuld daran? O mein lieber Baron, dann laſſen Sie mich noch in dieſer Stunde ziehen! In dieſer lebhaften Empfindung hatte ſie ſich erhoben. Der Baron ſprang auf. Vero⸗ ronika, ich beſchwoͤre Sie, rief er und faßte ihre beiden Haͤnde, als ob er eine Fliehende halten wollte. Nein, hoͤren Sie nur! Ich glaube, es koͤmmt daher, daß wir unſer ſtilles, wohlthaͤtiges Schaffen im Orte großen Theils vor Aliden geheimhalten muͤſſen. Daher nehme ich jetzt die engherzigen Ruͤckſichten mehr wahr, de⸗ nen unſere ſonſt ſo weltfrohe Alide mit jedem Tage mehr nachgibt. Dabei werde ich auch inne, daß ihr aberglaͤubiges Weſen mehr und mehr aus der luftigen Geſtalt herunterfaͤllt, in der es einſt einen poetiſchen Reiz fuͤr mich hatte. Was mich aber am meiſten aͤngſtigt, ſo ſteht— jetzt leer von ſeiner alten Leidenſchaft— ihr Herz im Zuſammenhang mit den roͤmiſch⸗katholiſchen Unruhen der Zeit. Wie ſoll ich ſagen? Man ſpricht von Quellen, die in unterirdiſcher Ver⸗ bindung mit fernen Seen ſteigen und fallen. 30 Man hat noch andere Sympathien im Leben. Erinnern Sie ſich des ſchoͤnen Gedichtes von Goethe, das Sie uns letzt vorlaſen:„Wenn die Reben wieder bluͤhen, ruͤhret ſich der Wein im Faſſe.“ So, glaube ich, brauſet der abgelagerte Katholicismus aufs neue in Alidens Herzen. Ach, Veronika! Dies Herz meiner theuern Alide— ich aͤngſtige mich, daß es ſich ſelbſt verliert und daß es mir verloren gehe. 1 Der Baron ließ ſich auf die Ruhebank zu⸗ ruͤckſinken und blickte ſchmerzlich hinab nach dem Dom, woher das Gelaͤute zum Hochamt herauf⸗ toͤnte. Beruhigen Sie ſich, lieber, edler Mann! ſagte Veronika, indem ſie ihre Hand ſanft auf ſeine Schulter legte, aber raſch wieder zuruͤckzog. Es kann ein voruͤbergehendes Leiden ihrer Seele ſein. Die Baronin iſt ja, wie Sie ſelbſt ſagen, fruͤher anders geweſen, mit ſich zufriedener und daher gewiß auch wohlwollender gegen Andere. 31 Sie kann wieder geneſen, wieder empfaͤnglicher werden fuͤr eigene Freude, fuͤr Liebe und frem⸗ des Gluͤck. Meinen Sie, Veronika? rief der Baron und blickte heiter auf. Es aͤngſtigt mich nur manch⸗ mal, daß Alide doch blos aus Leidenſchaft zu mir Proteſtantin geworden iſt, ohne daß ſie eigentlich dem Katholicismus entwachſen war. So liegt ihre Seele noch immer unter ſeinem Zauber und Bann. Ich werde jetzt— Man ſollte gar nichts lernen, wenn man kein tiefes Gluͤck in ſich hat! Seit ich mich mit der Che⸗ mie ein wenig befaſſe, werde ich die Vorſtellung gar nicht los, dieſe Miſchung proteſtantiſcher Anſichten mit katholiſchen Gewohnheiten in Ali⸗ dens Herzen habe wol eine Zeit lang gut ge⸗ than, ſo lange die Leidenſchaft der Liebe das Bindemittel abgab. Nun truͤbt ſich aber ſchon die Miſchung, Zerſetzungen drohen vorzugehen, Niederſchlaͤge koͤnnen erfolgen und am Ende erkenne ich das Herz nicht mehr, das ich in der reizenden Faſſung des Koͤrpers getraͤumt und mit Ungeſtuͤm auf ewig an mich geriſſen habe. Sehen Sie nur, Veronika, wie ſie dieſen Mor⸗ gen wieder nach dem Rathe des General⸗Vikars eilt, um eines Traumes willen! Ich kann uͤber den Traum lachen, aber warum zum Vikar? Es war mir auch ſehr betruͤbend, verſetzte Veronika, doch mehr, weil ich Ihnen anſah, daß es Sie kraͤnkte, lieber Freund. Sonſt haͤtte man ja der Baronin den kindiſchen Troſt goͤn⸗ nen moͤgen. Verzeihen Sie mir das Wort, mein Freund! Denn daß ſie zum Vikar geht und nicht etwa zum Superintendenten, finde ich doch ſehr natuͤrlich; die gnaͤdige Frau fuͤhlt wohl, daß ſie fuͤr ihre Sinnesart in unſerer Kirche keine Handhaben und keine Aufmunte⸗ rung findet, und ſucht alſo eine Zuflucht auf, wo man fuͤr alle Seelenaͤngſte Troſt und Theil⸗ nahme bereit haͤlt, weil man eben dem geiſtigen 33 Menſchen nicht auf die eignen Beine helfen, ſondern ihn nur fuͤr immer leiten und fuͤhren will. Freilich liegt grade darin auch das Be⸗ denkliche fuͤr die gnaͤdige Frau. Ihren Traum wuͤrde ſie bald wieder vergeſſen, dieſe wunder⸗ liche Zuverſicht auf Erfuͤllung deſſelben wuͤrde voruͤbergehen. Aber, wenn auch der Traum nichts zu bedeuten hat, was laͤßt ſich nicht dar⸗ aus machen, wenn ihn geiſtliche Herren fuͤr ſolch ein Gemuͤth bearbeiten wollen? Hierin liegt allein Grund zur Beſorgniß. Indeß— der General⸗Vikar iſt ja ein wohldenkender, aufge⸗ klaͤrter Mann! Mag ſein, erwiderte der Baron. Aber bei nicht energiſchem Charakter und viel perſoͤnlicher Eitelkeit hangt ihm noch aus den Jahren her, wo die Frauen ihm, als einen ſchoͤnen jungen Mann, freundlich thaten, die Gewohnheit an, gegen huͤbſche Frauen artig zu ſein. Jetzt pre⸗ digt er als ein Mann, der eine Dioͤceſe gewon⸗ 2** 34 nen hat, traͤumt wol aber noch manchmal von der Zeit, da er auch dem Leben Manches abge⸗ winnen wollte. Darum wird er ſchwerlich meine Frau richtig und in unſerm Sinn angemeſſen behandeln. Doch— ich bin erſchoͤpft, bin un⸗ ſaͤglich traurig geworden an dieſem ſchoͤnen Tage. Denken Sie fuͤr mich ein wenig nach! Rathen Sie mir, unterſtuͤtzen Sie mich! Welch ein Segen dieſes Feſttagmorgens, daß ich dazu kam, mich Ihnen zu entdecken, ſo unerwartet und abſichtlos! Und grade unter dieſem Apfel⸗ baume, um den ich es nicht verdient habe. Nein, laͤchelte mit heimlicher Ruͤhrung kaͤm⸗ pfend, Veronika. Sie haben ihn ſchon oft ge⸗ nug verwuͤnſcht. Ja, ich haͤtte ihn ſchon vor Jahren gern weghauen laſſen und hier eine Laube oder ein Zeltchen angebracht. Er ſperrt mir da vor mei⸗ nem liebſten Fenſter die Ausſicht nach dem ſchoͤnſten Abhang des Gebirges und deckt mir einen Theil der Landſchaft mit ſeinen breiten Aeſten. Meine Frau will ihn aber durchaus nicht verlieren, weil ſeine Aepfel gewoͤhnlich ge⸗ rathen und ſie die Renetten liebt. Nun mag er denn noch laͤnger geduldet ſein um der Frucht willen, die er mir heut aus ſeinen Fruͤhlings⸗ zweigen zufallen ließ, Ihre Freundſchaft und Theilnahme, liebe Veronika! Die Freundin war tief bewegt. Sie wollte es nicht merken laſſen und entfernte ſich wie zu einem haͤuslichen Geſchaͤft. Auf ihrem Zimmer aber, das von der Morgenſonne erhellt, von Reſeden auf dem Blumentiſchchen durchduftet war, fiel eine ſolche innere Heiterkeit in ihr Herz, ein ſolcher Frohmuth, daß ſie haͤtte auf⸗ jauchzen moͤgen. In ſolchen Stimmungen, und nur in ſolchen, pflegte ſie zu ſingen. Sie war grade fuͤr Muſik nicht ſonderlich begabt und hatte uch bei leidmuͤthiger Stimmung den gluͤcklichen Drang, ſich lieber durch Beſchaͤfti⸗ gung zu helfen, als ihren Empfindungen traͤu⸗ meriſch nachzuhaͤngen. Jetzt aber oͤffnete ſie den Fluͤgel mit dem ganzen Deckel, ſetzte ſich und ſang mit ihrer weichen, aber nicht ſtarken, Stimme eines der wenigen Lieder, die ſie ein⸗ geuͤbt hatte. Es war des Barons Lieblingslied. Sie hatte es nicht bedacht, ihn aber traf es in ſeiner leidvollen Stimmung mit doppelter Gewalt. Morgenwind und Blumenduͤfte um⸗ ſaͤuſelten ihn. In ſeiner Kuͤnſtlerſeele war er ohnehin ſo leicht zu ruͤhren, und jetzt brach er vollends in Thraͤnen aus. Er ſuchte das heim⸗ lichſte Plaͤtzchen des Parkes, um ſeine Wehmuth ungeſtoͤrt auszuſchluͤrfen, aber auch um in ſol⸗ cher Weichheit nicht geſehen zu werden; denn er ſagte ſich gern vor, daß ihm Das nicht abgehe, was ihm juſt fehlte, die derbe Mannheit ſeiner ritterlichen Ahnen. * Die Baronin kehrte unerwartet fruͤh aus der Stadt zuruͤck. Eine Unruhe entſtand im Hauſe; denn die Haſt und das geſpannte We⸗ ſen der Herrin regte die Dienerſchaft auf. Die Leute ſprangen hin und her, als ob ſie mit der Gebieterin in gleichen Takt zu kommen ſuchten, oder auch, um durch raſche Bewegung dem un⸗ ſichern Wetterſchlag ihres Tadels zu entgehen. Angelika, das liebliche Kind, ſah ruhig, aber niedergeſchlagen aus, und fragte nach Veronika. Dieſe kam ſchon die Stiege herab. Auch der Baron eilte aus dem Garten herbei, wo er ſich von ſeiner traͤumeriſchen Stimmung nach und nach erquickt hatte. Die Baronin warf ſich an ſeine Bruſt und rief aus: Ach, mein Guſtav! was hat ſich Trauriges begeben! Denke Dir, eben erhalte ich Briefe, mein Mann iſt todt! Was? fuhr der Baron auf. Mein Vater, lieber Papa! fiel Angelika weinend ein. Ja ſo!l erwiderte er. Der alte de Landas iſt geſtorben, der Wechsler de Landas in Ant⸗ werpen? Und darum erſchreckſt Du mich ſo! Er ſuchte ſeine Verſtimmung zu bezwingen und fuhr gelaſſen fort: Komm, Alide! Beruhige Dich! Umarme mich und fuͤhle, daß Dein Mann noch lebt! Du willſt mich auch nie richtig verſtehen und nehmen, Guſtav! verſetzte die Baronin. Doch komm nur und hoͤre! Hier ſind die Briefe. Der Baron fuͤhrte ſie hinauf in ihr Zim⸗ mer. Angelika hielt ſich an ihre Erzieherin und erzaͤhlte ihr fluͤchig, wie es in der Stadt er⸗ gangen war. Mutter und Tochter waren naͤm⸗ lich im Gaſthof abgeſtiegen, in welchem ſie fuͤr ihre oͤfteren, fluͤchtigen Stadtbeſuche ein Zimmer hatten. Von da waren ſie nach dem Dom ge⸗ gangen, wo Angelika den zweiten Sopran in 39 der Meſſe zu ſingen hatte. Inzwiſchen wurden die Briefe ausgegeben und die Baronin fand bei ihrer Ruͤckkehr aus der Kirche das ſchwarz⸗ geſiegelte Paͤckchen vor. Es enthielt einen um⸗ ſtaͤndlichen Bericht des alten Geſchaͤftsfuͤhrers Heſſelts mit einer Ueberſicht uͤber den Vermoͤ⸗ gensſtand des Hauſes und einen zaͤrtlichen, from⸗ men Brief ihres Sohnes Joachim de Landas. Die Baronin hatte nun den General⸗Vikar un⸗ beſucht gelaſſen, hatte ihn nur mit ein paar Zeilen von ihrer traurigen Abhaltung benach⸗ richtigt und war ſchnell nach Hauſe gefahren. Auf ihrem Zimmer uͤberſetzte ſie den flamaͤn⸗ diſchen Brief des Geſchaͤftsfuͤhrers und der Ba⸗ ron hoͤrte nachdenklich zu. Am Schluß ſagte ſie: Da ſind nun unſere Sommerprojecte zer⸗ platzt. Wir ſollen und muͤſſen nach Antwerpen. Das Teſtament muß eroͤffnet, die Geſchaͤfts⸗ und Vermoͤgensangelegenheit geordnet werden. Mein Sohn iſt noch nicht volljaͤhrig und, wie Heſſelts meldet, bedenklich leidend. Ach der treue Heſſelts! Erinnerſt Du Dich noch des dienſtbefliſſenen Mannes, Guſtav? Weißt Du, wie er immer ſo ſchief und gebuͤckt einherging, als haͤtte er auch im Gehen noch das Schreibe— pult und den Schemel an ſich hangen? Sie trat vor den Spiegel, um ihre verwein⸗ ten Augen mit dem angenetzten Taſchentuche zu erfriſchen und ſetzte dann hinzu: Aber er iſt ſo treu und gefaͤllig, der gute Heſſelts, und hat mich immer ſo liebgehabt. Auch Dir war er ſehr zugethan. Zu Mittag waren einige Freunde aus der Stadt geladen, die man nicht mehr abbeſtellen konnte; vielmehr war der Baron froh, daß die Aufregung ſeiner Gemahlin durch den Be⸗ ſuch eine Ableitung erhielt. Auch am Abend entzog er ſich den Verhandlungen, die dann am Morgen deſto ungeſtuͤmer zuruͤckkehrten; denn die Baronin hatte faſt gar nicht ge⸗ 41 ſchlafen und war ungewoͤhnlich aufgeregt. Eine Stelle des Briefes war ihr in der Nacht erſt recht bedenklich aufgefallen. Ja, Sie muͤſſen kommen! hieß es darin. Ihre Gegenwart, gnaͤ⸗ dige Dame, wird Ihren leidenden und— ſchwa⸗ chen Sohn, Herrn Joachim de Landas, muͤn⸗ diger machen, als er iſt, und ihn hoffentlich gegen den Einfluß jener ehrwuͤrdigen Maͤnner ſchuͤtzen, die ihn uͤber die Beſtimmung eines ſo bedeutenden Vermoͤgens leichter irre zu machen, als ſeine Geſundheit herzuſtellen geeignet ſind. Man uͤberlegte, was nur damit angedeutet ſein koͤnnte, rieth aber nur im Allgemeinen auf bedenkliche Einmiſchungen in die Vermoͤgensan⸗ gelegenheit des Hauſes. Veronika dachte an jeſuitiſche Abſichten der Prieſterpartei in Belgien; allein ſie huͤtete ſich, eine ſolche Aeußerung vor der heut ſo gereizten Baronin zu thun. Bei der Vorſtellung von Verluſten oder Bevorthei⸗ lungen gerieth die Baronin in den heftigſten Eifer. 42 Es ſollte ohne Verzug nach Antwerpen gereiſt werden; man wollte jeder Gefahr vor Verluſt, jedem Einſpruch in das Vermoͤgen mit Nach⸗ druck begegnen. Nun kam aber auch die Bade⸗ reiſe wieder zur Sprache. Dieſe ſollte uͤber die andere Angelegenheit doch nicht aufgegeben wer⸗ den. Nein, rief ſie aus, die Zukunft, die Be⸗ ſtimmung unſeres Kindes ſoll und darf nicht hintangeſetzt werden. Mein Traum ging aus⸗ druͤcklich auf ein Bad hin; es war ein un⸗ geſtuͤmes Waſſer dabei, wie ich auch geſtern er⸗ zaͤhlt habe. Sie hielt bei dieſer Erinnerung jaͤh inne, und rief dann, wie vor ihrem eignen Gedanken erſchrocken: Ach Gott— Seebad! Oſtende! Ei du mein Herr und Himmel! wie doch die Fuͤgungen zuſammentreffen! Erſt ein Traum und nun das unerwartete Ereigniß, das dieſem Traum eine Beſtimmung, eine Richtung gibt. Du laͤchelteſt geſtern ſo unglaͤubig, Guſtav, und 43 meinteſt, mein Traum ſei die Folge vorherge⸗ gangener Geſpraͤche; allein, haben wir denn nur eine Ahnung dieſes Todesfalles gehabt? Keine Nachricht von einer Krankheit iſt uns zugekom⸗ men; ich weiß nicht, wann wir zuletzt einmal von de Landas nur geſprochen haͤtten. Nein, nein, beſter Mann, ſei nicht ſo unglaͤubig! Widerſetze Dich hoͤhern Fuͤgungen uͤber das Gluͤck unſeres Kindes nicht! Der Baron ergab ſich mit ſtiller Geduld in die unermuͤdliche Wiederkehr dieſer aufgeregten Verhandlungen. Nachmittags ward er ſogar munter dabei. Du wirſt mit Deinem ſchwaͤr⸗ meriſchen Glauben in große Verlegenheit kom⸗ men, liebe Alide! ſagte er. Du haſt getraͤumt, wir haͤtten gleich im Bade Verlobung gehabt und das verbietet doch nun die Trauer, die un⸗ ſere Tochter anlegen wird, wenn ſich ja der ge⸗ traͤumte Lichtenberg finden ſollte. Siehſt Du, 44 Beſte, Traͤume und Vorfaͤlle koͤnnen auch mit einander in Widerſpruch kommen! Indeß wollen wir vor Allem ruhig dieſen Herrn von Lichten⸗ berg abwarten und kein Heu hinter die Raufe ſtecken, ehe wir den Gaul haben. Mit dem Seebade bin ich aber ganz einverſtanden; dieſe Wendung iſt mir recht und lieb. Der Arzt ſprach ſchon fruͤher davon, und ich glaube ſelbſt, daß ich fuͤr meine verſtimmten Nerven nichts Beſſeres thun kann. Dazu die huͤbſche Reiſe — vortrefflich! Nun ja! So weit ſind wir einig, Beſte. Nun aber ruhig, meine Theuerſte! Wir wollen uns nicht ſo abhetzen. Was ſich fuͤgt und findet, findet und fuͤgt ſich auch. Komm, Angelika, wir wollen ein wenig in den Garten gehen! Das Kind ſchlang ſich an ſeinen Arm, und da er ſeine Gemahlin eben in das Seitenzimmer eilen ſah, fluͤſterte er Veronika zu: Ich will 45 mir doch ihre wunderlichen Traͤumereien immer noch lieber gefallen laſſen, als dieſe Jaͤhhaſt in Geldſachen! Die Baronin war ſo vergnuͤgt uͤber ihres Mannes Zuſtimmung zu dem Seebad und uͤber die gluͤckliche Wendung, die es dadurch mit ihrem Traume zu nehmen verſprach, daß ſie ſich hoͤchſt freundlich und in ihrer Weiſe ſelbſt herzlich ge⸗ gen Veronika bezeigte. Bei der Leidenſchaft⸗ lichkeit, mit der ſie Alles betrieb, kam ihre Um⸗ gebung uͤberhaupt am beſten davon, wenn ihre Unruhe auf einen entfernten Gegenſtand fiel, fuͤr welchen ſie Theilnahme und Mitbethaͤtigung Anderer noͤthig hatte. Jetzt waren es die nie⸗ derlaͤndiſchen Angelegenheiten, die antwerpener Verlaſſenſchaft und das Seebad. Und zu dieſen handgreiflichen Intereſſen ſtimmten jetzt, ſo ſchoͤn es die Baronin nur wuͤnſchen konnte, die traͤu⸗ meriſchen Anliegen ihres muͤtterlichen Herzens. Fuͤr den Augenblick kam noch eine kleine Be⸗ 46 ſorgung hinzu. Der Baron hatte eben der Trauer erwaͤhnt und ſie eilte nun mit Veronika dieſe ganz uͤberſehene Toilettenſache zu berathen. Im Garten ging Angelika eine Strecke ſtill⸗ ſchweigend neben ihrem Stiefvater, bis ſie an eine ſchattige Stelle kamen. Hier blieb ſie ſte⸗ hen, faßte ſeine beiden Haͤnde, ſah ihm laͤchelnd in die Augen und ſagte: Warum, lieber Vater, ſprichſt Du denn dergleichen immer zu Veronika, wie eben beim Weggehen? Warum ſagſt Du es denn nicht mir? Ich weiß, daß Du nicht immer zufrieden mit der Mutter biſt, aber Du ſollteſt es lieber mir klagen. Veronika iſt Dir ja doch fremder, als ich es bin, wenn gleich Dein Stiefkind. Ich liebte ſonſt Veronika ſo ſehr, aber ſeit kurzem koͤnnt' ich ſie haſſen und bin ihr manchmal recht gram. Thu's lieber nicht mehr, Vaͤterchen! Du haſt mich gelehrt, ☛ 8 47 Alles lieb zu haben, ſelbſt die Maulwuͤrfe, die im Garten wuͤhlen, und die garſtigen Eidechſen, die ſich dort am alten Gemaͤuer ſonnen. Mache nun nicht, daß mir die edle Veronika zuwider wird. Willſt Du wol, Papa? Nicht ohne einen Anflug von Befangenheit verſetzte mit weicher Stimme der Baron: Liebes Kind, Engelsknoͤspchen! Ich moͤchte Dich in lauter Liebesluft und Freudenſonne aufgehen ſehen; was frommt es Dir, wenn ich mich uͤber die Mutter betruͤbe, daß ich es Dir klage? Soll ich Nagewuͤrmchen in Deine Herzens⸗ knospe legen? Weißt Du, wie ich geſtern eins von der angenagten Roſenknospe wegſchnelzte? Soll ich Dich grauſamer behandeln, als unſere Roſen? Oho, Vaͤterchen! rief Angelika, jetzt mit leichterem Herzen ganz munter. Ich kann das auch beſſer vertragen. Ich bin ja nun ſechzehn geweſen und fuͤhle mich ganz ſtark und tuͤchtig. 48 Darin hat die Mutter Recht, daß ich ganz fertig fuͤrs Leben bin. Nun muß ich mich auch an manchen Knuff und Puff des Lebens gewoͤh⸗ nen. Und ſiehſt Du, wenn ich doch den Bade⸗ Lichtenberg heirathen muß, ſo bekomme ich viel⸗ leicht auch Manches zu klagen, und mehr, als Du. Dann klag' ich Dirs, Vaͤterchen, und keinem jungen Herrn, keinem von der Welt— keinem Referendar und keinem Lieutenant. Wir tauſchen das mit einander aus, Papachen, und ſind ſelig darin. Nicht wahr? Aber geh' doch, laß Dich das nicht ruͤhren, Herzensvaͤterchen! Sie fuhr raſch mit ihrem Batiſttuch uͤber ſeine Augen und kuͤßte ihn. Nicht wahr, ſagte ſie immer vergnuͤgter, es hangt mir doch etwas vom antwerpener Vater an? Ich meine etwas vom Wechſelgeſchaͤft. O ja, Du haſt mich wol zum hochdeutſchen Edelfraͤulein erzogen, wir haben die Fouqué'ſchen Sachen geleſen und Al⸗ lerlei getraͤumt, haſt mir oft geſagt, was wahr⸗ * haft adelig fuͤr edle Herzen ſei; wer weiß denn aber, ob Kummer und Hoffnung, Traum und Liebe auszuwechſeln, ein⸗ und auszutauſchen, nicht die Lebensbeſtimmung fuͤr das niederlaͤn⸗ diſche Fraͤulein Angelika de Landas iſt, blos weeiil ſie ſich durch die Mutter einen hochdeut⸗ ſchen Papa eingetauſcht hat? Bitterſuͤßer Engel! rief der Baron tief be⸗ wegt aus. Nein, ſo mir Gott helfe, ſollen all' dergleichen Wechſelgeſchaͤfte von Deinem liebevol⸗ len Herzen abgewendet bleiben. Ich will Dich gluͤcklich ſehen, Du mir ſo theuer eingewechſel⸗ tes Kind! Eins in unſerm haͤuslichen Bunde ſoll doch ſeiner edlen Gefuͤhle und des ſchoͤnen aͤußern Beſitzthums froh werden, das uns ver⸗ liehen iſt. Bei Gott im Himmel, Du ſollſt eine liebevolle, keine ertraͤumte Verbindung und Zukunft haben! O lieb Vaͤterchen! rief ſie aus, indem ſie ihm ſchmeichelnd die Wange und den lichtbrau⸗ Veronika. I. 3 nen Bart ſtrich, meinſt Du, mir bange vor mei⸗ ner Mutter getraͤumtem Lichtenberg? Nein, gar nicht! Es muͤßte doch toll zugehen, wenn ſich uͤberhaupt ein Lichtenberg, und zumal ein un⸗ verhéiratheter, im Bade faͤnde, der mich uͤber⸗ dies auch wollte. Und geſetzt, der dreifache Zu⸗ fall traͤfe wirklich ein, ſo muß doch der Seebad⸗ Lichtenberg mir auch gefallen, denk' ich. Die Goͤttin der Liebe iſt zwar, nach der Goͤtterlehre, aus dem Schaum des Meeres geſtiegen; aber ich will keinen Mann aus Meerſchaum, wenn ich auch lang und ſchmal genug gewachſen bin, daß ich fuͤr das Pfeifenrohr dazu ausſehen koͤnnte. Und faͤnde ſich wirklich ein Lichtenberg in Oſtende ein, der die Mutter irre machen koͤnnte, ſo iſt es ein wahres Gluͤck, daß Oſtende ein Seebad iſt. Warum? Weil die Mutter ja ſchon lang weiß, daß ich mir aus Geſalzenem nie viel ge⸗ macht habe. Ich will einen ganz friſchen Lich⸗ tenberg, liebe Mutter, werd' ich ſagen, denn 51 ich bin erſt ſechzehn Jahre vorbei; der aus dem Salzwaſſer haͤlt ſich auch noch eine Weile, bis ſich eine Frau von ſechsundzwanzig findet. Ei, er mag Veronika nehmen und kann Gott dan⸗ ken, wenn ſie ihn mag; denn Veronika wuͤrde einen rechtſchaffenen Mann ſehr begluͤcken. Meinſt Du nicht, Papa? Schwaͤtzerin! laͤchelte der Baron zerſtreut. Siehſt Du nun, Vaͤterchen, daß ich das Leben zu behandeln weiß, um Dir eine Ver⸗ traute zu werden? Ja, ja, mein Kind, Du haſt fruͤh im Le— ben einiges Misgeſchick kennen gelernt und kannſt es anmuthig tragen; aber troͤſten kannſt Du darum noch nicht, dazu mußt Du aͤlter werden. Aber wart' nur! Unter den Flutwellen des deutſchen Meeres ſollſt Du mir zur Freun⸗ din getauft werden. Unter dieſem Sturzbade wird ſich Bruſt und Herz erweitern; wir wer⸗ 3* den geſtaͤrkter und gluͤcklicher zuruͤckkehren. Ja, gluͤcklicher! Manches, was mich jetzt druͤckt und betruͤbt, wird mir bei kraͤftigeren Nerven viel ertraͤglicher vorkommen, mit richtigem Herzſchlag, leichter zu nehmen ſein. Dann wirſt Du auch Veronika ganz anders beurtheilen. Siehſt Du, wenn ich ihr manchmal ſo eine Bemerkung zu⸗ fluͤſtere, ſo geſchieht es auch darum, daß ich ihre eignen ſtillen Betrachtungen uͤber die Mut⸗ ter auf heitere Weiſe verſcheuche. Ich thu's zur Schonung fuͤr die Mutter. Angelika ſah ihn mit dem ſchoͤnen offnen Auge feſt an, ſchuͤttelte laͤchelnd den blondum⸗ lockten Kopf und ſagte mit drohendem Zeige⸗ finger: Vaͤterchen, Vaͤterchen, taͤuſche Dich ſel⸗ ber nicht! Es ſieht ſo nicht aus. Ich weiß nicht grade, wie Du es meinſt; aber fuͤr mich iſt etwas Schmerzliches darin. Und hoͤre! Ich ſoll Dich doch Vaͤterchen nennen; wenn Du — 53 aber ſo mit Veronika thuſt, dann rufe ich Dir — Herr Guſtav! Und dann denke nur daran, daß ich Deine Vertraute bin. So—? lachte der Baron geruͤhrt. Und ich—? Ich ſoll Dich doch kuͤſſen als mein Kind. Wenn Du Dich aber zu meiner Kummerfreundin auf⸗ wirfſt, ſo laß ich das bleiben, denn einer Freun⸗ din kuͤßt man die Hand. Ganz recht, Vaͤterchen— Freund! Und ich ſtelle dann meinem Vertrauten beim Handkuß jedesmal einen Wechſel auf ſein Kind Angelika zu. Siehſt Du, daß ich doch immer einen Hang fuͤr Wechſelgeſchaͤfte habe vom ſeligen Vater her! Ach der arme gute Mann! Ich liebe ihn ſo ſehr in Gedanken und erinnere mich ſeiner nicht mehr. Mein albernes Gedaͤcht⸗ niß reicht nicht ſo weit zuruͤck, wie mein Herz⸗ ſchlag. Aber ſobald wir nach Antwerpen kom⸗ men, ſuche ich in unſerm Geſellſchaftszimmer die ſchoͤne Marmorbuͤſte des Vaters von dem 54 antwerpener Kuͤnſtler Wilhelm Geefs auf. Die Mutter ſagt, ſie ſei ſprechend aͤhnlich. Indem ſahen ſie auf dem Dammweg uͤber die Wieſe eine Kaleſche herankommen und er⸗ kannten an den trampeligen Pferden und dem hinten aufſitzenden Bedienten in ſchlottriger Livrée die geiſtliche Equipage des General⸗Vikars. Er wird zu uns kommen, laß uns der Mutter beiſtehen! rief Angelika aͤngſtlich und faßte den Vater zum Forteilen an der Hand. Vor dem Zimmer ſchon hoͤrten ſie die leb⸗ hafte Stimme der Baronin und fanden ſie im Wortwechſel mit Veronika. Sie beſchwerte ſich uͤber vorlauten Widerſpruch der Mademoiſelle. Dieſe habe nach der Stadt fahren und Einiges zu den Traueranzuͤgen auswaͤhlen ſollen, be⸗ haupte aber ſteif und feſt, es ſchicke ſich fuͤr die gnaͤdige Frau nicht, Trauer anzulegen. Angelika hat ſchon haͤusliche Trauer ange⸗ legt, verſetzte der Baron mit ein wenig erblaſſen⸗ 5⁵ der Ruhe, und bedarf vielleicht noch Einiges zum Ausgehen und auf die Reiſe. Fuͤr wen willſt Du denn aber trauern, liebe Alide? Der ruhige Ton, der feſte Blick des Man⸗ nes brachte die Baronin einen Augenblick in Verwirrung, waͤhrend welcher der alte Kammer⸗ diener den General⸗Vikar anmeldete. Ein ſchoͤner Sechziger in einem feinen ſchwar⸗ zen Talar, den platten, dreieckigen Hut in der Rechten, trat mit leutſeliger Miene und geiſtli⸗ cher Haltung, leiſe, wie mit beſchwichtigtem Podagra herein. Ein feines, heiteres Prieſter⸗ geſicht, eine von lichtem, weichem Haar umge⸗ bene Glatze, ein leichtes zuverſichtliches Beneh⸗ men erinnerten an die lebensfrohen, geſellſchaft⸗ lichen, wohligen Praͤlaten einer fruͤheren, kirchen⸗ friedlichen Zeit. Beim Anblick des geiſtlichen Freundes war die eben noch ſo aufgeregte Baronin wie um⸗ 56 gewandelt, voll vergnuͤgter Aufmerkſamkeit mit einer auffallend unterwuͤrfigen Miene. Wir wollten Ihnen unſere innige Theilnahme kundthun, gnaͤdige Frau, bei dem unerwarteten Leid, das Ihnen widerfahren! ſagte der Vikar mit wohllautender Stimme. Wir ſind ſehr erſchrocken bei Ihrer ſo kurzen als ſchweren Todesnachricht. Ich werde Ihres Troſtes beduͤrfen, mein hochwuͤrdigſter Freund, verſetzte die Baronin, wenn auch Andere glauben, daß fuͤr mich kein Grund zur Trauer ſei. Wie denn das, meine liebe gnaͤdige Frau? Es galt nur eine Frage der geſellſchaftlichen Schicklichkeit, fiel der Baron ein, indem er dem General⸗Vikar einen Seſſel anbot. Unſere gute Angelika legt naͤmlich Trauer fuͤr ihren Vater an und wir waren ungewiß daruͤber, ob auch meine liebe Frau fuͤglich ſchwarze Kleider und Beileidsbezeigungen annehmen koͤnnte. Ein wenig betroffen von dieſer Aeußerung, wendete ſich der Praͤlat zu Angelika, ſagte ihr einige fromme, freundliche Worte, wobei er ſie mit Handauflegung und Bekreuzigung ſegnete. Angelika blickte verlegen unter der ſchoͤnen Stirne hervor nach dem Baron, der mit Vero⸗ nika laͤchelnde Blicke wechſelte. Nach und nach kam eine leichtere Unterhal⸗ tung auf. Man ſprach von der bevorſtehenden Reiſe nach Antwerpen und Oſtende. Der geiſt⸗ liche Herr pries die ſchoͤnen Gegenden, die herr⸗ lichen Kirchen und Gemaͤlde, die man da zu ſehen bekaͤme, und die Baronin nahm ſchon einen Anlauf, von ihrem Traum zu reden, als der Baron mit dem Vorſchlage dazwiſchen kam, die ſchoͤne Stunde im Garten zuzubringen. Eure Hochwuͤrden ſollen mir heut auf die Probe ge⸗ ſtellt werden, ſagte er. Ich habe eine friſche Sorte Wein erhalten, von einer Lage, die lange nicht in meinem Keller war. Erlauben Sie 3**½ mir, daß ich ſie Ihrer feinen Zunge als Raͤthſel vorſetze. Der Vikar erhob ſich und begleitete im Ge⸗ ſpraͤche die Baronin. Im Garten ſchlug er, als wolle er die bluͤhenden Straͤucher betrachten, einen Seitenweg ein, waͤhrend die Uebrigen nach dem gewoͤhnlichen Sitz unter dem Zelte wandelten, wo man den ſchoͤnſten Blick nach der Stadt und ſeitwaͤrts nach dem Gebirge hatte. Alſo nach Antwerpen reiſen Sie, meine liebe gnaͤdige Frau? ſagte der Praͤlat. Welche Erin⸗ nerungen werden da Ihre Seele ergreifen! Welche Erſchuͤtterungen ſtehen dort dem Gewiſſen Ihres Gemahls bevor! Der Himmel fuͤge es zu ihrem beiderſeitigen Heil! Das war vorhin ein aͤrgerlicher Misgriff, daß wir vor dem le⸗ benden Manne unſere Condolenz wegen des verſtorbenen vorbrachten. Aber ſo geht es uns, ſo oft wir unſerm ſtrengen Beruf weltkluge Ruͤckſichten auflegen. Haͤtten Sie mich beſucht, ſo haͤtte ich Ihnen offener, als ich es aus Schonung fuͤr Ihren Herrn Gemahl auf dieſem Nebenwege thue, Gluͤck wuͤnſchen koͤnnen, ſtatt zu condoliren. Gluͤck, mein hochwuͤrdigſter Freund? erwi⸗ derte ſie. Sie meinen zur Erbſchaft, zu der leider! bedrohten Verlaſſenſchaft meines ſeligen— Immer fallen Sie doch wieder auf ſolche nichtige Dinge, liebe Freundin! eiferte der Ge⸗ naeral⸗Vikar. Was iſt Geld und Gut in den Augen eines Mannes, der das Himmliſche zu vertreten hat! Sie muͤſſen ſich des Irdiſchen und Sinnlichen mehr entſchlagen, gnaͤdige Frau, Ihren natuͤrlichen Hang bekaͤmpfen. Iſt Ihnen denn noch nicht eingefallen, daß mit dieſer To⸗ desnachricht die Einſegnung Ihrer dermaligen Ehe fuͤr Sie in Kraft tritt? Ja, ſehen Sie mich immer verwundert an! Sie haben mir doch in vertraulichen Stunden ſelbſt Ihre Zwei⸗ fel bekannt, haben mir eingeſtanden, daß Sie 60 in Ihrem Innerſten ſtets Katholikin geblieben ſind. Mithin lebten Sie, mit Ihrer wahren, ſtillglaͤebigen Seele in einer katholiſch unge⸗ ſetzlichen Ehe; zwar nicht vor der Welt, in de⸗ ren Augen Sie als Proteſtantin getraut waren, jedoch vor unſerer heiligen Kirche, die keine zweite Ehe einſegnet bei Lebzeiten des erſten Mannes, auch wenn man dieſen verlaͤßt und gerichtlich geſchieden wird. Proteſtantin aber waren Sie nicht aus Ueberzeugung, ſondern um einer Leidenſchaft willen. Ruhig, liebe gnaͤdige Frau! Ich ſage das nicht zu Ihrer Kraͤnkung, im Gegentheil preiſe ich Sie jetzt darum. Die Leidenſchaft koͤnnen wir Ihnen vergeben, ein Irrthum, eine Verblendung aber haͤtte Sie gar leicht mit Ihrer lebenden, katholiſch glaͤubigen Seele aus der Kirche vertrieben, außerhalb wel⸗ cher die Gnade der Abſolution, der Erloͤſung Sie nicht mehr erreicht haͤtte. Sehen Sie, dar⸗ um wuͤnſchen wir Ihnen Glüͤck, daß durch die⸗ 61 ſen Todesfall Ihnen die Wege wieder geoͤffnet ſind, Ihren Seelenfrieden mit Ihrer buͤrgerli⸗ chen Zufriedenheit zu verſoͤhnen. In dieſer Harmonie beſteht ja doch das wahre Gluͤck hie⸗ nieden. O mein Freund, wie ſtreng gehen Sie mit mir um! ſeufzte die Baronin in tiefſter Ver⸗ wirrung. Es iſt der Augenblick dazu da, meine theure Freundin, erwiderte der Praͤlat; der Ruf des Heils ergeht wieder an Sie. Die Suͤßigkeiten bethoͤrter Liebe, das Gift uͤppiger Freuden hat⸗ ten Ihre Seele verwirrt und ins Irre gefuͤhrt; bittere Wahrheit, aufrichtige Erkenntniß muß Sie retten. Bereiten Sie ſich vor auf den Eindruck Ihrer ehemaligen Heimat, kommen Sie mit tapferen Vorſaͤtzen ſolchen Erſchuͤtterun⸗ gen entgegen und laſſen Sie es in doppelter Bedeutung eine Ruͤckkehr ſein. Wie konnten Sie mir alle die Jahre her ſo 62 artig ſein, hochwuͤrdigſter Freund und hatten doch in Ihrem Herzen ein ſo ſtrenges Urtheil uͤber mich? Liebe, gute Frau, erwiderte der General⸗ Vikar, ſollten wir Ihren Seelenfrieden, die Einigkeit Ihrer Familie ſtoͤren, uns mit dem ſonſt edeln Baron verfeinden? Mit Gebet und Herzeleid ſahen wir dem Augenblick entgegen, da Sie ohne alle Stoͤrung aufhoͤren koͤnnten, im Concubinat zu leben. O mein Herr und Heiland! rief die Baro⸗ nin, indem ſie wie betaͤubt von dieſem Wort in die Knie ſank. Stehen Sie auf! mahnte, aͤngſtlich umher⸗ blickend, der Praͤlat. Allein die erſchuͤtterte Frau blieb, Alles vergeſſend, knien, verwirrt und mit gefalteten Haͤnden aufblickend. Es war ein ſtiller Seitenweg, gegen den einen Fluͤgel des Hauſes durch hohes Buſchwerk gedeckt, in wel⸗ chem die Finken luſtig ſchlugen. Ich nehme dies Ihr ſchmerzliches Gefuͤhl als reumuͤthiges Bekenntniß an, ſagte haſtig der Vikar, und ſpreche einſtweilen Vergebung des Vergangenen uͤber Sie aus. Er betete mit gefalteten Haͤnden die Abſolu— tionsformel, uͤberkreuzte die Kniende und reichte ihr zum Aufſtehen die Hand. Kommen Sie nun, ſagte er freundlich, wir wollen den An— dern keine Raͤthſel aufgeben. Beſuchen Sie mich noch einmal vor Ihrer Abreiſe. Vielleicht koͤnnen wir Ihnen noch mit Rathſchlaͤgen chriſt⸗ licher Klugheit fuͤr Ihr kuͤnftiges Benehmen an die Hand gehen. Thun Sie's aber bald, denn wir ſelbſt haben kuͤrzlich in kirchlichen Angele⸗ genheiten zu verreiſen. Noch habe ich Ihnen keine Buße aufgegeben. Sie ſollen, zur Ver⸗ buͤßung Ihres langiaͤhrigen Irrens, eine taͤg⸗ liche Betſtunde, eine fromme Gemuͤthsſammlung halten. Vergeſſen Sie, verſaͤumen Sie das nie! Uebrigens ſchweigen wir uͤber dieſen hei⸗ 64 ligen Augenblick und ehren die Denkweiſe Ihres Gemahls! Indem Beide jetzt dem Zelte nahe kamen, rief der Praͤlat heiter: Eben ſprach ich von Ih⸗ nen, Herr Baron. Was haben Sie nicht in den wenigen Jahren hier zu Stande gebracht! Ich habe den Garten in ſeiner Verwilderung gekannt. Das feuchte Fruͤhjahr hat den Wuchs der jun⸗ gen Anlagen ſehr gefoͤrdert. Aber, Sie verſtehen das auch! Ihr Kuͤnſtlerauge iſt Ihnen bei dieſer Gartenanlage ſehr zu Huͤlfe gekommen, ſcheint mir. Man zog das Zelt auf, da die Sonne hin⸗ ter den Schloßfluͤgel getreten war. Eine Col⸗ lation ſtand auf dem Tiſche. Der Baron ſchenkte ein, und der geiſtliche Herr errieth wirklich mit fluͤchtigen Schluͤrfen den 1834er Rauhenthaler Ausbruch. Er ließ ſich des Barons Verwun⸗ derung laͤchelnd zum gebotenen trefflichen Wein gefallen. Loben Sie aber meine Kenntniß der Weine nicht zu ſehr, Herr Baron, ſagte er; ich 65 habe ſolche, leider! aus fremden Kellern erwor⸗ ben, denn unſere geiſtlichen Tiſche ſind jetzt ſehr mager beſetzt, nachdem der Zeitgeiſt uns die ſchoͤnen Beſitzthuͤmer entriſſen hat, die wir als Vermaͤchtniß frommer Jahrhunderte beſaßen. Die Unterhaltung wendete ſich auf nahe lie⸗ gende, unbedeutende Gegenſtaͤnde. Der Praͤlat gab ſich am liebenswuͤrdigſten in ſolchen leichten Plaudereien. Da kehrte ſich ſeine natuͤrliche, unbefangene Gutmuͤthigkeit heraus, ſeine frohe Laune kam in Schwung und es fehlte ihm dann nicht an guten Einfaͤllen. Ohne wiſſenſchaftlich im ſtrengen Sinne zu ſein,— denn von Phi⸗ loſophie hielt er nichts— beſaß er doch man⸗ nichfaltige Kenntniſſe, die ungeſucht hervorkamen und ihm ein geiſtreiches Anſehen liehen. Einmal entfiel ihm in bildlicher Beziehung das Wort Traum. Dies Stichwort brachte der Baronin die große Angelegenheit ihres eigenen Traums in Erinnerung. Sie ließ ſich vom Kopfſchuͤtteln ihres Gemahls nicht abhalten, den bedeutſamen Traum zu erzaͤhlen und ſich die Meinung des hochwuͤrdigen Freundes zu erbitten. Halten Sie uns fuͤr einen geſchickten Traum⸗ deuter? fragte er mit ſchalkhaftem Laͤcheln gegen den Baron. Ich weiß wohl, erwiderte ſie, daß der Glaube an Traͤume in unſerer heutigen Zeit etwas Laͤcherliches hat; allein die Traͤume ſind aͤlter, als unſere Zeit und Denkart, und ſind in der Bibel begruͤndet. Geſetzt nun, es gaͤbe noch Seelen, wie in jenen Tagen, da Gott ſich in Traͤumen offenbarte, ſollte denn der Himmel unbedingt ſeine alten Wege aufgegeben haben, wie die Menſchen alte Chauſſeeſtrecken liegen laſſen, wennsſie eine neue Richtung angebahnt haben? Sehr ſchoͤn geſagt, meine gnaͤdige Frau! Ein trefflicher Vergleich! verſetzte der Praͤlat, nicht ohne einige Befangenheit zwiſchen den ſo ver⸗ 67 ſchieden denkenden beiden Ehegatten. Nur der Name Lichtenberg in Ihrem Traume gefaͤllt mir nicht. Nehmen Sie ſich in Acht, daß es nicht etwa einer unſerer juͤngſten Philoſophen oder jungdeutſchen Literaten ſei, die gern auf reiche oder vornehme Damen ausgehen. Sie halten ſich alle fuͤr Berge des Lichtes und poe⸗ tiſcher Begeiſterung, ſind aber nur Trugbilder auf dem Moorgrund des Unglaubens, huͤpfende Irrlichter der Leichtfertigkeit. Sonſt kommen allerdings in unſern heiligen Geſchichten vielfach bedeutſame Traͤume vor. Schon Joſeph in Ae⸗ gypten hatte koͤnigliche Traͤume auszulegen und der Naͤhrvater Joſeph bekam im Traum ſeine Weiſungen wegen des goͤttlichen Kindes. Seit⸗ dem iſt nun die Welt allerdings mit einer gro⸗ ßen Offenbarung fuͤr alle Zeit und Ewigkeit begnadigt worden, und der Himmel kann jene kurze Wegeſtrecken zeitweiſer Traumeingebungen als uͤberfluͤſſig liegen laſſen. Ich bediene mich 68 Ihres geiſtreichen Bildes, meine verehrte Freun⸗ din! Wie aber ſolche verlaſſene Wegeſtrecken zum Privatgebrauch und zu Vicinalwegen noch immer dienen koͤnnen, ſo duͤrfte in den kleinen Lebensangelegenheiten, auf welche ſich jene ewige Offenbarung nicht erſtreckt, die Vorſehung wol zuweilen auch noch durch Traumeingebungen wirken. Wenigſtens muß man die Moͤglichkeit zugeben. Warum ſollten auch fromme, gotter⸗ gebene Seelen nicht zuweilen ein Vorgefuͤhl der Zukunft haben? Manche Perſonen haben es ja ſogar vom Wetter. Dergleichen wird freilich am eheſten ſolchen Gemuͤthern begegnen, die den Einfluͤſſen des Zeitgeiſtes verſchloſſen ſind, der freilich kein Traͤumer ſein will, ſondern ein All⸗ wiſſer, ein Allesbegreifer. Sie laͤcheln, Made⸗ moiſelle Veronika? Ich ſollte meinen, Hochwuͤrden, grade der Zeitgeiſt ſei dermal ein ungewoͤhnlicher Traͤu⸗ mer, mehr als jemals ein Traͤumer, verſetzte 4 69 Veronika mit einer gewiſſen Aufregung. Fuͤhrt er nicht im haͤuslichen Leben die alten Moden, Mobilien und Spielſaͤchelchen wieder ein, bringt in Staat und Kirche das laͤngſt Verſchmerzte und Verſchlafene wieder auf, der liebe Zeitgeiſt Roccoco? Was hat das aber mit Traͤumen zu ſchaf⸗ fen? fragte der Praͤlat ein wenig empfindlich. Glauben Sie nicht, daß die Zeiten auch traͤumen, wie die Menſchen? antwortete Vero⸗ nika. Die Zeiten haben ja auch Geiſt, Sie ſprachen ja ſelhſj vom Zeitgeiſt. Darin moͤchte ich Ihnen beiſtimmen! rief lebhaft der Baron und Veronika fuhr ermun⸗ tert fort:. Ein geiſtreicher Arzt ſprach einmal bei mei⸗ nem ſeligen Vater eine eigene Anſicht von den Traͤumen aus. Er hatte uns eben begreiflich gemacht, wie die Glieder und Organe des menſchlichen Koͤrpers aus den in lebendiges Blut verwandelten Speiſen ihre verſchiedenartige Nahrung und Ausbildung ziehen; dabei aber ſtets das Verbrauchte, Vernutzte ausſcheiden und ſich, ſo zu ſagen, mauſern, Beides haupt⸗ ſaͤchlich waͤhrend der Ruhe des Schlafs. Eben ſo, ſagte er, nimmt die Seele aus der Natur und dem Leben ihre Vorſtellungen, Bilder, Be⸗ griffe, Gedanken; bildet und entwickelt ſich dar⸗ an, ſcheidet aber auch das ihr Unbrauchbare, Veraltete aus; der Menſch beſſert ſeine Einſich⸗ ten und Geſinnungen, indem er ſeine Irrthuͤ⸗ mer und Fehler ablegt. Ein Theil dieſer See⸗ lenmauſer erſcheint in ſeinen Traͤumen, die darum meiſt ſo viel Unzuſammenhaͤngendes, Verkehrtes, oft Tolles haben. Welche thörichten, ſuͤndhaften Gedanken! Herrlich, geiſtvoll! riefen zu gleicher Zeit die Baronin und der Baron. Und Veronika, ſo durch Tadel und Beifall noch aufgeregter, ſprach immer lebhafter fort: 71 Ich laſſe dieſe Anſicht dahingeſtellt ſein, allein ſie hilft mir doch viel, in jetziger Zeit Befremd⸗ liches erklaͤren. Wenn mich die Wunderlichkei⸗ ten der Gegenwart betruͤben wollen, ſo rufe ich mir zu: Ei der Zeitgeiſt mauſert ſich eben, das ſind die alten Federn, die er abwirft! Die kurzſichtigen Menſchen freuen ſich, wenn die Federn dieſes Adlers wie aus den Wolken fal⸗ len,— die alten Zeiten kehren wieder, glauben ſie. Und die Schelme, die ſich bei den alten Zeiten wieder gut befinden wuͤrden, leſen ſorg⸗ faͤltig dieſe Federn zuſammen, machen Popanze davon, oder verbreiten ſie umherſchleichend als Amulette. So wird mir Vieles erklaͤrlich, was in Baiern, in der Schweiz, in Belgien und ſogar im hellen Preußen vorgeht. Haben wir nicht ſelbſt regierende Traͤumer? Einer friſcht die alten Wappenbilder wieder auf, der andere colorirt die alten Landcharten. Majoratsherren, Moͤnche, Pietiſten, wunderthaͤtige Schaͤfer— 72 lauter Mauſerfedern des traͤumenden Zeit⸗ geiſtes! Der General⸗Vikar erhob ſich mit den hef⸗ tigen Worten: Mademoiſelle Veronika, Sie er⸗ eifern ſich ſo lebhaft ins Blaue hinein, daß Sie — meinen ſchwarzen Talar ganz uͤberſehen! Der Baron, der aus Erfahrung wußte, daß der beſonders beim Wein ſehr reizbare Praͤlat leicht ins Ungeſchlachte fallen konnte, wendete ſich raſch zu ſeiner Gemahlin mit der etwas uͤbereilten Frage, ob die Kuͤche gut ge⸗ nug beſtellt ſei, um Se. Hochwuͤrden zum Abend einzuladen. Allein der Vikar dankte ſehr entſchieden. Wir erwarten Briefe mit der Abend⸗ poſt, ſagte er, die unſere Abreiſe beſtimmen werden. Auch hat es uns ja nicht an vortreff⸗ licher Bewirthung gefehlt. Hoffentlich wird uns die gute Belehrung unſerer artigen Veronika nicht uͤbel bekommen. Ich ſage Ihnen uͤbrigens mnoch nicht Lebewohl, ſondern hoffe Sie noch zu ſehen! Haben Sie freundlichen guten Abend! 3 Man begleitete ihn durch den Garten. Die Baronin eilte an ſeine Seite und ging in an⸗ gelegentlichem Geſpraͤche mit ihm voraus. Der Baron Guſtav folgte langſam. Er fuͤhrte die Tochter an der Hand, und ſah, vor ſich hin laͤchelnd, bald dem vorauswandelnden Paare nach, bald auf Veronika, die ſtill und verlegen nebenher ging. Was fehlt Ihnen, liebe Vero⸗ nika? fragte er. Warum ſind Sie ſo ſchweig⸗ ſam geworden? Die Freundin klagte ſich an, den Gaſt der gnaͤdigen Frau verletzt zu haben. Guſtav lachte und ſuchte ſie zu beruhigen. Ei, war er denn nicht auch mein Gaſt, liebſte Freundin? ſagte er. Es kann ihm uͤbrigens nicht ſchaden, Ihre ſchoͤne Traumdeutung der jetzigen Zeit gehoͤrt zu haben. Ach, ich hatte eben ſelbſt getraͤumt und fand Veronika. I. 4 nicht gleich die rechte Beſinnung, erwiderte ſie ſehr weichmuͤthig. Wie ich naͤmlich dem Vikar zuhoͤrte, traͤumte ich mich in unſer kleines Pfarr⸗ haus zuruͤck und gedachte meines ſeligen Vaters, der freilich nur ein einfacher Landpfarrer und nicht einmal Superintendent oder Dekan war. Aber er hatte ein ſo edles und heiteres Geſicht, wie der General⸗Vikar. Was er mehr als die⸗ ſer hatte, waren wir fuͤnf Kinder. Wir um⸗ ſaßen ihn, die ſelige Mutter ging geſchaͤftig ab und zu, ein paar Freunde fehlten unſern Abenden nie. Wenn dann der Vater ſo behaglich ſprach, zuruͤckgelehnt und mit den weißen Fingern ſpie⸗ lend, da waren es keine alltaͤglichen Gedanken mit hundert Mal wiederholten Bibelſpruͤchen ge⸗ wuͤrzt; unbefangen und liebevoll, ohne Vorur⸗ theile und Amtsduͤnkel, ſah er das Leben an, ich moͤchte ſagen mit geweihtem Auge, das an jedem Menſchen die Stelle ſah oder ſuchte, wo er fuͤr die Ewigkeit geſalbt ſei, an jeder Erſcheinung in der Familie und Geſchichte durch die rauhe oder ſchmutzige Huͤlſe hindurch das Keimchen erkannte, mit welchem ſich die Schoͤ⸗ pfung Gottes fortſetzen ſollte. Niemals habe ich ihn gegen den Zeitgeiſt ſchelten hoͤren. Er ſah ihn fuͤr den Geiſt an, der aus der Menſch⸗ heit durch die Menſchen bald ſaͤuſelt, bald ſtuͤrmt, bald Faules abreißt, bald Friſches treibt, unbe⸗ kuͤmmert um den Segen oder Fluch Derjenigen, die Vortheile dabei gewinnen oder Pfruͤnden einbuͤßen. Ach der ſchoͤnen Sommertage in der Laube von Geisblatt, die an den lauen Aben⸗ den von Segen und Liebe duftete! Sie haben ein Gluͤck, eine Seligkeit verlo⸗ ren, Veronika, die wir fremden Menſchen Ih⸗ nen mit all' unſerm Wohlwollen nicht erſetzen koͤnnen, rief der Baron hingeriſſen aus. So wars von mir nicht gemeint, Herr Ba⸗ ron! antwortete ſie. Jener Zuſtand haͤuslichen Gluͤcks konnte ja nicht ewig dauern, und ich fuͤhle mich in meinem jetzigen Beruf und bei Ihnen nicht fremd. Hier habe ich eine juͤngere Schweſter wieder gewonnen, und Sie, Herr Baron, ſehen mir meine Ungeſchicklichkeiten nach, wie es mein Vater that. Ich will ſagen, Sie ſehen mir ſie nach wie ein Freund— wie ein Bruder. Sie umarmte Angelika um ſo inniger, als ſie ihres Erroͤthens uͤber die Verbeſſerung ihrer, dem Baron geltenden Worte inneward. Sehen Sie, ſprach ſie dann weiter, dieſe Erinnerungen waren ſo lebhaft in mir geworden, daß ich des rechten Tons gegen den geiſtlichen Herrn ver⸗ fehlte. Ach, welch' ein anderer Mann war doch dein Vater! dachte ich bei mir und— uͤberhob mich in dieſem Stolze. Aber, Veronika, der General⸗Vikar iſt doch ein gar lieber, huͤbſcher alter Mann, erklaͤrte Angelika. Ich moͤchte wol ſolch' einen Groß⸗ vater haben. 77 Gewiß! Und er gilt im Auslande mit Recht fuͤr einen ausgezeichneten Praͤlaten, erwiderte Veronika. Er hat, wenn auch nicht den vollen Goldgehalt, doch das reine Gepraͤge ſeiner Wuͤrde. Und am Gepraͤge hangen die Menſchen, da fuͤr den Gehalt den Meiſten die Streichnadel fehlt. Maͤnner— pflegte mein Vater zu ſagen — nehmen viel leichter die ſinnliche Faͤrbung, als den geiſtigen Duft ihres Standes und Be⸗ rufs an. Wie ſelten vernimmt man darum aus dem Munde des Adeligen Adeliges, von der Lippe der Prieſter Worte der Weihe! Papa, der Vikar blickt nach uns um, rief Angelika, und der Baron eilte hinaus in den Hof, um dem Scheidenden in den Wagen zu helfen. 3 18 Bei der Ruͤckkehr des Barons und der Ba⸗ ronin in den Garten ſtahl ſich Veronika weg, um noch einen Abendbeſuch im Dorfe zu ma⸗ chen. Im Allgemeinen war ſie ein wenig aͤngſt⸗ lich darin, die Perſonen oder Geſchaͤfte im Auge zu behalten, die auf ihre Verwendung vom Baron, ihrem Freunde, unterſtuͤtzt wurden. Dabei aber ſpielte ihr ein liebevolles Herz man⸗ chen kleinen Streich; indem ſie fuͤr einzelne Menſchen oder Unternehmungen ein vorherrſchen⸗ des Intereſſe faßte, uͤber das ſie wol auch etwas naͤher Liegendes oder Wichtigeres vergeſſen und verſaͤumen konnte. Jetzt war es das Anliegen des jungen Mannes, den ſie geſtern fruͤh im Garten weggeſchickt hatte. Dieſer naͤmlich, ehr⸗ lich und eifrig, wie er war, beabſichtigte, mit des Barons Vorſchuͤſſen ein Geſchaͤft zu gruͤn⸗ den, an dem es in der Stadt gaͤnzlich fehlte und welches ihn ſo reichlich zu ernaͤhren ver⸗ ſprach, daß auch eine alte Mutter und lahme 4 3* &£ —— Schweſter ihren Unterhalt durch ihn gewaͤnnen. Und eben dieſer Familie galt ihr Spaͤtbeſuch. Als ſie hinaus auf den Dorfweg kam, ſah ſie noch die Kaleſche fahren, die von der dichten Schafherde des Barons war aufgehalten wor⸗ ßen, neuen Schafſtalles und trieb mit ſeiner Schuͤppe, unter launigem Zuſpruch, die Schafe in den Stall. Veronika kannte ihn als einen ſonderbaren Menſchen, der bei allerlei mechani⸗ ſchen Geſchicklichkeiten einen guten Verſtand zeigte. Er war bei ſeinen Schafen ſo wenig verkummert, daß er vielmehr in den umliegen⸗ den Doͤrfern fuͤr unglaͤubig und fuͤr ein loſes Maul galt. Bei dem Baron ſtand er ſeiner Geſchicklichkeit und kecken Antworten halber ſehr in Gunſt. 1 Abend, Baſtian! rief ihm Veronika zu und als er ſich freundlich umwendete und dankte, fuhr ſie fort: — den. Der Schaͤfer ſtand an der Thuͤre des gro⸗ 80 Es iſt mir lieb, daß Du nicht ſo unwirſch gegen mich thuſt, als gegen den Herrn General⸗ Vikar, der doch jetzt ſtatt des Biſchofs iſt. Mir ſchien von weitem, Du warſt wenig um die geiſtliche Kutſche bekuͤmmert. 4 Ei nun! verſetzte er. Mein Herr Amts⸗ bruder war eben nicht im Amte, ich aber. Dein Amtsbruder? Was ſagſt Du, Baſtian? Ja doch, Mamſell Veronika: Wenn ſich die Biſchoͤfe ſo gern mit Hirten vergleichen, ſo muͤſſen ſie ſichs auch umgekehrt gefallen laſſen. Ich bin der Biſchof von dieſen funfzehnhundert Stuͤck Schafen, ohne die Schoͤpſe, die meine Pfruͤndherren vorſtellen. Und, Mademoiſelle, gucken Sie mich einmal recht an, ſteht mir die Schaͤferſchuͤppe nicht wie ein Krummſtab zu Ge⸗ ſicht? Und wenn ich da die ſchlappe Kraͤmpe an meinem Hut, die mich vor Sonne und Regen ſchirmt, hinaufſchluͤge, wie es Ii an⸗ dere iſt, waͤrs nicht richtig ein Ding, wie —— 81 es der Biſchof traͤgt, eine Wimpel, wie ſies heißen? Infel, Baſtian, Infel willſt Du ſagen. Aber Du hatteſt ja nicht einmal den Hut abge⸗ nommen vor der Kaleſche. Das geht doch nicht, guter Baſtian!. Nein, Jungfer Veronika, es ging auch nicht. Ich haͤtte nur meine Schafe ſtutzig gemacht mit dem Hut in der Hand. Und was haͤtten meine Schoͤpſe dabei denken ſollen? Es ſind ein paar theologiſche Doctoren drunter. Wir haben ſie von Wuͤrzburg bekommen. Sie ſtutzen bei jedem Papierſtreiſchen am Weg und ſtoßen gern von hinten. Er zog lachend den Schluͤſſel aus dem Haͤn⸗ geſchloß der Stallthuͤre und begleitete Veronika einige Schritte bis zum nahen Brunnen. Ein ſteinerner Johannes mit dem Lamm unterm Arm machte den Brunnenſtock; aus dem Maul des Lammes ſprang in hellem Strahl das Waſſer 4** 82 in ein kleines, muſchelartiges Becken und floß in einen tieferen Trog zur Traͤnke des Viehs ab. Von hier hatte man uͤber einen breiten, abhaͤngigen Platz und uͤber die Daͤcher der nie⸗ drig ſtehenden Haͤuſer hinweg einen weiten Aus⸗ blick nach den Feldern und Triften des nahen Bergzuges bis zu dem noch hoͤhern Walde. Baſtian wuſch ſeine Haͤnde und blickte, waͤhrend er ſie am Kittel aus ungebleichtem Leinen trock⸗ nete, nach der Hoͤhe hinauf. Veronika ſah ihm mit Wohlgefallen in das braunglaͤnzende Geſicht mit der ſchmalen Naſe, die herrlichſten Zaͤhne kamen zum Vorſchein und die braunen Augen waren lauter Licht. Sehen Sie, auf jener Hoͤhe weiden wir jetzt, ſagte er. Gras und Kraͤuter ſind in die⸗ ſem feuchten Fruͤhjahr kraͤftig gewachſen und helfen uns uͤber den Futtermangel des letzten trocknen Sommers hinaus. Wenn man ſagt, die Biſchoͤfe ſtehen unmittelbar unter dem Him⸗ 83³ mel, ſo trifft das bei uns Hirten woͤrtlich zu. Wir ſind noch Biſchoͤfe nach der alten Kirche, Hirten zu Fuß. Die in Kaleſchen fahrenden haben deshalb auch die vordere Hutkraͤmpe noch hinaufgeſchlagen, weil ſie von Sonne und Regen nicht mehr incommodirt werden, ſind ewig unzufrieden mit der Welt und uͤber ihre Einkuͤnfte und miſchen ſich in anderer Leute Haͤndel. Ich huͤte meine Laͤmmer, freue mich an Allem, was um mich her waͤchſt, auch wenn ichs ſelbſt nicht abweiden darf, und ſuche keines andern Hirten Schafe zu verlocken. Aber mit Meſſe und Predigt ſollſt Dus viel zu lau nehmen, guter Baſtian, wie man ſagt. O Namſell Veronika, die hoͤre ich da dro⸗ ben! rief er aus und ſein ſprechendes Geſicht nahm einen feierlichen Ausdruck an. Ich ſehe die Wolken greu und farbig hin und her ziehen, ſich heben und neigen, wie die Meßprieſter in 84 ihren weißen und verbraͤmten Gewaͤndern thun. Die Thaͤler am Fuße des Gebirgs dampfen in der Fruͤh' ihren Nebelweihrauch; dann ſteigt die Sonne, wie eine goldene Monſtranz, auf und wird in einer Weltproceſſion von Morgen nach Abend getragen; die lange Andacht des Tages dauert, bis das ſegnende Heiligthum da druͤben wieder eingethan wird in das purpurrothe ver⸗ goldete Tabernakel. Das Hundert⸗ und Tau⸗ ſendfaͤltigſte geht jetzt vor, was Alles auf die Sonne gewartet hat und von ihr gedeiht. Da hab' ich dann ſo meine Gedanken uͤber die ver⸗ ſchiedenen Andachten und Glaubensweiſen der Menſchen ſo wie uͤber Das, was ſie im Eottes⸗ ſchein ihres Lebens treiben und zu Stande brin⸗ gen. Wie wunderlich koͤmmt mir da manchmal vor, was ich in Kirche und Schule gllehrt wor⸗ den bin! Ich ſoll glauben, wir Katholiſchen wuͤrden allein ſelig. So kindiſch iſt der Apfel⸗ baum nicht mit ſeiner reichen, rohhaͤckigen Frucht; dieweil er mit ſtarkem Leib und ausgeſpannten Armen hochgeſtreckt zum Himmel ſieht, haͤlt er ſich nicht fuͤr beſſer, als den duͤnnen Kornhalm, der ſeine blaſſe Aehre demuͤthig ſenkt und deſſen Koͤrner doch auch Gedanken ſind, von denen wir Alle leben. Dazwiſchen koͤmmt nun mein kleiner Peter heraus mit der Suppe im Henkel⸗ topf und gluͤhroth vom Steigen und Eifer. Wir eſſen zuſammen mit den hoͤlzernen Loͤffeln, die uns die Zaͤhne nicht verderben, und ſind wir ſatt, ſo heb' ich den Buben auf meinen Arm und laß' ihn weit umher ſchauen, wie es Korn wogt und der Segen Gottes unter der Hacke hervorwaͤchſt, und wie die Lerche aufju⸗ belt und uͤber unſern Kirchthurm hinausfliegt. Es iſt recht verwegen von ihr, ſo uͤber unſern Singſang hinauszufliegen; allein jedes Geſchoͤpf thut, wozu es die Gnade hat. Koͤmmt nun einmal ein Gewitter dazu, ſo hab' ich einen Feiertag in meinem biſchoͤflichen Kalender. Ich 286 ſehe die Blitze zur Erde niederzucken und denke, der Himmel ſende noch immer ſeine Engel, die eine Fruchtbarkeit in die Furche legen, oder auch eine arme Bauersfrau abholen, die ſich eben unter einem breiten Birnbaum duckte und ver⸗ zweifeln wollte, woher ſie morgen ihr Brot naͤhme. Und nun donnerts hinterdrein: da hoͤr' ich der Predigt zu, ich nehme meine Wimpel ab und falte die Haͤnde um meinen Krummſtab. Hoͤrſt du, Baſtian, ſag' ich zu mir ſelber, jetzt ſpricht dein Papſt. Meine Schoͤpſe gucken mich ſo ſchief an und freſſen weiter. Wenn dann nachher die Gewit⸗ terluft aus dem Walde ſauſt, Mamſell Veronika, das iſt ein Weihrauch und Segen, deſſen man die Bruſt nicht voll genug kriegen kann. Letzt, es war auf Himmelfahrtstag, wallfahrteten ſie da druͤben aus Kiliansdorf um die Flur; es war ein Betgang um Segen. Hinter ihnen her zog ein Wetter auf. Es war mir gleich bang, wie es ſo ſchauerlich in der graubraunen Wolke brauſte. — 3 87 Ein Hagel berſtete nieder und zerſchmetterte Al⸗ les in der Markung. Er ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er leiſe gen Veronika gebeugt: Unſer Herrgott hat ſo ſeine eignen Wege. Die Schwarzroͤcke meinen, ſie koͤnnten ihn citi⸗ ren, wohin ſie wollen. Aber— proficiat! Wir wollen uns in unſern ehrlichen Herzen gut mit ihm ſtellen, Jungfer Veronika, und ſo brauchen wir die Zwiſchentraͤger nicht. Aber nun gut' Nacht! Ich ſchwatze da, und— ſehn Sie, dort raucht mein Schornſtein, und's Peterchen guckt am Fenſter und will vom Vater ins Heubett⸗ chen gelegt ſein. Nichts fuͤr ungut! Sehen Sie— Nachts ſchlaf' ich zu feſt und muß da⸗ her manchmal am Tag ein wenig traͤumen. Stillbewegt wandelte Veronika nach den Haͤuſern hinab. Schaͤfertraͤume, laͤchelte ſie, wann werdet ihr in Erfuͤllung gehen? Ja wohl gibt es auch wache, die Zukunft vorbil⸗ 88 dende Traͤume, nicht blos fieberhafte, wenn eine ermattete Zeit die abgelebte Vergangenheit unter tollen, beaͤngſtigenden Bildern ausſchwitzt. Wunderliche Gedanken ſtiegen in ihrem Her⸗ zen auf, und die Ave Maria⸗Glocke laͤutete dazu. Seit langer Zeit war auf dem ſchoͤnen Land⸗ ſitze des Barons ſo viel ſtille Heiterkeit und Uebereinſtimmung der Gemuͤther nicht empfun⸗ den worden, als hinter dem Trauerbrief aus Antwerpen einkehrte. Doch hatte der voraus⸗ gegangene Traum auch einigen Antheil daran, und zwar grade bei Denjenigen, die ihm keinen Glauben ſchenkten. So der Baron, der ſich uͤber allen heimlichen Kummer hinaus gehoben fuͤhlte durch das Einverſtaͤndniß, in welches er mit Ve⸗ ronika getreten war. Und wie wunderſam hatte ſich dies gefuͤgt! An ihrem Bild hatte er eben ge⸗ malt; was er bei ihrer letzten Sitzung raſch und im Groben aufgenommen hatte, wollte in der Ausfuͤhrung ſo huͤbſch gelingen, als er grade zum Kaffee und zum Traume ſeiner Gemahlin gerufen wurde. Vom Bilde hinweg zum Traum! Dieſer doppelte Mismuth uͤber die Stoͤrung und uͤber die ſo wunderliche Eroͤffnung hatte ſeinen Ausbruch in vertraulichen Bekenntniſſen genom⸗ men; ein laͤngſt, wiewol unklar empfundenes Verlangen nach einer theilnehmenden Seele war grade im Augenblick ſo klar und dringend ge⸗ worden, als es auf die beſte Weiſe befriedigt werden ſollte. Jetzt glaubte er auch das Inter⸗ eſſe zu verſtehen, das er ſchon laͤnger an Vero⸗ nika genommen hatte. Der Baron war ein Mann von urſpruͤng⸗ lich edler und großartiger Geſinnung. Die Lei⸗ denſchaftlichkeit fruͤherer Jahre hatte ſich grade durch die Verbindung gemaͤßigt, zu welcher ihn der lebhafteſte Ausbruch derſelben hingeriſſen, als 90 er naͤmlich die Frau eines Andern entfuͤhrte und ehelichte. Anfangs dieſer Verbindung ging es zwiſchen ſeiner eignen und der Heftigkeit der Baronin nicht ohne oͤftern Kampf ab; allein ihre beiderſeitige Liebe war ſelbſt eine noch ſtaͤr⸗ kere Leidenſchaft, die jede andere raſch wieder aufzehrte. Auf die Dauer reiben ſich ſolche Streitigkeiten aneinander ab, und wenn das Herz gluͤcklicher Weiſe ein Juwel iſt, ſo gewinnt es dabei ſeine Facetten. Ein ſelbſtſuͤchtiges Ge⸗ muͤth, eine Seele ohne Tiefe, truͤbt ſich dagegen unter ſolchen Stuͤrmen leicht vom eignen Boden⸗ ſatze. Engherzigkeit und platte Geſinnung war jedoch dem Baron Guſtav das Betruͤbendſte, was er an ſeiner Gemahlin entdecken konnte. Er bekaͤmpfte ſolche, wie ſie jetzt nach und nach auftauchten, mit Liebe und Entruͤſtung, bis er ſich uͤberzeugte, daß dieſelben in der tiefſten Eigen⸗ thuͤmlichkeit Alidens unbeſiegbar begruͤndet ſeien; dann vermied er Alles, was dieſe Denkart zu 91 ſeinem eignen Verdruß und zur Entſtellung ſei⸗ ner ſchoͤnen Frau hervorrufen konnte. So be⸗ hielt freilich die Heftigkeit der Baronin gar oft die Oberhand und ſie beſtaͤrkte ſich nur dadurch in ihrer Handlungsweiſe, wie denn das Ge⸗ meine zur Herrſchaft im Leben berufen zu ſein ſcheint. Der Baron fuͤgte ſich darein, wenn auch nicht aus einer Art religioͤſer Ergebung, als etwa in eine Buße fuͤr die Entfuͤhrung einer Vermaͤhlten, doch aus einem gewiſſen maͤnnlichen Stolze, der eine ſolche That durch Treue und hohes Wohlwollen zu ſuͤhnen und zu rechtfertigen dachte. Sehr reizbar war er allerdings dabei geworden; aber mit eben dieſer Reizbarkeit nahm er es nun auch als ein Gluͤck auf, ſolch' eine Freundin und Vertraute gewon⸗ nen zu haben, deren hohe Bildung und edles Weſen ihn, ſeit ſie zur Erziehung Angelika's in ſein Haus getreten war, ihn oft erquickt und mehr und mehr angezogen hatte. 92 Die Zufriedenheit der Baronin kam aus an⸗ derer Quelle. Der geiſtliche Freund hatte ihren innerſten Seelenzuſtand richtig beurtheilt und in ſeinem Sinn auch richtig behandelt. Ihre raſche Leidenſchaft zu Guſtav hatte ſie erſt zum Bruch der Ehe und in Folge deſſen zum Bruch mit der Kirche gebracht, dem einzigen Mittel zur bleibenden Verbindung mit dem Geliebten. Allein durch Erziehung und Gewohnheit, ſowie mit Sinn und Seele gehoͤrte ſie dem katholiſchen Weſen und Glauben an. Urſpruͤnglich auf die Aeußer⸗ lichkeiten des Lebens gerichtet und wenig zur Beſchaulichkeit geneigt, liebte ſie es auch nicht, uͤber ihre inneren Zuſtaͤnde klar zu werden. Dennoch fuͤhlte ſie in dem Grade, als die Lei⸗ denſchaft vergluͤhte, immer peinigender, mit Angſt und Reue, ihren Abfall und ſich ſelbſt in einem fremdreligioͤſen Element, in welchem zu athmen ſie nicht gewohnt war und fuͤr welches ihre nie⸗ derlaͤndiſche Bruſt ſich nicht zu erweitern ver⸗ mochte. Gewiß trug dieſer dunkle, aber deſto unſeligere Zuſtand auch nicht wenig zu ihrem unruhigen, reizbaren Weſen bei und that ihrem herriſchen Temperamente Vorſchub. Denn ſie konnte in ihren guten Stunden ungemein lie⸗ benswuͤrdig und hoͤchſt einnehmend ſein. Auf⸗ merkſamkeit und Artigkeiten, die ihr zu Theil wurden, Huldigungen, die ihrer Tochter wider⸗ fuhren, ſchmeichelhafte Geſchenke, unerwartete Vortheile, lockende Ausſichten, ſpannende Unter⸗ nehmungen machten ſie zum Kinde. Dann zeigte ſie eine Naturlichkeit der Empfindung, eine Un⸗ befangenheit der Hingebung und des Eingehens in Andere, daß man nur ſchwer widerſtehen konnte, ſogar wenn man eben von ihr verletzt, oder ungeduldig uͤber ſie war. In ſolchen Stun⸗ den betrug ſie ſich gefaͤllig und in geſellſchaftli⸗ chem Verkehr zuvorkommend, ja ſie konnte von freigebiger Laune angewandelt werden. Sang ſie dann mit ihrer angenehmen Stimme ſehr ausdrucksvoll und bewegte ſich anmuthig in ge— ſchmackvollem Anzuge, ſo ſchien der reizendſten Erſcheinung nichts abzugehen und ein Fremder konnte den Baron beneiden und deſſen Gluͤck in der Liebe preiſen. Dieſe gute Stimmung der Baronin war jetzt dauernder, als ſonſt; denn zur innern Be⸗ ruhigung, die ſie als neugeborene Katholikin empfand, kamen die Ausſichten auf vermehrtes Vermoͤgen durch die Erbſchaft der Tochter und ihr weiſſagender Traum fuͤr das geliebte Kind. Die Vorkehrungen zur Reiſe gaben auch ihrer Unruhe fuͤr haͤusliche Geſchaͤfte die heiterſte Rich⸗ tung. Ueber all Dies vergaß ſie ſogar die War⸗ nung des General⸗Vikars vor Veronika. Beim Abſchied im Garten hatte er ihr naͤmlich ſeine Bedenklichkeit uͤber die zu freien Anſichten der Erzieherin in religioͤſen Dingen geaͤußert. Die Grundſaͤtze der Gouvernante, meinte er, wuͤrden der Mutter ſehr im Wege ſein, wenn ſie ihr 95 Kind einmal zu ihrem Glauben heruͤber retten moͤchte. Er wolle nur hoffen, daß der verheißene Lichtenberg ein Katholik ſei; denn um einen Geliebten koͤnne ein ſo junges Herz, wie Ange⸗ lika's, Alles hingeben und Irrthuͤmern entſagen, die ſich unter Veronika's Leitung fuͤr immer be⸗ feſtigen wuͤrden. Allein die Baronin, ſo eifrig fuͤr ſich ſelbſt, war nicht leicht eifernd um Andere. Gegen Ve⸗ ronika zeigte ſie ſich ſogar in ihrer jetzigen Hei⸗ terkeit vertraulicher als je, und dieſe nahm des guten Augenblicks wahr, um im Einverſtaͤndniß mit Angelika die Baronin zu einem beſondern Opfer fuͤr den bevorſtehenden Geburtstag des Barons zu bewegen. Dieſer Geburtstag ſollte naͤmlich vor der Ab⸗ reiſe noch gefeiert werden; zumal die Baronin ſchon fruͤher einige Beſtellungen dazu auswaͤrts gemacht hatte. Doch war die Reiſe der taͤgliche Gegenſtand der Unterhaltung und einer der Punkte, in welchen Baron und Baronin, wenn auch aus verſchie⸗ denen Griffen, den ſchoͤnſten Akkord hervorbrach⸗ ten. Beim Baron war es die ſchoͤne, immer friſche Natur des Rheinlandes, das Gedraͤng' der Reiſenden zu Waſſer und Land, die Thaͤ⸗ tigkeit des Gewerbs und Handels, die mannich⸗ faltigen Kunſtſchaͤtze, was im Voraus ſeine Ge⸗ danken beſchaͤftigte. Es war ihm außerordent⸗ lich viel werth, daß die norddeutſche Veronika noch nicht an den Rhein gekommen war. Er geſtand ihr, wie ſehr er ſich freue, daß ſie all' dieſen Herrlichkeiten zuerſt an ſeiner Seite be⸗ gegnen ſollte. Es geht mir darin nicht ſchlim⸗ mer, als andern Menſchen, ſetzte er hinzu, die das Schoͤne der Welt doppelt genießen, wenn ſie es mit Eigenliebe ſehen und zugleich mit Naͤchſtenliebe zeigen koͤnnen. Die Zwiſchenzeit benutzte der Baron, um das angefangene Bild zu vollenden. Sie muͤſſen ſich ſchon drein ergeben, liebe Veronika, ſagte er, als ſie ſich ihm heut' wie⸗ der ſetzte. Das Bild muß vor unſerer Reiſe fertig ſein; wer weiß, wann und in welcher Ver⸗ faſſung wir zuruͤckkommen. Ein Werk des Pin⸗ ſels und vielleicht auch der Poeſie, muß in der⸗ ſelben Stimmung reifen, in der es aufgebluͤht iſt. Der Maler und ſein Gegenſtand duͤrfen einander nie fremd werden. Soll ich das je zu fuͤrchten haben, Herr Baron? Gewiß nicht, liebſte Freundin! Wenn es nun aber des Malers Schuld waͤre? Ich fuͤrchte, wenn mir all' dieſe rhein⸗ und niederlaͤndiſchen Meiſterwerke der Kunſt wieder lebendig vor meinen Augen geworden ſind, wird meine Hand ſehr verzagt werden, mein Pinſel ſehr bloͤde. Dann moͤchte ich aber auch Ihr Bild wenigſtens Veronika. I. 5 ſo weit bringen, daß ich es mit nach Koͤln neh⸗ men koͤnnte, um dort unter Anleitung eines mir befreundeten Kuͤnſtlers die letzte Hand daran zu legen. 4 O, mein lieber Baron! Daß Sie ſo viel Auf⸗ merkſamkeit auf mein Bild wenden! Doch ich bin unbeſcheiden, dem Maler gilt es ja immer um ſein Werk, nicht um— Sie ſchwieg erſchrocken. Die Ausflucht ſetzte ſie in neue Verlegenheit, ſie kam ſich naͤmlich vor, als habe ſie eine Artigkeit des Barons herausfodern wollen. Der Baron aber, unacht⸗ ſam und nur auf die raſche Bewegung der Mie⸗ nen geſpannt, erwiderte gelaſſen: Sie wiſſen doch, meine Beſte, wozu das Bild beſtimmt iſt. Ich habe dieſelben Maße, wie bei meiner Frau, und nur den entgegengeſetz⸗ ten Blick genommen, ſo daß beide Portraits ne⸗ beneinander hangen koͤnnen und unſere Angelika in die Mitte nehmen. Das Kind blickt grade 8 —— 99 aus und iſt nach kleinerem Maß ausgefuͤhrt. Nun wiſſen Sie, iſt es mir mit meiner Frau gar wohl gelungen. Er ſchwieg, indem er eben einen zarten Zug um Veronika's Mund mit geſpanntem Auge zu faſſen ſuchte. Sie aber, bei dieſen ſcharfen Blicken verlegen, ſagte ſehr laut: O gewiß! und laͤchelte ſchalkhaft. Der Baron, der daruͤber ſich des Doppel⸗ ſinnes ſeiner Worte beſann, blickte ihr ins Auge; Beide brachen in lautes, einverſtaͤndiges Lachen aus. Dann ſah Veronika betroffen nieder und der Baron malte haſtig weiter, bis er nach einem Weilchen fortfuhr: Ich meinte naͤmlich, Ihr Bild, liebe Vero⸗ nika, darf nicht ſchwaͤcher ausfallen, als— das andere. Es will mir aber mit Ihnen nicht ſo leicht werden. Ich bin freilich auch nicht ſo un⸗ befangen dabei; was aber die Hauptſeache iſt, Ihr Geſicht— 83 c. Iſt nicht ſo anziehend fuͤr den Kuͤnſtler, fiel „Veronika laͤchelnd ein. Das nicht! Es wechſelt die Zuͤge, den Aus⸗ druck ſo oft. Der Kopf meiner Frau hat die Ruhe, die einer regelmaͤßigen Schoͤnheit eigen zu ſein pflegt. Da hat der Pinſel nur aufzu⸗ leſen, was ihm nicht davonlaͤuft. Und beſon— ders bei Aliden. Iſt es Ihnen noch nicht auf⸗ gefallen, daß ſie, ſelbſt in aufgeregten Stim⸗ mungen, den Ausdruck des Geſichts ſo wenig wechſelt und faſt nie entſtellt ausſieht? Ja wohl! Ich moͤchte ſagen, ihre Miene tritt dann verſoͤhnend zu ihrer Rede. Sehr ſchoͤn geſagt! rief der Baron aus. Wie manchmal die Geſellſchafterin edler iſt, als die Herrin. Ei ja, ſehen Sie, beſte Veronika, eben ſehen Sie wieder ganz anders aus. Ihre Seele wuͤrfelt, ſo zu ſagen, auf Ihrem Geſicht. Selbſt die hohe, glatte Stirne wechſelt ihre In⸗ ſchrift. Wenn ich Ihnen nur ein paar firxe 101 Gedanken geben koͤnnte, bei denen Ihre Mie⸗ nen meinen Pinſel abwarten muͤßten. Dieſer wechſelnde Ausdruck macht Ihr weniger regel⸗ maͤßiges Geſicht, das ſonſt eben darum leichter zu treffen waͤre, gerade ſo ſchwer, beſonders um dieſe ſchmalen feinen Lippen. Dann iſt mir auch noch kein blaues Auge ſo tief vorgekom⸗ men und von dieſem eigenthuͤmlich dunkeln Blau. Ich moͤchte ſagen, es ſei wie Ihre Ge⸗ danken, klar, deutſch und doch voll Sinn und Glut. Auf Ihren leichten Hals freue ich mich, der wird mir doch ſtill halten! Sie erwiderte nichts hierauf, ſondern ſaß in Gedanken verſunken, dieweil auch er im in⸗ nerſten Aufruhr ſeiner Empfindungen die Pinſel, die er zwiſchen den Fingern der linken Hand hielt, raſch wechſelte, die Farben auf der Palette ungeſtuͤm miſchte und Ton um Ton auf die Leinwand mit einer Haſt hinſetzte, die das ganze Bild zu verderben drohte. Ploͤtzlich hielt er inne. Wiſſen Sie, Veronika, ſagte er, womit ich Sie neben meiner Alide vergleichen mag? Sie ſind eine Quelle, meine Frau iſt ein Wehr. Ich verſtehe den Vergleich nicht, verſetzte ſie. Ihr poetiſches Bild ſcheint mir nicht treffend⸗ Laſſen Sie mich einmal dies gemalte betrach⸗ ten, auf dem Sie eben ſo gewuͤthet haben! Sie ſtand auf, bang vor Dem, was etwa weiter aus des Barons Munde kommen moͤchte. Sie verſtehen mich nicht? fuhr er fort. Sie ſind ein Quell friſcher und klarer Gedanken und Gefuͤhle, meine Frau iſt uͤberrauſchende Leiden⸗ ſchaftlichkeit. Alidens Stimmungen werden von den Daͤmmen der Geſellſchaft auf einer gewiſſen Höͤhe gehalten, es kommt dann aber wol eine Stelle, wo die Flut uͤberſchwillt, brauſt und ſchaͤumt, daß Einem— Er ſchwieg wieder, indem ſein Blick auf dem Bilde ruhte und dann zwiſchen dieſem und 103 dem Original wechſelte. Veronika! rief er auf⸗ ſpringend, bei Gott, da ſtehen Sie ja leibhaftig, lebendig! Ich begreif's nicht! Das iſt wahr⸗ haftig hingeduſelt, hingetraͤumt! Er warf Pinſel und Palette auf den Tiſch und trat vor das Bild hin. Veronika kam be⸗ fangen herbei, und er zog ſie naͤher an ſich heran, ins rechte Licht, wie er ſagte. Wirklich hatte die begeiſterte Haſt weniger Augenblicke das Richtige getroffen, was der fruͤhern, befan⸗ genen Sorgfalt nicht hatte gelingen wollen. Die Thuͤre ging auf und die Baronin trat herein. Sieh nur, Alide, wie gut das Bild aus⸗ faͤllt! rief der Baron, indem er ſie mit Artig⸗ keit herbeifuͤhrte. Noch eine Sitzung, Veronika, und Sie ſollen von ſolchen Qualen erloͤſt ſein. Die Baronin lobte das Bild und den Maler, den ſie zaͤrtlich umarmte. Sie war ſehr ver⸗ gnuͤgt und geſpraͤchig, ſo daß es dem Baron ſelbſt auffiel, der ſie fragte, was ihr denn dſo Angenehmes begegnet ſei. Ich war in der Stadt, antwortete ſie, und habe einige Kleinigkeiten gekauft und ein paar Beſtellungen gemacht. Doch ja! Der General⸗ Vikar laͤßt ſich Dir empfehlen, er verreiſt morgen. Du warſt dort? Warum haſt Du mich nicht mitgenommen? Wir reiſen auch, ehe er wiederkehrt. Es fiel mir erſt ein, ihn zu beſuchen, als ich mit meinen Geſchaͤften fruͤher, als ichs ge⸗ deacht, fertig war, verſetzte ſie befangen. Ich habe Dich entſchuldigt. Und nachdem ſie ſich umgeſehen, daß Vero⸗ nika wirklich das Zimmer verlaſſen hatte, fuhr ſie fort: Hoͤre, Guſtav! Der Vikar laͤßt Dich bit⸗ ten, Veronika nicht mit nach Antwerpen zu nehmen. 105 Der General⸗Vikar? Was geht ihn Das an! rief der Baron aus. Es iſt nur ſein Rath. Veronika ſei zu lei⸗ denſchaftliche, zu unbedachte Proteſtantin fuͤr dort. Veronika iſt nie leidenſchaftlich, nie unbeſon⸗ nen, erklaͤrte Guſtav.. So? Und wie nennſt Du denn ihr neuliches Benehmen gegen den General⸗Vikar? Wenn ſo etwas in Antwerpen vorfiele! Du weißt doch, daß unſer dortiges Haus in lebhaftem Verkehr mit der Geiſtlichkeit ſteht. De Landas war immer ſehr religioͤs und eifrig. Ich geſtehe Dir, daß ich nicht ohne Bangigkeit jenen Hausfreun⸗ den des Verſtorbenen, jenen Lehrern meines Sohnes, entgegengehe. Und vielleicht welche Beſtimmungen des Teſtaments ſich auf meinen Austritt aus der Kirche beziehen, oder auf die Erziehung meiner Tochter. Wir werden alle chriſtliche Klugheit noͤthig haben, um mit jenen 5** 4 106 Menſchen gut abzukommen. Kann da nicht ein einziges uͤbereiltes Wort Veronika's Alles verder⸗ ben, was wir mit Beſonnenheit gut gemacht haben? Wir ſelbſt werden wohl thun, dem ka⸗ tholiſchen Weſen nicht abhold zu erſcheinen; fuͤr mich ſelbſt iſt der Umſtand guͤnſtig, daß ſie mich jetzt— auch nach ihren ſtrengen Begriffen— als Deine rechtmaͤßige Gattin anſehen muͤſſen, da ſie, wie Du weißt— Was? fiel Guſtav heftig ein. Rechtmäßige Gemahlin? Den will ich ſehen, der Dich oder mich nur mit einem ſchiefen Blick zu meſſen ſich erlaubte! Glaubſt Du, ich gehe mit nach Ant⸗ werpen, um dort vor ſchwarzen Duckmaͤuſern — mich zu ducken? Weh' Dem, der ſich ein Wort des Vorwurfs, der Mahnung oder weſſe immer vermißt! Ich werde mein altes gutes Schwert brauchen oder— die Peitſche, je nach⸗ dem der Schurke ausſieht, der— Lieber, beſter Guſtav! 107 Du haſt Recht, Alide! Verzeih'! Ich ent⸗ ruͤſte mich und ſollte mich freuen. Ja doch, Alide, es iſt mir lieb, fuür Dich— um Deinet⸗ willen lieb, daß Dein gutes Herz die geiſtlichen Einfluͤſterungen nicht lange bei ſich behalten kann. Denn aus Dem, was Du da ſagſt, hoͤre ich den General⸗Vikar. Nicht wahr? Und An⸗ gelika? Sie war doch auch mit? Hat ſie denn dieſe erbauliche Unterhaltung mit angehoͤrt, dieſe Warnungen vor ihrer Erzieherin? Bewahre, beſter Mann! Geh' doch! Wie ſonderbar biſt Du nur! Der Kaplan hat ſie unterhalten; ſie haben ihren Spaß mit dem Pfau gehabt, der im Hofe ſpaziert. Nun ja! fuhr der Baron fort, indem er ſich verſtimmt niederſetzte. Da der artige Kaplan aber nicht mit nach Antwerpen geht, ſo wird es Veronika thun, da es dort, wie Du glaubſt, auch Verhandlungen geben koͤnnte, bei denen 108 das gute Kind ſich lieber nach einem Pfau oder ſo etwas umſieht. Meine Tochter werde ich unterbringen, lieber Guſtav! verſetzte die Baronin heftig. Ueberhaupt ſcheint mir, oder ich muͤßte mich ſehr irren, An⸗ gelika und ihre Erzieherin ſtehen unter meinen Anordnungen! Der Baron erſchrak beim Uebergang ſeiner Gemahlin in dieſe Tonart. Er wußte nur zu gut, wohin ſolcher zu fuͤhren pflegte. Er fing eben an, ſich ſeiner eignen Heftigkeit zu ſchaͤ⸗ men und bangte um ſo mehr vor Streit von jener Seite. Dabei ſchuͤchterte ihn auch die Furcht ein, den Argwohn ſeiner Gemahlin zu wecken, wenn er auf Veronika's Mitreiſe beſte⸗ hen wuͤrde. Er vermochte es uͤber ſich, nichts zu erwidern, bis ſeine Gemahlin ebenfalls ein Weilchen ruhig geworden war; dann ſagte er gelaſſen: Wir wollen uns nicht zanken, meine 109 Liebe! Komm' laß uns hinuntergehen und hei⸗ ter ſein! Wir wollen wenigſtens Veronika nicht kraͤnken, und da ſie nicht anders weiß, als daß ſie mitreiſe, ſo laß uns auf einen guten Vor⸗ wand, auf eine Urſache ihres Hierbleibens denken. Er bot ihr artig den Arm und fuͤhrte ſie nach dem Garten. Die Baronin ahnete nicht, wie tief ſie ihren Gemahl gekraͤnkt hatte. Alle Luſt an der be⸗ vorſtehenden Reiſe war ihm verkuͤmmert; er hatte der Freundin alle die Herrlichkeiten vor⸗ getraͤumt, die ihr nun verſagt bleiben ſollten; er hatte ſich ſo viel Befriedigung von ihrem ſeelenvollen Umgang, ſo viel Annaͤherung grade in der Fremde, ſo viel Zuflucht von widerwaͤr⸗ tigen Angelegenheiten verſprochen, daß er jetzt die ganze Reiſe nur als eine Reihe von Verluſten 110 empfand und am liebſten zu Hauſe geblieben waͤre. Veronika bemerkte bald genug, daß etwas fuͤr den Baron Bekuͤmmerndes vorgefallen war. Sie ſah unter Anderm den Freund zu einer Schwaͤche zuruͤckkehren, vor der ſie ihn wieder⸗ holt gewarnt hatte. Abends naͤmlich bei Spiel und Geſang der Mutter und Tochter zog er ſich mit einer Flaſche Wein in das einſamſte Eckchen des Zimmers zuruͤck. Dort ſaß er ſtill und ſtumm in tiefem Seſſel, die Kniee uͤber⸗ einandergeſchlagen, die Haͤnde gefaltet. Wein und Muſik ſteigerten ſein Gefuͤhl und verſetzten 3 ihn leicht in eine ſuͤßgehobene Stimmung von Wehmuth. Nur zu oft ſucht ein edler Mann im Kampfe mit den Gemeinheiten des Tages, denen er ſich nicht zu entwinden vermag, dieſen heimlichen Hinterhalt ſuͤßtraͤumender Wehmuth auf, die ihn wenigſtens innerlich befreit und er⸗ hebt. Er ahnet nicht, welch' eine gefaͤhrliche Freundin ſolchen Kummers die Flaſche iſt, die ſich unbedingt hingibt und zuletzt auch Zuſam⸗ menkuͤnfte ohne Geſellſchaft der Muſik geſtattet. Als der Baron zum erſten Male gegen Vero⸗ nika dieſe unbeſchreiblich ſuͤße Stimmung und den Einblick in eine ſelige Welt von Traͤumen pries, der ihm in ſolcher Entzuͤckung zu Theil werde, misbilligte ſie entſchieden all' dergleichen einſchmeichelnde, aber erſchoͤpfende Empfindungen. Sie zerſtoͤren, indem ſie beſeligen, erklaͤrte ſie, ſie umſchlingen uns, um uns auszuſaugen. Arbeit und Schaffen iſt viel eher fuͤr einen rechten Mann Wehr und Wall gegen den Un⸗ muth. Als ſie nun heute doch wieder den Freund ſo ſitzen ſah, wie verzuͤckt, ja ſogar eine Thraͤne an ſeinem Auge zu bemerken glaubte, konnte ſie ſich nicht laͤnger zuruͤckhalten; unbemerkt im Ruͤcken der Singenden ſchwebte ſie am Sitze des Barons voruͤber und hob die Flaſche hin⸗ weg. Der Baron erwachte, verſtand den Wink und fuͤhlte ſich durch dieſe Theilnahme deſto er⸗ hobener. Seltſam genug, daß der erſte Beweis ſeines friſch gefaßten Muthes darauf hinausging, der Freundin auf ſchonende Weiſe die ihm ſo leidige Beſtimmung ſeiner Gemahlin beizubrin⸗ gen. Es war Vormittags im Garten, waͤhrend er Frau und Tochter erwartete, um mit ihnen nach der Stadt zu einem Mittagseſſen zu fah⸗ ren, wegen deſſen ſich Veronika in beſonderer Abſicht entſchuldigt hatte. Sie goͤnnen ſich auch kein Vergnuͤgen, keine Erholung, liebe Veronika! ſagte er. Obſchon freilich, wo wir eben hinfahren, auch wenig zu holen iſt. Allein es beſtaͤtigt ſich doch immer, wieviel ein wahrer, wirkſamer Menſch mehr, als ein traͤumender und genießender, werth iſt. So kann ich denn auch mit aller Ruhe nach Antwerpen und Oſtende gehen, ich bin einen ganzen Sommer entbehrlich. Sie— werden . 113 hier ſehr vermißt werden. Sie haben mit Muth und Liebe ſo Vielerlei hier angefangen, was leicht ausarten oder verſtocken koͤnnte. Ihre ſtille Schoͤpfung wuͤrde kaum eine laͤngere Abweſen⸗ heit der Schoͤpferin vertragen; denn Sie ſind auch die Vorſehung Ihrer kleinen Welt. Gut, daß Sie mich darauf bringen, lieber Freund! erwiderte ſie mit ſchalkhaftem Laͤcheln; denn ſie war ſchon auf die Vermuthung ge⸗ kommen, daß wegen ihrer Mitreiſe eine Eroͤr⸗ terung zwiſchen den Ehegatten ſtattgehabt habe. Ich wollte Ihnen vorſchlagen, lieber nicht mit zu reiſen, ſondern um Ihretwillen hier zu bleiben. Um meinetwillen? Wie denn das? fragte er betroffen.. Sie haben doch manche Summe durch meine Hand angelegt, verſetzte ſie, und meine Sache iſt es nun, auch daruͤber zu wachen, daß Ihre Abſichten erreicht werden und nichts zu Grunde 114 gehe. Sie handeln umgekehrt, wie ein Kauf⸗ mann oder Capitaliſt, je weniger Sicherheit Ihr Darlehn hat, deſto geringere Zinſen nehmen Sie, weil eben der Mangel an Unterpfand eine groͤßere Armuth beweiſt. Und meiſtens liegt alle Sicherheit fuͤr Sie im nuͤchternen Fleiß, in der Ordnungsliebe und Dankbarkeit der Nachbarn, denen wir mit Ihrem Gelde Grund und Boden verſchafft, oder ein naͤhrendes Geſchaͤft nach der nahen Stadt begruͤndet haben. Und wirklich verdienen nicht Alle unſer Vertrauen. Ich darf Ihnen nicht laͤnger verbergen, daß ich mit der Witwe Seifert hoͤchſt unzufrieden bin. Statt Gar⸗ tenfeld und Kuͤche, die Sie ihr angeſchafft haben, zu Gemuͤſe⸗ und Milchwirthſchaft fuͤr die Stadt zu benutzen, hat ſie, ohne unſer Vorwiſſen, eine Con⸗ ceſſion zum Branntweinſchank erworben. Die einſame Lage des Hauſes vor dem Dorfe, am Wege nach der Landſtraße, iſt ſehr verfuͤhreriſch; auch kehren gewoͤhnlich dort, unter der nahen 115 Waldkapelle, jene Menſchen ein, die gern fromm ſind, weil ſie bei ſolcher Gelegenheit ſtatt an die Arbeit zum Branntwein gehen koͤnnen. So vernachlaͤſſigt die leichtfertige Frau ihren Garten uͤber den Zapf, und was mir in der Seele weh⸗ thut, ihr huͤbſcher Knabe geht zu Grunde, weil der lebhafte geſcheidte Junge ſchon aufwarten muß und all' das Ungebuͤhrliche ſieht und hoͤrt. Sehen Sie, ſehen Sie da! rief der Baron, mehr vergnuͤgt, als ungehalten. Das muͤſſen wir abſtellen. Handeln Sie ganz nach Ihrem Gutbefinden, Veronika, wenn Sie— Aber daß Sie darum zuruͤckbleiben ſollen? Ich mache Ihnen einen Vorſchlag, mein Freund! Ich komme Ihnen bei Ihrer Ruͤckkehr bis Koͤln entgegen und ſehe ſo wenigſtens den Rhein und das Rheinland. Vortrefflich! rief der Baron vergnuͤgt. Ja, ſo laß' ich mirs ſchon gefallen, ſo vereinigen 116 wir das Nothwendige mit dem Angenehmen. Aber Eins, meine Beſte, Sie muͤſſen mir in⸗ deß fleißig ſchreiben, ich ſchreibe Ihnen— nicht wahr? Recht gern, mein Freund. Melden Sie mir nur zuerſt Ihre Adreſſe. Ueberall poste restante, Liebſte, nach Ant⸗ werpen, nach Oſtende. Ich wuͤnſchte auch Manches zu vernehmen, was fuͤr mich allein iſt, ganz vertraulich, herzlich! Laſſen Sie es ein kleines, ſuͤßes Geheimniß ſein; denn ſehen Sie, wir haben es uns eingeſtanden, daß wir einan⸗ der vertrauen, einander angehoͤren, einander be⸗ duͤrfen; dennoch will— wie mich duͤnkt— eine gewiſſe Befangenheit zwiſchen uns nicht weichen. Es iſt, als ſcheuten ſich unſere Seelen vor aͤuße⸗ rer Beruͤhrung. Wahrhaftig, liebſte Freundin, ſo iſt es! Vielleicht kommen wir uns darum durch recht herzliche Briefe naͤher, grade aus 117 der Ferne, wie mir einmal eine geiſtreiche Frau ſagte: Man begreift ſich am eheſten, wenn man ſich nicht beruͤhrt! Haben wir nicht ſchon zuviel Geheimniß fuͤr uns allein? antwortete ſie laͤchelnd. Es bangt mir manchmal dabei. Man weiß nie, wohin auch das argloſeſte Geheimniß zweier Menſchen fuͤhrt. Leider geht das Edelſte, was Sie, mein Freund, thun und mich vollbringen laſſen, einen halbdunkeln Weg. Zwiſchen Freund und Freun⸗ din liegt— ein quergezogenes Gebiet. Ein Brachfeld, Veronika, rief er, bitter laͤchelnd. Lieber Baron! warnte ſie. Eben kamen die Baronin und Angelika und holten den Warten⸗ den ab. Wir bleiben auch uͤber den Abend aus, ſagte mit Nachdruck Angelika, und ſie, wie die Mutter, winkten hinter dem Ruͤcken des Barons der Zuruͤckbleibenden ermunternd zu. 118 Und kaum waren ſie weggefahren, ſo kamen auf Veronikas Wink die inzwiſchen im Wirths⸗ hauſe verſammelten Arbeiter mit ihren Saͤgen, Aexten und ſonſtigen Werkzeugen herbei, um den großen Apfelbaum im Garten zu faͤllen. Damit den Straͤuchern, Beeten und dem Raſenplatze keine Beſchaͤdigung zugefuͤgt werde, wurden die Aeſte abgeſaͤgt und weggetragen, der Stamm ſelbſt geſchickt ausgehoben, mit einer Winde auf einen Karren umgelegt und fortgebracht. In⸗ zwiſchen fand ſich auch der Schreiner mit ſeinen Geſellen aus der Stadt ein, um auf dem leeren Platze ein leichtes, geſchmackvoll geformtes Ge⸗ ſtell zu einer heranzuziehenden Laubhuͤtte oder einer bunten Zeltbedeckung aufzuſchlagen. Tiſch und Polſterbank, dem innern Raum angemeſſen, nahmen auf dem feſtgeſchlagenen und mit Sand geebneten Boden ihren Platz. Die Arbeit dauerte in die tiefe Daͤmmerung hinein und wuͤrde viel⸗ leicht ohne Veronika's Betreiben gar nicht fertig 119 geworden ſein. Sie kannte aber ſchon die Ar⸗ beiter aus der Stadt, wie gelaſſen ſie thun und mit welcher gemuthlichen Behaglichkeit ſie ihres Werkes nicht erſt am Ziele, ſondern auch un⸗ term Entſtehen ſich freuen wollen. Wieder und wieder paſſen ſie die Stuͤcke aneinander; nach jedem Hammerſchlag halten ſie inne und treten einige Schritte zuruͤck, um das Ding mit ver⸗ ſchraͤnkten Armen, oder bei einer langſam ent⸗ wickelten Priſe Tabak, mit hin und her wiegen⸗ dem Kopfe, zu betrachten. Allein Veronika ent⸗ ſchied immer raſch, daß es ſo oder ſo recht ſei, ſtellte die Unbeſchaͤftigten an und ſprach den Ruͤhrigen mit Wein und muntern Worten zu. Endlich mußte der Gaͤrtner noch die kleinen Zer⸗ ſtoͤrungen, die unvermeidlich geweſen, verbeſſern und vertuſchen. G Und ſo ſaß ſie endlich allein in dem Zelte, das ihr ſo viel Anſtrengung koſtete, um des an⸗ dern Morgens dem Baron wie hingezaubert zu 120 erſcheinen. Der Mond ging uͤber dem Gebirge auf, ſchien freundlich herein und webte in den leiſen Nebeln des tieferen Wieſengrundes. Aus der dunkeln Maſſe der Stadt ragten einzelne Kirchthuͤrme mit ihren Kreuzen in den hellen Himmel hinein. Ein lauer Wind wehte ihr aus dem jungen Fichtenhaine der nahen Berg⸗ hoͤhe das balſamiſche Harz zu. Im hintern Dorf ſangen die Bauerburſchen ihre friſchen laͤndlichen Lieder, und dazwiſchen brachen ein⸗ zelne kecke Stimmen mit Jolen und Jauchzen aus. In ſolchen Augenblicken, da in die ſtille Umgebung herein ein fernes, frohes Leben klang, ward auch das friſche, muthige Herz Veronika's weich. Sie dachte an das ſtille Pfarrhaus ihrer Kindheit neben dem Bergkirchhofe, wo der Va⸗ ter unter einfachem Denkſtein ruhte, an die zer⸗ ſtreuten Schweſtern, von denen nur die aͤlteſte Mann und Kinder hatte und ihr Pathchen dar⸗ unter. All' dieſe Erinnerungen, die begrabene 121 Vergangenheit, die webende Gegenwart mit den angeknuͤpften Lebensfaͤden, die ihres Einſchlags warteten, hob und knuͤpfte das edle Maͤdchen mit einem einzigen blitzenden Gedanken an die wal⸗ tende Gottheit, und ihre Haͤnde falteten ſich ohne Abſicht. Veronika, wenn gleich eines Pfarrers Tochter, ſprach niemals ein ihr uͤberliefertes oder uͤberhaupt woͤrtlich gefaßtes Gebet; einem ſo gebildeten Herzen und einſichtvollen Geiſte ka— men aber oft genug ſolche Momente, da der truͤbe Fluß der Arbeiten, Sorgen, Erinnerungen und Wuͤnſche einen ſchnellen, kurzen Silberblick des Ewigen warf. Solch' Innewerden des Hoͤhern im Leben feierte ſie mit einer Erhebung der Seele und begleitete ſie unwillkuͤrlich mit jener herkoͤmmlichen Geberde, mit der ſich ein dumpferes Herz an irgend eine Gebetsformel der Kirche anſaugt, wie das Lamm an die Zitze der Mutter. Auch ihres neuen Freundes gedachte Veronika. I. 6 12² ſie in dieſer Stunde, des Barons, den ſie ſo gern begluͤckter gewußt haͤtte. Ach! fluͤſterte ſie, den geſunden Baum, der ſo herrlich abgebluͤht und angeſetzt hatte, haben wir faͤllen laſſen, dem lieben Mann— eine frohe Fernſicht zu ſchaf⸗ fen! Ein Gedanke ſtieg in ihrem Buſen auf und ſie erhob ſich mit ſchlagendem Herzen: Koͤnnte ich fallen, wie der Baum, ihn zu er⸗ freuen! Ich? Ach ich bin ja nicht ſo reich an Bluͤten und Fruͤchten, um den armen Wegge⸗ tilgten mir zum Vorbild meiner Zukunft zu nehmen. Ich? Nein, gluͤcklicher Weiſe bin ich auch ſeinem Gluͤck nicht im Wege, wie dieſer Baum ſeinen Blick hinderte. Sie erſchrak bei der Folgerung aus dieſem Gedanken und verließ ungeſtuͤm das neue Zelt. Gott im Himmell ſeufzte ſie, was kann man nicht fuͤr thoͤrichte Gedanken haben an einem ſo langen Abende! —— Eben fuhr der Wagen in den Hof zuruͤck, und Veronika ſtahl ſich durch eine Hinterthuͤre ins Haus und auf ihr Zimmer. Der Baron pflegte Sommers fruͤh aufzu⸗ ſtehen; er malte am liebſten des Morgens, oder machte einen Gang nach der Hoͤhe und dem fri⸗ ſchen Wald. Heut aber ward er, aus dem Garten herauf, von einer ſanften Muſik geweckt und beſann ſich auch gleich auf die Bedeutung dieſes ungewoͤhnlichen Grußes. Es war wieder ſein Lieblingslied, in der Melodie von einem Klappenhorn getragen und von den uͤbrigen In⸗ ſtrumenten begleitet. Der Gedanke an ſeinen Geburtstag und das Bild Veronika's vermiſch⸗ ten ſich und ſtimmten ſeine Empfindungen. Sie hatte den ſuͤßen Morgen ſo angeordnet, das fuͤhlte er. Andere Vorſtellungen kamen dazu. Heute trittſt du in die Vierzige, ſagte er ſich 6* 124 in Gedanken, das Jahrzehend deines Lebens⸗ ſommers liegt vor dir! Was nimmſt du mit aus den Dreißigen heruͤber, woran du dein Traͤumen und Trachten, dein Wachen und Wir⸗ ken anknuͤpfen koͤnnteſt? Es gaͤbe ein doppeltes Traͤumen, behauptet Veronika: Traͤume aus der Erinnerung und Traͤume von der Zukunft. Meine Vergangenheit iſt zum großen Theil ver⸗ wintert, wie die Rapsſaat, mit der wirs auf dem kalten Boden dieſer Gegend verfehlten; mei⸗ ner Zukunft gebricht es am Kern, aus dem ſie ihren Inhalt, ihre Fuͤlle in Traͤumen verkuͤndi⸗ gen koͤnnte. Veronika— Seine Gemahlin ſtuͤrzte herein und warf ſich mit Glückwunſch und Liebkoſung uͤber ihn her. Sie ſchalt ihn, daß er nicht heruͤber zu kommen eile, wo ſie auf ihn warteten. Wie ungern fuͤhlte er ſich aus ſeiner weichen Stim⸗ mung aufgeſtoͤrt! Liebe Frau, ſagte er, ich be⸗ ſann mich eben auf den Kern meiner Zukunft, da gibt er ſich mir mit ſeinem ganzen reizenden Gewicht zu erkennen. Denke Dir nur, Alide, heute verlaſſe ich die ſchoͤnen Dreißige! Ach wenn man anfangen muß, auf den Vieren zu gehen, da draͤngen ſich unbeſcheidene Gedanken zu, um Gluͤck zu wuͤnſchen. Ihr aber, denke ich, habt ſchon und bringt mein Gluͤck, und ſo will ich denn auch gleich bei euch ſein. Im Saͤlchen empfingen ihn die Frauen mit ihren Geſchenken. Ein geſchmackvolles Sopha aus Mainz fuͤr ein nebeneinander ruhendes Paar, hoͤchſt bequem geformt und gepolſtert, und ein koſtbarer Teppich aus Hanau waren von der Baronin verſchrieben worden. Siehſt Du Dich nach meinen Geſchenken um, Papa? rief ſchalkhaft Angelika. Ich ſchenke Dir eben das Umſehen. Es iſt viel, ſehr viel; aber Du mußt Dich daran erfreuen, ohne daß es Dein iſt. Sonderbar genug, doch ohne daß es bemerkt ward, ſah bei dieſem Raͤthſelworte der Baron ſich nach Veronika um; Angelika faßte ihn aber ſchon an der Hand und fuͤhrte ihn in ſein an⸗ ſtoßendes Wohnzimmer. Das Seitenfenſter war geoͤffnet und mit einem Blumengewinde um⸗ rahmt; ein neues Fernrohr auf einem handlichen Geſtell ſtand zur Seite. Sieh, Papachen, das Alles ſchenk' ich Dir bis ans Gebirge hin, von der Laube da drunten, an die noch gezogen wer⸗ den ſoll! Wie herrlich das Geſchenk und wie lieb von Dir, mein herzlicher Engel! rief er und hob die ſchlanke Tochter wie ein liebes Kind auf dem Arm empor. Ausſicht ſchenkſt Du mir, ſchenkſt eine herrliche Ferne, indem Du das nuützlich Nahe hinwegnimmſt? Muß mir denn juſt da⸗ bei der Gedanke kommen, daß ich mich eben ſo freuen ſoll, wenn Du mir einſt weggenommen wirſt, fern geruͤckt! Die Thraͤnen ſtanden ihm nah und da er 42: die herbeigeſchlichenen beiden Andern bemerkte, ſetzte er ſcherzhaft hinzu: Ich meine naͤmlich, wenn wir den Lichtenberg finden! Er umarmte ſeine Gemahlin mit den Wor⸗ ten: Du haſt mir Deinen Lieblingsbaum geo⸗ pfert, theure Alide? Du beſchenkſt mich doppelt und vielfach! Aber auch Veronika! rief das Kind. Sie hat zuerſt den guten Gedanken gehabt. Ja, Veronika, lachte, nach dem Saͤlchen zuruͤckkehrend, die Baronin wegwerfend. Die wird eine gute Hausfrau werden! Schoͤne Ge⸗ danken ſind ihr lieber, als gute Aepfel. Verzeihung, gnaͤdige Frau! Schaͤtze ich etwa nicht das Brauchbare? Hiermit uͤberreichte ſie, als ihr Geburtstags⸗ geſchenk, eine von ihr ſelbſt geſtickte Reiſetaſche von geſchmackvoller Form, verſchließbar und nur fuͤr die allernaͤchſten Beduͤrfniſſe eines Reiſenden eingerichtet, der einen Tag uͤber auf einem Dampfſchiffe verweilt, oder im Gaſthof uͤber⸗ nachtet, oder einen kurzen Abſtecher macht. Das eingeſtickte Wappen des Barons verdiente Be⸗ wunderung und eine kleine Seitenoͤffnung zeigte einen niedlichen Reiſeatlas mit kurzen aber voll⸗ ſtaͤndigen Notizen fuͤr Rheinland und Belgien. Dergleichen konnte den Baron aufs innigſte erfreuen und er druͤckte ſeine Befriedigung auf das lebhafteſte aus. Waͤhrend er nun auch die andern beigegebe⸗ nen Kleinigkeiten mit Zufriedenheit muſterte, ſagte er: Was habt ihr nicht aus dieſem platten Werkeltag fuͤr ein ſchoͤnes Feſt gemacht! Mein Geburtstag hat gar nichts Poetiſches voraus. Der Ihrige, liebe Veronika, iſt ſchon an ſich bedeutend: der Vorabend vor Chriſttag! Sie ſind Ihren Eltern als ein rechtes Chriſtgeſchenk gekommen. Warten Sie! Das naͤchſte Mal ſoll er gehoͤrig gefeiert werden! Ich habe mich ſchon umgeſehen, lieber Gu⸗ 2. ſtav, fiel die Baronin ein, wo wir das Sopha und den Teppich am ſchicklichſten anbraͤchten. Dein Zimmer iſt unverbeſſerlich eingerichtet, meines dagegen ſchon ein wenig veraltet. Ich daͤchte, es iſt ja einerlei, wir thaͤten Beides in mein Zimmer; bei mir verſammelt man ſich doch mehr, und ſie wuͤrden zu dem großen Spiegel, Deinem letzten Geſchenk, herrlich ſtehen. Nicht wahr? Veronika erroͤthete bei dieſem Vorſchlag; der Baron aber laͤchelte, indem er ganz kalt ant⸗ wortete: Ganz recht, meine Liebe! Es freut mich ſehr, daß Du Dich zu meinem Geburts⸗ tage ſo huͤbſch einrichten kannſt! Der Kaffee ſollte im neuen Zelt genommen werden und man begab ſich hinab. Dort war⸗ tete ſchon die Dienerſchaft, um den Herrn gluͤckwuͤnſchend zu begruͤßen. Auch der Pfarrer und Schulze des Ortes hatten ſich eingefunden, 6*† und der Erſtere ſprach mit Salbung einige la⸗- teiniſche Diſtichen. Auf des Barons launiges Lob verſetzte der Pfarrer ſchalkhaft: Wenigſtens ſind meine Sechs⸗ und meine Fuͤnffuͤßler richtig gemeſſen, Herr Baron. Ich kann an meine lateiniſchen Verſe nie t ſo verſchwenden, wie ein bekannter hoher Dichter an ſeine deutſchen; da es ihm bei einem ſechsfuͤßigen Vers auf den ſiebenten Fuß gar nicht ankoͤmmt. Sein ſchal⸗ lendes Gelaͤchter begleitete den Spaß. Indem kam von der andern Seite des Zel⸗ tes ein Zug Maͤdchen und Buͤbchen zwei⸗ bis ſechsjaͤhrig heran. Sie waren in Zeug und Zu⸗ ſchnitt neu gekleidet und eine freundliche junge Frau fuͤhrte ſie an. Jedes trug irgend ein Gartengeraͤth, wie Spaten, Rechen, Hacke und einen Kranz oder Strauß von Wieſenblumen. Sie umringten den Baron und das aͤlteſte Paar ſtotterte abwechſelnd einige einfache Reimvers⸗ V 131 chen, worin alle fleißig und geſchickt zu werden verſprachen und ihrem Wohlthaͤter einen ſchoͤnen Sommer und reichen Herbſt wuͤnſchten. Es waren die Kinder ſolcher Muͤtter, die an die Feldarbeit oder nach der Stadt in Tag⸗ lohn gingen. Die Kinder waren bisher waͤh⸗ rend der Abweſenheit der Eltern ſich ſelbſt oder den Nachbarinnen uͤberlaſſen geweſen und als eine Laſt behandelt worden. Wie nun gegen das Fruͤhjahr der alte Schulmeiſter ſtarb und die Witwe, eine noch junge und verſtaͤndige Frau, mit ihren beiden Kindern das Mitleid des Barons anrief, machte Veronika den Vor⸗ ſchlag, ſie fuͤrerſt in der Weiſe zu unterſtuͤtzen, daß man ihr die verlaſſenen Kinder im Dorfe zur Pflege, Obhut und Zucht uͤbergaͤbe. In einem Hinterbau der weitlaͤufigen Schloßgebaͤu⸗ lichkeiten war ſehr leicht eine Wohnung fuͤr die Witwe mit einer geraͤumigen Stube fuͤr die Kinder eingerichtet und ein Stuͤck anſtoßendes 132 Feld zum Spiel⸗ und Arbeitsplatz fuͤr das un⸗ ruhige Geſindel umzaͤunt. Die Wochenbeduͤrf⸗ niſſe der Haushaltung verwaltete Veronika. Aber mein Gott! rief die Baronin, der Kin⸗ der werden ja mit jedem Tage mehr; das waͤchſt ja herbei, wie das Unkraut, wo es guͤtigen Boden findet! Zum Beweis, liebe Alide, daß die Muͤtter fleißiger, unternehmender werden im Vertrauen auf unſere Fuͤrſorge, erklaͤrte freundlich der Baron. Wir jaͤten ihnen die Angſt und Sorge aus dem Herzen und nun waͤchſt ihr Fleiß und ſchießt in Aehren guten Erwerbs. Der Arbeit wird ja nun auch mit jedem Tage mehr, nicht wahr, Frau Pflegemutter? Die Schulmeiſterwitwe, eine heitere, ent⸗ ſchloſſene Frau, klug genug, die Misſtimmung der Baronin zu merken, pries das Gluͤck, deſſen die armen Geſchoͤpfe jetzt durch eine ſo liebe gnaͤdige Herrſchaft theilhaft waͤren und wie froͤh⸗ 133 lich ſie gediehen. Es iſt zugleich auch eine Baumſchule fuͤr ehrliches, arbeitſames Geſinde, gnaͤdige Baronin, ſagte ſie, woran es jetzt ſo ſehr fehlt; es ſind wilde Staͤmmchen, auf die wir ſpaͤter allerlei Geſchicklichkeiten und Tugenden pfropfen. Sehen Sie'nmal das niedliche Lies⸗ chen hier, hat es nicht ein Haͤndchen fuͤr'ne Kammerjungfer? Ich zieh' ihm auch alle Tage an dem Stumpfnaͤschen, um ihm das Naſeweiſe zu vertreiben. Und da der kleine Philipp, wie alert und beſcheiden ſieht er aus, zu'nem Kammerdiener! Und Alle ſind ſie brav, wie ich ſie da habe. Meine zwei eigenen find' ich gar nicht heraus, ſie ſind alle mein! Ja, ja! ſetzte ſie mit laͤndlicher Schalkheit hinzu, da rath' einmal Einer, wie es mit rechtſchaffenen Dingen zugeht, daß ich juſt als Witwe noch die vielen Kinder habe! Je nun, fuͤr meinen graͤmlichen Alten— Gott hab' ihn ſelig! waͤrs auch zu viel geweſen! 134 Sie buͤckte ſich kichernd, nahm die zwei Klein⸗ ſten auf ihren Arm und hielt ſie der Baronin mit den Worten entgegen: So ein Paͤrchen ſollten Eure Gnaden noch haben; das waͤren zwei herrliche Knospen an der ſchoͤnen Roſe neben dem aufbluͤhenden gnaͤdigen Fraͤulein. Was waͤren auch drei fuͤr eine ſo liebe, reiche Dame? Reich an Gaben der Natur und des Gluͤcks, und das Mutterherz fehlt gewiß nicht darunter. Jedoch— ſetzte ſie mit anmuthiger Verneigung hinzu— eigene Kinder lieben, iſt kein Kunſtſtuͤck, aber gnaͤdig an fremden thun, das findet man nicht bei Huͤh⸗ nern und Gaͤnſen. Sie ſetzte das Paͤrchen nieder mit der Mah⸗ nung: Seid mir ja die bravſten! Ihr ſollt bald mit den Enkeln der gnaͤdigen Frau ſpielen, ihr! Es war in der Anmuth und Artigkeit der Baͤuerin etwas, was ſelbſt das Geſallen und die Heiterkeit der Baronin herausſord erte. Aber 135 was iſt denn das fuͤr ein Anzug der Kinder? fragte ſie. Das ſieht ja recht huͤbſch aus und kleidet gut! Es entdeckte ſich nun, daß Veronika den Zuſchnitt ausgedacht und mit Jungfer Apollo⸗ nia, einer lahmen Naͤhterin im Orte, ausgefuͤhrt hatte. Die haͤßliche Tracht der Baͤuerinnen die⸗ ſer Gegend war wiederholt zur Sprache gekom⸗ men. Die hoch, bis beinahe unter die Arme heraufgezogenen Roͤcke, die den Wuchs dieſer ſtaͤmmigen Weibsperſonen vollends entſtellten; die kattunenen Jacken, die uͤber der Bruſt ſpannten, und die bunten baumwollenen Tuͤcher, Sommers wie Winters um die Koͤpfe gewun⸗ den, duͤnkten dem Baron abſcheulich. Deſto lebhafter belobte er nun den Zuſchnitt und die Zuſammenſtellung der Farben an dieſen Anzuͤgen, mit dem Betheuern, ſein Geſinde und Alle, fuͤr die er im Dorfe etwas thun ſolle, mußten ihm kuͤnftig ſo gekleidet gehen. Herr Pfarrer, rief er, ſtehen Sie mir darin bei! Ihr hochwuͤrdigen Herren verſchmaͤht ja nicht, gegen die Kleider zu predigen, ſprecht auch einmal fuͤr dieſelben und geben Sie ein Beiſpiel an Ihrer Koͤchin, die keine uͤble Perſon iſt! Rufen Sie den Baͤuerinnen zu: Wahrlich, wahrlich! ich ſage euch, wenn ihr nicht werdet, wie die Klei⸗ nen da— wie heißt es weiter? So duͤrft ihr nicht ins Schloß, zum Herrn Baron kommen! verſetzte der Pfarrer, und ſchickte den Worten ein ſchallendes Gelaͤchter nach. Man ſetzte ſich zum Fruͤhſtuͤcke, und Vero⸗ nika hatte dafuͤr geſorgt, daß die Kleinen an einem Gartentiſche Milch und Kuchen bekamen. Sonſt war fuͤr den Geburtstagabend große Ge⸗ ſellſchaft aus der Stadt zu Thee und Tanz ge⸗ laden worden; diesmal hatte ſich die Baronin, der Trauer wegen, auf einige Freunde zu Mit⸗ tag beſchraͤnkt, zu denen noch der Pfarrer gebe⸗ ten wurde. Sie entfernte ſich daher auch nach dem Kaffee, um das neue Sopha und Teppich in ihr Zimmer bringen zu laſſen, wo ſie die ankommenden Gaͤſte zu empfangen gedachte. Der froh vergangene Tag des haͤuslichen Fe⸗ ſtes ließ doch einen kleinen Bodenſatz von Beun⸗ ruhigung im Herzen der Baronin zuruͤck. Die vielen wohlgekleideten Kinder und die junge Witwe, die zur Pflegemutter derſelben beſtellt war, wollten ihr nicht aus den Gedanken kom⸗ men. Es fiel ihr ein, wie oft ihr allerlei Men⸗ ſchen in den untern Raͤumen des kleinen Schloſſes aufgeſtoßen waren, kuͤmmerlich ausſehende Ge⸗ ſtalten, die ſo ſcheu und aͤngſtlich immer nur nach dem Herrn Baron oder Fraͤulein Veronika gefragt hatten. Sie ahnete, daß hier Manches vorgehe, was mit bedeutenden Ausgaben ver⸗ bunden ſei; es kraͤnkte ſie, daß es hinter ihrem Ruͤcken geſchaͤhe, und noch mehr, daß man die Nachbarn im Orte gewoͤhnte, ſo mistrauiſch von ihr zu denken. Die Baronin war naͤmlich als Wirthin aͤngſt⸗ lich ohne Ueberſicht. Ihrer Erziehung nach und in ihren antwerpener Verhaͤltniſſen waren ihr alle wirthſchaftlichen Angelegenheiten ziemlich fremd ge⸗ blieben. Sie hatte die wenigen Jahre ihrer erſten Ehe auf großem Fuß und fuͤr die große Geſell⸗ ſchaft gelebt, einzig darauf bedacht, als ſchöne Frau zu gefallen und als reiche ſich zu vergnuͤgen. Erſt in der Einſamkeit ihres jetzigen Landſitzes hatte ſie Geſchmack an Land⸗ und Hauswirthſchaft gefun⸗ den und betrieb ſie mit demſelben Sinn, wie ſie ſich einſt an den vielen Kleinlichkeiten des geſellſchaftlichen Lebens befriedigt hatte. Sie, die bei großartiger Geſinnung den edelſten Auf⸗ wand haͤtte machen koͤnnen, bildete ſich jetzt nach den Frauen der nahen, gewerbloſen Stadt, nach dem Maßſtabe der Familien, denen es bei maͤßigen Beſoldungen des Mannes im Civil⸗ oder Militairdienſt, bei viel Kindern und kindi⸗ ſchem Luxus die große Angelegenheit des Lebens war, ihr Auskommen zu haben. Die Zeit, die der von Naturell etwas unruhigen Baronin von ihren Beſuchen in der Stadt uͤbrigblieb, war großentheils den kleinen haͤuslichen Beſorgun⸗ gen gewidmet; dieſe machten jetzt einen haupt⸗ ſaͤchlichen Theil ihres Stolzes, eine haͤusliche Unterlage ihrer Selbſtzufriedenheit aus. Damit vertrug es ſich aber ſehr wohl, daß ſie in allen Dingen, an die ſie von Jugend auf gewoͤhnt war und die ſich mit dem Bewußtſein ihres Standes, mit der Eitelkeit ihrer Perſon verban⸗ den, keine Ausgaben ſcheute. Auch gefiel ihr das großmuͤthige, edle Weſen ihres Gemahls, ſo weit es als perſoͤnliche Eigenſchaft erſchien, und ſie misbilligte es nur in ſeiner— wie ſie meinte — uͤbertriebenen Theilnahme am Misgeſchick untergeordneter Menſchen, die man eigentlich doch nicht verbeſſern, ſondern nur verwoͤhnen könnte. Siehſt Du das nicht ganz deutlich ſelbſt an unſerer trefflichen Veronika? hatte ſie dem Baron ſchon einige Mal bemerkt. Von ſo be⸗ ſchraͤnktem Herkommen, wie ſie iſt, weiß ſie doch das Geld nicht zu ſchaͤtzen, und eine Edel⸗ frau ſcheint an der Pfarrerstochter verdorben zu ſein. Dies lodernde, traͤumeriſche Intereſſe Ve⸗ ronika's fuͤr Menſchen und zuweilen fuͤr Ideen war der Baronin ganz unverſtaͤndlich, und daß Veronika daruͤber zuweilen das Naͤchſte und Nutzenbringende uͤberſah, beſtaͤrkte nur Aliden in ihrer guten Meinung von ſich ſelbſt und von ihrem Verſtande. Dann aber war ſie gewoͤhn⸗ lich milder geſtimmt, und ſelten ward ſie uͤber einen wirthſchaftlichen Misgriff oder uͤber eine Ausgabe heftig, wenn ſie dabei mit der ausge⸗ ſpielten Farbe ihrer beſſern Einſicht den Stich machen konnte. Etwas dergleichen ſollte ihr in ihrem jetzigen Unmuth begegnen. Seit ihr der General⸗Vikar die Buße einer 141 taͤglichen Betſtunde aufgegeben, hatte ſie ſich daran gewoͤhnt, zur Abwechſelung mit der Stu⸗ benandacht, die Waldkapelle, ein halb Stuͤnd⸗ chen vom Schloß, zu beſuchen. Dieſe lag in einem graſigen Hochthaͤlchen des Buchenwaldes, an einen Baſaltfelſen angelehnt und in der Schneckenwindung des Thaͤlchens verſteckt. Sie faßte wenig Menſchen und ſtand vielmehr als ein Tabernakel der Andacht da, vor welchem ſich an gewiſſen Tagen die Menge im Freien verſammelte und durch die offene Thuͤr den Segen des Meßprieſters empfing. Außer dem offenen Dorfwege fuͤhrte noch ein geſchlaͤngelter Pfad zwiſchen den Gartenhecken und hohem Korn nach der Waldhoͤhe. Dieſen ſtillen, be⸗ ſchaulichen Weg nahm die Baronin bei ihren Nachmittags⸗ oder Abendgaͤngen und pflegte dann, wenn ſie ein Stuͤndchen hinter verſchloſſe⸗ ner Thuͤre die alten Gebete ihrer Jugend aus dem vergriffenen flamaͤndiſchen Gebetbuche abge⸗ 142 leſen und dabei ſich vielfach bekreuzigt hatte, mit großer Seelenerheiterung den andern Weg durch das Dorf einzuſchlagen und ſich fuͤr eine Spazierende anſehen zu laſſen. Am Waldab⸗ hange im Schatten der Buchen war hier und dort ein Raſenſitz angebracht, wo man einen Blick hinab ins Dorf bis an die Hintergebaͤude des Schloſſes hatte. Zunaͤchſt lag das verein⸗ zelte Haus mit der Branntweinſchenke, der letzte Heller genannt. Aus dem Dorfe, durch den tieferen Hohlweg der Vicinalſtraße und zwiſchen den Gaͤrten her hatte die Wirthſchaft mehre, zum Theil heimliche Zugaͤnge, die freilich den Zuſpruch und manche Unordnung beguͤnſtigten, uͤber welche Veronika ſchon gegen den Baron geklagt hatte. Eben hielten etliche Wagen im Wegez die trunkenen Fuhrleute taumelten im Handgemenge aus dem Hauſe; die junge, dralle Wirthin trieb ſich beguͤtigend unter den Schreiern umher, und da es ihr nicht gelang, ſie zu be⸗ ſchwichtigen, rief ſie einen handfeſten Burſchen aus dem Hauſe herbei. Dieſer brachte auch gluͤcklich die Streitenden auseinander, die nun rechts und links hin weiter fuhren, mit den Peitſchen noch von fern einander drohend und knallend. Der Schiedsrichter aber nahm ſich gleich auf offener Straße die Sporteln ſeines Amtes, indem er die Wirthin mit verwegenen Haͤnden an ſich zog und kuͤßte. Ihr kleiner Bube, hieruͤber entruͤſtet, traf den Verwegenen mit ſeiner Knabenpeitſche ins Geſicht und erhielt dafuͤr einen derben Schlag nebſt Scheltworten von der Mutter. Dieſe ließ er ſich gefallen, aber er vertrug es nicht, daß der weggehende Burſche ihn verlachte, und warf mit Steinen hinter ihm drein. Die Baronin hatte dem Auftritt vom Walde herab mit Entruͤſtung zugeſehen. Als ſie jetzt am Hauſe voruͤber kam, gruͤßte die Wirthin an der Thuͤre. Sonſt war die Baronin ſtolz vor⸗ uͤbergegangen, heute blieb ſie ſtehen und tadelte den vorgefallenen Streit. Das geht nicht anders in einer Schenke, gnaͤdige Baronin! antwortete die junge Frau. Es iſt aber nie ſo ſchlimm, wie es ausſieht, die Bauern ſchreien gern und ſchlagen hart auf, es muß Alles Gewalt leiden bei ſo kraͤftigen Menſchen. Nicht wahr, Euer Mann iſt als Forſtaufſe⸗ her von Wilddieben erſchoſſen worden? fragte die Baronin. 5 Ach ja wohl, Eure Gnaden! Und Ihr habt damals meinen Mann durch den Pfarrer um Unterſtuͤtzung bitten laſſen? Freu' mich der gnaͤdigen Erinnerung, Frau Baronin. Jetzt ſcheints aber ganz wohl und luſtig bei Euch zuzugehen! Anſtatt jedoch beſchaͤmt zu werden, worauf es die Baronin abgeſehen hatte, pries die Baͤuerin ganz vergnuͤgt die Guͤte des Barons und wie er ihr mit Wohnung und Garten aus der Noth geholfen. Wenn ich dem lieben gnaͤdigen Herrn nur jemals mit irgend etwas in der Welt die⸗ nen und danken koͤnnte! rief ſie aus. Die Baronin trat durch die offene Thuͤre in den Garten, den ſie ziemlich wuͤſt und zum Theil mit Tiſchen fuͤr die Zecher beſetzt fand. Eben betraten Einige ſingend den Garten durch eine hintere Thuͤre, und die Baronin eilte fort, den Tadel, den ſie in Gedanken fuͤr die unor⸗ dentliche Wirthin aufgeleſen hatte, mit ſich nach Hauſe nehmend. Hier traf ſie den Baron mit Auswaͤhlen der Sachen beſchaͤftigt, die zur naͤchſtmontaͤgigen Abreiſe mitgenommen werden ſollten. Sie ſelbſt hatte ſchon ſehr Vieles zurechtgelegt und ließ es herbeitragen. Veronika kam und erbot ſich, packen zu helfen. Veronika. I. — 8 Haben Sie denn ſchon Ihre eigenen Sachen gepackt? fragte ein wenig ſcharf die Baronin. Ich meine ja, daß ich zuruͤckbleiben ſoll! antwortete ſie betroffen. So? Und wozu wollen Sie denn zuruͤck⸗ bleibene) Es iſt nicht mein Wille, gnaͤdige Frau! Iſt es denn nicht Ihre, oder des Herrn Barons Anordnung? Es war die Rede davon, es bleibe hier ſo Manches zu beſorgen, zu leiten— Im Gegentheil, meine Liebe! fiel die Baro⸗ nin lebhaft ein. Es iſt hier Manches, was ab⸗ gebrochen werden, was aufhoͤren muß. Und gerade darum ſollen Sie mitgehen. Ich will es ſo! Leiten, fortfuͤhren! Seht doch! Nicht wahr, Anſtalten, wie die Verſorgung der Witwe drau⸗ ßen in der Schenke zum letzten Heller? O, es iſt zum Lachen! Ja, ja, lieber Mann, da traͤumt ihr euch ſo in ein wohlthaͤtiges Schaffen 144 hinein und wirſt gar nicht gewahr, welche Thorheiten ihr begeht, wie man Dein guͤtiges Herz misbraucht, durch Bettelei, wie durch Fuͤrſprache. Sie erzaͤhlte, und vielleicht mit einiger Ue⸗ bertreibung, den eben erlebten Vorfall und ei⸗ ferte uͤber das Betragen der Wirthin. Seht, ſetzte ſie hinzu, das koͤmmt bei euern koſtſpieli⸗ gen Traͤumen heraus! Wer ſich nicht aufs Wirthſchaften verſteht, ſoll auch das Wohlthun bleiben laſſen. Und das haſt Du mit dem erſten Blick weggehabt, Alide? verſetzte der Baron, hoͤchſt vergnuͤgt uͤber die ihm erwuͤnſchte Wendung, die es fuͤr Veronika genommen hatte. Das iſt ja zum Erſtaunen! Was machen wir denn auch, liebe Veronika, daß wir ſo was nicht bemerken? Indeß, liebe Frau, nicht jede Wohl⸗ that ſchlaͤgt gut an, wie nicht jedes Baͤumchen Wurzel faßt; ſoll man darum das Pflanzen 7* 148 und Wohlthun aufgeben? Gehen Sie vor un⸗- ſerer Abreiſe noch einmal hin, Veronika, oder — ich will es ſelbſt thun. Die Frau legt die Wirthſchaft ab, die ſie ſich verſchafft hat, und lebt von Dem, was wir ihr geliehen haben, oder wir entziehen ihr dieſe Wohlthat. Beſonders muß auch fuͤr den tuͤchtigen Knaben beſſer ge⸗ ſorgt werden; denn was Du mir da erzaͤhlt haſt, liebe Alide, gefaͤllt mir von dem Buben. Die Baronin war nun zufrieden und ord⸗ nete Verſchiedenes zum Packen an. Gelegent⸗ lich ſagte ſie noch einmal: Ich hatte gute Ur⸗ ſache, Sie hier zu laſſen, Veronika; allein es iſt mir nun doch wichtiger, daß Sie mitgehen. In den Niederlanden koͤnnen Sie ein wenig praktiſcher werden, und bis wir wiederkehren, wird ſich wol Manches im Hauſe aͤndern muͤſſen. Sie eilte geſchaͤftig hinaus. Der Baron reichte Veronika laͤchelnd die Hand. Wie, mein Freund, fragte ſie, iſt es zum Abſchiedd? 149 Denn mir galt doch wol der letzte Wink der Baronin! Abſchied? O nein! rief er froͤhlich aus. Reicht man ſich nicht vielmehr die Haͤnde, um ſich zu verbinden? Zur Reiſe, ja! verſetzte ſie, und ſchlug ihre Hand ein. Gluͤck Ihnen und mir auf die ſchoͤne Reiſe. Erſt am Vorabende der Abreiſe kam Vero⸗ nika dazu, nach dem letzten Heller zu gehen. Sie nahm ſich unterwegs vor, die leichtſinnige Frau nicht zu ſchonen, ihr das Strengſte zu ſagen und ſie zu erſchuͤttern. Es war Sonntag Abend und das Haus wie der Garten von Ze⸗ chern beſucht. Die Frau empfing ihre Wohl⸗ thaͤterin aufs artigſte und fuͤhrte ſie die ſchmale, ſteile Treppe hinauf nach einem Dachſtuͤbchen, in welchem einige gutgehaltene Mobilien und ein Bett ſtanden. Sehen Sie, Mademoiſelle, ſagte die Wirthin, ich halte mir auch eine gute Stube; nur komme ich gar ſelten hinein. Nicht wahr, Sie merken es ſelbſt an der abgeſtandenen Luft? Ja, machen Sie nur das Fenſter auf. Aber hoͤren Sie, da rufts ſchon wieder nach mir! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, nehmen Sie es nicht uͤbel! Sie rannte hinab, dem Klang der ange⸗ ſchlagenen leeren Glaͤſer nach. Veronika hatte das Fenſter geoͤffnet, um unter Hinweiſung auf den wuͤſten Garten ihre Bußpredigt gegen die Undankbare anzuheben. Nun war ihr die Suͤnderin ſchon wieder aus den Augen entflohen und die zuruͤckgehaltene Mahnung verſchaͤrfte ſich in Veronika's Her⸗ zen. Der ſchoͤne, mit ſo viel Sorgfalt ange⸗ legte, mit guten Obſtbaͤumchen bepflanzte Gar⸗ ten jammerte ſie in dieſem Zuſtande wuchernden Unkrauts und Raupenfraßes. Sie hatte auf 6 151 Erkundigung im Dorfe vernommen, daß die unruhige Frau nur auf den Rath eines mun⸗ tern Geſellen, der ſie zu heirathen verſprochen, den ungluͤcklichen Branntweinſchank angelegt habe. Zum Ueberfluß ihres Unwillens ſah die Freundin auch noch den huͤbſchen Knaben im Garten, wie er mit der Miene eines Alten um die Tiſche ging, an den dargebotenen Glaͤſern roher Zecher leckte und gegen Neckereien um ſich ſchlug. Unter dieſen widerwaͤrtigen Betrachtungen vernahm ſie zu ihrem Schreck maͤnnliche Tritte auf der Treppe und die begleitende Stimme der Wirthin. Der Baron trat ein, betroffen beim Anblicke der erſchrockenen Veronika. Sehen Sie, wie huͤbſch ſich das findet! rief die Wirthin mit ſchalkhaftem Lachen und die runden Arme auf ihre Huͤften ſetzend. So hab' ich mirs lange gedacht. Seien Sie hier ſchoͤn⸗ ſtens willkommen und machen ſichs bequem! 4132 Heißt uns nur nicht willkommen! verſetzte der Baron, ungehalten uͤber den vertraulichen Ton des Weibes. Der Zufall fuͤhrt uns Beide in derſelben Stunde hierher, doch haben wir auch nur eine und dieſelbe Abſicht, Euch naͤm⸗ lich den Leviten zu leſen uͤber die unordentliche Wirthſchaft. Und nun ſollt Ihrs doppelt abbe⸗ kommen! O nicht doch, Eure Gnaden! Sie werdens ja ſo ſchlimm nicht vorhaben! Nein, nein! Laſſen Sie die boͤſe Abſicht fahren und halten ſich an den ſchoͤnen Zufall, der Sie und die liebe huͤbſche Mademoiſelle Veronika in meinem traulichen Stuͤbchen zuſammenfuͤhrt. Ja, da klopfen ſie ſchon wieder an die leeren Glaͤſer! Das iſt ein vergnuͤgtes Volk, und es iſt auch heute ein lieber Sonntag! Sehen Sie, fuhr die Wirthin leiſe und vertraulich fort, das Zim⸗ merchen koͤnnten Sie ganz fuͤr ſich haben, und ungeſehen von der hintern Gartenſeite herein⸗ 153 ſchluͤpfen, ſo ofts Ihnen Spaß machte. Lieber Gott, man weiß ja, was ſich lieb hat, iſt gern beiſammen. Und auf mich koͤnnen Sie ſich verlaſſen. Keinen Mucks, bed meiner Seele! Ach! ich bin ja ewig in Ihrer Schuld und gern dankbar aus Leibeskraͤften. Entſchuldigen Sie, ich laſſe den Schluͤſſel ſtecken! Sie eilte hinaus. Der Baron und Veronika blieben zuruͤck, verſtummt, entſetzt uͤber die Worte und Geberden der Frau, die mit kuppelndem Argwohn das ſo ſtolz gekommene Paar de⸗ muͤthigte. 5 —₰ 2 A 8 8 A Vor dem Geſchaͤftshauſe der duͤſſeldorfer Ge⸗ ſellſchaft zu Mainz, durch Bord mit der Landungsbruͤcke verbunden, lag das ſchoͤne Dampfſchiff Victoria. Ein leiſer grauer Rauch zog aus dem hohen, ſchwarz⸗ und weißgeringel⸗ ten Schornſtein mit Oſtwind der Stadt zu; die Dampfeoͤhre ſtieß heftig brauſend den hellen Waſſerdunſt aus, und die Glocke am hohen Vordertheile des Schiffes laͤutete in hellen, ha⸗ ſtigen Schlaͤgen das erſte Zeichen zur Thalfahrt. Die Menſchen eilten und draͤngten uͤber die Landungsbruͤcke auf das Verdeck; Waarenballen wurden uͤbergewaͤlzt, Koffer nebſt Reiſeſaͤcken 158 uͤbergeſchleppt und zwiſchen des Schiffes Zelt und Schornſtein aufgehaͤuft. Die Schiffsleute ſchrieen einander zu; am Ufer, unter der zu⸗ ſchauenden Menge, war Laͤrm und Lachen. Da⸗ zwiſchen hoͤrte man doch von fernher den grellen Dampfpfiff, der einen Eiſenbahnzug ankuͤndigte; die Glocke des Bahnhofs in Kaſtell laͤutete und bald ſah man auch zwiſchen den Baͤumen der Feſtungswerke die gegliederte Reihe der Wagen herangleiten. Nicht lange, ſo ſchwankten die beladenen Omnibus uͤber die Schiffbruͤcke mit Gepaͤck und Reiſenden, die noch dem Dampf⸗ ſchiffe zueilten. Zu all' dieſer Haſt, zu dieſem Treiben und Laͤrmen klapperten ruhig die nahen Rheinmuͤh⸗ len, floß ſo ſtill der meergruͤne Strom, lag ſo heiter die Juni⸗Morgenſonne auf den herrlichen Ufern und den friſchgruͤnen Rheininſeln vor Biberich. Was geht uͤber dieſes Sommerleben am — — QQ⏑—;ʒ—:—ꝛ—ꝛ—ꝛ:ℳ:—)·— — —— Rhein, wenn man hingeſtreckt auf der gruͤnen Bank des Verdeckgelaͤnders oder auf einem Zelt⸗ ſtuhle ſich wiegend, die hundertfaͤltige Herrlich⸗ keit durch alle Sinne aufnimmt! Dies empfand heute wieder lebhaft unſer Baron Guſtav; als er mit den Seinigen um ein Tiſchchen des hin⸗ tern Verdecks unter dem Zelte ſaß und die Tochter auf Alles und Alles aufmerkſam machte, mit heiterm Seitenblick auf Veronika, fuͤr die es mitgeſagt war und deren ſtilles, gehobenes Ent⸗ zuͤcken ihn ſo innig erfreute. Vor zwei Jahren war er zuletzt mit Frau und Tochter, auf einer ihrer jaͤhrlichen Ausfluͤge, uͤber Baden⸗Baden nach Mainz gekommen. Nie aber hatte die Baronin, ſeit ihrer Flucht aus Antwerpen, ſich entſchließen koͤnnen, weiter als Mainz rheinab⸗ waͤrts zu gehen. Eine wunderliche Beaͤngſtigung, eine aberglaͤubige Scheu vor den Niederlanden hatte ſie abgehalten. Auch heut, wo ſie mit ſo viel Erwartung dahinging, nahm ſie nicht ohne 4160— eine gewiſſe feierliche Stimmung dieſe heitere Herrlichkeit in ſich auf, die fuͤr die unbefange⸗ nen Ihrigen nun mit jedem Augenblicke wech⸗ ſeln und wachſen ſollte; denn ſobald hinter den letzten drei Glockenſchlaͤgen die Dampfroͤhre ver⸗ ſtummte und die rudernden Raͤder aufrauſchten, loͤſte das Schiff ſich langſam vom Ufer ab, zog, in weitem Bogen ſtromabwaͤrts gewendet, bald nach dem rechten, bald nach dem linken Geſtade dem Fahrwaſſer nach, und eilte ſo an Inſeln und Krahnen, an Doͤrfern und Staͤdtchen, an Gaͤrten und Weinbergen mit Nah⸗ und Fern⸗ ſichten voruͤber. Die Victoria war ſehr beſetzt. Einige ſchoͤne Reiſewagen auf dem Vordertheile des Schiffes ließen auf vornehme oder reiche Paſſagiere ſchlie⸗ ßen, deren Bedienten und Kammerfrauen von Zeit zu Zeit aus den verſchloſſenen Wagen Klei⸗ dungsſtüͤcke, Reiſetaſchen oder elegante Reiſekaͤſt⸗ chen nach der Cajuͤte holten. Auf dem Verdeck 461 ſelbſt trieben ſich ſo viel Menſchen in den ſelt⸗ ſamſten Reiſeanzuͤgen umher, daß man der Ein⸗ zelnen, uͤber all' die anziehenden Ausblicke in die wechſelnde Landſchaft, wenig achten mochte. Am eheſten betrachtete man noch die Ab⸗ und Zuge⸗ henden, wenn nach haſtigen Schlaͤgen der Schiffs⸗ glocke die Victoria entweder an einer Landungs⸗ bruͤcke anlegte, oder ein Boot, mit aufgeſtecktem blau⸗ und weißſtreifigen Faͤhnchen raſch heran⸗ rudernd, am zugeworfenen Tau ſich an die Flanke des Schiffes druͤckte, um uͤber das Sei⸗ tentreppchen Gepaͤck und Paſſagiere aufzugeben oder abzunehmen. Dann draͤngte man ſich gern ans Gelaͤnder zu dem kleinen Zwiſchenſpiel der Fahrt, bis die eingehaltenen Raͤder wieder zu ſauſen anfingen und das weiterziehende Schiff andere Erwartungen anregte. Als unſer Baron ſich bei einer ſolchen Wie⸗ derabfahrt vor Bingen umwendete, ſtand er vor einem vornehm ausſehenden Manne, der ihn mit 162 geſpanntem Auge betrachtete. Auch Guſtav war von dem Fremden betroffen. Beide erkannten ſich faſt in demſelben Augenblicke und fielen einan⸗ der in die Arme mit dem lebhaften Ausrufe: Anton! Guſtav! Es war Anton Freiherr von Pruſeach. Beide hatten ſich 1830 zu Paris kennen gelernt und Freundſchaft geſchloſſen, wie junge Maͤnner ſo leicht ſie ſchließen, die ſich in ſchwaͤrmenden Jahren, auf fremdem Boden als Landsleute und Standesgenoſſen, mit verwandtem Geſchmack und Lebenstrieb an demſelben Strudel bedeu⸗ tender Erſcheinungen und des Genuſſes begeg⸗ nen. Doch hatten Beide einander auch an einem tiefern, auf das Weſen des Lebens gerichteten Sinn und Trieb erkannt, und waren nachher eine Zeit lang in brieflichem Verkehr geblieben, bis ihre Lebensrichtungen zu weit auseinander liefen, ſo daß ihren Intereſſen die Beruͤhrungs⸗ punkte ausgingen. Arm in Arm zuſammenſitzend, tauſchten ſie nun in raſchem Wechſelgeſpraͤch ihre veſtummte Zwiſchenzeit gegen einander aus. So erfuhr Anton auch die doppelte Abſicht Guſtavs, nach Antwerpen und Oſtende zu gehen. Des Freun⸗ des Abenteuer in Antwerpen, ſeine Verheirathung mit Aliden war noch brieflich verhandelt worden. Anton ließ ſich der Familie des Freundes vor⸗ ſtellen. Die volle Schoͤnheit der Mutter, die verſprechende Anmuth der Tochter uͤberraſchten ihn; aber auch der Eindruck, den er ſelbſt machte, ſchien ein guͤnſtiger zu ſein. Beide Freunde ſtellten ſich aͤußerlich ſehr verſchieden dar. Wenn Guſtav bei hoher, edler Geſtalt und gelaſſener Geberde mehr nach einer weichen, gemuͤthlichen Empfaͤnglichkeit fuͤr die Begegniſſe des Tages ausſah, ſo ſchien der klei⸗ nere und etwas juͤngere Anton bei geiſtreich vornehmer Miene mit lebhaftem Blick und Gang, ja mit ſeiner aufgeſtutzten Naſe und laͤnglichen 164. Oberlippe dem Leben bewußt und entſchloſſen entgegenzutreten. In der Begleitung des Frei⸗ herrn befand ſich ein Mann von intereſſan⸗ tem Ausſehen in den Funfzigen und unſern Freunden als Doctor Scherf vorgeſtellt. Dies laͤchelnde Geſicht von lebhafter Farbe und geiſt⸗ reich⸗ſinnlichem Ausdrucke, dies ſelbſtbewußte behagliche Benehmen bei viel ruͤckhaltendem We⸗ ſen konnten einem katholiſchen Prieſter angehoͤ⸗ ren; ein langer, ſchwarzbrauner Ueberrock mit kurzem ſtehenden Kragen ſtimmten zu ſolcher Vermuthung; das enge Beinkleid in glaͤnzenden Stiefeln widerſprach nicht, und nur ein ziemlich lockiges Haar ohne Tonſur wollte ſich in ſo mo⸗ diſchem Zuſchnitt zu keiner prieſterlichen Beſtim⸗ mung bekennen. Jedenfalls behielt er auch in dieſer weltlichen Tracht etwas von jener geiſt⸗ lichen Abrichtung an ſich, die das Weltliche um ſich her wenig zu beachten ſcheint, deſto mehr aber ſich ſelbſt im Weltlichen. Nur Veronika 1465 machte dieſe Betrachtung fuͤr ſich; ihr allein fiel es auch auf, daß der Freiherr bei der erſten Unterbrechung des Geſpraͤchs mit dem Doctor bei Seite trat und ſich ſehr angelegentlich be⸗ ſprach, ohne daß Scherf ſich dabei ein vertrau⸗ liches Benehmen erlaubte. Von dieſer Unter⸗ haltung kehrte Anton mit zufriedener Miene zur Familie zuruͤck, brachte das Geſpraͤch auf ſeine Beſitzung am Rhein und knuͤpfte die artigſte Einladung daran. Wir muͤſſen unſere alte Freundſchaft erneuern und unſere Frauen die ihre knuͤpfen laſſen, rief er lebhaft aus. Einige Einwendungen der Baronin wußte er ſehr beredt zu widerlegen, auf das Verſprechen eines Be⸗ ſuches bei der Ruͤckkehr ließ er ſich nicht ein und brachte ſo viel Verbindliches vor, daß er zuletzt, noch mit dem Lobe des Unwiderſtehlichen, die Zuſage erhielt. Er kuͤßte der Baronin die Hand und umarmte den Freund mit den Worten: Ich bin recht verlangend, was Du zu meinem Landſitze Belle⸗Promeſſe ſagen wirſt, Guſtav! Er liegt alſo im Preußiſchen? fragte der Baron. O herrlich liegt er, mit der Ausſicht auf das Siebengebirge! Belle⸗Promeſſe ſcheint allerdings der Be⸗ nennung nach ſehr verſprechend, laͤchelte Guſtav. Der Name iſt neu, erklaͤrte der Freiherr; auch will ich die ganze Einrichtung erneuern und erweitern. Sollte ich die Beſitzung Sans⸗ ſouci, Antonsruhe oder dergleichen nennen, ſo iſt das nicht mehr zeitgemaͤß; kein Baron, wie kein Regent, kann heutiges Tags mehr „ein Sorgenlos“ oder„ein Unbekuͤmmert“ bewohnen, auch wo nicht mit Wind gemahlen wird. Nein, nein, mein Freund! verſetzte Guſtav. Belle⸗Promeſſe iſt ganz zeitgemaͤß. Ich freue mich, an Dir einen ſo wohldenkenden Rhein⸗ * laͤnder zu finden. Ich werde mit dem beſten Vertrauen Deinen Landſitz betreten. Es iſt ein altes Beſitzthum unſerer Familie, ehe ſie nach Weſtphalen uͤberſiedelte, fuhr der Freiherr fort. Es ſoll mir ein Majorat werden. Wir muͤſſen uns im Kampfe gegen das Buͤr⸗ gerthum neu begruͤnden und befeſtigen. Das burgerliche Geſchaͤft ſtreckt ſich uns uͤber den Kopf, wenn wir ihm nicht den Grundbeſitz mit breiten Schultern entgegenſtellen. Ich ſelbſt zwar bin bis jetzt noch kinderlos; allein das macht mich, den Erſtgeborenen, nicht gleichguͤltig gegen unſere Familie. Ich ſorge fuͤr Grund und Boden, mein Bruder mag dann fuͤr den Stamm ſorgen. Ich gehe eben damit um, ihm eine paſſende Frau zu ſuchen. Du ſollſt den huͤbſchen Mann kennen lernen. Geiſtreich und echt adelig von Benehmen! Er ſteht zu Koͤln in Garniſon und wird gewiß heraufkommen, da er weiß, daß ich zuruͤckkehre. 163. Es ſchien dem Baron Anton ganz angenehm zu ſein, daß der Freund mit ſeiner Familie in Koblenz zu uͤbernachten vorhatte, um Ehren⸗ breitenſtein und die Umgebung zu beſehen. An⸗ ton entſchloß ſich ſogar bei ihnen zu bleiben, ließ aber den Doctor Scherf mit dem Reiſewa⸗ gen vorausgehen, nachdem er vertraulich ſeine Abſichten und den anzuordnenden Empfang ſei⸗ ner Gaͤſte mit ihm beſprochen hatte. Des andern Morgens kamen ſie bei Zeiten nach Andernach, wo ſie landeten. Sie fanden einen Wagen fuͤr die Damen und zwei Reit⸗ pferde fuͤr Guſtav und Anton bereit. Einen Theil des Gepaͤcks ließ der Baron im Reiſewagen mit dem Bedienten voraus nach Koͤln gehen. Man kam durch anmuthige Gefilde mit dem Seitenblick nach den ſchoͤnen Bergzuͤgen diesſeit und jenſeit des Stromes, bis ſich eine Allee oͤffnete, die nach dem Sitze des Freiherrn Anton fuͤhrte. Es war ein alteres Schloß, durch neue 169 An⸗ und Zwiſchenbauten erweitert. Ganz in der Denkungsart des Freiherrn hatten ſich die Neubauten dem aͤltern Geſchmack anbequemen muͤſſen. Du wunderſt Dich daruͤber, mein Freund? ſagte er zu Guſtav. Haͤtte ich etwa die aͤltern Bauten niederreißen ſollen? Nimmer⸗ mehr! Ja, mein Freund, erlebten wir es nur, ſo wuͤrdeſt Du ſehen, daß dieſe alten Funda⸗ mente und Mauern, dieſe Erker und Zinnen noch mit Ehren Alles aushalten, was erſt vor kurzem darangebaut worden iſt. Sprecht mir nur nicht immer von den Fortſchritten der Zeit! Wir werden noch lange nichts ſo Tuͤchtiges ſchaf⸗ fen, wie die Alten, weder was Wohnungen, noch was Staatseinrichtungen anbelangt. Das duͤrfen am wenigſten wir Barone vergeſſen; denn unſere Beſtimmung haͤngt damit zuſam⸗ men. Glaube ja nicht, daß ich, unbedingt ge⸗ gen den Fortſchritt ſei; nein! Nur haben wir jetzt eine ganz andere Beſtimmung. Als die Veronika. I. 8 170 Jahrhunderte noch traͤg waren, die Kraͤfte der Nation noch ſtockten, da hatten wir ſie mit ge⸗ ſchwungenem Schwerte vorwaͤrts zu fuͤhren; jetzt, wo ſie bergabſtuͤrzen, haben wir mit allem Ge⸗ wicht unſeres Bewußtſeins und friſch zu ſam⸗ melnder Kraͤfte uns entgegen zu ſtemmen. Der Adel muß immer an der Spitze der Zeit ſtehen, mein Guſtav! Das iſt koͤniglich geſprochen, Anton, erwi⸗ derte der andere Reiter. Ich glaube Dich zu verſtehen, Du erkennſt den Fortſchritt an, als etwas, das aufgehalten werden muß. Fortſchritt, meinſt Du, ſo lange es noch etwas zu begehren, Stillſtand, ſobald es zu verlieren gibt? Nicht Stillſtand, Freund! Vielmehr dauert mir dieſe reformatoriſch⸗revolutionaͤre Zeit zu lange; nur eine andere Richtung, Guſtav. Iſt es denn ein Stillſtand, wenn man immer ruhig ſeitwaͤrts und ruͤckwaͤrts faͤhrt? Nur im⸗ mer Bewegung! Mit Bewegung befriedigt man die Welt, und wir erreichen zugleich ein Ziel, an dem wir nichts verlieren. Wir habens ſchon erreicht! rief Guſtav laͤ⸗ chelnd; hier ſind wir an Deinem Schloß. Herr⸗ liche Einfahrt hat Belle⸗Promeſſe! Prachtvolle, ſtolze Baͤume! Sind das die Excellenzen Dei⸗ nes Hofhalts? Wenigſtens geben ſie Schat⸗ ten und Abkuͤhlung! Indem ließen ſich rauhe Toͤne eines fremd⸗ artigen Blaſe⸗Inſtrumentes hoͤren, einer Zinke oder eines Hiefhorns, wie es ſchien. Der Thurmwaͤchter verkuͤndigt unſere An⸗ kunft, ſagte der Freiherr mit wegwerfendem Nachdruck. Dabei ſah er etwas zerſtreut und geſpannt aus, in der Unruhe wahrſcheinlich we⸗ gen des angeordneten Empfangs. Nun erblickte Guſtav uͤber den Kranz eines ſtumpfen Thurms heruͤbergebeugt den wunderlich gekleideten Schelm von Thurmwaͤchter, der mit aller Anſtrengung 8* die allergraͤßlichſten Toͤne aus einem gekruͤmm⸗ ten Horn herauszubringen arbeitete. Vor der Treppe des Hauſes empfing die Ankommenden ein Geiſtlicher in ſchwarzem Talar mit Sammetkaͤppchen. Es war Niemand an⸗ ders, als Doctor Scherf, der aber, wenngleich als Weltgeiſtlicher gekleidet, doch Pater Joſeph, Jabwechſelnd auch Kaplan, genannt wurde. Un⸗ ter dem geluͤpften Kaͤppchen war jetzt die lockige Reiſeperuͤcke von einer nicht unanſehnlichen Glatze wieder weggenommen. Der Pater hielt, als ob er eben in ſeinen Stundengebeten unterbrochen worden, Brevier und ein kleines ſilbernes Kru⸗ zifir in Haͤnden, mit welchem er, wie mit einem Hofmarſchallſtabe, den Ab⸗ und Ausgeſtiegenen voran, die breite Treppe beſchritt. Anton fuͤhrte die Baronin Alide, Guſtav mit Veronika und der Tochter folgten. An der Eingangsthüre, auf dem Abſatz der Treppe und im kleinen Vor⸗ 173 ſaal ſtanden Bediente in neuen Livréen nach altem Zuſchnitt. Veronika glaubte zu bemerken, daß alle ſehr verdroſſen und einige faſt tuͤckiſch ausſahen. Die Fluͤgelthuͤren gingen auf und in den beiden Seitenfenſtern des großen Geſellſchafts⸗ zimmers erhoben ſich zum Empfang zwei Frauen — eine aͤltere, die ihre Haͤkelarbeit und Brille bei Seite legte, und eine juͤngere, die einen Papagei vom Schooße fallen ließ. Es war die Mutter und die Gemahlin des Freiherrn Anton, die ihrem Beſuch mit großer Artigkeit entgegenkamen. Selbſt der Baron, der doch eben von einer laͤngeren Reiſe zuruͤckkehrte, wurde als Sohn und Gemahl nicht aufmerkſa⸗ mer empfangen. Er vermittelte nach den erſten Begruͤßungen die naͤchſten perſoͤnlichen und Fa⸗ milienverhaͤltniſſe, und ſchob mit Leichtigkeit die 174 Gegenſtaͤnde ein, an die ſich gleich ein lebhaftes Wechſelgeſpraͤch anknuͤpfen ließ. Die Mutter, Witwe eines ehemaligen Hof⸗ marſchalls an einem kleinen Hofe, war eine Dame von wuͤrdevoller Haltung und wohlwol⸗ lendem Ausdrucke; die Baronin Eliſe, Antons Gemahlin, konnte nicht eigentlich ſchoͤn heißen; ſie war aber huͤbſch genug, von angenehmer Fuͤlle der Geſtalt, reinem Teint und einer ge⸗ laſſenen Anmuth in ihren Bewegungen. Man ſah ihr an, daß ſie ſich ausgeſucht und nach der Mode des Tags kleidete. Sie treffen noch andern angenehmen Beſuch bei uns, ſagte die Baronin⸗Mutier. Wir ha⸗ ben Dirs ja geſchrieben, nicht wahr, lieber An⸗ ton, daß der Abbate Placido Aleſſi inzwiſchen eingetroffen iſt. Ja wohl, meine gnaͤdige Mutter, nach Muͤnchen geſchrieben. Mit einer Nichte, nicht wahr? 15 Anna, Graͤfin Bliech, eine beſprochene Schoͤn⸗ heit, antwortete die Mutter. Ihr Vater, der bekannte Graf Bliech, hatte nach ſeinem Ueber⸗ tritte zu unſerer Kirche, ich glaube im Jahre 1819, in Rom die Schweſter des Abbate gehei⸗ rathet. Er iſt vor einigen Jahren geſtorben, und die Schweſter mit der Tochter leben beim Abbate. Er reiſt jetzt— Ich weiß, theure Mutter, in Geſchaͤften an einigen Hoͤfen, fiel Anton ein. So? erwiderte ſie befremdet. Er ſagte mir aber, lieber Anton, er reiſe, die deutſche Philo⸗ ſophie kennen zu lernen, die er als Mitarbeiter an mehren italieniſchen Zeitſchriften in ihrer ketzeriſchen und unglaͤubigen Richtung zu bekaͤm⸗ pfen gedaͤchte. Auch das, gute Mutter. Wir wollen nicht daran zweifeln, erwiderte der Freiherr und lenkte das Geſpraͤch auf ſeine Geſchaͤfte in Baiern. Er ſchien ſehr befriedigt und verſprach auf Ge⸗ legenheit manche allgemeine, auch fuͤr Guſtav intereſſante Mittheilungen. Aber Eins haſt Du mir ganz vergeſſen, lie⸗ ber Sohn: ein Paar von den geſegneten Me⸗ daillen der unbefleckten— So? hat es Pater Joſeph vergeſſen? fiel Anton verlegen ein. Ja. Es iſt ſehr unrecht von ihm, eiferte ſie, da er doch weiß, wie ſehr ſich unſere kraͤnk⸗ liche Liſette, unſeres Kutſchers Tochter, bekom⸗ men hat, ſeit ſie eine von ihm auf der Bruſt traͤgt. Das Geſpraͤch wurde von dem Abbate und ſeiner Nichte unterbrochen, die von ihrem Mor⸗ gengang zuruͤckkehrten und ſich dem angekom⸗ menen Hausherrn vorſtellten. Eine doppelt an⸗ ziehende Erſcheinung; der Abbate ein ſtattlicher Praͤlat in weltlicher Tracht, ein Vierziger, hei⸗ teren Ausſehens, feiner Manieren, und die Graͤ⸗ fin eine Blondine von hoher Geſtalt und auf⸗ —C—;—⸗;—;O—O—O⸗OCO———— ———ͦ—ÿ—x—ꝛ—ꝛ— fallender Schoͤnheit. Doch zeichnete ſich der Kopf weniger durch regelmaͤßige Formen, als durch einnehmende Zuͤge und zarte Farben aus. Sie hatte das herrlichſte Haar. Solche Zoͤpfe wa⸗ ren vielleicht kein zweites Mal zu finden, der Staͤrke und des eigenthuͤmlichen Schimmers we⸗ gen. Nur die großen blauen Augen traten ein wenig zu ſtark hervor, zu eroberungsſuͤchtig, haͤtte man ſagen moͤgen, denn dieſer Ausdruck lag in ihrem Blicke. Als ihr die Baronin Schleifras vorgeſtellt wurde, uͤberflog ein Roſen⸗ hauch das etwas blaͤßliche Angeſicht der Graͤfin. Ihr Auge ſuchte unwillkuͤrlich den Mann einer ſo ſchoͤnen Frau und verweilte mit einem pruͤ⸗ fenden Laͤcheln auf dieſer edeln, ritterlichen Geſtalt. Dieſer Blick hatte fuͤr Veronika etwas Er⸗ ſchreckendes. Ueberhaupt empfand die Freundin ſeit ihrem Eintritt in dieſes Haus eine wunder⸗ liche Befangenheit. Seitdem ſie den Doctor 8 8**½ 5 178 Scherf in den Pater Joſeph verwandelt geſehen, konnte ſie ſich eines Mistrauens nicht erwehren, das leiſe nach Allem taſtete. Hinter dieſem Empfang, hinter dieſen Freundlichkeiten, hinter Allem ſchien ihr eine Abſicht verſteckt, und da ſie ſolche nicht errathen konnte, ward ſie zum Beobachten getrieben, das ihrem ſonſt unbefan⸗ genen Weſen fremd und ihrer Haltung nicht vortheilhaft war. Schon das eigenthuͤmliche Licht und die Ein⸗ richtung des Geſellſchaftszimmers befremdeten, ehe man ſich daran gewoͤhnt hatte. Das mitt⸗ lere Fenſter mit einem Erkeraustritte wurde durch gruͤne und bluͤhende Gewaͤchſe verduͤſtert, und beide Seitenfenſter gaben durch gemalte Scheiben ein buntes Licht. Dazu die Aus⸗ ſchmuͤckung des etwas alterthuͤmlich gebauten Saals im Roccoco⸗Geſchmack, kurzbeinige Seſſel mit hohen Ruͤcklehnen und gewirktem Beſchlag, eingelegte Tiſche mit geſchweiften Beinen, ————ꝛ—ꝛ—y 179 Schraͤnke auf gedrechſelten Fuͤßen, oder ſchwe⸗ bende Eckſchraͤnkchen mit Schnitzwerk und ver⸗ goldeten Leiſten, fremdartiges Porzellan und Silbergeraͤth, Porzellanfiguͤrchen und Schmuck⸗ ſaͤchelchen in uͤberladener Zuſammenſtellung auf den hoͤhern und niedern Moͤbeln. Baron Schleifras liebte dieſen Geſchmack unſerer ſo viel⸗ fach ruͤckwaͤrts greifenden Zeit nicht und ließ dieſe Sachen gegen die Vorliebe ſeiner Gemahlin bei ſich nicht aufkommen. Eins fiel noch der Freun⸗ din auf. Der Thuͤre gegenuͤber, die zu einer Reihe von Gemaͤchern fuͤhrte, ſtand naͤmlich in einer thronartig verzierten Niſche auf einer mit Teppich belegten Stufe ein Prunkſeſſel. Wie Veronika nachher erfuhr, war es derjenige, der bei einem Feſt des rheinlaͤndiſchen Adels einer hohen Perſon zum Sitze gedient, und den der Baron Anton in der kurz darauf geſchehe⸗ nen Verſteigerung der Sachen durch die dritte Hand billig an ſich gebracht hatte. Nur bei feierlichen Anlaͤſſen nahm ihn der Baron ein, und niemals auch ohne das aͤngſtliche Gefuͤhl von Wuͤrde, das dem Sitz von deſſen erſter Beſtimmung her noch anzuhaften ſchien. Unter den fremdartigen Mobilien gefiel der Freundin nur ein Buͤcherſchrank von alter, aber geſchmackvoller Form. Durch die mit Schnitz⸗ werk umkleideten Glasſcheiben leuchteten die reichvergoldeten Baͤnde. Die Baronin Anton hatte ſich der Freundin genaͤhrt, und oͤffnete ihr auch den Schrank, indem ſie ihr die Buͤcher zu beliebiger Lectuͤre freiſtelltt. Es war die leichte franzoͤſiſche Literatur des Tages in bruͤſſe⸗ ler Nachdruͤcken. Das iſt Ihre franzoͤſiſche Sammlung, gnaͤdige Frau? bemerkte Veronika. Mein Mann verwahrt die deutſchen Buͤ⸗ cher, erwiderte Baronin Eliſe. Ich liebe dieſe Lectuͤre weniger. Die dann und wann beſpro⸗ chenen Schriften laſſe ich mir aus einer Leih⸗ bibliothek kommen; man kann aber dieſe Buͤcher ——— — 181 nicht ohne Handſchuhe angreifen. Ich finde, liebe Mademoiſelle, daß es eigentlich doch etwas Unſauberes um die deutſchen Schriftſteller iſt. Veronika laͤchelte. Wie? ſagte ſie, traͤfe das harte Urtheil auch ſo elegante Schriftſtellerinnen, gnaͤdige Frau, wie die Graͤfin Bähie Hahn, Frau von Palzow? O, die kauft mir mein Mann, die gehoͤren doch zur guten Geſellſchaft, verſetzte Eliſe. Sie lieben ſie alſo auch? Veronika, der dieſe Frage, nach der voraus⸗ gegangenen Bemerkung, empfindlich war, uͤber⸗ eilte ſich, zu ſagen: Nun ja, gnaͤdige Frau, man muß doch die gute Geſellſchaft wenigſtens kennen lernen, wenn man ihr auch nicht zugezaͤhlt wird. Sonſt leſe ich aber mehr buͤrgerliche Schriften, und habe uͤberhaupt gefunden, gnaͤdige Frau, daß doch die deutſchen Schriftſteller, die man ſelbſt beſitzt, ſich ausnahmsweiſe ſauberer halten, als die andern. 182 Nun ja, keine Regel ohne Ausnahme! Aber hoͤren Sie, meine Liebe! Die Baronin Eliſe ging uͤber die kleine Plumpheit Veronika's mit aller Feinheit ihrer Abſicht hinweg. Sie fuͤhrte ſie zu einem trau⸗ lichen Sitz bei Seite und nahm jenen eigen⸗ thuͤmlichen Ton an, in welchem vornehme Leute gegen Untergeordnete ihr ſtolzes Selbſtgefuͤhl mit durchſichtiger Herablaſſung uͤberkleiden. Sie aͤu⸗ ßerte ſich entzuͤckt uͤber die Familie Schleifras und beſonders auch uͤber Angelika.„Das liebe unbefangene Weſen!“ Sie erkundigte ſich nach den Beſitzungen des Barons, nach ſeiner haͤus⸗ lichen Einrichtung, nach der Lebensart und dem Aufwand der Familie. Sie freute ſich uͤber den huͤbſchen Vermoͤgenszuwachs, dem dieſe gluͤckli⸗ chen Erben entgegengingen, und meinte, derſelbe muͤſſe doch wol bedeutend ſein? Und ſo beruͤhrte die Baronin noch andere Angelegenheiten der Familie mit der herzlichſten Theilnahme. Ihre 183 Fragen waren zart, unter Bemerkungen ver⸗ ſteckt, die eine Beſtaͤtigung oder Berichtigung ſuchten. Veronika war in dieſer Umgebung nicht un⸗ befangen genug, um nicht noch vorſichtiger zu antworten, als ſie es ohnehin gethan haͤtte. Daruͤber trat ein neues Paar ein und wurde vorgeſtellt. Es war der Geheimerath von Keib und ſeine Gemahlin. Der Contraſt Beider konnte in ſolcher Geſellſchaft nicht auffallender ſein. Er, ein ſtarker Funfziger, bemuͤhte ſich, die Fuͤlle ſeines Koͤrpers mit puſtender Anſtrengung leicht und vornehm zu bewegen; das hochgeroͤthete Geſicht druͤckte keine Ruhe aus, die kleinen, lebhaft geſcheidten Augen funkelten, wenn er laut, wiewol angenehm ſprach, und ſchwieg er, ſo waren die dicken Lippen beſtaͤndig mit der Zunge beſchaͤftigt. Er war als ehemaliger Leibarzt eines kleinen Fuͤrſten geadelt worden und hatte 184 es ſeinem bedeutenden Vermoͤgen zu danken, daß er, ſo alt und uͤberdies Proteſtant, die bei⸗ nahe dreißig Jahre juͤngere Mathilde, Schweſter des Barons Anton, zur Gemahlin erhielt. Dieſe hatte in ihrem regelmaͤßigen Geſicht, in ihrer einfachen Haltung den Ausdruck alles Edlen. Auffallend an ihr blieb nur, neben ihrem ge⸗ putzten Manne und ihrer modiſchen Schwaͤgerin, der dunkle, nonnenartige Anzug, der hoch her⸗ auf den ſchoͤnen Hals und eine zartgeformte Bruſt bedeckte. Fuͤr Veronika war es eine wohlthuende Erſcheinung, und als die Geheime⸗ raͤthin nach der Unterhaltung mit Alide und An⸗ gelika ſich von den Uebrigen zu ihr zuruͤckzog, fanden ſich Beide durch die Art und den Gehalt des Geſpraͤchs ſehr lebhaft von einander ange⸗ zogen. Durch dieſen Anhalt an eine ſeelenvolle Frau ihres Alters kam die Freundin bald uͤber ihr anfaͤngliches Befremden und Mistrauen hin⸗ 1485 aus und faßte den Troſt, daß ſie doch in einem ſonſt ſo reizenden Aufenthalte nicht ganz verein⸗ ſamen werde. Waͤhrend unſere Ankoͤmmlinge auf den ihnen anwieſenen Zimmern ſich umkleideten, war Pater Joſeph wieder eingetreten, um dem Baron Ver⸗ ſchiedenes leiſe zu berichten. Dieſer machte nun fluͤchtige Mittheilungen uͤber ſeinen Aufenthalt in Baiern. Er bezeigte ſich ſehr zufrieden uͤber die Verhandlungen mit den dortigen Agnaten wegen Errichtung eines Majorats, ging aber, um des Abbate willen, auf andere Gegenſtaͤnde uͤber. Man hatte ihn dort mit Pater Joſeph in die Verbindungen fuͤr die kirchlichen Inter⸗ eſſen Roms blicken laſſen, und er war ganz voll davon. Doch wurde Alles nur leiſe und fluͤch⸗ tig, zum Theil franzoͤſiſch beſprochen, weil man die Ruͤckkehr des Beſuchs erwartete, und des — 186— Gaͤrtners wegen, der ab⸗ und zuging, die Ge⸗ waͤchſe auf dem Balcon zu begießen und zu wechſeln. Es war auch die Rede von einer eigenthuͤmlichen Verbindung zwiſchen den bairi⸗ ſchen Katholiken und den preußiſchen Pietiſten gegen die ſo gefaͤhrlich fuͤr Religion und Staat anwachſende deutſche Forſchung und Preſſe. An dem proteſtantiſchen Pietismus hoffte man den Anziehungspunkt zu finden, um die deutſche Reformation gaͤnzlich aufzuloͤſen oder unter ge⸗ wiſſen Bedingungen in die Kirche aufzunehmen. Man ſieht immer mehr ein, ſagte der Frei⸗ herr, daß ſich die kirchliche Aufgabe unſerer Zeit gar ſeltſam verwickelt, und verhehlt ſich nicht, daß ſo mancher kirchliche Eifer, zumal auch hier am Rhein und in Weſtfalen, nicht aus reiner Froͤmmigkeit, aus neu erwachter Religioſitaͤt her⸗ ruͤhrt, ſondern daß ihn die politiſche Unzufrie⸗ denheit der Gegenwart in den Harniſch gebracht hat, daß die Oppoſition ihn vorſchiebt. Das 183⁷ muß natuͤrlich Beide, Staat und Kirche, hoͤchſt vorſichtig machen, und ſcheint ein eigenes Heil⸗ verfahren zu erfodern. Der aͤußerliche, zwie⸗ ſpaͤltige Religionseifer muß in einen innerlichen, gemeinſamen umgewandelt werden. Dies wird vermittelt, wenn der proteſtantiſche Staat gegen die katholiſche Kirche ſeine fromme Seite heraus⸗ kehrt, damit eine verwandtſchaftliche Anziehung, eine umgeſtaltende Eintracht vermittelt und die Kirche in den Stand geſetzt werde, den unſeligen Auswuchs der Reformation wieder aufzuſaugen. Hoffen wir, daß an dieſer warmen Hand der Mutterkirche der Proteſtantismus als ver⸗ irrter Sohn wieder heruͤbergezogen werde! fiel der Abbate ein. Begreiflich, fuhr Pater Joſeph in ſeiner ſanften, ſalbungsvollen Weiſe fort, der Libera⸗ lismus, wenn auch ſelbſt nicht ſehr glaͤubig, ver⸗ ficht aus Trotz den Glauben, der ihm von Rom aus den Ruͤcken deckt, regt aber damit die pro⸗ iss teſtantiſche Forſchung zu allen Angriffen gegen das Chriſtenthum uͤberhaupt auf. So macht am Ende der kirchliche Eifer ſelbſt eine Breſche, durch welche der Liberalismus mit dem Fußvolke der Conſtitutionellen, mit der Reiterei der Phi⸗ loſophen und mit der Artillerie der Preſſe gegen Thron und Altar einſtuͤrmt. Daher vor Allem, wenigſtens in Deutſch⸗ land, Eintracht der verſchiedenen chriſtlichen Kir⸗ chen! rief der Freiherr. Das heißt der Kirche mit den verſchiedenen Sekten! verbeſſerte Pater Joſeph, mittelſt des Pietismus.* Der Geheimerath von Keib konnte das Wort Pietiſt nicht leiden, weil es meiſt mit einem veraͤchtlichen Nebenbegriffe gebraucht wird, und er ſelbſt dieſer Richtung angehoͤrte. Er ſuchte ein hartes Vergeltungswort und ſagte ſcharf: Alſo— Papiſten wollen mit den Pietiſten in ein Horn blaſen? 189 So iſt es, Herr von Keib! antwortete Pater Joſeph. Das iſt ſo ein geheimer Rath von Gewicht; auch haben ja beide ſchon das große P als eintraͤchtigen Anfangsbuchſtab fuͤr ſich. Sehen Sie! Der Geheimerath, durch dieſe Anſpielung auf ſeinen Titel und ſeine Beleibtheit gereizt, puſtete nach einer Erwiderung. Der Freiherr aber, der die wechſelſeitige Abneigung beider Strei⸗ tenden kannte, fuhr mit der Bemerkung da⸗ zwiſchen: In Rom ſcheint man dieſe Verhaͤltniſſe nicht richtig zu faſſen, ſonſt wuͤrde man in Manchem nicht ſo ſtickel ſein. Nicht richtig zu faſſen? In Rom? rief von Keib. Meinen Sie das ernſtlich, lieber Schwa⸗ ger? Sehen Sie doch einmal Ihre beiden Nach⸗ baren laͤcheln! Der Eine laͤchelt zum Wider⸗ ſpruch, der Andere zum Nachgeben der proteſtan⸗ tiſchen Regierungen gegen Rom; denn dort weiß man Eins wie das Andere zum eignen Vortheil zu wenden. Sehen Sie, widerſetzt man ſich Rom, ſo alloquirt es die Revolution der Voͤl⸗ ker und nimmt, was es will; gibt man ihm nach, ſo benedicirt es die Throne und bittet ſich aus, was es braucht. Das nennt man dann„Concordat“— Werk der Eintraͤchtig⸗ keit oder eigentlich der Beeintraͤchtigung. Ken⸗ nen Sie nicht, lieber Anton, was im bekann⸗ ten Muͤhlenſpiel eine Zwickmuͤhle heißt? Wenn ſich Einer der Spielenden pfiffiger Weiſe ſo ge⸗ ſetzt hat, daß er bei jedem Zuge rechts oder auch links dem Gegner einen Stein wegnimmt. Da haben Sie Rom! Sehen Sie! Der Abbate erhob ſich mit gluͤhendem Blick, Pater Joſeph trat heftig hervor, und die Graͤ⸗ fin Bliech, die dem Wortwechſel laͤchelnd zuge⸗ hoͤrt hatte, faßte den Baron Anton mit dem ſchalkhaften Zuſpruch am Arme: Kommen Sie, lieber Baron, reden Sie von Ihrem fiuͤrſt⸗ lichen Stuhl herab ein rechtes Wort zum Frieden! Anton, bei ſeiner ſchwachen Seite gefaßt, machte ſchon eine nachgiebige Bewegung, als der Baron Schleifras mit ſeiner Familie wieder eintrat. Man blickte einander bedeutſam an und Alles war ſchnell wieder eine Heiterkeit. Ein Fruͤhſtuͤck wurde aufgetragen und die Geſellſchaft ſonderte ſich ſchon mehr nach Ge⸗ ſchmack und Intereſſen. Die beiden Damen vom Hauſe zogen Aliden an ſich. Die junge Baronin muſterte ihren Anzug und fand Alles ſehr neu und geſchmackvoll. Charmantes Kleid, die neuſte Amazonenform! rief ſie entzuͤckt aus. Ich habe ſchon Ihren Hut à la vieille bewun⸗ dert, meine Liebe. Nicht jedem Geſicht ſteht ſo gut, wie Ihnen, dieſe kleine, gerade Kiepenform, kurz und weit im Schirm, mit langen Backen. Der Hutausputz mit einer aus zwei Farben 192 geknuͤpften Feder und eben ſolchen zweierlei Farben in Band iſt ganz neu. Ein anderes Intereſſe wußte die Baronin Mutter anzuknuͤpfen, was ſchon mehr zuruͤckge⸗ zogener geſchah. Die Hofmarſchallin war eine ſehr fromme und eifrige Dame, und kannte die fruͤheren Verhaͤltniſſe ſo wie die Geſinnung Ali⸗ dens durch Pater Joſeph, der ſich auf dem Schiffe laͤnger mit der Baronin unterhalten und ihr Vertrauen gewonnen hatte. Auch war er abſichtlich vorausgeeilt, um die Familie uͤber die ankommenden Gaͤſte und die Intentionen des Barons Anton zu unterrichten. Bald hatte die alte wuͤrdige Dame Aliden ganz eingenommen. Dieſe fuͤhlte ſich heimiſch und heiter, benahm ſich leicht und liebenswuͤrdig. Die Anmuth ihres fruͤhern Weltlebens kam wieder hervor. Gleichſam abgeſtaͤubt von haͤuslichen Aengſtlich⸗ keiten und von religioͤſen Sympathien ange⸗ friſcht, ſchien ſie eine neue Faſſung fuͤr ihre Reize und den werthvollen Schmuck des guten Tons gefunden zu haben. Auch Angelika gefiel ſehr und erfuhr eine faſt befremdende Aufmerkſamkeit. Ihre natuͤr⸗ liche Unbefangenheit nahm ſich unter dieſen vor einander halb verſteckten Menſchen hoͤchſt lie⸗ benswuͤrdig aus. Etwas Herbes an ihrem un⸗ verkennbaren Verſtand und Witz lief unter der Entſchuldigung ihres Alters mit hin. Das Kind erinnerte an jene Art von guten Fruͤchten, die in dem Grade, als ſie einſt ſuͤß werden wollen, vor der Zeitigung ein wenig ſcharf ſchmecken. Dieſe Schaͤrfe erfuhr wenigſtens der alte Ge⸗ heimerath, der gar gern, als ob es ein Kind ſei, mit dem reizenden Geſchoͤpf getaͤndelt haͤtte und einige Mal mit ſeiner taͤtſchelnden Hand kommen wollte. Am lebhafteſten in der Unter⸗ haltung ließ ſich die Graͤfin Anna mit dem Ba⸗ ron Guſtav aus. So durfte man wol ſagen, Veronika. I. 9 da ihre Art allerdings ein wenig ausgelaſſen heißen konnte. Bald verſchaͤmt, bald neckend, bald laut lachend, bald heimlich fluͤſternd gab ſie ſich faſt ausſchließend mit dem Baron ab. Nie⸗ mand ſchien es zu beachten, außer Veronika, die mit Leid zu bemerken glaubte, daß dies Benehmen den Baron angenehm beſchaͤftigte. Es ſcheint eine ſehr muntere Dame, die Graͤ⸗ fin Bliech! ſagte ſie leiſe und mit angenomme⸗ nem Laͤcheln zur Geheimeraͤthin von Keib, die ſich zu ihr geſetzt hatte. Dieſe konnte, ſo vorſichtig ſie noch gegen die fremde Gouvernante war, doch ihre Abnei⸗ gung gegen die Graͤfin nicht ganz verbergen. Das faͤllt Ihnen auf, meine Liebe, ſagte ſie ſanft und laͤchelnd; wir ſind ſchon eher dar⸗ an gewoͤhnt. Die Graͤfin war uns voraus da⸗ fuͤr bekannt, daß ſie nicht gern ohne die Hul⸗ digung der Maͤnner bleibt, die in ihre Naͤhe kommen. Der Neueſte erfaͤhrt ihre Anziehung natuͤrlich am lebhafteſten und Herr von Schlei⸗ fras ſcheint ſich auch ein wenig ſchwer zu ma⸗ chen. Der boͤſe Mann noͤthigt die arme Graͤfin zu einiger Anſtrengung. 3 Aber dies Benehmen ſtimmt doch gar nicht zum Ton des Hauſes? bemerkte Veronika. Nein, nicht ſehr! fuhr die Geheimeraͤthin fort. Die Graͤfin liebt es, ausgezeichnet zu ſein. Ich habe mir ihr wunderliches Weſen zu begrei⸗ fen geſucht; man hat ja hier uͤberfluͤſſige Zeit zu dergleichen Raͤthſeln; allein, ich geſtehe Ih⸗ nen, meine Liebe, ganz klar kann ich nicht uͤber ſie werden. Sie iſt ſehr geiſtreich, das muß man ihr laſſen; weniger kann man ſie vielleicht unterrichtet nennen. Ihr Naturell iſt aber nicht durch Erziehung beherrſcht. Vielleicht lebt man in Italien mehr geradezu; auch hat ſie viel in Naͤnnergeſellſchaft verkehrt und— zieht auch dieſe Geſellſchaft vor. Wer weiß, was ſonſt noch auf ihren Geſchmack eingewirkt hat. Ich 9* moͤchte ſagen— ſie fuͤhrt die gute Lebensart mehr in der Taſche mit ſich, als im Gebrauch. Sie kann ſehr fein ſein und ſich auch wieder entſetz⸗ lich vergeſſen. An der Mittagstafel ſaß unſer Freund Gu⸗ ſtav der Graͤfin gegenuͤber. Sie ſchien in ihrer liebenswuͤrdigen Art unerſchoͤpflich zu ſein. Wenn ſie ſich maͤßigte, war ſie hinreißend. In klei⸗ nen Schalkheiten, in kindiſchen Spaͤßchen konnte ſie wirklich geiſtreich heißen. Das Unbedeutende gewann durch ihre kecke Anmuth, wenn auch keine Bedeutung, doch einen Reiz. Sie wen⸗ dete ſich auch jetzt wieder faſt ausſchließend an Baron Guſtav und unter den Frauen war ſie nur gegen Alide noch aufmerkſam. Der Freund ſchien manchmal zu zweifeln, ob er dieſe Gunſt der Graͤfin blos ſeiner Neuheit oder ſeiner Per⸗ ſoͤnlichkeit zu danken habe. Er war geneigt, 49, das Letztere zu glauben. Sein ſo lange zuruͤck⸗ gezogenes Leben hatte ihn fuͤr die Koketterien der Geſellſchaft ein wenig zu reizbar und ehrlich werden laſſen. Ja er war ſelbſt zu ſchwerfaͤllig geworden, um dieſen Spielen entweder einen Vortheil abzugewinnen oder ein Schnippchen zu ſchlagen. Die Blicke, die Bemerkungen, die Fragen der Graͤfin waren immer an ihn gerichtet. Dies regte ihn auf, lebhafter zu trin⸗ ken, und ſo gab es eine zweite Aufregung dazu. Auch die Graͤfin wurde mehr und mehr hinge⸗ riſſen. Sie ließ ſich beim Deſſert das wieder⸗ holt gefuͤllte Champagnerglas gefallen, ſah den aufſteigenden Perlchen zu und ſagte: Hoͤren Sie einen Vorſchlag! Die heidniſchen Prieſter haben aus dem Freſſen ihrer heiligen Voͤgel prophezeit; ich moͤchte vorſchlagen, aus dem perlenden Champagnerglaſe Liebesweiſſagun⸗ gen zu ſchoͤpfen. Waͤre das wol zu aberglaͤubig fuͤr unſern modernen Geſchmack? Wenn nun auch nichts dabei herauskaͤme, als der Cham⸗ pagner ſelbſt! Es gaͤbe ein artiges Spiel. Der Fragende muͤßte die warme Hand um das Sten⸗ gelglas legen und ſo den perlenden Wein in Sympathie mit dem pulſirenden Herzen bringen. Sagen Sie mir, Herr Baron Guſtav, welche Aehnlichkeit hat ein Mann mit einem Cham⸗ pagnerglaſe? Wenns Glaͤſer, wie dieſe ſind— den hohen, ſchlanken Bau! antwortete er, und ſie verſetzte laͤchelnd und raſch: Das trifft bei einigen Maͤnnern allerdings zu. Ei, meine ſchoͤne Graͤfin, fiel der Geheime⸗ rath ein, bei Manchen trifft ſichs auch, daß ſie mit den Glaͤſern einen offenen Kopf gemein haben. Richtig! oder daß es Sprudelkoͤpfe ſind und daß Andere auch nur eiteln Schaum ab⸗ ſetzen, erwiderte ſie. Aber ich meine es doch anders. Wills Niemand errathen? Sehen Sie— und dabei hob ſie die zarte weiße Hand zum Schlag uͤber dem halbleeren Glas auf— ſo tief aus der unterſten Spitze des Herzens herauf kommen bei Maͤnnern ſelten die Gefuͤhle. Wenn nun der erſte Liebesrauſch aus⸗ geperlt hat, voruͤbergeſchaͤumt iſt, und man trifft ſie ſo recht auf den Kopf, daß die Gedanken oder die Troͤpfchen ſich noch einmal verwirren, ſo kann man— einen Ring in die Hand be— kommen. Nicht wahr? Sie ſchlug hart auf die Oeffnung des Kel⸗ ches, wies ihre inwendige Hand auf, faßte dann das Glas mit derſelben und ſagte: Dann, ſehen Sie, ſteigt ein neuer Sprudel auf. Aber nun iſt es auch Zeit, ſie nicht laͤnger ſtehen und warten zu laſſen, ſondern ſie raſch an die Lippen zu bringen. Sdiie reichte anmuthig hinuͤber, mit dem Ba⸗ ron anzuſtoßen und leerte dann ihr Glas. Die kurzen Pauſen ihrer Einfaͤlle und Ge⸗ dankenſpruͤnge ergriff der Baron Anton, um 200 Geſundheiten auszubringen, denen er laͤngere Reden vorrausſchickte. Man kannte ſchon dieſe Schwaͤche an ihm, daß er jeden Anlaß wahrnahm, ſich ſprechend hoͤren zu laſſen. Er und die Graͤfin machten die Tafel ſehr unruhig. Alle die wechſelnden Launen zu den wech⸗ ſelnden Weinen ſteigerten die Stimmung des Barons Guſtav. Das Auge des Malers, das erſt an den ſeltnen Farben der Blondine ſich ergoͤtzt hatte, gluͤhte bald von anderen Empfin⸗ dungen. Im Garten, wo man den Kaffee nahm, ging die Graͤfin wirklich zur Ausgelaſſenheit uͤber. Sie machte aus ihrem feinen Spitzen⸗ Taſchentuch ein Puͤppchen mit zwei Armen und einer Schleppe und wußte es ſo geſchickt zu handhaben, daß die eigenthuͤmlichen Bewegungen der Baronin Anton nicht zu verkennen waren. Man laͤchelte verſtohlen und verlegen. Gluͤckli⸗ cherweiſe bemerkte es die Baronin ſelbſt nicht, 1 204 weil ſie ſich eben mit Aliden ſehr angelegentlich uͤber die neuſten Stoffe und Moden aà la vieille und à la Marie Antoinette beſprach. Auch die muthwillige Gabe war der Graͤfin eigen, be⸗ kannte Perſonen in Ton und Geberde nachah⸗ mend darzuſtellen. Und hierin vergaß ſie ſich am leichteſten. Vor dem Geheimerath hatte ſie eine gewiſſe Scheu und wich ihm aus, wenn er ſich ihr naͤherte. Der unruhig-unbeholfene dicke Herr hatte etwas in ſeiner Erſcheinung und noch mehr in ſeinem vorlauten Benehmen, was auf unangenehme Weiſe reizte. Guſtav konnte nicht laſſen, ihn immer wieder anzuſehen, ſo daß es dem Alten endlich ſelbſt auffiel. Warum ſehen Sie mich nur immer ſo verſtohlen an, Herr von Schleifras? fragte er. Gewiß hat Ihnen der anmuthige Schalk von Graͤfin vorhin zugefluͤ⸗ ſtert, der Schlag habe mich geruͤhrt. Aber, wiſſen Sie, das iſt nur ein Wortſpaͤßchen, be⸗ ſter Baron. Die Graͤfin iſt bewundernswerth 202 in ihrer Ausdauer fuͤr einen alten Spaß und macht ſo einigermaßen ihren Wankelſinn fuͤr alte Freunde wieder gut. Hoͤren Sie, ich erzaͤhle Ihnen, was es iſt. Die Graͤfin lachte um ſo lauter daruͤber, daß er das Geſchichtchen doch wieder erzaͤhlte, als die Gemahlin des Geheimeraths eben darum ſich betruͤbt und verdrießlich mit Veronika in den Garten entfernte. Sehen Sie, erzaͤhlte der Alte, wie ich noch am Hof und Leibarzt war, bekamen Se. Durch⸗ laucht einmal in der Nacht heftige Unterleibs⸗ kraͤmpfe ſehr ſchmerzlicher Art. Ich werde aus dem Schlaf gerufen, will dem hohen Patienten den Puls fuͤhlen und bekomme in demſelben Augenblick von durchlauchtigſter Hand einen der⸗ ben Schlag, es gilt gleichviel wohin. Im zwei⸗ ten Moment aber blickt mich der Fuͤrſt ſo huld⸗ voll, ſo wie um Verzeihung bittend an, daß es mich zu Thraͤnen ruͤhrt. Wie nun der Krampf meinem unterthaͤnigen Lavement zu weichen an⸗ faͤngt, fragen mich Durchlaucht, ob mich der Schlag beleidigt habe? O mein gnaͤdigſter Herr, rufe ich, nein! nein! Geruͤhrt hat er mich. Geruͤhrt? Der Schlag hat Sie geruͤhrt? erwidert der geiſtvolle Fuͤrſt, und koͤmmt in ſo erſchuͤtterndes Lachen, daß die erwuͤnſchteſte Er⸗ leichterung daruͤber eintritt und Durchlaucht voͤllig hergeſtellt ſind. Sehen Sie, das iſt es! Und ſeitdem mich nun, einige Tage, nachdem ich dieſe wunderbare Regentenbegebenheit erzaͤhlt hatte, hier im Garten ein Schwindel zu Boden warf, bringt der Schalk von allerliebſter Com⸗ teſſe das Hiſtoͤrchen immer wieder in Anwen⸗ dung. Aber wiſſen Sie, lieber Baron, daß es zweierlei Schwindel gibt? Aus dem Magen und aus dem Blut. Jener hat nichts zu ſagen, dieſer kann gefaͤhrlich werden. Mein Schwin⸗ del koͤmmt aus dem Magen. Ddeer letzte Zuſatz machte die Graͤfin aufs 204 neue lachen und da im ſelben Augenblick der Geheimerath auf ſie zukam, ſtand ſie raſch auf, bot dem Baron Guſtav den Arm und ſagte: Kommen Sie, ich will Ihnen die claſſiſche Stelle zeigen, wo der Geheimerath ſeinen Magenſchwin⸗ del gehabt hat. Kaum hinter das naͤchſte Gebuͤſch gekommen, ſagte ſie ſehr laut: Retten Sie mich von dieſem Menſchen, lieb⸗ ſter Baron! Dieſer Geheimerath ſetzt mich in Verzweiflung. Immer draͤngt er ſich an mich und ich habe getraͤumt, daß ihn der Schlag an meiner Seite getroffen. Dazu nun ſeine Frau, die bis an die Kehle in den dunkeln Kleidern ſteckt und die Hoheit der Ergebung ſpielt! Und wieder die Baronin Eliſe, die immer in den neueſten Moden ihre alte Albernheit an den Tag legt! Und wieder der Baron Anton, der uns noch todtſprechen wird, um uns eine Leichenrede zu halten! Iſt es nicht zum Verzweifeln? 20⁵ Wahrlich, mein Freund, Sie ſind mit den lie⸗ benswuͤrdigen Ihrigen wie rettende Engel ge⸗ kommen. Ich laſſe Sie auch nicht wieder fort. Sagen Sie mir nur, wo haben Sie Ihre wun⸗ dervoll ſchoͤne Frau gefunden? Am Geſtade der Schelde, ſchoͤne Graͤfin, bei hoher Flut. Ach ja, Flandern, Brabant! rief Graͤfin Anna begeiſtert. Welche ſchoͤnen und frommen Provinzen! Wir kommen eben daher. Ja, eine Katholikin mußte ſie ſein, das ſah ich ihr an; es iſt eine Waͤrme, ein Ton, eine Tiefe in die⸗ ſen Formen, wie man es bei keiner Proteſtantin findet. So'was Hinreißendes, Verfuͤhreriſches fin⸗ det man an Katholikinnen! erwiderte der Ba⸗ ron, indem er mit feurigem Blick ihre Hand kuͤßte. Sie ſah ihn ruhig, durchdringend an und verſetzte, wie aus einer Ueberlegung erwachend, mit ernſthafter Miene: u 206 Sagen Sie mir keine Schmeicheleien, Ba— ron! Ich geſtehe Ihnen, ich bin ſchwach dafuͤr und habe dieſe Schwaͤche verſchworen. Von Ihnen— koͤnnten Sie mich irre machen, denn — Sie ſind kein Geck, Sie ſind ein Mann. Und doch— ich traue Ihnen eigentlich nicht! Das iſt mir lieb, Graͤfin, rief er, vom ge⸗ noſſenen Wein aufgeregt. Wenn Sie mir nicht trauen, ſo kann ich ohne Verantwortung auf Ihr ſchwaches Herz immer drauf los wagen; denn— ich traue Ihnen deſto mehr, meine be⸗ zaubernde Anna, obſchon ein rechtſchaffener Chriſt 4 ſich von Zauberinnen weglaſſen ſoll. Worin trauen Sie mir, Baron? fragte ſie haſtig. Im Lieben, ſchoͤne Graͤfin, daß Sie ein Herz haben, zu lieben, daß Sie gemacht ſind zu begluͤcken. Ich vertraue, daß Sie hingebend ſind nach dem Maß Ihres Reichthums, beſeli⸗ gend in der ganzen Tiefe Ihrer Liebenswuͤrdig⸗ keit. Ihre hinreißenden Gaben— 4 . a. 207 O ſtill, lieber Baron! Berufen Sie mein Ungluͤck nicht! Was Sie meine Gaben nennen, ſind meinte Tyrannen, ich kann ſie nicht beherr⸗ ſchen 1 ſie ſpielen mit mir, ſie ſpielen mir uͤbel mit und ſtellen mich in falſches Licht vor der Societaͤt, die heute ſo albern iſt. Ich weiß es. Und urtheilen Sie nicht eben ſelbſt darnach? Sogar Sie, ein Mann von Geiſt und Bildung? Wie? Ich haͤtte dieſe Gaben, um anziehend zu ſein fuͤr jeden Gimpel, fuͤr jeden Fant, fuͤr Gecken und Thoren? Bin ich eine Blume, um von allem Ungeziefer und Geſchmeiß angeflogen zu werden? Ich ſoll den Goldkaͤfer um meine Wurzel, die Raupe an meinem Stengel dulden, Schmetterlinge und wilde Hummeln um meine Blumenblaͤtter gaukeln laſſen, blos weil ich das Alles habe? O lieber Baron! Aber ſehen Sie, das iſt die Ungerechtigkeit aller Maͤnner. O ich kenne euch! Begluͤcken? Was nennt ihr Gluͤck in der Liebe? Wenn ihr eure Naͤgel, eure Zaͤhne in die glatte glaͤnzende Schale eines gleichviel ob an Seele armen oder reichen weib⸗ lichen Weſens ſetzen dürft; das wollt ihr, Hoͤ⸗ heres vertragt ihr nicht und wendet euch angſt⸗ voll oder verdrießlich hinweg, wenn euern Naͤ⸗ geln ein Troͤpfchen Liebeleids nachthraͤnt, oder eure Zaͤhne von der Gemeinheit ſtumpf ſind. Geht mir mit eurem Lieben! Ganz recht, ſchoͤne Anna! Fort mit Allen, die zu dieſer Sorte gehoͤren! Dann bleibe ich vielleicht allein zuruͤck, um Ihnen zu ſagen, daß ich viel hoͤhere Begriffe vom Lieben und Begluͤcken habe, gerade weil ich mit Ihnen davon rede, und daß ich nur von der Herrlichkeit Ihrer Reize und Gaben, nicht aber von Denen ge⸗ ſprochen habe, die einer Gunſt derſelben un⸗ werth ſind. Ja, mein Freund, die Liebe kann nicht hoch und frei genug geſucht werden, fuhr die Graͤfin in einer andern Wendung fort. Laſſen Sie . 4 209 mich Ihnen bekennen, daß ich weiß, ich will ſagen, daß ich uͤber Liebe, uͤber dieſe Seele alles Lebens, uͤber dieſen unſern hohen Beruf viel gedacht und getraͤumt habe; allein mir ſcheint es uͤber unſer Geſchlecht mehr, als uͤber das Ihrige verhaͤngt zu ſein, zu lieben und zu irren. Viele meiner Schweſtern ſind troſtlos daruͤber; ich finde das Hoͤhere darin, denn wir ſind auch wieder die Huͤterinnen und Prieſterinnen der hoͤchſten und freieſten Liebe. Es iſt mir eigen begegnet, lieber Baron. Mein Oheim reiſt, um die Nichtigkeiten eurer Philoſophie kennen zu lernen und deſto mehr die Wahrheit unſerer hei⸗ ligen Kirche zu verherrlichen. Ich mußte ihn begleiten und waͤhrend er reichlich zu lachen bekoͤmmt uͤber die aufgeblaſenen Combinationen eurer Philoſophen, die vergebens die einfachen und ewigen Saͤtze unſerer heiligen Kirche zu erſetzen meinen, oder zu bekaͤmpfen wagen, muß ich ſchmerzlich innewerden, daß ich meinerſeits 210 ebenſo die Irrungen der Liebe zu erfahren, im Leben zu beobachten berufen ſcheine. Ich bin nie ſo glaͤubige Katholikin geweſen, als ſeitdem ich den niedern und unbeſtaͤndigen Flug der Maͤnner kennen gelernt habe. O dieſe— Nacht⸗ eulen! Himmliſche Anna! rief mit ſchalkhaftem Laͤ⸗ cheln der Baron. Sie ſehen, ich bin ein Ad⸗ ler und fliege bei Tag, allein ich will die An⸗ dern nicht rechtfertigen; laſſen Sie mich lieber Ihr unerſchoͤpflichs Herz bewundern, das es dennoch immer wieder mit der Liebe verſucht zu haben ſcheint. Es iſt nicht immer Wankelmuth der Maͤnner, ſchoͤne Anna, wie oft mag es Furcht, Muthloſigkeit geweſen ſein! Sie fliehen vor der verſchlingenden Tiefe Ihres Herzens, Sie retten ſich, um nicht verzehrt zu werden von der Glut Ihrer Seele. Vexzehrt! Ja das iſt das rechte Wort! erwiderte ſie lebhaft. Alles Gemeine im Men⸗ 211 ſchen muß durch die Liebe getilgt werden. Auf⸗ lodern muͤſſen zwei Herzen in einander, ihr Weſen muß ſich umwandeln, wie Fluͤſſiges in der Glut aufdampft und ein Hoͤheres wird, maͤchtig genug, um alle Bande zu brechen, die es umſchließen wollen. Ich rede naͤmlich von jener freien Liebe, die auch untergeordnete Ver⸗ bindungen verlaſſen mag, um in dem hoͤheren Element ihr neues Recht zu finden, ihr Gluͤck zu feiern. Und doch— wie komme ich eben mit Ihnen davon zu reden? Nun? und warum denn nicht mit mir? fragte der Freund befremdet. Worauf die Graͤ⸗ fin mit der Miene geheimnißvoller Befangenheit erwiderte: Ei, lieber Baron! Ich rede als Katholikin, wir koͤnnten uns bei deutlichen Worten doch misverſtehen. Schwerlich wiſſen Sie, was ich unter jener hohen, freien Liebe verſtehe. Zwar Ihre liebe Frau iſt Katholikin: Wie, lieber 2* Baron, waͤren Sie vielleicht eingeweiht? Im Vertrauen, mein Freund! Geben Sie mir ein Zeichen! Die Graͤfin reichte ihre Hand hin, als ob ſie das geheime Zeichen eines Bundesbruders annehmen wolle. Ihr ſchelmiſcher Blick ſah aber mehr neckend, als erwartend aus. Der Baron faßte verlegen und kuͤßte die dargebotene Hand, indem er verwundert ſagte: Eingeweiht, beſte Graͤfin? O ich bitte, er⸗ klaͤren Sie ſich! Wiſſen Sie wirklich nichts von dem Bunde der Edeln, Freien in unſerer Kirche? Doch nein! Ich ſehe Ihnen ſchon an, Sie ſind Fremdling. Alſo, wie wollen Sie mich verſte⸗ hen, da Sie nicht Katholik ſind? Ha, hal lachte der Baron wegwerfend. Sie reden von einer hohen, freien Liebe, die doch das Kirchenbekenntniß ſchon beengen kann? Das wird wol ein Bund der Kraͤnklichen ſein, die 218 an den widerwaͤrtigen Aengſten und Abſichten unſeres Jahrzehents laboriren. Ei, meine ſchoͤne Graͤfin, da bin ich ja doch als Proteſtant freier in den buͤrgerlichen Verhaͤltniſſen, die einer ho⸗ hen Liebe— im Wege ſein koͤnnten! O lieber Freund, wie irren Sie darin! rief die Graͤfin aus. Liebe als Liebe mag uͤberall frei ſein; allein ich rede von dem freien Element, in welchem ſie allein froh werden kann. Doch wir verſtehen uns nicht, und es iſt nicht der Ort, nicht der Augenblick, Ihnen zu erklaͤren, wel⸗ chen freien, edeln Bund ich eben im Sinne hatte. Nur reden Sie mir nicht von der Freiheit Ihres Proteſtantismus! Moral habt ihr, Pflichten, ſoll ich ſagen, Spaliere, an denen ihr zwergig fuͤr gutes Zwergobſt chriſtlichen Lebens erzogen werdet. Was bliebe euch noch Hebendes, Er⸗ habenes? Die Schwingen zum Flug gehen euch ab, der Athem fuͤr hoͤhere Luͤfte geht euch aus. Doch, das fuͤhrt zu weit. Ich moͤchte mich ge⸗ 214 rade mit Ihnen, lieber Baron, einmal recht vertraulich daruͤber ausſprechen, in einer guten einſamen Stunde. Indeß— Ihr haͤusliches Gluͤck, Ihre Verhaͤltniſſe beſchraͤnken Sie viel⸗ leicht fuͤr gewiſſe Weihen und Verbruͤderungen. Und wenn Sie ſich in ſolchen Verhaͤltniſſen gluͤck⸗ lich fuͤhlen, ſo muͤſſen ſie uns heilig ſein! Was kann der Menſch Hoͤheres verlangen auf Erden, als ſeine Zufriedenheit? Moͤgen Sie nur immer recht gluͤcklich bleiben, lieber Schleifras! Sie ſind mir in den wenigen Augenblicken ſo werth geworden, daß ich Ihnen das Beſte, das Sel⸗ tenſte gegoͤnnt haͤtte. Ich weiß nicht, was es iſt, aber Sie ſehen mir nach Etwas aus, was mir lange an Maͤnnern, zumal an deutſchen, nicht begegnet iſt. Dazu fanden wir uns ſo unerwartet in einer traulichen, friedlichen Bucht des großen Lebens, daß es mir wie ein Ver⸗ haͤngniß, wie eine hoͤhere Fuͤgung vorkam und ich mich hingab, wie es Ihnen vielleicht befrem⸗ 215 dend iſt. Indeß— Sie ſind ein edler Mann! Sie misdeuten mich nicht. Dieſe vertraulichen Augenblicke bleiben uns doch werth, auch wenn wir, Eins vom Andern angezogen, uns beim Scheiden nur das laͤchelnde, leere Nachſehen zu ſchenken haben. Aber— wir muͤſſen zur Ge⸗ ſellſchaft zuruͤckkehren! Kommen Sie! Sie erhob ſich von der Bank im ſtillen Buſchgeheg; der Baron faßte ihre Hand und noͤthigte ſie zum Sitze. Es entſtand ein leichtes Ringen, ein Draͤngen und Ausweichen, woruͤber die Zoͤpfe der Graͤfin an einer wilden Ranke des Buſchwerks aufgingen. Einen Augenblick ſtand ſie laͤchelnd in dem tief herabhaͤngenden, wunderſamen Schmucke da und ſetzte ſich dann, ihn wieder aufzurollen. Der Freund war im ſeltſamſten Zuſtande. Der verwegene Uebermuth des Weins, der ihn ſo weit getragen, hatte unter ſo geheimnißvoller Verhandlung ſchon nach⸗ gelaſſen, und aͤngſtliche, verlegene Empfindun⸗ gen meldeten ſich an. Er mochte ſich nicht ge⸗ ſtehen, welche frevelhafte Regungen ihn eigent⸗ lich zur reizenden Graͤfin getrieben hatten, und nun wollte etwas ſo Ernſtes und Tiefes daraus entſpringen. Aber auch dieſes aͤngſtigte ihn ebenſo ſehr, als es ihn lockte. Ein ſeelenvolles Vertrauen konnte er zu dem ſeltſam ſchillernden Weſen nicht faſſen und doch verließ ihn eben⸗ ſo wenig ein heißes Verlangen nach dem rei⸗ zenden Geſchoͤpf, ein neugieriges nach ihren Geheimniſſen. 1 Anna beobachtete ihn unter Laͤcheln und Liebaͤugeln. Und wie ſie dem Baron zum Wei⸗ tergehen bereit fand, blieb ſie doch wieder, in⸗ dem ſie ſagte: Alſo in dem Grade vereinſamt man in eurer Heimat, daß ihr nicht einmal die großen Bewegungen der Zeit wahrnehmt, die als Buͤßerin zu Sanct Peters⸗Dom zuruͤck⸗ kehrt? Leſet ihr denn nicht einmal, daß ſogar das uͤppige England wieder katholiſch wird? 4 217 Und das heben Sie ſo hervor, darauf legen Sie ſolchen Werth, Graͤfin? erwiderte er. Neu⸗ lich aͤußerte daruͤber— Er wollte Veronika nennen, ward aber bei dieſer Erinnerung an die Freundin ſo betroffen, daß er ausweichend ſagte: Eine ſeelenvolle Dame meinte letzt, es muͤſſe fuͤr die Kirche doch ſehr verdrießlich ſein, daß der engliſche Spleen ſich jetzt aufs Katholiſchwerden geworfen habe. Sonſt haͤtten ſich dieſe Milzſuͤchtigen erſchoſſen, oder waͤren in die Themſe geſprungen; jetzt wuͤr⸗ den ſie katholiſch. 3 Die Graͤfin laͤchelte mitleidig. Das wird wol auch Ihre witzige Anſicht ſein, lieber Freund, ſagte ſie. Davon ein anderes Mal, wenn Sie wollen. Ihr Proteſtanten kennt nur die Proſa, die Huͤlſe unſerer Religion. Ihr ſeht die immer wiederkehrenden Gebraͤuche, kennt die ſtrengen Satzungen, die gemeſſenen Buß⸗ und Betanordnungen und dergleichen. Das Veronika. I. 10 2* beengt und beaͤngſtigt euch; das ſcheint euch Außenwerk, Mechanismus, Abgoͤtterei; oder die glanzvollen Gefaͤße hoher Geheimniſſe fallen euch auch blendend und bewundernswerth in die Augen, ohne daß ihr dennoch den geiſtigen Einſtral der Gnade wahrnehmt, die den Auserwaͤhlten zu Theil wird. All' jenes Aeußerliche, dieſer Zellenbau im Bienenſtock der Kirche, iſt aber nur fuͤr die Menge da, die gehalten, genaͤhrt, fuͤr die Ewigkeit ausgebruͤtet werden muß. Wir Auserwaͤhlten, wir Eingeweihten fliegen aus, verlaſſen jene duͤſtern, engen Behaͤltniſſe und ſchwaͤrmen in freiem, ſonnigem Element den ſuͤßeſten Freuden, den heiterſten Anſchauungen nach. Wie, mein Freund, und Sie wollen ban⸗ gen vor dem engen, duͤſtern Eingang zu ſolchen Wonnen? Kennen Sie das große Geſetz alles Lebens nicht, daß man nur durch die engſte Preſſe zur hoͤchſten Freiheit getrieben wird? Ei ſo lernen Sie es von der bleiernen Kugel, die aus der dunkeln Buͤchſe in den ſonnigen Aether ſteigt. Dieſe Ahnung eines heimlichen, heiligen Gedanken- und Liebelebens geht den Voͤlkern wieder auf, und ſie fuͤhrt den oͤden, ſelbſtquaͤle⸗ riſchen Irrglauben ins vergeſſene Inwendige unſerer Kirche zuruͤck. O taͤuſchen Sie ſich nicht uͤber ſich ſelbſt! Auch in Ihnen, liebſter Freund, regen ſich dieſe Sympathien der Zeit und nur Ihr widerſpenſtig Herz will ſie nicht anerkennen. Doch laſſen wir das jetzt auf einen bequemern Augenblick. Ich koͤnnte nur in ganz vertrauli⸗ cher Stunde daruͤber ausfuͤhrlicher reden. Aber — immer vergeſſe ich mich wieder! Vielleicht erlauben Ihre Verhaͤltniſſe gar kein Intereſſe dafuͤr und ich moͤchte um Alles nicht— Doch, doch! Beſtimmen Sie mir nur eine Stunde! Wann, wo Sie wollen, ich komme! rief der Baron bebend. Kann ich anders? Weihe mich ein, in dies Geheimniß eurer Liebe, Zauberin! Raſch, mit der Miene des Schrecks uͤber 10* des Freundes Ungeſtuͤm, erhob ſie ſich. Das aufgeknuͤpfte Tuͤchlein flog ihr von der glaͤnzen⸗ den Schulter. Der Baron haſchte es auf und indem er es ihr zart umknuͤpfte, konnte er nicht widerſtehen, die reizende Geſtalt feſt an ſeine Bruſt zu druͤcken. Ein leiſes Rauſchen im Gcbiſch erſchreckte ſie. Auf einem Seitenwege des dichten Buſch⸗ werkes kamen ſie mit befangenem Ausſehen zur Geſellſchaft zuruͤck, eben als Veronika und Ma⸗ thilde in traulichem Geſpraͤch von der andern Seite aus einem Laubgang hervortraten. Zum Thee fanden ſich nachbarliche Familien theils zu Fuße, theils zu Wagen ein. Ihrem Anzug und Benehmen nach ſchienen ſie fuͤr heute nicht beſonders geladen, ſondern wie zu einem beſtimmten Abende zu kommen. Auch waren die Plaͤtze um den laͤnglichen Tiſch des Garten⸗ Salons wie abgezaͤhlt, ſo daß auch der eine, anfangs uͤbrige, bald eingenommen ward. Ein Offizier kam naͤmlich lebhaft herein, ein ſchlan⸗ ker junger Mann, wohlgebildet und von ange⸗ nehmen Manieren. Ach, Emil! rief die Baronin Eliſe. Emil kuͤßte der Baronin⸗Mutter die Hand und umarmte dann den Freiherrn Anton. Ich eile herbei, mein theurer Bruder, ſagte er, Dich zu Deiner gluͤcklichen Heimkehr zu be⸗ gruͤßen. Und leiſer ſetzte er hinzu: Stelle mich Fraͤulein de Landas vor! Anton ſah ſich misbilligend um, ob es Je⸗ mand gehoͤrt haben koͤnne, und ſtellte ihn dann vor. Es war Emil, der juͤngere Bruder, der, von Pater Joſeph geſtern ſchnell benachrichtigt, von Koͤln mit dem Dampfcchiffe heraufgekom⸗ men und auf das Gut heruͤbergeritten war. Wie? dachte Veronika, die nebenan ſitzend jene gefluͤſterten Worte gehoͤrt hatte, ſo laut ſagt er, daß er den Bruder zu begruͤßen komme, und 222 weiß doch heimlich ſchon von einem Fraͤulein de Landas? Ihr Blick fiel auf Pater Joſeph, der laͤchelnd hinter dem Stuhle der Baronin Alide ſtand und ſie von dem Angekommenen zu unter⸗ halten ſchien. Auf einmal ward ihr ein Theil des angſtli⸗ chen Hausgeheimniſſes durchſichtig. Es war ohne Zweifel auf die reiche Erbin abgeſehen, die der Lieutenant einnehmen und erobern ſollte. Ein wehmuͤthiger Blick Veronika's fiel auf das ihr ſo theure Kind, mit der aͤngſtlichen Frage, ob wol jetzt eine Stunde des Verhaͤngniſſes uͤber das unbefangene Weſen gekommen ſei. Vero⸗ nika hatte zu viel Vorurtheil oder wol auch Vorgefuͤhl gegen das Haus gefaßt, als daß ſie bei dieſer Vermuthung ihren Zoͤgling haͤtte gluͤck⸗ lich preiſen moͤgen. Vielmehr ſuchte ihr Herz einige Zuflucht hinter dem Traume der Baronin. Wird die Mutter, ſo befriedigt im Kreiſe dieſer Familie, bei einer Bewerbung des huͤbſchen und altadeligen jungen Mannes den getraͤumten Lich⸗ tenberg aufgeben? Dieſe Frage beſchaͤftigte die nachdenkliche Freundin. Es war ihr intereſſant und doch ſo aͤngſtlich, zu beobachten, ob Aber⸗ glaube oder muͤtterliche Liebe ſiegen werde. Eigentlich wuͤnſchte ſie dem wirklich werbenden Liebhaber um des ertraͤumten Braͤutigams wil⸗ len einen Korb, und doch, wie troſtlos erſchien es auch wieder fuͤr das Kind, wenn ein Aber⸗ glaube der Mutter ſolche Verſuchung beſtaͤnde! Unter dieſer heimlichen Betrachtung in lauter Geſellſchaft ſchlug es vom Schloßthurme ſieben Uhr. Ein Glockenzeichen ward vernommen, das die Verſammelten in Aufregung ſetzte. Es war ploͤtzlich ſtill geworden, man blickte einander fragend an, bis die Baronin⸗Mutter ſich erhob und an Alidens Arme nach einer Seitenthuͤre des Schloſſes wandelte, von einem Theil der Geſellſchaft gefolgt, zu der ſich auch der Ge⸗ heimerath ſchlug. Seine Frau blieb aber zuruͤck und an ſie wendete ſich Veronika mit der leiſen Frage, was da vorgehe? Mathilde laͤchelte mit beruhigendem Wink und fluͤſterte ihr dann zu: Kommen Sie doch morgen fruͤh, wenn Alles noch ſtill im Hauſe iſt, zu mir auf mein einſames Zimmer. Wir haben uͤber lauter allgemeine In⸗ tereſſen das Naͤchſte nicht beſprochen, was uns hier angeht und was toll oder betruͤbend ge⸗ nug iſt. Machen wir ein Spiel? fragte der Abbate in den kleinen Kreis der Zuruͤckgebliebenen. Man begab ſich ins Geſellſchaftszimmer. Emil fuͤhrte und unterhielt Angelika. Die Geheimeraͤthin mußte eine Karte nehmen, ſpielte unachtſam und verlor an den Abbate, der die Karten, wie ſeine Geſchaͤfte, mit verſteckter Feinheit fuͤhrte. Nach einer Stunde kamen die Andern zuruͤck. Einige empfahlen ſich gleich, um zu Fuße heimzukeh⸗ ren, Etliche blieben zum Abendtiſche, der bei getheilter Stimmung langweilig voruͤberging. 1 2253 Veronika kam ſpaͤt auf ihr Zimmer mit ver⸗ worrenen Empfindungen und Betrachtungen; ſie ſchlief unruhig, und als ſie fruͤh erwachte. lag eine unſaͤgliche Betruͤbniß auf ihrem Herzen. Sie beklagte die Einkehr in dies Haus, das mit ſo viel Raͤthſelhaftem aͤngſtigte und wo die Ruhe ihres Freundes ſo bedroht ſchien. Dieſer Freund war ihr den Abend uͤber ſo in ſich ver⸗ ſunken vorgekommen; welche Wuͤnſche und Ab⸗ ſichten mochten ihn ſo einnehmen? Traͤumte er vielleicht von einem Gluͤck an der Hand dieſer Graͤfin? Sie hatte Beide ſo vertraulich, ſo be⸗ fangen aus dem Garten kommen ſehen. Wie war ſolch' ein Einverſtaͤndniß nur ſo raſch ent⸗ ſtanden? Dieſes Raͤthſel aͤngſtigte ſie nicht we⸗ niger, als es ſie betrüͤbte. Sie begriff den Ba⸗ ron nicht mehr und uͤber die Leichtfertigkeit der Graͤfin war ihr Innerſtes empoͤrt. Und nun hing vielleicht der arme Freund dem Leide nach, er werde ohne dies reizende Weſen nie mehr 10** 226 froh werden, indeß die Freundin aufs tiefſte empfand, daß er mit ſolch' einer Sirene niemals ein reines Gluͤck finden koͤnne. Ach! ſo weit ſind wir ſchon auseinander ge⸗ kommen, rief ſie aus, die wir daheim ſo einig dachten und fuͤhlten, wuͤnſchten und ſchafften! Veronika uͤberlegte auch, ob ſie nicht dem Ba⸗ ron gerade dazu Freundin geworden ſei, um ihn zu warnen, zu erinnern. Da fiel ihr aber das ungluͤckliche Begegniß in der Schenke ein. Die ruchloſe Wirthin hatte dort mit unverſchaͤmtem Argwohn ein Geſpenſt an die Wand gemalt, vor dem die junge kindliche Freundſchaft ſelbſt erbleichen mußte. Leidiger Vorfall, deſſen Ve⸗ ronika nun wieder ſo lebhaft gedenken mußte! Sie und der Baron hatten damals ſtumm und gedemuͤthigt die Schenke verlaſſen, im Gefuͤhl, daß der Blick einer gemeinen Frau entweiht hatte, was Beide fuͤr einander fuͤhlten. Sie begegneten ſich ſeitdem nur noch ſchuͤchterner. 227 Unter ſolchen Betrachtungen war Veronika aufgeſtanden und hatte das Fenſter geoͤffnet, das nach dem ſchoͤnen Bergzuge Rolandseck ſah. Sie erheiterte ſich an dieſem Ausblick und faßte muthigere Vorſaͤtze. Vor Allem wollte ſie von Mathilden naͤhere Auskunft uͤber die Perſonen und Verhaͤltniſſe des Hauſes erhalten und ſich darnach bemeſſen. Auf ihrem Gang durch den Garten hatte ſie mit dieſer neuen Freundin ſo Manches beſprochen und in ihr ein ſehr eigen⸗ thuͤmliches, aber durchaus edles Weſen erkannt. Wie ſie ſich ankleidete, glaubte ſie vor ihrer Stubenthuͤre ein leiſes Raſcheln zu hoͤren. Sie trat naͤher und bemerkte, daß ihr Kleid an der Thuͤre ſich regte; ein Schauer uͤberlief ſie trotz dem ſonnenhellen Tage. War es etwa Zugwind? Sie ſpuͤrte doch keinen, ſelbſt in ihrem leichten Anzuge. Ent⸗ ſchloſſen oͤffnete ſie die Thuͤre. Ein gebuͤckter Mann in der Livrée des Hauſes ſchnellte empor und ſuchte ein Stuͤck Draht hinterm Ruͤcken zu verbergen. Er verneigte ſich unerſchrocken, mit der Meldung, daß der Kaffee an dieſem heitern Morgen im Garten getrunken wuͤrde. Dann trat er mit Zuverſicht naͤher und erbot ſich zu etwaigen Auftraͤgen. Beſcheiden und gewandt hatte er etwas Empfehlendes fuͤr ſich und nur ein ſchielendes Auge ſtoͤrte den guten Eindruck. Veronika fragte blos nach dem Zimmer der Geheimeraͤthin und entließ ihn dann. Wie ſie ihr Kleid aufmerkſam von dem Haken an der Thuͤre herunterhob, bemerkte ſie an der duͤnn⸗ ſten Stelle eines der Einſatzbretter ein Loch ein⸗ gebohrt, durch welches der Horcher, um ins Gemach zu blicken, das vorhaͤngende Kleid mit dem Drahte wegzuſchieben verſucht haben mochte. Die Geheimeraͤthin wohnte auf dem aͤltern Fluͤgel des Schloſſes. Als Veronika bei ihr eintrat, fand ſie dieſelbe in weißem Nachtkleid auf einem Betſtuhle vor einem ziemlich großen Kruzifix knieend. Sie wollte ſich zuruͤckziehen, allein Mathilde nickte ihr freundlich, Platz zu nehmen, und loͤſte auch nach einigen Augen⸗ blicken die betend geſchloſſenen Haͤnde mit einem ſeelenvollen Aufblicke nach dem kunſtvoll ge⸗ ſchnitzten Bildniß. Sie trat der Freundin hei⸗ ter und herzlich mit beiden bewillkommnenden Haͤnden entgegen. Reden Sie nur laut, ſagte ſie laͤchelnd, mein Mann bewohnt ein entfern⸗ teres Zimmer; hier nebenan iſt nur mein Schlaf⸗ kabinet. Beide ſtanden ein Weilchen in traulichem Geſpraͤch am Fenſter. Endlich ſagte Veronika: Das Weiß kleidet Sie gut, liebe Mathilde, beſonders mit dem tiefen Ausſchnitt um Hals und Schulter. So heiter ſehen Sie heut Mor⸗ gen aus! Wie ich Sie aber jetzt vor mir ſehe, darf ich Sie nicht füͤr eitel halten; bei ſo ſchoͤ⸗ nen Formen, wie den Ihrigen, wuͤrde jeder an⸗ dern Dame der modiſche Ausſchnitt unſerer Klei⸗ der ſehr erwuͤnſcht ſein, und Sie kleiden ſich ſo 230 dunkel, ſo hoch herauf. Doch gewinnt Ihr Kopf auch an weiblichem Adel auf dem freien reinen Nacken. Sie haben wol ein Geluͤbde gethan, ſich ſo zu verhuͤllen? Nicht wahr, weil Sie mich eben knieend ge⸗ funden, trauen Sie mir gleich auch kloͤſterliche Geluͤbde zu? laͤchelte Mathilde. Nein! Aber— warum ſoll ich es Ihnen nicht entdecken? Es thut uns doch immer wohl, in ſeinen Eigenhei⸗ ten von Denen, die man liebt, nicht ſo misver⸗ ſtanden zu werden, wie von den Andern. Ich habe Sie geſtern recht lieb gewonnen. Wir ha⸗ ben recht uͤber Alles und Jedes geplaudert und ſind ſo— moͤchte ich ſagen— uͤber die hoͤch⸗ ſten Gipfel des Lebens mitſammen hingeſchwebt. Da habe ich wieder recht erfahren, wie man gerade an den allgemeinſten menſchlichen Inter⸗ eſſen das beſonderſte Herz kennen lernt. Wir wollen recht vertraut werden, Liebſte! Wirklich habe ich ein rechtes Vertrauen zu Ihnen gefaßt. 231 Sehen Sie alſo— es gibt eine maͤnnliche Hand, die das grauſame Recht hat, dieſen freien Nacken zu beruͤhren, darum uͤberkleide ich ihn. Meſſen Sie es auch nicht dem Anzuge bei, daß ich ſo heiter ausſehe, es iſt die Nachwirkung des Ge⸗ bets. Mein Herz iſt nach ſolchen Augenblicken gehobener. Nur halten Sie mich ja nicht fuͤr eine der Frommen neueſten Styls; Gott behuͤte mich davor! Eine Wehmuth uͤberhauchte ihr edel geform⸗ tes Geſicht, und ſie ſagte nach einigen Augen⸗ blicken, indem ſie die Freundin zum traulichen Polſterſitz in einer Niſche des alterthuͤmlichen Zimmers fuͤhrte und ſie, wie in ein innerſtes Geheimniß einweihend, umarmte: Sehen Sie, Veronika, Sie muͤſſen mich daraus begreifen, daß ich in meiner Stellung ſehr erniedrigt bin. Wir von Adel, wiſſen Sie wohl, legen einen hohen Werth auf per⸗ ſoͤnliche Geltung und Unabhaͤngigkeit. In die⸗ 232 ſem Bewußtſein bin ich— vielleicht ein wenig zu kalt und ſtolz— erzogen worden, um als— dann— Es waͤre zu weitlaͤufig, Ihnen jetzt umſtaͤndlich zu erzaͤhlen, durch welche Wege und Wendungen es meinem Bruder Anton gelun⸗ gen iſt, mich an einen Mann zu verheirathen, deſſen Hand ich mit jenen kindlich⸗traͤumenden Erwartungen annahm, wie man ſie in einer Nonnen⸗Penſion ſo leicht faßt. Aber ach! wie entſetzlich begegnete mir die wirkliche Ehe mit der natuͤrlichen Barbarei geheiligter Anſpruͤche eines Mannes an uns! Ich weiß nicht, um wieviel etwa die wahre Liebe dies Entſetzen mildert. In meinem Herzen blieb jene Glut der Zuneigung und Erwiderung unangefacht, die wahrſcheinlich die Seele einer liebenden Frau uͤber das Opfer ihrer Hingebung mit einem heiligen Weihrauche berauſcht. Mein Mann iſt achtungswerth durch Geiſt und Kenntniſſe; auch hatte er damals mehr, als jetzt, gewiſſe liebens⸗ 233 wuͤrdige Manieren, die ein Kind, wie ich in bigotter Penſion geblieben war, uͤber den Unter⸗ ſchied der Jahre taͤuſchten. Aber er iſt ſinnli⸗ cher, als es einem Pietiſten wol anſteht, und genußſuͤchtig, obſchon ihm in dieſer Richtung die ſchlimmſten Feinde ſeiner bedrohten Geſundheit begegnen. Ich kann Ihnen das nicht ſo ſagen, meine jungfraͤuliche Freundin; aber, glauben Sie mir, das Entſetzlichſte fuͤr uns arme Ge— ſchoͤpfe iſt es, einem Mann anzugehoͤren, der ein Recht hat, uns mit entflohener Seele zu beſitzen.. Sie umarmte Veronika, indem ſie ihre hei⸗ ßen Wangen an der Freundin Bruſt verbarg. Solche Erniedrigung iſt nicht zu ertragen! rief ſie dann aus, und ich waͤre zu Grund gegan⸗ gen, haͤtte ich nicht die Momente des Gebets gehabt, da ich im Gefuͤhl meiner hoͤhern, ewigen Beſtimmung mich wieder aufrichten konnte. In dieſen Augenblicken ward ich doch des Adels meiner Seele gewiß, da mich der Adel meiner Familie ſo tief hatte fallen laſſen; ich trat an meinen hoͤchſten Herrn hinan und ward meines unmittelbaren Verhaͤltniſſes zur Gottheit inne, wie einſtmal die bedeutendſten Familien des Reichs ihr Recht nur vom Kaiſer nahmen. Ach welche Kaͤmpfe hat es mich aber gekoſtet! Se⸗ hen Sie, zur Erinnerung daran fuͤhre ich jetzt dies Bild uͤber dem Betſtuhl uͤberall mit mir. Wie oft habe ich knieend davor gelegen! Und wenn ich mit verduͤſterten Augen zu dem ge⸗ kreuzigten Koͤrper aufſah, aus dem ja auch vor den Zumuthungen der Welt die heilige Seele entfloh, was hab' ich da empfunden! Es laͤßt ſich nicht ausſprechen. Und am Ende— wuͤrde man es gar noch einen Frevel ſchelten! O nein! ich möchte es auch keinem Strengglaͤubigen be⸗ kennen. Veronika umarmte die bebende Freundin er⸗ ſchuͤttert und kuͤßte ſie auf die leuchtende Stirne. 7 Nein, meine Liebe, fuhr Mathilde fort, laſſen Sie Ihr Auge nicht naß werden um mich! Ich bin doch endlich frei und unabhaͤngig geworden, nicht blos in meiner Ehe, auch— in meinem Glauben. Die tiefſten Schmerzen haben mich erloͤſt, aber auch geſalbt, und ich bin als meine eigene Prieſterin erhoben. Ganz abgelegt habe ich zwar die angewohnten Kirchengebraͤuche und Formeln nicht; ich habe mir ſo meinen eigenen Traum ausgebildet, ein Sinnbild meiner ſchmerz⸗ haften Jugend; dieſe Formeln ſollen mir naͤm⸗ lich das kodte Holz ſein, an dem mein Glaube leidet, der erzwungene Leib, aus dem die reine Seele der Andacht entflieht. Ja, meinem Geiſt iſt ein Gefieder gewachſen, das mich uͤber alle Monſtranzen des Heiligen zum unſichtbar Hei⸗ ligſten emportraͤgt. Ich kniee in meinem Kir⸗ cheneckchen und hoͤre die Schelle nicht mehr zur Brotwandlung; Orgel und Weihrauch gehen unempfunden an meinen Sinnen voruͤber, meine 236— Seele, gewohnt, den entweihten Koͤrper zu ver⸗ laſſen, iſt nun auch fern, wenn meine, in alte Gewohnheit verſunkene Geſtalt den Umherknieen⸗ den noch zur Erbauung dient. Ich muß es ge⸗ ſchehen laſſen. Ach! die Welt lebt von Schein, und wer mag ſie in ihrem Genuſſe ſtoͤren? So, meine liebe Veronika, ſchließen Sie mich in Ihre Freundſchaft ein, wie ich Sie in mein Geheim⸗ niß aufgenommen habe, vielleicht ohne daß Sie es ganz begreifen. Sie legte ihre Hand auf die Bruſt der Freundin, und dieſe druͤckte ſie mit ſtummer Betheuerung an ihr Herz. Arme Mathilde! rief ſie aus. Ihre Liebe hat ſich aus Demuͤthigung hoch erhoben. Andern mag das zur Warnung dienen, daß ſie ſich in hoher, ſchwaͤrmeriſcher Liebe vor ihrer Demuͤ⸗ thigung huͤten. Ach! daß die Liebe des Maͤd⸗ chens, wenn ſie nicht etwa ganz vereinſamen muß, ſo ſelten den gluͤcklichen Weg durchs Leben 237 finden kann! Unſere Zeit verwildert ſo an der zunehmenden Cultur. Die Verhaͤltniſſe des Le⸗ bens verwickeln ſich, die Beduͤrfniſſe verwirren, die Beſtrebungen durchkreuzen ſich, die tauſend⸗ faͤltigen Erfindungen und Verfeinerungen über⸗ wuchern mit ihrer Schoͤpfung das einfach Edle und Schoͤne, uͤberfuͤllen die Sinne und ſetzen die Genußſucht in keuchende Haſt. Wie ſoll da durch den Urwald neuer Gedanken mit den erſtaunlichen Staͤmmen und Aeſten, voll durchrankender Stimmungen, verſchlingender Lei⸗ denſchaften, giftigen Spottes und ſtachliger Lau⸗ nen die zarte, zagende Liebe eines Maͤdchenherzens ungefaͤhrdet, unverwundet hindurchkommen? Sie, theure Mathilde, kennen Verbindung ohne Liebe, ich— ich will ſagen, es gibt auch Liebe ohne Verbindung. Haͤtte dieſe vielleicht keine De⸗ muͤthigung zu fuͤrchten? Iſt ſie durchaus gluͤck⸗ lich zu nennen die Liebe, von der juͤngſt Baron Guſtav zu mir ſagte: Man begreift ſich am beſten, wenn man ſich nicht beruͤhrt? Veronika ſtockte ploͤtzlich. Sie fuͤhlte raſch hinter der angefuͤhrten Bemerkung her, welchen falſchen Schein dieſelbe auf das Verhaͤltniß des Barons zu ihr werfen koͤnnte, und erſchrak dar⸗ uͤber ſo, daß ihr Herz ſeinen Schlag ausſetzte und dann wieder bis in den Hals hinauf pulſirte. Mathilde blickte ihr mit Laͤcheln in die Au⸗ gen, umarmte ſie dann und ſagte mit einem Kuß auf den Mund der Freundin: Ich ſiegle ſchnell Dein erſchrockenes Herz wieder zu, Ve⸗ ronika! Sieh! Sieh! Wir haben eben einen Aus⸗ tauſch unſerer Gefuͤhle gethan, nach welchem wir einander mit Du und Du angehoͤren muͤſſen. Beide Freundinnen hielten einander feſt in den Armen. Seltſamer Bund zweier weiblicher Seelen, die ein volles Liebesgluͤck in zwei un⸗ gleichen Haͤlften beſaßen, ſo daß, wie feſt ſie ſich auch Bruſt an Bruſt ſchloſſen, doch keine das Ganze dieſer beiden Haͤlften gewinnen konnte! Ach! ſagte endlich Mathilde, bei Deinem Baron Guſtav faͤllt mir ein, wozu Du eigent⸗ lich heruͤbergekommen biſt. Eben trat die Kammerjungfer ein, um die Geheimeraͤthin ankleiden zu helfen. Sie ſchickte ſie hinweg und ließ ſich von Veronika bedienen. Es war fuͤr beide Freundinnen eine ſonderbare Empfindung in dieſer Lage; fuͤr Mathilden— mit einer Dienenden ſo traulich zu reden; fuͤr Veronika— als Helfende ein ſo uͤberwaͤltigen⸗ des Geheimniß zu erfahren. Mathilde erklaͤrte naͤmlich die Graͤfin Bliech fuͤr die abgefeimteſte Betruͤgerin, die ſich dazu brauchen laſſe, mit ihren verfuͤhreriſchen Reizen und Gaben angeſe⸗ hene oder einflußreiche Maͤnner zur roͤmiſchen Kirche und zu jeſuitiſchen Verbindungen zu ver⸗ locken. Ihr Oheim reiſe mit einer kirchenpoliti⸗ ſchen Miſſion, die er mit vorgeblichen Studien deutſcher Wiſſenſchaft zu bemaͤnteln ſuche. Es iſt mir ein entſetzliches Paar! fuͤgte Ma⸗ thilde hinzu. Dies Gemiſch von Kaͤlte und Leidenſchaft, dieſe Berechnung mit Ziffern der Liebe empoͤrt mich in tiefſter Seele. Wir mei⸗ den einander ſchon aus Inſtinkt. Wie tief ihre verwegenen Abſichten ſich mit ihren leichtfertigen Neigungen verwechſeln und einander in die Haͤnde arbeiten, daruͤber weiß ſie vielleicht ihren Oheim ſelbſt zu taͤuſchen. Man fluͤſtert ſich einige Geſchichtchen von verzweifelten Liebhabern zu, die ſogar das Leben der Graͤfin in Gefahr gebracht haben. Ich darf Dir das nicht ver⸗ ſchweigen, liebe Veronika, obſchon ich Deine kalte, bebende Hand auf meinem Nacken fuͤhle. Wir muͤſſen den Baron warnen; auf ihn ſcheint ſie es jetzt abgeſehen zu haben. Wird er, wie Du ihn kennſt, ſolcher Abſichten ſich verſehen, ſolchen Kuͤnſten Widerſtand leiſten? 241 Er iſt ein edler Mann, erwiderte Veronika, vertrauend und ein wenig traͤumeriſch, nicht ungeſtuͤm, aber tief in ſeinen Neigungen. Ich fuͤrchte die Verfuͤhrung der Graͤfin nicht; ich aͤngſtige mich um ſeinen Kummer, wenn er, wie ich beſorge, dieſen lockenden Gaben ſeine Be⸗ wunderung ſchenkt und ſich dann in ſeinem Traum ſo ſchmerzlich getaͤuſcht findet. Doch wer ſoll ihn warnen? Mir glaubte er viel⸗ leicht, allein ich kann und darf es nicht. Ich werde Dir den Grund ſagen und Du wirſt ihn billigen. Beruhige Dich! erwiderte Mathilde. Wir haben Zeit, es zu uͤberlegen. Die Sirene uͤber⸗ eilt ihre Fallſtricke nicht. Dann ſei gegen Pater Joſeph vorſichtig, er iſt der verſchlagenſte Menſch, dem ich nicht uͤber den Weg traue und den ich ſchon auf uͤblen Wegen bemerkt habe. Ich halte ihn zu Allem faͤhig. Mein Bruder iſt ganz verblendet von ihm und laͤchelt zu jeder War⸗ Veronika. I.. 11 242 nung. Huͤte Dich vor ſeinem Diener, den Du am ſchielenden Auge erkennen wirſt. Laß Dich auf ſeine Dienſterbietungen nicht ein. Als geſtern die Graͤfin mit dem Baron aus dem Garten zuruͤckkehrte, kam der Burſche hinter ihnen her und gab dem Kaplan mit dem zugedruͤckten Auge einen Wink; gleich folgte ihm Pater Jo⸗ ſeph ins Haus. Sie trat raſch an die Stubenthuͤre um hin⸗ aus zu ſehen. Man iſt vor dem Horcher nir⸗ gend ſicher, ſagte ſie. Noch Eins! erwiderte Veronika. Was ging denn vor, als man ſich geſtern Abend vom Thee entfernte und erſt ſpaͤter zuruͤckkehrte? Mathilde laͤchelte. Pater Joſeph, ſagte ſie, haͤlt Abendſtunden in der Hauskapelle, die auch von proteſtantiſchen Frommen beſucht werden. Das waren eben ſolche, die geſtern zum Thee kamen. Nach des Kaplans Ruͤckkehr haben ſie ſich gleich wieder zur alten Andacht einge⸗ funden. Pater Joſeph verſteht es, Betrachtun⸗ gen anzuſtellen und Gebete abzufaſſen, die auf beiden Schultern tragen. Er weiß ſo myſtiſche Bruͤhen zu bereiten, daß Jeder zu ſchluͤrfen glaubt, was ihm zuſagt. Mein Mann vergißt ſogar ſeine perſoͤnliche Abneigung gegen den Pa⸗ ter und verſaͤumt keins dieſer Erbauungsſtuͤnd⸗ chen; auch die Baronin von Schleifras iſt gleich gewonnen worden. Pater Joſeph hatte uns ſchon von der frommen Richtung der Dame in Kenntniß geſetzt, ehe ihr ankamt. Er hatte ſie ſchon auf dem Schiff ausgeforſcht, denn auf dergleichen verſteht er ſich. Frreiherr Anton trat ein. Wir ſind ſchon beim Kaffee, liebe Mathilde, ſagte er. Wo bleibt ihr denn? Doch Du biſt ja auch fertig. Gute Veronika, gehen Sie doch voraus und ſagen 11* * Sie der Mutter, die Geheimeraͤthin ſei fertig, wir kaͤmen den Augenblick. Mathilde, fuhr er nach Veronika's Entfer⸗ nung fort, ich finde Deinen Mann ſeit meiner Abweſenheit ſehr verſchlimmert, wenigſtens dem Ausſehen nach. Sein Blick hat etwas Irres, ſein Geiſt etwas Gedruͤcktes; das Schlimmſte kann ihm zuſtoßen, zumal er ſeit kurzem, wie ich hoͤre, bedenkliche Schwindelanfaͤlle gehabt hat. Vergib meiner bruͤderlichen Sorge die Frage, die Dich nicht erſchrecken darf: Hat Dein Mann ein Teſtament gemacht? Ja, mein Bruder! antwortete ſie kalt. Kennſt Du den Inhalt, theure Schweſter? Ich bin ſeine Univerſal⸗Erbin. Biſt Du? rief er vergnuͤgt. Das iſt gut! So hab' ich mirs gedacht, ich will ſagen, daß ich mich in unſerm guten Keib nicht geirrt habe. Er hat Verſtand genug, einzuſehen, wie ſehr unſer Haus ihn durch Deine Hand geehrt hat, 245 und Deine uneigennuͤtzige Liebe zu ihm verdiente ſo viel Zaͤrtlichkeit. Es iſt die nobelſte Auf⸗ merkſamkeit, die ein Mann von ſeiner Herkunft beweiſen kann. Gelegentlich, theuerſte Mathilde, wollen wir nun von Deiner Zukunft reden. Ich werde Dir einen Plan mittheilen zum Ankauf eines an meine Beſitzung grenzenden charman⸗ ten Gutes mit alten Gebaͤulichkeiten, die wir niederlegen koͤnnen, und Du beziehſt einen Theil dieſes Schloſſes, ſo daß Du nie gute Geſell— ſchaft entbehrſt. Es iſt ein ſchoͤnes, wohlarron⸗ dirtes Gut. Und laͤßt ſich wahrſcheinlich recht bequem zu Deinem Majorat ſchlagen, lieber Bruder, um es juſt noch— majorenn zu machen, nicht wahr? Geiſtvolle Schweſter— Du! erwiderte An⸗ ton, betroffen von ihrem ſcharfen Ton und mit heiterer Miene ausweichend. Wuͤßteſt Du, Ma⸗ thilde, wie ich Dich liebe! Glaube mir, es geht nichts uͤber die Bande der Familie, uͤber die Waͤrme des Stammhauſes. Das habe ich drau⸗ ßen, in der Ferne, wieder recht lebhaft empfun⸗ den. Und Du haͤngſt gewiß eben ſo warm an uns. Was koͤnnteſt Du auch Angemeſſeneres finden? Eine zweite Heirath wuͤrde Dir ein ſehr precaͤres Gluͤck bieten, gerade weil Du reich und einnehmend biſt, was ſo leicht auch unwuͤrdige, unzuverlaͤſſige Bewerber anlockt. Die Liebe des Bruders, das Aſyl der Familie— O die kenne ich, lieber Anton! fiel Mathilde ein. Ich habe Deine Liebe gemeſſen und ge⸗ wogen, lieber Bruder, in Stunden, die eine lange Ewigkeit hindurch an ihrem Gewichte nichts verlieren werden. Familienbande! Warum habt ihr denn das unerfahrene Kind des Hauſes ſo ſchlau daraus losgeknuͤpft! O dieſe Waͤrme des Hauſes! Wie habe ich in der That draußen ge⸗ froren! Sprechen wir nicht davon, Anton! Nur wiſſe, daß es mich aufs tiefſte kraͤnkt, von Plaͤ⸗ nen zu hoͤren, fuͤr eine Zukunft, die ihr Fun⸗ 247 dament in meines Gatten Grab legen will, ſo⸗ gar noch ehe er geſtorben iſt. Still, ja ſtill davon, guter Anton! Laß den Himmel walten und dann mein Herz waͤhlen, was ihm ange⸗ meſſen iſt, oder wohin es ſich ſehnt. Gerade dieſer Zuſtand meines armen Mannes iſt ge⸗ macht, meinen natuͤrlichen Widerwillen zu ver⸗ ſoͤhnen, und knuͤpft ein neues Pflichtenband der Pflege, der Geduld, der Schonung. Darin ſtoͤre mich nicht, ſondern ſtehe mir bei, nament⸗ lich gegen dieſe Graͤfin. Wiſſe, Bruder, wenn dieſe— Perſon fortfaͤhrt, mich zu foltern, ihren Scherz mit dem armen, kindiſchen Geiſte meines Gemahls zu treiben, ſo— Ich weiß nicht, was ich thun werde. Aber ich dulde es nicht mehr! Nur behuͤte mich der Himmel, daß ich mich in meinem Unwillen nicht ſo weit vergeſſe, ihr zu ſagen, ſie moͤchte ihren Witz mehr in Einklang bringen mit ihrem— Gewerb. Jetzt Deinen Arm, lieber Bruder! Und— nicht wahr, ich 248 darf Dir wieder einmal eine Taſſe einſchenken, wie in jener ſchoͤnen Zeit unſerer Jugend, da bei uns noch nicht ſo viel— à la vieille getraͤumt und— geſchneidert wurde? Nicht wahr? Der verdutzte Bruder fuͤhrte die Schweſter ſchweigend, mit grollendem Anſtand, hinab in den Garten. Wie ſich Beide zur Geſellſchaft ſetzten, gruͤ⸗ ßend und begruͤßt, ſtand Angelika, das Kind, leiſe von ihrem Stuhl auf, faßte Veronika mit erroͤthendem Laͤcheln unterm Arm und fuͤhrte ſie nach einer entfernten niſchenartigen Laube. Denke Dir, liebe Veronika, ſagte ſie mit ſchalkhaft ernſter Miene, der Baron Emil liebt mich und will mich heirathen! Veronika, ſchon betroffen uͤber das unge⸗ wohnte Du, erſchrak. Wie, hat er es Ihnen geſagt? fragte ſie. So gut, als geſagt! lachte das ſchlanke Kind, indem es, auf den Arm der Erzieherin geſtuͤtz, wieder und wieder emporhuͤpfte. Du weißt ja, liebe Veronika, daß mir meine albernen Wort⸗ ſpiele und Einfaͤlle manchmal keine Ruhe laſſen. Du haſt ſie ja ſelbſt einmal mit jungen taͤppi⸗ ſchen Huͤndchen verglichen, die Einen mit un⸗ ſichern Beinchen und rundlichem, ſchwankem Leib von hinten anſpringen. Man tritt nach ihnen, um ſie los zu werden, aber ſie knurren und haltens nur fuͤr geſpielt. Du haſt ganz Recht, ſo geht mirs mit meinen Spaͤßchen. Nun unterhielt mich der gute Lieutenant unauf⸗ hoͤrlich von den Annehmlichkeiten der koͤlner Garniſon, wie charmant er logirt ſei, gar nicht weit von der Cunibertskirche; welche Merkwuͤr⸗ digkeiten der Stadt er mir zeigen wolle; welch' huͤbſche Geſellſchaft ſich Abends bei Stener⸗Nol⸗ den im Hotel de Belle Vue in Deuz zur Har⸗ monie⸗Muſik einfaͤnde; wie luſtig es die Faſt⸗ nacht zugehe, wenn alle Koͤlner Narren waͤren; wie er es halte, wenn er auf Wache komme, 11**† 25⁵⁰ da ließ er von ſeinem Stubenburſchen die vielen langen Pfeifen bringen und bereite ſelbſt den ſchmackhafteſten Kaffee der ganzen Garniſon, und hundert Sachen, ſage ich Dir. Endlich war ichs muͤde und erklaͤrte ihm: Es ſei mir doch außerordentlich lieb, alles Das von ihm zu hoͤren. Da unterbrach er mich mit einem Handkuß. Siehſt Du, hier auf der rechten Hand! Ich habs noch nicht weggewiſcht; ich wollte Dirs aufheben. Er fiel nur ein wenig zu ſehr rechts aus, hier auf den Knoͤchel des Zeigefingers und der halbe Schnurrbart kam neben hinaus. Kindereien, liebe Angelika! ſchalt Veronika, im Stillen den Muthwillen belaͤchelnd, der keine ernſtlich erwachte Neigung befuͤrchten ließ. An⸗ gelika fuhr indeß, den Ton des Lieutenants nachahmend, fort: Warum aber iſt es Ihnen denn ſo lieb, ſchoͤne Angelika? fragte Emil. Weil, antwortete ich, wenn ich einmal Faͤhnrich werde, ich doch ſchon ein wenig Beſcheid in Koͤln und im Dienſte weiß. Siehſt Du, Veronika, das war mein taͤppiſcher Pudel! Nahm ers alſo uͤbel? Doch nicht! Er lachte ſo, daß ihm der Schnurr⸗ bart aufging und er ihn an beiden Enden mit den Fingern drillen mußte. Zum Faͤhnrich wollte er mich nicht haben, ſagte er, ich beſitze ſo viel „Einnehmendes“, daß ich ſonſt bald uͤber ihn hinaus avanciren wuͤrde. Dabei ſchmunzelte er ſo zufrieden uͤber ſeinen Einfall, daß ich laut lachen mußte, weil er doch den Witz darin gar nicht einmal merkte. Thoͤrichtes Kind! rief Veronika; hat er ſich denn aber nicht naͤher erklaͤrt? Ach Gott, ich erinnere mich nicht, antwor⸗ tete Angelika wegwerfend, was er noch Alles geſagt hat! Freilich verbluͤmt, aber es war von den Blumen, die einen ſtarken Geruch haben. Es freut mich, liebe Angelika, erklaͤrte nach einigem Beſinnen die Freundin, daß Sie ſich in dieſer Angelegenheit zu mir getrieben fuͤhlen und daß Sie dabei das herzliche Du angenom⸗ men haben. Folgen Sie aber meinem muͤtter⸗ lichen Rath auch, wenn ich Sie bitte, in dieſem Tone mit dem jungen Manne ja nicht fortzu⸗ fahren. Seien Sie recht ernſt und zuruͤckhal— tend! Es liegt hinter des jungen Mannes Ar⸗ tigkeit eine Familienabſicht auf Ihre Hand, ich weiß es. Thun Sie nichts, was ſolche Bewer⸗ bung erleichtert und Sie in ein falſches Licht ſtellt. Oder— gefaͤllt er Ihnen denn— der Baron Emil? Ob er mir gefaͤllt? Juſt ſo viel, Veronika, um es Ihnen zu vergeben, daß Sie mein herz⸗ liches„Du“, das mir zu ſolchem Vertrauen zu paſſen ſchien, mit„Sie“ erwidern. Ich fuͤhle, daß mich das ein ander Mal tief kraͤn⸗ ken koͤnnte. Emil war mir ganz unterhaltend bei ſo viel Wunderlichem und Unverſtaͤndlichem, 2533 was hier im Hauſe geſchieht und geſprochen wird. Aber nun macht es mich doch bedenklich, daß ich eine Familienſache ſein ſoll. Was wird die Mutter dazu ſagen? Denken Sie, wenn ſie nun Nein ſagte, weil er nicht Lichtenberg heißt, welche Hoffnung bliebe mir dann gegen ſolchen beharrlichen Glauben, als daß ſich gewiß kein Lichtenberg findet, der mich mag. Denke Dir, Veronika, ich habe Emil gefragt, ob er in der Umgegend keinen Lichtenberg kenne. In Aachen, ſagte er mir, habe er von einem Lich⸗ tenberg reden hoͤren, er wiſſe aber nicht, ob es ein von oder zu Lichtenberg ſei. Ich hoffe, zu! ſagte ich ihm. Warum? fragte er. Ich konnte ihm aber nicht ſagen, was ich dabei dachte. Wenn uns naͤmlich doch ein Lichtenberg beſchert wird, ſoll er wenigſtens zu ſein, ſo daß keine Erklaͤrung aus ihm herauskann. Angelika lachte laut zu ihrem Spaß und Ve⸗ ronika ſchalt, daß ſie heut viel zu ausgelaſſen ſei. Ach, wenn Du wuͤßteſt, wie mir dabei zu Muthe iſt! ſeufzte das Kind. Die laͤcherli che Unterhaltung Emil's hat mir bei Allem doch eine Unruhe, eine Sehnſucht, eine Angſt erregt— ich weiß nicht, was es iſt. Ich glaube, daß ich krank werde, gute Veronika. Eigentlich ward mir ſchon ſo zu Muthe auf dem Rhein bei den raſchwechſelnden Ufern, Burgen, Huͤtten. Ach, wie weit und herrlich iſt doch die Welt! dachte ich oft, wenn mein Auges ſo weit umher⸗ ſchweifte. Wo werde ich einſt zu wohnen hin⸗ kommen? Ich erſchrak vor jedem Herrn, der mich anſah, er koͤnnte etwa zu mir ſagen: Dort das ſchoͤne Haus iſt mein, mit den hellen Som⸗ merlaͤden neben den hohen Nußbaͤumen; komm' mit dahin, Angelika, ſo wird es auch dein, und wir wohnen herrlich darin. O liebſte Veronika, tadle mich um meine Spaͤße und Wortſpiels nicht! Goͤnne ſie mir, ſo lang ich ſie noch habe. Koͤnnte ich doch immer mit dieſen taͤppiſchen Huͤndchen ſpielen! Aber ſieh! ich bin ja ſelber wie ein toͤlpiſches Huͤndchen, dem unter dem Lecken der Mutter die Augen aufgegangen ſind, unter Deiner Liebe, Veronika, und das eben noch ſo taͤppiſch und ſpieleriſch iſt. Ach, es wird voruͤber gehen, und dieſe Plumpheiten, ich weiß es, ſollen ſich ja verwandeln in Demuth, An— haͤnglichkeit und Treue fuͤr einen Herrn und Gebieter, der das Huͤndchen an ſich lockt und mitnimmt, ich weiß nicht wohin! Sie warf ſich mit ausgebreiteten Armen an Veronika's Buſen und weinte ſo ungeſtuͤm in ſich hinein, als muͤßte es die kindliche Bruſt zerſprengen. Die erſchuͤtterte Freundin hatte Muͤhe genug, ſie ſo weit aufzurichten und die verweinten Augen mit Thau des ſchattigen Gra⸗ ſes zu erfriſchen, daß ſie, ohne aufzufallen, ſich wieder zur Geſellſchaft einfinden konnten. d0 256 Nach dem Fruͤhſtuͤcke, wenn nicht eine ge⸗ meinſchaftliche Partie unternommen wurde, blie⸗ ben die einzelnen Glieder des Hauſes ſich ſelbſt uͤberlaſſen. Baron Anton, der bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr Manches zu thun fand, verſchob noch die verabredeten Ausfluͤge nach den Bergen. In dem Augenblick aber, als er heute ſeine Gaͤſte zu einem feierlichen Act des Hauſes einladen wollte, entfernten ſich Mathilde und Veronika zu einem unter ſich verabredeten Gang nach dem nahen Dorfe, um den Pfarrer Kindlinger, einen Vertrauten der Geheimeraͤthin, zu beſuchen. Anton ſah ihnen verdrießlich nach, wagte jedoch bei der Verſtimmung ſeiner Schweſter nicht, ſie zuruͤckzurufen. Er beeilte nur ſeine Ein⸗ ladung, ehe ſich auch die Andern zerſtreuen moͤchten. Pater Joſeph hatte den Auftritt vor⸗ bereitet. Er kannte die Schwaͤchen des Frei⸗ herrn und that ihnen gern Vorſchub, wie er uͤberhaupt, um ſein eigenes heimliches Thun — 257 und Treiben zu verſtecken, die Andern mit ihren Schwaͤchen zu beſchaͤftigen verſtand. Der Frei⸗ herr Anton hoͤrte ſich naͤmlich gern ſprechen. Die oͤffentlichen Reden hochgeſtellter Maͤnner bei feierlichen Gelegenheiten neueſter Zeit hatten gro⸗ ßen Eindruck auf ihn gemacht. Dabei hegte er aus Familienſtolz eine Vorliebe fuͤr Alles, was an die Denkungsart einer aͤltern Zeit, an ehe⸗ malige Macht und Vorrechte des patrimonialen Adels erinnerte, waͤhrend er doch mit ſeiner laufenden Anſchauungsweiſe, mit ſeinem fuͤr die Gegenwart gebildeten Ehrgeiz, dem modernen Leben angehoͤrte. Dieſer Widerſpruch in ſeiner Geſinnung gab ihm etwas Unſicheres und Schwankendes im. Handeln; er erließ Befehle und nahm ſie zuruͤck; er beging eine Ueber⸗ eilung und ſuchte ſie durch eine witzige oder ſpitzfindige Wendung zu retten. Am Ende ließ man ihn fuͤr geiſtreich und ſehr unterrichtet gel⸗ ten, aber auf Koſten des Reſpects. 258 Waͤhrend ſeiner Abweſenheit waren unter der Dienerſchaft Unordnungen vorgefallen, die der vom Baron mit den Geſchaͤften eines Haus⸗ meiſters beauftragte Vertraute Pater Joſeph's durch tuͤckiſche und eigennuͤtzige Behandlung der Leute veranlaßt haben mochte. Ungluͤcklicher Weiſe befand ſich der Freiherr Anton, als er die erſte Nachricht davon erhielt, bei einem ſei⸗ ner Vettern in Baiern, einem harten, ſtrengen Manne, der fuͤr ſeine Dienerſchaft eine beinahe grauſame Hausordnung mit beſtimmten, meiſt ſeltſamen und kraͤnkenden Strafen fuͤr jedes, auch das kleinſte Verſehen eingefuͤhrt hatte. Dieſe Dienſtordnung trug ganz das Gepraͤge eines fruͤheren Jahrhunderts und eben darin lag fuͤr den Freiherrn Anton das Verlockende derſel⸗ ben. Er ließ durch Pater Joſeph ein aͤhnliches Reglement, nur— nach des Kaplans Rathe— mit etwas weniger harten und ſeltſamen Stra⸗ fen entwerfen. Und eben dieſe Vorſchrift ſollte jetzt — den Leuten verkuͤndigt werden. Nur dem Frei⸗ herrn Anton konnte es gefallen, dies feierlich und im Beiſein ſeiner Gaͤſte vorzunehmen. Aber gerade dieſen, beſonders ſeinem Freunde Guſtav, dachte er damit einen lebhaften Begriff von ſich und ſeinem Hauſe zu erwecken. Man begab ſich nach dem Geſellſchaftszim⸗ mer, wohin die geſammte Dienerſchaft, vermehrt durch eine Anzahl in alte Livroen geſteckter Gar⸗ ten⸗ und Feldarbeiter, von Pater Joſeph vor⸗ geladen war. Freiherr Anton beſtieg den Thron⸗ ſeſſel, der in der Niſche erhoͤht ſtand, und hielt eine Anrede, in der er den Anlaß zu ſolchen ſtrengen Maßregeln beklagte. Hierauf las Pater Joſeph die neue Haus⸗ und Strafordnung vor, wozu die wirklichen Diener ſehr finſter ausſahen, die Zugemietheten aber verlegen ihren Anzug anlaͤchelten. Dann fuhr Anton fort: Als ich von euch ſchied, gab ich euch ſchoͤne Zuſagen auf Verbeſſerung eurer Zuſtaͤnde, jener alten, ehrwuͤrdigen Verfaſſung entgegen, aus der noch das ſchoͤne Wort Dienſtbote her⸗ ruͤhrt. Ich goͤnnte euch einſtweilen, um zu er⸗ meſſen, was ihr verdientet, eine erweiterte Frei⸗ heit im Thun und Reden. Dieſe Gunſt aber iſt von euch arg misbraucht worden, ihr ſeid laͤſſiger geweſen im Dienſte, und was noch ſchlimmer iſt, lauter im Raiſonniren. Ich denke, um mich ſelbſt einigermaßen uͤber euch zu beruhigen, ihr habt unter der Luft allgemeiner Zeitverſtim⸗ mung mitgelitten. Nun duͤrfen wir zwar nie vergeſſen, daß wir euer Herr ſind nach hoͤherer Fuͤgung, wie wir unſerer gegebenen Zuſagen auch ſtets eingedenk bleiben; dennoch ſei euch vergoͤnnt, zu ſprechen und euch zu rechtfertigen, oder doch unſere Gnade anzurufen. Sprich Du zuerſt, Friedrich, wie Du als Kammerdiener uns ſtets im Dienſt am vertrauteſten geſtanden! Euer Gnaden! ſtotterte Friedrich, ich habe 2261 mir die Zunge gelegentlich ein wenig verbrannt, 's iſt wahr, aber ich koͤnnte nicht ſagen, daß es an den zu kraͤftigen Suppen unſeres Nachtiſches geſchehen waͤre; auch hab' ichs der gnaͤdigen Herrſchaft halber gethan. Denn Euer Gnaden wiſſen doch ſelbſt, daß Sie erſt recht Euer Gnaden ſind, wenn uns nichts Ungnaͤdiges zu⸗ ſtoͤßt, wie, Beiſpiels halber, ſchlechte Koſt und ſogar ſchlechtgebackenes Brot iſt, davon wir er⸗ kranken und worauf ich den Andern da geſagt habe, wir wolltens weder eſſen noch genießen, ſonſt koͤnnten wir Euer Gnaden keine geſunden Dienſte leiſten; auch wollten wirs als ſchlechtes Brot beim richtigen Namen nennen, weil Euer Gnaden es uns gewiß nicht als ſchlecht haben ſpendiren wollen und damit wir das gute Brot, das wir verdienen, auch beim rechten Namen „gut“ nennen koͤnnen. Denn wenn das ſchlechte auch gut heißen ſoll, wo ich doch krank davon geworden bin und ein gaſtriſch Fieber erhalten habe, ſehen Sie— ich will ſagen, ſehen Euer Gnaden— Was weißt Du vom gaſtriſchen Fieber! verſetzte verlegen der Freiherr. Das ſind fuͤr Dich unverſtaͤndliche Worte, die Du nur von Aufwieglern haben kannſt. 3 Der Arzt hats ſo getauft, Euer Gnaden, und als ich ihn gefragt, was ein gaſtriſch Fieber im Hochdeutſchen bedeute, hat er geſagt, ich muͤſſe anderswo zu Gaſt gehen, das ſei mein Fieber. Die Graͤfin Anna konnte ihr kindiſch Lachen uͤber dieſe Worterklaͤrung nicht zuruͤckhalten und ſetzte den ſchon befangenen Freiherrn Anton in gaͤnzliche Verwirrung. Er verlor ſeine hohe Haltung, ſchalt auf undankbare Dienerſchaft, und hieß Friedrich ſich einen andern Dienſt ſuchen. Geh! ſagte er, Vermeſſener! Unſere Backanſtalten liegen zu hoch uͤber euern Begrif⸗ 263 fen und uͤber Dem, was eurer Stellung zu beur⸗ theilen zukoͤmmt. Und warſt Du wirklich er⸗ krankt, ſo ſchreib' es nicht dem Brote, ſondern Deinem elenden Magen zu. Unſer Brot wird gebacken, wie es bei Ahn und Urahn geſchehen i*ſt, nach den hiſtoriſchen Ueberlieferungen, die unſer Familien⸗Archiv bewahrt. Aber den de⸗ magogiſchen Arzt wollen wir nicht mehr vor uns ſehen. Wir dulden nicht und nirgend eine uͤble Geſinnung gegen das alte Haus Pruſſach. Ihr ſeid entlaſſen! Die Dienerſchaft eilte, einander hindernd und draͤngend, hinaus zur ſichtlichen Unzufriedenheit der Baronin⸗Mutter. Um den ziemlich außer Faſſung geſetzten Freiherrn aufzurichten, da eine verlegene Stille eingetreten war, ſagte der Abbate: Sehen Sie ein, Signor Antonio, den Fehl⸗ griff, den Sie gemacht haben? Dem dienſtbaren Volke muß man nie zu reden geſtatten. Hal fiel der aͤrgerliche Anton ein, wollen Sie den tadelnden Prieſter gegen den Freiherrn geltend machen? Verzeihen Sie! Aber das iſt es nicht, Herr Abbate; Eins nur haͤtte ich nicht uͤberſehen ſollen, daß wir naͤmlich vor Allem gute Redensarten unter dieſem Volke bilden muͤſſen, ehe wir ihnen das freie Wort geſtatten. Und dem wollen wir auch gleich zu helfen ſuchen. Lieber Kaplan, laſſen Sie den aufbewahrten Anzug der ehemaligen Hausnarren unſerer Fa⸗ milie herbeiſchaffen. Ich weiß nicht auswendig, unter welchem Kurfuͤrſten wir den letzten Narren gehabt haben; Sie werdens finden. Chriſtian ſoll damit inſtallirt werden. Dieſer treue Burſche ſoll das Vorrecht haben, ſeine Zunge frei uͤber Alles ſpazieren zu laſſen, wozu Sie ihn vorher inſtruiren werden, Pater Joſeph! Und von ihm ſollen die Andern lernen, wie man ſich der Frei⸗ heit mit Anſtand und Schicklichkeit bediene. Denn das Reden an ſich laͤßt ſich nicht mehr verbieten, unſere Zeit kanns einmal nicht bei ſich behalten; jede Zeit hat ihren ſchwachen Theil. Anna, die ihr Lachen wieder gut machen wollte, wendete ſehr freundlich ein: Aber, liebſter Baron, Sie wiſſen doch, daß die Hofnarren Witz haben mußten; dieſer Chri⸗ ſtian aber— ſollte er denn wirklich— Das war damals, meine ſchoͤne Graͤfin, antwortete der Freiherr, wo Witz und Peitſche noch in einigem Zuſammenhang von Urſache und Wirkung ſtanden. Jetzt aber ſind wir Barone um die Polizei der Peitſche, wie um manches Andere verkuͤrzt. Man hat die Peitſche ſchrift⸗ ſaͤßig gemacht, oder gar unter Oberhoheit ge⸗ ſtellt. Ja in Rußland iſt ſie zum Reſſort der europaͤiſchen Kabinette geſtiegen und geht als Mitgift— Eben darum, lieber Baron, wuͤrde ich dem Munde Derjenigen nichts geſtatten, uͤber deren Ruͤcken Ihnen keine Gegenbefugniß zuſteht. Ge⸗ Veronika. I. 12 266 nügt es nicht, daß Sie im Hauſe reden? Denn Sie koͤnnen es auch. Wahrlich, Herr Baron, ohne Schmeichelei, Sie reden vortrefflich! Guſtav und Alide ſtimmten der Graͤfin leb⸗ haft bei. Sie reden ſehr gut! rief Alles. Eben darum, meine Freunde! erklaͤrte unter vergnuͤgten Verneigungen der Freiherr. Wer hat, der gewaͤhrt gern. Wenn ich, wie Sie mir ſo ſchmeichelhaft verſichern, gut rede, ſo muß auch meinen Untergebenen geſtattet ſein, Gutes zu reden. Es bleibt dabei, lieber Pater Joſeph! Während deſſen, und bis die ſo feierlich Ver⸗ ſammelten ſich mit laͤchelnden Mienen wieder zerſtreuten, hatten Mathilde und Veronika das ſchöne Dorf und die Wohnung des Pfarrers Kindlinger laͤngſt erreicht. Eben kam aus dem Keller, der unter dem hohen Abſatze der zwei⸗ ſeitigen Freitreppe ſeinen Eingang hatte, die alte Schweſter des Pfarrers, hoͤchſt ſauber, aber in veralteter Weiſe gekleidet, und wies unter Knixen von eben ſo altem Herkommen, den Beſuch ins Haus. Sie fanden den Pfarrer auf ſeinem Zimmer unter einer Anzahl Bauern, die er eben von einem drohenden Prozeß zu guͤtlicher Ueber⸗ einkunft gebracht hatte. Er las ihnen die Ar⸗ tikel des Vergleichs vor und nahm ihren Hand⸗ ſchlag auf treues Halten derſelben ab. Dann entließ er ſie mit munterm Zuſpruch fuͤr die Arbeiten des Tags. Der Geiſtliche, ein ſchlanker Mann von blaſſer Geſichtsfarbe mit einem ſchwermuͤthigen Zug um die kraͤftigen Lippen, trat beiden Freundinnen mit einer gewiſſen feierlichen Ehrerbietung ent⸗ gegen. Hier kommt eine junge Freundſchaft, ſagte ſcherzend Mathilde, die von Ihnen, mein verehrter Freund, getraut ſein will. Und indem 12* 268 ſie Veronika nannte und kurz bezeichnete, ſetzte ſie hinzu: Es iſt alſo eine gemiſchte Freundſchaft, doch weiß ich, daß Sie es ja ſchon bei gemiſchten Ehen auch nicht ſo ſcharf genommen haben, als man es jetzt will. Eben darum wird mir das ganze Trauen bald gelegt werden, fuͤrchte ich, verſetzte ſanft laͤchelnd der Geiſtliche. Der Abbate und Pater Joſeph thun mir ſeit kurzem gar zu artig, ich werde mich wol eines Streiches zu verſehen haben. Nun in Gottes Namen! Ich vertraue dem Himmel, der mir ſchon zu thun geben wird, wenn man mich hier entſetzt. Indeß be⸗ halte ich wol auch dann noch die Weihe, zwei edle Freundinnen zu einem Liebesbunde zu trauen. Indem er beider Haͤnde in einander fuͤgte, ſetzte er hinzu: Die Nachkommenſchaft eines ſolchen Vereins, edle Gefuͤhle, warme Gedanken, wohlwollendes Wirken— iſt ſchon durch ſich ſelbſt ſelig ohne die Vorſorge einer herrſchſuͤchtigen Mutter. Er hielt einen Augen⸗ blick inne, laͤchelte und fuhr dann fort: Sehen Sie, Jungfrau Veronika, wie ſchnelles Ver⸗ trauen ich zu Ihnen gefaßt habe, da ich vor Ihnen ſchon beim erſten Begegnen aus meinem ſchwarzen Talar herausfalle. Ihnen, liebe Ma⸗ thilde, wuͤnſche ich Gluͤck zu einer Freundin, die Ihr tiefes Herz verſteht. Sie haben ſich lange nach einer geſehnt, und beduͤrfen in der Wuͤſte Ihres vornehmen Umgangs einer ſolchen Quelle reinmenſchlicher Gefuͤhle im Palmenſchat⸗ ten hoher Geſinnung. Der heitere Geiſtliche ruͤckte den polirten eichenen Tiſch ein wenig von dem mit Kattun uͤberzogenen Canapé ab, um die Freundinnen zum Sitzen zu bringen. Bei ihm war es nicht die gewoͤhnliche geiſtliche Neugier, ſondern blos Verlegenheit, daß er Veronika um ihre 270 Reiſe, Herkunft und jetzigen Verhaͤltniſſe be⸗ fragte. Die Geheimeraͤthin kam aber bald mit andern Anliegen dazwiſchen. Ihren Fragen und Zweifeln nach ſchien ſie in moraliſchen Dingen ein wenig aͤngſtlich zu ſein. Doch gerade an den Gegenſtaͤnden dieſer Aengſtlichkeit erſchien Mathilde ungemein liebenswuͤrdig und herzens⸗ warm. Noch anziehender, als dieſe Blicke in das Innere ihrer Freundin, waren fuͤr Veronika die Erwiderungen des Pfarrers. Dieſe waren nichts weniger, als aͤngſtlich, ſeine Anſichten waren umfaſſend, ſeine Grundſaͤtze mild. Er nahm aber einen eigenthuͤmlich ſcherzenden, oft necken⸗ den Ton an, der Mathilden zu gefallen ſchien. Im Verlauf dieſes wunderſamen Verkehrs that Veronika einen Einblick in ein eigenthuͤmliches freundſchaftliches Verhaͤltniß; auf ſolche geiſtige Weiſe beruͤhrten ſich zwei Herzen, die einander angehoͤrten und die fuͤr ihren Bund das rechte Wort ſcheuten. Mathilde war aͤngſtlich, um ſich von den hohen Gedanken ihres Freundes tragen zu laſſen; der Freund ſcherzte mit ihren Scru⸗ peln, damit ſie, unwiderlegt, deſto eher wieder⸗ kehrten. Ehe Veronika dieſes ruͤhrenden Ver⸗ kehrs recht inneward, miſchte ſie ſich in die Unterredung ein und ſprach ſich in ihrer Weiſe aufmunternd fuͤr die Freundin aus. Mathilde verſtummte, der Pfarrer laͤchelte. Huͤten Sie ſich, Jungfrau Veronika, mir in mein Amt zu greifen! ſagte er. Wir Prieſter haben es gern, eine liebe Seele von uns abhaͤngig zu wiſſen. Haͤtte ich euch Beide etwa zuſammengegeben, um meiner lieben Geheimeraͤthin entbehrlich zu werden? Nein, nein! Ich bin und bleibe ihr Geheimerath! Die Freundinnen lachten und Kindlinger fuhr ein wenig erroͤthend und ausweichend fort: Wer wird einmal, wie ich hier eine Prote⸗ ſtantin und eine Katholikin in Freundſchaft ver⸗ bunden habe, den Katholicismus und Proteſtan⸗ tismus ſelbſt als Freunde vereinigen, deutſches Fuͤhlen und deutſches Forſchen zuſammenſegnen? Beide Quellen entſpringen ſo tief und eigen⸗ thuͤmlich im deutſchen Geiſte; wann werden ſie einmal von einer Simultankirche uͤberbaut wer⸗ den, einer Kirche, die von Rom elloͤſt waͤre, wo man unſer tiefſtes Weſen gar nicht begreift und es doch beſeligen will? Der von dort be⸗ freite deutſche Geiſt wuͤrde mit ſeinem heiligen Ernſt unſer Kirchenweſen und die proteſtan⸗ tiſche Theologie, Beide in ihrer Art ſo reich, aber einander beduͤrftig, zu verſchmelzen wiſſen. Unſere Braͤuche bekaͤmen dann einen neuen In⸗ halt, als ob vertrocknete Waben friſchen Honig aufnaͤhmen und eure Theologie gewaͤnne eine kirchliche Geſtalt und Macht. Trauriger Zwie⸗ ſpalt! Wir Katholiken haben Tempelprieſter, ihr Proteſtanten habt die Kirchenvaͤter; euch fehlt das Opfer und uns bleibt freies Forſchen verſagt. Doch, wo gerathe ich hin? Ich will Sie ja nicht mit Pfaffentraͤumen bewirthen, meine lieben Freundinnen! Kommen Sie lieber mit hinab in den Garten. Ich habe friſche Kirſchen gebrochen, die in der Laube ſtehen und verſucht ſein wollen. 3 Er faßte Beider Haͤnde mit je drei Vorder⸗ fingern der ſeinigen und fuͤhrte die laͤchelnden Freundinnen mit einer gewiſſen geiſtlichen Ga⸗ lanterie hinab, an der Kuͤche voruͤber, wo er ſich mit der geſchaͤftigen Schweſter Eliſabeth neckte, deren enges, aͤngſtliches Thun ſie ihm ſo tief unterordnete und doch ſo lieb machte. Ue⸗ berhaupt lag in ſeinem Geſichte ein Schatz von Wohlwollen ausgepraͤgt, der aus derſelben Muͤnze ſtammte, aus welcher ſeine edeln Gedanken in Umlauf gingen. Doch war er bei aller Sanft⸗ muth der Seele fuͤr Spott und Unwillen Man⸗ nes genug, wenn es die Sache erfoderte. So machte er ſich gern uͤber Pater Joſeph luſtig und ſchien von dem geheimen Lebenswandel des 12** 274 Kaplans ſo unguͤnſtig zu denken, daß er, als von deſſen Abendbetſtuͤndchen die Rede war, leb⸗ haft ausrief: Ja, mit ſeinen blau⸗ und gelb⸗ ſchillernden Gebetlein weiß er die verſchieden glaͤubigen Herzen zuſammenzuſchmelzen und, wenn er es dahin bringt, daß recht⸗ und irrglaͤu⸗ bige Bruͤder und Schweſtern ſich in die Arme fallen, wird der liebreiche Pater Joſeph nicht der Letzte dabei ſein! Er machte dieſe Bemerkung dadurch noch bezuͤglicher, daß er dahinter her ſich ſelbſt erroͤthend ausſchalt, ſo loſe Gedanken zu haben. In wirklichen Unwillen gerieth er aber, als er, vom Abbate ſprechend, erzaͤhlte, daß dieſer im Namen der Kirche von ihm einen ſchmaͤhenden Artikel uͤber die deutſche Philoſophie zur Mittheilung in italieniſchen Zeitſchriften be⸗ gehrt habe. Pfui uͤber den Sendling der laͤ⸗ chelnden Zwietracht und ſegnenden Aufhetzung von Jenſeit der Berge! rief der eifernde Kind⸗ linger. Ihm ſollte ich unſere Wiſſenſchaft ſchaͤn⸗ 275 den, unſer nationales Heiligthum ſchmaͤhen? Sollte mein verſtecktes Tabernakel entweihen, zu dem ich im duͤſtern, feuchten Tempel unſeres Glaubens ſchlich, um mich zu ſegnen, ſo oft mich Zweifel verfolgten und Verzweiflung an⸗ wandelte, bis endlich das Alter die Tonſur des Friedens auf meinen Scheitel hauchte? Sie ſehen mich an, liebe Mathilde? Je nun ſo gar alt bin ich juſt noch nicht. Ich kann es noch erleben, daß dieſe kranke Zeit geneſe. Denn Krankheit iſt es doch nur, was auf der Hoͤhe unſerer Zeit und Bildung uns noch einmal mit Kircheneifer, Sectengeiſt, Bekehrungs⸗ und Ver⸗ dammungsſucht, mit Betbruͤderei und Lebens⸗ prüderie in katholiſchen und proteſtantiſchen Lan⸗ den heimſucht und das ſchoͤne Antlitz des Rein⸗ menſchlichen entſtellt. Ja, voruͤbergehen wird dieſe religioͤſe Hypochondrie, dies Leibſchneiden des Glaubens, bei welchem man Liebe und Dankbarkeit, Pietaͤt und Humanitaͤt, alles menſchlich Schoͤne und Edle vergißt und Das ſchmaͤht und verdammt, was zu allen Zeiten und bei allen gebildeten Voͤlkern fuͤr unſeres Geſchlech⸗ tes Schmuck, Troſt und Stolz gegolten hat. Se⸗ hen Sie, liebe Freundinnen, und das ſei unter uns ausgeſprochen! Religion ſelbſt, geſunde Religion, iſt eigentlich nur— Krankheitsgefuͤhl, iſt das Innewerden unſerer Erdenkrankheit, un⸗ ſerer Beſchraͤnktheit und Endlichkeit, die ſich aus dem Goͤttlichen herausgefallen erkennt und ſich nach ihm zuruͤckſehnt. Darum ſind recht kern⸗ geſunde Menſchen, ſchoͤpferiſche Geiſter, auch weniger religioͤs, große Dichter und Kuͤnſtler, urſpruͤngliche Denker und Forſcher, wahrhaft edle Staatsmaͤnner. Denn das Schoͤne, das ſie bilden, das Wahre, das ſie offenbaren, das Gute, das ſie ſtiften, iſt ja nichts Anderes, als das Goͤttliche ſelbſt, welches ſie, in Eintracht mit ihm, wirken, und durch welches ſie ſich ſelbſt als unendlich fuͤhlen. Glauben Sie, daß Raphael 277 mit gebogenen Knieen und gefalteten Haͤnden mehr Goͤttliches zu Stand gebracht haͤtte, als mit dem gekruͤmmten Arm, der den Pinſel fuͤhrte? Solch' einen kerngeſunden Mann hat noch unſere Zeit geſehen, Goethen, und die Frommen haben den ſogenannten Heiden freilich nicht geſchont, ſie, die alle Urſache haben, in ihrer Armſeligkeit zerknirſcht zu ſein vor dem Goͤttlichen, von dem ſie nicht gewuͤrdigt wor⸗ den, ſeine Glorie in bleibenden Werken zu of⸗ fenbaren. Wenn nun aber das religioͤſe Gefuͤhl, das geſunde Gefuͤhl unſerer Erdenkrankheit ſelbſt erkrankt, ach! welche Symptome des Erbaͤrmli⸗ chen kommen da zum Vorſchein! Suchen Sie mir einmal unter den heulenden Scharen dieſer Eiferer einen recht geſunden Frommen heraus, der noch Muth und Kraft haͤtte, ſich, ſo zu ſa⸗ gen, aus heiler Haut zum Ewigen aufzuſchwin⸗ gen, wie man von etlichen unſerer Heiligen er⸗ zaͤhlt, daß ſie in freier Luft ſchwebend einer Ent⸗ 278 zuͤckung theilhaft geworden ſeien! Statt deſſen bekommen wir ſo erbauliche Geſchichtchen, wie da in dieſen Blaͤttern eine ſteht. In dieſen? fragte Mathilde und reichte nach einem gedruckten Blatt. Nein! ſagte der Pfarrer, das iſt nur das mainzer Sonntagsblatt, das ich meiner Schwe⸗ ſter zum Fenſterputzen uͤberlaſſe; hier meine ich, in dieſen eben im Leſekreis an mich gekommenen baieriſchen Blaͤttern. Es iſt ein ſalbungsvolles Hiſtoͤrchen von einem deutſchen proteſtantiſchen Baron, der in Rom ploͤtzlich erleuchtet worden ſein ſoll. Im Traume erſcheint ihm naͤmlich ein ſchoͤner Engel mit herrlichem, blondem Haar, das er in eine lange Flechte gewunden dem ar⸗ men Verzweifelnden herabreicht, um ihm aus einem Abgrund zu retten, in welchem er ſeit der Geburt ſchmachtete. Der Baron begreift dieſe Sprache des Traumes und folgt dem himmli⸗ ſchen Wink. Sehen Sie, man iſt ſo weit ge⸗ 279 gangen, den Namen des Barons mit Buchſtaben und Sternchen anzudeuten. Ich beſitze nur kein Adelslexikon, um den Familiennamen zu entziffern. Mathilde hatte das Blatt eingeſehen und rief lebhaft aus: Das heißt offenbar— Halm von Hagenitz! Dieſen Namen nannte naͤmlich ſchon der Abbate, als eines Bekannten aus Rom. Und der Vorname Edmund iſt hier vollſtaͤndig ausgedruͤckt. Gott, welche unbeſcheidene Weiſe, Aufſehen zu machen! Was wird der alſo preis⸗ gegebene junge Mann dazu ſagen? Denn als jung iſt er ja hier bezeichnet. Am Ende hat der rettende Engel die ſchoͤnen Haarflechten der Graͤfin Anna geborgt gehabt! bemerkte laͤchelnd Veronika. Wiſſen Sie, daß ich gerade auch an Die ge⸗ dacht habe? verſetzte der Pfarrer. Was macht denn die Schoͤne? Wir vermutheten neulich, liebe Mathilde, ſie wolle in unſerer Verborgen⸗ heit von ihren Bekehrungs⸗Manipulationen aus⸗ 280 ruhen. Vielleicht iſt es aber nur die verſteckte Hoͤhle der Kreuzſpinnen, aus der ſie auf einen neuen Fang in ihrem Netze lauert? Beiden Freundinnen fiel dabei der Baron Guſtav ein und ſie ſchwiegen betruͤbt. Eine Stille] entſtand, die der Geiſtliche laͤchelnd mit der Bemerkung unterbrach: Man ſagt, wenn unter lieben Freunden eine Stille der Unterhaltung entſteht, es ſchwebe ein Engel durch die Verſammlung. Wir ſprachen ja doch nur von der Graͤfin! Freilich, es konnte ein Engel ſein, der wieder ihren ſchoͤnen Zopf aufſuchte. In ſein ſanftes, ſchalkhaftes Laͤcheln hinein rief die aͤngſtliche Stimme der Schweſter: Bruder, Bruder! Ein fremder Herr iſt vorn im Hauſe, ein huͤbſcher, vornehmer Menſch und will Dich eilig ſprechen. Der Pfarrer entſchuldigte ſich und ſchob den Freundinnen zur einſtweiligen Unterhaltung das Koͤrbchen mit den ſchoͤnen Kirſchen hin. Allein Beide waren zu ſehr von ihm ſelbſt eingenom⸗ men und unterhielten ſich zu ſeinem Lobe. Ma⸗ thilde erzaͤhlte manche Zuͤge aus ſeinem Leben und Walten, die darauf hinausliefen, daß, ſeit⸗ dem er hier ſtehe, innerhalb der Pfarrei kein Verbrechen begangen worden ſei und es keine brotloſe Familie, keine ungluͤckliche Ehe und keine Proceſſe unter ſeinen Pfarrkindern gebe. Groß und Klein, ſagte ſie, iſt ruͤhrig, froͤhlich und man ſingt die Kirchenlieder gern unter der Arbeit. Mancher Verdruß bleibt dem guten Manne frei⸗ lich nicht aus, denn er gibt nicht viel auf Das, worauf man jetzt wieder ſo viel Werth legt— fromm mit Haͤnden und Fuͤßen zu ſein. Unter ſolcher Beſprechung kehrte der Pfarrer zuruͤck. Es iſt ein Raͤthſel, ſagte er, das ſich Ihnen, meine Lieben, wol zuerſt loͤſen wird. Ein gar einnehmender junger Mann, vornehmen und ſchwaͤrmeriſchen Ausſehens, hat mir mein Beſuchzimmer abgeſchwatzt auf einen oder zwei 282 Tage. Sein Diener mit den Pferden ſei im Wirthshaus eingekehrt, er ſelbſt aber wolle nicht geſehen und genannt ſein, einer kleinen Ueber⸗ raſchung im Schloſſe halber, die er bei mir vor⸗ bereiten wolle. Ich konnte nicht widerſtehen. Wie er aber mein Zimmer innehat, fragte er ſo geheimnißvoll nach dem Baron Anton, den er zu Muͤnchen geſehen, und forſchte ſo angele⸗ gentlich nach der Graͤfin Anna, daß es mir doch gar ſehr auffaͤllt. Beim Namen der Graͤfin ver⸗ aͤnderte ſich ſein Ausdruck, er erblaßte und ſeine Lippen zuckten. Der geheimnißvolle Menſch macht mir nun doch Beſorgniß; es reut mich faſt, daß ich ihn ins Haus gelaſſen und ich nun gezwungen bin, auf ihn Acht zu haben. Die Freundinnen raͤthſelten hin und her und Mathilde wollte es ſich nicht nehmen laſſen, der ſchwaͤrmeriſche Menſch ſei einer von den verzwei⸗ felten Liebhabern der Graͤfin, von denen die Rede gehe. Veronika war auch weit entfernt, ihr das auszureden. Die Vermuthung hatte fuͤr ſie viel Wahrſcheinlichkeit und ſelbſt etwas Er⸗ wuͤnſchtes. Sie dachte ſich naͤmlich, ein ſolcher verzweifelter Menſch koͤnne zu rechter Zeit ret⸗ tend, oder zur Warnung fuͤr ihren Freund Gu⸗ ſtav auftreten. Beide ſchieden mit dem Ver⸗ ſprechen von dem Pfarrer, ſie wollten Acht ha⸗ ben, wenn der beſchriebene Fremde ſich im Schloſſe ſehen laſſe, uͤbrigens aber Stillſchweigen halten. Wie oft hatte nicht Veronika im Laufe des wechſelvollen Morgens an den Freund gedacht! Und dieſer blieb freilich weit von ſo erhebenden und befriedigenden Empfindungen entfernt, wie ſolche der Freundin zu Theil geworden waren. Die peinigendſte Unruhe hatte ſeine Bruſt in Beſitz genommen. Ein brennendes Verlangen nach der reizenden Anna wechſelte mit einem 284 dunkel empfundenen Mistrauen gegen ihre Lockun⸗ gen und mit innern Vorwuͤrfen, die er ſich nicht klar machen mochte, ſo leicht ſie ihm auch ver⸗ ſtaͤndlich geweſen waͤren. War er mit ſich al⸗ lein, wie in letzter ſchlafloſer Nacht, ſo gewan⸗ nen ſeine durch ungetruͤbte Uebung befeſtigten Grundſaͤtze die Oberhand; ſobald er aber der Graͤfin anſichtig ward, ſo ſchlugen bei ihren ver⸗ ſtohlenen Blicken, bei jeder luͤſternen Bewegung ihrer uͤppigen Geſtalt ſeine jetzt ſo ſehr gereizten Pulſe alle guten Vorſaͤtze nieder. Zu dieſen Pulſen kam eine Kluͤgelei des Verſtandes, ihn noch mehr zu bethoͤren: die geheimnißvollen Winke der Graͤ⸗ fin uͤber einen Bund freier Katholiken beſchaͤftigte ihn ſehr. Von Jugend auf war es ihm oft in wachen Traͤumen vorgekommen, als muͤſſe dicht hinter dieſem alltaͤglichen und aͤngſtlichen Trei⸗ ben der Menſchen eine geheimnißvolle Region fuͤr ein bedeutenderes und freieres Leben auser⸗ waͤhlter Perſonen liegen, wie etwa der heitere 285 blaue Himmel hinter dem nahen rauhen Gebirge ein Paradies unſerer Sehnſucht zu verheimlichen ſcheint. Welches tiefere Gemuͤth fuͤhlte ſich auch nicht bei der ſteten Wiederkehr des Alltaͤglichen, beſonders im geſellſchaftlichen Verkehr, oft genug unbefriedigt, wenigſtens in den Jahren, da die Phantaſie noch ſo viel von der Welt erwartet und ehe das Herz die ewigen Tiefen ahnet, die auch in den gewoͤhnlichſten Erſcheinungen des Lebens ruhen? Fruͤher hatte der Baron Befrie⸗ digung ſolcher traͤumeriſchen Sehnſucht unter den Freimaurern geſucht und nicht gefunden; jetzt glaubte er der Sache in dem Bunde, von dem die Graͤfin geſprochen, auf die Spur zu kommen. An ihre Kirche ſchien ihm fuͤr Eingeweihte eine verſteckte Sakriſtei angebaut zu ſein, aus wel⸗ cher all' jener Pomp hervorginge, der das ge⸗ meine Volk in Andacht und Glauben nieder⸗ beugte, wo ſich aber die Eingeweihten laͤchelnd zuſammenfaͤnden, um hoͤherer Wahrheiten und —226 ausgeſuchterer Genuͤſſe froh zu werden. Ein ſolches Laͤcheln, wie es jenen Bevorzugten eigen ſein moͤchte, hatte er um den Mund der Graͤfin ſpielen ſehen, wenn er ſeine Glaubensanſichten oder ſeine Lebensgrundſaͤtze ausgeſprochen, und er kam ſich wie ein Knabe vor, uͤber den die Erwachſenen laͤchelnd hinwegblicken, wie ein Phi⸗ liſter, den die Einſichtigen keiner weitern' Erklaͤ⸗ rung werth halten. Und doch widerſtritt auch wieder eine Losgebundenheit, wie die Graͤfin ſolche errathen ließ, ſeiner innern Stimme und Allem, worauf menſchliches Daſein begruͤndet iſt. In ſolchen Augenblicken des Zweifels fiel es ihm auch beſchaͤmend ein, daß er Veronika's Namen auszuſprechen geſcheut hatte, als er ihre Anſicht vom engliſchen Spleen des Katholiſchwerdens gegen die Graͤfin anfüͤhrte. Ueberhaupt, wenn er, unter ſeinem Treiben mit der Graͤfin, Ve⸗ ronika erblickte oder an die Abweſende dachte, uͤberkam ihn ein wunderliches Gefühl, eine aͤngſt: liche Unruhe, als ob er etwas Werthvolles ver⸗ miſſe. Dieſe widerſtreitenden Gedanken und Em⸗ pfindungen trieben den reizbaren, mit ſich zer⸗ fallenen Freund zu dem verzweifelten Ausruf: Wohl denn, laßt mich einmal irren! Ins Kuckuks Namen! Wahrlich, es iſt ſchon der Muͤhe werth, durch ſolchen Irrthum ſich einmal ins Klare zu ſetzen, ſei es auch nur, um ſich ein fuͤr alle Mal in ſein Alltagsleben zu fuͤgen. Wenn dann auch nichts Unerhoͤrtes dabei heraus⸗ koͤmmt; iſt es denn nicht ſchon genug, ein ſo taͤuſchendes Geſchoͤpf, eine ſo reizende Schwaͤr⸗ merin beſeſſen zu haben? Wenigſtens kann doch, beim Himmel! dieſe Geſtalt, dieſe roſige Ju⸗ gend, dieſe heiße Fuͤlle der Schoͤnheit keine Taͤuſchung ſein. Und falle ich aus all' meinen Traͤumen bethoͤrt herunter, in dieſen Armen, die ſich mir aufthun, werde ich den Hals nicht brechen. Er ſtieß ein ſchallendes Lachen aus, als ob 288 er in demſelben Augenblick fuͤhle, daß hinter dieſem Entſchluß doch mehr aͤngſtliche Unent⸗ ſchloſſenheit, als kecke Abſicht hervorblicke. Dieſe Stimmung uͤberkam den Freund, als er eben mit Anna von einem Morgengange und einer weniger ungeſtuͤmen, aber deſto zutrauli⸗ cheren Unterhaltung zuruͤckgekehrt war. Sie hatten fuͤr den Abend unter der Bet⸗ und Spiel⸗ ſtunde der Andern eine vertrauliche Zuſammen⸗ kunft im hintern Pavillon des Gartens verab⸗ redet, wo der geheimnißvolle Gegenſtand beſpro⸗ chen werden ſollte, der vielleicht fuͤr Beide nur die Bedeutung eines guten Vorwandes hatte. Was aber Beide ſich eigentlich von dieſer trau⸗ lichen Stunde verſprachen, mochte ſich die Graͤfin vielleicht lieber, als der Freund, eingeſtehen. Wenigſtens war des Letztern Erwartung von ſo aufgeregter Art, daß er, wie es in ſolchen Stim⸗ mungen zu geſchehen pflegt, die entſprechenden Genuͤſſe der Tafel durchaus nicht mied. 289 Nach Tiſch, als man wieder im Garten beim Kaffee ſaß, kam der Pfarrer mit ſeiner Schwe⸗ ſter Eliſabeth, um den Freiherrn Anton zu ſei⸗ ner Ruͤckkehr zu begruͤßen und den Freundinnen einen Gegenbeſuch zu machen. Er im glatten ſchwarzen Talar, hob den bunten bauſchenden Anzug der Schweſter deſto mehr hervor. Eliſabeth hatte es uͤbel getroffen; weil ſie es naͤmlich, der hohen Geſellſchaft hal⸗ ber, aufs beſte zu machen bedacht geweſen, hatte ſie ihre werthvollſten Sachen angelegt, die auf das ſorgfaͤltigſte aufbewahrten, mithin am wenigſten mit der Zeit fortgegangenen, zu denen ſie dann eine paſſende Gravitaͤt anzuneh⸗ men gewohnt war, wenn die nicht vielleicht ſchon in den Kleidern ſelbſt ſteckte. Solche Mo⸗ den und Manieren unbelaͤchelt zu laſſen, waͤre von einer muntern Geſellſchaft zu viel verlangt geweſen; doch haͤtte jeder Zartfuͤhlende der guten Alten mehr Schonung gewuͤnſcht, als ſie von Veronika. I. 13 290 Seiten der Graͤfin Anna erfuhr; denn dieſe war ungluͤcklicher Weiſe durch die Unterhaltung mit Guſtav und dem Geheimerath in der beſten Laune, und ließ ſich von ihrer lebhaften Gabe der Nachahmung ſo weit hinreißen, daß ſie die gute Alte zu großer Verlegenheit der Baronin⸗Mutter zum Beſten hatte. Es entſtand eine verlegene Stille. Nur der Pfarrer bemerkte nichts, weil er ſich in ſeiner Gemuͤthlichkeit mit den Freun⸗ dinnen in ein intereſſantes Geſpraͤch eingelaſſen hatte. Veronika, von den edeln Gedanken des Geiſtlichen angezogen, konnte doch nicht laſſen, auf die Verlegenheit der guten Alten zu achten, die bei aller Drolligkeit verſtaͤndig genug war, die muthwillige Freundlichkeit der Graͤfin richtig zu verſtehen. Ja, ſolche Perſonen, die im Ge⸗ fuͤhl ihrer Unterordnung ſich nicht zu helfen wiſſen und wagen, empfinden oft eine uͤble Be⸗ handlung nur deſto tiefer. Und Eliſabeth war bereits bis zu aufſteigenden Thraͤnen verletzt, als Veronika ſich leiſe erhob, ſie unterm Arm faßte und mit den freundlichen Worten wegfuͤhrte: Kommen Ste, meine Liebe, ich will Ihnen einmal zeigen, wie ſchicklich— der Garten angelegt iſt. Die Graͤfin, ſchon in Verlegenheit uͤber die Stille der Andern zu ihren Scherzen, ließ ſich nun uͤber die weggegangene Veronika aus. Nach mehren heftigen Aeußerungen ſagte ſie laͤchelnd: Wo haben Sie denn nur die gute Acquiſi⸗ tion von Gouvernante gemacht, Herr Baron Schleifras? Ich gratulire Ihrer Tochter, liebe Baronin! Wie wohl haben Sie gethan, ein ſo feines Lineal mit auf die Reiſe zu nehmen! Sie haben Recht! Graͤfin, verſetzte Alide. Ich habe mir auch nichts Beſſeres erwartet, als Mademoiſelle mitgenommen werden mußte, und in der That iſt mir fuͤr meine Vorausſicht ein leidiger Triumph geworden. Vergeben Sie mir ihn, theure Graͤfin. Aller Augen wendeten ſich bei dieſer Erklaͤ⸗ 13* — 29²— rung auf den Baron Guſtav, der auch die Un⸗ vorſichtigkeit ſeiner Gemahlin lebhaft empfand. Im raſchen Unmuth verſetzte er: Ich glaube gar, meine ſchoͤne Graͤfin, Sie tadeln unſere gute Veronika? Gerade, wo ſie mich ſo angenehm uͤberraſcht hat. Sie wiſſen doch, bei einer Er⸗ zieherin pflegt man nur auf Geiſt und Herz, auf ſolide Kenntniſſe und edles Weſen zu ſehen; die eigentlich feinen Formen lernt eine junge Dame doch nur in der Welt, im Umgang mit — wie unſere Tochter eben das Gluͤck hat. So mehr finde ich mich uͤberraſcht, daß die buͤrger⸗ liche Gouvernante ſo viel guten Geſchmack beſitzt und ſich fuͤr— das Alte intereſſirt, das man jetzt ſo hervorſucht, den Geſchmack fuͤr Sachen à la vieille, à la grand'-mere. Bitte, meine gnaͤdige Graͤfin, laſſen Sie die gute Alte heute fuͤr Roccoco gelten, fuͤr eine Figur von Porzel⸗ lan, womit Sie ja ſonſt ſo ſchonend umzu⸗ gehen wiſſen! 293 Eben kam ein Bedienter des Hauſes heran und ſtellte der Graͤfin einen Brief zu. Bei der Ueberſchrift erſchrak ſie und um den Eindruck zu verbergen, ſtand ſie auf und entfernte ſich mit einer anmuthigen Verneigung, als ob der Brief einer ſchnellen Antwort beduͤrfe. Das Geheimnißvolle, das hinter ihr zuruͤck⸗ blieb, war von der Art, daß man es lieber un⸗ beruͤhrt ließ und Alle ſich beeiferten, es mit einem muntern Geſpraͤche zu uͤberſtreuen. Pater Joſeph hatte ſich unbemerkt aus der Geſellſchaft verloren und ſein Diener folgte ihm ins Haus, wo er, wie es ſchien, auf das Benehmen der Graͤfin inſtruirt ward. Denn als dieſe bald wieder mit heiterer Miene und leichtem Vorge⸗ ben hinſichtlich des Briefes zur Geſellſchaft zu⸗ ruͤckgekehrt war, zeigte ſich auch der ſchielende Beobachter in der Naͤhe und ließ die Graͤfin nicht aus dem Auge. Inzauiſchen ſtahl ſich Pater Joſeph uͤber den 294 ſtillen Corridor des Hauſes nach Anna'’s Zim⸗ mer, oͤffnete es mit ſeinem Nachſchluͤſſel und— da er auch zu den verſchloſſenen Behaͤltern der Gaſtzimmer ſolche zweite Schluͤſſel beſaß, ſo fand er richtig im Mahagoni⸗Schreibtiſche der Graͤfin den verwahrten Brief, der alſo lautete: „Unvergeßliche Anna! Ich bin in Ihrer naͤchſten Naͤhe. Erſchrecken Sie nicht bei den Zuͤgen meiner Schrift, die hoffentlich nichts von der Verzweiflung aus⸗ druͤcken, die Ihnen zuletzt in den Zuͤgen meines Geſichtes ſo misfaͤllig war. Das iſt vorbei, uͤberwunden. Damals hatten Sie meine Seele zu Grunde gerichtet, ohne mir Treue zu halten und ohne mich des Preiſes fuͤr meinen Glau⸗ bensverrath froh werden zu laſſen, Ihres Be⸗ ſitzes. Es iſt vorbei! Ich habe mich wieder gefunden, meine Heiligthuͤmer wieder gewonnen. Somit ſei auch Ihnen vergeben! Sie ſehen, ich bin ruhig, denn ich weiß, was ich will. Eins 29⁰ nur kann ich mir nicht verſagen; ich verlange, ich lechze darnach, ich muß, ehe ich meinem Vaterland den Ruͤcken kehre, noch einmal Ihre Hand kuͤſſen und mir ein kleines lebloſes An⸗ denken ausbitten, etwas, was Sie getragen ha⸗ ben in den Tagen meiner ſuͤßen Thorheit. Sie ſehen, etwas von dieſer Thorheit habe ich noch immer an mir. Auf Ehre und Seligkeit! nichts weiter treibt mich hierher. Ich ſehe, ich ſuche Sie dann nie wieder. Nur fuͤnf Minuten Wie⸗ derſehen ohne Vorwuͤrfe, Abſchied ohne Abrech⸗ nung. Wahrlich! Nach ſieben Uhr komme ich durch die hintere Thuͤre in den Garten, oder erwarte Sie außerhalb unterm Birnbaum am Wieſenpfade nach dem Dorf. Fuͤnf Minuten — nicht laͤnger! An der Thuͤre erwarte ich Ihren Wink, einzutreten oder außerhalb zu har⸗ ren. Haͤngen Sie alsbald Ihre Handquehle ins Fenſter, als Zeichen Ihrer Zuſage. Außer⸗ dem bliebe mir nichts uͤbrig, als mich beim 296 Baron Anton einzufuͤhren und Sie zu ſprechen, was es auch koſte. Ohne Handkuß und An⸗ denken ſcheide ich einmal nicht. Alſo um ſie⸗ ben Uhr!— Edmund. N. S. Aengſtigen Sie ſich nicht daruͤber, wie ich Ihre jetzige Einſamkeit erfahren. Ihr Beſuch wurde dem Baron Anton nach Muͤnchen gemeldet und aus dieſem Briefe weiß ich von Ihnen. Ich verfolge Sie nicht, ſchöne Anna! Edmund.“ Da lag der Brief wieder, wie er vorher gelegen. Das Schloß des Schreibtiſches knackte zu. Sieh, da hing auch die Quehle im Fenſter! Zwiſchen ihr und der Thuͤre ſchwankte Pater Joſeph, ob er etwa das Tuch wegnehmen und ſo den Feind ins Haus locken ſollte. Aber der Ungeduldige hatte wol aus der Ferne das Sig⸗ nal ſchon geſehen und— die Graͤfin durfte ja eben nicht ſehen, daß Jemand im Zimmer ge⸗ weſen.„Um ſieben Uhr?“ Fatal! Da war gerade auch die Betſtunde! Konnte ſie nicht ausgeſetzt werden? Aber ſollte der Pater die Stunde ausſetzen und ſich doch ohne Geſchaͤft im Haus und Garten zeigen? Oder ſollte er den Baron Anton ins Vertrauen ziehen? Aber — durfte er geſtehen, daß er Zimmer und Mo⸗ bilien oͤffnen konnte? Pater Joſeph fuͤhlte ſich wie in einer Schlinge gefangen. Er hatte ſich eines Geheimniſſes be⸗ maͤchtigt, ohne es ganz bewaͤltigen zu koͤnnen. Er ſchlich aͤrgerlich, unentſchloſſen aus dem Gemach. Der Graͤfin lag Alles daran, Edmund nicht zu einem Beſuch im Hauſe kommen zu laſſen und ihn uͤberhaupt zu keiner verwegenen Unter⸗ nehmung zu reizen. Aus dieſer Angſt hatte ſie das verlangte Zeichen mit dem Handtuche ſchnell gegeben und bekaͤmpfte nun mit derſelben Angſt die andere— Edmund wirklich zu ſehen. Denn 13** 298 die kurzen eilenden Saͤtze ſeines Briefes ſchienen ihr doch nur fluͤchtige Verraͤther einer verleug⸗ neten boͤſen Abſicht. In dieſer Klemme wußte ſie ſich aber nicht anders zu helfen, als daß ſie ſich am Ende ſelbſt zu uͤberzeugen ſuchte, der verzweifelte Menſch koͤnne doch wol im Garten, oder— wenn es zu bedenklich war, ihn da zu ſprechen— vor demſelben, auf dem offenen Pfade zum Dorf, nichts Tollkuͤhnes unterneh⸗ men. Was ſollte es denn auch ſein? Ihr ein Leid zufuͤgen? Dazu kannte ſie ihn als zu ſanft⸗ muͤthigen Schwaͤrmer. Am Ende war der ganze Beſuch weiter nichts, als eine der ſchwaͤrmeri⸗ ſchen Grillen, die ſie von ihm gewohnt war und die man ſo ſchnell wie moͤglich vertreiben mußte. 5 Mit dieſer Beruhigung und mit einiger Hei⸗ terkeit in der Miene war ſie zur Geſellſchaft zu⸗ ruͤckgekehrt. Nun beſann ſie ſich aber, daß zu ſelber Stunde, in der ſie nun Edmund zu er⸗ warten hatte, auch die Zuſammenkunft mit dem Baron verabredet war. Da fiel ihr Veronika's Beleidigung und die ſpoͤttiſche Schutzrede des Barons ein, die ihr zur Abwehr oder Ausflucht dienen konnten. Waͤhrend ſie noch ſo in Ueber⸗ legung ſaß, indeß die Andern im Geſpraͤche um⸗ herwandelten, tippte ein leiſer Finger auf ihre Schulter und erſchreckte ſie. Es war der Baron Guſtav. Hab' ich Sie beleidigt, theure Graͤfin? fragte er. Gilt mir dieſe finſtere Miene? O nicht doch! antwortete ſie wegwerfend. Es gibt doch wichtigere Dinge in der Welt, Herr Baron. In der Welt— gewiß! fluͤſterte er; fuͤr mich aber gibt es nichts Wichtigeres, als das Geheimniß, das Sie mir offenbaren wollen. Alſo um ſieben Uhr? Nein, Herr Baron! antwortete ſie feſt. Fuͤr heute haben Sie dieſe Offenbarung durch Ihr Betragen verwirkt. Ich will zuſehen, bis wann Sie genuͤgende Buße gethan haben, um einer Offenbarung gewuͤrdigt zu werden. Bis wann? Nein, dieſe Ungewißheit ertrage ich nicht! rief er. Ich laſſe die Sonne nicht untergehen uͤber Ihren Groll, ohne ihn zu ver⸗ ſoͤhnen. Wiſſen Sie, die Sonne thut das jetzt um acht Uhr und von ſieben Uhr an weiche ich nicht mehr von Ihrer Ferſe! Schritt vor Schritt, als ein Buͤßender, haͤnge ich mich an Sie. Wahrlich! Heute noch muß ich erfahren, was mich retten und beſeligen ſoll. Heute noch Fnuüſſen Sie mir das Tabernakel Ihrer Geheim⸗ niſſe aufthun, Sie— Prieſterin der freien Liebe! Beim Himmel, Graͤfin! Sie bedachte ſich einen Augenblick, dann ſagte ſie argerlich: Laſſen Sie das Fluͤſtern uͤber meine Schul⸗ tern! Wie ungeſchickt! Was ſoll man davon 301 denken? Kommen Sie dann zum Pavillon, aber— Schlag ſieben Uhr. Sie ſollen in Gottes Namen finden— was Sie verdienen. Die Unruhe Derer, die vom Geheimniß die⸗ ſer Stunde beruͤhrt waren, ging bald auch auf die Andern uͤber und ſetzte die ganze haͤusliche Geſellſchaft auf den Nachmittag in eine unbe⸗ hagliche Spannung. Am eheſten frei davon hielt ſich noch die Gemahlin des Barons Anton. An ſich ſchon ſehr gelaſſen von Gemuͤthsart, er⸗ hielt ſie auch noch einige Modejournale und verſchiedene Briefe von Freundinnen mit hoͤchſt anziehenden Nachrichten, die ihre ganze Theil⸗ nahme gewannen. Freundinnen in Ems hatten naͤmlich intereſſante Bekanntſchaften junger Her⸗ ren und einige Landpartien auf Eſeln gemacht; von einer andern Seite wurde ein praͤchtiges Tanzfruͤhſtuͤck gemeldet, das der Prinz Georg auf ſeiner Faſanerie gegeben; uͤberdies war eine Nichte aus einer kleinen Reſidenz zuruͤckgekehrt und hatte auf einem Hofball ſehr gefallen und viel getanzt. Auch dort war Taffet à la vieille und der mantelet changeant das Neuſte, Ta⸗ ſchentuͤcher waren jetzt der Stempel feiner Toi⸗ lette, reich mit alten guten Spitzen beſetzt und Wappen oder Namenszug darauf mit Aufwand ausgefuͤhrt. Die Baronin theilte das Alles lebhaft mit und war ſehr aufgeregt und liebens⸗ wuͤrdig. Nach und nach fanden ſich wieder die befreundeten Gaͤſte zum Thee und Abendſtuͤnd⸗ chen ein. Die Unterhaltung wurde lebhaft, nur Baron Guſtav nahm wenig Antheil daran. Er ſaß unruhig und nachdenklich. Die Erwartung quaͤlte ihn und mit dem brauſenden Theewaſſer, das gebracht wurde, drohte ſeine Ungeduld uͤber⸗ zulaufen. Dazwiſchen fielen ihm einige Mal die Worte der Graͤfin ein:„Sie ſollen finden, was Sie verdienen“ und machten ihn bedenk⸗ 303 lich. Sie waren ihm ſo aͤrgerlich hingeworfen worden; ſollte es eine Drohung ſein, ein Poſſen, oder war es eine Koketterie? Wie die Graͤfin nach ihrer erſten Taſſe leiſe wegging, ſtand Guſtav unwillkuͤrlich auf. In dieſem Augenblick machte ſich auch Veronika zu thun und verließ den Tiſch. Er ſetzte ſich er⸗ ſchrocken wieder feſt. Wem waͤren nicht ſchon in aufgeregten Au⸗ genblicken, in Momenten innerlichen Kampfes, die wunderbarſten Empfindungen durch die Seele geblitzt und rettende Gedanken auf unerklaͤrliche Weiſe aufgeſtiegen? Etwas der Art begegnete jetzt unſerm Baron Guſtav. Wie ſich Veronika erhob und vor ſei⸗ nen Augen verſchwand, rief es in ſeinem In⸗ nern: Dein guter Geiſt verlaͤßt dich! Dieſer wunderliche Gedanke, dieſe unerwartete Vorſtel⸗ lung verwirrten ihn. Er war ploͤtzlich uͤber ſeinen innern Zuſtand klar und der Gedanke 304 ſtand ihm wie vor die Augen geſchrieben: Dich treibts nach der Graͤfin, nicht nach ihrem Ge⸗ heimniß! Er fuͤhlte ſich beſchaͤmt und doch nicht geneigt, das lockende Geheimniß aufzu⸗ geben.— Daruͤber ſchlug es ſieben Uhr und das Zei⸗ chen zum Betſtuͤndchen ward laut. Sie erwar⸗ tet dich, dachte er. Wie? Ich ſollte mir nicht trauen, mit ihr allein zu ſein? Nein, nein, ich will wenigſtens wiſſen, was ich verdiene, weſſen ſie mich werth haͤlt! Hiermit erhob er ſich hinter der aufgeſtande⸗ nen Geſellſchaft und eilte nach der Gegend des Pavillons.— Welch' ein Schalk, welch' ein arger Heuch⸗ ler kann das menſchliche Herz ſein, wenn es ſich auf einem Irrwege ertappt? Jetzt lag der Pavillon vor ihm auf einem graſigen Huͤgel und von dem ebenfalls uͤber einen Huͤgel laufenden Fußpfad nach der Gartenthuͤre durch eine ſchmale, mit kurzem Gebuͤſch bewach⸗ ſene Tiefe abgeſperrt. Noch einmal blieb er ſtehen, ſein Herz klopfte. Er legte die Hand auf das pochende Herz und ſagte laut: Auf meine Ehre, ich will nichts, als ihr und mir zeigen, daß ich ein Mann bin! Dann eilte er zwiſchen den bluͤhenden Stauden nach der Seite des Eingangs. Die Thuͤre war angelehnt und wie er in die Daͤmmerung hineinſchielte, ſtand am geſchloſſenen Ladenfenſter eine weibliche Ge⸗ ſtalt und blickte durch das aufgezogene Gitter hinaus nach dem Pfad zur Gartenthuͤre. Er ſchlich hinein, ſie zu uͤberraſchen. Allein mit dem einfallenden Tageslichte wendete ſich die Geſtalt und vor ihm ſtand Veronika, erſchrocken vor dem Erſchreckenden. Kaum konnte er in eigner Ueberraſchung die Frage vorbringen: Sie, Veronika, ſind es? Wie? Haſtig und geſpannt erwiderte die Freundin: Hat die Graͤfin Sie hierher beſtellt, Herr Baron? 306 Ja! Sie wollte mir— allerdings, ich ſollte naͤmlich— war die Antwort, die aber Veronika mit dem Ausruf: O mein Gott! unterbrach, womit ſie nach der Thuͤre eilte. Guſtav hielt ſie auf. Bleiben Sie einen Augenblick, beſte Veronika! ſagte er, oͤffnete, ſie zu beruhigen, die halb offene Thuͤre ganz und fuͤhrte die Freundin nach dem Sopha. Die Aeußerung der Graͤfin fiel ihm wieder ein,„Sie ſollen finden, was Sie verdienen.“ Beſchaͤmt, mit niedergeſchlagenem Blick und ohne inne zu werden, mit welch' ſchmerzlichen Empfindungen die Freundin zu kaͤmpfen hatte, ſagte er: Verſtaͤndigen wir uns, liebe Veronika! Soll uns das ein Poſſen der Graͤfin ſein? Wiſſen Sie, Veronika, ſie grollt Ihnen von Ihrer vorhinnigen Zurechtweiſung, und auch mir, denn ich habe ihr daruͤber Empfindliches geſagt. Ich habe mich Ihrer angenommen, beſte Veronika! Haben Sie das? verſetzte ſie und druͤckte ſeine Hand, denn mehr konnte ſie nicht vor⸗ bringen. Die Graͤfin hat Ihnen alſo, hat Sie wirk⸗ lich hierher beſtellt? fragte er. Selbſt hergefuͤhrt, erklaͤrte Veronika, nachdem ſie mich hatte bitten laſſen, ihr vom Thee in den Garten zu folgen. Sie ſprach zerſtreut von einer wichtigen Angelegenheit, die ſie mir mit⸗ zutheilen habe, hieß mich hier verweilen, ſtill und verſteckt und wollte nur einige vergeſſene Briefe holen. Aber ich ſah ſie nach der Gar⸗ tenthuͤre gehen und ſie iſt auch noch nicht wie⸗ der zuruͤck. Veronika konnte dieſe Erklaͤrung nur ſtockend vorbringen; Schmerz zitterte um ihre blaſſen Lippen, ihr Auge kaͤmpfte mit Thraͤnen. Guſtav, bei dieſem Anblick erſchuͤttert, rief geruͤhrt aus: O mein Gott, was iſt es denn, Veronika? Sprechen Sie doch, Worte, nicht Tropfen des Leids! Hab' ich denn Ihr Vertrauen ver⸗ loren? Sind wir die herzlichſten Freunde nicht mehr, wie daheim? Aber, wie waͤre der ſchmerzliche Aufruhr in Veronika's Herz klar zu machen? Die wider⸗ ſprechendſten Gedanken und Empfindungen durch⸗ kreuzten ſich in ihr und das Leidigſte war gar nicht auszuſprechen. Die Schenkwirthin vom letzten Heller fiel ihr lebhafter wieder ein und ſie fand in dieſem Poſſen der Graͤfin einen aͤhn⸗ lichen Argwohn ausgeſprochen. Sie begriff nicht, welchen Anlaß ſie der Graͤfin zu ſolchen Vor⸗ ausſetzungen gegeben; es kraͤnkte ſie, daß man ſo wenig Achtung vor ihr habe. Und immer waren es die Unwuͤrdigſten ihres Geſchlechtes, die das tiefſte Geheimniß ihres Herzens errie⸗ then und entweihten. Dieſe und— wer weiß welche Vorſtellungen all', beſtuͤrmten ſie auf das ſchmerzlichſte. Sie kannte die Verlegenheit der Graͤfin nicht, um den Sinn dieſes Scherzes, mit welchem die Dame ſich nur aus ihrer Klemme zu ziehen ſuchte, weniger bezuͤglich und kraͤnkend aufzunehmen. Alle dieſe Empfindungen draͤngten ſich in wenig Augenblicke zuſammen, waͤhrend deren der Baron die Frage wiederholte: Hab' ich Ihr Vertrauen verloren, theure Freundin? Wenn Ihnen mein Vertrauen etwas gilt, antwortete ſie, ſo ſehen Sie ſich gegen die Graͤ⸗ fin vor! Sie iſt ein Werkzeug der Jeſuiten. Die Geheimeraͤthin kann Ihnen Beſtimmteres daruͤber mittheilen. Guſtav blickte auf, wie Jemand, der ſich in ſeinen leidenſchaftlichen Vermuthungen ploͤtzlich beſtaͤtigt findet. Ja, rief er lebhaft aus, ſo iſt es! O ich wußte es und war ein Thor. Es iſt aber auch ein Haus voller Tollheiten. Haben Sie Dank, liebe, theure Veronika! Aber nun auch fort aus dieſem traͤumeriſchen Revier! Hier verirren wir uns, verlieren einander. Meine Frau iſt umgewandelt, heiter und vergnuͤgt, ich weiß nicht durch welchen Zauber; aber ſie iſt mir fremd, ihre Seele iſt mir entwendet und andern Dingen zugekehrt. Ich ſelbſt, ja, ich tappte ſchon in dickſte Thorheit hinein. Sie, Veronika, kamen noch recht mit Ihrer War⸗ nung. Ach daß ein ſuchendes Herz ſo leicht irre⸗ geht! Veronika! Laſſen Sie mich an Ihnen halten! Eine Bitte, theure Freundin! Die Graͤfin beſtellte mich mit den Worten hierher, ich ſollte hier finden, was ich verdiene. Laſſen Sie den Poſſen der Thoͤrin zu einer Prophe⸗ zeiung werden, laſſen Sie mich Ihrer werth ſein, Ihr edles Herz verdienen! Mit dieſen Worten beugte er ſich auf ihre Hand und kniete nieder. Mein Gott, lieber Freund! wehrte ſie ab, wollen Sie mich kraͤnken? Laſſen Sie mich ſo, meine Freundin! flehte er. Es ſteht mir wohl an, mich vor Ihnen zu demuͤthigen. Ich habe eine ſchwere Schuld an 8 unſerer Freundſchaft zu verbuͤßen. O bleiben Sie ruhig, theuerſte Veronika, ich ſage nichts, was Sie verletze. Gern moͤchte ich in dieſem frohen, dankbaren Augenblick mein Herz reden laſſen, allein mir faͤllt ein, mit welchen kindi⸗ ſchen Erwartungen ich hierher gekommen bin, und ich ſchweige beſchaͤmt. Eine Offenbarung iſt mir doch hier geworden, und ich bewahre ſie als theuerſtes Geheimniß in meinem Herzen! Veronika laͤchelte verlegen zu ihm nieder, Hand in Hand, Blick in Blick. Eine Stille entſtand, die Abendſonne fiel ſchraͤg durch den aufgezogenen Laden herein, im ferneren Gebuͤſche ſchlug der Kuckuk eine lange Reihe prophetiſcher Toͤne. Zuruͤck, zuruͤck! rief im Garten die Stimme der Graͤfin. Sie ſind nicht allein gekommen, Edmund, Sie haben mich hintergangen. Ich will nun nichts mit Ihnen! Flieh', ehe man Dich hier trifft. 312 Und eine ſanfte, maͤnnliche Stimme verſetzte darauf: Ich beſchwoͤre Sie, Anna! Es iſt ja nur mein Bedienter, mein Franz! Sehen Sie doch hin! Er traͤgt ein Kaͤſtchen und etwas darin, womit ich Ihr Andenken eintauſchen will. Nur fuͤnf ruhige, vernuͤnftige Minuten! Gehen Sie nicht weiter, oder ich folge Ihnen ins Haus und bete mit dem Abbate eine Litanei eurer— Guſtav und Veronika waren an das Fenſter getreten, wo ſie durch das Ladengitter, ohne ſelbſt bemerkt zu werden, uͤber das abſinkende Buſchwerk hinweg auf den hoͤher gelegenen Weg zur Gartenthuͤre blicken konnten. Sie ſahen vor der Graͤfin ſtehend einen ſchlanken, blaſſen jungen Mann, in welchem Veronika, der Be⸗ ſchreibung des Pfarrers nach, deſſen geheimniß⸗ vollen Gaſt zu erkennen glaubte. Machen Sie's kurz, Edmund! unterbrach die Graͤfin die letzte drohende Aeußerung des jungen Mannes, ſie ſelbſt in einer Unruhe, die Alles umher vergeſſen zu haben, und doch auch von allen Seiten einen Zeugen des Auftritts zu befuͤrchten ſchien. Ich habe des Leidenſchaftlichen genug von Ihnen zu dulden gehabt. O ſtill, Anna! rief der Fremde, indem er mit dem Zeigefinger drohend, der Graͤfin mit ſchmerzlichem Vorwurf in die Augen blickte. Dann umgewendet, winkte er nach der Garten⸗ thuͤre und ein ſchlicht gekleideter derber Burſche eilte mit einem Kaͤſtchen herbei, uͤberreichte es und ſtellte ſich dann dicht hinter die Graͤfin. Sehen Sie hier, meine liebe Graͤfin! ſagte Edmund mit bebender Stimme und einem Blick auf den Diener. In dieſem Moment umfaßte der kraͤftige Burſche von hinten die Graͤfin ſo feſt, daß ſie ſich nicht regen konnte. Das Kaͤſt⸗ chen fiel zu Boden; eine große Scheere glaͤnzte in Edmund's gehobener Rechten, mit der Linken griff er hart in den prachtvollen Haarſchmuck Veronika. I.. 14 314 der Graͤfin, der alsbald ſich aus ſeinen kuͤnſtli⸗ chen Schleifen loͤſte und den nun dicht am Kopf abzuſchneiden, die ſcharfe Scheere mit aller Haſt und Anſtrengung nagte. Beim erſten, unwillkuͤrlichen Aufſchrei der Graͤfin wendete ſich Baron Guſtav zur Huͤlfe nach der offenen Thuͤre. Veronika ſuchte aus unbeſtimmter Angſt ihn zuruͤck zu halten; er er⸗ klaͤrte aber ruhig, daß er es ihrem Geſchlecht ſchuldig ſei, ihr beizuſpringen, und eilte hinaus. Wegen des dichten Buſchwerkes gerade B Seite der Graͤfin mußte er links herum uͤber den Raſenplatz laufen. Bis er den umweg um das Gebuͤſch machte, entwichen eben die beiden Fremden und ſchlugen hinter ſich die Garten⸗ thuͤre zu. Die Graͤfin lag auf dem Boden, ohnmaͤchtig von der Anſtrengung, ſich zu wehren, und zugleich von der Angſt, zu ſchweigen oder zu ſchreien. Scheere und Kaͤſtchen lagen neben ihr mit einem Brief. 315 Veronika war dem Freunde nachgeeilt. Beide legten Hand an die Bewußtloͤſe, ſie zu erwecken und aufzurichten. Sie erwachte von der zweifachen Beruͤhrung, faßte nach ihrem Scheitel, ſtieß einen verzwei⸗ felten Laut aus und eilte, mit einem Blicke des Haſſes auf das verlegene Paar, dem Schloſſe zu. Den Nachblickenden zum Schreck ſtuͤrzte aus dem naͤchſten Gebuͤſche Pater Joſeph's Die⸗ ner hervor, blaß und hoͤchſt befangen. Ich hoͤrte hier Laͤrm! ſtotterte er und hob raſch den Brief nebſt Kaͤſtchen und Scheere auf. Erlauben Sie, ich will es der gnaͤdigen Graͤfin nachbringen, ſagte er und eilte fort. Guſtav und Veronika ſtanden noch in Ueber⸗ legung, ob ſie ſich im Schloß als Mitwiſſende des Vorfalls benehmen ſollten oder nicht, als der Pfarrer Kindlinger durch die Gartenthuͤre herbeikam. Nicht wahr, Jungfrau Veronika, rief er ihnen ſchon von fern zu, ich habe mir 14* ein Ungluͤck erwartet? Gott Lob, daß es nichts Schlimmeres iſt! Dort reitet er eben davon, der Engel in Menſchengeſtalt, der den wunderthaͤti⸗ gen Zopf geholt hat. Er wird mehr gebraucht werden ſollen. Es gibt ja heutigen Tags ſo viel arme Seelen, die tief genug drin ſtecken, daß ihnen ohne Wunder nicht herauszuhelfen iſt. Aber— woher wiſſen Sie denn, mein Freund, was eben hier geſchehen? fragte Veronika. Hier im Briefe ſtehts, den mir der junge Herr zuruͤckgelaſſen, nebſt einer Boͤrſe mit Gold zu milden Spenden fuͤr Nothleidende. Es iſt wirklich der Herr Baron, von dem das Wunder ſeiner Bekehrung in oͤffentlichen Blaͤttern mit indiscreter Andeutung ſeines Namens gemeldet worden. Und gerade dies ſcheint ihn zur Ver⸗ zweiflung und Beſinnung gebracht zu haben, zumal er ſich auch in ſeiner ehrlichen Liebe und Leidenſchaft von der Graͤfin am Ende nur ver⸗ lockt, aber nicht erhoͤrt fand. Sein Brief ent⸗ . ⸗ haͤlt nur fluͤchtige, verworrene Andeutungen dar⸗ uͤber. Er will aber die wahre Geſchichte ſeines Uebertritts publiciren und das Haar des Engels als Reliquie bewahren. Der junge Herr mag wol beſonders in dieſen Schmuck, in das Ge⸗ fieder des Lockvogels, vernarrt geweſen ſein; ſo haben ſie denn ihr Wunderhiſtoͤrchen in den rei⸗ zenden Zopf eingeflochten, oder vielmehr den Zopf in das Geſchichtchen, um bei dem Heil, das ſie dem Neubekehrten gegoͤnnt haben, doch auch ihren eigenen kleinen Spaß zu finden. Ja, das ſind Spaßvoͤgel, ſage ich Ihnen, dieſe neuen Jeſuiten, ſo gut, wie die alten! Sie ſcheinen aber ins Schloß zu wollen, Herr Pfarrer? aͤußerte der Baron. Ja wol! antwortete er. Der junge Herr hat mir dieſen zweiten verſchloſſenen Brief ſehr empfohlen, daß ihn ja der Freiherr Anton zu eigener Hand richtig erhalte. Er ſcheint den Raͤnken und heuchleriſchen Kuͤnſten der ſchoͤnen „ 318 Graͤfin und ihres Oheims nicht zu trauen und darum ſein Wagniß bei den Andern ins rechte Licht ſetzen zu wollen. So will ich denn, aus Dankbarkeit fuͤr das Armengeſchenk, den Brief⸗ traͤger ſelbſt machen, um meiner Sache ganz ſicher zu ſein. Die Verlegenheit und das Unbehagen, die der aͤrgerliche Vorfall im Schloß erregte, laſſen ſich denken. Die Graͤfin war mit bedecktem Kopf auf ihr Zimmer geeilt und verließ es nicht mehr. Der Abbate traf Anſtalten zur Abreiſe. Beide verbaten ſich jeden Schritt zur Verfol⸗ gung des tollkuͤhnen Edmund und nachdem Frei⸗ herr Anton den empfangenen Brief vertraulich mit Pater Joſeph geleſen, gaben auch ſie jeden ſolchen Gedanken auf. Pater Joſeph war ſehr argerlich. Hab' ichs nicht gleich geſagt, fluͤſterte er dem Freiherrn zu, daß man die Nebenſache + — ich moͤchte faſt ſagen— die Kinderei mit dem Zopfe, wenigſtens fuͤr Deutſchland, haͤtte weglaſſen ſollen? Dieſe Verwegenheit Edmund's verwundert mich nicht; aber den pfiffigen Ge⸗ danken mit dem Zopfabſchneiden haͤtte ich ihm nicht zugetraut; er braucht dieſelbe Schlinge, in der er gefangen worden iſt, gegen Diejenigen, welche— Wie ſo, Kaplan? fragte Anton. Wie ſo? Er tritt nun wieder zum Proteſtan⸗ tismus zuruͤck und macht die Geſchichte bekannt. Wenn er ſich einer witzigen Feder anvertraut— was wird man ſagen? Es wird etwa lauten: Der bezeichnete junge Baron ſei allerdings mit dem Zopfe eines wahren Engels von verfuͤhreri⸗ ſchem Weibsbilde dem proteſtantiſchen Boden enthoben worden, aber in ſeinem Glauben ſo ſchwer geweſen, daß der Zopf daruͤber abge⸗ riſſen und in ſeinen Haͤnden geblieben ſei; er ſelbſt ſtehe nun wieder auf dem alten Fleck, da 320 oder dort koͤnne man das ſchoͤne Haar ſehen. Oder Edmund reiſt umher und zeigt es den Schadenfrohen in Natur vor. Schwerlich wird man die Geſchichte mit ſo guter Laune behandeln, meinte der Baron. Man wird eifern, ſchimpfen, ſchmaͤhen! Das waͤre noch das Beſte, erklaͤrte der Kaplan, dabei verlieren wir am wenigſten. Baron Anton wollte ſich gar nicht zufrieden geben. Er angſtigte ſich uͤber eine Veroͤffentli⸗ chung der fatalen Geſchichte und Pater Joſeph hatte die halbe Nacht Briefe nach allen Orten und Enden zu ſchreiben, um Alles in Bewe⸗ gung zu ſetzen, was den Scandal moͤglicher Weiſe verhindern oder vertuſchen moͤchte. Beim Abendtiſche ging es daher auch Anfangs einſyl⸗ big zu. Man war froh, daß Baron Guſtav von dem Vorfalle nichts zu wiſſen ſchien und that, als ob er nichts wiſſe. Dieſer ſelbſt fuͤhlte, daß es nun ſelbſt der haͤuslichen Verſtimmung wegen Zeit ſei, abzureiſen, und erklaͤrte ſeinen Entſchluß bei Tiſche. Der Familie kam es aber, ihrer Abſichten auf Fraͤulein Angelika wegen, ſehr unerwuͤnſcht. Baron Emil flehte noch um einige Tage, und da Guſtav es abſchlug, ver⸗ langte die Baronin-Mutter von Aliden wenig⸗ ſtens noch einen Tag. Ihr duͤrft jedenfalls vor Nachmittag nicht weg; mit dem letzten Schiffe koͤmmt man noch zeitig genug in Koͤln an, entſchied endlich Frei⸗ herr Anton, und da Guſtav nichts einwendete, fuhr er fort: Es thut mir recht leid, daß nun doch aus der kleinen Ueberraſchung, die wir euch zuge⸗ dacht hatten, nichts werden kann. Wir bereiten naͤmlich eine dramatiſche Vorſtellung vor, die wir gern noch zu Stande gebracht haͤtten, ob⸗ ſchon ſie fuͤr ſpaͤtere Gelegenheit beſtimmt war. Wir wollen hier in derlei Beſtrebungen hoͤherer Kreiſe nicht zuruͤckbleiben, mein Freund. Im 14** 322 Gegentheil verſuchen wir uns mit dem Kuͤhn⸗ ſten, indem wir das aͤlteſte und herrlichſte Ge⸗ dicht der glaͤubigen Welt zur Darſtellung brin⸗ gen. Ich meine— Hiob. Es iſt zwar kein Drama, nein, aber der Dialog liegt in dieſem erzaͤhlenden Lehrgedichte ganz nahe und Pater Joſeph hat ihn mit Geſchicklichkeit herausgeho⸗ ben, hat die Erzaͤhlung in Handlung verſetzt. Geſtehe mir nur, Guſtav, daß es ein koͤſtlicher Gedanke von mir iſt! Schon die großartige Scenerie in ihrer einfachen, orientaliſchen Faͤr⸗ bung und nun aus dieſem grauen Hintergrunde der Zeiten und der Menſchheit dieſe Klagen und Zweifel, Vorwuͤrfe und Belehrungen, als ob ſie fuͤr unſere Gegenwart gedacht und beigebracht waͤren. Welche Erſchuͤtterung fuͤr die Zuſchauer, unſere modernſten Zweifel an Gott und Unſterb⸗ lichkeit ſchon aus dem fernſten Alterthume zu vernehmen, als ob Hegel ſchon vor Hiob ge⸗ weſen. Es war uns hauptſaͤchlich noch um den Anzug Hiob's zu thun. Endlich habe ich mir einen Tricot ausgedacht, auf welchem die ganze Krankheit des ungluͤcklichen Mannes gemalt ſein ſoll. Wir haben auch einen frommen Pinſel dafuͤr gewonnen. An paſſender Muſik dazu ſolls nicht fehlen Das Aechzen und die Klagen Hiob's ſind ein charmanter Stoff fuͤr Inſtrumentalbe⸗ gleitung. Schade, daß das Stuͤck lauter Maͤnnerrollen hat, laͤchelte Guſtav. Nicht doch! verſetzte Anton. Wir laſſen die Frau Hiob nicht weg. Ihre Rolle iſt freilich klein und undankbar, ſie macht ihrem Mann heftige Vorwuͤrfe— 1 Nun jal! fiel der Geheimerath mit einem Seitenblick auf ſeine Gemahlin ein, ſie hat auch einen kraͤnklichen Mann, der fromm iſt! Aber weißt Du, Guſtav, ſiel Anton raſch ein, daß uns die Sache doch auch viel Ueber⸗ legung gemacht hat? Am Ende des heiligen 324 Gedichtes erſcheint doch Gott ſelbſt in einem Wetter und rechtfertiget ſeine Weltregierung vor Hiob und den Freunden. Aber, Du wirſt ein⸗ ſehen, mein Freund, das ging doch nicht in der heutigen Darſtellung! Wir haben doch nun das monarchiſche Princip; das alte proprio motu der Gottheit waͤre gar leicht misverſtanden wor⸗ den. Unſere Liberalen, unſere Unzufriedenen, alle die Schreier nach Conſtitution und Reichs⸗ ſtaͤnden deuteln, verdrehen, exemplificiren Alles. Gott in ſeiner uͤberfließenden Gnade kann wol ſo'was; er hat einmal die guͤnſtige Stellung, daß er auch bei der freieſten Verfaſſung, die er deer Welt gaͤbe, doch Alles in der Hand behielte. Aber auch ſchon an ſich, mein Freund! Wir habens wohl uͤberlegt; ſollten wir uns Hiob als einen gemeinen, buͤrgerlichen Mann denken, ſo haͤtten wir das lebende Beiſpiel eines modernen Liberalen vor uns, welcher Nachweis uͤber die Re⸗ gierung ſogar des Weltalls erhaͤlt. Ein Anderes 325 waͤre es freilich geweſen, wenn wir Hiob— was gewiß auch das Entſprechendſte ſein moͤchte — als einen Dynaſten, als altteſtamentariſchen Baron geltend gemacht haͤtten. Ja dann! Kurz, mein Freund, wir ſind uͤber den Schluß des Stuͤcks noch immer nicht ganz im Reinen, denn wir moͤchten dem Himmel und dem Gedicht auch nicht gern zu kurz thun. Der Freiherr Anton war ſeelenvergnuͤgt, noch auf das gluͤckliche Thema gekommen zu ſein, mit dem man ſich uͤber die Verlegenheit des Abends hinausſchleppte. Als Guſtav mit den Seinigen und der Ge⸗ heimerath mit Mathilden gute Nacht gewuͤnſcht hatten, fand noch eine Berathung im engern Kreiſe ſtatt, in Folge welcher Pater Joſeph beauftragt wurde, wegen einer Heirath zwiſchen Emil und Angelika mit der Baronin Alide vor⸗ laͤufige Unterhandlung anzuknuͤpfen. Der kluge Prieſter ſollte durch ſeine Geſchicklichkeit gut 326 machen, was man unter den Umſtaͤnden ungern ſo ſehr uͤbereilen mußte. Am folgenden Morgen, nach der Fruͤhmeſſe, ließ ſich Pater Joſeph bei der Baronin Alide anmelden. Er fand ſie auf dem Sopha ruhend und mit dem in himmelblauen Saffian gebun⸗ denen Andachtsbuche beſchaͤftigt, das von ihm verfaßt und ihr zum Andenken verehrt war. Er mußte Platz an ihrer Seite nehmen. Mit der ihm eigenen Salbung beklagte er ihre ſo uner⸗ wartet fruͤhe Abreiſe und fuͤgte hinzu: Von mir ſelbſt und Dem, was ich dabei ver⸗ liere, darf die Rede nicht ſein, da ich im Auftrage der Familie komme, fuͤr die ich mich jeden Au⸗ genblick aufzuopfern bereit bin. Sie ſehen mich befangen, meine fromme und liebenswuͤrdige Freundin; ich ſoll Ihnen die innigſte, zaͤrtlichſte —eo —-— — 327 1 Angelegenheit dieſes ausgezeichneten Hauſes dar⸗ legen. Ich ſetze voraus, Sie fuͤhlen ſelbſt leb⸗ hafter, als ich es auszudruͤcken vermoͤchte, wie vielfach theuer Sie der Familie geworden ſind. Zunaͤchſt war es ein Einverſtaͤndniß hoͤherer Art, in welchem unſere gnaͤdige Baronin⸗Mutter ſich mit Ihnen gleich in der erſten Stunde uͤber die heiligſten Angelegenheiten des Lebens befreundete und ſeit Ihrer Ruͤckkehr zu unſerer Kirche fuͤr immer verbunden ſieht. Was geht uͤber ſolche Erhebungen, zumal in den Jahren unſerer gnaͤ⸗ digen Hofmarſchallin, da unſere Seele in ihrer abwelkenden Huͤlſe dem Ewigen mit Macht zu⸗ reift! Sodann ſahen Sie, meine ſchoͤne gnaͤdige Frau, ſich durch Geſchmack und Anſpruͤche an das Leben eben ſo lebhaft zu unſerer ſanften und lebensfrohen Baronin Anton hingezogen. Es war ein Gegenſtand unſerer Bewunderung, wie Sie uns im Mittelpunkt zwei ſo verſchiede⸗ ner Richtungen, gleich berechtigt und doch mit ſich ſelbſt in Eintracht, erſchienen. Das iſt nur den ſeltenſten Seelen ſo verliehen! Von der Huldigung unſerer Maͤnner will ich gar nicht reden, ich moͤchte darin nicht zuruͤckſtehen und muͤßte es am Ende doch neben dieſen vornehmen, weltlichen Perſonen. Nun aber fragten wir uns geſtern Abend ſchmerzlich, ob denn Ihr ſo be⸗ gluͤckender, als kurzer Beſuch nur eine fluͤchtige Erſcheinung bedeuten ſolle? O gewiß nicht, mein theurer Freund, rief Alide. Es ſei vielmehr der raſch geknuͤpfte An⸗ fang einer dauernden Freundſchaft, die fuͤr mich ſo ehrend iſt. Wir wollen uns oͤfter ſehen, uns wechſelsweiſe beſuchen, zuſammen reiſen. Nicht wahr? Das iſt viel fuͤr den Gewinn, den es in ſich ttraͤgt, antwortete der Kaplan, und doch nicht genug fuͤr das Gluͤck, von dem wir getraͤumt haben. Ja, wiſſen Sie nur, meine Verehrte, unſer liebenswuͤrdige, gebildete, echt adelige Ba⸗ ron Emil hat eine Empfindung gefaßt, die ſein richtig ſchlagendes Herz beurkundet. Dies Herz hat dem liebenswuͤrdigen Weſen Ihrer Fraͤulein Tochter Angelika nicht widerſtehen koͤnnen. Ich moͤchte in deutſcher Wortbedeutung— Toͤchter⸗ chen„Engelgleich“ ſagen. Er liebt ſie. Se⸗ hen Sie, theuerſte Baronin, ſolch' ein Band, wenn wir es zu einer chriſtlichen und adeligen Ehe einſegneten, welche reiche und fromme Zu⸗ kunft wuͤrde es nicht verknuͤpfen! Alide ſuchte in Verlegenheit der Wendung des Geſpraͤchs zu entkommen, indem ſie keine tiefere Bedeutung auf die erſten Eindruͤcke fluͤch— tig ſich begegnender Jugend legte. Allein ſie ſteigerte damit nur die Betheuerungen des Kaplans, der ihr endlich geradezu erklaͤrte, er ſei beauftragt, um Angelika's Hand bei der Mutter zu werben. Baron Emil achte zu ſehr das Gaſtrecht bei dem Bruder, um ohne Zu⸗ ſtimmung der Mutter ſich dem Herzen der Ge⸗ 33 liebten noch naͤher zu ſtellen, als er es bis jetzt verſucht. Der Pater bemerkte wol die Unruhe und Befangenheit der Baronin, konnte ſich aber kei⸗ nen Grund derſelben denken. Alide fand naͤm⸗ lich bei dieſem, in ihren Augen ſo ehrenvollen und im Munde des Abgeordneten ſo feierlichen Antrage nichts einzuwenden, als ihren Traum. Dieſer ſchien ihr aber unter den Umſtaͤnden al⸗ len guten Schein zu verlieren und ſah ihr nur wie ein ungeſchickter Vorwand aus, der die Familie beleidigen muͤſſe; waͤhrend ſie doch ſelbſt von ihrer Zuverſicht auf denſelben nicht ein Titelchen aufgeben konnte. In dieſer Bedraͤng⸗ niß verſuchte ſie es noch, eine Beſprechung mit dem Gemahl vorzuwenden Allein Pater Jo⸗ ſeph uͤberzeugte ſie, daß ſie ſchon um des Glau⸗ bens willen ſich einer entſcheidenden Beſtim⸗ mung uͤber ihre Tochter nicht begeben duͤrfe. Es blieb nun der Baronin nichts uͤbrig, als 331 den geiſtlichen Freund ins Vertrauen zu ziehen. Ich bin in der ſonderbarſten Verlegenheit, ſagte ſie, ich muß den ſo erfreulichen Antrag wenig⸗ ſtens fuͤr jetzt ablehnen und kann meinen Grund dafuͤr nicht geltend machen. Rathen Sie mir, mein Freund! Ihr hoͤherer Sinn weiß gewiß Das zu wuͤrdigen, was der Familie vielleicht unbedeutend oder gar laͤcherlich erſcheinen duͤrfte. Aber Sie muͤſſen einen Augenblick den Abgeord⸗ neten von ſich thun und mir ſelbſt ein gewiſſen— hafter Beichtiger ſein. Ich rechne auf Ihre Verſchwiegenheit! Nun erzaͤhlte ſie ihren Traum mit all' den nachgefolgten Umſtaͤnden, die ſie in ihrem Vorgefüͤhl und Glauben beſtaͤrkt hat⸗ ten. Muß ich es nun nicht abwarten, fuͤgte ſie hinzu, was der Himmel mit uns vor hat? Koͤnnten Sie ſo, wie ich es allein vermag, mein vor Verirrungen leider nicht bewahrt gebliebenes Leben uͤberſchauen, Sie wuͤrden mit mir fuͤhlen, daß ich gewiß am beſten thue, mich dem wal⸗ 33² tenden Himmel willenlos zu uͤberlaſſen. Es iſt mir manchmal ins Herz gekommen, die Vor⸗ ſehung moͤchte wol zur Suͤhne meiner leichtfer⸗ tigen Jugend das Kind zum Opfer begehren, wie ſie einſt von Abraham den jungen Iſaak fo⸗ derte. Und ich lebe des Vertrauens, ſie werde es mit meinem Engelskinde nicht ſchlimmer vor⸗ haben, als mit jenem ſchuldloſen Sohne eines gehorſamen Vaters. Was ſagen Sie, lieber Pater Joſeph? Darf ich nun noch den mir ſonſt ſo erfreulichen Antrag der Familie anneh⸗ men? Und wenn nicht, kann ich zur Entſchul⸗ digung vorbringen, was Jenen wahrſcheinlich nur fuͤr alltaͤglichen Traum gilt und mich viel⸗ leicht nur laͤcherlich macht? Alide hatte das Alles, vor ſich niederblickend und mit ihren Fingern ſpielend, nicht ohne Be⸗ fangenheit vorgetragen und erhielt keine Ant⸗ wort. Sie ſah nach dem Kaplan auf und fand ihn nachdenkend und in dieſem Nachdenken in⸗ — nerlich erregt. Er ſtand auf und ſchritt lebhaft im Zimmer hin und wieder. Seine geſpannten Zuͤge, das Aufblitzen ſeines eben unbeherrſchten Auges verriethen einen gepeinigten Zuſtand der Seele. Alide erhob ſich baͤnglich, trat ihm in den Weg und fragte, was es denn ſei, was ihn denn nur ſo bewege. Ja, ja! Ihr Traum, gnaͤdige Frau, Ihr Traum! rief er, im Kampfe mit ſeiner Zer⸗ ſtreuung, bald fuͤr ſich, bald zur Baronin ſpre⸗ chend. Es iſt doch wunderbar! Ei, gewiß! So ſehr, ſehen Sie, ergreifen uns die Angele⸗ genheiten theurer Freunde! Nun ja! Richtig, es geht, es geht! Was ſag' ich? Verzeihen Sie! Meine Lage iſt freilich eigener Art, gnaͤ⸗ dige Frau; Abgeordneter der Familie und doch wieder Ihr Beichtiger; dort befoͤrdern, hier ab⸗ rathen! Das ſieht aus, wie eine Advocatur fuͤr beide Theile. Und das iſt mir zuwider, meinem Stande widerſprechend, das haſſe ich! 2 334 Aber warten Sie, das Dritte liegt mitten inne. Was ſag' ich! Ich will ſagen: das Hoͤhere muß gefunden werden, das muß entſcheiden. Und ſehen Sie, fuhr er leiſe und zutraulich fort, da muͤſſen, glaube ich, die Abſichten der Fa⸗ milie zuruͤckſtehen; es ſind doch nur rein welt⸗ liche Abſichten. Ihre Intention, meine Freun— din, liegt hoͤher, Ihre liebe Tochter hat eine weiter greifende Beſtimmung, und Dank, daß Sie ſich mir vertraut haben! Ich begreife das, ich lenke das— ich will ſagen— ja, ruhig, vor Allem ruhig!- Er fuͤhrte Aliden wieder zum Sitze zuruͤck, ruͤckte ihr ganz nahe und ſprach noch leiſer: Wenn ich Sie denn aber in Ihrem Traume beſtaͤrken muͤßte, theure, liebe Dame, werde ich Sie auch fuͤr immer darin befeſtigen koͤnnen? Wie meinen Sie das, lieber Pater Joſeph? Ihr Traum iſt wie ein neugeborenes Weſen; wenn ich ihn taufe, werde ich ihn auch fir⸗ meln koͤnnen? Ohne Bild! Verſtehen Sie mich ja recht! Wenn ſich nun der von Lich⸗ tenberg findet, ich ſage„wenn“, ich ſetze, wohlverſtanden! nur den Fall: werden Sie ſtark genug ſein, beharrlich genug, den Anſpruch deſ⸗ ſelben gegen die allenfallſige Abneigung der Toch⸗ ter, gegen den Einſpruch des Gemahls, gegen Rath oder Trotz Angehoͤriger aufrecht zu halten, durchzuſetzen? Dieſer von Lichtenberg, ſehen Sie, bringt eine Legitimation mit ſich, die ſich nur Auserwaͤhlten im Traume offenbart, wie Sanct Joſeph, der Naͤhrvater, ſeine Anweiſun⸗ gen wegen des goͤttlichen Kindes auch im Traume erhielt; fuͤr welche Legitimation aber den All⸗ tagsmenſchen die Einſicht, mithin der Glaube fehlt, und folglich auch keine Pruͤfung zuſteht. Das muͤſſen Sie mir alſo geloben! Ihnen geloben, lieber Pater? fragte ſie mit verwundertem Kopfſchuͤtteln. Ich begreife nicht recht— 336 Mir? erwiderte er betroffen, und— um es zu verbergen— in frommen Eifer ausbre⸗ um meine Entſcheidung in dieſer heiligen Sache? Rufen Sie denn nicht mein prieſterliches Amt auf? Oder ſoll ich etwa die hoͤhere Einſicht, die mir zu Theil wird, nur als eines Gevatter⸗ mannes guten Rath von mir geben? Ja, waͤh⸗ len Sie nun! Aber, fuhr er ſehr ſanft und freundlich fort, verzeihen Sie mir, daß ich mich ſo ereifere! Das iſt ſo meine alte Unart, daß ich uͤber die Angelegenheiten meiner Goͤnner die Goͤnner ſelbſt vergeſſe! 5 Er kuͤßte ihre Hand. Ich habe gewaͤhlt, mein lieber, ſtrenger Freund! erwiderte Alide. Und hier nehmen Sie meine Rechte an Eides ſtatt, daß ich thun ich nicht weichen und wanken werde, oder— chend, ja mir! Fragen Sie mich denn nicht werde, was der Himmel von mir fodert; daß 337 ich will nicht mehr Mutter, nicht mehr Gattin ſein! Helfe mir Gott! Pater Joſeph ergriff ihre dargebotene Hand, druckte ſie, ſah der Baronin mit laͤchelndem Beifallnicken feurig ins Auge und preßte dann ihre Hand mit einer Glut an ſeine Bruſt, vor der Alide ſelbſt erſchrak. Sie zog die Hand zu⸗ ruͤck und verſetzte kleinlaut: Aber, was ſagen wir der Familie, mein— frommer Pater? Das laſſen Sie mich finden, meine verehrte Freundin! erwiderte er. Laſſen Sie mich ma⸗ chen! Es ließe ſich etwa ſagen— Sie erkenn⸗ ten das Gluͤck einer ſolchen Bewerbung, wie des jungen Barons, an, gaͤben auch die Hoff⸗ nung nicht auf, es noch verwirklicht zu ſehen, truͤgen jedoch Bedenken, eine Zuſage zu geben, bevor die Vermoͤgensangelegenheiten in Antwer⸗ pen geordnet ſeien, zumal mancherlei Anfechtung des Teſtamentes, Einſpruͤche u. dgl.— Mein Gott und Herr! Wiſſen Sie denn Veronika. I. 15 auch Alles? rief Alide lebhaft aus. So iſt es ja in der That! Nicht wahr? verſetzte er feierlich. O meine gnaͤdige Frau! Alſo— wie iſt es denn eigentlich? Sie theilte ihm mit, was der Geſchaͤftsfuͤh⸗ rer Heſſelts Bedenkliches und das Vermoͤgen Bedrohliches gemeldet hatte. Wenig fehlte, ſo waͤre Pater Joſeph wieder in die alte innere Aufregung gefallen, die er jedoch mit mehr Beſinnung uͤberwand. Ich ahne, welche Raͤnke damit gemeint ſind und was Sie bedroht, ſagte er nicht ohne Leidenſchaftlichkeit. Ich werde dieſe Plaͤne durchkreuzen, vernichten! Ich kann es, Niemand, als ich! Ich werde Sie in Antwer⸗ pen beſuchen! Das wollten Sie? rief Alide uͤberraſcht. Ja wohl werde ich eines ſolchen Beiſtandes, einer ſolchen Einſicht und Kraft beduͤrfen, wie Sie mir gewaͤhren koͤnnen. Allein, darf ich auch dergleichen annehmen, ſolches Opfer? Wie ſoll — 339 ich es verguͤten, wie kann ich dankbar dafuͤr ſein? Laſſen wir das, verſetzte er ſanft. Ich folge meinem Herzen, vielleicht einer hoͤhern Fuͤgung. Ich weiß zwar, ich bin in Fleiſch und Blut ein ſchwacher Menſch, der ſich nicht vermeſſen ſollte, den Gefahren einer ſo einnehmenden Freund⸗ ſchaft zu trotzen. Lieber Gott! Wir ſuchen wol ehrlich und eifrig den Himmel, aber— wir wandeln dabei auf der Erde! Indeß duͤrfen wir uns, wenn auch nicht auf unſer eigenes Herz, doch auf die Barmherzigkeit Gottes ver⸗ laſſen. Ich ſage Ihnen nun Lebewohl! Dieſe Stunde bleibt ein Geheimniß zwiſchen uns. Nicht wahr, meine Gunaͤdige? Ihr Traum, mein Rath und Verſprechen, ewiges Stillſchweigen daruͤber! Ich will auch vor Ihrer Abreiſe keine Unterredung mehr mit Ihnen ſuchen. Der Him⸗ mel nehme Sie in ſeinen allmaͤchtigen Schutz! So ſage ich Ihnen Lebewohl! 15* 340 Er beugte ſich, faßte beſcheidener, als vor⸗ hin, ihre Hand und kuͤßte ſie mit Anſtand. An der Thuͤre wendete er ſich noch einmal mit den halblauten Worten um: Auf Wiederſehen in Antwerpen! Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ——— ſnſnnſſnſnſnſnnſſin 13 14 15 16 17 ſinimm 9 10 11 12 ſiſinſnſnnſſ 6 7 8 8 x 2* * 3 1 * ““ „* 5— v 5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 I Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 4 .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 o wird. b 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* eträgt: 4 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: E———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ 1„ 5, S,„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köoſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ◻ 4—— 4*—y——— Deutsches Leben deutſchen Novellen. Von H. Koenig. I1. Veronika. Roman. Zweiter Theil. — ͦ——— Leipzige F. A. Brockhaus. 18744. Veronika. Eine Zeitgeſchichte von H. Koenig. Zweiter Theil. ——õõ Leipzig; F. A. Brockhauzs. 1844. Drittes Buch. Beronika. II. 1 In den engen Gaſſen der Stadt Koͤln ſaͤuſelte eine dumpfe Morgenſchwuͤle und umhauchte die Fremden, die nach den Merkwuͤrdigkeiten um⸗ her wandelten, mit der ganzen Mannichfaltigkeit der oͤffentlichen Geruͤche.— Baron Guſtav hatte mit den Seinigen ziemlich fruͤh den rheiniſchen Hof verlaſſen, um vor Allem den Dom zu be— ſuchen. Vom ſuͤdlichen Platz aus betrachteten ſie zuerſt den fertigen Chor mit dem Walde von Thuͤrmchen auf den Strebepfeilern und Strebe⸗ boͤgen; worauf ſie durch das enge Gaͤßchen nach dem Vordertheile des Baues wandelten, deſſen wunderbar emporſtrebende Herrlichkeit den Be⸗ 1 4 ſchauenden ſo ſehr entzuͤckt. Auch die Freunde uͤberließen ſich, auf und ab blickend, dem ge⸗ waltigen Eindruck. Endlich ſtand Angelika eine Weile mit niedergeſchlagenen Augen, als ob ſie das große Bild des unfertigen Baues ih⸗ rer Einbildungskraft einpraͤgen wollte. Nicht wahr, fluͤſterte ihr Veronika zu, man muß ſich zuweilen der Erde wieder verſichern, von der man ſich emporgehoben waͤhnt, wenn man der verſteinerten Begeiſterung des Baumeiſters ge⸗ folgt iſt? Nein, erwiderte Angelika, ich bildete mir eben den Prachttempel als fertig ein, und war ſelbſt eine Kaiſertochter, die darin einem ſchoͤnen ſchlanken Ritter die Hand zur Vermaͤhlung reichte. Warum nicht gleich einem Koͤnig? laͤchelte Veronika. Es ginge doch in einer Beſtel⸗ lung hin. 8 Ich weiß nicht, wie ich uͤberhaupt auf den Gedanken komme, antwortete Angelika ſehr ernſt; ₰—η 5 aber ich dachte mir nur einen einfachen, jungen Ritter. Und vielleicht habe ich doch fuͤr mich Recht darin. Denn ſieh, Einen, den ich liebe, moͤcht' ich auch für mich allein haben, und doch koͤnnte ich auch wieder einen Koͤnig, der ſich nicht unter ſein Volk in Millionen Stuͤckchen zertheilte,— nein, den koͤnnt' ich nicht recht lieb haben. Es iſt recht wunderlich, liebe Ve⸗ ronika! Ich ſah ihn ganz lebhaft vor mir, hoch gewachſen, daß ich mich noch an ihm em⸗ porheben konnte,— reiches, lichtbraunes Haar, ſanft gelockt und braune Augen. Er hatte leich⸗ ten Bart um Kinn und Lippe und ging nach⸗ laͤſſig, aber fein gekleidet. Er buͤckte ſich und ich ſtreckte mich: ſo fluͤſterten wir einander un⸗ ſere Namen zu. Hieß er Lichtenberg? fragte ſcherzend Ve⸗ ronika. Angelika! rief die Mutter. Eile Dich doch! Wollt ihr ihn denn nicht ſehen? Wen denn, liebe Mutter? Den innern Dom. Veronika, was zoͤgern Sie denn nur? Beide eilten der Vorausgehenden nach ins noͤrdliche Schiff der Kirche, das zum Gottes⸗ dienſt eingerichtet ſteht, waͤhrend neben an, nur durch eine Breterwand geſchieden, Bauleute, Handlanger und Steinmetzen handirten.— Die Freunde ließen ſich von ihrem Fuͤhrer nach dem Chor bringen, deſſen fertige Pracht ſie bewun⸗ derten. Das Auge ſchwindelt in die erſtaunliche Hoͤhe, die es vergebens zu meſſen ſtrebt. Man begreift ſie erſt recht, wenn man die im Chor anſehnlich hoch umlaufende Galerie beſteigt, zu der unſere Geſellſchaft die Thuͤre der aͤußern Treppe fand. Angelika eilte voraus und, wie ſie oben durch die enge Oeffnung auf die Gale⸗ rie hinaustreten will, koͤmmt ihr gebuͤckt eine maͤnnliche Geſtalt entgegen, die ſich jedoch, ob artig oder betroffen, wieder zuruͤckzieht, der Ein⸗ 7 tretenden links, ſo daß ſie ſelbſt ſich rechts wen⸗ det und nun den zuruͤckgewichnen jungen Mann erblickt. Allein, wie erſchrak ſie! Es war leib⸗ haftig der lichtbraune junge Ritter, von welchem ſie vor der Kirche ſo wunderlich phantaſirt hatte. Freilich ſtand er in der modernſten Reiſetracht eines ſogenannten Sack⸗Paletot aus feinem Wollenzeuch und mit leichter ſeidener Binde um den Hals da; aber der modiſche Bart fehlte nicht um Kinn und Lippe, und aus den lichten braunen Augen des offenen, edelgeformten Ge⸗ ſichtes ſprach ein froher entſchloſſener Geiſt. Betroffen von der Erſcheinung Angelika's und vielleicht auch von dem Eindrucke, den er unverkennbar auf das anmuthige Fraͤulein ge⸗ macht hatte, ſtand der junge Mann da und gruͤßte mit ſtummer Verneigung, indeß die hin⸗ ter Angelika Herkommenden zwiſchen beiden Ver⸗ bluͤfften herein und auf der engen Galerie zu Angelika herantraten. Sie blickten auch gleich, — 8—— unbekuͤmmert um die Fremden, nach der Woͤl⸗ bung des Chors empor. Hinter ihrem Ruͤcken, mit verſtohlenem Gruße gegen Angelika entfernte ſich der junge Mann. Ein anmuthiges Maͤd⸗ chen, als Schweſter deſſelben nicht zu verkennen, und ein aͤlterer Mann von hoher Geſtalt und wahrhaft majeſtaͤtiſchem Kopf voll ſchneeweißer Locken folgten ihm. Guſtav hatte ſich voraus uͤber die Conſtruc⸗ tion dieſes beruͤhmten Bauwerks unterrichtet und machte nun die Seinigen aufmerkſam auf die Saͤulenpfeiler, auf die Gewoͤlbe und ihre Gurten, auf die edlen Formen des Fenſterbaues, auf die kuͤnſtleriſche Verſchlingung der Galerie ſelbſt in die aufſtrebende Anordnung des Ganzen und dergleichen. Angelika hoͤrte jedoch ſehr un⸗ ruhig und ſo zerſtreut zu, daß ſie, als der Baron eben auf das Bild des Heilandes im myſtiſchen Ei aufmerkſam machte, das den Hoͤhe⸗ punkt des Chorgewoͤlbes bezeichnet, juſt hinunter 9 auf den Fußboden blickte, wo eben die drei hinabgeſtiegenen Fremden wandelten. Da duͤnkte ſie ſich denn erſt recht die Kaiſertochter zu ſein, die vom hohen Soͤller hinab nach dem niedern Ritter von hoher Schoͤnheit blickt. Ihre un⸗ vermerkt draͤngende Ungeduld brachte die An⸗ dern bald zum Wiederhinabſteigen. Beim Ein⸗ tritt in die Kirche lehnte ſich Angelika hinter einem der aus Halbſaͤulen und Saͤulchen zu⸗ ſammengewachſenen Pfeiler an die Bruſt Vero⸗ nika's und fluͤſterte ihr zu: Siehſt Du dort meinen getraͤumten Ritter? Eben blieb auch der junge Mann hinter den Seinigen zuruͤckblickend ſtehen und Veronika ward ganz verwirrt uͤber den ſo ploͤtzlich in Fleiſch und Blut getretenen Traum des Kindes, das wie zu einem Spaße laͤchelte und doch ſo bleich und zitternd da ſtand, als ob es in der ſuͤßeſten Angſt vergehen moͤchte. Gott ſegne Dich und ſchuͤtze Dich, mein 1**½ 10 Kind! rief ſie in ihrer Verwirrung aus, und kuͤßte Angelika, die von dieſem erſten„Du“ der Erzieherin zu Thraͤnen bewegt wurde. Im naͤchſten Augenblicke wars der Freundin recht aͤrgerlich, daß ſie ſich hatte uͤberraſchen laſſen, eine wunderliche Empfindung ihres Zoͤglings ſo feierlich aufzunehmen und zu beſtaͤtigen. Es ſchien, als ob Vater und Schweſter des jungen Mannes dieſen eben ſo ſchwer nach ſich zu ziehen haͤtten„als es Angelika ward, die Ihrigen vorwaͤrts zu bringen. So kamen end⸗ lich beide Familien, wie durch ein unſichtbares Hemm⸗ und Zugwerk, unter einem und demſel⸗ ben Fenſter des noͤrdlichen Schiffes neben ein⸗ ander zu ſtehen und betrachteten die ſchoͤne Glasmalerei. Veronika ſprach den jungen Mann um die Bedeutung der Figuren an. Er erklaͤrte mit guter Einſicht die Bilder; doch achtete die Freundin dabei mehr auf den Sprechenden ſelbſt, um aus deſſen Rede, Blick und Ausdruck wo moͤglich ſeine Bildung, ſein Gemuͤth und ſeine Denkungsart zu errathen. Daruͤber knuͤpfte auch Baron Guſtav mit dem alten Herrn ein Geſpraͤch an. Es gab wol nichts Auffallenderes, als die impoſante Geſtalt und Kopfbildung bei ſo ſchlichtem Ver⸗ ſtand und treuherziger Gemuͤthsart des alten Mannes. Im Geſpraͤche gelangte man vor die Kirche und kam auf das vorjaͤhrige große Feſt der Grundſteinlegung zu reden. Der wackere Alte hatte der Feierlichkeit beigewohnt und ließ ſich uͤber einige Hauptmomente aus. Sehen Sie, ſagte er, dort ſtand der Koͤnig in der Um⸗ gebung von Fuͤrſtlichkeiten und ſprach zu den verſammelten Tauſenden. Ich hatte hier herum einen guten Platz errungen und ſah, wie Sie mir wol auf mein Laͤngemaß glauben koͤnnen, uͤber viele Koͤpfe hinaus. Sie kennen das Feſt und die Reden aus den Zeitungen, duͤrfen aber ja nicht glauben, es ſei in den Berichten etwas 12 Uebertriebenes, oder am Feſte ſelbſt etwas Ge⸗ machtes geweſen. Nein, mein Herr, das war eine Wahrheit und eine Glut des Augenblicks, die uns einen begeiſterten und ahnungsvollen Blick in das deutſche nationale Herz thun ließ. Es war ein lebhafter Traum von der deutſchen Zukunft. Ein echter Koͤnig ſprach, und ein freies Volk jauchzte. So wars! Eine fluͤch⸗ tige, aber hinreißende Erſcheinung von Volks⸗ und Herrſchereinheit, eine Rieſenblume wahrer National⸗Majeſtaͤt, an der jedes Herz im Volk ein duftendes Blatt und der Herrſcher mit ſei— ner Umgebung die Befruchtungswerkzeuge dar⸗ ſtellten. Das wars! Farbe und Duft entzuͤcken wenige Augenblicke lang, dann iſt die Erſchei⸗ nung der Geſchichte uͤberliefert, indeß der be⸗ fruchtende Augenblick im Innern der Nation angeſetzt hat und jedes Herz, das erſt ein Blatt war, fuͤr ſeine Nachkommen ein Samenkorn werden mag. Ja, mein Herr, ich ſage Ihnen, 13 damals haͤtte ich mich fuͤr den Koͤnig todtſchla⸗ gen laſſen! Spaͤterhin— habe ich mich ent⸗ ſchloſſen, noch eine Zeit lang am Leben zu bleiben. Er lachte ſchmerzlich, gruͤßte mit gezogener Muͤtze, wie herablaſſend, und entfernte ſich mit feſten Schritten, die Haͤnde am Ruͤcken in ein⸗ ander gefuͤgt. Das iſt ein merkwuͤrdiger alter Mann! rief der Baron nachblickend aus. Eine huͤbſche Familie! bemerkte Alide. Denn das ſind doch wol ſeine Kinder, oder es iſt der Sohn mit ſeiner Braut. Nein, liebe Mutter! fiel Angelika lebhaft ein. Es iſt die Schweſter. Ich habe mit ihr geſprochen: ſie heißt Lottchen und der Bruder heißt Fritz, ich will ſagen Friedrich. Sie woh⸗ nen auch im rhein'ſchen Hofe. Er iſt buͤrgerlich! bemerkte Guſtav, ich wette darauf. Das gibt, außer ſeiner entſchiedenen Art und Weiſe, der ſtolze Ton, mit dem er vom Volke ſpricht, gerade wie die Adeligen vom Koͤnig reden, ſeitdem wir uns nicht mehr zur Nation, ſondern zum Hofe zaͤhlen. Wie es denn bei ſolchen Beſuchen geht, ſo begegneten ſich beide Familien da und dort auf ihren Wanderungen nach den Merkwuͤrdigkeiten der Stadt; ſo zuerſt in dem nahen walraf'ſchen Muſeum und ſpaͤter in der Peterskirche vor dem dortigen Rubens. Sobald unſere Freunde wie⸗ der in den rhein'ſchen Hof kamen, ließ Angelika das Fremdenbuch bringen, ſchlug nach und las: Jean Daniel Lersner mit Sohn und Tochter, koͤmmt von Hattenheim. Bei dieſen wiederholten Begegnungen hatten Fritz und Angelika fluͤchtig— aber, wie es Bei⸗ den vorkam, unendlich Vieles zuſammen geſpro⸗ chen. Wer koͤnnte den Inhalt dieſer Geſpraͤche mittheilen? Die Liebenden ſelbſt nicht. Sie wuͤr⸗ den in den wiederholten Gedanken, in den nach⸗ geſprochenen Worten das Unendliche nicht wieder finden, das ſie empfunden haben; ſie wuͤrden den Ton der Stimme, die leuchtenden Blicke, das Zauberſpiel des Laͤchelns beſchwoͤren, Zeugen, die im Augenblick entflohen, als ſie das Geheim⸗ niß der Liebe uͤberliefert hatten. Ja, dies Ge⸗ heimniß der erſten Liebe wird von einem Geiſter⸗ hauch getragen, von einem Etwas, wofuͤr dem Nichtliebenden der Sinn des Herzens abgeht. Die reine Liebe fuͤhrt eine Wuͤnſchelruthe fuͤr den verborgenen Schatz der Gegenneigung, der ſich nur dem Liebenden, vielleicht auf aͤhnliche Weiſe, wie eine unterirdiſche Metallader dem Metallfuͤhler, durch eine ſonderliche Glut der Wangen, durch ein eigenthuͤmliches Herzklopfen verraͤth. Das Unbedeutendſte befriedigt, ja ent⸗ zuͤckt die Unterhaltung der Liebenden; denn die echte Liebe hat etwas von ihres Vaters Allmacht mitbekommen, die ja eine ganze, unendliche Welt aus Nichts erſchuf. Nachmittags, waͤhrend die Baronin, um 16 einige Einkaͤufe zu machen, mit ihrer Tochter ausgefahren war, brachte Guſtav auf dem Zim⸗ mer eine Stunde mit dem befreundeten Maler Hebler vor Veronika's mitgebrachtem Bilde zu. Im Beiſein des Originals gab der Kuͤnſtler Winke und Andeutungen zur Vollendung des Bildniſſes, mit welchem der Meiſter ſehr zufrie⸗ den war. Hebler blieb fuͤr den Abend des Barons Gaſt und Veronika wußte es geſchickt einzuleiten, daß man mit dem Kleeblatt der Fa⸗ milie Lersner zuſammen ſpeiſte. Sie vermied es nicht, die jungen Leute in dieſe Beruͤhrung zu bringen; vielmehr hatte ſie wohl uͤberlegt, daß eine ſo wunderſame und leidenſchaftlich gefaßte Neigung ſich am eheſten durch lebendigen, nuͤch— ternen Verkehr mit ihrem Gegenſtande regle und erſt durch traͤumeriſche Einbildung oder gar durch Widerſpruch gefaͤhrlich werde. Die Ver⸗ einigung der beiden Familien ſchlug auch recht gut aus: der Maler war ein witziger, welt⸗ 17 froher Menſch, und der alte Fabrikherr brachte ſo viel einnehmende Offenheit und edle Gemuͤth⸗ lichkeit hinzu, daß man zwiſchen Ernſt und Scherz die gluͤcklichſten Stunden genoß. Und zwiſchen Scherz und Ernſt webte die junge Liebe des unbeobachteten Paars, wie eine Fee in Blumenduft und Thau, waͤhrend Veronika an Lottchen ein friſches, lebensmuthiges Weſen kennen lernte, das auch aͤußerlich ſich in lauter anmuthvollen Bewegungen kundgab. Beim Champagner, auf den ſich aber der alte Jean Daniel bei ſeinem guten Ruͤdesheimer nicht ein⸗ ließ, kam man auch auf oͤffentliche Angelegen⸗ heiten zu ſprechen, und der alte Herr mußte ſich wegen ſeines mehrmals gebrauchten Ausdruckes „Buͤrgeradel“ naͤher erklaͤren. Glauben Sie nicht, ſagte er, daß ich mich damit gegen die neuen Beſtrebungen des alten Adels ausſprechen will, ſich wieder zu erkraͤftigen. Und das ſage ich auch nicht etwa Ihnen zu Gefallen, den ich „Herr Baron“ nennen hoͤre. Nein! Aber ich habe auch ſo meine Traͤumereien von einem neuen Adel, von einem, der nicht ruͤckwaͤrts an alten, achtbaren Fundamenten haͤlt, ſondern mit der neuen Richtung der Zeit anbindet. Jede Zeit bedarf eines Adels und der in Deutſch⸗ land ſchon beſtehende nimmt ja die neuen Be⸗ ſtrebungen und Errungenſchaften unſerer Zeit nicht in ſeine Wappenfelder auf. Sehen Sie, dieſe Unruhe des Erwerbs, dieſe Haſt tauſend⸗ faͤltiger Unternehmung, dieſer Wetteifer der Talente und Fertigkeiten, die ſich im Schaffen nicht immer erheben, ſondern auch oft genug er⸗ niedrigen, dies ganze Treiben der Gegenwart hat auch ſeine niedrige, gemeine Seite; beſon⸗ ders ſeitdem durch Dampfſchiffe und Eiſenbahnen die innerliche Unruhe der Menſchen auch immer mehr zu einem aͤußerlichen Ungeſtuͤm verlockt wird. Es geht unſerm Treiben die edle Ruhe, das Zuſichkommen des Geiſtes ab, der in dieſer neuen Schoͤpfung weht und webt. Es fehlt unſerer Zeit zwar nicht an uͤbermuͤthigem Selbſt⸗ gefuͤhl im Genuß ihres Vermoͤgens, das heißt Deſſen, was ſie errungen hat; ſie muß aber noch zu einem edeln Selbſtbewußtſein kommen im Stolz auf ihr Vermoͤgen, das heißt auf Das, was ſie vermag. Und da ſich auf dieſe Stufe nicht jeder Einzelne zu erheben im Stande iſt, ſo muß das Buͤrgerthum einen Adel zu dieſem Zweck aus ſich hervorbringen. Laſſen Sie mich dies Wort brauchen, bis ſich ein eigenes dafuͤr findet. Sie werden einſehen, daß dieſer Adel ein ganz anderes Fundament fodert, als der Geſchlechtsadel. Er will nicht, wie dieſer, den Grundbeſitz, ſondern den Erwerb. Uns gehoͤrt nicht die Vergangenheit, ſondern die Zukunft, oder vielmehr die ſtete Ankunft der Zeit. Per⸗ ſoͤnliche Geltung wollen wir Beide; aber wenn Sie, Herr Baron, darauf achten, was der Ein⸗ zelne gilt, ſo fragen wir, was er kann. Bei uns gibt nicht Anſehen die Macht, ſon⸗ dern die Macht gibt Anſehen. Und was nun die Beſtimmung unſeres Adels angeht, ſo lieben es die Herrſchenden, ſich mit dem alten Adel, der aus dem Geſtein des Volkes ſich in glaͤnzende Familien kryſtalliſirt hat, zu umgeben und ihren Glanz in dieſen Facetten der Fami⸗ lien wiederſtralen und brechen zu laſſen. Brechen freilich auch oft im zerſtoͤrenden, im revolutionaͤ⸗ ren Sinn. Dafuͤr bedarf denn auch die Nation eines Adels, der mit ihr waͤchſt, wie ihr Mark in der Mitte des Holzes und Splintes, und der ihr Intereſſe vertritt, wie jener Adel ſich dem Dienſt der Krone widmet. Sehen Sie, in die⸗ ſem Sinne wuͤnſchte ich einen Buͤrgeradel ent⸗ ſtehen zu ſehen. Der begabteſte, nicht eben der erſtgeborene Sohn ganz reicher Buͤrger ſollte, durch Vortheil vom Geſchaͤft begruͤndet, doch dem Geſchaͤft enthoben und dazu gebildet wer⸗ den, daß er an Geiſt und Geſinnung, in Lebens⸗ 21 weiſe und Geſchmack keinem Adeligen nachſtehend den oͤffentlichen Geſchaͤften und Intereſſen ſeines Volkes lebte, in den Magiſtraten, in den Staͤn⸗ deverſammlungen, in den Journalen oder auch im oͤffentlichen Dienſte, ſobald wir einmal da⸗ hin kommen, daß das Volk ſich ſeine Beamten waͤhlt, die der Staat blos uͤberwacht. Dieſe Elite, dieſe Auserleſenen des Buͤrgerthums, ſoll⸗ ten, wenn alle Kraͤfte des Volkes in Arbeit und Unruhe verſchlungen werden und kaum zu verſchlingendem Genuß kommen koͤnnen, durch ihr Daſein, durch ihr Beſtreben und ihre Bil⸗ dung das Geiſtige in den Talenten, das Edle in der Arbeit, das Schoͤne in den Producten des Fleißes, das Sittliche im Genuß, das Re⸗ ligioͤſe in der Verklaͤrung des Werkeltages ver⸗ treten und geltend machen. Nicht die nam⸗ hafte Dauer und der Zuſammenhang der Fami⸗ lien eines beſondern Blutes waͤre die Sorge unſeres Adels; nein, jeder Einzelne kann fuͤr ſich abbrechen; denn wie das katholiſche Prieſterthum nicht durch Ehe und Kinder, ſon⸗ dern durch Weihe der Berufenen, ſo ſoll ſich unſer Adel durch immer friſchen Zuwachs von begabten Perſoͤnlichkeiten erneuern und fortſetzen. Ohne Familien⸗Egoismus ſoll er mit wechſeln⸗ den Namen in ſich, und durch ſeine Umgebung, darſtellen, was Gewaltiges, Edles und Hohes in der arbeitenden und genießenden Nation exiſtirt und in unendlich kleinen Theilen vergeht. Dieſer Adel regelt die Werkeltagsunruhe des Lebens, bringt die Haſt des Schaffens zum Bewußtſein ihrer Beſtimmung, lenkt durch um⸗ faſſende Bildung die vereinzelt ſich aufreibenden Kraͤfte, haucht eine Weihe uͤber die Arbeit, und wenn er ſeine Exiſtenz mit Luxus umgeben muß, ſo iſt es weniger um des perſoͤnlichen Genuſſes und Prunkes willen, als um anſchaulich zu machen, was das Buͤrgerthum vermag und bedeutet. 23 Er ſchwieg ein Weilchen, bis er ſeinen Sohn wieder mit Angelika in angelegentlichem Geſpraͤch bemerkte, dann fuhr er, Anfangs etwas leiſe, fort: Sehen Sie, in dem ausgeſprochenen Sinne habe ich da meinen Fritz erziehen laſſen. Er nimmt keinen mit zugreifenden— wol aber ei⸗ nen mit ein⸗ und uͤberblickenden Antheil an meinen verſchieden gelegenen Geſchaͤften, die wir eben wieder beſuchen. Dieſe periodiſchen Reiſen ſind uns aber auch zugleich Wallfahrten nach all' dem Schoͤnen und Großen, das nicht im Beſitz Einzelner iſt, ſondern dem oͤffentlichen Leben angehoͤrt. So haben wir uns, bedeut⸗ ſam genug, beim Neubau des alten Doms ge⸗ funden und kennen gelernt. Laſſen Sie uns unter ſo ſinnreicher Vorbedeutung gute Bekannte bleiben! Die alten und die neuen Richtungen in Deutſchland muͤſſen ſich ohne Eiferſucht ver⸗ binden und einander den Ruͤcken decken. Sie 24. gehen nach Antwerpen und Oſtende, Herr Ba⸗ ron; ei, wenn Sie wieder zurückkehren, beſu⸗ chen Sie mich auf meinem freundlichen Som⸗ merſitze bei Hattenheim. Gehen Sie, bei Leibe! nicht voruͤber und ſehen einmal zu, wie wir Buͤrgerleute leben. Sie treffen bis dahin noch andern lieben Beſuch— meine Kinder und ein paar Enkel. Das ſoll Sie aber nur anlocken und nicht abhalten; denn an Platz fuͤr liebe Freunde fehlt es uns, Gott Lob! nicht. Alſo Sie kommen? Er reichte die Hand uͤber den Tiſch nach dem Baron Guſtav, um deſſen Zuſage zu empfangen. Wenn es ſich irgend thun laͤßt, ſo kommen wir, ſagte der Freund, und darauf ſchlage ich ein, mein wackerer und lieber Mann! Die edle Perſoͤnlichkeit, dies in ſeinem Stolze ſo beſcheidene Weſen des Alten ſprach den Ba⸗ ron lebhaft an. Die politiſchen Meinungen deſ⸗ ſelben erregten ſein Nachdenken, wenn er ſich —— —— 25 auch nicht geſtimmt fuͤhlte, ihnen ebenſo unbe⸗ dingt beizuſtimmen, als der Alte ſie zuverſicht⸗ lich ausgeſprochen hatte. Ja Vieles davon wollte ihm ſelbſt noch nicht recht klar werden. Endlich war doch gute Nacht und Lebewohl zu ſagen. Man ſchied laut und herzlich mit Haͤndeſchuͤtteln, und an der Thuͤre konnte ſich Guſtav nicht enthalten, den ehrlichen Alten recht nachdruͤcklich zu umarmen. Am andern Morgen verließen unſere Freunde Koͤln auf der Eiſenbahn nach Aachen. Die Wagen waren ſtark beſetzt. Dies und die ſchnelle Flucht der Gegenſtaͤnde, die man durch die of⸗ fenen Fenſter im Sonnenſchein fern voruͤbereilen, nahe vorbeizucken ſieht, machten die Reiſenden zu heiterer Unterhaltung weniger aufgelegt. Die Aufmerkſamkeit wird entweder hinausgezogen, oder die Seele in ſtilles Traͤumen verſenkt. Je⸗ Veronika. II. 2 26 nes war bei Veronika und Guſtav der Fall; ſie theilten ſich auch noch dann und wann eine Bemerkung mit, waͤhrend die Baronin und Angelika mehr in ſich verſunken ſaßen, jene bang vor dem herannahenden Belgien, dieſe mit ihrem Herzen noch in Koͤln. Angelika hatte ſich an Veronika gelehnt und ließ nur ſelten die erfaßte Hand der muͤtterlichen Freundin los. Auf ihrem kindlichen Geſicht lag eine Seligkeit gemalt, die freilich nur von Veronika verſtanden wurde. Als man in den erſten Tunnel einſchoß, konnte ſie beim raſchen Wechſel von Sonnen⸗ ſchein und Finſterniß und in der dumpfen, vom Qualm der Locomotive durchſchwefelten Luft ein vernehmbares Aechzen nicht bewaͤltigen und druͤckte ſich noch feſter an Veronika. Sie traͤumte, an ihrem Ritter zu lehnen und fuͤhlte ſo recht, wie geborgen man an der Seite eines ſo wackern Beſchützers ſite. In Aachen ſchlug der Baron vor, einige 22 Merkwuͤrdigkeiten, beſonders die uralte Muͤnſter⸗ kirche zu beſehen und dann in den Badegebaͤu⸗ den ein Gabelfruͤhſtuͤck zu nehmen, ehe ſie mit Poſt nach Luͤttich fuͤhren. Angelika entſchuldigte ſich mit Kopfweh und erbat ſich die Erlaubniß, die Ruͤckkunft der Ihrigen im Gaſthof abzuwar⸗ ten. Veronika traute der Entſchuldigung nicht, und Angelika bekannte ihr auch gleich, ſie fuͤrchte im Badelocal oder am Schwefelbrunnen dem Lichtenberg zu begegnen, von dem Baron Emil geſprochen hatte. Euch redet er vielleicht nicht an, ſetzte ſie hinzu, wenn er Euch auch be⸗ gegnet. Sie brachte dies mit der laͤchelnden Miene des Scherzes vor; doch konnte man ihr wol an⸗ merken, daß ihr liebetraͤumendes Herz von einer aberglaͤubigen Beſorgniß nicht ganz frei war. Und wirklich, als man nun um ihretwillen den Beſuch der Stadt auf die Ruͤrkreiſe verſchob und alsbald ein Fruͤhſtuͤck im Gaſthof und Poſt⸗ 2* 238 pferde beſtellte, war das Kind ſeelenvergnuͤgt. Es glaubte im Stillen, dem Verhaͤngniß ein Schnippchen geſchlagen zu haben. Angelika war noch nicht klar genug uͤber ſich ſelbſt, um ein⸗ zuſehen, daß wol der wahre Antheil ihres in⸗ nern Jubels im dunkeln Gefuͤhl beſtand, um des Geliebten willen etwas gethan und etwas geopfert zu haben. Iſt es nicht ein Vorrecht gerade der froͤmm⸗ ſten Opfer, daß ſie mit dichterer oder leichterer Prieſterbinde des Aberglaubens gebracht ſein wollen? Wenn nur das Herz nicht ohne ſein Verdienſt dabei ausgeht! Den folgenden Tag brachten ſie in Luͤttich zu. Erſt von hier aus wollte die Baronin den Ihrigen die beſtimmte Ankunft melden; ja ſie bedurfte ſogar in ihrer Angſt einiger Vorberei⸗ tung zur Ueberfahrt nach Antwerpen. Als ſie hier vor der Stadt ankamen, fanden ſie im Bahnhofe die Equipage des Hauſes und 29 einen Diener, der das Gepaͤck zu beſorgen uͤber⸗ nahm. Stumm und angſtlich fuhren ſie die kurze Strecke bis zum Feſtungsthor und durch die langen, ſtillen Gaſſen der Stadt. Am Thor des Hauſes, auf dem Meirplatze, wurden ſie von Heſſelts empfangen. Vor Ruͤhrung und Freude konnte der ehrbare, zwiſchen Schreibe⸗ pult und Schemel ein wenig verkruͤmmte Ge⸗ ſchaͤftsmann kaum die Worte vorbringen: Herr Joachim de Landas kann Ihnen nicht ſelbſt ent⸗ gegenkommen. Herr de Landas iſt heut' wie⸗ der ſehr matt und hinfaͤllig, ſehnt ſich aber, Mutter und Schweſter zu ſehen. Faſſen Sie ſich jedoch, ihn recht krank zu finden. Mutter und Schweſter eilten alſo nach dem bezeichneten Zimmer. Die Art, wie ſich Heſ⸗ ſelts an den Baron und Veronika wendete, um ſie nach ihren Zimmern zu geleiten, ließ durch⸗ fuͤhlen, daß der junge Herr des Hauſes den Baron gar nicht ſehen wolle. Kaum achtete 0o deſſen der Freund; denn an der Treppe, auf dem Gange und wie er das Zimmer betrat, uͤberkamen ihn die ungeſtuͤmſten Erinnerungen, denen er ſich kaum gewachſen fuͤhlte. Es war daſſelbe Zimmer, wo er mit Aliden die leiden⸗ ſchaftlich⸗verſtohlenen Zuſammenkuͤnfte gehabt hatte. Da hing auch noch uͤber dem Lotterbette von damals der Jordaens, der den Vorwand zu ſeinen Beſuchen geliehen, die verſtohlene Lei⸗ denſchaft des Paares vermittelt, ihren Heim⸗ lichkeiten Gelegenheit gemacht hatte. Alles um⸗ her ſah noch aus, wie damals. Guſtav errieth, daß der ſelige de Landas nach der Flucht ſeiner Frau dieſe Zimmer ſelten beſucht und abſichtlich in ihrem Zuſtande gelaſſen hatte. In ſeiner Gemuͤthsbewegung wurde der Freund kaum inne, daß Heſſelts mit Veronika weiter gegangen war. Erſchuͤttert ſtand er in Mitte des Zimmers und blickte bewegt und ſchuͤchtern von Bild zu Bild, von Sopha zu Stuͤhlen. Er oͤffnete leiſe die 31 Thuͤre zum Geſellſchaftszimmer; dort ſtand auch noch in der Niſche das weißmarmorne Bruſt⸗ bild des Verſtorbenen. Er trat mit ehrerbietiger Scheu zuruͤck und ſetzte ſich wie verzagt auf das Sopha, im Gefuͤhl, daß dieſe Ruͤckkehr nach Antwerpen, in dies Haus, eine leidige Buß⸗ fahrt fuͤr ihn ſei. O Gott! rief er aus, Alles, Alles iſt noch wie es war, und doch, wie ich ſelber veraͤndert bin; wie anders nimmt es ſich aus, was hier vorgegangen! Als Heuchler, als Betruͤger und Frevler erkenne ich mich jetzt hier niedergebeugt, wo ich damals mich als ſie⸗ genden, ſeligen Helden des Gluͤcks fuͤhlte und uͤberhob. Er verſank in Nachdenken, aus welchem ſich ſeine Empfindungen nach und nach zur Betrach⸗ tung ſammelten, die er mit gefalteten Haͤnden vor ſich hinſprach: Unſere Handlungen, unſere Thaten, mit ro⸗ them Jugendblute legirt, wie glaͤnzend ausge⸗ muͤnzt rollen ſie hinaus in die Welt; ach! und wie ſchuftig ſehen ſie aus, wenn in den beſon⸗ nenen Jahren des Mannes das Bißchen edle Silber abgegriffen iſt! Veronika war von Heſſelts eine Treppe hoͤ⸗ her eingewieſen worden. Der aͤltliche Mann, er mochte hart an den Funfzigen ſtehen, ließ ihre Sachen heraufbringen und kam noch ein⸗ mal mit, ſich zu ihren Auftraͤgen zu erbieten. Es wird mir ein Vergnuͤgen ſein, ſagte er, Sie zu begleiten, wenn Sie die Stadt ſehen wollen. Der Herr Baron kennt das ſchon von fruͤher, und unſere gnaͤdige Dame wird vielleicht ſo bald nicht geſtimmt ſein, mit Fraͤulein Tochter aus⸗ zugehen. Er nahm den angebotenen Sitz an und gerieth in ein freundliches Plaudern. Er gefiel ſich als Junggeſell in einer gewiſſen ga⸗ lanten Aufmerkſamkeit gegen das Frauenzimmer, 33. wie er denn uͤberhaupt mit Erfahrung und Puͤnktlichkeit im Geſchaͤft viel Gefaͤlligkeit und Wohlwollen verband und keine Argliſt zu ken⸗ nen ſchien außer jener, vor der ein Mann, wie er, ſich in Geld- und Waarengeſchaͤften zu huͤ⸗ ten hat. Er ſprach von der Krankheit des Herrn Joachim und kam auch auf die erſten Beſuche des Herrn Barons im Hauſe, die, wie er aͤu⸗ ßerte, einen ſo aͤngſtlichen Ausgang genommen haͤtten. Sollten Sie glauben, laͤchelte er, daß ich daruͤber ſelber unverheirathet geblieben bin? Ja, mein Fraͤulein, ganz gewiß! Ich hatte mich naͤmlich damals entſchloſſen und mir einen huͤbſchen Gegenſtand ausgeſucht; wie aber un⸗ ſere ſchoͤne Dame ploͤtziich verſchwunden war, hatte ich, ſo zu ſagen, alles Vertrauen verlo⸗ ren. Und jetzt, ſetzte er mit einem laͤchelnden Blick nach dem Spiegel hinzu, wenn es nicht zu ſpaͤt waͤre— jetzt iſt unſere gnaͤdige Dame freilich wieder zuruͤckgekommen! Ich wuͤrde mich . 2**† 34 dann mit einer Entſchaͤdigungsfoderung an un⸗ ſern gnaͤdigen Herrn Baron halten! Mit ſchalk⸗ haftem Lachen ſchnelzte er, vielleicht weil man ihm geſagt, daß er den Tabak verſtreue, ver⸗ ſtohlen ſeine Hemdkrauſe, die er zum altmodi⸗ ſchen Zuſchnitt ſeines feinen Fracks noch immer trug. Wie er ſich endlich empfahl, ſagte er freundlich: Es wird nun wieder ein wenig lebhafter in unſerm ſo truͤbſeligen Hauſe wer⸗ den. Ich habe mir auch das Vergnuͤgen ge⸗ macht, den Herrn Baron in den ihm bekannten Zimmern einzubringen, wo er ſich der ſchoͤnen Vergangenheit lebhafter erinnern kann. Ach, ſchon an dreizehn Jahre! Wie die Zeit ver geht! Den Jordaens kann er nun mit aller Ruhe copiren! Der Scherz des gemuͤthlichen Mannes ſtimmte Veronika eben nicht heiterer. Sie fuͤhlte ſich unausſprechlich einſam an dem fremden Orte und bei dem Gedanken, wie ſehr die ihr Naͤch⸗ ſten von ſchmerzlichen Begegniſſen und von grau⸗ ſamen Erinnerungen ergriffen waͤren. Heſſelts hatte im gutmuͤthigſten Sinne die Vergangenheit angeregt. Veronika gedachte des heitern Feſt⸗ morgens, an dem ihr der Baron die Geſchichte ſeiner Leidenſchaft mitgetheilt hatte. Nun be⸗ fand ſie ſich, wie hergezaubert, auf dem Schau⸗ platze jener Verirrung. Wie viel Leid und Un⸗ ruhe hatte ſie ſeit jenem Morgen erlebt! Sie beſann ſich der ſchwaͤrmeriſchen Vorſaͤtze, die ſie damals fuͤr das Gluͤck des Freundes gefaßt hatte und wie unvermerkt ihr Herz mit den zarteſten Ranken in das Geſchick deſſelben verflochten worden. Alle unangenehmen Erinnerungen dran⸗ gen auf ſie ein, das widerwaͤrtige Begegniß mit der Schenkwirthin, die aͤngſtlichen Auftritte mit der Graͤfin, die uͤberraſchende Zuſammenkunft mit Guſtav im Pavillon. Zu dieſen leidigen Gedanken geſellten ſich unbeſtimmte Beſorgniſſe. Es war kein frohes, gluͤckliches Verhaͤltniß mehr 36— zwiſchen dem Freunde und der Baronin. Ve⸗ ronika bangte, dieſe Fahrt nach Antwerpen koͤnnte verhaͤngnißvoll ausgehen und das Band loͤſen, das hier nicht ohne ſchwere Schuld ge⸗ knuͤpft worden. Dieſe Schuld des Freundes, ſein an Aliden begangenes Unrecht, war ihr nie ſchwerer erſchienen, als in dieſer leidvollen Stunde und an dieſem Schauplatze des Vergehens. Die arme Frau, die nach all' den Jahren ihren Sohn ſo elend finden mußte! Und Angelika— und der Traum! Das Kind hatte nun eine ſo tiefe Neigung gefaßt, die Mutter ſich in ihrem wun⸗ derlichen Glauben beſtaͤrkt: wie ſollte ſich all' das Widerſprechende loͤſen? Konnte die Liebe der Tochter nicht auch noch feindſelig zwiſchen die Eltern treten und ſie entzweien? Noch andere Raͤthſel, Befuͤrchtungen, ſelt⸗ ſame Vorſtellungen draͤngten ſich der Freundin auf. Man ſieht, welchen wunderlichen Gedan⸗ ken und vermeintlichen Ahnungen ein niederge⸗ . 37 druͤcktes Herz offen iſt. Wer weiß, nach wel⸗ chem Aberglauben ſelbſt eine ſo helle Seele, wie Veronika's, gegriffen haͤtte, um all' die Fragen nach der naͤchſten Zukunft zu loͤſen, die hier im Hauſe an jede Wand anzupochen ſchien und ſich doch nicht verrathen wollte! Freilich, die Fro⸗ hen und Gluͤcklichen pflegen, auch in aberglaͤu⸗ bigen Zeiten, ſich nicht leicht nach Wahrzeichen umzuſehen oder Zauberkuͤnſte zu verſuchen. Dazu treibt nur Angſt und Ungluͤck! Mitten in dieſer Seelenunruhe Veronika's ſchlug es von einem nicht fernen Kirchthurme die Stunde und ein Glockenſpiel toͤnte ſeine fromme Melodie nach, worauf ein Gelaͤut folgte. Veronika trat an das Fenſter. Aus den naͤchſten Gaſſen wandelten Buͤrgerfrauen und welke, bettelhafte Geſtalten uͤber den Meirplatz zur Nachmittags⸗ kirche in der Kathedrale. 38 Inzwiſchen hatte Angelika, das Kind, im Krankenzimmer des Bruders die aͤngſtliche Span⸗ nung, die ſchmerzliche Freude der im ſpaͤten Wiederſehen enthaltenen neuen Bekanntſchaft uͤberſtanden und befand ſich eben nicht ſehr be⸗ haglich. Der Zuſtand des Leidenden, der gei⸗ ſtige wie der koͤrperliche, erſchuͤtterte ſie auf zu widrige Weiſe. Sie konnte ſich dieſen Zuſtand nicht erklaͤren, weil ſie die Erziehung und die Lebensart des Bruders nicht kannte. Der junge Menſch war naͤmlich nach manchen Kinderkrank⸗ heiten, die aus uͤbeln Saͤften herruͤhren, uͤber⸗ maͤßig aufgeſchoſſen und hatte, ſobald er der engen und ſtrengen Zucht ſeiner geiſtlichen Leh⸗ rer zu entwachſen anfing, durch ungeregeltes Leben und naͤchtliche Schwaͤrmereien ſeine ſchwache Bruſt erſchoͤpft. Nach laͤngerm abwechſelnden Kraͤnkeln lag er nun kraftlos, mit fieberhaftem Blick auf dem Ruhebette. Neben ihm ſaß ein etwas roh ausſehender Geiſtlicher, noch in den beſten Jahren, aber von blaſſer, gelblicher Ge⸗ ſichtsfarbe, derber Naſe, breiten Backenknochen und tiefen, ſchwaͤrmeriſchen Augen. Es war der Profeſſor van Bree. Obgleich er ſich in dieſer Stunde um des erwarteten Beſuches willen ein⸗ gefunden, bezeigte er ſich doch gegen die Ange⸗ kommenen auffallend ruͤckſichtslos und unmanier⸗ lich. Sein Benehmen war uͤberhaupt ſchwer⸗ faͤlig, und die rauhe Stimme, mit der er das Flamaͤndiſche ſprach, ſchien ganz gemacht, ſo harte und fanatiſche Worte einzukleiden, als er fortwaͤhrend uͤber die verbiſſenen Lippen brachte. Ja, ſo finden Sie Ihren Sohn wieder, Frau de Landas! ſagte er, als die Baronin ſich ent⸗ ſetzt uͤber die jaͤmmerliche Geſtalt ihres Joachim hinwarf. Gott, Gott! rief ſie, die Haͤnde faltend, fuͤr ſo krank hielt ich Dich nicht, lieber Joachim, mein theures Kind! Warum hat man mir das nicht geſchrieben? Nichts haͤtte mich ab⸗ gehalten, zu Dir zu eilen. Dieſe Frage betraf zum Theil auch den Profeſſor, der aber kalt erwiderte: Sie muͤſſen einige Nachſicht walten laſſen, Frau de Landas. Ihr Sohn hat ſchon als Kind die Mutterpflege entbehrt. Zum Gluͤck hat es ihm fuͤr ſein unſterbliches Theil an der Fuͤrſorge der Mutter Kirche nicht gefehlt. Der Himmel liebt Ihren Sohn: er hat uͤber ihn die Leiden verhaͤngt, die zur Ausgleichung der Freuden gemeſſen waren, ſo die Mutter in einem ketze⸗ riſchen Bunde geſucht ht. Dieſe und andre harte Reden ließ die Ba⸗ ronin uͤber ſich ergehen, waͤhrend ſie auf einem Schemel knieend uͤber den Sohn hingebeugt jammerte. Offenbar hatte der Profeſſor zu ſei⸗ nen Erguͤſſen mit Vorbedacht die Augenblicke gewaͤhlt, da ein ſo natuͤrliches und vom Kran⸗ ken ſelbſt mitverſchuldetes Ungluͤck, wie dieſe 41 Leiden, auf das von den erſten ungeſtuͤmen Erinnerungen erſchuͤtterte Herz der Baronin als eine Schuld ihrer proteſtantiſchen Ehe gewaͤlzt werden konnte. So benahm er der gebeugten Frau jeden Muth zu ſtolzer Abwehr Deſſen, was ſogar Beleidigung genannt werden konnte. Dazu gehoͤrte eigentlich auch die von ihm ab⸗ ſichtlich wiederholte Anrede:„Frau de Landas“. Alide brachte eine verzagte Erinnerung gegen dieſen, ihr nicht gebuͤhrenden Namen vor; allein der Eiferer, der dies erwartet hatte, fuhr die Baronin mit den ſchnoͤden Worten an: Wie? Sie ſind nicht dankbar dafuͤr, daß ich Sie als Vermaͤhlte wenigſtens aus der Ehe anerkenne, die beſſer eingeſegnet, als geloͤſt worden iſt? Sollte Ihnen etwa der Titel lieber ſein, der Ihnen aus Ihrem jetzigen haͤuslichen Verhaͤlt⸗ niß gebuͤhrt? Nicht ſo leicht aber ließ Angelika ſich van Bree's Herrſchſucht gefallen; denn als er, wenn⸗ 12 gleich in ſanfterer Weiſe und mit einer Bewe⸗ gung im Geſicht, die ein Laͤcheln vorſtellen ſollte, verſchiedene Fragen aus der katholiſchen Glau⸗ benslehre an ſie richtete, gab ſie ihm keine Antwort, ſondern ſah ihn mit dem ſchoͤnen off⸗ nen Auge ruhig an. Und als er ſie darauf mit ſtrengerem Ton anließ, verſetzte ſie, halb von ihm abgewendet: Ich bin ſchon confirmirt, Herr Profeſſor, und habe gut beſtanden. Nun aber erhob ſich der kranke Bruder mit Tadel und frommen Ermahnungen. Allein die eingelernten Redensarten ruͤhrten die wohlunter⸗ richtete und natuͤrlich fuͤhlende Schweſter weni⸗ ger, als ihr der traurige Zuſtand des Bruders naheging. Er empfand das auch, ward aͤrger⸗ lich und ereiferte ſich nur deſto mehr, bis ein widerlicher Huſten die erbaulichen Scheltworte unterbrach. Angelika ſprang ihm bei, beruhigte ihn mit liebevollem Zuſpruch, und verließ, eine Beſtellung zu machen, die Krankenſtube. 43 Im Hauſe erfragte ſie das Geſellſchaftszim⸗ mer, ſchickte an der Thuͤre den Bedienten zu⸗ ruͤck und oͤffnete leiſe, nicht ohne Herzklopfen. Sie trat hinein, ſah ſich aͤngſtlich um, und wie ſie in der Niſche das Marmorbild des Vaters erblickte, blieb ſie erſchrocken ſtehen und faltete, wie ein Kind, das gefehlt hat, die bittenden Haͤnde. Wie oft hatte ſie nicht geſucht, ſich des Vaters zu erinnern, ſich geſehnt, das ver⸗ geſſene Bild in ihrer Vorſtellung zu erwecken! Das wurde jetzt in ihrem kindlichen Herzen ſo lebendig, daß davon das todte Bild ſelbſt fuͤr ſie ein Leben gewann. Sie nahte ſich langſam und vorgebeugt, mit ſeelenvollem Blick die kal⸗ ten Zuͤge verſchlingend, bis von Anſtrengung und Ruͤhrung das ſchoͤne Auge feucht erglaͤnzte und ſie, niederknieend auf der Stufe, die Stutz⸗ ſaͤule umfaßte, auf der das Bruſtbild ſtand. Vater! fluͤſterte ſie ſchuͤchtern, Vaͤterchen! Du kennſt mich nicht mehr? Ich bin ja Deine 44 Angelika. Erinnerſt Dich nicht mehr? Die Mutter ſagt doch, ich ſei ſchon da geweſen, als Dich der Kuͤnſtler abgeformt. Haſt Du dabei nicht nach meiner Wiege gelaͤchelt? Oder hat der ungeſchickte Meiſel Dein liebes Laͤcheln im kalten Stein verloren? Sie erhob ſich und kuͤßte die marmorne Stirne auf die ausgepraͤgten ſchweren Furchen. Siehſt Du, wie groß ich ſeitdem geworden bin? fuhr ſie zwiſchen Wehmuth und ſchmeichelndem Scherze fort. Siehſt Du, ich habe mich ſo ge⸗ ſtreckt, weil ich weit von Dir war und mich ſo ſehr nach Dir ſehnte. Wie wuͤrdeſt Du Dich freuen, Vater, wenn ich Dich noch gefunden haͤtte, und waͤre Dir ſo froh erſchienen! Und ich bin recht froh und gluͤcklich, Vater! Weißt Du auch, warum? Ich wills Dir nur gleich geſtehen, daß ich— Sie konnte das Wort„liebe“ nicht ausſpre⸗ chen. Ihre Wange gluͤhte; in brennender Ver⸗ 45 4 legenheit preßte ſie die heiße Stirne hart an die kalte des Vaters an. Und wie ſie ſo, von wun⸗ derbaren Ruͤhrungen bewegt, da ſtand, tropfte ein Thraͤnchen und das zweite auf die glatte marmorne Bruſt des Vaters. Daſſelbe Glocken⸗ ſpiel, das Veronika dort zum Fenſter gelockt hatte, ſang hier das traͤumende Kind in die ſuͤ⸗ ßeſten Melodien, denen es in der Umſchlingung des Bildes lange, lange nachhing. Bald darauf hatte die Baronin ihren er⸗ ſchoͤpften Sohn der Ruhe uͤberlaſſen und ſuchte ihren Gemahl auf. Sie fand ihn mit gefalte⸗ ten Haͤnden, muͤde und traͤumeriſch, in der So⸗ phaecke liegen und ſtuͤrzte mit einem jammern⸗ den Aufſchrei auf ihn zu. Wie es leidenſchaft⸗ lichen Menſchen eigen iſt, ſich ihrer heftigen Empfindungen durch heftige Geberden zu er⸗ wehren, ſo warf ſich Alide knieend vor ihm auf 46 den Boden und rief haͤnderingend und die gerungnen Haͤnde auf dem leeren Sophaplatze ausbreitend: O mein Guſtav, zu welchem Jammer und Entſetzen bin ich gekommen! Mein Sohn, mein theuerſtes Kind, liegt ſterbenselend. An ſeinem Leidenslager erwarteten mich die Gerichte Gottes. Der Baron, nach der heißen und ermuͤden⸗ den Fahrt auf der Eiſenbahn und von den ſchmerzlichen Erinnerungen und Betrachtungen erſchoͤpft, lag in jener ſuͤßen Abſpannung, die bei reizbaren Menſchen auf unerwartete Stoͤ⸗ rung und neue Zumuthung ſo leicht in Ver⸗ druß und Ungeduld umſchlaͤgt. Doch hielt er an ſich und verſetzte auf die Heftigkeit ſeiner Ge⸗ mahlin mit ſanft abwehrenden Worten: Beſte Alide, ich bitte Dich! Sie aber jammerte fort: Armer, armer Joachim! Ja, mein Guſtav, — 47— der Himmel fodert ſein Leben von mir, von uns! Fodert ers? rief Guſtav unwillig. Nun, dann ſtehts ja bei Dir: gibs ihm nicht! Wie vor ihm ſchaudernd, ſah ſie ihn an, und rief nach einer Weile: Entſetzlicher Menſch! Frevler und Spoͤtter! Ich komme gebeugt, elend, zerknirſcht von Leid und Seelenangſt, und ſtatt Troſtes wirfſt Du mir einen Scorpion in den Buſen! Sie erhob ſich und mit aͤngſtlich ſcheuem Blick umher fuhr ſie fort: Wohl, es iſt vielleicht ſo beſſer. Ich finde vielleicht eher den rechten Weg. Ach! eine Zu⸗ flucht, eine heilende Bruſt wird mir nicht feh⸗ len. Dorthin wende ich mich, zur Kirche, zur Mutter der Erbarmung. Hier habe ich ſie verlaſſen, hier zwiſchen dieſen Waͤnden, die mich nun aͤngſtigen, iſt die treuloſe Mutter meines armen Sohnes von der muͤtterlichen Kirche ab⸗ gefallen. Hier finde ich ſie wieder, an der Staͤtte der Suͤnde finde ich die Gnade der Er⸗ kenntniß. Und Du ſelbſt, Guſtav, hilfſt mir vom Fall auf, zu dem Du mich erſt gebracht haſt. O ich danke Dir fuͤr dieſe huͤlfreiche Haͤrte und Kaͤlte! Dem Baron that ſchon ſein jaͤhes Wort leid; er nahm ſich zuſammen. Alide, ſagte er mild, ja weich, ich beſchwoͤre Dich, liebe Alide, ſammle Dich, faſſe Dich! Raſe Dich nicht in wilde Vorſtellungen hinein! Empoͤre mein krankes Herz nicht durch Unrecht, das Du mir thuſt. Beim Himmel! Die Erinnerungen, die uns hier betreten, ſind ernſt genug, daß wir all' unſerer ſittlichen Kraft gegen ſie beduͤrfen. Gerade hier, wo wir alte Schuld und Verirrung erkennen, laß uns die Geiſter der Erinnerung und der Reue dadurch verſoͤhnen, daß wir in erneuter Liebe, in beſonnenem Wohlwollen fuͤr einander und fuͤr die Welt uns aufs neue zu⸗ 49 ſammen ſchließen. D ſei vernuͤnftig, Alide! Sieh, ich bin bis in die unterſte Faſer meines Herzens hinein wund und zerdruͤckt. Vergangen⸗ heit und Zukunft bedraͤngen mich hier mit Er⸗ innerungen und Angſt. Eine Furcht liegt auf mir, als ob das Haus uͤber mir einſtuͤrzen wollte. Hilf mir! Ich bin ſo voll Jammers, wie Du, ſtillen, nagenden Leids. Wir wollen einander beiſtehen. Haben wir denn blos Schuld, und ſonſt nichts, gar Nichts, woran wir uns auch aufrichten koͤnnten? Ich habe Dich ja nicht blos bethoͤrt und verfuͤhrt: ich habe Dich auch geliebt; es war mein Stolz, Dich zu lie⸗ ben, Dich zu halten, und hab' Alles verſucht, uns mit Edelmuth zu erheben. Allein, geſtehe Dir nur auch, Du haſt Dich ſeit laͤnger den religioͤſen Intereſſen abgewendet, auf denen un⸗ ſere irrgeſchweifte Leidenſchaft ihren Boden und ihren Frieden gefunden hatte. Du biſt irre an Dir ſelbſt geworden und das geht dann leicht Veronika. II. 3 50 auf den Andern uͤber. Ja, ich will Dirs be⸗ kennen, auch mein Herz hat geſchwankt, hat namentlich in den juͤngſten Tagen in einer edeln und in einer unedeln Richtung— ich ſage nicht, ſich verirrt oder vergangen, noch nicht, nein, aber geſucht, verlangt, getraͤumt. Und wie nahe war ich daran, mich auch zu verirren! Vergib mirs! Du haſt Recht, wir ſind hier zur Erkenntniß gekommen. Hier, wo ein tief gekraͤnkter Mann Alles gelaſſen hat, wie es war, ſehen wir ſchmerzlich ein, daß nur wir anders geworden ſind. Komm denn, wir wol⸗ len einen neuen Bund ſchließen, neue Geloͤb⸗ niſſe thun. Denke, wir ſeien gerade dazu hierher gekommen und wir haben dann, beim Himmel! die unſchaͤtzbarſte Verlaſſenſchaft eines dort gewiß verſoͤhnten Mannes angetreten. Ja, ſo haſt Du Recht, Guſtav! erwiderte Alide lebhaft. Ein neues Geloͤbniß, einen an⸗ dern Bund, foͤrmlich, feierlich in Prieſters Hand abgelegt, angenommen aus Prieſters Hand! Ja, komm' heruͤber! Du haſt mich einſt unſerer Kirche entfuͤhrt, dafuͤr bringe ich nun Dich mit zuruͤck. So verſoͤhnen wir den Himmel und unſer Misgeſchick. So allein kann uns auch noch etwas von der Erbſchaft meines verſtorbe⸗ nen Mannes uͤberkommen; ohne dieß bleiben wir enterbt, wie mir van Bree vorhin erklaͤrt hat. Nicht wahr, beſter Mann? Ach Gott, wie misverſtehſt Du mich, Alide! ſeufzte Guſtav ſchmerzlich. Du glaubſt, ich ſpraͤche von kirchlichen Geloͤbniſſen? Und wie—? Zu Dir hinuͤber ſoll ich treten? Stehſt Du denn nicht mehr bei mir in Glauben und Ver⸗ trauen? Nein, Guſtav! antwortete ſie nach einigem Bedenken mit entſchloſſenem Nachdruck. Ich bin wieder Katholikin. Ich habe mein erneutes Be⸗ kenntniß in Pater Joſephs Haͤnde abgelegt, in 3* der Kapelle von Bellepromeſſe und die Baro⸗ nin Mutter war Zeuge meiner Ruͤckkehr. So ſind wir geſchieden, Alide! rief der Baron empoͤrt und ſtand heftig vom Sitz auf. Ungerechter Mann! erwiderte ſie noch hef⸗ tiger. Du willſt mir meinen Glauben, meine Seligkeit wehren und ſprichſt von neuer Liebe? Ich ſpreche nicht, ich ſprach! antwortete er, lebhaft hin und her wandelnd. Ja, Du ſprachſt, daß wir geſchieden waͤren, fuhr Alide fort. Glaube ja nicht, daß mir ir⸗ gend ein Bund, ſelbſt der eheliche, theurer ſei, als der mit dem Himmel und fuͤr meine Selig⸗ keit geſchloſſene. Allein ich ſehe doch nicht ein, warum wir uns deshalb ſcheiden muͤſſen. Seit meines Mannes Tode koͤnnen wir auch mit ver⸗ ſchiedenem Religionsbekenntniß in rechtmaͤßiger Ehe leben. Der Profeſſor van Bree uͤbertreibt das in ſeiner frommen Heftigkeit. Ich rede jetzt nicht von verſchiedenem Kir⸗ 53 chenbekenntniß, ich rede von dem heiligen Ver⸗ trauen in unſern Bund uͤberhaupt, fiel Guſtav ein. Das haſt Du gebrochen. Warum ſagteſt Du mir nicht, was Dein Herz bedurfte? Du fragſt nach der Rechtmaͤßigkeit unſeres Bundes vor und nach dem Tode des de Landas, da die⸗ ſer Bund doch unter allen Umſtaͤnden nur durch Liebe und Vertrauen rechtmaͤßig und jede andere Zuthat nur Beiwerk, nur Rechtfertigung vor der Welt iſt. Und ſo ſchleichſt Du Dich heim⸗ lich von meiner Seite hinweg, um Dir einen Weg auszuſpaͤhen, der Dich ja zur Seligkeit fuͤhre, wenn auch Dich allein. So geh' denn und ſichere Dir Deine Ewigkeit ſelbſtfuͤchtig, ver⸗ raͤtheriſch an der Hand jener Heuchler, die Dich ohne mich fuͤhren und lenken. Laß mich allein in der Zeitlichkeit zuruͤck! Ich will mir ſchon mit eigenem Spaten die Wurzel des Ewigen ausgraben. Ich will mir einen Bund ſuchen, der mich mit Allem, was ich liebe, mit Allen, 54 die ſich an mein Herz haͤngen, fuͤr hier und dort in ſeinen Himmel mit einſchließt, einen Bund, in dem ich mit Allen, die ich liebe, Alles— meine Tagesarbeit, mein Mittagsmahl und mein Abendgebet theile! Er warf ſich in die Ecke des Sophas, um heimlich in die beiden hohlen Haͤnde hinein zu ſchluchzen. Alide blieb in der Mitte des Zimmers ſtehen, erblaßt und erſchuͤttert, bald auf ihre gefalteten Haͤnde, bald nach dem ungluͤcklichen Manne blickend. Die Stille waͤhrte einige Minuten. Und ehe ſie einen Gedanken faſſen, ein Wort finden konnte, trat der Profeſſor van Bree leiſe herein. Ohne die Anweſenheit des Ba⸗ rons anzuerkennen, ſagte er in flamaͤndiſcher Mundart: Frau de Landas, ich habe von Ihres ver⸗ ſtorbenen Mannes Teſtament mit Ihnen geſpro⸗ chen, mochte aber einige andere Geſchaͤftsſachen 5⁵ in Beiſein Ihres Sohnes nicht erwaͤhnen: wenn es Ihnen jetzt recht waͤre— 2 Der Baron hatte ſich aufgerichtet, ohne auf⸗ zuſtehen, und fragte mit gemeſſenem Tone, waͤh⸗ rend Alide einen Seſſel fuͤr den Geiſtlichen heranzog: Wer ſind Sie, mein Herr? Wie kommen Sie hier herein? Es iſt der Herr Profeſſor van Bree, lieber Mann! ſagte Alide in franzoͤſiſcher Sprache und ſetzte hinzu: Der Herr ſpricht nicht deutſch. Mein Herr, fuhr der Baron nun auch fran⸗ zoͤſiſch fort, wenn Sie zu Baron von Schleifras wollen, ſo laſſen Sie ſich gefaͤlligſt durch einen Bedienten melden und mir Ihren Namen ſagen. In ſchwerfaͤlligem Franzoͤſiſch und mit un— terdruͤckter Heftigkeit verſetzte van Bree: Ich bin zu Madame de Landas gekommen. Liebe Frau, beſcheide doch den Herrn, daß keine Madame de Landas hier iſt! bat Guſtav. Beſter Mann! flehte ſie deutſch und mit verwarnendem Winke. Du haſt Recht, meine Liebe, fuhr der Ba⸗ ron franzoͤſiſch fort, es wird ſich beſſer fuͤr den Kutſcher ſchicken, den Herrn zu begleiten. Er ſtand auf und zog die Schelle. Liebſter Guſtav, fiel Alide deutſch ein, ich bitte Dich um des Himmels willen, beleidige hier zu Lande keinen Prieſter, und dieſer iſt Executor des Teſtaments! Der Baron erklaͤrte jedoch franzoͤſiſch: Daß der Herr ein Geiſtlicher iſt, ſehe ich wohl, Madame; allein Ungeſchliffenheit und Beleidigungen werden durch keinen ſchwarzen Talar entſchuldigt. Im Gegentheil, mich kuͤm⸗ mert das Gewand dieſes Mannes ſo wenig, als die Tollheit ſeine Tonſur reſpectirt hat, wie ſie in ſeinem Kopf Platz nehmen wollte. Der ehrliche Heſſelts kam ſtatt eines Bedien⸗ ten mit aͤngſtlichem Eifer herein. 57 Lieber Freund, rief ihm der Baron franzoͤ⸗ ſiſch zu, befreien Sie mich von dieſem Unver⸗ ſchaͤmten, der hier unangemeldet eintritt und die Baronin von Schleifras fuͤr eine Madame de Landas anſieht. Ich hoffe, Herr Profeſſor, ſagte Heſſelts mit einer Empfindlichkeit, die ſich in aͤußerliche Ehrerbietung kleidete, ich hoffe, Sie reſpectiren die Gaſtfreunde dieſes Hauſes. Der Profeſſor, dem es anzuſehen war, daß ihn nur die fremde Sprache hinderte, den gan⸗ zen Zorn, der auf ſeinen blaſſen Lippen zuckte, gegen den Baron in Worten auszulaſſen, ver⸗ ſetzte: Ich hoffe, Herr Heſſelts, Sie reſpectiren den Hausfreund Ihres verſtorbenen Principals und den Vollſtrecker ſeines letzten Willens! Als dieſer Vollſtrecker werden Sie wiſſen, daß die Angelegenheiten des Geſchaͤftes zunaͤchſt 3**† 58 von mir ausgehen, erklaͤrte Heſſelts. So hab' ich denn auch die Ehre des Hauſes gegen Ge⸗ ſchaͤftsfreunde zu vertreten. Ich ſehe nur Leute, die erben wollen, ver⸗ ſetzte van Bree. Sagen Sie ihnen gefaͤlligſt, wer ich bin und welche Vollmacht ich habe. Verzeihung, Herr Preofeſſor, fiel Heſſelts ein. Der Herr Baron iſt Glaͤubiger des Hau⸗ ſes, und hat mit mir Geſchaͤfte. Ich habe ihn in dieſe Zimmer eingefuͤhrt und muß fuͤr ſeine Ruhe ſorgen. Ja, Herr Heſſelts, erklaͤrte der Baron, ich gedachte Ihnen dieſen Abend noch die mitge⸗ brachten Schuldſcheine und Wechſel uͤber jene 200,000 Rthlr. zu praͤſentiren, welche bei der Scheidung meiner Frau als ihr Vermoͤgen im Geſchaͤft geblieben ſind. Notiren Sie gefaͤlligſt, daß ich dies Capital von heute an kuͤndige! Davon weiß ich nichts! ſagte der Profeſſor, ein wenig betroffen und mit fragendem Blick 59 auf Alide. Frau de Landas wird mir beſtaͤti⸗ gen muͤſſen, ob das wahr iſt. Dem Baron entfuhr eine raſche Bewegung der Hand gegen den zaͤhen Mann; er faßte ſich aber ſogleich und ſagte mit viel Selbſtbeherr⸗ ſchung zu Aliden: Nun aber fodere ich von Ihnen, Madame, daß Sie gegen dieſen unhoͤflichen Menſchen, der an meiner Wahrheitsliebe zweifelt, auf Ihrem wahren Namen beſtehen! Lieber Mann, ſagte ſie deutſch, es ſind uͤber⸗ triebene Anſichten dieſes ſtrengen Mannes; ich hab' es ihm ſchon bemerkt und werde es ihm ernſtlicher ſagen; jetzt iſt er aber zu beleidigt dazu. Dann bedenk' auch, daß die Angelegen⸗ heit unſeres Vermoͤgens in ſeinem guten Willen liegt, und ſieh' uͤber dieſe Nebenſache weg aus Klugheit. Wie? fiel der Baron ebenfalls deutſch ein, Du nennſt meinen Namen eine Nebenſache? — 60— Dieſer Name war Dein Stolz und iſt Deine Rechtfertigung! Rechtfertigung? Mein Stolz? verſetzte ſie empfindlich. Ich weiß nicht, was er war! Du ſprichſt ja nun aber von Scheidung und es wird Dir alſo gleichguͤltig ſein, wie ich heiße; der Name de Landas aber iſt hier im Hauſe aͤlter! Es ſei alſo! rief Guſtav mit einer Ent⸗ ruͤſtung, die jedoch nur einen Augenblick dauerte; denn im naͤchſten Moment ſtand er wie gebro⸗ chen da, wie uͤberwaͤltigt von Schmerz, den er vergebens zu verbergen kaͤmpfte. Heſſelts wen⸗ dete ſich verlegen und geruͤhrt mit vorgeſtreckten Haͤnden von Einem zum Andern, ohne ein hel⸗ fendes Wort zu finden. Der Proofeſſor hatte dieſe kurze, heftige Verhandlung in deutſcher Sprache nicht verſtanden und ſah mistrauiſch und in leidenſchaftlicher Spannung gebieteriſch auf Aliden. Lieber Herr Heſſelts, ſagte nach angſtlicher 61 Pauſe der Baron ſehr weichmuͤthig, thun Sie mir den Gefallen und gehen ſelbſt hinuͤber in den Gaſthof le grand laboureur und miethen mir einige paſſende Zimmer. O mein Herr Baron! flehte der ganz ver⸗ wirrte Mann. Uebereilen Sie doch nichts! Es iſt ein Misverſtaͤndniß— o ich bitte! So gehe ich ſelbſt. O nein, mein Herr Baron! Ich will Ihren Willen thun! Es wird ſich ja noch Alles— Er tappte zerſtreut umher nach ſeinem Hut, den er doch nicht mitgebracht hatte, und der Baron gewann dadurch Zeit, ihm in franzoͤſi⸗ ſcher Sprache zuzurufen: Zwei Zimmer, mein Freund, und eins fuͤr den Bedienten. Wenn aber ein Jeſuit darin logirt hat, ſo laſſen Sie erſt raͤuchern, mit Eſſig raͤuchern: ich vertrage dieſe Luft aus den pon⸗ tiniſchen Suͤmpfen nicht! Er ging ſtolz, das Zimmer zu verlaſſen, nach der Salonthuͤre. Wie er ſie oͤffnete, ſtuͤrzte Angelika herein und an ſeinen Hals. Der heftige Wortwechſel hatte ſie aus ihren kindlichen Traͤumen unter dem Bilde des Va⸗ ters aufgeſchreckt; ſie war nach der Thuͤre ge⸗ ſchwankt und hatte zitternd Alles vernommen. Nun hing ſie am Halſe des hohen Mannes, ſtumm, ohne Thraͤne, nur bleich und bebend, wie eine Epheuranke am hohen Stamm eines Apfelbaumes vom Wirbelwinde zittert. Es war eine ſtumme Scene, in der ſich die tiefſten Schmerzen in wenig einfachen Bewe⸗ gungen kund gaben; denn auch Alide war erſchuͤttert. Sie ſah ihr Kind am Halſe des Mannes, der ſie verließ, und ſtand ſelbſt wie gebannt von dem gluͤhenden Blick und gehobe⸗ nen Armen des ſchroffen van Bree, bis ſie im Kampfe mit dem Zug ihres Herzens und der Furcht ihrer Seele ohnmaͤchtig in die Kniee ſank. Van Bree hob ſie mit eherner Miene auf das 63 Sopha und Guſtav fuͤhrte die Tochter ſanft zur Mutter hin, um ihr beizuſtehen. Sein Geſicht war naß und entſtellt, als er das Zimmer und das Haus verließ. Veronika hatte inzwiſchen, um die Lange⸗ weile der Einſamkeit zu vergeſſen, einen Theil ihrer Sachen aus dem Koffer in die Schublade ihres Zimmers eingeraͤumt und blaͤtterte in ihrem franzoͤſiſchen Wegweiſer durch Belgien nach den Merkwuͤrdigkeiten von Antwerpen, um ihre muͤßige Unruhe auf die Beſchaͤftigung der naͤch⸗ ſten Tage zu vertroͤſten. Dazwiſchen fiel es ihr doch auf, daß auch Angelika gar nichts von ſich hoͤren ließ; es beunruhigte ſie um ſo mehr, als ſie vorhin heftiges Geſpraͤch unter ſich dumpf vernommen hatte. Nun war es wieder ſtill und ſie fragte ſich, ob ſie nicht hinabgehen und nach den Ihrigen ſehen ſollte. In dieſer 64 Ueberlegung trat ſie wieder ans Fenſter und ſuchte ſich an dem gelaſſenen Treiben auf der Straße zu zerſtreuen. Eben fuhr ein Omnibus uͤber den Platz und ſetzte an dem ſchraͤg gegen⸗ uͤber gelegenen Gaſthof, le grand laboureur, Reiſende mit ihrem Gepaͤck ab. Wie ſie am Haus emporſah, ward ſie durch ein winkend bewegtes, buntſeidenes Tuch aufmerkſam auf einen Mann am Fenſter. Es war der Baron Guſtav. Veronika erſchrak. Sie wuͤrde ihrem Auge nicht getraut haben, haͤtte nicht gerade dies Winken und Zunicken ihr allen Zweifel be⸗ nommen. Im erſten Augenblick erwiderte ſie den Gruß des Freundes mit einer Bewegung, die durch das Falten der vorgeſtreckten Haͤnde eine fragende Verwunderung ausdruͤckte. Da, wie denn heut lauter ungluͤckſelige Erinnerungen zu herrſchen ſchienen, fiel ihr ein, daß der Baron, ſeiner Erzaͤhlung nach, in derſelben Richtung, vielleicht durch aͤhnliches Winken und Gruͤßen, die erſte Bekanntſchaft Alidens gemacht hatte. Sie trat raſch und mit Herzklopfen vom Fenſter zuruͤck. Die wunderlichſten Vorſtellungen und Empfindungen uͤberſtuͤrzten ſich in ihrem Inner⸗ ſten. Sie hing ihnen aber nicht nach, ſondern eilte hinab, zu erfahren, was vorgefallen ſei. Die Baronin hatte ſich, erſchoͤpft und zer⸗ ſtoͤrt, auf ihr Zimmer zuruͤckgezogen. Die Freun⸗ din fand Angelika auf dem Sopha liegen, unter dem ſchoͤnen Bilde von Jordaens, das eigentlich an all' den jetzigen Verwirrungen ſchuld war. Von ihr erfuhr Veronika das Vorgefallene, wenigſtens in ſeiner Allgemeinheit. Welcher Schreck und Kummer fuͤr ſie! Was ſollte aus dieſem unſeligen Bruche werden? Die Folgen dieſer Entzweiung ließen ſich nicht voraus ſehen und waren fuͤr ſie um ſo beaͤngſtigender. Doch galt ihr erſtes, wehmuͤthigſtes Leid dem edeln, jetzt an ihrer Seite ruhenden Kinde, deſſen 66 ſchuldloſe, liebetraͤumende Seele heut die ſchwere Weihe des Schmerzes uͤber eheliches, elterliches Ungluͤck empfangen hatte. Auf ſolche Erſchuͤtterung der Gemuͤther ließ ſich ſobald kein froher Verkehr, kein heiterer Umgang erwarten. Die Freundin kuͤmmerte ſich darum, wie die Entzweiten zu verſoͤhnen waͤren. Sie kaͤmpfte mit ſich, es ſelbſt zu ver⸗ ſuchen, ohne daß ſie ſich dazu entſchließen konnte. Das Leid des Barons ging ihr zu nah; auch fuͤrchtete ſie ſich vor gewiſſen unbeſtimmten Aeußerungen und Erklaͤrungen, die der Freund bei ſolchem Anlaß machen koͤnnte. Dachte ſie aber an die Baronin und an die Heftigkeit, mit der ſie vielleicht eine ſolche Vermittelung aufneh⸗ men wuͤrde, oder ſich uͤber den Gemahl aus⸗ laſſen koͤnnte, ſo verzagte ſie vollends, auf eine Frau zu wirken, deren Vertrauen ſie ohnehin nicht beſaß. Inzwiſchen faßte Angelika ſtillſchweigend den Gedanken, die Eltern zu verſoͤhnen. Sie be⸗ ſuchte am andern Morgen in der Fruͤhe den Vater, ſie kam von da zur Mutter heruͤber und ſuchte Beide zu ſtimmen und zu verſtaͤndigen. Sie fand Beide ruhig, aber verſchloſſen; Beide wurden von ihren kindlichen Bitten geruͤhrt; aber hinter dieſer Ruͤhrung lag ein und der an⸗ dere Ruͤckhalt, unerkennbar fuͤr Angelika und auch nicht geeignet, um in der Stellung eines Kindes zu den Eltern Abhuͤlfe zu finden. Alide hatte ſich naͤmlich in ihren ſo tief aufgeregten Gewiſſenszweifeln gaͤnzlich dem Rath und der Leitung van Bree's unterworfen und wagte kei⸗ nen Schritt ohne Zuſtimmung dieſes heftigen und gegen den Baron erbitterten Mannes. Und der Baron trug ſich mit Gedanken, die eine ganz andere Richtung, als zu einer Ausſoͤhnung mit ſeiner Gemahlin, zu nehmen drohten. Der Gedanke, ſich von ſeiner Frau zu ſcheiden, war ihm wol fruͤher ſchon gekommen, allein nur 68 in Augenblicken fluͤchtigen Verdruſſes und Mis⸗ muths wie ein Phantom, von welchem das be⸗ wegliche Herz des edeln und ein wenig verein⸗ ſamten Mannes ſich ſchnell wieder zu einem Wohlwollen fuͤr Aliden bekehrte. Nun aber war ſein maͤnnlicher Stolz ſchwer beleidigt, an der Entruͤſtung uͤber den ſchroffen Prieſter hatte ſich ſein Muth gehoben. Eine Scheidung war ihm, ſo zu ſagen, vor die Fuͤße geworfen wor⸗ den und wenig Augenblicke darauf hatte ſich et⸗ was begeben, worin ſein erſchuͤttertes Herz einen hoͤhern Wink erkennen wollte. Es war der un⸗ erwartete Fenſterblick mit Veronika. Er hatte ſich im Gaſthof die alten Zimmer wieder geben laſſen und wie er eben, in leidiger Erinnerung an damals, das Fenſter oͤffnete, erblickt er druͤben im Hauſe de Landas' Veronika; zwar nicht an demſelben Fenſter, wie fruͤher Aliden, ſondern ein Stockwerk hoͤher; aber er fuͤhlt in dieſem Augenblick nur deſto lebhafter, daß ſein 69 Auge ſich nach einem ſo edeln Beſitz allerdings erheben muͤſſe. Gewiß goͤnnte ihm der Himmel, ſo dachte er, unter dem alten Zeichen ein neues, gluͤcklicheres Buͤndniß fuͤr ſeine ruhige, von Leidenſchaft gereinigte Zukunft. Von jenem Uebermuthe, der ihn damals zu einem frevel⸗ haften Wagniß getrieben hatte, hoffte er den edleren Theil in ſich bewahrt zu haben. Jene nachdruͤckliche Unternehmungskraft ſeiner Jugend beſaß er freilich nicht mehr, dafuͤr ſah er ſeine jetzigen Wuͤnſche fuͤr erlaubter und fuͤr leichter erreichbar zugleich an. Von Veronika's liebevoller Geſinnung für ihn hatte er eine innige Ueberzeugung; und war die Freundin bisher jeder Annaͤherung mit zarter Scheu ausgewichen, ſo lag dies gerade, wie er glaubte, in der Achtung des edeln Maͤdchens vor dem Verhaͤltniß, das er eben zu loͤſen dachte. Er nahm ſich vor, der Freundin einen Be⸗ weis von Anerkennung dadurch zu geben, daß 70 er, ohne das Mindeſte von ſeiner Abſicht auf eine Verbindung mit ihr durchblicken zu laſſen, die Scheidung mit Ruhe und Anſtand vollzoͤge. Vor Allem wollte er nun die Angelegenheit des Vermoͤgens geordnet wiſſen. Er fand hierzu an Heſſelts einen ehrlichen und ihm zugeihanen Geſchaͤftsmann. Heſſelts ſelbſt ſuchte an Aliden und dem Baron eine Anlehnung gegen den Profeſſor van Bree. Es lag ihm Alles daran, das Ehepaar nicht entzweit zu ſehen; zumal da er ſich des Argwohns nicht erwehren konnte, daß van Bree abſichtlich auf einen ſolchen Bruch hin arbeite. Vielleicht that er dieſem ſchroffen Mann Unrecht; allein, da derſelbe ſich bisher oͤfter in die Ge⸗ ſchaͤfts⸗ und Vermoͤgensverhaͤltniſſe des Hauſes einzumiſchen verſucht hatte, war Heſſelts ſehr eingenommen gegen ihn und argwohnte ſchlaue Abſichten des Ordens, dem der Poofeſſor ange⸗ hoͤrte. Es war bekannt genug, daß dieſer neu 4 erwachte Orden keine Mittel und Wege ver⸗ ſchmaͤhte, um wieder zu ſeinem alten Vermoͤgen und Einfluß zu gelangen. Die auffallendſten Erbſchleichereien dieſer frommen Vaͤter waren in juͤngſter Zeit vorgekommen und hatten das Mistrauen des wohlhabenden Theils im Volke und die Wachſamkeit der oͤffentlichen Behoͤrden, der Anwaͤlte und Familienraͤthe erweckt. Darum haben aber dieſe beharrlichen und unverdroſſenen Herren ihr Beſtreben und Syſtem nicht geaͤndert, ſagte Heſſelts gelegentlich zum Baron; ſie ſind nur vorſichtiger in ihren Mit⸗ teln geworden. Sie greifen jetzt nicht geradezu nach Vermoͤgen und Vermaͤchtniſſen, ſondern verſichern ſich in reichen Familien ſolcher Perſo⸗ nen, die geſetzlich erben koͤnnen und die ihnen dann das Erwuͤnſchte auf einem weniger auf⸗ fallenden Umwege zuwenden. Ich moͤchte ſagen, Herr Baron, ſie halten fromme Zuchtſchafe, die ſie auf fremde Weide treiben, von Vermaͤcht⸗ niſſen fett werden laſſen und dann ins Haus ſchlachten. Eins verſtehe ich nicht recht, lieber Herr Heſſelts, ſagte der Baron, daß man naͤmlich hier zu Land ſo fromm iſt und dabei doch den frommen Vaͤtern ſo ſehr auf die Finger ſieht; oder wenn man ihnen ſo wenig Gutes zutraut, daß man ihnen doch wieder ſo anhaͤnglich bleibt. Allerdings ſind wir darin anders als unſere hochdeutſchen Bruͤder, erwiderte Heſſelts. Wir ſind nicht ſo traͤumeriſch auf einer und frei⸗ denkend auf der andern Seite; wir ſind glaͤubig, aber auch gewerbſam; wir leihen unſer Ohr gern Denjenigen, die uns Anweiſungen auf den Himmel ausſtellen, behalten aber dabei unſere Hand auch auf Dem, was wir hier unten ſchon haben. Solch' ein Mann war auch mein ver⸗ ſtorbener Chef, Herr de Landas. Waͤhrend er die puͤnktlichſten Wechſelgeſchaͤfte machte, war er ſehr aͤngſtlich auf gute Rimeſſen fuͤr die Ewig⸗ 73 keit bedacht. Und ſo hat er denn auch wieder den frommen van Bree zum Lebens⸗ und Ge⸗ wiſſensrath ſeines unmuͤndigen Sohnes, mich aber doch zum Vormund beſtellt; hat Jenem die Vollziehung des Teſtaments, mir aber das Ge⸗ ſchaͤft uͤbertragen. Dies Teſtament wurde nun wiederholt be⸗ ſprochen. Heſſelts hatte dem Baron einen ge⸗ ſchickten Anwalt empfohlen, dem er ſeine ant⸗ werpener Angelegenheiten uͤbergeben wollte. Auch dieſer Rechtskundige rieth nicht dazu, das Te⸗ ſtament anzufechten. Nach den Beſtimmungen deſſelben war der junge de Landas alleiniger Erbe, Alide als geſchiedene und proteſtantiſch gewordene Frau war gaͤnzlich ausgeſchloſſen und fuͤr Angelika ein ſehr anſehnliches Legat in der Unterſtellung ausgeſetzt, daß ſie katholiſch geblieben ſei, oder es wieder werde. Ich weiß wohl, erklaͤrte Heſſelts, daß van Bree ſeinen verſtorbenen Freund bei Aufſtellung Veronika. II. 4 des Teſtamentes nicht ohne Zuziehung eines Rechtsverſtaͤndigen berathen hat. Ich bin auch uͤberzeugt, daß die eine Luͤcke, die ich im Teſta⸗ ment finde, mit Abſicht gelaſſen iſt. Herr de Landas hat naͤmlich keine Beſtimmung getroffen, wie es mit dem Vermoͤgen gehalten werden ſoll, falls Herr Joachim noch minderjaͤhrig verſtuͤrbe. Dieſer Fall lag doch bei der Kraͤnklichkeit des Sohnes nahe genug. Nun hat Herr de Landas, ſo viel ich weiß, keine Anverwandten, die ihn geſetzlich beerbten. Mit den wenigen Mitteln ſei⸗ nes in Amerika ziemlich abenteuerlich verſtorbenen Vaters hatte er ſich durch Thaͤtigkeit und Ver⸗ ſtand in die Hoͤhe gebracht. Sehen Sie, ſolches Vermoͤgen liegt juſt recht bequem fuͤr ſolche Herren, um es wegzuſchnappen, und darum hat der van Bree den Verſtorbenen uͤber den Sohn hinaus nichts beſtimmen laſſen, um dann auf dieſen deſto mehr Einfluß frei zu behalten. Ich erwarte nun alle Tage, daß der Profeſſor 65.— den bedenklich Kranken zur Vorſicht eines Teſta⸗ mentes bereden wird. Aber nun entſteht die Frage, wie wird man die Mutter uͤbergehen koͤnnen? Vom Manne war ſie geſchieden, aber des Sohnes naͤchſte Erbin iſt ſie doch. Und Herr Joachim hat ſeine Mutter liebge⸗ wonnen, zumal die gnaͤdige Frau auch ganz im Sinn der geiſtlichen Herren iſt. Wenn nun der Sohn ſein Vermoͤgen der Mutter vermacht, ſo hat die Mutter eine Tochter, der ſie es zu⸗ wenden wird. Werden dann die geiſtlichen Herren, die nach ſo viel Muͤh' und Arbeit um den Vater und Sohn gewiß nicht leer aus⸗ gehen wollen, ſich vielleicht mit ein paar guten Legaten abfinden laſſen? Und wird bei ſolcher Kuͤrzung des Vermoͤgens Frau Alide gleichgüͤltig bleiben? Die gnaͤdige Frau iſt ja darin auch eine gute Niederlaͤnderin, daß ſie bei aller Verehrung der geiſtlichen Herren doch auch Geld und Gut 4* zu ſchaͤtzen weiß. Geben Sie mir Recht, Herr Baron? Guſtav laͤchelte mit bejahendem Nicken. Sehen Sie, fuhr Heſſelts fort, das iſt die Lage der Sache, die mich jetzt ſehr intereſſirt und die auch Ihnen nahe liegende Raͤthſel auf⸗ gibt; denn ich zweifle ſehr, daß der junge Herr de Landas den Herbſt uͤberleben wird. Waͤhrend ſolcher Unterhandlungen ließ der Baron durch Heſſelts mit Aliden auch wegen ihres im Geſchaͤft ſtehenden Vermoͤgens Ruͤck⸗ ſprache nehmen. Die Ehe war naͤmlich im Rauſche der erſten leidenſchaftlichen Neigung auf Guͤtergemeinſchaft abgeſchloſſen worden, die am Wohnorte des Barons gewohnheitlich war und die auch einer perſoͤnlichen Hingebung zweier ſich Verbindenden ſo ſchoͤn und ſchwaͤrmeriſch entſpricht. Nun konnte aber auch Keines von Beiden ohne des Andern Zuſtimmung uͤber das gemeinſchaftliche Vermoͤgen verfuͤgen. Guſtav 77 hielt aus zarten und verſtaͤndigen Ruͤckſichten fuͤr gut, das im de Landas'ſchen Geſchaͤft ſtehende Capital herauszuziehen und ſonſt unterzubringen. Er ließ ſeiner Gemahlin den Vorſchlag thun, aber ſie verweigerte ihre Zuſtimmung ohne An⸗ fuͤhrung beſonderer Gruͤnde. Der Baron zwei⸗ felte, in ſeinem Aerger daruͤber, keinen Augen⸗ blick, daß Alide hierin dem Rath des Profeſſors folge. Er erinnerte ſich, wie unangenehm es demſelben gleich Anfangs geweſen war, daß eine ſo bedeutende Summe aus dem Vermoͤgen des Hauſes gezogen werden koͤnnte. Es gereichte dem Baron zu neuem Verdruß, wahrzunehmen, bis zu welchem Grade ſeine Gemahlin ſich dem Einfluß ſolcher fanatiſchen Maͤnner unterordnete, da ſogar auch die Sorge um Geld und Gut, das Einzige, was bisher noch ihrer frommen Hingebung das Gleichgewicht gehalten hatte, nun dieſem Eifer zu weichen ſchien. Natuͤrlich beſtaͤrkte ihn dies noch mehr in ſeinem Vorha⸗ 78. ben der Scheidung und die alte, immer wieder aufgekommene Zuneigung fuͤr Aliden wich nun vollends der Ueberzeugung, daß ihr tiefſtes Weſen in einer Umwandlung begriffen ſei und ſich von ihm abwende. Dieſe Widerwaͤrtigkeiten zu vergeſſen, be⸗ ſuchte Guſtav die Merkwuͤrdigkeiten der Stadt mit Angelika, die fleißig zu ihm kam und durch die er auch Veronika zu dieſen Gaͤngen mit⸗ bringen ließ. Sie beſahen die Kirchen mit den ſchoͤnen Gemaͤlden, die Baſſins mit den See⸗ ſchiffen, die Citadelle, das Werft und was nur einiges Intereſſe darbot. Zum Ausruhen ſetzten ſie ſich gern vor einem Eſtaminet am Ufer der Schelde nieder und ſahen bei Erfriſchungen un⸗ ter heitern Geſpraͤchen dem Leben auf dem Strom zu. Veronika trieb auch zum Beſuch der mil⸗ den Anſtalten, beſonders des Armenhoſpitals. Dreihundert Perſonen beiderlei Geſchlechts fan⸗ den ſich hier beſchaͤftigt, die Blinden und Siechen 79 mit Aufzupfen alten Seilerwerks zu Werg, das gepicht zum Kalfatern der Schiffe gebraucht wird, die Andern in der Teppichfabrik der An⸗ ſtalt, deren Arbeiten auswaͤrts ſehr geſucht ſind. Hiermit und mit kleinen Ausfluͤgen und Abend⸗ ſpaziergaͤngen auf dem belebten„gruͤnen Platz“ ging eine Woche hin. In der Fruͤhe des Sonntags ſaß Veronika in ihrem vordern Zimmer, in das die Morgen⸗ ſonne fiel. Auf den Straßen war es ſtill, in den verſchiedenen Kirchen laͤutete es zu den einzelnen Meſſen. Ihr ſeidener Morgenuͤberrock ſchillerte zwiſchen Gelb und Blau, ihre Stim⸗ mung war aus Wehmuth und Freude gemiſcht. Sie ſchrieb an ihre Schweſtern und— wie viel Frohes und Betruͤbtes, wie viel neue Anſchauun⸗ gen und alte Gefuͤhle draͤngten ſich da nicht zu ihrer Feder! Endlich fuhr der Wagen am 80 Hauſe vor, der die Baronin mit Angelika nach Eckeren, zum Beſuch einer befreundeten Fami⸗ lie, bringen ſollte, die ſich dort, unter den Rui⸗ nen des Rubens'ſchen Landhauſes, einen Sommer⸗ ſitz gegruͤndet hatte. Wie der Wagen wegfuhr, fuͤhlte die Freundin mit innigem Behagen, daß der ſchoͤne Tag ihr jetzt ungetheilt gehoͤre. Sie nahm ſich vor, die ſuͤßen Minuten der Einſam⸗ keit mit aller Luſt zu genießen. Bald darauf klopfte es leiſe an ihre Thuͤre und Heſſelts trat ein, im Sonntagsfrack und mit einem Blumenſtrauß, den er mit eigens befangenem Laͤcheln der Freundin zierlich darbot. Wie freundlich Sie ſind, lieber Herr Heſſelts! ſagte Veronika. Ich finde jeden Morgen friſche Blumenſtoͤcke hier auf dem Fenſtertiſchchen: Das ruͤhrt doch nur von Ihnen her und jetzt bringen Sie mir noch den herrlichen Strauß dazu! Wofuͤr haben wir denn die Blumenzucht im Garten und Gewaͤchshauſe, was Alles viel Geld koſtet, wenns Niemand genießen will? rief Heſſelts. Sie wiſſen es doch zu ſchaͤtzen, Sie freuen ſich auch noch an Blumen. Wiſſen Sie aber auch, mein verehrtes Fraͤulein, daß Blumen noch Eins ſo ſchoͤn und lange bluͤhen, wo ſie ſich geliebt fuͤhlen? Es ergeht denſelben, wie den Menſchen, die auch in der Zeit der Liebe ſich am ſorgfaͤltigſten ſchmuͤcken und'was Huͤbſches an ſich wenden. Er bog mit ſelbſtgefaͤlligem Laͤcheln die ge⸗ ſtaͤrkte Hemdkrauſe unter die ſeidene Weſte und fuͤhlte nach der darein gehaͤkelten Brillantnadel. Veronika fragte nach dem KNranken. Es geht heut wieder etwas beſſer, ſagte er, und un⸗ ſere gnaͤdige Dame iſt ziemlich heiter weggefah⸗ ren. Dieſe gepfluͤckten Blumen aber bringe ich Ihnen als Sinnbild, daß ich etwas Vertrauli⸗ ches mit Ihnen durch die Blume beſprechen wollte, wie man zu ſagen pflegt. Veronika ruͤckte betroffen mit ihrem Stuhl. 4** 8² Sehen Sie, fuhr er mit großer Unbefangen⸗ heit fort, nichts auf der Welt geht uͤber einen gluͤcklichen Ehebund und eine vergnuͤgte Familie! Veronika zupfte in ihrer Unruhe den ſeide⸗ nen Faden auf, mit dem die Blumen zuſam⸗ mengebunden waren. Wenns aber mit einer Familie ſo geht, daß ſie, wie dieſe Blumen da, die offenen und die Knospen, aus einander faͤllt, ſo finde ich das juſt kein gutes Zeichen, bemerkte Heſſelts; wor⸗ auf Veronika etwas verlegen, aber mit bezuͤg⸗ lichem Nachdruck verſetzte: Sie nehmen mir nicht uͤbel, Herr Heſſelts, daß ich die Blumen ein wenig anders zuſam⸗ menſtelle. Jedes hat, wie Sie wiſſen, ſeinen eigenen Geſchmack, bindet zuſammenpaſſende Farben neben einander und ſteckt die verbluͤhen⸗- den ein wenig zuruͤck. Sehen Sie, ſo! Ja, Herr Heſſelts, wenn ich einmal Antwerpen ver⸗ laſſen habe, werde ich bei ſchoͤnen Blumen im⸗ 83 mer ſagen: Ich habe doch nirgends ſo ſchoͤne Blumen gehabt, wie in Antwerpen von dem guten Herrn Heſſelts. In der Verlegenheit uͤber dieſen Wink wickelte ſie den Faden immer feſter um die Blumenſtengel. Und nun ſind all' die Blumen wieder feſt beiſammen, fuhr Heſſelts unbefangen fort, und Sie haben bildlich ein gutes Werk gethan. Ge⸗ rade wegen des Zuſammenfuͤgens wollte ich mit Ihnen reden und ich nehme es als gute Vorbe⸗ deutung fuͤr meine Abſicht, daß Sie meine Blumen nun ſo nach Ihrem Geſchmack zuſam⸗ mengefuͤgt haben. Aber, guter Herr Heſſelts, ich habe weiter gar nichts damit ſagen wollen, eiferte Veronika. Koͤnnen ja das auch ſchicklicher Weiſe nicht, mein verehrtes Fraͤulein, erklaͤrte er laͤchelnd, bis ich Ihnen erſt vorgetragen, was wir eigent⸗ lich, mit Zuſtimmung Ihres edeln Herzens, zu⸗ ſammenfuͤgen moͤchten. — — 84 Nicht wahr, Herr Heſſelts, Sie ſind Ka⸗ tholik? fragte Veronika lebhaft. Wie Sie ſagen! Und Sie Proteſtantin? Ja wohl, Herr Heſſelts. Charmant! rief er. So ſind wir wie ge⸗ macht, um eine gemiſchte Ehe, wie die iſt, die wir— O Sie ſcherzen, Herr Heſſelts! fiel Vero⸗ nika ein, indem ſie lebhaft aufſtand und, um ihre Haſt gleich wieder gut zu machen, den Strauß in friſches Waſſer ſtellte. Nein, mein Fraͤulein, es iſt leider mein Ernſt, betheuerte Heſſelts. Leider? Nun ja! Iſt es denn nicht ein Ungluͤck, daß unſere verehrte Dame und der vortreffliche Herr Baron ſo zerfallen und uneins ſind? Ha, ſo! Und die moͤchten Sie gern wieder vereinigt ſehen? O Sie guter, lieber Mann! Da haben Sie es nun richtig errathen! ſchmunzelte Heſſelts, indem er vergnuͤgt die Haͤnde rieb. Das iſt die gemiſchte Ehe,— denn un⸗ ſere gnaͤdige Dame iſt ja wieder Katholikin!— die wir wieder verbinden wollen. Aber ganz im Vertrauen! Und Sie ſollen mir beiſtehen. Gern! rief Veronika und konnte nicht unter⸗ laſſen aus erleichtertem Herzen ihm als Zeichen ih⸗ rer Zuſage die Hand zu reichen, die Heſſelts mit feierlichem Laͤcheln kuͤßte. Aber warum ſagten Sie mir das nur ſo vorſichtig, ſo geheimnißvoll, Herr Heſſelts? Weil ich mit mir im Zweifel war, oder vielmehr immer wieder ein wenig zweifelhaft wurde, ob ich es ſagen duͤrfte, erklaͤrte er; da mir der Herr Baron ganz im Vertrauen eroͤff⸗ net hat, daß er nach geordneten Vermoͤgensan⸗ gelegenheiten ſich von ſeiner Gemahlin ſcheiden laſſen will. Scheiden? rief Veronika erblaſſend. Zum erſten Mal breche ich eine Zuſage des 86 Stillſchweigens, fuhr Heſſelts fort. Im Ge⸗ ſchaͤft wuͤrde ich es nimmermehr gethan haben; allein in dieſer haͤuslichen Angelegenheit, die ge⸗ wiß nur durch Misverſtaͤndniſſe oder durch, ſo zu ſagen, verſaͤuerte Liebe ſo verwirrt wor⸗ den iſt, da thu' ich es und wende mich mit allem Vertrauen an Sie. Der Herr Baron handelt ſehr unklug; er wuͤrde es gewiß einſehen, wenns zu ſpaͤt waͤre; darum wollen wirs nicht zu ſpaͤt werden laſſen! Ja! rief Veronika nach einigem Kampfe mit ſich ſelbſt, wir muͤſſen hier etwas thun, ge⸗ rade weil der Herr Baron ein Geheimniß aus ſeinem Vorhaben macht. Wenn man ſich ein⸗ mal in ſeinen Kummer verſchließt, ſo beſtaͤrkt man ſich nur in ſeinen Empfindungen und Ge⸗ danken und glaubt nie Unrecht zu haben. Man muß dem Herrn Baron einen andern Geſichts⸗ punkt zeigen. Ich will es, aber brieflich; mit ihm reden— nein, das geht nicht! 32— Heeſſelts ſprang von ſeinem Stuhl auf und rief in kindlicher Freude: Ach, ach! daß Sie mit einverſtanden ſind, der Herr Baron duͤrfe ſich nicht ſcheiden, nein, wie mich das freut! Ich kann es Ihnen nicht ſo ſagen! Gerade Sie mit mir einverſtauden! Aber, Sie muͤſſen ihm auch recht uͤberzeugende Gruͤnde geben. Hoͤren Sie! Heſſelts ſetzte ſich wieder und bemuͤhte ſich, der Freundin begreiflich zu machen, welche Ge⸗ fahren dem Vermoͤgen des Hauſes drohten, wenn die gnaͤdige Dame geſchieden, dem Rathe der geiſtlichen Herren uͤberlaſſen bliebe. Er ſcheute fich, wie es ſchien, ſeine Beſorgniß und die darin liegende uͤble Meinung von jenen Maͤnnern entſchieden auszuſprechen. Sehen Sie, platzte er endlich mit gedaͤmpfter Stimme heraus, der Sohn wird ſterben, die liebe Tochter wird ſich verheirathen und Madame wird dann Ge⸗ ſchaft und Vermoͤgen nicht behalten, nicht 88 auf die ihrigen bringen. Das ſtellen Sie dem Herrn vor, das iſt die Hauptſache! Gut, gut! erklaͤrte Veronika, laſſen Sie mich jetzt ſchreiben, holen Sie dann gegen Mit⸗ tag den Brief bei mir ab und beſtellen Sie ihn auf die rechte Weiſe. Eine Weile ging die Freundin, als Heſſelts ſich empfohlen hatte, unruhig umher, ihre Ge⸗ danken zu ſammeln. Nach und nach kam die Feierlichkeit des ſchoͤnen Sonntags wieder uͤber ſie und in dieſer gehobenen Stimmung ſetzte ſie ſich zum Schreiben. Wie ſie fertig war, nahm ſie Hut und Tuch und eilte nach der Kathedrale. Sie betrat die Kirche durch die Seitenthuͤre, in deren Naͤhe die Kreuzabnahme von Rubens haͤngt. Im Anblick dieſes herrlichen Bildes ließ ſie ihr Herz ausbeben, bis ſie Muth und Hoff— nung wieder bei ſich eingekehrt fuͤhlte. Zu Hauſe wartete ſchon Heſſelts mit Hut und Stock. Haben Sie es ihm auch recht nach⸗ druͤcklich geſagt? fragte er. Mit dem Gelde beſonders? Ich will Ihnen den Brief leſen, antwortete Veronika. Sie ſind ein braver Mann, Sie kennen die fruͤhere ungluͤckliche Geſchichte des Hauſes wie die jetzigen Mishelligkeiten. Warum ſollten Sie den Brief nicht hoͤren duͤrfen? Veronika las: „Ein boͤſer Traum iſt mir in den ſchoͤnen Sonntagsmorgen gekommen, oder es haben Menſchen, die ſich um Ihr Wohl, mein Freund, aͤngſtigen, mich mit der Beſorgniß erſchreckt, Sie daͤchten daran, ſich von Ihrer Gemahlin zu ſcheiden. Ich erinnere mich, daß Sie juͤngſt, als wir am Ufer der Schelde das ſchoͤne Schiff nach Batavia abſegeln ſahen, Ihre Sehnſucht nach einem Paradies ausgeſprochen haben, wo man faͤnde, was Herz, Geiſt und Haͤuslichkeit eines gluͤcklichen Mannes beduͤrften. Leider! haben Sie jetzt Einſamkeit und Trauer genug, 90 ſich ein ſolches Paradies auszumalen und ſich in eine unbeſtimmte Sehnſucht hinein zu traͤu⸗ men, die nicht gemacht iſt, Sie zu Ihrem wahren Gluͤck zu fuͤhren. Denn, wiſſen Sie, und wenn dies Paradies eben vor Ihnen laͤge, Sie duͤrften es nicht betreten. Eine Erinnerung wuͤrde Ihnen dahin folgen, die zur Schlange dieſes Paradieſes werden duͤrfte. Laſſen Sie mich Ihnen jetzt Freundin ſein und bitten, Ihren Blick einmal nach dieſer Seite zu richten, die ich Ihnen zeigen will. Als Sie beinah vor dreizehn Jahren Aliden von hier entfuͤhrten, haben Sie ſich damals weniger gluͤcklich gefuͤhlt, als Sie es jetzt traͤu⸗ men? Sie werden mir antworten, damals ſeien Sie einer blinden Leidenſchaft gefolgt, aus der Sie jetzt in einer hoͤhern Region erwachten. Und wem folgen Sie denn jetzt? Einem traͤu⸗ menden Herzen! Fuͤrchten Sie nicht, daß auch dies Herz einmal erwachen koͤnnte? Dies Herz hat einen tiefen, edeln Grund, ein leben⸗ diges Gefuͤhl fuͤr das Rechte: Sie werden daher gewiß eines Tages einſehen, daß viel von die⸗ ſen Zerriſſenheiten in Alidens Gemuͤth, viel von dieſer Ihnen jetzt widerwaͤrtigen Seelenſtimmung Ihrer Gemahlin auf Sie als Schuld zuruͤck⸗ faͤllt und daher ruͤhrt, daß Sie jenes heilige Band, mit welchem Alide einem Andern ange⸗ hoͤrte, nicht etwa loͤſten, ſondern zerriſſen; daß Sie die arme Frau in ein ihr fremdes und un⸗ erfaßbares Glaubensgebiet bringen mußten und darin bannen wollten, obſchon es ihrem Herzen nicht angemeſſen war. Alidens Bildung und Charakter war Ihnen ja zuerſt nicht wider⸗ ſprechend und wenn Ihr anfaͤngliches Gluͤck mit den Jahren nicht gewachſen iſt, ſo liegt das nicht allein darin, daß Sie, mein Freund, klarer und edler geworden ſind, ſondern daß die Erinnerungen Ihrer Frau, daß das in ihrer Bruſt erwachte Bewußtſein einen von Natur 92 liebenswuͤrdigen Charakter langſam zerſtoͤrt und in Alidens Weſen krankhafte Eigenheiten her⸗ vorgebracht haben. Und nun dieſe Zerſtoͤrung, die auf Sie zuruͤckfaͤllt, Ihr Herz, mein Freund, zerknirſchen und es zur Verſoͤhnung, zur Ver⸗ gebung und Geduld ſtimmen ſollte, wollen Sie ſich ſo kurzweg vom Ungluͤck losreißen? Das iſt nicht muthig, das ziemt dem Manne nicht, der ja doch fruͤher edel geweſen, als gluͤcklich gewor⸗ den iſt. Vielleicht wenden Sie mir ein, daß Alide ja zuerſt jenes liebevolle Vertrauen auf⸗ gegeben, das allein die Ehe begruͤndet, daß ſie den Stolz auf den Namen ihres Gatten abge⸗ legt und ſich mit dem Namen ihres verſtorbe⸗ nen Mannes habe begruͤßen laſſen: aber alles Das ſind ja eben die Zeichen der Krankheit, ſind die natuͤrlichen Entwickelungen jener erſten Zer⸗ ſtoͤrung, die Ihnen, mein Freund, zur Schuld faͤllt und denen Sie nun als muthiger und gerechter Mann nicht entlaufen duͤrfen. Sie 93 haben noch nicht einmal ruhig und vernuͤnftig mit Aliden gefprochen. Wenn Sie ihr jetzt, da ihr erſter Mann geſtorben iſt, als Katholikin zu leben geſtatteten, ſo koͤnnte vielleicht ſchon von dieſem einen Punkt aus ihre Geneſung wieder⸗ kehren. Sie wuͤrde Beruhigung in ſich ſelbſt haben und alle ihre Liebenswuͤrdigkeiten wuͤrden wieder hervorkommen. Wie heiter und einneh⸗ mend war ſie nicht ſchon in Belle⸗Promeſſe, wo ſie die Dinge mitmachen konnte! O gewiß, wenn ſie keine Heimlichkeiten mehr hat und wir ſie dereinſt von dieſen aufregenden Einfluͤſterungen hinwegbringen, wie unbefangen wird ſie dann wieder ſein, wie natuͤrlich und anſchmiegend, wie ſtolz auf ihren Namen und den ritterlichen Mann, der ihn traͤgt! 1 Vielleicht, mein Freund, kann auch dann Alide nicht alle hoͤhern Anfoderungen befriedi⸗ gen, fuͤr welche nun Ihr Herz erwacht und erwachſen iſt. Allein, ſind Sie nicht ihr und ſich ſelbſt ſchuldig, vor Allem gerecht zu ſein und Alidens Seele wieder herzuſtellen? Und was ſoll aus Angelika werden? Wollen wir das En⸗ gelskind der Mutter laſſen und es entbehren ler⸗ nen? Oder wenn es ſich, ungeachtet Ihres Schei⸗ debriefs, noch einmal an Sie anſchloͤſſe, wie juͤngſt, wird ſeine Seele ohne Kummer bleiben und nicht vielleicht die Heiterkeit Ihres getraͤum⸗ ten Paradieſes truͤben? Nein, nein, mein theu⸗ rer Freund, uͤber ſo ſchwere Fragen und Auf⸗ gaben wollen wir uns nicht hinaustraͤumen und gaͤlte es auch ein Paradies! O moͤchten Sie ſich entſchließen, vor Allem zu thun, was edel iſt, und zuzuſehen, ob Ihnen daraus nicht ein Pa⸗ radies entſtehen wolle! Ich will mich nicht unbedingt gegen Eheſcheidung erklaͤren; allein der Edle muß anders zu Werke gehen, als die gemeine ſelbſtſuͤchtige, loſe Menge, dieſer Flug⸗ ſand der Geſellſchaft, dieſe Nomaden des Buͤr⸗ gerthums, die ihr Gluͤck darin ſuchen, eine 95 graſige Stelle nach der andern abzuweiden, nir⸗ gend mit Liebe anzubauen, ſondern nur Zer⸗ ſtoͤrung hinter ſich zu laſſen. O ja nicht ſo, mein Freund! Gehen Sie lieber und verſuchen Sie die Verſoͤhnung mit Ihrer Frau. Loͤſen Sie ſich ſo nicht von ihr, ſondern ſuchen Sie erſt die Seele der armen Alide zu loͤſen! Dieſe Seite Ihres Vorhabens faſſen Sie einmal, um Ihrer Freunde willen, recht ins Auge. Wie wuͤrden wir uns Alle freuen, Sie gluͤcklich durch Ihren eigenen Werth zu wiſſen! Veronika.“ Wie Veronika, von ihren Gefuͤhlen aufs Neue bewegt, den Brief mit geſenktem Blick zuſammenſchlug, trat Heſſelts, ſeine Augen trocknend, herbei und bat, ſie moͤchte den Brief nicht ſchließen, ſondern ihm eine Abſchrift zu nehmen erlauben. Nein, lieber Herr Heſſelts, ſagte ſie, machen Sie, daß der Baron den Brief bekoͤmmt, ich 96 will Ihnen lieber den Inhalt deſſelben auf⸗ ſchreiben. Ach, wie lieb! rief Heſſelts, und wie ſie ihm den geſiegelten Brief darreichte, kuͤßte er ihre Hand mit halb gebogenem Knie und mit ſtum⸗ mer Ruͤhrung zu ihr aufblickend. In der Thuͤre blieb er ſtehen, beſann ſich und kam verlegen zuruͤck. Ich hatte ganz vergeſſen, ſagte er, daß nichts vom Gelde darin ſteht. Seien Sie doch ſo guͤtig, hochverehrte Mademoiſelle, und vergeſ⸗ ſen Sie auch, daß ich es Ihnen ſo anempfohlen hatte! Was iſt Geld? Nichts iſt Geld, gar nichts! Lieber Gott, warum haſt du mich denn auch nichts verdienen laſſen, als Geld? Wer ſolch' eine Frau haͤtte, beſaͤße den ſicherſten Schatz. Er nickte ihr laͤchelnd zu und eilte fort. 97 Es laͤßt ſich denken, in welcher Stimmung der Baron den geleſenen Brief weglegte, wie⸗ der aufnahm und noch einmal las. Er fuͤhlte ſich durch den muthigen Zuſpruch gehoben, bis es galt, neue Vorſaͤtze zu faſſen. Da konnte er den lieblichen Zukunftstraum, in den er ſich ſchon ſo tief eingewiegt hatte, doch nicht ſo ſchnell verſchmerzen. Was blieb ihm aber uͤbrig, da eben von Derjenigen, die ſolche gluͤckliche Zu⸗ kunft ſchaffen und theilen ſollte, eine ſo ſtrenge Mahnung kam? Er ging gegen Abend ſpazieren, hinaus nach Berchem bis an den Park. Viele Menſchen, ſonntaͤglich gekleidet, wandelten durch das ſchwere Feſtungsthor uͤber die langen Zugbruͤcken, an den Windmuͤhlen voruͤber; viele ſaßen ſchon vor den Eſtaminets bei dem truͤbſaͤuerlichen Faro⸗ bier, ein geſunder, derber, etwas ſchwerfaͤlliger Schlag Menſchen, die an deutſche Stammesab⸗ kunft erinnerten, ohne daß jedoch die hochdeutſche Veronika. II. 5 98 Fröhlichkeit an dieſen Tiſchen herrſchte, die auf einem politiſch ſo viel freiern Boden ſtanden. . Die laue Luft, die in Hecken und Baͤumen ſpielte, die milde Abendſonne, die in den belebten Weg fiel, erheiterten nach und nach den Freund und, wie er, zur Stadt zuruͤckkehrend, zwiſchen den Baͤumen hindurch den kuͤhn aufſteigenden Thurm der Kathedrale erblickte, ſchwang ſich mit dieſem Blick auch das Herz des wandeln⸗ den Freundes empor. Wie er am de Landas'ſchen Hauſe voruͤber⸗ kam, rief ihm Angelika vom Fenſter zu: Wir ſind wieder zuruͤck, Papachen. Pater Joſeph iſt bei uns. Ich komme hernach zu Dir. Der Gedanke an den Kaplan war nicht ge⸗ macht, die Heiterkeit des Barons zu erhoͤhen. Guſtav konnte nicht errathen, wozu derſelbe nach Antwerpen gekommen ſein moͤchte. Wenn etwa in Auftraͤgen des Barons, warum ſuchte er zu⸗ erſt Aliden auf? Doch, er ſuchte vielleicht ihn 99 bei Aliden, im Hauſe der Verwandten; denn von dem Zerwuͤrfniß konnte er ja nichts wiſſen. Er raͤthſelte noch mit ſeinen Vermuthungen, als es an die Thuͤre klopfte und Pater Joſeph in ſeiner freundlichen und hoͤflichen Weiſe herein⸗ trat. So bald konnte ich mir das Gluͤck nicht erwarten, Sie wieder zu ſehen, mein gnaͤdiger Herr Baron! ſagte er. Auftraͤge nach Mecheln fuͤhrten mich aber zu erwuͤnſcht in die Naͤhe meiner Goͤnner. Man ſetzte ſich. Fragen nach dem Baron Anton und den Seinigen, Gruͤße derſelben und andere Mittheilungen des Kaplans ſetzten den Freund in einen leichtern Zug der Unterhaltung. Vom Abbate und der Graͤfin war keine Rede; aber der Geheimerath von Keib war inzwiſchen am Schlag geſtorben, den zweiten Tag nach des Barons Abreiſe. Nach einem reichlich ge⸗ noſſenen Abendeſſen war er mit einem leichten 5* 100 Uebelbefinden fruͤh zu Bett gegangen und am Morgen todt gefunden worden, ohne daß der Bediente, der im Nebengemach ſchlief, die ge⸗ ringſte Unruhe wahrgenommen hatte. Guſtav beklagte die junge, liebenswuͤrdige Witwe. Das Beſte von ihrem ſeligen Manne hat ſie doch behalten, verſetzte laͤchelnd Pater Joſeph. Ich meine ſein bedeutendes Vermoͤgen. Sie muß ſich zu troͤſten ſuchen und hat auch, glaube ich, den rechten Weg eingeſchlagen. Wie ich dort wegfuhr, ſtand ſie im Begriff, zu verreiſen. Ich hoͤrte, in ein Bad. Dies ſcheint mir frei⸗ lich ein wenig fruͤh, nicht wegen der Kurzeit, ſondern wegen der Trauerzeit. Naͤchſtes Jahr wuͤrde ihr ein Bad beſſer bekommen ſein. Bei Halbtrauer ſchlagen den jungen, reichen Witwen die Baͤder am ſchnellſten an, will man behaup⸗ ten. Allein, ſo Betruͤbendes bei Seite geſetzt, liegt mir ein eigener Kummer auf dem Herzen, eine Sorge, ſo zu ſagen, die recht meines Amtes iſt. Ich haͤtte viel darum gegeben, mein verehrter Goͤnner, wenn ich heut in einem an⸗ deren Anzug, als in dieſem ſchwarzen Talar, haͤtte vor Ihnen erſcheinen koͤnnen. Ich verſtehe Sie nicht! verſetzte der Baron. Ich moͤchte wieder gut machen, ausgleichen, was der Profeſſor van Bree in ſolchem Kleid verbrochen hat, fuhr Pater Joſeph fort. Er iſt ein toller Eiferer, ich muß es nur ſelbſt beken⸗ nen. Ein grundgelehrter Mann, Scholaſter; aber dieſe Dogmatiker kennen die Beduͤrfniſſe des Lebens nicht, ſie halten ihre mit ſtarren Satzungen ausgefuͤllten Koͤpfe fuͤr hart genug, um damit gegen alle Welt anzuſtoßen. Der verſtorbene de Landas konnte nur in ſeiner finſterſten Stimmung ſolchen unholden Mann zum Hausfreund waͤhlen und der nun auch ehr⸗ lich und eifrig genug dieſe verbiſſene Stimmung als freundſchaftliches Vermaͤchtniß in ſich aufge⸗ nommen hat. Ich habe ihn druͤben gleich an⸗ getroffen und ihm den Kopf gewaſchen. Sie, Pater Joſeph, ihm den Kopf ge⸗ waſchen? fragte der Baron ein wenig mistrauiſch. Sie wollen ſagen, Herr Baron, woher ich den belgiſchen Strohwiſch dazu genommen habe? laͤchelte Pater Joſeph. Den habe ich durch das Vertrauen des Primas von Belgien, des hoch⸗ wuͤrdigſten Engelbert Strenk, kraft meiner Miſſion an ihn und kraft geheimer Auftraͤge fuͤr Belgien. Dies unter uns, Herr Baron! Und nun ſegne ich dieſe unerwartete Gelegenheit, Ihnen dienen zu koͤnnen. Ich komme naͤmlich auch im Auf⸗ trage der gnaͤdigen Frau Baronin. Die gute Dame war von dem Profeſſor nicht gut bera⸗ then und weiß nicht ſolchen ſtarren Maͤnnern zu begegnen. Nun ich ihr das klar gemacht, ſieht ſie das Unrecht ihres Benehmens ein und es ſchmerzt ſie doppelt tief. Wenn nun auch der Herr Ba⸗ ron mir einiges Vertrauen ſchenken koͤnnten? Dies leiſe Anerbieten, dies unerwartete Ent⸗ gegenkommen traf den Baron nach Veronika's Brief in zugaͤnglicher Stimmung. Dazu hatte Pater Joſeph das Benehmen des Profeſſors ge⸗ tadelt und, wenn hierin etwas Verſoͤhnendes lag, ſo kam noch eine kluge Ruͤckſicht dazu. Der Baron hatte naͤmlich den Einfluß dieſes fanatiſchen van Bree auf Aliden, ſelbſt in Geld⸗ angelegenheiten, erfahren muͤſſen. Es war keine Ausſicht, mit dieſem Manne ins Ebene zu kommen und ihm Alide ſo weit zu entziehen, um auch nur die Angelegenheit des aufgekuͤn⸗ digten Capitals zu ordnen. Dies Alles ſollte nun durch Pater Joſeph ausgeglichen werden. Der Baron hatte zwar fruͤher kein rechtes Ver⸗ trauen zu dem Kaplan faſſen koͤnnen; allein Pater Joſeph ſchien doch bei dieſer Familien⸗ angelegenheit unparteilicher und uneigennuͤtziger, als der Profeſſor, ſelbſt wenn ein Ordens⸗In⸗ tereſſe im Spiel waͤre; denn der Freund ſah 104 Beide fuͤr Jeſuiten an und erklaͤrte ſich das Uebergewicht des Paters uͤber van Bree aus dem wahrſcheinlich hoͤhern Ordensgrade deſſel⸗ ben. Dann aber ſchien es dem Baron gerade ein rechtes Meiſterſtuͤck von Klugheit, wenn er den Einen dieſer gefaͤhrlichen Geiſter durch den Andern baͤndigen oder austreiben koͤnnte. Aus dieſer ſchnell gefaßten Ueberlegung kam Guſtav mit ziemlicher Freundlichkeit dem Anerbieten des Paters entgegen und ſuchte ſich nur im Stillen gegen etwaige Liſt und Raͤnke vorzuſehen. Wir muͤſſen vor Allem das bedeutende Legat ſichern, das fuͤr Fraͤulein Angelika freilich an die Ihnen bekannte Bedingung geknuͤpft iſt, ſagte Pater Joſeph. Ich hoffe aber den van Bree als Vollzieher des Teſtaments und daher von mir unabhaͤngig, zu einer laxeren Auslegung jener teſtamentariſchen Beſtimmung zu vermoͤ⸗ gen. Wir laſſen, denke ich, den Betrag ver⸗ zinslich im Geſchaͤft bis zur Verheirathung der liebenswuͤrdigen Tochter. Vielleicht trifft ihre Wahl einen Katholiken, und folgten dann, was Sie, Herr Baron, gewiß auch billig finden, die Kinder der Religion des Vaters; ſo ſehen wir die Bedingung fuͤr erfuͤllt an, wenn auch die eigentliche Erbin ſich nicht entſchließen koͤnnte, ſelbſt zur Kirche zuruͤckzukehren. Wie? Dies Zugeſtaͤndniß kam dem Baron ſo uͤberraſchend, daß er an der ehrlichen Abſicht des Paters zu zweifeln geneigt war; nur daß er keinen beſtimmten Gegenſtand eines Mis⸗ trauens entdecken konnte, da es ſich darum han⸗ delte, ein Capital weder fuͤr perſoͤnliches noch fuͤr Corporations⸗Intereſſe feſtzuhalten, ſon⸗ dern es zu fremden Gunſten fahren zu laſſen. Inzwiſchen fuhr Pater Joſeph ruhig fort: Dafuͤr muͤſſen Sie unſerer gnaͤdigen Frau von Schleifras geſtatten, fuͤr ihre Perſon dem religioͤſen Zug ihres Herzens zu folgen. Sie ſind ja ein wohldenkender, aufgeklaͤrter Mann, 5**† Herr Baron, und goͤnnen gewiß der lieben Dame, ihre innigſte Beruhigung in der Kirche zu fin⸗ den, in der ſie erwachſen und fuͤr welche ihr Herz urſpruͤnglich gebildet iſt. Und, ſetzte er laͤchelnd und vertraulich hinzu, Sie ſelbſt ge— winnen fuͤr Ihr heiteres Leben dabei. Waͤre Frau von Schleifras eine beruhigte Katholikin geweſen, der ſchroffe van Bree haͤtte ihr nicht ſo imponiren koͤnnen. Nur ihre Seelenangſt macht ſie ſo abhaͤngig, Herr Baron. Dies Geſtaͤndniß war ſo naiv, daß es den Baron auf das heiterſte ſtimmte, um ſo mehr, als er eine ſchlaue Finte des Kaplans zu mer⸗ ken glaubte, die naͤmlich, daß Pater Joſeph ſo oft wie moͤglich den Namen„Frau von Schleif⸗ ras“ brauchte, als ob er damit van Bree's „Frau de Landas“ ausſtechen wollte. In dieſer heitern Stimmung beſprach man die uͤbrigen Punkte einer Ausgleichung und Verſoͤhnung mit Aliden und dem Profeſſor. 19, Nur zu Einem konnte ſich Guſtav nicht ver⸗ ſtehen, die Wohnung im de Landas'ſchen Hauſe wieder zu beziehen. So wuͤrde ich an Ihrer Stelle gleich mor⸗ gen nach Oſtende fahren, verſetzte Pater Joſeph mit einer gewiſſen Dringlichkeit. Auch fuͤr Frau von Schleifras waͤre eine heitere Umgebung, eine großartige Zerſtreuung viel zutraͤglicher, als der betruͤbende Aufenthalt in Antwerpen. Wir wollen es ihr vorſchlagen. Ich hole ſie nun heruͤber. Die gnaͤdige Frau verlangt aus⸗ druͤcklich, den erſten, abbittenden Schritt zu thun. Und nach dieſem Beweis edler Liebe, den Sie, mein gnaͤdiger Baron, Ihrer from⸗ men Gemahlin geben, hoffe ich die ſchoͤnſte, dauernde Eintracht zwiſchen einem ſonſt ſo gluͤck⸗ lichen Paar zuruͤckkehren zu ſehen. Pater Joſeph eilte hinuͤber und der Baron beſtellte ein Familien⸗Abendeſſen auf dem Zim⸗ mer. Dann ſtreckte er ſich auf das Sopha hin und uͤberließ ſich der wehmuͤthigen Ermüdung, die ihn nach ſo vieler Gemuͤthsbewegung uͤber⸗ ſchlich. Nach einer Weile kam Pater Joſeph mit Aliden zuruͤck. Beide Gatten umarmten ſich, Alide mit einer gewiſſen Leidenſchaftlichkeit, wie Menſchen von mehr reizbarem als tiefem Ge⸗ muͤth ſich lebhaft des Augenblicks bemaͤchtigen, der ihnen eine Laſt vom Herzen nimmt. An Guſtav war eher eine befangene Ruͤckhaltung, eine zwiſchen Hingebung und Abwehr ſchwebende Bewegung zu bemerken; ſei es, daß ihn die Anweſenheit des laͤchelnden Paters Joſeph er⸗ kaͤltete, oder daß ſein Inneres, nach ſo tiefen Verletzungen, noch zu empfindlich und bang vor jeder heftigen Beruͤhrung war. Das Vorgefallene blieb unerwaͤhnt und, als nach einer halben Stunde Angelika und Vero⸗ nika heruͤberkamen, wurde die Unterhaltung leicht und heiter. Der Pater blieb als Gaſt und benahm ſich unbefangen und ſehr liebens⸗ wuͤrdig. Guſtav erkannte den frommen Haus⸗ prieſter von Belle⸗Promeſſe gar nicht mehr in ihm. Auch den ſalbungsvollen Ton hatte er ganz abgelegt, brachte in beſter Laune ergoͤtz⸗ liche Geſchichtchen vor und wußte jedem Spaß doch eine geſcheidte Bemerkung oder eine gute Lebensregel anzuheften. Er ließ ſich das Zer⸗ ſchneiden und Vorlegen der Speiſen nicht neh⸗ men und bediente die Frauen mit echter Welt⸗ manier. Dazwiſchen kam er auf Oſtende zu reden und ſprach von der raſchen Zunahme der Badegaͤſte. Er rieth ſehr, gleich morgen dahin abzufahren und Wohnung im Hotel de Flandre zu nehmen, das dem Badeplatz am naͤchſten laͤge. Alle waren fuͤr die Abreiſe; nur Alide trug 110 Bedenken, ihren leidenden Sohn zu verlaſſen. Allein der Pater behielt am Ende darin Recht, daß eine Pflege aus ſo ſchmerzlicher Stimmung wenig heilſam fuͤr den Kranken ſein koͤnne und daß ein ſo aufgeregter Verkehr, wie er ihn druͤ⸗ ben bemerkt habe, fuͤr Mutter und Sohn nur ſtoͤrend und aufreibend ſei. Dazu hatte er ſie ſchon unter vier Augen an thren Traum erin⸗ nert, dem ſie nicht aus dem Wege gehen duͤrfe und der doch nach der See hinzuweiſen ſchien. Auf dieſe Gedanken brachte er jetzt die Baronin durch den leiſen Wink zuruͤck, ſie moͤchte ſich lieber erſt an der See und an den heitern Er⸗ lebniſſen der Tochter beruhigen und ſtaͤrken, ehe ſie ſich ſo ausſchließend dem Sohne widme. Die Baronin uͤberlegte, daß die Fahrt zwiſchen Antwerpen und Oſtende ſich auf der Eiſenbahn in wenig Stunden machen ließ, ſo daß ſie den Sohn, wenn es ſchlimmer mit ihm 111 wuͤrde, oder das Haus, wenn irgend etwas vorfiele, ſchnell erreichen koͤnnte. Auch verſprach Pater Joſeph, in den erſten Tagen ſelbſt nach Oſtende zu kommen. Verſchiedene Auftraͤge halten mich mehre Wochen in Belgien, ſagte er. Ich weiß nur nicht, welche Tage ich ge⸗ rade in Bruͤſſel werde ſein muͤſſen. Ich habe naͤmlich eine Angelegenheit mit dem Herzoge Ferdinand muͤndlich abzumachen und erwarte noch naͤhere Nachricht, wann dieſer mein hoher Goͤnner von Paris her in Bruͤſſel eintreffen wird. Der Beſchluß fiel nun dahin aus, daß mor⸗ gen Vormittag das Nothwendigſte erledigt und mit dem Mittagzuge der Eiſenbahn abgereiſt werden ſolle. Der Baron und Alide, jetzt in allen Stuͤcken einig, hatten nur dem Anwalt ihre Vollmachten hinſichtlich der Geldangelegen⸗ heiten auszuſtellen und die Papiere zu uͤberlie⸗ 112 fern. Auch mit Heſſelts war noch Einiges zu verabreden. So trennte man ſich mit froͤhlichen Vor⸗ ſaͤtzen und heiteren Erwartungen. Gute Nacht! rief man ſich noch von der Straße und dem Fenſter des Barons zu. Gute Nacht! Viertes Buch. Guten Abend! Guten Abend! Dieſer deut⸗ ſche Gruß galt unſern Freunden, als ſie des andern Nachmittags in Oſtende aus dem Bahn⸗ hofe traten. Der junge Herr Lersner, der ſie ſeit einigen Tagen mit jedem Zuge erwartet hatte, gab und empfing jenen Abendgruß. Alle waren ihm ſehr freundlich, nicht blos Angelika. Sie kommen uns als Gluͤcksvogel entgegen, Herr Lersner! ſagte die Baronin. Als Seeſchwalbe! rief Angelika. Die nehmen ihr Futter im Fluge, ſetzte der Baron hinzu. 1 Bedeuten Sie uns nur keinen Sturm, als Mewel fluͤſterte Veronika. Der Baron ſah ſich nach den Omnibus um. Der Wagen aus dem Hotel de Flandre fuhr eben mit einer Ladung ab. Ich habe mich hier eingemiethet, ſagte der junge Lersner, indem er auf ein nahes, großes Gebaͤude wies, das ſich mit ſeinem Schild als deutſchen Gaſthof ankuͤndigte. Ich weiß aber nicht, ſetzte er hinzu, ob es gerade der beſte Gaſthof iſt. Mich hat die Naͤhe und das na⸗ tionale Schild beſtimmt. Sie haben Recht! rief Baron Guſtav. Man muß dieſe Anerkennung unſeres Vaterlandes eh⸗ ren und, da wir alſo unſer liebes Deutſchland in ſeinem vertretenden Gaſthof ſo nahe haben, ſo wollen wir da einkehren, daͤchte ich. Man wendete ſich dem Hauſe zu, das neu erbaut, mit zwei Fluͤgeln einen rechten Winkel bildete, in welchem ein Blumengaͤrtchen ange⸗ legt war und zum Eingang in das Haus fuͤhrte. Eben waren die beſten Zimmer von einer ruſſi⸗ 117 ſchen Familie leer geworden und bis man ſie luͤftete und in friſchen Stand ſetzte, ließen die Freunde ſich am Gartentiſchchen vor dem Hauſe nieder. Der junge Lersner berichtete uͤber die ſchon anweſenden Badegaͤſte und fragte an, ob man nicht an dem ſo heiter herankommenden Abende noch ans Meer gehen ſollte. Wir gehen mit, Veronika! rief die Tochter. Ich muß vor Schlafengehen das Meer geſehen haben, liebe Mutter. Sie eilte mit der Baronin in das Haus, ihren Anzug ein wenig zu ordnen. Auch Fritz lief erſt noch auf ſein Zimmer, ſo daß Veronika mit dem Baron allein im Gaͤrtchen zuruͤckblieb. Jetzt, Herr Baron, ſagte ſie leiſe und haſtig, jetzt muß ich Sie doch auf den jungen Lersner aufmerkſam machen, wenn Ihnen ſeine Anwe⸗ ſenheit nicht ſchon aufgefallen iſt. Aha! rief Guſtav. Intereſſirt er ſich fuͤr unſere Angelika? So iſt es, lieber Freund. Schon in Koͤln knuͤpfte ſich dies Intereſſe und, wie mir ſchien, von beiden Seiten an. Doch ließ ich es gehen, weil ich Angelika in ihren Empfindungen nicht irremachen wollte. Sie hat ſonſt immer viel Takt fuͤr die Menſchen, und Widerſpruch, wiſ⸗ ſen Sie, unwichtige Warnung, beſtaͤrkt ſie leicht in einer genommenen Richtung. Nun iſt ihr aber der junge Mann nachgereiſt und es fragt ſich, wie wir, oder vielmehr wie Sie die Sache anſehen. Ich muß mir Ihre Meinung erbitten, lieber Freund, damit ich mich zu bemeſſen wiſſe. Mit der Frau Baronin wage ich nicht daruͤber zu reden; ſie ahnet nichts davon und bei dem unbedingten Glauben an ihren Traum kann ja von einer Ueberlegung mit ihr auch gar nicht die Rede ſein. Mein Gott! rief der Baron verdrießlich, muͤſſen wir denn hier auch gleich zu ſorgen be⸗ kommen! Doch faßte er ſich ſchnell in ſeiner 119 reizbaren Ungeduld und fragte, wie denn An⸗ gelika den jungen Mann anſaͤhe? Sie ſchwaͤrmt fuͤr ihn, antwortete Veronika. Ich darf es wol ſo nennen; und wenn ihr Herz bewegter iſt, als wir es vielleicht haͤtten erwar⸗ ten ſollen, ſo iſt Mancherlei Schuld daran. Schon die Reiſe, gerade in ihrem jetzigen Alter, und dann— iſt Belle⸗Promeſſe fuͤr das Kind ſehr ſtoͤrend und aufregend geworden. Ich weiß nicht, mein Freund, ob Sie Zeit gehabt haben, darauf zu achten, daß Baron Emil ſich um Angelika bewarb. Sie ſelbſt hat mir ganz offen davon geſprochen. Bei aller Heiterkeit aber, mit der ſie eine ſolche Huldigung aufgenommen, hat ſie doch, wie mir ſcheint, viel von ihrer natuͤrlichen Unbefangenheit verloren; ſie blickt doch ſeitdem erwartungsvoller ins Leben; jene planmaͤßige Bewerbung um ihre Hand hat ihr Herz gereift fuͤr ein abſichtloſes Gefuͤhl. Und nun begegnet ihr gleich eine ſo einnehmende Er⸗ 120 —,.— ſcheinung, wie der junge Lersner, waͤhrend ihr Herz noch ſo— ich moͤchte ſagen ahnungs⸗ voll bewegt war. Ich finde es ſehr begreiflich! Es ſcheint Sie zu betruͤben, Herr Baron? Dieſe Frage bezog ſich auf Guſtavs ver⸗ drießliche Miene. Dieſe hatte jedoch einen an⸗ dern Grund. Der Baron beſann ſich jetzt ſo mancher Aeußerungen, beſonders des Barons Anton, die ihm nun aus dem von Veronika angedeuteten Plan klar wurden. Er machte ſich den ſtillſchweigenden Vorwurf, daß er uͤber ſeine Beſchaͤftigung mit der Graͤfin Anna Sinn und Herz fuͤr das Naͤchſte und Theuerſte verloren hatte. Er verwuͤnſchte aufs neue jene Thor⸗ heit, durch die er in ſeiner ſinnlichen und ge⸗ heimnißſuͤchtigen Erwartung ſo blind und theil⸗ nahmlos, ſogar fuͤr das Gluͤck des lieben Kin⸗ des geworden war. Nein, ſagte er, die Nei⸗ gung unſeres Kindes betruͤbt mich eigentlich nicht, liebe Veronika; aber— Was wollte 121 ich doch ſagen? Sollte es denn mit den Ab⸗ ſichten der Familie Pruſſach auf Angelika ſo ganz richtig geweſen ſein? Hat denn die gnaͤdige Frau nicht mit Ih⸗ nen geſprochen? erwiderte Veronika. Mir ſchien doch, Pater Joſeph habe viel mit ihr verhandelt. Ach nein, liebe Veronika, rief er, das war die fatale Bekehrungsgeſchichte! Alide hat mir kein Wort geſagt. Laſſen wirs meinethalben auch. Aber nun wegen des jungen Lersner! Ja, mein Freund! Es fragt ſich, welche Abſichten Sie mit Angelika haben. Abſichten? Ich habe keine Abſichten, liebſte Freundin. Das Kind ſoll mir gluͤcklich werden, gluͤcklicher als— Nun ja! das iſt all' meine Abſicht, gute Veronika! Die Lersners ſind eine herrliche Familie und ſo— buͤrger⸗adelig, wie die de Landas. Dagegen laͤßt ſich nichts ſagen. Aber meine Frau— Wir verſtehen uns ja nicht mehr, koͤnnen ja nicht mehr eintraͤchtig handeln Veronika. II. 6 122 fuͤr das liebe, edle Kind. Sie erwartet einen Lichtenberg und findet vielleicht einen Schwie⸗ gerſohn, dem ich den Hals brechen muß. Was kann ich Ihnen da rathen, gute Veronika? Rathen Sie mir doch! O Gott, o Gott! Ich moͤchte ins Meer ſpringen! Lieber Baron! rief Veronika. Beſter, edler Freund, wie verzagt Sie auch ſind! Mein Gott, wie betruͤben Sie mich! Verzeihung, theure Veronika! lenkte er ein. Ich will Sie ja nicht betruͤben. Nehmen Sie meine Worte auch nicht ſo ſchwer! Ins Meer ſpringen, nun ja, morgen fruͤh denke ich zu baden. Und Sie werden ſehen, meine Liebe, daß man da die ſtaͤrkſten Wogen mit Sprin⸗ gen uͤberwinden muß. Mein Gott! da haben wirs ja gleich gefunden. Mit Springen! Wiſ⸗ ſen Sie was? Kommen Sie her, Veronika, ſeien Sie munter! Wir wollen auch dieſe Sache mit einem Sprung beſiegen, das heißt, wir wollen ſie von der heitern Seite nehmen. Den jungen Lersner hab' ich lieb, er iſt mir recht; wir koͤnnen einen ſolchen Concurrenten brauchen, wenn der Kuckuk allenfalls einen Lichtenberg herbeifuͤhren ſollte. Der Fritz iſt ein Bewerber nach großem Maßſtab und uͤberhebt mich, irgend einem Schurken den Hals brechen zu muͤſſen. Laſſen wir alſo das ſchoͤne Paar gewaͤhren, ver⸗ ſteht ſich, unter Ihrer Aufſicht, Veronika, unter Ihrer muͤtterlichen Obacht und gelegentlichen Pruͤfung des jungen Mannes. Thun Sie nach Ihrem edeln Herzen und vernuͤnftigen Weltblick und, wenns gilt, werde ich Ihnen beiſtehen. Ueberlegen kann ichs nicht. Es iſt doch bei Gott etwas gar Aengſtliches um eine ſolche Geſchichte! Behielten wir nur als Vaͤter etwas von dem Leichtſinn, mit dem wir einſt Liebhaber gewe⸗ ſen ſind! Nein, Herr Baron, verſetzte die Freundin, 6* ſagen Sie lieber: Haͤtten wir als Liebhaber et⸗ was von dem vaͤterlichen Ernſt voraus! Ja, das waͤre noch beſſer, Veronika! rief Guſtav. Dann haͤtte ich jetzt eine Mutter des Kindes an meiner Seite— von, nun ja doch! von Ihrem Weſen, Veronika, und mir waͤre wohl! Sr ſtand raſch auf und ging ins Haus. Wie froͤhlich huͤpften nicht im naͤchſten Au⸗ genblicke Fritz und Angelika, das ſchoͤne Paar, in das wehmuͤthige Nachdenken der Freundin hinein, die noch in ihrem Reiſekleide daſaß! Kommen Sie nur, Veronika! rief das Fraͤu⸗ lein. Sie ſind recht gut ſo, Beſte! Seidener Hut, ſeidener Ueberrock— nicht wahr, Herr Lersner? Gewiß, Fraͤulein Veronika, betheuerte er, 125 Sie ſehen ganz vornehm aus. Sie koͤnnen ſich neben all' dieſen Englaͤnderinnen ſehen laſſen. So kommen Sie, wir wollen dem deutſchen Meere einen deutſchen guten Abend ſagen! rief Angelika. Zwiſchen dem breiten Platze, uͤber den ſie jetzt eilten, und der gegenüberſtehenden ſchoͤnen Haͤuſerreihe zieht ein Arm des Hafens zum Werft herein. Sie gelangten uͤber eine beweg⸗ liche Holzbruͤcke nach dem Kai und der Lang⸗ gaſſe, die nach dem Meeresdamm fuͤhrt. Die Straße iſt lebhaft und hat huͤbſche Kramlaͤden. Am Ende derſelben erblickten ſie die hohe Wind⸗ muͤhle auf dem Feſtungswall. Sie ſchlug eben ihre ſauſenden Fluͤgel im Suͤdweſtwinde, der unſern Freunden den Geruch des Meeres ent⸗ gegenbrachte. Ueber der hochſchwebenden Frei⸗ treppe, in der Thuͤre des hoͤlzernen Muͤhlen⸗ thurmes ſtand der Windmuͤller und ſah ins Meer 126 hinaus, das unſern Fußgaͤngern noch hinter Wall und Damm verſteckt lag. Wie ſie durch den Spalt des Walles die Bruͤcke des breiten Feſtungsgrabens betraten, erblickten ſie vor ſich auf dem hoͤhern Meeresdamme das Gedraͤnge der im Sonnenſchein hin und her wandelnden Badegaͤſte. Die See toſte. Angelika blieb ſeuf⸗ zend ſtehen. Was iſt es, Fraͤulein de Landas? fragte Fritz erſchrocken. Ach die vielen Menſchen! fluͤſterte ſie. Wenn nur kein Lichtenberg darunter iſt, Veronika! Veronika lachte. Ich verſtehe Sie nicht! ſagte Fritz. Bitte, liebe Veronika, erklaͤren Sie mir— Ja, ſag' es ihm, Beſte! bat Angelika. Wie? Von Deiner Mutter, Angelika? er⸗ innerte die Freundin. Es betrifft ja mich! entſchuldigte das Fraͤu⸗ u lein. Was thut das auch meiner lieben Mut⸗ ter? Sie meint es ja doch gut. Und Herr Lersner iſt vernuͤnftig. Fritz ward immer dringender, bis Veronika, verlegen uͤber die Aufmerkſamkeit der Voruͤber⸗ wandelnden, leiſe ſagte: Es iſt eine weitlaͤufige Geſchichte, die wir Ihnen ein andermal erzaͤhlen wollen. Frau von Schleifras hat vor unſerer Reiſe hierher getraͤumt, im Bade werde ſich ein Herr von Lichtenberg finden und um Angelika's Hand werben. Nun fuͤrchtet das alberne Kind uͤberall einem Lichtenberg zu begegnen. Glaubt denn Frau von Schleifras ſo feſt an Traͤume? fragte Fritz. Ach ja wol! rief Angelika. Die Mutter iſt gar zu ſtark in dieſer Schwaͤche. Verzei⸗ hung! Ich meine— Und ſind Sie es denn weniger? tadelte Veronika. Wenn es Ihnen ja ein Aberglaube der Mutter ſcheint denn? 4 Angelika ſchwieg verlegen. Aber es iſt in der That ein Lichtenberg hier! bemerkte Fritz zoͤgernd. Angelika ſah ihn an, ob es Spaß oder Ernſt ſei. Sie ward immer blaſſer, als Fritz ernſt⸗ haft fortfuhr: Ich kenne ihn nicht; aber um zu wiſſen, ob Sie vor mir angekommen ſeien und da Badeliſten nur von Zeit zu Zeit ausgegeben werden, habe ich auf dem Polizeibureau das Fremdenbuch nachgeſchlagen und erinnere mich, den Namen Lichtenberg geleſen zu haben. Der deutſche Name fiel mir eben auf; auch war er einer der letzteingetragenen Ankoͤmmlinge. Die Drei ſtanden noch immer auf demſelben Fleck der Bruͤcke und erregten die Verwunde⸗ rung der Voruͤbergehenden. Wie der junge Lersner Angelika ſo beunruhigt ſah, rief er, von warum fuͤrchten Sie ihn —— 1292 ſeiner Empfindung hingeriſſen, mit ernſtlich ge⸗ meintem Scherz: Darf ich zwiſchen Sie und jeden Lichtenberg der Welt treten, theure Angelika? Ach! Aber meine Mutter! rief Angelika er⸗ ſchrocken und ausweichend. Ihre Mutter? verſetzte Fritz mit Waͤrme. Eine Mutter, eine rechte Mutter wird ihres Kindes Herz keinem Traume opfern. Laßt das! Seid vernuͤnftig! fiel Veronika, bang vor weitern Erklaͤrungen, ein. Wenn nun auch ein Lichtenberg hier iſt: er kann ja verhei⸗ rathet ſein, ein alter Mann. Mein Gott! hun⸗ dert Faͤlle ſind ja noch denkbar, liebe Angelika. Kommt! Nein! rief das Fraͤulein. Wenn der Mut⸗ ter Traum ſo weit zutrifft, daß ein Lichtenberg wirklich hier iſt, dann trifft auch das Andere ein, dann bin ich verloren! Seltſame Verwirrung, in der ſich unſer 6** 130 junge Freund befand! Ton und Miene des ge⸗ liebten Maͤdchens druͤckten ſo wahr und naiv eine innerliche Angſt aus, und doch kam ihm der Grund ſo großer Beſorgniß laͤcherlich vor. Dieſe ſcherzhafte Stimmung erleichterte ihm ein Bekenntniß, das er im Ernſt noch nicht ſo bald gewagt haͤtte, indem er ſich zum Retter aus dieſer Bedraͤngniß mit erroͤthendem Laͤcheln an⸗ bot. Sie muͤſſen dem Ertraͤumten raſch zu⸗ vorkommen mit einem— Erwaͤhlten! ſagte er, nicht ohne Befangenheit. Nehmen Sie den Naͤchſten fuͤr den Beſten! Koͤnnten Sie wol den Naͤchſten auch fuͤr den Beſten halten, theure Angelika? Wenigſtens fuͤr den Rechten? Und wie Angelika ſo bebend daſtand und die ſtralenden Augen fragend zu ihm aufſchlug, da ſprang ploͤtzlich der Scherz des fuͤnfundzwan⸗ zigjaͤhrigen jungen Mannes in ſeine ſiebenzehn⸗ jaͤhrige Schwaͤrmerei zuruͤck. Ja, rief er, nur die Liebe kann Traͤume beſchwoͤren! Denn in welcher Geſtalt ſie erſcheinen mag, mit ihren himmliſchen Augen durchleuchtet ſie die Daͤm⸗ merungen unſeres Lebens; ſie entzuͤndet das Ewige in den Herzen der Menſchen, auf den Herden der Familien, auf den Altaͤren des Glaubens. Vor ihr weichen die Zweifel des Forſchers, die Irrlichter des Aberglaubens, die Vorurtheile der Geſellſchaft, und zwei Herzen verknuͤpft ſie da, wo beide ſich mit der Ahnung des Ewigen beruͤhren. Mit dieſer Ahnung liebe ich Sie, Angelika! Fragen Sie Ihr Herz und waͤhlen Sie zwiſchen Traum und Liebe! Das meinige hat nicht ſo viel Zeit, zu werben, als die Roſe braucht, ihre Blaͤtterfuͤlle zu entfalten. Iſt aber Ihr Vertrauen ſtark genug fuͤr dieſen uͤberladenen Augenblick, ſo waͤhlen Sie zwiſchen dieſer ehrlichen Hand und dem Traume der Mutter! Ohne Angſt, Angelika! Folgen Sie der Eingebung dieſes ewigen Augenblicks! Er hielt ſeine Hand hin. Angelika gluͤhte 12 und bebte. Ich will lieber den Lichtenberg ver⸗ geſſen, ſagte ſie mit zitternder Stimme. Da, fuͤhren Sie mich— ans Meer! Unter dieſer verſchaͤmten Ausflucht legte ſie ihre Hand in die ſeinige. Kein umwundenes Jal rief Fritz aus, keine Hand im Handſchuh! Laß mich— zum Zei⸗ chen des offenen Jaworts— Er ſtreifte den zarten gelben Handſchuh ab. Angelika uͤberließ ihm die Hand, waͤhrend ſie— mit gluͤhender Wange an Veronika's Bruſt ſank. Fritz kuͤßte das zarte Haͤndchen und preßte es an ſein Herz. Sein Auge ſtralte feucht. Ans Meer, ins Meer hinein! rief er in toller Schwaͤr⸗ merei. Zeige mir jetzt, Angelika, daß Du mir vertrauſt! Hand in Hand eilte er mit ihr die Boͤſchung des Dammes hinauf. Wallend und brauſend lag vor ihnen das weite Meer in den blitzenden Abendlichtern. Es war ankommende Flut und — 2133 die Wogen ſchlugen ungeſtuͤm. Der dreißig Fuß hohe Damm aus ſtarken, ſchwarzſchieferi⸗ gen Steinen aufgebaut, macht breite Stirn ge⸗ gen den Andrang des Meeres. In halber Hoͤhe und rechtem Winkel mit demſelben ſtrecken ſich aͤhnliche Seitendaͤmme da und dort dem Meere entgegen und brechen ſein Ungeſtuͤm. In der Naͤhe eines ſolchen ſtand das Paar und die nachgekommene Veronika. Nach einigen Augen⸗ blicken ſtummen, hoch und hehr athmenden Staunens rief Fritz, von dem wunderlichſten Einfall getrieben: Komm, Angelika, laß das Meer unſern Bund einſegnen! Komm, laß uns das Weih⸗ waſſer des Ozeans nehmen! Und ehe noch Angelika begriff, was er ei⸗ gentlich wollte, aber wahl- und willenlos hin⸗ gegeben, ſchwebte ſie an ſeinem Arme von Stein zu Stein der ausgewaſchenen Boͤſchung auf je⸗ nen niedern, geradeaus laufenden Damm hinab, 134 der an ſeinem Ende von der wachſenden Flut bereits uͤberſtuͤrmt war. In Mitte des Dam⸗ mes blieben ſie auf deſſen ſchmaler Firſte ſtehen, Arm in Arm mit vorgeſtrecktem rechten Fuß. Huͤben und druͤben ziſchten die ankommenden Wogen am Wall herauf und ſchoſſen wie graue Schlangen mit ſchaumweißen Pudelkoͤpfen an der Boͤſchung hin, bis ſie hinab auf den Sand fielen und zerfloſſen. Aengſtlich war Angelika's Blick auf dieſes toſende, tauſendfaͤltige Unge⸗ ſtͤm des Waſſers gerichtet, als ploͤtzlich eine uͤbermaͤchtige Woge ſich auf die Firſte des Dam⸗ mes emporhob und ſchaͤumend dem Paar uͤber die Fuͤße und an den Kleidern herauſſprang und ſpritzte. Angelika ſchrie auf und wankte zuruͤck. Wilder drangen die Wogen vor. Das Paar eilte, uͤber die Steine ſchwebend, den hoͤhern Damm wieder hinauf. Ohne zu bemerken, welchen vergnuͤgten An⸗ theil die oben zuſammengedraͤngten Menſchen an 225 dem ſchoͤnen Paare genommen hatten, ſuchten Beide Veronika zu beruhigen, die ernſtlich ſchalt, wie viel Angſt ſie ihr gemacht haͤtten. Wir haben uns trauen laſſen! rief Fritz in ſeiner tollkuͤhnen Luſt. Eine ſegnende Woge hat ſich uͤber unſere Fuͤße ergoſſen, die ein ge⸗ meinſames Leben durchpilgern wollen. An den Fuͤßen hat uns die See vermaͤhlt, bis die Re⸗ ligion ihren Segen uͤber die zuſammengefuͤgten Haͤnde ergießt. Nun laß tauſend Lichtenberge kommen, wir ſind unzertrennbar und unuͤber⸗ windlich! Es war das unerwartetſte Einverſtaͤndniß, das zwei Liebende in ſo wunderſamer als wun⸗ derlicher Weiſe faſſen mochten. Veronika bangte bei dieſer eigenthuͤmlichen Fuͤgung, die all' ihre aͤngſtlichen Abwaͤgungen, all' ihre behutſamen Vorſaͤtze uͤberſprungen hatte. Sie konnte nur das Paar noch beſchwoͤren, ihre oͤffentliche Un⸗ beſonnenheit ja geheim zu halten und mit allem Anſtande den Augenblick abzuwarten, der ihnen die Gunſt der Mutter gewinnen moͤchte. Man nahm auf den geſlochtenen Stuͤhlen Platz, die den Tag uͤber auf dem Damm ent⸗ lang ausgeſtellt werden und zum Anblick des Meeres, zum Genuß der belebenden Seeluft einladen. Schon brandete die volle Flut am Damme herauf und ſpruͤhte ihren Dunſt uͤber die Sitzenden und Wandelnden. Dies endloſe Branden und Brauſen, dies Wallen und Wo⸗ gen des Meeres ſchwellte die Bruſt der Zu⸗ ſchauenden und erhob ihre Seelen. Beim Un⸗ tergang der Sonne kehrten unſere Freunde ge⸗ ſtaͤrkt mit den muthigſten Erwartungen nach dem deutſchen Gaſthofe zuruͤck. —— Nun konnte der junge Lersner mit der hei⸗ terſten Laune den Zufall betrachten, daß ſich wirklich ein Lichtenberg in Oſtende eingefunden hatte. Jetzt bin ich nur verlangend, ob und wie unſere gute Baronin die Bekanntſchaft ih⸗ res Getraͤumten machen wird, wie und wo Beide ſich aus den vielen Badegaͤſten heraus treffen werden, ſagte er zu Veronika, mit welcher er noch am Spaͤtabend vor dem Gaſthof im Mon⸗ denſcheine wandelte, um die genaue Geſchichte des Traumes zu vernehmen. Ich wuͤnſchte, es waͤre ein recht liebenswuͤrdiger alter Mann mit einer recht zahlreichen Familie, oder noch lieber ein recht widerwaͤrtiger alter Narr, der einer ſo huͤbſchen Frau den Hof machen wollte; das wuͤrde ſie vielleicht fuͤr immer von ihrer Leicht⸗ glaͤubigkeit heilen. Wenn es nun aber ein huͤbſcher junger Mann waͤre, der ſich um Angelika bewuͤrbe? fragte die Freundin mehr bekuͤmmert als ſcherzhaft. koͤmmt! antwortete Fritz und lachte der Beſorg⸗ niſſe Veronika's. Doch mußte er ihr geloben, wenn auch die getraͤumte Bewerbung noch zu⸗ treffen ſollte, ſich vorſichtig und ruͤckhaltend zu benehmen und durch ſein Dazwiſchentreten den Knoten nicht noch feſter zu knuͤpfen. Es freut mich nur, fuhr er fort, daß Ange⸗ lika nun doch uͤber ihre Aengſtlichkeit hinaus iſt. Sie vertraut mir und unſerm Gluͤck! Sehen Sie, liebe Veronika, an dieſem Vertrauen, wie vorher an ihrer Angſt, habe ich erkannt, daß mich Angelika wirklich liebt. Beides, Angſt und Vertrauen, ruht auf wunderbarem Glauben, den nur Liebe ſo faſſen mag. Weiß ich das nicht an mir ſelbſt? Wie haͤtte ich mich ohne ſolchen unerklaͤrlichen Glauben, oder nennen Sie es Ahnung, von einer Woge des Meeres trauen laſſen? Aber, ſehen Sie, die Welle ſtieg uͤber den vollen Damm und ergoß ſich mit einem So iſt es mir ſehr lieb, daß er zu ſpaͤt — —.,— —.— Sturz uͤber unſere beiden Fuͤße. Warum kam ſie nicht, wie die andern, von der Seite und leckte meinen oder Angelika's Fuß allein? Das haͤtte ich fuͤr ein ſchlimmes Zeichen genommen und an Angelika's Herzen oder an meinem Gluͤck gezweifelt. Aber, lieber Herr Lersner, was ſeid ihr fuͤr Menſchen! Durch und durch aberglaͤubig und wollt uͤber Andere lachen, die es vor euch ſind? ſagte Veronika. Sie haben Recht, erwiderte Fritz, lachen ſoll man auch nicht; jede rechte Liebe glaubt in eine Region hinein, die der Verſtand, dieſer Philiſter, nicht ausmeſſen kann. Vielleicht hat auch die Baronin ein wichtiges Ereigniß, einen großen Lebenswendepunkt ganz richtig getraͤumt und legt nur ihren Traum unrichtig aus. Wer weiß das? Andern Morgens wollte man gleich mit dem Baden beginnen. Die Flut ſollte kurz nach 140 ſechs Uhr jene Hoͤhe erreichen, bei der man am angenehmſten ins Meer faͤhrt. Der Morgen war lau und heiter, der Wellenſchlag lebhaft. Zahlreich kamen die Badenden herbei. Fritz fuͤhrte die Baronin nach einem der Karren; Angelika ſtieg mit ihr ein; eine derbe Badewaͤr⸗ terin begleitete die Fuhr und wartete am Wa⸗ gentreppchen der Ausſteigenden. Fritz ließ ſich weiter ſeitwaͤrts fahren; eine zarte Scheu hielt ihn ab, ſich in Angelika's Naͤhe badend oder im Badekleid zu zeigen. Lachend fand man ſich auf dem Seedamm wieder zuſammen, wo Fritz inzwiſchen unter der laͤnglichen Halle der neuen Reſtauration, an einem der freien Tiſche, den Kaffee mit friſcher Butter und einer Schuͤſſel voll Garnee⸗ len beſtellt hatte, Seekrebschen, die man zur Butter ſtatt Salzes genießen mag. Eraquickt vom Bade und luſtig nach uͤberſtandener Angſt ließ es ſich von dieſem ſchattigen Sitze hinab —,— mit Behagen dem Spiel der Wogen und des Badens zuſehen. Mit ſo viel guter Laune Fritz erſt des ge⸗ traͤumten Lichtenberg gedacht hatte, blieb doch von Veronika's Beſorgniſſen eine kleine Unruhe in ſeinem Herzen zuruͤck. Er haͤtte den verhaͤng⸗ nißvollen Menſchen gern gekannt und an ihm bemeſſen, was er zu belaͤcheln oder zu bekaͤm⸗ pfen haben werde. Es war dabei ein wenig Beſorgniß und zugleich etwas Uebermuth mit im Spiel. Seine Gedanken nahmen oͤfter dieſen neugierig beſorgten Zug und um die Unruhe los zu werden, uͤberlegte er ſich einen Beſuch des Raͤthſelhaften. Gedacht, gethan! Er ging nach der Polizeiamts⸗Stube, um ſich doch erſt des richtigen Namens zu verſichern. Joseph de Lichtenberg à l'hotel de Flandre, hieß es rich⸗ tig, und Fritz ging ſtehenden Fußes nach dem flandriſchen Hof. Ein deutſcher Kellner wies ihn nach dem hoch Nummer 8. Eben ſtuͤrzte aus dieſem Zim⸗ mer mit einem Koͤrbchen gebuͤgelter Waͤſche ein ſchlankes Maͤdchen in dunkelm Kapuzmantel, wie ihn dort die Buͤrgerfrauen zu einem weißen Haͤubchen tragen. Es ſah ſehr entruͤſtet aus und auf die Frage: Monsieur de Lichtenberg? wies es mit einigen aͤrgerlichen flamaͤndiſchen Worten auf das eben verlaſſene Zimmer. Hier empfing den Ankommenden ein huͤb⸗ ſcher junger Mann, blond, von lebhafter Ge⸗ ſichtsfarbe und ſtark gebogener Naſe, modiſch gekleidet, nur ohne allen modiſchen Bart. Fritz nannte ſeinen Namen und bat um Ent⸗ ſchuldigung ſeines Beſuches. Ich habe einen Freund Ihres Namens gehabt, Herr von Lich⸗ tenberg, log er, und war verlangend, Ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen, ob Sie vielleicht ein Verwandter— Verzeihung! fiel der junge Mann raſch ein, Hinterbau des ſchmalen Hofes, eine Treppe —r ich habe keine Verwandte in Deutſchland. Wir ſtammen— Wollen Sie nicht Platz nehmen? Da der junge Mann, als man ſich geſetzt hatte, ſein: Wir ſtammen— abgebrochen ſein ließ, auch nicht weiter nach Fritzens Freund fragte, fuhr dieſer fort: Wie wohnt man in dieſem Hotel, Herr von Lichtenberg? Sie ſind hier ganz artig ein⸗ gerichtet. Ach in den Hof hinaus! klagte dieſer. Man hat mir zwei Zimmer im vordern Hauſe nach der Straße verſprochen, die heut oder morgen geraͤumt werden. Ich liebe elegant zu wohnen und bin es gewohnt; allein der Gaſthof iſt zu beſetzt. So ſcheint es! erwiderte Fritz ſchalkhaft. Man ſieht es auch gleich der Dienerſchaft an: der Kellner unten, die huͤbſche Aufwaͤrterin draußen, ſie ſind ſo kurz, ſo verdrießlich. Ich— ich hatte die— es iſt keine Aufwaͤr⸗ 144 terin, nein, die Waͤſcherin aus der Stadt; ſehen Sie, hier hat ſie mir abgeliefert, erklaͤrte der von Lichtenberg. Ich hatte ſie ein wenig ausge⸗ ſcholten. Immer koͤmmt ſie mir zur unrechten Stunde. Ich leſe um dieſe Zeit ein Stuͤndchen Erbauliches. Sehen Sie, da liegt noch Thomas a Kempis aufgeſchlagen. Ich ſollte es Abends thun; allein ich komme nicht dazu, Abends iſt man doch— mit Freunden. So kam das Geſpraͤch in Zug. Fritz beob⸗ achtete den jungen Mann, der 22 Jahre alt ſein mochte, mit ruhigem, ſcharfem Blick. Jo⸗ ſeph von Lichtenberg machte auf ihn einen eigenen Eindruck; er hatte nichts Weltgewandtes und nichts jugendlich Offenes. Seine Erſcheinung war angenehm, ſeine Bewegungen aber befrem⸗ dend. Er hielt den Kopf gern ein wenig ge⸗ ſenkt und die Augen niedergeſchlagen; dann aber, als ob er ſich deſſen beſaͤnne, rieb er ploͤtz⸗ lich die Haͤnde und that einen Anlauf zu ſtu⸗ dentiſchen Manieren, fiel aber unvermerkt wie⸗ der in jene Haltung zuruͤck, die eher einem Se⸗ minariſten oder jungen Kleriker angebildet wird. Fritz kam endlich auf die Vermuthung, der junge Mann, der im Anzug und in ſeinen Sachen nach einem feinen und wohlhabenden Hauſe ausſah, koͤnnte einen geiſtlichen Erzieher gehabt haben, oder etwa in einer geiſtlichen Penſion gebildet worden ſein. Der Blick des ſchoͤnen 4 Auges hatte etwas Aengſtliches und nahm im Aufſchlag manchmal etwas Lauerndes an. Einige Mal blitzte es auch ein wenig wild unter der Stirne hervor. Joſeph wußte ſich ſehr gut aus⸗ zudruͤcken und ſprach ein feines Deutſch; aber im Lachen kam etwas Rohes zum Vorſchein. Als Fritz ſich zum Abſchied erhob, reichte ihm Lichtenberg mit mehr unbefangenem Anſtande . die Hand, indem er freundlich und auf verbind⸗ liche Weiſe ſagte: Ich hoffe, wir ſehen uns öͤfter, Herr Lersner. Wenn Sie einen Lichten⸗ Veronika. II. 7 berg zum Freund hatten, ſo laſſen Sie mir um meines Namens willen etwas von Ihrem Umgang zu Gute kommen, bis Sie mich vor⸗ theilhafter kennen lernen. Es ſchien alſo, der junge Mann taͤuſche ſich nicht uͤber den etwas befremdenden Eindruck, den er auf Fritz gemacht habe, und wuͤnſche ihn zu verwiſchen. An der Stubenthuͤre ſagte er noch: Sie haben wol ſchon viele Bekanntſchaften gemacht, Herr Lersner? Nein, antwortete Fritz, ich bin erſt einige Tage hier. Kennen vielleicht eine Familie von Schleifras? Von Schleifras? verſetzte Fritz. Iſt eine ſolche hier, die Sie kennen? Kennen? Noch nicht! erwiderte Lichtenberg und fuͤgte nach fluͤchtiger Ueberlegung hinzu: Ein paar Freunde aus Antwerpen haben mir von dieſer intereſſanten Familie erzaͤhlt. So ſchied Fritz mit wunderlichen Fragen an 147 ſich ſelbſt. Er wußte nicht, wie viel oder wie wenig er von dieſem Lichtenberg halten oder er⸗ warten ſollte. Eins ſchien ihm gewiß, daß der junge Mann ſich nicht gehen gelaſſen, ſich nicht natuͤrlich gegeben hatte. Wie viel er aber künſt⸗ lich angenommen, oder argwoͤhniſch zuruͤckgehal⸗ ten, wer konnte das beſtimmen? Der Herr von Lichtenberg, vorher ein Traum, war nun ein Raͤthſel geworden. Der Baronin Alide war das erſte Bad nicht wohl bekommen. Sie mußte den Arzt rufen laſſen, der ihr fuͤrerſt auszuſetzen und nur die Seeluft flei⸗ ßig zu nehmen rieth. Der Arzt erklaͤrte die uͤble Wirkung des Bades aus Alidens vollbluͤtiger Con⸗ ſtitution, die durch die Luft und durch laue Baͤ⸗ der langſam an das Meer gewoͤhnt werden muͤſſe. Er kannte den gedruͤckten Gemuͤthszuſtand der Baronin nicht, um vielleicht hierin wenigſtens 7* 148 eine Miturſache jenes uͤbeln Einfluſſes zu finden. Die heftigen Eindruͤcke von Antwerpen wirkten jetzt nach. Alidens Gedanken nahmen meiſt eine kummervolle Richtung nach ihrem leidenden, vielleicht hoffnungsloſen Sohne. Heimliche Vor⸗ wuͤrfe, die ſie ſich machte, kamen niederdruͤckend dazu. Und ſeitdem ſie mit Zuſtimmung ihres Gemahls als Katholikin lebte, hatte auch dies Anliegen ihrer Seele nichts Spannendes mehr fuͤr ſie. So ſchien ihren Nerven alle Schwung⸗ kraft abzugehen, um die heftigen Eindruͤcke des Meeres zu uͤberwinden und ſich in ſolchem Siege zu beleben. Auch wollte ſich zwiſchen ihr und dem Baron kein heiteres Verhaͤltniß herſtellen. Sie war ihm bei der Ausſoͤhnung leidenſchaftlich entgegen⸗ gekommen und hatte es damit verfehlt. Doch empfand ſie das weniger und es war mehr der tiefe Gram um ihren Sohn, der ſie zu ſehr zer⸗ ſtreute, um das Herz des Gemahls auf richtige⸗ rem Wege zu ſuchen. Ihre ganze Seele ſchien jetzt in den muͤtterlichen Gefuͤhlen aufzugehen, in der Angſt um den Sohn und in der Sorge fuͤr die Tochter. Ja, dieſe Sorge ſogar be⸗ ſchraͤnkte ſich bei ihrem jetzt ſo krampfhaft ver⸗ engten Gemuͤth auf das Naͤchſte, was gerade unter ihren Augen vorging; ſo daß der ver⸗ heißene Lichtenberg die Zeit uͤber in den Hin⸗ tergrund ihrer Gedanken getreten war, bis ihr der Verkehr des jungen Lersner mit Angelika zuletzt doch auffiel. Die Abſichten deſſelben er⸗ rieth ſie gerade aus der uͤbertriebenen Aufmerk⸗ ſamkeit, mit welcher Fritz ſich um ihre muͤtter⸗ liche Gunſt bewarb. Alide nahm die erſte Gelegenheit wahr, um dieſen Gegenſtand in Beiſein ihres Mannes und Veronika's zur Sprache zu bringen, und nachdem ſie ihre Tochter vor den Abſichten und Bewerbungen des jungen Mannes gewarnt hatte, ſetzte ſie hinzu: Er iſt ein ſehr leidlicher Menſch; 150 ob er ſich aber zum Sohn unſeres Hauſes eig⸗ nen duͤrfte, weiß ich nicht. Die Sache wuͤrde ſehr zu uͤberlegen ſein, ſelbſt wenn wir ganz freie Hand haͤtten. Gluͤcklicher Weiſe brauchen wir uns aber die Koͤpfe nicht zu zerbrechen, da eine hoͤhere Beſtimmung uͤber Dir waltet, mein Kind, die uns aller Berechnung uͤberheben wird. Ich habe einen viel ehrenvollern Antrag um dieſer Beſtimmung willen ausgeſchlagen. Ja, lieber Mann, ich bin noch gar nicht dazu ge⸗ kommen, Dir zu ſagen, daß die Familie Pruſſach unſerer Tochter Hand fuͤr den liebenswuͤrdigen Baron Emil gewuͤnſcht hat. Sie haben mich bei unſerer ſchnellen Abreiſe durch Pater Joſeph foͤrmlich darum angegangen. Sieh, ſieh! ſagte Guſtav, als ihn die Ba⸗ ronin fragend anſah, der Pater Joſeph hat doch allerlei zu beſorgen gehabt, was auf freundliche Ueberraſchung fuͤr mich abgeſehen war. Ich werde doch einmal Gelegenheit finden, ihm zu danken! Ich habe Dir nichts davon geſagt, lieber Guſtav, fuhr Alide ſehr gelaſſen fort, weil ich in meinem Gewiſſen die Bewerbung gar nicht einmal zum Gegenſtand einer Ueberlegung mit Dir machen konnte. Ich durfte ſie nur ablehnen und ſo war ſie wie gar nicht vorhanden. Siehſt Du! Um ſo weniger aber wuͤrde ich mich je⸗ mals dazu verſtehen, einer Bewerbung dieſes Herrn Lersner Gehoͤr zu ſchenken. Eine betruͤbte Stille entſtand; die Baronin ſah Eins ums Andre an und wendete ſich end⸗ lich an Guſtav: Nicht wahr, mein lieber Mann, ſagte ſie, Du biſt mit mir einverſtanden, daß ich bei Ver⸗ heirathung meiner Tochter vor allen buͤrgerlichen Ruͤckſichten mein Gewiſſen zu Rath ziehe? Ich hoffe gewiß, der Himmel wird Alles ſo wenden, daß Du Dich in der Wahl mit mir einig fin⸗ deſt. Wir ſind ja nun auf dem Wege zum ſchoͤnſten innern Einverſtaͤndniß, das fruͤherhin 45²2 unſerm aͤußern Gluͤck manchmal gefehlt hat. Guter, lieber Mann! Sie umarmte den Gemahl geruͤhrt, wie ihr denn in ihrer jetzt ſo weichmuͤthigen Stimmung die Thraͤnen immer ſehr nahe ſtanden. Ich hoffe das auch, liebe Alide! erwiderte der Baron mit Ruhe; beſonders wenn wir uns uͤber das Wohl unſeres lieben Kindes recht klar machen. Das Herz einer edeln Tochter hat auch Traͤume, Vorgefuͤhle ſeiner Zukunft, die wir nicht ſtoͤren duͤrfen, Traͤume, die bei einem Con⸗ curs derlei Ahnungen in die erſte Claſſe der Befriedigung gehoͤren. Ohne Angelika's dankbaren Blick nach dem Vater zu bemerken, fiel die Baronin ein: O beſter Mann, wie kann man auf die Nei⸗ gungen der Kinder ſo viel Gewicht legen? Wie thoͤricht fallen ſie meiſt aus und koͤnnen nur zu einer ungluͤcklichen Ehe fuͤhren! Gewiß nennt man die Neigungen oft mit 153 Recht blind, erwiderte Guſtav, beſonders wenn Leidenſchaft dabei im Spiel iſt. Das findet ſich aber gerade bei reiferen Menſchen viel eher. Wir haben Beiſpiele davon, meine Beſte! Es fragt ſich nur, ob die Neigungen der Toͤchter noch urſpruͤnglich ſind, aus eigenſter Seele ſtammend, oder ob ſie von eitler, vorurtheilsvol⸗ ler Erziehung getruͤbt und in falſcher Richtung auf die Aeußerlichkeiten des Lebens, ich moͤchte ſagen verbogen ſind, auf Stand, Reichthum, geſellſchaftlichen Einfluß, auf Titel und Renten gerichtet. Dies iſt bei unſerer Tochter der Fall nicht: wir duͤrfen uns bekennen, daß wir in ihrer Gegenwart den Werth des Menſchen, die Wuͤrde geſellſchaftlicher Verhaͤltniſſe, den echten Schmuck der Perſoͤnlichkeit, uͤberhaupt das Gluͤck des Lebens ſtets aus geiſtigen und moraliſchen Geſichtspunkten beurtheilt haben. Darnach hat ſich ihr Gefuͤhl und ihr Urtheil entwickelt. Un⸗ ſere treffliche Veronika hat uns darin gar ſehr 7** beigeſtanden. Die Traͤume und Triebe eines ſo gebildeten und gewoͤhnten Kindes verdienen dann auch Vertrauen. Jedes reine, unverdor⸗ bene Herz hat einen richtigen Inſtinct fuͤr Das, was es bedarf, was ihm angemeſſen iſt. Und wenn nun am Ende ſolch' ein Verlangen des Kin⸗ des auch mit der Vernunft der Eltern uͤberein⸗ ſtimmt? Soll es denn um eines bloßen Trau⸗ mmes willen gar nichts gelten? Und wenn auch, wie Du glaubſt, die Ehen im Himmel geſchloſ⸗ ſen werden, ſo iſt es mir doch wahrſcheinlicher, daß der Himmel ſich durch das Herz der Toch⸗ ter lebhafter ausſpricht, als durch den Traum der Mutter. Auch wirſt Du vielfach beobachten koͤnnen, liebe Alide, daß in unſerm Stande viel mehr Ehen verungluͤcken, die von den Eltern gemacht werden, als die zwei liebende Herzen eingehen. Kurz, mir hat es immer geſchienen, der Himmel ſchenke der Jugend traͤumende Wuͤnſche, verlange aber von den Alten wache Vernunft. 155 Ich verſtehe Dich, lieber Mann, antwortete die Baronin empfindlich, aber ruhig. Du gibſt nichts auf meinen Traum und magſt Recht ha⸗ ben, ſo lange ſich mein Traum nicht rechtfertigt. Mein Traum zeffaͤllt in ſich ſelbſt, ſo wie ſein Gegenſtand ausbleibt. Allein laß den ſich ein⸗ finden, lieber Guſtav; ſoll ich alsdann an Zufall glauben? Noͤchteſt Du daran glau⸗ ben? Ich meine mich zu erinnern, daß Du ſelbſt den Zufall verworfen, daß Du ihn ein Ereigniß genannt haſt, deſſen Herkunft man— Ja, ich kann mich eben nicht auf Deine Worte beſinnen. Nun ja, ich weiß ſchon! fiel der Baron ein wenig verſtimmt ein. Ich habe allerdings oft geſagt, es gaͤbe keinen Zufall in der Welt; ich glaube auch nicht, daß Ereigniſſe ohne alle Geſchlechtsfolge von Urſach' und Wirkung in unſer Leben ſo hereinfallen. Aber was man ſo nennt, ein Zufall ohne Dynaſtie, ſoll mich nicht beherrſchen, ich huldige ihm nicht als dem Re⸗ genten meiner Handlungen. Nein, wo uns ein Zufall begegnet, iſt es ein Vagabund, der ſich mit Paß und Wanderbuch nicht ausweiſen kann und den man auf dem Schub fortſchafft. Nein, Guſtav! rief Alide voll Eifer. Zufall iſt ein Monarch von Gottes Gnaden, deſſen Incognito man reſpectiren muß. Wir wollen es abwarten, Alide, erklaͤrte der Baron mit unterdruͤckter Ungeduld. Ja doch, lieber Guſtav! ſagte ſie. Es iſt ja bis jetzt noch keine Rede von meinem Traum. Ich ſetze nur voraus, daß ihn meine Tochter nicht vergißt, daß ſie, wenn ich ſo ſagen darf, ſeine Adventszeit fromm abwartet und keine Bewerbung leichtſinniger junger Badegaͤſte ohne Vorwiſſen und Billigung ihrer ſorgenvollen Mutter Gehoͤr ſchenkt. Wir ſind ja nun im Bad mit unruhigem Waſſer und es muß ſich entſcheiden. Eine Stille folgte. Der Baron war an das Fenſter getreten und ſah hinaus. Gehen wir nach dem Damm, ſagte er endlich, die Stunde iſt ſo heiter. Man brach auf. Fritz, der am Fenſter die⸗ ſes Ausgangs gewartet hatte, folgte ihnen und holte ſie bald ein, ohne Ahnung der ſeinethal⸗ ben ſtattgehabten Verhandlung. Auch ließ ihm der Baron keine Verſtimmung merken, ſon⸗ dern faßte vertraulich den Arm des jungen Mannes, um ihn ſchonend und vorſichtig von Angelika's Seite abzuhalten, da dieſe ſehr be⸗ kuͤmmert ausſah und die Mutter ſich ſehr vor⸗ nehm zuruͤckhielt. Es war gegen Abend, wo ſich die ganze Badegeſellſchaft im Putze vor der neuen Reſtau⸗ ration und dem aͤltern Pavillongebaͤude zu ver⸗ ſammeln pflegt, um im Schatten der Colonnade zu ſitzen oder auf dem mit Backſteinen ausge⸗ legten Damm laͤngs der See zu wandeln. Die 1658 Tiſche waren ſchon eingenommen. Viele, die es mit dem Einathmen der Seeluft ſorgfaͤltiger nahmen, hatten ſich drunten am Fuße des Steindammes auf Rohrſtuͤhlen niedergelaſſen, wo das ebbende Meer im Sonnenſtral den dunſtigen Sand zuruͤckließ. Es war ein luſtiges und anmuthiges Treiben hier unten. Die gruͤnen und grauen Kaſten⸗ wagen, die ſich vor der hohen Flut hinter dem Damm nach dem Hafen hin geborgen hatten, kamen wieder hervor und fuhren die Abendba⸗ denden den abziehenden Wellen nach. Die Badefrauen, baarfuß in ihren langen wollenen Kleidern, ſchleppten in Koͤrben die reine Bade⸗ waͤſche hin und her, oder haͤngten die naſſe an den hoͤlzernen Geſtellen zum Trocknen auf. Ohne Schimpfen oder Lachen ging es dabei nicht ab. Naͤher am Damm, unter den Augen der auf Rohrſtuͤhlen athmenden Muͤtter, oder unter Auf⸗ ſicht von Gouvernanten, trieben ſich die an⸗ V 159 muthigſten Kinder, zierlich gekleidet, mit ihren kleinen hoͤlzernen Schaufeln umher, Buͤbchen und Maͤdchen, die im feuchten, von der Flut gebuͤgelten Sande Rinnen und Gruben machten oder niedliche Waͤlle und Daͤmme aufwarfen, mit denen die kleinen Traͤumer dem Meer zu trotzen glaubten. Andere laſen die zuruͤckgeblie⸗ benen bunten Muſchelchen auf und wuſchen ſie vom Sand, wo das Meer ein Tuͤmpelchen Waſſer zuruͤckgelaſſen hatte. Derweil trieben ſich oben auf dem langen Damm die geſchmuͤckten Menſchen durcheinander, in allen Sprachen plau⸗ dernd und ſelten des Meeres achtend, das nach der ſinkenden Sonne hin wie ſilbergrauer Atlas ſchimmerte. Inzwiſchen hatten ſich unſere Freunde nach dem eigentlichen Hafendamm begeben, zu dem man am ſchoͤnen Leuchtthurm voruͤber gelangt. Aus maͤchtigen Eichenbalken gefuͤgt, ſtreckt er 160 ſich wie eine hohe hoͤlzerne Bruͤcke in die See und bildet mit dem gegenuͤber ſtehenden Arm die Einfahrt aus dem Meer in den Hafen. Am erhoͤhten Ende dieſes Bruͤckendammes ſind auf einer viereckigen Buͤhne Ruhebaͤnke angebracht, wo man frei uͤber der See athmet und waͤhrend der Flut dem toſenden Spiel der Wogen unter ſeinen Fuͤßen durch die ſchmalen Spalten des Fußbodengebaͤlkes traͤumend zuſehen mag. Hier, zwiſchen andern unbekannten Badegaͤſten, ſaßen unſere Freunde, mit dem Blick uͤber das Meer, auf deſſen Hoͤhe eben ein Dampfſchiff in der Richtung nach Antwerpen ſeinen langen Rauch⸗ ſtreif hinzog. Wie ſie ſich umwendeten, ſtand ein junger Mann vor ihnen, reichte dem jungen Lersner die Hand und ſagte, waͤhrend er mit der Linken den Hut zur Begruͤßung der Familie abnahm: Bitte, lieber Freund, machen Sie mich den Herrſchaften bekannt. Fritz war auf⸗ geſtanden, blickte laͤchelnd auf Angelika und ſagte mit einer leichten Handbewegung nach dem Fremden: Herr Joſeph von Lichtenberg! Mein Gott! ſchrie die Baronin.. Der verbluͤffte junge Mann ſuchte ſich zu faſſen und ſagte, ein wenig kleinlaut: Ich fuͤrchte nicht, gnaͤdige Frau, daß ich Ihnen un⸗ angenehm bin. Unangenehm? Bewahre, Herr von Lichten⸗ berg! verſetzte Alide. Im Gegentheil! Wir haben noch vorhin von Ihnen— ich ſage gar von Ihnen— von der Familie Lichtenberg ge⸗ ſprochen. Sie blickte mit triumphirender Heiterkeit auf die Ihrigen, von Einem zum Andern. Sehen Sie einmal an, Sie gluͤcklicher Lich⸗ tenberg! rief Fritz mit einem leichten Tick gegen den Nebenbuhler, den er ſelbſt hatte vorſtellen müſſen. Auch ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich einen Lichtenberg zum Freund gehabt. Wo⸗ 162 hin Sie ſich wenden, finden Sie ſchon vorge⸗ arbeitet; wir duͤrfen nicht ſagen, es herrſche ein gewiſſes Dunkel um dieſen Lichtenberg. Ich habe heut an Sie gedacht, mein Freund, als ich das Herwegh'ſche Gedicht:„An den beſten Berg“, las. Gutenberg iſt damit gemeint und es wuͤrde nur zur Haͤlfte auf Sie paſſen, wenn man die letzte Strophe auf Ihren Namen etwa ſo umſchreiben wollte: Zu Schanden ſoll noch werden Der Raben ſchwarzes Werk; Der beſte Berg auf Erden— Das iſt der Lichtenberg. Die paſſende Haͤlfte dieſes Verſes ſtelle ich Ihnen zum Wahrzeichen, Herr von Lichtenberg! Ein wenig betroffen uͤber den herausfodern⸗ den Ton, erwiderte der junge Mann ausweichend: Ich habe dem Herrn Lersner auch ſchon ge⸗ ſagt, meine gnaͤdige Frau, daß ich mit keiner dieſer Familien, die Sie kennen, verwandt bin. 163 Doch laſſe ich mir die gute Vorbedeutung meines Namens wohl gefallen. Um Vergebung, fragte der Baron, welchem Stamm der Lichtenberge gehoͤren Sie eigentlich an? Man hat, wie Sie wiſſen, buͤrgerliche Lichtenberge, ſo haben wir daheim einen Tape⸗ zirer des Namens, und von Lichtenberge. Wollen Sie nicht Platz nehmen? unterbrach ihn die Baronin, indem ſie, um die ſcharfe Frage ihres Gemahls gut zu machen, mit der artigſten Freundlichkeit ſo weit von ihrer Toch⸗ ter wegruͤckte, daß der junge Mann Platz zwi⸗ ſchen Beiden fand. Als er ihn eingenommen, ſagte er mit niedergeſchlagenem Blick und ge⸗ laͤufiger Zunge, wie man etwas answandig Ge⸗ lerntes vorbringt: Meine Familie ſtammt nicht aus Deutſch⸗ land, das heißt, nicht aus dem ehemals ſo ge⸗ nannten Reich. Wir ſtammen aus dem Oeſt⸗ reichiſchen und der zuerſt geadelte Lichtenberg diente unter Karl dem Fuͤnften in deſſen Leib⸗ garde. Er beſaß das Vertrauen ſeines Kaiſers zu verſchiedenen geheimen Auftraͤgen. Bei der Thronentſagung ſeines Gebieters zog er ſich auf eine artige Beſitzung zuruͤck, die ihm der Kai— ſer in den Niederlanden geſchenkt hatte. Sein einziger Sohn verſuchte das Gluͤck in Suͤdame⸗ rika und erſt mein Großvater kam von dort wieder nach Europa zuruͤck. Den Unruhen der Revolution zu entgehen, ließ er ſich in Ungarn nieder. In meinem Vater ſchlug aber wieder die alte Reiſeluſt ſeines Ahnen vor und ſo kam es, daß ich auf einer dieſer Fahrten in der Schweiz geboren wurde. Ich wollte mich erſt dem geiſtlichen Stande widmen, da wir einen Biſchof unter unſern Vorfahren zaͤhlen; allein, ich finde mich doch fuͤr einen ſo hohen Beruf nicht tuͤchtig genug. Es fehlt mir an Sinn fuͤr 163 das beſchauliche Leben, und ſeit ich nun muͤndig geworden, regt ſich in mir ein unruhiges In⸗ tereſſe fuͤr das kaufmaͤnniſche Geſchaͤft. Da haben Sie Recht! rief die Baronin; dieſe Geſchaͤfte bewegen jetzt die Welt. Und Sie reiſen nun wol zu Ihrer Ausbildung? Ich dachte zunaͤchſt auf einige Zeit nach Antwerpen zu gehen. O das iſt ja charmant! rief die Baronin. Dort kann ich Sie an unſer Haus empfehlen. Das fuͤgt ſich— Leider, wollte ich ſagen, iſt mein Sohn ſehr leidend; ſonſt waͤre der gleich ein Freund fuͤr Sie, ſeinem Alter nach und von ausgezeichnetem kaufmaͤnniſchen Pli. Bekannte traten heran und unterbrachen das Geſpraͤch. Lichtenberg knuͤpfte mit Angelika an; aber ſie machte ſich auf ſchickliche Weiſe los. Veronika lehnte in beſonderm Geſpraͤche mit dem Baron auf dem Gelaͤnder mit dem Blick in die See. So blieb der junge Mann in der Ver⸗ 166 legenheit zu gehen oder zu bleiben. Die Ba⸗ ronin bemerkte es und lud ihn ein, ſich anzu⸗ ſchließen, wobei ſie die Erwartung ausſprach, ihn recht bald bei ſich im deutſchen Hofe zu ſehen. Der heutige Abend ſchien eine Vorbeſtim⸗ mung zu Ueberraſchungen zu haben. Als unſere Freunde an der Reſtauration voruͤber nach Hauſe kehrten, begegneten ſie vor dem Pavillon einer ſchwarzgekleideten Dame, die ihnen mit herzli⸗ cher Begruͤßung die Hand entgegenreichte. Es war die Geheimeraͤthin von Keib. Ich bin ſchon etliche Tage hier, ſagte ſie, glaubte Sie aber noch in Antwerpen. Freilich bin ich ſeltener hierher gekommen oder wol auch in den unrech⸗ ten Stunden. Daß ſo ſelten eine Badeliſte erſcheint! Herr von Lichtenberg trat mit einer gewiſſen 8 167 Vertraulichkeit zur Begruͤßung der Geheimeraͤthin heran. Gute Bekannte, wie ich ſehe? rief die Baronin ſehr munter. Wir logiren Beide im Hotel de Flandre! verſetzte mit vornehmer Gleichguͤltigkeit Mathilde. Herr von Lichtenberg hat an der tahle d'*héte die Aufmerkſamkeit, mir die Schuſſeln zu rei⸗ chen, von denen er gern nimmt. Ei nun, fiel der Baron ein, das iſt ſchon ein ganz niedlicher Verkehr von Hand zu Mund! Er hat aber weniger niedlich angefangen, von Mund zu Ohr! laͤchelte Frau von Keib. Aha! Sie ſind auch muſikaliſch, Herr von Lichtenberg? fragte freundlich die Baronin. Sie ſingen? Ich weiß nicht, welches Inſtrument Herr von Lichtenberg ſonſt noch ſpielt, erklaͤrte Ma⸗ thilde, aber daß er ſehr laut und heftig reden kann, iſt gewiß. Wenigſtens darf ich ſagen, daß ich ihn fruͤher habe ſchelten hoͤren, ehe ich ihn zu Geſicht bekam, und zwar wegen zweier niedlichen Zimmer vorn heraus, die man mir bei meiner Ankunft anwies und auf welche Herr von Lichtenberg aͤltere Anſpruͤche behauptete. Gluͤcklicher Weiſe konnte ich nicht ſchnell genug meine Thuͤre verriegeln— O meine Gnaͤdige, gehen Sie nicht ſo grau⸗ ſam mit mir um! bat Joſeph mit Lachen. Ei nun, antwortete ſie, ſtuͤrmten Sie nicht ohne Anfrage herein und goͤnnten mir ſo das Vergnuͤgen Ihrer Bekanntſchaft? Ich bin dank⸗ bar fuͤr dieſen Beſuch; denn Ihren Scheltwor⸗ ten nach haͤtte ich Sie nicht wieder erkannt, wenn Sie mir begegnet waͤren. Doch muß ich gerecht ſein: Herr von Lichtenberg war dann ſo artig, mir die Zimmer zu uͤberlaſſen. Auf dem Heimwege hatte ſich Mathilde ver⸗ traulich an Veronika geſchloſſen und erzaͤhlte ihr von den letzten betruͤbten Tagen auf Belle⸗ Promeſſe. Wir hoͤrten zuerſt vom Tode Deines guten Mannes durch Pater Joſeph, ſagte Veronika. Ach! es traf mich recht ſchmerzlich mit, liebe Mathilde. Was magſt Du gelitten haben! Dieſer Fall war lange vorauszuſehen, liebe Veronika, ſo faſſungslos er mich auch an jenem ſchrecklichen Morgen traf. Haͤtte wenigſtens mein Leid friedlich ausbeben koͤnnen! Aber es kam eine widerwaͤrtige Stoͤrung auf die andere. Die Graͤfin und ihr Oheim waren zwar eines Mor⸗ gens ohne Aufſehen verſchwunden; allein unter den Leuten im Hauſe fiel das Verdrießlichſte vor. Liſette, das heuchleriſche Maͤdchen, uͤber⸗ raſchte das Haus durch die Folgen ihres Leicht⸗ ſinns. Meine gute Mutter ließ ihr die geweihte Medallle, das baierſche Muttergottesbildchen, ab⸗ nehmen und dies Amulett einem andern Dienſt⸗ boten als Auszeichnung uͤbergeben. Aber Keins wollte es annehmen. Einige der Leute waren Veronika. II. 8 170 ungeberdig und fluͤſterten Unſchickliches; man mußte ſie entlaſſen. Daruͤber kuͤndigten Andere auf, und ehe man den Verdruß beſchwichtigen konnte, hatte ſich Pater Joſeph der uͤbeln Nach⸗ rede durch dringende Geſchaͤfte entzogen, die ihm uͤber Nacht gekommen waren. Ach, es war widerwaͤrtig, liebe Veronika! Und wie ich glaubte, Alles ſei endlich uͤberſtanden, kam die Dienſtentlaſſung unſeres guten Kindlinger. Der edle Freund mußte ſchnell das Pfarrhaus raͤu⸗ men, wo er ſo friedlich gewohnt und ſegensreich gewirkt hatte. Er iſt mit einer kleinen Penſion fuͤrerſt nach Koͤln gezogen und ich habe ihm die Verwaltung meines Vermoͤgens uͤbergeben, um unter dem guten Vorwande einer Verguͤtung ſein Einkommen zu verbeſſern. Die letzte Nachricht ging der Freundin be⸗ ſonders nahe. Sie beklagte Mathilden und Beide empfanden es lebhaft, wie innig ſie einander durch einen gemeinſchaftlichen edeln Freund an⸗ 171 gehoͤrten. Du haſt ſehr liebevoll fuͤr die Ver⸗ beſſerung ſeines Einkommens geſorgt, ſagte Ve⸗ ronika, und freilich die aͤußere Exiſtenz iſt das Nothwendigſte. Aber nun iſt der gute Kindlin⸗ ger in ſehr untergeordnete Arbeiten verwickelt. Geld verwalten, Zinſen beitreiben, ſaͤumige Schuldner mahnen— wird er ſich dabei gluͤck⸗ lich fuͤhlen, wird es ihm nicht manchmal peini⸗ gend werden? Sein Geiſt lebte ſeither in den hoͤchſten Intereſſen der Wiſſenſchaft und des Le⸗ bens; nun ſoll er Deine Werthpapiere ordnen, Rechnung uͤber Einnahme und Ausgabe fuͤhren und dergleichen. Seine Seele blickte gern in die Herzen ſeiner Beichtkinder, um das Ewige in ihnen anzuregen, zu retten, zu foͤrdern; nun muß er in die Regiſter Deines Einkommens, in die Beutel Deiner Schuldleute gucken, um die Zahlungstermine wahrzunehmen, die kleinen Zinsreſte zu retten. O es gibt fuͤr mich nichts Gemeineres, liebe Mathilde, als Geld verwal⸗ 8* ten; ſo ſehr ich auch das Geld ſelbſt ſchaͤtze, dies Kainszeichen unſeres irren, unſtaͤten Jahr⸗ hunderts. Doch das Geld hat ja noch andere Widerſpruͤche. Oder liegt nicht die groͤßte und zugleich ſo laͤcherliche Diſſonanz unſeres Lebens in dem ſo beliebten Wort Intereſſen, je nach⸗ dem es ein edler Denker oder ein reicher Capi⸗ taliſt ausſpricht? Du haſt Recht! rief Mathilde betruͤbt; ſo weit habe ich gar nicht gedacht. Ich glaubte Wunder, was ich dem Freunde erwieſen haͤtte, und habe ihm ein kleines Fegefeuer bereitet. Gott, was hat man zu kaͤmpfen, ehe man all' ſeine Armſeligkeiten in Thun und Denken los wird! Wie viel beſſer biſt Du, liebe Veronika! Aber nun rathe mir auch, wie wir dem Freunde helfen! Wir wollen es bedenken, ſagte Veronika. Bis ſich etwas findet, mag das zu unſerm ge⸗ meinſamen Leid unſere gemeinſame Sorge ſein. So ſchieden mit herzlicher Umarmung die Freundinnen fuͤr dieſen Abend. Des andern Morgens, als der Herr von Lichtenberg ſeinen foͤrmlichen Beſuch zu machen gekommen war, eilte Veronika zu Mathilden. Beide waren noch ſo voll von wechſelſeitigen Mittheilungen. Veronika hatte der Freundin noch nicht einmal ihre eigenen Erlebniſſe erzaͤhlt. Sie vertraute ihr die betruͤbten Vorfaͤlle in Ant⸗ werpen und beklagte die neue Stoͤrung, die durch das fatale Zuſammentreffen mit dem von Lichtenberg drohe. Die Geheimeraͤthin wußte naͤmlich ſchon durch Veronika von dem Traume und der ſeltſamen Befangenheit der Baronin Alide. Fruͤher konnten wir daruͤber laͤcheln, ſagte die Freundin, nun hat uns eine unbegreifliche Fuͤgung den widerwaͤrtigſten Wirrwar eingeruͤhrt. Mir iſt ſeit geſtern Nachmittag zu Muth, als 174 ob der tolle Traum unſere ganze Zukunft aͤndern oder verwirren muͤßte. Kaum war geſtern die⸗ ſer Gegenſtand wieder einmal zur Eroͤrterung gekommen, und wirklich hat der Baron Guſtav nie vernuͤnftiger und liebenswuͤrdiger geſprochen, ſo ſtoßen wir auf dieſen Lichtenberg. Und darin findet nun die Baronin eine neue Bedeutung und Bekraͤftigung; ſie ſieht uns Andere fuͤr Ver⸗ blendete an, die der Himmel recht mit der Naſe auf Das ſtoßen wolle, woruͤber wir zur Erkennt⸗ niß kommen ſollen. Wir haben uns geſtern Abend noch bis Mitternacht heruͤber und hin⸗ uͤber ereifert und die gute Angelika hat eine ſchlafloſe Nacht daruͤber gehabt. Wie manche ſchlafloſe Nacht wird uns noch dieſer ungluͤck⸗ liche Traum koſten!. Mathilde war betruͤbt und nachdenklich ge⸗ worden. Es iſt in der That ſeltſam, liebe Ve⸗ ronika! wiederholte ſie. Iſt denn das Gluͤck der beſten Menſchen auf einen ſo laͤcherlichen 175 Zufall geſtellt? Oder ſollte eine Abſicht, eine Tuͤcke dabei im Spiele ſein? Ich kann mirs nicht denken; ich kann auf gar keine Vermu⸗ thung kommen. Deſto mehr glaube ich dieſen Lichtenberg zu durchſchauen. Am Ende, wenn ich nicht etwa um Deinetwillen in den deutſchen Gaſthof uͤberziehe, was ich ſehr gern moͤchte, habe ich von eurer Lichtenbergiſchen Verwirrung allein einigen Vortheil. Da der junge Mann jetzt meine Verbindung mit euch kennt, wird er ſich wol ſchicklicher gegen mich benehmen; ich werde ſeine zudringlichen Beſuche auf dem Zimmer, ſeine unzarten Aufmerkſamkeiten bei Tiſche los. Ich halte ihn fuͤr einen leichtſinni⸗ gen Menſchen mit den engſten kirchlichen An⸗ ſichten. Ich habe ihn uͤber Religion und Liebe reden hoͤren und bin uͤberzeugt, er iſt ein locke⸗ rer Fanatiker. Behuͤte mir ja das gute Kind vor einer ſolchen Verbindung! Auf dem Abendſpaziergange fand ſich Herr 176 von Lichtenberg wieder bei unſeren Freunden ein. Er wich nicht von Angelika's Seite, ſo kurz ſie ihn behandelte. Man wandelte, wie gewoͤhnlich, auf dem hohen Damm. Wie die Sonne untergehen wollte, trat das Fraͤulein im Voruͤbergehen zu Veronika und fluͤſterte ihr ins Ohr: Sobald ich mich unbemerkt losmachen kann, laufe ich mit dem Papa fort. Sag' es der Mutter, wenn nach mir gefragt wird, und dem— Fritz. Dieſer gute Augenblick war eben gekommen. Drei junge Franzoſen hatten den harrend da⸗ ſtehenden Lichtenberg in die Mitte genommen und fluͤſterten ihm ihre Plaͤne fuͤr dieſe Nacht zu. Lichtenberg hatte ſich ſchon bei der Baro⸗ nin die Erlaubniß erbeten, den Abend mit der Familie zuzubringen, und entſchuldigte ſich bei den Freunden mit der Einladung ſeiner geliebten Angelika zum Abendeſſen, wie er ſagte. Wie er ſich aber nach ihr umſah, war ſie verſchwunden. 177 Sie hatte naͤmlich den Augenblick wahrge⸗ nommen, hatte den Baron Guſtav mit ſchelmi⸗ ſchem Wink am Arme gefaßt, ſich mit ihm durch das Gedraͤnge vor dem Pavillon durch⸗ gewunden und eilte nun am Leuchtthurme vor⸗ uͤber den Dammweg nach dem Hafen zu. Die Duͤnen am Strande links, der kleine Leucht⸗ thurm jenſeit der Hafeneinfahrt lagen in roͤth⸗ lichem Abendſcheine. Vor ihnen auf dem dun⸗ kleren Hafenkai und auf den Verdecken der Schiffe machten ſich noch Matroſen und Schiff⸗ leute zu thun. Der erſte ſchwarze Rauch wir⸗ belte vom Dampfſchiff empor, das mit einbre⸗ chender Nacht nach London abgeht, und—„in dem plaiſanten Viſſher“, einem dunkel gelegenen Eſtaminet, wurde Licht angeſteckt. In dieſer fremdartigen Umgebung fuͤhlte ſich Angelika einſam genug zur Mittheilung ihres heimlichen Anliegens. Indem ſie ſich zaͤrtlich an den Vater anſchmiegte, ſagte ſie mit einer 8** 178 gewiſſen ſchelmiſchen Verlegenheit: Erinnerſt Du Dich noch, Papachen, wie ich Dir zu Hauſe einmal vorausgeſagt, ich wuͤrde Dir einſt auch allerlei zu klagen haben, wenn ich einmal den Traum⸗Lichtenberg haͤtte? Nun, mein Kind? Jetzt ſchon, bei der er⸗ ſten Bekanntſchaft? Schon zu klagen? Nein, Vaͤterchen, verſetzte ſie, ich habe mich eines Andern beſonnen. Was? Sieh, ſieh! rief Guſtav befremdet. Aber wie denn— Ich denke, lieber Kummerfreund, der biſt Du mir doch nun! wir wollens gar nicht zum Klagen und Jammern kommen laſſen. Wir haben dergleichen in Antwerpen genug gehabt. Hier am Meere geht Alles friſcher und reſoluter zu; wir wollens auch ſo machen und uns den Lichtenberg kurzweg vom Halſe ſchaffen, ehe es nur zum Klagen kommen kann. Hilf mir da⸗ zu, lieber Vater! 3 So iſts gemeint? rief Guſtav erheitert. Ich nahms, als wollteſt Du Dir, ohne alles Klagen, den Lichtenberg gefallen laſſen. Nun ja, mein Kind! Wir haben aber noch gar kei⸗ nen Anlaß, um gegen ihn zu verfahren. Meinſt Du, Vaͤterchen? Aber es wird bald kommen. Du hoͤrſt freilich nicht, was er mir vorſchwatzt. Sieh, lieber Vater, er iſt ein ganz unſchicklicher Menſch. Sagt er mir doch am erſten Tag, wo er mich ſieht, daß er mich liebe. Er goͤnnt meinem Verſtande oder meiner Eitel⸗ keit nicht einmal ſo viel Zeit, daß ich es glau⸗ ben und fuͤr moͤglich halten koͤnnte. Und kurz, er gefaͤllt mir nicht! Ich habe ſogar einen Wi⸗ derwillen gegen ihn. Ich weiß nicht, worin es liegt; aber er hat ſo was in ſeinem Weſen, in ſeinen Blicken— Weißt Du, Vater, man hat ja auch fuͤr Giftpflanzen ſo eine dunkle Erkennt⸗ niß, ehe man ſie noch botaniſch kennt. Kind, nicht ſo heftig! mahnte Guſtav. 180 Bedenke, Du biſt kein Kind mehr; Du biſt ein Fraͤulein, um das man ſich rechts und links bewirbt. Ich hoͤre Dich ja eben auch altklug genug reden. Ja, in den Niederlanden findeſt Du Deine hohe Lebensſchule, liebe Tochter! Nun aber, was wirſt Du denn gegen den Traum Deiner Mutter einwenden, der ſich nun durch ein Wunder des Himmels beſtaͤtigt hat, von dem ſie ſich ja nicht abbringen laͤßt? Angelika ſchwieg. Sie blieb mit niederge⸗ ſchlagenen Augen nachdenklich ſtehen und hielt ſich an des Vaters beiden Haͤnden feſt. Sie huͤpfte nicht mehr, wie ſonſt, vor ihm auf. Ja, mein gutes Kind, fuhr Guſtav mit weicher Stimme fort, wir haben auch gar nichts gegen den Traum und muͤſſen doch Deine Mut⸗ ter mit Ruͤckſichten behandeln. Doch, doch! rief Angelika mit gepreßtem Ton. Ich habe Das, was Du ſelbſt ſo ſchoͤn geltend gemacht haſt, Vater!— ich habe mein 181 Herz. Und wenn der Traum, den dies Herz verwirft, ſo tief im Mutterherzen verwachſen ſein ſollte, daß er nicht ohne Schmerz heraus⸗ zuziehen waͤre, ſo ſteh' Du mir bei! Nein, ich darf nicht mit meiner Kindeshand dies Unkraut aus dem Mutterherzen reißen; darum tritt Du zwiſchen das traͤumende und das liebende Herz und hilf mir! Sieh, Stiefvaͤterchen, ſo kannſt Du mein rechter Vater werden, ja vielleicht Vater und Mutter zugleich. Bei Gott, Baron Guſtav, ich weine nun nicht mehr; in letzter Nacht habe ich ausgeweint, Alles herausge⸗ weint, und der Tag kann kommen, wo ich thue, wie's in der Bibel ſteht, daß ich Vater und Mutter verlaſſe und Dem folge, dem ich mich verlobt habe. Aber nein— Du laͤſſeſt mich ſo nicht gehen! Der Baron war erſchuͤttert. Er zog das uͤberſpannte Kind an ſeine Bruſt und kuͤßte es auf die Stirne. Dann eilte er ſchweigend eine 182 Strecke mit ihr fort, rechts ab vom Hafen nach dem ſtilleren, daͤmmerigen Platze zur Seite der Peterskirche. Ich dachte mir es wohl, daß Du liebteſt, ſagte er, aber daß Du Dich verlobt haſt— Oder iſt es nicht ſo woͤrtlich zu neh⸗ men? Ja, lieber Vater, antwortete Angelika. Glaube aber nicht, daß Fritz unbeſonnen gehan⸗ delt hat; ich bin ſchuld. Sieh, der Mutter Traum hat mich ſeit Koͤln ſo geaͤngſtiget; Alles waͤre ſonſt anders gekommen. Das waͤre ſo langſam aufgebluͤht in Erwartung und Freude, in Morgen⸗ und Mittagſonne. Jeden Tag haͤtte ich ein Bluͤtchen mehr aufgetraͤumt an der Roſe unſerer Liebe. Da hat der Mutter Traum auf einmal alle kindlichen Traͤume wach geſchreckt. Nun bin ich auch ſo recht gluͤcklich. Und wuͤßteſt Du nur, lieber Vater, wie edel und zart, wie voll Geiſt und Seele unſer Fritz iſt! Nicht wahr— unſer, beſtes Vaͤterchen? Unſer? Sags! 183 Wenn Du mir etwas von ihm ablaſſen willſt, meine Tochter? Die ganze Haͤlfte, Vater, von Dem, was Fritz als Sohn iſt! rief Angelika ſchwaͤrmeriſch, und von unſerm Gluͤck ſo viel Du nehmen willſt! O mein Kind! rief er, indem er ſie um⸗ armte. Gluͤck kann ich brauchen! Sei recht gluͤcklich, und es wird ein gluͤckshungriger Stief⸗ vater als Bettler zu Dir kommen! Still, Vaͤterchen! rief ſie. Betruͤbe Dich nicht! Blick' heiter vorwaͤrts. Das Schwaͤr⸗ zeſte, denk' ich, iſt uͤber uns weggezogen, und unſere Liebe ſtralt einen Regenbogen druͤber hin. Das Schwaͤrzeſte? Gott gebs! erwiderte Guſtav. Es kann auch noch Sturm kommen; aber ich fuͤhle mich ſchon muthiger. Die See ſtaͤrkt meine Pulſe und Dein Vertrauen gibt mir ein Recht, muthig zu handeln. Ich war, Gott Lob! zu verzagt, mein eigenes Gluͤck zu ertrotzen. Es ziemte mir, zu entbehren, denn ich hatte gefehlt. Ich ſeh' es nun ein. Gilt es aber Dein ſchuldloſes Gluͤck, Deine frohe Zukunft, ſo werde ich zu handeln wiſſen. Sieh, mein Engelskind, ſo nehme ich die See⸗ baͤder auch fuͤr Dich und laſſe mir zum Streit fuͤr Dich taͤglich einige Ritterſchlaͤge vom deut⸗ ſchen Meer ertheilen. Alſo ſei heiter und freut euch des ſchoͤnen Liebesmaies, der euch an den grauen Duͤnen der See bluͤht. Mich laßt die Maiſchauer beſtreiten. Dennoch, liebe An⸗ gelika, wollen wir Uneinigkeit mit der Mutter ſo lange vermeiden, als es geht. Sprich lieber erſt recht vernuͤnftig mit Lichtenberg! Sag' ihm, daß Dein Herz nicht mehr frei, nicht mehr zu vergeben ſei, und bitte ihn, Dir ſeine Liebe dadurch zu beweiſen, daß er von ſeiner Bewerbung ſtillſchweigend abſtehe. Sieh, das waͤre das einfachſte Abkommen mit der Mutter. Sobald wir das Bad verlaſſen haͤtten, zerfiele der Traum in ſein Nichts und der Weg zum Herzen Deiner Mutter waͤre fuͤr Fritz offen. Ja, Vaͤterchen, rief Angelika muthig und munter, ich will mit Lichtenberg reden. Wenn er nur beſcheiden bliebe, bis wir abreiſten. Gott gebe, daß wir Oſtende ohne Lichtenberg ver⸗ laſſen! Amen! fluͤſterte eine aͤchzende Stimme in der Naͤhe. Beide uͤberſchauerte es eiskalt, ſie blickten umher, da regte ſich in der naͤchtlichen Ecke an der Kirche eine ſchwarze Geſtalt. Es war aber nur ein altes Muͤtterchen in dunkelm Mantel mit uͤbergezogener Kapuze, das vor einem Maria⸗Bildniß in der Mauerblende ſein Nacht⸗ gebet verrichtet hatte. Als es mit flamaͤndiſchem Gruß an ihnen vorbeigegangen war, eilten ſie durch die Winkelgaſſe der Kirche, unter den Baͤumen des jenſeitigen Kirchenplatzes hin und die Straße hinauf nach dem Werft. Auf dem hoͤlzernen Bruͤckchen, wo er gewartet, trat ihnen 186 Fritz entgegen. Die Andern ſind laͤngſt oben, ſagte er. Ich wollte Ihnen erſt gute Nacht ſagen.— Und nicht mit heraufkommen? fragte der Baron. Herr von Lichtenberg iſt mit oben, antwor⸗ tete Fritz laͤchelnd, und die gnaͤdige Frau hat mir zuerſt und mit Nachdruck gute Nacht geſagt. Nun dann morgen! verſetzte Guſtav eben⸗ falls laͤchelnd. Wir hatten gerade Manches Ihretwegen zu ſprechen, lieber— Er um⸗ armte und kuͤßte den jungen Mann mit dem Zuſatz: lieber Fritz! Er eilte raſch voraus, uͤber den Platz, dem Gaſthofe zu, wo er an der Thuͤre wartete, bis das langſamere Paar nachkam. Erblickt man nicht zuweilen auf einer Fels⸗ wand, da wo ſie geſprungen iſt und verwittert, ein ſchlankes, kraͤftig emporwachſendes Fichtenpaar? Und wie ihr zartes, von Regen und Sonne ſchwellendes Wurzelwerk tiefer in den Fels ein⸗ dringt, erweitert ſich der Spalt, das Geſtein zerfaͤllt und lockert ſich zu naͤhrendem Boden. An dies Naturbild erinnert uns das junge Liebespaar, Fritz und Angelika, die mit ihrer heimlichen Neigung, in verſtohlenem Bunde, zwiſchen den uneinigen Eltern wurzeln und wachſen ſollen. Ohne die innerliche Entzweiung Guſtav's und Alidens waͤre ein ſo heimlicher Verkehr, wie er jetzt von beiden Theilen ver⸗ ſchuldet wurde, nicht denkbar geweſen; denn auch die Baronin war in derſelben Stunde mit dem jungen Lichtenberg in ein den Abſichten ihres Gemahls widerſtrebendes Einverſtaͤndniß getreten. So wurde, ſeltſamer Weiſe, von bei⸗ den Seiten, mit einer Art von Verſchwoͤrung gegen 188 einander, das Wohl des geliebten Kindes be⸗ trieben! Alide war in ihrem nun vollends entflammten Glauben dem getraͤumten Bewer⸗ ber mit ermunternder Freundlichkeit entgegen⸗ gekommen, hatte ihn fuͤr alle Tage eingeladen und wie er jetzt neben ihr ſitzend ſein Gefuͤhl fuͤr Angelika in uͤbertriebenen Redensarten be⸗ kannte, laͤchelte ſie beifaͤllig und ermunterte ihn zur Bewerbung. Ja, ſie ſchwankte, ob ſie ihm nicht einen Blick in ihren prophetiſchen Traum goͤnnen duͤrfe, als der Baron mit Angelika her⸗ eintrat. Auch Veronika folgte aus ihrem Zim⸗ mer und es kam zu einer ganz heitern Unterhal⸗ tung beim Abendtiſche, den man heut auf dem Zimmer decken ließ. Beide Eltern waren, Je⸗ des fuͤr eigne Rechnung, mit ihrem Tage zu— frieden. Joſeph von Lichtenberg laͤchelte ſeinen ſchoͤnen Hoffnungen voraus, Angelika ihrem gluͤcklichen Geſtaͤndniß nach; ja Beide begegneten ſich einigemal uͤber den runden Tiſch hin mit 189 ihren vergnuͤgten Blicken und nur Veronika begriff die allgemeine Heiterkeit nicht. Indeß gingen doch mehre Tage voruͤber, ohne daß Lichtenberg und Angelika zu der von Beiden beabſichtigten Unterredung kamen. Lich⸗ tenberg ſchien auf die Beantwortung eines Briefes zu warten, den er noch am Abende nach der Unterredung mit der Baronin geſchrieben hatte, und Angelika war doch wieder ein wenig aͤngſt⸗ lich geworden. Sie konnte die rechte Wendung nicht finden, ſich gegen Lichtenberg zu erklaͤren. Dieſer junge Mann ſah ihr gar nicht aus, als ob er einer großmuͤthigen Empfindung faͤhig ſei, und doch fielen ihr lauter empfindſame Redens⸗ arten ein, mit denen ſie ſich ſelbſt laͤcherlich vor⸗ kam. Sie vermied alſo ſorgfaͤltig, mit ihm allein zuſammen zu treffen und unterließ daher Man⸗ ches, was ſie gern gethan haͤtte. So war ſie ſonſt, wenn die Andern auf dem hohen Damm ſitzen blieben, hinab uͤber die ſandige Strecke, 190 welche die Ebbe zuruͤcklaͤßt, dem Meer entge⸗ gen gegangen, wenn es wieder flutend heran⸗ koͤmmt. Eine Woge ſtreckt ſich dann der an⸗ dern voraus, als gaͤlt' es darum, welche zuerſt den Steinwall erreichen wuͤrde, an dem die hoͤchſte Flut ausbrauſt. Wenn dann unvermuthet eine vollere Woge ungeſtuͤm auf Angelika hervor⸗ rollte, daß ſie zuruͤckſpringen mußte, um nicht erreicht zu werden, ſo war es ihr ein kindiſcher Spaß. Neckiſch ſetzte ſie dann auf die feuchte Stelle der wieder zuruͤckgeſunkenen Woge den kleinen Fuß, wie herausfodernd fuͤr die naͤchſte kuͤhne Springwelle hin und traͤumte ſich in ein luſtig Spiel mit den Meereswellen, die ſchalk⸗ haft hervorzuſpringen ſchienen, des Fraͤuleins Fuß und Gewand zu kuͤſſen. Oder Angelika betrachtete den von einer vorgerollten Woge auf dem glatten Sand gezogenen Halbkreis, in wel⸗ chem ſich der Waſſerſchaum in fluͤchtigen Figuren ſo kuͤnſtlich auseinanderſpann, daß auf einige 191 Augenblicke der feinſte Spizenſchleier vor ihr ausgebreitet ſchien. Auch ſchoben die wachſen⸗ den Wogen bunte Muſchelchen, farbige Stein⸗ chen zum Aufleſen, oder lebendige Seeſterne und ſeltſame, ſpinnenartige Krebschen auf den Sand, die ruͤckwaͤrts dem abgefloſſenen Waſſer wieder zueilten. Jetzt wagte Angelika ſolche Unterhaltung nur in Veronika's und Fritzens Begleitung, oder blieb in Geſellſchaft der Ihrigen, um nicht mit Lichtenberg unter vier Augen zu ſein. Eines Morgens, als man der ſpaͤteren Flut halber mit dem Baden wartete und die Baro⸗ nin, die heut nicht badete, ihr Fruͤhſtuͤck voraus⸗ nahm, ließ ſich Pater Joſeph anmelden und trat im Anzug des Doctor Scherf herein, wie ihn die Freunde zuerſt auf dem Rheinſchiffe ken⸗ nen gelernt hatten. Ich muß Wort halten, ſagte er, und Ihnen Nachricht von Antwerpen bringen. Dieſe Nachrichten lauteten beſonders auch uͤber das Befinden des Sohnes recht be⸗ ruhigend, ſo daß die Baronin ſich ſehr erhei⸗ terte. Denken Sie ſich, ſagte ſie, nachdem der Kaffee abgetragen war, ich habe Ihnen doch fruͤ⸗ her von meinem wunderbaren Traum gebeichtet: es hat ſich ja wirklich ein Lichtenberg hier ge⸗ funden, deſſen Bekanntſchaft wir gemacht haben, oder, ich muß vielmehr ſagen, der die unſrige geſucht hat; ein junger, ſolider, liebenswuͤrdi⸗ ger Mann. Iſt es nicht wunderbar? Eine verlegene Stille entſtand. Pater Joſeph laͤchelte. Wirklich? ſagte er mit zweifelhaftem Kopf⸗ ſchuͤtteln, und da es die Baronin lebhaft verſicherte, fuhr er mit laͤchelndem Blick nach dem Baron fort: Es befremdet mich ein wenig, in der That. Und doch— Sehen Sie, Herr Baron, da glaubt man oft, mit Dampfſchiffen und Eiſenbahnen wuͤrde unſere verſtaͤndige, glaubensnuͤchterne Zeit das große Gebiet des Wunderbaren und Unbe⸗ greiflichen im Leben ganz umfahren und um— ſchiffen;z aber, ſiehe da! gerade der Dampf fuͤhrt uns mitten durch ein neues Gebiet von Wun⸗ dern, oder, wenn Sie wollen, von Wunderlich⸗ keiten. Und doch begreiflich, gebe ich Ihnen zu! In ſo raſcher und umfaſſender Bewegung, ſo erklaͤre ich mirs naͤmlich, miſchen ſich die Menſchen aus allen Fernen und Weiten, und ſo koͤmmt durch ſtarkes Miſchen, wie ja zuweilen auch im Whiſt und L'Hombre, ein ganz unerwartetes, bedeutendes Spiel heraus. Dem Baron gefiel dieſe vernuͤnftige Anſicht und ſtimmte ihn gleich heiterer fuͤr den Pater, beſonders als derſelbe mit ſchlauen Blicken fort⸗ fuhr: 3 Wenn ſich aber auf dieſe Weiſe Manches geſtaltet, was einem Wunder aͤhnlich genug ſieht; ſo wandelt es doch zu ſehr auf irdiſchen Wegen, Veronika. II. 9 194 als daß wir ihm nicht auch mehr mit ſcharfem Verſtande, als mit aufblickendem Glauben be⸗ gegnen muͤßten. Wie? mein lieber Pater Joſeph! fragte die Baronin hoͤchſt befremdet. Ja, meine gnaͤdige Frau, fuhr der Pater ruhig fort. Ihren Traum habe ich damals nicht verworfen und verwerfe ihn nicht. Dergleichen thut auch kein tiefer blickender Mann. Traͤume entſtehen auf der Grenze zwiſchen der ſinnlichen und uͤberſinnlichen Welt, auf dieſer ſchmalen Scheidemark, die durch unſern Schlaf zieht. Das weiß der Herr Baron ſo gut wie ich; daran zweifelt kein Kundiger. Es gibt daher bedeutſame Traͤume, die unſere, vom Ueber⸗ ſinnlichen angewehte Seele bildet, und thoͤrichte Traͤume, die unſere Seele aus Bruchſtuͤcken des im Schlaf zerfallenen ſinnlichen Lebens zuſam⸗ menwuͤrfelt. Nun hat Jedermann den Glau⸗ ben an ſeine Traͤume frei: woran ſollen wir ſie pruͤfen, als etwa an einem ganz dunkeln Ge⸗ fuͤhl? Will man aber dauernde Lebensverhaͤlt⸗ niſſe darauf bauen, dann darf es nicht ohne die groͤßte Vorſicht geſchehen. Aber da werde ich ja ganz irre an Ihnen, lieber Pater Joſeph! klagte die Baronin. Doctor Scherf! wenn ich bitten darf, meine Gnaͤdige. Hier in Oſtende bin ich Doctor Scherf. Nun ja, lieber Doctor Scherf, fuhr ſie fort; irre werde ich an Ihnen! Vorſicht; wie denn mit Vorſicht? Ich traͤume ein Begegniß und es begegnet mir! Wie ſoll ich mir denn da helfen? Wozu denn noch Vorſicht? Ei, gnaͤdige Frau, verſetzte Scherf lebhaft, ehe wir dem Traum volles Vertrauen ſchenken, laſſen Sie uns doch erſt den Lichtenberg halbes Vertrauen verdienen! Hat er Ihnen denn— Doch nein, er wird Ihnen noch keine Mittheilung uͤber ſeine Familie gemacht haben! Doch, lieber Doctor! erwiderte ſie und er⸗ zaͤhlte kuͤrzlich, was der junge Mann uͤber ſeine Herkunft mitgetheilt hatte. Pater Joſeph hoͤrte ſehr geſpannt zu, dann ſagte er: Nun will ich Ihnen einen Vorſchlag thun. Ich bin in der Schweiz und in den Niederlanden nicht fremd. Ich will die Bekanntſchaft des jungen Mannes ſuchen; er ſoll mich als einen Freund Ihres Hauſes kennen lernen; er wird mir ſeine Abſichten vertrauen, wenn er deren hat. In dieſem Falle, wenn er ſich Ihnen mit einer Bewerbung naͤherte, koͤnnten Sie doch nicht gleich ſeine Papiere, ſeine Legitimationen von ihm fodern; dazu denken Sie zu zart. Nehmen Sie ihn aber erſt in Ihr Vertrauen, in Ihren Umgang auf und er kann ſich hernach nicht vollſtaͤndig ausweiſen, ſo ſetzt es Unan— nehmlichkeiten ab; Mislichkeiten und oͤffentliches Aufſehen ſind nicht zu vermeiden. Das braͤchte ich Alles vorher ſo weit in Ordnung, daß ich 19 Ihnen einſtweilen die Verſicherung geben koͤnnte, die Sie von ihm nicht gleich fodern moͤgen. Die Baronin fand das recht vernuͤnftig und gab ihre Zuſtimmung, wiewol mit einer ge⸗ wiſſen Kuͤhle. Schon der Gedanke einer Vor⸗ ſicht, einer Pruͤfung kam ihr wie ein ſuͤndhaftes Mistrauen in ihre bisher unbedingte Ueberzeu⸗ gung vor. Sie ſah ſich ungern in den Augen der Ihrigen auf platten, verſtandesmaͤßigen Bo⸗ den herabgeſetzt und ihren theuern Traum in Gefahr gebracht. Dem Doctor entging auch dieſer heimliche Unwille der Baronin nicht und ſobald die Uebrigen bei Seite gegangen waren, ſich zum Baden zu ruͤſten, ſagte er freundlich: Sie ſind verſtimmt, meine verehrte Freundin? Nun ja, ich bin ein wenig irre an Ihnen geworden, antwortete ſie. Ich kann Ihre fruͤhe⸗ ren Anſichten mit den jetzigen Klugheitsregeln nicht in Einklang bringen. O meine gnaͤdige Frau, ſagte er, indem er ihre Hand kuͤßte, Ihr Herz iſt faſt zu lebendig in Liebe und Glauben. Darin habe ich Sie fruͤher allerdings beſtaͤrkt und kann Ihnen auch fortwaͤhrend die Verſicherung geben, daß Dasje⸗ nige, was, wie Ihr Traum, hoͤherer Abkunft iſt, ſich auch zur Vernunft der Welt bequemen wird. Dieſe Welt⸗ und Verſtandesſeite iſt aber diejenige, die wir vor dem Herrn Baron gel⸗ tend machen muͤſſen. Oder haben Sie ihn etwa ſchon zum Glauben an Ihren wunderbaren Traum bekehrt? Im Gegentheil, lieber Doctor, ich glaube, Guſtav iſt meinen Abſichten ernſtlich entgegen. Sehen Sie!l fluͤſterte Scherf. Mithin bleibt das Wunderbare des Traums fuͤr Sie allein ein unabaͤnderlicher Beſtimmungsgrund. Hat aber der von Lichtenberg eine innere Sendung von oben, ſo wird ihm auch der Ausweis fuͤr hier unten nicht fehlen, und den wollen wir dem Baron darlegen. Erkennt er ihn an, ſo thun 1199 wir Alles im Frieden ab, was immer das Wuͤn⸗ ſchenswertheſte bleibt. Widerſetzt er ſich aber dem Vernuͤnftigen, ſo koͤmmt er in Widerſpruch mit ſich ſelbſt und die gnaͤdige Frau handeln dann um ſo entſchloſſener in Eintracht mit dem Himmel und Ihrer Ueberzeugung, ohne daß man Ihnen vorwerfen koͤnnte, Sie haͤtten die Pflicht gegen den Gemahl verſaͤumt. Bin ich Ihnen nun begreiflicher? O mein Freund, rief die Baronin mit ge⸗ falteten Haͤnden und die Thraͤnen traten ihr in die Augen, welch ein Mann ſind Sie! Ich be⸗ wundere Ihre Weisheit, Ihre Guͤte. Vergeben Sie mir und leiten Sie mich ferner! Leiten Sie die ganze Sache! Aber fuͤhren Sie eine baldige Entſcheidung herbei; denn es zieht mich zu meinem Sohn Joachim. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie zerriſſen mein Herz iſt zwiſchen meinen beiden Kindern. Der Jammer meines Sohnes ruft mich nach Antwerpen, die Beſtim⸗ mung meiner Tochter haͤlt mich in Oſtende. Daruͤber gehe ich zu Grunde, wenn ſich nicht bald das Eine loͤſt, damit ich dem Andern lebe. Ach, es quaͤlt mich unausſprechlich! Ich ſchlafe Nachts nicht mehr; meine Gedanken ſind bei Tage zerſtreut; wilde Vorſtellungen, zuckende Gefuͤhle aͤngſtigen mich. Manchmal iſt mein Geiſt ganz, ich weiß nicht wohin, verloren und nur am heftigſten Herzklopfen finde ich mich wieder zu mir ſelbſt! Alide weinte bitterlich und jeder Andere, der auch ihren Glauben und ihre Denkungsweiſe nicht theilen konnte, haͤtte doch ihren muͤtterlichen Gefuͤhlen und Sorgen Recht geben muͤſſen. Ich werde raſch handeln und wirken, erklaͤrte der Pater, und unter den Umſtaͤnden werde ich auch Gebrauch von einem Mittel gegen den Baron machen, das ihn wol fuͤgſamer in unſere heiligen Abſichten ſtimmen duͤrfte. Eben trat der Baron herein. Der Zuſtand ſeiner Gemahlin fiel ihm auf und er fragte theil⸗ nehmend, was es denn ſei. Die gnaͤdige Frau aͤngſtiget ſich uͤbertrieben um den Sohn, ſagte Doctor Scherf. Es wird gut ſein, wenn wir die Angelegenheit, die ihr hier noch ſo viel Sorge macht, recht bald ordnen, damit Sie nach Antwerpen zuruͤckkehren koͤnnen. Sie gehen, Herr Baron? Ich begleite Sie! Vor dem Hauſe warteten Veronika, Angelika und Fritz. Dieſer wurde dem Doctor Scherf vorgeſtellt und von ihm mit lebhafter Freund⸗ lichkeit begruͤßt. Scherf ging dann mit dem Baron voraus und ſagte vertraulich: Ich ſinde Sie viel friſcher ausſehend, Herr Baron; das Bad thut Ihnen recht gut. Zu Belle⸗Promeſſe trafen Sie es freilich ſehr un⸗ gluͤcklich. Es fiel dort zu viel Unangenehmes vor. Nehmen Sie Auftritte, wie mit der Graͤfin! Mein Gott, wie muͤſſen Sie erſchrocken ſein, verehrter Freund, als Sie unter dem ſtillen 9**† 20²2 Genuß des Abends im Pavillon durch den Vor⸗ fall im Garten geſtoͤrt wurden! Und doch hat es Ihnen die Graͤfin ſchwerlich gedankt, daß Sie mit Ihrer liebenswuͤrdigen Veronika die Erſten waren, die ihr beiſprangen. Der uͤberraſchte Baron ertappte den Pater noch auf einem boshaften Zwinkern der Lippen. Er faßte ſich aber und erwiderte mit der liebens⸗ wuͤrdigſten Unbefangenheit: Lieber Doctor, ich weiß, wie gut Sie von Ihrem Kammerdiener berichtet werden, auch wenn Sie Ihre beiderwandnen Betſtuͤndchen hal⸗ ten. Der Zeiſig huͤpft in allen Buͤſchen. Allein, ſich ganz auf ihn verlaſſen duͤrfen Sie doch nicht. Ich meine nicht wegen ſeines Umblickes: nein, er hat ſich unter Ihren Operationen einen Blick angewoͤhnt, der nach ganz verſchiedenen Seiten zugleich geht. Aber Ihr Tiefſinn muß doch den rechten Einblick dazu geben. Sehen Sie, lieber Pater, Sie thaͤten der edlen Veronika Unrecht, 1 — 203 wenn Sie glaubten, ſie haͤtte mich im Pavillon erwartet. Nein, wir waren Beide nicht wenig uͤberraſcht, uns da zu treffen. O lieber Pater Schlaukopf, Sie wiſſen auch recht gut, wer mich dahin eingeladen hatte, ungluͤcklicher Weiſe aber noch eine zweite Beſtellung erhielt. Wiſſen Sie denn auch, in welches Geheimniß mich dort die ſchelmiſche Graͤfin einweihen wollte? Nun ja, man gibt doch heutigen Tags Proben von Allem, was man gern an den Mann bringen moͤchte: Sie, Herr Pater, geben zum Beiſpiel in Ihren katholiſch⸗proteſtantiſchen Betſtuͤnd⸗ chen einen roͤmiſchen Doppelkuͤmmel zu koſten; die Graͤfin wollte mich einen extrafeinen Jeſuiten⸗ Spiritus verſuchen laſſen. Ohne alle Verlegenheit verſetzte Doctor Scherf: Glauben Sie nicht, Herr Baron, daß mir der richtige Einblick in einen Pavillon fehle, der geſchloſſene Jalouſien hat. Ich weiß, daß die graͤfliche Schelmin Sie tief in ihre blauen Augen 294 hat blicken laſſen. Allein ich weiß auch, daß noch eine andere Sorte von Spiritus dazu gehoͤrt, um einzuſehen, daß vorgebliche Reiſende fuͤr ein bedeutendes Haus zuweilen die Firma misbrauchen, um ſchlechte Geſchaͤfte auf eigene Rechnung zu machen. So? rief etwas lebhafter der Baron. Nun denn. Ihren Preiscourant, Pater Joſeph? Wie, Herr Baron—? Reiſen Sie denn nicht unter der Firma des Himmels, um fuͤr das Haus Lichtenberg ein Geſchaͤft zu machen? Der Pater verſtummte und erblaßte. Sie waren eben vor dem Hotel de Flandre angekom⸗ men, aus welchem die Geheimeraͤthin von Keib trat. Pater Joſeph ſammelte ſich und eilte ihr entgegen, ſie zu begruͤßen. 295 Der Baron wußte ſich nicht zu erklaͤren, wie er zu ſeinem Vorwurf gegen Pater Joſeph gekommen war. Doch bereute er ihn nicht, ſondern freute ſich, daß er im Augenblicke des Zorns uͤber den unverſchaͤmten Pater ein ſo ſcharfes Wurfgeſchoß ertappt hatte. Hier beſtaͤtigte es ſich wieder, daß zuweilen in der Bruſt des Menſchen auf aͤhnliche Weiſe Entwicklungen vorgehen, wie im Luftkreis der Erde. Man traͤgt ſich eben ſo mit einem uner⸗ klaͤrlichen Mistrauen, wie die Luft jene ſchwuͤlen Duͤnſte hegt, deren Gehalt man erſt erkennt, wenn ſie ſich in einem zuͤndenden Blitz entladen. Allein jene blitzaͤhnliche Eingebung ließ doch immer wieder ein Dunkel fuͤr den Baron Gu⸗ ſtav zuruͤckk. Was war denn nun eigentlich des Paters Geſchaͤft mit dem Lichtenberg? Die ver⸗ ſtummende Blaͤſſe des Doctor Scherf hatte den Vorwurf als treffend anerkannt, der doch im⸗ mer noch ein Raͤthſel blieb. Vielleicht galt es 206 dem Pater blos darum, ſich um jeden Preis das Vertrauen der Baronin zu ſichern, und er hatte nur aus dieſer Abſicht die Bekanntſchaft und Pruͤfung des jungen Lichtenberg uͤbernom⸗ men. Der anfaͤngliche Widerſpruch gegen ihn und Alidens Traum war dann nur eine Finte, ſich durch ſeine Bemuͤhungen wichtiger und ver⸗ dienſtlicher zu machen. Dies war vielleicht das ganze Geſchaͤft, auf dem der Pater ſeine Schlau⸗ heit ertappt fand. Woher freilich gerade zur ungluͤcklichen Zeit der Lichtenberg ſelbſt kam, blieb immer das alte Dunkel; wenn man nicht zur verſtaͤndigen Erklaͤrung des Paters ſelbſt ſeine Zuflucht nehmen mochte. In ſeinen Vermuthungen machte den Freund Veronika wieder irre. Er hatte ihr ſeinen Zank mit dem Pater mitgetheilt, natuͤrlich ohne des fuͤr ſie ſo kraͤnkenden Anlaſſes zu erwaͤhnen. Die Freundin wollte es ſich nicht nehmen laſſen, der Pater ſei ihnen in der alten Angelegenheit 207 einer Bewerbung um Angelika's Hand fuͤr den Baron Emil nachgereiſt. Vielleicht hatte ihm der Baron Anton aus Freundſchaft den Auftrag ertheilt, um ihn den Unannehmlichkeiten auf Belle⸗Promeſſe zu entziehen, von denen Ma⸗ thilde geſprochen hatte. Wenigſtens wußte Ve⸗ ronika durch Heſſelts, daß der Pater ſich ſehr angelegentlich um den Stand des de Landas⸗ ſchen Vermoͤgens und um die Verhaͤltniſſe des Geſchaͤftes erkundigt hatte. Nun ſei dem Pater die Erſcheinung des v. Lichtenberg in die Quere gekommen, glaubte ſie— ein hoͤchſt unangeneh⸗ mer Verlegenheitsfall, weil er fruͤher die gnaͤdige Frau in ihrem Traum beſtarkt zu haben ſcheine, in der ſichern Vorausſetzung, es werde ſich in Oſtende kein Lichtenberg finden. Sehen Sie, ſetzte Veronika hinzu, darum hat ſich der pfif⸗ fige Mann ſo ſchnell eines Auftrags an den unwillkommenen Bewerber bemaͤchtigt, um den verhaͤngnißvollen Lichtenberg in die Hand zu 208 bekommen. Waͤrs nicht der koͤſtlichſte Spaß, wenn der Pater in ſeinem Intereſſe uns den Lichtenberg vom Halſe ſchaffte? Mit Baron Emil hat es fuͤr uns lange nicht ſo viel auf ſich, wie mit dem ertraͤumten Joſeph, der auf ſo geheimnißvollem Boden ſteht und das tiefſte Vorurtheil der gnaͤdigen Frau fuͤr ſich hat. Wenigſtens waͤrs nicht das erſte Mal, er⸗ widerte Guſtav laͤchelnd, daß pfaͤffiſche Schlau⸗ heit in ihr eigenes, zu fein verſtecktes Garn fiele. Nur betruͤbt es mich, daß Alide durch dies mit ihrem Herzen getriebene Spiel noch ganz zu Grund gerichtet wird. Sie iſt ohnehin durch die Angſt um den kranken Sohn ſehr zerſtoͤrt. Ich baue darauf, verſetzte Veronika mit Waͤrme, daß dieſe leidigen Erlebniſſe zu ihrer Geneſung fuͤhren ſollen. Ich weiß durch den Arzt, daß Joachim ſein Leiden nicht uͤberſtehen wird. Dieſer Schmerz kann unſere gute Ba⸗ — ronin erheben, waͤhrend allerdings ihre jetzige Angſt ſehr niederdruͤckend iſt. Und ſo wird ſie eines Tags auch hinter die Raͤnke dieſes Pater Joſeph's kommen. Ich verehre den echten Prie⸗ ſter, vor welchen Altaͤren ich ihn weihend und ſegnend finden mag; das Pfaffenthum aber iſt ein Uebel der Menſchheit, das nur durch ſein eigenes Gift geheilt wird. Darum beruhigen Sie ſich, mein Freund! Es wird ſicher eine Stunde kommen, wo Alide dieſe falſchen Prie⸗ ſter verwirft. Moͤchten wir ſo gewiß erleben, daß unſere Zeit wieder ein echtes Prieſterthum aus ſich hervorbringe! Denn wie man annimmt, daß die Kunſt durch die Kuͤnſtler verderbe, ſo erkrankt die Religion nur durch ihre Prieſter. Oder was waͤre denn etwa Schoͤnes und Erhe⸗ bendes an der neugeborenen Religioſitaͤt unſeres Zeitalters, ehe dieſelbe nicht ihre Kinderkrankhei⸗ ten uͤberſtanden haben wird? Sie haben Recht, Veronika, rief Guſtav. 210 Iſt nicht meine Frau in Glauben und Andacht ein Miniaturbild unſerer Zeit im Großen? Ich nehme das proteſtantiſche Treiben nicht aus. Im Gegentheil ſind dieſe Beſtrebungen vielleicht krankhafter, als bie roͤmiſchen; jene verdammen und verachten die Welt, dieſe halten ſie doch noch der Muͤhe werth, ſie wieder in ihre Aermel und Kapuzen zu ſtecken. Nun wer weiß, laͤchelte Veronika, ob nicht die Einen wie die Andern— nach Ihrem Aus⸗ druck, mein Freund— unter der alten ſoliden Firma des Himmels ſchlechte Geſchaͤfte machen! Pater Joſeph war fein und gewandt genug, mit der alten Unbefangenheit ſeine Beſuche bei dem Baron fortzuſetzen. Er betrug ſich gegen ihn noch heiterer und ſcherzhafter, als fruͤher, gegen Veronika noch aufmerkſamer und faſt ehr⸗ erbietig. Von dem von Lichtenberg war keine Rede mehr, und Baron Guſtav, froh daruͤber, weil er ſich dergleichen Unangenehmes gern vom 211 Leibe hielt, bedachte nicht, daß die Sache da⸗ durch nur bedenklicher werden koͤnnte, wenn ſie ſich mit ihren Heimlichkeiten um ihn herum zur Baronin ſchliche. So geſchah es wirklich. Ihr allein berichtete der Pater in Stunden, wann er die Andern ausgegangen wußte, oder auf dem Seedamm, wann er ſie von den Ihrigen getrennt begleitete. Pater Joſeph aͤußerte ſich ganz eingenommen von dem jungen von Lichtenberg; er ruͤhmte ſeinen Charakter und ſeine Kenntniſſe. Die ſtrenge geiſtliche Schule, ſagte er, die der junge Mann in Freiburg durchgemacht hat, weil er ſich dem Prieſterſtande widmen wollte, haͤngt ihm freilich fuͤr das geſellſchaftliche Leben noch ein wenig an; allein das wird ſich, nament⸗ lich im Umgang mit Ihnen, bald verlieren. Mit ſeiner Familie verhaͤlt es ſich auch etwas anders, als er Ihnen angegeben hat, meine Gnaͤdige; allein die kleine Abweichung von der Wahrheit ſpricht nur zu Gunſten ſeines Zartge⸗ fuͤhls. Sein Adel iſt naͤmlich nicht ſo alt, wie er angibt, doch iſt er in Richtigkeit. Immerhin! Von Lichtenberg und de Landas pflanzen eine neue Familie, die gewiß der Zukunft einen alten Stammbaum uͤberliefern. Und wenn es ihm an Vermoͤgen fehlt, ſo bringt er dafuͤr hoͤhere Ga⸗ ben mit in den ehelichen Bund, der alle Ele⸗ mente der Gluͤcks in ſich hat, wenn ſie ſich an⸗ faͤnglich auch nur durch Kampf und frommen Ernſt vereinigen laſſen. Dieſe Mittheilungen ſtimmten Aliden hoͤchſt vergnuͤgt, ſo daß ſie allen Kummer ihres Her⸗ zens vergaß. Sie ließ ſich bei der naͤchſten Zu⸗ ſammenkunft mit Pater Joſeph umſtaͤndlich uͤber den Plan aus, in welcher Weiſe der junge Lichtenberg in das de Landasſche Geſchaͤft treten, ſich mit ſeinem Verſtand und Eifer befaͤhigen, ihren Sohn unterſtuͤtzen und mit der Arbeit das ſchoͤne Vermoͤgen theilen koͤnnte. Gewinnen Sie nur 213 den ſtarren van Bree, ſagte ſie, damit wir fuͤr Angelika das an Bedingung geknuͤpfte Capital retten. Doch ja! Es kann ja nun nicht verloren gehen; denn faͤllt es dem Bruder zu, ſo koͤmmt es ja wieder in die Theilung. Wenn wir van Bree nicht gegen uns haben, ſo denke ich mei⸗ nen Joachim ohne Widerſpruch zu all' dem Guten zu vermoͤgen, das wir fuͤr ſeine Schweſter und mittelbar auch fuͤr ihn, beabſichtigen. Pater Joſeph beruhigte ſie wegen all' dieſer Beſorgniſſe, die er fuͤr gehoben erklaͤrte. Mein Einfluß iſt maͤchtiger, ſagte er, als des Pro⸗ feſſors ſtarrer Sinn. Erſchrecken Sie nicht, gnaͤdige Frau, wenn ich von einem Teſtament ihres Sohnes rede. Er wird dadurch nicht kraͤn⸗ ker; es ſchien mir aber noͤthig, um auf dieſem Weg eine Verſoͤhnung des Bruders mit der Schweſter vorzubereiten. Das Geeignete iſt ein⸗ geleitet und das Teſtament kann jede Stunde aufgenommen werden. Herr de Landas iſt ein 3 214 fuͤr das Gute durchaus lenkſames Gemuͤth. Ja, meine verehrte gnaͤdige Frau, rief er, mit Auf⸗ blick ihre Hand faſſend, es iſt eine wunderbare Fuͤgung um dieſen ſchoͤnen Bund, den wir ſtif⸗ ten. De Landas und de Lichtenberg! Dieſelbe Namens⸗Chiffre bleibt und wird eine Signatur, die der Finger des Himmels uͤber Ihr Haus und vielleicht uͤber die Zukunft Antwerpens zeich⸗ net. Waͤre es ſogar im Rathſchluß des Ewigen beſtimmt, daß Ihr Sohn— Nun, fuͤrchten wir es nicht! Allein Sie faͤnden an der Stelle des geborenen Sohnes einen angetrauten, auf den dieſelben Namenszuͤge paſſen; denn bei Gott! ſehen Sie nur, eben bemerke ich, daß Joachim und Joſeph auch dieſelben Anfangsbuchſtaben des Vornamens haben! J. de L. In der That hatte der Pater dieſen kleinen Zufall eben erſt wahrgenommen und machte viel mehr Aufhebens davon, als er verdiente. Er zog die Baronin ſanft an der Hand und erbat ſich das 215 Prieſterrecht, ſie auf die Stirne zu kuͤſſen, die von der heiterſten Zukunft glaͤnze. —— Inzwiſchen hatte ſich die Geheimeraͤthin von Keib entſchloſſen, ihre Wohnung im Hotel de Flandre gegen einige Zimmer im deutſchen Gaſt— hof zu vertauſchen, um ihrer Freundin Veronika naͤher zu ſein. Beiden war ihr traulicher Um⸗ gang ein inniges Beduͤrfniß geworden. Sie wollten Manches zuſammen leſen, ſie hatten ſich ſo viel mitzutheilen und zu all' Dem bot die Fruͤhe des Tages oder der ſpaͤte Abend ſo man⸗ ches liebe Viertelſtuͤndchen, das bisher auf dem langen Zwiſchenweg verloren gegangen war und nun uͤber den Corridor des Hauſes gewonnen wurde.. Am Nachmittag dieſer Ueberſiedelung kam der junge Lichtenberg aus der Stadt zu Beſuch, als eben der Baron ausgegangen war, die Zei⸗ 216 tungen zu leſen, und Veronika der Freundin in der Einrichtung der Wohnung beiſtand. Es war kurz nach dem Mittagsmahl; der Kaffee ſtand noch auf dem Klapptiſche vor dem Sopha und die Baronin ließ dem jungen Manne durch Angelika noch eine Taſſe nachbereiten. Waͤhrend er ſie nahm, verließ ſie das Zimmer, angeblich um zu ſehen, wie weit die Geheimeraͤthin einge⸗ richtet ſei. Angelika trat baͤnglich an das Fenſter, wo man uͤber den Eiſenbahnhof nach dem Meer ausblickte. Lichtenberg folgte ihr, ſtellte ſich ihr zutraulich nahe und brachte das Geſpraͤch ohne langen Umweg auf ſein Herz und ſeine Zukunft. Seine Liebe zu betheuern, ſeine Wuͤnſche aus⸗ zuſprechen, ward ihm nicht ſchwer: er hatte ſich auf dieſen Moment, wie es ſchien, wohl vorbe⸗ reitet. Angelika fuͤhlte das auch ſchnell heraus und fand ſich dadurch auf einmal aller bisherigen Aengſtlichkeit uͤberhoben. In ihrer gleichguͤltigen Stimmung kamen ihr des jungen Mannes ge⸗ 217 ſuchte Redensarten laͤcherlich vor und der Schalk regte ſich in ihrem Maͤdchenherzen. Iſt es denn auch wahr, Herr von Lichtenberg, was Sie mir ſo ſchoͤn ſagen? fragte ſie, indem ſie kichernd auf ihre ſpielenden Fingerſpitzen niederſah. Wobei ſoll ich Ihnen ſchwoͤren, engliſche Angelika? rief er. Iſt nicht das Herz eines Juͤnglings zu beklagen, das nur in tiefer, dunk⸗ ler Verborgenheit ſchlagen kann und doch— Sie muͤſſen ſich mit andern Leuten troͤſten, Herr von Lichtenberg! ſiel Angelika ein. Die Herzen alter Leute ſchlagen auch nicht außerhalb der Rippen. O koͤnnte es das meinige! ſeufzte er. Dann brauchte ich nur Ihre wundervollen Augen auf ſeine Flammenſchrift zu verweiſen, in der Sie ein Gefuͤhl leſen wuͤrden, das in keinen Flam⸗ men vergeht. Statt deſſen muß ich, wenn Sie mich mit Zweifeln in Verzweiflung ſetzen, mich auf etwas Hohes, Hehres berufen, an das wir Veronika. II. 10 Beide glauben. Wobei, meine Engliſche, ſoll ich ſchwoͤren?. Wobei, Herr von Lichtenberg? Wahl macht Qual, ſagt man. Bei etwas Hohem, Hehrem? Sehen Sie, ich koͤnnte Sie bei der Feſtigkeit des ſchwarzgetheerten Hafendammes ſchwoͤren laſſen, auf deſſen Gebaͤlk ich zuerſt von Ihnen uͤberraſcht worden bin, oder bei der Herrlichkeit des koͤhner Doms, wo ich auch eine recht liebe Bekanntſchaft gemacht habe. Ich will mich be⸗ ſinnen, Herr von Lichtenberg, und Ihnen bis dahin glauben. Herr Lersner hat mir auch viel Schoͤnes geſagt; es muß alſo wirklich etwas an mir ſein. Aber ſehen Sie, daruͤber bin ich nun ſo von mir eingenommen, daß ich, wo ich ſtehe und gehe, nur auf mich Acht gebe und mich um Fremde gar wenig bekuͤmmere. Sehen Sie, darum kenne ich Sie noch nicht recht. Die Mutter ſagt Ihnen wol viel Huͤbſches nach— Nein, nein, Herr von Lichtenberg, nicht die Hand kuͤſſen! Thun Sie das der Mutter! Aber Sie muͤſſen ſich nun auch bei mir zeigen, daß Sie etwas fuͤr mich thun koͤnnen. Etwas fuͤr Sie thun? rief er aus. O meine Engelholde, befehlen Sie, geben Sie mir eine große Aufgabe! Ich weiß nicht, wie ſchwer ſie Ihnen wer⸗ den wird, verſetzte Angelika. Sie ſollen hier bleiben, ſo lange wir noch hier ſind, aber ohne im geringſten zu thun, als liebten Sie mich, und ohne der Mutter nur ein Woͤrtchen von Ihrer Liebe zu verrathen; ſodann ſollen Sie uns nach Antwerpen folgen und dort, in der Kirche zu unſerer lieben Frauen, will ich Ihnen Ihre Frage an mein Herz aus dem Herzen beant⸗ worten. Im Dom zu Antwerpen? erwiderte er ver⸗ legen und nachdenklich. O es iſt ein herrlicher, ein genialer Gedanke von Ihnen. Dort anbe⸗ 10* tend vor Ihnen niederzuſinken! O Sie machen mich gluͤcklich, meine Angelika! Ich verſtehe Sie: im Dom, wollen Sie ſagen, gibt man ſein Jawort vor dem ſegnenden Prieſter! Oder— man findet auch Vergebung ſeiner Irrthuͤmer, fiel Angelika ein. O ich irre mich nicht in Ihnen, nicht in meiner Liebe, verſetzte Lichtenberg. Alſo in Oſtende ſoll ich Ihnen nicht huldigen, nicht oͤf— fentlich meine Liebe zeigen? Aber warum denn auch der Frau Baronin gar nichts davon ver⸗ trauen? Das Warum geht ſchon uͤber den rechten Gehorſam hinaus, den ich zum Beweis verlange, erklaͤrte ſie. Schweigen, Geheimniß halten, iſt eine ſchwere Lebenskunſt, die ich an Ihnen pruͤ⸗ fen will. Dann habe ich auch getraͤumt, ich haͤtte meinen Braͤutigam in einer großen gothi⸗ ſchen Kirche gefunden. Daher ſorgen Sie nun ſtillſcweigend, daß Sie nicht zu ſpaͤt kommen! 221 Wunderbar! rief er lebhaft aus. Ihre Frau Mutter hat im Gegentheil— Was hat meine Mutter? fiel Angelika eben ſo raſch ein, als der junge Mann erſchrocken ſchwieg. Ich meine, ſtotterte er, Ihre Frau Mutter ſoll— im Gegentheil gar nichts davon ahnen? Und glauben Sie denn ſo feſt an Traͤume, meine ſchoͤne Angelika? Ja, Herr von Lichtenberg, an diejenigen beſonders, die ich ſelber habe. Wirklich! Und Sie? Glauben wol nicht daran? O bei Gott ja! betheuerte er. Ich glaube, ich hoffe— Sehen Sie, Traͤume ſteigen aus der Quelle des Ewigen; Viele halten ſie fuͤr Blaſen; aber es ſind geheimnißvolle Blaſen, weiſſagende— wer ſie verſteht. Und wer ſie auffaͤngt, ehe ſie platzen. Alſo, Herr von Lichtenberg—? Aber, theuerſte Angelika, nur ein Woͤrtchen der Hoffnung! Beſter Herr von Lichtenberg— nur ein Wort des Verſprechens! Wohl, ich leiſte es! rief er nach einigem Bedenken. Das iſt brav! verſetzte ſie. Gleich erſchei⸗ nen Sie auch viel liebenswuͤrdiger. Ihr Wort darauf! 1 Ich ſchwoͤr' es Ihnen! ſagte er, nieder— kniend und des Fraͤuleins Hand kuͤſſend. Wor⸗ auf ſie warnend verſetzte: Wir ſind hier in Oſtende einander artig, haben aber einander gar nichts weiter zu ſagen! Das verſprechen Sie? Auf Ehre und ſo wahr Sie Lichtenberg heißen? So wahr ich es bin! fiel er mit Nach⸗ druck ein. Nun ja! Wie koͤnnten Sie's denn heißen, wenn Sie's nicht waͤren? lachte Angelika. —᷑—᷑—ÿ—ÿ—̈—ÿ—⁊—ꝛBAOAQ·—ʒ—ʒ—L—KQℳ—¶A— Eben trat die Baronin leiſe herein. Was ſehe ich— Kinder—? rief ſie vergnuͤgt beim Anblick des knienden Lichtenberg. Liebe Mutter, ſagte Angelika, der wunder⸗ liche Herr da hat mir eben kniend verſichert, er heiße nicht blos Lichtenberg, ſondern ſei es auch. Und das thut er kniend! Sie muͤſſen eine erſtaunliche Verehrung vor Ihrem Namen haben, Herr von Lichtenberg. Mit einem wegwerfenden Blick uͤber die linke Schulter verließ Angelika lachend das Zim⸗ mer, eben als der Baron Guſtav von den Zei⸗ tungen zuruͤckkehrte. Fritz und Angelika machten ſich die neue Wohnung der Geheimeraͤthin zu Nutzen und konnten ſich auch bei ihr um ſo unbeſorgter fin⸗ den, als die Baronin Alide nie auf einen recht traulichen Fuß mit ihr gekommen war, und nur 224 foͤrmliche Beſuche bei ihr ablegte. Mathilde beguͤnſtigte auch die Liebenden. Wie ſelten, ſagte ſie einmal zu Veronika, findet ſich heutiges Ta⸗ ges ein recht paſſendes Paar ungehindert, un⸗ angefochten zu einem heitern und gluͤcklichen Liebesfruͤhling zuſammen! Je dichter die Men⸗ ſchen zuſammenruͤcken, deſto ſchwerer finden ſich die Rechten einander heraus, deſto kuͤnſtlicher und wunderlicher verwirren ſich die buͤrgerlichen und geſellſchaftlichen Verhaͤltniſe. Und wenn ſich auch einmal das Verhaͤngniß freundlich anlaͤßt, ein Paar Menſchen zu begluͤcken, ſo beeilen ſich Vorurtheil, Eigennutz, Ehrgeiz, Misgunſt, Aber⸗ glaube, platte Geſinnung oder wie die Sipp⸗ ſchaft der Gemeinheit heißen mag, den frohen Bund zu hindern oder zu ſtoͤren. Man hat jetzt ſo verſchiedene Aſſecuranzen: es ſollte ein eigenes Prieſterthum dafuͤr beſtellt ſein, Lieben⸗ den zu helfen, Liebesungluͤckliche durch Wohl⸗ wollen zu entſchaͤdigen und den ganz Mittel⸗ loſen an die Hand zu gehen, damit ſie men⸗ ſchenwuͤrdige Verbindungen ſchließen koͤnnten; denn mit dem Namen Proletarier, den man ih⸗ nen gibt, deutet man doch entſetzlich genug an, was man jedenfalls von ihnen zu erwarten hat. Fritz kam heute ſehr niedergeſchlagen zu den Freundinnen heruͤber. Er hatte ſich ſchon ge⸗ woͤhnt, ihnen Alles mitzutheilen, was ihn be— ſchaͤftigte, und ſo verbarg er ihnen jetzt auch die vom Haus erhaltene betruͤbte Nachricht nicht, daß ſein Lehrer und Erzieher geſtorben ſei. Ein Geiſtlicher aus einem aufgehobenen Kloſter und von hoher Bildung, war er viele Jahre ein Freund ſeines Vaters und in beſonderm Sinne ihr Familienprieſter geweſen. Er hatte naͤmlich in einem dazu eingerichteten Saale des Hauſes fuͤr einen geſchloſſenen Kreis gleichdenkender Freunde Gottesdienſt gehalten und gepredigt. Sein Bekenntniß war ein durch Wiſſenſchaft und Forſchung weiter gebildeter Katholicismus 10** 226 geweſen. Er wich in manchen Saͤtzen von der Kirche ab, gab manchen Dogmen eine geiſtigere Deutung, als ſie in der Kirche haben, ließ fuͤr religioͤſe Erbauung manche durch die Gewohn⸗ heit der Jahrhunderte vertrockneten Braͤuche ab⸗ fallen und verſtand es, andere durch einen neu⸗ anſprechenden Sinn zu erfriſchen. Er hat uns getauft und gebildet, ſagte Fritz. Manche An⸗ fechtung der geiſtlichen Behoͤrden haben wir mit ihm oder er durch uns gluͤcklich beſtanden, und nun er hingeſchieden iſt, ſehen wir uns recht verlaſſen; denn wenn auch der gewohnte Haus⸗ freund zu verſchmerzen waͤre, ſo bleibt uns doch der Prediger jenes Wortes unerſetzlich, das er ſelbſt gebildet hat. Wir ſind nun ein welkes Glied religioͤſer Gemeinſchaft ohne den Nerv, der uns belebte.. Beruhigen Sie ſich, lieber Lersner! rief Ve⸗ ronika heiter aus. Vielleicht iſt den Ihrigen zu helfen. Mathilde! Kindlinger—! 227 Ja, Kindlinger! rief Mathilde. Eben dachte ich an ihn. Und nun ſtroͤmte Lob und Schil⸗ derung des geiſtlichen Freundes aus dem Munde der Freundinnen. Er wird ſich in die Stellung finden, die Ihr edler Lehrer verlaſſen hat, und wird ihr ganz genuͤgen! erklaͤrte Veronika. Es iſt ein durch Kaͤmpfe befeſtigter Platz, den der friedliche Mann behaupten wird. Nach manchen Hin- und Herreden wurde beſchloſſen, den Vater Lersner und den Pfarrer Kindlinger einander bekannt zu machen. Ma⸗ thilde wollte an den Freund, Fritz an den Va⸗ ter ſchreiben. Der Selige hat ein Tagebuch uͤber ſein Wir⸗ ken gefuͤhrt, ſagte Fritz. Darin hat er ſeine Anſichten und ſeine Beſtrebungen niedergelegt. Dies ſoll der Vater Ihrem Freunde mittheilen. Er wird daraus die ganze Einrichtung unſerer ſtillen Gemeinde kennen lernen und zugleich er⸗ 228 ſehen, wie Alles nach und nach erwachſen und wie wir ſelbſt fuͤr das Hoͤhere zugereift ſind. So unerwartet hatte ſich den Freundinnen unter den naͤchſten Raͤthſeln und Sorgen ein heiterer Fernblick auf etwas Gutes und Schoͤ⸗ nes geoͤffnet, das zu Stande kommen wollte. Sie ſahen es fuͤr eine gute Vorbedeutung an, daß auch eben dieſe naͤchſten Angelegenheiten noch eine erwuͤnſchte Wendung nehmen koͤnnten. Dieſe Wendung war naͤher als es die Freun⸗ dinnen vermuthen konnten; denn ſeltſam ge⸗ nug hatte die kleine Liſt Angelika's den unru⸗ hig ſchwankenden Intereſſen einen raſchen Aus⸗ ſchlag gegeben. Der junge Lichtenberg, fuͤr ſeine Liebeserklaͤ⸗ rung ſo artig vorbereitet, hatte ſich doch von der Schalkheit des Fraͤuleins uͤberraſchen laſſen. 229 Vom Traum der Mutter, der ausdruͤcklich auf eine Bewerbung im Bade hinwies, durfte der junge Mann freilich nichts wiſſen. Die Baro⸗ nin hatte nach ruhiger Ueberlegung doch nicht fuͤr paſſend gehalten, dem wahrſcheinlichen Be⸗ werber mit ſolcher Eroͤffnung entgegen zu kom⸗ men. Auch erkannte ſie, daß man den ver⸗ haͤngnißvollen Traum nicht bearbeiten duͤrfe, wenn man in ſeiner Erfuͤllung eine hoͤhere Fuͤ⸗ gung anerkennen wolle. Bei all' Dem wußte der junge Lichtenberg wirklich von dieſem Traum und haͤtte ſich deshalb beinahe verrathen. Ohne Zweifel war er durch Pater Joſeph unterrichtet. Nun aber im Gedraͤnge, entweder eine Zuſage zu geben, die das geheimnißvolle Gewicht des Traumes aus ſeiner Wagſchale zu nehmen drohte, oder das von ihm verlangte erſte Liebeszeichen abzuſchlagen, hatte er ſich nicht zu helfen ge⸗ wußt. Das eben aͤrgerte ihn jetzt, weniger der gegebenen Zuſage wegen, um die er nicht ſehr 230 bekuͤmmert ſchien, als ſeiner bewieſenen Unge⸗ wandtheit halber. Mit Verdruß erinnerte er ſich, wie Angelika, gerade als er ſich vom Knien erhob, laut lachend das Zimmer verlaſſen hatte, und er war von ſo wenig liebevollem Gemuͤth, daß er dem heitern Kinde nicht einmal die Freude des niedlichen Triumphs vergeben konnte. In dieſem Groll hatte er eben der Baronin den wahren Vorfall bekennen wollen, als der Ba⸗ ron eintrat. So ſehr ihn dieſe Dazwiſchenkunft erſt verſtimmte, war er hinterher doch froh, daß dieſer Zufall ihn an ſolcher Uebereilung gehin⸗ dert hatte; denn er ſah ein, daß er, um in Angelika's Augen nicht misaͤchtlich zu erſcheinen, den Vorwurf gebrochener Zuſage und den Ma⸗ kel ſeines verpfaͤndeten Namens nicht wagen duͤrfe. Er ging mit dem Doctor Scherf zu Rathe, dem er ſeine Ungeſchicklichkeit als dum⸗ men Streich bekannte. Dieſer nahm die Sache leichter. Er rieth ihm, die Familie nur immer 231 fleißiger zu beſuchen, ſich aber ja ſeinem Ver⸗ ſprechen gemaͤß zu betragen. Will man einmal fuͤr einen Edelmann gelten, lieber Joſeph, ſagte er, ſo muß man auch die kleinen Unbequem⸗ lichkeiten mit uͤbernehmen und das Ehren⸗ wort gelten laſſen. Jede Claſſe der Geſell⸗ ſchaft hat einmal ihren Standesgoͤtzen, dem man um der Welt willen opfern muß. Es geht da⸗ mit wie mit andern wunderthaͤtigen Bildern: je raͤucheriger ſie ausſehen, deſto mehr wirken ſie auf die Andacht der Glaͤubigen. Nichts iſt ſo gefaͤhrlich anzutaſten, als Vorurtheile des Standes. Wir frommen Vaͤter ſelbſt, die wir uns uͤber alle dergleichen Goͤtzen erheben, ſind darum nicht ungebunden; denn da uns ob⸗ liegt, uͤberall den guten Schein zu wahren, ſo ſind wir viel uͤbler daran, als wenn wir dann und wann blos die Scheidemuͤnze ei⸗ ner Standesmeinung auszugeben haͤtten, die heut' mit gar viel Kupferzuſatz ausgepraͤgt zu 232 werden pflegt, und ſich daher recht eignet, un⸗ ter den Standesgenoſſen ſelbſt als Zehrpfen⸗ nig zu curſiren. Der Schein, lieber Joſeph, der Schein iſt die leuchtende Atmoſphaͤre des ſonnigen Prieſterthums. Sonnenflecken ſind fuͤr uns Prieſter ſchlimmer als Sommerſproſſen fuͤr eine ſchoͤne Dame. Gleich bangt das fromme Vertrauen, und der hingebende Glaube der großen Menge umwolkt ſich froͤſtelnd, wenn ein Riß in dieſem blendenden Dunſtkreis auf den ſchwarzen Kern unſeres Standes blicken laͤßt; wohingegen der an einem einzelnen Prieſter ge⸗ haͤufte Schein, den die albernen Aufpaſſer Heuchelei, Scheinheiligkeit nennen, als Sonnen⸗ fackel eine wahre Inbrunſt der Unterwerfung hervorruft. Wir kennen ja Das, lieber Joſeph, und es iſt mir eine wahre Erquickung, wenn ich mich einmal daruͤber ausſprechen kann, ein Beduͤrfniß, mich bei einem Vertrauten dann und wann mit beiden Schultern, auf denen wir tragen müſſen, zu dehnen und zu ſtrecken. Und zumal bei Dir brauche ich damit nicht hinterm Berge zu halten; biſt ja nun ſelber ein Berg, ein— Lichtenberg! Er und Joſeph lachten ſo ausgelaſſen, daß Einer den Andern immer wieder ins Lachen brachte. Joſeph von Lichtenberg ſetzte demnach ſeine Beſuche bei der Familie von Schleifras fleißig fort. Er verſagte ſich die kleine Bosheit nicht, Angelika nun wirklich recht gefliſſentlich unbe⸗ achtet zu laſſen, und freute ſich doppelt, wenn er die Mutter daruͤber befremdet und beunru⸗ higt ſah.. Indeſſen dachte Doctor Scherf auf einen Ausweg fuͤr des jungen Mannes Abſichten. Da er nicht zweifelte, daß Angelika's Finte eine Eingebung des Barons ſei und mit deſſen neu⸗ licher Stichelrede zuſammenhaͤnge, ſo ſuchte der Pater aus den Umſtaͤnden zu entziffern, wie viel man wol hinter ſeinen Abſichten vermuthe und was man ihm etwa entgegenzuſetzen habe. Nach aller Ueberlegung uͤberzeugte er ſich, daß er hinter des Barons Anſpielungen wol zu viel Bedeutung befuͤrchtet und daß er ſich eher zu huͤten habe, mit uͤbertriebener Vorſicht uͤber ſein Ziel hinaus zu ſchießen. Unter dieſem Taſten und Pruͤfen gingen mehre Tage voruͤber. Eines Morgens, als die Andern baden ge⸗ gangen waren, kam er zur Baronin, die er durch Joſeph um dies beſondere Gehoͤr hatte erſuchen laſſen. Die Haſt, mit der er eintrat, vermehrte die Unruhe, mit welcher ihn die Ba⸗ ronin erwartet hatte. Ich muß mich kurz, oder vielmehr gedraͤngt faſſen, ſagte er, denn es be⸗ trifft Wichtiges und ich gehe mit dem Mittag⸗ zuge nach Bruͤſſel. Sie haben ſich uͤber das juͤngſte Benehmen des Herrn von Lichtenberg be⸗ unruhigt, meine theure Freundin. Ich vermuthe es, ich weiß es. Heute kann ich es Ihnen er⸗ klaͤren und muß es. Eine thoͤrichte Schlauheit verſucht es, Sie, meine Gnaͤdige, hinter Ihrem Ruͤcken um die Verhaͤngniſſe des Himmels zu taͤuſchen. Kindiſche Ohnmacht bloͤdſichtiger Kluͤg⸗ linge! Das edle Kind Angelika iſt gewiß nur dazu verleitet worden. Sie hat naͤmlich dem Herrn von Lichtenberg auf deſſen Erklaͤrung als erſtes Liebeszeichen das Verſprechen auf Ehren⸗ wort abgenommen, daß er ſich hier in Oſtende nicht um ſie bewerben und Ihnen von ſeinen Abſichten nichts offenbaren wolle. Bei dieſem Schwur trafen Sie damals den jungen Mann kniend. Er leiſtete ihn unbedenklich, weil er nichts von Ihrem Traume weiß, meine gnaͤdige Freundin. Er glaubt ſeinem liebenden Herzen zu folgen und ahnet die hoͤhere Fuͤgung nicht, die ihn gerade nach dieſem Bade„mit unruhi⸗ gem Waſſer“ gefuͤhrt hat. Sie durchblicken die Abſichten unſerer Gegner, liebe Gnaͤdige! Man will den edeln jungen Mann mit ſeiner offenen 236 Erklaͤrung auf ein fremdes Gebiet locken, wo man ihn in Zweifel ziehen und die Mutter uͤber die Weiſſagung ihres Traumes irrema⸗ chen will. Die Baronin war entruͤſtet. Ihrem Gemahl aber konnte ſie eine ſolche Tuͤcke nicht zutrauen. Sie ruͤhmte ſein edles, offenes Weſen und ver⸗ rieth durch ihren Eifer dem Pater, mit welcher hohen Meinung und leidenſchaftlichen Neigung ſie nach Allem doch an ihrem Manne hing. Ihre Beſchuldigungen fielen auf Veronika. Dies warme Anſchließen der Tochter an die Erziehe⸗ rin war der Baronin in letzter Zeit doch nicht unbemerkt geblieben. Sie maß es einer Ver⸗ ſchlagenheit der Gouvernante bei, da ſie die geiſtige Uebermacht derſelben nicht richtig ſchaͤtzte. Dieſe verſteckte Perſon, ſagte ſie, beguͤnſtigt auch den jungen Lersner; der buͤrgerliche Be⸗ werber iſt ganz in ihrem Geſchmack. Dieſe Liebelei iſt allerdings inſofern ſtoͤrend 237 fuͤr uns, erklaͤrte Pater Joſeph, als es dem gu⸗ ten Kinde darum ſchwerer wird, fuͤr Lichten⸗ bergs Bewerbung offen und unbefangen zu ſein. Sie haͤlt jene Kinderei fuͤr Liebe und begreift nicht, daß ihre Furcht, dies geheime Grauen vor Lichtenberg der wahre Anfang echter Liebe iſt. Die Jungfrau wird ſtets vor dem Mann ihrer Zukunft zuerſt erbeben; Angſt iſt die Ah⸗ nung ewiger Angehoͤrigkeit. In dieſer Baͤng⸗ lichkeit klammert ſie ſich an den jungen Mann mit einer Empfindung, die eigentlich dem Lich⸗ tenberg gilt, aber irrthuͤmlich auf den Andern uͤbertragen wird. Das ſind Seelenbewegungen, meine einſichtsvolle Freundin, die fuͤr den Un⸗ kundigen unendlich tief⸗liegen. Pater Joſeph zog aus dieſer Anſicht die Lehre, daß eine rechte Mutter ſich von ſolchen Irrgefuͤhlen einer Tochter nicht duͤrfe anfechten laſſen. Die Tochter glaube freilich ſteif und feſt in ihrem Recht zu ſein, die Mutter aber ſei in hoͤherer Einſicht; ein wenig Strenge, ja ſchein⸗ bare Haͤrte ſei hier Pflicht und Wohlthat, die einen nur verſpaͤteten Dank ernte. Er warnte die Baronin zugleich davor, Veronika das Ge⸗ ringſte von Entruͤſtung merken zu laſſen, oder uͤberhaupt etwas von der gegen Lichtenberg an⸗ gezettelten Liſt zu verrathen. Das iſt klug ge⸗ gen unſere Widerſacher, meinte er und ziemt dem hohen Gang des Verhaͤltniſſes, an dem wir feſthalten und das mit ſeiner Macht uͤber alle kleinen Tuͤcken hinwegſchreitet. Pater Joſeph machte ſodann den Umſtand geltend, daß er ſchon vor dem gegebenen Ver⸗ ſprechen des jungen Mannes von ihm den Auf⸗ trag gehabt habe, bei der Mutter um Angelika's Hand zu werben; er habe dies aber in Erwar⸗ tung, das junge Paar moͤge ſich erſt in Zutrauen und wechſelſeitiger Achtung naͤher kommen, be⸗ ruhen laſſen, bis dermal die Umſtaͤnde zu einer Entſcheidung in der naͤchſten Stunde draͤngten. Mein fuͤrſtlicher Goͤnner, der Herzog Ferdinand, trifft heute Abend von Paris in Bruͤſſel ein, ſetzte er hinzu, und ich muß zu Mittag Oſtende ver⸗ baſſen. Aber auch Ihnen, meine Gnaͤdige, ſteht eine nahe Abreiſe bevor. Bei dieſen Worten brachte er zoͤgernd ein Papier aus der Taſche, mit einem ſo beſorgten Blick auf die Baronin, daß ſie erblaßte. Er nannte es einen lateiniſch geſchriebenen Brief des Profeſſors van Bree, und theilte mit beruhigen⸗ dem Zuſpruch die Nachricht mit, der Zuſtand Herrn Joachims de Landas ſei bedenklicher ge⸗ worden und er ſehne ſich nach ſeiner Mutter. Man kann ſich den Zuſtand der Baronin nach dieſer Eroͤffnung vorſtellen: ihr Unwille uͤber die Anderen wich der eigenen Angſt und anſtatt, daß dieſe Angſt, wie Pater Joſeph erwartete, das Anliegen wegen Angelika's treiben ſollte, ſteigerte umgekehrt dies Anliegen ſelbſt die muͤt⸗ terliche Angſt. Alide war ganz unfaͤhig, die 240 Rathſchlaͤge zu faſſen, die der Pater ihr ertheilte und die zu Gunſten des jungen Lichtenberg recht fein und klug erdacht waren. Sie vermehrten nur noch die Unruhe der Baronin, ſo daß ſie des Paters Hand erfaßte und ihn beſchwor, ſich nicht zu entfernen, ihr jetzt mit ſeinem maͤchtigen Wort beizuſtehen. Pater Joſeph ließ ſtillſchweigend die arme Frau an der Hoffnung ſeines Beiſtandes nach und nach zu einiger Faſſung kommen und uͤber⸗ legte inzwiſchen, daß ihr Kopf doch zu angegriffen ſei, die Sache auf ſo verſtecktem Wege durchzu⸗ fuͤhren. Er ſetzte ihr dann auseinander, daß es am Ende das Einfachſte und Angemeſſenſte waͤre, wenn ſie keinerlei Vernuͤnfteleien gegen hoͤhere Rathſchluͤſſe Gehoͤr ſchenkte, ſondern einfach auf ihrem muͤtterlichen Willen beſtaͤnde.— Dieſen Weg der Behandlung uͤberſah die ſo ſehr in ſich verſunkene Baronin leichter. Sie faßte Vertrauen und Muth und ließ ſich nun 241 auch eher uͤberzeugen, daß der geiſtliche Freund ihr nicht zur Seite bleiben koͤnne, ja, daß ſeine Anweſenheit, bei der Abneigung der Ihrigen gegen ihn, gar nicht einmal wuͤnſchenswerth ſei. Auf dieſe Weiſe, ſagte er, wird ſich die Sache in wenig Augenblicken entſcheiden und Sie koͤnn⸗ ten gleich mit demſelben Mittagzuge abreiſen. Lichtenberg und ich begleiteten Sie, ich wenig⸗ ſtens bis Mecheln. Pater Joſeph ſchellte auch ohne Weiteres der Kammerjungfer, und befahl ihr, die Sachen der gnaͤdigen Frau ſchnell zu packen und ſich ſelbſt reiſefertig zu halten, um mit der Frau Baronin nach Antwerpen zu gehen. Wie Liſette erſchrocken und mit verdroſſenem Munde das Zimmer verlaſſen hatte, erhob ſich Pater Joſeph zum Scheiden. Er faßte die Hand der Baronin, die blaß und mit leidendem Aus⸗ druck vor ihm auf dem Sopha ſaß. Der Augen⸗ blick, ſagte er, wird Ihnen jenen heiligen Muth Veronika. II. 11 242 einfloͤßen, den Sie beſaßen, als Sie mich zum Theilnehmer und Ausleger Ihres muͤtterlichen Geheimniſſes machten. Damals ſprachen Sie ſo ſchoͤn aus, die Vorſehung moͤchte wol, zur Suͤhne mancher jugendlichen Verirrung, das Kind zum Opfer begehren, wie ſie einſt von Abraham den jungen Iſaak gefodert. Erheben Sie ſich noch einmal zu dieſem patriarchaliſchen Muth, der Sie zu einer zweiten Sarah macht und an dem vielleicht auch die Rettung Ihres Sohnes Joachim haͤngt. Wer erforſcht die Rath⸗ ſchlaͤge des Himmels, deſſen Finger wir in der wunderſamen Zuſammenfuͤhrung der ſo lang ge⸗ trennten Geſchwiſter nicht verkennen duͤrfen! Die Vorſehung, die ſo viel Gehorſam von Ihnen verlangt, wird Sie im Augenblick aufrecht hal⸗ ten, wo Sie Gehorſam fodern. Ja, ich ſehe es Ihnen an, meine gnaͤdige Freundin, daß Ihr Herz ſchon wieder von jenem edeln Schwur ſchlaͤgt, lieber nicht Gattin, nicht Mutter zu ſein, 243 als zu unterlaſſen, was von oben begehrt wird. Der Himmel ſegne Sie, hohe, ſtolze Frau, und laſſe mich Sie uͤbermorgen in Antwerpen als Siegerin bewundern! Er legte der Baronin ſegnend die Haͤnde auf, waͤhrend ſie ſich vom Sopha auf die Kniee niederließ. Dann wandelte er, den Hut unterm Arm, mit betend gehobenen Haͤnden, feierlichen Schrittes zur Thür hinaus. Die Baronin blieb noch eine Weile in der frommen Stimmung liegen, in der ſich ihre Vorſaͤtze befeſtigten, bis ſie die Ihrigen lachend und plaudernd uͤber den Hausgang kommen hoͤrte. Nie waren dieſelben ſo ausgelaſſen zu⸗ ruͤckgekehrt, wie ebenz ſelbſt Mathilde in ihrem Trauerſchwarz trat mit der aufgeraͤumteſten Miene ein, der Baronin guten Morgen zu ſagen. Offenbar hatten ſie einen lächerlichen 11* 244 Vorfall aus dem Bade zu berichten; allein bei dieſem blaſſen und feierlichen Ausſehen der Ba⸗ ronin verloren ſie ſchnell die gute Stimmung dazu und Niemand wollte den Anfang machen. Iſt denn'was geſchehen, liebe Alide? fragte der Baron, indem er ſich theilnehmend zu ihr auf das Sopha ſetzte. Sind vielleicht Briefe— Auch das, mein guter Guſtav, erwiderte ſie. Ich werde euch hernach Alles vortragen. Bei dieſer geheimnißvollen Ruͤckhaltung em⸗ pfahl ſich Mathilde bald. Veronika wollte ihr folgen; allein die Baronin rief ſie zuruͤck. Setzt euch erſt! rief fie feierlich und alle ſahen einan⸗ der befremdet an. Pater Joſeph hat mich eben verlaſſen, fuhr ſie dann fort, das weiße Tuch zwiſchen den gefalteten Haͤnden haltend. Er war Namens des Herrn von Lichtenberg da, der ihm laͤngſt den Auftrag ertheilt hat, um die Hand unſerer guten Angelika zu werben. Er hat damit gezoͤgert; die jungen Leute ſollten ſich 245 erſt perſoͤnlich kennen lernen. Er ſetzt voraus, dies ſei nun geſchehen und muß auch heut' Mittag nach Bruͤſſel abreiſen. Da hat er mir nun die Sache dringend ans Herz gelegt, weil er den jungen Freund in den letzten Tagen ſehr ſchwermuͤthig und kummervoll gefunden hat. Ganz ſo zeigte er ſich ja in dieſer Zeit auch hier bei uns. Es iſt uͤberhaupt ein ungemein edler Sinn in dem jungen Manne. Ich bin nun noch einmal ernſtlich und im Gebet mit mir zu Rath gegangen und muß wuͤnſchen, daß wir uns in dieſer Stunde entſcheiden. Warum aber wollen wir nun auf einmal ſo ſehr damit eilen, liebe Alide? wendete der Baron ein. Darum, beſter Mann, unterbrach ſie ihn, weil die Sache hier in Oſtende entſchieden wer— den muß und ich im Begriff ſtehe, nach Ant⸗ werpen zu eilen. Mein armer Joachim iſt kraͤn⸗ ker geworden. 246 Ich ſehe nicht ein, daß dieſe Entſcheidung juſt hier erfolgen muß, meine liebe Alide. So? Siehſt wirklich nicht ein? erwiderte ſie. Ich aber ſehe es ein und gewiſſe Andere ſchei⸗ nen es auch einzuſehen. Meine Eingebung weiſt ausdruͤcklich auf ein Bad; wir feierten ſogar die Verlobung im Bade; was ſich vielleicht auch ſpaͤter hier noch erfuͤllt. Gut! verſetzte er. Spaͤter! Ganz recht! Dann koͤnnen wir ihm auch ſpaͤter noch immer in Oſtende, oder mitten im Bad, wenn es noͤthig waͤre, den Beſcheid geben. Warum denn ſo auf den Stutz? Es iſt kein Stutz, Guſtav! Es liegt ja laͤngſt Alles einfach und fertig da: ich habe mei⸗ nen Beſtimmungsgrund, den ihr Alle ſeit vielen Monaten kennt; Deiner vernuͤnftigen Pruͤ⸗ fung iſt auch genug geſchehen; der von oben Verheißene hat ſich auch vor uns gehoͤrig aus⸗ 247 gewieſen; was bliebe denn noch zu uͤberlegen uͤbrig? Ich bitte Dich! Von meiner vernuͤnftigen Pruͤfung iſt mir nichts bekannt, Alide, erklaͤrte der Baron. Pater Joſeph hat eine vorgenommen, ſoviel ich durch Dich weiß, ſoll ich denn etwa dem ſchlauen Pater ſo unbedingt glauben, wie Du Deinem Traum? Allein, laſſen wir das einmal; wir wollen uns nicht ſtreiten, liebſte Alide! Erle⸗ digen wir lieber die dritte Frage: Was meint denn unſere gute Angelika? Die Dritte ſollte hier eigentlich die Erſte heißen. Und wenn ſie Ja zum Lichtenberg ſagt, ſo will ich gern noch die vernuͤnftige Pruͤfung ſogleich vornehmen und ſo auch unſerer elterlichen Pflicht genugthun. Wie iſt es denn, liebes Kind? Beſte Mutter, verlange nicht, daß ich den von Lichtenberg lieben oder heirathen ſoll! bat Angelika, mit aller Anmuth, aber auch mit ge⸗ faßter Entſchloſſenheit. 248 Doch! rief Alide, doch! Ich verlange es wirklich, ich fodere es im Namen des Himmels! Theuerſte Mutter, Du foderſt mehr, als ſelbſt der Himmel, erklaͤrte Angelika. Der wuͤrde es mir geradezu ins Herz gelegt haben, wenn er mir den Lichtenberg beſtimmt haͤtte, und nicht auf dem Umweg Deines Traums zu mir reden. Mutter, Mutter, wenn Du mit dem froͤmmſten Glauben, aus lauter Liebe fuͤr mich, doch in einer menſchlichen Taͤuſchung waͤreſt und ver⸗ langteſt das Herz, das Leben Deines Kindes zum Opfer fuͤr eine Einbildung! O Gott, be⸗ denke das! Das Ermahnen ſteht einem Kinde gegen die Mutter ſehr uͤbel zu Geſicht, erwiderte die Ba⸗ ronin. Es iſt meine Sache, Angelika! Und nun ermahne ich Dich zum Gehorſam des Kin⸗ des. Dein ſuͤndhafter Eigenſinn wird nicht uͤber mein himmelhohes Geluͤbde hinwegſpringen wol⸗ len. In Dein Herz gelegt haben, ſagſt Du? 249 Sieh doch! Willſt Du in kindiſchem Trotz dem Himmel vorſchreiben, welchen Weges er Dir ſeinen Willen kund thun ſoll? Er waͤhlt die Offenbarung an die Mutter, damit das Kind durch Gehorſam das Lebensgluͤck verdiene, das er ihm zugemeſſen hat. Und uͤberhaupt ſpricht Dein Herz noch gar nicht; es wird fuͤr Lichtenberg ſprechen, ſobald Du ihm die Hand reichſt. Durch die Hand koͤmmt erſt das Herz. Doch, doch, liebe Mutter! Mein Herz ſpricht und der Himmel iſt durch den Ruf der Liebe in dieſem Herzen Deinem Traum, der Erfuͤllung Deines Traums, zuvorgekommen. O lieber Vater, ſprich Du das Andere! Sie legte, uͤber die Lehne des Sophas ge⸗ beugt, ihre Hand auf die Schulter des Barons. Hoͤre mich an, beſte Alide! fiel Guſtav ein. Laß uns die Sache einmal recht vernuͤnftig be⸗ trachten. Sieh— Vernuͤnftig, beſter Mann? verſetzte ſie; nein, 11** 250 ich darf keiner Kluͤgelei der Vernunft Gehoͤr ge⸗ ben, wo ich eine glaͤubigſte Ueberzeugung habe. Mein Gott! ſeufzte er. Wohl denn; ſo be⸗ ſchwoͤre ich Dich bei Deiner Liebe zu mir, bei all' dem Vertrauen, mit dem Du mir einſt in die Welt gefolgt biſt— O mein Guſtav! rief ſie, gerade dieſe Lei⸗ denſchaft muß ich jetzt verbuͤßen, mit jedem Opfer, wenn es gefodert wird. Herr und Himmel! rief der Baron, indem er aufſprang, wo ich auch nur an Dein Herz faſſe, reißt es aus! Doch vergib, wir wollen uns ja recht zuſammennehmen! Er ſetzte ſich wieder zu ihr und fuhr fort: So hoͤre mich denn um meiner Liebe und Geduld willen an! Sieh, Du vertraueſt ohne alle eigene Pruͤfung Deiner Eingebung, wie Du es nennſt, und wenn es Dein eigenes Wohl und Weh betraͤfe, wollte ich Dich gern, zu Deiner Beruhigung, gewaͤhren laſſen. Wer 251 moͤchte aber einen Traum als einzigen und letz⸗ ten Grund entſcheiden laſſen, wenn es ein fremdes, theures Lebensgluͤck gilt? Laß uns daher, in dieſem Widerſpruch zwiſchen uns Bei⸗ den, Beide zuruͤcktreten und das Herz unſerer gebildeten und edeln Tochter allein entſcheiden in einer Sache, die auch eigentlich nur die ihrige iſt. So ſcheint mirs recht. Sie iſt noch nicht muͤndig, beſter Mann und ich bin die Mutter! erklaͤrte Alide kurz und abbrechend. Aber, liebe Alide, Du biſt in dieſer Sache ſelbſt unter Vormundſchaft Deiner Rathgeber. Daher bin ich eigentlich der rechte Vormund Deines Kindes. Als ſolcher muß ich Dir nun erklaͤren, daß ich Angelika's Wahl des jungen Lersner in jeder Hinſicht billige, eine Neigung— Ha! fiel die Baronin ein. Nun geſteht ihr ſelber euer Complot gegen mich ein? Nun, ſollen wir weniger aufrichtig ſein, als 252 Du? rief der Baron. Streiteſt Du denn nicht die ganze Zeit, um Dein Complot gegen die Tochter und unſere Vernunft durchzuſetzen? Ein Complot nennſt Du das? rief ſie, hef⸗ tig aufſpringend. Doch nein! Ihr ſollt mich nicht aus meiner frommen Faſſung bringen. Und es iſt keine Sache, um lange daruͤber zu rechten. Eine letzte Frage an Dich, meine Toch⸗ ter, und Deine Antwort entſcheidet Deine und unſere Zukunft. Das bedenke jetzt in Deinem Gewiſſen! Sprich, willſt Du Deiner Mutter gehorchen? Angelika kniete feierlich vor der Mutter nie⸗ der, die ſich wieder geſetzt hatte, und ſprach: Liebſte, theuerſte Mutter, ich bin nicht trotzig, ich bin nicht leichtſinnig; glaube mir! Ich denke in dieſem Augenblick an den Himmel, an meine Confirmation, an Deine und meine Seele, an alle Hoffnungen, die wir fuͤr hier und dort feſt⸗ halten; aber— ich liebe den Friedrich Lersner! 253 Und willſt Dich alſo von mir reißen, rief Alide, ſich hoch aufrichtend, willſt Deiner Mut⸗ ter Fluch—2 Heiliger Gott! ſchrie Angelika und ſtuͤrzte an Veronika's Bruſt. Halt' ein, Ungluͤckſelige! gebot Guſtav, in⸗ dem er Aliden auf das Sopha niederdruͤckte. Haben Dir Deine Prieſter keinen Segen fuͤr Dein Kind gelaſſen, ſo gib ihnen auch den Fluch zuruͤck! Fuͤhren Sie das Kind hinweg, Veronika! Und als er mit Aliden allein war, ſagte er mit gewaltſam unterdruͤcktem Zorn: Sieh, ich gebe nicht ſo viel auf Deinen thoͤrichten Fluch, als mir auf dieſem Nagel meines kleinen linken Fingers liegen bleibt! Al⸗ lein das Kind ſoll ihn nicht hoͤren, Deinen tol— len Fluch; ſoll nicht, wenn er ausgeſprochen iſt, Tag und Nacht vor dem Zufall bangen, der ſich daran haͤngen koͤnnte, wie er ſich an Deinen 254 Traum gehaͤngt hat, um unſer Lebensgluͤck zu vernichten. Zufall? O daß Du ſo verblendet ſein mußt, beſter Mann! ſeufzte ſie. Danke dem Himmel, Alide, wenn es nur ein Zufall iſt. Unſelige Stunde, wenn Du er⸗ kennen muͤßteſt, daß Du vielleicht um eines Betruges willen Dein Kind verſtoßen haſt, das nun mein Kind iſt! Dein Kind? fragte ſie mit ſtarrem, ver⸗ worrenem Blick und blieb eine Weile ſtumm, mit gefalteten Haͤnden, ſitzen; dann erhob ſie ſich und ſagte in faſt kindiſchem Ton: So will ich nun fort zu meinem armen Joachim! Sie wankte mit gefalteten Haͤnden nach der Thuͤre. Ploͤtzlich blieb ſie ſtehen, wendete ſich um, laͤchelte mit liebevollem Blick und vorge⸗ ſtreckten Armen Guſtav an. Leb' wohl, liebſter, theuerſter Mann, ſagte ſie und ſank an ſeine 255 Bruſt. Nimm das Kind, nimm es fuͤr Dich! Dein Kind, ja Deines! Huͤt' es an Deiner Bruſt vor der Rache des Himmels! Ich liebe Dich, ich lieb' euch Alle, o wie lieb' ich euch Alle, Alle und vergeb' euch Alles, Alles! Aber ich darf nicht laͤnger mit euch ſein; ich hab' euch verſchworen und darf nicht Mutter— nicht— Sie erblaßte und ſank, von Guſtav getragen, ohnmaͤchtig auf das Sopha. ₰½ — 2 2 ‿ — — — Nach truͤben, froͤſtlichen Tagen ging aus leich⸗ ten Morgennebeln ein herrlicher Auguſtſonntag hervor, man moͤchte ſagen, wie eine glanzvoll duftende Blume ſich aus dicken, dunkeln Blaͤt⸗ tern und aus lichteren Knospenhuͤllen entfaltet. Die Sonne lag glaͤnzend auf dem herrlichen Rheinſtrome und den gruͤnen Rheinauen vor Hattenheim; ein ſchimmernder Duft umſpann die Rebenhuͤgel und das Schloß Johannisberg und verſchleierte geheimnißvoll den fruchtbaren Schooß bis an das Rheingebirge hinab. Die Glocken laͤuteten von beiden Ufern des Stromes und eben zogen die erſten von Mainz kommen⸗ den Dampfſchiffe voruͤber, als auf dem Altan des Lersner'ſchen Landſitzes das Fruͤhſtuͤck auf⸗ getragen wurde. Es war der erſte Sonntag, den der Baron Guſtav mit ſeiner Tochter und mit Veronika hier zubrachten. Vor ein paar Tagen waren ſie hier eingetroffen. Der Zufall, der ihnen am Meeresufer von Oſtende den entſetzlichſten Wirr⸗ warr angerichtet hatte, war ihnen, wie zur Ver⸗ ſoͤhnung, in dem Pfarrer Kindlinger entgegen⸗ gekommen, der eben ſeinen Spaziergang nach Oeſtrich richtete, als ſie, hier angelandet, den Fußweg nach Hattenheim einſchlugen. Jetzt ſaßen ſie beim Kaffee mit dem herrli— chen Ausblick auf Strom und Landſchaft. An⸗ gelika und Fritz, das frohe, von beiden Vaͤtern anerkannte Paar, ſaßen an einem innern Tiſch⸗ chen, wie es ſchien wenig um reizende Fern⸗ ſichten bekuͤmmert. Lottchen Lersner bediente die lieben Gaͤſte und hielt zugleich ein paar Schwe⸗ ſterkinder in Obhut, die immer wieder auf des Großvaters Knie klettern und die Quaſten der langen Pfeife fangen wollten. Guſtav und Ve⸗ ronika laͤchelten zufrieden zu dieſen Familienſce⸗ nen oder blickten geruͤhrt hinaus in dies feier⸗ liche Naturleben eines frommen Sommertages. Eine leiſe Wehmuth bebte zuweilen noch in ih⸗ ren Herzen, eine heimliche Sehnſucht, die durch dieſe verſoͤhnenden Uebergaͤnge einen befriedigen⸗ den Schlußaccord zu den zerreißenden Misklaͤn⸗ gen der juͤngſten Vergangenheit ſuchte. Zuerſt verließ Kindlinger die Geſellſchaft, um ſich zu dem Gottesdienſte vorzubereiten, den er heut', am zweiten Sonntage ſeiner Ankunft, in der Hauskapelle halten wollte. Das iſt ein vortrefflicher Mann, den ich Ih⸗ nen zu verdanken habe! rief der alte Herr Lers⸗ ner hinter dem Abgegangenen aus. Ich ſagte Ihnen ſchon, glaube ich, daß ich gleich auf meines Fritz briefliche Benachrichtigung nach Koͤln gefahren bin und den lieben Geiſtlichen in den Dom beſtellt habe, wo ich auch Sie Alle zuerſt kennen lernte. Kindlinger und ich verſtanden einander mit wenig Worten und der Geiſt meines verſtorbenen Freundes vereinte uns durch das von ihm hinterlaſſene Tagebuch noch inniger. Wenn auch Kindlinger fuͤr mein Herz noch nicht ſein kann, was mir der Selige durch langjaͤhrigen Verkehr in Leid und Freude ge⸗ worden war, ſo greift er dafuͤr, als unſer Haus⸗ prieſter, beinahe weiter und tiefer als mein Freund Hilarius. Dieſer war naͤmlich Ordens⸗ geiſtlicher geweſen und hatte die eigentliche Seel⸗ ſorge nie ſo vielſeitig geuͤbt wie Kindlinger. Was hat Der nicht fuͤr einen Blick, fuͤr ein Herz, die verſchiedenſten Menſchen zu erforſchen und zu bewegen! Auch wiſſenſchaftlich ſoll er bedeutender als Hilarius ſein, wie mein Fritz behauptet. Man begab ſich nach dem Fruͤhſtuͤck in den „. 263 Garten hinab, den man in den letzten Tagen wenig hatte beſuchen koͤnnen. Das Landhaus hatte die reizendſte Lage. Der aͤltere Vorder⸗ bau ſtand dem Strome zugekehrt und hatte ſich erſt ſeit zwei oder drei Jahren durch die beiden Fluͤgel erweitert, die einen hintern Hof umfaß⸗ ten und am Ende deſſelben durch eine Gallerie zuſammenhingen, von der man nach Wald und Weinbergen ausblickte. Auf dem rheinabwaͤrts gekehrten Fluͤgel lagen die Gaſtzimmer; auf dem ſuͤdlichen eine Reihe Wohn⸗ und Geſellſchafts⸗ zimmer, die zu einem halbrunden Saal fuͤhrten, der nun zu einer Hauskapelle eingerichtet war. Dieſer Einrichtung wegen hatte man auch eine Thuͤre auf die Gallerie gebrochen und eine Treppe angelegt, auf der das Geſinde aus dem Hofe und den Geſindeſtuben zur Kapelle gelangen konnte, ohne uͤber den Corridor des Hauſes zu gehen. Man bediente ſich einer Geſindeglocke im 264 Hofe, um das Zeichen zur haͤuslichen Andacht zu geben. Eben vernahm man daſſelbe im Gar⸗ ten und begab ſich durch das Haus nach der Kapelle. Die Freunde nahmen die vordern Sitze ein; die hintern Baͤnke fuͤllten ſich, von der Gallerieſeite her, mit dem Geſinde und ſolchen Landleuten, die im Hauſe ab- und zugingen oder als Bekannte des Hausgeſindes ſich mit einſchlichen. Man ſah an dieſem heimlichen Zu⸗ drang, den man vorſichtig abwehren mußte, an dieſem Verlangen nach den ſeelenvollen Reden des fruͤhern und des jetzigen Hausgeiſtlichen, wie verbreitet das Beduͤrfniß und die Empfaͤnglich⸗ keit fuͤr echte und erleuchtete religioͤſe Weltbe⸗ trachtung auch unter den gemeinen Leuten iſt. Das Erdgeſchoß des Vorderbaues war zu einem Gewaͤchshaus eingerichtet, hinter welchem ſich ein kuͤhler Speiſeſaal fuͤr große Geſellſchaft und heiße Jahreszeit, in Verbindung mit der Kuͤche, befand. Heut' aber, nach dieſen kuͤhlen 265 und feuchten Tagen, zog man es vor, oben zu ſpeiſen, bei freier Luft und Ausſicht durch das Altanfenſter. Gaͤſte waren heut' nicht geladen; auch fuͤhrte das gute Gluͤck, wie es der gaſtfreie alte Herr zu nennen pflegte, keine unerwarteten herbei. Man entſchloß ſich daher zu einem Spa⸗ ziergange nach der ehemaligen Abtei Eberbach, in der jetzt eine große Irrenanſtalt eingerichtet war. Ein Bote wurde vorausgeſchickt, beim Inſpector der Anſtalt, einem Freunde des alten Herrn Lersner, die Geſellſchaft zum Kaffee an⸗ zumelden. Zwiſchen Weingaͤrten und den zum Theil ſchon abgeernteten Feldern fuͤhrte der Weg ſanft empor. Man fand es aber ſchwuͤler als man erwartet hatte. Auf der Hoͤhe faͤchelte jedoch die bewegte Luft und der Blick in das jenſei⸗ tige Waldthal ließ die angenehmſte Erfriſchung hoffen. Wenn man bei der Ausſicht uͤber das frucht⸗ Veronika. II. 3 12 266 bare Rheinthal, uͤber ſo viel Reichthum und Herrlichkeit erſtaunt, ſo uͤberzeugt man ſich beim Einblick in dieſe Wieſenthaͤler des waldigen Ge⸗ birges, daß die Natur ſich doch nicht erſchoͤpft, ſondern auf dieſer Seite des Hoͤhenzuges eben ſo viel Reize anderer Art verſteckt hat. In einem ſolchen Engſchooße bewaldeter Berge lagen jetzt die Gebaͤulichkeiten der ehemaligen Abtei vor unſerer, auf der Hoͤhe angelangten Geſell⸗ ſchaft da. Hier, in frommer, gruͤner Einſam⸗ keit, lebten einſt die Geiſtlichen, nur durch einen hochbewaldeten Bergzug von der Herrlichkeit des Stromthales geſchieden, aus welchem ſie die reichſten Opfer bezogen und woher zu ihrer ſchoͤnen Kirche die Wallfahrt der Glaͤubigen, zu ihrer leckeren Tafel die Beſuche froher Welt⸗ genoſſen kamen. MWunderbare Wechſel der menſchlichen An⸗ ſtalten! bemerkte Veronika, als man ſich eben im Schatten der Waldhoͤhe links hinab wendete. Eine Abtei in ein Irrenhaus verwandelt! Die einzige Aehnlichkeit, die ich darin finden kann, iſt etwa die, daß die jetzigen Bewohner dieſer großartigen Gebaͤude irre an der Welt geworden ſind, die ehemaligen aber in den himmliſchen Dingen zuweilen geirrt haben moͤgen. Vielleicht waltet doch hier mehr Zuſammen⸗ hang, als man beim erſten Anblicke glaubt, fiel Kindlinger laͤchelnd ein. Die Zeit hat jene beim Weltgenuß in ihrem Lehrberuf irre gewor⸗ denen Prieſter ausgetrieben; dieſe beſtreben ſich nun, lehrend und verdammend, ihre alten Be⸗ ſitzthuͤmer wieder zu erobern; ſie machen aber in ihrem neuen Eifer fuͤr den Himmel die glaͤu⸗ bigen und angſtvollen Seelen ſo toll und ver⸗ wirrt, daß man die Kloͤſter und Abteien, die jene Eiferer gern wieder bezoͤgen, mit Irren und Raſenden fuͤllen muß. Es iſt ja bekannt, daß es jetzt wieder viel religioͤſe Narren gibt, freilich auch ſolche, die gerade noch nicht einge⸗ 12* 268 ſperrt werden, ſondern vielleicht gar bei Koͤni⸗ gen und Fuͤrſten in ſonderlichem Anſehen ſtehen. Ein ſehr merkwuͤrdiger Irrer ſoll eben jetzt da unten in der Anſtalt ſein, von dem juͤngſt der Inſpector ſprach, als er Sie beſuchte, lieber Herr Lersner. Ja wohl! erwiderte der alte Herr. Bru⸗ der Bonaventura nennt er ſich. Vielleicht be⸗ kommen wir den ſeltſamen und gewoͤhnlich ſehr ſcheuen Mann heut zu ſehen. Eben ſah man eine Dame mit zwei Herren aus dem Thor des Hofes kommen und an den davor haltenden Reiſewagen treten. Sie ſtiegen jedoch nicht ein, ſondern ließen den Wagen mit Bedienung vorausfahren und folgten bergan zu Fuß. Als ſie, naͤher gekommen, hinter dem Wagen hervortraten, war es Niemand anderes als— die Graͤfin Bliech, der Abbate und je⸗ ner blaſſe, junge Mann, den Veronika und der Baron, von dem Auftritte vor dem Pavillon 269 her, fuͤr den Haardieb der Graͤfin erkennen mußten. Der Abbate ward betroffen, als er in der ankommenden Geſellſchaft gerade dieſe Bekann⸗ ten entdeckte. Er faßte ſich jedoch, gruͤßte ſehr artig Alle und Jeden und hielt ſich an Kind— linger, den er gleich ein Streckchen Weges mit ſich fortfuͤhrte. Die Graͤfin dagegen benahm ſich ganz unbefangen, umarmte die Geheime⸗ raͤthin und ſchien ſich in der That ſo kindlich zu freuen, als ſie es verſicherte. . Welche unerwartete Begegnung, meine liebe Graͤfin! rief Mathilde. Verzeihung! erwiderte Anna. Mit der Graͤfin iſt es vorbei. Ich bin eine ganz friſche Baro⸗ nin. Dies mein lieber Mann, Baron Halm von Hagenitz! Lieber Edmund, Frau von Keib, Schweſter des Barons von Pruſſach! Waͤhrend der beiderſeitigen Begruͤßungen fuhr ſie, gegen den Baron und Veronika ge⸗ 1 270 wendet, fort: Wir waren in der Liebe immer ein wenig uneinig, Edmund und ich; aber das gibt juſt die beſten Ehen. Wenn wir uns jetzt ſo lieben, wie wir vorher einander gequaͤlt ha⸗ ben, ſo ſind wir das gluͤcklichſte Paar zu nen⸗ nen. Ich, lieber Edmund, will Dir an Lang⸗ weile nichts erſparen! Sie reichte ihm mit freundlichem Blicke die Hand, die Edmund mit der Verſicherung kuͤßte, er habe ihr deſto mehr an Liebe aufgeſpart. Ich ſehe Ihre ſchoͤne Frau nicht, lieber Ba⸗ ron? ſagte Anna zu Guſtav. Sie iſt noch in Antwerpen geblieben, erwi⸗ derte er ruhig und kurz. Das haͤtten wir wiſſen ſollen! rief ſie. Wir kommen eben aus der Naͤhe. Wir haben uns naͤmlich in Luͤttich trauen laſſen und reiſen jetzt uͤber die Baͤder, um zu ſehen, wie leer ſie ſchon geworden ſind. 1 Indem ſie ein wenig ſeitwaͤrts mit dem 271. Baron wandelte, fluͤſterte ſie ihm zu: Warum ſehen Sie mir ſo nach dem Kopfe? Mußten Sie denn auch damals noch im Pavillon ſein? Ich dachte Sie durch die unerwartete Veronika zu vertreiben; denn ich wußte, daß mein Ed⸗ mund in der Naͤhe war, um um meine Hand zu bitten. Er wurde aber irre und nahm das Haar. Ha! ha! Nun wundern Sie ſich wol, daß wir uns doch ſo ſchnell geheirathet haben? Aber, wir liebten uns laͤngſt, und wiſſen Sie, was einen Mann unwiderſtehlich macht? Ich wills Ihnen vertrauen! Wenn er, bei ſolchen Vor⸗ zuͤgen, wie mein Edmund beſitzt, ſich die Vor⸗ rechte herausnimmt, die eine Dame nur dem Schneider und dem Friſeur geſtattet. Beide dringen mit der Scheere in unſere tiefſten Ge⸗ heimniſſe. Und wiſſen Sie, daß die Scheere das Sinnbild der Ehe iſt? Zwei zuſammenge⸗ nietete Meſſer, die von entgegengeſetzten Sei⸗ ten nach einem Ziele arbeiten. Nicht wahr? 1 * Oder— ich weiß ſchon, Sie verſtehen mich nicht; Sie ſind kein Philoſoph! Gott behuͤte Sie! Sie gruͤßte mit der Hand die uͤbrige Ge⸗ ſellſchaft und eilte am Arme ihres Gemahls dem Abbate nach, der ſchon eine Strecke aufwaͤrts vorausgegangen war. Wir haben ſeit kurzem viel gegen den Zu⸗ fall in der Welt geſprochen, heut' muͤſſen wir doch wol an ihn glauben! redete Veronika den Baron an. Gluͤckliches Voͤlkchen! ſeufzte Guſtav. Wie leicht das traͤumt und liebt, ſich findet und feſt⸗ haͤlt! Das waͤgt nicht lange, das gruͤbelt nicht tief! Nein, lieber Freund, verſetzte Veronika lä⸗ chelnd,„wo mein Haar iſt, da iſt mein Herz!“ Das war die Philoſophie der Graͤfin. Haben Sie geſehen? Sie hatte wirklich ihr Haar wie⸗ der kuͤnſtlich auf dem Kopfe. Oder es drohte vielleicht dem Geſchaͤft und der Firma ein Stoß 1 273 durch den verwegenen Streich des ungluͤcklichen Liebhabers. Eine Heirath deckt ja manchmal den Miscredit einer alten Firma. Was ſie aber gerade in einem Irrenhauſe gewollt haben moͤgen? Der Inſpector des Irrenhauſes empfing ſei⸗ nen Beſuch mit einfacher Herzlichkeit. In ſei⸗ nem Weſen lag ein gewiſſer wehmuͤthiger Ernſt. Mit Liebe wach unter ſo viel wunderlichen Traͤumern zu ſein, ſchien wenig Erheiterndes zu haben. Seine Unterhaltung verrieth einen wei⸗ ten Geſichtskreis innerhalb des geſellſchaftlichen Lebens und einen tiefen Einblick in die verwor⸗ renſten Seelenzuſtaͤnde ſeiner Kranken. Nachdem er den Freunden die Einrichtung der Anſtalt ſowie die mit alten Steindenkmalen geſchmuͤckte Kirche gezeigt hatte, fuͤhrte er ſie nach den Berggaͤrten, in denen die Kranken, nach dem Geſchlecht getrennt, den Sonntag Nach⸗ 12** 274 mittag zubringen durften. Nur die Raſenden blieben in Haft und man hoͤrte ſie aus einem entlegeneren Bau ſchreien und toben. Es iſt immer ein eigenes Gefuͤhl, mit dem man ſo viel Wahnſinnige bei einander ſieht. Sie ſaßen theils in Gruppen, theils ſchlichen ſie vereinzelt in den Gaͤngen umher. Manche rannten mit ſeltſamen Geberden, unbekuͤmmert um die Fremden, voruͤber; Andere entflohen ſcheu und verſteckten ſich hinter den Gebuͤſchen. Veronika fragte nach dem vor kurzem ein⸗ gebrachten Bruder Bonaventura. Sehen Sie ihn dort den Berg herabkom⸗ men? erwiderte der Inſpector. Bleiben wir ſtehen, ohne uns nach ihm umzuſehen. Wir verſcheuchen ihn ſonſt. Ich habe abſichtlich dies Buch mitgebracht und reiche es Ihnen umher; er iſt auf Lectuͤre verſeſſen und ein Buch macht ihn am eheſten zutraulich. Waͤhrend das Buch von Hand zu Hand 275 ging, fuhr der Inſpector fort: Es iſt der merk⸗ wuͤrdigſte Mann, den ich je behandelt habe. Sehen Sie nur dieſe wahrhaft patriarchaliſche Geſtalt. Er iſt ein Achtziger, und welche Kraft zeigt ſich noch in Geſichtsfarbe, Haltung und Blick! Es iſt eine ungewoͤhnliche Naturkraft und geiſtige Begabung in ihm. Er hat viel⸗ fache Reiſen gemacht, in beiden Indien gelebt, und ſo in abwechſelnden Klimaten, unter ver⸗ ſchiedenen Nationen ſeine koͤrperliche Energie und den geiſtigen Blick geuͤbt. Doch ſtill, da naͤhert er ſich ſchon! Mit gehaltenem Schritt, hoch aufgerichtet, kam der auffallende Mann herbei. Er war in einen ſchwarzen, etwas orientaliſch zugeſchnitte⸗ nen und umguͤrteten Talar aus feinem Stoff gekleidet; um den Hals und uͤber die Bruſt herab hing, als prieſterliche Stola, ein ſchmales, damaſtnes Handtuch. In der Linken fuͤhrte er als Stab ein Eichſtaͤmmchen mit dem gruͤnen 4 276 Blaͤtterbuſch. Er ging barhaupt, mit einem dicken Kranz aus Immergruͤn, das mit friſchen Ranken am Gartengemaͤuer wuchs. Darunter hing lang und lockig das Haupthaar hervor und ein dichter, ſchneeweißer Bart fiel uͤber den Guͤrtel herab. Die Formen des Geſichts wa⸗ ren kraftvoll und edel, Stirn und Naſe maje⸗ ſtaͤtſch vorragend und zwiſchen den tiefen, dun⸗ kelgrauen Augen zog eine Furche nach der Naſe herab. Friede ſei mit euch! gruͤßte er mit klang⸗ voller Stimme. Und mit Deinem Geiſt! erwiderte Kindlin⸗ ger, von unwillkuͤrlicher Ehrerbietung ergriffen. Du biſt ein Prieſter, Mann mit dem wohl⸗ wollenden Geſicht und den klaren Augen! ſagte der Irre, indem er den Geiſtlichen ſcharf an⸗ blickte. Ich erkenne Dich, nicht an Deinem kirchlichen Gegengruß, nicht an Deinem ſchwar⸗ zen Frack und Beinkleid im gewichſten Stiefel, 277 ſondern an der Weihe, an der, die aus Dei⸗ nen Schlaͤfen leuchtet, nicht die Dir auf Deine roͤmiſche Tonſur geſalbt iſt. Laß ſitzen, laß ſitzen den Hut! bis Haare uͤber dieſe Tonſur gewachſen ſind; denn von heut' an haſt Du Deinen neuen Oberhirten geſehen, den Patriar⸗ chen von Deutſchland. Er legte bei dieſen Worten ſeine feine, weiße Hand auf die Bruſt. Du weißt, fuhr er fort, daß Rom beſtimmt iſt, zwei Weltherrſchaften von ſeinen ſieben Huͤgeln abrutſchen zu ſehen. Die zweite Erfuͤllung naht heran: das deutet Dir der neuauflodernde Glanz. Auch dem Ver⸗ gehenden iſt von der Natur ein Schimmer ver⸗ liehen und der Tod hat einen Phosphorathem. Auf jenen Huͤgeln wohnt der alte Traum von einer Univerſalherrſchaft. Das iſt ein Wahn⸗ finn. Einſt herrſchten auf dem jungen Erdball die vier Elemente, wie die viel ſpaͤtern vier Pa⸗ triarchen in der jungchriſtlichen Welt. Wie aber 278 die organiſche Weihe uͤber ihn kam, da ver⸗ mehrten ſich die Dioͤceſen des Naturlebens. Die Natur will tauſenderlei Bluͤten, tauſendfache Bewegung des Gethiers. Und ſo will der Herr millionenfaͤltig angebetet ſein. Darum hat er fruͤhe ſchon Denen, die zu Babylon einen Papſt aus Backſteinen machen und mit Erdpech ſalben wollten, die Sprache verwirrt. Die Voͤlker ſollen verſchiedentlich beten. Auch das Chriſten⸗ thum fing mit tauſend Pfingſtzungen an. Jede Nation hat ihren beſondern Geiſt, der ſich die ihm angemeſſenen Satzungen bildet. Ich bin der Patriarch von Deutſchland! Knie nieder, Mann mit der Weihe auf der reinen Stirne! Es war etwas Unwiderſtehliches in dieſem Gebot; Kindlinger kniete ſich, ungeachtet einer heimlichen Beſorgniß, des Patriarchen Wahnſinn moͤchte anſteckend ſein. Bonaventura legte ihm die Hand auf und ſprach: Sei Du ein Prieſter der Wiſſenſchaft! Aber nicht des ſpaltenden 279 Wiſſens, ſondern der Erforſchung unſerer hoͤch⸗ ſten Traͤume, unſerer ewigen Ahnungen und der wiederkehrenden Offenbarungen. Lehre und ſegne! Fluch haben wir nicht. Ein Thema des Lebens haben wir, kein Anathema. Segne, was ſich erkennt; ſegne, was ſich liebt; ſo be⸗ ſteht die Sinnen⸗ und die Geiſterwelt. Steh' auf, lehre und ſegne! Kindlinger erhob ſich und ſah mit verlegener Ruͤhrung nach den Umſtehenden. Waͤhrend er fluͤchtig uͤber Wald und Wieſe hinblickte, ſich zu uͤberzeugen, daß er noch bei guten Sinnen ſei, fuhr Bonaventura fort: Aber Du, Prieſter der Wiſſenſchaft, nimm Dir eine Prieſterin der Liebe zur Seite! Eine, die hinter Deinem zerpfluͤckenden Wiſſen her die unſchuldigen Freuden des Lebens auflieſt, die Deinem Forſchen nach den Zeichen des Ewigen die Traͤume froher Stunden nachtraͤgt und Deine umleuchtete Schlaͤfe mit den Taͤuſchungen des 280 liebenden Herzens umkraͤnzt. Dort ſteht Eine! die da mit dem edeln Munde, mit den Lippen, auf denen kein gemeines Verlangen brennt. Er wies mit vorgeſtrecktem Finger auf Ma— thilden. Komm, meine Tochter! gebot er. Folge dem edeln Freund, gehoͤre ihm mit reiner Seele an! Ich, euer Patriarch, ſegne euch zuſam⸗ men. Lege die Trauer um Todtes ab, meine Tochter, und diene dem Leben! Das Chriſten⸗ thum, dieſe ausgeſtralte Seele der Menſchheit, trat mit Licht und Liebe zwiſchen die Thorheit und Armuth des Lebens. Alles will man heute mit Freiheit ausgleichen, ebnen, vertheilen; nur das Geld und der Glaube ballen ſich dicker und feſter zuſammen und haͤufen neue Noth und Narrheit. Prieſter der Wiſſenſchaft, Prie⸗ ſterin der Liebe, geht, vertheilt ſie unter die Beduͤrftigen! Und der Friede ſei mit euch! Er neigte ſein Haupt und wandelte dem Hauſe zu. 281 Die Geſellſchaft blieb eine Weile ſtumm, Eins das Andere anblickend. Jedes glaubte um des Andern willen laͤcheln zu muͤſſen und konnte fuͤr ſich ſelbſt die geruͤhrten Mienen nicht in die Lachfalten bringen. Als endlich die wunderſame Stimme ganz verklungen, die gebieteriſche Stirn in der Vorſtellung erloſchen war, ſchuͤttelte man den Kopf, um damit anzudeuten, man irre ſich wenigſtens darin nicht, daß ein Irrer geſpro⸗ chen habe. Nicht wahr? rief endlich der Inſpector. Der merkwuͤrdigſte Kauz! Ich notire mir ſeine auf⸗ fallendſten Aeußerungen und will ſie Ihnen naͤchſtens einmal mittheilen. Es iſt oft nicht zu ſagen, ob man Unſinn oder Tiefſinn vernommen habe. Weiß man denn nicht, wer und woher er iſt? fragte Veronika. Man hat ihn mir in ein Geheimniß einge⸗ packt uͤberliefert, ſcherzte der Inſpector. Ich 282 darf die Emballage nicht von ihm nehmen und kann nur hier und da ein wenig daran lupfen. Seine Aufnahme iſt im diplomatiſchen Wege verhandelt worden. Die Diplomatie iſt ja be⸗ kanntlich die Hintertreppe im Staatshaushalt, auf der man Alles ab⸗ und zutraͤgt, was auf der Prachtſtiege, die mit dem oͤffentlichen Leben zuſammenhaͤngt und nicht durch den Hof geht, ſich uͤbel ausnehmen wuͤrde. Ich bekam, un⸗ gefaͤhr vor ſechs Wochen, die Weiſung zu ſeiner Aufnahme und Vorſchriften fuͤr ſeine Behand⸗ lung. Er ſelbſt kam bei Nacht angefahren, in Begleitung einiger handfeſten Bedienten, die der weltlich gekleidete geiſtliche Herr, der ihn mir uͤberlieferte, wieder mit ſich nahm. Nun traut mir der Kranke ſelbſt nicht, ſondern glaubt mich im Einverſtaͤndniß mit ſeinen„Widerſachern“, wie er ſeine Feinde zu nennen pflegt. Er mei⸗ det mich dann Tage lang, oder gibt mir keine Audienz. Audienz? fragte Mathilde laͤchelnd. Ja, ja, meine Gnaͤdige! antwortete der Inſpector. Ich bin angewieſen, ihn als einen hochſtehenden Mann zu behandeln. Und ein ſolcher mag er auch geweſen ſein. Die fixe Idee, die Sie ja vernommen, in der er ſich fuͤr Deutſchlands Patriarchen haͤlt, deutet mir auf eine hohe Stel⸗ lung, die er eingenommen, ſo wie auf ſeine Schuld, wegen der man ihn lange eingeſperrt gehalten zu haben ſcheint, bis ſein Wahnſinn wahrſcheinlich mehr Aufſehen erregte, als ſeine Ketzerei. Gewiß war er ein hoher Kirchenfuͤrſt! fiel der alte Herr Lersner ein. Drum hat er auch nur Blick fuͤr geiſtliches Ausſehen, da fuͤr unſern lieben Freund Kindlinger und fuͤr die ſchwarz gekleidete Frau Geheimeraͤthin. Uns hat er gar nicht beachtet, Herr Baron; ſo an⸗ ſehnlich wir Beide uns doch ausnehmen. 284 Der Baron lachte uͤber die heitere Eiferſucht ſeines buͤrgeradeligen Freundes. Aber, was koͤnnen Sie denn da fuͤr des ehrwuͤrdigen Mannes Geneſung thun, Herr In⸗ ſpector? fragte Veronika. Auf die ſcheint es den Unbekannten auch nicht anzukommen, antwortete er. Vielleicht, weil der Kranke ſchon ein Achtziger iſt, vielleicht auch, weil man mir ſonſt, um ihn richtig zu behandeln, ſeine Vorgeſchichte mittheilen muͤßte. So ſoll ich ihm auch außer Brevier und katho⸗ liſcher Theologie nichts zu leſen geben. Ich thue es auch nicht; allein er findet Mancherlei auf meinem Studirzimmer, Naturwiſſenſchaft⸗ liches, Philoſophiſches und dergleichen. Das verſchlingt er dann; daruͤber ſpricht er mit mir, das fuͤhrt ihn immer wieder zu mir. Ich bin nur zu ſehr an meine Inſtruction gebunden. Von Zeit zu Zeit uͤberraſcht mich auch irgend ein Fremder mit Beſuch. Auch der alte Herr, dem Sie draußen begegnet ſind, kam nur, um nach dem Bruder Bonaventura zu ſehen. Ich erkannte gleich den Viſitator in ihm, ehe er ſich noch ſchriftlich auswies. Bonaventura! Es iſt ſchon ein ſeltener Name, bemerkte Angelika. Dieſer ſchoͤne Name deutet auf einen Ordens⸗ geiſtlichen des dreizehnten Jahrhunderts, mein Fraͤulein, erklaͤrte Kindlinger. Er wurde auch der ſeraphiſche Doctor genannt und iſt einer der hohen und herrlichſten Geſtalten aus der glor— reichſten Zeit der katholiſchen Kirche. Jener Bonaventura war ein großer Gelehrter, der die getrennte Scholaſtik und Myſtik ſeiner Zeit in ihrer beiderſeits halben Wahrheit zu vermitteln ſtrebte und die ſubtilſten Beſtimmungen einer wortklaubenden Lehre mit der Innigkeit des Gefuͤhls zu erquicken ſuchte. Solch' ein Mann fehlt uns heute wieder, wo wir in aͤhnlichem 286 Zwieſpalt leben und ſtreiten. Doch zweifle ich, daß Schelling dieſer ſeraphiſche Doctor ſei und das Vertrauen auch nur zweier deutſchen Koͤnig⸗ reiche gewinnen werde, wie jener Bonaventura die Verehrung des Morgen- und Abendlandes gefunden hatte. 3 Unſer Bonaventura ſcherzt manchmal mit ſeinem Namen, bemerkte der Inſpector. Neulich ſagte er mir: In meiner Erinnerung verweſen die ſchoͤnſten Traͤume aus drei Welttheilen; in meinem Namen keimen dafuͤr die herrlichſten Traͤume der Zukunft— Bona ventura. Das Wort, mein Fraͤulein, iſt lateiniſch und bedeutet in dieſer Trennung ſo viel als Zukunftsſchäͤtze, kommende Guͤter, kuͤnftige Wahrheiten. Ach, der Prophet im Irrenhauſe! ſeufzete Veronika. Fritz aber rief vergnuͤgt aus: Komm, Angelika! Reiche mir die Hand auf die Loſung dieſes Wortes! Bonaventura iſt der Geiſt der Zukunft, wie Roccoco das Geſpenſt der Ver⸗ 287 gangenheit! Wir verſchreiben uns dem Geiſt Bonaventura! Als unſere Freunde bei anbrechender Daͤm⸗ merung zu Hauſe anlangten, fanden der Baron und Veronika Briefe aus Antwerpen vor. Beide zogen ſich zuruͤck, um ſie zu leſen; indeß die Andern auf der Altane ſich des prachtvollen Abendhimmels freuten. Waͤhrend die Freundin mit dem Brief Liſettens nach ihrem Zimmer ging, wurden die letzten Ereigniſſe in Oſtende und Antwerpen wieder recht lebhaft in ihrer Erinnerung. Die Baro⸗ nin Alide war aus ihrer Ohnmacht zu ſich ge⸗ kommen, ohne in ihrer Stimmung umgewan⸗ delt zu ſein. Sie hatte mit entſetzlicher Ruhe Abſchied von den Ihrigen genommen und war in Begleitung des Doctor Scherf und des jungen von Lichtenberg mit dem Mittagzuge der Eiſenbahn nach Antwerpen abgereiſt. Der Ba⸗ ron beendigte ſeine Cur und folgte ihr mit den Seinigen einige Tage ſpaͤter nach. Noch ein⸗ mal wollten ſie mit der Stimme der Natur und der Vernunft das verkehrte Herz Alidens zu erſchuͤttern und ſeinem Wahn abzugewinnen verſuchen. Inzwiſchen war der kranke Joachim ſehr elend geworden; Alide ließ Niemanden vor ſich und ſo wurden auch Angelika und Guſtav auf wiederholtes Andringen von dem Profeſſor van Bree abgewieſen. Ehe ſie nach dem Rhein abreiſten, hatte Veronika mit Liſetten, dem Kammermaͤdchen der Baronin, das nur gegen beſtimmte Verſprechungen ſich bewegen ließ, bei ihr zu bleiben, einen regelmaͤßigen Briefwechſel verabredet. Liſette ſchrieb um ſo lieber, weil ihr Herz daran hing, bald wieder nach Deutſch⸗ land zu kommen. Hinter ihren ſteten Klagen meldete ſie dann gewoͤhnlich lauter Nebendinge und Veronika konnte ſicher ſein, Das, worauf 289 es ihr ankam, am Schluß des Briefes nur nothduͤrftig zu erfahren oder halb errathen zu muͤſſen. Der heutige Brief war ungewoͤhnlich heiter: „Wir werden naͤchſtens einen Narren hier im Hauſe haben,“ ſchrieb ſie unter Anderm. „Rathen Sie einmal, theures Fraͤulein, wer bald uͤberſchnappen wird! Niemand Anderes, als unſerer gnaͤdigen Frau Geſchaͤftsmann, der Moſſio Heſſelts. Ja Der! Denken Sie, daß er jeden Mittag und Abend auf ſeinem Zim— mer fuͤr zwei Perſonen decken laͤßt. Die zweite Perſon iſt ein Brief, der auf das Couvert ge⸗ legt wird, auf die Serviette. Sein Friedrich behauptet, es ſei ein Heiraths⸗Contract. Ich laſſe mir es aber nicht nehmen, daß es ein ab⸗ ſchlaͤgiger Liebesbrief iſt, was man auf franzoͤ⸗ ſiſch Refus oder mit deutſchen Buchſtaben Reh⸗ fuß nennt und was„Rehvieh“ ausgeſprochen wird. Aber der Heſſelts iſt ein Haſenfuß und Veronika. II. 13 290 wird naͤchſtens uͤberſchnappen, wie das alte Schloß an der Waldkapelle bei uns zu Hauſe. Die gnaͤdige Frau iſt uͤbrigens ſchon gefaßter und es ſcheinen ſie ſeit geſtern ſchon ganz andere Gedanken zu ennuiren, als der Tod ihres in Gott ruhenden Sohnes; denn in den erſten Tagen nach dem Begraͤbniß fand ich ſie einige⸗ mal auf dem Boden liegen— o deseßboar. Eſſen that ſie damals auch gar nichts. Da kam aber jeden Abend der Pater Joſeph, ſie zu troͤſten und beſtellte ſelbſt in der Kuͤche ein leckeres Nachteſſen. Aber mit dem Schleicher iſt es nun aus. Hoͤren Sie, wie das arrivirt iſt! Vorgeſtern war er wieder da und ſaß bei der gnaͤdigen Frau Baronin auf der Otto Mahne. Nun ließ die gnaͤdige Frau immer die beiden Zwiſchenthuͤren zwiſchen der Schlafſtube und dem Wohnzimmer offen. Da kam der Pater, fragte mich hinten, wo ich auf die gnaͤdige Frau warte, ſie auszukleiden, eine Kleinigkeit, und 291 machte im Weggehen die Thuͤre zu. Ich ſitze bei einem Buche der Graͤfin Hahn⸗Hahn, das wir von Belle⸗Promeſſe mit bekommen haben, und denke gar nichts und will mir eben ein paar ihrer ſeltenen deutſchen Worte marmoriren: da wird die Thuͤre wieder aufgeriſſen, die gnaͤ⸗ dige Frau fuͤrpriſirt ſich herein und ſtuͤrzt auf die Schaͤs lonk. Sie weinte und rang die Haͤnde; aber ſie ſagte gar nichts und ich hoͤrte ſie nur ausrufen: Gott, Gott, ſoll ich denn an Allem verzweifeln! So rief ſie auch die Nacht hindurch oͤfters, denn ſie ſchlief nicht ein. Am andern Morgen, alſo geſtern fruͤh, befahl ſie mir: Wenn der Doctor Scherf koͤmmt, ſo bin ich nicht zu Hauſe. Doch nein, ſetzte ſie hinzu, man darf nicht luͤgen; ſage ihm, ich wolle ihn nicht ſprechen. Nun denken Sie, Fraͤulein Veronika, wie delicioͤs mir dieſer Auftrag war, den unleidlichen Mann ſo ein wenig ſchnippiſch rehfußiren zu koͤnnen. Er hat ſich auch ge⸗ 13* 29²2 ſchaͤmt und iſt wieder nach Bruͤſſel abgereiſt. Und ſo ſteht es noch und nun gilt nur der Herr von Lichtenberg ganz allein und iſt ſehr in Wohk. Sie nennt ihn lieber Sohn und Scheerfuͤß ein ums andre Mal. Von mir aber kriegt er naͤchſtens eine— hinter die Ohren, wenn er mir keine Ruhe laͤßt. Und nun leben Sie wohl und machen Sie ja, daß ich bald retur⸗ nire, denn es iſt gar zu ambraſſant hier. N. S. Von wegen des Herrn von Lichten⸗ berg ſagen Sie doch dem gnaͤdigen Herrn ſei⸗ nem Franz nichts. Bitte ſehr.“ Der Brief war hoͤchſt beunruhigend fuͤr Ve⸗ ronika und vermittelte ihr auf laͤcherliche Weiſe eine Fernſicht in die verzweiflungsvolle Lage der Baronin. Sollte die arme Frau nun auch noch das Vertrauen auf den Mann verlieren, der ſie um Gemahl und Tochter, um Vernunft und Liebe gebracht hatte? Was ſollte aus ihr werden, wenn hinter ihr die Leiter abbrach, auf 293 der ſie ſich in ein ſo unnatuͤrliches Gebiet ver⸗ ſtiegen hatte? Und doch wollte ſich aus dieſer dunkeln Verwirrung fuͤr die nachdenkliche Vero⸗ nika etwas hervorwinden, was wie eine Hoff⸗ nung ausſah. Was ihr bleibt? rief die Freun⸗ din. Die Ruͤckkehr zu uns bleibt ihr, eine ſtille, wehmuͤthige Geneſung von ihrem kindiſchen Traum, von ihrer frommen Verirrung. Vero⸗ nika dachte wol dabei an die Zukunft ihres Freundes, an deſſen Herzen eine ihm entfrem⸗ dete Liebe mit ihrem Weh und ihrer Wunde ausruhen wollte. Sie graͤmte ſich um ſeinen Kummer, bis ſie, des Leides ſich entſchlagend, mit ihrem alten Muth ausrief: Wohlan! Es gibt Seelen, denen nun einmal fuͤr ihr jetziges Daſein nichts Anderes beſchieden ſcheint, als Kampf um ihre Veredelung; ach! und andere, ſetzte ſie leiſe hinzu, denen nur die Liebe zu Theil wird, ſich daran zu erfreuen! Auch Heſſelts' Brief an den Baron Guſtav 294 meldete etwas von dem Zerfall Alidens mit dem Pater Joſeph; nur hatte Heſſelts die Veran⸗ laſſung nicht erfahren koͤnnen. Da Veronika uͤber dieſe Veranlaſſung abſichtlich ſchwieg, um den Freund nicht zu beunruhigen oder zu em⸗ poͤren, ſo ging Guſtav um ſo leichter daruͤber hinaus, als ihm die Vermoͤgensangelegenheit, um Angelika's willen, jetzt mehr in Gedanken lag. Der junge de Landas war von ſeinen geiſtlichen Freunden zu einem Teſtamente bewo⸗ gen worden, in welchem er ſeine Mutter zur Univerſal⸗Erbin ernannt hatte. Da dieſe Herren die Baronin gaͤnzlich unter ihrem Einfluß zu haben glaubten, ſo hatten ſie, um ſich in der oͤffentlichen Meinung aufrecht zu erhalten, im Teſtamente gar keine Beſtimmung zu ihren Gunſten treffen laſſen. Ihr Wille lebte ja, wie ſie wußten, Alles ausſchließend, in Alidens Seele und verfuͤgte, aus dieſem unanfechtbaren Verſteck hervor, uͤber Geld und Gut. Der in 295 dieſe Abſichten als Werkzeug derſelben einge⸗ weihte junge Lichtenberg ſollte nun von der Baronin adoptirt und ihm, unter Heſſelts' vor⸗ laͤufiger Leitung, das Geſchaͤft uͤbergeben werden. Der kluge Geſchaͤftsmann, der dieſe Abſichten durchblickte, hatte ſich bereitwillig finden laſſen, um vor Allem des Barons Foderung an das Haus und ſein eigenes im Geſchaͤft angelegtes Vermoͤgen herauszuziehen. Die Baronin wider⸗ ſprach zwar, auf den Rath ihrer Freunde, und wollte das auch ihr mit zuſtehende Capital im Geſchaͤft zuruͤck behalten; allein ihre fruͤher mit ausgeſtellte Vollmacht zur anderweiten Anlegung des Geldes war einmal in des Anwalts Haͤn⸗ den und konnte ſo kurzweg nicht zuruͤckgenommen werden. Wie Heſſelts weiter meldete, ſo war in Alidens Herzen nach dem ſchmerzlichen Ver⸗ luſte des Sohnes die Liebe zum Beſitz wieder maͤchtiger geworden. Sie ſtellte ſich mit mehr Entſchloſſenheit dem ſchroffen Profeſſor van Bree entgegen. Von den abweſenden Ihrigen und ihrer eigenen Zukunft ſpreche ſie nie, bemerkte Heſſelts; doch moͤchte ſie innerlich deſto mehr ſich damit beſchaͤftigen; wenigſtens habe er ſie ſchon oft in truͤber, gedankenloſer Verſunkenheit an⸗ getroffen. Der Baron ſchien ſehr vergnuͤgt daruͤber, daß die Geldangelegenheit von Heſſelts ſo gut beſorgt war. Er hatte dieſe Summe, ſein und ſeiner Gemahlin gemeinſchaftliches Vermoͤgen, fuͤr Angelika beſtimmt und hoffte durch dieſe Verwendung den Mitanſpruch der Mutter zu befriedigen. Nun wollen wir Verlobung feiern! rief er vergnuͤgt. Sehen Sie doch nicht ſo truͤbſinnig aus, liebe Veronika! Eine freie und frohe Zukunft liegt vor uns und wir wollen ſie uns nicht verſauern laſſen! In ſeinen Blicken ſprachen ſich noch beſtimme 292 tere Abſichten und Hoffnungen aus, uͤber die er aber, aus Zartgefuͤhl, mit laͤchelndem Munde ſchwieg. Doch die zuruͤckgehaltenen Gedanken des Barons beunruhigten um ſo mehr ſein Herz. Koͤrperlich erquickt, gemuͤthlich erfriſcht, wendete ſich der Freund einer heitern Seite des Lebens zu. Vor die dunkle Seite deſſelben, vor die Erinnerung an Aliden und die juͤngſte Ver⸗ gangenheit trat Angelika mit ihrem braͤutlichen Gluͤck. So kam es, daß er ſich in den naͤchſten Tagen dem Pfarrer Kindlinger entdeckte, von deſſen hohem und edlem Sinn er ſich angezogen fuͤhlte. Eine Gewitterwolke hatte einen leichten Regen uͤber die Gegend hingeſpruͤht und ſich mit dem Wetter vereinigt, das ſchwarz am ſuͤd⸗ oͤſtlichen Himmel aufzog. Gegenuͤber entlud ſich 13** 298 ganz fern ein zweites Wetter in der Richtung von Weſt nach Norden. Guſtav war mit Kind⸗ linger in den Garten gegangen, um die erfriſchte Luft zu genießen. Dort gaͤhrt es noch verſteckt, ſagte der Geiſt⸗ liche, indem er nach dem blitzenden Abendge⸗ woͤlke wies. Ja wohl, dort nach Antwerpen hin, er⸗ widerte Guſtav mit bezuͤglichem Ton. Von dort zucken noch Blitze und durchzucken Erin⸗ nerungen mein Herz. Beruhigen Sie ſich, lieber Baron, laͤchelte der Pfarrer. Es zieht ſchon ab; ſehen Sie nur, die Abendſonne bricht ſchon wieder hervor. Und wie Beide ſich am Rhein wieder um⸗ wendeten, ſtand am abregnenden oͤſtlichen Him⸗ mel ein prachtvoller Regenbogen. Ha! riefen Beide uͤberraſcht und blieben mit ſtaunenden Blicken ſtehen. Laſſen Sie nun dies Friedens⸗ zeichen auch gelten! ſetzte Kindlinger hinzu. O wie gern! rief Guſtav. Es ſteht meiner Heimat zu, ein Triumphbogen! Unſer Herz findet gar gern einen Bezug, eine Vorbedeutung darin, wenn eine Naturer⸗ ſcheinung mit unſerer Gemuͤthslage uͤbereinſtimmt, beruhigend im Leid, erhebend bei einer Freude! bemerkte Kindlinger; worauf der Baron mit laͤchelndem Ernſt verſetzte: Ja, ja Prieſter der Wiſſenſchaft, machen Sie mir einmal aus die⸗ ſem glanzvollen Zeichen eine Weiſſagung! Von was, mein Freund? fragte der Geiſtliche. Ja, von was! lachte Guſtav. Wenn ich Ihnen Das erſt ſagen muß; dann brauchen Sie nur etwas Witz, um mir zu prophezeihen, aber keinen Vorausblick. Gerade wenn Sie den un⸗ genannten Gegenſtand traͤfen, wuͤrde ich Ver⸗ trauen zu Ihrer Prophezeihung faſſen koͤnnen. Indeß, ich habe Ihnen ohnehin beichten wol⸗ len. So laſſen Sie mich Ihnen denn ſagen: Ich liebe Veronika und glaube, daß auch ihr 30o Herz mir nicht abgeneigt iſt. Ich ſchließe das aus der Art, wie ſie jedem meiner Bekennt⸗ niſſe ausweicht, und aus der Waͤrme, mit der ſie mich ſtets, auch an die verſteckteſte Pflicht erinnert, die zwiſchen mein Herz und ihres treten koͤnnte. Richtig, mein Freund! rief Kindlinger. Andere wuͤrden aus dieſem Benehmen weniger auf Liebe, als auf Liebenswuͤrdigkeit ſchließen. Aber Sie haben Recht, edle Seelen lieben ſo; ſie ſuchen den Gegenſtand einer vor der Welt unſtatthaften Neigung in eine hoͤhere Region zu entruͤcken, wo eine geiſtigere Angehoͤrigkeit ſtatt⸗ finden kann, als jene durch buͤrgerliche und na⸗ tuͤrliche Ordnung begruͤndete. Nun aber, mein Freund, lͤͤſen ſich dieſe buͤrgerlichen Bande, dieſe Verbindlichkeiten der Pflicht, ſagte der Baron. Meine Frau hat ſich von uns geſchieden, hat ihre Pflichten, wie ihre Liebe, einem Traum geopfert. Nun brauche ich 301 blos noch die buͤrgerliche Verbindung zu loͤſen, durch die Gerichte, durch den Landesherrn, wie es am ſchonendſten geſchehen mag. Noch vor kurzem war Veronika gegen ſolche Scheidung und ich habe mich nach ihrer Anſicht zur ſchmerz⸗ lichſten Verſoͤhnung mit Aliden bequemt, obgleich uͤberzeugt, daß es doch von keinem innern Halt ſein werde. Hoffentlich wird ſie nun uͤber meine Pflichten, uͤber meine Zukunft anders denken, und Ihre Vermittlung, mein Freund, wird da⸗ her keinen Widerſpruch mehr zu bekaͤmpfen haben. Reden Sie mit ihr, rathen Sie ihr— Halt, mein Herr Baron! fiel der Pfarrer mit laͤchelndem Ernſt ein. Das gehoͤrt eigent⸗ lich vor die Prieſterin der Liebe. Doch iſt auch Weisheit noͤthig, um ein edles und ſchoͤnes Gluͤck zu ſchaffen, beſonders in ſo zarten Lagen, wie Ihre beiderſeitige iſt. Ich werde mich da⸗ her mit Frau Mathilden benehmen. Ernſtlich, Herr Baron! Wir haben die uns im Irren⸗ 302 hauſe ertheilte Weihe anerkannt und ich werde mich daruͤber ein ander Mal erklaͤren. Jetzt iſt nur die Frage, ob Sie mir erlauben, Mathilden mit Ihrem Anliegen vertraut zu machen. Immerhin! rief Guſtav erfreut. Schaffen Sie gemeinſchaftlich mein Gluͤck. Das iſt ja auch der kuͤnftigen Guͤter eins, wozu Sie Beide Bonaventura's Weihe angenommen haben. Ah, dort kommen die Freundinnen! Abgemacht! Kein Wort weiter! Nur recht bald, mein freundlicher Prieſter der Wiſſenſchaft! Veronika freute ſich, beide Freunde in ſo traulichem Umgang zu finden. Sie forſchte nicht, was Beide an dieſen verblaſſenden Regenbogen knuͤpften, zu dem ſie noch einmal den Blick er⸗ hoben. Der Freundin war lange nicht ſo wohl geweſen, wie jetzt, in dieſer Umgebung von Natur und Menſchen, Menſchen, ihres Gluͤckes werth und ihres Gluͤckes froh! Und weitere Kreiſe wuͤrdiger Freunde umſſchloſſen die edle 393. Familie. Den Strom herab und herauf kam faſt taͤglich Beſuch und immer waren es erleſene Menſchen. Kuͤnſtler, Gelehrte, Beamte, Aerzte, Weinbauer und Fabrikanten regten die verſchie⸗ denſten Intereſſen an. Die Unterhaltung wech⸗ ſelte ihre Stoffe und ihren Ton. Was man aber auch verhandeln mochte, immer geſchah es mit Sinn und Seele und meiſtens mit dem Blick auf die Zukunft. Alle dieſe Menſchen zaͤhlten keine Ahnen, aber ſie berechneten ihre Ahnungen. Welche Richtung Handel und Ge⸗ werb nehmen wuͤrde; wo die Kunſt ein neues Ideal oder einen neuen Ausdruck finden, welche Aufgaben die Wiſſenſchaft loͤſen werde; ob dem Chriſtenthum eine neue Entwickelung, dem Va⸗ terland ein neuer Purpur bevorſtehe; welche Revolution, welche neue Offenbarung der Welt Noth thue: Dies und dergleichen beſchaͤftigte dieſe vorwaͤrts gerichteten Menſchen. Befreundete Maler ſtellten auf dem ſo vielfach beſuchten Landſitz ihre Bilder auf; Muſiker ließen ſich im Familienkreiſe hoͤren; das Neueſte der Literatur kam zur Anſicht, das Bedeutende wurde behalten. Manch' heimliches Stuͤndchen brachte die Freundin im Buͤcherſaale des Hauſes zu. Er machte den Uebergang vom Vorderhauſe zu den Fremdenzimmern. Zwei Fenſter gingen auf einen Seiten-Altan, auf dem man, unter bluͤhenden Oleandern und duftender Reſeda, mit dem Blicke rheinabwaͤrts, ſitzen konnte, um nach der augen⸗ blicklicchen Stimmung zu ſchwaͤrmen oder zu leſen. An den Waͤnden liefen die geſchmackvol⸗ len Buͤcherſchraͤnke hin. Die Sammlung war bedeutend und umfaſſend. Auf einzelnen Tiſch⸗ chen lagen die neueſten Journale, auf Eckge⸗ ſtellen die Flugſchriften, die, ihrer Benennung getreu, nicht eingethan wurden, ſondern wieder zuruͤck oder in der Nachbarſchaft umherflogen. Folgenden Vormittags ſaß hier wieder Ve⸗ ronika. Ein ſchoͤn gebundenes Buch lag auf 305 ihrem Schooße, geſchloſſen mit eingeklemmtem Zeigefinger der linken Hand; ihr rechter Arm ruhte auf dem gußeiſernen Gelaͤnder des Altans. Man haͤtte ihr ſchwerlich am Ausdrucke des An⸗ geſichtes abſehen koͤnnen, ob ihre Gedanken ſich mit dem Inhalte des Geleſenen oder mit den Bildern der ſonnigen Landſchaft beſchaͤftigten. Sie hoͤrte nicht, daß Jemand ins Zimmer ge— treten war, bis Mathildens Hand ſie beruͤhrte und erſchreckte. Mathilde hatte auf Bonaventura's Wort und Weihe die Trauer abgelegt und erſchien eben in Weiß mit einem ſchmalen Roſaflortuͤch⸗ lein, das, um den Hals gelegt, tief uͤber die Bruſt herabhing. Liebe Veronika, redete ſie die Freundin mit einer gewiſſen Feierlichkeit an, ich komme heut' zum erſten Mal in meinem Amte als Prieſterin der Liebe mit roſenfarbiger Stola. Habe Nach⸗ ſicht, wie ich meine Sache vorbringe. Ich 4. 306 werde wol mit der Thuͤre ins Haus fallen, da ich den Ton der Salongeſellſchaft hier doch nicht brauchen kann. Kurz, beſte Veronika, der Ba⸗ ron Guſtav, Dein Freund, geht damit um, ſich ſcheiden zu laſſen, und ich ſoll mit Kindlinger ſeine Zukunft berathen und begluͤcken. Wie das Alte mit Anſtand zu loͤſen, ein neuer Bund echterer Liebe zu knuͤpfen ſei, liegt als Doppel⸗ aufgabe uns Beiden ob. Er fragt, wie Du dermalen die Sache anſehen moͤchteſt und was er von Dir fuͤr ſeine Zukunft hoffen duͤrfte. Mathilde hatte die Hand der Freundin er⸗ griffen; ihre letzten Worte klangen aus ſehr be⸗ wegtem Gemuͤth. Es iſt mir lieb, daß Du mein itiefſs Herz voraus kennſt, Mathilde, erwiderte nach einer ſtillen Weile Veronika, und daß Du dies Herz aus Tagen kennſt, wo es liebte, ohne zu hoffen und ſich nicht einmal zu traͤumen erlaubte; ich kann um ſo offener von meiner Zukunft mit 307 Dir reden. Und wie unſere vertraute Freund⸗ ſchaft Dich in Deinem Amte, ſo erleichtert ſie mich in meinem Bekenntniß. Gewiß! Guſtavs Verhaͤltniß mit Aliden iſt jetzt ein ganz ande⸗ res. Die Welt muß es ſo anerkennen, und auf den Freund faͤllt auch kein Schatten des Unrechts, kein Vorwurf auch nur der Ueber⸗ eilung mehr. So mag er ſich ſcheiden laſſen von Dem, was ſein Edelmuth nicht mehr auf⸗ recht halten kann. Die andere Frage nach mei⸗ nem Herzen beantworte Du, Mathilde, Du fuͤr mich! Du kennſt dies Herz; pruͤfe mit Deinem Freunde, was ich fuͤr das Gluͤck mei⸗ nes Freundes thun ſoll. Sie umarmte Mathilden tief bewegt und verſtummend. Doch ehe die Prieſterin der Liebe das Wort fand, fuhr Veronika wieder fort: Eines nur noch, Mathilde! Die Lage der Baronin muß geordnet ſein, zu ihrer Zufrieden⸗ heit geordnet, ehe Guſtav einen Schritt zur 308 Scheidung thut. Ihr armes Herz muß eine Staͤtte haben, wo es Ruhe findet und— in ſeiner Weiſe froh iſt. Sie hat uns Alle von ſich geſtoßen, hat keinen Gemahl, kein Kind mehr. Der Himmel mußte zur rechten Zeit einen ſolchen ſchroffen Prieſter erſchaffen, wie van Bree, der einem Frauen⸗ und Mutterher⸗ zen ſolche Entſagung und Unverſoͤhnlichkeit ab⸗ preſſen konnte, um ſie zwei andern Herzen zu uͤberliefern; der eine Seele aufſpannen konnte, um einen ſolchen Alles zermalmenden Wahn zu tragen. Aber wenn dieſe aufgeſpannte Kraft einmal braͤche, Mathilde, woran ſoll ſich die arme Frau halten? Wird es die reiche Erb⸗ ſchaft ſein? Gut! Was es denn auch ſei; nur eine Hingebung muß ihr Frauenherz haben. Vielleicht geht darum Guſtav noch einmal nach Antwerpen und bringt es mit Heſſelts, mit van Bree, oder wer etwas uͤber ſie vermag, in 309 Ordnung. Und dann— nun dann will ich Alles, was Liebe von Liebe verlangen kann. Sie ſank abermals an Mathildens Bruſt. Der Baron Guſtav war mit dem von Ve⸗ ronika gemachten Vorbehalte, da ſich doch ſeine ſchoͤnſte Hoffnung daran knuͤpfte, leicht einzu⸗ verſtaͤndigen. Obſchon er es aber von ſelbſt in der Ordnung fand, daß vor bewirkter Schei⸗ dung von einer Erklaͤrung gegen Veronika, von einer auch nur entfernten Bewerbung, bei der Denkungsart der Freundin, keine Rede ſein duͤrfe, ſo verlangte doch ſein frohes Gemuͤth nach einem ſtillen Zeichen liebevoller Zuſage, nach einem, ſo zu ſagen, erſten Aufgebote der Herzen, und man mußte es ihm zugeſtehen. Er machte daher in Kindlingers und Mathil⸗ dens Begleitung einen foͤrmlichen Beſuch bei der Freundin auf ihrem Zimmer. Er reichte ihr blos laͤchelnd die Hand, ſie legte die ihrige er⸗ roͤthend in die ſeine; ſo ſahen ſie ſich ſtumm, mit wohlwollenden Blicken an, bis ihr Laͤcheln in Ruͤhrung umſchlagen wollte Dann ſagte Guſtav raſch: Ich denke, noch einmal nach Antwerpen zu gehen, liebe Veronika! Thun Sie das, beſter Guſtav! Gewiß, ſobald die foͤrmliche Verlobung un⸗ ſerer Tochter geſchehen ſein wird. Dies war Alles, was ſie zuſammen ſprachen. Und nun wollte der Baron an die Einleitung ſeiner Scheidung denken, ohne daß eine Seele ahnen ſollte, welche Hoffnungen fuͤr ihn hinter dieſem aufloͤſenden Geſchaͤfte ſich bereiteten. Die Verlobung des jungen Paares wurde nun lebhafter betrieben. Beide Vaͤter brachten Alles in Ordnung, was zur buͤrgerlichen und haͤuslichen Einrichtung deſſelben gehoͤrte. In⸗ zwiſchen trafen noch einige Angehoͤrige ein, eine Schwiegertochter des alten Lersner und ſein juͤngerer Bruder, Fritzens Pathe. Im engern Kreiſe der Verwandten wurden die Ehepacten feſtgeſetzt und hierauf das junge Paar nach der Hauskapelle geſchickt, um noch einmal ernſtlich ihr Herz zu pruͤfen. Sobald noch einige zarte Artikel vertraulich beſprochen waren, folgte man dem Paare in die Kapelle, weil man ſchon der Verlobung eine Vorweihe geben wollte. Mit Verwunderung fand die Geſellſchaft nicht blos den erwarteten Pfarrer Kindlinger, ſondern neben ihm auch Mathilden in einer Art von prieſterlichem Anzug am Altare ſtehen. Rechts und links neben Beiden ſaßen Fritz und Angelika. Die Verſammelten ließen ſich nieder und Kindlinger nahm das Wort. Er hatte Tags vorher, bei einem Beſuche des Inſpectors der Irrenanſtalt, die ſpaͤter eingetroffenen Gaͤſte mit jenem Vorfall im Irrenhauſe abſichtlich be⸗ kannt gemacht und erinnerte jetzt mit zwei Wor⸗ ten daran, worauf er fortfuhr: 312 Wir haben Beide die Weihe und Weiſſagung jenes ſeltſamen Geiſtes Bonaventura nicht fuͤr geringer geachtet, weil ſie aus dem Munde eines Irren gekommen ſind. Im Gegentheil gibt es Zeiten, meine lieben Freunde, in welchen gerade der Wahnſinn die Zukunft fruͤher wahrnimmt, wie nur ein krankes Glied unſeres Leibes den Wetterwechſel voraus empfindet. Und wer weiß denn auch, ob nicht vielmehr die Lagen und Beſtrebungen unſerer Zeit zum Theil verruͤckt ſind, ſo daß in den Augen der Verſtaͤndigen, d. h. der damit Einverſtandenen, die Vernunft und das Heil der Geſammtheit ſich wie Irrſinn, wie Traum und Wahn, ausnehmen: Alſo haben wir Beide, Frau Mathilde und ich Theodor, uns zur Uebernahme eines Prieſterthums ver⸗ ſtanden, das unſerer vielfach traͤumenden Zeit wenigſtens dienen kann, bis es, mehr und mehr ausgebreitet, der erwachenden Zukunft vielleicht unentbehrlich wird, des Prieſterthums 313 der Wiſſenſchaft und der leiſtenden Liebe. Wir trennen beide Weihen nicht, verehrte Freunde, wir arbeiten nur von zwei Enden her zu einem Ganzen, gleichwie Wurzel und Krone zugleich den Baum mit Saft und Licht ernaͤhren. Und ſo theilen wir uns in die Aufgabe, zu begluͤcken und zu erheben, zu naͤhren und zu verklaͤren. Hierin allein verkuͤndigen wir eine ſeligmachende Gemeinſchaft, verkuͤndigen die Wahrheit, wie ſie immer auf eigenthuͤmliche, aber beſchraͤnkte Weiſe an jeder Stelle des Lebens wurzelt, in jeder Luftregion kronet. Unſer Prieſterthum iſt nie⸗ mals ausſchließend und verdammend; es beſtimmt keinen Grad noͤrdlicher oder ſuͤdlicher Breite einer ewigen, Offenbarung, wo man allein im Glau⸗ ben wurzeln, zur Seligkeit kronen, allein lieben und forſchen koͤnnte. Jedes betende Haupt hat ſeinen Zenith am Throne Gottes und durch je⸗ des edle Herz zieht ein Meridian der Gnade fuͤr ewig. Veronika. II. 1 14 314 Meine Schweſter Mathilde tritt ihr Prie⸗ ſterthum damit an, daß ſie einen bedeutenden Theil ihres Einkommens zur Begruͤndung eini⸗ ger Ehen braver, aber vermoͤgenloſer Paare und einen andern zur Erziehung verwahrloſter Kin⸗ der ausſetzt. Das erſte Paar fuͤr ein Majorat der Liebe iſt gefunden und wird zugleich mit euch getraut werden, mein Sohn Fritz, meine Tochter Angelika! Nach dieſer Erklaͤrung uͤber uns ſelbſt und unſern Beruf hier zu ſtehen, verrichten wir unſern erſten gemeinſamen Prieſterdienſt. Wir haben dieſe edeln Kinder, jedes beſonders, Ma⸗ thilde die Braut, ich den Braͤutigam, in jene dunkle, verhuͤllte Seite der Ehe blicken laſſen, von welcher aus Ungluͤck uͤber ſo viel Ehen kömmt, wo die Traͤume der Sinnlichkeit, die Geſpenſter der Leidenſchaft aufſteigen und die heilige Weihe der Herzen hinweghauchen. Die Pruͤderie der gebildeten Geſellſchaft, die jene 315 geheimnißvolle Stelle, wo Geiſt und Sinnlich⸗ keit, Liebe und Luſt ſich durchkreuzen, thoͤrichter Weiſe zu verdecken ſucht, macht eben das Gluͤck unſerer Ehen ſo ungewiß und will dann den Jammer durch Traͤume von Emancipation der Frauen heilen. Hier fuͤhren wir ein Paar zu⸗ ſammen, dem wir das ſchoͤnſte Gluͤck weiſſagen. Seid ihr geſonnen, demnaͤchſt einen ewigen Bund irdiſch zu ſchließen, ſo fuͤgt, deß zum Geloͤbniß, vor euern Eltern und Angehoͤrigen eure Haͤnde in einander. Indem Beide, Fritz und Angelika, ſich mit laͤchelnder Ruͤhrung die Haͤnde reichten, riefen Kindlinger und Mathilde laut: Sie ſind verlobt! Liebe und Wahrheit weiche nie aus euerm Bunde! Da ging die Thuͤre von der Gallerie⸗Seite langſam und weit auf und die Baronin Alide trat herein. Welcher Schreck fuͤr Diejenigen, die ſie kann⸗ 14* ten! Aber auch auf die Uebrigen wirkte die Erſcheinung beaͤngſtigend; denn im naͤchſten Augenblicke der Beſinnung ließ der ungeordnete Anzug, das herabhaͤngende Haar, die Blaͤſſe des Geſichtes, der irre Blick und das ganze Benehmen dieſer dunkeln Geſtalt das Entſetz⸗ lichſte ahnen. Beim Anblick der feierlich Verſammelten blieb Alide ſtehen und ſah ſich mit großen Augen um. Sie erkannte zuerſt Angelika, die der Mutter einige Schritte entgegengeeilt und bei naͤherem Anblick derſelben, wie vom Schreck ge⸗ bannt, ſtehen geblieben war. Mit demuͤthigen Verneigungen kam Alide heran, kuͤßte der Toch⸗ ter die Hand und uͤberreichte ihr ein Paͤckchen Schriften, die ſie aus dem Buſen gezogen hatte. Vor dieſen Mienen und Bewegungen trat An⸗ gelika zuruͤck und ſah ſich wie nach Huͤlfe um. Veronika eilte herbei. Wie Alide ſie erblickte, freute ſie ſich mit kindiſchen Geberden, faßte die 317 Hand derſelben und ließ ſie nicht wieder los. Indem nahm ſie auch Guſtav unter den uͤbrigen Fremden wahr; ſie gruͤßte ihn wie einen ange— nehmen Bekannten, ohne ſich ihm zu naͤhern, ohne ihn zu ſich heran zu winken. Das Unerklaͤrliche der ploͤtzlichen Erſcheinung laͤhmte noch alle Gemuͤther, als Heſſelts und Liſette durch dieſelbe halb offen gebliebene Thuͤre hereinſtuͤrzten. Nun loͤſte ſich in ungeſtuͤmen Fragen, in athemloſen Antworten das entſetz⸗ liche Raͤthſel. Alide hatte wirklich den Gebrauch der Vernunft verloren; ſie war in Antwerpen nicht mehr zu halten geweſen; mit dem Ver⸗ langen nach Veronika hatte ſie fort und fort das Haus verlaſſen, bis man ſich zur Reiſe entſchließen mußte. Von dieſem Augenblick an war ſie ruhig geblieben. Aus dem Dampſſcchiffe waren die Drei eben jetzt zu Fuß heraufgekom⸗ men. Alide hatte ſich ermuͤdet auf die Treppe geſetzt, die zur Gallerie und in die Kapelle 318 fuͤhrte. Heſſelts und Liſette waren in die nahe Geſindeſtube getreten, um den Baron Guſtav herbeirufen zu laſſen. Hier erfuhren ſie, was eben im Hauſe vorging und mußten ſich ent⸗ ſchließen, die Feierlichkeit abzuwarten. In⸗ zwiſchen mochte Alide von oben herab die dumpfe Stimme des Pfarrers Kindlinger vernommen haben und dieſer oder irgend einer andern An⸗ wandlung gefolgt ſein. Aus Unachtſamkeit des Maͤdchens, das die Kapelle gereinigt hatte, war die Thuͤre offen geblieben, die ſonſt, wenn von dieſer Seite Niemand eintreten durfte, wie eben heut, verſchloſſen gehalten wurde. Heſſelts und Liſette fanden ſie nicht mehr auf der Treppe ſitzen, ſahen oben die Thuͤre geoͤffnet und eilten ihr nach in die Kapelle. Nach dieſer Aufklaͤrung des ſchreckhaften Auftritts ſuchte man vor Allem die arme Frau in einem ſtillen Zimmer zur Ruhe zu bringen. Sie folgte auch der Einladung ihres Begleiters 319 und ihres Kammermaͤdchens, ohne jedoch Vero⸗ nika's Hand los zu laſſen. Erſt als ſie im Weggehen den Pfarrer Kindlinger im geiſtlichen Anzug erblickte, wurde ſie unruhig, hob drohend die Hand und ſchrie: Fort, hinweg, Pater Betruͤger! Ihr ſeid allzumal Suͤnder! Das iſt eben ihre fixe Idee! fluͤſterte Heſ⸗ ſelts den Umſtehenden zu. Wir muͤſſen ſie fortbringen, bei dieſem Wahn wird ſie unruhig. Indem man ſie an der Hand fortfuͤhrte, lispelte ſie mit gehobenem Finger und mit der Miene geheimnißvoller Mittheilung: Huͤtet euch vor Denen da in den ſchwarzen Pelzen! Die heilige Mutter Gottes hat mir ſagen laſſen, ich ſolle mich nur geradezu an ihren Herrn Sohn wen⸗ den; die Erzengel waͤren jetzt alle geſtuͤrzt. Schoͤnen Tag, Guſtav! Schoͤnen Tag, Ange⸗ kika! Ihr lieben Badegaͤſte, haben wir heut Wellenſchlag? Gebt Acht, gebt Acht! Es iſt 320 unruhiges Waſſer und ein Meerweibchen koͤmmt heraus und— und— So unerwartet war das heiterſte Familien⸗ feſt geſtoͤrt worden. Der Wahnſinn war in die lieblichſten Traͤume der Liebe hineingeſtuͤrmt, hatte die duftigſten Geſpinnſte heimlicher Hoff⸗ nungen durchbrochen. Gerade die Froheſten ſahen ſich aus ihren anmuthigen Lagen herausge⸗ druͤckt; aber auch die blos Theilnehmenden fuͤhl⸗ ten ſich im Mitgenuß der reinſten Zufriedenheit geſtoͤrt und darin gelaͤhmt. Nur Veronika hatte eine neue Bethaͤtigung gefunden. Der kummervolle Eindruck der erſten Er⸗ ſcheinung machte bald dem Raͤthſel Platz, wie die arme Alide ſo ſchnell in dieſen verlaſſenen Zuſtand gefallen ſei. Man hatte ſich wieder im Geſellſchaftszimmer vereinigt, um den ehr⸗ lichen Heſſelts uͤber die letzten antwerpener Vor⸗ faͤlle, die noch nicht brieflich gemeldet waren, zu vernehmen. Auch Liſette ward herbeigerufen, um auszuſagen, was ſie unter vier Augen mit ihrer Gebieterin zu bemerken gehabt hatte. Wir faſſen den Inhalt der getheilten, durch Fragen und Erlaͤuterungen zerſtuͤckelten Erzaͤhlung kuͤrz⸗ lich zuſammen. Bei der eingeleiteten Aufnahme des jungen von Lichtenberg in das Geſchaͤft des de Landas'⸗ ſchen Hauſes und bei der beabſichtigten Adoption des jungen Fremdlings als Sohn der Univerſal⸗ erbin eines antwerpener Geſchaͤftes waren die Behoͤrden aufmerkſam und jeſuitiſcher Umtriebe argwoͤhniſch geworden. Sie hatten die ſtrengſten Nachweiſe uͤber Herkunft, Familie und bisherigen Aufenthalt des von Lichtenberg verlangt. Der leichtſinnige junge Mann, der es ſich bei der ſchlauen Fuͤrſorge des Pater Joſeph bequem machte, hatte die uͤbergebenen Papiere nicht ſorg⸗ faͤltig genug durchgeſehen, und ſo war ein ein⸗ 14** geſchobenes Briefchen Pater Joſephs, aus Bruͤſ⸗ ſel datirt und in der Nachſchrift ausdruͤcklich zu alsbaldiger Vernichtung empfohlen, in den Schrif⸗ ten gefunden worden, die den jungen Mann legitimiren ſollten. Aus dieſem etwas raͤthſel⸗ haft abgefaßten Briefe ging doch ſo viel ziemlich klar hervor, daß der wider Erwarten ſpaͤter in Bruͤſſel eingetroffene Herzog Ferdinand ſich ge⸗ weigert hatte, dem jungen Mann den Adel mit dem Zunamen von Lichtenberg zu verleihen. Dieſer junge Fuͤrſt, in Freiburg erzogen und fruͤher dem Pater Joſeph, als ſeinem Lehrer, be⸗ ſonders zugethan, hatte auf ſeiner Reiſe durch Frankreich und Belgien, wie es ſchien, andere Anſichten von den jeſuitiſchen Intereſſen gewon⸗ nen und ahnete hinter des Paters Begehren ganz richtig einen Betrug, wie ihm bisher aͤhn⸗ liche bekannt geworden waren. Nun empfahl Pater Joſeph, die antwerpener Angelegenheiten zoͤgernd zu betreiben, bis er auf einem andern 323 Weg einen Nachweis uͤber den Namen Lichten⸗ berg herbeiſchaffen werde. Ungluͤcklicher Weiſe kam dieſer Wink zu ſpaͤt: die Ungeduld des jungen Menſchen und Alidens Unruhe hatten das Geſchaͤft ſchon eingeleitet. Auf dieſen Brief hin und ehe ſich Pater Joſeph mit Rath und Huͤlfe wieder eingefunden, war der junge Lichtenberg als des Betruges verdaͤchtig, feſtgenommen worden. Aus ſeinen Geſtaͤndniſſen— denn in ſeiner Haft zeigte ſich der leichtfertige Menſch ploͤtzlich muth⸗ und planlos— hatte ſich bis jetzt ergeben, daß er Joſeph Scherf hieß, angeblich Neffe und Pathe des Doctor Scherf war, der ihn auf Alidens Eröoͤffnung ihres Traumes ſchnell von Freiburg berufen und zu ſeinem Plaͤnen zugeſtutzt hatte. Wieviel perſoͤnliches und wieviel Ordens⸗Inter⸗ eſſe ſich in dieſen Plaͤnen verwebte, hatte ſich noch nicht ermitteln laſſen. So war auch das fruͤhere Verhaͤltniß des jungen Scherf noch nicht ins Klare geſtellt. Aus einigen Aeußerungen deſſelben ließ ſich vermuthen, daß er im Je⸗ ſuiten⸗Seminar zum geiſtlichen Stande zu leichtſinnig gefunden, doch aus Ruͤckſicht auf Pater Joſephs Verdienſte nicht entlaſſen, ſon⸗ dern zu gewiſſen weltlichen Zwecken vorbereitet worden war. Nun hatte man der armen Baronin, die ſtuͤndlich mit zunehmender Unruhe nach ihrem einzigen Troſt und Liebling verlangte, die ſchlimme Wendung, die es mit demſelben genommen, nicht laͤnger verbergen koͤnnen. Heſſelts gab zu, daß man dabei ein wenig uͤbereilt zu Werk ge⸗ gangen ſei, wenn auch aus der beſten Abſicht, um ſie naͤmlich recht ſchlagend von ihrem Irr⸗ thum zu uͤberzeugen und zur Ausſoͤhnung mit den Ihrigen deſto entſchiedener zu beſtimmen. Mit Angſt hatten die Freunde dieſen Mit⸗ theilungen zugehoͤrt. Alle begriffen, nur zu lebhaft, die Wirkung, die eine ſolche Offenba⸗ 325 rung auf Alidens ſchon ſehr verworrenes Ge⸗ muͤth machen mußte. So in einem Moment, mit einem, durch den juͤngſten Verluſt des Sohnes ſchon gebrochenen Herzen zu erfahren, daß ſie in einem Wahn gelebt, ihr heiligſtes Vertrauen an einen entſetzlichen Betrug hingegeben und um dieſes Wahnes und Betruges willen Toch— ter und Gemahl von ſich geſtoßen hatte— es war freilich eine Einſicht, ein Licht, die nur zerſtoͤ⸗ ren konnten. Mit einem Schlage hatte ihr Herz die Liebe und den Glauben eingebuͤßt, Erd' und Himmel brachen unter und uͤber ihr zuſammen und die Arme hing ſchwebend in einem Nichts. Liſette, blaß und zitternd bei ſo lebhaften Erinnerungen, erzaͤhlte, welche erſchuͤtternden Aufſchreie die gnaͤdige Frau nach dieſer Mit⸗ theilung gethan habe. Man hieß das Maͤdchen ſchweigen, weil man das ſo friſche Bild des Ungluͤcks noch nicht ertragen konnte. 326 Ehe aber ihre vernuͤnftige Beſonnenheit gaͤnzlich erloſchen war, hatte Alide mit ſtummer Anſtrengung der Seele alle auf die Erbſchaft und das Vermoͤgen bezuͤglichen Papiere zuſam⸗ mengebunden und aus dem Hauſe ſtuͤrzend den Namen ihrer Tochter gerufen. Sie hatte ſeit⸗ dem dieſe Papiere nicht mehr von ſich gelaſſen, bis ſie ſolche in ihres Kindes Haͤnde niederge⸗ legt. Die zweite Leidenſchaft der armen Frau, die des Beſitzes, hatte mithin doch am laͤngſten ausgehalten und erſt jetzt, nachdem dieſe Sorge aus der zerſtoͤrten Seele verſchwunden war, ſchien ein laͤchelnder Friede darin eingekehrt zu ſein. Alide aß wenig und ſprach faſt gar nichts; nur mußte man ſie vor dem Anblick eines je⸗ den Mannes huͤten, der ſie durch ſeinen Anzug auf die fixe Idee brachte, man muͤſſe ſich an keinen Pater Betruͤger, ſondern an den lieben Gott halten. Nur dann wurde ſie unruhig, wenn man dieſe tiefe Wunde ihrer Seele beruͤhrte. Wenn ein ſo grauſames Erlebniß des Her⸗ zens zugleich ſo viel Stoff zum Nachdenken und zur Weltbetrachtung mit ſich bringt, daß der Schmerz der Seele ſich in dieſe hoͤhere Region des Geiſtes erheben kann, ſo fehlt dem nieder⸗ beugenden Ungluͤck doch die befreiende Kraft nicht ganz. Dies empfanden jetzt unſere Freunde. Nach der Beruhigung der Nacht mit ihren ſtil⸗ len Betrachtungen kamen ſie am andern Mor⸗ gen gefaßter zuſammen. Man durchging den Inhalt der von Aliden mitgebrachten Papiere. Und wenn man auch noch nicht geſtimmt war, ſich an den großen Vortheilen zu erfreuen, die dem Gemahl und der Tochter einer ſo ungluͤck⸗ lichen Erbin in Ausſicht ſtanden, ſo lag immer doch ſchon etwas Befriedigendes in der Betrach⸗ tung, daß durch wunderſame Fuͤgung gerade der Wahnſinn, den die unwuͤrdigen Bewerber um ſolche Guͤter verſchuldet hatten, ſie ſelbſt um die faſt ſchon errungenen Vortheile brachte. Nun erſchien aber zur Sicherſtellung des Vermoͤgens, zur Aufhebung des Bankgeſchaͤftes, zum Verkauf liegenden Eigenthums und dergl. eine Reiſe des Barons Guſtav ſehr dringend. Er ging daher in der Mittagsſtunde hinuͤber in das Gaſthaus des Ortes, wo Heſſelts eine Woh⸗ nung genommen hatte. Guſtav hoͤrte ihn ſchon vor der Thuͤre ſpre⸗ chen und fand ihn bei ſeinem fruͤhen Mittags⸗ mahl mit zwei Gedecken ſitzend. Vor dem zwei⸗ ten Couvert ſtand ein Stuhl, auf welchem ein offener Brief lag. Es ſchien fuͤr einen unſicht⸗ baren Gaſt aufgelegt zu ſein, wie die Juden bei feſtlichen Mahlzeiten ein leeres Gedeck fuͤr den etwa ploͤtzlich ankommenden Meſſias auf dem Tiſche haben ſollen. Der Baron wußte ſchon aus Liſettens Brief an Veronika von die⸗ ſer Wunderlichkeit des Geſchaͤftsmannes; er that indeß nicht, als ob er ſie bemerke. Nachdem er ihm eroͤffnet hatte, daß er un⸗ verzuͤglich mit nach Antwerpen reiſen wolle, fragte er theilnehmend nach Heſſelts Abſichten wegen ſeiner Zukunft und trug ihm das de Lan— das'ſche Geſchaͤft unter ſehr vortheilhaften Be⸗ dingungen an. Heſſelts dankte geruͤhrt, erklaͤrte aber, daß er entſchloſſen ſei, ſich mit ſeinem Vermoͤgen von den Geſchaͤften zuruͤckzuziehen. Wie ſoll ich Ihnen denn aber fuͤr all' die Liebe und Anhaͤnglichkeit danken, fragte Guſtav, die Sie der ungluͤcklichen Alide bewieſen, fuͤr die Treue und Uneigennuͤtzigkeit, die Sie im Geſchaͤft und gegen mich ſelbſt bethaͤtigt haben, mein lieber, ehrlicher Heſſelts? Heſſelts laͤchelte. Werde Ihre Guͤte ſchon. in Anſpruch nehmen! ſchmunzelte er. O dann thun Sie es jetzt, thun Sie es 330 gleich, beſter Herr Heſſelts! rief der Baron und reichte ihm die Hand. Sie ſollen mir zu einer lieben Frau verhel⸗ fen, die mir meine kuͤnftigen Tage— Verzei⸗ hung! der ich meine kuͤnftigen Tage ſo ange⸗ nehm mache, als man es mit etwas Geld und recht ehrlichem Herzen vermag, erklaͤrte Heſ⸗ ſelts, indem er mit der Serviette verlegen den Mund wiſchte. Aber, wie werde ich dazu im Stande ſein, lieber Mann? fragte Guſtav laͤchelnd und ſetzte ſcherzhaft hinzu: Meine Tochter iſt verſagt, wie Sie wiſſen, ja verlobt. Eben darum, Herr Baron, erwiderte Heſ⸗ ſelts; dann bedarf ſie keiner Gouvernante mehr. Was ſagen Sie? fiel Guſtav betroffen ein. Veronika? Ja, mein theurer Herr Baron! erklaͤrte Heſſelts und wurde ſehr weich und herzlich. Ich habe ſie in unſerm Hauſe in Antwerpen kennen und verehren gelernt. Ein ſo kernhaftes Herz, eine ſo zuverlaͤſſige Moralitaͤt iſt mir noch an keinem Frauenzimmer vorgekommen. Und da, wie Sie wiſſen, eines Kaufmanns Stolz ſein Credit iſt, ſo moͤchte ich mit dem Hauſe Veronika das wichtigſte Wechſelgeſchaͤft, den Austauſch der Herzen und Ringe, wol wagen. Laſſen Sie uns daher die antwerpener Geſchaͤfte recht bald abmachen, und ich will dann in den ſchoͤnen Septembertagen, die zu kommen ver⸗ ſprechen, noch ein paar Wochen nach Oſtende gehen. Ich ſehe, daß Sie ſich im Bad ſo kraͤf⸗ tig verjuͤngt haben, Herr Baron. Mich hat das lange Geſchaͤft ein wenig ſchief und gebuͤckt gezogen. Aber ſehen Sie, man kann ja auch einen krummen Nagel gerade haͤmmern: ſollte denn die See nichts an meinem ſonſt geſunden Koͤrper vermoͤgen? Es iſt keine Eitelkeit von mir; ich thue es um Veronika's willen. Es druͤckt doch immer eine Dame, wenn ihr Mann ſo unſtattlich neben ihr einhergeht. Nun, Herr Baron, wollen Sie alſo mein Fuͤrſprecher, wol⸗ len Sie Vermittler ſein? Von des Mannes ſchlichter Empfindungs⸗ weiſe geruͤhrt, verſetzte der Baron mit dem wohl⸗ wollendſten Accent: Es iſt mir ſehr leid, gu⸗ ter Herr Heſſelts, daß ich ſtatt Vermittler Ih⸗ res Gluͤckes zu werden, es zerſtoͤren ſoll. Die edle Veronika iſt leider ſo gut wie verſagt. Verſagt? O du lieber Gott! ſeufzte Heſ⸗ ſelts und ſank mit gefalteten Haͤnden in den Seſſel zuruͤck. Zu ſpaͤt! Da komme ich nun zu ſpaͤt! Zu Arbeit und Geld bin ich fruͤh genug gekommen, und zu Liebe und Haͤuslich⸗ keit komme ich zu ſpaͤt. Guter Gott, da muß ich nun wieder allein eſſen! Und hatte mich doch ſchon ſo an die liebe Geſellſchaft bei mei⸗ nem einfachen Mahle gewoͤhnt. Nun ja! da will ich denn auch in Gottes Namen ein Biß⸗ chen ſchief bleiben und nicht nach Oſtende gehen. 333 Uebrigens ſtehe ich jede Stunde bereit zu un⸗ ſerm Geſchaͤft, Herr Baron. Er ging an die Thuͤre und zog die Schelle. „Ja, Herr Baron, morgen oder uͤbermorgen; wann Sie wollen! wiederholte er. Ein Kellner trat herein. Nehmen Sie das eine Couvert hinweg! gebot Heſſelts, und brin⸗ gen mir eine Taſſe Kaffee. Wie der Kellner das Couvert wegtrug, ſah ihm Heſſelts nach, wiſchte mit dem Finger im rechten Augenwinkel etwas hinweg und wieder⸗ holte: Ja, Herr Baron, wann Sie wollen! Lieber Herr Heſſelts, ſagte der Baron, in⸗ dem er ihn zu ſich auf das Sopha zog, ich will Ihnen einen Vorſchlag thun. Wir machen das antwerpener Geſchaͤft zuſammen ab und Sie rei⸗ ſen dann mit mir auf mein Gut, das nicht uͤbel gelegen iſt, wohnen bei mir, ſo lange es Ihnen gefaͤllt, und wir eſſen an einem Tiſche mit Veronika. Sehen Sie, wir ſetzen uns ein⸗ 334 ander gegenuͤber, ich habe meine Tochter rechts, Veronika links, und Sie umgekehrt. So blei⸗ ben Sie bei angenehmer Tiſchgeſellſchaft. Heſſelts ſtand auf, faßte des Barons beide Haͤnde und rief freudig: Das wollten Sie, Herr Baron? Wahrhaftig? Aber, wie lange wirds denn dauern, da Ihre Tochter heirathet und Veronika verſagt iſt? Beſter Mann! erwiderte Guſtav, wir neh⸗ mens mit, ſo lange es eben dauert. Koͤmmt Zeit, koͤmmt Rath! Wir Beide weettteifern, Veronika zu erfreuen, zu begluͤcken, ſo viel in unſern Kraͤften ſteht. Ich habe Veronika ſo lieb wie Sie; wir wollen ſehen, wer von uns in ihrer Gunſt hoͤher ſteigt. Am Ende kann ſie ſich vielleicht gar nicht mehr von uns trennen und bleibt fuͤr immer bei uns. O das iſt ein praͤchtiger Gedanke! rief Heſ⸗ ſelts und tanzte vor Vergnuͤgen um den kleinen runden Tiſch, was bei ſeiner ſchiefen Haltung — 335 hoͤchſt poſſierlich ausſah. Dann blieb er wieder vor dem Baron ſtehen und ſagte: Sie ſind ein kreuzbraver Mann, Herr Baron! Solches Vertrauen ſchenken Sie mir! Es iſt ſogar leichtſinnig von Ihnen; ich ſage es Ihnen offen heraus, da Sie eigentlich verdienten, daß Ih⸗ nen eine liebe Perſon entfuͤhrt wuͤrde, damit Sie auch einmal fuͤhlten, wie das thut. Der gute Heſſelts erſchrak in demſelben Au⸗ genblick uͤber ſeinen vorwurfsvollen Scherz und bat um Verzeihung. Guſtav laͤchelte wohlwol⸗ lend und lud ihn auf den Abend hinuͤber zur Familie Lersner. So empfahl er ſich, nachdem Beide einander die Haͤnde darauf gegeben hat⸗ ten, daß ſie morgen fruͤh zuſammen nach Ant⸗ werpen reiſen wollten. 336 Die letzten Wochen im Auguſt und die er⸗ ſten im September brachten nach dem unguͤn⸗ ſtigen Sommer ſo heiteres Wetter, daß der ehr⸗ liche Heſſelts noch recht gut ins Seebad haͤtte gehen koͤnnen. Er blieb aber ſeinem abgeaͤnder⸗ ten Vorſatze treu und langte mehre Wochen nach der Abreiſe von Hattenheim mit dem Baron Guſtav auf deſſen Beſitzung an. Hier war inzwiſchen Alles eingerichtet und das Hausweſen in ſeinem neuen Gang. Ein wehmuͤthiger Friede uͤberkam ihn, als er nach monatelanger Abweſenheit, nach ſo vielfaͤltigen Erlebniſſen und Anſchauungen, die ſtillen alten Zimmer wieder betrat und hinaus nach dem Gebirge, nach dem Thale und der Stadt blickte. Waͤre nur der Ausblick in ſeine Zukunft ſo hei⸗ ter und frei geweſen! Dieſen aber verdunkelte Alidens Wahnſinn, den der Inſpector und die Aerzte fuͤr unheilbar erkannt hatten. Noch am Abend vor des Barons Abreiſe nach Antwerpen 337 war man in Berathſchlagung wegen der Kran⸗ ken getreten. Es ſchien Allen das Beſte, ſie in der eberbacher Anſtalt unterzubringen. Es ließ ſich hier in einem Nebenhaͤuschen ein ſehr anſtaͤndiger und bequemer Aufenthalt einrichten; der Inſpector der Anſtalt war der Familie Lersner uͤberdies befreundet und wenn demnaͤchſt Angelika in Hattenheim wohnte, hatte ſie die Mutter nahe. Im Stillen knuͤpfte der Baron Guſtav an dieſen verſtaͤndigen und beruhigenden Plan ſeine Scheidung, die unter den jetzigen ungluͤcklichen Umſtaͤnden nichts Schwieriges und Auffallendes mehr hatte. Allein der Plan zerfiel an Vero⸗ nika's Anſicht. Die herbeigerufene Freundin er⸗ klaͤrte ſich zwar nicht gegen die Abſichten der Uebrigen; allein ſie wollte ſich nicht von der Kranken trennen. Ich habe, wie einige Freunde. wiſſen, ſagte ſie, ehe wir nur das Ungluͤck der guten Frau ahnen konnten, meine Zukunft und Veronika. IZ. 15 338 Alles, was von mir gewuͤnſcht wurde, davon abhaͤngig gemacht, daß vor Allem die verlaſſene Alide eine Ruheſtaͤtte, einen Haltpunkt fuͤr ihr kuͤnftiges Leben gefunden haͤtte. Der Himmel hat es nun wunderbar gefügt, daß ſie ſelbſt dieſen Platz an meinem Herzen geſucht hat. Und hier ſoll ſie ihn behalten. Ihr wißt Alle, ſie iſt ſtill und laͤchelt, wenn ich um ſie bin; ſie wird unruhig und will fort, wenn ſie mich eine Weile nicht bemerkt. Sie wird ſich auch ohne mich nicht gewoͤhnen, ſelbſt wenn wir ihr noch dieſes neue Leid zumuthen duͤrften; denn ſie hat gerade mich mit dunkler Seele geſucht; ſie hat ſich an ihre Naͤchſten nicht wieder ange⸗ ſchloſſen, ſondern nur an mich, der ſie in ihren geſunden Tagen eben nicht ſonderlich zugethan war. Liegt darin nicht ein tiefes Seelenbeduͤrf⸗ niß fuͤr ſie? Und duͤrfte ich ſelbſt darin die hoͤhere Fuͤgung verkennen, Vormunderin, Pfle⸗ gerin meiner tief traͤumenden Herrin zu ſein? 8 3 339 Nein, dieſer Beruf iſt mir heilig; ſei es, daß ich der Armen in das Irrenhaus folge, oder daß wir ſie mit uns in liebevolle haͤusliche Pflege nehmen. Beſtimmen Sie daruͤber! Es half auch keine weitere Vorſtellung; Veronika blieb bei ihrem Vorſatze, daher ſich der Baron entſchloß, weil er die Freundin nicht mit in ein Irrenhaus verbannen und ſelbſt ihren Umgang entbehren mochte, die Kranke mit nach Hauſe zu nehmen. Fritz ſollte die Frauen be⸗ gleiten. So fand man ſich nach des Barons gluͤck⸗ licher Heimkehr aus Belgien zuſammen und ver⸗ lebte die ſchoͤnen Herbſttage, bis Fritz Lersner ſchied, um mit dem Prieſterpaare zu dem Chriſt⸗ feſte wieder zu kommen. Fuͤr Aliden war in jeder Weiſe liebevoll ge⸗ ſorgt. Im Hauſe, im Garten und in der Ge⸗ gend daͤmmerten alte Erinnerungen in ihrer um⸗ nachteten Seele auf. Sie fing an ſich zu be⸗ 15* 6 340 ſchaͤftigen. Es war ein kindiſches Spielen; aber es erleichterte Veronika's Pflege. Die Kranke bewohnte einige Zimmer in einem ſtillen Seiten⸗ bau, der mit dem Hauptgebaͤude durch einen ſchmalen Gang verbunden war; aber auch einen beſondern Ausgang in den Hof hatte. Liſette war ausſchließend zu ihrem Dienſt und zur ſteten Begleitung beigegeben. Man ließ ſie, nach dem aͤrztlichen Rath, viel in das Freie gehen. Auf einem dieſer Gaͤnge nach der Wald⸗ hoͤhe kam ihr auch die alte Kapelle in Erinne⸗ rung, zu der ſie fruͤher ſo gern beten gegangen war. Richtig fand ſie auch den Schluͤſſel wie⸗ der auf, den ſie bei ihrer Abreiſe nach Antwer⸗ pen ſorgfaͤltig verwahrt hatte. Dorthin ging ſie nun an guten Nachmittagen und ſchmuͤckte den Altar. Sie verlangte Leuchter und Kerzen und man ſchaffte ſie an. Sie war wie ein Kind vergnuͤgt daruͤber. Zu ihren frommen Spielereien gehoͤrte es auch, die Bildſtoͤcke zu 341 zieren, die auf den Feldwegen ſtanden, und was ſie an Blumen auftreiben konnte, dem Crucifix auf dem Altar der Kapelle zwiſchen die ausge⸗ ſpannten Arme zu ſtecken. Auch fuͤr ihr Zimmer kaufte ſie ein kleines Crucifix, wie es Bauers⸗ leute in ihren geweißten Stuben bunt und ge⸗ ſchmacklos haͤngen haben. Anfangs ließen ſich Guſtav und Veronika Alles erzaͤhlen, was die arme Alide auf ihren Ausgaͤngen unternahm, um Liſetten darnach anzuweiſen. Wie ſich aber im⸗ mer nur Daſſelbe wiederholte, achtete man weni⸗ ger darauf. Bald unterbrach die Witterung auch die Waldgaͤnge auf eine ganze Woche und Alide hatte die Kapelle vergeſſen. So lebten ſich die vier Menſchen— den frohen, allgefaͤlligen Heſſelts mitgerechnet— in den ſtil⸗ len Winter hinein. Angelika war in ihren Lie⸗ bestraͤumen und durch Fritzens ſeelenvolle Briefe begluͤckt; der ehrliche Heſſelts ſtreckte ſich all⸗ maͤlig in der Bergluft auch ohne Seebad; Veronika waltete, als Stellvertreterin der Haus⸗ frau, mit Geiſt und Wohlwollen; ſie entfaltete in ihrer jetzigen Freiheit die Gaben einer Ge⸗ bieterin und Begluͤckerin des Hauſes, vielleicht um ſo unbefangener, weil ihr der Gedanke, es zu werden, jetzt auch nicht einmal als Traum in den Sinn kam. Der Baron aber freute ſich daran gerade mit dieſem Gedanken, den er je⸗ doch aus Zartgefuͤhl nicht merken ließ. Nur einmal, als eben eine kleine Geſellſchaft aus der Stadt viel froͤhlicher, als in fruͤherer Zeit, Abſchied genommen hatte, erinnerte er ſcherzend an Alidens Ausſpruch vor der Badereiſe, Vero⸗ nika werde aus den Niederlanden praktiſcher zu⸗ ruͤckkehren. Ach! erwiderte ſie, berufen Sie jene Ver⸗ gangenheit nicht, lieber Freund! So Manches hat ſich leider! betruͤbt genug erfuͤllt. Jener kindiſche Traum, der uns manche Sorge machte, iſt in Wahnſinn ausgelaufen. Und wie wun⸗ 343 derlich! Jener wache Traum des Schaͤfers Baſtian, wovon ich Ihnen erzaͤhlt habe, jener geſunde, aus Naturbetrachtung entſtandene Aus⸗ ſpruch eines Hirten, wie ſchauerlich klingt er mit Alidens fixer Idee zuſammen! Ach in man⸗ cher Nacht beunruhigen mich dieſe lebhaften Bil⸗ der von Traum und Wahn, Ahnung und Aber⸗ glauben, Liebe und Leidenſchaft, Vergangenheits⸗ geſpenſtern und Zukunftsgeiſtern, Pfaffenthum und Prieſterthum. All' dieſe erlebten Geſtalten, die ſich noch zu keinem befriedigenden Gemaͤlde ordnen wollen, umgaukeln und verwirren mich. Halten wir uns lieber an die eine, heitere und ſchoͤne Erfuͤllung, daß Angelika wirklich im Bade Braut geworden iſt! Am Ende kann ja doch nur eine echte, hohe Liebe die boͤſen Traͤume der Zeit bewaͤltigen und die guten erfuͤllen, den Wahn heilen und der Wahrheit des Lebens helfen! Guſtav ſchwieg. Welche Traͤume aber den 344 ſchweigſamen Freund innerlich deſto lebhafter be⸗ ſchaͤftigten, verrieth ſich einige Tage ſpaͤter durch ein kindiſches Spiel. Es war Allerheiligenmarkt in der Stadt und Heſſelts mit Angelika und der Freundin dahin gefahren. Guſtav ließ den Verſchlag uͤber Ve⸗ ronika's wieder mitgebrachtem Bildniß abnehmen. Hinter verſchloſſenen Thuͤren hob er Alidens Bild von der Wand und haͤngte die von ihm gemalte Veronika an denſelben Haken. Gegen⸗ uͤber ſitzend beſah er, wehmüͤthig vergnuͤgt, die drei Bildniſſe, ſein eigenes neben Angelika's und dem der Freundin. Es waren die beiden weib⸗ lichen Weſen, zwiſchen denen ſich ſein Herz in Vergangenheit und Zukunft theilte. Die Eine wollte bald ſcheiden, die Andere, wann konnte ſie kommen, kommen in ſeinem Sinn? Das Bild iſt noch nicht fertig! dachte er und fuͤhlte aus dieſem einfachen Gedanken eine große Be⸗ ruhigung heraus: Bis auch ſo ein Oelbild — A fertig wird! ſagte er leiſe vor ſich hin, und bis ſo ein Liebesgluͤck fertig wird! Es war ſtill um ihn her, ein grauer Abend⸗ himmel daͤmmerte durch das Fenſter; wehmuͤ⸗ thige Empfindungen regten ſich: da, wie ſein feuchter Blick auf Alidens verkehrt gegen die Wand geſtelltes Bildniß fiel, glaubte er im erſten Augenblick einen grauen Grabſtein zu er⸗ blicken. Er ſprang auf; die gaukelnde Vor⸗ ſpiegelung der Phantaſie erſchreckte ihn, wie ein Geſpenſt. Haſtig nahm er Veronika's Bild herab; der Haken zog ſich mit aus der Wand. Eben fuhr der Wagen in den Hof; Guſtav hatte keine Zeit einen Hammer zu ſuchen; er druͤckte den Nagel mit Anſtrengung ein und haͤngte Alidens Bild wieder auf. 15**† 346 MNiit dieſer Ergebung in die graue, um— hangene Gegenwart ſeines Lebens, wie der Jahreszeit, dachte der Baron daran, wenigſtens fuͤr Andere Liebevolles zu bereiten. Der Ge⸗ burtstag Veronika's, der auf den 24. December fiel, ſollte recht glaͤnzend gefeiert werden. Ge⸗ ſchenke wurden verſchrieben und heimlich in das Schloß abgeliefert, Geſchenke fuͤr die Freundin zu eigenem Gebrauch und zur Vertheilung un⸗ ter Bekannte und Dienſtboten. Veronika machte gern auch dem Geſinde gelegentlich eine Freude. Mit den Freunden am Rhein wurde brieflich verabredet, Fritz, Mathilde und Kindlinger, die doch erſt kurz vor den Feiertagen eintreffen konn⸗ ten, ſollten ſich ſo einrichten, daß ſie am Chriſt⸗ vorabend aus der Stadt ankaͤmen und als die lebenden und liebſten Geſchenke unter die Lichter des Chriſtbaums traͤten. Um die Ueberraſchung fuͤr die Freundin und die Tochter vollſtaͤndig zu machen, lief kurz vor den Feiertagen ein Brief 347 Fritzens ein, der eine vorgefallene Verſpaͤtung ihrer Abreiſe beklagte; doch hoffte man noch im alten Jahr einzutreffen. Der Abend kam. Angelika war im Einver⸗ ſtaͤndniß mit dem Vater und mit Veronika, die einander uͤberraſchen wollten. Sie ſtand der Freundin bei, im Saale den Chriſtbaum und die Chriſtbeſcherung anzuordnen, und half dem Vater im daran ſtoßenden Zimmer die Geburts⸗ tagsgeſchenke zurechtlegen. Vergnuͤgt und mit liebevoller Schalkhaftigkeit trank man den Thee, waͤhrend deſſen die rheiniſchen Freunde ſich in das Haus ſtahlen und in einem andern, an den Saal ſtoßenden Zimmer ſich verſteckt hielten. Es iſt ein recht gelinder Winterabend, aber truͤbe und dunkel, ſagte Veronika, indem ſie an das Fenſter trat. Das Chriſtkind hat keinen kalten, aber einen recht geheimnißvoll verhuͤllten Weg zum Beſcheren. Wenn ich nicht irre, ſo hat es eben unſer Haus verlaſſen und eilt nach 348 der Stadt. Kommt, laßt uns ſehen, ob es wirklich bei uns war! Laͤchelnd zu dieſer kindlichen Erinnerung, begab man ſich uͤber den Gang nach dem Saale. Welche Helle fiel von dem geſchmuͤckten Baum und den umherſtehenden Tiſchen den Ankom⸗ menden entgegen! Hinter ihnen her draͤngte ſich das Geſinde des Hauſes und eine Schar von Nachbarinnen aus dem Dorfe mit ihren Kindern nach und ſtaunten durch die offene Thuͤre die Herrlichkeit an. Veronika's Beſcherungen waren weniger reich, als ſinnig gewaͤhlt und nach dem Geſchmack und den leiſeſten Wuͤnſchen der Beſchenkten be⸗ ſorgt. Auf einem Ecktiſchchen ſtand, ſeltſam ab⸗ ſtechend gegen die luſtigen Geſchenke, das große, ſchoͤne Crucifixr Mathildens. Was iſt Das? fragte der Baron betroffen. Wir wollen doch unſere arme Alide nicht vergeſſen, antwortete leiſe Veronika. Sie hat 349 ja keinen Sinn mehr fuͤr ein nuͤtzliches Geſchenk oder fuͤr irgend eine hoͤhere Anſchauung, außer fuͤr dieſes Abbild leidender Liebe. Auf ihrem Zimmer hat ſie ſo ein kleines, geſchmackloſes Crucifix: ich moͤchte es mit dieſem edeln, kunſt⸗ pollen Werke vertauſcht ſehen. Es gehoͤrt Ma⸗ thilden, die jetzt ihre Andacht leidvoller Erinne⸗ rungen mit dem Prieſterthum leiſtender Liebe vertauſcht hat. Auf ihren Wink hatte inzwiſchen Liſette die Baronin herbeigeholt. Eine große Stille ent⸗ ſtand, als Alide eintrat, mit freudigem Schreck die vielen Lichter betrachtete und mit gefalteten Haͤnden niederkniete. Veronika hob ſie auf und fuͤhrte ſie an das Tiſchchen. Sie griff haſtig und mit einem frohen Seufzer nach dem Crueifix, ohne den andern Sachen auf dem Tiſchchen eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Der Baron war inzwiſchen in das Nebenzimmer geeilt, wo ſeine Geburtstagsgeſchenke lagen, und brachte 350 einen koſtbaren Pelzmantel herbei, den er durch Veronika's Hand fuͤr Aliden beſtimmt hatte und ihr nun ſelber umlegte. Alide achtete deſſen nicht. Und doch gab ihr dieſer weite, ſchim⸗ mernde, ſchwarze Atlas mit der grauen Pelz⸗ verbraͤmung zu dem ſchoͤnen blaſſen Geſicht mit herabhaͤngenden ſchwarzen Locken ein hoͤchſt be⸗ deutendes Ausſehen. Der Baron war erſchuͤttert und winkte, daß man ſie hinwegfuͤhre. Sie folgte eiſetten, indem ſie mit hochgehobenem Crucifix und ſeelenvollem Aufblick, wie eine Prieſterin des Leidens in ſchwarzem Pluvial, durch den Saal ſchwankte. An der Thuͤre wen⸗ dete ſie ſich noch einmal um und gruͤßte Vero⸗ nika mit einer ansdrucksvollen Bewegung, als ob ſie ihr Lebewohl ſagte. Die Freundin ſah jetzt ein, daß ſie ſich mit ihrer wohlgemeinten Abſicht doch uͤbereilt und eine nicht vorbedachte Verſtimmung in die Kinderfreude des Abends gebracht hatte. Sie blickte verlegen nach dem 351 Freunde. Doch dieſer erhob ſich eben raſch vom Sopha und riß, als ob er freudebringende Geiſter beſchwoͤren wollte, die Seitenthuͤre auf, durch welche Fritz, Mathilde und Kindlinger hereinſtuͤrzten und von Angelika mit freudigem Aufſchrei, von Veronika mit frohem Aufathmen empfangen wurden. Bis man ſich von der ſo ſchoͤn gelungenen Ueberraſchung ſammelte, hatte Guſtav die andere Seitenthuͤre geoͤffnet und fuͤhrte Veronika zu den Geburtstagsgeſchenken, die unter den Kerzen ſilberner Armleuchter um⸗ hergebreitet lagen. Die Freundin erſchrak ordent⸗ lich vor den ſeltenen und reichen Gaben. Sie umarmte Angelika, ſie reichte laͤchelnd dem Ba⸗ ron die Hand. Die Gluͤckwuͤnſche der Freunde draͤngten ſich zu; das Geſinde, die Baͤuerinnen aus dem Orte kamen mit lachenden Geſichtern herbei; die Kinder reichten ihr Patſchhaͤndchen. Die Freundin ſtand bei all' dem Zudrang der Liebe ſtumm da; die Thraͤnen traten ihr in die 35² lachenden blauen Augen. Sie zu erleichtern, la⸗ gen nun alle die fuͤr das Geſinde, fuͤr die Kin— der und ſelbſt fuͤr die Freunde beſtimmten und mit bunten Zetteln bezeichneten Geſchenke um⸗ her. Unter den Empfangenden war auch der Schaͤfer Baſtian mit ſeinem Peterchen. Er hatte heut ſeinen gruͤnen Sonntagsrock an. Haſt Du noch Deine wunderlichen Traͤume? fragte ihn Veronika aus laͤchelnder Verlegenheit. Nein, antwortete er, ich traͤume nur Som— mers und bei Sonnenſchein, gnaͤdige Made⸗ moiſelle! Hiermit war aber das Beſcheren noch nicht beſchloſſen. Die rheiniſchen Ankoͤmmlinge hatten auch mitgebracht und Fritz fuͤhrte ſeine frohe Braut hinuͤber, wo im Verſteckzimmer Ent⸗ ſprechendes ausgelegt war. Wie ſtaunten die Baͤuerinnen all' der ſeltſamen Koſtbarkeiten, die es draußen in der Welt gab und die ſie nicht haͤtten nennen und brauchen koͤnnen. Und doch 353 fuͤhlte ſich wol Keins von allen Frohen und Beſchenkten ſo reich, wie dieſe Dorfkinder mit ihren einfachen Spielgeraͤthen in den Haͤndchen, mit den vergoldeten Aepfeln und Nuͤſſen und braunen Lebkuchen in den Taſchen und Schuͤrz⸗ chen. Fort und fort ſtaunten ſie mit den hel⸗ len Augen und offenen Lippen in die unzaͤhligen Lichter. Und all' dieſer Zauber und ihre klopfen⸗ den Herzchen ſelbſt, loͤſten ſich rein in dem reinen Glauben an die Erſcheinung des Chriſt⸗ kindes. Kein Baron, keine gnaͤdige Frau, keine Braut, ſondern eben ein Kind hatte dies Alles gebracht und gemacht. Es waͤhrte eine geraume Zeit, bis die hohe Flut des Jubels nach und nach ablief, das Voͤlkchen aus dem Dorfe ſich in die Geſinde— ſtube oder nach Hauſe zuruͤckzog und die Fa⸗ milie ſich zu frohem Geſpraͤche zuſammenſetzte. Am Ende iſt es eine Wohlthat nach ſolchen Aufregungen des Gemuͤths, daß die gemeine 354 Gewohnheit des Tages eintritt und den Tiſch zum Eſſen deckt. Doch wurden die dampfen⸗ den Schuͤſſeln wenigſtens unter edeln Spruͤchen und guten Wuͤnſchen genoſſen.„Was uns die wachſenden Tage beſcheren!“ Dieſen Spruch brachte mit vergnuͤgten Blicken auf Tochter und Freundin der Baron Guſtav aus und die an⸗ geſtoßenen Glaͤſer erklangen. Ach Gott, die gnaͤdige Frau iſt fort! rief hereinſtuͤrzend Liſette und die laute Freude ver⸗ ſtummte. Blaß und zitternd erzaͤhlte das Maͤdchen, ſie habe der gnaͤdigen Frau die gewoͤhnliche Abendſuppe bringen wollen und ſie nicht auf dem Zimmer gefunden; darauf habe man in und außer dem Hauſe nach ihr geſucht und ge⸗ rufen, aber keine Spur von ihr entdeckt. Liſette hatte ſie mit dem Crucifix zuruͤckgefuͤhrt und war dann der Beſcherung zugeeilt. Freilich haͤtte ſie ſich gleich wieder zu ihrer Herrin ver⸗ 3⁵5⁵ fuͤgen ſollen; allein durch die angekommenen Fremden war das Feſt ſo lebhaft und ſo ver⸗ laͤngert worden, daß die Kranke daruͤber ver⸗ geſſen blieb. Auch hatte ſie bisher des Abends ſich immer ſehr ruhig gehalten, ſo daß Liſette wol oͤfter ſchon ſo nachlaͤſſig geweſen war. In der Verwirrung, die Alle ergriffen hatte, gewann zuerſt der Baron Guſtav die Beſon⸗ nenheit, Anordnungen zum Aufſuchen der armen Alide zu treffen. Es waren noch Leute aus dem Dorfe bei dem Geſinde. Dieſe und die Dienerſchaft wurden vertheilt nach der Land⸗ ſtraße, nach dem Fluß hinab, nach den Dorf⸗ wegen ausgeſprengt. Fritz, von fruͤher in der Umgebung des Schloſſes bekannt, eilte eben⸗ falls fort. Der Jubel des Hauſes war ploͤtzlich in eine Todtenſtille verwandelt. Die angſtvolle Tochter lag, auf einem Schemel ſitzend, in Veronika's Schooß. Heſſelts und Mathilde ſuchten beide 356 troſtloſen Freundinnen zu beruhigen. Heſſelts ging ab und zu, bald um unten zu helfen, bald um oben zu troͤſten. Kindlinger, fremd in Haus und Gegend, ſchritt mit gefalteten Haͤnden im Zimmer hin und wieder. Es war ſchon tief in der Nacht. Von Zeit zu Zeit kam Eins der Ausgeſchickten zuruͤck und berichtete dem Baron oder begehrte neue An⸗ weiſung. Zuletzt war eine Stille der Ermuͤ⸗ dung und Ergebung eingetreten. Angelika ſchlummerte in Veronika's Armen; da ſtuͤrzte Alidens Bild mit ſeinem Haken von der Wand, daß Alle entſetzt auffuhren. Es iſt kein Zeichen! Beruhigt euch! rief ſchnell der Baron. Der Nagel war neulich ſchon los und ich habe ihn zu befeſtigen vergeſſen. Seid nur ruhig; es iſt nichts als— nun ja, als ein Zufall! Da ging langſam die Thuͤre auf; eine weiße Geſtalt trat herein; aber es war auch Niemand Anderes, als der Schaͤfer Baſtian in ſeinem 357 leinenen Kittel. Gunaͤdiger Herr, ſagte er haſtig, verzeihen Sie, daß ich ſo hereinkomme; aber ich war auf meiner Suche nach der gnaͤdigen Frau in einen gefuͤllten Graben gefallen und mußte nach Hauſe, mich umzukleiden. Muͤde und frierend ſchlummerte ich hinterm Ofen ein und da ſah ich unter dem Einnicken leibhaftig die gnaͤdige Frau oben in der Waldkapelle bei vielen Lichtern. Es iſt wunderbar; denn ich habe ſeit vielen Jahren nicht getraͤumt. Viel— leicht iſt es auch nur ein Einfall von mir im Schlummer geweſen; denn ich beſann mich un⸗ ter dem Umkleiden auf Weg und Steg, die ſie eingeſchlagen haben koͤnnte. Laſſen Sie aber doch dort nachſehen! In der Kapelle. Der Baron, Kindlinger, Veronika waren ſchon aufgeſtanden und eilten fort. Auch An⸗ gelika wollte mitgehen; allein Mathilde hielt ſie zuruͤck. Niemand hatte an die Waldkapelle ge⸗ dacht. Man rief unten nach Fritz und Heſſelts; 358 aber nur Heſſelts war in der Naͤhe und ſchloß ſich an. Man zuͤndete eine Laterne an und eilte durch das Dorf nach der Waldhoͤhe. Die Luft war feucht⸗kalt und der vom Nie⸗ derſchlag des Nebels ſchluͤpfrige Fahrweg an⸗ ſtrengend. Als man beinahe athemlos von Angſt und Haſt die Hoͤhe erreicht hatte und durch das Gehoͤlz die Kapelle erblickte, ſchimmerte wirklich Licht durch die kleinen, truͤben Fenſterſcheiben. Eine frohe Erwartung trieb zu erneuter An⸗ ſtrengung. Der Schluͤſſel ſteckte von außen; aber man konnte nur mit Muͤhe oͤffnen, weil das alte, lahme Schloß uͤbergeſchnappt war. Auf dem Altare brannten alle Lichter, welche die Baro⸗ nin ſchon im Herbſte aufgeſteckt hatte. Alide lag in den neuen Pelzmantel gehuͤllt vor dem Altare, mit dem Kopf auf der einen Stufe deſſelben. Guſtav und Veronika ſprangen hinzu, ſie 359 aufzurichten; ſie lebte nicht mehr. Auf dem ſchoͤnen Antlitz lag eine friedliche, laͤchelnde Ver⸗ klaͤrung; jeder Zug des irren Ausdrucks letzter Zeit war verſchwunden. Der Baron Guſtav weinte ſtill; Veronika hatte eine Unruhe zu helfen, ohne in ihrer Angſt und Niedergeſchlagenheit klar daruͤber zu wer⸗ den. Kindlinger ſtand mit gefalteten Haͤnden geruͤhrt da und Heſſelts in ſeiner ſonſt gelaſſe⸗ nen Empfindungsweiſe ohne Faſſung, hielt ſich, vor Froſt und Leide zitternd, mit beiden Haͤn⸗ den am Arme des Geiſtlichen. Ach! ſagte er mit bebender Stimme, die arme gnaͤdige Dame! Dort hat ſie das ſchoͤne Crucifix auf den Altar geſtellt. Da liegt auch das Laternchen, worin ſie Licht mitgebracht. Lieber Gott! Hat ſie vielleicht die Thüͤre nicht wieder oͤffnen koͤnnen, oder ſich von der Anſtrengung erhitzt und auf dem feucht⸗kalten Boden— Still! fiel Kindlinger ein, forſchen wir 360 nicht, welchen Weges der Himmel ſie zu ſich berufen hat! Inzwiſchen war Veronika zur andern Seite der Verblichenen niedergekniet. Das Gewicht dieſer Stunde und der Vorwurf, den ſie ſich machte, durch ihre Beſcherung die arme Alide auf den Gedanken an die Waldkapelle gebracht zu haben, ſchienen auf ihr zu laſten. Sie und Guſtav, ſtumm in dem erhabenen Leide, das ſie gemeinſam empfanden, reichten einander nur wie zum Troſt die Haͤnde uͤber der ſchoͤnen Leiche. Eben hoͤrte man durch die tiefe Stille mit dem Nordoſtwinde vom Dorfe herauf zwoͤlf Uhr ſchlagen. Mitternacht! rief Kindlinger feier⸗ lich. Chriſttag! Ehre ſei Gott in der Hoͤhe und Friede auf Erden den Menſchen eines rei⸗ nen Willens! Faßt euch, meine edeln Freunde! Die Arme iſt hinuͤbergerufen worden, um die ſchoͤnſte Beſcherung zu empfangen, zu der beim Anblick unſeres Feſtes ihre heimlichſte Sehnſucht 361 erwacht war. Ein neuer Chriſttag iſt angebro⸗ chen; moͤchte es einer der Wahrheit und des Heils ſein fuͤr alle Welt! Noͤchte nirgends die Liebe fehlen, wo echt Menſchliches in des Lebens Krippe geboren wird, aus der gemeiniglich nur Ochs und Eſel behaglich freſſen! Moͤchte un⸗ ſerm Jahrhundert aber auch der Stern from⸗ men Forſchens immer heller aufgehen und die Koͤnige des Abendlandes leiten, die Wahrheit zu finden und anzubeten! Dieſe Worte unterbrach Fritz, der mit eini⸗ gen Dienern hereinſtuͤrmte. Sie blieben aber bei ſolchem Anblicke beſtuͤrzt ſtehen. Veronika erhob ſich auf dieſe Bewegung; eben war ihr der Gedanke klar geworden, ob nicht Wie⸗ derbelebung zu verſuchen waͤre. Der Baron ſchickte daher einen Diener voraus nach dem Arzte und winkte Fritzen herbei. Beide erho⸗ ben die Verblichene, um ſie, in den atlasnen Veronika. II. 16 Pelzmantel gehuͤllt, mit Huͤlfe der Diener raſch hinabzutragen. Das ſtille Grab Alidens uͤbergruͤnte ſich im folgenden Sommer. Veronika, die ernſte Freun⸗ din, theilte ſich mit der braͤutlichen Angelika in die ſanfte Trauer und, als dieſe voruͤber war, in die bluͤhenden Zweiglein der Myrthe. Der ehrliche Heſſelts ging nach der Ver⸗ maͤhlung abwechſelnd bei Beiden zu Tiſche und widmete ſich mit ſeinem huͤbſchen Vermoͤgen der Prieſterin Mathilde als ihr erſter Diakon und Gehuͤlfe. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. — ſſſſine 7 8 9 10 11 2 1 4 6 17 Wenſnnmannanin mMMphn- 1 3 1 15 1 X