20,36 4*———— Leihbibliothek † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 — 3 von.. Eduard Oltmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 3 3 „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe J interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 4 wird. b f3n Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3. 8 fuͤr wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher 8 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Ml.— Pf. 1 MI. 50 Pf. 2 Mr. Pf. 1 3 Auswürtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſ endung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5 defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ l.lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt 1 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird *l beeſſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 6 Deutſche Bibliothek. — o=GNSO.R Sammlung auserleſener Original⸗Romane. Unter Mitwirkung von Ludwig Bechſtein, Adolf Glaßbrenner, F. G. Kühne, F. Kürnberger, Hermann Kurz, Hermann Marggraff, Theodor Mügge, Wolfgaug Müller, Otto Müller, Robert Prutz, Otto Roquette, Leopold Schefer, J. V. Scheffel, Georg Schirges, Lud. Storch, E. Willkomm u. a. m. Achter Band. Der Amerika⸗-⸗Müde. Amerikaniſches Kulturbild von Ferdinand Kürnberger. E reeeeeeee— Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Cie. 1855. Druck von Aug. Oſterrieth in Frankfurt a. M. 3 AN — Der Amerika-Müde. Amerikaniſches Kulturbild von Ferdinand Kürnberger. Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn&⅜ Cie. 1855. Druck von Auguſt Oſterrieth in Frankfurt a. M. — —— Erſtes Kapitel. „Amerika! Welcher Name hat einen Inhalt gleich dieſem Namen! Wer nicht Dinge der gedachten Welt nennt, kann in der wirklichen Welt nichts Höheres nennen. Das Individuum ſagt: mein beſſeres Ich, der Erdglobus ſagt: Amerika. Es iſt der Schlußfall und die große Cadenz im Concerte der menſchlichen Vollkommenheiten. Was unmöglich in Europa, iſt möglich in Amerikaz was unmöglich in Amerika, das erſt iſt unmöglich! Ich ſehe hier die höchſte geſunde Kraftentwicklung des volljährigen Menſchenkörpers;— drüber hinaus liegt Convulſion und Delirium!“ „Amerika! heilige Erſtarrung ergreift mich bei deinem Anblicke. Die Schauer der Menſchengröße wehen von deinen Ufern. Menſchen⸗ größe, wer kennt dein Gefühl in Europa? Karl der Große, Ludwig der Große, Friedrich der Große— das ſind die Menſchengrößen der alten Welt. Was ſonſt noch groß iſt neben ihnen, wird decorirt oder hingerichtet!— O weiche zurück, Andenken Europa's, vor dem blühen⸗ den Bilde dieſer jungen Erde! Sei mir gegrüßt, Morgenſtirn, Morgen⸗ antlitz, friſche, ſchwellende, aufſtrahlende Schönheit! Ein jugendlicher Menſch iſt die Freude des älteren, aber eine jugendliche Welt,— iſt es möglich, dieſen Wonnebegriff in ein ſterbliches Herz aufzunehmen? Glückliches Land! mit allen Säften unſrer Geſchichte biſt du genährt, aber wir ſind die gröbſten, du das feinſte Gefäß dieſer Säfte. Aſien die Wurzel, Europa der Stamm, Amerika Laub⸗ und Blüthenkrone— ſo gipfelt ſich das Wachsthum der Menſchheit. Und die runzeligen Rinden Aſiens und Europa's durchkriecht das Inſect, auf Amerika's D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. 1 —2— Wipfel wiegt ſich der freie, fröhliche Vogel! In unſern geſchichtlichen Schlupfwinkeln verpuppt ſich die graue, ſchläferige Raupe, aus Ame⸗ rika's Blüthenkelchen trinkt der Schmetterling ſeine Pſyche⸗Unſterb⸗ lichkeit!“ „Ein Mann von rieſigem Leibe kam an ein Waſſer, daran fand er ein Knäblein ſpielen. Das Knäblein ſagte: Mann trag' mich über das Waſſer, denn deine Schultern ſind ſtark. Und der Mann hob das kleine, federleichte Körperchen auf, und trug es durchs Waſſer. Aber im Tragen verwandelte ſich das Kind in eine ſchwere, gewichtige Laſt. Wie geht das zu? wunderte ſich der Mann, trag' ich doch ein ſchmales, ſchmächtiges Knäblein! Du irrſt dich, antwortete dieſes, Him⸗ mel und Erde trägſt du auf deinen Schultern.— Darf ich dieſer Legende nicht hier gedenken am Bord meines Auswandererſchiffes? Der große Chriſtoph ſind wir, die alte Weltgeſchichte; auf unſern Schultern ſtehſt du, Amerika, das wir in kleinſten Anfängen über die atlantiſche Waſſergränze trugen; aber wundergleich überflügelt uns dein Gewicht, und wahrlich! du biſt der Heiland, der uns einſt Alle erlöſen wird! Glückzu, daß du nicht zu ſterben brauchſt für uns, daß du leben wirſt, leben, und nichts als leben! Zurück ihr Tragiker, die ihr den Angſtſchweiß, die Thränen, das Blut von hingerichteten Welt⸗ ideen in den goldnen Schalen eurer Verſe ſammelt; hier füllen ſich nicht eure Schalen. Nach Aſien geht, nach Europa! Dort ſpricht man den Beſten und Tugendhafteſten die Todesſtrafe zu;— hier werden ſie zu Präſidenten. erwählt!“— „Amerika iſt ein Bau, bei welchem die menſchliche Vernunft zum erſtenmale das Geſetz der Schwere fand. Die Staatsgebäude der alten Welt fingen mit der Kuppel an. Der König und der Hoheprieſter wölbten vor Allem das unermeßliche Dach. Dann kamen die Vaſallen, die Ritter und Krieger und ſtellten ihre Säulen darunter. Unter die Säulen ſetzte das Bürgerthum ſeine Sockel. Vom Sockel abwärts endete das Gebäude. Die Sudras, die Pariahs, die Fellahs, die leib⸗ eigenen Bauern,— ſie waren ein verwahrloster Untergrund. Die Baukunſt that nichts für ihren Beſtand, ſie erlaubte blos ihr na⸗ türliches Daſein. Das Fundament war geduldet. Trug es den ſchweren überladenen Bau, ſo that es das Glück; trug es ihn nicht, ſo ſank er langſam mit dem zerquetſchten Volksleben in die Erde, wie — — 3— Aſiens Deſpotien, oder er riß gewaltſam in Trümmer unter den Revolutionen Europa's. Weiſes Amerika, das mit dem Anfange anfing!“ „So werd' ich bewohnen ein feſtes, wohlgezimmertes Haus, ein Haus gebaut auf die erſte aller Wiſſenſchaften, auf die Wiſſenſchaft vom Volke. Marquis Poſa sans phrase iſt der Hausherr darin. Ich trete ein, und umarme ſtaunend und ſchauernd den erſchoſſenen Freund. Er lächelt. Verwundere dich nicht, Bruder, mich hier im Gedeihen zu finden. Du wußteſt ja, ich bin unſterblich. Die Königs⸗ wunde hier— traumhaft fährt er ſich an die Stirne— ſiehe, ſie iſt glücklich vernarbt. Ach, es war ein beſchränktes Jahrhundert! Lächeln wir, Freund, über ſeine Irrthümer. Damals verſagte man der Humanität eine kleine Anſtellung in Holland, heute ſchwingt ſie ihr Scepter über einen Raum, den Flandern und Brabant hundertmal einnehmen könnten und mancher Acre erübrigte noch zu einem irren⸗ ärztlichen Latifundium für den Madrider Staatsrath. Nicht wahr, das Menſchenthum ſchreitet doch vorwärts, und die Könige ſind— ſonderbare Schwärmer! Hier zuckt man die Achſeln über die Ausführbarkeit ihrer Träume und auf dem Capitol zu Waſhington findet man nichts praktiſch, als unſre Ideale.— Sei mir willkommen, Freund, ſei mir willkommen!“— Alſo wurde die Küſte von Amerika begrüßt. Ein Mann von jugendlichem Alter ſteht auf dem Vordertheil ſeines Schiffes und ſchaut mit verſchränkten Armen und begeiſtertem Blicke ſein großes Gegen⸗ über: die neue Welt. In ſeinem Hymnus ſteht ſeine Geſtalt vor uns, kaum brauchten wir die leibliche zu betrachten. Aber auch dieſe drückt eine edle, ſchwungvolle Perſönlichkeit aus. Auf ſeine Stirn haben die Götter das Siegel des Gedankens gedrückt, ſein Mienen⸗ ſpiel iſt eine Lyra, mit vollen, herztiefen Empfindungen beſaitet. Sein Wuchs, mit Winkelmann zu reden, ſein Stamm iſt fein, wir möchten ſagen artiſtiſch gebaut. Ein künſtleriſcher Wurf geht auch durch ſeine Bekleidung. Sie hat nichts zu thun mit dem entſagenden Negligé des abſtract Gebildeten. Sie verräth Formenſinn. Sie ſtellt eine Per⸗ ſönlichkeit dar, welche über die Identität von Geſtalt und Gehalt durch ein natürliches Gefühl, durch eine angeborene Poeſie belehrt iſt. Der Segler paſſirt die Narrows, die Meerenge zwiſchen Long⸗ Island und Staten⸗Island. Links und rechts gezogene Hügel, Wald⸗ 1* kronen, Wieſenteppiche, darüber verſtreut, von der Hütte bis zum Pa⸗ laſt, ein Füllhorn menſchlicher Wohnungen. Im Proſpect die präch⸗ tige Bai von Newyork, ſie, die ſämmtliche Kriegsflotten der Erde aufnehmen könnte, im Tiefgrunde die Stadt ſelbſt. Das Maſten⸗ Gepfähl und Tau⸗Geſtrick ihres Hafens garnirt ſie, aus dieſer Ferne geſehen, wie das zarteſte Spitzengewebe; kaum ſchimmert der Teint ihres weißen, holländiſchen Häuſeranſtrichs durch. Am Borde ſtreitet man ſich, ob dieſe Einfahrt wirklich Aehnlichkeit mit Neapel habe oder nicht. Der hohläugige Seekranke behauptet's mit freuderothem Auf⸗ erſtehungs⸗Jubel, der vielgereiste Touriſt zuckt die abgehärtete Kenner⸗ Achſel. Dem Dritten liegt die Stadt zu eben, ſie hat kein Relief. Der Vierte ſtellt auch Hoboken und Brooklyn in ihren Rahmen und jenes zieht den blauen Hügelkranz von Neu⸗Jerſey, dieſes die bewal⸗ deten Bergwände Long⸗Islands mit in das Bild. Ein Anderer ver⸗ ſchiebt Berg und Wald, ſetzt ſie hieher und dorthin und gewinnt ihnen ſchöpferiſch einen Veſuv ab. Unſer Hochwächter im Vorder⸗Caſtell wendet ſich um und ſpricht über das Verdeck hin: Meine Herren, wenn es heißt: Neapel ſehen und ſterben, ſo wollen wir ſagen: New⸗ vork ſehen und leben! das iſt Gleichartiges und Verſchiedenes. Bei⸗ fallszuruf folgt dem Wortſpiele des Mittlers; dieſer vereinſamt ſich wieder und legt ſein Auge betrachtungsvoll auf Land und See hinaus. Ein grauer Gewitterdunſt umduftet den ſchwülen Sommerhimmel. Der Seeſpiegel ſchattet ihn ab und gleicht einer dunklen, angehauchten Stahlplatte. Links auf Neu⸗-Jerſey, rechts über Brooklyns Waldhöhen hängen zwei dünnwallende Sprühregen herab. In der Mitte von beiden bricht im Hintergrunde die Sonne durch und ſpannt ein paar breite großgefächerte Strahlen über Newyork. Die Stadt ſchwimmt in einem milchweißen Fernenlicht, das mattgraue Wolkengehänge des Vordergrunds contraſtirt dazu mit einer ſchlagenden Wirkung. Wer Neapel in dieſem Nimbus geſehen, dürfte ſich glücklich preiſen. Ein ſolches Bild mit andern abzuwägen, kennzeichnet das Gros der Men⸗ ſchenaugen. Sie ſehen die Landſchaft nur als wägbare Maſſe, der beleuchtende Geiſt entgeht ihnen allzuoft. Unſer Ankömmling empfin⸗ det ihn voll. Sein Auge iſt wie von einem Zauber gefeſſelt vor dieſer Lichtwirkung. Es iſt ihm, als ſähe er in der neuen Welt ein neues, ſich ſelbſt übertreffendes Tageslicht. Und das ſinnliche Bild wie ein Symbol deutend, ruft er aus: Ja, nur Amerika hat Tag, Europa das Phosphorlicht ſeiner faulenden Stoffe!— Inzwiſchen treibt das Fahrzeug dem Lande immer näher. Die Scenen der Bai werden reicher und bunter. Schiffe von allen Grö⸗ ßen und Formen— im Ocean nur durch's Fernrohr geſehen, durch's Sprachrohr angeſprochen— bewundert man jetzt in der Nähe; gleich Delphinenſchaaren erfüllten ſie zu Hunderten das majeſtätiſche Waſſer⸗ Baſſin. Zwiſchen ihnen tummeln ſich kleine verwegene Ruderboote und verſchwinden in jedem Augenblicke aus dem Geſichte, ſo oft eine friſche Briſe über den Meeresſpiegel haucht. Aber immer ſind ſie wieder oben, luſtig, geſchäftig, raſtlos wie die Bienen. Es iſt auch ein Bienenvolk, das nach Honig ausſchwärmt. Die Repporters der Zeitungen ſind's, welche meilenweit den einlaufenden Schiffen entgegen⸗ kommen. Sie ſcheinen die Honneurs der neuen Welt zu machen, den Fremden ihre Dienſte anzubieten, verfolgen aber nur den Zweck, ſich ſelbſt allerlei Seeberichte und Reiſenotizen von ihnen einzuſammeln. Weniger artig verhüllen ihre Honiggier die Runners, die Clerks der Makler, der Agenten, der Gaſtwirthe. Zu Ballen und Rießen bom— bardiren ſie das Schiff mit ihren Annoncen, entern, erſtürmen es und möchten es in die Sclaverei ihrer Firma gerne mit den geringſt⸗mög⸗ lichen Umſtänden ſchleppen. Bei dieſer Gelegenheit geht mancher Wahn in die Brüche, daß man ſein Engliſch in beſter Ausſprache einſtudirt habe. Indeß verſtändigt man ſich doch zuletzt, läßt ſich hier in ein Geſchäft ein, belegt dort eine Nummer im Gaſthaus. Auch unſerm Helden präſentirt ein geſchäftsſüchtiger Runner die Karte ſeines Hotels. Aber er bringt ſeine eigene Adreſſe mit, und dieſer Sorge enthoben, wendet er fich von dem Beſchwerlichen ab, denn das Einclariren des Schiffes unterhält jetzt ſeine Aufmerkſamkeit. Er ver⸗ nimmt die letzten Commando's des Lootſen, das letzte Segel ſieht er von den Matroſen beilegen, das Schiff geht vor ſeine Hafen⸗ Barrière. Ein leiſer Schauer durchrieſelt ihn, indem die ſchwere Anker⸗ kette über die Winde raſſelt. Ach, nur der Reiche reist, gleich dem Elfen Puck„ſchweifend über Land und Meer“— aber wie Viele heftet dieſe Kette bleibend an den Boden, für den ſie vielleicht ihr Letztes eingeſetzt! Da flattern ſie hin Alle mit der gleichen Hoffnung, Jeder mit ſeinem beſonderen Schickſale! Ein Neſt voll halbbefiederter .— 6 Brut dünkt ihm das Auswandererſchiff— wer wird aufwärts dringen in den blauen, liederreichen Aether; wer wird niederſtürzen in den Buſch, in die Tatze des lauernden Wildes? Das Ankerwerfen iſt ei⸗ ner jener Momente, wo man die Geiſterhand deutlicher zu ſehen glaubt, die das Menſchenſchickſal webt. Auch bei der roſigſten Ausſicht flirrt Geſpenſterfurcht wie ein ſchwarzer Faden durch's Auge. Im Getümmel des Landens, des Ausſchiffens, in einem Babel amerikaniſcher Namen und Adreſſen, die jetzt von allen Lippen durch⸗ einander ſchwirren, verlieren wir den Freund, der zuerſt unſre Auf⸗ merkſamkeit erregt, nicht aus dem Auge. Schlägt er doch auffallend genug ſeinen Weg ein! Während Alles um ihn her den Hotels und Agenturen zuſtrömt, lenkt dieſer Ankömmling, nach einem minuten⸗ langen Aufenthalte im Zollhauſe, ſeine Schritte auf die Battery, auf Newyorks Promenade. Das weltberühmte Südende Newyorks, die Battery, war im Jahre 1832 noch nicht wie heute mit einem überhandnehmenden An⸗ bau von Matroſenſchenken und Auswandererherbergen behaftet. Die vornehmſte Atmoſphäre der Manhattanſtadt wehte damals auf dieſer reizenden Landſpitze. Ihre Raſenteppiche, ihre Schattengänge von Linden und Pappeln athmeten den Geiſt einer erhabenen Idylle. Im Angeſichte der unermeßlichen Bai, am Mündungspunkte des breiten Nord⸗ und Oſtſtromes, in einer Lage, die vielleicht mit dem„goldenen Horn“ um die Palme ringen kann, genoß ſie der großartigſten Schau des Seeverkehrs und war doch nicht berührt von ihm. Er deftilirte gleichſam in Parade an ihr vorbei, zum gemeinen Dienſte ſchwenkte er rechts ab an den Kai des Oſtfluſſes, damals ſeinem wichtigen Empo⸗ rium. Auf der Battery ſchlürfte Newyork nur den Duft ſeiner Seemacht. Dieſe Avenüe hat unſern Freund ſchon am Bord ſeines Schiffes bezaubert; hier wandelt er jetzt im Grün und Laubſchatten,— ein letztes intimes Stelldichein der reinen Gemüthskräfte gegenüber den handelnden. An der Pforte einer Hemiſphäre, am Fußgeſtelle rieſen⸗ hafter Wirklichkeiten will er noch einmal eine Stunde der Muße feiern und ſeine ganze Innerlichkeit in ein großes Gegengewicht zuſammen⸗ faſſen, als ſcheute er mit dem ahnungsreichen Helden der Tragödie, daß ihn der Zufall Blind herrſchend mit ſich führe! —— 7= Wir ſehen, der flüchtige Blick auf die Perſönlichkeit dieſes Mannes hat uns nicht getäuſcht. Ein Menſch ſteht vor uns, den nicht die ge⸗ meinſte Noth beeilt, der ſein Leben nicht auf Beſtellung lebt, aber Ein Auftrag ſcheint ihm geworden: das Subject zu vertreten in der Welt der objectiven Aeußerlichkeiten. Wir belauſchen ſeine Gedanken nicht mehr wie am Bord des Schiffes. Dort waren ſie ein Aufblitz der Begeiſterung, ein Halle⸗ lujah, hier ſind ſie eine ſtille Meſſe der Andacht. Er iſt mehr bei ſich ſelbſt, als bei der Welt; von Zeit zuſ Zeit fließt ein leiſer Schrift⸗ zug in ſein Taſchenbuch. Anfangs häufiger, bald aber ſparſamer und mit manch ungeduldigem Correcturſtrich. Das macht, die Battery iſt nicht ganz ſo geräuſchlos wie es zuerſt ſchien. Die Stadt, die hinter dieſem dünnen Vorhang von Bäumen liegt, kann ihre mächtige Nähe nicht leicht verſchweigen. Schauerlich tönt's da herein. Die indu⸗ ſtriellen Donner, das friedliche Kriegsgetümmel, das Jagdgeheul der Nahrungsſorgen, die ganze Symphonie eines Werktages, der für eine halbe Welt arbeitet, pflanzt ſich mit dumpfem Schwalle über die Wipfel des Parks fort. Kein Künſtler vermag das Ungeſehene lebendiger zu veranſchaulichen, als dieſe taube Maſſe unvermiſchbarer Geräuſche das Freskogemälde einer großen Stadt zeichnet. Einer Stadt, die noch an ſich ſelbſt arbeitet, und ſchon ein weltgroßes Hinterland auszu⸗ arbeiten hat! Ein Keſſel, der zugleich braut, da er noch unterm Ham⸗ mer iſt! Kein Wunder, wenn ſich das Erdbeben dieſes Bodens nicht unterbinden läßt mit der Schnur, die ein paar Alleen zieht! Die Battery iſt das Erkerſtübchen Newyorks. So weit ſie ſich ausladet in das ſchöne, blaue Meer— ſie kann dem Hauſe doch nicht ent⸗ fliehen, dem ſie angehört. Und wie dieſes Haus in allen Sparren und Balken dröhnt, ſo zittern auch die Fenſter des Erkers, auf dem Brette wanken die Blumenſtöcke, und dem Großvater an der Wand fährt's ſtoßweiſe durch die Glieder, daß er manchmal zu nicken ſcheint, wie der Gouverneur zu Pferde. Da iſt das Töchterchen, das ihren Dichter leſen, der Sohn, der ſeinen Euklid ſtudiren will, auch nicht ſo ganz geborgen im Erkerſtübchen. Unſer Spaziergänger empfindet's. In dem Lärm, der ſeine Promenade umbrandet, hat er von Zeit zu Zeit eine hellgellende Knabenſtimme unterſchieden, die mit dem robuſteſten Pathos eine Waare von unwiderſtehlicher Zugkraft auszu⸗ — 8 rufen ſchien. Der jugendliche Schreier war bisher ſtets unſichtbar ge⸗ blieben, denn die Battery hatte in dieſer ſpäten Vormittagsſtunde wenig Beſuch und der kleine Autochthone kannte ohne Zweifel ſeinen Markt. Endlich aber verirrte er ſich doch in die Anlage. Zeitungen waren’s die er ausrief. Er that dies mit der ganzen Inhaltsanzeige der Tages⸗ nummer. Der Fremde horchte hoch auf. So viel er hier zu hören bekam, waren die Völker von halb Europa in⸗Aufſtand, einige Könige verjagt, viele Miniſter hingerichtet, die vornehmſten Börſenhäupter bankrott, mehrere Städte verſunken, und ein teufliſch-⸗raffinirter Doppel⸗Gatten⸗ mord machte den unſchuldigen Schluß der Nippes⸗Artikelchen. Dem Europäer blieb zwiſchen Staunen und Lachen zu entſcheiden anheimge⸗ ſtellt, ob hier Orts die Redaktionen ſelbſt ihre Zeitungen ſo kühn über⸗ würzen, oder ob das Genie ihrer Colporteurs auf eigene Verantwortung dieſen ſchwindelnden Flug nimmt. Jedenfalls aber war es landesübliche Geſchäftspraxis, denn er ſah an den Mienen der Vorübergehenden, daß ſie nichts Außerordentliches hörten. Indeß wollte er Neugierde halber die Nummer erſtehen und war eben im Begriffe, den marktſchreien⸗ den Newsboy aus der Ferne zu ſich zu winken: da änderte ſich die Sache. Der Knabe colportirte noch eine andere Waare— eine unnennbare! Denn auf einmal ſchrie er den Titel eines Preßerzeug⸗ niſſes in die helle, freie Luft hinaus— dem Fremden ſchoß alles Blut in's Geſicht! Erſchrocken blickte er um ſich— leider ſahen die Vorübergehenden ſo gleichgiltig dazu, wie zuvor! Alſo auch landes⸗ üblich! Preßfreiheit und Preßſcheußlichkeit in unmittelbarſter Berührung! Neben dem römiſchen Triumphator ging ſo ein Sclave einher, der ſein Zerrbild und Affe war. Aber das Aergerniß wurde noch ärger. Der Junge ſchlug mit ſeinem ſchamloſen Geſchrei einen Baumgang ein, in welchem drei junge Damen von feinſtem Aeußeren an der Seite ihrer Begleiter promenir⸗ ten. Dieſer Umſtand beengte indeß den rückſichtsloſen Kaufmann nicht im Geringſten. Vergebens erwartet unſer Zuſchauer, daß er verſtum⸗ men wird: mit nichten; er fährt auf's Zwangloſeſte fort, ſein Kauf⸗ gut auszurufen. Vergebens erwartet er ſelbſt, daß die Herren der Damen einſchreiten werden: es unterbleibt; ſie ehren die Freiheit des Handels und Wandels. Entſetzlich! Nimmt man dieſen Unfug hin, wie— irgend eine Scene des Thierlebens auf der Straße? Geſchieht — 6 ———— nichts gegen dieſe Schändlichkeit? Und ſchon begegnet man ſich von beiden Seiten, nirgend ein Nebenweg zum Ausbeugen,— und dicht vor den Stirnen der jungen Schönen erhebt der Freche von Neuem ſeinen Ruf! Mit dem peinlichſten Gefühle verfolgt der junge Mann jetzt die Haltung der Mädchen. Die Armen! was können ſie thun dem ſouverainen Scandal gegenüber? Die Dame rechts blickt zur Seite und faßt eifrig einen Hafenkrahn in's Auge, die mittlere verbirgt ihr Antlitz in's Taſchentuch, die Dame links— ein kleiner blonder Engel, das ſeraphiſch⸗geſcheitelte Lockenhaupt kaum im Drittels⸗Profil ſichtbar — iſt es möglich, das Kind hält den Jungen an! Sie zieht ihre Börſe, ſie winkt mit einer Handbewegung ſeewärts, der Bube läuft gehorſam an den Wall der Battery, und im nächſten Augenblicke— entladet er ſein ganzes Portefeuille in's Meer. Den Zuſchauer überfliegt's wie ein Strahl. Bravo Lady, das haben Sie wohl gemacht! Zwar nicht die Welt, aber doch Ihren Spaziergang konnten Sie reinigen von dieſem Schmutze. Es iſt geſchehen. Jetzt erſt blickt er aufmerkſamer nach der in⸗ tereſſanten Spaziergängerin. Leider, da iſt auch das Drittels⸗Profil hin! Ein ältlicher Herr, dem Augenſcheine nach der Klaſſe der höheren Tafel⸗Autoritäten zuzählend, ſchnaubt in der vornehmen Freiheit eines bequem gelüfteten Sommeranzugs heran. Sein Volumen iſt das vom trojaniſchen Pferd. Mit dem Gruße eines intimen Hausfreundes ſchließt er ſich der Geſellſchaft an, d. h. blos ſein Schatten ſaugt all ihre Körper auf. Namentlich die kleine blonde Lady verſchwindet neben ihm, wie ein Schneeglöcklein unter der Lawine. Die ganze Gruppe entfernt ſich gegen die Landſeite. Das Alles war die Scene weniger Augenblicke. Der Fremde brach auf. War es Abſicht, daß er die Richtung der drei Damen einſchlug, oder— doch, was kümmert es uns? Fragt er ſich doch im eigenen Selbſtgeſpräch: was kümmert es dich! Der die Urſchatten der Hinter⸗ wälder ſucht, ſollte ſich im Paſſiren einer Hafenſtadt— ein artiger, kleiner Charakter! Die ihre Tugend auf den Krahn hing— und die andere mit dem Taſchentuch⸗Feigenblatt— es war vielleicht weiblicher — im niederen Style, ja! Sie handelte im großen. Ueberhaupt ſie handelte. Doch,— was kümmert es dich! In Ohio wird es eines deiner Gedichte.— Gedichte! Ach ich habe, wie ſchwer! meine Gedichte bezahlt— — 10.— Ich glaube es Ihnen, Herr Geheimerath! Was unſterblich im Geſang ſoll leben Muß im Leben untergehn— der Teufel ſelbſt hat Ihnen das geſagt, Herr Hofrath! Wie die Herr'n Brüder das Leben kannten! Damit läßt er, oder verliert er die Geſellſchaft aus den Augen. Auch die äußere Scene um ihn iſt jetzt verwandelt. Nur wenige Schritte haben ihn nach der Stadtſeite der Battery geführt, und ſchon zeigt die Anlage ein weſentlich ſtädtiſches Bild. Eine Reihe glänzen⸗ der Cafés gruppirt ſich hier unter den Schattengängen des Parks, ſie ſchließen ſich zum voll gewundenen Kranze beſonders an der Fronte, wo die Straßen Newyorks in den großen Halbzirkel der Auffahrt zuſammenmünden. Zwar umwittert ein Geiſt von Einſamkeit dieſe Pavillons, welche nur Sommererfriſchungen bieten, und nichts von⸗ jenen nahrhafteren Genüſſen eines amerikaniſchen Frühſtücks, deſſen Stunde eben regiert: deßungeachtet fehlt es den Cafés nicht an Leben. So z. B. ſtimmt gleich im nächſtgelegenen ein Orcheſter von Schwar⸗ zen ſeine Inſtrumente, und veranlaßt unſern Gaſt ein Glas Eis zu nehmen, als Folie ſeines erſten amerikaniſchen Kunſtgenuſſes. Das Concert beginnt. Ein ſeltſam zerhackter Rhythmus, deſſen Tactart in einigem Dunkel ſchwebt, und überdies von jedem der einzelnen Künſtler ziemlich ſelbſtſtändig gehandhabt wird! Aber wie wird unſerm Zuhörer, als die Melodie, ohne alle Vermittlung, plötzlich aus Dur in Moll überſpringt? Entſetzt fährt er auf, reißt dem Vorgeiger die Violine aus der Hand, und ſpielt ihm die Figur correct vor. Alle Anweſenden ſtaunen den Europäer an, Niemand begreift die Einmiſchung eines Gentlemans in das„Handwerk“ der Schwarzen. Dieſe ſelbſt am Wenigſten. Zwar hören ſie mit geſchmeicheltem Lächeln dem Spiele des Fremden zu, als aber die Reihe wieder an ſie kommt, ſtellt ſich an derſelben Stelle auch derſelbe Barbarismus wieder ein. Ob man hier aller Orts die Ausübung der Muſik dieſen Negern überlaſſe? fragt der beſtürzte Kunſtfreund den Aufwärter.— In der Regel, mein Herr, war die Antwort, die Niggers haben mehr Talent dafür als die weißen Natives. Einige Anweſende ſahen den unausſprechlichen Geſichtsausdruck des Fremden, und er glaubt zu hören, wie ſie ſich zuflüſterten: Ein Deutſcher! Darauf nimmt einer derſelben laut das —— — — — — — 11— Wort und ſagt mit dem augenſcheinlichen Beſtreben einer Ehrenrettung: Nämlich, mein Herr, es iſt hier von öffentlicher Muſik die Rede. Gute Kammermuſik findet ſich wohl unter uns.— Wo, mein Herr? fragt der Ankömmling wie mit einem Hilferuf.— Bei Mr. Bennet zum Beiſpiel.— Der Fremde ſchien geneigt, über dieſem Gegenſtande länger zu verweilen, aber es blieb ihm unmöglich unter der fortwäh⸗ renden Geiſel des wilden Orcheſters. Im Pavillon gegenüber begann jetzt ſogar ein zweites zu ſpielen, natürlich eine andere Melodie und in einem anderen Tact und Rhythmus. Beide Orcheſter vernahmen ſich einander vollkommen gut, das ſchien aber weder ihr, noch ihrer Zuhörer Wohlbefinden im Geringſten zu beeinträchtigen. Einige Kinder, an ihrer engliſch⸗amerikaniſchen Mundart als reinſte Natives kennbar, liefen ſogar begierig herbei und ſtellten ſich mit intelligenteſter Raum⸗ abmeſſung zwiſchen die ſpielenden Orcheſter in die gerechte Mitte, um, wie ſie ſich zujubelten„zwei Muſik“ zu haben. Der Europäer ergriff eine wilde Flucht. Mit der Sehnſucht eines Bräutigams dachte er einen Augenblick lang— an ſeine Violine. Sie lagert jetzt im Zollhauſe mit ſeinem anderen Gepäcke; bis er ſie in das bezogene Logis abholen läßt, wid⸗ met er ihr ein zärtliches Andenken. Ahnt er doch, welchen Werth ſie ihm jetzt haben wird!— Aber wenn nach Novalis Architektur ſtarrgewordene Muſik iſt, ſo hat Newyork mindeſtens ſeinen ſtarren Beethoven im Broadway. Das ſollte der Unvorbereitete ſofort empfinden lernen. Er ſtand ohne es ſelbſt zu wiſſen am ſüdlichen Mündungspunkte dieſer Rieſenſtraße— eine geringe Wendung, und Broadway lag vor ihm aufgethan. Der Anblick erſchüttert ihn. Den Zeus aller Straßen erblickt er! Zwei Kriegsſchiffe, dünkt ihm, könnten ſich ausweichen darin;— das iſt ihre Breite! Zwei Kriegsſchiffe, dünkt ihm, könnten an beiden Enden ſich bombardiren, und ihre Kugeln erreichten ſich nicht;— das iſt ihre Länge! Vergebens ſtemmt er ſich mit Trotz gegen dieſen Eindruck des Ungeheuren. Wohl ſieht er, wie die Verhältniſſe der Häuſer— damals in Mehrzahl noch klein und unanſehnlich— das Verhältniß der Straße vergrößern. Wohl ſieht er, wie die einförmige Geradlinig⸗ keit der Pappelallee, welche die ganze Flucht durchläuft, ein Hebel mehr iſt zur perſpectiviſchen Täuſchung. Aber wenn die erſte der 12— Pappeln ein Thurm und die letzte wie ein Grashalm erſcheinen kann — wer überwände die Täuſchungskraft einer ſolchen Perſpective? Wahr⸗ lich, ein Volk, das in dieſen Dimenſionen denkt, hat etwas von dem Geiſte der die neunte Symphonie ſchrieb, oder den olympiſchen Jupi⸗ ter meißelte! Es hat ein Recht an das: anch' io som' pittore! Der Newsky⸗Proſpect iſt ein Kaiſergedanke, eine Linie aus dem Generalſtab; der Broadway iſt ein Volksgedanke, ein Maß nach der Krämerelle! Setzet ſie unter die Sterne, dieſe Krämerelle! Die Seele unſers Helden, jedes Große und Neue ſchnell in ſeiner höchſten Weſenheit faſſend, huldiget ſo dem erſten Anblicke des Broad⸗ way. Im nächſten Augenblicke nimmt er es auf mit ihm. Er iſt entſchloſſen, in dieſen Strom unterzutauchen, und ſtürzt ſich muthig hinein. Und wahrlich, ein Strom iſt die Pulsader Newyorks, ohne alle Figur. Ein Miſſiſſippi zu Lande! In der Fahrſtraße hat die geſtaute Fluth der Fuhrwerke kaum Zeit und Raum ſich aus einan⸗ der zu wirren und individuell abzufließen. Welch ein Schwall von Wagen bedeckt hier in jedem Augenblicke jeden Quadratzoll Landes! Die Karre des Shopkeepers zerrt ihre Ballen und Fäſſer, der urmenſch⸗ lichen Schleife verwandt, niedrig am Boden dahin— das kurzbeinige Krokodill dieſes Strombettes. Delphinenleicht und luſtig tanzt die Karroſſe des Millionärs an ihr vorbei, hochgepolſtert über Shopkee⸗ pers Niveau, das vielleicht einſt das ihrige war. Plump und brutal wälzt ſich die fahrbare Völkerwanderung im Omnibus, die rieſige Wallfiſchmaſchine, daher, und ſchurft, alle Fluth an die Seiten drängend, ihre breitſpurige Wogenbahn. Wer iſt groß außer ihr? Der Sir⸗ pencefahrer auf der Decke dieſes Kaſtens blickt in die Karroſſe nieder, wie von der Belletage in's Kellergewölbe. Und doch iſt über dem keck⸗ bemalten, fahnenbewimmelten Omnibus noch ein höheres Weſen. Platz da! rette ſich wer kann! die Straße verdunkelt ſich,— ein lan⸗ ger, keuchender Pferdetrain ſchleppt ihn herauf, den Alles überragenden Transportwagen. Ein Haus transportirt er— ein fertiges Back⸗ ſteinhaus! Nur das Dach und der Schornſtein fehlt, wenn ſie nicht dem Ungeheuer wie in einem Strickkörbchen, nachgeführt werden.— So die Straße. Gefähr jeder Größe, Form und Beſtimmung drängt ſich ſo dicht hinter einander, daß das Ganze wie ein einziger Leib, wie ein unſterblicher Heerwurm ſich ausnimmt. Die tägliche Bilanz dieſer — 13— Achſenumdrehungen erreicht vielleicht die Million, ihr nächſtes Product i*ſt ein unausſprechlicher Lärm. Und nun das Trottoir. Kaufhalle an Kaufhalle, Bude an Bude, jedes Haus ein Markt, jedes Wort ein Ge⸗ ſchäft. Hier iſt täglich Meſſe. Die amerikaniſche Waare liebt das Dunkel nicht. Unter dem römiſchen Sommerhimmel Newyorks lagert ſie vor dem Laden im Freien. Beſonders Eßwaaren buhlen um dieſe Oeffent⸗ lichkeit. Wir ſagen: beſonders, aber ja nicht: ausſchließlich. Denn auch der Buchhändler verſchmäht es nicht, unter dem Schatten von Kartoffelbergen zu wohnen, in den Viſirgläſern optiſcher Inſtrumente ſpiegelt ſich die gerupfte Fettgans, und ſogar der Sarghändler ſtellt ſein Produkt zwiſchen Thürme von Baumfrüchten aus, und verdirbt ſeinem Nachbar den Markt, deſſen Kokosnüſſe, der Ideenverbindung we⸗ gen, wie kahle Todtenſchädel gleißen. Dieſe Gütermaſſen ab- und zuzuſchleppen, zu vermehren, zu ver⸗ mindern, zu muſtern und aufzukaufen, iſt beſtändig ein tauſendbeiniges Ungeheuer unterwegs, brüllend nach dem Bedürfniſſe, wähleriſch im Genuſſe, gähnend vor Ueberſättigung. Hier ſtürzt ſich der ſchwarze Taglöhner auf den faulenden Inhalt eines Fiſchbehälters, dort gleitet die Auſter im Dufte des Champagnerſchaums über die feine Zunge der Wallſtreet-Männer. Hier kauft ſich die Quaterone ein Paar baum⸗ wollene Strümpfe, und macht den nächſten Thorweg zu ihrem Boudoir, worin ſie ſcrupellos den Wechſel des Neuen und Alten vornimmt, dort läßt ſich die vornehme Dame im Putzwaarenlager den Werth von Fürſtenthümern vor die Füße rollen und kauft zuletzt nichts.— Unſer Wanderer kämpft ritterlich mit all dieſen Elementen. Immer tiefer arbeitet er ſich den Strom hinab; aber ach! wo iſt ſein Ende? Wo nur ein Ruhepunkt? Mit jeder Seitenſtraße, die einmündet, ſchwillt noch die Fluth, denn Alles drängt dem Broadway zu, wenig fließt ab von ihm. Der Schwimmer weiß zuletzt nicht mehr, ſchwimmt er mit oder gegen den Schwall; wohin er ſich wendet, jede Richtung iſt ihm eine widrige. Die Kunſt des Flanirens iſt eine Localkunſt. Zu ſchauen und nicht zu ſchauen, ſich zu bewegen und ſtehen zu bleiben, hat eine andere Technik auf den Boulevards, auf dem Long⸗Acre und auf dem Broadway. Der Eingeborene kennt dieſe Kunſt, unſer Frem⸗ der wird fortgeſpült, wie ein äthiopiſches Sandkorn in's Nil⸗Delta. . Es iſt als hätte er die ganze Erde wider ſich, Bewegliches und Un⸗ — 14— bewegliches. Ein Blick gegen Himmel bleibt oft der einzige Ruhepunkt. Ruhepunkt? mit nichten! Denn was ſoll er zu einer Stadt ſagen, wo im dritten Geſtock der Schloſſer hämmert, wo ein Schmiedefeuer glüht in jener Dachetage, die ſonſt nur das Lämpchen des Poeten kennt? Ja, das Haus iſt hier kein Erbe auf Kind und Kindeskind; die Fabrik hat's geliefert, die Fabrik verbraucht's als vorübergehendes Werkzeug. So iſt auch der Weg zum Himmel nicht frei, Lärm oben wie unten, Hammer dröhnen und Funken ſprühen zu den Fenſtern einer Höhe heraus, in welcher der Zeiſig ſingen, von welcher ein Blatt des Blumenſtocks niederwehen ſollte. An einer Straßenecke, in welche der Wanderer endlich einbog, ſtand ein kleines, reingekleidetes Mädchen, weinend, ein Zettelchen in der Hand. Es hatte verſchiedene Verſuche gemacht, von den Paſſanten, wie es ſchien, eine Auskunft zu erhalten, und ſtets unglückliche. Alles rannte achtlos an dem kleinen Weſen vorbei und ließ es ſtehen. End⸗ lich zupfte es auch dieſen Ankömmling am Rockärmel, und blickte mit hellblauen Augen voll Waſſer bittend zu ihm auf. Die Kleine mußte ihr Stimmchen wiederholt anſtrengen, um ſich in dem Straßenlärm hörbar zu machen. Sie bat um den Weg in irgend eine Street nach der Common⸗School irgend eines Mr. Mockingbird: zugleich wies ſie ihren Zettel vor, worauf die Adreſſe ſtand. Der junge Mann wußte nun freilich nicht beſſer Beſcheid, als das verirrte Kind ſelbſt. Aber augenblicklich ergriff er den Gedanken, der ſich hier darbot. Iſt es möglich, rief er ſich zu, mit ſo viel Detail des Markts ſich zu balgen, und nicht an die Volksſchule zu denken, an den einfachen geiſtigen Punkt, aus dem das Ganze begriffen wird? Common⸗School, das iſt das Schlagwort! Das iſt der Ort, wo der Fremde ſtets zuerſt Landeskunde ſtudiren ſoll! Komm, mein Kind! Er warf ſich mit dem Mädchen raſch in den nächſten Omnibus, und war faſt ſo glücklich wie dieſes ſelbſt über das gefundene Auskunftsmittel.— Die Fahrt begann mit einer unfreundlichen Scene. Einer der Mitfahrenden hatte ſeine Beine lang vor ſich ausgeſtreckt und eben an jene Stelle der Wagenlehne geſtemmt, welche das einſteigende Paar zu beſetzen hatte. Er ſchien indeß nicht geneigt, ſeine Bequemlichkeit aufzugeben, ſondern räumte dem kleinen Mädchen, ſeinem neuen vis-A-vis, nur ſo viel ein, daß er ihr Köpfchen zwiſchen ſeine beiden — 15— Stiefelabſätze aufnahm. Der Fremde verbat ſich dieſe Zwangloſigkeit. Jener erwiderte: Mein Herr, Sie fordern für dieſes Kind die Rechte einer Lady zu früh. Sein Ton dabei war vollkommen ruhig, faſt belehrend, wie der Mann überhaupt nicht ohne Fagon ſchien. Aber um ſo gereizter empfand der Fremde dieſe Sittenrohheit und ſcharf antwortete er: Sind Sie einer Lady zuvorkommend aus Seclaverei für ein Ceremoniell, oder aus freier Menſchlichkeit? Auf letztere werden Sie auch dieſes Kind zählen laſſen! Der Amerikaner blieb gänzlich eindruckslos bei dieſem Appell, und die Colliſion hätte leicht ernſter werden können, wenn ein Marktweib nicht den Tact hatte, ihren Platz mit dem Kinde zu wechſeln. Vor dieſer Lady zog der Ausgeſtreckte ſeine Beine zurück.— Nach dieſer Epiſode verlief die weitere Fahrt ruhig, und dauerte, unter einem ſteten Wechſel von aus⸗ und einſteigenden Perſonen, ver⸗ hältnißmäßig kurz. Der Omnibus ſetzte unſer Paar in einer Straße ab, von welcher nichts als der Name vorhanden war, den mit großen Lettern ein prophetiſcher Pfahlanſchlag nannte. Das kleine Mädchen fand ſich aber ſofort orientirt, und lief glückſtrahlend auf den einzigen Anbau dieſer Straßenzukunft zu. Es war ein backſteinener, länglich viereckiger Kaſten, ohne Maueranwurf, mit unglaſirten Dachpfannen gedeckt. Ein Mann von derbem Leib und ſtarken Knochen, mit einem rothen, prallen Geſichte, kurzgeſchornem Haupthaar, in Jacke und Hemd⸗ ärmeln, aber einen franzöſiſchen Hut auf dem Kopfe, empfing unſern Ankömmling mit der Frage: Wie viel Buſhel? Der Fremde wußte dieſe Anrede nicht zu deuten. Ich dachte, Sie machten eine Beſtellung in Zwiebeln, antwortete der Stämmige. Der Fremde wechſelte zwei⸗ felnde Blicke zwiſchen dem kleinen Mädchen und dieſem Manne, und erklärte, daß er die Volksſchule des Mr. Mockingbird zu beſuchen ge⸗ glaubt.— In der ſind Sie, ſagte dieſer;— ich habe vor einigen Wochen in Thran fallirt, und verlor mein Vermögen. Sofort er⸗ öffnete ich eine Schule und unterrichte die Kinder meiner Nachbarn in dem was ich weiß und in dem was ich nicht weiß, wozu ich einen Hilfslehrer miethe. Da mir dieſe Beſchäftigung weder den ganzen Tag noch den ganzen Beutel ausfüllt, ſo mache ich in den übrigen Stunden das fehlende Geld mit einem Zwiebelhandel. Damit ſchritt er ohne weitere Umſtände in das Innere des Hauſes. Unſer Held — 16— folgt ihm,— ein wenig zögernd und unſicher. Seine Miene drückd ziemlich unzweideutig den Grad ſeiner Erwartungen aus. Die Per⸗ ſönlichkeit des ehrenwerthen Mr. Mockingbird ſcheint ihm eine ausge⸗ ſprochen ſinnliche, und die Pflege von Kinderſeelen, zwiſchen Thran und Zwiebeln betrieben, dünkt ihm nicht deſſen natürlichſter Beruf. Doch folgt er. Die Schulſtube war ein geräumiges, luftiges Zimmer, deſſen ganzer Schmuck in dem hellen Tageslichte beſtand, das reichlich einfiel. Tiſche und Bänke waren nur aus dem Roheſten gehobelt, Lack oder Firniß nirgend verſchwendet. Auf den Bänken ſaßen ſechzig bis achtzig Knaben, der Mehrzahl nach in einem Alter von neun bis zwölf Jahren. Ihr Aeußeres war reinlich gehalten, ihre Bekleidung mehr grob und formlos, als defect, eigentliche Zerlumpungen nirgends. An einem der vorhan⸗ denen Tiſche arbeitete mit einer Linirmaſchine ein junger Mann— Mr. Benthal, Hilfslehrer, ſagte Mr. Mockingbird. Der Fremde nahm mit einer leichten Verbeugung den Namen entgegen und erwiderte ihn mit ſeinem eigenen, indem er ſich als Doctor Moorfeld vorſtellte. Das kleine Mädchen war gleich bei ihrem Eintritte auf den Hilfslehrer zu⸗ geeilt; ſie brachte ihm, wie es ſchien, eine Nachricht. Dann hielt ſie ſich vertraulich an ſeine Seite, indeß er ſtillvertieft fortarbeitete. Die Schulſtube feierte eben, wenn nicht mit dem eleganten, doch mit dem hungerigen Newyork, ihre Mittagsſtunde. Dr. Moorfeld, wie wir den Fremden jetzt nennen dürfen, fand die kleinen Republi⸗ kaner über großen Vorräthen mitgebrachten Fleiſches und Brodes thätig. Deßungeachtet ſah er ſeinen Zweck nicht nur nicht verfehlt, ſondern ſogar noch beſſer erreicht. Mr. Mockingbird hielt nämlich eine Art Brachwirthſchaft in dieſer Pauſe, eine freie Converſation. Er ließ ſich mit ſeinen Schülern in einen Dialog ein, aus welchem der Namens⸗ aufruf verbannt war: wer einen Gedanken hatte, konnte mit Auszeich⸗ nung antworten, wer nicht, ohne Beſchämung ſchweigen; es war ein zwangloſes Spiel der Individualitäten, mehr Clubb als Schule. Kurz, dieſe Zeit der Ernährung wurde, weil Amerika überhaupt keine Zeit ver⸗ liert, zwar dem Schulzwecke gewonnen, aber ihrem eigenen nicht entzogen. Mr. Mockingbird legte behaglich die Arme auf den Rücken und be⸗ gann mit ſeinem kleinen Volke ein Wechſelſpiel von Fragen und Ant⸗ worten, das eine lebendigere Ausführung etwa dieſes Umriſſes war: — 17— Ich war wohl ein Thor, fing er an, indem er ſeine Stube auf⸗ und abſchritt, und ſich ſcheinbar dem Zufalle überließ, ich war wohl ein Thor, daß ich mein Haus im länglichen Viereck baute. So eben überlegt' ich mir's anders, indem ich auf der Schwelle ſtand. Wie, wenn ich's rund gebaut hätte? rund wie dieſen Hut! Was meint ihr zu dem Einfall? Die Kinder, zweifelhaft zwiſchen? Ernſt und Scherz, ſahen theils ſich, theils den Meiſter an. Sie ſchwiegen. Jener fuhr fort: Wozu braucht man das Haus?— Ein Knabe antwortete: Zum Wohnen.— Recht; und wer wohnt in dem Hauſe? — Die Leute.— Gut, der Menſch wohnt in dem Hauſe. Der Menſch... hm! der Menſch iſt ſo klein und das Haus ſo groß! Braucht der Menſch alle Räume des Hauſes auf einmal, oder kann er ſich auch in einem einzelnen Raume deſſelben aufhalten?— Im Zimmer.— Richtig, einen einzelnen bewohnbaren Raum des Hauſes nennt man ein Zimmer. Alſo der Menſch wohnt eigentlich im Zim⸗ mer, nicht wahr?— Ja.— Hört, ich überlege mir die Sache. Ehrlich zu reden, ich habe Luſt, auch dem Zimmer noch was abzu⸗ ſparen. Wozu brauch' ich ein ganzes Zimmer, wenn ich z. B. ſchlafe; wie?— Das iſt wahr, man hat kleine Schlafkämmerchen.— Ich rathe, mir wird ſehr ſchwül d'rin im Sommer. Lieber möcht' ich unter dem freien Sternenhimmel ſchlafen. Das ginge doch wohl?— Wenn kein Wetter kommt, allerdings.— Seht ihr! das Schlafſtüb⸗ chen brauch' ich ſo nothwendig nicht. Aber was brauch' ich doch noch zum Schlafen?— Das Bett.— Da haben wir's, das Bett! Ich wohne alſo, ſo zu ſagen, Nachts eigentlich im Bette?— Ja.— Ich bin ein närriſcher Kauz! Zuvor wollt' ich mein Haus rund, anſtatt im länglichen Viereck haben, aber ich laſſe nicht ab. Ich möchte jetzt auch ein rundes Bett, ein kugelrundes Bett; was? Die ganze Schul⸗ ſtube lachte. Mr. Mockingbird fuhr fort: Eure Heiterkeit iſt euer Urtheil. Ihr gebt mir zu verſtehen, ein rundes Bett wäre blanker Unſinn. Ein rundes Bett taugte nicht für die menſchliche Figur, das länglich⸗viereckige Bett wäre gerade recht ſo. Meint ihr das?— Ja, ja!— Meinen iſt gut, aber beweiſen iſt beſſer. Wie könnt ihr mir's beweiſen? Nun, Vance! he! du kanzelſt ja gerne; würdeſt du den Beweis wohl finden? Komm, D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. 2 18 wir wollen ihn mit einander ſuchen; zwei richten immer mehr, als Eins. Der Lehrer nahm den Knaben aus der Bank und ſtellte ihn mit dem Rücken gegen die Wand. Dann fing er an, dicht an ſeinem Körper zwei ſenkrechte und quer über ſeinem Kopfe eine kürzere hori⸗ zontale Linie zu ziehen. Hierauf ließ er ihn wieder abtreten, und wendete ſich gegen die übrige Schule mit den Worten: Was für eine Figur bilden dieſe drei Linien an der Wand?— Ein Viereck. Ein längliches Viereck!— Aha! der Menſch iſt alſo, wenn man ihn nicht auf's genaueſte abzeichnet, ſondern nur grobhin, mit drei Strichen... was iſt da der Menſch?— Ein längliches Viereck.— O, nun weiß ich Beſcheid! Geſetzt, ich müßte unſern Freund Vance verpacken, wie eine Waare, welche Form müßte ſeine Kiſte bekommen?— Es müßte ein längliches Viereck ſein.— Richtig, dort ſteht ja das Maß an der Wand! Nun verpackt ſich aber der Menſch wirklich, und zwar Nachts, wenn er ſchläft. Seine Kiſte iſt dann das Bett. Das Bett hat daher am paſſendſten... welche Form?— Die länglich⸗viereckige.— Und iſt im Grunde das Zim⸗ mer nicht eine große Kiſte, worin man Betten einpackt? Und das Haus eine große Kiſte, worin man Zimmer einpackt? Seht, um wie viel klüger ſind wir jetzt, als zuvor! Das Haus muß ein längliches Viereck ſein, des Zimmers wegen, das Zimmer des Bettes wegen, und das Bett des Menſchen wegen, weil dieſer ſelbſt, wie uns jene Figur an der Wand beweist, ein längliches Viereck iſt. Die Kinder zeigten ſich ſehr intereſſirt, namentlich fiel der Knabe 4 Vance dem Meiſter faſt ins Wort: Jetzt weiß ich auch, rief er,— alle übrigen Möbel des Zimmers viereckig ſind; die Tiſche, die Bänke, die Bilder, die Schränke, die Koffer— Und ſelbſt das noch, was man in Schrank und Koffer packt, die Bücher z. B., ergänzte der Meiſter. Ja, was ſoll ich ſagen! werden in die Bücher nicht wieder die Buchſtaben verpackt? Hier haſt du ein feines Stift, Vance. Zieh' um den Buchſtaben e dieſelben Striche, die ich zuvor um dich gezogen... was für eine Figur bilden dieſe Striche?— Ein längliches Viereck; Meiſter, Meiſter, mit dem n geht's noch leichter!— Sehr wahr, das n iſt ja auch der Muſter⸗ buchſtabe. Nun bitt' ich euch! Blickt einmal auf⸗ und abwärts auf 1 — 9— das, was wir jetzt gelernt haben! Ein Buchſtabe und ein Haus haben die nämliche Figur und aus der nämlichen Urſache! Die Urſache ſteht dort an der Wand. Der Menſch iſt ein längliches Viereck und dar⸗ nach richten ſich all ſeine Formen! Dieſes Probeſtück machte augenſcheinlich Eindruck auf ſeinen Zeugen. Im Verlaufe desſelben hatte die Miene des fremden Doctors einen ungleich höheren Ausdruck angenommen, als womit er die Schwelle des ſchulmeiſternden Zwiebelhändlers überſchritten. Er bezeugte dem Mr. Mockingbird jetzt ſeine ganze Anerkennung. Ja, es iſt nicht deutſche Metaphyſik, antwortete dieſer trocken. Und zu ſeiner Schule gewendet, fuhr er ſogleich wieder fort: Wer fertig iſt mit dem Eſſen und gute Luſt hat, der leſe uns auch ein Kapitel. Dabei findet ſich wohl Stoff zu weiterer Unterhaltung. Viele Schüler ſchlugen zugleich ihre Bücher auf. Der Meiſter mußte eine Wahl treffen und bezeichnete einen der erwachſeneren Knaben, dem er zurief: Hoby, lies uns den Rath an„junge Gewerbsleute“. Der Aufgeforderte fing mit einer muntern, verſtändigen Stimme aus ſeinem Büchlein alſo zu leſen an: „Bedenke, daß die Zeit Geld iſt; wer täglich zehn Schillinge durch ſeine Arbeit erwerben könnte und den halben Tag ſpazieren geht, oder auf ſeinem Zimmer faullenzt, der darf, auch wenn er nur ſechs Pence für ſein Vergnügen ausgibt, nicht dies allein berechnen; er hat nebendem noch fünf Schilling ausgegeben, oder vielmehr weg⸗ geworfen. „Bedenke, daß Credit Geld iſt; läßt Jemand ſein Geld, nachdem es zahlbar iſt, bei mir ſtehen, ſo ſchenkt er mir die Intereſſen, oder ſo viel als ich während dieſer Zeit damit anfangen kann. Dies be⸗ läuft ſich auf eine beträchtliche Summe, wenn ein Mann guten und großen Credit hat und guten Gebrauch davon macht. „Bedenke, daß Geld hinſichtlich ſeiner Fortpflanzung ſehr fruchtbarer Natur iſt. Geld kann Geld erzeugen und die Sprößlinge können noch mehr erzeugen u. ſ. w. Fünf Schillinge umgetrieben ſind ſechs, wieder umgetrieben ſieben Schilling 3 Pence u. ſ. w. bis hundert Pfd. Sterl. Je mehr davon vorhanden iſt, deſto mehr erzeugt das Geld beim Umtreiben, ſo daß der Nutzen höher und höher ſteigt. Wer ein Mutter⸗ ſchwein tödtet, vernichtet deſſen ganze Nachkommenſchaft bis ins tauſend⸗ 2* — 20— fachſte Glied. Der Verſchwender d. h. der Mörder von einem Schil⸗ ling bringt ſeinen Enkel um eine Million. „Bedenke, daß ein guter Zahlmeiſter der Herr von Jedermanns Beutel iſt. Wer pünktlich zahlt, kann zu jeder Zeit alles Geld ent⸗ lehnen, was ſeine Freunde gerade nicht brauchen. Dies iſt bisweilen von großem Nutzen. Neben Fleiß und Mäßigkeit trägt nichts ſo ſehr dazu bei, einen jungen Mann in der Welt vorwärts zu bringen, als Pünktlichkeit und Gerechtigkeit in ſeinem Handel. Deßhalb behalte niemals erborgtes Geld eine Stunde länger als du verſprachſt, damit nicht der Aerger darüber deines Freundes Börſe dir auf immer ver⸗ ſchließe. „Die unbedeutendſten Handlungen, die dem Credite Schaden bringen, müſſen vermieden werden. Der Schlag deines Hammers, den dein Gläubiger um fünf Uhr Morgens, oder um neun Uhr Abends ver⸗ nimmt, ſtellt ihn auf ſechs Monate zufrieden; ſieht er dich aber am Billardtiſch oder hört er deine Stimme im Wirthshauſe, ſo läßt er dich am nächſten Morgen um die Zahlung mahnen, und fordert ſein Geld, bevor du es zur Verfügung haſt. „Außerdem zeigt dies, daß du ein Gedächtniß für deine Schulden haſt; es läßt dich als einen eben ſo ſorgfältigen wie ehrlichen Mann erſcheinen und das vermehrt deinen Credit. „Hüte dich, daß du Alles was du beſitzeſt für dein Eigenthum hältſt und demgemäß lebſt. In dieſe Täuſchung gerathen viele Leute, die Credit haben. Um dies zu verhüten, halte eine genaue Rechnung über deine Ausgaben und dein Einkommen. Gibſt du dir Mühe, namentlich erſtere genau zu verrechnen, ſo hat das eine gute Wirkung; dann entdeckſt du, wie wunderbar kleine Ausgaben zu großen Sum⸗ men anſchwellen und du wirſt bemerken, was hätte geſpart werden können und was in Zukunft geſpart werden kann. „Eine Ausgabe, auch wenn ſie noch ſo klein ſei, erlaube dir ohne Noth doch nicht darum allein, weil ſie klein iſt. Bedenke folgendes: der Zinsfuß in unſerm Lande iſt ſechs Procent d. h. für ſechs Pfund jährlich kannſt du den Gebrauch von hundert Pfund haben, voraus⸗ geſetzt, daß du ein Mann von bekannter Klugheit und Chrlichkeit biſt. Wer täglich einen Groſchen nutzlos ausgibt, gibt jährlich an ſechs Pfund nutzlos aus, welches der Preis für den Gebrauch von hundert Pfund iſt. 21— Wer einen Theil ſeiner Tageszeit zum Werthe eines Groſchen ver⸗ ſchwendet(und das mögen nur ein paar Minuten ſein) verliert auch, einen Tag in den andern gerechnet, das Vorrecht, hundert Pfund jähr⸗ lich zu gebrauchen. Wie viel alſo, nur durch dieſe Verſchwend ung weniger Minuten des Tags, an Geld verloren geht, wenn ein junger Mann ein höheres Alter erreicht,— das zu betrachten laß dir auf's ernſtlichſte angelegen ſein. Es iſt in der That ein größerer Reichthum, als den ein Phantaſt im Lotto zu gewinnen, oder ein Schatzgräber aus der Erde zu heben hofft.“ Der Mann nimmt das Leben ein wenig peinlich, bemerkte Dr. Moor⸗ feld, den dieſes Bruchſtück amerikaniſcher Disciplin offenbar minder anſprach, als das erſte. Mein Herr, es iſt Benjamin Franklin, der ſo ſchreibt, antwortete Mr. Mockingbird ohne alle Erörterung. Der Doctor hatte indeß noch Genugthuung wegen des Ausfalls auf die deutſche Metaphyſik zu nehmen, deſſen eigentliche Zielſcheibe er freilich nicht kannte. Er war daher nicht geneigt, dem Manne, der ihm das Gaſtrecht zuerſt verletzt zu haben ſchien, die Parthie allzu aufopfernd zu überlaſſen. Und indem er nach Hut und Stock griff, verabſchiedete er ſich jetzt, zwar unter den Formen eines Gentlemans, in Bezug auf die Antwort des Mr. Mockingbird aber erwiderte er dieſes: Ich bin Ihnen ſehr verbunden, mein Herr, daß Sie mir den geſchätzten Namen eines Benjamin Franklin nennen. Der Mann hat jedenfalls in der Wiſſenſchaft noch mehr als in der Bank hinterlaſſen, und durch ſein eigenes Leben ein höheres Ideal aufgeſtellt, als wel⸗ ches in jener Schrift dem menſchlichen Trachten zugemuthet wird. Dieſe Ausmünzung der menſchlichen Exiſtenz in Schillinge und Pfunde gewinnt erſt durch die Erfindung des Blitzableiters den Anſpruch auf unſre Verzeihung. Ohne ſie würden wir die Doctrine eines Mannes vor uns haben, der ſich ſo weit vergeſſen hätte, unſre Beſtimmung dahin zu definiren: Aus dem Rinde macht man Talg, aus dem Men⸗ ſchen Geld. Mag ſein, daß ein unfertiges Volk eine Zeitlang auf dieſen Standpunkt ſich herabſtellen muß, ein fertiges aber ſagt: Geiſt macht man aus dem Menſchen, nicht Geld! Der Hilfslehrer des Mr: Mockingbird, der bisher ohne aufzublicken ſich an ſeine Linirmaſchine gehalten, legte ſein Handzeug jetzt hin, * und machte mit Schüchternheit, wie es ſchien, einen Verſuch, dem Fremden das Geleite zu geben. Unter der Thüre ergriff er ver⸗ ſtohlen die Hand desſelben und flüſterte mit bewegter Stimme: Ich danke Ihnen für dieſes deutſche Wort! Bweites Kapitel. Im Nachdenken über dieſe Scene beſtieg Moorfeld eine Miethka⸗ leſche und fuhr jetzt der Adreſſe ſeines newyorker Abſteigequartiers zu. Wer mochte der junge blonde Mann ſein, der mit ſeinem germaniſchen Bart, ſeiner vollen Studentenlocke, ſeiner breiten Bruſt und trutzigen Stirn ihm ſo mäödchenhaft⸗ſchüchtern nachgeſchlichen und zugeſtammelt? Ein Eingewanderter natürlich. Einer jener deutſchen Taglöhner der Weltgeſchichte, welche auf der ganzen Erde überall am Kulturleben mitarbeiten, aber ſelten auf eigenen Namen und nie auf den ihrer Nation. Moorfeld nahm ſeinen Ausfall auf Mr. Mockingbird's Frank⸗ lin längſt wieder zurück; er hätte ſich gerne Unrecht gegeben, daß er mmit idealiſtiſcher Einſeitigkeit gegen das erſte Stück hieſigen Volkslebens ſo vorſchnell abgeſprochen: aber da ſtiehlt ſich eine warme Hand in die ſeinige, ein kummervoller Märtyrerblick trifft ihn, und das Wort ſeiner Uebereilung beſtätigt ihm, wie es ſcheint, die Erfahrung. Ein unwillkommenes Rechthaben! Moorfeld ſuchte ſich mit Gewalt in den ſchönen Flug ſeiner Erſtlingsſtimmung wieder zurückzuwerfen. Er er⸗ gab ſich mit allen Sinnen wieder dem Ungeheuer eines Straßenlebens, das das europäiſche übertraf, wie ein Redoutenſaal einen Latrappiſten⸗ kreuzgang. Er ſah und hörte zu ſeiner Kaleſche hinaus, er bemühte ſich neugierig zu ſein und zu erſtaunen. Umſonſt. Er bekam ſeine Stimmung nicht mehr in ſeine Willkür und durch all das fluthende Lärmen um ihn her verfolgte ihn der halberſtickte Flüſterton:„Ich danke Ihnen für dieſes deutſche Wort.“ Endlich ragte eine lange Reihe von Maſtbäumen die Straße herauf, welche der Kutſcher eingeſchlagen hatte; ein blauer Waſſerſtreif dunkelte — 23 dahinter, der immer breiter und voller wurde, Wimpel wehten, Ma⸗ troſen johlten, Krahnen ſeufzten, und im Nu wiegte ſich das zierliche Wagengebäude auf dem platanenbeſäumten Kai des Hudſon oder Nord⸗ fluſſes, der ſich wohl an drei engliſche Meilen breit vor den überraſch⸗ ten Augen des Europäers ausdehnte. Der Wagen rollte längs des Fluſſes an einer Häuſerreihe hinab, welche in ihrem bunten Nebeneinan⸗ der eine äußerſt heitere Enfilade bildete: dieſes Haus trug einen lebhaften Farbenanſtrich, jenes ſtach durch ſeine hellgrünen Jalouſien hervor, ein drittes durch eine glänzend gefirnißte Palliſadenverzäunung, hinter welchen lombardiſche Pappeln eine ſteife Parade hielten, jedes machte in ſeiner Einzelheit einen Verſuch zu brilliren, der wirklich im Ganzen erreicht, wenn auch im Beſonderen faſt immer verfehlt und oft chineſiſch verfehlt war. Vor einem dieſer Häuſer hielt der Kutſcher. Moorfeld ſprang aufgeweckt heraus, ließ den Klopfer ertönen, und wartete. Ein Neger öffnete. Aber ehe Moorfeld ihm ſeinen Namen nennen, oder ſeine Karte abgeben konnte, war der ſchwarze Hausgeiſt ſchon wieder ver⸗ ſchwunden, indem er ein ſolches Ceremoniell nicht zu erwarten ſchien. „Help you selp“ lächelte Moorfeld, und ſah ſich im Hausflur, wo man ihn ſo republikaniſch⸗formlos allein ſtehen ließ, auf gut Glück um. Er fand rechts ein Zimmer, deſſen Thüre, wahrſcheinlich der großen Hitze wegen, halb offen ſtand. Er blickte vorſichtig hinein. Eine junge Dame von großer Schönheit ſaß darin und ſtudirte über Landkarten und Bücher eifrig hinter einem großen Comptoirtiſch. Der Fremdling glaubte ſich hier an guter Adreſſe; er öffnete unter einem beſcheidenen Klopfen auch die übrige Hälfte der Thür und ſtellte ſich der ſchönen Einſiedlerin mit all jener Artigkeit vor, womit ein Mann von Er⸗ ziehung die Tochter des Hauſes unter dieſen Umſtänden anredet. Das Mädchen hörte ihn an, ohne eine Miene zu verändern, ja faſt ohne den Blick zu ihm aufzuſchlagen, worüber der junge Mann, der ſich im Beſitz eines gefallenden Aeußern wußte und vielleicht etwas verwöhnt in dieſem Punkte war, eine unwillkommene Regung empfand. Treten Sie gefälligſt ins Parlour gegenüber, antwortete die lakoniſche Venus mit einer leichten Handbewegung; Moorfeld zog ſich zurück, nicht ohne einen ſeiner bezwingendſten Blicke in das ſchöne regungsloſe Antlitz des Mädchens zu werfen. Selbſt das offizielle Lächeln der Höflichkeit hätte — 24 ihm wohlgethan in dieſem Antlitz, aber er ſah nichts darauf als die Ruhe einer ſauber gearbeiteten Figur unter Glasſchrank. Dagegen traf ihn vor der Thür über das Treppengeländer des erſten Stockes herab ein zorniger Mädchenblick aus einem Gehänge, oder vielmehr aus einem Tauwerk von ſchlappen Locken— die Geſtalt huſchte im Nu zurück als Moorfeld zu ihrer Loreleyhöhe ſeinen Blick erhob. Kopfſchüttelnd ging er auf den bezeichneten Eingang des Parlours zu. Er klopfte, ohne Antwort zu erhalten. Er beſann ſich nicht lange, ſondern ſchloß vielmehr, daß es landesübliche Sitte ſein müſſe, geradezu zu gehen, ohne ſich an irgend eine Form zu binden, da der Mangel der⸗ ſelben unmöglich die ſpezielle Ungaſtlichkeit dieſes Hauſes ſein konnte. Er trat alſo ein. Das Gefühl unter dem erſten amerikaniſchen Dache zu ſtehen, brachte jetzt eine Pauſe in all ſeine übrigen Empfindungen. Er ſah ſich im Parlour um, erfüllt und ergriffen von dem Bewußt⸗ ſein, daß das Zimmer der Abdruck des Menſchen ſei. Die Möbelformen hatten nach unſern Begriffen keinen eigentlichen Styl, wohl aber ließen ſeltſame Holzarten manch wunderliche Spie⸗ lerei zu. So ſah Moorfeld ein halb Dutzend ſpindeldürre Stühle, welche mit ſo bizarrer Feinheit geſchnitzt waren, daß ſelbſt die Königin Mab, wie es ſchien, darauf hätte durchbrechen müſſen. Nur eine un⸗ gewöhnliche Holzfaſer konnte dieſe Bearbeitung erlauben, aber die ſinn⸗ liche Vorſtellung des Sitzens war ganz bedachtlos dabei verletzt. Nach demſelben Mißverhältniß zwiſchen Schein und Zweck präſentirte ſich der Sophaüberzug: er brillirte in einem orange⸗prächtigen Farben⸗ muſter, das das Auge lebhaft genug traf, aber das Muſter ſtellte nichts weniger als einen— Waldbrand vor. Moorfeld mußte mehr als lächeln, daß der Zumuthung, ſich auf Feuerflammen zu ſetzen, nicht das Ge⸗ ringſte äſthetiſche Bedenken entgegengeſtanden hatte. Auf dem Kaminſims ſtand eine Stutzuhr mit grellen und glänzenden Farben lackirt, ein paar Porcellanvaſen links und rechts zeichneten ſich gleichfalls durch über⸗ ladene Buntheit ungefähr im Geſchmacke unſerer Landleute aus. Im Trumeau erblickte Moorfeld eine ſchlecht modellirte Statuette, welche einen Mann in knappen Stiefeln und Hoſen mit Zopf und Stock, dürftigen Beinen und einem Schlotterbauch vorſtellte. Die Unterſchrift lehrte, daß es Waſfhington ſei. Moorfeld erſchrack bei dem Anblicke dieſes Namens und ſeufzte achſelzuckend: Das iſt der Mann, der ſie — ————— — 25— alle frei gemacht hat, und ſie konnten nicht ihn einmal von ein paar häßlichen Linien frei machen! Sind politiſche Helden wohlfeiler als poetiſche? Schnell wandte er ſich hinweg, um ſein Auge an gelungenen Gegenſtänden zu entſchädigen, aber er entdeckte nichts beſonders mehr. Nach einem Bücherſchrank ſah er ſich z. B. vergebens um. Das ein⸗ zige Buch, das er im Zimmer fand, war die Bibel. Sie lag mit einer ſeltſamen Oſtentation auf dem runden Tiſch, der vor dem waldbren⸗ nenden Sopha ſtand. Die Tapeten des Zimmers, der Fußteppich und die Vorhänge waren theilweiſe reiche Stoffe, aber harmonirten in ihren Farben nicht, denn jede einzelne war ſo ſchreiend gewählt, als ob ſie Selbſt⸗ zweck wäre, und die optiſche Belebung des Gemaches allein zu tragen hätte. Die leeren Wandflächen wieſen ein einziges Bild auf, ein Familienportrait, wie es ſchien; Moorfeld wandte aber eben ſo ſchnell wie von dem Waſhing⸗ ton ſein Auge davon. Das Geſicht war wie mit Kalk und Ziegelroth auf eine unerträglich rohe Weiſe gepinſelt. Ein prächtiger Goldrahmen ſchmückte das Bild, aber das Gold ſtand ſo außer Verhältniß zur Kunſt, daß es nur eine Satyre auf daſſelbe ſchien. Das war die Ausſtattung des Parlours. Sie athmete den Geiſt einer bürgerlichen Frugalität, das aufwachende Bedürfniß des Lurus und dieſer ſelbſt wieder den craſſen und heftigen Geſchmack der Kindheit.„Vielleicht ein hübſches Geſicht, aber eine erfrorene Naſe“ murmelte das europäiſche Urtheil unſers Freundes; dem Zimmer fehlte der gemüthliche Zug, wir möch⸗ ten ſagen die organiſche Wärme der Häuslichkeit. Während Moorfeld dieſe flüchtige und wie wir ſehen nicht ſehr lohnende Rundſchau gehalten hatte, öffnete ſich die innere Thür des Parlours und Herr Staunton, der Hausherr, trat ein. Eine lange ſchmächtige Figur mit enger Bruſt, nach vorn abfallenden Schultern und dünnem Halſe präſentirt ihren amerikaniſchen Typus. Der läng⸗ liche, nicht unedel geformte Kopf zeigt allen Zerfall des Herbſtes, aber allen Schein des Lenzes. Gefärbtes Haar, bepinſelte Augenbraunen, eingeſetzte Zähne, ein leicht aufgetragenes Roth auf dem glattraſirten Geſichte ſchillert aus einer gewiſſen Ferne mit einem gewiſſen Jugend⸗ glanze, natürlich zur mehreren Wehmuth des genauen Betrachters. Die freie, weltmänniſche Haltung des Eintretenden, verbunden mit einer Sorte geſchäftsfreundlicher Heiterkeit iſt gleichſam der moraliſche Theil dieſer Toilettenkunſt. Ein Zug von merkantiler Selbſtſucht wird aus — 26— ſeiner obern Geſichtshälfte in der gewohnheitsmäßigen Heiterkeit der Stirn und des Auges noch ſiegreich genug hinweggelächelt, hat aber in der untern Hälfte, die überhaupt unbedeutend gedrängt und gekniffen iſt, zwiſchen dünngeſpannten Lippen und krampfhaften Mundwinkeln eine ſehr be⸗ merkbarte Heimath. Die ganze Erſcheinung machte den Eindruck eines Mannes, der ſtets als Geſchäftsmenſch gelebt und ſtets als Gentleman ſich gefirnißt hatte. Dieſer Herr trat ſeinem Gaſt jetzt entgegen und begrüßte ihn mit einer ſorgfältigen Herzlichkeit. Er lud ihn ein, ſich zu verbrennen, d. h. er bot ihm das Sopha an, er ſelbſt nahm ſeinen Platz auf einem von den Stühlen der Königin Mab. Hiermit eröffnete er die Unterhaltung, indem er ſich wegen ſeines ſchwarzen Dieners Jack ent⸗ ſchuldigte, den er ſchon vor zwei Stunden an den Landungsplatz ge⸗ ſchickt hätte, um ihn, den erwarteten Gaſt nämlich, abzuholen. Das Schiff, wiſſe er, ſei ſo pünktlich eingelaufen, als es ſignaliſirt war, es könne nur die Fahrläſſigkeit des Dieners ſein, der ihn verfehlt habe, er werde ihm die Genugthuung geben, den Schuldigen zu beſtrafen. Moorfeld verbat ſich dieſe Aufmerkſamkeit, und da er nicht verkannte, daß das Geſagte auch eine Anſpielung auf ſein eigenes Verſpäten ſein könne, ſo geſtand er freimüthig, daß er aus dem Hafengetümmel ſich unverzüglich auf die Battery geflüchtet, und dann der Begierde nach⸗ gegeben habe, eine Promenade durch die Stadt zu machen. Der Ame⸗ rikaner hörte dieſer Erklärung ſalbungsvoll zu, er erhob ſich mit einem eigenthümlichen Ausdruck in's Große und Hohe und ſagte mit einer gedehnten Feierlichkeit: Ich danke Ihnen im Namen unſerer unvergleich⸗ lichen Hauptſtadt, daß Sie bewundern die Pracht und Größe ihrer An⸗ lage, die Thätigkeit ihrer Menſchen, den Geiſt der Freiheit und der Vernunft, der Ihnen entgegenkommt aus allen Bildern unſers öffent⸗ lichen Lebens. Haben Sie in Europa ſich an ähnlichen Schauſpielen zu erfreuen? Moorfeld der zunächſt weder von Bewunderung, noch Freude, ſondern nur von ſeiner Schauluſt geſprochen, nahm dieſe Rede ganz ſo auf, wie er durfte, und ſagte gemeſſen: Europa lebt viel von altem Gelde, Arbeit und Muße harmonirt dort wie Licht und Schat⸗ ten in einem fein durchdachten Bilde. Moorfeld erröthete, es fiel ihm auf, daß er in zwei Stunden bereits zweimal ſeiner Begeiſterung wi⸗ derſprochen und Europa gegen Amerika bevorzugt. Herr Staunton — 27 antwortete: Sie ſind ein Kenner der Kunſt, wie ich höre; wie gefällt Ihnen dieſes Portrait hier, Herr Doctor?— Es iſt mit feſten Stri⸗ chen und lebhaften Farben ausgeführt— war das Urtheil des Befragten. O, es iſt ein vortreffliches Werk, rief Herr Staunton, zehn Dollars koſtet es!— Moorfeld ſagte, dieſer Preis ſcheine ihm zwar nicht ohne Verhältniß zu dem Gegenſtande, aber ohne alles Verhältniß zu denen in Europa. Er nannte hierauf die letzteren. Ich weiß, ich weiß! rief Herr Staunton mit einiger Ungeduld; aber bedenken Sie, daß man mich für einen Verſchwender hält, überhaupt ein einzelnes Bild, als ſolches, zu bezahlen. Man baut oder miethet hier ſein Haus, über⸗ gibt es dem Tapezierer im Accord zur Ausſchmückung, und deſſen Sache iſt es dann, einige Goldrahmen mit den betreffenden Malereien anzubringen. Das iſt die Sitte hier, kein Menſch hält es anders.— Kein Menſch! rief Moorfeld faſt erſchrocken und drang in den Spre⸗ cher, ob er dieſe Redensart wörtlich zu nehmen habe, oder unter gün⸗ ſtigen Beſchränkungen. Das Mienenſpiel des Amerikaners zeigte einen deutlichen Kampf zwiſchen zwei einander widerſprechenden Gefühlen; er ſchien einen geheimen Aerger zu empfinden gegen das, was er zu antworten hatte, und doch fiel es ihm ſchwer, etwas, das Perſonen außer ihm für auszeichnend hielten, von ſeinem Vaterlande zu ver⸗ ſchweigen. Zuletzt ſiegte ſein Nationalſtolz und er fing an, die Pri⸗ vat⸗Gallerie eines Mr. Bennet auf der Battery im Lapidar⸗Styl zu erheben. Nach dieſer Anſtrengung erholte er ſich aber durch die Be⸗ merkung, daß ihm übrigens auch die geprieſene Kunſt der Deutſchen einigen Zweifel erregt habe, ſeit er z. B. von allen Seiten hören müſſe, wie viele Bilder nur ein einziger Herr Düſſeldorf gegenwärtig durch die Welt verbreite. Unmöglich könne ein Mann, der ſo viel hervorbringe, anders malen, als es die amerikaniſche Tapezierer eben auch zu beſorgen wüßten, wenn er nicht an Wunder glauben ſolle. Es ſcheine die Fingerfertigkeit dieſes heutigen Modekünſtlers dem Ruf der deutſchen Solidität nicht zu entſprechen, dagegen rechne ſich's ganz Amerika zur Ehre, daß der große Alston in Boſton, der erſte Künſt⸗ ler ſeiner Zeit, ſchon zehn Jahre an einem hiſtoriſchen Tableau male, und es noch nicht fertig habe. Moorfeld antwortete, nach dem Geiſte der Extreme, deſſen Ruf dieſem Lande vorausgehe, und der auf den erſten Blick ſich beſtätige, würde er ſich nicht wundern, wenn Herr Alston 28 ſein nächſtes Tableau in zehn Minuten vollendete, und Amerika ſich's nicht weniger zur Ehre rechnete; übrigens ſei Düſſeldorf nicht der Name eines Künſtlers, ſondern der Name einer Stadt voll Künſtler. In dieſem Augenblicke meldete der ſchwarze Jack, es ſei ſervirt, worauf Herr Staunton ſich erhob und ſeinen Gaſt zum zweiten Früh⸗ ſtücke bat. Ein erſprießlicher Wechſel von dem Thema der Kunſt zu einem, das der Natur näher ſtand!— Die beiden Herren verfügten ſich in ein Zimmer des erſten Geſtockes. Die Mitte deſſelben nahm ein mäßiggroßer Eßtiſch ein, beladen mit einer übermäßigen Fülle von Gerichten, deren warm gekochte Piecen das Gemach trotz des ge⸗ öffneten Fenſters mit ſtarken Dünſten erfüllten. Dieſem Tiſche prä⸗ ſidirte eine Dame, oder vielmehr die Tagesnummer der Newyorker⸗ Tribüne, denn außer den beiden weiblichen Händen, welche das rieſige Zeitungsblatt vor ſich hin hielten, war die Geſtalt der Leſerin unſicht⸗ bar. Herr Staunton ſtellte die Frau und den neuen Genoſſen des Hauſes einander vor. Die Newyorker⸗Tribüne legte ſich jetzt in die halbe Querfalte und ließ den Kopf einer Matrone ſehen, welchen drei ehrwürdige Momente auszeichneten: die Spuren des Weisheitsalters, der Ausdruck religiöſer Befliſſenheit und eine Brille. Doctor Moorfeld und Mrs. Staunton wechſelten die üblichen Complimente, wobei erſte⸗ rer die Bemerkung machte, daß, wenn eine ſchöne Sprache durch das weibliche Organ noch ſchöner klingt, eine mißtönige dagegen, wie das Yankee⸗Engliſch, eben ſo ihren entgegengeſetzten Charakter durch den Frauenmund fühlbarer ausdrückt. Nach dieſer Ceremonie ſetzte man ſich zu Tiſche.— Frau Staunton fragte: wo bleibt Sarah?— Beſte, das frag' ich dich, antwortete der Gatte. Aber in demſelben Augenblick trat der Gegenſtand dieſer Erkundigung ein; es war eine lange ſchmächtige Dame von relativer Jugend und zweifelhafter Schön⸗ heit; ſie wurde dem Fremden als die Tochter des Hauſes vorgeſtellt. Moorfeld erkannte bei dieſer Gelegenheit den Irrthum ſeiner vorigen Verwechſelung und ſparte die Worte nicht, ihn eifrigſt zu entſchuldigen; als aber die Eltern nicht gleich begriffen, wovon die Rede ſei, flüchtete Sarah in die Arme ihrer Mutter und verbarg ſich an ihrem Buſen, indem ſie mit einem tiefen Gefühle von Kränkung wehklagte: Ach Mama, das Kammermädchen iſt zuvor an meiner Statt begrüßt wor⸗ den! Weder Herr noch Frau Staunton ſchienen dieſes Geberden ihres 42. 20— hocherwachſenen Töchterchens für übertrieben zu halten, die Mutter ſchloß vielmehr ſehr mütterlich die reife Jungfrau an ihr Herz und tröſtete ſie mit vielem Affecte. Mein Gott! ſeufzte ſie, und ſchlug ihre Augen in eine Himmelshöhe, welche weit über die Richtung der Brille hinausging, mein Gott, ſeufzte ſie, iſt es denn zu verwundern, wenn fremde Beſucher unſers Landes die weiblichen Herrſchaften von ihren Domeſtiken nicht mehr zu unterſcheiden wiſſen? Die Klaſſe der Dienenden ſtellt ſich in allem Aeußern ſo anmaßend neben uns ſelbſt, daß uns kaum eine andere Auszeichnung übrig bleibt, als das Ge⸗ fühl unſerer Würde, welches uns freilich hinlänglich ſchmückt, wenn gleich nicht auf den erſten Blick. Faſſen wir uns in chriſtlicher Ge⸗ duld, liebes Kind! Was wollen wir thun? Auch noch ein ſchwarzes Kammermädchen nehmen? Ach, ſchon eins iſt zu viel von dieſer Race! Nicht wahr, dazu entſchließen wir uns nicht, gute Sarah? Laſſen wir uns um der Liebe Gottes willen die Anſprüche der Weißen gefallen und geben wir unſerer liebenswürdigen Freundin Recht, welche, wie du weißt zu ſagen pflegt: ſie könne ſich den Himmel nur als einen Ort voll Dienſtboten denken. Moorfeld bezeugte ſich den Leiden der Damen ſo theilnehmend, als es mit einem leiſen Zug von Ironie im Herzen möglich war, und machte namentlich auf den Umſtand aufmerkſam, daß er die fragliche Frauensperſon über Büchern und Landkarten gefunden, d. h. in einer Beſchäftigung, welche in Europa zweifellos die gebildete Haustochter bezeichnet hätte. Ach, in Europa! fiel Herr Staunton mit unbedach⸗ ter Geringſchätzung dazwiſchen;— im alten Land fühlt ſich ſelbſt der höchſt Beamtete als ein Diener, bei uns möchte der niedrigſte Dienſt gern für ein Amt gelten. Die weiße Race dient überhaupt nicht hier. Darum ließ ich Ihnen ja auch durch unſern Agenten den Rath geben, ſich keinen Bedienten mitzunehmen, wie es Ihre Abſicht war. Er hätte Sie in den erſten Wochen verlaſſen. Unſre Hariet betreffend, ſo be⸗ reitet ſie ſich auf ein Schulamt vor, von dem Umſtand gewinnend, daß man neuerer Zeit die Volksſchulen gerne mit weiblichen Lehrkräften beſetzt. Sie ſahen ſie in einer dieſer Selbſtvorbereitungs⸗Stunden, deren ſie ſich täglich ein Paar ausbedungen hat. Die Sache hat ihre Unbequemlichkeiten für die weibliche Herrſchaft, aber dem Mädchen kann ich ihr Streben nicht übel nehmen. Iſt ſie doch eine freie Amerika⸗ nerin, eine reine Native, ſie will vorwärts! Moorfeld verſagte dieſer Mittheilung ſeinen Beifall nicht und fügte hinzu, er zweifle nicht, daß die Ehre Europa's und Amerika's in allen Punkten einander verſtehen würden. Herrn Staunton's Abfälligkeit gegen das erſtere nöthigte ihm die gelinde Rüge ab. Die Geſſellſchaft ſetzte ſich zu Tiſche. Der junge Fremde glaubte noch immer einen beleidigten Zug in Sarah's Mienen zu finden, und nahm ſich die Mühe, denſelben zu ban⸗ nen. Er erwies dem Mädchen alle Aufmerkſamkeit, ſowohl die ſie fordern konnte, als die ein junger geiſtreicher Mann freiwillig gegen ihr Geſchlecht verſchenkt. Er war aber nicht glücklich. Das Gefühl der Kränkung lag wie ein intereſſanter Thau auf dieſer abgeblühten Blume und kein Sonnenpfeil Apollo's war im Stande ihn hinwegzu⸗ glühen. Er gerieth endlich auf den Gedanken, daß dieſer Thau— gemalt ſei und gab ſeine wohlmeinende Bemühungen auf, eh' er der Verſuchung erlag, in eine feine Satyre umzuſchlagen und der unbe⸗ ſcheidenen Spröden für das fingirte Weh ein kleines ächtes Thränchen abzupeinigen. Bis hieher hatte Moorfeld dem Tiſche noch keine Aufmerkſamkeit geſchenkt, deßungeachtet wandte er ſich jetzt an die Hausfrau und machte ihr ein Compliment darüber. Als er ſah, daß die Phraſe eindruck⸗ los abprallte, ſchrieb er es ſeiner Ausſprache zu und wiederholte eine der ſchönſten engliſchen Artigkeiten mit der correcteſten Deutlichkeit. Der Eindruck erfolgte nun zwar, er war aber womöglich entgegenge⸗ ſetzt. Die geſchmeichelte Hausfrau ſah in dieſem Augenblicke faſt ſo beleidigt aus, wie ihre Tochter Sarah: ſie blickte kalt und ſtolz nieder, und warf irgend ein Wort hin, das Moorfeld ſeinerſeits nicht verſtand. Herr Staunton legte ſich in's Mittel, indem er halb gegen ſeine Frau, halb gegen Moorfeld gewendet, erſterer auseinanderſetzte, der ſehr verehrte Gaſt habe eine dankenswerthe Meinung geäußert, welche blos in der Vorausſetzung irrig ſei, daß eine amerikaniſche Lady ſich in der Küche beſchäftige. Unſere freie und aufgeklärte Nation, fuhr er fort, findet einen ihrer ſchönſten Vorzüge vor den übrigen Völkern der Erde in dem Bewußtſein, den Frauen eine Stellung eingeräumt zu haben, welche dieſen zarten Blumen der Menſchheit allein als die natürliche und berechtigte zukommt. Kein amerikaniſcher Bürger, der ſich nicht auf der Höhe, ſondern nur auf dem Niveau der öffentlichen Meinung — 31— ſeines Landes behaupten will u. ſ. w.— Moorfeld bedurfte nicht vieler Ge⸗ duld, die langathmige Pomp⸗Phraſe zu Ende zu hören. Es war ihm ein Genuß höherer Schauerlichkeit, den alten kosmetiſch zuſammenge⸗ haltenen Mann über die Blumen der Menſchheit peroriren zu laſſen. Inzwiſchen hatte er angefangen mit mehr Bedacht ſein erſtes ame⸗ rikaniſches déjeuner zu würdigen. Als ein Fremder, der in dem Neuen zugleich das Charakteriſtiſche zu belauſchen die Neigung hat, blieb die culinariſche Phyſiognomie der neuen Welt nicht der letzte Gegenſtand ſeines Intereſſes. Die Stimmung, womit der Gentleman ſeinen Beobachtungen auf dieſem Gebiete nachgeht, hatte bisher etwas ver⸗ ſchämt Humoriſtiſches, an den Liberalismus der mittelalterlichen Hofnarren und Kirchenkomödien Erinnerndes; wenn die fortſchreitende Naturwiſſen⸗ ſchaft das Geheimniß vom Stoffwechſel in den feinſten materialiſtiſchen Aus⸗ ſpitzungen ergriffen haben wird, ſo wird ſich unſer verſteckter Ernſt für dieſe Angelegenheit vielleicht offener an's Tageslicht wagen, ungefähr wie heute ſchon das Theekochen z. B. ein Obligat⸗Studium an den japaniſchen Univerſitäten iſt. Damals ragte aber die Küche noch wenig in die Chemie und durch dieſe in die Philoſophie herein, unſer Held wagte alſo erſt, ſich ſeiner Neugierde für Amerika's Tiſch zu überlaſſen, als er die Tiſchgäſte ſelbſt, der Reihe nach ziemlich ungenießbar erprobt hatte. Zuerſt fiel ihm ſchon die amerikaniſche Sitte des Servirens auf. Die Tafeldeckung war hier kein europäiſches Hintereinander, ſondern ein Nebeneinander. Sämmtliche Gerichte ſtanden gleichzeitig auf dem Tiſche. Erkannte der Fremde das Handelsvolk darin, das die Zeit ſpart? Oder die gleichmachende Republik, die keine Rangordnung duldet? In beiden Fällen hatte der Anblick eines ſolchen Eßtiſches etwas Fremdartiges, ja wahrhaft Ueberwältigendes, Brüskes. Die Phan⸗ taſie ſah all ihre Perſpectiven abgeſchnitten, ſie wurde genöthigt, das ganze Gebiet ihrer Genüſſe auf Einen Blick zu umfaſſen, ſtatt daß die Gänge und Pauſen einer europäiſchen Tafel, wie die Kapitel eines Romans, wie die Aufzüge eines Drama's von Spannung zu Span⸗ nung fortſchreiten, und dem Gaſte zwiſchen Hoffnung, Illuſion, Ueber⸗ raſchung, ja ſelbſt Furcht und Reue das intereſſante Spiel ſeiner menſchlichen Leidenſchaften geſtatten. Dagegen durfte der unparteiiſche Denker die praktiſche Seite dieſes Gebrauches auch nicht überſehen. — 32— Hier lief der Appetit nicht Gefahr an unverſtandenen Hintergedanken zu verhungern und über genialen Zukunftsviſionen das Lächeln der Göttin Gelegenheit zu verſäumen: die raſche That, die ſcharfe Un⸗ mittelbarkeit Amerika's lag in dieſem Enſemble. Moorfeld muſterte nun die Gerichte ſelbſt. Schinken, Fiſche, Ge⸗ flügel, Wildpret, Coteletts, Bratwürſte, Kartoffeln, Früchte, Eier, Kaffee, Wein, Brantwein, das Alles war der Apparat dieſes ſoge⸗ nannten Frühſtückes. Es war keine Auswahl der landesüblichen Küche, ſondern vielmehr die Summe derſelben. Alles war da. Der gebra⸗ tene Speck des Hinterwäldlers dampfte neben dem feinen Puterhahn und die plebejiſche Brandyflaſche rivaliſirte keck mit dem Adelswappen: Jacquesson fils& Cie. Politiſch beurtheilt ſah Moorfeld das Bild einer unfertigen Geſellſchaft darin, in welchem die ländlichen Anſiedler⸗ elemente mit den höheren Chorden der Stadtſitte noch chaotiſch durch⸗ einander klangen. Von Allem koſtend wanderte ſeine Zunge gleichſam mit den Rundköpfen Cromwell's aus, und ſaß bei Mock Turtle und Champagner im Concerte der modernſten Geldmächte. Leider war dieſe bunte Mannigfaltigkeit in eine traurige Einheit gebracht— es ſchmeckte Alles gleich ſchlecht. Ohne nach den Paragraphen der höheren Gourmandiſe zu richten, fand unſer Gaſt ſchon als bloßer Naturaliſt das Frühſtück ungenießbar. Sämmtliche Gerichte waren entweder halb verbrannt oder halb roh. Es machte ihm den Eindruck, als ſeien ſie gleichzeitig an's Feuer ge⸗ ſtellt und nach eben der deſpotiſchen Minutenuhr ihrer Schule wieder entriſſen worden, ohne jenes liebevolle Eingehen auf das zartere Spiel der Individualitäten, auf die hingebende Empfänglichkeit des Coteletts und auf den charakterfeſten Widerſtand des Roſtbeafs. Wahrlich, es fehlte die Frauenhand in dieſem fabriksmäßigen Geköche! Moorfeld zweifelte keinen Augenblick, daß nicht einmal die weibliche Dienerin, welche er ohnedies über Büchern gefunden, ſondern der Hausneger ſelbſt ſeine ſchwarze Hand in dieſem traurigen Spiele gehabt. Rohe Negerrache! grollte er ſich zu, nur daß die Weißen ſelbſt nicht fein genug ſind, ſie zu empfinden. In der That, von Feinheit war nicht die Rede hier. Die Art, wie die zarten Blumen der Menſchheit, die Damen nämlich, auf hei⸗ ßen Maisbrodſchnitten gelbe Butter zerließen und es aßen, die Art —————— . — 33— wie Herr Staunton ſeine weichen Eier mit der Schale in den Mund führte und die zermalmten Schalenſplitter dann auf ein Teller⸗ chen zurückſpülte, das Alles war für den fremden Beobachter zwar ein Schauſpiel höchſter Originalität, aber auch Abſcheulichkeit. Der Eu⸗ ropäer ließ dieſen Paſſus des amerikaniſchen déjeuners mit großer Beſtürzung an ſich vorübergehen. Indem unſer Held unter alſo erſchwerenden Umſtänden ſeinen Appetit zu befriedigen ſuchte, angelte er, wie er meinte, nur nach den feinſten und am leichteſten zubereiteten Fleiſchſpeiſen. Bei dieſen Ver⸗ ſuchen kam er aber bald dahinter, daß Fleiſch überhaupt nur ein re⸗ lativer Begriff ſei. Es fragt ſich bei den verſchiedenen Nationalitäten immer, was ſie vom Thiere begehren und ſich vorſetzen. Wenn nun der Engländer die blut⸗ und muskelreichen Theile liebt, der Franzoſe die galatinartigen und nervenreichen, ſo warf ſich der Amerikaner vor allem auf das Fett des Thieres. Fett war hier Fleiſch. Es lag entweder offen zu Tage, oder das Fleiſch ſelbſt war durch ein eigen⸗ thümliches Raffinement der Maſt mit dem Fettſtoff ſo imprägnirt, daß ſtets dieſelbe geſchmackwidrige Identität zurückkehrte. Die ganze Tafel war gleichſam ein Tiſch für den Lichtzieher. Dieſe Talgmaſſe ſchwamm freilich in einer Beize der ſchärfſten Gewürze; Moorfeld glaubte ſogar deutlich zerſtoßenen Höllenſtein durchzuſchmecken; aber ſchmeckte es darum beſſer, daß er ſich die Würze mit Satyre würzte? Zwei Verneinun⸗ gen geben wenigſtens für den Geſchmack keine Bejahung. Die Champagnerflaſchen blieben nach allen dieſen Niederlagen ſein letzter Troſt. Als aber Moorfeld ſich das erſte Glas davon ausbat— wie geſchah ihm auch jetzt? Hr. Staunton griff, als müßte es ſo ſein, nach der Brantweinbouteille und goß ihm Brandy unter den Champagner. Man verbeſſere ihn ſo, ſagte er anſtandslos. Er ſelbſt trank gleichfalls dieſe Miſchung. Moorfeld ſah die Geſchichte mit dumpfem Erſtaunen an;— das ging ihm doch über den Begriff! Nicht daß er den Gipfel der bisherigen Geſchmackswidrigkeit ſah, ſetzte ihn außer Faſſung. Die Sache ergriff ihn tiefer. Im Trinken liegt ja bei allen Völkern eine gewiſſe Symbolik, das Trinken ſpielt im Chriſtenthum ſelbſt eine Rolle und für den Kelch wurden Kriege ge⸗ führt. Trinkt der Amerikaner ſeinen Champagner mit Brandy, wer garantirt hier das Genie gegen die Proſa? fragte ſich 8 Fremdling. D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. — 34— Dieſe Idee unterlegte er dieſer Handlung. Es war ein Augenblick ahnungsvollen Erſchreckens, der ſich nicht näher definiren läßt. Indeß ſich der Freund dieſen dunklen Vorgefühlen noch überließ, trat ein Fremder in das Zimmer, glatt und glänzend wie Dollar, lackirt, raſirt, lächelnd und höflich, ein blank geöltes Rad aus der Maſchinerie einer großen Handlungsfirma, ein Comptoir⸗Gentleman wie je einer aus brettſteifen Vatermördern guckte. Er beſchrieb Rück⸗ grats⸗Curven nach allen Seiten hin und wechſelte dann einen Frage⸗ zeichenblick zwiſchen Staunton und Moorfeld, deſſen Inhalt das Be⸗ denken war, ob die Rückſichten der Höflichkeit oder der Vorſicht mit einer Geſchäftsſache herauszurücken erlaubten?— So eben wird der Schiffbruch der Temperance, Capitän Powell, von Sandy Hoock ſig⸗ naliſirt, fing er an, ich fliege auf eine Minute von der Börſe weg, und bitte bei Ihren eventuellen Reflectionen darauf um prompteſte Ordre, Mr. Staunton. Dieſe Nachricht ſchien für Hrn. Staunton von großer Erheblichkeit. Er war ſogleich ganzer Geſchäftsmann. Mit einer eiligen Verbeugung gegen Moorfeld entſchuldigte er die verän⸗ derte Richtung ſeiner Aufmerkſamkeit und vertiefte ſich dann in das Notizbuch des Jobbers, mit dem er anfing, Ziffern hin⸗ und her zu kritzeln und überhaupt in Schriftzeichen, Pantomimen und eingeſtreuten, kurzen Geſchäftsphraſen ſich zu verſtändigen. So fähig indeß die Börſen⸗Hierarchie iſt, in ihrer eigenthümlichen Kunſtſprache vor dem Profanen offene Geheimniſſe zu behandeln, ſo begriff Moorfeld doch den ungefähren Zuſammenhang. Zufällig wußte er nämlich von den ſogenannten Mock⸗Auctionen, die damals eben anfingen und ſpäter ſo berüchtigt geworden ſind. Dieſes Geſchäft gründete ſich darauf, daß die Unternehmer, durch Seewaſſer beſchädigte und verdorbene Schiffs⸗ frachten ankauften, der Waare einen künſtlichen Schein gaben und ſie mit großem Gewinn auctionsweiſe wieder losſchlugen. Von einem ſolchen Geſchäfte war hier die Rede. Herr Staunton gab ſeine Auf⸗ träge, der Jobber notirte und in fünf Minuten war der Schiffbruch auf Sandy Hoock verwerthet. Als der Börſenmann fort war, fing Mrs. Staunton, indem ſie ſich mit der Newyorker⸗Tribune Kühlung zufächelte, langſam und ge⸗ dehnt an: Sage mir, Beſter, haben wir mit der Temperance nicht unſern Daniel zurückerwartet? Du hätteſt doch um Gerettete oder —————=— — 35— Verunglückte Erkundigung einholen ſollen.— Ich dachte daran, mein Engel, ſagte Hr. Staunton, aber du ſahſt ja, wie ihn die Börſen⸗ ſtunde preſſirte. Später!— Moorfeld ſtutzte. Was für ein Daniel war das? Ein Sohn? unmöglich! Ein Handlungsdiener? Dann hätte der engliſche Sprachgebrauch nicht„unſer“ ſondern„Miſter“ geſagt. Alſo doch ein Sohn? Moorfeld ſchwindelte. Nein, nein, es iſt un⸗ möglich! Unmöglicher wenigſtens als eine Abweichung vom Sprach⸗ gebrauch. Beſtürzt, verwirrt und mehr als geſättigt, ſprang Moorfeld auf von ſeinem erſten amerikaniſchen Frühſtück. Der ſchwarze Jack führte ihn auf ſein Zimmer. Es hatte eine weite Ausſicht über Fluß und Land, eine der Bedingungen, auf die er ja ſchon in Europa dieſes Privatlogis gemiethet. Aber indem er eintrat kam auf einmal ein plötzlicher Schreck über ihn. Woher er kam, wiſſen wir nicht zu erklären, wenn ſich der Leſer nicht eigener Augenblicke dieſer Art erinnert. Es gibt ſolche Augenblicke. Die Macht der Gewohnheit wird manchmal— auf einen Secundenblitz— aufgehoben. Ein großes Glück, das wir gemacht, wenn wir ſchon lange von ſeinen Früchten zehren, ſchreit oft den erſten Freudenſchrei wieder auf in uns, ein Todtenfall, den wir ſchon lange verſchmerzt, überſchauert uns oft mit den erſten Schrecken der Neuigkeit, ein ge⸗ liebtes Muſikſtück, das wir ſchon lange mit anhören, klingt uns in einem auserwählten Augenblicke wieder das Entzücken des erſten An⸗ hörens zurück. Es wäre ganz vergeblich, den ſchrecklichen oder ſüßen Reiz ſolcher Erſtlingseindrücke uns willkürlich zu reproduciren, es iſt eine unbegreifliche Inſpiration, die direct von den Göttern kommt, ein Erdbeben der Phantaſie, ein Durchſtoßen der Alltagskruſte und Auf⸗ lodern der Originalität in uns. Ein ſolcher Augenblick war's, der jetzt unſern Europäer überraſchte.„Deine Fenſter ſehen auf Amerika,“ der Gedanke packte ihn plötzlich, als hätte er ihn nie zuvor gedacht, noch weniger ausgeführt. Ein Wunder ſchien ihm's, ein Feenwerk. Er hielt ſich den ganzen Tag über an ſein Zimmer, gleichſam als wäre er nur hier geborgen und draußen verloren. Der Neger wurde eifrigſt auf's Zollhaus geſandt und fieberhaft erwartete Moorfeld mit ſeinem Gepäcke den Anblick europäiſcher Gegenſtände. Er lag aber, ehe ſie noch anlangten, zu Bette. Das genoſſene Frühſtück hatte ſich in 3* — 36— einer gewaltſamen Transaction Luft gemacht. Als der Verdauungs⸗ kranke Abends zum Diner gerufen wurde, erbat er ſich eine Taſſe Kamillenthee und ließ alle übrigen Genüſſe Amerika's auf ſich be⸗ wenden. Drittes Kapitel. Ein prangender Morgen glänzte über die Welt. Spät aufwachend, wunderte ſich Moorfeld, daß der Lärm des Hafenlebens, das unmittel⸗ bar unter ſeinen Fenſtérn lag, nicht längſt ihn erweckt. Er trat an's Fenſter. Ja freilich! da lag Schiff an Schiff im Hudſon— alle Flaggen aufgehißt, alle Räume grabähnlich ſtumm— eine ganze Flotte des fliegenden Holländers ſchien vor Anker. Es herrſchte alſo heute jenes Geſpenſt, das man in den puritaniſch quäckeriſchen Landen Sonntag nennt. Die Strömung des Fluſſes war die einzige Be⸗ wegung in dieſem Bilde der unheimlichſten Ruhe.— Der Europäer ſann darüber nach, was mit einem ſolchen Tage der heiligen Lange⸗ weile anzufangen ſei. Sein Blick fiel auf ſeine Koffer, welche geſtern unberührt ſtehen geblieben. Damit war für's Erſte geſorgt. Er ſtand auf und fing an, ſie auszupacken. Das iſt eine der ſinnigſten Menſchenarbeiten und jedenfalls das harmloſeſte Sonntagsvergnügen in allen fünf Zonen auf beiden He⸗ miſphären. Die Bagatells, welche der kurzſichtige Sterbliche„lebloſe Dinge“ nennt, ſind keineswegs ſo leblos, als es ſcheint: Stoff, Form oder Farbe ſpricht auf irgend eine Weiſe zu irgend einem Sinne und ein Widerſchein geſchichtlicher Erinnerungen ſpielt um die geringſte Einzelnheit. So gehen die Gegenſtände mit einer ſanften träume⸗ riſchen Muße durch die Hand, ja, es bleibt überhaupt unentſchieden, ob die Hand oder die Phantaſie bei einer Arbeit dieſer Art vorherrſcht. Leuchtet dazu ein blauer geräuſchloſer Tag zu hellen Fenſtern in die einſiedleriſche Stube, ſo faßt ſich das Ganze in eine gewiſſe Stimmung zuſammen, welche ſcheinbar mit Taſchenſpiegeln und Raſirmeſſern nichts zu thun hat, aber nichts deſto weniger da iſt, und recht tief und le⸗ bendig da ſein kann. — 37— In dieſer Stimmung hatte der Freund ſeine geliebte, wohlverpackte Violine vorgefunden und aus den erſten Probegriffen um die Reinheit des Tons wurde unvermerkt ein langgezogenes Spiel. An’s Fenſter gedrückt, das Auge über Fluß und Land und durch die tiefblaue Hei⸗ terkeit des Morgenhimmels ſchweifend, ſtand er da und brachte der neuen Welt das erſte Liebesopfer einer klangreichen Seele. Die hei⸗ mathlichen Weiſen quollen in reicher Strömung aus dem ſchönen In⸗ ſtrumente, eine Phantaſie, die ſich an ihrer eigenen Fruchtbarkeit hinriß, reihte Blume an Blume, hing Kranz neben Kranz auf, und vor dem inneren Auge des Künſtlers ſtand vielleicht ein Freundeskreis von fer⸗ nen, lieben Menſchen, werth, daß ſie eine Seele in ihren guten Stunden mitgenießend vergegenwärtigte. Als Moorfeld eine Zeitlang ſo vor ſich hingeſpielt hatte, klopfte es. Herr Staunton trat ein und erkundigte ſich, im hochgeſteiften Vater⸗ mörder, den franzöſiſchen Hut in der Hand, um das Befinden ſeines Gaſtes. Moorfeld dankte, und wies auf ſeine Violine, das Zeichen ſeiner aufgeweckten Kräfte. Ein vorzügliches Inſtrument, ein klang⸗ reiches, melodiſches Inſtrument, rief Herr Staunton, geſchehe mir an⸗ ders als ich wünſche, wenn ich Ihr Spiel nicht mit dankbarer Freude belauſcht habe. Ich muß die Wahrheit ſagen, Herr Doctor, ein ganz köſtliches Holz! Ach, das Vergnügen der Kunſt wird mir zu ſelten zu Theil, als daß ich's nicht lebhaft zu ſchätzen wüßte. In der Woche beſetzt das Geſchäft und der Clubb die Tags⸗ und Abend⸗ ſtunden, und am Sonntage kann man in ſämmtlichen Staaten der Union keinen muſikaliſchen Ton hören, wenn nicht glücklicherweiſe viel⸗ leicht von einem Fremden. Unſer frommes Land hält Klang und Saitenſpiel für eine Sünde am Tage des Herrn; aber ich denke wohl, meine Nachbarn ſind bereits in den Kirchen, man wird uns kein Aerger⸗ niß nachſagen, Herr Doctor. Der junge Europäer legte raſch, als ob es entweiht wäre, ſein Inſtrument hinz ſein dunkles Auge ſchoß einen wilden Blick, voll von dem Genie des Zorns. Der Amerikaner nahm die Gelegenheit wahr, als er ſeine Miſſion erfüllt ſah, mit Höflich⸗ keits⸗Formalitäten wieder ſeinen Rückzug zu nehmen. Moorfeld fuhr im Aufräumen ſeiner Koffer fort, aber wir kön⸗ nen in dieſer ausdrucksloſen Arbeit eine merkliche Veränderung des innern Ausdrucks wahrnehmen. Das harmloſe Adagio ſeines vorigen — 38— Gebärdenſpiels iſt in ein rauſchendes Allegro verwandelt; er wirft die Sachen mit einer genußloſen Haſt unter einander, ſeine Finger zucken wie elektriſch, oft unterbricht er ſich und geht mit ſtarken Schrit⸗ ten durch das Zimmer. Der enge Raum genügt bald ſeiner un⸗ ruhigen Bewegung nicht mehr, es iſt mit dieſem häuslichen Sonn⸗ tage nichts anders anzufangen, als ihn in publico anzuſehen. Er eilt fort. Die beſte Flucht vor dem Sonntag wäre natürlich direct in den Sonntag hinein geweſen. Schon als Sittenbeſchauer der Menſchen konnte der Fremde nichts anders, als heute die Kirchen beſuchen. Wahrſcheinlich hätte es Moorfeld auch gethan— ohne Herrn Staun⸗ ton's Morgenbeſuch. Dieſer aber trieb ihn begreiflich— in die Oppo⸗ ſition. Andächtig zu ſein mit Andächtigen, welche„Aergerniß“ an einem Adagio nehmen— in Europa ſieht es Jedermann ein, daß das einem Europäer nicht möglich war. Dazu kam das Sonntagsgeläute. Wie wurde unſerm Freund als er in Newyork läuten hörte, wie man in Europa zum Feuer„an⸗ ſchlägt“? Anfangs glaubte er wirklich die ganze Stadt brenne, als das eintönige Gehämmer von allen Kirchen zu arbeiten anfing. Mit empörter Seele rannte er in die Einſamkeit. Wir wüßten auch nichts, was von dem Menſchen mehr hinwegſcheucht, als ſolch ein äußerſter Grad ſeiner Rhythmusloſigkeit. Höchſtens noch ein Diner aus Fett und Pfeffer und Champagner mit Brandy. Wahrlich, unſer Freund zieht eine ſtarke Summe ſeit geſtern. Ein Volk das nicht einmal die Inſtincte des Gaumens und der Andacht— alſo die Grundpfeiler der ſinnlich-ſittlichen Menſchennatur— zu erfüllen weiß, das wandelt doch weit ab vom europäiſchen Wege. In dieſem Augenblicke ging ihm einſtweilen Moorfeld ſelbſt aus dem Wege. Er wandelte auf der Battery wo eben Niemand wandelte. Das friſche Meer, der blaue Himmel, der weite unendliche Horizont flammend und ſpiegelnd im Lichte der kräftigſten Sommerſonne ließen ihn ein paar Stunden ſo hinträumen. Notizbuch und Stift in ſeiner Hand verrathen uns, daß wir ihn in Geſellſchaft guter Geiſter wiſſen. Freilich ſehen wir ihn eben ſo oft ſtreichen als ſchreiben; es ſcheint ein kleiner Familienzwiſt in dieſer Geſellſchaft zu herrſchen. Wenn es kein großer iſt— bekümmern wir uns nicht darum. — 39— Als Moorfeld zum Dejeuner in die geſtrige Gruppe eintrat, fiel ihm„unſer Daniel“ wieder mit neuer Schwere auf die Seele. Er beſchloß ſogleich die Converſation darauf hinzuleiten. Er glaubte mit einer Artigkeit beginnen zu müſſen, und drückte dem Hauſe Staun⸗ ton ſein Bedauern aus, daß er heut morgen ſeine Sabbathruhe ent⸗ weiht. Er hätte ſein Violinſpiel ſogleich mit einem Spaziergang ver⸗ tauſcht, als er vernommen— aber die Damen Staunton ſahen ſich in dieſem Augenblicke ſo bedenklich an, daß Moorfeld, ohne mehr zu ſagen, vielmehr das ſchon Geſagte in eine erſchrockene Erwägung zog. Herr Staunton beſchwichtigte die dreifache Verlegenheit und ſagte mit einem liberalen Ausdruck: Die Vernünftigeren in Newyork wer⸗ den nicht lange mehr einen Spaziergang für eine Profanation des Sonntags halten. Und macht es auch zur Zeit noch Niemand mit, namentlich während der Kirchenſtunde nicht, ſo denkt man hier doch nachſichtiger darüber als z. B. in Boſton. Ein Spaziergang, rath' ich, wird bald ein erlaubtes Sonntagsvergnügen in unſrer erleuchteten Weltſtadt ſein. Iſt's möglich?! rief Moorfeld auf dem Gange draußen, denn er hatte bei Herrn Staunton's Worten— was hilft es, die Wahrheit zu mildern— mit einem wahren Grimm ſeine Serviette nieder⸗ gelegt. Unter dem Vorwande der geſtrigen Indigeſtion war er auf⸗ geſtanden.. Auf dem Corridor begegnete ihm Jack, der aufwartende Neger. Der Burſche lachte ihn mit verzücktem Augenzwicken an, machte die Gebärde des Violinſpielens, zuckte tanzend mit den Fußſpitzen und ſagte kopfnickend: Sar, ſchön! ſchön! heut morgen; Banjo in Ihrer Hand ſpricht gute Sprache, Sar! Mehr aus ſeinen Gebärden als aus ſeinen Worten errieth Moorfeld die Meinung des Schwarzen. Er drückte ihm beide Hände, indem er dem drolligen Geſichte gerührt, faſt begeiſtert in's Auge ſah. Aber wir haben eine Sünde begangen, Jack, fügte er wehmüthig lächelnd hinzu, der heilige Sonntag verbietet's. Ach, was macht man mit eurem Sonntag hier!— Man geht zum Feuer, Sar, ſagte der Neger, indem er den Ausruf für eine Frage nahm und als ſolche gewiſſenhaft beantwortete. Zum Feuer, wieder⸗ holte Moorfeld verwundert, zu welchem Feuer?— Ei, antwortete Jack, die jungen Herren von den Löſchcompagnien vertreiben ſich den — 40— Sonntag mit Feuerlöſchen. Banjo iſt Sünde, aber Feuerlöſchen iſt gut Werk, nicht wahr, Sar? Nun, ſo müſſen ſie doch erſt Feuer an⸗ zünden, wenn ſie Feuer löſchen wollen, wie, Sar? Moorfeld ſah den naiven Logiker erſchrocken an. Sie ſind Brandſtifter zu ihrem Sonntagsvergnügen? rief er mit ſtarker Betonung, aber in dieſem Augenblicke erdröhnten dumpfe Glockenſchläge, die ſich zwar von dem monotonen Getön des ſogenannten Kirchengeläutes nicht unterſchieden, die der entzückte Jack aber ſogleich für ein Feuerſignal erklärte. Mit einem lauten Freudengejubel ſprang er in die Küche hinweg, fluchend auf die unzeitige Neuerung der Brandſtifterpraris, die ſchon ſo früh anfange, und ihn nicht einmal an ſeinem Spültiſch fertig werden laſſe. Moorfeld ging wie im Traume auf die Straße hinaus. Er fand am Kai ſchon die erſten Anfänge eines Zuſammenlaufs. „Rooſeveltſtreet in der vierten Ward!“ riefen die Begegnenden ein⸗ ander zu. Auf Erkundigung hörte Moorfeld, daß der genannte Be⸗ zirk am Oſtfluſſe liege, alſo gerade auf der entgegengeſetzten Seite der Stadt. Vergebens ſah er ſich rings nach einem Omnibus um, kein Fuhrwerk war irgendwo zu ſehen und zu hören. Er merkte, daß auch hier der Sonntag im Spiele ſei, und daß ihm als Fremden nur übrig bleibe, auf gut Glück der Richtung derjenigen zu folgen, welche denſelben Weg einzuſchlagen ſchienen. Das that er. Die Menge des Straßenpublikums mehrte ſich mit jedem Schritt. Der hochgeputzte Neger in weißen Handſchuhen und Manſchetten, das zarte Phantaſieſtäbchen balancirend, an ſeinem Arme die ſchwarze Schöne, die im weißen Kleide mit Roſaſchleifen ihren äthiopiſchen Teint vor⸗ theilhaft, wie ſie meint, zu heben weiß, der kurze Dandy⸗Frack, die ſtrahlende Uniform, die ſchwere Sammtrobe, der wallende Federhut— das Alles eilte auf einen Schauplatz vorausſichtlicher Unreinlichkeit mit größtem Eifer. Dazu malte ſich auf allen Mienen, ſelbſt der ele⸗ ganteſten Herren und Damen, eine gewiſſe Freudigkeit, ja ſchon der Umſtand, daß ſie aus ſo weiter Ferne zu einem ſo alltäglichen Er⸗ eigniß zuſammenſtrömten, war bedeutungsvoll. Kurz, Moorfeld konnte unverhohlen wahrnehmen, daß die Leute die Zwangsjacke ihrer Sonn⸗ tagsfeier begierig lüfteten, daß ihnen der Brand ein wahres Volks⸗ feſt ſei, und daß Jack's Vermuthung ohne Zweifel ihre ſittenkundige Giltigkeit habe. — — 41 Unter dieſen Beobachtungen gelangte er an den Ort des Brandes. Aus der Tiefe der Straße, in deren Mitte ſeine Schritte unter dem Ge⸗ dränge der Menſchen kurz und kürzer wurden, flackerte eine lichterlohe Feuerſäule von einem auffallend lauten Gepraſſel und Geknatter be⸗ gleitet; es war ein Haus von Fachwerk, ein ſogenanntes Framehaus, deſſen Sparren und Balken die gefräßige Flamme zuſammenknirſchte. Die Löſchmannſchaft in ihren rothen Jacken, weißen Hoſen und lackir⸗ ten Hüten, kecke Geſtalten, denen die Welt zu gehören ſchien, bot in ihrer Haltung einen ſonderbaren Anblick von Wildheit und Eleganz. Vor allem machte ſich ein junger reckenhafter Burſche bemerklich, der gleich⸗ ſam der potenzirte Ausdruck ſeiner ganzen Compagnie war, über die er auch thatſächlich das Commando führte. In ihm ſchien der Muth Uebermuth, die Wildheit Frechheit, die Eleganz Prahlerei, aber auch ein gewiſſer Grad von Männerſchönheit war ihm nicht abzuſprechen. Das ganze Unternehmen beſeelte er mit einer queckſilbernen Raſchheit; den Einen riß er von der Pumpe weg, den Andern verdrängte er vom Schlauch, den Dritten warf er von der Leiter, ſein Eifer war allge⸗ genwärtig— aber wer das Gebahren des Tollen nicht blos begaffte, ſondern ihm auf ſeinen Grund ſchaute, der merkte bald, daß ſeine Begeiſterung entweder der Rumflaſche entſtammte, oder daß ſie Koket⸗ terie vor dem Pöbel war, oder daß er Händel in ſeiner eigenen Mann⸗ ſchaft ſuchte: am wahrſcheinlichſten Alles zugleich. Der Anblick dieſes Feuerbändigers war ganz danach angethan, als ob er ſich das Feuer heimlich erſchüfe, das er öffentlich bekämpfte. Wie er mit dem Brande umſprang, ſo ſchien Alles an ihm zu ſagen: Ich darf ihn haſſen, ich hab' ihn geboren! Das Schauſpiel hatte jedenfalls ſeinen Sinnenreiz. Wie die jungen Männer zwiſchen Rauch, Flamme und hochſtrahlenden Fontainen im Wechſel der verſchiedenſten Stellungen ihre körperliche Geſchickleichkeit ent⸗ wickelten und den Kampf zwiſchen Waſſer und Feuer gleichſam wie ein ritterliches Karuſſel betrieben, ohne jenen Sudel von Geſchrei, Ver⸗ wirrung und Unreinlichkeit, den der Europäer bei derartigen Gelegen⸗ heiten gewohnt iſt, ſo ließ es gar wohl die angenehme Täuſchung zu, man ſähe eigentlich ein Spiel, eine Vorſtellung der höheren Turnkunſt. Auf einmal erſcholl der Ruf:„Die Achter! die Achter!“ Man ſah aus einer Seitenſtraße eine neue Löſchcompagnie anrücken und die ganze — 242— Scene veränderte ſich im Nu. Der Matador, den wir zuvor beſchrie⸗ ben— Howland nannten ihn die Seinigen— ſchwang ſich in Einem Satze von der Leiter, ſeine Compagnie machte Front gegen jene Straße, die Zuſchauer drängten ſich dichter zuſammen, Alles deutete darauf hin, daß man dieſem Zuſammentreffen der beiden Compagnien wie der eigentlichen Handlung des Dramas entgegen ſah. Der Recke Howland trat vor und rief: Willkommen, meine Herren von der achten! Die prompteſte Compagnie zwiſchen den Polen, das iſt ein Faktum! He, meine Freunde, brenne einer von euch einen Schwefelfaden an, die Herren von der achten wollen löſchen.— Ich rathe, Mr. Howland, Euer verehrlicher Kopf iſt ſelbſt ein brennendes Rumfäßchen; daran wäre zu löſchen genug, rief der Capitän der Verſpotteten, und ſeine Com⸗ pagnie ſchrie das Schlagwort ſogleich im Chorus nach. Löſcht ihn! löſcht ihn! löſcht das brennende Spritlager von James Howland und Compagnie! Und augenblicklich kam aus der Spritze der Achter ein Waſſerſtrahl dahergerauſcht, und ſchoß mit einer ſolchen Heftigkeit an „Hoowland's Kopf, daß es den mächtigen Körper faſt zu Boden riß. Der Burſche gebärdete ſich wie toll und commandirte mit einer Sten⸗ torſtimme: An die Pumpe! Seine Compagnie ſchöpfte, zielte und ſchleuderte der achten eine wüthende Decharge zu. Die Mannſchaften beider Partheien bombardirten ſich mit dem äußerſten Eifer aus ihren Spritzen. Ihre Waſſerſtrahlen rauſchten im Bogen bald über bald unter einander hin, bald begegneten ſie ſich im Kernſchuß und prallten gegen einander, daß der ganz Schwall ziſchend zerſpritzte, und rings im Zuſchauerkreis die koſtbaren Toiletten der Damen einnäßte, welche mit lautem Gekreiſch auseinanderſtoben und doch immer von Neuem ſich zudrängten, indeß die Männer mit Händen und Füßen applau⸗ dirten und hochjauchzende Zurufe erſchallen ließen, um die tollen Kämpfer noch mehr zu entflammen. Inzwiſchen ging der achten Compagnie ihr mitgebrachter Waſſervorrath aus; ſie war nun an den Brunnen des Ortes angewieſen, welchen aber ihre Gegner im Beſitz hatten. Es galt einen Kampf darum. Entſchloſſen ſchoben ſie ihre elegante Spritze vor, entſchloſſen ſtellte ſich Howland mit den Seinigen um den Brun⸗ nen. Beide Parteien, naß wie Taucherenten, ſcheinen gleichwohl, den Schmiedekohlen gleich, nur angefeuchtet um deſto lichter zu brennen. Roth von Kampfeshitze und überfließender Begier ihr Blut zu kühlen, 3 — 143 loderten die Geſichter der jungen Männer unter der Traufe des Waſſers, der Augenblick, in welchem ſie handgemein an einander rückten, verſprach eine ſtürmiſche Kataſtrophe. Da gipfelte ſich der dritte Act des Dra⸗ ma's von einer andern Seite her. Mit Fahnen und Standarten und einem lauten Hurrah! als gält's einen Triumphzug, erſchien eine neue Compagnie auf dem Schauplatz. Bei ihrem Anblick gerieth Howland in Wuth. Es ſchienen ſeine ärgſten Parteifeinde zu ſein. Wie eine wilde Katze ſchwang er ſich auf die Feuerleiter und ſchrie ihnen entgegen: Was ſucht ihr da in der vier⸗ ten Ward? Zündet euch ſelbſt ein Feuer an, wenn ihr eure Jungfern⸗ Spritze einweihen wollt! Fort, fort, mit euch! Zugleich ließ ſeine Compagnie einen Hagel von Schimpfreden über die Eindringlinge nie⸗ derregnen; man entnahm aus ihrem Geſchrei, daß ſie die Spritze der Andern in einem ſiegreichen Gefecht vor Kurzem zertrümmert, und Jene mit Fahnen, Standarten und einer neuen Paradeſpritze ihnen zum Trotz heute angerückt kamen. Selbſt die Achter ſchienen durch die Erſcheinung einer fremden Compagnie in ihrer Ward beleidigt, und einen Augenblick lang geneigt, ihre Partei zu wechſeln. Inzwiſchen waren ſie, begünſtigt durch die neue Diverſion, Herren des Brunnens geworden, hatten ihre Spritze ſchnell gefüllt, und richteten ihren Schlauch erſt auf den hochſtehenden Howland, dann aber auch auf die Köpfe ſeiner neuen Feinde. Dieſe wiederholten daſſelbe Manöver, indem ſie Howland von der andern Seite bombardirten, und ſowohl ſeine als die achte Compagnie mit einem langreichenden Waſſerſtrahle bedeckten. Howland, wüthend wie ein angeſchoſſener Eber, zog ſeinen Revolver und knatterte blindlings nach links und rechts unter ſeine Feinde; augenblicklich protzten und platzten die Piſtoletts von allen Seiten gegen einander, jede Compagnie ſtand gegen jede, die Kugeln flogen hin und wieder, die Waſſerbogen brausten auf und ab, dazu regnete es von der Höhe herab Feuerbrände, da die Flamme, ſchon halb gelöſcht, während dieſes Handgemenges neu aufflackerte. Die Zu⸗ ſchauer ſtoben entſetzt auseinander, hier rief eine Frauenſtimme: ich bin getroffen! dort: ich brenne; die Männer ſchrieen: Watch! Watch! aber Polizei ließ ſich nirgends blicken. Zuletzt verließ auch Moor⸗ feld die Brandſtätte und hatte— eine amerikaniſche Sonntagsfeier geſehen. 9 Zu Hauſe beim Diner ſagte Herr Staunton: Sie kommen vom Feuer? Nun, mein Herr, dann werden Sie bewundert haben eine der herr⸗ lichſten Inſtitutionen unſers freien und aufgeklärten Volkes. Wo, zwiſchen beiden Polen, finden Sie eine Feuerwehr wie die amerikaniſche? Unſere Spritzen ſind leicht und zweckmäßig gebaut, ihr Mechanismus iſt der vollkommenſte, der ſich denken läßt, ihr Aeußeres iſt elegant wie ein Uhrgehäuſe. Unſere Löſchmannſchaft iſt die Blüthe unſerer Jugend, ein Elitencorps, dem keine Nation der Erde etwas Aehnliches entgegenſtellen kann: auf meine Verantwortung, mein Herr, das iſt ein Factum über allen Zweifel erhaben. Dieſe vortrefflichen Jünglinge betrachten die Feuerwehr, was ſie auch iſt, als eine Schule des männ⸗ lichen Muthes, der bürgerlichen Aufopferung, als eine Ritter⸗Akademie, in welcher die edelſte aller Kriegswiſſenſchaften gelehrt wird: der Kampf gegen das Element. Nichts gleicht ihrer kühnen Geiſtesgegenwart, ihrer heroiſchen Entſchloſſenheit, ihrer großherzigen Verachtung der Gefahr, ihrer Hingebung für die öffentliche Sicherheit des Lebens und des Eigenthums. In Wahrheit, eine Muſteranſtalt unſere Löſchcompagnieen! Wir zeigen mit Stolz auf ſie und nächſt dem Unabhängigkeitsfeſte iſt uns kein Tag des Jahres ſo lieb, als der 14. Juni, der Gründungs⸗ tag unſerer Feuerwehr in Newyork. An dieſem glorreichen Tage halten ſämmtliche Compagnien ihren Feſtaufzug durch die Stadt, Deputationen aus allen Gegenden der Union ſchließen ſich ihnen an, Muſikchöre treten vor, die Straßen ſind mit Blumen beſtreut, die Fenſter mit Teppichen behangen, die Tücher der Damen wehen, Fahnen mit ſchmei⸗ chelhaften Deviſen flattern; in dieſer öffentlichen Huldigung einer freien Nation ernten die edlen Jünglinge den einzigen Lohn ihrer uneigen⸗ nützigen Bürgertugend. Es iſt ein Schauſpiel, mein Herr, werth, daß man um ſeinetwillen allein den großen Ocean durchſchifft, und ſelbſt die nächſten Sterne, rath' ich, müßten ihre Zuſchauer ſenden, denn die Welt hat nichts Schöneres mehr aufzuweiſen, es thäte mir Leid wenn's nicht wahr wäre. Ich wünſche Ihnen Glück, daß Sie noch rechtzeitig zu dieſem erhabenen Nationalfeſte eingetroffen ſind, wenigſtens hörte ich alle Fremde ohne Ausnahme unſern 14. Juni als den ſchönſten Tag ihres Lebens preiſen, und ich verkehre viel mit Fremden, das darf ich behaupten. Aber was ſagen Sie zu der heutigen Probe, Herr Doctor? Sie waren erſtaunt— wie? — 45— Moorfeld erwiederte: ein ritterlicher Zug habe ihn vor Allem an⸗ geſprochen. In Europa ſei es gebräuchlich, nur über dem Grabe eines verdienten Kriegers Gewehrſalven zu geben, höchſtens erweiſe noch der romantiſche Waidmann dem letzten Röcheln eines verendenden Edelwilds dieſe Ehre. In Amerika aber ſei es ausnehmend zart und ſinnig, daß man auch das überwältigte Element mit militäriſcher Cour⸗ toiſie behandle, und über dem gelöſchten Brande, wie über einem ge⸗ fallenen Helden, die Gewehre abfeuere. Ja, der Eifer für dieſe rühm⸗ liche Sitte ginge ſo weit, daß die edle Jugend dieſes Erlöſchen oft nicht einmal abwarte, ſondern mitten im robuſteſten Brande Feuer gebe, und zwar auf ſich ſelbſt und das Publikum. Dieſer letztere Zug habe ihm wieder heroiſche Bilder vor den Geiſt gebracht, nämlich die Fechterſpiele der Römer an vornehmen Scheiterhaufen, oder auch jenes aufopferungsvolle Schlachten getreuer Waffenträger am Grabe ihres Herrn, welches bei den meiſten Kriegervölkern des Alterthums geherrſcht habe. Nur ſchienen ihm die Revolvers über eine ganz geringe Diſtanz hinaus kein ſicheres Feuergeſchoß mehr, ſo daß er glaube, die morgigen Zeitungen werden blos von Verwundungen, nicht aber von einem eigentlichen Opfertod zu berichten haben.— Herr Staunton erblaßte, als er in dieſer ganzen Lobrede von einer jener Rowdie⸗Schlachten hörte, welche auf dem öffentlichen Leben Amerika's mit ſo großer Schande laſten; Moorfeld fuhr aber in ſeiner ironiſchen Anerkennung fort: daß die Sonntagsruhe Amerika's durch dieſe Sonntagsthätigkeit erſt ihr eigentliches Relief erhalte, habe er überhaupt mit aufrichtiger Genugthuung erfahren. Es ſtand von den ungeheuren Energien Amerika's zu erwarten, daß das zurückgepreßte Leben auf irgend eine Weiſe ſich zu entfeſſeln wiſſe, und zwar um ſo gewaltſamer, je ſtren⸗ ger es gefeſſelt ſei— ganz nach den phyſiſchen Kraftverhältniſſen von Druck und Gegendruck. Dieſes ſonntägliche Kampfſpiel der Newyorker⸗ Feuerwehr ſei ihm daher ein ſchätzbarer Commentar geweſen zu dem Briefe Paulus an die Römer XIV. 5, da er ſchreibt:„Welcher auf die Tage hält, der thut es dem Herrn, und welcher nichts darauf hält, der thut es auch dem Herrn.“ Das iſt von allen verdammten Deutſchen der verdammteſte! mur⸗ melte Herr Staunton zwiſchen ſeine eingeſetzten Zähne, als ſein Gaſt mit einem verbindlichen Gruße vom Tiſche aufgeſtanden.—— — 46— Moorfeld aber ſaß in einer ernſthafteren Stimmung, als er eben gezeigt hatte, auf ſeinem Zimmer. Er revidirte den Plan ſeines new⸗ vorker Aufenthaltes. Bekanntlich bringt ein Reiſender an den Ort ſeiner Beſtimmung irgend eine fertige Dispoſition mit, deren Stich⸗ haltigkeit indeß bald von den wirklichen Verhältniſſen in Frage geſtellt wird. Dies war jetzt Moorfeld's Fall. Er hatte geglaubt, vor ſeiner Weiterreiſe nach dem Landesinneren in Newyork, der erſten amerika⸗ niſchen Großſtadt, Station halten zu müſſen. Das Verſtändniß der hinterländiſchen Zuſtände, hatte er gemeint, könne er ſich dadurch raſcher und in größeren Zügen aufſchließen. Ebenſo hatte er durch Agentur ſich Quartier in einem Privathauſe beſtellt: das Culturbild eines Volkes, nahm er an, könne ein Beobachter nirgends directer ſtudiren, als an der Quelle aller Cultur, in der Familie. Dieſe Vorausſetzungen waren es, welche er nun noch einmal durchprüfte. Daß die Stadt nothwendig die idealiſirte Phyſiognomie des Landes darſtelle, iſt vielleicht, überlegte er jetzt, blos europäiſch gedacht; in Amerika möchte das Gegentheil walten. Ein Agriculturland, wie es iſt, liege ſein höchſter Charakterausdruck wohl eben im Lande, und die Stadt ſei nur eine Pantomime, ein Nebenumſtand, eine Art Pſeudoplasma. In der That, ſchien es ihm jetzt deutlicher zu werden, was er ſchon Angeſichts der Feuerlöſch⸗Emeute dunkel zu fühlen geglaubt. Er hatte ſich der Wildheit dieſer Scene nicht rein zu erfreuen vermocht. Er hatte den geſunden, naiven Kraftdrang eines Volkes, das ſich ſo ſprich⸗ wörtlich das jugendliche nennt, in der Balgerei jener Burſche doch nicht recht durchempfunden. Er glaubte, jede deutſche Bauernſchlacht weiſe mehr robuſten Vandalismus auf; in dieſer Newyorker Jugend läge vielmehr ein gewiſſes Etwas, das gerade das Gegentheil vermein⸗ ter amerikaniſcher Urſprünglichkeit ſei: nämlich eine reflectirte, theatra⸗ liſche Frechheit, eine Emotion von matten und früh verbrauchten Kräf⸗ ten, die höchſtens an der Nachſicht der Polizei zu einem Strohfeuer auf⸗ praſſelt, wie es den Europäer vorübergehend blendet. Kurz die Ahnung beſchlich ihn, ob eine amerikaniſche Stadt, anſtatt die potenzirten, nicht 4 vielmehr die blaſirten Elemente des Volkslebens zur Erſcheinung bringe, den oberflächlichen Schaum einer reinen und geſunden Gährung, deren Proceß ſich auf andern Schauplätzen vollziehe. Was zweitens das Culturbild von Herrn Staunton's Familie betraf, ſo gab ſich unſer Freund Mühe, ———— ———— — 47— mit größter Gewiſſenhaftigkeit darüber zu urtheilen, oder beſſer eines vorzeitigen Urtheils ſich zu enthalten. So fremdartig und unerquicklich zwiſchen der nationalen Arroganz des Hausherrn, der ſteifen Würde der Hausfrau und der prätentiöſen Unnahbarkeit der Tochter ihn die erſten Stunden ſeines Aufenthaltes anmutheten, ſo erlaubte ihm doch die Ehrfurcht vor allem Menſchlichen noch keine Voreingenommenheit gegen dieſe Perſonen. Selbſt die Lebensfrage„unſers Daniel“ mochte er, nach der Auslegung, deren ſie zur Noth fähig war, auf ſich be⸗ ruhen laſſen. Deßungeachtet glaubte er von der amerikaniſchen Familie ſo wenig wie von der amerikaniſchen Stadt ſich verſprechen zu dürfen. Auch hier ahnte er ein dem europäiſchen entgegengeſetztes Verhältniß. In Europa betrachtet der Bürger ſeine Familie als den angebornen und natürlichen Beirath ſeiner Angelegenheiten: Europa's Geſchichte wird in der Familie gemacht. Anders in Amerika. Hier wehte inner⸗ halb der vier häuslichen Wände ein ſo kühler Geiſt, daß augenblicklich errathen wurde, die eigentliche Lebenswärme der bürgerlichen Exiſtenz entbinde ſich hier auf anderem als häuslichem Schauplatze. Der Mann gehörte, wie in den alten Staaten, der Oeffentlichkeit. Dort entfaltete er die Summe ſeiner Eigenthümlichkeit, dort zeichnete er, dort indivi⸗ dualiſirte er ſich. Zu Hauſe war er nur ein Gattungscharakter— ein guter Ehemann. Was er den Mächten des Lebens abgeliſtet und abgetrotzt, das legte er wie eine ritterliche Beute ſeinen Ladies zu Füßen, der Gattin und Tochter. Ihnen kehrte er die Bildſeite ſeines irdiſchen Webens zu; das Sauſen, Schlagen, Rupfen und Treten der Webearbeit blieb ihnen abgewendet. Von dem gemüthlichen deutſchen Stabreim: Wohl und Weh, Freud und Leid— theilte er nur Wohl und Freud mit ihnen, die andere Hälfte des Reimes verſchluckte er: er hob aber Alles auf, indem er den Gegenſatz aufhob. Seine weib⸗ liche Familie vergötterte er, ſeine männliche vergaß er. Den Sohn ſpülte ihm der Strom der amerikaniſchen Freiheit ſchon als Knabe hinweg, und brachte ihn nie wieder, oder vielleicht als Aſſocié zurück, mit dem man die Dividende— nicht der väterlichen Liebe— ſondern des väterlichen Geſchäftes abrechnet. Dieſe Betrachtungen waren es, welche Moorfeld, nicht ſo wohl machte, als vielmehr nicht abhalten konnte von ſich. Er ſtreckte wahrlich die Hand nicht freiwillig nach einer Erkenntnißfrucht von ſo herbem — 48 Geſchmacke aus; aber gewiſſe Naturen— dichteriſche oder weibliche z. B.— urtheilen gleichſam unwillkürlich, divinatoriſch, mit der Spür⸗ kraft der Empfindung, mit der raſchen Geſtaltungsfähigkeit der Phan⸗ taſie. Es wäre ganz vergeblich, ein ſolches Urtheil zu unterdrücken, oder zu betäuben. Auch liegt keine moraliſche Nöthigung dazu vor. Nur der langſame Kopf nennt es Vorurtheil, der ſchnelle ſchöpferiſche darf es mit Recht ſein Urtheil nennen. Was jenem die Erfahrung iſt, das iſt dieſem die Jotuition. Beide haben in der That zwei verſchiedene Gewiſſen. Ja, adoptirt ſelbſt der Geniale das Gewiſſen der Lang⸗ ſamen, und leiſtet er ihm, da es das Geſetz der Mehrheit iſt, gleich⸗ ſam aus Zerſtreuung Gehorſam— er wird es nie lange thun und ſtets ſeiner eigenen Stimme vertrauen dürfen. Moorfeld konnte ihr jetzt ſchon mindeſtens nicht gänzlich mißtrauen. Inzwiſchen lag der Sabbath auf der Stadt draußen, wie eine eiſerne Maske. Moorfeld ſtand in ſeinem Fenſter und betrachtete faſt bewundernd das große, allgemeine Nichts. Es kam ihm wie eine Art Kunſtwerk vor, dieſes Schweigen hervorzubringen. Einem Orga⸗ nismus, wie Newyork, eine ſolche Generalpauſe aufzulegen, ſchien ihm der höchſte mechaniſche Triumph. Vor ſeinem Fenſter fluthete der Hudſon, aber die Schiffe lagen darin, wie eine Heerde geſchlachteter Lämmer. Am Himmel brannte die Sonne zwecklos, und ſein weit⸗ geſpanntes Blau zuckte und ſprühte von Licht, aber nirgends die Staf⸗ fage einer einzigen Rauchſäule! Er horchte weit und breit in die Welt hinaus— kein Wagen rollte, keine Menſchenſtimme ſcholl von der Straße. Er dachte an die Lärmſcene des Brandes zurück— ein Jahrhundert ſchien ihm vergangen ſeitdem. Er brannte ſich ſeinen mächtigen Türkenkopf an und wanderte auf und ab in der Stube. Die Scene fing an Eindruck auf ihn zu machen. Von Zeit zu Zeit blieb er wieder am Fenſter ſtehen, und ſtarrte in die Langweile hinaus. Allmählig füllt ſich ſein Auge mit Geiſtern, ſeine Mienen ſpannen ſich und zeigen jenen Ausdruck, welcher verräth, daß die inneren Gedankenkreiſe in Fluß gerathen. Ja, er hat Funken gefangen von der Langweile. Die Langweile iſt ihm zum Pathos geworden. Mit jener feinen dichteriſchen Saugader, welche jeder Erſcheinung ihren Geiſt auszuſaugen weiß, zieht er Leben aus der allgemeinen Lebloſigkeit, Ideen aus dem abſoluten Stillſtande. — 49— Das Rieſenhaupt der Meduſe draußen verſteinert ihn nicht, er iſt's, der in ihre Züge die Seele wirft. Mit großen Blicken die große Leerheit durchbohrend, ſagt er ihr folgendes: Das Univerſum ſtockt und ſtarrt, Kein Puls des Lebens geht; Die Welt probirt, wie die Vernichtung Ihr zu Geſichte ſteht! Ja, ja, ich ſeh' ein Leichenfeſt; Ein zweiter Souverän Geht hinter ſeinem leeren Sarg Mit Sterblichkeitsgeſtöhn. Gib Acht, gib Acht! du parodirſt Nicht ungeſtraft des Todes Mächte; Der falſche Sarg geht vor dir her, Doch auf dem Fuß folgt dir der rechte! Es ſetze ſich kein Menſch die Sphinx Vor ſeines Lebens Pyramide— Die ausdrucksloſe Ewigkeit Mit ſchlaflos⸗todtem Augenlide! Der Nil verſumpft, der Sand dringt vor, Ruinen ſeh' ich rings Und Memphis, Sabbath, Pfaff und Volk Verſchlang die graue Sphinx.— Laßt ab! ihr nietet allzu feſt Das Nicht⸗Sein an das Sein; Malt mir in's Leben keinen Zug, Den euch Geſpenſter leihn.— Der Dichter liebt ein Volk, das kühn Religionen überlebt; Nicht liebt er die Religion, Die ſitten⸗ſtarr ein Volk begräbt. Wir haben uns nicht enthalten, dieſe Verſe mitzutheilen; ſie ſchie⸗ nen uns beſſer, als wir's beſchreiben möchten, die eigenthümliche Pu⸗ ritanerluft, in der ſie empfangen ſind, zu verſinnlichen. Mit ſchroffer, liebloſer Kürze berührt das Lied ſchwere Gedanken ohne ſie auszu⸗ D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. 4 50 führen, deutet an, ſpringt ab, winkt in entfernteſte Perſpectiven, ohne ſich im Geringſten aufzuhalten, ob wir raſch genug das Entfernte verbinden, bekümmert ſich wenig um Verſtändniß, noch weniger um Zierde. Der Poet macht ein paar Schaufelſtiche in das campo vac- cino ſeiner Gedanken, wir hören die Torſo's klingen, ſehen ſie aber nicht ausgraben. Sie bleiben liegen. Es iſt ja Sonntag! Und ſo vollbrachte der Europäer ſeinen erſten amerikaniſchen Sonntag. Viertes Kapitel. Wiederholen wir uns im Kurzen den geſtrigen Gedankengang un⸗ ſers Freundes, ſo kam er zu dem Ziele: Amerika iſt im Urwald; die Großſtädte der ganzen Erde ſind einander familienähnlich. Und wie die brauſende Rieſenorgel Newyork heute von Neuem ihre Werktags⸗ Regiſter wieder ſpielen läßt, ſo winkt ihm über all dem betäubenden Stadtgewühl jetzt das Friedensbild von Wald und Prairie. Wie eine ſelige Luftſpiegelung ſchwebt ihm das Bild zu Häupten, rein und vernehmlich blickt's dem Erwachenden durch die Morgenfenſter und läßt Tags über nicht ab, mit wonnevollem Geflüſter ſein Gemüth zu treiben und zu kräuſeln. Das iſt ja die Schönheit des genialen Menſchen vor dem beſchränkten und kleinlichen: wenn dieſer den Er⸗ fahrungen gegenüber an Wärme verliert, ſo wirft ſie jener auf neue und immer wieder auf neue Theile und unter der Schneelocke noch bricht ihm ein junges, glaubensfähiges Herz. Moorfeld geht alſo heute lebendiger als je dem Gedanken ſeiner Anſiedlung nach. Ob wir ihn deßwegen ſogleich in die Schatten der Urwälder verſchwinden ſehen— überlaſſen wir das dem ehrlichen Ge⸗ nerallandamt. Wir werden ſehen. Begleiten wir ihn auf den Weg dahin. Das Generallandamt iſt der Ort, wo Congreßland verkauft wird. Käufer und Rathgeber der Käufer umſchwärmen das Gebäude zu allen Stunden des Tages; nie wird ſein Inneres von Menſchen leer, — 51— nie fehlt es den Karten, Plänen und Proſpecten, womit ſeine Hallen von oben bis unten bedeckt ſind, an gelehrten Beſchauern und unge⸗ lehrten Begaffern, nie verkennt man in der Straße des Hauſes jenes Geld⸗wickelnde, Papier⸗zettelnde, Brieftaſchen aus⸗ und einſteckende Publikum, welches die Nähe großer Geſchäftsreſidenzen bezeichnet, in denen der Verkehrsdrang ſo ſtark iſt, daß man die Reſte der Zahl⸗ und Schreibtiſcharbeiten weit und breit unter freien Himmel zu Ende kramt. Als Moorfeld in die Straße eintrat, erregte er die Aufmerkſam⸗ keit eines Herrn von feinem, faſt vornehmen Aeußern, der ihn prü⸗ fend, aber nicht länger als anſtändig, betrachtete, dann vor ihm ſtehen blieb und ihn höflich anredete: Mein Herr, Sie ſind Ungar, wenn Sie meine Freiheit entſchul⸗ digen wollen? Ihnen zu dienen, mein Herr,— von deutſcher Familie in Ungarn gebürtig. Die höfliche Haltung des Fremden erwärmte ſich. Und kommen in der Abſicht, ſich anzukaufen? fuhr er fort— in dieſem Falle er⸗ lauben Sie mir, daß ich mich Ihnen vorſtelle. Ich bin öſterreichiſcher Geſandtſchaftsbeamter und ſpeciell employirt, unſern Staatsangehörigen bei Landkäufen in jenem Hauſe meine Dienſte anzubieten. Das Vor⸗ urtheil der meiſten Auswanderer gegen alles was heimatliche Behörde heißt, iſt leider ein ſolches, daß ſich die Geſandtſchaften faſt aufdrän⸗ gen, ja in ihrem Charakter verläugnen müſſen, wenn ſie die Ihrigen vor Schaden bewahren wollen. Doch Ihnen gegenüber iſt dieſes Vor⸗ urtheil natürlich als nicht vorhanden anzunehmen. Ihnen präſentire ich am beſten gleich meine Legitimation. Hier iſt ſie. Ich ſtehe Ihnen bei Ihrem Kaufgeſchäfte mit Rath und That zur Verfügung. Dankbar anerkannt, mein Herr; ich glaube auf Ihre Güte ver⸗ zichten zu dürfen. Es iſt auch nur eine Formel in dieſem Falle. Der intelligente Immigrant bedarf deſſen nicht, ich weiß. Erfüllte Amtspflicht, nichts weiter. Entſchuldigen Sie mich. Ihr Diener, mein Herr. Der Fremde wandte ſich zum Gehen. In demſelben Augenblicke aber hielt er inne, zog ſeine elegante Brieftaſche und überreichte Moor⸗ felden ſeine Karte mit den Worten: Wenn Sie nicht preſſirt ſind, mein Herr, ſo bitte ich mir vor Ihrer Abreiſe das Vergnügen auf 4* 52— eine Flaſche Tokaier aus. Wir beide werden unſre Landsleute— denn auch ich bin Ungar— in der ganzen Union wohl ſchwerlich je zu Geſichte bekommen. Und das Andenken der Heimath— Aus welcher Geſpannſchaft, wenn ich bitten darf, fragte Moorfeld, der ſich erſt jetzt den artigen Herrn aufmerkſamer anſah. Aus dem Zempliner Comitate, Ujhely iſt meine Geburtsſtadt, war die Antwort des Fremden. Und mit einem Seußzer, den er nur mühſam in die gemeſſenen Formen zurückpreßte, fuhr er fort: Ich wollte, ich wär' wieder dort! Ubi bene ibi patria— ganz recht— aber wo iſt's denn bene, wo iſt's denn optime, wenn nicht eben in unſerm herrlichen magyär-örszag? Ach ſäß' ich noch als Conzipiſt bei der Palatinaltafel! Sie thaten Unrecht, bärätom— Pardon „mein Herr“ ſagt man hier— Sie thaten Unrecht, mein Herr, aus einem Lande wie Ungarn auszuwandern. Was können Sie beſſers dafür eintauſchen? Darf ich fragen, wo Sie Ihre Niederlaſſung projectiren? Ohio iſt ſtark in Aufnahme, ſagte Moorfeld. Durch den neuen Ohio⸗Erie⸗Kanal, allerdings; aber,— fluchte der Geſandtſchaftsbeamte mehr naturwüchſig als diplomatiſch,— Gott verdamm' mich, wenn ein Mann von Bildung aushält in einem Lande, das juſt in Aufnahme iſt. Ein ſolches Modeland iſt wie eine Cloake, ein wahrer Abzugsgraben. Alles Geſindel ſtrömt da zuſam⸗ men, die bornirteſten Race-⸗Unterſchiede haben ihr ekelhaftes Spiel, Parteiſucht, Mord und Todſchlag ſind an der Tagesordnung. Nein, mein Herr, Sie ſind ein viel zu feiner Culturmenſch für ſolche Schlamm⸗ wirbel. Sollt' ich Ihnen rathen— Sie ſehen ich falle nicht aus meinem Amte, lächelte der Sprecher— ſo ging' ich dieſem wilden Landſpeculationsſchwindel aus dem Wege, und ſuchte mir ein reſer⸗ virteres Plätzchen. Zum Beiſpiel? fragte Moorfeld. Die beiden Männer waren inzwiſchen, da der Beamte mechaniſch ſeine Schritte an Moorfeld anſchloß, die Straße hinabgekommen und in's Erdgeſchoß des Landamtes eingetreten. Sie ſtanden in einer Halle, welche die Vorhalle zu den verſchiedenen Bureaus des Amts⸗ gebäudes war, zugleich aber nach Art einer Börſenhalle den Selbſt⸗ zweck eines öffentlichen Beſprechungsortes zu haben ſchien. Dazu war — 53— ſie in allen Theilen eingerichtet. Nicht nur ſah man Säulen und Wände mit Plakaten von Fahrplänen und Reiſerouten in allen Farben und Formaten bunt überkleidet, Situationskarten von allen Gegenden der Union, nach allen Maßſtäben projectirt vom Fußboden bis an den Plafond augenverwirrend durcheinander geklebt: auch Tiſche und Bänke ſtanden zu reichlicher Bequemlichkeit überall umher und auf den Tiſchen deuteten Schreibzeuge, Trinkgläſer und Waſſerflaſchen in Kühl⸗ eimern den ſtändigen Verkehr eines großen geſchäftlichen Publikums an. Dieſes Publikum ſah Moorfeld in den verſchiedenſten Trachten, Phyſiognomien und Nationalitäten auch ringsum die Halle erfüllen, indeß ein Durcheinander aller Sprachen und Mundarten babelähnlich ſein Ohr betäubte. Er ſelbſt bedurfte aber großer Ueberwindung, dieſe Schwelle zu betreten, denn der erſte Blick auf den Marmorboden glitt in eine ſo häßliche Spucknapfpfütze, daß ſich ſeine ganze Natur ſchauernd am Eingange ſträubte. Nur der Gewandtheit ſeines Führers gelang es, ihn geſchickt durch die gangbarſten Stellen dieſes Speichelmeers durch⸗ zubugſiren, während Moorfeld ſelbſt keine andre Rettung erkannte, als ſeine Fußſpitze überhaupt nicht mit dem Auge zu verfolgen. Sein weißes Steg⸗Beinkleid gab er übrigens auf. Sehen Sie dieſes Terrain hier; das ganze Gebiet des untern Miſſouri, ſagte der Fremde, indem er Moorfelden vor eine der vor⸗ handenen Karten führte, das iſt der vorzüglichſte Boden für unſre Nationalität. Wir Ungarn acclimatiſiren uns ſchwer an Land und Leute; auf dieſen Prairien aber leben Sie wie auf unſern Pußten. Leute ſiedeln noch wenig hier und das Land— wenn zwiſchen beiden Polen ein Erdwinkel unſerm ſchönen und fruchtbaren Ungarn gleicht, ſo iſt es dieſer. Die Ueppigkeit des untern Miſſouri ſpottet allem Glauben. Ganze Wälder gibt's hier, die aus dem Geſchlinge eines einzigen Baumes beſtehen; andern Orts fanden die Landvermeſſer wie⸗ der auf einem einzigen Morgen vier Arten von Wallnußbäumen, drei Arten Eichen, zwei Arten Ulmen, den virginiſchen Kirſchbaum, den canadiſchen Judasbaum, Pflaumenbäume, einen Maulbeerbaum, Eſchen, Linden, Saſſafrasbäume, Storaxſtauden, Papawbäume, den blumen⸗ reichen Cornelbaum, den Eiſenholzbaum, den Häckberrybaum, Platanen, Weinſtöcke, Haſelſtauden, Brombeeren und Hollunder. Rechnen Sie ——ę— ——— — 54— zu dieſer Vegetation den entſprechenden Wildreichthum, erwägen Sie die Waſſervortheile vom Miſſouri und Miſſiſſippi und Sie werden keinem Lande der Welt den Vorzug geben. Ein nicht zu verachtendes Accidenz ſind auch die Pferde, die Sie hier umſonſt haben können. Wenn dieſe Thiere nämlich von den Hofſtellen des obern Miſſouri entlaufen und in ihrem Inſtinkte dem Waſſer folgend, am untern Miſſouri ankommen, ſo ſehen ſie ſich zwiſchen Miſſouri und Miſſiſſippi plötzlich aufgehalten und in weiterer Flucht gehemmt. Dieſer Mün⸗ dungswinkel iſt daher ſtets angefüllt von jener edlen und nützlichen Thiergattung, er iſt nichts als ein großer Marſtall für den dortigen Farmer. Wer aber bedenkt, daß Menſchenarbeit und Hausthiere die höchſten Poſten im Ausgabebudget eines amerikaniſchen Landwirths ſind, der wird dieſen Umſtand nicht gering anſchlagen. Doppelt ſchätz⸗ bar iſt er natürlich dem Ungar, dem gebornen Reiter und Pferde⸗ freund, und eine Prairie mit dieſer herrlichen Thierſtaffage kann ihm den Heimathszauber der Pußte gar nicht mehr ſüßer vergegenwärtigen. Das ſind die kleineren, aber wichtigen und intereſſanten Detailzüge einer Localität, die kein Handbuch nennt, die aber an Ort und Stelle den Entſchlüſſen des Auswanderers erſt eine entſcheidende Richtung zu geben im Stande ſind. Wahrlich, die Abolitioniſten verfolgen eine unverantwortliche, aber zum Glück auch unhaltbare Politik, wenn ſie die Beſiedelung ſolcher Muſterländer, wie Miſſouri, bloß weil ſie Sclavenſtaaten ſind, bisher ſyſtematiſch zu hindern oder in Vergeſſen⸗ heit zu bringen gewußt haben. Natürlich iſt das für den heutigen Ankäufer nur eine Chance mehr. Denn wenn jene abſtracte und un⸗ geſunde Abolitioniſtenpolitik eines Tags in die Luft auffliegt, wozu es unter Jackſon ſchon jetzt den Schein gewinnt, ſo ſchnellt Ihr Boden⸗ werth in unaufhaltſamer Folge um's zehn⸗, hundert⸗ und tauſendfache empor und Ihre Hofſtelle kann gar wohl ein zweites Cincinnati wer⸗ den, deſſen ganzes Stadtareal in ein⸗ und demſelben Menſchenalter dreißig Dollar und zwei Million Dollar werth war. St. Louis über⸗ flügeln Sie reißend. Franzoſen und Katholiken halten ſich nirgend gegen die Concurrenz der proteſtantiſchen Anglo⸗Amerikaner. Es iſt Schade, daß wir das ſagen müſſen, aber was kümmert's uns? Wir verkaufen unſer Land an dieſe Race, wir brauchen ja nicht zu leben mit ihr! Daß) wir's ein paar Jahre gethan haben, dafür ſchlep⸗ — — — 553— pen wir unſre Million nach Hauſe und das iſt doch auch etwas. Ich ſage wir, denn auch ich habe ein kleines Kapital in Miſſouri⸗Land angelegt, in der Gegend von St. Charles, die nämliche, die ich Ihnen empfehle. Kommen Sie gefälligſt in mein Bureau, ich will Ihnen die topographiſchen Pläne und landamtlichen Berichterſtattungen davon vorlegen, dann ſollen Sie ſehen, von welchen Avantagen hier die Rede iſt im Vergleich zu dem armſeligen Ohio⸗Erie⸗Kanal⸗Puff, der übri⸗ gens größtentheils ſchon ausgebeutet und für den heutigen Speculanten kaum noch de saison iſt. Während der Geſandtſchaftsbeamte ſo ſprach, fingen zwei Männer in einer benachbarten Gruppe lauter zu reden an, dem Scheine nach zwar unter ſich, doch ſo, daß es Moorfeld deutlich vernehmen konnte. St. Louis hat eine hügelige Lage, ſprach einer der Männer, und iſt nur darum bewohnbar. Wer Ihnen aber St. Charles empfiehlt, den betrachten Sie als Ihren Mörder und Todſchläger. Ich will ver⸗ dammt ſein, wenn das Land nicht unterm Waſſerſpiegel von Miſſouri und Miſſiſippi liegt. Es iſt ein Loch für Regenwürmer und Ratten, Es iſt das Hauptquartier der Fieberpeſt. Pfui, pfui, fort mit St. Charles! Ich ſehe den Schimmel an den Wänden, und das Waſ⸗ ſer von der Decke tröpfeln, wenn ich St. Charles nennen höre. Die Blockhäuſer vom dortigen Holze haben alle den Schwamm. Mich ſchüttelt das Fieber, meine Natur geräth in Transaction bei dem Gedanken St. Charles. Sprechen wir nicht mehr davon, mein Herr! Wir Ungarn heißen Gascogner und Bramarbaſſe, ſagte Moor⸗ feld's Landsmann lächelnd, aber dieſe Yankee's wiſſen die Hyperbel noch ganz anders zu handhaben. Haben Sie den Burſchen gehört? Der allmächtige Schuft hat wahrſcheinlich eine Handvoll Klippen und Felſen in Agentur, und ſchwärzt ſeinem armen Opfer, das uns viel⸗ leicht belauſcht hat, das köſtlichſte Bottomland unter der Sonne nun mit des Teufels Pinſel an. Etwas fieberig iſt die Gegend, das leidet keinen Zweifel, aber was ſchadet das einem Ungar? Sind wir in Sumpf und Niederung nicht geboren? Ich ſpreche nämlich von der reinen Race, denn im Gebirge ſitzen die Slowacken. Wo ſind Sie zu Hauſe, bärätom? Ich bin von Saros⸗Patak im Banate, ſagte Moorfeld mit feſter Verwegenheit. — 56— Nun dann kommen Sieo, rief der Geſandtſchaftsbeamte entſchieden. Das beſiegt auch den zarteſten Zweifel. Ein Mann, deſſen Wiege von den Ueberſchwemmungen der Donau, der Theiß und der Maros zugleich beſpült war, der kann ohne Sumpfluft gar nicht gedeihen. Der findet zwiſchen Miſſouri und Miſſiſippi nichts als Brüſte voll Muttermilch. Kommen Sie. Moorfeld blieb ſtehen und maß den Mann, deſſen unerſchütterlihe Faſſung ihm faſt imponirt hätte, mit einer Art von Bewunderung. Als aber jener ſich die freundſchaftliche Freiheit nahm, ſeinen Arm zu ergreifen, trat er gemeſſen zurück und ſagte kalt: Alles wohl er⸗ wogen, mein Herr, ſo kehre ich wieder heim nach Saros⸗Patak im Banat. Vielleicht hat ſich Saros⸗Patak inzwiſchen fünfzig Meilen nach Norden hinauf locomovirt, und ſich eine halbe Stunde vor Ujhely hingelegt, was, wie ich höre, Ihr Geburtsort iſt. Dann ſind wir ja doch wieder Nachbarn. Mit dieſen Worten wandte er dem Betrüger den Rücken, welcher mit einem damned! zwiſchen den Zähnen ſich aus dem Staube machte. Dem unkundigen Leſer ſei aber zu wiſſen, daß Saros⸗Patak nicht eben bloß einen Ortsnamen, der möglicher⸗ weiſe öfter vorkommen könnte, ſondern zugleich die Lage des Ortes bezeichnet, ſo daß daher: Saros⸗Patak im Banate— ungefähr klang, wie: Naumburg an der Saale in Würtemberg. Der Schwindler, der ſo vieles bruchſtückartig wußte und mit hoffnungskühner Frechheit darauf baute, wußte zufällig dieſes nicht. Kaum war derſelbe hinweg, ſo wendete ſich von jenen beiden Männern derjenige, welcher über St. Charles abgeſprochen hatte, zu Moorfeld, und ſagte mit der freien lächelnden Stirn eines Glück⸗ wünſchenden: Da ſind Sie einen der ärgſten Gauner los geworden, der je einen Galgen zu zieren verdient hat, Sir. Der Weſten hat eine große Zukunft, Sir, wer möchte es läugnen und der Miſſiſippi wird jetzt, was vor fünfzig Jahren die Alleghanie's waren— die zweite Parallele der Civiliſation gegen die Barbarei. Aber Donner⸗ wetter, Sir, wer dürfte einen Mann von Ihrer espèce zu einem Schanzgräber machen? Das überläßt man den Backwoodmens, den Squatters. Wohlfeiles Land— ja, ja, aber nicht wahr die Bauge⸗ fangenen in Ihrem Europa, Sir, die mit Hand⸗ und Fußſchellen ar⸗ beiten, bearbeiten auch wohlfeiles Land, verdammt wohlfeiles Land, — 5, keinen Penny koſtet es ſie, der Teufel weiß es! Nein, Sir, bleiben Sie bei Ihrem Ohio, ich rathe Ihnen nichts anders als Sie ſich ſelbſt rathen. Welche Anmaßung wäre es auch, einen Gentleman Ihres gleichen für unberathen zu halten! Ohio, recht ſo, Ohio! mit unvergleichlichem Blick iſt's gewählt. Zwiſchen dem rohen Weſten und dem koſtſpieligen überfeinerten Oſten die goldene Mitte! Urwald, Cultur, Wildheit, Schönheit, Lurxus, Indianer, Univerſitäten, Einſam⸗ keit, Meetings, Jugend, Vergangenheit und Zukunft— es gibt nichts Angenehmes und Vortheilhaftes, das in dieſem glücklichen Staate nicht im reizendſten Gemiſch vereinigt wäre. Zwar ſeit dem Ohio⸗ Erie⸗Kanal haben die Bodenpreiſe angezogen, es iſt wahr, und Con⸗ greßland ſteht überhaupt nicht mehr im Angebot: Sie werden aus zweiter Hand kaufen müſſen. Aber ein Gentleman von Ihrer Bil⸗ dung war längſt in Europa unterrichtet von dieſen Verhältniſſen; an⸗ maßend wär's, Ihnen was Neues damit zu ſagen. Ohio⸗Land iſt, wie Sie alſo wiſſen, in den Händen der Actiencompagnien. Das iſt kein Geheimniß. Und eben ſo wenig mache ich ein Hehl daraus, daß ich Agent einer ſolchen Compagnie bin, und Ihnen Ohio⸗Land gerne ver⸗ kaufen möchte. In Wahrheit, mein Herr, das will ich, und das iſt's was man einen ehrlichen Handel, eine reine Kaufmannſchaft nennt; dazu braucht man keinen öſtreichiſchen Geſandten. Jener ewige Schuft baumelt noch mit ſeiner öſtreichiſchen Geſandtſchaft; ich will an einer Erdbeere ſterben, wenn er nicht baumelt, Sir, aber er thut es gewiß, verlaſſen Sie ſich darauf. Ohio⸗Land auf ſieben bis acht Meilen vom Kanal ſteht fünf Dollar der Acre. So kann ich's Ihnen ablaſſen, mein Herr. Nicht wahr, ein hoher Preis, mein Herr? ich bin der Kaufmann, der es ſelbſt ſagt. Sehen Sie, ſolchen Handel lieb' ich. Das nenn' ich ein loyales Geſchäft. Fünf Dollar per Acre iſt theuer, mein Herr. Vom Congreß haben wir ihn um einen gekauft. In Wahrheit, Sir, wir haben den Congreß wie die Wölfe ausgekauft, das iſt ein Factum. In drei Tagen war ganz Ohio vergriffen, es wär' ſchade wenn's nicht wahr wäre. Eins zu fünf das iſt unſer Profit;— da haben Sie unſre ganze Bilanz: mögen alle Geſandt⸗ ſchaften des Erdkreiſes baumeln, wenn ich nicht ſtets den geradeſten Weg für den beſten Geſchäftsweg halte. Fünf Dollar pr. Acre, das iſt der Curs. In einer Woche wird er zehn und in einem Monat= vielleicht fünfzig ſein. Um Cleveland und Portsmouth iſt er heute ſchon fünfzig. Dort wüthet die wildeſte Hauſſe. Sie wird ſich aller⸗ dings nicht behaupten, Sir; die Baiſſe wird eintreten, wenn ſich die Speculation auf neue Kanal⸗ oder Eiſenbahnlinien wirft. Aber auf fünf Dollar weicht Ohio⸗Land in Ewigkeit nicht mehr. Das Land wird mit jedem Schaufelſtich rentabler, und die Vermehrung der Verkehrsmittel bewirkt höchſtens im einzelnen eine relative Entwer⸗ thung, im Ganzen dagegen eine abſolute Werthſteigerung. Das iſt klar. Um Gotteswillen auf ein Wort, Mr. Jones, die Herren ver⸗ zeihen, daß ich ſtöre, aber ſo wahr ich lebe, nur eine Secunde, Mr. Jones, ich bitte tauſendmal!— Mit dieſen Worten und höchſt eilfertiger Gebärde wurde der Ohio⸗— Mäkler von Moorfeld's Seite weggeriſſen. Wir dürfen dringend ver⸗ muthen, daß der Mann, der dieſes that, im Einverſtändniß mit einem andern Makler ſtand, denn augenblicklich trat ein ſolches Individuum heran und bemächtigte ſich Moorfeld's. Mein Herr, ſagte dieſer An⸗ kömmling mit einer verbindlichen Gentlemanmanier, ich war ſtets ein Verehrer der europäiſchen Gelehrſamkeit. Die Art, wie Sie Sprachen, Geſchichte, Sitten- und Völkerkunde in Europa betreiben, läßt ſicher nichts zu wünſchen, deſto mehr aber zu beneiden übrig. Ich bin über⸗ zeugt, wie Sie auf dieſem Marmorwürfel hier ſtehen, haben Sie be⸗ reits aus Europa eine Kenntniß Amerika's mitgebracht, die vielleicht manchem Senator im weißen Hauſe zu Waſhington fehlt. Ich möchte ſchwören darauf, es iſt ſo. Nur Eins ſetzt mich in Erſtaunen. Ich mache nämlich in dieſer Halle die Bemerkung, daß alle Europäer, welche hier eintreten und amerikaniſches Land zu beſitzen wünſchen, von der ſeltſamen Idee ausgehen, als müßten ſie dieſes Land kaufen. In der That, mein Herr, ein Wahn, der mich höchlich überraſcht. Wird Amerika's Demokratie noch ſo verkannt in Europa, daß man unſern Boden nicht anders einnehmen zu dürfen glaubt, als indem man die Taſchen wucheriſcher und beutebegieriger Land⸗Jobber füllt? Denn ich bitte Sie, mein Herr, was iſt der Kaufſchilling, den Sie für Ihr Grundſtück zahlen, anders als ein ungerechter, ja ſchimpflicher Leibzoll, der als Abgabe auf Ihren phyſiſchen und intellectuellen Arbeitskräften ruht, womit Sie dem Lande doch nützen? Oder ſagen Sie ſelbſt! — — 59 Iſt irgend eine Logik darin, daß man unſer Land ein freies Land nennt und doch es verkauft— d. h., es nur der Ariſtokratie des Geldes öffnet? Ja, der Oſten geht der Ariſtokratie entgegen, oder vielmehr er iſt ihr mit Stiel und Stein ſchon verfallen. Aber im Weſten thront noch der reine und unverfälſchte Begriff der Demokratie! Das Land iſt ein freies Element, wie Luft und Waſſer, heißt unſer Pro⸗ gramm; halten Sie ſich an den Weſten, mein Herr! Vom Weſten geht jene großherzige und echt republikaniſche Agitation gegen den Congreß aus, daß er den ſchimpflichen und engherzigen Landverkauf endlich fahren laſſe, und das Land verſchenke. Vom Weſten werden jene Bills eingebracht, welche dem Congreß nach einem ſyſtematiſchen Plan zu Preisermäßigungen des Congreßlandes drängen, und auf die gänzliche Preisaufhebung conſequent hinarbeiten. Schon hat unſre free- sooler-Politik ſolche Preisermäßigungen wiederholt durchgeſetzt, ob⸗ gleich wir mit Schrecken ſehen, daß wir nur für den Actienwucher arbeiten, der ſich des wohlfeilen Congreßlandes bemächtigt, um es theurer als je wieder zu verkaufen. Wollte Ihnen jener ewige und allmächtige Schuft doch Ohio⸗Land zu fünf Dollar anſchwindeln; der Mann iſt wahrlich eben ſo ehrlich, als jener, der Ihnen den Koffer vom Wagen abſchneidet. Hol der Teufel alle Landſpeculanten! Wir free-soolers werden nicht ruhen, bis wir nicht Geſetze auch gegen dieſen ſchändlichen und monopoliſirenden Landverkauf durchgebracht ha⸗ ben; indeß ſollte es doch bekannter ſein in Europa, daß wir in Ar⸗ kanſas ſchon jetzt unſer Land verſchenken, zum vorleuchtenden Bei⸗ ſpiel der ganzen Union, von der wir fordern, daß ſie uns nachfolge. Ja, mein Herr, Arkanſas hat durch mich die Ehre, Ihnen achtzig bis einhundertundzwanzig Acre Landes zum Geſchenk zu machen; oder um mich anſtändiger auszudrücken: Arkanſas erklärt Ihnen, daß es dem Import Ihrer Hände, Ihrer Intelligenz und Ihres Capitals keine Grenzbarridre in Form eines Kaufſchillings entgegenſetzt. Wählen Sie nach Belieben den Ort Ihrer Niederlaſſung. Die Nähe unſrer großen Städte Smithville, Clarkville, Lewisburg, Littlerock dürfte Ihnen beſonders annehmlich und vortheilhaft ſein; aber ich empfehle Ihnen nichts, ich vermeide jeden Eingriff in Ihr eigenes Urtheil, wir heißen Sie auf jeder Hufe unſers wahrhaft freien Bodens willkommen. Nur übernehmen Sie mit der Beſitzurkunde die einzige Verpflichtung, Ihren — 60— Beſitz auch wirklich anzutreten, eine ſelbſtverſtändliche Bedingung, die uns gegen den Scheinbeſitz betrügeriſcher Landſpeculanten ſchützt. Soll ich das Vergnügen haben, Ihnen einen Grundbrief ſogleich auszufer⸗ tigen? Begleiten Sie mich gefälligſt in mein Bureau! Im Augenblick bin ich zu Dienſten, mein Herr, antwortete Moorfeld, ich wünſche nur ein paar Worte mit einem Freunde zu wechſeln. Schon lange hatte ihm nämlich über die Schultern ſeines Part⸗ ners hinweg eine hagere, ſpindeldürre Jammerfigur Zeichen und Winke gegeben, welche immer dringender, immer myſtiſcher und inhaltsſchwan⸗ gerer wurden, ſo daß er zuletzt einen Geiſt zu ſehen glaubte, der ihn pantomimiſch um Erlöſung beſchwor, und dem er mit dem Reiz des Komiſch⸗Schauerlichen folgte. Sie wünſchen, mein Herr? redete Moorfeld den Klappermann an. Die Pflicht der chriſtlichen Bruderliebe wünſche ich an Ihnen zu erfüllen, näſelte der Dürre mit einer ſentimentalen Quäckerſtimme und preßte ſeine kalte Todtenhand in Moorfeld's warme und volle, indem er zugleich ſein mißfarbiges Mausaugenpaar, ſchwül ſeufzend, gegen die Decke des Saales ſchlug. Herr, ich riskire mein Leben, fuhr der Quäcker fort, und fing faſt zu weinen an, jener Original⸗Gauner aus Arkanſas, der Wallfiſch aller Diebe, wird mir meuchleriſch nachſtellen, weil ich ihm ſein Opfer entreiße; aber ich kann nicht anders, ich kann nicht, Gott helfe mir, ich ſtehe in ſeiner Hand.— Moorfeld machte eine etwas ungeduldige Gebärde gegen den Betbruder, der aber hielt ihn ſeſt in ſeiner Froſchklaue und zog ihn an das äußerſte Ende des Saales, in eine heimliche Niſche. Aengſtlich um ſich blickend, als fühlte er die Dolche der Mörder ſchon zwiſchen den Rippen, fing er hier zu flüſtern an: Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie mir ge⸗ folgt ſind. Es wird Sie nicht reuen. Hier ſind Sie im Hafen. Einen Schritt weiter mit jenem Seelenverkäufer und Sie waren ver⸗ loren. Landverſchenker nennt ſich die Teufelsbrut, ich aber ſage Ihnen, Seelenverkäufer ſind's. Das ſage ich und das beweiſe ich. Ja, ich be⸗ weiſe es, mein Herr; hören Sie mich an, wie ich es beweiſe. Man ſchenkt Ihnen Arkanſas⸗Land. Gut. Man legt Ihnen Karten vor, ſchraf⸗ firt, colorirt, Wald, Prairie, Bottomland, Straßen, Flüſſe, große Städte— Alles iſt darauf gezeichnet, gemalt, daß das Herzchen im ihn des an. zu und dem gen der aus len, ann eine ihn des als g er ge⸗ rfen. ver⸗ nen/ be⸗ Man f raf⸗ 4 roße 1 im — 6 Leibe lacht, und die beigebundenen Beſchreibungen leſen ſich, wie ein Roman; ſie ſind auch wie dieſe eine eben ſo vollendete Erfindung des Teufels. Gut. Sie wählen Ihren Farm in der Nähe der großen Stadt Littlerock, mit ihrem ſchiffbaren Strome, mit ihren Poſtſtraßen und Flurwegen. Gut, mein Herr. Sie kommen an. Sie finden einen Sumpf und im Sumpfe ſteht ein Täfelchen auf einer Stange mit der Inſchrift: Stadt Littlerock. Aus dem Schilfe guckt eine zweite Stange hervor, die nennt ſich: Gerichtshaus der Stadt Littlerock. Im mannshohen Farrenkraut rennen Sie gegen eine dritte Stange, die heißt: Akademie der Stadt Littlerock. Vor einer Stunde haben käm⸗ pfende Büffel einen Pfahl niedergetreten: es war die Kathedrale der Stadt Littlerock. Faſſen Sie nun den Mann, der die Landkarte ge⸗ zeichnet hat, beim Kragen! Auf fünfzig Meilen in der Runde finden Sie keine Seele. Wen Sie aber finden, der zeigt Ihnen ein ganz anders Geſicht, als hier im Land⸗Office zu Newyork. Gut. Sie ſind überraſcht, enttäuſcht, aber nicht entmuthigt. Sie ſtehen auf ge⸗ ſchenktem Lande, und das Wort hat noch immer einen Klang für den Europäer. So ſchnell wird die Form, in welcher wir unſre Begriffe gießen, nicht zerbrochen. Land hat Werth in europäiſchen Augen und wird's noch lange haben, bis Sie amerikaniſche Augen bekommen. Sie nehmen alſo ihr Land in Beſitz. Gut. Sie bauen ſich Ihren Hof, Sie ſchaffen ſich Hausthiere an, Sie kaufen ein paar Sclaven. O Gott, Sclaven! Gut. Sie fangen zu wirthſchaften an. Aber Ihre Producte können nicht durch die Luft zu Markte fliegen und die Erde hat ſo wenig Straßen, als der Grund des Erie Sees. Ihre Hausthiere werden Ihnen weggeſchoſſen. Ihre Sclaven entlaufen oder werden Ihnen entführt. Sie hören zu wirthſchaften auf. Verwün⸗ ſchungen auf den Lippen, den letzten Cent im Beutel wenden Sie Ihrer Wüſte den Rücken. Gut, mein Herr. Aber die Spuren Ihres Pfluges, die Ruinen Ihrer Hofſtelle ſind immer noch wahrnehmbar, und das genügt, daß jener ewige und allmächtige Schuft die Backen voll nimmt: Culturboden mit Improvements zehn Cent per Acre! Ihr Nachfolger geht ebenfalls zu Grunde, hat aber wieder ſein Capital dreingeſteckt — einen halben Dollar per Acre. Erſt der dritte Mann brächte es zu dder Möglichkeit ſich zu behaupten, da belehrt ihn ein Wink mit der Kugelbüchſe, oder mit dem Bowiemeſſer, daß auch für ihn die Zeit da — 62— ſei, ſich ſchleunigſt durch die Flucht zu expropriiren, denn das Land ſoll zum vierten Mal ausgeboten werden— einen Dollar per Acre. Einen Dollar per Acre, mein Herr; das Ziel iſt erreicht! Mit einer Reihe betrogener und ruinirter Capitale haben ſie ihr werthloſes Land in Werth gebracht;— einen Dollar per Acre! Das iſt geſchenktes Arkanſas⸗Land. So macht man Cultur hinter'm„blutigen Grund“. So geſchieht's, mein Herr, und nicht anders;— heute verſchenkte Wüſte, morgen„lovely spots“ einen Dollar per Acre— die Zauberei der Gewiſſenloſigkeit! Ich rathe, Herr, die Hölle braucht einen neuen Flügelbau für die„free-soolers.“ Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr, nehmen Sie ſich in Acht! Wir gehen einer Zeit entgegen— das Böſe bekommt die Oberhand auf der Erde. Dieſe letzteren Worte fühlte Moorfeld ſchon längſt in ſich ſelbſt Thatſache geworden, denn unüberwindlich war ſeine Luſt, dem from⸗ men uneigennützigen Warner eben ſo ſchlechte Abſichten zu unterlegen, als den übrigen Herren Collegen deſſelben. Er hielt es in der That nicht aus, die Wendungen und Uebergänge abzuwarten, auf die ihm das Ganze angelegt ſchien, und ſo fragte er mit jener ungeduldigen Luſt am Böſen geradezu: Ach, ſehr ehrenwerther Herr, wenn Sie ſelbſt Land zu verkaufen hätten! dann wäre meiner Verlegenheit auf einmal ein Ende! Schneller als ein Blitz zog der lamentable Tugendmann ſeine Hand aus Moorfeld's Hand, fuhr ſich an die Augen, und trocknete ein paar abweſende Thränen. Ich muß fort; leider, leider, ich muß fort; ich kehre wieder zurück nach Alt⸗England. Sie ſollen's hören, was mich von hinnen treibt. Die Teufel! o Gott, die Teufel! Aber ich muß fort, das ſchönſte Landgut in den Staaten muß ich aufgeben! Schwarze Dammerde mit Lehmunterlage und kalkhaltig, Herr, kalkhaltig— das Chriſtenthum gebeut Faſſung, ein Unglück— aber dieſer Kalk, Herr, und dieſe Dammerde, und dieſe Lehmunterlage— mir bricht das Herz! Wer mir noch vor einem halben Jahre geſagt hätte, ich würde dieſe Juwele aller erſchaffenen Erde zwei Dollar per Acre verkaufen wol⸗ len, da mir Reverend Daniel Gaskin aus New⸗Jerſey noch bei ſeiner letzten Durchreiſe zwanzig aufzudringen verſucht hat— ich bin Tem⸗ perance⸗Man, mein Herr, ſonſt würde ich Sie auf eine Flaſche in Mr. Diſtel's bar bitten, die teufliſchen Intriguen anzuhören, die mich — 63— forttreiben von Gottes geliebteſter Erde. Hier darf ich einer ſolchen Gemüthsbewegung unmöglich freien Lauf laſſen. Armer Neverend Daniel Gaskin! du ſtellſt jetzt in der Ewigkeit Vergleiche darüber an, ob meine Landſtelle oder das Paradies ſchöner iſt, ſonſt könnteſt du's heute haben, das irdiſche Paradies, zwei Dollar per Acre— doch dann wäre dir dein Ende nicht ſo leicht geworden! Deinen Glauben in Ehren, würdiger Gottesmann Daniel Gaskin, aber hier hätteſt du zum erſten Mal gezweifelt, ob ein Tauſch mit meiner Hofſtelle und dem Paradieſe ein wirklicher Lohn für den Gerechten iſt. Herr, als ich an die jungfräulichen Schätze dieſes Bodens die erſte Hand anlegte, da trieb ich auf einem einzigen Acre— hören Sie mich an, mein Herr, und merken Sie wohl auf, was ich auf einem einzigen Acre an Bäumen und Sträuchen abtrieb: vier Arten von Wallnußbäumen, drei Arten Eichen, zwei Arten Ulmen, den virginiſchen Kirſchbaum, den canadiſchen Judasbaum, einen Maulbeerbaum, Pflaumenbäume, Eſchen, Linden, Saſſafrasbäume, Storarſtauden, Papawbäume, den blumenreichen Cornelbaum, den Eiſenholzbaum, den Häckberrybaum, Platanen, Wein⸗ ſtöcke, Haſelſtauden und Hollunder. Wo bleibt Ihre Beſinnung, mein Herr, wenn Sie einer ſolchen Furchtbarkeit nachdenken? Sie ſchwindeln! Das Alles trieb ich auf einem einzigen Acre abz mein Herr, auf einem einzigen Acre!— Es muß wohl ein einziger Acre geweſen ſein, denn ſeine ganze übrige Landſtelle iſt nichts als eine ſenkrechte Felſenwand, an die auch keine Raupe in die Höhe kriecht, viel weniger ein menſchlicher Pflug. Der Mann, der ſo ſprach, ſchlenderte mit den Händen in der Hoſen⸗ taſche und einem friſchfrohen Apfelgeſichte um unſer Paar herum, in⸗ dem er zu mehrerer Herzensvergnügung den„Yankee doodle“ pfifff. Der Quäcker zuckte zuſammen wie eine elektriſirte Katze. Sein Haar ſträubte ſich, ſeine grauen Glasaugen ſprühten Blitze, ſeine vor⸗ fallenden amerikaniſchen Schultern neigten ſich noch tiefer, wie der Stier zum Stoß, ſeine Fäuſte ballten ſich, ſeine Adern ſchwollen, rothe Zornflecke loderten in ſeinem falben Geſichte auf— kurz das ſeufzende Lämmlein ward auf einmal zu einer Mördergeſtalt. Das Alles kümmerte den Andern nicht im Geringſten. Vertrau⸗ lich zog er eine ſeiner Hände aus der Hoſentaſche und legte ſie der gebäumten Katze auf den Rücken, indem er zu flöten aufhörte und zu — 64— ſprechen anfing. Gemach, Kamerad, ſagte er, ſtehen wir denn hier um einander den Handel zu verderben? Was hätt' ich gegen deine Felſenwand, wenn ich ſie nicht ſelbſt kaufte? Ja, ja, John, ſei ruhig. Die Felſenwand iſt mein;— zweihundert Dollar— iſt's ein Ge⸗ ſchäft? ſchlag' ein, Junge, abgemacht! Der Quäcker, der immer zu⸗ ſammenzuckte, wenn das Wort„Felſenwand“ ausgeſprochen wurde, ſah gleichwohl in dem Angebot des Sprechers ſo viel Ernſt, daß er anfing verſöhnlicher auszuſehen. Dieſer fuhr fort: Siehe Junge, ich habe mir die Sache mit deiner Felſenwand überlegt. Du trödelſt nun ſchon ſo lange damit herum— den Donner auch! ſollen ſich Yankee's nach⸗ ſagen laſſen, ein Geſchäft geht nicht, weil's auf eine Art nicht geht? Keineswegs. Deine Felſenwand ſteht in den Kattskillbergen, nur zwei Stunden von der großen Route nach Saratoga und den Fällen:— das muß uns wuchern. Ich laſſ' ein paar Centner Farben an die Wand ſchmieren und wend' ein paar Dollars daran, daß uns irgend ein Doctor Thompſon beweist, es wären Malereien eines alten Cul⸗ turvolkes. Derſelbe Dr. Thompſon führt dann als Dr. Johnſon aus, daß Dr. Thompſon ein Eſel iſt, als Dr. Thompſon aber ſchlägt er den Dr. Johnſon mit einer neuen Flut von Theſen auf's Maul und die Wandmalereien des alten Culturvolks ſind durch„eine eben ſo ge⸗ lehrte als gründliche Controverſe“ in allen Zeitungen ſiegreich außer Zweifel geſetzt. Merkſt du, Burſche? Wir eröffnen jetzt am Fuße der Felſenwand ein Hotel, denn unſere Felſenwand wird Touriſten⸗ Mode, und laſſen uns bei jedem Beafſteak und weichgekochten Ei unſere Wandmalereien honoriren im Namen der Künſtler des alten Cultur⸗ volks. Was ſagt John, he? Siehe, das iſt die naturgemäße Art, eine Felſenwand zu verwerthen. Aber dieſem Gentleman hier zuzumuthen, mit ſeinem Pflug auf einem Ding herumzufahren wie der Thurm der Londoner Paulskirche— Freundchen, das geht nicht; das iſt zu viel verlangt von einer Felſenwand. Steck' ſie ein, deine Situations⸗Pläne, ſteck ſie ein, ehrenwerther Sir John(denn dieſer hatte bereits ange⸗ fangen, ſie vor Moorfeld auszukramen), ſteck ſie ein, und ſag' deinem Geometer, wir bedürfen nicht mehr der liebenswürdigen Zerſtreuung, womit man ſenkrechte Linien als wagrechte zeichnet. Pfui doch, ein garſtiger Handel; in Wahrheit ein abſcheulicher Handel; das ver⸗ dirbt uns die Börſe, lieber Sir John, und um Alles zu ſagen, ſo ———— ͤ n hier deine ruhig. n Ge⸗ et zu⸗ de, ſah anfing hhabe ſchon nach⸗ geht? r zwei en an die irgend n Cul⸗ n aus, ägt er l und ſo ge⸗ außer dus nriſten⸗ unſere Cultur⸗ tt, eine muthen, um der zu giel Pläne/ z angk⸗ deinem reuung/ ch, ein 3 vel⸗ gen/ o — 65— iſt's ein ſehr zweideutiger Handel, Sir John, die Senkrechte für eine Wagrechte zu verhandeln, ein ſehr zweideutiger Handel, das iſt ein Factum, Sir John. Was ich ſagen wollte, wandte er ſich an Moor⸗ feld. Sie kaufen doch meinen Farm drüben in New⸗Jerſey? ich geb' ihn jetzt auf, da ich das Hotel an der Felſenwand projectire. Sie ſehen, ich bin zwar ein„smart man“, aber eine ehrliche Haut. Ich werde meinen Landsleuten ihr Geld abnehmen für die Wandmalerei des alten Culturvolks: das iſt kein Schelmenſtreich, höchſtens ein we⸗ nig Humbug, eine Glaubensſteuer, ein Wahnzoll. Sehr aber tadl' ich meinen ehrenwerthen Freund, daß er Sie, mein Herr, als einen Fremden und in einer ungleich ernſteren Sache—— o pfui, pfui; ich tadle es hart, es verdirbt das Geſchäft, wir brauchen das Vertrauen der Fremden. Merken Sie wohl, mein Herr, wir ziehen eine ſehr ge⸗ naue Grenzlinie zwiſchen Humbug und Betrug; man kann der ärgſte Humbuger und der reellſte Geſchäftsmann ſein. In der That, Herr, Humbug und Buſineß haben gar nichts zu thun mit einander. Im Buſineß bin ich der verläßlichſte Mann, den die Newyorker Sonne be⸗ ſcheint; Humbug iſt meine Erholung, meine Privatſache außer'm Buſi⸗ neß; Buſineß ſelbſt duldet keinen Humbug. Reines Geſchäft, reines Geſchäft, mein Herr, um Gotteswillen! reines Geſchäft. Im Hum⸗ bug beſteuere ich die menſchliche Thorheit;— aber im Geſchäft ſucht der Menſch ſein Bedürfniß bei mir, ſeine Leibes⸗ und Lebens⸗Noth⸗ wendigkeiten— auf dieſem Boden ſein Vertrauen zu täuſchen, untergrübe den Beſtand aller Staaten und Völker. Es wäre einfach barbariſch. Von Religion und Gewiſſen nicht zu reden, unklug wär's, unpolitiſch, ſelbſtmörderiſch, denn es hübe die Möglichkeit der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft auf. Und ohne menſchliche Geſellſchaft weder Humbug noch Buſineß, das iſt klar! Das ſind meine Grundſätze, Herr; Sie ſehen, ich bin weder ſchwarz noch weiß, ſondern grau melirt, aber unendlich haltbar, Sie können mir tauſend Procent mehr vertrauen, als einem Burſchen, der ſich weiß brennt, wie Jungfernwachs. Sehen Sie ſich mein Gütchen in New⸗Jerſey an. Wann fahren wir hinüber, Herr? Freie Station hin und zurück, wenn Ihnen der Farm nicht gefällt. Keine bedruckten und lithographirten Papierwiſche— gleich amtliche Ausweiſe, nichts als amtliche Ausweiſe; gleich vor das Staats⸗Audi⸗ toriat, Einſicht der Ernteregiſter von heuer, vom vorigen Jahr, von D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. 5 — 66— fünf, von zehn Jahren; alter Culturboden, New⸗Jerſey, alter Cultur⸗ boden, von hundert Jahren, wenn Sie wollen— Kurz, von aller Vergangenheit, ſagte Moorfeld, nur nicht von der Zukunft. Denn leider, mein Herr, zeigt Ihr Boden irgend einen geheimen, angehenden Schaden, den ich zwar weder in Landſchafts⸗ büchern, noch mit leiblichen Augen einſehe; aber deßungeachtet iſt er da, und verdirbt Ihnen die Sicherheit Ihrer ferneren Rente. Wie kämen Sie ſonſt auf den Einfall mit der Felſenwand? Ich rathe, Sie ſind ein smart-man nach Onkel Sam's Herzen, lachte der Mäckler, good bye, mein Herr! Reiten Sie ſo gut wie Sie geſattelt haben, über mich ſollen Sie nicht ſtraucheln, es thäte mir leid für Sie. In Wahrheit, ein ſchmuckes Gut, das meinige, gehen Sie drin'rum wie der Staubpinſel im Uhrwerk, Sie finden kein Stäubchen Mackel dran. Denn die canadiſche Diſtel hat ſich vor⸗ derhand nur im Nachbarfeld eingeſchlichen; der Würgengel alles Un⸗ krauts wird bei mir erſt im nächſten Jahr aus dem Saamen ſchießen. Aber dann Gnade Gott dem Käufer, denn verkauft wird das Grundſtück doch, oder ich habe nicht mehr Verſtand als ein Fingerhut. Das Grünhörnchen ſoll ſich ſchon finden, der's kauft, es thäte mir leid, wenn ich bangte. Sie ſind's nicht, mein Herr, und das iſt gut für Sie; aber nicht Jeder ſieht, der die Augen offen hat, und das iſt gut für mich. Good bye! Fünftes Kapitel. Moorfeld hatte das Haus verlaſſen. Seine Intelligenz zerriß das Gewebe des niedern Humbugs, der ſich im Entree herum trieb; ſie fühlte ſich aber nicht intelligent genug, den höheren Humbug zu pa— riren, der in den Amtszimmern ſelbſt ſein Hauptquartier haben mochte. Denn daß die Staatsbeamten, die Verkäufer des Congreßlandes von Unions wegen, theils auf eigene Rechnung, theils im Solde der Actien⸗ compagnien ihre officielle Stellung nicht minder zur Landſpeculation —— tur⸗ von inen afts⸗ ſt er Wie tzen, wie dos 6z ſie u pa⸗ nochte. s von lctien⸗ lation — 6, ausbeuten würden, daran zu zweifeln wäre nach allen Proben dieſes Volks⸗ geiſtes Vermeſſenheit geweſen. Mit den höchſten Würdenträgern in der Hierarchie des Humbugs wagte unſer Fremdling aber doch keinen ſo leich⸗ ten Gang. Er durfte ſich Glück wünſchen, die geringeren los zu ſein. Denn wahrlich, nicht Jeder war ſo glücklich. Das Publikum, das dieſe Halle erfüllte, trug nicht durchweg Frack und Glacchandſchuhe. Er ließ Schaaren von Auswanderern hinter ſich zurück— grobe Bauernkittel mit dem Holzſchnitt ehrlicher Einfalt im Geſichte, mit dem Schweiße ſaurer Wirthſchaftsjahre in der Geldkatze,— gnad' ihnen Gott! ſelbſt ein Atheiſt hätte für ſie gebetet. Erſt in ihrem Anblicke ſchauderte Moorfeld vor der ſittlichen Luft dieſes Hauſes. Als er hierauf durch die ſonnigen Straßen dem nächſt⸗beſten Café auf der Battery⸗Promenade zuwandelte, geſchah es unter Reflexionen, von denen wir nur den geringſten Theil wiedergeben können. Er be⸗ trachtete das Verhältniß eines Gebildeten in Europa zu Amerika und entdeckte mit Erſtaunen, daß es zunächſt gar keines war. Die deutſche Literatur über Amerika war zu Anfang der dreißiger Jahre weder an Umfang, noch an Gehaltſin einem Zuſtande, der von der Wichtigkeit ih⸗ res Gegenſtandes ein Bewußtſein verrieth. Der Umfang blieb hinter der weitläufigen Peripherie des Beobachtungsobjectes unendlich zurück, und die Beobachtung ſelbſt war ſchlecht. Sie trug den perſönlichen Charakter der Stimmung, ſtatt den weltgeſchichtlichen der Kritik. Bücher, von einem liebenswürdigen aber unhiſtoriſchen Dilletantismus geſchrie⸗ ben, ſprachen von Amerika ſo, wie man ungefähr am winterlichen Kamin von Nizza, Meran und vom Comer⸗See ſpricht; gleichſam als wäre das ſociale Leiden Europa's mädchenhafte Schwindſuchts⸗Poeſie. So ſchrieben Racknitz und Scherpf über Texas, Bromme über Florida, Duden über Miſſouri, Gerke über Illinois, Andre über Anderes. Noch mehr aber als durch die belletriſtiſche Ornamentik litt die Wahr⸗ heit des Gegenſtandes durch die politiſche. Der Liberalismus der Re⸗ ſtaurationsperiode fand in Wort und Schrift über Amerika eines ſeiner wenigen erlaubten Ausdrucksmittel. Er benutzte es eifrig. Er feierte die Sternbanner⸗Republik als die praktiſche Verwirklichung ſeines geächteten Ideals. Aus dieſer Tendenz ging zwar die Wahrheit auf, aber nicht die volle Wahrheit. Er hätte es für politiſche Unklugheit, ja für Verrath gehalten, die Flecken ſeiner Sonne zu geſtehen. In 5* — 6s— dieſer filtrirten Sonnenbeleuchtung nun überkamen die Gebildeten der vorigen Generation Amerika's Bild. Wenn wir heute jene Schilde⸗ rungen leſen, ſo thun wir es mit dem Hintergedanken ihrer Tendenz, wir betrachten und verſtehen ſie als Kunſtwerke der oppoſitionellen Beredſamkeit. Bedenken wir aber, daß man allen Farben und allen Farben⸗Nüancen dieſer lockenden Bilder damals volle objective Wahr⸗ heit zugeſtand, daß man ſie buchſtäblich nahm und gläubig beſchwor, ſo wird uns eine Vorſtellung davon entſtehen, daß ein gebildeter Aus⸗ wanderer, der aus dieſer Literatur ſich enthuſiasmirt hat, ſie dem Hum⸗ bug gegenüber nun ſelbſt als Humbug empfand. In der That er⸗ kannte Moorfeld ſeine europäiſche Lectüre über Amerika jetzt blos als Unterhaltungs⸗Lectüre und ſah die Nothwendigkeit ein, die Be⸗ lehrungs⸗Lectüre von vorn anzufangen. Er ſtellte ſich alſo die Auf— gabe, das Land aus den beſten Landesquellen ſelbſt zu ſtudiren. neber das Project ſeiner Anſiedlung beſchloß er ſodann auf dem Ländermarkt zu Newyork überhaupt gar nichts zu unternehmen. Zog er aus dem ſo eben Erlebten die Summe, ſo gab ihm ſein eigenes Schlußvermögen zunächſt folgende zwei Rathſchläge an die Hand: Er⸗ ſtens, nur an Ort und Stelle zu kaufen; zweitens, um die Zeit der Ernte zu kaufen, da der Acker gewiſſermaßen für oder gegen ſich ſelbſt zeugt und der Ertrag des Jahres ſo allgemeines Landgeſpräch iſt, daß der Fremde unmöglich mit einer übereinſtimmenden Fiction umſponnen werden kann. Wir wiſſen nicht, ob wir es an dieſem Orte ausdrücklich ent⸗ ſchuldigen müſſen, daß ein Romanheld mit leidlichem Menſchenverſtand zu Werke geht. Wer nach dieſer Probe die proſaiſche Perſpective ſei⸗ nes künftigen Verhaltens fürchtet, dem geben wir zu bedenken, daß der Verſtand, ſelbſt im beſten Falle, höchſtens die geſetzgebende Gewalt iſt, Gemüth und Stimmung aber die ausführende. Wie groß unſre Fähigkeit, uns zu behaupten, ſein mag, unſre Fähigkeit, zu Grunde zu gehen, iſt immer noch größer. Bis zum Anfange der Ernte in Ohio, dem Lande ſeines Anſied⸗ lungsprojectes, hatte Moorfeld noch einige Wochen zu verſäumen. Er konnte inzwiſchen jene literariſchen Ergänzungsſtudien machen, die er zuvor als nothwendig erkannt, und überhaupt den gelehrten Theil ſeines Haushalts, den er in der Iſolirung des Hinterwalds nicht be⸗ ſtellen konnte, aus der Maſſe des Stoffes zuſammenſtellen. Dazu bedurfte er der Zeitungen und Bibliotheken Newyorks. Er entſchied ſich daher in der Verſuchung, jene Ferien in Reiſeausflügen zu ge⸗ nießen, oder ſie an ſeinen ſtädtiſchen Aufenthalt zu wenden, gewiſſen⸗ haft für's letztere. Er kehrte in Mr. Staunton's Haus zurück. Denn noch ſah er keine dringende Urſache vor ſich, mit dieſem Hauſe zu wechſeln, zumal da er den Tag größtentheils auswärts zu⸗ brachte. Genußvoll war aber ſein Aufenthalt darin nicht. Ja, wenn wir ſpäter eine Summe von Urſachen zu einer betrübnißvollen Wir⸗ kung anwachſen ſehen, ſo dürfen wir die erſten Poſten dieſer Summe vielleicht ſcon dem Hauſe Staunton anrechnen, das mit ſeiner ſtill⸗ corroſiven Langweile und Kaltherzigkeit ein energiſch-empfindendes Ge⸗ müth gewiß gründlicher als es ihm ſelbſt bewußt geworden iſt, auf den folgenden Umſchlag vorbereitet hat. Sein Verhältniß, oder viel⸗ mehr ſeine Verhältnißloſigkeit zu dieſem Hauſe war aber folgendes: Mr. Joſua Staunton öffnete über Tiſch— und ſonſt ſah ihn Moorfeld nicht— kaum auf eine andre Veranlaſſung den Mund, als um Amerika's Lob zu verkünden. Er war im Ausdrucke ſeiner Na⸗ tionaleitelkeit eben ſo kindiſch⸗übertrieben, als in der Nichtachtung fremder Nationalitäten naiv⸗unverſchämt. Moorfeld ließ ihn das Lächer⸗ liche dieſer Schwäche, wie gleich zuerſt ſo auch fortwährend, durch die Figur der Ironie fühlen; er antwortete ironiſch, wenn er überhaupt ant⸗ wortete. Manchmal that er's auch nicht. Denn was ſollte er einem Mann erwiedern, der ſich mit vollen Backen rühmt: unſer ſüdlicher Himmel, unſre nordiſche Thätigkeit, Geiſt und Natur im Verein erhalten uns vor allen Völkern der Erde bei ewiger Jugend; Sie werden in Amerika keinen alten Mann ſehen— wenn die Backen deſſelben Redners ge⸗ ſchminkt, ſeine Zähne falſch, ſeine Haare gefärbt und die Rundung ſeiner Glieder Baumwolle iſt? Eine ſolche Herausforderung anzuneh⸗ men, fand unſer Freund nicht einmal im Scherze gentil: mitleidiges Achſelzucken blieb ihm allein übrig. Und doch ſchien der Gentleman noch immer näher auf Staunton's, als auf Moorfeld's blühender Seite zu ſtehen; denn jener hatte, wie er auch übertreiben mochte, ein achtunggebietendes Vaterland zu ſeiner Folie, dieſem fehlte es. Um ſo ſittlicher es aber iſt, eine Nation als ein Ich zu vertreten, um ſo mehr lag Staunton's Stellung innerhalb und Moorfeld's außerhalb — o— des guten Tones, was von Natur doch umgekehrt war. Kurz, Moor⸗ feld ſollte bald empfinden, was es heißt, ohne Nationalehre, als bloßes Individuum in die Welt zu gehen. Dieſes Gefühl, welches keinem deutſchen Auswanderer erſpart bleibt, und auf welches ſich doch der Seltenſte gefaßt macht, legte einen Unmuth in ihn, durch den die Licht⸗ ſpiele des Humors, welchen er ſeinen Beleidiger fühlen ließ, nicht wie Sonnenſtrahlen durchbrachen, ſondern wie ein werdender Blitz, der ſeine Jugendſpiele hält. Nicht gaſtlicher als Herr Staunton verſchönerte ihm die Hausfrau ſeinen Aufenthalt. Miſtreß Livia Staunton trug zur Belebung ihres Hauſes das ausgeſucht Wenigſte bei, was ein lebendiges Weſen zu leiſten vermag. Moorfeld erblickte dieſe Dame kaum anders, als im Schaukelſtuhl mit der Newyorker⸗Tribüne vor ſich, oder an ihrem Bureau, die Bibeln, Kinder⸗ ſtrümpfe und Seelen irgend ſeines geiſtlichen Hilfsvereins verbuchend. Mrs. Livia Staunton war nämlich— um ſie im vollen Rund vor⸗ zuführen— actives Mitglied folgender Vereine: zur Verbreitung der Bibeln, zur Vertheilung geiſtlicher Flugſchriften, zur Bekehrung, Ci⸗ viliſirung und Erziehung der Wilden, zur Verheirathung der Prediger, zur Verſorgung ihrer Witwen und Waiſen, zur Verkündigung, Aus⸗ breitung, Reinigung und Bewahrung des Glaubens, für den Kirchen⸗ bau, zur Dotirung der Gemeinden, zur Aufrechthaltung der Seminarien, zum Katechiſiren und Bekehren der Matroſen, Neger und Freuden⸗ mädchen, zur Beobachtung des Sonntags, zur Verhinderung des Schmähens und Fluchens, zur Errichtung von Sonntagsſchulen, zur Verhütung der Trunkenheit des weiblichen Geſchlechtes. Dieſe Ti— tulatur war auf der Thür ihres Drawing⸗rooms unter Glas⸗ und Goldrahmen für jeden, der die Geduld dazu hatte, zu leſen. Ein ſolches Etabliſſement von chriſtlicher⸗Werkthätigkeit gab freilich zu thun. Ihre Erholung davon ſuchte und fand aber die würdige Frau nicht in ihrer Häuslichkeit, ſondern außerhalb, wenn ſie mit Miß Sarah Sonntags im Kirchenſtuhle träumte und Sonnabends auf den Shop⸗ ping ging. Dies ſind nämlich die zwei Marktgänge, auf welchen das weibliche Herz in Amerika ſeinen Bedarf an Galanterie ſich beſorgt. Daß den Newyorkerinnen der Kirchenſtuhl das iſt, was den Pariſerin⸗ nen die Loge in der großen Oper, ein Empfangſalon für den Anbeter, ein Rendezvous der weltlichſten Eitelkeit, dies zu erfahren hatte Moor⸗ ger, lus⸗ gen⸗ rien, den⸗ des zur vi⸗ und Ein hun. nicht zarah hop⸗ das ſorgt. erin⸗ beter/ Noor⸗ — 1— feld nur eines einzigen Beſuches in einer beliebten Damenkirche be⸗ durft. Da ſtand der Prediger zwiſchen den Blumen und Goldleiſten ſeiner zierlichen Kanzel, war ein ſcheinheilig⸗kokettes, lächelndes Bürſchchen, hatte gebrannte Locken, athmete Parfüms und predigte von den weiblichen Tugenden und wie die Mütter mütterlich und die Jung⸗ frauen jungfräulich ſein ſollen und von der Würde der Ehe und von der Süße des Brautſtandes und was ein praller Leib für ein ſchöner Tempel Gottes und Runzeln für ein verehrungswürdiger Anblick ſeien, und miſchte Bibelſprüche und Citate aus Byron und Walter Scott reizend durcheinander, und die frühlebenden Fräulein und die frühver⸗ lebten Frauen Newyorks dehnten ſich auf ihren Polſterſtühlen, wäh⸗ rend die warme Maienſonne ihre vollen und welken Büſten beſchien; ſie hatten die Augen geſchloſſen, ſcheinbar der Sonne wegen, in der That aber um das Behagen zu verbergen, das ſich darin malte, und durch die ganze Kirche ging ein wollüſtiges Gähnen und ein faules Seufzen, und Moorfeld geſtand ſich gerne, wenn er eine Newyorker⸗ Lady wäre, ſo wüßte er ſich keine beſſere— Leibes bewegung als ſolch einen Gottesdienſt. Er begriff ohne Umſtände den Enthuſiasmus des ſchönen Geſchlechts für ihren ſonntäglichen Kirchengang.— Der Shoppinggang war eine Variation über daſſelbe Thema, nur daß hier Seide und Mouſſelin und dort die Bibel den vorgeblichen Text bildeten. Auf dem Shoppinggang flanirte der buntgefiederte Wander⸗ ſchwarm von Eva's Töchtern durch die Bazars der Manhattan⸗Stadt und zwar nicht ſowohl um die modiſtiſche Nachkommenſchaft des paradieſiſchen Feigenblattes zu inſpiciren, als vielmehr um die Schlange zu belauſchen, welche jenem erſten Schnittwaarengeſchäfte den Impuls gegeben. Die Ladendiener wußten dabei nicht weniger als die Kanzeldiener den Be⸗ dürfniſſen ihres Publikums entgegen zu kommen und aus Sabbath und Shopping ſogen die Damen Newyorks die Kraft, eine Woche lang zu Hauſe ſo langweilig zu ſein, als es ihnen die Landesſitte vorſchrieb. Ein Fremder gab es auf, mit dieſen Quellen zu concur⸗ riren, wenn er ihnen erſt auf die Spur gekommen. Seine Huldigung wurde von der Hausfrau, welche in ihren vier Wänden mehr Götze als Weib zu ſein hatte, weder erwartet noch nur zugelaſſen, dafür empfing er aber auch nichts von jenen Gegengeſchenken, womit Frauen⸗ anmuth die ſchöne Geſelligkeit bei andern Culturvölkern bereichert. — 72— Nicht mehr Weiblichkeit als in der Mutter, konnte Moorfeld in der Tochter entdecken. Miß Sarah Staunton begegnete dem Haus⸗ genoſſen mit der pflichtſchuldigen Würde einer amerikaniſchen Jung⸗ frau. Freilich wiſſen wir nicht, ob ſie dieſe Würde um ihrer ſelbſt willen repräſentirte, oder des Einprucks wegen, den ſie damit hervorzubringen meinte. Vermuthlich das Letztere. Und wenn ſie ihre hochgewachſene Figur, die wir artiger aber erlogener eine maje⸗ ſtätiſche nennen ſollten, in das ſtolzeſte Aufrecht zu ſchwingen meinte, ſo zuckte oft plötzlich ein ſeltſamer Geiſt durch dieſen künſtlichen Strebe⸗ pfeilerbau, der ſeine architektoniſchen Linien wunderlich verſchob, ihre Haltung bekam etwas Einſeitiges, Hinhorchendes, ihr trübblaues Auge fing zu lauern, zu lauſchen und zu rechnen an, ihr ganzes Weſen hatte etwas zwecklos Geheimnißvolles; ſie glich einem ſchlechten Räthſel, das theils zu dunkel, theils zu deutlich und in ſeiner ſchließlichen Auflöſung nichtig iſt. Moorfeld hatte es längſt aufgelöst und war eben nicht der Mann, einem Mädchen die Tugend der Koketterie für ein Laſter anzurechnen; als ſie aber nach Tagen und Wochen einer anſtändigen Vertraulichkeit Moorfeld's mit erhobenem Finger die Er⸗ innerung zudrohte: Sie wiſſen, ich habe Ihnen noch zu verzeihen, Mr. Muhrfield— da erſchrak er doch über die Armuth ihrer Mittel. Venn ſie ſchon das traurigſte Genre von Koketten ſind, jene Unver⸗ ſöhnlichen, die ſich ſtets zu verſöhnen haben, ſo war Sarah's Thema für dieſes Spiel bereits in der erſten Stunde ein ſo erfindungsloſes, unglückliches, daß die Fortführung deſſelben gegen all ihre weiblichen Inſtincte zeugte. Was konnte Moorfeld anders, als dieſer platten Talentloſigkeit den Rücken wenden? Damit aber war das Haus Staunton für ihn zu Ende. Die Dome⸗ ſtiken des Hauſes ſchied nämlich in Amerika ſo gut, wie in Europa die ſociale Sitte von ihm; ja ſie dictirte hier gegen den weiblichen Theil eine Zurückhaltung und gegen den männlichen, der größtentheils der ſchwarzen Farbe angehörte, ein Racenvorurtheil, wie beides der frei⸗ ſinnigere Europäer nicht kennt. Und doch lehrte ihn der erſte Blick, daß in dieſem Hauſe, wie häufig, den Dienenden mehr menſchlicher Fond innewohnen möge, als den Herrſchenden. Hariet, das Kammermädchen, oder die„Gehilfin“ wie der Sprach⸗ gebrauch ſich ausdrückte, beſaß ſchon den Vorzug einer großen weib⸗ — 3— lichen Schönheit. Das war viel für Moorfeld's Denkart, der von einer befriedigten Natur gerne auf eine harmoniſche Sittlichkeit ſchloß und im ſchlimmſten Falle nur Ein Laſter kannte, die Feigheit. Feig⸗ heit aber iſt ausgeſchloſſen, wo es kein Bewußtſein von Mangel gibt, ſondern nur Beſitz und Erfüllung. In der That trug Hariet ihr Köpfchen ſo ſtolz wie alle Amerikanerinnen, aber wie ganz anders kleidete ſie dieſer Stolz als ihre Gebieterin Sarah, deren kleinliche Kälte ſtets den Verdacht erweckte, ſie ſei ihres lüſternen Gegenſatzes wegen da! An Hariet war alles Kraft und Sicherheit. Sie war Kaiſerin eines brillanten Augenpaars, Königin einer kühn geſchwunge⸗ nen Oberlippe; wenn ſie die plaſtiſche Macht ihrer Sinnlichkeit brauchte, ſo konnte ſie durchgreifend herrſchenz aber darum glaubte man an ihren Stolz, weil er nichts that, ſich glauben zu machen. Schon die Art, wie ſie die Fülle ihres prachtvollen Rabenhaares trug, unter⸗ ſchied ſie charakteriſtiſch von Sarah. Wenn die Locke, dieſes flüſſige, wandelbare Element, das Organ übermüthigen Nackenſchüttelns und kriechenden Zulächelns, matt und rathlos um Sarah's erbleichenden Frühling ſchwankte, ſo ſaßen Hariet's Zöpfe, mit Trotz à la couronne geſchlungen, in ihren Nadeln, ein Bild in ſich verſammelter Charakter⸗ feſtigkeit. Daß dieſes Mädchen nicht Dienerin blieb, begriff Moorfeld allerdings, daß ſie aber die Wahl ergriff, ihre Verſorgung lieber im Schulſtaub zu ſuchen, als in einem weiblicheren Verhältniſſe, wofür ſie doch eine wahre Perle von Beruf war, das begriff er keineswegs. Es ſchien ihm dieſer Widerſpruch ein weit tieferes und rathenswer⸗ theres Geheimniß um Hariet zu legen, als Sarah je ſich anzuſtempeln ſo eitel ſein konnte. Leider mußte er verzichten, ſie näher kennen zu lernen: ein gewechſeltes Wort mit ihr erregte ſo viel Aufſehen, ſie ſelbſt bezeigte ihm eine ſo unverſtellte Verſchloſſenheit, daß er dort aus Rückſicht und hier aus Achtung den Verſuch einer Annäherung aufgab. Seine Bedienung lag in Jack's des Negers Händen. Dieſe Perſon hätte ihm freilich nichts mehr als eine Maſchine ſein dürfen, wenn er ame⸗ rikaniſch correct dachte. Aber ſo dachte er nicht. Zwiſchen ihm und dem Wollkopf ſpann ſich manch zarter Faden. Erſtens liebte Jack ſein Violinſpiel. Zweitens war Jack der Koch des Hauſes. Moorfeld, um nur phyſiſch zu exiſtiren, gab ihm für ſeine Perſon einen kleinen Lehrcurs in der euro⸗ — 22— päiſchen Kochkunſt, und ſolch ein Verhältniß angeknüpft, dürfen wir billig zweifeln, ob Chiron ein zärtlicheres Intereſſe hatte, daß Achill ſeinen Pfeil richtig anſetzte, oder Moorfeld, daß Jack's geneigtes Ge⸗ müth die Theorie der Gollaſchbereitung aufnahm. Drittens hatte Jack einen Charakterzug von ſatyriſcher Laune in ſich, der unſern Freund zugleich ergötzte und auch ernſthafter anregte. Der Neger liebte es nämlich, auf eine eigenthümliche Art mit ſeinem Identitäts⸗Bewußtſein von Ich und Nicht⸗Ich zu ſpielen: er ſetzte ſich ſein ſchwarzes Ich als Object, und ſchimpfte im Charakter eines weißen Subjects drauf los. Durch Haus und Flur konnte man ihn beſtändig mit, d. h. gegen ſich hinbrummen hören: Achtung, ſchwarzer Eſel! merk auf, verdammtes Niggervieh! Kopf oben, rußige Beſtie! Platz da, Kohlenſack, und was ähnlicher Artigkeiten mehr waren. Hatte er Moorfelden ein kleines Verſehen zu bekennen, z. B.: Warſt du auf der Poſt, Jack? ſo hieß die Antwort: Verzeihung, Sar, das Rabenhirn hat's vergeſſen.— Biſt du nach meinen Kleidern gegangen? Ach Gott, Sar, der Kerl hat nicht mehr Gedächtniß, als eine Flaſche voll Stiefelwichs. Moorfeld lachte Anfangs über dieſe Sorte von Humor, aber eines Tages fiel es ihm plötzlich auf, was für ein Sinn darin lag. War's nicht der näm⸗ liche Sinn, in welchem er ſelbſt Herrn Staunton gegenüber ſich der Ironie bediente? That das der Neger nicht auch, indem er die weiße Race verſpottete durch die Selbſtverſpottung ſeiner ſchwarzen? Welch gleichartiger Inſtinct waltete hier? Iſt die Ironie die Mutterſprache unterdrückter Nationalitäten? Und wie ward unſerem Freund, als er an Europa zurückdachte und bemerken mußte, daß eben jetzt die Ironie die herrſchende Form der europäiſchen Literatur, aber auch ein Welt⸗ ſchmerz, Polenſchmerz, Judenſchmerz der herrſchende Inhalt war? War er den Uebeln, die man für Uebel nur der alten Welt hielt, nicht entronnen, und fand er in der neuen Welt etwa einen Deutſchen⸗ und Negerſchmerz? Verhängnißvolle Fragen. Von ſolchen Betrachtungen zerſtreuten ihn nur wenig die Sprünge eines Kaninchens, das im Hauſe aus⸗ und eintänzelte und ſich den Genoſſen deſſelben gewiſſermaßen anreihte. Dieſes Kaninchen war ein Geittlicher, Reverend Joe Brown. Der Mann war ein ziemlich verlebter Vier⸗ ziger, trug auch die wirklich alternden Züge eines ſolchen, aber man konnte nichts Leichters und Luftigers ſehen, als wie er in Garderobe, egen mtes was eines hieß Kerl rffeld l es äm⸗ der veiße Lelch rache ls er ronie Gelt⸗ War nicht ſchen⸗ eines oſſen icher, Vier⸗ man robe, — 5—— Sitten und Manieren den grünſten Zwanziger copirte; es ging herum wie ein wahres Geſpenſt der Jugend, ſein ausgeſchlagenes Hemdkrä⸗ gelchen buhlte ſogar nicht undeutlich mit den phantaſtiſchen Licenzen des Knabenalters, und in der That glich er einem Ferienſchüler, der ſich auf einem Ausfluge etwa um dreißig Jährchen verſchlafen, wie jener ehrliche Rip van Winkle, während die Nornen der Zeit ihm ihre unheimliche Taufe ertheilt, die bewußten Krähen in ſeinen Augen⸗ winkeln geſcharrt, und nichts ihm geblieben, als die ſelbſtvergnügte Geckenhaftigkeit, das Bündel zuckerner Unverſtand, das freilich keinem geraubt werden kann, der es ſäuberlich feſthält. Moorfeld konnte ſich eines bittern Lächelns nicht erwehren, wenn Reverend Brown und Mr. Staunton neben einander ſtanden—„das jugendliche Amerika“ quand même! Zuletzt bewohnte Herrn Staunton's Haus auch noch— ein Schat⸗ ten. Dieſer Schatten war ein Mann, oder ein Greis, überhaupt ein lebendiges Etwas, von dem nichts weiter zu ſehen war, als daß es eben lebte. Der alte Mann ſaß mitten im Sommer in einem dicken, kragenreichen Carbonari⸗Mantel, den er genau bis an die breite Hut⸗ krämpe heraufgezogen hatte, ſo daß es viel eher möglich war, mit dem Detail der Mondfläche, als mit den Umriſſen ſeiner Geſichtszüge be⸗ kannt zu ſein. Moorfeld hatte ſein Daſein nicht anders entdeckt, als eines ſpäten Abends am Hauptthore, da ſie beide ſich aufſchließen wollten. Der Alte bedankte ſich im gebrochenen Engliſch ausnehmend fein und gewählt, als ihm Moorfeld den Vortritt ließ und huſchte dann durch das dunkle Vorhaus nach einer entlegenen Hintertreppe. Bei einem zwei⸗ ten Zuſammentreffen redete ihn Moorfeld mit einer Anſpielung auf ſein dichtes Mantelgeheimniß an: Nicht wahr, Sir, die Sommernächte ſind kalt hier Landes?— Anche gli giorni*), ſeufzte der Schatten, in ſein Hinterhaus verſchwindend. Moorfeld fragte Domeſtiken nie um häusliche Verhältniſſe aus, damals konnte er aber den Neger, der ihn morgens weckte, kaum erwarten, um nach dem Alten zu fragen. Ein Ueberreſt von einem italieniſchen Opernbankerott, hatte Jack gleich⸗ giltig geantwortet. Aber Moorfeld vergaß jenes Wort nicht mehr. Es war ein ſo ächter Naturlaut! Und wenn er noch manchmal das *) Auch die Tage! — 76— Echo in ſich hörte:„Ich danke Ihnen für dieſes deutſche Wort,“ ſo begleitete ihn jetzt ein zweites:„Anche gli giorni!“ Für das unerquickliche Leben in Staunton's Haus bot zuletzt die Lage deſſelben einigen Troſt. Hatte doch Moorfeld ſchon in Eu⸗ ropa dieſer Bedingung wahrgenommen, und hier mindeſtens war ihm alle Genugthuung geworden. Er erkannte es mit dankbarem Genuſſe. Wir ſehen ihn manches Stündchen in ſeinem Fenſter ver⸗ rauchen oder vergeigen, das ſonſt vielleicht ein Spaziergang geworden wäre. Bei der anwachſenden Hitze der zweiten Maihälfte und dem un⸗ auslöſchlichen Staub der Newyorker Straßen lachte ihm der trockene tiefglühende Himmel des vierzigſten Breitegrades mit grenzenloſer Be⸗ quemlichkeit in's Haus herein. Unter ſeinen Fenſtern blaute der Hud⸗ ſon, breit, wie der Hellespont. Am andern Ufer, ſtromabwärts zur Linken, nagelten und hobelten Zimmerleute eine neue Stadt, Jerſey⸗ City, in die äußerſte Landſpitze hinaus; ſtromaufwärts, zur Rechten, grünte der ſchattige Baumgürtel von Hoboken herüber, der alte Hol⸗ länder⸗Park, Newyorks claſſiſche Promenade. Mit ſeinem Dollond in der Hand miſchte ſich Moorfeld oft in's Menſchengedränge der breiten Ulmenalleen, und las dem ſpeculirenden Kaufmann, dem leichtſinnigen Matroſen, dem verhimmelten Quäcker und dem adoniſirten Dandy die Prätenſionen ihrer unſterblichen Seele von der Stirn. Ueber Jerſey⸗City und Hoboken hinaus, erhob ſich der Horizont zu ſanften Hügelſchwellen, auf welchen die Kaufleute Newyork's in weitver⸗ ſtreuten Landhäuſern ſaßen und Sommerruhe hielten. Auf dieſe Eliten⸗Colonie, auf dieſes Blumen⸗Bouquet Fortuna's richtete Moor⸗ feld ſein Fernrohr mit beſonderm Wohlwollen. Das vis-à-vis ſo vieler Glücklichen erquickte ihn. Er wurde aus der Ferne Familien⸗ freund ihrer Aller, er war ihnen dankbar dafür, wie roſenfarbig ihr Wohlſtand einherging. Mochte er erworben ſein, wie er wollte; ein Comptoir iſt noch einmal ſo tugendhaft, wenn es in der Oran⸗ gerie liegt; und wer fordert auch eine beſſere Tugend vom Menſchen, als daß er lache? Lachend aber waren ſie wirklich, jene Villen und Gärten, lachend in des Wortes verwegenſter Bedeutung; nur Eins mußte ihnen Moorfeld zu ihrer Ueppigkeit wünſchen— Geſchmack. Hierin glichen ſie vollſtändig Kindern, welche mit den Süßigkeiten ihres Lebens ſich Backen, Mund, Kinn und Näschen coloriren, und 4 tt, lletzt Eu⸗ war arem ver erden un⸗ kene Be⸗ Hud⸗ zur ſey⸗ hten, Hol in iten igen die eber iften wer⸗ dieſe oor⸗ ſo lien⸗ rbig llte; ran⸗ chen, und Fins nack. eiten und ihre Verehrer in eine etwas zweideutige Verfaſſung zwiſchen Enthu⸗ ſiasmus und Horreur bringen. Gärten mit grenadierſteifen Palliſa⸗ den⸗Zäunen, Raſengründe mit angeſtrichenen Holzſtatuen verziert, wa ren ein gewöhnlicher Anblick; Pagoden, Tempel, Kiosk's, Pavillons, welche vom chineſiſchen bis zum venetianiſchen, vom mauriſchen bis zum Roccoco⸗Styl alle Bauformen der Erde verſtandlos⸗bunt durch einander würfelten, und regelmäßig einen ſchreienden Lackfarbenanſtrich wie eine Bedientenlivree trugen, das war der immer wiederkehrende Anblick dieſer Luxus⸗Bauten. Ja, unter ſeinen Augen ſah Moorfeld eine Colonnade entſtehen, welche in ein⸗ und derſelben Front ſämmtliche fünf Säulenordnungen zugleich vereinigte! Von da an brauchte er ſeinen Dollond doch weniger häufig, und beſah ſich das kleine Narren⸗ paradies lieber mit freiem Auge. Aus dieſer Perſpective blieb es allerliebſt. Aber wenn das Coſtüm eines Volkslebens mit unſerm Schönheits gefühl im Widerſpruche ſteht, ſo iſt es immer die zarte Sache des Augen⸗ blicks wie es uns afficiren ſoll. Eine ſcheinloſe Veranlaſſung, ein un bedeutender Zufall und die Stimmung kann eben ſo ſchnell aus dem Humor in Aergerniß, ja in wahre Verzweiflung umſchlagen, der äſthe⸗ tiſche Sinn ſeine Verletzung anſtatt komiſch, tragiſch auffaſſen. Zweifeln wir nicht, daß mit ſolchen Veranlaſſungen unſers Landsmanns Weg wahrhaft beſäet war. Vergeſſen wir nicht, daß Moorfeld auf einen verdorbenen Magen gebeten wird, wenn ihn ſein Banquier zu⸗ fällig zu Gaſte bittet; vergeſſen wir nicht, daß faſt in jedem öffent⸗ lichen Locale, in das er eintritt, ſein Auge ſich krampfhaft an den Plafond klammern muß, wenn ein unbewachter Blick auf den Boden, d. h. in den Speichel von tauſend Tabakkauern ihm nicht das Ge kröſe im Leibe umwenden ſoll; vergeſſen wir nicht, daß es ſolch kleine, aber unerſchöpflich durchvariirte Täglichkeiten ſind, aus welchen unſer Wohl⸗ oder Uebelbefinden gewebt wird: und wir entſchuldigen ge⸗ wiß unſern Freund, daß er mitten im Anſchauen einer großartigen Volksthümlichkeit das Große nirgends recht zu Geſichte bekommt, weil es unter tauſend widerlichen Zügen von Volksrohheit begraben liegt, deren Abſtoßungskraft der Anziehungskraft faſt überall das Gegenge⸗ wicht hält. Kurz, wenn gemeine Naturen mit ihrem Thun und edle mit ihrem Sein zahlen, ſo war es dem Europäer, aus deſſen — 7— Denkweiſe heraus dieſe Bemerkung geſchöpft iſt, nicht möglich, ſich für den Amerikaner zu begeiſtern, deſſen erhabenem Thun das ſchöne Sein fehlte. Vergebens ſtaunte Moorfeld auf Schritt und Tritt Werke und Einrichtungen an, denen Europa nichts Gleiches an die Seite ſetzt, ſeine Aufmerkſamkeit ermüdete bald, denn der Eindruck zerfloß ihm in Luft, weil die Thaten herrlicher waren als die Thäter, und das Grandios⸗Menſchliche nie in der Perſonificirung grandioſer Men⸗ ſchen erſchien. Nicht die Vernunft, ſondern die Sitte des Volks iſt der Gradmeſſer ſeiner Bildung, auch hat die Volksvernunft nirgends, die Volksſitte aber überall einen Leib. Man ladet unſern Freund z. B. ein, einer Sitzung des Newyorker Aſſiſenhofes beizuwohnen, es komme ein intereſſanter Rechtsfall heute zum Spruche, die Gewandtheit der Advocaten, die geſetzliche Haltung des Publikums, der durchdringende Verſtand der Geſchwornen— Alles werde ihm ein Schauſpiel bieten, dergleichen die Welt— u. ſ. w. Moorfeld betritt den Gerichtsſaal, den Hunderte von Perſonen hundert Mal in jeder Minute mit Tabak⸗ ſaft beſpeien, er ſieht im Nu ein Reſultat aus dieſen vereinten Kräf⸗ ten anwachſen, das Alle Sinne auf's Gröbſte verletzt— wo bleibt da der geiſtige Eindruck? Wer heißt die Göttin Themis ihre Orakel zugleich aus einem Meere von Weisheit und von Speichel ſchöpfen? Oder der Ruf hat ihm Croton's Waſſerleitung als das achte Welt⸗ wunder bezeichnet, er fährt eines Tags hinaus und will bewundern. Aber unterwegs macht ſich ein kleiner zehnjähriger Souverain das Vergnügen, ſeinen Revolver in den Wagen abzufeuern, die Kugel dringt durch das Fenſter, ſtreift zuerſt eine Dame an den Kleidern, ſchlägt dann einem gegenüberſitzenden Herrn, der zufällig ein Polizei⸗ Sergeant iſt, an die ſtählerne Tabaksdoſe in der Hoſentaſche, prallt von dieſer ab, indem ſie noch etwas Fleiſch von der rechten Hand des Poliziſten mitnimmt, berührt dann leiſe die Schulter ſeiner Nachbarin und fällt zwiſchen dieſer und Moorfeld auf den Boden nieder. So nahm jener Vergnügungsſchuß des freien und aufgeklärten Bürger⸗ Sprößlings noch einen unſchädlichen Verlauf, aber er hätte eben ſo gut tödten können und der Gedanke, an Croton's Waſſerleitung als Vergnügungs⸗Leiche anzukommen, war doch gewiß nicht die beſte Vor⸗ bereitung, um dieſes Wunderwerk eines freien und aufgeklärten Vol⸗ kes zu würdigen. Oder unſer Freund wird aufmerkſam gemacht, ſich — 79— ja den heutigen Leader im Newyork⸗Herald nicht entgehen zu laſſen— er enthalte eine Skizze der politiſchen und ſozialen Entwicklung Ame⸗ rika's ſeit dem letzten engliſchen Krieg— was Geiſtreicheres könne eine menſchliche Feder unmöglich zu Tage fördern. Moorfeld tritt in Riley's Café, eines der fasſionableſten auf dem Broadway, und ſucht vergebens das genannte Blatt. Endlich entdeckt er es unter den kothigen Stiefeln eines Gentlemans, der ſeine langen Beine mitten in den Leſetiſch hineingelegt hat. Der Gentleman hebt auf Bitte des Leſers das Bein ein wenig in die Höhe, läßt's aber ſogleich auf die übrigen Zeitungen wieder zurückfallen, gleichſam als gehörte es dahin, wie ein Briefbeſchwerer. Was bedeuteten nun Amerika's Fortſchritte ſeit dem letzten engliſchen Krieg? Moorfeld dachte, es hätte ſeit dem letzten engliſchen Krieg lernen ſollen, ſeine Beine unter den Tiſch zu ſtellen. 4 Wir würden dieſe Anführungen in's Unendliche vervielfältigen müſſen, um deutlich zu machen, wie der Gemüthszuſtand unſers Frem⸗ den während dieſer Tage in ein Stadium eintrat, das ſich nur ſchwer definiren läßt. Es iſt ein eigenthümlicher Scheideprozeß, der alle vor⸗ handenen Elemente des Charakters in Auflöſung ſetzt, und indem er die Formen der Neubildung zunächſt noch gar nicht errathen läßt, unerträglich genug als ein eigentlich Charakterloſes bezeichnet werden muß. Und gerade Männer, die in der Heimath Subjectivitäten und Phyſiognomien erſten Ranges waren, ſehen wir in der Fremde auf dieſe unbegreifliche Weiſe plötzlich weit unter ſich ſelbſt zurückgehen, wie uns denn z. B. die Berliner Freunde und Reiſegenoſſen Rückert's, die⸗ ſer markvollen Mannesgeſtalt, vor welcher die römiſchen Kindermädchen mit dem Angſtſchrei:„Simone Mago!“*) die Flucht ergriffen, zum draſtiſchen Gegenſatz jener Anecdote den lächerlichen, ja eigentlich fei⸗ gen Zug zum Beſten geben, daß dieſer arme Zauberer ſelbſt durch ganz Italien nirgend zu vermögen geweſen, im Freien Platz zu neh⸗ men, weil er in einer beſtändigen Scheue vor Giftſchlangen einherge⸗ wandelt. Dieſes Schrecken der Fremde, dieſes unbehagliche Be⸗ wußtſein einer tiefen Gegenſätzlichkeit zwiſchen ſich und dem Neuen, welches mit dem Worte der Schlangenfurcht gewiß nur poetiſch indi⸗ *) Der Zauberer Simon! — 80— vidualiſirt, gewiſſenmaßen in einem ſcherzhaften Symbol dort ange⸗ deutet iſt, haben wir nun hier in einer verwandten Weiſe von unſerm Helden zu berichten. Moorfeld vermochte— wie nur ein paar der wahlloſeſten Beiſpiele uns gezeigt haben— nirgends zum reinen Ge⸗ fühle der Größe, die ihn umgab, durchzudringen, weil zwiſchen ihn und dieſe Größe immer ein Etwas trat, das ihm die Beleuchtung der⸗ ſelben trübte, profanirte, ja nicht ſelten ſogar in ihr Gegentheil ver⸗ wandelte. Bis er nun zum deutlichen Bewußtſein gelangte, daß das äſthetiſche Medium es war, welches zwiſchen ihm und Amerika fehlte, glaubte er die Urſache jenes geheimen Mißverſtändniſſes einſeitig in ſich ſelbſt ſuchen zu müſſen, als ermangelte er der Organe, zu be⸗ wundern und zu genießen, was Hunderte vor ihm bewundert und ge⸗ noſſen zu haben meinten, oder Andere mindeſtens meinen gemacht. Selbſt der phyſiologiſche Gedanke trat ihm nahe, ob veränderte Luft und Düäät ihn nicht körperlich umgeſtimmt hätten; kurz wir ſehen ihn in einer Gährung, in welcher er mit der Fremde einen durchaus un⸗ gleichen und abmüdenden Kampf ringt. Noch können wir dieſen Zuſtand keinen eigentlich unglücklichen nennen, denn er iſt kein hoffnungsloſer; er weiß, es muß eine Zeit kommen, da es zwiſchen ihm und dem Lande auf irgend eine Weiſe zum Durchbruch kommt: aber bis dieſer Augenblick reif wird, liegt die Uebergangsperiode dazu mit einer Lähmung, mit einem Gefühle von Schwäche und Selbſtverlorenheit auf ihm, das ihn tief melancholiſch macht. Oft weilt er einſiedleriſch zu Hauſe, oft ſtürzt er ſich in's Straßen⸗ und Hafengewühl: dieſes wie jenes ohne Befriedigung. Dabei verfolgt ihn ſtets die Vorſtellung, als gebe es außer dem ſichtbaren Volksleben noch ein zweites unſichtbares, das ihm wie hinter einem Vorhange verbor⸗ gen ſei und deſſen Enthüllung beſelige. Gewiß liegt's im Urwald dieſes Geheimniß von Amerika's Glück und Schönheit— aber New⸗ york, ein Sammelplatz von dreimalhunderttauſend Menſchen, welche Cultur treiben, ſollte nichts davon zu verrathen haben? Im richtigen Winkel geſehen blitzt Thau und Schnee in ein Meer von Demanten auf, außer dieſem Winkel ſehen wir graue und gefrorene Waſſertropfen. Nur ein Ruck, eine Wendung und der Zauber wird rings um ihn auflodern. Dieſer Gedanke iſt's, der unſern Freund fortwährend neckt, nach jedem Verſuche ermüdend, zu jedem Verſuch anregend. — ——— —= ⸗ͤ 2 nge⸗ ſerm der Ge⸗ ihn der⸗ ver⸗ das erika ſeitig be⸗ ge⸗ acht. Luft — ihn un⸗ ſtand oſer; dem ieſer ung, das aßen⸗ ihn noch bor⸗ wald lew⸗ velche tigen anten pfen⸗ ihn neck, — — 81— Er bereut jetzt, daß er die übliche Ausſteuer eines Reiſenden, Empfehlungsbriefe, in Europa verſchmäht. Im ſtolzen Inſtinkt der Originalität hatte er ſie verſchmäht und in der allerdings richtigen Annahme, ſie möchten in Newyork eben ſo nutzlos ſein als z. B. in Paris unentbehrlich, denn gewiſſe Völker ſeien im Salon, andere aber auf der Straße zu ſuchen. Nur der Umſtand, daß ſeine Ankunft ohnedies in die ſogenannte todte Saiſon fiel, konnte über jenes Verſäumniß ihn wieder beruhigen. Was alſo von idealeren Formen des hieſigen Volkslebens im In⸗ nern der Häuſer— und zwar ſeltener Häuſer— glänzen mochte, blieb unſerm Freunde zunächſt aus dem Sinne gerückt. Um ſo weniger verſäumte er den Beſuch der öffentlichen Kunſtanſtalten. Zwar legt der Amerikamer ſelbſt den geringeren Accent auf dieſe Seite ſeiner Nationalgröße, indem er, wenn nicht von mangelnder Kunſtbegabung, doch von„Anfängen“ redet, oder auch den„Einfluß Europa's“ groß⸗ müthig anerkennt. Er täuſcht den Europöer nicht, überraſcht ihn aber doch zugleich mit Zügen von Originalität, welche er ſelbſt nicht ge⸗ ahnt hat, und welche dieſem den Beweis liefern, daß das Fremde nie ein Vorausgeſehenes iſt. So beſuchte Moorfeld ein Ding, das ſich Newyorker Bilder⸗Galerie nannte. Er that es mit aller Beſcheidenheit ſeiner eigenen Meinung und der der Einheimiſchen dazu. Der Galerie⸗Director z. B. war frei⸗ ſinnig genug, ihm geradezu zu ſagen, er würde von Kunſtwerken erſten Ranges nur Copien hier finden. Die Originale der beſten Italiener, die Danaen, die Leden, die Ganymede u. ſ. w. müſſe man ein⸗ für allemale den verdammten Königen Europa's überlaſſen, ſie erhöhten mit den Werken des Genies den Glanz ihrer Kronen, und veräußer⸗ ten ein claſſiſches Gemälde ſo wenig als einen Theil ihrer Souverai⸗ netät. Nach dieſem Fingerzeig erwartete alſo Moorfeld Copien. Rüh⸗ ren ſie von europäiſchen Künſtlern her, ſo erwartet er gute Copien, von amerikaniſchen, ſo macht er ſich auf ein wenig Verzeichnung, Steif⸗ heit, Mangel an Vortrag u. dgl. gefaßt. Jedenfalls glaubt er vor⸗ bereitet zu ſein. Aber wie geſchieht ihm, als er nun vor Figuren ge⸗ führt wird, welche der Director, ſein artiger Führer, eine Danae, eine Leda, einen Ganymed nennt, und von welchen er nichts zu ſehen be⸗ kommt, als Köpfe, Finger und Fußſpitzen? Die griechiſchen Schönheiten D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. 6 — 2— waren mit den Newyorker Ladies auf dem„Shopping“⸗Gang geweſen und brillirten in der gewählteſten Garderobe. Für ſolche Ueberraſchun⸗ gen iſt auch der Gefaßte nicht gefaßt genug, und ſchrill reißt eine Empfindung entzwei, die ohnedies nicht überſpannt war. Ein andermal beſuchte Moorfeld das Theater. Eine Temperatur von zwanzig Grad Réaumur nach Sonnenuntergang hatte ihm bei einem Glas Eis, in einem Battery⸗Café, bisher jeden Gedanken an New⸗ vork's dramatiſches Kunſtleben im Hintergrunde gehalten. Aber die Melpomene des Landes verſtand es ihn aufzurütteln. Ein zufälliger Blick Moorfeld's an eine Straßenecke brachte ihm eines Tags folgen⸗ den Theaterzettel vor Augen: „Heute zum erſten Male: Die Abenteuer des Kapitän Ebenezer Drivvle.— Eine Auswahl der rührendſten und heiterſten Begeben⸗ heiten aus dem Bilde eines ſchickſalsvollen Menſchenlebens.(Nach einer wahren Geſchichte.) Perſonen: Kapitän Ebenezer Drivvle— Mr. Blount. Ein Heldenſpieler erſten Ranges; ein Kraftmenſch wie Simſon und Goliath, mit Erlaubniß einer hochwürdigen Geiſtlichkeit.— Benjamin Ridge, ſein Midſhippman— Mß. Dooly. Eine gefeierte Darſtellerin jugendlicher Männerrollen. Laune, Uebermuth, Witz, Schalkheit, eine verwegene Grazie, die mit den Grenzen des Anſtandes ſpielt, ohne ſie zu überſchreiten, das ſind einige von den Gaben dieſer liebenswürdigen Künſtlerin, auf welche wir alte lebensfrohe Herren, die ſich gern ihrer ſchönen Roſenzeit erinnern, aufmerkſam machen.— Nathanael Sanders, erſter Steuermann— Mr. Fletcher, ein mei⸗ ſterhafter Trunkenbold, ſowohl im humoriſtiſchen, als im abſchreckend⸗ ſcheußlichen Fache.— Jonathan Hodge, Gouverneur von Neu⸗Schott⸗ land, aber doch ein Ehrenmann— Mr. Morſes. Bekannter Virtuos in Darſtellung einfältiger Blaunaſen, welche, richtig behandelt, ganz Güte und Großmuth ſind.— Black Hamk, ein Indianerhäuptling— Mr. Murphy. Wir machen auf die eiſerne Bruſtſtimme dieſes Helden⸗ ſpielers aufmerkſam. Könnte Armeen commandiren, wenn er ſie hätte. Sein Volk ſchmilzt aber unter den Kugeln der Kentuckyer⸗Büchſen zu⸗ letzt bis auf zehn Mann zuſammen. Iſt intereſſant tätowirt.— Andrew Jackſon Dewis, ein Sclavenhändler— Mr. Blackely. Ein tiefer Kenner der Nachtſeiten des menſchlichen Herzens, ein ausgezeich⸗ neter Böſewicht. Weiß beſonders gräßlich zu ſterben.— Magnolia, veſen hun⸗ eine ratur einem New⸗ er die lliger lgen⸗ enezer eben⸗ (Nach le h wie t.= eierte Wit, andes dieſer erren/ n. 5 mei⸗ eckend⸗ ſchott⸗ irtuos ganz ng— zelden⸗ hätte. m zu⸗ tt. Ein tyeich⸗ nolia — 83— eine reiche Kreolin in New⸗Orleans, Mrs. Harriſon— wechſelt ſiebenmal ihr Koſtüm, ſo daß am heutigen Abend junge Ladies eine ganz vorzügliche Gelegenheit haben, ihre Studien in der höheren Toi⸗ lettenkunſt zu bereichern; die Darſtellerin iſt bekanntlich tonangebend hierin.— Jane Norwood(wegen ihrer bunten und überraſchenden Schick⸗ ſalswechſel kann ihre Stellung im Stücke nicht näher bezeichnet wer⸗ den): Mrs. Drake Hariet Store,— ein unſchuldiges Gott ergebenes Mädchen, welches faſt nur in Bibelſprüchen redet. Ihre Rolle zeigt das Theater im ſchönſten Lichte einer guten Sittenſchule.— Junker Tobias Sproul: Mr. Croghan— ein Snob ohne Gleichen! Der Charakter des lächerlichen und affectirten Dandy hat nie einen beſſern Darſteller ge⸗ funden.— Ein Stummer— zwei harthörige Deputirte— ein altes blindes Weib— Matroſen— Sclaven— Sclavinnen— Indianer— Volk— mehrere auf Rattenfang dreſſirte Newfoundländer— Ratten— Mörder.“ Als Moorfeld dieſen Zettel las, mochte er ſich wohl, wie jeder Gebildete gethan hätte, vorſtellen, daß damit ein anderes, als das Publikum ſeiner Farbe in's Auge gefaßt ſei. Das aber iſt die feine Menſchenkenntniß des Marktbudenſtyls, daß er mit pfiffiger Bar⸗ barei ſcheinbar an die Aermſten im Geiſte appelirt und damit weit ſicherer in die höheren Kreiſe hinaufreicht, als er umgekehrt mit der Sprache der Cultur die niederen ergreifen würde. Moorfeld war ſo⸗ fort entſchloſſen, dieſer Vorſtellung beizuwohnen, wenn er auch nichts Anderes erwartete, als in ein Winkeltheater gefahren zu werden, wel⸗ ches Leute ſeines Gleichen höchſtens aus Ironie beſuchen. Er nannte alſo dem nächſten Stage⸗Kutſcher das Burton⸗Theater und beſtieg den den Wagen. Aber er hatte ſich geirrt. Das Fuhrwerk ſetzte ihn in der Chamber⸗Street hinterm„Park“, d. h. im Brennpunkte der Stadt ab, und das Theatergebäude blieb in Größe und Bauform hinter keinem der erſten Schauſpielhäuſer zurück. Um ſo beſſer, dachte der Fremde. Er wird alſo nicht unter, ſon⸗ dern mindeſtens auf der Linie der Kunſt, oder deſſen, was hier dafür gilt, das Gebotene ſich bewegen finden und nicht der Neugierde, ſon⸗ dern wie immer, des Studiums wegen da ſein. Bei dieſem Bewandt⸗ niß wollen wir uns entſchließen, ſeinen Theaterbeſuch zu theilen. Folgen wir unſerm Freunde jetzt in das Innere des Hauſes. 6* —4— Hier ſtrahlte ihm eine Pracht entgegen, welche zwar nicht die Ele⸗ ganz ſelbſt war, aber nach amerikaniſchem Geſchmacke, ſoweit ihn Moor⸗ feld bereits kannte, doch den Anſpruch machte, die Eleganz zu reprä⸗ ſentiren. Ein Blick auf das Publikum dünkte ihm ſchon befremdender. Er begriff, daß es keine Beutelſchneiderei geweſen, als ihm der Kaſ⸗ ſierer, da er ein Parterrebillet gefordert, einen Logenſitz für ſtandes⸗ gemäß inſinuirt hatte. Das Parterre war ein ausſchließlicher Tummel⸗ platz der Lehrlinge, Straßenjungen und Zeitungsausträger, kurz eines halberwachſenen Publikums in Hemdärmeln und Schurzfell, ſeine Diele glich überdies einer naſſen Malerpalette, voll vom aufgeſetzten Braun des bekannten Kautabak⸗Ertractes. Moorfeld nahm ſeinen Logenplatz ein. Er kam neben einen Gent⸗ leman zu ſitzen, der ihm einige Aufmerkſamkeit abnöthigte. Cine prächtige Dogge dehnte und ſtreckte ſich nämlich zu den Füßen des Mannes, und krümmte ſich, nachdem ſie die bequemſte Lage aufge⸗ funden hatte, in die bekannte Hufeiſenform zuſammen, indem ſie ihre zierlich geſpitzte Schnauze gar anmuthig zwiſchen den ſchlanken Hinter⸗ beinen anbrachte. Hoho! rief der Gentleman dem Kunde zu, Sie wollen einſchlafen? dann ſtreichelte er zärtlich, faſt rückſichtsvoll den Rücken des Thieres und fuhr fort: Sehr vornehm, wenn man Kemble und Talma geſehen hat, aber wenig aufmerkſam gegen unſre Gaſt⸗ freunde. Nicht zu excluſiv, mein Freund, hören Sie? Verwundert betrachtete Moorfeld den Mann. Ein nicht zu verkennender Typus von oſteologiſcher Steifheit, bei vollkommen geübtem Ausdruck von Selbſtgefühl, verrieth den Engländer und den Mann von Stande zugleich. Sein Kopf war von einem merkwürdigen Bau, denn während die vorgetriebene Stirn ſich ſtark auswölbte und die Naſe ſcharf, gleich einem Widerhaken, vorſprang, traten Mund und Kinn ſo plötzlich zu⸗ rück, daß die obere Geſichtshälfte über die untere gleichſam hinauszu⸗ fallen ſchien. Eben ſo lag ſein großes rollendes Auge beinahe gänz⸗ lich außer ſeiner Höhle. Man glaubte in dem ganzen Kopfe das Modell eines Plaſtikers zu ſehen, der in dem Streben, durch Ausbil⸗ dung der Denkorgane, Geiſtigkeit zu erreichen, bis zum Exceß weit gegangen und eine ſo monſtröſe Geiſtigkeit hervorgebracht, daß ſie di⸗ rect in ihr Gegentheil umzuſchlagen ſchien. Die Anſprache an den Hund beſtätigte dieſes phyſiognomiſche Urtheil wahrhaft verhäng⸗ e Ele⸗ Moor⸗ reprä⸗ dender. r Kaſ⸗ tandes⸗ immel⸗ eines Diele Braun Gent⸗ Cine en des aufge⸗ ie ihre dinter⸗ 3 Sie oll den Kemble Gaſt⸗ vundert Typus ick bon gleich nd die gleich ch zu⸗ ausßl 1b gänz⸗ f das lusbil⸗ p weit ſie di⸗ m den chäng⸗ — 85— nißvoll. Der Engländer begrüßte übrigens ſeinen ankommenden Nachbar zuvorkommender, als es ſonſt im Charakter ſeiner Nation liegt, und erwiderte den pſychiatriſchen Blick deſſelben gänzlich un⸗ befangen. Moorfeld muſterte das übrige Publikum. Die Logen des erſten und zweiten Rangs waren ſchwach beſetzt, und faſt durch⸗ gehend nur von Herren ohne Damenbegleitung. Die Galerie dagegen zeigte einen zahlreichen Damenbeſuch aber ohne Herrenbegleitung. Die Herren in den Logen beſchäftigten ſich damit, mittels allerlei optiſcher Inſtrumente die Damen der Galerie zu inſpiciren, dieſe hinwieder ver⸗ riethen durch kein Zeichen, daß ſie die Huldigung der bewaffneten Augen unterſchätzten. In dieſer Gruppirung des Publikums fand Moorfeld ein gutes Theil Sittengeſchichte. Wenn das Wechſelverhältniß der Geſchlechter an öffentlichen Orten überall eines der ſtärkſten Schlag⸗ lichter auf das Volksleben wirft, ſo war dieſes Theaterpublikum der beſte Schlüſſel zu jenem Theaterzettel. Das Theater fand ſich hier nicht von der Familie beſucht, mehr bedurfte es nicht, um ſeine Kunſtſtufe zu erklären. Eine mit dem Schauſpielhauſe verbundene Trinkſtube, auf welche Moorfeld durch den ſtarken Zuſpruch der ab⸗ und zugehenden Perſonen aufmerkſam gemacht wurde, und welche die Rentabilität der ganzen Kunſtanſtalt nicht wenig zu erhöhen ſchien, that zur Charakteriſtik derſelben das Ihrige. Unter dieſen Recognoscirungen des Europäers fing die Muſik an. Das Orcheſter war nicht ſchlecht, ein Blick darauf lehrte aber, daß es größtentheils aus deutſchen Phyſiognomien beſtand. Nun flog der Vorhang in die Höhe. Scene: Neu⸗Schottland, der Gouverneur und der Sclavenhändler. Der Gouverneur, oder wie die Yankee's ihre engliſchen Nachbarn nennen, die Blaunaſe, ſetzte durch ihre Charakter⸗ maske den Kunſtſtyl der amerikaniſchen Bühne ſogleich außer Zweifel. Seine Glieder bewegten ſich wie die Hand⸗ und Fußgelenke einer Puppe, die ſich um hölzerne Kurbeln drehen, ſein großcarrirtes Bein⸗ kleid ſaß ihm zu knapp, ſein ſchwalbenſchwänziger Frack ſchlotterte zu weit, dazu ſumgürtete ein Shawl, wie eine Fenſtergardine ſo groß, ſeinen Hals, obwohl die Handlung in einem Zimmer ſpielte. Kurz, die Charaktermaske war außerordentlich faßlich. Der Dialog begann. Der Sclavenhändler hatte die Aufgabe, dieſe Monſtroſität von Steif⸗ heit geſchmeidig zu machen. Er trat, wie er merken ließ, unter fal⸗ — 86— ſchem Namen und Charakter auf, und hatte ſeine Gründe, ſich im Hauſe des Gouverneurs einzuſchmuggeln. Er legte ſich auf's„Kamm⸗ ſtreicheln“. So nennt der Amerikaner ſeine nationale Kunſt, durch Flattiren einen Zweck zu erreichen. Der Darſteller machte es nicht ſchlecht. Die verſteckte Bosheit und die geheuchelte Freundlichkeit miſchte er in der That mit einigen Begriffen von Kunſt. Im Stücke erreichte er auch ſeinen Zweck, denn der Gouverneur bat ihn zum Thee, d. h. er wünſchte ſeine Bekanntſchaft fortzuſetzen. In dem Monolog, der hierauf folgte, wies aber der Intriguant ſogleich die Teufelsklaue. Er erklärte dem Publikum, er habe es auf die Nichte des Gouverneurs, Jane Norwood, abgeſehen, deren außerordentliche Schönheit ihn auf den Gedanken gebracht, ſie zu rauben und zu New⸗Orleans als Seclavin zu verkaufen. Glücklicherweiſe ſei ſie eine Brünette, und wenn er's pfiffig anfange, ſo werde er ſie als angeb⸗ liche Terz- oder Quaterone(denn der letzte Tropfen Negerblut iſt ja noch verkäuflich, ſagte er mit tendenziös erhobener Stimme) ſo werde er ſie ohne Gefahr des Verraths theuer„an den Mann bringen“, wie er mit fauniſcher Zweideutigkeit betonte. Aber die gelungene Mimik kam dem armen Künſtler zunächſt ſelbſt theuer zu ſtehen. Das Parterre⸗Publikum der Straßenjungen überſchüttete den Böſe— wicht mit einem Hagel von faulen Eiern. Sie ſchienen ſo un⸗ erſchöpfliche Ladungen dieſes übelriechenden Materials mit ſich zu füh⸗ ren, daß der Geſtank deſſelben ſich bald durch's ganze Haus verbreitete. Moorfeld bat ſeinen Nachbar, ob er dieſem Kunſtgenuß vielleicht mit einem Flacon eau de Cologne zu Hilfe kommen könne. Der Mann reichte ſeine Tabatiere, brummte aber den Tumultuanten im Parterre kopfnickend zu: Brave Burſche! werden früh Abolitioniſten! Moorfeld begriff bei dieſem Schlagworte die ganze Demonſtration, der Schauſpieler ſelbſt aber, dem dieſelbe galt, ſchien vollkommen vertraut mit ſolchen Auftritten, ja faſt geſchmeichelt, und trat, als ihm eben ein Ei gegen die Stirne flog, und zum allgemeinen Jubel wie ein Horn daran feſtkleben blieb, mit großer Gelaſſenheit vor die Lampen, indem er das jugendliche Geſindel im Parterre anredete: Meine Herren! ich erlaube mir, Ihnen den Vorſchlag zu machen, das ſittliche Ungeheuer, welches ich darzuſtellen die Ehre habe, ſtatt mit faulen Eiern vielleicht lieber mit Pomeranzenſchalen oder andern trockenen Dingen zu bewerfen. —jy— ſich in Kamm⸗ durch nicht lichkeit Stücke n zum n dem ich die Nichte entliche nd zu ie eine angeb⸗ iſt ja werde ngen“, ungene ſtehen. Böſe⸗ un⸗ füh⸗ reitete. 1 mit Mann arterte orfeld pieler olchen gegen daran r das laube elches lieber rfen. —— — 87— Hören Sie gütigſt meine Gründe. Es werden gleich in den folgenden Scenen die Damen des Stückes auftreten, deren Roben auf den alſo verunreinigten Brettern einen ſchweren Stand haben dürften. Freie und aufgeklärte Bürger einer Nation, welche allen übrigen in der Hoch⸗ achtung des ſchönen Geſchlechtes voranleuchtet, haben Sie ein Recht, von mir zu verlangen, daß ich Sie auf dieſe Gefahr, Damen eine Verlegenheit zu bereiten, rechtzeitig aufmerkſam mache. Meine Herren, ich thue es hiemit.— Kaum war dieſer Appell erſchollen, ſo ſtürzten ſich die Straßenjungen über das Orcheſter hinweg auf die Bühne, requirirten Beſen hinter den Couliſſen, und fegten unter dem uner⸗ ₰ meßlichen Jubel des Hauſes die Scene ſo rein, als es der Eifer für heine große Nationalſache nur immer vermochte. Moorfeld ſah dieſes Schauſpiel im Schauſpiel nicht ohne den Reiz einer großen Neuheit. Die naive Ritterlichkeit des jungen Amerika ergötzte ihn höchlich, aber — auf einmal klang eine Diſſonanz drein. Ein pralles, unterſetztes Kerlchen warf ſich figurmachend ſeinen Kameraden in den Weg, fuhr ihnen mit der Beſentünche über die Köpfe und ſchrie ſie herausfor⸗ dernd an: Fort da, der große Hoby duldet keine Nebenbuhler! Moor⸗ feld fand die Knabengeſtalt bekannt; wie der Range hier in Man⸗ ſchetten, Jabots und geſteiften Vatermördern als Gentleman⸗Carricatur ſich brüſtete, ſo glaubte er ihn ſchon andern Orts und in einem an⸗ dern Aufzuge geſehen zu haben. Wirklich! Es war jener Newsboy von der Battery der das Ohr von Damen damals mit Zoten verfolgt, und der den Roben der Damen heute reine Bahn machte. Eine große Sinnesänderung oder— ein frühreifer Heuchler! Das Stück ſpielte weiter. Nach dem Sclavenhändler trat Ben⸗ jamin Ridge, der junge Schiffscadett auf. Er erklärt ſich ſterbens verliebt in Miß Jane Norwood, und geht mit dem Plane um, ſie auf dem Schiffe ſeines Patrons, des Kapitän Drivvle, zu entführen. Das iſt aber das nämliche Schiff, deſſen ſich zur Ausführung ſeines Naubes auch der Sclavenhändler bedienen will. Der Mann und der Jüngling errathen ſich gegenſeitig in ihrem Vorhaben und ſind ent⸗ zückt, daß ſie ſich nolens volens zu Helfershelfern haben werden, in⸗ dem Jeder ſich zutraut, den Andern zu überliſten und zu prellen. Moorfeld wagte nach dieſer Expoſition die Durchführung einer be⸗ ſtimmten Intrigue und eine gewiſſe komiſche Seele des Stücks zu er⸗ — 88— warten. Der angeknüpfte Faden riß aber bald wieder ab und die Seele der folgenden Scenen war der Lärm. So ſcheiterte im An⸗ fange des zweiten Actes der ewig betrunkene Steuermann an einem wüſten Vorgebirge, und gibt dem Kapitän Drivole, dem Simſon und Goliath des Anſchlagzettels, Gelegenheit, ganz martialiſch zu tumul⸗ tuiren. Deßungeachtet ſinkt ſein Schiff, die abgerichteten Ratten treten auf und rennen verzweiflungsvoll auf dem Verdecke herum, die New⸗ foundländer ſtürzen auf ſie, die Hunde bellen, die Ratten pfeifen, das Publikum wälzt ſich in Wonne und Hoby der Straßenjunge von der Battery ſchreit, es ſei der ſchönſte Tag ſeines Lebens. Nicht weniger. dramatiſch als Ratten und Hunde benimmt ſich das Schiffsperſonal. Hilferufen, Händeringen, Auf- und Abrennen, beſtialiſches Kämpfen um die Rettungsboote— das Alles wird mit einer Wahrheit und Sinnlichkeit agirt, daß das Publikum auf ſeinen trockenen Sitzen die Gräuel eines Schiffbruches nicht mehr ſchrecklicher erleben kann. Der Sclavenhändler, ſeine Beute, Jane Norwood, im Arm, erkämpft ſich ein Rettungsboot, und droht mit ſeinem Revolver alles niederzuſchie⸗ ßen, was Miene machte, ihm nachzufolgen. Der Schiffscadett iſt wü⸗ thend und wirft ſich um ſo eiliger in ein zweites Boot, womit er jenes zu entern ſucht. Die beiden Fahrzeuge liefern ſich gegenſeitig eine Schlacht, aber im Boot des Cadetten entſteht ſelbſt wieder ein Auf⸗ ruhr darüber, daß er es den Kugeln des Sclavenhändlers ausſetzt. Unter dieſem Spektakel verlieren ſich beide aus dem Auge des Zu⸗ ſchauers, während das zurückbleibende Wrak die zweite Spektakel⸗Violine ſpielt und vom Geheul der Hunde und Ratten erfüllt in's Waſſer ſinkt. Natürlich retten ſich die Hauptperſonen. Kapitän Drivole hat auf dem Lande durch die öffentlichen Blätter erfahren, daß der Gouverneur von New⸗Schottland für die Zurückbringung oder auch nur für eine Nachricht von ſeiner Nichte eine hohe Prämie ausſetzt. Augenblicklich macht er den kleinen Abſtecher nach Halifax,— eine neue Scene mit der Blaunaſe. Doch das iſt nur ein Intermezzo. Die Hauptaction ruft nach New⸗Orleans auf den Sclavenmarkt. Der abſcheuliche An⸗ drew Jackſon Dewis hat ſeine Beute glücklich an Ort gebracht und bezieht mit ihr die Verkaufshalle. Menſchen von allen Schäͤttirungen erfüllen dieſebe. Und eben wird wieder ein ſtarker Negertrupp aus den Züchtereien der Carolinen angetrieben, ſie ſingen ihr Heimatslied id die An⸗ einem m und umul⸗ treten New⸗ , das n der rniger. ſonal. nyfen und n die Der t ſch ſchie⸗ wü⸗ jenes eine Auf⸗ gſett. Zu⸗ ioline ſinkt. tauf rneur eine iclich 3 mit nction An⸗ und ngen aus glied — 89— I born in Suth-Carlina Fine country ebber seen— während ihre Banjo's dazu klingen, und Jim Crow, die luſtige Perſon ihrer Volkskomödien, auf Commando Poſſen reißt, um der Menſchen⸗ waare durch Heiterkeit einen Firniß zu geben.— Treten auf: Magnolia, die reiche Kreolin, und Junker Tobias Sproul, der Geck, ihr Cicisbeo. Magnolia ſucht ein Kammermädchen zu kaufen; Junker Tobias lenkt die Aufmerkſamkeit auf Jane Norwood, indem ihn der begreifliche Wunſch leitet, für das Haus ſeiner ziemlich paſſirten Gönnerin etwas Schönes zu erſtehen. Die Scene könnte intereſſant werden, wie der arme Ritter die Börſe ſeiner Tyrannin zu dem größten Aufwande vermögen ſoll, ohne doch ihre geringſte Eiferſucht zu erregen. Leider hat der geprieſene Charakter⸗Darſteller der„Snobs“ nur wenig Ge⸗ legenheit, die komiſche Situation auszubeuten, denn der Platzregen des Spektakels bricht ſogleich wieder herein. Der vorwitzige Amoroſo tritt auf, Benjamin Ridge, der Schiffscadett, dem es geglückt war, der Fährte des Sclavenhändlers zu folgen. Das Jol ſeiner Liebe er⸗ blicken, den Gegenſtand ſeines Haſſes finden und Scandal anfangen, iſt das Werk eines Augenblicks. Der Tumult wird furchtbar. Na⸗ türlich unterliegt der kleine Cadett, aber Jane Norwood hat nicht umſonſt alle Verſe der Bibel aufgeboten in Mitte der großen Bedräng⸗ niß. Plötzlich erſcheint Kapitän Ebenezer Drivole, ein ſurchtbarer Deus ex machina. Er kommt von Halifax. In einer Hand die vollwichtige Prämie des ſehr ehrenwerthen Sir Jonathan Hodge, in der andern die Identitäts⸗Papiere über Jane Norwood ſchwingend, entlarvt er den Böſewicht, den ſchändlichen Sclavenhändler, d. h., er gibt dem Spektakel eine ungleich gräulichere Dimenſion als ſein ſchlankes Midſhippmänchen. Sämmtliche Sclavenhändler treten auf die Seite ihres Collegen, fürchterlich blitzen ihre Bowiemeſſer, herzzerreißend durchläuft Jane Norwood alle großen und kleinen Propheten der Bibel, die Stadtpolizei von New⸗Orleans tritt auf und nimmt ſeltſamer Weiſe Partei für den Sclavenhändler, da zerſchneidet im Tumulte Benjamin Ridge die Bande aller anweſenden Sclaven, ſchenkt ihnen mit dem Rufe brandy for ever! die Freiheit und ſtürzt ſich an der Spitze dieſes friſch geſchaffenen Contingents, das nicht wenig heult, in die Schlacht. Auch der geübteſte Theaterbeſucher kann jetzt vergeſſen, — 90— daß er vor einer Bühne ſitzt. Ein Stucker hundert Menſchen, wie Percy ſagen würde, ſind hier im Handgemenge und Alles prügelt ſich wirklich. Es iſt ein Hochgenuß. Die Parterre⸗Jugend ſtrampelt vor Wonne, Hoby der Newsboy wirft ſeine Mütze gegen den Kron⸗ leuchter, das übrige Publikum bleibt aber doch verhältnißmäßig ruhiger als bei der Schiffbruchs⸗Scene. Es iſt zwar warm und befriedigt, der Europäer ſieht aber, daß es nichts Geringeres erwartet, und daß dieſe Monſtre⸗Darſtellungen des Volkslebens die gewohnten Bühnen⸗ genüſſe des Amerikaners ſind. Der Prügel⸗ und Walkmühlen⸗Prozeß endet zwar mit dem Siege der Unſchuld, aber der Sieg iſt kein vollſtändiger. Der Sclavenhändler iſt vertrieben, aber er ſchnaubt Rache. Jane Norwood iſt gerettet, aber während der Kapitän ſie ehrlich nach Hauſe führen will, ge⸗ denkt ſie ſein Schiffscadett nun erſt auf eigene Rechnung zu entführen. So wechſelt ſinniger Weiſe mit der Prügel⸗ eine neue Intriguen⸗ Scene. Der liebenswürdige Benjamin macht ſich nicht das geringſte Gewiſſen daraus, ſeinen Herrn der Hafen⸗Polizei zu verrathen und ihn am Auslaufen nach Halifar zu verhindern, was ihm auch vor⸗ trefflich gelingt, da ganz New⸗Orleans ſclavenhändleriſch geſinnt und auf den Kapitän erbittert iſt. Dieſer hat Noth, ſich mit Jane Nor⸗ wood auf den Landweg durchzuſchlagen. Das eben ſucht der Cadett zu erreichen, denn der Landweg verſpricht ihm ungleich günſtigere Chancen für ſeine Jagd auf das Mädchen. Ja, ſo wenig ſerupulös i*ſt der holde Jüngling in ſeinen Mitteln, daß er unterwegs nahe daran iſt, ſogar mit dem Sclavenhändler ſich wieder zu verbinden; denn, cal⸗ culirt er, es wäre doch beſſer, daß ſie in New⸗Orleans verkauft würde, er könnte ſie ihrer Herrſchaft dann jedenfalls mit beſſerer Muße ent⸗ führen, als ſo. Moorfeld erwartete an dieſer Stelle nichts Anderes, als ein neues Eier⸗ oder vielmehr Orangenſchalen⸗Bombardement, aber er verzichtete ſogleich auf jedes urtheil über die ſittlichen Anſchauungen des Hauſes, denn das Publikum applaudirt vielmehr und ruft theil⸗ nehmend: a smart fellow! Alſo keine gêne einer moraliſchen Volks⸗ meinung, nur die höhere Rückſicht auf eine ergiebige Prügelernte ſchien den Dichter geleitet zu haben, daß er die ſchmähliche Allianz nicht doch verwirklichte. Denn während Benjamin Ridge und der Sclavenhändler, der inzwiſchen durch einen Bund mit den Indianern chen, wie rügelt ſich ſtrampelt en Kron⸗ g ruhiger befriedigt, und daß Bühnen⸗ em Siege enhändler gerettet, vill, ge⸗ ntführen. ntriguen⸗ geringſte then und ich bor⸗ unt und ne Nor⸗ r Cadett ünſtigere rrupulös he daran un, cal⸗ t würde, ße ent⸗ 83, als aber er zuuungen t theil⸗ Polks⸗ gelernte Allianz nd der dianern — 91— mächtig geworden, in aller Gemüthlichkeit ihre Compactaten beſprechen, ändert ſich die politiſche Sachlage. Die Handlung ſpielt ungefähr in dem Winkel zwiſchen Miſſiſſippi, Teneſſee und Alabama. Von Ken⸗ tucky herüber paſſirt ein Zug von Anſiedlern durch, welche nach Texas auswandern,— wilde, gerüſtete Hinterwaldsgeſtalten wobei dem lieben Benjamin das Herz im Leibe lacht. Schnell verläßt er die Parthie des Sclavenhändlers, der ohnedies nicht„geſund“ wäre, und ſucht das Bündniß dieſer neuen Abenteuerer für ſein Vorhaben. Nun denke man! Von einer Seite der Sclavenhändler mit Black Hamk und einem aufgewiegelten Indianer⸗Stamme, von der andern Benjamin Ridge mit den wilden Kentuckyern und endlich der Kapitän Drivvle, der zu ſeinem Schutze ein paar Compagnien Alabamer Landmiliz re⸗ quirirt— ſo thürmen ſich drei Prügel⸗Gewitter zugleich am Horizonte auf: wen ſollten nicht Wonneſchauer ſchütteln? Viele der Zuſchauer ſieht man ihre Plätze verlaſſen, um im benachbarten„bar“ durch ein Glas Rum ihre Nerven für den bevorſtehenden Kunſtgenuß zu ſtählen. Der Sturm bricht los. Kentuckyer, Indianer, Alabamer— die Parteien ſind ſo geſtellt, daß Alle gegen Alle kämpfen. Denn nicht Kampf, ſondern Chaos ſoll es zugleich ſein. Nicht Schläge müſſen fallen, ſondern ſie müſſen auch unverſehens fallen, Jeder muß doppelt angegriffen werden: wie er's erwartet und wie er's nicht erwartet. Das gibt Ueberra⸗ ſchung und Schadenfreude, das belebt das allgemeine Getümmel mit einer Menge intereſſanter Detailzüge. Oder was kann wonnevoller ſein, als zu ſehen, wie der Schlagriemen gegen das Bowiemeſſer klatſcht, während die Flinte auf den Schlagriemen anlegt, und der Stahldegen rücklings die Flinte anfällt? Solche Gruppen führen ſich blitzgleich dem Zu⸗ ſchauer vor, löſen ſich auf, arrangiren ſich wieder, Alles reißt ſich im Wirbel einander fort, die ganze Maſſe iſt im glühenden Fluß, ein Feuer durchrast dieſe Action, das gegen deutſche Theaterſchlachten ab⸗ ſticht, wie eine Brandrakete gegen ein fliegendes Glühwürmchen. Das Gemälde fällt freilich aus dem Scheinbaren in die baarſte Wirklichkeit, aber wenn die dramatiſche Kunſt hier aufhört, ſo wird wenigſtens die unglaubliche Gymnaſtik bewundert, womit ſich der Menſchenknäuel wirk⸗ lichen Tödtungen und Verwundungen entzieht, da er gleichwohl einen wirklichen Kampf aufführt. Auch die exacteſten Theaterproben, ſcheint's, können ein ſolches Enſemble nicht herſtellen, und wie enorm wären die „ muuf — 92— Koſten zahlreicher Theaterproben mit ſo zahlreichen Comparſen? Moor⸗ feld konnte kaum das Austoben des ärgſten Lärmes erwarten, um ſich mit dieſem Bedenken an ſeinen Nachbar zu wenden. Die Bedenken, die er gegen denſelben ſelbſt hatte, mußten momentan verſtummen davor. Zu löſenswerth ſchien ihm das Räthſel. Der Engländer fuhr wie aus dem Traume empor und fragte den Frager naiv: Sind Sie dem Stücke gefolgt? Moorfeld erſtaunte. War das ariſtokratiſche Gleichgiltigkeit, oder— die Zerſtreutheit eines Irren? Betreten antwortete er: daß ihm der Verfolg eines Theaterſtücks aller⸗ dings der Zweck des Theaterbeſuches ſei. Wahrſcheinlich ſind Sie ſelbſt Dichter? gab der Engländer zurück. Wir wiſſen nicht, ob wir das Er⸗ ſtaunen Moorfeld's in dieſem Augenblicke Bewunderung nennen dürfen, aber mit einem Ausdrucke, der ſonſt viel zuſammengeſetzter zu beſchrei⸗ ben wäre, antwortete er: Ich bin nicht dramatiſcher Dichter.— Alſo doch, erwiederte der Engländer ohne Umſtände. Damit war der Dialog zu Ende. Der Engländer ſchien Moorfeld's erſte Anrede vollſtändig vergeſſen zu haben. Aber vor dem Spektakel war inzwiſchen ſeine Dogge erwacht, ſie ſprang mit den Vorderfüßen gegen die Brüſtung und fing unter dem Gelächter des Hauſes laut nach der Bühne zu bellen an. Der Engländer brachte das Thier zur Ruhe— nicht wahr, das appellirt an die beſtialiſche Natur? ſagte er im Tone eines freundſchaftlichen Vorwurfes. Moorfeld ſchüttelte den Kopf. Auf ein⸗ mal wandte ſich Jener wieder an ihn:— Von den Comparſen ſpra⸗ chen Sie? Es ſind lauter Volontairs. Die Newyorker Rowdies wirken aus Liebhaberei mit, auch kommen Wunden und Tod wohl im Ernſte dabei vor. Ich bin nicht mehr fremd genug hier und habe dergleichen ſelbſt ſchon erlebt.— In der That, das war die einzig mög⸗ liche Erklärung einer ſolchen mise en scene. Mit einer ironiſchen Form dieſer Anerkennung ſagte Moorfeld, er hätte es allerdings den⸗ ken ſollen, daß nur die aufopferndſte Theilnahme des Publikums ſolche Kunſtblüthen zeitige. Der Engländer nickte lächelnd. Staub, Pulverdampf, Geſchrei und Getrampel hatte endlich aus⸗ geſpielt; das Schlachtfeld wurde leerer. Zurück blieb zuletzt nur der Sclavenhändler Andrew Jackſon Dewis. Er war in der„Affaire“ tödtlich getroffen worden, und hatte jetzt ſein großes Spiel. Er hatte zu ſterben. Sollte das ein Glanzpunkt in der Kunſtleiſtung des — Moor⸗ m ſich denken, davor. gte den . War Irren? aller⸗ eſelbſt as Er⸗ dürfen, eſchrei⸗ Alſo Dialog ſtändig n ſeine üſtung jne zu jnicht 3 eines uf ein⸗ ſpra⸗ dopdies d wohl nd habe mög⸗ niſchen 8 den⸗ likums aus⸗ nur der ffaie 3 hatte g des — 932— Mimen ſein, ſo war der Moment vom Dichter übel gewählt; denn nach dem Gewühl der großen Maſſen⸗Action war der Zuſchauer ent⸗ weder zu aufgeregt, als daß das Spiel eines Einzelnen durchſchlagen konnte oder dieſer Einzelne mußte ſeiner Sache ſehr gewiß ſein. Der Künſtler führte nun folgende Scene auf. Mit der klaffen⸗ den Todeswunde in der Bruſt, aus welcher er einen wirklichen Strom von rother Flüſſigkeit hervorrinnen ließ, dachte er vorerſt an's Sterben noch nicht. In beſtialiſcher Kampfeswuth rast er wie unſinnig auf der Bühne umher, ganz Nache gegen ſeine Mörder, ſchwingt ſeinen Schlagriemen, peitſcht, geißelt, klatſcht in die Luft, gegen die Couliſſen, an den Boden. Fürchterliche Gießbäche von Flüchen ſchallen aus ſeinem Munde und bezeichnen eine noch kraftvolle Lunge, während das rinnende Blut überall ſeinen Schritten nachtröpfelt. Aber indem ſeine Lebens⸗ geiſter noch unbändig ſtrotzen, fängt ſein Körper zu brechen an. Glied für Glied knickt ein, man ſieht den Tod durch ſeinen Körper laufen, wie über eine ſtufenreiche Treppe, die Ober⸗ und Unter⸗Gelenke der Arme, die Ober⸗ und Unter⸗Gelenke der Beine, jeder einzelne Wirbel des Rückgrates bricht zuſammen und muß dazu dienen, die Fortſchritte des Todes zu veranſchaulichen. Der Künſtler weiß ſeine oſteologiſchen Mittel mit einem Reichthume zu entfalten, der ein nur allzu genaues Studium beſtaunen läßt. Der Zuſchauer verwundert ſich über die Gliederung ſeines eigenen Körpers. Dieſen zerhackten, zerknickten, zer⸗ ſprungenen Leib jagt der Sterbende nichts deſto weniger heulend und brüllend noch eine Zeit lang umher, und ſtößt, ſchleppt und ſchleift ihn gewaltſam in wilden Tigerſprüngen herum, während ſeine Bewe⸗ gungen immer eckiger und brüchiger, von Tempo zu Tempo immer zuſammenhangloſer werden. Er ſpielt ſein Leben ab, wie ein ohrzer⸗ reißendes Drehorgelſtück, bei welchem Stift für Stift, von der Walze bricht. Und doch ſcheint er bis hierher ſeinen Tod nicht empfunden zu haben. Dieſer Moment tritt jetzt ein. Mitten im wildeſten Sprunge packt er ihn. Der Donner der Lippe erſtirbt, der gehobene Fuß ge⸗ friert, der geſchwungene Schlagriemen erſtarrt in der Luft, ſo ſteht er da mit ausholendem Körper, und kann nicht mehr weiter. Der Schlag⸗ riemen in der rechten Hand taumelt ſchlaff am Stiele herab, und leiſe zittert ſeine Spitze. Die linke Hand läßt von der Bruſtwunde los und fährt mit den blutigen Fingern über die Augen, gleichſam den 91 Todesnebel hinweg zu wiſchen. Dieſe Gebärde iſt namenlos traurig. Aber der Nebel war nicht zu verwiſchen, und der Sterbende erkennt ſeinen ganzen Zuſtand. Der Gedanke: aufhören, ergreift ihn zum erſtenmal mit vollem Bewußtſein. Verzweiflungsvoll rollen ſeine Augen, klappernd ſchlagen ſeine Kinnbacken an einander, die geballte Fauſt zittert heftiger, ſie löst ſich auf, der Schlagriemen ſchlottert einen Augen⸗ blick darin, dann fällt er dröhnend auf die Erde herab. Die Hand ſinkt nach. Alle Glieder ſinken nach. Er ſtürzt; die Hände tappen in Todesfinſterniß nach einem Halt, ſie tappen und greifen in's Leere, der Körper ſtolpert taumelnd über ſich ſelbſt,— da liegt er! Er liegt zu Boden. Aber todt iſt er noch lange nicht. Nur die willkürlichen Bewegungen haben aufgehört, die convulſiviſchen treten jetzt ein. Er fängt zu zucken an, er wälzt ſich unruhig hin und her, die Augen rollen nicht mehr, ſondern ſind blöd und groß herausgetrieben, ſeine Miene durchläuft eine Reihe der fürchterlichſten Grimaſſen und wird immer unkenntlicher. Auch die Stimme verändert ſich. Er ſpricht noch fort und fort, ſeine heißen Lebensgeiſter kühlen ſich zu ſchwer ab, er wird ſprechen bis zum letzten Athemzug. Aber es iſt keine Sprache mehr; die Stimme hat keinen Ton, keine Klangfarbe mehr. Hohl wimmert er die Töne in ſich hinein, er blöckt, er heult, er röchelt und ſtöhnt in Lauten, welche nicht mehr dieſer Welt gehören. Der fürchterliche Klang dieſer Stimme trifft von Zeit zu Zeit ſein eigenes Ohr, er erſchrickt, gibt ſich Mühe ſich zu verbeſſern— wechſelt zwi⸗ ſchen menſchlichen und thieriſchen Lauten und bezeichnet dadurch den Kampf des Bewußtſeins mit der überhandnehmenden Bewußtloſigkeit. Der letzte Ton, den er in der menſchlichen Stimmlage verſucht, mißlingt endlich gänzlich; ein raſpelnder Athem wälzt ſich durch ſeine Bruſt, ſeine Stimme kommt hervor wie zwiſchen Feilen und Kratzbürſten. Es i*ſt eine entſetzliche Erfindung um dieſe Sterbeſtimme. Gleichzeitig mit ſeinem Ausathmen verdunkelt ſich die Bühne. Sei es, daß es in dem Stücke ſelbſt Abend wird, oder daß das Auslöſchen eines Lebenslichtes mit dieſem ſymboliſchen Effect gehoben werden ſoll. Doch nein, es wird ein dritter Zweck davon deutlich. Der Sterbende wälzt ſich nach dem Hintergrund. Er ſtreckt ſeinen Körper dicht an den Vorhang deſſelben aus und ſcheint ſich in eine ruhige Lage zurecht zu rücken. Sein Röcheln wird nicht mehr gehört, ſein Zucken nicht mehr geſehen; caurig. erkennt zum Augen, Fauſt Augen⸗ Hand tappen Leere, r liegt rlichen . Er Augen ſeine d wid ſprich ſchwer keine mehr. röchelt Der eigenes t zwi⸗ — 95— die Agonie iſt aus, der Augenblick tritt ein, da ſich die Seele von dem Leibe ſcheidet. Auf einmal erblickt man dieſe Seele! Ja, man erblickt ſie! Vom Haupte des Sterbenden hervor taucht ein weißer durch Transparent erleuchteter Schatten, der die ungefähren Umriſſe einer menſchlichen Figur entwickelt, aber zerfedert und loſe, wie eine Dampfwolke, wie ein Nebelflor. Langſam löst ſich dieſes Lichtbild von dem dunkeln Erdenkörper ab und ſchwebt an dem Vorhang empor. Da regt ſich der Körper noch einmal. Die Hände tappen und greifen nach dem Lichtbilde aus, wie mit magnetiſchem Zuge folgt der übrige Körper nach, der ganze Leib richtet ſich auf und folgt ſeiner Seele! Er klettert an den Vorhang hinan, die Hände immer nach der ent⸗ ſchwebenden Seele ausfahrend, im tiefſten Gurgelſchlunde ein dumpfes wimmerndes Brüllen. Aber das Lichtbild iſt nicht zu halten. Ver⸗ gebens ſtreckt ſich der Körper, der angehende Leichnam, in gräßlich übernatürlicher Länge, ſein neblicher Licht⸗Extract ſteigt über ihn hinaus wie eine Rauchſäule, höher, immer höher ſteigt die Geſtalt, endlich ſteht ſie mit ihrer unterſten Fußſpitze auf dem Haupte des Sterben⸗ den, es iſt der Moment der gänzlich vollzogenen Loslöſung. Noch macht der Leib einen galvaniſch-zuckenden Sprung nach dieſer äußerſten Fußſpitze, er erreicht ſie nicht mehr,— ein gellender Schrei— letz⸗ tes Aufflackern— ein ſchwerer dröhnender Fall— der Körper ſtürzt um,— er iſt todt.— Moorfeld fand ſich in einer der unangenehmſten Empfindungen nach dieſer Scene. Es war keine Geſchmacks⸗Faſer in ſeinem ganzen Leibe, die nicht unerhört beleidigt, zu Gelächter und Abſcheu entſchie⸗ den bereit war. Und doch mußte er ſich geſtehen, daß in dieſer bru⸗ talen Farce ein falſcher und mißbrauchter Funke von Genie ihm das reine Aergerniß daran verkümmerte, daß die Affenfratze gewiſſe Züge von der Menſchheit entlehnt hatte, die man ſich erſt aus dem Sinn ſchlagen mußte, um die Affen⸗Identität nicht zu verkennen. Inzwiſchen übertäubte der Lärm des Hauſes jede ſtillere Reflexion in ihm. Namentlich zog das Parterre ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Die Jungen klatſchten, als ob man ſich neue Finger, wie neue Hand⸗ ſchuhe anſchaffen könnte, ſie ſtrampelten gegen den Boden, daß das Fundament des Hauſes zitterte. Hoby, der Newsboy, warf endlich vor Begeiſterung ſeiner nicht mächtig, ein Münzſtück auf die Bühne, — 96— und ſchrie, mit dem Modell aller Menſchenlungen:„Noch einmal ge⸗ ſtorben! für einen Dime, Mr. Blackely, noch mal geſtorben”’,— und als der beſcheidene Künſtler dieſem Appell an ſein Genie nicht allſo⸗ gleich Folge leiſtete, ſtürzte der ſeltſame Kunſtmäcen wie raſend ſeine Taſchen um, warf ein Münzſtück um's andere über die Lampen, und ſchrie dazu:„Gott verdamm' Euch, Mr. Blackely, wir ſchmeißen Euch mit Dollars todt, wenn Ihr nicht gutwillig ſterbt, Ihr allmächtiger Satan.“ Und zugleich hagelte es aus allen Taſchen der Straßenjun⸗ gen, Lehrlinge und Newsboys eine Sprühwolke von zehn Centſtücken auf die Bretter, welche die Welt bedeuten. Iſt's möglich! rief Moorfeld mit einer unwillkürlichen Bewunde⸗ rung, dieſer Roheſte der Rohen wirft ſeine ganze Tagesrente hin, weil er die Beſtie, der er ſie opfert, für Kunſt hält. Welche Höhe müßte bei ſo viel Empfänglichkeit die Kunſt ſelbſt hier erreichen, wenn ſie den Gott ſtatt des Thieres im Menſchen entzündete! Pardon, mein Herr! rief der Engländer bei dieſem Ausbruch ohne eine Miene zu verziehen, es iſt hier zunächſt von einem Geldgeſchäft die Rede. Der Burſche wirft keinen Cent auf die Bretter, den er nicht doppelt zurückerhält, weil er ihn einzig in der Abſicht wirft, die Centſtücke ſeiner dupirten Kameraden damit zu ködern. Er iſt der agent provocateur ſeines Mr. Blackely, er wird von dem Mimen be⸗ zahlt, wie der mattre de la claque in Paris. Nur die Form dieſer Claque iſt amerikaniſch. Moorfeld ſenkte ſein Haupt. Können Sie mir ſagen, mein Herr, ob Newyork etwa Liebhaberbühnen von Ruf beſitzt? begann er nach einer Pauſe. Mr. Bennet, mein ſchätzbarer Freund, unterhielt ſonſt ein vor⸗ zügliches Haustheater— antwortete der Engländer, und fügte mit Haſt hinzu: Ich bitte mir das Vergnügen aus, Sie ihm vorzuſtellen, Sir. Er hält zwar in der saison morte auf New⸗Jerſey Villeggiatur, aber wir wollen hinausfahren, Sir. Ich will Sie auf New⸗Jerſey vor⸗ ſtellen, Sir; wahrhaftig ich will es, Sir, nennen Sie mir Tag und Stunde, ich bin ganz zu Ihren Dienſten, Sir. Moorfeld fand ſich, um die Wahrheit zu ſagen, mehr verlegen als dankbar für dieſe Güte geſtimmt. Konnte er annehmen? Die unge⸗ wöhnliche Zuvorkommenheit des Fremden— zwar war ſie nicht mehr, mal g⸗ — und t allſo⸗ nd ſeine en, und hen Euch rächtiger ßenjun⸗ niſtücken ewunde⸗ in, well 3 müßte enn ſie ich ohne geſchft den er iſt, die iſt der nen be⸗ n dieſer n Herr, er nach in vor⸗ te mit ſſtelen, ggian⸗ t vor⸗ ag und gen 1ls ungk⸗ mehr/ — 97— als folgerichtig von dem Manne, der ſchon ſeinen Hund ſo artig be⸗ handelte— aber eben dieſes Letztere?— In dieſem Augenblicke hatte die Claque des Newsboys geſiegt, und Mr. Blackely erklärte ſich bereit, indem er das zugeworfene Spielhonorar mittelſt Beſen einſam⸗ meln ließ, ſeine bewunderte Sterbeſcene zu wiederholen. Das war mehr, als Moorfeld an einem ſchwülen Sommerabend für wünſchens⸗ werth hielt. Er griff nach ſeinem Hute; der Engländer wiederholte ſein Anerbieten, ihn vorzuſtellen— ja, gleich morgen ihn abzuholen. Moorfeld, zwiſchen dem Wunſche, den vielgenannten Kunſtmäcen, Mr. Bennet, endlich kennen zu lernen, und dem Bedenken gegen die vor⸗ liegende Gelegenheit, beſann ſich auf einen aufſchiebenden Mittelweg, worauf die Herren ihre Karten austauſchten, ſich wechſelweiſe einladend. Mit Ueberraſchung las Moorfeld auf der Karte des Fremden den Na⸗ men: Lord Arthur Ormond. Da geſchah ein Krach durch das Haus — es war die Stimme Mr. Blackely's, der von Neuem zur Todes⸗ verzweiflung anſetzte. Moorfeld ergriff die Flucht.— Sechstes Kapitel. Als Moorfeld unter den ſtillen Nachthimmel heraustrat, ward ihm eine freundliche Ueberraſchung. Deutſche Handwerker zogen am Hauſe vorbei und ſangen eines ihrer ſchönen Heimathslieder. Das Lied be⸗ wegte ſich von den wohlklingenden Männerſtimmen getragen in weni⸗ gen glücklich gruppirten Accorden, es ſtieg wie reine Goldſtrahlen aus dem Herzen. Moorfeld ſtand und lauſchte. Es war ihm wie die Berührung einer Freundeshand, nach dem Anfall eines Straßenräubers. Nie hatte ein Lied eine glücklichere Wirkung. Wie hob ſich deutſches Maß von amerikaniſcher Graßheit hier ſo ſonnenhell ab! Die Sänger woben ihrer Nation ein Ehrenkleid, von dem ſie ſelbſt nichts ahnten. Moorfeld folgte ihnen durch mehrere Straßen. Es that zu wohl, von dieſen Klangwellen ſich ſo fort ſpülen zu laſſen. Und als erſt D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. 7 — 93— Wagengeraſſel und Menſchenverkehr aufhörte, die Muſik ſtörend zu kreuzen, genoß er um ſo behaglicher. So wurde der Zuhörer unverſehens in eine Region verlockt, welche nicht nur wenig befahren, ſondern ſelbſt wenig betreten ſchien. Mit jeder Wendung, mit jedem Schritte nahm der Charakter der Einſam⸗ keit überhand. Newyork zerſplitterte ſich plötzlich wie ein aufgelöster Noſenkranz in alle Winde. Der Fremde ſtand ſo zu ſagen im freien Felde. Zwar ließ ſich die gradlinige Anlage der Straßen auch hier wie überall wahrnehmen, aber die lückenhafte Art, womit dieſe Linien angebaut waren, gab dem ganzen Bezirke etwas Chaotiſches trotz dem mathematiſchen Grundriſſe. Es war offenbar das jüngſte Quartier von Newyork. Die Anſiedlungen beſtanden großentheils aus Gärt⸗ nereien, wie ſie an den Rändern der Städte zu lagern pflegen, bis ſie von dem nachrückenden Culturleben weit und weiter hinaus gedrängt werden. Handel⸗ und Gewerbsleben war hier noch wenig vorhanden, die Grundſtimmung des Ganzen eine vorherrſchend ländliche. In regelloſen Entfernungen blinzelten Laternenpfähle, hie und da guckte ein talg-helles Fenſter in die Dämmerung— zerſtreute Lichtpunkte, welche den Wüſten-Charakter dieſes Bezirkes noch ſinnlicher ausdrücken halfen. Der Chorgeſang war inzwiſchen verſtummt und die Sänger um eine Straßenecke verſchwunden. Moorfeld ſtand plötzlich allein auf dieſem unbekannten Boden. Jetzt erſt wurde die Einſamkeit einſam um ihn. Er mußte ſich wie ein Erwachender beſinnen, ob er wirklich noch in Newyork ſei. Ein Glied dieſer ewig ſchlafloſen Stadt, das mit einbrechender Dämmerung ſchon Nachtruhe hielt,— es war ſo gar nichts Amerikaniſches in dieſer Scene. Doch ja, der Charakter des Unheimlichen fehlte ihr, die verdächtige Gauner⸗ und Hochſtappler⸗ Luft. Wenn in Europa's entlegenen Stadttheilen die Aermſten woh⸗ nen, ſo wohnen hier, wußte er, höchſtens die Neueſten. Es wehte jener beklemmende Athem der Unſicherheit aus dieſem Nachtbilde nicht, in das er ſo unverſehens als Staffage geſtellt war. Er ſah ſich daher getroſt um einen Führer um, dem er es überlaſſen mochte, in Er⸗ manglung einer Fahrgelegenheit, ihn auf den rechten Weg zurück zu bringen. Zu dieſem Ende that er einige Schritte vorwärts gegen ein einzelnſtehendes Haus mit einem Wirthsſchilde, welches die Deutſchen nd zu welche Mit inſam⸗ elöster freien h hier Linien H dem lartier Gärt⸗ 1, bis drängt anden, . an guckte uunkte, rücken er um in auf einſam virklich t, das var o zrakter ppler⸗ woh⸗ wehte . nicht, daher i Er⸗ rück zu en ein utſchen — 99— vermuthlich aufgenommen hatte. Das Wirthsſchild trug, wie beim Dämmer des Tages und eines rothen Lämpchens überraſchend zu leſen war, die Aufſchrift: Gaſthaus zum grünen Baum. Bei dieſem An⸗ blicke zweifelte Moorfeld keinen Augenblick, daß er ſich in jenem nord⸗ öſtlichen Ende der Stadt befinde, welches er, wie er ſich erinnerte, Kleindeutſchland hatte nennen hören. Nur an einem Punkte, wo er ſich in einem Lager von Landsleuten fühlte, konnte ein deutſcher Wirth es gewagt haben, dieſe erzdeutſche Firma zu führen. Er kannte alſo das unbekannte Stadtviertel jetzt wenigſtens dem Namen nach. Er trat n den grünen Baum ein. Ja hier war Deutſchland! Die Geſellſchaft deutſche Phyſiognomien, die Schenkeinrichtung deutſch, die mäßig⸗große, längliche Gaſtſtube von einer Durchzugswand in zwei gleiche Hälften getheilt, augenſcheinlich um der deutſchen Sonde⸗ rungsſucht das beliebte„Extrazimmer“ zu bieten. Und doch nahm das Publikum dieſes Locales eben ſo augenſcheinlich eine ziemlich gleiche Glücksſtufe ein: gleicher, als Manchen vielleicht lieb ſein mochte. Die Meiſten der Anweſenden waren in dieſem Augenblicke mit ihrem Abendbrode beſchäftigt, welches ſie auf deutſche Art einnahmen, d. h. nach der Karte und an geſonderten Tiſchen, anſtatt daß die ameri⸗ kaniſche Sitte ſelbſt zum Frühſtück und Thee Table d'höte hält. Auch ihre Mienen waren mit ganzer Andacht und Bedächtigkeit bei dem Genuſſe; hier wurde nicht amerikaniſch gejagt und geſchluckt', jeder Biſſen ging in's Bewußtſein über, man ſpeiste im Geiſte wie in der Form deutſch. Ja, manch ernſte Stirn, manch ſprechender Blick ſchien zu verrathen, wie viel dem Manne die Mahlzeit werth ſei, die er vor ſich hatte, wie viel ſeines eigenen Arbeiterwerthes er darangeſetzt, ſie zu erringen.— Der Ankömmling dachte vornehmer, als daß er mit einem Geldſtück in der Hand ſich zum Herrn über die Tafelmuße ei⸗ nes dieſer Hungrigen aufgeworfen hätte. Mit jener Menſchenachtung, die des Gebildeten echteſtes Merkmal iſt, ſah er auf den anweſenden Nährſtand, der hier den angenehmeren Theil ſeiner Standesehre er⸗ füllte, und wollte ihm keinerlei Abbruch thun. Vielmehr nahm er ſelbſt Platz in dem Gaſtzimmer, beſtellte ſich ein Souper gleich den Uebrigen und engagirte ſich im Verlaufe deſſelben den benöthigten Wegweiſer gelegentlich. Da er ſich der deutſchen Sprache bediente, ſo konnte er mit Ver⸗ 7*† 100 gnügen bemerken, wie wenig ſein Eintreten den Leuten, die offenbar unter ſich ſein wollten, Zwang auferlegte. Nur im erſten Augenblicke gab ſich eine Neugierde kund, wie ſie eine ungewohnte Erſcheinung in einem Kreiſe von Bekannten wohl zu erregen im Stande iſt. Nament⸗ lich ſchien es zu intereſſiren, ob man einen Mann vor ſich habe, der auf eine verdeckte, geſchäftskluge Art vielleicht Arbeitskräfte anzuwerben bezwecke, oder das Gegentheil: ob er ſelbſt als ein angehender Schick⸗ ſalsgenoſſe der verſammelten Kleindeutſchen gekommen ſei. Moorfeld wußte zu befriedigen, und den Geiſt des Fremdartigen, das um ihn lag, mit dem einheimiſchen ſchicklich auszugleichen. Es gelang ihm mit wenigen Griffen, die Unterhaltung dahin zurückzulenken, wo er ſie vorgefunden zu haben glaubte. Hierauf überließ er ſie wieder ihrem eigenen Gange, dem ſie nach wenigen Minuten auch ſo unbefangen folgte, als ob nichts Neues dazwiſchen getreten wäre. Die Scene des grünen Baums, wie ſie dem Ankömmling in Kur⸗ zem erkennbar wurde, war folgende. Der Wirth hieß„der deutſche Kaiſer“. Er trug eine körperliche Größe und Maſſe zur Schau, wie man ſie nur hinter dem Vorhang einer Jahrmarktsbude zu erwarten gewohnt iſt; frei und unbezahlt ſie zu ſehen, erhöhte den Effect ſeines Anblicks. Sein breites ſchwäbiſches Geſicht drückte übrigens jenes be⸗ ſcheidene Geiſtesmaß aus, welches den Rieſen ſeines Schlages in der Regel inne zu wohnen pflegt, auch ſtand er bis zum Kindermärchen unter der Autorität eines klugen ſtumpfnäſigen Töchterchens. Dieſes Mißverhältniß zwiſchen ſcheinbarer und wirklicher Machtfülle hatte offenbar jener heitere Kopf im Auge gehabt, der mit einem beſſeren Inſtinct des Lächerlichen als des Tragiſchen das bankerotte Kaiſer⸗ Ideal Deutſchlands auf eine ſo bedeutungsvolle Perſönlichkeit über⸗ tragen. Die Gäſte des grünen Baums waren deutſche Handwerker und kleine Geſchäftsleute;— ein Publikum von höchſt gemiſchtem Schickſale, das aber bei Allen, wie es ſchien, auf demſelben Endpunkte angekommen war. Die Unterhaltung bewegte ſich über das Thema von ſchlechter oder fehlender Arbeit, von trüben Ausſichten oder un⸗ mittelbarer Noth. Chorführer von dieſer traurigen Converſation waren ein Bäcker mit Sachſen⸗Altenburg'ſcher Mundart, ein Schneider aus dem Würtemberg'ſchen, und ein pfälziſcher Schreiner; dazu geſellte ſich zeitweilig ein Gärtner aus der Frankfurter Gegend, welcher nach ffenbar enblicke uung in tament⸗ e, der werben Schick⸗ vorfeld m ihn ig ihm er ſie ihrem efangen in Kur⸗ deutſche iu, wie warten ſeines nes be⸗ in der märchen Dieſes e hatte beſſeren Kaiſet⸗ über⸗ dwerker ſniſchtem dpunkte Thema der un⸗ waren der au llte ſch er nach 101 jedem Schluck Whisky den deutſchen Kaiſer zu einem Importverſuch von Aepfelwein aufforderte, oder die Tochter deſſelben um„den Zweck des Daſeins“ befragte. Einer abweſenden Perſon, deren Ankunft eben erwartet wurde, gedachte man unter dem Titel des„Rector magnificus“,— offenbar ein Scherzname gleich dem obigen, wie überhaupt der Geiſt jenes Humors, welcher mißliche Verhältniſſe mit ihrem ironiſchen Gegenbilde aufzuheitern liebt, der Geſellſchaft des grünen Baums nicht gänzlich verſiegt zu ſein ſchien. In dieſem Geiſte redete der Pfälzer jetzt zu einem Ecktiſch hinüber, der eben erſt bedient wurde, und offenbar von jenen Chorſängern be⸗ ſetzt war, welche dem tragiſchen Kunſtgenuſſe Moorfeld's ein ſo ſchönes Nachſpiel geliefert. Der Pfälzer forderte einen jener Tiſchgenoſſen auf: Henning, was bringſt du uns Gutes mit? Laß dich hören! Wir ziehen wieder Mäuler, wie gebrühte Katzen. Der Angeredete antwortete: Iß Käſe! Käs erfreut des Men⸗ ſchen Herz. Wie auf ein Signal erhoben alle Tiſche ein Gelächter. Es war erſichtlich: der Menſch, der das geſprochen, war die luſtige Perſon dieſes Kreiſes. Er gehörte zu jener Sorte von Geſellſchaftstalenten, welche, ſie mögen thun oder laſſen was ſie wollen, ein- für allemale den Credit der komiſchen Kraft für ſich haben. Gewöhnlich werden Spaßmacher dieſes Genres ſchon durch ihre Perſönlichkeit unterſtützt. Henning, der Schriftſetzer, war eine lange, hagre Figur, ſchlotternd und ſcheinbar abgeſpannt bis zum Schatten eines Menſchen. Was er ſprach, trug er mit äußerſter Gleichgiltigkeit vor, und in einem ſo hohlen Baſſe, wie ihn etwa Menſchen annehmen, welche am Nikolaus⸗ Abend den Kindern Geſpenſter vormachen. Seit ſeiner Geburt, wie er ſagte„im letzten Stadium der Schwindſucht“ begriffen, hatte er von dieſer vielleicht wirklich jenes dumpfe Timbre ſeiner Stimme, ſo wie den hohläugigen groß⸗ſtarrenden Blick, mit deſſen fürchterlichem Rollen er nicht die geringſte ſeiner komiſchen Wirkungen erzielte. Kurz, Herr Henning war einer jener beliebten Geſellſchafter, welche Alles um ſich her lauſchen ſehen, ſo wie ſie den Mund) öffnen, deren Anblick allein ſchon erheitert, deren Wort regelmäßig einen Chorus dankbaren Gelächters nach ſich zieht, ohne Unterſchied, ob es mehr oder weniger witzig gerathen iſt, ja ob es nur immer verſtanden wird, 102 oder nicht. Eine ſolche Scene ſah Moorfeld jetzt ſpielen, ungefähr in folgender Weiſe. Dem Schriftſetzer wurde ſein Abendeſſen gebracht, Beafſteak mit Kartoffeln. Bedächtig wendete er das Beafſteak um und um und ſah es mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an. Dann ſagte er ruhig: das Beafſteak ſeh' ich wohl, aber das Fleiſch nicht. Gelächter. Der Pfälzer rieb ſich vergnügt die Hände. Er freute ſich auf den Sprudel der Unterhaltung, die er herankommen ſah, und die Sache in Schwung zu bringen, hetzte er an dem Wirthe: Haben Sie's gehört, Herr Häberle? Der monſtröſe Wirth ſpielte mit den Fingern in ſeinem Schwarz⸗ wälder Hoſenträger und lächelte geduldig. Der Pfälzer wendete ſeine erwartungsvollen Blicke wieder auf den Schriftſetzer zurück. Dieſer griff nunmehr zu Meſſer und Gabel und fing an ſeine Portion in Stücke zu ſchneiden. Dazu brummte er: Das iſt ein Beaſſteak wie ein Ohrläppchen ſo groß. Gelächter. Was ſagen Sie, Herr Häberle? bohrte der pfälziſche Schreiner. Aber der ehrliche Schwabe ſchmunzelte nur, wie Einer der es ge⸗ wohnt iſt, Zielſcheibe zu ſein, und nie daran denkt, Gleiches mit Glei⸗ chem zu vergelten. Henning ſagte: Laß ihn gehen, den grünen Baumwirth. Er iſt ja noch ärger als unſer Schiffsrheder. Da hatten wir doch täglich zwölf Loth Fleiſch auf den Kopf, die Maus nicht mitgerechnet, die ich einſt aus dem Suppenkeſſel ſchöpfte. Sie war ganz ausgewachſen. Gelächter. Aber des Wirthes Töchterlein nahm ſich der väterlichen Ehre jetzt an und fragte ſpitz: Wiſſen Sie auch, Herr Henning, was die Lenden⸗ ſtücke heute koſteten? Henning antwortete gelaſſen: Je theurer die Sachen ſind, deſto wohlfeiler muß ſie der Wirth geben können. Das iſt ſein Profit. Gelächter. Dann fuhr er fort: Weil mein Magen eben falſche Toilette macht, geben Sie mir zu dieſem Schönpfläſterchen von einem Beafſteak auch ein Flacon Bier. ngefähr eak mit und ſah ruhig: ſich auf und die Haben cſwarz⸗ te ſeine Dieſer rtion in tak wie aner. es ge⸗ it Glei⸗ Er iſ täglich net, die wachſen⸗ hre jeßt Lenden⸗ , diſi vft. emach, af au 103 Gelächter. Und mit gänzlicher Abſpannung ſetzte er hinzu: Das heißt leben! Wollte Gott, ich wäre die Seeſchlange, ſo würd' ich doch Einmal ausgeſtopft, nach meinem Tode wenigſtens. Aber unſer deutſcher Kaiſer, der Mehrer des Reichs, gibt mich auf, wie die Rheingränze. Zum Skelett bin ich ausgedorrt unter ſeiner Regierung. Die Würmer ſterben am Hungertyphus, die ſich einſt an mich machen; Gott ver⸗ damm' mich! man wird mich in Schmalz backen müſſen, wenn ich or⸗ dentlich aufgeſpeist werden ſoll. Schallendes Gelächter. Unter dieſem Stoßſeufzer verſchlang der arme Phthiſiker ſein Beaf⸗ ſteak mit dem ganzen Heißhunger ſeiner Conſtitution. Dazu rollten ſeine Augen mit einem höchſt grimmigen Ausdrucke, nur ſeine Zunge ſchwieg. Letzterer Umſtand ſchien der Geſellſchaft indeß gar nicht ge⸗ müthlich. Der pfälziſche Schreiner ſuchte wieder Gelegenheit. Nach einer Pauſe fing er an: Was ſeh' ich, Henning, du trägſt ja noch einmal ein gewaſchenes Hemd? Und deine chriſtliche Miſtreß Waſchfrau, Mitglied von einem Schock Bibelgeſellſchaften, Conventikeln und Miſſionen, hat dir doch den Dienſt gekündet. War's nicht ſo? Der Schriftſetzer nickte. Sie wollte dir, ſagte ſie, diesmal nicht aus dem Zimmer gehen, wenn nicht der letzte Cent bezahlt würde? Verſtand ich dich recht ſo? Der Schriftſetzer nickte. Ei, das müſſen wir hören! Wie lief die Geſchichte ab? Wie kamſt du zu dem Hemde? Wie kam Frau Appendage oder Affentiſch um ihre Sir⸗Pence? Wie iſt dir's gelungen, den frommen Klauen des Waſchbären zu entrinnen? Der Schriftſetzer würgte ſo viel ſeines Mundvorraths hinunter, daß er zur Noth die Eßwerkzeuge als Sprachwerkzeuge frei bekam, und brummte im tiefſten Baſſe: Inſpiration! Der Schreiner machte eine aufmerkſame aber fragende Miene. Der Schriftſetzer illuſtrirte ſein Wort, indem er ſtumm mit der Gabel an die Stirne deutete, und dem Schreiner mit einem Blick voll welt⸗ bezwingender Genialität in's Geſicht ſtarrte. Der Burſche fühlte ſich ordentlich imponirt und ſagte mit einigen 104 Ehrfurchtsſchauern: Um Gotteswillen ſtelle dein Licht nicht unter den Schef⸗ fel! Laß uns von deinem Genie profitiren! Wir Alle leiden ja an unſrer Frau Affentiſch; was hat Kleindeutſchland dem amerikaniſchen Yankee- Tricke entgegenzuſetzen, wenn nicht ſeinen alten ehrlichen Mutterwitz? Warum man doch Mutterwitz ſagt? fragte der deutſche Kaiſer, dem dieſer Gegenſtand freilich ſehr fraglich war. Warum ſagt man denn Blaſewitz? antwortete Henning mit ruhiger Würde. Das Gelächter, das dieſer Belehrung folgte, brachte indeß den Schreiner von ſeinem Thema nicht ab. Er fuhr fort, das Abenteuer des Schriftſetzers mit ſeiner Waſchfrau zu urgiren. Dieſer wiſchte ſich endlich mit der Serviette den Mund, um welchen in der That ein goldnes Lächeln ſpielte. Dann fragte er gegen das Wirths⸗ töchterchen hin: Haben Sie ein zartes Gehör, Fräulein Veronika? Wägerli, es mag mir ein ſchön' Späßle ſein! antwortete das Schwabenmädchen. Practiſch war's wenigſtens, verſetzte Henning. Und ohne auf die weibliche Zuhörerin weiter zu achten, die ja keineswegs abgelehnt hatte, ſprach er mit ſeiner ſaloppen, phlegmatiſchen Manier:„Männerkeuſch⸗ heit“ iſt ein ſchönes Gedicht von Gottfried Auguſt Bürger. Aber Gott⸗ fried Auguſt Bürger hat in Göttingen waſchen laſſen, nicht in Ame⸗ rika, wo das Dutzend Wäſchſtücke einen Dollar koſtet, ohne Ausnahme: ſind's Taſchentücher oder Bettücher. Sonſt hätte der Herr Profeſſor wahrſchein⸗ lich meine Keuſchheit beſungen, ſtatt ſeine Männerkeuſchheit: es wäre ſeinem Kennerauge nicht entgangen, um wie viel ſie der Unſterblichkeit würdiger iſt. Ich prahle nicht; die Geſchichte war nämlich ſo: Heut morgen ſtand mir die Stunde bevor, wo mir die Frau Appendage ohne Geld nicht aus dem Zimmer gehen wollte, wie mir angedroht war. Dieſem Schickſale gegenüber erfand ich folgende einfache Vorrichtung. Ich blieb liegen. Nicht daß ich etwa für krank gelten wollte, pfui der Heuchelei! aber ich blieb eben liegen. Punktum. Ich heuchle nicht, im Gegentheile; ich bin immer ein unverblümter Kerl geweſen, und an dieſem Morgen war ich's erſt recht. Alſo blieb ich liegen. Das er⸗ findungsreiche Haupt tief in's Kiſſen gewühlt, die Decke ſittiglich bis an das Kinn gezogen, erwartete ich ruhig das Weib des Gewäſches. Es klopft. Herein! Nun müßt ihr wiſſen, eine echte amerikaniſche Lady wäre gleich an der Thüre in Ohnmacht gefallen über den An⸗ ———— Schef⸗ unſrer nkee- rwitz? Kaiſer, g mit brachte t, das Dieſer in der girths⸗ ka! te das duf die hatte, keuſch⸗ Gott⸗ Ame⸗ ſind rſchein⸗ 3 wäre blichkeit morgen e Geh Dieſem . 3c fui der e nicht und an Das er⸗ ich bi vüſches⸗ kaniſhe en Ar— 105 blick eines Mannsbildes im Bette. Aber meine Frau Appendage, Mitglied von ſo und ſo viel Religions⸗ und Sittlichkeits⸗Compagnien, trat herzhaft ein. Das verrieth ſchon ihre unerſchütterliche Entſchloſſen⸗ heit, ſich diesmal Geld auszufechten. Sie warf ſich auf's chriſtliche Mitleid, und ſtellte ſich, als ob ſie mich für unpäßlich hielte: ſo kam ſie um die weibliche Sittſamkeit herum. Ich dachte mir: Warte, du falſches Stück Katzenvieh, du findeſt doch noch einen Klügern. Alſo: Guten Morgen, Herr Henning.— Guten Morgen, Frau Appendage.— Ei, du mein ſüßes Gottchen, fehlt Ihnen etwas? Wollen Sie in die Apotheke geſchickt haben?— Danke, danke, es geht wohl.— Nun deſto beſſer; hier bring' ich die Wäſche.— Schön, legen Sie's dort⸗ hin.— Wie, mein werther Herr Henning, das Hinlegen allein kann mir nichts helfen! Sie wiſſen doch, daß ich heute Geld haben muß?— Haben ſollen Sie allerdings was, aber Geduld, das iſt viel chriſt⸗ „ licher als Geld.— Sie gottloſer Spötter! Ich kenne die Moral und lerne ſie noch von ganz andern Geiſtern als Sie mir ſind. Sie ſollen mir ſagen, was chriſtlich iſt! Zahlen iſt heute chriſtlich. Ich will Geld haben!— Da ſchlagen unſre Herzen vollkommen einig, Frau Appendage, denn auch ich will Geld haben; ich hab's aber nicht.— Das kümmert mich wenig; kurz ich gehe heute nicht aus dem Zimmer, bis ich nicht auf den letzten Cent bezahlt bin.— In dieſem Augen⸗ blicke ſtand ich auf, ſie zu bezahlen.— Wer lacht da? Honny soit qui mal y pense! ſagt die Königin Eliſabeth eine Scene zuvor, als ſie den Mortimer zum Giftmorde dingt, und ihm eine Nacht verſpricht. Das war ein Weibsbild! Wenn unſer einer ſo wär'! Aber nein; im Gegentheile, ich war nie unſchuldiger als heut Morgen, da ich aufſtand, meine Frau Appendage zu bezahlen. Auf Ehre, ich zeigte mich ihr wie ein neugebornes Kind, ſo unſchuldig, will ich ſagen. Ihr hättet's ſehen ſollen, wie hübſch dem langen Henning das Kleid der Unſchuld zu Geſichte ſtand. Wenigſtens paſſend ſind ſolche Kleider, ſie machen kein Fältchen, ich verſichere euch. Aber meine Frau Appendage— Herr Jeſes, ſo ſoll ich kreiſchen hören! Gott weiß, was ſie hatte; konnte ich ahnen, daß ihr die helle pure Kinderunſchuld ſo ein Dorn im Auge war? Kriſch, kraſch, kruſch! kreiſcht ſie auf, als ob ein gan⸗ zes Neſt von Kibitzen zerſtöbe, und zur Thüre war ſie hinaus, wie ein Kreiſel. Durch's Schlüſſelloch rief ich ihr nach: Ei, Frau Appen⸗ 106 dage, Sie wollten mir ja nicht aus dem Zimmer gehen, das heißt wohl ſpringen wollten Sie draus? Wie Sie meinen, Frau Appendage, ganz nach Ihrem Belieben. Drauf ruf' ich meinen Kammerdiener, laß mir Toilette machen— et sic me serfafit Apollo! Nach dieſem Vortrage brach ein Sturm von Beifall und Heiter⸗ keit los. Die ganze Gaſtſtube erhob ſich mit impoſantem Tumulte. Alle Arme fuhren mit ihren Gläſern empor, Mann für Mann, Tiſch für Tiſch ſtieß an, und wie auf ein Zeichen erſcholl's im Chorus: Unſer Bruder Henning der ſoll leben! Dazwiſchen ſprang der Pfälzer, kirſchroth vor Begeiſterung, in die Mitte und fing mit bombenähnlicher Betonung der erſten Note zu ſingen an: Feierlich ſchalle der Jubel⸗ geſang! Auf einmal ſchrie eine Stimme: Einen Kranz! einen Kranz! eine Bürgerkrone für den Retter Kleindeutſchlands! Der Vorſchlag zündete augenblicklich; die Geſellſchaft ruhte nicht bis des deutſchen Kaiſers Vronele einen Strohkranz aus der Küche geholt hatte. Der pfälziſche Schreiner ergriff ihn, und um Fallſtaff's Wort zu bethätigen: ich bin nicht nur ſelbſt witzig, ſondern auch Urſache, daß Andere Witz haben,— ſchickte er ſich an, die Krönung des witzigen Schriftſetzers mit einer witzigen Anſprache vorzunehmen. Er ſprang auf einen Stuhl, hielt pathetiſch den Kranz über Henning's Haupt und ſprach: Meine Herren! ich fühle die Ohnmacht in mir, eine Rede zu halten. Und da der Menſch die moraliſche Verpflichtung hat, jedes Talent, das ihm ver⸗ ſagt iſt, zu gebrauchen, ſo werden Sie mir Ihr gütiges Mißfallen nicht entziehen, wenn ich meinen Rednermangel hiermit glänzen laſſe.— Aber ſchon ſtockte er. Der Kreis fing bereits an, ihn auszulachen, als er ſich wieder ſammelte und fortfuhr: Ruhig! Das war nur eine Kunſtpauſe. Eine Kunſtpauſe, die ſich ſtets dann am Geeignetſten einſtellt, wenn die Gedanken eine Naturpauſe machen. Zum Teufel auch mit allen Gedanken! Wozu braucht der Menſch Gedanken? In der That, wir brauchen nur Einen Gedanken hier! Dieſen Einen Ge⸗ danken— wären wir darauf vorbereitet, wir ließen ihn ausgeſchnitten in geöltem Papiertransparent über dem ſinnreichen Haupte unſers Gefeierten leuchten. So leuchte er denn mit Flammenſchrift in unſern Herzen und mit Flammenzunge ſei er ausgeſprochen der große, welt⸗ geſchichtliche Gedanke: Gott verläßt keinen Deutſchen! wohl ndage, diener, Heiter⸗ multe. diſ porus: fälzer, ulicher Jubel⸗ Rranz! rſchlag utſchen Der itigen: ⸗Wih ſetzers Sötuhl, erren! a der n ver⸗ ffallen ſſe⸗ n, als r cine netſten veufel 2 n Ge⸗ nitten unſers unſern welt⸗ 107 Henning brummte unter ſeinem Strohkranze: Das ſag ich auch! Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß ich noch gehängt werde. Und ſogleich fiel der Chorus ein: Unſer Bruder Henning der ſoll hängen! Aber... Feierlich ſchalle der Jubelgeſang!— In dieſem Augenblicke that ſich die Thüre auf, und Alles begrüßte — den Rector magnificus. Der Eintretende mochte Scenen, wie ſie die Gaſtſtube mit ihrem ſtrohgekrönten Mittelpunkte jetzt darſtellte, ſchon gewohnt ſein, denn ohne ſich umzuſehen, durchſchritt er einfach grüßend die Stube und begab ſich ſogleich in's Extrazimmer. Alles drängte ihm nach mit dem Rufe: In die erſte Kajüte! auf, in die erſte Kajüte! Der deutſche Kaiſer kam mit einer Flaſche Bier gemäch⸗ lich hintendrein.— Moorfeld beſann ſich auf die Geſtalt des Rector magnificus. Sie ſchien ihm ſo bekannt, daß er über den Mangel ſeines Gedächtniſſes faſt erſchrack, wenn nicht das fremdartige Bunterlei ſeines hieſigen Aufenthaltes die Verwirrung genügend erklärte. Als aber der Rector magnificus ſeine Stimme hören ließ, da löste ſich ihm der Zweifel. Es war dieſelbe Stimme, die ihm in Mr. Mocking⸗ bird's Schule zugeflüſtert hatte: Ich danke Ihnen für dieſes deutſche Wort. Es war der Hilfslehrer Benthal. Für Moorfeld gewann die Scene jetzt ein neues Intereſſe. Es war offenbar: der Angekommene nahm ſeinen Platz nicht wie jeder andere Gaſt in dieſer Geſellſchaft ein. Seine Miſſion ſchien eine be⸗ ſondere hier. Und da das innere Zimmer von dem äußeren nur durch eine vorhangloſe Glaswand getrennt war, ſo bedurfte Moorfeld nicht langen Abwartens, um in ſeinem bequem ſituirten Winkel, dicht an eben dieſer Wand, Augen⸗ und Ohrenzeuge deſſen zu werden, was Benthal's Ankunft in dieſen Räumen für Zwecke hatte. Wenigſtens überſah er auf den erſten Blick, daß der heitere Geiſt, der ſich ſo eben ausgelaſſen, eine ſchnelle Wendung zum Ernſte nahm: es gab auf einmal geſetzte Mienen, bedächtige Aufmerkſamkeit. Benthal nahm ein Tiſchchen ein, welches über das Niveau der übrigen Gaſttiſche durch eine kleine Eſtrade erhöht ſchien, er zog ein Notizbuch aus ſeiner Taſche, blätterte darin und bereitete verſchiedene Papiere, Schnitzel, Adreß⸗ karten u. ſ. w. vor ſich aus. Er begann: Was mich wundert, das iſt, daß unter uns Deutſchen, wie einſt unter den Juden, nicht längſt ſich die Sage von einem Meſſias ge⸗ 108 bildet. So oft ich dieſe Bezirke betrete,— und ich betrete ſie gern, denn man liebt das Vaterland in zwölf Quadratſchuhen noch eben ſo ſehr, als in zwölftauſend Quadratmeilen,— ſo oft ich dieſe Schau⸗ plätze deutſcher Leiden und Kränkungen beſuche, geſchieht es nicht ohne das Geleite irgend eines beſchämenden Gedankens. Heut fiel mir der Name Kleindeutſchland auf's Herz. Kleindeutſchland! Als die Griechen Italien anpflanzten, nannten ſie es Großgriechenland; die Engländer haben ihr New⸗Hampſhire, New⸗Jerſey, New⸗Caledonien, die Hol⸗ länder ein Neu⸗Holland, die Franzoſen ein Neu⸗Orleans gegründet; nur Deutſche vermochten es, an ihr Vaterland den Begriff klein zu knüpfen: ſie ertragen, ſie wählen den Namen eines Kleindeutſchland! Wie wir uns hier verſammelt ſehen, würde ich ſofort die Tilgung dieſes Nennwortes beantragen; aber leider! das Schmerzliche unſrer Umſtände iſt, daß es paßt. Was hilft es, einem todten Stück Erde die Schmach abzunehmen, die dem Lebendigen bleibt? Von uns geht der Name auf dieſen Boden über. Wir ſind die Kleinen und Klein⸗ lichen hier. Wir erröthen nicht, ein leeres und niedriges Daſein auf dieſer Sandſtätte hinzuſchleppen, und glauben Alles gethan zu haben, wenn wir den Namen unſers edeln Vaterlandes mit unſrer bleich⸗ wangigen Exiſtenz in's Spiel bringen. An einer Lüge wärmen wir uns, und indem wir den gemüthlichen Traum feſthalten, in Deutſchland zu ſein, kommen wir blos nicht dazu, in Amerika uns einzuwurzeln, es ſei denn in ſeinen Hoſpitälern und in ſeiner Verachtung. Meine Herren! ich beeile mich, Ihre Verzeihung nachzuſuchen, daß ich dem Schamgefühle, womit ich hierhergekommen, dieſes ſtarke Echo erlaube. Seien Sie überzeugt, nur Ihr Schickſal iſt's, das mich demüthigt, Ihr Anblick erhebt und begeiſtert mich. Es gibt nichts Herrlicheres auf Erden als Deutſche. In Ihrer Mitte denke ich mich, wie in einem Märchenkreis von verzauberten Fürſtenſöhnen. Königlich iſt Ihr Erbe und Großthaten werden Sie ausführen, wenn nur erſt die Entzau⸗ berung gelingt. Aber indem ich weiß, daß der Talisman dazu zwiſchen Himmel und Erde nirgend ſonſt wo liegt, als in Ihrer eigenen Bruſt, werden Sie einen ſtarken und eindringlichen Ruf dahin nicht mit Ihrem Mißfallen beſtrafen. Dieſen Ruf wollte ich vorausſchicken, denn er iſt der wahre Kugelſpruch unſrer Lage. Was ich von Daten und Notizen die Woche über eintreibe, liegt zuletzt nur wie ein Häufchen 2 gern, eben chau⸗ ohne r der iechen änder Hol⸗ ndet; n zu land! lgung unſrer Erde geht Klein⸗ auf aben, leich⸗ 1 wir hland zeln, Meine dem laube thigt⸗ heres einem Erbe tzau⸗ iſchen Bruſt⸗ hrem in er und 109 Aſche vor uns; Alles kommt auf den Geiſteshauch an, der die Funken drinn anbläst. Ihr Muth, Ihr Wille, Ihre tapfere Entſchloſſenheit iſt Alles, dieſe Papierſchnitzel Nichts. Ein deutſcher Profeſſor, der ein deutſcher Charakter war, pflegte ſeine Studioſen zu begrüßen: Guten Morgen, Henker, Büttel, Gerichtsdiener, Richter, Staatsſecretäre, Miniſter, Kanzler! denn das Alles werden Sie machen aus ſich, je nachdem Sie Ihr Collegium hören. Meine Herren, ich denke wir ſtimmen dem alten Taubmann bei; und ſo wollen wir zu unſrer Tagesordnung übergehen. Er ſichtete ſeine Papiere zurecht und fuhr fort: Ich habe in Er⸗ fahrung gebracht, daß in den Kupferminen am obern See Bergleute geſucht werden. Eine Geſellſchaft hier in Newyork ſchließt die Enga⸗ gements ab und befördert gegen Vorauslage der Koſten an den Be⸗ ſtimmungsort. Anmeldungen Murray-Street No. 218. Ich dachte an Sie, Herr Merbach. Der Aufgeforderte antwortete langſam und unſchlüſſig: Ja— aber — in Freiberg baut man auf Silber Herr Rector. Ich weiß nicht— Kupfer oder Silber, in euern Neugroſchen läuft's auf eins hinaus, warf der Schriftſetzer dazwiſchen. Benthal erwiederte: Ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Merbach, ein amerikaniſcher Kohlengräber aus Pennſylvanien baut in ein paar Wochen auf alles Mögliche. Er fragt nicht: biſt du fähig? er greift zu und denkt: du wirſt fähig. Aber freilich, wenn Sie dieſe Beſchei⸗ denheit in's Aufnahmsbureau mitbringen, ſo koſtet ſie Dollars. Man engagirt Sie nach der Höhe oder Niedrigkeit Ihres Selbſtgefühls. Entdecken Sie dann an Ort und Stelle, daß Ihre deutſche Sinnigkeit viel gewandter ſich in's Fremdartige findet, als Sie ſich zugetraut, ſo ſteigern Sie zu ſpät. Im tiefſten Hinterland, abgeſchnitten von aller Welt, ohne Reiſegeld, ſind Sie in den Händen des Geſchäfts zu jedem Preis. Der Sachſe antwortete: Aufſchneiden kann ich nicht, aber in mei⸗ nem Fach ſoll mich Keiner klein bringen. Benthal fuhr fort: Die Reiſe nach Albany koſtet drei Dollars. Auf dem Eriekanal etwa fünf bis ſechs. Von Buffalo nach Chicago, tauſend engliſche Meilen, zahlt man nicht mehr als dreißig Dollars. Alles mit Verpflegung. Ich empfehle Ihnen, dieſe Preiſe zu merken, ſonſt 110 berechnet man Ihnen mehr. Auch werden Sie im Contract ſich aus⸗ drücklich Cajütenpaſſagier nennen laſſen, ſonſt bringt man Ihnen die Cajüte in Abzug und verwendet Sie auf der Fahrt zu Schiffs⸗ dienſten. Eine Stimme unterbrach dieſe Anweiſung mit den Worten: Er mag thun was er will, betrogen wird er doch. Benthal blickte auf und rief mit Verwunderung: Ei, Herr Sall⸗ mann, wie kommen denn Sie wieder hieher? Es war der Bäcker aus Altenburg, einer der früheren Geſprächsführer bei Moorfeld's Eintritt. Sallmann war eine ſtattliche Perſönlichkeit. Eine wahre Bürgermeiſter⸗ figur. Alles an ihm hatte beſſere Tage geſehen. Er ſchien ein Stück ſo recht aus der Mitte geſchnitten eines deutſchen Gemeinweſens, einer ehrbaren Häuslichkeit. Die Trümmer des gebrochenen Selbſtgefühls waren kläglich anzuſehen auf dieſer vollen, faſt herriſchen Geſtalt. Er ſaß da, in düſtrer, grimmiger Reſignation, und mit einer Stimme voll Bitterkeit antwortete er: Wie ich hieher komme? das will ich Ihnen ſagen. Ich höre, Sie kennen das liebe Amerika; wohlan, merken Sie ſich auch dieſes Stückchen dazu. Ich hatte mein Metier, wie Sie wiſſen, mit einem kleinen Backofen in Miethe angefangen, und da mir für's Erſte die Kundſchaft fehlte, ſo trug ich auf eigenem Rücken mein Erzeugniß hauſiren. Das war mir freilich nicht geſungen, als ich in Altenburg eben ſo die Adreſſe für unſern braven Moosbach herumtrug, der jetzt im Königſtein fault. Aber in Gottes Namen! Keine Arbeit iſt hier geſchänd't und Frau und Kind wollen nachkom⸗ men ſo eher ſo beſſer: da greift man aus. Ich hatte mich alſo auf ein paar hundert Dollars gebracht, auf einmal ereignet ſich's, daß ich das Capital anlegen kann im großen Styl, wie ich mein Geſchäft ge⸗ wohnt bin. Mein Nachbar will abreiſen, und verkauft mir ſeine namhafte Kundſchaft. Er läßt mit drei oder vier Bread-Drivers austragen, indeß ich allein mein Transportgaul bin. Wir waren des Handels bald eins. Als er das Geld hatte, machte er eine Spazier⸗ fahrt auf drei Tage, kommt zurück, ſagt, er habe ſich anders beſonnen, und arbeite weitert in ſeiner Kundſchaft. Mein Geld jedoch verweigert er mir mit frecher Lache. Natürlich, werde ich klagbar. Aber wie im Schlaraffenland der Dummſte und Faulſte König iſt, ſo ſcheint das Recht hier eine Prämie des lumpigſten Lumpen. Denn was ſagt die ———/ 2 111 Jury? Der Mann hat allerdings ſeine Verpflichtung erfüllt; er iſt abgereist. Gegen ſeine Rückkehr ſtand aber nirgends eine Verwehrung in meinem Contract, dagegen könne ich denn auch nicht einſchreiten. Pfui! meinem Jungen ſteckt' ich eine Ohrfeige, wenn er mit ſolchen Diebskniffen mir unter's Geſicht trät'— aber we are in a free country! So judiziren ſie im Lande der Freiheit! Dieſe Mittheilung des Mannes erregte unter den Uebrigen eine Art dumpfes Entſetzen, welches weit über den Antheil an dem Ein⸗ zelnſchickſal hinaus ging. Es war, als fühlte Jeder ſeine perſönliche Sicherheit bedroht auf einem Boden, wo ſolche Gefahren möglich wa⸗ wen. Benthal ließ dieſe Regungen eines aufgeſchreckten Inſtinctes ſich ausſprechen, eh' er ſelbſt wieder das Wort nahm. Ihr Unglück, Herr Sallmann, geht mir nah', ſagte er, aber ver⸗ zweifeln Sie darum am Lande der Freiheit nicht. Es iſt die wahre und wirkliche Freiheit, glauben Sie, die ſich im Buchſtaben ſo leicht nicht einfangen läßt. Der Buchſtabe muß auf's Bündigſte und Be⸗ ſtimmteſte geſtellt ſein, denn mit der Auslegung kommt ſchon die Willkür. So hat die Legislatur von Newyork kürzlich das Neun⸗ Kegelſpiel verboten. Gehen Sie aber auf den Broadway in Gothie⸗ Hall, zweiten Stock, ſo finden Sie dort nicht weniger als fünf Kegelbahnen neben einander. Wird ein verbotenes Spiel hier geſpielt? Bei Leibe nicht; die Parthie hat blos einen Kegel mehr bekommen. Man ſpielt ein Zehn⸗Kegelſpiel jetzt. Das ſei wie's ſei, ſeufzte der Bäcker, und ſtützte ſeinen Kopf in beide Hände; ruinirt bin ich doch! Adieu Weib und Kind, ſchlagt euch den Vater aus dem Sinn! Benthal biß die Lippen und ſah mit dem Blicke des ſchmerzlichen Mitleids auf den armen Verzagenden. Er ſchien einen Augenblick zu überlegen, dann ſagte er entſchloſſen: Hören Sie mich an, Herr Sall⸗ mann, was mir da einfällt. Ein kurioſes Mittel, aber es iſt ameri⸗ kaniſch. Wir laſſen ihr Abenteuer als Pamphlet drucken und machen den Kerl determinirt ſchlecht. Natürlich ſcherzhaft, witzig, mit der beſten Miene zum böſen Spiel. In das Pamphlet wickeln Sie Ihre Sem⸗ meln und Brote, und verſchenken ſie Stück für Stück an die Kunden, die Sie gekauft haben. Geht auch der letzte Dollar dabei drauf,— meinen Kopf zum Pfande! die Kunden treten zu Ihnen — 112 über. Wagniß und Scandal liebt der Yankee. Sind Sie auf gut amerikaniſch betrogen, ſo ſoll uns derſelbe Landesgeiſt auch zur Re⸗ vanche herhalten. Man muß überall das Mittel beim Uebel ſuchen. Der Schriftſetzer fügte hinzu: Und ich gehe beim Austragen neben Ihnen her und lache für einen halben Dollar per Tag. So haben Sie ſchon den erſten Lacher auf Ihrer Seite. Damit war ein heiterer Ton angeſchlagen, worauf Benthal ſeine Tagesordnung fortſetzte. Herr Carrey, Inhaber der großen Kupfer⸗ fabrik, Chatham⸗Straße No. 9, hat ſich gelegentlich der Präſidenten⸗ wahl mit einem Theil ſeiner Arbeiter entzweit, welche gegen ihn ſtimmten. Er entläßt ſie und erſetzt ſie durch neue. Ich notirte mir das für Sie, Herr Bertling. Eine Stimme in thüringer Mundart antwortete: ne, ich hab's verred't. Die Kerls verdienen keinen Deutſchen. Wenn mein Vor⸗ ſpann aus Deutſchland eintrifft, eröffne ich mein eignes Geſchäft. Sie warten aber ſchon lange auf dieſen Vorſpann, bemerkte der Frankfurter Gärtner; und wer ſich inzwiſchen ein Thalerchen ver⸗ diente, wie?'s wär' beſſer als in Finger geſchnitten; nichts für ungut. Iſt's meine Schuld, fragte der Kupferſchmied, daß es bei Ludlow in Brooklyn nur drei Tage dauerte? Was ein gelernter Meiſter iſt und ſoll ſich unter das Volk ſtellen— Menſchen von neunerlei Hand⸗ werk, die alle Sättel reiten, kein Teufel weiß, was für einen Pro⸗ feſſioniſten man eigentlich vor ſich hat bei ſo Nankee, ein wahrer Rattenkönig von Handwerken,— probiren Sie das, meine Herren: lieber Fuchsprellen, werden Sie ſagen. Wie ſie die Branntweinblaſen hier machen, iſt die Conſtruction ſo, daß man die einzelnen Theile nicht auseinanderlegen und reinigen kann; nothwendig wird dabei das Product unreinen Geſchmacks, und der Deſtilateur hat noch eine zweite Arbeit mit'm Abziehen. An ſo einer Blaſe bekam ich mein erſtes Stück; da dacht' ich hollah! jetzt zeigſt du den Meiſter, und ſchlage die Sache vor nach deiner Art, nämlich mit den Schwarz'ſchen Apparaten. Was meinen Sie daß ich Dank dafür hatte? Ausge⸗ grunzt wurd' ich noch. Eingeſtanden, daß mein Engliſch nicht fir war und meine Zeichnung nicht eben correct; was ſchadet's? ein Deutſcher merkt doch auf und faßt, was man ihm beibringt. Aber dieſe lang⸗ uf gut ur Re⸗ ſuchen. neben ben Sie ſal ſeine Kupfer⸗ identen⸗ gen ihn rte mit h hab's in Vor⸗ äft. rkte der en ver⸗ gts für Ludlow eiſter iſt ei Hand⸗ en Pro⸗ wahrer Herren: inblaſen Theile bbei das e zweite in erſts arzſchen Ausge⸗ ir war deutſcher ſe lang 113 beinigen Rothhaare ſind wie ungeleckte Bären. Da iſt kein Sinn und Begriff drin. Was hilft der Kuh die Muskate? heißt's da. Wir ſchrieen uns die Ohren taub wie bei'm babyloniſchen Thurm und fuhren uns vor den Augen herum wie in der ägyptiſchen Finſterniß; ſie ſpuckten mir ihre Tabaksknülle ein paar tauſendmal vor die Füße, das war all ihre Kunſt. Garſtig becomplimentirten wir uns aus einander.. Danken Sie Gott, rief Benthal, Sie haben ſich ein Capital ge⸗ rettet. Wie in aller Welt wandelt Sie die Großmuth an, Herr Bertling, daß Sie den Schwarz'ſchen Brennapparat ſo ohne Weiters zum Beſten geben? Werden Sie nicht ſelbſt Ihr Hauptgeſchäft damit machen, wenn Ihr Vorſpann, wie Sie ſagen, anlangt? O Deutſchland, wann wirſt du aufhören, die Welt auszuſtatten, und anfangen, an dich ſelbſt zu denken! Anſtatt die eigenen Kunſtgriffe für ſich zu be⸗ halten und fremde dazu zu lernen, machen Sie's umgekehrt; den Schwarz'ſchen Apparat geben Sie hintan und tauſchen nichts ein dafür von der hieſigen Technik. Herrn Ludlow auf Brooklyn kenne ich nicht, wie ich mir überhaupt in drei Tagen nichts Amerikaniſches kennen zu lernen getraue, aber laſſen Sie die Fabrik Carrey ja nicht ungeſehen als Fachmann. Sehen Sie ſich die großen Arbeiten für die ſüdlichen Zuckerſiedereien an, das kommt uns in Deutſchland doch nicht vor. Was ſag' ich? Betrachten Sie den nächſt beſten amerikaniſchen Nagel! Er hat an ſeinen vier Ecken feine ſcharfe Widerhacken, die ihn unaus⸗ reißbar mit dem Holze verbinden, iſt auch gegoſſen, nicht geſchmiedet. Ich wollte, es läge auf allen deutſchen Agenturen nur ein einziger ſolcher Nagel auf, daß wir bis in's Kleinſte ein Bild davon bekämen, wie verſchieden von uns hier fabricirt wird. Mancher deutſche Pro⸗ feſſioniſt wäre dann weniger raſch, auf ſeine Profeſſion auszuwandern. Der Rector magnificus hat Recht, ſagt ein Berliner Maſchinen⸗ bauer; ich kam herüber in der Meinung, wenigſtens Werkführer oder Factor zu werden mit meinen Kenntniſſen. Es iſt mir auch nicht bange, daß ich's in einigen Jahren bin, für den Anfang aber muß ich froh ſein, auf halben Sold einen halben Lehrling zu machen. Es ſind ganz andere Conſtructionen hier. Es iſt ein Unterſchied, wie Feuerſteinſchloß und Percuſſionsſchloß; jedes Stift wird hier anders gehandhabt. D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. 8 — 114— Und manches Metier kommt gar nicht an, ſetzte ein Hanauer Gold⸗ arbeiter hinzu. Ich fragte um Arbeit herum.— Sind Sie ein Uhr⸗ macher? hieß es überall. Ich bitt' Einen: Goldarbeiter und Uhr⸗ macher! Ob im Schmuckfache gar nicht gearbeitet wird? fragt' ich weiter.— Wenig, das kommt von Paris und London. Vergebens verdolmetſche ich den Leuten, daß wir Hanauer es nach Paris und London ſchicken,— wer glaubt es Einem? Und ſo arbeite ich jetzt auf Probe in einem Geſchäft,— um's Waſſer! rief der Hanauer mit Zorn und Mißmuth. So verhält es ſich, ſagte Benthal, nur Eines verſchweigen Sie, meine Herren. Eine raſche Kenntniß des Engliſchen, eine raſche Um⸗ wandlung in die Nationalformen des„sham“ würde Sie als Ma⸗ ſchinenbauer wie als Schmuckarbeiter ganz anders accreditiren. Sie müßten kein deutſches Wort mehr hören. Indeß rechte ich freilich nicht mit Ihrem vaterländiſchen Gemüthe, wenn es ſich auch„beim Waſſer“ noch wohler befindet in— Kleindeutſchland! Der Sprecher hielt ſich einen Augenblick lang über ſeinen Papieren auf, um dieſe Worte gehörig nachwirken zu laſſen. Das betroffene Schweigen der beiden Vorredner bewies auch, daß er dieſen Zweck, momentan mindeſtens, erreichte. Hierauf fuhr er fort: Für Sie, Herr Poll, habe ich die Nachricht, daß in einer Apotheke auf dem Bowery eine Stelle offen iſt. Sie trägt freilich nur fünf Dollar monatlich bei freiem Board; aber wie Ihnen die Verhältniſſe bekannt ſind— Der Angeredete— ein munterer Lockenkopf in den letzten Faden eines ſtudentiſchen Sammtrocks— rief mit erſchrockener Stimme: Bei freiem Board? wie ſchade! Pardon, Herr Rector magnificus, aber auf eine Condition mit Beköſtigung muß ich verzichten. Ich habe keinen Magen für dieſes naſſe glitſchige Brod, für dieſes ewige Schweinefleiſch, für dieſe trocknen, ausgekochten Braten, für dieſe Talg⸗ und Thran⸗Meere von öligen Saucen, für dieſe ſchlechten Gemüſe, für dieſe alten Hülſenfrüchte, für dieſe Fuder von Pfeffer, Salz und Gewürzen, die ein Aufputz ſein ſollen für Alles, aber blos Gaumen, Zunge und Zahnfleiſch zerfreſſen, für dieſes abſcheuliche Tiſchgetränk von gewärmtem und gewäſſertem Brandy, für dieſe— Es iſt wahr, unterbrach ihn Benthal, man muß ſich die hieſige Gold⸗ n Uhr⸗ d Uhr⸗ agt' ich rgebens ris und ih jett Hanauer en Sie, che Um⸗ ls M⸗ n. Sie ch nit Waſſer zapieren troffene Zweck, dachich t. Sit d 1 aber n Faden ne: Bei 1, aber G hobe 3 ewige ſj alg⸗ 115 Küche erſt anerziehen. Ich z. B. aß nur einmal in der Woche ame⸗ rikaniſch, dann zweimal, dreimal, u. ſ. f. bis ich mich vom grünen Baum entwöhnt hatte. Man fällt auf Liſten, wie Demoſthenes, voraus⸗ geſetzt, man hat auch von ſeinem Willensernſte Etwas. Der Lockige antwortete mit einer Art komiſcher Tragik: Gewiſſe Dinge liegen außer unſrer Selbſtbeſtimmung, Herr Rector. Deutſch zu hungern, wird mir leichter, als amerikaniſch zu eſſen. Auf Ehre! Benthal zuckte die Achſeln und ſagte: Zufällig habe ich noch etwas an der Hand für Sie. Es kam mir ein Brief zu Geſichte, ein deut⸗ ſcher Arzt in einer Shaker⸗Gemeinde bei Pittsburg freut ſich darin über den Aufſchwung ſeiner Praris, und da er bisher die Arzeneien größtentheils ſelbſt bereitete, wie es bei Aerzten kleiner Landſtädte hier Brauch iſt, ſo würde er dieſes Geſchäft jetzt gerne einem Colla⸗ borator überlaſſen. Notabene, er wünſchte ausdrücklich einen Deutſchen dafür. Vielleicht führt er denn auch noch deutſche Küche. Genug, ich notirte mir's gleichfalls für Sie, Herr Poll. Dankſchuldigſt anerkannt! erwiederte der Gelockte, aber mit einem langen Geſichte und bedächtigem Griff in ſeine Rocktaſche, fragte er gedehnt: Bei Pittsburg, Herr Rector, ſagten Sie ſo? In der Gegend von Pittsburg, ja! Der Apotheker hatte eine Druckſchrift aus der zerriſſenen Rocktaſche zu Tage gewickelt und ſchlug jetzt mit der Hand, daß es kaatſchte, in das entfaltete Papier. Richtig! Pittsburg, im Mai, da ſteht es! oh ich Schlemihl! rief er beſtürzt. Alles blickte auf ihn und ſeine Papiere, umdrängte ihn und forſchte. Das iſt ja im Narrenland! dieſes Pittsburg, brach Poll mit erhobener Stimme los. Und die Gruppe voll geſpannter, neugieriger Geſichter anredend, fuhr er fort: Stellen Sie ſich vor, meine Herren, ich promenire heute am Nordfluß, weiß Gott woran ich dachte, da kommt ein Bengel mit einem Austräger⸗Portefeuille auf mich zu, und ſchenkt mir dieſes Tractätlein. Man kennt die Waare, die ſich Einem ſo auf den Straßen an den Hals wirft; indeß, ich denke: du übſt dich im Engliſchen, und müßig wie ich bin, las ich den bedruckten Lumpen. Aber da hört doch Alles auf. Ich überſetze nicht ſo fließend, Sie bemühen ſich wohl, Herr Rector! — 8* — 116— Benthal empfing das Blatt, überflog die erſte Seite und fragte gleichgiltig: Hm! der Verein will das neue Jeruſalem aufbauen und beſchreibt den Tempel wie eine Art Blockhaus. Was weiter? Die zweite Seite, wenn ich bitten darf, wo er das Coſtüm der Gläubigen vorſchreibt. Benthal wendete um und las vom Blatte weg deutſch: Das Kleid, welches vollkommen dem Innern des heiligen Men⸗ ſchen und ſeiner reinſten Umgebung entſpricht, ſoll beſchaffen ſein, wie folgt: die Hoſen dürfen nicht zu weit und nicht zu eng ſein,— die Unterhoſen verbinde man ſo mit den Hoſen, daß ſie frei darin hängen und mit denſelben angezogen werden. Jeder wählt ſich die Farbe ſeiner Kleidung nach der Art des Schmutzes ſeiner Arbeit; zu den Zeiten aber, wo man keine ſchmutzende Beſchäftigung hat, ſoll man tragen Hoſen von glänzendem Hellgelb, einen ſchneeweißen Rock und einen glänzend gelben oder goldenen Gürtel. Ein goldener Hut, von glän⸗ zend hellgelber Farbe iſt der beſte. Er ſoll da, wo er am Kopfe an⸗ liegt, kleine Luftlöcher haben, welche durch loſe Einfaſſung mit den edelſten Perlen und Steinen, ſo edel als man ſie kaufen kann, ver⸗ deckt werden ſollen. Die weiblichen Perſonen, welche von Natur lange Haupthaare tragen, ſollen dieſe zu dem einzig richtigen Zwecke derſel⸗ ben, ihren Hals damit zu erwärmen, benützen, und ſie auf paſſende Weiſe gebunden, um den Hals herumwinden. Die männlichen Per⸗ ſonen, denen zur Beihilfe ihrer kürzeren Haupthaare auch Bärte ge⸗ geben ſind, ſollen dieſe nicht hinwegraſiren, denn der Bart iſt ein Hauptbeſtandtheil des männlichen Körpers nach Gottes allmächtigem Willen, und durch wiederholtes Abraſiren deſſelben verwachſen die Wurzeln dermaßen, daß ſie das Geſicht ſehr verderben, und es kann auch das Abſchneiden des Bartes nur von ſehr naturwidrigen Folgen ſein. Die im Amte ſtehenden Lehrer und Aelteſten des Volks ſollen auf weißen Pferden reiten, denn die Pflichten ihres Amtes machen ſie zur unmittelbarſten Umſicht im hellen Geiſte aller Erkenntniſſe verbind⸗ lich; weßhalb ſich dieſes Amt hiebei auch durch die Helle äußern muß. Die Richter ſollen auf Pferden von lebhafter braunrother Farbe reiten; denn aus ihrem Amte ſoll der Eifer einer feurigen Energie ſprechen. Die Kaſſenverwalter ſollen auf ſchwarzen Pferden reiten, ſo wie die unmittelbarſte Aeußerung ihres Amtes ſich mit den Bedürfniſſen be⸗ fragte en und üm der Men⸗ in, wie — die hängen e ſeiner Zeiten tragen d einen n glän⸗ pfe an⸗ nit den n, ver⸗ tr lange derſtl paſſende en Per⸗ ärte ge⸗ iit ein achtigem zſen die es kann Folgen t ſollm ahen ſie verbind⸗ en muß⸗ e reiten; prchen wie die iſen be 117 ſchäftigt, welche gleich einer Schattenſeite des Lebens ſich verändern und verſchwinden.— Die Bewohner unſrer heiligen Stadt mögen nicht heirathen; denn welcher edle Chriſt wird bezweifeln, daß Gott vermag, dem Abraham Kinder aus Steinen zu erwecken.“ Hier legte Benthal die Flugſchrift lächelnd aus der Hand, und das ſchallende Gelächter der ganzen Gaſtſtube begleitete ihren Abgang.— Sie haben gut lachen, meine Herren, ſagte Poll, ſelbſt lachend, aber ich armer Schächer! Dort riskire ich den Magen und hier das Gehirn. Adieu,—„Pittsburg im Mai!“ Sie ſehen, Herr Rector, ich muß leider noch einmal verzichten. O ſchade! hieß es, ich möcht' ihn ſehen im gelblakirten Hut— Und im ſchneeweißen Rock— Und wie er Kinder aus Staincher zieht, ſagte der Frankfurter Gärtner. Das Gelächter fing von Neuem an. Machen wir all unſre Tollhäuſer auf, rief der Bäcker aus Alten⸗ burg; wenn in Amerika die Narren frei herum laufen, warum ſperrt man ſie ein in Europa? Meine Herren, ſagte Benthal, es iſt uns Deutſchen mit Recht eine Erquickung, daß wir an ſolchen Zerrbildern unſre eigne Kultur fühlen lernen. Dieſer plumpe Prophet hier will geiſtige Tendenzen verfolgen und verwickelt ſich dabei in Unter⸗ und Oberhoſen! Das iſt echt amerikaniſch. Freilich iſt er zugleich auch praktiſch wie ein Amerikaner. Was z. B. das Hängen⸗laſſen der Unter⸗ in den Oberhoſen betrifft, ſo ſteht wohl Niemand unter uns, der als Lehrling oder Geſelle in ungeheizten Kammern ſchlief und dieſes Dogma nicht am Abend be⸗ folgt hätte zur großen Förderniß ſeiner Morgentoilette. Hierin ſind wir wohl naturwüchſige Gläubige des neuen Jeruſalems. Auch die Wahl unſrer Farben zu Gunſten der ſchmutzenden Berufsarbeiten, wie er ſagt, iſt, wenn nicht appetitlich, doch nützlich erinnert. Dabei läßt ſich zugleich einſehen, warum unſere Böſewichter von Präſidenten, unſre Kieſelherzen von Financiers, kurz das ganze feine, alſo laſterhafte Europa mit Vorliebe Schwarz trägt. Es iſt die officielle Farbe des neuen Jeruſalems für ſehr ſchmutzige Beſchäftigungen. Ein donnerndes Bravo der Auswanderer krönte dieſen radicalen Scherz. 118 Benthal fuhr fort: Gemach, meine Herren! Fremde Narrheit be⸗ lachen iſt der Zucker des Lebens, heilſame Nutzanwendung davon das Salz. Was wollen Sie? dieſer Prophet da, wie Sie ſehen, hat ganz gute Verſtandesmaximen; komiſch wird er nur dadurch, daß er den Verſtand in die falſche Beleuchtung der Religiöſität ſtellt. Aber macht es der deutſche Rationalismus anders? Den gemeinen Verſtand ſchiebt er an die Stelle der alten wunderthätigen Heiligthümer, und iſt ſo naiv, die alte religiöſe Begeiſterung für denſelben in Anſpruch zu nehmen. Und nun das Bart⸗Dogma! Iſt es nicht eine von den acht Seligkeiten des„Vater Jahn“ und haben wir— wenigſtens bis zur Juli⸗Revolution,—„Vater Jahn“ nicht mit Andacht ſeine Borſten⸗ Religion predigen laſſen? Ach, meine Herren, die Narrenleine iſt gleich der Linie des Aequators, ſie läuft um die ganze Erde herum. Daß alſo ein Geſcheidter in Kleindeutſchland verhungern ſoll, weil um Pittsburg herum Narren ſitzen, das ſcheint mir eine Logik, die viel⸗ mehr eine Verwandtſchaft als einen Gegenſatz mit den Pittsburgern beurkunden dürfte. Bei dieſer Pointe hatte der Lockige ſeinerſeits eine kleine, freund⸗ ſchaftliche Lache zu beſtehen; aber die Zärtlichkeit für ſein Gehirn war damit niedergeſchlagen. Er zauderte nun nicht mehr, das Offert an⸗ zunehmen. Die Geſellſchaft unterhielt ſich noch eine Weile damit, ihn als Mitglied des neuen Jeruſalems zu parodiren, während Benthal den ernſteren Wink anbrachte, ſeiner Landsleute zu gedenken, wenn er ſelbſt reüiſſirte,— was die Spötter doch auch wieder gerne hörten. Benthal fuhr hierauf in ſeinen Mittheilungen fort: Die hieſigen Verhältniſſe des Tuchmachergewerks— iſt Herr Sorau nicht hier?— leider! er verſäumt nichts; ſeine Profeſſion iſt gleich Null hier: das gröbſte Fabrikat ausgenommen, iſt Alles Import. Er glaubte ſich auf die Teppichweberei einzuſchießen, ſagte der Bäcker Sallmann, den Abweſenden vertretend; wir hörten zu Hauſe, daß der Teppich hier allgemeine Mode ſei,— bis in die Bauern⸗ hütte herab. Benthal antwortete: Das hat ſeine Richtigkeit, wie wir ſehen; nur webt ſich der Farmer von ſelbſterzeugter Wolle ſeine Hausteppiche ſelbſt in den müßigen Wintertagen. Was aber die feinere ſtädtiſche Waare betrifft, ſo engagirt man an den großen powerlooms oder Dampf⸗ it be⸗ webſtühlen ausſchließlich Leute vom Fach, die gut eingearbeitet ſind, n das nicht Praktikanten. Ueberdies verſteht Herr Sorau kein Wort engliſch. ganz Sagen Sie ihm alſo, es iſt ein Glückſpiel wie Pharao, wenn er länger er den auf Verdienſt in ſeinem Metier wartet. macht Was ſoll er machen? fragte Sallmann achſelzuckend. ſchiebt Cigarren, antwortete Benthal hingeworfen. ſt 3 Damit ſind wir abgefahren, rief augenblicklich eine gute Anzahl uch zu von Stimmen. 1 acht Ich will Ihnen auch erzählen wie es zuging, antwortete Benthal. 3 zur Sie nahmen die nächſtbeſte Zeitung zur Hand, und ſuchten und fanden Vſten⸗ darin Annoncen, nach welchen, wie es hieß,„unter den ſolideſten Be⸗ gleich dingungen“ Lehrlinge angenommen wurden. Iſt es ſo? daß Jal ja! l un Die Bedingungen waren: vier Wochen Lehrzeit und zehn bis ril⸗ ſechzehn Dollar Lehrgeld bei eigener Beköſtigung. Waren das Ihre Bedingungen? rrgern 2n d Ja! ja! d Sie gingen auf dieſelben ein. Nach der erſten Woche waren Sie dn fähig, die ordinärſte Penny⸗Cigarre zu fertigen. Dabei blieb's aber uii auch die drei folgenden Wochen. Ihr ſogenannter Meiſter verharrte 1 m⸗ bei der Penny⸗Sorte. Sie aber kannten als Neulinge weder den ge⸗ t ihn ringen Tabak, noch den geringen Preis, Sie kannten die ſchlechte ental Rentabilität dieſer Sorte nicht, wußten alſo auch nicht, was das ganze n r Manövre mit Ihnen zu bedeuten hatte. Es bedeutete aber dieſes: ſrin Ihr ſogenannter Meiſter hatte auf drei Wochen einen Arbeiter, den üüin er nicht bezahlte, von dem er umgekehrt bezahlt wurde. Als Sie dann 7 ſelbſtändig zu arbeiten anfingen, merkten Sie erſt, auf welch' geringer das Stufe Ihrer Ausbildung Sie ſtanden. Die Penny⸗Sorte hatte zwar Ihrem ſogenannten Meiſter rentirt, der ja Lohn ſparte nnd Lohn e der empfing; Sie dagegen verdienten nicht das Salz dabei. Für die fei⸗ Hauſe nere Arbeit, die beſſer bezahlt wird, hätten Sie einer neuen Lehrzeit quern⸗- bedurft. Dazu fehlte aber jetzt: Muth, Geduld, Geld! So gaben Sie das Cigarrenmachen auf. Iſt es ſo? ; nir Ja! ja! war die einſtimmige Antwort der Obigen. fälbſt Benthal fuhr fort: Ich habe mich ſpeciell über dieſe Verhältniſſe Gaake belehren laſſen, weil ich annehmen muß, daß Viele von Ihnen davon ampſ⸗ 120 fortwährend werden Gebrauch machen wollen. Ich bedauere nur, daß Sie die Beute von Betrügern geworden ſind, eh' ich das Vergnügen hatte, Sie zu beſuchen. Die Richtſchnur ſich vor zukünftigem Schaden zu bewahren iſt im Weſentlichen dieſe: der Lehrling accordirt ein Lehrgeld von zehn Dollar auf unbeſtimmte Zeit, d. h. bis er die Fabrikation ſämmtlicher Cigarren⸗Sorten gut und tiüchtig gelernt hat. Zugleich läßt er ſich jedes ſelbſtgefertigte, brauchbare Stück Ci⸗ garre bezahlen, und zwar zu dem üblichen Preis. Das iſt das einzig reelle Verfahren. Meiſter, welche andere Bedingungen ſtellen, ſind Schwindler; Sie finden aber auch auf dieſe noch der Ehrlichen genug. Ich notirte mir eine Reihe derſelben zu Ihrem beliebigen Gebrauch. Benthal gab eine Anzahl von Zetteln hintan zur großen Befrie⸗ digung Vieler, welche mit Eifer darnach griffen. Nur hin und wieder ſah man eine Hand unſchlüſſig zucken— unſchlüſſig zwiſchen dem Drange der Noth und einem ſehr bemerkbaren bürgerlichen Meiſter⸗ ſtolz, der noch ſchnell zu überrechnen ſchien, ob ſeine Kaſſe vorhalten würde, auch ohne dieſes dargebotene Auskunftsmittel. Hin und wieder hörte man aber auch den halb unterdrückten Seufzer eines Armen, der traurig die vertheilten Adreſſen an ſich vorübergehen ließ, weil ſeine Umſtände bereits ſo ſchlimm waren, daß ſie ihm einen Aufwand von zehn Dollar Lehrgeld nicht mehr erlaubten. Perſonen dieſer beiden Farben waren es, welche den Rector jetzt mit Fragen anlagen, was ihm Entſcheidendes über ihre betreffenden Berufszweige etwa bekannt geworden. Benthal beſchied ſie ſo gut er's vermochte, ermangelnden Falls machte er ſich Noten und verſprach möglichſte Auskunft für das Nächſtemal. Daneben gab es aber auch welche, die ſich ſelbſt weder in dieſe noch in jene der bezeichneten Schickſalskategorien zu rangiren wußten, und offenbar noch keinerlei Mittel zwiſchen ſich und der neuen Welt gefunden hatten. So z. B. geſtand der Schneider aus Würtem⸗ berg unverhohlen, daß er ſich in totaler Confuſion über ſein Geſchäft befinde. Agenten, Briefe von Auswanderern, kurz Alles hätte zu Hauſe übereingeſtimmt, nichts ſei ſicherer und lohnender hier als die Schneiderei. Nun laufe er aber ſchon wochenlang ohne einen Stich in Newyork herum. Auch Landsleute am Hafen hätten ihm jede Hoffnung— Nichts von den Landsleuten am Hafen! fiel Benthal lebhaft da⸗ zwiſchen, die Race kennen wir!; Das ſind aller Welt Landsleute. ur, daß rgnügen Schaden wirt ein er die gelernt lück Ci⸗ g einzig⸗ n, ſind rgenug. ebrauch. Befrie⸗ wieder gen dem Meiſter⸗ orhalten wieder Armen, , weil Gufwand r beiden n, was bekannt ngelnden für das t weder angiren r neuen Lürtem⸗ geſchäft bätte zu als die Stich in nung— aft da⸗ deleute — 121— Schotte, Holländer, Deutſcher, Franzoſe,— jeder iſt ihr Bruder, jeden dutzen ſie in ſeiner Mutterſprache und verderben ihn ohne eine Spur von Gewiſſen. Wer ihnen traut, hat immer den ſchlechteſten Stand hier, ſein Gewerbe iſt immer das elendeſte, es ſei was es ſei. Bis auf die letzte Ader ſaugen ſie ihm den Muth aus der Seele und füllen ſie dafür mit Whisky⸗Begeiſterung und Arac⸗Moral. Sie ſchleppen ihn von Schenke zu Schenke, halten ihn frei, vermitteln ihm Alles und Jedes, laſſen ihm keinen ſelbſtändigen Schritt zu, nur durch ihre Brille darf der„Landsmann“ die neue Welt ſehen. Endlich haben ſie ihn für jeden Preis, ſchleppen den„glücklich Placirten“ in ſeine Sclaverei, und wenn es je möglich iſt, einen Menſchen lebendigen Leibs zu viertheilen, ſo iſt ein ſolches Opfer geviertheilt. Ein Viertel bekommt der Zubringer, ein Viertel der Herbergswirth, ein Viertel der Arbeitgeber und nur das letzte Viertel ſeines Verdienſts er, der Arbeiter ſelbſt. Davon mag er vegetiren bis ihm der letzte geſunde Tropfen ausgepreßt iſt, bis er hingeht, Lump mit den Lumpen, und den neuen Landsmann verdirbt, wie er ſelbſt verderbt wurde. Wahr⸗ lich, vergebens jubelt der arme Auswanderer, der Peſt und dem Ekel des Zwiſchendecks zu entfliehen: ſo wie er den Fuß an's Land ſetzt, verwandelt ſich ihm das Schiffsungeziefer in Loafer's, Runner's und Rowdie's, und Fleiſch und das Mark in den Knochen verſchwindet unter den Freßzangen dieſer Brut. Ich beſchwöre Sie, meine Herren, würdigen Sie dieſe Hafen⸗Landsmannſchaft Ihres Umganges nicht! Von dem Augenblicke an, als ich das Treiben dort kennen lernte, hielt ich es für meine heilige Pliheei Glas Bier in Ihrer Mitte zu trinken, um das Wenige aber min eſtens Wahre und Wohlgemeinte Ihnen mitzutheilen, was meine Zeit mir von hieſiger Ortskunde ein⸗ zuſammeln erlaubt. Eine Stimme rief aus der Mitte der Uebrigen: Iſt ſtets dankbar anerkannt worden, Herr Rector, und wir Alle wünſchen, Sie mach⸗ ten uns endlich die Freude, und ließen ſich eine regelmäßige Grati⸗ fication für Ihre Bemühungen gefallen. Es wäre nicht mehr als in der Ordnung. Benthal antwortete hurtig: Ich bitte das ruhen zu laſſen, ich habe es eben ſo oft gewünſcht. Sie wiſſen, daß ich kein Verdienſt daraus mache, im grünen Baum einzukehren und mich mit Ihnen zu 122 unterhalten, ob von Wind und Wetter oder von Geſchäften:'s iſt immer Zeitvertreib. Das müßte noch ganz andere Maßſtäbe annehmen, wenn es des Lohnes werth ſein ſollte. Ein Berichterſtatter müßte ſeinen Beruf daraus machen,— was ſag' ich, Einer? Ein ganzes Comité wäre nicht zu viel. Wahrſcheinlich erleben wir auch die Grün⸗ dung eines ſolchen; es müſſen erſt ein paar tauſend unſers Volks zu Grunde gehen in den Händen der Hafenauskünftler. Das iſt auch in der Ordnung!— Und abſpringend von dem patriotiſchen Sarkasmus fuhr er fort: Ihr Gewerbe, Herr Eckerlein, hat goldenen Boden in Newyork, ſeien Sie ganz ruhig darüber. Die Sache iſt einfach die: Sie haben die ſogenannte„gute Zeit“ ungefähr um Oſtern herum auf der See zugebracht; nicht wahr? Herbſt und Frühling iſt aber auch hier die gute Zeit für die Schneider, und Winter und Sommer die ſchlechte. Indeß iſt auch die ſchlechte keineswegs brodlos in Newyork. Es floriren da die ſogenannten South-Shops, die großen Kleiderfabriken, welche ganze Schiffsladungen ihrer Waare nach dem Süden abſetzen. Sie können denken, wie fär die Schafhirten Virginiens, oder für die Neger der Reis⸗ und Zuckerplantagen genäht wird. So bekommen Sie denn auch für ein Beinkleid fünfundzwanzig Cent, eine Näherin gar nur achtzehn, während in der eleganten Newyorker Seaſon der Lohn ein, ſogar anderthalb Dollar iſt. Dieſes Lohnerſparniß macht natürlich den enormen Vortheil der South-Shops aus, während der Schneider ſelbſt doch auch wieder Vortheil davon hat: den Vortheil einer ſtets offenen Verſorgungsanſtalt in ſeinen ſchlimmſten Tagen. Ich rathe Ihnen alſo, Herr„ nehmen Sie bis zum Herbſt mit ſo einem Shout-Shop verkles. Der Würtemberger antwortete: Ei, Herr Rector, ich frug ſchon herum bei Einigen, aber man ſchlug mir überall fixes Engagement vor, und da bat ich mir doch Bedenkzeit aus. Benthal lächelte: Die Rackers! wie ſie nur ein deutſches Geſicht ſehen, verſuchen ſie gleich die Prellerei. Fixes Engagement in einem Shouth-Shop! Ein theures Linſengericht in einer hungrigen Stunde! Ueberhaupt, meine Herren, betrachten Sie das ſo ziemlich als Regel: wer Ihnen gar zu prompt feſten Contract anbietet, der ſpeculirt auf Ihre Landesunkenntniß, auf Ihre augenblickliche Noth, und will Sie zum weißen Sclaven machen. Nein, Herr Eckerlein, nichts von ſolchen 5 iſ hmen, müßte anzes Hrün⸗ lts zu uch in amus den in die: herum ig iſt r und rodlos großen jdem niens, So eine zeaſon macht dd der ottheil Tagen. Herbſt ſchon ement geſcht einem runde ſagel: t auf [Sie olchen — 123— Engagements! Fahren Sie nur fort in den Shout-Shops Arbeit zu ſuchen; aber laſſen Sie ſich merken, daß Sie die Verhältniſſe kennen, daß Sie noch Subſiſtenzmittel haben, ziehen Sie ein patentes Röckchen an, auch wenn's geborgt wäre,— und man wird Sie gerne an⸗ nehmen, ohne daß Sie dem Teufel für die magre Seaſon Ihre fette verſchreiben. Probiren Sie's nur ſo. Mir ſcheint, ich bin in dem gleichen Falle mit Herrn Eckerlein, hörte man die ſchwere Stimme eines Weſtphalen, die zu der ſchwäbiſchen Mundart des Würtembergers ſo markig contraſtirte, daß Alles faſt erſchrocken aufblickte. Sie ſind? fragte Benthal. In Deutſchland war ich Tapezierer, antwortete der Weſtphale, was ich hier bin weiß Gott, ich nicht. Mein Bruder, der als Zimmer⸗ maler im biſchöflichen Schloſſe zu Münſter Brod hatte, wurde abge⸗ dankt, weil er ſich die Proteſtantin nicht ausreden ließ, da man ihm ein katholiſch' Küchenmädchen zugedacht hatte. Indem er ſich nun wegen der Auswanderung erkundigte, hieß es einſtimmig: für Zim⸗ mermaler wär's nichts, man hätte nur Tapeten drüben. Hollah, dacht' ich, denn ich ſtand ſchon zuvor ſprungfertig, der Eimer, der nicht Waſſer hält, mißt doch Hafer; das iſt eine Hacke auf deinen Stiel. Ich geh' alſo voraus auf meine Profeſſion, da ſie die beſſere iſt, und ſollte mich umthun, wie der zu Hauſe nachzubugſiren wäre: aber was find' ich? wollte Gott, ich ſäh' ſelbſt wieder die Lippe fließen, ſtatt North⸗ und Eaſt⸗River! Die Tapezierer, oder wie man's hier heißt, die Paperhangers, haben nur drei Monat' im Jahr: April, Mai, Juni;— das war juſt die Zeit meiner Ueberfahrt. Ich mußte alſo friſchweg neun Monate warten— Bagatell! in neun Monaten wird ſonſt zwei aus eins; ich aber wurde Null. Daß dich der Schwed! dacht' ich, ſollte denn die Papierleimerei das ganze Geſchäft hier ſein? Matratzen haben Sie doch! So frag' ich nach Polſtererarbeit. Die macht der Möbelſchreiner, hieß es. Auch nicht übel! Ich geh' nun zum Möbelſchreiner. Ob ich anſtreichen und malen könnte! Mich trifft der Don⸗ ner! Anſtreichen und malen! ich mal' euch was! Am Ende fragt das Beeſt, ob der Tapezierer ein Glockengießer iſt! Aber ſo geht's hier; Herr Bertling hat Recht, wahre Rattenkönige von Handwerk findet man hier. Das eine Fach iſt oft auseinandergeſchlagen, daß man die Scherben in 124 zehnerlei andern Branchen ſuchen muß, und umgekehrt mengſeln ſie Handwerker zuſammen— es iſt toll! Ich möcht' hier in keiner Ba⸗ taille bleſſirt werden: ein Yankee⸗Chirurg iſt im Stande und ſetzt mir den Fußknöchel in's Schulterblatt. Geht mir's anders? hub ein Glaſer an; aber Benthal unterbrach ihn: Mit Erlaubniß, Herr Thalhofer iſt nicht zu Ende. Der Weſtphale fuhr fort: Was meinen Sie nun, Herr Rector, ſoll ich meinen letzten Penny in die Cigarrenmacher⸗Schule tragen? Iſt es der letzte? fragte Benthal. Der allerletzte; und wenn der deutſche Kaiſer ſein Pöſtchen ein⸗ forderte— Das ſind freilich keine Umſtände für einen Lehrcurſus, erwiederte Benthal; mit Schulden anzufangen iſt überall verdrießlich, doppelt in Auswandererslage, wo vielmehr ſtets ein paar Dollar Reiſegeld übrig ſein ſollten für den Fall eines Unterkommens im Innern. Ich will Ihnen dieſes ſagen: In Williamsburg weiß ich zwei deutſche Doctoren, welche Pappſchachteln machen; ihr Abſatz iſt bereits ſo gut, daß auch ein Dritter Arbeit fände. Fahren Sie einmal hinüber. Der Tapezierer ſagte bedenklich: Aber, Herr Rector, werden ſich die Doctoren einen ſimplen Handwerksmann auch gefallen laſſen? Benthal ſchrieb ihm die Adreſſe auf und hielt den Einwand kaum der Mühe werth, mit Gemurmel darauf zu antworten: Ich hoffe, die Herren haben begriffen, daß ſie in Newyork ſind, und nicht in Schilda;— worauf er ſogleich fortfuhr: Was wollten Sie ſagen, Herr Loßbert? Der Glaſer antwortete: Neues gar nichts, Herr Rector, gar nichts. Ich bin eben dran, wie wir Deutſche alle. Der Goldarbeiter ſoll Uhrmacher ſein, der Tuchmacher Teppichdampfweber, der Tapezierer Möbelſchreiner, der Möbelſchreiner Anſtreicher— nur was der Glaſer hier ſein ſoll, konnt' ich noch nicht loskriegen. Aber daß er nichts iſt, ſo viel weiß ich bereits. Auch ich tappe im Finſtern herum nach einem Zipfel meines Handwerks und kann ihn nirgends erwiſchen. Suchen Sie ihn beim Bautiſchler, antwortete Benthal. Aber wenn auch dem Bautiſchler Arbeit fehlt? fragte der phälziſche Schreiner. So hat ſie der Zimmermann, war Benthal's Antwort. gſeln ſie ner Ba⸗ ſetzt mir terbrach Rector, tragen? hen ein⸗ deutſche rits ſo inüber. den ſich en? nd kaum ch hoffe nict in e ſagen, or, gar arbeiter ppezierer 1 Glaſer ichts iſ Seinem ſälziſhe N— 125— Und wenn der Zimmermann feiert? erhob ſich ein tiefbrauner Kopf mit dem länglich⸗ſcharfen Profil des Oberfranken. Was! der Zimmermann feiert? rief Benthal; hier, wo jede Som⸗ merſtunde ein Haus ausbrütet, jeder Tag der Geburtstag einer Straße iſt? Nicht möglich! Dann lüg' ich, ſagte der Franke kurz. Benthal hielt einen Augenblick inne, hierauf erwiederte er: Sie mögen Recht haben. Newyork liegt an der Front von Amerika, es hat den ſtärkſten Anprall der Einwanderung auszuhalten. Ich gebe die Localconcurrenz zu. Aber, iſt Newyork die Union? Wo bleibt das weltgroße Hinterland? Gibt's nicht für tauſende von Ackern Jahr aus Jahr ein Fenzen zu machen, iſt Pennſylvanien nicht bedeckt mit Sägemühlen, die Alles beſchäftigen, was ſeine Holzaxt führt? Reiſegeld! rief der Zimmermann, und das Wort traf in ſeiner baaren Beſtimmtheit ſo ſchlagend die einfache Situation vieler Andern, daß man es augenblicklich nachhallen hörte: Reiſegeld! ja, Reiſegeld! Reiſegeld iſt immer zu haben, antwortete Benthal; wer es ſo ent⸗ ſchieden ſucht, wie ich es hier äußern höre, der findet es am Hafen⸗ krahn, bei den Eiſenbahnen, beim Canalgraben, im Arſenal auf Broo⸗ klyn, mit der Handkarre, mit der Schaufel— wo und wie Sie wollen! Ich wüßte keine Sorte öffentlicher Arbeiten, welche nicht Taglöhner beſchäftigte, ſo viel ſich deren melden. Das Wort Taglöhner machte einen aufregenden Eindruck auf die deutſchen Handwerker. Einige fuhren wild durch einander, Andere ſcharrten mit den Füßen, Manche ſchrieen laut auf und ſchickten ſich zum Weinen an bei der Nennung eines Wortes, das ohne alle Illuſion eine deſperate Lage bezeichnete. Ein Schmerzensausruf nach Deutſch⸗ land erſcholl, und Einer nahm dem Andern das Wort der Rückkehr vom Munde. Benthal ließ all dieſe Aeußerungen eine Zeitlang ruhig gewähren, dann ergriff er wieder das Wort und ſagte, als ob es nichts Beſon⸗ deres wäre: Was die Rückkehr nach Deutſchland betrifft, ſo habe ich eine Notiz darüber, welche von den Schiffsrhedern, wie es ſcheint, in tiefſtes Dunkel gehüllt wird, denn es wäre ſonſt befremdend, daß ſie nicht allgemeiner benutzt wird. Es beſteht nämlich ein Geſetz, wel⸗ ches jeden Schiffseigenthümer verpflichtet, den Auswanderer, der binnen 126 Jahr und Tag keinen Erwerb hier gefunden, an den Hafenplatz, von dem er gekommen, wieder zurückzuführen, und zwar unentgeltlich. Die⸗ jenigen nun, welche im äußerſten Falle— Hier wurden die Worte des Sprechers unhörbar, denn die ganze Verſammlung war wie elektriſirt bei dieſer Mittheilung. Alles ſprang von den Stühlen auf, als ſollte es ſtehenden Fußes nach Deutſchland zurückgehen. Der Zuſtand jedes Einzelnen ſchien mit Einemmale kopf⸗ über geſtürzt, jede Sachlage in ihr Gegentheil verwandelt, jeder ge⸗ faßte Entſchluß unhaltbar, und nur der eine Gedanke lebensfähig: Rückkehr nach Deutſchland. Wie ein ausfliegender Bienenſchwarm ent⸗ ſtand plötzlich eine äußerſt lebhafte, ja tumultuariſche Debatte in der Gaſtſtube, und ihr Inhalt war— wenn in dem allgemeinen Durch⸗ einander überhaupt ſich ein Inhalt verfolgen ließ— daß Jeder dem Andern zu beweiſen ſuchte, ſein Erwerb ſei unzulänglich, war es nie an⸗ ders, und werde es nie anders ſein; kurz, er ſei im vollſten Rechte, jenes Geſetz zu ſeinen Gunſten in Anſpruch zu nehmen. Dazwiſchen wurde mit glühenden Farben das Leben in Deutſchland geſchildert, es ſtellte ſich ſonnenklar heraus, daß man zu Hauſe das Beſte verlaſſen und das Schlimmſte dafür eingetauſcht, man könne nicht ſchnell genug den Fehler gut machen; ja, die hitzigſten Köpfe ließen ſogar den Vor⸗ wurf hören, daß Benthal dieſe Nachricht all' ſeinen übrigen nicht gleich vorausgeſchickt, ſie ſei ja mehr werth, als das ganze Amerika. Benthal verſuchte ein paar Mal zu Worte zu kommen, aber ver⸗ gebens: er wurde der Aufregung nicht mächtig. Mit ſchwülem Auf⸗ athmen griff er ſich an die Stirne, that einen Zug aus ſeinem Glaſe, und ſah über das ordnungsloſe Element dahin, mit einem Blicke, der halb dem verachtenden, halb dem erbarmenden Mitleid angehörte. End⸗ lich gewann das Erbarmen die Oberhand, er ſprang auf, und griff mit folgender Anſprache muthig an ſein Steuer. Meine Herren, rief er, da Sie ſämmtlich nach Deutſchland zurückkehren, ſo erlauben Sie mir ein Wort des Abſchiedes, denn wir ſehen uns in dieſem Falle wahrſcheinlich zum letzten Male heute. Nach dieſen Worten wiederholte er einen Zug aus ſeinem Glaſe, aber wenn je eine Kunſtpauſe wirkte, ſo that es dieſe. Es wurde plötzlich ſtille, man ſah ſich mit langen Geſichtern an, einige fingen zu lachen an. Dieſen Moment ergriff Benthal, er ſetzte ſein Glas ab, und lächelte — latz, von ch. Die⸗ ie ganze ſprang utſchland ale kopf⸗ eder ge⸗ wfähig: im ent⸗ in der Durch⸗ der dem nie an⸗ Rechte, wiſchen ert, es erlaſſen genug i Vvr t gleich her ver⸗ m Auf⸗ Glaſe, ke, der „End⸗ d giif ſſland un wir Nach wenn ſtille, en an. chelte — — 127— mit. Dann fuhr er fort: Ich muß nothwendig lächeln, wenn ich mir vorſtelle, wie Sie ſelbſt nach fünf oder zehn Jahren an dieſen Augen⸗ blick zurückdenken werden. Sie führen dann Ihre großen Firmen auf dem Bowery, haben Häuſer oder ganze Straßen gebaut, befahren durch Ihre Actien den obern See oder den merxikaniſchen Meerbuſen, ſind Schul- und Kirchenvorſtände, Stadträthe, vielleicht Deputirte und Gouverneure geworden,— denn das iſt die Carrière des Deutſchen: mit der Thräne im Auge fängt er an, und mit der Million endet er. Seiner weinerlichen und verſchließenen Geſtalt läuft heute der Straßen⸗ junge nach mit dem Spottrufe:„ein Dutchman!“ und nach zehn Jahren complimentirt ſich derſelbe Straßenjunge mit einer Candidaten⸗ liſte durch Ihren Clubb, und ſpricht:„Die Deutſchen ſind die beſten Bürger Amerika's. Wir empfehlen Ihrer einſichtsvollen und patrioti⸗ ſchen Wahl— u. ſ. w.“ Thun Sie mir den Gefallen, meine Herren, denken Sie an den grünen Baum zurück und an den Rector magni- ficus, der Ihnen das wörtlich ſo vorhergeſagt hat. Iſt es möglich, werden Sie ausrufen, wußten wir nicht ſelbſt, daß aller Anfang ſchwer iſt, und braucht uns Jemand den gemeinſten aller Gemeinplätze in Erinnerung zu bringen? Ja, es iſt natürlich, ſo verkehrt es auch zu ſein ſcheint: Reiten und Schwimmen lernen Tauſende von ſelbſt, aber Gehen und Stehen lernt jeder Menſch unter Anleitung. Möchten Sie das Glück, wovon ich ſpreche, in Tagen und Stunden erreichen! wer wünſchte es aufrichtiger als ich? Aber wie ſchnell iſt auch eine Handvoll Jahre herum! Der Lehrling ſieht ſich als Ge⸗ ſelle, der Soldat als ausgedient, der Gefangene in der Freiheit— Jahre ſind kurz, wenn das Ziel feſtſteht, das dahinter liegt; ohne dieſes wird auch ein Tag zur unerträglichen Laſt. Glauben Sie an Ihr Glück und es wird ſich erfüllen. Was macht den Yankee groß? Daß er keinen Moment zu fixiren, ſondern jeden zu überbieten ſtrebt. An⸗ ders der Deutſche. Er liebt das Beharren, Alles, auch das Schlech⸗ teſte, wird ihm zum Ruhepunkte. Fragen Sie ſich ſelbſt, wie Sie dahin kamen, dieſes kleindeutſche Kartenhaus feſtzuhalten? Ihre an⸗ fängliche Abſicht war es nicht. Man wollte nur vorläufig beiſammen bleiben bis Jeder ſeinen Weg gefunden hätte, aber dieſes„vorläufig“ wurde zur Gewohnheit. Man fand zwar ſeinen Weg nicht, aber doch einen winzig ſchmalen Pfad, und der Deutſche iſt ja genügſam. Auf 128 dieſem Pfad geht's nun dahin mit zerriſſenen Kleidern und wunden Füſſen: wer ſein trocken Brod verdient hört ſchon zu ſtreben auf, ja er theilt noch mit dem Andern, der es nicht verdient, und der nun gleichfalls zu ſtreben aufhört im gewohnheitsmäßigen Genuſſe dieſer Penſion.„Bruder, ich verlaß dich nicht“, heißt es; aber es ſollte heißen:„Bruder wir verlaſſen uns ſelbſt alle Beide“. Das geht uns an, murmelte der Schriftſetzer dem Frankfurter Gärtner zu. Benthal faßte die Beiden in's Auge, ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er: Ich nenne keinen Namen, aber ich verleugne auch nicht, wer ſich ſelbſt nennt. Allerdings, das geht Sie an, meine Herren. Herr Henning, metteur-en-page, abſolvirter Gymnaſiaſt, ein Mann, der nöthigen Falls irgend einen halblateiniſchen Humbuger von ſeinem Katheder jagen könnte, zieht den Ruhm der Beſcheidenheit allen übri⸗ gen Erdengütern vor. Er findet ſein Geſchäft überfüllt am hieſigen Platze, feiert, und hat die Selbſtverläugnung— Waſſereimer zu ſchöpfen in dankbarer Erwiederung der Verdienſte, welche Herr Birk die Großmuth hat, ſich um Herrn Henning zu erwerben. Nun iſt zwar Ziehbrunnenarbeit nicht die heilſamſte Leibesübung für einen Menſchen, welcher im letzten Stadium der Phthisis pulmonalis ge⸗ boren zu ſein den Anſpruch macht, auch wird die Nützlichkeit dieſer Be⸗ ſchäftigung nach einigen der heißeſten Sommerwochen zu Ende ge⸗ gangen ſein: indeß beſcheide ich mich gerne, vorwitziger zu ſein als mir ziemt. Der Deutſche iſt ja ſo unendlich reich an Hilfsmitteln— ſicher iſt das, was nach dem Ziehbrunnen kommt, noch immer ori⸗ gineller als meine dürftige Phantaſie. Hat ſich doch ein deutſcher Offi⸗ zier dem Glöckner an der Trinitatis⸗Kirche als Aushelfer für die Vergünſtigung aſſocirt, daß er die Sperlinge auf dem Trinitatis⸗ Thurm ſchießen darf. Von dieſen Sperlingen lebt er! Der Schriftſetzer brummte: Was kann denn er dafür, daß auf dem Trinitatisthurm nicht Truthühner niſten! Herr Birk ſelbſt— fuhr Benthal fort— kam aus der Frank⸗ furter Gemarkung, aus der Hochſchule des deutſchen Gemüſebau's und wird mit Schrecken inne, daß die Gemüſeſchüſſel keine Rolle ſpielt zwiſchen den Fleiſchbergen der hieſigen Tafel. Mit Noth findet Herr Birk noch ein Stückchen Sand, das ihm einer der wenigen und ſchlechten —— vunden uf, ja er nun dieſer ſollte pffurter dann t, wer Herr m, der ſeinem n übri⸗ hieſigen mer zu r Birk dun iſt einen Mis ge⸗ eſer Be⸗ inde ge⸗ ſin als teln— ner ori⸗ er Off⸗ füt die nitatis⸗ — 129— Gärtner hier in einen höchſt pfiffigen Pacht gibt— ſo lange natür⸗ lich bis der Grund verbeſſert und die Frankfurter Gartenkunſt vom Yankee abgemerkt iſt. Herr Birk hat ſich nicht mit Unrecht die Frage eigen gemacht, was der Zweck dieſes Daſeins ſei? Deßungeachtet hat Herr Birk ausgeſorgt auf dieſem Sandparadieſe— es liegt ja in Kleindeutſchland! Freilich hat Herr Birk gehört, daß in Cincinnati eine gewinnreiche Blumenkultur florirt, daß ferner Cincinnati ein Hauctſitz der Deutſchen iſt, und alſo ohne Zweifel auch guten Gemüſe⸗Conſum hat: aber— hier bedrängt uns eine andere Verlegenheit— Reiſe⸗ geld! Das iſt der Punkt,„der Unglück läßt zu hohen Jahren kommen“, wie Hamlet ſagt. Zwar trete ich mit dem Rath hervor, Reiſegeld im nächſtbeſten Taglohn zu verdienen— das heißt jedoch die große Allarm⸗ kanone abprotzen! Der deutſche Handwerksſtolz iſt empört bei dem Gedanken des Taglöhners, das deutſche Handwerk fürchtet an ſeiner Ehre zu freveln, wenn es Steine klopft oder die Schiffswinde dreht. Meine Herren! wir alle hatten einen Hügel, von dem unſre El⸗ tern, Geſchwiſter und Freunde zum letzten Male ihre Taſchentücher ſchwenkten; auch wir knüpften die unſrigen an die Wanderſtöcke, das wehmuthsvolle Geflatter ging hin und her, wir glaubten nicht, daß es ein Ende nehmen könne. Als es aber doch zu Ende war, da rafften wir uns mannhaft empor und nun hieß es tapfer: Deutſchland ade! Wir verſprachen uns, als neue Menſchen die neue Welt zu be⸗ treten. Wie, meine Herren, halten wir ſo Wort? Wehen die ver⸗ weinten Taſchentücher noch einmal? Wo bleibt der herzhafte Ab⸗ ſchiedsruf: Deutſchland ade? Ha, ſind wir Auswanderer, die nicht ausgewandert ſind? Das verhüte Gott, meine Herren, denn dann wä⸗ ren wir die unglücklichſte Baſtard⸗Gattung von allen Gattungen des Thierreichs. Verſtehen Sie mich recht, meine Herren. Sie haben keinen jener falſchen Propheten vor ſich, welche den perfiden Gemeinplatz ausbreiten, der Deutſche müſſe ſich möglichſt ſchnell yankeeſiren, um ſein Glück zu machen. Nichts weniger. Ich beſchwöre Sie ſogar: ſchärfen und ſchleifen Sie alle Spitzen Ihrer Nationalität wie ein chirurgiſches Beſteck, und zerfleiſchen Sie Jeden damit, der Ihnen zu nahe tritt. Ihren deutſchen Tiefſinn ſtemmen Sie entgegen der routinirten Flach⸗ heit, Ihr deutſches Gemüth der höflichen Herzenskälte, Ihre deutſche D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. 9 — 130— Religion dem trockenen Sectenkram, Ihr deutſches Perſönlichkeitsgefühl dem heerdemäßigen Parteitreiben, Ihr deutſches Gewiſſen dem Humbug und Nankee⸗Trike, Ihre deutſche Sprache dem Mißlaut und der Ge⸗ dankenarmuth, Ihr deutſches Weinglas der Mäßigkeitsheuchelei, Ihre deutſche Sonntagsluſt dem Sonntagsmuckerthum Amerika's. Das Alles halten Sie feſt; und hätten Sie bei Neufoundland oder zu Sandy Hook bis zum letzten Faden Schiffbruch gelitten, Ihre deutſche Sitte müßten Sie doch gerettet haben, oder ich wünſchte, Sie wären mit zu Grunde gegangen. Aber Eins werfen Sie über Bord, wie die aus⸗ gediente Matratze eines Zwiſchendeckbettes— die deutſche Handwerks⸗ Pedanterie. Sie könnten den Amerikanern eben ſo gut Ihre Fleiß⸗ zettel aus der Schule vorzeigen, als daß Sie verſeſſen ſind auf das Handwerk, worin Sie Ihr„Meiſterſtück“ gemacht. Die europäiſche Zunft war nur eine Schule des Handwerks; die Schule iſt durchge⸗ macht und nun fallen die Zünfte in Europa ſelbſt, um wie viel mehr in Amerika. Wiſſen Sie, was hier Ihr Handwerk iſt? Jedes Werk Ihrer Hand. Die Sache hat hier ihren urſprünglichen Wortbegriff. Finden Sie Ihr Handwerk im gewohnten europäiſchen Style hier— gut; wo nicht, ſo ergreifen Sie das verwandte und vom verwandten wieder das verwandte, und durchlaufen Sie den ganzen Kreis wie eine Windroſe, bis Sie den Punkt gefunden haben, auf dem ſchön Wetter wird. So kommt der Amerikaner fort; das nennt er„ſein Leben machen“. Nur kein Leben auf halbe Diät! Ueberlaſſen Sie das den Kranken und Alten. Hier iſt man jung und geſund und verwandelt ſich zehnmal des Tags, unternimmt Alles und verzweifelt an Nichts. Das erſte Laſter in Amerika iſt die Zufriedenheit. Beharren Sie in keinem Zuſtande, der Sie nicht ganz befriedigt. Hüten Sie ſich über⸗ haupt vor dem deutſchen Triebe des Beharrens. Warum erſchreckte Sie das Wort Taglöhner ſo außerordentlich? Weil Sie es mit deut⸗ ſchem Ohre hörten, weil Sie ſich unwillkürlich ein Beharren in der Taglöhnerei dachten. Behüte der Himmel! Taglöhnern Sie ein paar Wochen, bis einige Dollars erſpart ſind zu der nächſtbeſten Unterneh⸗ mung, ſparen Sie bei dieſer ein größeres Sümmchen zu einer noch vortheilhafteren Geſchäftsart und fahren Sie ſo fort in dieſem Staffel⸗ bau, es wird ſchneller gehen, als Sie denken. Vielleicht eben ſo ſchnell, als ob Sie nach Deutſchland zurückkehrten und ſich in die alten aus⸗ gefühl imbug r Ge⸗ Ihre Alles Sandh Sitte mit zu e auls⸗ werks⸗ Fleiß⸗ üf das päiſche urchge⸗ lmeht Werk egriff er— andten ie eine Wetter Leben as den vandelt ichs⸗ Sie in über⸗ hreckt deut⸗ in der n paar terneſ er no uffel⸗ ſcnell 1 aus⸗ — N— 131— gefahrenen Geleiſe wieder einkarreten. Abgeſehen, daß Ihre Anſprüche auf jene geſetzliche Retourfahrt lange nicht ſo liquid ſein dürften, als Sie ſich vorzuſtellen ſcheinen. Wer aber ein wirkliches Recht daran hat, der mache es geltend— zum Scheine wenigſtens— denn der Erfolg wird dieſer ſein: der Schiffsmakler wird verſuchen, Ihnen ein paar Dollars Abſtandsgeld zu bieten, die nehmen Sie an, nachdem ſie ſo viel als möglich geſteigert haben, und nun haben Sie Reiſe⸗ geld! Gehen Sie damit nach Pennſilvanien oder Ohio und ich will „damned dutch“ ſein, wenn Sie dort die Arbeit nicht finden, die Ih⸗ nen hier verſagt. Das iſt der Gebrauch, den Sie von jener Mit⸗ theilung machen können. Ich wollte, Sie hätten dieſelbe, anſtatt teu⸗ toniſchen Rückwärts⸗Chorus anzuſtimmen, gleich ſelbſt in dieſem Sinne aufgefaßt; es wäre ein hübſches Zeichen geweſen, daß Sie vom ame⸗ rikaniſchen Geiſte bereits ein paar Tropfen Taufwaſſer empfangen.— Und nun, meine Herren, laſſen Sie mich noch einmal Abſchied nehmen. Nächſte Woche finde ich vielleicht Manchen von Ihnen nicht mehr hier, aber nicht weil er nach Deutſchland zurückkehrte, ſondern weil er nach Taglohn aus iſt— wenn ich mir's ſchmeicheln darf. Wer es immer ſei, der ſich zu dieſem Anfang entſchließen wird— er ſei beglückwünſcht! Und wer es nicht thut, der ſtöre mindeſtens den Andern nicht. Der Amerikaner achtet jede Arbeit, denn keine iſt ihm ein Dienſt. Diener und Dienſtherr ſpeiſen an demſelben Tiſche und jeder ſpuckt genau in dieſelbe Diſtanz vor ſich aus— ein äußerer Gradmeſſer ihres inneren Selbſtgefühls. Nur der Deutſche iſt's, der ſeinen Landsmann mißachtet, oder der ſich ſelbſt erniedrigt und ver⸗ knechtet fühlt, und kaum zum Tageslicht aufzublicken wagt, wenn ihn Jemand mit der Schaufel in der Hand betritt, der ihn mit der Feder hinterm Ohr gekannt hat. Fluch dieſem Unſinn! Fluch dieſer Hand⸗ werksehre, welche Menſchenſchande iſt! Ich ſpeiste einſt, meine Herren, bei einem Banquier in Deutſchland. Es war mitten im Januar und wir hatten friſche Erdbeeren und Pfirſiche zum Deſſert. Aber draußen auf der Galerie weinte das kleine Töchterchen des Hauſes, und fragte mich im Vorbeigehen, ob ich ihr kein Brodrindchen zuſtecken könnte. Nach drei Tagen war der Banquier todt und ſeine Leute begruben ihn ſchnell, damit die Giftflecke an der Leiche nicht zum Vorſchein kämen. Das war deutſche Handwerksehre!— Mein Mr. Mockingbird 9* — 132— hat mit einer Viertelmillion in Thran fallirt, und ſtreift ſich luſtig die Hemdärmel auf, um rechts ein Buſhel Zwiebel zu meſſen, und links ein Rudel Schulrangen zu Paaren zu treiben— der Anfang zu einer neuen Viertelmillion. Und ich, der Rector magnificus, wie Sie ſagen, helfe ihm Zwiebel meſſen und Schulkinder kämmen, da ich doch jede Profeſſorenſtelle am Harvard-College verſehen könnte,— nur daß ich ſie noch nicht habe. Das iſt amerikaniſche Handwerks⸗ ehre! Nichts iſt ſo gering hier, womit man nicht anfängt, aber nichts ſo hoch, womit man nicht enden wollte. Der Deutſche macht's um⸗ gekehrt. Es ekelt ihm vor der ſeichten Stelle, wo Fröſche laichen, er wagt ſich aber auch nicht hinaus, wo Silberflotten ſegeln. Er kennt kein Fortſchreiten von Einem zum Andern, ſondern ein hübſches Be⸗ harren in der Mitte. Meine Herren, das taugt nichts, und wär' es nicht ſchon ſo ſpät, ich würd' es eine Millionmal wiederholen: es taugt nichts! Dieſe freie Beweglichkeit, dieſe entſchloſſene Thatkraft, dieſe vollkommene Herrſchaft über ſich in allem äußern Handeln müſſen Sie von Amerika lernen. Fürchten Sie deßhalb nicht gleich im Yankee⸗ thum aufgehen zu müſſen. Sie können dem Nankee tauſend deutſche Tugenden dafür zurückgeben, und ihn eben ſo gut in unſerm Volks⸗ thum aufgehen laſſen. Das iſt ja der Plan, den die Vorſehung mit der deutſchen Einwanderung nach Amerika im Schilde führt. Die zwei reichſten Völker der Erde ſollen ihr Kapital auf Einen Satz einlegen, ein Product ſoll entſtehen, welches der beſte Jahrgang im Weinberge der Menſchheit wird. Der Amerikaner hält ſeine Hand über Meer und Erde, jede Muskel an ihm iſt ein Königreich werth— er iſt der Gott der Materie. Dafür hat er ſich auch das Geiſtige vom Halſe geſchafft und Kunſt, Wiſſenſchaft und Religion in einer blechernen Formelbüchſe getrocknet zum haſtigſten Verzehr mittelſt einer Kanne Theewaſſer. Der Deutſche kommt aus dem Lande der Wald⸗ vögel, der Dichter, der Univerſitäten, der Dome— er iſt ſelbſt ein lebendiger Dom, ein immerwährender Gottesdienſt der Begeiſterung. Aber er blieb auch unvollendet dieſer Dom, die Erde ließ ihn im Stiche, weil er ihr gradeswegs gegen Him mel davonlief. Wohlan, der rührige Yankee iſt ganz der Mann dazu, dieſen himmliſchen Stum⸗ mel auszumauern. Laſſen Sie ſeine Winden und Hebel ſpielen an ſich, aber während er nur„Maſchinenarbeit in Accord“ zu machen luſtig und nfang wie da ich 6,— verks⸗ nichts um⸗ in, er kennt 3 Be⸗ är es n: es kkraft, nüſſen mnkee⸗ utſche olks⸗ 9 mit Die Sat ng in Hand rth— eiſtige einer einer Wald⸗ ſt ein erung hn im ohlan, Stum⸗ m an nachen — 133— glaubt, ſchlage das Wunderweben des Doms zu den farbigen Spitz⸗ bogenfenſtern heraus, und Orgelton und Glockenklang und flammende Kerzen und beſeeltes Bildwerk werfe den Zunder eines höheren Le⸗ bens in ſein Herz, daß er vom Gerüſt herabkomme, ausgebaut in ſeinem Innern, wie Sie im Aeußern.— Ja, meine Herren, halten Sie Ihre Nationalität feſt: Sie ſind es dem Lande ſchuldig; aber fügen Sie ihr vom Yankeethum das brauchbarſte Stück ein: Sie ſind es ſich ſelbſt ſchuldig.— Gute Nacht, meine Herren, ich empfehle mich Ihnen.— Kleindeutſchland ſaß noch lange um ſeine Lichter herum, als Ben⸗ thal mit einem raſchen Verſchwinden zur Thüre hinaus war. Vor der Thüre aber fühlte er eine Hand auf ſeiner Schulter und eine klangvolle Männerſtimme ſprach: Ich danke Ihnen für dieſe deutſche — That! Siebentes Kapitel. Benthal wendete ſich dem Sprecher dieſer Worte zu, und erkannte denſelben ſchneller, als es zuvor umgekehrt der Fall geweſen. Freudig erſtaunt lüftete er den Hut, womit er ſich eben bedeckt hatte, und er⸗ wiederte Worte wie dieſe oder ähnliche: Herr Doctor, die Ehre Sie wieder zu ſehen iſt mir eine unſchätzbare. Moorfeld antwortete leb⸗ haft: Nicht ſo, mein Beſter! Laſſen wir dieſe Sprache, wenn's beliebt. Die Höflichkeit kommt mir vor wie die Mönchsſchrift auf alten Per⸗ gamenten: ſie erbaut, ſo lang nichts beſſers da iſt, aber man beſeitigt ſie, wenn ein guter Dichter unter ihr entdeckt wird.— Ich wette, Sie ſind ſelbſt Dichter, erwiederte Benthal auf dieſes Bild. Moorfeld lächelte ſchalkhaft: Um Verzeihung! keine Wette ohne Gegenwette; aber eine ſolche wünſchte ich nicht. Die beiden jungen Männer nahmen ſich unter den Arm. Benthal behielt ſeinen Hut in der Hand, trocknete ſich die Stirn und lüftete der geringen Nachtkühle ein paar Knöpfchen. Moorfeld ſagte: Klopſtock 134 meint, die Unſterblichkeit iſt des Schweißes der Edlen werth, ich möchte gerechter ſein und es umkehren: der Schweiß der Edlen iſt der Un⸗ ſterblichkeit werth. Aber leider, daß der edelſte Schweiß juſt am we⸗ nigſten auf die Nachwelt kommt! Darum bewundere ich immer von Neuem Männer wie Sie, welche die entſagende Größe haben, das Beſte an das Vergänglichſte zu ſetzen. An das Vergänglichſte! wiederholte Benthal;— freilich! aber wer weiß denn was vergänglich iſt? Bis dieſes Wiſſen kommt, handelt man im Glauben an dauernde Erfolge. Das kann unter Umſtänden ſehr lange währen. Der Glaube iſt dann das eigentlich Unſterbliche an der Sache. Recht ſo! recht ſo! rief Moorfeld mit Wärme, der Glaube! der iſt überhaupt Alles! Er iſt die größte Heldenthat des Menſchen. Ich werde nicht müde, das zu behaupten. Der Glaube iſt der Vater der Menſchheit; die Skepſis iſt eine alte unfruchtbare Jungfer. Benthal warf einen beſorgten Blick auf ſeinen Begleiter. Moor⸗ feld bemerkte es und fuhr lachend fort: Sein Sie ganz ruhig, Beſter. Ich bin weder Jeſuit, noch Kapuziner, noch Conſiſtorialrath. Von jenem Glauben iſt ja hier nicht die Rede. Oder vielmehr von ihm nicht allein. Glaube iſt Selbſtgefühl. Ich frage keinen Tiſchler, was er glaubt: er glaubt an ſeinen Hobel. Ach, Europa wimmelt von Tiſchlern, die nicht mehr an ihren Hobel glauben! Darum ergriff ich Ihre Hand, weil ich Sie ſo impoſant glauben ſah. Benthal antwortete: Ach wohl! ich glaube wie jener Jude, der in Rom Chriſt wurde, der ſchlechten Chriſten wegen. So glaube ich hier an unſer Volksthum. Wenn ich dem zerfahrenen Leben der Deutſchen zuſehe, und wie eifrig ſie ſich ihren eigenen Untergang angelegen ſein laſſen, ſo möchte ich mir oft mit Glüheiſen meine deutſche Haut vom Leibe brennen. Es iſt ein Schauſpiel zum Raſendwerden. Wenn ich aber erſtaune, daß ihnen ihre Selbſtzerſtörung doch nicht gelingt, daß ſie immer wieder lebendig vom Boden aufſtehen, auf dem ſie todt hinge⸗ ſunken; wenn ich die hieſigen Nativiſten betrachte, wie ſie im Beſitze des mächtigſten Staatslebens der Erde Bollwerk um Bollwerk aufthürmen gegen dieſe armen verlornen Söhne; wie ſie in ihrer Preſſe die raf⸗ finirteſten Gifte deſtilliren, um uns zum Teufel zu befördern; wie ſie mit offenen Judenverfolgungen in unſre Quartiere einfallen; wie unſre üchte Un⸗ iſre — 135 Fehler ihnen winzig dünken müſſen, weil ſie nur Herſchel⸗Telescope in Gebrauch nehmen, wenn davon die Rede iſt; kurz, wie die eitelſte Nation der Welt ihr Fröſteln und Beben nicht los wird vor einem Menſchenhaufen, der noch gar keine Nation iſt; wenn ich mitten unter dieſen Wahrnehmungen täglich aufſtehe und mich niederlege: ſo härtet ſich mir, wie im zehnfachen Feuer, die Ueberzeugung: es gibt nur einen Gott, und die Deutſchen ſind ſein auserwähltes Volk! Für dieſen Glauben könnte ich dann eben ſo gut ſpießen und braten laſſen, wie Torquemada für den ſeinigen. Moorfeld ſagte: Und Ihre Ketzer, glaube ich, wären noch etwas ſtraffälliger. Ich hörte hier von ſchändlichen Proben des Humbugs. Kaum glaubt' ich ſie, wenn ich perſönlich nicht auch ſchon Erfahrungen über dieſe Galeeren⸗Moral hätte. Eigentlich betrügt der reine Amerikaner nicht um der Beute willen, antwortete Benthal; kein Volk iſt weniger habſüchtig und leichter ge⸗ neigt, das erworbene Privatvermögen zu wohlthätigen und nützlichen Zwecken der Oeffentlichkeit wieder zurückzugeben. Seine Liſten und Tücken ſind's, die den Yankee nicht ruhen laſſen, auch wenn er wollte. Er kann nicht leben ohne das Gefühl der Ueberlegenheit über Andere. Dieſen Kitzel befriedigt er im Guten wie im Schlimmen. Seine Beute iſt nicht ſowohl ein Raub, als vielmehr ein Preis; denn ſtillſchweigend beſteht im ganzen Volke eine beſtändige Wette, wer es dem Andern an Kniffen zuvorthut. Tropf, paß auf! iſt die allgemeine Looſung. Sie betrügen nicht, ſie gewinnen nur die Preiſe ihrer ewigen National⸗ wette. Sie ſind mehr Schelme als Schufte. Freilich hat auch der gemeine, echte Betrug um ſo leichteres Spiel unter dieſem Schutze der öffentlichen Meinung. Und wieder iſt der böſeſte Betrug der Ver⸗ zeihung gewiß, wenn er gegen den Deutſchen geübt wird. Den Deut⸗ ſchen herunterzubringen iſt gleichſam Nationalſache. Viel verzeihen ſich die Amerikaner einander, was nirgend ſonſt durchginge; aber— leider darf ich es ſagen! Alles verzeihen ſie ſich dem Deutſchen gegenüber. Es iſt ein Deutſcher! hat ihnen ungefähr die Bedeutung, wie den alten Spaniern: es iſt ein Moriske! Hier fehlt jede Gränze. Vor Kurzem wurde in Newyork ein deutſcher Familienvater erſchlagen. Ein Amerikaner that's, mit dem der Deutſche Wortwechſel hatte; aber die brutalen Seevölker wechſeln überhaupt nicht Worte, wie der den⸗ 136 kende Denutſche: ſie antworten mit Hieb und Stich. Der Mörder wird vor Gericht gezogen. Zufällig ſteht ſein Name in der Klage⸗ ſchrift nicht ganz correct, der Beklagte ſieht es, und wendet dem Ge⸗ richtshof mürriſch den Rücken. Warum man ihn ſeine Zeit verſäumen laſſe, fragt er den Anwalt, hier ſei eine Perſon mit einem Doppel⸗m citirt, was gehe das ihn an? er ſchreibe ſich mit einem einfachen. Vor dem engliſchen Geſetzbuche war das ein vollgiltiges Argument. Der Beklagte wird freigeſprochen. Eine neue Anklageſchrift mit cor⸗ rectem Namen iſt nicht mehr zuläſſig, denn Niemand kann deſſelben Vergehens wegen zweimal belangt werden. So geht der Mörder un⸗ gekränkt ſeinen Geſchäften nach, alle Welt kennt ihn als ſolchen— aber was ſchadet das? Er hat ja nur einen Deutſchen umgebracht! und in ſeinem Schul⸗ und Kirchenvorſtand bleibt er das reſpectable Mitglied, als hätte er ein Schwein von Cincinnati geſchlachtet. Entſetzlich! rief Moorfeld; Sie haben dieſe Geſchichte im beſten Henkerſtyl erzählt: kurz und kalt, wie ein Fallbeil. Ich träume heute davon, vorausgeſetzt, daß ſie mich ſchlafen läßt. Und nach einer Pauſe fuhr er fort: Sagen Sie, zu welcher Schönheit blickt man hier auf, wenn die Erde ihre wüſteſten Fratzengeſichter ſchneidet? O weh, rief Benthal, Schönheit und Amerika! Aber Sie ant⸗ worten ſich ſelbſt. Blicken Sie immerhin auf, droben wohnt überall die Schönheit, drunten nie. Der Schwindelnde macht's ja nicht an⸗ ders: aufwärts ſieht er, nicht abwärts, um ſich zu halten. Darum haben ſie auch die Sterne zu ihrem Banner gemacht. Sie erriethen's inſtinktmäßig, ihre Erde hat weniger Schönheit, ihr Sternenhimmel wird dringender geſucht, als irgend ſonſt wo. Ja, faſſen wir's feſt in's Auge: nicht was dieſes Volk iſt, ſondern was es bedeutet! Es bedeutet Höheres als Griechen und Römer, es bedeutet die Welt⸗ freiheit! Von einem andern Sterne geſehen iſt nicht Rom, nicht Athen der lichteſte Punkt unſers Planeten— Waſſington iſt's. Ame⸗ rika's Schönheit iſt Amerika's Idee! Das ſagt' ich mir auch als ich herfuhr, antwortete Moorfeld, aber ich komme hinter den Fehler meiner Definition. Die Schönheit iſt nicht eine Idee, ſie iſt eine ſinnliche Form. Die Idee wird nur vom abſtracten Geiſte erfaßt; das iſt eine Mühe, kein Genuß. Wie exiſtirt hier das Herze? Das Herz exiſtirt nicht in Amerika, war Benthal's Antwort. — Si ſo 137 Das iſt ja nicht möglich! Wovon leben denn die Weiber? Vom Putz und von der Bibel. Leider, Sie ſcheinen Recht zu haben. Aber Sie— wovon leben Sie ſelbſt. Von meiner Pauline. Gott ſegne ſie! Es muß ein herrliches Mädchen ſein, das Sie bei ſo viel Heldenkraft erhält. Ich bitte, erzählen Sie mir von ihr. Es war einmal ein ſchönes Mädchen. Ich habe erzählt.- Klaſſiſcher Lacedemonier! Kleindeutſchland hat Ihnen dieſen Styl angewöhnt? Ein wahrer Palliſaden⸗Styl. Schoff, ſtarr, Männer dahinter! Indeß der Frühling frägt nichts nach Palliſaden. Brauchen Sie zur Freundin einen Freund? Sie haben ſich ihn heute erworben. Dann aber— Herz um Herz! Gilt's? Benthal antwortete: Es hat gegolten, in jenem erſten Augenblicke ſchon, als Sie in Mr. Mockingbird's Schule eintraten. Ihre ganze Erſcheinung war mir ein Freimaurerzeichen, das ich zu beantworten dürſtete. Ich bin ſtolz darauf, daß Sie das, was ich in Kleindeutſch⸗ land zu wirken verſuche, für meine Antwort halten wollen. Aber von Paulinen wollten Sie hören. Sie iſt, wie Sie leicht ſchließen werden, keine Amerikanerin, ſie iſt eine Deutſche. Auf dem Auswanderer⸗ ſchiffe wurde ich bekannt mit ihr. Und da es mir ſchwer werden dürfte, von einer ſo verſchloſſenen, nur in Thaten ſich äußernden Na⸗ tur Ihnen ein Bild zu entwerfen, ſo will ich lieber das Geſchichtchen dieſer Bekanntſchaft ſelbſt erzählen. Sie finden den dankbarſten Zuhörer, antwortete Moorfeld. Benthal fuhr fort: Meine Geſchichte ſpielt auf dem Verdecke des Kauffahrers, der mich von Havre nach Newyork bringt. Da zähle ich die Schritte auf und nieder, und ſehe in das viele Waſſer hinaus. Möwen, Delphine, fliegende Fiſche und das übrige Etcätera der See iſt die einfache Aus⸗ ſtattung der Scene. Bei heiterem Wetter kriechen aus Cajüte und Zwiſchendeck nach einander all die wohlbekannten Geſichter hervor, die man täglich mit ſtiller Freundlichkeit, mit reſignirter Geduld grüßt, indem ſich Jeder inwendig denkt: Ich wollte, ich ſähe einmal was Anderes. Unter den Paſſagieren der Cajüte wandelt dann mit ihrem ſtillen, ſittigen Frauenſchritt eine ältere dame— unendlich ruhig, un⸗ 138 endlich mild: wie ein Sabbath unter den Wochentagen. Spuren der feinſten Schönheit ihres Geſchlechts verklären noch die zarten, blaſſen Züge der Matrone. Aber ſie führt ihr einſtiges Selbſt lebendig an der Seite in einem jungen Mädchen von etwa achtzehn Jahren, wel⸗ ches ſeinerſeits wieder ein Schweſterchen von fünf Jahren an der Hand führt. Beide Töchter ſind das reinſte Ebenbild der Mutter. Das ältere Mädchen hat braunes, ſchlichtgeſcheiteltes Haar, ein tiefes brau⸗ nes Auge unter dämmerungsvollen Wimpern, ein edles Oval des Ge⸗ ſichts und in ihrer ganzen Erſcheinung einen ſo ergreifenden Ernſt, daß mir, ſo oft ich ſie einherwandeln ſah, immer dieſelbe Vorſtellung zu⸗ rückkehrte: ich ſähe ein Mädchen zur Confirmation gehen. Man kann die weibliche Modeſtie in keiner andern Perſonification denken. Ich ſage abſichtlich Modeſtie, und nicht Beſcheidenheit: das Wort mit ſeinen zwei breiten Diphthongen klänge ganz unmaleriſch für dieſen Characterausdruck. Modeſtie muß es heißen. Wie artiſtiſch empfunden! rief Moorfeld mit der Freude des Ken⸗ ners, ſagen Sie noch, daß Ihnen ein Bild ſchwer wird, ohne geſchicht⸗ lichen Grund! Ein rein dichteriſcher Zug, eine Nüance voll Plaſtik! Ich bin kein Dichter, ſagte Benthal mit einer gewiſſen Genauigkeit der Definition, ich habe nicht die Imaginationskraft, zu ſchaffen, höchſtens, das Geſchaffene zu empfinden. Aber Moorfeld's Sympathie war in ihrem Kern getroffen, Benthal ſelbſt hätte es nicht mehr än⸗ dern können. In Kleindeutſchland hatte ihn Moorfeld achten gelernt, wie ein Mann den Mann achtet, dieſer Zug befriedigte das Beſondere in ihm, das Eigene. Er drückte unwillkürlich Benthal's Arm brüder⸗ licher an ſich; dieſer fuhr fort: Die Matrone verkürzte ſich von Zeit zu Zeit die Langweile der Seefahrt mit Lectüre. Eines Tags ſah ich ſie mit einem alten Zeitungsblatt in der Hand an mir vorübergehen. Wie wurde mir, als ich nach dem Kopfe des Blattes ſchielend, eine liberale pfälzer Zeitung erkannte, an welcher ich unter dem bewegteſten Wechſel von Privat⸗ und öffentlichen Geſchicken ein Hauptmitarbeiter geweſen! Mein Blick mochte lebhafter, als er ſollte, meinen Rapport mit dieſem Stück Papier ausgedrückt haben, denn die Dame reichte mir es, zwar nicht als Neuigkeit, wie ſie ſich entſchuldigte, aber ſolch kräftiges Stammholz halte ſich lange, ſagte ſie, man ſchnitze ſich jetzt erſt mit gehöriger Andacht Reliquien daraus. Sie fügte dann zum wren der blaſſen ndig an , wel⸗ der Hand r. Das es brau⸗ des Ge⸗ nſt, daß ung zu⸗ an kann en. Ich gort mit r dieſen es Ken⸗ iſchich⸗ Plaſtit nauigkeit ſchaffen, mpathie nehr än⸗ gelern, geſondere brider geit zu ſah ich ergehen. d, iine wegteſten tarbeiter Rapport reichte her olch ſch jet ann zun 139 Lobe des leitenden Artikels noch Mehreres bei, aber ich unterbrach ſie mit den Worten: Madame, ein gewiſſes Gefühl ſagt mir, daß ich Sie nicht fortfahren laſſen ſoll, ohne Sie aufmerkſam zu machen, daß hier von keinem Abweſenden die Rede iſt. Der Verfaſſer dieſes Artikels hat die Ehre, ſich für Ihre Güte perſönlich zu bedanken. Die Ueber⸗ raſchung der Frauen war groß. Natürlich lag für mich die Auffor⸗ derung vor, von meiner Geſchichte ſo viel mitzutheilen, als ſchicklich war, die erregte Neugierde von Damen zu befriedigen. Ich erzählte das Drama des Hambacher Feſtes. Meine Betheiligung daran ver⸗ ſtand ſich von ſelbſt. Meine Flucht durch Frankreich und Einſchiffung in Havre war eine Folge jenes Mißlingens. So ſtand ich am Bord des Auswandererſchiffes. Als Gegengeſchenk erhielt ich nun auch von den Verhältniſſen der drei weiblichen Paſſagiere einen Abriß. Die Matrone war Witwe eines preußiſchen Beamten aus der Schule Steins. Die Verationen der politiſchen Gegenſtrömung haben ihn aus der Activität gedrängt, vielleicht ſelbſt ſeinen raſcheren Tod mit verſchuldet. Die nächſte Verwandtſchaft ſchien dem jenſeitigen Lager ſo rückſichtslos anzugehören, daß es die verwaiste Familie bis in's Innerſte ihres Privatlebens empfand. Die Matrone berührte den Punkt der Ver⸗ mögensverhältniſſe mit keiner Sylbe dabei; doch hielt ich's für wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie namentlich auch hier viele Kränkungen erlitten und empfindliche Opfer gebracht. Mein Anerbieten, die Töchter im Eng⸗ liſchen vorzubereiten, wurde mit ausweichendem Danke beantwortet; ich glaubte zu bemerken, daß es nach einem Geſetze entſagendſter Oeco⸗ nomie geſchah. Leider verbot mir eben dieſer Umſtand die Anſpruch⸗ loſigkeit meines Offertes ſo weit zu betonen, daß ich die Urſache jenes Verzichtes zu errathen ſchien. Das Vertrauen der Matrone war über⸗ haupt nicht leicht zu beanſpruchen. In der angeborenen Fähigkeit ihres Geſchlechtes, mit dem ſchicklichſten Muthe jene bebende Blumenſcheu zu verbinden, welche ſchon vor der Berührung ſich ſchließt, war ſie wohl einzig. Was ſagen Sie dazu, wenn der Hauptgrund ihrer Auswan⸗ derung der Gedanke war, daß die Heilighaltung des Weibes in Ame⸗ rika ihren Waiſen einen beſſeren Schutz verſpreche, als in Europa? Iſt es nicht großartig, eine ganze Nation zur Hüterin ſeiner Haus⸗ ſitte zu machen?— Indeß— eine Art Bekanntſchaft war immer eingeleitet, und wir begegneten uns jetzt nicht mehr auf dem Verdecke, — —— ohne daß ſich irgend ein Geſpräch anknüpfte. Eines Tages war von der Wortkargheit der Schiffsleute die Rede; ich bemerkte bei dieſer Gelegenheit, wie eigenthümlich mir's mit dem Kapitän ergehe: ich könne von ihm nur die geographiſche Breite erfahren, nie die Länge, unter welcher wir ſegelten. Meine Fragen nach der Länge ſeien ihm ſtets verdrießlich, aber ſein Stillſchweigen darüber mir noch verdrieß⸗ licher. Ich vergaß nämlich nicht, den Damen zu bemerken, daß nach den Längengraden der eigentliche Fortſchritt der Fahrt angezeigt werde. Bald darauf kam ich auf's Verdeck und fand Paulinen allein oben, was wohl zuweilen, aber nur auf Augenblicke vorkam. Ich hatte be⸗ reits aus der Ferne gegrüßt und wollte näher treten, da ging juſt der Kapitän an ihr vorbei. Er grüßte und blieb ſtehen, ſie ſchien ihn mit irgend einer Anſprache feſtgehalten zu haben. Es entſpann ſich eine Converſation, von welcher etwa Folgendes in meine Nähe herüberſcholl. Werden wir dieſen heitern Himmel behalten, Herr Kapitän?— Es i*ſt wahrſcheinlich, mein Fräulein.— Was war das für ein Fiſch, den Ihre Leute geſtern harpunirten?— Ein junger Hai, white shark heißt die Art.— Die Matroſen ſchienen ſehr er⸗ freut; iſt das Thier ſo koſtbar?— Doch nicht, mein Fräulein, aber kleinere Fiſche einer andern Gattung begleiten ihn, und halten ſich wohl auch in ſeinem Rachen auf; die haben prächtige Farben, und ſchmecken wie die beſten Forellen.— Die Thierwelt des Meeres ſcheint nicht weniger intereſſant als auf dem Feſtlande und noch viel reicher. Schade, daß man ſie nicht in ſo beſtimmten geographiſchen Grenzen überblicken und behalten kann, wie etwa die Regionen der Gemſe oder des Rennthiers.— Das möchte ich in vielen Fällen doch ſagen. Wir kennen ſo ziemlich die Landſchaften und Provinzen, um den Ausdruck zu gebrauchen, in welchen jede Gattung vorkommt.— Das ſagt viel! Ich glaube, Sie ſind auf Ihrem Ocean zu Hauſe, wie wir in unſern vier Wänden?— Das geſchmeichelte Lächeln des Kapitäns machte einen breiten Riß durch ſein muskulöſes Geſicht.— Paulinen aber hörte ich fortfahren: In welcher Länge z. B. ſegeln wir jetzt, Herr Kapitän? Der Seemann riß die Augen auf, und maß das junge Mädchen mit einem verblüfften Geſicht. Er blickte auf dem Ver⸗ decke umher, gleichſam als ſuchte er die Quelle dieſer gelehrten Frage irgendwo außer der Fragenden. Zuletzt ſagte er zögernd: Sie meinen doch d und w Andwo dentli von F ainge enpf der; dierz das ſelbſ oll veri lehr Ich Vert um erſt Eie Kle dan dur Cs jen wel und teſt an nen dier zu hei üh ir von dieſer e: ich Länge, n ihm ndrieß⸗ nach werde. oben, tte be⸗ 9 juſt ſchien rtſpann Nähe Herr 1 2 aar das junger ehr er⸗ 3 aber ten ſih n, und ſcheint reicher⸗ Lrenzen ſe dde n. Wit usdruch 141 doch von Ferro gezählt?— Ja, ſtotterte das Mädchen verwirrt, und wurde über und über roth.— Der Kapitän murrte ihr eine Antwort zu, die ich nicht mehr vernehmen konnte, und zog ſich dann ziemlich brummig zurück.— Wir ſegeln im vierzehnten weſtlicher Länge von Ferro berichtete mir hierauf Pauline, indem wir einander entgegen gingen. Ich empfing das Wort, wie man eine ſüße verbotene Frucht empfängt. Ich ergriff ihre Hand, küßte ſie, und behielt ſie noch in der meinigen, als ich ſie ſchon längſt geküßt hatte. Wir ſegeln im vierzehnten weſtlicher Länge von Ferro, wiederholte ich,— und klang mir das Wort nicht wie der ſeelenvollſte Vers eines Dichters? Sie ſehen, ſelbſt die Mathematik iſt nicht trocken, wenn— wenn es anders ſein ſoll! So wurde ich mit Paulinen bekannt, ſchloß Benthal mit einer veränderten Stimme;— ich lehrte ſie von da an Engliſch, und ſie lehrt mich: Amerika ertragen, wo möglich— es beſiegen! Moorfeld ergriff die Hand des Erzählers, und drückte ſie lebhaft: Ich danke Ihnen mit meinem ganzen Herzen für Ihr bereitwilliges Vertrauen! Noch liegt Kleindeutſchland nicht weit hinter uns, aber um wie viel näher ſind Sie mir wieder gerückt! Wird Einem doch erſt recht wohl am Menſchen, wenn man ihn lieben ſieht! Ich wenigſtens, antwortete Benthal, erkenne meinen günſtigſten Stern darin. Vielleicht ſäß' ich ſelbſt unter der verirrten Herde Kleindeutſchlands, ſchleppte in einem empfindſamen Thränenſack das Hambacher Andenken herum, und ſchliche als ein müſſiger Schatten durch die Jahre der Kraft. Mein Glück hat mich bewahrt davor. Es zeigte mir ſchon im Ocean, wofür ich am Ufer ringen ſollte. In jener Wüſte von Ekel, Langweile, körperlichem und geiſtigem Siechthum, welche eine Unmaſſe von Auswanderer⸗Kräften ſchon vorweg aufzehrt, und welche man eine Zwiſchendecks⸗Seefahrt nennt,— in dieſen mat⸗ teſten Jammertagen eines menſchlichen Erdenwallens legte es ſeine Lunte an mich, und entzündete meine brennendſten Energien. Ein Glück nenne ich das, denn es iſt das Einzige, das den Namen Glück ver⸗ dient. Nicht mit einem großen Lotterietreffer die menſchlichen Kräfte zu penſioniren, ſondern ſie im rechten Augenblicke mit einem Ziele heißer Begehrung aufzuregen, das iſt das Glück! Moorfeld erwiederte: Im Namen der europäiſchen Poeſie müßte ich eigentlich Einſprache thun gegen dieſe Auffaſſung der Liebe. Sie 142 erſcheint wie ein Nützlichkeitsprincip, wie eine dynamiſche Kraft nach Ihren Worten. Aber freilich ſprechen Sie nicht von der Liebe, ſon⸗ dern von einer Liebe. Uns lyriſchen Luxusmenſchen iſt Liebe, nicht Preis und Ziel eines Kampfes, ſondern in ſich ſelbſt Kampf, ja, der Siede⸗ punkt jenes Kampfes, welchen Geiſt und Natur(denn das ſind ja Mann und Weib) in ihrer ewigen Gegenſätzlichkeit mit einander aus⸗ zukämpfen haben. Das iſt eine heiße Bataille. Es iſt etwas Dämoniſches um die Liebe; was ſag' ich, geradezu Feindliches, auf gegenſeitige Ver⸗ nichtung Ausgehendes; aber darin liegt eben der Genuß; das iſt die be⸗ rühmte Süßigkeit der Liebe, daß ſie eine Ertremität bezeichnet, eine Affaire, wo's um den Hals geht. So verſteh' ich von Europa her die Liebe, wo man ſeine Kräfte hat, um den Himmel zu ſtürmen, und die Hölle zu verdienen. Hier wo es gilt, die Erde in Beſitz zu nehmen, iſt's freilich was Anderes. Hier gibt's außerhalb Kampf genug; hier ſind allerdings Sie im Rechte, wenn Sie die Weiblichkeit als etwas Fertiges empfinden, als reine einfache Beſeligung. Ich nehme Ihren poetiſchen Proteſt doch nicht ungern zu Protocoll, antwortete Benthal. Ach, ſo wohlthuend iſt die Erſcheinung hier, die Sie lyriſcher Lurusmenſch nennen! Ueberhaupt macht der Euro⸗ päer in Amerika den vornehmen Eindruck eines grand Seigneur. Da iſt ſo viel Ueberfluß, ſo viel Unnöthiges, Unfruchtbares! Seine ganze moraliſche Landſchaft iſt wie eine Parkanlage; ein Sperling fin⸗ det kein Kirſchchen darin, aber ein Torquato Taſſo die Stanzen des befreiten Jeruſalems. Bravo, rief Moorfeld, einen Lorbeerkranz für dieſes Wort! Ich glaube, Sie werden vollſtändig die Aufgabe löſen, die Sie unſern Landslenten dort proclamirt haben: deutſcher Geiſt, amerikaniſcher Arm! Ich möchte es verſuchen, ſagte Benthal. Ja, laſſen Sie mich's machen wie der Ruderer:— das Ufer, dem er zuſteuert, hat er im Rücken, wovon er abſtößt, im Angeſicht. Laſſen Sie mich in Amerika anlanden, das Auge geheftet auf Europa und ſeine beſten Vertreter. Er drückte ſeinem Begleiter die Hand. Was mich betrifft, antwortete Moorfeld, ſo bin ich faſt in gleicher Lage, nur umgekehrt. Wir müſſen nothwendig mit einander gehen. Unſere neuen Freunde waren während dieſes Geſpräches wieder in der Nähe des Theaters, von welchem Moorfeld ausgegangen, ange⸗ langt; der. Norder auslie das f wie ſ gegen ſich pfan Wor ( gern frei ſchm kreu Ihm äffnet ohned Schul nung, da, der S ang wurde Greig pvielen nar d eine nach, im S würdi thun? 3 ſud Di Natu t nach , ſon⸗ Preis Siede⸗ ind ja er aus⸗ niſches ſeVer⸗ die be⸗ fffaire, be, wo ölle zu ch was 5 Sie finden, tocoll, hier, Euro⸗ gneur- Seine ng fin⸗ en des tl 3c unſern Arm! mich er im mais rtreter⸗ gleiche ehen⸗ eer in ange 143 langt; ſie ſtanden nämlich in dem Square an der City⸗Hall, welcher der Park heißt. In dieſem Mittelpunkte Newyorks, von welchem nach Norden und Süden die große Schlagader der Stadt, der Broadway, auslief, fand ſich Moorfeld vollſtändig orientirt. Er dankte für das fernere Geleite Benthals, deſſen Weg gegen den Oſtfluß zu, ſo wie ſein eigener weſtlich an den Hudſon hinab, alſo in direkter Ent⸗ gegenſetzung auseinanderging. Die jungen Männer verabſchiedeten ſich hier und tauſchten ihre Adreſſen gegen einander aus zum Unter⸗ pfande fortzuſetzender Freundſchaft. Benthal gab die ſeinige mit den Worten ab: Es iſt die Wohnung der Frau von Milden, meiner Schwie⸗ germutter in spe, die ich Ihnen hier mittheile. Ich pflege meine freien Stunden dort zuzubringen, und wenn Sie es nicht ver⸗ ſchmähen, der Vierte in einem Bunde zu ſein, der ſich einander nicht kreuzigt und erdolcht, ſondern blos eine Parthie Whiſt ſpielt, ſo iſt Ihnen das Lorettohäuschen meiner Frauen, das ich ſonſt Niemanden öffnete, mit aller Beſcheidenheit aufgethan. Gewiſſermaßen ſind Sie ohnedies ſchon eingeführt dort, denn Ihr Beſuch in Mr. Mockingbirds Schule war mir eine zu wohlthuende, für Amerika zu ſeltene Erſchei⸗ nung, als daß ich ihn nicht auch unter meinen Frauen gefeiert hätte. Ja, und ſind Sie nicht der Ritter unſrer kleinen Malvine geworden, der Sie ſo freundlich aus der Noth halfen, als ſie auf einem Boten⸗ gang zu mir ſich verirrte, und von halb Newyork im Stich gelaſſen wurde? Unſer Haus wird ſich freuen, Ihnen zu danken, es war ein Ereigniß in der kleinen Idylle! Das Kind fand ſeinen Weg ſonſt ſpielend zu Mr. Mockingbird, er iſt auch kurz genug; aber damals war das arme Schneckchen ein Opfer der Politik geworden; es lief einem Straßenaufzug der Clay⸗Partei und ſeinen Fahnen und Standarten nach, da trieb es im Umſehen mitten in Newyork, wie eine Bachforelle im Ocean. Die kleinſte der Damen Milden iſt nicht wenig liebens⸗ würdig, wenn ſie von Ihnen ſpricht— was ſollen die großen dabei thun? Am Ende ſind's doch die Kinder, welche den Ton angeben! Ich liebe die Kinder, ſagte Moorfeld; in der ganzen weiten Welt find ſie's allein, zu denen ein uneigennütziges Verhältniß möglich iſt. Die Natur unterwirft man der Kunſt, die Kunſt eiferſüchtelt mit der Natur— wir mögen uns ſtellen wie wir wollen: unſer Leben iſt 11— Neid und Verzweiflung. Das Kind allein iſt weder todte, objective Natur, noch bewußte und überbewußte Menſchheit: es hat zwiſchen beiden den rechten Moment, dieſen Moment lieb ich. Neben dem Geſpenſt, das den Menſchen draußen abſtößt und dem Geſpenſt das ihn innen zerfleiſcht, ſteht es in der Mitte,— ein anziehendes und verſöhnendes Geſpenſtchen.— Verlaſſen Sie ſich drauf, ich werde meine kleine Eroberung nicht vergeſſen.— Mit dieſen Worten hän⸗ digte Moorfeld auch ſeine Karte aus. Die jungen Männer hatten ſich eben getrennt, als Benthal, eh' er die empfangene Karte einſteckte, beim Lampenſchein einen Blick darauf warf. Er rief den Hinweggehenden ſogleich zurück und ſtellte ihm die Karte mit den Worten zurück: Um Verzeihung; ich habe hier keinen Dr. Moorfeld, ſondern einen Herrn von— Moorfeld ergriff haſtig das dargereichte Blättchen und erröthete. Eine Verwechslung mit irgend einer fremden Karte, ſagte Benthal.— Sie irren, antwortete Moorfeld, oder ſcheinen zu irren. Es war mein eigener Name in Europa. Nach dieſem Geſtändniß folgte eine Pauſe zwiſchen beiden Männern. Von Benthal's Beſcheidenheit war nicht zu erwarten, daß er um Aufklärung bitten würde, obwohl ihn aller⸗ dings eine gewiſſe Empfindlichkeit anwandeln mochte— nicht über dieſes Incognito, als vielmehr über die ungenirte Weiſe, womit es ſich eingeſtand.— Moorfeld nahm endlich gegen Benthal das Wort: Sagen Sie, wie ward Ihnen zu Muthe, als Ihr Name zum erſten⸗ male von amerikaniſchen Lippen ausgeſprochen wurde? Vielleicht wie einem Badenden, dem ſeine Kleider geſtohlen ſind. Es war ein heil⸗ loſes Gefühl, wie? In Europa unter bekannten Verhältniſſen bezeich⸗ nete Ihr Name einen gewiſſen Werth, wie die Ziffer auf einem Münzſtücke: hier waren Sie eine Ziffer ohne das Münzſtück— Sie hätten eben ſo gut No. 20 heißen können. Iſt es ſo? Ich kann Sie vollkommen verſtehen, antwortete Benthal. Die alte ſociale und ideele Bedeutung hat man am andern Ufer abgelegt, und doch bringt man noch den Träger derſelben, den Namen, herüber. Da iſt's nun ganz eigen, den Namen zu hören und zu wiſſen, daß dabei nicht mehr gedacht wird, was ſonſt gedacht wurde. Sehen Sie! So trag' ich denn lieber einen angenommenen Na⸗ men für Amerika. Man kann ein⸗ und denſelben Namen nicht zugleich bjectibe zwiſchen den dem nſt das es und werde en hän⸗ hal, eh' n Blick d ſtellte ich habe rröthete. thal.— ar mein e Pauſe ar nict n aller⸗ ht über vomit ee Vort: nerſten⸗ eicht wie iin heil⸗ bezeich f einem Er Die all legt und herüber in, daß nen Na⸗ zuglei 145 unter Cotta's Preſſe und in den Mund eines Waterelerks legen, der ihn mit ſeinem Kautabak ausſpuckt. Das geht nicht. Benthal antwortete: Sie ſprechen von Cotta's Preſſe und ich muß mit Bedauern ahnen, daß Sie mir kein bleibender Freundesbeſitz ſind. Sie gehören alſo nicht, wie ich, mit Ihrer ganzen Zukunft dem Lande an? Sie treiben's mit dem Schweden nur zum Schein? Ich treib' es mit dem Schweden nur zum Schein! wiederholte Moorfeld mit einer Nachbetonung, welche eine Einkehr in ſein inner⸗ ſtes Selbſtbewußtſein verrieth. Ein ſonderbares Wort! Wie eigen⸗ thümlich ſchickſalsvoll klingt es mir! Sie ſtellen mich mit dem Ge⸗ mordeten von Eger zuſammen? Benthal erſchrack faſt über den Eindruck, den er ſo zufällig auf Moorfeld gemacht hatte, und nahm wieder das Wort zu Ausbeugungen, aber dieſer fiel ihm raſch in die Rede: Nein, nein, Sie haben nicht weniger als der Pappenheimer das Recht, Ihre Frage zu ſtellen, wie es Ihnen einfällt. Hingegen die Antwort darauf! Das iſt's, was mich ſo wunderlich hier berührt. Die gleiche Polarität mit dem Manne, der zwiſchen Küraſſieren und Sternen die ideale und reale Welt in ſich verbinden will. Steh' ich nicht eben ſo zwiſchen Europa und Amerika? Iſt mir's beſtimmt, in Prag eine Königskrone, in Eger eine Todeswunde zu holen? Ja, ahn' ich denn nur, in welcher der beiden Welten mein Prag, mein Eger liegt? So habe ich in Ih⸗ rem Citat eine jener Stimmen gehört, welche ſcheinbar von menſch⸗ lichen Sprachwerkzeugen kommen, aber es ſind keine Menſchenſtimmen. Sie faßte mich tiefer. In dieſem Augenblicke kam auf dem Giebel von Aſtorhouſe ein rother feuriger Rand zum Vorſchein,— es war der abnehmende Mond, der in dieſer ſpäten Nachtſtunde aufging. Benthal ſtreckte die Hand aus und rief: Sehen Sie, da kommt unſer Landsmann! Der Mond iſt ein geborener Deutſcher. Dacht' ich's doch! wo zwei Deutſche beiſammen ſind, kann er nicht ausbleiben. Iſt das nicht ein Zeichen, daß wir verweilen ſollen? Der Park bekommt jetzt erſt ſeine rechte Magie und das marmorene Stadthaus dort mit ſeinen ſchlechten Ver⸗ hältniſſen die beabſichtigte Nobleſſe. Der Marmor iſt überhaupt nur ein Stein für die Mondbeleuchtung. Und die Gedanken, die Sie da anregten— ſetzte er hinzu— die ſind erſt recht geſchaffen für's D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. 10 4 146 Mondlicht! Wollen wir ſie nicht fortſpinnen? Ich werde dringender, ſeit ich weiß, daß ich Sie verlieren kann. Bitte, ſprechen Sie von ſich ſelbſt, wenn ich ſo viel eintauſchen darf für ein Geſpräch von Paulinen. Pfui! rief Moorfeld, man ſollte die Geliebte ſelbſt nicht im Scherze nachſetzen. Von ihr zu hören, machte uns beiden Freude; aber mein Verhältniß zu Europa und Amerika? Freilich iſt's auch eine Dame, es iſt eine Sphinx! Die ſagt mir nicht, in welchen Längen ich ſegle— ſie gibt mir ſelbſt Fragen und Räthſeln auf. Schlimm wenn ich ſie nicht löſe, und ſchlimm wenn ich ſie löſe— ein König Oedipus! Doch Sie haben Recht. Profitiren wir von dem ſpäten Mondbeſuch, es plaudert ſich ganz hübſch zwiſchen Mond und fahren⸗ dem Poeten, es klingt ſo en famille! Gebt dem Dämmer was des Dämmers iſt! 5 Die beiden Freunde faßten ſich von Neuem unter dem Arm und gingen in den Lindenalleen des Parks auf und nieder. Moorfeld be⸗ gann: Als ich vor einigen Jahren anfing, meinen Dichterberuf zu fühlen, überkam mich eine unermeßliche Unruhe. Ich ſah um mich her und fand, daß unſre geſammte poetiſche Literatur das nicht aus⸗ drückte, was ſie ausdrücken wollte und ſollte. Benthal machte eine überraſchte Gebärde. Das fand ich, wiederholte Moorfeld. Ich fand mich in einen Hexen⸗ ſabbath geworfen, in einen Maskenball, die ganze Poeſie kam mir vor, wie eine verabredete Vermummung, eine Verrätherei, eine Ver⸗ ſchwörung, und auf mich war's gemünzt. Ich fühlte einen ſtarken g g 5 und eigenen Inhalt in mir, und die Masken huſchten in antiken und romantiſchen Lügengewändern um mich her, und wie das munkelte, ziſchelte, flüſterte, ſo ward mir nicht anders, als ſie wollten mich ver⸗ leiten, zu horchen, damit ich meine eigene Stimme überhörte. Es war ein unnennbares Gefühl. Ich bin verlegen, es Ihnen ganz deut⸗ lich zu machen. Denken Sie ſich einen Muſiker, der mitten in einem rauſchenden Concert einen eigenen Einfall bekommt. Von dem Au⸗ genblicke an ſpielt ihm das Orcheſter in gräulichen Disharmonien. Mit größter Anſtrengung hält er den eigenen Gedanken feſt, es ge⸗ 1 lingt nicht, die äußeren Sinne überwältigen ihn, der Gedanke ſinkt, er geht unter, ſchon vernimmt er ihn nicht mehr’, da ergreift ihn die ender, le von h von ht im reude; auch ängen hlimm König ſpäten ahren⸗ 6 des n und ſd be⸗ uf zu mich aus⸗ Hexen⸗ m mir Per⸗ — 147— Angſt, er ſpringt auf, rennt was er kann aus dem Bereich des Or⸗ cheſters— und zu glücklich, wenn nicht der Nachklang noch fortfährt, ihm ſeine innere Stimme zu verwirren! Das ungefähr war mein poetiſcher Erſtlingszuſtand. Ich machte eiligſt eine Skizze von meiner Melodie, warf ſie in Cotta's Briefſchalter und rannte auf und davon nach Amerika. In der Stille des Hinterwalds will ich ſehen, ob ich die Skizze ausführe.— Moorfeld fuhr fort: Ich ſagte zuvor: unſre ganze Poeſie drückte nicht aus, was ſie ſollte und wollte: das befrem⸗ dete Sie. Ich bin Ihnen, wie es ſcheint, eine Erklärung darüber ſchuldig? Es intereſſirt mich, ſie zu hören, antwortete Benthal. Ich meine es ſo, ſagte Moorfeld: die ganze Literaturgeſchichte zerfällt mir in zwei Perioden; die eine zähle ich von Homer bis Racine, die zweite von Racine bis in unbekannte Zeiten. Dieſe Pe⸗ rioden mögen Ihnen wunderlich dünken; in der erſten ſtehen z. B. die großen Gegenſätze von antik und romantiſch, chriſtlich und heidniſch unberückſichtigt neben einander,— aber ich finde ein Merkmal der Gleichartigkeit für ſie: den Ausdruck des nationalen Inhalts. Homer ſingt ſeine Griechen, Cervantes ſeine Spanier, Camoens ſeine Portu⸗ giſen, Shakespear ſeine Engländer, bis herauf zu Racine, welcher ſeine Franzoſen ſingt. Das iſt das einheitliche Moment dieſer Pe⸗ riode— die Poeſie der Nationalität. Nach Nacine folgt eine andere Periode— die Poeſie der Individualität. Recht ſchla⸗ gend für dieſe Eintheilung mag ich zwei Engländer nennen— Shakes⸗ peare und Byron. Was wäre Shakespeare außer England, was Byron in England geworden? Nichts. Jener hatte die Nationalität, dieſer die Individualität zu ſingen. Ihre Poeſie iſt in der Wurzel ver⸗ ſchiedener, als die von Virgil und Taſſo. Sie repräſentiren die alte und neue Zeit meines Begriffes.— In Deutſchland, wie billig für deutſche Verhältniſſe, hatten wir keine große Nationalitäts⸗Poeſie; deſto ungeſtümer brach die Individualitäts⸗Periode an:— das war die Sturm⸗ und Drang⸗Periode. Man hat von einem Abſchluß dieſer Periode durch Schiller und Goethe geſprochen. Aber Sie ſehen wohl, wie lächerlich das iſt. Haben wir denn bis auf dieſe heutige Stunde ſchon einen andern Inhalt gewonnen, als den der Sturm⸗ und Drang⸗ Periode— unſer armes drangvolles Ich? Oder iſt dieſes Ich ſo 10⸗ 148 verſöhnt, in ſeinen thieriſch⸗göttlich⸗menſchlichen Widerſprüchen ſo har⸗ moniſch gelöst, der Glaube ſo ſtark, das Wiſſen ſo weit, die Erde ſo himmliſch geworden, daß uns der Zuſtand von Sturm und Drang nicht länger mehr zukäme? Ich dächte! Als ob Fauſt nicht ein diſſonirendes Fragment wäre! Als ob Wilhelm Meiſter nicht dadurch um die Piſtole herumkäme, daß die geſammte Weiblichkeit weniger pretiös vor ihm thut, als vor Werther's armen lechzenden Sinnen! Eigentlich hätte er ſich aus entgegengeſetzten Gründen erſchießen müſſen. Das Problem der erfüllten Sinnlichkeit und Sittlichkeit iſt auch in ihm nicht gelöst, denn Mignon ſtirbt und iſt eine Abnormität. Kurz, das Weimarer Miniſterial⸗Reſcript, mit ſeiner griechiſchen Contra⸗ ſignatur, war eben eine Regierungsmaßregel, wie die meiſten andern: ſie drang nicht in's Volk, ſie war ein Willküract des Einzelnen. Und als die Olympier mit ihrer erkünſtelten Griechen⸗Harmonie ſchon längſt Ruhe und Ordnung geſtiftet zu haben glaubten,— ſiehe, da ſchlägt uns das unterdrückte Feuer auf einmal in einem engliſchen Lord zu Tage und wir hören das alte markzerreißende Pan⸗Geſchrei aus Werther's brünſtigſten Tagen. Nichts iſt abgeſchloſſen ſeit Werther, gar nichts; höchſtens die Lotten heißen anders. Die Freiheit und die Nothwendigkeit, das ſubjective Recht und die objective Pflicht kämpfen mit einander nach wie vor. Unſre Religion, unſer Staat, oder der Weimarer reflectirtes Griechenthum haben die Ausgleichungsformel noch nicht gefunden. Die Weimarer haben die Sturm⸗ und Drang⸗Periode nicht abge⸗ ſchloſſen, ſondern blos unterbrochen und verwirrt. Als ſie von Werther und Karl Moor abfielen, fielen ſie vom ganzen modernen Weltalter ab. Sie legten den Inhalt der Poeſie aus der Individualität wieder in die Nationalität zurück; allerdings griffen ſie nach der ſchönſten Na⸗ tionalität— nach der griechiſchen. Aber es war immer eine will⸗ kürliche Wahl und Andere konnten anders wählen. Das thaten denn auch die Romantiker. Sie führten die Poeſie in die indiſche, ſkandi⸗ naviſche, germaniſche, romaniſche, überhaupt in ſämmtliche Nationali⸗ täten der Welt. Natürlich behauptet das Herz ſein Recht und ſelbſt Münchhauſen wird manchmal die Wahrheit ſagen. So verrieth ſich im nationalen Coſtüm gelegentlich das individuelle Herz. Aber ſonder⸗ bar! bei ſolchen Gelegenheiten lachte man ſich entweder ſelbſt oder gegen ſchob dann wie Ent Wi und Cot Hei die En zur nie did ſlie Am Gi nich da ben m al I de ihr de m zu nic 10 un we alt m ſo har⸗ Erde ſo Drang icht ein dadurch weniger innen! müſſen. auch in Kurz, Lontra⸗ andern: n. Und längſt ſchlägt ord zu ei aus eerther, nd die ämpfen der der el noch abge⸗ Werther ter ab. der in n Na⸗ e wil⸗ n denn tmndi⸗ ional⸗ ſelbſt th ſich ſonder⸗ odel — 149— gegenſeitig einander aus: es war als ob man ſich die Löwenhaut ver⸗ ſchoben hätte und das Eſelsohr durchgucken ließe. Andere erkannten dann in dieſer kleinen Zerſtreuung wieder einen neuen Tolletteneffect, wie der junge Heine, und gingen auf abſichtliche Verſchiebungen und Entblößungen aus, um jenes ironiſche Gelächter häufiger zu erregen. Wieder Andere wären dagegen am liebſten in ihrer natürlichen Stürmer⸗ und Drängerhaut einhergegangen, aber die Mode war ſtärker als ihre Courage, ſie entſtellten ſich wie Hölderlin mit einer griechiſchen, oder wie Heinrich von Kleiſt mit einer romantiſchen Fremdartigkeit und verdarben die wahre Diſſonanz mit einer falſchen. So wurde überall der Lüge kein Ende. In dieſem Zuſtande fand ich unſre poetiſche Literatur, als ich zum Bewußtſein derſelben erwachte, und darum ſagte ich: ſie drückte nicht aus, was ſie wollte und ſollte. Ich floh. Sollte ich meinen Beruf erfüllen: eine moderne In⸗ dividualität rein auszudrücken— ſo mußte ich das manierirte Deutſchland fliehen, wie Byron das verrottete England. Warum ich eben nach Amerika floh, das allein bliebe mir zu erklären noch übrig. Es iſt hier von den ernſteſten Intereſſen der Menſchheit die Rede. Sie dulden keine Frivolität, keine Uebereilung. Man erſchießt ſich nicht, weil es hübſch knallt und ein wenig Lärm macht. Lotte kommt darum kein einzigmal weniger in die Wochen, es macht keinen blei⸗ benden Eindruck. Unſterblich wird ſman nicht damit. Unſterblich iſt nur das Leben, nicht der Tod. Das erkannten Schiller und Goethe, als ſie die Partei des Todes verließen, und ſich für's Leben erklärten. Ihr ewiges Verdienſt bleibt es, daß ſie mit Ernſt und Würde nach dem ſuchten, was wir heute Weltordnung nennen. Die Beſchränktheit ihres Zeitalters bleibt es, daß ſie die Weltordnung nur im Reiche des Gedankens zu finden vermochten, daß ſie auf eine abſolute Tren⸗ nung von Kunſt und Leben antrugen, und die Wirklichkeit preisgaben zu Gunſten„des ſchönen Scheins“. Aber wenn wir ihren Fund nicht annehmen dürfen, ſo müſſen wir doch von ihnen lernen zu ſu⸗ chen. Dieſe Pflicht bleibt uns. Und wer möchte verkennen, wie ſie ſehr uns heute erleichtert iſt, wie das Gebiet unſers Suchens heute ein weiteres iſt? Wenn die Lenze, die Hölderlin's, die Stürmer und Dränger alten Styls am Leben verzweifelten, ſo war es das Leben ihres Schilda's mit der Thorſperre um acht, mit dem barſchen Bürgermeiſter und dem 150 ſüßlichen Stadtpfarrer. Darin gingen ſie auf und unter, oder ſie fanden im nächſten Schöppenſtedt der Neuheit höchſtens ſo viel, daß der Kirchthurm rechts ſtand, ſtatt links, und daß der Mühlbach nicht Schleie hatte, ſondern Gründlinge. Das Deutſchland, in welchem Werther's Piſtolenſchuß fiel oder Karl Moor Räuber warb,— und das Deutſchland von heute ſind doch verſchiedene Weltordnungen. Es lehrt uns, daß der Unterſchied von Ideal und Leben kein ſtehender iſt, ſondern ein wandelbarer. Wir ſind dem Ideale näher gekommen. Das iſt eine große Entdeckung, ein wichtiger Fortſchritt ſeit Schiller's und Goethe's Jugendtagen. Darum— und nicht weil ſie griechiſch ge⸗ logen haben,— ſind uns ihre Jugendexeeſſe nicht mehr ſo leichthin erlaubt. Man muß nicht in das erlogene Reich der Schatten flüchten, man kann dem Ideale auf Erden näher kommen. Dieſe Wahrheit zeichnet den Stürmern und Drängern von heute ihre neue Bahn vor. Sie wandern. Der Poet wird künftig Touriſt ſein. Er ſucht das Ideal auf Erden, oder vielmehr er lernt die Realität gründlicher kennen, eh er ſie verdammt und zum Recht der Verzweiflung greift.— Byron ging nach Grie⸗ chenland, ich nach Amerika. Er beſuchte ein abſterbendes Volk, ich ein aufblühendes. Ich glaube den beſſern Weg gewählt zu haben. Mag der große glänzende Lord ein beneidenswertheres Aufſehen erregen als ich, der kleine ungariſche nemes-ember; eins habe ich vor ihm voraus: ein tieferes Gewiſſen. Es iſt mir nicht um eine vorüber⸗ gehende Emotion, um eine nationale Rage zu thun, die nach dem Friedensſchluß zuſammenfällt wie ein luftleerer Schlauch. Nicht wie die Menſchheit ihre Freiheit erkämpft, ſondern wie ſie ihre Freiheit täglich, ſtündlich, in Haus, Kirche und Schule gebraucht— das muß mir die Menſchheit auf ihrem Gipfel zeigen. Darum ging ich nach Amerika. Hier ſind die größten Maßſtäbe, die weiteſten Perſpectiven, hier iſt das Leben eine Wahrheit, und die Todten werden alle be⸗ graben, nicht blos theilweiſe, wie in Europa. Hier iſt die Werkſtätte des Ideals. Soll ich unſern Rationaliſten glauben, daß die Menſch⸗ heit die Gottheit iſt— hier mußte ſich's zeigen, wo mit jeder Erfin⸗ dung, mit jeder neuentdeckten Naturkraft Gottheit entbunden wirdz ſoll ich unſern Liberalen glauben, daß der Vernunftſtaat im allge⸗ meinen Stimmrecht liegt, und die geſchichtliche Gewohnheit ein Fluch iſt— hier mußt' ich's erfahren, wo ich Geſetze ſehe, die der Millionär —————,— der ſie el, daß ch nicht welchem — und en. Es tehender ommen. chiller's iſch ge⸗ erlaubt. m kann net den ſandern. en, oder rdammt Grie⸗ lk, ich haben. erregen oor ihm orüber⸗ ich dem ct wie Freiheit 16 muß c nach ectiven/ lle be⸗ erkſtätte Wenſch⸗ Erfin⸗ witd allge⸗ Fluch llionär — 451— und der Schuhputzer des Millionärs gemeinſam gemacht haben. Hieher bracht' ich den Proceß zwiſchen Ideal und Wirklichkeit, die Entſcheidung über Leben und Tod in letzter Inſtanz. Hier iſt die höchſte Appellation in göttlichen und menſchlichen Dingen. Mißlingt auch auf dieſem Boden der Sühneverſuch unſrer widerſpruchsvollen Geiſt⸗Stoff⸗Ehe, muß ich mich ſcheiden von Menſchheit, Gottheit, Glaube und Liebe, und behält der teufliſche Geiſt der Verneinung Recht— wohlan, dann komm' ich zurück nach Europa,„und bin geſcheidter als alle die Laffen“, die die Welt zertrümmern, weil ihr Röschen heirathet. Dann hab' ich mir meine Piſtole, meinen Wahnſinn verdient wie ein Mann, nicht wie ein Knabe.— Hier ließ Moorfeld Benthal's Arm los, und verabſchiedete ſich raſch. Bitten Sie mir morgen Abend eine Taſſe Thee bei Ihren Frauen aus, rief er im Weggehen zurück, ſeinen Beſuch ſo nahe rückend gleichſam zur Entſchuldigung für dieſe heftige Trennung. Gute Nacht, Freund; damit verſchwand er in der Richtung gegen das Poſt⸗Office hinab. Benthal's Schritte hörte er aber nicht ſich ent⸗ fernen; der Freund muß noch lange geſtanden und ihm nachgeſehe haben. ** Moorfeld's Lebensgeiſter vermochten keineswegs die Ruhe zu ſuchen, als er in dieſer ſpäten Nachtſtunde ſein Zimmer erreicht hatte. Er lag noch lange im Fenſter. Auf New⸗Jerſey drüben flimmerte eine Villa in Illumination; der Bewohner mochte irgend ein Familienfeſt feiern. Wie ein Buſch voll Johanniswürmchen ſah das Glück des reichen Mannes auf dieſe Entfernung aus. Rings herum lag große, ernſthafte Nacht; die Baumanlage von Hoboken war eine maje⸗ ſtätiſche Schattenmaſſe. Der Hudſon rauſchte, in der Finſterniß dop⸗ pelt breit, unter den Kielen der Schiffe hin, welche mit einer melan⸗ choliſchen Wachtlaterne an Bord ſchlaftrunken in ihren Piers vor Anker lagen. Man hörte in der Nachtſtille das Plätſchern der Wellen an ihren Flanken. Zuweilen durchſchnitt auch ein Kahn die dunkelpolirte Waſſerfläche, lautlos, mit umwundenen Nudern, ſei's daß er das nacht⸗ ſchleichende Verbrechen trug oder die nie ruhende Themis, deſſen Ver⸗ folgerin. Unten im Süden, wo der Strom in die Bai übergeht, ſtand 152 der Mond und umſäumte mit ſeinem vollen Glanze den Meereshori⸗ zont. Am äußerſten Rande der Sehweite fand das Auge einen Ruhe⸗ punkt dortz ein dunkler Körper, anzuſehen wie Harniſch und Gewaffen einer Heldentrophäe, lag großartig vereinſamt mitten im Meeresſpiegel. Es war das Fort Gibſon auf dem kleinen Eilande Ellis. In dieſe Nachtſcene träumte Moorfeld hinaus, aber ſein Inneres war abgezogen von ihr. Die Bilder des heutigen Abends gingen an ſeiner Seele vorüber. Ein toller Menſchenhaufe mit Ratten und Hunden durchwirkt ſteht als dramatiſche Kunſtgenoſſenſchaft vor ihm— wie verblaßt iſt dieſes übergrelle Bild ſchon! Der ſeltſame Engländer mit ſeiner Dogge,— Hoby, der Staßenjunge— ach, und mit dieſem ein lichtes, lockendes Andenken— blast es hinweg wie ein Gold⸗ blättchen jenes Mädchenbild von der Battery! Kleindeutſchland breitet ſich aus in ſeiner Stimmung. Dieſe Urne voll Nieten rauſcht ver⸗ hängnißvoll an ſein Ohr. Unheimlich und doch wohlthuend ſtellt ſich dies Schickſalsgemälde vor ihn. Er ſieht eine Reihe von Menſchen, welche zu Grunde gehen ohne moraliſche Schuld, blos an der Unmöglich⸗ keit der That. Er fühlt lebendiger als je, wie günſtig das Loos des Sterblichen ſei, deſſen innerer und äußerer Cenſus ihm erlaube, ſich ſelbſt zu vertreten, der in jedem Augenblicke an der Urne ſeines Schickſals das Votum einer ganzen und vollen Freiheit abgeben darf. Er freut ſich des Gedankens an ſeine Anſiedlung; was Menſchen ſo ſelten ſchätzen, ſchätzt er jetzt hoch, nämlich das Glück, daß überhaupt etwas möglich ſei. Und nun Benthal! Der junge Mann iſt ein Stück deutſche Ar⸗ beitskraft, das nicht unterzugehen verdient. Und doch— wer ſchützt ihn auf die Länge davor? Wenn Moorfeld mit weniger Poeſie und mehr Wirklichkeitsſinn die ſonderbare Stellung dieſes Propheten zu Kleindeutſchland abwog, ſo mußte er ſich fragen: was iſt wahrſchein⸗ licher? daß der geſunde Eine die kränkliche Mehrheit bewältige, oder daß die Schwachen nach und nach den Starken ſich einverleiben wer⸗ den? Schien es doch jetzt ſchon, daß Benthal's Adhäſion an Klein⸗ deutſchland eigentlich auf einer verhängnißvollen Verwandtſchaft der Extreme beruhe! Es lag etwas Nexvöſes, Ekſtatiſches in der Spann⸗ kraft dieſes wackeren Ringers, das nicht blos aufgeregte Manneskraft verrieth, ſondern zugleich einen gewiſſen weiblichen Zug des Charakters, 2 eshori⸗ Ruhe⸗ waffen piegel. nneres hen an m und hm— länder dieſem Gold⸗ breitet t ver⸗ t ſc iſchen, glich⸗ Loos aube, ſeines darf⸗ en ſo halpt — Ar⸗ gte und n zu hein⸗ oder wer⸗ lein⸗ der ann⸗ kraft ters/ ein reizbar⸗ungeduldiges, ſchmerzhaft⸗ſehnſüchtiges Element, von wel⸗ chem die Erweichung und Zerſetzung dieſes tüchtigen Kernes ausgehen konnte, wenn ihm nicht rechtzeitig Genugthuung ward. Und wer bürgte dafür, daß der junge Mann ſeine thätigen und ſtrebenden Kräfte nicht erſchöpfte, eh' er ſein Ziel erreichte und dann um ſo unaufhaltſamer die Beute der weiblichen Seite ſeiner Natur wurde? Wie, wenn Moorfeld dieſem Retter auf dem Schauplatze ſeiner Thaten begegnet wäre, um ihn ſelbſt wieder zu retten? Es liegt etwas Herzerhebendes in dem Gedanken, auf eine Exiſtenz außer uns beſtimmend wirken zu können! Ja, der ſogenannte egoiſtiſche Menſch datirt eigentlich erſt von da an ſein Glück, wo es ihm mög⸗ lich wird, einem Mitgeſchöpf die Richtung zum Glücke zu geben. In neuen Perſpectiven erblickt Moorfeld jetzt ſeine Anſiedlung im Urwald. Welchen Sinn gewinnt ihm dieſes Project! Sollte es nicht berufen ſein, der Ausgangspunkt einer Exiſtenz zu werden, die, einmal in ihrer Wurzel befeſtigt, gar nicht abſehen ließ, in welchen Radien der Palmenfächer ihrer Triebkraft ſich ausſpannen wird? Können denn überhaupt die neuen Freunde ſich je wieder trennen? Benthal, die po⸗ ſitive, handelnde Natur mit ihrer tiefen Andacht für das Ideale, Moor⸗ feld, der Idealiſt mit ſeinem tiefen Bedürfniß, ſich realiſtiſch zu er⸗ füllen,— begegnen ſich dieſe zwei Charaktere nicht gewiſſermaßen typiſch, und iſt nicht die ganze Menſchheit hergeſtellt, wenn ſich dieſe Indivi⸗ duen ergänzen? Welche Wirkungen laſſen ſich hoffen aus den An⸗ fängen eines ſo naturgemäßen Bundes! Wahrlich, es wäre auf dieſem Boden nicht das erſte Mal, daß zwei junge ſtrebende Männer Väter einer Stadt geworden ſind. Moorfeld brauchte nicht einmal Dichter zu ſein, um ſo weit zu phantaſiren. Romulus und Remus!— Unternehme es, wer ſich ſtolz genug dazu fühlt, die Nachtgedanken unſers Freundes zu Ende zu denken!— Solche Momente ſind ſelbſt für die Poeſie zu groß. Die Poeſie iſt die Kunſt des„ſchönen Scheins“, hier iſt von ſchöner Wirklichkeit die Rede. Die Poeſie iſt die Sprache des Wunſches, hier winkt Beſitz. Wir können von dieſer Stunde kein Gedicht unſers Freundes über⸗ liefern. Er dichtet nicht. Der Dichter beſingt die Geliebte: am Braut⸗ abend verſtummen die Hymnen. Moorfeld fühlt ſich am Vorabend eines Unternehmens, das kein 154 deutſcher Dichter je vor ihm begonnen: kein deutſcher Vers iſt vor⸗ bereitet, ſich zum Ausdruck eines ſolchen Inhalts zu erheben. Aber Newyork und die Rolle des Beſchauenden reizt ihn nicht länger. Sein Gedicht iſt: daß er unverzüglich zu reiſen beſchließt. In dieſem Augenblick erloſch die beleuchtete Villa auf New⸗ Jerſey, welche bisher der Augenpunkt unſers nächtlichen Träumers geweſen. Moorfeld ſtutzte. Dann aber blickte er am Himmel aus— ob nicht das Licht des Morgenroths anbräche.—— Am Tage fand ihn Jack— das Bett unberührt— im Fauteuil eingeſchlafen. Achtes Kapitel. Moorfeld behielt von der Trunkenheit ſeiner geſtrigen Nacht⸗Phan⸗ taſien am ernüchternden Tageslichte noch ſo viel Bewußtſein, daß er ſich heute mindeſtens vornahm, den neuen Freund über ſein Project auszuholen. Denn das ſagte er ſich nach dem Ausglühen jenes dich⸗ teriſch angeſchürten Traumzuſtandes, daß es noch ſehr die Frage ſei, ob Benthal ſeine Stellung in Newyork überhaupt ſo hoffnungsdürftig, wie er ſelbſt, betrachte, und die Stadt mit dem Urwald auch willig werde vertauſchen wollen. Enthielt ſich Moorfeld aller Ueberredung und verſprach er gewiſſenhaft, wie es ſolche Fälle heiſchen, eher zu wenig als zu viel, ſo erſtaunte er jetzt, daß er dem werthen Genoſſen eigentlich nicht mehr zu bieten hatte, als etwa einen freien Platz im Schiffe; Gunſt oder Ungunſt der Fahrt blieb immer noch das Wag⸗ niß des Andern. Freilich hielt er ſich vor, daß ein tüchtiger Mann größere Unterſtützungsmittel ſich kaum bieten ließe, und daß das Selbſt⸗ gefühl des Thatkräftigen nicht mehr verlange, als der Grieche in ſeinem do 2oο αOς οτι*) oder Archimedes in jenem Punkt außer der Erde, *) Gib mir, worauf ich fuße. vor⸗ Aber änger. New⸗ umers ht des zuteuil Phan⸗ aß er groject dich⸗ ge ſei ürftig willig redung her zu noſſen atz im Wag⸗ Mann. gelbſt⸗ ſeinem Erde, — 155— von welchem er ſeinen Hebel an dieſe zu ſetzen verſprach. Aber ſolch einen Punkt hatte Benthal in ſeiner Lehrſtelle zur Noth eben auch, es blieb alſo immer ſeine Geſchmacksſache, ob er von einem Hinterwälder⸗ Blockhaus oder von Mr. Mockingbird's Volksſchule aus ſeine Hebel würde anſetzen wollen. Dieſe Ueberzeugungen ſchlugen unſern Freund ziemlich darnieder. Er hatte ſich den Gedanken an Benthal's Genoſſen⸗ ſchaft ſo raſch und feurig eigen gemacht, daß dieſer Gedanke, wie ein Gerüſt nach dem Brillantfeuerwerk, heute noch feſt ſtand, wenn auch ohne die magiſche Verklärung von geſtern. Viel ehrer erwartete das Gerüſt die Wiederholung des Feuerwerks als das Schickſal, abgetragen zu werden. Bei dieſer Stimmung ſah Moorfeld mit Ungeduld der Stunde ſeines geſtern angekündigten Abendbeſuches entgegen. Endlich brach ſie an. Auf Flügeln eilte er fort. Doch, wir wollen ihm, wie er es im Geiſte längſt ſelbſt that, in Perſon voraneilen und uns um einige Augenblicke den Vortritt vor ihm herausnehmen. Im letzten Tagesdämmer finden wir uns in einer der einſamſten Straßen Newyorks— und außer dem Broadway und Bowery können ſie ſehr einſam ſein dieſe weiten Straßen Newyork's— wir finden uns in einer der Nebenſtraßen des Winkels von Bowery und Grand⸗ ſtreet vor einem kleinen niedlichem Framehauſe von drei Fenſtern Front. Es iſt hellgelb angeſtricheu, hat grasgrüne Jalouſien und ein paar Acazienbäumchen vor'm Eingang. Der gewöhnlich hol⸗ ländiſch-amerikaniſche Aufputz. Wir treten durch ein paar das Baſement überbauende Stufen in's Parterre. Nach hieſiger Sitte würden wir hier das Parlour finden. Aber in den Glücksver⸗ hältniſſen der deutſchen Mietherin iſt weder von Parlour noch von Drawing⸗room die Rede. Im Parterre wohnt die Hauseigenthü⸗ merin ſelbſt, die penſionirte Wittwe eines Seeoffiziers, der im letzten engliſchen Kriege gefallen. Wir beſteigen demnach das Geſtock. Die⸗ ſes iſt Frau v. Milden's Wohnung. Zwei kleine Zimmer und ein Cabinet bilden den beſcheidenen Haushalt, welchen Benthal ſein „Lorettohäuschen“ nennt. Mit dem Geiſterrechte, einzutreten ohne an⸗ zuklopfen, und zu lauſchen ohne erröthen zu dürfen, ſtehen wir jetzt im erſten dieſer Gemächer. Da es kein Bett enthält, würde es der Pariſer einen Salon nennen;z bilden wir uns alſo ein, wir ſtehen im Salon der Frau v. Milden. Es iſt eine ſchweigſame Viſite, die wir — 156— da machen. Eine ſummende Theemaſchine erfüllt die vier Wände mit ihrer myſtiſchen Sourdinen⸗Muſik; ſonſt regt ſich kein Laut darin. Ueberblicken wir die Gruppe, die,„um des Lichts geſellige Flamme“ verſammelt, den runden Tiſch inne hat, und von einer Milchlampe, unter der Blende ihres Lichtſchirms, beleuchtet wird. Es iſt eine Gruppe von drei Frauenköpfen, welche auf den erſten Blick die Gleichheit des Familienzugs erkennen läßt. Es iſt Frau v. Milden mit ihren beiden Töchtern. Die Gruppe befindet ſich in dem Zuſtande jener vollkommenſten Ruhe, in welcher der Künſtler ſein Modell zu beſchauen liebt. Frau v. Milden heftet ihr Auge auf eine feinere weibliche Arbeit, eine von denen, welche den Geſichtsausdruck denkend beleben, aber doch die Sicherheit des Gelingens nicht beunruhigen. Ein zartes, ſinniges Antlitz. Ein mädchenhafter Schmelz liegt auf dieſen Zügen, eine nervöſe Geiſtigkeit, welche es vor dem gemeinen Altern ewig bewahren wird. Die Spuren der Jahre ſind in ihren Mienen zwar zu leſen, aber nicht in jener groben Runenſchrift der ſogenannten Erfahrung, ſondern nur in dem geübteren Ausdruck einer angeborenen weiblichen Intuitions⸗ kraft. Ihr gegenüber erblicken wir Pauline, die ältere Tochter. Im Anſchauen dieſes Mädchens glauben wir erſt die Jugendlichkeit der Mutter zu verſtehen. Es iſt die gereiftere Milde, von welcher die Matrone verſchönt wird, man fühlt, die Mutter kennt den Umgang der Grazien, ſie kann lächeln, ſie nimmt das Menſchliche menſchlich. Der Tochter be⸗ zweifeln wir das. Es iſt ein ergreifender Anblick dieſes Mädchen. Die volle Strenge der Jungfräulichkeit. Ihr ganzes Bild iſt in Ernſt getaucht. Vor ihr ſteht der dampfende Theecomfort, ſie hält eine Art veſtaliſche Flammenwacht daran. Eine nicht zu bezwingende Innigkeit liegt in dem Blicke, womit ſie— der Spiritusflamme zuſchaut. Man erſchrickt faſt über ſo viel feierlichen Ausdruck in Mitte der Alltäglich⸗ keit, man ſieht eine Seele, die kein Hauskleid zu tragen weiß. Benthal nannte ſie die verkörperte Modeſtie; der Charakter liegt in dem Worte, aber das Wort iſt noch ſeine Gränze nicht. Zwiſchen der Mutter und Paulinen bücken wir uns etwas tiefer zu dem dritten Frauenbild oder Bildchen herab, und blicken der kleinen Malvine in ihr friſchfrohes, ſinnliches Kinderauge. Ihr petulantes Geſichtchen iſt zu einem kräf⸗ tigen Nachdenken angeſpannt, ſie hat ein engliſches Leſebuch vor und mag nicht wenig ſtudiren. Auch dieſe Trägerin der leichteſten Blut⸗ mit rrin. me npe, uppe des iden iſten Frau von die tlit. vöſe vird. nicht dern ns⸗ — 157— wellen ſtört alſo die allgemeine Stille unſerer Gruppe nicht. Frau v. Milden mit dem kleinen Mädchen nimmt die eine Hälfte des Tiſches auf einem ſchmalen Canapee ein; neben ihrer Schweſter an der untern Seite hat Pauline Platz, an der oberen neben Frau v. Milden ſteht ein leerer Stuhl mit Manuſcripten und einem Schreibzeug davor. Indem wir uns um den Inhaber deſſelben umſehen, entdecken wir die Umriſſe eines jungen Mannes, der reglös am Fenſter verweilt, halb von der zurückgeſchlagenen Gardine, ganz aber von dem großen kreis⸗ runden Schatten verborgen, womit der Lampenſchirm die Mitte des Zimmers verdunkelt. Es iſt Benthal. Die Ruhe, in welcher wir dieſe Geſtalt verharren ſehen, iſt es wahrſcheinlich, welche auf die tiefe Stille im Zimmer zurückwirkt. Man wird ihn nicht ſtören wollen. Draußen aber am abendlichen Himmel hallt ein Gewitter. Benthal hat das halbe Fenſter geöffnet(das amerikaniſche Fenſter iſt nur halb zu öffnen) und ſcheint in die Scenerie am Himmel ver⸗ tieft. Pauline ſucht ihn von Zeit zu Zeit mit einem Blicke jener zärtlichen Inſpiration, worin ſich nur die bräutliche Angehörigkeit zweier Perſonen ausſprechen kann. Der Donner hallt näher, Blitze begleiten ihn, und raſch, wie Amerika's Wetter ſich entladen, rauſcht ein Platzregen nach. Die Luft i*ſt ſtill, aber wie ſie vom Waſſerſtrom jetzt durchſchnitten wird, fan⸗ gen die Fenſtergardinen lebhaft zu wehen an. Erkälten Sie ſich nicht, Theodor, ſpricht Frau v. Milden bei dieſem Ausbruch zu dem Träumer am Fenſter hin. Es iſt das erſte Wort, welches ein langes Schweigen unterbricht. Benthal ſchließt das Fenſter, d. h. nach der hieſigen Conſtruction, er ſchiebt es zu, den Frauen zugewendet aber antwortet er: Mama, wir hatten an der Rokolbank wohl andere Gelegenheit uns zu er⸗ kälten! Seitdem iſt mir's eben gründlich verleidet, was man romantiſch „den Aufruhr der Elemente nennt“, ſpricht Frau v. Milden zurück. Ich bewundere auch nicht den Aufruhr bei ſolchen Scenen, ſondern die Ruhe, antwortete Benthal. Ich halte mir vor, daß auch die höchſten Winde und Wolken, von den fünfzehn Meilen unſrer Lufthöhe nur in den zwei unterſten ihr Spiel treiben, und daß das heftigſte Meer — 15è8— unter einer Tiefe von zehn Klaftern unbewegt liegt. So dünn ſind die Platten, zwiſchen welchen wir unſre Eindrücke empfangen— und der Erdenwurm ſpricht von einer„empörten Schöpfung“! Wenn Frauenumgang bildend den Excentricitäten der Männer ſteuert, ſo war's einer jener leiſen aber ſichern Frauengriffe an's Steuer, als Frau v. Milden mit einer unſchuldigen Stimme jetzt fragte: Wie meinen Sie, Theodor? Sie ſtrafte das Verſchobene, in⸗ dem ſie es nur zur Erklärung ſeiner ſelbſt aufforderte. Aber Pauline hob einen bittenden Blick zur Mutter auf und ſagte: Laß, Mama, wie ſollte die Welt nicht klein werden, wenn es das Leben iſt! 1 Benthal wandte ſich raſch um. Er ſah das Mädchen verſtimmt an⸗ Pauline erſchrack. In Benthal's Blick erſt ward ihr's bewußt, daß ſie die harmloſe Berührung der Mutter mit einer viel empfindlicheren parirt — und doch hatte ſie nichts gethan, als ihr tiefſtes Verſtändniß für ein mitgefühltes Lebensweh ausgeſprochen. Frau v. Milden ſchien das Mißliche von Paulinens Wort zu empfin⸗ den und redete Benthal ablenkend an: Wollen wir die Geſchichte von Pennſylvanien für heute in den Schrank ſchließen? Demüthig ſagte Pauline: Oder laß mich ſchreiben und dictire du. Du concipirſt fließender, wenn der Kopf allein arbeitet. Das läßt ſich hören, antwortete Frau v. Milden. Unſer Baron— auf einen Blick Benthal's verbeſſerte ſie ſich— unſer Doctor Moor⸗ feld, wollte ich ſagen, kommt bei dieſem Wetter ohnedies nicht mehr. Mama! rief die kleine Malvine halb trotzend, halb bittend. Du bildeſt dir doch nicht ein, wies die Mutter das Kind zurecht, daß man in ſolchen Wolkenbrüchen Viſiten macht? Oder biſt du ſo ſelbſtſüchtig, dir zu wünſchen, was andern Menſchen Beſchwerde macht? Aber der Doctor kommt doch, antwortete das Mädchen vergnügt, ohne einen Zug von Eigenſinn. In dieſem Augenblick geſchah ein betäubender Donnerkrach, ein jacher Windſtoß riß in das Zimmer herein, denn die Thüre war auf⸗ gethan und Moorfeld ſtand im Zimmer. Die Wirkung dieſes Zuſammentreffens war ſo ſchlagend, und Mal⸗ vine jubelte ſo trunken, daß Frau v. Milden nicht umhin konnte, den vorausgegangenen Augenblick von Prophetie zu erzählen. . und in es t an. e die zarirt für pfin⸗ von e du. h. Noor⸗ mehr. rei cht, u ſo acht? nügt, ein 7 auf⸗ Mal⸗ den 159 Moorfeld nahm das kleine Mädchen beim Kopf und küßte es lebhaft. Die Herzhaftigkeit, womit das Kind es litt, glaubte die Mutter mit einer üblichen Neckerei rügen zu müſſen. Sie ſagte: Nun wirſt du aber auch einen ſo ſchwarzen Ungarbart bekommen, wie der Herr Doctor. Ach! replicirte die Kleine, da hätte Pauline ſchon längſt einen blonden Ungarbart bekommen, ſo groß! Die Wirkung dieſes naiven Kinderwortes und der vierfach variirte Ausdruck von der Verlegenheit der Erwachſenen wäre nicht wohl wie⸗ derzugeben, wenn nicht in demſelben Augenblicke ein vernünftiger Don⸗ nerſchlag der Familie die willkommene Veranlaſſung geboten hätte, zu erſchrecken und zu überhören. Frau v. Milden ergriff überdies das Wort, und bewunderte Moorfeld's Ausgang bei dieſem Wetter. Ich gehe oder fahre in ſolchem Wetter am liebſten aus, antwor⸗ tete Moorfeld, ich kenne kein größeres Vergnügen als eine Platzregen⸗ Promenade durch die eleganten Paſſagen einer Stadt. Wie wunderſchön das herabklatſcht in die lackirte und friſirte Puppenſchachtel! Nennen Sie's nicht Schadenfreude. Es iſt ein äſthetiſcher Eindruck. Es iſt komiſch und pathetiſch zugleich. Ja, es iſt der einzige Fall, wo vom Erhabenen zum Lächerlichen gar kein Schritt iſt. Auch leide ich ja mit. Aber im Geiſte bin ich dann gar nicht auf der Erde, ſondern droben. Wie ſympathiſire ich mit dem grauen Ungeheuer in ſeiner Vogelperſpective! Das kam über Land und Meer dahergerauſcht, ſcheuchte den Bären hier, brach die Ceder dort, plötzlich hängt es auf ein Stückchen Boden herab, wo der Pelz zur Peliſſe wird, die Ceder zum Glockenthurm, die Wildhöhle zur City⸗Hall— ein goldenes, zuckernes Ding, Stadt genannt, unter Glasſturz zu ſtellen. Und nun die Fluten, die Blitze, die Orkane da drein! das erquickt! Da weiß man doch, wer noch das große Wort im Hauſe führt, die Glace⸗ handſchuhmacher oder die Natur? Sie hatten eine heitere Ueberfahrt? fragte Frau v. Milden. Ja, das iſt ein Anderes, rief Moorfeld, indem er ſich augenblick⸗ lich in dieſe Frage fand und ernſthaft ward; wenn Sie einen Seeſturm erlebt haben, dann verzichte ich darauf, Sie für Sturmpoeſie zu be⸗ geiſtern. Gott weiß es, woher die Dichter ihre prächtigen Seeſtürme haben, wahrſcheinlich aus ſonnigenz Garten⸗Veranden, aus Cajüten 160 nimmermehr. Herumzukollern wie eine Kugel im Roulett, auf dem Boden, an der Decke, in allen Ecken, Schwindel im Kopf, das jüngſte Gericht im Magen, die Lucken voll Seewaſſer, ſämmtliche Paſſagiere ſprudelnde Fontainen— hinweg davon, auch im entfernteſten Andenken! wir wollen dieſer appetitlichen Theekanne ihren Beruf nicht ſauer machen! Auf dieſes Signal ſetzte ſich die Geſellſchaft zu Tiſche. Moorfeld konnte bald ſehen, daß ſeine lebhafte unmittelbare Natur gefiel. Die Unterhaltung nahm einen friſchen Gang, Wirth und Gaſt fanden ſich ſchnell und angenehm in einander. Im Fluſſe des liebenswürdigſten Beiſammenſeins hatte natürlich Moorfeld's Frage an Benthal der günſtigen Gelegenheit zu harren. Dieſes diplomatiſche Apropos ſpannte ihn keineswegs unangenehm, nur war er nicht geduldig genug, es lange auszuhalten. Er ſuchte bald nach einem Anknüpfungspunkte. Beim Niederſetzen der kleinen Theegeſellſchaft war eine Mappe mit Manuſcripten vom Tiſche ent⸗ fernt worden. Moorfeld erinnerte ſich an den Bäcker Sallmann aus Kleindeutſchland, und bat ſich dringend aus, das Pamphlet zu hören, welches Benthal demſelben verſprochen, wenn es dort vielleicht eben unterm Ambos liege. Aber die Mappe enthielt es nicht mehr. Benthal hatte es bereits geſchrieben und in die Druckerei geſchickt. Es beſchäftige ihn ein anderer Aufſatz, erklärte er auf Moorfeld's Bewunderung dieſer raſchen Thätigkeit, und wie er dieſen ebenfalls gerne ſchon druckreif ſähe, ſo treibe eines das andere. Moorfeld erſtreckte ſeine Bitte natürlich auch auf Mittheilung dieſes zweiten Artikels. Benthal machte Ein⸗ wände und ließ ſich lebhafter nöthigen, bis er die Lectüre nach dem Thee zuſagte. Der Name Kleindeutſchland, der jetzt genannt worden war, gab Moorfelden die Gelegenheit, die er ſuchte. Er bewegte ſich ein paar Augenblicke um dieſes Thema, und wie im Vorbeigehen bat er dann den Rector magnificus, ob er ihm ein paar tüchtige deutſche Arme verſchaffen könne— einen Zimmermann und einige Ackerleute; er denke nämlich ernſtlich daran, demnächſt ſeine Anſiedlung in Ohio zu be⸗ gründen. Bei dieſer vorläufigen Ankündigung hielt er inne, und er⸗ wartete den nächſten Eindruck derſelben. Der Eindruck war ein bedeutender. Zwar erwiederte Benthal das Geſchäftsmäßige von Moorfeld's Frage mit der rückſichtsvollen ſdem üngſte ſagiere enken! achen! vorfeld Die en ſich kürlich arren. nehm, ſuchte kleinen e ent⸗ n aus hören, nterm hatte häftige dieſer ſähe, kürlich Ein⸗ 9 dem „gib paar dann Arme denke u b nd er⸗ enthal vollen — 161— Faſſung, die ihn nicht leicht verließ: er werde ſich, ſagte er, die Sache angelegen ſein laſſen, er hoffe jedenfalls die gewünſchten Arbeitskräfte zu gewinnen; dann aber,— und er bedurfte einer Pauſe um über⸗ haupt weiter zu ſprechen,— ſetzte er hinzu, dieſe Mittheilung über⸗ raſchte ihn lebendig. Kaum erinnere er ſich noch, daß das Wort Ur⸗ wald flüchtig geſtern genannt worden ſei und mehr bildlich als ei⸗ gentlich, wie es geſchienen, es klinge ihm heute neu, und er habe ge⸗ waltige Ehrfurcht vor Moorfeld's Gewiſſenhaftigkeit, der ein Land, um es zu ſtudiren, gleich kaufe. Er ſagte dieſe Worte mit immer wach⸗ ſender Bewegung, die Frauen blickten ihn an und blickten dann ſich ſelbſt an. Auch ihnen, ſah man, gab das Gehörte zu denken. Frau v. Milden that— was in ſolchen Momenten das Tactvollſte iſt— ſie ſprach die Bewegung, die vorhanden war, freimüthig aus. Mit der richtigen Miſchung von Gelaſſenheit und Antheil in ihrer Stimme ſagte ſie zu Moorfeld: Sie beabſichtigen eine Anſiedlung, Herr Doctor? Ich glaube es gern, daß es Herr Benthal überhört hat, er wird es ungerne gehört haben. Wenn man ſich im menſch⸗ lichen Umgang nur an eine Art Aſtronomie gewöhnen könnte! die Menſchen wie Sterne zu nehmen;— ſie kommen und gehen am Horizont und man hätte das freie Intereſſe der Wiſſenſchaft an ihnen. Aber das Gemüth will alles gleich feſthalten und in Eigenthum ver⸗ wandeln: das iſt freilich ungezogen. Ich fürchte, Herr Benthal wird Ihnen eine kleine Ungezogenheit dieſer Art abzubitten haben. Jetzt war Moorfeld's Augenblick da. Gnädige Frau, ſagte er, ſeine Spannung unter einem Scherz verbergend, daß wir Beide, Herr Benthal und ich, nur nicht jenen zwei Bettlern gleichen, welche ſich im Dunkeln wechſelſeitig um Almoſen angeſprochen haben! Für Herrn Benthal ſetze ich hinzu: sans comparaison! für mich aber nicht. Ich fühle mich nämlich gerade jetzt einen rechten und ſtandesmäßigen Bettler, daß ich nicht einen virginiſchen Grundbeſitz kaufen kann, ſon⸗ dern höchſtens ein paar tauſend Acres. In jenem Falle würde ich zu meinem Sterne ſagen: wollen Sie mein Intendant ſein? in dieſem darf ich höchſtens ſagen: wollen Sie mein Mit⸗Bauer ſein? und, hier liegt der Bettler. Deßungeachtet bin ich nicht blöde genug, es nicht wirklich zu ſagen, wenn ich erſt hoffen darf, daß es mir verziehen wird. Alſo: Herr Benthal, wollen Sie—was ſein? was, weiß ich ſelbſt D. B. VII. Der Amerika⸗Müde. 11 162 nicht. Sie wiſſen das beſſer als ich. Sie haben es geſtern ſo ſchön geſagt, daß man in Amerika nur Eins und ein Einziges iſt— ein Mann! Wohlan, will es dieſer Mann ſtatt mit Mr. Mockingbird mit mir und meinem Urwald verſuchen?— Der Bettler hält Ihnen ſeinen Hut hin. Meine Hand, wenn Sie das Gold Ihrer Fähigkeiten drein⸗ legen wollen, ſteht Ihnen ſtets offen. Diesmal blickten die Frauen nicht mehr auf, und ſelbſt Benthal ſagte mit niedergeſchlagenem Auge: Es läßt Ihnen wohl, Herr Doctor, mit lachendem Munde Geſchichte zu machen. Was Sie da ſprechen, i*ſt ſo wichtig, daß Proſaiker nicht ermangeln würden, es wirklich wich⸗ tig zu traktiren. Aber der höhere Menſch, welcher weiß, daß wir nur beginnen können, und daß unermeßliche Schickſale weiter führen was ſich aller Vorausſicht entzieht, der hat Recht, wenn er ſeine Saatkörner auswirft, wie Bonbons im römiſchen Carneval. Ihre Worte ſind das Signal zu einer neuen Richtung meines Lebens. Sie ſind ein Wende⸗ punkt in einer oder mehreren Biographien. Daß die Wendung eine glückliche iſt— wer möchte vor dem Gegenbild von Mr. Mocking— bird's Volksſchule daran zweifeln? Der Zweifel liegt hier anderswo. Ich ſehe in Ihren Worten allerdings den Hut, den Sie mir hinhalten. Aber— ſoll ich was hineinwerfen, oder— ſoll ich was herausholen? Das iſt die Frage hier. Es iſt eine Ehren⸗Frage. Reizend verwirrt, nehmen ſich ſolche Fragen denn doch auch proſaiſch gelöst nicht ſchlecht aus. Moorfeld verbiß ſein Lächeln, er wußte wohl was er für einen Charakter vor ſich hatte, und war gefaßt darauf, daß ihm ein bischen Metaphern⸗Spiel nicht ſo leicht durchgehen würde. Mit ganz verän⸗ dertem Tone ſagte er daher: Der Mann, der in Hambach nicht ge⸗ fragt hat, ob er in einem Kerker verfaulen wird, ſollte in Ohio nicht fragen, ob er emporblühen wird. Mißverſtehen Sie mich nicht. Ich muthe Ihnen nicht zu, die Ehre Ihres Unglücks an den nächſtbeſten hergelaufenen Freund zu verkaufen. Was Sie der Nation geopfert haben, darf Ihnen nur die Nation vergüten, und ich habe kein Mandat von Deutſchland. Es iſt nicht der Rede werth, was ich Ihnen biete. Ein paar Kornähren zur Nahrung, ein paar Schafe zur Kleidung und rings herum ſtarre Wildniß, das iſt kein Lebensglück. Halten Sie es dafür, ſo ſetzt dieſes Dafürhalten Ihr Verdienſt, nicht das meinige. Sie denken dabei an ihre große Productionskraft, welche die rohe ſin — ein d mit ſeinen drein⸗ enthal voetor, rechen, wich⸗ r nur nwas körner d das gende⸗ eine king⸗ rswo. alten. olen? wirrt, taus. einen lschen erän⸗ zt ge⸗ nicht Ich beſten epfer andat biete. dung alten mige. rohe — 4632 Vorbedingung des Lebens erſt in Lebensglück verwandeln muß. Und wahrlich, an dieſe Kraft dachte ich auch bei meinem Anerbieten. Ich bin der Krämer, der einem Shakespeare ein Buch Papier überreicht mit den Worten: hier, mein Herr, haben Sie die Unſterblichkeit,— ſie thut ſechs Pfennige. Der Werth meines Materials und der Werth Ihrer Arbeit liegt lächerlich weit aus einander. Ja, ob ich Ihnen ſelbſt dieſe ſechs Pfennige ſchenke, iſt noch die Frage. Ich ſchenke ſie aber nicht, ſondern ich lege ſie auf furchtbaren Wucher. Sie wiſſen beſſer als ich, daß ein Menſch hier viel, ein Grundſtück wenig Preis hat. Um einen Kopf mehr gedacht, um eine Hand mehr gerührt auf meinem Farm, erhöht ſeine Rente. Ich treibe Agiotage mit meiner Gaſtfreundſchaft. Kurz, es iſt hier von einem Compagnie⸗Geſchäfte die Rede; ich ſchieße das Geld dazu lher und Sie ein Capital, das Geldes werth iſt. Ich bin Poet und ein ſchlechter Wirthſchafter. Eine Strophe kann mich am Erntetag gründlicher beſchäftigen als die ganze Ernte. Ein paar Kälber verkauf' ich vielleicht zum günſtigſten Preis nicht, weil mir die Zeichnung ihrer Haut gefällt. Fragen Sie nicht, ob ein ſolcher Wirth die praktiſche Vernunft zu Gaſte bitten darf. Mein Einfall, Grund zu beſitzen, konnte überhaupt nur auf der Hoffnung ruhen, daß das Glück ſeine Ausführung übernimmt. Beſitzer von Gütern zu ſein, iſt ein Talent, ſo gut, als Beſitzer von Ideen zu ſein. Mir fehlt jenes Talent. Will ich Grund beſitzen, ſo iſt es mein Vortheil, den 5 Vortheil Anderer daran zu knüpfen. Ich muß mich mit meiner Erde durch Procuration vermählen laſſen. Moorfeld hatte ſich in eine Ueberzeugung geſprochen, die ihn des Sieges gewiß machte. Jetzt zog er ſich wohlweislich auf ſein Ziel, gleichſam wie auf eine Rückzugslinie, zurück, und ſagte mit jener Mäßigung, die der Abſchluß einer Sache iſt: Ich gebe Ihnen gerne zu, daß Sie für den Augenblick noch kein klares Bild von dem Verhältniſſe haben. Ich verlange daher auch Ihr klares unumwun⸗ denes Wort nicht. Es genügt mir ſchon, daß wir uns in der Vor⸗ frage orientirt haben. Auch iſt meine Stimme nicht die einzige Po⸗ tenz für Ihre Entſchließung. Mit aller Ehrfurcht erkenne ich höhere Potenzen. Der nächſte Stand der Dinge bleibt daher, wie er iſt. Sie behalten Mr. Mockingbird's Schule; ich gehe meinem Projecte nach auf eigene Hand und Gefahr. Ich reiſe nach Ohio. Ich ſehe 11* 164 mich um, ich wähle, ich kaufe. Ich mache aus meinen Gedanken eine fertige Thatſache. Dieſe fertige Thatſache lege ich Ihnen vor, Sie werden Ihr Verhältniß zu ihr dann ſelbſt finden. Sind wir aber ſo weit— ein Wort für Alle, liebſter Herr, Sie laſſen mich nicht ſitzen! Sie bleiben ſelbſt nicht ſitzen in Kleindeutſchland! Sie bringen mir die Beſten Ihres Volkes mit und den erſten rücken ſpätere nach und, den wenigen mehrere und eine Stadt zimmern wir uns auf, darin ſind Sie Paſtor primarius, Rector magnificus, Redacteur en Chef, Kaufmann en gros und en Detail, kurz, was ein Amerikaner in einer jungen Anſiedlung iſt: eine indiſche Gottheit mit hundert Händen und Füßen. Ich aber verkaufe meine Acres um das Hundert⸗ fache und werde Millionär. Mit dieſer paſſiven Rolle begnüge ich mich neben ihrer activen. Darauf ziel' ich; daß ich es nur geſtehe! ein freiwilliges Geſtändniß iſt immer ein mildernder Umſtand. Das ſind meine Tendenzen. Freilich ſollt' ich ſie nicht am Theetiſch ent⸗ hüllen. Eine„Loretto⸗Kapelle“ iſt keine Börſe. Was werden unſre verehrungswürdigen Damen denken! Ein Dichter iſt angemeldet und ein Landſpeculant kommt. Welch ein Abfall von geſtern und heute! Sehen Sie, ſo ſchnell entartet die europäiſche Race in Amerika. Es iſt Zeit, daß ich abbreche und von ganzem Herzen um Verzeihung bitte. Damit erledigte Moorfeld ſeinen Antrag für's Erſte. Und wie nach ſolchem Thema nicht wohl ein leichterer Ton wieder anzuſchlagen war, ſo erinnerte er ſich jetzt rechtzeitig an Benthal's zuvor verſpro⸗ chenen Aufſatz. Er zweifelte nicht, daß derſelbe jenes Element ent⸗ halten werde, deſſen die Situation jetzt bedurfte: irgend ein gedanken⸗ reiches Etwas, fähig, die Stimmung, ohne ihr Zwang anzuthun, an ein neues Intereſſe zu feſſeln. Er wiederholte daher ſeine Bitte. Aber Benthal war jetzt noch zurückhaltender, als er ſich gleich zuerſt gezeigt hatte. Man ſah ihm eine große Verlegenheit an. Er ſuchte Ausflüchte, er behauptete, kein Augenblick ließe ſich ungünſtiger, als der gegenwärtige wählen, die Lectüre ſei ganz und gar nicht an ihrem Platze jetzt. Auf Moorfeld's Befremden verrieth er endlich ſo viel: es ſei in jenem Schriftchen von Amerika etwas heterodox geſprochen; eine günſtigere Meinung müſſe ſich nothwendig davon verletzt fühlen; eine ſolche Diſſonanz getraue er ſich aber nicht zu verantworten, am wenigſten in gegenwärtigem Augenblicke. en eine „ Si aber ſo hnicht bringen re nach s auf, teur en rikaner zGundert undert⸗ ge ich ſetehe! Das ch ent⸗ unſre et und heute! Es iſt bitte. nd wie ſclagen erſpro⸗ nt ent⸗ anken⸗ un, alt Bitte. zuerſt ſuchte e, als ihrem 9 viel: rochen; ühlen; n, amt — 165.— Moorfeld hörte dieſe Erklärung überraſcht, faſt betreten an. Er antwortete: Ich würde mich ſehr mangelhaft ausgedrückt haben, Herr Benthal, wenn ich eine Vorliebe, oder ein Vorurtheil für Amerika an den Tag gelegt hätte. Man hält es für ein Land der menſchlichen Vollkommenheiten in Europa und darum macht' ich mich auf, es ken⸗ nen zu lernen. Das iſt Alles. Ich will es mir anſehen, wie ein Pferd das ich kaufe. Daß ich die Neigung hätte, abſichtliche Täu⸗ ſchungen darüber feſtzuhalten, ſollte ich, wie mir dünkt, mit keinem Worte verrathen haben. Es wäre auch entfernt nicht der Fall. Ab⸗ geſehen, daß der Einzelne, bei der freundlichſten Abſicht mich zu ſcho⸗ nen, den Andrang einer allgemeinen Enttäuſchung doch nicht abweh⸗ ren könnte von mir. Was Sie eine günſtige Meinung nennen, hatte ich über Amerika's Stadtleben eigentlich nie und meinen Glauben an die Urwalds⸗Poeſie möchte ich eben auch nicht zu abſtract cultiviren; ein wenig Bilderdienſt wird ihn ſtets unterſtützen müſſen; warb ich doch ſo eben um einen lieben Heiligen für meine Waldkapelle! Nein, leſen Sie immer, ich bin wohl der Mann zu hören. Glauben Sie überhaupt nicht, daß die Poeſie noch Täuſchungen liebt. Die moderne Poeſie iſt ſkeptiſch. Eine Negation iſt uns lieber, als ein Wahn. Eine Negation iſt uns lieber als ein Wahn! wiederholte Ben⸗ thal— ja, dann darf ich leſen, rief er beſtimmt, faſt freudig. Seine Haltung veränderte ſich augenblicklich. Hatte ſie ſo eben noch jene ergebene, rückſichtsvolle Schüchternheit, die Moorfeld bei Mr. Mocking⸗ bird an ihm gefunden, ſo zeigte ſie jetzt den mannhaften Aufblitz, die entſchiedene unerbittliche Sicherheit, in der ihn Kleindeutſchland kannte. Der Mann, von äußeren Lebenslagen in den Schatten geſtellt, ging immer im vollſten Lichte wo er auf dem Boden von Ueberzeugungen ſtand. Im Selbſterrungenen fühlte er ſich. Er holte ſeine Manuſcripten⸗Mappe. Moorfeld rückte zurecht. Frau v. Milden nahm wieder ihre Arbeit vor; die Mädchen räumten den Theetiſch ab. Die Kleine machte ihre Sache flink und zierlich. Sie bot in ihrer Thätigkeit ein Schauſpiel voll ſchicklicher Angewöh⸗ nungen; Alles war Applicatur an ihr. Dabei hatte ſie nichts von jenen Uebergeſchäftigen, die wir die Koketten der Häuslichkeit nennen möchten. Sie huſchte hin und wider mit einer dezenten, faſt dürften wir ſagen, vornehmen Geräuſchloſigkeit. Moorfeld beobachtete ſie innig 166 vergnügt. Nicht Malvine, Möwe muß ſie heißen, ſagte er, als er ihr eine Zeitlang ſo zugeſehen. Das Kind reichte ihm die Hand und lächelte ihn freundlich an. Sie ſchien zu glauben, er habe ſie mit einem großen Ehrentitel beſchenkt. Benthal hatte inzwiſchen einige Octavblätter von feinem Poſtpapier aus ſeiner Mappe geholt und leitete jetzt ſeine Lectüre mit folgenden Worten ein: Eine der erſten Zeitungen Newyorks machte unlängſt mit einem Leitartikel Aufſehen, welcher die politiſche und ſociale Entwick⸗ lung Amerika's ſeit dem letzten Kriege behandelte. Der Haufe fand ſich von ſeinem Sclaven, den er die freie Preſſe nennt, ſo maßlos darin geſchmeichelt, daß der wirklich freie Mann unwillkürlich in Op⸗ poſition dagegen gerieth. Ich will nun eben nicht ſagen, daß dies mein Fall war, aber ich fühlte doch mein Recht die Sache auf meine Weiſe anzuſchauen. Genug, die Gelegenheit war mir ein Antrieb, einiges von dem niederzuſchreiben, was ich dem Lobredner mündlich entgegnet hätte; da ich aber gern Zwecke vor Augen habe, ſo ſchrieb ich gleich auf Poſtpapier, und werde nun den Artikel, der die hieſige Lynch-Cenſur doch nicht paſſiren würde, vielleicht an Cotta für die Augsburger Allgemeine ſchicken. Ich würde es als eine Art Sühne betrachten für unſre politiſch⸗liberalen Schönfärbereien von weiland. Meine Hambacher Collegen werden freilich wieder einmal Verrath wittern, aber— amicus Platonis u. ſ. w. Moorfeld nickte ſchweigend vor ſich hin. Er ſaß ſtill und in ſich gekehrt. Benthal begann: 8 „Zur Beurtheilung des Beſtandes der nordamerikaniſchen Geſellſchaft. Als ich vom Havrer Landungsplatze meinen Gang durch Newyork antrat, war die erſte Neuigkeit, die mich anzog, ein rieſiges Plakat an der Ecke der Greenwich- und Liberty-Street. Ein Verein„the Workies“ genannt, lud zu einer Generalverſammlung ein. Was ſind das für Leute? fragte ich zwei Bürger, welche vorübergingen. Tollhäusler! ſagte der Eine, ein Deutſcher; Lichtzieher, die Präſidenten werden wollen, lächelte giftig der Andere, ein Amerikaner. Ich aber pflanzte mich auf und ſtudirte nun ſelbſt das jener Einladung beige⸗ fügte Programm der Workies. als er nd und fie mit ſtpapier lgenden ngſt mit Entwick⸗ fe fand maßlos in Op⸗ ß dies fmeine Antrieb, ründlich ſchrieb hieſige für die Sühne veiland. Verralh in ſch iſchen cewyork kkat an „tbe Was gingen. jdenten 6 aber beige⸗ — 16,— Das Programm beſtand aus Forderungen einer ſocialiſtiſchen Ar⸗ beiter⸗Organiſation. Die Sprache war ohne Schwung und prophe⸗ tiſche Salbung, ohne das Koſtüm des europäiſchen Ikarismus, ſie war klar und einfach wie eine Möglichkeit. Und doch war es nichts ge⸗ ringeres als eine jener Schuldforderungen der Beſitzloſen an die Be⸗ ſitzenden, welche mit dem Bankerott beantwortet werden. Sie klang aber viel eher wie eine fürſtliche Cabinetsordre, welche Degradation verhängt. Sie ſprach wie ein trockener Machtgebrauch, wie eine ſimple Pflichtübung. Es wurde mir ſehr leicht, mich zu belehren. Was ſind die Workies? Die Workies ſind eine Verbindung von Arbeitern. Sie ſind nicht nur in Newyork, ſondern in allen größeren Städten verbreitet. Sie verfügen über eine gut redigirte Preſſe und über Straßenecken ſo viel ſie deren begehren. Kein Hausbeſitzer wagt, ihre Plakate zu beleidigen. Was fordern die Workies? Die Workies fordern ſtreng genommen nur Eins: Gleiche und allgemeine Erziehung. Es iſt falſch, ſagen ſie, wenn man behauptet, wir hätten keine privilegirte Ariſtokratie im Lande. Wir haben viel⸗ mehr die gehäſſigſte Sorte derſelben, die Ariſtokratie der Kenntniſſe. Wir nennen ſie die gehäſſigſte, weil ſie vor unſern Augen täglich und ſtündlich wird und nicht im mildernden Dämmer der Geſchichte ge⸗ worden iſt. Jedes Kind, welches zur Schule geht, begründet ſich eine Herrſchaft über dasjenige, welches zur Fabrik geht. Der Arbeiter iſt von der Gelegenheit höheren Unterrichts abgeſchnitten, d. h. er iſt von den höheren Staatsämtern ausgeſchloſſen. Die Staatsämter wer⸗ den in der That unter eine kleine Klaſſe der Geſellſchaft vertheilt; diejenigen dagegen, welche die Kraft des Landes ausmachen, gelangen nie zur Ausſicht, aus den Regierten unter die Regenten einzutreten. Das iſt eine Unvollkommenheit. Dieſe Unvollkommenheit muß abge⸗ ſtellt werden, erklären die Workies, wenn die Freiheit eines Ameri⸗ kaners mehr als ein eitler Schall ſein ſoll. Sie erklären feierlichſt nicht eher ruhen zu wollen, als bis jeder Bürger in der Union den⸗ ſelben Grad der Bildung erlange, wie ſein Mitbürger. Eh' aber die Workies von dieſem Programm die obere Gränze erreichen, begnügen ſie ſich(und das iſt das Bedenkliche an der Sache) mit der untern Gränze. Bis ſie in höhere Bildungsregionen aufſteigen, ziehen ſie die 168 Gebildeten zu ſich herab, wie ſich denn ſchon mehr als Eine Legislatur genöthigt geſehen hat, Vermächtniſſe ihrer freien Bürger umzuſtoßen und Fonds, für Univerſitäten beſtimmt, niederen Schulen zuzuwenden. Sagen die Workies doch ausdrücklich, und wir zweifeln, ob es blos in der Blume gemeint iſt, es verrathe eine ſchlechte Volkswirthſchaft, wenn die Einen ſich in Champagner baden, indeß die andern ſchänd⸗ liches Waſſer trinken. Das öffentliche Vermögen müſſe offenbar ſo vertheilt ſein, daß Jeder Brandy haben könne. So umſchreibt ſich die Theorie von„demſelben Bildungsgrad“ in der Praxis. Derſelbe Bildungsgrad wird, das iſt klar, durch Degradation eben ſo gut er⸗ reicht, wie durch Avancement. Dieſe Logik haben denn auch die Reichen bewunderungswürdig ſchnell begriffen. Sie kommen den Workies durch ihren Cynismus entgegen. Zwar wählen ſie Lichtzieher noch nicht in's Repräſentanten⸗ haus, aber Repräſentanten haben ſich doch ſchon beohrfeigt und ange⸗ ſpieen wie Lichtzieher. Das iſt immer auch anzuerkennen. Und als Präſident Jefferſon am Abende ſeines Lebens gefragt wurde, welche Staatsbeamten ein erfahrener Politiker für die tauglichſten halten würde, antwortete er: ſolche, die ſich nicht betrinken. So hört man auch in den alten Staaten bejahrte Notabilitäten darüber klagen, daß ſie nur noch von den engliſchen Traditionen zehren und das Grab der Bildung ſich täglich erweitere. Zur Colonialzeit hätten ärmere Bür⸗ ger mehr Cultur beſeſſen, als jetzt die reichſten. Der Fremde geht noch weiter. Nicht nur der Abgang der Bildung iſt's, ſondern ge⸗ radezu die Verachtung derſelben, ihre offene Proſtitutrung, die ihn hier ſo ſchneidend verletzt. Moorfeld blickte auf. Hat nun der Einwanderer— fuhr die Lectüre fort— zum erſten Gruß ein ſolches Workies-Plakat geleſen, ſo iſt das denkende Weſen in ihm aufgefordert und er reflectirt den Zuſtänden des Landes weiter nach. Die Thatſache eines amerikaniſchen Socialismus iſt ſo zerſtörend in das Gewebe ſeiner Roſenträume gefahren, daß er jetzt erſt mit wachen Augen um ſich blickt. Und wie an dem Sommerhimmel New⸗Orleans ein Gewitter von allen Seiten zugleich aufſteigt, ſo ſchwärzt ſich ihm jetzt der Ho⸗ rizont der Union an mehr als einer Stelle von drohenden Zukunfts⸗ Geſichten. Aber noch kann er die Workies ſelbſt nicht vergeſſen. slatur ſtoßen enden. blos ſchaft, chänd⸗ zar ſo tt ſich erſelbe ut er⸗ vürdig ismus anten⸗ ange⸗ Und welche zalten man 1, daß ab der Bür⸗ egeht m ge⸗ e ihn Gruß ihm Die ewebe m ſich witter Ho⸗ nfts⸗ ſeſſen. — 169— Iſt's auch nur ein Proletariat, das Präſident werden und nicht blos ſatt werden will, ſo weiß er wohl: der Nothſchrei Lear's um ſeine hundert Ritter und der ſchleſiſche Nothſchrei nach einem Mißjahre ſind beide ein Nothſchrei. Die Noth, die welterſchütternde, treibt hier wie dort, und wer heute noch den Luxus bedarf, bedarf morgen ſchon das Bedürfniß. In der That: um dieſes Heute und Morgen bewegt ſich Europa's und Amerika's ganze Differenzial⸗Rechnung vom Glücke. Darum wird man ſich hüten, die Workies gering anzuſchlagen. Man wird ſich hüten, zu wähnen, es ſei hier von einer jener unzähligen Parteien im Staate die Rede, welche ſich in Gottes Namen gegen einander reiben, und„im feurigen Bewegen ihre Kräfte kundthun“ mögen. Ge⸗ wiſſen Organismen wohnt die Prädeſtination der Alleinherrſchaft inne. Die Bauern in Latium waren nicht ein kriegeriſcher Volksſchlag neben andern Völkern Italiens; ſie wußten es gleich von vorn herein nicht anders, als daß ſie die Welt erobern würden. Die verachtete Secte der Nazarener fühlte ſich nicht etwa collegialiſch neben der Secte der Sadducäer, Phariſäer und Eſſäer: ſie nannte als ihren Beruf— „hinzugehen in alle Welt“. So die Workies. Ihre Anfänge ſind die geringſten, denn Amerika iſt überwiegend mehr ein Ackerbau⸗ als ein Induſtrieſtaat; ihre Zukunft dagegen iſt die größte, denn der erſte Blick auf die Oberfläche des amerikaniſchen Bodens zeigt uns einen ſo ungeheuren zu Tage liegenden Schatz von Kohlen und Eiſen, ein ſo vortreffliches Syſtem von Meer⸗, See⸗ und Fluß⸗Bahnen, daß wir dem Lande wie an der Stirne ſeinen Beruf leſen: der erſte Induſtrie⸗ ſtaat der Welt zu werden. Bedenken wir dazu, daß die hieſige Be⸗ völkerung in raſcheren Proportionen als irgend auf der Erde zunimmt, bedenken wir ferner, daß der Geiſt nicht nur des heutigen Gouver⸗ nements, ſondern die National⸗Eitelkeit des ganzen Volkes nach der verhängnißvollen Ehre einer großen Induſtrie wahrhaft dürſtet und das Unglaublichſte leiſtet um eine ſolche raſch möglichſt emporzukünſteln: ſo werden wir nicht daran zweifeln, daß dieſer unendlich mit ſich ſelbſt multiplicirte Kankrin ſein Ideal bald und gründlich erreichen wird. Ja, auch Amerika geht den Zuſtänden entgegen, in welchen Millionen Eriſtenzen von der Nachfrage um ein einziges Fabrikat abhängen; auch hier wird dieſe Nachfrage einem beſtändigen Schwanken unterworfen ſein und das Pendel Reichthum und Ueberfluß auf die eine, Noth 170 und Verzweiflung auf die andre Seite beſtändig umherſchnellen. Die Veränderungen der Mode, die Ueberführungen der Märkte, auswärtige Kriege mit ihren Abſatzſtockungen und Bankrotten, tauſend Urſachen werden auch hier beſtändig unterwegs ſein, große Menſchenmaſſen ihres Unterhalts zu berauben und dem Hunger zu überliefern. Dieſe Hun⸗ gernden aber werden— Souveraine ſein! Wenn der europäiſche Beſitz, ich will nicht ſagen in der Waffenmacht, ſondern in den Rechtsbegriffen der Beſitzloſen ſelbſt, eine Bürgſchaft ſeiner Unantaſtbarkeit genießt und im Ganzen genommen ſich des Gehorſams erfreut, ſo wird der amerikaniſche Beſitz nicht berechtigt, ſondern nur geduldet ſein, und die Duldung wird ihm verſagt werden, ſo oft ſie Opfer erheiſcht. Der ganze Geſellſchafts⸗Contract zwiſchen Beſitz und Arbeit wird in Amerika ſo lauten, daß die Arbeit mit dem Beſitze zwar den Vortheil, nicht aber den Nachtheil trägt; den letzten wird ſie vielmehr mit der vollen Wucht eines agrariſchen Spoliations⸗Syſtems der Gegenpartei aufladen. Ob ſolche Contracte aber unter wahrhaft Freien eingegangen zu wer⸗ den pflegen, und ob ſie den Beſtand, das Glück und den Flor der ſeltſam ſituirten Theilhaber verbürgen, das werden praktiſche Rechtsgelehrte beſſer als lich zu beantworten wiſſen. Die Geſchichte wenigſtens hat keine Beiſpiele davon. Das Schauſpiel der Workies- Regierung wird beiſpiellos ſein. Die Kämpfe der Gracchen erröthen davor und flüchten in's Genre der Idyllle. In gegenwärtigem Augenblicke ſind die Vereinigten Staaten vor revolutionären Erſchütterungen vielleicht ſicherer, als irgend ein Staat in der Welt. Sonderbarer Weiſe ſchreibt der Amerikaner aber dieſes Glück nicht dem Umſtande zu, daß der größte Theil der Nation vor⸗ läufig noch Eigenthum beſitzt, ſondern er hält es für eine Wirkung ſeiner„unverbeſſerlichen Conſtitution“ und bedenkt nicht, daß dieſe Conſtitution eben nur für eine agrariſche Bevölkerung mit Eigenthum berechnet iſt. Was„unſre unverbeſſerliche Conſtitution“—„das un⸗ überwindliche Bollwerk unſrer Freiheit“— aber leiſten ſoll, wenn der Hunger im Repräſentantenhauſe und der Bankrott im Senate ſitzen wird, das verlangte mich den Geiſtern der Zukunft abzulauſchen. Unter den Menſchen habe ich mich vergebens umgethan, die wunder⸗ wirkende Kraft der amerikaniſchen Conſtitution kennen zu lernen. Ich konnte nur ſehen, daß ſie ein Ding ſei, welches Allen wohlgefällt; 1. Die wärtige jrſachen en ihres ſe Hun⸗ b Beſit, hegriffen genießt vird der und die . Der Amerika i, nicht vollen ufladen. u wer⸗ n Flor zaktiſche eſchichte orkies- eröthen ten bor MStaat rdieſes on vol⸗ girkung ſß dieſ enthum as Un . wenn Senate zuſchen. zunder⸗ . 3J0 efälli 171 beſtrebt' ich mich aber hinter die Urſache dieſes Wohlgefallens zu kom⸗ men, ſo merkt' ich wohl, daß meine Beſtrebung eitel Pedanterie war, denn der Liebenswürdigkeit muß man keinen Grund abfragen. Solch' eine grundloſe Liebenswürdigkeit iſt die amerikaniſche Conſtitution. Die Liebhaber derſelben definiren ſie, wie Liebhabern billig, auf die con⸗ fuſeſte Weiſe. Fragt man den Präſidenten der Vereinigten Staaten, worin das Weſen der Regierung beſtehe, welche er mit ſo viel Ehre für ſich und mit ſo großen Vortheilen für ſein Vaterland verwaltet, ſo wird General Jackſon antworten, ſie ſei ein Gouvernement der Conſolidation, mit voller Macht begleitet, ihre Beſchlüſſe in allen Di⸗ ſtrieten der Union durchzuſetzen. Fragt man den Vice⸗Präſidenten, ſo wird er das Gegentheil antworten: das Gouvernement ſei nur con⸗ föderativ und rückſichtlich ſeiner Beſchlüſſe von der freien Einwilligung der Einzeln⸗Staaten abhängig. Fragt man Mr. Clay oder Mr. Web⸗ ſter, worin das Geheimniß ihrer großen àme incomprise, der Con⸗ ſtitution beſtehe, ſo werden ſie wahrſcheinlich das Privilegium, den Handel des Landes nach Gutdünken zu beſteuern und aus den Zoll⸗ einkünften Straßen und Schulen zu bauen, dafür anſehen wollen. Man richte dieſelbe Frage an General Hayne und Mr. van Buren und ſie werden behaupten, dieſes Gewaltſyſtem nach der einen und Protectionsſyſtem nach der andern Seite hin ſei eine Doctrine der beleidigendſten Tendenz und gehe aus einer nicht zu duldenden Aus⸗ legung der Conſtitution hervor. Dennoch ſtimmen alle überein, daß dieſe Conſtitution das höchſte, deutlichſte und fehlerfreiſte Werk aller menſchlichen Geſetzgebungen ſei. Solche Mißverſtändniſſe müſſen ſich offenbar ſchwer rächen. Nicht nur daß die Conſtitution unter dieſen Umſtänden kein Bollwerk gegen Anarchie iſt, ſo ſcheint ſie weit eher noch ein Saamen⸗ und Treibhaus derſelben. Und hier berühren wir eine andere Seite. Es wird gar nicht des ſocialen Gährungsſtoffes bedürfen, um das, was ſich heute Union nennt, aufzulöſen; politiſche Ereigniſſe können den Zerfall ſchon früher herbeiführen. In der That vergeht kein Jahrzehnt, daß nicht irgend eine politiſche Kriſis die Vi⸗ talität der Union auf eine harte Probe ſtellt. Zur Zeit der Hart⸗ forder Convention war Onkel Sam nahe daran den Geiſt aufzugeben; vor anderthalb Jahren litt er entſetzlich am Carolina⸗Fieber. Und iſt von letzterem Krankenbette nicht das tödtliche Gift der Nulli⸗ 172 fications⸗Lehre im Leibe zurückgeblieben? Kann man von einer Bundes⸗ Einheit ſprechen, wo jedes einzelne Bundesglied ſich das Recht zu⸗ ſchreibt, die Beſchlüſſe des Ganzen für ſeinen eigenen Theil unbefolgt zu laſſen? Und kann man von der Vortrefflichkeit— was ſag' ich? — nur von der nothdürftigſten Zulänglichkeit einer Conſtitution ſpre⸗ chen, wenn die übrigen Bundesglieder dem renitenten, oder wie es hier heißt, dem nullifizirenden Mitglied die Pflicht des Gehorſams aus dem Wortlaut dieſer Conſtitution keineswegs klar und unzweifel⸗ haft uachzuweiſen vermögen? Wären die Vereinigten Staaten eine gleichartigere Maſſe, ſo könnte man dieſe Lockerheit ihres Zuſammen⸗ hangs noch ruhiger anſehen; man tröſtete ſich, daß die Nothwendigkeit ſelbſt die Stelle des geſchriebenen Buchſtabens ſupplirt. Dieſe Noth⸗ wendigkeit aber war höchſtens in den dreizehn Staaten vorhanden; in den heutigen ſechsundzwanzig dürfte ſie wenig mehr zu entdecken und bald wird ſie gänzlich verſchwunden ſein. Die ungleichartige Maſſe wächst täglich über die gleichartige hinaus, was einſt Organismus war iſt jetzt oder demnächſt nur noch Aggregat, zuſammengehalten von der Einbildung, die durch die alten Traditionen noch genährt wird, aber verflüchtigt von dem Augenblicke an, wo die Intereſſen ſtärker ſein werden, als die Einbildung. Dieſe Betrachtung wird Diejenigen aus einem ſüßen Traume wecken, welchen es das Herz erhebt, ſo oft das Sternbanner mit einem neuen Sterne ſich beſtickt. Denn was ſie für Macht⸗Zuwachs halten, erſcheint jetzt als Beförderung des Zer⸗ falls. Aber ſie mögen ſich's ſelbſt ſagen! Welche Verwandtſchaft iſt zwiſchen dem Franzoſen in New⸗Orleans und dem Puritaner in Boſton? zwiſchen dem Palmenlande Florida und den Eisblöcken in Maine und Vermont? Ja! ſchon die geographiſche Ausdehnung der Union proteſtirt gegen die Zuſammengehörigkeit ihrer Bundesglieder. Wer wird auf die Dauer Deputirte von Archangel nach Madrid ſchi⸗ cken? Und wenn die Union, wie es ihr Project iſt, erſt den ſtillen Ocean erreicht haben wird— was dann? Dann mag ſie den Re⸗ gierungsſitz von Waſhington ſelbſt an die centralſte Stelle, nach irgend einem bisher noch namenloſen Sumpf in Nebraska verlegen, ſie wird eine Rotation um dieſen Mittelpunkt, ſie wird eine Centri⸗ pedal⸗Kraft von Maine und Californien doch nicht erkünſteln können. Die Meridiane haben auch ein Wort dreinzureden. Man ſage nicht, indes⸗ t zu⸗ efolgt ich? ſpre⸗ ie es rſams veifel⸗ eine mmen⸗ digkeit Noth⸗ n; in n und Maſſe gmus von wird, tärker rnigen p oft as ſie Zer⸗ ft iſt er in n in der jeder. ſte ſtillen Re⸗ nach egen, ntri⸗ men⸗ iiht, 173 Petersburg und London müſſen eben ſo rieſige Dimenſionen ihrer Regierungsgebiete bezwingen. Rußland centraliſirt durch den Despo⸗ tismus und den Schnee, England coloniſirt für den Abfall. Und wahrlich, Amerika geht dieſen beiden Schickſalen zugleich entgegen. Mit dem Abfall bedrohen ſich Nord und Süd ſchon jetzt, iſt das ſtille Meer erreicht, ſo werden ſich auch Oſt und Weſt damit bedrohen. Der Despotismus wird gleichfalls ſeine Entrepreneurs finden. Dieſe letztere Behauptung könnte die kühnſte, und in Bezug auf ein ſo großes menſchliches Ideal, wie Amerika's Freiheit, wahrhaft unſittlich ſcheinen. In der That wäre ſie zu unverantwortlich, als Raiſonnement, man wird ſie ſchon als Thatſache gelten laſſen müſſen. Die Anfänge dieſer Thatſache aber ſind da. Denn wenn wir die Ungleichartigkeit der amerikaniſchen Beſtandtheile nicht nur im allge⸗ meinen betrachten, ſondern, was für Republiken ein ſo zarter Punkt iſt, ſie ſpeciell als Ungleichartigkeit der Machtverhältniſſe auf's Einzelne anwenden, ſo finden wir die Thatſache, daß drei große weſt⸗ liche Staaten: Newyork, Pennſilvanien und Virginien, in Beſitz einer Macht ſind, wodurch ſie in Wahrheit an der Spitze der Sternbanner⸗ Republik ſtehen, allen republikaniſchen Gleichheitstiteln ihrer Geſchwiſter zum Trotz. Dieſe Macht iſt freilich kein conſtitutionelles Vorrecht, aber ſie i*ſt das natürliche Vorrecht des Reichthums, der Intelligenz, der politiſchen Erfahrung, kurz, materielle und moraliſche Macht. So ſind jene Staaten ein Triumvirat, das die Angelegenheiten der Republik nur mit einem höflicher betonten: Roma locuta est*) entſcheidet, ſie ſind ein politiſches Rund für ſich, das nöthigen Falls nicht dem Uebrigen zu folgen braucht, wohl aber folgt das Uebrige ihm. Was fehlt da noch zum Begriffe der Oberherrſchaft oder des Despotismus? Wie groß iſt der Unterſchied, ob der Despot ein Einzelner oder eine Pro⸗ vinz ſei, ob ſeine Autorität mit friedlicher Inſtinctmäßigkeit anerkannt, oder unter härterer Nöthigung erduldet wird? Das Fehlende aber kann, und was höchſt wahrſcheinlich iſt, es wird im Laufe der Zei⸗ ten auch noch hinzutreten. Denn wenn die ſociale Revolution oder der politiſche Zerfall, wovon wir geſprochen, unter einer Reihe von Bürgerkriegen nun vor ſich gehen wird, ſo werden die Generäle dieſer *) Rom hat geſprochen. 174 Bürgerkriege wohl nicht ſämmtlich Männer von Waſhington's Tugend oder Mittelmäßigkeit ſein. Militär⸗Dictatur war immer der Steig⸗ bügel zur Monarchie und wie die genannten Staaten die beſitzreichſten ſind, diejenigen die am meiſten zu verlieren haben, ſo wird ihr ſtär⸗ keres Intereſſe für den Frieden ſie auch am eheſten geneigt machen, abzuſchließen und unter irgend einer Form, ich ſage unter irgend einer ihr wichtiges Güterleben in Sicherheit zu bringen. Vielleicht, daß ſogar ſchon die erſte Panique über den Bruch der Union, über die Entzauberung ihres allmächtigen Talismans ſie zur Beute des Uſurpators macht. Derſelbe wird ja ohnedies als Republikaner an⸗ fangen; er wird hier Protector, dort Conſul, am dritten Orte Prä⸗ ſident heißen, er wird hier raſcher, dort langſamer an ſeiner Krone ſchmieden, überall aber wird ſie fertig werden.“ Hier legte Benthal ſein Manuſcript nieder und ſagte: An dieſem Punkte bin ich einſtweilen zu Ende mit meiner Lectüre, wenngleich nicht mit dem Aufſatze ſelbſt. Ich werde im Folgenden noch der Sclaven⸗Verhältniſſe gedenken, die ich bei den Schlagwörtern Carolina⸗ Fieber und Nullification im Contexte noch zur Seite liegen ließ. Es gebührte dieſem Thema eine eigene Ausführung. Es iſt in doppelter Beziehung verhängnißvoll für den Beſtand der Union, nämlich erſtens als religiös⸗humaniſtiſche Frage, wobei der Norden die Bekämpfung des Südens als Gewiſſensſache führt; dann aber auch als national⸗ ökonomiſche, wobei Sclaven⸗ und Nicht⸗Sclavenſtaaten dadurch feindlich zuſammentreffen, daß jene für den Freihandel, dieſe aber für den Zoll⸗ tarif intereſſirt ſind. Ohne das Sallmann'ſche Pamphlet hätte ich dieſe Schlußſtelle wahrſcheinlich heute noch ausgeführt; entſchuldigen Sie nun, daß Sie ein Bruchſtück gehört haben. Bei Gott, ein Bruchſtück! rief Moorfeld unter der Laſt des Ge⸗ hörten— Alles geht ja hier in die Brüche! Bei dieſem Worte wendete ſich Pauline an Benthal: Haſt du nicht etwas zu ſtreng geurtheilt? fragte ſie beſcheiden. Moorfeld fühlte die ganze Aufmerkſamkeit dieſer Frage für ſich. Er vergalt der Fragenden mit einem dankbaren Blicke. Aber des Mädchens Auge war niedergeſchlagen, ſie konnte ſeinen Blick nicht geſehen haben. Deßungeachtet erröthete ſie. Benthal ſagte zu Moorfeld: Nun, richten Sie den Richter! Wie paſſiren mir meine Negationen? ugend Steig⸗ ichſten ſtär⸗ achen, gend lleicht, über te des ran⸗ Prä⸗ Krone dieſem ggleich ch der lina⸗ Es pelter rſtens pfung lonal⸗ ndlich zoll⸗ te ich bdigen 5 Ge⸗ — 175— Aber Moorfeld fuhr in ſeiner Ergriffenheit fort: Und mich wollten Sie geſchont haben! Herr, wie ſpannt ſich Ihnen ſelbſt noch eine Ader für das Land, über welches Sie ſo ſchreiben konnten? Weil handeln immer mehr werth iſt als ſchreiben, antwortete Ben⸗ thal, und in dieſem Lande darf ich handeln. Dämon von einem Manne! Aber ich begreife Sie doch nicht. Wie ſagten Sie geſtern?„Amerika's Schönheit iſt Amerika's Idee“—„Waſhing⸗ ton bedeutet höheres als Rom und Athen, es iſt das Capitol der Weltfreiheit.“ — Und das Alles durften Sie ſagen mit dieſem Manuſcript im Pulte? Wir bemerken wohl, antwortete Benthal, es iſt hier nicht von der nächſten, ſondern von der fernen Zukunft Amerika's die Rede. Für unſre Zeiten bleibt die Sternbanner⸗Republik das Kleinod der Welt. Amerika iſt die Baumſchule, in welcher die Freiheitsbäume Europa's gezogen werden; Amerika iſt die große Ciſterne, welche die Erde grün erhält in den Hundstagen des Abſolutismus. Dieſen Beruf habe ich im Auge, wenn ich ſpreche wie geſteen. Von Amerika's Gegen⸗ wart kann ich nicht groß genug denken. Seh ich aber dunkler in Amerika's Zukunft, ſo benimmt mir das nicht die Spannung mei⸗ ner Adern, wie Sie ſagen, denn in dieſer Zukunft erblicke ich wieder eine andere Größe— unſre, die deutſche Größe. Das nänlich iſt meine Ueberzeugung und mein Wiſſen, wie ich von den Fingern mei⸗ ner Hand, wie ich von den Haaren meines Hauptes weiß: dieſes Amerika geht nicht zu Grunde bis Deutſchland ſeine Stuart⸗Periode durchgekämpft, bis es ſeine Revolutionen, hinter welchen ſeine Einheit und Freiheit liegt, vollendet hat. Wie England ein Gefäß des äu⸗ ßerſten Elends war, als es die Beſiegten und Geächteten ſeiner Bürger⸗ kriege an dieſes Geſtade warf, ſo kämpft Deutſchland dieſelbe Ge⸗ ſchichts⸗Periode heute durch, ſo werden deutſche Auswanderer jetzt Amerika erfüllen und ſich über die angelſächſiſchen herlagern als eine ſecundäre über die primäre Schichte. Unſer neunzehntes Jahrhundert iſt das ſiebzehnte der Engländer. Deutſchland zeugt von heute an keine andere Generationen mehr, als Hambacher Jugend. Die erſte, vielleicht auch die zweite wird unterliegen, aber die dritte, längſtens die vierte wird uns jenen Zuſtand erkämpft haben, den in England das Haus Oranien bedeutete. Und wahrlich, ſo lange kann ich warten. So lange ſoll deutſches Volksthum in dem Leben, das ich 176 vererbe, lebendig bleiben. Oder wie? Was die deutſchen Bauern Pennſylvaniens in tiefſter Bewußtloſigkeit gewußt haben: deutſches Leben ein Jahrhundert lang feſtzuhalten, ſo feſtzuhalten, daß heute noch ganze Gemeinden von ihnen kein engliſches Wort verſtehen, das ſollte ich mit dem begeiſterten Bewußtſein deutſcher Art und Bildung we⸗ niger weit tragend zu überliefern vermögen? Ich fürchte es nicht. Nein, ich werde ausdauern, Deutſcher im Yankeethum, und der Sturz, den ich dieſem Miſchvolke bevorſtehen ſehe, kann mich ſo wenig be⸗ kümmern, als uns das Loos einer Ziege kümmert, die einen Jupiter groß geſäugt hat. Mag's dann hereinbrechen, wie dieſe Blätter zu prophezeien wagen, wir werden in den Bürgerkriegen der Union nicht zu Grunde gehen. Deutſchland wird ſeine Flotte ſchicken, und ſeine deutſche Provinz Pennſylvanien ſich zu ſchützen wiſſen. Was ſag' ich: Pennſylvanien? Ganz Nord⸗Amerika wird deutſch werden, denn unſre Einwandrung ſtützt ſich dann auf ein mächtiges Mutterland ſowie ſich NYankee⸗Engliſch auf Alt⸗England ſtützte. Aber was ſag' ich ganz Nord⸗Amerika? Die ganze Welt wird deutſch werden, denn mit Deutſchland's Aufgang wird England untergehen, wie Holland vor England unterging, und ſämmtliche engliſche Colonien werden dann dem Deutſchthume zufallen, wie die Franzoſen in Canada, die Spanier in Florida, die Holländer auf dem Kap und die Portugiſen in Indien den Engländern gewichen ſind; die Wachpoſten der Cultur werden auf dem ganzen Erdenrund abgelöst und mit deutſcher Mannſchaft bezogen werden. Deutſchland erwacht, und kein Volk der Welt behauptet ſeinen alten Rang, denn Alle leben vom deutſchen Schlafe und ver⸗ derben mit deutſchem Auferſtehen. Und ich heiß' ein Dichter! rief Moorfeld, als Benthal's letztes Wort in dieſem Erguſſe verhallt war. Er trat an's Fenſter und ſah nach dem Himmel, der mit all ſeinen Sternen auf ihn zurückblickte. Das Gewitter war fort. In der Stube aber umfing die Geſellſchaft jene tiefere Einigkeit jetzt, welche mit Wortumtauſch nicht mehr gefördert werden kann. Moorfeld war voll von Benthal's Charakterbild, das wie ein ſcharfer Abdruck in heißem Wachs von ihm empfangen wurde, die Frauen konnten nie aufgehört haben, den neuen Urwalds⸗Gedanken, der ja unmittelbar ſie ſelbſt anging, ſtillbildend weiter zu denken, Benthal ———.½28 Bauern zes Leben ute noch as ſollte ung we⸗ nicht. er Sturz, enig be⸗ Jupiter ſätter zu on nicht nd ſeine ſag ich: an unſte wwie ſich ch ganz un mit nd vor ann dem anier in dien den auf dem bezogen ehauptet nd ber⸗ letztes und ſah cblicte kingi n kanh. ſcarfet Frauen der ji genthl — 177— endlich, um einen Freund reicher, einer Braut näher, auf zwei Seiten, wie durch eine plötzliche Flankenbewegung, zugleich ſiegesglücklich, mußte am ſtrömendſten bewegt ſein. Alle fühlten einen Geiſt der Zuſam⸗ mengehörigkeit über ſich verbreitet, der ſich jetzt noch nicht ausſprechen ließ, der aber nicht duldete, daß Anderes ausgeſprochen würde. Man konnte ſich nicht mehr als Geſellſchaft behandeln, man fühlte ſich als Gemeinde. Bei dieſer Stimmung trennte man ſich für heute. Benthal ging nach Hauſe und Moorfeld begleitete ihn. Es gefiel unſrem Freunde, daß Benthal und Pauline beim Abſchied ſich küßten, und nicht prüde genug dachten, die bräutliche Gewohnheit jedes Tags vor dem fremden Beſuch aufzugeben. Die jungen Männer aber ſetzten ſich nach ihrer Taſſe Thee noch zu einer guten Flaſche in Railroad⸗Houſe. Wir bleiben nicht zwei⸗ felhaft über den Zweck dieſer Einkehr, denn als ſie an der Einmün⸗ dung der Centre⸗Street in den Park ſich verabſchieden, hören wir die Worte hin und zurück: gute Nacht, Bruder! Neuntes Kapitel. In tiefen Gedanken wandelte Moorfeld Tags darauf durch die Wallſtreet, als ein Tilbury vor ihm anhielt und ein Kopf, ganz Stirn und Naſe, wie ein Luft⸗Meteor in ſeine Träume hereinfiel. Guten Tag, Herr Doctor, ſo eben fahre ich zu Mr. Bennet; darf ich Ihnen die Hälfte meines Wagens anbieten? ich werde das Vergnügen haben, Sie vorzuſtellen.— Es war Moorfeld's Logen⸗Nachbar von vor⸗ geſtern, der ſeltſame Lord Ormond. Moorfeld erinnerte ſich kaum noch des Begegniſſes;— Klein⸗ deutſchland, Benthal, der Urwalds⸗Traum, in's unmittelbarſte Stadium der That tretend, das Alles erfüllte wie eine Welt für ſich die acht⸗ undvierzig Stunden ſeit der Vorſtellung des„Kapitän Ebenezer Drivvle“. Auch lehnte er dankend ab, er ſei auf einem Geſchäftsgang zu ſeinem Banquier begriffen. D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 12 178 Aber der Lord war nicht irre zu machen. Er ſprang aus dem Wagen, den er ſelbſt kutſchirt hatte, warf die Zügel dem Bedienten zu und nahm Moorfeld unter den Arm, indem er ihm auseinander ſetzte, wie nothwendig er ihn heute vorſtellen müſſe. Der Mann hat wirklich einen Sparren, dachte Moorfeld bei ſich; wäre der Engländer nicht jüngeren Alters geweſen, ſo hätte er faſt geglaubt, mit dem nämlichen Sonderlings⸗Exemplar zu thun zu haben, welches, nach Graf de la Garde's Memoiren, auf dem Wiener Con⸗ greß durch ſeine Sucht, vorzuſtellen und vorgeſtellt zu werden, eine Art Berühmtheit erlangte und dem Prinzen Ligny zu einem ſeiner unzähligen Bonmots Veranlaſſung wurde. Wenn ſich Moorfeld ihm doch überließ, ſo geſchah es nur, weil die Gelegenheit in der That keinen Aufſchub geſtattete. Der Engländer theilte nämlich mit, die Familie Bennet ſtünde auf dem Punkte nach Saratoga in die Bäder zu gehen, und eben heute ſei letzter Empfang in der Stadt, nachdem im Landhauſe drüben auf New⸗Jerſey die große Abſchieds⸗Soiree vor⸗ geſtern Statt gehabt. Das alſo war die beleuchtete Villa geweſen, welche ihm vorgeſtern in Stunden unausſprechlicher Phantaſien vor Augen geruht! Zu jenem Wonnetraum ſeiner amerikaniſchen Zukunft hatte dem Dichter der Freund der Dichter wie zu einer Brautnacht die Fackel vorgetragen! Von dieſer Aſſonanz des Zufalls fühlte ſich Moorfeld ſeltſam angeklungen. Eine ganz neue Luftſtrömung ging durch ſein Gemüth und änderte auf einmal das innere Wetter. In der That entſchied ihn dieſer Umſtand. Er ergriff den dargebotenen Gedanken erſt jetzt mit voller Lebendigkeit, wie einen freudigen, eignen Entſchluß. Er zog dem Namen Bennet gleichſam mit klingendem Spiel ent⸗ gegen. Er folgte dem Engländer. Unterwegs ließ ihn aber ein Zufall bedenklicher Art ſeine raſche Fügſamkeit faſt wieder bereuen. Lord Ormond hatte ſeine Dogge bei ſich, an die er ſchon im Theater ſo verwunderliche Anſprachen gehalten. Auf dem Hannover⸗Square begab es ſich nun, daß das edle Thier Ge⸗ ſellſchaft fand und nachdem es mit ſeinem intelligenten Näschen eine ſorgfältige Wappenprobe an dem neuen Standesgenoſſen gehalten, zu der Ueberzeugung gelangte, daß es die Würde ſeines Stammbaumes bei dieſem Rendezvous nicht im Geringſten compromittire. Man ſah alſo eine Verbindung eingehen, welche den Freunden und Verwandten us dem edienten einander ei ſich; er faſt uhaben, er Con⸗ n, eine ſeiner eld ihm er That it, die Bäder nachdem te vor⸗ ſeweſen, en vor Zukunft utmacht llie ſch ig durch er That jedanken ntſchluß. el ent⸗ raſche 1 gge b ſehalte. ier Ge⸗ en eine ſten, zu baumes jan ſch vandten — 19— beider Parteien gewiß eine ehrenvolle gedäucht hätte, anders aber dem eigenſinnigen Briten. Er rief ſeinen Hund zurück, faßte ihn ſanft beim Ohr und ſah ihm mit einem wehmüthigen Blick Aug' in Auge. Iſt das Ihre Aufführung, Omar? Erröthen Sie nicht? Wie oft habe ich Ihr rückſichtsloſes Betragen gegen Perſonen des anderen Geſchlechts verabſcheut! Empfinden Sie nicht das Unanſtändige Ihrer Galanterien? Sehen Sie mich an, Omar! Können Sie dieſen Blick über ſich er⸗ gehen laſſen, ohne eine beſſere Regung zu fühlen? Leichtſinniger! Sie werden meine Geduld noch erſchöpfen.— Der Hund hörte dieſe zweck⸗ loſen Reden mit der ganzen Faſſung eines unbefangenen Naturweſens, Moorfeld aber erſchrack lebhaft darüber. Er ſchielte mit ſcheuem Blicke ſeitwärts nach den Leuten, welche anfingen ſtehen zu bleiben, und in⸗ dem ihm der Reflex, der von der Tollheit ſeines Begleiters auf ihn ſelbſt zurückfallen mußte, nichts weniger als gleichgiltig war, ſagte er zu dieſem auf franzöſiſch: Laſſen Sie uns gehen, Sir, dieſes Volk ſcheint mir wenig im Stande, den Humor Alt⸗Englands zu würdigen. Der Lord ignorirte die Begaffer mit der Sorgloſigkeit des vornehmen Mannes, zu Moorfeld aber ſagte er im Weitergehen: Pardon, Sir, ich möchte es nicht für Humor gehalten wiſſen, was ich mit dem jungen Omar ſpreche; mir gilt es den Ernſt. Wie denken Sie von der Perfectibilität der Thierſeele, Sir? Ich weiß nicht, ob Sie die⸗ ſes Philoſophem Ihres ſpeciellen Intereſſes zu würdigen pflegen, was mich betrifft, ſo thue ich es. Und um mein Bekenntniß über dieſen Gegenſtand abzulegen, ſo geſtehe ich gerne, daß mir eine nicht zu um⸗ gehende Conſequenz darin zu liegen ſcheint, von der Bildungsfähigkeit der menſchlichen Seele auf die des Thieres zu ſchließen. Denn wo, dürfen wir ſragen, liegt die Grenzlinie zwiſchen der einen und der andern? In Wahrheit, man hat ſie bisher noch nicht feſtſtellen kön⸗ nen; oder, um mich genauer auszudrücken, man hat eine Thatſache der Erfahrung, die nur nach einer Seite galt, irrthümlich für beide gelten laſſen. Man ſchließt von der Thatſache, daß die Thierſeele bisher nicht in dem Zuſtande der menſchlichen Cultur erblickt worden iſt, auch auf die Unmöglichkeit, daß ſie dieſen Zuſtand erreichen könne; aber man bedenkt nicht, daß man umgekehrt oft genug Menſchen im Zuſtande völliger Thierheit vorgefunden hat, ohne daß es indeß ver⸗ ſucht worden wäre, auch in dieſem Falle die Perfectibilität zu leugnen. 12* 180 Darin liegt eine Inconſequenz. Dieſe Inconſequenz nun ſehen Sie mich in der Behandlung meines Omar's aufheben, indem ich rück⸗ ſchließend alſo denke: Iſt es möglich, daß ein Thier, welches der Jäger bald für eine Wildkatze geſchoſſen hätte, nachträglich noch ein Menſch wird, bloß darum weil man es zum Menſchen erzieht: warum ſoll, darf oder muß ich nicht vielmehr von dem Thiere, das wir hier vor Augen haben, gleichfalls erwarten, daß es durch Erziehung erzogen werden kann? Man zeige mir die Lücke in dieſem Syllogismus. Nein, mein Herr! kann die Menſchheit zur Thierheit verwildern, ſo kann die Thierheit zur Menſchheit veredelt werden: dieſer Satz muß nothwendig gelten, wenn von Logik überhaupt die Rede ſein ſoll. Aber gewiſſe Entſcheidungen werden ſtatt durch die Logik, durch unſern Egoismus gefaßt. Dahin gehört unſre ganze Behandlung des Thier⸗ lebens. Wir regieren die Thierwelt nicht loyal⸗conſtitutionell, ſondern mittels lettres de cachet. Weil der Stoff des Thieres uns zum Verbrauche dient, ſo hütet ſich unſer Eigennutz, den Geiſt des Thieres in ſeinen verfaſſungsmäßigen Rechten anzuerkennen. Sie ſehen wohl, es iſt hier von Gewalt, nicht von Vernunft die Rede. Nehmen wir z. B. dieſe Union hier. Sie bedient ſich einer unzähligen Menge von Menſchenkörpern ſtofflich, indem ſie die ſchwarzen Selaven ganz ſo verbraucht, wie man ein Hausthier verbraucht. Der Nigger iſt Thier. Sie erweitert das Thierreich mit einer neuen Species. Umgekehrt wird die große britiſche Nation durch das glorreiche Beiſpiel der Sclaven⸗ Emancipation eine Thier⸗Species, um mich ſo auszudrücken, in die menſchliche Gattung avanciren laſſen. Da haben Sie die Wandel⸗ barkeit der Grenzlinie, wovon ich zuvor ſprach. Aber laſſen wir das bei Seite. Fleiſcheſſer mögen ſagen, es iſt Nothwendigkeit, den Thiergeiſt zu ignoriren, um den Thierſtoff zu verbrauchen, Sclaven⸗ halter mögen ſagen, es iſt Intereſſe, die Nigger⸗Perfectibilität zu leugnen, um die Nigger⸗Hausthier⸗Arbeit nutzbar zu machen: meinem Hunde gegenüber fallen dieſe Rückſichten weg. Ich will weder ſein Fleiſch verzehren, noch ſeine Arbeitskraft benützen, ich habe keinen Grund das intellectuelle Weſen in ihm aufzuopfern. DerzJeſuit Pater Bougeant hindert mich wenigſtens nicht, indem er die Thierſeele für eine Teufelsſeele erkannt wiſſen will. Es liegt auf der Hand, daß ſein Syſtem nur der Verſuch einer Vermittlung zwiſchen dem Mißbrauch en Sie h rück⸗ r Jäger Menſch m ſol,, ier vor erzogen giemus. n, ſo tz muß .Aber unſern Thier⸗ ſondern s zum Thieres wohl, en wir ge von anz ſo Thier. rt widd claben⸗ in die gandel⸗ ir das den / laven⸗ ität zu meinem er ſein keinen Patet le für daß brauch — 181— des Thierſtoffes und der Anerkennung des Thiergeiſtes iſt. Wir neh⸗ men Act von der philoſophiſchen Seite ſeines Bekenntniſſes und laſſen die theologiſche auf ſich beruhen. Ich behandle alſo meinen Omar als Geiſt. Ich ignorire ſeine niedere Natur und wirke auf ſeine höhere. Ich wecke ſeine ſchlummernde und gebundene Sittlichkeit. Ich begegne ihm mit Achtung und werde dadurch ſeine Selbſtachtung an⸗ regen. Kurz, ich verfahre mit ihm, wie man mit jenem Wilde ver⸗ fährt, welches Wurzeln gräbt, Gras ißt, Vögel und Ratten jagt, un⸗ artikulirte Laute ausſtößt, behaarten und zottigen Leibes iſt, und wel⸗ ches man doch nicht im Stalle, ſondern im Boudoir erzieht, weil es nach Familien⸗Erinnerungen und Kirchenbüchern ſich als eine Baroneſſe ausweist. Sie werden ſagen, dem Thier fehlt die Sprache. Dieſer Eine Mangel ſtehe ſeiner Perfectibilität entſcheidend im Wege. Aber fehlt die Sprache den Taubſtummen nicht auch? In der That, Sir, ſobald ich meinen Omar nur ſo weit gebracht habe, daß das Perſön⸗ lichkeitsgefühl in ihm wach iſtz, ſo will ich es auch mit der Zeichen⸗ ſprache verſuchen. Man hat zu Boſton ein vortreffliches Taubſtummen⸗ Inſtitut. Omar ſoll hin, denn ich zweifle nicht, daß der Director ein vorurtheilsfreier Mann ſeinswird. Hier ſchwieg der Engländer. Moorfeld hatte dieſe ganze Demon⸗ ſtration mit jener Bewunderung angehört, die ihr nicht wohl zu ver⸗ ſagen war. Er ſann im Stillen darauf, wie er ſich der Einführung durch einen Mann entziehen könne, der nach dieſer Probe offenbar die bête noire der Salons ſein mußte. Aber ſchon hatte unſer Paar Whitehall⸗Street quer durchſtrichen und das Schmuckkäſtchen Neuyorks, die Battery, that ihre Pracht und Herrlichkeit auf. Die olympiſche Luft, die durch dieſe Park⸗Anlagen, durch dieſe Palaſt⸗Enfiladen voll geſchäftsloſer Ruhe und vornehmer Verſchloſſenheit wehte, goß alsbald ihren berauſchenden Duft um die dichteriſchen Sinne unſers Freundes. Hier iſt Mr. Bennet, ſagte der Lord auf ein Haus deutend, das ſchönſte des ganzen Quartiers, eine wahre Blume von Bauſchönheit. Moor⸗ feld erſchrack mächtig, wie kopfhängeriſch⸗trüb er ſonſt hier promenirt haben müßte, daß ihm dieſe Perle nicht längſt in die Augen geleuchtet. Eine Begierde, eine Art leidenſchaftliche Genußſucht hier einzutreten, ergriff ihn ſogleich, die ihm über alles Andere hinweghalf. Er dachte von dem Engländer jetzt mit einer gewiſſen Liberalität, ſeine vorigen 182 Bedenken ſchienen ihm kleinlich, er beurtheilte ihn auf einer Höhe, wo ſelbſt der Narr berechtigt iſt und die Tollheit nur für sport gilt. Zu ſolch geiſtiger Vornehmheit erhob ihn der Anblick eines Gebäudes! Das Haus hatte aber wirklich ſeines Gleichen nicht in allem Glanz ſeiner Umgebung. Es ſtand da, wie ein Menſch, der nichts Gemeines denkt, unter Menſchen, die ihre Gemeinheit mit Gold bedecken. Seine Verhältniſſe waren einfach, ſeine Ornamente ſchicklich, jede Linie mit dem Tacte des Genies getroffen. Das Auge lief auf und ab daran und empfand nichts Störendes, nur Harmonie und höchſte Idealität der Formen. Moorfeld fragte nach dem Baumeiſter— es war freilich eine Copie des Palazzo Pandolfini Nencini in Florenz und die ge⸗ borene Kunſtſchönheit hatte den Plan dazu gemacht— Raphael. Ein Reflex der untergehenden Sonne warf ein charakteriſtiſches Schlaglicht über das Haus und die Ulmen⸗Parthie vor demſelben und adelte den Anblick noch mehr. Moorfeld pries die gute Stunde, da er gekommen; ſein Gefühl für dieſen Beſuch wurde immer voller, immer ahnungsreicher. So ſtieg er die geſchliffenen Granitſtufen der Freitreppe hinan, der Lord zog die Klingel, ein Neger in weißen Glacehandſchuhen öffnete. Wie befindet ſich der junge Herr? rief derſelbe ſogleich die Dogge an, die ihm wedelnd entgegenſprang. Er iſt eurer Geſellſchaft überlaſſen, ich hoffe ſie iſt eine gute, ſagte der Lord, worauf der Neger ſich ernſthaft verbeugte. Aber Moorfeld hatte keine Zeit mehr, dieſen Eintritt ſich zu Herzen zu nehmen. Jetzt galt ihm's, von dem Hauſe, deſſen Aeußeres Raphael war, das Innere in ſich aufzunehmen, das Bennet war. Er ſtand im Veſtibül. Der Eindruck war ein vollkommener. Marmorboden, Marmorwände, Marmortreppen mit vergoldetem Bronce⸗Geländer u. ſ. w. verſtand ſich von ſelbſt. Worauf es hier ankam war das Wie? Moorfeld hatte manch reichornamentirtes Vorhaus geſehen, reicher als dieſes. Im Hauſe ſeines Banquiers hüteten zwei marmorene Sphinxen den Eingang; ohne Frage ein prächtiges Ornament, aber die Sphinxen trugen blau und roth gemalte Schabracken. Andere Veſtibüls waren mit Gold- und Lackfarben im Arabesken⸗Styl ausgemalt, aber leider hatte man auch die Pracht gemalter Fenſtergläſer über dem Hausthore nicht miſſen wollen und Niemand fühlte, daß die einfallenden Bunt⸗ lichter mit den inwendigen Malereien einen optiſch⸗gräßlichen Krieg öhe, wo ſilt. Zu ebäudes! Glanz gemeines . Seine inie mit b daran dealität freilich die ge⸗ hael. riſtiſches ben und nde, da voller, fen der weißen 1? rief ig. Er agte der eld hatte ett galt Innere Il. Der wände, verſtand doorfel dieſts. een den phinren waren leidet usthore Bunt⸗ Krieg — 183— führten. Mr. Bennet's Veſtibül dagegen war einfach und nichts als dieſes. Das Tageslicht transparirte durch milchweiße mattgeſchliffene Spiegelſcheiben, die Marmorwände waren glatt und flach, durch Niſchen, Canellirungen, Pilaſtern und Büſten nicht unterbrochen; das Vorhaus wußte was es zu ſein hatte, ein Vorhaus. Nur eine Zierde beſaß es, aber eine klaſſiſche; in der Mitte ſtand auf römiſchem Sockel— ein Appolino. Selig blickte die Schönheit des nackten Gottes dem Eintretenden entgegen, Prüderie hatte den Anblick in keinem ſeiner Theile beleidigt. Moorfeld faßte den höchſten Begriff von dem Hausherrn. Der dienſtthuende Neger meldete die Gäſte und öffnete die Flügel⸗ thüren des Parlours. Mit höherem Herzſchlage trat Moorfeld über dieſe Schwelle. Es war das erſtemal in Newyork, daß ihm die menſch⸗ liche Fähigkeit der Pietät wieder in Uebung gebracht wurde. Das Gemach, in welchem er jetzt ſtand, war ein Füllhorn von Reichthum und Kunſt. Der Fuß verſank in den Blumen und Blättern eines koſtbaren Brüſſeler Teppichs. Das Auge taumelte an den Wänden von Goldrahmen zu Goldrahmen durch einen Himmel ita⸗ lieniſcher Schönheitswunder. In Ottomanen, Fauteuils, Bergéren und Tabourets ſtrahlten die Meiſterwerke franzöſiſcher Ebeniſten und Ta⸗ pezierer umher, von der Decke hingen zwei ſchwere, goldene Kronleuchter. Ein prächtiger Goldſpiegel über dem Kamin und auf dem Geſimſe des letztern eine Copie der Dannecker'ſchen Ariadne in Alabaſter ſchmückten den wirthlichen Mittelpunkt des Salons. Das Tageslicht fiel durch gelbſeidene Gardinen ein, welche in reichen Falten, von lanzenförmigen Haltern getragen, an den Boden herabfloſſen. Vor den Fenſtern blühte in einer Art Glashaus ein kleines Schiras von ſeltenen Pflanzen und Blumen, dazwiſchen hingen vergoldete Käfige mit Kanarienvögeln, ein noch ſeltenerer Luxus dieſes Vogelſang⸗loſen Landes. Im Wandpfeiler zwiſchen den zwei mittlern Fenſtern ſtand die Statue einer Diana unter einem Laubwerk von Epheu. Die beiden oberſten Erker des Gemaches nahmen zwei Scagliola⸗Tiſche ein, bedeckt mit Nippes und Büchern in Pracht⸗Einbänden. Der Farben⸗Grundton des ganzen Gemaches klang unter dem Reichthum dieſer Ausſtattung eben nicht übermächtig durch, die Tapeten ſchienen broncefarbige Seide mit Golddruck. Dies war das raſche Totalbild des Saales, welchen Moorfeld im 184 erſten Augenblicke nur flüchtig muſtern konnte. Die Perſon des Haus⸗ herrn ſtand vor den Eintretenden. Der Engländer präſentirte ſeinen Begleiter mit dem Air eines Habitue's: Doctor Muhrfield, ein literary gentleman aus Deutſch⸗ land, Kunſtkenner und— Selbſt Künſtler, ergänzte Mr. Bennet in eben jenem Charakter von Bequemlichkeit. Ich ſetze das voraus, Mylord, bei meinen ver⸗ ehrten Gäſten aus Deutſchland. In Deutſchland entſpringt der Ge⸗ ſchmack an den Künſten aus der angebornen Fähigkeit ſie auszuüben. Ein wunderbares Land, dieſes Deutſchland. Ich war in Wien in ein College eingeführt— ein Eſtaminet das unſern iriſchen Brandy⸗ Stuben nicht unähnlich ſah— aber da hieß es: dieſer Herr hat die Ahnfrau gedichtet und jener Gentleman die Todtenkränze und ein dritter den öſtreichiſchen Dialect auf den Parnaß erhoben und die Spitze von Allen war ein kleiner unanſehnlicher— Shopkeeper hätte ich bald geſagt, aber man nannte ihn Beethoven! In Stuttgart zog ich mein Wagenfenſter auf, als ich durch die Friedrichsſtraße fuhr, aber im nämlichen Augenblick rief auch ſchon mein Begleiter: Sehen Sie da, ſo eben tritt Uhland aus jenem Hauſe. Mit dem erſten Luftzug hatten wir einen Dichter erſten Rangs geſchnappt. In Weimar erwartet man nichts anders als eine Peerage von Genies; neben dem ehrwürdigen Goethe, den ich noch zu ſehen das Glück hatte, verſchwinden dort Namen, die bei uns nicht Planeten, ſondern Sonnen eines eigenen Planeten⸗Syſtems wären. Fährt man von Weimar über Leipzig und Dresden nach Berlin— ein Gebiet beiläufig wie eine Baumwollen⸗ Plantage, oder das Jagdgebiet eines einzigen Indianers,— ſo lernt man auf dieſer Spanne deutſcher Erde mehr Verdienſt für Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft kennen, als in den fünf Zonen der übrigen Erde zuſammen. In Berlin könnte man bequem ein Bataillon formiren aus Männern, welche Jeder den Marſchallsſtab eines klaſſiſchen Werkes in ihrer Patron⸗ taſche tragen. Ich ſage klaſſiſch, Mylord, und unterſcheide ausdrücklich von modiſch. Ich heiße Sie beſtens willkommen, Herr Doctor! Dieſer Empfang war mehr, als Moorfeld erwartet hatte. Sein Auftreten im Hauſe Bennet war ihm durch die Einführung des aben⸗ teuerlichen Engländers alſo nicht nur nicht verdorben— wovon er freilich nicht ſchon im erſten Augenblicke Symptome fürchten gedurft— es Haus⸗ lir eines Deutſch⸗ Sharakter nen ver⸗ der Ge⸗ szuüben. in ein Brandy⸗ hat die und ein und die er hätte jart zog e fuhr, Sehen erſten Weimar hen dem hwinden igenen zig und wollen⸗ ent man Wiſſen⸗ ammen. annern, Patron⸗ rücklich Sein aben⸗ von er grft— 185 ſondern die Zuvorkommenheit des Wirthes übertraf nach der entgegen⸗ geſetzten Seite noch das Maß des Gewöhnlichen. War's möglich, daß Deutſchland in Amerika ſo gehuldigt wurde? Freilich huldigte der Amerikaner eigentlich ſich ſelbſt, wie überhaupt ſeine ganze Em⸗ pfangsrede nach europäiſchen Begriffen von gutem Tone zu lang und wortreich war. Aber Moorfeld kannte bereits den transatlantiſchen Styl und die Perſönlichkeit Mr. Bennet's rechtfertigte denſelben vollends. Mr. Bennet war eine mittelgroße Figur von ſchlanker Beweglichkeit, raſchen Gebärden, reizbarem Mienenſpiel, um den Mund etwas humo⸗ riſtiſcher Lebemann, im Blicke geiſtreich, ſcharf, raſtlos, wie auf be⸗ ſtändigem Bienenflug der Gedanken, in ſeiner Haltung freier und ent⸗ wickelter, als es dem Amerikaner ſchon ſeine phyſiſche Bruſtbildung zuläßt: das ganze Charakterbild ſchien überhaupt mehr franzöſiſche, als angelſächſiſche Race; Moorfeld urtheilte, daß mindeſtens das galliſche Blut Irlands in Mr. Bennet's Adern fließe. Er hatte ihn während ſeiner Rede wie vor einem Flintenlauf viſirt, aber auch Bennet ver⸗ tiefte ſich in Moorfeld's halbwilden, urmenſchlichen Blick mit einer Art von Bezauberung. Die beiden Männer fühlten, daß ſie ſich ge⸗ genſeitig am höchſten Maße maßen. In Jedem regte ſich das Eigenſte beim Anblicke des Andern. Sie ſtanden einen Augenblick lang wie im Duell und indem ſie wechſelweiſe die Macht ausübten ihr Perſön⸗ lichkeitsgefühl auf die Spitze zu treiben, erkannten ſie ſchnell den ge⸗ meinſamen Familienzug des Genies in ſich. Ihr vis-A-vis befriedigte, denn es verſprach. Mr. Bennet bat ſich die Ehre aus, ſeinen neuen Gaſt der Haus⸗ frau vorzuſtellen, was dieſer dankbar annahm. Die drei Herren ver⸗ fügten ſich in die Etage und durchſchritten eine Reihe von Zimmern, wobei ſich der Wirth mit dem Gaſte im gelegentlichen Geſpräche vor manchem Kunſtgegenſtand aufhielt, indeß der Lord mit dem Ge⸗ wohnheitsrechte des Hausfreundes ſeinen Weg in's Drawing⸗room allein fortſetzte. Dieſen Umſtand benutzte Moorfeld, ſich über ſein Verhältniß oder Nicht⸗Verhältniß zu dem bedenklichen Mann ſo weit zu erklären, als es die Rückſicht gegen Bennet und die Rückſicht für ſich ſelbſt in die Möglichkeit legte. Bennet ſeinerſeits befand ſich in dem nämlichen Falle, daher eine Verſtändigung wie von ſelbſt erfolgte. Ein Original! lächelte Mr. Bennet, ein Doppel⸗sportman, bei dem ſich Menſch und 186 Thier wohl befinden. Die Thiere erzieht er zu Menſchen und die Menſchen bringt er einander näher. Letzteres hat ihm ſo eben meinen Dank erworben; wir wollen Sr. Lordſchaft darum mit Anerkennung gedenken. Ich ſage, Sr. Lordſchaft, und darin liegt meine Erkennt⸗ lichkeit ſchon. Denn eigentlich iſt er ein jüngerer Sohn ſeines Hauſes und ein noch jüngerer Sohn der Fortuna, welche ſeinen Maßſtab am grünen Tiſche einſt ſo verjüngte, daß es Se. Herrlichkeit ſeitdem vorzog, in unſrer Mushroom⸗Ariſtokratie der erſte, ſtatt im Londoner⸗Weſtend der zweite oder zweihundertſte zu ſein. Nun, er iſt willkommen! Sind wir doch alle ein Volk von Flüchtlingen hier; die politiſchen Flücht⸗ linge des Pharao dürfen auch nicht fehlen. Damit war der Gegen⸗ ſtand, ſo viel hier nöthig, abgefertigt; das Saitenſpiel der Göttin Mediſance ſollte vorerſt nicht weiter ausklingen über dieſes dankbare Thema. Moorfeld's Aufmerkſamkeit war bei den Kunſtſammlungen Bennet's. Er machte auch gar kein Hehl daraus, daß er wie ein Wilder, oder wie ein neugieriges Kind dieſe Säle durchſchreite, er ge⸗ nieße wieder das erſte jugendliche Gefühl ſeiner Geſundheit hier; in Newyork lähme der Schlag eine ganze Menſchheitsſeite, und wirklich ſei die Stadt ſo unbefangen, das Haus Bennet ungefähr wie die Adreſſe eines berühmten Arztes zu nennen. Die Bevölkerung ſei ſtolz darauf, aber ohne das Gefühl, ähnliche Ehren erwerben zu ſollen, jeder Ein⸗ zelne bezahle ſeine äſthetiſche Schuld höchſt ſorglos mit einer Anwei⸗ ſung auf Mr. Bennet. Und doch gab es eine Zeit, antwortete Bennet, indem das geſchmeichelte Lächeln ſeines Antlitzes ſchnell dem Ernſte, ja einem gewiſſen Zug von Kummer wich, doch gab es eine Zeit, wo die Sache ganz anders lag. Ich habe eine ſeltſame Poſition zu meinen Mitbürgern. Sie lieben mich und meine Richtung eigentlich nicht, aber ſie ſchmeichelt ihrem Nationalſtolze. Einen guten Ruck zur Verſöhnung würde ich vielleicht thun, wenn ich meine Samm⸗ lungen geradezu Bennet's Muſeum oder noch beſſer amerikaniſches Muſeum taufte. In der That haben mir Wohlmeinende dieſen Schritt wiederholt gerathen. Als ob die Cabinetſtücke eines Privatmanns zu ſolchem Titel berechtigt wären! Aber dergleichen bedenkt man hier wenig. Wenn's nur klingt. Und dann bekenn' ich aufrichtig, daß mich die Ausſicht disguſtirt, einem gewiſſen Spectakel⸗Humbug zu ver⸗ fallen, den ich von dieſen Räumen nicht abhalten könnte, wenn ich ih und die n meinen rkennung Erkennt⸗ 6 Hauſes ſſtab am n vorzog, ⸗Weſtend en! Sind Flücht⸗ Gegen⸗ r Göttin dankbare umlungen wie ein t, er ge⸗ hier; in wirklich Adreſſe z darauf nder Ein⸗ Anwei⸗ Bennet Ernſte⸗ eine geit ſition zu iigentlih en Ruch Samm⸗ tniſte A nanns 3i nan hiur — 187— ihnen einen öffentlichen Charakter verliehe. Kurz, ich kann mich zu dieſer! Avance nicht entſchließen. Auch denk' ich der dringendſten Nö⸗ thigung überhoben zu ſein. Die eigentlichen Kämpfe ſind beſtanden. Moorfeld ahnte in letzterem Worte, was gleich im Entree dieſes Hauſes zum lebhafteſten Gefühle kommt, und verſagte ſeinem Wirthe die Anerkennung nicht, es laut auszuſprechen. Er bewunderte vor allem Bennet's Muth, ſeine Kunſtpflege ſo rein durchgeführt zu ha⸗ ben, daß er auch dem höchſten aber zarteſten Stoff der Kunſt, den Darſtellungen des Nackten, nicht aus dem Wege gegangen ſei, ein Muth, der den flüchtigſten Kenner der hieſigen Sitten noch mehr über⸗ raſchte, als das Vorhandenſein dieſer Kunſtpflege ſelbſt. Und ich bin ein Mann, der drei Töchter hat! antwortete Bennet, gedenken wir dieſes Umſtands nicht zuletzt, mein Herr. Jede Verdammungstheſis wider mich fand ihren Vorder⸗, Mittel⸗ und Schlußſatz in meinem eigenen Hauſe. Ja, mein Herr, General Jackſon hat viel Muth bei New⸗Orleans bewieſen, gegen die Bank noch mehr, aber gegen die Prüderie ich den meiſten. Und doch macht mich Niemand zum Prä⸗ ſidenten dafür, ich bin froh, daß ich das Leben davontrage, das nackte Leben! ſcherzte der aufgeweckte Mann mit einem wohlangebrachten Sinnſpiele. Er fuhr ſich mit einem echt franzöſiſchen Wurf durch den Buſch ſeiner Stirnhaare, wobei der Solitär an ſeiner Hand, gleich einem Stern aus Wolken blitzte, und ſagte, wie im Andenken großer Erinnerungen: Zweimal ſpielt' ich va banque mit meinem Leben, zweimal warf ich den Würfel eines kühnen Entſchluſſes über meine bürger⸗ liche Erxiſtenz. Das erſtemal war's eine Handelsunternehmung. Ich be⸗ frachtete mit einem kleinen oder auch großen Capital— denn es war mein ganzes väterliches Erbe— ein Schiff nach der Habanna in Seide. Ich war vierzehn Jahre, mein Steuermann ſiebenzehn. Wir hatten einen luckigen Eindecker, der kaum noch See hielt, dazu Gegen⸗ wind aus Südweſt, und um ſchneller reich zu werden, ſparte ich auch noch die Aſſecuranz. Kurz, ein completer Knabenſtreich. In Europa hätte man uns mit der Ruthe nach Hauſe gejagt, hier ſtanden die Leute am Ufer und wetteten um den Punkt, wo wir ſcheitern mußten. By Jasus! am Cap Hatteras! ſchrie der Eine; Good damn! ſie kommen nicht über Shandy⸗Hoock, fluchte der Andre; pon honour! im Florida⸗Golfſtrom gehen ſie auf den Grund, betheuerte der Dritte. 188 Ich hatte eine gute Ladung Cognac im Kopf, und dieſe Wetten machten mich vollends des Teufels. Beim Old Nick! ſchrie ich außer mir, nun wett' ich auch, ich! Jungens, wenn ihr die grüne Erbſenſuppe ſchlucken müßt, verſchwor ich mich meinem Steuermann⸗Buben und ſeinen vier Matroſen— denn das war unſere ganze Bemannung— wenn's euer Leben gilt, ſo halt' ich mit, ich jage mir ein Loth Blei in den Kopf. Dabei rief ich Umſtehende, Fremde und Freunde zu „ Zeugen an, und nur ein alter Geiſtlicher verhinderte mich den Notar zu rufen. Enfin, die Buben lavirten ſich durch, auf halber Fahrt ſchlug der Wind um, wir hatten den Concurrenz⸗Vorſprung, und mach⸗ ten enormen Gewinn. Das aber iſt gewiß, kam's anders, ſo war ich Mann genug mein Wort zu halten. Rathen Sie nun, was ich jener Wagethat an die Seite ſetze? die That als ich zwanzig Jahre ſpäter — den Walzer hier einführte. Ja, Herr, das war mein zweites va banque! Man hatte bis dahin nur langweilig⸗ſittſame Quadrillen und Ecoſſaiſen gekannt; daß man im Tanze die Taille eines Weibes be⸗ rühren könne, ging über all unſre Vorſtellungen. War ja noch vor meiner grande route ein Pariſer Ballet nach Newyork herüber ge⸗ kommen— es iſt ſchlechterdings mit Worten nicht wiederzugeben, wel⸗ ches Aufſehen ſeine Vorſtellungen erregten. Ich war bei der erſten zugegen. Schon der bloße Anblick der kurzen Balletröcke brachte eine Bewegung im Hauſe hervor, die dem Ausbruch eines Volksaufſtandes nicht unähnlich war. Als aber die erſte Pirouette gemacht wurde, be⸗ ſagte Röcke rundum flogen und die Beine eine horizontale Richtung nahmen— da ſchrieen die weiblichen Zuſchauerinnen laut auf, und die nicht auf eigenen Füßen hinausſtürzten, die wurden ohnmächtig fortgetragen. Die Männer aber erhoben ein Gelächter— kein wohl⸗ gefälliges, bewahre, ein ſatyriſches, ein Hohngelächter, nur lächerlich ſchien ihnen dieſe Kunſt; die Sprache der Grazie verſtanden ſie nicht darin, in ganz Newyork war keine Ahnung darüber aufzutreiben. So ſah das Land aus, in welches ich bei meiner Rückkehr von Europa den Walzer verpflanzen wollte. Laſſen Sie mich ſagen, mein Herr, neue Städte gründen iſt etwas, aber neue Sitten gründen, mehr. Noch habe ich die Geige im Glasſchrank ſtehen, womit der deutſche Tanz⸗ meiſter meinen Töchtern den Senfſaamenwalzer einſtudirte,— Gott weiß es, ich vergeſſe dieſe Klänge nie wieder. Der Ballabend brach en machten ußer mir bſenſuppe uben und nnung— Loth Ble freunde zu den Notar ber Fahrt und mach⸗ owar ich ich jener hre ſpäter weites va rillen und eibes he⸗ noch bor rüber ge⸗ ben, wel⸗ der erſten achte eine aüfſtandet vurde, be Richtung auf, und nmächti in wohl lücherli ſe nihe ben. 5 tropa dn err/ nele r. Nac he Tand⸗ — Gott end trah 189 an. Meine Töchter konnten damals noch für unmündig gelten, meine Frau ließ ich auf's Land gehen,— ich wollte die Verantwortung allein tragen. So ging ich in die Schlacht. Die Quadrillen und Ecoſſaiſen ſchickt' ich natürlich voran. Als aber das Orcheſter den erſten Bogen⸗ ſtrich vom Senfſaamenwalzer machte, als ich meine Cöleſte an die Hand nahm, in die Mitte des Saales trat, und nun anfing unſern freien und aufgeklärten Bürgern das böſe Beiſpiel eines Walzers zu geben — ſehen Sie, Sir, da lief mein unverſicherter Eindecker von Neuem gegen den Wind aus. Meine bürgerliche Exiſtenz ſtand zum zweiten⸗ male auf dem Spiele. Mit dem Angſtſchweiß auf der Stirne erwar⸗ tete ich die Wirkung. Mein Gott, ich durfte nicht lange warten! Da war die Miß Arabella Comonach, früher Fabriksmädchen in Lowell, jetzt eine Fregatte von Würde und Anſtand, die fiel in eine pomp⸗ hafte Ohnmacht und ſchrie um ein Riechfläſchchen. Da war die Miß Lydia Hundington, die Frau des Hauptpaſtors an der Trinity⸗Church, die ſchoß wie eine Brandrakette zum Saale hinaus, und grollte mir wüthend zu, ſie glaube in Singſang zu ſein, d. h. im Zuchthaus. Da war aber auch der Colonel Burr— erinnern Sie ſich gefälligſt an dieſen großen, jetzt verſchollenen Namen. Sie wiſſen, dieſer Satan war nahe daran, König von Amerika zu werden. Seine Verſchwörung, — ein unſterbliches Meiſterwerk von menſchlicher Weisheit und Frech⸗ heit, mißglückte zwar, aber ſo ſtark war der Anhang dieſes Catilina, daß kein Gerichtshof ihn zu verurtheilen wagte, aus Furcht vor ſeinen Dolchen. Entlaſſen mit einem„Nichtſchuldig“, aber geſcheucht und gemieden von aller Welt, lebte er ſeitdem vereinſamt in Newyork, mein Salon allein war's, der dieſer unheimlichen Eriſtenz noch offen ſtand. Ich verehrte das Genie in ihm; ich hatte Herz für ſein Familien⸗ unglück. Denn ſeine Tochter iſt heutiges Tags noch nicht wieder⸗ gefunden, da ſie ſich in der flagranteſten Kriſis der Verſchwörung auf eine Landreiſe von tauſend Meilen aufgemacht hatte, um ſich mit ihrem verfolgten Vater zu vereinigen. Kein Menſch weiß was aus ihr geworden; eine Beute der Räuber, der wilden Thiere und der Novellendichter verſchwand ſie in unſern ungeheuren Wild⸗ niſſen. Nun, dieſer Colonel Burr kommt auf mich zu,— es war das Letztemal, daß ich dieſen kleinen muskulöſen Raubvögel⸗ körper, dieſen Alligatorenblick, dieſe Jupitersſtirn ſah, und mit 190 der Haltung, womit er in ſeinen beſten Tagen die Menſchen wie Wachs bewältigte, ſagt er mir unter die Augen: Wenn meine Tochter in dieſem Augenblick ſo herumgeſchleift würde, ſo möchte ich ſie lieber todt wiſſen. Ich wollte Amerika beherrſchen, aber nicht zerrütten, Mr. Bennet. Ich danke von heut an für Ihre Gaſtfreundſchaft.— Wenn Sie ein graues Haar auf meinem leidlich ſchwarzen Kopf finden, ſo bekam ich's jene Nacht. Colonel Burr, der ſich gegen einen Walzer empört! Lange wälzt' ich mich ſchlaflos auf meinem Lager, und ſann darüber nach, wo der Gränzſtein der menſchlichen Natur ſtehe. War ich wirklich der Felddieb, der ihn verrückt hatte, und mor⸗ gen vor ganz Amerika die Stäupe dafür bekommen ſollte? Es war eine Hölle, das zu fragen und die Antwort darauf abzuwarten wie ein wehrloſes Schlachtopfer. Gegen Morgen endlich hatt' ich einen geſcheidten Einfall. Ich ſprang auf, nahm hundert Dollar, wickelte ſie in ein Papier und adreſſirte ſie an eine unſrer erſten Redactionen, daß ſie das Tagesereigniß freundlich beſpreche. Darauf wurde ich ruhiger und ſchlief ein paar Stunden in den hohen Tag hinein. Als ich aufwachte lag die gedruckte Zeitung ſchon auf meinem Toiletten⸗ tiſch. Meine Apologie ſtrahlte heller darin, als die friſche Morgen⸗ ſonne. Der Mob machte Chorus dazu, und ich war gerettet. Das iſt die Geſchichte des erſten Walzers in Amerika. „We are in a free country!“ murmelte Moorfeld erſchüttert. Bennet, dem das Wort„frei“ an's Ohr klang, bezog es anders und jubelte auf: Es lebe die freie Preſſe! ja ja, mein Herr, das iſt die Perle unſers aufgeklärten und glücklichen Landes. Die Knechtung der Preſſe iſt ein vortreffliches Mittel der Freiheit; denn das Publi⸗ kum bildet ſich in dieſem Falle ſein eigenes Urtheil; aber die freie Preſſe iſt ein köſtliches Werkzeug der Tirannei,— der Mob vertraut ihr und betet ihr blind nach. Das Mittel mit dem Walzer ſchlug mir noch öfter an. Ich muß immer ein ſardoniſches Lächeln bekämpfen, wenn mich die Leute fragen, was meine Apollino, meine Ariadne und dgl. gekoſtet hat. Ich weiß wohl, wem ich dieſe göttlichen Nackt⸗ heiten am theuerſten bezahlt habe. Es lebe die freie Preſſe! Moorfeld zuckte zuſammen. Er ſtierte mit einem todten Blicke vor ſich hin. Was haben Sie? fragte Bennet, Anlage zur Melan⸗ cholie? Hang, die Sachen von ihrer ſchwarzen Seite zu nehmen? Auf, ie Wache ochter in ſie lieber zerrütten, chaft.— en Koyf gen einen m Lager, en Natur und mor Es war arten wie ich einen wickelte dactionen, vurde ich ein. Als roiletten⸗ Morgen⸗ t. Dal rſchüttert es anders ſ das iſ Knechtung 5 Publi⸗ die frai vertraut er ſchlul ekämpfen adne und en Nact n Blit Melal⸗ „ Auf en? Au — 194— in Frauengeſellſchaft! Meine arme Frau! Sie muß ſchon ſeit einer Stunde auf die Perfectibilität der Thierſeele ſchwören. Kommen Sie, ich will ihr eine ſchöne Menſchenſeele vorſtellen! Wenn die Artigkeit des Herrn Bennet nicht ein angeborener, lie⸗ benswürdiger Hang zur Galanterie war, ſo konnte ſie Moorfeld jetzt in einem neuen Lichte ſehen. Es ſchien ihm nicht unmöglich, daß Herr Bennet ſeinen fremden Gäſten darum ſo viel Aufmerkſamkeit, ja, Devotion erzeige, um den Ruf ſeines Salons auch in Europa aus⸗ zubreiten. Eine Rückwirkung davon auf ſein eigenes Vaterland mochte dem amerikaniſchen Kunſtmäcen, nach dem was Moorfeld gehört, in der That weder gleichgiltig noch ſelbſt entbehrlich dünken. Und Moorfeld geſtand ſich, daß er auch— Tendenzverſe dichten könne. Er trat jetzt an der Seite ſeines Wirthes in das Drawing⸗room, deſſen offenſtehende Flügelthüren ſchon auf die Entfernung mehrerer Zimmer das Innere dieſes Boudoirs in's Auge fallen ließen. Moor⸗ feld glaubte in einen Blumenkelch zu blicken. Decke, Plafond, Wände Möbel, Teppiche, Tapeten— das ganze Gemach ſchmolz in ein ein⸗ ziges Laubwerk, in eine große Blätter⸗Arabeske zuſammen. Nichts war Bedürfniß hier, Alles Ornament, Nichts Kante und Ecke, Alles Wellenlinie, Nichts Stein und Holz, Alles eine lockere Blüthenſchnee⸗ decke, Auflöſung in Faſer, Falte, Flocke, Spitze, ein Sommernachts⸗ traum aus Seide und Flor, eine Phantaſie, ein Duft. Die Pracht hatte ſich hier verflüchtigt, als ſcheute ſie, durch irdiſche Schwere zur Laſt zu fallen, nirgend drückte die Erinnerung an Goldgehalt oder Karatgewicht, der Beſucher konnte in Mitte eines unſchätzbaren Wer⸗ thes glauben, Alles ſei mit größter Leichtigkeit da, quelle aus ſich ſelbſt wie eine Schaumperle auf. Die alabaſterne Orchislampe an der Decke ſchien noch das einzige Stück von Maſſe hier; wie ſie den ſchwe⸗ ren, goldenen Kronleuchtern im Parlour contraſtirte, ſo ungefähr ver⸗ glich ſich dieſer Empfangſalon der Hausfrau dem des Hausherrn. Wenn wir ſagen, Moorfeld trat in dieſes Gemach ein, wie Fauſt den Himmelsathem der weiblichen Temperatur im ärmlichen Bürgerſtüb⸗ chen trinkt, ſo ſagen wir zu wenig. Anders und höher noch athmet dieſer Geiſt doch, wenn im Boudoir der Millionären die Flammen unendlichen Reichthums aus allen Fugen ſchlagen und der Taubenflügel der weiblichen Beſcheidenheit tuſchend und dämpfend das Ganze zur Ruhe niederfächelt. 192 Die Bewohnerin dieſes reizenden Aufenthaltes war eine kleine zarte Dame— eine Vignette von einem Frauenbild. Tiefe Bläſſe bedeckte ihr Antlitz, nicht jene Bläſſe der Amerikanerinnen, die einer immerwährenden Dispepſie entſpringt, es war eine ächtere Aetherfarbe. Stille und Sinnigkeit lag um ſie her, und der Ausdruck des allge⸗ meinen Frauenloſes, Geduld und Duldung. Wie ſie im einfachen grauſeidenen Kleide, die feine Hand im roſa Glacehandſchuh, den zar⸗ ten Fuß im geſtickten Atlaspantoffel, den Nacken von einem ſchmalen Spitzenkragen umrändelt, ohne Gold und Juwelenſchmuck da ſaß, und von dem weitgeſchlungenen Schaukelſtuhl faſt nur den kleinſten Raum einnahm, ſo war es ein Anblick, als ob das weiche Glück zwar nicht wie eine Bürde auf ihr ruhte, aber wie jener Flaum, womit man das Leben eines Entſchlafenen erprobt, und der ſich nicht regt. Nicht beſchei⸗ den,— ergeben in ihren Stand ſchien dieſes milde, ruhige Frauenbild. Herr Bennet machte die Vorſtellung Moorfeld's franzöſiſch; Miſtreß Bennet antwortete in derſelben Sprache und mit einem Accente, wo⸗ mit man nur die Mutterſprache ſpricht. Moorfeld konnte ſie ohne Frage für eine Pariſerin nehmen. Es ſchien ihm dieſe Wahl nicht der unbedeutendſte Charakterzug für Bennet's Geiſtesrichtung— ob er auch ahnen durfte: für das gedämpfte Lebensgefühl der verpflanz⸗ ten Seine⸗Blume? Mrs. Bennet ſprach von den Schönheiten des Rheins und der deutſchen Literatur. Moorfeld antwortete mit Paris und Frankreich. Seine Lobesäußerungen wurden mit Dank erwiedert, aber das Thema nicht fortgeſetzt. Moorfeld ging auf Saratoga über. Mrs. Bennet ſagte: ſie hoffe viel für das Vergnügen ihrer Kinder von dieſem Ausfluge. Die Formalität ſchlang dann noch einige andere Fragen und Antworten in ein loſes Bouquet zuſammen, das man ſich gegen⸗ ſeitig überreichte, und als ſich Moorfeld wieder erhob, erfüllte ſich dieſes Bild auch im eigentlichen Sinne; die Hausfrau reichte dem Gaſte aus einer Blumenvaſe ein feines Sträußchen von Vanille⸗Blüthen. Es ſchien damit eine ſtändige Sitte beobachtet, denn ſelbſt der Eng⸗ länder, der Habitur des Hauſes, hielt, wie Moorfeld ſehen konnte, eine ſolche Gabe zwiſchen den Fingern. Den ſich Entfernenden ſchloß ſich auch die Perſon des Letztgenann⸗ ten jetzt wieder an. Die drei Herren traten jetzt in eine andere —————„—,. — ¶—⁴—;˖;j4——,——.———,— Ab —— — e einer rfarbe. allge⸗ nfachen en zar⸗ hmalen ,, und Raum r nicht an das beſchei⸗ enbild. Miſtreß 2, wo⸗ ohne nicht — ob pflanF nd der kkreich Thema Bennet 193 Enfilade von Zimmern über, als durch die ſie gekommen, in die Ge⸗ ſellſchaftsſäle. Hier waren die Gardinen bereits niedergelaſſen, die Kronleuchter angezündet, und Alles für den Empfang der abendlichen Gäſte in Verfaſſung. Aber Moorfeld that ſeinem Wirthe die Bitte, beziehentlich Abbitte, er möge ihm erlauben flugs nach Hauſe zu fah— ren und Toilette zu machen, er habe ſich dieſes Umſtands verhängniß⸗ voller Weiſe keinen Augenblick früher als im Boudoir der Hausfrau zu erinnern vermocht, dort aber zu ſeiner großen Verlegenheit. Herr Bennet lachte und ſprach von poetiſchen Charakterzügen; er erſuchte übrigens ſeinen Gaſt zu bleiben, er ſei ja nur auf einen Rout ge⸗ kommen. Es iſt dieſes eine Geſellſchaftsform, erklärte er auf Moor⸗ feld's freimüthige Aeußerung ſie nicht zu kennen, welche vor einigen Jahren von England ausgegangen iſt, und in Newyork ſich ſchnell eingebürgert hat. Sie empfiehlt ſich See⸗ und Handelsvölkern durch eine gewiſſe demokratiſche Saloperie, wie ſich etwa ein bequemer Sürtout empfiehlt, der für jede Geſtalt paßt, aber freilich keine her⸗ vortreten läßt. Man könnte den Rout faſt den Clubb nennen, in's Privathaus verlegt. Seine wahre Form iſt eigentlich die Formloſigkeit. Der Engländer ſetzte hinzu, ſeines Wiſſens ſeien im Weſtend und Downingſtreet die erſten Routs in der ſogenannten Reſtaurations⸗ Periode gehalten worden, in jener Zeit der politiſchen Aufregung, wo der Ernſt des Tagesgeſprächs angefangen habe, der Handhabung der Frauen zu entwachſen, und die Behandlung von Fragen, welche faſt lauter Lebensfragen waren, den leichteren Converſationston unmöglich zu machen. Der Rout ſei ganz eigentlich ein Männer⸗Convent. Es iſt ſeltſam, reflectirte der Engländer weiter, daß hier in Amerika, wo der Cultus der Frauen ſo hoch wie in keinem Lande der Welt ge⸗ trieben wird, der Einfluß der Frauen auf die öffentlichen Formen außer allem Verhältniß gering, ja eine Tonangebung des weiblichen Elements im Grunde gar nicht vorhanden iſt. Der Typus aller Geſelligkeit iſt hier ein ſchroff männlicher; der Rout herrſchte ſchon längſt in Amerika, eh' ihm England den Namen lieh. Um Bennet's Lippen ſpielte ein pikantes Lächeln bei dieſer Bemerkung, nach einer Pauſe nahm er das Wort. Sie ſprechen von der Abweſenheit der Frauen aus unſern geſelligen Zirkeln, ſagte, er— meine Herren, ich will Ihnen ein Geſchichtchen erzählen. Es war bei einer der D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 13 194 glänzendſten Matinées des vorigen Präſidenten in Waſhington und Mädchen und Frauen die wiünſchenswertheſte Menge anweſend. Sie waren da mit ihren Herren Brüdern, Vettern, Ehegatten, Sena⸗ toren, Offizieren, Staatsbeamten aller Grade und Würden. Den Reiz der Geſellſchaft erhöhte ein Indianer⸗Häuptling, eine rothhäutige Majeſtät aus dem Weſten, ein wild⸗maleriſcher Kriegsgott. Er war auch der Abgott manch ſchönen Augenpaars, das die Salonfähigkeit dieſes romantiſchen Mitmenſchen gewiß nicht bezweifelte. All men are equal! Der Präſident führte ſeine Gäſte in den Sälen herum und ließ ſie die Sehenswürdigkeiten ſeines Hauſes in Augenſchein nehmen. Der ſtolze, ſchwarze Blick des Indianers verfolgte Alles mit lebhaftem Antheil; jeder Cigarren⸗Aſchbecher, jedes Feuerzeug⸗Etui intereſſirte ihn. Endlich ging's in den Bilderſaal. Hier zeigte ihm der Präſident die Portraits unſerer politiſchen Größen, unſerer Land⸗ und Seeheroen, Abbildungen unſerer merkwürdigſten Bau⸗Denkmäler, unſerer ſchönſten Fregatten. Unverhofft machten dieſe Bildwerke den geringeren Ein⸗ druck auf unſern Naturſohn. Nun, Krieger, ſagte der Präſident ihn bei der Hand faſſend, was denkſt du davon?— Bruder, antwortete der Häuptling,— dieſe groß ſind, ſie leben und athmen und ganz gegenwärtig ſein; dieſe großen Gemälde, ich ſage dir, ſehr wirklich groß ſind; aber ich habe noch beſſer. Und dabei drehte er ſich um, bückte ſich, zog ſeinen Mantel über den Kopf, und ſagte, indem er mit der flachen Hand ſich auf die beiden Schenkel klatſchte: Schau, Bruder, hier tätowirt iſt Alligator, und hier Waſchbär; ſind das nicht prächtig Bild?— Es wird mich im letzten Stündchen noch erheitern, was im Bilderſaale das ſelbſt für ein Bild war: die kreiſchenden Weiber, die lachenden Männer, die Verlegenheit des Präſidenken, die Stellung des Indianers! Ich möchte das Bild gemalt haben, es iſt ein Symbol. Es iſt das einzig richtige Bild von der amerikaniſchen Geſellſchaft, obgleich Genre, ein wahres Hiſtorienbild! Aber Sie ſehen wohl, meine Herren, wie nahe uns noch die Wildniß liegt, wie das vorherrſchende Koſtüm unſrer Zirkel noch die Inexpreſſibles ſein müſſen, nicht die Roben. Denn wo Frauen unſicher ſind, ſind ſie nicht.— Bennet fuhr fort: Wie lange nur iſt es her, daß ich und einige Gleichgeſinnte den Anfang machten, die Meldung der Hausbeſucher einzuführen? Noch vor wenigen Jahren konnte man zu den erſten 195 Parthien geladen, nichts als ein Oellämpchen im Vorhauſe antreffen, häufig auch das nicht, noch weniger einen Concierge, kurz nichts. Es geſchah öfter als einnal, daß man auf gut Glück nach dem Salon tappte und in ein Gemach gerieth, wofür man ſeine Glacehandſchuh nicht angezogen. Mir ſelbſt widerfuhr es einſt. Und doch, wie übel nahm man mir meine Neuerung! Denn kein Luxus iſt den Amerikanern zu luxuriös, aber jede Form zu formell. Ach ja, ſie ſind ſchwer zu discipliniren außer dem Schiffe! Moorfeld hatte während dieſer Converſation— die Herren ſtanden im äußerſten Ende eines Eckzimmers und blickten von einer Art Erker⸗ balkon auf die noch tageslichte Straße hinab— ſeine Aufmerkſamkeit zu theilen gehabt zwiſchen drolligem Hören und drolligem Sehen. Sein Auge war auf der Straße. Ein wunderliches Schauſpiel zog es hinaus. Ein Rudel junger Schweine, wie Menſchen gekleidet, ſchlum⸗ perte das Trottoir herab, eine abſurde Sammlung von Jünglingen, zu kenntlich für die Maskerade, zu unkenntlich als Wirklichkeits⸗Weſen, Kerle, die eine Garderobe trugen und eine Toilette gemacht hatten, welche phantaſtiſch ſein ſollte, aber nach einem Style es war, als ob ſich die Göttin Phantaſie an irgend einem Mondkalbe verſehen hätte, da ſie die Stutzer⸗Witze dieſer Erbärmlichen gebar. Der Eine trug ſchlotternde Pumphoſen mit ſchuhgroßen Quarré's, das Beinkleid des andern war eng und knapp wie Tricots. Dem Einen hing die Weſte über den Bauch herab, dem andern endete ſie auf der Herzgrube, dieſer balancirte ein Spazierſtöckchen kurz und dünn wie eine Stricknadel, jener ſchleppte einen Prügel wie eine Herkuleskeule. Die Cravatte des Dritten war ein Zwirnsfaden, die des Vierten eine mäßige Garten⸗ mauer. Der Fünfte hatte ſeinen Kopf durch einen Pfannkuchen ge⸗ ſteckt, ſo flach war ſein Hut, der Sechste trug eine Kopfbedeckung von der halben Höhe ſeiner ganzen Perſon. Was ſonſt Rock oder Frack heißt, war am Leibe dieſer Dandy's ein Stück tollgewordenes Segel⸗ tuch, das den Fiebertraum träumte, nach allen Winden zugleich zu hängen und die widerſprechendſten Formen, die es je angenommen, in einen einzigen Moment zu vereinigen. Dazu hatten die Wichte einen Gang wie Känguruh's, ein Mittelding zwiſchen Rutſchen und Stol⸗ pern, indem ſie entweder, weil ſie es für Faſhion hielten, oder aus wirklicher Markloſigkeit, bei jedem Schritt in die Knie brachen und die 13*† 196 Unterbeine liederlich nachſchleiften. Moorfeld ſah dieſem Zuge mit ei⸗ ner Art Faſſungsloſigkeit zu; er hatte im Straßenleben Newyorks ein ſolches Enſemble von Karrikaturen noch nicht geſehen. Aber wie ward ihm, als das Geſindel an Mr. Bennet's Haus die Klingel zog! Un⸗ willkürlich blickte er den Hausherrn an; Herr Bennet ſenkte mit einiger Verlegenheit ſein Auge, dann aber ſagte er achſelzuckend: Die Armen! Wo ſollten ſie ſich beſſern lernen, wenn ich ihnen auch noch mein Haus verſchlöſſe!— Moorfeld fand dieſe Antwort groß. Die doppelte Liberalität gegen ſich ſelbſt und gegen die Andern, denen er noch Beſſerungsfähigkeit zuſchrieb, ſchien ihn den Nagel einer noblen Ge⸗ ſinnung auf den Kopf zu treffen. Uebrigens, ſetzte Bennet hinzu, iſt ihr ärgerliches Aeußeres das Aergſte an ihnen. In der Geſellſchaft ſind ſie die unſchädlichſten Haſenfüße die man ſich wünſchen kann. Es iſt nie erhört worden, daß ein Dandy on short allowance— denn das iſt ihr Kunſtname— die Sitte des Salons freventlich durch⸗ brochen hätte. Ihre ganze Selbſtändigkeit liegt in der Affenfratze ih⸗ res Anzugs, ihr innerer Affe murt nicht in der Welt des guten Tons. Sie ſollten ſehen, wie lammsfromm ſie unter Damen ſind, wie ſie das Pfötchen reichen, wenn meine Frau oder Töchter von ihrem Daſein Notiz nehmen. Ufd das geſchieht zuweilen. Denn die Weiber haben bei aller Verachtung für unmännliche Männer doch auch eine Art Gutherzigkeit gegen den armen Narren, der ſo unglücklich iſt, ihre Verachtung zu verdienen. Sie entdecken mit ihrem mikroſcopiſchen Blick ſein geringſtes Verdienſt, ſie ſagen ſelbſt der Null, daß ſie eine Compoſition aus Wellenlinien iſt. So haben meine Frauen auch dieſen Jünglingen ihr Gutes abgelauſcht. Der Eine weiß z. B. wo man die hübſcheſten Hemdknöpfchen kauft, der Andere will ein Putz⸗ pulver erfinden, gelbes Elfenbein wieder weiß zu machen, der Dritte beſitzt eine Nagelfeile, womit er den platteſten Nagel convex feilt. Beſonders meine Jüngſte, Cöleſte iſt es, die ſolche parfaits dans le petit, sublimes en bijoux, grands inventeurs de riens ich ſage nicht zu ſchätzen, aber doch zu erziehen weiß. Das Mädchen lebt in einem Babel von Bagatells, ſie umgibt ſich ſtets mit dem Ueber⸗ flüſſigſten, das superflu, chose très-nécessaire iſt eigens für ſie ge⸗ ſagt. Die Sachen ſelbſt ſind ihr unendlich gleichgiltig, die Wahl reizt ſie, das Arrangement, eine Art ſchöpferiſcher Geiſt, der ſie treibt. ———.—— ei⸗ ein ard Un⸗ iger nen! nein denn irch⸗ ih⸗ N— 197— Wenn etwas bildend für dieſe Burſche ſein kann, ſo iſt es ſie. Von der Auswahl eines netten Hemdknöpfchens bis zur Würdigung eines Raphael'ſchen Gemäldes kann ich mir ſehr wohl eine Stufenleiter denken. Heute ſchickt man den Gallopin nach Hemdknöpfchen aus, morgen läßt man ihn ein hübſches Muſter für durchbrochene Strumpf⸗ zwickel auftreiben, übermorgen ſchon eins für Fußſchemel oder Licht⸗ ſchirme, ſo wird das Hämmelchen in die bildende Kunſt eingeführt. Auch deliriren die Kerls nicht immer ſo in ihrer Garderobe. Wie wir ſie heute ſehen, läßt's keinen Schluß zu auf morgen, es iſt ihnen nicht habituell. Schon im nächſten Salon können ſie ſo wohlgekleidet eintreten, wie andere Vernunft⸗Weſen. Sie ſind eben die Schaum⸗ perlen einer Geld⸗Ariſtokratie, die in der Gährung begriffen iſt. Der Reichthum hat ſeine Flegeljahre jetzt in Amerika. Er iſt in einem Stadium der Abgeſchmacktheit begriffen, aber es iſt nur ein Stadium. Denn Geld wird immer zu Geiſt. Das iſt mein Wahlſpruch. Völker, die Geld ohne Geiſt hatten, wie Phönizier, Babylonier u. ſ. w. ſind heute, doch nicht mehr möglich. Die Bildung iſt cosmopolitiſch geworden. Moorfeld ließ ſich dieſe Apologie gar wohl gefallen. Der geiſt⸗ reiche Mann hatte ſeinen Verdruß über jenes melée wie weggehaucht. Mr. Bennet befeſtigte ſich immer mehr in der Meinung, die ihm Moorfeld entgegengebracht. Inzwiſchen hatte ſich die jeunesse dorée durch die Geſellſchafts⸗ ſäle— auch den letzten— verbreitet und betrug ſich ziemlich ſäu⸗ berlich. Moorfeld entdeckte ſogar, daß ſie erröthen könne. Denn als Einer der Bengel ihn durch ſein Kneif⸗Lorgnon etwas ungezogen an⸗ ſtarrte, ſteckte Moorfeld ſein eignes Lorgnon vor und fixirte ihn eben ſo. Da erröthete der Junge, ließ ſein Lorgnon fallen und ging. Moor⸗ feld und Bennet lächelten ſich zu. Nach und nach fand ſich zahlreichere Geſellſchaft ein. Im Laufe einer Stunde war ſchon ſo viel„Welt“ da, daß die Dandies on short allowance ſich erträglich genug darin verloren. Zwar blieb das Publikum noch immer gemiſcht, wie Moorfeld im Kommen und Gehen dieſer Menſchen überhaupt einen erſtaunlichen Grad von repu⸗ blikaniſcher Sittenfreiheit wahrnahm; auch bedauerte Mr. Bennet wiederholt, daß er Moorfelden nicht vorgeſtern auf New⸗Jerſey bei 198 ſich geſehen, die Elite der Geſellſchaft wohne jetzt draußen, und der heutige Rout ſei mehr eine Förmlichkeit gegen die Stadt, gewiſſermaßen eine Beobachtung der demokratiſchen dehors; doch zweifle er nicht, es werde ſich noch immer eine kleine Geiſtes⸗Gemeinde für's Eſtaminet zuſammenfinden, an die halte man ſich dann und laſſe den Mob laufen. In der That erſchienen bald darauf einige von den Häuptern, auf welchen ein dem Europäer mehr oder minder bekannter Name ruhte. Die erſte dieſer Geſtalten war ein Mann von majeſtätiſcher Hoch⸗Statur, ſtark gewölbter Bruſt und noch ausgebildeterem Abdominal⸗ Syſtem, das plaſtiſch-viereckige Haupt bis an den Scheitel kahl, im Nacken aber mit einer derben Fülle herabfallender Locken beſchwert, was ein ſeltſamer Anblick war und einen Ausdruck von unzerbrech⸗ licher Manneskraft gab. Das Erhabene war vorherrſchend in dieſem Bilde, wenngleich nicht alleinherrſchend, denn ſeine Augen waren klein und die etwas hervortretende Unterlippe, ſo wie das weiche ſchwellende Kinn verriethen, daß der Mann den gutſchmeckenden Dingen dieſer Welt nicht allzu ungerecht begegnete. Es war Doctor Channing, der erſte Proſaiſt Amerika's, nach der Stimme des Landes— Ame⸗ rika's Cato! wie Mr. Bennet Moorfelden zuflüſterte, die öffentliche Vorſtellung mit einer geheimen ergänzend. Dieſem Mann auf dem Fuße folgte ſein directeſtes Gegenſtück. Es war ein hageres, faſt gebrechliches Männchen, deſſen graue Augen ſchüchtern wie die eines Schulmädchens blickten, indeß ſein kleines fleiſchloſes Köpfchen auf die Seite neigte, als ob es ihm durch zu viel Lernen beſchwert wäre. Er war nicht alt, ſah aber aus als ob er. nie eine Jugend gehabt hätte und die Knabenjahre wie ein nothwen⸗ diges Uebel ſo ſchnell als möglich paſſirt wäre. Mr. Bennet begrüßte ihn mit tiefer Hochachtung und ſtellte ihn als Doctor Griswold vor, Bibliothekar an der neu errichteten Univerſität in Newyork, der flei⸗ ßigſte Gelehrte des Landes, ein Mann, der eine ganze Akademie werth iſt, ſetzte er Moorfelden in obiger Weiſe hinzu. Auch der vormalige Präſident Monroe erſchien. Eine ſchwache abgemagerte Geſtalt, gebeugt von Alter, oder alt-machenden Gemüths⸗ ſtimmungen. Moorfeld ſah in ein mildes aber glanzloſes Auge, auf eine breite und gut begrenzte aber platte Stirn, es verdroß ihn über⸗ haupt, daß der ganze Charakter⸗Ausdruck des Mannes, der den edelſten d der aßen t, es minet zufen. ptern, Name tiſcher rinal⸗ l im wert, brech⸗ ieſem klein llende dieſer in g, Ame⸗ ttliche nſtück. Augen kleines u viel ob er hwen⸗ rißt d vor flei⸗ werth wache üths⸗ auf 7 über⸗ elſten d— 199— der Indianer⸗Stämme um ſein Land betrogen, nicht einmal von geiſtiger Ueberlegenheit oder energiſchen Leidenſchaften zeugte. Moor⸗ feld haßte ihn noch von ſeinen glühendſten Studentenjahren her, in welche die Unterdrückung der Georgia⸗Creeks gefallen, und unſer Freund, den wir nur nicht„Jüngling“ nennen, um ein pathetiſches Wort nicht abzunützen, hatte jene Jahre nicht ſo weit hinter ſich, daß ihm der Anblick dieſes Mannes nicht immer noch eine lebhafte Miß⸗ ſtimmung verurſacht hätte. Nur der Umſtand, daß Monroe, wie er hörte, jetzt in Armuth lebe, und von den Beſtechungen, die in jenem diplomatiſchen Räuberroman geſpielt, nicht perſönlich gewonnen habe, milderte zum Theile ſeine Empfindungen. Noch ſtand Moorfeld über dieſes Thema mit Mr. Bennet im Geſpräche, als durch die Säle eine ehrerbietige Bewegung ging, von denjenigen ausgehend, welche die Perſon des jetzt Eintretenden kannten, und um ſo ſpannungsvoller fortgepflanzt auf die, welche ſie nicht kannten. Man machte dem Ankömmling links und rechts Platz und doch be⸗ gleitete ihn von allen Seiten das Gedränge eines natürlichen Wohl⸗ wollens. Mr. Livingſtone, Amerika's erſter Juriſt, ſagte Herr Bennet. Verfaſſer des claſſiſchen Carolina⸗Strafcoder? fragte Moor⸗ feld— von welchem ich Ihnen eine Geſchichte erzählen will, eine Ge⸗ ſchichte in zwei Worten, ſetzte Bennet hinzu. Das Manuſcript dieſes Codex ging Abends um zehn Uhr bei einer Feuersbrunſt ſeines Hau⸗ ſes in Flammen auf. Morgens um ſieben Uhr ſaß Livingſtone in einem andern Hauſe vor einem andern Buch Papier und begann es von Neuem. Das iſt nicht von einem Gelehrten erzählt, ſondern von einem Enthuſiaſten, werden Sie ſagen. Ich widerſpreche nicht. Livingſtone iſt Dichter in ſeinem Berufe! Wirklich war Mr. Livingſtone eine außerordentlich gewinnende Perſönlichkeit. Seine Geſichtszüge konnten keineswegs fein heißen, aber eine Herzenswärme lag darin, die Alles, was ſelbſt Herz und Menſchlichkeit hatte, gefangen nahm. Seine Statur war über Mittel⸗ größe, ſeine Manieren die des vollendeten Gentlemans. Das Gepräge einer natürlichen Zartheit und Harmonie des Gefühls adelte ſie, ſeine Sitte war Sittlichkeit. Dieſe Perſonen wurden alsbald die Mittelpunkte von Gruppen, in welchen ſich das eigentliche Leben des Routs kryſtalliſirte. Zwar 200 wurde Moorfeld, der literary gentleman, noch immer einer Anzahl von Anweſenden vorgeſtellt, welche ein großer, zum Theil weltbewegender Name in Handel und Induſtrie ebenbürtig neben die geiſtigen Kori⸗ phäen der Geſellſchaft ſtellte. Es verdroß ihn aber bald, daß er Kaufleute, Fabrikanten und Schiffsrheder als Oberſte, Colonels, Ka⸗ pitäns u. ſ. w. durch alle Grade der Kaſernen⸗Hierarchie zu ſalutiren hatte. Ein Land, das in ſeinem ganzen Begriff das Friedensreich der modernen Bürgerlichkeit bedeutet, mit ſo viel Vorliebe im Epauletten⸗ Refler ſich beſpiegeln zu ſehen, war dem Europäer, dem zu Hauſe ſchon ſein„Soldaten⸗ſpielen“ culturwidrig dünkt, eine der widerwär⸗ tigſten Schwächen des amerikaniſchen Volkscharakters. Er dankte Gott, daß Mr. Bennet ſelbſt ſeine Muſen und Grazien nicht nach irgend einem imaginären Korporalſtock dirigirte. Wie entlegen und eigen⸗ thümlich waren die Momente, die hier zur vollen Würdigung eines Mannes beitrugen! Vom andringenden Strome der Gäſte war in den letzten Augen⸗ blicken der Hausherr Moorfeld's vorherrſchendem Beſitze entführt worden, und bis ſie zu ſtillerem Begegniß ſich wieder zuſammenfanden, gefiel ſich unſer Freund, auf eigene Hand aus den Wellen der Geſellſchaft zu ſchöpfen. Den bedeutendſten Perſonen auf's rückſichtsvollſte vorgeſtellt, war ihm der Charakter des Fremden benommen; er hatte den Vor⸗ theil, in die einzelnen Gruppen einzutreten und ſie zu verlaſſen nach freier Wahl und Bequemlichkeit. So konnte er wie in einem leben⸗ digen Inder die amerikaniſchen Zuſtände durchblättern: dort ſtand ein Kapitel Bankweſen, hier Schutzzoll und Freihandel, in dieſem Trink⸗ zimmer zechte die Sclavenfrage, in jenem die Indianer⸗Expropriation, in der Niſche rechts zupfte die neue Univerſität an den Gardinen⸗ quaſten im eifrigen Vortrag über die literariſchen Landeszuſtände, in der Niſche links kritiſirte ein Börſenſyndicus, d. h. ein Oberſtlieute⸗ nant die Bankrote vom Jahre dreißig und ſtellte das Prognoſtikon der nächſten Calamität. Das war nun ein Amerika, nicht aus papierenen Quarterly- Reviews, noch aus dem Tabakskoth öffentlicher Sittenroheit zu ſtudiren, ſondern im Goldrahmen eines kunſtſinnigen Salons, unter den Blu⸗ men des Landes. Dieſe Gedankenflora durchſchwärmend, mußte ſich's zeigen, ob Moorfeld auf einem jener optiſchen Punkte hier ſtand, wo — l von ender Kori⸗ ß er Ka⸗ utiren ch der etten⸗ Hauſe wär⸗ Gott, rgend eigen⸗ eines ugen⸗ rden, geftel ft zu ſtellt, Vor⸗ nach leben⸗ i ein Trink⸗ ation/ dinen⸗ e, in lieute⸗ n der — 201— ihm das Grau und Kalt des amerikaniſchen Reifſchauers zu ſchönem Farbenſpiel aufloderte— ein Punkt, der ſeinen Ahnungen in all dieſen Tagen gläubiger oder verzagender vorgeſchwebt. Wie er hier ſtand, fühlte er, ſtand er auf einem Gipfelz— haben die Götter einen heiteren Tag geſchenkt, oder liegt ein Nebel auf der vielverheißen⸗ den Ausſicht? Moorfeld war ganz Empfänglichkeit. Die Rolle des unbetheiligten Beobachters blieb ihm aber nicht ganz ſo frei überlaſſen, als es in ſeinem Wunſche und in der Frei⸗ heit des Routs ſelbſt gelegen hätte. Er war heute der einzige Fremde aus Europa, der in Mr. Bennet's Salon eingeführt war, es wurde ihm dadurch eine Aufmerkſamkeit zu Theil, deren Vortheile er lieber entbehrt, hätte. Auch war dieſe Aufmerkſamkeit ſelbſt nicht ganz von der wohl⸗ thuenden Art; der Mangel an Frauen verurſachte, daß ſie nicht eigent⸗ lich als zarter Perſönlichkeitsſinn, ſondern vielmehr als ſachliches Intereſſe für Europa gegen ihn ſich kund gab, wenigſtens glaubte unſer Freund, dem wir ein feines Gefühl für dieſe Unterſcheidung wohl zutrauen dürfen, etwas Aehnliches durchzuempfinden. Wenn es bekannt iſt, daß der Amerikaner keine Frage beantwortet, ohne eine Gegenfrage zu thun, ſo kam Moorfeld überhaupt zunächſt weniger zum Empfangen als zum Geben; die Neugierde forderte ihren Tribut, ob⸗ gleich in der geglättetſten Form. So fiel es ihm auch auf, daß die Männer, deren Namen und Bedeutung wir zuvor genannt, nicht ganz jene ſtillbewußte Zurückhaltung beobachteten, womit in Europa der Mann von Verdienſt ſich bekleidet; ſie wußten im Gegentheil vor⸗ trefflich die Attitude zu finden, die ſie ihren Mitbürgern im vollen Rund darſtellte. Ebenſo nahm ſich Moorfeld vor, ſcharf darüber zu beobachten, ob die Artigkeit, die ihm mit einer wahren Farbenpracht von allen Seiten entgegen getragen wurde, wirklich vom ächteſten Stempel des Bonton's ſei, oder eine gewiſſe tendenziöſe Befliſſenheit gegen den„literary gentleman“ durchblicken ließ, der ohne Zweifel über ſeine Reiſe ein Buch ſchreiben würde. Kurz, unſer Freund, der es nachdrücklich betont hat, nicht auf„abſichtliche Täuſchungen“ nach Amerika gegangen zu ſein, verwahrte ſich auf dieſem Boden, der ein Boden des idealiſirten„shams“ ſein konnte, außerordentlich ſorgfältig dagegen roſiger zu ſehen als er ſollte. Dürfen wir fragen, ob es mit der geheimen Luſt geſchieht, ſchwarz zu ſehen? — 202— Zuerſt finden wir unſern Gaſt in der Geſellſchaft des Mr. Livingſtone, des Criminalgeſetzgebers von Louiſiana, dem Moorfeld für die Abſchaffung der Todesſtrafe in dieſem Staate ſeine ganze Pietät ausdrückt. Er ſpricht von den Hoffnungen der europäiſchen Reformers über dieſen Punkt, oder vielmehr von dem Stand der Frage, da die„Hoffnung“ noch weit aus die Minorität der europäiſchen Gewiſſen habe. Moorfeld findet es frappant, daß Livingſtone die Todesſtrafe eine— Präventivjuſtiz nennt. Denn, da der Mord durch ſeine Verdoppelung nicht ſittlicher wird, ſagt der Rechtsphiloſoph, ſo könne von einer Sühne des verletzten Sittengeſetzes durch eine Hin⸗ richtung nicht wohl die Rede ſein. Man habe daher die Talions⸗ Theorie mehr und mehr aufgegeben, oder thue es noch täglich, dafür ſpreche man deſto überzeugter von einem Rechte der Nothwehr, welches durch die Todesſtrafe ausgeübt würde. Die Geſellſchaft müſſe ſich ſchützen gegen den Feind der Geſellſchaft. Nun wird ſich aber die Geſellſchaft gegen das geſchehene Verbrechen kaum noch ſchützen können, ſondern nur gegen das künftig zu wiederholende. Das heißt alſo man ſpielt dem böſen Prinzip ein Prävenire durch Hin⸗ wegnehmung des Lebens. Allerdings die ſicherſte Präventivhaft iſt das Grab. Moorfeld ſprach die Vermuthung aus, ob Mr. Livingſtone den erſten Keim ſeines großherzigen Syſtems, nicht in dem Beſtreben gefunden habe, zunächſt das Leben der Sclaven ihren Herren gegen⸗ über zu ſichern. Der herrliche Mann antwortete lächelnd: Verzeihung, mein Herr, man tödtet ein nützliches Hausthier nicht leicht. Die Todesſtrafe beſtand zwar in Louiſiana wie ſie in andern Sclavenſtaaten noch jetzt beſteht; aber die Praxis bringt ſie faſt gar nicht zur Anwendung gegen den Sclaven. Das Tribunal findet in den meiſten Fällen eine ausbeugende Interpretation des tödtlichen Para⸗ graphen. Ein Virginier, in deſſen unmittelbarer Nähe die Unterhal⸗ tung gepflogen wurde, wendete ſich gegen Moorfeld, und ſagte mit würdevoller Einfachheit: Ich darf mir vielleicht erlauben hinzuzuſetzen, wie das Loos unſerer Sclaven überhaupt ein menſchliches, und beſſe⸗ rer Vorſtellungen würdiges iſt, als unſre Gegner verbreiten zu können das traurige Glück haben. Es entgeht uns nämlich an dieſem Punkte nicht, daß die öffentliche Meinung Europa's über die Sclaverei faſt allein das Product des Nordens iſt, der ſeit allen Zeiten durch die Literat inniger Wahrh in E unſre oder betrit Veele Eigen Gaſt nann ariſt Mit heit keit, Sct dem als wei Nii in mit wün zwi neh gold doch es Mr. ſoorfeld e ganze päiſchen rFrage, päiſchen one die d durch oph, ſo ie Hin⸗ alions⸗ „dafür welches iſſe ſic ber die ſchützen Das Hin⸗ iſt das ngſtone ſtreben gegen⸗ eihung, Die ſtaaten ht zut n den Para⸗ terha⸗ te mit ſetzen, beſſe⸗ önnen zunkte faſt h die — 203— Literatur, durch die Einwanderung, durch den Fremdenbeſuch weit aus inniger mit der alten Welt zuſammenhing, als wir Südländer. In Wahrheit, wir ſtehen dieſen Einflüſſen gegenüber eigentlich unvertreten in Europa da. Wir handeln mit Europa nicht wie der Norden, unſre Zeitungen gehen nicht dahin, Gäſte kommen uns nicht daher, oder in der Regel hat doch der Reiſende früher den Norden beſucht, und betritt den Süden mit den Inſpirationen unſrer glücklicheren Brüder. Vielleicht halten Sie es unter dieſen Prämiſſen für einen verzeihlichen Eigennutz, mein Herr, wenn ich Sie geradezu einlade, von virginiſchem Gaſtrecht nach Ihrer Möglichkeit Gebrauch zu machen.— Der Pflanzer nannte County und Hof nebſt ſeinem Namen— es war der alt⸗ ariſtokratiſche der Mortons— und Moorfeld glaubte nur mit der Mittheilung ſeines unaufſchiebbaren Vorhabens die edle Zuvorkommen⸗ heit dieſes Anerbietens ablehnen zu dürfen. Doch ſetzte er mit der Feſtig⸗ keit, womit er ſeinen innern Widerſpruch bisher nie unter ein äußeres Schweigen gebeugt, offen hinzu, daß auch das liberalſte Gaſtrecht mit dem illiberalſten aller Prinzipien ihn nicht ausſöhnen würde. Der Virginer ſchüttelte leiſe das Haupt und antwortete mild lächelnd, als ob von den angenehmſten Dingen der Welt die Rede wäre: Ich zweifle, mein Herr, daß Sie Ihr Herz dem Zauber dieſes illiberalen Prinzips verſchließen würden. Sie würden unſre Neger wohnen ſehen in geſunden und freundlichen Hütten, gekleidet nach Bedürfniß, genährt mit Freigebigkeit, wie ihre vollen und kräftigen Glieder bewieſen. Sie würden ſehen ein Volk von zufriedenen Familien, das ſein Leben zwiſchen zweckmäßiger Thätigkeit und freier Erholung ſo nützlich⸗ange⸗ nehm hinbringt, wie wir nur immer menſchliche Zuſtände, wenn nicht im goldenen Zeitalter, welches abſoluter Müſſiggang geweſen ſein ſoll, doch im ſilbernen, will ich ſagen, uns dichteriſch ausmalen mögen. Sie würden bei ihnen Arbeit mit Geſang, Fleiß mit Muße, Anſtrengung mit Genuß, die ernſte Handlung ihres Lebens mit der ſcherzhaften ihrer Volks⸗Comödien naturgemäß wechſeln ſehen. Sie würden überall die wün⸗ ſchenswertheſte Herrſchaft der Vernunft erblicken. In der That, die Vernunft des Negers iſt ſein Herr. Sie ſteht verkörpert außer ihm, und das iſt das Ganze des Unterſchieds zwiſchen Freien und Sclaven. Wie der Dichter mit der glücklichen Kunſt des Contraſtes das empfin⸗ dende und das denkende Weſen in uns oft in zwei getrennten Per⸗ 204 ſonificationen darſtellt— Ihr Goethe liebte das— ſo ſtellen wir den Carlos, den Antonio, den Mephiſto, wenn Sie wollen, und unſre Sclaven das inſtinctivere Weſen des Clavigo, des Taſſo, des Fauſt dar. Aber nicht die Vernunft allein, auch die Liebe laſſen wir ihr göttliches Amt erfüllen in unſrer Obergewalt über den ſchwarzen Bruder. Wir betrachten unſre Neger als Glieder unſrer Familie; ihre Kinder ſind die Geſpielen unſrer Kinder, wir nehmen wechſelſei⸗ tigen Antheil an den freudigen und traurigen Ereigniſſen, womit das Schickſal in der Colonnade des Herrn wie in dem log cabin des Sclaven einkehrt. Wir haben unſern Negern Schulen errichtet, Spi⸗ täler und Verſorgungshäuſer, wir unterrichten ſie im Chriſtenthume. Kurz, Sie erblickten in unſern Sclaven einen glücklichen und zufriedenen Bauernſtand, und würden lächelnd inne, wie ſeltſam⸗kindiſch das Spiel iſt, das die Menſchen mit Worten treiben. Was noch von Reſten alter, romantiſcher Schauer in Ihnen zurückbliebe, verſchwände vollends, wenn Sie, da ich jetzt nur von der ſchwarzen Race ſprach, Ihren Blick auf die weiße Race eines Sclavenſtaates richteten. Bei uns erfüllt die weiße Race den Sinn des allgemeinen Geſetzes, daß die Mehrheit für die Minderheit arbeitet, durch wirkliche Cultur und nicht blos durch äußerlich⸗ſcheinbare. Die Arbeit unſrer Sclaven ge⸗ währt uns die Muße, den höheren Functionen der Menſchheit obzu⸗ liegen. Wir lieben Künſte und Wiſſenſchaften, pflegen die Literatur, verfeinern die geſellige Sitte, bilden uns für den Staat und die ſchwere Erfüllung unſrer patriotiſchen Pflichten. Wir liefern dem Congreß die hervorragendſten Mitglieder, der Republick die beſten Präſidenten, Waſhington ſelbſt war ein Sclavenhalter. Von all dieſen Vorzügen iſt im„freien“ Norden nicht die Rede. Der Fabriksarbeiter lebt that⸗ ſächlich ſchlechter, als unſer wohlverpflegter und ſorgenfreier Sclave, der Fabriksherr ſelbſt aber kommt über den Unruhen ſeines bürger⸗ lichen Erwerbes und als unfreies Glied in der Kette eines Credit⸗ und Concurrenzſyſtems, das ihn willenlos fortreißt, eben ſo wenig zur Veredlung ſeines menſchlichen, noch weniger zur Ausbildung ſeines großen ſtaatsbürgeriſchen Daſeins. Wenn Amerika ſeine Freiheit ver⸗ lieren kann, ſo wird die erſte Gefahr von dort ausgehen, bei uns werden die unerſchöpflichen Hilfsmittel eines wahrhaft republikaniſchen ſtellen wi und unſt des Fauſt m wir ign ſchwarze Familie⸗ wechſelſet womit dat rabin des ͤtet, Spi⸗ ſtenthume zufriedenen ndiſch das noch von erſchwände ce ſprach⸗ ten. Bei zes, daß ultur und elaben ge⸗ ſit obzu⸗ Literatur, die ſchwen Congreſ rüſidenten Vyrzüge lebt thal⸗ r Sclabi s bürgel⸗ 3 Credi⸗ wenig il ng ſeines ibeit bet⸗ bei und itniic — ²⁰5— Patriotismus ſein. Ja, ohne alle Paradoxie dürfen wir behaupten, die Sclavenſtaaten ſind die beſten Stützen unſrer Freiheit. Quantum periculum immineret, si servi nostri numerare nos coepissent!*) ſagte Moorfeld mit tiefer, ernſthafter Betonung. Ob Seneka's Wort, fuhr er fort, nur vom römiſchen und nicht naturge⸗ mäß und nothwendig von jedem Sclavenſtaate der Erde gilt, mögen die Götter in der praktiſchen Beantwortung eben ſo auf ſich beruhen laſſen, wie ich in der theoretiſchen. Ich geſtehe gerne, daß ich über dieſen Gegenſtand— Kundigeren das Wort laſſe. Mr. Livingſtone nahm den Wink auf und antwortete zwiſchen Moorfeld und dem Virginier: Da die Virginier nach den Geſetzen der Vernunft und der Liebe ihre Selaven behandeln, ſo muß es ihnen außerordentlich unangenehm ſein, überhaupt noch Sclavenhalter zu heißen. Wäre es nicht beſſer, ſie erklärten ihre Sclaverei demnach für aufge⸗ hoben? Thatſächlich änderte ja dieſer Großmuthsact nichts, denn die Sclaven, die ſich heute ſo glücklich fühlen, würden ſich wohl hüten, das beſtehende Verhältniß zu löſen. Löſeten ſie's aber doch— nun, dann hätten ſie ſich eben nicht glücklich gefühlt. Und das iſt der einfache und immer wiederkehrende Syllogismus, wenn vom Glücke der Seclaven die Rede iſt. Laßt es auf ihre Wahl ankommen!— In der That, Herr General, in dieſen Tagen, da uns zu jeder Stunde die Nachricht werden kann, das engliſche Parlament hat die Emanci⸗ pationsacte erlaſſen, fühlt die Union ein tödtliches Herzklopfen, und wir ſind aufgeregter als je, unſer Herrenrecht über unſre Sclaven uns ſelbſt und Andern recht unzerſtörbar einzureden. Als ob das Gift im Magen durch die Einbildung, es ſei Honig, auch nur eine Secunde lang in ſeinen tödtlichen Wirkungen inne hielte! Von ganzem Herzen beglückwünſche ich Mortonhall, daß es dieſen Honigtraum zu träumen vermag; daß es ihn zu träumen verdient, bezeuge ich dem edlen Beſitzer deſſelben mit größtem Vergnügen. Aber der ganze übrige Süden lebt in einem fürchterlichen Wachen! Aus allen Regionen zwi⸗ ſchen dem Red⸗River und Potomac werde ich ſtündlich mit Briefen überhäuft, in welchen die Sclavenbeglücker mit jenem Angſtſchweiß *) Welche Gefahr drohte uns, wenn unſre Sclaven uns zu zählen an⸗ fingen! ,206— auf der Stirne, den die Verurtheilten der Geſchichte an ſchwülen Vorabenden ſchwitzen, mich um Rath in ihren Geſetzgebungen beſtür⸗ men. Wie ſeltſam! Sie meinen, ich könne Geſetze erfinden, nach welchem eine Perſon zugleich als Sache zu behandeln, eine Macht zugleich als Recht auszuüben iſt; dieſen Widerſpruch zu löſen ſchwebt ihnen als eine Kunſt vor, und ſollte ihnen doch als eine Unmöglichkeit einleuchten. Eben ſo gut könnte der Räuber von mir Geſetze verlangen, die ſeinen Raub, den Erwerb einer Gewaltthat, garantiren. In der That haben auch die Räuber Geſetze unter ſich, die ſie mehr oder weniger gut beobachten; nur ſchade, daß ſie von uns Andern gleichmäßig gehängt werden. Die Unglücklichen! ſie wollen gerecht ſein, und merken nicht, daß ſie es nicht können! Aus einer ungerechten Prämiſſe wollen ſie gerechte Con⸗ ſequenzen ziehen! Es iſt nicht wahr, daß ihr eure Sclaven ſo gut behandelt wie eure Hausthiere. Ein unaufhörlicher Argwohn, eine Eiferſucht, die durch nichts zu beſchwichtigen iſt, leitet das Betragen des Herrn gegen den Sclaven. Die Intereſſen Beider liegen in einem ewigen Kampfe, und nie und nimmer, auch bei ſeinem beſten Willen nicht, kann der Herr den Sclaven in dem Lichte erblicken wie ſeinen Eſel oder ſein Pferd. Denn das Thier iſt ihm ſicher, der Selave mit nichten; ohne Sicherheit aber kein Vertrauen, und ohne Vertrauen keine Behandlung, die eine gute heißen könnte. Könnt ihr den Scla⸗ ven aber nicht einmal als Hausthieren gerecht werden— und das wäre doch euer Geringſtes!— wie mögt ihr euch überreden, ihnen als Menſchen gerecht zu werden? Ihr unterrichtet ſie? aber die fünf⸗ undzwanzig Buchſtaben des Negers werden ſogleich ein Kriegsheer ge⸗ gen euch, denn er liest die Reden eines Wilberforce und Canning damit, und wird euch erwürgen. Ihr erzieht ſie zu Chriſten? Aber der Schwarze wird über den Weißen herfallen, und— auf St. Do⸗ mingo iſt es geſchehen— mit Rachegeſchrei euch anklagen: die Weißen haben den Heiland ermordet! Wahrlich ſie brauchen nur die Art für die Gattung zu nehmen,— ein ſehr gebräuchlicher Tropus!— ſo ſind ihre Maſſacres mindeſtens eben ſo gerecht, als die Judenverfolgungen unſrer mittelalterlichen Chriſten: denn die Juden waren doch unzwei⸗ felhaft Weiße und nicht Schwarze! Seht, ſo unverſöhnlich iſt ein Verhältniß von Sclaven und Herren, daß ſelbſt die alles⸗verſöhnende Bildung den Abgrund nicht ſchließt, ihr mögt hineinwerfen was ihr wollt habem dus Nacd Lid all —— = 5== 2 = 62 ᷣ — ſchwülen en beſtüt h welchen t zugleih ihnen ale einleuchten inen Raud n auch d geobachten; den. Die daß ſie et rchte Con ven ſo gu oohn, ein Betragen win einem en Willen wie ſeinen et Sclabe Vertrauel den Scla f und dal den, ihnen die fünf masheer g d Canning en? Abe 207 wollt. Nein, ein unſittliches Prinzip iſt nicht ſittlich zu hand⸗ haben. Zu verbeſſern iſt nicht, was nur aufzuheben iſt. Der Mo⸗ dus der Aufhebung kann allein hier Gegenſtand des vernünftigen Nachdenkens ſein, oder ſagen wir beſſer: des ernſtlichen Beſtrebens. Leider verabſcheuen meine Conſulenten im Süden die Aufhebung in all ihren Modalitäten. Was habe ich nicht verſucht, Ganzes und Halbes! Ich habe das mild⸗menſchliche Sclavenweſen Aſien's und Afrika's ſtudirt, und von dort her mindeſtens die erträglichſten For⸗ men des Sclavenbeſitzes entlehnen gewollt. Denn ſo troſtlos liegt leider die Sache, daß Amerikaner, die exacteſten Chriſten der Welt, von Muhamedanern lernen könnten! Ich habe das Beiſpiel auf⸗ geſtellt: auf dem Sclavenſtande hafte im Orient keine Schande. Der Muhamedaner hat nicht Racenhaß; die ſchmähliche Sophiſtik, den Negern die volle Menſchheit abzuſprechen, womit ſich Chriſten befleckt haben, iſt den Ungläubigen nie in den Sinn gekommen. Der Muhamedaner hat keinen Code noir; die Verbrechen der Sclaven„werden von ihm mit einer ſehr richtigen Würdigung ihrer bürgerlichen Unzurechnungsfähigkeit in allen Fällen nur mit der Hälfte der Strafen belegt, welche das gleiche Verbrechen des freien Mannes träfe. Wir Chriſten machen es bekanntlich umgekehrt. Eben ſo habe ich angerathen, gleich den Muhamedanern, die Sclaven vom Herrn erben, ja ſie in die Familie heirathen zu laſſen; welch letzteren Gebrauch chriſtliche Sclavenhalter leider in gleichfalls umgekehrter Tendenz, und zwar dergeſtallt pflegen, daß der Herr, oder ſein Sohn mit der Sclavin Kinder erzeugt, um aus Herrenblut Sclavencapital zu münzen, ſtatt entgegengeſetzt. Gebet es auf, habe ich gepredigt, eure Verhältniſſe zu den Schwarzen als das von Herren zu Sclaven zu betrachten; be⸗ trachtet es beſſer als ein Nebeneinander zweier Nationen: ihr wäret die ſiegende, jene die beſiegte Nation. Wohlan, vermiſcht euch, rieth ich, Sieger und Beſiegte, zu einer neuen Nationalität, wie ſich die Normanen mit den Sachſen zur engliſchen vermiſcht haben. Von eurem Blute tragen ſie ja doch längſt ſchon in ſich, und von eurer Intelligenz ebenfalls; phyſiſch wie geiſtig ſtehen eure Niggers den afrikaniſchen Bozals, was ihr auch ſagen mögt, bereits ferne. Sie ſind Bürger eures Bodens, erkennt es an und euer Uebel iſt geheilt. Aber ſie wollen nicht.— Andere zeigten ſich beſſer geſinnt, riefen aber rath⸗ 208 los: Wohin mit unſern Freigelaſſenen? Gerne wären wir bereit unſer überflüſſiges Capital an ſich ſelbſt zu verſchenken, aber wohin damit? Liberia hat ſich als ein Puppenſpiel erwieſen, die weißen Staaten wehren und erſchweren den Eintritt von Niggers auf jede denk⸗ bare Weiſe— wie abolitioniren wir das Uebel? Und in der Ver⸗ legenheit wiſſen ſie ſich nicht andern Rath, als das Uebel fort und fort einander ſich zuzuwälzen, jeden neu der Union zuwachſenden Staat mit allen böſen Künſten der Partei⸗Politik für den Fluch ihres Sclaven⸗ ſyſtems zu werben, wie kürzlich wieder Miſſouri, und athmen hoch auf, wenn die Geiſel eine Secunde lang ruht, blos darum weil ein neuer Riemen hineingeflochten wird. Denen ſchrieb ich: iſt's möglich, daß wir bei dem guten Willen für Liberia nicht längſt ſchon einen näher liegenden Gedanken gefunden haben? Räumen wir unſern Niggers ein Territorium in der Union ein! Machen wir ſie zu einem Stern unſers Sternbanners, gönnen wir ihnen ihr eigenes Staatsleben in einem unſrer eigenen Staaten. Ein Liberia jenſeits des Oceans hat ſich als unpraktiſch ausgewieſen, ein Liberia jenſeits des Miſſiſſippi wird praktiſch ſein. Aber ſie wollen wieder nicht. Sie wollen nichts. Sie wollen nichts was ſie können, ſie können nichts was ſie wollen. So läßt man den Ernſt des Augenblicks heran⸗ kommen, man zittert der engliſchen Abſtimmung entgegen, man erkennt die Solidarität der Sclavenſache in ihrer ganzen fürchterlichen Wahr⸗ heit, und doch ſcheut man die Solidarität mit der Klugheit und dem Muthe der engliſchen Emancipations⸗Politik. Unſer Sprichwort ſagt: die Engländer prügeln die ganze Welt, aber die Amerikaner prügeln die Engländer. Wollte Gott, wir thäten's den Engländer auch dies⸗ mal nicht zuvor, ſondern nur nach, und nur zu Hälfte nach. Das erſtemal, daß wir uns hier auf einer Lüge ertappen laſſen, kann uns verderben für immer. In Wahrheit, meine Correſpondenten im Süden ſind darauf gefaßt, daß mit der erſten Nachricht von der Freiheit der engliſchen Sclaven der Sclavenaufſtand in Amerika ausbrechen wird. Entſetzliches Angſtgeſtöhn liegt in meinem Pulte. Alle die weißen Hände, die heute noch an mich ſchreiben, haben das Vorgefühl, ſie können binnen Jahr und Tag von der Erde verſchwunden ſein. Ja, meine Herren, die größere Hälfte der Union, durch Sclavenarbeit ein Paradies, kann ſchauderhafte Selavenarbeit bald in eine ausgebrannte ———— ereil unſer in damit! n Staaten hede dent der Ver⸗ fort und nden Staat 3Selaven hmen hoch weil ein z möglich, hon einen ir unſern ir fie zu hr eigenes in jenſeit a jenſeits der nicht. ie können cks heran⸗ 1' erkennt en Wahr⸗ und dem wort ſagte r prügeln auch ditö ich. De kann und in Süden reihei der ird. te ebrann 9 — 209— Wüſte, in einen Leichenanger voll gebleichter Gebeine verwand elt haben — We are in a free country! bebte es unwillkürlich von Moor⸗ feld's Lippen; der Virginier aber ſagte blaß lächelnd: er vertraue der göttlichen Vorſehung. Mr. Livingſtone ſchwieg. Die beängſtigende Pauſe unterbrach der barocke Lord Ormond, der wie die luſtige Perſon nach der Tragödie ſich jetzt zu unſrer Gruppe fand. Er mußte dem Geſpräche aus der Nähe gefolgt ſein, denn er redete Mr. Livingſtone an: Erlauben Sie, mein Herr, daß ich auf meinem Standpunkte Ihrer Philoſophie mich anſchließe. Sie haben die Bemerkung ausgeſprochen, daß die amerikaniſchen Nigger um vieles höher ſtünden, als ihre afrikaniſchen Stammgenoſſen. Dieſe Bemerkung iſt ſo fruchtbar an Folgerungen, daß ſie noch weit über Ihr gegen⸗ wärtiges Ziel hinausführt. Sie haben die Perfectibilität der Neger⸗ race ausgeſprochen;— bei dem Worte„Perfectibilität“ wußte Moor⸗ feld ſogleich, wohin der edle Lord ziele. Er ſah ſich nach einem paſ⸗ ſenden Rückzuge um, der Engländer aber nahm ihn freundlich bei der Hand und hielt ihn feſt. Moorfeld ſeufzte. Der Engländer fuhr fort:— und doch iſt dieſe Perfectibilität ſeit dem Anbeginn der Schöpfung in Afrika latent geblieben. Wäre ſie in Amerika nicht zum Vorſcheine gekommen, man hätte ſie ganz und gar geleugnet. Das iſt wichtig. Denn nun werden wir mit Recht weiter gehen und fragen dürfen: Hat ſich der Bozal durch den Umgang mit einer ge⸗ bildeten Race veredelt, müßte ſich eine Art von erſchaffenen Weſen, die zunächſt unter den Bozals ſtünden, im Verkehre mit dieſen nicht gleichfalls vermenſchlichen? Ja, dürfen wir dieſe Frage auf jeder nächſt tieferen Stufe der beſeelten Schöpfung nicht ſtets von Neuem wiederholen? Gewiß dürfen wir das. Damit iſt aber eine Continuität der intellectuellen Welt gewonnen, welche die unlogiſchen Grenzen zwiſchen Menſch und Thier aufhebt. Sie ſprechen von der Emanci⸗ pation der Neger,— ich ſpreche von der Emancipation der Thiere ſelbſt. Ich wünſchte nichts ſo ſehr— denn noch iſt es nicht allen Menſchen verliehen, einen Syllogismus wie eine Thatſache auf ſich wirken zu laſſen,— ich wünſchte nichts ſo ſehr, als daß es neueren Entdeckungsreiſenden gelingen möchte, den Gorilla⸗Affen wieder auf⸗ zufinden, deſſen Gattung der karthaginienſiſche See⸗Forſcher Hanno ge⸗ ſehen hat und deſſen Menſchenähnlichkeit in dem„Periplus“ ſo D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 14 210 merkwürdig beſchrieben iſt. Hätten wir dieſen Gorilla⸗Halbmenſchen, dieſen Einen ausgebrochenen Zahn in dem Uhrwerke der lebendigen Schöpfung, ſo würden wir wohl für immer aufhören, die Natur in eine thieriſche und menſchliche zu zerreißen, d. h. wir würden anfangen, das Thier zum Menſchen zu erziehen. Bis dahin, meine Herren,— und ſo demonſtrirte der britiſche Philoſoph weiter. Wir wiederholen im Salon nicht mehr was wir ſchon auf dem Wege dahin zu bewun⸗ dern Gelegenheit hatten. Zu bedauern fand es Moorfeld nur, daß es ſich auch hier wiederholte. Nach der tief-⸗ernſten Stimmung, welche der vorige Gegenſtand angeregt, war dieſe Farce doch recht unpaſſend an ihrem Platze. Sie wirkte nicht komiſch, ſie war nur widerwärtig. Noch mehr. Eine Bewegung im Saale erweckte Moorfeld's Aufmerkſamkeit. Drei Damen hatten einen Gang durch die Geſellſchaftszimmer ge⸗ macht— ihr Bild traf Moorfeld's Auge nur noch wie ein Streiflicht. Die mittlere der drei Frauen war Mrs. Bennet, die Hausfrau; aber Moorfeld verwunderte ſich, daß auch eine der beiden andern, ein blonder Mädchen⸗ kopf, ihm nicht unbekannt ſchien. Wie ein Strahl blitzte es auf in ihm, wie aus einem Traume fuhr er empor, er riß ſich von dem Engländer los, er ſtaunte, er drängte der Erſcheinung nach, welche mit den reizenden Bewegungen eines jugendlichen Körpers am Arme der älteren Dame und unter dem Andrang allſeitiger Huldigungen ſich durch die Wogen der Geſellſchaft wand. Er kam zu ſpät. Der Engländer hatte im Eifer ſeiner Diſſertation ihn wie mit Greifſcheeren feſt gehalten. Ja, zu ſeinem Verdruſſe glaubte Moorfeld ſogar zu bemerken, daß das Blondköpfchen die Zuhörergruppe des verrückten Lords mit einem fein⸗ſatyriſchen Lächeln auf den Lippen vorüber⸗ gewandelt. Das Ganze war das Werk eines Augenblicks. Dieſe Epiſode riß unſern Freund aus allem Zuſammenhang mit dem Rout. Er ſtand eine Weile lang in jener tiefſten Vereinſamung, welche mit Unrecht Geiſtesabweſenheit heißt. Sein Geiſt war von der Außenwelt abweſend, wie es ein Taucher von der Erde iſt. Er ver⸗ ſenkte ſich in ein Element, worin keine Geſellſchaft möglich iſt. Die d Damen verſchwanden mehr und mehr in die Tiefe der Säle hinab un menſchen, ebendigen Natur in anfangen, erren,— lederholen u bewun⸗ nur, daß g, welch unpaſſend erwärtig⸗ rkſamkett nmer ge⸗ icht. die Moorſeld Mädchen⸗ auf in von dem , welche am Arme ldigungen dt. Der iiſſcern ſogar i verrückten vorlber⸗ heng mi nſomung, von der Er vel⸗ iſt di ſin ab und — 211— Moorfeld's Auge folgte noch immer, gleichſam wie man einen Gegen⸗ ſtand oft in perſpectiviſcher Entfernung betrachtet und hofft, ſeines Bildes ſich deutlicher zu verſichern als in der Nähe. In dieſem Zuſtande fand ihn Mr. Bennet. So in Gedanken, Sir? Nicht wahr, man kann recht ſich ſelbſt leben auf einem Rout? Aber was höre ich! General Morton aus Virginien ſagt mir ſoeben, Sie beabſichtigten demnächſt eine Anſiedlungsreiſe an den Ohio? Iſt es an dem? Im Schreck darüber ließ ich den Biſchof Paxton ſtehen, der mich juſt zum Vertrauten ſeiner Kirchenbedürfniſſe gemacht hat, und dem ich doch artig ſein muß, denn der Zelot hat Einfluß und ich erwarte jeden Augenblick eine Ladung Gipsabgüſſe— nach dem Museo Borbonico! Es war Moorfeld eigenthümlich zu Muthe, jetzt an ſein Urwalds⸗ Project erinnert zu werden. Er erſchrack faſt. Bennet fuhr in ſeiner affablen Manier fort: Freilich gratulire ich uns anderſeits wieder, daß Sie ein Bürger unſrer Staaten werden wollen. Und dürfte ich dreinreden, ſo würde ich erinnern, daß unſer Hudſon hier auch ein angenehmes Flüßchen iſt. Seine Naturſchön⸗ heiten— Ich halte die Winter⸗Saiſon vielleicht in Newyork, antwortete Moorfeld. Das Wort war geſprochen, er wußte nicht wie. Doch fühlte er ſein brennendes Erröthen darüber. Tant mieux! tant mieux! jubelte Mr. Bennet. Moorfeld hörte ihn und mußte ſich zuſammen nehmen, ihn auch zu ſehen. Sein Auge war wie gebannt. Und doch waren die Damen in der Reihe der Säle längſt nicht mehr ſichtbar, nur die Bewegung der Geſellſchaft kräuſelte noch, wie Furchen die der Schwan zieht, den Verſchwunde⸗ nen nach. Ich bin gekommen, fuhr Bennet fort, Sie um Ihre Geſellſchaft ins Theepavillon zu bitten. Wir wollen unſern Thee nehmen, wenn es Ihnen gefällig iſt. Mr. Livingſtone wird von unſrer Parthie ſein und noch einige andre Gentlemens meiner engeren Bekanntſchaft. Sollte Moorfeld ſeine augenblickliche Stimmung opfern, ſo that er's noch am liebſten in Bennet's Geſellſchaft. Er folgte. 14* — 212— Der Hausherr führte ſeinen Gaſt die Converſationsſäle, Spiel⸗ zimmer und Trinkſtuben entlang an das äußerſte Ende der Apparte⸗ ments. Dort lud ſich ein niedlich verſtecktes Plaudercabinet erker⸗ artig auf eine Terraſſe aus, welche mit einer Fülle tropiſcher Gewächſe beſetzt war. Das Cabinet bildete eine Art Glaspavillon, ſeine Form war die des Achteckes. Ein runder in dieſem Augenblicke reich gar⸗ nirter Theetiſch nahm die Mitte des Gemaches ein; den übrigen Raum erfüllten breite Divans, niedrige Fauteuils, ſogar einige Schaukelſtühle, zum Beweis, daß das reizende Reduit, außer ſeiner Beſtimmung als Eſtaminet, auch ſchöneren Beſuches gewürdigt wurde. Die acht Ecken des Gemaches verzierten Blumen⸗ und Fruchtkörbe aus japaniſchem Bambusrohr auf vergoldeten Poſtamenten. Das Licht fiel von oben durch eine Conſtruction von Spiegelgläſern ein, welche aber ein Netz von Schlingpflanzen ſo anmuthig überkleidete, daß vom ganzen Apparat nichts zu ſehen war, als ſeine Leiſtung ſelbſt, eine milde dämmerige Mondeshelle. Die Gardinen der Fenſter waren niedergelaſſen mit Ausnahme eines einzigen. Dieſes zeigte im Vordergrunde eine charakteriſtiſche Laubmaſſe vom Battery⸗Park, darüber ein ritterliches Stück Mauerwerk vom Caſtel Garden, im Hintergrunde das Meer. Vor⸗ und Mittelgrund lagen in tiefer Nacht, das Meer warf von ſeiner fernen Höhe das letzte purpurne Abendlicht herein. Der offene Fenſterraum contraſtirte zu den Gardinenfarben, die ihn rechts und links einrahmten, und zu der eigenthümlichen Beleuchtung des Cabinets ſo täuſchend, daß der Eintretende im erſten Augenblicke keine natür⸗ liche Ausſicht, ſondern ein bezauberndes Landſchaftsbild, durch irgend einen optiſchen Effect erzeugt, vor ſich zu haben wähnte. Moorfeld ſchickte aus vollſter Seele dem Meere ſeinen Gruß hinaus. Den Eingang des Cabinets bildete nach gewöhnlichem Brauch engliſcher Trinkſtuben ein Vorhang. Dieſer Vorhang war halb zurück⸗ geſchlagen, ſo daß ein Theil des hier beſchriebenen Inneren den Ankömmlingen ſchon aus einer gewiſſen Diſtanz bemerkbar wurde. Moorfeld erkannte von den anweſenden Gäſten Dr. Channing, Dr. Griswold und Mr. Livingſtone. Er erblickte aber noch drei oder vier andere Herren an der Tafelrunde, welche ihm unbekannt waren. Herr Bennet erklärte ſie ihm folgender Weiſe: Rechts neben Dr. Channing ſitzt Oberſt Gault, Director der Militärakademie in 1 Spiel⸗ lpparte⸗ t erker⸗ ewächſe e Form ich gar⸗ n Raum kelſtühle, ung als t Ecken miſchem on oben ein Net Apparat nmerige en mit e eine erliches Meer. arf von 3 offene zts und gabinets natür⸗ irgend doorfeld Brauch zurück⸗ en den wurde. anning, ei oder waren. neben mie in — 213— Weſtpoint. Ein ſehr gelehrter Militär, der aber möglicherweiſe den ganzen Abend den Mund nicht öffnen wird, wenn wir nicht zufällig von Mathematik ſprechen. Auf der andern Seite erblicken wir Mr. Wood mit Schwager und Schwiegerſohn. Die drei Herren ſind die Firma einer patentirten Licht⸗ und Seifenfabrik; ſie zogen es aber, wie wir ſehen, heute vor, in ihren glänzenden Uniformen zu erſcheinen. Die beiden jüngern tragen weißes Beinkleid, blauen Frack und Lederzeug von rothem Maroquin. Es iſt die Uniform der Kaufleute von den Freiwilligen⸗Compagnien unſrer Miliz. Mr. Wood, der ältere, iſt Major eines Freiwilligen⸗Schützenbataillons und trägt die theatraliſche Uniform der Bergſchotten. Das Coſtüm iſt durch W. Scott's Romane faſhionable geworden. Dieſe Schwäche aus⸗ genommen, ſind es vernünftige Leute, die keine Partie verunzieren; ſie beſitzen vielmehr einen gewiſſen Verfeinerungstrieb, womit ſie, wie ich mich ausdrücken möchte, ungefähr auf der Grenze von Böotien und Attika zu ſtehen kommen. Ohne ſelbſt Juwelen zu ſein, gleichen ſie jenen Folien etwa, welche der Joailleur unter ſeine Juwelen legt, um ihren Glanz zu erhöhen. Sie ſind als anregende und ſecundirende Elemente verwendbar. Dabei beſitzen ſie die ſeltenſte Eigenſchaft eines Amerikaners: Autoritätsglauben. Bemerken Sie gefälligſt, Dr. Channing, unſer Cato, hält wieder einen ſeiner catoniſchen Vor⸗ träge. Er macht ſo eben unſer Volk ſchlecht. Der Mann hat ein eigenes Talent dafür. Er ſecirt uns ſo deliciös, wie man eine Trüffelpaſtete zerſchneidet. Und ſehen Sie, die Herren Decorations⸗ offiziere ſitzen dabei und beobachten eine bewaffnete Neutralität. Das iſt viel für einen Amerikaner. In der That war es ſo. Die impoſante Geſtalt Dr. Channing's ſaß, wie ein heraldiſches Bruſtſchild, hinter einem Eisaufſatz, welcher eine Fruchtpyramide bildete, beſtehend aus künſtlich geformten Trauben, Granatäpfeln, Ananasorangen, Citronen, Mandeln und ähnlichen Fruchtformen. Das Hauptſtück dieſer Pyramide war eine Melone, gefüllt mit zuſammengefrorenem Champagnerſchaum. Indem Dr. Channing die Rinde dieſer Eismelone anſchnitt, redete er unter einem Duftſtrom der köſtlichſten Aromen ohne Barmherzigkeit auf die Herren Woods ein, welche mit geſenkten Häuptern zuhörten und in der köſt⸗ lichen Süße des Augenblicks den Contraſt des Herben geduldig mit 214 hinunterſchluckten. Die Herren mußten ihre amerikaniſchen Inſtitutionen geprieſen haben; denn Moorfeld hörte in dem Augenblick, den wir beſchreiben, von Channing's Rede noch Folgendes: In Einer Hinſicht haben unſre Inſtitutionen uns Alle getäuſcht. Sie haben nicht jene Veredelung des Charakters bewirkt, welche die köſtlichſte und in Wahrheit die einzig weſentliche Segnung der Frei⸗ heit iſt. Unſre Fortſchritte des Gedeihens ſind in der That ein Weltwunder geworden, aber dieſes Gedeihen hat auch viel dazu beigetragen, dem veredelnden Einfluß freier Inſtitutionen entgegen⸗ zuarbeiten. Beſondere Umſtände der Zeit und unſrer Lage haben einen Strom von Wohlſtand über uns ausgeſchüttet und die menſch⸗ liche Natur iſt nicht ſtark genug geweſen, dem Anfalle einer ſo ſchwe⸗ ren Verſuchung zu widerſtehen. Tugend iſt theurer geworden als Freiheit. Die Regierung wird mehr als ein Mittel zur Bereicherung des Landes als zur Sicherung der Einzelnen betrachtet. Wir ſind mit dem Gewinne als mit unſerm höchſten Gute eine Ehe eingegangen und Niemanden darf es wundern, daß aus dieſer Ehe die gemeinſten Leidenſchaften entſproſſen ſind, welche alle beſſern moraliſchen Stützen unſers Gemeinweſens entfeſtigen, während ſelbſtiſche Berechnung, Neigung nach äußerm Schein, Verſchwendung, unruhige, neidiſche und niedere Begierden, wilder Schwindelgeiſt und tolle Speculationswuth die Stelle dafür einnehmen. In Wahrheit, es geht ein Geiſt der Zügelloſigkeit und der Verwilderung durch unſer Land, der, wenn er nicht unterdrückt wird, der gegenwärtigen Geſtaltung der bürgerlichen Geſellſchaft die Auflöſung droht. Selbſt in den älteren Staaten der Puritaner nehmen Pöbelhaufen die Regierung in ihre Hand und eine verworfene Zeitung findet es leicht, die Menge zur Gewaltthätigkeit anzureizen. Ich ſage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß die über⸗ hand nehmenden Beiſpiele unſrer Volksjuſtiz, denen nicht das dunkelſte Rechtsgefühl, ſondern bloßer Hang zur Ausſchweifung zu Grunde liegt, uns als ein Volk hinſtellen, welches von den erſten Grundſätzen der Freiheit keinen Begriff hat. Der weiche ſchwellende Mund, der dieſe Strafrede gehalten, er⸗ quickte ſich hierauf mit der beſagten Eismelonenſchnitte. Die Miliz⸗ offiziere dagegen erquickten ſich gar nicht. Es war ein eigenthüm⸗ liches Schauſpiel, unter welchen Gefühlen dieſe glänzenden Herren in tutionen den wir getäuſcht elche die er Frei⸗ hat ein iel dazu entgegen⸗ e haben menſch⸗ ſcwe⸗ den als eicherung ſind mit gegangen meinſten Stützen echnung, ſche und lonswuth Heiſt der wenn er gerlicen aten der und eine bätigkeit ie über⸗ dunkelſt de liegt ſtzen der ten, er⸗ Miliz⸗ enthum⸗ erren in 215— ihren koketten Uniformen daſaßen, und keines Einfalls, keiner Erwie⸗ derung fähig waren, um deretwillen ſie den Mund hätten öffnen können. Die Niederlage, ſah man, war vollſtändig auf ihrer Seite. Endlich erhob doch Mr. Wood, der Bergſchotte, ſeinen Blick von dem ſilberplattirten Korkpfropfen, mit dem er bisher gedankenlos ge⸗ ſpielt, und ſagte kleinlaut: Aber unſre Erziehung, Doctor! unſre Schulen! Und ſogleich ſtimmten Schwiegerſohn und Schwager des Herrn Wood mit ſichtlich erleichterten Herzen ein: Ja, ja, unſre Schulen! das iſt's. Welche Nation der Welt thut ſo viel für ſie wie wir? Unſre Schulen mehren ſich täglich, und mit ihnen wächst ſtündlich die Hoffnung— Unſre Schulen mehren ſich täglich, antwortete Doctor Channing gelaſſen, aber mehrt ſich der Geiſt, den unſre Schulen zu überliefern haben? Wie wird der junge Amerikaner erzogen? fragen wir uns vor Allem das, meine Herren. Der Geiſt unſrer Pädagogik iſt nicht der, Menſchen zu bilden, ſondern Rechenmaſchinen zu machen. Der Amerikaner ſoll baldmöglichſt ein Dollar erzeugendes Automat werden, das allein iſt's, wofür die Schule zu ſorgen hat. Für ſein warmes, aufquellendes Menſchenherz kümmert ſich kein gemietheter Lehrer, der ja ſelbſt nur Dollars erzeugt aus dem menſchlichen Rohſtoff ſeines Schülers. Eine zartere Vorſorge findet der Amerikaner eigentlich nur in ſeiner früheſten Kindheit; da aber allerdings mehr als bei jedem andern Volke. Die Mühe und Sorgfalt, die auf die Wartung und Ausſchmückung unſrer Kinder verwendet wird, iſt in der That groß genug, den reichſten Mann arm zu machen, wenn ihm der Himmel der Nachkommen Viele beſchert. Die weichlichſte Pflege entkräftet frühzeitig den Körper, die Fütterung mit ſüßen und ſtarkgewürzten Sachen verdirbt den natürlichen Geſchmack, die Stubenerziehung und Verhätſchelung erſtickt den derben Kern der Geſundheit. Freilich ſind unſre Kinder dafür wahre Modells von Engeln, und ich gebe gerne zu, es ſei kein holderer Anblick in der Welt als ein amerikaniſches Baby. Trauriger Ruhm, daß wir die ſchönſten Puppen erziehen, zu unſchönen Menſchen. Denn kaum ver⸗ mag nun das Kleine Händchen und Füßchen zu regen, ſo läßt man 216 dieſen zarten Spiegel der Volksſouverainetät bereits nach Herzensluſt ſchalten und walten. Wo ſich Trotz, Muthwillen, Starrſinn und Hang zur Widerſetzlichkeit kund gibt, wird ſie mit Freude begrüßt, als ein Zeichen künftiger Mannestüchtigkeit. Die Kinder üben vollkommene Ueberlegenheit gegen ihre Eltern. In die erſte Schule kommen ſie ſchon als unbeugſame Republikaner⸗Gamins, und die Luſt, nach ihren Einfällen ihre Kraft zu verſuchen, wächst mit jedem Tage. Sie lernen bereits nach ihrem Tadler mit Piſtolen ſchießen, und ſchieben das erſte Primchen Kautabak in den verſchlemmten Süßmund. Auch betrinken ſie ſich. Mit dem zwölften Jahre wird der Knabe in die höhere Schule geſchickt, er denkt aber wenig mehr an Schulen, ſondern an Dinge, welche die Natur ſonſt nur auf die Gedankenbahn bringt, wenn der Bart keimt. Sein Griechiſch und Latein, ſeine Phyſik und Mathe⸗ matik und endlich jene banauſiſche Miſchung von Denk- und Naturge⸗ ſetzen, Sittenlehren und Geſchichts⸗Anekdoten, welche man Philo⸗ ſophie nennt— das Alles nimmt ihm nur vier, oft nur zwei Jahre weg. Von einer tieferen claſſiſchen Bildung, welche dem Jüngling die geiſtigen Beſitzthümer der Menſchheit alter und neuer Zeit über⸗ mittelte, welche ebenmäßig ſeine Seele ausbildete und ihm ein⸗ für allemale die Gerechtigkeit und die Schönheit, ſtatt die Nützlichkeit zum Lebensprinzip machte— von einer ſolchen Bildung iſt in unſern Schulen nicht die Rede. Es wird ſchnell und oberflächlich viel gelernt, der Unter⸗ richt in der Weltgeſchichte fällt ſo gut wie gänzlich weg. Kann der Knabe nur die Aeußerlichkeit, die Handgriffe einer Sprache oder Wiſſenſchaft zur Schau tragen, ſo iſt man ſehr zufrieden. Bei den öffentlichen Prü⸗ fungen ein Stück her zu überſetzen, darauf allein ſteuert man los; gerade ſo wie der Muſiklehrer am Beſten fährt, der ſtatt das Verſtändniß eines mehrſtimmigen Tonſatzes zu lehren, viele neue und melodiſche Muſikſtückchen einfingern läßt. So werden die Klaſſen durchlaufen, die Zeugniſſe darüber in die Taſche geſteckt, die Schule iſt abgethan. Der junge Mann, denn Mann iſt er nunmehr, und hätte er auch das ſechszehnte Jahr nicht zurückgelegt— der junge Mann ſchlendert hierauf eine gute Weile frei und müſſig umher und nennt das, die Welt kennen lernen. Dieſe Welt ſind die Promenaden, die Auſternkeller, die Kegel⸗ bahnen, die Theater, die Matroſenkneipen und— die dritte Avenüe! Aeußerſt zufrieden mit ſich ſelbſt, ſieht man ihn durch die Straßen Herzensluſ und Hang , als ein ollkommene tommen ſie nach ihren Sie lernen das erſte Gbetrinken die höhere an Dinge, wenn der d Mathe⸗ Naturge⸗ m Philo⸗ wei Jahrt Jüngling geit über⸗ ein⸗ für chteit zum m Shula der Unttr⸗ der Kenabe giſenichf ichen pri⸗ g; gerce erſtändnih melodiſch rchlaufen, ahgethan auch das t hierau ilt kennen ie Set⸗ Avenüt! Straßel — 217— ſtolziren, den Mantel maleriſch, nämlich für Carricaturmaler, um die Schultern geworfen, den langen nackten Hals über den niedrigen Hemd⸗ kragen emporſtreckend, das ſchnell verknöcherte Haupt in einer Tackelage von zottigen Locken. Die ganze Welt ſteht ihm offen, er iſt Bürger des freieſten Volkes der Erde. Die Weichheit und Keuſchheit, die Be⸗ geiſterung des erſten Jünglingsalters liegt ſchon lang hinter ihm, oder beſſer, er hat ſie nie gekannt. Jetzt ſteht ſein einziger Ehrgeiz dar⸗ nach, der Welt zu zeigen, was er für ein Mann iſt. Zu dieſem Ende wird er Mitglied einer Feuerlöſchcompagnie, liest die Zeitungen, ent⸗ ſcheidet ſich für eine Partei, und ſpricht klein von großen Verdienſten. Aber das Alles greift ihn fürchterlich an. Er muß bereits ſeine erſte Geſundheitsreiſe machen. Gewiß, er muß nach dem Süden, oder nach den Rocky⸗Mountains, oder nach Baden⸗Baden, nach Nizza, nach Vaurhall. Ohne die letzte Suppe mit der Familie zu eſſen, ohne den letzten väterlichen Gruß, aber mit deſto mehr väterlichen Wechſeln ſitzt er eines Morgens auf der Eiſenbahn, im Schiffe, und durchſtöbert die Erde, ſo weit der letzte Cent reicht. Man könnte dies Schwärmen dichte⸗ riſch nennen, wäre nur etwas Gemüth dabei, etwas Luſt oder Qual. Aber er langweilt ſich, genießt gähnend und im Contraſt mit der Fremde beſchleicht ihn dann doch ein gewiſſes Bewußtſein ſeiner Schein⸗ bildung. Das Alles macht ihm das Reiſen unbehaglich. Zu Hauſe aber ſagt er, die Sehnſucht nach unſerm freien und aufgeklärten Lande habe ihn heimwärts getrieben, denn Alles Uebrige wäre ja doch nur Bettel. Jetzt iſt er zwanzig Jahre alt und beginnt ſeine Bekehrung. Er überzeugt ſich, daß er zu dem sham ſeiner Studien, zu dem sham ſeiner Reiſebildung, zu dem sham eines weit gereisten smart-mans zu guter Letzt auch den sham des Chriſtenthums nöthig habe, um unter ſeinen Mitbürgern zu reüſſiren. In dieſer Stimmung trifft ihn der Prediger, der Freund ſeiner Mutter. Er redet auf den jun⸗ gen Mann ein, er zeigt ihm, wie viel Geld das tolle Leben koſtet, wie wohlfeil dagegen das Abonnement eines Kirchenſtuhls ſei. Er empfiehlt ihm das Sacrament der Ehe— natürlich mit einem reichen Mädchen. Er ſtellt ihm die Ausgaben für die dritte Avenüe und die Einkünfte aus dem Vermögen einer„reſpectablen“ Frau ſo faßlich gegeneinander, daß Zahlen, welche Alles beweiſen, in dieſem Falle auch die Tugend beweiſen. Zuweilen kommt es aber auch vor, daß die Bekehrung länger 218 auf ſich warten läßt. Dann iſt die gewöhnliche Kriſis eine heftige Scene zwiſchen Vater und Sohn. Der Letztere verläßt noch einmal das Haus und jahrelang hört und ſieht man nichts von ihm. Fragt man den Papa, wo John ſei, ſo heißt es: John iſt gegangen, er wollte nicht gut thun, er wird eines Tags wohl wieder kommen— und im Stillen ſetzt er hinzu: als Millionär. Und ſo kommt er auch! randalirte Mr. Bennet, im ſcherzhaften Charakter eines Yankee⸗Boys, indem er mit ſeinem Gaſte jetzt vor⸗ trat— hören Sie, Doctor, die Million iſt ſehr gut! Aus Geld wird Geiſt, kein armes Volk bringt's zur Cultur. Es lebe die Million! Die Tiſchgeſellſchaft blickte auf. Jubelnd begrüßte man den Haus⸗ herrn. Jubelnd applaudirte man ſeinem Impromptü zu, alle Gläſer erhoben ſich, und im bacchanaliſchen Chor ſcholl es von Mund zu Mund: Es lebe die Million! Man ſah es den vergnügten Geſichtern der armen Milizoffiziere an, wie unendlich froh ſie über dieſe glück⸗ liche Ausbeugung waren. Bennet und Moorfeld nahmen ihre Plätze ein. Moorfeld fand es nicht ohne Reiz, daß in einem amerikaniſchen Salon Reden gehalten werden konnten, wie er zuvor von Mr. Livingſtone und jetzt aus Dr. Channing's Munde gehört. Dieſe Strafoden ſchienen ihm ein weit beſſeres Zeugniß für Amerika's Kraft und Geſundheit, als ſeines Herrn Staunton's Bauſch⸗ und Bogen⸗Patriotismus. Er ſah in Bennet's Salon einen jener Centralpunkte, in welchem die wahrhaft vorwärts treibenden und idealiſirenden Kräfte einer Nation pulſiren. Nicht plattes Selbſtlob, ſondern der ariſtokratiſche Ton der Abſprechung, der Voltaireanismus, die Kritik, die Satyre— horaziſche wie juve⸗ naliſche— verrichten dieſes Amt. Man erweitert die Volksſitte, in⸗ dem man ſie negirt; der Spott iſt productiv und der Tadel wird zum Verdienſt in ſolchen Zirkeln, man beleidigt das Volksleben nicht, man nützt ihm. Man bricht das Herkommen, man macht Zukunft. So war es der Nankee ſelbſt, der ſich zum luſtigen Verbrauche dieſes Kreiſes hergeben mußte. Der Ton, den Dr. Channing ange⸗ ſchlagen, klang fort, nur ſeit dem Eintritt Bennet's und Moorfeld's in minder tragiſcher Weiſe. Der heitere Schaumwein von der Marne mouſſirte, die Temperatur der Anecdoten⸗Blüthe entwickelte ſich. Man ne heftig chh einmal n. Fragt mgen, er mmen— herzhaften jetzt bor⸗ Aus Geld lebe die den Haus⸗ le Gliſer Mund zu Geſichtern teſe glüc feld fand gehalten jetzt aus ihm ein als ſtine r ſch i wahrhaft pulſiren prechung, wie jubf⸗ gſttte, in wird zum iht, nan t. derbrauch m ange⸗ boegfidt r Marnt -. Man — 219— beutete das originelle Volksthum Oncle Sams in zahlloſen Charakter⸗ zügen aus: von vielen derſelben erkannte Moorfeld wohl, daß ſie zu jenen geſtempelten gehörten, dergleichen jede Nation als ſtehende Symbole thres Begriffes aufzuweiſen hat. Andere aber waren unmittelbare, rein perſönliche Erlebniſſe. Mr. Bennet erzählte z. B., er habe in Rom eine Parthie alter koſtbarer Italiener verpackt, als über dieſer Arbeit ein Yankee aus Connecticut in's Bureau des Spediteurs trat. Ei, ei, Miſter, rief er ſogleich, ich rathe, Ihr werdet da ein dickes Stück Geld Eingangszoll bezahlen; Oelgemälde bezahlen doch Zoll, das wißt Ihr. Aber was thut's? Ofenſchirme bezahlen keinen. Nun, Miſter, ich wäre meines Vaters ſchlechteſter Sohn, rathe ich, wenn ich nicht eine Auflöſung aus Kalk oder Leim nähme, und den ganzen Krickelkrackel damit übertünchte. Verdammt ſeien meine Augen, ich importirte das Zeug wahrhaftig unter Ofenſchirm⸗Declaration; an Ort und Stelle ließe ſich der Anſtrich ja wieder ablöſen. Das thät' ich, oder ich will nicht mehr weiß ſpucken, Miſter. Und in der That be⸗ griff der smart-man aus Connecticut nicht, was mich abhielt, ſeinen vortrefflichen Rath zu befolgen. Von der naiven Roheit des amerikaniſchen Kunſtgefühls erzählte Moorfeld, der dieſe Saite nicht ſtärker berühren mochte, als er ſonſt wohl gekonnt, jenen artigen Zug aus der erſten Stunde ſeines Landens, da er ein Kinder⸗Träubchen in die Mitte zweier ſpielender Neger⸗ Orcheſter ſich ſtellen ſah, weil ſie„zwei Muſik“ hören wollten. Der gelehrte Doctor Griswold ließ den ſtets verehrten Ton ſeiner dünnen Kinderſtimme hören und ſagte: Von dieſem Thema können wir nicht ſprechen, ohne des unſterblichen Factums zu gedenken, daß eine ganze Nation ein Spottlied auf ſich ſelbſt in Texrt und Muſik verkennt und es zu ihrer National⸗Hymne macht. In einem ſatyriſchen Schlagworte, Parteinamen u. dgl. ſich ſelbſt zu ironiſiren, iſt be⸗ kanntlich ein hiſtoriſcher Lieblingszug der Völker: aber Satyre und Ironie gar nicht zu merken, das konnte nur unſerm Bruder Jonathan paſſiren. Ich ſpreche von dem Urſprunge des Vankee-Doodle. Sie wiſſen, meine Herren, wie lange uns dieſer Urſprung apokryphiſch war, und heute noch weiß man im größeren Publikum nicht, welcher der vielen Verſionen darüber man die hiſtoriſche Aechtheit zuſprechen ſoll. Authentiſch aber iſt folgende Verſion: Im Anfange des Jahres 220 1755 verſammelten ſich die Colonialtruppen von Neu⸗England bei unſe Albany, um mit den Truppen des Mutterlandes unter General John⸗ bur ſton gegen die Franzoſen in Crownpoint zu marſchiren. Die Ame⸗ Ba rikaner bildeten den linken Flügel, die Europäer den rechten der bri⸗ Fir tiſchen Streitmacht. Von der altengliſchen Truppe berichtet die Chronica Oj nichts, wohl aber von der unſrigen. Der Aufzug der amerikaniſchen M Milizen ſoll nämlich ſo lächerlich geweſen ſein, wie das Corps jener mi wahrhaft Unſterblichen unter Sir John Fallſtaff. Einige waren in be langen Röcken erſchienen, Andere in kurzen, wieder Andere in gar bi keinen. Einige trugen ihre Haare kurz geſchoren, nach Art der Rund⸗ hi köpfe Cromwell's, Andere ſtolzirten in gravitätiſchen Puderperücken à la Louis-quatorze. Ihre Uniformen imitirten alle Farben des u Regenbogens, ihre Bewaffnung ſpielte mitunter ins Nachtwächterliche. Von ihrer Feldmuſik war das neueſte Stück zweihundert Jahre alt. Letzteren Umſtand benützten die engliſchen Offtziere, die ſchon längſt 1 darauf geſonnen, für das Ridikül einer ſolchen Kameradſchaft mit einem L luſtigen Streich ſich zu entſchädigen. Dieſer ganzen Pyramus⸗ und f Thisbe⸗Truppe, ſagten ſie, fehlt nichts, als daß ein Tonſetzer, ſo wie ſe ſie leibt und lebt, ſie in Muſik ſetzte. Die Kerls müßten offenbar nach einem traveſtirten Feldmarſch marſchiren, der ihre militäriſche Lächerlichkeit auch muſikaliſch ausdrückte. Geſagt, gethan. Die Eng⸗ d länder hatten einen Spaßvogel unter ſich, einen gewiſſen Dr. Shekbourg. Dieſer erinnerte ſich einer Schweinstreiber⸗Melodie, die er einſt von einem Hannoveraner gehört hatte, welcher ſie von einer weſtphäliſchen Bauernhochzeit herübergebracht.(Unſre National⸗Hymne iſt alſo deutſch, ſchaltete der Doctor verbindlich gegen Moorfeld ein.) Dieſer Dr. Shek⸗ bourg, fuhr er fort, war ein Stück von einem Componiſten, daneben Dilettant in der Poeterei, vor Allem aber, wie es ſcheint, ein Genie in der bas-comique. Er ſchrieb alſo ſeine Dudelſack⸗Melodie al marchia nieder, verſchnörkelte ſie und dichtete einen ſpaßhaften Text dazu— d. h. ſpaßhaft wie man es vor hundert Jahren war. Satyriſche Stupfer mit Zaunpfählen. Als ein Humoriſt von Tact verſäumte er aber auch den eingeſtreuten Ernſt nicht. So ſcheinen namentlich die zwei Verſe im Refrain: Yankee wahr' die Küſte dein— Kehr' dich nicht an Droh'n und Schrei'n— England neral Joh! Die Ame ten der br die Chroni nerikaniſche Corps jen e waren i hre in ge der Rund uderperück Farben de wächterlice Jahre alt ſhon ling mit einen mus⸗ und er, ſo mi en offenben militäriſc Die Eng Ehekbour r einſt von ſiphällſhn lſo deuſſ PDr. Ehet n, danebel ein Gant marchi- t daßu— heStuyjt eder dhe die — 221 unſere Vorfahren dergeſtalt ſatisfacirt zu haben, daß ſie darüber den burlesken Ton des ganzen Liedes, beſonders aber den katzbuckelnden Bedienten⸗Styl in der fortwährenden Wiederholung des Wortes Sir, . nicht im mindeſten krumm nahmen. Die Chronik ſagt, das Offiziercorps ſoll ſich halb todt gelacht haben, als Dr. Shekbourg ſein Machwerk zum erſtenmal producirte. Natürlich kam alles auf die mimiſche Selbſtbeherrſchung an, womit dieſer ſeinen Bären aufzubinden derſtand. Und nun ſeh' ich den närriſchen Kauz von den S huhſchnallen bis zur Stutzperücke mit ſeiner Habichtsnaſe und ſeinen kleinen klugen Augen binter der großen Brille leibhaftig vor mir, wie er gravitätiſch in unſer Lager hinüberſchreitet und die Yankee's mit der ernſthafteſten Miene von der Welt verſichert, ihre Brüder am jenſeitigen Flügel hätten ſich ihre veraltete Feld⸗ tnuſik zu Herzen genommen. Er bringe da ein neues, feines Feldſtückchen, hhabe auch neue liebliche Verſe dazu, das Alles ſei fine, very fine. Sie möchten ſich nur bedienen, die Engländer gäben es gern. Ihr großer Händel verſorge ſie überflüſſig mit ſo galanten Sachen,— dies ſei freilich eins der galanteſten. In Wahrheit, der alte luſtige Herr muß ſeine Sache gut gemacht haben, denn unſre Jugend tanzt nun für ewig nach ſeinem Dudelſack. Der Pfiff war vollkommen geglückt. Unſer Theezirkel erbaute ſich, ſo harmlos, als ſie erzählt war, an dieſer Entſtehung von Amerika's National⸗Hymne. Nur die Miliz⸗ offiziere lächelten etwas ſäuerlich dazu, eingedenk, daß ſie den Voll⸗ Zenuß ihrer ſtrahlenden Uniformen ſelbſt nur unter den ſüßen Klängen des Yankee-Doodle feierten, wenn ſie nämlich zweimal des Jahres, am 14. Juni, dem Gründungstage der Newyorker Feuerwehr, und am 4. Juli, dem Unabhängigkeitsfeſte der Union, in voller Parade ihre Aufzüge hielten. Mr. Wood, der hochſchottiſche Seifenſieder, der mie ermangelte, den Director der Kriegsſchule zu Weſt⸗Point Herr College zu tituliren, ſtrengte darum ſchleunigſt ſeinen Witz an, das Thema des amerikaniſchen Kunſtgefühls mit einem dankbareren zu überbieten. Er erzählte Anecdoten aus dem Gebiete jener National⸗ Eigenſchaft, die der Amerikaner„smart“ nennt und worin ſeine ſtärkſte Seite liegt. Von der Kunſt, dem Geſetze eine wächſerne Naſe zu drehen, wollte er ſelbſt folgende zwei Beiſpiele erlebt haben. In Con⸗ necticut, wo am Sonntag das Reiſen verboten iſt, fuhr ich mit einem Eingebornen am Sonntag ſpazieren. Mitten auf der Landſtraße wurde 222 die Equipage von einem Konſtabler angehalten. Der Konſtabler hielt uns das Geſetz vor, und forderte uns auf, ſofort mit ihm umzukehren. Gott bewahre, mein Freund, rief der Mann aus Connecticut ohne Anſtand, wenn es bei uns Geſetz iſt, am Sonntage nicht zu fahren, was ich leider nicht wußte, ſo kann dem Geſetze nicht prompt genug Folge geleiſtet werden. Ich darf die Pferde jetzt keinen Huf mehr aufheben laſſen, weder vor⸗ noch rückwärts. Es bleibt uns nichts anders übrig, als auf dieſem Punkte hier ſtehen zu bleiben und den Montag abzuwarten. Das iſt klar. Nicht wahr, Herr Major, Sie bringen unſern heiligen Inſtitutionen dieſes Opfer. Mit Vergnügen, ſagte ich. Der Konſtabler machte ein langes Geſicht und zog ab. Als wir ihn aus den Augen verloren hatten, fuhren wir weiter.— Ein andermal begegne ich meinem alten Freund, dem luſtigen Kapitän Tim Auſpice, auf der Straße von Newburyport nach Salem in Maſſachuſetts. Der gute Alte hatte längſt„beigelegt“ und rauchte ſeine Friedenspfeife im ſicheren Port, damals aber trabte er einen wahren Bräutigamstrab mit ſeinem hartmäuligen Cyrus; ich denke, es gilt irgend eine capitale Wette. Wo hinaus, flotte Seele? ruf' ich ganz erſtaunt über den närriſchen Ritt, ich rathe, Ihr habt des Orts hier herum eine halbe Million aufzuheben? Nicht doch, lieber Major, ich will bloß die hübſchen Mädchen in Salem küſſen. Gut, dann reiten wir miteinander, ſag' ich lachend. Das ſollt' Euch übel bekommen, ich denke, Ihr ſeid noch ein wenig zu jung dazu, Herr Major. Ich will verdammt ſein, wenn man nicht ſchon einen beſſern Scherz von Euch hörte, ſagt' ich empfindlich, denn das werd ich bald. Gut, dann ſeid Ihr verdammt, lieber Major, denn ich rathe, es iſt mein beſter Scherz, den ich da vorhabe. Was meint Ihr? Ich leſe auf meine alten Tage allerlei alten Schnack durcheinander, unter an⸗ deren auch die Geſchichten und Rechtsgewohnheiten unſrer Neuengland⸗ ſtaaten hier. Nun haben die Narren zu Salem heutiges Tags noch ein Geſetz, lieber Major, ein puritaniſches Geſetz, das lautet buchſtäblich wie folgt: Wenn ein junger Mann ein Mädchen ohne Zuſtimmung ihrer Eltern anzureden wagt, oder wohl gar es küßt, ſo ſoll er das erſtemal um fünf Pfund, das zweitemal um das Doppelte beſtraft, und das drittemal eingeſperrt werden. Wie gefällt Euch der Spaß? Nicht wahr, das iſt„ſchlechte Medicin“ wie ein Indianer ſagen würde. Ihr ſtabler hi umzukele jecticut ch zu fähre ompt gen Huf m uns nich hen und d Najor, Vergnüge nd zog A weiter. gen Kapit Salem und rauch ke er ein ich dent geele? u r habt d doch/ lit ſſen. Gu Euch ül dazu, be inen beſi nd ich ba rthe, 3¹ 2 36! unter dn geuenglen Tags ne buchſtlt zuſtimmu ſoll er„ — 223— ſeht aber wohl, daß ein alter Nigger, wie ich, nirgends ungeſtrafter küſſen kann als in Salem. Denn das Geſetz ſagt nur: wenn ein junger Mann— und die Jury möcht' ich wohl ſehen, die mir beweist, daß ich ein junger Mann bin. In Wahrheit, Sir, ich werde denen zu Salem einen hübſchen Eſel bohren, rath' ich. Darauf allein reit' ich jetzt aus. Hi, Cyrus, hi! Good everning, Sir! Und ſo ritt der alte Schelm von dannen. Mr. Livingſtone ſagte: Was der Amerikaner mit dem Worte „smart“ bezeichnet, ſcheint in unſerer Luft ſelbſt zu liegen, nicht bloß in unſrer Race; denn smart kann der Nigger ſo gut ſein, als der Weiße. Natürlich wird bei dieſem mehr oder minder die gentlemänniſche Form, der Tact des Maßes und der Schicklichkeit fehlen, und der Charakter des Grotesken oder Burlesken dafür an die Stelle treten. Solch ein burlesker smart-man war jener Neger Scipio, ein freier und ſtimmberechtigter Bürger der Union, ſeines Berufes aber Dienſt⸗ mann im Hauſe des berühmten Girard zu Philadelphia. Das Ge⸗ ſchichtchen, von dem ich ſpreche, trug ſich bei Gelegenheit der letzten Präſidentenwahl zu. Girard hielt natürlich, wie alle großen Finan⸗ ciers, zur ſchwarzen Cocarde, der Neger Scipio war für Jackſon. Girard's Eharakter iſt bekannt. Er konnte großherzig wie ein Lord und mesquin wie ein Holländer ſein, und letzteres war er ſicher, wenn ihm irgend etwas gegen ſeinen eigenſinnigen Gascogner⸗Kopf ging. Er ſchämte ſich dann der kleinlichſten Tracaſſerien nicht, ſich an ſeinem Widerſacher auszulaſſen. So ärgerte ihn die politiſche Gegnerſchaft ſeines Hausnegers. Er war feſt entſchloſſen, den General Jackſon um die Stimme dieſes Einen Mannes zu bringen. Am Wahltage erſann er ſich alle möglichen Arbeiten, um den armen Neger ſo zu beſchäftigen, daß es ihm unmöglich ſein ſollte, ſeinen Stimmzettel ab⸗ zugeben. Scipio ließ ſich Alles gefallen. Zuletzt, als ſchon der Tag zu Ende ging, und die Wahlurne nur noch eine halbe Stunde offen ſtand, beordert ihn Girard auch noch auf's Dach hinauf, er möge den ſchadhaften Schieferziegeln nachſehen. Scipio that auch das. Schon war der intriguante Franzoſe ſeines Sieges gewiß. Solch blödes Nigger⸗Vieh iſt doch für Dollar⸗Klang ein willenloſes Werkzeug, dachte der goldgewaltige Eigenthümer von zwanzig Schiffen;— und das will Staatsbürger ſein! Scipio revidirt indeß ſeine Dachziegel. Auf — 224— einmal nimmt er die Miene an, als erblickte er vom Dachfirſt herab einen Kameraden auf der Straße und ruft mit überlauter Stimme herab: Lauf, lauf, Tom, du ſtimmſt doch für Jackſon, mein Gold⸗ junge? Dann thu mir den Gefallen und nimm deine Beine über Achſeln, und lauf was du kannſt! Ein Schuft, der nicht für Jackſon ſtimmt! Jackſon for ever! fort mit dem Schwein! und ſo ran⸗ dalirt er im Nu die Straße voll Leute zuſammen. Ruft mir den ſchwarzen Hallunken herunter! ſtürzt der Franzoſe in ſein Bureau, die verdammte Plattnaſe verführt mir ganz Philadelphia. Und als er ſeinen Hausmann vor ſich hat— hier iſt dein Lohn, ich brauche kei⸗ nen Spektakelmacher in meinem Hauſe, mach' daß du fort kommſt.— Nicht alſo, Miſter, antwortet Scipio ruhig, wenn ich abgedankt ſein wollte, ſo hätt' ich Euch offen Widerſtand geleiſtet. Denkt Ihr denn, ich merkte den ganzen Tag über nicht, wo Ihr hinaus wolltet? Nun aber hat die Geſchichte Aufſehen gemacht— Euer eigenes Dach war meine Kanzel— das Volk weiß, um was es ſich handelt, und wenn ich wegen Jackſon von Eurer Schwelle gejagt werde, ſo zündet es Euch das Haus an, verbrennt Eure Magazine und Schiffe, denn Ihr wißt wohl, daß das Gros der Bevölkerung überall für den alten Hickorry iſt. Ich rathe, Miſter, Ihr laßt mich im Dienſte. Du biſt mein Mann, ſagte Girard, du bleibſt und rückſt vor, Leute von ſolchem Charakter lieb' ich in meinem Geſchäfte. Und Scipio lief ſchnell noch auf's Stadthaus, und gab ſeinen Wahlzettel ab. Ob nun der Fran⸗ zoſe bloß ſtaatsklug oder aus einer wirklich edlen Regung dieſen Ton anſchlug, bleibt bei der Doppel⸗Natur jenes merkwürdigen Mannes ungewiß; gewiß aber iſt, daß ein armer Neger diesmal ſmarter war, als der ſmarteſte Kaufmann der Union. Unter ſolchen und ähnlichen Erzählungen waren die Zungen trocken geworden, und als Mr. Bennet die Gläſer von Neuem füllte, hatte Mr. Wood den Einfall, einen Toaſt auf die bevorſtehende Saratoga⸗Badereiſe auszubringen. Bei dieſer Gelegenheit nahm Dr. Channing wieder das Wort. Ein ſatyriſches Lächeln ſpielte um ſeine vollen, üppigen Lip⸗ pen, und wie in Mr. Livingſtone's Anecdote zuvor Stephan Girard, der großmüthigſte Privatmann der Welt, ein Mann, der der Stadt Philadelphia ſechszig Millionen Dollars zum Geſchenke gemacht, dem Witze und dem patriotiſchen Gewiſſen eines armen Negers nachſtehen ſchfirſt hernl ter Stimme mein Gold⸗ Beine über für Jackſon nd ſo ran⸗ ft mir den Bureau, die Und als er brauche ke⸗ kommſt.— edankt ſein Ihr denn, ltet? Nun Dach war und wenn et es Euch Ihr wißt en Hickorth öſt men in ſolcen ſchnell nc der Fran⸗ dieſen Ton 1 Mannet arter wat, en trockn hatte M „Baderiſ das gemußt, ſo lag es ganz in der attiſchen Liberalität dieſes Kreiſes, daß jetzt der Hausherr ſelbſt von der Laune ſeiner Gäſte nicht unberührt bleiben ſollte. Denn Dr. Channing, von dem Toaſte Gelegenheit zu einem ſeiner ſatyriſchen Streifzüge nehmend, erwiederte denſelben zwar in der gebührenden Haltung, entwarf aber gleich hinterdrein folgendes Bild von der Saratoga⸗Saiſon: Ich ziehe mich mit Vorliebe nach Saratoga zurück, ſagte er, wenn ich von Geſchäften ausruhen will. Man ruht nirgends gründlicher aus als dort. Wie Bären einen Winterſchlaf halten, ſo iſt Saratoga gleichſam die gemeinſame Höhle, in welcher freie und aufgeklärte Bürger einer Art Sommer⸗Erſtarrung genießen— man erlaube das paradoxe Wort. Der Saratogabrunnen ſchien mir von jeher das, was die Alten ihren Lethe nannten. Es iſt wirklich der Hoch⸗ und Fein⸗Gehalt jener Langweile dort, welche Fremde in unſrer ſonſtigen Geſelligkeit mitunter entdeckt haben wollen— zumal an Sonntagen. Saratoga iſt eine Welt voll Sonntagen. Eigentlich iſt von Welt nicht wohl die Rede mehr in Saratoga; das Wort iſt viel zu körperlich, Saratoga fängt erſt an, wo die Welt aufhört. Saratoga iſt eine Null, die Umgränzung eines leeren Raumes mit einer Linie. Wir ſind auch hierin vorzüglicher als andere Völker, welche ihre Bäder mit den lockendſten Anreizungen zur Sünde aus⸗ ſtatten. In Saratoga ſündigt man nicht. Das Leben iſt dort ſo rein von Flecken, wie ein Menſch, dem man die Haut abgezogen hat, von Sommerſproſſen. Man trinkt Morgens ſeinen Brunnen und macht eine Promenade. Die Gäſte, welche natürlich alle verdauungs⸗ krank ſind, unterhalten ſich dabei ſtets von ihrem Magen und nie von ihrem Herzen. Das iſt eine moraliſche Converſation; denn das Herz iſt verderbter als der verdorbenſte Magen, wie fromme Leute behaupten, in deren Munde dieſer Satz ſeine vollſte Glaubwürdigkeit hat. Zu Mittag ſpeiſet die ganze Geſellſchaft in einem langen ſchmalen Saal mit einer niederen Decke, der, wie ich mich erinnere, mir den Eindruck eines Sarges gemacht hat. Die Gäſte unterhalten ſich über Tiſche von ihren Verdauungsbeſchwerden, was eine heilſame Reaction auf ihren Appetit ausübt, wobei dem Laſter Fraß und Völlerei ein Damm geſetzt wird. Iſt abgeſpeist, ſo lehnen ſich die Herren über die Balkons und rauchen eine Cigarre, die Damen ſitzen in ihren Geſellſchafts⸗ zimmern, leſen, ſtricken Filet, oder quälen ein verſtimmtes Piano mit D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 15 226 falſchgegriffenen Noten. Abends iſt in dieſem oder jenem Hötel viel⸗ leicht Ball; junge Herren, die in irgend einem Quäcker⸗Seminar Tanz⸗ ſtunden bezahlt haben, riskiren eine Ecoſſaiſe, welcher man nicht leicht anmerkt, wie viel Honorar⸗Marken in ihr ſtecken. Die Tänzerin unter⸗ hält gewöhnlich den Tänzer von ihren Verdauungsbeſchwerden. Sie lenkt dadurch auf eine keuſche Weiſe ſeine Phantaſie von den Bahnen der Sünde zwar räumlich nur wenig, im Uebrigen aber deſto gründ⸗ licher ab. Ich habe in Saratoga oft den Gedanken gehabt, eine Zei⸗ tung für Unverdaulichkeit herauszugeben. Bei der ungemeinen Popu⸗ larität dieſes Themas, welches in Saratoga von der Elite unſerer Bevölkerung repräſentirt wird(die Stadt iſt ein wahrer Congreßort, ein zweites Waſhington dafür) könnte ich mich zu der erſten Macht des Landes dadurch emporſchwingen. Ich bitte die Herren um Dis⸗ cretion, denn vielleicht ſetze ich mir wirklich noch die Krone der Diſpepſie auf dieſes Haupt. Inzwiſchen bin ich mit der Tagesordnung unſres reizenden Badeaufenthaltes zu Ende. Zuweilen verabredet man aber wohl auch eine Vergnügungsfahrt nach einem kleinen See, der wenige Stunden in der Nähe liegt. Dort ſteht die ganze Geſellſchaft auf einem plattbehauenen Steine am Uferrand, wirft ihre Angeln aus und hat Geduld. Uebereingekommener Maßen nennt man das ein Vergnügen. Ein Vergnügen mag es wohl ſein, aber eines jener beſcheidenen, von welchen Goethe ſagt, daß ſie von Leiden kaum zu unterſcheiden. Freilich ereignet ſich's faſt in jeder Saiſon einmal, daß eine junge Lady aus dem Inſtitute wirklich ein Schneiderlein fängt. Dieſer Fiſch wird dann mit großem Jubel aufgenommen, blos weil er lebendig iſt. Es iſt ein Ereigniß, das nicht ohne erſchütternden Ein⸗ fluß auf das Gleichgewicht der Alltagsſtimmung bleibt. Die Geiſter beginnen wilder zu ſchwärmen. Die junge Lady, die ſich überzeugt hat, daß nicht blos in Bilderbüchern, ſondern in der Natur ſelbſt Fiſche vorkommen, wächst auf einmal über ihren See hinaus. Sie phantaſirt vom Erie und von den„Fällen“. Der Einfall zündet, und an die⸗ ſem Punkte iſt es, wo wir das faſhionable Saratoga aus unſern Augen verlieren. Eh' wir es uns verſehen, iſt die ganze Geſellſchaft am Niagara. Sie iſt fort, unaufhaltſam fort. Man brauchte den Gedanken nur anzuregen, um ihn auszuführen. Denn der Yankee liebt die erhabene Natur und hat einen angebornen poetiſchen Sinn Hotel vil iinar Tan nicht leich gerin unta erden. E. den Bahnen eſto gründ eine Zi inen Popu ite unſer Congreßor iſten Mac um Di er diſpepſ ung unſte man abe der wenihe ſſchaft au Angeln ale mn das en eines jen n kaum einmal, d rlein fäng los weil e inden Ein die Geſſe — 227— für ſie. Er macht weite Reiſen und läßt ſich ſeine geliebten Dollars nicht reuen, um einen Waſſerfall, oder einen Löwen zu ſehen. Frei⸗ lich würde es ſeinen Genuß wunderbar erhöhen, wenn der Waſſerfall zugleich eine Mühle triebe und der Löwe einen Bratſpieß drehte. Mr. Bennet ſtimmte dem Spötter lachend bei. Sein Geſchmack ſei Saratoga nicht, aber jeder rechtgläubige Yankee müſſe Einmal in Saratoga, wie jeder Mahumedaner in Mekka geweſen ſein. Und in der That freuten ſich ſeine drei Ladies auf das Schneiderlein im See mindeſtens eben ſo ſehr, als er, Doctor Channing, auf ſeine Unver⸗ daulichkeitszeitung. Man ſcherzte noch weiter über dieſes Thema, bis Bennet die Gläſer von Neuem füllte, da er es dann nicht anders als paſſend fand, nach Mr. Wood's Toaſt auf Saratoga, einen Toaſt auf das Ohio⸗Project ſeines verehrten Gaſtes, Doctor Moorfeld, auszu⸗ bringen. Die Amerikaner hörten von Moorfeld's Vorhaben, wie dieſer ſogleich bemerken konnte, mit geſchmeicheltem Selbſtgefühle. Ein Europäer, der weder aus Noth, noch aus Speculation, ſondern— wie es hier lauten mußte, was wir nur in ſtiller Mondnacht einem ſtillen Deutſchen gegenüber ſinniger gehört haben,— aus Liebhaberei in den Schatten ihres Sternbanners ſich begab: eine ſolche Erſcheinung war ihnen offenbar ſehr wohlthuend. Es verbreitete ſich jene Tempe⸗ ratur behaglicher Eitelkeit im Kreiſe, ohne die der verfeinerte Menſch nicht leben mag, und die ihn um ſo comfortabler im Inneren durch⸗ wärmt, je mäßiger ſie durch die vornehme Kühle des äußeren Anſtan⸗ des ausſtrahlt. Das ſüße Schlürfen in Negationen ging in ein po⸗ ſitiveres Nationalgefühl über; die Heiterkeit des Tones blieb zwar, aber ſie nüancirte aus dem Humoriſtiſchen ins Pathetiſche. Man machte dem Gentleman⸗Urwäldler die Avance, ſeine Phantaſie auf den Schauplatz ſeines künftigen Wirkens zu führen. Man verlegte die Unterhaltung in die Geſchichte der erſten Anſiedlungen Amerika's. Das heroiſche Zeitalter des Landes wurde der Stoff des Geſpräches. Homeriſche Helden tauchten aus dem Champagnerſchaum empor und blutige Scalps und bluttriefende Tomahawks erfüllten das elegante Theepavillon. Jene härteſten Männergeſtalten ſchritten im Geiſte vorüber, die im Kampfe mit dem ſchlachtgierigen Indianer, im Kampfe mit Panther und Alligator, im Kampfe mit einer tauſendjährigen Waldwurzelung den Boden für eine Handvoll Mais eroberten, den das 15* 228 Füllhorn der Kultur jetzt mit Perlen und Juwelen bedeckte. Da ſtürzte der Schlachtengel Whalley, der wunderbare Einſiedler von Hartford, ſich zwiſchen die mordheulenden Indianer und das unbeſchützte Chriſten⸗ häuflein im Gotteshauſe; da wurden Michael Fink und Johann Wetzel die Märtyrer für Pennſylvaniens Anbau; da brachen Daniel Boone und Simon Kenton, der Diomedes und Odyſſeus Amerika's, in die pfadloſen Wildniſſe Kentucky's vor und Städte erblühten aus ihren Fußſpuren. Endlos reihte ſich die Iliade der Thaten und Abenteuer im Munde der kundigen Patrioten, ſtaunend überblickte der Zuhörer mehr als ein Privatleben, das die Geſchichte eines Landes war. So wuchs das Pathos der Unterhaltung aus markvollem Schafte in die Höhe und Breite, weihevoller ſaß die Geſellſchaft da, wie unter dem Baldachin ihres Götterolymps, und als Doctor Channing mit der klangvollſten Bruſtſtimme, die Moorfeld in Amerika gehört, jetzt in die Saiten des modernen Dichterfürſten griff, und aus Byron's Don Juan jenc ſieben Stanzen recitirte, welche Daniel Boone's ſchlicht ur⸗ menſchliches Kraftleben feiern: da waren Schwungfedern ausgeſpannt, auf welchen wohl Gemüther ſich wiegen mochten, die zur Größe ſich genießend, nicht aber erzeugend verhalten. Anders Moorfeld. Für ihn ging dieſe Wendung über die Frei⸗ heit der Converſation hinaus. Das Spiel der Rede rührte an den vollſten, brennendſten Ernſt ſeines Lebens. Er ſaß da, wie ein Menſch, der ſich perſönlich getroffen fühlt. Eine flammende Röthe durchloderte ſein Antlitz, es war ihm zu Muthe, als müßte er dieſen Glaskäfig direct durchſtoßen und auffliegen den Winken ewiger Geiſter nach.— Er fühlte ſich tief und ſchmerzlich vereinſamt. Das Sym⸗ poſion des Theepavillons hatte ſich ſelbſt aufgehoben. Mit einem Ruck ſeines Fauteuils wendete er ſich der Ausſicht nach dem Meere zu. Aber der violettne Abendſchimmer darauf war erloſchen, das magiſche Bild von zuvor nicht mehr vorhanden. Kein äußeres Sym⸗ bol kam der Sehnſucht ſeines Innern entgegen. Er ſtand auf und verließ unter irgend einem Vorwande das Pavillon. Er machte einen Gang durch die Geſellſchaftsſäle. Uebervollen Herzens warf er ſich in die Einſamkeit des dichteſten Gewühles. All ſeine Kräfte trieben im Sturme. Es war eine jener Lunten an ihn gelegt, welche unmittelbar zum Handeln auffordern. Daniel V Da ſtürze Hartfond te Chriſten ann Wetzel niel Boone 73, in di aus ihren Abenteuer er Zuhörer war. Ed fte in die unter dem g mit der t, jett i ron's Don chlicht ur sgeſpann Größe ſſch die Frei te an de . wie eil nde Röthe — 229— Boone und Lord Byron! Und ein Name, der an die Möglichkeit glaubt, zwei ſolche Namen in ſich zu vereinigen Und dieſer Name namenlos auf einem nichtswollenden Newyorker⸗Rout! Wie ein Löwe der Wüſte ſtreifte er durch die prunkvollen Apparte⸗ ments— die Kronleuchter brannten ihm matt— die Luft war ſchwül und entnervend— ſeine innere Staffage brandete und blitzte. Die Poeſie in ihm lechzte nach Thätigkeit. Glücklich pries er den ſüdlichen Improviſator, der in jedem Momente aus der Menge heraus⸗ tritt, Markt, Wieſe, Meerſtrand zu ſeinem nie verſagenden Schauplatz hat und ein Volk um ſich her, das die Begeiſterung verſteht, wo ſie auftritt. Die Geſellſchaft ſollte das Pathos entweder nie zu erregen wiſſen, oder in ſihren Formen phantaſievoll genug ſein, ihm Raum zu geben.. In dieſem Augenblicke feſſelte eine Gruppe ſeine Aufmerkſamkeit, welche auch von der trunkenſten Verinnerlichung nicht leicht überſehen worden wäre. Im Fond des nächſten Salons erblickte er die Schaar jener toll coſtümirten Stutzer wieder, der Dandies on short allowance, wie ſie Bennet genannt hatte, denen er außer dem Mo⸗ mente ihrer Ankunft nicht weiter begegnet war. Sie ſtanden auf einen Haufen gedrängt, wie Kaninchen, nach dem Volksglauben, um ein Licht ſich verſammeln, und das Licht war— ein blonder Mädchen⸗ ſcheitel— ein Antlitz—. Moorfeld ſah und ſah wieder. Da kam Lord Ormond ihm in den Weg. Er ſah Moorfeld's beobachtende Stellung, und indem er der Richtung ſeiner Blicke folgte, redete er ihn ant: Gut, daß ich Sie finde, Sir. Ich werde Sie jener Dame dort vorſtellen müſſen. Ich habe es leider veräſumt, als Miſtreß Bennet mit Ihren Töchtern zuvor dem Rout die Honneurs gemacht, d. h. nach hieſiger Sitte die Appartements einmal hin und zurückpaſſirt. Aber wir behandelten eben, ich erinnere mich, das wichtige Thema der Thieremancipation, ich hoffe darum auf Ihre Entſchuldigung. Die beiden ältern Schweſtern haben ſich inzwiſchen zurückgezogen,— ich werde mich bei denſelben verantworten. Erweiſen Sie mir die Ehre, Sie der jüngſten Tochter des Hauſes, Miß Cöleſte, jetzt zu 230 präſentiren. Der Moment iſt günſtig, Sie werden die Cour des Winkels verbeſſern. Die Cour des Winkels? fragte Moorfeld— was iſt das? mir iſt Name und Sache dieſes Ausdrucks gänzlich fremd; ich muß um Erklärung bitten. Ihnen zu dienen, Sir. Die Cour des Winkels iſt eine amerika⸗ niſche Form von Salongalanterie. Ein Kreis von Herren umringt eine Dame und ſucht ſie im Geſpräche allmälig nach einer Ecke des Saales zu drängen. Natürlich wird das Geſpräch angenehm, feſſelnd, intereſſant ſein müſſen. Und zwar ſowohl von Seite der Herren, als der Dame ſelbſt. Iſt die Dame unzufrieden, ſo wird ſie mit einer leichten Wendung den Kreis durchbrechen; ſind es die Herren, ſo wird ſich ihr Ring allmälig auflöſen. Gelingt die Cour des Winkels aber, d. h. wird die Dame der Ecke glücklich zuge⸗ führt, ſo heißt ſie„die Dame des Winkels.“ Sie iſt dann die Königin des Abends. Wir ſehen, dieſe Art Huldigung ſpielt ein wenig auf der Grenzlinie der Equivoque. Der Grundgedanke iſt frivol genug, die Ausführung aber ein Spielraum für Geiſt und Grazie. Man ſollte die Erfindung für franzöſiſch halten, daß ſie amerikaniſch iſt, leuchtet in der That nicht recht ein. Jene Dandies aber— Snobs ſollte ich ſagen— haben vollends keinen Begriff ihrer Aufgabe. Wie ſie das arme Mädchen umdrängen! Sie er⸗ ſticken ſie faſt in dieſer Sommerſchwüle. An ihrer Stelle hätte ich den Kreis längſt durchbrochen. Aber ſie weiß ſich nicht zu helfen. Sie iſt noch halb Kind. Hält auch nichts von der Perfectibilität der Thierſeele. Aber kommen Sie, Sir! Da blieb keine Wahl. Die Poeſie des Augenblicks hatte jetzt ihre Muſe. Dort ſtand ſie verkörpert. Sie ſtand auf dem Scheide⸗ wege von Saratoga nach Ohio. Moorfeld erkannte die Göttin Gele⸗ genheit und verzieh ihr die capriciöſe Wahl ihres Sendlings. Er nahm den Arm des Engländers an. Die Herren promenirten die beiden Säle hinab, im Vorbeigehen an der Gruppe winkte der Engländer mit dem vertraulichen Gruß des Hausfreundes dem jungen Mädchen zu und ſagte mit einer Handbewegung gegen Moorfeld: Doctor Muhrfield, a literary gentle- man aus Deutſchland. Cour des das? mh muß um e amerika⸗ n umringt r Ekke des ;, feſſelnd, er Herren, d ſie mit te Herren, Cour des lich zuͤge⸗ dann die ſpielt ein danke iſ Geiſt und „ daß fe e Dandies n Begrif Sie er⸗ hätte i zu helfen biltät der hatte jitt Schede⸗ lin Gel⸗ ngs. 6 rreigehe — 231— Die langen Hälſe der Snobs drehten ſich auf ihren Wirbeln herum, den Vorgeſtellten neugierig muſternd. Das ſatyriſche Lächeln, das ſie bei der Annäherung des Lords gezeigt, verſchwand ſofort wie⸗ der beim Anblicke Moorfelds. Es machte dem Ausdruck eines ge⸗ wiſſen Verdruſſes Platz, einem undefinirbaren Mienenſpiel von Einfalt und Naſeweisheit, welches verrieth, daß ſie zwar zu dumm waren, ein höheres Genie als ſich ſelbſt zu erkennen und zu fürchten, aber doch auch zu feig, ſich ganz behaglich und ſicher dabei zu fühlen. Jedenfalls wies ſich dem Ankömmling eine Gallerie von übelwollenden Geſichtern. Moorfeld ließ ſich das nicht anfechten. Sein Auge feierte den Anblick Cöleſtinens. Es war zum erſten Male, daß er ihr in Front gegenüberſtand. Damals hatte er ſie aus einer ge⸗ wiſſen Ferne und nur flüchtig geſehen; auch trug ſie an jenem Mor⸗ gen ein Peignoir und eine Coiffüre von kleinen Ringellöckchen; heute war ſie à Penfant friſirt, und das glatte Leibchen ihrer eleganten Robe von indiſchem Muſſelin hob ihre feine Taille eben ſo edel her⸗ vor, als jener Morgenüberwurf ſie dem Blicke verhüllt hatte. Kurz, die äußere Erſcheinung bot zwei ganz verſchiedene Bilder, und Moorfeld er⸗ ſchrack faſt, wie treu er das eine feſtgehalten. Auch die Geſichtszüge des Mädchens ſchienen nicht geeignet, der Imagination ſich ſcharf ein⸗ zuprägen; da ſie Blondine war, ſo fiel der Begriff einer„markirten“ oder„ausdrucksvollen“ Schönheit von ſelbſt weg. Fänden wir es nicht tadelnswerth, das Lebendige durch ſeine eigene Nachahmung zu definiren, ſo würden wir mit dem ſchlechten, aber viel gebrauchten Behelf, unſer Kunſtmittel einer andern Kunſt zu entlehnen, uns etwa ſo ausdrücken: nicht die Zeichnung, ſondern das Colorit war das Bezaubernde ihres Kopfes, ſie war kein Buonarotti, ſondern ein Guido Reni. Die Roſe der Geſundheit war zu dem zarten Roſa der Mandelblüthe auf ihren Wangen verfeinert, der Strahl ihres Auges leuchtete weich und mild wie Mondesſtrahl und hatte etwas Ueber⸗ wachtes, einen Dämmer ſüßer Müdigkeit, welchen die fatiguirteſte Ariſtokratin dem kleinen verwöhnten Bürgerkinde Newyorks beneidet hätte. Es ſchien ungefährlich, in dieſes Auge zu ſehen. Es athmete einen Ausdruck von Ruhe, welche capuaniſch ſicher machte. Der Be⸗ ſchauer vertiefte ſich darin mit vollkommenſter Freiheit; aus dem Arſenal der Mädchenwaffen zuckte ihm keines der wohlbekannten 232 Geſchoſſe entgegen. Aber eine ſchwüle Atmoſphäre, ein narkotiſcher Duftnimbus zitterte mit magiſchen Schwingungen um den ganzen Horizont dieſes Mädchens und überwand alle Seelenkräfte. Die Ruhe ihres Anblicks war orientaliſche Ruhe. Die Phantaſie fühlte ſich vor ihrem Bilde wie in ihrer Urheimath und all ihre Kulturfrüchte wuch⸗ ſen wild in dieſem Clima. Das war das Feſſelnde, das Unvergeßliche auch ihres flüchtigſtens Anſchaun's. Das Mädchen erwiederte die Vorſtellung Moorfeld's mit einer der üblichen Redensarten, woran ſie die Frage reihte: Sie kommen aus dem alten Lande, Sir? Wie gefällt Ihnen Newyork? Die junge Amerikanerin that dieſe Frage— deutſch. Moorfeld antwortete ſogleich mit einer Anſpielung auf dieſen Um⸗ ſtand: die Stadt wendet viele Kunſt daran, auf ihre Weiſe ſchön zu ſein; aber es ſind doch nur die ſchönen Schöpfungen der Natur, welche uns überall heimiſch anſprechen. Cöleſte ſchlug das Auge nieder und gab ſich Mühe, ein geſchmei⸗ cheltes Lächeln zu verbergen. Auch unterdrückte ſie den Eindruck die⸗ ſer Antwort ſogleich mit der neuen Frage: Kommen Sie unmittelbar aus Deutſchland, Sir? Die Snobs vermerkten mit großem Mißvergnügen die Abſicht ihrer Huldin, den Ankömmling im Geſpräche feſtzuhalten. Sie gaben dieſe Seelenregung durch ein unartiges Scharren mit den Füßen zu erkennen, indem ſie demſelben einen Platz in ihrer Mitte einräumten. Der Engländer hatte den Tact, ſich zu entfernen. Moorfeld aber war nicht geſtimmt, conventionell zu antworten. Er benutzte das Terrain der Poeſie, das ihm das Gegenüber dieſes reizenden Mädchens bot, und ließ den dithyrambiſchen Flutungen ſeiner Begeiſterung jetzt freien Lauf. Ich komme zunächſt von Cuba, Miß, antwortete er ohne Anſtand. Von Cuba? rief Cöleſte mit einem Anflug von Schwärmerei— ah, wie herrlich! Da haben Sie die Perle der Welt geſehen! Ich gehe ſeitdem wie mit einem Gefolge unſichtbarer Genien. Die Bilder, die Schatten dieſes Paradieſes ſind eine ſelige Begleitung auf jedem meiner Schritte. Noch umwölben mich— doch ich bin egoiſtiſch. Warum ſoll ſich dieſer Saal nicht in einen Salon de verdure verwandeln, der die Königin der Antillen uns vergegen⸗ —- 2 — ————+——— —. arkotiſcher en ganzen Die Ruhe e ſich vor hte wuch⸗ bergeßliche mit einer e kommen rk? Die jeſen Um⸗ ſchön zu r Natur, geſchmei⸗ ruck die⸗ müttelbar eAlbſcht ie gaben zuhen zm räumten. ntworten. er dieſes lutungen Anſtand⸗ nerei— benie glei ung ich bin lon de rgegen⸗ 1 — 233— wärtiget? Kann die Phantaſie dieſen Zauber vollbringen, dann umwölben uns die Laubdome großblättriger Bignonien und Piſang's, hoher luftiger Caſſien, ſtolzer und mächtiger Latanen, deren Blätter, an langen Schaften gerollt, einer grün glänzenden Sonne gleichen; es umſchattet uns der dunkle, majeſtätiſche Lebensbaum, und ſein präch⸗ tiger Contraſt, der helle, glänzend belaubte Kampher; die Magnolie, die ihre breiten Roſen hoch trägt, das ganze Gebüſch beherrſcht und keine Nebenbuhlerin als die Rieſenpalme hat, welche mit leichter Grazie ihre grünen Fächer in den Lüften ſchaukelt, der Wollbaum, bewaffnet mit ritterlichen Stacheln, der weithin die dicken Aeſte verbreitet und ſeine gefingerten Blätter in bewegliche Maſſen gruppirt; weißſtämmige, großgeblätterte Cecropien werfen ihr phantaſtiſch durchbrochenes Gitter⸗ werk zwiſchen uns und das Himmelsblau und ein Heer von namen⸗ loſen Waldkoryphäen erdrückt uns in ſeinen bilderreichen Korallen⸗ armen. Ein Volk von buntgefiederten Papageien ſchwirrt über uns hin, läßt ſich ſchreiend auf Blüthengipfeln nieder und pickt in ſaftige Granaten. Durch undurchdringliche, tauſendfarbige Schmarotzerpflanzen, Convolven und andere Waldparaſiten ziehen ſich Schnüre blattloſer milchiger Lianen, die mit ſpiralförmigen Stengeln bald von ſtolz⸗ wogenden Gipfeln fallen, bald freiſchwebende Guirlanden bilden, welche von unſichtbaren Feenhänden getragen ſcheinen. Die Buffi's des ſüd⸗ lichen Thiertheaters, die Affen, ſpringen humoriſtiſch von Zweig zu Zweig, ſchüchtern flieht die Gazelle in tieferes Gebüſch, ſchmelzend er⸗ hebt die Nachtigal aus traumhaftem Walddunkel ihre Liebesklagen, während die hellen Töne der Cicaden durch ihre Monotonie die Seele in ſüße Melancholie verſenken. Myriaden glänzender Käfer durch⸗ ſchwirren die Luft und blicken gleich Edelſteinen aus herrlichen Blumen. Unſchädliche Schlangen wetteifern an Glanz mit den Farben des Regenbogens, und ſchauckeln ſich gleich Lianen von den Gipfeln der Bäume. Pfeilſchnell durchſchwirrt der Kolibri, der kleine Liebesgott der Blumen, ſein immer blühendes Serail. Von Bewegung ein Vogel, von Pracht und Feuer ſeiner Farben ein fliegender Smaragd oder Rubin, nennen wir ſeine Familien ein Potoſi in der Luft. Dieſes Paradies umfluthet uns Tag und Nacht mit Duftwellen, welche gleich Weihrauchwolken gegen den Himmel wallen, daß der kühnſte Luft⸗ ſchiffer die Grenze ihres würzigen Bezirkes nicht erreichte. Die 234 kleine chineſiſche Thuja und die königliche Magnolia vermiſchen nach⸗ barlich ihr Aroma. Die zarte Vanilleblüthe, der ſüßathmende Orangen⸗ hain, Auen von honigreichen Paullinien und die würzigen Blumen⸗ büſchel unzähliger Palmenarten unterhalten eine Ebbe und Flut von Wohlgerüchen. Waſſerfälle, die ſich unaufhörlich ihr eigenes Grab wühlen, contraſtiren mit natürlichen Springbrunnen, die ihren Giſcht fröhlich gegen Himmel ſpritzen und wetteifern im Aushauch erquickender Kühle. Dort ſchlummert ein Wieſengrund ſanft in eines Stromes traulicher Umarmung. Kolokinthen kriechen vom Fuße der Tulpen⸗ bäume bis zu ihren Gipfeln empor und bilden hundert Grotten, Thore und Dächer; ſie ranken von Zweig zu Zweig über Bäche und Flüſſe hinweg, und hängen Blumenbrücken zwiſchen den dichtbewachſenen Ufern auf. Mimoſenbäume folgen den Windungen mäandriſcher Flußränder und umſäumen ſie maleriſch mit Doppelcolonnaden: der Abend ſinkt nieder auf ſie; ſie falten ſchlaftrunken ihre Blätter zuſammen. Seine Blätter ſchließt in den abendrothen Flußwellen der Lotos, die heilige Blume, die das Leben bedeutet, das keuſche Myſterium der Weiblichkeit. Von den hohen Stämmen der Cedern hängt weißbärtiges Moos herab,— der Wanderer hält es für eine Geiſtererſcheinung in Dämmerlüften, aber das Nachtgeſpenſt hat keine Schrecken hier; denn jeder Lebendige fühlt, dieſer Boden müſſe noch den abgeſchiedenen Geiſt feſthalten, wie er den genießenden Sinnenmenſchen beglückt hat. Moorfeld hatte im Fluſſe dieſer Schilderung Cöleſten ununter⸗ brochen ins Auge geſehen und ein leiſer, lächelnder Zug ſagte das Uebrige. Das Mädchen errieth bald, daß Moorfeld aus dieſem Auge heraus und nicht aus einer Reiſeerinnerung dichtete, daß ſie ſelbſt das Motiv dieſer Arabesken, daß ſie ſelbſt Cuba ſei. Gleichzeitig hatte Moorfeld einige jener bedeutungsvollen vorſchrei⸗ tenden Bewegungen verſucht, aus welchen Cöleſte erkannte, daß der Fremde mit der„Cour des Winkels“ bekannt ſei. Sie gab unver⸗ merkt dieſen Bewegungen nach. Das Alles war ſtummes Spiel. Das Mädchen erwiederte die Beſchreibung von Cuba aber auch mit einigen Dankesworten. Die Dandies on short allowance gebärdeten ſich dabei wie Vergiftete. Einer derſelben(er mochte den Gedanken irgendwo geleſen haben) antwortete ohne Weiteres: Pah, was mach' ich mir aus den Tropen! zen nach⸗ Orangen⸗ Blumen⸗ Flut von nes Grab en Giſcht quickender Stromes Tulpen⸗ en, Thore n Fliſſ nen lfern lußränder end finkt . Seine e heiligt iblichkeit 5 Mood nung in ier; denn nen Geſſ at. ununter⸗ ſgt de⸗ ſem Au ſe felhſ vorſle⸗ daß der b under derie di 1 di ergifter jhaben Tropen! 235 Es iſt weltbekannt, die Tropen haben noch keinen großen Mann geboren. Aber wenig große Männer gab's, die nach den Tropen ſich nicht geſehnt hätten, antwortete Cöleſte, das Mädchen, das der halb tolle Engländer für ein Halbkind ausgegeben. Moorfeld machte die Geberde eines Suchenden und erwiederte augenblicklich: War mir's doch ſo eben, Sie hätten einen Juwel ver⸗ loren, Miß. Zur Antwort trat Cöleſte zurück, gleichſam wie man einem Suchenden Platz macht, aber es war eine Bewegung gegen den Winkel! Unſer Freund geſtand ſich bald, daß dieſe„Cour des Winkels“ eine höchſt liebenswürdige Nationalſitte ſei und die Telegraphie des Unausſprechlichen im Schooße der Convenienz recht anmuthig und glücklich bereichere. Cöleſte indeß fuhr fort: Wenn ich rathen darf, Sir, ſo haben Sie gewiß auch den hohen Norden beſucht? Bitte, erzählen Sie uns etwas Freundliches von dem Eismeer. Etwas Freundliches von dem Eismeer! Moorfeld berichtigte ſein Urtheil ſofort dahin, daß die Dame des Winkels ihren Pfad doch auch ein wenig epineuſe machen könne, vorausgeſetzt, daß ſie die Caprice geſchickt zu handhaben wiſſe. Er blickte der kleinen Verſucherin in's Auge, das ſo unſchuldig ſah, als ob es ſich nicht fern ſeiner Schelmerei bewußt wäre. Aber auch er blieb ſicher, die Phantaſie war ihm bereit. Mit freudiger Rüſtigkeit, wie ein Vogel die thaubenetzte Schwinge ſchüttelnd zur Sonne aufkfliegt, griff er in's Füllhorn der Inſpiration. Er antwortete: Sie haben richtig gerathen, theure Miß. Auch der eisſtarrende Norden hat meine Reiſeluſt in ſeinen ſtrengen Bann zu zaubern ge⸗ wußt. Aber wahrlich, es erlebt ſich nichts Freundliches dort. Wo der Eskimo ſich und ſeine Lampe aus ein⸗ und derſelben widerlichen Thranquelle nährt; wo der überwinternde Europäer ſeine Hand wie einen Handſchuh verliert und vor Hunger ſeinen Handſchuh verſpeist wie eine delicate Bärenklaue: dort iſt die Erde nicht freundlich. Höch⸗ ſtens könnte ich das Nordlicht beſchreiben; aber ſeit Lord Byron ſich ein Nordlicht in Verſen nannte, hat die faſhionable Welt dieſe hehre 236 Naturerſcheinung hinlänglich ſtudirt.— Moorfeld genoß den Triumph, daß die Snobs um ihn her bereits triumphirend und auch Cöleſte zweifelnd, wenn nicht enttäuſcht blickte. Aber eben das wollte er. Er machte eine kleine„Kunſtpauſe“ und fuhr dann mit einem leichten Selbſtbelächeln dieſer Koketterie fort: Zu glücklich preiſe ich mich daher, daß mich deßungeachtet das Eismeer mit einem Bilde beſchenkt hat, welches mir ewig als der ſchönſte Augenblick meines Lebens vorleuchten wird. Es war in der Baffinsbai. Wir lagen an einem Eisberge vor Anker, rings um uns her große, gewaltige Eismaſſen, funkelnd und farbenſpielend unter den Strah⸗ len der Mittagsſonne. Das Wetter war ruhig, der Himmel blau und klar. Ein Theil der Mannſchaft war ans Land gegangen, um Eier von wilden Seevögeln zu ſammeln, welche an den einſamen Felſen und Abgründen der Baffinsbai niſten. Die übrige Schiffsbeſatzung, ermüdet von den Anſtrengungen des vorhergegangenen Tages, hatte ſich der Ruhe in die Arme geworfen. Ich ging allein auf dem Ver⸗ decke auf und ab, die ganze Natur um mich her feierte ein tiefes, erhabenes Schweigen. Da bemerkte ich in der offenen See einen un⸗ geheuren Eisberg, der in der Mitte durchbrochen war, ſo daß er eine Art Tunnel bildete. Ich konnte mich nicht erinnern, gehört oder geleſen zu haben, daß ein Reiſender in den arktiſchen Regionen etwas Aehnliches geſehen hätte. Die Neuheit der Sache reizte mich, ich beſchloß die Fahrt durch dieſen Eistunnel. Bald fand ich auch zwei Matroſen, die bereit waren, mich zu begleiten. Das kleine Boot wurde ausgeſetzt, die Entdeckungsreiſe angetreten. Wir näherten uns dem Koloß und erkannten, daß in der Höhle Waſſer genug war, dem Boote die Durchfahrt zu geſtatten. So wagten wir denn das Abenteuer. Wir ruderten langſam und ſchweigend in die Pforten des Eisberges hinein. Es war ein feierlicher Augenblick. Ich durfte mir ſagen, daß ich jetzt ſah, was kein Menſch vor mir geſehen,. und nach mir kaum wieder einen ſehen wird. Denken Sie ſich einen ungeheuren Bogengang, breit, hoch, kühn geſpannt und ſo regelmäßig gebildet, als ob er vom geſchickteſten Baumeiſter aus⸗ geführt wäre, an allen Stellen ſo glatt und eben, wie es nur der ſorgfältigſt polirte Alabaſter ſein kann, denken Sie ſich das Ganze als eine halb durchſichtige Maſſe von der wunderbarſten, ſchönſten Opal⸗ farbe— kurz einen Broadway aus Kryſtallglas gegoſſen, und die ——O—O—O—O—OO—QꝭQOQOCOOOQOCQ—Q—ꝑ—ꝑCO—ÿBęO,O,— Triumph, Cöleſte pollte er. nleichten aher, daß llches mir Es war in muns her n Strah⸗ blau und um Cier n Felſen beſatzung, es, hatte dem Ver⸗ in tiefts inen un⸗ er eine rt oder en etwas nich, ih ich auch 6 kleine näherten nug wa, denn das orten des 1 dufft geſehen Sie ſch — 237— ſelbſt errichtet. Es war ein kühler, bläulicher Dämmerſchein, zu durchſichtig für die Nacht, zu gedämpft für den Tag, ein weicher Perlenglanz, ein filtrirter Mond, ein klarer, duftig laſirter Mittel⸗ ſchatten, der ſich wie Balſam auf das Auge legte. Ein wonnevolles Licht! Es berührte den Sehnerv ſo geiſterhaft, ſo züchtig, möchte ich ſagen, daß ſich alle Sinne in Ruhegefühl tauchten, und doch war der Zuſtand Begeiſterung und das ganze Daſein eine ſelige Aufregung. Cöleſte ließ die langen ſeidenen Wimpern über ihr ſchönes Mond⸗ auge fallen. Moorfeld hielt inne, als ertrüge er den Verluſt dieſer dichteriſchen Quelle nicht, oder beſänne ſich, wie weit er überhaupt, ohne die Allegorie zu nahe zu legen, von ſeinem Zauberlichte ſprechen dürfte. Nach einer Pauſe fuhr er fort: Als wir ungefähr in die Mitte unſers Tunnels vorgedrungen waren, änderte ſich auf einmal die Scene. Eine überirdiſche Helle verbreitete ſich in der Grotte. Ver⸗ wundert blickten wir auf, und ſiehe! die ganze Kuppel des Eisgewöl⸗ bes entlang regnete es Sonnenſtrahlen herein. An Einer Stelle ſchoſſen ſie in dünnen Goldfäden, an einer andern in breiten Feuer⸗ garben nieder, hier fielen ſie in ſtumpfen, dort in ſpitzen Winkeln, hier direct, dort gebrochen ein— wir ruderten unter einem Kreuz⸗ feuer von prismatiſchen Raketen. Wo das Licht unmittelbar den Spiegel der Eiswände traf, loderten ſie auf wie geſchmolzenes Gold und Silber; Parthien, die in Schatten lagen, contraſtirten mit einem tiefkräftigen Dunkelblau voll Ernſt und Majeſtät dazwiſchen, und der Uebergang von der blendendſten Strahlung zum vollſten Schatten be⸗ lebte den Bogengang mit einer Scenerie von Schein und Widerſchein, von Licht⸗ und Farbenſpielen, die ſich mit jedem Ruderſchlag bilder⸗ reich auflöste und bilderreicher zuſammenſetzte. Wir trieben in einem unermeßlichen Kaleidoſkop. Unſre Sinne umſpannten die Pracht die⸗ ſes Schauſpieles nicht mehr. Der Sinnenmenſch war todt, die Erde verſchwand vor mir, ich war ein ſeliger Geiſt, die Pforten des Para⸗ dieſes ſchienen mir aufgethan. Welch ein verklärender Wechſel! Die Eisgrotte, eben noch ein kühler, dämmeriger Knospenkelch, ſchlummerte traumblöden, Zauberſchlaf— ein Strahl von oben traf ſie— und die Undine hatte ihre Seele empfangen! Das Auge des Mädchens blitzte auf. Es begegneten ſich ſpre⸗ chende Blicke. Eine Pauſe— Moorfeld fuhr fork: 238 Einige Secunden lang berauſchte dieſe Scene uns völlig. Allmälig kehrte der Gebrauch der äußeren Sinne wieder zurück. Und jetzt ge⸗ ſchah uns ſonderbar. Wir bemerkten, daß das Meer um uns her in einen Wellenſchlag gerieth. Auch die Wände des Eisberges ſchienen außer der Ortsveränderung unſeres Bootes einer ihnen eigenthüm⸗ lichen Bewegung zu folgen. Der Eisberg ruhte nicht, er ſchwamm. Gleichzeitig zeigte ſich's, daß die Lichtzugänge ins Berginnere ſich ab⸗ wechſelnd ſchloſſen und öffneten und zwar in ziemlich raſcher Folge des Einen wie des Andern. Bei dieſer Beobachtung wurde uns über⸗ haupt der Grund dieſes Lichtzufluſſes klar. Wir entdeckten, daß der Eisblock in ſeiner ganzen Breite von Einem Ende zum andern— zerborſten war! Dieſer Riß war es, der zu Häupten uns den Him⸗ mel öffnete, indem er zu Füßen uns den Todesabgrund legte. Der ſchwimmende Eiscoloß konnte in jedem Augenblick in ſich zuſammen⸗ ſtürzen. Mit angehaltenem Athem flüſterte ich dieſe Entdeckung mei⸗ nen beiden Gefährten zu. Sie nickten mir ſtumm zurück und die Bläſſe ihrer Mienen zeigte, daß ſie unſern Zuſtand bereits kannten. Unſre Lage war fürchterlich. Wir ſahen vor und hinter uns, überall ſchien der Ausweg eine gleich lange Bahn von Gefahr. Wir lauſch⸗ ten mit wirbelnden Sinnen, in welcher Richtung die Meeresſtrömung treibe; aber die Wellen taumelten unregelmäßig durcheinander. End⸗ lich legten wir inſtinctmäßig die Ruder ein, Jeder von uns empfahl im Stillen ſeine Seele, und pfeilſchnell ſchoſſen wir die Eiswände dahin. Glücklich gelangten wir unter den freien Himmel hinaus. Ein donnerndes Hurrah der Matroſen begrüßte ihn. Noch hatten wir unſer Schiff nicht erreicht, da krachte die mürbe Eismaſſe zuſam⸗ men, regte das Meer weit und breit auf und erfüllte es mit ihren Trümmern. Traurig ſah ich ſie treiben. Sie hatten mir einen Hochpunkt des Lebens geſchenkt, und leicht vergaß ich, daß ſie bald das Leben ſelbſt dafür gefordert. Aber gibt ſich die Schönheit über⸗ haupt wohl für geringeren Preis?— Das, verehrteſte Miß, iſt es, was ich„Freundliches aus dem Eismeere berichten kann.“ Das junge Mädchen war mit regſamſter Phantaſie dieſer Er⸗ zählung gefolgt. Sie hatte zuletzt vergeſſen, daß ſie Dichtung höre, ſie hatte der„Cour des Winkels“ vergeſſen, und wie ſie ihre Aner⸗ kennung innerhalb dieſer Sitte ausdrücken könne. Gefeſſelt ſtand ſie Allmält itt ge is her in ſchienen genthüm⸗ ſchwamm. eſch dh⸗ Folge des uns über⸗ daß det ndern— den Him⸗ gte Der uſammen⸗ kung mei⸗ und die kannten. , überall ir lauſt⸗ zſtrömung er. End— 3 empfah Eiswände l hinaus ich hatte ſe zuſam⸗ mit ihren nir einen — ſie bald — 239— an ihrem Platze, und erhob ihr Auge zaudernd, faſt furchtſam jetzt wieder zu Moorfeld, indem ſich ihr Mund zu irgend einer Erwiederung öffnete. Aber nicht ihr Wort ſollte Moorfeld vernehmen. Die Gemeinheit begehrte auch ihres Rechtes. Moorfeld ſollte erinnert werden, in welcher Umgebung er ſtand, und daß er die Höhe dieſes Augenblicks nur der Niedrigkeit abkämpfen könne. Derſelbe Menſch, welcher zuvor geſprochen, trat jetzt wieder als Wortführer ſeines Cötus auf und ſagte raſch, in der deutlichen Abſicht, jedem andern Eindrucke zuvorzukommen: Wahr⸗ haftig, Sir, Sie haben ſchöne Reiſen gemacht, das iſt ein Factum. Reiſen, will mich bedünken, iſt überhaupt das beſte, wozu ein Gentle⸗ man ſeine Mittel und ſeine Muße verwenden kann. Es hilft entweder große Lebensweisheit erwerben, oder mindeſtens— eine große Leere ausfüllen. Sehr wahr, Sir, antwortete Moorfeld gemeſſen, aber leider ſehe ich Viele zu Hauſe bleiben, welche namentlich in letzterer Beziehung das dringendſte Motiv hätten, auf Reiſen zu gehen. Moorfeld begleitete dieſe Zurechtweiſung mit einem entſprechenden Blicke. Sein Widerſacher war eine echte Rowdy⸗Geſtalt. Er hand⸗ habte eine Baguette, lang und dünn wie eine Macgaroni, und fuchtelte höchſt ſittſam gegen ſein grotesk chinirtes Beinkleid damit. Alle Faſſung aber benahm es, zu ſehen, daß der Menſch in zweierlei Schuhen ging: der eine lief in eine Spitze zu, der andere war breit abgehackt. Moorfeld erfuhr bei einer ſpätern Gelegenheit, daß es ihm eine ſtarke Wette gegolten, in ſolchem Fußzeug Bennet's Salon zu beſuchen. Uebrigens genoß er vor ſeinen Cammeraden die Auszeich⸗ zeichnung einer ſchönen und tüchtigen Männerfigur, die ihre Ver⸗ ballhornirung in forcirter Frechheit und Albernheit doppelt be⸗ dauern ließ. Der Rowdy antwortete: Wir Amerikaner kommen weniger zum Reiſen, als irgend ein Volk der Welt. Denn erſtens haben wir zu viel zu thun, und zweitens reist ſich's nur als Garcon leicht; der Amerikaner aber heirathet früh, und das iſt jedenfalls das beſte was er thun kann. Allerdings, die Ehe beſſert, ſagte Moorfeld. Was wollen Sie damit ſagen, Sir? Bedarf unſre Jugend in Ihren Augen der Beſſerung? 240 Ich hoffe nicht, daß ihr die Fähigkeit dazu abgeht. Beruhigen Sie ſich übrigens. Die Frage geht zur Hälfte auch die Frauen an. Und ich geſtehe Ihnen gern, ich kenne Amerika's Frauen wenig. Darf ich mir ein Urtheil erlauben, Sir, ſo ſind Sie überhaupt ein Verächter des Geſchlechts? Ich bedauere, daß Sie einen ſo barbariſchen Einfall ein Urtheil nennen. Woraus ſchöpfen Sie dieſes ſogenannte Urtheil? Aus Ihren Reiſen, Sir. Wo die Phantaſie auf ſo großartige Bilderjagden auszieht, dort iſt das Herz ſchwer zu feſſeln. Sie haben zwiſchen Tropen und Pol viel Schönes geſehen, Sir, aber wir ſind zu Hauſe geblieben, Sir, und ſehen Sie, Sir, wir haben der Schön⸗ heit doch voller und unmittelbarer in's Auge geſchaut. Wir brauchen kaum zu bemerken, in welcher Haltung Cöleſten gegenüber dieſe Worte geſprochen waren. Der Sprecher bemühte ſich offenbar, ſein Geſpräch ſo beziehungsvoll als möglich zu wenden. Aber Moorfeld hatte kein Intereſſe ihn hier zu ſtören, ſondern nur zu überbieten. Er antwortete: Was Sie an Ihrem Platze Holdes und Vortreffliches bewundern, das geſtehe ich Ihnen von ganzem Herzen zu, Sir. Ich ſagte es ja: ich kenne Amerika's Frauen wenig. Und ſehen Sie, Sir, daß ich ſelbſt jetzt an dieſem Platze ſtehe, das ſpricht nur für das Prinzip der Reiſen: wie wäre ich ſonſt hergekommen? Weiber erfüllen freilich die ganze Welt; aber die ganze Welt will auch durchwandert ſein, um das Weib zu finden, das Idealweib, die Blüthe und den Hoch⸗ begriff ihres Geſchlechts. Cöleſte blickte fragend auf. Es war faſt ein kindlicher Zug von dem Mädchen, daß ſie naiv zweifelte, ob ſolch ein hohes Wort für ſie geſprochen. Moorfeld's Auge aber mußte ſie hinlänglich orientirt haben, denn ſie ſchlug das ihre nieder und— gewährte als„Dame des Winkels“ Raum zwiſchen ſich und Moorfeld, den dieſer ſogleich einnahm. Der Rowdy warf ſich in Fechterpoſitur. Nun, bei Gott, rief er emphatiſch, ſo möchte ich mein Vaterland nicht hintanſetzen! Sie werfen auf die Frauen Ihres Vaterlandes ein Licht, Sir— 1 Erlauben Sie, Sir. Das Wort Vaterland hat einen vollgehalti⸗ gen Begriff in der Politik. Der Amerikaner denkt ſich ein lebens⸗ 1 Beruhigen rauen an. enig. überhaupt in Urthel großariig Sie habm wir find er Schön— Cöleſten mühte ſh wenden. mm nur i ewundern, gte 6s ja. . daß i s Print len freilc neert ſein den Hocf — 221— volles, reichgegliedertes Gewebe von Parteiungen, Standpunkten, In⸗ tereſſen und Vortheilen darunter,— vielleicht denkt er ſich auch Mädchenblick und Händedruck darunter. Es ſteht ihm das ganz frei. Ich aber bitte Jeden, mich aus dem Spiele zu laſſen, der ſo geiſtreich i*ſt, eine ſo große und rein menſchliche Sache unter einem beſchränkten Horizont zu betrachten: dieſe Beſchränkung heiße nun Vaterland oder wie immer.— Cöleſte ſah den Dandy mit jenem Auge an, welches ſagt: was willſt Du darauf antworten? Zugleich näherte ſie ſich wieder dem „Winkel“. Der Nebenbuhler knirſchte. Aber er ſchien entſchloſſen, die Parthie nicht aufzugeben. Das Idealweib! ſagte er achſelzuckend. Man muß das Weib auch mit ſeinen Schwächen lieben können. Ich gebe Ihnen noch mehr zu, antwortete Moorfeld, nicht nur mit, ſondern wegen ſeiner Schwächen! In den idealen Zügen der Weiblichkeit dürften die Schwächen wahrlich nicht fehlen. Nur müſſen es auch wieder gewählte Schwächen ſein. Das iſt unverſtändlich, ſagte der Andere. Verzeihung, Mr. Howland, das finde ich nicht, wendete Cöleſte ein.— Bei dem Namen Howland erkannte Moorfeld auf einmal ſeinen Mann. Er ſah jenen Rowdy⸗Elegant wieder, den er zuerſt als Commandant eines Löſchbataillons ſein ritterliches aber kokettes Weſen treiben geſehen. Er verwunderte ſich nicht wenig, daß man ſolchen Straßenhelden auf dem Parquet des Salons begegnen könne. Howland antwortete kurz, faſt rauh: Nun wohl, es iſt nicht un— verſtändlich. Sie haben Recht. Ich brauche auch nur jene Geſchöpfe zu ſehen, die wir hier deutſche oder vielmehr heſſiſche Mädchen heißen, ſo verſtehe ich ſehr wohl, was Sie gewählte Schwächen nennen. Es i*ſt eine Argumentation durch's Gegentheil. Mich dünkt, um nicht pöbelhaft zu ſprechen, ſpreche man überhaupt von dem Pöbel keiner Nation, ſagte Moorfeld nachdrücklich. Cöleſte aber trat begütigend dazwiſchen: In der That, meine Herren, wir können hier unmöglich eine Gelegenheit zu Mißverſtändniſſen haben. Der Ruf der deutſchen Mädchen erfüllt ja die Welt. Ihr weiblicher Cha⸗ rakter iſt anerkannt der liebenswürdigſte, ja er wird oft für den muſter⸗ giltigen ſelbſt gehalten. Haben wir nicht deutſch gelernt, um jener D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 16 242 Uhland'ſchen Königstöchter, um jener Goethe'ſchen Gretchens und Klär⸗ chens willen, die in der ſchlichten Tiefe, in der ſüßen Innigkeit, in der duftigſten Zartheit und gewagteſten Kraft ihrer Empfindung als reizende Typen des Geſchlechtes, ja als der weibliche Genius über⸗ haupt uns erſchienen ſind? Warum wollten wir dieſe Wahrheit leugnen, Mr. Howland? Der leichte Seufzer, womit das ſchöne Kind Newyork's dieſes Wort begleitete, ſchien unſerm Freunde nicht ohne einen Anflug graciöſer Koketterie. Er hätte das weibliche Herz ſehr mißverſtanden, wenn er dieſe Anerkennung nicht mit einer leichten Schattirung von Mediſance erwiedert hätte. Er antwortete: Sie überzeugen mich auf's angenehmſte, verehrte Miß, daß der Schönheitsadel aller Nationen mit Leichtigkeit an ſeinen gemeinſamen Familienzügen ſich erkennt. Sie nennen glänzende Dichternamen als Träger des deutſchen Frauenruhms und umgehen es mit Zartſinn, daß nur die eigene Yortrefflichkeit das Verſtändniß des Vortrefflichen vermittelt, und daß der goldenſte Dichtermund ohne ſympathetiſche Herzen ſo ſtumm wäre, als ſpräche er in einem Luftballon jenſeits der Grenze, wo die Atmoſphäre den Schall nicht mehr fortpflanzt. Aber ich muß mich vertheidigen. Nicht aus Widerſpruchsluſt, ſondern nur, damit die Imputation, welche dieſer ehrenwerthe Gentleman ausſprach, nicht mehr Wahrſcheinlichkeit gewinne, als ihr gebührt, erlaube ich mir doch zu bemerken, daß der deutſche Frauencharakter weit entfernt iſt, auf der Höhe jenes Abſchluſſes zu ſtehen, welcher den, der auch anderer Länder Menſchen kennen lernen will, als einen Verächter des vater⸗ ländiſchen Ideals erſcheinen ließe. Das poetiſche Deutſchland iſt nicht das wirkliche. Die Dichter ſagen die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit. Der ſchöne grüne Jungfraunkranz könnte immer noch ſchö⸗ ner und grüner ſein. Es liegt viel Mehlthau darauf. Empfindung iſt häufig Sentimentalität, d. h. Empfindung ohne Gegenſtand, oder ohne großen Gegenſtand; vermeinte Sinnigkeit bedeutet oft die Ab⸗ weſenheit der Sinne, und jene kühle, nur deutſchen Mädchen eigen⸗ thümliche Schwermuth, welche aus dem dunklen Bewußtſein geiſtiger Kraftloſigkeit kommt; durch den Blumenflor aller weiblichen Tugenden ſchleicht ſich die Prüderie und pinſelt die ſchönſten Roſen mit Zinober an, gleichſam um mit Pferdekraft zu erröthen. Es iſt viel Schwäch⸗ — und Klär⸗ igkeit, in dung als ius über⸗ it leugnen, teſes Wort graciüſer wenn er Mediſaner „daß der meinſamen als Träger daß nur vermittelt zerzen ſo Grenze, rich muß r, damit ach, nihl mir doc iſt, auf h anderet es vatel⸗ d iſt nich die ganzt noch ſh⸗ npfindung and, idei die Ab⸗ hen eigen⸗ m geiſien zugenden Zünche⸗ etyich 243 liches, viel Abgeſtandenes in dem blaßblonden Geſchlechte Thusnelda's. Man hat in Deutſchland, oder überhaupt in der alten Welt, einen Niederſchlag des langen geſchichtlichen Lebens, welchen man Philiſterei nennt, und wovon Amerika gottlob keinen Begriff hat. Ich bin ver⸗ legen, Miß, wie ich Ihnen dieſen Begriff definiren ſoll, denn Philiſterei i*ſt nicht ſowohl ein Uebel, als vielmehr der Inbegriff aller Uebel. Philiſterei iſt Beſchränktheit des Geiſtes und Herzens. Sie entſteht aus der Pflege des Hergebrachten, aus der Pflege der unveränderlichen Ge⸗ wohnheit. Eine ſolche Pflege entwickelt ſtark den Detailſinn, Detailſinn aber iſt nur bis zu einer gewiſſen Grenze gut. Innerhalb dieſer Grenze macht man ſeine Sachen ſauber, appetitlich, hat viel Empfindung für's Formelle, einen gewiſſen Kunſtſinn, iſt in Freundſchaft und Liebe ein Bienenkorb voll fleißiger Aufmerkſamkeiten. Innerhalb. Drüber hinaus aber wird's ſchauerlich. Da hat dann der Sinn für's Detail ſo überhand genommen, daß er höckerhaft auf alle edleren Organe drückt, und Herz, Phantaſie, Enthuſiasmus, raſche Entſchlüſſe, kühne Ideen, feurige Hin⸗ gebungen, das Alles muß elend zu Grunde gehen. Detailſinn verſchlingt in ſeiner Ueber⸗ und Mißbildung den ganzen Menſchen, der Menſch wird kleinlich. Dieſe Kleinlichkeit iſt es, welche Philiſterei heißt. Und ich bin leider das Geſtändniß ſchuldig: Philiſter und Philiſterinnen ſind im Hauſe der heiligen Germania ein ſehr zahlreiches Genre. Cöleſte trat, wie verwundert, einen Schritt zurück. Es war aber nur eine Bewegung gegen den Winkel. Moorfeld's Entgegnung war aufgenommen, wie er ahnte. Er fuhr fort: Sie ſelbſt nannten zuvor Clärchen, verehrteſte Miß. Aber die Spuren der Philiſterin entdecken wir auch in ihr. Wie ſie ihren aufgeputzten Helden abtätſchelt, ſeinen Sammt und ſeine Ordenskette anſtaunt, das hat mir nie gefallen. Das iſt philiſterhaft. Das Mäd⸗ chen, das ein Bube ſein will, um ihrem Auserwählten die Fahne vor⸗ zutragen, mußte ihn überhaupt nicht als Ritter vom goldenen Vließ, ſie mußte ihn im Reitercollet ſehen wollen, das er in der Schlacht von Gravelingen trug. So gefällſt du mir am beſten! Aber ſolche Züge zeichnen den Charakter der deutſchen Mädchen. Nur daß ſie nicht die Brüſſeler Bürger haranguiren und Gift nehmen, ſon⸗ dern zu Hauſe ihre vier Wände haranguiren und den Brakenburg nehmen. 16* 244 Clärchens Entzücken über das goldene Vließ ſcheint mir ſo ſchlimm nicht, ſagte Cöleſte, indem ſie mit einiger Verlegenheit die Augen niederſchlug. Wir erinnern uns, daß ſie ſelbſt, nach den Worten ihres Vaters, in einem„Babel von Bagatell's“ lebte. Schlimm! antwortete Moorfeld, was könnte das köſtliche Mädchen ſchlimm kleiden? Ihre weibliche Größe macht vielmehr dieſen Contraſt des Minütiöſen nothwendig. Schlimm wird das Kleinliche erſt, wenn die Größe dazu fehlt, oder noch beſſer, wenn das Kleinliche ſelbſt wieder zu einer Art Ungeheuerlichkeit ausartet. Schlimm war gewiß jene Her⸗ zogin von Buckingham. Der Herzog, ihr Gemahl, hatte in einem der Bürgerkriege Englands das politiſche Verbrechen begangen, ſich beſiegen zu laſſen und wurde zum Tode verurtheilt. Er beſtieg das Schaffot. Schon ſchwang der Nachrichter das Schwert über ſein Haupt, da er⸗ ſcheint ein Bote von Mylady. Mylady läßt ihrem Manne ſagen— es wäre doch ſchade, wenn ſeine diamantenen Hemdknöpfchen ein Erbe des Henkers würden; er möge nicht vergeſſen, ſie im letzten Augen⸗ blicke abzulöſen und umgehend zurückzuſchicken. Welch ein Rabencharakter! rief Cöleſte. Und doch war das gute Weib, fuhr Moorfeld fort, vielleicht kein Monſtrum von Herzloſigkeit, ſondern nur von Kleinlichkeit. Sie war gewohnt, ihre Sachen in Ordnung zu halten. Sie war ein Krüppel des Detailſinns. Sie war eine Philiſterin. Cöleſte blickte nachdenklich, faſt in ſich gekehrt. Sie ſah ihre Vor⸗ liebe für Bijouterientand offenbar in einem neuen Lichte; ſie war in dieſem Augenblicke zum erſtenmale über die harmloſe Mädchenliebhaberei zur Reflexion gebracht. Mr. Howland, dem der häusliche Charakter des jungen Mädchens natürlich bekannter war, als unſerm Fremden, der nur in flüchtiger Converſation davon gehört, wußte dieſem Anflug von Beſtürzung auch beſſer auf den Grund zu blicken, und glaubte davon gewinnen zu können. Jetzt, dachte er, ſei der Augenblick gekommen, den läſtigen Gaſt aus dem Felde zu ſchlagen. Er ergriff die Gelegenheit, ſich um das beunruhigte Kind verdient zu machen und die Ausfälle auf den Nebenbuhler zu erneuern. Mit einer Siegesgewißheit, die bereits Schadenfreude ſelbſt war, nahm er das Wort: ſo ſchlimm die Augen orten ihres e Mädchen en Contraſ erſt, wenn elbſt wieder jene her⸗ einem der ſch beſiegen z Stafot Upt, da er e ſagen— nein Erbe en Augene ellecht kein Sie wan in Krüppet ihre Vor ſie war in nüblhaban — 245— Ihr Urtheil drückt auf das zarte und leichtz verletzliche Geſchlecht mit einer Laſt, ſagte er zu Moorfeld gewendet, die ich faſt grauſam nennen möchte. Sie verbinden, Sie ziehen Schlüſſe, Sie combiniren Cha⸗ rakterzüge der unſchuldigſten und gravirendſten Art mit einer ſo dra⸗ koniſchen Logik, daß Sie den Charakter des Weiblichen eigentlich auf⸗ heben zu wollen ſcheinen. Wenigſtens ſehe ich nicht, wie vor der Methode Ihres Urtheilens zwiſchen dem Liebenswürdigen und dem Abſcheulichen noch eine Unterſcheidung beſtehen ſoll, wenn die leichteſte Nüance eine Art Hängebrücke abgibt, auf welcher der kecke Fuß des Conſequenz⸗Kundigen ſchwindelfrei hin und wieder hüpft. Was Sie Detailſinn oder Sinn des Kleinlichen nennen, wurde mir übrigens dankenswerth klar in Ihrer Ausführung; ſo klar, daß mir zu Muthe war, ich ſähe dieſen minütiöſen Sinn gleichſam vor meinen Augen ſtehen. Und nicht nur jenem Geſchlechte— Mr. Howland dachte nicht anders, als er würde die Dame des Winkels mit dieſem Plaidoyer der elaſſiſchen Ecke anzunähern im Stande ſein. Nur ein Schritt war noch zu thun. Aber Cöleſte gewährte ihm dieſen Schritt nicht. Sie ſtand vielmehr und erwartete mit unverhohlener Spannung Moorfeld's Antwort. Moorfeld unterbrach ſeinen Gegner in dem Augenblicke, als jener eine directe Injurie ausgeſprochen hatte und noch fortzuführen im Begriffe war. Er unterbrach ihn im Tone eines ruhigen, obgleich ernſten Verweiſes. Halten Sie ein, mein Herr, ſagte er. Wenn Sie für Frauen ſprechen, ſo engagiren Sie Ihr Geſpräch ſo, daß Sie Frauen nicht erſchrecken. Sie haben herausfordernd geſprochen und wollte ich her⸗ ausfordernd antworten, ſo würden wir eine Dame verſcheuchen, die wir zu feſſeln wünſchen. Alſo nichts mehr von dieſem Genre, wenn ich bitten darf. Und mehr gegen Cöleſte gewendet, fuhr er fort: Es iſt wahr, ich ſchließe von kleinen Zügen oft auf den ganzen Charakter. Dieſe Mikrologie mag ihr Grauſames haben, wenn der Schluß un⸗ günſtig ausfällt. Ich gebe das zu. Ich ſehe aber nicht ein, warum ich den Baum nur am Stamm und nicht auch in ſeinen zarteſten Ausſpitzungen erkennen ſollte. Und iſt es ein edler Baum, ſo erkenne ich ſeinen Adel eben ſo leicht an. So hat es einſt mein günſtigſtes Vorurtheil erregt— aber ich will mir erlauben, den kleinen Zu zu 246 erzählen. Ich promenirte vor nicht langer Zeit hier auf der Battery. In einiger Entfernung von mir gingen drei junge Ladies in eleganten Morgentoiletten die Laubgänge entlang. Sie waren ohne männliche Begleitung— ſei's, daß ihre Equipage am Eingang des Parks hielt, oder daß ihr Haus ſelbſt in der Nähe lag, was das wahrſcheinlichſte war, denn ſie gehörten, wie ich ſehen konnte, jener Geſellſchaftsſphäre an, welche auf der Battery ihre Reſidenz hat. Dieſen Damen kam ein Newsboy entgegen, welcher ſeine Zeitung ausrief. Der Junge handelte aber gleichzeitig noch mit einer andern Literatur und dieſe rief er eben ſo unverhohlen aus. Ich traute meinem Ohre nicht. Dicht vor den Mädchen erhob er ſeine Stimme zu einem obſeönen Proclam, daß mir zu Muthe war, eine moraliſche Pulvermine fliege vor ihnen auf. Die armen Kinder konnten weder vor, noch zurück, noch ſeitwärts; der freche Knabe lief ihnen geradezu in den Weg; ſie mußten hören wohl oder übel. Sie zhörten auch. Die Eine begrub ihr Geſicht in's battiſtene Taſchentuch, die andere wandte das Köpfchen ſeitwärts, als wäre ſie eben geiſtesabweſend, die Dritte aber ſah ich ſtille ſtehen. Sie hielt den Jungen an, nahm ihre Perlbörſe zur Hand, winkte, und im nächſten Augenblicke flog das obſcöne Portefeuille über den Batterywall ins Meer. Sehen Sie, ſagte Moorfeld, indem er ſeine Stimme mit einem eigenthümlichen Timbre ausklingen ließ, dieſer Zug gefiel mir. Den Buben zu ignoriren, ſich zu ſtellen, als verſtände man ihn überhaupt nicht, war freilich auch mädchenhaft, ſo⸗ gar mädchenhafter, aber in jenem Philiſterſinne, von dem ich zuvor ſprach. Es hatte faſt etwas Komiſches, etwas vom Vogel Strauß, wenn er ſeinen Kopf in den Sand ſteckt. Die Dritte fühlte das und trat mit einer edlen Freimüthigkeit aus der kleinlichen Modeſtie heraus, um nach einer größeren zu handeln. Das Unſittliche war freilich in der Welt, das konnte ſie nicht hindern; aber ſie ließ es nicht vorüber⸗ gehen an ſich. Der Moment, da es an ſie herankam, war auch ſein letzter. Eine Berührung ihrer reinen Hand und es verſchwand. Das war äſthetiſch. Es lag eine ſo ſchöne Harmonie in dieſem Zuge,— man nenne ihn ſcheinlos, wie man will, aber ich ſchäme mich nicht zu geſtehen, ich würde nach dieſem Zuge jener Dame für ewig eine ge⸗ wiſſe Genialität ihrer Weiblichkeit zutrauen. Moorfeld ſchwieg. Battery. eleganten männliche is hielt, cheinlichſte aftsſphäre amen kam der Junge und dieſe hre nicht. obſcönen ine fliege h zurüch Wegz ſie ne begrub Köpſchen rſah ich örſe zur vreffeuille d, indem gen ließ ellen, als thaft, ſe⸗ ich zubor Strauß, das und heraus, reilih in vorüber⸗ auch ſein d. Das zuge,— nicht zu eine ge⸗ — 247— Cöleſte ſtand da in tiefe Purpurglut getaucht. Sie ſtand da in einem Momente ihrer höchſten Mädchen⸗Schönheit. Freude, Scham, Stolz, der tiefſte Kern ihres weiblichen Bewußtſeins geſchmeichelt, wie es die Galanterie der Alltäglichkeit auch bei geräuſchvollerer Oſtentation nimmermehr in ihren Mitteln hat— der ganze Nimbus ihres Ge⸗ ſchlechtes umſpielte das reizende Mädchen. Sie wagte nicht zu Moor⸗ feld das Auge zu erheben. Er hatte ſie erkannt— der Ton ſeiner Stimme, der ganze Accent ſeines Vortrages verrieth ihr's. Und wenn ſie jetzt den letzten Schritt nach dem Winkel zurückthat, ſo geſchah es kaum noch im conventionellen Sinne,— es war der natürliche Aus⸗ druck des Augenblicks; ſie bebte zurück wie eine Venus verſchämt vor ihrer eigenen Schönheit flüchtet. Die„Cour des Winkels“ war jetzt zu Ende. Aber die Snobs waren wüthend. Mr. Howland ſann auf eine neue Tücke, ſeinem Nebenbuhler beizukommen. Und iſolirt wie er ſich ſah, fing er zu decla⸗ miren an: Ich ſteh' auf hohem Berg' allein— auf einmal blickte Cöleſte auf zu ihm. Der Dandy copirte jetzt ganz Moorfeld's Attitüde von zuvor. Er warf ſich in ein Air von Be⸗ geiſterung, welches das Vorgeben durchſchimmern ließ, den dichteriſchen Ausdruck allegoriſch zu gebrauchen, er heftete ſeinen Blick ſchwärmeriſch auf Cöleſten und declamirte aus ihrem Auge heraus: Ich ſteh' auf hohem Berg' allein In meinem Schmerz und denke dein; „Ein Brünnlein rinnt zu meinem Fuß und lispelt leis: ich muß, ich muß In's grüne Thal hinab von hier, Dort grüß' ich heimlich ſie von dir! O Brünnlein, Brünnlein hell und klar Gleichſt meinen Thränen ganz und gar: Es weint der Berg dich ſtumm und ſtill Weil noch ſein Lenz nicht kommen will; O riesle, riesle fort in's Thal und ſag' ihr das viel tauſendmal. — 248.— Das Gedicht heißt„Des Schäfers Botſchaft“ wandte er ſich gegen Moorfeld,— wie gefällt es Ihnen, Herr Doctor? Ich begreife zunächſt nicht, wie es hieher gehört, antwortete Moor⸗ feld, erzürnt über die forcirte Störung. Mit Erlaubniß, Sir, ein gutes Gedicht gehört überall hin. Ein gutes! Wie, Sir, iſt das Gedicht ſchlecht? Ganz außerordentlich, Sir. Hätte Moorfeld bei ſeiner eigenen inneren Fülle jetzt einen Blick haben können für den verſteckten Geiſt dieſes Augenblicks, ſo hätte es ihm auffallen müſſen, daß ſich eine eigenthümliche Verlegenheit in Cöleſtens Antlitz malte, während Mr. Howland mit einer fauniſchen Schadenfreude ſich die Lippen biß. Ihre Gründe, Sir! Ihre Gründe! rief der Snob mit einem un⸗ gewöhnlichen Eifer. Gründe! ſagte Moorfeld wegwerfend, mein Gott, jal ſie ſind wohlfeiler als Brombeeren hier. Nun, Sir? Moorfeld antwortete mit einer Gelaſſenheit, die nur die Bändigung ſeiner inneren Aufregung war: Betrachten wir, um einer amerikaniſchen Anſchauungsweiſe entgegen⸗ zukommen, das Gedicht zunächſt nur unter der Kategorie der Zweck⸗ mäßigkeit. Das Gedicht iſt eine Adreſſe. Es adreſſirt ſich an die Ge⸗ liebte. Wie, denken Sie ſich nun, erreicht dieſe Adreſſe ihren Zweck? Der Kern des Gedichtes iſt der Vergleich eines weinenden Liebhabers mit einem weinenden Berg. Ein Liebhaber und ein Berg! Der Dich⸗ ter hat auch nicht den leiſeſten poetiſchen Inſtinet für die Neben⸗ begriffe eines Bildes, ſonſt würde er ſich nicht ſelbſt zum Fallſtaff machen. Er thut es aber, und ſo iſt der Zweck ſeiner Adreſſe verfehlt. Die Schäferin ſoll doch nicht einen Fallſtaff lieben? Dies der Neben⸗ begriff des Bildes; nun aber das Bild ſelbſt. Iſt das Quellrieſeln eines Berges ein zweckmäßiges Bild für das Weinen eines Liebhabers? Warum ſoll der Berg weinen?„Weil noch ſein Lenz nicht kommen will“? Aber der Berg hat ſeit tauſend und mehr Jahren die Erfah⸗ rung gemacht, daß der Lenz regelmäßig kommt. Weinen denn wir, wenn einmal ein Frühling ſchlecht geräth? Und der Berg hat ungleich ich gegen ete Moor⸗ hin. nen Bli ſo hätte henheit in fauniſchen inem un⸗ ſie ſind ändigung entgegen⸗ er Zwec⸗ 1 die Ge⸗ n Zwet! gebhaban der Dic⸗ e Neben⸗ alliaf verfellt er Nebel⸗ nelliiſen chabets kommen e Erjah⸗ mn wit/ unglec mehr Zeit zu verſäumen. Sie merken alſo, der Gedanke des Gedichts iſt Unſinn. Und dieſer Unſinn ſoll der Geliebten viel tauſendmal geſagt werden! Ich danke ſchön. Es liegt auf der Hand, warum der Dichter ungeliebt iſt. Das Mädchen will von dem langweiligen Kauz nichts wiſſen. Er kann lange ſingen! Er wird keinen Eindruck machen. Er ſingt— ich wiederhole es, um Sie mit allen höheren Diſtinctionen zu verſchonen— er ſingt nicht zweckmäßig. Howland hatte Mühe, den wilden Freudenglanz ſeines Auges zu verbergen. Cöleſte ſagte ſchüchtern, faſt bittend: Es iſt ja nur erotiſche Poeſie! Moorfeld glaubte, das Mädchen ſtehe für Howland ein, und wolle ihm mit weiblichem Tacte aus der Klemme helfen. Aber ſelbſt wenn er dem Gegner dieſe Gunſt hätte gönnen wollen— und es wäre in in dieſem Augenblicke nicht gemeine Selbſtverleugnung geweſen— er durfte die Intereſſen der Poeſie nicht preisgeben. Er freute ſich viel⸗ mehr, daß Cöleſte ſelbſt an dem Stoffe theilnahm; es gab ihm Ge⸗ legenheit, ſich mit jener Wärme des Moments zu äußern, die er vor dem Andern nur mühſam zurückdrängte. Voll Eifer antwortete er: Warum, theuerſte Miß, ſoll erotiſche Poeſie zur Trivialität verdammt ſein? Doch nicht, weil ſie den Frauen ge⸗ weiht iſt? Aber in der That, das iſt die Urſache. Die erotiſchen Dichter begehen alle Einen Fehler. Sie glauben die Geliebte nicht genug feiern zu können und vergeſſen ſich ſelbſt. Sie raffiniren auf den for⸗ cirteſten Ausdruck der Liebe, der Zärtlichkeit, der Ergebenheit, ſie leiſten das Möglichſte und Unmöglichſte, um Herz zu zeigen, und thun nichts, um Charakter zu zeigen. Das iſt das Grundübel. Sie opfern Alle das männliche Element dem weiblichen. So geſchieht's, daß keine Kunſtgattung mehr Witz aufbraucht, ihre Ausdrucksmittel ſtets zu er⸗ neuern und zu verſtärken, und keine rettungsloſer der einen und ewi⸗ gen Ohnmacht verfehmt iſt, als die erotiſche Poeſie. Eine paradoxe Forderung: den Frauen zu huldigen und ſich ſelbſt dabei zu bedenken, warf Howland ein. Als ob den Frauen gedient wäre mit Männern ohne Selbſtgefühl! antwortete Moorfeld. Der erotiſche Dichter gewöhnlichen Schlags ſcheint es aber faſt zu glauben. Er plagt ſich auf's Ausgeſuchteſte, die Leidenſchaft zu malen, und vergißt darüber, die Kraft anzu⸗ 250 deuten, die von dieſer Leidenſchaft beſiegt worden iſt. Das iſt's, was ich ſeinen Grundfehler nenne. Denn die Frauen wollen Männer er⸗ obert, nicht Strohhalme geknickt haben. Howland entgegnete aufreizend: Ich finde es ſeltſam, Sir, welche Mühe Sie aufwenden, ein gutes Gedicht, das Sie herabſetzen wollen, nach einem Ideale zu meſſen, das nie exiſtirt hat und nie exiſtiren wird. Beiſpiele, Sir, Beiſpiele! Endlich haben Sie Recht, rief Moorfeld lebhaft. Beiſpiele! Dabei allein kann uns wohl werden! Ich diene mit größtem Ver⸗ gnügen. Nur die Poeſie ſelbſt kann die Poeſie erklären. Howland ſah mit finſterſter Miene, wie wenig Verlegenheit er ſeinem Rivalen bereitet, vielmehr wie glücklich er ihn gemacht zu haben ſchien. Moorfeld war plötzlich verwandelt, aus Ton und Haltung verſchwand alle Bitterkeit der Polemik, man ſah, ein Geiſt der Freude und Befriedigung kehrte in ihm ein, der Wohllaut einer ſchönen, rein⸗ geſtimmten Empfindung zog durch ſeine Seele. Mit dieſem Ausdruck ſprach er folgende Strophen: Hinter dem Walde Steht ein Hüttchen Eng und nieder Mitten im Flieder. Aus dem Fenſter Lang' ich das Dach, Netz' ich den Finger Unten im Bach. Eine Rebe Faßte das Ganze Schlangenwindig In ihrem Kranze.— Ach, wie kam es, Daß dieſer Zoll Die Welt des Mannes Bedeuten ſoll? iſt's, was Nänner er⸗ dir, welch zen wollen, ſtren widd Beiſpiele ßtem Per⸗ egenheit et tzu haben d Haltung der Freude nen, rein⸗ Ausdrut — 251— Höher am Hügel Liegt ein Stein, Oft ſitz' ich droben Im Abendſchein— Die rothe Erde Rings um mich her, Thäler und Hügel Ufer und Meer: O wie entzückt' es Mir ſonſt die Bruſt! Wie wogt' und drängte Thatenluſt Hinüber, hinüber, Hinaus, hinaus, Und nirgend die Heimath Die Welt mein Haus— Das iſt nun Alles Nun Alles dahin! Das enge Häuschen Das bannt meinen Sinn! Nicht ſpreitete drinn ſich Der kleinſte Baum: O Leben, o Jugend, Dir gibt es Raum!— Was ſoll ich wünſchen? Daß es ſo bliebe? Daß es einſt ende? O Liebe! Liebe! An dieſer Stelle würde ein anderer Liebhaber vielleicht zu ſeuf⸗ zen erſt anfangen, ſagte Moorfeld;— der unſrige braucht es nicht. Die Empfindung an ſich zu halten, iſt unter allen Umſtänden aus⸗ drucksvoller, als ſie auszudrücken. Hier der Schauplatz der Weiblich⸗ keit— das enge niedrige Hüttchen,— dort der Schauplatz der Mannhaftigkeit,— die weite thätige Welt— und das Hüttchen 252 Siegerin in dieſem Contraſte. Das ſagt genug. Aber Sie ſehen, eben dieſes Contraſtes bedurft' es. Hören Sie weiter, fuhr Moorfeld fort. Von dem Geiſte der Poeſie hingeriſſen, aufgeregt in ſeiner tiefſten Klangfähigkeit, war ihm Howland kaum noch etwas Anderes als ein blindes, ja günſtiges Zu⸗ fallsſpiel, das ihm erlaubte, an erwünſchteſter Stelle das Hochgefühl dieſer Stunde auszuſtrömen. Er recitirte folgendes Gedicht: Erſt baute der Mann die Hütte, den Herd, Und fühlte nur ſich und das Seine; Sein Weib, ſein Kind war ihm Alles werth, Sie umſchloſſen die ganze Gemeine. Da ſtand vor den Laren im häuslichen Flur Die älteſte Gruppe der Natur. Dann erwachte das mächtige Stammgefühl, Dem Gleichen verband ſich ein Gleicher, Häterien ſtürzten in's Kampfgewühl, Es belebte die Erde ſich reicher: Das verwandte Blut, zur Menge geſellt, Umſchaarte das patriarchaliſche Zelt. Und die Stämme vereinten zum Volke ſich, Und ergoſſen ſich durch die Geſchichte; Die Fehden ruhten, der Hader wich, Und die Einheit drängte zum Lichte; Ein Herz, eine Sprache, ein geiſtiges Band, Ein theures, ein heiliges Vaterland! Doch die Menſchheit wuchs und der Geiſt gebar Die großen, die letzten Gedanken; Das Volk und das Land, wie geliebt es war, Er zerbrach ſie wie dürftige Schranken, Er umſpannte die Welt, er umarmte das All Und erſtürmte der Endlichkeit äußerſten Wall!— Der Ring iſt geſchloſſen, der Kreis iſt erfüllt, Und zum Anfang ſtrebet das Ende. Des Denkers Haupt in Ideen gehüllt, Wie er Welten zum Heile verbände: Er ſinnet und ſinnt in die Ferne hinaus Und ſinnet das Glück des Lebens nicht aus! Sie ſehen, Geiſte der „war ihm nſtiges Zu⸗ ochgefüh 33 — — 253— Es erfreuet ihn nicht der begeiſterte Kiel Und die ſchönen, geſchriebenen Träume, Es bevölkert kein luftiges Schattenſpiel Des Hauſes einſame Räume; Der Freund der Menſchheit, der Bürger der Welt, Er weinet, daß ihm das Nächſte fehlt! Und der ſtolze Geiſt, er kehret zurück Zu der Menſchheit älteſtem Triebe, Das erſte ſucht er, das ſüßeſte Glück In des Weibes Schönheit und Liebe; Die Hütte wird ihm, der häusliche Herd, Die Stimme des Herzens das Höchſte werth! Wohlan denn, ſo klag' es und ſag' es nur: Dies Herz, es leidet und liebet! Mit ihm iſt ja ewig die Macht der Natur, Und alles Andre zerſtiebet. Es ſinget der Menſchlichkeit ſterbender Schwan, Wenn des Weibes vergißt der vergeiſtigte Mann! Hier iſt der Liebe, ſagte Moorfeld, nichts Geringeres als die ganze Menſchheitsgeſchichte entgegengeſetzt. Familie— Stamm— Volk— Cosmopolitismus— vier Weltalter überwindet ſie und ſetzt ſich als ihr Letztes, wie ſie ihr Erſtes war. So verſtärkt ſich das Gefühl durch die Macht der Idee. Was hilft es, den Profeſſor zum Schäfer zu verkleiden, und im Zeitalter der Reflexion das Haferrohr des Naturlauts zu blaſen? Viel beſſer, man geſteht dieſe Reflexion tapfer ein, holt aber eben aus ihr die tiefere und tiefſte Begründung des Naturlauts. Iſt das geſchehen, dann darf der Liebende wieder wei⸗ nen wie das erſte einfachſte Menſchenkind, und wahrlich, er weint dann erſchütternder, als der Berg weint,„weil noch ſein Lenz nicht kommen will.“ Thränen, die über Gedanken rieſeln, das ſind Thrä⸗ nen! die ſind des Weibes werth! Howland antwortete auf dieſe Demonſtration mit einem gänzlichen Abſpringen von derſelben: Wahrhaftig, Sir, ſagte er, ich finde es wenig paßlich, in Amerika ein amerikaniſches Gedicht herabzuwürdigen! Jetzt erkannte Moorfeld die deutliche Abſicht dieſes Menſchen, einen Eclat herbeizuführen. Hatte er ſo lange ihm Rede geſtanden, 254 ſo geſchah es aus Achtung vor Ort und Umgebung; dieſe Achtung gebot endlich die entgegengeſetzte Behandlung. Moorfeld wandte ihm ſchweigend den Rücken. Aber Howland drang heftig in ihn: Was ſagen Sie, Sir? Mit dem Aufwande ſeiner letzten Geduld antwortete Moorfeld: Die amerikaniſche Lyrik theilt gegenwärtig das Schickſal aller Nach⸗ ahmer; ſie copirt die ſchlechten Seiten ihres europäiſchen Originals. Wir dürfen hoffen, dieſes Stadium wird vorüber gehen. Wie, Sir, alſo ſind Sie ein⸗ für allemal entſchloſſen, unſern Dichter en chien zu behandeln? Ich ſage Ihnen aber, eine Lady hat dieſe Verſe gemacht; werden Sie jetzt Ihr Urtheil mildern, Sir? Moorfeld, dem der Ausdruck„Verſe machen“ allein ſchon ein Gräuel war, antwortete kalt: Das iſt für die Kritik ein Adiaphoron. God damn, Sir! Miß Cöleſte Bennet hat dieſe Verſe ge⸗ macht; wie nun? Der Dandy hatte ſeinen Zweck erreicht. Die Sitte iſt nur für den Sittlichen und das Geſetz für den Geſetzlichen da. Wie ein Vandale eine koſtbare Vaſe zerſchlägt, ſo war der glänzende Augen⸗ blick jetzt in Trümmer geſchlagen. Cöleſte erlag unter einer Wucht von Scham, Zorn und Betrübniß; das Weinen trat ihr nahe. How⸗ land, ihr Beleidiger, brüſtete ſich als ihr Ritter, Moorfeld, der ihr Blumen der zarteſten Huldigung gereicht, wurde als ihr Beleidiger angegriffen,— alle Schönheitslinien liefen verwirrt durcheinander, die Rohheit war Meiſterin der Situation. Cöleſte flüchtete aus dem Kreiſe. Howland nahm ſich dabei heraus, ſie an der Hand zu faſſen, und ſeine Frechheit zu krönen, wandte er ſich an Moorfeld mit den Worten: Mein Herr, ich fordere im Namen dieſer Dame Genugthuung von Ihnen. Der Herr Doctor wird ſie ihr geben, erſcholl eine Stimme über Howland's Achſel. Moorfeld wandte ſich um und ſah mit Verwunderung, daß ſich der größte Theil der Geſellſchaft als Zeuge dieſer Scene eingefunden hatte. Der Saal war faſt voll gedrängt von Menſchen. Herr Bennet und der Kreis ſeines Theepavillons ſtanden unter den Vorderſten. ſ Achtung andte ihm Sir! Moorfeld: aller Nach⸗ Originale⸗ n, unſer, ine Lady dern, Sir! ein Gräue n. Verſe ge⸗ nur füͤr Wie ein de Augen⸗ ner Wucht he. Hon⸗ , der ihr Beleidiger cheinanden, ei ſerauh wandte et 1 zuung 1 mme ihe ß ſich d ngefunden Her nter den — 255— Herr Bennet trat zwiſchen Moorfeld und Howland vor. Der Herr Doctor, ſagte er zu Howland, werden die Saiſon an dem Ohio zu⸗ bringen, indeß ich ſelbſt nach Saratoga gehe. Wir beide ſtehen auf dem Punkte der Abreiſe. Aber den Winter, wie ich höre, wird unſer verehrter Gaſt Newyork zum Aufententhalte wählen, und dann— wandte er ſich an Moorfeld— darf ich Sie vielleicht bitten, Sir, ohne dem Berufe Ihrer Privatmuße ſonſt nahe zu treten, die äſthetiſche Ausbildung meiner Tochter im Fache der ſchönen Redekünſte vollenden zu helfen. Miß Cöleſte, wie Sie hörten, verſucht ſich in der Poeſie, und wie Sie gleichfalls hörten, ſind dieſe Verſuche noch derart, daß daran allerdings genug zu thun übrig bleibt. Das iſt die Genugthuung, von welcher Mr. Howland ſprach; laſſen Sie mich meine Bitte mit ſeiner vereinigen, daß Sie dieſe Genugthuung zuſagen wollen. Wer zu beſchreiben unternommen hat, ſollte von dem Ausdrucke: eine Sache ſei nicht zu beſchreiben, nur den ſparſamſten Gebrauch machen; an dieſem Orte aber müſſen wir bitten, den Ausdruck uns zu geſtatten. Es iſt ſchwer zu beſchreiben, welche Wendung dieſe Dazwiſchenkunft Bennet's der ganzen Situation wie auf einen Zauber⸗ ſchlag mittheilte. Moorfeld ſah ſich plötzlich an einem ſeiner flüchtig⸗ ſten Worte gebunden, und unter anſpruchloſem Namen von einem Verhältniß ergriffen, daß er eher ein Orakel als eine Menſchenſtimme zu hören glaubte,— Cöleſte war überraſcht, verwirrt, verlegen, be⸗ ſtürzt, erfreut, fliegende Farben wechſelten widerſpruchsvoll auf ihrem Antlitze, und das leichtverletzliche Mädchenherz ſchien vor Allem nur Eins zu empfinden: den Gewaltact des Zufalls,— der Rowdy Howland ſtand da, blaß und zitternd vor Aufregung; Wuth, Scham, Neid, ein Heer von giftigen Leidenſchaften durchjagte ſeine ausdrucks⸗ vollen Züge,— Mr. Bennet ſelbſt, die verkörperte Salonſitte dieſes Augenblicks, konnte ein leichtes Wanken ſeiner Stimme nicht ganz verbergen, und der Sturm, den ſein Zauberſtab ſo plötzlich erſtickt, pulſirte unter ruhiger Oberfläche in ſeinem Innern. Und wie die feineren Formen der Geſellſchaft dem Ueberraſchenden als ſolchem keinen Ausdruck geſtatten, ſo war es ein ſeltſamer, ja humoriſtiſcher Contraſt, daß Jeder der Betheiligten dieſe ungewöhnliche Bewegung in den Umgangsformeln des alltäglichen Curſes abfinden mußte. Moor⸗ feld ſprach von ſeiner„Bereitwilligkeit“, Cöleſte ſtotterte von ihrem 2⁵6 „Vergnügen“, Mr. Bennet von ſeiner„Freude“ und ſelbſt Howland von einem„kleinen Mißverſtändniſſe“. Man ſei im Cirkel dieſes Salons, ſagte er, ſo ſehr gewohnt, die Kunſtübungen der Miſſes als bekannt vorauszuſetzen, und namentlich „des Schäfers Botſchaft“ als eine Celebrität unter den Freunden des Hauſes zu betrachten, daß der ausnahmsweiſe Fall mit einem Frem⸗ den ihn zu einer Uebereilung verleitet. Dazu erklärte der Engländer, deſſen abnormer Geſichtsvorſprung im Kreiſe dieſer Gruppe jetzt auch bemerkt wurde, daß er das Verſehen auf ſich nähme, den neu ein⸗ geführten Gaſt über dieſe Punkte im Dunkel gelaſſen zu haben. Ein dringendes Motiv habe ſeine Aufmerkſamkeit unterwegs auf das Thema der Thier⸗Perfectibilität gelenkt. 3 Das Alles mochte nun gelten, ſo viel es werth war. Genug, die Rohheit und die Narrheit hatten ihre Miſſion hier erfüllt. Ihrer bedurfte es, um den Abend zu enden, wie er endete. Das ſagte ſich Moorfeld, indem der beleidigende Mißklang dieſer Scene ſeine Seele verließ und ein Strom von goldenen Harmonien darüber herfloß. Den weiteren Verlauf dieſes Abends übergehen wir. Es war ſchon tief in der Nacht, als Moorfeld unter den dunklen Bäumen der Battery das Haus hinter ſich zurückließ, dem ein Raphael die Form gegeben. Er ſollte jetzt Geiſt hineintragen. Er ſollte dem Mädchen, das ihm ein Adelswappen ihres Geſchlechtes var, lehrend und bildend zur Seite ſtehen, ſollte in der ſchönſten Gruppe zu ihr ſtehen, die in der ſinnlich⸗geiſtigen Welt denkbar iſt, weil ſie die reinſte und fließendſte Bewegung geſtattet, Sinn und Geiſt in vollwirkendem Wechſelverhältniß zu erfüllen. Auf dem ſpäten Nachhauſeweg ging der abnehmende Mond über ihm auf. Romulus und Remus! hatte ihm Moorfeld vorgeſtern zu⸗ gerufen— gewiſſe menſchliche Verhältniſſe haben für ewig ihre Symbole— Abälard und Heloiſe! rief er heute. iſt Hoypland ſwohnt, die namentlich reunden des nen dim Engländen pe jetzt auh en neu ein⸗ haben. Enr das Thema Genug, di Zweites Buch. üllt. Ihra gklang dieſer—— Harmonin den dunkle , dem ein nhagen. G Geſthhis der ſcünſte denkbar ſ „Sim und Mond übe rzeſem ii 3 ewig in D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 17 Erſtes Kapitel. Wir begleiten unſern Helden jetzt auf ſeiner Reiſe nach Ohio. Er ſchied aus Newyork in einer Stimmung, die dem Bleiben eigent⸗ lich günſtiger, als dem Reiſen war. Unter andern Umſtänden hätte er ſich wahrſcheinlich dem Zuge nach Saratoga angeſchloſſen. Ueber⸗ haupt konnte der Plan ſeines ganzen Aufenthaltes durch den Abend bei Bennet in eine neue Frage geſtellt ſein. So hatte Dr. Griswald — gleichſam in Concurrenz mit Bennet— ſpäter noch zu verſtehen gegeben, es ſei eigentlich wünſchenswerth, daß an der Univerſität ſelbſt die Lehrkanzel für Literatur und Aeſthetik mit europäiſcher Kunſtbildung beſetzt werde, und es hätte unſern Freund nur ein Wort gekoſtet, die öffentliche Stellung, die ihm dieſer Wink zudachte, anzunehmen. Sein Zweck, Amerika's Leben und Treiben kennen zu lernen, ſtand durch eine ſolche Betheiligung an der Menſchenkultur mindeſtens eben ſo gut zu erreichen, als durch die an der Bodenkultur. Kurz, Moorfeld hätte an jenem Abend Stadt gegen Urwald, Newyork gegen Ohio in ſeiner Wahl vielleicht umgetauſcht, wenn— die Freiheit dieſer Wahl noch bei ihm geſtanden hätte. Aber vierundzwanzig Stunden zuvor hatte er ſich, wie wir wiſſen, zu Gunſten Benthal's gebunden. Und er bereute dieſen Schritt nicht. War es ihm ſchon ſorgenswerth er⸗ ſchienen, einen Charakter wie Benthal ſo bald als möglich auf ein Feld der That zu verpflanzen, ſo wurde er in dem Gedanken noch unendlich beſtärkt, als er Benthal's Braut, Pauline, geſehen hatte. Dieſes dunkle, ſinnige Mädchenbild hatte er an jenem Abend mit einer ſeltſamen Regung ſich gegenübergeſehen. Er bangte für ſie. 17* 260 Sie erweckte ihm die Vorſtellung, daß ſie als Hausfrau in einer großen Stadt an dem verfehlteſten und unglücklichſten Platz ihres Lebens ſtehe. Der ganze Himmel Newyorks, dachte er, müßte über ihrem Haupte voll Damocles⸗Schwertern hängen. Ahnungen treiben oft mehr, als Ueberzeugungen, und Moorfeld fühlte ſich getrieben, das Loos Paulinens wie einer Schweſter zu bedenken. Dies ſcheue, ſchüch⸗ terne Mädchenleben dem gefräßigen Egoismus der Welt zu entrücken, ſchwebte ihm bald als ein natürlicher Beruf ſeiner Anſiedlung vor. „Jungfräulicher Boden“, wie es der Sprachgebrauch nennt, war allein der Boden ihres Gedeihens. Ganz von ſelbſt verband ſich ihr Bild mit dem Bilde einer ſtilldämmerigen Urwaldsbucht. Schien ſie doch gleichſam ein verkörperter Waldſchatten!— 8 So reiste denn Moorfeld. Er ſieht jetzt Amerika außer Newyork. Vom Hudſon an dem Ohio zieht er eine neue Linie Landes⸗ und Volksſchau in das Buch, das ihm Newyork aufgethan. Aber es wird uns nicht überraſchen, wenn Ton und Stimmung auch in dieſer Reihe von Bildern wenig erfreulich ſein ſollte. Er tritt aus dem Hauſe Bennet's in der glücklichſten Herzenswärme, die den jungen, lebhaft fühlenden Mann ergreifen kann. Aber dieſer Aufſchwung kommt nicht ſeiner Reiſe zu Gute. Nach der Natur der menſchlichen Seele dürfen wir vielmehr das Gegentheil annehmen. Der Kontraſt iſt groß; die Wirklichkeit, die vor dem Muſen⸗ und Grazien⸗Tempel auf der Bat⸗ tery lagert, wird dem Heraustretenden mit ihren ſchärfſten, nüchternſten Lichtern in's Auge fallen. Ihre Kälte wird kalt, ihre Häßlichkeit häßlich ſein; er wird das Gemeine ſchneidender als je empfinden. Mit dieſer Vorausſicht wird es räthlich ſein, Moorfeld's Reiſetagebuch auf⸗ zuſchlagen. Die roſigen Zukunftsträume, welche die Kataſtrophe von Bennet's Rout in ſeiner Seele entzündet, dürfen wir nicht darin ſuchen;— ſie bilden die duftige Fernſicht ſeiner inneren Landſchaft. Was wir im Vordergrunde ſehen, wird ſo ſchroff, hart, trocken ge⸗ färbt ſein, wie es leibt und lebt, und wie ein leidenſchaftlich bewegtes Gemüth, deſſen Abſtoßungskraft wahrhaftig nicht gebrochen iſt, bald ſatyriſch, bald ironiſch, bald tragiſch, ſtets aber mit der ganzen Fülle des unmittelbaren Eindrucks es aufſaßt. Darum zogen wir's auch vor, unſern Helden ſeinen Reiſeerleb⸗ niſſen gegenüber ſich ſelbſt vertreten zu laſſen, indem wir ſein Tagebuch in einer glatz ihres nüßte über en treiben reben, das le, ſchüch⸗ entrücken, dlung vor. war allein ihr Bid n ſie doch Newyork. ndes⸗ und er es wird jeſer Reihe em Hauſe , lebhaft mmt niht rele dürftn groß die der Bat⸗ üchternſte dißlicht nden. Mi ebuch auf⸗ trophe von icht darin Landſchft — 261— mittheilen. Es iſt in Briefform an Benthal geſchrieben, alſo in der unbefangenſten, die wir wünſchen mögen. Mit Soratoga hingegen wird vorläufig noch kein Briefwechſel gepflogen, und zwar aus gutem Grunde. Moorfeld's Stellung zu Cöleſte lag im Gebiete der reinen Ahnung, ſie gehörte den Göttern des Schweigens. Dieſe Anfänge waren zu anfänglich, als daß das geſchriebene Wort ſie ausbilden konnte, zumal den Schicklichkeitsgeſetzen einer amerikaniſchen Lady gegenüber. Moorfeld fühlte, der Briefſtyl könne hinter das vielleicht ſtillſchweigend Vorhandene nur zurückgehen, nicht aber es weiterführen. Er war alſo klug genug, ein Correſpondenzverſprechen, das Höflichkeit ohne Zweifel gewechſelt, eben nicht wörtlich zu nehmen. Mit Benthal aber reist er gleichſam wie mit einem geſtigen Wander⸗ geſellen. Reist er doch faſt nur für ihn, ein natürlicher Zug ſeines Gemüthes iſt's, daß er mit ihm reist. Alles, was der Tag Neues, Charakteriſtiſches, Eindrucksvolles bringt, erlebt er zugleich in der un⸗ ſichtbaren Geſellſchaft Benthal's, und indem er es aufſchreibt, nimmt es von ſelbſt die Adreſſe dieſes Freundes an. Die äußere Briefform dabei iſt Nebenſache, Ort und Tag gleichgiltig, nur daß ſich ein Wanderzug durch Pennſylvanien gleichſam unwillkürlich um die drei Hauptſtädte Pennſylvaniens: Philadelphia, Harrisburg, Pittsburg grup⸗ pirt und entweder in oder dahin der äußerliche Anhaltspunkt des Datums wird. Dieſe Ortsangaben fehlen nicht.— Das ſchien uns in Kürze die nothwendigſte Verſtändigung, die wir den nachfolgenden Blättern vorauszuſchicken hatten. Mögen wir uns geſtimmt finden, ihnen mit Antheil und Aufmerkſamkeit zu folgen. * Moorfeld's Reiſetagebuch von Newyork nach Ohio. Nach Philadelphia.— Die Locomotive braust durch New⸗Jerſey. Das Land iſt flach und bietet dem Auge wenig Beſchäftigung. So weit von den Alleghanen und ſo nahe am Meere erwarte ich es nicht anders. Dagegen fliegen prächtige Wälder vorüber, die mich auf ſo altem Culturboden überraſchen. Der Urwald, ſcheints, liegt noch überall näher, als man glaubt. Aber der Anblick der Bäume ſetzt mich in Verwirrung. Ich kenne ſie nicht. Die europäiſchen Bäume 262 haben es faſt alle gemacht wie ich: ſie ſind pſeudonym in Amerika da. Als Europäer geben ſie ſich ſehr ſelten; namentlich die Eichen ſind verſtockte Geheimnißkrämer; ſie kommen unter allen möglichen Formen vor, nur nicht unter der, die wir an ihr kennen. Ich muß es meinen Nachbarn oft auf Treue glauben, daß irgend ein pächtiger, aber mir völlig fremder Baum eine Eiche ſei. Am beſten iſt noch die Kaſtanie kennbar; ich ſehe ſie ſehr häufig und immer als guten europäiſchen Bekannten; nur iſt ſie groß und ſtolz hier, etwa wie ſie in Serbien oder in Italien prangt. Bekannt heimeln auch ſolche Bäume an, die man aus europäiſchen Parks bereits als Amerikaner kennt;— z. B. Lyriodendron tulipifera mit ſeinem feinen, zierlich ausgeſchnittenen Laub, der hier ziemlich gemein iſt. Kurz, der hieſige Baumſchlag gibt im erſten Augenblick genug zu ſchauen, er hält die Imagination in beſtändiger Aufregung. Nur ſoll michs wundern, ob er auch das Gemüth zu feſſeln weiß. Fremde Bäume ſind eigentlich ſchauerlich. Wenn ſie nicht Kindheitsſprache mit uns reden, ſo bleiben ſie unverſtändlich wie Geſpenſter. Indeß hat mich der Anblick großer Waldfluren doch wieder ganz eigenthümlich gepackt. Ich brenne vor Begierde, dieſem Naturleben näher zu treten. Nach Philadelphia.— Ja, dieſes Volk iſt groß! Ein Freiheits⸗ geiſt, deſſen Bewußtſein keinen Augenblick unterdrückt werden kann, durchdringt es in allen Klaſſen und Schichten; überall ſiehſt du den Menſchen als Menſch. Mein Mr. Staunton hat ein wahres Wort durch ſeine falſchen Zähne geſprochen, als er ſagte:„im alten Land fühlt ſich ſelbſt der höchſte Beamtete als ein Diener; bei uns möchte der niedrigſte Dienſt gern für ein Amt gelten.“ Auf halber Fahrt zwiſchen Newyork und Philadelphia erſchien ein Gentleman in unſerm Wagen, der mit einer Haltung, die einem Staatsrath Ehre gemacht hätte, diplomatiſch kühl und höflich von Paſſagier zu Paſſagier wan⸗ delte, Jedem irgend eine intime, gewichtige Depeſche zuflüſterte, worauf er mit einer graciöſen Handbewegung in ſeine Buſentaſche(Bruſttaſche klingt zu gemein) ſeinen lauſchigen Fuß weiter ſetzte. Bald kam auch die Reihe an mich.„Es wird Ihnen gefällig ſein, mein Herr, die Fahrtaxe zu entrichten.“ Und dabei ſtand der Mann vor mir— n Amerikt die Eichen möglichen Ich muß pächtiger, n iſt noch rals guten wa wie ſie auch ſolche Amerikaner jen, zierlih der hieſige er hält die zundern, 1 d cigentlich ſo bleiben lick großet brenne vor — 263— „ein Cavalier wie andere Cavaliere.“ Da ich unvorbereitet war und ihn etwas länger aufhielt, als meine Mitreiſenden, fragte er inzwiſchen meinen Nachbar, was die neueſte Rede des Hrn. Clay„gemacht habe“ und ob er der Meinung ſei, daß General Jackſon den Bundesgerichts⸗ ſpruch für die Cherokees vollziehen werde. Folgte eine kleine, ſtaats⸗ männiſche Unterhaltung, indeß ich mein Kleingeld zählte. Ich geſtehe, die Scene war mir neu. Ich muſterte mir den Gentleman⸗Conducteur noch mit manchem Blickez ich konnte aber nicht das geringſte Abzei⸗ chen an ihm entdecken. Zuletzt war ich„grün“ genug, mein Befrem⸗ den gegen meinen Nachbar merken zu laſſen. Mein Nachbar war ein langer, hagerer Mann, aber meine Frage blähte ihn auf wie eine friſche Briſe ein ſchlappes Segel. Er ſtreckte Arme und Beine aus wie ein Bachkrebs, der an einer ſchwierigen Stelle ans Ufer klettert, ſpuckte weit von ſich, zog ſeinen Vatermörder in die Höhe und ſagte „mit Sonnenſchein in der Bruſt“: Ich rathe, Miſter, ein Conducteur iſt kein Hund, das iſt ein Factum; wozu ein Abzeichen? Sollen Bürger im Dienſte ihrer Mitbürger mit Halsbändern herumlaufen und ſich zeichnen laſſen wie eine Galloway-Kuh, als wären ſie die Hausthiere der Nation und nicht freie und ſelbſtſtändige Männer, die unter ihres Gleichen wandeln? Verdammter Unſinn wär's! Wir ſind ein Volk von Souverainen. Was wir von einander zu wiſſen brauchen, das i*ſt: wie wir politiſch geſinnt ſind; darum tragen wir die Abzeichen unſrer Partei. Was wir aber nicht zu wiſſen brauchen und was in guter Geſellſchaft überhaupt Keiner vom Andern fragt, das iſt: wovon er lebt; darum tragen wir keine Abzeichen unſeres Gewerbes— der Conducteur ſo wenig, als der Präſident. So iſt es, mein Herr, es wär' Schade wenn's anders wäre, das iſt ein Factum. Reiſen Sie durch die ganze Union und Sie werden keinen einzigen Officianten in irgend einer Branche finden, der ein Abzeichen trüge. Nicht am Zeichen erkennen Sie ihn, ſondern an der Sache ſelbſt, einfach daran, daß er Sie bedient und höflich bedient. Im Uebrigen iſt er Gentleman wie Sie. In Wahrheit, mein Herr, Alles was im hundertſten Gliede mit der Livree verwandt iſt das haſſen wir mit jenem heilſamen In⸗ ſtinkte der Gleichheit, welcher die unzerſtörbare Grundlage der Repu⸗ bliken iſt. Ein freier und aufgeklärter Bürger der Union duldet kein Abzeichen an ſeinem Leibe. All men are equal! Wir ſind eine 264 Nation von Souverainen. Es thäte mir leid, wenn's nicht ſo wäre.— Klingt das nicht prächtig? Schade nur, daß das Schöne einen ſo kurzen Moment hat! Denn kaum waren wir eine Meile weiter ge⸗ fahren, als an der nächſten Station ein Conducteur ſeine Streiſe durch den Wagen machte und uns die Fahrtaxe nach Philadelphia ab⸗ forderte. Wir ſtaunten nicht wenig. Der Mann trug ditto kein Ab⸗ zeichen, aber ſeine Legitimation, die wir ihm abfragten, war in Ord⸗ nung, und ſo blieb nichts anders übrig, als die Börſe zum zweiten⸗ male zu ziehen. Das iſt die Lehre von der Toilette dieſer Republik. Bürgermilizen prangen in höchſt überflüſſigen Uniformen, und Con⸗ ducteure perhorresciren höchſt nothwendige Abzeichen.—„Wir ſind eine Nation von Suarnende iſt freilich die Wahrheit: aber auch von Beutelſchneidern,— Wäs iſt die ganze Wahrheit. Philadelphia.— Ich bin in der zweiten Hauptſtadt Amerika's angekommen. Wie ſie mir gefällt? Lieber Bruder! Nimm einen Weſtenſtoff, der bekanntlich ein viereckiger Fleck iſt, laß das Muſter ſelbſt wieder quadrillirt ſein, und denke Dir, Du ſiehſt Philadelphia. Die ganze Stadt iſt ein großes Quadrat, und wie ſich ſämmtliche Straßen im rechten Winkel ſchneiden, ſo beſteht ſie aus lauter kleinen Quadraten. Ich komme mir in Philadelphia vor wie das Thier „von einem böſen Geiſt— nicht im Kreis, ſondern im Viereck herum geführt.“ Ich gehe ſtundenlang in der Stadt herum und be⸗ merke nicht, daß ich von der Stelle komme. Jede Straße wiederholt die vorhergehende, jedes Quarré von Häuſern iſt wie ein Feld im Schachbrett allen übrigen gleich. Berlin und Mannheim ſind mit wahrhaft orientaliſcher Phantaſie gebaut gegen die ſtockſteife . Einförmigkeit von Philadelphia. Die Häuſer, die Bäume, die Geſichter könnten aus einer Schneidemaſchine herausgefallen ſein, ſo fabriksmäßig uniform iſt Alles einander. Ja, auch die Geſichter. Hinter jeder Fenſtergardine ſteht genau die nämliche dünnſpitze Fuchs⸗ naſe, blinzelt das nämliche mißfarbige Augenpaar, das mit einem Blick in den Himmel und mit dem andern in die Dollarkiſte ſchielt, und das von dem blauen und gelben Reflex des Himmels und des Dollars einen verflucht grünlichen Farbenton annimmt, den wir mit ſo wäre.— ee einen ſo ar in Ord⸗ m zweiten⸗ Republik und Con⸗ „Wir ſind theit: aber Amerika mm einen ſammtlich uter kleinen d0s Thier 1 gietec m und be vitderholt n Febd in eim ſid . ſocſteiſ — 265 einem eigenen Kunſtausdruck Quäcker⸗Augen⸗Grün nennen müſſen. In der That, dieſe Fuchsnaſen und Katzenaugen ſind die phyſiogno⸗ miſchen Grundzüge der Bruderſtadt. Dabei herrſcht für ein ſo großes Straßenleben eine widernatürliche Stille und Sauberkeit hier. Die Stadt ſoll 300,000 Einwohner haben— und ſind ſie alle lebendig? fragt' ich unwillkürlich, als ich's zum erſtenmal hörte. Die guten Quüäcker bilden ſich freilich ein, ihre Reſidenz habe ein ariſtokratiſches Air; zugeſtanden meinethalben; man glaubt nämlich eines jener hoch⸗ ariſtokratiſchen Skelette vor ſich zu haben, denen allerdings kein ſterb⸗ licher Schweißtropfen mehr an die Haut tritt, aus dem einfachen Grunde, weil ſie überhaupt nicht mehr lebendig functioniren und ihre ganze Diät auf einen Hühnerflügel und eiſte Morriſon'ſche Pille reducirt iſt. So laufen auch hier jene Schweine nicht herum, welchen man in den Nebenſtraßen Newyorks begegnet; dafür begegnen Dir auffallend viele Pfarrer hier, was noch ärger iſt. So ein OQuäcker⸗Pfarrer, der in Vater Penns Bruderliebe macht, iſt vollends unbeſchreiblich. Da wandelt er einher in ſeinem langſchößigen oxfordfarbigen Rock, den Kopf in einen ſteifen Kragen eingekeilt, einen Hut mit niedriger Krone und breiter Krämpe auf den mausgrauen Haaren, ſilberne Schnallen an den blankgewichsten Schuhen, und im Geſichte, das eine Miſchfarbe von Talg und welken Herbſtblättern hat, ein altgebackenes ſchimmeliges Lächeln, eine unausſprechlich⸗erlogene Miſchung der ſchärfſten egoiſtiſchen Gifte mit ſüßlichen Ingredienzen— nein, dieſes Lächeln iſt nicht zu copiren, ich wiederhole es noch einmal. Im mildeſten Falle gleicht es einem Topf voll verdorbener Compote, in welchem die Zuckergährung mißlungen iſt, in der Regel aber iſt es bösartiger. Wahrlich, der wunderliche Girard wußte was er that, als er mit fürſtlicher Muniffi⸗ cenz ſein Girard⸗College, die größte Privatſtiftung der Welt, gründete, aber die teſtamentariſche Beſtimmung hinzufügte, daß kein Geiſtlicher von was immer für einer Glaubensſecte die Schwelle ſeiner Anſtalt betreten dürfe. In Europa, wo man herrſchende Kirchen hat, lebt der Geiſtliche, namentlich der katholiſche, im Corporationsgefühl einer gefeſtigten und angeſehenen Stellung mit einer gewiſſen Naivetät, die ihn zum bequemen, häufig zum liebenswürdigen Geſeellſchafter macht; hier, wo die Kirche als ſolche nichts gilt, wo geiſtliche Gemeinden ſich bilden und auflöſen wie Theekränzchens, wo es leichter iſt, eine Wieſe 266 voll Heuſchrecken zu hüten, als eine religiöſe Geſellſchaft zuſammen⸗ zuhalten, hier kommt Alles nicht auf die kirchliche Autorität, ſondern auf die Autorität der Perſönlichkeit an; in Folge deſſen hat ſich unter den hieſigen Pfaffen ein Phariſäerthum ausgebildet, an deſſen Ekel⸗ haftigkeit eine europäiſche Vorſtellung ſchwer hinreicht. Philadelphia ſcheint nun die wahre Zionsburg der geiſtlichen Heuchelei. Ich glaub' es dem alten Girard, der ein munterer Franzoſe war, herzlich gern, daß er ſich dieſe Race vom Leibe halten wollte, vom lebendigen, wie vom todten. Die Quäcker duzen ſich noch wie zu Vater Penns Zeiten und alle Welt nennt ſich einander„Freund“. Das verbreitet nun einen Geruch in Philadelphia als ob alle Leichen ſeit Vater Penn unbeerdigt herumlägen. Wahrlich, man muß den geſtorbenen Geiſt begraben, wie den geſtorbenen Körper. Unſre Regierungen thun ganz wohl, wenn ſie die Bildung jener Secten nicht dulden wollen, welche ſcheinbar auf das reine und unſchuldige Urchriſtenthum zurückgehen. Eine infame Lüge iſt's, den patriarchaliſchen Kleingemeindengeiſt im modernen Induſtrie⸗ und Intereſſenleben etabliren zu wollen. So ein Quäcker⸗,Freund“ klingt mir immer, wie das„ſei gegrüßt, Rabbi“. Die Kerls ſehen auch ganz darnach aus wie Judas und Kaiphas auf der Seelenwanderung begriffen. Was ſag' ich? Die jüdiſchen Phari⸗ ſäer kreuzigten von Chriſtus nur den Leib, aber das Evangelium ließen ſie laufen. Die hieſigen vergöſſen kein Blut, bewahre! aber ſie ver⸗ urtheilten ihren„Freund“ Chriſtus auf lebenslänglich zu ihrer ver⸗ maledeiten Schweigehaft und das Evangelium ſelbſt wäre gemordet. Die Schweigehaft iſt eine echt pennſylvaniſche Erfindung. Man muß dieſe frommen ſäuberlichen Straßen mit ihrem heimtückiſchen Still⸗ ſchweigen, dieſen Virtuoſenſitz der Langweile und Scheinheiligkeit kennen lernen, um zu begreifen, wie hier und nirgend anders jenes Henker⸗ thum in Glacehandſchuhen, jene teufliſche Bruderliebetortur erfunden werden konnte, welche das pennſylvaniſche Syſtem heißt. Philadelphia.— Als ein gewiſſenhafter Reiſender beſucht' ich es auch,— das State penetentiary, mein' ich, das hoch⸗ berühmte Original des pennſylvaniſchen Syſtems. Ja freellich iſtes ein Wunder des menſchlichen Scharfſinns. Ein einziger zuſammen⸗ it, ſondern ſich unter heſen Ekel⸗ Bbiladelphi Ich glaub zlich gern, digen, wir enns Zeiten breitet nun zater Penn eenen Geiſt thun ganz en, welch urückgehen. dengeiſt im „So ein t, Rabbi. iixhas auf hen Phar⸗ lium litßen er ſie ber⸗ ihrer ber⸗ genorde Man muß chen Stll ktit kennen es benke⸗ erfunden „ beſuch dus hoc⸗ 4 tinzigel 267 Wächter überſieht fünfhundert Zellen! Der Kerl ſitzt wie eine Spinne in ihrem Sacke, von ihm ſpannt ſich der ganze grauenvolle Fächerbau des Gefängniſſes aus, kein Zellenfenſter blickt in das andere und er in ſie alle! Eben ſo predigt Sonntags der Prediger aus dieſem Mittel⸗ punkte den Sträflingen das Wort Gottes; an ihre Eiſenthüren ge⸗ klammert, ſtrecken ſich fünfhundert bleiche Köpfe nach ihm vor, eine ganze Volksverſammlung! und jeder Einzelne iſt einſam und Keiner bekommt den Andern zu Geſichte. Das heiß' ich Netze flechten! Das Haus verwahrt gegenwärtig dreihundert Gefan⸗ gene. Nur dreißig davon ſind Deutſche. Und ſelbſt dieſe büßen größentheils wegen Pferdediebſtahl, ein Vergehen, das in Amerika ſehr ſchwer wiegt, aber in Ungarn ſehr leicht. Ei Miklös, warum ſo traurig, fragt' ich in meinem Geburtsorte einſt einen Czikös. Ein Schlingel hat mir Pferd von der Heerde geſtohlen, antwortete der Roßhirt. Dann zeig's den Gerichten an, erwiderte ich. Wo ſind Gerichte? Stuhl⸗ richter liegt beſoffen auf der Hochzeit von Jänos Iranyi, Vicegeſpann iſt gefahren auf Jagd— Nun was willſt du machen?— Bassama! ſtehl ich mir anders Pferd, ſagte der offenherzige Naturſohn, ein Kerl, dem ich mein letztes Hemd vertraut hätte, aber das Pferd hat er mit höchſter Wahrſcheinlichkeit wirklich geſtohlen. Kurz, es iſt ein ungeheurer moraliſcher Unterſchied, ob ich Jemanden Geld aus der Kiſte nehme, oder Geldeswerth vom freien Felde weg in Geſtalt eines freien Natur⸗ geſchöpfes. Das ſcheint aber der Yankee, der nicht empfinden, ſondern nur rechnen kann, nicht zu unterſcheiden und unſre armen Deutſchen, die von Schiffsmaklern, Agenten, Land⸗Jobbern u. ſ. w. vielleicht zehn⸗ fach ärger geplündert worden, verzweifeln nun, weil ſie ſich vier noth⸗ wendige Beine von fremder Weide holten, in den grauenvollen Penn⸗ ſylvaniazellen. Ich ſage, ſie verzweifeln und das iſt wahrlich keine ſentimentale Unterſtellung. Die ſtatiſtiſchen Schneiderellen, die überall das Maß nehmen, haben ſich eingebildet, es auch hier nehmen zu können, und glücklich herausdividirt, daß nur zwei Procent Selbſt⸗ morde oder Wahnſinn im Pennſylvaniagefängniß vorkommen. Wohl verſtanden: im Gefängniß, wie viel aber draußen als Nachwirkung einer Pennſylvantahaft, ſo weit reicht die Schneiderelle nicht mehr.— Mein Beſuch in dieſem Marterhauſe traf auf einen Deutſchen aus Rheinbaiern, ein junger Mann nicht ohne Bildung. Auch ſeine Ge⸗ 268 ſichtszüge mußten glücklich geweſen ſein, ließen aber ihr Einſt kaum noch errathen. Das Geſicht war offenbar länger geworden, eine aſch⸗ fahle Bläſſe bedeckte es durch und durch, ſein Blick ſtierte gläſern. Und doch war er noch nicht zwei Jahre hier, denn ſeine erſte Frage war, wie der Sturm auf Warſchau ausgefallen? Das Bevorſtehen desſelben hatte er noch„draußen“ geleſen. Wie weh ward mir zu antworten! Ich ſprach dafür von Börne und von der Rührigkeit der republikaniſchen Partei in Paris, um nur etwas zu ſagen. Er hörte mir mit einem ſtillblöden Lächeln zu, ſchien aber von dem Inhalte nicht ſo bewegt wie ich meinte; er weidete ſich offenbar am bloßen Klang der deutſchen Sprache. Auf dem Tiſch ſah ich ein Buch liegen. Es war die Bibel. Das ganze Ameublement einer Pennſylvaniazelle beſteht nämlich bloß aus vier Stücken: Tiſch, Stuhl, Bettſtelle, Bibel. Ich fragte den Gefangenen, ob auch andere Lectüre geſtattet würde? Er verneinte es. Ob ihm die Bibel hinlänglich Gedanken gäbe? Er ſtreckte ſeine Hand nach dem Plafond aus und ſagte: In dieſer Ecke, mein Herr, denke ich darüber nach, wie der Geiſt des zwanzig⸗ ſten Kapitels vom zweiten Buch Moſis mit der katholiſchen Prieſter⸗ lehre ſich in Einklang bringen laſſe. Ich ließ mich, da ich nicht ſtark in der Bibel bin, auf dieſes Problem nicht ein und fragte ihn bloß, ob er dazu die Stubenecke bedürfe? Allerdings, mein Herr, war ſeine Antwort, ich lebe nur von drei oder vier Phantaſien hier und die wohnen in den Zellenecken. Wiſſen Sie das nicht? Er ſah ganz unbefangen dazu aus. Mir ward ſeltſam zu Muthe. Wer wohnt denn in der zweiten Ecke? fragte ich. In dieſer Ecke ſehe ich die ſechstauſend Sclaven kreuzigen, die nach dem Aufruhr des Sparta⸗ kus gefangen wurden. Die ganze Straße zwiſchen Rom und Capua gab's eine Allee von Kreuzen und zwar eine Doppelallee. Darunter promenirten die römiſchen Damen und Herren und genoſſen des Schattens,— ſo lange bis der Duft nicht kam.— Ich ſtarrte den Menſchen an.— Und in der dritten?— Der Sträfling antwortete: Ich war in Kentucky einſt in der üblen Lage, einen Sclavenaufſeher⸗ dienſt nehmen zu müſſen. Da unterhielt ſich mein Herr einmal mit einer jungen Negerin damit, daß er aus einer gewiſſen Entfernung mit einem Bowiemeſſer nach ihrem nackten Leibe warf. So oft er ſie getroffen, mußte ſie das Meſſer eigenhändig aus der Wunde ziehen, Einſt kaum n, eine aſch⸗ erte gläſem. erſte Frage Vevorſtehen vard mir zu kührigkeit de n. Er höntt dem Inhalte am bloßen Buch liegen. nſylvaniazelle ſtelle, Bibel ttet würde! mken gäbe! In dieſen es wanzig en Prieſter⸗ dr ich it d fragte i mein en antaſien hie ht? Er ſih duthe. Wc ött ſe i ds Sparid und Capue Darunti noſſ 19 b tarrte del antvottt vaauſſcha⸗ aumal mit catfernung 0 oft et ſe ziehen nde zucha 1 * — 1 3 269 es ihm zurückbringen, ihm die Hand küſſen und ſich von Neuem auf⸗ ſtellen. Das ganze Spiel dauerte ſo lange bis ſie hinſank. Voll Abſcheu verließ ich das Ungeheuer; in dieſer dritten Ecke aber kam die Scene wieder zum Vorſchein und— leider muß ich's geſtehen— mit einer Art von Genuß. Ach, mein Herr, was ſind die Freuden des Ein⸗ ſamen!— Ich war außer mir. Und in der vierten? hatte ich kaum doch den Muth zu fragen. In dieſe Ecke blicke ich nie! flüſterte der Unglückliche abgewendet; ſeine Stimme klang hohl und ein Schauder überflog ihn. 2 Mich auch. Ich bekam eine entſetzliche Anwandlung in dieſem Augenblicke. Es iſt ein gewöhnliches Phantaſieſpiel von mir, daß ich mir einen blonden, lächelnden Kindskopf in's zitternde Greiſenalter überſetze; umgekehrt kann ich kein blutleeres Runzelgeſicht anſehen, ohne mir ſein vollwangiges Jugendbild herauszuſtudiren. In dem⸗ ſelben Sinne tret' ich manchmal vor den Spiegel, um den Menſchen darin zu erblicken, der ich ſelbſt nach zwanzig oder dreißig Jahren ſein werde. Ein ſolcher Phantaſieſpuk war's, der mir jetzt begegnete. Blitzſchnell verwechſelten ſich die Perſonen und ich ſtand an ſeiner Stelle. Hu! fort von hier. Eine Schauderthräne trat mir in's Auge. Ich machte, daß ich aus dem Hauſe kam. Nun ſage mir! In Europa gibt's Cenſoren, welche die Gedanken morden, in Amerika Strafhäuſer, welche den Menſchen an ſeine Ge⸗ danken ausliefern. Was iſt der größere Jammer? Ich glaube das Letztere. Streicht, Cenſoren! ſtreicht! Phantaſie iſt ein Bruthaus des Wahnſinns! Verſchlinge der Abgrund das pennſylvaniſche Syſtem! Philadelphia.— Schinderhannes war ſehr bornirt, ſein Weſen am Rhein zu treiben. Er hätte Director einer amerikaniſchen Bank ſein müſſen. Wir leſen die Zeitungen über Amerika viel zu flüchtig in Europa. Sonſt würden wir nicht von Vereinigten Staaten, ſondern einfach von Raubſtaaten reden. Ich war geſtern, um mir das Zellengefängniß aus dem Sinne zu ſchlagen, noch in einer hieſigen„Wistar-Parthie“. Mein Wirth, oder vielmehr mein„Freund“ hatte mich daſelbſt eingeführt, wahrſcheinlich zur Entſchädigung, daß er mir die Baltimore⸗Ducks, eine delicate Entengattung, um die Hälfte theurer als in Newyork an⸗ 270 rechnete, da ſie doch in Philadelphia um die Hälfte billiger ſein könnten. (Ich ſpeiſe nämlich ſtandhaft nach der Karte.) Die Wistar-Parthien ſollen die hieſigen Eliten⸗Soireen ſein und der Philadelphier läßt ſich merken, daß ein Reiſender, der von Newyork kommt, Augen und Mund aufſperren muß über ſeine beſſere Bildung. Aber die Amerikaner haben nun einmal Unglück mit mir. Ich kann ſie nirgends in ihrer rechten gloire ſehen. Die Wistar-Parthie vollends war ein Rendezvous, wie ge⸗ ſagt, mit dem Schinderhannes. Freilich fand ich die parfümirteſte Geſellſchaft dort, Menſchen, die, wenn es auf ihr Havannahblatt und auf ihren East-India-Madeira allein ankäme, die Créme der Geſellſchaft wären; als aber beſagter East-India-Madeira meine freien und auf⸗ geklärten Bürger etwas unfrei und trübe zu machen begann, da wagte ſich der Schinderhannes in Lebensgröße aus ſeinem Schlupfwinkel. Die Geld⸗Frommen von Philadelphia ſind noch ganz außer ſich über die Zerſtörung ihres Tempels, der ſchönen marmornen Nationalbank am Schuylkill die der gottloſe Nabbuchodonoſor, General Jackſon, ge⸗ ſchloſſen hat. Ach, es ließ ſich ſo hübſch Bruderliebe darin machen! Die Herren Actionärs hatten bereis drei Viertel des Nationalvermögens in der Taſche, und nur noch ein weniges, ſo ſackten ſie auch das letzte Viertel ein. Da wählte das Land im gemeinen Inſtinkt ſeiner Selbſt⸗ erhaltung den alten Eiſenfreſſer von New⸗Orleans, der nun auch ein Papierfreſſer wurde, und um die nobleren Inſtinkte war's geſchehen. Die Dollar⸗Heiligen zu Philadelphia mußten ſich begnügen, East-India- Madeira bloß zu trinken, nicht auch zu baden darin: iſt das nicht zu viel des Märtyrerthums? Darob Heulen uud Zähnklappern in Israel und Taufe diverſer Hunde auf den Namen Jackſon. In der That, einer der gläubigſten Papier⸗Prieſter meiner Wistar- Parthie ſtand, als die Discuſſion dieſes Gegenſtandes ſchon den Siede⸗ punkt erreicht hatte, mit der fanatiſchen Prophezeihnng auf: Jackſon würde am Galgen oder im Gefängniſſe ſterben, die Bank der Ver⸗ einigten Staaten aber auferſtehen und alle menſchlichen Inſtitutionen der Welt überdauern. Ein Kerl, der ſich Biſchof nannte, weiß Gott von was für einer Winkelkirche, bekämpfte heftig einen engliſchen Ba⸗ ronet, der die Vortheile und Nachtheile des Papiergeldes mit Ruhe aus einander ſetzte, aber vom elenden Widerſpruch ſeines Gegners ge⸗ reizt, zuletzt ſich gleichfalls erhitzte und auch die Vortheile mit dem ſchwär⸗ er ſein könnten. istar-Parthien phier läßt ſic gen und Nund rerikaner haben n ihrer rechte vous, wie ge parfümirteſt blatt und Geſellſchaft ien und auf unn, da wagt Schlupfwinkel ſcch über die jonalbank an Jackſon, riin machen! zeſten Raiſonnement verfinſterte. Es iſt hier nicht mehr von Geld und Papier die Rede, es iſt die Rede von Catilina und Cicero, rief er mit erhobener Stimme. Die Bank war Catilina, General Jackſon Cicero. Um die Verfaſſung war's geſchehen, der Staat war umgeſtürzt, wenn die Bank beſtehen blieb. Oder ſollen wir Fremde, meine Herren, nicht ſo weit unterrichtet ſein über Ihre inneren Zuſtände, daß wir nicht wüßten, wie die Bank zu einer Macht herangewachſen war, welche dem Catilinariſchen oder Robespierre'ſchen Terrorismus nichts nachgab? Der Schrecken herrſchte in Ihrer Republik, der Schrecken des Credits! Wohin das Lächeln der Bank ſtrahlte, da wucherte ein papiernes Zauberleben von Glück und Ueberfluß empor, wo der Blitz ihres Zor⸗ nes niederfiel, erſtarrte Handel und Induſtrie zu Nordpols⸗Winterſchlaf. Ganze Städte und Provinzen hielt ſie in Abhängigkeit und Gehorſam gegen ſich; was ſag' ich, die ganze Union lag ihr zu Füßen, denn dreihundertunddreißig über das Land vertheilte Schwindelbanken buhlten um die Gunſt ihrer Notenannahme zu Philadelphia; Philadelphia herrſchte wie der Großkhan der goldenen Horde über ein Heer von Satrapen, Vaſallen, Unter⸗Despoten und Subaltern⸗Tyrannen. Was war dieſer Macht gegenüber die Verfaſſung? Die Bank zu Phila⸗ delphia war die Verfaſſung! ſie wählte, ſie machte Präſidenten, Se⸗ natoren und Deputirte, ſie handhabte Legislative und Executive, ſie war Papſt, Cäſar, Omniarch! Die Gefahren Ihrer Freiheit— Neider! Neider! Neider! ſchrie der Biſchof oder vielmehr das Faß Madeira in ihm mit einer Wuth als wäre er vom Beelzebub beſeſſen,— man bedroht gern unſere Zukunft, wenn man den Flor unſrer Gegenwart nicht leugnen kann. Ob in einem Wahlflecken das Gewiſſen oder die Guinee votirt, iſt ein Ding das dies⸗ und jenſeits des Oceans beſſer aus dem Lichte bleibt. Was kümmert uns der ſpäte Verlauf einer Inſtitution, die uns täglich und ſtündlich mit Wohlthaten über⸗ häuft? Laſſen wir die politiſche Seite hier aus dem Spiele, Sir, und halten wir uns an die ſociale, Sir! Iſt das Papier nicht die Quelle unſres Wohlſtands, unſrer Macht, unſrer Nationalgröße geworden? Wer hat unſre Städte gebaut, unſre Canäle und Straßen gebahnt, unſre Häfen mit Flotten gefüllt, unſre Wälder und Prairien mit Menſchen bevölkert zzwer führt den Pflug, das Steuerruder, die Berg⸗ mannshacke, das Schwert und die Lunte, wenn nicht das Papier? 272 Laſſen Sie uns mit Metall wirthſchaften und der Indianer ſkalpirt uns heute noch am Delaware, ſtatt daß er hinter'm Miſſiſſippi uns um Enade bittet. Die Banknotenpreſſe macht uns zum erſten Volk der Welt; die Bank ſtürzen heißt den Staat ſtürzen. War das Privilegium unſrer Nationalbank nicht abgelaufen im Jahre elf und haben ihre eif⸗ rigſten Gegner nach fünf Jahre nicht ſelbſt auf ihre Wiederherſtellung gedrungen, weil uns der Krieg mit England inzwiſchen gelehrt hatte, daß ohne Papier kein civiliſirter Staat ſelbſterhaltungsfähig iſt? Wie, Sir? leug⸗ nen Sie das, Sir? Als Engländer gewiß, aber als Vernunftweſen nicht. Und wenn der bornirteſte Schuft unter der Sonne, General Jackſon, geſtern ſein Veto einlegte,— glauben Sie nicht, Sir, daß mein ge⸗ ehrter Vorredner recht hat: der Kerl baumelt eher am Galgen, als daß morgen die Bank nicht von neuem erneuert wird? Was ſagen Sie, Sir? Eine triumphirende Beifallsſalve belohnte den brüllenden Logiker. Die Erinnernng an den letzten engliſchen Krieg, den die Union bekanntlich ſiegreich geführt, ſchien eine zu glückliche und bei⸗ ßende Argumentation, als daß der arme Baronet nicht überwältigt ſein mußte. Aber das Gegentheil. Gerade dieſe Anſpielung pflanzte er ſelbſt auf ſein Bajonnet. Und wie dem Manne eine kräftige Bruſt⸗ ſtimme zu Gebote ſtand, die durch ein Bataillon engbrüſtiger und näſelnder Yankeeſtimmen ſchlug, ſo klang es wie eine Gerichtspoſaune, als er anfing, ſeinen Widerſpruch aufzubauen. Ganz recht, meine Herren, rief er, daß Sie der letzte engliſche Krieg den Vortheil, oder beſſer, das Bedürfniß des Papiergeldes fühlen lehrte; auch wir haben den Napoleon mit Papiergeld beſiegt. Der Krieg, der die ſittlichen Güter einer Nation vertheidigen ſoll, entzieht derſelben in allen⸗ Fäl⸗ len ein mehr oder minder großes Quantum materieller Güter, Ca⸗ pitalien genannt, und gibt ſie der Zerſtörung preis, um jene höheren Güter zu retten. Dieſe Capitalien müſſen auf dem Altar des Vater⸗ landes verbrannt werden, wie irgend ein Brandopfer; es wird alſo Zündſtoff nothwendig ſein, ſie in Brand zu ſetzen. Dieſer Zündſtoff iſt das Papier. Das Papier verwandelt die Nationalopfer von Capi⸗ talien in Aſche, freilich ohne daß die Opfernden ſelbſt es wiſſen, oder geduldig wollen. Genug, wenn bei der menſchlichen Schwäche des Egoismus ein Opfer für's Ganze nicht anders zu erhalten iſt, als indem man es verhüllt, und mit einem momentanen, erlogenen Werth — d-ͤ— ——————— p2u—;B'e ner ſtalpit ſiſſippt uns en Volk der Privilegium en ähre eif erherſtellung t hatte, daß Sir leug⸗ weſen nich. zal Jackſon, ß mein ge⸗ Balgen, als Was ſagen brüllenden g, den die e und bei⸗ überwältigt ng pflanzte ftige Bruſt⸗ küſtiger und ütpoſaunt, 273 erſetzt. Als die karthaginienſiſchen Frauen aus ihren Kopfhaaren Bogenſehnen flechten ließen, als die polniſchen Großen die ſilbernen Särge ihrer Ahnen in die Münze ſchickten, leiſteten ſie das Opfer bewußt, der Staat brauchte ihnen nicht Papierwerthe dafür vorzu⸗ ſpiegeln. Aber das ſind Ausnahmsfälle der Begeiſterung, der Ver⸗ zweiflung, wenn Sie wollen, und in der Regel wird der Krieg von denen, die er vertheidigt, die Mittel ihrer Vertheidigung nicht anders erhalten können, als indem er ſie ihnen ſcheinbar vergütet, bis ſie den wirklichen Verluſt kennen lernen, da ſie dann freilich betrogen, aber auch gerettet ſind. Dies der Krieg. Aber herrſcht in dieſem Lande beſtändig Krieg? Leben Sie in einem Krieg mit ſich ſelbſt, meine Herren? Bei Gott, ſo iſt es. Sie führen einen Krieg der Reichen gegen die Armen, nein, nicht einmal das! denn in Michigan weiß ich eine Bank, deren ganzes Vermögen in den Metallplatten beſteht, womit ſie ihre Noten druckt, und in Miſſouri weiß ich eine andere, deren Baarfond ein einziger Dollar iſt! Michigan und Miſſouri ſind aufſtrebende Staaten, Staateneier wie ſie hier Landes vor der Hälfte der Brutzeit die Schale ſprengen, es koſte was es wolle. Und wahrlich eine Metall⸗ platte zum Banknotenpreſſen koſtet blutwenig. Iſt erſt der Strom der Anſiedler da, jene unglücklichen Helotenſchwärme von deut⸗ ſchen und iriſchen Einwanderern, die mit einem zerriſſenen Zeltwagen, einem Pferdegerippe, zwei harten Männerfäuſten und ſechs hungernden Familienmägen auf tauſend Meilen von der Cultur wegagentirt worden ſind, was bleibt ihnen anders übrig, als zu arbeiten für Alles, was man ihnen als Geld anzubieten die Laune hat? zu arbei⸗ ten für eine Handvoll jener Lumpen, deren ſie ſelbſt ihren Wagen voll beſitzen, nur daß dieſe noch nicht die Papiermühle paſſirt? So zahlen Sie auf dem Lande, ſo zahlen Sie in den Städten, und indem die papierne Lüge von Hand zu Hand geht, können Tauſende von Aus⸗ wanderern ihr Glück in die Heimat berichten, bis Jene zum Worte kommen, an welchen die Execution des Bankbruchs vollzogen wird. Leider gelangen nur Bankbrüche erſten Rangs zu einiger Oeffentlichkeit, alſo daß der Ruf der Prosperität und Calamität in den Vereinigten Staaten fortwährend ein unrichtiger iſt. Ich aber, meine Herren, ich habe den Falliſſements Ihrer Banken ſeit dem Jahr 1811 nachgerechnet und gefunden, daß Sie bis heute, alſo innerhalb einer Generation, D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 18 274 für zweihundert Millionen Dollars fallirt haben. Schlage ich einen Taglohn durchſchnittlich zu 1 ½ Dollar an, ſo haben Sie einer ein⸗ zigen Generation Ihrer Mitbürger 150 Millionen Arbeitstage geſtohlen! Damit läßt ſich was ausrichten! Das thut Ihnen allerdings keine Na⸗ tion der Erde gleich. Von dem Geheimniß Ihrer Fortſchritte iſt das der Schlüſſel. Aber ſehen Sie bei einer ſolchen Lage der Dinge von der politiſchen Seite Ihres Bankweſens nicht länger mehr ab zu Gunſten der ſocialen Seite. Wahrlich noch ſchwärzer wird letztere dabei. Ge⸗ ſtehen Sie, daß Sie mit einer ſolchen Summe von Robottagen Ihre arbeitende Klaſſe ärger mitnehmen, als die Spartaner ihre Heloten, oder die polniſchen Magnaten ihre leibeignen Bauern. So oder mindeſtens ähnlich durfte ein Engländer in der Fremde reden. Was für eine herrliche Sache iſt's um einen großen nationalen Rang! Wie blaß ſtand ich als Deutſcher daneben! Aber ſein Raiſonnement that mir in der Seele wohl. Ich weiß nun, was ich den Amerikanern zu antworten habe, wenn ſie mir ihre Nationalgröße vorprahlen. Ich werde ſagen: hätte Fallſtaff ſeinen Sekt bezahlt, ſo wäre er nicht ſo dick geworden, und ein Fallſtaff iſt auch noch kein Rieſe! Der hieſige Materialismus braucht mir nun eben ſo wenig zu imponiren, als es der Idealismus gleich anfangs nicht that. So werde ich Schritt für Schritt freier. Nach Harrisburg.— Pennſylvanien heißt„der Garten der Union.“ So viel ich ſehen kann, verdient es dieſen Namen. Wohin man blickt, iſt der Geſichtskreis voll von Bildern des Wohlſtandes und der Zufriedenheit. Farm an Farm reiht ſich unabſehbar über die hügelige Bodenfläche eines Landes, dem es nirgends an Wald, Waſſer, Weide und wie es ſcheint an Fruchtbarkeit gebricht. Jeder Farm liegt in der Mitte des Seinen— für das Auge ein volles Rund. Das Haus umgibt der Blumen⸗ und Obſtgarten, lange Feld⸗ breiten von Mais und Waizen ſchließen ſich an, grasreiche Wieſen⸗ gründe folgen, und das Ganze begrenzt gewöhnlich irgend ein Halb⸗ zirkel von Wald, deſſen Nähe der Farmer gerne ſucht. Wie die Flüſſe ſchweifen, die Thäler ziehen, ſanfte Abhänge, bewaldet oder bebaut, ſich durch die Ebene miſchen, zerſtreute Bauernhöfe nach Oſt hl lage ich einen e einer ein⸗ ge geſtohlen! ſtrit te iſt das Dinge von der ab zu Gunſte rre dabei. Ge⸗ ſttagen Ihre rihre Heloten, in der Fremde ßen nationalen ohl. Ich weiß in ſie mir ihre Fallſtaff einen d ein Fallſtaf hi mir nun eben anfangs nicht S — —½ ’ S — x 1 nhäft na 1 13 8 — 275— und Weſt ihre Fronten ins Land kehren, ſo gibt es auf jeden Hügel von ein paar Ellen Höhe eine freundliche, anmuthige Umſchau. Kurz das Land iſt nicht eben maleriſch, aber heiter, behaglich. Nach Harrisburg.— Im Poſtwagen iſt der Menſch faſt auf der ganzen Erde unliebenswürdig, der reiſende Yankee aber iſt ein Ungeheuer. Ich erlebte heute eine Probe davon, die auch einen Holländer toll gemacht hätte. Ich fuhr im Stagewagen. nach Reading, oder vielmehr in der Richtung dahin. Meine Reiſe⸗ gefährten waren: erſtens, ein Kaufmann aus Sunbury, zugleich Schuldiſtrictsvorſteher, Milizlieutenant, Geſchworner, Straßenbau⸗ commiſſär, Bibelverbreiter, Sträflingsbeſſerer und Temperance⸗ Ausſchuß⸗Mitglied, Zweitens, ein Indian-Trader, einer aus dem Orden jener ſpeculativen Induſtrie⸗Ritter, welche zur Zeit, wenn die expropriirten Indianerſtämme ihre Renten für abgetretene Ländereien ausbezahlt bekommen, mit nichtsnutzigem Hauſirerkram, hölzernen Muskatnüſſen, hörnernen Feuerſteinen, ſchlechtem Branntwein u. dgl. den fernen Weſten bereiſen und ſich das Blutgeld wieder heim holen. Drittens, die blaſſe, grämliche Frau eines Philadelphier⸗Advokaten, welche viel über Unverdaulichkeit klagte und ein noch bläſſeres Kind auf dem Schooße hielt, ein Würmlein— Gott verzeih's— wie eine Made. Nun höre, wie mir's zwiſchen dieſen drei Menſchen erging. Der Indian-Trader hatte mir gleich beim Einſteigen ſeinen dick⸗ benagelten Stiefelabſatz in die Herzgrube gedrückt und mir das Herz faſt abgedrückt. Als er dann ſaßz, legte er ſeine zwei langen Beine wie Greifſcheeren auseinander und zwar auf meine Schultern. Da⸗ gegen durfte ich eigentlich nichts einwenden, denn das Recht der Bein⸗ ausſtreckung gehört in jeder Lage des Körpers zu den wichtigſten Privilegien des Dankee. Blos auf dem Wege des friedlichen Ver⸗ trages erſchlich ich mir ſo viel, daß er die Beine nach Art eines Viaducts über meinen Kopf ſpannte, und ſich's gefallen ließ, da ihnen die Unterlage meiner Schultern entzogen war, daß ich ſie mit meinem Taſchentuche oben an die Wagendecke knüpfte. Der Kaufmann von Sunbury, der uns ſo eifrig von ſeiner bürgerlichen Vielſeitigkeit unterhielt, war im Laufe dieſer Anſtrengung eingeſchlafen, und erkor mich 18 276 zu ſeiner Matratze, indem er ſein ganzes Gewicht ſo über meinen Körper herlegte, daß ich darunter verſchwand und gleichſam vernichtet war. Mit dem Manne ließ ſich noch weniger pacisciren. Ich nahm alſo zur Liſt meine Zuflucht. Ich ſtahl mich mit meiner eingeklemmten Hand in meine Taſchen, was mir nach vielen ſchmerzhaften Extorſionen gelang. Nun ſucht' ich alles Spitzige darin zuſammen, Federmeſſer, Cigarrenſpitzen, Haarkamm, und bemühte mich, dieſen Gegenſtänden eine ſolche Aufſtellung zu geben, daß ſie als Stacheln die Rippen meines Alps von mir abhalten ſollten. Kaum aber freute ich mich meiner kleinlichen Erfolge hierin, als ſich das blaſſe Schooßkind meiner unverdaulichen Nachbarin übergab, und zwar auf mein rechtes Bein. Entſetzt fuhr ich auf, aber die Lady hieß mich ruhig ſein, denn ihr Baby wäre eigentlich nicht krank, ſagte ſie, es komme nur vom ſchwachen Magen.— Wie gefällt dir dieſes ganze Culturbildchen? Möchte ſich doch die Erde ein ganz klein wenig ſpalten und dies liebenswürdige Volk ſanft in ihr Centralfeuer hinabgleiten laſſen. Ich rathe, dort wär's gut aufgehoben. Nach Harrisburg.— Auf der Eiſenbahn geplündert, im Stage⸗ wagen zerquetſcht und beſpieen, wollt' ich es mit dem Dampfſchiff verſuchen. Ich wanderte ein paar Meilen zu Fuß dem Thale des Susquehanna zu und beſtieg in Lancaſter das Boot. Schlechtere Reiſegeſellſchaft hat wohl ſelten ein Wanderer gefunden, als ich, Un⸗ glücklicher, bei dieſer Fahrt. Es umgab mich ein Genre von Men⸗ ſchen, das gar nicht zu charakteriſiren iſt, denn Alles fehlte ihnen, um Menſchen zu ſein, und Alles beſaßen ſie, was zur Beſtialität gehört. Ihre Moralität und ihre Sitten waren gleich abſcheulich. Eine kalte, dickhäutige Selbſtſucht, eine Nichtachtung jedes ge⸗ ſellſchaftlichen Anſtandes prägte ſich ſo ſehr in ihren Zügen, Worten und Handlungen aus, daß ich unmöglich den Wunſch unterdrücken konnte, das Regiſter ihrer Untugenden möchte noch mit einer einzigen vermehrt ſein,— mit der Scheinheiligkeit. Dieſe konnte man ihnen aber nicht vorwerfen. Das Geſpräch in der Cajüte ſtrotzte von den frevelhafteſten Gemeinheiten, die aber ohne alle Wärme des Temperamentes, mit einer wahrhaft teufelsartigen Ruhe und Kaltblütigkeit ſich äußerten. Letzterer Umſtand macht die hieſige einen Körper rriichtet war. t nahm alſc engeklemmten rtorſionen Federmeſſer Gegenſtänden die Nippen ich mich fkind meiner rechtes Bein. in, denn ihr vom ſchwachen ſcht ſch d ige Volk ſanft t wär's gut ⸗ 4, im Stag Dampfſcf n Thale dis gchlechtere als ich, U Men⸗ re von 277 Gemeinheit beſonders empörend. Den Kerls iſt nicht etwa wohl, wie den bekannten fünfhundert Säuen, ſie ſind als Zotenreißer ſo trocken, wie als anſtändige Menſchen. Es iſt nicht der geringſte Humor in ihren Ausſchweifungen. Ein presbyterianiſcher Geiſtlicher war an Bord, ſeine Gegenwart that aber keinen Augenblick Einhalt. Kurz, ich litt bis zur Verzweiflung unter dieſer Reiſegenoſſenſchaft. Da ich merkte, daß der Geiſtliche kein Landeskind, ſondern ein Schottländer ſei, ſo fing ich an mein Herz gegen ihn zu erleichtern; er antwortete aber mit ziemlichem Phlegma: Das wird man bald gewohnt auf Reiſen; außer dem Zwang ihrer häuslichen Verhältniſſe ſind ſie ſo. Da ſteht der Verſtand ſtill! Der freie Amerikaner außer dem Zwang ſeiner häuslichen Verhältniſſe! Und doch hält er durch die ganze Union dieſen Zwang aufrecht, und canoniſirt die häusliche Langeweile unter dem Namen temper, was man für un⸗ überſetzbar hält, was aber ganz einfach Muckerthum heißt!— Als ich morgens Toilette machte, circulirte für die ganze Schiffsgeſellſchaft ein einziges Handtuch; eben ſo hing ein allge⸗ meiner Kamm ſammt Haarbürſte an einem Nagel. Jedermann be⸗ diente ſich unbedenklich dieſer Gegenſtände der Reihe nach. Ich hätte gerne gefragt, ob nicht auch eine General⸗Zahnbürſte da ſei, aber ich glaube, dieſes Muſtervolk braucht überhaupt keine Zahnbürſte. Was mich betrifft, ſo proteſtirte ich feierlich gegen das Gleichheits⸗ Handtuch und verlangte mein eignes. Da fing der ſouveräne Schweinſtall eine Rebellion gegen mich an und ſelbſt der Capitän verſicherte mich mit der empfindlichſten Miene, daß mein Begehren auf jedem amerikaniſchen Schiffe Aufſehen erregen würde. All men are equal! Heißt das ſo viel als: all hogs are equal? Welch eine erlogene Kultur! Zu Hauſe wandeln ſie bis zum Kohlenträger herab auf Teppichen und im Schiff hat die ganze Bande ein Handtuch! Meinethalben. Ich nähere mich mit jedem Schritt meinem Urwalde, ſehe aber nichts anders übrig, als mir ein Reitpferd zu kaufen, ich wüßte ſonſt nicht, wie ich fort käme. Körper an Körper mit dem Amerikaner zu reiſen, iſt weder zu Waſſer noch zu Lande möglich, ſo viel belehrt bin ich nun. Gott, was es heißt, ein Volk en detail kennen lernen! 278 Harrisburg.— Wie neugeboren bin ich aus dem verruchten Schiff ans Land geſtiegen. Der niedere Waſſerſtand hat die heilloſe Fahrt noch mehr verzögert. Aber das Flußbett war ihm eine große Verſchönerung ſchuldig. Meilenweit war der Susquehannah überſäet von Felstrümmern voll wilden Formenſpiels. Bald ragten ſie wie Ruinen römiſcher Triumphbogen aus dem Waſſer, bald glaubte man Löwen, Sphinxe, Greife und ſonſt ſolch' heraldiſches Wildpret zu ſchauen; kurz, die Phantaſie war ſchöpferiſch angeregt. Es iſt gar herrlich, wenn ſo ein Felſenbett niederen Waſſerſtand hat. Da zeigt der Strom doch ein ander' Geſicht, als ſeine platte, geduldige Oberfläche, die nur Schiffsgüter expedirt. Man ſieht ihm ins Herz, man ſieht ſeine innere poetiſche Werkſtätte und mit welcher Muskelkraft er feilt, ſägt, häm— mert und bohrt, um aus den Urwaldsblöcken ſeine Gedanken zu for⸗ men,— rohe, kyklopiſche Rieſengedanken! Ueberhaupt hat die Gegend von Harrisburg einen heldenhaften Charakter. Das Thal des Sus⸗ quehannah, auf der öſtlichen Flußſeite beſonders, zeigt ſchöne, markige Felſenpartien. Die knorrigen Steineichen darauf glaubt man ordentlich knattern zu hören, wie die Hitze ihr altes Holz ſprengt. Hoch über ihnen ſchweift der Geier und kreiſcht ſeinen rauhen Geſang von Hunger und Liebe, daß Einem das Herz im Leibe lacht. Wer das Auge hätte, womit ſo ein Racker unter'm vierzigſten Breitengrad in die Mittags⸗ ſonne ſchaut! Harrisburg.— Es fängt an, mir ernſtlich bange zu werden, welchen Weg die Culturgeſchichte Amerika's einſchlagen wird. Von den Tauſenden und Tauſenden, die jährlich als Neu⸗Siedler in unge⸗ bahnten Wildniſſen ſich niederlaſſen, erwartet man, wie billig, nichts anders, als die erſte roheſte Arbeit. Pioniere der Cultur heißen ſie, die Cultur ſelbſt ſoll ihnen erſt nachrücken. Von dieſer nachzurückenden Cultur wird man aber wieder die großen See⸗ und Handelsſtädte abziehen müſſen, deren Leben Taumel iſt— Taumel des Geſchäfts und Taumel des Genuſſes. Nun dächte man, läge die Cultur in der Mitte; ſie läge in jeenen glücklich ſituirten Städten, die, gleich ent⸗ fernt von der Roheit des Hinterwäldlers und von der Verderbniß der Seehafen⸗Ariſtokratie, Beſitzer eines ruhig arbeitenden Kapitals ſind, —=r 2„H ——— n verruchten die heilloſe * 7 ne große überſäet von wie Ruinen man Löwen, zu ſchauen; errlich, wenn Strom doh ge, die nur ſeine innere „ſägt, häm⸗ nim zu for⸗ t die Gegend al des Sub⸗ öne, markige an ordentlic Hoch über won bune „Auge hätt die Mittags⸗ — 279 das den bürgerlichen Athmungsprozeß in normalen, geſunden Schwin⸗ gungen vollzieht. Mit dieſer Erwartung betrat ich Harrisburg. Harris⸗ burg iſt in jeder Hinſicht ein reinerer Sitz des amerikaniſchen Deutſch⸗ thums als Philadelphia. Unſere Kinder ſollen nicht engliſche Affen werden, ſagten die deutſchen Anſiedler Pennſylvaniens, welche mit einem Grundſtock guter proteſtantiſcher Bildung herüberkamen, deutſche Schulen anlegten, deutſche Lehrer und Paſtoren mitbrachten und ſie noch lange, oft mit großer Aufopferung, aus Deutſchland, namentlich aus Halle, der damaligen Metropole deutſch⸗theologiſcher Gelehrſam⸗ keit, verſchrieben. Wohlan, die Söhne und Enkel dieſer Rektoren, dieſer Paſtoren, dieſer Offiziere aus Waſhington's Armee, dieſer bra⸗ ven, bildungsfähigen Pennſylvania⸗Bauern bilden den Grundſtock der hieſigen Bevölkerung. Ihr altes Vater⸗Erbe hat ſeitdem zehn⸗ und hundertfachen Bodenwerth erreicht, das Bauerngut rentirt längſt als Ritter⸗ gut, oder es iſt vortheilhaft verkauft— kurz, dieſe ganze Geſellſchafts⸗ klaſſe iſt aus dem bäuerlichen in den bürgerlichen Rang vorgerückt: ſie iſt der Stadtkern von Harrisburg. Aber wie ſieht ſie aus, dieſe deutſch⸗amerikaniſche„Gentry“, die es mindeſtens ſein könnte in ſo gutem Sinne wie die engliſche? Ihr Wohlſtand iſt gewachſen, ihre Bildung nicht. Sie hat zu ſtreben aufgehört, genau auf jener Stufe, wo die Noth und der Kampf um die Eriſtenz aufgehört hat. Ich habe Häuſer von Reichthum und geſellſchaftlichem Rang betreten, aber ihre Bibliotheken waren nicht hinaus über den hundertjährigen Kalender, Doktor Fauſt's Höllenzwang, Theopraſtus Paracelſus, Jacob Böhme und Burkard Waldis. Das neueſte deutſche Buch, das ich in Harrisburg fand, waren Gellert's Fabeln. Von den beſſern deutſchen Charakterzügen pflegen ſie nur noch den Hang für Gartenkunſt; von der anglo⸗amerikaniſchen Race haben ſie den sport für Pferde ange⸗ nommen, die aber bei allzu reichlicher Fütterung mehr dick als ſchön werden. Das iſt Alles. Eine ſanfte, unſchuldige Ehe der National⸗ Liebhabereien, kein Durchdringen des National⸗Geiſtes mit großen, produktiven Reſultaten, keine Kreuzung des Beſten und Edel⸗ ſten von deutſch und amerikaniſch zu einem neuen Menſchheits⸗Adel, wie wir es als möglich— träumten! Dieſe Miſchung von Nationalitäten, eher zu einem Zerrbilde, als zu einem Ideale, finde ich wie in einem Spiegel in dem Sprach⸗ 280 Kauderwelſch des Pennſylvania⸗Deutſch abkonterfeit. Es wird einem Ach und Weh, an einem lebendigen Organismus eine ſo fortſchreitende Verödung— möchte ich als Arzt ſagen— zu beobachten. Ein Fiſcher z. B. ſpricht: Below werden die Fiſche umgepackt, inspected und dann wieder vereingepackt again.— Ein Tiſchler erklärt: Wenn Sie ein loghouse bauen wollen und dasſelbe inwendig geplasterd und von außen geclapboarded wird, ſo koſtet es ſiebenhundert Dol⸗ lars.— In einem hieſigen deutſchen(?) Blatte fand ich folgende Blüette; ich bemerke aber, daß die Sprache darin noch lange nicht die verdorbenſte iſt. 1. Sechs Monate nach der Hochzeit. Well, liebe Härriett, willſtu heut Abend auf den Ball gehen? Du weißt, wir ſind höflich eingeladen worden.— Juſt wie du ſagſt, William, du weißt, ich wünſche nichts zu thun, als was dir Vergnü⸗ gen macht.— Well, denn Harriett, ſuppos wir gehen, das iſt, wenn du perfektly Willens biſt; nau, ſag' aber nicht ja, juſt weil ich ſo ſage; denn Du weißt, wo du biſt, da fühle ich vollkommen glücklich. — Ei, lieber William, ich weiß, daß du auf dem Ball Vergnügen haben würdeſt, und wo du vergnügt biſt, da habe ich auch, of cours. Was für'nen Dreß ſoll ich anthun, William? meinen weißen Gaun oder den groben mit pink Trimmings, oder den ſchwarzen Merino, oder den weißen Sätin? Du weißt beſſer, was mir gut ſteht.— Liebe Härriett, du biſt ſchön in jedem Dreß. Nau, nimm heut Abend deine eigene Wahl. Ich denke aber, dein weißer Sätin Dreß ſteht dir ausnehmend ſchön.— Nun ſieh, William, ich wußte, daß du juſt meine Gedanken haben würdeſt. O wie glücklich werden wir heut Abend ſein! 2. Sechs Jahre nach der Hochzeit. Härriett, reich mir'mal die Zuckerbohl, du haſt mir juſt einen Theelöffelvoll in meinen Thee gethan.— Well, William Schnuck, du juhſt wahrhaft Zucker genug in deinen Thee, um ein Bärrel Eſſig ſüß zu machen. Hier Tſchanni, witt du die Finger aus der Schüſſel thun? Suſen, ſei ſtill! was die kleine Sau net kreiſcht; wahrhaftig ſ'iſt genug, um Eins närriſch zu machen. Witt du ſtill ſein! Dal dal vird einem tſchreitende hten. Ein inspected er erklärt: geplasterd ndert Dol⸗ h folgende je nicht die all geben⸗ e du ſagſt r Vergni⸗ iſt, wenn eeil ich ſo — glückch Vergnügen of courz. zen Gaun Merino, ſteht.— eut Abend drß ſeit d it wir heut uſt inen 2trnut, 4 erel öſſg g hüſſt abrhaftig dal de — 281 (ſie ſchlägt) du kleiner Satan!— Ei, Härriett, was hat denn das Kind gethan? Du biſt wahrhaftig zu ſchnell.— Ich wollt, Miſter Schnuck, du thätſt deine eigne Büßnes meinten; du bekümmerſt dir allsfort, um was dir nichts angeht.— Wäll, Härriett, ich möchte wiſſen, wer ein beſſeres Recht hat als ich? Du zankſt und maulſt ja auch immerwährend.— Däddi, Tſchanni zerreißt Eure Zeitung zu Stücken.— Tſchanni, komm her. Wie kannſt du dich unterſtehen, meine Zeitung zu zerreißen? Da, du Räskel! wie ſchmeckt das? Und nau pack dich ins Neſt.— Ei William, du Böſewicht, wie kannſt du mein Kind ſo unvernünftig ſchlagen? Komm her, Tſchanni, armes Kind! hats weh gethut? never min; da, da nimm ein Stück Zucker; ſo, das is'n ſchmär Bübchen.— Härriett, ich will dir ſagen, du ver⸗ dirbſt die Kinder ganz und gar. Du weißt, ich mittle mich niemals drein, wenn du ein Kind beſtrafſt. Es iſt erſtaunlich, was ein Weibs⸗ menſch niemals Recht thun kann.— Nie Recht thun? Wahrhaftig, Miſter Schnuck, wenn Niemand hier im Hauſe recht thäte als du, ſo wundere ich, was am Ende aus uns werden ſollte.— Härriett, du ſprichſt wie ein Narr, ich wills nicht länger ſtänden. Du biſt an⸗ fangens ſo ſchnappiſch und beißig, wie'ne Bſchidog, und wenn noch irgend eine Eheſcheidung im Land zu haben iſt, will ich ſie haben.— Halloh, was das Männchen ſo wüthig iſt! Well, gute Nacht, Miſter Schnuck, träume nichts Böſes.— Kannſt du dir in dieſer Sprache einen Dichter denken? Eine Na⸗ tionalität aber, die keiner Dichter fähig iſt, gleicht einem Baum, der keine Blüthen treibt. Sie iſt abgeſtorben. Das iſt der Fall mit dem Pennſylvania⸗Deutſchthum. Nimm mir dieſen Brief nicht übel, lieber Bruder. Sein ganzer Inhalt zeugt gegen dein Ideal. Aber nicht wahr, wir ſind nach Wahrheit ausgegangen? Harrisburg.— Mein Pferd iſt gekauft. Ich bin mit meinem Entſchluſſe vortrefflich zufrieden. Das Reiten hat etwas Auf⸗ heiterndes, Idealiſches, Dramatiſches,— es iſt die ſchönſte Scene zwiſchen Menſch und Natur. Mein Brauner iſt ein leichter und kräf⸗ tiger Traber, echtes Racepferd, nur die Schule fehlt etwas; der 282 Amerikaner iſt nicht der beſte Zureiter. Aber es iſt jung und ich werde es noch erziehen. Dann wollen wir in Huf und Gehirn manch ſchönen Rhythmus miteinander tanzen. Warum ſoll ich nicht eine eigne Gangart erfinden: die lyriſche? Pegaſus hat ſie gehabt, aber ſie iſt ſeitdem vergeſſen worden; die Flügel ſind nur ein Symbol da⸗ von, ich will den Begriff ſelbſt wieder herſtellen. Apropos! die Art, wie das Thier zum Kaufe ſtand, iſt originell genug. Es war einer jener charakteriſtiſchen Nankeepuffs, welche das hieſige Volksthum ſo weltbekannt kennzeichnen. In dem Harrisburger Advertiſer las ich die Annonce:„Ein Pferd zu verkaufen gegen die Inſertionsgebühr. Bei Mr. Bradley, Waſhington Square.“ Ein Pferd gegen die Inſertions⸗ gebühr! Mein erſter Gedanke war: dieſer Mr. Bradley ſei ſelbſt ein Puff; exiſtirte er aber, ſo verdiente er ſich jedenfalls einen Beſuch. Und ſiehe! er exiſtirte wirklich. Mr. Bradley in Waſhington Square war ein munterer alter Fuchs mit grauem Kopf, zwei hellen Aeuglein und einer glührothen Naſe. Sein Thier koſtete hundert Dollars. Darüber läßt ſich ſprechen, ſagt' ich, für ein Reitpferd iſt's ein Preis; aber für eine Inſertionsgebühr? wie geht das zu, Miſter, he? Sehr einfach, Miſter, ſagte der alte Schelm; kündige ich das Pferd mit ſeiner ganzen Beſchreibung an, ſo brauch' ich die halbe Spalte und es kommt doch Niemand, die Sache iſt zu gewöhnlich. Dieſe An⸗ nonce dagegen ſpart mir Geld und zieht brav. Steht mir der Käufer einmal im Hauſe, ſo läßt ſich ſchon eher ein Geſchäft machen; die Hauptſache iſt, daß er hereinkommt.— Sehr wahr, Miſter; aber der Zeitverluſt von Seite des Publikums? Wißt Ihr auch, daß man Euch verklagen könnte auf den Wortlaut der Annonce und wahrſcheinlich Recht behielte in dieſem Lande, wo Zeit Geld iſt?— Gar nicht, Miſter; ich würde in dieſem Falle ein Redactionszeugniß vorlegen und beweiſen, daß ich wirklich 100 Dollars Inſertionsgebühr bezahlt; welcher Gerichtshof der Union kann dem Redacteur ſeine Preiſe vor⸗ ſchreiben?— Iſt das nicht echt yankeeſch? In der That wurden wir bald des Handels eins; es handelt ſich wunderleicht mit dem Ameri⸗ kaner, wenn er Menſchen vor ſich hat, die ſeinen Kram verſtehen. Und meine gute ungariſche Pferdekennerſchaft ließ ſich kein X für ein U machen. Das Thierchen iſt übrigens wirklich preiswürdig, heißt auch Cäſar, wie in dieſem bombaſtiſchen Lande überhaupt alle Pferde und ich n manch cht eine — öt, aber nbol da⸗ die Art, ar einer thum ſo Jich die r. Bei ſertions⸗ elbſt ein Beſuch. Square Neuglein Dollars. ds ein tet, he? s Pferd Spalte ieſe An⸗ Käufet een; die äber der n Guch cheinlich r nicht en und tezahlt ſe vor⸗ den wit upm⸗ nſtehen. für ein gfete —— — 283 entweder Cyrus oder Cäſar heißen. Wäre der Fall ſeltner, ſo würd' ich vielleicht abergläubiſch ſein und ſagen: Nun reiſ' ich mit Cäſar's Glück! Indeß wollen wir ſehen. Nach Pittsburg.— Mein Weg geht jetzt durch die Region der Alleghanen. Leider halten ſie nicht, was ſie bei Harrisburg zu ver⸗ ſprechen ſchienen. Dort ſchlitzte der Susquehannah das Gebirg bis auf ſein innerſtes Knochengerippe auf und zeigte Fels und Geſtein. Das ſeh ich nun ſchon lange nicht mehr. Fels und Geſtein iſt über⸗ polſtert mit dem philiſtröſen Alluvialboden,— und dieſe Polſter heißen die Alleghanen. Nirgends hat ſie der Vulcanismus kräftig gehoben und zerriſſen, er begnügte ſich mit einer leichten Verbiegung und Verſchiebung der neptuniſchen Tafelſchichten, und nichts kann ein⸗ töniger ſein, als die parallele Regelmäßigkeit dieſer Gebirgszüge. Ihr Material iſt ein Gemengſel von Trapp und Granit, metamorphoſirten Gneis⸗ und Glimmerſchiefer; der wilde Phantaſt Melaphyr oder Augit⸗ porphyr, Trachit oder Dolomit ſpielt keine ſeiner hochromantiſchen Rollen hier.„Ein unentwickeltes Bergſyſtem“ nennt die Wiſſenſchaft ſolch mürbes Paſtetengebäcke,— genug, das Genre iſt langweilig, es heiße wie es will. Die Amerikaner ſehen es ſreilich vom Nützlich⸗ keitspunkte an und ſind außerordentlich zufrieden damit. Eine ſolche Bodenfiguration erleichtere den Verkehr, ſei der Canaliſirung günſtig, ja, ſie rühmen ſich, Waſſerſcheiden zu haben, über welche bei Ueber⸗ ſchwemmungen ein Kahn ſchon natürlicherweiſe hinwegkomme! Gut für die Oeconomie des Volks, aber gewiß ſchlimm für die Entwicklung ſeiner höheren Anlagen. In der That wird mir im Anblick dieſer Alleghanen die proſaiſche Sinnesrichtung Bruder Jonathans ein gutes Stück klarer. Genauer hingeſehen, kommt aber auch ſein Materialis⸗ mus zu kurz dabei. Denn ſeine Gebirge, indem ſie nur Hoch⸗ Plateau's ſind, bieten dem Wind und Wetter viel breitere Flächen, ermangeln der„geſchützten Lagen“ und Höhen ſind hier rauh, in welchen bei uns noch Rebe und Kaſtanie blühte. Unermeßliche Strecken fallen ſo für den Anbau aus; bedenkt man aber dazu, daß auch die fruchtbaren Flußthäler, als Bruthäuſer des Fiebers, in ſtarken Abzug zu bringen, ſo wird Amerika überhaupt viel kleiner, als die Götzen⸗ — 284— diener der Quadratmeilen gewöhnlich ausrechnen.— Ich ſprach von Wind und Wetter, die ſind gleichfalls proſaiſch in den Alleghanen. Geſtern erlebt' ich ein Gewitter, das war ſo zahm, daß es mir faſt aus der Hand fraß. Alles, was ein Gewitter in europäiſchen Mittel⸗ gebirgen gleicher Höhe an Effekten der Optik und Akuſtik leiſtet, fehlt hier. Engpäſſe, Schluchten, Abgründe, reichgegliederte Bergwande⸗ rungen, Zacken, Spitze, Kante— nichts dieſer Art wirkt hier auf die atmoſphäriſche Landſchaft zurück. Ueberraſchende Lichtwechſel, kühne Wolkenbildungen, ſtarke Donner, phantaſtiſche Echo's gehören nicht zum Heerbann des Alleghany⸗Gewitters. Der Himmel iſt ſo arm wie die Erde. Droben geiſtlos, drunten formlos— ſo reiſe ich durch dieſes„unentwickelte Bergſyſtem“. Nach Pittsburg.— Auch die heutige Strecke war arm an Naturſchönheiten. Manch freundliche Anſicht— aber man wird das Freundliche doch endlich müde, wenn es ewig das Nänliche bleibt. Es fehlt gar zu ſehr an Abwechslung. Die amerlkaniſche Landſchaft gleicht jenen Weibern, welche eben nichts zu ſein wiſſen, als Geſchlecht. Da iſt ein gewiſſes Inventar von natürlichen Mitteln; wirken ſie— gut; wenn nicht— nicht. Aber Holz und Waſſer iſt noch nicht Wald und Fluß. Ueberall fehlt der Natur Sinn für ſchöne Gruppirung; ſie weiß nicht zu überraſchen, nicht zu zürnen, nicht zu verſöhnen; was Licht und Schatten, was die Macht der Nüance ſei— nichts weiß ſie, nichts. Jener Ober⸗Chineſe, der den Ausdruck erfunden hat„Vorrathskammern der Natur“, verdient Entſchuldigung; was ich von dem Lande hier ſehe, hätt' ich ihn ſelbſt erfunden. So und ſo viel Centner Braunkohle, Eiſenſtein, Gyps, Mergel, das iſt hier die Natur. Ob dieſe„Bodenſchätze“(auch ein verfluchtes Wort!) mit einer maleriſchen Oberfläche das Auge erfreuen, dafür iſt nirgends geſorgt. Auch von„Culturlandſchaft“ iſt eigentlich nur unter deutſchen Händen die Rede. Amerikaniſche Cultur entſtellt das Land eher, als daß ſie es verſchönert. Der Amerikaner iſt nicht Bauer, nur Frei⸗ beuter. Er ſetzt ſeinen Fuß auf die Erde, haut, ſticht, ſengt und brennt in ſie hinein, und verläßt ſie dann wieder. Er hat kein Ge⸗ müthsverhältniß zum Boden, auf dem er ſitzt. Sein Haus liegt da ach von ghanen. nir faſt Mittel⸗ tt, fehlt gwande⸗ auf die kühne n nicht ſo arm rm an rd das bleibt. dſchaft ſchlecht⸗ ſir= tWald tirung; öhnen; nichts funden vas ich und ſo er die ) nit mgendẽ tichen f, als Frei⸗ und Ge⸗ gt da 285 wie ein viereckiger Kaſten, der vom Möbel⸗Transportwagen herabge⸗ fallen iſt. Es blickt dich an, ſo kalt, ſo nüchtern, ohne Horizont, ohne Perſpektive. Kein Blumengarten, kein Baumſchatten umgibt es mit traulichem Gehege. Die Felder ſind ein wüſter Anblick, kaum aus dem Gröbſten gearbeitet, haſtig, oberflächlich, denn die Arbeit iſt theuer, das Land wohlfeil, man preßt's eilig aus, verkauft und verläßt es dann. Die Zickzack⸗Zäune, die ſog. Virginia⸗Fenzen vollenden den widerwärtigen Anblick. Es iſt geradezu eine Marter für das Auge, einen weiten Landſtrich zu ſehen, angefüllt mit dieſer Unzahl gebrochner und geknickter Linien,— die„freie Natur“ in lauter Dreiecke ausge⸗ neſtelt. Und wie der einzelne Farm, ſo die Gruppe. Ihr Neben⸗ einander gibt ſo wenig ein harmoniſches Bild, als zuſammengefloſſene Kleckſe ein Gemälde geben. Ein Dorf ſuchſt du vergebens hier. Iſt das Blockhaus⸗Stadium überwunden, ſo baut ſich das Neſt aus Stein oder Fachwerk auf, übertüncht ſich mit ſchreienden Lackfarben und nennt ſich Stadt. Die Kaffern heißen dann Ladies und Gentlemens, ihre ABC⸗Schule Univerſität, ihr Gemeindehaus City⸗Hall, ſie führen eau de Cologne, abonniren ein Pariſer Moden⸗Journal und auf den Karten findeſt du die ganze Hühnerſteige unter dem Namen Athen, Rom, Troja, Karthago, Syrakus, Petersburg, Nanking. Oft kommt die ganze Stadt auf dem Transportwagen, noch glänzend vom Hobel her, und ſtellt ſich auf wie aus der Puppenſchachtel. Fällt dir vor ſolch einem lackirten Ding irgend ein bemooster Dorf⸗Knorren in Franken oder Schwaben ein, ſo vergehen dir alle Sinne. Es ſind gar zu ſcharfe, ſchneidende Lichter in dieſem Lande. Nach Pittsburg. Müde und hungrig erreichte ich geſtern Abend ein einzelnes Haus an der Straße, ein ſogenanntes Privat-Entertain- ment, das ſich aber doch mit ſeiner Aufſchrift auf einer Schindel, welche an einem Pfahl ſteckte, ein County-Hotel nannte. Ich reſig⸗ nirte auf ein ſumptuoſes Souper in dieſer Taverne und nahm mit zufriedenem Herzen was da war— eine Taſſe ſchlechten Thee zu ein paar Eiern und gebratenen Speck. Indem ich an dieſe Tafelgenüſſe aber Hand anlege, fährt ein Geſpenſt aus einer dunkeln Stubenecke auf, ein alter gelber Knochen, ein Menſch wie eine Leiche und donnert i 9 — 286 mich an: Halten Sie ein, mein Herr! Die ſündige Creatur ſoll nicht Speis und Trank genießen, ohne Ihm, dem Geber aller Gaben, zu danken. Ich ſtarrte den Klappermann an wie einen Verrückten, diagnoſticirte auf Gehirnvertrocknung und glaubte deßhalb ihm ſein Attentat verzeihen zu müſſen. Ruhig ſetzte ich mich an mein Gericht. In dieſem Augenblicke aber riß mir die Wirthin ſo Taſſe als Schüſſel vom Munde weg und rief: Wenn Sie der Aufforderung unſers frommen und ehrwürdigen Reverend nicht Folge leiſten, mein Herr, ſo habe ich für Gottesleugner kein Brod unter meinem Dache; dazu iſt mir das Heil meiner Seele zu lieb. Was war zu machen? Ich ſelbſt hätte hungern können, aber meinem Gaul zu liebe betete ich.— We are in a free country! Mit dieſem Zucker ſchluckt man ſolche Pillen hinunter. Nach Pittsburg.— Gewitziigt von geſtern Abend, dirigirte ich mich heute in ein Städtchen, dem ein frequenteres Hotel zuzutrauen war, als daß es die Andachtsübungen ſeiner Gäſte überwachen ſollte. In der That war es ſo frequent, daß ichs von oben bis unten beſetzt fand, als ich ziemlich ſpät vortrabte und den ſchläfrigen Stewart herauspochte. Er ſchleppte mich ein halb Dutzend Etagen unters Dach hinauf und warf meinen Leichnam in eine enge niedere Boden⸗ lucke wie in die Wolfsſchlucht. Ich fiel faſt um, als ſich beim Ein⸗ treten ein Schwadem ſchwüler Stickluft mir auf die Lunge legte, auch glaubt' ich's raſcheln zu hören. Deßungeachtet behauptete der Auf⸗ wärter, es ſei der einzige freie Raum im Hauſe. Unter dieſen Um⸗ ſtänden hieß ich ihn das nöthigſte Bettzeug mitnehmen, ich wolle mich lieber auf irgend einem Balkon oder Vorhaus, oder wie es ſonſt käme, einrichten. Indem wir darüber delibrirten, gingen wir im erſten Stock an einem allerliebſten niedlichen Zimmer vorüber, das offen ſtand und unbewohnt war. Hier iſt's ja frei, bedeutete ich dem Hausknecht. Das iſt das parlour of the Ladies, ſagte er gleichgiltig und ging weiter. Ich ſtarrte ihn an, wie geſtern den Reverend. Wie? ein müder Reiſender ſoll um Mitternacht auf ein Zimmer verzichten, weil am Tage darin die Weiber plaudern? Augenblicklich warf ich meine Betten hinein und hieß den Burſchen mir zum Auskleiden leuchten. —— tur ſoll Gaben, rrückten, hm ſein Gericht. aſſe als erderung en, mein Dache; machen? e betete ſchluckt girte ich utrauen ſollte. n beſetzt Stewart unters Boden⸗ m Ein⸗ t, auch er Auf⸗ mn Um⸗ le mic ſt käme, n Etock nd und zknecht d ging e? ein ,, weil meine uchten. 287 Aber Sir, es iſt das parlour of the Ladies! bleckte der Golem und hatte faſt Luſt mich am Arme fortzuziehen. Ich ſchleuderte ihn aber ſehr unſanft auf den Gang hinaus— ich war wie ein angeſchoſſener Eber. Geſtern kein Nachteſſen, heute kein Bett— der Teufel hole dieſe Volksſitten. Ich zog mir die Stiefeln aus. Der Oelgötze auf dem Gang glotzte mich an, wie Einen, der die Welt aus ihren Angeln hebt, und brummte: Was wird Miſter und Miſtreß dazu ſagen; ich muß es melden. Meld' es dem Peter Bell! rief ich, aber wer mir heraufkommt und mir die Nachtruhe ſtört, dem jag' ich eine Kugel durch den Kopf. Damit wies ich ihm die Mündung meiner Piſtolen, warf die Thür in's Schloß und war für diesmal zu Hauſe. Es ließ ſich Niemand mehr blicken. Ich erleichtere mein Herz, indem ich noch dieſe Zeilen an dich ſchreibe und mir den hübſchen Kanarien⸗ käfig mit dem Behagen eines Eroberers durchmuſtere. Ginge die Reiſe nicht ſo langſam, ich müßte längſt in Ohio ſein. Aber die Tage ſind heiß und ich mache Kreuz⸗ und Querzüge in allen Rich⸗ tungen von der Straße ab. Will mich indeß doch ſputen, denn du ſiehſt wohl, wie wenig behaglich ich reiſe. Im Urwald ſind wir eine Welt für uns und wollen auf zwanzig Meilen ein Beiſpiel ſein. Ja, allmählig geht der Umſchlag in mir vor, ich halte nicht mehr zu dieſem Lande, um Muſter zu ſehen, ſondern um Muſter zu geben. Diefe Freien müſſen durch uns Verknechtete ein wenig freier werden. Gute Nacht, Bruder. Nach Pittsburg.— Lieber Bruder! Ich habe Dir heute eine ſchmutzige Novelle zu erzählen, die ich zuletzt mit meinen Thränen wuſch. Ja, es iſt mir verhängt, ich ſoll dieſes Landes nicht froh werden. Ich ſpreche von meiner Nachtherberge. Wollte mich heute ein⸗ mal in ein Privathaus zu Gaſte bitten, an einen traulichen deutſchen Familienherd. Denn ein deutſcher Farm war's, der Abends vor mir lag,— man kennt ſolche Hofſtellen ſchon meilenweit. Der Garten, der ſich ſanft um einen ſchwellenden Hügel wand, ſtrotzte von köſtlichem Edelobſt— das zieht nur der Deutſche. Feld und Hof umkränzten grüne lebendige Hecken und nicht jene abſcheulichen Fenzenzäune des amerikaniſchen Styls— es ſind nur deutſche Zäune. Und wie die —— 4 —— 288 Furchen des Ackers, die Bewäſſerungsrinnen der Wieſen gezogen wa⸗ ren, der Schwung und Schluß in dem ganzen Feld⸗ und Waldwuchs umher, das Alles verrieth die Hand, die die Natur nicht beraubt, ſon⸗ dern ſinnig pflegt, die deutſche Hand, die das Genie hat, ihre Erde ſo zu zieren, wie der Franzoſe ſeinen Menſchen. Es war nach län⸗ gerer Zeit wieder der erſte deutſche Farm, der mir begegnete— der Ge⸗ danke, hier Einkehr zu halten, that mir in der Seele wohl. Meines Wegs zog ein junger Menſch von wohlgefälligem Aeußern. Er ſaß ritterlich in ſeinem Sattel, handhabte volle prächtige Glieder und ſah mit einem warmen, faſt ſchwärmeriſchen Blick in die Welt hinaus; mich überraſchte ſeine Jünglingsſchönheit. So, dacht' ich, müßten die Cooper's und Irwing's ausſehen, ein gewöhnlicher Amerikaner iſt ſelten ſchön; ſoll er der Sohn jenes Hauſes ſein, ſo ſei mein Eingang geſegnet. Letzteres äußerte ich denn auch, indem ich das Geſpräch anknüpfte. Der Sohn dieſes Hauſes?! rief er ſchnell und mit Abſcheu, Gott bewahre mich davor! Wie ſo? fragt' ich betreten, iſt der Beſitzer dieſes Landgutes ein ſchlechter unmoraliſcher Menſch? Nein, war die Antwort. Dann iſt ſein ganzes Verbrechen wohl nur, daß er ein Deutſcher iſt? erwiderte ich nicht ohne Gereiztheit. Ja, er iſt ein Deutſcher! beſtätigte der Jüngling, aber mit ei⸗ nem unnachahmlichen Zug von Verachtung; auch gebrauchte er nicht das Wort German, ſondern Dutchman. Mir wallte das Blut, und nur ein Blick in ſein ſchönes Auge begütigte mich wieder ſo weit, daß ich dem Verächter mit Mäßigung ſeine Gründe abfragen konnte. Der Jüngling war mir willfährig, obwohl ich zu bemerken glaubte, daß es mit Widerwillen gegen das, was er zu ſprechen hatte, geſchah. Er zog die Zügel an, ließ ſein Thier kurzen Schritt gehen und er⸗ zählte mir Folgendes: In Philadelphia war einſt eine Schiffsladung von deutſchen Pau⸗ pers gelandet, unter andern eine Familie, die aus Mann, Frau, zwei Knaben und einem Mädchen beſtand. Sie wurden auf zeitweilige Dienſtbarkeit verſteigert, wie es zur Schadloshaltung des Capitäns in — gen wa⸗ aldwuchs bt, ſon⸗ re Erde ach län⸗ der Ge⸗ Meines Er ſaß und ſah hinaus; ten die ſt ſelten Eingang knüpfte. u, Gott tes ein deutſcher nit ei⸗ er nicht 3 Auge äßigung glaubte, geſchh md el⸗ Pau⸗ u, zwei weiligt zns in — 2890— Fällen der mangelnden Bezahlung für die Ueberfahrt gebräuchlich iſt. Mein Vater erſtand den Mann, Martin oder Merten wie er ſich aus⸗ ſprach, Mr. Howth, ein Nachbar von uns, die Frau mit dem Mäd⸗ chen; die Knaben wurden an einen dritten Ort vergantet. So ging die Familie in drei Bruchſtücke aus einander, ſie zeigte übrigens keinerlei Leidweſen darüber, namentlich der Mann nicht.— Als mein Vater den deutſchen Mann auf ſeinem Wagen mit nach Hauſe nahm(ich war als junges Kind mit dabei, erinnere mich aber ſehr wohl daran), da huckte dieſer einen gewaltigen Bündel von Lumpen auf ſeinen Rücken auf, ein Ding, das einen entſetzlichen Geſtank verbreitete. Mein Vater befahl ihm ſofort das Zeug an ſein Weib zu überlaſſen, oder noch beſſer, es in den Delaware zu werfen. Der Mann bat aber ſo dringend, ſo unterthänig, ſeine Habe, wie er den Schmutz nannte, behalten zu dürfen, daß es ihm endlich erlaubt wurde, aber unter der Bedingung, hinten beim Neger damit Platz zu nehmen. Kein Weißer des hieſigen Volks hätte ſich das gefallen laſſen, der Deutſche aber nahm es hoch⸗ erfreut an. Als wir zu Hauſe ankamen, wies ihm mein Vater eine unſrer verlaſſenen Negerhütten an, wie ſie aus der Sclavenzeit Pennſyl⸗ vaniens noch auf den Höfen ſtanden, ſeitdem aber unbewohnt und unbenützt geblieben waren. In dieſer verlaſſenen Hütte nun de⸗ ponirte Martin jenen ſchmutzigen Bündel, und bald diente dasſelbe ſtatt eines Vorhängſchloſſes, denn Geſtank und Ekel trieb auf zwanzig Schritte Diſtanz jeden Menſchen aus dem Umkreis; zum Hineintreten war außer Martin ſelbſt Einer der Unſrigen nie zu bewegen. In⸗ zwiſchen vermehrte der Deutſche dieſen Schatz noch täglich mit allen Lumpen, die er habhaft werden konntez zerfetzte Kleider, abgelegte Hoſen, vernutzte Strümpfe, das Alles ſammelte er wie toll zuſammen und hinterlegte es in ſeiner Depoſitenbank. Sonſt waren wir mit dem Manne ganz gut zufrieden, er arbeitete fleißig und umſichtig, verſtand die Landwirthſchaft vortrefflich und wo ſie vom deutſchen Style abwich, zeigte er ſich ganz beſonders aufmerkſam, die Urſache davon zu begreifen und zu lernen was zu lernen war. Dabei erlaubten ihm ſeine Begriffe von häuslicher Oekonomie kein einziges Mal, ſich vom Hauſe zu entfernen, obwohl ihm mein Vater wiederholt die Freiheit einräumte, ſein Weib zu beſuchen. Wozu die Schuhe zerreißen? war D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 19 290 immer ſeine Antwort; und als die Frau mit dem Töchterchen in fünf Jahren einmal zu ihm kam, ließ er ſie hart an, daß ſie die Schuhe nicht ſpare. Auch ſeine beiden Knaben beſuchten ihn einſt, die waren baarfuß hergelaufen und kamen ſchon gnädiger weg; nur fragte erſie, ob ſie unterwegs hübſch gebettelt? Trotz alledem wollten wir den Menſchen nehmen wie er war, und der Vater hatte ſich ſo ſehr an Martin gewöhnt, daß er beſchloß, nach Ablauf ſeiner Dienſtzeit ihm ein fünfzig Acres zu verlehnen ſammt einem Häuschen, das zu der⸗ ſelben Zeit leer werden ſollte. Als nun dieſe Zeit bis auf acht Tage heranrückte, kam Martin eines Morgens zu meinem Vater und redete ihn an: Squire, wollen Sie mir wohl erlauben, morgen hinüber auf die Auction nach Bedford zu gehen?— Auf die Auction nach Bedford, Martin? was wollt Ihr auf einer Auction? erwiderte mein Vater; es werden, ſo viel ich aus den Zeitungen erſehe, zwei Sheriff sales über zwei Farms morgen abgehalten, davon jede dreihundert Acres Landes und Wohn⸗ und Wirthſchaftsgebäude hat, die wenigſtens auf fünftauſend Dol⸗ lars geſchätzt werden. Die wolltet Ihr doch nicht erſtehen?— Ja wenn's auf den Willen ankäme! Indeß habe ich ſo lange meine Schuhe geſpaart und diesmal kommt mir es juſt in den Schuß.— Nun ſo geht, erwiderte mein Vater; nehmt den alten Rappen und hier iſt ein Dollar als Zehrungsgeld für Euch und das Thier; aber daß ihr Nachts wieder zu Hauſe ſeid! Wirk⸗ lich war Martin pünktlich auf die Nacht zurück, hatte aber ſeinen Dollar geſpaart und mit dem Pferd nichts als ein paar Pfund Brod ge⸗ noſſen, die er von Hauſe mitgenommen. Das Thier fiel nämlich mit ſolchem Heißhunger über den Hafer ſeiner heimatlichen Krippe her, daß ihm ſeine Diät nur allzuſprechend abgemerkt wurde. Ich war mit meiner ſcharfen Kinder⸗Aufmerkſamkeit bei der Fütterung zugegen und verſtand mich darauf, denn das Pferdeweſen war ſeit dem frühſten Knaben⸗ alter meine Leidenſchaft.— Am folgenden Morgen ſprach Mr. Gor⸗ don, der damalige Sheriff, bei uns vor und gratulirte dem Papa von wegen des guten Kaufes, den er mit Hawke's Farm gethan. Ich habe Hawke's Farm gekauft? hörte ich den Vater verwundert aus⸗ rufen; welcher Müßiggänger trägt ſolch' unnütze Reden durch die Grafſchaft? Der Sheriff ſchüttelte den Kopf und zog ſtatt aller Ant⸗ wort das Auctionsprotocoll aus der Taſche, in das mein Vater ſo⸗ gleich neugierige Blicke that. Wen erblickte er als Käufer des Farms? in fünf Schuhe ie waren ge eu ſie, wir den ſehr an zeit ihm zu der⸗ iht Tage nd redete über auf Bedford, gater; es les übet ndes und nd Dol⸗ nn's auf aart und erte mein ungegel Wirk⸗ n Dollar Brod ge⸗ nlch mit vpe het, war mit gen und Krnaben⸗ r. Gor⸗ m Papa an. 3t hal 291 Niemand ſonſt als unſern deutſchen Knecht Martin. Wir trauten unſern Sinnen nicht. Der Mann wurde augenblicklich gerufen und zur Rede geſtellt. Verzeihung, Squire, ſagte er unbefangen, ich habe den Farm gleichſam ſtillſchweigend auf Ihren Namen gekauft, da ich als Redemtioniſt noch nicht mein eigner Herr bin, ſondern erſt nach acht Tagen es werde. Unſer ganzes Haus ſtarrte den Menſchen ſprach⸗ los an. Aber wie in aller Welt, Ihr verdammter Narr, wollt Ihr denn die Farm bezahlen, mein Name iſt ja noch nicht meine Kaſſa! Da lächelte der Kerl verſchmitzt in ſich hinein und ſtolperte nach ſeiner Hütte, wo er den bewußten Sack mit ſeinen ſtinkenden Lumpen auf den Fußboden auszuſchütten begann. Wir waren ihm gefolgt und ſahen ſeinem Treiben mit verhaltener Naſe durch die Thüre zu. Es war ein Sack, der wohl an die hundert Pfund wiegen mochte, aber wie geſagt, lauter Abfälle von allen möglichen Verbrauchsgegenſtänden enthielt: durchgeſchwitzte Hemden und Strümpfe, Fetzen von Flanell⸗ leibchen, Hoſen und Pferdedecken, dazwiſchen Stücke von altem Eiſen, zerbrochene Hufeiſen, Nägel, Zinn, Blei, Kupfer— Allls dies fiel aus dem Sacke. Nachdem er ihn gänzlich geleert, kehrte er ihn um und hielt ihn über einen Trog, indem er mit einem Taſchenmeſſer nun auch die Nähte des Sackes, der um und um geflickt war, auf⸗ zutrennen begann. Und ſiehe da! es fiel ein Louisd'or heraus und noch einer und wieder einer, und ein vierter, fünfter, ſechster und das ging ſo fort, bis der ganze Sack nur noch ein löcheriges Gerippe ohne Zuſammenhang war. Dann war aber auch die Summe voll und Hawke's Farm in blankem baaren Gelde bezahlt bis auf den letzten Dime. Sehen Sie, das iſt meine Schatzkammer, ſprach der Langver⸗ ſchwiegene bei dieſer Enthüllung; nicht wahr, es iſt eine ſo ſchöne Schatzkammer, als die Bank der Vereinigten Staaten nur ſein kann. Ja, ja, ſtaunen Sie nur! Hätte ich gleich bei meiner Ankunft im Lande etwas gekauft, ſo wäre ich ſicherlich betrogen worden, oder durch eigene Unkenntniß zu Grunde gegangen. Gegentheils hatte ich die Ueberfahrt und die Erfahrung umſonſt, gab den edlen Herren Ameri⸗ kanern kein Lehrgeld, ſondern wendete es ſo, daß ſie mir noch drauf⸗ zahlten. Ja, ja, ſind verdammt pfiffig, die Herren Amerikaner, aber ein Deutſcher kann's auch ſein. Und dazu lachte der Lump mit einer Selbſtzufriedenheit— verdammt ſeien meine Augen, wenn wir nicht 19* 292 Alle ſchauderten! Dieſer totale Begriffsmangel von menſchlicher Ehre und Würde, dieſes hündiſche Wegwerfen ſeiner ſelbſt, dieſe fünfjährige Niedertracht einer freiwilligen Sklaverei mit Weib und Kind um einer lumpigen Handvoll Dollars willen, und die Meinung dazu, das Alles wäre nur weltklug, weltklug im amerikaniſchen Sinne— wir waren außer Faſſung, bei dieſer Art, ſich mit dem niedrigſten Knechtsſinn in das freieſte Land der Erde einzuſchleichen. Warum ich nicht der Sohn jenes Hauſes ſein wollte, mein Herr! Wohlan, jenes Haus iſt's, wovon ich dieſes Geſchichtchen erzählte. Es iſt Hawke's, oder, wie es jetzt heißt, Martin's Farm. Die Buben ſind indeß auf⸗ gewachſen, gleich mir, und können die höchſten Staatswürden erreichen, die unſere freie und herrliche Verfaſſung allen Bürgern dieſes Landes zugänglich macht; aber noch einmal: Gott behüte mich, aus dieſem Blute entſproſſen, Gott behüte mich, der Sohn dieſes Hauſes zu ſein! So erzählte der Jüngling. Dichteriſch wie ſeine ſchöne Perſönlich⸗ keit mich anſprach, wünſchte ich nichts mehr, als ich hätte aus ſeinem Munde eine Dichtung vernommen! Aber leider! jedes Härchen iſt deutſch an dem alten Martin; das Portrait iſt vernichtend wahr. Und wenn ich nun künftig die ſchmucken Muſter⸗Höfe der Pennſylvania⸗ Deutſchen vorüberreite, ſo werde ich den ſtinkenden Sack im Hintergrund riechen— und auch um dieſe Freude iſt's gethan! Der ſchöne Jüngling bot mir Herberge in ſeinem eigenen Hauſe— es war mir nicht möglich, Beſiegter, in die Pforten des Siegers einzu⸗ ziehen. Aber auch von Martin's Farm lenkt' ich mein Pferd weg. Ich führte es ſachte ab in ein Gehölz, bettete mich dieſe Nacht in's Gras und weinte über die Nation, welcher Alles verliehen iſt, nur Eines nicht: der alleinſeligmachende Nationalſtolz. Später ging der Mond auf, es war das erſtemal, daß er mich kalt ließ. Armer Proletarier, dacht' ich, was kann man Elenderes ſein, als ein Trabant dieſer Erde! Nach Pittsburg.— Heute fiel mir das Herz wie nie. Ich ſah den erſten Hinterwalds⸗Anbau. Grauſenhaft! Ich finde kein Wort, das Unverſöhnliche eines ſolchen Anblicks für das europäiſche Gefühl zu beſchreiben. Iſt's denn möglich? Was man längſt geleſen hat— her Ehre nflährige ind um zu, das — wir edrigſten arum ich m, jenes Hawkes, deß auf⸗ rreichen, Landes z dieſem zu ſein! rſönlich⸗ ſeinem rchen iſt 3 wahr. lvania⸗ tergrund Hauſt— z einzu⸗ veg⸗ Ic 3 Gras r Einet er nich lendert ach ſah Wort, 293 muß man's mit leiblichen Augen ſehen, um es doch noch anders zu finden, als es die Einbildungskraft im Leſen ſich dachte? So leſen wir: der Hinterwäldler brennt den Urwald nieder, den er in Acker⸗ land verwandeln will, und denken nichts weiter dabei. Wir ſtellen uns vor, die Bäume fallen in Aſche zuſammen und auf dieſem Aſchen⸗ dünger, den wir vielleicht noch mit der Egge hübſch ausebnen, erhebt ſich das glatte wallende Kornfeld. Wie erſchrack ich! Ich bieg' um eine Waldecke und vor mir liegt ſo ein ausgebranntes Waldfeld. Aber die Bäume ſind nicht niedergebrannt, ſondern nur angebranntz ſie ſtehen noch da mit ihren ganzen rieſenlangen Stämmen, ja mit ihren Zweigen und Ausſprüngen: aber das Alles verkohlt! ſchwarz von oben bis unten! Nun denke dir ſo einen Wald von rußigen Stummeln; wie ſich das abhebt vom ſammtenen Himmelsblau, vom goldnen Korn dazwiſchen! Dieſe Millionen ſchwarzer Ruthen und Spieße aus dem blonden Aehrenfeld aufſtarrend, in den veilchenblauen Himmelsatlas hineinfahrend! Du biſt im Augenblick wie vor die Stirne geſchlagen. Der Zügel war mir entfallen, der Puls, glaub' ich, ſtand mir ſtill, ſo ſtarrte ich mir dieſes Bild an— das erſte Bild von der Hinterwaldspoeſie! Pennſylvanien, das alte Culturland, geht zu Ende, und dieſes Schauſpiel werde ich nun öfter haben. Freilich wird ſich Aug' und Gefühl dann abſtumpfen dagegen— aber— ja, was ich ſagen wollte? Aug' und Gefühl dann abſtumpfen! Das iſt's. Auf dieſes Eine läuft Alles hinaus. Aug' und Gefühl abſtumpfen! Leb wohl, Bruder! Nach Pittsburg.— Ich ritt unter der heißeſten Mittagsſonne über eine menſchenleere Prairie. Ich war dem Verſchmachten nahe. Meiner Karte nach ſollten zwar einige menſchliche Wohnſitze nicht fern ſein— Con⸗ nesville, oder Smithfield, oder Union— aber möglich, daß ſie auch nur auf der Karte exiſtirten, möglich, daß ich mich verirrt— kurz, ich ritt über eine unabſehbare Grasebene, und nichts war da, gar nichts. Die Luft glühte wie in einem Hochofen. Kein Vogel, kein Schmetterling, kein Thierlaut weit und breit; was nicht Salamander war, ſchien todt zu ſein. Nur Eidechſen ſchwänzelten zwiſchen den verbrannten Gras⸗ reſpen hin und wieder, die aus den geborſtenen Erdritzen hervorkamen, 294 um im tiefſten Moos vielleicht ein verſpätetes Thautröpſchen zu lecken. Ich und mein Pferd litten martervoll. Die Zunge hing dem armen Thier weit aus dem Halſe, und doch konnte ich ihm meine Laſt nicht erſparen, denn auf dem heißen Boden, gepeitſcht von dem glühenden Steppengeſtripp, war kein menſchliches Fortkommen. Ich theilte mit dem Thier redlich den Reſt meiner Bouillontafeln und Chokolade, aber zuletzt half Alles nichts mehr, was uns allein Noth that, war ein ein Trunk Waſſer. Meiner Meinung nach ritten wir auf ziemliche Nähe dem Monongahela entgegen, und ich war ſehr beunruhigt, daß das Pferd die Witterung des Waſſers nicht hatte. Aber es regte ſich auch kein Lüftchen. Endlich merkte mein Auge in der gradlinigen Fläche eine kleine Erhebung. Der Boden formte ſich zu einem jener platten Hügel, die man hier Bluffs nennt, und die, wo ſie die Prairie unterbrechen, gewöhnlich einer menſchlichen Wirthſchaft zur Anlehne dienen. Und wirklich war es ſo. Als ich dem langgeſtreckten langweiligen Hügelding näher kam, lag denn ſo ein viereckiger Farm⸗ kaſten glücklich vor mir. Aber um das Haus herum regte ſich nicht die geringſte menſchliche Spur; die Thür ſtand ſperrangelweit offen. Die ganze Avenue war nichts weniger als wirthlich. Deßungeachtet ſprang ich mit beiden Füßen aus den Steigbügeln und war mit Einem Satz im Innern der Hütte. In demſelben Augenblick erhob ſich eine Stimme darin: Um Gotteswillen, einen Trunk Waſſer! Es war eine Frau, welche angekleidet auf dem Bette lag und offenbar nur einen menſchlichen Fußtritt erwartet hatte, um ſo zu flehen. Die Frau hatte das Fieber. Matt ſchlug ſie die Augen auf, ich las darin, daß ich der Mann nicht war, den ſie erwartet, aber Ueberraſchung, Beſtürzung las ich nicht darin. Es war die tiefe hohle Gleichgiltigkeit der reſignirten Verzweiflung. Ohne mich zu beſinnen, ergriff ich den Waſſerkrug, der bis zum letzten Tropfen geleert war. Die Frau be⸗ ſchrieb mir mit ſchwacher Stimme die Richtung zu der nahen Quelle und warf ſich nach dieſer Anſtrengung wieder hin, wie Einer, der ein gutes Teſtament gemacht hat. Cäſar, der den Waſſerkrug ſah, trabte inſtinctmäßig mit mir, und ſeinen Nüſtern mehr als dem todesmatten Gemurmel der Frau verdankt' ich das directe Auffinden der Waſſer⸗ quelle. Wir labten uns ſo eilig als möglich, das Thier ließ ich an dem weidigen Plätzchen, mit dem Krug eilte ich an den Mund der u lecken. n armen aſt nicht lühenden jeilte mit de, aber war ein ziemliche igt, daß ragte ſich dlinigen em jener ſie die haft zur ſſtreckten Farm⸗ ich nicht t offen. ageachtet var mit k alhob ſſer! Es offenbar en. Die z darin, aſchung⸗ gitigtet ich den rau be⸗ Duelle der ein trabtt matta Paſſer⸗ ich a Fieberkranken zurück. Die arme Leidende leerte ihn ſofort wieder zur Hälfte. Sie ſchlug die Augen auf, die einſt ein ſchönes Veilchenpaar waren, ihre Züge verriethen Jugend und weibliche Reize, aber alles hoffnungslos zerſtört von Fieber und Seelenleiden. Wir fingen zu ſprechen an. Sie war die Tochter eines Marburger Profeſſors; ihr Mann, wie ich hörte, der blühendſte und geiſtvollſte Studioſus, der im Hauſe ihres Vaters Zutritt gehabt. Demagogenhetzen vertrieben ihn. Ich ſprach von dem Aufopferungsmuth, womit ſie ſein Schick⸗ ſal getheilt. Ein ſchmerzliches Lächeln überflog das Antlitz der Dul⸗ derin. Verzeihung, mein Herr, ich war ja Miß Temple von Temple⸗ town und unſere Thee's gratulirten mir lebhaft zu der Luſtparthie. Alſo Cooper'ſche Roman⸗Ideale! Welcher Unſtern ſie in dieſe waſſerloſe Steppe verſchlagen? Das traurige Lächeln wiederholte ſich wieder. Als uns der Landagent hierherführte, waren wir umrauſcht von Waſſerkräften. Dort floß der Monongahela und hier ein Nebenfluß von ihm. Der eine iſt ausgetrocknet, Sie müſſen über ſein ſpurloſes Bett geritten ſein. Der andere iſt nur bei Hochwaſſer hier, ſonſt auf drei Meilen entfernt.— Da haſt du das Ganze der deutſchen Auswan⸗ derung. Zur Hälfte betrügt man ſich ſelbſt, zur Hälfte wird man be⸗ trogen; Reſultat: ganzer Ruin! Die wenigen Worte hatten das arme Weib wieder ſo erſchöpft, daß ſie ſeufzend auf's Lager zurückſank. Sie trank fortwährend Waſſer, aber immer mit weniger Labniß. Der Mann war nach Milch aus, d. h. es mußte ihm gelingen, ſeiner Milchkuh habhaft zu werden, da das Vieh halbwild hier im Freien weidet. Ich konnte es nicht über mich bringen, die Aermſte einſam zu laſſen, obwohl ſie es wahrſcheinlich tagelang iſt. Ich ſuchte mir die Zeit zu vertreiben. Einen meiner erſten Blicke in der Hütte hatte ein Bücherregal auf ſich gezogen; das muſterte ich jetzt. Ich fand eine ſchöne juriſtiſche Literatur aufgeſtellt, dazwiſchen deutſche und engliſche Claſſiker, Chateaubriand's Natchez, Duden's Miſſouri und ähnliche Phantaſiewerke über Amerika. Alles von dickem Staub überzogen. An der Wand hing eine Flöte, deren Mundloch das Kunſtwerk einer Spinne ausfüllte. Die Tinte im Tinten⸗ faß war vertrocknet und hatte ſich in dürre Kruſten geſpalten. Neben dieſen Betrachtungen griff ich wieder zum Krug und ging hinaus, ihn von neuem zu füllen. Ich entdeckte jetzt einen Pfad, deſſen Steigung 296 verhältnißmäßig merklich war und der eine Art Ausſicht verſprach. Ich machte ein paar hundert Schritte darauf vorwärts und überſah bald das Terrain. Der Bluff war eine Erderhebung wie etwa der Kreuzberg bei Berlin oder das Laaer⸗Wäldchen bei Wien, oder der Röderberg bei Frankfurt: von mehreren Seiten vollkommene und wie es ſchien ſterile Ebene, nach einer aber hügeliger Abhang, wo die Quellwaſſer abſickern mochten; in dieſer Richtung war auch Feldanbau und etwas Wald. Ein Mann kam von dort herauf,— es war der Mann! Ich erkannte ihn am Milcheimer, den er bei ſich hatte, und der leider! leer war. Die Kuh würde nun vor Abend nicht zu Hofe kommen, ſagte er. Wir maßen uns übrigens mit unerquicklichen Blicken. Er mich mit Mißtrauen und einer ſtörriſchen Menſchenſcheu, ich ihn mit einem Ausdruck von Mitleid und Enttäuſchung, der vielleicht nicht ganz ſchmeichelhaft war.„Der blühendſte und geiſtvollſte Stu⸗ dioſus“ war ein gelbes Gerippe, den das Fieber durch und durch entfleiſcht hatte, phyſiſch und moraliſch aufgezehrt. Ich ſprach von Europa, er war ſtill; ich ſprach von Amerika, er war ſtumm; ich ſprach von den Wiſſenſchaften, er ſchwieg; ich ſprach von der Land⸗ wirthſchaft, er antwortete nicht. Ich glaubte endlich ſein Herz beſſer zu treffen und ſprach mit menſchlichem und ärztlichem Antheil von der Krankheit ſeiner Frau zu ihm; er unterbrach mich trocken: Das Fieber müſſen wir Alle durchmachen;— Sie werden auch nicht ver⸗ ſchont bleiben, ſetzte er hinzu und ſein Blick fiel mit einem Ausdruck von Neid auf meine Geſtalt. Mein Anerbieten, womit ich ihm dienen könne, nahm er übrigens ohne Umſtände an; ich möge ihm von Pittsburg ein paar Pfund Pulver und Schrot ſchicken, er verſchieße leider viel und treffe wenig, die Hand zittere ihm noch. An letztere Bemerkung ſuchte ich wieder theilnehmend anzuknüpfen, er ließ ſich aber außer dem Nützlichkeitspunkt in nichts weiter ein, und war ſtumm wie zuvor. Ich fühlte, wie ich ihm zur Laſt fiel, und nur um der Frau Lebewohl zu ſagen, begleitete ich ihn bis an die Hütte zu⸗ rück. Die Frau war aber eingeſchlummert. Ich brauchte mit meinem Abzuge entſetzlich wenig Umſtände zu machen. Ich ſchied aus dieſem Farm wie man ſich mit gebildeten Aegyptiern begrüßt,— wenn ſie Mumien ſind und in den Hypogäen liegen. zerſprach. überſah etwa der oder der und wie wo die eldanbau war der tte, und zu Hoft Blicken. ich ihn vielleicht ſte Stu⸗ nd durch rach von um; ich xr Land⸗ iz beſee theil von en: Das icht ber⸗ Ausdruch n dienen ihm bon 297 Das iſt das Land, in welchem Niemand zu Grunde geht, wenn er arbeiten kann! Richtig, gewiß; denn von den zu Grundegegan⸗ genen braucht man blos zu ſagen, ſie konnten nicht arbeiten. Vom Fieber braucht man nichts zu ſagen. O, Herr, ſchick' uns alle Jahre eine Peſt, und nimm dafür eins unſrer Vorurtheile von uns.— Amerika iſt ein Vorurtheil. Pittsburg.— Endlich bin ich hier angekommen. Pittsburg iſt mit Philadelphia und Harrisburg die dritte Hauptſtadt Pennſylvaniens. Sie gefällt mir ſo wenig wie die beiden andern. Philadelphia, ein aalglat⸗ tes Ouäckerneſt, Harrisburg, eine Motte und Runzel aus dem vorigen Jahr hundert, Pittsburg brauch' ich nicht weiter anzuſchwärzen, es iſt ſchon ſo ſchwarz genug. Pittsburg iſt eigentlich keine Stadt, ſondern eine große bituminöſe Steinkohle, welche Jahr aus, Jahr ein entſetzlich dampft und ſtinkt, die Luft verpeſtet und die Geldbeutel füllt. Letzte⸗ res entſchädigt denn in bekannter Weiſe den Yankee für alles Andere. Die große und volkreiche Stadt hat keine einzige Promenade, auf der man den Kohlenruß ein wenig von ſich ſchütteln könnte, was doch ſo ſehr Bedürfniß iſt. Dieſe Gartenloſigkeit ſcheint überhaupt ein Grund⸗ zug amerikaniſcher Städte, ſelbſt Neuyork verdankt ſein Hoboken den Holländern. Ich werde mich in dieſem Rauch⸗ und Schmauchſchlott auch nicht länger verweilen, als nöthig iſt, um Verſchiedenes ein⸗ und nachzukaufen, dann geht's an den Ufern des Ohio weiter. Der Ohio entſteht hier; die Vereinigung des Alleghany und Monongahela bilden ihn. Der Alleghany iſt klar und hell, der Monongahela trüb und ſchlammig— nehm' ich den Ohio für ein Bild meiner Anſiedlung, oder vielmehr des menſchlichen Lebens überhaupt? Eine Miſchung des Heitern und Trüben, des Lichten und Dunklen, welches die ewigen Gegenſätze unſrer Schickſale ſind? Wie Gott will! Ich entziehe mich dieſer Miſchung nicht, liebe ſie aber freilich am meiſten in dem, was wir bei uns„einen Melange“ nennen, da nämlich das lichte Element fette Sahne, das dunkle kräftiger Mokka⸗Kaffee iſt. Solche Schickſalstaſſen ſchlürfe ich gerne. Dazu eine brave Pfeife echt Türkiſchen, einen guten Freund, dem man ein gutes Gedicht vorliest, und muß es ſein, irgend ein„ſüßes Schnäbelchen“ für die ſchwächſte Seite des menſch⸗ 298 lichen Herzens,— sufficit! Gott, was man beſcheiden iſt! und doch handeln ſie Einen noch herab und das Leben wird dem Mindeſt⸗ fordernden zugeſchlagen. Meine Sachen, die ich nach Pittsburg adreſſirt hatte, ſind ange⸗ kommen; ich packte vor allem meine Violine aus und ſpielte mir ſtei⸗ riſche Ländler vor. Gott weiß, es iſt auch höchſte Zeit, daß ich mir ein bischen Humor an's Bein zeche; ſo eben laufe ich dieſe Blätter durch, die von hier an Dich abgehen ſollen, und erſchrecke über das Grau in Grau. Wahrlich, es iſt ſehr praktiſch von mir, einem Compagnon, den ich mir nachlocken will, eine ſolche Reiſebeſchreibung zu liefern! Wäreſt Du nicht der große, heroiſche Benthal, ſo würf' ich das ganze Ge⸗ ſchreibſel in einen Kohlenſchlott, wie ſie mir zu Dutzenden in das Fenſter hereinſtarren. Aber ich ſehe Dich ſchon, wie Du dieſe Blätter ruhig bei Seite legſt:— nun gut; das iſt Amerika, und das bin ich! Recht auch; man muß dieſem Lande Trotz bieten. Leider! ein Poet trotzt nicht, er zertrümmert. In der That, es wird mir täglich und ſtündlich klarer: ohne Dich iſt meine Anſiedlung eine Unmög⸗ lichkeit. Ich ſpüre einen Vernichtungstrieb in mir, der einem Coloniſten ſchlecht zu Geſichte ſteht. Mein Gehirn iſt wie ein Neſt von unaus⸗ gebrüteten Blitzen; es kommt mir oft vor, als müßt' ich Unglück an⸗ richten oder unglücklich werden, wie's keine Zunge nennt. Wie ein Orpheus mit klingenden Saiten die Hölle zu zähmen— dieſes Schlags iſt meine Poeſie nicht. Die Orpheus⸗Sage iſt der Ausdruck der höch⸗ ſten und mir wahrhaft unbegreiflichen Milde des griechiſchen Geiſtes. Ich hätte das infernaliſche Geſindel zum Kampfe fordern müſſen; ich glaube überhaupt: Kampfluſt iſt meine Sangesluſt; ich bin ein metriſcher Huſar. Das Pack, das Einem die Blume des Lebens ge⸗ ſtohlen hat, das höhere idealiſche Selbſt, mit wohllautenden Accorden noch anzuleiern, das erfordert eine große Stärke— in der Schwäche! Darum biſt Du ſo ein Prachtmenſch, weil Dich Dein Herrgott aus einem Zeug geſchnitten hat, das ich für den beſten menſchlichen Stoff halte. Du wirſt Dich mit den Höllenhunden nicht auf die Menſur ſtellen, Du wirſt ihnen aber auch kein Adagio in die haarigen Ohren träufeln: Du hätteſt Deine Euridice überhaupt nicht mehr auf die Erde zurückgeführt. Nein, Du hätteſt es unternommen, die Hölle und doch Mindeſt⸗ nd ange⸗ mir ſtei⸗ ich mir e Blätter das Grau mpagnon, jliefern! ſanze Ge⸗ zFenſter nübig bii 1 ider! ein tr täglich Unmög⸗ oloniſten 1 unaus⸗ glück n Wie ein der höch⸗ Geiſte. müſſen; bin ein tbené ge⸗ Accorden T äche! wäch gott aus in Stof Menſur e1 Ohren uij die ¹ Hölle — 299 ſelbſt wohnlich für ſie einzurichten, Du würdeſt die Hölle urbar gemacht haben. Und ich glaube, es wäre Dir gelungen. Ich kann Dir nicht ſagen, mein lieber Rector magnificus, wie ich mich freue auf Deinen Amtsantritt im Urwald. Es muß eine Luſt ſein, einen Mann, wie Du, ſich rühren zu ſehen. Ich glaube, die Alten hatten Recht, wenn ſie die Landſchaft vernachläſſigten über den kräftigen und anmuthigen Menſchen darin. Und das thaten ſie doch mit griechiſchen Landſchaften, was thäten ſie erſt mit amerikaniſchen! Höchſtens ließen ſie den Menſchen auch daraus weg. Mein Wirth hier hat ein Söhnchen von wunderlieblicher Knabenſchönheit; ich lächelte ihn freundlich an, faßte ihn ſanft unterm Kinn und ſtreichelte ihm die reizenden Goldlöckchen aus der koſtbaren Antinous⸗Stirn. Das achtjährige Bübchen ſchnitt aber ein beleidigtes Geſicht dazu, und ſah mich ſo pedantiſch-⸗altklug an, daß ich's in ſeinem Innern deutlich ſprechen hörte: Darüber ſind wir hinaus, du deutſcher Narr, du ſchmeichelteſt mir weit beſſer, wenn du mir das erſte Primchen Kau⸗ tabak in den Mund ſchöb'ſt. Es iſt gräßlich, ein Volk, von dem man nicht einmal die Kinder lieben kann!— Deß ſattl' ich mein Gäulchen noch einmal ſo eifrig, und will nun in Ohio das Plätzchen auf⸗ ſtöbern, wo weder das Fieber, noch die Langweile graſſirt, wo es einem ſo recht bergesfriſch und waldheimlich und waſſerkühl zu Muthe wird, daß ich mit gutem Gewiſſen ſagen darf: liebe Deutſche, kommt zu mir, deutſche Feen haben das für euch geſchaffen! denn ich hoffe, die Feen ſind auch ein wenig emigrirt wie die Menſchen. Hol's der Teufel! Indem ich ſchreibe, wälzt mir der nächſte Schlott eine Rauchſäule durch's offene Fenſter, daß Herculanum und Pompeji dran erſticken könnten. Und ſchließ' ich das Fenſter, ſo erſtick' ich wieder. Ich ſchließe demnach dieſes Briefpaquet, es bleibt nichts anders übrig. Adieu! ich hoffe vom Ohio ſoll Alles beſſer klingen. La belle rivière nannten die Franzoſen den Ohio, und die Fran⸗ zoſen wiſſen was ſchön iſt. Aber warum behaupteten ſie ihn nicht? Geht's uns mit allem Schönen ſo? Du haſt Recht: der Menſch kann nur beginnen! 300 Bweites Kapitel. Daß unſer Held vierundzwanzig Stunden nach dieſem Briefe ſeinen Grundbeſitz erworben haben würde, ahnte ihm in jenem Augenblicke nicht im mindeſten noch. Der wichtigſte Moment, der eigentliche Ziel⸗ und Mittelpunkt ſeiner amerikaniſchen Reiſe überraſchte ihn ſo— wie die flüchtigſte Epiſode eines Wandertags, ja, faſt wie ein Stein des An⸗ ſtoßes am Wege. Wir könnten das Ereigniß wieder aus ſeinen Briefen erzählen, haben aber Grund es diesmal nicht zu thun. Denn da es unmittelbar ein Act der Großmuth war, und unſer Freund edel genug dachte, dieſes Umſtands mit keiner Sylbe zu erwähnen, ſo würde der Briefton nicht nur zur Wiedergabe der eigentlichen Ge⸗ müthsfärbung nicht beitragen, ſondern die geſchichtliche Thatſache ſelbſt weſentlich entformen. Moorfeld ritt alſo von Pittsburg die ſchönen Ufer des Ohio hinab. Als er die Gränze Pennſylvaniens bei Beaver erreichte, las er in einem Localblatte dieſer Stadt daß in einem benachbarten Orte, der aber ſchon dem Staate Ohio angehörte und ſich ſehr großartig Neu⸗Liſſabon nannte, eine Landauction oder ſogenannter Sheriff sale abgehalten würde. Um ſich eine ſolche Scene„einſtweilen“, wie er dachte, mit anzuſehen, wandte er nun in Beaver vom Fluß⸗ thale des Ohio ſein Pferd ab und begab ſich landeinwärts auf die Straße nach New⸗Lisbon. Bald verſchwanden die Höhen des Ohio mit ihren laubreichen Eichwaldungen hinter ſeinem Rücken und das Land fing an, in niedrig geſtreckten Hügelwellen ſich abzuflachen. An die Stelle des Eichwuchſes traten Weiden, Pappeln und Cypreſſen, welche einen Sumpfboden bewaldeten, der vielleicht fruchtbar, vielleicht auch ungeſund war. Dazwiſchen lagen wie Inſeln und Halbinſeln dürre Sandſtriche, die ihre ſterile Natur in traurig⸗eintönigen Fichten⸗ waldungen ausdrückten. Die Gegend war einſam und nichts verrieth die Nähe einer Stadt. Im halbgelichteten Walddunkel erblickte — tee ſeinen lugenblice liche Ziel⸗ wie die des An⸗ en Briefen mn da es eund edel bnen, ſo ichen Ge⸗ ache ſelbſt des Ohio ichte, las rten 0 Orte, großar tig Sherif ſveiar om Fluß⸗ auf die des Ohi und dns he⸗ An ypriſſe vielleiht zulbinſel Fichtn⸗ verrie nblittt — 301— der Reiſende hin und wieder einen aufgeſchichteten Haufen von Baumſtücken, welcher im Innern hohl war und eine menſchliche Hütte vorſtellte. Gluckte ein Huhn, oder grunzte ein Schwein an ſolchen Grabes⸗ Einöden, ſo wurde der Localton ſchon ſehr warm dadurch. Aber plötzlich fingen dieſe Blockhäuſer an einer Stelle, wo ſie etwas dichter ſtanden, an, ſich Liſſabon zu nennen. Es war eine Ueberraſchung der traurigſten Art, als ſich Moorfeld nach einer Paſſage durch einen hochſtämmigen Fichtenſtrich auf einmal im Angeſichte dieſer ſogenannten Stadt befand. Die Sonne verbreitete ihr Licht über eine elende Wüſte von dürrem Gras, trübſeligen Weiden und ſchmutzigen Hütten, deren Anblick eher einer Colonie von Selbſtmördern glich, welche blos zwiſchen dem Strick und dieſer Exiſtenz gewählt hatten. Die Vegetation war weit und breit herum mulſterig, übelriechend und von jenem eklen Grün, wie es etwa die faule Pflanzendecke auf ſtehenden Waſſern zeigt. Die Fuß⸗ ſtapfen der Pferdehufe oder die Wagenſpuren in dem ſchwammigen Boden ſtanden von Pilzen voll, ja Moorfeld konnte Schwämme und Pilze noch reichlich an den Wohnhäuſern ſehen, wo ſie aus den Ritzen der Wände wie Hexenkorallen in ganzen Schnüren und Ketten hervor⸗ quollen. Es war ein ſchauderhafter Fleck Erde: weder Wald, noch Sumpf, noch Haide, das Ganze ſchien wie ein ungeſunder Magen, der Eſſig und Calomel getrunken, und den Anblick ſeiner inneren Scenerie an die Sonne gewendet hat. Solche Stellen konnte im prak⸗ tiſchen Amerika nur der Humbug beſiedeln. Der erſte Anbauer hat ſein Land durch Agentur, vielleicht ſchon in Europa, gekauft, und war er nicht in der Lage, den Verluſt zu tragen, indem er es wieder auf⸗ gab, ſo konnte er nur vom raſcheſten Menſchenzuwachs Verbeſſerung hoffen. Er verführte alſo Andere, welche in der gleichen Lage wieder Andere verführten; ſo verwandelte ſich der krankhafte Landſtrich in einen Stadtbauplatz und auf ſeiner Oberfläche ſchwebt jetzt eine Anzahl von Menſchen eine Zeit lang zwiſchen Tod und Leben, bis es ſich bleibend entſcheidet, ob der Ausfluß des Bodens oder der Einfluß des Menſchen die Oberhand davon trägt. Siegt der Menſch, ſo wird mit Poſaunen⸗ ſtößen die wunderbare Culturkraft des Amerikaners durch die Welt verkündigt; ſiegt das Naturgift, ſo begräbt eine Handvoll von Hum⸗ bugern im tiefſten Stillſchweigen ſeine Leichen, während der Ueberreſt 302 im tiefſten Stillſchweigen abzieht,— Gras wächst über die Stätte und ihrer wird nicht mehr gedacht. Dies waren Moorfeld's Betrachtungen, als er den häßlichen Ort langſam durchritt. Er gelangte auf einen freien Platz in der Mitte deſſelben und fand einiges Leben hier. Eine hölzerne Bude, welche ſich City⸗Hall nannte, aber vielmehr einem Wagenſchuppen glich, war von oben bis unten mit ellenlangen Placaten von Buntpapier beklebt, während Fahnen und Standarten in allen Farben auf langen Stangen in der Luft flatterten; er ſah den Schauplatz der Landauction. Dieſem Hauſe gegenüber ſtand ein gothiſches Unding, die Kathedrale von Neu⸗Liſſabon. An jedem andern Orte hätte das barbariſche Machwerk die Sinne beleidigt, in der Umgebung der elendeſten und ſchmutzigſten Hütten aber machte es immer noch Staat. Der Raum zwiſchen dieſen beiden öffentlichen Gebäuden, welcher je nach Umſtänden eine Pfütze oder eine Staubwüſte war, in beiden Geſtalten aber der Square von Neu⸗Liſſabon hieß, diente jetzt einer Menge von Zeltwagen, Markt⸗ buden und ſonſtiger fahrender Zigeunerhabe zum Standorte; es war das Feldlager von Zuzüglern, welche die Landauction aus näherer oder fernerer Umgebung herbeigelockt hatte. Ein ſpeculirender Irländer hatte dieſe Gelegenheit benutzt, Geſchäfte in ein paar Fäſſern Fuſel zu machen, welchen er von ſeinem Karren herab für mint julep ausrief; ein fliegender Buchhändler neben ihm verkaufte den Himmel in beliebiger Auswahl, nämlich Tractätlein aller möglichen Glaubens⸗ bekenntniſſe. Das gläubige und ungläubige Publikum tractirte ſich aber mit mehr Vorliebe in einer Trinkſtube, auf welche Moorfeld erſt auf⸗ merkſam wurde, als er ſich überhaupt um Publikum umſah und ver⸗ hältnißmäßig wenig am Platze fand. Er entdeckte bei dieſer Gelegen⸗ heit noch ein drittes öffentliches Gebäude, nämlich ein Croceryſhop mit einem Wirthshaus verbunden und zwar dicht am gothiſchen Dome, dem es zur Seite ſtand, wie ein Miniſtrant ſeinem Prieſter. Der Kramladen mochte einſt beſſer in die Augen gefallen ſein, als nämlich die Farben der colorirten Lithographien an ſeinem Schaufenſter noch greller erglänzten. Moorfeld muſterte dieſe Lithographien und fand bunt nebeneinander den Alpenübergang Napoleon's, Mrs. Siddons als Lady Macbeth, das Rennpferd Eclipſe, einen Fauſtkampf zwiſchen John Bull und Bruder Jonathan, die Rückkehr des Geliebten, Roth⸗ tätte und ichen Ort der Mitte e, welche glich, wat er beklebt, rStangen n. Dieſem drale bon T mutzigſten hen dieſen Nachwert ine Pfütz quare bon „Markt⸗ s näherer r Irländer ſern Fuſt int juley n Hinmi Glaubent⸗ te ſich dhe erſt alf⸗ — 303 jacke im indianiſchen Coſtüm, Edmund Kean als König Lear, die Schlacht bei Bunkershill, eine Newyorker Regatta, General Waſhington, Lord Nelſon, das Fegefeuer u. a. Ueber all dieſe Blätter hatte ſich eine Unzahl von Fliegen verbreitet mit überreichlicher Hinterlaſſung ihrer wohlbekannten Spuren. Die Spelunke erreichte daher durch ihr Schau⸗ fenſter ſo ziemlich das Gegentheil der beabſichtigten Anziehungskraft; da überdies die Trinkſtube nebenan Rauchwolken des ſchlechteſten Ta⸗ baks vermiſcht mit den Peſtdünſten abſcheulicher Getränkeſorten durch alle Fugen und Ritzn ausſchwitzte, ſo fand ſich Moorfeld wenig ein⸗ geladen, das wirthliche Dach dieſes Hauſes zu beſchreiten. Nur ſein Pferd ſtellte er hier ein; ſeine Perſon, die, wie er aus hinlänglicher Erfahrung wußte, ſelbſt unter dem widerlichſten Pöbelhaufen in keiner öffentlichen Herberge auf irgend eine Sonderung dringen durfte, rettete er wieder in's ſogenannte Freie. Er kaute für all ſein Nahrungs⸗ bedürfniß ein Stückchen Bouillontafel, deren er in Pittsburg einen neuen Vorrath eingekauft. Irgend ein nettes Privathäuschen zu ent⸗ decken, wo er an einem leidlich menſchlichen Tiſch ſich zu Gaſte bitten könnte, ohne das„Hôtel von New⸗Lisbon“ zu frondiren, darauf ver⸗ zweifelte er in dieſer Kaffernſtadt. Inzwiſchen ertönte ein greller Trompetentuſch von einer Dachlucke des Schuppens, d. h. vom Balkon der City⸗Hall. Das brachte einige Bewegung auf dem Marktplatz hervor. Unter den Dächern der Zelt⸗ wagen ſtreckten ſich lange Amerikaner⸗Beine hervor, die dort ihre Mittagsruhe gehalten hatten, aus der Trinkſtube des Croceryſhops kamen die Gäſte gruppenweiſe über den Square daher geſtolpert, der fliegende Buchhändler ſchloß ſeine Mappen und der Irländer trank ſeinen mint julep ſelber. Alles drängte ſich durch die unbehauenen Thürpfoſten des Stadthauſes. Moorfeld folgte. Er ſtand in einem Stalle, den die Väter der Stadt vielleicht ihren Sitzungsſaal nannten, aber der Fußboden dieſes Saales war die rauhe unbedielte Erde, die Fenſterlöcher hatten keine Fenſter, was zwar einen dankenswerthen Luftzug gegen die Hitze bewirkte, aber auch einer Unzahl von läſtigen Mücken die Paſſage frei gab, die Decke endlich war ſo niedrig, daß die Beleuchtung, obſchon ſie ungetrübter als durch das reinſte Kryſtall⸗ glas einfiel, doch etwas Düſteres und Kellerartiges hatte. Das Ameu⸗ blement beſtand in einem Tiſch und einigen Stühlen für die Auctions⸗ 304 beamten nebſt zwei langen Bänken für das Publikum, welche an den beiden Längenſeiten, des oblongen Quadrats hinliefen. Das Publikum nahm dieſelben theilweiſe ein, theils ſtand es umher oder ging auf und ab. Es waren meiſt Hinterwäldler, die in Kitteln von ſelbſtgewebtem Zwilch oder Callico, den groben Strohhut auf dem Kopfe und ein Primchen Tabak zwiſchen ſchlechten Zähnen, herumlungerten. Dieſer Aufzug war aber auch alles Ländliche an ihnen; Moorfeld bemühte ſich vergebens, gewiſſe allgemein giltige bäuerliche Grundtöne in ihrem Weſen herauszufinden. Kein einziger ſah zufrieden, glücklich oder— ehrlich aus. Ihre Leiber waren vom Fieber abgemagert, welk und ſchlotterig, ihre gefurchten Geſichter bleich und von Luft und Sonne mehr übermalt als geſund gebräunt, ihre hohlen Augen gingen un⸗ ruhig umher, voll Liſt und Verſchlagenheit und wie von allſeitigen Sorgen umlagert. Es war eine traurige Heerſchau für unſern Euro⸗ päer. Sind das die Bürger eines freien und glücklichen Landes? fragte er ſich unwillkürlich. Zwiſchen dieſen Geſtalten bewegten ſich noch einige Exemplare aus einer andern Schichte der Geſellſchaft; dieſe waren mehr oder minder ſtädtiſch gekleidet, trugen goldene Uhren und affectirten eine gewiſſe gentlemaniſche Haltung, Moorfeld erkannte ſie aber mühelos als Subjecte von gemeinem Charakter und Gewerbe, ſie machten ihm ungefähr den Eindruck von verkommenen Advocaten, oder durchgegangenen Handlungscommis, kurz von Induſtrierittern auf allen Gäulen. Indem unſer Freund das Treiben dieſer Leute ſchärfer beobachtete, merkte er bald, daß ſich ihre Tendenzen gemeinſchaft⸗ lich an einem Manne begegneten, den ſie wie Flammen einen feſten Körper umzüngelten; wenigſtens ſchien ihre Rolle die angrei⸗ fende und die des Andern die paſſive oder ſelbſt die abwehrende. Der ganze Anblick erinnerte ihn auffallend an ſeine eigene Stellung weiland im Generallandamt zu Newyork. Dieſe Aehnlichkeit vermehrte noch das Intereſſe ſeiner Beobachtung, das übrigens das Bild jenes einzelnen Mannes ſchon durch ſich ſelbſt zu erregen geeignet war. Derſelbe war unverkennbar ein Deutſcher, ſtand in den mittleren Mannesjahren und trug die tiefſten Spuren einer ſchweren kummer⸗ vollen Lebenslaſt zur Schau. Sein Weſen ſchien das eines ehrlichen, ja ſelbſt noblen Charakters, die eiſerne Hinterwaldsarbeit hatte ſein Aeußeres verknechtet, ſein Inneres machte noch eine Art von Figur. webtem und ein Dieſer bemühte m ihrem oder— elk und Sonne gen un⸗ llſeitigen n Euro⸗ 2 fragte ſch noch dieſe znſchaft 1 n einen ngrei ehrende Itellur ermeblt zente ſd ild 1 305 Er contraſtirte eben ſo fremdartig als vortheilhaft zu den Phyſiogno⸗ mien um ihn her, denen die Wolfs⸗ und Luchsnatur eines ſchlauen und raubgierigen Materialismus grell aufgeprägt war. Er machte neben ihnen mehr den Eindruck eines ausgedienten braven Soldaten, der den Pflug ergriffen, oder eines kleinen Landedelmanns, der ſein Feld beſtellt, als eines Landproletariers, der es iſt mit der ganzen Verkommenheit ſeines ſittlichen und geiſtigen Zuſtandes.— Sein mo⸗ mentaner Zuſtand erweckte im ſteigenden Grade Sympathie. Er be⸗ fand ſich jenen Induſtrierittern gegenüber offenbar in einer ſchwierigen, vielleicht ſelbſt verzweifelten Lage. Moorfeld vergaß alles Uebrige um ſich, indem er den Fortgang dieſer Scene verfolgte. Sie hatte ihren Anfang genommen damit, daß einer der Induſtrieritter geſprächweiſe zu dem Manne trat, und ihm, wie es ſchien, im Vorbeigehen ein Offert machte, das er mit der Miene eines Gönners, ſonſt aber mit großer Gleichgiltigkeit behandelte, gleichſam als wäre hier von einem Vortheile die Rede, den nur der Andere allein genöſſe, während er ſelbſt kein Intereſſe dabei habe. Der Deutſche hatte ihn angehört, einige Gegenfragen gemacht und dann, wie von einer Nothwendigkeit über⸗ zeugt, die ſich nicht ändern läßt, ſeine Brieftaſche gezogen, aus der er langſam und bedächtig eine Banknote hervorholte, die der Andere leicht und ungedankt in ſeine Weſtentaſche ſchob. Hierauf trat ein zweiter der Uhrketten⸗behängten Gentlemens zu dem Manne. Es wie⸗ derholte ſich von erſterer Seite mit geringen, von letzterer aber mit bedeutſameren Variationen daſſelbe Spiel. Es war dem Deutſchen, wie man ſehen konnte, eine ſehr ernſthafte Sache, auch von dieſer Perſon in Anſpruch genommen zu ſein. Seine Miene verdunkelte ſich, ſeine Stirnfalten wurden tiefer, ſeine Augenbrauen zogen ſich in die Höhe, einer ſeiner Füße trat unwillkürlich zurück, die ganze Stellung drückte das Schrecken aus, womit man ſich gegen ein unvorhergeſehenes Phä⸗ nomen in Poſitur ſetzt und einen Augenblick ſtutzt, ob man ſich ihr unterwerfen muß, oder entziehen kann. Der Deutſche machte eine Ge⸗ berde, mit der er offenbar auf den Mann wies, welcher ſo eben von ihm gegangen: der Induſtrieritter dagegen wendete kaum den Kopf, zuckte die Achſeln und ſagte mit einer wegwerfenden Handbewegung: pah! Der Deutſche war unentſchloſſen, rathlos. Er warf einen ver⸗ ſtörten Blick auf ſeinen Gegner, maß ihn von oben bis unten und D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 20 306 ſchien die ganze Kraft ſeiner Menſchenkenntniß zuſammenzuraffen, um denſelben zu durchſchauen. Dieſer wandte ſich ſtolz zum Gehen. Der Deutſche ſchüttelte den Kopf, ſeufzte und folgte Jenem, indem ihm zu bangen ſchien, die Verhandlung abzubrechen. So wandelten die Beiden in kurzen Schritten auf einem ſchmalen Bodenſtreifen eine Zeitlang auf und ab und ſetzten ſich ernſtlich auseinander. Das Ende war, daß der Eine wieder ſeine Brieftaſche zog und dem Andern eine Banknote daraus reichte, von der er ſich mit ſichtlicher Aufopferung trennte. Hierauf trat er an ein Fenſter oder vielmehr in eine der leeren Fenſter⸗ höhlen und erholte ſich mit ein paar Athemzügen friſcher Luft von ſei⸗ nem Kummer. Aber er ſtand nicht lange ſo. Zwei Schächer nahmen ihn in die Mitte, indem ſie links und rechts an ſeine Seite traten. Dritte und vierte Wiederholung der nämlichen Pantomime. Nur ſchie⸗ nen ſich die Rollen diesmal umzukehren. Der Deutſche ſtellte ſich kalt, gelaſſen, gleichgiltig und verſuchte es, die zwei neuen Quälgeiſter über ſeinen eigentlichen Zuſtand, auf den ſie ſpeculiren mochten, irre zu führen. Der Verſuch blieb aber vergebens. Sei es, daß ſie ſein Be⸗ nehmen in den beiden vorigen Fällen allzu genau beobachtet, oder überhaupt untrüglich gut orientirt waren: genug ſie hatten ſich bald feſt in den Mann gehackt, der zwiſchen ihnen jetzt ein ſo tragiſches Bild bot, wie Laokoon zwiſchen den Schlangen. Er litt, er duldete. Seine Mimik war ganz Schmerz, aber düſtrer, hoffnungsloſer Schmerz, der nur ein Unterliegen vor Augen hat, kein Ueberwinden. Er kämpft, weil er noch die Kraft dazu fühlt,— Schritt für Schritt dieſe Kraft aufzubrauchen, kann der einzige Preis des Kampfes ſein. So ſah man ihn mit ſeinen beiden Tyrannen handeln und unterhandeln, Vorſtel⸗ lungen machen, ſchroff und entgegenkommend, nachdrücklich und ge⸗ linde ſein, man ſah die ganze Arbeit eines Menſchen, der Alles ver⸗ ſucht, einen billigen Frieden zu erlangen, und weiß, daß Alles um⸗ ſonſt ſein wird. Seine Partner ſtanden und ließen ihn gewähren, wie man einen Menſchen etwa Höflichkeitshalber anhört. Wie dringend er die Action belebte, ſie waren todt und ließen ihn Schläge ins Waſſer thun. Ein kaltes Achſelzucken, ein Schnippchen mit dem Finger, ein Ruck auf dem Abſatz, ein ſtummes Getändel mit der Uhrkette, mitunter ein ſpitzer Mund, als pfiffen ſie geiſtesabweſend ein Lied⸗ chen— das war ihre ganze Antwort. Es war die Rhetorik von ffen, um n. Der ihm zu te Beiden Zeitlang var, daß Banknote trennte. Fenſter von ſei⸗ nahmen etraten. ur ſchie⸗ ſich kalt, ter über irre zu ein Be⸗ t, oder ſch bald ngiſches duldete. Schmerz, kämpft, ſ Kraft ah man Vorſtel⸗ und ge⸗ les bel⸗ 28 um⸗ en, wie ringend ige ins Finger/ orkette/ Lied⸗ i von — 307— Granitherzen. Endlich ergab ſich der Andere in ſein Schickſal. Er zog ſeine Brieftaſche und händigte ihnen zwei Banknoten aus. Dann ſetzte er ſich auf die Bank hin und begrub den Kopf in ſeine beiden Hände, welche er auf die Knie ſtützte. Wenn ein Maler eine Mannes⸗ thräne malen wollte, ohne ſie ſehen zu laſſen, ſo würde er dieſe Stellung wählen— ſagte ſich Moorfeld. Jetzt trat durch einen untern Eingang des„Saales“ der Sheriff mit zwei Clerks ein. Er ſtellte ſich hinter ſeinen Tiſch und gab mit einem Hammer das Zeichen des Anfangs. Die anweſenden Waldfäuſte erhoben ſich vorwurfsvoll über ſein langes Ausbleiben. Der Scheriff bat die„Herren“ ſehr artig um Verzeihung, worauf ſich das ſou⸗ veräne Volk zufrieden gab. In dieſem Augenblicke näherte ſich ein fünfter Induſtrieritter dem Mann auf der Bank. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und mußte ihn mit einem Worte aufgeſcheucht haben, das genau die Tendenz der vier Andern ausdrückte, denn der Mann zuckte, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen zuſammen, und ſtarrte den Fünften an, gleichſam als begriffe er nicht, wie es möglich ſei, daß ſich nach all ſeinen Opfern die alte Zumuthung von Neuem vor ſein Auge hinpflanzen könne. Indem Moorfeld ſein ſo er⸗ hobenes Geſicht betrachtete, ergriffen ihn die rührenden Züge des inneren Menſchen darin. Der Kopf kam ihm ſchöner vor als zuvor, gleich⸗ ſam als hätte der Schmerz inzwiſchen Zeit gefunden, ſich über ſein ganzes Ich auszugießen und es zu einem reinen Modell des Seelen⸗ leidens zu idealiſiren. Deſto abſcheulicher ſtach die Phyſiognomie des Fünften neben ihm ab. Der Mann war ungefähr ein naher Sechziger, ſein Schädel eine ſchwere und unförmliche Maſſe, ſeine Züge grob geſchnitten, das Geſicht aufgetrieben, wulſtig, voll War⸗ zen und beulenartiger Unebenheiten, welche durch die Ideenver⸗ bindung mit Krankheitsurſachen noch zurückſtoßender wurden; er hatte eine niedrige Stirn, eine platte Naſe, einen dicken brutalen Mund und hervorragende Backenknochen. Seine Augen waren klein, grau und von einem böſen Blick; zottige Augenbrauen hingen darüber in finſtern, ſchweren Buſchen herab und vollendeten den Ausdruck eines unge⸗ ſelligen, harten, rachſüchtigen Charakters. Dieſer Wehrwolf ſtellte ſich jetzt dem vielgebeugten Manne entgegen und wiederholte, wie man ſah, das Manöver der vier Vorhergegangenen. Der Deutſche ſtand 20* 308 da, ſein Haupt auf die Bruſt geſunken, die eine Hand im Barte, die andere ſchlaff niederhangend, den Blick auf dem Boden. Er war auf einem Punkte angelangt, wo er verzweifelte. Nur einmal ſah man ihn eine leichte Frage thun, gleichſam verſuchsweiſe, wie über einen Gegenſtand, den man aufgibt. Der Häßliche antwortete,— der Deutſche maß ihn mit einem langen, ſtummen Blick, dann wendete er ſich um, holte ſeinen Wanderſtock von der Wand und ſchritt ohne Weiteres dem Ausgange zu. Nahe an der Thüre wurde ſein Gang langſamer, noch einmal blickte er in das Auctionszimmer zurück, wie auf eine Poſition, die man mit ſchweren Opfern erkauft und ſchwer wie das Leben ſelbſt verläßt, ein Seufzer unendlichen Wehs entwand ſich ſeiner Bruſt, er fiel mehr hinaus als er ging. Um Gotteswillen, was geht hier vor? rief Moorfeld, den Mann zurückhaltend.. Ein Schickſal! antwortete dieſer tonlos. Erklären Sie ſich, mein Herr, ich bitte! Es iſt entſchieden! Ich ſoll nicht leben. Auch der letzte Faden reißt. Laſſen Sie mich. Es gelang Moorfelden erſt nach einigen Minuten, andere als ſolche und ähnliche Antworten zu erhalten, welche den Glauben an ein düſtres Alles vereitelndes Fatum athmeten. Der Deutſche entzog ſich mehr ſeiner Theilnahme, als er ihr entgegenkam; er ſchien eine jener wackern Naturen, welche ihre Kraft lange zuſammen halten, aber gebrochen auch vollſtändig brechen. Dieſen Verluſt ſeiner männlichen Faſſung fühlte er auch mit Scham; er ſtrebte hinweg und nicht leicht war es, ihn feſt zu halten. Selbſt die deutſche Anrede, womit Moor⸗ feld gleich vorweg ihn zu gewinnen gedacht, verfehlte jedes Zaubers auf ihn. Ich bin in allen Zungen betrogen worden, ſagte der Un⸗ glückliche. Moorfeld ſchleppte ihn endlich mit Gewalt in eine einſame Ecke und forderte ſein Vertrauen wie die Erfüllung einer Menſchen⸗ pflicht. Das Unglück muß ſich erzählen, ſagte der Andere, es iſt wahr; jeder Weinende iſt dem Concertſaal ein Andante ſchuldig. Wohlan, mein Herr, ich war deutſcher Offizier, mein Name iſt von Anhorſt. Ich hatte ein Duell mit einem andern Offizier, welcher die Ehre meiner Frau beleidigt hatte, weil ſie ein armes, braves Bürgermädchen war, indeß ———— t ohne Gang f, wie ſchwer twand Mann Faden re als den an entzog N— 309— er ſelbſt die Maitreſſe eines Großen und die natürliche Tochter eines andern Großen geehlichet. Der Ausgang des Duells brachte mich auf die Feſtung. Man verhalf mir zur Flucht, ich ging mit Frau und Kind nach Amerika. Aber— unterbrach ſich der Erzähler mit plötz⸗ lich veränderter Stimme— aber, mein Herr, indeß ich ſo anfange, wird dort geendet mit mir. Haben Sie gehört? ſchon rief der Sheriff das Land aus, das ich mit dieſer Hornhaut auf den Händen, das ich mit dem vierfach erkauften Recht zu kaufen, mein nenne. Steht Ihnen noch mehr von meiner Geſchichte zu Dienſten? Moorfeld gab ſich die Miene, die Bitterkeit des Tiefverſtimmten zu überhören und ſagte mit Wärme: Allerdings, mein Herr, bitte ich darum, wenngleich nicht in dieſem Augenblicke. Gegenwärtig würde ich Ihnen Dank wiſſen, wenn Sie mir blos die letzten Ihrer Worte zu erklären ſo freundlich wären. Das Land, worauf Sie gerechte An⸗ ſprüche haben und das Ihnen deßungeachtet ſo eben entgehen ſoll— wie verhält es ſich damit? Anhorſt, wie wir den Deutſchen jetzt nennen können, widerſtand der fortgeſetzten Freundlichkeit Moorfeld's nicht länger; er fühlte ſeinen eigenen Culturmenſchen wieder erwacht in ſich, und antwortete etwas geſelliger: Sie wiſſen, mein Herr, was ein Squatter oder Vorſiedler iſt. Er iſt ein Feſtungsſträfling im Freien. Er verrichtet die härteſten aller menſchlichen Arbeiten, denn er geht allen übrigen Arbeiten vor⸗ aus. Mit Art und Flinte wirft er ſich in den Ocean der Urwälder und Prairien und wo er die Spuren einer Büffelherde entdeckt, dort iſt ſeine Etappenſtraße; der folgt er. Eine Waldeinöde links, eine Graseinöde rechts, und in der Front vielleicht ein trüber Abfluß von einem moraſtigen See— das iſt ihm genug zur Heimath: den Winkel wählt er und fragt nichts darnach, ob er zur nächſt⸗größeren Stadt ungefähr ſo weit hat, wie von Baſel nach Leipzig. Er zündet das erſte menſchliche Licht an, wo ſonſt nur der Blitz in Bäume gezündet hat, er haut ſich ein paar Schock Eichen um, welche mit Friedrich von Hohenſtaufen zugleich flaumbärtige Kinder waren, er ſtellt ſich ſeine rohe Blockhütte auf. Er bricht den Wald und Prairieboden um, der mit zahlloſen Wurzeln wie mit einem Eiſendraht durchflochten iſt, er rodet raſtlos das ewig nachwuchernde Unkraut aus, er ſchützt ſich end⸗ lich das halbwegs geklärte Feld gegen die wilden Thiere und gegen —o ſein eigenes bald verwilderndes Hausthier mit dem bekannten Fenzen⸗ zaun, zu welchem Ende er die gefällten Eichen jetzt in Hunderte von Scheitern aushackt. Das Alles ſind gräßliche Arbeiten, Herr. Der Squatter bekommt Hände davon wie ein Petrefact— ſehen Sie, ſolche Hände ungefähr. Der Sprecher wies ſeine Hände und ließ ſie gegen einander klirren wie Schildpatt. Ich ſehe nicht ab, wie das im Grabe verweſen ſoll, ſetzte er mit einem tragiſchen Scherze hinzu. Dann fuhr er fort: Iſt nun das Hausweſen alſo feſtgenagelt in den widerſpänſtigen Boden, ſind die Sommerfieber glücklich überſtanden, kommen weder Ueberſchwemmungen, Windbrüche, Waldbrände vor, geht nicht gleich die erſte Ernte an der heſſiſchen Fliege zu Grunde: ſo— nun, ſo hat ſich eben kein Unglück ereignet, aber der Vorſiedler iſt darum noch nicht ſicher in ſeiner Exiſtenz. Ein Käufer erſcheint, welcher das Land, das bis dahin herrenlos war, kauft. Der Vorſiedler kann dann gehen, wenn es dem Käufer beliebt. Das iſt eine Kata⸗ ſtrophe, die er früher oder ſpäter über ſich ergehen laſſen muß. Frei⸗ lich gibt's eine Partei, die free-soolers, welche den Grundſatz auf⸗ ſtellt: amerikaniſcher Boden werde durch Arbeit, nicht durch Geld er⸗ worben. Dieſe Partei würde dem Vorſiedler das Land als Eigenthum zuſprechen. Aber ihre Politik hat noch nicht die Majorität. Bis dahin kann jeder Vorſiedler ausgekauft werden und Alles, was ihm der Congreß als jus primae occupationis zu bewilligen für gut findet, das iſt das Recht des Vorkaufs. Aber ſelbſt dieſe kleine Wohlthat, von der Geſetzgebung gewährt, wird von den Geſetzgebern, nämlich vom Volke ſelbſt, wieder illuſoriſch gemacht. Ein Beiſpiel davon ſehen Sie an mir. Nachdem ich in verſchiedenen Städten meinen Wohlſtand gegründet, aber dem großen und kleinen Krieg der Yankee⸗ Tricks ſtets wieder erlegen war, gab ich den ungleichen Kampf endlich auf und vergrub meinen Ekel vor dieſem Volke in dieſe Wald⸗ einöde. Das Land, worauf ich mich niederließ, gehörte einem Manne, Namens John Stutering, der einen notoriſchen Mord be⸗ gangen, aber durch die Umtriebe ſeines Advocaten es dahin gebracht, daß er gegen tauſend Dollars Caution, wofür er eben dieſes Land verpfändete, aus der Perſonalhaft entlaſſen wurde. Kaum freigegeben, ergriff er ſofort die Flucht. Sein Grundſtück— es war ein roher Waldboden auf Speculation gekauft,— blieb herrenlos hinter ihm 311 zurück. Ich ſiedelte mich in einem äußerſten Waldeckchen davon an, ſo genügſam als möglich. Die Unterſuchung nahm indeß ihren Fort⸗ gang und ſtellte die Beweiſe gegen John Stutering vollſtändig her. Er war fort. Die Gerichte ziehen nun die Caution ein und verſtei⸗ gern das Land. Das Wort Verſteigerung iſt aber in dieſem wie in den meiſten Verſteigerungsfällen nur ein Wort. Niemand beeilt ſich, zu bieten, denn das unverkauft gebliebene Land iſt bedeutend niedriger, oft unter Einen Dollar per Acre, zu erſtehen. Auf dieſe Gelegenheit wartet man. Aber dies iſt dann auch der Fall, wo ein Vorſiedler, wenn ein ſolcher da iſt, das Vorkaufsrecht hat. Bleibt alſo Stutering's„Loos“ bei der heutigen Verſteigerung unverkauft, ſo bin ich der Berechtigte, zu dem herabgeſetzten Preis es vor allen Mitwerbern an mich zu bringen. Das iſt die Gunſt des Geſetzes. Nun aber die Menſchen! Sehen Sie mein Herr— doch, Sie haben es, wie ich höre, geſehen. Sie haben es genau verfolgt, wie dieſe Meute mir zuſetzt. O es ſind Teufel! Es iſt keine Menſchlich— keit in ihnen. Herr, in Deinem Reich! es läßt ſich am Ende noch be⸗ greifen, wenn ſie mich als Geſchäftsmann betrogen, da ich im geſtick⸗ ten Pantoffel auf Brüſſeler Teppichen wandelte:— ſie mochten denken: Schelm, wer weiß, woher du es haſt; wir nehmen's Einer vom Andern. Aber der arme Settler, der mit ſchwielenvoller Fauſt das härteſte Stück Brod, das von Menſchen gegeſſen wird, aus der Erde gräbt, der nichts hat als ſeinen Schweiß, der mit Pflug und Karſt Niemand übervortheilen kann, wohl aber die Grundlage aller übrigen Geſchäfte und Vortheile iſt— doch ich will kurz ſein. Ich habe geſagt, die Verſteigerung iſt kaum mehr als eine Form, es findet ſich nicht leicht ein Steigerer ein. Wohl! Es finden ſich aber ſchlechte nichtswürdige Menſchen ein, welche ſich für Steigerer ausgeben, um dem armen Vorſiedler ein Stück Geld abzupreſſen. Dieſe Leute haben oft keinen halben Adler in der Taſche, deſſenungeachtet treten ſie dreiſt mit der Miene auf die Auction, als ob ſie das ausgebotene Land zu jedem, auch dem höchſten Preis kaufen würden. Es liegt für ihre Geſchäfts⸗ verbindungen wunderbar bequem, ſie werden Kardirmaſchinen, Dreh⸗ maſchinen, Marmormühlen, Lohmühlen, Kreisſägen, und Gott weiß, welche„Improviments“ darauf errichten, ſie wiſſen ganz ſicher, daß ein Kanaldurchſtich, oder eine Eiſenbahnlinie durch dieſes Grundſtück 312 projectirt iſt, und daß es demnächſt hundertfachen Werth haben wird: kurz ſie ſteigern jedenfalls. Da aber ein Vorſiedler da iſt, ſo wollen ſie freilich nicht rückſichtslos ſein. Zu ſeinen Gunſten ſtehen ſie von dem Handel ab und bitten ſich nur ein„hush-money“ von etwa fünf oder zehn Dollars aus. Dieſe kleine Erkenntlichkeit dürfen ſie billig in Anſpruch nehmen. Wer wollte ſie verweigern? Es wäre ſein eigener Schaden. Der arme Settler zahlt es denn auch. So muß er ſich ſein Vorkaufsrecht kaufen, das er durch die„freien und aufgeklär⸗ ten Inſtitutionen“ dieſes Landes hoch⸗wohl⸗klingender Weiſe umſonſt hat. Manchmal darf er freilich das hush-money ungeſtraft verweigern. Zuweilen ſtatuirt aber auch der Scheinkäufer ein Exempel und kauft wirklich. Den Kaufſchilling bringt er durch die Hilfe ſeiner Zunft⸗ genoſſen zuſammen. Ein ſolcher Fall wirkt dann gleich vielen. Der Settler kann nie wiſſen, was für eine Potenz er vor ſich hat. Er läßt ſich alſo, es ſchmerze wie's wolle, gutwillig brandſchatzen. Daß man auf jeder Landauction, fuhr Anhorſt fort, einem ſolchen hush-money-⸗Reiter begegnen werde, darauf kann man ſchon längſt und regelmäßig gefaßt ſein. Die Entſittlichung der Bevölkerung ſchrei⸗ tet noch mehr vor, als dieſe ſelbſt. Auch ich kam auf dieſe Lisboner Auction in keiner beſſern Erwartung. Ja, ich glaubte gefaßt zu ſein. Leider! dem gegenüber, was mich erwartete, ging mir die Faſſung aus in Börſe wie in Gemüth. Nicht ein, fünf hush-money-Wölfe nahmen mich diesmal in Empfang. Das war mir überwältigend⸗neu! Ach, mein Herr! ich habe in den Städten viel Unglück erlebt: die Bowery⸗Jungen zu Neuyork haben mich gewaltſam geplündert, die Quäcker zu Philadelphia gaben in Geld⸗ und Wechſelſachen falſch Zeugniß wider mich, und die erſten Häuſer in Cincinnati bankro⸗ tirten mich nieder, während ſie ſelbſt ihren pile dabei machten. In dieſer Wildniß, mit dieſer Kieſelfauſt, glaubt' ich um den Preis Alles deſſen, was das Leben ſchön macht, das Leben behaupten zu können. Umſonſt. Es geht noch einmal nicht. Viermal, wie Sie ſahen, zog ich meine Brieftaſche und fütterte die Wölfe; was ein Menſch geben kann, der entſchloſſen iſt, lieber ſämmtliches Ackergeräth aus Eiſen zu verkaufen und mit hölzernen Stangen und zehnfacher An⸗ ſtrengung zu arbeiten, das gab ich dieſen Unbarmherzigen dahin, um mein letztes unwirthliches Waldaſyl feſtzuhalten. Umſonſt. Viere konnt' 313 ich befriedigen, den fünften nicht mehr. Der iſt unter den Wölfen der Wehrwolf. Sehen Sie dieſen grauen beſtialiſchen Satan mit ſeinem böſen Auge, und verthiertem Geſichte, ein Kerl, der eher einer Kreuzung von Schwein und Tiger als einem Menſchen gleicht, Mr. Wogan iſt's, einer jener unzähligen Winkeladvocaten, die wie Peſt und Finnen im Staatskörper dieſer diſoluten Republik ſtecken, ein Herumtreiber, der Alles mit⸗ nimmt, was nach Schlechtigkeit riecht, ein Ignorant, der noch nie einen ordentlichen Proceß vor der Barre gewonnen hat, aber deſſenungeachtet von einer gewiſſen Clientenſorte geſucht wird, weil die Geſchwornen, die gegen ſein Plaidoyer votiren, nicht ſelten an einem anonymen Drohbrief erkranken, und bald darauf irgendwo todt gefunden werden— dieſer Kanibale iſt's, der mir jetzt Alles vereitelt, mein Recht, meine Ausſichten und meine Geldopfer, die ich beiden ſchon gebracht. Ein Menſch, der ſo eben in Mr. Clahane's Bar— ich lege einen Eid darauf ab— ſeinen letzten Dime in Slings vertrunken, wagt es, mir vorzuſchwindeln— In dieſem Augenblick unterbrach Moorfeld ſeinen Mann, und fragte mit jenem Tone, der einen fertigen Entſchluß ausdrückt, welcher nur noch der letzten Feile bedarf: Sie ſcheinen ſich übrigens, mein Freund, an der hieſigen Gegend ein traurig' Stück Erde zum Wohn⸗ platz erwählt zu haben? Die Gegend iſt gut, antwortete Anhorſt mit Unbefangenheit. Wenn Sie vom Ohio heraufgekommen ſind, ſo werden Sie bemerkt haben, daß der Boden theils zu naß, theils zu trocken war; hier in Lisbon z. B. das erſtere. Die Weide oder die Fichte ſtand da einſeitig. Stutering's Waldland hingegen hat eine ſehr reiche Miſchung von Baumarten, was bekanntlich ſchon allein hinreicht, über den Werth eines Grundſtücks jedes Laienauge zu orientiren. Wenn Lisbon ſich ausdehnt, ſo wird es vor all ſeinen übrigen Radien der Richtung Stutering folgen müſſen. Dort ſind die Bodenbeſtandtheile— Die Unterhaltung der beiden Männer ward an dieſer Stelle unter⸗ brochen. Der Sheriff hatte die Auction über das beſprochene Grund⸗ ſtück eröffnet, ein Act, auf welchen unſre zwei Freunde nicht ſonderlich geachtet, da Moorfeld inzwiſchen auf Anhorſt's Mittheilungen gehört, und dieſer ſelbſt, wie wir wiſſen, das ganze Steigerungsgeſchäft mehr wie eine Vorarbeit, als wie den Mittelpunkt der Handlung betrachtete. 314 Wie groß war daher Anhorſt's Beſtürzung, als der Sheriff das Grundſtück zu tauſend Dollars kaum ausgerufen hatte, und eine Stimme ſogleich tauſend zweihundert dagegen rief. Es war die Stimme Mr. Wogan's. Feſt und trotzig rief er ſein Angebot und wendete ſein häßliches Geſicht bedeutungsvoll auf Anhorſt zurück. Er bietet wahrhaftig! ſtammelte dieſer erblaßt und ſah mit einem ſchreckenseiſigen Blicke auf Moorfeld. Tauſend fünfhundert! rief eine zweite Stimme. Aber in ſeinem ganzen ſchickſalsreichen Leben hatte Anhorſt wohl nie einen ſo plötz⸗ lichen Wechſel von Gemüthsbewegungen erfahren, denn dieſe zweite Stimme war Moorfeld's Stimme ſelbſt. Ein wallendes Freudenroth überflog die harten, zerarbeiteten Züge des Deutſchen und kaum glau⸗ bend an dieſe plötzliche Hilfe in der Noth, blickte er ſeinen Retter zwiſchen Furcht und Hoffnung an. Moorfeld nahm ſich keine Zeit, den Zagenden ſeines ausdrücklichen Schutzes zu verſichern, denn Funke auf Funke ſtob's jetzt zwiſchen ihm und Wogan; ey konnte nur durch Thaten antworten. Tauſend ſechshundert, hatte Wogan geantwortet, ſiebenhundert gab Moorfeld zurück, achthundert Wogan, neunhundert Moorfeld, neunhundert fünfzig Wogan, zweitauſend Moorfeld. Der ganze Saal wendete ſich jetzt nach den beiden Kämpfern, während einige der erfahrenſten Landhändler das Haus verließen, überzeugt, daß jedes weitere Verweilen unnütz und die Auction „feſt“ ſei. Der Sheriff ſelbſt ſtreckte mit einiger Verwunderung ſeinen langen Hals aus den Vatermördern und es geſchah of⸗ fenbar zu ſeiner eigenen Ueberraſchung, daß er John Stutering's Loos nunmehr zu zweitauſend Dollars zu auctioniren fortfahren konnte. Und ſchon ſah man den Hammer in ſeiner Hand erhoben und zum Niederſchlagen bereit, als Wogan ſchnell noch ein neues Hundert da⸗ zwiſchen rief. Moorfeld überbot mit zweihundert, Wogan ſteigerte drei⸗, Moorfeld vier⸗, Wogan fünfhundert. Zweitauſend fünfhundert! rief Wogan. Jetzt hielt Moorfeld inne. Wogan ſtutzte. Unwillkür⸗ lich blickte er hin nach Moorfeld, aber nicht triumphirend, erſchrocken war der Blick. Ertappt! rief Moorfeld ſeinen Schützling anſtoßend, jetzt wollen wir ihn zappeln laſſen.— Zweitauſendfünfhundert wieder⸗ holte mit heller Stimme der Sheriff. Moorfeld ſchwieg noch einmal. Wogan blickte nicht mehr nach ihm, er mochte fühlen, das ſein voriger 315 Blick ihn verrathen. Deſto unerbitterlicher durchbohrte Moorfeld's Auge den Betrüger. Dieſer ſtand da, den Kopf geſenkt und zur Seite ge⸗ neigt, wie ein Menſch, der dem, was herankommen ſoll, nicht in's Auge zu ſchauen wagt. Es war eine Stellung, kleinlaut und grimmig. Zweitauſendfünfhundert! rief der Sheriff zum drittenmale. Moor⸗ feld beharrte in ſeinem Schweigen. Er beharrte in ſeinem Blicke auf den zermalmten, elenden Geſichtsausdruck ſeines Gegners. Die Scene fing an Aufſehen zu machen. Alles blickte mit Moorfeld auf Wogan, der ſeinerſeits mit einem kriechenden Blicke von unten auf dem Niederfallen des erhobenen Hammers rath⸗ und hilflos entgegen zitterte. Zuletzt holte ſich Moorfeld eine Cigarre aus ſeinem Etui, biß ihre Mundſpitze ab, ſchnellte ſie mit der Zunge von ſich und ſagte dazu: Dreitauſend! Es lag für Wogan etwas unendlich Verächtliches in dieſer Action. Er bot nicht mehr. Die Lection, die ihm Moorfeld ge⸗ geben, verfehlte ihre Wirkung nicht. Er ſchlich ſich aus der Verſamm⸗ lung. An Moorfeld vorübergehend murmelte er mit tückiſch geſenktem Haupte und einem böſen, wölfiſch⸗ſchielenden Seitenblick: Ich heiße Wogan!— Mir ſehr gleichgiltig, erwiderte Moorfeld ſchnell und ſchwang ſeine Cigarre durch die Luft, um ihr Feuer anzufachen. Drittes Kapitel. In ſeinen Wünſchen zeichnet der Menſch ſich ſelbſt. Wie kommt es, daß er die Zeichnung ſo ſelten lobt, wenn ſie äußerlich vor ihn hintritt— wenn der Wunſch erreicht iſt? Wie kommt es, daß ein erreichter Wunſch uns oft düſterer ſtimmt, als ein verſagter? Im verſagten Wunſch haben die Götter Unrecht, im erreichten wir ſelbſt! Nur an Thatſachen lernt ſich der Menſch kennen. Nur dem ver⸗ körperten Wunſche gegenüber wird uns das Urtheil, das Gefühl mög⸗ lich, ob dieſer das Maß unſers Innern wirklich enthielt, oder nicht. Und es iſt der gemeinere Menſch, der dieſe Frage ſich bejaht. Die Beſten und Tiefſten geben in ihren erreichten Wünſchen ſich am här⸗ teſten Unrecht. Mit Schauder und Ekel wenden ſie ſich von dem 316 endlichen Bilde ihres unendlichen Ichs, wie von einem Zerrbilde, hin⸗ weg, um in höheren, kühneren Zielen der Sehnſucht ſich würdiger zu genügen; dieſe erreicht, beleidigt ſie von neuem die kleinliche Formel für einen großen Sinn: ſo ſchreiten ſie von Unbefriedigung zu Un⸗ befriedigung die erhabenen Pfade der Selbſtqual zu Ende, bis ſie am Markſtein der Verzweiflung oder Vergötterung das Bewußtſein er⸗ ringen, daß Irdiſches und Ewiges nimmer ſich decken, daß nichts Ir⸗ diſches wünſchenswerth! Dieſen Naturzug des menſchlichen Herzens müſſen wir uns gegen⸗ wärtig halten, wenn wir begreifen wollen, mit welchen Gefühlen Moor⸗ feld Tags nach der Landauction in Anhorſt's Blockhütte erwachte. Er hatte zum erſtenmal auf dem Seinigen geruht, er ſtand zum erſten⸗ male im Seinigen auf. Aber Alles in ihm widerrief dieſe Thatſache. Das Wort„Urwald“ tönte fremd und abſchreckend im Herzen. Mit Anſtrengung beſann er ſich jetzt auf den Ideengang, den die Entwick⸗ lung dieſes Wunſches in Europa genommen und— er fand den Faden nicht mehr. Er fühlte ſich tief unglücklich. Es war ihm, als ſei er kein moraliſches Weſen, ſondern ein Mechanismus, deſſen Beſtand⸗ theile eine fremde Hand auseinandergelegt, und er ſelbſt könne ſie nicht wieder zuſammenſetzen. Er wußte nicht, habe er in Europa geirrt, oder irre er heute. In ſeinem Gemüthe war plötzlich der Grundton verſtummt, auf welchem ſein Ich und der Urwald ſonſt im Accorde geſtimmt. Er ſah ſeinen Wunſch vor ſich nicht wie einen ver⸗ trauten, langgenährten Umgang, ſondern wie einen zweideutigen Ge⸗ ſellſchafter, mit dem man im Taumel Brüderſchaft gemacht, und der bei ernüchterten Sinnen in Verlegenheit ſetzt. Alles iſt Mißton hier, den angeklungenen Ton fortzuſetzen und auch von ihm abzuſpringen. Nach beiden Seiten hin fehlt die Wahrheit,— und ſo findet ſich unſer Freund heute in einem Verhältniſſe, das eigentlich eine Unmög⸗ lichkeit iſt. Als er in früher Morgenſtunde vor die Hütte trat, fehlte wenig, daß er nach ſeinem geſattelten Pferde gerufen. Er fühlte ſich wie ein ſtädtiſcher Spaziergänger, der eine Nacht auf dem Lande zuge⸗ bracht und im jungen Tagesſtrahl fröhlich dayyn fliegt. Warum er hier weilen ſollte, war ihm unverſtändlich. Er hatte zum erſtenmale eine dumpfe Ahnung davon, was es heiße, den europäiſchen Cultur⸗ — 317— menſchen an dieſem rauhen Boden zu befeſtigen. Er erſchrak, wie wenig ſeine Reiſe ihn vorbereitet. Sonſt war er frei und heute ge⸗ bunden— das allein entſchted. Moorfeld hatte wenig geſchlafen und ſein Auge war phyſiſch wie moraliſch überwacht, indem er die Scenerie ſeiner neuen Umgebung jetzt überblickte.. Anhorſt's Blockhaus war ein ſogenanntes Log shanty und be⸗ ſtand, wie alle Obdachungen dieſes primitiven Schlags, aus einer einzigen Kammer. Sie war aus Baumſtämmen aufgeführt, welche roh behauen übereinanderlagen, die Zwiſchenlucken mit Moos und Lehm verſtopft oder mit dünnen Holzſpänen ausgefugt. Eine der Seiten⸗ wände zeigte den Ausſchnitt für den Kamin und dieſe war aus Back⸗ ſteinen erbaut. In der Nähe des Kamins ſtand die Bettſtelle; ein Tiſch und eine Bank von barbariſcher Arbeit vollendeten das Ameuble⸗ ment. An den Wänden hingen die Werkzeuge von einem Dutzend Handwerken herum, in denen der Hinterwäldler ſämmtlich ſein Schüler und Meiſter zugleich ſein muß. Die Diele beſtand aus geſchlagenem Lehm, die Fenſter waren zwei in die Längenſeiten der Hütte geſchnittene Löcher, ſtatt des Glaſes mit Holzläden verſehen. Die Hütte lehnte ſich an den Wald, doch waren die Bäume auf einige Entfernung von ihr weggebrannt. Vor der Hütte lag das Feld. Es war ein wüſter Fleck Erde, überſäet mit verkohlten Baumpflöcken, zwiſchen welchen ein paar ſpärliche Raufen Getreidegelb faſt ſich verloren. Das Ganze umgab jener häßliche Zickzackzaun— halb ironiſch, wie es ſchien, denn erſt er machte aufmerkſam, daß hier überhaupt etwas einzuſchließen. Dieſes traurige Gehöft lag in einem Meere von Einſamkeit. Kein Vogel pfiff, kein Hausthier brüllte, wieherte oder krähte in ſeiner Nähe — die Hausthiere ſtaken im Walddickicht und gaben ſich nicht zur länd⸗ lichen Staffage her. Es war ein trübſeliges Stück Menſchen⸗Exiſtenz. Das Grab eines Unbegrabenen! ſagte Moorfeld bei ſich. Doch nahm er ſich zuſammen, um ſeine Wohlthat nicht ſelbſt zu verkürzen, indem er ſeine Stimmung verrieth. Bald erwachte auch Anhorſt. Nach den wechſelnden Aufregungen von geſtern hatte ihn der Schlaf wie mit eiſernen Armen umklam⸗ mert. Er ſtand jetzt rüſtig da, aber das Glück ſeiner neuen Schick⸗ ſalswendung, ja nur die Friſche eines geſunden Morgengefühls be⸗ 318 mühte ſich Moorfeld vergebens, in ſeinen Mienen wahrzunehmen. Dieſes Antlitz ſchien nur noch des Ausdrucks der Sorge fähig. Die Sorge war heute gewichen, aber der Glanz der Freude darum nicht aufgegangen. Der ernſte Gleichmuth der Alltäglichkeit herrſchte darin. Anhorſt bemühte ſich, ſeinem„Grundherren“ ein erträgliches Früh⸗ ſtück vorzuſetzen und lobte den relativen Werth einiger Kaffeebohnen, über die er verfüge. Moorfeld überreichte ihm ſeinen ſtändigen Reiſe⸗ vorrath von Bouillon⸗ und Chokolate⸗Tafeln. Bei dieſem Anblick ſah Moorfeld das erſte Lächeln auf Anhorſt's Miene.„Ach, mein Herr, was ſind die Freuden des Einſamen!“ vernahm er's in ſeinem Innern. Er dachte an den Zellengefangenen in Philadelphia. Die rauhe Blockhütte duftete bald von dem feinen Arom der Va⸗ nille. Moorfeld fing an, von Benthal zu ſprechen. Der Dritte iſt ſtets das beſte Auskunftsmittel, wo Zwei ſo vollen oder fremden Herzens ſind, daß ihr Gegenüber ſtockt. Ueberdies ſtand dieſes Thema mit unter den nächſten, welche hier Boden hatten. Anhorſt ſchien mit Vergnügen von Moorfeld's Plänen zu hören, — mit mehr ſogar, als womit dieſer ſelbſt in gegenwärtiger Ge⸗ müthsverfaſſung von ihnen ſprach. Er ergriff die Gelegenheit, auch ſeinerſeits mit einem kleinen Projekte hervorzutreten. Durch Moorfeld's Güte, ſagte er, habe er den Kaufſchilling für ſein Grundſtück erſpart und zur Dispoſition. Er wiſſe ihm eine vortheilhafte Beſchäftigung. Der Einfall ſei ihm ſchon geſtern im Nachhauſereiten aufgetaucht. An den oberen Seen ſtröme jetzt viel Volk zuſammen. Ueber weite Diſtrikte ergieße ſich ein Andrang von Coloniſten, die Alles bedürften und Nichts hätten. Eine Zufuhr von Saatkorn und Lebensmitteln dahin müſſe ungeheuer rentiren. Er hätte Luſt, ſein kleines Capital in ſolch einem Verſuche arbeiten zu laſſen. Er würde an der Erie hinabgehen, unterwegs von den kleineren Farmern, die frühzeitig einärnten, um raſch Geld zu machen, wohlfeiles Neukorn haben können, und damit einen Export nach dem Weſten wahrſcheinlich höchſt lohnend unternehmen. Moorfeld erſtaunte über die Zähigkeit der menſchlichen Natur. Sie wagen ſich noch einmal auf die hohe See der Spekulation! rief er mit unverholener Bewunderung. 319 Mit nichten, antwortete Anhorſt ruhig. Ich verkaufe gegen Käſch an den Abnehmer, nichts weiter. Ich laſſe mich nicht auf Commiſſions⸗ geſchäften ein, ich gebe nicht Credit. Aber warum wollen Sie überhaupt wieder handeln? fragte Moor⸗ feld noch immer verwundert. Anhorſt ſah ihn groß an. Heißt es denn handeln, wenn man all⸗ jährlich einmal eine Ernte zu Markt führt? Und was iſt meine Expe⸗ dition an die Seen? Kommt es doch vor, daß Farmer dieſer Gegend ſich zur Erntezeit ein paar Hickory's ſchlagen, ein Boot zimmern, und mit der Frucht den Ohio und den Miſſiſſippi hinab nach Neu⸗ orleans fahren! Dort verkaufen ſie Ladung und Schiff zugleich und machen dann tauſend Meilen den Landweg zurück auf einem Klepper, den ſie im Süden gekauft haben und hier ebenfalls wieder losſchlagen. Das ſind amerikaniſche Marktfahrten, Herr Doktor. Ja, der Bauernſtand iſt kein Ruheſtand bei uns. Hier handelt Alles, was ſein bischen Mark noch fühlt. Schlimm genug, wen das Fieber nieder⸗ knebelt; wer ſich aber rühren kann, dem iſt die Straße ſein Haus; ſein Haus nur Abſteigquartier. Moorfeld ſchwieg. Schlagender konnte das Ungemüthliche des hieſigen Landlebens nicht mehr ausgedrückt werden. Nach dem Frühſtücke ſattelte Anhorſt ſein und Moorfeld's Pferd indem er es nicht anders zu erwarten ſchien, als daß Moorfeld ſeinen Kauf jetzt beſehen wolle. Moorfeld nahm die Parthie an und verbarg, ſo gut es ihm möglich war, mit wie wenig Intereſſe er's that. Indeß hatte Anhorſt doch wahr geſprochen, als er geſtern die Ge⸗ gend von Lisbon und die hieſige außer Vergleich geſetzt. Wenn Moor⸗ feld einen Molch⸗ und Unkenpfuhl erwartet hatte, ſo war wenigſtens dieſe Erwartung übertroffen. Zwar als die Reiſigen ausritten, ging's nicht unmittelbar in den Waldesgrund, der vor ihnen lag: ein böſer Schwaden ſchlug aus ſeinen nächtlichen Schattentiefen, der Menſch und Thier dämoniſch anſchauerte. Aber Moorfeld wußte, das ſei eben der ungeſunde Athem Amerika's in den Früh⸗ und Abendſtunden, die denn auch kein Amerikaner„im Freien“ zubringt, namentlich in der Nähe von Neuboden nicht. Die Reiter traten ihre Urwaldparthie auf einem Umwege an und dieſer war nicht ohne Reiz. Sie faßten in einem großen Bogen den Wald von der Oſtſeite, wo die Sonne ſchon 320 anfing Sieger über die Dünſte zu werden. Sie ritten durch eine kleine Prairie, der man faſt die Würde einer Boccage zuſprechen konnte; der Grund war maleriſch mit Baumgruppen beſtanden und ein Bach durchſchnitt ihn in mäandrigen Krümmungen. Moorfeld lobte das Parkartige dieſes Anblicks, während Anhorſt ihn auf die Pflanzendecke des Bodens aufmerkſam machte, wo das Timotheusgras, der Wieſenfuchsſchwanz, der Lolch, das Schwingel⸗ und Knäuelgras überall hervorſteche, und den Boden wie von ſelbſt zur ſchönſten Cultur⸗ wieſe ſtempele. Hierauf ſchloß ſich der Ritt dem Laufe des Baches an. Der Bach war ein trübes, lebloſes Waſſer, wenn es nicht etwa für Belebung galt, daß Anhorſt mittheilte, vor dreißig Jahren ſoll er von Bibern gewimmelt haben. Sein durchweichtes Ufer war von üppigem, aber rauhen Graſe bewachſen, zwiſchen welchem hie und da wilder Reis ſeine zierlich gefiederten Reſpen emporſtreckte. Später umſäumte“ ihn ein Geſtripp von Cedern, Cypreſſen, Thuja's und ſonſtigem Sumpf⸗ holz, welches bald ſo dicht wurde, daß es das ſchmale Rinnſal wild überwucherte, ja ſtellenweiſe gänzlich zuwölbte. Anhorſt ſagte bei dieſem Anblicke, er ſei ſchon oft im Begriffe ge⸗ weſen, dieſes Dickicht niederzubrennen, denn das Waſſer habe hier einiges Gefäll, was es unterhalb nicht mehr habe, und hier ſeien die Punkte, wo ſich„Improvements“ anbringen ließen. Moorfeld ſagte nichts. So ritten ſie in den Urwald. Die Morgenſonne ſtand hinter ihnen und warf ihre langgeſtreckten Schatten auf die angeleuchteten Baumſtämme voraus, indeß ſie die ſchweren Walddünſte in gefiederten Nebeln vor ſich her trieb, und den Wanderern reine Luft machte. Der Gang durch ein Waldinneres war unſerm Helden kein neuer mehr, und hatte ihn nie europäiſch⸗waldfroh angemuthet. Auch heute that er's nicht. Die amerikaniſche Waldphyſiognomie hatte für Moorfeld's Auge etwas Hohles, Starres, Gitterhaftes, da faſt überall das Unterholz fehlt, alſo neben dem Gewordenen das Werdende. Daſſelbe Bild wiederholte ſich hier. Die ganze Vegetation ſchien ihm fertig wie ein Drahtgeflecht, die Idee des freien Hineinrankens eiſern ausſchließend. Dabei mangelte dem Walde aber doch auch der Ausdruck der ruhigen Größe und Erhabenheit. Die Baumarten ſtanden charakterlos in unendlicher Buntheit durcheinander. Nicht nur die Zonen der Coniferen und Laubbäume vermiſchten ſich ch eine prechen n und vorfeld ruf de usgras, uvelgras Cultur⸗ hes an. wa für er von ppigem, wilder ſäumte Zumpf⸗ al wild ife ge⸗ be hier eien die d ſagte hinter zuchteten jederten er Gang d hatte nicht. „etvas ilt, alſo ſich bier. gder des le cber Die nandet. nn ſcc — 321— auf jeder Zollbreite— Fichten, Föhren, Tannen, Cedern, Tarxus und Lärchenbäume mit Ulmen, Pappeln, Eſchen, Erlen und Birken: ſelbſt polariſche und tropiſche Waldbilder fielen auf dieſen Boden herein, der, zwiſchen Canada und Virginien in der Mitte liegend, nicht um⸗ ſonſt Thürhüter der Extreme zu ſein ſchien. Moorfeld ſah die Kiefern und Wachholderbäume des froſtigen Nordens neben der orientaliſch⸗ rieſigen Sycomore, neben dem prachtvollen Tulpenbaum, der Myrthe und dem Lorbeer. Die Eichenarten blieben ihm nicht minder fremd⸗ artig als ſonſt; nur Anhorſt wies ihn mit Sicherheit durch dieſes La⸗ byrinth und zeigte ſich als ein gründlicher Kenner— denn die Schwarzeiche, ſagte er, liefere dem amerikaniſchen Farmer gute Dachſchindel, die Rotheiche vorzügliche Schweinmaſt und die Weißeiche ſei in allen Geſtalten nützlich, da ſie als Schößling elaſtiſches Reifen⸗ holz, im mittleren Alter Korbflechterſpänne und ausgewachſen die beſten Balken zu Blockhaus und Fenzriegeln gebe, auch ſei ihr Laub ein brauchbares Viehfutter. Unſerm Freunde ſchnürte aber in wiſchen ein anderer Charakterzug des amerikaniſchen Waldes das Herz zuſammen: die eigenthümliche Sang⸗ und Duftloſigkeit. Kein Vogelton belebte das Holz, kein würziger Hauch durchathmete es. Er ritt wie durch ein Schau⸗ gericht. Selbſt von Wild fand Moorfeld nichts, als ein zahlreiches Volk grauer Eichhörnchen, das ſich auf den luftigen Aeſten der Wallnuß⸗ bäume wiegte und in den dickſchaligen Früchten derſelben, die kaum der Reife entgegengingen, ſeine Nußknackerkünſte hören ließ. Die Jagd auf dieſes„fruchtbare Ungeziefer“, wie Anhorſt ſich ausdrückte, gehöre zu den ärgſten Tribulationen des Farmers, er müſſe jedes Körnchen ſeines Feldes mit Pulverkorn gegen die Brut vertheidigen. Die vermeinte Jagdluſt werde eine wahre Jagdqual im Urwalde. Moorfeld ſchwieg dazu. Nach einem Ritt von einer kleinen engliſchen Meile, den das Paar zwar unbehindert, doch im Schritt durch den freiwüchſigen Baumſchlag zurückgelegt, veränderte ſich die Scene. Der Boden ſtieg aus dem Ebenen mit einem ſanften Schwung empor und auch Unterholz ſtellte ſich ein. Zwiſchen den hohen Baumpfeilern drängte ſich allerlei Buſch⸗ und Strauchwuchs in's Leben, üppige Schling⸗, Kletter⸗ und Hänge⸗ D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 21 — 322— pflanzen halsten ſich in die Höhe und bald war der ganze Waldraum von der Wurzeltiefe bis zu der oberſten Schaftſpitze der Alles über⸗ ragenden Wheymouthtanne vollſtändig und wie es ſchien undurchdring⸗ lich ausgefüllt. Die Wanderer ſtanden wie vor einer Mauer aus Laubwerk. Nur einzelne Breſchen dieſer Mauer erlaubten ein weiteres Vordringen; man ließ die Pferde bald hinter einander gehen, bald trennte man ſich gänzlich und ſchlug ſich auf eigene Hand durch, in⸗ dem Jeder durch Zuruf ſich des Andern verſicherte und hin und wieder über die Auffindung des gangbarſten Pfades correſpondirt wurde. Hier wurde es Moorfeld zum erſtenmal wohler. Gibt's Panther oder Schlangen hier? rief er nicht ohne den Reiz des Romantiſchen und legte Hand an ſeine Büchſe. Nichts als unermeßliche Dollars gibt's, antwortete Anhorſt zurück;— das Alles wartet nur auf's Niederpraſſeln; wir gehen über den koſtbarſten Alluvialboden; reines Bottom⸗Land! Utilitarier! ſchalt Moorfeld für ſich. Nach einer zweiten engliſchen Meile erreichte man die Platte des Hügels zu dem der undulirende Boden bisher emporgeführt hatte. Moorfeld und Anhorſt fanden ſich kurz nach einander auf dem Plateau ein. Sie ſtiegen vom Pferde und raſteten aus. Die Stelle war ſchön im Sinne der Wildniß. Einſam, öd, tief⸗ ſtill, umgeben von der breiten Einförmigkeit des Waldes, welchen ſie nirgend dominirte, vielmehr fiel er allſeits über ſie herein und deckte ſie zu, wie ein Geheimniß. Das Strauchwerk überwucherte die Höhe des Hügels noch ſo dicht wie den Abhang, doch ſtanden die ſtarken ſchweren Stammholz⸗ bäume hier etwas ſpärlicher. Dagegen lagen viele Stämme am Boden umgeſtürzt, verwitternd, zerbröckelnd und neue Schößlinge treibend,— Alles wüſt durcheinander. Das Ganze ſchien die Stätte eines ver⸗ jährten Windbruches. Nach der Natur ſolcher Stätten, welche der Schauplatz einer zeu⸗ gungsreichen Pflanzenverwitterung ſind, war die Waldſtelle wahrhaft erſtickt von einem prachtvollen Blumenwuchs. Moorfeld ließ ſich auf einen Baumſtamm nieder und betrachtete das Spiel eines Kolibris, der wie berauſcht dieſe Flora durch⸗ taumelte und ſeine zierliche Erſcheinung als eine willkommene Epiſode der tiefen Einſamkeit ſpendete. Anhorſt aber muſterte die Ahornbäume, — — — ——— ³ me, 323 welche den ſtillen Bezirk umgrenzten, und führte bald Klage darüber, daß ſie gleichfalls zu alt zur Zuckergewinnung ſeien; er habe den Wald ſchon viel durchforſcht nach jüngeren Exemplaren, aber überall vergebens. Moorfeld lud ihn ein, ſich neben ihn zu ſetzen und zeigte ihm das reizende Vöglein, das der Gegenſtand ſeines ſchöneren Inter⸗ eſſes war. Das Kolibri hatte ſich dicht in Moorfeld's Nähe an eine flammrothe Magnolie gefeſſelt, und vertiefte ſich mit der ganzen Süßigkeit einer ſelbſtvergeſſenen Liebe in ſein trunkenes Koſen und Naſchen. Vollkommen reglos hing es an dem Blumenkelch, ſein präch⸗ tiges Körperchen ruhig zur Schau geboten. Der kleine Amor hatte kaum die Leibesfülle einer Hummel, aber der Schönheit war's Raum genug, darauf ihre Wunder zu thun. Sein Gefieder ſtrahlte vom reinſten Juwelenglanz, ſmaragdgrün und opalblau ſpielten Leib und Flügel an der Sonne, ſeine kleine Kehle war ein Rubin von Farbe und Feuer. Schade, daß wir nicht ein wenig Vogeldunſt bei uns haben! ſagte Anhorſt und ſetzte hinzu: Ob ſich mit den Thierchen nicht überhaupt ein Geſchäft machen ließe? Im Mai kommen ſie in ganzen Schwärmen vom Süden nach den Seen durch. Freilich die Amerikaner halten nichts auf Naturalienſammlungen— aber nach Deutſch⸗ land könnte man ſie verſchicken;— was ſagen Sie, Herr Doctor? Moorfeld ſah in das braune, zerfurchte Antlitz des deutſchen Mannes und ſah lange hinein. Wie lange ſind Sie ſchon in Amerika? fragte er ihn. Fünfzehn Jahre, antwortete Anhorſt. Fünfzehn Jahre!— das iſt freilich eine lange Zeit! Er ſchüttelte die Magnolia mit dem Fuße, daß das Kolibri pfeilſchnell davon flog. Hierauf folgte eine Pauſe des Schweigens zwiſchen den Beiden. Zwei Männer, welche der Zufall an Einem menſchlichen Berührungs⸗ punkt zuſammengeführt, dachten zum erſtenmal, wie man ſah, darüber nach, ob ſie deren mehrere haben könnten. Moorfeld fühlte das Bedürfniß deſſen, was man in der Sprache der Empfindſamen Herzensergießung nennt. Wenn es für einen Menſchen einnimmt, daß man ihm eine Wohlthat erweist, ſo mußte Moorfeld dieſe Theilnahme für Anhorſt haben. Ihm zu Liebe hatte er ohne alle Wahl ſich auf eine Scholle gekauft, die er mit ſorgfältigſter Wahl kaufen wollte, und das Bruchtheil, das Anhorſt davon inne hatte, 324 ihm ohne Weiteres geſchenkt. Anhorſt war rettungsbedürftig wie ein Ertrinkender geweſen, und Moorfeld hatte ihn gerettet. Aber bei dem Bande der rohen Noth kann ein feineres Gemüth nicht ſtehen bleiben. Er durfte wünſchen, daß Anhorſt jetzt von ſeinem Eigenen— Innern etwas herausgebe. Seit geſtern war es noch nicht geſchehen. Dieſer Augenblick aber war einem innigeren Austauſch günſtig. Er forderte von ſelbſt dazu auf. Moorfeld zog den fremden Mann treuherzig an ſeine Seite und ſagte: Und wie ging es Ihnen in dieſen fünfzehn Jahren? Laſſen Sie mich hören, wie das Menſchenleben auf den Pfaden, auf wel⸗ chen Sie es durchwandelten, ausgeſehen hat. In den Zügen des Deutſchen malte ſich's faſt wie Schamgefühl bei dieſer Aufforderung. Und wie das germaniſche Auge immer trotzig blickt, wenn das Gefühl an ſich ſelbſt erinnert wird und ſich zugleich ehrt und verbirgt bei dieſer Erinnerung, ſo ſah das blaue Auge des abgehärteten Mannes jetzt mit einem gewiſſen Barbarismus drein, der im Aeußern Trotz ſchien, im Innern aber keuſche Selbſtbewahrung war. Mit dieſem Ausdruck antwortete Anhorſt: Sie haben mir geſtern Gutes gethan; ich könnte es heute kaum vermeiden, mich ſo zu ſchil⸗ dern, als ob ich's recht ſehr werth wäre. Das geht nicht. Aber mein Tagebuch ſteht Ihnen zu Dienſten. Drinn ſtehen Gott und dieſer Burſche hier etwas unparteiiſcher neben einander. So eben hab' ich's geleſen, ſagte Moorfeld, und drückte dem Manne die Hand. Seine Gefühlsanwandlung war vorüber. Er ſtand auf und ging weiter mit ihm. Zwiſchen den beiden Männern war von der Vergangenheit weder in Schrift noch in Wort je wieder die Rede. g wie Aber nicht ſeinem nicht stauſch e und Laſſen f wel⸗ gefühl trotig ugleich ge des n, der ihrung geſtern ſchil⸗ mein dieſer e dem 1 ſtand ar von Rede⸗ — * 4.* es 4—-—————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet / wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſe eträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Ml. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. l „ à 7„—„ 3„— 2.— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruückſendung ſſl der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —--.---—---— —— Der Amerika-Müde. l. Viertes Kapitel. Wir werden nicht erwartet haben, daß die Stimmung, in welcher Moorfeld den erſten Blockhaus⸗Morgen erblickt, und die wir zu An⸗ fang des Vorigen zu berichten hatten, die bleibende ſeines neuen Le⸗ bens geworden. Wir haben ſie gewiß nur als eine Kriſis erkannt, welche den Wechſel der Gewohnheiten mit Naturnothwendigkeit be⸗ gleitet. Dieſe Kriſis ging um ſo raſcher vorüber, je heftiger ſie ſich eingeſtellt. Es iſt am dritten Tage und wir finden Moorfeld's Gemüth wieder im Gleichgewichte. Die Schauder der Fremde haben ſich gemildert, die Liebe zum Eigenthum iſt erwacht. Moorfeld fing an, ſeinem Boden entgegen zu kommen. Lag er auch nicht im ſchönen Ohio⸗ oder Miami⸗Thale oder am waldreichen Geſtade des majeſtäti⸗ ſchen Erie⸗Sees, ſo hätte eine reizvollere Außenſeite leicht auch als ein Werkzeug der Landſpeculation dienen können, um mancherlei innere Schäden damit zu vergolden, wogegen die umſichtigſte Auswahl zu⸗ weilen nicht ſchützt. Moorfeld's blinder Griff aber— Alles in Allem— war kein verfehlter. Erſt indem er ſein Land mit eigenen Augen ſah, indem er das Geſchäft des Ankaufes ratificirte und die be⸗ treffenden Documente eines näheren als flüchtigen Zuſchauerblicks wür⸗ digte, ging ihm der Begriff des Geſchehenen in einem befriedigenden Bilde auf. John Stutering's ſogenanntes„Loos“ war ein Compler von zwei„Sectionen“ d. h. eine Bodenfläche von tauſend achthundert zwanzig Acres. Das ungefähr war eine der größten Realitäten, welche zu dem gleichen Preiſe erreichbar. Dieſer Boden beſtand, wenn nicht aus einer romantiſchen, doch nützlichen Miſchung von Wald und Prairie und war, wie Baum⸗ und Graswuchs zeigte, im Ganzen betrachtet, vortrefflic. So kam es, daß Kenner— unparteiiſche, oder vielmehr eiferſüchtige— den Erwerb des neuen Gentleman⸗Farmers leicht auf den doppelten und dreifachen Werth ſchätzten, wozu beſonders politiſche D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 22 Köpfe noch den Umſtand rechneten, daß in dieſer Gegend der Ohio⸗ ſtrom ſich auf die geringſte Entfernung dem Erie⸗See nähere, ein Canal⸗Durchſtich über kurz oder lang hier ſeine Unternehmer finden und die Bodenpreiſe wohl auf das Zehnfache bringen könne. Mochten nun ſolche Conjecturen werth ſein ſo viel ſie wollten, und auch hier die allgemeine Sitte wirken, daß, wenn ein Kauf erſt realiſirt iſt, Alles umher von den beneidenswerthen aber verſäumten Vortheilen deſſelben ſpricht: genug, Moorfeld hatte wenigſtens keinen Mißgriff gethan. Die Raſchheit ſeines Herzens war nicht zugleich ökonomiſche Uebereilung. Dieſe Raſchheit des Herzens lieh dem Ankaufe Moorfeld's übrigens doch auch einigen Werth. Und konnten wir gleich nicht ſo prompt, als Moraliſten vielleicht erwarteten, mit dem Geſtändniß herausrücken, daß„das Bewußtſein einer guten That“ ihn für ſein Grundſtück mit jener Selbſtverliebtheit eingenommen, welche gewiſſe Menſchen als „Lohn der Tugend“ in Cours bringen möchten: ſo fing dieſes Be⸗ wußtſein doch an, freundlich nachzuwirken, nachdem die Abſtoßungskraft des erſten Eindrucks der Natur ihren Tribut gezollt. Moorfeld hatte die Genugthuung, das, was noch Liebhaberei an ſeinem Unter⸗ nehmen geweſen, die Auswahl der landſchaftlichen Lage, einem reinen realen Bedürfniß geopfert zu haben. Damit war das letzte Moment des Gefühligen von ſeinem Unternehmen abgeſtreift, damit erſt war es ganz That. Und da vor Geiſtern ſeines Rangs die That über⸗ haupt gut iſt, ſo fühlte er dieſe gute That jetzt, wenn nicht mit der Süßigkeit des Tugendphiliſters, doch wie einen friſchen ſtählernen Luftſtrom, der all ſeine Nerven ausheiterte. Er war im Fahrwaſſer der Unternehmungsluſt. Zwar die eigentlichen Geſchäfte der Beſitzergreifung, die Pläne und Arbeiten der Coloniſation, konnten jetzt noch nicht beginnen; Anhorſt machte ſeine Marktfahrt und Benthal war noch nicht da. Moorfeld fand ſich vorläufig auf Ferien geſetzt. Aber als ein guter Wirth, der zum Ernſte ſeines Haushalts entſchloſſen iſt, wollte er dieſe Ferien nicht ungenützt verpaſſen. Was einem Manne, der zu exiſtiren gedenkt, außer ſeinem eigenen Schwerpunkte das Wichtigſte ſein muß, das iſt ſeine Umgebung. Moorfeld verlegte ſich zum Erſtlings⸗Anfang auf die Kenntniß ſeiner Nachbarſchaft. öing beme gema komn Volk hät ſeinen Ind ſch ſeine zu ihn Otio e, ein finden ochten h hier itt iſ theilen ißgriff omiſche tigens rompt, rücken, ick mit n als gskraft — hatte Unter⸗ reinen doment iſt war über⸗ nit der glernen rwaſſer ne und Anhorſt vorfeld Wirth r diſe riiſtiren n muß Anfang — 327— Der nächſte Nachbar war ihm Anhorſt ſelbſt. Mit dieſem Manne ging es ihm ſonderbar. Wir haben bei Gelegenheit der Landauction bemerkt, daß ſein erſter Anblick ihm einen faſt chevaleresken Eindruck gemacht. Moorfeld verwunderte ſich, daß dieſer Eindruck nicht wieder kommen wollte. Er vergaß, daß das ausgefieberte dollarhungrige Volk der Yankee⸗Bauern damals ſein vortheilhafter und daß er ſelbſt jetzt ſein verdunkelnder Contraſt ſei. Was von Anhorſt auf der Oberfläche ſeines Lebens zu erblicken, das war und blieb der Nützlichkeitsmenſch. In den erſten Tagen und Stunden zwar hatte Moorfeld alle Urſache, ſich dazu Glück zu wünſchen. Anhorſt aſſiſtirte ihm bei dem Abſchluſſe ſeines Kaufes und dem ganzen Notariatsgeſchäfte auf dem Landamte zu Lisbon, er ritt mit ihm auf die Hofſtellen der Nachbarn und machte ihn mit den Communalangelegenheiten des County bekannt, er half ihm die vortheilhafteſte Lage zum Neubau eines Farms wählen und ſtellte ihm den ganzen Schatz ſeiner praktiſchen Erfahrungen zur Ver⸗ fügung, worauf es in Moorfeld's gänzlich neuer und fremdartiger Lage ſo weſentlich ankam. Er legte ſelbſt wieder Hand an Art und Säge und hatte im Nu ſein log shanty um eine Kammer erweitert, da Moorfeld bis zur Anlegung einer größeren Hofſtelle vorläufig bei An⸗ horſt wohnen blieb. Kurz, er ſorgte für ihn, wie ein älterer Bruder für den jüngern, ja, um ein weichlicheres Bild nicht zu ſcheuen, wie eine Mutter für ihr Kind. Aber das Alles that er, nicht weil es freundlich, ſondern weil es— zweckmäßig war. Er ithat es, wie die Alpenroſe blüht oder die Erdbeere reift, auch an Orten, wo kein Menſch ihrer genießt. Moorfeld fühlte ſich kaum Gegenſtand davon. Denn ein andermal konnte Moorfeld mit ihm einen Ritt machen, ver⸗ tieft in die warme begeiſterte Ausführung irgend eines Lieblings⸗ gedankens— ihn treulich anzuhören wäre nur der allergewöhnlichſte Gemüthsinſtinct geweſen. Aber Anhorſt war im Stande, mitten in ſolchen Ergießungen den nächſtbeſten Begegnenden anzureden: was das Buſhel Weizen in Cleveland mache, und ob es wahr ſei, daß Mr. Youatt's Durham⸗Kuh zu Petersburg eben ſo gut milche, als Mr. Berry's Ayrſhire⸗Kuh zu Neu⸗Alexander. Daß man aus freund⸗ ſchaftlicher Aufmerkſamkeit die ökonomiſche auch einmal opfern könne, ſchien nicht in der Begriffsſphäre dieſes ſtreng geſchulten Mannes zu liegen. Moorfeld achtete ihn deswegen nicht geringer. Er fühlte, 22* 328 daß jede Empfindlichkeit hier eine krankhafte wäre, und unterſchied ſehr gewiſſenhaft, wo ſeine Bildungsariſtokratie berechtigt ſei und wo nicht. Aber freilich konnte er nicht umhin,— wenn nicht zwiſchen ſich und Anhorſt,— doch zwiſchen Europa und Amerika bei ſolchen Gelegen⸗ heiten Vergleiche zu machen und ſich zu fragen: warum hat dieſes Land den Ruf, daß es ſich leichter und freier darin leben läßt, als in der alten Welt, wo der Bauer nicht den hundertſten Theil jener Anſtelligkeit bedarf, wie der amerikaniſche Farmer.“ Und er bedachte bei dieſem Vergleiche, wie charakteriſtiſch er ſich ſelbſt in den beider⸗ ſeitigen Redensarten ausdrücke, denn der Amerikaner ſagt„ſein Leben machen;“ der Europäer aber„ſein Glück machen.“ Ueber ſeine Blockhütte hinaus wies die ökonomiſche Magnetnadel vor allem Andern nach Neu⸗Lisbon. Dort war der Pol für den Land⸗ verkehr ſeines„Townſhips“. Das ſociale Terrain dieſer Stadt nahm ſomit den nächſten Rang unter den Gegenſtänden ſeines Intereſſes in Anſpruch. Leider lag dieſes Element in bodenloſeſter Trübheit. Die Zuſtände von Neu⸗Lisbon gehörten zu jenen ſittlichen Erſcheinungen, welche man nach Jahren nicht durchſchauen lernt, aber auf den erſten Augenblick erräth. Zweideutig iſt der rechte Ausdruck für das Coſtüm ſolcher Myſterien. So liefen z. B. alle Fäden, denen Moorfeld nach einer greiflichen Autorität zu Neu⸗Lisbon nachging, in dem Kramladen des daſigen Storekeepers, Mr. Clahane, zuſammen, und gruppirten ſich um Fäſſer voll Schmierſeife, Butter', Schweineſchmalz, Wbisky, Syrup, Zucker, Kaffee, Mehl, um Haufen von Stiefeln und Schuhen, Röcken und Beinkleidern, Mützen, Umſchlagtüchern, Sätteln, Zäumen, Eiſen⸗ und „Blechwaaren, und— um eine ſchmutzig abgegriffene Brieftaſche. Dieſe Brieftaſche war der eigentliche Dämon des Orts. Sie war der Sitz jener geheimnißvollen Kraft, welche in Afrika Fetiſch, in Amerika Humbug heißt. Was ſie cathielt wußte Niemand. Sie enthielt eine lebendige Spinne. Das Netz dieſer Spinne war nichts weniger als Neu⸗ Lisbon ſelbſt, die Grundfäden dieſes Netzes waren vielleicht angeknüpft in Neuyork, in Baltimore, in Philadelphia,— wer weiß es? wer hat der Organiſation der amerikaniſchen Landjobberei je auf den Grund ge⸗ blickt? Wer kann ſagen, daß Mr. Clahane von der geheimen Polizei der ſehr icht. und gen⸗ ieſes als jener achte lder⸗ ben nadel and⸗ ahm s in ande man bblick lcher ichen ſigen äſſer icker, und und Die ſe Sitz erika eine Neu⸗ üpft hat ge⸗ i der — 329— Landſpeculation war und halb Lisbon die Baugefangenen, die er auf die Feſtung gebracht? Man müßte dieſe Brieftaſche eingeſehen haben. Daß eine Stadt auf ſo ungeſundem Platze nicht mit rechten Dingen zugehe, hatte Moorfeld allerdings ſchon bei ihrem erſten Anblicke herausgefühlt. Das zweite Räthſel blieb nur noch, wie es zuging, daß ſie überhaupt im Uebel verharrte und nicht weiter wanderte. Dieſes Räthſel lag ſchon in einem durchſichtigeren Helldunkel. Natürlich führte es ſich ebenfalls wieder auf Mr. Clahane zurück. Mr. Clahane war Storekeeper, d. h. er verſah ſeine ländlichen Mitbürger mit den Producten der Induſtrie und nahm an Zahlungs Statt ihre Natur⸗ producte dafür. Da fügte es nun ein merkwürdiges Schickſal, daß die Natur ſtets im Rückſtande blieb gegen die Waarenwerthe des Mr. Clahane. Der hieſigen Natur mochte das allerdings nicht ſchwer fallen. Wer ſich aber vom Schuldbuche des Storekeepers losgemacht, der brachte es wenigſtens zu keinem Baarerſparniß, um den rebelliſchen Gedanken des Auszuges zu faſſen. Konnte aber Mr. Clahane durch⸗ aus nicht umhin, auch einmal ein baares Stück Geld herauszugeben, ſo zahlte er entweder in Banknoten irgend einer brüchigen Bank, oder er ſpeculirte auf irgend eine ſchwache Seite ſeines von der Paſſiva zur Activa abgefallenen Kunden, und Tauſend gegen Eins war zu wetten, daß in den nächſten Tagen hier ein Stallion aus Kentucky, dort ein Uhrenhändler aus Connecticut herbeigeſchneit kam, und in ei⸗ nem feurigen Vollblutpferd, oder einer buntlackirten Stutzuhr das fatale Baar⸗Geld, den Hebel der Unabhängigkeit, wieder hinweg⸗ manövrirt wurde. Nächſt dieſem Würdigen war es ein Hochwürdiger und ein Ehr⸗ würdiger, welche ſich in die Herrſchaft Neu⸗Lisbons theilten. Die Be⸗ völkerung von mehreren hundert Seelen beſtand nämlich aus zwei Confeſſionen: Katholiken und Methodiſten. Der„Pater“ der Erſten und der„Reverend“ der Zweiten trübten nun weiterhin die trüben Verhältniſſe dieſer Stadtſchaft. Die Herren bekämpften ſich— wir würden ſagen auf Leben und Tod, wenn die Redensart nicht zu euro⸗ päiſch wäre. Aber der Amerikaner bekämpft ſich nur auf Leben allein. Die beiden Pfaffen gingen nicht auf ihre gegenſeitige Vernichtung, ſondern Ueberbietung und Steigerung aus. So hatte der katholiſche ſein Gotteshaus erſt kürzlich in einem Style aufgebaut, der es zum 330— dominirendſten Gebäude von Neu⸗Lisbon machte. Die„Kathedrale“ war freilich nur aus Schindeln und Latten zuſammengenagelt, aber ihre gothiſche Form imponirte höchlich, und ihr Umfang hätte hundert Lisboner Gemeinden aufnehmen können. Nebenbei, aber ganz im Vertrauen, wollen wir verrathen, daß Mr. Clahane das Geld dazu vorgeſchoſſen. Ließ ſich doch nun in den Zeitungen aller Seehäfen von dem„Dombau“ zu Neu⸗Lisbon trompeten! ließen ſich doch die Abbildungen von Neu⸗Lisbon jetzt mit der prächtigen Anſicht der Kathedrale bereichern! und ob dieſe ſpaniſche Fliege von Quadern oder Brettern war, lief für die Landjobberei auf eins hinaus. Die Lithographie verſtummte für beides, daß aber der Zeichner mit einer ſchätzbaren Plumpheit und Härte ſeiner Striche viel näher dem Stein⸗ als Holzcharakter kommen würde, ſtand von ſeiner amerikaniſchen Kunſt⸗ ſinnigkeit ganz von ſelbſt zu erwarten. Dieſer Dom⸗Humbug war erſt im laufenden Sommer in Scene geſetzt worden, und der methodiſtiſche Humbuger rüſtete ſich nun gleich umgehend darauf zu antworten. Er wollte nach der Ernte einen Waldgottesdienſt, ein ſogenanntes camp- meeting, vom Stapel laſſen. Zu ſolchen Monſtre⸗Andachten ſtrömen die Confeſſionellen auf hundert und mehr Meilen im Umkreis zu⸗ ſammen und gelingt es, einen Gaſtprediger von Ruf dafür heran⸗ zuziehen, ſo hat der Ortsregiſſeur mit dieſem Kaſſenſtück oft einen bleibenden Sieg errungen. Nebenbei, aber ganz im Vertrauen, wollen wir verrathen, daß gleichfalls Mr. Clahane es war, welcher dem Re⸗ verend zuerſt dieſen glücklichen Gedanken ſufflirt hatte. Bei einem ſolchen Volksauflauf mußte nämlich nicht nur der methodiſtiſche Him⸗ mel, ſondern auch der irdiſche Storekeeper ſeinen„Pile“ machen; das war klar. Daß Moorfeld nun zu dieſen Ortsautoritäten kein Verhältniß haben könne, ſtand ſo ziemlich in der erſten Stunde feſt. Die beiden Pfaffen verketzerten ihn gleichzeitig. Der Methodiſt haßte ihn als einen„Pa⸗ piſten“ und der Katholik verſchrie ihn gar als„Atheiſten“, weil Moor⸗ feld als neu ankommender„Sohn der Kirche“ verſäumt hatte, ihn zum Thee auf ſeinen Farm zu bitten, was des Paters erſter Gedanke, aber Moorfeld's allerletzter war. Auch von Mr. Clahane, ſagte Anhorſt, haben wir wenig Gutes zu erwarten. Meine Marktfahrt an die Seen wird ihm als Con⸗ curreng ſonſt zi wortete Ueb ſamen( ſehr rel werden Schritte men, n nennen Beſuche Gl nem T nicht d von N er ſich G wird! Allotr ſpielte an Die nächſte ſchwer und Stall zu in blaue Denn Gum Meiſ vollte ihm efol würd rinne dorr — 331— currenz erſcheinen, denn er hat im Productenhandel ſein Schäfchen ſonſt ziemlich allein geſchoren. Gut, wir werden Feinde haben, ant⸗ wortete Moorfeld. Ueber Lisbon hinaus verengerte ſich der ſociale Horizont jener ein⸗ ſamen Gegend. Die übrigen Waldnachbarn Moorfeld's waren es nur ſehr relativ, denn der nächſte lag noch immer zehn Meilen fern. Wir werden nicht Urſache haben, Moorfeld's Runde durch dieſelben auf jedem Schritte zu begleiten, da weder der rohe Styl dieſer culturloſen Far⸗ men, noch das ſtumpfe Menſchenthum ihrer Inhaber ihm irgend ein nennenswerthes Intereſſe abnöthigt. Doch wollen wir einzelne ſeiner Beſuche nicht mit Stillſchweigen übergehen. Gleich den erſten können wir mit ſeinen eigenen Worten nach ei⸗ nem Briefe an Benthal erzählen. Noch war unſer neuer Anſiedler nicht dazu gekommen, die Geſchichte ſeines Ankaufs, die Charakteriſtik von Neu⸗Lisbon, von Anhorſt u. ſ. w. zu Papier zu bringen, als er ſich eines Tages hinſetzte, und folgende Zeilen niederſchrieb: Eine kleine Liebſchaft! daß mir aber Möwe ja nicht eiferſüchtig wird! Anhorſt war nach Neu⸗Lisbon geritten in Beſorgung einiger Allotria zu ſeiner Marktfahrt. Ich ſaß in meinem Blockpalaſt allein, ſpielte Violine, concipirte in Gedanken ein paar rückſtändige Briefe an Dich, welche dem gegenwärtigen vorzudatiren ſind und, will's Gott, nächſtens auch dran ſollen. Aber noch binden ſich meine Lebensgeiſter ſchwer an's Haus, ich warf Violine und Concepte bald hinter mich, und trabte auf ein paar Meilen in's Freie hinaus. Ohne meinen Stallmeiſter ſollt' ich's freilich bleiben laſſen, meine wilde Grafſchaft zu inſpiciren; das Ländchen hat ſo wenig Weg und Steg als der blaue Himmel, oder das grüne Meer. Es ging mir auch darnach. Denn kaum hatt' ich den Platanen und den Fichten, den Eichen, Gummi⸗ und Eiſenholzbäumen ꝛc. ihren ſechstägigen Herrn und Meiſter in verſchiedenen Fagaden gezeigt, als ich mit meinem Cäſar vollkommen im Irren trieb. Es ging wie mit einem Zauber zu, daß ich mich plötzlich in wildfremden Bezirken ſah. Ich war einem Bache gefolgt, welchen ich lange für meinen Bach hielt, denn es iſt merk— würdig wie gleich ſich hier alle Naturanſichten ſind. Die ſtille Quell⸗ rinne führte mich aber allmälig tiefer in das Geholz anſtatt auf meine Boccage heraus; ich ſetzte ein paarmal über, je nachdem mir dieſer — 332— Uferſaum oder jener wegſamer ſchien, und als ich endlich meinen Irr⸗ thum einſah und dem Bach entlang wieder zurückkehren wollte, ſchlug ich eine Nebenader deſſelben ein, da der Hauptarm, von jenſeits ge⸗ ſehen, unter Schilf⸗ und Sumpfgeſtripp faſt verſchwand. Dieſer Ab⸗ weg führte mich nun gänzlich in's Oede. Ein unermeßliches Wald⸗ labyrinth verrammelte mir in jeder Richtung den Weg. Stamm an Stamm ſah ich nirgend zehn Schritte tief, es war ein Meer von Einſamkeit. Unter dieſen Umſtänden wäre ich froh geweſen, nicht meinen, ſondern nur irgend einen Farm zu erreichen, aber nicht die leiſeſte Hieroglyphe einer menſchlichen Nähe war rings zu entziffern. Die Merkmale, die den geſchulten Hinterwäldler auf ſeinem chaotiſchen Terrain leiten, waren mir als Neuling natürlich noch fremd, meinen gelehrten Apparat aber, Taſchencompaß und topographiſche Karte des County, hatte ich zu Hauſe liegen laſſen. Kurz, das Abenteuer war mehr unbehaglich, als romantiſch, ich kreuzte ſtundenlang hin und her, und ſchon fing ich zu ſorgen an. Auf einmal erfreute mein Ohr die Stimme eines lebendigen Weſens und mein Auge erblickte ein kleines rothes Röckchen. Es war ein Kind, welches Hühner aus dem Walddickicht zu locken ſchien. Voll Freude rief ich das Mädchen an, welches Roß und Reiter nicht ſobald gewahr wurde, als es emſig die Flucht ergriff. Mir aber war der Fund zu koſtbar. Und mußte ich mir meine Wegweiſerin erſt erjagen, ſo bebte ich vor dem kleinen Sabinerinnenraub auch nicht zurück. Ich ſprang vom Pferde, das hier nicht gut fortkam, und verfolgte das rothe Röckchen mit lieblichen Worten und langen Schritten. Letztere waren glücklicher als erſtere, denn bald ergriff ich mein kleines ſcheues Waldfräulein in der Höhlung eines kurzen und dicken Papawſtammes, wohin ſie zuletzt— für das Auge gar zierlich— ihre Zuflucht ge⸗ nommen. Sie ſah wirklich wie die Seele des Baumes aus, ſo zart und geiſtig ſtand ſie in dem rauhen Rahmen. Es war ein Bild wie im Kirchenſtyl gemalt. Ihr Köpfchen kein muthwilliges Apfelrund mit klugem Stutznäschen und braunen Rehaugen— nein, ein ernſt⸗ haftes, ehrbares Oval, mit edel gezogener, nachdenklicher Naſe, großem, waſſerblauem Blicke, der Teint weiß, die Ringellocken gelb wie der Mondſchein und ein langes ſchweres Gehänge. Kurz, ein Charakter⸗ bild echten germaniſchen Magdthums. Ich redete ſie auch ſofort p deutſch Spurer wie ei bedächt wie ei holt ft war i und ſa und ve ein S Sie w ausger ich, Lando Uebel ein B Matt haften offenb Zärtli von( möchte gegan belehl Schw ſie ſi Noth Hochd ſorgfü Auch ein u dächt wund T Wir dem — 333— deutſch an, und hatte richtig gerathen. Das erſchrockene Kind zeigte Spuren von Zutrauen. Warum ſie mich geflohen, und ob ich denn wie ein Räuber ausſehe? Sie rückte etwas ſcheu zur Seite, hob bedächtig ihr blaues Auge zu mir auf und ſagte: ich ſähe aus wie ein Herr.— Was ein Herr Schlimmes ſei? ich mußte es wieder⸗ holt fragen. Zaudernd antwortete ſie: Der Vater ſagt— aber mehr war ihr nicht abzugewinnen. Sie legte ihren Arm vor die Augen und ſagte: ich ſag's nicht! Ich ſchloß das keuſche Kind in meine Arme und verſucht' es auch nicht weiter, auf die reinen, kindlichen Lippen ein Schmähwort heraufzubeſchwören. Ich fragte nach ihrer Familie. Sie war das einzige Kind eines deutſchen Farmers in der Nähe, eines ausgewanderten Landmanns vom Niederrhein. Das erklärte mir frei⸗ lich, was der Vater gegen die Herren hatte. Leider hat man das Landvolk gewöhnt, im ſtädtiſchen Rock die ſummariſche Quelle ſeiner Uebel zu ſehen. Deßungeachtet hörte ich mit Verwunderung, daß ſie ein Bauernkind ſei. Ich faßte ſogleich den höchſten Begriff von der Mutter;— es mußte eine mütterliche Mutter ſein nach der muſter⸗ haften Art, wie ſie das Aeußere ihres Kindes hielt. Ihr Haar war offenbar ſchlicht, und die ſchönen langen Locken nur ein Kunſtwerk der Zärtlichkeit. Ihr weißes Leibchen, ihr rothes Sergeröckchen, die Schnur von Glasperlen an ihrem Halſe— Alles ſo ſchmuck, ſo inſpirirt! möchte ich ſagen.— Was ſie hier ſchaffe? Sie ſagte, ſie ſei aus— gegangen, nach Eiern zu ſuchen, indeß wie immer vergeblich, denn— belehrte ſie mich— die Hinkel kämen zu ihrer Zeit wohl mit einem Schwarm Küchlein aus dem Walddickicht hervor, aber die Eier ließen ſie ſich ſelten ablauern. Sie habe ſchon den ganzen Vormittag ihre Noth mit dieſer Aufgabe gehabt. Das Alles ſprach ſie im reinſten Hochdeutſch, indem ſie ihre Ehre darein zu ſetzen ſchien, das Platt ſorgfältig zu vermeiden, das ihr ohne Zweifel mundgerechter war. Auch bewegte ſich ihre Zunge etwas ſchwer dabei, da das Zungenband ein wenig länger als normal. Ihre Rede bekam dadurch etwas Be⸗ dächtiges, Abgemeſſenes, das ihr ungemein wohl ſtand. Es ſtimmte wunderbar zu ihrem Charakter von Ernſt und Zurückhaltung. Das nun war meine Erlöſerin aus den Wirren dieſer Waldfahrt. Wir ließen die Eier Eier ſein und machten uns nach Annettens Heimweſen auf. Ich nahm die Kleine vor mich auf's Pferd, und ſie gab — 334— mir den Weg an. So kamen wir bald aus dem Walde. In Kurzem lag Vater Ermar's Hoſſtelle vor uns. Der Hufſchlag lockte ſchon von Weitem die Eltern vor das Haus. Sie ſahen verwundert ihr Kind zu Pferd ankommen, das zu Fuß ausgegangen war. Ich gab kurz meine einfachen Erklärungen. Ich kann nicht ſagen, daß ich im erſten Augenblicke beſonders gaſt⸗ lich angeſehen war. Der Deutſche in Amerika hat immer etwas— Verſchämtes oder Abſtoßendes, wenn er auf ſeinem einſamen Hof überraſcht wird. Und Weſtphälier ſind ſchon von ſelbſt nicht die in⸗ ſinuanteſten Menſchen. Der Mann ſah mich aus harten und ſcharfen Zügen, wie aus einer eiſernen Maske an. Er war ſchlank und hoch gewachſen— eine lebendige Lanze. Seine Hakennaſe eine wahre heraldiſche Siegelprobe von Energie und Charakter, ſein Blauauge treu, wie der ſicherſte Ankergrund. Die Mutter eine blaſſe, reine Frau, eine Erſcheinung wie ein Stück Damaſt. Ganz wie ich ſie gedacht. Sie war ohne Zweifel eine Honoratiorentochter ihrer einſtigen Heimat. Der Vater Teutoburg, die Mutter Bielefeld, würde dieſes weſtphäliſche Paar ein neumodiſcher Jung⸗Deutſcher in ſeinem Ideen⸗Aſſonanzen⸗Styl charak⸗ teriſiren. Die Frau wartete das Benehmen ihres Mannes ab und der Mann mein eigenes. Beide empfingen mich eigentlich gar nicht; es mußte ſich aus mir ſelbſt zeigen,„was für ein Vogel ich ſei“. Ich ſprach natürlich von ihrem Kinde, der nächſten Veranlaſſung dieſes Rendezvous, und erkundigte mich, wie es hier um die Schule ſtehe. Dieſe praktiſche Frage ſchien den Nagel auf den Kopf zu treffen. Ich konnte ſogleich ſehen, daß man damit zufrieden war. Vor Allem ſeufzte die Mutter lebhaft und antwortete: das ſei allerdings traurig. Eine deutſche Schule beſtände nicht in der Gegend und zu den Engel⸗ ländern ſchicke man ſeine deutſchen Kinder gar zu ſchwer, ſie lernten nur ihre eigenen Eltern verunehren. Ich erbot mich ſofort zu Annettens Lehrer. Die Frau ſah ihren Mann an und der Mann hatte offenbar was gehört,„was ſich hören ließ“. Ob ich gut lutheriſch ſei? war ſeine erſte Antwort darauf. —= 9ͤ==Sͤ Seo —— — 335 Dooctor Luther hat auch für mich gelebt, ſagte ich, nicht ohne einige Verwirrung, und war froh, daß mir die Phraſe ſo durchging. Es geſchieht Einem doch ganz eigen, wenn man mit ſeiner weitſchichtigen Aufklärung ſo knapp⸗poſitiven Gemüthern confrontirt iſt! Verſchiedene Stände ſind verſchiedene Jahrhunderte. Wir verſtändigten uns. Ich habe nun eine Anſtellung im Ur⸗ walde,— ich bin Erzieher. Wahrlich, das kleine Abenteuer freut mich mehr, als es ſcheinen mag. Ich bin, wie du weißt, Kinderfreund. Freilich hat mir eine geiſtreiche Frau einſt geſagt: dann ſind Sie Menſchenfeind, und ich war wie vom Blitz gerührt, daß ſie Recht hatte. Aber iſt's meine Schuld? Ich läugne es nicht, die Kinder repräſentiren mir die Menſchheit reiner als die Erwachſenen. Der muthige Knabe entartet zum ſervilen Unterthan, und wie ſelten findet das Mädchen zwiſchen Prüderie und Koketterie den Begriff der Weib⸗ lichkeit. Blüthen ſiod Bienenkoſt, ausgewachſene Frucht oft nicht Schweinekoſt. Die Nähe dieſes Kindes ſoll mir wohl thun. Ich nehm's wie ein glückliches Unterpfand von dem Gott, der mich hier⸗ hergeführt. Nächſt dieſer Bekanntſchaft, die unſern Freund ſo ſehr anmuthet, wollen wir von ſeinen übrigen Nachbar⸗Beſuchen noch zwei erzählen, zwar nicht ihrer Anmuth wegen, ſondern weil ſie ſonſt nicht ohne einiges Intereſſe an ihm vorübergingen. Moorfeld machte ſie beide Tags nach dem hier mitgetheilten Begegniß und diesmal in Anhorſt's Begleitung. Auf dem Wege ſagte Anhorſt: die Farm, die wir zunächſt beſuchen werden, gehört einem Amerikaner, Miſter Thorne. Wir werden ihn ſelbſt nicht zu Hauſe treffen— er iſt ſeit einigen Wochen auf irgend ein Buſineß abweſend. Indeß lohnt es ſich doch den Gang dahin. Er hat einen Knecht, oder„hand“ wie man hier ſagt, der eigentlich ein Tiſchler und zwar ein vorzüglicher deutſcher Ar⸗ beiter iſt. Wenn Sie ſich einzumöbliren gedenken, ſo können Sie mit dem Manne gleich Rückſprache darüber nehmen. Er iſt auf ſein Handwerk ſehr zu empfehlen. Dann ſitzt er wohl auch nicht aus Geſchmack am Landleben hier? ſagte Moorfeld. Gewiß nicht, antwortete Anhorſt. 336 Können Sie mir ſeine Geſchichte erzählen? Geſchichte eben nicht, aber eine Anekdote daraus, den Dirty job, der ihn zunächſt hieher verſchlug. Indeß, ſolche Sachen ſpielen ja täglich und ſtündlich. Laſſen Sie immer hören, forderte Moorfeld. Und Anhorſt erzählte, indem der Weg eine reizloſe Gegend durchmaß: Es war drüben in Pennſylvanien im Mercer County, Stadt Mercer. Dort hatte ein Mr. Baine für einen Kaufmann, ich weiß nicht mehr welche Arbeit übernommen, einen Neubau oder Anbau ſeines Ladens, gleichviel. Mr. Baine war aber mehrerſeits beſchäftigt, und übertrug die Arbeit an Herrn Rapp, unſern deutſchen Tiſchler. Man machte einen Accord auf 38 1 Dollar, mit der Bedingung, daß der Bau in einer beſtimmten Zeit, ſachgerecht und zur gänzlichen Zu⸗ friedenheit des urſprünglichen Contrahenten, des Kaufmanns, zu vollen⸗ den ſei. Das geſchah. Unſer Tiſchler plagte ſich zwanzig Tage lang unter der heißeſten Auguſtſonne, und ſtellte ſein Werk her. Als er zu Ende war, forderte er von Mr. Baine ſeine accordmäßigen 38 Dol⸗ lars. Mr. Baine beanſtandet die Bezahlung, da man ja erſt das Urtheil des Kaufmanns, der eben verreist ſei, abzuwarten habe. Der Kaufmann kommt, und unſer Rapp, der ſein Geld braucht, bittet jetzt dieſen darum. Der Kaufmann natürlich wendet ihm einfach den Rücken: er kenne ihn gar nicht, er habe nichts mit ihm zu thun. Der Tiſch⸗ ler geht wieder zu Mr. Baine. Dieſer antwortet: er habe mit dem Kaufmann Rückſprache genommen, und gehört, daß die Arbeit keines⸗ wegs probehaltig ſei. Der Deutſche merkt jetzt, worauf es abgeſehen, und nachdem er erſt noch zwiſchen dem Kaufmann und Mr. Baine ein paar Wochen lang hin und wieder gelaufen, reicht er endlich ſeine Rech⸗ nung klägeriſch ein. Zu Ende October erhält er den Termin. Mr. Baine kam mit ſeinem Advocaten, der Kaufmann mit einem Comitee von „ſachverſtändigen und unparteiiſchen“ Zimmerleuten. Der Deutſche kam allein. Er mochte bei ſo klarem Rechte einen Advocaten für überflüſſig halten, oder die Koſten ſchwer empfinden, genug, er ver⸗ traute ſich. Die Verhandlung beginnt. Der Advocat der Gegenpartei liest den Contract zwiſchen Mr. Baine und Herrn Napp vor, hierauf wird der Kaufmann vereidigt und befragt, ob er mit dem Bau zufrie⸗ Dirty ielen xgend Stadt weiß nbau ftigt, hler. daß Zu⸗ llen⸗ lang ls er Dol⸗ das Der jet cen: Liſc⸗ dem ines⸗ ehen, 6 ein Rech⸗ Zaine von utſche für ver⸗ zartet trauf frie⸗ 337 den ſei? Durchaus nicht, antwortete er mit feſter Stimme. Nun werden die ſachverſtändigen Zimmerleute vereidigt und befragt, was das Reſultat ihrer Beſichtigung geweſen ſei? Sie antworteten, daß ſie den Bau, in einer nicht ſachgerechten Art und Weiſe aufgerichtet ge⸗ funden. Der Tiſchler ſtand wie vom Donner gerührt. Die Eides⸗ ausſagen allein waren es ja, auf welchen ſeine Hoffnung geruht. Dieſe Hoffnung verſagte ihm jetzt, er ſah mit Schrecken, daß ſolch ein Pro⸗ ceß auch verloren werden könne. Thränen traten dem vierzigjährigen Mann in's Auge. Aufgefordert, was er zu ſeiner Vertheidigung vor⸗ zubringen habe, ſtotterte er mit muthloſer Stimme Folgendes: Ich habe drei Jahre lang für den Stadtrath in Breslau gearbeitet, Fußböden gelegt, Thüren, Fenſter und Geſimſe gemacht, aber nie nicht! iſt mir ein Stück zurückgegeben, oder getadelt worden. Mr. Baine hat meiner Arbeit täglich nachgeſehen, und mich oft aufgefordert, ich möchte es nicht ſo genau nehmen, auf ein paar Fugen käme es ja nicht an, den Fußboden zu hobeln verbot er mir förmlich. Zwanzig Tage habe ich unter der ſiedigſten Sommerhitze geſchafft; ich frage bei Gott und Welt, ob es erlaubt iſt, daß ſo etwas unbezahlt bleiben ſoll. Ich frage jeden ehrlichen Tiſchler, der meine Arbeit verſteht, ob 38 ¾ Dollars ein übermäßiger Preis dafür iſt. Gewiß, das iſt es nicht, meine Herren! Die Nennung des Preiſes veranlaßte die Richter nun auch nach dem Contract zwiſchen Mr. Baine und dem Kaufmann zu fra⸗ gen. Der Vertheidiger verwarf zuerſt dieſe Frage als ungehörig, gab aber zuletzt, mit Zuſtimmung ſeiner Clienten, nach. Der Contract wurde verleſen. Er lautete mit dem vorigen ganz gleich, nur in der Ziffer ergab ſich eine kleine Verſchiedenheit. Nicht 38 ¾, ſondern 200 Dollars hatte ſich Mr. Baine von dem Kaufmann bedungen! Und der Kaufmann fügte noch hinzu, daß er dieſe Summe theils in Geld, theils in Waaren, dem Mr. Baine bereits bezahlt. Dieſe Mit⸗ theilung war eigentlich unbeſonnen, denn der Kaufmann bewies damit augenſcheinlich, daß ihm die Arbeit ja doch gut genug geweſen, und nicht, wie er dem Deutſchen gegenüber geſchworen:„durchaus nicht!“ Aber dieſer kleine faux pas wurde nicht mehr bemerkt, denn im gan⸗ zen Gerichtsſaal machte ſich ein Unwille laut,— ein Unwille gegen den Deutſchen. Er nämlich, nicht Mr. Baine war es, den jene Ent⸗ deckung direct todt machte. Daß ſich ein Menſch für 38 Dollars zu — 338— einer Leiſtung hergibt, die ein Anderer auf 200 ſchätzt, das war dem Amerikaner zu tief verächtlich. Der Amerikaner war wieder einmal recht groß dem ſchoflen Deutſchen gegenüber. Und ſo fällte denn der Richter, wie er auf Grund der beiden eidlichen Ausſagen wohl nicht anders konnte, zuletzt den Urtheilsſpruch: daß der Deutſche ſeinen Con⸗ tract nicht erfüllt habe; doch dürfte er allerdings der Großmuth des Mr. Baine zu empfehlen ſein, welcher ihm wenigſtens einen Theil der accordirten Summe möge zukommen laſſen. Keinen Cent ſoll er ha⸗ ben, der verfluchte Dutchman! rief Mr. Baine, und damit war die Sache zu Ende. Der Richter machte nur noch ſeine und des Con⸗ ſtablers Rechnung, die er dem Deutſchen ſchnell, denn es war Eſſens⸗ zeit, überreichte, und woran dieſer zehn Monate lang zu bezahlen hatte. Von Allem entblößt, griff er vor ſechs Wochen zu, auf jenem Farm ſich als Knecht zu vermiethen,— um's augenblickliche Brod. Anhorſt hatte inzwiſchen Moorfeld's Pferd in's Auge gefaßt, und machte jetzt einige Bemerkungen über die incorrecte Schule deſſelben. Freimüthig antwortete Moorfeld: Nicht doch, nicht doch! Wir müſſen ſolche Geſchichten künftig nur zu Fuß erzählen. Schweigend erreichte das Paar die Farm. Man fand den Tiſch⸗ ler Rapp beim Ausbeſſern des Fenzenzauns, den ein paar muthige Bullen über Nacht eingeriſſen. Schon aus der Ferne hatte man ihn die ſchweren Pflöcke einrammen gehört. Es war ein Mann von mitt⸗ lerer Statur, die Haare ſchon hoch in dem Scheitel ausgefallen, der Körper ein wenig gebeugt, und wie es ſchien nicht mehr allzu kräftig. Sein Geſichtsausdruck war unbeholfene Argloſigkeit und ein tüchtiges, aber beſchränktes Selbſtvertrauen. Moorfeld fand ganz das Charakter⸗ bild aus jenem Proceſſe in ihm. Er fing ein Geſpräch mit ihm an, das ſich, wie es in deutſcher Zunge geführt ward, zunächſt auch auf deutſches Heimathsandenken bezog. Die Augen des Tiſchlers leuchteten wie trunken, und aus tiefſter Seele brach er in den Ausruf aus: Ach, hätten wir in Deutſch⸗ land Gewerbfreiheit, es wäre das erſte Land in der Welt! Und die politiſche Freiheit Amerika's iſt Euch gleichgiltig? ſagte Moorfeld, — indeß mehr um die Begriffe des ſogenannten gemeinen Mannes darüber kennen zu lernen, als in irgend einer directen Abſicht dem nmal der nicht Ton⸗ des lder ha⸗ t die Con⸗ ſſens⸗ hatte. Farm und elben. nüſſen Tiſch⸗ uthige n ihn mitt⸗ ¹, der räftig. htiges, rakter⸗ utſcher denken d aus eutſch⸗ nd die otfeld/ lannes 339 Politiſche Freiheit, erwiederte der Tiſchler— wo iſt ſie denn? und blickte dabei um ſich, wie um ein verlorenes Taſchenmeſſer,— ich ſeh nichts von. Ich war in Pittsburg als ſie im vorigen Jahr den Präſidenten wählten,— Prügeln ſah ich wohl, aber keine Frei⸗ heit. Da liefen ſie die eine Straße herauf mit ſchwarzen Cocarden und die andere Straße mit rothen, und wie ſie an der City⸗Hall zuſam⸗ men ſtießen, ging der Tanz an. Es war ein Crawall— Riot heißen ſie's— von einigen tauſend Perſonen, und da wählten ſie den Prä⸗ ſidenten, daß man bis in die Nacht die Piſtolen hörte, und das Blut lief herum wie in einem Schlachthaus. Es ſind gar unbändige Menſchen hier. Wo wir Deutſche einen Wortwechſel führen, da rennen ſie gleich mit Meſſern und Schießgewehr gegen einander los. Immer geſchoſſen, immer geſtochen! Wie das unvernünftige Vieh! Es iſt, als ob ſie gar nichts im Schädel hätten, alles in der Fauſt. Nein, Gott weiß, ich habe einen Ekel an den großen Städten. Aber auf dem Lande ſitzt die Freiheit eben auch nicht zu dick. Bäume umhauen, Fenzen machen, Blockhäuſer bauen, Wild ſchießen, Vieh hüthen, das iſt die erſte Frei⸗ heit. Man ſieht die Leute wie Sclaven ſich rackern, wer nie in der Näh war, hat keinen Begriff von. Dabei wohnen ſie halbe Tagreiſen auseinander, und kommen ſie zuſammen, ſo verſteht oft keiner den an⸗ dern nicht, die ganze Gemeind' iſt neunerlei Volk. Das macht ſich dann irgend ein verlaufener Yankee prächtig zu Nutzen. Der thut in ſolch einer Wüſtenei einen Storeladen auf, und damit iſt er König. Vom Kleinſten bis zum Größten, Alles, was der Menſch braucht, führt er in ſeinem Kram. Wer nicht fünfzig Meilen weit in die Stadt fahren oder reiten will, der findet jeden Brettnagel bei ihm, und jede Zwiebel nimmt er an Zahlungs Statt an. Die ganze Gemeind' ſteht in Rechnung bei ihm, er ſpielt abſolut den Meiſter. Der hat dann die Stimmen von ſelbſt. Ich möcht's Keinem rathen, und ihm die Wahl verweigern. Dieſe Rackers ſind meiſtens auch Poſtmeiſter, und ſo ein Kerl iſt im Stand und hält Einem die Briefe auf, wenn man ihn nicht auf den Stimmzettel ſchreibt. Ja, ja, das thun ſie. Sie ſind wie Räuber, ſie erlauben ſich Alles. Einem Amerikaner iſt jedes Mittel recht. So bringen es die Leute von Amt zu Amt, die Gegend wird volkreicher, es kommen oft die beſten Köpfe heran, aber der La⸗ denhalter hat für ewige Zeiten das Prä. Hat er vielleicht noch einen — 340— Advocaten zum Schwager und einen Pfaffen zum Vetter, ſo fliegt er auf, wie ein Luftballon. Es iſt merkwürdig, was ſich ſo ein Flötz Ehren und Würden zu begehren traut. Dann prahlen ſie aber noch in den Zeitungen: Wieder hat es Einer unſrer Mitbürger zum Gou⸗ verneur eines Staates gebracht, der früher ein Grobſchmied oder ein Schweinmetzger war, das iſt die Herrlichkeit eines freien Landes! Ach, geht mir fort. Ich wollte, wir hätten Gewerbfreiheit in Deutſchland, keinen Nagelſchnitzel gäb' ich für eure Herrlichkeiten! Moorfeld hörte dieſe Rede mit Staunen an. Sein Blick fiel zum zweitenmale, aber mit einem ganz andern Ausdruck auf den armen Tiſchler. Er erfuhr hier von Neuem, wie fähig der Deutſche ſei, ob⸗ jective Verhältniſſe groß und richtig zu beurtheilen, und wie wenig Mangel an Weltklugheit in ſeinen perſönlichen Angelegenheiten einen Schluß auf ſein übriges Denkvermögen zulaſſe. Eh er die Farm verließ bat er den Tiſchler, er möge es ihm wiſſen laſſen, wenn der Eigenthümer des Farm ihm etwa einen längeren Dienſtcontract an⸗ bieten wolle. Der Tiſchler ſagte es unter frohen Ahnungen zu. Nach dieſem Beſuche lenkte das Paar wieder dem Heimwege zu, — Moorfeld fragte im Vorbeigehen: Wer kommt morgen dran? Wären wir gemeldet, antwortete Anhorſt, ſo könnten wir noch heute hinüber reiten; von hier ſind's nur fünf Meilen, und vom Hauſe weg fünfzehn. Aber, es wird Abend, wir kämen direct zum Thee, und ſind nicht gemeldet. Moorfeld blickte groß. Thee? gemeldet? Mich dünkt, wir ſind im Hinterwalde. Wir, aber Lady Brubaker nicht, oder vielmehr Lady Morgan, wie ſie ſich nach der hieſigen Gewohnheit, europäiſche Namengrößen zu adoptiren, nennt. Dieſe Lady Morgan iſt wohl eine betrübte Wittwe? Doch nicht, Herr Doctor, ſie iſt die Frau eines deutſchen Narren, Michael Braubacher, der ſich aber yankeeſirt hat und nun Brubaker pronocirt wird. Ein trauriges Hausweſen! und aufrichtig geſagt, ich ſelbſt ließ' es links liegen; es regt ſich die Galle, nur dran zu denkenl Der Mann hat bei einem Bankrott ihrer Familie in Newyork ſein Vermögen eingebüßt, die Humbuger von Schwäger und Schwiegervater treiben ſich nun in aller Welt herum, während er ſelbſt noch immer gt er Flötz noch Hou⸗ ein Ach, land, zum rmen ob⸗ venig einen Farm der an⸗ 341 Mittel wußte, aus Deutſchland ein letztes Tauſend Thaler heraus⸗ zuziehen, womit er dieſen Farm hier anlegte und wenigſtens Frau und Kind redlich ernährt. Deßungeachtet! Wenn Sie den Ton hören werden, der dort über Deutſch und Deutſchland herrſcht, ſo haben Sie wahrlich zu würgen daran. Das Weib ſpricht von ihrer Natio⸗ nalität als ob ſie in ihrem Newyorker Schaukelſtuhl alle Flotten der Welt commandirte; die Nation ihres Mannes aber tritt ſie mit Füßen. Leider! der deutſche Michel duldet's. Es iſt ſo weit gekommen, daß ihn ſeine zwei Buben in ſeinem eigenen Hauſe old dutchman ſchimpfen dürfen, und wie er nur den Mund öffnet, um von Deutſchland zu er⸗ zählen, ſo lachen ſie ihm in's Geſicht. Die„Ma“ iſt Alles, der„Pa“ gar nichts. Mordio! Von allen dummen Streichen, die der Deutſche in Amerika macht, iſt es ſicher der dummſte und unverzeihlichſte, eine amerikaniſche Frau zu heirathen. Anhorſt wunderte ſich, daß während dieſer Worte auf Moorfeld's Lippen ein— Lächeln entſtanden. Es ſpielte freilich ein wenig in's Diabo⸗ liſche, aber er hatte ſich auf ein zornvolles: Rechts um! gefaßt gemacht. Moorfeld dagegen ſagte: Reiten wir hin! Anhorſt blickte ihn fragend an, erwiederte aber nichts. Er fühlte, er kannte ſeinen Mann noch viel zu wenig, um ſich über das, was Wider⸗ ſpruch ſchien, oder nicht, ein Urtheil zu erlauben. Hatte er doch das Seinige gethan!— Die Wanderer trabten friſch zu und erreichten Braubacher's Farm noch im vollen Tageslichte. Es war ein kahles Gehöft, ganz im lieb⸗ loſen Yankeeſtyl. Keine lebendige Feldhecke, kein Baum vor dem Hauſe, keine Blume am Fenſter, nichts, was den ſchönen Naturſinn eines Deutſchen verrieth. Sie traten ein. Die Hütte war noch roh genug und durfte vielleicht nur darum nicht mehr Blockhaus heißen, weil ſie zwei Wohnräume enthielt. Und einer davon nannte ſich auch richtig„Parlour“.. Die Ankömmlinge waren ſo glücklich, Miſter und Miſtreß zu Hauſe zu treffen. Nach den erſten Begrüßungsformeln führte Anhorſt, auf einen Wink Moorfeld's, den Miſter zu einer landwirthſchaftlichen Um⸗ ſchau vor das Haus und Moorfeld blieb mit der Miſtreß allein. Die Hinterwäldler⸗Hausfrau wiegte ſich in ihrem Schaukelſtuhl und— garnirte ein Bonnet. D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. — 342— Moorfeld lobte das Häubchen im eleganteſten Engliſch. Er zeich⸗ nete der Lady Morgan ſogleich auf ein Pergamentblättchen ſeines Notizbuches das Muſter eines Bonnets von Madame Daſſe in Paris vor, welches kurz vor ſeiner Abreiſe nach Ohio den Ton der dies⸗ jährigen Saiſon angegeben. Der Stoff glatter Tüll, erklärte er ſeine Zeichnung, rechts eine Bauſche mit einigen Roſen, links zwei Mara⸗ bouts an die Wange herabfallend, hinten eine weiße Atlasſchleife. Der Fond recht tief am Scheitel zu tragen, mit einer Neigung gegen die Stirn wäre es provinziell. Die Lady Morgan maß ihren Gaſt mit erſtaunten Blicken. Aber Moorfeld beherrſchte ſeine Miene vollkommen. Die Dame merkte nichts und war ehrlich genug zu ſeufzen, das reizende Modenbild werde ſich in dieſer„verdammten Wildniß“ leider nicht wohl präſen⸗ tiren laſſen. Moorfeld ſeufzte mit. Er heftete ſein Auge mit einem bedeutungsvollen Ausdruck auf die arme Leidende, und warf, gleichſam vom Mitgefühl abgepreßt, das Wort hin: Es könnte in Kurzem ſich Vieles ändern in dieſer Wildniß. Mrs. Brubacker blickte aufmerkſam. Es iſt wahr, es werden neueſter Zeit ſtarke Landkäufe hier gemacht, ſagte ſie, zweifelhaft was ſie eigentlich zu ſagen habe. Mein Ankauf iſt nicht der Rede werth, antwortete Moorfeld, ohne Umſtände das Wort auf ſich beziehend, und mit der vornehmſten Gleichgiltigkeit. Aber für eine Probe, fuhr er fort, bedurfte es einſtweilen nicht mehr.— Für eine Probe? Von welcher Probe ſprechen Sie, Sir? fragte Mrs. Brubacker, indem ſie anfing ganz ſo geſpannt zu werden, wie Moor⸗ feld beabſichtigte. Moorfeld ſchien zerſtreut und tändelte mit dem Bonnet. Wie hübſch ſich das in einem elegant decorirten Salon, unter ſtrahlenden Girandolen und Candelabern, zur Tanzmuſik eines guten deutſchen Orcheſters ausnehmen wird! fantaſirte er wie im Traume vor ſich hin. Die Farmersfrau machte ungeduldige Bewegun⸗ gen. Ihr Geiſt iſt bei deutſchen Geigen und Flöten, mein Herr! ſagte ſie empfindlich, aber doch nicht ohne ahnungsvolle Aufregung. Ah, Madame, Sie ſind nicht für den Urwald geboren! fuhr Moorfeld plötzlich auf und ſah ſeine Wirthin mit jener Dreiſtigkeit an, die den Cavalier als Galan der Bürgersfrau auszuzeichnen pflegt. Die New⸗ yorker Kaufmannstochter hatte darüber auch, wenn nicht ein deutliches Gefühl, doch eine dunkle Ahnung und verſuchte eine Miene aus den Er zeich⸗ en ſeines in Paris der dies⸗ er ſeine à Mara⸗ lasſchleife. ung gegen en. Aber ne merkte ſodenbild l präſen⸗ mit einem gleichſam urzem ſich fmerkſam. 1 gemacht, in Ankauf tnde das feit. Aber mehr.— agte Mrs. wie Moor⸗ mit dem en Salon, — 343— beſten Tagen ihrer Impertinenz. Aber ihre Eitelkeit war bereits er⸗ regt; ſie hütete ſich, mit dem merkwürdigen Farmer⸗Galanthomme zu brechen. Moorfeld ſah faſt mit Augen, wie der kalte Stolz und die heiße Neugierde in ihrem Innern gegen einander ziſchten. Was ich da von Flöten und Geigen fantaſirte, rückte er ver⸗ traulich heraus, iſt nicht ganz ohne. Wenn Sie mich nicht verrathen, Madame, ſo will ich Ihnen ein Geheimniß ausplaudern. Geheimniß eigentlich nicht. Es wird bald genug Stoff der Tagespreſſe ſein. Aber eine Dame von ſo gutem Geſchmack— das Getändel mit dem Bonnet dauerte fort— iſt im Grunde näher dabei intereſſirt, als die dumme Publiciſtik, die nicht überall ſo ungalant ſein ſoll, den Vor⸗ tritt zu haben. Lady Morgan horchte hoch auf. Eine Geſellſchaft deutſcher Edelleute— laſſen Sie mich das Wort nicht entgelten, Ver⸗ ehrteſte, es klingt barbariſch, ohne Zweifel, aber wer das Unglück hat, mit dem Adel behaftet zu ſein, leidet mindeſtens an einem unver⸗ ſchuldeten Unglücke; er verdient weniger den Abſcheu als das Mitleid aufgeklärter Republikaner. Ich bin nicht republikaniſch geſinnt, ſagte Lady Morgan verlegen lächelnd. All men are equal, iſt nicht all women. Frauen ſind dem Principe der Gleichheit nicht hold.— Mon Dieu! rief Moorfeld, dann hört die ſchönere Hälfte der Union auf Republik zu ſein; und Lady Morgan mußte ſich's ſchon gefallen laſſen, eine leichte Artigkeit in einer boshaften Wendung gegen ihr vergöt⸗ tertes Vaterland hinzunehmen. Moorfeld fuhr fort: Eine Geſellſchaft deutſcher Edelleute, disguſtirt von der Juli⸗Revolution, gerieth auf den Einfall, ſich ein Reduit, eine Art Adelscolonie in Amerika zu gründen, wenn das erkrankte Jahrhundert einſt die Hahnemanniſche Cur empfehlen ſollte, einer deutſchen Republik in eine amerikaniſche zu entfliehen. In der Wahl des Orts wollten wir die alten Bour⸗ geoisſtaaten des Oſtens wie die langweiligen Wüſteneien des Weſtens gleichmäßig vermeiden und entſchieden uns zunächſt für Ohio. Doch, um die ganze Wahrheit zu ſagen, geſtehe ich allerdings, daß noch zwei Verſuche in zwei andern Staaten gemacht ſind. Mein Probekauf iſt nur einer von dreien. Wir Drei werden nun— das iſt der Plan— als gewöhnliche Farmer wirthſchaften, und ohne alles Aufſehen unſere Lokalverhältniſſe beobachten. Nach Jahresfriſt ſchicken wir dann unſere Berichte ein, und 23* — 344. welcher am günſtigſten lautet, jenes Terrain wird erwählt. Bei einem Ankauf von einer halben Million Acres mochten wir einige Vorſicht nicht ganz verſchmähen. Uebrigens ſind wir nicht anſpruchsvoll. Wir achten die fremde Nationalität, der wir uns anſchließen, und fordern bloß, daß ſie uns wieder achte, das iſt unſre ganze Prätenſion. Der Chef des Unternehmens, der gefürſtete Reichsgraf von Tettan, iſt der liberalſte Ariſtokrat, der ſich denken läßt. Ein Muſter von einem lie⸗ benswürdigen Gentleman. Sie haben vielleicht den General Lafayette bei ſeinem letzten Beſuch in den Staaten geſehen? Ein ſo populärer, leutſeliger Charakter iſt der Reichsgraf. Nur nicht ſo tricolor. Der Graf legt ſeiner Geburt einen hohen Werth bei, aber er ſchätzt ſie nicht als perſönliches Privilegium, ſondern als einen Theil der Na⸗ tionalehre. In der That, Nationalſtolz iſt vielleicht die einzige Leiden⸗ ſchaft des deutſchen Reichsgrafen. Darin geht er etwas weit, ich ge⸗ ſtehe es. Europa iſt ooll von Charakterzügen ſeines National⸗sports, und er vermehrt ſie noch fortwährend. Ein Paar davon werden den Mann kenn zeichnen. Als vor drei Jahren in Haymarket der berühmte arabiſche Hengſt Almanſor, Vater Abdallah, Mutter Mirza, zum Ver⸗ kaufe ſtand, war die ganze haute volée d' Angleterre in einer Art Aufregung. Das edle Thier ſah ſich vom Morgen bis zum Abend von der Créème der Geſellſchaft umſchwärmt: Herzöge waren ſeine Stallbedienten. Die Pairs des Landes überboten ſich in enormen Summen, die Wetter überboten ſich über den Sieg der Bieter, kurz Almanſor war der Löwe des Tags. Der Reichsgraf ging damals mit Plänen anderer Art in London um, war auch eben erſt angekommen, ich glaube, der ganze Lärm verhallte an ihm allein ſpurlos. Aber ein müſſiger Reitknecht aus ſeinem Gefolge, der ſich auf eigene Hand Haymarket anſah, fand Gefallen an Almanſor, und fragte in aller Unſchuld nach dem Preis. Die anweſende Stallariſtokratie umwiehert ihn mit Gelächter. Der Stallion klopft ihm hochgnädig auf die Schulter: Guter Freund, dieſes Pferd bezahlt ein Deutſcher Cavalier nicht! Der Reitknecht läßt ſich das nicht zweimal ſagen. Er tritt vor den Grafen: Erlaucht, da draußen ſteht ein Gaul, den ein deutſcher Cavalier nicht bezahlen kann. Der Graf horcht und hört was geſchehen. Wie ein Blitz reitet er nach Haymarket. Er ſieht vor Almanſor. Was koſtet der Araber? fragte er und zwar auf deutſch wie ſein Bei einem ge Vorſicht zvoll. Wir ind fordern ſion. Der an, iſt der einem lie⸗ al Lafayette populärer, polor. Der ſchätzt ſie eil der Na⸗ ice Leidm⸗ veit, ich ge⸗ nal⸗sports, werden den er berühmte „zum Ver⸗ einer Art zum Abend varen ſtint in enormen Bieter, kurſ damals mit ommen, — 345— Reitknecht. Der Stallion iſt betreten, beſinnt ſich aber, und hat die Unverſchämtheit zu antworten: Fünfzig Tauſend Pfund, Sir. Der Graf zeichnet—„präſentirt das meinem Intendanten“, ſagt er— zieht eine Piſtole und ſchießt das Pferd nieder.„So füttert ein deutſcher Cavalier engliſche Raben.“ Moorfeld weidete ſich an dem Schuß, der der erſchrockenen Lady faſt perſönlich durch den Leib zu gehen ſchien; dann fuhr er, ſich leicht auf dem Stuhle wiegend, zu plaudern fort: In eben ſo großem Styl aber reizender für Frauenohren war jenes Impromptü, welchem ich ſelbſt dieſen Winter in Paris beiwohnte. Unter den Feinen der Feinſte, unter den Brüsken der Brüskeſte— der Graf iſt wie ſein Boden. Zu einem Maskenballe der Herzogin von— Livadien, laſſen Sie mich ſagen, denn die enthuſiaſtiſche Philhellenin hieß in der That ſcherzweiſe ſo— hatte ein Kränzchen der fashionableſten Cavaliere gewettet, wer unter ihnen in der koſtbarſten und originellſten Maske erſcheinen würde. Der Reichsgraf ſetzte zum Beſten Griechenlands Zwanzig Tauſend Francs, daß er die Wette gewinnen wolle. Er erſchien aber im Habit eines— Hauſirers, trug das Tuch und die Wäſche eines ſervirenden Laden⸗Commis, dazu nur noch am grünen. Bande ſeinen Tabulettkaſten von Ebenholz vor ſich an der Bruſt. Mit dieſen Kaſten promenirte er ausrufend durch die Appartements— Messieurs et Mesdames, achetez, achetez, s'il vous plait! Objets de toilette, objets de fantaisie, bijoux, parfums, avancez, Messieurs et Mesdames!: Lachend und gloſſirend drängten ſich[die reizenden Damen des Balls um die drollige Charaktermaske, der Graf theilte nach links und rechts ſeine Quelquechoſerien aus, und die Waare fand um ſo ſchnelleren Abgang, als man ſie ohne Zweifel für unächt hielt. Aber,— welch ein angenehmes Staunen wogte, erſt flüſternd, dann laut und immer lauter, durch die Säle, als man die Entdeckung machte, daß der blitzende Inhalt der vielerlei Schächtelchen und Käſtchen, daß die Bonbonnisren mit Türkiſſen oder Rubinen, die Ringe und Ohrringe, die damascir⸗ ten Flacons mit ihren Steinen, die reichbeſetzten Damenuhren von Breguet, die Colliers von Bot, mit großen Chryſopraſen geſchmückt, die maſſiven antik gearbeiteten Armſpangen, die modernen Berliner Ciſengürtel mit Sapphiren oder Amethyſten à jour gefaßt, kurz, daß — 246— der ganze Galanteriekram ächt war! In Wahrheit, Madame, der Graf hat an jenem Abend einen Werth von Hundert Tauſend Francs verſchenkt für Zwanzig Tauſend Francs zu Gunſten Griechenlands und — für den Nachruf: Der artige deutſche Cavalier!— Wir wollen nun ſehen, ſchloß Moorfeld aufſtehend, wo wir in Amerika die Stelle finden, dies Treiben des luſtigen alten Europa möglichſt original⸗ getreu fortzuſetzen. Aber, bitte, Madame, verrathen Sie mich nicht. Wir möchten den Cynismus der Land⸗Jobberei nicht vor der Zeit aufregen, und dann— kommt ja Alles noch, wie geſagt, auf mein und meiner Collegen Referat an. .In dieſem Augenblicke kam Mr. Braubacher mit Anhorſt zurück, hinter ihnen zwei ſchmalleibige Knaben mit matten Augen und bleichen Geſichtern, verzärtelte Newyorker⸗Sprößlinge. Einer derſelben pflanzte ſich ſogleich vor Moorfeld hin und rief: Ma, iſt das auch ein Dutch⸗ man? Aber die Ma klapste mit eigener feiner Hand den Frager auf den Mund und zürnte ſehr ernſthaft: Unartiger! Wie oft habe ich dir geſagt: German heißt ein Deutſcher, nicht Dutchman! Dann wandte ſie ſich mit einem verzerrten Lächeln zu Moorfeld: Entſchuldigung, Sir! deutſch— dutch— es liegt den Kindern ſo im Munde.— Hat nichts zu ſagen, Madame; ich werde es an meiner Bemühung nicht fehlen laſſen, den lieben Kleinen einen regelmäßigen deutſchen Sprach⸗ unterricht zu verſchaffen.— O, ich wäre unendlich dankbar, Sir, grinste Lady Morgan überſüß. Die Kinder aber ſtaunten ihre Ma, Miſter Brubaker ſeine Miſtreß, Anhorſt ſeinen Moorfeld an, und Moorfeld griff mit einer cavaliermäßigen tour de main nach ſeinem Hut, und empfahl ſich nach allen Seiten im herzlichſten Einverſtändniß. Unſer Paar hatte den Farm lange hinter ſich, als Anhorſt endlich eine Art verſteinertes Schweigen brach: Darf ich mir erlauben, Sir, Ihrer— wickedness meine ganze Huldigung darzubringen? Bitte! Ich habe der Gans bloß ein wenig Vogeldunſt geſtreut, antwortete Moorfeld. Er erzählte ſeinen Einfall. Sie hat nun ein Jahr lang Beſſerungsfriſt, ſagte er, und kommt der Reichsgraf nicht, ſo kommt vielleicht doch die Karbatſche. Ihren Mann will ich inzwiſchen auch noch ein wenig abrichten. geff bloß einer begr liche als rufe Ddi Gei wan pfle der Graf Francs nds und wollen ie Stelle original⸗ ich nicht. der Zeit auf mein ſt zurück, bleichen pflanzte ein Dutch⸗ rager auf t habe ih unn wandte huldigung, lunde.— bung nicht n Sprach⸗. bar, Sir, ühre No⸗ han, und ach ſeinem erſtändnih orſt endlich neine ganze ſſ geſkret hat nun — ⸗ R iihsgraſ nn wil n 1 347 Anhorſt bezeigte ſich ungemein erfreut über das Gehörte. Vielleicht gefiel ihm Moorfeld's Puff darum ſo ungewöhnlich, weil er nicht bloß ein müſſiges Spiel des Witzes, ſondern eine praktiſche That mit einem beſtimmten ſittlichen Zwecke war. Unter dieſem Geſichtspunkte begriff er das Geiſtreiche leicht und lebhaft. Es war das Erſtemal, auf dem abendlichen und theilweiſe nächt⸗ lichen Nachhauſeritt, daß dieſe ſo ungleich gearteten Männer ſich beſſer als je verſtanden. Jeder ſchien bei ſich ſelbſt gegen den Andern zu wider⸗ rufen, daß er ausſchließlich Proſaiker oder ausſchließlich Schöngeiſt ſei. Dieſe Meinung transpirirte mit einer warmen Ausſtrahlung durch ihr Geſpräch. Anhorſt's und Moorfeld's Unterhaltung in dieſer Stunde war von jener Art, welche dauernde Freundſchaften zu begründen pflegt. So erreichten ſie ihren einſamen Waldwinkel. Fünftes Kapitel. Aber jetzt war auch der Tag für Anhorſt's Marktfahrt heran⸗ gekommen. Allerorts begannen die Ernten und wenn Anhorſt die Chance nicht verlieren wollte, ſo hatte er keinen Augenblick zu ver⸗ ſäumen. Er brach auf. Ungern ſah Moorfeld ihn ſcheiden. Anhorſt war offenbar, wenn auch langſam, geiſtig wieder aufgelebt, Moorfeld dagegen meinte an praktiſchem Sinne ihm näher gerückt zu ſein. Es ſchien ihm wie eine Sünde gegen Natur und Kunſt zugleich, den begin⸗ nenden Fluß der Melodie jetzt mit einer Pauſe zu zerhacken. Es war unſchön, es war widerſinnig. Moorfeld hatte faſt das Gefühl, als müßte ſich hier etwas ſtrafen, als geſchähe den Mächten des Gemüthes Ge⸗ walt durch die Mächte der Materie. Aber freilich war dieſes Gefühl unausſprechlich. Wie ſollte Moorfeld die ahnungsvolle Spürkraft des äſthetiſcen Sentiments in einen ſo rechtwinkeligen, unvermiſchten Charakter wie Anhorſt hinübertragen? Er ſchämte ſich, die alte Me⸗ lodie zu variiren: Bleibe bei mir, Max! und darauf lief ſeine Re⸗ gung doch wohl allein hinaus. Es war faſt rührend, wie Anhorſt am Vorabend ſeines Auszugs mit einem langen ſtarken Mann vor das 348 Blockhaus gerückt kam, Moorfelden verſicherte, das ſei weit und breit der zuverläſſigſte„Knecht“, den er auftreiben gekonnt, und nun treu⸗ herzig überzeugt war, er habe ſeinen Remplaçant geſtellt! Da blieb denn unſerm Freunde nichts weiter übrig, als dem braven Geſellen glückliche Reiſe zu wünſchen und nur ſchüchtern hinzuzuſetzen, wenn er etwa in Detroit ſchon guten Abſatz fände, ſo möge er für diesmal nicht weiter ſchweifen und hübſch bald wieder heimkehren. Das ver⸗ ſprach Anhorſt und ging. Moorfeld ſtand jetzt in ſeiner Waldhütte allein. Es fehlte wenig, daß die Schauer des erſten Momentes von Neuem über ihn her⸗ fielen. Die nächſten Tage und Stunden brachten ihm ganz das bodenloſe Gefühl der Fremde wieder zurück. Wie flüchtiger Goldſchaum ging von den Dingen ſeiner Umgebung der Hauch der Gewohnheit hinweg, woran er noch allzu zart gehaftet. Beſtürzt wurde Moorfeld inne, daß er nicht mit Einem Ruck, wie er ſchon gewähnt, Herr ſeiner Situation geworden:— nein! ſein Zuſtand war wie das Treiben in einer Meerenge, und Anprall und Widerprall ertremer Stimmungen mußte noch lange hin und her zerren an ihm, bis ihm feſte Richtung gewonnen war. Wer freilich die äußere Lage Moorfeld's in dieſen Tagen betrach⸗ tete, der hätte leicht in einen Spiegel der ſeeligſten Idylle zu ſchauen geglaubt. Von dem Theater⸗Apparat des ſogenannten„angenehmen Lebens“ fehlt wenig oder nichts. Eine elegante Doppelflinte,— ein ſtattliches Reitpferd,— ein Waldrevier hinter dem Hauſe, in welchem unſer Backwood⸗Baron nicht nur das Jagdrecht, ſondern— nach der pfiffigen Verſion eines modernen Junker⸗Anwalts— ganz eigentlich die Jagdpflicht hatte, denn ſein Wildſtand war vor Allem reich an Eichhörnchen, welche, wie wir gehört, eine Landplage des amerika⸗ niſchen Farmers ſind. An dieſer Jagdpflicht konnte unſer Held in Amerika hier vollauf zum Ritter werden. Daneben konnte er mit Cirkel und Winkelmaß in der Hand Baupläne entwerfen, Felder, Gärten, Häuſer und Dörfer abmeſſen, Straßen bahnen, Parks ein⸗ hegen, kurz das Bewußtſein des Grundbeſitzes in tauſend hübſchen Faltenwürfen ſich umlegen und zwiſchen Project und Spiel angenehme Halbträume träumen. Dürſtete er nach den Wonnen dichteriſchen Schaffens— hing nicht das Abendlicht wie eine goldene Harfe dort breit treu⸗ blieb ſellen n er esmal ver⸗ venig, her⸗ das haum nheit orfeld ſeiner en in ungen htung rach⸗ auen hmen jein llchem nach intlich ch an erika⸗ ſd in r mit elder, ein⸗ ſchen ehme ſchen dort 349 auf dem Rieſenwipfel der Wheymouthtanne, dieſer Lurley der Pflanzen⸗ welt, griffen nicht Morgennebel mit oſſianiſchen Geiſterarmen durch das Gezack der windungsreichen Lebenseiche, ließ nicht der Mond an weißen Birkenſtämmen ſein bleiches Silberlicht hängen, zog nicht ein myſtiſches, wehmüthiges Elfengeflüſter durch die zitternden Grasreſpen der Prairie, und ſprach nicht rings um ihn her die große freie Wild⸗ niß das Wort aus, das ein fühlender Menſch nur nachzuſprechen braucht, um langen Reihen von Geſchlechtern und Zeiten unvergeßlich zu bleiben? Ja, die Scene ſtand. Aber wenn die gefangene Königin ihre fühlende Kennedy auf Augenblicke bei Seite ſetzt, um nach Wind und Wolken ihre Arme zu breiten, ſo eilte hier der Geſellſchafter von Wind und Wolken, von Bäumen und Graswogen wieder und wieder ans Schreibpult in die Arme eines Menſchen, ſelbſt eines abweſenden, und aus dem Tiefſten heraus ſchrieb er an Benthal einſt das Wort nieder: Ich bin nicht einſam hier, ſondern nullſam!— In der That, ſo war es geworden. Moorfeld ſaß in ſeinem Ur⸗ walde und ſein liebſtes Urwalds⸗Vergnügen war— ſein Schreiben an Benthal! Es verging kein Tag, kaum eine Stunde, daß er nicht ſchrieb. Eine Unzahl von Blättern und Blättchen datirt aus dieſer verhältnißmäßig ſo kurzen Spanne Zeit. Wir können ſie unmöglich ſo wie ſie liegen mittheilen: denn wer ſollte ſich nicht wiederholen, wer, der ſo gährend und gierig in ſich hineinlebt, ſollte ein Gedächtniß dafür haben können, was er geſchrieben, wie er's geſchrieben, wie oft dieſelbe Welle an die nämliche Stelle zurückrollte? Und doch lebt Moorfeld nach außen hin ein ſo ſpurloſes, ſtillſtehendes Leben jetzt, daß wir, da es einen fortlaufenden Erzählungsfaden nicht zuläßt, gerne in jene Blätter zurück greifen werden, um Figur und Farbe dieſer Tage uns bildlich zu machen. Freilich wird dazu nur die kleinſte Auswahl genügen, wenige werden die Dienſte aller thun, und indem wir die äußere und innere Landſchaft unſeres Einſiedlers nur an einzelnen Punkten beleuchten, wird Gemüth und Fantaſie es nicht als Abbruch, ſondern als ſein Recht empfinden, die dazwiſchen⸗ liegenden Parthien ſelbſtthätig zu beleben. Vor Allem wollen wir Denen, welche im Handeln, nicht im Empfinden Heil ſehen, Bericht davon geben, daß Moorfeld nicht in „ſchöner Muße“ allein ſeinen Genuß ſuchte. Der Nothſchrei des — 350— Fiebers erſcholl jetzt im Lande, und unſer Held trug zwar einen adop⸗ tirten Namen, doch ſein Dr. nicht umſonſt davor. Unaufgefordert bot er Nahen und Fernen Hilfe. Leider werden wir belehrt, daß auch die That des Thätigen nicht Zufriedenheit gibt, wo der Boden fehlt, das Schöne ſchön zu empfangen. Beginnen wir in ſeinen Aufzeichnungen unſre Leſe: Es iſt Hochſommer, das ganze Land liegt im Fieber. Ich reite weit und breit herum und bin, wie man ſagt, nützlich. Aber ich habe keine Freude daran. Der Amerikaner verſteht den europäiſchen„Ret⸗ tungsengel“ nicht. Er honorirt ihn mit ſeinen Dollars, und wenn's der Engel ausſchlägt, ſo hält er ihn für einen Simpel. Oder es kommen die giftigen Kannegießer und Mediſance⸗Pächter, die auch bei der dünnſten Urwaldsbevölkerung in dieſem Claquen⸗ und Cliquen⸗ lande nicht fehlen, die ſtecken die Köpfe zuſammen und munkeln: Was will der Kerl? gebt Acht, der will was. Er macht Partei für die Dütchmens, er iſt ein Papiſt, er bringt die Cholera in's Land und ähnlichen Unſinn. Und dann— hab' ich am Ende doch die Arzneikunſt verlaſſen, weil ich Poet bin und der Anblick der lei⸗ denden Materie den Geiſt zu Boden drückt, ſtatt ihn zu erheben. Bin ich nach Amerika gegangen, um dunſtige Bettdecken aufzuheben und belegte Zungen zu ſehen,— dieſelben Zungen, deren geübteſte Muskelbewegung das„damn'd Dutchman“ iſt? So komme ich oft Abends nach Hauſe— mit einem langen Schatten⸗Queue von Me⸗ lancholie hinter mir her, ich könnte zehn Schlemihls damit verſorgen und bin am Ende ſelbſt einer.— Das iſt deutlich. Aber vollends ins Zerrbild gezogen fand Moor⸗ feld den Werth ſeines guten Willens, wenn er auf demſelben Gebiete frivolſtem und frevelhafteſtem Unwerth begegnete und die Affenliebe amerikaniſcher National⸗Eitelkeit kein Hehl hatte, was für ein Prinzip ſie hielt und begünſtigte. Wir leſen: Am Krankenbette Mr. Gull's, des County⸗Clerks zu New Lisbon traf ich heute mit einem wandernden Arzte zuſammen. Zur Zeit der Fieber ſind nämlich die Schüler Aeskulap's hier Landes ſtark unterwegs, indem ſie in dünn bevölkerten Strichen von Farm zu Farm, von Städt⸗ ot er hdie reite habe Ret⸗ enn's er es h bei quen⸗ keln: Partei a in's e doch r lei⸗ heben. heben ibteſte ih oſt Me⸗ rſorgen Moor⸗ gebiete enlebe Prinziy Lisbon eit der rwegs/ Süͤdt⸗ — 351— chen zu Städtchen ziehen und den geſteigerten Bedarf bei äußerſt unzu⸗ reichender Local⸗Deckung durch das Syſtem der Ambulance befriedigen. Gerechter Gott, was nennt ſich hier Arzt! Ich ſah einen Burſchen vor mir mit einem Buſineß⸗Geſicht, wie man ſie, die Hand in der Hoſen⸗ taſche, den Yankee⸗Doodle⸗Pfiff auf den Lippen, beim Wollballen, beim Pferdehandel, bei der Mock⸗Auction, kurz in allen Branchen der Dollar⸗ Macherei ſtereotyp findet. Ein Ausdruck von Leichtſinn und Unverſchämt⸗ heit lag auf dieſem Geſichte, der mich ſchaudern machte. Die Art, wie ſich der Menſch um den Zuſtand des Kranken erkundigte, verrieth mir, daß er die mediciniſchen Kenntniſſe ungefähr ſo beſaß, wie ein Bücher⸗ verleiher die Literatur-⸗Kenntniß. Es waren leere Repräſentations⸗ Fragen, womit er ein Viertelſtündchen ausfüllte, um ſodann eine exorbitante Doſis China zu verordnen, welches Medicament er aus ſeiner mithabenden Apotheke in möglichſt großen Quantitäten gegen möglichſt viele Dollars zu verabfolgen, offenbar für ſeinen Hauptberuf hielt. Ich ſah dem Treiben in laienhafter Verwunderung zu. Noch hatte ich keinen Begriff von dem ganzen Umfange der Schlechtigkeit, deren Verkörperung vor mir ſtand. Beim Anblicke ſeiner Chinarinde, die überdies zu der ſchlechteſten Sorte gehörte, bemerkte ich daher,— bloß auf die Empfehlung und Ausbreitung des Guten bedacht— daß ſich Amerika, wo dieſes Medicament eine ſo große Rolle ſpiele, mehr und mehr den Gebrauch des Chinins aneignen ſollte. Es ſei frei⸗ lich eine theure Arzenei, aber man erſpare dem Kranken die Ver⸗ dauung vieler nutzloſer Stoffe, indem man die größere Maſſe der Chinagabe auf das Volumen des eigentlich Wirkſamen reducire, auch ſetze Chinin uns in den Stand, mit genau beſtimmbaren Gewichts⸗ mengen auf den Körper zu wirken, während in demſelben Gewichte der Chinarinde ſehr wechſelnde Mengen des wirkſamen Stoffes vor⸗ handen ſeien.— Der Humbuger erblickte mit einiger Beſtürzung einen Fachmann in ſeinem Bereich, faßte ſich aber ſogleich und antwortete ſchnell: Ganz Ihrer Meinung, ganz Ihr Meinung, Herr Collega; nichts über Chinin, ja wohl, Chinin,— good, very good! ganz Ihrer Meinung. Aber, ſetzte er mit gedämpfter Stimme, mich an das Fenſter ziehend, hinzu— verdammter Unſinn wär's, Miſter, für mehr Geld weniger Arzenei zu bieten. Die Leute wollen das Maul recht voll. Ich entzog mich kalt dieſer empörenden Vertraulichkeit und 352 ſprach von der Würde der Therapie. Ueberdies, fuhr ich fort,— denn meine Beobachtung des Kranken hatte mir inzwiſchen ſehr deut⸗ liche diagnoſtiſche Reſultate geliefert,— überdies ſollte es ſcheinen, daß hier vor allem Anderen Aderläſſe indicirt ſeien, welche bei der hohen Expanſion des Blutes, den gewaltigen congeſtiven und entzündlichen Affectionen, ſowie der bedeutenden Hirnerregung, deren Symptome wir offenbar vor uns haben, jedenfalls der China vorauszugehen hätten, wenn anders von einer rationellen Behandlung die Rede ſein ſollte.— Gewiß, gewiß, antwortete der Aeskulap ſo raſch und heimlich, wie zuvor, aber die Leute hier glauben, nur das Geben curire, nicht das Nehmen. Und lauter ſetzte er in einem ganz andern Tone hinzu: Ich habe über Blutentziehung meine eigenen Anſichten’, mein Herr. Blut iſt der Träger der Lebenskraft, wie wir wiſſen; das Heilbeſtreben der Natur liegt vorzüglich im Blute, es äußert ſich am kräftigſten und wirkſamſten durch dieſes. Mit welchen Waffen ſollte die Natur den Krankheits⸗Dämon bekämpfen, wenn nicht mit dem Blute? Das Blut iſt gewiſſermaßen das ganze active Ver⸗ mögen der Natur; um dem Bankrott, d. h. dem Tode zu entgehen, kann ſie die Paſſiva, d. h. die Krankheit nur allein aus der Blut⸗ maſſe decken. Das iſt klar. Auch wiſſen wir ja, daß die neueren Schriftſteller unſrer Wiſſenſchaft von der Theorie der Blutentziehung mehr und mehr zurückkommen.— Mir ſtand der Verſtand ſtill. In der Verlegenheit, daß Worte nicht Haſelſtöcke ſeien, fehlte mir einen Augenblick lang das Wort. Einzig im Intereſſe des Kranken verſchonte ich ihn mit einer Scene, die er verdiente, und beſchränkte mich darauf, mit äußerſter Kälte zu antworten: Was immer der Werth des Blutes ſei, es ſei zunächſt werth, daß der Heilkünſtler es kennen lerne. Was neuere Schriftſteller über Aderläſſe in remittirenden Fiebern ſagen, empfehle ich ihm nachzuleſen bei Shapter, bei Irvine und Burnett, bei Esmarſch in Hufeland's Journal, Band ſechsundſiebenzig, Heft ſechs, Bericht über die Marſch⸗Epidemien zu Eiderſtädt aus den Jahren achtzehnhundert ſiebenundzwanzig bis neunundzwanzig, was hof⸗ fentlich„neu“ heißen wird. Dieſe neueren Autoritäten hätten den lethalen Verlauf des Fiebers nur durch Oeffnen der Adern verhindert, Burnett ſelbſt durch die der Arteria temporalis.— Der Papagei plapperte ſogleich, wie folgt: Arteria temporalis; ja, ja, ich kenne ſie wohl 353 die Arteria temporalis. Aber ich rathe, mein Herr, die zeitliche(I!) Arterie würde bald eine ewige ſein, wenn ich ſie öffnete. Darum nenn' ich auch die Dinge beim rechten Namen und nicht lateiniſch. Ich verſchmähe es, mein Herr, vor Laien lateiniſche Ausdrücke zu ge⸗ brauchen, ſei's in Wörtern, oder in ganzen Phraſen; ich halte es für unpaſſend, für gelehrtes Uebernehmen. Sonſt bediene ich mich wohl auch dieſer Sprache der Wiſſenſchaft, und zwar ſo gut als Einer, aber aufrichtig geſagt— nunquam opinavi, ut lingua latinum aliquot est, quod maladum potest sanare. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, wie wir noch weiter aus einander kamen, und wie ich meine Pflicht, Diebſtahl und Meuchelmord vom Hauſe des Mr. Gull abzuhalten, zu erfüllen beſtrebt war. Es ge⸗ lang mir nicht einmal. Frau, Töchter und ein Sohn ließen mich nicht undeutlich merken, zu welcher Partei ſie ſtanden, denn der Ruf des Doctors Meakhead ſei ja ein weltbekannter, und man habe längſt gewünſcht, er möchte in hieſiger Gegend ſich bleibend niederlaſſen, was, wenn auch vielleicht nicht ſo lucrativ für ihn, doch für die Wiſſen⸗ ſchaft deſto wünſchenswerther ſei, denn bei einem ſtätigen home(eine der Miſſes errröthete), könnte er mit mehr Bequemlichkeit als jetzt „Lehrlinge“ annehmen und ſeine Kunſt weiter verbreiten. Alſo dieſer Menſch wird noch„Lehrlinge“ annehmen! Nun, ich bin ja ruhig. Denn viele Dinge können Einen hier verwirren und in Widerſpruch ſetzen; aber der blanke einfache Todtſchlag iſt bis zur Erquickung faßlich. Und ſiehe! jetzt weiß ich auch, warum die Ein⸗ wanderung nach Amerika im Plane der Verſehung liegen muß. Ohne ſie würden die Amerikaner innerhalb einer Generation von ihren Aerzten ausgerottet ſein. Du kannſt mir dieſen Satz keck nachſchreiben, wenn Du wieder über Amerika ſchreibſt. Sogar durchſchoſſen, oder mit fetter Schrift. Ich verantworte ihn. Wir finden es gewiß menſchlich, wenn Moorfeld den Beigeſchmack der Betiſe, der unter dieſen Umſtänden ſeinen ärztlichen Tugend⸗ Uebungen beiwohnt, nicht beſeligend genug findet, um ihn— quand méme! zu ſuchen. Dieſe Art Thätigkeit war ihm verleidet. Er zieht ſich wieder dumpf auf ſich ſelbſt zurück, oder widmet die beſſeren Kräfte ſeines Herzens faſt ausſchließlich auf ſeine„Flucht nach Aegypten“. ——— — 3651— So nenne ich nämlich— ſchreibt er— die kleine weſtphäliſche Familie des Vaters Ermar. In der That, Annette iſt wie ein weib⸗ liches Jeſus⸗Kindlein, ihre Eltern entfernen ſich nicht allzuſehr von einem Joſeph⸗ und Maria⸗Modell und auf der Flucht ſind ſie auch, denn es liegt ein ſo elegiſcher, heimatsloſer Hauch über dieſem Hauſe — Du ſollteſt dieſe Luft hier athmen! Man ſieht den Deutſchen überhaupt nur in zwei Formen diesſeits des Oceans: entweder Rene⸗ gaten⸗Fratze, hyper⸗yankeeſirt, oder— „Und es gewöhnt ſich nicht mein Geiſt hieher!“ Zeitloſe Herbſtwieſen⸗Blumen, auch unter dem fließendſten Sonnen⸗ ſtrahl von der Ahnung durchſchauert: wir ſind der Vergänglichkeit geweiht, wir gehören nicht in die Welt! Aus dieſer Flora ſind meine Weſtphälier. Der Mann hält an ſich, ſtockt und trotzt. So viel ich errathe, hat er ſchwere Verluſte erlitten, iſt viel betrogen worden; aber keinen Augenblick öffnet er den Mund zu klagen darüber. Nicht den Yan⸗ kee's ſchreibt er's zu, ſich ſelbſt. Er fordert ohne Weiteres von ſich, er hätte als Mann den„Bubenliſten“ gewachſen ſein ſollen. Daß die Büberei ein großes ausgebildetes Syſtem, daß ſie„Induſtrie“ iſt, darüber fehlt ihm jede Anſchauung. Er ſieht nur den einzelnen Clerk, den einzelnen Mäkler. Mann gegen Mann, meint er, ſei Alles gekommen. So liegt er offenbar noch gegenwärtig in den Netzen der Blutſauger, ohne es zu wiſſen, ja, ohne es wiſſen zu wollen. Sein Farm iſt hundert Acres groß, die er ſcheinbar zu einem billigen Preis überkommen. Aber nur zehn davon ſind geklärtes Land, die übrigen neunzig Waldboden. Denn das iſt einer jener un⸗ zähligen Kunſtgriffe der Land⸗Jobberei, eine kleine Parcelle urbaren Bodens nie appart zu verkaufen, ſondern ſtets mit einem großen Zu⸗ ſchlag von Waldboden. Nach geklärten Parcellen aber geizt Jeder⸗ mann, da das Klären ein furchtbares, Geſundheit⸗erſchütterndes und bei verfehltem Erfolg oft die Exiſtenz einer ganzen Familie gefährdendes Unternehmen iſt. So hat nun Ermar von ſeinen zehn urbaren Acres nicht nur ſeinen Lebensunterhalt zu ziehen, ſondern auch die Zinſen für die neunzig übrigen Acres aufzubringen, und der übliche Zinsfuß iſt hier 12 bis 20 Procent! Sein Kaufcontract aber lautet ſo, daß 35⁵ er Theile des Grundſtückes nicht wiederverkaufen kann, bis das Ganze bezahlt iſt, ſelbſt wenn ihm eben dazu der Erlös mehr als reichlich verhülfe. Es bleibt ihm alſo nichts übrig, als die neunzig Waldboden⸗Acres nach und nach abzuklären und aus ihrem Ertrag den Kaufſchilling zu tilgen, wenn er ihn als Zins nicht zehn⸗ oder hundertfach inzwiſchen zahlen will. Das Klären geht aber ſo leicht nicht ohne fremde Beihilfe, und dieſe unterliegt gleichfalls wieder den Manövres der Landſpeculanten. Denn kaum iſt ein Knecht oder viel⸗ mehr„hand“ auf ſolch eine Hofſtelle zugezogen, ſo währt es nicht lange und irgend ein unſchuldiges Ding, das ein wandernder Hauſirer, Arzt, ſogar Seelſorger zu ſein ſcheint, in Wahrheit aber ein Agent der allgegenwärtigen Landſpeculation iſt,— ein ſolcher Emiſſär ſpricht dann auf dem Hofe ein, nimmt den Knecht bei Seite, was er doch für ein Thor ſei, auf dem freien Boden Amerika's in einem Dienſt⸗ verhältniſſe zu leben, er könne ſein eigener Herr ſein, man wiſſe ihm hier und dort eine hübſche Location, Geld brauche er nicht, der Boden überfließe von Fruchtbarkeit, er könne ſchon mit den erſten Ernten den Kaufſchilling herausſchlagen, u. ſ. w. u. ſ. w. Der Unſelbſtſtändige geht natürlich mit Freuden in dieſe Falle der Selbſtſtändigkeit, läßt ſich einen geſchickt geknüpften Kaufcontract über den Kopf netzen und iſt nun kein Knecht mehr,— nämlich kein Farmersknecht, ſondern ein Frohnknecht der Landcapitaliſten. So beſtocken dieſe Vampyre weite Landſtrecken mit ſogenannten freien Grundbeſitzern, die aber Alle ihre gedrückteſten Leibeigenen ſind. In dieſem Syſteme von Exploitation iſt nun auch mein ſteinſtarrer Weſtphale befangen. Er fühlt, daß ihm der Genuß des Lebens dabei fehlt, daß er mit eiſernem Fleiß nicht von der Stelle rückt; aber er meint, er könne immer noch eiſer⸗ ner ſein.„Da ſtehe der Mann vor! bete und arbeite!“ ſagt er, und das Uebrige ſperrt er in ſich hinein und keine Seele hat Schloß und Riegel dazu. Es iſt etwas Thurmhaftes um den echt deutſchen Mann, um ſeinen Selbſtbegriff, um ſeine Forderung an ſich, und— um ſeine Beſchränktheit! Der Mann zieht mich an in ſeinem Cha⸗ rakter; aber will ich wirken auf ihn, ſo kann ich's nur durch die Frau. Ich ſtrebe nämlich darnach, die Lage dieſer Familie, laß mich den knuffigen Ausdruck gebrauchen— zu entamerikanern. Zu⸗ nächſt handelt es ſich darum, das Grundſtück frei zu zahlen, was — 356— eigentlich keine Aufgabe iſt. Da es aber dann aus einem zehrenden erſt in ein müſſiges Capital verwandelt iſt, ſo handelt es ſich ferner darum, ihm einige tüchtige und vorzüglich treue Knechte zu werben, die es ihm klären helfen. Dazu kannſt Du vielleicht Hand bieten. Und endlich kommt es darauf an, ihn zu bewegen, das Alles— an⸗ zunehmen. Hier liegt wahrſcheinlich die unüberwindlichſte Schwierigkeit. Er wird ſtolz genug ſein, einen Vorſchuß zurückzuweiſen, er wird eigenſinnig genug ſein, Knechten, die er nicht ſelbſt gewählt hat, zu mißtrauen, ja, den ganzen Wirthſchaftsplan, den er nicht ſelbſt erzeugt hat, kurzweg abzulehnen. Hierin hab' ich es nun mit der Frau. Sie ſoll mir helfen ihn vorzubereiten, ihn zugänglich zu machen. Die Frau iſt über dieſe Sachen vernünftig, wie in der Regel die Frauen, nur fehlt es ihr faſt gänzlich an Selbſtſtändigkeit. Auch glaube ich ihr tiefer auf der Seele Grund zu ſchauen und— dieſe Seele iſt mit ihren zarteſten und feſteſten Faſern noch in Deutſchland. Sie erſchrickt eigentlich vor meinem Projecte. Es thut ihr weh, mit dieſem Boden ſich tiefer einzulaſſen. Ihr Verſtand möchte wohl, aber das Herz dazu fehlt. Dieſer Zug nach der Heimat iſt's, was mich auch an dem Kinde, an der kleinen Annette, rührt. Natürlich, daß ſie die Heimath nur unter dem Symbol des— Spielzeugs in ſich trägt. Ihr Spielzeug aber waren Blumen. Sie hatte„zu Hauſe“ ein paar Ellen Gartenland, das ihre„Grafſchaft“ hieß, und das, ſo oft ſie den Eltern eine beſon⸗ dere Freude gemacht, um ein paar Spannen vergrößert wurde. Die Grafſchaft avancirte nach und nach zum Fürſtenthum, Großfürſten⸗ thum, Herzog⸗ und Großherzogthum, und eben war es daran, König⸗ reich zu werden, als„der Hof“ verkauft wurde und ſie ans große Waſſer reisten. In dieſem ſchnell entwickelten Staatsgebiete nun zog ſie Blumen. Wenn ſie darauf zu ſprechen kommt, ſo glaubt man einen Fürſten zu hören, der ſeine Souveränetät verloren. Ich finde ſie auffallend bewandert in dem Bereiche der Botanik, das ſie dabei umſpannte. Sie zeigt einen fein unterſcheidenden und individualiſiren⸗ den Sinn für dieſe Seite des Naturlebens, ſie ſcheint ihre Blumen⸗ Stöcke und ⸗Büſche mit einer Aufmerkſamkeit, ich möchte ſagen mit einer Geſchwiſterlichkeit gehegt zu haben, wie ich es einer kleinen Annette auch tauſendmal eher glaube, als einer heirathsfähigen Sa⸗ enden erner rben, eten. an⸗ gkeit. wird t, zu zeugt Frau. Die auen, be ich gle iſt Sie dieſem r das Kinde, unter aber nland, beſon⸗ Die ürſten⸗ König⸗ hroße in z09 t man fide dabei iſiren⸗ umen⸗ n mit kleinen Sa⸗ 2357 kontala. Wohlan, ihre Grafſchaft kann ſie freilich hier wieder haben, aber ihre Blumen nicht mehr. Die ſind ihr verwandelt in fremde, duft⸗ und gemüthloſe Schauſtücke, die keinen Anſpruch an ihre frü⸗ here Liebe haben. Als ſie mir zum Erſtenmale dieſes Leid klagte— doch nein! ich kann nicht einmal ſagen, daß ſie klagte; ſie ſprach bloß von Unterſchieden, ſie contraſtirte bloß, nach ihrer Art, die deutſche und die amerikaniſche Flora: aber die Wahl ihrer Ausdrücke, die Mittel, ſich deutlich zu machen, Ton, Mimik, die ganze Schwingung ihres Naturgefühls gab einen ſo elegiſchen Klang, daß mich die bitterſte Wehmuth dabei ergriff.„Das iſt ein Taubenkropf, hier ſteht Hartheu, dort Schafgarbe, dort Weidenröschen am Sumpfrand der Wieſe; aber ſehen Sie, wie verelendert das Alles am Boden kriecht! Und wie ſie bei uns zu Hauſe in die Luft wachſen! Es iſt wie eine Schule, wo die Einen in der Strafe ſtehen, die Anderen haben Fleiß⸗ zeichen bekommen und ſind luſtig.“—„Haben Sie im Frühling den Goldlack geſehen? Er riecht nicht und hat auch kein Gold; er iſt bleich und garſtig— wie ein Spielzeug, von dem die kleinen Kinder die Farben abgeleckt haben.“ So ſteht ſie, wie eine Heliotrope nach der Sonne ihrer Heimath gewendet, verliert kein Wort der Sehnſucht, und iſt nichts als die Sehnſucht verkörpert. Ein Blumenkelch voll ungeweinter Thränen! Das Kind geht vor mir herum, wie eine Monade von mir. Nicht Muskel, Nervengeiſt. Reines, paſſives Gefühl deſſen, was bei uns als Be⸗ wußtſein, als Geiſt⸗ und Leibeskraft ſeine Wellen ſchlägt. Welch ein Zauber, dieſes beſcheidene, unſchuldige Leiden! Wir beflecken mit unſerm Haß die Welt, die unſere Ideale befleckt. Dieſes Kind— laß mich den neuen Ausdruck gebrauchen— haßt platoniſch, wie man pla⸗ toniſch liebt, d. h. ſie erwidert das Häßliche nicht, ſie empfindet es bloß. Ich nenne ſie mein Schweſterchen, da ich ſie nicht meine Monade oder Pſyche nennen kann. Sie ſollte mich Bruder nennen. Das ging dem weſtphäliſchen Hartkopf erſt nicht ein, zuletzt erreichte ich doch, daß ſie mich Herr Bruder nennen darf. Die Hauptſache iſt, daß wir uns dutzen. Ich kann mich von der Vignette meines eignen Ich nicht„Sie“, oder gar„Herr Doctor“ anreden laſſen. D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 24 358 Mein braver Anhorſt! Was er mir dieſen Knecht, den Schottlän⸗ der Adin Ballan, mit Sorgfalt ausgeſucht hat! Und wie undankbar bin ich! Der Mann iſt fleißig, nüchtern, treu, wachſam, exemplariſch bis zur naturhiſtoriſchen Merkwürdigkeit. Seine Tugenden gehen wie eine Uhr. Er hat keine Bedürfniſſe, keine Wünſche, keine Genüſſe,— man kann ihn mit nichts glücklich machen. Ein Primchen Tabak, ein Quart Cider und geröſteter Speck— für dieſen Preis hält er die Erde aus. Das iſt heute wie morgen der Uhrſchlüſſel womit er auf⸗ gezogen wird. Nichts drüber. Nie! Meine feinen Rumflaſchen könn⸗ ten eben ſo gut mit Sand gefüllt ſein. Wie oft bot ich ihm davon, in der Abſicht ihm die Zunge zu löſen, denn er iſt zu ſeinen übrigen Tugend⸗Laſtern ſo geſprächig wie ein Fiſchteich. Umſonſt. Selbſt in Geſellſchaft hält er nicht mit. Unlängſt hatte ich den Tiſchler Rapp zu einer Powle Punſch gebeten, und ihn ein paar wackre Bekannte mitnehmen laſſen. Wir waren aufgeweckt, wie das Salz der Erde; mein Ballan aber trank ſein Quart Cider, und abſolut nichts weiter. Er iſt nicht Temperance⸗Mann, er bildet ſich keine Krankheit ein, die Enthaltſamkeit iſt eine Art Monomanie bei ihm. Er iſt ein Mann in den mittleren Jahren, hat einen Sohn in den Kohlengruben von Newcaſtle verloren und ſeine Frau auf der Ueberfahrt. Unglück ge⸗ nug, um eine Anlage zur Melancholie auszubilden. Er iſt aber auch nicht melancholiſch. Möglich, daß er es war und auch dieſes Stadium ſchon überwunden hat; wenigſtens kannt' ich als Knabe einen Sieben⸗ bürger Sachſen, der im Hauſe meiner Eltern öfter von ſeinen trau⸗ rigen Lebensſchickſalen erzählte, und ſtets damit ſchloß, wie gefaßt er ſei, und wie chriſtlich er überwunden habe. Ich erinnere mich deut⸗ lich, wie peinlich mir der Mann war. Daß man nach ſeinen Schick⸗ ſalen anſtatt wahnſinnig oder todt zu ſein, mit Leinwand handeln könne, verwirrte und demüthigte mein eigenes Menſch⸗Bewußtſein. Bei meinem Schotten ſpeculirte ich Anfangs auf Oſſian und alte Balladen— es war mein craſſeſter Fehlſchuß, den ich gethan. Er ſagte, in ſeiner Jugend habe er wohl zum Dudelſack geſungen. Er ſagt' es mit einem Ton, als ob ohne Jugend und Dudelſack ſo wenig Schall im Menſchen, wie in einem ausgeweideten Leib. Auch meine Geige macht ihm keinen Eindruck. Es ſcheint, Muſik ſind ihm nur die ſchrillen, ſchnarrenden Klangfarben— Klarinett, Dudelſack. Welch ei lic hottlän⸗ dankbar plariſch hen wie ſſe,— dai, ein er die er auf⸗ n könn⸗ davon, übrigen elbſt in r Rapp Bekannte Erde; weiter. ein, die Mann hen von lück ge⸗ er auch ttadium Sieben⸗ en trau⸗ ffaßt er h deut⸗ Schick⸗ handeln ußtſein. nd alte n. Er e. Er wenig meine hm nur Welch — 359— ein Geſellſchafter für mich! Der brave Anhorſt! Hätt' er mir einen lider⸗ lichen aber luſtigen Irländer zugebracht,— meine Rumflaſchen wür⸗ den leerer, aber meine Einſamkeit voller. Welch eine Geſellſchaft! ⸗ Und wenn ich nun Nachts im Bette liege und aufwache und mich beſinne, ich bin in Amerika, dem Lande meiner langen, alten Sehnſucht, ſo komme ich mir vor— wie eine ägyptiſche Mumie, die unter Mehmet Ali die Augen aufſchlägt! Seit ich in den Hafen von New⸗ vork einlief, dünkt es mir Jahrtauſende und doch— wenn ich einen tüchtigen Brocken, einen guten Schluck Lebensgefühl haben will, kann ich nur daran anknüpfen, und Alles dazwiſchen liegende iſt ſo ver⸗ dünnt! ſo unſättlich! Wenigſtens in der hohen Erregbarkeit einer ſchlafloſen Nacht. Ja, mitten in der Finſterniß, wo ich nichts ſehe, empfinde ich die Fremde noch weit empfindlicher, als am hellen, bilder⸗ vollen Tage. Die feineren Sinne kommen dann in's Spiel. Denn das iſt richtig, die Nacht hat ihren Geruch, ihre Aeuſtik, wie der Tag; nur ſind die Sinne dafür ſchärfer, etwa wie die eines Blinden. Wach' ich in Europa aus dem Schlafe auf: ein bellender Hund— ein Hahnſchrei— ein Flämmchen im Nachbarhauſe,— ein Poſthorn auf der Landſtraße— den claſſiſchen Nachtwächter nicht zu vergeſſen,— das Alles hat ſeine eigene, dem Gemüth feſt verwachſene Staffage. So athmen, wie bekannt, auch die Pflanzen ſtärker des Nachts, und der eigenthümliche Geruch eines ganzen Landes, ja Welttheils, kann nur in der Nacht vernommen werden. Es geht ein ſchwärmeriſcher Zug durch die europäiſchen Nächte, eine zaubervolle, geiſtige Hell⸗ ſeherei,— was ſind ſie denn ſonſt, die Elfen, als dieſe ſpielenden körpergewichtsloſen Regungen? Hier dehnt die Nacht nicht aus, ſie drückt zuſammen, iſt kalt— ſchrill— hart. In meinem Kamin bläst ſich eine Kröte auf, in den Wandſpalten des Blockhauſes klemmt ſich eine Natter ein und pfeift in Todesangſt,— das ſind die Nachttöne, die mich hier wecken. Ich ſtiere zur Fenſterlucke hinaus, ob die Sonne Homers ſchon komme oder die roſenfingerige Eos, und im Finſtern, ſtatt kühlender, weich⸗wehender Lindenſchatten, glotzen mich verkohlte Baumſtrünke an. Und nebenan ſchläft mir der Schottländer, und träumt von dem erſtickten Sohn im Kohlenſchacht und von der ver⸗ 24* 360 ſenkten Leiche ſeines Weibes am Meeresgrunde, wacht auf, und— ſchweigt! Ach! ich werde Opiate nehmen müſſen. Dormi, che voi tu piu! Jetzt, nach der Erntezeit, wird's geſelliger. Für unſere Gegend iſt ein camp-meeting angeſagt, das allernächſt ſeinen Anfang nehmen ſoll. Auch die„Frolic's“ mehren ſich jetzt, d. h. Fröhlich⸗ oder Luſt⸗ barkeiten, namentlich in den deutſchen Bezirken. Zu einem ſolchen Frolic ritt ich vorgeſtern nach Pennſylvanien hinüber. Noch ſind mir alle Glieder zerſchlagen,— nicht nur des Leibes, der Seele noch mehr. Der Schauplatz der ländlichen Orgie war mitten in einem der wildeſten Waldſtriche, denn Wald und Wildniß ſtarrt noch überall, und ſelbſt nach kürzeſtem Aufenthalt in Amerika kommt man bald dahinter, daß die ſogenannten alten Culturſtaaten noch immer Einöden ſind, wogegen die rheiniſche Eifel, oder der ungariſche Bakonyerwald an wahrer Uebervölkerung leiden. Erſt hier im Hinterlande merkt man, was Newyork oder Boſton für große Lügen ſind,— ungefähr wie Petersburg und Odeſſa. Auch die Straßen,— man iſt bei mir zu Hauſe an der untern Theiß eben nicht verwöhnt in dieſem Artikel,— aber auf meinem ganzen Ritt fand ich keine einzige Wagenſpur. Wenn das keinen Schluß auf Geiſtescultur zuläßt, ſo gibt's keine Logik. Aber freilich, Geiſt zu ſehen, war ich nicht ausgeritten. Und ich fand ihn auch nicht. Gott iſt mein Zeuge! Das Erntefeſt ging in einer Kneipe vor ſich, zu der ein Kramladen gehörte— Store mit Privat-Entertainment. Da mir unterwegs weit und breit keine Bauernfuhr aufgeſtoßen, ſo ſchloß ich, daß der Spektakel ſchon ange⸗ fangen. Und ſo war es. Als ich mich dem Neſte näherte, ſchlug mir von Muſik und Stimmen ein Lärm daraus entgegen, der nicht mehr abſcheulicher ſein konnte. Die Leute hier haben eine Art zu jauchzen, ſo barbariſch, ſo fremdartig, daß ein Europäer ganz außer Faſſung geräth. Ich vermuthe, dieſe eigenthümlichen nicht zu definirenden Schreie ſind dem Kriegsgeheul der Indianer entlehnt. Wenigſtens findet man ſie durch ganz Amerika; auch jene Schiffsgeſellſchaft, die mich auf dem Susquehannah ſo unvergeßlich moleſtirte, ſtieß genau die nämlichen Mißtöne aus. Es iſt ein ſchrilles, blutrünſtiges Gellen, ind— 10 voi end iſt nehmen Luſt⸗ ſolchen nd mir mehr m der iberall, n bald einöden erwald merkt keine ange⸗ g mir mehr uchzen⸗ aſſung renden gſtens i, die genau ellen, wie von befriedigter Mordgier. Man begreift die Gemüther nicht, die den Naturlaut der Freude darin finden. An ſteieriſche Alpenjodler darf man nicht dabei denken. Die Waldherberge ſchwitzte aus allen Fugen vom Andrang eines verehrungswürdigen Publikums und weit und breit ſtanden die Equi⸗ pagen umher. Ich ſah bunt durcheinander Wagen und Karren, mit Pferden, Ochſen und Kühen beſpannt, dazwiſchen Fuhrwerke, von denen ſich die Schulweisheit eines Offenburger Stellmachers nichts träumen läßt. Ueber allen Ausdruck wild war aber der Anblick der Menſchen. Männer, Burſche, Knaben und Frauen wimmelten, kaum unterſcheid⸗ bar, in Anzügen umher, von denen ſich ſchwer eine Vorſtellung ma⸗ chen läßt. Ihre Röcke und Hoſen, ihre Mäntel und Jacken waren aus ſelbſtgewebtem Tuche ſelbſt zuſammengeſchneidert, mit Flicken und Flecken überſäet, von Farben oder Muſtern, was ſag' ich, oft von der Grundform des Kleides ſelbſt keine Spur. Kappen aus ſelbſtpräpa⸗ rirtem Pelze von wilden Katzen, ſelbſtverfertigte Schuhe aus wilden Thierhäuten, hohe Waſſerſtiefeln, indianiſche Mocaſſins, phrygiſche Mützen und Carbonari⸗Mäntel der jüngſten Emigration,— das Alles miſchte ſich zu einem ſinnverwirrenden Höllenbreughel untereinander. Die Geſichter blickten verwittert, verwildert, verthiert mitunter, und ließen mich häufig, unterſtützt zumal durch die zigeunerhafte Unbeſtimmt⸗ heit der Kleidungsſtücke, zwiſchen männlichen und weiblichen irren. Deſto merkwürdiger ſcharf zeichneten ſich die Nationalitäten. Der ſpintiſirende Amerikaner, der pflegmatiſche Deutſche, der heißköpfige Irländer wurden auf den erſten Blick herausgefunden. Eben ſo beſtimmt erkannte man die Neueingewanderten von den alten. Und da leugne noch Einer die transatlantiſche Entartung der Racen! Die geknechteten Europäer ſahen wie geiſtige Menſchen, die freien Amerikaner wie verdummte Heloten. Ich betrat den Tanz⸗Salon. Es war ein langer, ſchmaler Kaſten, rauh gediehlt, vierwändig⸗kahl und durch nichts ausgezeichnet, als durch die Art, wie das Orcheſter angebracht war. Das Orcheſter beſtand aus zwei Künſtlern, Onkel Tom und Onkel Jim, d. h. Negern, welche hier überall die Rolle der Dorfmuſikanten ſpielen. Aus Raumerſpar⸗ niß nun hatte man dieſes Götterpaar auf ihren Seſſeln, wie in Vogelbauern, oben an die Wand aufgehängt, indeß ihre verehrliche Beine über den Köpfen der Tänzer baumelten. Bei dieſem Anblick ergriff 362 mich eine Art ſatyriſche Begeiſterung; ich hätte für nichts in der Welt es unterlaſſen, auf dem Frolic jetzt mitzutanzen. Die deutſchen Far⸗ merstöchter waren gigantiſche Schönheiten: Roſen und Roſetten, ohne Zweifel, aber aus Stein gehauen, wie am Stephansthurm oder Straß⸗ burger Münſter. Ich forderte eine dieſer ziegelrothen Grazien auf, und tanzte— was? weiß ich bei Gott nicht! Die Aufgabe iſt gar nicht ſo leicht, Tact und Rythmus jener Valse americaine oder vielmehr africaine zu beſchreiben, die wir zu Banjo und Piccolo⸗Pfeife der zwei Neger hopsten. Doch brachte ich die Tour mit Ehren zu Ende, ein Beweis, daß ich viele Anlage zur— Barbarei habe. Ich ſuchte ſodann meine Schöne nach ſchwachen Kräften zu unterhalten, und bei der Gelegenheit möglichſt viel ethnographiſche Notizen einzuheimſen. Settchen war in Amerika geboren und verſtand doch kein Wort engliſch. Das machte mir Anfangs deutſchthümelnde Freude, die aber bald ge⸗ dämpft wurde. Denn ſie wußte auch von Deutſchland nicht mehr, als daß es hinter einem großen Waſſer liege, und Bremen die Hauptſtadt davon ſei. Auch wußte ſie noch, daß die„Deutſchländer“ nicht Einen König hätten, ſondern ſehr viele. Von der Schlacht von Leipzig aber wußte ſie nichts. Den Namen Napoleon hatte ſie nie gehört. Ich ſchauderte bei mir, indem ich an Annette dachte. Ich will Alles thun, das feine Kind vor ſolcher Verwilderung zu retten.— Deßungeachtet war Settchen zur Schule gegangen, und zwar, wie ich mit Erſtaunen hörte, beſuchen die Farmerskinder ihre Waldſchulen bis in das Alter hinauf, wo ſie heirathen, was faſt unmittelbar von der Schule weg geſchieht. Auch für die Burſchen gilt das. Freilich währt der Schul⸗ gang nur drei bis vier Monate im Jahre und die Lehrgegenſtände ſind einzig: Bibel und amerikaniſche Geſchichte. In letzterer war Settchen genau bewandert. Den Unabhängigkeitskrieg z. B. kannte ſie ſo im Detail, als ob jedes Vorpoſtengefecht wichtiger, als die Schlacht bei Leipzig geweſen wäre. Verdammte Prahlſucht dieſes Volks, das alle Geſchichte zu verachten affectirt, nur nicht ſein eigenes Geſchichtchen! Den deut⸗ ſchen General Steuben dagegen kannte ſie wieder nicht. So redigirt der Yankee ſeine Schulbücher! Ich knirſchte. Settchen knirſchte auch, aber in ihre Pics, was eine Art ſchlechter Obſtkuchen iſt, die ſie mit erſtaunlichem Appetite verzehrte. Dazu trank ſie Quantitäten von Cider, daß mir nichts übrig blieb als in ſtiller Andacht zu bewundern. er Welt n Far⸗ , ohne Straß⸗ nf, und nicht ſo ielmehr eife der Ende, ſuchte und bei immſen. engliſch. ald ge⸗ ehr, als uptſtadt Einen ig aber t. Jch thun, geachtet ſtaunen 3 Alter ule weg Schul⸗ nſtände Seitchen Detail, Leipzig eſchichte deut⸗ . 00 rürſchte t, die ntitäten undern. 363 Das Depot dieſer Genüſſe war der Storeladen, der unmittelbar mit dem Tanzlocal in Verbindung ſtand. Er hatte ſich heute zu einer Art Büffet traveſtirt, ohne daß es indeß möglich geweſen wäre, die verſchiedenen Talg- und Butterfäſſer, Tabakkiſten, Wollballen, Kohlen- ſäcke ꝛc. ꝛc. in eine rückſichtsvolle Entfernung zurückzudrängen. Sie wurden indeß ſehr finnig als Tiſche und Bänke benutzt, an welchen Alles ſchmauſend und zechend„umhergegoſſen“ lag, was das Tanz⸗ vergnügen nicht theilte. Es waren ungemein plaſtiſche Gruppen. In der Menge fielen mir auch zwei„Gebildete“ in's Auge, und ſiehe da! eine derſelben war eine mir bekannte Geſtalt. Es war der junge Apotheker Poll aus Kleindeutſchland. Er trug nicht mehr ſein faden⸗ ſcheiniges Sammtröckchen, klagte auch nicht mehr über die unverdau⸗ liche amerikaniſche Küche, und ſchien überhaupt ſeinen Geſchmack mit den Reizen des Hinterwaldes in Einklang geſetzt zu haben. Der An⸗ dere war ſein Prinzipal, Doctor Althof, an den Du ihn damals em⸗ pfohlen. Dieſe zwei Stadtröcke unter den rauhen Waldjobben leuch— teten mir wie freundliche Heimathsſterne. Wie armſelig belügt ſich doch der Stubenpoet, der Waldbrünnlein und Köhlerhütte über die Cultur ſetzt! In dieſem Storeladen hier ſchlug der Contraſt ganz anders aus. Denn als ich, da es inzwiſchen Abend geworden, mit dem Store⸗ keeper über mein Nachtlager verhandelte, erklärte mir der Menſch, daß ein Bett für mich allein eine Forderung wäre, auf die er nicht wohl vor⸗ bereitet ſei. Er könne mir ein Bett nur mit Geſellſchaft„einiger Anderer“ zuſichern, aber, ſagte er naiv,„im Parterre rückten ja auch Fremde an einander, warum nicht im Bette?“ Geſtehe doch der Stu⸗ benpoet, daß unter dieſen Umſtänden die Ausſicht auf zwei gekämmte Schlafkameraden mindeſtens kein verächtliches Culturgelüſte war. Uebrigens beſchloſſen wir drei die Nacht zu durchwachen; der Doctor war ohnedies als Reſerve da und hatte ſeine Bandagen, Charpien und Vomitive nicht umſonſt mitgebracht. Er erwartete die Nacht über Prügel und morgen Indigeſtionen. Wir machten etwas vom Hauſe weg eine Promenade am Wald⸗ ſaum hin, und tauſchten aus, was Europäer bei ſolchem Begebniß ſich zu ſagen haben. Ich erzählte mein Rencontre mit dem Fieberdoctor nunquam opinavi und wiederholte meine Anſicht über den Untergang der amerikaniſchen Nation durch ihre Aerzte— und Apotherker, ſetzen — 364 Sie hinzu! fiel mir der Doctor ſogleich bei;— Sie wiſſen, daß der Handel mit Medicamenten nach amerikaniſchem, leider auch engliſchem Rechte frei iſt. Was nun die Aerzte übrig laſſen, vergiften die Apo⸗ theker vollends. Von pharmaceutiſchen Studien iſt bei den ſogenann⸗ ten Apothekern nirgends die Rede; ſie ſind einfach Materialiſten und Droguiſten. Wie dieſe Menſchen,— entlaufene Schuljungen, verdor⸗ bene Schneider ꝛc.— ein ärztliches Recept maltraitiren, darüber könnte ich unglaubliche Details niederſchreiben. Bei mir zu Gadshill begegnete es einmal— als ich den jungen Poll noch nicht hatte— daß mir ſo ein Droguiſtenſchwengel willkürlich einen versus ſtrich und mit einem andern erſetzte. Das hat Mr. Althof wohl nicht recht verſtanden, ſagte er weiſe lächelnd dazu und ſchüttelte ſein gekräuſeltes Haupt zwiſchen dem feinen Hemdkrägelchen. Als mir die Geſchichte wieder zugebracht wurde, eilte ich nach dem Laden, ohrfeigte das Bürſchchen ein Dutzendmal auf und ab, zog ein paar geladene Piſtolen und ſagte, wenn er noch beſſer bedient ſein wolle, ſo möge er vor's Haus kommen, Das wirkte. Ich habe in meinen erſten fünf Monaten drei Aerzte im Duell erſchoſſen, das heißt Humbuger, die ſich für Aerzte ausgaben und meinem An⸗ ſehen zu nahe traten. Mit Weibern ſich vertragen, Mit Männern rum ſich ſchlagen— nirgend gilt's mehr als hier. Den Ladies hofiren wie Prinzeſſinnen, die Männer niederſchießen wie Hunde: das ſetzt feſt in Amerika, das macht Dollars!— Unter ſolchen Geſprächen kehrten wir immer wieder zum bal champéètre zurück, der ſich jetzt, bei Fackelbeleuchtung, beſonders effect⸗ voll machte. Freund Poll genoß ſein junges Leben mit einer heißen, ſchwarzäugigen Irländerin, die dem hübſchen Burſchen gewaltig zuſetzte und wohl auch ſtärker armirte Feſtungen mit Erfolg blockirt hätte. Aller Appetit verſchwand aber, als ich das Mädchen wahre Schiffsla⸗ dungen von Brandy trinken ſah, womit ſie ihr Tänzer tractirte. Das deutſche Settchen hatte dieſelben Quantitäten doch nur in Obſtmoſt ver⸗ tilgt. So lernte ich nachträglich erſt noch ihre Modeſtie ſchätzen. Auch machte mich Doctor Althof aufmerkſam— ich htte ihm das Ver⸗ ſchwinden ihrer nationalen Erinnerungen geklagt— daß die Mädchen aß der iſchem Apo⸗ nann⸗ n und erdor⸗ önnte egnete 3 mir einem ſagte n dem wurde, al auf beſſer . Jc hoſſen, An⸗ innen, nerika, 1 bal effect⸗ eißen/ uſetzte hätte. fffsla⸗ Das t ver⸗ Auch Ver⸗ zdchen — 365— deutſcher Abſtammung denn doch noch ihre Blumenſträuße vor der Bruſt trügen;— iriſche und amerikaniſche nicht. Dieſer deutſche Na⸗ turzug lebte wenigſtens fort. Das gefiel mir wieder. Da die Nächte ſchon länger werden, ſo vertrieben wir uns die Zeit — Doctor Althof und ich— gelegentlich wieder mit Tanzen. Dabei paſſirte es einmal, daß ein junger, baumlanger Pennſylvania⸗Deutſcher mit einem beſonderen élan in die Höhe ſprang, und auf Einen Ruck die zwei Neger ſammt ihren Seſſeln aus den Angeln hob. Der Arme ſtürzte mit blutendem Kopfe zu Boden, die zwei Neger über ihn her, die ganze Tanzkette, die ſich im Schwung nicht mehr zu halten ver⸗ mochte, über die Neger, und im Nu lagen wir Alle, wie die ehrſamen Lallenburger, aber nicht ſehr ehrſam, in einem unentwirrbaren Knäuel durcheinander. Es wollte was ſagen, bis Jeder und Jede aus dem verworrenen Inventar von Beinen das ihm zuſtändige Paar wieder herausgefunden; auch will ich gar nicht leugnen, das manche Täuſchung nicht abſichtlich feſtgehalten wurde. Der Tanzluſt that dies kleine Intermezzo freilich wenig Eintrag. Nur meine Toilette kam übel dabei weg; namentlich hatte mir ein rüſtiger Tabakkauer bei dieſer Gelegenheit einen Cotillonorden an die Bruſt geſpuckt, deſſen Spuren weniger zu vertilgen waren, als die Blutflecken der Lady Macbeth. Mit dieſer Decoration und einigen ähnlichen vermied ich denn für den Reſt der Nacht die„Geſellſchaft“.— Am Morgen ſah das Frolic nun traurig aus. Oder vielmehr ab⸗ ſcheulich. Wie rings herum in allen Lagen und Zuſtänden des menſch⸗ lichen Körpers„die Beſtialität ſich gar herrlich kund gab“,— laß mich davon ſchweigen. Wahrlich, verdorbene Magen bedurften keines weitern Vomitivs, als ſich einander nur ſelbſt anzuſehen. So ſattelte ich, um ein amerikaniſches Sittenbildchen reicher, meinen Cäſar, ließ das beſoffene und ſtinkende Arkadien hinter mir und trabte mit ſehr gemiſchten Gefühlen wieder heimwärts. Du kennſt gewiß auch den Ruf der Kentuckyer, der Männer„vom blutigen Grunde“? Sie ſind als die Männer par excellence berühmt, ſie ſind der phyſiſche Adel Nordamerika's. Dieſe Nimrods⸗Ideale in ihrer Urpracht zu ſchauen, nahm ich mir lange ſchon einen Ausflug 366 „ nach Kentucky vor. Einer Newyorker Soire, wär' ich bald einſt ſtehen⸗ den Fußes davon gelaufen, ſo brannte mir Byron's effectvoll declamirte. Kentucky⸗Begeiſterung an den Sohlen. Wohlan, dieſen Wahn bin ich nun auch los. Einen einäugigen Kentuckyer traf ich auf meinem Penn⸗ ſylvania⸗Frolic. Ohne was zu denken, gewiſſermaßen aus ärztlichem Inſtincte, bracht' ich die Rede auf dieſen Defect, und erkundigte mich um ſeine Urſache. Das hätte mir bald übel bekommen. Der Kerl nahm eine Miene an, als ob ich ihn foppte, ſo daß ich wohl merkte, dahinter ſtecke etwas. In der That belehrte mich Doctor Althof. Der Mann trug ſeine Niederlage von einer Boxerwette zur Schau. Aber der Ausdruck iſt uneigentlich, denn die Kentuckyer boxen ſich nicht wie die Engländer, ſondern die Kämpfer wetten über die Geſchicklichkeit, wer von ihnen dem andern ein Auge ausdrehen könne! Hat die Menſchencanaille je ſolch eine Scheußlichkeit ausgedacht? Augenausdrehen ein Geſchicklichkeitsſpiel! eine Bravour der männlichen Kraftübung! Aber dieſer Zug geht durch ganz Amerika. Der friſche Stahlbrunnen der Barbarei, den man hier zu trinken meint, ſchmeckt überall verdor⸗ ben. Es iſt Raffinement in der Wildheit! Bei den großſtäd⸗ tiſchen Rowdies merkt' ich das ſchnell, und hier bei den Hinterwalds⸗ helden des blutigen Grundes find' ich's nun wieder. Sich boxen auf Augenausdrehen! Noch ein Nachtrag von meinem Frolic. An der Grenze von Ohio und Pennſylvanien ſteht ein Poſthaus, heißt Marlington und ſcheint eine Stadt werden zu wollen. Als ich im Vorbeireiten mein Pferd hier fütterte, kam eben die Poſt von Erie an. Sie gab in Marling⸗ ton ein paar Zeitungen unter Kreuzband ab, darunter auch eine deutſche wie ich ſehen konnte. Der Poſthalter ſonderte die deutſche von den übrigen aus und warf ſie mit einem dam'nd dutch! in den Enten⸗ pfuhl vor ſeinem Hauſe. So expedirt man hier deutſche Blätter.— Wir haben freilich gut ſagen, das Volk fürchtet inſtinctiv die deutſche Geiſtesüberlegenheit, von der es ſchon jetzt in allen Zwei⸗ gen ſeines Nationallebens zehrt, und ſein Haß müſſe uns eigentlich ſchmeicheln; aber Menſch iſt Menſch, und es zückt Einem wie Dolches⸗ gier in den Fingern, dieſer Brut nach ihrem Rechte zu thun. ſtehen⸗ amirte. in ich Penn⸗ lichem emich Kerl merkte, f. Der Aber t wie licheit, Hat die drehen übung! runnen verdor⸗ oßſtäd⸗ walds⸗ en auf n Ohio ſcheint Pferd arling deutſche on den Enten⸗ ter. ib die 1 Zwel⸗ gentlih dolches⸗ — 362 Heute Nacht weckte mich ein Flintenſchuß und Angſtgeheul und Todesgeſchrei, wie von einer menſchlichen Stimme. Ich ſtand mit Adin Ballan auf; wir zündeten Fackeln an, bewaffneten uns und ritten hinaus in die Waldnacht. Wir knallten unſere Doppelflinten ab und ſchrien dazu, um einem Hilfebedürftigen unſere Richtung, einem Mörder die Nähe von Rächern zu ſignaliſiren. Schuß und Schrei von der andern Seite aber wiederholte ſich nicht wieder, ſo daß wir ziemlich im Unklaren trieben, wo⸗ hin wir uns in der unermeßlichen Waldweite zu wenden. Wir ſetzten unſre Streife noch lange fort und wiederholten unaufhörlich unſre Allarmzeichen, aber nichts regte ſich mehr. Endlich kehrten wir wieder nach Hauſe zurück. Ich war begreiflich in großer Aufregung und ſchloß kein Auge mehr. Im Laufe des Tags erklärte ſich das Nacht— abenteuer. Von der benachbarten Virginiergrenze hatte ſich ein ent⸗ laufener Sclave über den Ohio gerettet. Aber die Verfolger waren ihm dicht auf der Fährte und zwiſchen meinem und dem Lisboner Gebiet erreichte ihn die tödtliche Kugel. Farmer von Neu⸗Lisbon fanden die Leiche im Walde. Die Lisboner behandeln die Unthat wie etwas Alltägliches, von einer Fahndung auf den Mörder iſt keine Rede. Jeder Sclavenbeſitzer hat das Recht, entflohene Sclaven leben⸗ dig oder todt wieder einbringen zu laſſen. Sie halten zu dieſem Zwecke eigene Leute und— Hunde! We are in a free country! Vielleicht genügt es uns an dieſen Proben. Blatt für Blatt würden wir ſo durchblättern und auch nicht Ein lichter Moment, auch nicht Ein reiner, ungetrübter Strahl der Freude wäre die Ausbeute davon. Urwaldspoeſie, Jugend⸗ und Freiheitswelt, Menſchheitsglück im Weſten, Stern einer beſſern Zukunft, immer unaufhaltſamer wer⸗ den dieſe Worte zu— Wörtern, das große Diluvium der Ent⸗ täuſchung iſt nirgend mehr einzudämmen. Es wäre unter dieſen Um⸗ ſtänden eine ungerechte Parteilichkeit, von einer perſönlichen Anlage zur tragiſchen Weltanſchauung zu reden. Denn erſtens iſt dieſe An⸗ lage das Erbtheil jedes tieferen Menſchen, und dann— bliebe ſie eben nur Anlage, wenn nicht die Außenwelt ſie weckte und nährte. Zwar der idealiſtiſche Glaube an Amerika hat in der Bruſt unſers Helden längſt ausgelebt. Wir erinnern uns, daß er ſchon auf ſeiner — 368— Pennſylvania⸗Reiſe ſich die Umſtimmung bezeugte:„in dieſem Lande nicht Muſter zu ſehen, ſondern Muſter zu geben. Dieſe Freien, hieß es, müſſen durch uns Verknechtete ein wenig freier werden.“ Allmälig aber langen wir an dem Punkte an, wo es ſich frägt, ob er auch dazu noch Luſt und Kraft übrig behält. Anhorſt iſt fort und Benthal noch nicht da. Ein ſchlimmer Um⸗ ſtand in einer Lage, die durch ſich ſelbſt ſo wenig Anziehungskraft übt! Daß aber dieſe beiden Geſchenke des Zufalls unſerm Helden ſo bald zur Nothwendigkeit geworden, kann nicht gegen die Kraft und Selbſt⸗ ſtändigkeit ſeines Charakters zeugen. Kein Menſch erträgt einen neuen Gedanken, geht einen neuen Weg ohne das Princip der Genoſſenſchaft. Ohne Remus kein Romulus, ohne Caſſius kein Brutus, ſelbſt kein Columbus ohne die Pinzon's. Was Anhorſt's Rückkehr betraf, ſo entzog ſie ſich einer ſtrikten Wahrſcheinlichkeitsrechnung; einem Briefe Benthal's dagegen rechnete Moorfeld ſeine Ankunft ſchon nach Stunden und Minuten zu. Zwar währt ſein Aufenthalt in Ohio noch nicht ſo nennenswerth lange, keinesfalls ſo lange, als es unter ſo vielen neuen Bildern und Ein⸗ drücken, welche überdies faſt alle die Fähigkeit haben, ſich raſch wieder auszuleben, den Schein gewinnen mag. Wir zählen kaum die achte Woche der Anſiedlung Moorfeld's, und ging ſeine erſte Briefſendung an Benthal von Pittsburg ein wenig früher ab, ſo datirt das Packet, welches erſt ſeine Adreſſe enthielt, auch etwas ſpäter. Bedenken wir dazu, daß wir von einer Zeit ſprechen, in welcher das Pennſylvaniſche Eiſenbahnſyſtem zwar im Beginn, aber noch nicht am Ziele, und na⸗ mentlich die großartige Alleghanny-Portage⸗Eiſenbahn Hudſon und Ohio noch nicht mit Dampfeskraft verband, ſo wird in den Tagen, welche wir gegenwärtig darſtellen, ein Brief von Benthal zwar ankom⸗ men können, aber eben nur können. Moorfeld überſtürzte auch ſeine Berechnung keineswegs. Aber genug, daß eine Berechnung nie zur Beruhigung führt, vielmehr juſt an dem Punkte anfängt, wo auch die Unruhe anfängt. Wie ein Menſch, der ſich ein ausnahmsweiſe frühes Erwachen vornimmt, ſeinen Schlaf nicht etwa um dieſe Morgen⸗ ſtunden kürzt, ſondern den ganzen Schlaf ſich verdirbt, weil die Seele im Traume rechnet und überhaupt nichts anders träumt als das Erwachen: ſo ſtört ſolch ein Rechnen den Genuß, die Perſpective, das gan Abw ligg thale aher desG rinnt berech loren feld, die Einf Nat Hof ein wan gebe tu ng volle verſe mitt ſie aus des raſc ung telt df Er er it du ruff für nur Lande n, hieß Umälig r auch r Um ft übt! ſo bald Selbſt⸗ t einen ip der Brutus, ſtrikten rechnete Zwar lange, d Ein⸗ wieder achte endung Packet, ten wir vaniſche nd na⸗ n und Tagen, ankom⸗ ſeine nie zur uch die frühes porgen⸗ Seele ls das e, das — 369— ganze Leben des Tages, denn ſtatt allem Gegenwärtigen ſetzt ſich ein Abweſendes, ſtatt allem Erſten ein Zweites, der ganze Vordergrund liegt in einem Schatten, aber die Ferne nicht im Lichte. Mit Ben⸗ thal's Brief hat Moorfeld einen Genuß, eine Freude zu erwarten, aber die Erwartung ſelbſt iſt Qual, iſt Sorge. Der trübe Horizont des Einſamen wird ſo um Vieles trüber. Mit jedem Sandkorn, das ver⸗ rinnt, ohne die Erfüllung zu bringen, fühlt ſich von Neuem die Frage berechtigt: Iſt er krank? Sind es die Seinen? Ging dein Brief ver⸗ loren? Iſt ſeine Antwort verunglückt? und ſiehe! wie erſchrak Moor⸗ feld, als er bei letzterer Frage ſich an den Poſtmeiſter erinnerte, der die deutſche Zeitungsnummer veruntreute! Wie, wenn Benthal den Einfall gehabt, deutſch zu adreſſiren, der Brief einem ähnlichen Native⸗Fanatiker zu ähnlichem Frevel in die Hand gerathen, und alles Hoffen für jetzt und für ewige Zeiten überhaupt vergebens? Alſo⸗ ein neues, geflügeltes Blättchen: engliſch zu adreſſiren, und neues Ab⸗ warten des Poſtengangs hin und zurück! Es iſt eine beängſtigende Pauſe. Unſer europäiſcher Freund, um⸗ geben von ſeinen Fähigkeiten, Gemüthskräften, Strebniſſen, Erwar⸗ tungen und Entwürfen, macht uns in dieſen Tagen den Eindruck einer vollen offenen Scene, welche ein plötzlicher Zwiſchenfall in Stockung verſetzt. Mit reichem, breitem Wurf ſteht eine glänzende Gruppe mitten im geſpannteſten Nerv der Handlung da,— eine Feder fehlt, ſie ſtockt. Schnell verſendete Boten ſind nach prompter Ergänzung aus— wird ſie gefunden? wird ſie es nicht? Wird neues ſtrömen— des Leben durch dieſe gebundene Organe rollen? oder fällt ſchrill und raſch der Vorhang über ein Fragment? Bis es ſich entſcheidet, führt uns der Held der Scene einſtweilen ein anderes Bild vor. Er ſchau⸗ kelt ein kleines blondes Mädchen und lauſcht einer ſtammelnden Zunge auf Klagen um europäiſche Blumen! Die„Flucht nach Aegypten“ wie wir wiſſen iſt Moorfeld's einzige Erhohlung in dieſen Tagen. Eine gefährliche Erhohlung! Hier ſaugt er in milden, ſchmeichelnden Zügen die Melancholie in ſich, die ihn zu Hauſe vielleicht unerträglich, aber eben darum zum Widerſtand auffordernd, beſtürmt. Flucht nach Aegypten! Mit welchem Gefühle für das ſchmerzlichſte Ungenügen einer menſchlichen Lage hat Moorfeld nur dieſes Bild gewählt! Aber was bedürften wir den geheimen Zug — 370— der Selbſtbeſpiegelung, der ihn an dieſes Gegenüber feſſelt, erſt deut⸗ licher aufzudecken? Hier liegt ja volles Bewußtſein. Seine Monade—, Pſyche,— Schweſterchen,— Vignette ſeines eigenen Ich iſt ihm das Kind, dem ſich— wenn auch nur über Blumen— zu Amerika das Herz verſperrt! Was ſonſt ſucht er alſo dort, als den Genuß ſeiner Selbſtqual, das Echo ſeiner eigenen Verneinungen? Nur daß das Kind der einfachſte Ausdruck, er ſelbſt der unbändigſte für den gleichen Seelenzuſtand iſt. Es läuft, dürfen wir ahnen, ſogar ein Zug des künſtleriſchen Wohlgefallens hier durch. Das kleine Mädchen iſt ihm die naivſte Form deſſen, was auf den höheren Stufen ſeines Gedanken⸗Lebens zerklüftet und widerſpruchsvoll in unkünſtleriſcher Maßloſigkeit ſich abmüdet. Wir würden daher ein tiefes Verkennen an den Tag legen, wenn wir an dieſer Kindes⸗Freundſchaft unſern Troſt fänden. Ja, ſie eine Davidsharfe, in der Sauls⸗Melancholie unſers Helden. Aber hat die Harfe den Saul geheilt? So ſchmei⸗ chelt ſich in Annette'n ſüß und wohlklingend der ſchwarzblütige Dämon ein, den Moorfeld ohne ſie vielleicht kräftig zurückſtieße. Sie zertheilt die Gewitterwolke, welche ſtürmen, blitzen und— reinigen ſollte, in ein weiches, nebelhaftes Geflör, das den Horizönt leichter umſchleiert, aber ſchwüler am Marke ſaugt. Dieſe zarte Geſelligkeit lindert die Schmerzen des Einſamen— gewiß! nur daß mit den Schmerzen auch die Kraft zerſtreut, auch der Wille aufgelöst wird, der vom Schmerz frei macht, nur daß am unſchuldigen Mitleid mit ſeiner kleinen Verbannten Moorfeld ſchuldig wird an ſich ſelbſt, denn er leidet in ungleich größerem Style mit,— er leidet gelinder, aber erſchöpfend, ſchwächend bis zur Ohnmacht. Aus dieſer Ohnmacht blitzte dann plötzlich wieder das höchſte Le⸗ bensgefühl auf. In Momenten, wo Moorfeld Alles verloren zu haben ſchien, verlor er doch das Eine nicht: die Erinnerung ſeiner ſelbſt. Aber ſeine Täuſchung war es dann, daß er Erinnerung zugleich für Beſitz hielt! Er verkannte die Natur ſolcher Rückſchläge, nahm als Begeiſterung, was nur Stolz, als Fülle, was nur Glaube an Er⸗ füllung. Mit einer Gier, welche die Stelle des geſunden Enthuſiasmus vertrat, griff er dann in die Saiten und ſang— wir kennen ſein Thema.„In Ohio wird's eins deiner Gedichte!“ hatte er ſich ſchon im erſten Augenblicke geſagt;— hier lag ein theurer tiefgehüteter t deut⸗ ne—, m das ka das ſeiner aß das gleichen zug des ſchen iſt ſeines leriſcher erkennen unſern jancholie ſchmei⸗ Dämon zertheilt ollte, in ſchleiert dert die zen auch Schmerz rkleinen idet in höpfend, hſte Le u haben r ſelbſt leich füt ahm als an Er⸗ ſiagmus nen ſein ch ſchon gehütete Schatz. Nur in ſeinen beſten, überzeugteſten Dichterſtunden kann die Newyorker⸗Battery durch ſeine Leier rauſchen. Moorfeld griff wiederholt dieſe Melodie, aber— ſie verſagte. Mit tödtlicher Verwunderung erfüllte ihn dieſer Wortbruch der Muſen. Vertrauen uud Mißtrauen wechſelten ſo in gleichmäßiger Selbſttäu⸗ ſchung. Wie ein plötzlicher Anflug ihm ausdauernde Kraft, ſo ſchien die verſagte Gabe des Augenblicks ihm bleibender, unwiederbringlicher Verluſt. Er glaubte an eine Abnahme ſeiner Geiſteskräfte. Seine Blätter überfloſſen von Klagen eines Unglücklichen. Die Termiten der Selbſtbeobachtung fielen ihn an, und jeder Zug wurde zum Zeug⸗ niſſe ſeines Verfalls. So finden wir die Klage verzeichnet, daß er jetzt einen Nachmittagsſchlummer halte, was er ſonſt nur Philiſtern überlaſſen, und was ein verhaßtes Zeichen ſeiner ausgehenden Jugend. Daß er in Ohio um zehn Breitegrade dem Aequator näher als in Deutſchland ſchlief, für dieſes Zeichen nahm er es nicht. Auch die Beobachtung zufälliger Vergeßlichkeit ſchien ihm verhängnißvoll. Geſtern— ſchrieb er— commandirte ich meinen Schottländer nach Neu⸗Lisbon, das Buch Poſtpapier zu holen, das ich nebſt anderen Sachen in Mr. Clahane's Store eingekauft, aber in der Zerſtreuung wieder liegen gelaſſen. Der Knecht kam zurück, das Papier hätte ſich nicht gefunden, ich müſſe es haben. Die Gauner haben es Euch ver⸗ leugnet, aber hättet Ihr doch um Gotteswillen ein neues Buch gekauft, ich will ſo eben ſchreiben, und ſoll nun paſſen, bis Ihr noch einmal hin⸗ und zurückreitet. So fuhr ich auf. In demſelben Augenblicke aber hielt ich inne, denn ich ſchrieb ja wirklich an Dich. Und erſt daran merkte ich, daß ich das vermißte Papier vor mir unter der Feder hatte. So ſteht's mit mir. Das iſt der Dämon der Einſamkeit. Wahrlich, die Klöſter haben nicht verdummt, ſie müſſen ſelbſt dumm geweſen ſein.— Und ein anderes Mal leſen wir: Kennſt Du die Tra⸗ gödie von dem elektriſchen Aal? Man hat lange die Bemerkung ge⸗ macht, wenn der elektriſche Aal von den Gewäſſern Süd⸗Amerika's nach England verführt wird, ſo kam er entweder todt, oder todes matt an, kurz, ſtarb ab unterwegs. Man forſchte vielfach über dieſe Erſcheinung nach, zog Klima, Nahrung, Gewohnheiten des Thieres ꝛc⸗ in Betracht und erkünſtelte ihm in all dieſen Stücken auf's Genaueſte ſeine Heimath. Umſonſt; er ſtarb ab. Endlich entdeckte man's. Holz — 372 und Eiſen der Fäſſer, worin der elektriſche Aal transportirt wurde, wirkten als Conductoren auf ihn, und verſetzten ihn in einen ſteten Zuſtand von Erſchöpfung. In Geſchirren aus Steingut kam er wohl⸗ behalten nach England. Sind wir Menſchen ſolche elektriſche Aale? Ich bin's. Es iſt etwas wider mich in der Natur, ein Feindſeliges, Tragiſches, das nach einem ewigen Geſetz auf mich einwirkt. Alles zeitliche Glück hilft nichts dagegen. Ich werde im Bann eines fata⸗ liſtiſchen Elementes durch die Welt geſchleift, das mich umbringt. Ich bin in einen falſchen Raum geſtellt, oder in ein falſches Jahrhundert— was weiß ich? Nur fühlen kann ich's und in lichteren Momenten ſeh' ich's. Ja, ich ſehe das Unglück oft vor mir, wie eine Perſon⸗ In Deutſchland hab' ich einen Freund, der ſieht Geiſter, wie Stamm⸗ gäſte im Caſino. Die Proſaiſchen zucken die Achſeln über ihn, aber die Poetiſchen haben zu keiner Zeit ſich auf den Senſualismus allein vereidigt. Nein, nicht unverhofft trifft mich mein Buttler! Ich habe Miragen von ihm, ich weiß, daß er kommen wird. Das iſt's, was mich ſo traurig macht. So ſchwelgte Moorfeld in den Foltern ſeiner Phantaſie, und erſchöpfte den ganzen Reichthum eines geiſtig⸗Reichen, ſich unglücklich zu machen. Aus der Fülle dieſer imaginären Leiden, aus dem innerſten Drang dichteriſcher Selbſtanklage entſtrömten ihm in dieſer Periode die Verſe: Am Tage ſtehen meine Schmerzen, Sie ſtehen nächtlich um mich her; Ach, tönten ſie mir recht vom Herzen, So wären ſie ſchon nimmermehr! Doch keine Saite hält mir Spannung, Kein Boden hält mir Reſonnanz,— In grambeladner Geiſt⸗Entmannung Verwelkt mir ſo mein Dichterkranz! Das Leben lebt nicht!— wär's zu leugnen, Die letzten Funken facht' ich an, Und Wunder ſollten ſich ereignen, Wie Puck und Ariel gethan. Ich flog wie ſie— doch unter'm Lumen Des ſchlimmſten Sterns— um's Erdenrund, Und ach, die alten Zauberblumen Sie ſtehn nicht mehr auf altem Grund! zur bl dan des um ſein hat find wurde, ſteten wohl⸗ Aale? ſeliges, Alles fata⸗ gt. Ich dert— nenten gerſon⸗ tamm⸗ , aber Zallein 1 habe 6, was ſhöpfte nachen. Drang Perſe: 373 Ja, die Klage um die Poeſie brachte ihm die Poeſie ſelbſt wieder zurück. Dieſe Strophen waren ſein erſtes Gedicht in Ohio. Freilich blieben ſie Fragment. Das gehaltene Aneinanderreihen elegiſcher Ge⸗ danken und Empfindungen zweiter Ordnung ſcheint den heftigen Affekt des Dichters nicht befriedigt zu haben; ungeduldig ſpringt er ab davon, um in dem ſtrafferen Schlußgedanken Alles auf Einmal auszuſprechen: ſein Geiſt erkenne ſich in dem Spiegel größerer Zeiten, das Alterthum hat die Fülle des Lebens erſchöpft, der Epigonen iſt das Nichts! Wir finden zu jenem Fragmente nur noch die Schlußſtrophe: Leander küßte meine Hero, Aus meinen Bechern trank Lucull, Mein Satanismus gohr in Nero, Mein Herz floß über in Tibull! Heut ſchaufeln wir mit Schulvergnügen Nach dieſes Daſeins Span und Zoll, Freu'n uns an alten Thränenkrügen Und— weinen ſie von Neuem voll! Sechstes Kapitel. In dieſen Schmerzen der Acclimatiſation wurde Moorfeld von einem Ereigniſſe überraſcht, das den ſtilleren Zug ſeiner geiſtigen Gährungen grell unterbrach, und ihn ſchrecklich vorbereitet fand, das Unglück mit offenen Armen zu empfangen. Die Geſchichte, von der wir ſprechen, findet ſich in Briefform an Benthal gleich ſeinen übrigen Aufzeichnungen. Wir haben keine Ur⸗ ſache, für die Form dieſer Erzählung eine andere zu wählen; mit traurigem Danke vielmehr nehmen wir das Bild hin, ſo wie es iſt, wie es von dem ſchwerbetheiligten Herzen ſich unmittelbar losgelöst, mit allen eigenen Zügen des Selbſterlebniſſes. Keine Kunſt der Dar⸗ ſtellung ſoll dieſes Blatt entweihen.— Wir erinnern uns, daß die Methodiſtengemeinde zu Lisbon unter Vortritt ihres Predigers einen Waldgottesdienſt, ein ſogenanntes camp- D. B. VIII. Der Amerita⸗Müde. 25 — 324— meeting, zu veranſtalten beſchloſſen. Die Zurüſtungen zu dieſem Feſte lagen bisher gänzlich ab von dem Kreiſe unſeres Intereſſes; ſie zu verfolgen fanden wir uns ohne jede Veranlaſſung. Dieſes camp- meeting aber iſt es, welches in unſerer Aufmerkſamkeit jetzt plötzlich ſeinen unheilvollen Platz begehrt. Es rückte heran, es war da, und erſt indem die Sonne ſeines Tages aufgeht, reißt uns das Schickſal unvorbereitet in ſeine Mitte. Unvorbereitet— nach der Ordnung jedes bekannten Naturgeſetzes. Aber Moorfeld ſpricht von einer Vorahnung, die zu merkwürdig ſcheint, als daß wir den ſchmerzlichen Bericht jenes Ereigniſſes nicht mit ihr ſelbſt ſchon beginnen ſollten. Moorfeld erzählt: ... Tags vor dem camp-meeting hatte ich eine meiner melan⸗ choliſchen Viſionen. Es war am hellen, heißen Mittage da ſie mir widerfuhr. Ich war früh morgens ausgeritten, den Tiſchler Rapp zu beſuchen, der einen kleinen Fieberanfall bekommen. Ich plauderte eine gute Weile mit ihm, denn ſein Zuſtand ſchien großentheils deprimirte Gemüthsſtimmung und die ganze Indication— ein theilnehmendes Herz. Die Sonne brannte ſchon ziemlich heiß, als ich ihn verließ. Ich wollte hierauf zu Vater Ermar hinüberreiten, oder zum„Meier“ wie er nach weſtphäliſchem Landesbrauch ſich gerne noch nennt. Der Weg war mir nicht ſo geläufig, als von meiner eigenen Farm aus, ich hatte mich daher bald verirrt. Die berühmte Herbſtpracht des amerikaniſchen Waldes beginnt ſchon und that das Ihrige, mich kreuz und quer herumzu⸗ narren. Das Auge des Neulings ſchwelgt in einem Farben⸗Kaleidoſcop, wovon der Europäer ſchwer eine Vorſtellung hat,— das Gemüth freilich klingt wenig mit. Die ſtille geſchloſſene Ruhe eines deutſchen Herbſtwaldes iſt mir lieber. Es iſt ein raſtloſes Effecthaſchen in dieſer Fülle von unvermiſchbaren Tinten,— ſpäter ſcheint es ſich zur erklärten Muſterkarte auswachſen zu wollen. Von dem grellen Ge⸗ pränge ſprang ich daher bald ab und vertiefte mich über eine Strophe, die mir ſchon ſeit Tagen zu ſchaffen macht. Inzwiſchen knusperten in den Wallnüſſen Schaaren von Cichhörnchen rings um mich her: da ſchoß ich bis zum letzten Pulverkorn darein. Endlich fing stomachus an ſeine Spieluhr klingen zu laſſen und auch Cäſar ſchaubte und ſchnobberte wenigſtens nach Waſſer. Ich wäre herzlich froh geweſen — dieſem 3; ſie amp- ützlich „und hickſal .Aber t, als ſelbſt melan⸗ ſe mir app z te eine rimirte s Herz. wollte r nach nicht daher Waldes erumzu⸗ ſdoſcop gemüth — — 275s ein Ziel meiner Irrfahrt zu finden. Ich ſpannte meine Aufmerk⸗ ſamkeit nach allen Richtungen, umſonſt. Tiefe unberührte Waldfremde rings,— keine Spur, kein Merkzeichen eines Menſchen. Wäre ich noch Herr eines Pulverkörnchens geweſen, ſo hätte ich's jetzt zu Noth⸗ ſignalen verſchoſſen; dagegen verführte mich lange Zeit eine hieſige Spechtart, der wood-cock, der mit einem menſchenähnlichen Klopfen die Bäume behackt, und deſſen Treiben ich ſelbſt für Signale hielt. So gerieth ich immer tiefer ins Waldöde. Einmal ſtand ich an einer gräßlichen Stelle. Der Boden war bedeckt mit Gerippen von Hornvieh; die Schädel der Thiere glotzten fürchterlich in allen Lagen und Richtungen aus dem verworrenen Beinhaufen. Schaudernd ſtarrte ich das Räthſel dieſes geſpenſtiſchen Bildes an, bis ich mich auf ſeine Erklärung beſann. Die Heerden überwintern bekanntlich im Freien hier; aber in dieſem aus Scandinavien und Italien zuſammenge⸗ backenen Clima erfriert das Vieh oft maſſenhaft in kalten Winter⸗ nächten. Der Leichenanger ſolch einer verunglückten Heerde war's, der mir da aufgeſtoßen. Krankenbeſuch— Waldſchattirung— Gedicht— Eichhörnchenjagd — Hunger— gefallenes Vieh— ich ſkizzire dieſe Scenerie, um darzuthun, wie ſehr ich mit meinem Sinnenleben am Aeußerlichen betheiligt war, und nichts weniger als zur Schwärmerei aufgelegt. Zuletzt brachte mich das Geläute einer weidenden Heerde wieder auf die rechte Bahn. Sie weidete zwar nach Landesart frei im Walde, aber indem ich ihren Spuren folgte, erreichte ich den Rand deſſelben. Vor mir lag ein Ackerfeld, in der Ferne entdeckte ich eine Hofſtelle, doch konnte ich nicht erkennen, welche? Ich ſetzte mich auf einen der niedergebrannten Baumſtämme am Waldesſaum und ruhte aus. Die Sonne ſtand im Zenith; es war die Panſtunde. Der Himmel glühte in einem grau⸗roſtigen Dunſt. Die Luft vor mir zitterte wie über einem Kalkofen. Auf dem Acker kniſterte das Stroh, als würde es langſam geröſtet. Der ſtrohene Acker war ein häßlicher Anblick. Indem man hier nur die Aehren abſichelt, das Stroh aber ſtehen läßt, ſo ſieht ſich das Beſenfeld an, als hätten Buben die ganze Ernte muthwillig geköpft und gemeuchelmordet. Später brennt man das Stroh nieder und die Aſche iſt der einzige Dünger des Feldes. 25* — 376— Die Sonne ſchien es aber ſchon jetzt anzuzünden. Die Glühhitze leckte ſo lüſtern über das blanke Stoppelfeld, als wäre ihr die Speiſe wohlbekannt. Ich erwartete wirklich, es in jedem Augenblick aufflackern zu ſehen. In dieſem Mittagsbrande dachte ich an die Miasmen, die er aus⸗ brütet. Wie aus der Vogelſchau überblicke ich die amerikaniſche Erd⸗ flähe: aus allen Flußthälern, aus allen Niederungen, Sümpfen und Neubrüchen ringt ſich das Fieber los. Wer hat dieſem Präſidenten der Sommermonate ſeine Stimme gegeben? Arme, arme Freiheit der freien Erde, er nimmt die Stimmen! Oh wie ſie matt hinſinken mit ausſeufzenden Bruſthöhlen; ihre Stimme iſt auf ewig dahin! Wer zählt die Tauſende? Ich treibe die ſchöne Spiegelfläche des Ohio hinab— was wimmert aus den Blockhäuſern des Landes hunderte von Meilen entlang, wie aus einer langen Katakombe?„Matt, matt, lieber Herr, o einen Trunk Waſſer!“ Ich folge der langen Wellen⸗ bahn des Miſſouri hinauf— was flüſtert über die dürren Grasreſpen der Prairien?„Die Ernte iſt eingethan, Herr, Väterchen auch!“ Ich taumle mit den Wirbeln des Miſſiſſippi der Vergeſſenheit des ewigen Meeres zu,— auf welche Länder ſeh ich herab! Nennt man ſie Alabama, Arkanſas, Loulſiana, Florida, oder— Porelachaiſe? Ein Volk von Aethiopiern ſeh ich geſchäftig, die häufen moderne Pyramiden aus Reis, Zucker und Baumwolle zuſammen— aber wie geſchieht mir? Sind das die langlebenden Aethiopier des Herodot? Seht, wie ſie Reihen auf Reihen ſich am Boden gruppiren! Wenig Anmuth iſt in dieſen ruhenden Gruppen. Jetzt kommt der Maſſa und berührt ſie mit dem Lebensſtab ſeiner Peitſche, aber das Leben bleibt aus. Er macht kleine Striche durch ſein Namensverzeichniß und geht weiter.— Auf einmal flogen von ſämmtlichen Kirchen des Landes die Dächer ab und ich ſah die ſchwarzen Paſtoren auf ihren Kanzeln. Sie dankten Gott für die geſegnete Ernte. Ein Schauer überlief mich. Denn die ſchwarzen Paſtoren waren Niemand anders als das verklei⸗ dete Fieber und das Fieber dankte hohnlachend für ſeine Ernte. Gott mußte ſich's gefallen laſſen.— Von den Fieber⸗Paſtoren kam ich auf das morgige camp-meeting. Ich wußte jetzt ganz beſtimmt, daß die Methodiſten pſeudonyme Teuſel ſeien. Was ſie ſeit Wochen rüſteten und ſchürten war ein Menſchenopfer. Dieſe Sonnenglut und leckte peiſe ickern aus Erd⸗ und enten t der nmit Wer Ohio nderte matt, zellen⸗ reſpen à Ich wigen in ſie Ein miden ſchieht t, nie uüh iſt rt ſie Er T. Ddächer Sie mich. erklei⸗ Ernte. n kam mmt, gochen t und — 377— dieſer Religionsbrand konnten nicht anders, als eine verſengende Ehe eingehen. Es war ein Fackeltanz in einer Pulverkammer. Das Un⸗ glück ging ſo deutlich vor meinen Augen vor, ich konnte ſogar das Opfer nennen, wenn ich nur etwas genauer hinſah. Auf einmal ſah ich es auch. Ein Kindesbild zart und leicht, ſtand meinem Auge gegenüber auf dem Stoppelfeld. Es war Annette. Sie lächelte und war jugendlich glücklich. Plötzlich griff ſie ſich an die Stirn, ein blauer Funke ſprang aus ihrem Scheitel, ſie ſchrie durchdringend auf, dann war ſie weg! Ich lief in die Stoppeln um das verſchwundene Körperchen aufzufinden; das heiße Stroh geißelte mich wie mit glü⸗ henden Ruthen, ich rief Annette! Annette!— umſonſt; nirgends eine Spur des lieben Mädchens. In dieſem Augenblicke rief die Glocke der Hofſtelle das Vieh zur Maisfütterung. Ich wunderte mich, denn die Glocke war von Meiers⸗ Farm. An welcher Seite des Waldes war ich herausgekommen, daß mir die Farm hier ſo ganz eine unbekannte Anſicht bot? Aber froh dieſer Entdeckung rannte ich ſogleich dem Gehöfte zu. Die Familie ſetzte ſich juſt zu Tiſche als ich eintrat. Annette hatte an einem Klei dungsſtück für das camp-meeting genäht, und war über den Eifer der Arbeit ganz roth geworden. Ich nahm das liebliche Köpfchen zwiſchen meine Hände und ſagte: Schweſter, wenn du mich lieb haſt, ſo bleibſt du morgen zu Hauſe. Es kommt ein Gewitter und du wirſt vom Blitz erſchlagen. Das Kind ſah mich verwundert an und der Meier murmelte mit dem bekannten Ausdruck ſeiner düſtern Reſig⸗ nation: Wir haben nicht Geld genug für den Blitz. Der Blitz wird vom Geld angezogen, wie die ganze Welt. Nach Tiſche regten ſich alle Hände im Hauſe zur morgigen Wald⸗ fahrt. Ich ſuchte meine Stimmung zu übermannen, indem ich nach Kräften mithalf. Annette war voll Jubel. Sie freute ſich auf die große Geſellſchaft von Menſchen, ſie hoffte Mädchen ihres Gleichen als Geſpielinnen zu finden, ſie wollte nach Blumenſaamen umfragen und handeln und tauſchen, kurz ihr kleines Leben war im Rothglühen. Ich hörte zu mit unbezwinglicher Wehmuth. Sie fragte zuletzt: Herr Bruder, biſt du bös? Ich zog ſie an mich und ſagte, indem ich mich ganz meiner Trauer überließ: Siehe, Schweſterchen, ich bat dich, zu Hauſe zu bleiben, und du liegſt mir mit der Reiſe im Ohr. Du haſt 378— kein Gemüth zu mir. Wenn dir morgen ein Unglück widerfährt, ſo ſage nicht, daß du unſchuldig zu Grunde gehſt. Du ſollteſt ein Liebes⸗ opfer bringen können und bringſt es nicht,— das iſt deine Schuld. Mir war die Seele ſo voll, ich mußte dieſes oder Aehnliches aus⸗ ſprechen, unbekümmert ob es verſtanden wurde oder nicht. Aber das Mädchen hatte immer einen Begriff des Geſagten, ſie brach in Thränen aus, legte weinend ihren Kopf auf meinen Schooß und ſprach: Ich will ja Alles, was du willſt, aber warum willſt du denn? Darauf hatt' ich freilich nichts zu antworten. So angeboren iſt den Deutſchen die Logik! Die Italienerin Mignon hätte ſich fraglos hingegeben; die Deutſche gibt ſich zwar auch hin:„ſie will Alles was ich will“; aber, fragt ſie deutſch-proteſtantiſch,„warum willſt du denn?“ Warum wollte ich denn? Ich ſchalt mich ſelbſt, das arme Kind ſo zu quälen und ſagte zuletzt, gewaltſam⸗heiter: ich prüfte dich nur, Schweſter⸗ chen, und bin ja zufrieden mit dir; ſei wieder ruhig. Abends ritt ich nach Hauſe und ſchlief nach der Ermüdung des heißen Tages gut und traumlos. Dies war der Vorabend des camp- meeting. Tags darauf nahm mich beim Erwachen das ganze troſt⸗ loſe Gefühl von geſtern wieder in Beſitz. Auch an meine Viſion glaubt' ich wieder, und ſo lebhaft, als ſtünde ſie noch einmal vor mir. Daß eine Stimmung, ohne äußere thatſächliche Urſachen, ſo mit uns näch⸗ tigen kann, war mir ſehr ernſthaft zu erfahren. Ich wurde nun erſt über meine Trauer traurig, griff aber zu meiner Violine und ſtrich mir die luſtigſten Sachen, die mir einfielen. Dazu tanzte ich in der Stube herum. Kurz, ich machte Oppoſition. Hierauf ging's aufs Pferd. Meinem Schottländer übergab ich die Aufſicht des Hauſes und ritt hinüber auf Meier's Farm, wo ich ſchon Alles zur Abreiſe bereit fand. Ein großer Zeltwagen ſtand beſpannt, mit Vorräthen und häuslichen Nothwendigkeiten verſorgt. Die kleine Familie war in ihrem Sonn⸗ tagsſtaat. Amerikaniſcher Sonntagsſtaat! Ihre guten weſtphäliſchen Stücke verbrauchten die Deutſchen zu Hauſe, um öffentlich der lang⸗ weiligen Landestracht die Ehre zu geben. Um der Frauen willen that mir dieſe Probe der deutſchen Selbſtſtändigkeit beſonders leid. Ihr halb⸗ſtädtiſcher Kleiderſchnitt drückte ſo gar nichts aus! Ein Manſchetten⸗Bauer iſt ein übler Anblick, aber eine Manſchetten⸗Bäuerin — doch freilich, Bäuerinnen ſind ſie nicht, die Myladies der Hinter⸗ t, ſo lebes⸗ huld. aus⸗ das räͤnen Ich arauf tſchen eben; vill“; nn?” ſo zu weſter⸗ 9 des ramp- troſt⸗ laubt' Daß näch⸗ n erſt ſrrich in der Pferd. d ritt fand. glichen Sonn⸗ liſchen lang⸗ willen leid. Ein zuerin Hinter⸗ — 379— wäldler!— Und der Dutchman mißhandelt ſeine Frau, wenn er ſie nicht zur Lady traveſtirt. Ich hatte alſo, dieſem Fuhrwerk zur Seite reitend, die größte Aehn⸗ lichkeit mit Don Quixotte, indem er eine ſeiner ſonderbaren Herzo⸗ ginnen begleitet. Dieſes Bild war mir willkommen und ich malte mir's weiter aus, um von der Heiterkeit deſſelben zu profitiren. Mein Meier hatte unterdeſſen heiligere Gedanken. Während der Knecht (ich ſehe ab von dem hieſigen Euphemismus„hand“—), während der Knecht kutſchirte, machte der Meier Miene, das Geſangbuch aufzu⸗ ſchlagen, und cinen bibliſchen Pſalm anzuſtimmen. Ich geſtehe, daß mich dieſe Ausſicht wenig erquickte. Glücklicherweiſe war Annette zu lebhaft. Sie war ganz Kind. Alles kam ihr neu vor, ich mußte durchaus jedes Stämmchen und Zweiglein für ein Wunder erklären. Wie gerne that ich's! Entrannen wir wenigſtens dem Morgenſegen, nach welchem Vater Ermar lechzte, wie nach einem guten Schluck. Was für ein prächtiges Morgenlied ſein eigenes Kind war, fühlte er nicht. Leider dauerte mein Feld⸗ und Waldduett mit dem kleinen Mädchen nicht lange. Die Andacht ereilte uns doch. Ein Wagen mit Männern, Frauen und Kindern kam in unſern Fahrweg eingelenkt und alle überraſchten aus vollen Kehlen ihren lieben Gott mit einem Frühgeſang, wobei es mir merkwürdig blieb, daß die Pferde nicht ſcheuchten davor. Zwiſchen eine ſpielende Batterie und dieſes Geheul geſtellt, hätte ich jedenfalls bei den Kartätſchen Sicherheit geſucht. Wie wenig kann man ſich doch das höchſte Weſen nach dem menſchlichen Bilde vorſtellen, wenn ein amerikaniſcher Chor im Himmel angenehm klingt! Das ganze Volk hat keine einzige muſikaliſche Note in ſeiner Kehle. Daß ſich dieſe Sangesluſt nun unfehlbar unſerm Wagen mit⸗ theilen würde, war ein Gedanke, der mich ſehr beunruhigte. Ich ließ dem Cäſar die Zügel und erwartete mein Schickſal. Auf einmal galloppirte es ſeitwärts zum Walde heraus, ein Kerl kam zum Vor⸗ ſchein mit aufgeſtreckten Hemdärmeln und einem kupfernen Keſſel als Sonnenſchirm über'm Kopf,— nie ſaß was Tolleres zu Pferde, ſelbſt den Barbier mit Mambrin's Helm nicht ausgenommen. Der Burſche hatte kaum den ſingenden Wagen wahrgenommen, als er den Vor⸗ ſänger mit heller Stimme anrief: He Jones, ſing' gegen den⸗Wind, daß Niemand merkt, wie viel Maisbranntwein heute ſchon den Weg -— 380— deiner Nieren ging. Der Spötter war eine jener verwegenen Rowdy⸗ geſtalten, und bezog das camp-meeting offenbar als Scandalmacher und Boxer. Für dieſesmal unterblieb aber noch ein Hahnenkampf zwiſchen dem Herausforderer und dem Geforderten, wahrſcheinlich der Ladies wegen, welche bereits Zion und Israel um Gnade ankreiſchten. Der Beleidigte begnügte ſich damit, daß er zu unſerm Wagen herüber rief: Nathanael Cutter ſpricht nur mit ſeinen Pferden die Wahrheit, mit den Menſchen nie. Nathanael aber machte ſich an uns und er⸗ zählte uns, wie jener pſalmſingende Wagenlenker, ein eifriges Mitglied der Mäßigkeitspropaganda, nichts ſo ſehr liebe als ein volles Whiskey⸗ glas, das bei gehöriger Tiefe die entſprechende Breite habe. Jüngſt ſei ihm ein artiges Abenteuer paſſirt. Der Mann unterhalte ein Croceryshop auf ſeinem Farm, das er natürlich mit einem Schilde verſehen habe: Hier werden keine Spirituoſen verkauft. Nun war es aber Nacht, das Schild nicht mehr zu leſen, oder vielleicht ſchon ein⸗ gezogen, kurz, ein ſpäter Wanderer hält mit ſeinem Wagen vor dem Laden und fordert in aller Unſchuld ein Quart Whiskey. Der Fromme war in einiger Verlegenheit. Er führte allerdings Whiskey, aber nur für ſich ſelbſt und ſeine guten Freunde; er ſieht ſich alſo den fremden Kunden ein wenig bedächtig an. Dabei gerieth aber dieſer in Ver⸗ legenheit. Er ſteckte ſich, um dem Mantel der Nacht unter die Arme zu greifen, möglichſt tief in ſeinen eigenen, und drehte ſich mit der allergeringſten Fläche dem Inhaber des geforderten Labſals zu. Trotz⸗ dem erkannte ihn dieſer, denn der Fremde war Ehrn Joe Johnſon, der Mäßigkeitsmiſſionär des daſigen Townſhips, derſelbe, der den Farmer ſogar perſönlich affiliirt hatte. Bei ſo bewandten Umſtänden wurde das Quart Whiskey mit aller Discretion verabreicht, und eben ſo ſchweigſam genoſſen, die beiden Frommen verloren kein Wort über ihr erkanntes Incognito und am hellen Tage im Miſſionshauſe be⸗ glückwünſchen ſie ſich als die auserwählten Kinder dieſer gottloſen Welt.— Mit dieſer Schnurre galloppirte der Spottvogel wieder von dannen, der ſingende Wagen aber hatte ſchamvoll einen Seitenweg eingeſchlagen und ließ noch lauter als zuvor ſeine Lungen arbeiten.— Der Waldweg wurde inzwiſchen immer lebhafter. Von allen Seiten kamen Farmer von ihren einſamen Hofſtellen herangefahren, hielten aber nie dauernd unſere Richtung ein, denn Jeder ſchlug ſich nach Kowdh⸗ macher nkampf ich der ſſchten. rrüber⸗ ahrheit, und er⸗ ſitglied hiskey⸗ Jüngſt ie ein Schilde war es on ein⸗ or dem Fromme der nuͤr remden Ver⸗ Arme nit der Trotz⸗ ohnſon, oer den ſtänden d eben oitloſen der von itenweg ten.— Seiten hblelten h nach 381 eigenem Gutdünken durch den Wald— Kunſtſtraßen hat unſere Gegend noch nicht. Auf der letzten Strecke bekamen wir ein längeres Geleite. Ein Farmer ſchleifte ſeinen Reiſekaſten neben uns her— ein echtes Dollargeſicht. Ich hatte das Glück, daß er mich in ſeine beſondere Affection nahm. Er ertheilte mir über amerikaniſchen Landbau und Productengewinn eine Fülle der nützlichſten Rathſchläge, die mir nur leider verloren gingen, denn ſie blieben ihm zwiſchen der Zunge und einer ungeheuren Tabaksprime in der Gaumenhöhle ſtecken. Dazu ſali⸗ virte er überreichlich: mit der Uhr in der Hand zählte ich, daß er in fünf Minuten vierzigmal meinem Pferd in die Mähne ſpuckte. Deß⸗ ungeachtet erkannte ich gegen Nachbar Ermar ſeine ſeltene Dienſt⸗ willigkeit bewundernd an, aber der Meier antwortete: Denken Sie, das ſpricht er fürs ſchöne Wetter? Auf den erſten Blick ſah er, daß Sie ein Lateinfarmer und trüber Laune ſeien, und indem er letztere mißrathenen Wirthſchaftsverhältniſſen zuſchreibt, fürchtet er, Sie möchten Ihre Hofſtelle eingehen laſſen und fortwandern, da uns doch Zuzug nicht Abzug willkommen ſein muß. Darum bemüht er ſich ſo kräftig um Ihre Rente. Bei dieſer Enttäuſchung ſchlug ich vor, dem Manne aus der Nähe zu fahren, aber der Meier machte mich darauf aufmerkſam, wie er mit einem eigenen Kennerauge das beſte Niveau der ganzen Waldregion befahre. Eine blumige Stelle, mit den prächtigſten Aſtern überſäet, erregte das laute Entzücken An⸗ nette's. Und mitten in dieſen Juwelenhain trieb der Farmer ſein plumpes Fuhrwerk. Ich machte ihm Vorwürfe darüber, da antwortete mir der Verwüſter Folgendes: Hören Sie, mein Herr, die Locomotive, die hinter uns nachbraust? In zehn Jahren iſt meine Wagenſpur eine Eiſenbahn und ich war der erſte Ingenieur, der ſie abſteckte! Was macht man mit dieſen Leuten? Sie formuliren ihre Proſa mitunter doch großartig! Dann begreift man wenigſtens den Charakter darin und für die nächſte Minute ſind ſie wieder amneſtirt! Arme Annette! daß ich ſo ruhig all das Geſchwätz niederzuſchreiben vermag! Aber freilich— ich bin ruhig, ſehr ruhig! Geßner ſchrieb ſo ruhig nicht ſeine ſchweizeriſchen, als ich dieſe— amerkkaniſche Waldidylle! Es war wirklich idylliſch. Wir fuhren in eine tieſe geräumige Wieſenbucht wie in einen Hafen: der Wald umdämmte uns rings — 382— mit ſeinem kräftigſten Stammholz. Die hohen Laubkronen ſchliefen kapuaniſch wollüſtig in der ſammtenen Himmelsbläue,— aber wenn ſie abendlich zu rauſchen anfingen und die Wachfeuer der Verſammlung aufloderten, und ein feierlicher Bußgeſang dreinſcholl, ſo mußte— den Standpunkt in halbdeutlicher Ferne genommen— das Bild eine ge⸗ waltige Wirkung thun. Die Waldwieſe, auf der wir jetzt hielten, war bereits das Lager des camp-meeting. Auf ihrer Mitte ſahen wir die Fuhrwerke der Pilger in ein längliches Viereck zuſammen⸗ geſtellt, eine Art Wagenburg. Näher am Waldſaume waren Zelte und Laubhütten zur profanen Haushaltung aufgeſchlagen, das Innere der Wagenburg aber war das Allerheiligſte, der penn. An der Längenfronte deſſelben in der Mitte ſtand aus Brettern und Baum⸗ äͤſten gezimmert die Tribüne des Predigers; horizontal vor dieſer liefen die Bänke der Zuhörer, ein Ouerſchnitt durch dieſelben bildete einen Gang, welcher die Geſchlechter trennte. Die acht Ecken der beiden Vierecke, in welche durch dieſen Querſchnitt das oblonge Quadrat des penn's zerlegt wurde, ſah ich mit Herdſtellen verſehen. Das Brenn⸗ material lag ſchon jetzt darauf in Bereitſchaft zum Anzünden für den Nachtgottesdienſt. Noch war die Wagenburg leer; alle Hände tummelten ſich, die Waldſtelle erſt häuslich in Beſitz zu nehmen. Daß der ganze Ort übrigens ziemlich ab von dem ungeſunden Lisbon lag, verſteht ſich unter smart-mens von ſelbſt. Wir Neulinge ſahen ſonderbar drein. Da ſtanden wir nun in der Mitte des fremden Volks— es mochten wohl einige Tauſende da ſein. Ich muſterte mir die Verſammlung,— auf den erſten Blick war's kein reiches Charakterbild. Was ich ſchon im Einzelnen bemerkt, fand ich hier ausgedehnter beſtätigt: ein Amerikaner ſieht dem andern ähnlich. Es iſt ohne Uebertreibung wahr: Amerika, das größte Acker⸗ bauland der Erde, hat keinen Bauernſtand. Dieſe Geſichter ſieht man auf unſern Börſen. Jedes drückt Liſt und Sorge aus, ihre ſpitzen pfiffigen Naſen ſtecken gleich Widerhacken in der Zukunft— nirgend ein bäuerliches Sattſein in der Gegenwart oder Vergangenheit. Satt iſt Amerika überhaupt nicht, trotz ſeiner größten Fleiſchconſumtion. Ich ſah noch keine Corpulenz. Alles ſpindelt und ſchlottert, nament⸗ lich ſind die Köpfe ſo dürr, wie es die edelſte Race, mindeſtens bei den Pferden, bedeutet. Hier aber bedeutet es das Fieber. chliefen wenn mlung — den ie ge⸗ zielten, ſahen mmen⸗ Zelte Innere in der Baum⸗ lefen e einen belden rat des Brenn⸗ en für Hände ehmen. Lisbon nun in auſende n Blic emerkt, andern Acker⸗ t man ſpitzen nirgend Satt mtion. ament⸗ ns bei — 383— — Wir betrugen uns ſtill und einſam in dem Menſchenhaufen. Das camp-meeting, ſo manche Woche zuvor der Gegenſtand unſerer Unter⸗ haltung, gab uns in dieſer erſten Stunde nicht zu reden von ſich. Indem wir mitten drinn ſtanden, verloren wir keine Sylbe darüber. Annette machte große offene Augen zu Allem, aber der Blick drückte faſt Schrecken aus. Sie ſah überall umher und lief nirgend hinzu. Sie entfernte ſich keinen Schritt von unſerer Seite. Es kam mir nicht vor, als ob ſie viel nach Geſpielen und Blumenſaamen Luſt hätte. Als die Sonne den höchſten Stand hatte, beſtieg ein langer, ſchwarzer reverend die Predigerkanzel, ſein Clerk neben ihm zog die Glocke. Alles ſtrömte in die Wagenburg. Ein Menſch im geiſtlichen Rock trennte am Eingange die Geſchlechter, inſofern ſie der Ordnung unkundig waren— Annette wurde faſt gewaltſam in die weibliche Abtheilung gezogen. Als ſchiene ihr der Schutz einer ſchüchternen deutſchen Frau nicht genügend in dieſer Verbannung, blickte ſie angſt⸗ voll nach uns hinüber und zeigte ſich ſehr aufgeregt. Mein dumpfes Ahnungsgefühl wurde bei dieſem Anblicke um nichts deutlicher, aber um vieles ſchwerer und drückender. Ich ſagte dem Meier(nur mit an— dern Worten) ſein zartes Kind ſcheine mir nicht gemacht, dieſe Feier⸗ lichkeit Wochenlang auszuhalten. Er antwortete, man hätte ihm geſagt, ſpäter laſſe die ganze Ceremonie nach und in den letzten Tagen ſei es nur noch eine Geſchäftsbörſe der Landſchaft. Der Prediger auf der Tribüne verkündigte den Leuten, daß er bei Gelegenheit des Mittags ſie zum Tiſchgebet verſammelt habe und mit dieſer erſten Andacht erkläre er denn das camp-meeting für eröffnet. Hierauf ſtimmte er ein Lied an, in das die Gemeinde einfiel— was ſoll ich ſagen? Wenn ich in dieſem Lande der Graßheiten noch er⸗ ſtaunen könnte, ſo wäre ich aus den Wolken gefallen. Die Methodiſten ſangen ihren Bußgeſang nach der Weiſe: Mihi est propositum In taberna mori! Es iſt bekannt, daß das ſangesarme Volk der NYankees ſeine Kirchen⸗ lieder den weltlichen Melodien der eingewanderten Deutſchen nachbildet. Dieſe muſikaliſche Anleihe ſetzte mich aber doch außer Faſſung. Herr Ermar wurde lutheriſch roth dabei und brummte mir zu: Das Predi⸗ gen wäre die Hauptſache bei den Methodiſten, Als das Lied zu Ende — 384 war, ſagte der Geiſtliche, er überlaſſe die Frommen ihrer ſtillen Be⸗ trachtung und trat ab. Folgte die ſtille Betrachtung. Jeder Kopf ſank auf ſeinen Bruſtknochen, die Blicke ſchloſſen ſich, oder ſtarrten ſo vor ſich hin. Schwere Seufzer, dem Tone des Schnarchens nicht un⸗ ähnlich, gingen durch die Verſammlung. Ueber das Ganze brannte die Mittagsſonne,— es war getreu das Bild von geſtern Mittag. Die geſenkten Köpfe das abgeſichelte Stoppelfeld— die Seufzer das glühheiße Gekniſter im Stroh— warum mußte ich unwillkürlich mit⸗ ſeufzen?— Ich blickte nach Annetten hinüber:— ſie war an der Seite ihrer Mutter eingeſchlafen. Die Andächtigen erhoben ſich nach und nach aus der ſtillen Be⸗ trachtung und zerſtreuten ſich durchs Waldlager zu den Verrichtungen des Mittags. Frau Ermar ſah ängſtlich um ſich; ſie fühlte offenbar die gleiche Pflicht dieſes Berufes, aber ſie gönnte auch ihrer Schlum⸗ mernden die Ruhe. Wir konnten bemerken, wie verlegen ſie war, einen Entſchluß zu faſſen. Endlich weckte ſie das Mädchen, aber der Augenblick war übel gewählt. Denn eben wandelte der lange ſchwarze reverend den Gang hinab. Indem Annette verwirrt und erſchrocken aus dem Schlafe fuhr, erregte ſie ſeine Aufmerkſamkeit. Er blieb flüchtig vor ihr ſtehen und maß ſie mit einem finſtern Blicke. Mich überlief's. Das„böſe Auge“ des Volksglaubens fiel mir ein. Wäre ich Mutter geweſen, ich hätte mein Kind bedeckt gegen dieſen Blick. Ohne ein Wort zu ſagen, wandelte er weiter, aber ich hatte das Ge⸗ fühl, als wäre hier eine Einweihung vor ſich gegangen. e Der Prediger— nicht der Lisboner, ſondern ein auswärtiger Matador— war ein widerlicher Menſch. Seine gemeinen Züge ſtempelte ſinnliche Rohheit. Die breite Anlage ſeiner untern Ge⸗ ſichtshälfte, die ſtarke Muskulatur der Eßorgane gab ihm ſogar etwas thieriſch Brutales. Sein ganzer Charakterausdruck wies keine Spur von Geiſtlichkeit auf, ſelbſt nicht von geiſtlichen Laſtern. Ich kann nicht ſagen, daß ihn das geheimnißvolle Schrecken des Fanatismus umkleidete; die gänzliche Abweſenheit jeder Gemüthskraft, ſelbſt einer verirrten, war vielmehr das Schreckliche ſeines Bildes. Sein leeres blaßgraues Auge ſprach eigentlich gar nichts aus; wie bitterböſe er damit blickte, ſchien's die giftige Mißlaune eines Geſchäftsmannes, der ſich nicht ſchnell genug reich melkt an ſeiner Geſchäftskuh. Das war hagen trauli auch arbeit Jeden übert ja, w ſchwe Sch Das Erbo Wie dünf nicht demſ ſchm wie rant weſu die ſchre llen Be⸗ er Kopf rrten ſo icht un⸗ brannte Mittag. zer das lich mit⸗ an der len Be⸗ htungen offenbar Schlum⸗ ſie war, aber der ſchwarze ſchrocken er blieb Mich Wäre n Blic. das Ge⸗ wärtiger n Züge in Ge⸗ 1 ſogar es keine n. Ic atismus ſt einer I leeres tböſe er nes, der as war — 385 das Grauen ſeines Daſeins, daß er nicht da war in der Welt. die er leitete. Er machte zittern, aber nicht wie ein europäiſcher Torquemada, ſondern wie ein Tölpel, der durch ein Kunſtkabinet geht. Er wird Unheil ſtiften aus platter blinder Flegelhaftigkeit. Er wird die Spiel⸗ uhr anfaſſen, wie einen Mühlſtein. Wir gingen an unſere Feldmahlzeit. Ein eigenthümliches Mißbe⸗ hagen drückte unſern kleinen Kreis. Den Waldraum durchwürzte das traulichſte Parfüm unter der Sonne— Küchen⸗ und Bratenduft: auch ein Ueberfluß von lebendigen Gliedern war da, der dran herum⸗ arbeitete. Aber das Alles wollte noch keine Verſammlung werden. Jedem Einzelnen ſehlte das Gefühl der Zuſammengehörigkeit. Man überblickte dieſen Menſchennumerus wie einen aufgelösten Roſenkranz, ja, wie einen bloßgelegten Kirchhof, deſſen innern Beſtand eine Ueber⸗ ſchwemmung aufdeckt. Das camp-meeting ſchien ein Haufe von Schnecken, die dicht zuſammenrücken, aber ſie erwärmen ſich doch nicht. Das Ganze bleibt ſo kalt wie das Einzelne. Die Sonne zerfloß in Erbarmen und gab ſich alle Mühe einer äußern Erwärmung. Umſonſt. Wie mochte ſie ſich wundern! drüben in Neapel gelang ihrs ſo trefflich. Fünf Menſchen machen den Lärm eines Volkes dort. Hier Tauſende nicht. In welchen Verhältniſſen leben Sonne und Erde auf ein und demſelben Breitegrad? Iſt ſie dort die Geliebte und hier die Ver⸗ ſchmähte, die um ſo kälter macht, je heißer ſie wird? Unglückliche, wie tragiſch biſt du in deiner Unſchuld! Du brennſt herab, eine Ta⸗ rantella zu zeitigen und zeitigſt das Fieber. Da waren meine Ver⸗ weſungsgedanken von geſtern wieder! Wen ſoll man hier anklagen? die Sonne, die Erde, die Menſchen? Ich hätte in die Schöpfung ſchreien mögen, wie König Lear: Mach mich nicht toll!!— Viel Volks war in der ſtillen Betrachtung zurückgeblieben: ent⸗ weder im erſten Drang ſeiner Andacht oder aus pfiffiger Concurrenz um den Frömmigkeitsruf. Das nöthigte auch die Andern, ſchleuniger nachzukommen, und ebenſo trieb es den Prediger vorwärts. Kurz, ich erlebte die Raſerei, daß ſtatt eines geſunden Mittagsſchläſchens das meeting in der ärgſten Hitze zuſammenrannte und die Wagenburg füllte. Da gab denn der Clerk das Zeichen, der Prediger ſtieg auf die Kanzel und der Nachmittags⸗Gottesdienſt fing ſchon am Mit⸗ tage an. —386— Die Erbauung eröffnete wieder ein Gaſſenhauer⸗Pſalm; ich kannte zwar diesmal die Weiſe nicht, aber denke Dir etwa:„O mein lieber Auguſtin“ oder dergleichen, es verſchlägt nicht viel. Dem ſeelenvollen Liede folgte die Predigt. Alſo die erſte Methodiſtenpredigt!„Rede, daß ich dich ſehe!“ ſagte Sokrates. Amerika's Idealismus hat ſich auf die Religion zurückgezogen: hier ſollt' ich ihn jetzt ſehen. Er fing zu reden an. Aber ſchon nach den erſten Perioden verging mir Hören und Sehen im barſten Sinne des Worts. Wie ſoll ich Dir dieſe Predigt be⸗ ſchreiben? Nichts Amerikaniſches iſt zu übertragen, Du weißt es. An⸗ nähernd ein Urbild iſt in Helnrich IV. die Stelle, wo Fallſtraff eine Scene am Hof zwiſchen Vater und Sohn repräſentirt. Er ſpricht im vermeintlichen Charakter eines Königs:„Es gibt ein Ding, Heinrich, wovon du oftmals gehört haſt, und das Vielen in unſerm Lande unter dem Namen Pech bekannt iſt; dieſes Pech, wie alte Schrift⸗ ſteller verſichern, pflegt zu beſudeln.— So idealiſirt ein Falſtaff den Satz: wer Pech anrührt, beſchmutzt ſich! So machte es die Pre⸗ digt. Und doch iſt mit dieſem Beiſpiel nur der geringſte Theil des Aergerniſſes angedeutet. Falſtaff's Grundgedanke iſt gemein; zu ver⸗ derben war blos die einfache Form daran. Hier aber war das Ein⸗ fache zugleich das Erhabene; die gänzliche Ohnmacht des Methodiſten, aus ſeiner Gemeinheit ſich zu erheben, ſchändete Form und Inhalt zugleich. Der elendeſte aller Gottesknechte erſetzte dieſen geiſtigen Abgang durch phyſiſche Mittel. Nichts konnte alberner ſein als die Art, wie er einzelne Grundſylben betonte und durch eine übermäßige Länge ihre Feierlichkeit nach dem Klaftermaße dehnte. Ein halbhundert Pendel⸗ ſchläge z. B. dauerte das Längenmaß der erſten Sylben in holy oder glory. Solche Götterworte legte er förmlich unter Streckwalzen und quetſchte ſie zu Ewigkeitsdraht. Wenn er auf den devil zu ſprechen kam(und er ſprach von nichts anderm) ſo verſank die Streckmaſchine in einen Keller. Zu der Dehnung kam dann eine fürchterliche Hohl⸗ heit und Tiefe des Tons— in der Wirklichkeit iſt kein Gleichniß dafür. Man muß es aus der Möglichkeit holen und ſich vorſtellen, eine ähnliche Klangfarbe gäbe es vielleicht, wenn ein Bär in das Spundloch des Heidelberger Faſſes brummte. Aus dieſem Bauchredner⸗ baße in die kreiſchendſte Fiſtel umzuſchlagen, war eins ſeiner belieb⸗ teſten Kunſtmittel. Man glaubte einen verzweifelnden Hahn zu hören, kannte lieber wollen he daß auuf die en an. n und igt be⸗ 3. An⸗ ff eine cht im elnrich, Lande Schrift⸗ Falſtaf je Pre⸗ eil des zu ber⸗ Ein⸗ diſten, ugleich. durch wie er ge ihre Pendel⸗ p oder —m und prechen naſchine hdohl⸗ leichniß rſtellen, in das redner⸗ belieb⸗ hören/ 397— der zwiſchen Mardern und Iltiſſen um die Integrität ſeines Harems ſchreit, wenn er im ſchneidendſten Falſett auf einmal den Aufſchrei einer ver⸗ dammten Seele losließ. Kurz, der Weihevolle ſchlug ſich in Gedanken, Worten und Geberden über alle Hinderniſſe der menſchlichen Grenzen direct zum Pavian durch. Das war der Hirt. Und dieſem Hirten entſprach die Heerde. Die Heerde ſteht hier ganz ohne Allegorie da. Sie war es wirklich. Zwar in der erſten Viertelſtunde hielt die mitgebrachte Menſchenhaut noch ihre Näthe. Aber bald fing ſie zu platzen an. Zuerſt brachte die Bußpredigt eine ſonderbare, gewitterähnliche Unruhe unter den Zuhö⸗ rern hervor, ein Zappeln und Trippeln von einem Bein auf das an⸗ dere, ein Stöhnen, Seufzen, Wimmern und Schluchzen, gemiſcht mit einem faſt zornigen Murren, das einem Aufruhrgemurmel glich— Aufruhr gegen den Teufel. Dieſe Geräuſche erhoben ſich nach und nach zu der Höhe des Lärmes. Wie man in einem ſchwülen Raum die Kleidungsſtücke ablegt, ſo begannen die Seelen, die ins Schweiß⸗ treiben geriethen, ſich zu lüften. Man verzweifelte, man verfluchte ſich, man ſchrie laut die Namen derjenigen Laſter umher, von denen man ſich am ſchwerſten bedrückt fühlte, und forderte Andere auf, das Gleiche zu thun, man ſchrie dem Prediger Beifall zu, ließ ſich die kräftigſten Stellen wiederholen, brüllte ſie im Chor nach,— kurz, man betäubte ſich gewaltſam. Einer Verſammlung von Tauſenden gelingt das wun⸗ derbar ſchnell. Im Nu waren die menſchlichen Stimmen verſchwunden und ein Heulen, Blöcken, Bellen, Grunzen, Miauen und Schnarren hub an, als ob eine Noahsarche im Schiffbruch begriffen wäre, und alle Thiergattungen der Erde um Hilfe ſchrien. Dazu ſtrampften die Beine, die Arme fuhren in der Luft, die Hände ſchlugen um ſich, man ſchüttelte die Leiber, ſtieß, rieb, trieb, zwickte und zwackte ſich, um der Teufelsaustreibung ſo gewiß als möglich zu werden. In dieſem Tumulte gingen enolich die Donner des Predigers unter. Nur in einzelnen langgehaltenen Pauſen ſchlug noch ſein hohler Weheruf durch, wie Glockenſignale in einer feuerlärmenden Stadt. Zuletzt verhallte auch das— der Brand war fertig, das Schürreiſen ruhte. Ich ſtand da, von Scham übergoſſen. Die Unkeuſchheit dieſer Scene ließ mich bereuen, ein Menſch zu ſein. Darum alſo mähte der Würgengel der Civiliſation die eingebornen Naturvölker vor ſich her, — 388— um dieſes Chriſtenthum nachzupflanzen! Ich ſah unwillkürlich nach Weſten aus, als müßt' ich der Staubwolke des letzten abziehenden Indianerſtammes mich anſchließen können. Aber hier war kein Ort zu Betrachtungen. Auf einmal ſchoß ein Schrei neben mir auf— ich prallte zurück wie vor einer Exploſion. Jeſus komm herab! Jeſus komm herab! lärmte ein Knabe in meiner Nähe mit einer Lunge aus Granit. Und es genügte ihm nicht etwa der ein⸗ und zweimalige Anruf, ſondern er wiederholte dieſe Formel fort und fort, uugefähr wie unſere Kinder ihr: Maikäfer flieg! oder: Schmetterling, buntes Ding! auf warmen Frühlingswieſen rufen. Erſtaunt fragte ich meinen Nachbar, wie es komme, daß der Muthwillige dieſen Unfug ſich erlauben dürfe und kein Erwachſener ihm wehre. Der Angeredete maß mich mit einem großen Blicke, dann hub er an: Es ſcheint, Sie ſind fremd, mein Herr. Dieſer tugendhafte Knabe lag ſchon geſtern im brünſtigen Ge⸗ bete und will es mit des Allbarmherzigen göttlicher Hilfe zu einer Wiederbelebung bringen. Gebe der Himmel ſeinen Segen dazu! Aber die Kräfte des Leibes müſſen mit aller Thätigkeit mitwirken, wenn die gebundene Seele ihre Feſſel ſprengen ſoll. Brav arbeitet er, der Kleine! Sehen Sie, wie ihm die Halsadern ſchwellen! Wie das Geſicht ihm anläuft! Er wird den wunderwirkenden Blutdruck aufs Gehirn früher zu Stande bringen als wir träge Gewohnheitsſünder. Er bringt es zu einem der glänzendſten reviews, geben Sie acht. Methodiſtenprediger will er werden, der Sohn der Gnade. Wir wünſchen uns Glück dazu. Nie hatte ein Kind des neuen Landes beſſere Gaben für dieſen Beruf. Welch eine Lunge, mein Herr! Während dieſer Worte hatte ich den Knaben nachſinnend betrachtet. Es kam mir vor, als ob dieſe Lunge ſchon öfter geglänzt hätte. Wie war ich überraſcht, ihn endlich zu erkennen— es war Hoby der Straßenjunge!— Es war derſelbe Lump, der auf der Battery Schand⸗ ſchriften verkauft, der im tragiſchen Theater als Chef du succès ſpecta⸗ kulirt hatte— zwei Begegniſſe, von denen ich Dir erwähnt, wenn ich nicht irre. Und zum drittenmale fand ich jetzt dieſe amerikaniſche Jugend⸗ blüthe in den Wäldern Ohio's als Candidaten des geiſtlichen Lehramts! Bei dieſer Entdeckung ertrug ich die Scham meiner Anweſenheit nicht länger. Ich drängte mich ſachte nach dem Ausgange zurück, und nach henden zurxück herab! . Und ern er Kinder armen vie es ſ und einem mein en Ge⸗ einer dazu! virken, rbeitet Wie kaufs ünder. acht. Wir beſſere achtet. Wie y der hand⸗ pecta⸗ enn! gand⸗ amts! enheit 1 und — 389— gewann, obwohl mit einigem Aufſehen das Freie. Ich ſattelte mein Pferd und beſtieg es. Eine Stunde von hier lag die pennſylvaniſche Grenze und Gadshill, wo Doctor Althof wohnte. Dort wollte ich Aufnahme ſuchen für die kleine Annette. Denn daß ich das Kind von dem camp-meeting entfernen müſſe, verſtand ſich nach dieſer Erſtlings⸗ probe von ſelbſt. Den Meier nöthigenfalls zu beherrſchen, war mein Recht und meine Pflicht. Um ihm Fertiges zu bieten, ſäumte ich keinen Augenblick, die Sache mit dem Doctor gleich abzumachen. Ich ritt davon und hörte, glaub' ich, ziſchen und grunzen hinter mir. Hoby's Geſchrei: Jeſus, komm herab! tönte mir vor Allem nach. Aber nahe vor Gadshill begegnete mir Doctor Althof ſelbſt, mit Poll dem Apotheker. Er ritt eben auch zum camp-meeting. Ich verwunderte mich, daß ihm ſeine Praris erlaube, ſolchen Schauſpielen nachzugehen. Er ſah mich groß an. Gerade dort iſt mein Poſten jetzt, Herr College— war ſeine Antwort;— ſchöne Apoplexien, Convulſionen, Ohnmachten, Krämpfe, Neuralgien in allen Sorten und Muſtern, capitale Parorismen— was denken Sie denn von einem camp-meeting! Dabei wies er auf ein drittes Pferd, welches mit einer Feldapotheke bepackt, hinter den beiden Reitern hertrabte. Ich ſah mir den Gaul mit einer Art von Reſpect an; dies alſo war die Perſon, die in dieſem Conventikel das letzte Wort hatte! Ich verſagte mir nicht, meinen Gefühlen über die Scene, von der ich ſo eben kam, freien Lauf zu laſſen. Die Religion, ſagte der Doctor, iſt in Italien ein Ballet, in Spa⸗ nien eine Verſchwörung, in Deutſchland eine philoſophiſche Liebe, in Amerika iſt ſie eine Maſchine von ſo und ſo viel Pferdekraft. Ich verwundere mich überhaupt, war meine Antwort, daß die hieſige Menſchheit nicht längſt ſich eine neue Religion gegeben. Das Chriſtenthum ward der leidenden Welt verkündet, der Sehnſucht nach dem Jenſeits; hier haben wir ein Reich der That, eine leidenſchaftliche Befangenheit im Dieſſeits, eine abſolute Unfähigkeit zur Vertiefung und Verinnerlichung. Lauter Gegenſätze zum Chriſtenthum. Amerika braucht eine eigene Religion. Ich glaube, es bekommt ſie auch noch, ſagte Althof; das Volk arbeitet an allen Punkten daran. Was bedeuten dieſe hunderte von D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 26 — 390— Secten, die täglich entſtehen und vergehen, anders, als das Suchen nach einer nationalen Form der Religion? Der Apotheker lächelte ſchalkhaft. Ich ſah ihn befremdet an, da hier zunächſt kein Anlaß zur Heiterkeit gegeben war; der Doctor be⸗ merkte Beides und gab mir mit der beſten Miene folgende Erklärung: Herr Poll denkt an meine geweſene Braut, jetzige Prophetin im Killany⸗ thal. Wohlan, wenn Sie geneigt ſind, ein Pröbchen von amerikaniſcher Religionsmache zu hören— die Geſchichte iſt dieſe: Ich hatte meine Mina aus Deutſchland mitgenommen, in der Abſicht unſere Ehe zu vollziehen, ſobald mein Wirkungskreis ein geſicherter würde. In der Dauer dieſer Wartezeit verſchwand mir auf einmal das Mädchen. Niemand wußte, wohin? Sie hatte mir zwar Zeilen zurückgelaſſen von entweder freiwilliger oder unfreiwilliger Myſtik des Styls; genug, ich konnte Alles drinn leſen, ich las aber, da ich überhaupt kein weib⸗ liches Motiv einer ſolchen Flucht kenne, gar nichts darin. Ich zählte das Mädchen zu jenen Entarteten, die den ungeheuren Uebergang von der alten zur neuen Welt moraliſch nicht beſtehen, und vergaß ſie. Die Kleine hatte ſich aber, in aller Stille gereift an der hieſigen Humbugluft, folgendes Plänchen ausgedacht: Sie lief nach Philadelphia und nahm Condition in einer Modewaarenhandlung. Da ſie in ihren neuen Verhältniſſen nur deutſch ſprach, ſo war die unterſte Stelle, die ſchlechteſte Gage und eine demgemäße Behandlung ihr Loos. Dieſes Loos ſchien ihr ſehr nahe zu gehen. Nach reicherer Sprachkenntniß ſah man ſie das heftigſte Verlangen tragen. Sie ließ ſich berechnen, was engliſche und franzöſiſche Lectionen koſten möchten. Sie ſparte mit peinlicher Entſagung, verzweifelte an der Unzulänglichkeit ihrer Mittel, raffte ſich wieder auf, erlahmte von Neuem, man ſah ſie ſtundenlang ihr Unglück beweinen, ſie rief die Kraft der Religion zu Hilfe, warf ſich in die Arme der Conventikeln und Miſſionen, ja ihre Lippen fingen oft mitten im Verkaufsladen zu beten an. Da rauſcht eines Tags ein glänzendes Bouquet von Ariſtokraten des„alten Landes“ in ibren Bazar. Herren und Damen, Kinder und Bediente bezaubern ihr Ohr mit der Muſik der heiß erſehnten Sprachen. Die arme deutſche Magd lauſcht wie auf das Säuſeln der Gottheit. Ihr Herz ſchwillt, ſie vergißt ſich, ſtatt zu ſerviren, fängt ſie zu beten an. Die Directrice begegnet ihr ſtreng, ſie bricht in einen Thränenſtrom aus. Die Directrice Suchen n, da or be⸗ arung: illany zniſcher meine Ehe zu In der üdchen. en von ug, ich weib⸗ zählte ng von ß ſi hieſigen delphia nihren g, ſl Stelle, Dieſes miß ſah en, was rte mit Mittel, denlang 2, warf fingen 6 Tags in ibren ihr Ohr Magd ilt, ſie irectrick nrectrie 391 weist ſie voll Zorn und Verlegenheit fort, da wird das Maß der überreizten Seele voll. Ekſtatiſch fällt ſie auf die Knie, ringt die Hände, und fleht in dem impoſanten, ſinnlos⸗erhabenen Schwall ihrer Miſſionsmyſtiker den Himmel um ſeinen Beiſtand an. Das Wunder geſchieht. Verklärt ſpringt ſie auf. Sieg leuchtet ihr ſeheriſches Auge, ſie öffnet den Mund, die Sprache der Staël und der Martineau ſprudelt wie eine Cascade über die gottbegnadeten Lippen. Der Salon erſtarrt. In einer Minute hat Fama ihre Lauffeuer angezündet, das Volk ſperrt die Straße, ſelig wer zuerſt die neuen Sprachlaute der neuen Prophetin vernimmt; Kranke laſſen ſich ihre Hände auflegen, der Saum ihrer Kleider wird geküßt.— In einem Thale Pennſyl⸗ vaniens, wohin ſie der Einladung eines Gläubigen folgte, iſt ſie jetzt Prophetin. Sie bewohnt einen Palaſt und fährt mit Vieren und zählt ihre Gemeinde nach Tauſenden. Aus dieſem Glanze heraus— denn wunderbar iſt das Frauenherz— hat ſie mir wieder ihre Hand angeboten; zum Danke für ſo viel Treue gelobt' ich ihr auf ewig jenes Mädchenpenſionat zu verſchweigen, in welchem ſie franzöſiſch und engliſch gelernt. Haben Sie aber Luſt, einen Kopf voll Tiefſinn und Vernunft zu riskiren, ſo gehen Sie in das Killanythal und zweifeln Sie an dem Pfingſtwunder der Miß Mina. Der Nankee ſchlägt ſich für ſie, wie nur ein Menſch für das Göttliche kämpft. Die witzige Ladenmamſell iſt ein Theil des amerikaniſchen Logos geworden. Ich antwortete: Wo die Menſchheit in ſo verzerrten Zügen auf⸗ tritt, wie hier, da bleibt nichts anders übrig, als ſie zu begreifen. Denn nur holde Räthſel läßt man ſich gefallen, ärgerliche muß man wenigſtens auflöſen, um ſie erträglich zu machen. Ich kann die Mög⸗ lichkeit dieſes plumpen Wunderglaubens einſehen. Das Volk hat nun einmal keine Vergangenheit. Warum ſollte es vergangene Wunder haben? Es will gegenwärtige! Es iſt zu praktiſch, zu ungeduldig, um nicht ſelbſt zu leiſten, was andere Menſchen, was andere Zeiten auch geleiſtet haben. Seine einzige Geiſtesnahrung, die Bibel, ſtellt ihm ein auserwähltes Volk mit ſeinen Propheten auf. Man denke ſich dabei die Gährung iu einer amerikaniſchen Bruſt! Bekanntlich iſt Bruder Jonathan ſich ſelbſt das auserwählteſte aller Völker. Der liebe Gott ſollte mit Juden umgegangen ſein und mit Amerikanern nicht 26* — 392— umgehen wollen? Concurrenz! Wahrlich, das Wort darf uns nicht zu profan ſein, es iſt auch hier das wahre Schlagwort der Sache. Ich möchte ſagen, der Amerikaner verhält ſich zur Bibel, wie Don Quixotte zu ſeinen Ritterbüchern— sans comparaison!— warf Poll jovialiſch hin. Sehr richtig! ſagt' ich mit lebhafter Zuſtimmung. Don Quiyotte fühlt ſein eigenſtes Weſen ſich erklärt und enträthſelt im Anſchaun ſeiner romantiſchen Vorbilder. So ſind auch dem Amerikaner die bib⸗ liſchen Wunder ganz aus der Seele geſprochen. Geht er doch allent⸗ halben darauf aus, die Natur zu überwinden, und wo wäre ſie gründ⸗ licher überwunden als im Wunder? Meine Herren, ſehen wir genauer hin, es herrſcht die natürlichſte Wahlverwandtſchaft zwiſchen den neu⸗ amerikaniſchen und altjüdiſchen Humbugern! Sollte der künftige Islam dieſes Welttheils nicht überhaupt Hum⸗ bug heißen? fragte der Doctor.. Wenigſtens, antwortete ich, iſt dieſer Ausdruck der erſchöpfendſte für den amerikaniſchen Nationalgeiſt; und um den Nationalgeiſt han⸗ delt es ſich ja in der neuen Religion, von ihm ſind wir ja ausge⸗ gangen. Das iſt's, was die kleinen Secten⸗Humbuger reuiſſiren läßt: daß ſie dieſen einen Nerv glücklich berühren. Es frägt ſich dabei gar nicht, wie überall, um die Authenticität ihrer Wunder; ihr Wunder iſt, die Eigenthümlichkeit des Volksgeiſtes zu errathen. Nicht die Wahrheit iſt glaubwürdig, ſondern dasjenige Märchen, das den Mär⸗ chengeſchmack am beſten erräth. Tritt nun nach dieſen kleinen Hum⸗ bugern ein Groß⸗Humbuger auf, der nicht einen, ſondern alle Nerven zugleich berührt, die ganze Klaviatur der, Volksgefühle auf einmal ſpielt, ſo iſt die neue Religion fertig, die Secten münden in ſie wie die Nebenflüſſe in den Miſſiſſippi. Sie haben das Wort„Islam“, fuhr ich fort, glücklich gebraucht. Der Islam iſt eine Redaction der Bibel und des Evangeliums in arabiſche Formen, geſtützt auf die Ueber⸗ lieferungen des Volks und die Perſönlichkeit des Propheten. Das un⸗- gefähr iſt's, worauf es hier ankommt. Bibel und Evangelium werden auch dem amerikaniſchen Mahumed die Grundlage liefern: weſentlich wird aber immer die Umdichtung in amerikaniſche Formen, die Befrie⸗ digung des coloſſalen amerikaniſchen Nationalpathos dabei ſein. Und in dieſem Sinne werden wir die hieſige Zukunftsreligion ohne alle icht zu ie Don warf uirotte ſchaun ie bib⸗ allent⸗ gründ⸗ enauer n neu⸗ Hum⸗ pfendſte ſt han⸗ ausge⸗ mläßt: dabei Bunder ht die Mär⸗ Hum⸗ Nerven einmal ſie wie , fuhr Bibel neber⸗ as un⸗ werden ſentlich Befrie⸗ 1. Und ne alle — 393— Frivolität Humbug nennen dürfen. Sie wird eine Religion des Unter⸗ nehmungsgeiſtes, der Eroberung, eine Religion go ahead ſein. Sie wird das: liebe deinen Nächſten wie dich ſelbſt, ſo lange nationaliſiren, bis ein help your selp! daraus wird. Kurz, ſie wird national ſein. Dieſes Moment darf keiner Religion fehlen, vielmehr iſt es der innerſte Kern und das tiefſte Bedürfniß einer jeden. Die Römer und Griechen hatten kein Nationalgefühl mehr und die Germanen hatten's noch nicht, als ſie ihre heutige Religion annahmen. Hier ſtehen die Sachen anders. Es iſt eigentlich die größte Anomalie, daß das Volk nur die Stempel⸗ acte und nicht auch die Religion des Mutterlandes abwarf. In ſeinen Verhältniſſen kann es gar nichts brauchen von Euroxpa. Der Grund iſt einzig, daß man Religionen nicht ſo ſchnell macht, wie Conſtitutionen, obwohl man auch dieſe mitunter zu ſchnell macht. Aber eben darum ſteht der Islam Amerika's noch bevor. Bis dahin, ſagte der Doctor, müſſen wir freilich methodiſtiſche Tobſucht und puritaniſche Starrſucht für unſer liebes altes Chriſten⸗ thum gelten laſſen. Unſer einer ſteht ſich am beſten dabei. Man wird ordentlich Doctor der Medicin und Theologie zugleich bei dieſen chriſt⸗ lichen Suchten— So unterhielten wir uns, indem wir über dieſes Stück amerika⸗ niſche Erde ritten. Unſere Zungen lechzten, unſere Pferde ſuchten ohne alle Anleitung den kurzen Schatten am Wegſaum. Wir waren froh, das Waldlager zu erreichen. Das Geſchrei: Jeſus komm herab! ertönte noch immer. Faſt zwei Stunden war ich abweſend geweſen. Als wir unſere Pferde abgezäumt hatten und in die Wagenburg eintraten, fand ich Vieles verändert. Die ganze Menſchenwoge lag nicht mehr breit über den vorhandenen Raum ausgegoſſen, ſondern zugeſpitzt wie zur Springflut; Alles culminirte in einem dichtge⸗ drängten Kreis. Der Kreis war inwendig hohl; drinnen erſcholl jetzt die Stimme: Jeſus komm herab! aber die umgebende Menge verhielt ſich ſchweigend. Hoby, der Straßenjunge, war zum Mittelpunkte der Andacht geworden.— Ich merke, er ſitzt auf dem„Angſtſtuhl“ ſagte Doctor Althof— bitte, Poll, reichen Sie mir das Beſteck, wenn ich etwa eine Ader ſchlagen müßte. Erſchrocken machte ich Fragen, aber Althof antwortete: Wir werden ſehen, mein Herr. Er und der ſtuden⸗ — 394— tiſche Poll betrugen ſich auf einmal knapp und gemeſſen. Unter den Amerikanern nahmen ſie ihre amerikaniſche Miene vor. Wir drängten uns aus der Pheripherie des Menſchenknäuels muthig ins Centrum durch. Die Scene hier war folgende. Hoby ſaß in der That auf einem niedern Stuhl, nach der vorigen Aeußerung, dem Angſtſtuhl. Der Prediger und ſein Gehilfe ſtanden ihm links und rechts zur Seite und hielten, oder vielmehr rüttelten und ſchüttelten ihn wie ein Sieb, um ſeine wunderthätigen Circulationen zu befördern. Er lag oder ſtreckte ſich in ihren Armen, und that, zwiſchen den Ausrufungen an Jeſu, ſeine Wiederbelebungsbeichte. Ich habe geſtohlen— Jeſus komm herab! ich war unzüchtig— Jeſus komm herab!— ich entweihte den Sab⸗ bath— Jeſus komm herab! u. ſ. w. So oft er eine Sünde nannte, ſtieß er heftig mit dem Bein, gleichſam unter Fußtritten ſie verabſchiedend; bei der Formel: Jeſus komm herab! fuhr er dagegen mit der Hand in die Luft, wie Macbeth der nach dem Dolche haſcht. Dieſe Geberden lösten ſich faſt canoniſch-regelmäßig einander ab: es ſah aus wie Maſchinen⸗ arbeit, wie Drahtpuppenbewegung. Ein ähnliches Manöver wiederholte er mit der Stimme. Das Bekenntniß einer Sünde ſtöhnte er dumpf und röchelnd wie ein Sterbender, den Refrain: Jeſus komm herab! ſtieß er gellend heraus wie im aufſchreienden Schmerzgefühl. Dabei athmete ſein heiſerer, offen ſtehender Schlund kurz und lechzend, ſeine Augen rollten wild, ſein Geſicht war aufgedunſen, verdummt und verquollen, Schweiß und Schaum bedeckte es reichlich. Die Umſte⸗ henden blickten mit großer Andacht auf dieſes Bild des Abſcheu's. Ich wendete geekelt das Auge davon. Wäre es möglich geweſen, das dichte Gedränge von Menſchen zu durchpirſchen wie ein Wald dickicht, ſo hätte ich ſogleich die Familie Ermar aufgeſucht. Ich brannte vor Ungeduld mich zu überzeugen, daß ihre deutſche Natur entweder ſelbſt ſchon abgeſchreckt ſei, oder mindeſtens meine Sorge für Annette gutheiße. Zufällig ſtanden ſie mir näher als ich ahnte. Indem ich den Kreis überblickte, ſah ich Vater, Mutter und Kind an einem mir entgegengeſetzten Punkte des Cirkels in den vorderſten Reihen ſtehen. Annette hielt ſich ihr Taſchentuch vor die Augen, weil ihr die Sonne grell in's Geſicht ſchien, oder um ſich vor dem barbariſchen Schauſpiele der Wiederbelebung zu ſchützen. Ich mochte gerne das Letztere glau⸗ ben. Die Mutter ſtand etwas zurück, ich ſah nur ihre vorgeſtreckten er den näuels y ſaß erung, links ten ihn Er lag gen an komm Sab⸗ te ſtieß bei der in die lösten ſchinen⸗ derholte dumpf herab! Dabei „ſeine nt und Umſte⸗ *6. eweſen, Wald brannte ntweder Annette dem ich em mir ſtehen. Sonne uſpiele glau⸗ ſtreckten — 395— Hände auf Annettens Schultern ruhen. Ich ſuchte mich zu nähern. Ich rückte ſachte aber beſtändig von meinem Platz dem ihrigen zu. Von Zeit zu Zeit gab ich Winke meines Daſeins. Endlich wurde ich bemerkt. Annette fuhr bei meinem Anblick freudevoll auf, ſie ſprang aus der Reihe und rief mir voll Selbſtvergeſſenheit zu: Ach, Herr Bruder, laß uns gehn! Ich erſchrack nicht wenig. Fern, wie ich noch war, gab ich ihr ein Zeichen der Beſchwichtigung. Aber das Unglück packte ſie ſchnell. Der ſchwarze Prediger warf ſich ihr entgegen und donnerte ſie an: Halt, junge Sünderin, wohin? Warum willſt du fort? Steh und verantworte dich: Biſt du für Gott oder für den Teufel? Annette bebte zuſammen. Sie wurde brennend roth, ſchlug das Auge nieder, zitterte heftig und antwortete wie ein erſchrockenes Kind: mit Thränen. Das ſinnloſeſte aller Thiere hielt dieſe Stummheit für Ver— ſtocktheit. Schreib ſie in das Buch des Teufels! brüllte der Pfaff ſeinem Schreiber zu. Da fuhr ſich das Mädchen an die Stirne, ein durchdringender Schrei, ein Riß durch alle Geſichtsmuskeln, ſie ſtürzte zu Boden. Man ſagte mir, ich habe wie eine Tigerkatze an der Kehle des Methodiſten gehangen, und zwei Parteien haben mich wechſelweiſe be⸗ ſchützt und geprügelt. Ich kam wieder zur Beſinnung; Annette nicht mehr. Der Schlag hat ihr Gehirn gelähmt; ſie delirirt. Man will das unglückliche Kind in das Irrenhaus zu Columbus bringen. Das Irrenhaus zu Columbus hat eine Fagade von Säulen und Pilaſtern, eine prächtige Marmorbekleidung und iſt, wie alle Nar— ren⸗ und Zuchthäuſer dieſes Landes, das ſchönſte Gebäude ſeiner Stadt. Wenn dich der Director darin herumführt, ſo wird er ſein reſpectvollſtes Nationalgeſicht vorlegen, und in ſeinem langweiligen Engliſch feierlich peroriren: Dieſes Haus iſt errichtet worden und ausgeſtattet von den Beiträgen großmüthiger Bürger des Staates Ohio zum Heile derjenigen unſerer leidenden Mitchriſten, welchen der göttliche Rathſchluß die Ge⸗ ſundheit des Geiſtes entbehren läßt. Es enthält dreihundert Wohnun⸗ gen, Betſäle, Leſeſäle, Badeſalons und einen Garten von fünfzig Acre Landes. Es wird ärztlich geleitet von dem ſehr ehrenwerthen Herrn Doctor Jehadiah Bykbookbeaker, die Koſten ſeines jährlichen Unterhalts betragen die Summe von hunderttauſend Dollars. Die Einrichtungen 396 und Zuſtände der Anſtalt ſind ſolche, welche den Fortſchritten der Wiſſenſchaft, der Blüthe des Staates Ohio, dem Ruhme unſrer großen und erleuchteten Nation in allen Theilen entſprechen. Unſre Wohl⸗ thätigkeitsanſtalten ſind der Stolz unſers Landes. Aber wie ſie ſich füllen, ſagt er nicht. Siebentes Kapitel. Dieſer Brief war der letzte, den Moorfeld aus Ohio an Benthal ſchrieb. Die ſcheinbare Ruhe und Mäßigung, womit er die unglückliche Begebenheit erzählt, war vielleicht ſchon in dem Augenblicke, da er's that, entweder nur die Ohnmacht des Betäubten, oder das mühſamſte Product der Reflerion, womit er— ein Mann vor einem Mann— ſich zuſammennahm. Anders ſah ihn ſeine nächſte Umgebung. Der Ausbruch der Wuth, von welchem er in knappeſter Gemeſſenheit Er⸗ wähnung macht, daß er ihn unmittelbar gegen den Urheber des Un⸗ glücks gerichtet, fluthete ungezähmt auch über die feſteren Dämme der geſelligen Ordnung und Verträglichkeit. Zunächſt zerfiel er mit Doctor Althof. Was er in ſeinem Briefe ſo ruhig ausſpricht:„Man will das unglückliche Kind in das Irrenhaus zu Columbus bringen“ be⸗ kämpfte er in der Wirklichkeit mit dem heftigſten Widerſpruch. Er wolle ſie nun und nimmermehr„unter den Fäuſten der Yankees“ wiſſen, ſchwor er ununterbrochen, wie er überhaupt alle Heilvorſchläge des Doctors, welche die gewöhnliche Praxis in Lähmungsfällen befolgt, leidenſchaftlich verwarf. Er ſchalt den Doctor einen„craſſen Soma⸗ tiker“, wollte das Kind mit Adagios auf der Violine heilen, wollte ihr friſche Blumen aus Deutſchland kommen laſſen und malte einen „Heilplan der Liebe“ aus, der vielleicht eine ſchönere Eingebung der Poeſie als der Wiſſenſchaft war. Ganz außer ſich gerieth er aber, als Vater Ermar ſelbſt, ohne von dem ärztlichen Streite einen Begriff zu haben, nur dem natürlichen Inſtincte des Verſtandes folgend, die Partei des Beſonnenen gegen den Excentriſchen ergriff und ſeine Kranke der ausſe verg zu( taſtr Nlls die ſ und nen nen Nerp zulet das Alch nach Ung Sch Aug wohr Unſe diell aus Mo⸗ Mic das ger ihrer Lab länd an Tho Ciwi nahh ließ unt n der roßen Vohl⸗ uthal kliche er's ſamſte 7 Der Er uUn⸗ e der ockor will u be⸗ Er fees hläge olgt, pma⸗ vollte * — 397— ausſchließlichen Behandlung des Doctor Althof anheimſtellte. So vergingen die erſten Stunden und Tage im Hauſe des Doctor Allhof zu Gadshill, dem unmittelbaren Schauplatze nach jener traurigen Ka⸗ taſtrophe, unter einem fortwährenden Sturme von Aufregungen, die Alles verwirrten, Meinungskämpfen, die Niemanden belehrten, Sorgen, die ſich ſelbſt im Wege ſtanden, Thätigkeiten, die ohne Frucht blieben, und Moorfeld war nahe daran, das zweite Opfer zu werden. In ſei⸗ nen brennendſten Energien ohne Nutzen und Einfluß, von dem eige⸗ nen Triebe der Selbſterhaltung dunkel gemahnt, daß ſein erſchüttertes Nervenleben die Gefahr nur theilen, nicht aufheben könne, ergab er ſich zuletzt in den Gedanken, einen Menſchenkreis zu verlaſſen, in welchem das ungeſtümſte Herz das unfruchtbarſte war. Er nahm dem Doctor Althof ſein Manneswort ab, vor ſeiner Zurückkunft Annetten nicht nach Columbus zu ſchicken, dann ritt er aus, um von dem ſchweren Unglücksſchlage zunächſt ſich ſelbſt zu erhohlen. An ſein Haus konnte er nicht denken. Die öde Waldhütte, des Schottländers dumpfe Geſellſchaft waren doppelt unheimlich in dieſen Augenblicken. Eben ſo war ihm die geſellige Nähe anderer Menſchen⸗ wohnungen verleidet. Die Natur in ihrer wilden Schönheit und Unſchuld, die unberührten Reize verſchwiegener Einſamkeiten hatten vielleicht allein das Wort,— eines jener einfachen, ewigen Worte hier auszuſprechen, an denen das Menſchenherz zu allen Zeiten geſundet. Moorfeld folgte dieſem Zuge. Er dachte an die Schönheit der„Seen“. Erie— Huron— Michigan— Saginaw— Makinaw— St. Clair— St. Marie— das waren die Namen, welche damals von den Thauperlen ſehnſüchti⸗ . ger Einbildungskraft glänzten. Jene wunderbaren Binnenmeere, mit ihren durchſichtigen, chriſtallhellen Gewäſſern, mit ihren undurchforſchten Labyrinthen friedensſeliger Eilande, mit ihrem dichtbelaubten Kranze länderbedeckender Wälder, jene duftigen Grenzbezirke der Menſchheit, an welchen der ſeltene Reiſende damals ankam, wie Alexander an den Thoren des Paradieſes,— ihre Kunde erſcholl in den Regionen der Civiliſation mit einem Zauberklange, den das Gemüth tief in ſich auf⸗ nahm, in die Wünſche und Träume der inneren Welt leiſe mitklingen ließ, den frecheren Geräuſchen der zudringlichen Gegenwart vielleicht unterordnete, aber brach der rechte Augenblick an, dann ſtieg das troſt⸗ — 398— verheißende Bild dieſer engelreinen Erde hinreißend vor dem inneren Auge empor und alle Stimmen des qualbeladenen Herzens riefen laut: Auf nach den Seen! Wir vergeſſen nämlich nicht: Zwiſchen uns und unſrer Geſchichte liegt eine Generation. Wenn die Phraſe von dem„Belecken der Cultur“ ſchon in den meiſten Fällen eine übereilte iſt, da vor den ungeheuren Formen von Meer und Land die einzelne Umformungen durch Menſchen⸗ arbeit in der Regel doch infuſoriſcher erſcheinen, als der Schöpfungs⸗ König ſich ſchmeichelt, ſo lag vor dreiundzwanzig Jahren die Region der nordamerikaniſchen Süßwaſſerſeen in der That noch in dem zau⸗ beriſchen Kindheitsdämmer einer halbmythiſchen Geographie. Zwar wehte die Rauchflagge des Steamers ſchon in jenen Urweltsregionen, aber dieſe fruchtbare Gattung von Seeungeheuern hatte ihr Geſchlecht noch nicht zu der Ausbreitung von heute gebracht. Noch war die ein⸗ ſame Welle dieſer Gewäſſer des indianiſchen Ruders gewohnter, als der wühlenden Dampfmaſchine, noch ſtand der Eichwald in ungelichteten Reihen um die heimatliche Seebucht, der heute in allen Schiffsgeſtalten die Meere der Welt durchfurcht, noch hielt der Bär ſeinen ruhigen Winterſchlaf in Höhlen, wo heute Bijouterieläden ſtrahlen, und im gasflammenden Leſecabinet die Zeitungen von London und Paris auf⸗ liegen. Dahin nun richtete Moorfeld nach der Verblutung des erſten, wil⸗ deſten Schmerzes ſeine ſtillen Wege. Im Augenblicke des Abſchieds blieb ihm mit Doctor Althof noch ein harter Kampf zu beſtehen. Der vorſichtige Mann beſtand darauf, Moorfeld ſollte, wie er ſich ſcho⸗ nend ausdrückte, einen— Diener mitnehmen. Der Arzt errieth aber den Arzt und kalt-⸗beleidigt gab Moorfeld die Antwort: Kann unbe⸗ gleitet zur Hölle gehn! Auch ſeinen Abſchied von Annetten ſuchte Doctor Althof um jeden Preis hintanzuhalten. Ein Schlaganfall hatte ſich noch Tags zuvor wiederholt und das Kind einen entſetzlichen Schritt weiter in ſeiner Krankheit geführt. Die Geſichtszüge waren von der Lähmung bis zur Unkenntlichkeit entſtellt, die Zunge kaum noch eines thierähnlichen Stammeles fähig, die Irre des Geiſtes vergröberter, finſtrer. Es war ein peinlicher Augenblick, als Moorfeld den letzten Kuß auf die„entgeiſterte Stirne“ zu drücken begehrte. Der Doctor, der Vater, die Mutter ſelbſt ſtellten ſich mit Bitten und Thränen davor. Je ge⸗ inneren en laut: jeſchichte Cultur“ geheuren denſchen⸗ Ppfungs⸗ Region em zau Zwar regionen, eſchlecht die ein — als der gelicteten geſtalten ruligen und im rris auf ten, wil Abſchide eben. Der ſih ſo jeih aber in unbe ten ſuchte fall hatte en Schritt I von der noch tine r, fnntrer Kuß auf er Patet, . Je gr. — 309— reizter Moorfeld ſeinen Willen behauptete, deſto gefährlicher ſchien es, ihn zu erfüllen. Zuletzt bewältigt aber die Menſchen nichts ſo ſehr als die Leidenſchaft, wo ſie in ihrem Berufe iſt, und das Nachgeben mußte gewagt werden. Man führte ihn vor das Bild der Unglücklichen. Alles bangte einem entſetzlichen Ausbruche entgegen, als Moorfeld mit offenen Armen auf die gräßlich Verlorene zuſchritt. Aber er blieb ruhig. Stillſinnend hielt er das Kind vor ſich hin, und vertiefte ſich in ſein Anſchauen. Nach einer langen Pauſe rief er aus: Warum nannt'ich dich auch Schweſter! Dann legte er ſeine Hand auf ihren Scheitel und ſprach: Sei geſegnet, mein Kind! Der Gott der Menſchenopfer hat dein Schickſal erlaubt. Das reine Weib und die Schuld dieſer Welt haben eine alte, myſtiſche Gegenſeitigkeit. Edle Jungfrauen ſeh ich den Ungeheuern des Alterthums opfern, und noch dem Kreuze bringt die Jungfrau blutigen Tribut. Es mußte ſo ſein! Dieſem Lande fängt ſein zweites Zeitalter an. Als Leiber mit Leibern hier rangen, riß die Rothhaut den Scalp vom Haupte des Weißen; heut rollen Geiſtersſchlachten über dieſen Boden und die Wilden ſcal⸗ piren Geiſter. Zu groß iſt, was hier beginnt, es muß barbariſch be⸗ ginnen. Die Sieger von Teutoburg, die zweimal Rom überwunden, ſollen deutſches Geiſtesbanner auf Waſhington's Kapitol pflanzen. Die neue Welt iſt ihnen gegeben, wie die alte. Voran, deutſche Jungfrau, heilige, weihe! Du leideſt für dein Volk; du biſt Deutſchland! armes, frommes, mißhandeltes Kind. Mit deinem Unglück iſt dieſer Boden deutſch geworden;— könnte der Geiſt denn ſiegen, wenn er nicht zer⸗ treten wird? Wir haben, liebes Kind, eine große Schuld in dieſes Land eingeführt: wir find unſchuldig! Wir ſind wahrhaftig unter den Lügnern, wir ſind aufopfernd unter den Selbſtlingen, wir ſind zart unter den Ungeſchlachten, wir ſind keuſch unter den Frechen, wir ſind tiefſinnig unter den Stumpfen, wir ſind fromm unter Heuchlern, wir haben Herzen unter Ziffern, wir ſind Menſchen unter Beſtien! Ob wir ſiegen werden;— wer darf zweifeln, wenn Columbus nicht der Vater der Atheiſten ſein ſoll? Aber bis dahin, werden ſie uns er⸗ würgen. Viel ſchönes Leben wird untergehen. Sie haben ſcharfe Meſſer und volle Kanonen die weißen Delawaren und Mohikaner. Sie haben uns das Zauberwort der Cultur nachgeſtammelt, aber unrein, daß ſie nicht gute, nur verderbte Geiſter citiren können. Und ſie kommen, ſie 400 kommen die hölliſchen Schaaren! Beelzebub-Reverend voran! Auf Teufel, auf, das Schlachtmeſſer bloß! Hier liegen wir; deutſche Häup⸗ ter liegen da, morgen deine Könige, heute noch deine Knechte! Schnell! ſchnell! greif zu, innre Stirnhäute ſind zu gewinnen; reiße, zerre,— ſie zucken, ſie bluten,— ha, da raucht ihr Gehirn! Da raucht es! es iſt gethan! klatſchet, Teufel: der Deutſche iſt wahnſinnig und Yankee iſt ein kluger Mann!— Moorfeld ſtürzte mit gellendem Lachen hinaus, ſchwang ſich auf's Pferd, und riß in die Straße hinein, eh' ein Arm zu ſeiner Rettung ſich erheben konnte. Wir haben ihn zum letztenmal geſehen! ſagte Doctor Althof, einſylbig hinter ihm. Die gewöhnliche Prophezeihung des Verſtandesmenſchen gegenüber dem Gefühlsmenſchen. Leider, er verſteht das Fatum ſchlecht genug! Denn längſt würde ihn die Erfahrung gelehrt haben, daß eben er ſelbſt es iſt, der Verſtandesmenſch, der regelrechte, geordnete Geiſt, der vollwangige, behagliche Lebekünſtler, der von jeher die raſcheſten Blitze des Verhängniſſes angezogen hat. Auf luſtiger Hochzeitsreiſe, beim ſchmackhaften Lieblingsgericht, über wohlabgezählten Summen und ſchön ausgerundeten Codicillen packt ihn die Raubtatze des Todes und brüllt ihm in's Ohr: ein Ungeheures iſt in der Welt, ein Racheſchrei gegen alles Leben, dein Daſein nur der ſecundenlange Fall eines Fallbeils! Menſchen wie Moorfeld dagegen ſind vorher beſtimmt nur in langen, langſamen Zügen den tragiſchen Schickſalsbecher zu trinken. Von der Lebendigkeit ihres Gefühls, von der Reizbarkeit ihrer Phantaſie, von der Bahnloſigkeit ihres Geiſtes, von der raſchen Verbrauchskraft all ihrer menſchlichen Mittel erwartet die Welt fortwährend irgend ein directes, wundergleiches Verderben, das neu und plötzlich mit ihnen ende. Mit nichten; ſie wandeln ſicher, wie Somnambüle, ihre gefähr liche Bahn. Die Poeſie des Schickſals geht den Poeten aus dem Wege. Ja; die dämoniſche Nachtluft dieſer Welt dringt ihnen zu allen Poren an's Herz, ihr Horizont iſt voll den Schattenbildern der Furien, welche die Schaubühne der Erde umkreiſen; ſie wittern den Hauch des Todes, dem alles Leben geweiht iſt, mit einer verhängniß⸗ vollen Nervenſchärfe: ihre Poeſie ſelbſt iſt nichts als das Schnauben, Sträuben, Bäumen und Fliehen des edlen Roßes, des den ſprung⸗ fertigen Tiger in ſeinem Bereiche ſpürt: aber wie lange zaudert der Sprung! wie lange iſt der Weg, den die Senſitiven der Lebens⸗ Tro zuri einn wied ſchon L ſeine einſt Pfer Naſe mach ſtörd unb dian gebr Der alten heiß gion Bod ſam wie VWa ha ſac lich des Ri ver als ! Auf Häup⸗ Schnell! rre,— ht es! ig und llendem hinein, ben ihn hm. genüber genug! eben er eiſt, der n Blite ſe, beim d ſchön brüllt gegen llbeils! langen, Zon der ie, von raft all end ein tihnen gefähr ss dem mnen zu ern der ern den angniß⸗ nauben, ſprung⸗ dert der bens⸗ — 401— Tragik auf der entſetzlichen Kante ihrer ſtets geſchärften Selbſtqual zurücklegen, bis dann der Tod, der endliche, perſönliche Tod, irgend einmal ein vergeſſenes, blödſinniges Greiſesauge bricht, und die Welt wieder erinnert wird, das war einer jener Kometen, deſſen erſtes Erſcheinen ſchon ihm und ihr den vernichtenden Zuſammenſtoß zu bedeuten ſchien!— Nein! nicht hier und nicht heute endet die Bahn unſers Helden; ſeine Uhr hatte noch länger zu laufen.— Moorfeld ritt bis zur Erſchöpfung. Wohl nannte er das Reiten einſt die ſchönſte Ehe zwiſchen dem Menſchen und der Naturkraft. Pferd und Reiter wirken auf einander ſympathetiſch zurück. Moorfeld's Raſerei war mit Blitzesverſtändniß in das Thier gefahren, die Ohn⸗ macht des Thieres gab ihm hierauf Ruhe und Sanftmuth. Sein ver⸗ ſtörtes Auge gewann wieder Blicke für die Außenwelt. Die Gegend, die Moorfeld durchritt, zeigte größtentheils einen öden, unbeſtimmten Charakter. In den früheren Grenzkriegen mit den In⸗ dianern waren zwiſchen dem Erie und Ohio große Waldſtrecken nieder⸗ gebrannt worden, um den Eingebornen das Jagdgebiet zu verderben. Der jüngere Waldanflug hatte nirgend noch die Kraft und Fülle des alten, geſchloſſenen Urwalds erreicht; hätte die Sonne nicht ſo erſtickend heiß gebrannt, ſo konnte der Wanderer häufig glauben, durch die Re⸗ gionen des Buſchholzes im hohen Norden zu reiſen. Die verwüſteten Bodenblößen, einer langen Austrocknung preisgegeben, fingen nur lang⸗ ſam an, unter dem Schutz des Nachwuchſes Feuchtigkeit und Humus wieder zu ſammeln. Oft lagen ſie als nackte Wüſtenſtriche da, nicht Wald, nicht Prairie, ja und nicht einmal Haide mit dem äſthetiſchen Charakter der Haide⸗Tinten und Linien. Hin und wieder ſtand eine flache, formlos begrenzte Sumpflache auf dieſen Steppen, wahrſchein⸗ lich die entartete Nachkommenſchaft früherer Quellen und Bäche, welche des Waldſchattens, ihrer natürlichen Leiter, beraubt, das urſprüngliche Rinnſal verloren. Jetzt irrten ſie heimatlos über die veränderte Erde, verſchwanden auf ſandigem Boden, ſtanden auf fettem und thonigem als Moräſte. In dieſen Einöden ſcheuchte Moorfeld's Ritt nur ſelten ein wildes Truthuhn, oder ein verirrtes virginiſches Repphuhn auf; aber Schwärme von Raben befleckten den klarblauen Herbſthimmel, oder ein Aasgeier kreiſchte hoch über Schußweite. In Buſch und Geſtripp raſchelte zuweilen eine Ratte— Waidwild, überall ſeltener als man — 4⁰2 den Europäer glauben macht, war hier gänzlich ausgerottet. So ließ ſich auch von Waldſängern einzig die Spottdroſſel hören, welche das Ohr unſers Wanderers bald mit dem kräftigen Zungenſchlag des Finken, bald mit den weichen Kehrlauten eines zärtlichen Sproſſers äffte, in den Sprachen aller Vögel redete und das Gemüth keines einzigen aus⸗ drückte, bis ſie zuletzt als ſtylloſe Manieriſtin gründlich ärgerte. Von Menſchenwohnungen fand Moorfeld nur den ſpärlichen An⸗ flug deſſen, was ſich heute— hall, oder— eity in dieſer Gegend nennt. Es waren rohe, eintönige Blockhütten von ſtets wiederholter Form, die ſo ermüdend durch jede Einzelnheit lief, daß ſich Moorfeld mit graueſter Ueberzeugtheit eines Glaſers erinnerte, welcher ihm einſt ge⸗ rühmt,„jedes Fenſterglas paſſe in jeden Fenſterrahmen der Union“. Ein paarmal überraſchten ihn auch Gruppen von eleganten Frame⸗ oder Bretterhäuſern, welche mit hellgelbem Anſtrich, rothen Dächern und grünen Jalouſien keck an ein ſumpfiges Fuhrwerkgeleiſe wie an die ſchönſte Poſtſtraße ſich hinſtellten, und irgend einen Balkon, Portikus, oder eine caktusgeſchmückte Veranda mit der Koketterie eines nur zu naheliegenden Bildes ausluden. Das waren Häuſer von Humbugern, welche als Lockvögel der Landſpeculation vor den unerfahrenen Augen der Einwanderer„Farmerglück“ zu ſpielen hatten. Ihre„lovely spots“ ſtanden entweder ſelbſt zum Kaufe, oder das käufliche Land war ſo geſchickt zwiſchen ſie einparzellirt, daß der Käufer nicht umhin konnte, künſtliche geſchraubte Preiſe dafür zu zahlen. In einer dieſer bemal⸗ ten Oſtereiſchalen hielt Moorfeld ſeine Mittagseinkehr. Der Wirth, der ihn für eine Beute halten mochte, belagerte ihn mit lauernden Ge⸗ ſprächen. Unwillig blickte ihm Moorfeld auf den Grund, und legte in raſchen, kurzen Antworten ſeine Sacheinſichten zu Tag. Da ſprang der Yankee ab, und gefiel ſich hierauf den Frommen zu ſpielen. Er erkundigte ſich eifrig nach dem camp- meeting. Moorfeld ließ ſein Pferd abfüttern und ritt ungeſättigt von dannen. Er überließ ſich planlos der Irre. Die beſuchtere Straße nach Erie, der Stadt, hatte er abſichtlich vermieden, ſein Weg ging in die einſamſten Richtungen. Erſt als der Abend niederſank, am Horizont dichtere Waldmaſſen in finſterer Geſchloſſenheit zuſammenrückten und die Rieſenſchatten der Wheymuthtanne, wie Landzungen der Nacht tief und das ſonnige — Ma ſeld Geg nahe fand bit leuch nein des So ließ das Ohr Finken, fffte, in en aus⸗ e. hen An⸗ d nennt. r Form, feld mit einſt ge⸗ Union. Frame⸗ hern und de an die Portikui, 3 nur zu mbugern, n Augen spots“ war ſo konnte, e bemal⸗ er Wirth, den Ge⸗ und legte a ſprang len. Er aldmaſſen atten der ſonnige — 403— Mattgold des wieſenflachen Vordergrundes einſchnitten, dachte Moor⸗ ſeld zum zweitenmale an ſeine Einkehr. Indem er den Zirkel der Gegend nach Spuren menſchlicher Nähe durchflog, tönten ihm aus dem nahen Waldgrund Artſchläge entgegen. Moorfeld folgte ihnen. Er fand einen Mann im Schurzfell und baumwollenen Hemde, welches bis an den Gürtel eingeſtreift war, beim Holzfällen. Sein Körper leuchtete kupferroth vom Widerſchein der untergehenden Sonne. Doch nein; Moorfeld erkannte dieſe Röthe bald als die natürliche Hautfarbe des Mannes. Der Holzſchläger war ein Indianer. Zum erſtenmal ſeit er Amerika's Boden betreten, hatte Moorfeld den Anblick der rothen Race. Der Indianer gehörte offenbar der Ci⸗ viliſation an. Sein Weſen unterſchied ſich in nichts von dem arbeit⸗ gewohnten Proletarier. Spuren kriegeriſcher Wildheit leuchteten nicht daraus vor. Seine Züge waren die eines alternden, ſorgenvollen Menſchen, ſeine ſchwarzen Augen lagen hohl und wenn ſie nicht eben mit„der Gedankens Bläſſe“ blickten, ſo war es doch ein— chriſt— licher Leidensblick. Moorfeld hielt ſein Thier an, und fragte nach der Lage der nächſten Farm. Der Indianer maß ihn mit argwöhniſchen Blicken, indem er für alle Fälle ſeine Art an ſich faßte. Moorfeld durchſchaute die Lage des Mannes. Aus der kurzen Erfahrung ſeines Grundbeſitzes wußte er, daß der Beſitz ausgedehnter Waldſtrecken von den Nichtbeſitzenden kaum als ein Recht, ja faſt wie eine Verſündigung an dem Natur⸗ rechte betrachtet, und Jagd und Holzſchlag auf ſogenanntem fremden Boden dieſer Anſchauung gemäß überall ausgeübt wurde. Moorfeld war kein Gegner dieſer Rechtsbegriffe. In Amerika, wo das Holz mehr Laſt als Revenüe iſt, wo durch die Landſpeculation aufgekaufte Waldmaſſen überall herrenlos liegen und ſogar oft nicht anders als mit den Noten einer Schwindelbank bezahlt ſind: kann der größere Waldfrevel leicht beim Monopol des Beſitzers ſelbſt zu ſein ſcheinen. Deßungeachtet handhabten viele Beſitzer den Schutz ihrer Wälder un⸗ erbittlich, mehr mit dem Inſtinkte der Grauſamkeit als der Gerechtigkeit, und der Indianer fürchtete ſeinem ganzen Benehmen nach Verrath. Moorfeld ſah daher ein, daß er zuerſt um das Vertrauen des rothen Mannes werben müſſe. Er bot dem Arbeitsmüden ſeine Feldflaſche an, überzeugt, den kürzeſten Weg zu ſeinem Zweck damit einzuſchlagen. Aber — 404— der Indianer ſtieß die Flaſche mit Abſcheu zurück. Moorfeld ſtaunte. Seid Ihr Temperance⸗man? fragte er verwundert. Der Indianer griff feſter an ſeine Axt, gleichſam als ſei es gut, das was er ſage, in wehrhafter Verfaſſung zu ſagen, dann ſtieß er mit Ingrimm die Worte aus: Wollte Gott, nur der rothe Mann wäre es und der weißen Männer kein einziger. Was habt Ihr Mäßigkeitsvereine und führt dem rothen Mann das Evangelium nie anders als in Begleitung des Whisky⸗Barrels zu? Moorfeld wurde aufmerkſam. Er antwortete vor Allem, daß er nicht dem Volke der Amerikaner angehöre. Die Züge des Indianers milderten ſich. Moorfeld fuhr fort und lobte das tiefe Gefühl des Indianers für das Nationalunglück der rothen Race. Der Indianer, auf ſein Beil gelehnt, hörte mit einer traurigen Reſignation zu. Es iſt nicht das, ſagte er kopfſchüttelnd. Es iſt nicht das. Der rothe Mann muß untergehen. Ich ſehe den Beſchluß des Himmels ein, und ob dieſer Beſchluß mit Pulver oder mit Branntwein voll⸗ zogen wird, kann mir gleichgiltig ſein. Ich habe es öfter als einmal geſehen, Sir, wie der weiße Mann im Nanking ſchmunzelnd dabeiſtand, wenn ein Haufe halbnackter Indianer nach der Wirkung ſeines Brannt⸗ weinfaßes ſich mordgierig in die Schlachtmeſſer rannte; ich habe es geſehen, wie der feine Staatsmann aus Waſhington lächelte, wenn betrunkene Häuptlinge ihren Pfeil, ihren Waſchbär, ihre Schildkröte, oder was ſonſt ihren Namenszug bedeutete, beſinnungslos unter einen Staatsvertrag malten, der Tauſende von heldenmüthigen Kriegern und Jägern in die Verbannung trieb; ich habe es geſehen, wie der Indian Trader ſich die Hände rieb, wenn er die Jahresrente eines ausgekauften Indianerſtamms, wie ſie blank von Waſhington kam, im Branntweinhandel an ſich riß und habe es geſehen wie für den Ge⸗ nuß des Augenblicks Hunderte von armen Rothhäuten den Winter darauf verhungerten. Ich habe den Branntweinkrieg in allen Geſtal⸗ ten geſehen, Sir, und habe es fühllos geſehen, wie man das Un⸗ vermeidliche ſieht. Aber Eins habe ich nicht fühllos geſehen. Von dieſem Tage an trank ich kein gebranntes Waſſer mehr. Es war vor zwei Jahren. Der Congreß ſchickte eine Com⸗ miſſion zur Schlichtung von Grenzſtreitigkeiten an die obern Seen; ich ging im Solde einer Bibelgeſellſchaft mit. Der Ort der Staats⸗ verhandlung war in der Nähe von Fort Howard zwiſchen Greenbay ſtaunte. Indianer er ſage, imm die weißen nd führt tung des rtete vor die Züge das tiefe ce. Der ſignation as. Der Himmelo ein voll⸗ seinmal beiſtand, Brannt⸗ h habe e, wenn illdkröte, er einen Kriegern wie der tee eines fam, im den Ge⸗ Winter geſtal⸗ das Un⸗ geſchen r mehr. „Com⸗ Seen; Staats⸗ zreenbah — 405— und dem Winnebagoſee. Dort wurde das Berathungsfeuer angezündet. Die Ufer des Forfluſſes wimmelten von Indianern. An dreitauſend waren gekommen im Gefolge ihrer Häuptlinge. Die Menomenies, die Winnebagoes, die Stockbridges, die Oneidas, die Chippeways, die Brothertons und noch viele andere, bekehrte und wilde, Oſt⸗ und Weſtvölker ſah man vertreten. Vor allen herrlich ſchritten die Männer und Frauen der ſtolzen Winnebagoes. Sie trugen die ſchönſten Waffen, den ſchönſten Schmuck, hatten die beſten Canoes, die ſtattlichſten Zelte. An einem ſtrahlenreichen Morgen, als über der ſtillen Fläche des Fox⸗ fluſſes die Nebel zu wallen und ſich zu brechen anfingen, betrat ich zuerſt ihr weitverſtreutes Zeltlager. Hier erblickt' ich die Tochter eines Häuptlings, ein junges, ſchönes, reichgekleidetes Mädchen. Sie ſchritt einher mit dem ganzen Stolze jungfräulicher Reinheit und Anmuth. Eine natürliche Heiterkeit ſtrahlte aus ihrem Auge, jede ihrer Bewe⸗ gungen war reizend und würdevoll. Sie glich einer Blume im Glanze des erſten Morgenthau's. Nach drei Tagen führte mich mein Dienſt wieder zu den Winnebagoes. Ich begegnete demſelben Mädchen. Sie ſaß in einſamer Entfernung von dem väterlichen Zelte am Ufer des Forfluſſes. Ihr Haar war los, ihr Schmuck, ihre koſtbaren Kleider verſchwunden, ein Tuch hing über ihre Schultern und bedeckte noth⸗ dürftig ihren Körper. Ihr ganzes Aeußere war ein Bild von ver⸗ lorener Selbſtachtung. Geiſt und Adel hatten ihr Antlitz verlaſſen, ihr Auge ſtierte todt in die Wellen des Fluſſes. Beſtürzt fragte ich. Ach, ſie war zu unſchuldig ihr Unglück zu verheimlichen. Ein weißer Mann „hatte ihr Feuerwaſſer gegeben und ſie entehrt. Als ich dieſes hörte, warf ich meine Bibeln in den Forfluß, kehrte zurück, und gewinne mein armes Leben mit dieſer Arxt. So ſprach der Indianer. Moorfeld aber fragte nicht mehr nach der nächſten Farm; er übernachtete in dem Reiſigzelte des rothen Mannes. Wie erwachte er morgens! Verdroſſen, nicht leidenſchaftlich ſchleppte er dieſen Tag ſich weiter. Sein Reiſetrieb war gedämpft, der Schmelz jener duftigen Waldregionen dahin. Hätte er nicht Anhorſt in Detroit zu finden, oder zu erwarten gehofft, ſo ſtand er ganz ziellos jetzt auf ſei⸗ nen wilden Irrwegen. Dieſer Eine Zug bewegte ihn noch vorwärts. Die Landſchaft war heute angenehmer, die Luft dagegen gänzlich verſtimmt. D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 27 — 406— Gegen Mittag verfinſterte ſich der Horizont. Vom Norden brach ein heftiger Sturm ins Land, überflügelte den Himmel im Nu mit einer Beduinenarmee von kaltgrauen Haufwolken. Wildbrüllend wälzte der gigantiſche Schwarm ſich übers Firmament und auf der Erde ver⸗ rannte ſich Schatten in Schatten. Die Temperatur ſank empfindlich; ſchneller wechſelt auf einer Schaubühne die Scene nicht, als an dieſem Tage der Perſonenwechſel von Sommer und Herbſt vorzugehen ſchien. Moor⸗ feld ſuchte jetzt nothgedrungen den Schutz der Wälder, deren Einſamkeit und dunkleres Colorit er ſonſt nur geſucht. Sie ſtanden ſtreckenweiſe wieder ſo unwüchſig heute, daß unter ihren Gewölben, wie in Kaſematten einer natür⸗ lichen Feſtung, dem ſtärkſten Bombardement eines Wetters zu trotzen. Ein ſolches erwartete Moorfeld. Aber der Ausbruch war kein Sommer⸗ gewitter mit Blitz und Donner und dem raſchen Abpraſſeln eines Strom⸗ regens. Moorfeld ritt manche Stunde zu, bis er erkannte, daß nicht die letzte Wuth des Sirius, ſondern die erſte der Aequinoktialſtürme über ihn ausgebrochen. Der Regen begann zwar, aber in unruhigen, zerflatter⸗ ten Zwiſchenpauſen; das wüſte Getriebe der Haufwolken ballte ſich regellos in verſchiedener Dichtigkeit, Temperatur und Lufthöhe, eine Wolke regnete in die andere, und die froſtſchauernden Windſtoße rißen ſie eben ſo oft auseinander, als ſie im nächſten Nu, wie mit Keulen der Treibjagd, den naſſen Pferch zuſammenhetzten. 4 Die Nacht fiel an dieſem Abend früher herein, als es Geſetz der Jahreszeit. Moorfeld erkannte an der Harzluft und an den verwor⸗ renen Figuren der Bäume, daß es ein Wald von Nadelholz war, in welchem ſie mit plötzlich verzehrendem Dunkel ihn überraſchte. Er ſtieg vom Pferde, ſchlug Feuer, hieb ſich einen Fichtenzweig ab, und leuchtete ſeinen unergründlichen Wegen. Sein Thier war vor Angſt und Anſtrengung gebadet in Schweiß, von ſeinen Weichen wirbelte Dampf auf. Moorfeld führte es am Zaume neben ſich her. Aber ſeltſamer Weiſe zeigte es einen begierigen Trieb nach vorwärts, es warf den Kopf hoch an den Hals zurück, ſchnob mit weiten Nüſtern ſehnſüchtig in die Luft und ſetzte ſich wiederholt in einen Trab, dem Moorfeld zu Fuße nicht folgen konnte. Er ſchloß, daß das Thier irgend eine Waſſerſtelle wittere. So beſtieg er es wieder und überließ es ſeinem Inſtinkte. Das Pferd griff ſogleich mit munterem Gewieher aus. Der Wald war ſo frei, wie raſirt, von Unterholz; das Thier i brach Nu mit wälzte de ver⸗ indlich; dieſem Moor⸗ keit und wieder ſo natür⸗ trotzen. ommer⸗ Strom⸗ die lebte aber ihn erflatter⸗ lte ſch he, eine he rißen Keulen eſetz der verwor⸗ war, in te. Er ab, und Angſt wirbelte Aber arts, 6 Nüſtern b) ded 8 Thier überließ zewieher s Thier trabte lebhafter, als ſeit Stunden. Raſch flogen die Stämme der Bäume an Moorfeld's Fackel vorüber, die Beleuchtung ſchnitt ein Bild um das andere aus der allgemeinen Finſterniß heraus, um es eben ſo ſchnell wieder verſchwinden zu machen. Droben aber verſchränkte ſich Alles zu einer dichten undurchdringlichen Schattenmaſſe, durch welche Sturm und Regen dumpfbrauſend heulte; zuweilen fand ein gebrochener Aſt im Herabfallen bis auf den Boden des Waldes ſeinen Weg und verrieth den Wurzeln und Stämmen der Bäume, in welchem Schlachtgewühl ihre Spitzen trieben. Nach einem Ritt von ungefähr einer engliſchen Meile glaubte Moorfeld eine veränderte Luft zu athmen. Auf einmal ſah er durch die Bäume des Waldes ſeinen Boden wanken und ſchwanken, ein flüſſig gewordener Horizont rannte auf und ab vor ſeinen Augen, auf eine tief graue Ferne hinaus erblickte er nichts als einen Taumel zer⸗ brochener Linien die in blitzſchnellen Veränderungen über einander her⸗ ſtürzten und mit Wind und Wolken vermiſcht in rythmusloſen Ziſch⸗ lauten ſiedeten und ſurrten, daß Aug' und Ohr vor dem ſinnloſen Wunder erſtarrten. Moorfeld hielt die Fackel hoch, blickte, ſtaunte, combinirte wie im Traume und erkannte endlich das Bild einer großen ſturmbewegten Flut. Er ſtand am Erieſee. Es war ein Bild wie zur Verzweiflung gemacht. Oben eine Decke grauer und formlos zerfließender, unten ein Chaos ſchwarzer und ſtarrer Schatten, dort die Wolken- hier die Waldlandſchaft einräthſelnd; da⸗ zwiſchen eine wilde Jagd von Wellen und Wogen, in raumloſer Fin⸗ ſterniß unendlich für die Sinne wie für die Ahnung, und drüber her ein reißender Sturm, der über den See mit einem hohen und ziſchen⸗ den, über den Wald mit einem tiefen und brüllenden Ton fuhr und ſo die ungefähre Grenze von Waſſer und Erde aus dem grobſten Naturlaut heraus verkündete. Moorfeld ſtand und erlabte ſich in ei⸗ nem langen bewundernden Blicke an dieſer Unterwelts⸗Scene. Er hörte ſein Pferd unter ſich in tiefen Zügen ſchlürfen, leuchtete hinab und ſah eine Waſſerlache, welche die Brandung des Sees landein⸗ wärts ausgegoſſen. Es war gewiß, daß das Ufer in mehr oder minderer Tiefe rings her eine gefährliche, wenn nicht unmögliche Paſſage bot. Moorfeld ſtieg zum zweiten Male vom Pferde und dachte an einen Rück⸗ zug in das Waldinnere. Es galt das Standquartier dieſer Nachtauezunvüßlen. 27* 408 Da geſchah ihm, als trüg' ihm der Sturm Geſangstöne zu. Moorfeld horchte hoch auf. Die Entdeckung war zu anſprechend, wenn ſie ſich beſtätigen ſollte. Eine neue Windeswelle leitete den Schall deutlicher. Es war ohne Zweifel, es ſang Jemand in der Nähe. Moorfeld ließ einen hellen Jagdruf erſchallen, aber er hatte den Wind gegen ſich. Er kehrte ſein Auge mit Anſtrengung in die Fin⸗ ſterniß, ob er nicht die Begleiterin menſchlicher Cultur, eine Lichtflamme, entdecken könne, aber gleichfalls vergebens. Er mußte ſich darauf be⸗ ſchränken, ſein Pferd vorſichtig der Richtung der Töne entgegen zu führen, dem Zufall anheimgeſtellt, daß ſie vielleicht wieder aufhörten und ihre Spur ihm entzogen. Glücklicherweiſe geſchah dieſes nicht. Der Geſang erhob ſich viel⸗ mehr immer vernehmlicher. Es war ein marſchartiger Rythmus und eine leichte, leichtſinnige Vaudeville⸗Melodie nach altem Zuſchnitt. Moorfeld konnte ſich bald darauf verlegen, die Textworte ſelbſt heraus⸗ zuhören. Buvons— buvons— klang es einige Male,— dann brüllte ein breiter Sturmdonner dazwiſchen, daß der Wald krachte, Cäſar's erhitzte Haut ſchaudernd zuſammenfuhr und Moorfeld aus dem See heraus den ſpritzenden Giſcht im Geſichte ſpürte. Das ſchien aber den nächtlichen Sänger wenig zu geniren. Denn bald darauf hatte ſein fröhliches Herz mit le vin bon zu thun und der nächſte Windſtoß war noch galanter, er kam avec ma Lison. Als Moorfeld erſt die Sprache herausgehört, war es ihm um ſo leichter zu folgen. Ein gut gelaunter Franzoſe, wahrſcheinlich ein „heureux Canadien“ vom nördlichen Erieufer herübergekommen, trieb ſich in der Nähe. Wahrlich, der Sänger konnte auch nur Franzoſe, oder Irländer ſein. Ein Amerikaner hätte nicht geſungen. In dieſer einſamen, melancholiſchen Lage vielleicht kaum ein Deutſcher⸗ Moorfeld tappte ſich am Leitſeile dieſer Vocal⸗Production Schritt für Schritt näher. Der ſyllabiſch⸗recitirende Styl des franzöſiſchen Geſanges ließ ihn bald jedes einzelne Wort vernehmen, wozu noch beitrug, daß die accentuirten Sylben durch ihren regelmäßigen Fall auf die guten Tacttheile ungemein markirt hervortraten, was auch dem Chanſon, trotz ſeiner Schäferlichkeit, ſeinen galliſchen, ſturmſchrittartigen Geiſt verlieh. Der Sänger nahm zu einer neuen Strophe ſeinen Aufſchwung. echend, te den Nähe. te den Fin⸗ amme, uf be⸗ gen zu fhörten viel⸗ us und ſchnitt heraus⸗ 4 dann krachte, ¹s dem ſchien darauf nächſte um ſo ſich ein 4 trieb azoſt, dieſer Schritt äöſiſchen 1 3 1 Fall ich dem tartigen — 409— Belle Iris, de tous vos amants Faites une différence— fordere er patheiiſch, Je ne suis pas le plus charmant gab er aufrichtig zu; 54 Mais je suis le plus tendre behauptete er. Si j'étais seul auprès de vous— ein witziger Windſtoß machte hier wieder eine Pauſe, worauf Moor⸗ feld nur noch —— les moments les plus doux hörte, welche der arme Schelm ſich davon verſprach. Moorfeld fürchtete mit poetiſcher Kennerſchaft, daß dieſe ſchönſten Momente auch billig die letzten und das Lied damit an ſeiner Pointe angelangt ſei. Er erhob daher von Neuem ſeine Stimme, in der Vorausſicht, den Leitton jetzt einzubüßen. Aber ſein kritiſcher Blick ht ihn diesmal getäuſcht. Der unverwüſtliche Chanſonier fuhr fort: Allons donc nous y promener. Sous ces sombres feuillages— eine directe Satyre zu der Promenade unſers Wanderers— Nous entendfrons le rossignol chanter— diesmal mußte ſelbſt Moorfeld lächeln. Cossignol und dieſe Seene! In demſelben Augenblicke verſchränkte ſich der Wald ſo dicht vor ſeinem Fuße, daß er ſich genöthigt ſah, auf einen ziemlichen Umweg auszubeugen. Bevor er es that, rief er zum Drittenmal die ſingende Stimme an, und Cäſar begleitete ihn mit einem kräftigen Gewieher. Dieſes Doppelſignal weckte den Sänger endlich aus ſeinen Träumen. Gest-ce que cela? un chevalier avec son cheval? Soyez les bien-venus me bons camarades! Je vous rendes bon grace, Monsieur! mais dites-moi s'il vous plait... Je comprend, je comprend! Je serais votre guide. Le passage est horrible. Restez, sil vous plait. Je serais di- rectement à votre service. Tenez place, Monsieur. C'est votre flambeau, qui me dirige. 4¹⁰ „Ah! rendez-moi mon cour, Maman me le demande.“ „„Il est à vous, si vous pouvez le reprendre, Il est confondu dans le mien Je ne saurais lequel est le tien.““ Der Sturm pfiff, der See brandete, die Waldwipfel brausten, die Nacht lag undurchdringlich auf jeder Fußbreite Weges und durch dieſen Tartarus ſang ſich dieſer Amor, als wäre Cerberus nur ein Wachtel⸗ hündchen ſeiner Iris! Werden wir heute unſeren armen Irrenden bei dieſem Franzoſen beſſer betten, als geſtern bei dem Indianer? Moorfeld hörte Baumäſte knattern, Büſche rauſchen, Fußſchritte ſchreiten, ſpringen, im Sumpfwaſſer quitſchen und mit einem bon soir, Monsieur! traten die Umriſſe eines Menſchen aus der Waldfinſterniß. Die Kienfackel beleuchtete den beiden Begegnenden ihr téte à téte. Was für ein anderes Bild hatte ſich Moorfeld von dem Schäfer der ſchönen Iris gemacht!. Es war ein Mann von mittlerem, ja ſpäterem Lebensalter, ſeine Stirne gefurcht, wir möchten ſagen gekerbt, ſein Teint tief dunkel⸗ braun, ſei's von der Sonne und Luft, oder von einem ſtarken Zuſatz indianiſchen Blutes,— kurz der ganze Kopf hart und erzfarbig wie eine Büſte aus Bronce. Sein Auge, klein und ſchwarz, blickte faſt hohl und nichts weniger als ſorglos; ſeine ſtark hervortretenden Backen⸗ knochen, gleichfalls der indianiſchen Abſtammung verdächtig, verliehen ihm ſogar etwas Abſchreckendes; nur um Kinn und Mund ſpielte ein Abglanz des feinen, ſinnlichen Frankreichs. Seine Tracht war äußerſt roh und wild; er trug ein Hemd von Hirſchleder, mit eben ſolchen Beinkleidern, beide Stücke durch lange Abnutzung faſt unkenntlich, die Füße ſtanden in indianiſchen Mocaſſins, um die Schultern hing ein gräulicher Mantel von Büffelhaut. Als er Moorfelden die Hand zum Gruß reichte, glaubte dieſer, er habe ihm einen Kieſelſtein in die ſeinige gelegt.. Nun will ich Sie in mein Pavillon führen, ſagte der Halbwilde, und Moorfeld empfand erſt jetzt die ganze Heiterkeit des Contraſtes der belle France mit dem sauvage de Canada. n, die hdieſen Wachtel⸗ anzoſen ſſchritte on Solr, nſterniß⸗ à téte. Schäfer —, ſeine dunkel⸗ Zuſat big wie kie faſt Backen⸗ werliehen jelte ein außerſt ſolchen ing ein e Hand m in die lbwilde, ntraſtts 11— Was der Franzoſe ſein Pavillon nannte, war eine Erderhebung, die ſich wie eine natürliche Terraſſe in den See auslud, gekrönt mit einem Hain von prachtvollen Ulmen. Die Stelle bildete eine kleine Landzunge, aber die Eroſion des Sees hatte beide Seiten derſelben in tiefen Einſchnitten verſumpft, den Sumpf jedoch mit einer trügeriſchen Vegetation von Erlen⸗, Weiden⸗, Berberizen⸗ und Thuja⸗Geſtripp ſo reichlich überwuchert, daß der Reiſende, der etwa einen feſten Weg durch dieſe Au⸗Striche ſuchte, unfehlbar darin zu Grunde ging. Der Franzoſe führte Roß und Reiter den einzig praktikablen Zugang, einen kieſigen Pfad, der ſanft aufwärts führte und nach einer kurzen Strecke die Spitze der Landzunge er⸗ reichte. Dieſe Spitze war faſt ein Vorgebirge. Der Platz war ungemein wirthlich. Der Wald hatte hier, wo er unmittelbar in den See abſtürzte, gleichſam ſeine trotzigſte Kraft zu⸗ ſammengerafft und auf die Landzungenterraſſe eine Fülle ſeines ſtol⸗ zeſten Holzes geworfen. Man ſtand wie in einer Kammer. Der Franzoſe hatte den Ausdruck Pavillon kaum ſcherzweiſe gebraucht. Er führte ſeinen Gaſt, man konnte ſagen, in ein geheiztes Cabinet; denn in einem Winkel von drei dicht neben einanderſtehenden Ulmen ſah Moorfeld ein Feuer lodern, welches eine behagliche Wärme verbreitete. Die Zwiſchenräume der drei Bäume waren mit Reiſig vollggeſchichtet, und auf dieſe Weiſe eine vollkommen windfeſte Wand hergeſtellt. Auf der andern Seite des Feuers dagegen ſchloß ein um die Baumſtämme gepflöcktes Segeltuch den Raum ein, indeß am Boden ein Teppich aus Büffelhaut ausgeſpannt lag, hinter welchem ein Erdaufwurf dem darauf Sitzenden ſybaritiſch zur Rücklehne diente. Das Dach bildeten die zuſammengedrängten Ulmenkronen feſt und dicht wie ein Gewölbe. In ihren oberſten Spitzen hörte man den Sturm rauſchen, im See drunten klatſchten die brandenden Wellen,— in der Mitte von Bei⸗ den dieſer Raum voll Sicherheit war wie ein Ding des Zaubers. Für die Höhe der Civiliſation hat der Rückblick auf ihre Anfänge unter allen Umſtänden etwas wohlthuend Ergreifendes. Dieſer Sänger in dieſem Foyer war ein Rendezvous, das unſerm Repräſentanten der europäiſchen Cultur mächtig und freundlich in die Seele griff. Er fühlte es zum erſtenmale ſeit ſeinem zweitägigen Ritt wie einen Mo⸗ ment des Friedens in ſich. — 412— In dieſer Stimmung ließ ſich Moorfeld an die gaſtliche Heerdſtelle nieder. Monſieur, wir werden ſoupiren wilden Reis in Waſſer ge⸗ kocht, ein paar Waſſerſchnepfen und eine Ente. Brod wollen wir für ſchädlich erklären. Cider⸗Bordeaux von Charlotteville in Ober⸗Canada wird uns dieſe Kürbisbouteille liefern. Charlotteville iſt meine Hei⸗ math, Monſieur. Dort drüben liegt es. Wagh! eine Location mitten unter Engländern, die Gott verdammen möge. Hätt' ich nicht ein paar gute Freunde in New⸗Orleans, die ich Winters über beſuche pour avoir quelque conversation, ich möchte mehr Waſchbär ſein als Menſch. Wagh! Der Canadier hing einen kleinen Keſſel mit Reis über ſein Feuer, ſteckte ſein genanntes Geflügel an ein paar Bratſpieße und reichte Moorfelden die Kürbisflaſche. Die ganze Scene war unſerm Helden ſo neu, ſo ſehr im Geiſte deſſen, was ſich wohl ſonſt europäiſche Poeſie unter dem„romantiſchen Weſten“ denkt, daß Moorfeld aus ſeinem dumpfen, ſelbſtertödtenden Brüten mehr und mehr zu erwachen anfing. Und konnte er gleich ſein krampfhaft zuſammengeſchnürtes Herz nicht frei und fröhlich als Gaſtge⸗ ſchenk bieten, ſo erinnerte er ſich doch, daß zur Unterhaltung auffordern auch unterhalten heiße. Wie ſch wer aber hätte ihm dieſe Aufgabe werden ſollen bei einem Manne, der von Canada nach New⸗Orleans reist pour avoir quelque ConV. ersation? Er begann ſich's an der Feuerſtelle bequem zu machen. Bitte, ſtellt mich auch Frau und Kind vor! ſcherzte er dazu. Der Franzoſe aber ſchien dieſes Compliment über ſeine glückliche Nachahmung von Häuslichkeit zu ver⸗ kennen, denn er ſchlug ein Schnippchen und antwortete faſt mürriſch: Wagh! Familienleben ſchönes Leben! Ich bin Amateur von dem Familien⸗ leben— anderer Leute! Ich liebe es außerordentlich. Aber zu Hauſe will ich frei ſein. Wagh! Familie iſt Silber, Freiheit iſt Gold! Und plaudernd fuhr er fort: Als ich vor mehreren Jahren für die Nordweſt Biberjagd trieb, da beſaß ich zwei Weiber, wie es im Weſten der Trapper Brauch. Ah, Monſieur, Schöneres hat die Welt nicht geſehen! Die Eine, Juanita, hatte ich aus einer Miſſion in Kalifornien entführt; aus ihren ſchwarzen Augen brannte es wie der Blitz einer Doppelflinte, aber das dunkle ſpaniſche Feuerblut ihrer Wangen verrieth, daß ſie eben ſo berufen, Wunden zu heilen als zu rerdſtelle ſſer ge⸗ wir für Canada ne Hei⸗ mitten nicht ein beſuche bär ſein n Feuer, reichte n Geiſte antiſchen kdtenden leich ſein Gaſtge⸗ fffordern werden ns reist rellt mich ien dieſes zu ver⸗ rürriſch: amilien⸗ zu Hauſe old! hren für ie es in die Walt iſion i wie der zut ihrer n als zi — 413— ſchlagen. Ihr weißes Chemiſettchen war im Beſitz von Geheimniſſen, die einen König glücklich gemacht hätten, ihr kurzes rothes Sergeröckchen ſchloß ſich an einen bunten mit Glasperlen verzierten Gürtel um Hüften— das war ein wonnevoller Anblick. Als ich ſie von ihrer verdammten Stampf⸗ mühle auf meinen Sattel hob und rief— ah, Juanita, du biſt zu beſſern Dingen geboren, als ewig Korn zu ſtampfen und Tortilla's zu backen— parbleu! da wußt' ich was ich in Armen hielt. Wenn mir die Engländer und die Yankees— Gott verdamme ſie;— in Bentsfort nicht um die Wette zehn der ſchönſten Pferde und Maul⸗ thiere für ſie geboten, ſo will ich ein todter Biber ſein; die mexika⸗ niſchen Fettlappen aber klimperten mir mit Dublonen und Dolchen vor die Ohren, daß ich mehr als Einem mein Meſſer bis zum Green⸗ viver in den Leib jagen mußte, um mir Ruhe zu ſchaffen. Die Zweite war eine Yuta⸗Indianerin, hieß Chil⸗cho⸗the, das ſchwankende Rohr. Ihre Schilfrohrtaille bildete zu der Fülle der Spanierin den reizendſten Gegenſatz, ſie war noch ein ganz junger Schößling. Ich hatte ſie nach Kriegsrecht im Kampf mit den Indianern erbeutet, und brauchte ihr nur die verdammten Ockerfarben, das abſcheuliche fanfaron der Wilden, aus dem Geſichte zu reiben, um zu ſehen, was für eine Perle ich gefiſcht. Sie war gehorſam wie ein zahmes Kaninchen und in Künſten geſchickt wie eine Spinne. Sie verſtand die zierlichſten Mocaſſins, die dauerndſten Teppiche zu flechten, ſie machte aus Glasperlen und den gefärbten Nadeln des Stachelſchweins fanfaron, das uns im Handel mit Indianerſtämmen allerorts zu ſtatten kam, und Niemand wußte zähes Büffelfleiſch ſo weich zu klopfen, wie ſie; Sie mögen das glauben, wie Geſchriebenes Monſieur! Enfin, von einer Nacht auf die andere fort waren meine Squaws beide. Als wir über das Gebirge durch das Bayou Solade nach dem Platte gingen, verlor ich bei einem nächt⸗ lichen Ueberfall der verdammten Schlangenindianer meine Pferde, meine Maulthiere, meine Biberfelle, meine Weiber, Alles. Nichts be⸗ hielt ich, als meine doppelläufige Flinte. Bon! Ein Schuft, der ſich nicht ſeine Ehre gibt. Und wenn ich geſtehen müßte, daß ich aus dieſer Flinte an dieſem Tage einen ſchlechtern Schuß gethan, als an jedem andern, daß mir das Auge trüber ins Viſirglas guckte, oder die Hand nur ein Zehntels Haar zitterte, ſo wollt ich vor die Hunde kommen. Wagh! Was ein rechter Philoſoph iſt, der ſieht Dinge, die — 2414— er hat, von ihrer guten, und Dinge, die er verliert, von ihrer ſchlimmen Seite. Und meine Juanita war doch ein verdammt übermüthiges Ding, und meine Chil⸗cho⸗the nur ein willenloſes Schaf. Wagh! Weiber ſind gut, aber die Freiheit iſt beſſer! Das klingt wild, mein Freund, antwortete Moorfeld, und experi⸗ mentirend wie weit der Leichtſinn oder das Selbſtvertrauen dieſer Naturſöhne gehe, fügte er hinzu: Fürchtet Ihr nicht die Tage des Alters? wenn eine liebevolle Hand nicht mehr Luxus, ſondern Be⸗ dürfniß iſt? Wagh! ſagte der Canadier ſich ſchüttelnd, haben Sie ſchon einen alten Franzoſen geſehen? So wenig als einen jungen Engländer! Alt? qu'est ce que cela? Ein Franzoſe wird nicht alt! Eine charakteriſtiſche Antwort! Ein Sittenforſcher könnte ſich wohl an ihr genügen laſſen. Und damit war zugleich auch das Thema für eine ausreichende Abendunterhaltung gefunden. Der Canadier hatte an eine Zeit ſeines Lebens erinnert, wo er„Trapper“ geweſen. Moorfeld brauchte ihn nur zu Erzählungen aus dieſer bewegten Sphäre zu ermuntern, und er unterhielt ſeinen freundlichen Wirth ganz auf ſeine eigenen Koſten, während er ſelbſt die paſſive Rolle, die ſo ſehr zu ſeinem Gemüthe ſtimmte, ohne Zwang inne haben konnte. Der Canadier ließ ſich nicht nöthigen. Im dämmerungsvollen Schein ſeines Herdfeuers und bei einer ziemlich unverkürzten Mitgift franzöſiſcher Selbſteingenommenheit hatte er wenig Blick für den Seelenzuſtand ſeines Gaſtes. Auch fragte er nicht: woher? und wohin? Eine Reiſeerſcheinung wie Moorfeld bot einem Manne wie ihm nichts Merkwürdiges. So überließ er ſich ganz ſeinen eigenen Merkwürdigkeiten. Wahrlich, er war ein unerſchöpflicher Erzähler! Nach Stoff und Neigung. Der Himmel ſtürmte, der See ziſchte, die Schnepfen brieten, der Reis kochte, der Canadier ſah fleißig zur Küche, man ſpeiste, trank dazu, und hatte abgeſpeist, und der Fluß ſeiner Rede ſchwebte wie ein ewiges Element über all dieſen endlichen Dingen. Leider können wir uns nicht darauf einlaſſen, unſern Antheil an dieſer Converſation zu fordern. Welche Epiſode dürften wir herausheben, ohne Parteilichkeit gegen die übrigen? Und welcher Raum dieſer Blätter wäre geräumig genug, das Ganze zu geben? ſchlimmen es Ding, Weiher d experi⸗ en dieſer Tage des dern Be⸗ pon einen er! Alt? ſich wohl greichende eit ſeines uchte ihn ern, und Koſten, Gemüthe ſich nicht und bei mmenbeit ch fragte rfeld bot ſch ganz tpflicher der See — ſleißig und der ill deſen 1 unſern dürften welcher geben! — 115 Wo begänne und wo endete der groß und wild gezeichnete Carton eines amerikaniſchen Trapperlebens? Jede Stunde darin iſt ein Bild für einen Michael Angelo, jeder Tag ein Epos von Abenteuern, Kämpfen, Gefahren, Heldenthaten, Unthaten. Wenn der Trapper von St. Louis oder Independence aufbricht mit ſeinen Pferden und Maul⸗ thieren, ſeinen Zeltwagen, ſeiner ungeheuren„Rifle“ ſammt ſeinen Vorräthen an Pulver und Blei,— ſo hat er das Uhrblatt der Civi⸗ liſation hinter ſich zertrümmert, ſein Tag iſt nicht mehr Sonnen⸗, ſondern Kometenbahn. Ueberſprungen iſt der ſchützende, nivellirende Damm des Geſetzes, er wirft ſich in den Ocean der ewig originellen, ewig erfinderiſchen, ewig vernichtenden und im Guten und Schlimmen ewig ſich ſelbſt gehorchenden Noth. Aus dieſem Ocean tauchen dann alle jene Schwärme von Ungeheuern wieder auf, die der Menſch ſeit Theſeus und Herkules, ſeit Thyeſt und Atreus von der Erde gebannt glaubte. Friſche Schrecken und friſche Freuden ſchöpft er aus einer jugendlichen Urweltsnatur,— die Freuden kurz und ausſchweifend, wie eine Hochzeit der Lapithen und Centauren, die Schrecken anhaltend, mit einem feſten, mannherzigen, unter uns nicht mehr leſerlichen Muthe. Sein oſtenſibles Ziel iſt: Biber zu fangen, im Grunde geht er aber ohne es ſelbſt zu wiſſen, nur jenem Urruf nach Freiheit nach, welcher in keiner menſchlichen Bruſt je verſtummt, und wenn er ſich den Grenzen eines Landes nähert, worin auf einer Quadratmeile ſechs Ackerbauer ſitzen, ſo klagt er über den„verengten Raum“. Dieſen Freiheitstrieb faßte Moorfeld auch als den eigentlichen Kern all jener überwuchernden Begebenheitspoeſie. Pſychologiſch merkwürdiger als die ganze Romantik des Trapperlebens wurde ihm daher bald die Frage: wie ein Trapper aufhören könne ein Trapper zu ſein? Seine äußere Aufmerkſamkeit war lang ſchon geſättigt, vielleicht überſättigt, als er ſich's nicht verſagen mochte, noch dieſe Frage zu thun. Es fehlte wenig, daß ſie der Canadier faſt übel nahm. Parbleu! antwortete er, ich war kein vitepoche-Mann, das mögen Sie glauben. Auch mein Kamerad ſtand ſeinen Mann, der gute Au Reſte, das hat er hun⸗ dertmal bewieſen. Der arme Teufel kam freilich mit einem verflucht gebro⸗ chenen Herzen, wie ſie's nennen, in unſere Geſellſchaft; die Bourgeois in Cincinnati hatten ihn abſcheulich ausgerieben und Weib und Kind war ihm darüber untergegangen,— er hatte Unglück haufenweis! Sein — 6— Anſchluß an die Trapper war eine Sache mehr der Deſperation als der Erholung, er wollte unter ein indaniſch' Meſſer, das war klar wie eine Biberfährte. Enfin, ſolche Dünſte verdunſten nach dem erſten Schluck Büffelblut in der Prairie und Au Reſte war bald ein Kerl, dem zwiſchen Platte und Arkanſas Keiner das Viſirglas von der Flinte ſchlug— ich freſſe mich ſelbſt, wenn ich lüge! Ich muß plai⸗ dyren für den armen Gaul, denn ich hatte mich ſo attachirt an ihn, daß ich mit ihm zugleich das Trapperleben ließ, und ſoll mir Nie⸗ mand ſagen, er war ein Bleichgeſicht wie die andern Kornknacker; ich mache Fleiſch aus dem Kerl, der das behauptet. Urtheilen Sie ſelbſt, mein Herr. Im Sommer war er zu uns gekommen und gleich im Spätherbſt paſſirte folgendes Abenteuer.. Wir kaſchten, von einer größern Schaar abgeſchnitten, zu fünf Mann vor einem Haufen Sioux⸗Indianer, welche in übermächtiger An⸗ zahl uns auf den Ferſen waren. Wir entrannen glücklich und erreichten an einem ſtürmiſchen Abend in der Nähe des Hochgebirgsthales, welches man den ſtillen Park nennt, eine wilde Schlucht.— Es war das felſige Bett eines ausgetrockneten Bergſtroms. Schroff und ſteil ſtiegen die Uferwände von allen Seiten aus dem Creek auf, und gewährten ſelbſt dem flüchtigen Dickhorn, welches zuweilen hoch über uns in die gräuliche Steinſpalte niederlugte, kaum einen Platz zum Fußen. Dazu verrammelten Fichtenſtämme, die der Sturm oben abgeriſſen und in die Tiefe geſtürzt, beſtändig den Weg, und Felsblöcke, welche das Flußbett beinahe ausfüllten, hinderten noch mehr am Vordringen. So krochen wir unter unſäglichen Beſchwerden in das Berginnere und Mann und Pferd war öfter als einmal in Gefahr unterzugehen.— Gegen Abend gelangten wir endlich an einen Punkt, wo die Schlucht ſich zu einer kleinen abſchüſſigen Prairie von einigen hundert Schritten erweiterte, deren Zugang ein Dickicht von Zwergfichten und Cedern wie ein Vorhang verbarg. Hier beſchloſſen wir das Nachtlager aufzu⸗ ſchlagen. Nie waren Trapper vor Indianern beſſer gekaſcht: wir hielten uns Alle überzeugt, kein menſchlicher Fuß habe je vor uns dieſe Stelle betreten, oder nur je zu betreten verſucht.— Wie groß war daher unſer Erſtaunen, als wir hinter dem Dickicht ein Pferd ſtehen ſahen! Einſam und unbeweglich ſtand es in der Mitte der Prairie— wie das Bruchſtück einer Reiterſtatue! Es war ein alter ergrauter — — 417— ration als Muſtang, oder indianiſcher Pony, mit geſtutzten Ohren, von der Kälte war klar zuſammengekrümmt, vom hohen Alter aufs Aeußerſte herabgebracht, dem erſten und hungrige Maulthiere hatten weiland ſeinen Schweif ausgerauft. ein Kerl, Parbleu, es war ein pitoyabler Anblick! Die Knochen drangen dem von der Thiere durch die ſteife Haut, es bhatte ſeine Beine unter ſich eingezogen, muß plai⸗ ſein müder Kopf und ausgeſtreckter Hals hingen gleichgiltig herab, t an ihn, und ſchienen ein Uebergewicht zu bilden, das der ſchwankende Körper mir Ni⸗ kaum mehr zu tragen vermochte! Das verglaste und eingeſunkene Auge, nacker; ich die heraushängende, ſchaumbedeckte Zunge, die keuchende Flanke und Sie ſelbſt, der zuckende Schweif— Alles verrieth, daß die Laufbahn dieſes gleich in Thieres zu Ende, und Schnee⸗ und Hagelgeſtöber und der durch⸗ dringende Herbſtſturm machten kaum noch einen Eindruck auf ſeinen „zu fünf unempfindlichen Körper. Ah, ein erbärmlicher Anblick!— Wir hatten dtiger An⸗ aber Einen unter uns, der das Thier in all ſeiner Decadence auf den derreichten erſten Blick erkannte. Hört ihr's, rief er, das iſt das berühmte nez- es, welches percé-Pferd des berühmten Bill Williams, des älteſten, tapferſten zwar das und ſchlaueſten Gebirgsjägers, der Krone aller Trappers! Man hat reil ſtegen lange nichts gehört von dem alten Gaul, gebt Acht, er muß in der gewüährten Miäßhe ſein. Und ſo war es! Als wir das Fichten⸗ und Cederngebüſch us in die ſorgfältig zu durchſuchen anfingen, ſtießen wir auf ein altes Lager, zen. Dazu von welchem die geſchwärzten Ueberreſte einer Feuerſtelle aus dem en und in frühen Herbſtſchnee hervorragten. Hier ſaß die Leiche des alten Wil⸗ welche da. liams. Sie ſaß mit untergeſchlagenen Beinen, den Rücken an einen ingen. So Fichtenſtamm gelehnt, den Kopf tief auf die Bruſt hängend und mit ere und Schnee bedeckt. Sein bekannter Jagdrock von Elenleder hing ſteif um gin ſeine Glieder, welche der Nachtfroſt ſteif wie Glas gemacht hatte, Schlucht ſeine Büchſe, ſeine Munition, ſeine Biberfelle und Fallen lagen un⸗ Sch 3 Schriten 6 verletzt um ihn her, ſein Körper zeigte neben den vernarbten, keine Cedern friſche blutgeronnene Wunde. Er hatte die Laufbahn eines Trappers d lhu⸗ unbeſiegt zu Ende gemeſſen, er war eines natürlichen Todes— ver⸗ ge den hungert!— Ah, dacht' ich, das iſt kein Anblick für einen Anfänger. bin Au Reſte wird zurückſchrecken. Aber Au Reſte erſchrack nicht. Wir ieſe be„gaben dem Pferd einen mitleidigen Schuß, machten ein großes Grab, wit ua wozu der aufgehende Mond uns leuchtete, legten Roß und Reiter 3 he linn b hinein, und Au Reſte half ſo unverzagt, wie jeder Andere und nach ipumm gethaner Arbeit ſagte er: wagh!— Ha, Monſieur! ob mein braver er 3 — 418— Kamerad ein feſtes Herz hatte! Denſelben Winter, fuhr der Canadier fort, wär' es uns auf ein Haar ſelbſt ſo paſſirt, wie dem alten Bill Williams. Ich ſpreche von Au Reſte und mir. Denn wir zwei waren von den Fünfen allein übrig geblieben. Einer hatte ſich verirrt, zwei waren am nächtlichen Wachtfeuer hungernd und frierend eingeſchlafen, und ein Indianerknabe, der ſie beſchlich, hatte ſie mit Pfeilen getödtet wie Sperlinge. Wir beide alſo Au Reſte und ich— Moorfeld ſah wohl, daß dieſer Geiſt voll Erinnerungen eine ein⸗ fache Frage nicht anders als durch eine Reihe von Abentheuern zu beantworten im Stande war. Sein geſpannter Geiſt und ſein er⸗ ſchöpfter Körper lagen bereits in einem bedenklichen Conflict, den die ruhende Lage und die behagliche Feuerwärme mit jeder Minute mehr zu Gunſten des letztern entſchied. Unumwunden: es fielen ihm die Augen zu. Indeß recitirte der Improviſator im ſchlimmſten Falle noch während Moorfeld ſchon ſchlief und er hatte dann doch die Genug⸗ thuung, daß ſich ſein Wirth gut unterhalte, wenn gleich die einzige Frage, die er ſelbſt mit wirklichem Intereſſe geſtellt, leer ausging. So ſtreckte er ſich auf ſein Büffellager hin und überließ ſich zwiſchen den Forderungen der Natur und ber Kunſt, ihn wach zu erhalten, ganz der Neutralität. Au Reſte und ich, erzählte alſo der Trapper, hatten uns vergebens bemüht, einen Paß über das Gebirge auszukundſchaften und in eine Region mit Wild und Weide zu gelangen. Der Winter war unge⸗ wöhnlich früh und rauh angebrochen; Froſt, Hunger und Erſchöpfung überraſchten uns, eh' wirs dachten. Von unſern Pferden war eins gefallen, das andere ſchlachteten wir ſelbſt und verzehrten es: ein weiteres Vordringen war damit aufgegeben. Ueberdies wurde Au Reſte krank um dieſe Zeit, eine Kugel hatte ihn kürzlich an der Ferſe ver⸗ wundet und war noch nicht ausgezogen. Durch das Gehen und die übermäßige Kälte verſchlimmerte ſich die Wunde, nahm ein häßliches Ausſehen an, und machte ihn bald unfähig zu jeder anhaltenden Be⸗ wegung. So ſahen wir uns genöthigt, in die Tiefſchlucht des Creeks wieder zurückzukehren, auf die kleine verſteckte Prairie, wo wir den⸗ alten Bill Williams begraben. Hier mußten wir uns entſchließen zu überwintern. Wir bauten uns eine kleine Hütte, Au Reſte wurde auf ein Lager von Fichtenzweigen gebettet, mein Geſchäft ſollte es ſein, 2 Canadier alten Vill wei waren rirrt, zwei geſchlafen en getödtet eine ein⸗ theuern zu ſein er⸗ t, den die nute mehr en ihm die Falle noch die Genug⸗ die änzige r ausging. 6 zwiſchen erhalten, vergebens d in eine war unge⸗ rchüpfung war eins — 419— auf Jagd auszugehen und für Fleiſch zu ſorgen. Mon Dieu, eine Büffelfährte, die vielleicht mehrere Monate alt war, war alles was ich von Wildſpuren in vielen Tagen entdeckte! Der Hunger ſetzte uns gräßlich zu. Es kam eine Zeit, da wir in drei Tagen nichts zu eſſen hatten, als ein Stück Parfléche, welches die Rückſeite von Au Reſtes Kugeltaſche bildete: das weichten wir im Waſſer des Creeks ein und verzehrten es gierig. Am vierten Tag kroch ich wieder zur Jagd aus aber ich konnte mich kaum ſchleppen, konnte kaum die Büchſe heben, und aufrichtig, ich machte mich fort um draußen vor der Hütte zu verhungern und nicht vor den Augen meines Kameraden.— Da rief mich Au Reſte an. Er hatte meinen Zuſtand wohl gemerkt. Mit ſterbender Stimme hieß er mich zu ſich ſetzen und redete mich alſo an: Höre, Junge, ſagte er, es iſt dieſem alten Gaul, als ob er untergehen müßte und zwar in Kurzem. Ihr aber ſeid mir in Kräften um eine Kopflänge noch voraus, und wenn Ihr Fleiſch fändet, ſo würdet Ihr bald wieder herumkommen. Nun Junge, ich werde wie geſagt, ehe viele Stunden vergehen, fort ſein, und wenn Ihr kein Fleiſch findet, wird es Euch nicht beſſer werden. Ich ſelbſt eſſe nie Aasfleiſch und würde von Keinem verlangen, daß er's thun ſoll, aber gehörig ge⸗ ſchlachtetes Fleiſch iſt immer eßbar. Stecht mir alſo Euer Meſſer in den Leib, ſo lang dieſer Leichnam noch Puls macht. Ihr werdet mich freilich dürr und zäh genug finden, aber vielleicht ſitzt um die Nieren noch etwas und— ein Schelm gibt mehr als er hat!— Langt zu.— Oho, ſagt' ich, Ihr ſeid ein guter Kamerad, aber ich bin noch kein Nigger. Und damit macht ich, daß ich aus der Hütte kam, denn ich fing an weich zu werden wie eine Squaw. Eh bien, was erblickt ich, als ich vor die Hütte trat? Ich dachte, es müßte eine Mirage ſein! Ein Büffel lag mitten auf der Prairie im Schnee! das Thier war freilich unſer eigenes Conterfei. Es lag in den letzten Zügen des Hungertodes. Es wiegte ſeinen ſchweren Kopf ohnmächtig von einer Seite auf die andere, während große mit Blut vermiſchte Schaumflocken aus ſeinem Maule auf den langen zottigen Bart herabhingen, und ſeine ſtieren, blut⸗ unterlaufenen Augen wüthend auf zwei Wölfe ſchielten, welche auf ihren Hintervierteln in der Nähe ſaßen und mit lechzendem Rachen das Ausathmen des alten Patriarchen erwarteten. Bei dieſem Anblick ſtand ich wie verſteinert. Mein erſter Gedanke war die Furcht, daß ſich — 420— der Büffel doch noch aufraffen und weiter marſchiren möchte:— ſo lang⸗ ſam es geſchehen wäre, ich hätte ihm nicht zu folgen vermocht. Dann war es wirklich— eine Mirage! Ah, wie nahm ich mich zuſammen! Wie klopfte mir das Herz, als ich heranſchlich, als ich den Hahn auf⸗ zog, als ich anlegte! Von dieſem Schuße hing mein und meines Bru⸗ ders Leben ab. Endlich fühlte ich meine Hand feſt, der Schuß krachte,— ich ſah hin. Der Büſſel ſchüttelte ſein ſtruppig verworrenes Kopfhaar, warf den Schädel wild hin und her, dann ſtreckte er convulſiviſch ſeine Glieder, legte ſich auf die Seite und war todt. Grace à Dieu! Ich athmete auf. Au Reſte, der in der Hütte den Schuß gehört hatte, kam jetzt auf allen Vieren heraus. Hurrah, Fleiſch! rief er mit matter Stimme und ſank vor Freuden in Ohnmacht. Ich ließ ihn liegen und machte mich hurtig an die Arznei, die allein hier helfen konnte. Erſt wies ich den Wölfen noch meine Flinte, die ohne Ver⸗ zug Reißaus nahmen, dann ging ich dran, den Büffel auszuweiden. Ein ſchweres Stück Arbeit! Ich ſchnitt vor Allem einen Theil der Leber aus, tauchte ſie in die Gallenblaſe, und ſchlug es meinem Pa⸗ tienten um's Geſicht. Wußt' ich's doch! das wirkte, trotz Riechſalz und Vinaigrette. Au Reſte ſchlug die Augen auf und fing zu eſſen an. Von dem Tage an erholten wir uns Schritt für Schritt, es be⸗ ſuchten den Winter noch mehrere Büffel die Thalſchlucht, früher als ſonſt brach auch diesmal der Frühling an,— wir waren gerettet. Aber, dacht' ich, Au Reſte wird ſich dieſe Paſſage gemerkt haben. Die erſte Pflanzung, die wir zu Geſichte bekommen, werd' ich's zu hören haben: Junge, wir wollen wieder Kornknacker werden! Pardon, mon brave! Es kam ihm nicht in den Sinn. Au Reſte trappte fort mit mir, und trappte in ſeinem erſten Jahre, wie ein Anderer in ſeinen dreißigſten. Ah, Monſieur, ſagen Sie, ob mein Camerad ein homme du coeur war! Nun ſollen Sie hören, was dieſes Herz wendete, fuhr der Cana⸗ dier fort, und wir dürfen vielleicht das Concept des wilden Erzählers anerkennen, der den begonnenen Faden doch nicht verloren. Wir wollten den hierauf folgenden Sommer nach Californien aufbrechen, um uns Pferde und Maulthiere aus der Miſſion San Fernando zu holen, derſelben, woher ich früher meine Gattin Juanita geholt. Wir hatten uns einer größeren Trappergeſellſchaft angeſchloſſen und Alles ging ſo lang⸗ ht. Dann uſammen! dahn auf⸗ ines Bru⸗ rachte,— Kopfhaar, viſch ſeine Dieu! Ich ört hatte, f er mit hließ ihn zier helfen ohne Per⸗ szuweiden. Theil der einem Pe⸗ Riechſal gu eſſe tt, es be⸗ rüher als 1 gerettet aben. die zu hören don, mon e ft mi rin ſeinen 1 homme der Cana⸗ tziſl pir wollen , um 1 f holen, gir ha Ulles ging uns hatten — 421— gut. Die Prairien waren dunkel von Büffelheerden, die Creeks wim⸗ melten von Bibern, täglich wurden ſiegreiche Gefechte mit den India⸗ nern beſtanden, wir behingen uns um und um mit Scalps, erbeuteten Weiber und lebten en Seigneur. Da geſchah's mit dem Teufel, daß wir eines Tags gegen den Führer des Zugs uns einbildeten, eine kürzere Route, als die er ſelbſt vorſchlug, einſchlagen zu können; Kürze aber war nöthig, denn wir betraten eben das Land der Gräber⸗Indianer, was ein heilloſes Geſindel iſt, und in ſeiner feigen, tückiſchen Kriegs⸗ weiſe viel gefährlicher als die muthigſten Stämme. Wir konnten uns nicht einigen und trennten uns zu Vieren von der größeren Compagnie, der wir nach längſtens drei Tagen, wie wir behaupteten, an einer Station unter befreundeten Stämmen vorausgekommen ſein wallten. Das war mein letzter Zug. Wir waren wie geſagt zu Vieren: Au Reſte und ich, ein Canadier Namens Sublette und ein merikaniſcher Spanier, der aber kein Fettlappen war, wie die übrigen Männer ſeiner Nation. Außerdem führten wir drei gefangene Squaws mit uns. Wir nahmen unfern Weg, welchen wir abzuſchneiden gedachten, durch eine Wüſte, die von Wild und Waſſer völlig entblößt war und nichts als den Anblick einer öden ſandigen Fläche mit einer dünnen Bedeckung von Zwergfichten und Cedergeſtrüpp bot. Indeß erwarteten wir ſchon am Abend deſſelben Tags einen kleinen Creek unter Kirſch⸗ und Cotton⸗ bäumen und morgen meinten wir wieder in die Region des fetten Büffel⸗ graſes zu kommen. Der Tag ging zu Ende, aber weit und breit zeigte ſich von einer Waſſerſtelle keine Spur. Wir mußten unſer Lager auf⸗ ſchlagen ohne die Pferde tränken zu können, indeß wir ſelbſt vor Trock⸗ niß faſt verſchmachteten und in jeder Stunde der Nacht aus dem er⸗ bärmlichen Schlafe fuhren. Nur die Ueberzeugung, den Creek deſto gewiſſer morgen zu erreichen, hielt uns bei Muthe. Indeß ſtürzten ſchon Tags darauf drei von unſern Thieren, und eins ſchleppte ſich ſo erſchöpft, daß wir es tödteten und ſein Blut tranken. Den Creek aber erreichten wir auch heute nicht. Beim Anbruch des dritten Tages lagen abermals drei von unſern Thieren an den Pfählen, woran ſie angepflöckt, todt. Wir beſaßen jetzt nur noch eines und zwar in einem marſchunfähigen Zuſtande. Wir ſchlachteten es, tranken ſein Blut und machten es zu Fleiſch, denn zu der gräßlichen Trockniß hatte ſich nun⸗ mehr auch wüthender Hunger eingeſtellt, und die Wüſte war eben ſo D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 28 22 leer von Wild als von Waſſer. Das Thier verſchwand unter uns Sieben faſt auf Eine Mahlzeit, den Reſt aber verloren wir Nachts bei einer Ueberumplung oder vielmehr bei Beſchleichung der elenden Grä⸗ berindianer, welche uns das Fleiſch mit wölſiſcher Gier ſtahlen, da das miſerable Volk keine andere Nahrung als getrocknete Ameiſen gewohnt iſt. Leider ging uns bei dieſer Attake auch unſer Gefährte Sublette unter. Wir ſechs ſchleppten uns nun gänzlich unberitten weiter. Es half uns nichts, daß wir längſt unſers Irrthums inne wurden, wir hatten bei einem Rückzug bereits eben ſo viel zu verlieren und vor⸗ wärts leuchtete uns doch die Hoffnung. So krochen wir von Neuem zwei lange, ewige Tage durch. Der Hunger packte uns wieder ſo wüthend an, als zuvor, der Durſt aber war martervoll über allen Ausdruck. Die Lippen wurden uns glühend und aufgeſchwollen, unſre Augen unterliefen mit Blut, ein ſchwindelndes Unwohlſein befiel uns in gewiſſen von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Pauſen. Mit dem Aus⸗ drucke der Verzweiflung ſtierten wir Alle nach Rettung in die Wüſte hinaus. Da ließ der Spanier das Wort hören: Fkeiſch und Blut iſt uns vielleicht näher als wir denken;— es klang aber nicht nach Troſt, ſondern nach Entſetzen in ſeiner Stimme. Wir verſtanden ihn wohl. Wir ließen das Wort fallen und ſchleppten uns ſchweigend weiter. Die drei Indianerinnen aber folgten uns in ergebenem Stumpfſinn. Von Zeit zu Zeit bückten ſie ſich, um einen Käfer am Wege zu fan⸗- gen, welchen ſie gierig verſchluckten.— Am vierten Tage theilten wir einander mit, daß wir wölfiſch ſahen. Unſere Geſichter waren ver⸗ dummt und verquollen und Keiner ſah mehr ſich ſelbſt ähnlich. Wir ſchlugen Rath. Der Untergang lag uns dicht zu Füßen, es galt, etwas zu thun ſo lange noch die letzten Funken unſerer Kräfte flimmerten. Wir beſchloſſen alſo uns zu trennen und anſtatt in einer einzigen in drei verſchiedenen Richtungen nach Wild⸗ oder Waſſerſpuren auszugehen. Die Indianerinnen ſollten zurückbleiben und eine große Rauchſäule an⸗ zünden, die uns den Punkt der Wiedervereinigung bezeichnete. Das geſchah. Au Reſte und ich, wir jagten vergebens. Als wir aber beim letzten Tageslicht nach dem Rauchzeichen zurückkrochen, duftete uns ſchon von Ferne Bratengeruch entgegen. Wir fanden den Spanier an einer Herdſtelle, er war glücklicher geweſen als wir, und hatte, wie er ſagte, eine Antilope geſchoſſen. Wie fielen wir her über das Fleiſch! So haben unter uns Nachts bei den Grä⸗ n, da das n gewohnt e Sublette eiter. Es erden, wir und vor⸗ on Neuem. wieder ſo über allen llen, unſre beftel uns dem Aud⸗ die Wüſte id Blut iſt nach Troſt, ſn wohl⸗ ind weiter. tumpfſinn. ge zu fan⸗ teilten vit waren ber⸗ lich Wir galt, eiwas rinnnt tn 423 Menſchen, ſeit die Weltſteht, nicht geſchmaust. Erſt als die wüthendſte Gier geſtillt war, fiel es uns auf, daß Eine unſrer Gefangenen fehlte. Sie habe ſich verlaufen, ſagte der Spanier. Wir ſahen ihn an, und in⸗ dem ich gleichzeitig einen Streifen Fleiſch in den Kürbis voll Blut tauchte, warf ich die Bemerkung hin, daß der Geſchmack der Anti⸗ lope eigentlich wenig zu ſpüren, wenn man bedächtiger eſſe. Da wurde der Spanier wild, riß ſeinen Mantel von einem Dinge weg, das ſeit⸗ wärts hinter einem magern Dornbuſch lag und ſchrie: Valga me Dios! Fleiſch iſt Fleiſch; ſeid ihr ſatt oder nicht? Unter dem Mantel lag der Kopf und der blutende Körperreſt des fehlenden Indianermädchens.— Da war es, mein Herr, aber auch nicht früher als da, wo Au Reſte ausrief: Auf der nächſten Straße kehr' ich zu den Kornknackern zu⸗ rück. Er hat Wort gehalten. So, mein Herr, hörten wir auf, Trap⸗ per zu ſein. Mitt Recht! rief Moorfeld aus, der ſchreckensſtarr nur die einfachſte Antvoort für ſo viel Entſetzen hatte. Es folgte eine längere Pauſe zwiſchen unſern Gaſtfreunden. Moor⸗ feld's Lebensgeiſter waren gewaltſam wieder ermuntert. Vor Allem rege war ſein Intereſſe für Au Reſte. Der Mann, der ſich bei leben⸗ digem Leibe ſeinem Freunde zur Nahrung geboten, und doch vor der gleichen Nahrung mit unbefleckter Menſchlichkeit zurückgeſchreckt,— er war in einem Petrefact von Barbarei ein ſo unſchätzbarer, tiefliegen⸗ der Juwel des Menſchengemüthes, daß ihn Moorfeld lebhafter ergriff, als die Schattengeſtalt einer flüchtigen Abendunterhaltung. Und was iſt aus Au Reſte⸗ geworden? war daher ſeine erſte Frage, als er von dem Eindruck des gehörten Gräuels ſich erholt. Ah, le pauvre diable! ſeufzte der Canadier, mehr für ſich als . zur Antwort. Erreichte er noch die Bezirke der Civiliſation? ging er zu Grunde? ſtarb er? wie? Monsieur, ce sont des choses bien— bien— ah, fort damit! Was wäre das Leben ohne Wein und Geſang! Rien jamais si jolie qu'Aèdle Qui, gräce à Lucas— Trinken wir aus! Primaſorte, mein Cider; ſpüren ihn bis in die Fußſpitze! Wir müſſen luſtig ſein, quand mèême! 28* — 424— Wie, mein Herr, ehrt man ſo das Andenken der Braven? Was iſt aus Au Reſte geworden? Mon Dieu— wenn es ſein ſoll— Sie ſchlafen auf ſeinem Grabhügel. Moorfeld ſprang auf. Auf ſeinem Grabhügel? Ja, hier unten liegt er und kommt nicht wieder herauf. Freut es mich doch, daß ihn die Yankee's— Gott verdamme ſie!— nicht eingeſcharrt haben. Sie haben ihm das Leben leid genug gemacht. Ruhe ſeiner Seele! Ich danke Gott, daß ich wenigſtens berufen war, ihm den letzten Dienſt zu erweiſen. Mann! Was ging hier vor? Auf welchem Boden ſteh' lihe 2 Bei Gott, ſprechen Sie! Nun ja doch— ja! Ich will Ihre curiosité pour des evene- mens funestes befriedigen. Glauben Sie, man ſchläft auf einem Grabhügel wie in jedem andern Fauteuil. Wenn wir im Weſten einen Trapper begruben,— und keine Woche verging ohne das— Auf einem friſchen Grabe! Sie litten Schiffbruch auf dem ſtür⸗ miſchen See, und Er blieb das Opfer? Pardon, der Sturm war ſehr gut;— ſteifer Strich aus Nord, mein Canoe flog wie eine Schwalbe! Ja freilich litt er Schiffbruch; aber nicht mit mir— ah, je comprends; Sie denken wir fuhren ensemble von Canada herüber? Keineswegs, mein Herr, zwei Trapper bleiben unter dem Bourgeois nie beiſammen, die beſten Freunde nicht. Mon Dieu, was ſind Trapper in den Städten? Wachsſtumpen in des Küſters Lade. Meidet Einer den Andern. Nein, ich wußte in Wahrheit nicht, was aus Au Reſte geworden. Wir hatten uns getrennt als gute Freunde und Brüder, aber wir hatten uns getrennt. Erſt heute, erſt hier ſah ich ihn nach fünf Jahren zum erſten⸗ und letzten- mal wieder. Hier landete ich, dort zog ich mein Canve in's Dickicht, wo ich es, von New⸗Orleans retour, regelmäßig wieder zu finden pflege, und ſo war Alles gut für diesmal, dacht' ich. Stehenden Fußes ſollte es nun weiter gehen nach dem Ohio. Ein paar hundert Schritte von hier kenn' ich eine der beſten Waldpaſſagen, dahinab marſchirte ich längs dem Seeufer. Nun, was ſoll ich finden unter⸗ Aber behalten Sie Platz, Monſieur. 2 Was f ſeinem . Freut — nicht gemacht. ffen war, ch? Bei s evene- Monfieur. m andern .— md dem ſtür⸗ us Nord, hiffbruch; t führen i Trapper nde nicht unpen in wußte in genemmt int. Erſt nd lehten⸗ Diclicht, zu finden grbada 3uet eahina in unter — 1225 wegs dieſer détour? Eine Leiche am Strande. Und wer ſoll dieſe Leiche ſein? Mein alter Gaul, Au Reſte, der arme brave Narr! Zwar Leiche war er noch nicht. Der See hatte ihn beſinnungslos an's Ufer geworfen und was ſolch eine blinde, dumme Welle vermag, das war hier geſchehen. Sie hatte ihn anſtatt in's weiche Gras, gegen einen verdammten alten Eichknorren geſchnellt, der in der lieben weiten Welt juſt auch dort ſeinen einfältigen Stamm vorhangen ließ. Das Gehirn war erſchüttert, wie es ein Büffelſchädel vielleicht eben noch verknus't hätte, aber hier war's genug zum letzten Datum. Wagh! Sturzwellen und Eichkloben verſtehen ſich ſchlecht auf gute Manieren; hätt' ich nur den verdammten Yankee vor meiner Rifle, den Hund von einem Kapitän! Das Schiff konnte ſich noch ganz gut retten. Es war von Detroit nach Stadt Erie in Ladung und hatte das Un⸗ glück heut Nacht im Nebel gegen einen Propellor zu ſtoßen, welcher in der entgegengeſetzten Richtung kam. Die zwei Waſchbären von Kapitäns fuhren beide mit ihrer vollen Maſchinenkraft trotz Nacht und Nebel; Au Reſte's ſeiner hatte überdies noch verſäumt, die War⸗ nungsglocke anſchlagen zu laſſen. Sind Niggers dieſe Yankees ſchwö⸗ ren Sie drauf, Monſieur. Eh bien, ſie ſtießen zuſammen. Beide im vollen Gange, wie ich ſage. Der Choc kann nicht ſanft geweſen ſein. Nun, ſollen Sie ſagen, ob die Yankees verdammte Seehunde ſind. Unmittelbar nach dem Zuſammenſtoß ſetzt der Propellor ſeinen Weg fort, ohne ſich um den Zuſtand des andern Dampfers nur im Mindeſten zu bekümmern. Dieſer aber bekümmert ſich auch um ſich ſelbſt nicht. Der Kapitän läßt dem Leck kaum nachſehen, ſchlägt ihn gering an, und will ſo wie er iſt Stadt Erie noch erreichen. Go ahead! ſagen dieſe Niggers, und der Menſch gilt nichts, die Waare Alles unter der verdammten Deviſe. Enfin, das Schiff ſinkt, als es beizulegen ſchon zu ſpät war, im Nu ſind die Lichter aus, Maſchin⸗ Heitzung gelöſcht, und— ein Schelm will ich ſein, wenn ich ein Wort nur verſtanden, was Au Reſte noch weiter röchelte. Nehmt dieſe Brief⸗ taſche, alter Gaul, ſchrie er mit ſeinem letzten Funken, und merkt auf den Namen, Freund Leichtfuß: ſie ſoll für Doctor Moorfeld bei Neu Lisbon, der hat ein Recht daran. Moorfeld ſah das Geſicht einer Meduſe. Anhorſt! ſchrie er außer ſich. — 426— C'est juste! Das war ſein Name. Mon Dieu, un nome très difficile; die Yankees verhunzten ihn, Gott verdamme ſie; und ich prononcirte Anoreſt— Oreſt und zuletzt Au Reſte, denn wahrlich er war arrivé au reste, als er zu den Trappers kam. Aber kannten Sie ihn, Monſieur? Achtes Kapitel. Eine finſtere Herbſtnacht bedeckt Himmel und Erde. Der Wind braust kalt und ſchneidend über Wald und Prairie. Naſſe Wolken ſprengen ſtoßweiſe Regenſchauer nieder,— harte körnige Tropfen, die ſchon den Eisgedanken denken. Raſſelnd fahren ſie durch das Gelaub der Bäume und ſtreifen Strich um Strich Hekatomben von Blättern ab. Die Erde ſchauert in's innerſte Mark hinein. Es dröhnt ihr wie Trommelwirbel im Ohr,— das Martialgeſetz des Winters hört ſie verkünden. Horch, wie entſetzte Thierlaute durch die hohle Finſterniß dringen! Das Volk der Wildhöhlen kreiſcht angſtzerriſſen den Gott des irre gewordenen Lebens an. Eine Eule raſchelt mit ſchwerem Flügel durch's Dickicht— ein ſcharfer Schrei— da ſank noch ein Opfer der Local⸗Tyrannei, eh' der Winter ſie Alle, Alle gebieteriſch anherrſcht: Schlafet und ſterbet! Hufetrab ſchallt durch die Nacht, erhitztes, abgehetztes Schnauben und Schnaufen,— es iſt ein Pferd mit ſeinem Reiter. Sie haben einen langen Gang gethan. Das Pferd iſt wund geritten, mit Schweiß und Schaum bedeckt, die Beine hoch hinauf von Sand ſtarrend, Schweif und Mähne von tauſend Dornen zerrauft. Der ſtädtiſch⸗elegante Reiter theilt das verwüſtete Ausſehen ſeines Thieres. Ein Wild achtet ſeines Felles mehr, als hier ein Menſch einer menſchlichen Bedeckung geachtet. Der feine Anzug iſt zerzaust, zerriſſen, beſchmutzt, jedes Stück in Unordnung, von Wind und Regennäſſe, Waldesgedorn und nacktem Erdlager geſtaltlos, formlos. Das Antlitz des Reiters iſt bleie din ein Stu diſe P zu ra Ban met jet wie bed Hei o lbe ome très und ich ahrlich er rkkannten Der Wind ſe Wolken ropfen, die as Gelaub lättern ab. nt ihr wit zehört ſie Finſterniß Gott des rem Flügel Opfet der mherrſcht: Schnauben Sie haben it Schweiß V Schweiſ /Sthme ſch⸗legnie — 427— bleich, entſtellt, überwacht, die Geſichtsmuskel abgeſpannt wie die eines Hinzurichtenden, aber das Auge darüber ſchneidig, blitzfunkelnd, wie ein Henkerbeil. Der Reiter iſt Moorfeld. Wir erzählen ſeine, ſeit dem Nachtlager am Erieſee durchlebten Stunden durch— Schweigen. Dieſe Oreſtie ſei der Phantaſie des Leſers überlaſſen! Genug, daß den Furien, die ihn jagten, kein Weg zu unwegſam, kein Dickicht zu dicht, kein Dorn zu dornig, keine Nacht zu nächtlich war, ſie fegten dies Herz über den herzloſen Boden Ame⸗ rika's wie ein dürres Baumblatt im Winde. Aber es war kein dürres Baumblatt, es lebte und blutete, und blutend ſchleifte es ſich von dem methodiſtiſchen camp-meeting, von Gadshill, von Anhorſt's Grabhügel jetzt ſeiner verlaſſenen Hütte zu. Es war ſpäte Nachtſtunde, als Moorfeld ſein ödes Heimweſen wieder erreichte. Wie ein abgetakeltes Wrack trieb Roß und Reiter in den nacht⸗ bedeckten Hafen. Kein Salutirſchuß der Freundſchaft empfängt den Heimkehrenden freudig oder ehrenvoll; als ſchliche er ſich in einen Piratenhafen, iſt's traurig⸗ſtumm bei ſeiner Annäherung. Ach, er liegt ja im Grabe, der Mann, für den Moorfeld Dank und Freund⸗ ſchaft hier ausgeſäet! Hinter jenen Blockwänden lungert theilnahmlos ein Miethling. Aber das Blockhaus iſt erleuchtet und zwar ungewöhnlich wie es ſcheint. Noch mehr, lärmende Zecherſtimmen hallen daraus durch die Waldnacht. Moorfeld ſtaunt. Seltſames Beiſpiel von Dienertreue! Der trübſinnige Schottländer kennt alſo doch die Freuden des Trinkgelages; nur— hinter dem Rücken des Herrn! Oder iſt ihm ein Schwarm wilder, ungebetener Gäſte in's Haus gefallen, ein Schlag von Backwood⸗Rowdies, die er anders nicht los wird? Das war Moorfeld's beſſerer Gedanke. In dieſem Augenblicke ſtürzte Cäſar über ein paar querliegende Baumſtämme. Moorfeld fiel und ſah im Finſtern den Boden rings bedeckt von friſch geſchlagenem Stammholz. Es war wie eine Art Barrikade. Halloh! Ballan heraus! rief Moorfeld mit hellem Waldruf. — 428— Niemand antwortete. Hört, Ballan, hört! Heraus mit Licht! Das Blockhaus rührte ſich nicht. Ungeduldig raffte ſich Moorfeld, ſo gut es gehen wollte, auf und half auch ſeinem Pferde auf die Beine. Er führte es vorſichtig am Zaume nach ſich gegen die Hütte, deren Thüre er mit Einem Fuß⸗ tritte aufſtieß. Aber jetzt war auch Empfang da. Ein Mann trat ihm unter der Thüre entgegen und leuchtete ihm mit einer Kienfackel in's Antlitz. Moorfeld prallte zurück. Das war Adin Ballan der Schottländer nicht, dieſes Geſicht war— Wogan! Hollah, was ſoll's? Was wollt Ihr vor meinem Hauſe? polterte der barſche häßliche Mann. Moorfeld bc unwillkürlich um ſich, ob er den Ort nicht ver⸗ fehlt, aber kein Irrthum waltete. Welch neue Ungeheuerlichkeit das! Hölle! rief er, iſt ein Toller hier eingebrochen; wo iſt Ballan?— In allen Winden; was kümmert's mich! laßt mir mein Haus in Frieden! Teufel! Herr, packt Euch in's Tollhaus; Piſtolen ſpaßen nicht. Wo iſt Ballan, mein Diener? Wogan trat zurück und machte Miene die Thüre zuzuwerfen. Moorfeld riß eine Piſtole aus dem Gürtel und feuerte. Das Hausrecht gegen die koloſſalſte aller Frechheiten zu vertheidigen, hätten wir ſelbſt, um ein Gleiches zu thun, vielleicht nicht erſt des Zuſtandes bedurft, worin dieſe Frechheit ihn antraf. James! Dick! Bill! Charles! Heda, ſchüttet Zündkraut auf! Knallt ihn nieder! Schmeißt ihn todt! Und im Nu ſtand der Eingang ge⸗ drängt von einem Halbdutzend wilder, betrunkener Galgengeſichter. Moorfeld zog eine zweite Piſtole. Da geſchah ein Schlag gegen ſeine Hand und die Waffe fiel zu Boden. Ein hölliſches Gelächter umwieherte ihn, das Geſindel packte ihn von allen Seiten. Moorfeld riß ein Jagdmeſſer aus der Scheide und ſtürzte blind auf den Schwarm. Dieſer ſtob augenblicks auseinander. Moorfeld fiel im Schwung ſeines Stoßes zu Boden und ſein Meſſer rannte tief in die ungedielte Erde. Die Meute johlte unbändig über den gelungenen Raufer⸗Kunſtgriff. 2—,— SOSSPg;g)ꝰ,————, auf und htig am im Fuß⸗ ztete ihm otkländer polterte nicht ver⸗ keit das! n? Haus in en nicht. fen. te. Das n, hätten guſtandes 1 Knallt gang ge⸗ hter. ag gegen Gelächter Moolfeld 2chwarn. 1g ſeines le Erde⸗ nſtgrif 429— Na, Jungens, laßt's gut ſein, fing jetzt eine Stimme mit iriſchem Aecent zu lallen an. Verklagt den Burſchen of trepass vi et armis und ſetzt ihn für diesmal an die Luft. Man iſt doch Frie⸗ densrichter ſo zu ſagen, und für Blutvergießen verantwortlich, ſo zu ſagen. Ich rathe, Miſters, es wär' ein verdammtes Accident, wenn ein Friedensrichter und ein Bündel Geſchworne Selbſthilfe genommen. Wofür ſind die Geſetze unſrer freien und aufgeklärten Verfaſſung da? Was will der Kerl eigentlich? Nachtlager? O pfui, Miſter, wer wird mit Piſtolen in der Hand Gaſtfreundſchaft fordern? Aber die arme Maus ſteht nicht mehr feſt in ihren Schuhen. Gebt ihm ein Glas ſteifen Grog, Jungens, Hitze muß Hitze vertreiben; ich rathe das wird ihm gut thun, wie der Nachtigall die Kreuzſpinne. Moorfeld packte den Mann, der ſo ſprach, an, und rief: Ihr ſeid Friedensrichter? Nun denn im Namen Eures Amtes! Wißt Ihr auf welchem Boden Ihr ſteht? Wißt Ihr an welchem Verbrechen Ihr mit⸗ ſchuldig ſeid? Ich überblicke, was hier vorgegangen iſt. Man hat meinen Diener verjagt und ſich in den gewaltſamen Beſitz meines Hauſes geſetzt. Ihr ſeid von einem Räuber bewirthet und Mitſchul⸗ dige Eures Räubers. Geht! Taumelt Euer frevelhaftes Gelage zu Ende und erwachet morgen unter dem Schwert des Geſetzes. So ſprechend ſchleuderte Moorfeld den Betrunkenen hin, warf ſich auf's Pferd und ſprengte davon. Wald und Finſterniß verſchlang ihn. Das Ganze war die Scene eines Augenblicks.— Wenn Menſchen durch Untertauchen in's Waſſer ſich den Genuß eines ſchwungvollen Glockengeläutes verſchaffen, Andere durch ſtarke Narkoſen, oder durch künſtliches Erhängen, oder durch was immer für eine Hervorbringung von momentanem Blutdruck auf's Gehirn ſich eine plötzliche Traumwelt an die Stelle der realen Wirklichkeit ſetzen, ſo müſſen wir an die Abnormität ſolcher Augenblicke erinnern, wenn wir von Moorfeld's Zuſtand jetzt ſprechen ſollen. Das Abenteuer dieſer Minute war ſo herausgeriſſen aus dem Zuſammenhange Alles deſſen, was ein Heimkehrender an ſeiner Schwelle erwartet, es war ſo unerhört, ja ſo wahrhaft unmöglich, daß es faſt einzig nur im Cha⸗ rakter des Abſurden auf Moorfeld wirkte. Moorfeld hatte die ganze Zeit über an die Perſon Wogan's nicht wieder gedacht. Und dachte er ja an ſie, ſo verſah er ſich eines böſen, feindſeligen Streiches zu 430 ihr:— dieſer aber war ein dummer! Es blieb ihm unbegreiflich, was ein Feind, der zu ſchaden oder auch nur zu kränken denkt, Plan⸗ mäßiges ausgeführt hat, wenn er ſich dem Geſetze gegenüber in eine völlig offene, ungedeckte Lage begibt, ſich einer ſchweren Strafe ſchuldig macht, und nichts erreicht hat dafür, was einer logiſchen Bosheit ein entſprechender Erſatz ſcheinen könnte. Denn daß der rechtmäßige Herr eines Hauſes eine Nacht außer ſeinem Hauſe zubringt, ſollte das ein lange vorbereiteter Racheact, ſollte das ein Genuß ſein, der das Straf⸗ urtheil einer unrechtmäßigen Beſitzergreifung mittels gewaltthätigen Ein⸗ bruchs aufwäge? So war nach der Betäubung des erſten Augenblicks Moorfeld's Eindruck von dieſem Erlebniſſe eigentlich kein anderer, als der einer ſchlechtbefriedigten— Verwunderung. Noch nie war eine Beleidigung ſinnloſer angelegt, noch nie eine Genugthuung gewiſſer. In dieſer Zuverſicht ſtand Moorfeld Tags darauf vor dem Can⸗ tonsrichter in New Lisbon, und forderte nach einem kurzen Referate der nächtlichen Begebenheit einen Conſtabler, der ihn in den Beſitz ſeines Hauſes zurück- und den unbefugten Eindringling in Haft daraus wegführte. Kaum aber hatte Moorfeld ſein Begehren vorgebracht, als Mr. Wo⸗ gan ſelbſt vor dem Richter erſchien. Er behauptete eine große Kalt⸗ blütigkeit bei Moorfeld's Anblick. Zu dem Friedensrichter gewendet ſagte er, er komme, um das Ortsgericht zur Uebernahme eines Depoſitums aufzufordern. Es ſtün⸗ den ihm die Fahrniſſe im Wege, welche der vorige„Inhaber“ von John Stuterings Loos in ſeinem log shanty zurückgelaſſen. Seine Rechtstitel erſtreckten ſich nur auf das Immobiliar, die bewegliche Habe anzutaſten oder zu benutzen getraue er ſich nicht zu verantworten. Uebrigens beläſtige ſie ihn nachgerade, da er endlich daran denke, ſich mit einer eigenen Einrichtung zu verſehen, ja vielleicht breche er über⸗ haupt die vorgefundene Blockhütte ab und fange einen größeren Bau an;— kurz, er wolle dieſen Nachlaß auf eine legale Art los ſein. Mit großem Gleichmuthe fügte er hinzu, er ſehe zwar in dieſem Augenblicke die Perſon des Eigenthümers jener Möbel ſelbſt vor ſich, er nehme aber Anſtand, deren Uebernahme von ihm zu begehren, da derſelbe vorausſichtlich und demnächſt eine Haft werde anzutreten haben, greiflich t, Plan⸗ in eine ſchuldig heit ein ge Herr das ein 3 Straf⸗ gen Ein⸗ vorfeld's eer einer eidigung im Can⸗ Referate n Beſit darauls kr. Wo⸗ e Kalt⸗ um das Es ſtün⸗ er“ von Seine ſche Habe tworten. nke, ſich 431 indem er ſo eben of trepass vi et armis ihn anzuklagen im Be⸗ griffe ſtehe. Moorfeld traute ſeinen Ohren nicht. Er glaubte in Wogan eine Art Automat zu hören, welches zwar eingerichtet iſt, articulirte Laute hervorzu⸗ bringen, aber auf's Gerathewohl, ohne Sinn und logiſche Ordnung. Und da der Menſch, ſelbſt, wo ihm der Verſtand gänzlich ſtille ſteht, ſeiner Natur nach doch noch Gedanken erzeugt, ſo war Moorfeld's einziger Gedanke: der Mann iſt verrückt. In dieſem Sinne antwortete er auch. Er ſagte, er ziehe ſeine Klage auf widerrechtliche Beſitzergreifung mittels Einbruchs zwar nicht zurück, aber er ſuſpendire ſie ſo lange, bis die gerichtsärztliche Erpertiſe über die Imputationsfähigkeit des Angeklagten entſchieden. Für jetzt wünſche er unter Gerichtsgeleit in ſeine Wohnung zurückzu⸗ kehren, und ſei es ja möglich, dem geiſteskranken Uebelthäter hier einen lichten Gedankenmoment abzugewinnen, ſo möge er vor allem inquirirt werden, was aus Adin Ballan, dem Schottländer, geworden. Ein Nankee macht nicht leicht ein verblüfftes Geſicht, es wäre denn in ſupernaturaliſtiſchen Dingen. Aber ſelbſt dann affectirt er ſtatt der verblüfften bloß eine verächtliche Miene. Der Friedensrichter von New⸗Lisbon behauptete in dieſer wider⸗ ſpruchsvollen Lage ſeine vollkommenſte Faſſung. Ja, ſo groß war dieſe Faſſung, daß er während des Vortrages der beiden Parteien keinen Augenblick aufhörte, zu nieten und zu ſchweißen, denn wir dür⸗ fen nicht vergeſſen zu bemerken, daß Moorfeld den ehrenwerthen Mr. Cartwright bei der Ausbeſſerung eines Pittsburger Packwagens an⸗ getroffen, welcher einer durchreiſenden Auswandererfamilie aus Penn⸗ ſylvanien auf der ſchlechten Lisboner Straße in Brüche gegangen, und welchen der barmherzige Ortsrichter ſo eben zur Cur vorhatte, da die⸗ ſer Würdige, ſeines Zeichens ein Schmid, aus überfließender Menſchen⸗ und Dollarliebe mitunter auch gerne noch zu ſeinem vorigen Hand⸗ werk griff. 3 Der Richter antwortete daher unter Hammerſchlägen und dem Ziſchen glühender Stifte gegen Moorfeld gewendet: Stehe gleich zu Dienſten, Miſter. Erlauben Sie nur, daß ich das Eiſen ſchmiede, da es warm iſt. Haben ja auch noch Zeit zu verſäumen. Geht ſo raſch nicht wie Sie denken, Miſter. Vertreiben da einen Mann, der in 432 einem Hauſe ſitzt und befinden ſich ſelber außer dem Hauſe. Wird ſo leicht nicht gehen, Miſter. Unter welchem Titel locomoviren Sie Mr. Wogan von ſeiner Feuerſtelle, wenn ich fragen darf? Bei dieſer Frage hätte Moorfeld gerne den Richter ſelbſt für ver⸗ rückt erklärt. Seine Stellung gemahnte ihn nachgerade an die Situa⸗ tionen jener parodiſtiſchen Romane, in welchen der geſunde Menſchen⸗ verſtand die negative Rolle ſpielt, und irgend ein allegoriſcher Narren⸗ ſpuck von Pflanzen, Thieren oder gefabelten Weſen den Unſinn als poſitive Weltordnung treibt. Er ſtand einen Augenblick und beſann ſich, ob er mit ſolchen Menſchen ſich weiter befaſſen wolle. Im Ernſte gewiß nicht. Nur indem er der Vorſtellung folgte, ſie als„Clowns“ eines Schauſpiels vor ſich zu haben, nur indem er ſich erinnerte, er ſei nach Amerika gekommen, um zu experimentiren, zu erfahren, ken⸗ nen zu lernen, entſchloß er ſich, den Gang dieſer Scene einzuhalten, ſo lang bis ſein Eckel größer als ſeine Wißbegier ſein würde. Dieſer Ideengang ging voraus, als er auf Mr. Cartwright's Frage: unter welchem Titel locomoviren Sie Mr. Wogan von ſeiner Feuerſtelle? endlich antwortete. Er antwortete einfach durch Vorweiſung ſeines Kaufbriefes. Der Richter warf einen flüchtigen Blick auf das Papier, indem er einen kleinen Blasbalg an ſein Kohlenbecken ſetzte und ſagte phlegma⸗ tiſch: Hm, ein beſchriebenes Blatt! Ich rathe, Mr. Wogan hat deren mehrere. Von was für einer Sorte, wenn ich bitten darf, iſt dieſe Schrift? Es iſt ein Kaufbrief! Ein Kaufbrief, hm! das iſt ſo übel nicht. Und wenn dieſer Kauf⸗ brief mit dem Grundbuche ſtimmt,— allerdings; dann hätte eine Klage auf Reſtitution vielleicht Ausſicht. Wirklich? fragte Moorfeld mit einer ironiſchen Heiterkeit. Noch einen Augenblick, Miſter, bat der Friedensrichter, dem der Packwagen ſehr am Herzen lag;— noch einen Augenblick, dann gehen wir hinüber auf die Cityhall und collationiren— Daß ich nicht wüßte! unterbrach Moorfeld die Zumuthung, in Geſellſchaft Wogan's und des Schmieds über die Straße zu gehen. Der Schmied hörte dieſe Weigerung offenbar mit Vergnügen und hämmerte noch einmal ſo eifrig auf ſeinen Wagen ein. Gut er mag Wird ſo je Mr. ür ver⸗ Situa⸗ enſchen⸗ Narren⸗ inn als beſann Ernſte lowns erte, er n, ken⸗ uhalten, Dieſer : unter erſtelle! dem er llegma⸗ t deren ſt dieſe Kauf⸗ fe eine dem der n gehen 1g/ in hen. 1 en und er mag 433 kommen, ſagte er. Heda, Tom! Lauf hinüber: Mr. Gull, wenn es ihm gefällig iſt, möge mit dem Grundbuche ſich bei mir ein⸗ finden. Moorfeld hörte dieſen Befehl mit Erſtaunen. Aber freilich erin⸗ nerte er ſich zugleich, in einem Reiſewerke über Amerika einſt geleſen zu haben, daß dem Reiſenden ein ſehr achtungswerther Staatsſecretär die auf Pergament geſchriebene Stiftungsurkunde eines großen Union⸗ ſtaates vorgezeigt habe, welche wie ein gewöhnlicher auf die Poſt ge⸗ gebener Brief zuſammengelegt, in den Falten abgeſchabt und in den Ecken durchlöchert war. Auf die Bemerkung des Reiſenden, daß man ſolche Documente in Europa in Folio zwiſchen Papp und andern Tafeln aufbewahre, habe der Staatsſecretär dieſes Verfahren zwar ſehr ſchön gefunden, aber deßungeachtet ſeine Urkunde höchſt kaltblütig wieder in die alten Falten eingebrochen. So ſchien es denn ein Seitenſtück dieſes Verfahrens, ein Grundbuch ohne Weiters aus der Regiſtratur zu reißen und damit über jede beliebige Straße zu laufen. Tom, ein ſchwarzer Hausdiener, war inzwiſchen fortgelaufen, der Richter fuhr fort, ſeine glänzenden Schmiedekünſte an dem alten Pack⸗ wagen zu erſchöpfen. Mr. Wogan hatte die Unverſchämtheit, dem Richter Parteilichkeit vorzuwerfen, daß er bisher nur Moorfeld's Sache berückſichtigt, ſeine eigene Klage of trepass vi et armis aber durchaus ignorirt. Eure Zeugen? fragte der Richter. Mr. James Pettigraw, Advokat von New⸗Lisbon, Mr. Richard Luke, Farmer im County und Lieutenant bei der Landmiliz, Mr. William Clisby, ein Holzhändler aus Virginien, Mr. Charles Adoir, ein Pferdehändler vom Süden, Wer Phelim O'Brien, Friedensrichter von Ravenna— Was? der Phelim war auch dabei? ſiel der Richter lebhaft da⸗ zwiſchen. Ei, Mr. Wogan, dann ſeid ihr ja Alle, nehmt mir's nicht übel— voll geweſen. Ja, ja, ich rathe, ihr ſeid tüchtig im Lee ge⸗ legen. Den Teufel auch, der Phelim! Wo mein ehrenwerther College von Ravenna einfährt, dort ſchwimmt man im Grog bis an die Ohren,— lehrt mich den Irländer kennen! Nein, Mr. Wogan, Be⸗ trunkene ſind keine Zeugen, das iſt ein Factüum. Vi et armis! ach geht mir doch! Wo ſeid Ihr denn verletzt? Wo thut's Euch denn — 43³4— weh? und der Schmied⸗Richter ſpie mit großer Selbſtüberzeugung einen ganzen Mund voll Rauchtabakextract in ſeine Kohlen, die laut aufziſchten. Moorfeld ſah mit Verwunderung, daß er am Ende noch die Freiſinnigkeit dieſes Juſtizbeamten anerkennen müſſe. Freilich indem er ſeine Leute näher beobachtete— ſtieg ihm der Verdacht auf, es verdrieße den ehrlichen Mann eigentlich, daß er nicht ſelbſt mit von dem beſagten Gelage geweſen. Natürlich fand es Moorfeld unter ſeiner Würde, von ſolch einer Nachſicht zu profitiren und die That ſeines gerechten Zorns zu verſchweigen. Aber Mr. Cartwright häm⸗ merte wieder auf ſein Wagenrad ſo vulkaniſch los, daß die zwei zu⸗ geſtandenen Piſtolenſchüſſe abſichtlich wie es ſchien übertönt wurden. Mr. Wogan wendete kein Wort dagegen ein. Er ſtand da, ſeine wul⸗ ſtigen Lippen in die Zähne gekniffen, ſeine Schultern hoch an den häßlichen Schädel gezogen, und ſchien Kraft und Erwartung wie zu einem Hauptſchlag zuſammenzudrängen. Dieſer Augenblick kam jetzt. Man ſah Mr. Gull, den County Clerk, über den„Square“ von New⸗Lisbon heranſchreiten, Tom, der Neger, trug ihm das Grundbuch nach. Mr. Cartwright warf ſchnell noch einen prüfenden Blick auf den Pittsburger Patienten und ſchien von der Reconvalescenz deſſelben ſo weit überzeugt, daß er es wagen mochte, den Gegenſtand ſeiner zärtlichen Sorge endlich zu verlaſſen. Er hatte nämlich den Tact, die drei Herren jetzt in ſeine Amtsſtube zu bitten, da der bisherige Schauplatz unter freiem Himmel geweſen. Man trat ein. Mr. Gull, der County Clerk, war dieſelbe Perſon, an deſſen Krankenlager Moorfeld das von ihm beſchriebene Zuſammentreffen mit dem reiſenden„Doctor“ gehabt. Der Mann begrüßte unſern Helden mit einer Artigkeit darüber, der es nicht an Herzlichkeit fehlte. Er habe von ſeinem Bette aus die Controverſe wohl begriffen, ſogar mit einer Klarheit und Leichtigkeit, die ihn ſelbſt verwundere. Es ſei ihm eine ausgemachte Sache, daß der Doctor Mackhead ein Ignorant und Moorfeld ſein Meiſter. Ein Kind habe ja das beurtheilen können. Auch habe er ſoforteein paar Aderläſſe genommen und er ſei überzeugt, daß er dieſer Kur allein ſein Leben verdanke. Wogan blies wie ein ig einen die laut noch die Freilich acht auf, elbſt mit feld unter die That ght häm⸗ zwei zu⸗ wurden. eine wul⸗ han den ig wie zu n Count Tom, der uf ſchnell und ſchien es wagen verlaſſen. Amtsſtube l geweſen. an deſſen reffen mit m Helden ehlte. 6r zat mi g ſi in orant und 7 können. — rzeugt 3 wit ein 435 erſtickendes Schwein ſeinen Grimm von ſich und ſchnauzte barſch: Zur Sache, wenn's beliebt. Die Gegeneinanderſtellung des Kaufbriefes und des Grundbuches war das Werk eines Augenblicks, der Befund vollkommen richtig. Moorfeld hielt den Gegenſtand hiermit für erledigt. Er forderte jetzt Rechenſchaft wegen Adin Ballin. Wogan ließ ſich mit mürriſcher Kürze und Gleichgiltigkeit zu der Ausſage herbei: er habe dem Schottländer ſein Recht auf John Stutering's Grundſtück deutlich gemacht, ſo weit es dem Rechtsunkundigen begreiflich geweſen, habe ihn ferner auf die Mittel aufmerkſam gemacht, mit welchen er dieſes Recht gegen einen unbeſonnenen Widerſtand in Vollzug ſetzen könne, und ihn dadurch gütlich vermocht, den Platz zu räumen, indem er ihn zugleich zu einer andern Dienſtſtelle nach Whel⸗ ling empfohlen, wohin derſelbe auch abgegangen. Moorfeld wiederholte ſofort mit nachdrücklicher Betonung: Sie haben ihn auf die Mittel aufmerkſam gemacht, Ihr angebliches Recht gegen ſeinen Widerſtand in Vollzug zu ſetzen;— d. h. Sie haben ihn unter Androhung von überlegener Gewalt von dem Poſten ſeiner Pflicht vertrieben. Nehmen Sie das zu Protocoll, meine Herren. Die weitere Glaubwürdigkeit dieſer Ausſage wird eine ſofort in Whelling anzuſtellende Requiſition lehren. Moorfeld ließ die Schritte dazu unter ſeinen Augen verfügen. Erſt nachdem er dieſe Obliegenheit gegen ſeinen Diener erfüllt, verlangte er jetzt die Verantwortung über Wogan's Verbrechen des Einbruchs. Wogan holte eine geräumige Brieftaſche hervor, aus welcher er eine Unmaſſe von Schriftſtücken, gleich dem Inhalt eines trojaniſchen Pferdes, ausſchüttete. Er begleitete dieſe Entfaltung ſeiner Papier⸗ ſchätze mit folgender Erklärung: Ich werde die Rechtmäßigkeit meiner Anſprüche an John Stute⸗ ring's Loos aus einer Reihe von Documenten beweiſen, wovon jedes für ſich und alle zuſammen mich als unzweifelhaften Eigenthümer des genannten Grundſtückes legitimiren ſollen. Mit dieſen Papieren in der Hand hätte ich jeden vorfindlichen Inhaber jener Realität ohne Wei⸗ teres außer Beſitz zu ſetzen die Befugniß gehabt; ich fand aber das Land nicht beſeſſen, es lag herrenlos da, ein Menſch niſtete darin, — 436— dem jedes Erforderniß fehlte, daſſelbe rechtlich zu behaupten oder zu vertheidigen, ja dem ich nicht einmal zu glauben brauchte, daß er der Diener eines angeblichen Beſitzers derſelben Landſtelle ſei, kurz den ich als Fremdling und Eindringling zu präſumiren das Recht hatte, was ich denn auch gethan. Moorfeld wendete ſich an den Richter und ſagte: Haben Sie die Güte, dieſen Poſſenreißer an den Ernſt einer gerichtlichen Verant⸗ wortung zu erinnern. Mich dünkt, ich höre einen Menſchen, welcher jede Ehefrau im Lande, deren Gatte verreist, als Wittwe präſumirt und je nach Befund in Anſpruch nimmt. Ich liebe den Scherz, aber ich wähle mir meine Geſellſchaft dazu. Ich räume jenem Menſchen das Recht nicht ein, mich zu unterhalten! Die beiden Gerichtsperſonen ſahen ſich auf eine Art an, welche verrieth, daß ihnen die ſophiſtiſche Sprache Wogan's offenbar weniger neu war, als der hohe Ton des Europäers. Aber doch lag in Moor⸗ feld's Haltung ein Etwas, deſſen Macht nicht unempfunden auf ſie wirkte. Mr. Gull ſagte daher kurz zu Wogan hinüber: Erklären Sie Ihre Papiere. Wogan begann: Sie wiſſen, meine Herren, daß John Stutering auf die Ausſagen zweier Hauptzeugen hin, eines Mr. Samuel Flint, Farmer im Beaver⸗ County im Staate Pennſylvanien, nnd eines Mr. Vane, Storekeeper in Cleveland am Erieſee für ſchuldig befunden und verurtheilt wurde. Hier lege ich Papiere vor, welche das Zeugniß dieſer Zeugen geſetzlich aufheben. Mr. Samuel Flint hat ſeine Ausſage unter dem göttlichen Einfluſſe einer Wiederbelebung auf dem camp-meeting der Metho⸗ diſtengemeinde zu New⸗Lisbon feierlich wiederrufen, worauf er eines ſeligen Todes verblichen. Sie werden die Acte des Widerufes von drei Aelteſten, zwei circuit riders, und dem ehrwürdigen Reverend Jere⸗ mias Windowſßhutter, Methodiſtenprediger dahier, unter Obſervanz aller legalen Formen ausgefertigt finden. Hier iſt ſie. Was die Aus⸗ ſage des zweiten Kapitalzeugen, Mr. James Vane, betrifft, ſo lege ich hier ein Certificat ſeiner Ortsbehörden vor, aus welchen erſichtlich, daß beſagter Mr. James Vane als Sergeant bei der Landesmiliz in der Schlacht bei Bunkershill den rechten Arm verloren. Mr. Vane hat alſo mit den Fingern der linken Hand geſchworen. Nun habe ich oder zu g er der den ich tte, was Sie die Verant⸗ „welcher räſumirt erz, aber Menſchen , welche weniger n Moor⸗ auf ſie Erklären Ausſagen Beaver⸗ orekeeper wunde. b geſeblih gättlichen. Mctho⸗ er eines von drei nd Jere⸗ Dbſerbanz die Aus⸗ lege ih llich/ daß in der *ne hat Vane ha habe ich 437— nach ſorgfältigſter Durchſicht der Prozeßacten des John Stutering nir⸗ gends finden können, daß der Gerichtshof den Zeugen Vane von der ge⸗ ſetzlich gebotenen Form der Aufhebung der rechten Hand ausdrücklich entbunden hätte. Das Zeugniß des Mr. Vane iſt alſo unter einer ungiltigen Form, d. h. im rechtlichen Sinne gar nicht abgelegt worden. Eine Wiederholung ſeiner Eidesausſage iſt aber unſtatthaft, da in einem Prozeſſe auf Leben und Tod kein Zeugniß eines Zeugen zweimal abgefordert werden kann. John Stutering kehrt demnach voll⸗ kommen rechtlich rehabilitirt in den Beſitz ſeines Grundſtückes zurück und hat der Gerichtshof daſſelbe eingezogen und veräußert, ſo iſt hier von einem Prozeſſe des Käufers mit dem Gerichtshofe die Rede, der John Stutering in keiner Weiſe berühren kann. Der Käufer hat ſich an den Gerichtshof zu halten, und ein Attentat auf John Stutering's Eigenthum, wie es heute Nacht verſucht worden, fällt in die Kate⸗ gorie der ſtrafbaren Handlungen. Ich lege nunmehr eine Ceſſionsurkunde beziehungsweiſe einen Kauf⸗ brief vor, womit ich erweiſe, daß John Stutering's Loos inzwiſchen auf mich übergegangen, und zwar unter allen geſetzlichen Formen und Obſervanzen. Wenn die geringe Summe in Verwunderung ſetzen ſollte, womit ich das Eigenthumsrecht von John Stutering's Landloos erworben, ſo bin ich ferner zu erklären bereit, daß dieſes Eigenthumsrecht ſelbſt ein zwei⸗ fethaftes, ein anzufechtendes, ein ungewiſſes. John Stutering hat von den Erben eines Majors Solon Robinſon in Conekticut gekauft, welcher die Landſtelle im Jahre 1784 durch Ankauf von den Eingebornen an ſich gebracht haben will. Es war aber damals ſchon das Geſetz erlaſſen und in Giltigkeit getreten, daß zur Vermeidung aller Grenz⸗ ſtreitigkeiten, welche den Beſtand der jüngeren Colonien aufs äußerſte zu verwirren angefangen, künftig kein Privatmann durch Abtretung von den Indianern Land erwerben könne. Der Major hat dieſes Geſetz verletzt und ſcheint überdies zur Zeit des weſtlichen Vorbehalts mit ſeinem ungeſetzlichen Eigenthum furtim durchgeſchlichen zu ſein, anſtatt es dem öffentlichen Grundbeſitze Conekticuts anzuſchließen, als dieſer gegen eine Entſchädigung von Einer Million zweimalhundert⸗ tauſend Dollars an die Föderalregierung abgetreten wurde, eine Summe, aus welcher der Major gleichfalls ſeine Entſchädigung zu fordern ge⸗ D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 29 438 habt hätte, wenn er ſich der Abtretung nicht illegaler Weiſe entzogen. Die Erben des Majors waren daher nicht rechtliche Eigenthümer dieſes Grundſtückes, ſondern beſaßen höchſtens einen Anſpruch auf die für daſſelbe entfallende Ablöſungsquote, vorausgeſetzt, daß ihnen eine ſolche überhaupt zugeſprochen wurde, da eine Erwerbung durch Privat⸗ vertrag mit den Eingebornen, wie bemerkt, ſchon vor dem Jahre 1784 ein ungeſetzlicher Rechtstitel des Beſitzes. Gleichzeitig finde ich weiter, daß weder der Major noch ſeine Erben das Landloos ſchul⸗ denfrei beſeſſen, wie ich aus vorliegender Reihe von legaliſirten Vidi⸗ mirungen nach älteren Grund⸗ und Hypothekenbüchern in Conekticut darzuthun in der Lage bin. Einige dieſer Inſätze habe ich bereits auch käuflich an mich gebracht, über die Ablöſung anderer ſtehe ich noch in Unterhandlung. Bei näherer Unterſuchung begegnete mir ferner ein gleichfalls zu beachtender Rechtstitel, welcher auf einer der beiden Sec⸗ tionen des Landlooſes aus früheren Zeiten haftet. Nach dem alten Pennſylvaniſchen common law erwarb es nämlich Rechtstitel auf ein Land, wenn ein Anſiedler drei Nächte nach einander ſein Herdfeuer darauf angezündet. Mr. Chauncez Gulbert in Pittsburg vermag nun, wie ich in dieſen Papieren vorlege, den Nachweis zu führen, daß ihm unter jenem Titel des jus primae occupationis für die Section Numero fünf von John Stutering's Landloos ſchon aus dem Jahre 1778 zuſteht. Ich habe dem Mr. Chauncez Gulbert dieſen Anſpruch gleich den übrigen abgekauft; hier iſt die Urkunde darüber. In einer ganz beſonders verwickelten Rechtslage befindet ſich aber die Sec⸗ tion ſechs des beſprochenen Grundſtückes. Ich werde aus dieſem Faseikel von Contrakten, Ceſſionen, Pfandbriefen, vidimirten Codicillen— Nicht nöthig, Miſter— unterbrach Moorfeld— ich zweifle nicht, daß halb Amerika John Stutering's Loos beſitzt, und daß Sie das Alles abgelöst. Aber ich bin nicht gekommen, um mir eine Indigeſtion an Advocatenkünſten zu holen, deren Vorkoſt nicht beſonders gewählt und glücklich iſt, wenn der Effect nicht in der Steigerung der Gänge liegen ſoll. Genug, daß ich Ihre Abſicht erkenne, mich durch ein shingled over, wie ſie's nennen, zu decontenanciren, und daß ich den geringſten Begriff faſſen darf von dem Publikum, in deſſen Schule Ihre Erfindungsgabe im Ganzen genommen ſo herzlich roh geblieben iſt,— ich ſag' es mit aller Anerkennung Ihres ſonſtig guten entzogen. genthümer h auf die hnen eine ch Privat⸗ im Jahre J finde ich vos ſchul— ten Vidi⸗ Conekticut reits auch h noch in ferner ein eiden See dem alten el auf ein Herdfeuer mag nun, daß ihm Section aus dem ert dieſen 4 darüber. r die Eec m Fabellel en— eſfe nicht, Sie das ————— ——— — 430— Willens. Nicht mit Ihnen habe ich es zu thun. Ich fahre fort, Sie, als Partei, unter aller Schätzung zu betrachten. Ich frage Sie viel⸗ mehr, mein Herr,— wandte ſich Moorfeld an den Friedensrichter— ob Sie als Ortspolizei verpflichtet ſind, mir jetzt mein Haus aufzu⸗ ſchließen, und als Untergericht meine Klage gegen dieſen Verbrecher zur geeigneten Weiterbeförderung entgegen zu nehmen? Das Letztere ohne Zweifel, antwortete Mr. Cartwright nach einer Pauſe, aver eine eigenmächtige Reſtitution, wie Sie von mir fordern, Sir— er vertauſchte doch nachgerade das Miſter mit Sir—, ich könnte nicht ſagen,— ich weiß nicht, Sir— die Sache hat eben den Pro⸗ zeßweg zu gehen. Das verſteht ſich von ſelbſt; nur daß ich nicht geſonnen bin, den Prozeß unter freiem Himmel abzuwarten. Der Friedensrichter zuckte die Achſeln. Moorfeld warf einen erſtaunten Blick auf Mr. Gull. Aber auch dieſer Beamte ſah ernſter, als es Moorfeld begreifen konnte. Sie nehmen die Sache in der That leichter— erlauben Sie die Bemerkung— als ſie uns Andern erſcheinen will. Mein Herr! rief Moorfeld groß, ſoll ich denn zweifeln müſſen, daß in dieſem Lande die Anfänge und Ausgangspunkte aller menſch lichen Geſittung fehlen? Hier mein Kaufbrief, dort Ihr Grundbuch— Sie erkennen mich als Eigenthümer und mein Eigenthum ſoll mir verſchloſſen bleiben? 1 Ach, mein Herr, ein Kaufbrief hat hier Landes weniger zu be⸗ deuten, als irgendwo zwiſchen den Polen. Und Sie ſehen wohl, was Mr. Wogan Ihnen an Rechtstiteln entgegenſetzt. A dirty job! in Wahrheit; aber iſt nur ein Zehntel davon„geſund“— es thut mir wirklich leid, Sir! aber ich weiß nicht, was dann das Schickſal Ihres Eigenthums ſein wird. Sie hätten wahrſcheinlich auf eigenes Riſiko gekauft. Von einer Behörde? Von einer Behörde, Sir. Was kümmern ſich unſre Behörden um Rechtstiteln? Sie überliefern, wie ſie überkommen. Bei uns gilt der Grundſatz: Caveat emtor!*) *) Käufer, ulmm dich in Acht! 29 † 440 Moorfeld ſtand erſtarrt. In Wogan's Zügen verkroch ſich ein tückiſches Hohnlachen. Nach einer Pauſe kurzer Ueberlegung ſagte Moorfeld: Wohl! Das hat auf den Ausgang dieſes Prozeſſes Be⸗ zug. Ich mag's erwarten. Und eine Stimme ſagt mir, daß auch nicht das Zehntel von jenem dirty job geſund iſt. Kaum werde ich einen Livingſtone auffordern dürfen, die Truggewebe eines Wogan zu zerreißen. Aber— 1 Bei dem Namen: Livingſtone blickte Wogan überraſcht und er⸗ blaßte. Er murmelte etwas von einem ‚„billigen Vergleiche“, zu dem er ſich bereit finden laſſe. Aber— fuhr Moorfeld fort ohne ihn eines Blicks zu würdigen— unter allen Umſtänden kehrt meine Forderung zurück, mir mein Haus aufzuſchließen. Wenn ich's erlebe, daß ein amerikaniſches Gericht den Raub nachträglich heiligt, ſo ſoll mich das Urtheil einer Mehrheit von Flibuſtiern ſo gehorſam finden, wie jede Mehrheit. Das Gut ſei ſein. Jetzt, wo es noch nicht ſein iſt, erſuche ich Sie indeß, dieſe Scene zu enden. Handeln Sie Ihres Amts. Ich wünſche, unter der Autorität Ihres Gerichts nach Hauſe zu kehren. Mr. Gull antwortete in einem ſanften aber beſtimmten Tone: In Wahrheit, Sir, auch das macht ſich nicht, wie Sie denken. Ihr Geg⸗ ner ſitzt in dem Hauſe, Sie ſtehen außer dem Hauſe. Das iſt der factiſche Thatbeſtand hier. Und bis zu einem Urtheilsſpruch, der dieſen Thatbeſtand ändert, dürfte kein Sheriff in Amerika die Verantwor⸗ tung auf ſich laden, ihn einſeitig aufzuheben. Mr. Wogan präſen⸗ tirt ſich uns im Beſitze, der Beſitz aber iſt prima facie ein Beweis des Rechts. Moorfeld war ſprachlos. Er hatte gehört, aber das Wort irrte unverſtanden am äußeren Ohre umher: es vermiſchte ſich nicht ſinn⸗ voll mit der Beſinnung. Beamte dieſer Republik, rief er aus, verſteh' ich Sie recht? Ein Räuber bricht Nachts in mein Haus und Morgens ſtellt Ihr Amerika's Themis als Schutzwache an ſein Haus? Und die Beamten der Republik ſahen ernſt und bejahten. Der Menſch iſt noch ungeboren, den der Anblick des Geſetzes nicht überwältigte. Dem Unnatürlichſten iſt es natürlich, dem Ehr⸗ furchtsloſeſten eine Majeſtät, und ſelbſt dem Gottesleugner ein Gott.— Betäubt verließ Moorfeld das Haus. Ueber all ſeinen Seelenqualen ware zu ſtel nung D D berve in W die an iffent wirkte dieſe Vegr für mißh ſich ein ng ſagte eſſes Be⸗ daß auch werde ich Wogan und er⸗ „zu dem digen— ein Haus ericht den. rrheit von⸗ ſei ſein. Scene zu Autorität räſen⸗ n p in Beweis Morgens 42 Geſetzes dem Ehr⸗ „Gott.— lenqualen te war es ihm möglich geblieben, mit Ruhe und Würde dieſer Stunde zu ſtehen;— jetzt brach er zuſammen. Mit dem Reſt ſeiner Befin⸗ nung eilte er hinweg, ſeine Beſinnungsloſigkeit zu verbergen. Dies war das Ende von Moorfeld's Aufenthalt in Ohio. Noch verweilte er, die Recherchen über Adin Ballin abzuwarten, der zwar in Whelling gefunden wurde, aber in dem elendeſten Zuſtande. Für die arme Annette warf er eine Rente aus, um die Benutzung einer öffentlichen Heilanſtalt für immer entbehrlich zu machen. Zuletzt er⸗ wirkte er gegen Wogan ein vorläufiges writ de ne exeas, wodurch er dieſe Beute ſeines gerechten Zornes— nach einem annäherungsweiſen Begriffe— unter polizeiliche Aufſicht ſtellte und ſich der Haftung für deſſen Perſon verſicherte. Dann eilte er nach Newyork, lechzend der mißhandelten Gerechtigkeit einen Ritter des Rechts aufzurufen. — — — — — N — — — — — keine zurü Inne ſtand Erſtes Kapitel. Von der Landſeite des Philadelphia⸗Bahnhofs bietet Newyork keine Avenüe wie von der Seeſeite ſeines Hafens. Von Neu Lisbon zurück bot ſie auch keine, wie von Europa heran! Im Aeußern und Innern verglich Moorfeld ſeine zweite Ankunft mit ſeiner erſten, und — der Vergleich war traurig genug. Deßungeachtet konnte er ſich eines gewiſſen Heimathsgefühls nicht erwehren, wenigſtens im erſten Augenblicke nicht. Dieſe Straßen— dieſe Kirchenthürme,— dieſes Menſchengewühl— um wie viel näher ſtand es dem Europäer, als die blöde, glotzende Einſamkeit und Bar⸗ barei des Urwaldes! Schon das Wehen der Seeluft, die Nähe des Oceans,— wie lockend! wie beflügelnd! Iſt das Meer nicht der Nach⸗ bar aller Menſchen, die Pforte aller Länder? Dieſe Welle hat den Dom von Rouen zurückgeſpiegelt, dort liegen die Länder Homer's, Shakespear's, Petrarka's! Und ein Stück Leinwand trägt hinüber leich⸗ ter als vogel⸗leicht, denn ſelbſt die Möwe ruht aus auf ihr! Wahrlich, jede Seeſtadt iſt die Heimath jedes Menſchen! Leiſe und angenehm ſpielen dieſe Empfindungen in Moorfeld's Seele:— ſie ſind ihr ahnungsreicher Hintergrund, indeß die ſtrengen Sorgen des Tages in den vorderſten Reihen einherdröhnen. Es war bei einbrechender Abenddämmerung, als er mit dem Philadelphia⸗ Bahnzug in Newyork ankam. Er ſtieg in dem nächſten Boardinghouſe am Bahnhofe ab, und eilte ſogleich, Benthal zu ſehen. Zwar erlaubte ihm die ſpäte Tageszeit nicht mehr, bei Frau v. Milden vorzuſprechen, 446 doch erinnerte ſich Moorfeld an Kleindeutſchland. Die vorgerückte Stunde, ſonſt zu jedem Beſuch unpaſſend, eignete ſich eben zu dieſem. Dort konnte er den einzigen Verſuch, Benthal zu finden, noch heute machen. Das that er. Glücklicherweiſe fand er in ſeinem Notizbuch die Adreſſe jenes abgelegenen Stadtwinkels vor, wohin er ſich ſonſt wohl ſchwerlich zurechtgefunden hätte. So warf er ſich in die nächſte Miethkutſche und flog dahin. Das Gaſthaus zum grünen Baum ſtand jetzt in einer Straße, das vor drei Monaten faſt noch auf freiem Felde geſtanden. Im Innern aber war es ſo ziemlich beim Alten geblieben. Herr Häberle,„der deutſche Kaiſer“, war noch immer ein rundes Bild von leiblichem Ge⸗ deihen bei geiſtigen Vacanzen; Vronele, ſein flinkes Töchterlein, oder vielmehr ſeine Vormünderin, führte noch immer ſchnippiſch und gut⸗ müthig das Reichsregiment nach ſtabilen Satzungen und Maximen, die anweſenden Gäſte waren noch immer deutſche Zungen und deutſche Ge⸗ ſichter, welche behaglich bei ihrem Schoppen ſaßen, nicht wie der haſtige Yankee ſtehend an der Bar tranken, und ſo meinte Moorfeld die Perſon des Rector magnificus könne gar nicht fehlen, wie ihn um und um Alles ſo hübſch gewohnheitstreu anheimelte. Erblicken aber konnte er ſie noch nicht. 8 Ueberhaupt bemerkte Moorfeld bei einiger Aufmerkſamkeit doch mehr Veränderung in der Phyſiognomie der Trinkſtube, als es auf den erſten Blick ſcheinen mochte. Das Local war beſuchter, was er theils der ſpäteren Jahreszeit, theils dem vermehrten Anbau zuſchrieb. Das Publikum ſelbſt war gemiſchter: die Gäſte ſchienen nicht mehr ausſchließlich der Einen Klaſſe von arbeitſuchenden Handwerkern anzu⸗ gehören, noch verrieth ihr Beiſammenſein jenes familienhafte Gemein⸗ gefühl, jene Brüderlichkeit des Bedrängniſſes, was dem Hauſe damals ein ſo eigenthümliches Gepräge verliehen. Moorfeld erblickte zufriedene Geſichter, welche offenbar mit ihrer Subſiſtenz im Reinen waren, dann wieder verdutzte, rekrutenhafte, welche vielleicht Auswanderern ange⸗ hörten, die erſt während ſeiner Abweſenheit angekommen. Daß er ſelbſt von dem ſchwäbiſchen Wirth und ſeiner Tochter nicht wieder erkannt wurde, brauchen wir kaum hinzuzufügen. Indem Moorfeld ſich Letzteren näherte, um über die Perſon, die er ſuchte, Nachfrage zu thun, hielt er plötzlich inne. Es ſchlug ihm wie ei zu beſ Schrif ſchienen rückgen He ſpielte Goldſt ſin leichter der in tine u ſeidene Stim rakter wendt lende ſchalk nung laut Wort über Unte 4 ſcher legt t0,d ſehe aber degß jede das Küh neith mert mh orgerückte dieſem. ſch heute Notizbuch ſch ſonſt ie nächſte raße, das n Innern rle,„der hem Ge⸗ ein, oder und gut⸗ imen, die uiſche Ge⸗ der haſtige ie Perſon und um konnte er keit doch es auf was er zuſchi ict mehr ern anzu⸗ Gemein⸗ 7 damals rufriedene ren, dann ern ange⸗ a ſelbſt n erkunt rſon/ die lug ihm —C—C—— 417 wie eine wohlbekannte Stimme ans Ohr— er brauchte ſich nicht lange zu beſinnen,— es war die hohle Baßſtimme Herrn Hennings, des Schriftſetzers. Sie kam aus dem ſogenannten„Extrazimmer“. Dahin ſchienen ſich die Intimen des alten Kleindeutſchlands für diesmal zu⸗ rückgezogen zu haben. Herr Henning ſprach lebhaft, mit Feuer. Auch ſein Aeußeres um⸗ ſpielte ein gewiſſer Glanz, es lag wie ein erhöhter Moment, wie ein Goldſtaub von„guten Tagen“ auf ihm. Er war ſorgfältig rafirt, ſein Stirnhaar genial in die Höhe geworfen, ſeine Backen von einer leichten Röthe angehaucht, und ein feiner, blüthenweißer Hemdkragen, der in Erinnerung ſeiner ſchweren Kämpfe mit der Waſchfrau wie eine wahre Siegesflagge prangte, lag breit über einem, wie es ſchien, ſeidenen Halstuche. Er war in einer aufgeweckten angenehm⸗nervöſen Stimmung, ganz herausgetreten aus dem pflegmatiſch⸗ſchlotterigen Cha⸗ rakter früherer Tage. Bald hätte Moorfeld an eine wirkliche Glücks⸗ wendung bei dieſem Anblicke geglaubt, wenn nicht die jugendlich⸗ſtrah⸗ lende, faſt kokette Laune des Schriftſetzers im Grunde ebenſo viel ſchalkhafte Selbſtironie durchzog, als früher ſeine ſcheinbare Abſpan⸗ nung und Todesahnung der phthisis pulmonalis. Auch ſprach er laut genug, daß Moorfeld durch die dünne Glaswand jedes ſeiner Worte vernehmen konnte, und dieſe ließen allerdings keinen Zweifel über ſeine Glücksumſtände zu, denn eben ſie waren das Thema ſeiner Unterhaltung. Ich bin Vorſtand eines Vereins zur Verbreitung guter und nütz⸗ licher Volksſchriften— rühmte Herr Henning von ſich;— der Verein liegt freilich noch in der Wiege, wenn ſich anders behaupten läßt, daß ich, der lange Henning, ein Wiegenkind ſei; denn die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen: ich ſelbſt bin das einzige Mitglied meines Vereins. Das ſchadet aber nichts. Mein Verein wirkt nichts deſto weniger ſegensreich, das heißt ſegensreich für mich und das iſt doch wohl die unerläßlichſte Probe jedes gemeinnützigen Unternehmens. Hört mich an. Seit wir uns das Letztemal nicht geſehen, haben einige von meinen ſieben magern Kühen ihr Embonpoint weſentlich verbeſſert. Ich habe eine Fütterungs⸗ methode erfunden,— doch nein! nicht ich; der Zufall, der Vater aller merkwürdigen Entdeckungen, hat's gethan. Man muß ſich auch nicht mehr Vaterſchaften, als nöthig, zuſchreiben. Nachdem Frau Appendage 448 mit mir umgegangen war, wie Ihr es wißt,— Gott, es iſt kein Gemüth unter dieſen Amerikanern!— beſchloß ich meine Kundſchaft den Deutſchen zuzuwenden. Dieſer patriotiſche Zug belohnte ſich. Zwar war auch meine neue Leibwäſcherin, Frau Scheuderlein, ſo herzlos, mir Geld abzufordern— dieſe Gier nach dem Mammon liegt überhaupt ſchon in der Luft, wie es hier ſcheint; aber— die Sache aberte ſich doch. Ich hatte, als ſie mir die erſte Wäſche brachte, juſt eine An⸗ weiſung auf zweitauſend Dollars an die Gebrüder Sweet u. Comp. in der Wall⸗Street einzukaſſiren, was ſich freilich nicht ſo leicht machte, denn ich lag gleichzeitig an einem verſtauchten Fuß darnieder, den ich mir Tags zuvor bei dem berühmten Longisland⸗Wettrennen geholt, in⸗ dem ich einen ſchrecklichen Sturz vom Pferde mit angeſehen. Die Verrenkung ſchmerzte außerordentlich, ich konnte das Bein nicht rühren, es ging mir erbärmlich. Natürlich ließ ſich der Incaſſo eines ſo bedeutenden Cheque's wie meine zweitauſend Dollars keiner fremden Hand anvertrauen, und doch forderte Frau Scheuderlein ihr Geld, juſt wie es Frau Appendage auch gethan— es war als ob ſich die zwei Weiber verabredet hätten. Mißmuthig über dieſe Entartung der deutſchen Race warf ich ihr ein Buch an den Kopf: ſie ſollte damit auf den Bowery gehen zu Hei⸗ man Levi, der kaufe antiquariſche Bücher. Ich geſtehe gern: ich dachte nichts bei dieſem Puff,— nichts, als nur eben ſie los zu werden. Aber nun lernt den Fond des deutſchen Charakters kennen. Nach einer Stunde kommt Frau Scheuderlein zurück: ſie hätte auf dem ganzen Bowery keinen Haiman Levi gefunden, ſie hätte aber in das Buch „a bisle ingeguckt“, und es wäre eine ſchöne Geſchichte. Da hört ihr's! Ein ſchlichtes Weib aus dem Volke, die verſchämte, aber reinliche Ar⸗ muth— Kennerin der deutſchen Literatur! empfängliches Gemüth für die äſthetiſchen Schönheiten unſerer Geiſtesblüthen! Ich wäre ein Bar⸗ bar geweſen, hätte mich dieſer Moment nicht erleuchtet. Jetzt erkannt; ich meine Miſſion. Hier mußte was geſchehen. So viel geſunde und tüchtige Elemente unſres Volkslebens ſollten nicht in Zerſplitterung und geiſtiger Nahrungsloſigkeit untergehen. Ich gründete meinen Ver⸗ ein zur Verbreitung guter und nützlicher Volksſchriften. Ich beſaß noch die deutſche„Männerbibliothek“ mit Clauren's ſämmtlichen Wer⸗ ken, Schlenkert's hiſtoriſche Romane, zwölf Theile vom Pantheon, zwei Jahrg vom Grafe gane gebore lung geer⸗F Iche Vorſte ehrwü keit zu voller pulme in Re ſt m Lüche aſtet dar u entgeg U die 8 N lächel mir diblio iſt kein Kundſchaft ich. Zwar aberte ſich eine An⸗ u. Comp. htt machte, den ich gen. Die ht rühren, eque's wie wund doch Appendage det hätten. c ihr ein zu Hei⸗ ich dachte u werden. Nach einer em ganzen das Buch gält ihrs nlihe Ar⸗ -müth für ein Bar⸗ t erkannt ſunde und plttterung — — 440— Jahrgänge Mitternachtsblatt für gebildete Stände, zwei Jahrgänge vom Geſellſchafter, Fouque's Zauberring, Philippine von Geldern, die Grafen von Hohenberg, Caſanova's Memoiren und hatte überhaupt eine ganze Kiſte von Büchern mit nach Amerika gebracht, ſowohl aus an⸗ geborenem Intereſſe für die ſchöne Literatur als auch um, in Erman⸗ gelung anderer Fahrniſſe, meinem Schiffsrheder das contractliche Paſſa⸗ gier⸗Freigut nicht zu ſchenken. Dieſe Schätze machte ich jetzt flüſſig. Ich ernannte meine Kiſte zur Volksbibliothek und mich ſelbſt zum Vorſtand eines Vereins, der ſich die patriotiſche Aufgabe ſetzte, jene ehrwürdigen Denkmäler des deutſchen Geiſtes der weiteſten Oeffentlich⸗ keit zugänglich zu machen. Ein ſchwieriges Amt! ein aufopferungs⸗ voller Beruf! Als ein Mann, der im letzten Stadium der Phthisis pulmonalis begriffen iſt, ſchleppe ich, ſo weit die deutſche Zunge reicht, in Newyork und Brooklyn jetzt meine Bücher herum; keine Manſarde iſt mir zu ſteil, keine Kellertreppe zu abſchüſſig, Herr Henning, der Büchermann, verbreitet Aufklärung. So treib' ich es jetzt. Schwer laſtet der Volksdienſt auf ſeinen Auserwählten, aber Deutſchland iſt dank⸗ bar und meine Kiſte iſt tief,— ich ſehe einer ſorgenfreien Zukunft entgegen. Ich werde heirathen.— Unſer Bruder Henning der ſoll leben! erſcholl es im Chorus,— die Stimme des pfälziſchen Schreiners gab den Grundton dazu an. Merci! bedankte ſich der Schriftſetzer mit geſchmeichelter Eitelkeit und lächelte liebenswürdig nach allen Seiten. Aber, fuhr er fort, nun gebt mir auch zu leben! Ihr ſeid mir Kerls! Ihr hört von meiner Leih⸗ bibliothek und abonnirt nicht. Für euch beſonders hätt' ich rare Sachen. Da ſind z. B. Thümmel's Neiſen in das mittägige Frankreich— die acht Bände liegen mir ſchwer am Herzen! Das iſt Kaviar für's Volk. Der Plebs will nur ſpannende Handlung, Entführungen und Mord⸗ thaten, und der Thümmel iſt ihnen viel zu geiſtreich. Das wäre ein Deſſert für meine engeren Freunde. Ein Cent per Tag, ohne Einſatz, der Band mit Titelkupfer,— und welche Kupfer! Das Aushänge⸗ ſchild der holländiſchen Wirthin— In dieſem Augenblicke ſervirte Vronele einige Gläſer Bier im Ertrazimmer. Als ſie den Rücken wandte, ſah ihr der Schriftſetzer kenneriſch nach, und brummte mit einem bedeutſam ſpannenden Kopf⸗ nicken: das wäre kein übles Aushängſchild der holländiſchen Wirthin! — 450— Seine Stimme ging hierauf in ein gedämpftes Flüſtern über, die Köpfe rückten zuſammen um ihn, und Alles verrieth, daß er das be⸗ kannte Myſterium von dem phyſiognomiſchen Quiproquo der hollän⸗ diſchen Wirthin zum Beſten gab. Ein wieherndes Gelächter folgte hierauf. Das war denn Kleindeutſchland, wie es leibte und lebte! Die alte Noth— die alte Gemüthlichkeit— Moorfeld ließ ſich an dieſer Skizze genügen und verlor keine Zeit mit ihr. Ihm handelte es ſich um das Haupt dieſer Glieder. Mit klopfendem Herzen fragte er jetzt, ob Herr Benthal heute noch zu erwarten, eine bangere Eventualität in dieſer Frage umgehend. Herr Häberle, der Wirth, ließ ſeine Finger in ſeinem breiten Schwarzwälder Hoſenträger ſpielen und beſann ſich auf den Namen. Der Rector magnificus? antwortete er nach einer langen geiſtigen Operation; hierauf rief er ſein Töchterchen herbei, damit ſie ihn im Reden ſubſtituire. Vronele gab mit einem geläufigen Zünglein den Beſcheid, der Rector magnificus ſei ſchon lange nicht mehr da⸗ geweſen, die Abende wären überhaupt nicht regelmäßig gehalten worden, es hätte dieſen Sommer gar zu arg das Fieber gewirthſchaftet; ganze Häuſer ſeien ausgeſtorben, ganze Bezirke abgeſperrt geweſen, die„Hohen“ hätten zwar lange Placate anſchlagen laſſen, daß die Krankheit nicht anſteckend ſei, aber die Leute hätten ſie wieder herabgeriſſen und Alles ſei auseinander gegangen, nirgends gab's Geſellſchaft. In Fife Point, wo die„Jauner“ hausten, ſtürben noch jetzt Leute, und die Doctoren hätten geſagt, bis nicht der erſte Froſt käme, würde es wohl gehen, wie im Jahre neunzehn und einundzwanzig. Sie, Gott ſei Dank, wären geſund geblieben und die Leute ſeien rechte Narren, die ſich nicht zu eſſen und trinken getrauten und den grünen Baum leer ſtehen ließen. Dazu lächelte das friſche Schwabenmädchen ſo naiv⸗kokett aus ihren ſchelmiſchen Roſengrübchen, daß ſich die Thorheit, den grünen Baum zu meiden, wohl einſehen ließ. Herr Häberle aber ſtand hinter dem Zahltiſch und hörte mit ſchmunzelnder Bewunderung dem Concept ſei⸗ nes Töchterchens zu. Dieſe Auskünfte klangen nichts weniger als beruhigend. Und wei⸗ ter war nichts zu erhalten. Denn der Rector magnificus, hieß es, laſſe nicht viel von ſich wiſſen;z wenn er komme, ſo ſei er eben da, ſein Logis hingegen ſei ein Geheimniß, Niemand könne ihn beſuchen, wahr Herr C Moo An, dürfe tat, ianer und ance einer fube dem Pror erbla ſchon nach bar einen hoch Auss gena ther chen den, aber velch dlic ſehe tel, brin ſa W de über, die er das be⸗ er hollän⸗ hter folgte ¹ Die alte ieſer Skize ſich um das t, ob Herr tt in dieſer in ſeinem 9 auf den iner langen „damit ſi en Zünglein t mehr da⸗ ten worden, fftet; ganze ie ntheit nicht und Allos gife Point, ie Doctore wohl gehen, füi dand anbonu „Hohen eſt uhi eben ließen aus ihren unen Baum dinter de KConcept ſe⸗ Und wei⸗ 5 hieß es/ et eben be hn teſuchen — 451 wahrſcheinlich wolle er„den Schwarm“ nicht nach ſich ziehen. Der Herr ſei gar kurz und propre mit den Leuten. Indeß das Mädchen noch redete, that ſich die Thüre auf, und Moorfeld, der ſie fortwährend im Auge behalten, glaubte ſchon an der Art, wie ſie in der Angel geſchwungen wurde, etwas erwarten zu dürfen. Allerdings war's eine ungewöhnlichere Erſcheinung, die da ein⸗ trat, aber Benthal war's nicht. Es waren drei bis vier junge Ameri kaner von auffallendem Aeußern, Burſche jenes eleganteren Rowdy⸗ und Loafer⸗Schlags, wie ſie Moorfeld als Dandies on short allow- ance etwa auf Bennet's Rout geſehen. Die Schwengel traten mit einer unerträglichen Parodie des Anſtandes in die überraſchte Gaſt⸗ ſtube, warfen ſtolz und wichtig ihre Augen umher, und ſchritten, in⸗ dem ſie ſich im Gehen gegen einander verweilten, im nachläſſigſten Promenirſchritt nach dem Schenktiſch hinab. Der deutſche Kaiſer erblaßte bei ihrem Anblicke und murmelte zitternd: Gott, da ſind ſie ſchon wieder! Die anweſenden Gäſte wendeten ſämmtlich ihre Köpfe nach ihnen. Aus dem Cötus trat ein Sprecher vor, ein Menſch, der unmittel⸗ bar die Luſt erregte, ihn zu ohrfeigen. Es war ein Bürſchchen mit einem merkwürdig mädchenhaften Geſichte, wenn anders ein ſchmales, knöchernes Köpfchen, von zerbrechlicher, nicht zarter Form, und einem Ausdruck von Fadheit, der auf die Speicheldrüſen wirkte, mädchenhaft genannt werden dürfte. Er knickte auf ein paar Beinchen einher, die eher gemacht ſchienen, eine Strickmaſche aufzufaſſen, als einen menſch⸗ lichen Leib zu tragen; bei ſeinem Anblicke mußte ſich Jedermann ſa⸗ gen, dieſes Inſect würde, allein, vor einem Haſen davonlaufen. Hier aber ſpreitzte er ſich in dem feigen Bewußtſein einer Genoſſenſchaft, welche ihrerſeits wieder mit einem Ausdruck von Hochachtung auf ihn blickte, wie ſie etwa einem Mutterſöhnchen zu Theil wird, das im ſechzehnten Jahr eine halbe Million durchgebracht, und vielleicht Mit⸗ tel, wenn auch nicht Nerven genug hat, noch eine zweite durchzu⸗ bringen. Der deutſche Kaiſer zupfte Moorfeld am Rockärmel und flüſterte flehentlich: Bleiben Sie hier! bleiben Sie hier! Verwundert fragte Moorfeld: Haben Sie zu fürchten von dieſen Lafſen? und iſt doch die halbe Stube voll Leuten?— Ach Gott, Sie tragen einen Schnurr⸗ — 452— bart,— haben ſo ſchwarze grimmige Augen,— Sie ſind ganz ein anderer Menſch! ſtotterte der Kaiſer in Seelenangſt. Die Loafers waren inzwiſchen dicht an den Schenktiſch getreten und jenes Knaben⸗ geſicht, das ſich als Sprecher gerirte, hatte ſein fahles Köpfchen auf dem langen ſpindeldürren Hals bereits in die Höhe geworfen, und mit allen Zügen einer unwiderſtehlichen Frechheit bereits den Mund geöff⸗ net, als ſein Blick auf Moorfeld fiel. Er ſtutzte, maß den Fremdling mißtrauiſch von oben bis unten und blickte zweifelhaft auf ſeine Ka⸗ meraden zurück. Dann wendete er ſich an den Wirth, indem ſeine ganze Haltung verrieth, daß er ſein mitgebrachtes Concept einiger Maßen abänderte, und fragte mit einem dünnen Stimmchen, das aus ariſtokratiſcher Affectation äußerſt leidenſchaftslos klang: Haben Sie ſich entſchloſſen, die Ordre der Compagnie zu erfüllen?— Nein! rief Vronele ſtatt ihres Vaters und ſtampfte trotzig mit dem Fuße. Der Bube warf ſeine ausgelöſchten Augen auf das wackere Schwaben⸗ mädchen, und gab ſich offenbar die ohnmächtige Mühe, eine Begierde zu empfinden. Es iſt gut, ſagte er ſanft, wir werden ein Glas Mint⸗ juleb nehmen. Die Loafers ſchwenkten hierauf von der Schenkbude ab, wobei ſie Mann für Mann ihre verdächtigen Blicke auf Moorfeld wie⸗ derholten, dann ſetzten ſie ſich ſtill an einen Tiſch. Bleiben Sie hier! bat der deutſche Kaiſer noch einmal.. Moorfeld begriff von Alledem nichts. Mechaniſch nahm er den Loafers gegenüber Platz, welche fortfuhren ihn zu firiren. Er ſaß auf Nadeln. Seine Gedanken waren bei Benthal. Was er gehört oder nicht gehört, erfüllte ihn mit einem dumpfen, unbeſtimmten Kummer. Die Bruſt war ihm zum Zerſpringen voll von Unglücksgedanken. Die Loafers ziſchelten indeß berathend hin und her, während ſie mit ihren Schnitzmeſſern eifrig die Stühle unter ſich bearbeiteten. Einmal hörte ſie Moorfeld im ſchlechten Franzöſiſch ſagen: Der Gaul ſieht verflucht widermäulig, und was die Hauptſache iſt, ſo ein Kerl wird einer ganzen Schafheerde zum Anführer— wobei ſie verächtlich auf die friedſamen Deutſchen um ſich wieſen. Hierauf zog Einer von ihnen ſeinen Re⸗ volver und fing bedeutſam damit zu ſpielen an, indem er verſtohlen aber ſcharf nach Moorfeld hinüberſchielte. Moorfeld zog ein paar Sackpiſtolen— ſchon längſt ſeine ſtändigen Begleiter in Amerika— und begehrte von des Wirthes Vronele ein ledernes Läppchen, um ſie — zu p Logft ginge „ 4 Gefa Veon dritte ſolen dem Eine Mid Verl ſolld Arbe Verf deut in d ſei man Vir laſſe Con derſ hätt unſe ſam gan, ſoll ganz ein Loafers Knaben⸗ ſchen auf und mit nd geöff⸗ gremdling ſeine Ka⸗ dem ſeine t einiger das aus aben Sie Rein! rief uße. Der Schwaben⸗ Begierde ds Mm. nkbude ab, rfeld wie⸗ Sie bier! meer den t ſaß auf 453 zu putzen. Er beſchäftigte ſich anſcheinend ſehr harmlos damit. Die Loafers blickten einander an, nickten ſich zu, dann ſtanden ſie auf und gingen ſittſam zur Thür hinaus. Der deutſche Kaiſer fühlte ſich ſehr glücklich über die abgewendete Gefahr. Er liebkoste Moorfeld's Piſtolen faſt wie lebendige Weſen. Vronele dagegen erzählte ihm: Dieſe„Herrenbuben“ ſeien nun ſchon zum drittenmal da, und es wäre ſchändlich! Das hätte ſie in Deutſchland wiſſen ſollen! Vorige Woche wäre die Geſchichte paſſirt, da ging ein Mädchen, dem man von eheher eine üble Aufführung nachredet, über den Bowery. Einer ihrer vorigen Bekannten begegnete ihr und wurde dreiſt. Das Mädchen aber war längſt wieder auf guten Wegen, hatte ein ehrliches Verhältniß mit einem deutſchen Maurer, der ſie heirathen wollte, dann ſollt's nach Cincinnati gehen, weit weg von Newyork, wo auch gute Arbeit auf die Maurerei iſt. Das Mädchen erwehrte ſich darum ihres Verfolgers, und da Alles nichts helfen wollte, flüchtete ſie in einen deutſchen Bierkeller auf den Bowery. Der Strolch verfolgte ſie auch in den Keller, bekam Streit mit den Deutſchen und erſtach Einen. Das ſei aber noch nicht Alles. Jetzt komm's erſt. Die Amerikaner— man könnte ſich's nicht einbilden!— ſchrien Zeter über den deutſchen Wirth, weil er die Frechheit gehabt, den Mörder verhaften zu laſſen! Und da wäre ein Geſindel beiſammen, es nenne ſich Feuer⸗ löſcheompagnie und der Mörder ſei ihr ſauberer Hauptmann. Dieſe Compagnie habe es durch ſpitzbübiſche Advocaten dahin gebracht, daß derſelbige Hauptmann auf Caution wieder herauskommen könnte. Sie hätten Geld genug, die nichtsnutzigen Buben, aber zu Schimpf und Schand unſers Volks wollten ſie die Caution von den deutſchen Wirthen zu⸗ ſammenbringen. Die ſollten Buße thun. Sie ſtrichen jetzt durch ganz Newyork und legten jedem Wirth eine Steuer auf. Der Vater ſollte zehn Dollars zahlen. Aber ſie wolle Fußſchläge haben, wenn er nur einen Cent gebe. Sie dulde den Unfug nicht. Sie gebe nichts. Die anweſenden Gäſte waren mehr oder weniger vertraut mit die⸗ ſer Tagsbegebenheit und tauſchten ihrerſeits aus, was ſie von neueren Gerüchten und Stadtgeſprächen darüber wußten. Das Gaſtzimmer ge⸗ rieth in eine lebhafte Unterhaltung. Moorfeld verzichtete unter dieſen D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 3⁰ — 454— Umſtänden darauf, das Geſpräch auf Benthal noch einmal zurück⸗ zuführen. Es ließ ſich noch manche Wendung erdenken, um aus einem Examen der Umſtände zufällig oder ſchlußweiſe an ein feſteres Wiſſen zu gelangen, aber er fühlte wohl, wie dieſe Rowdiegeſchichte die Be⸗ richtigung einer ganzen Aufmerkſamkeit für Kleindeutſchland hatte, wenn ſie gleich, nach ſeinen eigenen Erlebniſſen und vor ſeinen gegenwärti⸗ gen Sorgen, nur ein dumpfes Echo in ihm haben konnte. Erſt zu Hauſe trat ihm der Fall von einer eigenthümlichen Seite wieder näher. Indem er ſich von einer vorgefundenen Nummer des „Sun“ einen Anzünder riß, um möglicherweiſe in einer kräftigen Pfeife Unruhe und Ungeduld zu narkotiſiren, blieb ſein Auge an einer jener Phraſen heften, welche oft unwillkürlich zum Weiterleſen einladen⸗ Er las. Der Artikel behandelte eben jenes Ereigniß. Er that es zu⸗ nächſt in polemiſcher Form gegen den„Newyorker Herald“, denn auch dieſes„accident“ war in die Sphäre des politiſchen Parteitreibens gezogen, wie überhaupt Alles in dieſem Lande. Im weiteren Verlaufe dieſes Artikels hieß es nun: Was man bei dieſer Gelegenheit über den Charakter des Mädchens und ihres deutſchen Bräutigams angemerkt hat, möchten wir nicht gern als das Urtheil der öffentlichen Meinung hingeſtellt wiſſen. Der Ausdruck,„daß nur ein Deutſcher gut genug ſein könne, die Abfälle amerikaniſcher Proſtitution vom Boden aufzuleſen“, hat uns ſchmerzlich überraſcht. Wenn wir unſern ehrenwerthen Collegen im jenſeitigen Lager nicht geradezu der abſichtlichen Verleumdung zeihen wollen, ſo können wir ihn doch von einer befremdlichen Unkenntniß in der Völker⸗ und Sittenkunde nicht freiſprechen. Weiß der„Newyorker Herald“ nicht, daß die Deutſchen über Proſtitution ein⸗ für allemale anders denken, als wir, ja daß einige ihrer verehrteſten Dichter ſie kurzweg idealiſirt haben? Wir geſtehen gern, daß wir dieſen National⸗ zug der Deutſchen nicht begreifen, aber wir trauen uns nicht den Er⸗ weis zu führen, daß die Deutſchen deßwegen unſittlicher ſeien als wir. Zahlen hindern uns daran. Wir haben Tabellen der deutſchen und amerikaniſchen Laſterſtatiſtik vor uns, und— erkläre es wer will!— die deutſchen Sitten ſind beſſer, als die deutſchen Grundſätze. Laſſen wir übrigens die Deutſchen. Sprechen wir von der traurigen Urſache dieſes Scandals, von unſerer unglücklichen Mitbürgerin. Wahrlich es iſt ſehr gentlemanlike, eine Schande, die wir nicht entſchuldigen zu könn Geſc halte imm deſte nicht zeehe Pub kuhſ heit ſage erſte keit dem drit zurück⸗ s einem Wiſſen die Be⸗ e, wenn enwärti⸗ en Seite mer des en Pfeife ger jener einladen. t es zu⸗ enn auch eitreibens Perlaufe über den rertt hat, ingeſtelt n könne, hat uns egen im 9 zeihen nkenntniß dewyorker allemale ichter fie lational⸗ den Er⸗ als wir⸗ chen und will! . Laſſen urſache urlcch 63 digen zu — können glauben, mit der Etiquette:„Abfall amerikaniſcher Proſtitution“ geſchwind in ein fremdes Nationaleigenthum zu verwandeln! Ei, be⸗ halten wir ſie doch, aber wenden wir unſer bischen Witz daran, ſie immer noch zu entſchuldigen! Mißlingt der Verſuch, ſo war er min⸗ deſtens chriſtlich, denn das Neue Teſtament will den Tod des Sünders nicht. Man wird uns hier nicht vorwerfen, daß wir Dinge ans Licht ziehen, denen das Dunkel wohlthätiger wäre. Die Sache hat eine Publicität erlangt, bei welcher es geradezu lächerlich iſt, das Blinde⸗ kuhſpiel halber Worte, moſtiſcher Phraſen und zimperlicher Unwiſſen⸗ heit zu ſpielen. Leider, wir haben die ſchmerzliche Freiheit Alles zu ſagen, denn Alles iſt bekannt. Nun! Ein Mädchen, aus einer der erſten Familien, ein Ideal von Schönheit, ein Muſter von Sittſam⸗ keit, ein Inbegriff aller weiblichen Tugenden, verſchwindet plötzlich aus dem väterlichen Hauſe und— affilüirt ſich einem Nymphenchor der dritten Avenüe. Nemo repente turpissimus! Was iſt das Mittelglied zwiſchen zwei ſo unermeßlichen Extremitäten? Ein abonnirter Kirchen⸗ ſtuhl! Der Prediger ihres Kirchſpiels iſt ein ſogenannter Damenpredi⸗ ger, einer jener geiſtlichen Glücksritter, welche den Fuhrmannsgrundſatz im Munde führen, wer die Vorderräder eines Wagens in Bewegung ſetzt, dem folgen die Hinterräder von ſelbſt, d. h., welche ſich in ihrer Gemeinde dadurch feſtſetzen, daß ſie auf die weiblichen Mitglieder der⸗ ſelben ſpeculiren. Dieſe Damenprediger ſind das Unzüchtigſte, was die Welt kennt. Sie malen den chriſtlichen Himmel in einem Style, wogegen Mahomed's Paradies zum Nonnenkloſter wird; ſie halten ſich in unſrer ehrwürdigen Bibel zumeiſt an gewiſſen Stellen auf, wie Wildſchweine an Sümpfen und Moräſten; ſie leſen aus ihrem ſchwarz⸗ ſammtnen Buche mit ſilbernem Kreuzbeſchlag Romane heraus und Ro⸗ mane hinein, die einen Faublas ſchamroth machen könnten. Ihre Art, die Gemeinde zu„kammſtreicheln“ gleicht einer bekannten Art von Forellenfiſchfang. Die sport-mens verſtehen uns. Wie alſo? Wenn ein raſches, lebhaftes Mädchen, bis ins Blut gepeitſcht von den Stacheln einer Rhetorik, welche an der Grenzlinie des Polizeicodex gerade noch vorbeilavirt, aber die zarten Grenzen der Phantaſie aufs wildeſte durch einander wirrt, wenn die Verführte ſolcher Sonntagserbauungen, ſagen wir, unaufhaltſam den lockenden Bildern ihrer Phantaſie zuflattert und zu Aſche brennt: dann ſtehen wir phariſäiſch vor der Schnuppe und 30* — 456— rufen: Warum haſt du dieſe Phantaſie! Seit wann ſind wir Idealiſten? Seit wann nehmen wir die Menſchen nicht wie ſie ſind, ſondern wie ſie ſein ſollen? Daß ein Mädchen Phantaſie hat, können wir nicht ändern; daß ein Prediger aber den Schwerpunkt ſeiner Exiſtenz in dieſe Phantaſie lege, das können wir ſicherlich ndern. Man beſolde die Prediger von Staatswegen, anſtatt ſie auf die Freiwilligkeit der Gemeinde anzuweiſen, und Faune werden ſich wieder in chriſtliche Kan⸗ zelredner verwandeln. Kurz, man überzeuge ſich endlich von der Fehler⸗ haftigkeit des Volontary-Syſtems, das wir ſtets ebenſo eifrig bekämpft haben, als es unſer politiſcher Gegner befürwortete. Das, wenn wir moraliſiren wollen, iſt die einzige geſunde Moral, die wir als praktiſche Amerikaner aus dieſem Aergerniß ziehen können. Doch, es iſt hier noch von andern Aergerniſſen die Rede. Die Verirrte z. B. kehrt aus den Armen des Laſters zurück, und bekennt jetzt, zum Entſetzen der Welt, nicht das Laſter ſelbſt habe ſie zum Rückſchritt getrieben, ſondern das habe ſie mit Schauder und Ekel, ja mit zerrüttender Verzweiflung erfüllt, daß die gefeiertſten Tugendſpiegel Newyorks in hellen Haufen die Beſucher ihres Hauſes geweſen! Das iſt freilich ungalant von einer Dame, welche die Galanterie zu ihrer Specialität gemacht. Deßunge⸗ achtet finden wir den gellenden Aufſchrei über dieſe Denunciation ſehr bedenklich. Wer nicht direct unter ihr zu leiden hat— und das Re⸗ dactionsbüreau des„Newyorker Herald“ hat's hoffentlich nicht— der lege ſeinen Stein getroſt wieder hin. Daß eine entdeckte Schande zur Hölle der allgemeinen Verachtung nicht anders fahren will, als eine Welt von Mitſündern nach ſich ziehend, iſt zwar tragiſch aber berechtigt. Weiter erhebt ſich gegen dieſe Miß B** der Vorwurf, daß ſie nach ihrer Bekehrung ſich an einem entgegengeſetzten Ende unſerer großen Reichsſtadt unter fremdem Namen in ein achtbares Haus als Magd eingeſchlichen und dadurch die Heiligkeit eines reinen Familien⸗ lebens„gemeuchelmordet“. Wer iſt noch ſicher, heißt es, ſein Tiſch⸗ gebet ohne Frevel zu beten, wenn die Proſtitution ihm ſervirt hat? Wir geſtehen, dieſe Vorſtellung hat etwas unverſöhnlich Beleidigendes. Aber, wenn Gott die Sünde duldet in der Welt, ſo muß er ſie doch in irgend beſtimmten Verhältniſſen dulden, und welche beſcheidenere Stellung könnte die Sünde ſich auswählen, als die einer bußfertigen Magd? Das Haus St** gibt übrigens zu, das Mädchen habe ſich einer Fam nneſtt Mn über 5 in it weilc derte ſie. dcct ſtelle den welc jagt dran erhe ſſein. ſtan ſein Beſ fre raliſten? ern wie ir nicht ſtenz in beſolde gkeit der he Kan⸗ Fehler⸗ hekämpft enn wir raktiſche iſt hier hrt aus ezen der ſondern weiflung Haufen on einer deßunge⸗ kon ſehr das Re⸗ — der ude zur ne Welt ercchtigt⸗ daß ſe unſerer aus als amilien⸗ n Liſch⸗ itt bat⸗ digendes⸗ ſie do geidenere gſeriuen habe ſch 8 * —— 457 einer muſterhaften Aufführung befliſſen, habe unter Anderem nicht am Familientiſch, wie es doch Recht und Sitte unſerer weiblichen Do⸗ meſtiken, ſondern abgeſondert geſpeist,— eine vorgebliche„Grille“, in welcher Miß B** allen Zartſinn verrieth, der ihr in ihrer Lage überhaupt möglich war. Moorfeld hielt plötzlich inne. An dieſer Stelle blitzte eine Ahnung in ihm auf. Er errinnerte ſich an das Kammermädchen Betty bei weiland Staunton. Der Zug, welcher hier angegeben war: abgeſon⸗ derter Tiſch von der Herrnfamilie, wies zuerſt mit Beſonderheit auf ſie. Augenblicks überlas er von Neuem, und nun fiel aus jeder Zeile Licht in ſein Auge. Auch die Vorbereitungsſtudien zu einer Schul⸗ ſtelle fanden ſich beſprochen. Moorfeld ließ das Blatt aus den Hän⸗ den ſinken und ſtarrte. Welch eine Entdeckung! welch ein Sittenbild! welch ein Erſtlingsgruß Newyork's an den Zurückkehrenden! Er ſank verworren in ſich zuſammen. Ein ſpäter, unruhiger Schlaf jagte ihn durch ein Chaos von Träumen. Benthal und das Fieber drangen aus allen Fugen dazwiſchen vor. Eine nebliche Morgenſonne erhob ſich über ſein Lager und rief ihn in ein wüſtes Tagesbewußt⸗ ſein. Er warf den„Sun“ ins Kamin, machte verſtört Toilette und ſtand— nachdem er noch einen Umweg über die Battery genommen, um ſeinen Namen in Bennet's Viſitenbuch zu ſchreiben,— zur üblichen Beſuchsſtunde iu Frau v. Milden's Zimmer. Bweites Kapitel. Nun, mein Kind, wie nimmſt du dich? Kennſt du den Herrn Baron— den Herrn Doctor, wollt' ich ſagen, nicht mehr? Die kleine Malwine drückte ſich ſcheu in den Winkel von Wand und Sopha und ſchüttelte den Kopf. Iſt das nicht derſelbe Herr, welcher die Güte gehabt, dich nach Mr. Mockingbird's Schule zu fahren und welcher uns einſt einen freundlichen Beſuch zum Thee geſchenkt? 458 Das Mädchen blickte aufmerkſam auf. Moorfeld faßte die Kleine unter's Kinn: wahrhaftig, meine Möwe hat mich vergeſſen? Die„Möwe“ wirkte. Malwine machte ſchnell eine entgegenkom⸗ mende Bewegung, rief aber unwillkürlich dazu: Ach, Sie ſehen ſo blaß! Wirſt du? zürnte Frau v. Milden, indeß Moorfeld einen erſchrocke⸗ nen Blick nach dem Spiegel warf. Sie hat Recht, ſagte er ſeuf⸗ zend, damals kam ich auch von Europa und heute nur— von Ohio!— Frau v. Milden aber lenkte ab, indem ſie ihrem Gaſte mit der Frage entgegenkam: Ich werde vermuthen dürfen, daß ich die Ehre Ihres Beſuches Herrn Benthal verdanke? Ich bin bereit, Beſtellungen an ihn nach Kräften zu beſorgen. Er lebt alſo?! rief, oder vielmehr jauchzte Moorfeld auf. Die Hausfrau blickte verwundert: Ging zu irgend einer Zeit ein Gerücht ſeines Todes? Moorfeld ſchüttet ſein ganzes Herz über ſeinen geſtrigen Beſuch in Kleindeutſchland aus. Frau v. Milden ſieht mit einem faſt mütterlichen Blicke in das verſtörte Antlitz des armen Leidenden. Sie„iſt glücklich“, ſagt ſie, ſo„lebhaft empfundene Sorgen“ verſcheuchen zu können. Moorfeld athmet leichter. So müſſen doch nicht alle Schreckens⸗ träume in Erfüllung gehen! Indem ſich aber ſein Antlitz jetzt aufheitert, vermißt er den gleich⸗ geſtimmten Ton bei Frau v. Milden. Er hat in ſeiner Freude ein ſcharfes Auge dafür, daß dieſe Freude nicht getheilt wird. Er glaubt zu fühlen, die Frau athmet nicht die reine Atmoſphäre, die ſie ſelbſt über ihn verbreitet hat. Es fehlt etwas zwiſchen ihm und ihr, gleichſam ein Medium, eine Vorausſetzung. Selbſt ihre Züge, bedünkt es ihm bald, haben ſeit drei Monaten Vieles gelitten. Er wollte das Wort, das ihm Malwinens Kindes⸗Naivetät entgegengetragen, leicht wieder zurückgeben können.— Die Hausfrau nimmt mit ihrem Gaſte Platz. Sie richtet Fragen höflicher Theilnahme über ſeinen Ohio⸗Ausflug an Moorfeld. Unſer Freund antwortet in demſelben Tone. Er erzählt vor Allem die Ge⸗ ſchichte ſeines ärgerlichen oder wunderlichen Prozeſſes mit dem Räuber Wogan, indem er annimmt, daß er mit dieſem Bericht eigentlich vor Möwe genkom⸗ ſo blaß! ſchrocke⸗ er ſeuf⸗ dhio!— mit der die Ehre ellungen Zeit ein geſuch in in das ſagt ſie, greckens⸗ n gleich⸗ eude ein r glaubt ſe ſelbſt lleichſam es ihm 3 Wort, t wieder t Fragen „Unfer die Ge⸗ Räuber llih bor 2 5 — 459— Mitintereſſenten trete. Frau v. Milden bezeugt dem Ereigniſſe ſchul⸗ digen Antheil,— aber auch nur ſchuldigen, glaubt Moorfeld zu ſehen. Er findet keinen Zug, womit die Frau ein perſönliches In⸗ tereſſe daran verriethe, und auch die feinſte Selbſtbeherrſchung, meint er, müßte in ſolch einem Falle einen Moment von Durehſichtigkeit haben. Frau v. Milden indeß bleibt augenſcheinlich außer Partei dabei. Sie geht eben ſo unbefangen zu andern Mittheilungen über. Moorfeld antwortet fortwährend, wie Einer, der ſich wiederholt, denn ſtillſchweigend bezieht er ſich auf ſeine Briefe. Frau v. Milden da⸗ gegen ſieht ſich bei dieſer Art zu antworten oft zu Ergänzungsfragen genöthigt. Dieſe Unterhaltung währte gar nicht lange, als Moorfeld erkannte, daß ſie ſchlechterdings auf einer Lücke beruhe. Er ſpricht endlich direct von ſeinem Reiſe⸗Tagebuch, und daß er nicht anders als der Meinung lebe, Benthal habe es in ſeinem„Lorettohäuschen“ mit⸗ getheilt. Die Hausfrau ſtutzt. Sie blickt verlegen. Mit dieſem Worte iſt ein Punkt erreicht, auf welchem es nicht mehr möglich blieb, reſervirt zu ſein. Die Dame faßt ſich indeß ſo gut es gehen will und antwortet gelaſſen: Ich bedauere, daß uns Herr Benthal dieſes Vergnügen nicht gemacht hat. Er war viel beſchäftigt.— Er iſt ein Verräther! ſchrie Moorfeld auf einmal wie von einem Dämon inſpirirt. Als das Wort geſprochen war, blickte er ſelbſt erſchrocken dazu. Es lag ein Gedanke darin, den nicht er denken konnte; ein fremdes Weſen in ihm hatte gedacht. Aber es war geſprochen, es war gedacht. Die Förmlichkeit der conventionellen Haltung war durchbrochen, Frau v. Milden verwandelte ſich ſichtlich. Sie zeigte das leidende troſtbedürftige Weib. Es ziemt uns Frauen nicht, ſagte ſie in einem Tone wehmüthiger Weichheit, unſre Ausdrücke über Männer ſo entſchieden zu wählen, wie dieſe es ſelbſt dürfen. Ich möchte Ihr Wort nicht wiederholen, Herr Doctor. Um Ihrer ſelbſt willen nicht. Sie waren ſein Freund, ich weiß es. Sie haben gebaut auf ihn, feſt, unerſchütterlich. Wie hielten wir deßwegen auf Sie! So müſſen Männer Freunde werden, ſagten wir oft. Ein Blick, ein Griff— und es iſt der rechte! Denn im alltäglichen Um⸗ gang nehmen wir meiſt für Freundſchaft was nur Gewohnheit iſt, und ein ſo und ſo oft wiederholtes Sehen der Außenſeite gibt gedankenloſen Credit fürs Innre. Sie wurden Freunde von innen heraus, nicht — 460— von außen hinein. Wir fanden unſre Bürgſchaft in Ihnen. Wie hätten wir ſchwache Frauen nicht gläubig ſein ſollen, wo ein Mann den Mann ſo raſch überzeugte? Ja, er war zum Vertrauen geſchaffen; er war ein Charakter. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Theodor war brav— bis zur Stunde, von der wir Alle ſprechen: Führe uns nicht in Ver⸗ ſuchung! 4 Moorfeld ſaß da,— der letzte Blutstropfen aus ſeinem Geſichte gewichen. Alſo doch! ſtammelte es dumpf in ihm. Trag' dieſes Buch zu Miſtreß Norbert, hieß Frau v. Milden ihr Töchterchen, indem ſie das Kind damit entfernte. Malwine ging. Moorfeld ſah ihr nach und als ſie die Thüre ge⸗ ſchloſſen, ſagte er zur Mutter gewendet: Geſchloſſener Hofraum! Die Execution kann beginnen. In Philadelphia richtet man ſo: ein téte à tête nur zwiſchen Henker und Delinquenten. Ich bitte, ſprechen Sie, gnädige Frau. Könnt' ich uns Beiden dieſe Stunde erſparen! ſeufzte die edle Frau, deren Züge der Schmerz eben ſo zu verſchönen ſchien, als Moor⸗ feld wild, ja, gräßlich blickte. Und gleichſam als klängen ihr Moor⸗ feld's Worte jetzt erſt ans Ohr, ſagte ſie ſanft: Ich richte Niemanden. Auch iſt er noch nicht gerichtet. Ach, ich erzähle ja nichts als ein paar veränderte Aeußerlichkeiten! Urtheilen Sie ſelbſt, ob ſie ein Schick⸗ ſal ſind. Moorfeld ſtarrte vor ſich hin. Frau v. Milden begann: Es war am Tage Ihrer Abreiſe, Herr Doctor. Die letzten Stunden, wenn ich nicht irre, brachten ein wie⸗ derholtes Hin⸗ und Wiedergehen zwiſchen Ihnen und Theodor, wie es ſolche Gelegenheiten pflegen. Einmal kam Theodor zu ſpät. Herr Staunton, der zwiſchen Thür und Angel ihn empfing, kündigte ihm an, Sie wären ſo eben abgereist. Das ſind aber auch Entfernungen! rief Theodor erhitzt und beſtürzt, wie flog ich zurück von der Croton'⸗ ſchen Waſſerleitung! Und ſtehenden Fußes wandte er ſich, um Sie noch einzuholen. Herr Staunton hielt ihn auf: Wie, mein Herr, Sie haben unſern Croton⸗Aquadukt geſehen? Sie ſtaunen, wie? ein echt römiſches Bauwerk, wie?— Verdammt römiſch! rief Theodor unwillig über die zudringliche Eitelkeit,— ich glaube in der That, die Ameri⸗ kaner kennen ſo wenig als die alten Römer das(hydroſtatiſche Geſetz, nach n iberall Muad nit off weſend niker, Jahres warf don fü find m Salbſt das J ein fe Schrit iſche srſt trrauſe aus. Winken der au⸗ hringe, ſeiner vottbe geſtrech tbiliſ nem Giöra der W ehätten Mann er war brav— in Ver⸗ Geſichte den ihr üre ge⸗ a! Die ein téte ſprechen die edle Moor⸗ Moor⸗ nanden. in paar Schick⸗ e, Herr in wie— wie ds Herr te ihm ungen! roton⸗ m Eit r, in echt nwillig Ameri⸗ Geſet/ Sie — 461 nach welchem das Waſſer in Röhren, die untereinander verbunden ſind, überall auf denſelben Höhepunkt ſteigt. Koloſſale Verſchwendung dieſer Aquaduct! in Europa richten wir's wohlfeiler. Herr Staunton horchte mit offenem Munde. Sie ſind Ingenieur? war der halb geiſtesab⸗ weſende Ausdruck ſeiner Ueberraſchung.— Ingenieur, Phyſiker, Che⸗ miker, Techniker, was Sie wollen!— Wie hoch taxiren Sie ein Jahresengagement in all dieſen Branchen?— Sechstauſend Dollars! warf Theodor hin, um den Läſtigen zu brüskiren. Aber Herr Staun⸗ ton fuhr mit beiden Händen nach den ſeinigen und rief: Topp, Sie ſind mein Mann! Hätten Sie zweitauſend geſagt,— adieu! So viel Selbſtvertrauen erwirbt Beachtung. Kommen Sie in mein Parlour.— Das Alles war das Werk einer Secunde. Theodor folgte wie im Traume. Herr Staunton hieß ihn auf ein feuerflammendes Kanapee niederſetzen, indeß er ſelbſt mit großen Schritten das Zimmer durchmaß. Er fing eine weitausholende pathe⸗ tiſche Rede von der Größe und Herrlichkeit ſeines Vaterlandes an. Er ſchien es darauf abzuſehen, den jungen Mann zu betäuben, zu berauſchen. Er ſtreckte ſich zu einer Art höherem Weſen vor ihm aus. Er pries ihn glücklich, daß die Erde Newyork's ihn trage. Der Winkel am Hudſon und an der Manhattanbai ſei auf dem ganzen Globus der auserwählteſte Sitz für Menſchencultur. Wer es hier zu nichts bringe, der läſtere den ſechsten Schöpfungstag, er ſteige von der Höhe ſeiner Gattung herab zum Thiere und zur Pflanze. Faſſen Sie dieſen gottbegnadeten Punkt unſers Planeten näher ins Auge! rief er mit aus⸗ geſtreckten Händen. Denken Sie ſich z. B.: Afrika ſei ein wohlbevölkertes, civiliſirtes Land, die Spanier ſeien ein thätiges, aufgeklärtes Volk, mit einem hohen Sinn für Handelsverkehr, und nehmen Sie dann an, daß Gibraltar nicht nur der vorzüglichſte, bequemſte und geſundeſte Hafen der Welt, ſondern auch durch ſeine Lage den Vorrang im Handel von Europa zu behaupten berufen ſei. Entfernen Sie alle bedeutenderen Nebenbuhlerinnen, welche durch Zufall oder Betriebſamkeit in den übrigen Theilen Europa's entſtanden, kurz geben Sie Gibraltar unter den erſten Handelsſtädten unſrer Halbkugel die erſte Stelle. Denken Sie ſich hierauf das mittelländiſche Meer mit ſeinen Fortſetzungen als einen bloßen Strom, der in unmittelbarer Verbindung mit großen Seen ſteht, an deren Ufern Menſchen von gleicher Erziehung, glei⸗ — 462— chen Anſichten und Bedürfniſſen wohnen, welche dieſelbe Staatsmaxi⸗ men befolgen und unter denſelben allgemeinen Geſetzen ſtehen, nennen Sie dieſes Gibraltar endlich Newyork, und ich überlaſſe es Ihrer eige⸗ nen Einbildungskraft, was für ein Schauplatz menſchlicher Thätigkeit und Machtentwicklung dieſer unſchätzbare Fleck Erde ſein kann und ſein muß. Ja! rief er aus, indem er vor einer Karte Amerika's ſtehen blieb, vor dieſem Bilde muß jedes menſchliche Knie ſich beugen. Welch ein Anblick! Dieſes Profil, dieſe Gliederung, dieſer wunderbare Zuſammen⸗ hang der fähigſten Organe— welch ein Göttergebilde! Das iſt ein Leib, wie die Schöpfung des Prometheus! Aber nicht das Feuer fehlt ihm— beim Himmel, das haben wir ſelbſt!— bloß der Ausarbei⸗ tung ſeines Geäders ſind wir die letzte Hand ſchuldig. Dieſer Hudſon, dieſer Miſſiſſippi, dieſer Ohio und Miſſouri, dieſe Seen und dieſer Golf— er beſchrieb mit der Hand ſchwungvolle Linien— welcher Landkörper der Erde hat ähnliche Venen und Arterien aufzuweiſen? Alles iſt da, bloß in den Kapillargefäßen bleibt uns noch eine letzte Feile. Ein paar hundert Eiſenbahnen und Kanäle ſind wir dieſem Lande ſchuldig!* Hierauf folgte eine weitere Liturgie über den großartigen Thätig⸗ keitstrieb der amerikaniſchen Nation, über die ſtaunenswerthen Unter⸗ nehmungen, die auf allen Punkten des Landes, wie eben ſo viele Ju⸗ piters, gerüſtete Minerven erzeugten,— der Mann verwandelte ohne Weiters ſein Amerika in einen Olymp von Göttern, indem er dürftige Schulerinnerungen am rechten Orte mit Pomp paradiren ließ. Den Schluß machte ein Engagement für eine der reichſten und mächtigſten Eiſenbahncompagnien Nordamerika's. Den gänzlichen Schluß bildete der kleine Nachſatz, Herr Benthal könne gelegentlich der Tracirungen wohl auch in montaniſtiſcher, hydrographiſcher, chemiſch⸗agrariſcher, über⸗ haupt in nationalökonomiſcher Beziehung die Landſchaften ein wenig exploriren und nebenher ſeine Berichte und Zeichnungen darüber der Compagnie einſenden. Auf letzteres Offert antwortete Theodor mit großer Kaltblütigkeit: Alſo von einem Doppelgeſchäfte iſt hier die Rede! Unſre Eiſenbahncompagnie iſt zugleich eine Geſellſchaft für Landhandel. Eine glückliche Combination, die einen ungeheuren Gewinn abwerfen mußt Indeß modificirt das unſre Abrede ein wenig, Herr Staunton. J 4 Soll bat, ſo Ich w anſoru ſchicht nun m iin be über T ein A out ſe⸗ Wirk deß be Alle⸗ D womit raſchte lolt ſeine morie d dem bis ſ ſch r. onſt den C allerle gehene er an bindu nach tin n ic, Kein e euß caatsmark⸗ n, nennen ihrer eige⸗ Thätigkeit kann und then blieb, Welch ein zuſammen⸗ zas iſt ein Jeuer fehl Auzarbei⸗ er Hudſon, und dieſet — welcher Son 2 fzuweiſen? weine lebte wir dieſem en Thätig hen Unter⸗ 0 viele Ju⸗ undelte ohne er dürftige „ 5 Den ließ.— hl Tracirungen — nichtigſen uß bildeie 463 Soll ich die Seele ſolch eines zweilebigen Körpers ſein, wie es den Schein hat, ſo wären ſechstauſend Dollars ein wahres Almoſen für dieſe Stellung. Ich würde in dieſem Falle eine Tantisme an dem Geſchäfte ſelbſt be⸗ anſpruchen. Herr Staunton traute ſeinen Ohren nicht. Er hatte den ſchlichten, blonden Deutſchen ſo geſchickt überraſcht, wie er meinte, und nun mußte er dieſe Geiſtesgegenwart finden! Aber der Eindruck war ein bezaubernder. Herr Staunton ſtrahlte; er fiel mit offenen Armen über Theodor her und rief: Sie ſind ein smart man! Sie ſind werth ein Amerikaner zu ſein! Aber nun genug, Freundchen! Laſſen Sie's gut ſein. Ueberlaſſen Sie ſich mir und Sie ſollen es nicht bereuen⸗ Wir können den Baum nicht auf Einen Schlag fällen, ſeien Sie in⸗ deß verſichert: dem Genie bewilligt der Amerikaner Alles, Alles! Sie ſollen nicht zu kurz kommen. Das, fuhr Frau v. Milden fort, war der Inhalt eines Ergußes, womit Theodor ſprudelnd und glühend am ſelben Abend uns über⸗ raſchte. Er riß unſere Lebensgeiſter mit hin, wir vernahmen wieder⸗ holt das glückliche Ereigniß aus ſeinem Munde. Sie hören, ich behielt ſeine Worte, wie ich aus dem Mädchenpenſionat noch manche Me⸗ morienaufgabe behalten. Wir waren begeiſtert mit ihm. Frau v. Milden hielt inne. Sie kämpfte einen Augenblick mit dem Schmerze, den ihr die Natur dieſer Mittheilungen aufzuregen ſchien, bis ſie mit unbewegter Stimme fortzufahren vermochte: Seit jenem Abend aber kam Alles anders. Theodor verwandelte ſich raſch, im Fluge. Die feſte, männliche Beſcheidenheit, womit er ſonſt unſer Loos, wie eine Würde, ertrug, machte einer wilden, haſti⸗ gen Emotionsſucht Platz. Er erlaubte ſich, unſern einfachen Thee mit allerlei Genüſſen zu garniren, die höchſtens ein Kind naſchen, eine an⸗ gehende Hausfrau aber nicht wirthſchaften lehrten. Daneben fing er an, einzelne Abende ausfallen zu laſſen,— ſeine neue Clubbver⸗ bindungen mit den Männern des Commerce und der Induſtrie zögen ihn nach außen. Wir glaubten es gerne. Erſchien er dann, ſo trat er ein wie ein Gott, kramte glänzende Geſchenke aus, und wurde empfind⸗ lich, ſelbſt verletzend, wenn ſie ihm nur die Bewunderung meiner Kleinen, von Paulinen aber ein tiefſinniges Kopfſchütteln, von mir eine mütterliche Ermahnung eintrugen. Allmählig fing er auch an, ſein Aeußeres umzuformen. Erſt verſchwand ſein ſchöner, blonder Vollbart, 464— dann kamen Vatermörder, dann dieſes und jenes, nach und nach die ganze Tranſcription in den ſteifen, unkleidſamen Comptoir⸗ und Bör⸗ ſenmenſchen. Als Pauline ihr Leidweſen um die liebe, vaterländiſche Tracht bezeigte, antwortete Theodor: ſie ſcheine auch nur zum„Leid⸗ weſen“ geſchaffen, ſeine Freuden theile ſie wenig. Uebrigens ſtanden dieſe Freuden ſelbſt noch hinter manchem Meilen⸗ ſtein. Wovon Theodor depenſirte, das ſcheint nur ein glänzendes, oder vielmehr lockendes Handgeld geweſen zu ſein. Der Abſchluß des eigent⸗ lichen Engagements ließ auf ſich warten. Es iſt das ein dunkler, labyrinthiſcher Handel, den eine Frau ſchwer durchdringt, wohl auch nicht durchdringen will. Ich habe mich nie in die Karten gemiſcht. Wenn es indeß erlaubt iſt, aus Gerüchten, Winken, Andeutungen und dergleichen Halbheiten ein Urtheil zu bilden, ſo dürfte auf Herrn Staunton's Charakter und bürgerliche Stellung ein Schein von Zwei⸗ deutigkeit fallen. Dieſer Herr, wie man ſagen will, hat ſich von ver⸗ ſchiedenen Geſchäften mit wiederholten Bankrotten zurückgezogen, was freilich in Amerika anders, als bei uns beurtheilt werden wag. Das hieſige Creditſyſtem, und der volksthümliche Geiſt des kühnen Wagens mögen dafür Maßſtäbe haben, welche nicht die unſrigen ſind; ich will darüber nicht abſprechen. Auch will ich nicht entſcheiden, ob er den Verſuch, ein faſhionables Boardinghouſe erſt im Kleinen, dann im großartigeren Style zu halten, direct zu dem Zwecke unternommen hat, um reichere Auswanderer, welche er in Europa ſelbſt ſchon an⸗ zuködern wußte, den Händen einer myſtiſch⸗organiſirten Landſpeculation zu überantworten. Unzweifelhaft dürfte nur ſein, daß er in ſeinem Geſchäfte mit Theodor wirklich oder auch wirklich. nur als Makler einer großen hinter ihm ſtehenden Actiengeſellſchaft handelte. Er ſcheint aber außer den Zwecken dieſer Geſellſchaft noch gewiſſe ihm allein eigene verfolgt zu haben; wenigſtens leuchtete aus all ſeinen verworrenen Manövres der Eine Grundgedanke durch: Theodor' in ſeiner Hand zu behalten. Er brachte den jungen Mann nie unmittelbar in Verbin⸗ dung mit den Leitern der Geſellſchaft, er ließ ſein Engagement ſelbſt eine Reihe von verſchiedenen Chancen durchlaufen, heute ſtreckte ein unermeßliches Capital ſichtlich und greiflich ſeine goldgefüllte Hand nach Theodor aus und morgen war Alles wieder ſo ſchattenhaft, ſo ent⸗ legen, daß die Hoffnung auf immer Abſchied zu nehmen ſchien. Ich — kann eiſchie Staun und Augen nung qualen ließ, durch Zweck und k ft re 8 Vrief wohl mitten verſta des d in m Neben außer nanch ſtarke mich. b das D Gem Segel rauhe gange Grau nen; nach die und Bör⸗ erländiſche im„Ledd⸗ m Meilen⸗ ndes, oder des eigent⸗ n dunkler, wohl auch gemiſcht. ungen und auf Herrn von Zwei⸗ Gvon bel⸗ egen, mab vag. Das n Wagens zich wil ob er den dann im ternommen ſchon an⸗ ſpeculation in ſeinem ls Maller Er ſcheint lein eigene erwortenen r Oand z 1 Verbin⸗ — — 465— kann dieſe Vorgänge unmöglich beſtimmter ſchildern, als ſie mir ſelbſt erſchienen, und Sie ſehen wohl, ihr Licht war trübe genug. Herr Staunton bediente ſich ohne Zweifel gegen Theodor des Vorgebens, und wer ſagt mir, ob und wieweit dieſer es nicht gegen uns gethan? Augenſcheinlich aber war es allerdings, daß Theodor ſelbſt zwiſchen Hoff⸗ nung und Täuſchung unendlich herumgetrieben wurde, daß er Tantalus⸗ qualen litt, daß man ihn wie einen Schweißhund an der Leine gehen ließ, daß ein unerbittlicher Rechner es darauf abgeſehen hatte, ihn durch und durch moraliſch mürbe zu machen, ehe er den vorhabenden Zwecken zugeführt wurde. All ſeine Leidenſchaften waren aufgeregt und keine einzige befriedigt; es griff wirklich ſeinen Körper an; er ſah oft recht elend aus. In ſolch einem Augenblick fragte ihn Pauline einmal: ob er ſchon Briefe aus den Urwäldern Ohio's habe? Ich verſtand dieſe Frage wohl und auch Theodor hat die Erinnerung an das ſtille Naturleben mitten aus ſeinen ſtädtiſchen Geſchäftsfoltern heraus keineswegs miß⸗ verſtanden. Deßungeachtet gab er ihr als Antwort zurück: Frägſt du des Urwalds, oder des Doctors wegen ſo? Sie hören es! Das geſchah in meiner Gegenwart. Pauline erblaßte, ſtand auf, ging in das Nebenzimmer und weinte den ganzen Abend darin. Auch ich gerieth außer Faſſung diesmal. Ich bin ſonſt geneigt, manche Ungezogenheit, manche Laune dem Geſchlechte nachzuſehen, das, wenn es nicht das ſtarke, doch gewiß das freie iſt: aber dieſe niedrige Bosheit empörte mich. Ich ließ dem Menſchen eine ernſthafte Rüge angedeihen. Es iſt wahr, das Mädchen iſt eine etwas ſchwere Natur, ſie artet viel ihrem Vater nach. Es mochte nicht ganz gewählt ſein, daß ſie einem Manne, der mit vollen Segeln dem high life zuzufliegen meint, zu verſtehen gibt, ſie ſehe die rauhe Farmersaxt lieber in ſeiner Fauſt. Es iſt wahr, ſie hat die ganze Wendung ſeines Geſchicks mehr mit einem ſtillen ahnungsvollen Grauen, als mit lachendem Mitgenuß angeſehen. Aber wenn ſie kei⸗ nen Begriff davon hat, daß das Weib, unbeſchadet ſeiner tiefen und wahren Empfindungen ſcheinen muß: ſo kannte Theodor längſt ihr Naturell, und hat ſie, eben ſo wie ſie iſt, gewählt, geſchätzt, vergöttert. Sie iſt unverfälſcht wie die Elemente! war ſein Lieblingsausdruck. Und er hatte Recht damit. Das Mädchen iſt eine ſtrenge, geradlinige Weiblichkeit. Sie iſt wie eine Fackel, ſie flemmt in jeder Richtung 466— nach oben. Theodor's Wort, überall ſonſt ein eiferſüchtelnder Scherz, war hier eine freche Entheiligung. Auch erkannte er ſein Unrecht und that mir reuige Abbitte. Aber ſolche Aeußerungen kehrten öfter, es ſchien ſeine Abſicht, Zwietracht zu ſäen. Er beträgt ſich fortwährend herriſch, launenhaft, nachläſſig, oder noch ärger gnädig und prahleriſch und meint mit irgend einem goldenen Gehängſel ganze Reihen von Kränkungen gut zu machen. Auch bleibt er wiederholt weg. Eben jetzt haben wir ihn länger als je, eine volle Woche lang, nicht geſehen. Er iſt aber weder verreist, noch geſtorben, denn andere Leute haben ihn geſehen.— Das iſt Benthal von heute,— ſchloß Frau v. Milden aufſtehend. Als Moorfeld ſprechen wollte, fiel ihm die ſenſible Frau raſch ins Wort: Ich bitte, ſagen Sie mir nichts zum Troſte. Ich danke vor⸗ weg für Ihre gute Meinung. Ich weiß, was ich zu denken habe. Ich weiß, daß Sie einen Verſuch machen werden, das Schwungrad, das ihn ergriffen hat, aufzuhalten. Das werden Sie thun, aber ver⸗ ſprechen können Sie nichts. Dann reichte ſie Moorfeld die Hand zum Abſchiede und ſagte mit einer ſchmerzlichen Heiterkeit: Doch, beſter Herr! Eins können Sie mir perſprechen: Vor ihr wollen wir feſt bleiben. Wenn Sie Pauline krgendwie ſehen ſollten, verrathen Sie nichts! Ich zeige dem Mädchen die heiterſte Miene, und noch, denk’ ich, ahnt ſie die Möglichkeit ihres Unglücks nicht. Ach, ſie hat keine Vorſtellung von der ſchlechten Seite des menſchlichen Herzens! Auf dieſes Verſprechen reichte Moorfeld ſeine Hand. Sie zitterte heftig in Frau v. Milden's Hand. Nur mit einem ſtummen Blick vermochte er ſein unausſprechliches Inneres auszudrücken. Trunken von Schmerz wankte er zur Thüre hinaus. Als er am Fuß der Treppe angelangt war, öffnete ſich die Thüre des Baſements, wo die Eigenthümerin des Hauſes wohnte. Pauline trat zu der Thüre heraus. Sie hatte eine Arzneiſchale in der Hand. Als ſie Moorfeld anſichtig wurde ſchrack ſie heftig zuſammen. Der volle Gegenſatz zwiſchen Einſt und Jetzt überwältigte ſie bei dieſem Anblicke. Sie ſank mit einem gebrochenen Schmerzensruf an ihm nie⸗ der. Moorfeld eilte ſchnell, ſie zu ſtützen. Die Berührung eines fremden Arms ſchien allein ſchon mächtig, das züchtige Mädchen aus ihrer Ohnmacht aufzurütteln. Sie entwand ſich den Armen Moorfeld's, ſtützte ſich halblehnend gegen das Treppengeländer und hauchte ihm die der Scherz, nrecht und öfter, es ortwährend hleriſch und Kränkungen en wir ihn Er iſt aber geſehen.— aufſtehend. u raſch ins danke vor⸗ Khabe. Ic mgrad, das aber ber⸗ d die Hand Doch/ beſter len wir feſt rrathen Sie noch/ dent e hat keine ins! Sie zitterte une Zlit SHr. Staunton nicht zu Hauſe. Im Laufe des Nachmittags ſendete — 467 Worte zu: Ich bitte, ſchonen Sie meine Mutter. Noch tragen ihre Ahnungen nicht ſo weit wie die meinigen. Ich nehme mich übermenſch⸗ lich zuſammen. Menſchen! Menſchen! rief Moorfeld mit einem zerriſſenen Blick zum Himmel, weint, wenn ihr weinen müßt, mit einander, denn ſo eben ſagte mir Frau v. Milden daſſelbe! Mit wilder Haſt ſtürzte er zum Hauſe hinaus. Drittes Kapitel. Es war keine Perſon, es war eine— Rede, die jetzt durch New⸗ yorks Straßentumult fuhr, als ſich Moorfeld in ſeinen Wagen ge⸗ worfen. Unaufhaltſam ſtrömten ihm die Gedanken zu, unter deren Wucht Benthal erliegen mußte. Sein Zorn loderte als dichteriſche Begeiſterung auf,— und nie hatte Begeiſterung mit ſolcher Frucht⸗ barkeit ihn überſchüttet, wie in dieſer Stunde. Alles gab ſie ihm ein, was Herz und Gehirn fähig iſt, er war Alles, was ein Menſch ſein kann,— er war ganz ſein Gegenſtand. Wohin ſein Auge fiel, jeder Anblick des Straßenlebens wurde von der Gährung ſeines Inneren aufgenommen und verbraucht. Dieſer Abbruch eines alten Hauſes, jener Aufbau eines neuen, dieſes Schaufenſter, jenes Aushängeſchild, die Conſulatsflagge, der Matroſenhut, das Negerantlitz, die ſchlagende Thurmuhr— kein Bild führten ihm ſeine Sinne zu, das nicht in ein poetiſches Bild, in ein tiefſinniges Gleichniß ſich verwandelte,— ganz Newyork gab ſich der Moral zum Schmucke her. So erreichte Moorfeld ſein Boardinghouſe. Er ſchickte zu Staunton und ließ anfragen, wenn und wo Benthal zu ſprechen. Seinen Namen nannte er nicht, wie er ſeine Perſon nicht zeigte. Er wollte dem trau⸗ rigſten Fall einer Verleugnung vorbeugen. Es war die Börſenſtunde, in welcher dieſe Anfrage geſchah, und — 468— Moorfeld noch einmal hin, da kam der Lohnbediente zurück mit dem Namen der Straße und des Clubbhauſes, in welchem Mr. Benthal von acht Uhr Abends an zu finden. Moorfeld brachte den Reſt des Tages auf ſeinem Zimmer zu. Er ordnete ſeine Gedanken und gebot ſeinen Leidenſchaften. Er ſtellte ſich im Geiſte erfindungsreicher, als im erſten Augenblick, die mancherlei Möglichkeiten und Geſtalten vor, in welchen dieſer Fall ſich ihm zeigen könne, und bereitete ſich auf all ſeine denkbaren Seiten vor. Er wunderte ſich ſelbſt, wie raſch er ihn als Thatſache ergreifen konnte. Denn mitten in ſeinem Gedankenſtrom kamen dann wieder Momente, wo all ſein Denken plötzlich ſtill ſtand, wo die ganze ſchreckensſtarre Neuheit in ihm aufſchrie: Das war mit Benthal möglich?!— Der Tag ſank, die Straßenlichter brannten, der wälzende Lärm des Volksgewühls löste ſich in ſeine einfacheren Elemente auf, die ab⸗ und zu rollenden Fuhrwerke zum Philadelphia⸗Bahnhof verhallten mit ihrem letzten Getöſe, als Moorfeld den Wagen holen ließ, der ihn ſeinem verhängnißvollen Ziele entgegenbringen ſollte. Es war ein weiter Weg zurückzulegen. Moorfeld hatte ſeine Aufmerkſamkeit nichts weniger, als auf die Außenwelt gerichtet; aber er fuhr nicht lange, ſo fiel ihm Manches auf, das in der Phyſiognomie eines ſtädtiſchen Straßen⸗ lebens zu dieſer Stunde eben nicht alltäglich iſt. Er ſah im dämme⸗ rungsvollen Laternenlicht Arbeiterzüge von ihrem Tagewerk heimkehrend, mit einer gewiſſen Haſt uud Unruhe durch die Straßen eilen, welche von der Kälte, die in den Bewegungen der Amerikaner ſich ſonſt kund gibt, wunderlich abſtach. Aus hohlem Straßendunkel hörte er hie und da einen jener gellenden Rufe anſtimmen, welche nach ſeinem Dafür⸗ halten dem indianiſchen Kriegsgeheul entlehnt: in gewiſſen Abſtänden gab es dann Antwort darauf, wie eine Signalkette. An einſamen Orten wimmelte es plötzlich von Menſchen, welche nach allen Rich⸗ tungen auseinanderſtrömten; anderswo lief Alles auf Einen Punkt zuſammen, und ſchloß ſich im Nu zu geheimnißvollen Kreiſen und Gruppen. Eine dieſer Gruppen ſtand endlich an einer Seitenſtraße, welche Moorfeld zu ſchneiden hatte, ſo dicht, daß eine Stimme den Kutſcher ohne Weiters anrief: Um in die Centre⸗Street! Der Kutſcher machte Vorſtellungen, aber es war ein Schwarm von Rowdie's, welcher dieſe Paſſe Ueber im ſe Lamp und macht arme feld Club ſpran über. 3 und als ſah. und eilte zugen Man ck mit dem tr. Benthal zimmer zu. Er ſtellte mancherlei ihm zeigen n vor. Er ffen konnte. Momente, nckensſtarre ende Lärm uf, die ie rhallten mit , der ihn zs war ein mkeit t nichts tt lange, ſo n Straßen⸗ im dämme⸗ eimkehrend, llen, welche ſeut ind er hie und nem Dafür⸗ aſünda in einſamen allen Rich⸗ nen punti Kreiſen un — 460 Paſſage ſperrte, gegen den ſich nicht aufkommen ließ. Durch ſeine Ueberzahl und das Dunkel der Nacht ermuthigt, fühlte ſich der Haufe im ſouveränſten Beſitze des Platzes. Es waren, was Moorfeld beim Lampenſcheige ſehen konnte, wohlgekleidete, aber ſtark bewaffnete Banden, und faſt wie die Stimme der Würde klang es, womit dieſe Straßen⸗ macht dem Kutſcher die drohendſten Befehle rnigegtnſchleinderte Der arme Neger(denn ein ſolcher war er) erbat ſich endlich von Moor⸗ feld die Erlaubniß, umkehren zu dürfen, obwohl, wie er ſagte, das Clubbhaus nur noch hundert Schritte weit drüben liege. Moorfeld ſprang aus dem Wagen, als er dieſes hörte, und ſchritt zu Fuß hin⸗ über. Der leere Wagen kehrte um. Kaum hatte Moorfeld das Gedränge der Rowdies durchbrochen und ſeinen Weg in die Tiefe der bezeichneten Straße eingeſchlagen, als er einige Schritte vor ſich einen Menſchen in Ohnmacht ſinken ſah. Die Geſtalt hatte ſich erſt gegen die Mauer eines Hauſes gelehnt, und war dann längs derſelben langſam zu Boden geglitten. Raſch eilte Moorfeld hinzu. Hat Ihnen das wilde Volk Gewaltthätigkeiten zugefügt? fragte er den Verunglückten, indem er ihn aufhob. Der Mann ſchüttelte, ohne aufzublicken, ſchwach und zitternd den Kopf vor ſich hin. Aber in demſelben Augenblicke glaubte Moorfeld die Geſtalt zu erkennen. Schon der faltenreiche Mantel mit den vielen kurzen über⸗ einanderliegenden Kragen gehörte in das Inventar ſeiner Erinnerungen. „Anche gli giorni!“ war das Schlagwort dieſer Erinnerungen. Ohne ſich zu beſinnen, redete er den Alten an: Se non m'inganno, Signore, 6 la sua lingua materna, in cui la saluto? Der Fremde zuckte zuſammen. Ah, non é Americano, Signore, ſeufzte er aufathmend,— per grazia di Dio, un bichiere di vino!*) Moorfeld erſchrack. So war der alte Mann aus Hunger und Durſt hier zuſammen gebrochen? Seine Bitte ließ keinen Zweifel darüber. Moorfeld warf ſeine Blicke ſchnell nach einem Gaſthofe umher und entdeckte wenigſtens, womit Newyork damals ſchon überſäet war, die illuminirte Aufſchrift einer Kellerwirthſchaft in der Nähe. Er führte oder trug den Verſchmachtenden dahin. *) Wenn ich nicht irre, mein Herr, ſo iſt es Ihre Mutterſprache, in welcher ich Sie begrüße? Ah, Sie ſind kein Amerikaner, mein Herr,— um Gotteswillen, ein Glas Wein! D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 31 „ — 4170— Die Taverne fand ſich unangenehmer Weiſe von einem ſtark ab⸗ und zugehenden Publikum jener Rowdies beſetzt, welche vorn an der Straßenecke ihr Standquartier aufgeſchlagen. Moorfeld zeigte Gold und forderte ein ruhiges Zimmer mit der beſten Flaſche Wein. Man übergab ihm eine Stube des Hinterhauſes, und brachte Wein, der mindeſtens ſeiner Etiquette nach, Oſt⸗India⸗Madeira war. Bei der Eile, die Moorfeld für die Beſtimmung dieſes Abends hatte, konnte er nicht daran denken, ſeinem unerwarteten Gaſte die Pflicht der Gaſtfreundſchaft zu erfüllen. Einzig die Pflicht als Arzt und Menſch gebot augenblickliche Erfüllung hier. Moorfeld erlaubte ſich die nöthigſten Fragen um das körperliche Befinden des Unglücklichen. Der Alte antwortete nicht. Er ſtarrte ſtill vor ſich hin. Er drückte ſich in die Ecke des Kanapee's und zog feſt ſeinen Mantel an ſich. Moorfeld, auf eine ſcharfe Beobachtung durch das Auge, wie ſo häufig in ſolchen Fällen, faſt ausſchließlich beſchränkt, folgte der geringſten dieſer Bewegungen mit Aufmerkſamkeit. Die Züge des Greiſes zeigten den Ausdruck tiefer Erſchöpfung und langwieriger Seelenleiden. Eigentliche Krankheitsſymptome konnte Moorfeld nicht darin erforſchen. Sein Kopf war von zarten und edlen Formen, das Auge glanzvoll, entſchieden geiſtig. Die ſchön ge bleichte Stirne ſtrahlte vom blendendſten Weiß, der Mund, der übri⸗ gens auch nicht Einen Zahn nachwies, ſchien gegen die greiſenhafte Erſchlaffung der Muskel, welche die Mundwinkel abwärts zieht, ziem⸗ lich ſtandhaft geblieben. Man ſah die lange Uebung des wohlredenden Italieners, den Abglanz witziger Scherze und feiner Tafelgenüſſe darauf. Wenigſtens glaubte Moorfeld, indem die phyſiognomiſchen Transponir⸗ künſte ſeiner Phantaſie zu ſpielen anfingen, aus dieſer Greiſenmaske die Jugend eines eleganten Lebemannes zu dechiffriren, und wir dürfen es ſehr dahingeſtellt laſſen, ob ſein ſtudienhafter Blick mehr mit poetiſchem oder pathologiſchem Tiefſinn in die Züge des alten Mannes hineinträumte. Moorfeld ſchenkte zwei Gläſer voll. Der Alte wickelte eine ſeiner Hände aus dem Mantel, und ſtreckte ſie zitternd nach dem Weine aus. Moorfeld gab ſich die Miene, ihm das Glas in die Hand zu drücken, wobei er die Gelegenheit benützte, ſeinen Puls zu fühlen. Er war herabgeſtimmt, aber gleichmäßig. Beruhigter ſtieß Moorfeld an mit dem Alten. Dieſer aber führte das Glas nicht zum Munde. Er hielt m ſtark ab⸗ vorn an der te Gold in. Man Wein, der jeſes Abends n Gaſte die ht als Arzt s körperliche MEr ſtarrte ee's und zog Beobachtung ausſchließlich fmerkſamkeit zäöpfung und tome konnte zarten und die ſchön ge d, der übri⸗ griſenbeft zieht, ziem⸗ wohlredenden enüſſe drral Transponir ſenmaske die ürfen es ſehr etiſchem oder ineinträumte tte eine ſeiner 1 Weine aus⸗ un drücken, . Er war t ffeld an mi — Er hilt — 4— es nachdenklich vor ſich hin. Er lächelte das dunkle Rothbraun mit einer Art kindiſcher Freude an. Die Idee, Wein in der Hand zu halten, ſchien ihm ein Genuß, den er durch Befriedigung nicht ſogleich aufheben wollte. So ließ er das Glas gegen das Licht funkeln und ſah immer darauf. Sein Blick wurde zuletzt wie geiſtesabweſend, er verſank, wie es ſchien, in ein Meer alter Erinnerungen. Moorfeld ſtand ſeitwärts und betrachtete den Greis eben ſo ergriffen, wie dieſer ſein Labſal. Das währte eine geraume Weile. Hierauf gab der Alte dem Glas eine leichte Schwenkung und murmelte faſt feierlich: Evviva Vienna! Damit leerte er es. Moorfeld hatte den Toaſt belauſcht. Er erſtaunte. Ha, mein Herr, Ihre Erinnerungen knüpfen ſich an Wien! rief er aufwallend von Heimathsgefühl. Er ſtreckte dem Greiſe beide Arme entgegen. Es waren die zehn ſchönſten Jahre meines Lebens! antwortete dieſer traumverſunken.— O wie bedauere ich die Schickſale, die dieſes Glück Ihnen geraubt. Sie müſſen trauriger Art geweſen ſein!— Zwei Todesfälle waren es, Signor. Den 20. Februar 1790 ſtarb Kaiſer Joſeph, der wärmſte Freund und Beſchützer der Künſte, und den 5. December 1791 Amade Mozart, der Kaiſer ſeiner Kunſt ſelbſt. Was ſollte da ich noch in Wien!— Moorfeld ſah den Alten groß an. Wer iſt es, der mit mir ſpricht? rief er in höchſter Spannung.— Wenig, antwortete der Greis, und kauerte ſich tiefer in ſeinen Mantel zuſammen,— ich heiße da Ponte. Da Ponte! rief Moorfeld außer ſich: Caſti's und Metaſtaſio's Rival, verſchmachtend am Strande der Manhattan! Er ſtand vor dem alten Manne wie vor der Reliquie eines Heiligen. Unausſprechlich war ſeine Bewegung. Der Gedanke, mit ſeinem Blick auf einem Haupte zu ruhen, das in Mozart's brüderlichem Schoß gelegen, ergriff ihn betäubend. Staunen und Ehrfurcht hielt ihn wie mit Bezauberung vor dem Bilde des alten Mannes gefeſſelt. Er bedurfte einiger Minuten um ſich zu faſſen. Dann trat er vor den Greis und ſprach mit einer faſt ritter⸗ lichen Courtoiſie: Herr Abbé, ich bitte Sie, den Tribut meiner begeiſtert⸗ ſten Hochachtung anzunehmen. So weit die Erde Cultur hat, iſt jeder cinzelne Menſch Ihnen Dank ſchuldig. Wie tief mich das Unglück erſchüttert, das dieſer unwirthliche Boden Ihnen zu bereiten ſcheint, ſo muß ich den Zufall ſegnen, der es meine Hand ſein ließ, welche in 31* — 472— dieſer Stunde die Ihrige ergreifen durfte. Keinem Amerikaner hätte ich die Ehre gegönnt, die Hand zu berühren, aus welcher Mozart das Gedicht ſeines Don Juan empfangen. Ganz füllt mich die Vorſtellung aus, was dieſe Hand der Welt geleiſtet hat. Iſt doch Muſik die ein⸗ zige Kunſt, in der wir mit einer ſelbſtſtändigen Cultur dem Alterthum gegenübertreten, in der wir unſre Laokoone, unſere Illiaden ohne Vorbild erſchaffen! Iſt doch Don Juan die höchſte Blüthe dieſer muſtkaliſchen Kunſt, die ſüßeſte und gewaltigſte Botſchaft des modernen Menſchen⸗ herzens! Und daß dieſer Ehrenkranz der neueren Kunſt vor Allem aus Ihren Verſen herauslaubte, bei Gott, das hat kein Zufall gefügt! Ich habe Ihr Drama giocoso: Don Giovanni, ossia il dissoluto punito ſtets bewundert. Es iſt ſchwierig, vielleicht unmöglich ein muſikaliſches Drama zu ſchreiben. Die Muſik bedarf der Leidenſchaften und Affecte; das Drama motivirt Leidenſchaften und Affecte. Motivirung iſt eine Ver⸗ ſtandesoperation; dieſe widerſtrebt der Muſik. Eine Handlung voll wirk⸗ licher Leidenſchaften, welche auf dem kürzeſten Wege ſich motiviren: das iſt das Ideal eines muſikaliſchen Dramas. Ihr Don Giovanni hat dieſes Ideal wie unter einer Conſtellation aller günſtigen Sterne erreicht. Nur Einmal, ſeit für Muſik gedichtet wird, trat ſolch eine Gruppe zu ſol⸗ chen Wirkungen zuſammen! Das ganze Buch iſt muſikaliſches Vollblut. Ich ſehe allerlei Perſonen in ihrem Singſpiele auftreten, hohe und niedere. Die niederen, Leporello, Maſetto, Zerline, ſind muſikaliſch durch ſich ſelbſt. Sie ſitzen an der Quelle der Muſik, im Volke, und dem Volke wird nicht der höchſte, ſondern aller Affect zum Liede. Dieſe Menſchen ſind ſangbar ohne Weiteres. Dann aber ſtellen Sie auch vornehme und gebildete Perſonen in Ihr Gedicht, welche eine unge⸗ heure Kluft von der Leidenſchaft trennt. Sollen erzogene Menſchen nicht Gemeinplätze ſingen, ſo iſt kaum abzuſehen, wie ſie der Quelle des Geſanges, der Aufregung, auf kürzeſtem Wege nahe zu bringen. Wir haben ein deutſches Drama: Torquato Taſſo genannt und dieſes kann, wie in einem Spiegel, uns zeigen, welch weitläufiger und künſt⸗ licher Operationen es bedarf, daß ein Hofcavalier den Degen zieht, und daß ein anderer Hofcavalier eine Prinzeſſin umarmt— das heißt, daß die Sitte zur Leidenſchaft vordringe. Und nun fliegt der Vorhang Ihres Dramas auf! Und nun ſehe ich einen Don Juan, einen modernen Giganten, welcher ſeine Sinnenkraft über die Weltordnung ſetzt,— kaner hätte Nozart das Vorſtellung ſik die ein⸗ Alterthum hne Vorbild nuſtkaliſchen Menſchen⸗ vor Allem all gefügt! uto punito nuſikaliſches lffecte; das eine Ver⸗ voll wirk⸗ tiviren: das hat dieſes reicht. Nur pe zu ſol⸗ Vollblut. hohe und muffkaliſch Volke, und Liede. Dieſe Sie auch eine unge⸗ 1 Menſchen der Duelle u bringen⸗ d dieſes un und künſt⸗ degen zieht das heißt, fliegt der zuan, einen ungſeht,— — 473 eine Donna Elvira, welche ein ewiges Herz gegen die endliche Zeit zu vertheidigen unternimmt,— einen Gouverneur, welcher im Leben zur Rettung für ſein Heiligſtes aufgefordert wird, nach dem Tode im Namen des Allerheiligſten ſelber zur Rettung einer unſterblichen Seele auf⸗ fordert,— eine Donna Anna, welche von ein⸗ und demſelben Schick⸗ ſale zugleich auf den höchſten Gipfel und in den tiefſten Abgrund des weiblichen Bewußtſeins geſchleudert wird,— einen Don Ottavio, wel⸗ cher in einer Welt, die aus ihren Fugen iſt, um ſo berechtigter jenes einfache Naturgeſetz ſingen darf, durch das ſie ewig ſich neu ergänzt: ich ſehe Geſtalten, welche Sie aus dem Banne der conventionellen Menſchheit, der ſie angehören, mit dem glücklichſten Wurf in die volle muſikaliſche Strömung ſchleudern. Sie treten auf in den außerordent⸗ lichſten und verſtändlichſten Zuſtänden, klar einfach, unmittelbar, ihre eigene Erklärung, wie das Daſein ſelbſt. Ihr erſter Schritt auf die Bühne ſchon iſt die höchſte pathetiſche Scene; und wahrlich nur aus ſolch einem Eingang kann ſolch ein Finale herauswachſen! Welch ein Ocean an Umfang und Tiefe dieſes Finale! Zwei rächende Bräutigame, drei beleidigte Frauen, ein Mord im Hintergrunde, Champagner und Ballet im Vordergrunde, Blitz und Donner im Zenith, und mitten in dieſem Aufruhr ein verwilderter Gott, eine geſträubte Löwenmähne, gepackt von dem Rachen, packend im Sinnenfieber der Liebe! So lang eine Bühne ſteht, wird die kunſtbegnadete Menſchheit anbetend vor dieſem Finale liegen, und wenn wir nicht begreifen können, daß Mo⸗ zart ein Menſch war, ſo wird Da Ponte in dieſem Myſterium als Mittler verehrt werden müſſen! So ſprach Moorfeld hingeriſſen von ſeiner dichteriſchen Begeiſterung. Der alte Mann, auf deſſen gebleichtem Scheitel der Name Da Ponte ruhte, horchte aus der Ausdrucksweiſe eines vorgeſchrittenen Ideenlebens nur ſo viel heraus, daß das erſte Don Juan⸗Finale gelobt wurde. Er ſchien zufrieden mit dieſer Anerkennung und beſtätigte ſie mit folgen⸗ den Worten: Ja wohl will ein Finale gearbeitet ſein! Sie ſagen es recht, Signor! Ein Finale iſt eine Art Komödie, oder ein kleines Drama in ſich ſelbſt; es muß mit der übrigen Oper eng verbunden ſein, und doch erfordert es einen neuen Eingang und ein neues Intereſſe. Im Finale muß das Talent des Kapellmeiſters, die Kunſt und Kraft der Sänger hauptſächlich hervortreten, es muß als Glanzpunkt der Oper den größten — a Effect hervorbringen. Die Recitative ſind ganz davon ausgeſchloſſen, man ſingt Alles, und jede Art des Geſanges muß darin entwickelt wer den. Das Adagio und Allegro, das Andante, das Amabile, das Ar⸗ monioſo, das Strepitoſo, das Arciſtonpitoſo und das Fortiſſimo, womit ſich in der Regel das Finale ſchließt, und was man die Chieſa oder Stretta nennt:— ich weiß nicht, ob man es ſo benennt, weil darin die ganze Kraft des Dramas ſich zuſammenzieht, oder weil es allgemein das arme Gehirn des Poeten, der er zu ſchreiben hat, nicht ein⸗ ſon⸗ dern tauſendmal in die Enge treibt. In einem Finale müſſen nach theatraliſchem Brauch alle Sänger auf der Bühne erſcheinen und wä⸗ ren ihrer noch ſo viele, um einzeln, zu zweien, zu drei, zu ſechs, zu zehn und zu ſechzig Arien, Duette, Terzette, Sextette und große Chöre zu ſingen. Sollte der Inhalt des Dramas das nicht erlauben, ſo iſt es Aufgabe des Dichters, ſich einen Weg zu ſuchen, auf dem er es bewerkſtelligen kann, ohne gegen die geſunde Vernunft oder die ariſtoteliſchen Vorſchriften allzu gröblich ſich zu verſündigen. Gewiß, es iſt eine große Sache, ein gutes Finale zu ſchreiben. Dieſe Sprache eines altmodiſchen Jahrhunderts ſtach nicht ohne Reiz für Moorfeld von ſeiner eigenen ab. Der Grundton der ſchlich⸗ ten Wirklichkeit, der aus ihr klang, ermangelte nicht, ſeine Begeiſterung ſelbſt zu ergreifen, die er dem ehrwürdigen Haupte des Dichters jetzt in der vertraulicheren Färbung einer jugendlichen Zärtlichkeit für das Alter entgegenbrachte. Und nun, ſprechen Sie, Herr Abbé, fragte er, wie war es möglich, daß ich das Schickſal in ſo ſchwerer Schuld gegen Sie finden konnte? Sprechen Sie, wie hat dieſes unſelige Land an Ihnen gefrevelt? Da Ponte ſchüttelte nach einer Pauſe das Haupt. Er zog einen ſeiner oberſten Mantelkrägen über Kopf und Stirne und machte ſich eine Art Lichtſchirm daraus, gleichſam als ſtörte der ihn bedeckende Lampenſchimmer ſeine Gedankenbildung, wie er den Nerv ſeines Auges beläſtigen mochte. Aus dieſem Dunkel heraus ſprach er: Warum ich in einem Lande nicht gedieh, das für die Kunſt ſo viele Mittel und wohl auch guten Willen hat,— ich wüßte äußere Widerwärtigkeiten vielleicht kaum zu nennen, Signor. Aber einen Zug will ich Ihnen erzählen, von welchem Sie ſelbſt ſagen ſollen, ob ich ex ungue leonem daran erkennen und für immer zurückſchrecken durfte. 6 Es we eingef ſingen Newy die A niit le neun Liede halten Boug gaien Ich n die ju verlon durche mich Aiſan gieri Ihne ſein. Seru ihr legen herr ſee Sie ihr daltſ der ſo w mac da. Kun vor lehre iird geſchloſſen, ickelt wer „das Ar⸗ no, womit bieſa oder weil darin Hallgemein ein⸗ ſon⸗ lüſſen nach und wä⸗ mſechs, zu und große t erlauben, auf dem er t oder die n. Gewiß, nicht ohne der ſchlich⸗ rgeiſterung chters jetzt it für das es möglich 97 den konnte! evelt? zog einen machte ſich bedeckende d5 ines Auges — 475— Es war in einer der beſſeren Soireen hieſiger Stadt, wo ich als neu eingeführter Fremdling von einer jungen Miß die Arie Vedrai carino ſingen hörte. Ha, dachte ich, hier iſt dein Krug am rechten Brunnen, Newyork empfängt dich vortrefflich. Indeß trug das arme Mädchen die Arie ſo über alle Maßen ſchleppend und ſeelenlos vor, daß man mit leichter Mühe mich überredet hätte, der berühmte Epimenides, der neun Jahre geſchlafen haben ſoll, ſei von keinem andern als dieſem Liede eingeſungen worden. Ich vermochte natürlich nicht, an mich zu halten. Ich ſchmuggelte mich auf eine gute Art ans Clavier, wo ein Bouquet von jungen Damen und Herren, wie ein Neſt bunter Papa⸗ gaien umherſaß und ſich nach allen Regeln des bon ton's langweilte. Ich miſchte mich ins Geſpräch und brachte es wirklich dahin, daß ich die junge Sängerin begleiten durfte. Gleich nach den erſten Accorden verlor ſie den Tact. Sie wußte ſich in die Art, wie ich declamirte, durchaus nicht zu finden. Meine verehrungswürdige Lady, wendete ich mich nun zur Erklärung meines Vortrags an ſie— die bezaubernde Aiſance, womit Sie dieſe Noten ſingen, macht mich außerordentlich be⸗ gierig die erſte Arie der Zerlina: Batti, batti, o bel Masetto von Ihnen zu hören. Dort müßte ſie von ganz unvergleichlicher Wirkung ſein. Dort nämlich geht Zerlina damit um, allerlei überflüßige Scrupel ihres Bräutigams einzuſingen, einzulullen, wenn Sie wollen; ihr Geſang muß ſich wie lindes Oel, wie Mondlicht auf die Nerven legen. In der erſten Arie, ſprech' ich. In dieſer zweiten dagegen herrſcht jener Charakter nur theilweiſe, theilweiſe nicht. Beruhigen will ſie freilich auch diesmal wieder, aber ſie ſelbſt iſt nicht mehr ruhig. Sie nimmt ihren Bräutigam jetzt offenbar ernſthaft, der früher nahezu ihr Düpe war, die Stunden erfüllter Liebensſehnſucht rücken unauf⸗ haltſam näher, das Abenteuer mit Don Giovanni ſelbſt, obwohl in der Spitze gebrochen, muß ihre Phantaſie lebhaft ergriffen haben:— ſo weht durch dieſes ganze Vedrai carino eine Luft des Brautge⸗ machs, möcht' ich ſagen, und das: sentillo battere ſteht nicht umſonſt da. Man muß das Herz wirklich ſchlagen hören darin. In meinem Kunſteifer merkt' ich nicht, daß ſämmtliche Ladies ſich die Taſchentücher vor die Augen hielten. Ein junger Affe aber, der ſich den Muſik⸗ lehrer des Hauſes nannte, übernahm es, meine Anſicht„shoking“ zu finden. Ich ſuchte vergebens ein Fünkchen geſundes Gefühl in ihm 476— anzublaſen, und da er fortfuhr, mich durch den abſurdeſten Widerſpruch aufs Aeußerſte zu treiben, ſo rief ich zuletzt: Mein Herr, wenn ich Ihnen ſage, daß ich ſelbſt der Dichter dieſer Verſe bin, daß Mozart ſelbſt ſeine Muſik dazu für die glücklichſte Inſpiration der Liebe erklärt hat, ſo habe ich vielleicht einige Auctorität für mich. In dieſem Augen⸗ blick aber ſchritt der Hausherr auf mich zu, ein gelblederner Herr in ſchwarzem Frack, an dem nichts Lebendiges war, als die rothe Nelke, die er im Knopfloch trug, der näſelte mich an: Mein Herr, es küm⸗ mert uns blutwenig, womit Sie und Ihr Mozart ſich in Europa Ihr Brod verdient. Daraus fließt kein Geſetz für uns in Amerika, die Kunſt andres zu treiben, als es uns beliebt.—„Sie und Ihr Mo⸗ zart ihr Brod verdient!“— Hören Sie es, Signor? Von dieſem Worte war mein Nerv für immer durchſchnitten. Ich trug noch ein an⸗ ſehnliches Fascikel Empfehlungsbriefe bei mir, aber ich fühlte keinen Halt mehr daran. Denn was in einem fremden Lande Muth und Vertrauen, ſich geltend zu machen, gibt, das ſind nicht einzelne Fäden, es iſt der öffentliche Geiſt des Ganzen. Mich ſchauerte die ſcharfe Luft dieſes Landes. Ich gab es auf in Amerika als Künſtler einen Beruf zu ſuchen. Und freilich, in jedem andern Beruf mußten Sie unglücklich ſein! ſagte Moorfeld mit dem überzeugteſten Blick auf den fein organiſirten Italiener. Ich wurde Kaufmann, antwortete da Ponte. Die Muſen drehten Pfefferdüten und maßen Schnittwaaren ab. Ich kann nicht ſagen, daß ſie es ungeſchickt thaten. Ich prosperirte im Kleinen, und verſuchte mich bald in größeren Unternehmungen. Auch da ging Alles herrlich und im ſchönſten Flor, ſo lang ich— Credit gab. Dann aber ſtürm⸗ ten Banquerotte auf mich ein— ah, laſſen Sie mich ſchweigen, Signor. Amerikaniſche Banquerotte ſind ein eigenes Genre. Ich werde meine Memorabilien ſchreiben. Genug, ich kam an den Bettelſtab und meine Debitoren bauten ſich Häuſer. Von Einem derſelben, Herrn Staun⸗ ton, erreicht' ich's mit Mühe, daß er mich von der Straße unter ſein Dach aufnahm, und die Sache müßte eigentlich umgekehrt ſtehen. Ich habe eine liquide Forderung von fünftauſend Dollars an ihn. Freilich nicht an ihn, ſondern an eine ſeiner geweſenen Firmen, und kein Kauf⸗ mann und kein Advocat der Welt weiß geſchickter ſeine Firma von ſeiner Perſon zu trennen, als ein Amerikaner. Ja, ja, mein Herr, Widerſpruch ,wenn ich daß Mozart be erklärt ſem Augen⸗ ner Herr in rothe Nelke, r;, es küm⸗ Furopa Ihr merlka, die 3 Mo⸗ Von dieſem noch ein an⸗ fühlte keinen Muth und gelne Fäden, ſcharfe Luft einen Berif ſein! ſagte gtaliener. uſen drehten t ſagen, daß ud berſucht llles herrlch aber ſtütm⸗ gen, Signor: dde meine we und meine Staun⸗ rrn ze unter ſen ſtehen. J— en Frallih ihn. 1 d kein Kauf 9 n zirma bo mein Her⸗ — a ich werde mein Leben beſchreiben. Die Welt wird um nichts beſſer, aber um Manches klüger daraus werden. Der Europäer mag ſich vorſehen mit dieſen Menſchen. Moorfeld hatte inzwiſchen ein Souper beſtellt, aber Da Ponte dankte lebhaft für ſeine Aufmerkſamkeit. Er pflege Abends nichts zu genießen. Nur ein Glas Wein ſei ihm zuvor Bedürfniß geweſen eine Ohnmacht, ein plötzlicher Schwindel habe ihn angewandelt;„denn ach, mein Herr, es iſt eine harte Arbeit, im zweiundſiebenzigſten Jahre auf Gönnerſchaften auszugehen!“ Alles, was er annehmen wollte, war ein Wagen. So führte der Dichter Moorfeld den Dichter der alten kaiſerlichen Wiener Oper jetzt in ſein dürftiges Aſyl zurück. Er behielt ſich vor, den unglücklichen Greis demnächſt wieder zu ſehen: heute überließ er ihn ſeiner Ruhe und ſich ſelbſt— ſeinen Reflexionen.— Wo waren ſie jetzt, die ſchönen Reden, die glänzenden Gedanken, die fruchtbaren, hinreißenden, überzeugenden Ideen, die Moorfeld zum Entſatze Benthal's tagsüber in ſo kampffertige Schlachtordnung auf⸗ geſtellt? Und doch ſollte, mußte dieſer Gang noch geſchehen,— ſtumm, mit zurückgepreßten Thränen, zitterten zwei edle Frauen jeder Secunde ſeines Erfolges entgegen! Mühſam ſammelte Moorfeld ſeine Lebens⸗ geiſter— ach, da lag Alles auseinander, wüſt, zerſtückt, ſinnlos! Der freie Zug, der zuckende Nerv, die unwiderſtehliche Strömung— kalt, lahm, todt war das Alles jetzt! Aber er mußte! So fuhr er nach dem Clubbhauſe zurück. Die lange Fenſterreihe des Hauſes flammte lichterloh in die Nacht hinaus. Jüngling im Feucrofen, werd' ich dich retten können? ſeufzte Moorfeld ſchwer beladenen Herzens, indem er die Treppen hinanſtieg. Ein Stewart führte ihn durch eine glitzernde, etwas grell ausge⸗ ſchmückte Zeile von Sälen. Im Anblicke der Geſellſchaft, die Moor⸗ feld durchſchritt, jener glattraſirten, gantirten und toupirten Härings⸗ und Thran⸗Dynaſten, die als flüſternde, vornehm-kühle Gentlemens mit einer Bildung, die vom heutigen Dollar datirt, der morgen wie⸗ der verbanquerottirt ſein kann, ihre in Eis geſtellten, geſpenſtiſch⸗jugend⸗ lichen Geſtalten oder vielmehr Etiquetten gegenſeitig ſich hier präſen⸗ tirten: im Anblick dieſer bleizuckernen Welt des Egoismus ffühlte Moorfeld ſeine ganze Streitluſt wieder erwacht. So trat er vor einen — 478— Menſchen im ſchwarzen Frack und weißer Cravatte und mit einem Lächeln à la hausse auf der blank raſirten Lippe, den ihm der Stewart als Miſter Benthal vorſtellte. Moorfeld hätte ihn kaum noch erkannt. Aber Benthal erkannte ihn um ſo ſchneller. All ſeine Züge gingen in Freudigkeit auf. Mit dem Ton ſeiner alten Stimme und ſeines alten Herzens begrüßte er den wiederkehrenden Freund. Vor Allem meine Entſchuldigung, Verehrteſter, für mein Schweigen auf Ihr Reiſejournal, redete er Moorfeld an. Sie denken wohl, wie viel ich darauf zu antworten hatte, und ich war ſo occu⸗ pirt! Aber Sie wiſſen ſchon, Sie waren bei Frau v. Milden, nicht wahr? Gott! dort war ich nun auch ſchon nicht— laſſen Sie mich zählen;— mit Schaudern bring' ich's heraus,— ja, ſieben Tage ſind es! ſieben Tage! Wie man in die Schulden geräth! Wer mir das noch vor Kurzem geſagt hätte! Freilich hat mich mein liebes Lorettohäuschen neuerer Zeit nicht immer ſo liebenswürdig behandelt, wie ich's aus beſſern Tagen,— ach, es waren beſſere Tage!— gewohnt bin. Ich weiß nicht, was die Frauen haben, ihr Ton iſt manchmal ein ſo fremdartiger! es ſcheint ordentlich, als ob ſie einen unüberwind⸗ lichen Stolz vor einem reichen Manne hätten. Und es iſt doch nicht meine Schuld, wenn ich mit meinem bischen Wiſſen endlich auch einen Treffer ziehe. Aber vielleicht liegt's an mir ſelbſt. Der Menſch beob achtet ſich vortrefflich, wenn er allein iſt; wie ich mit den Frauen umgegangen bin, darüber habe ich wahrhaftig kein Urtheil. Möglich, daß ich nicht ganz correct war; mein Gott! eine ſolche Veränderung der äußeren Lage darf wohl auch inwendig Manches verſchieben— aber nein! nein! was ſag' ich: inwendig? Ein wenig Kopf verlieren, ein wenig ſtrudeln und wirbeln im Betragen, das hat ja mit dem Herzen nichts zu thun. Ach, in ſolchen Lagen iſt ein Freund wie Sie ein wahrer Segen! Sie kommen jetzt wie vom Himmel geſchickt. Wenn man ſich hier und dort mißverſteht, hier und dort zu ſtolz oder zu empfindlich iſt, es einzugeſtehen, wenn unzeitiger Trotz, ſelbſtgebildete Leiden, wenn der ewig rege Kitzel der Verliebten: ſich unglücklich zu fühlen, kleine Zwiſte zu raſchem und unheilbarem Bruche auszuklüften droht: da iſt der treue, ſtätige Charakter eines Mittlers in ſeinem ſchönſten und dankenswertheſten Berufe. Ich bitte, übernehmen Sie ihn gleich, dieſen Beruf. Entſchuldigen Sie mich bei den Frauen, ehe ich ſelbſ daß einbe Ich Schr nünf nur Ung pral ande das ſchen ewig kom wie' kön! lun, lun, als Sch Nan ſchle nem der aum All — 479— ſelbſt wieder erſcheine. Ich ſetze nämlich voraus, verehrteſter Freund, daß Sie ſelbſt wenigſtens ganz und voll mit meiner neuen Richtung einverſtanden ſind. Von den Frauen bin ich das leider nicht gewiß. Ich will eben nicht ſagen, daß ſie Murmelquellen⸗ und Strohdach⸗ Schwärmereien wären; nein! Frau von Milden denkt viel zu ver⸗ nünftig für ein ſolches Genre von Poeſie. Aber zuletzt iſt ſie doch nur Frau, und Frauen ſind für das Mittlere, Bürgerliche. Was an's Ungeheure, an's Million⸗Große geht, das ſcheint ihnen wieder ſo un praktiſch und ſchwindelhaft wie die Murmelquelle. Mit Ihnen iſt's anders, das bin ich überzeugt. Ja, Ihr Reiſejournal ſelbſt iſt's, auf das ich mich berufen darf. Was Sie über die Verrottung der Deut⸗ ſchen in Pennſylvanien geſagt haben, glauben Sie, das wird man ewig zu ſagen haben. Von der Idee ſind wir wohl Beide zurückge kommen, das Deutſchthum auf den Pflug zu gründen. Sie ſehen, wie's geht damit. Tauſende von Bauern, Tauſende von Handwerkern können wir in's Land werfen, und ſie werden immer eine Seitenſtel⸗ lung einnehmen. Ein einziger Bankdirector, ein einziger Großhand lungs⸗Chef aus unſerem Volke iſt ein ſtärkerer Keil unſerer Macht als Maſſen von nützlichen, aber verachteten Heloten. Nicht Härings⸗ Schwärme ſind die Gebieter des Meercs: der Leviathan iſt's. O dieſe Yankees! Wir müſſen ſie in ihrer höchſten, heiligſten Citadelle be ſchleichen: in ihrer Börſe. Dort, wo das Fett und Mark der Natio nen ausgekocht wird, dort müſſen wir mitkochen. Ein Quadratfuß ang dieſem Heerde iſt mehr werth, als eine halbe Million Acres in Miſ ſouri. Ja, ſo Gott will— ich ſinne Manches! Ich will dieſe Yankecs — ein Cäſar in der Wallſtreet— aber kommen Sie— ich mache ſchon wieder Aufſehen. Noch trauen ſie mir nicht ganz— Inſtinkt mindeſtens hat das Vieh, wenn gleich nicht Vernunft.— Das war nun einer jener häufigen Fälle! So glaubt ein Menſch wohlgerüſtet ins Geſpräch mit einem anderen zu gehen, hat Alles vorausgenommen, was vorauszunehmen war, und im Momente betritt ihn dann doch das Neue, Unvorgeſehene, und mit Ueberraſchung ent deckt er das Allernatürlichſte: daß ein Einziges ſich nie wahrhaft als ein Zweites zu ſetzen vermag. Vor dieſem Benthal erröthete Moor feld bei ſich, wie raſch ihn die Verwandtſchaft zwiſchen Dichter und Frauen in die nervöſe Furcht des Lorettohäuschens mit hingeriſſen. 480 Er verplauderte noch eine Weile mit dem alten Wiedergefundenen, den er immer mehr von Neuem erkannte, wenn auch in kühneren Linien und weiterem Zirkel, gleichſam das Ideal ſeiner ſelbſt. Es war ein Geſprächsgang im höchſten Style, und Moorfeld mochte ſelbſt die freundſchaftliche Smollis⸗Buße des vergeſſenen Du auf eine Stunde vertagen, die mehr vertraulich als geſchwungen war. Tief befriedigt kehrte er l Hauſe. Des andern Tages war unſer junger Europäer ſicher der unruhigſte Gaſt, der in ſeinem Boardinghouſe an der Tafel des zweiten Früh⸗ ſtücks oder ſogenannten„Lunch“ ſaß. Nach Aufhebung des Lunch ſchlug die legitime Stunde der Morgenviſiten. Der Wagen nach Frau v. Milden's Wohnung war ſchon früher beſtellt. Hundertmal zog Moorfeld die Uhr, mit ungeduldigen Blicken ſah er dem Meſſer des ſchwarzen Vorſchneiders zu, der die verſchiedenen Rumſteaks, Cote⸗ letts u. ſ. w. in all jene unzähligen Atome zerfällte, in welchen ſie den Gäſten dargereicht wurden. Da öffnete ſich die Thüre und ein Menſch, deſſen Aeußeres, wie gewöhnlich durch nichts ſeine Function be⸗ zeichnete, überreichte den Damen des Hauſes, einem jungfräulichen Schweſterpaar von myſtiſchen Jahren, welches der Tafel präſidirte, eine Karte. An einer hämiſchen Bemerkung, welche die herbſtlichen Fräuleins ſich zuflüſterten, bemerkte Moorfeld, daß es eine Verlobungs⸗ karte war. Hat die auch noch einen Mann bekommen! klang der chriſtliche Spott der welken Lippen, indeß die dürren Finger mit äußerſter Geringſchätzung die Karte von ſich ſchnellten. Das Blatt flog Moorfeld faſt in den Teller. Unwillkürlich ſiel ihm die Schrift ins Auge. Er las: Mr. Theodor Benthal Engineer and Surveyor with Mss. Sarah Staunton. denen, Linien ir ein ſt die stunde ubigſte Früh⸗ ſchlug Frau 2 3 „ des on be⸗ ulichen ſidirte, tlichen Sungs⸗ ng der er mit Blatt Schrift Viertes Kapitel. Moorfeld flog auf ſein Zimmer, lud ſeine Piſtolen, warf ſich in einen Wagen und eilte nach Staunton's Haus. Er hatte bei dieſem Creigniß vor Allem den Mißbrauch ſeiner Perſon zu rächen, welcher Benthal einen Auftrag an die Damen Milden gegeben, in dem Au⸗ genblicke, da ſeine Verlobungskarten mit Miß Sarah gedruckt waren. lher er fand Staunton's Haus verſchloſſen, die Jalouſien nieder⸗ Whre und nur Jack, der Neger, war da, welcher zu verkünden hatte, daß ſeine Herrſchaft heute Morgen eine Reiſe angetreten. Er zog von dem alt⸗anhänglichen Diener noch weitere Erkundigungen ein und ge⸗ langte zu der Ueberzeugung, daß er ſein Opfer aufgeben müſſe. Es war die öffentliche Meinung der Stadt ſelbſt, welche dem Hauſe Staunton, wegen des Ereigniſſes mit ſeinem Kammermädchen, dieſen zeitweiligen Rückzug auferlegte. Aber geſchickt hatte das Haus ſeine Ehrfurcht vor den Dehors mit dem Rückzuge des Schwiegerſohnes combinirt, der bei ſeinem raſchen, praktiſchen Auffaſſungstalente, ſeit geſtern Abend wohl wußte, was ihm bevorſtand. Dies war die Ein⸗ ſicht der Sachlage, welche Moorfeld in wenigen Augenblicken davontrug. Er kehrte nach Hauſe zurück. Er fing an, einen Brief an Frau v. Milden aufzuſetzen. Aber bald fühlte er, daß ſeine Hand keiner geraden Linie fähig war. Noch minder waren es ſeine Gedanken. Er warf ſich hin und ließ ſich zermalmen. Ein dumpfes Feuer breitete ſich aus in ihm, in welchem Alles ſtill und geſtaltlos zuſammen⸗ brannte. Er wunderte ſich, daß der Philadelphia⸗Bahnhof ſtand, daß Wagen raſſelten, daß Glocken im Hauſe ſchallten, daß er auf den Treppen den Yankee Doodle pfeifen und mit der Baguette an Pan⸗ talons ſchlagen hörte. Die Welt kam ihm wie ein Bilderbogen vor; er hatte das Gefühl, als ſei Alles um ihn her nur gemalt. Bei dieſer fürchterlichen Zerſtörtheit im Innern marterte ihn die äußere — 482— Geſundheit ſeiner Sinne, die deßungeachtet fortfuhren, ihm Vorſtellun⸗ gen und Bewußtſein zu vermitteln, ganz unerträglich. Ein Fieber⸗ Delirium wäre ihm Wohlthat geweſen. In dieſem Zuſtande traf ihn der Aufwärter, der ihm ein Billet abzugeben hatte. Es war eine Einladung vom Hauſe Bennet zum Thee. Mit den gemiſchteſten Gefühlen empfing Moorfeld dieſes Blatt. Sein erſter Schritt war vor den Spiegel. Leider! er ſah Alles darin, was ſeit dem camp meeting in Ohio bis zu dieſer Stunde auf ihn eingeſtürmt. Und hätte er ſelbſt ſich darüber täuſchen mögen: noch ſcholl ihm das unverfälſchte Kindeswort Malvinens im Ohre: Ach, Sie ſehen ſo blaß! Dieſes Wort für einen Gang zu Bennet galt ihm, was alten Staaten ihre politiſchen Orakel. Was war zu thun? Sich zu entſchuldigen und das Haus ſeiner Sehnſucht ſo lange zu meiden, bis die Zeit über ihre eigenen Ver⸗ wüſtungen ihr Grün und ihre Roſen wieder geſchlungen? Aber Das, was„die Zeit“ heißt, dieſe jugendliche Huldgöttin alles Lebens, dieſe herrliche Kraft des Vergebens und Vergeſſens,— ſtand ſie nicht mit den vollſten Fruchtkörben ihres Labſals an Bennet's ſchönem Haus altare ſelbſt? Stand ſie außer ihm, in trüber, ſelbſtquäleriſcher Muße, im verzehrenden Hinbrüten, im bodenloſen Betrachten und Durchdenken Deſſen, was ohne Boden iſt, weil der Gute und Gebildete Roheit und Egoismus im letzten Augenblicke ſo wenig begreift, wie im erſten? Moorfeld wog ſeinen Entſchluß hin und her. Er trat wiederholt vor den Spiegel. Alſo, ein Kranker, ſollte er dieſes Heiligthum betreten, ein Bedürftiger, Elender, ſtatt ein Mittheilender, Reicher? In einer Entſtellung, die jedes Kind verſcheucht, ſollte er ſich zeigen, wo Alles in ihm brannte, ſeine beſte, glänzendſte Geſtalt dem Auge zu bieten? Aber indem Moorfeld noch zu ſchwanken ſchien, durchdrang Licht und Wärme ſchon alle Räume ſeiner Phantaſie. Die Scenerie des Abends fing unwiderſtehlich in ihm zu leben an. Es wogte von Flam⸗ men, Bildern, Geſtalten, Glanz, Fülle und Wohllaut um ihn her, Sinne und Seele waren nicht mehr ſein, er dachte nichts Anderes mehr, als was in Verbindung mit jenem idealiſchen Schauplatze ſtand. Noch hatte er keinen Entſchluß gefaßt, aber die Stimmung ſelbſt war ſein Entſchluß. 5 — tellun⸗ Fieber⸗ Billet Thee. Blatt. darin, nuf ihn noch Ach, et galt zſeiner n Per r Das, 4. dieſe icht mit Haus Muße, hdenken Roheit erſten? polt vor getreten, in einer „Alles bieten 1 ng Licht erie des n Flam⸗ ihn het, Anders eſand tſt war — 483— In dieſer Stimmung entraffte er ſich der dumpfen Leidensöde ſei⸗ nes Zimmers und ſuchte die„friſche Luft“. Die Luft war mehr als friſch, ſie war rauh. Seit jenem zweiten Tagesritt an den Erieſee lag der Sommer, wie von einer ſcharfen Klinge geköpft, als plötzliche Winterleiche da. Unſer Europäer hatte zu erfahren, daß Amerika den Uebergang der Jahreszeiten gleich mancher anderen Schönheit entbehre. Er warf ſich in ein Segelboot und fuhr ſcharf dem ſchneidenden Nordwind entgegen. Ja, die froſtige Klarheit des Hudſon erregte ihm die ſchauerliche Begierde zu baden. Er fuhr den letzten Newyorker Bauten aus den Augen und that es. Nach einem zweiſtündigen Aus flug ließ er das Boot wieder wenden, das mit dem Winde ſtrom abwärts in einer Viertelſtunde zurückflog. Den Reſt des Tages brachte er unter den Händen des Friſeurs, am Toilettentiſch, vor dem Klei⸗ derſchrank zu. Er wollte mindeſtens vorbereitet ſein, wenn bis zum Abend ſein Entſchluß reif wäre, ihn auch ausführen zu können. Wußte er nicht, daß all dieſe Vorbereitungen ſelbſt nichts waren, als die Frucht der entſchiedenſten Reife? Und ſo ſtand ſein träger Stun denzeiger kaum auf ſieben Uhr, als er mit Muth, Luſt, Jugend, Stolz und Vertrauen ſich in den Wagen warf,— mit dem Stolze, daß der geiſtig überlegene Menſch ſich ſelbſt Erſatz ſei für einen un⸗ günſtigen Moment ſeiner Aeußerlichkeit, mit dem Vertrauen, ja mit der Zuverſicht, daß er endlich, endlich hier einen Gang mache, der ihm die erſte und letzte Genugthuung in Amerika biete. Jaren das Schneeflocken, die ein barbariſcher Nordoſt gegen ſein Wagenfenſter peitſchte? waren es Feuerſignale, die von dem Thurm der City⸗Hall tönten und die Stadt zu ſchauerlichem Tumulte auf regten? Liefen die Menſchen zu dem Brande, fegte ſie der raſſelnde Hagelſturm ſo herbſt-wild durch die Straßen? Der Kutſcher hieb auf die Pferde ein, der Wagen jagte wie auf einer verzweifelten Flucht, — Moorfeld ſah und hörte nur mit vorübereilenden Sinnen: es war ein unheimliches Stück Straßenleben, dem er auf dieſer Fahrt zur Staffage diente. Endlich hielt der Wagen unter den ſturmzerzausten Pappeln und Platanen des Parks auf der Battery. Die hellbeleuchtete Reihe von Bennet's Fenſtern warf irrende Lichter auf die Bäume, welche mit ihren triefenden Wipfeln unruhig — 484— bin und her wogten. Moorfeld dachte bei dieſem Bilde an ſeinen Fackelritt in der Waldnacht am Erieſee. Haſtig ſprang er aus dem Wagen, gegen alles Weh ſeiner Er⸗ innerungen in dieſes Haus, wie in einen delphiſchen Hain, zu flüchten. Er fand an der Auffa hrt noch mehrere Equipagen vor und trat mit mehreren Gäſten zugleich jetzt durch die weitgeöffnete Vorhalle. Zwei Neger in Lioree ſtanden rechts und links am Eingange, welche ſich die Namen der Ankommenden ausbaten, um ſie mit einer, nicht ſtets correcten Ausſprache ins Parlour vorauszurufen. Als Moorfeld ſeinen Namen nannte, öffneten ihm die Neger nicht das Parlour, ſondern einer derſelben bat ihn im Namen der Miſtreß Bennet, ihm ins Drawing⸗Room zu folgen. Moorfeld überließ ſich ihm. Er dachte unterwegs über die Ausbildung des republikaniſchen Geiſtes in Amerika nach. Der neue Gebrauch der Livree in der Newyorker haute Finance ſchmiegte ſich jedenfalls als eine pikante Illu⸗ ſtration um die Deviſe: all men are equal; ja, und hatte er nicht an einer der Equipagen, die vor dem Hauſe hielten, im Halbdunkel des Lampenſcheines deutlich ein Wappen erblickt? Indeß führte ihn der Neger durch jene Reihe von Apartements, welche die Kunſtſammlungen des Hauſes enthielten, der den Geſell⸗ ſchaftsſälen entgegenliegenden Seite zu nach dem Empfangzimmer der Hausfrau. Moorfeld trat in das Gemach, welches eine Milchlampe unter blaßrothem Lichtſchirm mild erleuchtete. Miſtreß Bennet verweilte ganz allein in demſelben. Sie erhob ſich bei Moorfeld's Anmeldung aus einem Schaukelſtuhl und trat ihm mit einer Blume in der Hand nicht ohne Bewegung, wie es ſchien, entgegen. Ich habe Sie bemüht, Herr Doctor, ſagte ſie, indem ſie ihm die Blume überreichte, um ſie mit einer Veränderung in unſerem Familien⸗ leben au fait zu ſetzen, von welcher es Mr. Bennet lieb ſein wird, wenn er ſie, im vis-Aà-vis mit Ihnen, ſchon als eine Vorausſetzung behandeln kann. Sie hatten die Aufopferung, in einem etwas— charakteriſtiſchen Augenblicke den Dehors unſerer Parthien einen großen Dienſt zu leiſten, indem Sie mit dem Verſprechen, die äſthetiſchen Studien meiner jüngſten Tochter zu leiten, einem peinlichen Eclat die ſeinen halle welche nicht nicht iiſtreß niſchen in der 1 Jlu⸗ nicht dunkel m ilien⸗ wird, ſetzung d— großen etiſchen — 485— Spitze brachen. Mr. Bennet hätte vlelleicht unſeren Vortheil ſo ſehr geliebt, das Impromptü jenes Augenblicks wörtlich zu nehmen; ja, Sie ſelbſt hätten vielleicht die Güte gehabt, demſelben eine gewiſſe Verbindlichkeit beizulegen. Ich darf Sie in dieſem Falle, Herr Doctor, indem ich Sie unſeres herzlichſten Dankes verſichere, von dieſer Ver⸗ bindlichkeit frei ſprechen. Miß Cöleſte hat inzwiſchen aufgehört, der väterlichen Gewalt zu unterſtehen. Sie iſt Braut mit Sir Edmund Ormond, Esquire. Moorfeld unterdrückte einen lauten Aufſchrei. Aber auch Mrs. Bennet ſchien ihrer Mittheilung nicht froh ge⸗ worden zu ſein. Mit einem leichten„darf ich bitten“ machte ſie Miene, den Arm ihres Gaſtes zu nehmen, mehr gepreßt von dieſem Gegenſtande weg⸗, als beeilt, in die Geſellſchaft hin zu kommen. Moorfeld ſtand reglos. Er war keiner Beſinnung fähig. Er bedurfte einer furchtbaren Kraftanſtrengung bis er die Unmöglichkeit, überhaupt zu ſprechen, beſiegt hatte. Nach einer Pauſe antwortete er: Madame, erlauben Sie mir, zu bleiben. Ihr Haus iſt heute, wie ich ahnen muß, nicht in den großen Geſellſchaftsſälen, es iſt hier in dieſem ſtillen Raume. Und für mich, der ich ein Fremder bin, wird es bald weder dort noch hier mehr ſein. Was ich gehört habe, gilt in der Regel für ein frohes Ereigniß; wie ich's gehört habe, ſcheint es eine Ausnahme von der Regel. Dieſer Zweifel martert mich. Ich nehme den innigſten Antheil an Ihrem Hauſe. O, geben Sie mir die Genugthuung, Madame, ehe wir uns in jene Säle verlieren, wo Glück und Unglück die gleichen Züge tragen, geben Sie mir die Genugthuung, daß Sie mir ein glückliches— ein Ereigniß, das Sie glücklich macht, mitgetheilt haben! Verzeihung, mein Herr, ich kann unmöglich geben, was ich ſelbſt entbehre. Jetzt ergriff Moorfeld den zarten Arm der Dame, aber er führte Sie an ihren Schaukelſtuhl zurück. Sie haben mir viel zu ſagen, Madame, ſtammelte er; Sie ſollen es ſagen! Ein Menſchenherz für ein Mutterherz! Dieſe Art poetiſcher Dictatur mußte etwas haben, das gefiel; auch war Miſtreß Bennet Pariſerin genug, den Umgangsformen eine gemüthvollere Freiheit zu bewilligen, als es eine Amerikanerin gethan D. B. VIII. Der Amerika⸗Müde. 32 — 486— hätte. Sie nahm ihren Platz ein und bat Moorfeld mit einer Hand⸗ bewegung, das Gleiche zu thun. Ich bin ſchwach genug, Ihre Theilnahme anzunehmen, ſagte die edle Frau mit einem Ausdruck des müdeſten Schmerzes. Aber nicht wahr, die Unglücklichen dürfen mit einander zwangloſer umgehen! Und ach, wir ſind unglücklich, mein Herr, wir ſind es, wie wenige Familien dieſer Stadt! Es wird mir von Jahr zu Jahr ſchwerer, den Troſt des Mitleids zu entbehren, den theilnehmende Freunde uns ent⸗ gegenbringen. Mr. Bennet mag mir's verzeihen! Wir laſſen uns ja willig zertreten, wird es uns doch erlaubt ſein, uns zu krümmen! Moorfeld war wie vom Blitze gerührt. Mr. Bennet— 2 das Wort erſtarb ihm auf den Lippen. Ja, Mr. Bennet! Mr. Bennet! wiederholte die Hausfrau mit Affect. Es wird dem Mann, deſſen glorreicher Ehrgeiz es iſt, zu den Medicäern ſeiner Nation zu zählen, es wird ihm in Ihrer Mei⸗ nung nicht ſchaden, wenn Sie ihn in ſeinem Hauſe, der Schattenſeite ſo vieler ausgezeichneter Männer, kennen lernen. Ich kann nicht anders! Es iſt mir Troſt, es iſt mir Lebensbedürfniß, den Schmerzens⸗ laut meiner Schmerzen hören zu laſſen. Ich reiße in dieſem Augen⸗ blick mit Verzweiflung mein Kind von meinem Herzen, und muß mir Glück wünſchen laſſen zu meiner Verzweiflung! Ha, ich ſollte nicht Ein, nicht Ein Herz den Vertrauten meiner Muttergefühle nennen dürfen? O, mein Herr, der Himmel hat Sie mir in dieſer Stunde geſchenkt! Helfen Sie mir weinen um das liebenswürdige Kind! Sechszehn unerfahrene, unſchuldige Jahre und— un mariage de déspération! Die Unglückliche! Das Genie des geiſtreichſten Vaters treibt ſie in die Arme eines— imbecille! Muß ich meine Cöleſte opfern für den Beweis, wie alle Gegenſätze ſich ihren eigenen Fluch erzeugen? Leider, ich muß es! Ich werde Ihnen nichts Neues zu ſagen haben, fuhr Miſtreß Bennet ruhiger fort. Sie kennen den Enthuſiasmus meines Mannes für die ſchönen Künſte. Er möchte ſeinem Vaterlande ein Auguſtus, ein Perikles werden. Ich glaube es aufrichtig, daß er es könnte. Ja, ich glaube an ihn. Hätte er die Kräfte einer Nation zur Ver⸗ fügung, er arbeitete mit dem Werkzeug, das er bedarf. Er wäre glücklich und der Kunſtadel der ganzen Erde mit ihm. Leider ſind — Hand⸗ te die nicht gehen! n uns nmen! 2 das u mit ſt, zu Mei⸗ tenſeite 1 nicht erzens Augen⸗ 6ß mir enicht nennen Stunde Kind! ſe de Paters Cöleſte Fluch Miſtreß Mannes uguſtus, könnte. ur Ver⸗ er wäre der ſind — 4s⸗ wir kein Reich, wir ſind nur ein Haus. Das iſt unſer Unglück. In weiten Entfernungen würde er erwärmen und beleben, im engen Fa⸗ milienraume verzehrt und tödtet er. Er iſt ein Jupiter und wir ſind— die Aſche der Semele! Moorfeld ſtöhnte unter Bergeslaſten. Ja, die Künſte haben keine Freiſtätte hier, eine Werkſtätte ſollen ſie haben. Ein Bennet will erſchaffen, was er genießt. Und ſo war es meinen Kindern ſchon in der Wiege dictirt: Du maleſt, du dichteſt, du modelirſt, du muſicirſt! Die Natur hatte nur das Recht, die Steuern zu bewilligen, die ihr Bennet auſerlegte, ſie durfte Ja ſagen, aber nicht Nein. Und wahrlich, ſie ſagte nicht nein! Die Kinder dieſes Vaters hatten wirkliche, angeborene Talente. Aber gibt es Mittel, das Talent ſich ſelbſt verhaßt zu machen, ſo gebrauchte ſie Bennet. Die Art, wie er die Talente weckte,— was ſag' ich,„wecken“? So weckt nicht das Morgenlied der Lerche, ſpielende Batterien wecken ſo. Er donnerte die armen Kleinen ſchon aus ihrem zarteſten Kindheitsſchlafe empor. Auf zur Arbeit! war das erſte Wort ſeiner Vaterlippe. Daß ſie in drei Sprachen zugleich erzogen werden, rechne ich noch für nichts, die Natur leiſtet wirklich Außerordentliches hierin. Daß ſie den Freuden ihrer Spiele, den geringſten Erhohlungen und Genüſſen ihres Alters entſagen mußten, daß ihre Kinderſtube ein Gedränge von Lehrern und Büchern erfüllte, zwiſchen welchem das flüchtigſte Lächeln einer Muße⸗ ſtunde erdrückt wurde, daß ihnen die friſche Luft, die Nahrung, die Ruhe des nächtlichen Lagers entzogen wurde,„weil die Götter den Sterblichen nur Alles für Arbeit verkaufen“,— das iſt ſchon etwas, mein Herr! cela commence à compter! Aber was ſoll ich ſagen, was ſoll ich als Frau ſagen, wenn dieſe dämoniſche Begeiſterung ſelbſt das Opfer der Schicklichkeit, des Anſtandes, des weiblichen Schamge⸗ fühls nicht für zu groß hält, um es ohne Weiteres zu ſordern? Jenny, meine älteſte, modellirt. Die Diana im Trumeau unſers Parlours iſt von ihr. Aber nicht Dilletantin ſoll ſie bleiben, ſie ſoll wetteifern mit Künſtlern, welchen das Studium der Antike, welchen der Anblick der unmittelbaren Natur zu Gebote ſteht. Und wir leben in Puritaner⸗ Slaaten, mein Herr! O, laſſen Sie mich ſchweigen! Von welchen Stür⸗ men, von welchem Thränenmeere rede ich da! Papa, ſie werden mit 32* 488 Steinen nach mir werfen! jammerte das verzweifelnde Mädchen. Laß ſie werfen, mein Kind, aber die letzten Steine werden Edelſteine ſein! ant⸗ wortete der Papa. Ja, das iſt ein griechiſcher Gott in einen Nankee gefahren! rief Mrs. Bennet mit Bitterkeit und Bewunderung zugleich. Jede Ader voll Poeſie— aber dieſe Gewaltthätigkeit gegen das Leben, dieſe Nicht⸗ achtung der Natur, dieſer grauſame, unerbittliche Vertilgungstrieb gegen Alles was frei wachſen, was ſein eigener Zweck auf ſeiner eige⸗ nen Bodenſpanne ſein will,— das iſt Culturtrieb in amerikaniſchem Styl! Abſolute Unfähigkeit zu ſchonen und zu lieben— neunzig⸗ gradiger Egoismus! Und doch— dieſes Ich, welch ein ſchönes, herr⸗ liches iſt es! Er macht unglücklich, nur weil er die Welt für unglück⸗ lich hält, die nicht ſeines Sinnes iſt. Auch war ich weit entfernt, und war er lange, mich ſelbſt und meine Kinder für berechtigt zu halten neben ihm. Es iſt was Ueberzeugendes, Hinreißendes in ſeinem Temperamente, etwas Fascinirendes, das in That und Willen den Widerſtand irre macht. Man fühlt ſich beſchämt von ſolcher Größe, man glaubt immer von Neuem, daß ſie möglich iſt. Erſt als ich die bleichen Wangen, die erloſchenen Augen, die ſchleichenden Pulſe, die kränkelnde Zartheit und Durchſichtigkeit von den jugendlichen Geſtalten meiner armen Kleinen mit keinem Vorwand hinwegleugnen, mit keiner Geduld zu Ende warten konnte, fing ich an, die Erſtlingseinwürfe meiner Mutterangſt zu ſtammeln. Ah, Bennet belehrte mich eines Beſſeren!„Das iſt die Flamme des Genies, welche die Materie auf⸗ zehrt; man muß ihr Luft ſchaffen!“ und nun kamen Bücher zu den Büchern, und Lehrer zu den Lehrern, und Aufgaben zu den Ar⸗ beiten, und Luft wurde geſchafft, daß uns der Athem ſtockte! Das iſt unſer Familienleben, mein Herr. In Unterwerfung zu Grunde zu gehen, oder uns zu retten— durch Rebellion, dieſe traurige Wahl bleibt uns allein. Die Kinder nähern ſich dem Einen oder dem Andern, je nach der Verſchiedenheit ihrer Inclinationen. Mein Sohn Edgar empörte ſich zuerſt. Als ein Knabe von eilf Jahren lief er in die Kriegsſchule nach Weſt⸗Point, und keine Macht der Welt wäre im Stande geweſen ihn zurückzuführen. Dort ſtudirt er nun,— mein mütterliches Auge entbehrt ſeinen Anblick. Erſt ſeit Kurzem ſehen wir uns öfter; lange hießen meine Beſuche Conſpiration! —— — 489— Der Meißel, der ihm beſtimmt war, ging auf Jenny, meine zweite Tochter über. Die duldet, ſo weit ſich dulden läßt. Charakterfeſter wie⸗ der iſt mein viertes Kind, Cöleſte. Ihre Specialität iſt die Poeſie Die Entſcheidung dafür dabirt von einem Zufalle. Wir erwarteten den Papa von ſeiner zweiten europäiſchen Reiſe zurück, es war im Jahre zweiundzwanzig. Cöleſtine ſtand im ſiebenten Jahre. Ma, ſagte ſie, ich will den Pa mit einem Gedichte empfangen. In der That ſchrieb das Kind in dieſem Alter ein paar franzöſiſche Strophen, an denen ich wenig oder nichts zu corrigiren fand. Bennet aber kam direct von Genua, von der poetiſchen Hofhaltung Lord Byron's. In welchem Zuſtand ſeiner Jmagination, mögen Sie ſelbſt denken. So trat ihm nun ein kleines, ſtammelndes Kind an der Schwelle ſeines Hauſes entgegen, mit einem Orangeblüthenzweig in der Hand, mit dem Wohl⸗ laut ſelbſtgedichteter Verſe auf den Lippen— verhängnißvoller Eindruck! Wer dieſes Kind nicht für den erſten Genius ſeiner Zeit hielt, der verlor ſeinen Anſpruch auf Bildung. Bennet war außer ſich. Auf, auf, Bücher! Lehrer! Studirlampen! welche Vaterpflichten ſind hier zu erfüllen! Schlaf, Spiel, Erholung,— gemeine Einreden! Der verſteht den Genius ſchlecht, der nicht weiß, daß er an ſich ſelbſt ſich erholt. Es gibt nur Eine Erholung von der Arbeit,— die Arbeit! Nun iſt aber Cöleſte eigen geartet. Die ganze Wucht der väter⸗ lichen Erziehungstyrannei drückte auf ſie überwiegend, und doch war ſie es zugleich, die am wenigſten klagte. Sie hatte Ehrgeiz. Was immer ihr auferlegt wurde, ſie verrichtete es nicht nur, ſie that noch drüber. Sie rivaliſirte gleichſam mit ihrem Vater. Die Thränen traten mir oft ins Auge, das Mädchen zu ſehen. Statt mit dem Roth der Ge⸗ ſundheit, mit der feinen geiſtigen Glut des Wetteifers auf den Wan⸗ gen ſaß ſie da, überbot ihre Aufgabe, überbot ſich ſelbſt und brannte vor Begierde, zu überraſchen. Nicht der Vater, der Gentleman nur allein, hätte ſeinen Degen ſenken müſſen vor der Galanterie ſeines Kindes. Leider! Bennet war nicht zu überraſchen. Seine Anſprüche wuchſen mit der Befriedigung, und das arme Kind erarbeitete ſich nur Mißhandlungen. Da wandte ſich ihr Herz. Mit dem Stolze des beleidigten Adels trat fie in ſich zurück. Ihre Stimmung wurde eine gereizte, feindſelige. Sie ließ alle Forderungen über ſich ergehen und ſchärfte ſich trotzig die Lippen dazu. Sie machte nicht den Eindruck einer leidenden Na⸗ — 190— tur, ſondern einer, die ihren Tag abwartet. Bennet verſtand ſie nicht. Er hielt den Himmel für ruhig und glaubte, er ſei der Donnerer darauf, nicht ſie, der kleine reſervirte Trotzkopf. In dieſer Verfaſſung waren die Gemüther, als der Tag von Saratoga anbrach. Ich hoffte von der veränderten Hausordnung, von dem heiteren Naturgenuß, von dem ganzen Schwung dieſer Ferien einen heilſamen, mildernden Einfluß. Das Gegentheil kam. Wir waren di⸗ rect in die Löwenhöhle getreten. Die Saiſon von Saratoga war eine der glänzendſten: man ſah, daß die Pairskammer Karls X. und die Fürſten der polniſchen Nation Nomaden geworden. Bennet begrüßte von ſeinen drei europäiſchen Reiſen her viele alte Bekanntſchaften und machte noch mehr neue. Die Albumsblätter wanderten im lebhafteſten Austauſch hin und wieder. Kein Tag verging, daß nicht mehrere Un⸗ ſterblichkeiten zu ſtiften waren. Denn ſo faßte es Bennet auf. Welch eine Gelegenheit! Europas Pforten waren dem Dichterruhm ſeiner Tochter geöffnet. Die haute volée aller Länder gab ſich zur Colpor⸗ tage ihrer Verſe her. Wen dieſe Gelegenheit nicht begeiſterte, das war ein Cretin, kein Menſch! Bennet's Forderungen kannten keine Grenzen mehr! Er hatte alles Bewußtſein verloren, was menſchlich zu leiſten. Sechsmal zerriß er Cöleſten ein Albumsblatt für einen griechiſchen Palikarenhäuptling. Welche bassesse in Form und Gedanken! Das muß anders tönen, meine Gute! Dieſes Volk iſt an die Solitaire eines Byron gewöhnt, und Apoll ſelbſt nennt es ſeinen Landsmann. Er vergaß ſich ſo weit, daß er ſie einſperrte und ihr die Nahrung entzog, bis ſie ſo klaſſiſch geworden, wie es ihm vorſchwebte.„Sing⸗ vögel und Jagdhunde muß man kurz halten!“ Sie ſehen, es eilte zum Ende. Und juſt an dieſem Tage kam der Pudel Omar mit ſeinem Ver⸗ ehrer, Lord Ormond, an. Der edle Herr war inzwiſchen zwar nicht wirklich Lord geworden, aber er hatte einen Seitenverwandten aus der Gentry beerbt und konnte wieder ſtandesgemäß in England auftreten. Er verabſchiedete ſich von uns. Bei dieſer Gelegenheit beobachtete er es als eine Form der Höflichkeit, meiner Tochter die Hand zu bieten. Racheglühend, ich muß das Wort betonen, mein Herr, racheglühend nahm Cöleſte an. Augenblieklich ſetzte ſie ſich hin und ſchrieb— an Mr. Bennet ihre Verlobungskarte! Es iſt dieſer Gebrauch kein ſelteneer ☛ — 191— zwiſchen Kindern und Eltern in Amerika— leider! kam er jetzt auch in meiner Familie vor! Hohnlachend ſtürzte der Vater vor ſeine Tochter. Gut gemacht, Lady, gut gemacht! Und das ſoll Bennet's Blut ſein!— Es iſt's, Sir! Eine Bennet iſt lieber die Herrin eines Narren, als die Sklavin eines Genies! Bennet erblaßte. Es ahnte ihm zum erſtenmale, daß ſein Kind ein Charakter.— So, mein Herr, iſt Miß Cöleſte Braut geworden. In dieſem Augenblicke fiel ein Schuß auf der Straße. Werther! rief Moorfeld emporfahrend. Es iſt ſeit geſtern und heute ein wenig unruhig in der Stadt, ein Riot ſcheint im Anzuge, ſagte Mrs. Bennet mit tiefer Gleichgiltigkeit. Moorfeld kam zu ſich. Glücklicherweiſe— wußte er— klingt Werther zumeiſt Worther im Engliſchen; das gräßliche Streiflicht über ſein Inneres konnte unzündend abgeblitzt ſein. Er kehrte an ſeinen Platz zurück. Die gebeugte Frau war mit ihrer Mittheilung zu Ende. Mühſam nahm Moorfeld das Wort: Ich muß mich mäßigen, Madame, mein Mitgefühl Ihnen auszuſprechen. Sie haben mir gezeigt, was an dem Fluche unſerer Poeſie der Antheil der Frauen iſt; könnte es Ihnen zum Troſte gereichen, ſo würde ich Sie auffordern zu einem Rück⸗ ſchluß auf uns ſelbſt. Sie würden Schuld und Strafe, dünkt mir, in einer ſchauerlichen Harmonie finden. Doch nichts davon! Tragen Sie den Widerſchein eines Unglücks als ein ganzes und volles Unglück, ich will nichts verkürzen daran. Nur noch meinen Dank für Ihre Schonung. Daß ich in dieſe Verhältniſſe als ein verkörperter Nero über Ihre Schwelle trat, daß die Ausſicht auf einen Wintercurſus mit dem Kritiker von„Schäfer's Botſchaft“ das Maß füllen mußte ſchon vor Saratoga— Sie haben es mir, verehrteſte Frau— Verzeihung, Herr Doctor, unterbrach Miſtreß Bennet. Ihr Auge ruhte mit jener Anerkennung auf Moorfeld's Geſtalt, wie nur die Franzöſin, im Beſitze ſouveräner und berechtigter Geſchmacksherrſchaft, blicken darf. Allerdings konnte Ihre Erſcheinung nicht ungezählt blei⸗ ben in unſerm Hauſe. Aber gefürchtet wurde ſie nicht. Das Gegen⸗ theil iſt wahr. Cöleſte, die ſich zuweilen in Paradorxien gefällt, ſagte gradezu: Ich vertraue dieſem Europäer, er wird Poet genug ſein, gegen die Poeſie mich zu ſchützen. — 492— Moorfeld ſchrack zuſammen. Er überblickte den ganzen Werth die⸗ ſes Mädchens. Wo hatte ſie den höchſten Begriff der Poeſie gefunden: Eigenthümlichkeiten zu verehren, nicht umzubilden, wenn nicht in ihrer eigenen herrlichen Seele? Und doch! Und doch, fuhr Mrs. Bennet fort, für uns gibt es keine Hoff⸗ nung! Auf meinen Mann iſt nicht anders zu wirken, als mit ihm. Keine Oppoſition iſt einflußloſer als gegen Mr. Bennet. Wir werden einen Freund gewinnen, ſagten Doctor Channing und Doctor Gris⸗ wold, das heißt: wir werden einen Mann mehr haben auf unſerm Rückzuge. Leider iſt es ſo. Wir haben unſern Freunden nur eine ver⸗ lorne Sache zu bieten. Neue Opfer den alten hinzuzufügen, wäre nach unſern Erfahrungen grauſam geweſen. Wir können uns nicht hel⸗ fen,— mindeſtens nicht anders, ach! als es Cöleſte gethan. Während Mrs. Bennet noch ſprach, öffnete ſich leiſe die Thür des Drawingrooms. Cöleſte ſelbſt war es. Als ſie Beſuch ſah, trat ſie ſo⸗ gleich wieder zurück, aber ſchon hatte ihr halb ſichtbares Bild zwiſchen Thür und Angel Moorfeld's Auge geſtreift. Moorfeld ſprang auf und ging dem Mädchen entgegen. Er nahm ſie bei der Hand mit den Worten: Wir ſprachen von Ihnen, theuerſte Miß; ſchenken Sie uns einen Augenblick Ihre Nähe. Ich habe Ihnen meinen Glückwunſch zu Füßen zu legen. Sie werden, wie ich höre, in die große Welt ein⸗ treten. Auf dieſem Wege werden Sie einen großen Schatz finden,— das Bewußtſein, was für ein unermeßlicher Beſitz es iſt, ſich ſelbſt zu haben! Sie werden inne werden, daß die Welt, in welcher Jeder ſein eigener Mittelpunkt zu ſein glaubt, nichts ſo naturgemäß ſucht, als ſich um den Hof einer edlen und ſchönen Selbſtſtändigkeit zu grup⸗ piren. Dieſes Glück zu finden, erwartet Sie unter allen Umſtänden und dazu bringe ich Ihnen meine aufrichtigſten Wünſche. Ein tiefes, kraftgebändigtes Beben klang durch Moorfeld's Stimme, als er dieſe Worte ſprach. Cöleſte ſelbſt vermochte nicht anders zu antworten, als mit ſtummer Gebärde. Indem ſie jetzt tiefer ins Licht vortrat, rief Mrs. Bennet bei ihrem Anblick: Aber welche Toilette, mein Kind? Das junge Mädchen trug ein ſchwarzes Atlaskleid mit einem Schmucke von Coque⸗Perlen. Es contraſtirte mit einer magiſchen Wirkung zu der ſtillen, marmornen — Bläſſe ihres Antlitzes. War es eine Caprice, ſo war es auch— eine Wahl.. Cöleſte hatte inzwiſchen die Faſſung errungen, Moorfeld anzu⸗ reden. Sie ſprach ohne aufzublicken: Meine Mutter wird Ihnen ge⸗ ſagt haben, Herr Doctor, wie ſehr es mich gefreut hätte, dieſen Winter einen Theil meines Bildungsweges mit Ihnen zurückzulegen. Meine — plötzliche Reiſe nach Europa bringt mich um dieſen Gewinn. Darf ich Sie jetzt bitten, mir ein Zeichen mitzugeben, das ich als Denkmal— ſelbſt einer vereitelten Hoffnung noch werth halten werde? Darf ich mir erlauben, Herr Doctor, Ihnen mein Gedenkbuch vor⸗ zulegen? Indem Moorfeld den Klang dieſer Stimme wieder hörte, ſchauerte ſein ganzes Inneres zuſammen. Mit Miühe ſtotterte er eine übliche Formel der Bejahung. Cöleſte holte das Buch. Moorfeld rückte an den Tiſch und verſuchte zu ſchreiben. Aber ſeine Hand zitterte heftig. Er ſetzte wiederholt an,— es gelang nicht. Ich bitte, mit dem Blatte nach Zeit und Muße zu verfügen— ſagte Cöleſte— wir reiſen wahrſcheinlich erſt in vierzehn Tagen. Verzeihung, Miß, ich ſchon morgen, war Moorfeld's Antwort. Cöleſte blickte erſchrocken⸗fragend auf. Moorfeld war nicht im Stande, ihren Blick zu ertragen. Er ſtand auf und machte einige Schritte durchs Zimmer. Der Moment wäre nicht zu bewältigen geweſen— da fiel Moorfeld's Blick auf eine Violine im unterſten Fach des Glasſchrankes. Es mochte jene monu⸗ mentale Violine ſein, welche Mr. Bennet zum Andenken an den er⸗ ſten amerikaniſchen Walzer aufbewahrte. Wie der Blitz auf ſeinen Ableiter, ſo ſtürzte Moorfeld auf das Inſtrument. Er that ein paar Probegriffe, dann fing er zu phantaſtren an. Die Geige hatte einen weiten großartigen Ton; der Spieler empfand ſogleich ihren ganzen Geiſt. Er begann einen breiten heroiſchen Satz, ſchwebend, wie aus⸗ gebreitete Adlerflügel, hoch in der Höhe. Er zog Töne von hinreißen⸗ der Beredſamkeit, es war Schmerz darin, aber der Schmerz eines Demoſthenes um die ſchönſte Weltrepublik. Nicht lange declamirte er ſo. Dieſer erſte, volle Trunk der muſikaliſchen Seele gethan, ſchöpfte ſie gieriger, wilder. Bald hackten ſich kurze, ſcharfſchnäbliche Triolen in die breite Prometheus⸗Bruſt des Eingangsſatzes ein, und die ehr⸗ — 494— bar⸗ſchöne Weltordnung der Antike zerfetzte romantiſches Galgen⸗ und Zwielichts⸗Gevögel. Auf einmal war der Jammer entſchieden; in einem humoriſtiſch⸗verzweifelten Tremolo ſprang's wie ein Pudel,— ein wohlbekannter Pudel!— in die vier Saiten und apportirte dem olympiſchen Griechenland bulgariſches Zigeunergeſindel. Schneller jagt Aprilſchnee ſich mit Aprilſonne nicht, als Gluck's Styl in eine Fan⸗ taſie nach dem Rakoczy⸗Marſch umſprang. Als Cöleſte dieſe Rhythmen hörte, bedeckte ſie ihr Antlitz mit beiden Händen und ſank kniend in den Schooß ihrer Mutter. Der ſpornklirrende Kriegsgeſang jagte über ſie hin, unaufhaltſam. Zaum⸗ und zügellos flogs haide wild dahin: Schlachtluſt, Abſchiedsweinen. Ein Narbengeſicht in Thrä⸗ nen! In dieſen Klängen athmete Moorfeld Heimatsluft. Schenken⸗ luſtige Tänze wirbelten, türkiſche Krummſäbel und ungariſche Pallaſche klirrten, man ſah das Schlachtfeld der Völker, das Schlachtfeld der Herzen, denn immer und immer weinte es in jenen herzzerreißenden Molltönen dazwiſchen und am Horizont des Kriegsgetümmels ſtand verlaſſene Liebe! So trieb's Moorfeld bis der letzte Tropfen Herzblut herausgeſchüttet war, dann warf er die Geige wild hin und rief nach der Thüre ſtürzend:„Auch das iſt ein Andenken! Nein, ſo dürfen Sie nicht von uns! rief Cöleſte aufſpringend, außer ſich. Sie hielt Moorfeld zurück. Der weibliche Genius des Be⸗ ruhigens flehte um einen Sonnenblick in ſeinem Auge. Dringend faßte ſie Moorfeld's Arm— ſo dürfen Sie nicht von uns! das darf Ihr letztes Wort nicht ſein! Es iſt's nicht! antwortete Moorfeld,— ich werde den Frauen⸗ herzen noch manches Souvenir ſchreiben! Verfolgen Sie den Dichter⸗ namen Nicolaus— Seine Stimme brach,— ein Blick,— ein Händedruck— er ſtürmte hinweg. — — — 4195 Fünftes Kapitel. So erwachte Moorfeld zu ſeinem letzten Morgen in Amerika. Tags nach dieſem Abend fuhr er mit der erſten Geſchäftsſtunde an den Hafen, entſchloſſen, jede Gelegenheit nach jeden europäiſchen See platz anzunehmen, einzig bedingend, daß die Anker noch heute gelichtet wurden. Er fand ein Dampfboot, deſſen Abfahrt auf zehn Uhr feſtgeſetzt war. Natürlich waren die Plätze beſetzt, aber ein junger fran⸗ zöſiſcher Arzt, der in Amerika eine Studienreiſe gemacht, hatte die Ar⸗ tigkeit, ihm ſeinen erſten Cajütenplatz zu verkaufen. Das Dampfboot hieß— Riego. Die Stadt Newyork feierte der Einſchiffung Moorfeld's ein wildes Abſchiedsfeſt. Wie die Fugen der Alltagsordnung ſchon ſeit zwei Ta gen oder vielmehr Abenden in ein verdächtiges Schwanken und Krachen gerathen, haben wir mitten aus dem erſchütterungsvollen Eigenleben Moor⸗ feld's heraus im Fluge bemerkt. Aber bei ſeinem heutigen Erwachen fand er die Pulvermine in voller Exploſion. Schon auf der Fahrt nach dem Hafen zeigte die Stadt ein entſetzliches Antlitz. Arbeiter, welche in ihre Fabriken zogen, ſtanden überall in beſtürzten Gruppen umher, Kaufläden blieben verſchloſſen, und ſtierten, wie von einem böſen Traum befangen, mit den Vorhängſchlöſſern der Nacht in den hellen Tag hin ein, die belebteſten Paſſagen waren unverhältnißmäßig öde, oder was ſich von Menſchen und Wagen bewegte, ſchien wieder in rückgängiger Bewegung vom Tagesgeſchäft begriffen— Alles trug die Miene der Angſt und Verwirrung. Moorfeld, in ſeinem gräßlichen Seelenkrampf keines äußeren Eindruckes fähig, fuhr durch dieſe Scene ohne ſie zu bemerken, bemerkte ſie, ohne zu fühlen und zu denken. Erſt am Ha⸗ fen drang ſich das öffentliche Zittern unwillkürlich ſeinem Intereſſe auf. Ueberall begegnete er bangen Geſichtern. Ueberall wurde er be⸗ fragt, was er von den Ereigniſſen der Nacht wiſſe, überall liefen Men⸗ — 496— ſchen hin und wieder, welche ihrerſeits Gerüchte darüber ausbreiteten. Seltſam, wie eine große Stadt von den Lebensvorgängen in ihren Extre⸗ mitäten ſo unzuverläſſig und ſo ſpät eine beſtimmte Empfindung im Centrum ihrer Nervengefäße erlangen kann! Im Hafen wußte man we⸗ nig oder nichts von dem, was Schreckliches in den nördlichen Ausläu⸗ fen Newyorks vorgefallen. Im Allgemeinen verlautete nur von einer großen Feuersbrunſt. Aber Niemand wußte zu ſagen, was verbrannt, wie weit der Brand um ſich gegriffen, ob die Flamme ſchon bewältigt,— ja, es ſchlich ſelbſt der Zweifel umher, ob man überhaupt löſchen wollte, und eine Furcht, die alles Blut von den Wangen trieb, rieſelte durch die Adern der Bevölkerung, daß ſie auf dem Krater geheimniß⸗ voller Verbrechen, gräßlicher Verſchwörungen ſtehe, daß ein unbe⸗ kanntes Verderben über ihrem Haupte ſchwebe, von welchem Niemand eine beſtimmte Vorſtellung hatte, welches anzudeuten, allein ſchon für Mitſchuld galt, welches aber durch ſtockendes, zähneklapperndes Schwei⸗ gen eben am fürchterlichſten vergrößert wurde. Als Moorfeld vom Hafenplatze wieder zurückfuhr, ſollte es ſein letztes Geſchäft ſein, ſich den Prozeß um ſein Landloos vom Halſe zu ſchaffen. Er lenkte nach dem Hotel ſeiner Geſandtſchaft, um unter den erforderlichen Rechtsformen ſeine Vollmachten auszuſtellen und dann den widerlichen Handel auf ewig zu ignoriren. Ein blutiges Aben⸗ teuer begegnete ihm auf dieſem Wege. Ein Menſch ſtürzte dem Broad⸗ way herab, gehetzt er von ein Meute Rowdies, welche Revolvers nach ihm abfeuerten, abgefeuerte Revolvers nach ihm warfen und ihm mit dem Geſchrei: Schlagt ihn todt, ſchlagt ihn todt! ein deutſcher Mord⸗ brenner! wie eine Bande entfeſſelter Höllengeiſter zuſetzten. Moorfeld ſchrie ſeinem Kutſcher augenblicklich die Weiſung zu, zwiſchen Verfol⸗ ger und Verfolgten quer in den Weg zu fahren, aber der Zuruf war offenbar eine Interjection der Verzweiflung, und hätte ſie direct der Vernichtung ausgeſetzt. Auch beugte der Kutſcher gerade entgegen⸗ geſetzt aus, und im Nu war die wilde Jagd aus den Augen. Schauer⸗ lich tönte es aus der Ferne zurück: Schlagt ihn todt! ein deutſcher Mordbrenner! Eine entſetzliche Ahnung ſtieg in Moorfeld auf. Erdachte an die Scene, der er vor zwei Tagen in Kleindeutſchland beigewohnt. Es blieb kein 4 Zweifel übrig; hier war ein Riot gegen die Deutſchen ausgebrochen. — 49— Ohne Beſinnen befahl er dem Kutſcher, in das nördliche Stadt⸗ quartier zu fahren. Der Kutſcher weigerte ſich. Nach langem Wort⸗ wechſel entſchloß ſich Moorſeld, auszuſteigen und die unermeßliche Strecke zu Fuß auf ſich zu nehmen, dem Zufall überlaſſend, ob ihm unterwegs ein willigerer Kutſcher aufſtoßen würde. Aber kaum hatte er einige hundert Schritte zurückgelegt, als ihm wiederholt Menſchen entgegen kamen, welche mit haſtigen Schritten und erſchrockenen Mienen ihm die Worte zuriefen: Kehren Sie um, Sir, die Stadt iſt heute in ſchlimmen Händen! Und je weiter er vordrang, deſto ſprechender beſtätigte Alles dieſe Warnung. Er fand hier einen Revolver, dort einen Schlagriemen, hier eine grimmig zertretene Alarm⸗ trommel, dort Blutſpuren auf ſeinem Wege. So erreichte er City⸗Hall. Welch ein Schauſpiel! Das Stadthaus, der Sitz der Ordnung und Gewalt, der Thron der bürgerlichen Maje⸗ ſtät, der Herzmuskel, von welchem Geſetzes⸗Kraft und Anſehen, wie das Blut, bis in die fernſten Aeſte des öffentlichen Gemeinweſens aus⸗ ſtrömen ſollte: das Stadthaus fand er wie einen hilfloſen Hirſch, an dem die Meute der Hunde mit tödtlichen Biſſen hängt. Tauſende von Rowdies belagerten das Haus. Sie ſtacken theils in den eleganten Uniformen der Löſchcompagnien, theils waren ſie anſtändig, ja fein in Civil gekleidet— ein fürchterliches Geſindel, das mit ſeinem Wohl⸗ ſtande nicht den brutalen Thiertrieb, ſondern die raffinirte, teufliſche Bosheit verräth. All dieſe Banden waren mehr oder minder betrun⸗ ken, zerfetzt, beſudelt, der Park ſelbſt von den vielen Feuerſpritzen in einen Sumpf verwandelt, in welchem ſich die Herren des Platzes mit johlender Wolluſt wälzten. Geſchrei, Flüche und Piſtolengeknall erfüllte die Luft, vermengt mit dem Rufe: Heraus die Deutſchen! die deutſchen Mordbrenner heraus! welches mit einer ſo kanibaliſchen Mord⸗ gier gebrüllt wurde, als ſollte der Marmor des Stadthauſes, wie Jerichos Mauern, davor in Trümmern ſpringen. An dieſer Stelle hatte Moorfeld zugleich das Ziel ſeines Vordrin⸗ gens erreicht. Nach jeder nördlichen Richtung hin fand er die Straße geſperrt. Die Fortſetzung des Broadways, die Centre⸗Street, die Cha⸗ tam⸗Street, keine Ausmündung war zugänglich. Tief in all dieſe Straßen hinein lagerten die Banden der Rowdies, trieben ſich Geſtal⸗ ten von Ruß, Blut und Brandy in wilde Thiere verwandelt, pol⸗ 4 498— ternd, heulend, und im Beſitz aller möglichen Waffen zu jedem Ver⸗ brechen aufgelegt, umher. Sie ſperrten den Brand ab, wie ſie ſagten, d. h. ſie ließen ihrem Wüthen in Kleindeutſchland keine Intervention zu. Moorfeld mußte ſeine Verſuche, an jenen Schauplatz des Unglücks durchzudringen, der Reihe nach aufgeben. Bei dieſer verhängnißvollen Unmöglichkeit blieb ihm nichts übrig, als der ſchwache Troſt, daß die Inſaſſen des grünen Baums vielleicht eben im Stadthauſe ſelbſt ein momentanes Aſyl gefunden. Das Geſchrei nach dem Blute der Deutſchen, das wolfsgierig zu allen Fenſtern hineinheulte, ſchien dieſe Vermuthung zu erlauben. Freilich blieb es dann zweifelhaft, wie lange dieſer Schutz ausreichen und ob die anarchiſchen Rotten nicht zum Sturm ſelbſt vorſchreiten würden. Wie frech ihre Dictatur das obrigkeitliche Anſehen mit Füßen trat, davon ſah Moorfeld mit eigenen Augen eine Probe. Als das Mord⸗ geſchrei nach den Deutſchen den wildeſten Grad erreicht hatte, trat der Mayor von Newyork mit einigen Aldermens auf den Balkon. Meine Herren, haranguirte er die Aufrührer, wir ſind ſoeben mit dem Ver⸗ höre der geflüchteten Deutſchen beſchäftigt, und machen Sie darauf auf— merkſam, daß Ihre Ungeduld um prompte Juſtiz nur geeignet iſt, das Werk der Juſtiz aufzuhalten. Ich verſichere Sie übrigens als Gentle⸗ man, daß eine exacte Gerechtigkeit gehandhabt werden ſoll. Sie mögen ſich, meine Herren, über dieſen Punkt vollkommen beruhigen. Bis da hin empfehle ich die Stadt Ihrem Schutz und hoffe zu der Loyalität freier und aufgeklärter Bürger, daß Sie einer ſo billigen und geſetz⸗ lichen Aufforderung Folge leiſten werden.— Moorfeld traute ſeinen Ohren nicht, als er in dieſen Worten Newyork in die Discretion von Meuterern ſtellen hörte. Wo bleibt die Polizei, die Stadtmiliz? fragte er ſtaunend einen wohlgekleideten Bürger neben ſich. Ich rathe, Miſter, wir thun wohl, das Wort Polizei und Stadtmiliz heute nicht auszu⸗ ſprechen, antwortete dieſer erſchrocken und rückte von Moorfeld's Seite. Die Rowdies aber waren von der Anrede des Mayors noch ſo wenig befriedigt, daß ſie mit einer Feuer pritze vorfuhren und unter betäu⸗ bendem Gebrüll einen Waſſerſtrahl auf das Haupt der Stadtobrigkeit ſchleuderten. Moorfeld kehrte wieder um. Unvermögend, dem Brennpunkte die⸗ ſer Frevel einen Zugang abzugewinnen, noch mehr, irgend eine nütz⸗ liche That zu thun, mußte er ſich darauf beſchränken, in Europa aus 13 en öge da lität eſetz einen von ragte iſter, — de nütz 8 — a99— Zeitungsnachrichten zu erfahren, wie der Lavaſtrom dieſes Tages noch ſeinen verderblichen Lauf genommen. Er hatte jetzt keinen Augenblick zu verlieren, ſein Geſchäft im Geſandtſchaftshotel abzumachen. Als Moor⸗ feld dieſes Gebäude erreichte, ſah er die Fenſter des Baſements von kriegeriſchen Geſtalten erfüllt, welche Gewehr im Arm, auf alle Fälle gerüſtet daſtanden. Es war ein braves Häuflein deutſcher Newyorker Bürger, welche zum Schutz ihrer Landsleute, die ohne Unterſchied der provinziellen Abſtammung in das Geſandtſchaftshotel der erſten deut⸗ ſchen Großmacht geflüchtet, ſich in unerſchrockener Bürgerwehrpflicht eingefunden. Sie ſagten, ſie hätten ſchon vor Tags eine Locomotive nach Philadelphia requirirt, um den Zuzug der dortigen deutſchen Schützencompagnie, die jetzt in jedem Augenblick eintreffen werde. Dann möge der Tanz wohl aus einer andern Tonart gehen. Es habe nicht viel auf ſich mit dieſen Burſchen. Strohfeuer ſei's, üppige Büberei, das Geſindel hüte ſich wohl, deutſches Pulver zu riechen. Dieſe Sprache war ein Lichtblick in dem Pfuhl ſo vieler Abſcheulichkeit. Und daß ſie nicht übertrieb, bewies die That. Kein Rowdy ließ ſich blicken in dem weiten Umkreis des Hotels, und doch belief ſich die ganze Beſatzung deſſelben kaum auf dreißig Mann. Moorfeld fand alle Räume des Hauſes von flüchtigen Deutſchen beſetzt. Es war der bunteſte Wirrwar, der ſich denken ließ. Männer, Frauen, Kinder, Herrſchaften und Domeſtiken, alle Stufen der bürger⸗ lichen Rang⸗ und Glücksſcala, alle Anzüge der Nacht und des Tags, Koſtbares und Gemeines, im Moment der Flucht ſinnlos übereinander geworfen, was Jeder an ſeinem eigenen Leibe retten zu können glaubte, trieb ſich im ſchauerlichen Coſtümball durch das angſterfüllte Gebäude. Dazwiſchen lag ein Jahrmarktskram von geretteten Fahrniſſen auf je⸗ dem Schritt und Tritt im Wege; man ſah Betten, Töpfe, Waſchkörbe, Stutzuhren, Porzellangeſchirr, Bücher, Schüreiſen, allerlei Handwerks⸗ zeug, Nützliches und Entbehrliches, Werthvolles und Lächerliches ohne Wahl zuſammengeſchleppt. In dieſem Wirrniß war das Geſchrei der Kinder zu hören, die ihre tägliche Hausordnung vermißten, der Müt⸗ ter, welche die Bedürfniſſe ihrer Kinder unter Jammer und Zeter zu improviſiren ſuchten, die Fluch⸗ und Zornausbrüche der Männer, welche, ſcheinbar oder wirklich, ſich nach wehrhafter Verfaſſung ſehnten, wohl auch ein⸗ oder das andere Waffenſtück mit ſich führten, da dann dem — 500— Einen die Munition, dem Andern die Büchſe fehlte, dieſe Patrone nicht zu jener Flinte paßte, und mit vielen Worten wenig erzielt wurde. In dieſem Bienenſchwarm begegnete Moorfeld denn auch dem Wirthe von Kleindeutſchland mit Vronele, ſeiner Tochter. Der deutſche Kaiſer war kaum mehr zu erkennen. Todtenbläſſe bedeckte ſein vollwangiges Antlitz, er zitterte am ganzen Leibe wie Espenlaub. Sein erſtes Wort, als er Moorfeld erblickte, war, daß er mit über⸗ ſtürzter Zunge die Frage ſtammelte: Kommt Polizei? kommt Poltzei? Moorfeld antwortete: We are in a free country! Vronele hielt ſich wackerer. Sie war vor Vielen um ſich her allein einer vernünftigen und unerſchrockenen Rede Meiſterin. Die Herren⸗ buben haben uns ausgebrannt und ſagen öffentlich, wir ſelbſt hätten's gethan, das iſt Evangelium und Epiſtel an dieſer Sache, ſagte ſie. Da ſie uns nicht verſimpeln und klein kriegen konnten,— Sie ſahen's ja ſelbſt Herr Doctor— ſo kamen ſie uns ſo. Sie legten das Feuer bei uns und bei einigen Nachbarn, dann waren ſie aber— hurrah! von allen Seiten mit ihren Spritzen da, wie das wilde Heer. Wups hatten ſie einen deutſchen Maurer beim Flügel und ſchrien drauf los: Den hätten ſie beim Brandſtiften ertappt. In einer Minute baumelte der arme Menſch an der Dachrinne. Das war aber meertief erlogen und hat freilich Schein und Art vor den Leuten— die Maurer woll⸗ ten Arbeit haben, ſagen ſie, und wollten ſich auch rächen für den er⸗ ſtochenen Maurer vom Bowery. Es iſt ſchon recht! Beim Verhör wird Alles herauskommen. Es gibt noch Leute, Gott ſei Dank! die auch zu reden wiſſen von dieſer Nacht. Die Spitzbuben genirten ſich ſo wenig, daß ſie mit hellflammigen Bränden herumliefen; hier löſch⸗ ten ſie, dort zündeten ſie und ſchrien immer dazwiſchen: Tod den deutſchen Mordbrennern! die Schinderhunde! und glaubten uns Alle auszutilgen, daß kein Einziger übrig bleiben wird, der eine Zung' rühren kann! Da müßt' Newyork nicht gebaut ſein, daß neun Katzen keine Maus fangen! Jetzt haben ſie vielleicht zugeſtopft und gnade Gott, wer ſeine Beine nicht bei Zeiten über die Achſel nahm! Jetzt iſt die richtige Mördergrub' los da droben. Aber es muß einen zah⸗ lenden Tag geben! Wär' ich nur ein Mann! Ich wüßt' mir was Beſſeres, als da vorn im Geſindezimmer zu ſtehen, Gewehr im Arm, wie auf einem Nürnberger Bilderbogen! Aber unſer ganzes Haus ne nicht urde. h dem Der bedeckte enlaub. tüber⸗ golizei allein zerren⸗ ätten's gte ſie ſahen's Feuer zurrah! Wups ff los: zumelte rlogen woll⸗ en er⸗ Verhör kl die in ſcc löſch⸗ od den 3 Alle zung Katzen gnade Jett I zah⸗ r was Arm, Haus — 501— will ich verſchmerzen, wenn nur die Philadelphier kommen! Selbe Schützen ſind die richtigen noch aus dem Freiheitskrieg her, was die ganze Welt weiß. Das iſt der Dank jetzt! Engländer und Heſſen haben ſie aus dem Land getrieben,— ich begreif' gar nicht, warum die Yankees allein die Herren im Lande ſpielen wollen.— Aus dieſer weittragenden Reflexion wandte ſich das Mädchen dann wieder an die nächſte Gegenwart, indem ſie ſich nach einer jungen Frau umkehrte, die in einem Winkel des überfüllten Hauſes auf einer Treppenſtufe ſaß und Ströme von Thränen in ihren Schooß niederfließen ließ. Laßt's gut ſein, lieb Fraule, tröſtete ſie mit einer naiven Herzlichkeit, eure Bäckle blieben doch ſchön, verderbt ſie euch mit dem abſcheulichen Kummerwaſſer nicht. Es wird euch kein Menſch darum Schlechtes nachſagen. Gewiß nicht. Wär' ſo ein Haderlump an euch gekommen wie an mich, ihr hättet ihn wägerle überwältigt. Guck, was für ein Hutzelmännchen um die Macht mit mir rang! Das war ein Kerl wie aus Mehl und Waſſer gebacken, ſein Geſicht ſah aus wie ein Reſtchen Schmierſeife. Es iſt merkwürdig daß ſich ſolche Buben noch fühlen. Aber der wird denken an eine Schwabenhand! Ich fuhr ihm mit einem groben Kamm über den Kopf. Ich ohrfeigte ihn in die tiefſte Schand hinunter. So fand Moorfeld die Reſidenz ſeines Geſandten. Daß er ſeine Angelegenheit im Flug, oder vielmehr gar nicht austrug, brauchen wir bei dieſer fürchterlichen Geſtalt der Umſtände kaum zu erwähnen. Ein ziemlich jugendlicher Secretär empfing ihn, mit welchem ſich Moorfeld nicht einmal zuerſt über ſeine Sache, ſondern über das öffentliche Un⸗ glück des Tages unterhielt. Die jungen Männer blickten ſich bald in ihre Parteiverwandtſchaft, und ohne Umſtände berichtete der Seecretär die Abweſenheit ſeines Chefs mit folgenden Worten: Se. Excellenz ſind auf dem Stadthauſe. Wir proteſtiren, wir machen verantwortlich und thun, was wir vermögen, das heißt, Nichts. Wer ſollte auch im Stande ſein, ohne Kriegsflotte einem Seevolk zu imponiren?!— Seinen Proceß führte Moorfeld ſpäter von Europa aus durch den Hof⸗ und Gerichtsadvocaten B**, den ihm der Secretär der Newyorker Legation mit tiefer Hochachtung empfahl. Dieſer ausgezeichnete Juriſt führte ihn zu einem Ende, welches der Ungunſt der Umſtände die möglichſt günſtige Seite abgewann.— D. B. VIII. Der Am erika⸗Müde. 3³ 502— An da Ponte dachte Moorfeld zu ſpät. Vor den unaufhörlichen Schlägen der letzten Stunden war das Schattenbild dieſes Unglücklichen in ſeiner zernichteten Seele zurückgetreten. Indem wir dieſen Bericht ſchreiben, wird dem Andenken Metaſtaſio's in Wien ein Denkmal ge⸗ ſetzt. Der Dichter des Don Juan ſtarb in Newyork in einem Hoſpitale.— Wir begleiten nun unſern Helden auf ſeinem letzten Gange in Amerika. Er eilt von dem Geſandtſchaftshotel in der Whitehallſtrect nach der Stateſtreet, ſchneidet die Nordſeite der Battery und lenkt nach einer kurzen Strecke in der Waſſhingtonſtreet der Weſtſtreet zu, dem Landungsplatz der Bremer⸗, Hamburger⸗ und Havrer⸗Schiffe. Als er über die Battery ging, bot ihm ein grauſiger Anblick den letzten Abſchieds gruß. Schon aus der Ferne ſah er an einem Baume des Parks die langgeſtreckte Geſtalt eines Menſchen hängen. Er vermuthete, jener Unglückliche ſei's, den er zuvor über den Broadway herab verfolgen geſehen. Als er näher kam, erkannte er in der Leiche eine Geſtalt aus Kleindeutſchland. Es war der Schriftſetzer Henning.— Im Geleite aller Furien erreichte Moorfeld den Landungsplatz. Endlich ſchaukelt ihn die Jolle, die ihn an Bord des Riego bringt. Endlich beſteigt er die Bretter, die in einem andern Sinne die Welt bedeuten, denn ſie führen gleich dem Ideale erlöſend von Zone zu Zone, und nur durch die Schifffahrt lernt die Menſchheit ihr eigenes Ich kennen. Die öffentliche Unordnung hatte die Einſchiffung vieler Paſſagiere verſpätet und auch Moorfeld ließ noch vom Schiffe aus ſein Reiſegut abholen. Alle übrigen Vorgänge waren für ihn die Phantasmagorie ceines Traumes. Er hörte die Paſſagiere in den mannigfachſten Sprachen, Anſichten und Parteinahmen die Schandthat dieſes Tages beſprechen, er hörte das Praſſeln des Stadttumults aus der Ferne, und unterſchied namentlich einen Augenblick, in welchem ein ſtarkes, heftiges Gewehrfeuer lauter als je aufloderte, was ohne Zweifel die Ankunft der Philadelphia⸗Schützen bedeutete: er ſah und hörte und— ſehnte ſich nach der Alles verſchlingenden Betäubung der Seekrankheit. Nach einer dumpfdurchharrten Stunde fing die Maſchine zu arbeiten an, das Boot ſetzte ſich in Bewegung— hinaus ging's. Mit jeder Achſenumdrehung des Rades verlor die Stadtanſicht Newyorks an Beſtimmtheit der Umriſſe. Die Luft war grau und nebelſchwer und — 503 tauchte ſchlammfarbig, wie in die Hefe eines Lethe, das verſchwindende Stadtbild ein. Zuletzt blieb nur noch die Rauchſäule von Klein deutſchland übrig, die von der bleiernen Luft nach unten und in die Breite gedrückt, als ein trüber, häßlicher Klecks zwiſchen Himmel und Erde hing. Es war in der Nähe der Narrows, wo ein ankommendes Auswandererſchiff am Riego vorbeidampfte. Das dichtgedrängte Verdeck erblickte dieſe Rauchſpur des eingeäſcherten Kleindeutſchlands, hundert Hände wieſen ſich's einander als das erſte Zeichen Newyork's und aus hundert deutſchen Kehlen donnerte der Jubelruf in die Luft: „Vivat das freie Amerikal“ Seite 48 „ 158 „ 161 „ 155 „ 184 „ 183 „ 187 7 189 „ 192 „ 195 „ 206 „ 212 „ 231 5, 259 „ 261 „ 269 „ 8 v. o. 7 11„ o. „ 236 nach der letzten Zeile unten lies: Phantaſie wird eine ſchwache Vor⸗ ſtellung jener Tempelhalle haben, der ſchönſten, welche je die Natur an irgend einem Punkte der Erde ſich. Druckfehler. ſtatt Jotuttion lies: Intuition „ verſchobene l. verſchrobene. überraſchte l. überraſche. fernen l. ferneren. müßte l. mußte. oberſten Erker l. oberen Ecken. überraſchte l. überraſche. Miß l. Miſtreß. Habitue l. Habitué. Dandy's l. Dandie's. die Art für die Gattung l. die Gattung für die Art. Caſtel l. Caſtle. Cöleſtinens l. Cöleſtens. Zeile 6 v. o. ſtatt Griswald lies Griswold. „ 12„„ 7„„ „ 11 geſtigen l. geiſtigen. doch l. noch. 4 1 — ere— Colour& Grey Control Chart Cyan Green Vellow Hed Magenta