——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und afranzöſtſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; fur wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3—— 5. Auswärtige Abonnenten waben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende 4— — T 011 503 803 Tĩ 11 552 493 8-CH-=NR. 11.552. 498 Hiſto .. —————B—B—.,õ—O———— 2aoöoöͤöͤöͤöͤö Die Uerſchwörung Nepublikaner, 1 oder: der Die Geheimniſſe der Belagerung von Paris. Hiſtoriſche Erzählung aus dem belagerten Paris und den Kämpfen der franzöſiſchen Republik 1870— 71 von b Dr. Ernſt Kaiſer. — ‚=— Dritter Band. —= yy— Düſfeldorf, Verlag von F. A. Schönfeld. * ——— 5 5* ————— 8*——— Venre— — —-— 743— Siebenunddreißigſtes Kapitel. Am Sarge der Geliebten. Gleich einem Trunkenen war Erneſt heimgekehrt, die Nachricht von der gefährlichen Erkrankung Mariens hatte ſeine Sinne betäubt. Ein Chaos von Gedanken wogte in ſeiner Seele, aber es war ihm unmöglich, Klarheit und Ordnung hineinzubringen, einen be⸗ ſtimmten Gedanken herauszugreifen und ihm nachzuhängen. Paul nahm ſeine Mittheilungen mit unverhohlenem Mißtrauen auf, er äußerte ſofort Zweifel, aber Erneſt wollte dieſe Zweifel nicht gelten laſſen. Auch Louiſon bekämpfte die Zweifel des Geliebten, es war ja möglich, daß Marie plötzlich erkrankt war. Konnte man darin etwas Befremdendes finden in einer Zeit, in der Epidemien täglich ihre Opfer forderten? Gewiß nicht, auch Paul mußte das zugeben, aber trotz alledem wollte der letztere dem Marquis keinen Glauben ſchenken. Indeß, ſeitdem Paul mit der Geliebten wieder vereinigt war, nahm er an den Angelegenheiten ſeines Freundes nicht mehr ſo großes Intereſſe, er überließ es ihm, dieſe Angelegenheiten zu ordnen, obgleich er ſtets bereit war, ihm mit Rath und That treu zur Seite zu ſtehen. Zudem nahm der Deenſt die Freunde jetzt ſehr in Anſpruch, ſo daß ſie ſelten eine freie Stunde fanden, die ſie ihren Privatangelegen⸗ heiten widmen durften. Man erwartete ja von Stunde zu Stunde das Eintreffen der ſiegreichen Loire⸗Armee, um ihr mit der ganzen in Paris eingeſchloſ⸗ ſenen Macht entgegen zu marſchiren und die Deutſchen bis auf den letzten Mann zu vernichten. Auf den Boulevards liefen die ſeltſamſten Geſtalten umher. Alles hatte ſich uniformirt und bewaffnet, um an dem Rachewerk Theil zu nehmen und die Sieger feſtlich zu empfangen. Man hatte die Garderoben der Theater geplündert und alle nur denkbaren Uniformen, Woſſen, Schärpen und Federbüſche angelegt; man konnte glauben, ſich in eine Maskerade verſetzt zu ſehen, wenn man dieſe bunten, phantaſtiſchen Geſtalten betrachtete. Wer dachte jetzt noch an den Hunger, an Krankheiten und Tod? Binnen wenigen Tagen, vielleicht morgen ſchon mußten die Sieger — 744— aus den Provinzen in die befreite Hauptſtadt einmarſchiren, dann hatte alle Noth ein Ende. war natürlich und ganz unzweifelhaft, daß jeder Schuß ein Bataillon Preußen vernichtete. Mit Entzücken lauſchte man dem Brummen der beiden Rieſen⸗ kanonen„Joſephine“ und„Marie Jeanne“, die vom Mont Valerien ihre vernichtenden Geſchoſſe auf den Feind ſchleuderten. Man ſammelte überall freiwillige Beiträge, um neue Kanonen zu gießen, und wenn eine ſolche Kanone über die Boulevards geführt wurde, begrüßte die Menge ſie mit wahnſinnigem Geſchrei. Täglich wurden Gerüchte über neue Siege verbreitet, Bauern, welche ſich durch die Vorpoſten geſchlichen hatten, ſollten ſie gebracht haben. Nach dieſen Berichten, deren Wahrheit Niemand bezweifeln durfte, ſollten die Preußen nicht allein durch Hunger, Kälte und Epidemie, ſondern auch durch die Waffen ihrer Gegner zur Hälfte ſchon ver⸗ nichtet ſein. Man ſagte, General Moltke ſei todt, der Kronprinz von Preußen gefährlich erkrankt, das große Stabsquartier habe ſchon alle Vorberei⸗ tungen zur Flucht getroffen, und unter den feindlichen Truppen ſeien ernſte Meutereien ausgebrochen. Und trotz alledem that Trochu nichts. Man ſah nicht, daß er Anſtalten zu einem Maſſenausfall traf, ja, er zeigte ſogar ganz un⸗ verhohlen, daß ihm das Geſchrei der Menge läſtig war. Er wußte nicht, was er mit all dieſen Freicorps, die ſich gebildet hatten, anfangen ſollte, er erkannte mit richtigem Blick, daß dieſe Kampfeswuth nichts weiter als Prahlerei war, und daß im feindlichen Feuer die Freicorps die erſten ſein würden, welche ſich aus dem Staube machten. Dann traf die Nachricht ein, der Großherzog von Mecklenburg habe bei Dreux einen Theil der Loire⸗Armee geſchlagen und zurück⸗ geworfen, ebenſo ſeien an demſelben Tage, am 18. November, die franzöſiſchen Truppen bei Chateauneuf geſchlagen worden. Ein Ausfall wurde am 20. November zurückgewieſen, aber das war ja kein Ausfall, ſondern nur eine Recognoscirung geweſen, man konnte es keine Niederlage nennen. Dagegen brachten die fliehenden Soldaten die Nachricht, im feind⸗ lichen Lager herrſche eine furchtbare Aufregung und man habe in — 745— der Ferne heftigen Kanonendonner vernommen, die Loire⸗Armee müſſe binnen einigen Stunden eintreffen. Aber Stunden verſtrichen, und die Befreier ließen noch immer auf ſich warten. Trotz dieſer mehrfachen Enttäuſchung verloren die Pariſer den Muth nicht. Die Taubenpoſt brachte die Botſchaft, daß der Oberſt Ricriotti Garibaldi am neunzehnten den Feind bei Chatillon überfallen und eine ganze Armee vernichtet habe.— Es war dies der infame nächtliche Ueberfall des Landwehr⸗Ba⸗ taillons Unna, bei welchem das Geſindel Garibaldi's die ſchlafenden Landwehrleute in den Betten ermordete. Paris jubelte, Alles ging vortrefflich, kein feindlicher Soldat ſollte lebend den Boden Frankreichs verlaſſen. Was lag daran, daß nun auch die Feſtung Thionville kapitulirt hatte? Die Deutſchen mußten ja alle eroberten Feſtungen wieder aus⸗ liefern, jetzt konnte man ihnen den Frieden dictiren, ihnen das linke Rheinufer abnehmen und ihr Land bis zur Oſtſee verwüſten. Immer heftiger wurde das Geſchützfeuer aus den Forts, immer höher ſtieg der wahnſinnige Jubel. und der Uebermuth, immer ſtür⸗ miſcher verlangte man einen Maſſenausfall, man fürchtete ſchon, zu ſpät zu kommen. Aber mit jedem Tage wuchs auch die Zahl der Sterbefälle, mit jedem Tage nahm das Elend in Paris eine grauenhaftere Geſtalt an. Vor den Cantinen, deren Zahl ſich vermehrt hatte, vor den Bäcker⸗ und Fleiſcherläden, von denen viele ſchon geſchloſſen waren, ſah man jetzt Tag und Nacht bleiche, hohläugige Geſtalten, über denen die ſchwarzen Fittige des Todes rauſchten. Kinder und Frauen brachen auf den Straßen zuſammen, und wenn man dieſen Unglücklichen zu Hülfe eilen wollte, fand man, daß die Hülfe ſchon zu ſpät kam, man konnte nichts weiter thun, als ihre Leichen fortſchaffen. Mit jedem Tage vermehrte ſich die Zahl der Verwundeten, die von draußen hereingebracht wurden, und die, welche die Lage der Dinge richtig zu würdigen wußten, ſahen mit wachſendem Schrecken dem Kommenden entgegen. Die Fleiſch⸗ und Brodrationen wurden täglich kleiner, die Preiſe für die übrigen Lebensmittel ſtiegen immer höher, und die Habſeligkeiten der kleinen Boͤrger und Handwerker befanden ſich längſt im Pfandhauſe. — 746— Und zu dieſen Schreckniſſen geſellte ſich nun noch eine ſo ſtrenge und empfindliche Kälte, wie man ſie ſeit Jahren in Paris nicht ge⸗ kannt hatte. Holz und Kohlen waren kaum zu haben, die Händler, welche noch kleine Vorräthe beſaßen, forderten unerſchwingliche Preiſe, man begann ſchon damit, Bäume zu fällen und aus den verlaſſenen Wohnungen Thüren und Möbel zu holen, um ſich gegen die Kälte zu ſchützen. Erneſt war täglich nicht einmal, ſondern mehrmals in dem Palais des Marquis geweſen, um ſich nach dem Befinden Mariens zu erkun⸗ digen, und die Nachrichten, die er erhielt, waren keineswegs geeignet, ihn zu beruhigen.. Der Marquis empfing ihn ſtets mit herzlicher Freundlichkeit, er äußerte ſelbſt ſeinen tiefen Schmerz über die Gefahr, in der das ge⸗ liebte Mädchen ſchwebte, er bemühte ſich jedesmal, ſeinen eigenen Kum⸗ mer zu bemeiſtern, um dem Freunde Troſt und Muth zuzuſprechen, aber Hoffnung konnte er nicht geben. Der Arzt hatte jeden Tag Bedenken geäußert, er ſelbſt hegte keine Hoffnung, daß es ſeiner Kunſt gelingen werde, das Leben der Kranken zu retten, er ſagte unverhohlen, daß hier ein Wunder geſchehen müſſe, wenn die junge Dame geneſen ſolle. Das Alles berichtete der Marquis dem jungen Manne, der dar⸗ auf drang, die volle Wahrheit zu erfahren, und Erneſt verlor nun auch die Hoffnung. Wenn auch der Marquis hinzufügte, das Gutachten des Arztes ſei kein Evangelium, und ſchon mancher Patient ſei aufgegeben wor⸗ den, der ſeine Geſundheit zurückerhalten habe, Erneſt konnte darin keinen Troſt finden. Zudem entbehrte er jetzt ſchmerzlich der Theilnahme eines befreun⸗ deten Herzens. Paul wollte ſein Mißtrauen nicht fahren laſſen, ſo oft Erneſt ſich bei ihm beklagte, erhielt er zur Antwort, der Marquis ſei ein ſchlauer nchs, der jetzt wieder Komödie mit ihm ſpiele, man müſſe ihm ge⸗ waltſam die Maske abreißen. Es war am 29. November, als die beiden Freunde von der Nachtwache auf den Wällen zurückkehrten. Es war eine bitterkalte Nacht geweſen, der fortwährende Kanonen⸗ donner hatte ſie faſt betäubt, aber trotz der körperlichen Erſchöpfung wollte Erneſt ohne Verzug ſich zum Marquis begeben. ge⸗ noch gann ngen en. alais rlun⸗ ignet, it er s ge⸗ Kum⸗ echen, keine ranken müſſe, dar⸗ r nun Arztes wor⸗ darin freun⸗ iſt ſich blauer m ge⸗ en der nonen⸗ pfung Paul rieth davon ab. „Das eben iſt das Unglück, daß Du ſtets zu einer Zeit hingehſt, in der Deine Ermattung Dir nicht erlaubt, den Fuchs zu beobachten“, ſagte er ärgerlich.„Da iſt es dem Marquis natürlich Kinderſpiel, Dich zu täuſchen, er zeigt Dir eine bekümmerte Miene—“ „Du thuſt ihm wirklich Unrecht“, fiel Erneſt ihm in's Wort. „Du würdeſt dieſes Unrecht ihm abbitten, wenn Du ſelbſt ihn beob⸗ achten könnteſt. Sein Schmerz iſt nicht gemacht, es betrübt ihn tief, daß er mir keine beſſeren Nachrichten geben kann.“ Ein ungläubiger, trotziger Zug umzuckte die Lippen Paul's. „Ich kenne ja Dein gutes, weiches Herz“, erwiderte er,„wer Dich zu behandeln verſteht, der kann Dich um den Finger wickeln. Und darin iſt der Marquis Meiſter. Er kennt Dich durch und durch, er läßt Dich unausgeſetzt beobachten, ſobald Du einen einzigen Schritt thuſt, der ihm Beſorgniſſe einflößt, wirſt Du verhaftet.“ Erneſt ſchüttelte den Kopf. „Ich kann das nicht glauben“, ſagte er,„der Marquis iſt in meinen Augen ein Ehrenmann—“ „Parbleu, muß ich Dich an Dein früheres Urtheil über ihn er⸗ innern?“ „Nein, Paul. Damals war ich empört über ihn, ich beurtheilte ihn falſch, weil ich die Gründe ſeiner Handlungen nicht kannte. Er hat Marie vor den Verfolgungen ihrer Feinde ſchützen wollen, da war es nothwendig, daß er ihren Aufenthaltsort geheim hielt. Sein Schmerz kann keine Maske ſein—“ „In Gottes Namen“, unterbrach Paul ihn unwirſch.„Wenn nichts Dein Vertrauen erſchüttern kann, ſo mußt Du an ihm feſt⸗ halten, bis der Boden unter Deinen Füßen einſtürzt, dann wirſt Du freilich zu ſpät bereuen, daß Du auf meine Anſicht keinen Werth legen wollteſt. Ich an Deiner Stelle hätte längſt den Marquis ge⸗ zwungen, mich zu dem Mädchen zu führen, ich hätte mich nicht mit ſeinen Ausflüchten begnügt, ſondern Gewißheit gefordert, aber vor dem reichen Manne beugſt Du demüthig den Rücken, Du haſt nicht den Muth, ihm energiſch entgegen zu treten, er weiß das und lacht Dich aus.“ 1 3 Sie ſtanden auf den Boulevards und wollten ſich eben trennen, als das raſende Geſchrei einer unüberſehbaren Volksmenge ihre Auf⸗ merkſamkeit feſſelte. — 748— An allen Ecken waren Proclamationen angeſchlagen, überall hörte man den Ruf:„Es lebe Ducrot!“—„Es lebe die Armeel“ Die Freunde traten hinzu, Erneſt las ſeinem Freunde die Pro⸗ elamation vor. General Ducrot verkündete darin, der Augenblick, den eiſernen Gürtel zu durchbrechen und der Loire⸗Armee die Hand zu reichen, ſei nun gekommen. Er werde mit einer Armee von hundertundfünfzig Tauſend Mann und vierhundert Kanonen den Durchbruch erzwingen, und er ſchwöre, entweder als Sieger oder als Leiche nach Paris zu⸗ rückzukehren. Die Armee ſei vortrefflich bewaffnet und mit Vorräthen hin⸗ reichend verſehen, der Sieg müſſe ſich an ihre Fahnen heften. „Phraſe!“ ſagte Erneſt achſelzuckend.„Ich glaube nicht eher, bis ich Thaten geſehen habe.“ „Still!“ flüſterte Paul.„Das waren unbedachte Worte.“ Er zog ihn mit ſich fort, drohende Blicke folgten den Beiden. „Unſer Widerſtand iſt Thorheit, und unſer Kämpfen ein Frevel, denn wir opfern nutzlos zahlloſe Menſchenleben“, ſagte Erneſt, als ſie ſich aus dem Gedränge entfernt hatten.„Und dieſer General Ducrot wird mit heiler Haut zurückkehren, er denkt auch, wie Napoleon bei Sedan, das Leben ſei das Koſtbarſte, was man verlieren könne. Dann wird dieſes ganze Geſindel, welches ihn heute in den Himmel erhebt, über ihn herfallen und ihn Verräther nennen.— Wir müſſen ſcheiden, Paul wer weiß, ob nicht in der nächſten Stunde ſchon Generalmarſch geſchlagen wird, ich muß die Augenblicke be⸗ nutzen.“ Er drückte dem Freunde die Hand und ſchritt raſch von dannen, eine fieberhafte Unruhe, die er nicht bewältigen konnte, trieb ihn zum Hauſe des Marquis. Große Truppenmaſſen begegneten ihm, Geſchütz und Proviant⸗ kolonnen, Ambulancewagen und Munitionskarren fuhren vorbei, es hatte ganz den Anſchein, als ob eine große Schlacht geliefert werden ſolle. Alles war begeiſtert, von dieſem Ausfall erwartete man mit Sicherheit das Ende der Belagerung. Man ſagte ſich, Ducrot werde dieſe zuverſichtliche Sprache nicht führen, wenn er nicht des Erfolges gewiß ſei, man traf ſchon jetzt Vorbereitungen zum Empfang der Sieger. mnmle. nnen, zum — 249— Erneſt theilte dieſen Enthuſiasmus nicht, er befand ſich auch nicht in der Stimmung, den Ereigniſſen, die vor ſeinen llugen ſich ent⸗ wickelten, ſeine volle Aufmerkſamkeit zu widmen. Er hatte das Palais des Marquis bald erreicht, einige Minuten ſpäter trat er in das Kabinet des Edelmanns. Die Stille, welche in dieſem Hauſe herrſchte, kontraſtirte ſeltſam mit dem Lärm und der Aufregung draußen, es war eine faſt unheim⸗ liche, beklemmende Ruhe. Der Marquis kam ihm lebhaft entgegen, ſeine ernſte, düſtere Miene verrieth nichts Gutes. „Vor allen Dingen ſagen Sie mir, ob es wahr iſt, daß in die⸗ ſem Augenblick ein Ausfall gemacht wird!“ rief er erregt.„Man ſagt, General Ducrot ſei an der Spitze einer großen Armee ausge⸗ rückt, um den Deutſchen eine Schlacht zu liefern.“ „So iſt es, Herr Marquis.“ „Welche Thorheit! Hat denn die Regierung noch keine Kenntniß von den neuen Niederlagen?“ Erneſt blickte den Edelmann betroffen an. „Auf den Boulevards ſpricht man nur von Siegen“, erwiderte er.„Wenn man den Gerüchten glauben darf, ſind die Deutſchen ſchon zur Hälfte vernichtet.“ „Wahnſinniges Geſchwätz!“ rief der Marquis entrüſtet.„Wer verbreitet dieſe Gerüchte? Sie entſpringen in dem hirnverbrannten Schädel eines Vagabunden und Jeder glaubt an dieſen Unſinn.“ „Haben Sie verbürgtere Nachrichten?“ Der Marquis trat an ſeinen Schreibtiſch und nickte. „Heute Morgen in der Frühe ſind zwei meiner Brieftauben hier eingetroffen“, ſagte er,„ich bin genau unterrichtet. Am ſiebenund⸗ zwanzigſten November, alſo vorgeſtern, iſt unſere Nordarmee ange⸗ griffen und gegen die Somme zurückgeworfen worden, geſtern wurde ſie bei Amiens total geſchlagen. Man erwartet, daß die Preußen Amiens beſetzen, ein großer Theil unſerer Armee befindet ſich in voller Auflöſung. Sodann iſt geſtern die Loire⸗Armee ebenfalls an⸗ gegriffen und bei Beaune la Rolande geſchlagen worden. Die Nie⸗ derlage trifft unſer 20., 18., 15. und 16. Corps, General d'Au⸗ relles ſoll verwundet ſein. Und nach ſolchen Nachrichten glaubt man auf einen ſchwachen, muthloſen Feind zu ſtoßen?“ „Wenn dieſe Nachrichten wahr wären—“ „Sie ſind wahr, mein Freund, meine Correſpondenten ſchicken nar dann eine Botſchaft an mich ab, wenn dieſe verbürgt iſt.“ „So wird die Regierung dieſe Nachrichten noch nicht haben.“ „Mag ſein, aber wenn ſie die Hiobspoſt hätte, würde ſie die Niederlage in Sieg umwandeln, ſie muß jetzt zu allen Mitteln grei⸗ fen, um der Entmuthigung vorzubeugen.“ „Und was bezweckt ſie damit?“ „Bah, das Ende dieſes Krieges iſt auch ihr Ende“, ſagte der Marquis achſelzuckend,„ſie weiß das nur zu gut. Wenn ſie ge⸗ zwungen worden iſt, den ſchmachvollen Frieden zu unterzeichnen, wird man ihr das ganze Sündenregiſter vorhalten und ihr beweiſen, daß ſie Frankreich ruinirt hat. Nur Einer hat Energie, Muth und Umſicht, nur Einer meint es redlich mit ſeinem Vaterlande— Gambetta. Aber er läßt ſich zu ſehr von ſeinen Leidenſchaften hinreißen, er wirthſchaftet in's Tolle hinein, ohne die Folgen zu bedenken.“ Der Marquis ſchritt in fieberhafter Erregung auf und nieder. Erneſt wagte in dieſem Augenblicke nicht, von dem zu ſprechen, was mehr als alles Andere ſeine Seele erfüllte. „Wenn das Ende naht, dann iſt auch unſere Zeit gekommen“, nahm der Edelmann nach einer Weile wieder das Wort,„ſeien wir wachſam, wir wollen die Republik retten.“ „Und die Fackel des Bürgerkrieges in das unglückliche Land ſchleudern! Herr Marquis, können Sie die Folgen dieſes Vorſatzes berechnen? Der Fluch Frankreichs wird den Urheber dieſes entſetzlichſten aller Kriege treffen—“ „Ah bah, Sie ſehen gleich zu ſchwarz“, fiel der Marquis ihm in die Rede,„wenn ein kranker Körper zu dickes Blut hat, muß man ihm zur Ader laſſen. Die Commune iſt keine Schreckensherrſchaft, mein Freund, ſie wird mit weiſer Mäßigung regieren und dem Volke alle Freiheit einräumen, auf die es Anſpruch machen darf. Das Kapital muß getheilt werden, aber damit ſage ich nicht, daß ich dem Müßiggang das Wortreden will. Jeder ſoll arbeiten, und der Arbeit ſoll ihr verdienter Lohn werden.“ Erneſt ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Damit kann ich mich noch nicht befreunden“, ſagte er,„es klingt recht ſchön, aber ich fürchte, die Theorie wird ſich praktiſch nicht ver⸗ werthen laſſen. Wir vergeſſen ganz den Zweck meines Beſuchs. Ver⸗ b — 751— zeihen Sie mir, wenn ich Sie daran erinnere, ich kann nicht lange hier bleiben, es läßt ſich ja erwarten, daß der Generalmarſch uns zu den Waffen rufen wird.“ Wie vom Blitz getroffen war der Edelmann ſtehen geblieben, er ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirn und blickte den jungen WMau ſtarr an. „Daß ich das vergeſſen konnte!“ ſagte er in einem Tone, der auf Erneſt einen furchtbaren Eindruck machte.„Aber die Erbitterung über dieſe neue Thorheit der Regierung, die Aufregung—— ah, mein Freund, faſſen Sie ſich, bieten Sie Ihren ganzen Muth auf, eine ſchlimme Nachricht erwartet Sie.“ „Fräulein Marie iſt todt!“ ſagte Erneſt mit bebender Stimme. „Ich leſe es in Ihrer Miene—“ „Wir ſind beide zu beklagen, mein lieber, guter Freund“, unter⸗ brach der Marquis ihn, indem er ihm beide Hände reichte.„Wir müſſen denken, Gott habe es ſo gewollt, und es ſei zum Beſten des Mädchens geweſen.“ Das Haupt auf die Bruſt geſenkt, ſtand Erneſt vor dem Edel⸗ manne, Thränen floſſen ihm über die bleichen Wangen. „Ich war darauf gefaßt“, ſagte er dumpf.„Der Arzt hatte ja keine Hoffnung—“ „Aber ich hatte noch Hoffnung, und ich hielt an ihr feſt bis zum letzten Augenblick.“ „Wann ſtarb ſie?“ „In der vergangenen Nacht. Ich ſaß an ihrem Bette, ſie duldete ſchweigend, keine Klage kam über ihre Lippen. Der Arzt hatte mir ſchon vor einigen Tagen geſagt, ihre Krankheit ſei der Typhus, und er glaube nicht, daß er ſie durchbringen werde, aber ich mochte Ihnen das nicht mittheilen, um Sie nicht zu ſehr zu ängſtigen.“ „Es würde meine Angſt nicht vermehrt haben.“ „Doch, doch, mein Freund, Sie hatten ja ohnedies ſchon die Hoff⸗ nung verloren! Wie geſagt, ich glaubte nicht an die Nähe des Todes, ich beobachtete ihren Schlummer und verſprach mir von ihm die beſte Wirkung. Mitternacht war vorbei, ich wollte mich eben durch die Wärterin ablöſen laſſen, als Marie die Augen öffnete. Sie ſah ſich erſtaunt um, dann reichte ſie mir lächelnd die Hand. O, ich werde dieſes Lächeln, dieſen Blick nie vergeſſen! Sie flüſterte mir mit bre⸗ chender Stimme zu, ich möchte Ihnen ſagen, daß ihr letzter Gedanke — 752— Ihnen gegolten habe und daß ſie mit einem Segenswunſch für Sie auf den Lippen geſtorben ſei.“ Erſchüttert war Erneſt auf einen Seſſel niedergeſunken, der ſtarke Mann fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Und dennoch erinnerte er ſich in dieſer Betäubung der Warnung ſeines Freundes, ſie durchzuckte mit der Schnelligkeit eines Blitzſtrahls ſeine Seele. Aber nein, das konnte keine Maske, keine Komödie ſein, in dem Antlitz des Marquis prägte ſich der Schmerz zu deutlich aus. „Und dann war es zu Ende“, fuhr der Edelmann leiſe fopt,„ſie erloſch wie ein Licht ohne Todeskampf.“ Erneſt ſchwieg, es war ihm, als habe Jemand aus weiter Ferne dieſe Worte zu ihm geſprochen. „Wir haben Beide unſäglich viel verloren, mein junger Freund, und vielleicht iſt es gut, daß die bewegten Zeiten uns die ganze Größe unſeres Verluſtes nicht fühlen laſſen. Wir werden raſcher vergeſſen—“ „Und raſcher mit ihr vereinigt ſein“, ſagte Erneſt, das Haupt erhebend. „So dürfen Sie nicht denken, mein Freund. Der Mann muß Alles ertragen können, er muß dem Schickſal eine eiſerne Stirn bie⸗ ten, er darf nicht muthlos zuſammenbrechen unter den Schlägen des Geſchickes.“ „Aber ich kann nicht leben ohne Marie.“ „Das iſt unmännlich“, ſagte der Marquis ernſt und mißbilligend. „Was würden Sie gethan haben, wenn die Wahl der jungen Dame auf mich gefallen wäre?“ „Ich würde den Tod geſucht und gewiß auch gefunden haben.“ „Und damals ſagten Sie mir, Sie könnten entſagen, Sie fühlten die Kraft in ſich.“ „Ja, damals hatte ich mich mit dem Gedanken an dieſen Verluſt noch nicht vertraut gemacht.“ „Und nun er Sie betroffen hat, müſſen Sie ihn mit dem Muth des Mannes tragen.“ „Gut, ich will es verſuchen“, erwiderte Erneſt, der den Sturm in ſeinem Innern vergeblich zu beſchwören ſuchte, ich will meine ganze Kraft aufbieten, aber ob es mir gelingen wird, weiß ich jetzt noch nicht. Mir bleibt jetzt nur noch übrig, Ihnen für die liebevolle Pflege der Heimgegangenen zu danken und Sie zu bitten, mich zur Leiche zu führen.“ — 753— „Fürchten Sie die Anſteckung nicht?“ fragte der Marquis. „Sie wäre mir willkommen.“ „Schon wieder dieſer frevelhaſte Gedanke!— Der Arzt hat be⸗ fohlen, daß das Begräbniß ſofort erfolgen ſolle—“ „Wie kann er es befe hlen?“ „Er hat triftige Gründe dafür, mein Freund, auch das Geſetz verlangt die unverzügliche Beerdigung, wenn der Tod die Folge einer epidemiſchen Krankheit war.“ „Und wann ſoll die Beerdigung ſtattfinden?“ „In einer Stunde.“ „So werde ich bleiben und die Leiche begleiten.“ „Es wird ein ſehr einfaches Begräbniß ſein, wie es dem Ernſt der Zeit geziemt. Wir beide ſind die einzigen Begleiter.“ „Was liegt daran?“ fragte Erneſt.„Marie hat nie den Prunk geliebt, ſie würde ſelbſt dieſes einfache Begräbniß gewünſcht haben. Aber meine Bitte müſſen Sie erfüllen—“ „Sie haben ein Recht, dieſe Bitte an mich zu richten. Die Leiche liegt freilich ſcon im Sarge—“ „So öffnen wir ihn.“ „Das iſt nicht nöthig. Folgen Sie mir.“ Der Marquis ſchritt hinaus, Erneſt folgte ihm mit ſchwankenden Schritten. Er war noch immer betäubt, er konnte noch immer nicht die ganze Größe ſeines Verluſtes faſſen, es war ihm überhaupt unmöglich, über den Schickſalsſchlag, der ihn ſo ſchwer getroffen hatte, nachzudenken. Es war ihm, als ob das Alles nur ein wüſter Traum ſei, aus dem er bald erwachen müſſe, an die Wirklichkeit konnte und wollte er nicht glauben. Der Marquis köffnete eine Thüre, Erneſt trat in ein kleines Gemach. Da ſtand der ſchlichte, ſchmuckloſe Sarg, um⸗ ringt von brennenden Wachskerzen und geſchmückt mit einem Lorbeer⸗ kranze, er barg das ganze Erdenglück ſeines Lebens. Erneſt kniete nieder und verrichtete ein Gebet, der Marquis trat neben den Sarg und zog den Schieber im Deckel zurück. Ja, das war ihr liebliches Geſicht, ihre hohe weiße Stirn, ihr ſchönes, blondes Haar! ae Wie bleich und ſtarr die ſchönen Züge waren! Erneſt blickte lange hinunter, dann trat er tief aufſeufzend zurück. „Sie hätten nicht darauf beſtehen ſollen“, ſagte der Marquis, in⸗ R. 48 — 754— dem er den Schieber wieder ſchloß,„wenn die Krankheit Sie nieder⸗ wirft, werden Sie es zu ſpät bereuen.“ „So würde ich glauben, ſie ſei ein Bote aus dem Jenſeits, der mich abrufen wolle, um mich mit dieſem Engel wieder zu vereinen“, erwiderte Erneſt leiſe. Der Marquis nickte gedankenvoll. „Das wäre philoſophiſch gedacht“, ſagte er.„Und wer weiß, ob es uns nicht beſſer wäre, wenn wir heute noch abgerufen würden! Ich empfinde keine Furcht und kein Grauen vor der Zukunft, aber ich verhehle mir auch nicht, daß Ereigniſſe eintreten können, die uns das Leben als eine ſchwere, drückende Bürde erſcheinen laſſen. Und doch, wer darf ſo frevelhaft ſein, ſie abzuwerfen? Kommen Sie, mein Freund, wir wollen in mein Kabinet zurückkehren und dort den Leichen⸗ wagen erwarten.“ Mechaniſch, wie ein willenloſes Kind, folgte Erneſt dem Edel⸗ menn, der im Kabinet angelangt, feinen Diemer rief und ihm befahl, eine Flaſche Burgunder zu bringen. „So entrinnt Niemand ſeinem Schickſal“, ſagte der Marquis, nachdem er die Gläſer gefüllt hatte.„Waren wir nicht berechtigt, zu glauben, daß Marie hier geſchützt und gegen jedes Leid geſichert ſei? Und wie will man ſich ihre Erkrankung erklären, da ſie doch keine Gelegenheit hatte—“ „Ja, wie will man ſich das Alles erklären?“ fiel Erneſt ihm in's Wort, in deſſen Seele ein furchtbarer Verdacht aufgeſtiegen war, über den er nicht nachdenken wollte.„Weiß man denn auch mit Sicherheit, daß ſie am Typhus geſtorben iſt?“ Der Marquis blickte überraſcht auf, ein flammender Blitz zuckte aus ſeinen Augen, während ſeine Stirne ſich drohend in Falten zog. „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte er. „Nichts, was Sie kränken könnte. Verzeihen Sie mir meine Zweifel, ſie tauchten plötzlich auf.“ „Es ſind böſe Zweifel, die mich tief kränken müſſen“, erwiderte der Marquis.„Sie ſchließen ein Mißtrauen gegen mich in ſich ein, welches um ſo mehr verletzt, weil es jeder Begründung entbehrt.“ „Ich bitte Sie noch einmal um Verzeihung.“ „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, denn ich kann Ihnen nicht zürnen, ich muß dieſe Zweifel Ihrem Schmerz und Ihrer Aufregung zu gute halten. Aber ich bitte Sie, meinen Worten Glauben zu —„ ſchenken und ſich nicht Vermuthungen hinzugeben, die zu einem Bruche dr zwiſchen uns führen könnten.“ der Der Marquis hatte ſich erhoben und war an's Fenſter getreten. na. Erneſt ſchwieg beſchämt, jener Verdacht war ſchon erſtick. „Reden wir von anderen Dingen“, nahm der Edelmann wieder das Wort.„Ich erinnere mich, daß Jenny Mouſſon mir geſagt hat, i 7 ſie ſei einſt mit Ihnen verlobt geweſen und liebe Sie noch immer. aden! Ja, ſie wollte behaupten, auch in Ihrem Herzen ſei jene Liebe noch dber nicht ganz erſtorben.“ eun„Das Erſte iſt richtig, aber das Zweite beſtreite ich.“ Und.„Jenny iſt ſehr unglücklich.“ mnein„Durch eigene Schuld, Herr Marquis.“ tichen⸗„Ich gebe das zu, aber verdient ſie drum keine Theilnahme mehr?“ „Jenny Mouſſon war oft unglücklich“, ſagte Erneſt bitter,„aber Edel⸗ ſobald ſie in ihrer Börſe wieder Gold funkeln ſah, kehrte der alte &fahh leichtfinnige Uebermuth zurück.“ „Sagen Sie das nicht, ſie beklagt ihr verlorenes Leben.“ rquis,„Sie hätte das früher bedenken ſollen, jetzt kommt die Reue zu t. zu ſpät.“ ſeid„Wie hart Sie ſind, mein Freund. Sie haben das Mädchen ge⸗ keine liebt, Sie haben es als Ihre Gattin heimführen wollen, und nun—“ „Nun werfe ich ſie zu den Todten, denn für mich iſt ſie todt.“ in's Der Marquis ſchüttelte mit ernſter Miene das Haupt. öber„Und doch beſitzt dieſes Mädchen ein weiches, fühlendes Herz und erheit einen vortrefflichen Charakter“, ſagte er.„Ich bin überzeugt, daß ſie eine treue Gattin, und eine ſorgſame Hausfrau ſein würde, wenn ein Mann ihr die rettende Hand reichen wollte.“ „Und da glauben Sie, ich müſſe dieſer Mann ſein?“ „Weshalb könnten Sie es nicht ſein?“ „Weil meine Ehre mir niemals geſtatten würde, einer Dirne meinen Namen zu geben.“ = ½ ——y derte„Das iſt ein zu ſchroffes Urtheil, mein Freund. Blicken Sie cih), ſich in unſeren höheren Ständen um. Läßt es ſich eher mit der Ehre 1 eines Mannes vereinigen, wenn ſeine Gattin ihn betrügt?“ „Gewiß nicht. Ich weiß wohl, wie faul unſere ſocialen Zuſtände nicht ſund, aber die Folgen ſolcher Verworfenheit bleiben nie aus. Wir ung lehen es ja au uns, welches Ende ihr folgt. Mein Herr Marquis, n 1 zwiſchen Jenng Mouſſon und mir Funen die früheren Beziehungen 48* — 756— nie wieder angeknüpft werden, ich bedaure ſie jetzt, wäre ſie meine Gattin, würde ich ſie verachten.“ „Und doch baut Jenny Mouſſon ihre letzten Hoffnungen noch immer auf Sie.“ „Sie wird ſich getäuſcht ſinden, es iſt ihre eigene Schuld, denn ſie weiß nur zu gut, daß eine unüberſteigbare Kluft zwiſchen ihr und mir liegt, ich ſelbſt habe es ihr geſagt.“ „Vielleicht täuſchen Sie ſich ſelbſt“, erwiderte der Marquis,„die erſte Jugendliebe kann man nie vergeſſen, es kommt immer wieder eine Zeit, in der die alten Erinnerungen erwachen und die vergange⸗ nen Stunden uns die ſchönſten ſcheinen. Und wenn Sie an der Seite Jenny's das Glück finden können, welches Sie jetzt für immer verloren zu haben glauben, weshalb wollen Sie es nicht ergreifen und feſthalten? Man muß Vergangenes vergeſſen können, wenn die Erinnerungen daran dem Glück in den Weg treten, man muß ergrei⸗ fen, was der Augenblick bietet.“ Erneſt vermochte darauf keine Erwiderung zu geben, denn eben meldete der Diener, daß die Wagen eingetroffen ſeien. „Kommen Sien, ſagte der Marquis, indem er ſeinen Arm in den des jungen Mannes ſchob,„wir müſſen einen ſchweren Garg machen, aber auch das ſoll der Mann überwinden.“ „Der Sarg wurde in den Leichenwagen geſchoben, die Beiden ſtiegen in die Equipage, welche hinter dem letzteren hielt. Der Marquis verſuchte während der Fahrt mehrmals, eine Un⸗ terhaltung anzuknüpfen, aber dieſe Verſuche ſcheiterten an der Schweigſamkeit Erneſt's. Es war eine ziemlich lange Fahrt, und dem Blick bot ſich in den belebten Straßen mancher intereſſante Anziehungspunkt, aber Erneſt achtete nicht darauf, das Haupt auf der Arm geſtützt, ſaß er in dumpfem Brüten verſunken, er ſah nicht einmal, daß der Edelmann ihn unverwandt und ſcharf beobachtete. Vielleicht wäre das Mißtrauen in ſeinem Herzen erwacht, viel⸗ leicht wären die Gluthen der Leidenſchaften wild in ihm aufgelodert⸗ wenn er den halb ſpöttiſchen, halb triumphirenden Zug bemerkt hätte, der von Zeit zu Zeit die Lippen des Marquis umzuckte. Aber er ſah und hörte nichts, ſein ganzes Denken beſchäftigte ſich einzig und allein mit dem ſchönen Bilde der Geliebten, mit dem einſt erträumten Glück, welches er nun auf immer verlosen hatte. — — 757— Endlich war der Pore Lachaiſe erreicht, der Marquis hatte ſchon für Alles Sorge getragen. Das Grab war ausgeworfen, die Todtengräber ſtanden bereit, den Sarg in Empfang zu nehmen. Von langen und feierlichen Ceremonieen war nicht mehr die Rede, man konnte ſich damit nicht aufhalten, die Zahl der Särge, die täg⸗ lich gebracht wurden, war zu hoch angewachſen. Der Sarg wurde hinuntergelaſſen, Erneſt betete am offenen Grabe, dann warf er einige Schaufeln voll Erde hinunter. Bis zu dieſem Augenblicke hatte der Marquis in düſterm Schwei⸗ gen verharrt, jetzt ergriff er die Hand des jungen Mannes. „Es iſt vollbracht“, ſagte er leiſe,„uns bleibt nur noch ein Troſt, der Gedanke an ein einſtiges Wiederſehen. Wir werden der Todten ein treues Andenken bewahren, aber nun fordert das Leben wieder ſeine Rechte. Seien Sie überzeugt, Lafleur, daß ich Ihr Freund dleiben und in allen Dingen mit Rath und That Ihnen zur Seite ſtehen werde, vorausgeſetzt, daß meine Freundſchaft Werth für Sie hat.“ „Können Sie daran zweifeln?“ fragte Erneſt mit mühſam er⸗ zwungener Ruhe. „Jetzt nicht mehr, aber ich habe oft daran gezweifelt, wenn Sie weinem Vertrauen mit Mißtrauen begegneten.“ „Es war nicht meine Schuld. Paul wollte in Allem, was Sie thaten, Betrug entdecken und manchmal konnte ich mich nicht ganz der Wahrſcheinlichkeit ſeiner Gründe und Anſichten verſchließen.“ Der Marquis hatte die Stirne leicht gerunzelt, ſie ſtanden Beide vor dem Wagen, der ſie zurückbringen ſollte. „Sie dürfen nicht auf ſolche Einflüſterungen hören“, ſagte er, „wenn Sie nicht im eigenen Herzen den Dämon wecken wollen.“ „Sie haben Recht“, erwiderte Erneſt, man ſoll es nicht thun, aber wenn man ſelbſt z iſchen Hoffen und Fürchten ſchwankt, dann finden Zweifel ſtets einen fruchtbaren Boden. So war es ja auch während der Krankheit Mariens. Paul wollte mir ſtets die Ueber⸗ zeugung einflößen, daß das Alles nur eine Komödie ſei—“ „Und Sie glaubten es?“ fragte der Marquis mit ſcharfer Be⸗ tonung. „Nein.“ „Ah, Sie konnten das auch nicht, mein Schuterz mußte Sie ja eines Beſſeren belehren.“ — 758— „Nein, ich konnte es nicht, um ſo unangenehmer war mir der Eigenſinn des Freundes, der trotzig bei der einmal gefaßten Anſicht beharrte. Nun wird er einſehen müſſen, daß ſeine Zweifel und Ver⸗ muthungen unbegründet waren.— Aber iſt das nicht Generalmarſch?“¹ Der Marquis erhob das Haupt und blickte horchend in die Ferne hinaus. „Ich höre nur das Donnern der Geſchütze“, ſagte er. „Es iſt Generalmarſch, die Pflicht ruft mich.“ „Zu den Waffen! Nieder mit den Preußen!“ riefen mehrere Weiber, die an den Beiden vorbeieilten. Erneſt rief die Frauen an, ſie erwiderten auf ſeine Frage, der Generalmarſch werde in allen Quartieren geſchlagen, die National⸗ garde ſolle gegen den Feind geführt werden, deſſen Reihen ſchon durchbrochen ſeien. „Beeilt Euch“, riefen ſie dem jungen Manne zu,„der glorreiche Tag der Rache iſt gekommen, Frankreich wird die Preußen vernichten, nicht ein einziger dieſer Barbaren darf ſeine Heimath wiederſehen!“ „Fahren Sie mit mir zurück“, ſagte der Marquis,„Sie können auf dem Boulevard von La Vilette ausſteigen.“ „Ich kenne einen kürzeren Weg“, erwiderte Erneſt haſtig,„leben Sie wohl, Herr Marquis, vielleicht auf Nimmerwiederſehen!“ Der Marquis ſah dem jungen Manne nach, bis er ſeinem Blick entſchwunden war, er hörte jetzt auch das Raſſeln der Trommeln und den ſchrillen Klang der Signalhörner. Sein Geſicht hatte einen ernſten, finſteren Ausdruck angenommen, ein glühender Haß ſpiegelte ſich in ſeinen Zügen. Er ſtieg ein und befahl dem Kutſcher, auf dem Boulevard von La Vilette zu halten. Freicorps und Bataillone der Nationalgarde marſchirten ſingend und lärmend vorbei, während der Wagen langſam durch die Men⸗ ſchenmenge fuhr, Geſchütze raſſelten über das Pflaſter, Weiber und Gamins, mit den ſeltſamſten Mordwerkzeugen bewaffnet, folgten in großen Schwärmen den Bataillonen, und oft wandte der Marquis mit unverkennbaren Zeichen des Abſcheues und der Verachtung den Blick von dieſen Haufen ab, die in der That nur einen Ekel erre⸗ genden Eindruck machen konnten. Er ſtieg aus und ging in die Rue Vincent, ſein Weg galt der Wahrſagerin, in deren Manſarde er bald darauf trat. — 7⁵9— Madame Leroi empfing den Edelmann mit einem höhniſchen Gruß. Der Marquis gab ſich den Anſchein, als bemerke er es nicht, er nahm auf dem Stuhle Platz, der dem Seſſel der Alten ſtets gegen⸗ über ſtand. „Daß Sie wieder kommen würden, wußte ich“, ſagte ſie,„aber es hat doch länger gedauert, als ich erwartete.“ „Das mag Ihnen beweiſen, daß ich Sie entbehren kann“, erwi⸗ derte der Marquis kalt.„Und je länger ich warte, deſto billiger wird der Ring, den Sie beſitzen.“ „Glauben Sie das noch immer?“ „Ja, Madame!“ „Sie rechnen darauf, daß der Hunger mich zahm machen werde, aber ich ſagte Ihnen ſchon, daß Sie darin ſich getäuſcht ſehen wür⸗ den. Ich habe bis heute noch keinen Mangel gelitten, mein Herr, und der Ring iſt mir mit jedem Tage theurer geworden.“ Der Rabe, der auf der Schulter des Weibes hockte, ſchlug kräch⸗ zend mit den Flügeln. „Sie haben allerdings noch den feiſten Kater und dieſe zähe Beſtie“, erwiderte der Marquis ſpottend, mit einem Blick auf den ſchwarzen Vogel.„Aber das reicht nur für wenige Tage aus“— „He, was wollen Sie?“ fiel die Alte ihm in's Wort.„Heute oder morgen werden die Thore wieder offen ſein, man iſt ja eben draußen beſchäftigt, die Preußen zu maſſacriren.“ „ und man wird heute Abend erfahren, daß die Siege der Loire⸗ Armee nur blinder Lärm waren.“ „Bah, Sie wollen an dieſe Siege nicht glauben, weil ſie Ihre Pläne über den Haufen werfen.“ „Hundert Sous für die arme Frau!“ ſchrie der Rabe.„Wir find arm, arme Leute!“ „Ich werde mich länger gedulden“, ſagte der Marquis.„Vielleicht kommen Sie ſchon in den erſten Tagen zur Einſicht. Der Ring, der uns umſchließt, kann nicht durchbrochen werden, wir haben dafür keine Generale, keine Soldaten, wir werden hungern, bis wir ſo ſchwach und ohnmächtig geworden ſind, daß der Feind keinen Wider⸗ ſtand mehr findet.“„ Madame Leroi kicherte höhniſch. „Und wenn das Elend noch ein halbes Jahr dauert, ich habe mich vorgeſehen und kann es mit Ruhe abwarten“, erwiderte ſie.„Für mich iſt dieſe Zeit eine Zeit der Ernte. Reiche Damen und vornehme Herren verlangen von mir das Ende zu wiſſen, ich laſſe ſie hinter den Schleier blicken, der ihren blöden Augen die Zukunft verbirgt, und ſie müſſen zahlen, zahlen, zahlen!“ „Ja, eine Zeit der Ernte iſt dieſe Zeit für alle Schurken und Vagabunden“, bemerkte der Edelmann mit ſchneidendem Hohn.„Unter der Maske des Patriotismus wird geraubt und geplündert, und es finden ſich Leute genug, die daraus Vortheil ziehen und das geſtohlene Gut ankaufen. Aber die Zeit der Vergeltung wird auch kommen, Madame.“ „Ich fürchte ſie nicht.“ „Um ſo beſſer für Siel Sprechen wir von dem Brillantring, ich habe Ihnen den dreifachen Werth angeboten—“ „Und ich laſſe keinen Sous von meiner Forderung nachl“ „Ich habe Ihnen erklärt, daß ich dieſe unverſchämte Forderung niemals bewilligen werde—“ „So wird auch der Handel nicht abgeſchloſſen.“ „Es gibt andere Mittel, Madame, durch die ich mich in den Be⸗ ſitz des Ringes ſetzen könnte.“ „Ich weiß es, aber Sie werden dieſe Mittel nicht benutzen!“ „Wenn Sie mich zwingen—“ „Auch dann nicht, denn Sie ſind klug genug, um einzuſehen, daß Sie durch ſolche Mittel Ihren Zweck nur zum kleinſten Theil erreichen würden. Sie können mich verhaften, ja ermorden laſſen, ich weiß, daß Sie vor einem Verbrechen nicht zurückbeben und fürchte Sie den⸗ noch nicht. Sie würden den Ring erhalten, aber das Geheimniß, welches ſich an ihn knüpft, wäre für Sie verloren.“ Der Marquis lächelte ſpöttiſch, ſeine funkelnden Augen hefteten ſich durchbohrend auf das fahle, runzlige Geſicht des alten Weibes. „Das iſt die Angel, die immer und immer wieder ausgeworfen wird“, ſagte er,„aber der Köder kann mich nicht locken.“ „Weil Sie glauben, Ihre Geliebte und das Kind ſeien todt.“ „Weil ich das weiß, aus ſicherer Quelle weiß, Madame!“ „Und wenn ich Ihnen nun ſage, daß Ihr Kind lebt?“ Der Marquis erbleichte, ein convulſiviſches Zittern überlief ſeinen Körper, ſein Blick wurde ſtarr und der Schweiß trat ihm trotz der Kälte, die in dem Zimmer herrſchte, auf die Stirne. Aber das währte nur einen kurzen Augenblick, im nächſten Mo⸗ ment zuckte der Edelmann mit einer Miene der Geringſchätzung und Verachtung die Achſeln. „Iſt das der neue Köder, der mir vorgeworfen werden ſoll?“ fragte er.„Er macht Ihrem Erfindungstalent keine Ehre.“ „Kaufen Sie den Ring, ſo werden Sie die Wahrheit erfahren“, antwortete Madame Leroi ruhig.„Hätten Sie eine Ahnung von dem Geheimniß, ſo würden Sie gern Ihr halbes Vermögen dafür hingeben.“ „Wohlan, erzählen Sie“, ſagte der Marquis,„wenn das Geheim⸗ niß wirklich einen ſo großen Werth für mich hat, ſollen Sie die Summe erhalten, welche Sie gefordert haben.“ Das alte Weib lachte boshaft. „Wie dumm!“ ſpottete ſie.„Wenn man ein Geheimniß ver⸗ rathen hat, dann hat es ſeinen Werth verloren.“ „Gilt Ihnen mein Wort zu wenig?“ „Gar nichts, mein Herr! Zählen Sie die geforderte Summe in Gold auf den Tiſch, dann ſollen Sie Alles erfahren, was Sie zu wiſſen wünſchen, auf andere Bedingungen laſſe ich mich nicht ein.“ „Darin finde ich den Beweis, daß Sie mich betrügen wollen“, ſagte der Marquis empört,„aber die Falle iſt zu plump, als daß ich mich überwinden könnte, hineinzugehen.“ „Wie Sie wollen, aber Sie werden es ſpäter bitter bereuen! Zahlen Sie, ſo lange Sie es noch können. Madame von Chateaufleur wied Sie bald ruinirt haben.“ Der Edelmann konnte ſeine Befremdung über dieſe Worte nicht verbergen, Madame Leroi nickte ihm mit boshafter Schadenfreude zu. „Die ſchöne Frau hat ja jetzt in Ihrem Palais eine Zuflucht gefunden“, fuhr ſie fort,„wie ſehr wird ſie Ihr edles Herz rühmen. Aber den Giftzahn können Sie der ſchönen Schlange nicht ausbrechen und das Gift wird Sie tödten.“ „Beſolden Sie auch Spione?“ fragte der Marquis mit ſteigen⸗ der Erregung. „Nein, mein Herr, meine Augen und Ohren ſind meine Spione, ihnen entgeht ſo leicht nichts!“ „Und kümmert es Sie, wer in meinem Hauſe wohnt?“ „Hm, es iſt immer gut, wenn man über die Verhältniſſe ſeiner Freunde unterrichtet iſt. Sie haben nun zwei Vögel in dem goldenen Käfig, die kranke Deutſche und die leichtſinnige Pariſerin, vielleicht ſoll die erſte bei der zweiten in die Schule gehen. Aber ſehen Sie ſich — 762— vor; es ſteigen Gewitterwolken auf, aus denen plötzlich der Blitzſtrahl vernichtend auf Sie niederfahren kann.“ „Ich ſehe keine?“ fragte der Marquis achſelzuckend. „Weil Sie es für überflüſſig halten, in die Ferne zu ſchauen, weil Sie nicht wiſſen, vor welchen Feinden Sie ſich ſchützen müſſen. Lafleur iſt freilich von Ihnen umgarnt, er durchſchaut die Maske nicht, mit der Sie ihn betrügen, aber ſein Freund blickt tiefer. Wiſſen Sie, wie Paul Bertrand Sie nennt? Komödiant!“ Der Marquis fuhr von ſeinem Sitze empor und erhob drohend die Fauſt. „Zerſchmettern werde ich den Burſchen!“ rief er in maßloſem Zorn.„Ich vernichte ihn, wo ich ihn finde.“ Madame Leroi war Anfangs vor dieſem Wuthausbruch erſchreckt zuſammengefahren, aber ſie erkannte doch bald, daß er nicht gegen ſie gerichtet war, das gab ihr die Faſſung zurück. „Unterſchätzen Sie dieſen Gegner nicht“, ſagte ſie warnend,„er iſt nicht mehr ſo unbedeutend, wie damals, als Sie ihn verhaften ließen. Das zweite Bataillon wird für ihn eintreten, dafür hat er bereits geſorgt.“ Der Edelmann hatte ſich wieder auf den Stuhl niedergelaſſen, auch er war ruhiger geworden, ja, es ärgerte ihn jetzt, daß er ſich nicht bezwungen hatte. „Sie ſind, wie immer, gut unterrichtet, Madame“, erwiderte er, „ich erſuche Sie, mir das Reſultat Ihrer Beobachtungen mitzutbyilen. Wie benimmt Lafleur ſich gegenüber den Hetzereien ſeines Freundes?“ „Sein Vertrauen auf Sie iſt unerſchütterlich.“ „Und Louiſon?“ „Sie hat keine Stimme, man befragt fie nicht um ihre Meinung. Wenn Sie dennoch hie und da eine Anſicht äußert, ſo iſt dieſe Ihnen günſtig, aber Sie wiſſen ja ſelbſt, daß eine Braut dem Urtheil ihres Verlobten niemals entgegentritt. „Und welchen Zweck haben die Hetzereien Bertrand's?“ „Die Antwort auf dieſe Frage liegt nahe. Bertrand verlangt, man ſolle gewaltſam in Ihr Haus eindringen und ſich von der Lüge überzeugen, mit der Sie ſeinen Freund umſtrickt haben. Er ſucht tauſend Gründe hervor, um zu beweiſen, daß die Krankheit der blon⸗ den Deutſchen nichts weiter als eine Komödie ſei, und wenn auch Lafleur bisher ſtandhaft geblieben iſt, ſo läßt es ſich doch vorausſehen, —- — 763— daß die Stunde kommen wird, in der er dieſen Einflüſterungen Gehör ſchenken muß.“ „Lafleur iſt ein edler Charakter—“ „Natürlich“, ſpottete das Weib,„er iſt ein Kind, man kann ihm ein Märchen erzählen, und er ſchwört darauf, daß die Geſchichte ſich wirklich zugetragen habe. Aber fürchten Sie dieſes Kind, wenn plötz⸗ lich die Leidenſchaften in ſeinem Innern entfeſſelt werden, fürchten Sie den ſtillen, glatten See, wenn die Stürme ihn peitſchen.“ Der Marquis blickte finſter vor ſich hin, er brütete über Pläne, die Madame Leroi ohne große Mühe errieth. „Man könnte die Burſchen verhaften laſſen“, fuhr ſie fort,„ſie verkehrten in der letzten Zeit viel mit einem Manne, der unter dem Kaiſerreich Agent der geheimen Polizei war. Aber was wäre da⸗ durch gewonnen?“ „Nichts!“ „Im Gegentheil, die Burſchen würden ſofort errathen, daß ſie dieſe Verhaftung Ihnen verdanken, das Bataillon würde ſich zuſam⸗ menrotten und ihr Palais erſtürmen.“ „Wenigſtens wäre die Haft Bertrand's nicht von langer Daner.“ „Wenn man ihm Hochverrath beweiſen könnte, würde das Kriegs⸗ gericht ihn zum Tode verurtheilen.“ „Auch das nicht“, ſagte der Marquis.„Mit fremden Perſonen, Mobilg diſten und Linienſoldaten macht man kurzen Prozeß, aber an die Nationalgarde wagt man ſich nicht. Die Vollſtreckung des Ur⸗ theils würde hinausgeſchoben werden, und ſchließlich müßte man der Forderung des Bataillons nachgeben und den Verurtheilten in Frei⸗ heit ſetzen.“ „Alſo iſt das nichts. Man könnte ihn beſchäftigen, wenn man ſeine Braut wieder ſpurlos verſchwinden ließe.“ „Das will ich nicht.“ „Bah, wozu dieſe Bedenken. Louiſon iſt ebenfalls zu fürchten, ſeit⸗ dem ſie mit Jenny Mouſſon ein Freundſchaftsbündniß geſchloſſen hat.“ Der Marquis warf das Haupt trotzig zurück, in ſeinen Augen blitzte es jäh auf. „Wie kommt ſie dazu?“ fragte er ſcharf. „Hm, wer kann das wiſſen? Sie iſt ja mit Juſtine ſchon länger befreundet und Juſtine iſt die Freundin Jenny's. Die Beiden be⸗ ſuchen das Mädchen oft, und von Ihnen iſt bei dieſen Beſuchen häufig — 7614— die Rede geweſen. Ich weiß nicht, ob Sie Juſtine beleidigt haben, es muß wohl der Fall ſein, denn das Mädchen drückt ſich ſehr ſcharf über Sie aus.“ „Gleichviel“, ſagte der Marquis,„ich will nicht, daß Louiſon aber⸗ mals von Gefahren bedroht wird, es gibt noch andere und beſſere Mittel, ihren Verlobten unſchädlich zu machen. Die Alte kicherte boshaft und ſtrich mit der welken Hand leiſe über den Pelz ihres feiſten Katers. „Wenn Sie ſolche Mittel wiſſen, ſo iſt es deſto beſſer“, erwiderte ſie,„was mich betrifft, ſo kann ich keinen Grund finden, der die Schonung dieſes Mädchens rechtfertigte. Vielleicht hegen Sie die ſtille Hoffnung, daß eine feindliche Kugel den gefährlichen Gegner beſeitigen werde, aber—“ „Madame, reden win offen mit einander“, fiel der Marquis ihr entſchloſſen in die Rede,„es nutzt nichts, ob wir um die Sache her⸗ umgehen, man muß ſie ernſt in's Auge faſſen. Wie die Dinge jetzt liegen, kann nur der Tod mich von dieſem Feinde befreien, deſſen Macht ich keineswegs beſtreite.“ „Das iſt die Wahrheit“, nickte die Alte. „Und es gibt in Paris Leute genug, die ſich nicht bedenken, einem Manne den Dolch in's Herz zu ſtoßen, wenn man dafür bezahlt.“ „Das gebe ich zul“ „Sie kennen jedenfalls einen ſolchen Burſchen—“ „Ach, ſoll ich wieder das Werkzeug ſein?“ „Bah, ich würde nicht ſo offen mit Ihnen reden, wenn ich nicht wüßte, daß auch auf Sie das Gold einen unwiderſtehlichen Zauber übt“, antwortete der Edelmann gelaſſen.„Wer die Aufgabe überneh⸗ men und in welcher Weiſe ſie gelöſt werden ſoll, das überlaſſe ich Ihnen, meines Rathes bedürfen Sie dabei nicht. Es handelt ſich nur darum, wie hoch Ihre Forderung ſein wird.“ „Zuerſt muß ich wiſſen, welchen Preis Sie zahlen wollen.“ „Tauſend Francs.“ „Das genügt nicht.“ „Gottes Tod, Madame, für die Hälfte dieſer Summe können Sie hundert Hände finden.“ „Geben Sie zweittauſend.“ „Und dafür verpflichten Sie ſich, den Burſchen erſter Tage in's Jenſeits zu befördern?“ — ——— — — 765— „Ja.“ 3 „Wohlan, ich feilſche und geize nicht, ich bin bereit, Ihnen die Summe zu zahlen.“ „Die Hälfte vorab!“ „Einverſtanden, Sie werden das Geld heute noch erhalten.“ „Und vielleicht iſt Bertrand morgen ſchon eine Leiche“, erwiderte die Alte, das fahle Geſicht zu einem widerlichen Grinſen verzerrend. „Mit Sicherheit kann ich das allerdings nicht verſprechen, denn die Sache muß ohne Aufſehen betrieben werden, zudem fragt es ſich auch, ob ich ſo raſch ein williges Werkzeug finde. Aber es ſoll ge⸗ ſchehen ſo raſch wie möglich, und was ich übernehme, das führe ich auch aus. Der Marquis hatte ſich erhoben. „Seltſam, daß wir uns in ſolchen Angelegenheiten immer ſo raſch einigen“, ſagte er,„weshalb können wir nicht auch über den Preis des Ringes uns verſtändigen?“ „Weil Sie meine Forderung nicht bewilligen wollen!“ „Bah, für Sie hat dieſer Ring keinen Werth—“ „Einen um ſo größeren Werth hat er für Sie, Herr Marquis. Aber ich dränge Sie nicht, Sie müſſen wiſſen, ob Sie das intereſſante Geheimniß erfahren wollen, ob das Geld größeren Werth für Sie hat, als—“ „Genug!“ fiel der Edelmann ihr in's Wort.„Ich beiße an den Köder nicht an und will in Geduld warten, bis die unbeſcheidenen Anforderungen einer vernünftigen Anſchauung Raum gegeben haben. Wenn dieſer Fall eingetreten iſt, ſprechen wir weiter darüber.“ „Er wird nie eintreten!“ „Wir werden ſehen.“ Das alte Weib lachte höhniſch, ſie kniete auf dem Fußboden und hob das Brett auf, unter welchem ihre Lebensmittel lagen. „Glauben Sie es nun?“ fragte ſie, auf ihren Vorrath zeigend. „Ich habe mich für alle Fälle geſichert, ich kann's aushalten, wenn auch die Belagerung noch ein halbes Jahr dauert. Und wenn ich nichts mehr habe, ſo werde ich mich mit der täglichen Brodration be⸗ gnügen, die man mir geben muß.“ Der Marquis warf nur einen oberflächlichen Blick auf die Lebens⸗ mittel, die er hier zu finden doch nicht erwartet hatte. „Wir werden ſehen“, wiederholte er ruhiz. — 766— „Ja, ſehen Sie zu, bis ich todt bin und das Geheimniß mit mir im Grabe ruht“, ſtöhnte die Alte.„Ganz nach Ihrem Belieben; ich habe das Geld nicht nöthig, und eben deshalb beharre ich auch ſo feſt bei meiner Forderung.“ Der Marquis näherte ſich langſam der Thüre, er konnte ſich nicht entſchließen, die hohe Summe zu zahlen, ſo gerne er auch das Geheimniß erfahren hätte. „Sie werden fortfahren, Alles zu beobachten, was drüben vorfällt“, ſagte er,„ſollten Sie eine wichtige Entdeckung machen, ſo muß mir dieſelbe unverzüglich mitgetheilt werden. Ich hoffe, bald befriedigende Nachrichten von Ihnen zu erhalten.“ Er nickte ihr zum Abſchied zu und ging hinaus, ſein Wagen er⸗ wartete ihn noch auf dem Boulevard la Vilette, er ſtieg ein und befahl dem Kutſcher, ihn heimzufahren. Achtunddreißigſtes Kapitel. In der eigenen Falle gefangen. Am Abend deſſelben Tages, der Paris in ſo große Aufregung verſetzte, hatte Dorman ſeine Genoſſen in der Schenke Tabaret's um ſich verſammelt. Es galt heute, die Beute aus den jüngſten Tagen zu theilen, mehrere Schatullen ſtanden auf dem Tiſche, einige Koffer und Kiſten auf dem Fußboden. Der Tiſch war mit Flaſchen und Gläſern beladen, und die ge⸗ rötheten Geſichter der Vagabunden bewieſen, daß ſie dem Branntwein wacker zugeſprochen hatten. Der kleine ſtruppige Kerl, der inzwiſchen der Vertraute Dorman's geworden war, ſaß neben ihm und überwachte mit ſcharfem Blick die Vertheilung der Banknoten, Goldſtücke und Schmuckſachen, und wenn hier oder da eine Stimme laut wurde, die ſich beſchweren wollte, ſo genügte ſchon ein drohender Blick dieſes Mannes, um ſie verſtummen zu laſſen. „Teufel, da iſt der Ring, den ich der alten Fran abzog“, krächzte —,— — 767— eine heiſere Stimme,„die Finger waren ſo welk und dürr geworden, daß es keine große Mühe koſtete. Die Frau war verhungert, wes⸗ halb hatte die Närrin den Ring nicht verkauft?“ „Weil man keine Käufer mehr findet“, brummte der Falſch⸗ münzer, indem er einem Genoſſen eine goldene Uhr zuſchob,„die Juden und Wucherer bieten den vierten Theil des Werthes. Da iſt die Uhr eines deutſchen Hundes, der Kerl war in Paris geblieben und wollte mir Trotz bieten, als ich ihn aufforderte, ſeine Wohnung zu verlaſſen.“ „Na, da haſt Du ihn niedergeſchlagen?“ fragte der Kleine. „Natürlich! Soll ich mit einem ſolchen Burſchen langen Prozeß machen? Die Deutſchen müſſen mit ihrer ganzen Brut ausgerottet werden, man darf das Kind im Mutterleibe nicht ſchonen.“ „Parbleu, ich denke, wir haben's gründlich beſorgt“, ſpottete ein Kerl mit einem häßlichen Stierkopf.„Was mir unter die Hände kam, habe ich zuſammen gehauen.“ „Es iſt noch lange nicht genug geſchehen“, rief die heiſere Stimme, „es laufen noch immer preußiſche Spione in Paris herum. Ich wollte, die Regierung hätte ſie damals nicht ausgewieſen, die Beute wäre für uns um ſo reicher ausgefallen.“ „Wir ſind noch nicht zu Ende“, ſagte Dorman gelaſſen.„Wir haben jetzt erſt den Anfang gemacht.“ „Und wo machen wir die Fortſetzung?“ „Gottes Tod, bei denen, die ſich früher von unſerm Schweiß ge⸗ mäſtet haben.“ „Ja, die Bourgeois und die Börſenſchacherer müſſen nun an's Meſſer“, krächzte die heiſere Stimme.„Die Juden und die Wucherer, die Edelleute und die reichen Pfaffen.“ „Nehmt Euch in Acht vor der Nationalgarde“, warf der Stierkopf ſpottend ein. „Die Nationalgarde ſoll uns den Weg bahnen“, ſagte der Kleine. „Wenn wir mit den Preußen fertig ſind, wird die Regierung geſtürzt und die Commune eingeſetzt. Dann mögen die Narren und Dumm⸗ köpfe ſich auf den Barrikaden ſchlachten laſſen, wir, die klugen Leute werden unterdeſſen Aernte halten.“ „Ja, das werden wir“, verſetzte Dorman, indem er eine andere Schatulle öffnete,„wir werden Paris in Schrecken ſetzen. An allen vier Enden ſollen die Flammen auflodern, die Paläſte in die Luft —— —— — —————————— — 768— fliegen, Feuer und Schwert ſollen aus der Stadt eine Wüſte machen. Ah, Ihr kennt die Pläne der Communiſten nicht, Ihr wißt nicht, welche Vorbereitungen ſchon getroffen ſind.“ Er ſtürzte ein Glas Branntwein hinunter und ſtemmte den Ell⸗ bogen auf die elegante Schatulle, er war jetzt wieder ganz der Ga⸗ leerenſträfling, der würdige Genoſſe dieſer Banditen. „Die Communiſten warten nur noch ſo lange, bis die Regierung ſich bei Allen verhaßt gemacht hat“, fuhr er fort,„das wird der Fall ſein, wenn dieſe Regierung gezwungen worden iſt, den ſchmachvollen Frieden zu unterzeichnen. Dann ſoll in den Friedensbedingungen ein Paragraph aufgenommen werden, der beſagt, daß die Nationalgarde nicht entwaffnet werden darf, zum Wenigſten ein großer Theil nicht, und man wird dafür ſorgen, daß die Arbeiterbataillone ihre Waffen behalten.“ „Sehr gut!“ warf der Kleine ein.„Die Arbeiter von Belleville und Montmartre ſind tüchtige Leute, ſie laſſen ſich nicht bange machen.“ „Wir werden uns der Kanonen und der Mitrailleuſen bemächti⸗ gen, und die Forts beſetzen, ſobald die Preußen ſie geräumt haben, wenn die letzteren überhaupt hineinkommen. Dann ſind wir die Herren von Paris, dann dictiren wir Geſetze, dann nehmen wir Rache an Allen, die uns unterdrückt haben. Wir werden die Kirchen und Klöſter plündern, die Pfaffen und Mönche hinaustreiben und dem ganzen Schwindel ein Ende machen. Wir werden die Bourgeois auf⸗ fordern, ihre Kapitalien herauszugeben, wer ſich weigert, wird in ſei⸗ nem eigenen Hauſe erſchoſſen. Kurzen Prozeß mit den Schurken, ſie haben uns auch nicht gefragt, ob wir ihnen erlauben wollten, die Schätze aufzuſpeichern, die von Rechtswegen uns gebührten.“ „Nieder mit den Hunden!“ ſchrie der Stierkopf.„Keine Scho⸗ nung mit dieſen Banditen, die längſt auf der Galeere ſein müßten!“ „Aber wo laſſen wir die Beute?“ fragte die heiſere Stimme. „Wir werden dann erſt recht nichts verkaufen können.“ „Alles wird nach England geſchafft“, erwiderte der Falſchmünzer, „ich übernehme den Verſand, in London habe ich gute Freunde, für deren Ehrlichkeit ich mich verbürgen kann. Wenn die Geſchichte hier zu Ende iſt, ſegeln wir hinüber, um die Theilung vorzunehmen. Aber es wird ein Ende mit Schrecken ſein. Werden wir angegriffen, ſo vertheidigen wir jede Straße, jedes Haus, und überall muß die Lohe aufflammen. Die Tuilerien, die Miniſterien, das Stadthaus, ——e — 769— die Paläſte— Alles muß in die Luft fliegen. Wir haben Pulver und Petroleum genug, wir haben Bomben, die mit Petroleum gefüllt ſind, wo eine ſolche Bombe hinfällt, hinterläßt ſie ein Meer von 2 Und wenn's an allen Ecken und Enden brennt, wenn die sturmglocke heult und in allen Straßen der Mord wüthet, dann hat für uns die Stunde der reichſten Aernte geſchlagen. Dann hinein in die Häuſer, in die Kirchen und Klöſter, in die Paläſte und öffent⸗ 0 — lichen Gebäude und mitgenommen, was Euch in die Hände fällt. Keine Bedenken, keine Gnade, keine Schonung! Nieder mit Allem, was Euch in den Weg kommt, ſei es Mann oder Weib, Greis oder Säugling, es gilt das Werk der Rache, nach der wir uns ſeit langen Jahren geſehnt haben!“ „He, das wird ein köſtlicher Spaß geben“, lachte der Stierkopf. „Ein luſtiger Fang, wie Paris ihn noch nicht geſehen hat.“ „Und nachher ſchiebt man Alles auf die geheimen Agenten Napo⸗ leon's“, fügte die heiſere Stimme hinzu.„Die Burſchen ſind ja im Stillen thätig, ſie haben einen Klubb geſtiftet, und man ſagt, ſie re⸗ deten dort durch die Blume. Jedes Ding hat einen anderen Namen, und der Nichteingeweihte glaubt, daß ſie ſich ganz harmlos über das Wetter unterhalten.“ „Hilft ihnen Alles nichts“, ſpottete der Kleine, nſie kommen nicht mehr an's Ruder. Was beginnen wir heute Nacht?“ „Abwarten“, ſagte Dorman.„Wir müſſen zuvor wiſſen, was die Pariſer Armee draußen ausgerichtet hat. He— bei allen Teu⸗ feln, was iſt denn das?“ „Ein Brautkranz!“ lachte der Stierkopf mit einem Blick auf den Myrthenzweig, den der Falſchmünzer aus der Schatulle genommen hatte.„Gottes Tod, wie kommſt Du zu dem Unſinn?“ „Ein Myrthenkranz“, wiederholte Dorman,„ja, ich erinnere mich der Geſchichte. Das Mädchen war ſchön, eine ſchlanke Geſtalt, aber ſie hatte blondes Haar und blaue Augen und ihre Wohnung hatte man mir als die Wohnung einer deutſchen Familie bezeichnet. Sie lag im Bette und der Tod ſtand ihr ſchon auf dem Geſicht geſchrie⸗ ben. Ich hätte ihr nichts gethan, ſie war ja ſchon halb verhungert, ich wollte nur das Käſtchen nehmen, das auf dem Tiſchchen vor dem Bette ſtand. Zum Teufel, weshalb mußte der kraftloſe Burſche, der in der Ecke des Zimmers ſaß, ſich mir entgegen werfen? Was küm⸗ merte es mich, ob er ihr Bräutigam war? Er mußte ja einſehen, R. 42 8 weshalb war er ſo verrückt, den 7 s auf mich abzufeuern? Mich traf die Kugel doch nicht, aber er * lag im nächſten Moment in ſeinen ute, und es war meine ,, 4,— 5 Poe 31 A ee 2 nicht, daß auch das Mädchen ein Säbelhieb traf. Und das für dieſes werthloſe Spielzeug? B M n ſich täuſchen 1 er ſ e. Nor 4 MärHanhe Woj einer Geberde der Verachtung den Myrther r „die ihn zerpflückten, dann fuhr er i fort. n Marquis müſſen wir auch an's wieder das Wort,„was wir uns einmal vorge⸗ 3 muß auch ausgeführt werden.“ zog die buſchigen Brauen zuſammen und nden einen glühenden Blick zu. t damals der Erſte, der die Flucht ergriff“, ſagte er, „weun Ihr Stand gehalten hättet, wären wir mit den Mobilgarden raſch fertig geworden.“ „He, Deine lange Unterredung mit dem Marquis hat die Ge⸗ ſchichte verdorben“, rief der Stierkopf,„wir konnten nicht wiſſen, was Du mit ihm zu verhandeln hatteſt! Und der Kampf war nicht vor⸗ geſehen, wir wußten nicht, wie ſtark die Patrouille war—“ „Und da ließet Ihr mich im Stich.“ „Das war Deine eigene Schuld. Mit ſolchen Leuten unter⸗ handelt man nicht lange, man jagt ihnen eine Kugel durch den Schädel und räumt die Schränke aus. Soll es ihm nun geſchenkt ſein?“ „Bewahre!“— 3 „Gut, gehen wir ſogleich hin, friſche Fiſche, gute Fiſche!“ „Wir werden nicht eher etwas gegen ihn unternehmen, bis ich mit Allem fertig bin“, ſagte Dorman in drohendem Tone.„Wahr⸗ ſcheinlich werden wir damit warten bis zum Schluß.“ „Wie Dorman es befiehlt, ſo geſchieht es“, rief der Kleine in den Lärm hinein, der ſich nach dieſer Erklärung erhob.„Er iſt unſer Chef, wir haben ihm Gehorſam gelobt.“ „Hm, darf ein Chef auch Geſchäfte für ſich machen?“ fragte der Stierkopf boshaft. „Wie meinſt Du das?“ erwiderte Dorman, ihn feſt anſchauend. „Beziehen dieſe Worte ſich auf mich?“. —4—— „Natürlich.“— „Und von welchem Geſchäft iſt die Rede?“ „Du ſollſt es ſogleich erfahren. Weißt Du vielleicht, wo Du den Knopf von Deinem Rock verloren haſt, der ſchon ſeit mehreren Tagen fehlt?“ Der Falſchmünzer griff unwillkürlich nach der Stelle, auf welcher der Knopf geſeſſen hatte. „Wie kann ich es wiſſen?“ antwortete er.„Ich bin mehrfach im Gedränge geweſen, wie kann ich auch auf meine Rockknöpfe achten?“ „Parbleu, Kamerad, um ſo auffallender iſt es, daß ich dieſen Knopf in einem Geldſchranke gefunden habe!“ „Durchaus nicht, wir haben manchen Geldſchrank geplündert.“ „Sehr wohl, aber ich erinnere mich nicht, daß uns nur ein Sous aus dem Schranke Pierre Bandau's zugefallen wäre!“ Der Falſchmünzer erbleichte, er wollte aufſpringen, aber der Kleine legte ſeine Hand auf den Arm des erregten Freundes und flüſterte ihm einige Worte zu, die den Letzteren zu beruhigen ſchienen. „He, was iſt das?“ fragte die heiſere Stimme.„Pierre Bandau, der alte Lumpenſammler, iſt ermordet worden.“ „Ermordet und beraubt“, erwiderte der Stierkopf. „Das Volk hat's gethan!“ rief Dorman wüthend.„Der Alte wucherte mit Lebensmitteln, das hat die Menge gegen ihn aufgebracht.“ „Und wie kam der Knopf in den Schrank?“ „Iſt es mein Knopf?“. „Natürlich, man muß ihn unter Tauſenden erkennen!“ „Bah, die Knöpfe gleichen ſich alle—“ „Aber dieſer wird ſchwerlich einen Zwillingsbruder ſinden, außer an Deinem Rocke. Ich kam durch die Rue Dauphine, es war am Tage nach der Nacht, in der man das Haus erſtürmt hatte. Die Thüre ſtand offen, einige Neugierige gingen ein und aus, und da ich dachte, es ſei vielleicht noch etwas zu holen, ging ich auch hinein. Im Bureau lag noch die Leiche des Wucherers, der eiſerne Schrank war offen und leer. Man hatte ihn nicht erbrochen, die Schlüſſel ſteckten noch im Schloß und in dem Schranke lag nur dieſer Knopf. Parbleu, würde ich ihn eingeſteckt haben, wenn ich nicht an die Rock⸗ knöpfe Dorman's gedacht hätte?“ „Und was beweiſt der Fund?“ fragte der Falſchmünzer trotzig. „Daß ich vor Dir dort war und ebenfalls den leexen Schrank durch⸗ 49* ſuchte. Iſt es unmöglich, daß ich an einem Riegel hängen blieb und der Knopf abriß?“ „Hört weiter“ , ſagte der Stierkopf ruhig.„Der Aufenthalt im nir nicht, ich hoffte, in den anderen Räumen des Hauſes irgend etwas zu finden, was des Mitnehmens werth geweſen d Aber da war Alles verwüſtet, zerſchlagen und geraubt, ſogar e et in den Kellergewölben hatte man Alles zertrümmert. Und doch fand ich da unten noch einen Raum, in den die Menge nicht eingedrungen war, ein kleines, armſeliges Gewölbe, aber in dieſem Raume machte ich abermals eine intereſſante Entdeckung. Hier war die Werklſtätte eines Falſchmünzers geweſen, die Platten und Werkzeuge lagen noch Wißt Ihr, wem es gehört?“ Die Blicke Aller richteten ſich auf Dorman, der ſeine Wuth kaum noch bemeiſtern konnte. „Und was folgt daraus?“ fragte der Falſchmünzer. „Daß Du in dem Hauſe gewohnt haſt.“ „Das iſt die Wahrheit.“ „Und daß Du den eiſernen Schrank leerteſt!“ „Das iſt eine alberne Vermuthung.“ „Es iſt durch den Knopf bewieſen. Wo iſt das Geld? Redliche Theilung iſt uns zugeſagt—“ „Und meine Zuſage habe ich gehalten!“ rief Dorman.„Wenn ich ſo viel Geld hätte, würde ich nicht mehr an Eurer Spitze ſtehen und das Haus des Vaters Tabaret gewiß nicht mehr betreten. Ich würde den vornehmen Herrn ſpielen und mich von der Gemeinſchaft mit Euch losſagen.“ „Oho!“ rief die heiſere Stimme.„Steht es ſo mit Dir, Burſche? Du willſt uns nur benutzen und dann verrathen?“ Der Falſchmünzer war emporgeſprungen, in ſeiner Fauſt blitzte der Lauf eines Revolvers. „Heran, wer etwas von mir will!“ ſchrie er.„Ich ſchieße ihn nieder, wie einen Hund!“ „Ruhe, um Gotteswillen!“ rief der Kleine.„Wer wagt hier zu richten und zu urtheilen?“ „Ich, wir Alle!“ ſagte der Stierkopf.„Wir verlangen den An⸗ theil, der uns gebührt.“ „Da könnte Jeder kommen und behaupten, ich habe auf eigene —— — ᷣ —— ———— Fauſt Geſchäfte gemacht“, höhnte Dorman.„Und wenn ich es ge⸗ than hätte, wer hat ſich darum zu kümmern? Frage ich Euch, wa Ihr am Tage treibt? Mag Jeder thun und laſſen, was er will, er hat dem Mde keine Rechenſchaft davon zu geben, wir theilen nur in Lem einſamen Unternehmungen erworben haben. der mag austreten und zuſehen, ob er me e aber, ein Jeder von Euch könne mit den ieden ſein.“ „Das ſage ich auch“, verſetzte der Klaihe zund die meiſten der Vagabunden traten jetzt auf d „Seht Euch vor“, ri quis wird uns auch entge ₰ B 1 5 p „Die Beute beim 2 ⁵ n will ſie für ſich in die T ſtecken.“ „Nein, das wird nicht geſchehen“, erwid der Falſ Anth ei danon haben ſoll.“ ¹ Al! 9 unterbrach in dieſem Augenblicke nich verſpreche Euch, daß Jeder ſei Ein heftiges, ungeſt eſtü mes den Wortſtreit. Der Kleine eil F Geſicht dieſes ii Rrt gewaltige Bruſt 1 1„ ha 8 t!“ rief er.„Es lebe die ꝗ 9 7 er. A em, Mann“, ſagte der Falſ bir! haben ge gefte h „Kommt zu At chmünzer n 9 diaſo Nachrit Paſnar vuch 21 ion m die ſe Nachricht keinen Eindruck zu machen ſchien. und dann erzählt uns, welche Lügen man Euch aufgebunden ha „Lügen?“ ſchrie Vater Tabaret empört.„Ha, mir bindet nichts auf, ich bin klug genug, um Wahrheit von Lüge zu ſcheiden.“ 7 „Gut— berichtet!“ „Wir haben die Preußen geſchlagen, die Dörfer Boie und Cham⸗ pigny erſtürmt.“ „Weiter!“ „Parbleu, iſt das noch nicht genug? Wir haben Nachrichten aus den Provinzen, die glänzend lauten. Das ganze Frankreich duß in Waffen, in den Provinzen, die der Feind beſetzt hat, wartet man nur auf den erſten Sieg, um über die Preußen heizmfällen 4 „Und die Loirearmee?“ 4 „Wir haben ihren Geſchützdonner gehört und wiſſen aus zuver⸗ läſſiger Quelle, daß die Preußen ſich ſchon auf der Flucht befinden. Der König von Preußen iſt leider entkommen, er hat bei Zeiten Ver⸗ Pnes verlaſſen, der Kronprinz iſt gefangen, Bismarck todt.“ „Es lebe die Armee!“ ſchrieen einige Vagabunden, aber Dorman gebot ihnen durch einen Wink zu ſchweigen. „Ich glaube noch immer, daß es Lügen ſind“, ſagte er. „Dann werden Euch morgen die Augen aufgehen“, erwiderte Vater Tabaret entrüſtet.„He, dann iſt es auch wohl eine Lüge, daß die ganze preußiſche Flotte in die Luft geflogen iſt?“ „Natürlich, wir haben ja keine Marine mehr, ſeitdem die See⸗ ſoldaten in die Armee eingereiht wurden.“ Vater Tabaret legte den Finger an ſeine rothe Naſe und machte eine äußerſt pfiffige Miene. „Ihr ſeht nicht weiter, wie Euer Blick reicht“, ſagte er,„für Politik habt Ihr kein Verſtändniß.“ „Na, dann kramt Eure Weisheit aus“, ſpottete Dorman. „Ich will Euch ſagen, wie das Alles gekommen iſt, und wem wir nächſt unſeren tapferen Soldaten dieſen Erfolg verdanken.“ „Nun?“ „Ruß land.“ Ein ſchallendes Gelächter war die Antwort Dorman's; Vater Tabaret blickte ihn ſtarr an, dann zuckte er die Achſeln, wie wenn er andeuten wolle, mit einem ſolchen Manne, der ſich nicht belehren laſſe, könne man nicht ſtreiten. „Alle Welt weiß, daß Rußland auf Preußen eiferſüchtig iſt“, ſagte er.„Rußland will Polen ganz verſchli gen und einige preu⸗ ßiſche Provinzen annektiren. Und wenn Rußland eſchirt, dann marſchirt auch Oeſtreich, um die falzzeren Saur en auszuwetzen und das übermüthige Preußen zu demüthigen. Das hat Thiers Alles abgemacht, aber keine Seele wußte etwas davon.“ „So?“ ſpottete der Falſchmünzer.„Und iſt Rußland ſchon auf dem Marſche?“ „Auf dem Marſche nach Berlin.“ „Es lebe Rußland!“ ſchrie der Stierkop „Unſinn!“ ſagte Dorman.„Es iſt Alles erlogen! Wir haben wieder einmal eine Niederlage erlitten, und da muß natürlich von großen Siegen gefabelt werden! Gebt Acht, wie die Nachrichten mor⸗ gen lauten.“ 1 öf. I (l —— 2 — 775— „Zum Teufel, fragt die Braven, die von draußen hereingekommen ſind“, verſetzte Vater Tabaret ärgerlich,„ſie hdben keinen Grund zu lügen. Die verwundeten Helden ſprechen mit Begeiſterung von den Erfolgen, die ſie errungen haben.“ „Bah, wir haben das jeden Tag gehört, jeder Kaufmann lobt ſeine Waare, und jeder Soldat, der eine Wunde erhalten hat, ſtempelt ſich gleich zu einem Helden.“ „Aber wenn es nun doch Wahrheit wäre?“ warf der Kleine ein. „Was würde dann aus unſern Plänen?“ „Parbleu, deshalb geben wir ſie nicht auf.“ „Die Regierung hätte wieder alle Sympathieen gewonnen!“ „Nichtsdeſtoweniger wird ſie geſtürzt.“ „Unter den Augen der ſiegreichen Soldaten?“ „Dumme Fragel Werden die Soldaten nicht den fliehenden Feind verfolgen müſſen? Wie auch die Belagerung enden mag, die Com⸗ mune wird jedenfalls eingeſetzt, und wenn wir noch am Ruder ſind, geht der Tanz los.“ 3 „Das iſt eine Sache für ſich“, ſagte Vater Tabaret,„aber ich verſichere Euch, wir haben geſiegt und morgen wird kein Preuße mehr vor den Thoren unſerer Stadt ſtehen.“ „Na, wir werden ja ſehen!“ ſpottete Dorman. „Freilich, deshalb will ich auch jetzt kein Wort weiter verlieren. Die Alte hat nach Euch gefragt.“ „Wer?“ „Madame Leroi. Sie erwartet Euch in meinem Zimmer.“ „Ich habe nichts mit dem Weibe zu ſchaffen—“ „Gottes Tod, Dorman, könnt Ihr denn wiſſen, was ſie will? Vielleicht hat ſie einen guten Auftrag für Euch.“ Der Falſchmünzer erhob ſich. „Erwartet meine Rückkehr“, ſagte er,„vielleicht gibt's in dieſer Nacht doch noch ein Geſchäft. Es wäre ja möglich, daß wir ſofort mit dem Tanze beginnen müßten, je nachdem die Nachrichten von draußen lauten.“ Er begleitete den Schenkwirth hinaus und ſtand bald darquf der Wahrſagerin gegenüber. „Was gibt's?“ fragte er barſch. „Ein Geſchäft“, erwiderte das Weib ruhig.„Ihr kommt nicht mehr zu mir, ſo muß ich zu Euch kommen.“ „Sch H wüßte nicht was ich bei Euch „Na, na, Ihr ſeid doch immer in der lft ihren Freunden gerne.“ da 8 Mr 55 eifache perdie en aun hnte Dor⸗ r kann“, höhnte Dorman.„Ich . S8 Gut, aber macht „Gut, aber ma cht h andelt es „Um einen gutgeführ G Tod und da wenn Ihr's nich ſo habt Ihr g einen guten Freund, der er ſoll diesn mal d dran glauben?“ der in meinem wohnt.“ hateaurouge re De Rttrir 2 Se 3.. 8 möchte den Vurſchen aus dem Wege räumen. Aber ich bin Udber ich nicht geneigt, einem Menſchen, den ich 1 „Wahrhaftig, Inr habt keinen Grund, ihn zu dame Leroi, den lauernden Blick feſt auf ihn Madame von Chateaufleur in ſein Haus aufgenommen, und ſie ſch dn ſehr glücklich zu ſein.“— I(Goßſicht dae mu Das eſ Eine dunkle Gluth über ſicht des Falſchmunz Fauſt umklammerte den dürre a Arm des alten Weibes, während ſein flammender Blick ſich in Phre ſte echenden Augen hineinbohrte. „Woher wißt Ihr das?“ fragte er mit heiſerer Stume. „Ich habe Madame in der Equipage des D — ꝗ. 18 11 weiſt noch ni chts. „Und der Marquis hat zugeſtanden, daß er die ſchöne Frau auf⸗ genommen habe.“ „Ich kann es nicht glauben Vicomte, der Marquis hatte denken, daß ſie ſich zu ihm gef Stolz und ihre Ehre ihr nicht.“ „Sie hat es dennoch gethan!“ elnd mir theilte ſie r nichts davon mit? J „Parbleu, gehen Sie morgen in das Faub 8 ein, ich glaube es nicht.“ eh ourg St. Honoré und beobach cten 3e das Palais des uem nis⸗ Sie werden ſehen, daß 8 Madame in der Equipage des Edelmanne „Bei dieſer Kälte?“ „Geben Sie Acht, n ausfährt.“ „Wenn es 3 bahr r väret ummte Dorman. n. Vann hätte ſie mich betrogen, un zeihen, d e ſich mit dem 1 Manne vünenhän Ln ſo o boſien für ꝓf ſchöpfen können, wenn Sie ufangen wiſſen „Hm, wer weiß chen liegen, und wie das Alles ge⸗ kommen iſt. Ich werde mir Gewißheit verſchaffen.“ „Und unſer hith feunie di e Alte lauernd. 8 94* 41 S. S. Francs. e ich natürlich erhalten werde.“ 28 „He, wo bleibe ich denn?“ rief Madame Leroi. erlangen, daß ich umſonſt arbeiten ſoll?“ „Bah, was haben Sie dabei zu thun?“ „Ich muß vielleicht die ganze Schuld auf mich nehmen, und für meine Vermittelung will ich auch belohnt ſein.“ „Und ich muß den größten Theil des Geldes dem Manne geben, der die Arbeit verrichtet.“ „Alſo gebührt Ihnen nichts.“ „Sehr gut, dann ſuchen Sie einen Andern.“ Das alte Weid ſchüttelte ärgerlich den Kopf. „Es kommt nichts dabei heraus, wenn man das Kind mit dem „Können Sie ⸗ 1 — 778— Bade ausſchüttet“, ſagte ſie mürriſch,„mit ruhiger Ueberlegung bringt man's weiter. Ich will mich mit dreihundert Franken begnügen, iſt Ihnen das genehm?“ Der Falſchmünzer war in Nachdenken verſunken, ſeine tückiſchen Augen ſtreiften verſtohlen das runzlige Geſicht der alten Frau, die ſich mit ihrem Branntweinglaſe beſchäftigte. „Wann wird das Geld gezahlt?“ fragte er. Der Falſchmünzer blickte nachdenklich vor ſich hin. „Es iſt ein Lumpengeld“, ſagte er,„ſiebenhundert Francs, unter fünfhundert wird's der Kleine nicht thun, was bleibt mir dann?“ „Zweihundert Francs und Louiſon!“ „Laßt mich mit dem Mädchen in Ruhe.“ „Bah, wenn ſie Euch nicht gefällt, könnt Ihr eine Andere haben“, erwiderte Madame Leroi.„Da iſt Juſtine, da iſt Jenny—“ „Welche Juſtine?“ fragte Dorman, aus ſeinem Sinnen empor⸗ fahrend.— „He, die frühere Zofe Eurer Schweſter.“ Das bisher ſo finſter umwölkte Geſicht des Mannes heiterte ſich auf.„Wohnt die jetzt auch in Eurem Hauſe?“ forſchte er. „Das nicht, aber ſie beſucht faſt jeden Abend Louiſon. Heute Abend iſt ſie auch da, ich begegnete ihr auf dem Wege hieher, wenn Ihr etwas mit ihr zu reden habt, könnt Ihr keine beſſere Gelegen⸗ heit finden.“ „Wann ſoll das Geſchäft geordnet werden?“ „So bald wie möglich, am Beſten noch in dieſer Nacht.“ „Parbleu, hat's der Marquis ſo eilig?“ ſpottete der Falſchmünzer. „Man müßte doch den Burſchen zuvor in eine Falle locken, ihm einen Hinterhalt legen—“ „Das iſt nicht nöthig. Wenn er in dieſer Nacht heimkehrt, ſtößt man ihn auf dem Flur nieder.“. Dorman ſtand auf, das Glas, welches die Wahrſagerin ihm an⸗ bot, ſchob er zurück.— „Wartet“, ſagte er,„ich werde ſehen, ob ich eine ſichere Hand finde, wir können dann zuſammen fortgehen.“ Die Alte nickte befriedigt und verſank in Sinnen. Sie hatte ihren Zweck erreicht, ſie kannte den Falſchmünzer zu gut, um nicht zu wiſſen, daß er die einmal übernommene Aufgabe auch löſen werde. — 779 Und wenn das ſofort geſchah, ſo war es um ſo beſſer, man brauchte dann nicht viele Pläne zu entwerfen. Schon nach wenigen Minuten kehrte Dorman, von dem Kleinen begleitet, zurück. „Wir ſind bereit“, ſagte er. Madame Leroi muſterte mit ſcharfem Blick den Vagabund, ſie ſchien mit der Wahl zufrieden zu ſein. „So wollen wir gehen“, erwiderte Sie.„Aber wo berathen wir das Nöthige?“ „In Eurer Manſarde, Alte!“ „Das wäre—“ „Ah, bah, Ihr ſeid kein junges Mädchen, das auf ſeinen guten Ruf ängſtlich achten muß“, ſpottete Dorman.„Ihr könnt immerhin und zu jeder Zeit Herrenbeſuche annehmen!“ „Aber es würde Argwohn wecken!“ „Wo? Bei wem? Vorwvärts, Alte, wir haben keine Zeit zu ver⸗ lieren.“ Der Falſchmünzer ſchob ſeinen Arm in den ſeines Freundes und folgte dem Weibe, welches keinen Widerſpruch mehr wagte. In allen Straßen wogte die lärmende Menge auf und nieder. Paris jubelte über die errungenen Siege, es erwartete noch in dieſer Nacht den Einmarſch der Befreier. Die Preußen geſchlagen, auf der Flucht, die feindlichen Heer⸗ führer todt oder gefangen, die ruſſiſche Armee auf dem Marſche nach Berlin— ah, Frankreich war wieder die große, ruhmreiche Nation, es hatte dem ſtaunenden Europa bewieſen, daß es nicht zerſchmettert werden konnte. Oft war das Geſchrei der berauſchten Menge betäubend. Wo eine Uniform ſich blicken ließ, wurde ſie mit Jubel empfangen, man trug Verwundete im Triumph auf den Schultern umher, man ſang, tanzte und lachte auf den Straßen, kurz, Paris glich wieder einem großen Irrenhauſe. Die Nacht breitete ja ihren dunkeln Mantel über das Elend, man ſah es nicht, man dachte nicht mehr an die Verhungernden und Ster⸗ benden, man hörte in dieſem wahnſinnigen Lärm das Jammern der Verzweiflung und das Todesröcheln der Unglücklichen nicht, man wollte nichts derartiges ſehen oder hören, es hätte ja die Freude nur getrübt. Leroi konnte nur langſam ſich durch das Gedkätge eine brechen, die Vagabunden folgten ihr in angemeſſener Entfernung. r iſt zu wenig“, ſagte der Kleine leiſe,„überdies habe ich auch wahrhaftig keine Luſt, einen Menſchen zu tidt en, den ich nicht kenne, 1 und der mir nie etwas zu Leide gethan hat.“ „Ah bah, was dies betrifft, ſo muß man ein ziemlich weites Ge⸗ n' Dorman ironiſch.„Aber Du haſt Recht, es auf Beſtellung tödten zu ſollen. Ich könnte „Und dennoch mutheſt „ Warte nur, ich habe „daß mein Plan uns etwas ein⸗ ein Privatgeſchäft, bei denn die undes keinen Finger rühren, und dennoch wel uger ſie, daß wir auch is Beute mit ihnen theilen ſoll — ich lieber austreten, ich habe über nharpe weit komumen ſollte, dann treten andere Leute aus“, ur nt Dorm ht gehorchen will, mit dem nor. 1 wollen anz ſpät anz ſ[paten dant le ;, s 27 was jſt das? — 1 3n—-„ 5* ngte Schaar von zerlumpten Burſchen und 2 entgegen, in ihrer Mitte befand ſich ein gut gellei⸗ 7 e Hände auf den Rücken gebunden waren, und einen Strick geſchlungen hatte. Er war mit Blut übergoſſen, das Geſindel ſlug ihn unabläſſig, und das Gebrüll und Wehent d der Menge erf fern das Jammern des Unglücklichen hatte er verbrochen? Er war ſo kühn geweſen Siegesnachrichten zu bezweifeln und zu behau pten, die d Wahrheit de ie Loirearmee ſei geſchlagen und zurückgeworfen worden. Man hatte ihn nicht lange gefragt, ob er dieſe Hiob edef3 beweiſen H 8 könne, man war ſich ſofort darüber einig geweſen, daß er ein; eußiſcher Spion ſein müſſe, und das Todesurtheil wurde ohne Berzug gefällt. „Da haſt Du's“, ſagte der Kleine.„Dieſer Mann hat vielleicht nicht ſo viele Zweifel geäußert, wie Du in der Schenke Tabaret's Nimm Dich in Acht, das Volk iſt wahnſinnig, und ein Wahnſinniger weiß nicht, was er thut.“ „Ah, bah, ſie werden ſchon morgen wieder nüchtern werden“, ſpottete Dorman,„ich bleibe dabei, die Regierung hat abermals ge⸗ logen. Aber uns kann es nur erwünſcht ſein, dieſe Lügen werden den Haß gegen die Regierung ſteigern und befeſtigen, und die Stunde der Abrechnung iſt vielleicht Son nahe.“ Sie hatten das Haus der Wahrſagerin jetzt erreicht, langſam und faſt geräuſchlos auftretend, folgten ſie der Alten die ſteile, enge reppe hinauf. Madame Leroi zündete in ihrer Manſarde eine Kerze an, und orman verſchloß hinter ſich die Thüre. Der Rabe flog krächzend auf die Schulter der Alten, und der feiſte Kater verließ die Sophaecke, um in den Schooß ſeiner Herrin zu ſpringen. „Teufel, das gäbe einen ſaftigen Braten“, ſagte der Kleine mit einem lüſternen Blick auf die Katze,„he Dorman, läuft Dir nicht das Waſſer im Munde zuſammen?“ Der Falſchmünzer lachte, Madame Leroi legte ihre dürren Hände auf das Thier, als ob ſie es ſchützen und vertheidigen wolle. „Was kümmert Euch meine Katze?“ erwiderte ſie.„Eher will ich ſelbſt verhungern, als daß ich ſie tödte.“ „Gottes Tod, alte Hexe, das Thier iſt mindeſtens dreißig Franken werth!“ rief der Kleine, ohne die Angſt des Weibes zu beachten. „He, der Rabe ſcheint auch gut genährt zu ſein!“ „Hundert Sous für die arme Frau!“ krächzte der Vogel.„Wir ſind arm, arme Leute!“ „Arm— arme Leute!“ äffte Dorman ihm nach.„Dir ſieht man's nicht an, Du haſt noch keine Noth gelitten.“ „Laſſen wir das“, ſagte die Alte, die ihre Beſorgniß nicht ganz verbergen konnte.„Denken wir an unſer Geſchäft.“ „Gut“, erwiderte der Falſchmünzer.„Alſo wo iſt das Geld?“ „Ich zahle es, ſobald ich die Leiche geſehen habe.“ „Unfinn, Frau“, ſagte der Kleine,„bei ſolchen Geſchäften Kä der Lohn vorausgezahlt werden.“ „Aber wer bürgt mir dann dafür, daß ich nicht betrogen werd de?“* „Bei allen Teufeln, wer ſichert uns vor Betrug?“ rief Dorman, 522 782 zornig auffahrend.„Es iſt j ja möglich, daß die Geſchichte nicht ohne Lärm abgeht, daß wir fliehen müſſen. Ich kenne das, ſpäter ſeid Ihr nie zu Hauſe, und wenn man Euch einmal antrifft, dann wird man elach ct. 71 Goj „Ja, ſo geht's in der Regel“, nickte der Kleine.„Dann wird Einem mit der Polizei gedroht, Euch kann man nichts beweiſen, alſo muß man ſelbſt den Kopf i ws Loch halten! Entweder— oder, Ma⸗ dame, rückt znie de em Gelde heraus, dann wollen wir die Sache überlegen.“ „Gut, Ihr ſollt es haben“ ſagte das Weib nach kurzem Beſin⸗ nen,„hört jetzt meinen Plan. Die Beiden ſind noch nicht zu Hauſe, ſie kommen vielleicht zu aſgnunten heim, man muß ſie alſo trennen.“ „Wie wollt Ihr das anfangen?“ „Hm, wenn Ihr draußen wartetet, Dorman. Ihr könntet Lafleur anreden und ihm irgend etwas mittheilen, was ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nähme, Bertrand geht unterdeſſen in's Haus, im Flur an der Treppe wartet Euer Freund. Der Stoß muß kräftig und mit ſicherer Hand geführt werden, dann kann kein Lärm entſtehen.“ „Gut, und was dann?“ „Dann iſt die Sache geordnet.“ „Nicht ſo ganz“, ſagte Dorman ironiſch.„Die Burſchen wiſſen, daß der Marquis ſie haßt und verfolgt, und daß Ihr das Werkzeug dieſes Mannes ſeid. Ihr habt bei ihnen ſchon zu viel Sünden auf dem Regiſter, Lafleur würde Euch die Anklage in's Geſicht ſchleudern, vielleicht in der erſten Aufregung Euch den Schädel zerſchmettern.“ „Wie kann er mir die Schuld aufbürden wollen?“ fragte die Alte, die an dieſe Folgen noch nicht gedacht hatte. „He— wird er nach Beweiſen fragen? Er hat Gründe, und Gründe genügen in den meiſten Fällen.“ Der Kleine wanderte inzwiſchen durch das Gemach und betrachtete jedes Einzelne mit neugierigen Blicken. „Parbleu, die alte Hexe muß Geld haben“, ſagte er.„Noth leidet ſie auch nicht. Da liegt wahrhaftig eine Käſerinde, wie kommt das Weib nur zu dieſem Leckerbiſſen?“ Dorman lachte höhniſch. „Die hat ſich bei Zeiten vorgeſehen und ihre Einkäufe gemacht“, erwiderte er ſpottend.„Den Teufel auch, ſie ſieht ja in die Zukunft, ſie weiß, wie Alles kommen und wann die Noth hier enden wird. Habe ich nicht Recht— wie?“ — — ——ò⏑--⸗;ꝛꝛꝛ— ——— — — —— — ueru- en ene e — — ———— — — 783— Madame Leroi nickte bejahend. „Ich habe vor der Belagerung Manchem einen guten Rath gege⸗ ben, und die, welche ihn befolgten, wiſſen mir noch heute Dank dafür“, ſagte ſie.„Da war es doch wohl natürlich, daß ich auch für mich ſorgte, ſo weit meine Mittel es erlaubten.“ e, wenn Ihr ſo klug ſeid, dann gebt uns auch einen guten Rath“, höhnte der Kleine, auf den Tiſch zutretend,„uns iſt die Zu⸗ kunft verſchloſſen, wir wiſſen nicht einmal, was morgen geſchehen wird.“ „Einen guten Nath?“ wiederholte die Wahrſagerin boshaſt.„Ihr würdet ihn doch nicht befolgen.“ „Nur heraus damit!“ „Wohlan, verlaßt Paris, ſobald die Thore offen ſind, das iſt der beſte Nath, den ich Euch geben kann.“ Die Vagabunden lachten. „Da habt Ihr Recht, wir werden ihn nicht befolgen“, erwiderte Dorman mit beißender Ironie.„Wenn die Thore offen ſind, wird es hier luſtig zugehen, Alte, und ich ſehe nicht ein, weshalb wir uns nicht nach der ſchweren Zeit mit den Fröhlichen wieder freuen ſollen!“ „Es wird eine wüſte Freude ſein! Aber freilich, Ihr findet an Mord und Brand Eure größte Freude, und die Zeit des Bürger⸗ krieges iſt für Euch die Zeit der Aernte.“ „So iſt es, Mutter Leroi“, nickte der Falſchmünzer,„Paris zu verlaſſen, haben wir nach der Aernte noch immer Zeit genug. Aber kommen wir auf das frühere Geſpräch zurück. Ich wüßte ein gutes Mittel, durch welches Ihr jeden Verdacht von Euch ablenken könntet.“ „Welches?“ „Wenn wir Euch Arme und Beine zuſammen ſchnüren—“ „Seid Ihr toll?“ fuhr das Weib auf.„Was wolltet Ihr damit bezwecken?“ „Zum Teufel, Ihr hört es ja. Wir feſſeln Euch und zwar ordentlich, ganz nach den Regeln unſerer Kunſt. Ihr könnt dabei in dem Seſſel ſitzen bleiben. Wenn wir das Geſchäft abgemacht haben, pfeifen wir, dann erhebt Ihr ein jämmerliches Geſchrei. Man wird kommen und Euch befreien, man wird Euch bedauern, und Ihr er⸗ zählt den Leuten eine haarſträubende Räubergeſchichte. Könnt dabei auch behaupten, man habe Euch mißhandelt und beſtohlen, auf eine Lüge mehr oder weniger kommt es nicht an. Das wird die Wuth Lafleur's entwaſſnen, er kann keinen Verdacht auf Ench werfen, er findet vielleicht nicht einmal eine beſondere Abſicht in der Ermor⸗ dung ſeines Freundes, im Gegentheil, die Raubmörder haben ihn niedergeſtoßen, weil er ihnen bei ihrer Flucht im Wege ſtand.“ Die grauen Augen der Wahrſagerin ruhten durchdringend auf dem Geſicht des Falſchmün zers, der ſie ſo gleichgültig anſchaute, als ſei es ihm einerlei, ob ſie ſeinen Vorſchlag annehmen werde oder nicht. „Wir müſſen dazu einige Stricke haben“, fuhr Dorman in dem⸗ ſelben gelaſſenen Tone fort, indem er ſich prüfend umſchaute,„es dürfen durchaus keine Zweifel entſtehen können, ob das in Wahrheit ein Raubanfall, oder nur eine Komüdie iſt.“ „Aber Ihr werdet mich nicht ſo ſeſt binden, daß ich mich nicht augenblicklich befreien könnte?“ warf die Alte ein. „Wir ei en Euch den Kunſtgriff, mit dem man ſich der feſteſten Feſſeln entledigen kann.“ „Hier iſt ein Strick“, rief der Kleine, der zwiſchen d den Flaſchen, Büchern und Büchſen auf dem Büchergeſtell herum geſtöbert hatte, wenn wir ihn durchſchneiden, haben wir Alles, was wir gebrauchen. 4 Nein!“ ſchrie das Weib, von einem plötzlichen Entſetzen ergriffen, nich will das nicht!“ Dorman erhob ſich, er nahm den Strick aus den Händen ſeines Genoſſen und prüfte die Feſtigkeit deſſelben. „Habt Ihr Angſt?“ fragte er ſpottend. „Ja“, erwiderte Madame Leroi erregt,„es wäre eine unverzeih⸗ liche Dummheit, wenn ich— „Unſinn, wir ſind Eure beſten Freunde!“ „Das weiß ich nicht, Ihr ſeid zu Allem fähig.“ „Na, dann wollen wir lieber von Allem abſehen“, ſagte der Falſchmünzer, indem er den Strick auf den Tiſch warf. Der Kleine ſetzte ſeine Forſchungen noch immer fort, er ſchlich ſich wie eine Katze durch das Zimmer, bald ſtand er in dieſer, bald in jener Ecke, und ſeine funkelnden Augen ſchweiften unabläſſig von einem Gegenſtand zum andern. „He, hier iſt der Fußboden hohl“, ſagte er, als er auf d das Brett trat, unter welchem ſich die Vorrathskammer der Alten befand.„Par⸗ bleu, Madame, Ihr habt eine ſeltſame Schatzkammer.“ „Weshalb ſpionirt Ihr überall?“ fragte das Weib, deren Angſt mit jeder Sekunde ſtieg. „Ah, bah, ich habe Langeweile!“ — —— —— —-——ÿ — 785— „Setzt Euch dorthin, oder noch beſſer, geht auf Euren Poſten.“ „Es iſt noch zu früh“, erwiderte Dor Dunan,„vor Mitternacht werden di Burſchen ſüwelich heimkomme. „Und dann müßte ja auch vorher dns G gezahlt werden“, be⸗ d. merkte der Kleine, der dicht neben dem Seſſel der Alten ſtan „Wahrhaftig, ein famoſer Braten! Was ung Euch die B 44* Mäuſe fängt ſie nicht, Ihr müßt ſie füttern— „Kümmert Euch nicht darum!“ „Alſo Ihr wollt nicht?“ fragt te Dorman. „Nein.“ „Ihr wollt Euch lieber der Wuth Lafleur's ausſetzen?“ „ 3 † chtes Howeiſ 74 Er kann mir nichts beweiſen.“ „r „Und ich wirderial⸗ Euch, er fragt nicht nach Beweiſen.“ „Ich werde meine Thüre verſchließen und—“ äftigen Kolbenſtoß ſprenge ich die Thüre, ehe 1 3 7 1 „Bah, mit einem ko Ihr Drei zählen könnt.“ „Nein, ich will nicht!“ rief die Alte.„Ich begreife überhaupt riihe weshalb Ihr mir den Vorſchlag macht.“ Mit einem Sprunge war der Kleine hinter dem Weibe, er ſchlang ihr e ein Tuch um den Mund, während Dorman ſich auf ſie ſtürzte und ihr Hände und Füße feſſelte. Es war das Werk weniger Minuten, die Verbrecher verrichteten es mit einer ſolchen Schnelligkeit und Gewandtheit, daß ihr Opfer nicht einmal Zeit fand, einen Hülferuf auszuſtoßen. Der Schweiß ſtand ihnen auf der Stirn, als ſie ſich erhoben, in dem runzligen Geſicht der Alten prägte ſich die Verzweiflung der Todesangſt aus. „Seht Ihr, das war Alles, was wir wollten“, ſpottete Dorman, indem er dem Weibe gegenüber Platz nahm, wir haben nun Zeit ge⸗ nug, das Geſchäft recht gründlich zu ordnen. Der Rabe war krächzend auf das Büchergeſtell geflogen, er ſchlug mit den Flügeln und ſchrie unaufhörlich:„Wir ſind arm, arme Leute!“ Die Katze hatte ſich in ihre Sophaecke geflüchtet. „Recht gründlich“, wiederholte der Kleine vergnügt.„Lärm kann ſie nicht machen, und übereilen wollen wir nichts. Alſo zuerſt die Schatzkammer!“ Er hob das Brett auf und holte die Lebensmittel hervor. Die Vagabunden jauchzten laut auf, als ſie den reichen Vorrath ſahen. R. 5⁰ 786—. Dann n foldten mehrere mit Gold und Banknoten gefüllte Beutel, ei Portefeuille, welches Werthpapiere enthielt und eine mit koſtbaren Sümucfeche füllte Schatulle. „Sieh, das iſt ein beſſeres Geſchäft“, ſagte der Falſchmünzer,„wir .41 können's ohne Blutvergießen abmachen 8 n:* 41141 5„r Gro F; die Katze nehmen wir auch mit“, fügte der Kleine hinzu, trinkt den „ Byrr 4* † M.⸗ enlkorkte.„Brrr, die alte V wie das Zeug im Halſe bre 74 Wooſſot ttotes Dun hweizerkäſe. ſpottele Dd tan, der mit ſror c. Oomt. 4ꝙ M; Biſſen nach dem an ndern verſch„Wir wie der reichſte Mann in Paris, greif zu, nehmen wir mit.“ A, 93„, örat Son Artan In den grauen Augen der Alten wand und krümmte ſich in ſhhen Feſſel Tre c itten nur loch iife in die we elke Haut ein. G Iach nunz er l höhniſch. Kunſtgriff zeigen“, ſagte er,„es iſt außer⸗ dentlich einfach, nehmt ein Meſſer und ſchneidet den Strick durch, dann ſeid Ihr ſer „Oder ruft um Hülfe!“ ſpottete der Kleine.„Es wohner ja ſo viele Leuee in dem Hauſe, und ſie haben die alte Kanaille jedenfalls ſehr lieb „Parlle eu, ich weiß, was Ihr denkt“, nahm Dorman wieder das Wort.„Ihr denkt, es ſei noch nicht aller Tage Abend und es werde ſich gewiß eine Gelegenheit bieten, Vergeltung zu üben! Hm, andere Leute haben daſſelbe gedacht, wenn ſie von Euch betrogen wurden! Den Schmuck der kaiſerlichen Prokuratorin habt Ihr für ein Butter⸗ brod von mir gekauft, Ihr wußtet, daß ich damals in Noth war.“ „Und dann muß man ſich auch beſſer vorſehen, wenn man einen Meuchelmörder dingen will“, ſagte der Kleine, der inzwiſchen ein großes Stück Schinken ſammt einigen Eiern vertilgt hatte.„Wir laſſen uns nicht kaufen, aber deſto größere Freude haben wir daran, wenn wir eine Perſon Eures Schlages in ihrer eigenen Falle fangen können.“ „Wie das jetzt geſchehen iſt, Mutter Leroi! Meinetwegen könnt Ihr morgen das Geſchäft wieder fortſetzen, Ihr müßt zwar von vorne wieder anfangen, aber Euch wird ja das Geld mit vollen Händen in's Haus gebracht, da werdet Ihr bald wieder reich ſein.“ Uchm ollte Euch den — ——— Und dann beſuchen wir Euch wieder. Gottes Tod, ſeht mich „UD 4 nicht ſo glühend an, oder ich werfe Euch die Flaſche an den morſchen Schädel!“ Heß ſie nurt“ wahrhaftig, wenn ſie vierzig p— bo Aßr 731 rathen. Ich glaube, Ihr ſeid 9 ſchön wart, ſich jetz ige Vettel“, höhnte geſtillt hatte,„ſie könnte des Teufels 1 74 eine alte och immer nicht 2„ ſehen wir zu, was wir er zu, R 1 Bortefeuille Pffnete, um die Wertl er Rentenbriefe, Staatspapiere, man kat och iſt der Betrag? ich werde zählen. Gottes Tod, achtzigtauſend Francs! Hexe hat ein famoſes Einkommen gehabt.“ un dieſe Beutel.“ und Banknoten— da, ſtecke die beiden ein, die Werkh⸗ p diere hebe ich einſtweilen auf, wenn ſie verkauft ſind, theilen wir den Erlös.“ „Und die Schmuckſachen?“ „Damit müſſen wir warten, bis wir in London ſind. Teufel, wie das funkelt und blitzt! Lauter echte Steine, und welche prachtvolle Faſſung! Sieh nur hier das prachtvolle Armband, dort die Perlen⸗ kette, und dieſes Diadem von Brillanten. Alles geſtohlen, ich kenne das! Die Alte hat's genommen, wo ſie es nur fand,— na, was geht es uns an, Gold muß wandern, ſonſt hat es keinen Werth.“ Die Vagabunde n blickten mit höhnenden Augen in die Schatulle, ſie konnten ſich nicht ſatt ſehen an den Koſtbarkeiten, die hier vor ihnen lagen. Endlich warf der Falſchmünzer den Deckel zu, nachdem er zuvor das Borieſenil hineingelegt hatte, dann ſchob er ſeine beiden Geld⸗ beutel in die Taſchen. „So viel hatte ich nicht erwartet“, ſagte er,„wenn ich auch wußte, ß wir einen kleinen Schat finden würden. Die Lebensmittel neh⸗ nen nßr natürlich auch mit, Mutter Leroi wird nicht verhungern.“ Wenn ſie noch Zähne hat, kann ſie ſie an dem zähen Fleiſch 50* izte⸗ Raben ausbeißen“, mir.“ höhnte der Kleine.„Die Katze geht mit „Nimm Dich in Acht, die Beſtie könnte wild werden!“ „Ah bah, ich werde ihr die Krallen beſchneiden.“ Kleine nahm das Brodmeſſer und ſchritt auf das Sopha zu immte wüchend d den Rücken und ergriff die Flucht. „Nur nicht nachgelaſſen“, lachte Dorman, während er der Jagd zuſah,„ſtoß der 2 Beſtie das Meſer in den feiſten Kadaver.“ 1 Stöhnen machte ihn wieder auf das alte Weib au et PBI H 52 f chrak faſt von ihrem Blick, der dem Blick eines blut 2 8 2 S n Tigers 1 an ch. „Es geht Alles vorüber, ſagte er, en werdet Ihr dem „ Kater eine Thrän dem erhebenden Be e wußtſein tröſten, daß ſei zartes Fleiſch Hungernden ſättigt. werdet natürlich Himmel und Hölie in Bewegung ſetzen, 8 die Beute wieder abzuhetzen, aber was Ihr thut, bedeukt die n. Beim Vater Tabaret ſind wir jeden Abend zu finden, wollt Ihr dorthin kommen, ſo ſtelle ich Euch unſerer Geſellſchaft vor, Ihr lernt dann eine Menge luſtiger Galgenvögel k kennen, aber Ihr dürſt nicht grob werden, denn Spaß verſtehen ſie nicht. Wollt Ihr die Polizei oder die Nationalgarde auf uns hetzen, ſo werden wir dieſen erzählen, welches Geſchäft Ihr uns zugemuthet habt, dann könnte ihre Wuth ſich gegen Euch richten!“ „Bei allen Teufeln, die feiſte Beſtie iſt flinker, wie man glauben ſollte!“ rief der Kleine ärgerlich, der hinter der Katze herjagte. „Ich hätte ſie längſt“, erwiderte Dorman,„aber mir liegt nichts Th„ 74 an dem Thier. „Das Fleiſch ſoll ſo zart ſein, wie das Fleiſch eines jungen Ka ninchens.“ „Meinetwegen, ich wünſche guten Appetit.“ „Bah, ich werde den Braten verkaufen.“ „Sorge nur, daß Du ihn bekommſt.“ Der Kleine hatte jetzt die Katze in eine Ecke getrieben, ſie ſprang gegen ihn an, er prallte erſchreckt zurück. „Wir ſind arm, arme Leute!“ ſchrie der Nabe. Der Falſchmünzer lachte. „Mach ein Ende“, ſagte er,„wir müſſen gehen. Die alte Hexe wird auch müde ſein und uns am liebſten auf den Rücken ſehen.“ — dit — 789— Er band bei dieſen Worten die Lebensmittel in ein Tuch und nickte dabei der Alten zu, als ob er ihr danken wolle. Der Kleine hatte die Katze jetzt gefangen, er ſtieß ihr das Meſſer in den Hals und trat mit dem blutenden Kadaver in der Hand an den Tiſch. „Teufel, wie Du ausſiehſt“, ſpottete Dorman.„Zerkratzt und geſchunden im Geſicht und an den Händen, für den lumpigen Braten iſt das ein zu hoher Preis.“ „Er ſoll mir gut bezahlt werden, andernfalls ſpeiſe ich ihn ſelbſt. Aber ſieh nur das Auge des alten Scheuſals!“ „Ah, bah, es iſt eine ohnmächtige Wuth, die ich nicht fürchte!“ „Und doch wäre es beſſer, wir ſchnürten ihr den dürren Hals zu.“ „Wenn Du das Geſchäft übernehmen willſt, habe ich nichts da⸗ gegen einzuwenden.“ 3 Der Kleine ſah ſich bereits nach einem Strick um, aber als er jetzt wieder dem Blick der Alten begegnete, trat er entſetzt zurück. „Ich kann es nicht“, ſagte er,„ich würde die Leiche nie vergeſſen.“ „Gut— dann nicht. Sie kann uns nichts anhaben, und wenn ſie uns unbequem werden ſollte, dann iſt es immer noch früh genug, ihr den Garaus zu machen. Jetzt nimm Deine Geſchichten, die Schatulle trage ich.“ „Und die Katze?“ „Reiß die Gardine vom Küchengeſtell herunter und packe ſie hinein.“ Der Kleine befolgte den Rath, er warf dabei einige Flaſchen um, die auf dem Fußboden klirrend zerbrachen. Der Rabe ſchlug unaufhörlich mit den Flügeln, aber er machte keine Miene, ſeine Herrin zu vertheidigen. Dorman ſtand vor der Alten und hob die Kerze empor, ſo daß ihr Schein voll auf das runzlige, von Haß, Wuth und Todeskampf verzerrte Geſicht fiel. „Na, nun ſeid Ihr erlöſt“, ſagte er mit beißendem Hohne,„nun könnt Ihr in aller Ruhe über Euren Racheplänen brüten. Ich ſage nicht auf Wiederſehen! denn ich wünſche ein ſolches Wiederſehen nicht, obſchon ich weiß, daß es erfolgen wird. Ich will Euch nur den guten Rath geben, uns nicht in den Weg zu treten, das würde für Euch die unangenehmſten Folgen haben. Ihr kennt uns jetzt, Mutter Leroi, alſo tröſtet Euch über den Verluſt ſo gut Ihr es vermögt und übernehmt nicht mehr ſolche gefährliche Aufträge. Biſt Du fertig?“ — 73890— „Ich warte nur auf Dich.“ „Adieu, Madame Leroi.“ Der Falſchmünzer blies das Licht aus und ſteckte die Kerze in ſeine Taſche, und als ſie das Gemach verlaſſen hatten, ſchloß er von außen die Thüre zu. „Was machſt Du da noch?“ fragte der Kleine leiſe. „Ich hänge den Schlüſſel an den Nagel, dann glauben die Nach⸗ barn, die alte Hexe ſe ausgegangen, und es wird Keinem einfallen, die Thüre einzutreten.“ „Sehr gut, da ſie keinen Lärm machen kann, wird fie verhungern.“* Der Falſchmünzer wollte eben von dannen gehen, als ein ſilber helles Lachen ihn bewog, wieder ſtehen zu bleiben. 8 „Das war Juſtine!“ ſagte er. „Wer iſt Juſtine?“ „Parbleu, ein ſchönes Mädchen, gehen wir zu ihr.“* „He— in dieſem Aufzug?“ „Still, laß mich machen.“ Dorman hatte ſich geräuſchlos der Thüre der Manſarde, welche Louiſon bewohnte, genähert, er horchte eine geraume Weile, dann kehrte er zu ſeinem Genoſſen zurück. 4 „Die Mädchen ſind allein“, ſagte er,„wir können uns eine ver⸗ gnügte Stunde mache „Hm, wenn ſie ſchön, heiter und gefällig ſind!“ ¹„Das kommt auf uns an.“ Der Baiiän ünzer pochte an und öffnete im nächſten Augenblick die Thüre „Ich bitte um Verzeihung“, ſagte er eintretend,„wiſſen Sie vielleicht, ob Madame Leroi ausgegangen iſt?“ Jenny, Juſtine und Louiſon ſaßen an einem kleinen Tiſche, auf welchem eine Bowle Glühwein dampfte, ſie blickten mit unverkenn⸗ barer Beſtürzung die fremden Männer an. 1 „Die Leroi wohnt in dem Zimmer gegenüber“, erwiderte Juſtine, „klopfen Sie dort an.“ „Wir haben das ſchon gethan, ohne Antwort zu erhalten.“ „Nun, dann wird ſie nicht zu Hauſe ſein.“ Die Beiden waren näher getreten, der Kleine hatte das Bündel, welches die Katze enthielt, auf den Boden geworfen, ſein Blick ſchweifte mit Bewunderung von einem Mädchen zum andern. ³ * —————ÿõ—ÿʒÿ— — — 791— „Parblen, ſo werden wir warten“, ſagte Dorman,„und wahr⸗ haftig, wir hätten dazu keinen beſſeren Ort und keine angenehmere Geſellſchaft finden können.“ Louiſon hatte ſich erhoben, ihre großen Augen waren ſtarr auf den Falſchmünzer gerichtet, den jetzt auch Juſtine erkannte. „In Wahrheit, das trifft ſich famos“, fügte der Kleine hinzu. „Ein ſchönes Mädchen im Arm und ein gutes Glas Punſch in der Hand, das iſt bei ſolcher Kälte nicht zu verachten.“ Damit ſchlang er ſeinen Arm um die Taille Louiſon's, die ſich mit einer Geberde der tiefſten Verachtung aus dieſer Umarmung befreite. Jenny Mouſſon lachte, ſie blieb ſitzen, als der Vagabund neben ihr Platz nahm.— „Teufel, das Kätzchen hat Krallen“, ſpottete er,„weshalb iſt ſie ſo ſpröde? Pierre, wir wollen das Unſrige zur Underhaltund auch beitragen, wie?“ Der Falſchmünzer nickte und flüſterte Juſtine leiſe einige Worte zu, ſie lachte ſpöttiſch. „Glauben Sie, das könne ich Ihnen ſo raſch vergeſſen?“ fragte ſie. „Sie hatten mich betrogen, aber zuletzt waren Sie trotz Ihrer Schlau⸗ heit der Betrogene!“ „Das war ich allerdings, denn Madame betrog mich auch“, ant⸗ wortete Dorman.„Wiſſen Sie, wos Madame jetzt wohnt?“ „Nein.“ „Beim Herrn Marquis von Chateaurouge.“ „Unmöglich.“ „Man hat mir geſagt, es ſei die Wahrheit.“ „Und Sie?“ „Ah, bah, ich mag nichts mehr von ihr wiſſen.“ „ Seht nur dieſen Käſe, dieſen köſtlichen Schinken!“ jubelte Jennh Mouſſon, während der Kleine die Leckerbiſſen auf den Tiſch legte. „Solche Gäſte laſſe ich mir gefallen!“ „Nun mein Fräulein?“ wandte der Vagabund ſich zu Loniſon. „Ich danke“, erwiderte Louiſon mit mühſam erzwungener Ruhe, „ich werde nichts von dieſen Speiſen berühren.“ „Das wäre für Sie ſelbſt der größte Schaden“, lachte Dorman. „Aus Ihres Vaters Keller kommen dieſe Lebensmittel nicht.“ Jenny und Juſtine ſpeiſten bereits mit großem Appetit, ohne ihre Freundin zu beachten. — 792— „Parbleu, wenn Madame bei dem Marquis wohnt, dann wiſſen wir auch, weshalb wir nicht mehr eingeladen werden“, ſagte Juſtine. „Der Marquis iſt überhaupt in der letzten Zeit ſehr ſonderbar ge⸗ worden.“ „So laden wir Euch ein!“ rief der Kleine, der das Glas Jenny's ſchon zum Drittenmale geleert und eine der erbeuteten Flaſchen in die Terrine ausgegoſſen hatte.„Bei allen Teufeln, wir können auch ſchöne Damen bewirthen, wir werden ſehr luſtig ſein!“ „Angenommen!“ ſagte Jenny.„Aber dann möchten wir auch Namen und Wohnung wiſſen!“ „In einem Palais werden ſie ſchwerlich wohnen“, verſetzte Juſtine mit leiſem Spott. „He, muß es denn ein Palais ſein?“ fragte der Vagabund. „Können wir nicht auch im Café Anglais oder bei Tortoni diniren?“ „Pferdebraten!“ „Antilopen und Känguruhs!“ „Ich danke für ein ſolches Diner“, ſagte Juſtine, die Oberlippe aufwerfend. „Ich mache einen Vorſchlag“, verſetzte Jenny.„Wir diniren bei mir und die Herren zahlen die Koſten des Diners.“ „Gut“, ſagte Dorman,„wir ſchicken die Speiſen und den Cham⸗ pagner.“ „Und wenn es Ihnen beliebt, morgen ſchon.“ „Mit Vergnügen.“ „Vielleicht können wir uns ganz bei den Damen einquartieren“, meinte der Kleine. „Es kommt darauf an, ob ſie Raum genug haben“, erwiderte Dorman. „Nein, mein Herr, es kommt darauf an, ob Sie Gold genug haben“, ſagte Jenny! Der Kleine griff in die Taſche und warf einen Geldbeutel auf den Tiſch.„Da iſt Gold“, entgegnete er,„wenn wir dieſes verausgabt haben, werden wir wieder arbeiten!“ „Wohlan, unter ſolchen Verhältniſſen ſtelle ich meine Wohnung zur Verfügung“, rief Jenny fröhlich.„Rue Richelieu, Nummer achtundzwanzig, meine Herren, fragen Sie nur nach Jenny Mouſſon.“ Der Falſchmünzer hatte die Brauen finſter zuſammengezogen, der Leichtſinn ſeines Genoſſen ſchien ihn zu ärgern. 8 — 793— Aber als Iuſtine jetzt die Arme um ſeinen Nacken ſchlang, und ihr warmer Athem ſeine Wangen ſtreifte, während die dunklen, blitzenden Augen ihn verführeriſch anblickten, heiterte ſein Antlitz ſich wieder auf. „Wenn es nur nicht wieder eine Falle iſt“, ſagte ſie leiſe,„ich würde es Ihnen diesmal nicht verzeihen.“ „Unſinn“, erwiderte er,„mich hat's ſchon genug geärgert, daß ich damals meiner Schweſter den Gefallen erzeigte, ich habe doch nur Undank davon gehabt.“ 5 „Gut, dann ſoll's vergeſſen ſein.“ Juſtine küßte nach dieſen Worten den Falſchmünzer, und Jenny folgte ihrem Beiſpiel, indem ſie dem Kleinen einen Kuß auf die Lippen drückte. „Werden Sie auch kommen, mein Fräulein?“ fragte der Kleine, ſich zu Louiſon wendend, die noch keinen Biſſen berührt hatte. „Nicht für alle Schätze der Erde!“ erwiderte das Mädchen mit unverhohlener Verachtung. „He, ſind Sie noch immer ſo ſpröde?“ „Ich achte meine Unſchuld und meine Ehre höher—“ „Oho!“ fiel Dorman ihr in's Wort.„Tugend, Unſchuld und Ehre haben in Paris keinen Werth.“ „Und Sie, mein Herr, verachte ich!“ fuhr Louiſon auf. „Wirklich?“ ſpottete der Falſchmünzer.„Vielleicht iſt das ein Compliment für mich.“ „Ich verabſcheue und haſſe Sie, weil das Blut meines ermordeten Vaters an Ihren Händen klebt.“ Dorman lachte. Jenny und Juſtine blickten mit ernſter Beſorgniß ihre Freundin an. „Das iſt ein Irrthum“, ſagte der Falſchmünzer,„Ihren Vater hat das Volk verurtheilt, und es war ein gerechtes Urtheil, der alte Schurke hatte den Tod verdient.“ „Sie haben ihn beraubt.“ „Bah, dann nahm ich ihm, was nicht ſein Eigenthum war, denn was er beſaß, hatte er Andern geſtohlen.“ „Gleichviel, aber dieſes Zimmer iſt meine Wohnung und ich erſuche Sie, es zu verlaſſen.“ „Gottes Tod, die hat den Teufel im Leibe!“ rief der Kleine. „Nehmen Sie ſich in Acht, ſchönes Kind, wenn wir wild werden, können wir Tiger ſein.“ — 794— „Bah, wer wird ſich an ſolches Geſchwätz ſtören!“ ſagte Dorman gelaſſen.„Wir bleiben, unſer Beſuch gilt ja nicht dieſem ſchnippiſchen Kätzchen, ſondern den beiden andern Damen.“ „Du wirſt uns doch nicht auch hinausweiſen wollen?“ fragte Juſtine ironiſch. „Doch“, erwiderte Louiſon feſt,„ich habe Euch nicht gerufen, und ich ſehe nun ein, daß der Verkehr mit Euch ſich nicht ziemt für ein Mädchen, welches Tugend und Ehre zu ſeinen höchſten Gütern zählt.“ „Das war deutſch geſprochen“, ſagte Jenny mit einem boshaften Blich auf das Mädchen,„dagegen läßt ſich nichts erwidern.“ „Parbleu, ſollen wir uns das gefallen laſſen?“ rief der Kleine ärgerlich. „Ruhe!“ gebot Dorman.„Sie wird ſpäter dieſe Grobheiten be⸗ reuen, heute wollen wir keinen Lärm machen. Der Kluge gibt nach, gehen wir.“ „Ja, gehen wir“, ſagte Jenny,„wir können in meiner Wohnung heiter ſein, ohne ſolche Grobheiten befürchten zu müſſen. Adieu, mein tugendhaftes Gänschen, man wird Dir die Federn auch noch ausrupfen.“ „Und Ihnen Gelegenheit geben, an uns zu denken“, fügte Dorman hinzu. „Ich habe mich in Dir getäuſcht“, ſagte Juſtine.„Du magſt ſehr tugendhaft ſein, aber Du biſt auch undankbar, und Undank iſt das häßlichſte Laſter.“ „Verſchwende doch keine Worte weiter“, höhnte Jenny, während der Kleine den Beutel wieder in die Taſche ſteckte und die Lebens⸗ mittel einpackte,„wir verlangen ja keinen Dank von dieſer Heiligen. Heute iſt Bertrand ihr Bräutigam, binnen Kurzem wird's ein Andrer 15 ſein, der Tugendſpiegel iſt nichts weiter, als eine heuchleriſche Maske.“ „Nein, nichts weiter!“ erwiderte Juſtine lebhaft.„Ach, ich bin auch tugendhaft geweſen, aber als ich es nicht mehr war, gab ich mir auch nicht mehr den Schein, es zu ſein. Und wenn wir beide nicht gehungert hätten, dann wäre auch Manches anders gekommen.“ „Komm, komm“, drängte Jenny,„es iſt ja nicht der Mühe werth, der Gans ein freundliches Wort zu ſagen.“ Arm in Arm mit den Vagabunden ſchritten die Mädchen hinaus, ſie waren über das Benehmen ihrer Freundin entrüſtet. Sie muß dafür beſtraft werden“, ſagte Jenny, ihrem Grimm Luft machend,„man muß e zwingen, gleichviel durch welche Mit⸗ —— ———— . . 4 1 1 — — — ———— —,—————— — 795— tel, die Bahn zu betreten, aus der ſie uns immer einen Vorwurf macht.“ „Ich hätte dannels Herrn von Segur nicht entgegentreten ſollen“, erwiderte Juſtine,„dann wäre ſie heute nichts beſſer, wie wir.“ „Ach, es iſt noch nicht zu ſpät, ihr die Maske abzureißen!“ „Jetzt ſchützt ſie ihr Verlobter!“ „Den fürchten wir nicht“, ſagte der Kleine.„Das Mädchen hat Ench, uns Alle beleidigt, ſie ſoll ihre Strafe empfangen.“ „Verſprechen Sie es uns auf Ehrenwort?“ fragte Jenny. „Ja, und ich werde mein Wort einlöſen.“ „Gut, dann wollen wir uns gedulden.“ „Hm, es iſt Kinderſpiel“, ſagte Dorman,„aber ich befaſſe mich nicht gern damit. Wenn Du es übernehmen willſt—“ „Ohne Bedenken, mag es auch noch ſo ſchwierig ſein, das hoch⸗ müthige Frauenzimmer ſoll fallen.“ „Das iſt die Rache, die ich verlange“, ſagte Jenny,„nun bin ich beruhigt, nun wollen wir wieder fröhlich ſein.“ Sie ſetzten ihren Weg fort und traten nach einer ziemlich langen Wanderung über die belebten Boulevards in das Haus, in welchem Jenny Mouſſon wohnte. Neununddreißigſtes Kapitel. Ein treues Herz. Es war wieder nichts geweſen. Die Siegesnachrichten, die Paris in einen Freudentaumel verſetzt hatten, erwieſen ſich abermals als Lügen. Die ganze Nacht hindurch donnerten die Kanonen, ein Gerücht drängte das andere, aber die erwarteten Befreier erſchienen nicht. Neue Bataillone und eine Maſſe von Geſchützen zogen am nächſten Morgen hinaus, heute mußte die Entſcheidung erfolgen, heute ſollte der letzte Reſt der deutſchen Armeen vernichtet werden. Man erzählte ſich von fabelhaften Erfolgen, während man dem Geſchützdonner lauſchte. 4 Der ganze Belagerungspark ſollte ſchon in den Händen der Fran⸗ zoſen ſein, in Verſailles hatten die Bürger ſih erhoben und das Haupt⸗ guartier niedergemetzelt, und daß General Aurelles de Paladine noch nicht kam, hatte ſeinen Grund darin, daß er mit ſeiner Armee Flan⸗ kenmärſche machte, um ſämmtliche deutſche Truppen zu umzingeln. Man berieth ſchon darüber, auf welchem kürzeſten Wege die Sieger nach Berlin marſchiren würden, man bezeichnete ſchon die deutſchen Feſtungen, die erobert, die Städte, die der Plünderung preisgegeben werden ſollten. Aber die Hiobsboten hinkten langſam nach. Zahlloſe Verwundete wurden hereingebracht, und die Beſonnenen erkannten ſchon jetzt mit Schrecken, daß der Widerſtand der Deutſchen doch energiſcher war, wie man vermj uthete und behaupten wollte. Boten brachten die Nachricht, die Schlachtfelder ſeien überſäet mit Leichen, und die Franzoſen würden Schritt um Schritt zurückgedrängt, verwundete Soldaten erklärten unumwunden, an Sieg ſei nicht zu denken, und in den Neihen der Deutſchen bemerk man weder Ent⸗ muthigung noch Verwirrung. Und als am Abend die Bataillone zurückkehrten, zu kleinen Häuflein zuſammengeſchmolzen, erſchöpft und demoraliſirt, als der Geſchütz⸗ donner ſchwieg und die Zahl der Verwundeten ſich in erſchreckender Weiſe vermehrte, da ward es den Meiſten klar, daß man ſie aber⸗ mals mit Lügen hinter's Licht geführt hatte. Der Jubel verſtummte und in bangen Sorgen erwartete man die kommenden Dinge. Freilich wurden am anderen Tage noch einmal friſche Bataillone hinausgeführt, aber die Leute murrten ſchon, ſie wußten, daß dieſes Blutvergießen nutzlos war. General Ducrot kehrte an der Spitze ſeiner geſchlagenen Armee zu⸗ rück, und die Pariſer hatten jetzt nur Flüche und Verwünſchungen für ihn. In dem eleganten Boudoir, welches Marie im Palais des Mar⸗ quis bewohnte, ſaß Madame von Chateaufleur in einem reichen und reizenden Negligee neben dem ſchönen Mädchen auf dem Divan und rührte mit dem ſilbernen Löffelchen gedankenvoll in der Chokolade, die vor ihr ſtand. „Wir müſſen Geduld haben“, ſagte ſie,„Erneſt Lafleur wird uns gewiß eine Botſchaft ſchicken, ſobald er aus dem Gemetzel heimge⸗ kehrt iſt.“ „Geduld!“ ſeufzte Marie.„Wie oft habe ich es mir geſagt, wenn die bangen Ahnungen in mir aufſtiegen, wie oft habe ich in heißem Gebet um Muth und Kraft gerungen!“ O Ol 7: p ch —— Cora nippte an ihrer Chokolade und blickte das ſchöne Mädchen theilnehmend an. „Ich begreife Ihren S chmerz und Ihre Unruhe“, ſagte ſie, und auch in dem Tone ihrer Stimme drückte ſich eine warme, herzliche eilnahme aus.„Ich begreife das Alles, obſchon ich niemals end geliebt habe. Wie iſt es nur möglich, meine Theure, daß man ſo heiß lieben kann? Ich habe in der Liebe ſtets Ku. 22 einen entzückenden Nauſch gefunden, aber dieſet Rauſch war raſch ver⸗ 0 d 1 efl flogen, und es blieb nur Ueber druß zurück „Wie es möglich iſt?“ erwiderte J Marie leiſe.„Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich khr und daß dieſe Liebe mich beſeligt.“ „Auch das begreife ich nicht. Der Arbeiter ſteht in allen Stücken ſo tief unter Ihnen— „Die Liebe ſieht nur auf das Herz.“ „Nun wohl, aber der Verſtand muß doch auch eine Stimme dabei haben.“ „S prechen wir nicht weiter darüber, der Marquis hat mir dieſen Vorwurf ſo oft gemacht, da ich es überdrüſſig geworden bin, mich gegen Bin zu vertheidigen.“ „Ah, der Marquis liebt Sie auch, meine Theure! „Seine Liebe ängſtigt mich.“ „In wiefern?“ „Nun, können Sie die Mittel gutheißen, die er wählt, um ſeinen Zweck zu erreichen?“ Cora legte leicht ihre Hand auf den Arm des Mädchens und ſah ihr ernſt in die Augen. „Sie wiſſen, ich bin nicht die Freundin des Marquis“, ſagte ſie, „ich kann ihm niemals die Demüthigungen vergeben, die er mir be⸗ reitet hat. Sie wiſſen, Marie, durch welche Mittel er mich bethört hat, ich will mich nicht entſchuldigen, ich weiß, daß ich auch geſehlt habe. Ja, gefehlt, nicht dadurch, daß ich meinem Gatten die Treue brach, ſondern dadurch, daß ich ihm Treue gelobte, da ich doch voraus wußte, daß ich dieſes Gelübde nicht halten konnte. Und darin werden Sie mir Recht geben, denn Sie kennen den Vicomte, und es iſt Ihnen keinesfalls verborgen geblieben, daß er mich nicht mit der Rückſicht behandelte, die er ſeiner jungen, lebensfrohen Gattin ſchuldete. Ich habe Ihnen erzählt, wie der Marquis mir lohnte für die Opfer, die ich ihm gebracht hatte. Ich liebte ihn, um ſo tiefer verwundete die kränkende Demüthigung mein Herz.„ = —‿ — 798— „Sie hätten auch das erwarten können!“ 3 „Vielleicht, aber ich dachte nicht daran, ich glaubte nicht, daß er mein Vertrauen ſo ſehr täuſchen werde. Ich forderte Hülfe von ihm, er ſtieß mich zurück, ich beſchwor ihn, mich vor dem Zorne des Vi⸗ comte ai ſ ſchützen, er e hatte nur Hoh glücklicher Zu⸗ niß erforſcher zte er ſich mit mir d Vnfndhe, mich zu fürchten. Nun, ich habe ß und ahnt 1 licht daß er jetzt der Betrogene 3„½„. 1 rF, zu 710 I iſt, er glaubt, ich wirke in ſeinem J 2 O jetzt „Und nennen Sie die Mittel, die er elbenukt, hrliche Mittel?“ 2 5 71 an, a ſKr OoS r fragte Marie, in deren Augen die Gluth des Zornes à hoch) aufblitzte. OU Werbung anzu⸗ daß er zu dem „Er hält mich gefangen, er will mich zwingen, nehmen, ja, er hat mir deutlich zu verſtehen gegeben, Aeußerſten entſchloſſ . 19 ann „Darüb ber kann G„entgegnete Cora, leicht das Haupt wiegend.„Was er damals am Tage der Entſcheidung Ihnen geſagt hat, das war nur eine ungeſtüme Aufwallung ſeiner Leiden⸗ ſchaften. Haben Sie ſeitdem Grund gehabt, ſich über ihn zu be⸗ klagen?“ „Nein, er iſt rückſichtsvoll und höflich geweſen.“ „Und er wird nichts unternehmen, was ſich mit der Ehre eines Edelmannes nicht vereinigen ließe, meine theure Freundin. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, daß Sie ſeine Werbung nicht annehmen, ob⸗ ſchon ich die Gründe Ihrer Weigerung ſo recht nicht begreife, tauſend Andere an Ihrer Stelle würden ſich nicht bedenken und mit beiden Händen zugreifen.“ „Madame—“ „Verzeihen Sie, daß ich Ihnen das ſage, Sie ſind eine Deutſche, wir Franzöſinnen denken in dieſem Punkte anders. Wir heirathen den Mann, den wir a und ſchenken unſer Herz dem, den wir lieben. Wir können Herz und Hand von einander trennen, ein glück⸗ liches Familienleben, wie man es in Deutſchland findet, hat für uns keinen Reiz, wir fänden es langweilig. Dieſe Grundſätze finden Ihren Beifall nicht, ich weiß es, aber was wollen Sie? Wir fühlen uns wohl dabei, weshalb ſollen wir ſie verleugnen? Um auf den Marquis zurückzukommen, ſo wiederhole ich Ihnen, daß Sie von ihm nichts zu befürchten haben, Ihre Weigerung hat ihn tief betrübt, aber nicht erbittert.“ Leiden⸗ zu be⸗ 3 emnes mache en, oh⸗ tauſſend belden „Und weshalb gibt er mir denn nicht die Freiheit?“ 5 „Mein d Hud⸗ ſo ſehr ich ihn auch haſſe, muß ich ihn doch gegen ungerechte Vorw ürfe in S zchu nehmen. Was wollten Sie draußen Beginnen⸗ Mar in macht noch immer Jagd u Deutſchen, man ermordet ſie in ihren W deenner und auf„ blonde blaue Augen zu beſitzen, das iſt hnr in Paris lebens⸗ W eine Zuflucht lichm⸗ Lafleur · 1 Wo wollen Si r Dienſt auf den Wällen nimmt ihn Tag und ₰ ben Feinde, die nur auf eine Gele⸗ HV— Sie zu verderben. Und worüber beklagen Sie an Lafleur befördert und Ihnen die Ant⸗ genheit lauern ſich? Ich habe jeden Bri r wort überbracht, Sie wiſſen, daß er wohl it, er ſelbſt räth Ihnen hier zu bleiben, bis der Friede geſchloſſen iſt.“ Und heute?“ e Marie erregt. T „Er hat Ihnen geſchrieben, daß ſein Bataillon ins Gefecht müſſe, und nun fü u Sie gleich das Se chllimmſ v. „Weil böſe Ahnungen mich beunruhigen.“ „Auf Ahnungen und Träume habe ich nie etwas gegeben, meine Theure.“ „Weil Sie nie geliebt haben.“ „Ah, dann iſt die Liebe eine Qual!“ „Oft iſt ſie es, Madame. Welches Glück wäre vollſtändig l „Und geſetzt, Lafleur wäre gefallen?“ fragte Cora, während ihr lauernder Blick verſtohlen das ſchöne Geſicht ſtreifte. „Dann hätte ich Alles verloren, was mir das Leben theuer macht“, antwortete Marie mit bebender Stimme. „Verlieren Sie ſo raſch Muth und Hoffnung?“ „Was hätte ich dann noch zu verlieren?“ „Alles, meine Freundin, die Heiterkeit, die Freude und das Leben. Sie würden um den Todten trauern und ſein Bild in Ihrem Herzen bewahren, aber wenn die Zeit den Schmerz gemildert hat, verlangt das Leben wieder ſeine Rechte. Sie würden darüber nach⸗ denken, ob Sie an der Seite des Marquis nicht glücklich werden könnten, Sie würden dann mit dem Verſtande und nicht mit dem Herzen rechnen.“ Marie ſchüttelte abwehrend das Köpfchen. „Und wenn ich es wollte, könnte ich es nicht“, ſagte ſie.„Zwi⸗ ſchen mir und dem Marquis liegt eine weite Kluft, über die keine — 800 Brücke hinüberführt. Ich habe oft darüber nachgedacht und mich ge⸗ fragt, wie man die Brücke bauen könne.—“ „Ein raſcher Entſchluß iſt beſſer, als vieles Nachdenken!“ „Ich kann ihn nicht faſſen. So würden Sie auch in dem Falle, daß Ihr Herz wieder ver⸗ 71 waiſt wäre, die Werbung unſeres Beſchützers nicht annehmen? „Nein.“ „Seltſt tſam“, ſagte Cora, ſich in die Ecke des Divans zurücklehnend, ich ſehe hier keine Kluft, der Rang und Reichthum des Marquis können ſie nicht bilden.“ Marie warf einen erſtaunten Blick auf die mit den feinen Spitzen ihres Morgengewandes beſchäft „Liegt Ihnen denn ſo ſehr viel daran, daß ich den Marquis glücklich ncher fragte ſie. „Oh, ich denke nicht an ſein Glück, ſondern an das Ihrige!“ „Ich habe Ionun geſagt, d daß mein Glück mit Erneſt Lafleur zu Grabe getragen würde.“ d Mit dieſen Worten erhob das Mädchen ſich, als ob ſie das G ſpräch abbrechen wolle; ſie trat an das Pianino und ließ ihre weichen Hände leiſe über die Taſten gleiten. Um die Lippen Cora's zuckte ein trotziger Zug, eine tückiſche Bosheit ſpiegelte ſich in den blitzenden Augen, die kurz vorher noch ſo herzlich und theilnehmend blickten. Marie bemerkte es nicht, ſie hatte ſich niedergelaſſen, die vollen Accorde rauſchten und verſchmolzen in einander, ein getreues Spiegel⸗ bild der Gedankenfluth, die in der Seele des Mädchens wogte. Und dräut der Winter noch ſo ſehr Mit trotzigen Geberden, Und ſtreut er Eis und Schnee umher, Es muß doch Frühling werden. „Ein deutſches Lied!“ ſagte Cora mit leiſem Groll.„Singen Sie unſere Chanſons, meine Freundin. Die deutſchen Lieder ſind ſo ernſt und ſchwerfällig.“ „Sie behagen dem frivolen, franzöſiſchen Charakter nicht“, er⸗ widerte Marie,„aber ſie ſind ſchön, wunderbar ſchön für den, der ihre Schönheiten fühlen kann.“ Und drängen die Nebel noch ſo dicht Sich vor den Blick der Sonne, Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne. Blaſ't nur, ihr Stürme, blaſ't mit Macht, Mir ſoll darob nicht bangen; Auf loſen Sohlen über Nacht Kommt doch der Lenz gegangen. — Aaz 1 1 Hoſzſch„844 4. 8 475 „In Wahrheit ein melancholiſches Lied“, ſagte Cora, mit einem geringſchätzenden Blick auf das ſchöne Mädchen.„Wie langweilig doch der deutſche Geſang iſt.“ 7 1 2 1 „Verſtehen Sie den Text?“ fragte Marie, ſich zu ihr umwendend. „Nein, ich trage auch kein Verlangen danach.“ „Ah bah— ſingen Sie die Marſeillaiſe! „Verlangen Sie das von mir? Nein, ich werde mein deutſches Red zu Ende ſingen.“— Da wacht die Erde grünend auf, Weiß nicht, wie ihr geſchehen, Und lacht in den ſonnigen Himmel hinauf Und möchte vor Luſt vergehen. Sie flicht ſich blühende Kränze in’s Haar Und ſchmückt ſich mit Roſen und Aehren, Und läßt die Brünnlein rieſeln klar, Als wären es Freudenzähren. In dieſem Augenblick erklang der Ton einer Glocke. Madame von Chateaufleur erhob das Haupt, ein triumphirender Zug umzuckte ihre Lippen, während es in ihren dunklen Augen ſcha⸗ denfroh aufblitzte. Sie erhob ſich und ging hinaus; Marie bemerkte es nicht, ſie hatte den Glockenton nicht vernommen, die ſanften, weichen Klänge der lieblichen Muſik hielten ihre Seele wie in ſüßen Träumen um⸗ fangen. Drum ſtill! Und wie es frieren mag, O Her, gib dich zufrieden! Es iſt ein großer Maientag Der ganzen Welt beſchieden. Und wenn Dir oſt auch bangt und grant, Als ſei die Höll' auf Erden, Nur unverzagt auf Gott vertraut! Es muß doch Frühling werden. Die Klänge und Accorde verhallten, das Köpſchen auf den Arm geſtützt, verſank das ſchöne Mädchen in träuntendes Sinuen. „Es muß doch Frühling werden!“ wiederholte ſie leiſe.„Sollte ich vergeblich auf ihn warten müſſen? Nein, was auch kommen mag, R. 5¹ — 302— ich will ſtark und muthig bleiben und feſthalten an der ſüßen Liebe, die Gott in meine Seele gelegt hat.“ Sie ſchlug die blauen Augen auf und blickte lange in den hellen, kalten Wintermorgen hinaus, und unwillkürlich ſchweiften ihre Ge⸗ danken hinüber auf das Schlachtfeld. Die Bilder, die vor ihr aufſtiegen, flößten ihr Entſetzen ein, die bangen Ahnungen kehrten zurück und erfüllten ſie mit namenloſer Angſt, vergeblich ſuchte ſie den Sturm zu beſchwören, der immer mächtiger in ihrer Seele tobte. Sie ſprang von ihrem Sitze empor, Cora ſtand auf der Schwelle des Zimmers, und der ernſte, düſtere Ausdruck ihres Geſichtes ließ Marie das Schlimmſte befürchten. Sie wollte ihr entgegeneilen, aber ſie vermochte es nicht, die Glieder verſagten ihr den Dienſt, ſie ſah den Brief in der Hand der ſchönen Frau, und es war ihr, als treffe ein Dolchſtich ſie mitten in's Herz. „Faſſen Sie ſich, meine theure Freundin“, ſagte Cora, indem ſie ihren Arm um den Nacken des Mädchens ſchlang und ſie ſanft an ſich drückte.„Das Leben iſt ja nur eine Kette von Enttäuſchungen und Entſagungen, und glaubt man das Glück gefunden zu haben, ſo muß man ſchon darauf gefaßt ſein, daß das unerbittliche Schickſal es in der nächſten Stunde uns wieder raubt.“ „Mein Gott, welche Nachricht bringen Sie mir?“ fragte Marie mit bebender Stimme. „Ihre Ahnungen haben Sie nicht betrogen.“ „Lafleur?“ „Er iſt gefallen auf dem Felde der Ehre für ſein Vaterland.“ Ein Schreckensruf entrang ſich den Lippen des Mädchens, ſie be⸗ deckte das todesbleiche Antlitz mit beiden Händen. „Todt!“ ſchluchzte ſie.„O, mein Gott, was habe ich verbrochen, daß du ſo hart mich ſtrafſt.“ Cora führte das Mädchen zum Divan und zog ſie zu ſich nieder, fie ſchlang ihren Arm um ſie und drückte ſie innig an ſich. „Muth“, flüſterte ſie.„Sie mußten ja darauf gefaßt ſein, der Tod war ihm ſtündlich nahe. Es ſind viele, viele gefallen, meine Freundin, und manches Auge wird heute naß werden. Aber liegt nicht ein ſtolzes, erhebendes Gefühl darin, daß ſie den Heldentod für ihr Vaterland geſtorben ſind 2 d der nitten em ſie ft an zungen 7, ſo ſicſal Marie — 8303— „Wer ſagt, daß er todt ſei?“ fragte Marie, aus ihrer Betäubung erwachend.„Wer kann es mit Sicherheit behaupten? Vielleicht wurde er nur verwundet, ich will zu ihm eilen, ihn pflegen, an ſeinem Schmerzenslager wachen.“ Sie wollte auſſpringen, Cora hielt ſie zurück. „Wir haben Gewißheit“, ſagte ſie leiſe. „Ja, der Brief— wo iſt er?“ „Hören Sie mich an.“ „Nein, nein, geben Sie mir den Brief!“ rief das Mädchen in fieberhafter Erregung.„Weshalb wollen Sie mir die Gewißheit vor⸗ enthalten?“ „Es iſt ein Brief von Paul Bertrand—“ „Gleichviel, Madame—“ „In ihm finden Sie ein Billet, welches Lafleur geſchrieben hat.“ „Geben Sie her.“ Haſtig entfaltete Marie den Brief, er war an Madame von Chateaufleur adreſſirt. Ein mit Blut befleckter Zettel fiel ihr in die Hand, lange ruhte ihr ſtarrer Blick auf ihm. „Adieu, mein ſüßes, angebetetes Lieb“, las ſie,„adien auf immer, es geht zu Ende! Mit Deinem ſüßen Namen auf den Lippen werde ich ſterben, und mein letzter Hauch werden Grüße an Dich ſein. O, wie goldig ſtrahlte die Sonne, wie lieblich blühten die Roſen— ach, die Sonne iſt untergegangen, und die Roſen ſind verdorrt. Adieu, Du mein Glück, meine Freude!“ Leiſe nahm Cora das Billet aus der zitternden Hand des halb bewußtloſen Mädchens. „Leſen Sie den Brief Bertrand's“, ſagte ſie.„Sie wiſſen ja nun das Schlimmſte, Sie ließen mir keine Zeit, Sie auf die Hiebspoſt vorzubereiten.“ Mechaniſch nahm Marie das Blatt. „Hochgeehrte Madame“, las ſie.„Ich erfülle eine ſchanerzliche Pflicht, indem ich Sie von dem Heldentode meines Freundes Erneſt Lafleur benachrichtige. Einer der Erſten in den Reihen der voran⸗ ſtürmenden Kämpfer, fiel er, von einer Kugel in die Bruſt getroffen, an der Spitze ſeiner Kameraden. Der Kampf war heiß und mör⸗ deriſch, wir mußten über die gefallenen Braven weiterſtürmen, ſo tief es mich auch ſchmerzte, daß der Freund ohne Hülfe zurückblieb. Aber, 51* — 304— als das Gefecht entſchieden war und die Waffen ruhten, ſäumte ich nicht, 33 raufzuſuchen. Ich fand ihn da, wo die Schlacht am erbittertſten ewüthet hatte, aber ach, ich fand nur Leiche. Und in ſeiner eren Hand fand ich das Billet, welches ich n hiermit überſende. Es war(ein letzter Gruß an ſe die er ſo treu und innig geliebt hat! Darf ich Sie bitten, die Arme auf die he Botſchaft vor⸗ ubereiten? Gewiß, Sie werden es thun, ich richte nicht vergeblich dieſe Bitte an Sie, ich weiß es.“—— Marie ließ den Brief ſinken, ein Thränenſtom ſtürzte aus ihren Augen, ſie warf an die Bruſt der ſchönen Frau und weinte. „Thränen lindern den Schmerz“, ſagte Cora, und der Ton ihrer Stimme verrieth di ie herzlichſte Theilnahme,„die Wunden, die jetzt bluten, werden ſich ſchließen und vernarben. Muth, meine Theure, gegen den Rathſchluß Gottes kann Niemand ſich auflehnen.“ „Ich muß ihn noch einmal ſehen“, rief Marie,„führen Sie mich zu ihm—“ „Aber, mein Kind—“ „Der Marquis muß es mir erlauben!“ „Ich zweifle nicht daran, aber—“ „Kein aber!“ rief das Mädchen in leidenſchaftlicher Aufwallung, ich muß ihn ſehen.“ „Es iſt unmöglich.“ „Weshalb?“ Wiſſen Sie denn nicht, daß die Todten ſofort auf dem Schlacht⸗ felde beerdigt werden?“ „Das wird Paul Bertrand nicht zugegeben haben, Madame. Er hat die Leiche mitgenommen—“ „Mein Kind, Sie vergeſſen, daß Bertrand ſelbſt erſchöpft war. Und das Grab auf dem Schlachtfelde iſt für den Krieger das ehren⸗ vollſte. Sie haben ja nun volle Gewißhei, was wollen Sie noch ehr?“¹ „Ihn ſehen, ihm das letzte Geleit geben!“ ſagte Marie mit dem der Verzweiflung.„Kann man dieſen Wunſch thöricht und inden?“ „Nein, gewiß nicht, aber ſeine Erfüllung iſt unmöglich.“ „Kleiden Sie ſich an, Madame, wir werden zu Paul gehen—“ „Er wird uns daſſelbe ſagen, was ich Ihnen ſagte.“. „Gnt, dann wird er uns an das Grab führen!“ ———— ☛᷑ 5 zt 3 81 4 3 *. 4 83 3 8 1 3 1 1 ¹ 1 1 Cora ſchüttelte beden „Denken Sie ric t an die Ge neen, welche draußen Sie be⸗ drohen?“ fragte Sie warnend. Ich fürchte nichts!“ ützen, man würde auch mich ermorden.“ „Wohlan, ich werde allein ahauh „Aber der Marquis „Ah, der Marquis!“ ſagte Marie mit wacſender Erregung.„Hat er ein Recht, m mich hier gefangen zu halten? Ich trotze ihm, Madame, ich werde gewaltſam mir den Weg zur Freiheit öffnen.“ „un Alles s mit ihm verderben!“ „Was habe ich noch zu hoffen und zu gewinnen? Was könnte ich jetzt noch verlieren? Ich haſſe den Marquis, ja Mad dame, ic ha ihn, denn er ſtand zwiſchen mir und dem Geliebten. Ich weiß nie welche Mittel er benutzt hat, um Ernei mir fern zu halten, aber ich ahne, daß es abſcheuliche Mittel waren! Weshalb durfte Erneſt mich nicht ſehen? Weshalb—“ „Mein Kind, alle dieſe Fragen ſind Ausbrüche des Schmerzes und der Leidenſchaft—“ „Nein, dieſe Fragen habe ich oft mir au ufg eworfen, und nie fand ich eine Antwort auf ſie, die mich hätte befriedigen können, ſie machen ſich jetzt wieder geltend. Hat der Marquis Erneſt in den Tod ge⸗ trieben? Ich weiß es nicht, aber ich habe Gründe, es zu vermuthen. Und ich will Gewißheit haben. Ich will wiſſen, ob der Marquis mich ſo ſchändlich betrogen hat, er ſoll mir Rechenſchaft geben.“ „Marie, Sie ſind ungerecht.“ „Nein, ich urtheile nach Beweiſen, Madame! Der Marquis will mich zwingen, ihm Herz und Hand zu ſchenken, und kein Mittel iſt ihm—“ „Nicht weiter!“ ſagte Cora ernſt, indem ſie ihre Hand auf den Arm des zitternden Mädchens legte und ihr voll in's Auge ſchaute. „Sie ſprechen Worte, die Sie einſt bereuen werden, Sie urtheilen in der Aufwallung der Leidenſchaften, und ein ſolches Urtheil iſt ſtets ungerecht.“ Marie blickte erſtaunt die ſchöne Frau an, ihre Lippen zuckten krampfhaft, in den großen, ſtarren Augen ſpiegelte ſich das Mißtrauen. „Sie ſpielen eine zweideutige Rolle, wie es mir ſcheint“, ſagte ſie. „Sie nehmen einen Mann in Schutz, den Sie zu haſſen vorgeben. Sie vertheidigen ihn—“ — — 806— „In Ihrem eigenen Intereſſe, mein Kind“, erwiderte Cora ruhig, „ich wiederhole Ihnen, Sie werden dieſes ungerechte Urtheil ſchon bald berrnen „Niemals, Madame! Ich fange an, klar zu ſehen, ich erſchrecke vor den Machinationen, mit denen man mich umgibt.“ „Rechnen Sie dazu auch meine Freundſchaft?“ „Ich weiß es noch nicht.“ „Wie, die Beweiſe, die ich Ihnen gegeben habe, gelten Ihnen nichts?“ fragte Cora zürnend. „Es können Scheinbeweiſe geweſen ſein!“ „Ach— Sie kränken mich, Marie, Sie lohnen mir mit Undank! Denken Sie über den Marquis, wie Sie wollen, aber zweifeln Sie nicht an meiner Freundſchaft, dieſe Zweifel würden Ihnen die letzte Stütze rauben.“ „So zeigen Sie mir, daß Sie meine Freundin ſind“, erwiderte das Mädchen heftig.„Befreien Sie mich aus dieſem Gefängniß, und ich will Ihnen auf meinen Knieen dafür danken.“ „Das wäre kein rechter Freundſchaftsdienſt“, ſagte Cora kopf⸗ ſchüttelnd.„Ich überlieferte Sie dem Tode—“ „Mein Schickſal kann Ihnen gleichgültig ſein.“ „ Dann wäre ich ihre Freundin nicht“, ſagte die ſchöne Frau ruhig.„Ich will in anderer Weiſe Ihren Wunſch erfüllen. Ich werde mit dem Marquis reden— „Nicht mit ihm!“ fiel Marie ihr in's Wort.„Er würde neue Machinationen erſinnen— „Denen ich zu begegnen wüßte, meine Freundin! Viel 74 elleicht erlaubt er hne nen nch ſein Haus zu verlaſſen, er zittert für Ihr Leben und er hat Urſache dazu. Wohlan, ich werde allein den Gang unter⸗ nehn r. ich werde Paul Bertrand beſuchen und mich erkundigen, ob Sie die Leiche ſehen können. Ich werde Alles Wunſch zu erfüllen, haben Sie Geduld, ich zu bringen, die Ihren Hoffnungen entſpricht. Marie ſtand in Nachdenken verſunken, ſie ſchrak aus zihrem; B rüten ,als ſie die Hand der ſchönen Frau auf ih „Ueberwerfen Sie ſich nicht mit dem Marqu uis“, fuhr Vie in ernſtem, warnendem Tone fort,„man glaubt oſt, die fi iedn Wolken würden für immer die Sonne umhüllen, aber plötzlich bricht doch wieder der leuchtende Strahl hindurch, den ſchwarzen Scleier zerreißend.“ aufbieten, Ihren nen die Antwort — — — 807— „Habe ich Ihnen nicht deutlich genug geſagt, daß—“ „Daß die Hoffnung des Edelmannes ſich niemals verwirklichen werde? Wie können Sie das jetzt ſchon wiſſen? Das Menſchenherz iſt ein unerforſchliches Räthſel, mein Kind, auch ich bin oft an dem eignen Herzen irre geworden! Und ſagen Sie mir, was Sie wollen, die lebensfrohe Jugend iſt ſtets empfänglich für den Zauber, den das funkelnde Gold verbreitet.“ „Mich kann er nicht feſſeln!“ „Ich werde Sie ſpäter an dieſe Antwort erinnern“, ſagte Cora, einen heitern, ſcherzenden Ton anſchlagend,„jetzt bitte ich Sie, ſich zu beruhigen und in Geduld das Reſultat meiner Schritte abzuwarten.“ Sie nickte ihr freundlich zu und entfernte ſich durch die geheime Thür. Der Marquis ſaß vor ſeinem Schreibtiſche, als die ſchöne Frau eintrat, er heftete den Blick mit fieberhafter Spannung auf ſie. „Ich fürchte, wir werden das Ziel nicht gewinnen, wenn wir nicht andere Wege einſchlagen“, nahm Cora das Wort, nachdem ſie ſich in einen Seſſel niedergelaſſen hatte. „Iſt ſie noch nicht überzeugt?“ fragte der Marquis erregt.„Sie kann nicht zweifeln—“ „Und ſie thut es auch nicht. Aber ſie verlangt ihre Freiheit, ſie will die Leiche Lafleur's ſehen, ſie iſt wüthend auf Dich, Henry, ſie wirft Dir vor, Du habeſt ihn in den Tod getrieben!“ „Und das macht Dich irre?“ erwiderte der Edelmann ironiſch. „In der gewaltigen Aufregung des Augenblicks muß man ihr Manches zu gute halten, es ließ ſich ja erwarten, daß—“ „Du würdeſt nicht ſo leicht darüber hinweggehen, Henry, wenn Du ſie geſehen und ihre Worte gehört hätteſt! Ich habe verſucht, ſie zu beruhigen, aber es gelang mir nicht, ſie hat mir gedroht, ſie wolle ſich gewaltſam aus dieſem Gefängniß befreien.“ „Ah, bah— darüber lache ich!“ „Sie wird den Verſuch machen—“ „Meine Diener weiſen ſie zurück!“ „Das erbittert ſie noch mehr.“ „In Gottes Namen, der Sturm wird ſich legen—“ „Aber nicht ihr Haß gegen Dich!“ Der Marquis erhob ſich haſtig. „Ihr Haß?“ fragte er.„Sie kann mich nicht haſſen!“ ¹ „W wenig Du doch die Frauenher; „Sie hat mir geſagt, ſie haſſe Dich, verriethen mir ihre Blicke e, daß ſie die 81 p Hen Der Edelmann preßte die Lippen großen Schritten auf und nieder. mit den der ſie bäumt ſich a egen t die 3 1 iben ihres Käf un den deedn den ſie ihren Kerkermeiſter nennt. C g.% ges 5 G 851„ 4 oſoſo ürchte, Du haſt deine Rolle ſchlecht geſpielt Helt r ſcheint, ſie hat Dir in genug geweſen.“ & ⸗ 7 beſſer kennen“, erwiderte die ſchöne Frau achſel⸗ ₰2 „Du mi gte zuckend.„Meine C hud iſt es nicht, Marie nachdenkt, wenn ich es ihr verbieten könnte, wäre es längſt geſchehen. Du haſt ihr Vertrauen verloren, und 15 werde es auch verlieren, weil ich den Wunſch nicht erfüllen kann, den ſie äußerte. Was dann? Willſt Du Gewalt undendon, Henry?“ „N Nein! „Ich rathe Dir auch nicht daza⸗ denn was Du auch auf dieſem ge erreichen magſt, zu dem erſehnten Ziele wird er niemals führen.“ „Und dennoch muß ich dieſes Ziel erreichen. 4 „Du mußt? Das ſagteſt Du auch damals, als ich Deinen Ver⸗ lockungen widerftand, aber das war nur ein Kinderſpiel gegen die 1 1† 98 Aufgabe, die Du heute löſen willſt. Marie iſt keine leichtfertige 7 9 Franzöſtn, die ſich von dem Glanz des Goldes blenden läßt. Henry ſie wählt. liher den Tod, als dit Sh ande—“ 2 Wege g 5 ,39, e will ihn ni icht 4 „Um ſo beſſer“, ſagte Cora, deren Ruhe einen auffallenden Contraſt zu der Erregung des Edelmannes bildete.„Ich würde Dir au auf dieſem Wege beiſtehen, aber es iſt beſſer, wir btseren ihn nicht. Haſt Dnu einen andern Plan?“ „Vor allen Dingen muß das Mädchen kerhit werden.“ — — 809— „Das läßt ſich leichter ſagen, als thur 4. „Du wirſt ihr mittheilen, Lafleur ſei ſchon beerdigt, aber ich he es übernommen, ihm einen Denkſtein zu ſetzen und ſein Grab zu umzäunen.“ „Wenn ſie es gl laubt!“ „Bah, ſie wird es glauben. Sage ihr, wenn die Belagerun aufgehoben ſei, werdeſt Du ſie an das Grab führen, heute könne e⸗ nicht geſchehen, da die preußiſchen Granaten das ganze Terrain be⸗ ſtrichen.“. „Sie fordert ihre Freiheit.“ „Wohldn erzähle ihr eine Geſchichte, wie ſie ja täglich draußen vorfallen. Schildere ihr eine Hetzjagd auf eine deutſche Frau mit den grellſten Farben, ſie wird erſchrecken und nur denken, daß ich ſie vor einem ſolchen Schickſal bewahre.“ „Und wenn ſie trotzdem ſich nicht bernhigt?“ „Dann muß man ihr Zeit lafſen Cora, auf den erſten Streich fällt kein Baum!“ Madame von Chateaufleur zuckte die Achſeln. „Und wenn ſie zehn Jahre lang Deine Gefangene wäre, ſo würde der Haß mit jedem. Tage tiefer in ihrem Herzen wurzeln“, entgegnete ſie.„Du gehſt zu leicht darüber hinweg, Du erwarteſt zu viel von Deiner perſönlichen Liebenswürdigkeit, Deinem Talent, Dich den jungen Mädchen angenehm zu machen. Hier mußt Du mit änen deutſchen Charakter rechnen, Heury, mit einem eigenſinnigen Trotzköpfchen, mit Hohn und Miͤtrauen „Kannſt Du mir ein beſſeres Mittel zeigen, dieſen Trotzkopf beugen?“ „Ja. 4 „Gut, ich höre“, ſagte der Marquis, indem er ſtehen blieb. „„Ich habe ihr ſchon geſagt, daß die Ablehnung Deiner Werbung Dir das Herz brechen werde.“ „Und das iſt die Wahrheit!“ „Ah bah, mich betrügſt Du durch die heuchleriſche Maske nicht.“ „Laſſ' das! Was erwiderte ſie darauf?“ „Deine Liebe ängſtige ſie, es ſei eine Kluft zwiſchen Dir und ihr „Phraſen, Cora!“ „Ich dachte das auch, aber jetzt glaube ich es nicht mehr — 810— hat ein gutes, weiches Herz, ſie wird ſich dem Mitleid nicht ver⸗ ſchließen können, wenn ſie hört, daß Du erkrankt biſt.“ „Natürlich, eine fingirte Krankheit?“ „Verſteht ſich. Ich werde ihr täglich Bericht erſtatten, und ſie auf Dein Ende vorbereiten.“ „Sie wird dann denken, mein Ende ſei auch das Ende ihrer Ge⸗ fängnißhaft.“ „Das läßt ſich erwarten, aber nichtsdeſtoweniger wird ſie eine innige Theilnahme empfinden.“ „Weiter, Cora.“ „Die Sterbeſtunde kommt, Du äußerſt den Wunſch, die Geliebte noch einmal zu ſehen.“ „Wird ſie ihn erfüllen?“ „Gewiß. Ich führe Sie an Dein Lager—“ „He, und dann?“ „Mein Gott, Du Hreckſt mich mit Deinem aufgeregten Weſen. Wenn ſie vor Deinem Bette knieet, dann fragſt Du ſie, ob ſie Deinen letzten Wunſch erfüllen wolle. Sie wird nicht nein ſagen, ſie kann es nicht, einem Sterbenden bewilligt man Alles. Dein letzter Wunſch iſt die Trauung mit ihr, Du ſagſt ihr, wenn ſie ihn erfülle, ſo werde ſie durch keine Feſſel gebunden, da Dein Tod die kaum geknüpften Bande wieder zerreiße, aber ſie ſei dann nicht nur Deine Wittwe, ſondern auch die Erbin Deines Vermögens.“ „In Wahrheit, ein feiner Plan!“ ſagte der Marquis, deſſen Ant⸗ litz ſich aufheiterte.„Es fragt ſich nur, ob ſie ihn nicht durchſchauen wird.“ „Dafür laſſe mich ſorgen.“ „Und was mich betrifft, ſo verſpreche ich Dir, die Rolle des Sterbenden vorzüglich zu ſpielen.“ „Dann kann uns der Erfolg nicht fehlen. Ich bereite ſie auf den entſcheidenden Augenblick vor, ſie muß in dieſe Falle gehen, ich wüßte nicht, was ſie abhalten könnte, dieſen Wunſch zu erfüllen.“ „Aber es darf nichts vorbereitet ſein, Cora.“ „Durchaus nichts. Wenn ſie ihre Einwilligung gegeben hat, ſchicken wir zum Pfarrer, mit dem ich einige Tage vorher ſprechen werde, Deine Diener können als Zeugen gelten, und ich bin die Brautführerin.“ „Und dann?“ — — — ——-:—— 1 — ——ͤ — 811— „Parbleu, am andern Tage hat Deine Krankheit eine überraſchend günſtige Wendung genommen, die Geneſung muß natürlich langſam erfolgen, aber nach vier Wochen kannſt Du Deine ſchöne Gattin in's Brautbett führen.“ „Wird ſie dann die Komüdie nicht durchſchauen?“ „Ich glaube es nicht, aber wenn ſie es thäte, was änderte es an dem Geſchehenen?“ „Nichts, Du haſt Recht“, ſagte der Marquis gedankenvoll.„Sie iſt meine Gattin, und während meiner Geneſung findet ſie Zeit ge⸗ nug, ſich mit den Thatſachen zu befreunden.“ „Alſo billigſt Du meinen Plan?“ „Vollkommen!“ Cora erhob ſich, der Marquis blickte ſie vergnügt an. „Du ſiehſt wie uneigennützig ich bin“, ſagte ſie,„ich denke nur an Dich und vergeſſe mich ſelbſt ganz. Nach Deiner Trauung werde ich Dir nichts mehr gelten, ich weiß das, abe vich vertraue auch dar⸗ auf, daß Du nicht undankbar ſein wirſt.“ „Nein, Cora, ich werde Dir dieſen Dienſt nie vergeſſen“, er⸗ widerte der Marquis, ihr die Hand reichend,„Du ſollſt zufrieden mit mir ſein. Und nun gehe und mache Toilette, ich werde an⸗ ſpannen laſſen, wenn Du ausfahren willſt. Nach Deiner Rückkehr ſuche Marie zu beruhigen.“ „Ich werde thun, was in meinen Kräften liegt.“ „Gut, ich verlaſſe mich ganz auf Dich.“ Der Marquis wanderte noch eine geraume Weile auf und nieder, endlich blieb er am Fenſter ſtehen. „Es iſt der beſte und kürzeſte Weg“, ſagte er leiſe,„und ſo weit ich blicken kann, ſehe ich kein Hinderniß. Sie wird an die Komüödie glauben und ſpäter— bah, ſie iſt klug genug, ſich in das Unver⸗ meidliche zu fügen. Ich werde nach dem Friedensſchluſſe mit ihr nach Deutſchland reiſen, vielleicht kehren wir nicht mehr nach Paris zurück, und wenn dennoch einmal der Zufall ſie mit dieſem Lafleur zuſammenführen ſollte— ja nun, dann iſt er nur ſchwer verwundet geweſen und von ſeiner Wunde geneſen.— Was gibt's?“ Er wandte ſich um und blickte den Diener fragend an. „Der Vieomte von Chateaufleur läßt um die Ehre bitten!“ „Er iſt willkommen.“ Ein trotziger Zug umzuckte die Lippen des Marquis, er hätte nicht g der Gatte Cora's die Kühnheit haben werde, ih 8 zu beſuchen Mit höflicher Artigk t git 19. er dem kleinen Herrn entgegen, der mit ernſter, ſorgenvoller Y „Welcher Urſache verdaue ich die Ehre diehs Beſuchs?“ ſragte er.„Es iſt lange her, daß wir einander nicht mehr geſehen haben—“ 14 ene eintrat. „Und wie ſehr haben die Zeiten ſeitdem ſich geändert!“ klagte der Vicomte.„Todesgefahren umringen uns auf Schritt und Tritt, Le⸗ bensmittel ſind kaum noch zu haben.“ „Ah, ich ſpeiſe noch immer ganz vortreffli „Sie werden ſich bei Zeiten vorgeſehen haben! „Nicht doch, ich laſſe meinen Bedarf täglich einka „Mein Gott, wenn ich doch ſo reich wäre, wie Sie!“ kleine Herr.„Ich habe den größten Theil meines Ver 1 ieſen angelegt, man gibt mir heut te nichts dafür, mein Ban⸗ 1u Rentenbr quier hat ſeine Zahlungen eingeſtellt und ich beſitze kein baares Geld mehr.“ „Es wird noch beſſer kommen!“ „Wie ruhig Sie das ſagen!“ „Soll ich dabei jammern und weinen?“ ſcherzte der Manauis⸗ „Ich kann die Regierung nicht zwingen, dem Feinde die Thore zu öffnen.“ „Ah, wir haben ja gefiegt!“ zchlanden Sie noch immer an die Lüge?“ Lieber Himmel, es iſt ja die letzte Hoffnung— „Man thäte beſſer, ſolche Hoffnungen nicht zu 4 fiel der Marquis ihm ernſt in's Wort.„Die Loirearmee iſt total geſchlagen, von ihr haͤben wir nichts zu hoffen. Und zu glauben, daß Ausfälle uns befreien würden—“ Nein, ſo thöricht bin ich auch nicht“, bie der Vicomte haſtig. * „Es ſchwirren ſo viele Gerüchte in der Luft umher, daß man nau aber haben wir einen nicht weiß, was man glauben ſoll, jedenfalls Erfolg errungen. Wiſſen Sie, was ich fürchte?“ Nun „Daß die Kanaille, das Proletariat ſich der Regierung bemächtigt.“ Der Marquis lächelte ſpöttiſch. „Welche Gefahr läge darin für Sie?“ fragte er. „Der Tauſend, mein Hexr, man würde uns berauben und füſili⸗ ren, dieſe Leute wollen nichts weiter als unſer Geld—“ — — un. d ˙d 4 840 * 4 3 der der f* 6 . 8 3 9. an ten 4 4 *ℳ 4 9 4 4 1 li⸗ Alande, ſie hätten ein Recht, es zu verlangen“, ſagte ruhig.„Aber ereifern wir uns darüber nicht, Sie des Volkes, A werden Sie auch nie ein Verthei⸗ B fengen was Sie zu mir führt?“ Marquis an, er konnte die ou, erwiderte r r de Stirn ſtreichend an ſo ß man kaum zu ſich Meine Geme ſoll in Ihrem Hauſe wohnen.“ nUnd wenn das die Wahr äre? dann, mein Herr,: 4 16 mir die Fenae erlauben, aus welchen en men hal n e 141 elchem Recht Sie dieſe Dame aufgenom⸗ „Aus Ihrem Munde klingt dieſe Frage ſeltſam“ quis kalt.„Madame forderte meinen Schutz geg ihres Gatten.“ „Madame hatte mein Haus heimlich verlaſſen. Geil ſie in demſelben nicht die Rückſichten ſand, auf die jede Dame Anſpruch machen darf.“ nd wer trägt die Schuld, daß ſie dieſen Anſpruch verlor?“ fragte der Vicomte ſcharf. „Ich habe keine Luſt, das zu unterſuchen!“ „Hören Sie mich an“, ſagte der Vicomte gereizt,„wir wollen ruhig und vernünftig über die Angelegenheit reden. Sie haben Ma⸗ dame verführt—“ „Herr Vicomte!“ „Ei, wollen Sie behaupten, Cora habe Sie verführt? Gut, es ſemint auf Eins heraus. Sie ſtanden in ſehr nahen Beziehungen zu Cora, Sie ſind noch heute ihr intimer Freund, ihr Liebhaber, das iſt einmal ſo, und es läßt ſich nicht ändern.“ „Was weiter?“ „Hm, Sie werden begreifen, daß ich meine Ehre Jüͤten muß, und daß die Ehre mir gebietet, mich von Cora zu trennen— „Ich glaube, das iſt ſchon geſche then „Allerdings, aber nicht geſetzlich.“ Was hindert Sie, den Scheidungsprozeß anhängig zu machen?“ „Ourchaus nichts, denn ich habe unwiderleghare Beweiſe für die Schuld Cora's, das Geſetz würde ihr keinen Sous meines Vermögens 8— — 814— zuſprechen. Aber ich ſehe mich dann auch a ſondern auch Sie zu compromittiren, es mierden 46 „Mir lie egt nichts daran.“ „In der That nicht?“ fragte der Vicomte überraſcht.„Ich kann mir das nicht denken, mein Herr, Sie müßten ſchon aus Rückſicht auf Cora den Skan ndal zu vermeiden ſuchen.“ „Das iſt eine ſonderbare Anſicht“, ſagte der Marquis kalt.„Die Rückſich iſt auf ihrer Seite, denn Cora trägt Ihren Namen.“ „Aber ſie iſt Ihre Geliebte.“ „Das beweiſt eben nur, daß Sie dieſe ſchöne Frau nicht zu feſ⸗ ſeln verſtanden. Man würde über Sie ſpotten und mich beneiden.“ Der Vicomte machte eine Geberde der Ungeduld. „Sie wollen mich nicht verſtehen“, erwiderte er ärgerlich.„Als Ehemann habe ich das Recht, Genugthuung für meine beleidigte Ehre von Ihnen zu verlangen.“ „Aber Sie ziehen vor, das nicht zu thun.“ „Ich möchte mich auf gütlichem Wege mit Ihnen einigen. Ich beneide Sie nicht um den Beſitz der ſchönen Frau, im Gegentheil, ich trete ſie Ihnen gerne ab und verzichte auf den Prozeß, aber ich ver⸗ lange dafür eine Entſchädigung.“ „Das heißt mit dürren Worten, Sie wollen mir Ihre Frau ver⸗ kaufen!“ ſagte der Marquis ſpöttiſch.„Ich bin neugierig zu erfahren, wie hoch Sie ihren Werth ſchätzen!“ „Fünfzigtauſend Francs.“ „Wahrhaftig, es wäre kein ſchlechtes Geſchäft für Sie!“ „Bah, für Sie ebenfalls nicht“, erwiderte der Vicomte achſelzuckend. „Sie erkaufen damit mein Schweigen—“ „Und wie viel fordert der Chevalier?“ „Den geht die Sache nichts an.“ „Parbleu, ich gehe jede Wette ein, daß er mir ebenfalls ſein Schweigen anbieten würde.“ „Sie würden die Wette verlieren, denn ich bürge für ihn.“ „Und wenn ich dieſen Handel nicht eingehe?“ „Dann, Herr Marquis, nöthigen Sie mich, die Skandalgeſchichte zu veröffentlichen.” „Und ich gebe Ihnen zu bedenken, daß man nicht mit Steinen werfen darf, wenn man ſeloſt in einem Glashauſe ſitzt.“ anen „Ah, bah, über mich werden die Leute nicht ſprechen, ſie werden ſich nur mit Ihnen und Cora beſchäftigen.“ „Ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß man ſich nur mit Ihnen beſchäftigen würde“, erwiderte der Marquis, indem er eine Schublade ſeines Schreibtiſches öffnete und einige Papiere herausnahm.„So⸗ bald Sie den erſten Schritt gethan haben, werde ich dieſe Doku mente dem Gerichte übergeben. Hier iſt ein Brief von Ihrer Hand an Madame Gourdin, die Denkſchrift des Arztes, der die Generalin von Chateaufleur und deren Kind ermordet hat—“ „Mein Herr, was ſoll das?“ fuhr der Vicomte auf.„Was kümmern mich dieſe Dokumente?“ „Bitte, ſpielen wir keine Komödie“, ſagte der Marquis kalt,„Sie wiſſen nur zu gut, daß dieſe Papiere eine furchtbare Waffe ſind, welche Sie vernichten kann. Hier ſind die Beweiſe, und mögen Sie tauſendmal ſagen, der Arzt ſei ein unzurechnungsfähiger Trunkenbold geweſen, die Denkſchrift iſt ſo klar und gründlich abgefaßt, daß jeder Zweifel an Ihrer Schuld ſchwinden muß. Es fehlt kein Ring in dieſer Beweiskette, alſo wäre es unnütz, wenn Sie ihr gegenüber leugnen wollten.“ „Verleumdung“, ſtotterte der Vicomte, der ſeine Faſſung ganz verloren hatte,„elende Machination der Juſtine, ſie hat ſich mit dem Säufer verbündet—“ „Damit werden Sie ſchwerlich durchkommen“, fiel der Marquis ihm in's Wort,„ich wiederhole Ihnen, die Beweiſe ſind zu klar. Und ich glaube, es iſt nun an mir, Bedingungen zu ſtellen. Sie werden vor allen Dingen die Garderobe und den Schmuck Cora's hierherfenden, und zwar heute noch, mein Herr, es darf nichts daran fehlen. Sie werden ferner nicht allein von dem Prozeß abſehen, ſon⸗ dern auch Ihrer Gemahlin eine jährliche Rente zahlen, und die Zah⸗ lung muß pünktlich erfolgen, widrigenfalls ich ohne Verzug und ohne Schonung Ihre Verhaftung beantrage. Sodann befehle ich Ihnen die Auszahlung der dreitauſend Francs, welche Sie der deutſchen Gouvernante ſchulden, ich werde Ihnen Quittung darüber ausſtellen.“ Das vorhin ſo fahle Geſicht des Vicomte war jetzt mit flam⸗ mender Zornesgluth übergoſſen; dieſe Bedingungen entflammten ſeine Wuth, und die Wuth machte ihn blind gegen die Gefahren, die ſich über ſeinem Haupte zuſammenzogen. „Iſt das Alles?“ rief er höhniſch. ————— —ÿ—ꝛ——— — 1 1 .— 816— „Einſtweilen ja. Ich werde Cora fragen, ob ſie noch andere Rechte geltend machen will und kann, dann trete ich auch für dieſe ein.“ „Und ich werde keinen Sous zahlen!“ eie konnte dieſe Antwort erwa rten. Sie haben eine Friſt von vierzehn Tagen, binnen der Sie meinen Vorſchlag überlegen mögen, nach deſer drit erwarte ich Ihre defintine Entſcheidung.“ „Sie wird ſpäter nicht anders lauten, wie heute.“ „Dann wird Sie nichts vor dem Schaffot oder der Galeere retten.“ Ni 5½ Der Vicomte zuckte zuſammen, ſeine Fäuſte ballten ſich unwill⸗ kürlich. „Mein Herr, Sie haben mich ſo tief beleidigt, wie ein Menſch nur beleidigt werden kann“, ſagte er mit verbiſſener Wuth,„Sie ſind Edelmann, von ihm fordere ich Genugthuung.“ „Wofür?“ „Ich werde den Chevalier bitten, Ort und Zeit mit Ihnen zu verabreden. Da ich zu alt geworden bin, um den Degen zu führen, ſo wähle ich Piſtolen— „Sie vergeſſen nur Eins“, ſagte der Marquis mit ſchneidender Kälte.„Sie vergeſſen, daß ein Edelmann ſich mit einem Verbrecher nicht duelliren kann!“ Ein Schrei der Wuth entrang ſich den Lippen des Vicomte, er hätte ſich auf ſeinen Gegner ſtürzen mögen, aber die feſte, entſchloſſene Haltung deſſelben ſchüchterte ihn zu ſehr ein. „Der Chevalier wird mich rächen“, ſagte er, mit den Zähnen knirſchend, er wird für mich Genugthuung fordern, ihm können Sie ſie nicht verw eigern.“ „Er müßte mir zuvor beweiſen, daß er an dieſem Verbrechen nicht Theil genommen hat.“ „Ah, das iſt die Hinterthür, durch welche Sie entſchlüpfen wollen?“ „Ich ſehe dafür keinen Grund, ich fürchte weder Sie, noch den Chevalier, mein Herr, mit dieſer Waffe vernichte ich beide. Denken Sie über meine Bedingungen nach, Sie werden gut thun, ſie zu genehmigen.“ Der Marquis drückte bei dieſen Worten auf den Knopf, der helle Klang der Glocke ließ den Vicomte abermals zuſamme nfahren. „Sie werden einſehen, daß es in unſerm beiderſeitigen Intereſſe liegt, das Geſpräch ab. Hrechen“, fuhr der Marquis mit unerſchütter⸗ (H. 18.) VM ſ zu hre hren, ender ecjer Brand des Finanzminiſteriums und des Palaſtes der Ehrenlegion zu Paris. ihnen Sie 3 4 nicht 16 6 en?“ 2 el f 1 V enken V 1 Ä pelle U' reſſe itter⸗ * —u—— — —— ———— — A TAN AE — 817— licher Ruhe fort,„ich hoffe, Sie werden heute noch mit der Erfüllung meiner Bedingungen beginnen. Cora vermißt ihre Garderobe und ihren Schmuck ſehr, und ich wüßte nicht, was Sie damit beginnen ſollten. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ Der Vicomte zitterte vor Wuth, ſein Blick ſchweifte von dem Marquis, der ſich ſpöttiſch verbeugte, hinüber zu dem Diener, der an der Thüre ſtand. Was ſollte er nun noch thun? Er lief Gefahr, ſich vor denn Diener eine Blöße zu geben, was gewann er dadurch? Nichts! Er brütete ſchon jetzt über Rachepläne, aber ſein Denken war noch zu ſehr verwirrt, er konnte kaluen klaren Gedanken faſſen. Er muß gte gehen; der Marquis hatte ihm den Rücken und vor ſeinem Schreibtiſch Plag genommen, und der unverf Diener ſtarrte ihn an, wie wenn er ſager wollte bald zu Ende, und es werde ihm eine a il wenn er einen ſo feinen Herrn vor die Thüre werfe en künne. Er hatte das Kabinet kaum verlaſſen, als eine Portidre zurück⸗ urde und Cora lachend eintrat. braviſſimo, Henry!“ rief ſie.„Den haſt Du vortreſf † p „Bravo, abgefertigt!“ „Und dennoch iſt fo⸗ ganz! w veh nicht dabei z der Marquis bedenklich. e mir nur 1 ich auch dieſe Feinde nic 2 Nange ſie entgegentreten, ſo darf ich ſi de 5 auch nicht unterſ Cora war vor den Spiegel getreten prüfend zu muſtern. „Die Hunde, welche ſo laut bellen, beißen nicht“, ſpottete ſie. „Aber woher haſt Du nur die Beweiſe gegen den Vicomte?“ „Von Juſtine.“ „Ah, ſie hat Dir die Dokumente gegeben? Das überraſcht mich, Juſtine wußte ſehr genau, welch großen Werth ſie beſitzen. Und ſie ſcheint keinen Dank von Dir zu ernten; Du ladeſt ſie nicht mehr ein—“ „Weil ſie es mit mir verdorben hat“, entgegnete der Marquis „ um ihre elegante Toilette 38⁰ ai„Ich habe noch einmal verſucht, dieſe Dirnen zu retten, aber ich z ſehe mehr und mehr ein, daß es nutzloſe Verſuche ſind. Ich 7 Vch glaub e, der Wagen ſteht bereit!“ Schön, auf Wiederſehen, Henry!“ — 818— 1 Die ſchöne Frau rauſchte hinaus, mit einem graziöſen Lächeln auf den Lippen ſtieg ſie in den Wagen, nachdem ſie dem Kutſcher hefohlen hatte, langſam über die Boulevards und die Quais zu fahren. Sie ſah den Mann nicht, der anſcheinend abſichtslos auf der andern Seite der Straße geſtanden hatte und nun der Equipage folgte. Wie raſch hatte das Bild des Straßenlebens wieder gewechſelt! Geſtern Jubel und Siegesfreude überall, heute wieder tiefe Nieder⸗ geſchlagenheit! Geſtern eine berauſchte, lärmende Menge, die dem Tollhauſe ent⸗ ſprungen zu ſein ſchien, heute faſt nur Verwundete, Leichen und barmherzige Samariter! Geſtern die fabelhafteſten Uniformen, Siegesbewußtſein in jeder Miene, heute mit Koth und Blut beſudelte Soldaten und überall verzweifelte Geſichter! Die grimmige Kälte hielt die neugierigen Gaffer zu Hauſe, hie und da waren Arbeiter beſchäftigt, einen Baum zu fällen, Patrouillen und kleine Truppenabtheilungen marſchirten raſch vorbei, und zerlumpte Geſtalten ſchlichen ſich ſcheu an den Häuſern entlang. Es war kein erfreulicher Anblick, er ließ das Elend, welches jetzt in der einſt ſo heiteren, viel geprieſenen Stadt herrſchte, in ſeinem ganzen Umfange errathen. Hier und dort ſtanden zerlumpte Weiber in Gruppen beiſammen und mancher drohende Blick traf die Equipage. Oft ſah Cora eine Schaar von Frauen und Kindern dicht zuſammengedrängt vor einer Cantine ſtehen, trotz der ſchneidenden Kälte ausharrend, bis es ihnen gelang, ſich den Weg in's Haus zu bahnen. Särge wurden vorbei getragen. Nationalgarden mit wahren Galgenphyſiognomien lauerten an allen Straßenecken, und dazwiſchen dröhnte aus der Ferne der Donner der ſchweren Feſtungsgeſchütze ununterbrochen herüber. Das Bombardement hatte noch immer nicht begonnen, ſeit Wochen erwartete nan es von Tag zu Tag, es war beängſtigend, daß man die Urſachen kaunte, die es verzögerten. ra erinnerte ſich, daß fie mehrmals mit dem Marquis darüber geſprochen hatte. Er theilte die ſanguiniſchen Hoffnungen der Pariſer nicht, er war durch ſeine Taubenpoſt ſehr genau unterrichtet, aber er wagte nicht, mit Andern über die Nachrichten zu ſprechen, die er täglich 6 7 7 — —— — 819— Er hatte ihr nur geſagt, das Maaß der Schreckniſſe ſei noch lange nicht voll, die preußiſchen Feſtungsgeſchütze würden ihren ehernen „Mund öffnen, ſobald man im feindlichen Lager einen genügenden Vorrath von Munition habe. Seltſam, daß ſie gerade jetzt daran dachte, da es doch andere Dinge genug gab, die ihre Gedanken beſchäftigen konnten. Sie hatte ſich in die weichen Polſter zurückgelehnt, das warme Pelzwerk ſchützte ſie vor der Kälte, ſie empfand nichts von den eide der unzähligen Unglücklichen, die mit ſchmerzlicher Sehnſucht der E löſung harrten. Da tauchte plötzlich hinter dem Fenſter des Wagenſchlags ein be⸗ kanntes Geſicht auf, ein von Leidenſchaften durchwühltes Menſchen⸗ antlitz, bei deſſen Anblick Cora heftig erſchrak. Sie zog an der Schnur, der Kutſcher hielt; Dorman öffnete der Schlag. „Steige ein“, befahl Cora; aber der Falſchmünzer ſchüttelte den „Schicke den Wagen zurück und ſolge mir“, ſagte er rauh,„es iſt gefährlich, in einer Equipage zu fahren.“ „Weshalb?“ „Siehſt Du nicht die finſteren, drohenden Geſichter?“ Einige Nationalgardiſten waren ſchon näher getreten, Dorman trat zwiſchen ſie und ſeine Schweſter. „Steige aus“, ſagte er noch einmal, ‚ich ſchütze Dich.“ Cora kam jetzt der Aufforderung nach, die Angſt hatte ſie verwirrt ſie wußte ſelbſt nicht, was ſie that. Si⸗ 8 ahl dem Kutſcher, heintznfapran und nahm den Arm des Falſchmünzers, der raſch mit ihr in eine Seitenſtraße einbog. „Wohin führſt Du zuſch fragte ſie nach einer Pauſe. „In meine Wohnung.“ „Und was ſoll ich dort?“ „Du wirſt es erfahren.“ „Du ſagſt das in einem Tone—“ „Der Dir Angſt einflößt, nicht wahr?“ „Ich kann es nicht leugnen.“ „und Du haſt Grund dazu“, ſagte der Paſcm iteeen nnt ſcharfer Betonung,„ja, Du haſt Grund, meinen Zorn zu fürchte 1 4 7 „Pierre! Teufel, Du wohnſt ja jetzt in einem prächtigen Palais.“ Wäre es Dir lieber, wenn ich noch bei dem Vicomte wohnte?“ He, ich werde Dir kein Leid zufügen, deshalb beruhige Dich. 2₰ „ War „Ja und nein, es 1onunt eben auf die beſonderen Umſtände an, meine ſchön ne S chweſter.“ ‚Du weißt alſo nicht, daß er mich gezwungen hat, ſein Haus zu verlaſſe en? Er hatte an jenem Abend unſer Geſpräch belauſcht, es kam zu einem heftigen Auftritt, ich mußte fliehen“ „Und da ging gſt Du zum Marquis?“ ch habe Dich geſucht—“ „Ah, bah, es war Dir ſehr angenehm, daß ich Dich nicht mehr beläſtigen konnte! Du gingſt zu dem Manne, der micht tödtlich beleidigt 3 deſſen Haus ich nicht mehr betreten durfte, Du warſſt Dich ihm ohne an Deine Ehre zu denken.“ es beſſer geweſen, wenn ich dem Hungertode— Wenn Du mich finden wollteſt, konnteſt Du mich ich würde für Dich geſorgt haben. Hatten wir nicht gelobt, und dem Marquis Rache nehmen zu wollen? u das Verſprechen, ohne mich zu fragen, und ver⸗ neinen Feinden? Ich weiß nicht, was ich davon halten ann nur annehmen, daß Du mich betrügen willſt.“ an war vor einem hübſchen Hauſe ſtehen geblieben, er zog Plocke, und als jetzt die eöffnet wurde, zog er ſeine mit ſich hinein. folgte ihm ſchweigend, ſo gerne ſie ſich auch von ihm befreit hätte, ur ſie doch nur zu gut, daß kein Proteſt irgend welchen Eindruck auf ihn machen würde. Er ſöhite ſie in ein elegantes Kabinet, es war das Boudoir Jenny's; die behagliche Wärme in dieſem Raume that der ſchönen Frau woßl. Der Falſchmünzer nahm ihr Hut, Pelz und Mante ab und zoite einen Seſſel vor den Kamin, in welchem ein luſtiges Feuer flackerte.„Das werfe ich Dir vor“, ſagte er,„und Du wirſt Dich nicht vuncſesagen können. Du haſt mir geſagt, nur der Tod des Marquis könne Deinen Haß gegen dieſen Mann tilgen, nun biſt Du dubi wieder ſeine beſte Freundin?“ Wer behauptet das?“ fragte Cora ruhig. „Gottes Tod, kann ich daran zweifeln? Du fährſt in ſeiner Eqni⸗ page aus, wohnſt in ſeinem Hauſe, ſpeiſeſt an ſeiner Tafel— 17 5 ⁸ 9 doſ ſter —ÿy— „Alles wahr, aber muß es Dir nicht angenehm ſein, daß dadurch der Sorge für mich überhoben biſt?“ „Hm, wenn es jeder Andere wäre—“ „Und glaubſt Du, mein Haß ſei ſchon getilgt? Es iſt wahr, er hat micß auf hgenmimnen, mir die rettende Hand g eriche aber das war 1 9 ſchu lde ihm weiter eiß es, ich bin ihm nur 4⁴ leicht eine de d r läſtige Freundin aber wenn dies der Fall iſt, läßt er es mich nicht enkſt nun natürlich bei ihm zu bleiben?“ auf die Straße g gehen und betteln?“ zu mir kommen.“ zeihe, mir ſcheint, es fehlt Dir hier nicht an Aufwartung“ ſagte Cora ſpöttiſch. „Nein, darüber kann ich nicht klagen“, erwid ſelben Tone.„Aber wenn Du zu mir kommen 1 5 „Nein, Pierre, ich finde bei Dir keinen Vortheil.“ Der Falſchmünzer rückte ſeiner Schweſter näher und blickte ſie durchdringend an. „Jetzt ſei einmal ganz wahr und aufrichtig“, ſagte er,„worin fin deſt Du überhaupt Vortheil?“ „Parbleu, im Reichthum.“ „Du weichſt mir aus. Haſt Du auf die Rache ganz ver Pzichtet?“ „Nein, Pierre.“ „Gut, das iſt etwas.“ „Aber mein Plan iſt noch nicht reif.“ „Ich laſſe auch das gelten. Was weiſee „Ich werde die Verhältniſſe benutz nir die genaueſten Kenntniſſe des Hauſes verſchaffen. Es gi Geheimniſſe, zu deren Erforſchung man längerer Zeit bedarf.“ „Ich Jaube es.“ „Und den Marquis zu täuſchen iſt auch eine ſchwierige Sache. Er weiß Alles, ihm entgeht nichts—“ „Bah, mit einem Dolchſtoß iſt die Sache abgemacht!“ „Halt— ſo weik ſind wir noch nicht, Pierre. Seinen Tod ver⸗ ange ich nicht, er hat mich freundlich aufgenommen, er B mir in der Noth ein Freund geweſen—“ Ia 1 — 822— „Wie ſentimental!“ „Gleichviel, ich fordere, daß ſein Leben nicht gefährdet wird“, ſagte Cora, die blitzenden Augen feſt auf ihn richtend.„Wenn ich ihn arm und elend machen kann, ſo werde ich nicht zaudern, es zu thun, aber die Zeit iſt dazu noch nicht gekommen.“ Der Falſchmünzer blickte gedankenvoll in die praſſelnden Flammen. „Arm und elend!“ wiederholte er.„Gut, aber ſeine Armuth muß uns bereichern. Dann mag er ſein Leben behalten, es wird ein erbärmliches Leben ſein. Du haſt wohl ſchon einen Plan entworfen?“ Er ſah ſeine Schweſter fragend an, ſie ſchüttelte ablehnend das Haupt. „Daran habe ich noch nicht gedacht“ erwiderte ſie,„aber ich werde darüber nachdenken.“ „Wenn es zu ſpät iſt!“ „Nein, wenn die Aufgaben gelöſt ſind, die ich übernommen habe. Ich muß mich jetzt noch allen Befehlen und Launen dieſes Mannes fügen, ich muß nur ſein volles Vertrauen wiedergewinnen und ihm ein heiteres, unbefangenes Geſicht zeigen, während ich im Innern über ſein Verderben nachſinne. Das iſt auch ſchwierig, Pierre, Du käne es nicht, und doch muß es ſein.“ „Und dann?“ „Wenn der Plan entworfen und reiflich überlegt iſt, wenn ich alle Geheimniſſe jenes§ 3 uſes kenne und das Mißtrauen im Keime rſtickt habe, dann ſoll der entſcheidende Schlag fallen.“ „Wenn und immer wenn!“ erwiderte Dorman, deſſen Stirne ſich umwölkte, während ſein glühender Blick noch immer auf den züngeln⸗ den Flammen ruhte.„Du biſt zu vorſichtig, Du wirſt warten, bis plötzlich der Friede geſchloſſen wird und Ruhe und Ordnung zurück⸗ kehren. Dann läßt ſich nichts mehr machen; ſobald die Thore wieder offen ſind, gebietet mir der Trieb der Selbſterhaltung, nach England zu flüchten.“ „Wir werden Zeit genug haben.“ „Bah, wie kannſt Du wiſſen, was morgen geſchehen wird? Wir haben abermals Niederlagen erlitten, man wird endlich des nutzloſen Schlachtens und Hungerns müde werden, dann genügt ein kleiner Auf⸗ ſtand, die Regierung zur Kapitulation zu zwingen. Und wenn man auch ſagt, dieſem Kriege werde der Bürgerkrieg folgen, wer kann es mit Sicherheit vorausbeſtimmen? Was geſchehen ſoll, das muß raſch geſchehen, ehe die Ereigniſſe uns über den Kopf wachſen. Du kannſt nern — 823— in jenem Hauſe aus⸗ und eingehen, Dir wird es nicht ſchwer fallen, einen Diener durch die Reize Deiner Schönheit, oder durch glänzende Verſprechungen zu beſtechen, dann iſt uns der Weg offen.“ „Das mutheſt Du mir zu?“ fragte Cora entrüſtet.„Im Uebri⸗ en iſt die Treue ſeiner Diener unerſchütterlich—“ „Ah bah, eine ſchöne Frau—“ „Nichts mehr davon!“ fiel Cora ihm heftig in's Wort.„Che ich zu dieſem Mittel greife, verzichte ich auf Alles.“ „Unſinn!“ brummte der Falſchmünzer.„So wähleriſch darf man nicht ſein, man kann dem Diener ja einen Fußtritt geben, ſobald er ſeine Schuldigkeit gethan hat.“ „Nein und tauſendmal nein!“ „Sei nicht ſo heftig, wenn Du nichſt willſt, ſo können wir ja ein anderes Mittel wählen. Verſchaffe mir einen Nachabdruck des Haus⸗ ſchlüſſels, ich werde danach einen Schlüſſel anfertigen laſſen.“ „Und was glaubſt Du dadurch zu gewinnen?“ „Parbleu, wenn ich erſt in dem Hauſe bin, habe ich das Spiel ſchon gewonnen, vorausgeſetzt, daß Du vorgearbeitet haſt. Man gibt dem Perſonal am Abend vorher einen Schlaftrunk, ich werde Dir das Nöthige verſchaffen; wenn Du es ermöglichen kannſt, daß auch der Marquis ein Glas davon trinkt, ſo iſt das um ſo beſſer. Es iſt dann nicht nothwendig, daß wir ihn tödten, wir feſſeln ihn nur und nehmen ihm nur ſeine Schätze, und wenn dabei zufällig das Haus in Flammen aufgeht, ſo iſt das am Ende nur die Folge einer Un⸗ vorſichtigkeit!“ Der Falſchmünzer ſah ſeine Schweſter an, Cora erſchrak vor ſeinem wilden Blick. „Auch das iſt nichts“, ſagte ſie im Tone feſter Entſchloſſenheit; ich werde zu ſcharf beobachtet, der Marquis würde Verdacht ſchöpfen, und dann wäre Alles verloren. Du mußt mir die Sache überlaſſen, Pierre, wer mit dem Kopfe Mauern niederrennen will, kommt ſelten zum Ziel.“ „Nun, ſo thue, was Du willſt“, erwiderte Dorman wüthend,„ich werde ebenfalls handeln, wie es mir beliebt und dabei keine Rückſicht mehr auf Dich nehmen.“ „Sei vernünftig—“ „Weil ich es bin, handle ich, ſo lange es noch Zeit iſt. Was haſt Du gegen den Vicomte beſchloſſen?“ igelegenheit völli ig 8 flaumend er ehe ich, daß ich mie gegen den Vicomte verſchaf ie wie edergelr unden und ausliefern wol „Und wer 5 dieſer Freund?“ „Sie will ihn nicht nennen. Wohlan, es iſt der Marquis von Chateaurouge! 714 7 Dorman bli d glaube, das iſt nur „E Es iſt die Wahr heit, Pierrel Der Marquis beſitzt die Papiere und mein Gatte weiß es— „Ah, du weiſt t das und thuſt nie „Ich warte“, unterbrach Clrn ihn ruhig.„Wenn der Mar meinen Feind vernichtet, ſo kann ich ihm dafür nur dankbar ₰ 2 ◻ — — r 1 9 Nornfhnnu,“. nur eine Vermuthung“, ſagte er. er Vermögen des Vicomte ch verlor confisciren—“ recl r Falſchmünzer lachte höh Brc utſch ttere er. wird ſter„Deine Kinder zu ernähren.“ Madame wieder angezogen ſie ſtand in ihren Pelz umzuhängen. „Es wird Alles anders kommen, wie Du ſagte ſie. „Wenn ich Dir allein überlaſſen wollte, die Sache zu ordnen, ſo wäre ich binnen wenig Tagen wieder eine Bettlerin und von Vergeltu — 825— könnte keine Rede mehr ſein. Laß mir Zeit, Du hörſt ja, daß ich vorher noch andere Aufgaben zu löſen habe—“ „Welche?“ fragte Dorman raſch. „Das iſt mein G. heimniß, ich darf es Dir nicht verrathen, unſer cignes Intereſſe verbietet es mir. Aber wenn ſie gelöſt ſind, dann iſt auch mein Plan 5 weit gediehen, daß wir zur dieeſiln ſchreiten können. Dann ſoll der vernichtende Schlag alle tre 9 h Tag und Nacht an die Rache zedachte fuhr ſie fort, Bruder näher trat,„ich habe leine n Augenblick vergeſſen 1 müthigungen mir zugefügt worden ſind. Und ich weif jetzt nur eine Geduldete in dem Palais des Marqui mir die Thüre zeigen wird, ſobald man meiner 3 dedrßf Du ſiehſt, ich erkenne die Sachlage kchid, und r 1 dennoch zur Geduld mahne, ſo mußt Du wiſſen, daß ich mein igen Gründe dazu habe. Wo treffe ich Dich, wenn ich D. utheilen habe?“ „Hier, Cora.¹ „Ich möchte nicht gerne dieſes Haus wieder der Marquis 4 hat ſeine Spio: e überall.“ „So komm' in die Schenke Tabaret's.“ „Ich kenne ſie nicht.“ „Ah,— jeder Vagabund kann ſie Dir zeigen.“ Die ſchöne Frau warf trotzig das Haupt zurüi. „Du ſtellſt ſonderbare Zumuthungen an mich“, ſagte ſie mit ſcharfer Betonung,„ich bin nicht Deines Gleichen, Pierre, da⸗ ich zu berückſichtigen.“ Wieder lachte der Falſch „Wie lange wird's noc bis Du auf einer Stufe mit mir ſtehſt!“ erwiderte er köhnig,„Wemn Du für unſere Zuſammenkünfte einen beſleren Ort angeben kannſt, ſo nenne ihn, ich bin mit Allem zufrieden.“ Cora hatte ein elegantes Notizöuch aus der Taſche ihres Mantels gezogen, ſie büinuts es und überreichte ihrem Bruder eine klörre zierliche Kart „Hier it die Adreſſe meiner Modiſtin“, erwiderte t tiü ch einmal in dem Hauſe nachfragen, ob ein B worden ſei Wei un ich⸗ mit Dir perſ ic 4 9*½ Stunde ich Dich in dem Hauſe erwarte. frieden?“ „Ich muß es ſein. Und ich kann es ſein, Cora, denn ich weiß jatt, wo ich Dich finde, wenn Du mich abermals betrügen willſt.“ „Alſo haſt Du Sicherheit“, ſcherzte die ſchöne Frau mit beißendem Spott,„Du würdeſt ſie längſt gehabt haben, wenn ich gewußt hätte, wo Du wohnteſt. Auf Wiederſehen, unternimm nichts gegen unſere gemeinſchaftlichen Feinde ohne mein Wiſſen!“ Sie rauſchte hinaus. Dorman hielt ſie nicht zurück, er blieb in Sinnen verſunken vor dem Kamin ſitzen und ſtarrte in die Flammen. Er dachte nicht an die Verbrechen, die er begangen hatte, und wenn je die Erinnerung an ſie in ihm aufſteigen wollte, ſo drängte er ſie gewaltſam zurück, er brütete über neuen Verbrechen. So trafen ihn Jenny und Juſtine, die lachend in das Zimmer traten. Er blickte auf, Juſtine ſtutzte, als ſie ſein finſteres Geſicht ſah. „Du haſt Beſuch gehabt“, ſagte ſie, die Oberlippe trotzig auf⸗ werfend,„Parbleu, ich kenne dieſes Parfüm, es iſt die Veilcheneſſenz der Madame von Chateaufleur.“ Sie trat raſch auf den Falſchmünzer zu und bemächtigte ſich mit einem raſchen Griff der Karte, die er noch immer in der Hand hielt dann brach ſie in ein helles, luſtiges Lachen aus. „Ah, nun kann ich nicht mehr zweifeln“, fuhr ſie fort,„hier iſt ja die Adreſſe ihrer Modiſtin! Es gibt in dem Hauſe heimliche Ka⸗ binets, mein Freund, und in dieſen Kabinets empfangen die tugend⸗ hafteſten und angeſehenſten Pariſerinnen ihre Geliebten. Hüte Dich, Du kennſt meine Eiferſucht nicht.“ „Gkaubſt Du, ich fürchte ſie?“ fragte Dorman gelaſſen. „Wenn Du ſie nicht fürchteſt, ſo werde auch ich meine Freiheit mir wahren.“ „Wie Du willſt!“ „Gütiger Himmel, iſt das eine Unterhaltung vor dem Frühſtück?“ warf Jenny ein.„Der Champagner wartet auf uns, wir wollen fröhlich ſein.“ „Natürlich, wir wollen lachen, ſingen und tanzen!“ rief Juſtine, wer weiß, wie lange wir es noch können.“ „Ah, wir haben noch Gold“, ſcherzte Jenny,„Dorman wird uns nicht Noth leiden laſſen. Parbleu, wir haben verſucht, reiche Freunde— u gewinuen, aber die Leute ſind zu ernſt geworden, ſie ſitzen in den Biſt Du nun damit zu⸗ n — — 827— Cafés und ſprechen nur über Politik. Sie fragen nicht mehr, wie geht es Dir? ſondern: was haſt Du gegeſſen! Von vergnügten Stunden wollen ſie nichts wiſſen.“ „He, ſoll ich auch dieſe noch füttern?“ fuhr Dorman auf. „Da brummt der Bär wieder,“ lachte Juſtine.„Wer will Dir das zumuthen? Wir wollen die Goldvögel nur hierherlocken, um ihnen im Spiel die goldenen Federn auszurupfen. Kannſt Du dagegen etwas einwenden?“ „Nein, aber ich glaube auch, daß ſo leicht Keiner in die Falle geht. Und wenn man aufmerkſam auf Euch wird, macht man kurzen Prozeß mit Euch, den Damen der Demimonde—“ „Parbleu, willſt Du uns beleidigen?“ fiel Juſtine ihm in's Wort. „Wir hängen uns nicht an jeden Mobilgardiſten, wir ſind treue Pa⸗ triotinnen, mein Freund. Wir werden ein Amazonencorps errichten, wir wollen auch unſern Antheil an den Siegen haben.“ Der Falſchmünzer erhob ſich, er hatte auf dieſe Erklärung nur einen Blick der Geringſchätzung. „Es ſind Komödianten und Wahnſinnige genug in Paris“, ſagte er,„aber wenn Ihr die Zahl vermehren wollt, ſo kann ich Euch nicht zurückhalten.“ „Hm, ich will lieber unter die Komödianten, als unter die Hun⸗ gernden gehen“, erwiderte Juſtine trotzig,„für mich iſt es eine luſtige Komödie. Ich war bei Frau Bouhon, es ſieht da wahrhaft entſetzlich aus. Die Frau hat ſeit drei Tagen nichts zu eſſen, ich mache mir Vorwürfe, daß ich ſie im Stiche ließ.“ „Glaubſt Du, Allen helfen zu können?“ „Das nicht, aber dieſer Frau hatte ich meine Hülfe zugeſagt, und ſie vertraute auf mich.“ „Wenn Du zu ihr zurückkehren willſt—“ „Fällt mir nicht ein. Aber mit Dir kann man nicht vernünftig ſprechen.“ „Gottes Tod, die Laſt, die ich mir aufgebürdet habe, dadurch, daß ich Euch beide ernähre, iſt groß genug, ich habe keine Luſt, weitere Laſten zu übernehmen.“ „Deshalb handeln wir ohne Dich“, ſagte Juſtine lachend.„Als wir vorgeſtern Abend Louiſon verließen, wollteſt Du auch Himmel und Hölle in Bewegung ſetzen, um den hochmüthigen Tugendſpiegel zu beſtrafen. Und was haſt Du gethan?“ 828 erwiderte Dorman ruhig. Du, ſo wenig kann man auf Dei auch eiferſü Sor† lb, der Aurſch Kam n geſagt, wo e Miitthei ung.“ „Sollen wir noch länger warte fragte Nebenzim nme r ſteht Alles bereit, dieſes Geſf den wo wollen trinken —— nach uns ma Der Falſchmü Augenblick mit as Spei den beiden d der ſezimmer mit dem 2 frivolen( Und „. daz 9 pen mit den erſten Trupp f 1 hricht von ſie nicht. Jenny ſcht Arm Dor dunklen P Portière, ich befreun ausmarſchirt Qa nollend.„Jnt langweil lt mich. gen und lachen, 7 hwand im nächſten die konnte. das S S um das und achte chte, . draußen br Sie wußte nichts von — 829— dem Siegesjubel, der in Paris herrſchte, nichts von der Nieder⸗ geſchlagenheit, die dieſem Nauſche folgte, ſie hörte nur von Zeit zu von der Straße heraufſchallen und da⸗ ützdonners. Madame Leroi zu beſuchen, Zeit wildes, wüſtes Geſchrei zwiſchen das dumpfe Rollen des Geſch Einmal war ſie in Verſuchung um ſie zu befragen, ſie zu bitten, ſich nach dan, was draußen vor⸗ 5 0 5 ging, zu ernier, ſ hatte ihren Haß und ihren Alüſcher gegen die es We nden, aber als ſie auf mehrmaliges en var es ihr lieb, daß ſie die Megäre daheim fſund. Dann hatte ſie verſucht, ſ r Arbeit zu beſchäftigen, aben auch das wollte ihr nich t ließ ihr keine Es war ihr nicht mö Punkt zu lenken, wenn ſie 0 br wie⸗ der auf, um in einem tief. machen, die ſie zu Lrſeiten drohte. mndzi vanzig S S 5 unden kei nen? Lüiſe n geg hatte gle ich⸗ e gewaltſam zurt Geräuſch draußen, ſie intreten, um ſie an das e konnte es nicht begreifen, daß au h Erneſt nicht zurückkeh Horch— wieder näherten ſih e Schritte der Manſarde, es war ſichere Tritt eines Mannes. hörte, wie nebenan an der Manſarde der Freunde angepocht ſie wollte hinauseilen, um zu fehen, wer da war, und welche cht ihrer harrte, aber die von Angſt und Kälte gelähmten Glie⸗ der verſagten ihr den Dienſt. Und jetzt wurde an ihrer Thüre angeklopft, und ein Angſtſchr entrang ſich ihren bebenden Lippen, als ihr Blick auf den Chey nalier fiel, der in Offiziersuniform auf der Schwelle ſtand. Der Chevalier erkannte augenblicklich, daß nicht ſein Erſcheinen, ſondern eine fieberhafte Augſt dieſen Schrei erpreßt hatte, und dieſe Entdeckung baute er ſeinen Plan. — 830— Er trat auf das zitternde Mädchen zu und blickte ſich prüfend in dem Zimmer um. „Parbleu, dieſe Wohnung iſt noch ungemüthlicher, wie die frü⸗ here“, ſagte er,„wie können Sie nur dieſe Kälte ertragen?“ „Was führt Sie zu mir?“ fragte Louiſon, ſich gewaltſam bezwin⸗ gend.„Bringen Sie mir eine Nachricht— 1S iſt es, mein Fräulein, aber ich wage nicht, mit meiner Bot⸗ ſchaft zu beginnen.“ „Ich bin auf das Schlimmſte gefaßt.“ „Sagen Sie das nicht, die Hoffnung verliert man ſelbſt in der Verzweiflung nicht. Es wird Ihnen bekannt ſein, daß die Sieges⸗ nachrichten erlogen waren, daß wir Alles verloren haben.“ „Nein, nein, ich weiß nichts“, ſagte Louiſon mit wachſender Angſt. „Ich ſchwebe ſeit vorgeſtern in der peinlichſten Ungewißheit.“ „Und Se erwarten ſeitdem die Rückkehr Ihrer Freunde?“ „Ja, mein Herr.“ „Sie werden nicht zurückkehren.“ Wieder entrang ſich ein Schrei den Lippen des Mädchens, ein wilder, gellender Schrei der Verzweiflung. Der Chevalier hatte ihre Hände ergriffen, ſie bemerkte es kaum, ſie wußte nicht einmal, wer der Mann war, den ſie ſe ſtarr anblickte, als ob ein Geſpenſt vor ihr aus dem Boden auf geſtiegen ſei. „Nie?“ fragte ſie tonlos. „Ich will Ihnen nicht die letzte Hoffnung rauben“, antwortete der Chevalier,„es iſt ja möglich, daß ſie nur verwundet oder ge fangen ſind. Ich weiß nur, daß das Bataillon, in welchem ihre Prennde ſtanden, zermalmt worden iſt. Faſſen Sie ſich, Louiſon, ich ſpreche Ihnen, mich genau zu erkundigen, ich werde nicht ruhen bis ich volle Gewißheit habe.“ „Es wäre aubüi—“ „Gen viße Aößt ieſes ſchreckliche Schickſal hat viele g on der 8 rionalge lrde wird kaum die Hälfte zurückkehre n.“ 40 N tai en zu haſſen und zu fürchten ſie G ſi leicht ſind ſie in Gefangenſchaft gerathen“, fuhr er fort,„in dieſem Falle wird man ſie nach Deutſchland bringen. Aber ob ſie — 831— jemals von dort zurückkehren werden, das iſt eine Frage, auf die ich keine Antwort geben kann.“ „Weshalb ſollten ſie nicht zurückkehren?“ fragte Louiſon, deren Blick ſtarr auf den Fußboden geheftet war. „Weil die Preußen viele Gefangene erſchießen“ „Das iſt eine Lüge, mein Herr!“ „Keineswegs, Louiſon, ſie entziehen ſich dadurch der unangenehmen Nothwendigkeit, die Gefangenen transportiren zu müſſen. Aber, wie ich Ihnen ſchon ſagte, ich werde mich erkundigen und Ihnen Gewiß heit verſchaffen.“ „Ich werde Ihnen dankbar dafür ſein.“ „Beſchäftigen wir uns jetzt mit Ihnen“, fuhr der Chevalier fort, der nur herzliche Theilnahme verrieth.„Sie haben aus der Hinter⸗ laſſenſchaft Ihres Vaters nichts gerettet?“ Nein.“ 72 „Alſo waren Sie einzig und allein auf die täglichen Nationen Ihrer Freunde angewieſen?“ „Sie genügten für uns.“ „Sehr wohl, aber Sie werden nun nichts mehr erhalten.“ Louiſon erwachte aus ihrem Brüten; ſie hatte daran noch nicht gedacht, und es befremdete ſie, daß der Chevalier in dieſem Augenblick das Geſpräch darauf brachte. Dem jungen Manne entging das nicht, er ſah ihr ernſt, treuherzig in die Augen. „Hunger und Kälte ſind ſchon hier eingezogen“, ſagte er, nes nutzt nicht, daß man mit thörichten Hoffnungen drohenden Gefähren auszuweichen ſucht, man muß ihnen feſt und muthig in's Auge ſchauen und ſich gegen ſie wappnen. Es gibt der Unglücklichen viele in Paris, daß es ein Ding der Unmöglichkeit iſt, Allen zu helfen, nut Diejenigen, welche ſich vordrängen können, welche den Muth und die Energie haben, den mühſamen Weg des Bettelns zu verfolgen, wer⸗ den berückſichtigt, der Uebrigen gedenkt man nicht. Und Sie haben L dieſe Energie nicht, Louiſon!“ „Nein, ich habe ſie nicht“, erwiderte das Mädchen kopſſchü „ich kann nicht betteln.“ „Dann wird man ſie vergeſſen.“ „Sei es, für mich hat. der Tod keine Schrecken.“ „Sprechen Sie nicht ſo“, bat der Chevalier.„Jeder fürchtet ihn, 1.8 832— Jeder ringt mit ihm um ſein theuerſtes Gut, fein Leben. Und nach dieſer Zeit wird eine andere folgen, Louiſon, wenn der Frühling kommt und die Veilchen blühen, lacht man über die Stürme des 2 ginkers. 4 „Auch dann, wenn die Stürme Alles verheert haben?“ „Dann baut man wieder auf, Loniſon. Nein, Sie dürfen ſo Richt Areden⸗ das Herz muß ſtark bleiben, wenn auch einmal ein hlag es trifft. Hier können und dürfen Sie nicht bleiben g ₰ nur, daß hier ſtündlich die Erinnerungen an vergangene Zeiten Sie foltern würden—“ de. mein Hrß dieſe Erinnerungen ſind erhebend und tröſtend, 7, gen an meine wahre, innige Liebe, die über währt! 3„Eri nnerungen, die ihnen nur zeigen,„was Sie verloren haben!“ und mir ſtets zuflüſ bor de Stort 3 M„„ über den Sternen ein Wieder⸗ jſelz zuckend, der Hu nger in ſten Erinnerun⸗ rzliche Erinne⸗ ie dürfen nicht Rath und die Mahnungen eines 6 erl e Zuflucht?“ fragte Louiſon, noch 1 immer d 11 „ Ich ℳ 1 27 „Sie, mein Herr?“ ꝙ„1 „Jd, wen rf, mich Ihren Freund zu nennen.“ „Aber ich darf ja dieſes Haus nicht verlaſſen!“ rief das Wruier czweifelnd.„Iſt es denn ganz unmöglich, daß mein Verlobter zu mir zurückkehren wird?“ „Louiſon, es iſt unmöglich. cg2 Wieder richtete ſich ihr ſtarrer Blick mit dem Ausdruck unſd er Angſt auf ihn, der düſtere Ton, den er jetzt anſchlug) ihr, daß er ir volle Gewißheit geben konnte. „Sagen Sie mir Alles“, bat ſie tonlos,„die volle Wahrheit dann werde ich ruhiger ſein.“ „Ich verſprach Ihnen ja—* — 833— „Nein, Sie wiſſen mehr, als 8 mir verrathen wollen, ich for⸗ dere von Ihnen, daß Sie aufrichtig ſind und mir nichts verhehlen. Ift me ein Verlobter gefallen— tant⸗ 21 r Chevalier ſchien mit ſich zu kämpfen, er ſpielte ſeine Rolle vrtreffch Louiſon glaubte an die Wahrheit der Maske, die er ihr zeigte. „Sie wollen es“, ſagte er dumpf, mach hen Sie mir keinen Vor⸗ wurf, wenn mei jnn Hiobspoſt Ihr en die letzte Hoffnung raubt.“ Er iſt todt“, murmelte Louiſon, die Hand auf das Herz preſſend. „Gefall len auf dem Felde der Ehrel“ erwiderte der Chevalier leiſe. „Haben Sie ſeine Leiche geſehen?“ „Ja, Louiſon. Mein Bataillon marſchirte über die Trümmer anderer Bataillone dem Feinde entgegen. Auch wir wurden zurück⸗ geworfen, aber während einer kurzen Pauſe in dieſem mörderiſchen Gemetzel ſah ich Ihre Freunde vor mir liegen.“ Und Beide waren todt?“ „O, mein Gott, dieſer Schlag trifft mich vernichtend!“ ſeufzte Louiſon tief auf. „Und nun wiſſen Sie, weshalb ich Ihnen ſage, daß Sie hier nicht bleiben können“, nahm der Chevalier wieder das Wort.„Ich werde Sie in eine andere Wohnung führen und für Sie ſorgen. Ich werde jeden Ihrer Wünſche erfüllen und die Sorge Ihnen fern halten. Sie haben jetzt nur noch einen Freund, Louiſon, ſtoßen Sie ſeine Hand nicht zurück, es iſt die einzige Hand, die Sie retten bann.“ Wie ein Blitzſtrahl durchzuckte bei dieſen Worten die Erinnerung an die Vergangenheit die Seele des Mädchens. Das war ganz derſelbe leidenſchaftliche Ton, in dem er damals zu ihr geſprochen, ja, es waren faſt dieſelben Worte, die er derzeit ihr geſagt hatte, als ſein ſchändliches Anſinnen ſie zwang, die Woh⸗ nung der Frau Bouhon zu verlaſſen. Und diefe plötzlich auftauchende Erinnerung weckte in ihrer Seele das Mißtrauen. „Ich kann das nicht annehmen“, ſagte ſie, und ihre Stimme klang hart und ſcharf, ich werde mitleidige Herzen genug finden, die mich nicht darben laſſen.“ „Louiſon, Sie müſſen es annehmen—“ „Glauben Sie, mich dazu zwingen zu können?“ R. — 834— „Wer ſpricht davon? Die Vernunft ſagt Ihnen ja, daß es kein anderes Mittel für Sie gibt, dem Elend zu entrinnen.“ Der Chevalier war dem Mädchen näher gerückt, ſie wollte von ihrem Sitze aufſpringen, aber er legte ſeine Hand auf ihren Arm und hielt ſie zurück. „Ich begreife Ihre Erregung nicht“, ſagte er,„ich wüßte nicht, was ich Ihnen gethan hätte, daß Sie mir zürnen könnten. Ich ſpreche als Freund zu Ihnen, ich biete Ihnen etwas an, was in Zeiten, wie die gegenwärtige, von hohem Werthe iſt, ich will Sie ſchützen vor Sorgen und Mangel und Sie ſtoßen die Hand des Freundes zurück.“ „Ich kann nicht glauben, daß Sie mein Freund ſeien“, erwiderte Louiſon, ſeinem Blick ausweichend. „Und weshalb nicht?“ „Weil ich mich früherer Vorſchläge und Drohungen erinnern m unſ 4 „Aengſtigt Sie das? Sie mußten darin die Innigkeit des Ge⸗ fühls erkennen, welches mich unaufhörlich an Sie ſeſſelt, mich immer wieder zu Ihnen hinzieht. Und hat meine Liebe verindeten Werth als die Liebe eines rohen Venetan da Ich habe mich Ihnen nicht mehr genähert, ſeitdem ich wußte, daß Ihr Verlobter zwiſchen uns Beiden ſtand, aber können Sie mir jetzt zürnen, daß ich die Hoff nungen zu verwirklichen ſuche, die das Glück meines Lebens begrün den werden. Nein, Sie können es nicht, Louiſon, Sie müſſen in Allem, was ich gethan habe, in jedem Wort, welches ich Ihnen ſagte, den Beweis meiner Liebe finden. Was ſind Sie? Eine arme Waiſe, die hülflos und verlaſſen, dem Mangel, der bitterſten Noth preisge⸗ geben iſt, eine Ertrinkende, die vergebens nach einem Strohhalm aus⸗ ſpäht, an den ſie ſich klammern könnte. Und nun eile ich herbei und biete Ihnen die rettende Hand, und Sie wollen ſie zurückſtoßen?“ Louiſon hatte mit ſteigender Entrüſtung dieſe leidenſchaftliche Er⸗ klärung vernommen, ſie mußte gewaltſam an ſich halten, um dem Grimm, der in ihr tobte, nicht in einem Wuthſchrei Bahn zu brechen. „Und das ſagen Sie mir in derſelben Stunde, in der Sie mir die Botſchaft von dem Tode meines Verlobten br. ringen? fragte ſie mit bebender Stimme.„Sie wagen es, in demſelben Augenblick um meine Liebe zu werben? In der That, mein Herr, d das muß mich mißtrauiſch machen, mich an der Wahrheit ihrer Nachricht zweifeln laſſen. Sie haben—“ 835 „Wo hinaus wollen Sie nun?“ fiel der Chevalier ihr ironiſch in's Wort.„Welche Vorwürfe wollen Sie mir jetzt machen? Erſcheint Ihnen nicht annehmbar, was ich Ihnen anbiete? Eine hübſche Woh⸗ nung, ſchöne Garderobe, eine reichbeſetzte Tafel, Champagner, ſo viel Sie wollen, und nach dem Friedensſchluß eine elegante Cquipage? Louiſon, ſeien Sie kein thörichtes Kind, Sie würden ihre Thorheit zu ſpät bereuen! Wie denken Sie ſich die Zukunft, die vor ihnen liegt, ſelbſt in dem Falle, daß Sie mitleidige Herzen fänden, die Sie vor dem Hung gertode ſchützen? Sie haben keinen Sous—“ Ich kann arbeiten!“ „Parbleu, wie manches Mädchen hat mir dieſe Antwort mit dem⸗ felben Pathos gegeben! Arbeiten! Jawohl, in den erſten Tagen dünkt man ſich eine Heldin, aber wie bald erlahmen die Arme, wie bald werden die Augen trüb! Draußen ſcheint die Sonne, duften die Blüthen, ſingen die Vögel in allen Zweigen, draußen ſingt, lacht und tanzt man und der Hunger pocht an die Thüre und ruft mit hohler Stimme: Arbeite, wenn Du mich nicht einlaſſen willſt. Und was dann, mein ſchönes Kind? Man geht hinaus, man athmet mit Entzücken die friſche Luft, man beneidet die jungen, eleganten Damen, die in den Champs ehjſees ſpazieren fahren, man entdeckt, daß man Wünſche hat und denkt mit Entſetzen an die kahle Manſarde und die troſtloſe er⸗ müdende Arbeit. Ach, dann iſt man nicht mehr ſo ſpröde, man iſt ja auch jung und möchte das Leben genießen, man lernt zum erſten Male die Freuden eines köſtlichen Diners und den beſtrickenden Zauber des feurigen Champagners kennen, man begreift, daß Tugend, Unſchuld und Ehre nur hohle Phraſen ſind, die im praktiſchen Leben keinen Werth haben. Und wenn der erſte Schritt geſchehen iſt, dann kann man die Bahn nicht mehr verlaſſen.“ „Sie zeigen mir da in lebhaften Farben den grauenhaften Abgrund, an den Sie mich führen wollen“, ſagte Louiſon mit einem Blick der Verachtung.„Es war unnöthig, mein Herr—“ „Einen Abgrund? Nein, Louiſon, ich zeige Ihnen nur die 5 Zukunft, und es iſt nicht meine Schuld, wenn dieſes Bild kein erfreuliches für Sie iſt. Ich will Sie bewahren vor dieſem Abgrunde, ich will Ihnen den Freudenbecher bieten, aus dem Sie in vollen Zügen minten ſollen.“ er Chevalier ſchlang ſeinen Arm um die Taille des Mädchens, Lo ifon ſtieß ihn zurück und ſprang empor. ete A 1, ———— Jetzt hatte ſie ihre volle Faſſung wiedergefunden, ſie wußte, daß ſie mit dieſem Menſchen um ihr theuerſtes Gut kämpfen mußte, ſie war entſchloſſen, den Kampf aufzunehmen und durchzuführen. „Jetzt iſt die Maske gefallen, das Geſicht des Wüſtlings zeigt ſich unverhüllt!“ rief ſie.„Ich war eine Thörin, daß ich an die Auf⸗ richtigkeit ihrer Freundſchaft glaubte, daß ich edle Geſinnungen bei Ihnen ſuchte.“ „Louiſon, Sie j beleidigon michl“ „Und Sie haben mich ſo tief beleidigt, wie ein Menſchenherz nur beleidigt werden kann!“ „Iſt das Ihre Antwort auf mein Anerbieten?“ „Es iſt die einzige Antwort, die ich Ihnen geben kann.“ Der Chevalier hatte ſich ebenfalls erhoben, er trat zwiſchen Loniſon und die Thüre, in der unverkennbaren Abſicht, ihr die Flucht un⸗ möglich zu machen. Alle Leidenſchaften waren in ſeinem Innern entfeſſelt, ihre Gluthen loderten wild auf, und er machte keinen Verſuch, ſie zu bezwingen. Louiſon hatte ihn d durchſchaut; er kannte das Mädchen zu genau, um nicht zu wiſſen, daß jeder Verſuch, ihr Vertrauen wieder zu gewinnen, ſcheitern würde. Dem Wüſtling war jeder Weg recht, der ihn zum Ziele führte, er wollte nicht noch einmal die günſtige Gelegenheit vorübergehen laſſen, er wußte ja nicht, ob dieſe Gelegenheit ſich ihm jemals wieder bieten würde. „Louiſon, ich liebe Sie“, ſagte er mit zitternder Stimme,„ich bin nicht der Mann, der vor Schwierigkeiten und Hinderniſſen muth⸗ los ſtehen bleibt. Ich pflücke die Blume, die mir gefällt, und es liegt mir nichts daran, wenn ich mir dabei die Hand an Dornen zerreiße. Ich pflücke ſie, und wäre ſie mit Ketten an den Himmel gefeſſelt, mein muß ſie werden.“ Entſetzt wich das Mädchen zurück, ſie ſah ſich nach einer Waſſe um, aber ihrem Blick bot ſich nichts, was ſie als Waffe hätte benutzen können. Sie war allein mit dieſem Schurken, ſie durfte auf Hülſe nicht rechnen, und ſie las in ſeiner finſteren, drohenden Miene, daß ſie das Schlimmſte von ihm erwarten mußte. 1„Es wäre nutzlos, wenn ich an Ihre Ehre und Ihr Gewiſſen appelliren wollte“, erwiderte ſie,„ich weiß es, aber ich werde kämpfen mit Ihnen, bis meine Kräfte erlahenen, und wenn Sie dann noch — 837— ihren ſchändlichen Sieg benutzen, dann werde ich Sie auf den Straßen vor allem Volk anklagen!“ „Bah, wer wird Ihnen glauben?“ „Ich werde Sie verfolgen und Ihnen den Dolch in's Herz ſtoßen, wo es auch ſein mag, mit dieſen Händen werde ich Sie erwürgen—“ „Louiſon, Sie werden das nicht thun“, ſpottete der Chevalier. „Sie werden vernünftig ſein und meine Freundſchaft vorziehen. Durch einen Mord ändern Sie das Geſchehene nicht, aber auf der andern Seite können Sie aus dem Verluſt ihrer Unſchuld Vortheil ziehen.“ „Elender!“ „Sie wollen noch immer nicht?“ „Ich werde Sie tödten!“ Der Chevalier lachte boshaft, im nächſten Augenblick fühlte das Mädchen ſich ſchon umſchlungen, ein gellender Hülferuf entrang ſich ihren Lippen, während ſie alle Kräfte aufbot, um ſich aus dieſer Um⸗ armung zu befreien. Es half ihr nichts, immer enger und feſter umſchlangen ſie die Arme ihres Gegners, deſſen heißen Athem ſie auf den Wangen fühlte, deſſen glühende Augen mit dem Blick eines Tigers auf ſie geheftet waren. Er lachte höhniſch über ihre Anſtrengungen, ihre Hülferufe, ſchon begannen ihre Kräfte zu ſchwinden, als plötzlich die Thüre aufgeriſſen wurde, und in der nächſten Sekunde eine Fauſt den Nacken des Schurken umklammerte. Der Chevalier wandte mit einem Wuthſchrei ſich um, er ſah ſich den Freunden des Mädchens gegenüber, es war die Fauſt Pauls, die ihn, wie in einem Schraubſtocke feſt hielt. „Schurke!“ donnerte Paul, indeß Erneſt das ohnmächtig zuſammen⸗ ſinkende Mädchen in ſeinen Armen auffing.„Hatteſt Du noch nicht genug? Mußteſt Du noch einmal die Hand nach der verbotenen Frucht ausſtrecken?“ „Zum Teufel, laſſen Sie mich los!“ ſchrie der Chevalier in maß⸗ loſer Wuth.„Sie vergeſſen, daß ich Ihr Vorgeſetzter bin.“ „Und wäreſt Du Kaiſer von Frankreich, ehrloſer Wicht, ich würde nicht anders mit Dir verfahren.“ „Es war ja nur ein Scherz— „Hol' der Teufel ſolche Scherze und Dich dazu!“ „Und was geht es Sie an, wenn Louiſon ſolche Komödien liebt?“ 44 ³ rief der Chevalier, den jetzt doch ein Gefühl der Angſt beſchlich.„Sie ſind ein armer Schlucker, ein junges Mädchen macht höhere Anſprüche an das Leben.“ „Du wagſt es, auch ſie zu beſchimpfen?“ donnerte Paul, ſeinen Gegner ſo kräftig niederhielt, daß der Chevalier ſich nicht redet konnte.„Das ſetzt Deiner Infamie die Krone auf!“ „Laß ihn laufen“, ſagte Erneſt,„der Burſche iſt nicht werth, daß man ſich an ihm vergreift, man beſudelt nur die Hände an ihm.“ „Er ſoll ſeine Lehre haben und an ſie denken, ſo lange er lebt“, erwiderte Paul mit einem beſorgten Blick auf das bewußtloſe Mädchen. „Er ſoll nicht mehr wagen, die Schwelle dieſes Hauſes zu überſchreiten, die Rache eines ſolchen Burſchen fürchte ich nicht.“ r ſchleppte den Chevalier zur Thüre, die noch offen ſtand, ſelbſt Erneſt wagte nicht, ihn an der Ausführung ſeines Vorhabens zu hindern. „Ich ſage Euch noch einmal, Ihr werdet das bereuen“, knirſchte der Chevalier.„Ich bin Euer Vorgeſetzter, Ihr ſchuldet mir Ge⸗ horſam—“ „Geh' zur Hölle und ſieh zu, ob man Dir dort gehorchen wird!“ rief Paul, indem er dem Schurken einen wuchtigen Stoß gab. Der Chevalier flog gegen die Thür der gegenüberliegenden Man⸗ ſarde, die von der Gewalt dieſes Anpralls krachend aufſprang. Er ſtürzte, aber er raffte ſich wieder auf und riß den Säbel aus der Scheide. Noch ehe er dazu kommen konnte, einen Hieb zu führen, hatte Paul ihn ſchon wieder ſo kräftig umſchlungen, daß ihm der Athem ſtockte, mit einem Fluch warf der herkuliſche Arbeiter den kraftloſen Wüſtling die ſteile Treppe hinunter. Ein Schrei, ein dumpfes Poltern und Krachen, dann war es wieder ſtill in dem großen Hauſe, Paul ſtand an der Treppe und wiſchte die Schweißtropfen von der Etürno wine Hand legte ſich ſchwer auf ſeine Schulter. Was haſt Du gethan?“ fragte Erneſt vorwurfsvoll.„Du ließeſt Dich von Dein er Leidenſchaft hinreißen—“ „Ah bah, der Schurke iſt längſt über alle Berge“, fiel Paul ihm in's Wort.„Aber er wird ſeine Knochen fühlen und ſobald nicht wiederkommen.“ Erneſt ſtieg kopfſchättelnd die Treppe hinunter, aks er zurückkam, war ſein Geſicht todesbleich. — 839— „Er hat das Genick gebrochen“, ſagte er,„da unten liegt eine Leiche.“ „Dann iſt ein Schuft weniger auf der Erde“, erwiderte Paul gelaſſen. „Aber man wird uns zur Verantwortung ziehen!“ „Meinetwegen; Die Nationalgarde hat an ihm nur einen Feigling verloren!“ Mit dieſen Worten wandte Paul ſich um, und im Augenblick darauf hing Louiſon an ſeinem Halſe. „In welcher Angſt und Sorge habe ich um Dich geſchwebt!“ ſagte ſie, ſein Antlitz mit Küſſen bedeckend.„Man hatte mir geſagt, Du ſeieſt gefallen—“ „Wer ſagte es Dir?“ „Der Chevalier, er wollte Deine Leiche geſehen haben.“ „Hörſt Du's“, wandte Paul ſich zu Erneſt.„Und mit einem ſolchen Burſchen ſollte man Schonung haben?“ „Er wiederholte ſein ſchändliches Anſinnen, und als ich ſtandhaft blieb, drohte er mir mit Gewalt.“ „Du wirſt nun Ruhe vor ihm haben“, ſagte Paul,„er hat ſeinen Lohn empfangen.“ „Mein Gott, was iſt geſchehen?“ „Nichts, was Dich ängſtigen könnte!“ „Doch, doch, Du verbirgſt mir etwas.“ „Sei ruhig, ich habe Deine beleidigte Ehre gerächt, das iſt Alles. Der Elendel Meine Leiche will er geſehen haben, und wir ſind gar nicht im Gefecht geweſen.“ „Nicht im Gefecht?“ „Nein, Louiſon, wir hatten Dienſt auf dem Mont Avron, es kam nicht ſo weit, daß wir vorrücken konnten, die Truppen Ducrot's wurden zurückgeworfen und von der ſiegreichen Loirearmee war auch nichts zu ſehen. Wir werden weiter hungern.“ „Bis der Faden unſerer Geduld reißt“, murmelte Erneſt. „Parbleu, daß er bei Dir noch nicht geriſſen iſt, begreife ich nicht“, erwiderte Paul. „Inwiefern?“ „Ah, wenn ich an Deiner Stelle wäre, hätte der Marquis auch kängſt ſeinen Lohn.“ „Kannſt Du Dich noch immer nicht beruhigen?“ Ruhe, was hier vorgefallen iſt.“ — 840— Nein, ich ſage noch immer, es war eine Komödie.“ „Auch die Beerdigung?“ „Alles, Erneſt.“ „Du frevelſt, ich habe das ſchöne, ſtarre Antlitz im Sarge 71 geſehen— „Täuſchung!“ „Unmöglich, Pani meine Augen täuſchen mich nicht.— Beim Himmel, was iſt das? Erneſt, der den Beiden voranſchritt, blieb vor der offenen Thüre der Madame Leroi ſtehen. Es war allerdings ein ſeltſamer Anblick. Das alte Weib ſaß gefeſſelt und geknebelt im Seſſel, der Rabe hockte auf ihren Schultern, und die Unordnung in dem Zimmer verrieth nur zu deutlich die Plünderung. „Wir ſind arm, arme Leute!“ krächzte der Rabe. „Parbleu, der hat auch eine gerechte Vergeltung das Urtheil ge ſprochen“, ſagte Paul.„Man ſollte die Megäre ihrem Schickſal überlaſſen—“ „Paul, das iſt Dein Ernſt nicht“, fiel Louiſon ihm in's Wort. „Was dieſe Frau auch an uns eſündi haben mag, hier müſſen wir die Pflicht der Thuiten erfüllen Erneſt war ſchon eingetreten, er nahm das Brodmeſſer vom Tiſche und ſchnitt die Feſſeln vnch dann löſte er das Tuch, welches um den Mund der Alten geſchlungen war. Der Rabe ſchlug krächzend mit den Flügeln, Madame Leroi ath mete tief auf. Sie hatten Beide ſeit zwei Tagen gehungert, aber ſie beſaßen ein zähes Leben, ſelbſt der Schrecken und die Aufregungen ſchienen die Kräfte der Alten nicht erſchöpft zu haben. So ſehr auch alle Glieder ſie ſchmerzten, ſprang ſie doch mit der Behendigkeit eines jungen Mädchcas von ihrem Sitz auf, ſie beſaß eine eiſerne Willenskraft, zu der ſich nun noch Haß und Wuth geſellten. „Ich bin beſtohlen!“ ſchrie ſie mit heiſerer Stimme.„Ich bin arm, eine Bettlerin!“ „Hundert Sous für die arme Frau!“ krächzte der Rabe. „Ruhe!“ ſagte Erneſt.„Setzt Euch hin und berichtet uns in aller— „Rahe“, ſuhr die Alte auf, deren ſtechende Augen in allen Ecken 321= und Winkeln des Zimmers ſuchten, wie wenn ſie die Hoffnung dort noch etwas zu finden, was die Diebe vergeſſen hätten.„Wer kann da ruhig ſein? Man hat mir Alles genommen!“ Wer, Madame?“ „He, der Falſchmünzer, der Galeerenſträfling und deſſen Spieß⸗ gefelle.“ „Wann geſchah das?“ fragte Louiſon. „Vorgeſtern Abend.“ „So waren es dieſelben Subjecte, die in meine Manſarde kamen, und mit denen Juſtine und Jenny Mouſſon ſich entfernten.“ „Juſtine und Jenny Mouſſon?“ wiederholte das Weib, deſſen zornglühender Blick ſtarr auf dem Mädchen ruhte.„Sie haben hier gewartet, bis das Verbrechen geſchehen war—“ „Ich erinnere mich, daß ſie Lebensmittel beſaßen, die man in Paris nicht mehr kaufen kann.“ „Da ſeht her!“ ſchrie Madame Leroi, auf ihr Verſteck zeigend. „Hier hatte ich meinen Proviant aufgeſpeichert, er würde für mich auf ein halbes Jahr ausgereicht haben, ſie haben mir Alles genommen, meine Lebensmittel, mein Geld, meine Rentenbriefe und meine Ju⸗ welen. Rache! Rache! dreimal verflucht ſeien ſie und der, welcher ſie geſchickt hat!“ „Wie gewonnen, ſo zerronnen!“ ſagte Paul achſelzuckend.„Auf ehrlichem Wege hattet Ihr Eure Schätze auch nicht erworben.“ Das Weib warf ihm einen boshaften Blick zu. „Das kümmert Niemand“, erwiderte ſie,„ich hatte mir das, was ich beſaß, ſauer erſpart. Und nun iſt Alles fort, Alles! Aber ich werde ſie finden, ich werde ſie Alle zu Tode martern, unter Folter⸗ qualen ſollen ſie die ſchwarze Seele aushauchen.“ „Madame, ſo darf man nicht reden“, ſagte Louiſon warnend. „Die Rache überlaßt dem Richter über uns.“ „He— Du fromme, ſanfte Taube, wenn man Dir den Geliebten ermordet hätte, würdeſt Oee dann au“ noch ſo kanft ſprechen?“ höhnte die Wahrſagerin, vor Wuth zitternd. „Drückt Euch etwas deutlicher aus“, ſagte Paul, der jetzt auf⸗ merkſam geworden war.„Was bedeutet Eure Frage?“ „Nichts weiter, als daß Ihr aus der Welt geſchafft werden ſolltet.“ „Wahrhaftig? Wer wollte mir den Dienſt erzeigen?“ „Derſelbe, der mich berauben ließ.“ 1 „Dorman?“ „Bah, der Marquis!“ „Das iſt eine Lüge!“ rief Erneſt entrüſtet.„Was hat der Marquis mit dieſem Diebſtahl zu ſchaffen?“ „He, ihn lockte ein Ring, den ich ihm nicht verkaufen wollte. Er fand meine Forderung zu hoch, aber der Ring hatte als Andenken an eine frühere Zeit einen großen Werth für ihn. Er meinte, ich würde zahm werden, wenn der Hunger meine Schwelle überſchritten, da ließ ich in leichtſinnigem Uebermuth mich verleiten, ſihm meine Vorräthe zu zeigen. He, würden die Banditen meine Schatzkammer gefunden haben, wenn ſie ihnen nicht verrathen worden wäre?“ Das Weib warf ſich auf den Boden und wühlte mit den welken Händen in dem Verſteck. „Alles fort!“ jammerte ſie.„Sie haben mir nicht eine Brod⸗ rinde gelaſſen, und ich habe ſeit zwei Tagen nichts gegeſſen!“ „Da iſt noch ein Stück Brod und ein Schluck Wein“, ſagte Er⸗ neſt, indem er das Brod und ſeine Feldflaſche auf den Tiſch legte. Madame Leroi fiel mit der Gier des Heißhungers über Beides her, mit unglaublicher Schnelligkeit verſchwand die harte Kruſte in ihrem zahnloſen Munde. „Als der Marquis einſah, daß dieſe Hoffnung ihn getäuſcht hatte, dang er den Galeerenſträfling“, fuhr ſie ſort,„der Burſche iſt ja der Bruder der ſchönen Frau von Chateaufleur, und die ſchöne Frau wohnt jetzt in dem Palais des Marquis, nachdem ihr betrogener Gemahl ſie vor die Thüre geworfen hat.“ Paul warf ſeinem Freunde einen bedeutungsvollen Blick zu. „Weiter!“ fragte er rauh. „Und der Falſchmünzer verband ſich mit einem andern Galeeren⸗ ſträfling, ſie knebelten und ſeſſelten mich, verſchlangen vor meinen Augen die beſten Biſſen aus meinem Vorrath, wühlten in meinem Gold und in meinen Juwelen und tödteten meinen armen, treuen Kater. Und wenn ich ihnen Alles vergeben wollte, das kann ich ihnen nicht verzeihen und vergeſſen, ich werde ſie tödten, wie ſie das unſchuldige Thier gemordet haben.“ „Hm, der Kater war fett“, warf Paul ironiſch ein,„der ſaftige Braten reizte ſie.“ „Aber wie können Sie mit Sicherheit behaupten, daß der Mar⸗ quis der Anſtifter geweſen ſei?“ fragte Erneſt. ———;—4³— — 8⁴43— Ich weiß es— er wollte den Ring haben!“ 44 „Er iſt reich, er konnte den Preis zahlen— „Aber er wollte es nicht, weil meine Forderung zu hoch war. He, wollen Sie den Marquis in Schutz nehmen? Ihnen hat er B Böſes genug angethan, wäre ich an Ihrer Stelle, hätte ich ihn längſt erwürgt.“ „Ihr ſpracht davon, daß ich ermordet werden ſollte“, nahm Paul das Wort,„ich verlange Beweiſe.“ „Der Marquis war bei mir, ich ſollte den Meuchelmörder dingen.“ „Tod und Hölle!“ ſuhr Paul auf.„Iſt das die Wahrheit?“ „Die volle Wahrheit!“ „Und Ihr?“ „Ich wies das Anſinnen zurück.“ „Das mag Euch des Teufels Großmutter glauben! Ihr ſeid mir auch nicht grün geweſen, und meine Braut weiß ebenfalls ein Liedlein von Eurer Bosheit zu ſingen.“ „Laſſen wir das“, ſagte die Alte, der dieſe Erinnerung offenbar unangenehm war.„Wir wollen die alten Geſchichten nicht aufwär⸗ men, es ſetzt nur böfes Blut.“ „Das iſt Eure Schuld!“ „Und die Schuld eines Andern, der dies Alles befahl.“ „Der Marquis?“ Madame Leroi nickte bejahend. „Und weshalb wollte er mich bei Seite ſchaffen?“ fragte Paul. „Weil Ihr ihm läſtig wurdet!“ „h— ich erinnere mich nicht, daß ich eine Feindſeligkeit gegen ihn unternommen hätte.“ Die alte Frau, die raſtlos durch das Zimmer humpelte, und jeden Gegenſtand betrachtete, der ihr geblieben war, blieb ſtehen und ſchleuderte dem Zweifelnden einen höhniſchen Blick zu. „Wißt Ihr noch nicht, daß er ſeine Spione überall hat?“ fragte ſie.„Und erinnert Ihr Euch nicht mehr, daß Ihr den Marquis einen Komödianten nanntet und Euren Freund vor ihm warntet?“ „Teufel, wer hat Euch das geſagt?“ erwiderte Paul betroffen. „Ihr habt gelauſcht und ihm unſere Geſpräche verrathen.“ „Ich nicht— Andere thaten es.“ „Und deshalb wollte der Marquis ihn beſeitigen?“ fragte Erneſt. Aᷣ „Ich kann das nicht glauben, Ihr haßt den Marquis, Ihr ſucht einen Feind, an dem die Rache der Mühe lohnt—“ „Ich zwinge Niemanden, meinen Worten Glauben zu ſchenken“, fiel Madame Leroi ihm ſcharf in's Wort.„Wenn ich Alles ſagen wollte, was ich weiß, dann würden Euch die Augen überlaufen.“ „Heraus mit der Sprache!“ rief Paul erregt. „Nein, er glaubt's ja doch nicht.“ „Einerlei, ſagt was Ihr auf der Leber habt! Was mich betrifft, ſo traue ich dem Marquis Alles zu.“ Die Wahrſagerin ſchüttelte ablehnend den Kopf, aber aus ihren ſtechenden Augen traf ein forſchender Blick das bleiche Geſicht Lafleur's, den die Worte der Alten doch nachdenklich gemacht hatten. „Es iſt jetzt keine Zeit dazu“, ſagte ſie,„ich muß ſuchen, den Banditen den Raub wieder zu entreißen. Und wenn mir das nicht gelingt, dann gehe ich elend zu Grunde. Aber ehe das geſchieht⸗ ſollen Andere daran glauben“, fuhr ſie jähzornig fort,„ich will fie maſſacriren, und koſtete es mich ſelbſt das Leben.“ Die dürre Fauſt drohend erhoben und die jäh auflodernde Gluth des unverſöhnlichſten Haſſes in den funkelnden Augen, ſtand ſie da, wie eine Rachefurie, und ſelbſt die Männer beſchlich ein Gefühl der Angſt und des Entſetzens vor dieſem Weihe. „Es wird Euch ſchwerlich gelingen“, ſagte Paul,„dic Banditen haben jedenfalls ihren Naub ſchon in Sicherheit gebracht.“ „So ſoll ihn der Marquis erſetzen.“ „Bah, er läßt Euch vor die Thüre werfen.“ „Wir werden ſehen!“ knirſchte die Alte.„Oh, es wird die Zeit kommen, in der Ihr mir ein Bündniß gegen dieſen Mann antragt, die Stunde iſt ſchon nahe, ich will warten bis Ihr kommt.“ „Laſſ' uns gehen“, flüſterte Louiſon, der das Gebahren der Me⸗ gäre Abſcheu einflößte. Die Freunde verließen, von dem Mädchen begleitet, das Zimmer und gingen in ihre eigene Manſarde. Hier ſtand Erneſt lange in Gedanken verſunken, während Paul mit ſeiner Geliebten plauderte, endlich fuhr er aus ſeinem Brüten, wie aus einem verworrenen Traum erwachend, empor. „Es iſt nichts“, ſagte er,„ich finde keine Urſache, die mich be⸗ rechtigen könnte, Mißtrauen zu hegen, Marie iſt todt—“ en —— „Erlaube mir eine Frage“, warf Panl ein.„Glaubſt Du mit Sicherheit ihr Grab wiederfinden zu können?“ „Gewiß.“ „Wohlan, ſo werden wir ſehen.“ „Was haſt Du vor?“ fragte Louiſon befremdet. „Es bleibt mein Geheimniß. Laßt mich nur machen, ich werde nicht ruhen, bis wir Gewißheit haben.“ „Gewißheit?“ erwiderte Erneſt.„Ich habe ſie.“. „Nein, Du kannſt ſie nicht haben. Die Enthüllungen der alten Frau ſind nicht aus der Luft gegriffen, ſie können es nicht ſein, denn ſie tragen zu ſehr den Stempel der Wahrheit. Weshalb will der Marquis mich bei Seite ſchaffen? Weil er mich fürchtet. Und wes⸗ halb fürchtet er mich? Weil ich mit meinem Mißtrauen nicht hinterm Berge halte. Gut, er ſoll erfahren, daß er an mir einen gefährlichen Gegner beſitzt.“ „Jetzt frage auch ich, was haſt Du vor?“ ſagte Erneſt, den Blick feſt auf ihn heftend. „Du wirſt es erfahren, ſobald die Zeit gekommen iſt, einſtweilen verrathe ich nichts. Wir haben ja jetzt auch an andere Dinge zu denken, die wichtiger ſind. Wir müſſen unſere Rationen holen und für Holz ſorgen, unſere Kräfte ſind erſchöpft, der erſchlaffte Körper verlangt Ruhe.“ Erneſt zuckte die Achſeln. „Es iſt Thorheit, nutzloſe Mühe“, ſagte er,„Todte kann man nicht wieder erwecken. Aber Du haſt Recht, wir wollen gehen und für Lebensmittel ſorgen, wir müſſen ja auch die Leiche da unten fort⸗ ſchaffen, ehe Andere ſie finden. Louiſon hat nun nichts mehr zu fürchten, und ich denke, wir werden bald zurück ſein. Louiſon begleitete die Freunde bis zur Treppe, dann ging ſie zurück und ſchloß die Thüre hinter ſich zu. Einundvierzigſtes Kapitel. Die Ermordung des Spions. Cora ſah ſich in ihren Plänen und Erwartungen nicht getäuſcht. Von Tag zu Tag wurde Marie ruhiger, ſie fand ſich mit geduldiger „ 846 Ergebung in das Unabänderliche und bewahrte dem theuren Todten ein liebevolles Andenken. Und wenn je einmal Zweifel in ihrer Seele aufſteigen wollten, dann wußte Cora ſie im Keime u er iſticken, wie ſie überhaupt ſich mehr und mehr in dem? b 3 bef ſtigte. Nur einen Punkt durf ſt hren, die Mög⸗ lichkeit, daß Marie den heißeſten Wunſch des Marquis erfüllen werde So oft ſie die Rede darauf brachte, ſchnitt Marie ihr das Wort mit der feſten Erklärung, daß die Hoffnungen des Marquis ver⸗ geblich ſeien. Nachdem Cora die Ueberzeugung erlangt hatte, daß auch die beſten Vernunftsgründe dieſen Entſchluß nicht ändern würden, begann ſie mit der Ausführung ihres Planes. Sie berichtete eines Morgens ihrer Freundin, der Marquis ſei on bedenklich erkrankt, und der Arzt zweifle an ſeinem Aufkon amen, ſie ſchitdert⸗ dieſe Kran nkheit als eine Krankheit des Herzens und ließ abei deutlich durchblicken, daß ein großer Theil der Sch Marie falle. Von dieſem Augenblicke an war das Mädchen wie umgewandelt. Hatte ſie vordem niemals von dem Marquis geſprochen, ſo brachte ſie jetzt faſt ſtündlich die Rede auf ihn, ſie erkundigte ſich mit inniger Theilnahme nach ſeinem Befinden, ſie verlangte, d die Pflege des Kranken übernehmen zu dürfen und zeigte in allen Stücken eine ſo große Be⸗ ſorgniß und ſolche herzliche Theilnahme, daß Cora ſchon jetzt ſich ihres Sieges gewiß glaubte. Sie berichtete ihr einzelne Aeußerungen, welche der. Kranke in ſeinen Fieberphantaſieen gemacht haben ſollte, und in denen die Gluth ſeiner Liebe und der Gmirz eines verzweifelten Herzens ſich ſpie⸗ gelten, ſie brachte ihr täglich die Nachricht, es gehe mehr und mehr mit ihm zu E G* ₰ S B SE. &* Ende und ließ es dabei nie an indirecten Vorwü fehlen, die dem Herzen des Mädchens Folterqualen bereiteten. Es war eine unwürdig ge, ſchöndüüche Komödie, aber Cora ſpielte ihre Rolle mit einer ſolchen Meiſterſchaft, daß nicht das leiſeſte Miß⸗ trauen in der Seele Mariens Wurzel faſſen konnte. ſie darum bat, die Pflege übernehmen zu dürfen, er⸗ Cora ihr, das werde den Kranken nur noch mehr aufregen, hr Anblick müſſe ihn ja immer wieder an ſeine zertrümmerten Hoff nungen erinnern, und die Aufregung könne ihn augenblicklich tödten Auch der Diener, welcher die beiden Damen bediente, fen zeigte eine — 847— niedergeſchlagene, kummervolle Miene, und die Stille, welche im Hauſe herrſchte, konnte die Mittheilungen Cora's nur beſtätigen. Der Marquis war ſehr erfreut über den günſtigen Erfolg der Komödie, er bereitete ſchon Alles vor, er entwarf bereits jetzt den Plan zu einer Reiſe, die er ſofort nach der Kapitulation mit ſeiner jungen Frau zu machen gedachte. Täglich berieth er mit Cora, er verſprach ihr eine hohe Rente für das Gelingen des Planes, ohne nur im Entfernteſten eine Ah⸗ nung von den finſtern Wolken zu haben, die ſich über ſeinem Haupte immer drohender zuſammenzogen. Madame Leroi war bei ihm geweſen und hatte ihn des Bünd⸗ niſſes mit den Banditen beſchuldigt, ſie hatte von ihm Erſatz gefor⸗ dert und ihm mit ihrer Rache gedroht; er lachte darüber und hatte als Antwort nur die eine Frage, ob ſie jetzt geneigt ſei, ihm den Ring zu verkaufen. Daß auch dieſer Ring geraubt worden war, wollte er nicht glau⸗ ben, er kannte das ſchlaue, vorſichtige Weib beſſer, aber als ſie bei dieſer Erklärung beharrte, bot er ihr tauſend Francs für das Ge⸗ heimniß, welches ſich an den Ring knüpfte. Nadame forderte hunderttauſend, er wies mit höhniſchem Spott die unverſchämte Forderung zurück und ließ die Alte, als ſie ihm läſtig fiel, durch ſeinen Portier hinausſchaffen. Er fürchtete dieſes Weib nicht, auch dann nicht, als er erfuhr, daß ſie jetzt mit Lafleur und Bertrand viel verkehrte, er ließ dieſe Leute durch ſeine Spione überwachen und traf ſeine Vorbereitungen, um ſie ſofort unſchädlich zu machen, wenn ſie ihm gefährlich wurden. Auch der Vicomte ließ ſich nicht mehr blicken, er hatte den Schmuck und die Garderobe Cora's ausgeliefert, die andern Bedingungen ſchien er nicht erfüllen zu wollen, und der Marquis zog vor, ihn jetzt nicht zu einer Entſcheidung zu drängen. Da überhaupt Niemand zugelaſſen wurde, ſo mußten ſeine Feinde ſich damit begnügen, ihm ſchriftlich ihre Drohungen mitzutheilen. Von Madame Leroi, dem Vicomte, von Paul und Louiſon, von Juſtine und Jenny Mouſſon empfing er Briefe, es ſchien ſich ein Complot gegen ihn gebildet zu haben, aber auch das flößte ihm keine Be⸗ ſorgniſſe ein. Madame Leroi ward nicht müde, mit ihrer Rache zu drohen, ſie ſchrieb ihm, man habe ſie in der Schenke Tabaret's mißhandelt, als ¹ 3 V — ſie ſo kühn geweſen ſei, Dorman des Raubes zu beſchuldigen und den Raub von ihm 5 zurückz uver langen. ei enf din Aaftüter ſobald Ruhe und Ordnung zuri kge 3 ie Anklag ück ſchleuderte ihm d klage Sins Geſicht, d Mörder ſei, ein ehrloſer Komödiant, der ſeine e der Lo aterne enden we erde, Louiſon beſchwor ihn mit trüßrend en Worten, sbrüche ihres Verlobten zu verzeihen und den Verleumdungen erin energiſc entgegen zu treten. Juſtine und Se klagten ſich, daß er ſie vernachläſſige und ſein Verſpre geſſen habe. Dabei ſorderte Juſtine die Documente Luru und auch ſie ließ es nicht an Drohungen ſehlen. Nur Einer ſchwieg, an den der Marquis oft dachte, und der ſein gefährlichſter Gegner war. Er mußte ſich geſtehen, daß er den Fal ſchmünzer fürchtete, und das um ſo mehr, weil er die Waffen nicht kannte, mit denen dieſer Gegner kämpfte. Dorman hatte auf der Bahn des Verbrocher is ſo viele Erfahrungen geſammelt, daß man, wenn man ſeinem Haß, ſeinen Tücken und Liſten begegnen wollte, ſelbſt ein⸗ geriebener lrgrcche ſein mußte. Ueberdies konnte der Marquis nicht erfahren, wo Dorman jetzt wohnte; ihn in der Schenke Tabaret's verhaften zu laſſen, ſchien ihm nicht rathſam, es ließ ſich vorausſehen, daß die Banditen mit dem Muthe der Verzweiflung um Freiheit und Leben kämpfen würden, und ſelbſt, wenn es der Polizei gelang, ſich des entſprungenen Ga⸗ leerenſträflings zu bemächtigen, ſo fand der Letztere immer noch Mittel und Wege, aus dem Gefängniß zu entwiſchen. Unter den gegenwärtig obwaltenden Verhältniſſen durſte der Edel⸗ mann nichts gegen dieſen Burſchen unternehmen, er ſah das nur zu wohl ein. Wenn er eine Ahnung von dem Bündniß Cora's mit ihrem Bruder gehabt hätte! Er dachte nicht einmal an die Möglichkeit eines ſolchen Bündniſſes, weil er ſich ſagen mußte, es liege im Intereſſe Cora's, auf ſeiner Seite zu bleiben. Und dieſe Ueberzeugung ließ es ihm auch überflüſſig erſcheinen, Cora zu überwachen, er vertraute ganz auf ſie, und er fand nichts, was dieſes Vertrauen hätte erſchüttern können. = 8 42 2 8 — 849— Er wußte nicht, daß ſie jetzt wieder ſehr oft ihre Modiſtin beſuchte, und wenn er es erfahren hätte, würde er gedacht haben, ſie gehe nur eshalb hin, um Einkäufe zu machen. Er ahnte auch nicht, daß ihre heitere Miene, ihre liebenswürdige Freundlichkeit, ihr ſofortiges Eingehen auf alle ſeine Wünſche nichts weiter, als eine trügeriſche Maske waren, und ſo ſah er die gewitter⸗ ſchwangeren Wolken nicht, die in der Ferne heraufzogen. Inzwiſchen waren Noth und Elend in der belagerten Stadt immer höher geſtiegen. General Ducrot war mit ſeinen Truppen zurückgeſchlagen, die Loirearmee hatte bei Orleans eine furchtbare Niederlage erlitten. Orleans war von den Deutſchen wieder beſetzt worden, über zehn⸗ tauſend Gefangene, ſiebenundſiebenzig Geſchütze und vier Kanonen⸗ boote fielen in die Hände der Sieger. Auch im Norden drangen die Deutſchen von Sieg zu Sieg vor. Die Franzoſen wurden zurückgeworfen, Rouen und Dieppe beſetzt. Die Feſtungen Montmedy und Pfalzburg kapitulirten, die Loire⸗ armee wurde immer weiter auf Le Mans zurückgedrängt, Garibaldi erhielt im Süden bei Nuits eine Niederlage nach der andern, auf Entſatz durften die Pariſer nicht mehr hoffen. Sie machten auch jetzt noch verzweifelte Ausfälle, ſie glaubten nicht an die Niederlagen der von Gambetta aufgebotenen Armeen, man ſprach in Paris noch immer von Siegen. Graf Moltke hatte dem General Trochu die Mittheilung gemacht, daß die Loriearmee geſchlagen und Orleans beſetzt ſei, Trochu hielt es nicht einmal der Mühe werth, einen Offizier hinaus zu ſenden, um ſich von der Wahrheit dieſer Nachricht zu überzeugen. Depeſchen von Tours meldeten, Paladine's Armee ſei durchbrochen und in zwei Stücke zerriſſen. Die Franzoſen ſpotteten darüber.„Schneidet einen Franzoſen in vier Stücke, ſo habt Ihr vier Soldaten!“ ſchrieben die Debats prah⸗ leriſch. Was wollten dieſe Niederlagen bedeuten! Erzählte man doch auf den Boulevards von den fabelhafteſten Erfolgen. Bei Boulogne waren zehntauſend Preußen überfallen und bis auf den letzten Mann niedergemetzelt worden, die Franctireurs nahmen täglich dem Feinde Proviant⸗ und Munitionskolonnen, ſie überfielen in jeder Nacht irgend ein feindliches Bataillon und vernichteten es. Wenn man nur noch eine kurze Zeit ausharrte, ſo war Frankreich R. 54 — 850— gerettet. Aus dem Süden kam Bourbaki mit einer impoſanten Macht, um durch den Schwarzwald in das deutſche Land einzubrechen, die Loirearmee war nicht geſchlagen, ſie hatte Orleans nur preisgegeben, um dem General Faidherbe entgegen zu marſchiren, der aus dem Süden kam. Garibaldi ſtand in Dijon und wartete nur auf Bourbaki, um ſich mit ihm zu vereinigen, und Gambetta berichtete täglich von Siegen und großartigen Erfolgen. Zudem war im deutſchen Lager eine Meuterei ausgebrochen. Die Soldaten hatten keinen Proviant mehr, die Landwehrleute verlangten den Rückmarſch und im Kriegsrath trat die Oppoſition gegen den König von Preußen immer entſchiedener auf. Hunger, Kälte und Seuchen wütheten im feindlichen Lager, man wollte bei den Ausfällen beobachtet haben, daß ganze Bataillone, ohne einen Schuß zu thun, zuſammen gebrochen waren, man wollte wiſſen, daß die Munition fehlte, und es war ganz unzweifelhaft, daß man auf keinen ernſten Widerſtand ſtoßen würde, wenn man plötzlich von allen Seiten die Preußen angriff. Das Alles erzählte man ſich mit wichtiger, geheimnißvoller Miene auf den Boulevards, man legte ſich auf die Erde, um zu horchen, und ſo oft man das Rollen des Geſchützdonners vernahm, jubelte man, die große Entſcheidungsſchlacht habe begonnen. Die Pariſer benahmen ſich wie die Kinder, ſie tröſteten ſich mit Hoffnungen, die längſt zertrümmert waren, und an deren Erfüllung ſie ſelbſt nicht glaubten. Am einundzwanzigſten December erfolgte abermals ein Ausfall gegen Le Bourget, Stains, Sevran und Chellas. Es hieß, die Nordarmee unter General Faidherbe ſei vor Paris angekommen, man müſſe ihr entgegen gehen und vereint mit ihr den Feind vernichten. Mit fieberhafter Spannung erwartete man die Siegesnachrichten, aber es war abermals nichts, die Boten brachten nur Hiobspoſten. Die Franzoſen waren wieder zurückgeworſen worden, die Truppen Faidherbe's nicht eingetroffen. Die Pariſer tröſteten ſich auch darüber. „Was nützt uns Le Bourget!“ ſpotteten ſie.„Wir wollen es gar nicht.“ An Capitulation dachten ſie noch immer nicht, und doch war das Elend ſo hoch geſtiegen, daß es kaum noch höher ſteigen konnte. it — Die grimmige Kälte, die Paris ſeit zwanzig Jahren nicht kannte, forderte ſtündlich Opfer, Hunger und Seuchen wütheten in erſchreckender Weiſe, die Zahl der Sterbefälle ſtieg von Tag zu Tag, man fand kaum noch Hände genug, die Leichen fortzuſchaffen und einzuſcharren. Man fällte die Bäume auf den Boulevards und in den elyſeeiſchen Feldern, aber es war leichter, einen grünen Baum nieder zu hauen, als dieſes Holz zum Brennen zu bringen. Man riß die Gartenzäune um und verbrannte ſie, man drang in die verlaſſenen Wohnungen ein, hob die Thüren aus, zerſchlug die Möbel, riß die Fußböden auf, um ſich Brennholz zu verſchaffen und ſchimpfte dabei unabläſſig auf die Preußen. „Dieſe Hunnen und Barbaren ſchmieren ſich mit Fett ein, hüllen ſich in große Schafspelze und graben tiefe Löcher in die Erde, in denen ſie ſchlafen“, ſchrie man.„An all' unſerm Elend ſind dieſe Barbaren Schuld, ſie haben uns Alles genommen, ſie ruiniren uns und zwingen uns zu verhungern, Räuber, Meuchelmörder, Verräther, wir haben ein Recht, Euch zu haſſen.“ Daran, daß ſie allein die ganze Schuld an dieſem Elend trugen, daß ſie den Krieg gewollt, ruchlos herauf beſchworen hatten, dachte Niemand, es war ja ſo bequem, die Schuld auf den Gegner zu wälzen, dem Haſſe und der Wuth in wahnſinnigen Schmähungen Luft zu machen. Die Mobilgarden aus den Provinzen ſehnten ſich auch in ihre Heimath zurück, ſie murrten, daß ſie Paris vertheidigen mußten, während der Feind ihre Heimath überſchwemmte. Aber trotz alledem durfte Niemand von der Nothwendigkeit der Capitulation reden, ja, man ſuchte auch jetzt noch Spione und Ver⸗ räther, man ſchob auch jetzt noch das ganze Unglück auf den Verrath der Generale. Trochu war längſt nicht mehr beliebt, man lachte und ſpottete über ihn, man hatte ſchon auf ihn geſchoſſen, von den Mitgliedern der Regierung wollte man ebenfalls nichts wiſſen, es war bereits beſchloſſen, daß dieſe Regierung abdanken mußte. Die Anhänger der Commune erhoben wieder ihr Haupt, ſie wirkten im Stillen für ihre Pläne, die Zahl der Verſchworenen mehrte ſich, der größere Theil der Nationa⸗garde war bereits für ihre Pläne Nur die Linie und die Mobilgarden ſtanden ihr noch ſchroff ent⸗ 54 852— gegen, wenn auch Einzelne ſich geneigt zeigten, in den Dienſt der Commune zu treten, ſo blieb doch die große Maſſe ſtandhaft, man 9 durfte nicht auf ſie zublen. b So lagen die Dinge, als die Weihnachtstage anbrachen. Die Deutſchen waren ſchon in Tours eingerückt, ſie hatten im Norden Amiens erſtürmt und den General Faidherbe total geſchlagen. Aber die Pariſer erfuhren die Wahrheit noch immer nicht, Gambetta machte aus jeder Niederlage einen Sieg, nach ſeinen Berichten zu urtheilen, mußte draußen Alles vortrefflich ſtehen. Es waren traurige Tage, dieſe Weihnachtstage. Glücklich der, welcher noch eine Brodrinde, ein Stückchen Pferdefleiſch und einen kleinen Vorrath von Holz beſaß! Wie Viele ſaßen daheim in ihren bitterkalten Zimmern und er⸗ warteten, von Hunger gepeinigt, das Ende! Wie Viele lagen auf dem Schmerzenslager, allein, verlaſſen, weil Niemand ſich der Gefahr der Anſteckung ausſetzen wollte! Man hatte bereits alle Thiere des zoologiſchen Gartens geſchlachtet, auch die ſchönen Elephanten Caſtor und Pollux waren gefallen, und das zähe Fleiſch wurde zu enormen Preiſen verkauft. Die Soldaten und Nationalgarden litten noch keine Noth, ſie erhielten noch immer ihre Rationen, wenn auch die Portionen kleiner geworden waren. Die reichen Leute konnten für ſchweres Geld noch immer Lebensmittel haben, wenn ſie auch auf Manches verzichten mußten, was vordem zu ihren täglichen Bedürfniſſen gehört hatte. Aber die ganze Maſſe derer, welche mittellos waren und keine Waffen trugen, und mit ihnen alle Kranken, Greiſe, Wittwen und Waiſen waren dem entſetzlichſten Elend verfallen. Man theilte freilich anch, an ſie Rationen aus, man gab ihnen Anweiſungen, für die ſie in den Hallen etwas Brod und Fleiſch er⸗ halten konnten, man be rhhan ſie in den Cantinen, und es fanden ſich auch Privatleute, welche ſie unterſtützten. Aber wie viele dieſer Armen beſaßen nicht mehr die Kraft, ihre Wohnungen zu verlaſſen, wie Viele brachen draußen ſterbend zuſammen, wie Viele wurden von rückſichtsloſen Schickſalsgenoſſen zurückgeſtoßen, wenn ſie ſchon die Hand nach dem Stückchen Brod ausſtreckten. Wer hatte jetzt noch Mitleid mit Andern? Jeder dachte an ſich ſelbſt, Jeder ſorgte nur für ſich, mochte auch der beſte Freund dar⸗ über zu Grunde gehen. — 853— 1 Es waren troſtloſe Feiertage, und als ſie verfloſſen waren, be⸗ gann plötzlich das ſo lange mit fieberhafter Angſt erwartete Bom⸗ bardement. Am 27. Dezember um ſieben Uhr Morgens donnerten plötzlich 1 die deutſchen Belagerungsgeſchütze gegen den Mont Avron. 1 Ganz Paris glaubte, der Mont Apvron, den Admiral Saiſſet be⸗ ſetzt und befeſtigt hatte, ſei eine uneinnehmbare Poſition geworden, 4 man glaubte es auch jetzt noch, ſelbſt die Truppen, die auf dem Pla⸗ teau dieſes Berges hinter den Verſchanzungen lagen, waren dieſer V Ueberzeugung. 5 Da überſchüttete plötzlich ein Hagel von Granaten dieſe Truppen, die muthig das Feuer erwiderten, aber bald an ihren Rückzug denken mußten, da die Geſchoſſe Alles niederſchmetterten. 1 Paris war ganz betäubt von dieſem plötzlichen, unerwarteten r Schlage, ein Schrecken geſellte ſich zu dem andern, dem Hunger und den Seuchen hatte man widerſtanden, dem Bombardement konnte t man nicht widerſtehen. d Man ſah die Marineſoldaten, welche den Mont Avron bheſetzt 1 hatten, in die Stadt zurückkehren, ſie hatten mit ihren Armen die Geſchütze gerettet, da es an Pferden fehlte, ſie erklärten offen, ſie würden dort oben ausgehalten haben, aber das Feuer ſei zu ſchrecklich geweſen, die Granaten hätten Alles niedergeſchmettert, was nicht ge⸗ u flohen ſei. Man ſchrie auch jetzt wieder über Verrath, man verhöhnte den b General Trochu, der jetzt noch den Muth hatte, zu erklären, der Gouverneur von Paris werde niemals capituliren. Man fühlte, daß der Anfang des Endes gekommen war, aber 1 gegenüber der wüthenden, fanatiſirten Menge wagte trotzdem noch Nie⸗ . mand, die Capitulation zu fordern. m Am Abend dieſes für Paris entſetzlichen Tages ſchritt der Mar⸗ r quis von Chateaurouge durch die Cité, um ſich in das Haus Pierre Bandau's zu begeben, in welchem die Verſchworenen der Commune noch immer ihre Verſammlungen hielten.. 1 In ſeinen warmen Paletot gehüllt, die Hände in den Taſchen und eine brennende Cigarre im Munde ging er eben an der Kirche Notre Dame vorbei, als eine Gruppe von drei Perſonen plötzlich ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Sie ſprachen ſo eifrig mit einander, daß ſie ihn nicht bemerkten, —,— — — — — ——j— 854— der Marquis gewann dadurch Zeit, hinter den Vorſprung eines Pfei⸗ lers zu treten, um das Geſpräch zu belauſchen. Er kannte alle drei, er kannte auch den Mann, der an der Spitze ver früheren Polizeiagenten Napoleons ſtand, hatte ja oft die Ver⸗ ſammlungen der Verſchworenen beſucht und im Namen ſeines Bundes ſich mit ihnen vereinigt. Um ſo mehr ſtaunte er, als er jetzt die Worte dieſes Agenten vernahm. Paul und Erneſt wollten von der Commune nichts wiſſen, ſie verlangten eine ſtarke Regierung, ſie wollten Frieden haben und den Bürgerkrieg vermieden ſehen. Der Agent gab ihnen Recht. „Unſer ganzes Streben geht ja dahin, Napoleon wieder auf den Thron zu bringen“, ſagte er,„die Revolution iſt das einzige ſichere Mittel, durch welches wir dieſen Zweck erreichen können. Wir müſſen mit allen Kräften dahin ſtreben, daß wir die Commune einſetzen, dann wird eine Schreckensherrſchaft beginnen, wie ſie Frankreich noch nicht erlebt hat. Selbſt die erbittertſten Gegner des Kaiſers werden ſich er⸗ innern, daß unter ſeiner Regierung die Geſchäfte blühten, Ordnung und Sicherheit herrſchten, ſie werden ſich wieder nach dem Kaiſerreich ſehnen.“ „Mir gefällt das nicht“, warf Erneſt ein.„Die Schreckensherr⸗ ſchaft würde uns völlig ruiniren—“ „Bah, wir können nicht gründlicher ruinirt werden, wie wir es ſchon ſind“, erwiderte Paul.„Verſuchen wir es mit der Commune, mit den pomphaften Verheißungen Deines vielgeprieſenen Marquis, der ja an der Spitze der Communiſten ſteht.“ „Der Marquis iſt nichts weiter als ein ehrgeiziger Burſche, der nach der Dictatur trachtet“, fuhr der Agent fort,„ich traue ihm nicht, ſeine Freundlichkeit iſt eine Maske.“ „Da hörſt Du, wie andere Leute über ihn urtheilen“, ſpottete Paul.„Aber warte, ich hoffe, Dir noch in dieſer Nacht die Augen gründlich zu öffnen, Madame Leroi hat mir Andeutungen gemacht, die auf einen ſehr fruchtbaren Boden gefallen ſind.“ „Die alte Hexe läßt ſich nur von ihrem Haß leiten!“ „Erlaube, ich kann Wahrheit von Lüge unterſcheiden, mit Ver⸗ läumdungen betrügt man mich nicht.“— „Was haben Sie gegen den Marquis?“ forſchte der Agent. — 855— „Nichts“, erwiderte Erneſt ruhig,„mein Freund haßt ihn, der Marquis hat ihn beleidigt.“ „So ſchieben Sie die Rache auf, wir haben den Beiſtand dieſes Mannes zu nöthig.“ „Parbleu, wir können auch ohne ihn fertig werden“, fuhr Paul auf.„Er mag ein guter Komödiant ſein, aber Muth beſitzt er nicht.“ „Wir wollen das nicht unterſuchen“, erwiderte der Agent.„Er ſteht an der Spitze der Verſchworenen, warten wir alſo, bis er die Schreckensherrſchaft eingeführt. Dann mag er meinetwegen plötzlich purlos verſchwinden, er hat das Seinige geleiſtet und uns den Weg gebahnt.“ „Und kennt der Kaiſer die Mittel, die man gewählt hat?“ fragte Erneſt. „Nein, aber er weiß, daß wir thätig ſind, er baut auf uns und läßt es an Gold nicht ſehlen.“ Der Marquis hörte nichts mehr, als er ſich umblickte, ſah er die Männer langſam von dannen ſchreiten. Sein Geſicht war finſter, er hatte da eine Entdeckung gemacht, die ihn empörte. Er meinte es in Wahrheit aufrichtig mit dem Volke, er wollte keine Schreckensherrſchaft, er forderte im Namen der Ar⸗ beiter nur Theilung des Kapitals, Gleichſtellung vor dem Geſetze und Lohnerhöhung. Er war ganz erfüllt von dieſen ſocialen Ideen, aber wie ſo viele Andere hatte auch ihn der Schein geblendet, dachte auch er nicht dar⸗ über nach, ob die ſchönen Theorieen ſich in der Praxis verwirklichen ließen. Er zog die mangelhafte Schulbildung des Proletariats nicht in Betracht, er ſah die Gefahren nicht, die er heraufbeſchwor, indem er die böſeſten Leidenſchaften des rohen Haufens entfeſſelte, er be⸗ ruhigte ſich damit, die Arbeiter würden in Ruhe und Ordnung die ihnen zugedachten Wohlthaten hinnehmen. Und nun mußte er erfahren, daß man ſeine Pläne benutzen wollte, um den geſtürzten Despoten wieder auf den Thron zu bringen? Das konnte und durfte er nicht dulden, dieſes Netz mußte zerriſſen werden. Im Begriff, ſeinen Weg fortzuſetzen, ſah er ſich plötzlich dem Falſchmünzer gegenüber. Im erſten Augenblick erſchrak er, und ſeine Hand fuhr unwill⸗ kürlich in die Bruſttaſche, in der er ſeinen Revolver zu tragen pflegte, aber in der nächſten Minute hatte er ſeine Faſſung wiedergefunden. —— kommen?“ fragte de — 856— Dorman war ſtehen geblieben, er hielt den Blick feſt auf den Gegner gerichtet und beobachtete jede Bewegung deſſelben. „Wir haben uns lange nicht geſe jen ſagte er mit rauher Stimme, naber glauben Sie deshalb nicht, daß ich Sie vergeſſen habe.“ „Und was mich betrifft, ſo erd ich nur zu oft an Sie erinnert, erwiderte der Marquis.„Man klagt mich ſogar an, daß ich mit Ihnen verbündet ſei, daß ich Sie als Werkzeug benutze.“ „Das wäre keineswegs ſchmeichelhaft für mich“, ſpottete Dorman, „es ſei denn, daß wir ein Bündniß gegen den Vicomte von Chateau⸗ fleur geſchloſſen hätten.“ „Nein, es ſollte ein Bündniß gegen die Leroi ſein.“ „Und wer erhebt dieſe Anklage?“ „Die Alte ſelbſt.“ „Bah, ſie iſt reif für's Irrenhaus.“ „Wäre ſie es, ſo hättet Ihr das Weib auf dem Gewiſſen. Still, ich weiß, was vorgefallen iſt, das Weib hat es mir ausführlich be⸗ richtet. Hätten wir geordnete Zuſtände, ſo würdet Ihr längſt ver⸗ haftet ſein, jetzt könnt Ihr noch den Geſetzen trotzen und mit Er Genoſſen rauben und plündern.“ Oſt / TTSA „Fſt das Alle 8, J was Sie mir zu ſagen haben?“ hühnn der Falſchmünzer.„Es 1i kein angenehmer Aufenthalt auf der Straße, in ſolcher Kälte— „Ich will nur noch eine Frage an Euch richten, Ihr habt Alten auch eine Schatulle mit werthvollen eumntſaön geſtohlen, unter dieſen befand ſich ein Ring, der für mich beſonderen B Werth hat. Ein einfacher Goldreif mit einem Brillanten, auf der innern Fläche ſind die Buchſtaben H. d. C. eingravirt.“ 8 or 274 „Und was weiter? „Ich zahle Euch den doppelten Werth dieſes Ringes, wenn Ihr ihn mir rlaſſen wollt.“ „Das läßt ſich hören“, ſagte Dorman,„ein ſolches Gebot kann man wohl annehmen. Nun, ,ic werde nachſehen und Ihnen den Ring bringen, wenn ich ihn finde.“ „Das iſt unnöthig, Ihr könnt ihn meinem Portier übergeben, der E Gucch das Geld 30 len wird.“ „Fürchten Sie, icj könne mit meiner ſchönen Schweſter zuſammen⸗ r Falſchmünzer höhniſch. Der Marquis preßte die Lippen auſeinander. 4 — 857— „Sorgt Ihr für CEuch ſelbſt“, ſagte er,„Madame von Chateau⸗ fleur wird keine Luſt haben, die Sorge für Euch zu übernehmen.“ „Das bezweifle ich nicht.“ „Alſo wird es auch rathſam ſein, wenn Ihr der Dame fern bleibt.“ „Oho!“ fuhr Dorman wüthend auf.„Cora mag ſich vor mir hüten, mein Herr, ich habe triftige Gründe, ihr Vorwürfe zu machen und für ihr liebloſes Benehmen Rechenſchaft zu fordern. Wegen des Ringes werde ich nachſehen, finde ich ihn, ſo ſollen Sie ihn haben, natürlich gegen Zahlung des doppelten Werthes.“ Nach dieſen Worten ſchritt er, ohne ſich umzublicken, haſtig von dannen, der Marquis ſah ihm eine Weile nach, dann folgte er ihm, wie von einem plötzlichen Entſchluſſe getrieben. Der Falſchmünzer wanderte über den Pont Notre Dame am Hotel de Ville vorbei und durch die breite, lange Rue de Temple den Boulevards zu. Es war heute nicht ſehr lebhaft in den Straßen, man ſah nur hie und da einzelne Gruppen, die dem Geſchützdonner lauſchten und mit beſorgter Miene ihre Befürchtungen austauſchten, dann und wann huſchten Geſtalten über die Straßen oder eine Truppenabtheilung marſchirte im Eilſchritt vorüber. Die ſtrenge Kälte hielt alles in den Häuſern zurück. Der Marquis ſah, daß Dorman in ein Eckhaus trat und als auch er jetzt dieſes Haus erreichte, bemerkte er, daß es die Wohnung der Modiſtin Cora's war. Was hatte der Burſche hier zu ſuchen? Ein galantes Abenteuer ſchwerlich, denn dieſer Galeerenſträfling konnte keine intime Bekannt⸗ ſchaft unter den vornehmen Damen haben. Und doch mußte ein beſonderer Zweck ihn in das Haus führen, ja, es fiel dem Marquis auf, daß Dorman überhaupt in die Ge⸗ heimniſſe dieſes Hauſes eingeweiht war. Er hätte ihn vielleicht, belauſchen können, er kannte ja die Wege, die zu den geheinnen Kabinetten führten, aber ſein Stolz ſträubte ſich dagegen. Er ſtand noch in Sinnen über dieſe Entdeckung verſunken, als eine Equipage in ſcharfem Trabe vorfuhr, der Marquis fand kaum Zeit, auszuweichen und zur Seite zu treten. Eine Dame ſtieg aus und eilte in das Haus, der Marquis warf einen Blick auf den Wagen, es war ſeine eigene Equipage. — 858— Jetzt wußte er genug, jene Dame war Cora geweſen, er konnte nicht daran zweifeln. Jetzt wußte er auch, weshalb der Falſchmünzer dieſes Haus beſuchte, er hatte hier eine Zuſammenkunft mit ſeiner Schweſter, und es war offenbar, daß die Beiden hier Pläne gegen ihn ſchmiedeten. Ah, er hätte viel darum gegeben, wenn es ihm möglich geweſen wäre, das Geſpräch der Beiden zu belauſchen, aber was ihm vorhin ſo leicht geſchienen hatte, das dünkte ihm jetzt unmöglich. Er hätte ſich der Modiſtin anvertrauen müſſen, und er wußte nur zu gut, daß dieſe kluge Frau die Damen, welche ihr Haus beſuchten, nicht verrieth, er hatte ſie früher ſchon einmal in Verſuchung gebracht, aber er war auf einen Widerſtand geſtoßen, der ihn vor einer Wieder⸗ holung dieſes Verſuches warnte. Ueberdies fehlte ihm auch die nöthige Zeit, die Stunde, in der die Verſchworenen ihn erwarten wollten, war nahe, er mußte ſich beeilen, das Haus Bandau's zu erreichen, um pünktlich zur Stelle zu ſein. Mit Groll gegen Cora im Herzen entfernte er ſich, ohne mit ſeinem Kutſcher, der ihn nicht erkannt zu haben ſchien, ein Wort zu wechſeln. Er begriff dieſen Verrath nicht, da er doch alles gethan hatte, um Cora zufrieden zu ſtellen und an ſich zu feſſeln. Er erinnerte ſich auch keines Wortes, keines Blickes, woraus er eine Ahnung dieſes Verrathes hätte ſchöpfen können, im Gegentheil, Cora war ſtets freundlich, liebenswürdig und dankbar geweſen, ſie hatte ihm nicht nur durch Worte, ſondern auch durch Thaten bewieſen, daß ſie ihm eine treue Freundin war, und nie war ein Zweifel an der Aufrichtigkeit dieſer Freundſchaft in ihm aufgeſtiegen. Aber wenn er ihr den Verrath beweiſen konnte, dann ſollte ſie ihn bitter bereuen, diesmal vergab er ihr nicht, was ſie auch zu ihrer Entſchuldigung anführen mochte. Er dachte während des ganzen Weges darüber nach, er brütete ſchon jetzt darüber, wie er ſie beſtrafen wollte, wenn ſie ſchuldig war. Mit dieſen Gedanken, die ihn mehr und mehr erbitterten, trat er in das Verſammlungszimmer der Verſchworenen. Die Letzteren trugen meiſt Uniform, es befanden ſich viele Officiere der Nationalgarde unter ihnen. Felix Pyat, Grouſſet, Flourens, Aſſy, faſt alle ſpäteren Mit⸗ glieder der Commune hatten ſich eingefunden, man ſah Polen, Ita⸗ — 859— liener und Engländer unter ihnen, und man konnte manche Gauner⸗ phyſignomie bemerken, von der man nur das Schlimmſte erwarten durfte. Beim Eintritt des Marquis verſtummte das Geſpräch, die Ver⸗ ſchworenen nahmen an der langen Tafel Platz, und die Sitzung begann. Einige erſtatteten Bericht über die Stimmung der National⸗ garde, die Commune gewann täglich neue Anhänger, nicht allein in den Arbeiterbataillonen, ſondern auch unter denen, welche bisher aus Furcht vor der Schreckensherrſchaft treu zur Regierung der nationaken Vertheidigung hielten. Dann machten Andere Mittheilungen über die getroffenen Vor⸗ kehrungen. Man hatte eine Menge Waffen und Munition bei Seite geſchafft und Sorge getragen, daß im entſcheidenden Augenblick eine Anzahl von Mitrailleuſen und Geſchützen in die Hände der National⸗ garde fallen mußte, man hatte ſchon die Decrete entworfen und die Proclamationen drucken laſſen, welche ſofort nach der Einſetzung der Commune veröffentlicht werden ſollten. „So wäre alſo Alles ſo weit vorbereitet“, nahm der Marquis das Wort, nachdem die Berichte erſtattet waren,„hören Sie nun meine Anordnungen. Es darf nichts übereilt werden, eine Niederlage könnte Alles verderben. Ich habe Nachrichten von draußen, von Tours, Dieppe, Rouen und Dijon, trotz der Kälte ſind einige meiner Brieftauben angekommen. Die Siege, welche Gambetta meldet, ſind erdichtet, unſere Armeen haben überall Niederlagen erlitten, und zwar Niederlagen, von denen ſie ſich nicht erholen können. Das ließ ſich vorausſehen, die deutſchen Soldaten ſind beſſer gekleidet und verpflegt, ſie ſind weniger empfindlich gegen die Kälte, ſie haben beſſere Führer und wiſſen durch ſtrenge Disciplin die unzufriedenen Elemente nieder zu halten.“ „He, ſie können plündern, rauben, ein Haus anzünden, um ſich an dem Feuer zu wärmen—“ „Das ſind die alten, verbrauchten Schmähungen, Colonel, deren gehäſſige Erdichtung längſt bewieſen iſt“, wandte der Marquis ſich zu Flourens,„ich denke, wir können ſie ſparen. Wie geſagt, Hoffnung auf Entſatz haben wir nicht, und unſere Ausfälle ſind nichts weiter als nutzloſe Metzeleien, die man füglich unterlaſſen könnte. Die Regierung iſt bereits mißliebig, es läßt ſich mit Sicherheit erwarten, daß ganz Paris uns unterſtützen wird, wenn wir ſie ſtürzen wollen. —— —— — —— ʒꝛʒÿ⅓ꝛ—ᷣ————— — 860— Aber wir dürfen das nicht thun, ſo lange die Deutſchen noch vor den Thoren ſtehen.“ „Und weshalb nicht?“ warf Aſſy ein.„Wir können auch mit dem Feinde unterhandeln—“ „Erlauben Sie, der König von Preußen wird dieſe Regierung nicht anerkennen.“ „So ſetzen wir den Kampf fort!“ „Womit? Mit den Fäuſten und Zähnen? Seien wir vernünft und berückſichtigen wir die Verhältniſſe. Wir können nicht mehr t is hat keine Lebensmittel mehr, und die zahlloſen en haben unſere Kämpfer entmuthigt. Ich wiederhole, ſo lange nicht mit dem Feinde Frieden geſchloſſen haben, müſſen wir uns cuhig verzalt ten. Geſetzt auch, wir ſiegen und ſetzen die neue Re⸗ zierung ein, ſo wird Deutſchland dieſen Sieg des Socialismus nicht weil es in dieſem Falle eine Revolution in dem eigenen 8 ten müßte. Der Feind würde große He naſſen in unſere Stadt werfen, und unter dem Schutze der preu Bajonette könnten Orleans oder gar die Napoleoniden zurückt hren. Man rde Waffen e uuinnen und die Stadt vielleicht mehrere ore halten, das wären die Folgen unſerer Uebereilung. p Aber warten wir bis nach dem Frieden, ſo haben wir alle Chancen ins. Es muß unſere Sorge ſein, die jetzige Regierung unter aske des Patriotismus unſern Plänen dienſtbar zu machen, die Preſſe muß und wird uns dabei unterſtützen.“ Q◻☛[chor Nojſe 21 r, Brons „In welcher Weiſe?“ fragte Grouſſ „Sie muß in die Friedensbeſtimmungen folgende Par aufnehmen und hartnäckig auf 2 bahin derſelben beſtehen. darf nur die Linie entwaffnet werden, die Nation Waffen, um O algarde behält die auhe in der Hauptſtadt aufrecht zu er⸗ halten. Zweitens dürfen die Deutſchen Paris nicht beſetzen. Man den Haß und die Wuth des Volkes vorſchützen, man kann erklären, daß überall Minen Selese t ſeien, und daß man jeden Preußen ermorden werde, der ſich in den Straßen von Paris ſehen laſſe.“ „Und glauben Sie, daß man im feindlichen n Lager darauf eingehen wird?“ fragte Flourens ironiſch. „Ja, ich glaube es.“ „Bah, den Triumph des Einzuges laſſen die Preußen ſich nicht nehmen.“ Drdnung und 9 kann — 861— „Wir wollen ſehen, ob unſere Drohungen ſie nicht abſchrecken werden. Die Journale müſſen zum Straßenkampf hetzen, ſie müſſen von den entſetzlichſten Vernichtungsmitteln ſprechen, von ſiedendem Petroleum und glühendem Blei, von Pulverminen und unterirdiſchen Torpedos. Vielleicht werden ſie dennoch, um Paris zu demüthigen, den Einzug halten, aber dann wird es nur ein Durchmarſch ſein, und nach einigen Tagen iſt der letzte Preuße wieder verſchwunden. Um den Frieden zu ratificiren, muß eine Nationalverſammlung einberufen werden, ſie wird ihre Sitzungen nicht hier, ſondern in einer ſüdlichen Stadt, vielleicht in Bordeaux halten. Die Mitglieder der Regierung müſſen natürlich auch hin, und dann erſt iſt die Zeit der Entſcheidung für uns gekommen!“ „Tod und Hölle, das wäre eine furchtbare Geduldprobe!“ rief Aſſy in leidenſchaftlicher Aufwallung.„So lange können wir nicht warten.“ „Man kann Alles, was man muß“, entgegnete der Marquis mit unerſchütterlicher Ruhe.„Uebrigens werden die Ereigniſſe ſich drängen. Der Friedensſchluß, die Einberufung der Nationalverſammlung, die Berathung der Friedensbedingungen, das Alles wird das Werk weniger Tage ſein, Frankreich muß ſich beeilen, um die Eindringlinge los zu werden.“ „Und was ſoll dann geſchehen?“ fragte Flourens. „Wir ſtellen uns an die Spitze der Nationalgarde und beſetzen alle öffentlichen Gebäude. Paris wählt die Commune, und wir wer⸗ den ſch on dafür ſorgen, daß aus der Wahlurne unſere Candidaten hervorgehen. Wir ernennen einen Gouverneur von Paris und einen Commandanten der Nationalgarde—“ „Dombrowski!“ rief Aſſy. „Er iſt bei Gambetta. Der Dictator hat ihn reclamirt, man mußte ihn aus dem Gefängniß holen und mit einem Luftballon ab⸗ ſenden, aber er wird unter uns ſein, ſobald wir ſeiner bedürfen.“ „Und woher nehmen wir Geld?“ fragte Grouſſet. „Ich hoffe, wir werden noch einige Millionen im Staatsſchatz vorfinden.“ 4 „Damit reichen wir nicht aus. Die Nationalgarde muß täglich ihren Sold haben, wir gebrauchen mindeſtens eine Million täglich.“ „Wir werden Geld haben“, erwiderte der Marquis.„Die Bank, die großen Geſellſchaften, die Eiſenbahnen müſſen uns Vorſchüſſe 862— machen, wir werden die Schätze der Kirche einſchmelzen, die reichen Bourgeois beſteuern und die Privatgüter der Napolevniden verkaufen. Reicht das Alles nicht aus, ſo muß England unſere Anleihe über⸗ nehmen, man kann dort immer Geld haben, wenn man nur Vortheile bietet. Wir werden ferner auch das Eigenthum aller Flüchtlinge mit Beſchlag belegen, es geſchieht ihnen Recht, weshalb ſind ſie geflohen.“ „Gut“, ſagte Grouſſet gedankenvoll,„wir werden das Geld neh⸗ men, wo wir es finden. Aber verhehlen wir uns nicht, daß wir harten Kämpfen entgegengehen. Die Provinzen ſind gegen uns, die kriegsgefangenen Truppen werden aus Deutſchland zurückkehren und unter ihren Marſchällen gegen uns marſchiren, man wird ihnen ſagen: Paris hat ſich empört, eine Rotte von Abenteurern beherrſcht die Stadt, ſtürmt, metzelt Alles nieder und plündert nach Herzensluſt.“ „Bangt Ihnen davor?“ fragte Flourens verächtlich. Wir haben beſſere Waffen wie jene, wir wiſſen, wofür wir kämpfen, für eine erhabene Idee, wir werden Löwen ſein und dieſe Söldlinge zerreißen.“ „Und wenn wir unterliegen, dann werden wir zu unſerer Leichen⸗ feier eine Fackel anzünden, die Europa entſetzen ſoll!“ rief Aſſy lei denſchaftlich.„Die Sieger werden nur Leichen und Ruinen finden, wo Paris geſtanden hat, wird nur noch ein rauchender Trümmer⸗ haufen ſein.“ „Ja, es iſt eine erhabene Idee“, ſagte Felix Pyat begeiſtert. „Nicht für uns allein, ſondern für die ganze Menſchheit. Allüberall muß der Kampf des unterjochten Proletariats gegen die beſitzenden Klaſſen ausbrechen, in allen Städten muß das Otterngezücht derer, die ſich vom Schweiße der Arbeiter ernähren, ausgerottet werden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Gerechte Vertheilung des Ka pitals unter Hoch und Niedrig, Arbeit für Alle, Menſchenrecht für Alle!“ „Und nieder mit denen, die dieſer erhabenen Idee entgegentreten!“ rief Aſſy.„Man muß dieſer Klaſſe zu Ader laſſen, ſie mit Stumpf und Stiel ausrotten, ſie ſind das Krebsgeſchwür an der Menſchheit! Wir können nicht unterliegen, denn wir predigen Krieg den Paläſten und Frieden den Hütten. In Lyon und Marſeille, in Bordeaux, Lille und Rouen werden die Arbeiter ſich erheben und unſere Fahnen entfalten, in Brüſſel und London warten unſere Freunde nur auf den entſcheidenden Augenblick, um auch dort für unſere erhabenen Ideen zu kämpfen. Ja, Krieg den Paläſten! Dieſe Steinkoloſſe — 863— müſſen in die Luft fliegen, ſie ſind die Peſthöhlen, in denen alles Unheil ausgebrütet wird. Nieder mit den Statuen der Könige und der Generale! Nieder mit der Vendöme⸗Säule und dem Triumph⸗ bogen! Nieder mit den Tullerien, dem Palais Royal, dem Luxem⸗ bourg, dem Hötel de Ville und dem Louvre. Nieder mit den Pracht⸗ bauten der Miniſterien, Paris iſt die Stadt der Arbeiter, es braucht die fremden Gaffer nicht, die uns den Luxus, die Verſchwendung und die Sittenloſigkeit bringen!“ „Bravo!“ riefen mehrere Stimmen, aber der Marauis ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Sie gehen zu weit“, ſagte er.„Verkaufen wir überhaupt den Pelz nicht, ſo lange wir den Fuchs nicht haben.“ Er heftete den flammenden Blick feſt auf den Agenten, der in⸗ zwiſchen eingetreten war und ebenfalls an der Tafel Platz genommen hatte. „Schützen wir vor allen Dingen uns vor Spionen und Ver⸗ räthern“, fuhr er fort.„Es gibt eine kleine, aber mächtige Partei in Paris, welche unſere Beſtrebungen nur deshalb unterſtützt, weil ſie die Anarchie für das beſte Mittel hält, den entthronten Kaiſer nach Paris zurückzuführen.“ Der Agent erbleichte, aber da er nicht vermuthete, daß dieſe Worte auf ihn gemünzt waren, blieb er ſitzen, entſchloſſen, ſeine Partei zu vertheidigen und im Nothfalle mit einem Schwur ſich von jeder Schuld rein zu waſchen. „Wo iſt dieſe Partei?“ ſchrie Flourens wüthend.„Wer wagt es, uns ſo ſchändlich zu mißbrauchen?“ „Geheime Agenten der früheren kaiſerlichen Polizei. Sie ſtehen mit Napoleon in Verbindung, er hat Kenntniß von ihren Abſichten und den Schritten, welche ſie thun, er ſchickt ihnen Gold, ſo viel ſie verlangen.“ Die Blicke Aller richteten ſich auf den Agent en man wußte ja, daß er früher in kaiſerlichem Solde geſtanden hatte. „Und in der That, der Plan dieſer Burſchen hat die Möglichkeit des Gelingens für ſich“, ſagte der Marquis mit gehobener Stimme. „Dieſe Verräther werden durch Raub, Mord und Plünderung die Schrecken vermehren und uns durch ſchlaue Machinationen zu einem ſſetzlichen Blutbade verleiten. Sie werden die Erſten ſein, welche die Errichtung der Guillotine fordern, ſie werden unermüdlich im — 864— Denunciren und Verhaften ſein, ſich in die Commune eindrängen, die Richterſtühle mit ihren Kreaturen beſetzen und die zügelloſeſte Schreckensherrſchaft einführen, die uns alle Sympathieen rauben muß. Die Truppen werden uns angreifen, unſere treueſten Anhänger fallen ab, man metzelt uns nieder, und ein napoleoniſcher Marſchall wirft ſich zum Dictator auf. Dann wird Napoleon nicht zögern, zurückzu⸗ kehren, und nach der Blutherrſchaft läßt Frankreich es willenlos ge⸗ ſchehen, daß er den Thron wieder beſteigt.“ Der Agent hatte ſich erhoben, ſein Antlitz war kreideweiß, er zit⸗ terte am ganzen Körper vor Angſt und Aufregung. „Iſt dieſe Anklage wider mich gerichtet?“ fragte er. „Fühlen Sie ſchon jetzt das Bedürfniß, ſich zu vertheidigen?“ erwiderte Felix Pyat höhniſch „Nein, ich fühle mich frei von jeder Schuld.“ „Sie vielleicht“, rief Aſſy,„aber Ihre Genoſſen— „Ich bürge für ſie.“ „Womit?“ fragte der Marquis ſcharf. „Mit meinem Ehrenwort.“ „Parbleu, ich wußte noch nicht, daß ein Polizeiagent auf ſeine Ehre pochen darf, für uns hat ſie keinen Werth.“ „Herr Marquis, Sie beleidigen mich ohne Grund!“ „Und das wagen Sie zu ſagen?“ rief der Marquis aufwallend. „Meine Herren, den ganzen Plan dieſer Burſchen, wie ich ihn vorhin en twickelt habe, theilte dieſer Mann vor einer Stunde an der Kirche Notre Dame zweian Nationalgardiſten mit. Ich ſchäme mich nicht, offen zu geſtehen, daß ich gelauſcht habe, ich hatte den Mann längſt im Verdacht und benutzte ohne Bedenken die Gelegenheit, mir Ge⸗ wißheit zu verſchaffen.“ „So haben Sie falſch gehört!“ rief der Agent, hinter dem ſchon zwei Verſchworene ſtanden, um ihm die Flucht abzuſchneiden. „Ich habe ein gutes Gehör, mein Herr!“ „Ich habe Treue geſchworen und werde meinen Schwur halten!“ „Wann wäre einem Polizeiagenten des zweiten Kaiſerreichs ein Schwur jemals heilig geweſen?“ „Bekenne, Burſche“, ſagte Flourens.„Ueberführt biſt Du, Dein Leugnen wird Dir nichts helfen.“ „Ich habe nichts zu bekenmente ſchrie der Agent, dem der Schwe von der Stirne niederrieſelte.„Die Nationalgardiſten waren kaſſerli 5, A 6 — 8 92 E . Q. 2. 5 S 2 5 = 5 — 8 8 5 & = 5 S 2 5 5 — = 8 = A — 8 5 5 8 5 — 85 2 5 S — 5 = — . S S Gs ' deße 7 an 3 le e ü i ſc “ — ⏑G⏑ᷣ—————— 1—— — —— — 865— ich band ihnen die Lüge auf, um ſie für unſere Ideen zu gewinnen. Die Leute haben Einfluß in ihrem Bataillon, ich hielt es für das beſte Mittel, ihnen den Mund zu ſtopfen.“ „Das iſt eine neue Lüge!“ rief Aſſy.„In der Nationalgarde iſt kein Mann kaiſerlich geſinnt—“ „Und jene Beiden gewiß nicht“, fügte der Marquis hinzu.„Ich kenne ſie.“ „Willſt Du geſtehen, Schuft?“ fragte Grouſſet.„Iſt es wirklich der Plan Eures Bundes, uns zu mißbrauchen?“ „Welchen andern Plan könnten dieſe Burſchen haben, deren Amt von jeher Spionage und Verrath war?“ höhnte Aſſy.„Schlagt ihn nieder, mit dieſen Leuten muß man kurzen Prozeß machen!“ „Ich frage Euch noch einmal, wollt Ihr die Wahrheit geſtehen?“ rief der Marquis.„Was ich mit eigenen Ohren vernommen habe, könnt Ihr nicht beſtreiten—“ „Und es iſt dennoch nur Lüge und Verleumdung!“ fiel der Agent ihm in's Wort, der ſich mit ſteigender Angſt nach einem Fluchtwege umgeſchaut hatte.„Fordert Rechenſchaft, wenn Ihr Beweiſe habt, daß ich meinem Schwur untreu geworden bin.—“ „So ſind ſie Alle“, ſagte Flourens in dem Tone der tiefſten Verachtung.„Frech bis zum letzten Augenblick, ein Geſtändniß dür⸗ fen wir von dieſem Burſchen nicht erwarten.“ „Nun denn, ich halte meine Anklage aufrecht“, erwiderte der Marquis,„und Sie, meine Herren, werden mich genügend kennen, um zu wiſſen, daß ich Feind jeder Unwahrheit bin. Wäre die Sache von größerer Wichtigkeit, ſo könnten wir die Zeugen verhören, aber ich halte das für überflüſſig.“ „Seine Schuld iſt erwieſen!“ rief Aſſy. „Und welche Strafe trifft den Verrath?“ „Der Tod!“ lautete das einſtimmige Urtheil. Mit einem Wuthſchrei ſprang der Agent zurück, er riß einen Revolver aus der Bruſttaſche und richtete ihn auf den Marquis— der Schuß fiel, aber in demſelben Augenblicke brach auch der Ver⸗ räther zuſammen, der Dolch eines Verſchworenen hatte ihm das Herz durchbohrt. Die Blicke Aller richteten ſich mit ängſtlicher Beſorgniß auf den Marquis, er war bleich wie der Tod, die Kugel hatte ſeine Schläfe hart geſtreift. A R. K — 866— „Werft die Leiche in die Katakomben“, ſagte er,„aber vorher unterſucht den Burſchen, vielleicht finden wir Papiere, die wichtige Aufſchlüſſe geben.“ Zwei Nationalgardiſten kamen dem Befehl nach, ſie fanden in der That in den Taſchen des Ermordeten Papiere, welche ſie dem Mar⸗ quis übergaben. Der Edelmann prüfte jedes Dokument, ſeine Stirne umdüſterte ſich mehr und mehr, oft flammte es jäh in ſeinen Augen auf. „Hier iſt der ganze Plan“, ſagte er,„hier ſind die Namen aller Mitglieder jenes Bundes, und hier haben wir ein Verzeichniß der Summen, welche für den verrätheriſchen Zweck bereits verausgabt ſind. Wir werden alle dieſe Perſonen verhaften laſſen, ſobald die Commune eingeſetzt iſt.“ „Und dann nieder mit ihnen!“ rief Aſſy.„Man muß ſie füſili⸗ ren, um den Andern ein abſchreckendes Beiſpiel zu geben.“ Der Marquis faltete die Dokumente zuſammen und ſchob ſie in ſeine Taſche, die Leiche war inzwiſchen ſchon entfernt worden. „Alſo noch einmal, meine Herren, Ruhe, Wachſamkeit und Ge⸗ duld!“ ſagte er, indem er ſich erhob.„Alle Vorbereitungen ſind ge⸗ troffen, wir müſſen und werden den Sieg gewinnen, aber um die Früchte dieſes Sieges zu genießen, dürfen wir nichts übereilen!“ Er nahm ſeinen Hut, grüßte und ging raſch hinaus, es den Verſchworenen überlaſſend, ob ſie ihm folgen wollten oder nicht. Die Prüfung der Papiere ſchien ihn noch jetzt zu beſchäftigen, denn, ohne den Perſonen, die ihm begegneten, nur einen Blick zu ſchenken, ſchritt er haſtig über den Pont Neuf den Boulevards zu. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Das ſchwarze Kabinet. Es gab trotz alles Elends noch immer Orte in Paris, in denen die Frivolität ihre Orgien feierte, unbekümmert um die Opfer, welche Hunger und Seuchen draußen forderten. Die Damen der Demimonde, welche noch Freunde beſaßen, die ſie vor den Schreckniſſen der Belagerung beſchützten, kamen dort mit — 867— den reichen Wüſtlingen zuſammen, deren Leichtſinn ſich über alle dieſe Schreckniſſe hinwegſetzte, um auch jetzt noch das Leben zu genießen. Eine ſolche Zuflucht bot der Wirth einer abgelegenen Weinſchenke dem Laſter und der Frivolität. Faſt an jedem Abend verſammelte ſich hier eine heitere Geſell⸗ ſchaft, man ſang, ſcherzte und lachte, der Champagner floß in Strö⸗ men, und von dem Mangel an Lebensmitteln war hier durchaus nichts zu bemerken. Köſtliche Speiſen wurden in ſilbernen Schüſſeln ſervirt, man ſät⸗ tigte ſich hier an den feinſten Leckerbiſſen, indeß draußen Tauſende um eine Brodkruſte bettelten. Man fand hier viele Mitglieder des Jockeyclubs, vornehme Herren, welche unter dem Kaiſerreich Millionen erworben hatten, die ſie hier in der Geſellſchaft frivoler Dirnen verpraßten. „Nach uns die Sündfluth!“ lautete der Wahlſpruch dieſes Ge⸗ ſindels, welches für das Unglück Anderer kein Herz, kein Mitgefühl beſaß. Sie ſaßen auch heute Abend wieder an der reichbeſetzten Tafel, auf den ſchwellenden Polſtern der Seſſel und Divans, vor den ſilbernen Platten und ſchäumenden Gläſern; ihrer waren ein Dutzend Dirnen und Herren, und ein Blick auf dieſe verlebten, geſchminkten Geſichter, auf dieſe entblößten Schultern, die eleganten Toiletten und die Ungenirtheit in Haltung und Benehmen ließ erkennen, zu welcher Klaſſe dieſe Perſonen zählten. Man unterhielt ſich über die Beſchießung des Mont Avron, und ein vorlautes Dämchen, die vor allen Andern das große Wort führte, beſchuldigte die Marineſoldaten der Feigheit, weil ſie die feſte Poſition geräumt hatten. Niemand widerſprach ihr, im Gegentheil, man erging ſich in Schmähungen über Trochu und die übrigen Generale und prahlte mit den Siegen, welche die Loirearmee errungen haben ſollte. Aber bald ließ man dieſes Thema fallen, es war zu langweilig, was kümmerte auch dieſe Leute das Schickſal von Paris, wenn ſie nur ſelbſt das Leben in ihrer Weiſe genießen konnten. 1 Man ſprach jetzt über die Damen, die durch ihren ariſtokratiſchen Namen oder ihre Schönheit am Hofe des Kaiſers geglänzt hatten, man wußte über jede eine ſkandalöſe Geſchichte zu erzählen und einigte ſich endlich in der Anſicht. daß jene Zeit des Glanzes und der Freude zurückkehren werde. 55* — 868— Inzwiſchen waren die Gläſer häufig geleert worden, die Wüſtlinge hielten die Damen umſchlungen, man ſang die ſchmutzigen Lieder, die man vordem in den Café's chantants gelernt hatte, man ſpottete über das Elend der Armen und tröſtete ſich damit, daß man gegen die Qualen des Hungers, wie gegen die Epidemie geſichert ſei. Die Orgie war ſchon wild ausgeartet, einige der Damen tanzten in der Mitte des geräumigen Zimmers den Cancan, als plötzlich ungeſtüm angepocht wurde. Man achtete im erſten Augenblick nicht darauf, erſt dann, als das Pochen ſich wiederholte, ging ein Dämchen zur Thüre, um zu ſehen, wer Einlaß begehrte. Niemand kannte den Herrn, der eintrat, aber als ſein eleganter Anzug den Mann von Stand verrieth, ſo fühlte man ſich nicht be⸗ rechtigt, ihm mit Grobheiten die Thüre zu zeigen. Es war der Marquis von Chateaurouge, er legte ſeinen Hut hin und trat auf den Tiſch zu, mit ſcharfem Blick die Anweſenden muſternd. „Haben Sie die Güte, mich vorzuſtellen“, wandte er ſich zu demn Herrn, der neben einer üppigen Dirne an der Spitze der Tafel ſaß, nich bin der Marquis von Chateaurouge.“ „Sehr wohl, aber Sie werden zuvor die Güte haben, uns Zweck Ihres Beſuchs zu nennen“, lautete die Antwort,„ich bin der Chevalier von Saint Bois, Mitglied des Jockeyclubs und am heätti⸗ gen Abend hier der Feſtgeber.“ Der Marquis verbeugte ſich leicht. „Was ich hier ſuche, iſt daſſelbe, was Sie bereits geſunden zu haben ſcheinen“, ſagte er in heiterem Tone,„Freude und Vergeſſen heit.“ „Dann ſind Sie willkommen“, erwiderte das vorlaute Dämchen, „natürlich unter der Bedingung, daß Sie nicht nur genießen, ſondern auch zahlen wollen.“ „Ganz gewiß, mein Fräulein, dieſer Bedingung kann und werde ich mich nicht entziehen.“ Der Chevalier ſtellte nun die Geſellſchaft vor, und der Marquis erfuhr, daß die üppige Dame eine Sängerin, die vorlaute Dame eine Ballettänzerin war und die übrigen Damen in den Kreiſen der Demi⸗ monde hervorragende Rollen geſpielt hatten. Die Herren waren ihm dem Namen nach alle bekannt, nur auf einem blieb ſein forſchender Blick länger haften. — 869— Dieſer Eine war ihm als Herr von Briſſac vorgeſtellt worden, es war ein noch junger Mann mit einem vnn den Spuren zügelloſer Leidenſchaften durchfurchten Geſicht, welches mit ſeinen tiefliegenden, glähenden Augen und dem höhniſchen, Alles verachtenden Zug um die bleichen Lippen einen abſchreckenden Eindruck machte. Er ſetzte ſich neben dieſen Herrn, im nächſten Augenblick ſaß die Vallettänzerin an ſeiner Seite. Sie hielt ihm das volle Glas hin, um mit ihm anzuſtoßen, er gab ſich den Anſchein, als bemerke er es nicht. Der Cancan hatte wieder begonnen, die Dirnen lagen wieder in den Armen ihrer Freunde, nur die Tänzerin rümpfte die Naſe und warf die Oberlippe trotzig empor. „Ihr Name iſt mir bekannt, Herr von Briſſac“, wandte der Marquis ſich zu ſeinem Nachbar, der mit lüſternem Blick die heraus⸗ fordernden Bewegungen der halb berauſchten Tänzerinnen verfolgte. „Erinnere ich mich recht, ſo nahmen Sie unter der neuen Regierung ein Amt an.“ „Nicht doch“, erwiderte Herr von Briſſac, ohne den Blick von den Tänzerinnen abzuwenden,„ich behielt das Amt, welches ich bereits beſaß.“ „Ah, Sie waren auch unter dem Kaiſerreich—“ „Was haben Sie gegen das Kaiſerreich, mein Herr?“ „Nichts.“ „Es war eine Glanzepoche Frankreichs.“ „Ich gebe das zu, aber um auf unſer Thema zurückzukommen, möchte ich mir die Frage erlauben, ob Sie in der That Beamter des ſchwarzen Kabinets ſind.“ „Allerdings, mein Herr.“ „Ah, da werden Sie ſehr viel Intereſſantes erfahren haben“ Herr von Briſſac lachte. „Parbleu, die Zeit iſt mir niemals lang geworden“, erwiderte er. „Ich mußte die Auszüge aus den erbrochenen Briefen beſorgen, die ſpäter dem Polizeipräfekt vorgelegt wurden. Wir öffneten alle Briefe, welche die Poſt uns übergab, und entdeckten die intereſſanteſten Ge⸗ heimniſſe. Die Liebesabenteuer der höchſten Stände blieben uns nicht verborgen, wir zogen ſchonungslos den Schleier von jedem Geheimniß und wenn wir einſtweilen keinen Gebrauch davon machen durften, hatten wir doch ſelbſt unſere Freude daran. Da war manche ſchöne, ——— — 870— ſtolze Dame, Fürſtinnen, Herzoginnen und Gräfinnen, welche uns nur über die Schulter anſahen und nicht ahnten, daß wir ihre ga⸗ lanten Abenteuer ſo genau kannten, wie ſie ſelbſt. Die Briefe der Miniſter, ſelbſt der vertrauteſten Günſtlinge des Kaiſers wurden auf Befehl Napoleon's erbrochen, und die Miniſter hinwiederum ließen ſich Auszüge aus den Privatbriefen des Kaiſers machen.“ „Alſo iſt das Alles Wahrheit?“ fragte der Marquis zweifelnd. „Ja, mein Herr. Die geheimen Agenten der Polizei mußten täglich Rapport erſtatten, ſie wußten ganz genau, wenn irgend ein Brief unter ſcheinbar harmloſer Adreſſe der Poſt übergeben worden war. Es fiel uns oft ein Brief in die Hände, deſſen Adreſſe an⸗ ſcheinend ein Proletarier, ein Bauer oder auch eine Griſette geſchrieben hatte, aber zogen wir ihn aus dem Couvert, ſo war es ein intereſ⸗ ſantes, ſtaatsgefährliches Schreiben irgend eines hochgeſtellten Mannes.“ „Und das ſchwarze Kabinet beſteht noch?“ „Natürlich.“ „Aber welchen Zweck hat es jetzt?“ Herr von Briſſac hatte bereits mehr getrunken, als es die Klug⸗ heit ihm erlaubte, er war ſeiner Sinne nicht mehr ſo ganz mächtig. „Welchen Zweck?“ fragte er.„Wir leſen alle Briefe, die mit der Ballonpoſt befördert werden ſollen, Klagen und Beſchwerden laſſen wir nicht hinaus, wir ſchicken nur die Wiſche ab, welche nichts ent⸗ halten, was dem Feinde das Elend in der belagerten Stadt in ſeinem ganzen Umfange verrathen konnte. Und dann, mein Herr, müſſen Sie wiſſen, daß wir hie und da einen Ballon abſichtlich in die Hände des Feindes fallen laſſen, für dieſen ſchreiben wir ſelbſt die Briefe.“ „Ich verſtehe“, ſagte der Marquis.„Wie aber wird es mit den Correſpondenzen der napoleoniſchen Agenten gahalten?“ Herr von Briſſac leerte ſein Glas auf einen Zug und zuckte die Achſeln. „Wir haben Befehl, ſie nicht hinaus zu laſſen“, erwiderte er, naber mitunter iſt die Arbeit zu groß, wir können nicht Alles leſen und prüfen.“ „Dieſe Correſpondenzen gehen nach Brüſſel?“ „Ich glaube— ja. Uebrigens ſagt man, der Verkehr zwiſchen dem Kaiſer und ſeinen Agenten werde größtentheils durch Brieftauben vermittelt, ich weiß nicht, ob es wahr iſt, denn ich kümmere mich nicht darum. Wenn es Sie übrigens intereſſirt, darüber Aufſchluß — 871— zu erhalten, ſo werde ich Sie mit einem ehemaligen Agenten des Kaiſers bekannt machen. Er iſt Mitglied unſerer Geſellſchaft, Ge⸗ ſchäfte müſſen ihn zurückhalten, ſonſt würde er ſchon erſchienen ſein.“ Herr von Briſſac blickte auf die Uhr und zog eine der Tänze⸗ rinnen, die zur Tafel zurückkehrte, auf ſeinen Schooß. „Sie ſprachen von Auszügen, welche Sie aus intereſſanten Briefen machten“, nahm der Marquis wieder das Wort, nachdem er ſich durch einen verſtohlenen Blick überzeugt hatte, daß Niemand auf ſie achtete,„jedenfalls haben Sie auch für ſich Notizen gemacht?“ „Das verſteht ſich. Ich beſitze eine reiche Sammlung von Ori⸗ ginalbriefen, deren Veröffentlichung einen gewaltigen Sturm hervor⸗ rufen würde.“ „Wollen Sie mir dieſe Sammlung überlaſſen?“ „Ihnen? Zu welchem Zweck?“ „Ich intereſſire mich dafür—“ „Ah, bah, die Geheimniſſe, welche dieſe Briefe enthalten, ſind zu gefährlich.“ „Ich werde keinen Gebrauch davon machen.“ „Schon der Gedanke an die Möglichkeit, daß Sie es könnten, muß mich abhalten, dieſen Wunſch zu erfüllen.“ „So erlauben Sie mir, daß ich Sie beſuche.“ „Herzlich gerne.“ „Und wo wohnen Sie?“ „Rue St. Antoine, Nummer einundſiebenzig.“ „Sie wohnen dort allein?“ „Mit meiner Frau und ihrer Zofe.“ „Hm— Sie ſcheinen Ihre Frau zu vernachläſſigen.“ „Parbleu, ſie iſt nur meine Frau, nicht meine Geliebte.“ „Sind Sie eigentlich dieſes Geſpräches wegen hierher gekommen?“ fragte die Ballettänzerin, die bisher vergeblich verſucht hatte, die Auf⸗ merkſamkeit des Marquis auf ihre Reize zu lenken.„Dann hätten Sie in Wahrheit ſeltſame Begriffe von der Freude.“ „Ich danke Ihnen für dieſen Vorwurf“, erwiderte der Marquis mit leiſem Groll,„aber darf ich fragen, welchen Begriff Sie von der Freude haben?“ „Parbleu, ich will das Leben genießen.“ „Und worin finden Sie den Genuß?“ „In der Liebe und im Wein!“ — 872— „Ich glaube, Sie haben daheim eine alte Mutter, Mademoiſelle“, ſagte der Marquis, indem er ihren Arm zurückſtieß, mit dem ſie ihn um⸗ ſchlingen wollte,„Sie würden wohl thun, ſich der Frau anzunehmen.“ Die Tänzerin ſtierte ihn an wie ein Geſpenſt, dann brach ſie in ein ſchallendes Gelächter aus. „Wollen Sie hier Moral predigen?“ fragte ſie höhniſch. „Ich ſage Ihnen nur die Wahrheit.“ „Sie ſcheinen ſich ſehr für mich zu intereſſiren!“ „Durchaus nicht.“ „Bah, wenn Sie es thäten, würden Sie wiſſen, daß meine Mutter todt iſt.“ „Ah, dann muß ſie in den letzten Tagen geſtorben ſein!“ „Geſtern, mein Herr. Man ſagt, der Hunger habe ſie getödtet, aber das iſt nicht wahr, ſie hatte die ſchwarzen Pocken.“ Der Marquis zog die Brauen finſter zuſammen, ein zorn⸗ glühender Blick traf die frivole Dame, deren Wangen unter der Schminke erbleichten. „Und Sie ſchwelgen und praſſen hier?“ fragte er. „Was kümmert das Sie?“ antwortete die Tänzerin trotzig.„Als meine Mutter erkrankte, wurde ſie in's Spital gebracht, jetzt iſt ſie ſchon unter der Erde.“ „Und das ſagen Sie ſo herz⸗ und gefühllos—“ „Was wollen Sie? Jeder ſorgt für ſich ſelbſt, wenn es mit mir einmal zu Ende geht, wird ſich auch um mich keine Seele bekümmern.“ „He, das iſt ein ſeltſames Geſpräch“, rief der Chevalier von Saint Bois.„Wollen Sie uns die Freude verderben, Herr Marquis?“ „Ich möchte Sie auf eine andere Freude aufmerkſam machen, die nicht den Ekel und Ueberdruß im Gefolge hat, den dieſer Sinnes⸗ rauſch zurückläßt“, antwortete der Marquis ernſt. Die Augen aller Anweſenden richteten ſich auf ihn, flammende Blicke trafen ihn, er ſchien es nicht einmal zu bemerken. „Lindern Sie das Elend der Armen“, fuhr der Marquis mit ge⸗ hobener Stimme fort,„die Summen, welche Sie hier verſchwenden, können manches Menſchenleben retten. Hinaus mit dieſen Dirnen, die mit ihrer Gefühlloſigkeit und Frivolität ſich brüſten, mögen ſie in die Lazarethe gehen, die Kranken und Verwundeten pflegen.“ Flüche und Verwünſchungen und dazwiſchen Drohungen und höh⸗ niſches Gelächter waren die Antwort, die der Marquis erhielt. eine die „Hinaus mit ihm ſelbſt!“ rief die Sängerin wüthend.„Weshalb hat man ihn geduldet?“ „Herr Marquis, Sie werden einſehen, daß Ihre Anweſenheit uns unbequem iſt“, ſagte der Chevalier mit erzwungener Ruhe.„Wir lieben die Moralpredigten nicht, zu denen Sie überdies keine Berech⸗ tigung haben. Wir haben Sie als Gaſt aufgenommen, Sie lohnen uns dafür mit einer Infamie.“ „Und wenn Sie ſich nicht ſofort verfügen, ſo greifen wir zur Hetzpeitſche!“ rief ein anderer Herr. Der Marquis hatte ſich erhoben, ruhig und furchtlos erwartete er den ausbrechenden Sturm. „Ich will Ihnen ſagen, weshalb ich gekommen bin“, erwiderte er. „Es gibt eine Verſchwörung in Paris, die den Zweck verfolgt, die Napoleoniden zurückzurufen und vor keinem Mittel zurückſchreckt, die⸗ ſen hochverrätheriſchen Zweck zu erreichen. Ich beſitze die Beweiſe, daß Sie Alle an dieſer Verſchwörung betheiligt ſind, wenn auch die Zuſammenkünfte an dieſem Orte jenem Zweck nicht gelten. Es war meine Abſicht, die Verräther in ihrem ſchamloſen Treiben zu beobach⸗ ten, um ſie der gründlichſten Verachtung preis zu geben, um den braven Arbeitern von Paris zu zeigen, welcher Creaturen das Kaiſer⸗ reich ſich bedient.“ „Das iſt zu viel!“ ſchrie der Cavalier emporſpringend. „Warten Sie, bis ich zu Ende bin“, fuhr der Marquis fort, der jede Bewegung ſeiner Gegner beobachtete.„Ich wollte verſuchen, Ih⸗ nen den Sumpf zu zeigen, in welchem Sie ſo behaglich umherwaten, ich hegte noch die leiſe Hoffnung, daß es mir gelingen werde, den letzten ſchwachen Reſt von Ehre und Scham in Ihnen zu wecken, aber ich ſehe ein, daß dies eine thörichte Hoffnung war. Wenn Sie ſich von dieſen Dirnen losgeſagt und meinen Bedingungen unter⸗ worfen hätten, ſo würde ich auf Ihre Beſtrafung verzichtet haben—“ „Welche Frechheit!“ rief die Sängerin.„Hat denn Niemand den Muth, dieſen unverſchämten Menſchen zu züchtigen?“ „Zurück!“ donnerte der Marquis, als einige Dirnen ſich auf ihn ſtürzen wollten.„Zurück, die Stunde der Vergeltung hat für Euch geſchlagen!“ Er hatte ſeinen Revolver aus der Taſche gezogen, ein Schuß donnerte durch das Gemach, in demſelben Augenblicke ſprengte ein wuchtiger Stoß die Thüre und das Zimmer füllte ſich mit National⸗ 4 — ——— — 874— garden. Die Dirnen ſchrieen laut auf, ihre Freunde griffen nach den Champagnerflaſchen, um ſich zu vertheidigen. „Da ſeht, wie man an gewiſſen Orten in Paris lebt, indeß das Volk auf den Straßen erfriert und verhungert“, wandte der Marquis ſich mit eiſiger Ruhe zu den Garden.„Dort ſtehen noch die Reſte einer luculliſchen Mahlzeit, wie Ihr ſie niemals gekoſtet habt. Und dieſe Burſchen ſind die Kreaturen Napoleons!“ „Zur Hölle mit Dir!“ ſchrie Herr von Briſſac.„Du biſt ſelbſt ein Hochverräther!“ Er führte mit der Champagnerflaſche einen Hieb nach dem Kopfe des Marquis, aber der letztere verſetzte ihm einen Fauſtſchlag in's Geſicht, daß er zurücktaumelte. Die Nationalgardiſten hatten inzwiſchen die Geſellſchaft umringt. „Bringt die Burſchen nach Mazas, die Dirnen nach St. Lazare“, befahl der Marquis,„wer ſich widerſetzt, den ſchießt ohne Weiteres nieder, die Schurken haben den Tod verdient. Die Beweiſe für ihren Verrath werde ich dem Polizeipräfekt einhändigen, wir wollen Paris von dieſer Rotte Korah ſäubern.“ Die Dirnen ſchlugen wüthend um ſich, aber die Nationalgarden, erbittert über die unzweideutigen Spuren der Orgie, machten kurzen Prozeß mit ihnen, wer nicht gutwillig folgen wollte, mußte es ſich gefallen laſſen, daß ihm die Hände gefeſſelt wurden. Blicke des glühendſten Haſſes trafen den Marquis, deſſen Lippen ein Zug der Verachtung umzuckte. „Hütet mir dieſe Dirne!“ rief er, auf die Tänzerin zeigend,„ſie hat geſtern ihre Mutter verhungern laſſen und heute ſchon praßt ſie wieder in Champagner und—“ „Scheuſal!“ ſchrie die Dirne, indem ſie Miene machte, ihre Wächter zurückzuſtoßen, um ſich auf den Edelmann zu ſtürzen, aber: „Scheuſal Du ſelbſt!“ rief eine heiſere Stimme und zugleich ſtreckte ein Kolbenſchlag auf den Schädel die Tänzerin nieder. Zwei Nationalgarden wollten ſie aufheben, aber ein Dritter ſtieß ihr mit einer Verwünſchung das Bajonnet in die Bruſt. „Schießt und ſtecht das ganze Geſindel nieder“, ſchrie er wüthend. „Weshalb ſollen wir uns mit ihnen ſchleppen?“ Einige Kameraden ſtimmten ihm bei, aber die Mehrzahl wider⸗ ſetzte ſich der Vollſtreckung des Urtheils, und die Gefangenen ſelbſt wagten jetzt nicht mehr, nur noch ein Wort zu äußern. 00 ◻ Der Marquis war der Letzte, der das Haus verließ, dem be⸗ ſtürzten Wirth hatte er die Drohung zugerufen, daß man auch ihn zur Verantwortung ziehen werde. Er ſchlug den Weg zur Rue St. Antoine ein, erfreut über die wichtigen Aufſchlüſſe, die er in den Papieren des Agenten gefunden hatte. Er war entſchloſſen, alle Perſonen, deren Namen auf der Liſte ſtanden, verhaften zu laſſen, dieſer napoleoniſchen Verſchwörung mußte mit aller Energie entgegen getreten werden, wenn man nicht die Commune von vorneherein den größten Gefahren ausſetzen wollte. Vor dem Hauſe, in welchem Herr von Briſſac, der Beamte des ſchwarzen Kabinets, wohnte, blieb er ſtehen. Er mußte die Auszüge aus den Briefen haben, ſie konnten in ſeiner Hand eine furchtbare Waffe werden, wenn die Anhänger des Kaiſers ihr Haupt erhoben. Er beſaß ſchon einige Briefe, welche er kurz vor der Belagerung aus dem Schloſſe St. Cloud erhalten hatte, aber ſie genügten ihm nicht, er hoffte in der Wohnung Briſſac's wichtigere Documente zu finden. Nachdem er mehrmals die Glocke gezogen hatte, wurde endlich die Thüre geöffnet, und der Marquis ſah ſich einem herkuliſchen Portier gegenüber. „Herr von Briſſac iſt nicht zu Hauſe“, ſagte der Portier mür⸗ riſch, noch ehe der Edelmann eine Frage an ihn richten konnte. „So wird Madame wohl zu Hauſe ſein“, erwiderte der Marquis ruhig,„melden Sie mich an.“ „Aber in dieſer Stunde—“ „Gehorchen Sie!“ „Madame ſchläft.“ „Gut, ſo wecken Sie die Zofe und befehlen Sie ihr, mich ohne Verzug anzumelden.“ Der Portier ſchüttelte den Kopf. Wenn auch der herriſche Ton und das feſte Auftreten des Marquis den beabſichtigten Eindruck auf ihn nicht verfehlte, ſo klang ihm doch das Verlangen dieſes unbe⸗ kannten Herrn ſo ſeltſam, daß er gerechtes Bedenken trug, es zu erfüllen Der Marquis aber wußte nur zu gut, wie man ſolche Leute be⸗ handeln mußte, er zog ſeine Börſe und drückte ein Goldſtück in die Hand des Zögernden, der jetzt augenblicklich bereit war, den erhalte⸗ nen Befehl auszuführen. 1 — — Er führte den Edelmann in in mit verſchwenderiſchem Luxus ausgeſtattetes Kabinet und zündete dier Berzen auf dem Kaminſims an. Eine halbe Stunde verſtrich, wäh id der Marquis langſam auf und niederzwanderte und ſich mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigte. Endlich wurde eine Thüre geöffnet, und eine bildſchöne junge Frau in elegantem Nachtgewande trat ein. „Ihr ſpäter Beſuch erſchreckt mich, Herr Marquis“, ſagte ſie, die blitzenden Augen mit fieberhafter Spannung auf ihn heftend,„ich kann mich der Ahnung nicht erwehren, daß Sie mir eine Hiobspoſt bringen.“ „Vielleicht iſt es keine Hiobspoſt für Sie“, erwiderte der Mar⸗ quis, einen leichten, heiteren Ton anſchlagend,„ich würde es wenig⸗ ſtens unbegreiflich finden, wenn das Schickſal Ihres Herrn Gemahls dieſe ſchönen Augen trüben könnnte.“ „Darf ich fragen, was Sie zu dieſer Meinung berechtigt?“ „Der Ort, an dem ich Herrn von Briſſac fand.“ „Und wohl auch die Geſellſchaft, in der er ſich befand, nicht wahr?“ „Allerdings, wenn man eine ſo ſchöne, junge und liebenswürdige Gattin vernachläſſigt, um mit verworfenen Dirnen die tollſten Orgien „Und daraus ziehen Sie gleich den Schluß, daß die Abneigung gegenſeitig ſein muß?“ „Gewiß, Madamo, eine andere Schlußfolgerung finde ich nicht.“ Frau von Briſſac hatte auf dem Divan Platz genommen, der Marquis ſetzte ſich ihr gegenüber und bewunderte ihre Schönheit. Sie war in Wahrheit eine verführeriſch ſchöne Frau, und der Marquis dachte unwillkürlich daran, wie glücklich der Mann ſein müſſe, der die volle Liebe dieſes reizenden Weſens beſitze. „Und nun, mein Herr?“ fragte die junge Frau.„Sie ſind nur deshalb gekommen, um mich zu beklagen, und mir Schmeicheleien zu ſagen?“ „Und wenn dies der Fall wäre?“ „Dann würde ich nicht mehr darüber erſtaunen, daß Sie mit Herrn von Briſſac in einem verrufenen Hauſe zuſammengetroffen ſind.“ „Madame, das wäre für mich—“ 9 — 877— „Kommen wir zur Sache,”. „Wohlan, Herr von Briſſos iſt verhaftet.“ „Aus welchem Grunde?“ meregte die ſchöne Frau ruhig. „Man hat Beweiſe, daß er für die Reſtauration des Kaiſerreichs thätig war.“. „Er? Herr Marquis, Sie erzeigen ihm zu große Ehre, Herr von Briſſac hat nicht den Muth, ſich an einer Verſchwörung zu be⸗ theiligen.“ „Vielleicht beurtheilen Sie ihn falſch—“ „Gewiß nicht, er iſt ein Feigling, er hat ſeine Lebenskraft ver⸗ geudet—“ „Und eben dieſe Leute ſind die gefährlichſten.“ „Alſo, man hat Beweiſe?“ fragte die junge Frau nachdenklich. „Nun, man wird auf ſeinen Namen, ſeinen Rang Rückſicht nehmen—“ „Llan wird ihn erſchießen, gnädige Frau“, ſagte der Marquis ruhig. „Unmöglich!“ „Glauben Sie mir, man wird es thun. Herr von Briſſac war Beamter des ſchwarzen Kabinets—“ „Das verſtehe ich nicht—“ „Nun denn, er war einer jener Beamten, denen die Pflicht ob⸗ liegt, alle Briefe zu öffnen, alle Geheimniſſe zu erforſchen und ohne Rückſicht und Schonung—“ „Herr Marquis, Sie gehen zu weit“, fiel die ſchöne Frau ihm in's Wort.„Sie beſchuldigen meinen Gemahl entehrender Verbrechen, ohne Beweiſe dafür zu haben?“ Der Marquis legte leicht ſeine Hände auf ihren Arm und ſah ihr eruſt, aber mit herzlicher Theilnahme in die dunklen Augen. „Madame, ich bin nicht hiehergekommen, um ihn zu retten“, ſagte er,„für einen ehrloſen Verräther kann ich ebenſowenig Sym⸗ pathie fühlen, wie für einen gewiſſenloſen Wüſtling. Ich will Ihnen die Worte nicht wiederholen, die er mir ſagte, als ich ihm vorwarf, er vernachläſſige ſeine ſchöne Frau—“ „Was antwortete er Ihnen?“ „Verlangen Sie nicht, es zu hören—“ „Doch, ich will es wiſſen!“ Der Margquis lächelte, dieſe leidenſchaftliche Heftigkeit, welche die Schönheit der jungen Frau erhöhte, entzückte ihn. —— 1 1 — 878— „Parbleu, erwiderte er, ſie iſt nur meine Frau, nicht meine Geliebte!“ „Der Elende!“ murmelte Frau von Briſſac.„Weshalb mußte ich dieſem Manne geopfert werden?“ DerMarquis erfaßte ihre Hände, ſie entzog ſie ihm nicht. „Wäre dieſes Opfer mir gebracht worden, ſo würde ich der Glück⸗ lichſte der Sterblichen geweſen ſein“, flüſterte er. „Wer kann dem Wort eines Mannes vertrauen?“ „Madame, mein Wort iſt das Wort eines Ehrenmannes.“ „Nur ſeine Frau!“ murmelte Frau von Briſſac.„Der Schänd⸗ liche, und ich war ihm ſo treu!“ „Werden Sie es bleiben? Fordert dieſe Beleidigung nicht Rache?“ „Ja, mein Herr, fordern Sie Genugthuung von ihm für dieſen Schimpf“, erwiderte die ſchöne Frau, in deren Augen es jäh auf⸗ blitzte,„beweiſen Sie mir, daß ich Ihnen vertrauen darf.“ „Und dann?“ „Ah, Sie wollen Bedingungen ſtellen? Das iſt ungalant, mein Herr, das muß ſchon von vorneherein mein Vertrauen erſchüttern.“ „Durchaus nicht, meine ſchöne Freundin“, ſagte der Marquis ſcherzend. „Wie kann es mir Ihr Vertrauen rauben, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Sie liebe?“ „Ah, das haben Sie mir nicht geſagt.“. „So erlaube ich mir, es Ihnen jetzt zu ſagen.“ „Und wie können Sie wiſſen, ob Sie mich auch wirklich lieben?“ „Ich horche auf die Stimme meines Herzens.“ Frau von Briſſac blickte den Marquis lange forſchend an, ſie ſchien in die geheimſten Falten ſeiner Seele eindringen zu wollen, und dabei ließ ſie es geſchehen, daß er ſeinen Arm um ihre Tallle ſchlang und ſie leiſe an ſich drückte. So ſaßen ſie eine Weile, ſchweigend einander betrachtend, wie ein junges Brautpaar, dann aber ſchrak Frau von Briſſac plötzlich empor, und wie aus einem ſchweren Traume erwachend, entwand ſie ſich haſtig der Umarmung, die ſie erſt jetzt zu bemerken ſchien. „Mein Herr, darf ich nun endlich wiſſen, was Sie zu mir führt?“ „Haben Sie es noch nicht errathen?“ antwortete der Marquis lächelnd.„Gilt Ihnen meine Theilnahme nichts?“ meine nußte Glück⸗ händ⸗ che d0 dieſen ˖auf⸗ — 879— „Doch, ich danke Ihnen dafür, aber Sie hätten ja bis morgen warten können, um mir die Beweiſe dieſer Theilnahme zu geben?“ „Sie haben Recht, Madame, ich bewundere die Schärfe Ihres Verſtandes ebenſo ſehr, wie Ihre Schönheit. Ich muß meine An⸗ klage gegen Herrn von Briſſac wiederholen; er war bis zur Verhaf⸗ tung Beamter des ſchwarzen Kabinets, und man weiß, daß er die Correſpondenzen der kaiſerlichen Agenten frei paſſiren ließ, trotz ihres hochverrätheriſchen Inhalts.“ „Das traue ich ihm eher zu, als die Theilnahme an der Ver⸗ ſchwörung ſelbſt.“ „Man wird nun Hausſuchung halten, und Herr von Briſſac ſagte mir, er beſitze eine reiche Sammlung von ſolchen Briefen, die er unter dem Kaiſerreich confiscirt habe.“ „Das wäre ſchändlich!“ „Herr von Briſſac ſagte es ſelbſt. Wenn dieſe Dokumente ge⸗ funden werden, ſo iſt der Gefangene entehrt, ſein Name für alle Zeiten mit Schmach bedeckt.“ „Und ein Theil der Schmach fällt auch auf mich.“ „Ich kann das nicht leugnen. Ja, es wäre möglich, daß man Sie mit in die Unterſuchung verwickelte, Sie der Theilnahme an dem Verbrechen des Gefangenen anklagte, und wenn man Sie auch nicht verurtheilen könnte, ſo würden Sie ſich doch in die unange⸗ nehme Lage verſetzt ſehen, Wochen, ja Monate in einer troſtloſen Gefängnißzelle verbringen zu müſſen. Daran dachte ich in dem Augen⸗ blicke, in welchem Ihr Gatte verhaftet wurde, nicht um ihn zu retten, ſondern um Sie vor Unannehmlichkeiten zu bewahren, eilte ich hieher.“ „Was kann ich thun, um dieſen Unannehmlichkeiten vorzubeugen?“ fragte Frau von Briſſac beſtürzt.„Rathen Sie mir.“ „Wir werden dieſe Papiere ſuchen—“ „Gut, und wenn wir ſie finden?“ „Dann nehme ich ſie mit, um ſie aufzubewahren.“ „Wäre es nicht beſſer, wenn man ſie vernichtete?“ „Wozu das? Ich kann die Nothwendigkeit nicht einſehen. Viel⸗ leicht haben die Papiere einen beſonderen Werth, und ſelbſt, wenn dies nicht der Fall wäre, bilden Sie doch eine Sammlung, auf welche Herr von Briſſac Werth legt. In meinem Hauſe ſind ſie ſicher aufgehoben, Niemand wird ſie dort ſuchen, und wenn man hier nichts findet, ſo kann auch kein Argwohn gegen Sie aufſteigen.“ — 880— Frau von Briſſac hatte ſich erhoben. „Ich muß mich Ihrem Rathe fügen“, ſagte ſie,„darf ich Sie bitten, mich zu begleiten?“ Sie nahm einen Armleuchter und ſchritt dem Edelmann voran, ſo durchwanderten ſie eine Reihe eleganter Gemächer, bis ſie in einen kleinen, traulichen Raume angelangt waren. „Hier iſt das Kabinet meines Gemahls“, ſagte die ſchöne Frau, „ich hoffe, Sie werden die Papiere in ſeinem Schreibtiſch finden.“ Der Marquis ſchritt darauf zu und begann ſofort mit der Durch⸗ ſuchung aller Schiebladen, während Frau von Briſſac neben ihm ſtand und ihm zuſah. „Peinliche Ordnung herrſcht hier allerdings nicht“, ſagte ſie ſcher⸗ zend,„Herr von Briſſac war ſelten zu Hauſe und nie ein Freund der Ordnung.“ „Briefe und Quittungen“, murmelte der Marquis,„in der That, Alles bunt durcheinander geworfen, wie in der Bude eines Trödlers. Parbleu, M dame, die Polizei wird Ordnung hineinbringen, aber eine Ordnung, die Herrn von Briſſac ſchwerlich gefallen dürfte.“ „Es iſt ſeine eigene Schuld!“ „Freilich, ich glaube nicht, daß er mit dem Leben davonkommt. Und ſein Tod würde Sie von läſtigen Feſſeln befreien.“ „Ich fühle den Druck dieſer Feſſeln nicht.“ „Weil Sie ſich geduldig hineinfügten. Ah— da ſcheinen wir die Dokumente zu haben.“ Der Marquis hatte eine geheime Schieblade mit einer Sicherheit und Gewandtheit geöffnet, die ſeinem Entdeckungstalent alle Ehre machte, er nahm jetzt eine elegante mit rothem Sammt überzogene Mappe heraus und öffnete auch dieſe. Eine Menge von Briefen jeglichen Formats und mit den ver⸗ ſchiedenſten Handſchriften war in dieſe Mappe eingeheftet, den Schluß bildete ein ziemlich dickes Heft, welches Auszüge aus anderen Briefen mit genauer Angabe des Datums, des Abſenders und des Empfän⸗ gers enthielt. Der Marquis warf nur einen flüchtigen Blick in dieſe Papiere, dann ſchloß er die Mappe wieder zu. „Sind es die Dokumente, welche Sie ſuchen?“ fragte Frau von Briſſac. „Ja, Madame.“ — 881— „Und Sie wollen ſie wirklich mitnehmen?“ „Gewiß, dieſe Mappe könnte Sie in's Gefängniß bringen.“ „Nun denn, handeln Sie ganz nach Belieben, ſollte aber Herr von Briſſac ſeine Freiheit zurückerhalten und die Mappe vermiſſen—“ „So bin ich bereit, ſie ihm perſönlich auszuliefern, wenn er ſie zurückfordert.“ „Und Sie werden die Papiere nicht benutzen, um ihn zu ver⸗ derben?“ „Wenn ich das wollte, würde ich die Mappe hier liegen laſſen und die Polizei auf ſie aufmerkſam machen.“ „Es iſt wahr, das wäre der kürzeſte Weg“, ſagte die ſchöne Frau, ihn ernſt anblickend.„Und weshalb ſollte ich nicht glauben, daß die Freundſchaft, die Sie mir beweiſen, echt ſei?“¹ „Madame, Sie dürfen nicht daran zweifeln“, ſagte der Marquis, indem er ihre Hand drückte,„es wäre eine kränkende Beleidigung für mich, wenn Sie es thäten. Auf der anderen Seite aber würde es mich glücklich machen, wenn Sie meine Freundſchaft mit derſelben Wärme und Herzlichkeit erwiderten. Und Sie bedürfen eines Freun⸗ des, Sie ſtehen jetzt allein—“ „Ja, ja“, fiel die junge Frau ihm raſch in's Wort,„ich habe den Rath und Schutz eines Freundes nöthig. Ich werde ſtets für Sie zu Hauſe ſein, Herr Marquis, es wird mir große Freude be⸗ reiten, wenn ich Sie recht häufig bei mir ſehe.“ Der Marquis verbeugte ſich dankend, Frau von Briſſac nahin den Armleuchter und begleitete ihn in das Kabinet zurück, in welchem ſie zuerſt geſeſſen hatten. „Ich hoffe, Sie werden mir auch über das Schickſal meines Gatten Nachricht bringen“, ſagte ſie, als der Marquis ihr zum Ab⸗ ſchied die Hand bot,„ich bin doch nicht ſo ganz theilnahmlos gegen ſein Geſchick.“ „Ich werde mich morgen ſofort erkundigen“, erwiderte der Edel⸗ mann mit herzlicher Wärme,„nur verlangen Sie nicht von mir, daß ich irgend etwas für ſeine Rettung thun ſoll.“ „Sind Sie ſo grauſam?“ „Das nicht, aber ich verabſcheue dieſen Mann, nicht nur ſeiner Verbrechen wegen, ſondern auch um Ihretwillen. Die Straſe, die ihn treffen wird, iſt gerecht, ſelbſt ein Todesurtheil muß ich gerecht nennen.“ R. 56 — 882— Frau von Briſſac hatte die Glocke gezogen, der Portier erſchien, um den Gaſt hinaus zu geleiten. Der Marquis drückte ihr noch einmal mit einem bedeutungsvollen Blick die Hand, dann ſchritk er haſtig hinaus. Als draußen die eiſig kalte Nachtluft ſein ſtürmiſch wallendes Blut kühlte, dachte er über die jüngſten Erlebniſſe nach. Er verſuchte, ſich zu ſagen, daß er nur eine Komödie mit der verführeriſch ſchönen Frau geſpielt habe, eine Komödie, die nichts weiter zurücklaſſen könne, als eine angenehme Erinnerung. Aber das wollte ihm nicht gelingen, im Gegentheil, er fühlte mehr und mehr, daß die Reize der ſchönen Frau ihn umſtrickt und gefeſſelt hatten, und daß es ihm unſäglich ſchwer fallen würde, dieſe Feſſeln wieder zu zerreißen. Wenn ſie hochmüthig, ſtolz und ſpröde ihm entgegengetreten wäre, oder wenn er eine herzloſe Kokette in ihr gefunden hätte, ſo würde ihre Schönheit keinen bleibenden Eindruck auf ihn gemacht haben, aber ihr ſanftes, hingebendes Weſen und der Zauber ihrer vertrauen⸗ den Unſchuld feſſelte ihn mächtig. Selbſt die Erinnerung an Marie konnte den Bann dieſes Zau⸗ bers nicht löſen. Er nahm ſich vor, nicht mehr hinzugehen, er wollte die ſchöne Frau vergeſſen, aber er fühlte, daß die Ausführung dieſes Entſchluſſes ihm unmöglich ſein werde. Im Widerſtreit mit ſeinen guten Vorſätzen und wechſelnden Ent⸗ ſchlüſſen langte er in ſeinem Palais an. Der Diener erwartete ihn noch, der Marquis ſchickte ihn zu Bett und ging in ſein Kabinet. Ein behagliches Feuer loderte noch im Kamin, der Marquis war noch zu aufgeregt, um ſchlafen zu können, er ſetzte ſich in ſeinen Seſſel und legte die Mappe vor ſich hin, um die Dokumente einer genauen Prüfung zu unterwerfen. Er ſah ſich in ſeinen Hoffnungen nicht getäuſcht, ja, er fand ſie ſogar übertroffen, es befanden ſich Dokumente unter dieſen Briefen, welche die Regierung des zweiten Kaiſerreichs an den Pranger ſtellten. Gewagte Finanz⸗Spekulationen auf Koſten des Volkes, Juſtiz⸗ morde und Verbrechen unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit, Be ſtechung der Richter, galante Abenteuer, die man empörend nennen mußte, alles das und noch vieles Andere konnte man aus dieſen — 883— Briefen beweiſen, zu denen die Auszüge einen ergänzenden Commen⸗ tar lieferten. „Und doch“, murmelte der Marquis endlich düſter,„Alles das reicht nicht hin, eine Reſtauration des Kaiſerreiches zu verhindern, wenn die napoleoniſche Partei feſten Boden gewinnt. Wie Vieles habe man ihm vorgeworfen, wie Vieles enthüllt, welche bittere Wahrheiten hat Rochefort ihm in's Geſicht geſchleudert, das leicht⸗ ſinnige Paris lachte darüber und beugte ſich gehorſam unter das Skla⸗ venjoch. Was wird die Veröffentlichung dieſer Papiere nutzen? Man wird Anfangs erſtaunen, dann frivole Witze darüber machen und zu⸗ letzt lachend die Schlauheit der geſtürzten Dynaſtie bewundern. Und wenn er kommt, an der Spitze einer Armee, wenn er ſeine Kanonen auf den Boulevards auffahren läßt, dann laufen die Spötter feig da⸗ von, und kein Arm wird ſich erheben, um Frankreich vor dem Des⸗ poten zu ſchützen.“ Der Marquis hatte ſeinen Seſſel vor den Kamin gerollt, er ſtellte ſeine Füße auf das vergoldete Gitter und blickte gedankenvoll in die züngelnden Flammen. „Aber wie es auch kommen mag, meine Miſſion muß erfüllt werden“, ſagte er leiſe,„mögen dann die Arbeiter Paris und ſich ſelbſt ſchützen. Ich will ihnen den Weg zeigen, der zu ihrem Glücke führt, es iſt ihre Sache, auf ihm auszuharren und das Errungene feſtzuhalten.“ Ein Geräuſch hinter ihm veranlaßte ihn, ſich umzuwenden, er ſtutzte, als er Cora auf der Schwelle des Kabinets erblickte. Sie war im Nachtgewande, in der Hand trug ſie eine brennende Kerze, und ihr bleiches, verſtörtes Geſicht verrieth nur zu deutlich, daß auch ſie überraſcht war, den Marquis hier zu finden. Aber ſie hatte raſch ihre Faſſung wiedergefunden, ſie lächelte, als ſie den forſchenden Blick des Edelmannes ſo feſt auf ſich gerichtet ſah. „Ich hatte nicht erwartet, daß ich Dir noch begegnen würde“, ſagte ſie, indem ſie die Kerze auf den Schreil iſch ſtellte,„ich wollte am Abend ein Stündchen mit Dir verplaudern, aber Du warſt aus⸗ gegangen.“ „Wann war das?“ fragte der Marquis ruhig. „Gegen ſieben Uhr.“ „Ich dachte, Du wollteſt ausfahren.“ „Das iſt auch geſchehen.“ 56* „ f „So ſpät?“ „„Lieber Himmel, am hellen Tage darf eine herrſchaftliche Equi⸗ page ſich nicht ſehen laſſen, die Wuth des Pöbels gegen die beſitzende Klaſſe ſteigt mit jedem Tage.“ „Und wo warſt Du?“ „Auf den Boulevards.“ Cora hatte einen Seſſel neben den des Marquis gerollt und ſich hineingeworfen. „Und wie kommt es, daß ich Dich in ſo ſpäter Stunde hier treffe?“ fragte der Edelmann ſie gleichgültig, als ſei es ihm einerlei, ob er überhaupt eine Antwort darauf erhalten würde. „Muß ich nicht Tag und Nacht an meine Rolle denken?“ ſcherzte Madame von Chateaufleur. „Ich verſtehe das nicht.“ „Ah, ich habe ja die Wache an Deinem Schmerzenslager über⸗ nommen.“ „Sehr wohl, aber was führt Dich in dieſes Kabinet?“ „Einfach die Abſicht, durch den geheimen Gang mich in die Zim⸗ mer Mariens zu verfügen.“ „Und wozu das?“ „Um ihr zu ſagen, daß es allmählich mit Dir zu Ende gehe.“ Der Marquis ſtrich mit der Hand über die Augen, als ob er die ausgeſchickten Gedanken zurückrufen und ſammeln wolle. „Ich glaube, Du regſt das Mädchen zu ſehr auf“, ſagte er,„die ſtete Aufregung muß ihre Geſundheit untergraben.“ „Man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es warm iſt“, entgeg⸗ nete Cora achſelzuckend.„Marie empfindet die innigſte Theilnahme für Dich, ſie iſt untröſtlich, ſo oft eine innere Stimme ihr vorwirft, ſie habe Dir all' dieſen Kummer und Schmerz bereitet.“ „Aber ſie würde trotzdem meine Werbung abermals zurückweiſen, nicht wahr, Cora?“ „Allerdings! Die Kluft zwiſchen ihr und Dir iſt noch nicht über⸗ brückt und ſie wird es nie werden.“ „Auch dann nicht, wenn ſie meine Gattin iſt?“ „Ich weiß nicht, ob ſie jemals Dich ſo innig lieben wird, wie ſie den Proletarier geliebt, fie beſchäftigt ſich noch immer mit dem An⸗ denken an ihn.“ „Sie wird ihn vergeſſen.“ ber⸗ te ſie An⸗ —* — 885— „Vielleicht, aber wehe Dir, wenn ſie jemals erfährt, daß ſie be⸗ trogen wurde.“ „Bah, Du wirſt es ihr nicht verrathen.“ „Fürchteſt Du, daß ich das könnte?“ fragte Cora befremdet. ₰ „Nein, es wäre gegen Dein eigenes Intereſſe. „Ich bin verſtimmt.“ „Darüber, daß das Bombardement begonnen hat?“ „Ja“, nickte der Marquis,„das Elend in der Stadt flößt mir Grauen und Entſetzen ein, und daß ich es nicht lindern kann, das erbittert mich.“ „Mögen die, welche es hervorriefen, die Verantw vortung über nehmen, weshalb machſt Du Dir Sorgen darüber?“ Weil ich ein fühlendes Herz habe“, ſagte der Marquis ſcharf, „befremdet Dich das?“ „Durchaus nicht, obſchon ich ſo recht nicht daran glauben kann. Wann ſoll die Komödie zu Ende gehen?“ „Ich überlaſſe es Dir, den Termin zu beſtimmen.“ „Der Schluß kann morgen ſchon erfolgen. Alles iſt vorbereitet, ich habe mit dem Pfarrer geſprochen, er iſt bereit, die Trauung vor⸗ zunehmen, ſobald ich ihm die Stunde beſtimme.“ Der Marquis ſchwieg, er ſchien zu füh hlen, wie wenig dieſe Ko⸗ nödie ſich mit ſeiner Chre vertrug. „Und Marie wird, wenn auch nach einigem Zögern, ihre Zuſtim mung geben“, fuhr Cora fort, ee weiches Herz wird ihr ſagen, daß ſie die Erfüllung dieſes Wunſches Dir nicht verweigern darf.“ „Und was dann?“ fragte der Edelmann mechaniſch. „Was dann erſolgen wird, das läßt ſich ſchwer vorausbeſtimmen, Henry. Es wäre möglich, daß Deine junge Frau nach der Trauung alle Rechte einer Gattin forderte.“ „Inwiefern, Cora?“ „Jenun, ſie könnte darauf beſtehen, daß ſie bis zum letzten Augen⸗ n blic an Deinem Lager bleiben wollte, und das möchte Dir ſehr un⸗ angenehm ſein.“ „Du würdeſt ihr begreiflich machen, daß dies ſich für ſie nicht paſſe.“ „Marie iſt kein Penſionsfräulein, Henry, wir dürfen das nicht vergeſſen. Sie würde mir einfach erklären, ihr Platz ſei an dem „Du biſt heute ſehr ſonderbar, Henry, ſo kalt und abſtoßend—“ — —-— 886— Bette ihres Gatten, und ſie wolle ſehen, wer ſich h rausnehmen dürfe, ihr dieſes Recht ſtreitig zu machen.“ „Das wäre eine fatale Situation“, ſagte der Marquis. „Sie würde Dich einige Wochen an's Bett feſſeln.“ „Und mich zwingen, die Rolle eines Kranken bis zur Erſchöpfung zu ſpielen.“ „So iſt es, indeß finde ich das Opfer nicht zu groß für den koſt⸗ baren Preis“, erwiderte Cora mit einem Anflug von boshafter Scha⸗ denfreude.„Du könnteſt ihr auch den Betrug enthüllen und ſie um Verzeihung bitten für den Frevel, aber es wäre ſehr fraglich, ja höchſt unwahrſcheinlich, daß ſie Dir verzeihen würde.“ Der Marquis ſchüttelte ärgerlich den Kopf. „An dieſe Schwierigkeit hätteſt Du früher denken ſollen“, ſagte er,„ich habe jetzt weder Zeit noch Luſt, mich einer ſo unangenehmen Situation auszuſetzen.“. „Alſo willſt Du den ganzen Plan fallen laſſen?“ „Das nicht, aber wir können immerhin noch einige Zeit warten.“ „Seltſam, früher warſt Du ſo eifrig, Du hätteſt die Entſcheidung lieber heute, als morgen herbeigeführt, und jetzt ſchiebſt Du ſie hin⸗ aus, ſo weit Du kannſt.“ „Weil ich damals Gefahren ſah, welche jetzt beſeitigt ſind“, ſagte der Marquis ruhig.„Denke darüber nach, wie man unter einem guten Vorwande Marie abhalten kann, dieſes Recht für ſich in An⸗ ſpruch zu nehmen, und ich werde ſofort bereit ſein, die Komödie mit einer Trauung zu ſchließen. Meine Zeit iſt jetzt ſehr in Anſpruch genommen, Cora, die Löſung der Aufgabe, die ich mir geſtellt habe, rückt immer näher, ſie erfordert meine ganze Kraft, ſie geſtattet mir nicht, an andere Dinge zu denken.“ „Und was ſoll ich Marie ſagen, wenn es ſie befremdet, daß die Entſcheidung zwiſchen Leben und Tod ſich ſo lange verzögert.“ „Das überlaſſe ich Deiner Klugheit.“ „Die Theilnahme des Mädchens wird allmählich erkalten, ich be⸗ greife überhaupt nicht, daß Du Dich nicht darnach ſehnſt, Marie wiederzuſehen.“ „Trägt ſie Verlangen nach ſolchem Wiederſehen.“ „Nein, Henry, ich müßte lügen, wenn ich das behaupten wollte, und es iſt beſſer, wenn ich Dir die volle Wahrheit ſage. Sie macht Dir manchen bittern Vorwurf, fie glaubt noch immer, daß Du Lafleur wollte, macht Lafleur — 887— in den Tod getrieben habeſt, wenn ihr auch die Mittel, durch die Du das bewirkt haben ſollſt, nicht ganz klar ſind. Sie iſt im Grunde ihres Herzens erbittert über Dich, und es wird Dir Mühe genug koſten, ihren Argwohn ganz zu beſeitigen, Du mußt ihr jetzt noch fern bleiben, umſomehr, als Du ja krank biſt und die Aerzte Dich bereits aufgegeben haben.“ „Genug!“ ſagte der Marquis mit einer abwehrenden Geberde, „ich will heute nichts weiter hören. Deine Bemühungen erkenne ich mit großem Danke an, ſetze ſie fort und faſſe alle möglichen Folgen in's Auge, damit ſie uns nicht überraſchen.“ Er erhob ſich und machte Anſtalt, das Kabinet zu verlaſſen, Cora ergriff ihre Kerze. „Noch eine Frage“, ſagte er in dem gleichgültigſten Tone,„weißt Du noch immer nicht, wo Dein Bruder ſich befindet?“ Cora ſah ihn betroffen an, aber es lag ein Zug in ſeinem Ge⸗ ſicht, der ihr Mißtrauen hätte einflößen können. „Wie kann ich es wiſſen?“ erwiderte ſie. „Jenun, eine zufällige Begegnung läge ja doch im Bereiche der Möglichkeit.“ „Ich habe ihn nicht wiedergeſehen.“ „Um ſo beſſer für Dich“, ſagte der Edelmann ruhig. „Haſt Du etwas über ihn vernommen?“ „Nein, es wäre auch keinesfalls eine gute Nachricht geweſen. Wer die Bahn des Verbrechens einmal betreten hat, der kann ſie nicht mehr verlaſſen, er wird auf ihr fortgetrieben, er muß dem finſteren Verhängniß folgen, welches, einer Furie gleich, ihn hetzt.“ Cora ahnte die tiefere Bedeutung dieſer Worte nicht, und da das Geſpräch eine unangenehme Wendung für ſie erhalten hatte, verließ ſie nach kurzem Gruße das Kabinet, um in ihr Schlafgemach zurück⸗ zukehren. Der Marquis blickte ihr mit finſter zuſammengezogenen Brauen nach. „Sie iſt noch immer dieſelbe, die ſie früher war“, murmelte er, „voll Ränke und Tücke, ſie ſinnt auch jetzt wieder über Racheplänen, deren Spitze gegen mich gerichtet iſt. Hüte Dich, ſchöne Schlange, diesmal könnteſt Du Dein Letztes verlieren, wer ſo verwegen Va banque ſpielt, der muß Alles einſetzen!“ Er wanderte noch eine Weile auf und ab, dann ging anch er hinaus, jetzt wieder in Gedanken mit Frau von Briſſac beſchäftigt. Im Grabe. Die Räumung des Mont Apvron hatte in Paris einen nieder⸗ drückenden Eindruck gemacht. Dazu kam, daß General Trochu die Truppen, die hie und da kleine Vortheile errungen hatten, in ihre alten Stellungen zurückzog. Zwar beſagt ein Bericht des Generals Schmitz, daß die zum Schutze der Geſundheit der Truppen getroffenen Anordnungen keineswegs ein Aufgeben der begonnenen Operationen ſeien; die Regierung, General Trochu, die Armee und das Volk ſeien mehr als je feſt in ihrem Entſchluſſe, die Vertheidigung, unbekümmert um die Opfer, fortzuſetzen bis der Sieg erlangt ſei. Aber dieſe Proclamation konnte gleichwohl den geſunkenen Muth nicht haben, ebenſowenig, wie die Nachrichten aus Lille, welche freilich zugeſtehen mußten, daß die Nordarmee unter Faidherbe ſich zurück⸗ gezogen habe, aber dieſen Rückzug als eine ſtrategiſche Nothwendigkeit bezeichneten. Der General⸗Commiſſar in Lille verſicherte, die Nordarmee und das Hauptquartier ſeien nach wie vor entſchloſſen, bis aufs Meſſer zu kämpfen, Faidherbe verfolge ſeinen. Plan, der Rückzug bezwecke nur die Beſetzung ſtarker Poſitionen, und außerdem hätte man den Truppen Ruhe geben müſſen. Es ſtand noch immer Alles vortrefflich, Dank der Lüge, die jede Niederlage in einen Sieg verwandelte. Faidherbe war ja nicht geſchlagen, er hatte ſich nur in unein⸗ nehmbaren Poſitionen verſchanzt, um ſich plötzlich mit voller Wucht auf den überraſchten Feind zu werfen. Bourbaki kam an der Spitze einer großen Armee aus dem Süden herauf, Garibaldi ſchlug in zahlloſen Gefechten die Deutſchen bei Nuits und Dijon, Chanzy, der Oberkommandant der Loire⸗Armee machte die kühnſten Flankenmärſche, um den nichts ahnenden Feind zu umzingeln und niederzumetzeln. So ſchrie der große Haufe, die ganze Maſſe derer, welche täglich ihren Sold und ihre Rationen erhielten und ſchon deshalb das Ende dieſes Krieges nicht wünſchten. Aber die Friedenspartei ward doch mit jedem Tage ſtärker, und der⸗ da kzog. hutze ein teral rem ho ehen, — 889— ſchon zeigten ſich vereinzelte Kundgebungen, die den Zweck hatten einen Druck auf die Regierung zu üben. Die Vernünftigen und Einſichtsvollen ließen ſich nicht mehr täu ſchen durch die Lüge, ſie erkannten die Wahrheit in ihrem ganzen Umfange, ſie verlangten die Kapitulation und den Frieden, denn zu den Schreckniſſen der Belagerung geſellte ſich nunmehr die Furcht vor dem Geſindel, welches in die Hä Klaſſe mit Mord und Plünderung bedrohte. Die Ideen der Commune hatten unter den Arbeitern ſchon Wurzel geſchlagen, man begann ſchon mit ihrer Ausführung, während draußen die deutſchen Batterieen unaufhörlich die Forts beſchoſſen. Kleine Gefechte wurden bald hier, bald dort täglich geliefert, ſie hatten nicht die mindeſte Bedeutung, ſie vermehrten nur die Zahl der Verwundeten, welche alle Lazarethe überfüllten. Die weiten Räume des Tullerienſchloſſes waren jetzt der Wall fahrtsort aller derer, welche einen Verwandten oder einen Freund äuſer eindrang und die beſitzende — ofe eer vermißten. Hatte man den Vermißten vergeblich in den Lazarethſälen geſucht, ſo ging man in den Saal, in welchem die Photographieen vieler Ge fallenen ausgeſtellt waren, und oft verrieth ein herzzerreißender Schrei, daß man hier endlich Gewißheit erhalten hatte. Es war freilich ein ſeltſames Auskunftsmittel, eine ganz unge wöhnliche Verluſtliſte, die nur die Portraits der Todten enthielt, aber von den genauen Verluſtliſten der Deutſchen hatten die Franzoſen niemals eine Ahnung gehabt. Man ſcharrte die Todten auf dem Schlachtfelde ein und bra⸗ die Verwundeten in irgend ein Lazareth, und die Angehörigen erhielten erſt dann Gewißheit von dem Tode des Betreffenden, wenn ſie viel leicht Jahre lang ſeine Rückkehr vergeblich erwartet hatten. Jetzt that man ein Uebriges, indem man die Leichen photo graphiren ließ, ſo weit dies natürlich in der Möglichkeit lag, in der That, eine ſonderbare Verluſtliſte, die mit der Frivolität des franzö ſiſchen Charakters freilich in Einklang ſtand. Es war am Tage nach den im vorigen Kapitel geſchilderten Er⸗ eigniſſen, als Erneſt und Paul aus einem kleinen Vorpoſtengefecht zurückkehrten. Sie ſchritten mit dem Gewehr auf der Schulter über die Boule⸗ Hte Hhtre varos ihrer Wohnung zu und waren eben im Begriff, in die Ruͤe — 890— Vincent einzubiegen, als ſie ſich plötzlich dem Falſchmünzer gegen⸗ überſahen. Es ſchien faſt, als ob er ſie erwartet habe, denn er trat ſofort auf ſie zu und redete ſie an. Erneſt hatte nur einen Blick der Verachtung für ihn, er wollte an ihm vorbeiſchreiten, aber Dorman rief ihn an. „Parbleu, man verkennt oft ſeine beſten Freunde“, ſagte er ſpot⸗ tend,„man ſollte wenigſtens bedenken—“ „Ich wüßte nicht, was es für mich hier zu bedenken gäbe“, fiel Erneſt ihm verachtend in's Wort.„Und Eure Freundſchaft habe ich nie geſucht—“ „Aber die Freundſchaft des Marquis von Chateaurouge ſchien Euch ſo werthvoll, daß Ihr Euch von dieſem Manne geduldig am Narrenſeile führen ließet.“ „Laßt das“, erwiderte Erneſt unwirſch,„es ſind Erinnerungen, die ich nicht gerne wecken mag.“ Damit trat er in das Haus, in welchem ſeine Manſarde lag, Paul wollte ihm folgen, aber der Falſchmünzer hielt ihn zurück. „Er iſt ein Narr“, ſagte Dorman, nein Kind, welches man mit einer Düte voll Bonbons ködern kann. Habt Ihr auch ſo großes Vertrauen zu dem Marquis?“ „Nein.“ „Hm, ich dachte es mir. Ihr hättet damals mir nicht in den Weg treten ſollen, dann wäre Manches anders gekommen. Die blonde Deutſche wäre nicht geſtorben, und die ganze erbärmliche Komödie hätte nicht in's Werk geſetzt werden können.“ Er ſagte dies mit einer ſolchen Fülle von Hohn und Bosheit, daß Paul ihn betroffen anblicken mußte. „Ihr wißt mehr“, erwiderte der letztere,„Ihr habt hinter die Maske geſchaut—“ „Das iſt möglich—“ „Dann rückt heraus mit der Sprache!“ „Noch nicht“, lachte der Falſchmünzer,„ich habe anch Geheimniſſe, die ich nicht Jedem verrathe.“ „Marie Reimann lebt?“ „Habe ich das behauptet? ¹ „Nein, aber—“ „Haltet Euch an meine Worte, bei Vermuthungen kömmt nichts 2 hHeraus.“ ere die ie — 891— „Nun denn, was habt Ihr mir zu ſagen?“ „Nur das Eine, mein Freund! Krieg den Paläſten!“ „Ich verſtehe Euch nicht“, ſagte Paul kopfſchüttelnd,„Ihr ſcheint mir abſichtlich ausweichen zu wollen, und das begreife ich wieder nicht, da Ihr doch dieſe Unterredung herbeigeführt habt.“ „Wenn ich ſage, Krieg den Paläſten, ſo verſtehe ich darunter auch das Palais des Marquis, deſſen Geheimniſſe ich gern erforſchen möchte. Und da auch Ihr Urſache habt, an dieſem Manne Rache zu nehmen, ſo denke ich mir, Ihr werdet vor einem Bündniß mit dem Galeerenſträfling nicht zurückſchrecken.“ „Alſo das iſt Eure Abſicht?“ fragte Paul, während der Falſch⸗ münzer das Geſicht zu einem widerlichen Grinſen verzog.„Hi, Ihr tragt jetzt die elegante Kleidung eines vornehmen Herrn, aber mich täuſcht die äußere Erſcheinung nicht. Ich weiß, daß die Berau⸗ bung der Wahrſagerin Euch die Mittel geliefert hat, dieſe Rolle zu ſpielen, und ich weiß auch, daß Ihr nichtsdeſtoweniger noch immer an der Spitze einer Verbrecherbande ſteht.“ „Ich leugne das nicht“, erwiderte Dorman mit dem ganzen Pflegma eines verſtockten Verbrechers,„ich wahre meinen Vortheil, wo ich ihn finde und räche mich an der Geſellſchaft, die mich ausge⸗ ſtoßen hat.“ „Ich mag darüber nicht mit Euch ſtreiten, Ihr müßt ja ſelbſt wiſſen, wohin dieſe Bahn führt. Aber weshalb wollt Ihr ein Bündniß mit mir und meinem Freunde? Eure Bande iſt ſtark genug, Ihr habt unſere Hülfe nicht nöthig.“ „Ich will offen mit Euch ſprechen. Daß ich nichts umſonſt thue, wißt Ihr ſo gut, wie ich, und Ihr würdet lachen, wenn ich behaupten wollte, es ſei nicht meine Abſicht, dem Marquis irgend etwas An⸗ deres, als das Leben zu nehmen. Wohlan, ich habe keine Luſt, dieſe Beute mit meinen Genoſſen zu theilen, zudem wird es auch zur Ausführung meines Vorhabens keiner großen Macht bedürfen. Wir drei können es bequem abmachen, Ihr haltet die Diener zurück, und ich beſchäftige mich mit dem Edelmann, iſt die Bahn rein, ſo wird man Euch die Geheimniſſe des Hauſes zeigen, während ich die Erb⸗ ſchaft antrete. Was Ihr in dem Hauſe finden werdet, das darf ich jetzt noch nicht verrathen, aber ich gebe Euch die Verſicherung, daß es Euch überraſchen wird.“ „Ich errathe es ſchon.“ — 392— „Dann habe ich nichts weiter zu ſagen. Wollt Ihr das Bündniß mit mir eingehen?“ „Wann ſoll der Schlag geführt werden?“ „Das kann ich heute noch nicht beſtimmen, es hängt von beſo deren Umſtänden ab, die ſich nicht berechnen laſſen Aber ihr werdet es früh genug ſein n, um Euch darauf vorbereiten zu können.“ „Ich müßte zuvor mit Ern jeſt Rückſprache nehmen. „Es iſt beſſer, wenn Ihr 3* nicht thut. Euer Freund glaubt nicht an den Betrug, deſſen Opfer er geworden iſt.“ „So werde ich ihm die Augen öffne en, daß er nicht kann“, erwiderte Paul.„Und wenn dies geſchehen iſt, dann wird er gegen Euren Vorſchlag nichts mehr einzuwenden haben.“ „Auf Euch kann ich alſo mit Sicherhei „Unter allen Umſtänden.“⸗ „Gut, ich habe Euer Wort, das genügt mir. Auf Wiederſehen Paul blickte kopfſchüttelnd dem Jalſch hmünzer nach, der ſich mit zählen?“ fragte Dorman großen Schritten entfernte und bald darauf hinter der nächſten Ecke verſchwand, dann ſtieg er in nachdenklicher Stimmung die Treppe zu ſeiner Manſarde hinauf. Das Zimmer war behaglich durchwärmt, ein unter den obwalten den Verhältniſſen vortreffliches Frühſtück ſtand auf dem Tiſche, und die Arme Louiſon's umſchlangen den Eintretenden, deſſen umwölktes Antlitz ſich aufheiterte. Er legte die Waffen ab und leiſtete ſeinem Freunde Geſellſchaft, der mit wahrem Heißhunger die Biſſen verſchlang. „Es iſt ſeltſam, aber eine Wahrheit, daß ich niemals ſo guten Appetit gehabt habe, wie in dieſer Hungerperiode“, ſagte Erneſt, „Und Dank unſerer vortrefflichen Hausfrau finden wir ſtets einen gedeckten Tiſch.“ „Wenn's uur ſo bleibt!“ ſeufzte Louiſon. „Et, haben wir nicht noch Geld?“ erwiderte Paul lächelnd.„Haben wir nicht unſern Sold, unſere Rationen?“ „Das wohl, aber man ſagte mir, die täglichen Rationen müßten abermals verkleinert werden.“ „In Gottes Namen, Schatz, wenn die Nationalgarde anfängt zu hungern, muß die Regierung kapituliren.“ „Seid unbeſorgt“, ſagte Erneſt,„die Zuſtände müſſen ſich bald emeen. Die Deutſchen überſchütten uns mit nem Hagel von Ge⸗ bt — 893— ſchoſſen, Fort Rosny ſoll ſein Feuer ſchon eingeſtellt haben, alle An⸗ zeichen deuten darauf hin, daß es zu Ende geht. Und bis dahin haben wir noch immer ſo viel, daß wir den Hunger fern halten kön⸗ nen. Wir beſitzen noch das Tauſend⸗Francs⸗Billet, welches der Mar⸗ quis mir für den Gang nach Verſailles gab.“ „Das erinnert mich an Jean“, erwiderte Paul,„ich möchte wiſſen, ob er mit heiler Haut bei ſeinen Kameraden angekommen iſt.“ „Vielleicht gibt Euch das Auſſchluß“, ſagte Louiſon heiter, indem ſie ein kleines an Erneſt adreſſirtes Briefchen aus der Taſche zog. „An mich?“ fragte Erneſt erſtaunt.„Wer hat das Billet ge⸗ bracht?“ „Ein Landmann. Er that ſehr geheimn. Zvoll, und ich konnte nicht klug aus ihm werden. Ueberdies hatte er große Eile, er ſagte mir nur, es ſei ein Lebenszeichen von einem Freunde und er habe ſich durch die Ueberbringung deſſelben großen Gefahren ausgeſetzt, wir möchten das berückſichtigen, er rechne feſt darauf, daß wir ſchweigen und nichts verrathen würden.“ „Der Kerl war ein Spion“, brummte Paul. „Bah, was liegt daran“, ſagte Erneſt, der inzwiſchen das Billet geöffnet hatte.„Ergeben müſſen wir uns doch, ſei es heute oder morgen, Spione können uns jetzt nicht mehr ſchaden. Parbleu, das Billet iſt wirklich von Jean.“ „Und was ſchreibt er?“¹ „Gebt Acht.—„Der Deubel ſoll Euch holen, wenn Ihr nun nicht bald mit der ganzen Schweinerei ein Ende macht. Denkt Ihr denn, wir liegen hier zum Vergnügen? Verloren ſeid Ihr ſo wie ſo, und die Prügel habt Ihr auch weg, hier und überall, wo nur die rothen Hoſen ſich zeigen. Was wollt Ihr nun noch? Verhungern? Na, wenn Ihr ſo verrückt ſeid, muß man Euch den Willen laſſen, aber mit jedem Tage ruinirt Ihr Euch mehr. Was mich betrifft, ſo bin ich damals mit einem blauen Auge durchgekommen. Einer von Euren Poſten merkte den Braten, er wollte mir in aller Gemüths⸗ ruhe das Bajonnet zwiſchen die Rippen ſtoßen, aber ich gab ihm Eins mit der Säbelklinge über ſein holdes, ungewaſchenes Geſicht, daß er wahrſcheinlich genug daran gehabt hat. An Kugeln hat's nachdem nicht gefehlt, ſie pfiffen an mir vorbei, wie die Hagelſchloſſen, nur eine traf, ſie riß mir einen Lappen Fleiſch aus dem Arme, aber der Arm iſt jetzt wieder geflickt. Beim Einzug ſehen wir uns wie⸗ —⸗—ꝛ—x—xxx——ꝛ—Y—x—P— 1 891— der, verlaßt Euch darauf, wir kommen, wenn Ihr auch keine Freude daran habt. Adieu, bis über ein Kleines.” „Die haben noch immer guten Muth!“ ſeufzte Louiſon.„Und da will man behaupten, im preußiſchen Lager ließ Alles den Kopf hän⸗ gen, und eine Meuterei drohe auszubrechen.“ „Lügen!“ erwiderte Erneſt.„Das iſt ja unſer ganzes Unglück, daß man mit ſolchen erbärmlichen Lügen die Maſſen immer wieder aufhetzt!“ „Aber der Einzug könnte ihnen doch verſalzen werden!“ brummte Paul ärgerlich. „Ah bah, wenn die Pariſer dieſe Soldaten, dieſe ſtrammen Ba⸗ taillone ſehen, werden ſie Reſpect bekommen.“ „Ich weiß nicht, was es geben ſoll“, ſagte Louiſon niedergeſchla gen.„Ich will mich nicht beklagen, wir haben ja bisher immer noch genug gehabt, um unſern Hunger zu ſtillen, aber wenn ich an die Armen denke, wenn ich die Särge zähle, die ſtündlich hinausgebracht werden, und wenn ich höre, welche Preiſe in den Markthallen gefor⸗ dert werden, dann ergreift es mich manchmal, wie die Verzweiflung des Wahnſinns. Elephantenfleiſch zwanzig Francs das Pfund, Bären⸗ fleiſch fünfzehn Francs—“ „He, wir begnügen uns ja mit Pferdefleiſch!“ fiel Paul ſcherzend ihr in's Wort. „Jawohl, aber das Pfund Pferdekopf koſtet acht Francs, ein Scheffel Kartoffeln fünfzig Francs, eine Büchſe Bohnen acht Francs, in Rabe ſechs Francs, eine Katze fünfzehn Francs, ein welſches Huhn zweihundert Francs, ein Pfund Speck zweiundzwanzig Francs, ein Kaninchen ſechszig Francs, eine Gans hundertundfünfundſiebenzig Francs, eine Taube vierzehn Francs, eine Ratte drei Francs, das Pfund Hundefleiſch vier Francs—“ „Und ſo weiter!“ lachte Erneſt.„Das iſt eine reiche Leute, nicht aber für uns.“ „m, was macht die alte Hexe, die Leroi?“ fragte Paul. „Sie ſcheint ſich von dem ſchweren Schlage raſch wieder erholt zu haben“, entgegnete Louiſon.„Sie iſt jetzt wieder ſo biſſig, wie früher, Madame Gourdin beſucht ſie ſehr häufig, und es iſt keines falls etwas Gutes, worüber ſie berathen.“ „Aber wovon lebt ſie?“ 98 Preisliſte für „Das weiß ich nicht. Ich glaube, ſie erhält Nationen, ſie geht — 895— jeden Tag zum Maire. Vielleicht wird ſie auch von der Fran Gourdin unterſtützt, wenn ſie Mangel litte, würde ſie wohl ihren Raben ge⸗ ſchlachtet haben, das ſchwarze Thier hockt ihr noch immer auf der Schulter.“ „Das erinnert mich an Dorman“, wandte Erneſt ſich zu ſeinem Freunde.„Was wollte er?“ „Dich warnen!“ „Natürlich vor dem Marquis.“ „So iſt es. Dorman haßt ihn auch—“. „Und dieſem Haß entſpringen die Verleumdungen. Ich wollte, man verſchonte mich damit, ich habe mich nun in das Unabänderliche gefunden, weshalb ſollen die halb vernarbten Wunden immer wieder aufgeriſſen werden?“ „So denkſt Du gar nicht mehr an die Möglichkeit eines Be⸗ trugs?“ fragte Paul. „Nein.“ „Die Maske des Edelmannes hat Dich geblendet, Du wirſt er⸗ ſchrecken, wenn Du hinter ſie ſchauſt.“ Erneſt zuckte die Achſeln. „Ich weiß ja, daß ſich über dieſen Punkt mit Dir nicht ſtreiten läßt“, ſagte er verſtimmt.„Du trauſt eben keinem Menſchen und ver⸗ bitterſt dadurch nur Dir ſelbſt das Leben. Aber trotz alledem be⸗ greife ich nicht, wie Du auf die Verleumdungen eines Dorman Werth legen kannſt.“ „Weil ich in ſeinen Mittheilungen keine Verleumdungen, ſondern Wahrheit finde.“ „Ah, bah, dieſer Galeerenſträfling will uns nur für ſeine Zwecke benutzen, das iſt Alles. Er thut nichts ohne beſonderes Intereſſe, und ganz abgeſehen hiervon, ſchon die Berührung mit ihm ſchändet einen unbeſcholtenen Mann.“ „Und wenn der Fall nun umgekehrt wäre? Wenn wir ihn als Werkzeug benutzten?“ Erneſt ſchüttelte den Kopf und warf dem Freunde einen vorwurſs⸗ vollen Blick zu. „Ich errathe den Sinn Deiner Frage“, ſagte er,„aber ich werde das nimmer zugeben. Mir iſt der Marquis ein Freund geweſen, wenn ich auch im Anfange manche Feindſeligkeiten von ihm erdulden mußte.“ ——— — ————— — 896— „Haben Dich auch die Mittheilungen der Leroi nicht belehrt?“ „Brechen wir ab“, erwiderte Erneſt,„Du kennſt meine Anſichten, ich werde ſie nicht ändern.“ Er hatte ſich erhoben und war in's Nebenzimmer gegangen, um ſich auf ſein Lager zu werfen und den erſchöpften Körper auszuruhen. Louiſon ging jetzt auch in ihre Manſarde, weil Paul ebenfalls der Ruhe bedurfte. Es war bitterkalt in dem Raume, der geringe Vorrath von Brenn⸗ material reichte ja kaum hin, die gemeinſame Wohnſtube zu erwärmen, an ihr eigenes Zimmer durfte Louiſon nicht denken. Aber ſie wußte, daß Paul keine Ruhe fand, wenn ſie bei ihm in der Wohnſtube blieb, und die Ruhe that ihm ſo ſehr Noth. Sie trat an's Fenſter und verſuchte die dicken Eisblumen mit ihrem Athem zu ſchmelzen, aber das war vergebliche Mühe, der Hauch frierte in dem ſchneidenden Froſt, ſobald er das Eis berührt Indeß, es war doch eine Beſchäftigung, und Louiſon dobie ſie un⸗ ermüdlich fort, als ein Geräuſch ſie bewog, ſich umzublicken. In einen dicken Mantel gehüllt, ſtand Juſtine vor ihr. „Still“, flüſterte das Mädchen,„man darf nicht erfahren, daß ich hier bin, die Leroi würde mich zerreißen.“ „Und was führt Sie zu mir?“ fragte Louiſon überraſcht. „Nur der Wunſch, Ihnen einen Dienſt zu leiſten.“ „Ich verzichte darauf, Mademoiſelle. Ich meine, es müſſe Ihnen doch klar geworden ſein, daß zwiſchen mir und der Geliebten eines Raubmörders keine Beziehungen mehr ſtattfinden können.““ Juſtine ſchien dieſen Empfang erwartet zu haben, ſie zuckte lächelnd die Achſeln. „Wie raſch ein ſolches Kind doch urtheilt“, ſagte ſie ironiſch. „Die Geliebte eines Raubmörders!“ „Sind Sie es nicht?“ „Bitte, ſprechen Sie nicht ſo laut. In Ihren Augen bin ich es natürlich, denn Sie blicken nicht weiter, wie Ihr Horizont reicht. Sie geben ſich ja nicht die Mühe, zu erforſchen, was mich hätte ver⸗ anlaſſen können, jenem Menſchen zu folgen.“ „Als ob ich darüber nur den mindeſten Zweifel hegen könnte!“ erwiderte Louiſon verächtlich.„Der Verbrecher zeigte Ihnen Gold und Sie—“ „Und ich erinnerte mich, daß dieſer Verbrecher Ihren Vater be⸗ — 897— raubt hat“, unterbrach Juſtine ſie ernſt.„Natürlich konnte ich Sie in jenem Augenblick nicht darauf aufmerkſam machen, Ihnen meine Abſichten nicht auseinanderſetzen. Ich werde das auch jetzt nicht thun, wenigſtens nicht an dieſem Orte, denn erſtens iſt der Aufenthalt hier nicht angenehm zu nennen, und zweitens würde ich mich der Gefahr einer Begegnung mit der alten Hexe ausſetzen. Aber wenn Sie mich beſuchen wollen, ſo werde ich Ihnen ſagen, was ich für Sie gethan habe, und welchen Weg Sie einſchlagen müſſen, um dem Verbrecher den Raub zu entreißen.“ „Ich trage kein Verlangen danach.“ „Sie kennen die Größe Ihres Verluſtes nicht, Louiſon, das Geld würde hinreichen—“ „Ich wiederhole Ihnen, daß ich kein Verlangen danach trage!“ „Auch dann nicht, wenn es Sie nur einen Gang koſtet, um das verlorene Erbe zurück zu erhalten? Sie dürfen nicht an ſich allein denken, Sie müſſen auch auf Ihren Verlobten Rückſicht nehmen, er könnte mit dem Geld ſich etabliren.“ „Gut, ich werde es ihm mittheilen.“ „Thün Sie das nicht, Sie würden Alles dadurch perderben. Sein leidenſchaftlicher Jähzorn würde ihn zu übereilten S nien verleiten, vielleicht auch ſchlüge er das Geld aus, kurz es iſt beſſer, wenn er, nichts erfährt. Sie kommen zu mir, ich zeige Ihnen den Ort, an welchem Sie das Gold und die Werthpapiere finden, Sie nehmen Ihr Erbe mit und übergeben es ſpäter, nach der Trauung, Ihrem Gatten, der alsdann Ihnen ſehr dankbar für Ihre Umſicht und Energie ſein wird.“ Louiſon war doch nachdenklich geworden, die Ruhe und Sicherheit Juſtinens imponirten ihr, ſie ſand in ihren Erklärungen Manches, was Eindruck auf ſie machte. Auch die Warnung vor dem leidenſchaftlichen Temperament Paul's mußte ſie begründet finden, während auf der andern Seite der Nutzen des Geldes einleuchtete. Sie konnte ihrem Verlobten die Mittel verſchaffen, ſelbſtſtändig zu werden, ſie nahm dadurch eine große Laſt von Mühen und Sorgen von ihm, er mußte ihr dafür danken und ſich um ſo feſter an ſie gekettet fühlen. „Wollen Sie den Schritt wagen?“ fragte Juſtine nach einer Pauſe.„Ich finde zwar durchaus kein Wagniß darin, aber es wäre möglich, daß Sie Gefahren erblickten, die keineswegs vorhanden ſind.“ 82 57 ι 1— 898— „Ich werde kommen“, ſagte Louiſon. „Heute Abend?“ „Wenn Sie es wünſchen—“ „Je eher, deſto beſſer. Sie begreifen, daß ein Mann wie Dor⸗ man ſich nicht lange täuſchen läßt, wenn er meine Abſichten erriethe, wäre ich verloren.“ „Alſo wohnen Sie noch immer bei ihm?“ „Ja, aber er iſt ſelten daheim. Heute Abend treffen Sie ihn nicht bei mir; er geht nach dem Diner fort und kommt erſt am an⸗ dern Morgen heim. Sie wiſſen ja, wo ich wohne? Bei Jenny, Rue Richelien achtundzwanzig, Jenny verabſcheut den Verbrecher auch, wir werden die Wohnung verlaſſen, ſobald unſere Aufgabe gelöſt iſt.“ „Wohlan, ich werde kommen“, erwiderte Louiſon, die jetzt ihren Entſchluß gefaßt hatte. „Und Sie werden Ihrem Verlobten nichts verrathen?“ „Nein, ich ſehe ein, daß Sie Recht haben.“ „Gut, dann werden wir unſeren Zweck ohne irgendwelche Schwie⸗ rigkeit erreichen. In einer Stunde kann die Sache geordnet ſein, kommen Sie gegen acht Uhr, dann hat Dorman jedenfalls das Haus verlaſſen. Alſo auf Wiederſehen, es iſt hier wirklich zu kalt, als daß man lange hier verweilen könnte.“ Sie nickte dem Mädchen noch einmal zu und ging dann haſtig hinaus. Louiſon blieb eine Weile in Nachdenken verſunken, es tauchten nun doch wieder Zweifel auf, ſie erinnerte ſich ſo manches früheren Ereig⸗ niſſes, welches ſie vor dieſer Dirne warnte. Aber ſie unterdrückte das Mißtrauen und beſchloß, das abgegebene Verſprechen einzulöſen, die Hinterlaſſenſchaft ihres Vaters war zu be⸗ trächtlich, als daß man dieſe Gelegenheit, dem Verbrecher den Raub zu entreißen, hätte unbenutzt laſſen dürfen. Sie kehrte in das Wohnzimmer zurück, ſie fand Paul in raſt⸗ loſem Auf⸗ und Niederwandern begriffen. Er ſchien verſtimmt zu ſein, auf eine Frage, die ſie an ihn richtete, erhielt ſie keine Antwort, und als ſie ein Geſpräch anknüpfen wollte, gab er ihr durch eine Geberde zu verſtehen, daß es ihm angenehmer ſei, wenn ſie ihn ſeinen Gedanken überlaſſe. Die Schatten des Abends ſenkten ſich ſchon nieder, als Erneſt aus dem Nebenzimmer eintrat. „He, was nun?“ fragte er in heiterm Tone.„Dienſt haben wir — 899— heute nicht mehr, ich denke, wir brauen eine Bowle Glühwein und vertreiben uns die Zeit, ſo gut es geht.“* „Es iſt auch wirklich zu kalt, um auszugehen“, erwiderte Louiſon. „Und dennoch müſſen wir Beide einen Ausgang machen“, wandte Paul ſich zu ſeinem Freunde. „Wohin?“ „Ich werde es Dir unterwegs ſagen.“ „Den Zweck könnteſt Du mir ſchon jetzt nennen.“ „Wozu? Ich möchte Dir eine Ueberraſchung bereiten.“ „Eine angenehme Ueberraſchung?“ „Vielleicht.“ „Wie geheimnißvoll?“ ſagte Louiſon.„Wenn ich dieſes Geheim⸗ niß nicht erfahren darf—“ „Es iſt kein Geheimniß“, unterbrach Paul ſie ruhig,„aber Ihr kennt mich ja und wißt, daß ich nicht gerne einen Plan enthülle, ſo lange er noch nicht ganz reif iſt. Komm, Erneſt, wir müſſen uns beeilen.“ Erneſt nahm ohne ein Wort zu verlieren, ſein Käppi und ſchnallte ſeinen Säbel um. „Werdet Ihr bald zurückkehren?“ fragte Louiſon. „Schwerlich“, antwortete Paul,„aber ängſtige Dich deshalb nicht, wir machen keinen gefährlichen Gang.“ Die Freunde verließen das Haus, Paul ſchritt den Boulevard de Belleville hinunter. Die Boulevards von Belleville, la Vilette und Menilmontant waren ſehr wenig belebt. Sie zeigten nicht im Entfernteſten den Glanz und die Pracht der übrigen Boulevards, es waren eben nur breite mit Bäumen bepflanzte Straßen, an deren Seiten Arbeiter⸗ Schenken, kleine Läden und kaſernenartige Gebäude lagen, ſchon die Anſauberkeit dieſer Straßen hielt die Spaziergänger fern. Und an dem heutigen Tage waren dieſe Boulevards überaus ein⸗ ſam. Die Nationalgarden⸗Bataillone aus dieſen Stadtvierteln be⸗ fanden ſich zum größeren Theil auf den Wällen, die Vagabunden, Bettler und das übrige Geſindel, welches ſonſt dieſe Gegend bevöl⸗ kerte, ging im Innern der Stadt ſeinen dunklen Geſchäften nach. Nur ſelten begegnete man einigen zerlumpten Weibern, die aus dem Herzen der Stadt zurückkehrten, einem Trupp berauſchter Sol⸗ daten, oder einer Schaar boshafter Gamins. 57* — 900— Die ſchneidende Kälte und die aufs Höchſte geſtiegene Noth hatte die Straßen entvölkert, der wahnſinnige Rauſch war zum größten Theil verflogen, man begann aus dieſem Taumel zu erwachen und das Ende der Schreckniſſe herbei zu ſehnen. Nur dann, wenn die Rede auf die Preußen kam, flammte der alte, leidenſchaftliche Haß gewaltig wieder auf, und wer nur die Möglichkeit erwähnte, daß die Preußen als Sieger in die Stadt ein⸗ marſchiren könnten, ſah ſich Todesgefahren ausgeſetzt. Man wünſchte das Ende, man hatte ſich mit dem Gedanken an die Abtretung des Elſaſſes und eine bedeutende Kriegsentſchädigung ſchon vertraut gemacht, aber die Preußen ſollten nicht wagen, das ge⸗ heiligte Pflaſter von Paris zu betreten. Erneſt mußte unwillkürlich lachen, als ihm aus einer Rotte zer⸗ lumpter Gamins der Ruf:„Nieder mit den Preußen!“ entgegen⸗ ſchallte; einer dieſer frechen Schlingel trat auf ihn zu und die Ka⸗ meraden deſſelben machten ſchon Miene, über die beiden National⸗ gardiſten herzufallen, aber einige wuchtige Maulſchellen trieben ſie in die Flucht. „Eine ſchöne Sorte!“ ſagte Erneſt verächtlich.„Der Himmel ſchütze uns vor dieſer Kanaille, wenn ſie die Knabenſchuhe ausge⸗ treten hat.“ „Vielleicht wären wir in ihrem Alter nicht beſſer geweſen wie ſie, wenn wir eine ſolche Zeit durchlebt hätten“, erwiderte Paul,„man wird auch dieſe zahm machen, wenn ſie zu wild werden.“ „Und dieſes Geſindel verlangt die Commune!“ warf Erneſt erbit⸗ tert ein.„Ich fürchte, wir haben das Schlimmſte noch nicht erlebt, die Herrſchaft der Commune wird den Schrecken die Krone aufſetzen.“ „Die Herrſchaft der Commune wird uns geben, was uns gebührt, meine Herren“, ſagte eine rauhe Stimme hinter den Freunden,„ſie wird uns unſere Rechte verſchaffen.“ Erneſt wandte ſich um, vor ihm ſtand ein kleiner, buckliger Mann, deſſen ganze äußere Erſcheinung den Vagabund verrieth. „Krieg den Paläſten, Friede den Hütten!“ fuhr dieſer Vagabund mit theatraliſchem Pathos fort.„Freiheit, Gleichheit und Brüder⸗ lichkeit! Krieg den Bourgeois, die uns um unſern ſauren Schweiß betrogen haben, nieder mit den Paläſten, zu deren Bau wir die Steine fahren mußten.“ „Und was dann?“ fragte Erneſt ſpöttiſch. — 901— „Das Kapital wird getheilt, wir werden ſtill und friedlich in un⸗ ſern Hütten leben.“ „Und wer gibt uns Arbeit?“. „Wir ſelbſt.“ „Ah, und wer zahlt uns den Lohn?“¹ „He, mein Herr, werden wir keine Kleider, Möbel und Nahrungs⸗ mittel nöthig haben?“ fuhr der Vagabund auf.„Wer arbeiten will, wird lohnende Arbeit finden. Aber wir haben dann keine Prieſter, keine Mönche und Nonnen mehr, die wir mäſten müſſen, wir haben keine Armee mehr, die uns den letzten Blutstropfen ausſaugt. Das Volk wird die Armee ſein, und dieſer Koloß wird ſich erheben und Deutſchland vernichten.“. „Ihr habt ſonderbare Begriffe“, ſagte Erneſt achſelzuckend. „Ich habe einen klaren und ſcharfen Blick, mein Herr, ich will das Uebel mit der Wurzel ausreißen, es nutzt nichts, daß man Unkraut beſchneiden will. Die Paläſte müſſen ſtürzen, wenn kein Feuer vom Himmel niederregnet, dann haben wir Petroleum und Pulver, wir werden Zündfäden von Palaſt zu Palaſt legen, wir werden ganze Stadtviertel unterminiren und in einer einzigen Minute Alles in die Luft ſprengen. Die Flammen müſſen an allen Ecken zugleich auf⸗ lodern— fort mit dem Luxus, wir wollen ihn nicht, denn er ent⸗ nervt die Männer und führt die Frauen auf die Bahn der Schande. Und es müſſen Ströme von Blut fließen. Die ſich von unſerm Schweiß gemäſtet haben, ſollen ſich nun in ihrem eigenen Blute ba⸗ den, ſie müſſen Alle vom Erdboden vertilgt werden!“ „Den Teufel auch!“ rief Paul.„Seid Ihr verrückt, oder be⸗ trunken?“ „Gottes Tod, fragt Ihr das einen Patrioten?“ ſchrie der Vaga⸗ bund gereizt.„Ah, Ihr ſeid nicht fähig, die erhabenen Ideen zu be⸗ greifen, mit denen wir die Menſchheit beglücken wollen. Allüberall ſoll das Proletariat ſich erheben und den Krieg gegen die Paläſte beginnen, Brüſſel, London, Wien und Berlin müſſen zerſtört werden, nur die Hütten der Arbeiter ſollen ſtehen bleiben.“ „Nur immer zu!“ ſpottete Erneſt,„Ihr wäret der richtige Ar⸗ beiter⸗Dictator.“ „Ja, das wäre ich!“ rief der Vagabund.„Ich fühle den Meſſias der Arbeiter in mir, ich will ſie reich und glücklich machen, ſie in alle Rechte und Würden der Menſchheit wieder einſetzen. Sie ſollen — 90⁰02— nicht mehr die Sklaven der Bourgeois ſein, Recht und Gerechtigkeit ſoll ihnen werden, und die, welche bisher herrſchten, ſollen nun Frohn⸗ dienſte thun.“ „Und wenn die getheilten Kapitalien vergendet ſind?“ „Geld bleibt Geld, es kann nicht vom Erdboden verſchwinden. Wir werden alle zehn Jahre eine neue Theilung vornehmen, Jeder ſoll arbeiten und die Arbeit ſoll dem Ganzen zu gute kommen.“ „Und was geſchieht mit dem, der nicht arbeiten will?“ „Der wird geköpft.“ „Wahrhaftig, kurz und bündig!“ lachte Paul, deſſen Zorn bereits verraucht war.„Na, da kann die Gutlllotine ja in Permanenz blei⸗ ben, bis zuletzt nur noch der Henker übrig iſt.“ „Der ſich dann wohl ſo entſetzlich langweilen wird, daß er ſelbſt ſeinen Kopf unter das Beil legt“, fügte Erneſt hinzu. „Spottet nur“, knirſchte der Vagabund,„wenn ich erſt am Ruder bin, werdet Ihr den Spott bereuen.“ „Erbärmliches Subjekt!“ ſagte Paul, indem er dem Buckligen die Fauſt unter die Naſe hielt.„Jetzt iſt es des Unſinns genug, geht heim und ſchlaft Euren Rauſch aus.“ Der Vagabund ſchleuderte ihm einen Blick des glühendſten Haſſes zu, aber er wagte doch nicht, dem herkuliſchen Manne zu trotzen, der ihn mit einem einzigen Schlage niederſchmettern konnte, er ſchritt auf die andere Seite der Straße hinüber und war nicht lange darauf den Blicken der Beiden entſchwunden. „Da hörſt Du, was wir zu erwarten haben, wenn dieſe Kanaille ſich im Höôtel de Ville feſtſetzt“, ſagte Erneſt.„Mord, Brandſtiftung und Plünderung, die Burſchen freuen ſich ordentlich darauf, im Blute waten zu können.“ „Und vergiß dabei nicht, daß Dein Marquis an ihrer Spitze ſteht“, erwiderte Paul mit einem lauernden Seitenblick. „An der Spitze dieſes Geſindels? Das iſt Verleumdung!“ „Er ſelbſt hat es uns geſagt.“ „Daß er die Commune wolle, es iſt wahr, aber dieſe Mordbren⸗ nereien wird er niemals zugeben.“ „Wenn ein Brandſtifter eine alte Scheune anzündet in der Ab⸗ ſicht, nur dieſe Baracke niederzubrennen, und der Brand äſchert das ganze Dorf ein—“ „Das iſt ein ſchlechter Vergleich.“ — 903— „Gut, ich werde ihn ſpäter wiederholen.“ „Der Marquis hegt die edelſten Abſichten“, ſagte Erneſt,„er will die Arbeiter glücklich ſehen, er ſetzt Alles, ſein eigenes Vermögen, ja ſein Leben für dieſe Idee ein—“ „Und iſt dabei doch nichts weiter, als ein ſchlauer und erbärm⸗ licher Komödiant!“ „Paul!“ „Ah, ich vergaß, daß er Dein beſter Freund iſt.“ Erneſt warf dem Freunde einen zürnenden Blick zu, dieſe unaus⸗ geſetzte Oppoſition mußte ihn erbittern. „Wohin führſt Du mich?“ fragte er nach einer Pauſe. „Wir ſind bald zur Stelle.“ „Wenn ich nicht irre, befinden wir uns in der Nähe des Pere Lachaiſe.“ „Ganz recht.“ „Und was ſoll ich dort?“ „Eine Entdeckung machen.“ „Sei ſo gut und drücke Dich deutlicher aus, ich bin kein Freund von dunklen Räthſeln.“ „Wohlan, wir werden uns überzeugen, ob die Beerdigung Deiner Geliebten eine Komödie war, oder nicht.“ „Biſt Du von Sinnen?“ rief Erneſt entſetzt. „Ich war nie vernünftiger, wie jetzt.“ „Du willſt die Leiche ausgraben laſſen?“ „Nur den Sarg, Erneſt.“ „Nimmermehr! Das gebe ich nicht zu.“ „So werde ich's auf meine alleinige Verantwortung thun.“ „Ich werde es verhindern“, rief Erneſt mit wachſender Erregung. „Ich werde nicht dulden, daß ihre Ruheſtätte entweiht wird, nein, nicht für alle Schätze der Erde!“ Paul war vor einem kleinen Hauſe ſtehen geblieben, es war die Wohnung des Todtengräbers. „Man ſagt, wer ſich nicht rathen laſſe, dem ſei auch nicht zu helfen“, verſetzte er,„aber ich will Dir helfen, ſelbſt gegen Deinen Willen. Von einer Entweihung des Grabes kann keine Rede ſein, finden wir eine Leiche, ſo werden wir ſie nicht berühren, im andern Falle hingegen— na, wir werden ja ſehen.“ Er ging nach dieſen Worten raſch in das Haus, Erneſt folgte — 904— ihm, noch immer entſchloſſen, das Vorhaben des Freundes zu ver⸗ hindern. In der Wohnſtube war nur der Todtengräber, draußen auf dem Kirchhofe arbeiteten die Knechte noch beim Fackelſchein. „Parbleu, Ihr ſeid einer von den Glücklichen, die jetzt noch ein ſchönes Stück Geld verdienen“, ſagte Paul, als er vor dem alten Manne ſtand,„man könnte Euch wahrhaftig beneiden.“ „Wollt Ihr mein trauriges Amt übernehmen?“ fragte der Alte. „Angenehm iſt es nicht, bei ſolchem Wetter Tag und Nacht arbeiten zu müſſen.“ „Hm, wenn die Arbeit etwas einbringt—“ „Iſt auch nicht der Rede werth“, brummte der Todtengräber, die Armen ſterben wie die Fliegen, aber die Reichen wiſſen ſich vor dem Tod zu ſchützen.“ „Na, die Gebühren müſſen doch bezahlt werden.“ „Davon kann man bei den theuren Zeiten nicht fett werden.“ „Iſt die Sterblichkeit wirklich ſo groß?“ fragte Erneſt. „Ueber dreitauſend Perſonen in jeder Woche.“ „Entſetzlich. Und alle dieſe nur an Seuchen—“ „Hunger und Epidemie, die Soldaten, welche ihren Wunden erle gen ſind, werden beſonders gezählt, und was draußen vor den Thoren eingeſcharrt wird, das entzieht ſich jeder Berechnung. Wir haben große Maſſengräber ausgeworfen, da hinein kommen alle Leichen, für die kein eigenes Grab bezahlt wird, und wenn die Grube voll iſt, dann decken wir ſie zu.“ „In Wahrheit ein trauriges Amt!“ ſagte Erneſt.„Ich glaubte nicht, daß das Elend ſchon ſo groß ſei.“ „O, es iſt größer, als man ahnt“, erwiderte der Alte, indem er ſeine Tabakspfeife anzündete,„aber es kümmern ſich Wenige darum. Was wollt Ihr bei mir?“ „Eine Leiche ausgraben laſſen“, ſagte Paul. „Und ich wiederhole Dir, daß ich es nicht dulde“, fuhr Erneſt heftig auf. „Du mußt. Dieſer brave Mann wird den Sarg herausholen—“ „Das werde ich nicht thun“, fiel der Alte ihm in's Wort.“ „Und weshalb nicht?“ „Weil das Geſetz es verbietet!“ „Bah, was gilt heute das Geſetz?“ — 905— „Ich habe nicht gehört, daß es ſchon außer Kraft ſei. Bringt mir einen richterlichen Befehl, ſo werde ich ſehen, was ſich thun läßt.“ „Wir werden die Gebühren zahlen.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt, umſonſt thue ich es wahrhaftig nicht.“ „Wozu das Alles?“ fragte Erneſt vorwurfsvoll.„Es iſt mir nicht möglich, Dein Vorhaben zu billigen.“ „Weil Du ein Kind biſt, das man gegen ſeinen Willen zwingen muß“, erwiderte Paul.„Hier ſind alle Möglichkeiten vorhanden. Marie kann ermordet worden ſein, es iſt möglich, daß der Sarg leer iſt, wir müſſen eben alle Fälle in's Auge faſſen, und wenn Du auch keine Gründe zu einem Verdacht finden kannſt, ſo habe ich ſie doch gefunden, und ſür mich ſind ſie überzeugend.“ „Was nutzt Euch das Alles?“ ſagte der Alte gelaſſen.„Ohne richterlichen Befehl öffne ich das Grab nicht. Wann iſt überhaupt die Leiche gebracht worden?“ „Am dreißigſten November.“ Der Todtengräber öffnete ſein Buch und blätterte darin. „Der Name?“ fragte er. „Marie Reimann.“ Sichtbar überraſcht blickte der alte Mann auf. „Das iſt merkwürdig“, ſagte er.„Es war ſchon vor Euch Je⸗ mand hier, der die Ausgrabung verlangte.“ „Wer?“ fragte Erneſt erregt. „O, ein ſehr vornehmer Herr.“ „Der Marquis von Chateaurouge, nicht wahr?“ warf Paul ein. „Seinen Namen hat er nicht genannt. Aber er zeigte mir den Beſitztitel des Grabes, der Schein war in Ordnung.“ „Dann kann es nur der Marquis geweſen ſein, denn er hat das Grab gekauft“, ſagte Erneſt mit mühſam erzwungener Ruhe. „Aber aus welchem Grunde verlangte er die Ausgrabung?“ „Er wollte das Grab anderweitig benutzen.“ „Und die Leiche?“ „Der Sarg ſollte in ein Maſſengrab geworfen werden.“ „Gottes Tod, Mann redet Ihr die Wahrheit?“ fuhr Erneſt auf. „Weshalb ſollte ich Euch belügen?“ „Geht Dir nun ein Licht auf?“ fragte Paul.„Ahnſt Du nun, weshalb ich ſo hartnäckig an meinem Verdacht feſthalte. Was habt Ihr dem Herrn erwidert?“ ——— — 906— „Daſſelbe, was ich Euch erklärte.“ „Und bot er Euch nicht eine hohe Belohnung?“ „Direct nicht, aber er ließ durchblicken, daß er meine Forderung erwarte.“ „Es iſt eine Infamie!“ rief Erneſt, der ſich nicht mehr bezwingen konnte.„Will er auch im Tode noch ſeinen Groll gegen das Mädchen auslaſſen?“ „Das iſt ſein Beweggrund nicht“, erwiderte Paul,„man muß die Sache von einer andern Seite betrachten. Du weißt, daß er mir nach dem Leben trachtete, weil ich ihn einen Komödianten nannte, weil er meinen Einfluß auf Dich fürchtete. Sein Plan gelang nicht, er mußte befürchten, daß ich den Schritt thun werde, zu dem ich heute mich nach langem Nachdenken entſchloß. Dem wollte er vorbeugen, in dem Maſſengrabe verſchwand die Leiche ſpurlos, ſie konnte nie wieder ausgegraben werden, und die Entdeckung des Verbrechens war mit dieſem Verſchwinden unmöglich geworden.“ „Jetzt will ich Gewißheit haben“, ſagte Erneſt, der in ſeiner Er⸗ regung die Worte des Freundes nur halb verſtanden hatte,„hier iſt ein Verbrechen verübt worden, ich will es erforſchen.“ „Sehr gut“, nickte Paul,„nun ſprichſt Du wieder vernünftig. „Wann war der vornehme Herr hier?“ „Geſtern.“. „Und er beruhigte ſich mit Eurer Erklärung?“ „Bewahre, er antwortete mir, er werde mir die richterliche Er⸗ laubniß bringen.“ „Alſo iſt keine Zeit zu verlieren“, ſagte, Paul,„dem reichen Herrn iſt es ein Kinderſpiel, ſich die Erlaubniß zu verſchaffen, die man uns verweigern würde. Braver Mann, Ihr müßt uns beiſtehen.“ „Ich darf es nicht.“ „Aber es handelt ſich um die Entdeckung eines Verbrechens.“ „Dann muß ein Richter und die Polizei hinzugezogen werden.“ „Das hält zu lange auf“, ſagte Erneſt ungeduldig.„Wir geloben Euch das tiefſte Schweigen.“ „Ich bin auf meinen Eid verpflichtet.“ „Hilf Dir ſelbſt, ſo hilft Dir Gott“, erwiderte Paul.„Was iſt da zu bedenken? Werdet Ihr uns in den Weg treten, wenn wir ohne Eure Erlaubniß die Arbeit unternehmen?“ „Ich muß es.“ errn uns — 907— „Dann ſchlagen wir Euch nieder“, ſagte Paul in entſchloſſenem Tone.„Wir fürchten weder Euch, noch Eure Knechte, im Nothfalle kommen wir an der Spitze eines ganzen Bataillons.“ Der Todtengräber ſchüttelte mißbilligend ſein graues Haupt, ſeine Stirne zog ſich in Falten.“ „Ich begreife die Gründe, die Euch mit ſolcher Gewalt nöthigen, Euren Entſchluß auszuführen“, erwiderte er,„Ihr bringt mich dadurch in die peinlichſte Lage. Ich verſpreche Euch, daß ich Euch rufen laſſen will, wenn jener Herr mir die richterliche Erlaubniß bringt, dann ſeid Ihr ja bei der Ausgrabung zugegen, und nichts wird Euch hindern können, das Verbrechen zu erforſchen.“ „Und wenn dieſer Herr kommt, während wir draußen auf Wache, oder im Gefecht ſind?“ fragte Erneſt.— „Dann muß er warten.“ „Als ob Ihr einem ſolchen Herrn Vorſchriften machen könntet!“ „Ich werde ihm ſagen, daß ich keine Zeit habe.“ „Gut, dann ruft er Eure Knechte.“ „Sie ſind auch beſchäftigt.“ „Er holt Arbeiter von der Straße.“ „Das darf er nicht.“ „Was fragt er danach! Und ſelbſt, wenn wir zugegen wären, würden wir unſern Zweck nicht erreichen. Er wäre gewarnt, und ſolchem Herrn ſtehen unzählige Mittel zu Gebote, einen armen Teufel unſchädlich zu machen.“ „So iſt es“, beſtätigte Erneſt,„und wenn Ihr uns nicht helfen wollt, dann müſſen wir uns ſelbſt helfen.“ „Der Gewalt kann ich nichts entgegenſetzen“, entgegnete der Alte achſelzuckend. „Alſo werdet Ihr uns nicht hindern?“ fragte Paul. „Das kommt auf die Umſtände an.“ „Weberdies iſt es Nacht, Ihr werdet nichts ſehen.“ „Und Ihr öffnet vielleicht ein anderes Grab—“ „Nein“, ſagte Erneſt haſtig,„ich bin meiner Sache ſicher.“ Die Freunde eilten hinaus, Erneſt rannte zum Eingange des Kirchhofes und verfolgte von dort aus den Weg, auf dem er damals den Sarg begleitet hatte. Die Dämmerung erlaubte noch immer, die einzelnen Gegenſtände — 908— zu unterſcheiden, die Monumente und einige Baumgruppen gaben dem Suchenden die nöthigen Anhaltspunkte. Während Erneſt ſeinen Weg fortſetzte, ſah Paul ſich nach den Werkzeugen um, er fand neben einem offenen Grabe eine Spitzhacke und zwei Schaufeln, die er mitnahm. Endlich blieb Erneſt vor einem friſchen Grabhügel ſtehen. „Hier iſt die Stelle“, ſagte er. „Und Du biſt Deiner Sache ganz ſicher?“ QꝘ 11 „Jad. „Wohlan, an's Werk.“ Paul nahm die Hacke und hieb mächtig in die harte, feſtgefrorene Erde, während Erneſt ebenſo emſig die Schaufel handhabte. In der Ferne loderten die Fackeln, bei derem unſichern Schein die Knechte arbeiteten, und von Zeit zu Zeit hörte man das Rollen der Todtenwagen, die immer neue Opfer brachten. Ein Hügel von ſchwarzen, roh gezimmerten Särgen thürmte ſich neben den großen Maſſengräbern auf, man ließ ſie ſtehen bis zum nächſten Morgen, um ſie alsdann in den Schooß der Erde zu betten. Es war ein troſtloſer, ſchauriger Anblick, wenn die Todtenkarren eine Anzahl von großen und kleinen Särgen, ja auch von Leichen, die in Säcke eingenäht waren, ausſpieen, wenn man ringsum keinen Leidtragenden bemerkte und Zeuge ſein mußte, mit welcher Gefühl⸗ loſigkeit die rohen Knechte die Särge aufſtapelten. Nach Name, Stand und Alter der Verſtorbenen wurde nicht ge⸗ ragt, man warf ſie in die gemeinſchaftliche Grube hinunter, und wenn der Hügel ſich über dieſen Ort des Grauens wölbte, dann waren die, welche unter ihnen ruhten, verſchwunden, verſchollen und vergeſſen. Vielleicht öffnete man einſt dieſe Peſthöhlen wieder, um die Gebeine in die Katakomben zu ſchütten, mit ihnen die Wände der unterirdiſchen Gänge zu tapezieren, dem Lebenden mußten ja die Todten weichen und dem frivolen Babel an der Seine war nichts heilig, ſelbſt nicht die Nuheſtätte der Heimgegangenen. Und doch hatten auch die Herzen Dieſer ſo warm und lebensfroh geſchlagen, doch hatten auch ſie ein heiliges Recht auf das Andenken der Lebenden. Sie waren dem Hunger und den Seuchen, den Schreckniſſen der Belagerung erlegen, und einſt dürften ſie vor den Richterſtuhl Gottes treten, und alle die des Mordes anklagen, die dieſen ruchloſen Krieg dem den hacke rene hein ollen ſich zum ttten. rren hen, men füi t ge⸗ venn die, — 909— verſchuldet und in wahnſinnigem Uebermuthe in die Länge gezogen hat⸗ ten. Aber was kümmert das die Ueberlebenden. Der entthronte Kaiſer, der gefangen im prachtvollen Schloſſe bei Kaſſel ſaß und über ſelbſt⸗ ſüchtigen Plänen brütete, dachte nicht an ſie, ihm verurſachte das un⸗ ſägliche Elend, welches er heraufbeſchworen hatte, keine Gewiſſensbiſſe. Die Arbeit der Freunde ging langſam von Statten, es war eine mühſame, anſtrengende Arbeit. Einmal ſchritt der alte Todtengräber an ihnen vorbei, ohne ſie weiter zu beachten, und die Knechte, die in der Ferne arbeiteten, nah⸗ men ebenſowenig Notiz von ihnen. So verſtrich eine halbe Stunde, und das Werk war noch immer nicht weit gefördert. Erneſt hielt inne und wiſchte den Schweiß von der Stirne.„Wenn er ſie gemordet hätte!“ ſagte er, tief aufathmend. „Ich kann mir nicht denken, daß er zu ſolchem Verbrechen fähig wäre. und dennoch dringt die Ueberzeugung ſich immer mächtiger mir auf, daß hier ein Verbrechen vorliegen muß.“ „Wir werden es erforſchen“, erwiderte Paul. „Und wenn unſere Vermuthungen ſich beſtätigen, dann wehe dem Marquis.“ „Würdeſt Du auch dann noch vor einem Bündniß mit Dorman zurückſchrecken?“ „Ja, auch dann noch! Beim Himmel, ich brauche ihn nicht, und nie wird meine Ehre mir erlauben, mit einem ſolchen Verbrecher mich zu verbünden.“ „Wir werden ſehen.“ Die Freunde nahmen ihre Arbeit wieder auf, nicht ihre eigene Ungeduld allein, ſondern auch die Kälte zwang ſie, das mühſame Wert fortzuſetzen. Von Zeit zu Zeit blickte Paul forſchend ſich um, aber Niemand ließ ſich in der Nähe ſehen, der Todtengräber ſchien in ſeine Wohnung zurückgekehrt zu ſein. Von drüben, wo die Knechte arbeiteten, klang die Melodie eines frivolen Liedes herüber, dazwiſchen vernahm man dann und wann das Rollen eines Todtenwagens und das polternde Geräuſch, welches das Ausladen der Särge verurſachte. Wieder verſtrich eine halbe Stunde, die Arbeit ging jetzt raſcher von Statten, die Erde war nicht mehr ſo hart gefroren. — 910— Und als Paul jetzt wieder aufblickte, bemerkte er in der Ferne ein Licht, welches in gerader Richtung ſich ihnen näherte. Er ſtieß ſeinen emſig arbeitenden Freund an und machte ihn auf denſelben Punkt aufmerkſam. „Teufel, wenn wir jetzt geſtört würden!“ ſagte er beſorgt. „Ich ſchlage Jeden nieder, der mich hindern will, das Werk zu beenden“, erwiderte Erneſt erregt. „Es könnte der Marquis ſein.“ „Deſto beſſer!“ „Du haſt Recht, wir könnten ſofort Rache nehmen.“ „Aber es iſt nur eine Perſon und wie mir ſcheint, der Todten⸗ gräber.“ „Von ihm haben wir nichts zu fürchten, er kennt unſere Ent⸗ ſchloſſenheit und tritt uns nicht mehr in den Weg.“ Kurz darauf ſtand der alte Mann vor ihnen, er hob die Laterne empor und ſah in die Grube hinunter. „Die Arbeit wird bald beendet ſein“, ſagte er,„der Sarg liegt nicht ſehr tief.“ „Und wenn Ihr uns die Laterne überlaſſen wolltet, ſo würden wir Euch dafür danken“, entgegnete Paul. „Ich werde hier bleiben.“ „In dieſer Kälte?“ „Darf ich nach dem Wetter fragen? Wenn Ihr den Sarg öffnet, muß ich zugegen ſein.“ „Gut, ſo haben wir einen unparteiiſchen Zeugen“, ſagte Erneſt, „es kann uns nur angenehm ſein.“ „Hm, ein Zeuge, der Euch wenig nutzen kann. Das Gericht darf ja nicht erfahren, daß ich dieſe ungeſetzliche Ausgrabung zugelaſſen habe.“ „Das iſt wahr“, erwiderte Paul,„auf das Zeugniß dieſes braven Mannes dürfen wir uns nicht berufen. Welchen Rath könnt Ihr uns geben, für den Fall, daß wir ein Verbrechen entdecken 146 „Vor allen Dingen dürft Ihr keinen Gebrauch von Eurer Ent⸗ deckung machen. Ihr werft das Grab wieder zu und verſchafft Euch eine polizeiliche Erlaubniß zur Ausgrabung der Leiche. Alsdann wer⸗ den Beamte der Polizei zugegen ſein, deren Pflicht es iſt, das Ver⸗ brechen zu conſtatiren.“ „Ah bah, ich werde einen kürzeren Weg einſchlagen“, ſagte Erneſt, nich werde den vornehmen Schuft perſönlich zur Rechenſchaft ziehen.“ erne ten⸗ — 911— „Hier bin ich ſchon auf dem Holze“, rief Paul. Die dünne Erdſchicht, welche den Sarg noch bedeckte, war jetzt raſch beſeitigt, die Freunde boten ihre letzte Kraft auf und hoben den Sarg heraus. Der Todtengräber zog einen Schraubenzieher und einen Hammer aus der Taſche und löſte die Schrauben, mit denen der Deckel be⸗ feſtigt war. Auch das war bald geſchehen, Erneſt zitterte vor Aufregung, als der alte Mann den Deckel abhob und das Licht der Laterne auf die vermeintliche Leiche fallen ließ. Man ſah nichts weiter, als ein bleiches, halb verhülltes Antlitz, es mußte auffallen, daß man nicht einmal die Umriſſe des Körpers unter dem weißen Tuche bemerkte. „ Das iſt keine Leiche“, brach der Todtengräber zuerſt das Schwei⸗ gen,„mir ſcheint, man hat hier ein frevelhaftes Spiel getrieben.“ „Und da wir es ergründen müſſen, ſo dürfen wir keine Rückſicht nehmen“, ſagte Paul, indem er das Leichentuch zurückſchlug. Ein Wuthſchrei entrang ſich den bebenden Lippen Erneſt's, hatte es doch den Anſchein, als ob man nur das Haupt eines menſchlichen Körpers begraben habe, denn von dem Rumpf war keine Spur zu entdecken. Aber Paul löſte auch dieſe Zweifel, er nahm den Kopf heraus, und es zeigte ſich jetzt, daß es nur eine ſehr künſtlich ausgeführte Wachsmaske war. „Da haſt Du den Beweis, den ich Dir liefern wollte“, ſagte er, „nun kannſt Du nicht länger mehr an der ſchändlichen Komödie zweifeln.“. „Ein unverantwortlicher Frevel!“ murmelte der Todtengräber,„er könnte den Urheber auf die Galeere bringen.“ Erneſt ſchwieg. Trotz ſeiner Wuth und Erbitterung konnte er ſich doch auch der Freude nicht verſchließen, welche dieſe Entdeckung ihm bereitete. Marie lebte! Das war der erſte Gedanke, der ihn durchzuckte. Er hatte ſie noch nicht verloren, und wenn es auch einen heißen Kampf galt, ſie aus der Gewalt des Schurken zu befreien, ſo war doch die Möglichkeit der Rettung vorhanden. Ein glühender Haß gegen den Marquis erfüllte ſeine Seele, ein Haß, der nur in der Vernichtung des Feindes Befriedigung finden konnte. V ——y— — 912— „Was nun?“ wandte Paul ſich zu dem Todtengräber.„Ich glaube, Ihr werdet keine Luſt haben, den leeren Sarg wieder ein zuſenken, die Wachsmaske nehmen wir mit.“ ‚Das Gericht muß—“ „Alter Herr, wir ſelbſt werden Richter ſein“, ſchnitt Erneſt dem Todtengräber das Wort ab.„Das Gericht kann uns nicht die Ge⸗ nugthuung verſchaffen, die wir fordern!“ „So iſt es“, beſtätigte Paul.„Ein mit Gold beladener Eſel überſteigt die höchſten Mauern, ſo ſagt ein altes Sprüchwort, und der Marquis ſchöpft das Gold aus einer unverſiechbaren Quelle.“ „Dennoch müßte das Gericht ſich von dem Thatbeſtand überzeugen.“ „Wollt Ihr das übernehmen— in Gottes Namen, wir aber ziehen vor, den Weg zu gehen, den wir für den beſſeren halten“, entgegnete Paul im Tone der Entſchloffenheit.„Verkauft den Sarg, und benutzt das Grab, wie es Euch beliebt, es wird weiter kein Hahn danach krähen, der Marquis wird wahrhaftig nicht wagen, Rechenſchaft von Euch zu fordern, ſobald er weiß, welche Entdeckung wir gemach: haben. Für Eure Güte danken wir von Herzen, Ihr ſeht, wie ſehr unſer Verdacht berechtigt war, und es wird Euch gewiß nicht reuen, daß Ihr uns den kleinen Vorſchub geleiſtet habt. Lebt wohl, wenn Ihr einmal eines Freundes bedürft, ſo kommt ohne Bedenken zu uns es wird uns freuen, wenn wir unſeren Dank durch die That beweiſen können.“ Er zog nach dieſen Worten ſeinen Freund mit ſich fort und lioß den alten Mann vor dem offenen Sarge ſtehen. „Dem Himmel ſei Dank!“ ſagte Erneſt, als ſie den Friedhof ver⸗ laſſen hatten.„Marie lebt!“ „Aber noch umwogen ſie drohende Gefahren“, erwiderte Paul. „Ich hoffe, Du wirſt jetzt energiſcher auftreten und Dich von dem Komödianten nicht mehr täuſchen laſſen.“ „Ich werde ihn zermalmen!“ „Natürlich, etwas Anderes erwarte ich nicht. Aber iſt es nicht auch möglich, daß Marie die Komödie kennt und billigt?“ „Nein!“ „Ah, behaupte das nicht mit ſolcher Sicherheit. Der Glanz des Goldes kann ſie geblendet haben, es widerſtrebte ihr, Dir eine ab lehnende Antwort zu geben, ſie fürchtete Deine Vorwürfe, und wollte deshalb Dir nicht mehr begegnen.“ Letzter Widerſtand der Inſurgenten in der Rue du Faur⸗St.⸗Germaine.(H. 20.) — 913— „Nein, nein!“ rief Erneſt erregt.„Ich kenne den edlen Charak⸗ ter des engelgleichen Mädchens beſſer—“ „Du wollteſt auch den Marquis beſſer kennen“, warf Paul achſel⸗ zuckend ein. „O, was dieſen Elenden betrifft—“ „So ſind Dir nun die Augen über ihn geöffnet worden, wer weiß, ob Du nicht auch Marie von einer andern Seite kennen lernen wirſt. Das Gold hat ſchon manches tugendhafte Mädchen zu Fall gebracht, und wir wiſſen nicht, welches Mittel der Marquis benutzt hat, um ihre Grundſätze zu erſchüttern. Solchen Herren iſt Alles möglich—“ j „Ich bitte Dich, halte ein mit dieſen Vermuthungen“, fiel Erneſt ihm erregt in's Wort,„raube mir nicht die letzte Hoffnung, die dü⸗ ſtern Bilder, die Du mir zeigſt, erſchrecken mich.“ „Gut, ſchweigen wir darüber. Was willſt Du nun thun?“ „Du kannſt noch fragen?“ „Gewiß, es iſt eine ernſte, wichtige Frage. Du haſt mir oft vorgeworfen, mein leidenſchaftliches Temperament verleite mich zu über⸗ eilten Handlungen, die ich ſpäter bereue, jetzt ſage ich Dir, daß ich das Schlimmſte von Deiner Erregung befürchte. Ich frage Dich noch einmal, was willſt Du thun?“ „Ich werde dem Schurken dieſe Maske vor die Augen halten und ihn zwingen, die volle Wahrheit einzugeſtehen.“ „Sieh, das wäre die größte Thorheit. Geſetzt, der Marquis nimmt unſern Beſuch an, kannſt Du glauben, daß er auf die Mög⸗ lichkeit einer Entdeckung nicht vorbereitet ſei.“ „Er kann es nicht ſein!“ „Bah, ein ſo raffinirter Gauner bedenkt alle Folgen, beugt ihnen vor und entwirft ſeine Pläne, wie er ihnen begegnen will. Der Marquis wird beſtürzt ſein, ich gebe das zu, aber geſtehen wird er nicht. Und gegen Drohungen iſt er gerüſtet, er wird nicht das leiſeſte Bedenken tragen, uns eine Kugel durch den Schädel zu jagen, ſobald wir eine Bewegung machen, die ihm nicht gefällt. Auf der andern Seite wird er nicht unterlaſſen, ſich zu rechtfertigen. Er wird Dir ſagen, Marie ſei ſeine Braut oder ſeine Frau, und Du wirſt ihm abermals glauben.“ „Ich will Marie ſehen!“ „Du willſt! Natürlich iſt dieſe Forderung gerecht, aber aus freiem 58 58 — 914— Antriebe erfüllt der Schuft ſie nicht und zwingen kannſt Du ihn auch nicht dazu. Man ſetzt eine neue Komödie in Scene und betrügt Dich wieder.“ Erneſt mußte zugeben, daß an dieſen Befürchtungen viel Wahres lagſiwenn er auch gegen die Zumuthung, daß er ſich noch einmal be⸗ trügan laſſen könne, energiſch proteſtirte. „Das iſt nicht der richtige Weg“, nahm Paul wieder das Wort, „wer einen abgefeimten Gauner überliſten will, muß ſeine Pläne reif⸗ lich überlegen.“ „Und wozu ratheſt Du?“ „Zu dem Bündniß mit Dorman!“ „Nimmermehr.“ „So ſehr Du Dich auch dagegen ſträuben magſt, ich finde kein beſſeres Mittel.“ Die Beiden hatten jetzt ihre Wohnung erreicht, ſie ſtiegen raſch die Treppen hinauf, um Louiſon ihre überraſchende Entdeckung mit⸗ zutheilen. In der Wohnſtube war es kalt, das Feuer mußte ſchon ſeit meh⸗ reren Stunden erloſchen ſein. „Louiſon iſt zu Bett gegangen“, ſagte Paul,„wir werden ihr morgen die Neuigkeit berichten.“ „Und welchen Zweck würde das Bündniß mit Dorman haben?“ fragte Erneſt, während er die Wachsmaske aufmerkſam betrachtete. „Ich erinnere mich einer Aeußerung, welche das alte Weib drüben fallen ließ. Dorman iſt nach dieſer Aeußerung der Bruder der Ma⸗ dame von Chateaufleur, und dieſe Dame hat in dem Palais des Marquis eine Zuflucht gefunden. Die Leroi zieht aus dieſen That⸗ ſachen den vielleicht richtigen Schluß, daß der Marquis ſich des Falſch⸗ münzers bedient habe, um ſie berauben zu laſſen und ſich in den Beſitz des Brillantringes zu bringen.“ „Nun?“ fragte Erneſt, der den Worten des Freundes mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit folgte. „Dorman hat mir das Bündniß angeboten, trotzdem er das Werk⸗ zeug dieſes Mannes geweſen iſt, kann er ihm doch eine Beleidigung nicht vergeſſen; er verlangt unſern Beiſtand und bietet uns dafür die Enthüllung aller Geheimniſſe jenes Hauſes. Während er ſich mit unſerm gemeinſamen Feinde beſchäftigt, ſuchen wir Marie. Aber Dorman ſoll mehr für Dich thun. Wir werden von ihm verlangen, daß er einen Brief an Marie in die Hände des Mädchens ſchmuggelt und Dir eine Antwort darauf verſchafft. Er kann das, ſeine Schwe⸗ ſter muß ihm behülflich ſein, Marie iſt dann vorbereitet, und Du weißt auch, woran Du biſt.“ Erneſt ſtand in Nachdenken verſunken. „Dein Plan ſcheint gut zu ſein“, ſagte er nach einer Weile, „weißt Du, wo wir Dorman finden?“ „In der Schenke Tabaret's.“ „Wohlan, ſo wollen wir ihn dort aufſuchen.“ „Morgen, ſobald wir eine freie Stunde haben, heute iſt es zu ſpät“, erwiderte Paul.„Gehen wir jetzt zu Bett, ich bin zum Sterben müde.“ Erneſt wollte unverzüglich den Weg zur Schenke antreten, aber er mußte auch hierin den Gründen ſeines Freundes nachgeben, deren Triftigkeit er nicht leugnen konnte. Vierundvierzigſtes Kapitel. Die Rache der Griſette. Louiſon hatte ſich zur feſtgeſetzten Stunde in der Wohnung Jenny Mouſſon's eingefunden, ſie war von Juſtine mit liebenswürdiger Freundlichkeit empfangen worden. Das Kabinet, in welchem ſie ſich befanden, war durch eine Por⸗ tiere mit einem anſtoßenden Raume verbunden, und Louiſon glaubte kurz nach ihrem Eintreten Stimmen und Gläſerklang zu vernehmen. Dem lauernden Blick Juſtinens konnte der Zug des erwachenden Mißtrauens, der über das Antlitz Louiſon's glitt, nicht entgehen, ſie beeilte ſich, dieſes Mißtrauen im Keime zu erſticken. „Wir ſind allein“, ſagte ſie,„Jenny ſitzt noch an der Tafel.“ „Aber ich höre ſprechen“, warf Louiſon ein. „Die Zofe— wir haben nichts zu befürchten.“ „Dann bitte ich Sie, mir das Geld auszuliefern, damit ich den Heimweg antreten kann.“ „Werden Sie daheim erwartet?“ „Nein, Paul weiß ja nicht, welchen Gang ich machen wollte.“ * 58* ———— — nn— —y— — —————Q——::—:,ö2p˖”·˖n:·———2„,·———— — 916— „Alſo haben Sie ihm keine Silbe verrathen?“ „Dann hätte ich ihm Alles verrathen müſſen, und ich ſah ein, daß es beſſer war, wenn er es nicht erfuhr.“ „Gewiß!“ erwiderte Juſtine, deren Lippen ein höhniſches Lächeln umzuckte.„Es war beſſer ſo.“ „Und nun bitte ich nochmals—“ „Ei, ei, haben Sie ſolche Eile?“ „Ich bin allein, die Straßen ſind unſicher, betrunkene Soldaten und Vagabunden der ſchlimmſten Sorte treiben ſich überall umher.“ „Wohlan, kommen Sie“, ſagte Juſtine, indem ſie die Hand Loui⸗ ſon's erfaßte,„Jenny wird ſich auch freuen, Sie wiederzuſehen.“ Es lag eine Fülle von Tücke und Bosheit in dem Tone, den Juſtine jetzt ſo plötzlich anſchlug, aber Louiſon fand keine Zeit, über die Urſache dieſer Umwandlung nachzudenken, denn ſie ſtand im näch⸗ ſten Augenblick vor einer mit Schüſſeln, Flaſchen und Gläſern be⸗ ladenen Tafel, an der Jenny Mouſſon, Dorman und deſſen Genoſſe ſaßen. Ein ſchallendes Gelächter empfing ſie, und wenn je ein Ge⸗ lächter die Bezeichnung:„Hohngelächter der Hölle“ verdiente, ſo war es dieſes, welches das Blut in den Adern Louiſon's erſtarren machte. „Ah— der Tugendengel!“ rief Dorman höhniſch. „Die fromme Taube!“ fügte der Kleine hinzu. „Der unſchuldige Engel!“ ergänzte Jenny. „Das iſt eine Infamie!“ rief Louiſon entrüſtet.„Man hat mich hierhergelockt, um mich zu beleidigen.“ „Parbleu, mein ſchöner Engel, wollen Sie uns nicht ſagen, was Sie hierher geführt hat?“ fragte Dorman.„Sie wollen mich be⸗ rauben, iſt es nicht ſo?“ „Ich wollte Ihnen entreißen, was Sie mir geſtohlen haben.“ 1 „Wohlan, verſuchen Sie es.“ „Aber wundern Sie ſich nicht, wenn der Verſuch unangenehme Folgen für Sie hat!“ höhnte der Kleine, der das ſchöne Mädchen mit lüſternem Blick betrachtete. Louiſon wandte mit einer Geberde der Verachtung der Geſellſchaft den Rücken und eilte auf die Thüre zu. Höhniſches Gelächter folgte ihr, die Thüre war verſchloſſen. „Gottes Tod, ſo raſch dürfen Sie uns nicht verlaſſen“, ſagte der Falſchmünzer,„wir wollen die Freude, Sie in unſerer Mitte zu ſehen, gründlich genießen.“ Thränen der Scham und der Wuth ſtürzten dem tiefbeleidigten Mädchen in die Augen, ſie erkannte, daß ſie ſich hülflos in der Ge⸗ walt dieſer Menſchen befand. „Bitte, nehmen Sie Platz“, ſpottete Juſtine,„wir können Ihnen freilich keine Leckerbiſſen anbieten, aber dieſer Rattenragout iſt vor⸗ züglich, und dieſe Katzenpaſtete ſchmeckt ſehr fein.“ „Ich hoffe, Sie werden unſere Einladung nicht verſchmähen“, ſagte Jenny,„ein Glas Champagner hilft über eine Verſtimmung raſch hinweg.“ Am ganzen Körper zitternd, ſtand Louiſon noch immer an der Thüre, ſie ſuchte gewaltſam den Sturm zu beſchwören, der in ihrem Innern tobte. „Ich war eine Thörin, daß ich den Worten einer verworfenen Dirne Glauben ſchenkte“, ſagte ſie mit dumpfer Stimme,„aber wie hätte ich eine ſolche Infamie ahnen können.“ „Mademoiſelle, hüten Sie Ihre Zunge!“ rief Juſtine.„Sie nen⸗ nen mich eine verworfene Dirne, nun wohl, Sie können es in der nächſten Stunde werden, wenn Sie die Geſetze der Höflichkeit ſo rück⸗ ſichtslos in den Staub treten.“ „Bei Gott, es iſt wahr!“ rief der Kleine.„Sie ſind hübſch, jung und liebenswürdig, ich finde Gefallen an Ihnen.“ Er erhob ſich mit dieſen Worten und ſchritt auf das Mädchen zu. „Zurück!“ rief Louiſon drohend.„Ich weiß nicht, was ich thue, wenn Sie mich anrühren.“ „Die Taube iſt doch nicht ſo fromm“, höhnte Jenny,„das Kätzchen zeigt ſeine Krallen.“ „Unſinn, wir werden ſie beſchneiden“, erwiderte Dorman.„Gebt Acht, ſie wird Eure beſte Freundin werden.“ „Komm, ſchönes Kind“, ſagte der Kleine,„Du ſollſt den Ehren⸗ platz neben mir haben.“ „Ich werde um Hülfe rufen!“ „Bah, das iſt man in dieſem Hauſe gewohnt, es würde Dir nichts nutzen.“ Louiſon gab dem Schurken einen Stoß, aber im nächſten Augen⸗ blicke hatte er ſie umſchlungen, lachend trug er ſie zur Tafel, und ſetzte ſie wie ein willenloſes Kind in einen Seſſel. „Keine Umſtände!“ rief Dorman drohend.„Wir haben ausge⸗ zeichnete Mittel, um einen Trotzkopf zu beugen. Gottes Tod, glauben 1 7) Sie, wir hätten die beleidigenden Worte vergeſſen, die Sie in Ihrer Manſarde uns in's Geſicht ſchleuderten? Wir wollen Abrechnung mit Ihnen halten, und es wird gut für Sie ſein, wenn Sie ſich in das Unabänderliche finden.“ „Mademoiſelle, Sie haben mich eine Dirne genannt“, ſagte Ju⸗ ſtine,„iſt das der Dank dafür, daß ich Sie aus den Klauen der Gourdin befreite und Sie vor Herrn von Segur beſchützte? He, wem verdanken Sie es, daß Sie noch leben? Habe ich Sie nicht ernährt? War ich Ihnen nicht ſtets eine treue Freundin? Sie nahmen die Freundſchaft der Dirne an, welche Sie jetzt beſchimpfen.“ „Iß, trink' und ſei fröhlich!“ rief der Kleine, ihr ein volles Champagnerglas vorſetzend.„In der Gefangenſchaft ſingen die Vögel am ſchönſten.“ Wie betäubt ſaß Louiſon in dem Seſſel, ihre Sinne verwirrten ſich, ſie mußte ſich gewaltſam zuſammenraffen, um gegen die Ohn⸗ macht anzukämpfen, die ſie zu überwältigen drohte. Es kam ihr Alles wie ein wüſter Traum vor, aber wenn ſie dieſen boshaften Blicken begegnete, die unverwandt auf ſie gerichtet waren, fühlte ſie nur zu deutlich die Wirklichkeit der ſchrecklichen Si⸗ tuation. „Daß ich für dieſe Beleidigung, für dieſen ſchändlichen Un Genugthuung fordere, kann Sie nicht befremden“, fuhr Juſtine „Sie würden es auch thun, wenn auch in anderer Weiſe. Sie eine Gefangene, Mademoiſelle, ich ſage Ihnen das ganz offen, damit Sie ſich raſcher mit dem Gedanken an das Gefängniß befreunden.“ „Und Sie werden ſich gutwillig fügen, mein ſchönes Kind“, ſagte Dorman,„Sie werden thun, was man Ihnen befiehlt. Jenny, mache ſie mit ihren Pflichten bekannt.“ „Nichts iſt einfacher“, erwiderte Jenny Mouſſon,„Sie werden unſere Kammerzofe ſein. Sie werden uns friſiren, unſere Garderobe reinigen, bei Tiſch uns bedienen, kurz Sie werden alle Dienſte ver⸗ richten, die man von einer Zofe verlangen kann.“ „Natürlich werden Sie dieſe Zimmer nicht verlaſſen“, fügte Ju⸗ ſtine hinzu.„Hülferufe nutzen Ihnen nichts, und ein ungehorſames, widerſpenſtiges Benehmen hat nur ſtrenge Strafe zur Folge.“ „Prägen Sie das Ihrem Gedächtniſſe ein“, warnte Dorman,„ich beſitze eine vortreffliche Peitſche, mit der ich ſchonungslos züchtigen würde, wenn ich eine Klage über Sie vernehmen müßte.“ ſie — 919— „Und wenn Du folgſam und willig biſt, mein ſchönes Täubchen, ſollſt Du ein gutes Leben haben“, ſagte der Kleine.„Champagner, ſo viel Du trinken magſt, eine reichbeſetzte Tafel, Schmuck und ſchöne Kleider, Alles, was Du verlangſt. Es iſt ja beſſer ſo, mit Sanftmuth und Liebe kann man die Männer ködern, man darf ſie nicht zwingen, den Weg der Gewalt zu betreten. Freilich, wenn Du nicht anders willſt, dann mußt Du die Folgen tragen, es iſt Kin⸗ derſpiel, Dich zu bezwingen, wenn Du den Kampf vorziehſt! Das aber habe ich dieſen Damen verſprochen, Du ſollſt werden, was ſie ſind, damit Du ihnen keinen Vorwurf mehr machen kannſt.“ Er wollte ſeinen Arm um ihre Taille ſchlingen, Louiſon ſtieß ihn zurück, ein gellender Schrei entrang ſich ihrer gepreßten Bruſt. „Und denkt Ihr nicht an die Folgen dieſer Schandthat?“ rief ſie. „Glaubt Ihr, meine Freunde würden mich nicht ſuchen und für jede mir widerfahrene Beleidigung Rache nehmen?“ „Suchen werden ſie, aber ob ſie. Dich finden, das iſt eine andere Frage“, ſpottete Juſtine.„Wir haben ja Alles ſo fein eingefädelt, ſie finden nicht einmal eine Spur, die ſie verfolgen bönnten.“ „Die Vorſehung wird ſie leiten!“ Wieder war ein ſchallendes Gelächter die Antwort, während der Genoſſe Dorman's das Mädchen, welches emporgeſprungen war, in den Seſſel zurückwarf. „Gottes Tod, wozu die vielen Umſtände?“ rief er.„Sie tröſtet ſich noch mit ihrer Unſchuld, wenn ſie dieſes unſchätzbare Gut ver⸗ loren hat, wird ſie ſchon zahm werden.“ „Nicht doch!“ ſagte Jenny drohend.„Ich verlange, daß man Rückſicht auf uns nimmt. Es iſt ja morgen noch immer Zeit genug, dieſes Vorhaben auszuführen.“ „Ah, bah, was heute geſchehen kann, darf man nicht auf den nächſten Tag verſchieben!“ höhnte der Kleine, indeß er mit einem raſchen Griff dem Mädchen Hut und Tuch abriß. Der Schurke ſchien wirklich entſchloſſen zu ſein, das ſchändliche Vorhaben ohne Verzug auszuführen, denn er hielt mit der breiten ſehnigen Fauſt ſein Opfer nieder und die Gluthen der entfeſſelten Leidenſchaften loderten wild in ſeinen tückiſchen Augen. Und was hätte Louiſon der Kraft dieſes Menſchen entgegenſetzen können? Sie glaubte erſticken zu müſſen unter dem gewaltigen Druck die⸗ 929— r Eiſenfauſt, einer Ohnmacht fühlte ſie ſich nahe, wie die Lippen des frechen Schurken ihre Wange berührten, aber in demſelben Au⸗ genblick riß Dorman ſeinen Genoſſen zurück. „Laß' es genug ſein für heute“, ſagte er,„Du biſt nicht allein mit der Dirne.“ „Bei allen Teufeln, ich thue, was mir beliebt!“ fuhr der Baga⸗ bund in der Wuth der Leidenſchaft auf.„Was kümmert es Dich?“ „Oho! Du willſt mir trotzen?“ „Ich bin Dein Sklave nicht.“— „Und dennoch ſollſt Du meinen Befehlen gehorchen!“ rief der Falſchmünzer in drohendem Tone.„Sklavendienſte verlange ich nicht von Dir, aber Du ſollſt Dich mir unterordnen.“ Trotzig, in herausfordernder Haltung ſtand der Kleine ihm gegen⸗ über, die Fäuſte geballt und den glühenden Blick feſt auf ihn gerichtet „Guter Freund, ich glaube, wir haben einander nichts vorzuwer⸗ fen“, ſagte er mit den Zähnen knirſchend,„wir ſtehen ganz genau auf derſelben Stufe, und ich wüßte nicht, was Dich berechtigen könnte Gehorſam von mir zu verlangen. Wenn Du aber in dieſem Tone mit mir ſprichſt, dann laſſe ich auch die bisherigen Rückſichten ſchwin⸗ den und ſage Dir in's Geſicht, daß Du ein arroganter, erbärmlicher Betrüger biſt.“ „Still, ſtill“, bat Jenny Mouſſon, zwiſchen die Beiden tretend indeß Juſtine hell und luſtig lachte,„weshalb wollt Ihr Euch ent⸗ zweien? Die Urſache iſt wirklich zu geringfügig—“ „Einerlei“, fiel der Vagabund ihr in's Wort,„es muß nun auch zum Austrag kommen. Betrogen hat er mich, er betrügt uns Alle! Die Schmuckſachen und die Rentenbriefe der Leroi hat er unterſchla gen, und das Geſchäft mit dem Marquis will er auch allein ordnen um die ganze Beute einzuſacken.“ „Und wenn ich es thäte, was läge daran?“ rief Dorman gereizt. „Ich habe keine Verpflichtung, Alles mit Dir zu theilen, die Kaſta⸗ nien, die ich allein aus dem Feuer hole, behalte ich für mich.“ „Hört Ihr's?“ ſchrie der Kleine.„Aus dem Wege, Jenny, ich muß dem Burſchen beweiſen, daß er nicht mein Herr iſt.“ Er ſtand im Begriff, das Mädchen zur Seite zu ſtoßen, als ein lantes ungeſtümes Pochen die Aufmerkſamkeit Aller auf die Thüre lenkte. le — 921— „Paul!“ rief Louiſon, von ihrem Sitze emporfahrend. „Lügnerin, ſo haſt Du ihm doch verrathen, wohin Du gehen wollteſt?“ knirſchte Juſtine. „Bah, der Burſche käme mir gerade recht“, ſagte Dorman ver⸗ ächtlich, indem er zur Thüre ſchritt,„ich würde ihn ohne Weiteres zu Boden ſchlagen.“ „Und die Dirne dazu!“ verſetzte Jenny mit einem Blick des glühendſten Haſſes auf Louiſon. 7 „Das habt Ihr davon“, höhnte der Vagabund.„Ihr hättet mich in Ruhe laſſen ſollen, dann wäre ſie jetzt eine Dirne.“ Dorman öffnete die Thüre, ſein Blick fiel auf den ſtruppigen Kopf eines ſchmutzigen Gamins, der ihn pfiffig anſah und ihm einen Brief überreichte. „Ich denke, es wird hier richtig ſein“, ſagte er,„Madame ſagte mir, der Herr werde den Botenlohn zahlen.“ Dorman hatte ſchon auf der Adreſſe die Handſchrift ſeiner Schweſter erkannt, er gab dem Burſchen einige Sous und ſchloß die Thüre wieder. Das Billet enthielt nur die Mittheilung, daß Cora ihn im Ka⸗ binet ihrer Modiſtin erwarte, und der Falſchmünzer war ſofort bereit, hinzugehen. Inzwiſchen hatte Jenny den Vagabund beruhigt, wenigſtens gab er ſich den Anſchein, als habe er den unangenehmen Vorfall ſchon vergeſſen. Dorman leerte ſein Glas und zog einen Paletot an, dann holte er ſeinen Hut. „Ich laſſe das Mädchen unter Eurem Schutz“, wandte er ſich zu den Dirnen,„wenn ſie Euren Befehlen nicht gehorcht, werde ich ſie züchtigen, aber Gewalt ſoll ihr nicht angethan werden. Ich will zuvor ſehen, ob ſie gutwillig ſich fügt, oder ob ſie uns zwingen will, ihren Trotzkopf zu beugen, wir können dann nock immer über die Mittel berathen. Den Streit wollen wir jetzt ruhen laſſen, es findet ſich ſpäter wohl eine beſſere Gelegenheit, ihn auszufechten.“ Der Vagabund nickte zuſtimmend. „Wo treffen wir uns?“ fragte er. „In einer Stunde beim Vater Tabaret. Gehe über meine War⸗ nungen nicht leicht hinweg, ich habe andere Dinge mit der Dirne vor, nichtsdeſtoweniger ſollen auch Deine Wünſche erfüllt werden.“ Nach dieſen Worten ging Dorman hinaus, auch er hatte den Wortſtreit mit ſeinem Genoſſen ſchon vergeſſen, ſolche Scenen waren ja überhaupt unter den Verbrechern nichts Seltenes. Wenn die Lei⸗ denſchaften aufflammten, fielen ſtets hüben und drüben rohe Worte, aber man legte kein Gewicht darauf. Er ſchritt raſch durch die Straßen, der ſchneidende Wind peitſchte ihm die Schneeflocken in's Geſicht, es war ein Wetter, in dem man, wie man zu ſagen pflegt, keinen Hund vor die Thüre jagen ſollte. Nur dann und wann begegnete eine Patrouille dem Wanderer, es war einſam in den Straßen. Aus den Schenken ſcholl wüſter Lärm und Geſang heraus, die Mobilgarden feierten dort mit feilen Dirnen ihre Orgien. Hier und da wurde an den Fenſtern emſig gehämmert, die Be⸗ ſchießung des Mont Avron und der Forts hatte die ernſteſten Be⸗ fürchtungen erweckt, man ſchützte die Fenſter mit Matratzen und Sand⸗ ſäcken gegen die deutſchen Bomben, ſchleppte Waſſer unter die Haus⸗ dächer und brachte das Mobilar in die Keller, um ſich bei der erſten Gefahr in dieſe Räume zu flüchten. Der Falſchmünzer hatte bald das Haus der Modiſtin erreicht, er ſchüttelte den Schnee ab und trat einige Minuten ſpäter in das Ka⸗ binet, in welchem Cora ihn erwartete. Eine Flaſche Champagner ſtand auf dem Tiſche, die ſchöne Frau hatte, um die Langeweile fern zu halten, eine Cigarette angezündet und blickte nachdenklich den blauen Rauchwölkchen nach, die in ſelt⸗ ſamen, phantaſtiſchen Verſchlingungen die flackernde Flamme der Kerze umſchwebten. „Endlich!“ ſagte ſie, als ihr Bruder ihr gegenüber Platz genom⸗ men hatte.„Ich erwartete Dich heute Morgen ſchon; weshalb kamſt Du nicht?“ „Weil meine Deie es nicht erlaubte“, erwiderte Dorman ruhig. „Ich ſagte das ja auch Deiner Modiſtun—“ „Und ſie theilte es mir erſt mit, nachdem ich mich ſchon eine halbe Stunde gelangweilt hatte.“ „Das iſt nicht meine Schuld.“ „Ich mußte mit Dir reden, Pierre, ſonſt würde ich dieſe ſpäte Stunde nicht gewählt haben.“ „Was haſt Du mir zu ſagen?“ „Vieles. Vor allen Dingen, daß der Marquis mir nicht mehr gefällt.“ ſig. ine E* t4 — 923— „Holla, riecht er den Braten?“ „Ich weiß das nicht, aber Thatſache iſt es, daß er mir nicht mehr mit der früheren Höflichkeit und Rückſicht begegnet. 44 „Hm— liegt das nicht an Dir?“ „Vielleicht. In der vorigen Nacht wollte ich mich überzeugen, ob Deine Schläſel Fratt ſeien, Du hatteſt mich ja darum gebeten.“ „Ja, ja— „Ich hoffte, bei dieſer Gelegenheit auch die Werthpapiere des Marquis zu entdecken—“ „Wie Du überhaupt in ſeinen Briefen und Papieren ſtöbern wollteſt“, nickte Dorman, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuhörte, nich finde das natürlich, Ihr Weiber könnt alle der Neugier nicht widerſtehen.“ „Nun, ich hatte gewartet bis nach Mitternacht, ich glaubte, der Marquis ſei längſt zu Bett gegangen. Aber als ich in ſein Kabinet trat, ſaß er noch am Kamin—“ „Und da verlorſt Du die Faſſung?“ „Bewahre, ich blieb vollkommen ruhig und erklärte ihm, daß ich durch den geheimen Gang zu ſeiner Gefangenen wolle. Er glaubte es, er war überhaupt ſo ſehr in Gedanken vertieft, daß er gar nicht weiter darüber nachdachte.“ „Alſo kann das der Grund nicht ſein.“ „Nein. Aber er richtete eine verfängliche Frage an wich, er wollte wiſſen, ob ich Dich nicht wiedergeſehen habe.“ „Parbleu, wie kam er darauf?“ „Die Frage klang ſcheinbar ſehr harmlos, aber ich kenne den Wenn beſſer, eine beſtiemmte Abſicht lag ihr jedenfaas zu Grunde.“ „Möglicherweiſe hat er Dich beobachten laſſen und durch ſeine Spione erfahren, daß wir hier zuſammengekommen ſind.“ „Die Möglichkeit will ich niche leugnen, obſchon ich es nicht wahrſcheinlich halte. Biſt Du vielleicht mit ihm zuſammenge⸗ troffen?“ „Ja, an der Kirche von Notre Dame.“ „Dann haſt Du am Ende einige Worte fallen laſſen, die ihm Argwohn einflößten.“ „Gewiß nicht, ich verſtehe meine Zunge zu hüten. Im Gegen⸗ theil, er richtete ſogar eine Bitte an mich, ich ſollte ihm einen Ring verkaufen, der für ihn beſondern Werth hat, er erbot ſich mir den — 7924— doppelten Werth zu zahlen, aber ich bin noch nicht dazu gekommen, nachzuſehen, ob ich den Ring wirklich beſitze.“ „Du wirſt ihn ihm geben?“ „Natürlich, den doppelten Werth zahlt kein Anderer, für dieſen Preis kann er Alles haben, was ich beſitze.“ „Ich ſprach auch mit ihm über die Trauung, und es befremdete mich, daß er dabei ſo ruhig und gelaſſen blieb. Faſt ſchien es mir, als obſſſeine Liebe zu der blonden Deutſchen erloſchen ſei—“ „Na, ſo ſehen wir davon ab, unſere Zwecke fördert dieſe Trauung ja doch nicht.“ „Aber dieſe hochnaſige Perſon ſoll ihren Denkzettel erhalten“, er⸗ widerte Cora, die Oberlippe trotzig aufwerfend.„Ich haſſe ſie, und der Haß verlangt Befriedigung.“ „Das kann ja mit einem Dolchſtoß abgemacht werden.“ „Nein, das will ich nicht, Blut ſoll überhaupt nicht fließen, ich habe Dir das ſchon geſagt.“ „Unſinn, Cora—“ „Wenn die Diener uns in den Weg treten, magſt Du ſie nieder⸗ ſtoßen, was liegt an den Burſchen! Aber beim Marquis genügt es, wenn wir ihn binden—“ „Und ſeine Rache fürchteſt Du nicht?“ „Nein, ich werde nach der That Paris verlaſſen, um endlich ein⸗ mal ein freies Leben zu beginnen. Den Vicomte überliefere ich dem Gerichte ein entehrendes Urtheil löſ't die Feſſeln, die mich an ihn ketten. Ich werde wieder aufathmen.“ „Hm— wie Du willſt“, ſagte Dorman achſelzuckend,„Dein ſelbſtſtändiger Charakter läßt ſich keine Vorſchriften machen, und auch der beſte Rath findet bei Dir nur zu oft taube Ohren.“ „Ich folge meinem eigenen Kopfe, das gebe ich zu“, erwiderte Cora lachend,„und in der Regel treffe ich immer das Richtige. Alſo, die Trauung muß ſtattfinden, hörſt Du?“ „Meinetwegen.“ „Sieh, wir werden dem Marquis Alles nehmen, und wenn ihm dann auch noch Manches bleibt, was wir nicht mitnehmen können, ſo iſt er doch im Vergleich zu ſeinen früheren Verhältniſſen ein armer Teufel, der Vieles, ſehr Vieles entbehren wird. Unter ſolchen Um⸗ ſtänden muß eine junge, anſpruchsvolle Gemahlin⸗ ihm mit der Zeit eine Laſt werden und auf der anderen Seite findet er kein Glück in ¹g — 925— ſeiner Ehe, weil ich natürlich die ehemalige Gouvernante unterrichten werde, daß ihr Geliebter noch lebt, und daß man ſie nur durch eine Komödie in die Arme des Marquis geführt hat. Das wird Anlaß zu den bitterſten Vorwürfen geben, die Betrogene wird ihren Gemahl verachten und dennoch an ihn gefeſſelt ſein, ſo werden ſie alleſammt elend und unglücklich.“ „Allerdings eine boshafte Rache!“ „Ich verlange ſie, Pierre! Aber die Komödie ſoll auch mit einer Komödie enden.“ „Wie das?“ fragte Dorman aufblickend. „Kennſt Du unter Deinen Freunden einen, der fähig iſt, die Rolle eines Prieſters zu übernehmen?“ „Den Teufel auch, Du verlangſt da etwas ſehr viel!“ „Bah, es gibt überall gute Schauſpieler, wenn ſie auch nicht im Theater ihr Talent erproben.“ „Und was ſoll dieſer Freund?“ „Den Marquis mit ſeiner blonden Madonna trauen.“ „Gottes Tod, ich ſehe da keinen Zweck, Cora!“ „Ich doch, ich ſagte Dir ja, die Komödie ſolle mit einer Komödie enden. Geſetzt, der Marquis ſtirbt, ſo iſt ſeine Frau natürlich ſeine Univerſalerbin, nicht wahr?“ „Allerdings!“ „Wohlan, nach der Beerdigung des Marquis beweiſe ich der hoch⸗ naſigen Perſon, daß ſie nur ſeine Concubine geweſen iſt, daß ihre Trauung durchaus keine geſetzliche Gültigkeit hat. Ich werde ihr ſagen, der Marquis habe das ſo angeordnet, um ſich die Freiheit zu bewahren, ihr in jeder Stunde die Thüre zeigen zu können, das muf die alten Wunden wieder aufreißen.“ „In der That, ich bewundere Dich“, ſagte Dorman, den ſtarren Blick auf die ſchöne Frau heftend,„eine ſolche Fülle von Bosheit hätte ich bei Dir nicht geſucht.“ „Bah, wer mich beleidigt, den trete ich in den Staub“, erwiderte Gora, indem ſie das Glas erhob und das Perlen des Weins beobach⸗ tete,„und dieſer Mann hat mich durch Demüthigungen erniedrigt. Das kann ich ihm nicht verzeihen, wenn ich ihm auch vergeben wollte, daß er mich betrogen hat. Du wirſt alſo für den Pfarrer ſorgen?“ „Wie viel zahlſt⸗ Du?“ ⸗ „Immer dieſelbe Frage! Iſt es nicht ein gemeinſchaftliches Geſchäft?“ — 926— „Dies nicht, Cora.“ „Nun denn, ich geize nicht, tauſend Francs.“ „So werde ich den Schauſpieler finden.“ „Er muß ſich durch fleißige Uebungen vorbereiten.“ „Dafür laſſe mich ſorgen. Wenn ich eine Sache übernehme, bin ich es auch meiner Ehre ſchuldig, die Aufgabe zu löſen. Aber wir ſchieben dadurch unſer Unternehmen wieder hinaus—“ „Um einige Tage, es ſind ohnedies da noch einige Hinderniſſe zu beſeitigen. Ich werde Dich frühzeitig benachrichtigen.“ „Es könnte ſchon in dieſer Nacht geſchehen, ich habe jetzt alle Schlüſſel beiſammen.“ „Wir dürfen nichts übereilen. Ich ſah auf dem Arbeitstiſche des Marquis heute eine Mappe, die den Namen des Herrn von Briſſac trug. Ich weiß nicht, ob Du den Herrn kennſt.“ „Nein.“ „Er iſt ein roher Menſch, aber er hat eine bildſchöne Frau, die er in empörender Weiſe vernachläſſigt.“ „Was ſoll das?“ „Ich habe meine beſonderen Vermuthungen, Pierre. Vielleicht iſt der Marquis nur dieſer Frau wegen mit Herrn von Briſſac in Verbindung getreten.“ „Und wenn das der Fall wäre?“ „So würde es an unſerm Plane nichts ändern, ich fürchte nur, daß alsdann die Schwierigkeiten wachſen könnten. In dieſem Falle müßten wir uns beeilen, nun, ich werde Gewißheit erhalten, müßte ich deshalb auch Frau von Briſſac perſönlich beſuchen.“ Cora hatte ſich erhoben und einen Blick auf ihre Uhr geworfen, der Falſchmünzer holte ihr Mantel, Pelz und Hut. „Sollte ein unvorhergeſehener Fall eintreten, ſo erhältſt Du ſo⸗ fort Nachricht“, ſagte ſie,„ich mache es dann wie heute und ſchickt einen Boten in Deine Wohnung. Im Uebrigen kannſt Du wie bisher täglich hier anfragen, ob ein Billet für Dich abgegeben ſei.“ „Warte nur nicht zu lange“, warnte Dorman. „Nicht länger, als unbedingt nöthig iſt, mein Aufenthalt in dem Hauſe iſt auch ſo ſehr angenehm nicht. Die Deutſche zeigt mir nur Mißtrauen, und es widerſtrebt mir, ihr ſtets freundliche Worte ſagen zu müſſen, während ich ſie lieber vergiften möchte, der Marquis for⸗ dert, daß ich mich jeder Laune füge, und wenn ich nicht einen Reſt die — 927— von Freiheit hätte, hielte ich es nicht aus. Alſo liegt es auch in meinem Intereſſe, daß ich der Geſchichte ſobald wie möglich ein Ende mache.“ Das würdige Geſchwiſterpaar ſtieg die Treppe hinunter, und Dorman bequemte ſich, ſeine Schweſter noch eine kurze Strecke zu begleiten, dann ſchritt er der Schenke Tabarets zu. Als er in das Zimmer trat, in welchem ſeine Genoſſen ſich verſammelten, bemerkte er ſofort, daß er mit mißtrauiſchen, fin⸗ ſteren Blicken empfangen wurde, ſein Gruß wurde nicht einmal er⸗ widert. Das lebhafte Geſpräch war bei ſeinem Eintritt verſtummt, aber Dorman hatte deutlich die Stimme des Kleinen vernommen, er er⸗ rieth augenblicklich die Urſache dieſes ihn befremdenden Empfangs. Ohne indeß die Faſſung zu verlieren, nahm er ſeinen Sitz ein, erſt dann fragte er, was vorgefallen ſei. „Wir wollen abrechnen“, rief der Burſche mit dem Stierkopf, der ihm nie gewogen war.„Wir wollen gerne wiſſen, was wir verdient haben.“ „Rufe Vater Tabaret“, wandte Dorman ſich gelaſſen zu dem Kleinen,„er ſoll die Werthſchatulle mitbringen.“ Die Vagabunden ſteckten die Köpfe zuſammen und flüſterten mit einander, es war unzweifelhaft, daß ſich eine Verſchwörung gegen das Haupt der Bande gebildet hatte. Der Falſchmünzer griff anſcheinend abſichtslos in ſeine Bruſttaſche, es beruhigte ihn, als ſeine Hand den eiskalten Lauf des Revolvers berührte. „Weshalb verlangt Ihr die Abrechnung?“ fragte er gleichgültig. „Wir haben früher länger damit gewartet.“ „Ja, ſo lange, bis der Löwenantheil beiſeite geſchafft war“, ſagte die heiſere Stimme,„wir ſind jetzt klug geworden.“ „Ihr glaubt es zu ſein, aber Ihr handelt wie die Narren!“ „Ohol“ fuhr der Stierkopf auf.„Sind wir deshalb Narren, weil wir uns nicht mehr betrügen laſſen wollen? Ich finde darin keine Narrheit.“ „Nennt mir den Betrüger!“ „Nachher.“ „Weshalb weicht Ihr mir aus? Ihr habt auf mich Verdacht ge⸗ worfen, Euer Mißtrauen kann nichts beſagen. Und ich wiederhole — 928— Euch, Ihr begeht eine Dummheit, denn nach dieſem neuen Beweis Eures Mißtrauens werfe ich Euch unſern Vertrag vor die Füße.“ „Sehr angenehm“, höhnte die heiſere Stimme. „Die Annehmlichkeit iſt auf meiner Seite“, ſagte Dorman, der ſeine Ruhe noch immer bewahrte.„Ihr habt natürlich keine Kennt⸗ niß von den Plänen, die ſpäter, wenn hier Alles zuſammenbricht, Euch reich machen ſollten, nun, ich kann ſie ohne Euch ausführen.“ „Um ſo beſſer für Dich!“ erwiderte der Stierkopf. „Und um ſo ſchlimmer für Euch.“ Der Kleine kehrte jetzt mit der Schatulle zurück, Dorman holte einen Schlüſſel aus der Taſche und öffnete ſie. „Da ſeht“, ſagte er,„es iſt nicht der Mühe werth, eine Theilung vorzunehmen, ich für meinen Theil verzichte darauf, ſchlagt Euch mei⸗ netwegen die Köpfe drum blutig.“ Er ſchob die Schatulle dem Stierkopf hin, der ſofort ſeine Fäuſte hineinſteckte, und ein verächtliches Lächeln umzuckte dabei ſeine Lippen. „Iſt das Alles?“ rief die heiſere Stimme.„Wo iſt das Uebrige geblieben?“ „Ja, das Uebrige!“ ſchrie ein Anderer.„Die Schätze Bandau'⸗ und der Leroi? Heraus damit, Betrüger.“ „Das iſt Alles, worauf Ihr Anſprüche machen könnt“, erwiderte der Falſchmünzer, einen drohenden Ton anſchlagend.„Was verlangt Ihr noch? Mit unverſchämten Forderungen kommt Ihr bei mir nicht durch.“ „Und um die Beute bei dem Marquis ſollen wir auch betrogen werden!“ ſchrie der Stierkopf.„Der Lump denkt, wir müßten ihm danken, wenn er uns einige abgenagte Knochen hinwirft.“ „Was iſt das?“ donnerte Dorman in den Lärm hinein.„Was gehen Euch meine Privatangelegenheiten an.“ „Und was kümmern Dich meine Privatangelegenheiten?“ rief der Kleine boshaft.„Weshalb warfſt Du Dich zwiſchen mich und das Mädchen? Zum Teufel, unſere Geduld hat auch einmal ein Ende, jetzt kommt die Abrechn ung.“ „Die Dir vor allen Dingen verſalzen werden ſoll“, knirſchte der Falſchmünzer.„Du biſt hier der Verleumder geweſen—“ „Er hat die Wahrheit geſagt“, ſchrie der Stierkopf.„Du willſſt herrſchen und biſt nicht mehr, wie wir, Du willſt Dich bereichern, und wir ſollen die Arbeit thun.“ 15 — 929— „Schlagt den Burſchen zu Boden!“ ſchrie die heiſere Stimme. „Hängt ihn an die Laterne.“ Dorman wollte emporſpringen, aber ſchon ſaß die Fauſt des Kleinen ihm im Nacken. „Verſalzen willſt Du mir's?“ höhnte der Vagabund.„Du Schuft, drohen willſt Du uns? He, wir wollen ihn binden und in die Seine werfen, das kalte Bad wird ſein heißes Blut abkühlen.“ „Bravol“ rief der Stierkopf.„Das laſſe ich mir gefallen, in die Seine mit ihm, dann ſind wir ihn los.“ Dorman verhielt ſich ruhig, er wußte nur zu gut, daß die eiſerne Fauſt noch feſter ſein Genick umklammern würde, wenn ihm der Ver⸗ ſuch, ſich zu befreien, nicht mit der Schnelligkeit eines Blitzſtrahls gelang. „Geduld“, ſagte er,„man verurtheilt Niemanden, ohne ſeine Ver⸗ theidigung gehört zu haben.“ „Und was könnteſt Du zu Deiner Vertheidigung anführen?“ fragte der Kleine ſarkaſtiſch. „Das Du der Hauptbetrüger biſt! Du haſt dieſe Machination nur erſonnen, um Dich der Hülfe unſerer Genoſſen zu verſichern. Es wird Dir nicht einfallen, mit ihnen zu theilen, was Du in meiner Wohnung findeſt, Du willſt mich ja nur deshalb beſeitigen, um mich zu beerben.“. „Wahrhaftig, eine ſchlaue Verfolgung!“ lachte der Vagabund. „Was ſagt Ihr dazu?“ „Hm, etwas Wahres mag darin ſein“, erwiderte der Stierkopf, dem die Ruhe Dorman's imponirte. „Er ſoll die Erbſchaft mit uns theilen!“ rief die heiſere Stimme. „Ja, wenn er geſonnen wäre, ſie in ihrem ganzen Umfange Euch zu zeigen“, ſpottete der Falſchmünzer.„Er allein kennt die Verſtecke in denen ich meine Werthſachen aufbewahre, er wird Euch eins öffnen, die andern findet Ihr nicht.“ „Wie der Schuft um ſein Leben winſelt!“ höhnte der Kleine.„Es hilft Dir Alles nichts, das Urtheil wird vollſtreckt.“ „Und was nützt Euch der Mord?“ „Bah, wir werden einen Betrüger los!“. „Und Du machſt Dich aus meiner Hinterlaſſenſchaft bezahlt, das iſt ja die Hauptſache.“ Die Vagabunden waren nachdenklich geworden, der erſte Sturm R. 59 — 930— hatte ſich gelegt. Nur der Kleine, der das nicht zu bemerken ſchien, lärmte und tobte noch immer. „Vorwärts!“ rief er.„Schafft Stricke herbei, beenden wir die Geſchichte.“ „Nun denn, wenn Du uns verſprichſt, Alles mit uns zu theilen“, erwiderte der Stierkopf. „Ich verſpreche es.“ „Und betrügſt uns dennoch, wie?“ „Ein Verſprechen iſt mir heilig.“ „Er beweiſt das ja heute“, ſagte Dorman mit ſcharfer Betonung. „Hat er nicht auch mir die treueſte Freundſchaft verſprochen?“ Der Kleine lachte höhniſch, er war bereits ſeiner Sache ſo ſicher, daß er anfing, die nöthige Vorſicht außer Acht zu laſſen. Einer der Vagabunden hatte ſich entfernt, mit der Erklärung, daß er die Stricke holen wolle. Der Stierkopf aber ſchien jetzt ſehr ernſte Bedenken zu hegen, denn er beobachtete den Kleinen mit unverhohlenem Mißtrauen, wäh⸗ rend ſeine Genoſſen darüber beriethen, welche Mittel man wählen müſſe, um ſich vor Betrug zu ſchützen und die ganze Hinterlaſſenſchaft Dorman's ſich zu ſichern. Da zerriß Dorman plötzlich mit einer gewaltigen Kraftanſtrengung all' die ſchönen Pläne. Der Falſchmünzer war von ſeinem Sitze aufgeſprungen, mit einem wuchtigen Stoß ſeinen Gegner zurückſchleudernd, in der näch⸗ ſten Sekunde fiel ein Schuß, mit einem Schrei brach der Kleine zu⸗ ſammen. Beſtürzt hatten die Vagabunden ſich erhoben, ſie ſchienen ent⸗ ſchloſſen zu ſein, ſich auf Dorman zu ſtürzen, aber die Mündung ſeines Revolvers ſchreckte ſie zurück. „Feiglinge!“ rief der Falſchmünzer.„Einen Wehrloſen zu über⸗ fallen habt Ihr den Muth, aber vor einer Waffe lauft Ihr davon.“ „Schlagt ihn nieder!“ ſchrie die heiſere Stimme.„Nieder mit ihm, wir hätten ſogleich kurzen Prozeß mit ihm machen ſollen.“ „Wage es, wenn Du den Muth haſt!“ ſpottete Dorman.„Wes⸗ halb verbirgſt Du Dich feige hinter dem breiten Rücken Deiner Ge⸗ noſſen? Tritt mir frei gegenüber, erbärmliche Memme! Dieſer hier hat den Lohn des Verräthers empfangen, ſo werde ich Jeden beſtra⸗ fen, der dem Bunde die Treue bricht.“ — 931— „Tod und Hölle, Recht hat er,“ rief der Stierkopf.„Der Burſche war ein heimtückiſcher Geſell.“ „Gut für Euch, wenn Ihr das einſeht. Ihr hattet gewählt zwiſchen ihm und mir, nun iſt er todt und ich werfe Euch unſern Vertrag vor die Füße.“ „Das darfſt Du nicht“, erwiderte der Stierkopf.„Du haſt ge⸗ lobt, uns zu führen und treu bei uns auszuhalten—“ „Und was habt Ihr mir geſchworen? Treue und Gehorſam!“ „Wir halten unſern Schwur, wenn man uns nicht betrügt.“ „Bah durch dieſen Betrüger ließt Ihr Euch zur Untreue verleiten, was habt Ihr nun gewonnen?“ Die Vagabunden waren ernſt und nachdenklich geworden, das feſte, energiſche Auftreten ihres Chefs ſchücherte ſie ein, geduldig kehrten ſie in die Feſſeln zurück, die ſie bereits zerbrochen zu haben wähnten. „Was nun?“ fragte Dorman nach einer Pauſe.„Wer wird ſich nun an die Spitze ſtellen?“ „Zum Teufel, Du bleibſt!“ antwortete der Stierkopf ärgerlich. „Du wirſt uns doch nicht für die Schuld dieſes Burſchen büßen laſſen?“ „Soll ich noch einmal mich der Gefahr ausſetzen, von Euch ex⸗ mordet zu werden?“ „So lange wir keine Urſache finden, uns zu beſchweren, bleiben wir Dir treu!“ „Ich kenne das?“ ſagte Dorman achſelzuckend,„aber gleichwohl will ich es noch einmal mit Euch verſuchen. Werft die Leiche in die Seine, wir wollen das Vorgefallene vergeſſen.“ „Und was gibt es dieſe Nacht?“ fragte der Stierkopf. „Ich werde jetzt heimgehen, um meine Uniform anzuziehen, in einer Stunde erwarte ich Euch an der Ecke der Rue St. Antoine. Man hat mir geſagt, eine junge und reiche Dame wohne dort allein, ihr Mann ſei wegen Hochverrath verhaftet, wir wollen die Haus⸗ ſuchung übernehmen.“ „Gut, wir werden uns einfinden.“ „Alſo in einer Stunde. Wer nicht zur Stelle iſt, geht leer aus.“ Damit ging der Falſchmünzer hinaus, ohne die Leiche des Er⸗ ſchoſſenen nur noch eines Blickes zu würdigen. Er verließ die Schenke und ſchlug den Weg zu ſeiner Wohnung ein, die er nach raſcher Wanderung erreichte. 59* „— 932— Jenny und Juſtine ſaßen noch an der Tafel, ſie blickten erſtaunt auf, als er eintrat. „Wo iſt das Mädchen?“ war ſeine erſte Frage. „Louiſon ſchläft“, erwiderte Juſtine. „Hat ſie ſich in ihr Geſchick gefunden?“ „Bewahre, wir mußten noch einen harten Strauß mit ihr aus⸗ fechten, ſie ſagte uns ſolche beleidigende Grobheiten, daß wir nahe daran waren, ſie mit der Peitſche zu züchtigen.“ „Das iſt meine Sache. Wenn ſie morgen ruhiger geworden iſt, wird ſie einſehen, daß ihr nichts übrig bleibt, als ſich zu fügen. Man muß Geduld haben.“ „Du kommſt allein?“ fragte Jenny.„Wo iſt dein Freund?“ „Todt.“ „Du ſcherzeſt—“ „Fällt mir nicht ein! Der Burſche würde mich in die Seine ge⸗ worfen haben, wenn ich ihn nicht erſchoſſen hätte. Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte.“ „Mord und Todtſchlag!“ ſagte Jenny finſter.„An Dich wird auch noch einmal die Reihe kommen.“ „Ich will das abwarten“, verſetzte Dorman ſpöttiſch,„einſtweilen habe ich noch keine Angſt. Wer mir feindſelig entgegentritt, den ver⸗ nichte ich, gleichviel, wer es auch ſein mag.“ „Das gilt uns“, flüſterte Jenny, als der Falſchmünzer in das Nebenzimmer gegangen war.. „Bah, ohne Drohungen können ſolche Leute nicht leben“, erwiderte Juſtine achſelzuckend,„man muß ſie weiter nicht beachten.“ „Aber man muß auch Vorſichtsmaßregeln treffen. Wenn wir das Geld dieſes Burſchen hätten, könnten wir ruhiger in die Zukunft blicken.“ „Und wenn er nur eine Ahnung von dieſem Gedanken hätte, wärſt Du im nächſten Augenblick eine Leiche.“ Jenny warf einen ſcheuen Blick auf die Portiere des Nebenzim⸗ mers, ſie hüllte fröſtelnd ſich feſter in ihr Tuch. „Man muß das reiflich überlegen“, ſagte ſie leiſe, nin der Nähe dieſes Mörders habe ich mich nie behaglich gefühlt.“ „Still, er kommt.“ Dorman trat wieder ein, er trug die Uniform eines Offiziers der Nationalgarde. m — 933— Sein ſtechender Blick ruhte durchdringend auf den beiden Mädchen, Jenny erbleichte, indeß Juſtine lachend das Glas erhob und den In⸗ halt deſſelben haſtig hinunterſtürzte. „Gebt nur auf Louiſon Acht“, ſagte er,„das. Mädchen muß noch einige Tage hier bleiben, was dann mit ihr geſchehen ſoll, werden wir ſehen. Und noch Eins. Ich habe vorhin einige Worte geſpro⸗ chen, die Euch überraſcht haben, ſie galten Euch, und Ihr werdet wiſſen, daß ich kein Freund von leeren Drohungen bin. Gefällt Euch meine Geſellſchaft nicht, ſo ſagt es gerade heraus, und ich werde Euch nicht mehr beläſtigen, hütet Euch aber vor andern Mitteln, die Folgen würden für Euch ſchrecklich ſein— kein Wort weiter dar⸗ über“, fuhr er fort, als er bemerkte, daß Juſtine eine Erwiderung geben wollte,„ich habe einen ſcharfen Blick und leſe Eure Gedanken auf Eurer Stirne. Gute Nacht!“ Er nickte den beſtürzten Mädchen zu und ſchritt haſtig hinaus. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Eine tugendhafte Frau. Der Marquis hatte am erſten Tage nach jener Nacht, in welcher Herr von Briſſac verhaftet wurde, dem Verlangen, die ſchöne Frau des Gefangenen wiederzuſehen, ſiegreich widerſtanden. Aber er konnte ſie nicht vergeſſen, ſelbſt das Bild Mariens mußte erbleichen, wenn dieſes ſchönere Bild neben ihm aufſtieg, er fühlte, daß es ihm unmöglich war, Frau von Briſſac zu vergeſſen. Und jetzt empfing er gleich nach dem Frühſtück ein Billet, in welchem die ſchöne Frau ihn bat, ſie zu beſuchen, da ſie ihm ernſte und wichtige Mittheilungen zu machen habe. Im erſten Augenblick zögerte er, er kannte die Gefahr zu gut, die in der Nähe dieſer Dame ihn bedrohte und an ſeinen feſteſten Grund⸗ ſätzen rüttelte. Aber weshalb ſollte er nicht annehmen, was die Gunſt des Augen⸗ blicks ihm bot? Weshalb ſollte er nicht die Gegenwart genießen, da die Stunde vielleicht nahe war, die ihn von den Lebenden abrief? — 934— Der Marquis blickte nicht mehr mit ſeiner früheren heiteren Zu⸗ verſicht in die Zukunft. Das Bombardement, das ſteigende Elend und die Beſorgniß, daß der Feind die Stadt erſtürmen werde, hatten ihn ernſt geſtimmt, und wenn er auch noch immer an dem Vorſatz, die Arbeiter von Paris mit der Commune zu beglücken, hartnäckig feſthielt, ſo kamen doch jetzt ſchon Stunden, in denen er zweifelte, ob er wirklich das Glück des Proletariats begründen werde. Er hatte Gelegenheit gehabt, die wilden Leidenſchaften des Volkes kennen zu lernen, er war erſchrocken über die wahnſinnigen Pläne der Communiſten, welche aus dem ſchönen, ſtolzen Paris einen Schutt⸗ haufen machen wollten, und er mußte ſich ſagen, daß dieſer einmal entfeſſelte Strom der Leidenſchaften auch ihn mit ſich reißen und ver⸗ ſchlingen werde. Es war zu ſpät, zurückzutreten, und wenn er wirklich unterging, ſo hatte er doch das Beſte gewollt, und es war ſeine Schuld nicht, daß der Erfolg den Erwartungen nicht entſprach. Aber gerade dies mußte alle Bedenken beſeitigen, die in Bezug auf Frau von Briſſac in ihm aufſtiegen. Ja, er wollte das Leben genießen, ſo lange er noch unter den Lebenden war, wer konnte wiſſen, wie lange noch die kurze Spanne währte. Er wollte die Blumen pflücken, die er an ſeinem Wege fand, ſich im Sonnenglanz baden, ſo lange die Sonne ihm noch ſtrahlte. Und Frau von Briſſac bat ihn um ſeinen Beſuch, es wäre un⸗ höflich, ja beleidigend geweſen, wenn er die Erfüllung dieſes Wunſches abgelehnt hätte. Er ließ den Brief achtlos auf ſeinem Schreibtiſche liegen und rüſtete ſich zum Ausgange. Und jetzt erſt erinnerte er ſich, daß heute Neujahrstag war, der Tag, an welchem die Pariſer, wie die Deutſchen am Weihnachtstage, ſich gegenſeitig Geſchenke machen. Früher hatte der Marquis an dieſem Tage namhafte Summen verſchwendet, um den ihm befreundeten Damen koſtbare Schachteln voll Bonbons und andere Näſchereien zu ſchenken, aber wer dachte heute an Bonbons? Der Marquis erinnerte ſich, daß einige Bekannte ihm geklagt hatten, es ſei kein Huhn, keine Taube mehr aufzutreiben, man müſſe — 935— ſich begnügen, den Damen ein Stück Bärenfleiſch zu ſchicken, und auch das koſte fünfzehn Francs. Nun, dieſe Leute waren entweder geizig, oder ſie beſaßen keine Mittel mehr, eine bedeutendere Auslage machen zu können; der Mar⸗ quis war überzeugt, daß er in Paris noch etwas Beſſeres finden werde, er kannte ja ſeine Quellen. Und wenn er wirklich nichts fand, dann wollte er einige ſeiner Brieftauben opfern, lange konnte ja die Belagerung nicht mehr währen. Mit dieſem Entſchluſſe wollte er das Cabinet verlaſſen, als Cora in eleganter Toilette eintrat. Sie wollte ebenfalls einen Ausgang machen, vorher aber dem Edelmann über Marie Bericht erſtatten. Er hörte kaum darauf, er nickte zerſtreut, als ſie ihm ſagte: Ma⸗ rie ſcheine Mißtrauen zu hegen, ſie glaube nicht recht an die Krank⸗ heit des Marquis, und man dürfe nun nicht lange mehr mit dem Schlußakt zögern, denn wenn dieſes Mißtrauen feſte Wurzel faſſe, ſei Alles verloren. Es ſchien ihn weder zu überraſchen, noch zu beunruhigen, er er⸗ widerte nur, daß er ihrer Klugheit Alles überlaſſe, nur müſſe ſie vorher alle Schwierigkeiten beſeitigen, aus denen ihm Unannehmlich⸗ keiten erwachſen könnten. Er fragte ſie auch, wohin ſie gehen wolle, aber der Ton ſeiner Stimme klang dabei ſo gleichgültig, daß Cora es nicht nöthig hielt, die Frage zu beantworten. Gleich darauf fuhr der Marquis in ſeinem Wagen ab, er dachte nicht mehr an das Billet der Frau von Briſſac, welches Cora bereits gefunden und geleſen hatte. Vor dem Palais Royal ſtieg er aus, um in die Hallen der Ge⸗ flügel⸗ und Delikateſſenwaaren⸗Händler zu gehen. Er ſah ſich in ſeinen Erwartungen nicht getäuſcht, für Gold war noch immer etwas zu haben. Der Marquis kaufte ein welſches Huhn in Trüffeln für Wweihun⸗ dertundvierzig Francs, eine Gans für hundertundfünfundſiebenzig Francs und eine Haſenpaſtete für zweihundert Francs und trug dieſe Schätze eigenhändig in ſeinen Wagen. Das welſche Huhn hatte Frau von Briſſac erhalten, die Gans war für Cora, die Paſtete für Marie beſtimmt. Weitere Geſchenke hatte der Edelmann nicht zu machen, er war — 936— ſehr vergnügt, daß er dieſe köſtlichen Schätze ſeinen Damen anbieten konnte. Es war heute nicht ſo ſtill auf den Straßen, wie an den Tagen vorher, trotz des unabläſſig andauernden Bombardements und der täglich wachſenden Schreckniſſe, wollte heute daheim Jeder das nützliche Geſchenk machen. Man ſah heute wieder Equipagen und elegante Toiletten, man ſah wieder Livreebediente mit kleinen Packeten beladen, und es waren mitunter ſeltſame Geſchenke, zu denen man diesmal in Ermangelung der Blumen und der Bonbons ſeine Zuflucht nahm. Man ſchenkte Bären⸗ und Clephanten⸗Fleiſch, Büchſen mit eingemachtem Gemüſe, Brennholz, ja ſogar Katzen und Ratten. Glücklich derjenige, dem es gelungen war, für ſchweres Geld ein Kaninchen oder eine Taube zu erhalten, er durfte mit dieſem hoch⸗ willkommenen Geſchenk des freundliches Empfanges gewiß ſein. Und die Armen? Man ſah an den Straßenecken manche zerlumpte Geſtalt, die von den Fieberſchauern des Hungers geſchüttelt, der eiſigen Kälte trotzte und die Vorübergehenden um ein Almoſen bat. Der Wagen hielt in der Rue St. Antoine. Der Marquis ſtieg aus und befahl ſeinem Kutſcher, zu warten. Aber wie ſah es in dem Hauſe aus! Der Edelmann erſchrak, als er hineintrat. Die Statuetten, welche das Treppenhaus geſchmückt hatten, waren zerſchlagen, die werthvollen Vaſen zertrümmert und an den Wänden ſah man die deutlichen Spuren roher Verwüſtung. Schmutz und Lumpen lagen auf der Treppe, die Teppiche waren zerfetzt, die Fenſterſcheiben zertrümmert. Keine Dame ließ ſich blicken, das Haus war wie ausgeſtorben. Von bangen Ahnungen getrieben, eilte der Marquis weiter; er errieth jetzt, aus welchen Gründen Frau von Briſſac ihn um ſeinen Beſuch gebeten hatte. Er pochte an mehreren Thüren an und ein freudiges Gefühl durchſtrömte ihn, als er erndlich die melodiſche Stimme der ſchönen Frau vernahm. Der Marquis öffnete und trat ein, auch hier, in dieſem reizenden Boudoir, fand er die Spuren der Verwüſtung. Ernſt, mit bleichen Wangen und gerötheten Augen, trat Frau von Briſſac ihm entgegen. „Das war eine ſchreckliche Nacht“, ſagte ſie, tief aufathmend, als ob ſie eine Centnerlaſt von der Seele wälzen wolle,„und ich werde ſie niemals vergeſſen.“ Der Edelmann legte das Packet auf den Tiſch und führte die ſchöne Frau zum Divan, er fühlte, wie ihre Hand in der ſeinen zitterte. „Ich bin erſchreckt“, erwiderte er,„ich hatte keine Ahnung davon, daß ich hier Trümmer und Schutt finden würde—“ „Trümmer, Schutt und Leichen!“ „Mein Gott, gnädige Frau, ich begreife noch immer nicht—“ „Iſt Ihnen einer meiner Diener begegnet?“ „Nein!“ „So ſind ſie feige geflohen, oder ermordet.“ „Faſſen Sie ſich“, bat der Marquis,„erzählen Sie mir Alles.“ „Ich wurde bald nach Mitternacht durch ungewöhnlichen Lärm geweckt; er hörte draußen Waffengeklirr und rauhe Stimmen, hörte, wie meine Diener eilig durch die Gänge, die Treppen hinauf und hinunter liefen, und konnte mir das anfangs nicht erklären. Ich läutete, aber Niemand erſchien; in Fieberhaſt kleide ich mich an, um mit wachſender Angſt die kommenden Dinge zu erwarten. Ich hörte, daß man im Namen des Geſetzes Einlaß forderte, vernahm auch, daß die Thür geöffnet wurde. Ein Todesſchrei drang mir durch Mark und Bein, er war kaum verhallt, als ich ſchon ſchwere Tritte auf der Treppe vernahm. Man ſtieß die Thüren ein, Flüche und Verwün⸗ ſchungen trafen mein Ohr, und ich wußte noch immer nicht, was das zu bedeuten hatte. Ich flüchtete mich in dieſes Gemach, man ſtieß auch dieſe Thür ein, und eine Rotte Nationalgardiſten drang in das Zimmer ein. Der Offizier, der ſie führte, erklärte mir, er ſei beauf⸗ tragt, Hausſuchung zu halten, Herr von Briſſac ſei ein Verräther, den man erſchießen werde, ſobald man im Beſitz der Beweiſe ſei, die man hier mit Sicherheit zu finden hoffe.“ „Nun, dieſe Beweiſe waren beſeitigt“, warf der Marquis ein. „So dachte ich auch, und ich würde deshalb ganz ruhig geweſen ſein, wenn die Leute nicht das Ausſehen von Vagabunden gehabt hätten. Man forderte ſämmtliche Schlüſſel von mir und zwang mich, die Burſchen zu begleiten. Sie öffneten alle Schränke und Schieb⸗ laden, und ich ſah bald, daß ſie nicht Beweiſe gegen Herrn von Briſſac, ———⸗—;——————·— 1 1 — 938— ſondern Geld und Werthſachen ſuchten. Sie nahmen Alles, was ihre Habſucht reizte, ſie plünderten die Silberſchränke, raubten meine Schmuckſchatulle und bemächtigten ſich des Geldes, ſowie der Werth⸗ papiere, welche ſie im Sekretair meines Gatten fanden.“ „Das waren keine Nationalgarden“, ſagte der Marquis entrüſtet. „Nein, es waren Raubmörder!“ „Und Sie hatten keine Hülfe?“ „Durchaus keine. Von meinen Dienern ließ Niemand ſich ſehen, und die Vagabunden hatten mir gedroht, mich bei dem erſten Hülfe⸗ ruf Liedernſtohin 4 „Schändlich! Ha, daß ich hier geweſen wäre!“ „Sie würden gegen dieſe Burſchen nichts ausgerichtet haben.“ „Madamo, ich hätte mein Leben freudig für Sie hingegeben“, ſagte der Edelmann, indem er die Hand der ſchönen Frau erfaßte und ihr mit inniger Theilnahme in's Auge ſchaute. Frau von Briſſac ſchüttelte wehmüthig das ſchöne Köpſchen. „Was würde mir dieſes Opfer genützt haben?“ fragte ſie. Dieſe Leute waren zu Allem entſchloſſen, man ſah es daran, daß ſie ſyſte⸗ matiſch zu Werke gingen. Sie hatten Säcke mitgebracht, um das Silbergeſchirr fortzuſchaffen, und was ihnen werthlos ſchien, meine Vaſen, Statuetten und die zierlichen Möbel, das zertrümmerten ſie. Ich wagte nicht, ihnen einen Vorwurf zu machen oder eine Bitte an ſie zu richten, ich mußte ohnedies die roheſten Worte hören, Drohun⸗ gen, die mich entſetzten.“ „Ich begreife die Angſt, in der Sie ſchwebten“, ſagte der Mar⸗ quis, die Brauen zuſammenziehend.„Wenn ich nur eine Ahnung davon gehabt hätte! Ich weiß wohl, daß mehrere Banden ſich gebildet haben, Banden des verworfenſten Geſindels, die in der Uniform der Nationalgarde auf Raub und Plünderung ausgehen, aber ich glaubte bisher nicht, daß dieſes Geſindel ſo verwegen ſein würde, ihre ver⸗ brecheriſchen Unternehmungen auf die Wohnungen der Pariſer aus⸗ zudehnen.“ „Und was rathen Sie mir nun?“ fragte Frau von Briſſac. „Hier iſt ſchwer zu rathen. Es wird unmöglich ſein, den Bur⸗ ſchen die Beute zu entreißen.“ „Das habe ich mir auch geſagt. Wir haben keine Polizeiwache.“ „Und ſelbſt wenn wir ſie hätten, wäre dieſe Hoffnung Thorheit. Das Silbergeſchirr iſt heute ſchon zerſchlagen und eingeſchmolzen, und — 939— die Werthpapiere ſind ſicher verſteckt, um ſpäter in London oder Brüſſel wieder aufzutauchen.“ „Wenn Herr von Briſſar nur frei wäre!“ „Glauben Sie, daß er etwas erreichen würde?“ „Er würde nicht ruhen, bis er eine Spur entdeckt hätte.“ „Und auch ſeine Mühe wäre vergeblich“, erwiderte der Edelmann, indem er der ſchönen Frau näher rückte.„Herr von Briſſac erwartet ſein Todesurtheil.“ „Aber, mein Gott, man hat ja keine Beweiſe gegen ihn „Man hat in ſeinem Portefeuille Papiere gefunden, die ihn des Hochverraths überführen.“ „Herr von Briſſac ein Hochverräther?“ erwiderte die ſchöne Frau erregt.„Ich kann das nicht glauben.“ „Meine Nachrichten ſind zuverläſſig. Die Strafe iſt gerecht, gnä⸗ dige Frau, und was Sie betrifft—“ „So bin ich jetzt eine Bettlerin!“ „O, nicht doch.“ „Doch, mein Herr, man hat mir nichts gelaſſen.“ Der Marquis öffnete das Packet, in den Augen der ſchönen Frau leuchtete es freudig auf. „Wie ſehr danke ich Ihnen für dieſe Aufmerkſamkeit!“ ſagte ſie. „Ich habe in Wahrheit noch nicht darüber nachdenken können, wo ich heute etwas zu eſſen finden würde.“ „Um ſo größere Freude muß es mir bereiten, daß meine Wahl auf dieſes Huhn gefallen iſt“, erwiderte der Marquis, einen heiteren Ton anſchlagend.„Ich bitte um die Ehre, Sie bedienen zu dürfen.“ Er hatte ſich raſch erhoben, und als Frau von Briſſae zu ihm aufblickte, erſchrak ſie vor dem ſeltſamen Blick, der aus ſeinen blitzen⸗ den Augen ſie traf. Der Edelmann bemerkte das nicht, er eilte hinaus, er fand in dem Speiſezimmer Tiſchzeug und ein Couvert, im Keller entdeckte er einige Flaſchen Champagner und in der Küche ein Stück Brod, wel⸗ ches allerdings nicht ſehr appetitlich ausſah. Die Spuren der Verwüſtung zeigten ſich überall, die Vagabunden hatten faſt kein Zimmer verſchont, ſie waren ſelbſt in den Keller ein⸗ gedrungen, wie der Haufen von leeren und zerbrochenen Flaſchen bewies. In der Portierſtube lag die Leiche des Portiers in einer Blutlache, ein Bajonnetſtich hatte ihm die Bruſt durchbohrt. 19 ————— — 940— Andere Leichen fand der Marquis nicht, der Portier ſchien der einzige Diener geweſen zu ſein, der ſein Leben eingeſetzt hatte, um ſeine Herrin zu beſchützen. Als er in das Bondoir zurückkehrte, mußte Frau von Briſſac unwillkührlich lächeln. „Sie opfern ſich für mich auf“, ſagte ſie, während ſie dem Edel⸗ mann beiſtand, den Tiſch zu decken. „Madame, wollte der Himmel, ich könnte noch mehr für Sie thun“, erwiderte der Marquis.„Aber nun bitte ich Sie, wacker zu⸗ zugreifen.“ „Und wie fanden Sie es im Erdgeſchoſſe?“ „Nicht beſſer, wie hier.“ „Mich wundert nur, daß Sie noch Champagner im Keller fanden.“ „Die Schurken waren wahrſcheinlich ſchwer genug beladen, und der Wein iſt ja in Paris nicht theurer geworden.“ Frau von Briſſac zerlegte kunſtgerecht das Huhn und bot es dem Marquis an; er lehnte mit einer dankenden Verbeugung ab. „Wie edel Sie ſind!“ ſagte die ſchöne Frau.„Es iſt wahr, dieſes köſtliche Huhn iſt gegenwärtig Alles, was ich beſitze, indeß der Vater im Himmel wird mich nicht verlaſſen.“ Der Marquis ſaß wieder neben ihr, je länger er das reizende Weib betrachtete, deſto heißer ward ſein Verlangen, ſie zu beſitzen. Und was konnte der Erfüllung dieſes Wunſches noch entgegen⸗ ſtehen? Nichts, gar nichts. Er bewies ihr eine Freundſchaft, für die ſie ihm unendlich dankbar ſein mußte, er brachte ihr Opfer, die kein anderer Freund ihr gebracht haben würde. Und war ſie nicht ganz auf ſeine Hülfe angewieſen? Mußte ſie ſich nicht in ſeine Arme flüchten, um den Qualen des Hungers zu entrinnen? Nein, ſeinem Wunſche ſtand nichts entgegen, es war ganz undenk⸗ bar, daß dieſe hülfloſe Frau ſeinen Schutz zurückweiſen würde. Frau von Briſſac legte jetzt Meſſer und Gabel hin, ihr vorhin noch ſo umwölktes Antlitz hatte ſich aufgeheitert, und der feurige Champagner ließ das Blut wieder raſch durch ihre Adern rollen. „Ich ſage Ihnen nochmals meinen herzlichſten Dank“, verſetzte ſie, ſich in die Ecke des Divans zurücklehnend und ihm einen Blick zuwerfend, der ihn entzückte,„ich geſtehe offen, daß ich lange nicht ſo vortrefflich geſpeiſ't habe.“ — 941— „Das war nur das Frühſtück“, ſagte der Marquis heiter, indem er ſeine Hand auf ihren Arm legte,„nun fragt es ſich, wo Sie di⸗ niren werden.“ „Ach, dieſe Frage macht mir nicht ſo große Beſorgniß, als die, was nun überhaupt geſchehen ſoll.“ „Hier können Sie nicht bleiben.“ „Weshalb nicht?“ „Unter Schutt und Trümmern?“ „O, ich werde dieſe Spuren beſeitigen laſſen und das Verlorene erſetzen.“ „Sehr wohl, aber fürchten Sie nicht, daß die Vagabunden zurück⸗ kehren werden?“ „Ich glaube das nicht.“ „Sie haben keine Diener—“ „Gut, ich werde neue Diener engagiren.“ „Madame, Sie ſagten vorhin, man habe Ihnen nichts gelaſſen.“ „Es iſt wahr“, erwiderte die ſchöne Frau kleinmüthig,„ich dacht⸗ nicht mehr daran, aber Herr von Briſſac wird heimkehren, die Sum⸗ men, welche ſeine Bankiers ihm ſchulden, reichen hin—“ „Verzeihen Sie, daß ich Ihnen auch dieſe Hoffnung rauben muß. Herr von Briſſac iſt dem Tode verfallen. Selbſt, wenn die Richter ihn ſchonen wollten, müßten ſie ihn zu langjähriger Haft verurtheilen, aber von einem Kriegsgericht darf man keine Schonung erwarten, es fällt nur Todesurtheile.“ „Nun wohl, ſo werden die Bankiers mir die Summen auszahlen müſſen.“ „Vorausgeſetzt, daß die Regierung ſie nicht confiscirt, was unter den obwaltenden Umſtänden zu erwarten ſteht.“ „Mein Gott, dann wäre ich ja völlig ruinirt!“ ſagte Frau von Briſſac beſtürzt. Der Marquis legte ſeinen Arm leicht um ihre ſchlanke Taille, die ſchöne Frau ſchien es in ihrer Aufregung nicht zu bemerken. „Halten Sie den Gedanken feſt, Sie ſeien es“, entgegnete er,„dann haben wir für unſere Berathung eine feſte Grundlage gefunden.“ „Aber dieſes Palais iſt mein Eigenthum!“ „Gut, Sie können es verkaufen, aber wird ſich ein Käufer fin⸗ den? Können Sie mit Sicherheit wiſſen, daß der Feind dieſes Haus nicht einäſchern wird? Und was wollen Sie beginnen bis zu dem b b — ,:⏑,⏑‧⏑ů⏑:O—:— — 942— vielleicht noch fernen Tage, an dem Ordnung und Sicherheit zurück⸗ kehren werden?“ Er zog das reizende Weib an ſich und ſah ihr fragend in's Antlitz. „Ich weiß es nicht“, flüſterte ſie rathlos. „Wollen Sie mir geſtatten, Ihnen einen guten Rath zu geben, den beſten, der Ihnen gegeben werden kann?“ „Muß ich Ihnen nicht von Herzen dankbar dafür ſein?“ „Nun denn, ſo überlaſſen Sie es ganz mir, für Ihre Exiſtenz zu ſorgen.“ „Herr Marquis, dieſes Anerbieten—“ „Kann Ihrer Ehre nicht zu nahe treten. Ich biete Ihnen eine reizende Wohnung in meinem Palais an.“ Immer feſter drückte der Marquis die ſchöne, erglühende Frau an ſich, immer leidenſchaftlicher ward der Ton ſeiner Stimme, und es ſchien faſt, als ob auch Frau von Briſſac ſich ganz dem Ent⸗ zücken dieſes Sinnesrauſches hingebe. „Ich kann das nicht annehmen“, ſagte ſie leiſe,„man würde mich verdammen—“ „Nicht doch,— und was kümmert Sie das Urtheil der Welt? Ich werde Ihnen erſetzen, was Sie verloren haben, ich werde Ihre Wünſche erfüllen, ehe Sie ſie ausſprechen können.“ Die ſchöne Frau wollte ſich aus der Umarmung befreien, aber ihre Mühe war vergeblich, ſie lag an der Bruſt des Edelmannes, deſſen Athem ihre Wangen ſtreifte. „Was würde Herr von Briſſac dazu ſagen?“ erwiderte ſie. „Hat er überhaupt ein Recht, Ihnen Vorwürfe zu machen?“ „Er iſt mein Gatte!“ „Hat er jemals die Pflichten eines Gatten erfüllt? Keine Feſſel kettet Sie mehr an ihn, ſelbſt wenn der Tod nicht das letzte Band zwiſchen Ihnen und ihm zerriſſe.“ „Nein, nein, ich kann, ich darf es nicht annehmen. Ich werde dieſes Haus nicht verlaſſen.“ „Nun denn, ſo werde ich ein neues Dienſtperſonal für Sie enga⸗ giren und Ihnen die Handwerker zuſchicken, welche die nöthigen Re⸗ paraturen vornehmen ſollen. Ich werde Ihre geplünderte Schatulle wieder füllen und Ihnen Alles zu erſetzen ſuchen, was Sie verloren Das Alles wollen Sie für mich thun?“ rück⸗ allit. heben iſten, T — 943— „Das Alles und noch mehr, reizendes Weſen! Ich werde Herrn von Briſſac erſuchen, Ihnen die Summen anzuweiſen, die er bei ſei⸗ nen Bankiers deponirt hat, und bis Sie dieſe Summen erheben kön⸗ nen, müſſen Sie mir erlauben, Ihnen die erforderlichen Vorſchüſſe zu machen.“ Die ſchöne Frau blickte zu dem Edelmann mit wachſendem Er⸗ ſtaunen empor. „Wie könnte ich Ihnen alle dieſe Opfer erſetzen?“ far ſie. „Durch Ihre Liebe.“ „Herr Marquis—“ „Madame, ich liebe Sie glühend, ich bete Sie an, Ihre Liebe wird mich unendlich glücklich machen.“ „Dieſe Liebe iſt ein Frevel“, rief Frau von Briſſac beſtürzt, ich bin die Gattin eines Andern—“ „Eines Mannes, der Ihrer Liebe nicht werth iſt, den Sie nicht lieben können, den Sie verachten müſſen.“ Der Marquis vergaß ſich in ſeiner leidenſchaftlichen Erregung ſo ſehr, daß er die ſchöne Frau an ſich preßte und einen glühenden Kuß auf ihre Lippen drückte. Aber im nächſten Augenblick entwand Frau von Briſſac ſich mit einem Schrei der Entrüſtung ſeinen Armen und mit zornflammendem Blick ſtand ſie vor dem Verwegenen, der über dieſe plötzliche Um⸗ wandlung erſchrak. „Jetzt erſt verſtehe ich Sie ganz“, ſagte ſie mit bebender Stimme. „wie ſehr habe ich mich doch in Ihnen getäuſcht! Wie, Sie konnten glauben, daß ich ohne Bedenken einwilligen würde, Ihre Courtiſane zu werden, die Zahl der unterhaltenen Frauen zu vermehren?“ „Madame, Sie mißverſtehen mich— „O, nein, ich verſtehe Sie leider nur zu gut! Sie bieten mir Ihre Freundſchaft an und verlangen dafür, daß ich Ihnen meine Ehre hingeben ſoll!“ „Ihre Ehre wird meinem Schutze anvertraut ſein, wehe dem, der es wagt, ſie zu beleidigen!“ rief der Marquis, der die Schönheit des erregten Weibes bewunderte.„Was hätte ich von Ihnen verlangt, Madame? Ich habe Ihnen geſagt, daß ich Sie glühend liebe, und das iſt die Wahrheit, aber gibt es eine Liebe ohne Gegenliebe? Muß ich nicht glauben, daß auch Ihr Herz für mich ſchlägt, daß der gött⸗ liche Funke in ihm zu heller Gluth emporgelodert iſt?“ — 944— „Ihre Liebe iſt ein Sinnesrauſch, mein Herr“, erwiderte Frau von Briſſac mit ſchneidender Kälte,„aber wäre ſie es auch nicht, wäre ſie wirklich der reine, heilige Gottesfunke im Menſchenherzen, ſo könnte und dürfte ich ſie dennoch nicht erwidern. Ich habe einem Andern vor dem Angeſicht Gottes Treue geſchworen, und dieſen Schwur muß ich halten, wäre er auch mit den ſchwerſten Opfern für mich verknüpft. Mögen Sie mir ſagen, mein Gatte habe täglich mir die Treue gebrochen, mich entbindet das nicht von meinem Gelübde, er muß den Meineid vor ſeinem eigenen Gewiſſen verantworten.“ „Aber ſein Tod entbindet Sie!“ „Ja er befreit mich von Feſſeln, die, ich leugne das nicht, drückend für mich waren, aber er erlaubt mir noch immer nicht, die Bahn zu betreten, welche Sie mir zeigen. Dieſe Bahn, ſo glatt und blumig ſie auch ſein mag, iſt die Bahn der Schande, ſie führt zu einem Ab⸗ grunde, in welchem Leib und Seele untergehen.“ Der Marquis wußte nicht, was er zu dieſen Worten ſagen ſollte, eine ſolche Charakterfeſtigkeit hatte er noch bei keiner Pariſerin gefun⸗ den. Im Gegentheil, die Damen, die er bisher kennen gelernt hatte, waren ihm alle auf halbem Wege entgegen gekommen, er glaubte ſich auch hier ſeines Sieges völlig ſicher, und nun fand er eine Nieder⸗ lage, die ihn tief demüthigte. „Wäre ich Wittwe, wären wir beide frei, und Sie würben um mein Herz und meine Hand, dann mein Herr würde ich Sie prüfen und erforſchen, ob ich Sie glücklich machen und an Ihrer Seite glücklich werden könne, ſuhr die ſchöne Frau mit unerſchütterlicher Ruhe fort,„ich würde Ihnen ohne Scheu und Furcht das Reſultat meiner Prüfung mittheilen. Aber unter den obwaltenden Umſtänden enthält Ihr Anerbieten eine Beleidigung für mich, ich bedaure, daß ich Ihnen das ſagen muß.“ Der Marquis zuckte zuſammen, es war ihm, als ob ein Dolch⸗ ſtich ſein Herz getroffen habe. „Sie erkennen die obwaltenden Umſtände noch immer nicht rich⸗ tig“, erwiderte er.„Sie ſind hülflos, von allen Exiſtenzmitteln ent⸗ blößt, Sie werden den Gefahren erliegen, welche Sie umringen, den⸗ noch ſtoßen Sie die Hand des Freundes zurück—“ „Weil ſie mir die theuerſten Güter rauben will!“ „Ah, Madame, wie wenig Damen gibt es in Paris, die ſo denken!“ Frau vicht, en, ſo einem dieſen n für h mir lübde, f. ückend hn zu lumig n Ab⸗ ſollte, gefun⸗ hatte, te ſich ieder⸗ en um. prüfen Seite erlicher eſultat tänden 2, daß — 945— „Ich weiß das leider auch. Ich war entſetzt, als der Zufall mich einen Blick hinter die Couliſſen werfen ließ und ich in den ſchönſten, vornehmſten und geachtetſten Damen ehrvergeſſene Courtiſanen ent⸗ deckte. Aber glauben Sie, daß mich das bewegen müſſe, ihrem Bei⸗ ſpiel nachzuahmen? Nimmermehr, für mich war es ein abſchreckendes Beiſpiel, und feſter denn zuvor ſtand der Entſchluß in mir, an den edelſten und theuerſten Gütern, an Ehre, Tugend und Selbſtachtung ſeſtzuhalten.“ Der Marquis zuckte die Achſeln, dieſe Demüthigung ärgerte ihn mehr und mehr, er mußte den aufſteigenden Groll gewaltſam zu⸗ rückdrängen. „So hätte ich alſo auf keinen Dank zu rechnen“, ſagte er,„denn ſchwerlich werden Sie ſich eines Andern belehren laſſen. Beneidens⸗ werther Gatte, der ein Weib beſitzt, welches jung, ſchön und reizend, ihm volle Freiheit läßt und dabei ihm unerſchütterlich treu bleibt. Vielleicht werden Sie bereuen, daß Sie mich ſo ſchroff zurückgewieſen haben, aber trotz alledem werde ich Ihnen meine Freundſchaft nicht entziehen.“ „Und ich, mein Herr, verzichte auf dieſe Freundſchaft, denn ſie ängſtigt mich.“ „Das iſt eine neue Beleidigung, Madame, Sie verbieten mir durch dieſelbe Ihre Schwelle.“ „Ich wollte, Sie hätten ſie nie überſchritten.“ In den dunklen Augen des Edelmanns blitzte es jäh auf, ſein Lippen preßten ſich feſt aufeinander. „Ich fange an, das ganze Spiel zu durchſchauen“, fuhr Frau von Briſſac fort.„Was bewog Sie, in ſpäter Nacht hierher zu kommen? Der Vorſatz, meinem Gatten einen Dienſt zu erzeigen? Gewiß nicht, Sie hatten ihn denuncirt, Sie ließen ihn verhaften, Sie bemächtigten ſich hier der Papiere, um ihn zu verderben. Das war der erſte Schritt, um mich zum Fall zu bringen, aber er allein ge⸗ nügte nicht, ich ſelbſt mußte den Schrecken einer hülfloſen Lage empfinden. Wer hat die Vagabunden bewaffnet, wer ſie veranlaßt, mich zu berauben?“ „Madame!“ fuhr der Marquis auf. „Sie fühlen ſich getroffen, es ärgert und erſchreckt Sie, daß ich Ihnen ſo ſcharf in die Karten blicke!“ „Sie ſchieben mir Abſichten unter, die mich entehren.“ 92 . 60 2◻ — 946— „Ich thue es, nachdem Sie mir ein Anerbieten gemacht haben, welches Sie nicht weniger entehrt“, erwiderte Frau von Briſſac mit ſcharfer Betonung.„Ja, ich ſage Ihnen noch einmal, das Alles war Ihr Werk, und Sie glaubten, nun leichtes Spiel zu haben. Aber ich zähle nicht zu den ſchwachen Naturen, die vor jeder dunklen Wolke erſchrecken, mein Herr, ich kann einer Gefahr muthig in's Auge ſchauen und ziehe den Tod der Schande vor.“ Der Marquis ſah ein, daß er das Spiel vollſtändig verloren hatte, und daß jeder neue Verſuch, die Niederlage in einen Sieg um⸗ zuwandeln, ihm nur neue Demüthigungen bereiten mußte. Gegen die Feſtigkeit eines ſolchen Charakters war er nicht gewappnet, er that beſſer, wenn er auf die Fortſetzung dieſes Kampfes verzichtete. „Ich will nicht mit Ihnen rechten über die ganz unberechtigten Beſchuldigungen, die Sie gegen mich ſchleudern“, ſagte er.„So tief Sie mich auch beleidigt haben, ich verzeihe Ihnen, denn die Liebe kann nicht zürnen. Aber nur eine Frage bitte ich Sie, mir zu er⸗ lauben. Iſt es Ihr Ernſt, mir Ihre Schwelle zu verbieten?“ „Ich glaube, nach dieſen Auseinanderſetzungen kann ein Wieder⸗ ſehen für uns Beide nichts Angenehmes haben.“ „So darf ich auch nicht als Freund kommen?“ „Herr Marquis, deutlicher kann ich mich nicht ausdrücken.“ „Und was werden Sie nun beginnen?“ „O, denken Sie nicht, daß ich ſo ganz hülflos und verlaſſen ſei. Ich habe Freundinnen, die mich gerne aufnehmen werden.“ „In ſolcher Zeit denkt Jeder nur an ſich.“ „Meine Freundinnen ſind reich, Sie werden es begreiflich finden, wenn ich vorziehe, Ihnen keine Namen zu nennen.“ „Dann habe ich nichts mehr zu ſagen“, erwiderte der Marquis mit mühſam erzwungener Ruhe.„Leben Sie wohl, Madame, mögen Sie nie bereuen, die Hand eines Freundes zurückgeſtoßen zu haben!“ Er verbeugte ſich und ſtürmte hinaus. Ha, wie alle Gluthen der wildeſten Leidenſchaften in ihm auflo⸗ derten, als er wieder in ſeinem Wagen ſaß, der in ſcharfem Trabe von dannen fuhr! So war er noch nie beleidigt, nie gedemüthigt worden, ſo ſehr hatte er ſich noch nie in dem Charakter eines Weibes verrechnet. Und dennoch konnte er nicht an Rache denken. Er mußte ſich ſagen, daß er dieſe Niederlage ſelbſt ſich zugezogen habe durch ſeine 8(09 um⸗ egen — 947— Siegesgewißheit, ſeinen Uebermuth, und ach, er liebte ſie noch immer er konnte ſie nicht haſſen. Er hätte ihr jedes Opfer bringen können, wenn ſie es nur aus ſeiner Hand annehmen wollte, aber ſie hatte nicht einmal ein Wor. des Dankes für ihn. Und Marie? An ſie dachte er in dieſem Augenblick nicht, ſie war ihm überhaupt fremd geworden, da er ſie ſo lange nicht mehr ge— ſehen hatte. Es würde ihm nicht ſchwer gefallen ſein, ihr zu entſagen, wenn Frau von Briſſac dieſes Opfer gefordert hätte, er würde ohne Zö⸗ gern Marie ihrem Geliebten zurückgegeben haben. Er war verſtimmt, unzufrieden mit ſich und der ganzen Welt, als er in ſein Haus zurückkehrte, welches er mit ſo frohen Hoffnun⸗ gen verlaſſen hatte. Der Diener ſagte ihm, Madame von Chateaufleur ſei ſoeben von ihrem Ausgange zurückgekehrt und erwarte ihn in ſeinem Kabinet. Er ließ die Gans und die Paſtete in das Kabinet bringen und trat gleich darauf ſelbſt ein, um die Geſchenke zu übergeben. Aber auch Cora zeigte eine ernſte Miene, die den Marquis über⸗ raſchte und befremdete. Sie widmete den Geſchenken nur einen flüchtigen Blick, ſagte einige Worte des Dankes und überreichte dann dem Edelmann einen Brief, der ihre Adreſſe trug. „Was ſoll das?“ fragte der Marquis erſtaunt. „Lies, Du wirſt es erfahren.“ Der Marquis ſah zuerſt nach der Unterſchrift, ſeine Stirne zog ſich in drohende Falten. „Erneſt Lafleur?“ rief er beſtürzt.„Und der Brief iſt an Marie gerichtet?“ „An Marie gerichtet und an mich adreſſirt.“ „Aber was bedeutet das Alles?“ „Lies, Henry. Du wirſt noch mehr erſchrecken.“ Der Marquis ließ ſeinen Blick über das Papier ſchweifen, ein Wuthſchrei entfuhr ſeinen bebenden Lippen. „Iſt es noch nicht genug des Aergers?“ rief er aufwallend „Dieſe Burſchen haben nichtzaus eigenem Antriebe das Grab geöffnet der Betrug iſt ihnen verrathen worden.“ „Und wer hätte ihn verrathen können?“ fragte Cora ſcharf. 60* — 948— „Du!“ Madame von Chateaufleur ſchleuderte dem Edelmanne einen zorn⸗ flammenden Blick zu. „Womit habe ich dieſe Kränkung verdient?“ erwiderte ſie.„Wenn ich Dich verrathen wollte, ſo würde ich Dir dieſen Brief nicht aus⸗ geliefert haben.“ „Wie kommſt Du zu ihm?“ „Lafleur gab ihn mir.“ „Ah, und wo trafſt Du mit dem Burſchen zuſammen?“ „Hier vor Deinem Hauſe. Er hatte mich erwartet, er beſchwor mich, ihm die Wahrheit zu ſagen, er bat und drohte in einem Athem—“ „Und Du?“. „Ich wich ihm aus, ich wußte nicht, was ich ihm erwidern ſollte.“ „Und dann gab er Dir den Brief?“ „Ja, ich mußte ihm verſprechen, ihn zu beſorgen.“ „Wie benahm er ſich?“ „Du kannſt es denken. Er iſt wüthend auf Dich, dennoch wagt er nicht, Dir perſönlich entgegen zu treten.“ „Gut, daß er mich fürchtet!“ „Er will zuvor volle Gewißheit haben, dann aber, fürchte ich, wird er ſich zu einem gewaltigen Entſchluſſe aufraffen.“ „Ich werde ihm keine Zeit dazu laſſen“, ſagte der Marquis, vor Wuth knirſchend.„Begleitete Bertrand ihn?“ „Natürlich!“ „lind er?“ „Behauptet auch, ein Hühnchen mit Dir pflücken zu müſſen.“ „Ah, er tritt ja immer für ſeinen Freund in die Schranken.“ „Nein, nein, in einer andern Angelegenheit.“ „Bah, ich fürchte ihn ſo wenig, wie den Andern“, ſagte der Mar quis achſelzuckend,„ich fürchte nur die Verräther, nicht die Gegner, die mit offenem Viſir kämpfen.“ „Du ſcheinſt ſehr verſtimmt zu ſein“, warf Cora boshaft ein. „Ja, ich bin es.“ „Hat die ſchöne Frau von Briſſac Dich unfreundlich empfangen?“ „Was weißt Du davon?“ fuhr der Edelmann zornig auf. „Hm, wenn es ein Geheimniß bleiben ſollte, ſo hätteſt Du vor⸗ An⸗ vor tem ich, vor ſichtiger ſein und das Billet beſſer aufheben müſſen“, erwiderte Cora, auf den Schreibtiſch zeigend. Der Marquis ſtampfte mit dem Fuß auf dem Teppich. „Da habe ich ja ſchon wieder den Beweis, daß ich in meinem eigenen Hauſe vor Verrath und Spionage nicht ſicher bin!“ ſagte er. „Welche beſſeren Beweiſe könnte ich noch verlangen?“ „Und das ſagſt Du mir?“ fragte Cora. „Ja Dir, der Schweſter Dorman's! Weißt Du, welchen ſauberen Streich der Galeerenſträfling wieder verübt hat? An der Spitze ſeiner Bande iſt er in das Haus der Frau von Briſſac eingedrungen, die Scheuſale haben Alles geraubt, oder zerſchlagen, die junge Dame iſt eine Bettlerin.“ „Aber mein Gott, welcher Vorwurf kann mich dabei treffen?“ „He, Du haſt—“ „Henry, Du biſt zu aufgeregt“, ſchnitt Madame von Chateaufleur dem Edelmann die Rede ab,„ich werde Dich verlaſſen und ſpäter das Geſpräch wieder anknüpfen.“ „Nein, bleib“, ſagte der Marquis befehlend, indem er ihre Hand erfaßte,„wir haben jetzt keine Zeit zu verlieren. Ich weiß, daß Du mich betrügſt, Cora, daß Du mit Dorman bei Deiner Modiſtin zu⸗ ſammen kommſt, während Du mir erklärteſt, Du habeſt ihn nicht wiedergeſehen, wenn ich Dich auf ſolchen Lügen ertappe, muß ich dann nicht auch alles Andere vermuthen können?“ Cora war vor dem flammenden Blick des erregten Mannes zu⸗ rückgetreten, ſo hatte ſie ihn nie geſehen. „Dorman begegnete mir auf der Straße“ erwiderte ſie,„er zwang mich, ihm eine Unterſtützung zu geben, und ich brachte ihm das Geld in das Haus der Modiſtin. Das iſt Alles, ich mochte Dir nichts davon ſagen, weil ich Dein Mißtrauen fürchtete. Aber auf Frau von Briſſac habe ich ihn nicht aufmerkſam gemacht, ich erfuhr ja erſt heute Morgen durch einen Zufall, daß Du eine Liaiſon mit ihr ange⸗ knüpft haſt. Das aber mußte mich beſtürzen und zugleich beunruhigen, denn war dieſe Liaiſon ernſter Natur, dann ſcheiterte an ihr unſer ganzer Plan und meine Bemühungen waren vergeblich geweſen.“ Der Marquis war in Sinnen verſunken, er bereute jetzt, daß er ihr den kränkenden Vorwurf gemacht hatte, daraus die treue Freundin ihm eine unverſöhnliche Feindin werden konnte. „Mit Frau von Briſſac iſt es nichts“, ſagte er,„ſie verlangte — 950— nur meinen Rath und meinen Beiſtand in der Verfolgung der Ver⸗ brecher. Da iſt gar nichts zu fürchten, an ſie feſſelt mich nichts.“ „Wenn man Dir glauben könnte!“ „Parbleu, zwingen kann ich Dich nicht dazu.“ „Du würdeſt mich am beſten überzeugen, wenn Du Dich endlich zur Trauung entſchließen wollteſt.“ „Ich bin zu jeder Stunde bereit, ſobald Du mir ſagſt, daß alle Hinderniſſe gehoben ſind.“ „Sie ſind es.“ „Und wie willſt Du Marie hindern, meine Pflege zu übernehmen?“ „Sie wird einſehen, daß jede Aufregung Dein Ende beſchleunigen muß, und habe ich ſie erſt wieder da oben in ihren Gemächern, dann werde ich dafür ſorgen, daß ſie dieſe Räume ohne meine Genehmigung nicht verläßt.“ „Wohlan, ich werde Dir in den erſten Tagen die Stunde beſtimmen.“ „Weshalb nicht heute ſchon?“ „Weil ich keine Ruhe dazu habe. Die Burſchen müſſen bei Seite geſchafft werden.“ „Man wird ſie vor allen Dingen beruhigen müſſen.“ „Glaubſt Du, daß ſie ſich beruhigen laſſen, nachdem ſie den Be⸗ trug entdeckt haben?“ „Ich könnte ihnen eine mündliche Antwort auf den Brief bringenit „Sie werden Dir nicht glauben, ſie werden höhere Forderunger an Dich ſtellen.“ „Es iſt wahr, an ihrem Mißtrauen würde Alles ſcheitern.“ „Vorzüglich dieſer Bertrand iſt ein geriebener Burſche. Er hat ſo lange an ſeinem Freund gehetzt, bis Lafleur die Entweihung des Grabes zugab.“ „Ich habe Dich früh genug gewarnt.“ „Die Sache ſcheiterte an dem Eigenſinn des Ted tengräbers. Vo würfe kommen nun zu ſpät, wer konnte auch daran denken! Ich glaubte Alles in Ordnung und nun tritt mir diefe C Gefahr wieder in den Weg. Die Hülfe der Leroi kann ich nicht mehr in Anſpru nehmen, die alte Hexe iſt wüthend auf mich, eine Verhaftung ſcheint mir nicht rathſam und geradezu unausführbar, obſchon die Burſchen auf der Liſte der Anhänger Napoleons verzeichnet ſtehen. Wenn Dor⸗ man helfen wollte!“ „Laß' ihn aus dem Spiele!“ 83 „Du vermagſt viel über ihn, Cora.“ „Aber ich möchte ihm lieber fern bleiben. Er iſt in ſeinen For⸗ derungen unverſchämt und zu einem Verbrechen mag ich ihn nicht — 14 ordern. Der Marquis nickte, dieſe Gründe leuchteten ihm ein. „Aber etwas muß geſchehen“, ſagte er.„Die Ereigniſſe drängen ſich, die Capitulation kann morgen oder übermorgen ſchon erfolgen, dann habe ich keine freie Minute mehr, ich muß meine ganze Zeit und Kraft dem Volke widmen. Alſo kann ich mit Sicherheit den Schluß der Komödie noch nicht beſtimmen, ich muß dazu Zeit und Ruhe haben.“ „Dann fürchte ich, wird dieſes Schwanken und Zögern Alles verderben.“ „Bewahre, Marie erhält von dem, was draußen vorfällt, keine Kunde, ſie wird ſich hinhalten laſſen, ohne einem Gefühl des Miß⸗ trauens Raum zu geben, und was die beiden Burſchen betrifft, ſo müſſen ſie eben unſchädlich gemacht werden.“ „Lade ſie ein und gib ihnen Gift.“ Der Marquis ſtutzte. „Nein“, ſagte er finſter,„ich kann in der Hitze des Augenblicks einen Menſchen niederſchießen, aber zu einem ſolchen Meuchelmord greife ich niemals.“ Er trat an das Fenſter und blickte gedankenvoll hinaus, er brütete über finſteren, unheimlichen Plänen. „Man möchte ſie in einen Hinterhalt locken“, ſagte er, mehr mit ſich ſelbſt, als mit Cora redend.„Man müßte ſte als napoleoniſche Agenten bez ünne die Kanaille verlangt keine Beweiſe, ſie macht raſchen Proze Ja, das wäre der ſicherſte Weg.“ „Der Plan müßte ausführlicher entworfen werden.“ „Hm, jedenfalls müßte Dorman helfen—“ „Wozu? Es iſt beſſer, wenn wir ihn ganz aus dem Spiele laſſen. Es gibt ja ſolcher Burſchen genug in Paris, und hier iſt nichts weiter zu thun, als den Pöbel aufzuhetzen.“ „Du haſt Recht. Willſt Du zu ihnen gehen und ihnen die Ant⸗ wort auf ihren Brief bringen. Ohne Dich auf die Sache einzulaſſen, kannſt Du ihnen ſagen, ſie würden zu einer beſtimmten Stunde und an einem beſtimmten Orte Alles erfahren, was ſie zu wiſſen wünſch⸗ — ten. Du könnteſt ihnen als Ort das Kabinet Deiner Modiſtin be⸗ zeichnen, die Stunde mögen ſie ſelbſt beſtimmen, da ſio nicht immen über ihre Zeit verfügen können.“ „Und wenn ſie dort ſind?“ „Dann ſorge ich für das Andere.“ „Aber wenn die Sache fehlſchlägt?“ „Dann allerdings iſt es um ſo ſchlimmer für uns.“ „Dann wird ihre Rache uns Alle treffen.“ „Wohlan, ſie ſollen einen Brief ohne Unterſchrift erhalten“, ſagte der Marquis nach kurzem Nachdenken,„dann bleibſt Du ganz aus dem Spiele. Es ſoll den Anſchein haben, als ob einer meiner Die ner den Brief geſchrieben habe, wollen ſie mir dann im ſchlimmſten Falle einen Vorwurf machen, ſo nenne ich den Schreiber dieſes Brie fes einen Verläumder. Ich ſehe kein anderes Mittel, welches mehr Ausſicht auf Erfolg böte, wenigſtens will ich dieſes vorab verſuchen.“ „Und wegen der Trauung kannſt Du noch keinen Termin beſtim⸗ men?“ fragte Cora. 1 „Nein, halte Dich nur bereit, daß der Schlußakt in jeder Stunde in Scene geſetzt werden kann.“ „Das iſt bereits geſchehen.“ „Nun, dann können wir ja in Geduld noch einige Tage warten, mir eilt die Sache ohnedies nicht.“ Cora ſchüttelte mißbilligend das Haupt, aber der Marquis ſchien nicht geneigt zu ſein, das Geſpräch fortzuſetzen, er gab ihr durch eine Verbeugung zu verſtehen, daß er allein zu ſein wünſche. Madame von Chateaufleur entfernte ſich durch den geheimen Gang und trat bald darauf in das Gemach Marien's, die ſie in ernſter, nach⸗ denklicher Stimmung vor dem Pianino fand. Das herzliche Einverſtändniß zwiſchen den beiden Damen war in den letzten Tagen durch das Mißtrauen Marien's getrübt worden. Worauf dies Mißtrauen ſich eigentlich ſtützte, wußte Marie ſelbſt nicht, ihr war, als ob eine innere Stimme ſie warne vor der ſchö⸗ nen Frau, deren Freundlichkeit ihr nur zu oft eine heuchleriſche Maske ſchien. Sie blickte nur flüchtig auf, als Cora eintrat, in ihre Träumereien verſunken, ließ ſie die Hände leiſe über die Taſten gleiten. Es war eine ernſte, wehmüthige Melodie, die ſogar auf Cora einen verſtimmenden Eindruck machte. „Und das nennen Sie ſchöne Muſik?“ fragte Madame von Cha — 953— teaufleur nach einer Weile leiſe.„Mir klingt's wie ein Sterbegeſang, mich machen dieſe Töne melancholiſch.“ Marie wandte ſich nach ihr um und wiegte ernſt das Köpfchen. „Wer könnte auch in dieſer ſchweren, trüben Zeit heiter ſein?“ erwiderte ſie, und ein trüber Schatten breitete ſich über ihr Antlitz. „Empfinden Sie den Ernſt der Zeit?“ „Gewiß, Madame. Wenn ich auch nicht mit eigenen Augen das Elend ſehe, ſo kann ich mir doch in Gedanken einen Begriff von demſelben machen, und mir graut, wenn ich darüber nachdenke.“ „Die Güte des Marquis ſchützt und bewahrt Sie.“ „Und dennoch wäre es mir lieber, wenn ich meine Freiheit hätte!“ Madame von Chateaufleur warf einen verſtohlenen Blick auf das ſchöne Mädchen, welches ſich erhoben hatte und an's Fenſter getreten war. „Sie wiſſen nicht, was Sie wünſchen“, ſagte ſie ernſt.„Der Haß gegen die Deutſchen iſt gewachſen, ſeitdem das Bombardement begonnen hat; man würde Sie erkennen und ermorden. Und ſelbſt, wenn Sie dieſer Gefahr entgingen, wie wollten Sie den anderen Ge⸗ fahren begegnen? Der Hunger würde Sie zwingen, zu betteln. Seuchen würden Sie bedrohen—“ „Steht nicht Jeder in Gottes Schutz?“ „Hm, wie Mancher unter denen, welche in dieſem Kriege ihren Tod fanden, mag das geſagt haben.“ „Und doch fällt ohne den Willen Gottes kein Haar von unſerm Haupte.“ Cora lächelte ſpöttiſch. „Ich mag darüber nicht mit Ihnen ſtreiten“, ſagte ſie achſel⸗ zuckend,„wenn das Vertrauen auf Gott ein Troſt iſt, dann ſoll man es nicht rauben. Und wenn dieſes Vertrauen mit einer Enttäuſchung endet, dann— aber wie geſagt, reden wir nicht davon.“ Marie nickte zuſtimmend, wie wenn ſie erwidern wolle, mit einer leichtfertigen Franzöſin laſſe ſich darüber auch nicht ſtreiten. „Wie geht es dem Marquis?“ fragte ſie. „Es geht mehr und mehr dem Ende zu“, antwortete Cora, aber⸗ mals mit einem lauernden Blick das Antlitz des Mädchens ſtreifend. „Es iſt keine Hoffnung auf Geneſung vorhanden, und wie könnte das auch ſein? Der Marquis ſtirbt am gebrochenen Herzen.“ „Ich kann das nicht glauben.“ „Weil Sie an ſeine Liebe nicht glauben!“ „Eine Liebe, die mich erichreckt.“. „Die Sie reich und glücklich gemacht haben würde.“ „Reich und glücklich“, ſeufzte Marie.„Iſt denn Reichthum Glück? Ich habe reiche Leute gekannt, welche ſehr unglücklich waren und hin⸗ wiederum arme Familien, die der volle Sonnenſchein des Glückes umfloß.“ „Ihr Deutſchen habt ſeltſame Anſichten“, ſagte Cora mit leiſem Spott,„ſeltſame Begriffe von Glück und Liebe, Ihr könnt hungern und in Lumpen gehen, ohne zu klagen, die Freuden einer reichbeſetzten Tafel haben für Euch keinen Zauber.“ „O, glauben Sie das nicht“, erwiderte Marie.„Es gibt auch in Deutſchland Schwelger und Praſſer, Wüſtlinge und Verſchwender es gibt auch dort Leute genug, die nach dem Reichthum ſtreben, und eren Habgier unerſättlich iſt. Aber im Großen und Ganzen ſind die Deutſchen doch ernſter und ſittlicher, die franzöſiſche Frivolität hat dort noch nicht alle Keime des Guten und Edlen im Menſchenherzen erſtickt.— Reich und glücklich! O, Madame, mich verlangt nicht nach Reichthum, ich fühle mich fremd inmitten der verſchwenderiſchen Pracht, die mich umgibt, und mit ſtiller Sehnſucht gedenke ich gar oft der Manſarde, in der ich mich ſo traulich und heimiſch fühlte. Das begreifen Sie natürlich nicht.“ „Nein“, erwiderte Cora ironiſch. „Weil Sie von Kindesbeinen auf an Luxus gewöhnt ſind, weil Sie ſich unglücklich fühlen würden, wenn Sie dieſen Luxus mit be⸗ ideneren Verhältniſſen 1, dani müßten. Ich hatte in der ver⸗ gangenen Nacht einen böſen Traum—“ Glauben Sie an Träume?“ fragte Cora haſtig. Jch weiß nicht. Man ſagt, Träume ſeien Schäume, aber ich habe oft erfahren, daß manchmal der gute Genius der Menſchen ſich in ihnen offenbart. Und ſeitdem denke ich ernſt über jeden Traum nach, ich erkenne mitunter einen Fingerzeig der Vorſehung in ihm.“ „Und was träumte Ihnen?“ „Ich war reich, Madame, ich beſaß Alles, was das Menſchenherz begehren kann. Jeder Wunſch wurde erfüllt, ehe ich ihn ausgeſprochen hatte, ich belaß den Schmuck und die Garderobe einer Fürſtin, eine Schaar von Dienern harrte meiner Befehle, eine glänzende Equipage ügung, und eine reichbeſetzte Tafel war ſtets für war ich nicht, mir fehlte etwas, was ſtand zu meiner 2 955— 1 ich nicht nennen, nicht ausſprechen konnte, was es war, wußte ich ſelbſt nicht. Ich war unzufrieden, ja, ich wurde übermüthig, ich for⸗ derte das Unmögliche und murrte, daß ich auf die Erfüllung dieſer Wünſche verzichten mußte.“ „Daraus erſehen Sie, wie raſch man ſich mit glänzenden Verhält⸗ niſſen vertraut machen kann.“ „Nein Madame, ich erſehe daraus nur, daß die Zufriedenheit das höchſte Gut iſt. Hören Sie weiter. Gelangweilt und mißmuthig, ja, des Lebens faſt überdrüſſig, lag ich im Boudoir auf den ſchwel⸗ lenden Polſtern, als plötzlich der Mann vor mir ſtand, den ich einſt ſo heiß geliebt und nun ſchon vergeſſen hatte.“ „Der Marquis?“ „Nein, Erneſt Lafleur!“ „Er iſt todt.“ „Sind Ihnen im Traume noch nie die Geiſter Geſtorbener er⸗ ſchienen?“ 1 „Bah, die Todten kehren nicht zurück—“ „Und an die Unſterblichkeit der Seele glauben Sie nicht!“ „Nein, Marie, mit dem Tode hat Alles ein Ende“, ſagte Cora ſpöttiſch. „Das iſt ein troſtloſer Glaube“, erwiderte Marie,„ich danke Gott, daß ich ihn nicht theile. Nun wohl, Erneſt ſtand vor mir, ich lag in ſeinen Armen, und ein unbeſchreiblich ſüßes Gefühl durchſtrömte meine Seele. Mir war, als breche plötzlich nach dem verheerenden Orkan die ſtrahlende Sonne durch die finſtern Wolken, als öffneten tauſend Blüthen ihre duftenden Kelche, als ſei es plötzlich nach den Schreckniſſen des Winters Frühling geworden. Und nun wußte ich, was mir gefehlt hatte, was Glück war! Arm in Arm mit dem Ge⸗ liebten verließ ich das glänzende Haus, ich nahm ohne Bedauern von der Pracht Abſchied und trat mit Entzücken in die ärmliche Hütte, die mir fortan zur Wohnung dienen ſollte.“ „Und dann war der Traum zu Ende?“ „Ja, dann erwachte ich, und mit dem Entzücken über das ſchön Ende dieſes Traumes vermiſchte ſich das Bedauern und der Schmerz über die troſtloſe Wirklichkeit.“ Madame von Chateaufleur war nachdenklich geworden, ſcheu wich ſie dem Blick des Mädchens aus, ihr böſes Gewiſſen ſagte ihr, daß dieſer Traum doch eine tiefere Bedeutung haben könne. ◻ 1 — 956— „Träume ſind Schäume“, ſagte ſie.„Sie beriefen ſich ja ſelbſt auf dieſes Sprichwort!“ „Und wäre es ganz unmöglich, daß dieſer Traum Erfüllung fin⸗ den könnte?“ fragte Marie, deren Augen in fieberhaftem Glanze leuchteten. „Seltſame Fragel Iſt Lafleur nicht gefallen?“ „So lautete die Hiobspoſt—“ „Die der Freund Lafleur's Ihnen mittheilte. Können Sie wirk⸗ lich noch zweifeln?“ „Ja, Madame, ich kann es“, erwiderte Marie feſt.„Das Herz hält mit der Verzweiflung des Ertrinkenden an ſeinen Hoffnungen feſt.“ „So lange dieſen Hoffnungen ein Schimmer von Wahrſcheinlich⸗ keit bleibt!“ Marie ſchüttelte ſinnend das Köpfchen. „In den erſten Tagen hatte freilich die erſchütternde Nachricht mich betäubt“, ſagte ſie,„aber ſpäter dachte ich ernſt darüber nach, und da fand ich Manches, was mir Mißtrauen einflößte. Iſt es denn ganz unmöglich, daß Paul Bertrand ſich mit ſeinem Freunde entzweite und der Marquis ſich dieſes Mannes bediente, um mir die letzte Hoffnung zu rauben? Der Marquis iſt ein Mann ſeiner Lei⸗ denſchaften, er prüft ſeine Mittel nicht ängſtlich, wenn er durch ſie nur ſeinen Zweck erreicht.“ „Um Gotteswillen, welche Gedanken!“ rief Cora beſtürzt.„Iſt Ihr Haß gegen den Marquis ſchon ſo hoch geſtiegen, daß er Sie zu dieſem beleidigenden Mißtrauen verleiten kann?“ Marie blickte überraſcht die ſchöne Frau an, dieſe Worte waren nur zu ſehr geeignet, ihr Mißtrauen zu beſtätigen. „Sie haben mir ſtets geſagt, Sie haßten den Marquis“, ant wortete ſie.„Sie haben mir ein Freundſchaftsbündniß angeboten mir unzählige Male gelobt, mich aus der Gewalt dieſes Mannes zu befreien. Und was thaten Sie, um dieſes Verſprechen zu erfüllen? Nichts— im Gegentheil, Sie flößten mir mehr und mehr den Glau⸗ ben ein, daß—“ „Nicht weiter, Marie, wenn ich bitten darf“, fiel Cora ihr in's Wort.„Ihre Erregtheit reißt Sie hin, mir Vorwürfe zu machen, auf die ich nicht antworten könnte, dieſe Vorwürfe möchten das Band unſerer Freundſchaft zerreißen. Was ich für Sie gethan habe und noch thun werde, das, Marie, wird Ihnen erſt ſpäter klar werden, — 957— Sie können heute noch nicht darüber urtheilen, und es liegt in Ihrem eigenen Intereſſe, daß ich Ihnen die Fäden meiner Pläne geheim halte. Wird Sie nicht der Tod des Marquis aus dieſem Gefängniß befreien?“ „Madame, ich glaube nicht an die Krankheit des Edelmannes!“ „Auch das noch!“ fuhr Cora mit leiſer Erbitterung fort.„Ich hätte nimmer geglaubt, daß ich einem ſo tief eingewurzelten Mißtrauen begegnen könne, und ich weiß nun wirklich nicht, wie ich es beſeitigen ſoll. Der Marquis fragt täglich nach Ihnen, es iſt ſein größter Kummer, daß er Sie nicht mehr ſieht, daß er nicht mehr in die ſchönen Augen ſchauen kann, die ihn ſo ſehr bezaubert haben. Aber der Arzt hat es verboten, und ſo lange noch ein ſchwacher Funke von Hoffnung bleibt, müſſen wir uns ſeinem Befehle fügen. Eins aber mußte ich dem Kranken verſprechen, ich mußte ihm geloben, Sie in ſeiner Sterbeſtunde an ſein Lager zu führen, damit er Abſchied von Ihnen nehmen kann, und ich glaube, dieſe Stunde iſt ſchon nahe, es würde gut ſein, wenn Sie ſich darauf vorbereiten wollten.“ Marie ſchwieg, aber der ſcharfe Zug um ihre Mundwinkel verrieth dem ſcharfen Blick Cora's, daß das Mißtrauen nicht geſchwunden war. Sie erſchrak bei dem Gedanken, daß Marie vor der Zeit die Komödie durchſchauen könne, der Brief Lafleur's gewann in ihren Augen eine immer ernſtere Bedeutung. Sie dachte darüber nach, was ſie thun könne, um dem Mädchen ihre Freundſchaft zu beweiſen und das erſchütterte Vertrauen wieder zu befeſtigen; etwas mußte geſchehen— aber was? „Haben Sie keinen Wunſch?“ fragte ſie, das peinliche Schweigen brechend. „Wie kommen Sie zu dieſer Frage?“ erwiderte Marie befremdet. „Heute iſt Neujahrstag, und Sie werden wiſſen, daß es in Paris Sitte iſt, an dieſem Tage Alle, die einem nahe ſtehen, zu beſchenken.“ „Wie? Kann man daran auch heute denken?“ „Gewiß. Es ſind freilich ſeltſame Geſchenke, aber nie waren ſie werthvoller und willkommener, als an dem heutigen Tage. Der Marquis hat mich gebeten, ein Paar Tauben oder eine Paſtete für Sie zu kaufen, aber ich weiß, Sie machen ſich aus ſolchen Lecker⸗ biſſen nichts, überdies iſt die Tafel in dieſem Hauſe noch immer vor⸗ trefflich.“ „Geben Sie das Geld den Armen, Madame!“ 958— „Es ſoll geſchehen, aber ich möchte dafür einen anderen Wunſch erfällen.“ „Ich hege keinen Wunſch!“ „Denken Sie nach, Marie.“ „Ja, einen Wunſch habe ich, deſſen Erfüllung der Marquis mir oft verweigert hat.“ „Die Freiheit? Sie wäre das gefährlichſte Geſchenk!“ „Nein, einen andern Wunſch, Madame. Damals, als ich ver⸗ haftet wurde, mußte ich meine ganze Habe in meiner Wohnung zurück⸗ laſſen, und wenn ſie auch keinen Werth beſitzt, ſo knüpfen ſich doch an jedes einzelne Stück derſelben Erinnerungen, auf die ich nicht verzichten möchte. Ich habe den Marquis gebeten, meine Habe hier⸗ her ſchaffen zu laſſen, er⸗erwiderte, es ſei zu gefährlich, da man als⸗ dann meinen jetzigen Aufenthaltsort erfahren werde.“ „Dieſe Beſorgniß iſt begründet.“ „Aber ſeit dem Tode Lafleurs iſt mein Eigenthum der Gefahr der Beraubung ausgeſetzt.“ „Der Marquis wird Ihnen Alles erſetzen.“ „Eins kann er mir nicht erſetzen.“ „Und was iſt dieſes Eine?“ „Ein Brillantring“, ſagte Marie.„Sein Werth mag nicht ſehr bedeutend ſein, aber er iſt das einzige Andenken an meine unglückliche Mutter.“ Cora horchte auf. Sie erinnerte ſich, daß Dorman von einem Brillantring geſprochen hatte, der für den Marquis hohen Werth ha⸗ ben ſollte, ſie entſann ſich auch einiger Aeußerungen des Marquis, die darauf Bezug nahmen. Dorman hatte dieſen Ring unter den Schätzen der Leroi gefunden, und die Leroi behauptete ja, ſie ſei nur des Ringes wegen auf An⸗ ſtiften des Edelmannes beraubt worden. „Hat dieſer Ring eine beſondere Geſchichte?“ fragte ſie lauernd. „Man fand ihn bei mir, als meine Mutter in ihrer Verzweiflung mich dem Findelhauſe anvertraute.“ „Ah, dieſe Geſchichte kenne ich noch nicht! Sie ſcheint außerordent⸗ lich intereſſant zu ſein!“ „Es iſt eine Geſchichte, wie deren ſo viele ſich ereignen, Madame, und es iſt kaum der Mühe werth, daß man ſie erzählt.“ „Ich bitte Sie darum.“ — 939— „Meine Mutter war eine Deutſche, ſie wurde hier in Paris ein Opfer der Verführung. Sie hatte den Schwüren eines Mannes volles Vertrauen geſchenkt, und wie ſo viele andere, wurde auch ſie getäuſcht und betrogen. Sie wollte mich dem Findelhauſe übergeben, ich war ihr ja eine Laſt, ſie mußte weiter auf der Bahn des Ver⸗ derbens, wenn ſie nicht auf der Straße betteln und ſterben wollte. Die Vorſehung wachte über mir. Ein deutſches Ehepaar hatte die verzweifelnde Mutter bemerkt, es nahm mich aus dem Korbe des Fin⸗ delhauſes und adoptirte mich. So wurde ich in Deutſchland erzogen, und wenn nicht das Unglück meinen braven Pflegevater verfolgt hätte, wäre ich niemals in die Nothwendigkeit verſetzt worden, nach Paris zurückkehren zu müſſen.“ „Und der Ring?“ „Er fand ſich in den Windeln vor, und ich glaube vermuthen zu dürfen, daß er für ſpäter ein Erinnerungszeichen ſein ſollte. Vielleicht war es ein Geſchenk meines Vaters, oder ein Familienerbſtück meiner Mutter, ich weiß das nicht, aber Sie werden begreifen, Madame, daß dieſer Ring fur mich einen hohen Werth haben muß.“ „Ja, ich begreife es“, erwiderte Cora,„und ich werde verſuchen, Ihnen dieſes Kleinod zu verſchaffen. Wo bewahrten Sie es auf?“ „In meiner Kommode. Der Ring lag in einer kleinen Schachtel unter meiner Wäſche.“ „Haben Sie noch nicht daran gedacht, daß man ihn geſtohlen haben könne?“ „Wer ſollte das gethan haben?“ „Jenun, Madame Leroi vielleicht.“ „Ja, ich dachte ſchon daran, aber ich mußte auch annehmen, daß Erneſt mein Eigenthum bewachen würde. Freilich, ſeitdem er todt iſt, iſt meine Habe der Beraubung preisgegeben!“ „Haben Sie dem Marquis die Geſchichte dieſes Ringes erzählt?“ „Nein.“ „Beſinnen Sie ſich, Marie.“ „Ich ſprach nie mit ihm darüber.“„ „Vielleicht wäre es beſſer geweſen, wenn Sie es gethan hätten!“ „Ja— vielleicht, wer kann es wiſſen!“ Cora hatte ſich erhoben, mehr, als ſie jetzt wußte, konnte ſie von dem Mädchen nicht erfahren, und die Augenblicke wurden immer koſtbarer. — 960— Sie verſprach noch einmal, Alles aufzubieten, um den Wunſch Marien's zu erfüllen, dann begab ſie ſich in ihre eigenen Gemächer. Hier lag ein dunkles Geheimniß, ein Räthſel, zu dem ihr noch der Schlüſſel fehlte, aber ſie hoffte mit Zuverſicht, ihn zu finden. War der Ring Marien's derſelbe Ring, auf den der Marquis ſo großen Werth legte, daß er dem Falſchmünzer den doppelten Werth dafür angeboten hatte? Vielleicht, es war ja ſehr wahrſcheinlich, daß die Wahrſagerin die Habe des Mädchens durchſucht und den Ring geſtohlen hatte, daß die Leroi die Geſchichte dieſes Ringes ahnte, möglicherweiſe tiefer in ſie eingeweiht war, wie Marie ſelbſt. Ah, ſie wollte es erforſchen, Dorman mußte ihr den Ring über⸗ liefern, ſie wollte ihn dem Marquis und dem Mädchen zeigen, und ſich überzeugen, ob ihre Vermuthungen begründet waren. Und dann? In den Augen Cora's blitzte es jäh auf, es war die wilde, ver⸗ zehrende Wuth des Haſſes, die ſo plötzlich in ihrem Innern aufloderte. Sie haßte beide, den Marquis und die Marie, ſie wollte beide verderben, und faſt ſchien es, als ob die Hölle ſich mit ihr verbündet habe, das ſchändliche Werk auszuführen. Aber jetzt durfte kein Augenblick verloren werden, Dorman. mußte ohne Verzug nachſehen, ob er den Ring beſaß, ſie wollte ihm daſſelbe zahlen, was der Marquis ihm dafür geboten hatte. Und dann—— doann konnte der Pfarrer kommen, um die Trauung zu vollziehen und die Beiden unſäglich elend zu machen, dann war ihr das Werk gelungen. Mit einem ſieggewißen Lächeln auf den Lippen und das Haupt nebi erhoben, verließ Cora noch in derſelben Stunde das Haus, um ihren Bruder aufzuſuchen. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Napoleoniſche Agenten. die Beſtürzung und die Wuth der Freunde überſtiegen jedes Maaß, als ſie die Entdeckung machten, daß Louiſon abermals auf räthſelhafte Weiſe verſchwunden war. CIZ*)„slauch ne uaa⸗Hanoqutoang utz uaruaßan!ng anuagunas hungpzanne — 961— Ihr erſter Verdacht richtete ſich gegen die Wahrſagerin, Paul wollte das alte Weib ermorden, die triftigſten Vernunftgründe ſeines Freundes konnten ihn nicht überzeugen, daß Madame Leroi an dieſer dieſer neuen Machination ſchuldlos ſei. Die Alte trat aber den Wuthausbrüchen des jungen Mannes ſo ruhig und unbefangen entgegen, daß Paul ſeine Klage nicht mehr aufrecht halten konnte. Sie ſchob alle Schuld auf den Marquis und die Freunde waren nach der Entdeckung auf dem Pere Lachaiſe nur zu ſehr geneigt, dieſen Vermuthungen Glauben zu ſchenken. Eine Frau, die in demſelben Hauſe wohnte, hatte Louiſon aus⸗ gehen ſehen, und in dem Zimmer des Mädchens fanden ſich ſichere Anzeichen, welche darauf hindeuteten, daß Louiſon nichts weiter, als einen kurzen Ausgang bezweckt hatte. In der erſten Wuth wollte Paul das Haus des Marquis erſtürmen, er war entſchloſſen, ſeine Kameraden dazu aufzufordern. Aber Erneſt war jetzt der Ruhigere, und ſeine Anſicht drang durch. Die Freunde ſuchten Dorman auf und beriethen mit ihm, der Falſchmünzer lenkte ebenfalls den Verdacht auf den Edelmann und verſprach, durch die Vermittlung ſeiner Schweſter den Brief Erneſt's in die Hände Marien's zu ſchmuggeln. Er verrieth mit keinem Blick, mit keinem Worte, daß ihm etwas über das Schickſal Louiſon's bekannt war, es lag in ſeinem In⸗ tereſſe, den Haß der Beiden zu ſchüren, und dies gelang ihm nur zu gut. Der Dienſt auf den Wällen nahm jetzt wieder die Freunde in Anſpruch, ſie durften ſich der Erfüllung ihrer Pflichten nicht entziehen, wenn ſie es nicht mit ihren Kameraden verderhen wollten, deren Hülfe ſie vielleicht bald nöthig hatten. Sie dachten vorübergehend auch an Jenny Mouſſon und Juſtine, aber ſie konnten nicht glauben, daß dieſe ſich dazu hergegeben haben ſollten, Louiſon zu verderben. So blieb der ganze Verdacht auf dem Marquis haften, und ſie wollten nun den Erfolg der Bemühungen Dorman's abwarten. Als ſie am Tage darauf von den Wällen zurückkehrten, fand Erneſt in ſeiner Manſarde einen Brief, der ohne Datum und Unter⸗ ſchrift nichts weiter enthielt, als die Nachricht, daß man ihm eine ſehr wichtige Mittheilung zu machen habe, zu welchem Zwecke er ſich am Abend dieſes Tages in dem Hauſe der Modiſtin einfinden möge. MN. 61 V b b —⏑—ʒꝛy——Q—᷑——— — 962— Die Adreſſe der Modiſtin lag in dem Briefe, der auf die jungen Leute einen ſehr verſchiedenartigen Eindruck machte. Erneſt war ſofort entſchloſſen der Einladung Folge zu leiſten, Paul hingegen äußerte ernſte Bedenken, er wollte auch hierin wieder eine Falle entdecken, die der Marquis geſtellt haben ſollte. Dieſen Verdacht verwarf Erneſt, er behauptete, wie dies der Edelmann auch vorausgeſehen hatte, ein Diener des Marquis müſſe aus Rachſucht die Zeilen geſchrieben haben, aber ſelbſt, wenn es eine Falle wäre, müſſe man dennoch hingehen, um ſich ſpätere Vorwürfe zu erſparen. Sie ſuchten auch heute wieder den Falſchmünzer auf, er hatte noch keine Nachrichten für ſie. Madame von Chateaufleur hatte den Auftrag ungern übernom⸗ men, wie er ſagte, aber doch verſprochen, ihn auszuführen, nur müſſe man Geduld haben, der Erfolg werde ſich ja in den erſten Tagen zeigen. Geduld! Ja, wenn das eine Waare geweſen wäre, die man hätte kaufen können! Dorman gefiel ihnen heute nicht, es kam ihnen vor, als weiche er beſtimmten Antworten aus, als wiſſe er mehr, wie er ihnen ver⸗ rathen wolle. Selbſt Paul mußte das zugeben, auch ſein Vertrauen auf die Treue des Verbündeten war erſchüttert. Sie konnten nichts weiter thun, als das, was ſchon geſchehen war, es wäre ja ganz vergebliche Mühe geweſen, Louiſon ſuchen zu wollen, denn wer bekümmerte ſich jetzt noch in der belagerten Stadt um das Geſchick des Einzelnen? Ueberall herrſchte Angſt und Verwirrung, das Bombardement hatte Alle betäubt und verwirrt, man erwartete in jeder Stunde die Nachricht, daß einige Forts erſtürmt ſeien, und dann brach unzweifel⸗ haft ein vernichtender Hagel von Bomben und Granaten über die unglückliche Stadt aus. Ueberall war man beſchäftigt, dem Bombardement zu entfliehen, man richtete ſich in den Kellergewölben häuslich ein, man ſprach be⸗ reits davon, daß die Katakomben geöffnet werden müßten, um den bedrohten Einwohnern eine ſichere Zuflucht zu bieten. Man verbarrikadirte die Fenſteröffnungen, verſah ſich mit Waſſer, vergrub die Werthſachen und erwartete mit fieberhafter Spannung auf Nachrichten von draußen.. Von der Loire⸗Armee, der Armee Faidherbes, und den Truppen Bourbaki's erwartete man noch immer gute Nachrichten, Gambetta log ja noch immer, daß dieſe Armeen ſiegreich vordrängen und Paris entſetzen würden. Aber wenn ſie nicht bald kamen und ſich auf die Belagerer warfen, dann war Paris ein Schutthaufen, und der Entſatz hatte keinen Werth mehr. In dieſer allgemeinen Verwirrung, dieſer Angſt und Betäubung durften die Freunde auf ein günſtiges Reſultat ihrer Bemühungen nicht rechnen, es verſchwand ja ſo mancher Menſch ſpurlos, den Nie⸗ mand vermißte, um deſſen Schickſal keine Seele ſich bekümmert hatte. Und gewaltſames Eindringen in das Palais des Marquis bot ebenfalls keine ſichere Ausſicht auf Erfolg, wer dieſem Mann etwas anhaben wollte, der mußte ſeine Zuflucht zur Liſt nehmen, gegen Gewalt war der Edelmann gerüſtet. So begaben ſich denn am Abende dieſes Tages die Freunde in das Haus der Modiſtin, in welchem ihnen die ſehr wichtige Mit⸗ theilung gemacht werden ſollte. Die würdige Dame war auf dieſen Beſuch vorbereitet, aber ſie ahnte nicht, welche Folgen dieſer Beſuch für ſie ſelbſt haben ſollte. Sie führte die jungen Leute in das geheime Kabinet und über⸗ ließ ſie dort ihren Gedanken. Erneſt wanderte ſchweigend auf und nieder, während Paul ſeine Blicke forſchend durch das elegante Gemach ſchweifen ließ. „Weißt Du, was ich glaube?“ fragte der letztere nach einer Weile.„Daß wir uns in demſelben Hauſe, ja in demſelben Kabinet befinden, in welches Segur Louiſon lockte.“ „Ah bah, Vermuthungen!“ erwiderte Erneſt. „Nein, nein, die Beſchreibung trifft zu, Louiſon hat ja damals mir die Einrichtung jenes Kabinets beſchrieben.“ „Du ſuchſt Gründe für Deinen Argwohn, Paul, das iſt Alles.“ „Und ich begreife nicht, daß Du ſo ruhig ſein kannſt“, entgegnete Paul,„mir ſcheint, daß man hier nach Gründen zu ſuchen nöthig hat. Das Benehmen Dorman's heute Morgen mußte Argwohn wecken, dieſer Burſche trägt auf zwei Schultern. Wer weiß, ob er nicht im Solde des Marquis ſteht, ob es nicht ſeine Aufgabe iſt, uns zu überwachen und zu beſeitigen?“ Erneſt war ſtehen geblieben. 61* — 364— Habe 1 11—1 ſtote„ a,;S e „Habe ich nicht ſtets vor dem Bündniß mit ihm gewarnt?“ fragte er.„Du wollteſt es, ich gab nach—“ „Weil Du ſelbſt Vortheile darin zu finden glaubteſt.“ „Ja, ich glaubte das. Gewiß, es iſt möglich, daß er meinen Brief an Marie in die Hände des Marquis geſpielt hat, aber trotz⸗ dem glaube ich nicht, daß man uns hier eine Falle gelegt haben ſoll. Warten wir's ab.“ „Und wenn es dennoch der Fall wäre?“ „Wir ſind bewaffnet, Paul, und ich bin entſchloſſen, mein Leben theuer zu verkaufen.“ „Als ob damit Alles gut wäre! Es wäre mir entſetzlich, ſterben zu müſſen, während Louiſon in Gefahren ſchwebt—“ „Wir müſſen die Dinge nehmen, wie ſie kommen“, warf Erneſt achſelzuckend ein,„Gewalt gegen Gewalt, Liſt gegen Liſt. Uebrigens würde man uns doch nicht an dieſen Ort gelockt haben, wenn man uns an's Leben wollte, mein Freund, man hätte dies ja auf freier Straße bequemer haben können.“ Während die jungen Leute ſich hier in Vermuthungen über die kommenden Dinge ergingen, empfing die Modiſtin den Beſuch Cora's, die einige kurze Fragen an ſie richtete und ſich dann wieder ent⸗ fernte, und ſchon wenige Minuten ſpäter ſammelte ſich vor dem Hauſe eine beträchtliche Volksmenge, die von Minute zu Minute wuchs. Man erzählte ſich, es ſeien zwei Agenten Napoleon's in dem Hauſe, die hier mit den Anhängern des Kaiſerreichs zuſammen zu kommen pflegten, und man erwartete mit ſteigender Ungeduld die Verräther, gegen die bereits Drohungen und Verwünſchungen laut wurden. Die beiden Freunde hatten davon natürlich keine Ahnung, ſie warteten auf den Schreiber des geheimnißvollen Briefes und entwarfen Pläne, die insgeſammt unausführbar waren und auch nichts weiter bezweckten, als die immer neu aufſteigenden Beſorgniſſe zu beſeitigen. Da trat plötzlich die Modiſtin ein, ihr kreideweißes Antlitz trug die unverkennbaren Zeichen der Angſt. „Retten Sie ſich“, ſagte ſie mit zitternder Stimme,„man hat Sie erkannt.“ Die Freunde blickten ſie betroffen an. „Wir verſtehen den Sinn Ihrer Worte nicht“, erwiderte Erneſt, „welche Gefahr droht uns?“ „Der Pöbel hat mein Haus umzingelt, er ſucht Sie.“ en „Uns?“ fragte Paul beſtürzt. „Ja, die napoleoniſchen Agenten, die Frankreich verrathen wollen“ „Sagen Sie das uns?“ fuhr Erneſt zornig auf. „O, meine Herren, leugnen hilft nun nichts mehr, ich bitte Sie, machen Sie mich nicht unglücklich.“— „Iſt die Frau wahnſinnig?“ fragte Paul.„Madame, was will man von uns?“ „Man hat ſchon nach Ihnen gefragt, ich konnte nicht leugnen, daß Sie hier ſeien, man hat Ihnen den Tod geſchworen.“ „Das iſt das Werk des Marquis!“ ſagte Paul düſter.„Ich wußte ja, daß eine Teufelei im Spiele war. Und dieſe Frau iſt ſeine Verbündete, ſein Werkzeug—“ „Ich weiß von nichts“, fiel die Modiſtin ihm im's Wort.„Sie brachten mir eine Karte, deren Beſitz zum Beſuch dieſes Kabinets berechtigt, ich konnte nicht ahnen, daß mein Haus zu einer Verſchwö⸗ rung benutzt werden ſollte.“ „Das wird mir immer unverſtändlicher,„verſetzte Erneſt.„Wir ſind keine Verſchwörer, man hat uns hierher beſtellt unter dem Vor⸗ wande, daß man uns wichtige Mittheilungen zu machen habe. Was will der Pöbel von uns? Wir ſind Nationalgardiſten und treue Pa⸗ trioten, die mit ihrem Gut und Blut Paris vertheidigen. Sagen Sie das den Leuten, hier muß ein Irrthum obwalten.“ „Und Du begreifſt noch immer nicht, daß man uns verdächtigt hat, daß der Marquis die ganze Geſchichte angezettelt hat?“ fragte Paul in ſteigender Erregung.„Glaubſt Du, den Sturm beſchwören zu können? Wir müſſen ihm ausweichen—“ „Ja, fliehen Sie!“ rief die Modiſtin. „Zeigen Sie uns den Weg, Madame!“ „Mein Gott, das Haus iſt umzingelt—“ „Vielleicht ſind wir in dieſem Kabinet am ſicherſten?“ „Nein, nein, dieſe Megären und Vagabunden werden die Wände einſchlagen, Sie müſſen das Haus verlaſſen!“ „Ha, damit Sie der Gefahren entzogen werden, nicht wahr? Es wird Ihnen ganz gleichgültig ſein, wenn man uns auf der Straße niedermetzelt, Sie fürchten nur für ſich und Ihr Haus.“ „Vielleicht können Sie in der Dunkelheit unbemerkt entkommen“ „Wenn die Kanaille die Thüren beſetzt hat?“ erwiderte Paul. „Sie glauben das ſelbſt nicht, und ich ſage Ihnen, wir werden blei⸗ — ͦ—ÿ—ÿ—ÿ—xx-:—— — 966— ben und uns vertheidigen, ſo lange noch ein Athemzug in unſerer Bruſt iſt.“ Die Modiſtin wich vor dem flammenden Blick des wüthenden Mannes beſtürzt zurück, aber Paul ließ ihr keine Zeit zur Flucht, er ſchloß die Thüre zu und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. „Mag die Sachlage nun auch ſein, welche ſie wolle“, fuhr er fort, „Sie haben Ihre Hände mit im Spiele, ſo ganz unſchuldig ſind Sie nicht. Ich kenne die ſauberen Geheimniſſe dieſes Kabinets, für mich unterliegt es keinem Zweifel, daß Sie das elende Weib ſind, welches Louiſon Bandau in die Arme des Herrn von Segur führen wollte. Nur die Energie Louiſon's rettete dem Mädchen Unſchuld und Ehre, Jaber wer ſich zu einem ſolchen Bubenſtück hergeben kann, der kann ſich bei jedem Verbrechen betheiligen.“ Ein gewaltiger Lärm drang von unten herauf, man hörte deutlich das Schreien und Toben der Menge, die bereits in das Haus ein⸗ gedrungen zu ſein ſchien. „Man ruinirt mich“, jammerte die Modiſtin,„man wird mir Alles zertrümmern, meine Waaren ſtehlen—“ „So wäre das nur eine gerechte Vergeltung“, fiel Erneſt ihr in's Wort.„Für uns aber handelt es ſich um das Leben, Madame, wir ſind keine Verräther, Ihre guten Freunde haben dieſe Gefahr über uns heraufbeſchworen.“ Der Lärm kam immer näher, die Menge wälzte ſich die Treppe herauf, man konnte die Drohungen und Verwünſchungen jetzt deutlich vernehmen. Die Modiſtin rang ſeufzend und jammernd die Hände, Paul und ogen ihre Säbel und erwarteten die Angreifer. abinet hat zwei Thüren“, ſagte Erneſt,„wohin führt jene 9 ρ „Durch meinen Geſchäftsladen auf den Boulevard.“ „Und die Seitenſtraße iſt ebenfalls beſetzt?“ Wohlan, ſo muß Jeder von uns eine Thür vertheidigen und E den Ausgang zu gewinnen ſuchen.“ „Aber wo bleibe ich?“ jammerte 18*4„ 277 D „Was kümmert das uns?“ erwiderte Paul.„Hier ſorgt Jeder e mne und — 967— für ſich, wenn Sie in der Grube umkommen, die Sie uns gegraben haben, ſo iſt das Ihre eigene Schuld.“ „Jetzt ſind ſie ſchon an jener Thür!“ ſagte Erneſt.„Still!“ „Tod den Verräthern!“ hörten ſie eine heiſere Stimme rufen. „Schlagt die Thüre ein!“ „Nieder mit Allem, was wir in dem Hauſe finden!“ Ein wuchtiger Stoß gegen die Thür folgte dieſen Worten, ein Schrei des Entſetzens entfuhr den Lippen der Modiſtin. Rohes Gelächter ſcholl von draußen herein. „Da ſind ſie!“ ſchrie eine Stimme.„Wir haben ſie! Tretet die Thüre ein!“ „Wir ſind verloren“, murmelte Erneſt. „Noch nicht“, erwiderte Paul.„Ha, wenn der Marquis unter ihnen wäre! Wenn ich das Glück hätte, ihn niederzuſchlagen.“ Wieder wurde ein Stoß gegen die Thür geführt, und jetzt hörte man auch an der andern Thür wüſten Lärm. Die entſetzte Frau ſuchte ein Verſteck, ſie ſank in der Mitte des Kabinets auf die Kniee und verſuchte zu beten. „Wir werden mit Gewalt nicht durchkommen“, ſagte Erneſt,„ich halte es für beſſer, daß wir parlamentiren und mit der Kanaille unterhandeln.“ Krachend flog in dieſem Augenblick eine Thür auf, eine Schaar von Weibern, Vagabunden und Gamins wälzte ſich in das Zimmer. Pun Kampf bereit ſtanden die Freunde mit gezogenem Säbel in er Mitte des Kabinets, den Blick feſt auf den eindringenden Pöbel gerichtet t. „He, da haben wir ſie Alle beiſammen!“ ſchrie ein zerlumptes Weib, die mit einer eiſernen Brechſtange bewaffnet war.„Die Agenten und die Frau— an die Laterne mit Allen!“ „Was wollt Ihr von uns?“ fragte Erneſt trotzig.„Seht Ihr nicht, welche Uniform wir tragen?“ „Holla, wie frech der Schuft iſt!“ höhnte ein Gamin.„Das iſt derſelbe Kerl, der mich geſchlagen hat, weil ich:„Es lebe die Com⸗ mune!“ rief.“ „Nieder mit ihnen!“ ſchrie ein Vagabund, der ſein Gewehr auf Erneſt anlegte. Ein anderer Vagabund ſchlug die Waffe nieder. — 968— 1„Das wäre ein zu ehrenvoller Tod“, ſagte er,„ſolche Hunde 1 müſſen erſäuft werden.“ „In die Seine! In die Seine“, riefen mehrere Stimmen. „Ruhe!“ donnerte Paul.„Wer hat uns angeklagt? Wer kam uns beweiſen, daß wir Verräther ſind? Wir haben nie im Solde Napoleon's geſtanden, wir ſind ehrliche Arbeiter, und die Arbeiter halten es mit der Republik. Wer uns anklagt, der verleumdet uns man verleitet Euch, einen Mord zu begehen.“ „Was haben ehrliche Arbeiter in dieſem Hauſe zu ſuchen?“ höhnte das Weib.„Wir kennen das Haus, wer es beſucht, kann keine Ehre im Leibe haben!“ ö„Und die Uniform iſt geſtohlen!“ ſchrie der Gamin.„Alle frü heren Polizeiagenten ſind jetzt in der Nationalgarde, aber wir werfen ſie alle in die Seine.“ „Zurück!“ rief Erneſt drohend, als der Gamin ſich ihm näherte. In dieſem Augenblick flog auch die andere Thüre auf, und ein I ſurchtbar betäubender Tumult erhob ſich ringsum. Das Weib ſchlug mit dem Brecheiſen nach Paul, der ihr einen Säbelhieb über das Geſicht gab, das war das Signal zum Kampfe 1 b das Geſindel umwogte die Beiden, deren Säbelklingen man über den Köpfen blitzen ſah. Dann und wann übertönte ein gellender Schrei den Lärm und das Waffengeklirr, bis endlich Erneſt zuſammenbrach. Paul kämpfte noch mit dem Muthe der Verzweiflung, obſchon er ſelbſt aus mehreren Wunden blutete, er kämpfte, um ſeinen Freund zu rächen und das eigene Leben zu retten, auf Schonung durfte er ja nicht hoffen. Da fühlte er plötzlich ſich niedergeriſſen, ein ſchwerer Schlag traf ſeinen Kopf, ſeine Beſinnung ſchwand. Das Geſindel hob ihn auf, der Ruf:„In die Seine!“ erſcholl [A immer lauter. An den Andern dachte man nicht mehr, und wenn nicht eine Rotte von Gamins ſich mit Paul beſchäftigt hätte, ſo würde man auch ihn liegen gelaſſen haben, der Kanaille erſchien es jetzt 1 wichtiger, das Haus zu plündern, und Alles, was ihr der Mitnahme nicht werth däuchte, zu zerſchlagen. Aber dieſe Gamins fanden ein beſonderes kannibaliſches Vergnügen daran, die Grauſamkeit gegen ihre Opfer auf's Aeußerſte zu ſteigern,. die Gamins liefern ja den Zuavenregimentern die meiſten Rekruten, en fe ne — 969— ſie üben ſich früh in Rohheiten und Schändlichkeiten, um einſt wür⸗ dige Soldaten zu werden. Lärmend und die Marſeillaiſe brüllend, trugen ſie Paul heraus, um ihn in die Seine zu werfen, indeß das übrige Geſindel das Werk der Zerſtörung beendete. Als Erneſt zum Bewußtſein zurückkehrte, war es finſtere Nacht, und in dieſer Nacht hörte er nichts, als das ſchauerliche Röcheln eines ſterbenden Menſchen. Dieſe entſetzlichen Laute riefen ihm das Vorgefallene in's Gedächt⸗ niß zurück, und eine namenloſe Angſt war das erſte Gefühl, welches ſich ſeiner bemächtigte. Wo war Paul? Er erinnerte ſich, ihn im Augenblick des eigenen Sturzes noch geſehen zu haben, weiter reichte ſein Gedächtniß natür⸗ lich nicht. Und welches Loos traf ihn? War er ſo ſchwer verwundet, daß er hier ohne Hülfe ſterben mußte? Er verſuchte, ſich emporzurichten, es gelang ihm, aber jedes Glied ſchmerzte ihn, und wohin er fühlte, ſtand eine Blutlache. Der Blutverluſt hatte ihn erſchöpft, und ein ſtechender, brennender Schmerz im Kopfe drohte ihm die Beſinnung abermals zu rauben. Ob er die Kerze noch fand, die auf dem Tiſche geſtanden hatte? Er griff in die Taſche, ein freudiges Gefühl ſdurchzuckte ihn als er ſein Feuerzeug fand. 3 Er rieb ein Zündhölzchen an— dort lag die Kerze neben dem Tiſch, er glaubte vor Schmerz wahnſinnig werden zu müſſen, als er ſich danach bückte. Das Licht der Kerze beleuchtete ein grauſiges Bild. Die Modiſtin lag mit zerſchmettertem Haupt auf derſelben Stelle, auf der ſie niedergekniet war, ein altes Weib mit einer klaffenden Wunde an der Stirn neben ihr, und dort hinten in einem Winkel lag der röchelnde Vagabund. Und wie ſah Erneſt aus! Das Blut floß ihm über das Geſicht, ſeine Uniform war zerfetzt, beſchmutzt und mit Blut getränkt, und der Schmerz in allen Gliedern erlaubte ihm kaum, eine Bewegung zu machen. Von ſeinem Freunde entdeckte er nur das Käppi und den Säbel, er konnte nicht daran zweifeln, daß man ihn ermordet hatte Mit ſchwankenden Schritten ſchleppte er ſich hinaus; die Ruhe eines Friedhofes herrſchte in dem Hauſe, und nur dann und wann, = 970— wenn Erneſt über einige Trümmer ſtolperte, bemerkte er, daß das Geſindel das Zerſtörungswerk gründlich beſorgt hatte. Er ſchlich an den Häuſern entlang über die Boulevards, Patrouillen begegneten ihm und riefen ihn an, ſie ließen ihn weiter gehen, als er erklärte, er komme als Verwundeter aus dem Gefecht. Sein Weg führte ihn an einigen Lazarethen vorbei, aber er wagte nicht, hineinzugehen, aus Furcht, daß man ihn dort behalten werde, dadurch wäre er zur Unthätigkeit verdammt worden, und er hätte über das Schickſal ſeines Freundes nichts erfahren. Es war eine qualvolle Wanderung, aber er erreichte doch, endlich ſeine Wohnung, und hier ſank er, angekleidet, wie er war, ermattet auf ſein Lager, um in tiefen Schlaf zu fallen. Hell ſchien der Tag durch das Fenſter der Manſarde, als Erneſt erwachte, ſeine Glieder waren in der Kälte erſtarrt, ſeine Wunden ſchmerzten ihn, und ein brennender Durſt peinigte ihn. Er fühlte ſich unfähig, aufzuſtehen, er glaubte ſich ſchon dem Tode nahe, lange konnte es nicht mehr dauern, dann mußte das Ende kommen. Wie gern wäre er geſtorben, wenn er noch an den Tod Mariens hätte glauben dürfen Aber er erinnerte ſich jetzt der Entdeckung auffdem Pére Lachaiſe, und die Leidenſchaften flammten wieder in ihm auf. Nein, er durfe nicht ſterben, er mußte Rache nehmen, er mußte Marie aus der Gewalt jenes Schurken befreien, ſich ſelbſt an dieſem Meuchelmörder rächen. Aber wie konnte er in dieſer hülfloſen Lage auf Rettung ſeines Lebens hoffen? Selbſt, wenn die Wunden nicht tödtlich waren, mußte er erfrieren und verhungern, es war ja Niemand da, der ihn ver⸗ pflegte, der ſeine Rationen holte und für einen Arzt ſorgte. Erneſt hing mit wachſendem Entſetzen dieſen Gedanken nach er fand keine Antworten auf alle die Fragen, die ſich ihm aufdrängten und ſeiner Seele Folterqualen bereiteten. Sollte er um Hülfe rufen? Wer hätte den Ruf vernommen? Vielleicht Madame Leroi, und wer konnte wiſſen, ob ſie nicht mit tückiſcher Bosheit ihn ſeinem Schickſal überließ? Und dennoch war er ſchon halb entſchloſſen, dieſes Mittel zu ver⸗ hür ge öffnet wurde und aus dem Nebenzimmer ein 5. Erneſt am wenigſten erwartet hatte, 2 — 971— Es war Dorman; der Falſchmünzer beugte ſich über das Bett und erſchrak ſichtbar, als er den jungen Mann in dieſem Zuſtande fand. „Gottes Tod, Mann, wo ſeid Ihr geweſen?“ fragte er.„Durch⸗ löchert wie ein Sieb und zerſchunden, als ob Ihr unter die Krallen eines Raubthieres gerathen wäret!“ „Sollte Euch das wirklich ſo ſehr befremden?“ erwiderte Erneſt, dem Verbrecher feſt in's Auge ſehend. „Bei allen Teufeln, was habe ich damit zu ſchaffen?“ „Hm, der Marquis weiß das vielleicht beſſer, wie ich.“ Dorman ſchüttelte das Haupt, wie wenn er ſagen wolle, er be⸗ greife das Alles nicht, der Sinn dieſer Worte ſei ihm völlig unver⸗ ſtändlich. „Wo iſt Euer Freund?“ fragte er nach einer Pauſe. „Todt!“ „Ah, Ihr wart im Gefecht?“ „Ja, mit Meuchelmördern.“ „Gottes Tod, Mann, ſprecht nicht in Räthſeln, ich bin kein Freund von langem rathen, und in Eurem Intereſſe liegt das auch nicht, denn Ihr habt raſche Hülfe nöthig.“ Erneſt mußte ſich ſagen, daß die verdutzte Miene dieſes Mannes keine Maske ſein könne, der Ausdruck der Beſtürzung war zu na⸗ ürlich. „Nun denn, man hat uns beide in eine Falle gelockt“, ſagte er, „in meiner Bruſttaſche findet Ihr noch den Brief, der uns hinein⸗ führte. Dort wurden wir von dem wüthenden Pöbel überfallen, man beſchuldigte uns, wir ſeien napoleoniſche Agenten, und im Kampfe mit der Uebermacht mußten wir unterliegen. Ich fiel zuerſt, meinen Freund habe ich nicht wiedergeſehen, ich fand auf dem Kampfplatze ſeine Leiche nicht.“ Dorman hatte den Brief ſchon geſucht und gefunden, er las ihn aufmerkſam, und ſeine Stirne zog ſich immer düſterer in Falten. „Und wer, glaubt Ihr, hat Euch dieſe Falle geſtellt?“ fragte er. „Der Marquis!“ „Parbleu, ich glaube das auch.“⸗ „Und dennoch habt Ihr uns verrathen!“ „Ich? Gottes Tod, Mann, bedenkt was Ihr ſagt! Welchen Vor⸗ theil könnte ich durch Euren Tod haben?“ ⁴ß „Ihr nicht, der Marquis!“ — 97— „Und Ihr könnt glauben, daß ich mich von dieſem Manne noc gebrauchen laſſe? Nein und tauſendmal nein! Ah, wenn ich ihm nur an den Hals könnte, würde ich ihn längſt erwürgt haben, der Burſch iſt mir immer noch zu ſchlau geweſen!“ „Dennoch muß es ihm verrathen worden ſein, daß ich ſeinen Be tvug entdeckt habe.“ „So ſcheint es.“ „Und zwar durch den Brief, den ich an Marie ſchrieb.“ „Ihr hättet ihn nicht ſchreiben ſollen“, ſagte Dorman haſtig „Weiber ſind Weiber, der Teufel ſoll für ihre Schwächen einſtehen Ich warnte Euch ja und rieth ab, ich übernahm den Auftrag ungern aber ich that es, weil Ihr es wolltet. Ein Brief iſt wie die Kugel in einer Büchſe, feuert den Schuß ab, und Ihr wißt niemals mit Sicherheit voraus, wohin der Teufel die Kugel führt. Meine Schwe⸗ ſter mag die beſte Abſicht gehabt haben, aber da miſcht der Satan ſich hinein und macht oft einen Strich durch die Rechnung.“ „Wenn nur Paul noch lebte!“ jammerte Erneſt.„Wollt Ihr nicht einmal nachſehen, ob noch etwas Waſſer im Kruge iſt? Ich kann es vor Durſt nicht aushalten.“ „Ja, ja, hier muß geholfen werden“, erwiderte Dorman haſtig, nein Glück für Euch, daß ich gekommen bin.“ Er ging in das Nebenzimmer und kehrte bald darauf mit einem Glaſe voll Waſſer zurück, welches Erneſt begierig austrank, dann zün⸗ dete er Feuer an, und nachdem das geſchehen war, ſchob er das Bett mit dem Verwundeten in das Wohnzimmer, welches allmählich be⸗ haglich durchwärmt wurde. Aber dabei ließ der Falſchmünzer es nicht bewenden, er entledigte Erneſt der blutgetränkten Fetzen, holte eine Verbandtaſche aus ſeinem Rocke und begann die Wunden, nachdem er ſie mit warmem Waſſer gereinigt hatte, zu verbinden. Ein wohlthuendes Gefühl durchſtrömte den jungen Mann, als er jetzt unter der warmen Decke lag, er dankte dem Samariter mit herzlichen Worten, aber Dorman wies in ſeiner rauhen, abſtoßenden Weiſe den Dank zurück. „Ich trage das Verbandzeug ſtets bei mir“, ſagte er,„und ich habe auf der Galeere gelernt, wie man Wunden behandeln muß. Ihr ſeht, die Galeere hat auch ihren Nutzen. Und einen armen Teufel in ſeinen Qualen liegen und verſchmachten zu laſſen, iſt meine Sache 39 1 — 973— nicht, ich halte es für Pflicht, ihm zu helfen. Es mag Euch ſonder⸗ bar ſcheinen, ſolche Worte aus meinem Munde zu hören, aber ich habe Euch ja bewieſen, daß ich es nicht bei Worten allein bewenden laſſe, wie ſo mancher edle Menſchenbruder, der das Maul voll nimmt, und die Hände doch nicht rühren mag. Gefährlich ſind Eure Wunden nicht, Mann, wenn ich den Schlag auf den Schädel abrechne, aber einige Wochen werdet Ihr doch das Bett hüten müſſen, denn Ihr ſeid zu übel zugerichtet und habt zu viel Blut verloren. Na, wenn Ihr nur mit dem Leben davonkommt, das iſt jetzt die Hauptſache. Aber wer wird Euch verpflegen, wer für Euch ſorgen? Geld habt Ihr nicht—“ „Ich habe Anſpruch auf meinen Sold und meine Rationen.“ „Parbleu, was nutzt Euch das, wenn Ihr Niemanden habt, der Eure Anſprüche geltend macht? In's Haus bringt man Euch nichts, Jeder denkt nur an ſich.“ „Ich dachte ſchon an Madame Leroi!“ „An die?“ rief Dorman ſpöttiſch.„Na ja, die würde ſchon da⸗ für ſorgen, daß Ihr der Pflege nicht lange bedürfet. Aber ich will Euch einen dienſtbaren Geiſt zuſchicken, auf den Ihr Euch verlaſſen könnt, und ich werde dann und wann ſelbſt einmal nachſehen, ob er ſeine Pflicht erfüllt.“ Er warf noch einige Stücke Holz in das Feuer und traf dann Anſtalten, ſich zu entfernen. Erneſt rief ihn noch einmal zurück. „Ich möchte über das Schickſal Paul's gerne Gewißheit haben“, ſagte er,„wenn Ihr an der Morgue vorbeigeht, dann werft einen Blick hinein, vielleicht liegt ſeine Leiche dort.“ „Ich werde daran denken.“ „Und wegen unſerer Angelegenheit mit dem Marquis—“* „Daran denkt einſtweilen noch nicht, es würde Euch nur unnöthig aufregen. Die Angelegenheit ſoll in einer Weiſe geordnet werden, die uns Alle befriedigen muß. Haltet Euch ruhig und bleibt unter der Decke, ſo ganz ungefährlich iſt Euer Zuſtand nicht.“ Nach dieſen Worten ging Dorman hinaus, und wenn er auch Madame Leroi nicht fürchtete, ſo ſchlich er doch ſcheu auf den Fuß⸗ ſpitzen an ihrer Thüre vorbei. Auf der Straße angelangt, ſchlug er den Weg zu ſeiner Woh⸗ nung ein, er hielt es für ſeine erſte Pflicht, ſeinem Schützling einen Krankenpfleger zu verſchaffen, und er dachte dabei an Jenny Mouſſon die ja einſt die Geliebte Erneſt's geweſen war. Er fand die Mädchen in ernſter Stimmung, ſelbſt Juſtine ſchien ihre Heiterkeit verloren zu haben, ſie lag in einer Ecke des Divans und verfolgte Jenny mit düſtern Blicken, die in dem traulichen Ge⸗ mach langſam auf⸗ und niederwanderte. Louiſon ſaß, mit einer Handarbeit beſchäftigt, am Fenſter, ihr bleiches Antlitz zeigte die Spuren qualvoll durchwachter Nächte. Dorman muſterte mit einem raſchen, ſcharfen Blick das Mädchen, dann forderte er Jenny durch einen Wink auf, ihm in's Nebenzimmer zu folgen. Nur zögernd kam Jenny dieſer Aufforderung nach, ſie verabſcheute den Verbrecher, aber ſie wagte nicht, ſeinen Befehlen ſich zu widerſetzen. Der Falſchmünzer erfaßte ihre Hand und führte ſie an's Fenſter. „Was iſt die Urſache dieſer Verſtimmung?“ fragte er mit ge⸗ dämpfter Stimme.„Sagen Sie mir die Wahrheit, was iſt vor⸗ gefallen?“ Jenny Mouſſon zuckte die Achſeln. „Juſtine hat einen unerträglichen Charakter“, erwiderte ſie,„ſie kann ihre niedere Herkunft nie verleugnen.“ „Sie haben mit ihr Streit gehabt?“ „Wegen einer Kleinigkeit, aber der geringfügige Wortwechſel gab ihr Veranlaſſung zu Drohungen, welche mich erbittern mußton. Sie will hier allein wohnen, und es ſind doch meine Räume, meine Möbel—“ „Und weshalb das?“ „Weil der Neid ihr keine Ruhe läßt. Sie will Alles haben Sie ſollen ihr Mann ſein, ſie reflectirt darauf, nach der Capitula tion mit Ohnen nach London zu reiſen, und da die Capitulation nun nahe zu ſein ſcheint, ſo bereitet ſie ſchon jetzt den Bruch mit mir vor.“ „Gottes Tod, ſie will— weiß ſie denn, ob ich will?“ „Sie müſſen!“ erwiderte Jenny ironiſch.„Juſtine iſt überzeugt, daß ſie bereits eine gewaltige Macht über Sie gewonnen hat, und dieſe Macht will ſie benutzen.“ „Sie könnte ſich verrechnen“, ſagte Dorman, die Stirne runzelnd nich liebe die Abwechslung und Juſtine hat nicht die Reize, mich zu feſſeln. Wie iſt es mit Louiſon 25 „Sie hat ſich gefügt, wenn ſie auch im Stillen nur auf eine Ge— — 975— legenheit lauert, um ſich durch die Flucht der Gefangenſchaft zu ent⸗ ziehen. Aufrichtig geſagt, iſt das Mädchen uns läſtig, wir nehmen ihre Dienſte nicht gerne in Anſpruch—“ „Murrt ſie? Verweigert ſie den Gehorſam?“ „Das nicht, aber ſie verhehlt uns ihren Groll nicht, ſie über⸗ häuft uns mit Beleidigungen—“ „Hm, das iſt nicht zu ändern, knebeln dürfen wir ſie nicht. Ueberhaupt möchte ich dem Mädchen nicht gar zu nahe treten, es iſt mir ſogar ärgerlich, daß ich mich an der Rache betheiligt habe. Aber ich wollte über eine andere Angelegenheit mit Ihnen reden, Jenny. Lieben Sie noch immer Erneſt Lafleur?“ „Wie kommen Sie dazu?“ erwiderte Jenny überraſcht. „Beantworten Sie meine Frage.“ „Erneſt Lafleur iſt der einzige Mann, den ich wahr und auf⸗ richtig geliebt habe, ich kann ihn nicht vergeſſen.“ „Und wenn er krank wäre, würden Sie ihn verpflegen?“ Jenny ſah den Falſchmünzer betroffen an. „Hat er nicht ſeinen Freund?“ fragte ſie.„Ah, Paul Bertrand iſt ein boshafter Charakter, ich möchte ihm nicht gerne wieder be⸗ gegnen.“ „Bertrand iſt todt!“ „Himmel— iſt das die Wahrheit?“ „Weshalb ſollte ich Sie belügen?“ „Arme Louiſon! Sie hing mit ſo treuer, inniger Liebe an ihm.“ „Bah, ſie iſt nicht die Einzige, die nach dieſer Schreckenszeit um einen theuren Geliebten trauern wird“, warf Dorman ein.„Man hat die Beiden hinterliſtig überfallen, es ſcheint, daß es das Werk des Marquis war, den die Furcht vor dieſen Gegnern nicht ruhen läßt. Paul Bertrand iſt gefallen, Erneſt Lafleur liegt in ſeiner Manſarde ſchwer verwundet, und Niemand iſt da, der ſich um ihn bekümmert.“ „Und nun meinen Sie, ich müſſe die Pflege übernehmen?“ „Ich denke, Sie werden es gern thun.“ Jenny Mouſſon fühlte allerdings das Mitleid mit dem enſtigen Verlobten in ihrer Seele erwachen, aber die Selbſtſucht erſtickte die⸗ ſes Gefühl ſchon im nächſten Augenblick. Wenn ſie ſich dieſer Pflege widmete, mußte ſie ihre Wohnung verlaſſen und auf alle Genüſſe des Lebens für längere Zeit verzichten. ——————— — 976— Juſtine hatte dann freies Spiel, und Dorman, ſo roh er auch ſonſt war, ließ ſich nur zu leicht leiten. Juſtine konnte ſie alsdann völlig aus dem Sattel heben, den Falſchmünzer enger umſtricken und ihr Schäfchen ſcheeren, während Jenny leer ausging. „Ich weiß nicht, ob meine Pflege ihm angenehm ſein würde“, nahm ſie nach einer Weile das Wort,„ſeine Liebe hat ſich in Haß umgewandelt, und einer Demüthigung durch ihn mag ich mich nicht ausſetzen.“ „Er iſt ſo unglücklich, daß er dankbar jede Hand annehmen wird, die ihm Hülfe bietet.“ „Mag ſein, aber er würde mir nichtsdeſtoweniger die Thüre zei⸗ gen, ſobald er geneſen wäre.“ „Das kommt auf Sie allein an, Jenny.“ „Nun ja, er würde mir danken, aber ein ſolcher Dank hat keinen Werth, im Gegentheil, er verletzt nur das Zartgefühl. Geben Sie Louiſon die Freiheit, ſie wird ihn mit aufopfernder Freundſchaft pflegen.“ Dorman ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Ich habe daran auch gedacht“, ſagte er,„aber wird Louiſon ſchweigen? Es liegt in meinem beſonderen Intereſſe, Alles zu ver⸗ meiden, was mir den Haß Lafleur's zuziehen könnte, wir würden ſeine Rache herausfordern, wenn Louiſon uns anklagte.“ „Hören wir, was ſie dazu ſagt“, erwiderte Jenny. Sie trat raſch unter die Portiere und rief Louiſon, die gleich darauf eintrat. „Wir ſind bereit, Ihnen die Freiheit zu geben“, nahm Jenny das Wort,„aber das kann nur unter der Bedingung geſchehen, daß Sie ſtrengſte Verſchwiegenheit geloben.“ In den Augen des Mädchens leuchtete es freudig auf. „Ich verſichere es“, ſagte ſie.„So ſehr ich auch berechtigt wäre, für die Beleidigungen, die ich hier erfahren mußte, Rechenſchaft zu forden—“ „He, wenn Sie ſchon in dieſem Tone reden, können wir Ihrem Verſprechen keinen Glauben ſchenken“, ſiel Dorman ihr in's Wort. „Sie vergeſſen, daß Sie unſere Feindſchaft herausforderten, und daß wir nur einen Akt der Vergeltung übten, als wir Sie hierher lockten. — 977— Ich denke, unſere Rechnung iſt ausgeglichen, und wir haben nun ein⸗ ander nichts mehr vorzuwerfen.“ Louiſon preßte beide Hände auf den ſtürmiſch wogenden Buſen, ſie war ja bereit, jede Bedingung einzugehen, wenn man ihr nur die Freiheit geben wollte. „Ich will das auch denken“, erwiderte ſie,„ich will ſchweigen.“ „Man wird Sie fragen, wo Sie geweſen ſeien, was wollen Sie antworten?“ „Ich werde meine Freunde bitten, mir die Antwort zu erlaſſen.“ „Das iſt nicht das Richtige, damit kommen Sie nicht durch.“ „So ſagen Sie mir, was ich erwidern ſoll.“ „Wohlan. Erklären Sie, Sie ſeien an jenem Abend ausgegan⸗ gen, um Einkäufe zu machen, eine Patrouille habe Sie bemerkt und Sie der Spionage beſchuldigÄt. Das kommt ja noch immer ſtündlich vor, die Spionenhetze hat trotz aller Schreckniſſe noch nicht nachge⸗ laſſen. Sie haben natürlich geleugnet, man hat Sie in die Polizei⸗ präfektur geführt und dort bis heute feſtgehalten; erſt heute hat man Sie verhört und freigelaſſen.“ „Es iſt eine Lüge“, ſagte Louiſon, zitternd vor Erregung,„aber es gibt ja kein anderes Mittel, mich zu befreien.“ „Nein, Louiſon, es gibt kein anderes Mittel“, erwiderte Dorman ſcharf.„Ich bin mit Ihren Freunden verbündet, wollten Sie ihnen die Wahrheit ſagen, ſo würde das den glühendſten Haß wecken, und ich müßte, meiner eigenen Sicherheit wegen, meine Verbündeten ver⸗ derben.“ „Ich werde mich zu der Lüge bequemen und Gott bitten, daß er mir verzeihen möge.“ „Bah, auf eine Sünde mehr oder weniger kommt es auch nicht an!“ ſpottete Jenny. „Und wenn Sie Ihr Verſprechen brächen, dürfen Sie mit Sicher⸗ heit die Rache erwarten“, drohte der Falſchmünzer.„Sie kennen mich, Louiſon, Sie wiſſen, daß ich in ſolchen Dingen nicht ſcherze, vergeſſen Sie das nie.“ „Was ich verſprochen habe—“ „Sparen wir alle ſchönen Redensarten, wenn Sie unſer Ver⸗ trauen täuſchen, fallen die Folgen auf Sie und Ihre Freunde. Warten Sie, ich habe Ihnen noch einige Mittheilungen zu machen, dann können Sie gehen. Sie werden in Ihrer Wohnung nur Erneſt Lafſeur finden.“ R. 62 — 978— Die Wangen des Mädchens erbleichten, ſtarr ruhte ihr Blick auf dem Antlitz des Verbrechers. „Und wo iſt Paul?“ fragte ſie mit bebender Stimme. „Im Hoſpital.“ „Mein Gott— verſchweigen Sie mir nichts—“ „Beide, Lafleur und Bertrand ſind verwundet, Lafleur hatte noch die Kraft, ſich in ſeine Wohnung zu ſchleppen. Ich habe ſeine Wun⸗ den verbunden und mich verpflichtet, für ſeine Pflege zu ſorgen, ich werde nun auch zu erforſchen ſuchen, in welches Lazareth Bertrand gebracht wurde.“ Louiſon bedeckte das Antlitz mit den Händen, ſie glaubte, aus dieſen Mittheilungen den Schluß ziehen zu müſſen, daß ihr Verlobter todt ſei. „Verlieren Sie Muth und Hoffnung nicht“, fuhr Dorman fort, „widmen Sie ſich mit allen Kräften der Erfüllung Ihrer Pflichten und laſſen Sie kein Mißtrauen gegen mich in Ihrer Seele Wurzel faſſen. Wie Sie auch in allen anderen Dingen über mich denken mögen, Louiſon, in dieſem Punkte dürfen Sie mir vertrauen. Lafleur behauptet, der Marquis habe die Meuchelmörder gedungen, ich weiß nicht, ob das die Wahrheit iſt, er wird ja auch Ihnen die Geſchichte erzählen, dann mögen Sie ſelbſt urtheilen. Und nun frage ich Sie noch einmal, ſind Sie entſchloſſen, das uns gegebene Verſprechen zu erfüllen?“ „Ja, mein Herr!“ „Gut, ich werde täglich kommen, um nach dem Verwundeten zu ſehen und Sie zu unterſtützen, wo es Noth thut. Wie werden Sie mir entgegentreten?“ „Verlangen Sie Herzlichkeit von mir?“ „Nein, ich verlange nur Vertrauen und freundliches Entgegen⸗ kommen.“ „Und ich erwarte von Ihnen Nachrichten über das Schickſal mei⸗ nes Verlobten.“ Der Falſchmünzer nickte befriedigt. „Sie können gehen“, ſagte er.„Vergeſſen Sie, was vorgefallen iſt und nehmen Sie eine Freundſchaft an, die Ihnen nur nutzen kann.“ Louiſon erwiderte kein Wort, ſie eilte hinaus, das Herz voll banger Ahnungen und quälender Beſorgniſſe. „So iſt es am Beſten“, ſagte Jenny, als ſie mit Dorman wie⸗ — 979— der allein war,„das Mädchen war uns nur eine Laſt, und mit der Rache, die wir genommen haben, konnten wir uns begnügen. Sie wird nicht wagen, uns noch einmal zu beleidigen.“ Der Falſchmünzer fuhr aus ſeinem Sinnen empor und ging in's Nebenzimmer, um ſeinen Hut zu holen, er hatte jetzt noch einen an⸗ dern Gang zu machen, den er nicht länger aufſchieben durfte. „Was bedeutet das Alles?“ fragte Juſtine entrüſtet, als Dorman eintrat.„Welche Geheimniſſe haſt Du mit Jenny zu verhandeln, und weshalb werde ich Deines Vertrauens nicht gewürdigt?“ „Siehſt Du ſchon Geſpenſter?“ ſpottete der Falſchmünzer. „Louiſon iſt in Freiheit geſetzt, und man nennt mir nicht einmal die Gründe—“ „Laſſe Dir das Alles von Jenny erzählen, Geheimniſſe ſind es nicht, und ich habe jetzt keine Zeit“, erwiderte Dorman, ſich der Thüre nähernd.„Im Uebrigen rathe ich Dir, nicht allzufeſt auf meine Gunſt zu bauen. Unverſchämtheiten liebe ich nicht.“ Er ging haſtig hinaus und erreichte eine halbe Stunde ſpäter das Haus der Modiſtin. Von der Zerſtörung dieſes Hauſes hatte Erneſt ihm nichts ge⸗ ſagt, er war beſtürzt, als er hineintrat und ſein Blick nur auf Trümmer fiel. Langſam durchwanderte er die einſt ſo eleganten Näume, wahr⸗ haftig, wenn ſeine Genoſſen hier gehauſt hätten, würde das Werk der Verwüſtung nicht vollſtändiger vollbracht ſein. Ueberall Scherben, zerriſſene Fetzen, Trümmer, Schutt und Un⸗ rath, es war ein grauenhafter Anblick, der ſelbſt den hartgeſottenen Verbrecher beſtürzte. Er ſtieg die Treppen hinauf in das Kabinet, entſetzt wich er zu⸗ rück, als ſein Blick auf die Leichen fiel. Was nun? Er mußte mit Cora reden, auf welchem Wege konnte er ſie jetzt davon benachrichtigen? Er durfte nicht wagen, einem Diener des Marquis ein Billet an Madame von Chateaufleur zu übergeben, er wußte ja nicht, ob es in ihre Hände gelangen würde, und nach den neuerdings gemachten Er⸗ fahrungen hatte er triftige Gründe, die Machinationen des Edelmanns zu fürchten. Er wollte eben wieder die Treppe hinunterſteigen, als von unten ein Schrei des Entſetzens herauf drang. ———ᷣᷣy———ÿ—;—x—xxx—xꝛꝛꝛꝛꝛ—— ———— —-— 980— Vielleicht hatte Cora dieſen Schrei ausgeſtoßen, es war ja mög⸗ lich, daß ſie kam, um ein Billet für ihn zu bringen. Er blieb horchend auf der Treppe ſtehen. Ja, das war ihr leichter, raſcher Gang; er rief ihren Namen, eine bekannte Stimme antwortete ihm und ſchon nach einigen Sekunden ſtand Cora vor ihm. „Was iſt hier vorgefallen?“ fragte ſie, vor Erregung zitternd. Schweigend erfaßte Dorman ihre Hand, er zog ſie mit ſich in das Kabinet und zeigte auf die Leichen. „Sieh, das iſt Dein Werk“, erwiderte er,„Du wirſt es nicht leugnen können.“ „Ich verſtehe Dich nicht“, ſagte Cora entſetzt.„Wie kannſt Du gegen mich eine ſo furchtbare Anklage ſchleudern, zu der Dich nichts berechtigt?“ „Gar nichts? Denke nach, Cora, ich habe bisher geglaubt, Du hätteſt ein vortreffliches Gedächtniß.“ Madame von Chateaufleur wandte das bleiche Antlitz ab, ſie konnte dieſen Anblick nicht ertragen. „Was haſt Du mit dem Briefe gemacht, den ich Dir übergab 7 ⁸ fragte der Falſchmünzer rauh.„Sagte ich Dir nicht, man müſſe ihn der Deutſchen übergeben—“ „Du vergißt, daß Marie vor ihrer Trauung mit dem Marquis den Betrug nicht erfahren darf.“ „Ah, bah, Ihr Weiber habt immer andere Pläne, auf Euch kann man ſich niemals verlaſſen! Du haſt den Brief dem Marquis gege⸗ ben, nicht wahr?“ „Natürlich. Ich wollte ihn zwingen, die Trauung zu beſchleuni⸗ gen, mir dauert es zu lange, das Mißtrauen des Marquis fängt an, mich zu beunruhigen.“ „Du weckſt und nährſt es ſelbſt durch Dein zweideutiges Beneh⸗ men“, ſagte Dorman unwirſch.„Der Marquis hat darauf Lafleur und Bertrand hierher gelockt, und ſie hier von der Kanaille nieder⸗ metzeln laſſen.“ „Was liegt daran?“ fragte Cora achſelzuckend. „Wir haben unſere beſten Verbündeten verloren.“ „Wir werden andere finden!“ „Ja, Andere, die ihren Antheil von der Beute fordern, während wir den Beiſtand dieſer Beiden umſonſt hatten. Gottes Tod, ich be⸗ greife Deine Dummheit nicht! Am Ende haſt Du ſelbſt den Urias⸗ ni⸗ leh⸗ leur der⸗ — 981— brief geſchrieben, der die Beiden den Mördern in die Hände lieferte!“ „Das nicht, Pierre.“ „Aber Du wußteſt, daß ihnen dieſer Fallſtrick gelegt werden ſollte?“ „Der Marquis weiht mich in ſeine Pläne nicht mehr ein.“ „Parbleu, er wird ſeine Gründe dafür haben.“ „Er iſt überhaupt in der letzten Zeit ſehr ſonderbar geworden, ich glaube, die Beraubung der Frau von Briſſac hat ihn ſo ſehr empört, daß er den Haß gegen Dich auch auf mich überträgt. Wir müſſen uns beeilen, Pierre—“ „Warte, bis ich neue Freunde angeworben habe!“ „Wir allein können es ausführen.“ „Ich danke, mit dem geſammten Dienſtperſonal nehme ich es allein nicht auf.“ „Sie werden feſt ſchlafen, dafür ſorge ich.“ „Und wenn irgend ein tückiſcher Zufall Deinen Plan durchkreuzt? Ich gehe gerne ſicher, ehe ich zur Ausführung eines gewagten Unter⸗ nehmens ſchreite.“ Der feſte, energiſche Ton, den der Falſchmünzer anſchlug, beun⸗ ruhigte Cora mehr, als der grauenhafte Anblick der Leichen. „Sind Beide todt?“ fragte er nach einer Pauſe. „Lafleur nicht.“ „Himmel, von ihm dürfen wir das Schlimmſte erwarten!“ „Wir nicht, aber der Marquis.“ „Gleichviel, wenn er uns zuvorkommt, haben wir Alles verloren“, erwiderte Cora in fieberhafter Erregung.„Man muß ihn zurück⸗ halten—“ „Sei unbeſorgt, er denkt einſtweilen nur an ſeine Wunden, die ihn einige Tage, vielleicht Wochen an's Bett feſſeln werden.“ „Und der Andere?“ „Bertrand iſt todt, man hat ſeine Leiche wahrſcheinlich in die Seine geworfen.“ „Du mußt Lafleur bewachen“, rief Cora,„er darf nichts ohne uns unternehmen.“ „Ich widme mich vorläufig ſeiner Pflege“, entgegnete Dorman, ndas kettet ihn nur noch feſter an mich. Ich werde ihm ſagen, die Deutſche ſei allerdings eine Gefangene, aber er dürfe ihretwegen ſich beruhigen, denn ihr drohe nicht die mindeſte Gefahr. Du aber wirſt dem Marquis verſchweigen, daß dieſer Mann gerettet iſt, Du wirſt ihm ſagen, Beide ſeien todt, hörſt Du?“ „Ich werde es thun.“ „Richte Dich jetzt einmal ſtreng nach meinen Anordnungen, mit Deinen Albernheiten könnteſt Du uns um den ganzen Gewinn be⸗ trügen—“ „Aber man ſpricht ſchon von der Capitulation—“ „Und da fürchteſt Du, nun würden Ordnung, Ruhe und Sicher⸗ heit ſofort wiederkehren? Unſinn! Wenn die Regievung mit den Preußen Frieden gemacht hat, erklären wir ihr den Krieg, dann fan⸗ gen die Puppen erſt an zu tanzen. Und dann iſt für uns die beſte Zeit gekommen.“ „Ich weiß nicht, ob ich dem zuſtimmen ſoll“, ſagte Cora mit be⸗ denklicher Miene,„aber ich weiß auch nicht, wie man den Marquis zwingen könnte, die Trauung zu beſchleunigen. Er ſchiebt die Sache von Tag zu Tag auf, und vor der Trauung unternehme ich nichts.“ „Warten wir alſo! Inzwiſchen wird auch Lafleur geneſen ſein, ich möchte auf den Beiſtand dieſes Mannes nicht gern verzichten.“ „Aber wo kommen wir nun zuſammen, wenn wir etwas zu be⸗ rathen haben?“ „In meiner Wohnung, ich weiß keinen beſſeren Ort.“ „Und wie iſt's mit dem Ringe? Haſt Du ihn mitgebracht?“ „Ja.“ „So gib ihn her.“ „Zuvor das Geld, Cora.“ Madame von Chateaufleur zuckte unwillig die Achſeln. „Ich werde Dich um den Preis nicht betrügen“, ſagte ſie,„Du ſollſt das Geld morgen erhalten.“ „Dann mußt Du mir erlauben, den Ring ſo lange aufzubewah⸗ ren. Weshalb willſt Du ihn überhaupt haben?“ „Ich ſagte es Dir ja geſtern.“ „Hm, Du ſprachſt von einem Geheimniſſe— „Welches ich ſelbſt nicht kenne, Pierre. Vielleicht hat es Werth für uns Beide, alſo gib mir den Ring.“ „Sobald Du das Geld gezahlt haſt. Mir iſt der Spatz in der Hand lieber, wie die Taube auf dem Dache, und meine Geſchäfte mache ich gerne glatt ab.“ Cora warf trotzig die Oberlippe empor, dieſes Mißtrauen ver⸗ 41 virſt 7 letzte ſie, aber ſie wußte nur zu gut, daß jeder Verſuch, es zu beſei⸗ tigen, an dem Eigenſinn ihres Bruders ſcheitern würde. „Sie erklärte, am nächſten Tage den Ring holen zu wollen, der Falſchmünzer ſchärfte ihr noch einmal die ſtrengſte Verſchwiegenheit über die Rettung Lafleur's ein, dann verließen die Beiden das Haus, um ſich vor demſelben zu trennen und auf verſchiedenen Wegen ihren Geſchäften nachzugehen⸗ Siebenundvierzigſtes Kapitel. Die Granate in der Dachkammer. Unaufhörlich donnerten jetzt Tag und Nacht die deutſchen Batterieen gegen die Forts, und ſchon nach wenigen Tagen platzten ihre Gra⸗ naten in den Straßen von Paris. Das war's, was man gefürchtet hatte, und nun traf die Befürch⸗ tung raſcher ein, als man ſie erwartete. Und trotz alledem verleugneten die Pariſer ihre Frivolität auch jetzt noch nicht. Sie wanderten in die Straßen, welche von den feind⸗ lichen Geſchoſſen beſtrichen worden und betrachteten die Verwüſtungen mit demſelben Intereſſe, mit welchem ſie irgend ein ſeltenes Raub⸗ thier betrachtet haben würden. Gamins laſen die Granatſplitter auf und verkauften ſie auf den Boulevards, und dazwiſchen ſchimpfte man gewaltig auf den Feind, daß er nicht ſo höflich geweſen war, das Bombardement vorher an⸗ zuzeigen. „Man tödtet unſere Frauen und Kinder!“ ſchrie man, und die Wuth gegen die Deutſchen überſchritt alles Maaß. Täglich wurden jetzt Ausfälle gemacht, man erreichte durch ſie nichts weiter, als daß man die Zahl der Todten und Verwundeten vermehrte. Dabei wurden die Lebensmittel immer knapper, das Brod, welches man in kleinen Rationen verabreichte, war kaum zu genießen, nur der Hunger konnte die Pariſer zwingen, es zu eſſen. Das Ende war nahe. Täglich wurden Perſonen von den Gra⸗ — 984— naten getödtet und verwundet, die Bewohner der bedrohten Stadt⸗ theile flüchteten mit ihrer Habe auf das andere Seineufer, oder ſie verſteckten ſich in die Keller und horchten mit Todesangſt auf das Donnern der Geſchütze und das Pfeifen und Platzen der Geſchoſſe. Die Sterblichkeit wuchs in ſchreckenerregender Weiſe, die Seuchen nahmen überhand, der Hunger forderte zahlloſe Opfer. Aber trotz dieſes Elends durfte auch jetzt noch von Capitulation Niemand reden, ja, der rohe Haufe verlangte, die ganze Stadt müſſe in die Luft geſprengt werden, der Feind dürfe nur einen rauchenden Schutthaufen finden. Die Anhänger der Commune trafen ihre Vorbereitungen, ſire wollten ſchon jetzt, in der allgemeinen Verwirrung die Fackel des Bürgerkrieges in die unglückliche Stadt ſchleudern. . Daß man von draußen keine Hülfe mehr zu erwarten hatte, wußte man nun auch, Brieftauben hatten die Nachricht von der völli gen Niederlage aller Armeen gebracht, und den Lügen Gambetta's glaubte man jetzt nicht mehr. Man ſchimpfte auf Trochu, auf die Generale, auf die Regierung, nur nicht auf die eigene wahnſinnige Verblendung, an dem ganzen Unglück Frankreichs waren ja nur Feigheit und Verrath Schuld. Die Furchtſamen erinnerten ſich, daß Bismarck zu Jules Favre geſagt haben ſollte:„Wir werden, wenn es uns gefällt, zwei Ihrer Forts ich achtundvierzig Stunden nehmen“, ſie erfuhren, daß mehrere Forts ihr Feuer ſchon eingeſtellt hatten, ſie erwarteten in jeder Stunde den Sturmangriff. Aber der große Haufe, die ganze Maſſe der Soldaten und Na⸗ tionalgarden, der Gamins und Vagabunden wollten von Ergebung nichts wiſſen, mochten auch täglich Tauſende zu Grunde gehen, ſie glaubten noch immer, die Ehre und Gloire Frankreichs retten zu müſſen. Und die Anhänger der Commune ſchürten allenthalben die wild auflodernden Gluthen der Leidenſchaften. Je größer das Elend in Paris wurde, deſto beſſer war es für ſie. An manchen Orten loderten ſchon die Flammen auf, immer weiter reichten die feindlichen Geſchoſſe, Alles verheerend und zer⸗ trümmernd. Es gab noch etwas Getreide in Paris, aber das Bombardement hatte ſchon mehrere Mühlen zerſtört, man mußte zu Handmühlen — 985— ſeine Zuflucht nehmen. Die Pferde, welche man ſchlachtete, waren ſchlecht genährt, das Fleiſch derſelben konnte keine Kraft geben. Und wie viele Perſonen waren ſo ſehr entkräftet, daß ſie nicht einmal ihre Rationen in Empfang nehmen konnten! Das Strafgericht Gottes war über das moderne Babel verhängt, ſchwer ruhte der Fluch des Himmels auf der unglücklichen Stadt, die durch ihre Sünden dieſes Strafgericht herausgefordert hatte, aber noch immer nicht in ihrem Unglück den Finger Gottes erkennen wollte. Schon wurden von den zwanzig Arrondiſſements der Stadt Paris ſechs von den feindlichen Geſchoſſen beſtrichen, ſchon ſah man rauchende Trümmer, und mit jedem Tage wuchs ihre Zahl, während die Deut⸗ ſchen draußen immer weiter in die Provinzen eindrangen. Die Armee Faidherbe's befand ſich in voller Auflöſung, die Loire⸗ Armee wurde bei Le Mans auseinander geriſſen und zurückgeworfen und die Truppen Bourbaki's und Garibaldi's erlitten Niederlage auf Niederlage. In Verſailles wurde das deutſche Kaiſerreich proklamirt, der König von Preußen hatte die Kaiſerkrone angenommen, und der Jubel und die Begeiſterung der Deutſchen bildete einen ſcharfen Ge⸗ genſatz zu dem Elend und der raſenden Wuth der Pariſer. Man verlangte einen nochmaligen Maſſenausfall, und am 19. Januar las man eine Proclamation, in der das Gouvernement ſchrieb: „Der Feind tödtet unſere Frauen und Kinder! Zu den Waffen! Es heißt: dulden und ſterben, wenn es ſein muß, ſiegen!“ Eine gewaltige Aufregung herrſchte in der Stadt. General Leflo hatte ſich an die Spitze der Truppen geſtellt, die Nationalgarde ſollte heute die Ehre haben, das Feuer zu eröffnen. „Die Nationalgarde verlangt einen Aderlaß“, ſagte ein alter Ge⸗ neral,„ſie ſoll ihn haben!“ Alles jubelte den Truppen zu, dieſe gewaltigen Maſſen mußten ja ſiegen. Und hatte dieſer Sieg auch keinen anderen Nutzen, als daß man durch ihn günſtige Friedensbedingungen erlangte, ſo war das Blut doch nicht umſonſt gefloſſen, man hatte mit dieſen Opfern die Ehre Frankreichs gerettet. Der Marquis war in dieſer Zeit nicht müßig geweſen, er hatte täglich mit den Verſchworenen berathen, ſie zur Ruhe und Geduld ermahnt und dem verfrühten Ausbruch eines Aufſtandes vorgebeugt. 986— Es war ihm mitunter ſehr ſchwer geworden, die Communiſten verloren die Geduld, Flourens war ſeit einiger Zeit verhaftet und in Mazas eingeſperrt, man forderte ſeine Befreiung, die Arbeiter⸗Ba⸗ taillone drangen auf den Sturz der Regierung und die Abſetzung Trochu's, der ſich lächerlich gemacht hatte. Da fand der Marquis keine Zeit, ſich ſeinen perſönlichen Ange⸗ legenheiten zu widmen, die Politik nahm ihn zu ſehr in Anſpruch, und eben deshalb war es ihm außerordentlich lieb, daß alles Andere befriedigend geordnet zu ſein ſchien. Lafleur und Bertrand waren todt, Cora hatte es ihm geſagt, aber ihr allein würde er nicht geglaubt haben, es war ihm wichtiger, daß er perſönlich ſich davon überzeugt hatte. Er war ja an jenem Abend in dem Hauſe der Modiſtin geweſen, er hatte geſehen, wie die Gamins die Leiche Paul's in die Seine ſchleppten, er hatte auch vor der Leiche Erneſt's geſtanden. Ueber dieſen Punkt war er beruhigt, zwiſchen ihm und Marie lag keine Kluft mehr, er konnte jetzt ohne Beſorgniß die Ceremonie der Trauung bis zu einer ruhigern Zeit aufſchieben. Cora vermied auch Alles, was ihm Mißtrauen gegen ſie einflößen konnte, von Dor⸗ man vernahm er nichts mehr und der Vicomte von Chateaufleur ſchien ſich auch jeder ihm auferlegten Bedingung fügen zu wollen. Er ahnte freilich nicht, daß Cora und Dorman faſt täglich zu⸗ ſammenkamen und Pläne gegen ihn ſchmiedeten, daß die Abneigung Marien's gegen ihn mit jedem Tage mehr zunahm und daß Erneſt ſich unter der ſorgſamen Pflege Louiſon's mehr und mehr erholte. Er ahnte nicht, daß die ſchwarzen Wolken ſich drohend über ſei⸗ nem Haupte zuſammenballten, während er nur einen heiteren, ſon⸗ nigen Horizont ſah, und er hatte nun auch keine Zeit, ſich ernſtlich darum zu bekümmern und durch ſeine Spione den Thatbeſtand er⸗ forſchen zu laſſen. Seltſam, daß inmitten dieſer Unruhen und Aufregungen das Bild der Frau von Briſſac ihn nicht verließ! Er ſah es überall, im Wachen, wie im Träumen, er konnte das reizende Weib nicht vergeſſen, trotz der demüthigenden Niederlage, die ſie ihm bereitet. Er meinte, ſie werde ihren Eigenſinn bereuen, wenn die Noth an ſie herantrete, ſie werde dann mit Freude und Dank die Hand ergrei⸗ fen, welche ſie zurückgeſtoßen habe. — 987— Dann aber wollte er über ſie triumphiren und ſie an jene Worte erinnern. Er ließ ſie beohachten, er wußte, daß ſie ſich um die Befreiung ihres Gatten erfolglos bemüht hatte, daß ſie in dem Vertrauen auf ihre Freundinnen getäuſcht worden war, und daß ſie von den Almoſen eines Verwandten kümmerlich ihr Leben friſtete. Er wußte das Alles, aber er hielt es noch nicht rathſam, ſich ihr zu nähern, er wollte warten, bis Hunger, Schrecken und Noth noch ſtärker an ihren tugendhaften Grundſätzen gerüttelt hatten. So kam der Morgen des 19. Januar, des Tages, an welchem die Pariſer den letzten Stoß auf die deutſchen Linien miachen wollten. Der Marquis hatte nach dem Frühſtück eine halbe Stunde mit Cora geplaudert, er wollte jetzt ausgehen, um draußen die Nachrichten vom Kampfplatze zu erwarten, obgleich er voraus wußte, wie ſie lauten würden. Mehr, als jeder Andere, war er vom Stand der Dinge unter⸗ richtet, er wußte durch ſeine vortrefflich organiſirte Taubenpoſt ſehr genau, wie es in den Provinzen ausſah, und daß es keine Hoffnung mehr für die belagerte Stadt gab. Im Begriff, ſein Kabinet zu verlaſſen, rief Cora ihn noch ein⸗ mal zurück. „Du ſprachſt vor einiger Zeit von einem Ringe, den mein Bru⸗ der Dir verkaufen ſollte“, ſagte ſie,„haſt Du ihn erhalten?“ „Nein“, erwiderte der Marquis,„Dorman hat ſein Verſprechen nicht eingelöſt, aber das ließ ſich ja auch erwarten.“ 3 „Er ſchickte mir geſtern einen Ring mit dieſen Zeilen“, fuhr Cora fort, indem ſie ein Billet aus der Taſche zog und es dem Edelmann überreichte,„Du erſiehſt daraus, daß er mir den Ring ſchenkt, und ich geſtehe aufrichtig, daß ich dieſe ſeltene Großmuth nicht begreife. Er iſt habgierig und geizig, es müſſen beſondere Gründe obwalten, die ihn zu dieſer Freigebigkeit bewegen.“ „Und wo iſt der Ring?“ „Hier, Henry, ich kann nicht finden, daß er ſehr werthvoll iſt.“ Der Marquis hatte kaum einen Blick auf den Goldreif geworfen, als er haſtig darnach griff, aber eben ſo ſchnell zog Cora ihre Hand zurück. „So hahen wir nicht gewettet“, lachte ſie.„Iſt es wirklich Dein Ring?“ — 988— „Natürlich.“ „Derſelbe, für den Du meinem Bruder den doppelten Werth zahlen wollteſt?“ „Ja, derſelbe!“ „Dann erſcheint mir ſeine Großmuth um ſo auffallender.“ „Gib mir den Ring, Cora.“ „Das würde meinen Bruder beleidigen!“ „Ah, bah— „Nein Henry, ich darf es nicht.“ Der flammende Blick des Marquis heftete ſich durchdringend auf das heitere Geſicht Cora's. „Ich vermuthe, es iſt eine abgekartete Geſchichte“, ſagte er ſcharf, „Wie ſollte Dorman dazu kommen, Dir den Ring zu ſchenken, da er doch weiß, daß ich ihm eine hohe Summe dafür zahlen will?“ „Das eben iſt das Seltſame“, erwiderte Cora lächelnd.„Ich weiß es nicht, wenn ich mit meinem Bruder zuſammen käme, würde ich ihn jedenfalls darum fragen.“ „Aber für Dich hat der Ring keinen Werth!“ „Und weshalb hat er für Dich Werth?“ „Weil es derſelbe Ring iſt, den ich meiner erſten Geliebten ſchenkte.“ „War dieſe Geliebte nicht eine Deutſche?“ „Ja, Cora.“ „Und Du haſt ſie verführt!“ „Wer iſt ſo kühn, das zu behaupten?“ fuhr der Edelmann auf. „Haſt Du ſie nicht treulos verlaſſen?“ „Man hat ſie und mich betrogen!“ „Hm, das kommt auf daſſelbe hinaus“, erwiderte Cora achſel⸗ zuckend.„Du hätteſt ja den Betrug aufdecken können.“ „Sie ſtarb, kurz nachdem ſie ihr Kind dem Findelhauſe anver⸗ traut hatte.“ Madame von Chateaufleur hatte ſich dem Marquis genähert, er ſtand in Brüten verſunken. „War es Dein Kind?“ fragte ſie leiſe. „Ja.“ „Nun, die Mutter iſt todt, und der Ring würde Dich ſtets an eine ſchwere Schuld erinnern, weshalb willſt Du ſolche Erinnerungen wecken, die Dir nur ſchmerzlich ſein können?“ — 989— „Was kümmerts Dich?“ ſagte der Marquis rauh.„An Deiner Hand mag ich den Ring nicht ſehen, denn Du biſt nicht würdig ihn zu tragen.“ Cora biß auf die Lippe, ein Blitz des Haſſes traf aus ihren Augen den Edelmann, der ihr den Rücken wandte. „Nicht würdig, ihn zu tragen!“ wiederholte ſie.„Das waren harte Worte, Henry, die Du ſchwerlich vorher bedacht haſt.“ „Gib mir den Ring, ich erſetze Dir den Werth.“ „Heute nicht, Du haſt mich tief gekränkt, ich muß die Kränkung eher vergeſſen. Vielleicht laſſe ich morgen mich erweichen, obſchon ich Dir jene Worte niemals verzeihen kann.“ Der Marquis lachte bitter, er wollte eine heftige Erwiderung ge⸗ ben, aber Madame von Chateaufleur hatte das Zimmer ſchon ver⸗ laſſen. „Ich ſagte ihr die Wahrheit“, murmelte er,„vielleicht wäre es beſſer geweſen, wenn ich mich gemäßigt hätte, aber geſchehene Dinge laſſen ſich nicht ungeſchehen machen.“ Er nahm ſeinen Hut, auf der Schwelle des Kabinets begegnete ihm ſein Diener, der den Beſuch eines ärmlich gekleideten Mannes anmeldete. Der Marquis ſchien freudig überraſcht, als dieſer Mann eintrat, er ſchloß hinter ihm die Thüre zu und blickte ihn mit geſpannter Er⸗ wartung an. „Haben Sie die Dame gefunden?“ fragte er. „Geſtern Abend“, erwiderte der Mann.„Es ärgerte mich, daß ſie ſo plötzlich ſpurlos aus dem Palais verſchwunden war.“ „Nun? Wo wohnt Frau von Briſſac jetzt?“ „Bei ihrer früheren Amme.“ „Wer iſt das?“ „Die Frau heißt Margot Bouhon und wohnt in der Rue Jean Jacques Rouſſeau, Nummer ſechsundvierzig.“ „Und wie kam ſie dahin?“ „Durch einen Zufall. Nachdem ſie erfahren hatte, daß ihr Mann zum Tode verurtheilt und erſchoſſen war, verlor ſie die letzte Hoff⸗ nung. Sie hatte lange mit Hunger und Sorgen gekämpft, ihre Freundinnen zeigten ihr die Thüre, indem ſie bedauerten, nichts für ſie thun zu können, und der geizige Verwandte erklärte ihr ebenfalls, daß er ſie nicht länger unterſtützen könne. Sie wollte nun ihre 1 1 — N˙‧˙ae·—--— — 990— Dienſte bei einem Hoſpital anbieten, die Kranken und Verwundeten pflegen, um dem Hungertode zu entgehen. Auf dieſem Wege begeg⸗ nete ihr Frau Bouhon, die eben eine Ration Brod für ſich und ihre Kinder geholt hatte. Die Amme erkannte die junge, in Trauer ge⸗ kleidete Frau, deren bleiches, abgehärmtes Geſicht ihr die ganze Lei⸗ densgeſchichte erzählte, ſie rieth ihr von ihrem Vorhaben ab, nicht allein der Gefahren und des anſtrengenden Dienſtes wegen, ſondern auch deshalb, weil in den Lazarethen keine Krankenwärterinnen mehr angenommen würden. Frau von Briſſac mochte nicht in ihr ver⸗ wüſtetes Palais zurückkohren, ſie begleitete Frau Bouhon in deren Wohnung.“ „Und nun nagen ſie alle am Hungertuche!“ ſagte der Marquis, der langſam auf⸗ und abwandelte.„Iſt es nicht ſo?“ „Allerdings, Frau von Briſſac beſitzt noch einige Schmuckſachen, die Margot Bouhon verkauft hat, aber der Erlös iſt nicht der Rede werth.“: „Und wer hat Ihnen das Alles mitgetheilt?“ „Frau Bouhon ſelbſt, ich war mit ihrem Manne befreundet, ſo⸗ bald ich erfuhr, daß ſie Frau von Briſſac aufgenommen hatte, ging ich zu ihr.“ „Sahen Sie ſelbſt die Dame?“ „Nein, ich dachte, es ſei beſſer, wenn ich Argwohn zu vermeiden ſuche.“ Der Marquis nickte und zog ſeine Börſe, er legte einige Gold⸗ ſtücke in die Hand des Mannes. „Ich bin mit Ihnen zufrieden“, ſagte er,„wenn ich Ihrer Dienſte wieder bedarf, werde ich es Ihnen mittheilen.“ „Sehr wohl, vielleicht dürfte das bald der Fall ſein.“ „Inwiefern.“ „Man ſpricht davon, daß man heute die Commune proclamiren will, wenn unſere Burſchen abermals zurückgeſchlagen werden.“ „Ah, bah, das ſind Redensarten!“ „Nein, nein, man will Mazas ſtürmen, Flourens befreien und ſich des Stadthauſes bemächtigen.“ „Dieſe Thoren!“ fuhr der Marquis auf.„Können ſie es nicht abwarten? Sie werden Alles verderben. Wenn die Ragierung jetzt geſtürzt wird, werden die Deutſchen Paris beſetzen“ „Ha, die beſitzende Klaſſe ſähe das ſehr gerne, und eben deshalb iren — 991— drängt ſie die Maſſen zur Revolution. Haben Sie die neueſte Num⸗ mer des offiziellen Blattes geleſen?“ „Nein.“ „Wohlan, ſo leſen Sie dieſe Proclamation“, ſagte der Agent, in⸗ dem er dem Cdelmann die Zeitung überreichte. „Das Mitglied der Regierung der nationalen Vertheidigung, Delegirter bei der Mairie von Paris“, las der Marquis,„in An⸗ betracht, daß zu Paris in den Wohnungen der abweſenden Perſonen Brennmaterial und Lebensmittel verſchiedener Art ſind, welche im Intereſſe der nationalen Vertheidigung requirirt werden müſſen, in Anbetracht, daß die durch die Abweſenden im Stiche gelaſſenen Locale übrigens dazu verwandt werden können, um die Verwundeten und Kranken unterzubringen, oder die Flüchtigen, der von dem Bombar⸗ dement erreichten Stadtviertel als Wohnung zu dienen, verordnet: Artikel 1. Hausſuchungen werden in Paris und im Seinedepar⸗ tement in den Wohnungen aller abweſenden Perſonen zum Zwecke gemacht, Brennmaterial, Eßwaaren und Getränke aller Art, welche dort ſein können, wegzunehmen. Artikel 2. Die Hausſuchungen werden vom Maire eines jeden Arrondiſſements, oder eines ſpeziellen Delegirten des Maire, und wenn nothwendig, mit Beihülfe des Polizeicommiſſars ausgeführt. — Der Polizeicommiſſar ſelbſt kann die Delegation des Maire er⸗ halten. Artikel 3. Der Maire oder ſein Delegirter wird das Protocoll ſeiner Operation aufſtellen. Dieſes Protocoll wird die Natur, das Gewicht und die Quantität der aufgefundenen Gegenſtände conſtatiren. Nach Erfüllung dieſer Formalität kann der Maire oder ſein Dele⸗ girter die aufgefundenen Gegenſtände ſofort wegbringen laſſen. Wenn er ſie augenblicklich in der Wohnung des Abweſenden läßt, ſo muß das Protocoll doppelt ausgefertigt werden; das Original bleibt in den Händen der Beamten, und die Copie verbleibt dem Concierger oder dem zu beſtellenden Wächter, welcher, nachdem er das Protocoll unter⸗ zeichnet, für die ſeiner Bewachung auvertrauten Gegenſtände den vom Geſetz beſtimmten Strafen gemäß verantwortlich iſt. Es wird dem abweſenden Eigenthümer der weggenommenen Gegenſtände nach der von einem oder mehreren von dem Maire bezeichneten Sachverſtän⸗ digen Rechnung getragen werden. Artikel 4. Im Namen der Stadt Paris werden die Wohnungen — 992— der abweſenden Perſonen requirirt, dieſe Locale werden zur Verfügung der Central⸗ und der Arrondiſſements⸗Mairie geſtellt. Paris, 18. Januar 1871. Jules Ferry.“ „Und was hat das mit der beſitzenden Klaſſe zu thun?“ fragte der Edelmann.„Hier iſt doch nur von den Ausgewieſenen und den Flüchtlingen die Rede.“ „Und wenn deren Wohnungen durchſucht und requirirt ſind, wird man die Verordnung auch auf die Anweſenden ausdehnen.“ „Fürchtet man das? Was man fände, wäre nur ein Waſſertropfen auf einen glühenden Stein. Uebrigens iſt die Noth ſo groß, und das Elend ſo gewaltig, daß wir binnen acht Tagen capituliren müſſen. So lange ſoll man noch warten, die Commune würde unpopulär werden, wenn ſie in dieſer entſetzlichen Zeit den Schrecken vermehren wollte.“ „Darnach fragen die exaltirten Köpfe nicht.“ „Ich weiß es, aber ſie werden ſich gedulden müſſen, wenn ſie nicht Alles verderben wollen. Und nun gehen Sie, mein Freund, ich bin ſehr beſchäftigt.“ „Ah bah“, murmelte er, als er wieder allein war,„es ſind nur Flunkereien, ſie werden ſich dreimal beſinnen, ehe ſie einmal einen ſo gewagten Schritt übernehmen. Heute einen Aufſtand zu verſuchen, während die Armee von Paris draußen ihr Blut vergißt! Man würde ſie ſteinigen, ganz Paris würde ſich bewaffnen, um ihnen entgegen⸗ zutreten.“ Er verließ das Haus und ſchlug den Weg zu den Boulevards ein. Aufgeregte Gruppen ſtanden überall ſchwatzend und geſtikulirend und dabei mit fieberhafter Spannung Nachrichten von draußen er⸗ wartend. Es hieß, Vinoy habe die Redoute Montretout ſchon genommen, General Bellamare die Höhen der Bergerie erſtürmt, und General Ducrot werde Longboyan nehmen, ſo daß alsdann die drei Armeen vereint ſich auf die Deutſchen ſtürzen würden, um ſie zu zermalmen. Die Dinge ſtanden alſo vortrefflich, binnen wenigen Stunden mußte der Sieg entſchieden ſein. Und an dieſem Siege zweifelten die Wenigſten, wer vielleicht einen Zweifel hegte, der wagte nicht, ihn zu äußern. Man erzählte ſich die erfreulichſten Dinge. General Chanzy ſollte im Rücken und in den Flanken des Feindes ſtehen, um über ügung T fragte d den „wird tropfen d das riſſen. opulär nehren nn ſie reund, d nur hen ſo uchen, würde gegen⸗ ds ein glirend mr er⸗ umen, eneral lrmeen almen. tunden einen ihansh über die Preußen im entſcheidenden Augenblick herzufallen, General Faid⸗ herbe ſtand nur noch einen Tagemarſch von Paris entfernt, und Bourbaki war bei Belfort bereits durchgebrochen und in Deutſchland eingefallen. Man ſprach von unüberſehbaren Viehheerden, welche die Loirearmee mit ſich führte, alle Noth hatte jetzt eine Ende, und gleich dem Phönix ſtieg Paris aus der Aſche ſeines Unglücks empor. Der Marquis lächelte ſarkaſtiſch, als er die exaltirten Narren in dieſer Weiſe raiſonniren hörte. Mußten ihnen denn die preußiſchen Granaten und Bomben, die unaufhörlich in die Häuſer einſchlugen und auf den Straßen platzten, nicht beweiſen, daß der Feind ſich in ſeinen Poſitionen ſehr ſicher fühlte? Und hatten die früheren Ausfälle ſie nicht belehrt, daß an Sieg nicht zu denken war? Hätten Chanzy und Faidherbe nicht längſt eintreffen müſſen, wenn ſie ſiegreich vorgedrungen wären? Da ſprengte wieder eine Ordonnanz über die Boulevards, von einem lärmenden Volkshaufen verfolgt, man zwang den Reiter, zu halten, von allen Seiten wurden ihm Feldflaſchen hinaufgereicht. Nun, ſein Bericht war allerdings geeignet, den Wahnſinn zu ſtei⸗ gern. Die Pariſer Truppen drangen ja auf der ganzen Linie vor, die Preußen brachen bataillonsweiſe zuſammen und viele Regimenter machten Kehrt und ergriffen die Flucht, ehe ſie in das mörderiſche Feuer der Franzoſen kamen. Die Chaſſepots und Mitrailleuſen thaten wieder Wunder. Ge⸗ fangene hatten ausgeſagt, in Verſailles ſei der Aufſtand ausgebrochen, das Hauptquartier befinde ſich ſchon auf dem Rückzuge, um in die Arme des Generals Chanzy zu laufen. Ein raſender Beifallsſturm erhob ſich nach dieſem Bericht, der den Stempel der Lüge auf der Stirne trug, denn weshalb war die Ordonnanz abgeſchickt worden, um eine Anzahl von Wagen zur Ab⸗ holung der Verwundeten zu verlangen, wenn die Preußen das Feuer ẽ8 5 gelt, F des Feindes nicht einmal erwiderten? Der deutſchen Verwundeten wegen verlangte man dieſe Wagen ewiß nicht, man hatte ja früher ſchon oft genug ausgeſprochen, mit ihnen dürfe man kein Mitleid fi ihre eigene Schuld, wenn g/ 2 on 3 fe üͤhlen, es ſei muf fremdem Boden elend daran dachte man veeilte ſich, die Wagen ferkig 6 — ͦ—ᷣÿ’ꝛ——ÿ——— zu ſchaffen, und eine Maſſe müßiger Gaffer begleitete ſie in Schaa⸗ ren, um ihren Patriotismus in das hellſte Licht zu rücken. Eins beruhigte den Marquis, man dachte nicht an die Commune, im Gegentheil, die Regierung war plötzlich wieder populär geworden. Die Communiſten mußten ſich dadurch von übereilten Schritten zurückhalten laſſen, wenn nicht die großen Maſſen hinter ihnen ſtan⸗ den, durften ſie nichts unternehmen. Die Straße Jean Jacques Rouſſeau lag in einem der Stadt⸗ viertel, die bisher von den feindlichen Geſchoſſen verſchont geblieben waren, aber wer, der nicht im Mittelpunkte der belagerten Stadt wohnte, konnte heute noch behaupten, daß er in ſeinem Hauſe ſicher ſei? Waren denn die Beiſpiele ſelten, daß die Granaten plötzlich das Dach durchbrochen, die unteren Stockwerke zertrümmert und die arg⸗ loſen Bewohner im Schlafe getödtet hatten? Der Marquis fand auf ſeinem Wege deutliche Spuren des Bom⸗ bardements. Die Facaden einzelner Häuſer lagen in Trümmern auf der Straße, die Mauern zeigten weite Löcher und klaffende Riſſe, hie und da bezeichneten Blutlachen die Stellen, auf denen die Granaten ihre Opfer niedergeſchmettert hatten und die Eiſenſplitter der Geſchoſſe konnte man oft in Maſſen finden. Und über dieſe Trümmer hinweg bewegte ſich vor dem Marquis ein Leichenzug, auf der Bahre ſtand der Sarg eines Kindes, die trauernden Eltern folgten dem Liebling, den das Elend getödtet hatte. Gamins ſammelten die Granatſplitter, einige müßige Gaffer, Weiber und Mlänner, ſtanden theilnahmlos vor den Häuſern und blick⸗ ten zu den Wolken auf, um dem Fluge eines Luftballons zu folgen, der ſoeben aufgelaſſen worden war. Man hätte glauben können, daß man ſich im tiefſten Frieden be⸗ finde, wenn nicht der Geſchützdonner immer und immer wieder an die Schrecken des Krieges gemahnt haben würde. Und plötzlich— welch' ein Sauſen, Ziſchen und Pfeifen? Der Marqauis ſprang zurück und bückte ſich unwillkürlich, die mit dieſer Gefahr ſchon vertrauten Gamins warfen ſich mit dem Geſicht auf die Erde. In der nächſten Secunde erfolgte eine furchtbare Detonation, der Marquis fühlte ſich von einer unſichtbaren Macht niedergeworfen. Als er ſich nach einigen Minuten wieder erhob, ſah er rings um ſich das Schaa⸗ nunune, worden. ſchitten n ſtan⸗ Stadt⸗ eblieben wohnte, t? ich das le arg⸗ 5 3Bol⸗ wuf der hie und en ihre eſchoſſe arquis 8, de thatte. Gaffer d blic⸗ on folgen, een be⸗ der an die mit Geſicht M, del Als ch d95 Werk der Zerſtörung, ſein Blick fiel auf Leichname und jammernde Verwundete, er ſelbſt war unverwundet. Er verließ mit raſchen Schritten den antſetzlichen Schauplatz und bog bald darauf in die Rue Jean Jacques Nouſſeau ein, in der die Wittwe Bouhon wohnte. Es war eine Thorheit, daß er dieſen gefahrvollen Weg gemacht hatte, er mußte ja wiſſen, daß die Grundſätze der tugendhaften Frau von Briſſac durch nichts erſchüttert werden konnten. Aber er konnte dem Drängen ſeines Herzens nicht widerſtehen, er mußte zu ihr, er drängte das Bild Mariens zurück, um ſich nur mit dem Bilde der ſchönen Frau zu beſchäftigen. Er hatte ſie zuerſt geſehen inmitten einer prachtvollen Umgebung, jetzt ſah er ſie wieder in einer ärmlichen Manſarde, umgeben von Menſchen, die dem Hungertode nahe waren, elend und unglücklich. Er ſtutzte, als er die Schwelle der armſeligen Kammer überſchritt, ſo groß hatte er ſich die Noth nicht gedacht. Frau Bouhon ſaß in einem Winkel des Zimmers auf dem Fuß boden und hielt das jüngſte Kind umklammert, dem der Tod ſeinen unverkennbaren Stempel ſchon aufgedrückt hatte, ein zweites Kind lag zuſammengekauert vor ihren Füßen, während Frau von Briſſac in dem Raume auf⸗ und abwankte. Sie erſchrak ſichtbar, als der Marquis eintrat, aber im nächſten Augenblick glitt ein Zug der Verachtung über ihr bleiches Antlitz. „Madame, ich klage Sie an, daß Sie in ſolcher Zeit meine Freundſchaft vergeſſen konnten“, nahm der Marquis das Wort, der ſchönen Frau feſt in's Auge ſchauend,„es iſt eine Beleidigung für mich, die Sie nicht entſchuldigen und rechtfertigen können.“ „„Eine größere Beleidigung iſt Ihr Beſuch“, erwiderte Frau von Briſſac, das Haupt trotzig emporwerfend,„ich konnte und durfte ihn nicht erwarten nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen iſt.“ Frau Bouhon blickte auf, ſie ſah den Marquis forſchend an, und in ihrem Blick lag die Frage, ob ſie von ihm Hülfe erwarten dürfe. „So dachten Sie nur an ſich und nicht an die Unglücklichen hier, welche Sie aufgenommen haben?“ fragte der Marquis vorwurfsvoll. „Mußten Sie nicht wiſſen, daß ich gern mit vollen Händen geben würde? Konnte das Elend hier Sie nicht bewegen, Ihre Vorurtheile fallen zu laſſen und die Hand anzunehmen, die ein Freund Ihnen bot? Aber ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, Madame, ich weiß, 63* ————“ b ——„ — 996— welchen harten Kampf Sie mit dem Schickſal gekämpft haben, und ich hoffe, daß ich nicht zu ſpät kommen, um, auch gegen Ihren Wunſch, al zu helfen.“ l Frau Bouhon drückte das wimmernde Kind feſter an ſich, Frau V von Briſſac wandte dem Edelmann den Rücken, um ihm ihre See⸗ 3 lenqualen zu verbergen, die in ihren Zügen nur zu deutlich ſich ſpie⸗ gelten. „Es iſt ſchon zu ſpät“, murmelte die Wittwe,„zwei Kinder habe ich ſchon in die Grube gelegt, wir werden ihnen bald folgen.“ „Und dann hat alle Noth ein Ende“, fügte Frau von Briſſac hinzu.„Geduld, Margot, es wird bald vorüber ſein! Mich ekelt dieſes Leben an, ich werfe es ab wie eine drückende Laſt.“ „Nein, Sie müſſen leben“, erwiderte Frau Bouhon, die glanz⸗ loſen Augen zu ihr erhebend, Sie ſind jung und ſchön, man wird Ihnen erſetzen, was Sie verloren haben, für Sie wird nach dieſem Sturme wieder Sonnenſchein folgen.“ „Und dieſen Sonnenſchein hätten Sie längſt haben können“, ſagte der Marquis,„ich bot ihn Ihnen an.“ „Unter welchen Bedingungen, mein Herr?“ fragte die ſchöne Frau in verachtendem Tone. „Ich überließ es Ihnen, die Badingungen zu ſtellen.“ „Reden wir nicht davon, meine Selbſtachtung, meine Ehre und Tugend ſind mir lieber, als ein Wohlleben in Pracht und Ueberfluß. ich vabe mit dem Schickſal gekämpft, und es war ein harter, tterer Kampf. Ich habe dem Tod muthig in's hohle Auge geſchaut, 4 alle Schreckni ſſe dieſer entſetzlichen Zeit ertragen, ohne zu murren, ich weiß, daß die Fittige des Todes mich ſchon umrauſchen, aber ich fürchte ihn nicht, die Wahl zwiſchen ihm und der Schande fällt mir „Wenn da⸗ ſo— W elen Sie ch di r annehmen, dieſer ung glück und unſch 1271 Frau See⸗ Gatten verrathen und Ihren ganzen Einfluß aufgeboten, um das Kriegsgericht zu einem Todesurtheil zu bewegen, Sie haben die Ver⸗ brecher in meine Wohnung geſchickt, um mich an den Bettelſtab zu bringen und mich zu zwingen, bei Ihnen Schutz und Hülfe zu ſuche 1 Sie hören, daß ich Alles weiß, und nun, mein Herr, bitte ich Sie, mich zu verlaſſen.“ „So verurtheilen Sie mich, ohne meine Rechtfertigung gehört zu haben?“ erwiderte der Marquis, deſſen Stirne ſich in Falten gezogen hatte.„Das iſt ungerecht.“ „Nicht doch, ich finde die Rechtfertigung nutzlos und überflüſſig. Und was könnte Sie bezwecken wollen? Nichts weiter, als das Be⸗ ſtreben, mich Ihrem Anerbieten geneigt zu machen, einem Anerbieten, welches mich empört und tief beleidigt. Ich verlange keine Hülfe von Ihnen, ich werde ſie nicht annehmen.“ „Das iſt Selbſtmord“, ſagte Frau Bouhon warnend.„Dieſer Herr kann und wird Sie nicht zwingen, den Weg der Schande zu betreten, wenn Sie ſtandhaft bleiben, er muß die Tugend achten, nehmen Sie die Hülfe an, die er Ihnen bietet, er wird dafür nichts weiter fordern, als—“ „Als Freundſchaft“, ſiel der Marquis ihr in's Wort.„Ich biete Ihnen ein Aſyl an in meinem Hauſe und ſtelle Ihnen frei, dieſes Haus wieder zu verlaſſen, ſobald es Ihnen gefällt. Denken Sie denn gar nicht an die Gefahren, welche Sie bedrohen, Madame? Unſere Armeen ſind geſchlagen, der heutige Ausfall iſt nichts weiter, als der letzte Kampf der Verzweiflung, heute ſchon können die Preu⸗ ßen einmarſchiren und die Geſchichte lehrt, daß der Sieger eine er⸗ oberte Stadt ſchonungslos behandelt.“ „Glauben Sie, damit mich ſchrecken zu können?“ fragte Frau von Briſſac achſelzuckend.„Ich fürchte nichts mehr, wenn eine rohe Sol⸗ dateska mich bedroht, werde ich zu ſterben wiſſen. Aber ich empfehle Ihnen dieſe Unglücklichen, ſie haben nichts mehr, Froſt und Hunger tödten ſie, nur raſche Hülfe kann ſie retten. Was wir beſaßen, iſt verkauft, die beſten Möbel ſind zerſchlagen und verbrannt, keine Brod⸗ rinde iſt da, um den Hunger der Kleinen zu ſtillen. Die unglück⸗ liche Mutter hat auf den Straßen gebettelt, ſo lange ihre Kräfte ihr den Ausgang ermoglichten, ſie hat gedarbt, um das Leben ihrer Kin⸗ der zu retten, es iſt entſetzlich für eine Mutter, ihre Kinder eines ſo elenden Todes ſterben zu ſehen.“ V 4 V ——ÿ—ÿ— ⏑Q⏑—ÿ—ꝛxx; — 993— „Ich werde helfen“, ſagte der Marquis,„nicht dieſen allein, auch Ihnen, Madame! Ich werde Ihnen beweiſen, daß ich Ihnen nichts weiter ſein will, als ein theilnehmender Freund.“ Er hatte ſich ſchon der Thüre genähert, noch einmal traf ſein Blick die Gruppe, das freudige Aufleuchten in den Augen der Mutter dankte ihm ſchon jetzt für ſein edelmüthiges Vorhaben. Die Züge der ſchönen Frau waren milder geworden, ſie hatten den feindlichen Ausdruck verloren. Da, eben als der Edelmann im Begriff ſtand, die Thüre zu öff⸗ nen, erſchütterte ein furchtbarer Schlag das ganze Haus, eine betäu⸗ bende Detonation folgte, der Marquis wurde gegen die Wand ge ſchleudert und brach bewußtlos zuſammen. Als er nach mehreren Minuten aus der Betäubung erwachte, bot ſich ihm ein erſchütternder Anblick. (Eine Granate hatte eingeſchlagen, eine Wand und den Fußboden zertrümmert, den Schutt und Trümmer bedeckten. Und unter dieſem Schutt lagen die Leichen der Mutter und ihrer Kinder, es war eine grauenhafte Gruppe, von der der Edelmann ſich entſetzt abwandte. Der Kopf der Frau war zerſchmettert, ein Eiſenſplitter hatte auch das Kind getödtet, welches die Arme der Mutter umſchlungen hiel⸗ ten, das andere Kind lag unter den Trümmern der eingeſtürzten Mauer. Nicht weit davon entfernt lag Frau von Briſſac leblos auf dem Boden, der Marquis eilte zu ihr und überzeugte ſich bald, daß ſie unverletzt war. Sie lebte noch, auch ſie hatte die Luft nur betäubt. Rathlos ſtand er eine Weile vor ihr, was ſollte er thun? Hier durfte er ſie nicht laſſen, es war ja ſehr wahrſcheinlich, daß der erſten Granate die zweite folgte. Raſch entſchloſſen hob der Marquis die Ohnmächtige empor, er nahm ſie auf ſeine Arme wie ein Kind und ſchritt mit ihr hinaus. Wenn er ſie jetzt in ſein Haus brachte, ſo mußte ſie ihm danken far die Rettung ihres Lebens, und that ſie es heute nicht, ſo that ſie es doch morgen, wenn ein Glas Wein und kräftige Nahrung die Lebensgeiſter wieder geweckt hatten. Noch immer herrſchte draußen auf den Boulevards eine gewaltige Aufregung, noch immer erwartete man Siegesnachrichten von draußen, die ſchon zu lange auf ſich warten ließen. 3 So günſtig die Nachrichten am Vormittag geweſen waren, ſo in⸗ haltlos und nichtsſagend waren ſie jetzt, man ſprach ſchon vom Rück⸗ zuge der Franzoſen und von bedeutenden Verluſten, und den General Trochu, der längſt durch ſeine phraſenhaften Proclamationen lächerlich geworden war, trafen die härteſten Verwünſchungen. Niemand achtete auf den eleganten Herrn, der mit ſeiner ſchönen Bürde langſam durch die Menge ſchritt und ſich vergebens nach einem Wagen umſchaute, man war allzuſehr mit Vermuthungen über den Erfolg des Ausfalls beſchäftigt. Da fiel plötzlich der Blick des Marquis auf Madame Leroi, die von einer Gruppe von Weibern umgeben, das große Wort führte und ihre Reden mit leidenſchaftlichen Geſtikulationen begleitete. Ein glühender Blick des Haſſes traf ihn aus ihren Augen, aber nicht dieſer Haß war es, was ihn beunruhigte, ſondern der boshafte, triumphirende Hohn, der ihre dürren Lippen umzuckte. Dieſer Hohn ließ ihn deutlich erkennen, daß der Plan, den ſie gegen ihn geſchmiedet hatte, ſeiner Vollendung nahe war, er ſagte ihm ferner, daß es ein Plan war, der ihn vernichten mußte, und daß ſie mit Zuverſicht auf den Erfolg rechnete. Er war nicht in der Lage und in der Stimmung, ſie anzureden und dieſen Plan zu erforſchen, und Madame Leroi gab ſich den An⸗ ſchein, als ob ſie den eleganten Herrn nicht kenne, obſchon ſie ihm einen zornſprühenden Blick nachſandte. Endlich hatte er ſein Palais erreicht, Frau von Briſſac war noch immer bewußtlos. Er legte in ſeinem Kabinet die ſchöne Frau auf den Divan und befahl ſeinem Diener, Burgunder und ein Frühſtück zu bringen. Die Arme auf der Bruſt gekreuzt, ſtand er lange vor der ſchünen Geſtalt, die er mit ſeinen Blicken verſchlang. Das leiſe Zucken der Augenlider verrieth das allmählich zurüc kehrende Bewußtſein, der Marquis fürchtete den Augenblick des Er⸗ wachens, er war auf einen heftigen Auftritt gefaßt, aber daneben auch feſt entſchloſſen, ſeine ſchöne Beute nicht wieder fahren zu laſſen. Eine Hand legte ſich leicht auf ſeine Schulter, er wandte ſich um, vor ihm ſtand Frau von Chateaufleur. Nun haſt Du erreicht, was Du wollteſt“, ſagte ſie mit dum Wpfer Stimme, während ſie einen glühenden Blick auf die Ohnmächtige warf,„Frau von Briſſac iſt in Deiner Gewalt.“ — 1000— „Und wer ſagt, daß ich das gewünſcht, darnach geſtrebt habe?“ erwiderte der Edelmann trotzig. „Bah, mich kannſt Du nicht täuſchen, Henry, ich wußte längſt, daß Dein wankelmüthiges Herz an dieſem Weibe hängt. Du haſt mich betrogen der blonden Deutſchen wegen, Du haſt durch Verbrechen Marie Reimann in Deine Gewalt gebracht, nun betrügſt Du auch ſie, um dieſe tugendhafte Frau in den Abgrund zu ſtürzen.“ „Der Marquis zuckte verächtlich die Achſeln. „Das ſind Vermuthungen“, erwiderte er,„und wenn es die Wahrheit wäre, ſo ſtände Dir doch nicht das Recht zu, ein Urtheil darüber zu fällen.“ „Ich beklage nur Re verlorene Mühe, die Du Dir und mir ge⸗ macht haſt, um die Deutſche zu gewinnen.“ „Sie iſt nicht verloren, Cora, ich werde Marie heirathen—“ „Und Frau von Briſſac lieben?“ „Nicht doch, ich habe dieſer Frau das Leben gerettet und ſie hie her gebracht, um ſie allen Gefahren zu entreißen, das iſt Alles.“ „Du ſagſt das mit der Miene eines vollendeten Heuchlers, aber ich durchſchaue die Maske.“ „Wie dem auch ſein mag“, erwiderte der Marquis in ernſtem, ſtrengem Tone,„Du wirſt Dich aller Feindſeligkeiten gegen ſie ent⸗ halten, ihr freundlich entgegenkommen und meine Anordnungen, die ſich auf ſie beziehen, gewiſſenhaft befolgen. Ich führe nichts Böſes gegen ſie im Schilde, meinem Vorſatze, Marie zu heirathen, bleibe ich getreu, und das Verſprechen, welches ich Dir gegeben habe, werde ich einlöſen, ſobald der Augenblick dazu gekommen iſt. Was willſt Du mehr? Dein Mißtrauen hat keine Berechtigung, ich wollte nur Du wäreſt ſo ehrlich gegen mich, wie ich es gegen Dich bin.“ „Das heißt mit andern Worten—“ „Nichts, als daß ich von Dir Vertrauen und ehrliche Offenheit verlange, das iſt das Geringſte, was ich fordern darf. Im Uebrigen iſt es mir lieb, daß Du gekommen biſt, Frau von Briſſac wird ſo⸗ gleich erwachen, und ich fürchte, daß mein DAnblic ihr nicht angenehm iſt. Du wirſt ſie beruhigen, ihr ſagen, die Granate habe Frau Bou⸗ hon und deren Kinder getödtet, und ich habe ſie mit Gefahr des eigenen Lebens gerettet. Du wirſt ſie bewegen, das Frühſtück anzunehmen und ihr das Zimmer anweiſen, in welchem ſie ruhig und ſorgenlos das Ende der Belagerung abwarten könne.“ — 1001— Cora entnahm aus dieſen Worten, daß Frau von Briſſac den Marquis haßte, und dieſe Entdeckung bereitete ihr eine freudige Ge⸗ nugthuung, die ſich in ihren Zügen widerſpiegelte. „Und wenn ſie nicht will?“ fragte ſie. „Sie wird wollen, denn ſie muß einſehen, daß ſie keinen Grund zu Befürchtungen hat.“ „Sie haßt Dich!“ „Bah, das iſt abermals eine leere Vermuthung. Wie kann ſie mich haſſen, nachdem ich ihr das Leben gerettet habe?“ „Gerettet, gegen ihren Willen!“ Der Marquis lächelte höhniſch und ſchritt auf die Thüre zu. Auf der Schwelle des Gemachs wandte er ſich noch, einmal um. „Denke an meine Anordnungen“, ſagte er warnend,„es wäre ſchlimm für Dich, wenn ich Urſache fände, mich über Dich zu be⸗ klagen.“ Damit ging er hinaus, Cora blickte eine Weile ſtarr auf die Thüre, hinter der er verſchwunden war, dann näherte ſie ſich dem Divan, um hier das Erwachen der ſchönen Frau abzuwarten. Achtundvierzigſtes Kapitel. Die Capitulation von Paris. Es war der Plan Trochu's, den Cernirungsgürtel zu ſprengen und ſich mit Faidherbe, den er in der Nähe glaubte, zu vereinigen Daß Chanzy geſchlagen war, wußte er, aber von den Niederlagen des Generals Faidherbe war ihm nichts bekannt. Um den Feind über die Richtung des Hauptausfalls zu täuſchen, hatte er ſeine Poſtenſtellung geändert und unter heftiger Kanonade von allen Forts an verſchiedenen Seiten Vorſtöße gemacht, welche die Aufmerkſamkeit der Deutſchen von dem bedrohten Punkte ablenken ſollten. An der Eiſenbahn von Paris nach St. Germain traf man Vor⸗ bereitungen zum Brückenbau, unterhalb des Mont Valerien marſchir⸗ ten mehrere Bataillone und warfen Schützengräben auf, um auf dieſer Seite den Feind zu beſchäftigen, während der Hauptſtoß ſich gegen Le Bourget richtelr. — 1002— Die Linie von Le Bourget bis zum Walde von Bondy ſollte diesmal der Schauplatz eines ebenſo blutigen, als verzweifelten Kampfes wer⸗ den. Hier wollte Trochu durchbrechen, denn hinter dieſer Linie ver⸗ muthete er die Armee Faidherbe's, die im Norden längſt geſchlagen und auseinander geſprengt war. Drei Diviſionen Infanterie mit hundertdreißig Geſchützen mar⸗ ſchirten gegen das Dorf Le Bourget, aber die preußiſchen Garden und die wackeren Sachſen wieſen den Angriff zurück, und wenn es auch den Franzoſen beim erſten Anprall gelang, einige Dörfer zu nehmen, ſo war das nur ein vorübergehender Erfolg, denn ſchon in der nächſten Stunde wurden ſie unter bedeutenden Verluſten wieder hinausgeworfen. Paris verlangte Nachrichten vom Kampfplatze, man hatte am Vormittag Siegesbotſchaften hineingeſchickt, am Abend mußte man ſchon vom Rückzuge ſprechen, den man mit ‚feindlichen Artillerie⸗ maſſen“ und„Nebel“ entſchuldigte. Man wußte nun. in Paris, wie die Dinge lagen, aber man hoffte noch immer; die fortgeſetzten Lügen der Regierung hatten die Sinne verwirrt und Hoffnungen geweckt, auf die man ſo raſch nicht ver⸗ zichten wollte. Die Generale verlangten am Abend eine Unmaſſe von Wagen, um die Menge der Verwundeten in die Stadt zu ſchaffen, man ſprach von einem Waffenſtillſtand zur Beerdigung der zahlloſen Tod⸗ ten, und eben dies erbitterte die Pariſer, die jetzt einſahen, daß der Ausfall nichts weiter als ein unnützes Gemetzel geweſen war. Dazu dauerte das Bombardement der Stadt ohne Unterbrechung und mit vermehrter Heftigkeit fort, dazu ſtiegen Noth und Elend mit jeder Stunde höher, und der Tod forderte in jeder Minute ſeine Opfer. Am 21. Januar eröffnete die deutſche Belagerungs⸗Artillerie ihr Feuer gegen das Städtchen St. Denis; gelang es dem Feinde, ſich dort feſtzuſetzen, ſo konnte ſeine Artillerie das Arbeiterquartier Belle⸗ ville beſchießen, und es war zu befürchten, daß die vertriebene Bevöl⸗ kerung dieſes Stadttheils den Bürgerkrieg und die Plünderung in Paris verbreiten würde. Es gährte ohnedies gewaltig unter den Maſſen; die Truppen murrten, ſie waren entmuthigt, demoraliſirt, ſie ſahen ein, daß ſie nutzlos geopfert wurden, der Haß gegen Trochu zwang die Regierung, das Commando der Armee dem General Vinoy zu übertragen. — 1003— Die Nahrungsmittel fehlten ganz oder waren nicht zu genießen, der Hunger und die Seuchen hatten entſetzlich unter der Bevölkerung gewüthet, Banden von Vagabunden und entlaſſenen Sträflingen machten die Straßen und Häuſer unſicher, dazu kamen die Schrecken des Bomvardements und die entmuthigenden Niederlagen, man ſehnte ſich nach dem Ende dieſer Schreckniſſe und wagte doch nicht, die Ca⸗ pitulation der Regierung zu ſordern. Die Stadttheile, welche von den feindlichen Geſchoſſen beſtrichen wurden, waren verlaſſen, die Bewohner hatten in den entfernter lie⸗ genden Stadttheilen Quartier geſunden, nicht nur die Keller, auch die Katakomben waren jetzt von den Unglücklichen bewohnt, die mit wachſendem Entſetzen der kommenden Dinge harrten. Die Anhänger der Commune erhoben ihr Haupt; die vollſtändige Doffnungsloſigkeit und Erbitterung der Pariſer gegen die Regierung, die allgemeine Angſt und Verwirrung gaben ihnen Muth, einen ent⸗ ſcheidenden Schlag zu führen. Mehrere Bataillone der Nationalgarde marſchirten zum Gefängniß Mazas und befreiten die politiſchen Gefangenen, unter dieſen Flou⸗ rens, ſie raubten in der Mairie zweitauſend Brodportionen und mehrere Fäſſer Wein und marſchirten darauf zum Stadthauſe. Ohne vorhergegangene Feindſeligkeiten ſchoſſen ſie auf die Mobilen, welche das Stadthaus bewachten. Ein Offizier fiel, die Mobilen gaben eine Salve auf die Men⸗ ſchenmaſſe, welche den Platz füllte und tödteten Viele, der Platz wurde geräumt, aber plötzlich öffneten ſich die Fenſter der in der Nähe des Stadthauſes gelegenen Häuſer und ein Hagel von Kugeln und Sprenggeſchoſſen überſchüttete die Mobilen. Die Häuſer wurden erſtürmt, viele der Aufrührer, unter ihnen Sapia, der Commandant eines Bataillons, gefangen genommen, und von dieſem Augenblicke an war der Auſſtand unterdrückt. Dieſes mißlungene Unternehmen wurde von der Bevölkerung und vorzüglich von der beſitzenden Klaſſe ſcharf verurtheilt. Man glaubte, die Communiſten ſeien im Einverſtändniß mit dem Feinde, dem ſie nach dem Sturz der Regierung die Thore der Stadt öffnen wollten. Man ſah eben nicht tiefer, man ahnte nicht, daß dieſe Commu⸗ niſten nur der beſitzenden Klaſſe den Krieg erklärten, daß ſie die Schreckensherrſchaft wollten, um ſich des Kapitals zu bemächtigen. — 1004— Durch Verrath ſollte die Stadt nicht fallen, viel lieber wollte man ſich zu einer ehrenvollen Capitulation entſchließen. Man beſchäftigte ſich noch einmal mit der Frage, wie viele Vor räthe man noch beſitze, und man fand, daß dieſe Vorräthe ſehr un⸗ bedeutend waren. Man erſchrak, als man die Liſten der Sterbefälle rüfte, und die Maſſen der Verwundeten und Kranken zählte, aber trotz alledem wagte Niemand, die Capitulation zu fordern. Man behauptete, es ſeien noch bedeutende Vorräthe verborgen, die für acht Wochen hinreichten, und unter dem Vorwande, dieſe zu ſuchen, drangen die Plünderer in die Häuſer der Reichen ein, die wehrlos und ohne Schutz Alles über ſich ergehen laſſen mußten. Inzwiſchen hielt Trochu mit ſeinen Generalen Kriegsrath, nicht einer wollte das Commando der Armee, noch die Verantwortlichkeit eines neuen Angriffs übernehmen. Endlich am 24. Januar, nachdem die Regierung ſchon mit dem Hauptquartier des deutſchen Kaiſers Unterhandlungen angeknüpft hatte, brachte die offizielle Zeitung folgende Zeilen: „So lange das Gouvernement auf das Herannahen eines Entſatz⸗ heeres zählen konnte, war es verpflichtet, Alles an die Verlängerung der Vertheidigung zu wenden. In dieſem Augenblick aber, wenngleich unſere Armeen noch aufrecht ſtehen, haben ſie ſich durch widriges Kriegsglück zurückziehen müſſen, die eine unter die Mauern von Lille, die andere über Laval hinaus, die dritte gegen die öſtliche Landes⸗ grenze. Alle Hoffnung des Entſatzes iſt dadurch verloren und unſere Vorräthe erlauben kein weiteres Zuwarten. „Eine ſolche Lage macht dem Gouvernement zur Pflicht, Unterhand⸗ lungen anzuknüpfen. Man iſt eben im Begriff, ſie zu führen. Noch iſt es unmöglich, Einzelnheiten mitzutheilen, wir glauben jedoch, daß das Prinzip der Volksſouveränität durch die unmittelbare Berufung einer Verſammlung gewahrt werde. Dieſer wird die Berathung eines Waffenſtillſtandes obliegen. Die deutſche Armee wird die Forts be⸗ ſetzen. Die Nationalgarde und eine Armeediviſion wird bewaffne bleiben, um die Ordnung zu erhalten, während kein Mann der Be⸗ ſatzung ſich entfernt.“ Nun hatte man Gewißheit. Man athmete auf, und wenn auch Haß und Wuth im Herzen kochten, man war dennoch froh, daß die Schreckniſſe ein Ende nahmen. Nur einige Bataillone der Nationalgarde proteſtirten und ver⸗ — 1005— langten, noch einmal gegen den Feind geführt zu werden, einige Freicorps zerbrachen ihre Waffen, aber das Alles war nur Schein, nur eine Komödie, die der Sache einen theatraliſchen Anſtrich geben ſollte. Inzwiſchen befand Jules Favre ſich im feindlichen Hauptquartier in Verſailles. Sein erſter Vorſchlag, den Abzug der Armee von Paris mit militäriſchen Ehren zu geſtatten, wurde zurückgewieſen, und die Gegenvorſchläge, welche Graf Bismarck ihm machte, wagte Favre nicht anzunehmen. Er erbat ſich einen Geleitſchein für die Miniſter Picard und Dorian und kehrte nach langer Berathung mit der Regierung, in Begleitung ſeiner Collegen nach Verſailles zurück. Man dnigte ſich jetzt raſcher über die Bedingungen. In der Nacht auf den 27. Januar wurde das Geſchützfeuer auf beiden Seiten ein⸗ geſtellt. Am 28. Januar erſchien in Paris folgende Proclamation: „Mitbürger! Die Capitulation, welche den Widerſtand von Paris beendigt, wird nach wenigen Stunden unterzeichnet ſein. Der Feind wird nicht die Umfaſſung von Paris überſchreiten. Die National⸗ garde bewahrt ihre Organiſation und behält ihre Waffen. Eine Di⸗ viſion von zwölftauſend Mann bleibt in Waffen, während die übrigen Truppen in Paris und innerhalb des Weichbildes der Stadt cantonirt bleiben. Die Offiziere behalten ihre Waffen. Wir werden binnen kurzer Zeit den Stand unſerer Vorräthe angeben, um die Bürger zu überzeugen, daß der Widerſtand bis auf's Aeußerſte fortgeſetzt worden iſt. Daraus wird hervorgehen, daß wir bis zur Durchführung der Lebensmittelverſorgung an Vorräthen geſichert ſind, während wir an⸗ dererſeits durch eine fortgeſetzte Vertheidigung zwei Millionen Men⸗ ſchen zum Hungertode verurtheilt hätten. „Die Belagerung von Paris hat vier Monate und zwölf Tage, Bombard ement einen Monat gedauert. Seit dem 15. Januar nügt ſich das Volk mit einer ungenügenden Nahrung. Die Sterb⸗ t iſt verdreifacht, und dennoch hat der Muth dieſe B ölkerung keinen Augenblick verlaſſen. Auch der Feind achtet di Aus den Leiden der Hauptſtadt wird die Das Unglück dieſes Streites mag uns ſtirken für Wir haben unſere Ehre gerettet, und unſere 5 art nicht untergega „ a rme orr r e Dnkunfe als jemals vertrauen wir auf die Zukunft nd in den Schmerzen der Gegenw — 1006— Trotzdem dieſer Schlag nicht unerwartet kam, erſchütterte er den⸗ noch alle Gemüther. Man ſah in manchen Augen Thränen der Wuth, man hörte manche Verwünſchung von bebenden Lippen, die Straßen entleerten ſich, geſenkten Hauptes gingen die Menſchen nach Hauſe. Durch die Capitulation fielen 180,000 Gefangene, 400 Feldgeſchütze und 1500 Feſtungsgeſchütze in die Hände der Deutſchen. Die Hauptpunkte der Waffenſtillſtands⸗Convention, die am 29. Januar unterzeichnet wurde, waren folgende: „Art. 1. Ein allgemeiner Waffenſtillſtand auf der ganzen Linie der zwiſchen den deutſchen und franzöſiſchen Armeen in Ausführung begriffenen Operationen wird für Paris heute, für die Departements nach Verlauf von drei Tagen beginnen. Die Dauer des Waffenſtill⸗ ſtandes wird auf 21 Tage bemeſſen, derart, daß er, von heute be⸗ ginnend, überall am 19. Februar um Mittag, im Falle er nicht verlängert wird, erliſcht. Die kriegführenden Armeen werden ihre gegenſeitigen Poſitionen, welche durch eine Demarcationslinie getrennt ſein werden, beibehalten. Der Waffenſtillſtand erſtreckt ſich gleichfalls auf die Seeſtreitkräfte der beiden Länder, indem als Demarcationslinie der Meridian von Dün⸗ kirchen angenommen wird, von welchem weſtlich ſich die franzöſiſche Flotte zu halten hat und von welchem öſtlich ſich die in den weſt⸗ lichen Gewäſſern befindlichen deutſchen Kriegsſchiffe zurückzuziehen haben, ſobald ſie benachrichtigt werden können. Die militäriſchen Ope⸗ rationen auf den Gebieten der Departements des Doubs, des Jura und de Cöte d'Or ſowie die Belagerung von Belfort dauern fort und zwar unabhängig vom Waffenſtillſtande, bis zu dem Augenblick, wo eine ſpätere Verſtändigung über die durch die erwähnten drei De⸗ partements zu ziehende Demarcationslinie getroffen ſein erd. Art. 2. Der auf dieſe Weiſe zu Stande gebrachte Waffenſtill⸗ ſtand hat den Zweck, die Regierung der Nationalvertheidigung in di Lage zu bringen, eine frei gewählte Verſammlung nach Bordeaux ein⸗ zuberufen, welche ſich darüber auszuſprechen haben wird, ob der Krieg fortzuſetzen, oder unter welchen Bedingungen Friede zu ſchließen wäre. Art. 3. Alle Forts, welche die äußere Vertheidigungslinie von Paris bilden, werden ſammt allem Kriegsmaterial an die deutſche Armee am 29. Januar, 10 Uhr Morgens übergeben. Art. 4. Während des Waffenſtillſtandes wird die deutſche Armee nicht in Paris einziehen. — 1007— Art. 5. Die Kanonen ſind von der Enceinte zu entfernen und die Laffetten nach beſtimmten Forts zu bringen. Shunden Art. 6. Die Beſatzung der Feſtung Paris wird kriegsgefangen Dälſe mit Ausnahme einer Diviſion von 12,000 Mann für den inneren Geſchüte Dienſt. Die Truppen werden ihre Waffen ablegen und übergeben ſie bleiben im Innern der Stadt, deren Ringmauer ſie während des an 29 Waffenſtillſtandes nicht überſchreiten dürfen. Bei dem Ablaufe des Waffenſtillſtandes werden alle der in Paris conſignirten Armee an 5 Linie gehörigen Militärs ſich als Kriegsgefangene der deutſchen Armee zu führung ſtellen haben, wenn bis dahin der Friede nicht abgeſchloſſen iſt. Die tements gefangenen Offiziere werden ihre Waffen behalten. jfenſtil⸗ Art. 7. Die Nationalgarde wird, ſo wie die Gendarmerie, ihre eute be Waffen behalten, ſie bleibt mit der Ueberwachung von Paris und er nicht mit der Anfrechthaltung der Ordnung betraut. Alle Franctireur⸗ Corps werden aufgelöſt. Art. 9. Nach der Uebergabe der Forts und nach der Entwaff⸗ nung wird die Verproviantirung von Paris ungehindert auf den Eiſenbahnen und Waſſerſtraßen bewerkſtelligt werden. Die für dieſe V V n Dün Verproviantirung beſtimmten Vorräthe dürfen nicht aus dem Gebiete nzüöſiſche genommen werden, das von den deutſchen Truppen beſetzt iſt. n weſt⸗ Art. 10. Jede Perſon, welche die Stadt Paris verlaſſen will, voheehen muß mit einem regelmäßigen Paſſirſcheine verſehen ſein. en Ope⸗ Art. 11. Die Stadt Paris wird als Gemeinde⸗Kriegscontribution s Jurd die Summe von 200 Millionen Francs zahlen. Dieſe Zahlung muß ern fort vor Ablauf des fünfzehnten Tages des Waffenſtillſtandes erfolgt ſein. genblic, Art. 14. Es wird zur Auswechslung aller Kriegsgefangenen ge⸗ rei De ſchritten werden, welche von der franzöſiſchen Armee ſeit dem Beginne V des Krieges gemacht wurden. fenſtill Geſchehen in Verſailles, am 28. Januar 1871. 1 rin die Bismarck. Favre.“ nut ein⸗ Paris war wie umgewandelt, es war betäubt von dem Schlage, er Krieg der es getroffen hatte. n wäre Wenn auch Viele daheim jubelten und in dem Gedanken an die 1 nie von bevorſtehenden Freuden einer wohlbeſetzten Tafel ſchwelgten, ſo war 6 dulſhe doch der glühende Haß gegen die Deutſchen eher noch geſtiegen, als geſunken. In den Maſſen gährte es gewaltig, die Anhänger der Commune „Arme. 3 b.. trafen ihre Vorbereitungen und der Pöbel verſchwor ſich, die Deut⸗ — 1008— ſchen zu maſſacriren, wenn dieſe wagen ſollten, in Paris einzu⸗ marſchiren. Diejenigen, welche weiter blickten, ſahen mit ernſter Beſorgniß in die Zukunft, ſie erwarteten die Revolution, die Regierung hatte ſich verhaßt gemacht, man traute ihr nicht mehr, der Pöbel wollte ſelbſt herrſchen. Schon am erſten Tage nach der Capitulation meldeten ſich 25,000 Perſonen um die Erlaubniß, Paris verlaſſen zu dürfen. Ein Theil derſelben wollte den kommenden Gefahren ausweichen, ein anderer Theil ſeine Familien und ſeine Beſitzungen auſſuchen, die Meiſten aber trieb die Unmöglichkeit, ſich zu ernähren, aus der Stadt. Die Zufuhren kamen in den erſten Tagen ſehr ſpärlich, als die Markthallen geöffnet wurden, plünderte der Pöbel ſie, ſo daß ſie wieder geſchloſſen werden mußten, dadurch ſtiegen die Preiſe der Le⸗ bensmittel, wodurch es nur den Reichen ermöglicht wurde, den nagen⸗ den Hunger zu ſtillen. Das Alles trieb eine Menge von Perſonen hinaus, ſtatt ihrer zogen Schaaren von Vagabunden und Verbrechern in die Stadt, die nur auf dieſen Augenblick gelauert hatten, um im Trüben zu fiſchen. Die Wahlen zur Nationalverſammlung wurden ausgeſchrieben, Gambetta erließ ein Decret, in welchem er alle früheren Regierungs⸗ männer und die Parteigänger des Kaiſerreichs unwählbar erklärte. Dieſes Decret rief eine außerordentliche Aufregung hervor, man ſah den Bürgerkrieg nahen. Die Anhänger der Commune erhoben ihr Haupt, man überſchüttete auf allen Straßen die Regierung mit Spott und Verachtung. Gambetta nahm ſeine Entlaſſung, die übrigen Miniſter erklärten ſich bereit, ihre Handlungen vor den Gerichten zu verantworten, alles das war vergeblich, die Agenten der Communiſten ſchürten und hetzten die Bevölkerung auf, und die Regierung war ſo kraftlos, daß ſie die⸗ tzereien nicht entgegentrat. . Die deutſchen Truppen beſetzten die Forts, Paris war ein Krater e 2” . Ar E, 104 15 4 12 in dem às gewaltig gährte, wehe der Stadt, wenn dies Feuer aus —2 — — V ₰ 8 8 8 4 S 3 . müßig geweſen, er flogen und um⸗ 4. 7 4 r Afften tigen Aufſtand u 2 11 en geyf gen ordnungen getroffen, unze 9 128 — 1009— überzeugen, daß ſie in ſeinem Hauſe ein ſicheres Aſyl fand, Marie und Cora hatten ſich der ſchönen Frau angenommen, er konnte ſich alſo ganz ſeinen politiſchen Plänen widmen. Er ahnte nichts von den drohenden Wolken, die ſich über ſeinem Haupte zuſammenzogen, nichts von dem Verrath Cora's und der Rettung ſeines erbittertſten Gegners. Erneſt Lafleur war Dank der treuen Pflege Louiſon's wieder her⸗ geſtellt. Dorman hatte ſich ſeiner angenommen und für Alles Sorge getragen, was der Patient bedurfte, während Louiſon ihm die finſtern Gedanken fernhielt, die gar oft in ſeiner Seele aufſteigen wollten. An den letzten Kämpfen hatte er natürlich nicht Theil genommen, aber er war dennoch dem Gang der Ereigniſſe mit Aufmerkſamkeit gefolgt. Auch er athmete auf, als die Capitulation erfolgt war, er, der die deutſche Armee kennen gelernt hatte, wußte ja nur zu gut, daß die Franzoſen dieſen Truppen gegenüber auf Sieg nicht rechnen durften. Er verabſcheute das nutzloſe Gemetzel, und ohne daß er es wußte, zog auch in ſein Herz der Haß gegen die Regierung ein, aber dieſer Haß wurde doch übertroffen von dem Haß gegen den Marquis, der mit jedem Tage wuchs. Er ſah immer klarer in das Gewebe, welches der Edelmann um ihn geſponnen hatte, um ihn zu vernichten, Verrath, Lug, Betrug, Tücke und Verbrechen waren die Waffen geweſen, mit denen dieſer Gegner kämpfte. Waffen, gegen die ein Mann von Ehre und Cha⸗ rakter nichts ausrichten konnte. Kurz vor dem Tage der Capitulation hatte Erneſt das Lager zum erſtenmale verlaſſen, aber er fühlte ſich noch zu ſchwach, auszugehen, die Kräfte kehrten nur langſam zurück. So verſtrichen einige Tage, in denen die politiſchen Ereigniſſe jedes Gemüth beſchäftigten, und am achten Tage nach der Capitulation machte Erneſt den erſten Spaziergang, während Louiſon die Manſarde einer gründlichen Reinigung unterzog. Er war noch nicht zurückgekehrt, als Dorman eintrat. Louiſon hatte das Böſe, was ihr von dieſem Manne angethan worden war, längſt vergeſſen, ſie wußte jetzt, daß das Alles damals nur eine niedrige Rache der beiden Dirnen geweſen war, und die Freundſchaft, welche Dorman während der Krankheit Erneſt's bewieſen hatte, ſöhnte ſie wieder ganz mit ihm aus. R. 64 V V b ———y——— — — — 1010— Sie empfing den Falſchmünzer freundlich, ſein aufgeregtes Weſen fiel ihr ſofort auf. Dorman holte einige Flaſchen aus der Taſche und ſtellte ſie auf den Tiſch, Louiſon brachte ihm ein Glas, er füllte es und trank es auf einen Zug aus. „Es iſt gut, daß Erneſt wieder auf den Beinen iſt“, ſagte er mit einem Lächeln der Befriedigung auf den Lippen,„wir werden jetzt ernten, was wir geſäet haben.“ Louiſon blickte ihn fragend an. „Parbleu, es wir deine reiche Ernte ſein“, fuhr er fort,„wir wer⸗ den Rache nehmen, blutige Rache für Alles.“ „An wem?“ „HOm, an dem Marquis, an Allen, die uns in den Staub ge⸗ treten haben, die Frucht iſt reif, ſie muß uns in den Schooß fallen.“ Louiſon verſtand den Sinn dieſer Worte nicht ganz, aber ſie ahnte ihn, mißbilligend ſchüttelte ſie das Köpfchen. „Sie verſprachen mir, meinem Verlobten nachzuforſchen“, ſagte ſie,„Sie wollten nicht ruhen, bis Sie über ſein Schickſal ſich Ge⸗ wißheit verſchafft hatten— haben Sie noch immer keine Spur ent⸗ deckt?“ Der Falſchmünzer ſchüttelte das Haupt, ſeine Züge waren ernſt geworden und ein theilnehmender Blick traf aus ſeinen Augen das bleiche Antlitz des Mädchens. „Haben Sie die Hoffnung noch immer nicht verloren?“ fragte er. „Es liegt ja auf der Hand, daß Paul bei jenem Ueberfall geblieben ſein muß.“ nEin liebendes Herz hält an der Hoffnung feſt.“ „Und doch gibt es hier keine Hoffnung.“ „Weshalb nicht?“ „Gottes Tod, es ſteht ja feſt, daß man den Schwerverwundeten in die Seine geworfen hat, nur ein Wunder hätte ihm das Leben retten können, und Wunder geſchehen jetzt nicht mehr. Ich habe mich überall erkundigt, ich war in den Ambulancen, nirgend fand ich den Vermißten, Sie müſſen ſich mit dem Gedanken vertraut machen, ihn verloren zu haben.“ „Ich kann es nicht“, ſeufzte Louiſon, deren Augen ſich mit Thränen füllten. 1 „Nun, wir werden unſere Nachforſchungen fortſetzen, ſobald wir taub ge⸗ fallen.“ aber ſie “ ſagte ſich Ge⸗ pur ent⸗ en ernſt gen das agte ek. ſeblieben undeten 3 Leben he mich ic den en, ihn c nit d wir — 1011— Zeit dazu finden. Jetzt beſchäftigen mich andere Dinge. Wiſſen Sie, was ich geſtern Abend gethan habe?“. „Nein.“ „Ich habe Jenny und Juſtine vor die Thüre geſetzt.“ „Weshalb das?“ „Bah, die Unverſchämtheit dieſer Dirnen überſtieg alle Grenzen. Sie ahnten nicht, daß ich ſie ſcharf beobachtete, ſie trachteten mir nach dem Leben, um ſich meiner Schätze zu bemächtigen, ich ließ mir nichts merken, traf aber im Stillen meine Maßregeln. Geſtern Abend kam es zum Ausbruch, Jenny beklagte ſich über Juſtine, ich wußte, daß dieſer Streit zum Vorwand dienen ſollte, daß der Giftbecher bereit ſtand, den ich in der Aufregung des Augenblicks austrinken ſollte.“ „So weit iſt es ſchon gekommen?“ fragte Louiſon entſetzt. „Parbleu, dieſe Dirnen ſchrecken vor einem Verbrechen nicht zurück, ſie durften ja mit Sicherheit darauf rechnen, daß der Mord nicht entdeckt wurde. Es ſterben ja noch immer ſo viele Perſonen, daß die Todtengräber vollauf zu thun haben; nach Stand und Namen der Leiche wird ſo wenig gefragt, wie nach der Urſache des Todes, man ſcharrt die Särge ein und kümmert ſich nicht weiter um die Todten. Ich hatte mir vorgenommen, eine furchtbare Rache zu nehmen, ich wollte die Dirnen zwingen, ſelbſt den Giftbecher zu leeren, aber ich konnte es dennoch nicht über's Herz bringen. Mit dürren Worten ſagte ich ihnen, ihr Vorhaben ſei mir bekannt, und als ich zur Peitſche griff, bekannten ſie ihre Schuld, die natürlich eine Jede von ſich ab⸗ wälzen wollte. Sie gingen freiwillig, ich gab ihnen einen Zehr⸗ pfennig mit auf den Weg.“ 3 „Und wo fanden ſie eine Zuflucht?“ g „Ich weiß es nicht, mir iſt es auch gleichgültig. Sie werden untergehen in dem Sumpf, in dem ſie waten, das iſt ihre cigene Schuld.“ Der Falſchmünzer brach ab, eben kehrte Erneſt von dem Spazier⸗ gange zurück. Der junge Mann war verſtimmt, mißmuthig nahm er dem Ver⸗ brecher gegenüber Platz, das Glas zurückſchiebend, welches Dorman ihm anbot. „Trink!“ ſagte Dorman.„Die Stunde der Rache iſt nahe, ſor⸗ gen wir, daß wir Kräfte haben, wenn ſie ſchlägt.“ „Die Stunde der Rache!“ erwiderte Erneſt bitter.„Man ſpricht 64* — 1012— auf allen Straßen nur von der Rache. Die Zeitungen predigen ſie und der Pöbel findet Gefallen an dieſen Hetzereien. Noch wüthet der Hunger in der Stadt, die Lebensmittel kommen ſpärlich an, und die Lieferanten fordern unerſchwingliche Preiſe, noch herrſcht allent⸗ halben das größte Elend und doch beſchäftigt man ſich nur mit der Rache. Man ſchimpft auf die Deutſchen, man entwirft ſchon jetzt Pläne, bezeichnet die Straßen, auf denen unſere Truppen im nächſten Jahre in Deutſchland einfallen ſollen, um das Land des Feindes zu verwüſten. Man ſollte an andere Dinge denken, die Regierung zwingen, ſich mit der Verpflegungsfrage zu beſchäftigen, Ordnung und Ruhe wieder herzuſtellen, der arbeitenden Klaſſe Arbeit zu verſchaffen und mit Deutſchland einen dauerhaften Frieden zu ſchließen. Statt deſſen beginnt die Jagd auf Spione und ehemalige Polizeiagenten wieder, man verfolgt die Deutſchen, die noch in Paris ſind und be⸗ reitet ſich auf den Einmarſch des Feindes vor, um ein entſetzliches Blutbad anzurichten. Wir ſind noch nicht am Ende angelangt, das Schickſal hat dieſes frivole Volk noch nicht hart genug geſtraft.“ „Und wer iſt Schuld daran?“ fragte Dorman mit einem ſtechen⸗ den Blick auf den jungen Mann.„Die beſitzende Klaſſe, die Bour⸗ geois, die ſich unter dem Kaiſerreich gemäſtet haben. Das Volk will das Sklavenjoch nicht länger tragen, es erhebt trotzig ſein Haupt und fordert ſeine Menſchentechte. Nein, wir ſind noch nicht zu Ende, ſo⸗ bald wir mit den Preußen Frieden geſchloſſen haben, beginnen wir den Kampf um die Republik, die nicht noch einmal verkauft werden ſoll.“ „Laſſen wir dafür die Nationalverſammlung ſorgen!“ „Bah, in dieſer Verſammlung werden mehr Orleaniſten und An⸗ hänger Napoleon's, als Republikaner ſitzen! Wir müſſen einen ent⸗ ſcheidenden Schlag führen, das Volk ſoll herrſchen.“ „Sie predigen den Bürgerkrieg!“ warf Louiſon beſtürzt ein. „Er iſt unvermeidlich geworden“, erwiderte Dorman.„Die Bour⸗ geois wollen die Republik verrathen, das Volk muß auf ſeiner Hut ſein. Die Schreckensherrſchaft wird Frankreich von den Blutſaugern befreien, die ſich allzulange von unſerm Schweiß und Blut gemäſtet haben, ſie wird denen, die auf Frankreichs Krone ſpeculiren, zeigen, was ſie zu erwarten haben, wenn ſie ſo verwegen ſind, die Hand nach dieſer Krone auszuſtrecken.“ Erneſt blickte gedankenvoll vor ſich hin. ——--— — 1913— „Es wäre ein entſetzliches Mittel“, ſagte er,„aber auch ich glaube, daß es kein anderes gibt, die Republik zu erhalten. Man ſagt, Thiers werde an die Spitze der Regierung treten, ich traue ihm nicht, er hat zu oft ſchon ſeine Farbe gewechſelt, uns zu oft betrogen, als daß man ihm Vertrauen ſchenken könnte. Und dann auch fürchte ich, daß wir unterliegen werden. Die Provinzen ſind nicht für die Re⸗ publik, ſie wollen den Frieden, und die Soldaten der Regierung wer⸗ den nicht zu uns übergehen.“ „Bah, haben wir nicht die Nationalgarde? Haben wir nicht Ge⸗ ſchütze, Waffen und Munition?“ „Und wenn wir dennoch unterliegen?“ „Dann fliegt Paris in die Luft“, entgegnete Dorman, in deſſen Augen es jäh aufblitzte.„Krieg den Paläſten, Friede den Hütten! Die Paläſte müſſen dem Erdboden gleich gemacht werden, dieſe Mo⸗ numente unſerer Knechtſchaft und Schande dürfen nicht ſtehen bleiben.“ „Das ſind entſetzliche Pläne“, ſagte Louiſon, fieberhaft erregt. „Wehe der Hand, welche die Fackel des Bürgerkriegs in die vom Un⸗ glück ſo ſchwer heimgeſuchte Stadt ſchleudert!“ Erneſt ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Es läuft doch Alles nur darauf hinaus, daß der Einzelne ſich bereichern will“, verſetzte er.„Mord und Plünderung wird die Lo⸗ ſung heißen, ich kann nicht glauben, daß die Anhänger der Commune es ehrlich meinen.“ „Wir werden ſehen“, erwiderte Dorman, über deſſen markirtes Geſicht ein boshafter Zug glitt,„die Commune allein kann Frank⸗ reich retten. Und wir werden ſiegen, die Regierung iſt feige, ſie kann ſich zu keinem kühnen Entſchluſſe aufraffen.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre geöffnet, Paul, der ſpurlos Verſchollene, ſtand auf der Schwelle. Nit einem Freudenſchrei eilte Louiſon in ſeine Arme, indeß Erneſt und Dorman den ſtarren Blick auf ihn gerichtet hielten, als ſei plötz⸗ lich vor ihnen ein Geſpenſt aus dem Boden aufgeſtiegen. Paul beſchäftigte ſich nur mit der Geliebten, ſeine Arme hielten ſie feſt umſchlungen, ein unnennbar ſüßes Gefühl durchſtrömte Beide, welches ſie Alles vergeſſen ließ. „Er iſt es wirklich“, brach Erneſt endlich das Schweigen, indem er auf den Freund zuſchritt,„nur ein Wunder kann ihn gerettet haben.“ b V V — 1014— „Ein Wunder, ja!“ erwiderte Paul, den Freund an ſeine Bruſt ziehend,„vielleicht daſſelbe Wunder, welches auch Dich gerettet hat.“ Hand in Hand mit der Geliebten ſchritt er zum Tiſche, und der feurige Wein, den Dorman ihm reichte, ließ das Blut raſcher durch ſeine Adern rollen. Er legte ſeinen Arm um die Taille Louiſon's und ſchaute ihr innig in die freudeſtrahlenden Augen. „Dem Himmel ſei Dank, daß wir wieder vereinigt ſind“, ſagte er,„ich geſtehe offen, daß ich auf die Freude dieſes Wiederſehens nicht vorbereitet war. Ich glaubte Erneſt unter den Todten, und Du warſt damals kurz vor meiner Verwundung ſpurlos verſchwunden, was alſo durfte ich hier erwarten? Ich glaubte eine leere Manſarde zu finden und fand Euch.“ „Danke dieſem Freunde, der mir das Leben gerettet hat“, erwi⸗ derte Erneſt, auf Dorman zeigend,„er nahm ſich meiner an, als ich mit meinen Wunden mich mühſam heimgeſchleppt hatte und hülflos hier lag. Dann kam Louiſon und ihrer treuen aufopfernden Pflege verdanke ich das Meiſte.“ „So hatteſt Du das beſſere Loos gezogen“, fuhr Paul fort,„ich durfte mich ſolcher Pflege nicht erfreuen. Was mit mir vorgegangen iſt, kurz nachdem das Geſindel mich niedergeſchlagen hatte, weiß ich nicht, der Schlag auf den Kopf hatte mich betäubt. Als ich aus dieſer Betäubung erwachte, lag ich auf einer harten Matratze in der Hütte eines Fiſchers, und dieſer ehrliche Mann berichtete mir, er habe mich aus der Seine gezogen. Er war mit ſeinem Kahne in der Nähe geweſen, als der Pöbel mich in die Wogen hinunterſtürzte, raſch ent⸗ ſchloſſen brachte er ſein eigenes Leben in Gefahr, um mich zu retten.“ „Ehre und Dank dem braven Manne!“ ſagte Louiſon mit beben⸗ der Stimme,„ich werde ihm danken mein ganzes Leben lang.“ „In der Hütte konnte ich nicht bleiben“, nahm Paul wieder das Wort,„der Mann war arm, er konnte kaum ſo viel verdienen, um ſein eigenes Leben kümmerlich zu friſten. Ueberdies fand ich dort weder Pflege noch ärztliche Hülfe, und beides war mir nöthig. Das war mein erſter Gedanke, der nach dem Erwachen meine Seele durch⸗ kreuzte, aber ich konnte mit dem Manne nicht darüber berathen, denn ſchon im nächſten Augenblick ſchüttelte mich der Fieberfroſt, und das Bewußtſein verließ mich. Der Fiſcher aber ſah die Nothwendigkeit ein, für eine beſſere Pflege Sorge zu tragen, er brachte mich noch an — 1015— demſelben Tage in's Hoſpital und da ich meine Uniform trug, konnte es ihm nicht ſchwer fallen, die Aerzte zu überzeugen, daß ich bei einem Ausfall verwundet worden ſei. Da lag ich nun viele Tage und Nächte in Fieberphantaſieen, und als endlich mein Bewußtſein zurückkehrte, fiel mein erſter Blick auf das treue Antlitz einer barm⸗ herzigen Schweſter, die ſich über mich beugte, um mir Arznei einzu⸗ flößen.“ „Und mit dem Bewußtſein mußte doch auch die Erinnerung zu⸗ rückkehren“, ſagte Erneſt.„Weshalb ließeſt Du uns keine Nachricht zukommen?“ „Ich wagte nicht, nach Euch zu fragen. Hundert Male ſtand ich im Begriff, einen Boten hierher zu ſenden, aber ich fürchtete die Ge⸗ wißheit zu ſehr, eine Hiobspoſt würde mich getödtet haben. Und ich wollte leben, leben, um Rache nehmen zu können!“ „Rache!“ wiederholte Dorman.„So iſt es Recht, Rache für jeden Fußtritt, für jedes kränkende Wort!“ „Auf dem Schmerzenslager dachte ich über Alles nach, entwarf ich meine Rachepläne, ſchwor ich dem Marquis den Tod. Ich genas langſam, erſt als meine Kräfte zurückgekehrt waren, verließ ich das Hoſpital.“ „Und das war heute?“ fragte Erneſt. „Ja. Was ich auf den Straßen ſah und hörte, ekelte mich an, es war noch immer der alte Wahnſinn, daſſelbe widerwärtige Treiben eines frivolen Volkes, welches ſelbſt durch die Schläge des Schickſals nicht nüchtern geworden war. Mein Herz zog mich hierhin, ich konnte dem Drängen nicht widerſtehen, wenn auch eine innere Stimme mir ſagte, daß ich hier Niemanden finden werde.“ „Wie troſtlos muß es in Deinem Innern ausgeſehen haben!“ ſagte Louiſon, ſich enger an den Geliebten ſchmiegend. „Troſtlos über alle Maßen!“ entgegnete Paul.„Das Unglück und die Schande Frankreichs, der Haß gegen den, der mein Lebens⸗ glück zerſtört hatte, der Aerger über den Wahnſinn des Pariſer Pö⸗ bels, die Ungewißheit über Dein Schickſal, das Alles verbitterte mir das Leben, welches für mich werthlos geworden war. Nun aber bin ich doppelt glücklich, und der Himmel wird geben, daß mir nicht noch einmal das Glück entriſſen wird.“ „Das ſteht nun wohl nicht mehr zu befürchten“, ſagte Erneſt, „dem Waffenſtillſtand wird der Friede folgen, und wenn Ordnung ——õ——— —— — — 1016— und Ruhe zurückgekehrt ſind, werden wir ſehen, was aus dem Schiff⸗ bruch noch gerettet werden kann. Mich aber beklage, mein Freund, Marie befindet ſich noch immer in der Gewalt ihres Feindes, und ich weiß nicht, auf welchem Wege ich ſie befreien ſoll.“ „Parbleu, der Weg iſt gefunden!“ rief der Falſchmünzer,„Ich verpflichte mich, das Mädchen zu befreien, wenn Ihr mir treu zur Seite ſtehen wollt.“ „Unter allen Umſtänden!“ erwiderte Erneſt.„Aber bisher iſt nie⸗ mals die Rede davon geweſen—“ 1 „Weil ich Euch nicht aufregen wollte, und weil es überhaupt un⸗ nütz war, ſo lange Euch die Kräfte fehlten.“ „Darf man den Plan erfahren?“ fragte Paul.„Es wird für mich die ſchönſte Stunde meines Lebens ſein, wenn ich den elenden Wüſtling vor mir liegen ſehe—“ „Paul!“ warf Louiſon warnend ein. „Wir müſſen noch einige Tage Geduld haben“, ſagte Dorman, nes bereiten ſich augenblicklich Dinge vor, welche das Unternehmen erleichtern. Ich bin von Allem, was im Hauſe des Marquis ge⸗ ſchieht, genau unterrichtet, Ihr könnt Euch alſo ruhig auf mich ver⸗ laſſen und geduldig den Augenblick abwarten, den ich für den ent⸗ ſcheidenden Schlag geeignet halte.“ „Seid Ihr Eurer Sache ganz gewiß?“ fragte Paul zweifelnd. „Ich bin es. Meine Schweſter hat ſich mit mir verbündet, auch ſie haßt den Edelmann, auch ſie wartet mit Ungeduld auf die Stunde der Abrechnung. Ich beobachte den Marquis unausgeſetzt, gegenwärtig nimmt die Commune ſeine ganze Thätigkeit in Anſpruch, er hält Be⸗ rathungen mit den Verſchworenen, empfängt die Berichte ſeiner Spione und wirkt unermüdlich für die Bewaffnung der Republikaner, die nun bald losſchlagen ſollen. So droht alſo Eurer Geliebten keine Gefahr, auch kann ich Euch die beruhigende Verſicherung geben, daß er die junge Dame mit aller ihr zukommenden Rückſicht behandelt.“ „Das beruhigt mich allerdings, aber—“ „Ich weiß, was Ihr ſagen wollt und finde es begreiflich, daß es Euch ſchwer fällt, Eure Ungeduld zu bezähmen. Aber ich wiederhole Euch, Ihr müßt Geduld haben, die Zeit iſt noch nicht gekommen, und ein übereilter Schritt könnte Alles verderben.“ „Und was werden wir thun, wenn der Augenblick gekommen iſt?“ fragte Paul, den forſchenden Blick auf den Falſchmünzer gerichtet. — — 1017— „Wir drei übernehmen allein die Geſchichte. Ich beſitze die Schlüſſel von allen Thüren in ſeinem Hauſe. Meine Schweſter wird dafür ſorgen, daß die Dienſtboten ſchlafen, wir dringen in das Haus ein und überfallen den Marquis im Schlafe.“ „Das iſt Meuchelmord!“ ſagte Erneſt entrüſtet. „Kennt Ihr einen andern Weg, auf dem Ihr ſicherer Euren Zweck zu erreichen glaubt?“ fragte Dorman höhniſch.„Den Marquis über⸗ laßt mir ganz allein, ich fordere das ganz entſchieden und werde von dieſer Forderung nicht abgehen.“ „Weiter!“ erwiderte Paul. „Inzwiſchen wird meine Schweſter Euch in die Geheimniſſe des Hauſes einweihen und Euch Gelegenheit geben, die junge Dame zu befreien. Ihr habt Euch um nichts weiter zu bekümmern, alles Ue⸗ brige iſt meine Sache.“ „Wohlan, wir gönnen Euch die Beute“, ſagte Erneſt, aus ſeinem Brüten erwachend,„haltet Wort und verſchafft uns die Möglichkeit, die Gefangene zu befreien, wir werden mit ihr das Haus ſofort ver⸗ laſſen und Eurem Vorhaben nichts in den Weg legen.“ Louiſon ſchüttelte das Köpfchen, aber ſie wagte keinen Einwurf, der ohnedies auf die erregten Männer keinen Eindruck gemacht haben würde. „Und wenn die Sache abermals fehlſchlägt, ſind wir abermals den Machinationen eines mächtigen Gegners ausgeſetzt“, nahm Paul das Wort.„Dieſer Schurke ſchreckt vor keinem Verbrechen zurück, wenn es gilt, einen beſtimmten Zweck zu verfolgen. Er weiß viel⸗ leicht nicht, daß wir gerettet ſind, erführe er es, ſo würde er uns eine Falle ſtellen.“ „Und er iſt heute um ſo gefährlicher, weil er an der Spitze der Republikaner ſteht, die vielleicht ſchon in den nächſten Tagen Paris beherrſchen“, verſetzte Erneſt.„Wir müſſen doppelt auf unſerer Hut ſein, denn gegen dieſen Burſchen haben wir keine Waffen.“ „Seid unbeſorgt“, erwiderte Dorman ſich erhebend,„ich habe das Alles in den Kreis meiner Berechnungen gezogen und meine Maß⸗ regeln ſo vorſichtig getroffen, daß wir mit Sicherheit den gewünſchten Erfolg erwarten dürfen. Es wird rathſam ſein, wenn Ihr Euch nicht zu oft auf den Boulevards zeigt, der Marquis hat ſeine Spione überall.“ „Madame Leroi könnte uns verrathen“, ſagte Erneſt. — 1018— „Die? Niemals! Sie wünſcht dem Edelmann alles Böſe, wenn wir ſie in unſern Plan einweihen wollen, würde ſie uns in der Aus⸗ führung deſſelben beiſtehen, trotz ihres Haſſes gegen mich. Von dieſer Seite haben wir nichts zu fürchten, und wenn Ihr Euch meinen An⸗ ordnungen fügt, müſſen wir das Spiel gewinnen!“ Damit ſchritt er der Thüre zu, und die Freunde dachten noch über ſeine letzten Worte nach, als er die Manſarde ſchon verließ. Er ſtieg langſam die ſteile Treppe hinunter, ganz mit ſeinen Ge⸗ danken beſchäftigt, es war weniger Nachedurſt, als Habſucht was ihn gegen den Edelmann aufhetzte. Er hätte längſt ſeine Pläne in's Werk geſetzt, wenn nicht Cora ſo eigenſinnig geweſen wäre: ſie wollte den Edelmann in das tiefſte Elend ſtürzen, und wenn Dorman auch aus ihrem Vorhaben nicht ſo leicht klug werden konnte, ſo ahnte er doch, daß die Pläne ſeiner Schweſter ihm eine größere Genugthuung ſicherten, als ſeine eigenen. Ueberdies hielt er große Stücke auf die Klugheit ſeiner Schweſter und er glaubte, ihr beſonderen Dank zu ſchulden dafür, daß ſie ihn nach ſeiner Rückkehr von der Galeere ſo freundlich aufgenommen hatte. Eben daran dachte er, als er das Haus verließ, in welchem die Freunde wohnten, und als er nun aufblickte, erſchrak er unwillkürlich, er ſich ſah dem Marquis gegenüber. „Ein merkwürdiges Zuſammentreffen!“ ſagte der Edelmann mit durchbohrendem Blick auf den Falſchmünzer.„Darf man wiſſen, was Ihr in dem Hauſe zu thun habt?“ Dorman hatte ſeine Faſſung raſch wiedergefunden. „Was würden Sie antworten, wenn ich dieſe Frage an Sie rich⸗ tete?“ erwiderte er mit ſchneidendem Hohn. „Die Wahrheit!“ „Parbleu, das iſt ſchon eine Lüge! Nichtsdeſtoweniger habe ich keine Urſache, die Wahrheit zu verhehlen. Ich wandre von Haus zu Haus, mein Herr, um Kämpfer für die Commune zu werben.“ „Um eine Mordbande zu bilden, welche unter dem Banner der Commune ſengen und plündern ſoll“, bemerkte der Marquis ſcharf. „Nehmt Euch in Acht, Dorman, die Commune duldet nicht, daß ihr Banner geſchändet wird!“ Der Falſchmünzer machte eine Bewegung, als ob er ſich auf den Edelmann ſtürzen wolle, aber er bezwang ſich, er wußte, daß er einem Gegner gegenüber ſtand, der ihn vernichten konnte. noch p. n Ge⸗ s ihn Cora tiefſte icht ſo ſeiner geenen. zweſter ie ihn hatte. em die kürlic, m mit n, was — 1019— „Jeder ehrliche Streiter iſt uns willkommen“, fuhr der Marquis fort,„aber die Mordbrenner dulden wir nicht in unſern Reihen. Ich weiß, daß eine Menge des abſcheulichſten Geſindels in den letzten Tagen nach Paris gekommen iſt, ſie werden ſich getäuſcht ſehen, wir füſiliren Jeden, der ſich ein Verbrechen zu Schulden kommen laſſen wird.“ „Mit welchem Rechte ſagen Sie das mir?“ fuhr Dorman auf. „Mit dem Rechte eines Mannes, der es beſſer mit Euch meint, wie Ihr glaubt, obſchon Ihr es nicht verdient habt“, erwiderte der Edelmann ruhig.„Ihr habt Euch gegen meine Perſon manche Feind⸗ ſeligkeit erlaubt, ich weiß, daß Ihr noch immer auf Rache ſinnt, nehmt Euch in Acht, meine Geduld iſt zu Ende. Wie war's mit dem Brillantring? Hattet Ihr ihn nicht mir verſprochen? Dennoch gabt Ihr ihn Eurer Schweſter.“ „Das konnte ich halten, wie ich wollte!“ „Gewiß, aber es mußte mir auffallen, daß Ihr den Ring Cora ſchenktet, während ich Euch den doppelten Werth zahlen wollte. Ihr hattet dabei beſondere Abſichten.“ „Möglich“, ſpottete Dorman,„ſtrengt Euren Scharfſinn an und errathet dieſe Abſichten, ich werde meine eigenen Geheimniſſe nicht verrathen. Und was Eure Drohungen betrifft, ſo fürchte ich ſie nicht, wenn man mich verhaftet oder in anderer Weiſe mich beſeitigt, werden meine Genoſſen zuerſt von Ihnen Rechenſchaft fordern. Ich weiß ſehr wohl, was ich von Ihnen zu erwarten habe und habe meine Maßregeln darnach getroffen, zwiſchen uns Beiden kann kein gutes Einvernehmen beſtehen, denn es iſt mir nicht möglich, die Be⸗ leidigungen zu vergeſſen, die Sie mir zugefügt haben.“ Ohne eine Erwiderung auf dieſe trotzigen Worte zu erwarten, wandte der Falſchmünzer ihm den Rücken und ging mit großen Schrit⸗ ten von dannen. Der Marquis ſah ihm betroffen nach, er glaubte jetzt, die höh⸗ niſchen Blicke der Wahrſagerin deuten zu können, es unterlag für ihn keinem Zweifel, daß Madame Leroi ſich mit dem Verbrecher verbün⸗ det hatte. Dennoch trat er einige Minuten ſpäter in die Manſarde der alten Frau, er wollte Gewißheit haben und ſelbſt Opfer bringen, um dieſes für ihn gefährliche Bündniß zu kennen. Madame Leroi ſaß vor ihrem Tiſche und beſchäftigte ſich damit, —— —— ———⏑⏑——— ———— — ———:——— — 1020— aus einem koſtbaren Diamantſchmuck die Steine zu brechen, ſie ließ ſich durch den Eintritt des Edelmannes nicht ſtören.— Der Rabe hockte auf ihrer Schulter, und wenn wie früher der Kater auf dem Sopha gelegen hätte, würde nichts an die Beraubung der Alten erinnert haben. „Wir ſind arm, arme Leutel“ ſchrie der Rabe, während der Mar⸗ quis einen Stuhl an den Tiſch rückte und Platz nahm. „Und der uns arm gemacht hat, ſitzt dort“, fügte Madame Leroi mit einem zornglühenden Blick hinzu. „Das iſt eine kindiſche Vermuthung“, ſagte der Marquis,„ich habe keinen Antheil an dem Verbrechen gehabt. Der Ring iſt nicht in meine Hände gekommen, und es konnte wahrlich nicht in meiner Abſicht liegen, ihn in die Hände eines ruchloſen Verbrechers kommen zu laſſen. Weshalb rächt Ihr Euch nicht an dem Mann, der Euch beraubt und mißhandelt hat?“ „Die Stunde iſt noch nicht gekommen!“ „Das wäre ein triftiger Grund, wenn Ihr Euch nicht mit dem Burſchen verbündet hättet!“ Die Wahrſagerin blickte auf, ein höhniſcher Zug umzuckte ihre Mundwinkel. „Wer behauptet das?“ fragte ſie. „Ich! War er nicht ſoeben bei Euch? „Nein!“ Der Edelmann ſtutzte. Dieſes„nein“ klang ſo entſchieden und doch ſo ruhig, daß er in ſeinen Vermuthungen irre wurde. „Aber ich ſelbſt ſah ihn dieſes Haus verlaſſen“, erwiderte er. „Mag ſein, in dem Hauſe wohnen viele Leute.“ „So wißt Ihr—“ „Ich weiß nichts, ich kümmere mich um den Schurken nicht.“ „Bah, Ihr hofft noch immer, das geraubte Gut zurück zu erhal⸗ ten“, ſagte der Marquis, der die Alte unverweilt beobachtete.„Ihr laßt ihn nicht aus dem Auge und lauert nur auf eine günſtige Ge⸗ legenheit, ihm Euren Schatz zu entreißen. Oder ſolltet Ihr ſchon Erſatz gefunden und darüber den Verluſt vergeſſen haben?“ Madame Leroi warf trotzig das Haupt zurück. „Erſatz?“ fuhr ſie auf.„Sie wiſſen nicht, wie viel er mir ge⸗ ſtohlen hat, und wenn er nur meinen Kater mir geraubt hätte, dieſen Verluſt könnte er mir nicht erſetzen.“ —ͤ— d liß her der aübung Mar⸗ e Leroi 3 1 nich t nicht meiner ommen er Euch ——,— „Hm, man vergißt das, wenn man in anderer Weiſe Entſchädi⸗ gung findet“, erwiderte der Edelmann achſelzuckend. „Jenun, ich habe keine ſchlechten Geſchäfte gemacht“, ſagte das Weib ironiſch,„aber das kümmert Niemand. Was wollen Sie bei mir?“ Der Marquis ſtrich mit der Hand über die Stirne, als ob er ſeine Gedanken ſammeln wolle. „Vielleicht erinnert Ihr Euch, daß Ihr einmal mir die Zukunft enthüllt habt“, antwortete er,„ich hielt das damals für Blödſinn, aber ich kann doch die Prophezeihung nicht vergeſſen. Ihr ſagtet, der Dolch eines Mörders werde mich im ſchönſten Augenblick meines Lebens treffen, das iſt mir noch immer unverſtändlich.“ „Und dennoch iſt es deutlich“, erwiderte die Wahrſagerin,„ich finde nichts Dunkles in dieſen Worten.“ „Aber, wie könnt Ihr es wiſſen, was in der Zukunft geſchehen wird?“ „Wenn Sie an meiner Kunſt zweifeln, weshalb haben Sie ſich ihrer bedient?“ „Es war eine Thorheit.“ „Vielleicht, aber zu welchen Thorheiten führt die Neugier nicht?“ „Und Eure Kunſt iſt Charlatanerie! Wenn Ihr wißt, was in der Zukunft geſchieht, ſo mußtet Ihr auch von dem beabſichtigten Raub Kenntniß haben.“ „Kann ein Arzt ſich ſelbſt helfen?“ „Das iſt ein ſchlechter Vergleich.“ „Keineswegs, mein eigenes Geſchick kann ich nicht ergründen.“ „So behauptet Ihr noch immer, jene Prophezeihung ſtütze ſich auf Wahrheit?“ „Gewiß.“ Der Marquis lächelte ſpöttiſch, er glaubte nicht daran, er hatte dieſes Thema nur deshalb gewählt, um einen Vorwand für ſeinen Beſuch zu haben. „Und welchen Augenblick haltet Ihr für den glücklichſten meines Lebens?“ fragte er. Die ſtechenden Augen der Alten ruhten durchdringend auf ihm, ſie ſchienen in die geheimſten Falten der Seele eindringen zu wollen. „Es gibt zwei Augenblicke, welche für Sie das höchſte Glück ent⸗ halten“, erwiderte ſie langſam.„Der erſte, wenn Marie Reimann durch Prieſtershand an Sie gefeſſelt wird, und der zweite, wenn Sie Ihr todtgeglaubtes Kind wiederfinden.“ Der Marquis ſah betroffen auf. „Immer noch der alte Unſinn!“ ſagte er.„Mein Kind iſt todt, ich weiß es zu genau, von den Todten kehrt Niemand zurück.“ „Hm, wenn Sie es beſſer wiſſen wollen—“ „Ich habe unwiderlegbare Beweiſe!“ „Die ein Wort von mir umſtoßen könnten.“ „So ſprecht das Wort, und wenn Ihr mich nicht betrügt, will ich Euch fürſtlich belohnen.“ Die Alte kicherte boshaft und verzog ihr Geſicht zu einem wider⸗ lichen Grinſen. „Wenn Sie mir nicht trauen, mit welchem Recht können Sie dann von mir Vertrauen fordern?“ ſagte ſie.„Zuerſt das Geld, dann das Geheimniß.“ „Aber der Ring fehlt, ohne ihn iſt das Geheimniß vielleicht werthlos.“ „Nicht doch, mein Herr, es gibt noch andere Beweiſe, welche Sie überzeugen müſſen! Ich habe hunderttauſend Francs gefordert, zahlen Sie die Hälfte vorab und die andere Hälfte nachher.“ „Die Forderung iſt zu unverſchämt.“ „Gut, ſo machen Sie ſich und Ihr Kind elend, es iſt Ihr eigner Wille, ich lege Ihnen nichts in den Weg. Wann werden Sie Marie heirathen?“ „Was kümmert das Sie?“. „Ich intereſſire mich für die blonde Deutſche“, erwiderte Madame Leroi achſelzuckend.„Verbrechen haben Ihnen den Weg zu dieſem Ziele bahnen müſſen, nun ſtehen Sie an dem Ziele und zaudern dennoch, die Hand darnach auszuſtrecken. Beeilen Sie ſich, es iſt nicht gut, wenn man unentſchloſſen ſtehen bleibt, nur der Muthige gewinnt, Zaghaftigkeit verliert Alles.“ „Laſſen wir das“, ſagte der Marquis ärgerlich,„um mein Thun und Laſſen hat Niemand ſich zu kümmern. Ich will Ihnen zehn⸗ tauſend Francs für das Geheimniß zahlen—“ „Danke, ich thu's keinen Sous billiger.“ „Bah, es läuft doch nur auf Prellerei hinaus, ich verzichte dar⸗ auf, mich zu betrügen, ſeid Ihr nicht ſchlau genug. Wer wohnt jetzt drüben in der Manſarde?“ — 1023— 4 „Ich weiß es nicht, um meine Nachbarn kümmere ich mich nicht. Die früher dort wohnten, werden einſt eine furchtbare Anklage gegen Sie erheben; Sie haben die Meuchelmörder gedungen, unter deren Waffen Jene verbluteten.“ Der Edelmann mußte vor dem glühenden Blick des Weibes die Augen niederſchlagen, der Rabe krächzte und ſchlug mit den Flügeln. „Ich halte es nicht der Mühe werth, auf dieſe Anklage etwas zu erwidern“, ſagte er,„ich bin zu hoch über ſie erhaben. Und wenn ich dieſe Gegner beſeitigt hätte, durch welche Mittel es auch ſein möge, trifft nicht die Schuld allein ſie ſelbſt? Ich habe ſie oft genug ge⸗ warnt, aber ſie traten mir immer wieder in den Weg.“ „Und ſie hatten ein Recht dazu“, entgegnete die Alte,„ſie waren—“ „Genug!“ fiel der Marquis ihr ſcharf in's Wort,„ich habe keine Verpflichtung, meine Handlungen vor Euch zu rechtfertigen. Ich be⸗ gegnete Euch vor einigen Tagen, Ihr ſchleudertet mir einen Blick zu, der mich mehr errathen ließ,Jals Ihr ahnen mochtet, hütet Euch, Ihr werdet beobachtet, die geringſte Feindſeligkeit gegen mich könnte Euch Freiheit und Leben koſten.“ Die Alte lachte hell auf, es war ein boshaftes, tückiſches Lachen. „Wie übermüthig“, ſpottete ſie.„Glauben Sie denn wirklich das Haupt der Communiſten zu ſein? Glauben Sie wirklich, alle Fäden in der Hand zu haben? Bah, ſo weit reicht Ihre Macht nicht, unter den Verſchworenen gibt es Manchen, der ſich zum Dictator aufwerfen und die Rolle eines Robespierre ſpielen will und dann iſt Ihr Kopf der erſte, welcher fällt.“ Der Marquis konnte ſeine Beſtürzung nicht verbergen, die Zu⸗ verſicht in dem Tone, den das Weib anſchlug, mußte ihn überraſchen. „Ja, ja“, fuhr ſie fort.„Sie pochen auf Ihre Macht, und doch ſchwankt der Boden unter Ihren Füßen. Sie glauben die beſten Anordnungen getroffen zu haben, und doch haben andere Leute mehr gethan. Sie tröſten ſich damit, das Recht der Arbeiter liege Ihnen am Herzen, aber man weiß nur zu gut, daß ein maßloſer Ehrgeiz die Triebfeder Ihrer Handlungen iſt. Sie verzichten auf die Dic⸗ tatur, weil Sie auf anderm Wege ſie ſicherer zu erreichen glauben. Man hat Sie längſt durchſchaut, und wenn auch jetzt noch der große Haufe Ihnen folgt, ſo bald die Regierung geſtürzt iſt, wird man Sie vergeſſen.“ „Ich trachte nicht nach der Regierung!“ —— — ——— —— „Mich täuſchen Sie nicht, mein Herr, ich weiß, was Sie wollen, und ich weiß auch, daß Ihr Zweck niemals erreicht wird. Dem Ar⸗ beiter wird dieſe Revolution nicht zum Heile dienen, Ströme Blutes werden in den Straßen der Stadt Paris fließen, das Blut der Ar⸗ beiter, die da glauben, für eine gute Sache ihr Leben zu opfern. Man wird Paris verwüſten, an allen vier Enden anzünden, morden, ſengen und plündern und zuletzt ziehen die Truppen der Regierung in die verwüſtete Stadt ein, um das Werk zu beenden. Man wird die Anführer erſchießen, Tauſende nach Cayenne bringen oder in den Kerkern verſchmachten laſſen und unzählige Flüche werden diejenigen treffen, welche das Alles angezettelt haben. Marquis, es iſt ein ge⸗ fährliches Spiel, aber die Karten ſind nun einmal gegeben, man muß die Würfel rollen laſſen. Kindiſch und lächerlich aber iſt es, wenn Sie auf eine Macht pochen, die Sie nicht beſitzen, nie beſitzen werden.“ „Woher wiſſen Sie das Alles?“ fragte der Marquis, zitternd vor Erregung. „Bah, ich weiß mehr, wie andere Leute, ohne deshalb Spümne beſolden zu müſſen. Meine Macht iſt größer, wie die Ihrige, Sie zählen zu denjenigen, welche aufbauen wollen, ich zu denen, welche einreißen, und die letztere Partei iſt mächtiger, als die erſte. Wenn die Flammen aus den Tuilerien auflodern werden, dann feiern wir einen Sieg, einen Sieg, in dem wir untergehen.“ „Das iſt Verrücktheit!“ ſagte der Marquis, dem die prophetiſchen Worte der Alten Grauen und Entſetzen einflößten.* „Weil Sie das Volk nicht kennen, weil Sie nicht wiſſen, wie fürchterlich entfeſſelte Leidenſchaften raſen. Sie glauben noch an Ideale, ich behandle die Menſchen, wie ſie ſind, wir wollen ſehen, wer Recht behält.“ Der Edelmann zuckte die Achſeln, als ob er ſagen wollte, mit einem wahnſinnigen Weibe laſſe ſich nicht ſtreiten, dann nahm er ſeinen Hut und im nächſten Augenblick fiel die Thüre hinter ihm in's Schloß. —— —„ 6 . ——= S 2S Magenta — 0 — 0 5 S 0 & Grey C Colour