₰ 8 * 4 — — — nnn dentſchor engliſcher und nfranzöſiſcher Literatur Eduard Oktm! aun in Oießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfaugnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Losoprois. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich: 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —,,———————— auf 1 Menät: 1 Mr.— Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Alswärtige Abonnenten haben füͤr Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezéit, Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 01T 503 802 T 11 552 301 d Hiſtor — ——— — Die Uerſchwörung der Republikaner, oder: Die Geheimniſſe der Belagerung von Paris. — Hiſtoriſche Erzählung aus dem belagerten Paris und den Kämpfen der franzöſiſchen Republik 1870—71 — von Dr. Ernſt Kaiſer. —.—O— Zweiter Band. ——y— Düſſeldorf, Verlag von F. A. Schönfeld. — 1 392■— Rnfang des 2 Bandes. „Vielleicht wäre es Manchem erwünſcht geweſen, wenn der Feind mich aufgegriffen und erſchoſſen hätte“, erwiderte er. „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Entſchuldigen Sie, gnädiger Herr, man ſteht oft einem Menſchen Wege, ohne ſelbſt eine Ahnung davon zu haben.“ Der Marquis ſchüttelte lächelnd das Haupt. „Das klingt ſeltſam aus dem Munde eines jungen, kühnen und thatkräftigen Mannes, der gewiß keinen Feind zu fürchten braucht“, ſagte er.„Aber nun erzählen Sie,— haben Sie meine Briefe abgegeben?“ „Alles iſt beſorgt.“ „Und die Antwort?“ „Befindet ſich im Kragen dieſer Uniform.“ Der Marquis nahm ein Federmeſſer von ſeinem Schreibtiſche und näherte ſich dem jungen Manne. „Bleiben Sie ruhig ſitzen“, fagte er freundlich,„Sie können nach⸗ her im Nebenzimmer Ihren eigenen Anzug wieder anlegen.„Wes⸗ halb kehrten Sie nicht ſofort zurück?“ „Ich wurde von den Vorpoſten aufgehalten, ſie wollten mich nicht durchlaſſen, und die Gefahr, verhaftet zu werden, war mir ſchon nahe. Ich mußte warten, mein Glück an einer anderen Stelle verſuchen und zuletzt noch mich der Hülfe eines deutſchen Soldaten bedienen, der arglos mir Vertrauen ſchenkte.“ „Und wann kamen Sie hier an?“ „Vor einer Stunde.“ „Ich bewundere Ihren Muth und Ihren Scharfſinn, mein Freund, Sie haben der Republik einen großen Dienſt geleiſtet.“ Mit dieſen Worten trat der Marquis an ſeinen Schreibtiſch zurück, die Briefe aus Verſailles waren in ſeinen⸗Händen. Während er ſie las, betrachtete Erneſt ihn, und es entging ihm nicht, daß dem Ausdruck hoher Befriedigung, der Anfangs ſich über das Geſicht des Edelmannes breitete, bald ein Zug tiefen Ernſtes, ja des Aergers folgte. Endlich legte der Marquis die Papiere hin, und ſein Antlitz zeigte jetzt wieder die frühere gewinnende Freundlichkeit. „Sind Sie in Verſailles gut aufgenommen worden?“ fragte er. „Gewiß, ich kann mich nicht beklagen.“ „Und kennen Sie den Inhalt dieſer Briefe?“ 92 8 N. 2 3 —W‧x‧xx‧‧‧‧V‧— „Nein.“ „Aber Sie ahnen ihn?“ Erneſt war im erſten Augenblick verwirrt, er entſchloß ſich ungern zu dem Geſtändniß, welches er am liebſten vermieden hätte, aber der ſcharfe, durchdringende Blick des Edelmannes verrieth ihm nur zu denlich⸗ daß er nicht leugnen durfte. „Ja, ich ahne ihn“, ſagte er leiſe. „Sie kennen überhaupt unſere Geheimniſſe?“ „Ich leugne das nicht, der Zufall weihte mich in ſie ein.“ Und nun erzählte Erneſt dem Edelmann, welcher Zufall ihm die geheime Thüre entdeckt, und welches Geſpräch er belauſcht hatte. Der Marquis verzog keine Miene, der Ausdruck ſeines Geſichts blieb ruhig und freundlich. „Sie ſcheinen in der Kunſt, Geheimniſſe zu erforſchen, ſehr be⸗ wandert zu ſein“, ſagte er, und eine leiſe Ironie klang doch in ſeinen Worten durch,„vorzüglich, was geheime Thüren und Gänge betrifft.“ „Ich bin Tiſchler, gnädiger Herr— „Es bedarf keiner Entſchuldigung, ich zürne nicht Ihnen, ſondern dem Herrn, der ſo unklug war, Sie in dem Gemach allein zu laſſen. Die Langeweile iſt die Feindin alles Guten, Sie beabſichtigten keine Spionage, ich weiß das.“ „Gott iſt mein Zeuge— „Gut, gut, ich vertraue darauf, daß Sie deigene werden.“ „Thäte ich es nicht, ſo wäre ich ein Verräther— „Und der Lohn des Verraths würde Ihnen werden. Zudem wüßte ich auch nicht, wem Ihr Verrath hier Nutzen bringen könnte, die Pariſer würden unſerm Plane zujauchzen und Jeden zertreten, der es wagen wollte, ihn zu verdammen. „Und dennoch verdamme ich ihn!“ ſagte Erneſt furchtlos.„Herr Marquis, es iſt Meuchelmord, den ſelbſt die Kriegsgeſetze und Ge⸗ bräuche nicht erlauben.“ Der Edelmänn hatte das Haupt erhoben, er blickte mehr über⸗ raſcht als entrüſtet dem jungen Manne in die flammenden Augen „Iſt es ſo verwerflich, den zu tödten, der über ein ganzes Land Unglück und Elend gebracht hat?“ fragte er. „An wen denken Sie?“ „An den König von Preußen.“ 715 47 387— Er hat das nicht gewollt, Frankreich erklärte den Krieg. Sto 7 em entthronten Kaiſer den Dolch in's Herz, und ich werde danen er hat den gerechten Lohn empfangen, denn er war es, der Frankreich in dieſes grauenhafte Elend ſtürzte le „Bah, was verſtehen Sie davon? Peenfen drängte ſeit Jahren zum Kriege, es ſtellte unſere Langmuth und Geduld ſo lange auf die Probe, bis der Faden riß. Nicht Napoleon, ſondern die franzöſiſche Nation erklärte den Krieg, es war ihr der Schmach zu viel geboten worden.“ „Ich will darüber nicht mit Ihnen ſtreiten“, entgegnete Erneſt, „Sie müſſen es ja beſſer wiſſen, wie ich. Aber wenn dieſer Krieg eine Nothwendigkeit war, weshalb beendete man ihn nicht nach dn Unglückstage bei Sedan? Es iſt wahr, Preußen verlangte Elſaß und Lothringen, aber wird es jetzt nicht viel mehr verlangen? Und glaubt man wirklich, dieſe Truppen beſiegen und vernichten zu können? Herr Marquis, ich habe die Deutſchen geſehen, ſie beob achtet und belauſcht, es iſt eine ganz andere Armee, wie die unſerige. Kräftige, kühne Geſtalten mit blitzenden Augen, ſiegbewußt, dabei heiter und fromm, nüchtern und vortrefflich geſchult, ein Bataillon dieſer Kerntruppen ſchlägt ein ganzes Regiment unſerer Mobilgarden in die Flucht.“ „Deshalb haben wir die dreifache Uebermacht“, ſagte der Mar⸗ quis kalt. „Und wenn man glaubt, der Tod des Königs und der vorzüg⸗ lichſt eu Generale werde dieſe Armee verwirren und demoraliſiren, ſo irrt man auch darin. Nein, nicht eine Kompagnie wird ſich deshalb auflöſen, ein anderer General tritt an die Spitze der Armee, aber dann gnade uns Gott. Dann wird der Nachedurſt der Deutſchen Paris dem Erdboden gleich machen, dann wird Frankreich bald nur noch ein einziger Hauſen von Keichen und rauchenden Trümmern ſein.“ Der Marquis lächelte ungläubig. „Mein Freund, was hat Paris, was Frankreich damit zu thun? fragte er ruhig.„Verſailles wird freilich eingeäſchert werden und die guten Bürger von Verſailles werden dieſes Opfer für das Wohl ihres Vaterlandes bringen müſſen, aber weiter kann die Rache ſich nicht erſtrecken. Und die Deutſchen werden alsdaun geneigt ſein, einen Frieden unter ehrenvollen Bedingungen zu ſchließen. Glauben Sie nicht, daß in Deutſchland Alles ſo roſig ſei. Geben Sie Acht, 25* hier der König und der Kronprinz. t allei daß die d ze republikaniſche tauch die deuih fü lſten auf, di in de bricht für die Arbei ter Sb⸗ goldene d Aei wird ſich ſelbſt regieren, die beſitzende Claſſ und der Wohlſtand wird in die Hütte Sorge, Mangel und Elend wohnten. 20 fragte Erneſt.„Ich kann's nicht Jarben; wo kein Reichthum iſt, da iſt auch keine Arbeit, und wo ein Verdienſt iſt, da ſtehen der Armuth alle Thüren offen. Werfen ie das Geld mit vollen Häuden in die Hütten, und Sie werden erfahren, daß man es leichtſinnig vergeuden wird, ohne an den kom⸗ menden Tag zu denken. Und wenn das letzte Geldſtück verausgal iſt, dann haben die einſt ſo fleißigen Arbeiter die Luſt zur Arbeit verloren und es werden Vagabunden aus ihnen, ſo viele, daß die Zuchthäuſer ſie nicht alle faſſen können.“ „Sie verſtehen das nicht, und es wäre nutzlos, wollte ich Ihnen die ganze Organiſation der Arbeiter⸗Republik jetzt auseinanderſetzen“, ſagte der Marquis.„Sie urtheilen nach Ihrem ſchlichten Verſtande, der Ihnen wohl in der Ferne ein goldenes Ziel zeigt, aber Sie nicht die Wege erkennen läßt, die dahin führen. Ein anderes Mal will ich Ihnen das klar machen, mein Freund. Das Hauptquartier des Königs iſt noch nicht in Verſailles?“ „In Ferrières.“ „Ja, ja, wir werden alſo ſo lange warten müſſen. Sie urtheilen auch hierüber zu ſcharf, mein Beſter. Verſailles iſt bereit, ein Opfer zu brngen, weshalb ſollen wir dieſem edlen Vorhaben der braven Patrioten etwas in den Weg legen? Wie auch das Ende ſein mag, auf Paris kann man die Schuld nicht wälzen, und man wird gerne zufrieden ſein, wenn wir uns nur dem Frieden geneigt zeigen. Sie haben Ihre Aufgabe gelöſt, mein Braver, hier iſt der Lohn.“ Der Marquis legte ein Tauſend⸗Francs⸗Billet auf den Tiſch⸗ welches Erneſt ohne Bedenken nahm. Ich ſchulde Ihnen noch tauſend Francs“, ſagte der Letztere,„in dieſer ſchweren, unruhigen Zeit kann ich die Arbeit nicht fördern, wie ich es müßte and gerne möchte, der Waffendienſt nimmt viele Zeit in Anſpruch— inziehen, „Glauben( 9 —— durch hat 8 n Mann in der Rorſftedt„le zr en Re af dieſen Mann in der Vorſtadt, als ich von Ver⸗ unter ihnen üs e auf die Verm Reimann die Entf ſoll?“ „Die B Beſchreibung der Perſon—“ „Lieber Himmel, haben denn die deutſchen Damen nicht faſt alle blondes Haar und blaue Augen, ein Mad onnenantlitz und ein ſanftes ſchüchternes Weſen? Glauben Sie an das, was ich Ihnen geſa habe, mein Freund, mit dieſen Zw 1 ſelbſt.“ eln — 390— Erneſt wollte auf dieſe Erklärung eben eine Erwiderung geben, als plötzlich die Klänge eines Pianinos ſein Ohr berührten. Es klang ſo klar und deutlich, als ob das Inſtrument in einem Zimmer nebenan geſpielt würde, und dabei ſo weich und harmoniſch, daß der junge Mann ſich mif Entzücken dem ſüßen Zauber hingab, den dieſe Muſik auf ihn übte. Er ſah nicht, daß der Marquis die Stirne runzelte und einen verlegenen Blick nach oben warf, wo ein Schallloch die beſtrickenden Töne Wuuhlich Er lauſchte mit ganzer Seele und ein freudiges Lächeln umſpielte dabei ſeine Lippen. und nun hub eine weiche, ſüße Stimme an: Und legt ihr zwiſchen mich und ſie Auch Strom und Thal und Hügel, Bedeädr Herrn, ihr trennt uns nie, Das Lied, das Lied hat Flügel. Ich bin ein Spielmann wohlbekannt, Ich mache mich auf die Reiſe Und ſing' hinfort durchs weite Land Nur noch die eine Weiſe: Ich habe dich lieb, du Süße, Du meine Luſt und Qual, Ich habe dich lieb und grüße Dich tauſend, tauſendmal! In atheulloſer Spannung lauſchte Erneſt, er verſtand die Worte nicht, aber er kannte die Melodie, es war ja dieſelbe Melodie, die Marie einmal geſungen hatte. Der Marquis beobachtete ihn mit dem ſpähenden Blich eines Adlers, die Lippen feſt auf einander gepreßt, ſtand er vor dem jungen Manne, wie wenn er in jedem Augenblick einen Angriff erwarte. Die Stimme fuhr fort: Und wandl' ich durch den laub'gen Wald, Wo Fink und Amſel ſchweiſen, Mein Lied erlauſcht das Völichen bald Und hebt es an zu pſeifen. Und auf der Haide hört's der Wind, Der ſpannt die Flügel heiter Und trägt es über den Strom geſchwind Und ub ber den Berg und weiter: Ich habe dich lieb, du Süße, Du meine Luſt und Qual, Ich habe dich lieb und grüße Dich tauſend, tauſendmal! „Ah— vortrefflich!“ ſagte der Marquis.„Meine kleine Tochter hat in der jüngſten Zeit große Fortſchritte gemacht.“ Erneſt warf dem Edelmann einen flammenden Blick zu, in ſeiner Seele war eine andere Ahnung aufgeſtiegen, er erinnerte ſich der s, und neben dieſer Ahnung erwachte der Haß gegen den Mann, der ihn ſo ſchändlich betrogen hatte. War es denn nicht ihre Stimme? War es nicht dieſelbe Melodie? War es nicht derſelbe innige, ſeelenvolle Geſang, dem er daheim in ſeiner Manſarde ſo oft mit ſtillem Entzücken gelauſcht hatte? „Es iſt deutſche Muſik“, fuhr der Marquis fort,„mir gefällt ſie nicht, aber meine Tochter will nun einmal alle Schwierigkeiten der deutſchen Sprache überwältigen. Wovon ſprachen wir vorhin?“ „Von Fräulein Marie!“ erwiderte Erneſt, der keine Ahnung davon hatte, wie ſchroff und hart ſeine Stimme klang. Durch Stadt und Dorf, durch Wieſ' und Korn Spiel ich's auf meinen Zügen, Da ſingen's bald zu Nacht am Born Die Mägde mit den Krügen; Der Jäger ſummt es vor ſich her, Spürt er im Buchenhage, Der Fiſcher wirft ſein Netz in's Meer Und ſingt's zum Ruderſchlage: Ich habe dich lieb, du Süße, Du meine Luſt und Qual, Ich habe dich lieb und grüße Dich tauſend, tauſendmal! Erneſt ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken, er war in dieſem Augenblick unfähig, einen Gedanken zu faſſen. Wohl ahnte er, daß die Sängerin Marie ſei, daß Alles ſich ſo verhielt, wie Panl es ihm geſagt hatte, aber in dieſem Momant dachte er nicht daran, ſie zu befreien. Wohl durchzuckte ihn einmal der Gedanke, daß ſie für ihn ver⸗ loren ſei, wie er damals Jenny Mouſſon verloren hatte, daß ſie frei⸗ willig in den goldenen Käfig des reichen Mannes gegangen ſei und ſich ganz wohl in ihm fühle. Aber dieſer Gedanke konnte doch keine Wurzel faſſen, das ſchöne Bild Mariens, wie es ihm vorſchwebte, hatte zu viel Hohes und — I. Worte Paul Der Marquis ſchrieb, ihn ſchien der Geſang gar nicht zu inter⸗ eſſiren. 2 18 Und lieb, du Süße, bn umaa hu umgauktel Ihnen gef O Soßeld ich Sobald ich auch gedachte er der encRa“ e Sie beſuchen“, ; ea an Ahren Nourmuthungen wahr z U un leben a was an Ihren Dermuthungen wahr iſt. Und nun leben 8 10 ꝙ 18 1 St mein Freund. ihm die Hand hen, San Sor SaTmi 3. Kaum der Edelmann in beim Eintritt des — 5 —₰ 8„ — — 2 8 Bewegung ſetzte, dem Schreibtiſche. „Vor allen Dingen darf Niemand mehr in dieſes Kabinet geführt werden“, ſagte er in befehlendem Tone. „Der Herr Marquis hatten befohlen—“ „Ich weiß es, Dich trifft keine Schuld. Aber wenn ich es noch einmal befehlen ſollte, ſo erinnere mich an mein Verbot.“ „Es ſoll geſchehen.“ ſchon wieder vor — 1 — der m wac Wand und ver chen verhaften . konnte es nicht ſcho Herrn, konnte es nicht ſche 3 Wo h in ſe arquis zu Dann verpflichtet t fühlen, als er ht anbot, und vielleicht wußte ſie nicht einmal, 7 9 echt zu ſolcher Rache? Iſt Marie Reimann Deine Kannſt Du dem Marquis beweiſen, daß er ſich unehrlicher bed ient hat, um ſeine Abſicht zu erreichen?“ 18, ich werde es ihm beweiſen!“ fuhr Erneſt auf. — — — — — — — „Ach, mein Freund, in dem Kampfe mit der Macht des Goldes ſind wir ohnmächtig. Was willſt Du nun thun?“ „Vor allen Dingen mir Gewißheit verſchaffen.“ „Und auf welchem Wege?“ „Ich werde verſuchen, dem Mädchen ein Billet in die Hände zu ſchmuggeln.“ „Das wäre ein nutzloſer Verſuch.“ „Wenn ich kein Geld hätte, ja. Aber ich beſitze tauſend Francs und wenn ich die Hälfte dieſer Summe opfere, ſo werde ich Gewiß⸗ heit erhalten. So gut auch die Lakaien beſoldet ſein mögen, der Verſuchung können ſie doch nicht widerſtehen, wenn man ihnen Geld bietet, und ich werde unter dem Dienſtperſonal des Edelmanns gewiß Einen finden, der—“ „Vertraue nicht zu feſt darauf“, fiel Paul ihm in's Wort.„Wenn dieſer Verſuch fehlſchlägt, ſo haſt Du Vieles verdorben. Wohin gehen wir jetzt?“ „Nach Hauſe.“ „Wollen wir nicht in St. Lazare nachfragen?“ „Wozu? Man wird mir dort nicht mehr ſagen können, als Du mis ſchon geſagt haſt, und ich möchte nun keine Zeit mehr verlieren.“ „Aber Louiſon?“ „Sei ruhig. Auch an ſie werden wir denken. Ich ſchreibe zu Hauſe ein Billet an Marie, wir kauſen einen Blumenſtrauß, in wel⸗ chem ich den Zettel verſtecke, dann ſoll ein Diener des Marquis der Sängerin dieſes Bouquet bringen, als einen Dank meinerſeits für den Genuß, den ihr Geſang mir bereitet hat. Werde ich abgewieſen, ſo iſt das nur eine neue Beſtätigung der Richtigkeit meiner Vermu⸗ thungen, und ich muß alsdann verſuchen, was das Geld vermag. Zu⸗ vor aber gehen wir zu Pierre Bandau, um mit ihm ein ernſtes Wort zu reden. Ich werde dem Schuſt mit der Veröffentlichung ſeiner Ge⸗ heimniſſe drohen und ihn zu einem Geſtändniſſe zwingen. Seitdem ich die erſte Spur ſo raſch gefunden habe, zweifle ich nicht mehr daran, daß uns Alles gelingen wird, nur Geduld— Geduld und Muth.“ Ein Offizier der Nationalgarde ſprach in dieſem Augenblicke die Beiden an, er machte ihnen Vorwürfe, daß ſie ſeit einigen Tagen den Dienſt verſäumt hätten und drohte ihnen mit dem Kriegsgericht, für den Fall ſie läſſig würden. „Wir werden in der Stunde der Entſcheidung auf unſerm Poſten 7 — ſein“, ſagte Erneſt ruhig,„das iſt Alles, mas man von uns fordern kann und darf.“ „Haltet Euch bereit, morgen oder übermorgen wird das Corps Vinoy einen Ausfall unternehmen, gelingt er, ſo muß die National garde nachrücken und den Feind vernichten.“ „Wie ſiegesgewiß dieſe Narren ſprechen, die ſich noch einmal ſo hoch dünken, ſeitdem ſie den Degen tragen“, ſpottete Erneſt, während er mit ſeinem Freunde weiterſchritt.„Dieſe ehemaligen Kellner, Li⸗ teraten und Ladendiener tragen jetzt die Naſe ſo hoch, als ob ſie die Herren von Frankreich ſeien. Und wie kleinmüthig werden ſie ſich zeigen, wenn die Kugeln der Deutſchen ſie umpfeifen. Sieh dort das arme Weib mit dem Säugling an der welken Bruſt! Hat nicht der Tod ihrem Antlitz ſchon den Stempel aufgeprägt? O, er wird reiche Ernte halten; Fluch denen, die ſo frevelhaft mit dem Wohl und dem Leben Tauſender ſpielen!“ Sie hatten jetzt ihre Wohnung erreicht, bald ſtanden ſie vor der Thüre ihrer Manſarde. Sie mußten lange anklopfen, ehe der Gefreite aus ſeinem tiefen Schlafe erwachte und ihnen öffnete. Erneſt ſetzte ſich ſofort hin, um das Billet zu ſchreiben, Paul durchmaß mit großen Schritten das Zimmer und blieb endlich vor dem Gefreiten ſtehen. „Wir haben die junge deutſche Dame gefunden“, ſagte er,„fie iſt in der Gewalt des Marquis, aus der wir ſie befreien müſſen. Wir haben nun gefahrvolle Wege zu machen, und es wäre möglich, daß wir auf ein Hinderniß ſtießen, über welches wir ſtrauchelten. In dieſem Falle vertrauen wir auf Deine Hülfe, Jean.“ „Hol mir der Deubel, ick—“ „Höre weiter. Es wäre möglich, daß wir nicht zurückkehrten, unſere Gegner ſind mächtiger als wir. Du wirſt dann nicht ruhen, bis Du über unſer Schickſal Gewißheit haſt.“ „Das verſteht ſich!“ nickte der Gefreite.„Ick werde Tag und Nacht an niſcht Anderes denken.“ „Hier iſt die Adreſſe des Marquis“, nahm Erneſt das Wort, in⸗ dem er dem Gefreiten einen Zettel überreichte.„Der Name des Cdel⸗ mannes iſt mir ſelbſt unbekannt. Darunter findeſt Du die Adreſſe Pierre Bandau's, deſſen Tochter, wie Du weißt, ſpurlos verſchwunden iſt. Der alte Schuft hat die Keller ſeines Hanſes mit Lebensmitteln Verleumdung h or Voll von dem Geizl —‿ niß 2u onlß zu hundert 2- dem Bear aff nete 9 Wd Soar ntarnffi ze ühr 7 9: Der Unteroffizier, ſlteh trat auf d d drohende ve 1mde 2 und Freunde zu, un raths beſchuldie 9 5 „Ihr! ſeid des „Und wer klagt uns an?“ „Das weiß ich nicht.“ „Das iſt wieder das Werk des Ieaeis. ſagte Paul, mit knirſchend.„Mein Fraunde a e A ig, die nur den Zweck hat, Paris ſeiner beſten Bertheidiger zu berauben. Man will Zwietracht unter die Nationalgarde äen, durch ſolche Verhaftungen die Vertheidigung der Stadt lahm legen, es ſind die Freunde der Pr 3 klage iſt eine elende reußen, welche mit ſolchen Verleumdungen—“ Alles wird ſich ja vor Gericht herausſtellen“, fiel Unteroffizier ihm in's Wort.„Ich muß dem Beſehl gehorchen— „Wo iſt der Befehl zu unſerer Verhaftung?“ fragte Erneſt, vor Erregung zitternd. Der Unteroffizier entfaltete das Dokument und zeigt Freunden, es war vom Polizeipräfekten unterzeichnet. e es den d — — etriſſt, ſo werden wir dieſe ja ſinden Seſſel zuſchritt, der ſeit einer lan ick in der Familie Erneſt's geweſen N war.„Wan hat erbenereh d in Verkehr ſteht, und es iſt bewie ſen, daß dieſe napoleoni Hände arbei um Frankreich „„, 99. 3 glauben, dal dds daß Ihr mit ehemaligen 3 Despeten wünſchen werde. O, wir wiſſen zurken häuſig in Er rersWoh⸗ ₰ nung waren.“ „Weißt Du etwas davon?“ wandte Erneſt ſich zu Paul, in deſſen arn ik S Adern das Blut 10 chte. „Nicht eine Silbe. Geſtern allerdings war ein verdächtiges Subjekt hier, welches Beiträge für eine e Hülenmaſchine ſammelte, mit der die ganze feindliche Armee in die Luft geſprengt werden ſollte, aber ich habe mich mit dem Kerl nicht lange aufgehalten.“ Der Unteroffizier hatte inzwiſchen den Ueberzug des Seſſels zer⸗ chnitten, und ein triumphirender Zug umzuckte ſeine Mundwinkel, als er aus dem Polſter mehrere Papiere hervorholte, die er haſtig entfaltete „Ah, da huten wir, was wir ſuchen“, ſagte er,„hier ſind die Be weiſe, Briefe Napoleons, Verſprechungen, Zeichnungen unſerer Schanzen und Wälle, Notizen über die Stärke unſerer Armee und über unſere Pläne.“ „Das iſt eine Infamie!“ rief Erneſt wüthend.„Wir wiſſen nicht, wie dieſe Papiere in den Seſſel gekommen find.“ „Parbleu, Ihr habt jetzt noch die Frechheit, zu leugnen?“ „Wären wir ſchuldig, ſo würden wir kein Wort verlieren“, ent⸗ gegnete Paul,„wir ſind Männer und fürchten niemals die Folgen unſerer Handlungen. Aber der Verleumdung treten wir entgegen.“ „So thut's vor Gericht, jetzt müßt Ihr gehorchen!“ „Es iſt das Werk des Marquis“, murmelte Erneſt,„mir wird Alles klar. Das Weib drüben hat alle dieſe Vorkehrungen getroffen, damit im geeigneten Augenblick der vernichtende Schlag geführt wer den konnte. Und dieſer Augenblick war gekommen, als ich die Sän gerin erkannte.“ 1 „Vorwärts!“ befahl der Unteroffizier, während die Nationel gardiſter n einen Kreis um die Beiden ſchloſſen. „Wohin wird man uns bringen?“ fra Gefreiten einen bedeutſamen Blick zuwarf. „Zur Polizei⸗Präfektur.“ „Werden wir dort bleiben?“ „Wahrſcheinlich, wenigſtens ſo lange, bis das Kriegsgericht ſein Urtheil geſprochen hat.“ Erneſt ſtand in Gedanken verſunken. Seine erampfhaft geballten Fäuſte, die flammenden Augen und zuckenden Lippen ließen erkennen, daß gewaltige Stürme in ſeinem Innern tobten, Stürme der Wuth, des Haſſes und der Verzweiflung. Er hatte ſchon daran gedacht, ob er den Kampf mit den Häſchern aufnehmen ſolle, aber er ſah ein, daß dies Thorheit geweſen wäre, die Gegner waren zu gut bewaffnet, und der Kampf ſelbſt würde ja nur ein Beweis für ſeine Schuld geweſen ſein. „Ja, es war das Werk des Marquis; der Edelmann hatte gehofft, ſein Bote werde von Verſailles nicht zurückkehren, und als er in dieſer Hoffnung ſich nicht getäuſcht ſah, benutzte er andere Mittel, um ſich von dem gefährlichen Gegner zu befreien. Aber wie die Dinge gegenwärtig lagen, konnten die Freunde ſich der Verhaftung nicht entziehen, und dem nochmaligen barſchen Befehl des Unteroffiziers fügten ſie ſich jetzt ohne Widerrede. Jean blieb allein in der Manjarde zurück, es wunderte ihn, daß man nicht auch ihn mitgenommen hatte. „Alſo ſo ſieht et in Paris aus?“ brummte er, nachdem der Schall der Schritte draußen verhallt war.„Nanu, det is ne ſchöne Wirthſchaft, un die Pariſer könnten unſerm Herrjott danken, wenn die Preußen einmarſchirten. Wat denn nu? Donnerwachsſtock, ick bin en jroßer Eſel jeweſen, det ick mir in die Falle habe lecken laſſen! Nu ſitze ick feſte un— hol' mir der Deubel, da is die olle Hexe wieder.“ Madame Leroi ſtand in der offenen Thüre und ſah mit ihren unheimlichen Augen den jungen Mann höhniſch an. „He, ich wußte wohl, daß es ſolches Ende nehmen würde“, ſagte ſie,„es iſt nichts ſo fein geſpenten, es kommt doch endlich an die Sonnen!“ „So?“ erwiderte Jean unwirſch.„Olle Schachtel, wat Ihr dazu jethan habt, det wiſſen wir ooch.“ „Natürlich!“ höhnte die Alte.„Ich bin ja immer der Sünden⸗ — 399— 6 9 6 wird ſchon die Wahrheit herausfinden! Was hal zu thun?“ „Det kümmert Ihnen nich.“ „Mehr, wie Sie glauben. Wer ſind Sie?“ „Ick werde er Ihnen nich ſagen.“ „Gut, ſo werden Andere Sie fragen.“ „Nehmen Sie ſich man in Acht, dat ick Ihnen nich frage, was der Marquis Sie für den Schurkenſtreich gezahlt hat!“ zuhr der Gefreite auf.„Donnerwichsbülſt, olle Hexe, mir ſind Sie noch lange 3 bock, dem man die ganze Schuld aufbürdet, aber das Kriegsgericht „. 4 8 nich ſchlau genug, un Ihren Marquis fürchte ick ooch nich. Bleiben Sie in Ihrem Quartier und beläſtigen Sie mir hier nich.“ Die Alte warf ihm einen ſtechenden Blick zu, wie wenn ſie ſe wolle, ſie verachte ſeine Drohungen, dann ging ſie, ohne ein I zu erwidern, wieder hinaus, und der Gefreite verſank jetzt in Nach⸗ denken darüber, ob und wie den Freunden geholfen werden könne. Aus dieſem Brüten weckte ihn eine helle Stimme, er blickte auf, vor ihm ſtand eine elegante junge Dame, und er glaubte ſeinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er in ihr Juſtine erkannte. „Biſt Du's denn wirklich oder is es Dein Jeiſt?“ rief er, von ſeinem Sitz emporſpringend.„Juſtine?“ „Jean?“ erwiderte das Mädchen, nicht minder erſtaunt.„Ich dachte, Du ſeieſt längſt nach Deutſchland zurückgekehrt.“ „Ja, hol' mir der Deubel, ick konnte ja nich“, ſagte der junge Mann, der es für rathſam hielt, ihr die Wahrheit zu verſ hweigen. „Nanu ſitze ick hier, wie die Maus in der Falle. Ick habe Dir geſucht, aber Du warſt ſpurlos verſchwunden.“ Juſtine ſchlich ſich auf den Fußſpitzen zur Thüre und ſchob den Riegel vor, dann nahm ſie neben ihrem alten Freunde Platz. „Sprechen wir leiſe“, flüſterte ſie,„die Hexe da drüben darf nicht erfahren, daß ich hier bin.“ „So? Du kennſt ſie auch?“ fragte Jean, indem er den Arm um ihre Taille ſchlang und ſie küßte.„Donnerwachsſtock, wat jeht uns det olle Weib an? Weißt Du noch, wie lieb wir uns früher hatten? Na, ick freue mir, dat ick Dir wieder habe, jetzt ſoll mir die Zeit nich mehr lang werden.“ Das Mädchen lächelte und ließ ſich die Umarmung des jungen Mannes gefallen. agen Vort „Und wie konaunſt Du hierher?“ fragte ſie. „Nanu, ick habe hier Freunde un det Quartier augenommen, w et mir geſiel.“ nlh nd wo ſind Deine Freunde?²³ „Wat kümmert dat Dir—“ „Ich muß es wiſſen, Jean.“ 75 r 2. H „Hol' mir der Deubel, alſo zu ihnen haſt Du gewo 2 ab ſeinem nh ahnen ſagte er ärgerlich. f „Sei nicht eiferſüchtig“, ſcherzte Juſtin ie, indem ſie einen Kuß auf ſeine Lippen drückte,„mich führt eine ſehr ernſte Abſicht Deen „Ja, wer det jloobt.“ „Ich ſuche Schutz für eine Verfolgte. Sind Dir die Geheimniſſe Deiner Freunde bekannt?“ „Na, und ob!“ Du auch wiſſen, daß Paul Bertrand eine Braut hat.“ „Natürlich, und det die Braut verſchwunden is—“ „Ihretwegen komme ich.“ 1 „Donnerwachsſtock, Du weißt, wo Louiſon Bandau iſt?“ fragte der Gefreite überraſcht. „Ja, ich weiß es, und ich weiß auch, daß ſie in Gefahr ſchwebt, die theuerſten Güter ihres Lebens zu verlieren.“ „Nanu, da werde ick ihr ſchützen.“ „Ich möchte darüber mit Paul reden.“ „Er is verhaftet.“ Juſtine blickte betroffen auf. „Wann und weshalb?“ fragte ſie beſtürzt. „Wann? Vor'ner halben Stunde. Weshalb? Wegen Hochverrath Er und Erneſt, alle beide ſind verhaftet worden, und ſie ſagen, der Marquis und det olle Weib hätten das fertig gebracht. Sie haben mir erſucht, Louiſon Bandau zu ſuchen und ihr zu ſchützen, wenn ick ihr gefunden habe, und hol' mir der Deubel, Juſtine, det ſoll ge⸗ ſchehen, un müßte ick ooch mein Leben davor wagen.“ Das Mädchen ſchüttelte den Kopf und blickte lange nachdenklich vor ſich hin. „Ich weiß nicht, So 9. „So wirſt was nun geſchehen ſoll“, brach ſie endlich de⸗ 1 Schweigen, indem ſie mit ihrem eleganten Sonnenſchir auf den Fußboden zeichnete.„Du kanuſt auch — treten, wie es nöthig wäre, denn den d eine Ausſ prache d den Deutſchen verriethe, dann wäreſt Du verloren.“ „O, wat det betrifft—“ „Geh' darüber nicht ſo leicht hinweg, Jean, überall lauern und horchen Spione, die nach Verdächtigen ſuchen, und das Geſindel auf den Boulevard's fragt nicht lange nach Beweiſen. Man braucht ihm nur das Wort:„Spion“ zu nennen, und es fällt mit ſeiner ganzen wahnſinnigen Wuth über den Bedrohten her. Es iſt ſchon Mancher in der Seine ertrunken, oder auf den Boulevard's zertreten worden, der an dem ganzen Kriege ſo unſchuldig war, wie ein neugeborenes Kind.“ Der Gefreite wiegte leicht das Haupt, er kannte keine Furcht, er hatte ja ſchon ſo oft die Kugeln pfeifen hören. „Paul und Erneſt hätten Louiſon mit Gewalt befreien können fuhr Juſtine fort,„ihnen konnte das ſchändliche Weib nichts vunnr denn im Nothfalle traten die Kameraden in der Nationalgarde für die Freunde ein. Aber Du darfſt das nicht, und Dir allein würde es auch nicht gelingen. Louiſon hat mir geſagt, die Manſarde neben dieſer Wohnung ſtehe leer, ſie wollte hierher flüchten, aber ich kann dieſes Vorhaben nicht billigen, weil ich die Hexe da drüben fürchte.“ „Ick ſchlage der ollen Schachtel den Schädel entzwei.“ „Damit iſt nichts gut gemacht, Jean. Laß' mich die Geſchichte überlegen, wielleicht gelingt es mir, die Freundin zu beſreien, das wäre der kürzeſte und auch der ſicherſte Weg. Sollte ich aber Deiner Hülfe bedürfen, dann weiß ich, daß i auf ſie bauen kann.“ „Wie uff'nen Felſen, Juſtine.“ „Und gelingt mir allein das Werk, ſo ſollſt Du auch Nachricht erhalten.“ „Nicht eher?“ „O, es muß raſch geſchehen, heute oder morgen, Deine Geduld wird auf keine harte Probe geſtellt werden.“ „Aber ick möchte nun immer bei Dir bleiben.“ Juſtine lachte und umſchlang mit ihren Armen den jungen Mann dem ſie lange in die Augen ſchaute. „Geduld“, ſagte ſie,„ich werde wiederkommen, ich muß mich ja auch aus den Feſſeln befreien, die dieſes Weib um mich geſchlungen 56 — 402— hat. Und dann, mein Freund, ſtehe ich ganz allein, wirſt Du für mich ſorgen können?“ „Hm— ja, wenn ick'ne Stelle bekommen kann“, erwiderte Jean kleinlaut,„ick werde thun, wat ick kann.“ „Verliere den Muth nicht“, beruhigte ihn das Mädchen,„ich habe auch noch etwas Geld und Schmuck, wir werden das Alles theilen.“ „In Gottes Namen, ick werde doch ooch wat verdienen! Aber beſſer wär's, wenn Du mir die ganze Wahrheit ſagen wollteſt.“ „Nein, es iſt beſſer ſo“, ſagte Juſtine, indem ſie ſich den Armen des jungen Mannes entwand,„Du würdeſt Dich unnöthig in Gefahren ſtürzen, und meiner Freundin wäre dadurch nicht geholfen.“ Der Gefreite ſeufzte, er kannte das Mädchen zu genau, um nicht zu wiſſen, daß ſie von einem einmal gefaßten Entſchluſſe nicht abging. „Wie Du willſt“, erwiderte er,„aber wann und wo ſehe ick Dir wieder?“ „Hier nicht“, ſagte Juſtine haſtig, mit einem ſcheuen Blick auf die Thüre,„dem alten Weibe darf ich nicht begegnen. Ich will Dich heute Abend gegen neun Uhr an der Kirche Notre Dame erwarten, wir können dann auf einem Spaziergange ungeſtört miteinander plaudern.“ Jean nickte zuſtimmend, er öffnete die Thüre und blickte hinaus, auf dem dunklen Gange war Niemand zu ſehen. Das Mädchen küßte ihn flüchtig noch einmal, dann huſchte ſie an ihm vorbei, und im nächſten Augenblick war ſie ſeinem Blick ent⸗ ſchwunden. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Das Ende eines Schurken. Der Wucherer war an dieſem Tage ſehr mit ſich zufrieden. Durch den Brief, den er ſeiner Tochter geſchrieben hatte, glaubte er die fatale Angelegenheit erledigt zu haben, es war ja unmöglich, daß Louiſon mit ihrem weichen Gemüth den rührenden Bitten des ſter benden Vaters widerſtehen konnte. Und wenn fie kam, um ſeinen letzten Segen zu empfangen, dann war ſie wieder in ſeiner Gewalt, und diesmal wollte er ſie beſſer hüten. ni fſ — — a9s Er brauchte dann wenigſtens die Drohungen des Marquis nicht 9 7 mehr zu fürchten, er konnte ihm ſagen, daß er ſeine Befehle aus⸗ geführt habe, und was weiter erfolgte, konnte den Edelmann weiter nicht kümmern. Die Pläne Segur's ängſtigten ihn nicht; ihm war es gleichgültig, was der Wüſtling nun noch unternehmen wollte, wenn man ihn nur in Ruhe ließ und ſeinen Beiſtand nicht verlangte. Ja, es war ihm ganz recht, wenn der Stolz Louiſon's gedemüthigt, ihr Trotz gebrochen würde, es verknüpften ſich ja damit auch für ihn Vortheile, die ſeiner unerſättlichen Habſucht ein weites und frucht⸗ bares Feld boten. An die Drohungen der Freunde Louiſon's dachte er nicht mehr er glaubte nicht, daß ſie wiederkommen würden, um ihm das Meſfer an die Kehle zu ſetzen, ſie mußten ja nun die Gewißheit erlangt haben, daß er ihre Fragen nicht beantworten konnte und ihre Dro⸗ hungen an ſeiner Ruhe abprallten. Er beſchäftigte ſich im Laufe des Tages damit, ſeine Vorräthe zu beſichtigen, für ihre gute Erhaltung Sorge zu tragen, und ſeinen Nutzen, den er aus ihnen zu ziehen gedachte, zu berechnen. Und als der Abend dämmerte, erwartete er in ſeinem Bureau den Beſuch Segur's, in der ſtillen Hoffnung, daß Louiſon noch vor ihm eintreffen werde. Es hatte eben neun Uhr geſchlagen, als die Glocke gezogen wurde; der Alte öffnete und ließ den Wüſtling ein, der leiſe die Marſeillaiſe ſummend ihm voran in's Bureau ſchritt. „Ich glaube, wir haben gewonnen“, ſagte Segur, indem er ſich auf einen Stuhl niederließ,„der Brief ſoll das Mä ädchen erſchüttert haben.“ „Aber weshalb kommt ſie nicht?“ fragte Bandau ungeduldig. „Sie könnte längſt hier ſein.“ „Parbleu, Louiſon iſt nicht ſo leichtgläubig“, lachte de Wüſtling, „ſie traut Euch nicht.“ „Was muß ich noch thun?“ „Nichts, alter Herr. Louiſon hat die Frau beauftragt, ſich zu überzeugen, ob Ihr wirklich in den letzten Zügen liegt. Sie wird morgen früh erſcheinen.“ „Wer? Die Frau?“ „Nein, Louiſon.“ — 404— Gut, ſehr gut“, nickte Pierre Bandau, die dürren Hände reibend ch mwerde ihr einen Empfang bereiten, wie ſie ihn ſchwerlich erwartet“ Herr von Segur hatte eine Flaſche aus ſeiner Taſche geholt, die er auf den Tiſch ſtellte, er öffnete jetzt ſeine Cigarrenbüchſe und wählte iit der Miene des Kenners eine Eigarre aus ſeinem Vorrath, die er r anzürdeke.“ Der Geizhals ſah ihm mit wachſendem Erſtaunen zu, er rückt einen Stuhl an den Tiſch, vor dem der Wüſtling ſaß und ſtellte die trüh brennende Lampe neben die Flaſche. 4 „Holen Sie ein Glas“, befahl Segur, nachdem er die erſten Rauchwolken zur Zimmerdecke emporgeblaſen hatte. „Wozu das?“ „Parbleu, damit ich meinen Wein trinken kann.“ „Hier?“ „Was wollen Sie? In den eleganteſten Reſtaurants ſitzt jetzt die Kanaille an den Marmortiſchen auf den Sammetpolſtern, ich habe keine Luſt, die Luft einzuathmen, mit der ſie die Atmoſphäre verpeſtet. Und ich hoffe, Sie werden mir erlauben, daß ich ein halb Stündchen hier bleibe, ich habe heute den ganzen Tag noch nicht geſeſſen, da iſt es kein Wunder, wenn ich müde bin.“ „Hm— iſt es ein guter Wein?“ fragte der Alte lauernd. „Ich trinke nie etwas Schlechtes.“ „Ja, das kann ich mir denken— ein ſo feiner Herr—“ „Ah, bah, damit wird's auch bald ein Ende haben“, ſchnitt Segur dem Wucherer das Wort ab,„unſereins muß auch arbeiten, wenn er leben will und mit der Arbeit hat's in Paris ein Ende genommen.“ „Spare in der Zeit, ſo haſt Du in der Noth“, ſagte Pierre Ban⸗ dau, das kahle Haupt ſchüttelnd,„wie Wenige denken daran!“ „Ihr habt natürlich daran gedacht— wie?“ „Mein ganzes Leben lang.“ „Und habt nun alle Kiſten und Kaſten voll.“ „Oho!“ fuhr der Wucherer erſchreckt auf.„Wer kann das be⸗ haupten?“ „Iſt es nicht die Wahrheit?“ „Nein. Was ich mir erſpart habe, das habe ich auf Häuſer und Grundftücke geliehen und der Himmel weiß, ob ich einen Scus dave. zurück erhalte. Wenn die Häuſer in Brand geſchoſſen und die Grund⸗ ſtücke geſtampft werden, wer garantirt mir für meine gapi alien? 1 — 405— „Niemand.“ „Und Zinſen bekomme ich auch nicht. O, es weiß Niemand, wie ſehr ich leide und wie arm ich plötzlich geworden bin“, jammerte der Alte. Brod und Waſſer ſind meine einzigen Nahrungsmittel, ich darf nicht daran denken, einmal ein Glas Wein zu trinken, ſo vortheilhaft es meiner Geſundheit auch wäre.“ „Parbleu, ſo holt doch endlich die Gläſer“, ſagte Segur ungedul⸗ dig,„wir wollen zuſammen die Flaſche austrinken.“ Pierre Bandau lächelte vergnügt und verließ das Zimmer. Der Wüſtling blickte ſinnend zu dem eiſernen Haken hinauf, der oben in der Decke angebracht war. Vielleicht hatte in früheren Jahren einmal ein Kronle ihm gehangen, jetzt verſchwand er ſaſt unter dem ſchwarzen Spinn⸗ gewebe, welches von der Zimmerdecke niederhing. Er ſchaute noch immer hinauf, als der Alte zurückkehrte, der un⸗ e willkürlich ſeinen Blick ebenfalls auf den Haken richtete. be„Das iſt mein letzter Troſt“, ſagte Bandau mit gedämpfter Stimme. 4„Was? Der Haken?“ fragte Segur ſpottend.„Seid Ihr toll?“ 2„Bewahre! Betteln kann ich nicht, und im Spital mag ich nicht t ſterben. Wenn ich keine Brodkruſte mehr habe, dann mache ich dem Elend ein Ende.“ „Bah, wenn ich ſo denken wollte, hätte ich den Kopf ſchon ein Dutzend Mal in die Schlinge ſtecken können“, entgegnete der Wüſtlin ſcherzend, während er die Gläſer füllte.„So raſch darf man nücht — verzagen. Wer heute unten iſt, der kann morgen wieder oben ſein, das Rad dreht ſich täglich. Und Ihr ſeid ein zu ſchlauer Juchs, Vater Bandau, als daß Ihr Eure Kapitalien nicht ſicher angelegt haben ſolltet. Was gilt die Wette, daß Eure Schränke mit Gold und Rentenbriefen angefüllt ſind?“ „Unſinn!“ brummte der Wucherer, der inzwiſchen ſein Glas mit ſichtbarem Behagen ausgeſchlürft hatte.„Ich bin kein reicher Mann was ich habe, das mußte ich mir ſauer erwerben. Und das Geſchäf des Lumpenſammlers iſt auch auf den Hund gekommen, mein Herr! Es war einmal ein goldenes Feld, vor vielen, vielen Jahren, aber dieſe Zeiten ſind geweſen, ſie werden nie zurückkehren.“ Segur nippte an ſeinem Glaſe und ſtützte das Haupt auf den Arm, er ſah den alten Mann an, wie er vielleicht irgend ein ſeltenes Erzeugniß der Natur betrachtet haben würde. en an — 496— „Ja, die Vergangenheit erſcheint uns immer ſchöner“, ſagte er mit leiſem Hohn“, die Gegenwart kann ſelten ein Menſchenkind zu⸗ frieden ſtellen. He, war es nicht eine ſchöne Zeit, als Ihr noch liebtet?“ „Ich?“ fragte Pierre Bandau betroffen.„Bah, ich habe nie geliebt.“ „Und dennoch geheirathet?“ „Das Mädchen hatte einige hundert Francs und ſuchte einen Mann.“ „So war es nichts weiter als ein Geſchäft?“ „Nichts weiter, mein Herr.“— „Armer Teufel. Ihr habt das Leben nicht genoſſen!“ „Wenigſtens nicht in der Weiſe, in der Sie es zu genießen lie⸗ ben“, ſagte der Geizhals verächtlich.„Aber in meiner Weiſe hahe ich es dennoch genoſſen. Ach, Sie wiſſen nicht, welcher Reiz darin ruht, wenn man ſeine Erſparniſſe zählen kann, wenn man ſich ſagen darf, daß man für ein ruhiges und ſorgenfreies Alter—— aber leider habe ich es ſo weit noch nicht gebracht, und ich bin nun ſchon ein alter Mann.“ „Und Ihr werdet das Geſchäft natürlich fortſetzen!“ „So lange ich es vermag. Die Kräfte nehmen ab, mein Herr, ich bin verſchliſſen.“ Herr von Segur lachte hell auf, der Ausdruck des pockennarbigen Geſichtes war in dieſem Augenblick zu komiiſch. „Damit hat's gute Wege“, ſpottete er,„ein Mann, wie Ihr, weiß auf dem Sterbebette noch ſein Geſchäft zu machen.“ „Sprechen Sie davon nicht.“— „Ah, ſeht Ihr wohl, Ihr fürchtet den Tod, und doch ſchwindelt Ihr mir vor, der Haken da oben werde Euer letzter Troſt ſein. Der Marquis zahlt Euch ja eine gute Miethe für die geheimen Gewölbe und es gibt noch immer leichtfertige Herrchen in Paris, die für rothes Gold ihre Seele dem Teufel verſchreiben. Trinkt, Vater Bandau, ein Mann wie Ihr muß jeden Augenblick wahrzunehmen wiſſen.“ Der Alte griff mit ſeinen ſpitzen Fingern in ſeine Schnupftabak⸗ doſe und ſtierte nachdenklich vor ſich hin, der Wein, an den er nicht gewöhnt war, ſchien bereits ſeine Wirkung zu üben. „Ja, wenn ich wollte, könnte ich eine große Summe verdienen“, ſagte er, mehr mit ſich ſelbſt, als zu dem Wüſtling redend.„Aber man darf keine Frucht abſchütteln, ſo lange ſie nicht reiß iſt.“ „Sehr recht, wer das thun wollte, der wäre ein Narr.“ —,— — 407— „Wie ſtehen ſie mit dem Marquis?“ fragte Pierre Bandau, das Haupt erhebend. „Hm, ſeit der Attake mit Louiſon habe ich ihn nicht mehr geſehn.“ „Ihr Freund iſt er nicht mehr.“ „Das macht mir keine Sorge⸗“ „Und doch müßten ſie Werth auf ſeine Freundſchaft legen. Wen er verderben will, der iſt verloren, ſobald der Marquis ihm Feind⸗ ſchaft geſchworen hat.“ „Bah, ſo mächtig iſt er auch nicht. Ich habe Euch geſagt, der Marquis ſei ein Komödiant, dabei bleibe ich, und einen Komödianten fürchte ich nicht.“ „Aber wenn dieſer Komödiant mit den erſten Perſonen Frankreichs befreundet iſt?“ „Auch das iſt eine Komödie.“ „Nein, mein Herr, dafür habe ich Beweiſe. Gambetta kommt oft mit dem Marquis hier zuſammen, und mit dem Polizeipräfekt muß der letztere auch ſehr befreundet ſein.—“ „He, ſie benutzen ihn, weil er an der Spitze des Bundes ſteht, das iſt Alles. Solche Freundſchaft hat für mich keinen Werth, und ich wiederhole Euch, der Marquis wird nie ſein Ziel erreichen. Kennt Ihr dieſes Ziel?“ „Nein. Aber ich finde, daß es verteufelt heiß hier iſt.“ „Trinkt, alter Freund, Ihr habt Durſt, das iſt Allos. Solltet öfter ein Glas Wein trinken, es würde Euch gut bekommen. Na, der Marquis will nichts weiter, als die Regierung ſtürzen, der Pöbel von Belleville und Montmartre ſoll regieren, und was bei ſolchem Regiment herauskommt, haben wir damals geſehen, als König Lud⸗ wig der Sechszehnte geköpft wurde. Dann wird's wieder einmal über die Prieſter, die Reichen, den Adel und den beſitzenden Stand los⸗ brechen und Ihr ſteht auch ſchon auf der Liſte.“ Der Wucherer fuhr mit der welken Hand über die Stirne, auf welcher der Schweiß in großen Tropfen perlte. „Das iſt nicht wahr“, ſagte er beſtürzt.„Es würe undankbar, wenn der Marquis—“ „Bah, wie machte es Robespierre? Schonte er ſeine Freunde? Im Gegentheil, wenn man plötzlich ſo hoch ſteigt, werden die frühern Freunde unbequem, ſie wiſſen ja eben ſo gut, durch welche elende Ränke man ſich emporgeſchwungen hat. Man ſpricht ſchon davon, — 408— daß die Guillotine auf dem Concordiaplatz errichtet werden ſoll und das Blut wieder einmal in Strömen fließen muß, damit das Kapital zur richtigen Vertheilung kommt.“ Der Alte ſeufzte tief auf und ließ den ſtarren Blick durch das kahle Zimmer ſchweifen, als ob er ſchon jetzt von ſeinen Schätzen Ab⸗ ſchied nehmen wollte. „Das kann nicht ſein“, erwiderte er.„Den Adel und die reichen Leute wird der Pöbel freilich maſſacriren, aber was hat ihm der arme Lumpenſammler gethan? Es iſt wirklich eine drückende Schwüle hier im Zimmer, Herr von Segur—“ „Das macht die Angſt!“ lachte der Wüſtling.„Ihr habt kein reines Gewiſſen, alter Freund.“ „Wenn Sie wirklich die Wahrheit ſagten, dann wäre es beſſer, Napoleon kehrte zurück.“ „Natürlich, unter dem ſchützenden Fittig des kaiſerlichen Adler⸗ ſeid Ihr ein reicher Mann geworden.“ „Ja, wir hatten Frieden, und das Geſchäft blühte, die Kanaille wurde mit ſtarker Hand niedergehalten—“ „Und wenn es ſein mußte, niederkartätſcht!“ „He, geſchah Ihr damit nicht Recht?“ „Gewiß, die Wucherer mußten ja geſchützt werden. Ihr habt auch von mir manches Goldſtück verdient.“ „Es iſt nicht der Rede werth. Ich mußte ja auch riskiren, daß Sie mir das Geld nmicht zurückzahlen konnten, dann war ich um meine Vorſchüſſe betrogen.“ „Ja, wenn mit dem Frieden nur auch der Kaiſer wiederkäme!“ ſpottete Segur. „Ach, wer weiß, was geſchieht“, ſagte der Geizhals, deſſen Zunge ſchon ſchwer wurde.„Es gibt Verſchwörungen in Paris, mein Herr, die Agenten und Beamten der kaiſerlichen Polizei regen ſich gewaltig, und man weiß, daß dieſe Leute Alles ausführen, was ſie unternehmen.“ „So?“ fragte der Wüſtling überraſcht.„Ihr ſeid wohl ſelbſt einer von dieſen gutgeſinnten Wühlern?“ „Nein, aber ich könnte es werden.“ „Hat man Euch das Bündniß angeboten?“ „Schon ſehr oft.”“ „Dann wißt Ihr wohl auch, wo die Verſchworenen zuſammen⸗ kommen?“ — 409— „Unten in den Katakomben“, lallte der Mann, dem die Augen 1 ſchon zufielen.„Ich habe ſie oft belauſcht. Ah, ich kenne alle Ka⸗ takomben, wie meine eigene Taſche, ich habe manchen Tag und manche Nacht drinnen zugebracht. Parbleu, Herr von Segur, das iſt eir ſtarker Wein.“ „Durchaus nicht.“ „Aber er macht ſchläfrig.“ „So ſchlafen Sie!“ „Ich muß ja noch hinaus.“ „Bah, draußen findet Ihr nicht viel. Höchſtens die Fetzen eines in dünnen Kleidchens, die ein Mobilgardiſt irgend einer Dirne vom Leibe geriſſen hat. Seitdem keine Fremden mehr in Paris ſind, gibt's nur noch lebende Lumpen in der großen Stadt, und damit könnt Ihr nichts aufangen.“ Herr von Segur belachte ſeinen Witz, auch der Wucherer ver⸗ ſuchte zu lachen, aber er brachte es nur zu einem häßlichen Grinſen. lle Das pockennarbige Haupt ſank auf die Bruſt, der Wüſtling ſah ſinnend den Rauchwolken ſeiner Cigarre nach. „Er ſchläft“, murmelte er,„ſo raſch hatte ich die Wirkung nicht erwartet.“ bt Er ſtand nach einer geraumen Weile auf und ließ den Stuh auf dem er geſeſſen hatte, zu Boden fallen, Pierre Banda u blicte doß nicht auf. „Sehr gut“, ſagte Segur triumphirend,„er wird nicht erwachen. He, Vater Bandau! Alter Satan! He— hel“ 6 Der Wucherer rührte ſich nicht, man hörte nur, wie ſchwer und 3 tief er athmete. Der Wüſtling holte ein Dokument aus ſeiner Taſche und legte es auf das Schreibpult, dann nahm er Flaſche, Lampe und Gläſer vom Tiſche, den er unter den eiſernen Haken rückte. Er konnte, als er auf dem Tiſche ſtand, mit den Händen bequem dieſen Haken erreichen, dieſe Entdeckung ſchien ihn außerordentlich zu Fr freuen. Er ſtieg wieder hinunter und näherte ſich dem alten Manne, der 1 feſt und ruhig ſchlief. „Ich weiß nicht, daß ich Alles mit der Hexe theilen ſoll, gefällt mir nicht“, ſagte er,„ſie kann nur die Hälfte von dem verlangen, was der alte Schuft hinterläßt. Parbleu, ich könnte ja einen Theil — 410— vorher erben, Niemand wird es erfahren, und meine Börſe wäre wieder gefüllt. Laßt ſehen, was in dem eiſernen Schranke liegt.“ Er durchſuchte die Taſchen des Schlafenden und ſtieß einen leiſen Freudenſchrei aus, als er den Schlüſſel fand, ohne Zögern ſchritt er auf den Geldſchrank zu. Es gelang ihm mit leichter Mühe, dieſen Schrank zu öffnen, und ſeine Augen leuchteten, als er in der Tiefe deſſelben das Gold fun⸗ keln ſah. Er griff hinein und füllte alle Taſchen mit Goldrollen und Bank⸗ noten, und nachdem er in der umfaſſendſten Weiſe ſeine Habgier be⸗ friedigt hatte, ſchloß er den Schrank wieder zu. Dann ſchob er die Schlüſſel wieder in die Taſche ſeines Opfers, um im nüächſten Augenblick auf den Tiſch zu ſpringen und ein ſtarkes Seil an den Haken zu befeſtigen. „So“, ſagte er,„nun kommt der Schluß der Tragödie,— hätte ich den Kerl nur erſt droben.“ Es war offenbar, daß er den Schlafenden auf den Tiſch hinauf⸗ heben und ihm hier die Schlinge des Seils um den Hals werfen wollte, zog er dann den Tiſch wieder fort, ſo war es um das Leben Pierre Bandau's geſchehen. Herr von Segur ſchlang ſeine Arme um den dürren Körper des alten Mannes, aber in demſſelben Augenblick fuhr er zuſammen, als ob ein elektriſcher Schlag ihn getroffen habe. Eine Stimme hinter ihm hatte ein gebieteriſches„Halt“ gerufen. Er wandte ſich um, die Kniee drohten unter ihm zu brechen, ſein Antlitz war todesbleich. In der äußerſten Ecke des Gemachs ſtand der Marquis in dem ſchwarzen Anzuge, in welchem er ſich den Verſchworenen zu zeigen pflegte, und die flammenden Augen waren durchbohrend auf den Wüſtling gerichtet. Der Körper des Wucherers entglitt den Armen Segur's und fiel ſchwer auf den Boden nieder. „Was gibt es hier?“ fragte der Marquis in drohendem Tone. „Halt— nicht von der Stelle, oder eine Kugel durchbohrt Dein Gehirn!“ „Erbärmlicher Spion!“ ſchrie Segur wüthend.„Mußt Du denn überall die Naſe dreinſtecken?“ „Dank der Vorſehung, die mich hierherführt, daß ich ein Ver⸗ — brechen verhüte, welches Dich auf's Schaffot gebracht haben würde“, ſagte der Marquis ernſt, indem er ſich dem Wüſtling näherte.„Segur, Du biſt tief geſunken, Du wirſt auf der Galeere enden.“ „Zur Hölle mit dem Komödiant!“ fuhr Segur auf.„Haſt Du keinen Mord auf dem Gewiſſen? Muß ich Dich erinnern an die Un⸗ glücklichen, die Du unten verſchmachten ließeſt?“ „Eitles Geſchwätz“, entgegnete der Marquis, der mit forſchendem Blick die Sachlage überſchaut hatte.„Du verſuchſt, mich zu Dir nieder zu ziehen, es wird Dir nicht gelingen.“ Sein Blick war auf das Teſtament gefallen, er nahm das Do⸗ kument vom Pult auf und erbrach das Siegel. Seine Brauen zogen ſich immer finſterer zuſammen, ein vernich⸗ tender Blitz traf aus ſeinen glühenden Augen den Wüſtling, der ver⸗ geblich nach Faſſung rang. „Nun wird mir das Bubenſtück ganz klar“, ſagte er.„Du haſt dem alten Manne in dieſen Wein einen Schlaftrunk gegeben, dort der Strick ſollte ihn in's Jenſeits befördern. Es ſollte ganz den Anſchein haben, als ob er ſelbſt ſich entleibt habe, und dieſes gefälſchte Teſtament ſicherte Dir die ganze Hinterlaſſenſchaft. Ob es Dir gelungen wäre, das Gericht zu täuſchen? Vielleicht! Mich aber hätteſt Du nicht getäuſcht, ich würde Dir die Maske abgeriſſen und Dich an den Pranger geſtellt haben.“ „An dem Du ſelbſt zu ſtehen verdienteſt!“ knirſchte Segur, den nur der Revolver in der Fauſt des Marquis abhielt, ſich auf ſeinen Gegner zu ſtürzen. „Und dennoch iſt das Alles ſo ſchlau erſonnen, daß ich nicht glauben kann, Du allein habeſt den Plan entworfen. Ein Anderer hat Dir geholfen— ſprich, wer iſt es?“ „Was kümmert's Dich?“ Der Marquis erhob die Waffe, ein Zug feſter Entſchloſſenbeit umzuckte ſeine Mundwinkel. „Gib Antwort!“ ſagte er rauh.„Wer hat dieſen Plan erſonnen? Du biſt in meiner Gewalt, der Schuß wird verhallen, ohne draußen die geringſte Aufmerkſamkeit zu wecken, und Deine Leiche wird ſpur⸗ los verſchwinden.“ „Iſt das kein Mord?“ „Nein, denn ich tödte einen Verbrecher! Antworte! Wer war es?“ „Die Leroi.“ 1— 41²2— 1 „Ah, dieſes elende, ſchändliche Weib! Ihre Rechnung iſt hoch angelaufen, aber Geduld, der Tag der Abrechnung wird kommen.“ Wie der Ertränkende an den Strohhalm, ſo klammerte Segur 3 ſich jetzt an die Hoffnung, daß er ſich von der Schuld rein waſchen nichts könne, wenn er die ganze Schuld der Wahrſagerin aufbürde. 1 „Sie hat mich dazu gezwungen“, ſagte er,„ſie hat den Wein einer präparirt und dieſes Dokument anſertigen laſſen, ſie wollte die Hinter⸗ nohr 4 laſſenſchaft mit mir theilen.“— „Sie hat Dich benutzt—4 „Ja, Henry, ſie—“ 9 „Keine Vertraulichkeit, mein Herr“, ſiel der Marquis ihm in's Wort,„ich glaube, Ihnen deutlich genug erklärt zu haben, daß zwiſchen uns eine Kluft liegt, die nie wieder ausgefüllt werden kann. Mit 1 einem Galeerenſträfling, einem Manne, der der Gulllotine verfallen 6 iſt, kann ich keine freundſchaftlichen Beziehungen unterhalten. Das Weib hat Sie benutzt, um ſich zu bereichern, aber nur ein Schurke kann ſich von einem ſolchen Weibe und zu ſolchen Handlungen benutzen laſſen.“ „Ich war von Sinnen—“ „Das iſt keine Entſchuldigung, mein Herr, ein Mann ſoll ſtets wiſſen, was er thut, er ſoll die Folgen ſeiner Handlung bedenken und vor Allem zurückbeben, was ſich mit der Ehre nicht vereinigen läßt.— Ich könnte die Wache rufen und Sie verhaften laſſen, die Beweiſe für Ihre Schuld ſind hier genügend vorhanden. Das Gericht würde Ihnen Zeit geben, über Ihre Sünden nachzudenken und wenn Sie nach Jahr und Tag das Zuchthaus, oder die Galeere wieder verließen, wären Sie einer jener Vagabunden, die ihr ganzes Leben hindurch im Zuchthauſe oder auf der Straße wohnen. Ich könnte noch kürzeren Prozeß niachen und Sie niederſchießen, kein Hahn würde nach Ihnen krähen, und die menſchliche Geſellſchaft wäre von einer Peſtbeule befreit. Aber ich erinnere mich, daß ich Sie einmal meinen— Freund nannte, und als das Werkzeug eines alten Weibes erſcheinen Sie mir heute ſo erbärmlich, daß ich auf jede Beſtrafung verzichte Gehen Sie, Herr von Segur, hier in dieſem Hauſe werden Sie das . 8A,.„ ühm h Verbrechen nicht wiederholen!“ Lael 2 8..„. 7 zeht wiodor Fene Er zeigte auf die Thüre, der Wüſtling, deſſen Angſt jetzt wieder 6 dem Uebermuth gewichen war, lächelte höhniſch. „Ich hoffe, daß ich Ihnen noch einmal begegnen werde“, ſagte er. — =.— SE. „Weshalb hoffen Sie es?“ „Parbleu, glauben Sie, ich werde alle dieſe Beleidigungen ſo mir nichts Dir nichts einſtecken?“ „Gehen Sie, ich erwarte mit Ruhe, was Sie thun werden, einen Menſchen, wie Sie, fürchte ich nicht. Und daß Sie hier nicht nehr Einlaß finden, Herr von Segur, dafür werde ich ſorgen, Pierre Bandau ſoll die volle Wahrheit erfahren.“ Der Wüſtling lachte hell auf, aber es war doch ein erzwungene⸗ Lachen, an dem das Herz keinen Antheil hatte. Er ſtürmte hinaus, wüthend über den Marquis, über ſich ſelbſt, ber die ganze Welt. Nur fünf Minuten noch, und der Wuherer hätte in der Schlinge ehangen! Auf welchem Wege war der Marauis eigentlich ſo plötzlich n's Zimmer gekommen? Ah bah, weshalb wollte er darüber ſich den Kopf zerbrechen! Es ab ja ſo viele Geheimniſſe in dem alten Hauſe, und wer konnte iſſen, ob nicht der Marquis ihn ſchon ſeit einer geraumen Zeit eobachtet hatte? Das Blut kochte in ſeinen Adern, wenn er an den Augenblick achte, in welchem er ſeinem Ziele ſo nahe geweſen war. Ja, der arquis ſollte dafür büßen, Segur wollte ſich an ihm rächen für ie erniedriegende Demüthigung, die ihm widerfahren war. Etwas hatte er doch gewonnen, ſeinen Raub nahm er mit, und nochte Pierre Bandau noch ſo ſehr jammern und klagen, nicht ein inziges von den Goldſtücken ſollte er zurückerhalten. Es war wenigſtens etwas für den gehabten Schrecken und die Mühe, und ſo viel, oder ſo wenig es auch ſein mochte, Herr von Segur konnte es ſehr gut gebrauchen. Sollte er nun dem alten Weibe die Wahrheit ſagen? Nein, er durfte es nicht, er fürchtete ihre Vorwürfe, es war ja vorauszuſehen, daß ſl dann auch ihm Louiſon nicht überlieferte. ozu auch? Wenn er das Werk ſeiner Rache beendet hatte, galt ihm wenigg⸗ nichts mehr, er liebte ſie nicht, nein, er haßte fie ſeit jenem Abend, an dem ſie ihre Unſchuld energiſch vertheidi igt hatte. Madame Leroi ſollte nichts erfahren, wenn ſie am nächſten Tage ſich getäuſcht und betrogen ſah, ſo war das für ihn gewiſſermaßen eine Genugthuung, er dachte ſchon jetzt mit ſtillem Ergötzen an die Wuth des alten Weibes, die auf den großen Gewinn mit Sicherheit rechnete. tor — ——ℳ———— Er mußte lachen, als er ſich im Geiſte dieſe Wuth ausmalte. Soviel ſtand feſt, er wollte der Wüthenden aus dem Wege gehen und ſich nicht mehr in ihrer Manſarde blicken laſſen. Er lachte noch immer, als er in die Schenke des Vaters Tabaret trat, ſeine eigene Wuth war verrauſcht. Madame Leroi heftete die grauen Augen feſt auf ihn, es war, als ob ſie in die innerſten Tiefen ſeiner Seele blicken wolle. „Alles in Ordnung“, ſagte der Wüſtling gelaſſen,„der alte Schuft hat die große Reiſe angetreten.“ „Und wie lief es ab?“ „Vorkrefflich. Der Kerl ſchlief wie eine Natte, der Haken und der Strick waren ſo feſt, wie man es wünſchen konnte.“ Die Alte ſchüttelte den Kopf, es ſchien ihr unbegreiflich zu ſein, daß der vornehme Herr ſo ruhig, ja heiter dabei war. Sie ſchob ihm das Branntweinglas hin, aber er wies es mit einer Geberde des Abſcheu's zurück. „Es iſt mir leichter geworden, wie ich glaubte“, ſagte er,„und es bedarf ſolcher Mittel nicht, um etwaige Gewiſſensbiſſe zu betäuben Jetzt iſt es an Euch, Euer Verſprechen zu erfüllen.“ Madame Leroi nickte. „Wir werden alſo morgen das Erbe theilen?“ fragte ſie. „Sobald es mir zugeſprochen iſt.“ „Gut, gut, das kann ja morgen ſchon geſchehen. Wo liegt das Teſtament?“ „Auf ſeinem Pulte. Aber nun macht voran, Alte! Habt Ihr die Nachricht erhalten?“ „Soeben. Louiſon ſchläft, wir ſind unſerer Sache alſo ſicher.“ Madame Leroi trank ihr Glas aus und erhob ſich, aber ehe ſie das Zimmer verließ, trat ſie noch einmal dicht vor den Wüſtling und ſah ihm ſcharf in das verlebte, fahle Geſicht. „Wenn Sie nich betrügen, dann fürchten Sie meine Rache“, ſagte ſie,„ich halte meinen Theil der Bedingungen treu und ehrlich, um ſo ſchändlicher wäre Ihr Betrug.“ „Zweifelt Ihr noch immer?“ ſpottete Segur. „Ich will nicht zweifeln. Nun, kommen Sie, die nächſten Tage werden ja lehren, ob Sie mein Vertrauen mißbraucht haben, oder nicht.“ Die Beiden verließen jetzt die Schenke und ſchritten die finſtere Treppe hinunter—. Jules Favre. — 415— Juſtine war an demſelben Abend ſchon früh ausgegangen, nachdem ſie vorher ihre Freundin zur Vorſicht ermahnt hatte. Madame Gourdin war ſeit dem Auftritt mit den beiden Mädchen die Artigkeit und Höflichkeit ſelbſt, und ein unbefangener Beobachter würde gegkaubt haben, zwiſchen ihr und den Mädchen müſſe ein ſehr angenehmes Verhältniß herrſchen, aber Juſtine kannte ſie zu genau, um nicht zu wiſſen, daß das nur eine Maske war, hinter der eine tückiſche Rachſucht ſich verbarg. Louiſon ließ ſich ebenfalls nicht täuſchen, hätte ſie gewußt, wohin ſie flüchten könne, ſo würde ſie ſelbſt zur Gewalt ihre Zuflucht genommen haben, um ſich die Freiheit zu verſchaffen. Ihre erfolgloſen Bemühungen bei Pierre Bandau und die Ver⸗ haftung der beiden Freunde hatte Juſtine ihr berichtet, und es war begreiflich, daß dieſe Mittheilungen einen niederdrückenden Eindruck auf ſie machten. Jetzt hatte ſie keinen Zufluchtsort mehr, ſie ſah ſich auf Gnade und Ungnade den ſchändlichen Plänen der alten Weiber preisgegeben, denn auch von dem Beiſtande Juſtinens erwartete ſie nicht viel. Madame Gourdin hatte ihr zum Abendbrod eine Taſſe Kaffee mit einem Stück Brod vorgeſetzt, und Louiſon zog ſich gleich darauf in das Schlafgemach zurück, weil ſchon der Anblick des alten Weibes ihr widerwärtig war. Sie ſtand lange am Fenſter und blickte zum geſtirnten Nacht⸗ himmel hinauf, darüber nachdenkend, was wohl der Grund der plötz⸗ lichen Verhaftung ihrer Freunde ſein könne. Dieſe Verhaftung hatte ſie der letzten Hoffnung beraubt, denn daß ſie in das väterliche Haus nicht heimkehren durfte, war ihr von Anfang an zweifellos geweſen. Wohl ſchmerzte ſie die Herzloſigkeit des Vaters, aber ſie hatte auch keine andere Antwort erwartet, ja, der Freundin ſogar abgerathen, den nutzloſen Schritt zu unternehmen. Bilder der Vergangenheit zogen an ihrer Seele vorüber, düſtere, troſtloſe Bilder einer freudloſen Kindheit. Ob die Zukunft ſie für dieſe Vergangenheit entſchädigen würde? Ja, wer ihr auf dieſe Frage eine Antwort gegeben hätte! Was ſollte ſie beginnen, wenn die Schreckniſſe der Belagerung auch über ſie hereinbrachen, wie ſie jetzt ſchon über ſo manche arme Familie hereingebrochen waren? 2 — — — 416— Was blieb ihr übrig, wenn der Hunger in den Eingeweiden wüthete und ſie ſich vergeblich nach der rettenden Hand eines Freundes umſchauen mußte? Arbeit? O, wie gerne hätte ſie gearbeitet, aber was galt in dieſer Zeit die Arbeit in Paris! Niemand verlangte ſie, Nieman bezahlte fie. Und doch waren ſo viele Frauen und Mädchen in Paris, welche ſich in derſelben Lage befanden! Juſtine hatte ihr geſagt, ein großer Theil derſelben ſei mit der Anfertigung von Patronen beſchäftigt, andere hätten als Kranken⸗ wärterinnen in den verſchiedenen Lazarethen ein Unterkommen gefun⸗ den, und eine weitere Zahl beſchäftigte ſich mit der Anfertigung von Luftballons. Aber wenn es ihr nun nicht gelang, ein ſolches Unterkommen zu finden? Wenn ſie auf die Straße hinausgeſtoßen wurde, was dann? Dann blieb ihr nur die Wahl zwiſchen dem Hungertod und der Schande. Louiſon bedeckte das Antlitz mit den Händen, ſie durfte ſo weit nicht denken, der Gedanke an die Nothwendigkeit dieſer Wahl drohte ſie wahnſinnig zu machen. Sie fühlte eine bleierne Schwere in allen Gliedern, es waren wohl die heftigen Gemüthserſchütterungen, was ihre Kräfte ſo voll⸗ ſtändig erſchöpft hatte. Vielleicht fand ſie Vergeſſenheit im Schlafe, vielleicht zeigte ihr Schutzengel ihr im Traume einen Ausweg aus dieſem Labyrinth von Sorgen und Gefahren. Sie dachte an die Vorräthe ihres Vaters, vielleicht war es dennoch für ſie das Beſte, wenn ſie zu ihm zurückkehrte, mochte er auch abermals ſie einſperren und als eine gefangene Verbrecherin behandeln. Sie kleidete ſich aus und ſank nach wenigen Minuten in tiefen Schlummer. Eine Stunde ſpäter kehrte Juſtine zurück. Madame Gourdin blickte betroffen auf, ſie ſchien das Mädchen heute Abend nicht mehr erwartet zu haben. Juſtine war gewohnt, ſcharf zu beobachten, ihr entging die Ver⸗ legenheit des alten Weibes nicht, ſie ahnte ſofort, daß derſelben eine beſondere Urſache zu Grunde liegen mußte. licher überle I im auch — 417— Die Alte ſchob ihr eine Taſſe Kaffee hin, das Mädchen nahm ſie mit in das Schlafzimmer. Juſtine wußte ſehr wohl, daß das Weib draußen lauſchte, und daß ſie jetzt Alles vermeiden mußte, was den Argwohn dieſes Scheu⸗ ſals wecken konnte, vorzüglich, wenn ſie die geheimen Abſichten dieſer Frau ergründen wollte. Sie trat auf das Bett zu, in welchem Louiſon ſchlief, ſie rüttelte das Mädchen, und als es nicht gelang, die Freundin zu wecken, ward ihr ſofort Alles klar. Aber die Faſſung verlor ſie nicht, ſie trällerte mit heller, fröh⸗ licher Stimme die Marſeillaiſe, um Madame Gourdin zu täuſchen und überlegte, was nun zu thun ſei. An Flucht war natürlich nicht zu denken, Louiſon war dazu nicht im Stande, und zu einem Kampf mit dem Weibe mochte es Juſtine auch nicht kommen laſſen, die Hausgenoſſen würden in dieſem Kampfe die Partei der Megäre ergriffen haben, die für ſolchen Fall ihre Vorkehrungen gewiß ſchon getroffen hatte. Nun, der Riegel war vor⸗ geſchoben, vorläufig konnte Juſtine ſich beruhigen, es war ja anzu⸗ nehmen, daß auch das Weib den Lärm zu vermeiden ſuchte. Madame Gourdin ſtand in der That vor der Thüre und horchte, und was ſie vernahm, ſchien ihr zur Beruhigung zu dienen, denn das boshafte, triumphirende Lächeln verſchwand nicht von ihren welken Lippen. „Sie ſingt“, murmelte ſie,„gut, das Singen wird ihr vergehen. Diesmal überliſte ich Dich doch, kleine Schlange, gib Acht, morgen wirſt Du ſo zahm ſein, wie ein Täubchen.“ Und als der Geſang nebenan verſtummte und ein Geräuſch er⸗ kennen ließ, daß das Mädchen ſich zu Bette legte, kicherte das alte Weib vergnügt in ſich hinein.— „Das Geſchäft iſt gemacht“, flüſterte ſie,„morgen müſſen die Goldfüchſe gezahlt werden. Lärm wird's geben— bah, was thut das, wir wiſſen ja, wie ein Trotzkopf gezähmt wird. Heulen und Jammern bringt die verlorene Unſchuld nicht zurück, und wenn der erſte Schritt erſt geſchehen iſt, bequemen ſich die Mädchen raſch, auf der Bahn weiter zu ſchreiten. Es war ja mit Juſtinen auch ſo. Stand⸗ haft bis zum erſten Schritt, dann ganz Feuer und Flamme, und ich wüßte nicht, daß ſie es jemals bereut hätte.“ Sie kehrte an den Tiſch zurück und ließ ſich in ihren Lehnſtuhl nieder, ein Zug innerer Befriedigung lag über ihr welkes Geſicht gebreitet. R. 27 Wieder verſtrich eine Stunde, als leiſe angepocht wurde, Madame Gourdin öffnete, Herr von Segur und die Wahrſagerin traten ein. „Wo iſt Juſtine?“ war die erſte Frage der Madame Leroi. „Sie ſchlafen Beide“, erwiderte ihre Genoſſin.„Ich hatte dar⸗ auf gerechnet, daß Juſtine die Nacht draußen zubringen werde, aber das Mädchen hat ſich vor einer Stunde wieder eingefunden. „Sie ſchöpfte keinen Verdacht?“ „Nein. Im Uebrigen hat das Schlafpulver ſie unſchädlich gemacht, ſie wird uns nichts in den Weg legen. Louiſon ſchläft ſchon länger.“ „So wäre alſo Alles in Ordnung“, nahm Segur das Wort. „Wo finde ich das Mädchen?“ „In der Kammer nebenan.“ „Juſtine wird wohl nicht den Riegel vorgeſchoben haben“, warf die Wahrſagerin beſorgt ein. „Glauben Sie denn, daran habe ich nicht gedacht?“ fragte Ma⸗ dame Gourdin ſpottend. Der Riegel iſt ſo loſe, daß ein ſchwacher Druck gegen die Thüre genügt, ihn zu beſeitigen.“ Sie hatte, während ſie das ſagte, eine Kerze angezündet, welche ſie dem Wüſtling überreichte, jetzt ſchritt ſie auf die Thüre zu und ſtemmte die ſpize Schulter gegen die Bretter. Der Ricgel fiel klirrend zu Boden, horchend blieben die Drei ſtehen. Drinnen regte ſich nichts, man hörte nur die tiefen Athemzüge der ſchlafenden Mädchen. „Nur vorwärts!“ ſagte Madame Leroi,„wir werden hier das Ende erwarten, ich hoffe, unſre Hülfe können Sie entbehren.“ Herr von Segur trat in das Zimmer, Madame Gourdin zog hinter ihm die Thüre zu. Linen Augenblick blieb es ſtill, die Weiber vernahmen nichts, dann aber ertönte plötzlich ein lauter, gellender Schrei, und als die Me⸗ gären nun die Thüre aufſtießen, bot ſich ihnen ein entſetzlicher Anblick. Mit aufgelöſtem Haar und flammenſprühenden Augen, in der erhohenen Hand einen blutgetränkten Dolch, ſtand Juſtine ihnen gegen⸗ über, vor ihr auf dem Fußboden lag der zuckende Körper des Wüſt⸗ lings, und das Todesröcheln bewies ihnen nur zu deutlich, daß der Stoß gut getroffen hatte. „Das iſt Euer Werk“, ſagte das Mädchen mit bebender Stimme, nich wälze die ganze Blutſchuld auf Euch, ſeht zu, wie Ihr ſie vor Gott und Eurem Gewiſſen verantworten könnt.“ ann ger- üſt⸗ ime, — 419— Madame Leroi war mit einem Schreckensruf zurückgeprallt, ihre Genoſſin hingegen ſchien entſchloſſen zu ſein, ſich auf das Mädchen zu ſtürzen. „Zurück!“ rief Juſtine, die jeder Bewegung der Megären folgte, „ſo wahr ich hier vor Euch ſtehe, wird dieſe Klinge auch Euer Herz durchbohren, wenn Ihr es wagt, mich anzurühren.“ „Du ſollſt es büßen“, knirſchte Frau Gourdin mit heiſerer Stimme, „dieſer Stunde ſollſt Du gedenken, bis Du Deinen Kopf unter das Henkerbeil legſt.“ „Für Euch iſt das Beil geſchliffen, nicht für mich“, entgegnete das Mädchen, ſich hoch aufrichtend.„Geht und ruft die Wache, elende Kanaille, wir werden gemeinſchaftlich in's Gefängniß wandern. Dann aber werde ich den Richtern Dinge erzählen, daß ihnen die Haare zu Berge ſteigen ſollen.“ „Was hatte dieſer Mann Dir gethan?“ ſchrie das Weib, deren Wuth durch die Ruhe Juſtinens geſteigert wurde.„Du haſt einen Mord begangen—“ „Geht und ruft die Wache“, unterbrach das Mädchen ſie verächtlich, „ſtrommelt die Hausgenoſſen zuſäammen, thut, was Ihr wollt, Ihr werdet nur die Vergeltung herausfordern! Und jetzt eiris⸗ oder bei Gott, ich ſchicke auch Euch in's Jenſeits.“ „Kommt, kommt“, ſagte Madame Lerdi mit einem giftigen Blick auf Juſtine,„mit der Raſenden iſt jetzt nichts anzufangen, wir müſſen warten.“ Inſtine trat auf die Weiber zu, ihre drohende Halkung ſchüchterte jetzt auch Madane Gourdin ein, hinter ihnen flog die Thüre in's Schloß, wenige Minuten ſpäter hatte das Mädchen dieſe Thüre von innen verbarrikadirt, um ſich gegen einen Ueberfall zu ſichern. Segur war todt, entſetzt wandte Juſtine den Blick von dem ſtarren, verzerrten Geſichte mit den weit geöffneten, gebrochenen Augen ab. Sie nahm das Waſchbecken und benetzte Stirn und Schläfen ihrer Freundin, welche der Lärm nicht geweckt hatte. Unermüdlich ſetzte ſie ihre Bemühungen fort, ohne dabei ihre Aufmerkſamkeit von der Thüre benbenden, ſie mußte ja auf Alles zefaßt ſein. Und als ſie nun zufällig wieder auf die Leiche blickte, ſah ſie den Boden mit Goldſtücken bedeckt, die aus den Taſchen des Wüſtli zefallen ſein mußten. 3 27*½ — 420— Dieſe überraſchende Entdeckung feſſelte ſofort die ganze Aufmerk⸗ ſamkeit des Mädchens, das Gold hatte in dieſer ſorgenſchweren Zeit doppelten Werth. Sie las die Goldſtücke auf und überwand ſelbſt ihr Grauen, um die Taſchen des Todten zu durchſuchen. Eine ſo reiche Ernte hatte ſie nicht erwartet, ſie vermuthete, es ſei der Sündenlohn, den die Megären ſich ausbedungen hatten und fie trug kein Bedenken, ſich die Beute anzueignen. In eine Reiſe⸗ taſche packte ſie die Rollen und Banknoten, dann legte ſie ihre Gar⸗ derobe und Wäſche hinein, um in jedem Augenblick zum Abmarſche gerüſtet zu ſein. Die kalten Waſchungen hatten inzwiſchen die betäubende Wirkung des Schlaftrunks gehoben, Louiſon erwachte und ſah verwirrt ihre Freundin an, die neben dem Bette ſtand, und deren ernſte Züge ihr ſofort verriethen, daß etwas Außergewöhnliches ſich ereignet haben mußte. „Steh' auf und kleide Dich an“, ſagte Juſtine,„wir müſſen dieſes Haus augenblicklich verlaſſen.“ Mechaniſch gehorchte Louiſon, der ſtechende Schmerz in ihrem Kopfe machte es ihr unmöglich, einen klaren Gedanken zu faſſen. Sie verließ das Bette; ihr erſter Blick fiel auf die Leiche, ein leiſer Schrei der Angſt und des Entſetzens entfuhr ihren Lippen. „Kennſt Du den Burſchen?“ fragte Juſtine höhnend. Im Schlaf ſollteſt Du an ihn verkauft werden, und die, welche Dich verkauft hatten, ſitzen nebenan und berathen, wie ſie ihr ſchändliches Werk vollenden wollen.“ Louiſon barg das Antlitz in ihre Hände, ihr ſchauderte vor der Gefahr, welche ſie bedroht hatte, der Anblick der Leiche war ihr entſetzlich. „Aber wie iſt das Alles gekommen?“ fragte ſie mit bebender Stimme.„Wer hat dieſen Mord begangen?“ „Nennſt Du es auch einen Mord?“ antwortete Juſtine vorwurfs⸗ voll.„Würdeſt Du nicht daſſelbe gethan haben, wenn die Waffe in Deiner Hand geweſen wäre? Die Taſſe Kaffee, welche das Weib Dir gab, betäubte Dich, Du warſt ſchutz⸗ und wehrlos dem Scheuſal preis⸗ gegeben. Auch mich wollte ſie betäuben, aber mich konnte ſie nicht überliſten. Dort ſteht der Kaffee, mag ſie ihn ſelbſt trinken, um für einige Stunden ihre Schande zu vergeſſen. Kleide Dich an, Louifon, wir müſſen gehen.“ — 421— „Und was geſchah dann?“ fragte Louiſon, während ſie der Auf⸗ forderung ihrer Freundin Folge leiſtete. „Dann hielt ich Wache; ich hörte den Riegel aus der Thüre fallen und ſah den Schurken eintreten.“ „Es iſt derſelbe, dem mein Vater mich verkaufen wollte.“ „Ich dachte es mir. Er näherte ſich Deinem Bette, und ich ſah das verzehrende Feuer der niedrigſten Leidenſchaft in ſeinen Augen lodern. Da warf ich mich auf ihn, und Du ſiehſt, ich habe ihn gut getroffen!“. „Entſetzlich!“ murmelte Louiſon, dann aber ſchlang ſie ihren Arm um den Nacken der Freundin und dankte ihr mit glühenden Worten für die Rettung aus dieſer Gefahr. „Ich war ſie Dir ſchuldig“, ſagte Juſtine ruhig,„ich hatte gelobt, Dich zu beſchützen, mein Verſprechen mußte ich einlöſen. Aber ich bitte Dich, beeile Dich, Louiſon.“ „Wohin ſollen wir flüchten?“ „Du wirſt es ſehen.“ „Vielleicht könnte ich jetzt zu meinem Vater zurückkehren, nachdem dieſer Bube beſeitigt iſt—“ „In keinem Falle, der alte Geizhals würde Dich wieder ein⸗ ſperren und neue Pläne erſinnen, um Dich auf die Bahn zu führen, auf der er ſelbſt die reichſte Ernte zu halten gedenkt. Nein, wir bleiben beiſammen, auf meine Freundſchaft darfſt Du bauen; ſo lange ich bei Dir bin, ſoll der Böſe keine Macht über Dich gewinnen. Biſt Du fertig?“ „Ja.“ „Nimm Alles mit, was Dein eigen iſt.“ „Ich habe nichts weiter, als die Kleider, die ich auf dem Leibe trage.“ „Gut, dann komme.“ Juſtine hatte die Barrikade ſchon fortgeräumt, ſie öffnete die Thüre. Die beiden Weiber ſaßen am Tiſche und tranken Branntwein. „He— wohin?“ krächzte die Wahrſagerin, als ſie die Mädchen eintreten ſah und in der Hand Juſtinens die Reiſetaſche bemerkte. „Was kümmert es Euch?“ erwiderte Juſtine gelaſſen.„Wir haben keine Verpflichtung, Euch darüber Rechenſchaft zu geben.“ „Ihr werdet bleiben!“ ſchrie Madame Gourdin, vor Wuth zitternd. Ihr ſchuldet mir beide noch Geld für Koſt und Logis, ich laſſe Euch nicht hinaus, ſo lange Ihr nicht den letzten Sous gezahlt habt!“ — 422— „Wollt Ihr wirklich uns daran hindern?“ fragte Juſtine ſpöt⸗ tiſch.„Wohlan, es wird einen heilloſen Lärm geben, aber Ihr müßt ja wiſſen, ob Euch dies nicht unangenehm werden kann. Die Haus⸗ genoſſen werden herbeilaufen, und vielleicht komnit auch noch von draußen die Wache, wir würden dann freilich Alle verhaftet, aber mir kann man nur beweiſen, daß ich aus Nothwehr den Schurken tödtete, dem Ihr die Unſchuld meiner Freundin verkauft hattet. Was man dagegen Euch beweiſen kann, das werde ich Euch vor dem Richter zeigen.“ Madame Gourdin war von ihrem Sitze aufgeſprungen, ſie ſchien entſchloſſen zu ſein, den Kampf aufzunehmen, nicht ſo die Wahrſagerin, die ihre Genoſſin am Kleide zurückhielt. „Laßt ſie gehen“, flüſterte Madame Leroi,„wir finden ſie wieder, dann haben wir freies Spiel; jetzt iſt die Geſchichte ohnehin verpfuſcht, und Lärm müſſen wir vermeiden.“ „Dieſe elenden Dirnen ſollen nicht triumphiren“, ſagte Madame Gourdin mit heiſerer Stimme. „Nein, ſie ſollen es nicht“, erwiderte ihre Genoſſin,„aber nur jetzt keinen Lärm, die Leiche zeugt gegen uns.“ Madame Gourdin ſank auf ihren Sitz zurück, ein flammender Blick traf aus ihren boshaften Augen die beiden Mädchen, die Arm in Arm der Thüre zuſchritten. Juſtine ſchob den Riegel zurück und öffnete, die Mädchen ſchritten hinaus und verließen das Haus. „Wohin nun?“ fragte Louiſon. „Rue Jean Jacques Rouſſeau, Nr. 46“, antwortete Juſtine. „Es iſt nicht ſehr weit von hier, und die kühle, friſche Nachtluft wird Dir wohlthun.“ Sie ſchritten eilig in der bezeichneten Richtung von dannen. Dann und wann begegnete ihnen ein Trupp berauſchter Soldaten; ſo oft ſie einen ſolchen bemerkten, traten ſie unter einen Thorweg oder hinter einen Mauervorſprung, weil ſie von der Rohheit dieſer Burſchen das Schlimmſte befürchten mußten. Aber da trotz der ſpäten Stunde die Straßen noch immer belebt waren, konnten ſie es nicht vermeiden, daß ſie zu verſchiedenen Malen von dem umher⸗ ſchweifenden Geſindel aufgehalten und mit rohen Spottreden verfolgt wurden; ſelbſt die Patrouillen der Nationalgarde, welche den Dienſt der öffentlichen Ordnung und Sicherheit verſahen, ließen es an ver⸗ letzenden Bemerkungen nicht fehlen. — 423— Es war ein unangenehmer und mit Gefahren verknüpfter Gang, und die Mädchen athmeten erleichtert auf, als ſie das Ziel ihrer Wanderung erreicht hatten. Das Haus war verſchloſſen. Juſtine zog an der Glocke, nach langem Warten wurde die Thüre geöffnet. „Wer da?“ rief die rauhe Stimme des Concierge, als ſie eintraten. „Wir wollen zu Madame Bouhon“, ſagte Juſtine, die raſch an das Fenſter der Schließerloge trat und dem wachſamen Hüter des Hauſes ein Geldſtück in die Hand drückte. „Drei Treppen, zweite Thüre links“, lautete die Antwort des Portiers, der jetzt einen ſehr freundlichen Ton anſchlug.„Warten Sie, meine Damen, ich werde Sie begleiten und Ihnen leuchten.“ Mit einer brennenden Kerze in der Hand trat er aus ſeiner Loge heraus; er muſterte die Mädchen mit einem prüfenden Blick, murmelte einige unverſtändliche Worte in den Bart und ſchritt ihnen voran die Treppen hinauf. „Sie ſind hier am Ziele“, ſagte er, vor einer Thüre ſtehen blei⸗ bend.„Aber was in aller Welt führt Sie ſo ſpät in der Nacht zu der armen Frau?“ „Wir ſind mit ihr verwandt“, erwiderte Juſtine ruhig. „Hm— die Frau hat ſelbſt nichts.“ „Eben deshalb bringen wir etwas.“ „Parbleu, dann werden Sie willkommen ſein. Klopfen Sie nur an, meine Damen, der Hunger hat einen leiſen Schlaf.“ Schon in der nächſten Minute wurde die Thüre geöffnet, im leichten Nachtgewande ſtand Frau Bouhon auf der Schwelle. Juſtine bat den Concierge, ihr die Kerze zu überlaſſen und trat mit ihrer Freundin ein. „Mein Gott, Sie ſind es?“ fragte die Wittwe überraſcht, als ſie jetzt das Mädchen erkannte. „Wie Sie ſehen, Madame“, erwiderte Juſtine heiter,„und ich danke dem Himmel, daß wir endlich ein Obdach gefunden haben, unter dem wir vor den Verfolgungen unſerer Feinde geſichert ſind. Sie hatten mich früher erwartet, aber es war mir nicht möglich, mein Verſprechen eher einzulöſen.“ In ſprachloſem Erſtaunen betrachtete Frau Bouhon noch immer die beiden Mädchen, die ihre Blicke fragend durch das kahle, dürftig ausgeſtattete Zimmer ſchweifen ließen. — — 424— Auf einem Strohſacke lagen die vier Kinder der Wittwe, ſie hielten ſich umſchlungen und lächelten im Schlaf; es war ein lieb⸗ liches Bild, welches die Mädchen mit Entzücken betrachteten. „Das iſt Ihr Werk“, ſagte die Mutter bewegt,„ich danke Ihnen noch heute tauſend, tauſendmal dafür! Mußte es mir nicht das Herz brechen, als dieſe reizenden Geſchöpfe nach Brod ſchrieen, um ihren Hunger zu ſtillen?“ „O, ſtill, ſtill“, erwiderte Juſtine leiſe, ſtören wir nicht ihren Schlaf. Bewohnen Sie nur dieſes eine Zimmer?“ „Ja.“ „So werden Sie uns kein Obdach geben können.“ „Ihnen gebe ich Alles, was ich habe—“ „Nicht ſo, reden wir ruhig und vernünftig darüber. Wir ſind verfolgt, wir haben keine Freunde, zu denen wir flüchten können Aber wir bedürfen nichts weiter, als eine Wohnung, Madame, mit Geld ſind wir hinreichend verſehen.“ „Die Zimmer nebenan ſtehen leer“, ſagte Frau Bouhon,„eine deutſche Familie bewohnte ſie; kurz nach dem Ausbruch des Krieges mußte ſie flüchten.“ „Wohlan, ſo werden wir dieſe Zimmer miethen.“ „Ich hoffe, ſie genügen Ihnen.“ „Wir nehmen mit der beſcheidenſten Manſarde vorlieb“, verſetzte Juſtine.„Ich ſagte Ihnen ſchon, Geld haben wir genug. Wir werden fortan eine einzige Familie bilden, Ihre Kinder ſollen nicht mehr darben.“ „Aber darf ich das annehmen?“ „Gewiß, Sie beſorgen die Einkäufe, Madame, und führen den Haushalt, außerdem werden Sie uns dadurch vor den Verfolgungen unſerer Feinde ſchützen, daß Sie etwaigen Nachforſchungen mit der Erklärung entgegentreten, wir ſeien Ihnen gänzlich unbekannt.“ „Und das iſt Alles?“ fragte Frau Bouhon. „Alles, Madame, das Weitere erzählen wir Ihnen morgen, ſo⸗ bald ich mit dem Concierge geſprochen und die Zimmer gemiethet habe. Jetzt wollen wir ſchlafen.“ „Leger Sie ſich dorthin“, ſagte die Wittwe, auf einen Strohſack zeigend, auf dem ſie ſelbſt geruht hatte, aber die Mädchen wollten dieſes uneigennützige Anerbieten nicht annehmen, ſie beharrten dabei, auf einem Stuhle übernachten zu wollen. bir Juſtine mit ihrem heiteren Temperament hatte bald einen Aus⸗ weg gefunden, ſie breitete einen Theil ihrer Garderobe auf dem Fuß⸗ boden aus und ſchaffte ſo für ſich und ihre Freundin ein Lager, welches freilich Manches zu wünſchen übrig ließ, aber für eine Nacht immerhin genügen konnte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Der Falſchmünzer. Erneſt und Paul waren ohne vorheriges Verhör in eine Ge⸗ fängnißzelle gebracht worden, in der ſie einen ſchon bejahrten, hageren Mann fanden, der eine ſchwarze Binde um das rechte Auge trug und eleganter gekleidet war, als man es von dem Bewohner einer Kerkerzelle hätte erwarten können. Die eiſerne Thüre wurde geſchloſſen; die Freunde ſahen ſich mit ihrem Schickſalsgefährten allein, der in einer Ecke der ziemlich ge⸗ räumigen Zelle ſtand und mit dem einen Auge die Beiden prüfend muſterte. „Und das nennt man Gerechtigkeit?“ rief Paul wüthend.„Muß man nicht ſofort uns verhören, ſich überzeugen, ob wir ſchuldlos ſind oder nicht? Bei Gott—“ „Geduld, mein Freund“, fiel Erneſt ihm beruhigend in's Wort, „mit Vorwürfen und Beſchwerden werden wir nichts ändern. Der Marquis wird ſchon dafür geſorgt haben, daß wir hier vergeſſen werden, es liegt ja in ſeinem Intereſſe, uns zu beſeitigen, und er weiß ſo gut wie wir, daß ein Verhör unſere Schuldloſigkeit an den Tag bringen müßte.“ „Ein Verhör!“ ſpottete der Einäugige.„Was berechtigt Euch zu dieſer Forderung? Wißt Ihr denn nicht, daß wir nur die Perſonen, nicht aber das Syſtem der Regierung geändert haben?“ „Ja, Sie haben Recht“, ſagte Paul,„dieſe Republikaner ſind ganz dieſelben Despoten.“ „Vielleicht ſind ſie noch ſchlimmer, wie die kaiſerliche Regierung“, erwiderte der Einäugige achſelzuckend.„Verhaften kann Jeder, der die Gewalt hat, aber Gerechtigkeit üben—“ „Bah, Gerechtigkeit“, höhnte Paul.„Mir ſcheint, die berüchtigten lettres de cochet, die geheimen Haftbefehle, ſollen wieder eingeführt — —ᷣ————— — 426— werden. Wollen Sie es glauben, mein Herr, daß wir beide nur auf Betreiben eines perſönlichen Feindes verhaftet worden ſind?“ „Wehe dem Schurken, wenn wir wieder frei ſind!“ knirſchte Erneſt, der jetzt ſelbſt ſeiner Aufregung nicht mehr gebieten konnte. „Ob ich das glauben will?“ fragte der Einäugige lachend.„Ge⸗ wiß, unter dieſer Regierung iſt ja Alles möglich. Die Herren, die an der Spitze ſtehen, denken nur an ſich und ihre guten Freunde. Der Eine will ſeinen Ehrgeiz, der Andere ſeine Habſucht befriedigen, der Dritte will an reichbeſetzter Tafel ſchwelgen, der Vierte— ah, bah, es iſt eine Komödie, aber dieſe Komödie wird Frankreich ruiniren und ihm den ſchmachvollſten Frieden dictiren. He, glaubt man denn, die Preußen zurückwerfen zu können, nachdem ſie ſchon bis Paris vorgedrungen ſind? Man wird die Stadt behaupten, Tauſende nutzlos opfern und ſchließlich dennoch den dictirten Frieden unterzeichnen müſſen.“ „Darf ich fragen, mit wem wir die Ehre haben?“ wandte Erneſt ſich zu ihm. „Mein Name iſt Pierre Dorman.“ „Und der Grund Ihrer Verhaftung?“ „Ja, wenn ich ihn ſelbſt wüßte!“ ſeufzte der Einäugige mit einer ſo niedergeſchlagenen Miene, daß die Freunde ſich eines Gefühls der Theilnahme nicht erwehren konnten.„Ah, auch ich bin das Opfer einer ſchändlichen Intrigue!“ „Aber Ihnen iſt es vielleicht im Grunde gleichgültig, ob Sie ſich hier oder anderwärts befinden“, ſagte Erneſt.„Sie ſtehen allein, haben keine Familie.“ „Nein, ich habe keine Familie“, unterbrach Dorman ihn dumpf. „Aber es gab eine Zeit, meine Herren, in der ein liebendes und ge⸗ liebtes Weib daheim am häuslichen Heerde ſchaltete und zwei liebliche Kinder mich liebkoſ'ten. Das war vor dem Jahre 1851, vor dem großen Verbrechen des zweiten Dezember. Der Mann, der durch einen Meineid und durch Mord ſich die Kaiſerkrone gewann, ließ durch ſeine Schergen auch mein Weib und meine Kinder niedermetzeln. Sie gingen an jenem Tage aus, um auf den Boulevards zu ſpa⸗ zieren, ich ſah ſie nicht wieder. Man ſagte mir, ſie ſeien in dem Gemetzel gefallen und jetzt nur noch eine ſormloſe, blutende Maſſe, ich war raſend vor Schmerz und Wuth; ich wollte mich in die blut⸗ triefenden Bayonnette der betrunkenen Beſtien ſtürzen, die der mein⸗ ———.—· s eidige Präſident Napoleon auf die friedlichen Bürger gehetzt hatte, aber man gönnte mir dieſen letzten Troſt nicht. Man ſchleppte mich in den Kerker und brachte mich nach Cayenne, dort ſollte ich ſpurlos verſchwinden. Wie es mir möglich wurde, von dieſem Ort des Schreckens zu entkommen, das erzähle ich Ihnen vielleicht ſpäter ein⸗ mal, es war ein Unternehmen reich an Gefahren, Strapazen und Abenteuern, aber es gelang mir, ich verlor dabei nichts weiter, als das rechte Auge.“ 1 „Sie kehrten nach Frankreich zurück?“ fragte Paul. „Nach Paris, mein Freund, und es war mir außerordentlich gleichgültig, ob man mich hier erkannte oder nicht. Ich zeigte mich öffentlich, ich beſuchte meine früheren Freunde, forſchte dem Grabe meiner Angehörigen nach und benutzte jede Gelegenheit, der erbärm⸗ lichen kaiſerlichen Regierung Oppoſition zu machen.“ „Dann wundert es mich nicht, daß Sie wieder verhaftet wur⸗ den“, warf Erneſt ein. Der Einäugige hatte ſich auf die Steinplatten des Fußbodens niedergekniet, er hob eine dieſer Platten auf und holte aus dem Verſteck unter ihr eine Flaſche und ein kleines Käſtchen. Nachdem er die Flaſche entkorkt und einen kräftigen Schluck aus ihr genommen hatte, überreichte er ſie den jungen Leuten, die ſein Treiben mit wachſendem Erſtaunen erfüllte. „Sie ſehen, ich werde hier gut bedient“, ſagte er lächelnd,„trinken Sie, es iſt echter Cognac. Um auf den Grund meiner Verhaftung zurückzukommen, ſo frage ich Sie, ob vieſts Tauſend⸗Franken⸗Billet echt oder unecht iſt.“ Erneſt betrachtete aufmerkſam die Vanknote, welche Dorman aus dem Käſtchen genommen hatte, dann gab er ſie dem Freunde, der ebenfalls ſie prüfte. „Unzweifelhaft echt!“ lautete ſein Urtheil. „Ich kann nicht darüber urtheilen“, verſetzte Paul,„ich bin nie in der glücklichen Lage geweſen, ein ſolches Billet zu beſitzen.“ „Die Polizei will behaupten, das Billet ſei falſch“, ſagte der Ein⸗ äugige in ſarkaſtiſchem Tone,„und die Polizei iſt zu allen Zeiten unfehlbar geweſen. Man hat mich verhaftet und beſchuldigt, daß ich ſelbſt das Billet angefertigt habe, man mußte ja einen Vorwand haben, um mich zu verderben. Ergriff man den entflohenen Ver⸗ bannten, ſo mußte man mich nach Cayenne zurückbringen, und man 1 —— —— wußte, daß ich zum zweiten Male die Flucht ergreifen würde. Könnte man mir aber beweiſen, daß ich ein Falſchmünzer ſei, dann verurtheilte das Geſetz mich zur Galeere und ich wäre für den ganzen Reſt meines Lebens ein entehrter, gebrandmarkter Verbrecher.“ „Sind Sie ganz ſchuldlos?“ fragte Erneſt, deſſen Blick forſchend auf dem Manne ruhte. „Bah, was läge daran, wenn ich wirklich ſchuldig wäre! Der Staat hat mein Vermögen confiscirt, mein Weib und meine Kinder ermordet, mich mit dem Bettelſtab in der Hand in die Verbannung geſchickt, welche Schonung hätte ich ihm gegenüber nehmen müſſen? Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ Erneſt ſchüttelte den Kopf, dieſe Philoſophie gefiel ihm nicht. „Falſchmünzerei iſt ein entehrendes Verbrechen“, ſagte er,„zu ſolchen Mitteln darf auch berechtigte Rache nicht greifen. Ein Anderes wäre es geweſen, wenn Sie dem Kaiſer den Dolch in's Herz ge⸗ ſtoßen hätten.“ „Das iſt leichter geſagt, als gethan“, ſpottete Dorman, während er das Billet in das Käſtchen zurücklegte, in welchem ſich außer einem Päckchen Banknoten mehrere feine Inſtrumente befanden,„Napoleon wußte ſehr genau, daß auf jedem Schritt und Tritt die Rache ihm folgte, er ſorgte dafür, daß die Hand eines Rächers ihn nicht er⸗ reichen konnte. Und im Grunde genommen, meine Herren, kann man's hier ſchon aushalten, wir werden wenigſtens nicht verhungern. Man ſagt, in der Stadt herrſche Noth und Elend überall—“ „Aber die Freiheit geht doch über Alles!“ fiel Paul ihm in's Wort.„Und wir müſſen Rache nehmen an dem Elenden, der uns durch erbärmliche Machinationen hieher gebracht hat.“ „Ah, die Freiheit!“ nickte der Einäugige.„Würden Sie etwas wagen können, um ſie zu gewinnen?“ „Alles!“ „Auch das Leben?“ „Zeigen Sie uns einen Weg, auf dem wir hinausgelangen können“, erwiderie Erneſt erregt,„wir werden ihn gehen, führte er auch durch's Feuer.“ Wieder umzuckte ein ſarkaſtiſches Lächeln die Lippen des Falſch⸗ münzers. „Sie würden hier keinen Weg entdecken“, ſagte er.„Dieſe Mauern ſind dick, dieſe Eiſenſtäbe vor dem Fenſter widerſtehen der nd Kraft eines Herkules, und um das Schloß der Thüre zu öffnen, fehlt es Ihnen an Inſtrumenten, abgeſehen davon, daß auch dann noch ſchwere eiſerne Riegel beſeitigt werden müßten.“ „Aber Sie kennen einen Weg!“ ſagte Paul. „Ja, mein Freund, indeß iſt die Sache nicht ſo leicht, wie Sie möglicherweiſe glauben. Mit dieſer ſtählernen Uhrfeder will ich die Eiſenſtäbe glatt durchſägen, ein kräftiger Stoß und die Stäbe fallen. Aber, was dann? Unter uns gähnt eine Tiefe von achtzig Fuß und ſelbſt, wenn wir eine Strickleiter hätten, die ſo lang wäre, würden wir uns in einem von hohen Mauern umſchloſſenen Hofe beſinden, auf dem mehrere Schildwachen ſtehen.“ „Alſo iſt das nichts!“ ſagte Erneſt. „Hinunter können wir freilich nicht, aber hinauf würde es viel⸗ leicht gehen. Wenn einer von Ihnen frei von Schwindel und ein guter Turner iſt, ſo dürfen wir das Werk wagen.“ Der Einäugige ſah bei dieſen Worten die Beiden forſchend an. Paul zuckte zuerſt die Achſeln und erklärte, daß er ſich nicht rühmen könne, ein guter Turner zu ſein. „Alſo müßte ich das übernehmen“, verſetzte Dorman, nachdem Erneſt ſich der Erklärung ſeines Freundes angeſchloſſen hatte.„In⸗ deß in Geſellſchaft iſt die Reiſe immerhin angenehmer, als wenn man ſie allein machen muß. Ich will Ihnen meinen Plan entwickeln. Sobald das Fenſter frei iſt, klettere ich an der Dachrinne hinauf, die dicht neben dem Fenſter hinunterführt; oben auf dem Dache befeſtige ich die Strickleiter, Sie ſteigen hinauf, und es bleibt uns dann nur übrig, irgend ein Dachfenſter zu fuchen, durch welches wir unſern Weg fortſetzen können.“ „Mir ſcheint, der Plan iſt noch ſehr unreif“, ſagte Paul. „Ich kann nicht mehr verſprechen, als in der Möglichkeit liegt, ich bin mit den Einrichtungen dieſes Gebäudes nicht vertraut und weiß augenblicklich ſelbſt noch nicht, welchen Weg wir einſchlagen ſollen, wenn wir oben auf dem Dache ſind. Aber kommt Zeit, kommt Nath, und ſind wir erſt aus dieſem Raume entwiſcht, ſo wird das Andere ſich auch wohl finden.“ „Nehmen wir in Gottes Namen den Vorſchlag an“, rieth Erneſt, „wenn wir nicht ſelbſt uns befreien, ſo können wir Wochen, Monate hier zubringen, ohne daß man ſich unſerer erinnert.“ „Jahre ſogar!“ erwiderte der Einäugige.„Nach dem Frieden —— — 430— mit den Preußen kommt der Bürgerkrieg. Die Republikaner ſind mit dieſer Regierung nicht zufrieden, die Orleaniſten und die Anhänger Napoleon's werden ebenfalls zu den Waffen greifen, und wer kenn wiſſen, wann und wie der Bürgerkrieg enden wird. Wir müſſen ſelbſt uns helfen, und je raſcher wir es thun, deſto beſſer iſt es für uns. Sohbald die Nacht angebrochen iſt, beginnen wir mit dem Durch⸗ ſägen der Eiſenſtäbe, wir löſen uns einander ab, während einer ar⸗ beitet, kann der zweite ſchlafen, der dritte muß wachen und auf jedes Geräuſch horchen, damit die Wache uns nicht überraſcht.“ Die Freunde waren mit dieſem Vorſchlage einverſtanden. Der Einäugige belehrte ſie über den Gebrauch der verſchiedenen Inſtru⸗ mente, die er in ſeinem Käſtchen aufbewahrte und entwarf den weiteren Fluchtplan, der indeß keinen Werth haben konnte, da er ſich auf Ver⸗ muthungen ſtützte. Im Laufe des Nachmittags brachte der Schließer ihnen ein ſehr einfaches, aber doch genießbares Eſſen. Er war keiner von den mürriſchen, verdroſſenen Leuten, die man in der Regel auf dieſen Poſten trifſt, im Gegentheil, er war noch jung und beſaß dabei ein freundliches, heiteres Temperament. Als Erneſt ihn fragte, ob man ſie noch heute verhören werde, gab er lachend zur Antwort, es warteten noch ſo viele Unterſuchungs⸗ gefangene auf das erſte Verhör, daß man wohl binnen Jahr und Tag die Arbeit nicht bewältigen könne; man müſſe Geduld haben, und im Grunde ſei es immerhin beſſer, ohne Verhör hier zu ſitzen, als vom Kriegsgericht zum Tode verurtheilt zu werden. Im Uebrigen, erklärte er, ſei er gerne bereit, den Gefangenen alle möglichen Annehmlichkeiten zu verſchaffen, vorausgeſetzt, daß ſie die Mittel beſäßen, ſeine Auslagen zu erſetzen. Der Einäugige ger ihm fünf Franken mit der Bitte, ihm eine Flaſche Branntwein und einige Cigarren zu verſchaffen, auch Erneſt opferte zu dieſem Zweck einige Franken.— Der Reſt des Tages verſtrich raſch unter wechſelſeitigen Geſprächen, die Nacht wurde der Arbeit gewidmet. Es war eine mühſame, anſtrengende Arbeit, die nur ſehr langſam gefördert wurde. Aber man hatte doch ſchon in der erſten Nacht einen Fortſchritt gemacht und ſo gering dieſer Fortſchritt auch ſein mochte, erfüllte er doch die Herzen der Gefangenen mit freudiger Hoffnung. —————ͦꝓ)— r 1 Von draußen drang keine Kunde zu ihnen, das Wenige, was der Schließer ihnen berichtete, konnte nicht genügen, ihre Wißbegierde zu befriedigen. So verſtrichen mehrere Tage, eine Stange war jetzt ſo weit durch⸗ ſägt, daß man hoffen durfte, ſie mit einem kräftigen Stoß beſeitigen zu können, es galt nun auch, die zweite Stange durchzuſägen. Die Tage wurden dazu benutzt, eine Strickleiter anzufertigen, was eben⸗ falls mit großen Schwierigkeiten verknüpft war. Der Erfindungsgeiſt des Einäugigen zeigte ſich unerſchöpflich. Das ſtarke Leinen der Strohſäcke, auf denen die Gefangenen ſchliefen, lieferte ihm vortreffliches Material, welches er ſo geſchickt zu benutzen verſtand, daß er auch nicht das Geringſte verſchwendete, und in der Verſchlingung der einzelnen Knoten, die außerordentlich ſtark ſein mußten, zeigte er eine ſo große Fertigkeit, daß die Freunde ſich der Vermuthung nicht erwehren konnten, er müſſe ſich ſchon oft in ähnlicher Lage befunden haben. Der Schließer merkte von all' dieſen Arbeiten nichts. Sehr na⸗ türlich! Wenn er draußen ſich vernehmen ließ, verſchwanden ſofort alle Inſtrumente und Materialien in dem Verſtecke unter der Steinplatte. Aber ſeltſam, trotz dieſes Beiſammenſeins, trotz des gemeinſchaft⸗ lichen Geſchicks und trotz aller Gefahren, die ſie gemeinſam beſtehen wollten, konnten die Freunde dem Einäugigen dennoch ihr volles Ver⸗ trauen nicht ſchenken. Oft blitzte eine jähe Gluth in ſeinem Auge auf, vor der ſie er⸗ ſchraken, und wenn der Branntwein ihm in den Kopf ſtieg, führte er mitunter Reden, welche ſie entſetzten. Dazu kam, daß Erneſt während der Arbeit die verhängnißvollen Buchſtaben T. F. auf dem Arme Dorman's geſehen haben wollte, dieſes Brandmal, welches den Galeerenſträflingen mit glühendem Eiſen aufgedrückt wurde. Nit einem politiſchen Gefangenen würden ſie ſich raſch befreun⸗ det haben, mit einem Verbrecher konnten ſie es nicht. Nichtsdeſto⸗ weniger ſetzten ſie auf ſeinen Plan und auf ſeine Ge Hoffnungen, es war ja unzweifelhaſt, daß für ſie kein anderer Weg aus dem Kerker führte, daß der Marquis alle hatte, ihre Freilaſſung zu verhindern. Wenn Erneſt an den Marquis dachte, dann ſchäumte das Blut wild auf in ſeinen Adern, er hätte dieſen Mann erwärgen können, chicklichkeit alle Vorkehrungen getroffen — 432— ohne Furcht vor ſpätern Gewiſſensbiſſen, ſo tief und glühend haßte er ihn. Er dachte auch eben jetzt daran, als draußen Schritte erſchallten und die Thürriegel zurückgeſchoben wurden. Im Nu waren Särickleiter, Leinwand und Inſtrumente unter der Steinplatte verſchwunden, der Einäugige warf ſich auf ſein Bett, Erneſt und Paul ſchritten plaudernd und lachend in der Zelle auf und nieder. Die Thüre wurde geöffnet und der Schließer trat ein. „Lafleur, da iſt ein junger Mann, der Sie zu ſprechen wünſcht“, ſagte er,„ein Freund, der nichts weiter will, als ſich nach Ihrem Befinden erkundigen.“ „Laſſen Sie ihn eintreten!“ erwiderte Erneſt, den dieſe Nachricht überraſchte. „Oho! Denken Sie, hier könnten Sie Befehle ertheilen?“ ſcherzte der Schließer.„Parbleu, dieſes Haus iſt kein Palais, Sie ſind kein vornehmer Herr, und ich bin kein Lakai. Und wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ſo muß ich erklären, daß es nicht einmal in meiner Be⸗ fugniß liegt, dieſe Zuſammenkunft zu erlauben.“ „Seltſam!“ ſpottete Dorman.„Ein Kerkermeiſter mit einem weichen Herzen, das iſt eine Seltenheit.“ „Und wo finde ich meinen Freund?“ fragte Erneſt. „Kommen Sie mit.“ „Sieh Dich vor“, warnte Paul,„wahrſcheinlich iſt es der Mar⸗ quis, der Dir ſeine Theilnahme bezeigen will, um jeden Verdacht in Deinem Herzen zu erſticken.“ Erneſt folgte dem Schließer, er fühlte, daß es ihm unſäglich ſchwer fallen würde, dem Marquis ruhig gegenüber zu treten. Um ſo größer und freudiger war ſeine Ueberraſchung, als er in dem Zimmer, in welches der Schließer ihn führte, ſtatt des Edelmannes ſeinen Freund Jean erblickte. „Endlich werde ich Nachrichten erhalten“, ſagte er, indem er dem Gefreiten beide Hände entgegenſtreckte,„Anworten auf die Fragen, die mich unabläſſig quälen. Haſt Du Marie gefunden?“ „Nur Jeduld, Eins nach dem Andern“, erwiderte Jean.„Marie? Nein, ick habe nich die Ehre jehabt. Beim Marquis bin ick geweſen, aber wer hinausgeworfen wurde, det war ick, dat heeßt, der Portier ſchlug mir die Thüre vor der Naſe zu und ick hatte nich mal Zeit, ihm vor die Höflichkeit zu danken.“ scluze, Dele d der C aris. 8 2 2 8 Mitglie Das ſchreckte Dich natürlich ab“, ſagte Erneſt, deſſen 77 ſich umwölkte.„Du haſt den fehlgeſchlagenen Verſuch nicht erneuert? „Nanu, ick werde doch keen Schafskopp ſind! Mit großen Herren is nich gut Kirſchen eſſen, un wat ſollte ick denn dem Marquis ſagen? aß er en Schuft is? Ick denke, det wird er ſelbſt wiſſen und wenn ick et ihm ſagte, dann könnte ick ooch hier brummen.“ „Du hätteſt wenigſtens verſuchen ſollen, dem Fräulein ein Billet in die Hände zu ſchmuggeln“, erwiderte Erneſt ärgerlich.„Ein Gold⸗ ſtück würde den Portier gefügig machen—“ 4 „Na ja, ick werde ſehen, ob et ſich machen läßt. Vielleicht wird Juſtine det übernehmen.“ „Haſt Du ſie gefunden?“ „Natürlich, en reizendes Frauenzimmer!“ ſagte der Gefreite mit leuchtenden Augen.„Ick ſage Dir, Paul kann ihr nich genug danken! Wenn ſie nich geweſen wäre, hätte der Schuft Louiſon überwältigt, die ollen Weiber hatten Allens gut vorbereitet, das Mädchen ſchlief wie en Dachs, und der Schuft ſtand ſchon vor ihrem Bett.“ „Welcher Schuft?“ fragte Erneſt beſtürzt. „Nanu— Segur.“ „He, iſt der Burſche nicht in der Seine ertrunken?“ „Ne, damals nich, aber nanu is er todt und bejraben. Inſtine hat ihm eenige Zoll kaltes Eiſen in's Herz jeſtoßen, det konnte er nich vertragen.“ „Und Louiſon iſt nun bei Juſtine?“ „Ja, aber wo die Beeden wohnen, det is en Jeheimniß, ick werde et Euch enthüllen, wenn Ihr wieder frei ſeid. Die Sorge hat Paul weniger, Louiſon is gerettet, un ick ſchütze ihr, wenn's Noth thut.“ „Und Madame Leroi?“ „Der olle Drachen möchte mir gerne was am Zeuge flicken, aber ick bin ihr zu ſchlau. Donnerwachsſtock, ick freue mir uff die Abrech⸗ nung, wenn Ihr erſt wieder frei ſeid.“ „Es wird eine gründliche Abrechnung mit Allen ſein“, ſagte Erneſt, die Brauen finſter zuſammenziehend,„mit ihr und auch mit dem Mar⸗ zuis, der mich ſo ſchnöde betrogen hat. Haſt Du ſchon etwas zu unſerer Befreiung gethan?“ „Hol' mir der Deubel, ick habe Allens verſucht, aber der Schließer will ſich nicht beſtechen laſſen, und auf anderem Wege is niſcht zu machen.“ . . 28 4 ½ Mol†,⸗ „So unterlaſſe alle weiten einigen Tagen wirſt Du uns hoſſe utlich wiederſehen. Forſche nicht, Jean, ich darf nichts verrathen.“ „Na, ick verſtehe ſchon“, nickte Jean.„Sodann war jeſtern'ne junge Dame bei mir, die Dir beſuchen wollte, eine Mademoiſelle Mouſſon.“ Ke iſt hätte ſie Dir nicht beſuchen können. ſideles Franen⸗ zimmer, Erneſt, aber ick begreife doch nich, wie Du mit ior—“ „Sie iſt meine Jugendgeſpielin“, ſiel Erneſt ihm in die Nede. „Als ick ihr fagte Du ſeiſt im Kaſchott, lachte ſie recht herzlich, der Denbel, große Freude zu machen, Dir in 7 es ſchien ihr, hol' mir Nummer Sicher zu wiſſen.“ „Alles Lug und Trug“, ſagte Erneſt mit verachtender Gering⸗ ſchätzung.„Wer die Launen eines Weibes ergründen, ihre heuch⸗ leriſchen Masken durchſchauen könnte! Bah, ſie ſoll mich nicht mehr täuſchen und bethören. Was gibt es ſonſt Neues?“ „Schlechte Nachrichten für Frankreich.“ 1 „Ich erwarte keine guten.“ „Straßburg hat kapitulirt.“ „Straßburg, die ſchöne, ſtolze Stadt! Wann geſcha „Am achtundzwanzigſten September.“ „Und was ſagt Paris dazu?“ „Die Stimmung iſt gedrückt, man nennt den General Uhrich einen Verräther.“ „Bah, man wird auch Trochu einen Verräther nennen, wenn der Hunger Paris zur Kapitulation gezwungen hat. Wie ſteht es bei Metz?“ „Hm, es laufen dunkle Gerüchte um, man will wiſſen, Bazaine p 2 21 h es? unterhandle bereits mit Bismarck, er wolle Armee und Feſtung gegen klingende Münze übergeben.“ Erneſt zuckte die Achſeln. „Ich ſchäme mich, dieſer Nation anzugehören“, ſagte er mit beben⸗ der Stimme.„Sie beſchimpft Alles, ſie tritt Alles in den Koth, ſie hat nicht den Muth, einzugeſtehen, daß ſie ſelbſt den größeren Theil der Schuld an allem Elend trägt, welches über Frankreich herein⸗ gebrochen iſt. Und wer dürfte wagen, ihr das in's Geſicht zu ſagen?“ zen. nehr „Na, ja, das Jeſindel führt gegenwärtig das R der Gefreite mit gedämpfter Stimme,„ick wollte, ick wäre wie eder in meiner Compagnie. Donnerwachsſtock, Du haſt mir'nen ſchlechten Streich geſpielt.“ „Oaſt Du Juſtine ſchon vergeſſen?“ „Das freie Leben draußen is mir lieber. Wenn ick nur wüßte, wie ick wieder hinauskommen könnte!“ „Beruhige nidh es ſind noch mehr Kriegsgefangene in Paris, mein guter Freund, ſie haben es nicht ſo gut, wie Du! Du haſt Deinen freien Will 8 kannſt ſpazieren gehen, Dir das Leben und Treiben anſehen—“ „Det habe ick ooch ſchon ſatt“, mmte der Gefreite.„Hol' mir der Deubel, wenn noch mal en Au uut gemacht wird, ziehe ick Deine Uniform an und gehe mit.“ „Hat ſchon ein Ausfall ſtattgefunden?“ „Vorgeſtern, am dreißigſten September. Vinoy hat mit ſeinem Corps ſich'ne Schlappe geholt.“ „Er wurde geſchlagen?“ „Total! Natürlich wird's wieder nich eingeſtanden, im Jejentheil Trochu will die Leute glauben machen, es ſeien Vortheile errungen worden, aber die Maſſe von Verwundeten, die man gebracht hat und die fliehenden Soldaten, die einen heilloſen Reſpect vor den Deutſchen mitbrachten, haben den Pariſern die Oogen geöffnet. Es kommt mir manchmal vor, als ob ick in'nem großen Tollhauſe wäre, die Kanaille arretirt Allens, Soldaten und Offiziere, un wer mit den Leuten ver⸗ nünftig reden will, den werfen ſie in die Seine. Dabei wird raiſonnirt und ſchwadronirt, dat Einem Hören und Sehen verjeht, Jeder will die ganze preußiſche Armee mit einem Schlage vernichten können, da große Maul is immer vorauf.“ „So lange, bis die deutſchen Bomben hineinfahren“, ſagte Erneſt gedankenvoll.„Man hört von der Beſchießung noch nichts?“ „Nein, aber man erwartet ſie von Tag zu Tag.“ „Ich denke, wenn die erſten Bomben in unſeren Straßen platzen wird die Vernunft die Oberhand gewinnen.“ Der Gefreite ſchüttelte den Kopf. „So lange Paris noch Proviant hat, um die Truppen und die Nationalgarden zu ernähren, ergibt es ſich nicht“, ſagte er.„Man bereitet ſich uff die Beſchießung vor. Ueberall ſind gefüllte Waſſer⸗ 0* 28* g 436 eimer in den Häuſern, das Pflaſter auf den Höfen is aufgeriſſen, viele Familien wohnen ſchonſt im Keller. Die öffentlichen Gebäude haben alle Fenſter mit Sandſäcken verbarrikadirt, und uff'ner großen Menge von Häuſern ſind Fahnen mit dem rothen Kreuz und Kon⸗ ſulatsflaggen aufgehißt. Na, ick lache darüber und denke mir, die preußiſche Artillerie wird die ollen Taſchentücher nich ſehen können. Butter, Eier und Milch ſind nich mehr zu haben, aber Brod und Pferdefleiſch gibt's noch genug, und wer Geld hat, kann heute noch fein diniren. Hol' mir der Deubel, wenn ick jetzt fünfzigtauſend Pfund Butter hätte! Ick wäre binnen drei Tagen en reicher Mann, aber wer zu elf Pfennigen ausgeprägt is, aus dem wird niemals en Silbergroſchen.“ „Bemerkt man noch nichts von revolutionären Bewegungen?“ fragte Erneſt. „Hm, man munkelt viel, die Nationalgarden von Belleville wollen die Commune, aber ick gloohe nich, daß ſie den Muth haben, das durchzuſetzen. Na, ick werde wohl gehen müſſen, alſo darf ick ſagen: uff Wiederſeh'n?“ „Gewiß, Jean“, erwiderte Erneſt,„ich vertraue feſt darauf, daß wir uns in einigen Tagen wiederſehen werden. Sieh' zu, ob es Dir inzwiſchen gelingt, der Fräulein Reimann auf irgend einem Wege eine Botſchaft zukommen zu laſſen.“ Der Gefreite nickte zuſtimmend und verließ das troſtloſe Haus, er athmete auf, als er wieder draußen im Freien war. Er hatte nur eine Straße zu durchſchreiten, dann ſtand er vor der alten ehrwürdigen Kirche Notre Dame, an der Juſtine ihn erwartete. Sie ging ihm entgegen, als ſie ihn kommen ſah, ſie war wieder ganz das heitere, lebensluſtige Mädchen, mit dem er damals den Bund der Liebe geſchloſſen hatte. Arm in Arm wanderten die Beiden lange auf dem Platze auf und nieder, ganz mit ſich ſelbſt beſchäftigt. Jean erzählte ihr, wie er den Freund gefunden hatte, und Juſtine freute ſich für Louiſon, daß die Freundin ſobald ihren Verlobten wiederſehen ſollte. „Nicht, als ob ſie des Schutzes bedürfe“, fügte ſie hinzu,„Frau Bouhon und ich genügen für dieſes Amt, und das Leben, welches wir fähren, iſt ein ſo heiteres, ſorglöſes Leben, daß wir keine Urſache — 137— haben, es beſſer zu wünſchen. Aber Louiſon grämt ſich um Paul, und ihre letzte Sorge wird ſchwinden, wenn ihr Verlobter ſie wieder in ſeinen Armen hält.“ „Und dann?“ fragte Jean, indem er das Mädchen mit leuchten⸗ den Augen anſah.„Dann biſt Du wieder allein, und ick hoffe, Du wirſt mir dann erlauben, meine Rechte geltend zu machen.“ Juſtine lächelte ſchelmiſch. „Wir wollen ſehen“, antwortete ſie,„noch ſind wir ſo weit nicht, und man ſoll nie im Voraus Pläne ſchmieden. Ueberdies kann ich Dir nicht als Gattin an Deinen Heerd folgen, Du weißt ſelbſt weshalb!“ „Det ſind Vorurtheile!“ „Nein, Jean, es würde eine unglückliche Ehe werden. Bei der geringſten Meinungsverſchiedenheit bräche der Zank aus, und dann würdeſt Du mir ſtets meine Vergangenheit vorwerfen. Es iſt beſſer, wir laſſen unſer Verhältniß, wie es iſt, geſchehene Dinge können nicht ungeſchehen gemacht werden, und es würde mich zu tief betrüben, wenn ich Dich an meiner Seite unglücklich ſähe.“ Der Gefreite ſchwieg, aber ein ſchmerzlicher Seufzer verrieth, daß ihm die Wahrheit dieſer Gründe einleuchtete. „Ich habe Dich geliebt und liebe Dich noch heute“, fuhr Juſtine nach einer Pauſe wehmüthig fort,„es wäre ja für mich der Inbegriff alles Erdenglücks, wenn ich an Deiner Seite ein neues Leben beginnen könnte. Aber mit dieſer Vergangenheit iſt das unmöglich, und wenn auch Deine Liebe ſich beſtreben wollte, mich das Alles vergeſſen zu laſſen, der Stachel in meinem Herzen würde doch bleiben. Alſo iſt es beſſer ſo, wir werden uns lieben und den Alugenblick genießen, und wenn die Vergangenheit zwiſchen uns tritt, ſo trennen wir uns und bewahren einander ein freundſchaftliches Andenken.“ „Wie Du willſt“, ſagte der Gefreite kleinlaut,„ick muß mir Deinen Wünſchen fügen. Aber wie es jetzt is, kann's mir ooch nich genügen, Juſtine, ick ſehe Dir höchſtens einmal täglich und ooch dann noch faſt immer uff der Straße.“ „Das ſoll geändert werden.“ 1 „Sobald Deine Freunde in Freiheit ſind und Paul die Sorge für ſeine Verlobte übernehmen kann.“ „Und bis dahin darf ick Dir nich beſuchen?“ — 438— „Nein, die Sicherheit Louiſon's und meine Sicherheit hängt von der ſtrengſten Wahrung unſeres Geheimniſſes ab. Glaube nicht, daß unſere Feinde ruhen, ſie bieten Alles auf, unſeren Zufluchtsort zu erforſchen, wenn ſie ihn entdecken, dann haben ſie tauſend Mittel, uns zu verderben!“ „Aber wie können ſie—“ „Du kennſt die Schlauheit dieſer Weiber nicht, Jean, Du ahnſt nicht, wie zäh und unermüdlich ſie ihre Pläne verfolgen. Deshalb auch iſt es beſſer, wenn ſie uns nicht beiſammen ſehen, ihre Rache würde ſich ſogar auf Dich erſtrecken.“ „Ick fürchte ihr nicht.“ „Gleichviel, mein theurer Freund, gegen ſolche Bosheit hat Nie⸗ mand eine Waffe, und es iſt rathſam, ihr aus dem Wege zu gehen.“ Der Gefreite ſchüttelte den Kopf. „Ick habe noch einen Auftrag für Dir“, ſagte er zögernd,„ein Viertelſtündchen wirſt Du mir wohl noch opfern können.“ „So beeile Dich.“ „Jean berichtete ihr jetzt den Wunſch ſeines Freundes Erneſt, Juſtine dachte lange darüber nach. „Ich will es verſuchen“, verſetzte ſie, naber ich habe keine Hoff⸗ nung, daß es mir gelingen wird. Wenn der Marquis die Deutſche in ſeinem Hauſe verborgen hält, dann wird er auch Vorkehrungen getroffen haben, daß Niemand zu ihr gelangen kann.“ „Aber Weiberliſt geht über Allens, ſagt ein Sprichwort“, warf der Gefreite ein.. „Und Du denkſt, in dieſem Punkte habe ich Erfahrung?“ „Nanu, uf den Kopp biſt Du nicht gefallen, Juſtine, wenn Du was unternimmſt, wird's ooch gelingen.“ Das Mädchen nickte gedankenvoll, dann, wie aus einem Traume erwachend, reichte ſie raſch dem jungen Manne beide Hände. „Was geſchehen kann, das ſoll geſchehen“, ſagte ſie,„und nun wollen wir ſcheiden. Ich habe noch einige Einkäufe zu nachen, und zudem drängt es mich, heimzukehren, mich verfolgt immer eine geheime Ahnung, daß etwas Schreckliches vorgefallen ſein müſſe. Auf Wieder⸗ ſehen, Geliebter. Heute Abend oder morgen Vormittag zur beſtimm⸗ ten Stunde hier auf dieſem Platze.“ Sie nickte ihm noch einmal zu und eilte von dannen, und Jean ſah ihr nach, bis ſie ſeinem Blick entſchwunden war. ingen warf Das Mädchen ſchritt an der Polizeipräfektur vorbei über den Quai des Orfevres und bog auf den Pontneuf ein, es war der geradeſte und kürzeſte Weg zur Rue Jean Jacques Rouſſeau. Sie dachte darüber nach, wie ſie es ermöglichen könne, den Wunſch Erneſt's zu erfüllen, ſie meinte es ihrer Ehre ſchuldig zu ſein, dieſe ſchwierige Aufgabe zu löſen, umſomehr, als Jean dieſe Löſung mit Sicherheit von ihr erwartete. Aber dieſe Gedanken nahmen ſie doch nicht ſo ganz in Anſpruch, daß ſie nicht auch dem geräuſchvollen Leben und Treiben ringsum einige Aufmerkſamkeit hätte ſchenken können. Was ſie ſah, war nicht geeignet, ihre Stimmung zu erheitern. Einige Bataillone Nationalgarde ohne Waffen marſchirten mit dem Rufe:„Zum Stadthauſe!“ an ihr vorbei, Flourens, der rothe Republikaner, führte ſie. Eine Bande zerlumpter Weiber hatte ſich ihnen angeſchloſſen, ſie ſchwangen eine rothe Fahne und ſchrieen mit gellender Stimme:„Wir wollen die Commune! Nieder mit der Regierung! Nieder mit Trochu! Es lebe Rochefort!“ Die Zuſchauer zu beiden Seiten, betäubt von dem Schreien der Weiber, dem brüllenden Geſang der Nationalgarden und dem gellen⸗ den Pfeifen der Gamins, zeigten beſorgte Mienen, wie man denn überhaupt durch den Fall Straßburgs und die Niederlage des Corps Vinoy niedergedrückt war. Aber nichtsdeſtoweniger erhob ſich keine Stimme für die Noth⸗ wendigkeit der Kapitulation. Die beſitzende Klaſſe, welche den Tag der Uebergabe herbeiwünſchte, durfte nicht wagen, dieſem Wunſche Worte zu leihen und die, welche nichts zu verlieren hatten, wollten von Unterhandlungen mit dem ver⸗ haßten Feinde nichts wiſſen. Ja, der glühende Haß gegen Deutſchland ließ alle die Entbeh⸗ rungen leichter ertragen, er war das Band, welches die ganze Be⸗ völkerung dieſer großen Stadt umſchlang und ſie bewog, ohne Murren die größten Opfer zu bringen. Ganz Paris war in Waffen, wer keine Uniform ſich zu verſchaffen wußte, der trug mindeſtens eine Goldlitze als militäriſches Abzeichen om Rock oder an den Beinkleidern, und man wetteiferte ſogar darin, den Dienſt auf den Wällen zu verſehen. Die Frauen der Nationalgardiſten begleiteten ihre Männer auf die Wälle und zur Arbeit bei den Verſchanzungen, und ſelbſt die Bürger, velche ihres Alters oder ihres ſchnu ichen Körpers wegen nur— Auſbietung aller Kräfte den beſchwerlichen Wachtdienſt verſehen konn wagten nicht, dieſe gewiß gerechten Gründe geltend zu machen. Wie lange der reen von Lebensmitteln reichen würde, wußte freilich Niemand, ſelbſt die Regierung nicht, aber man tröſtete ſich damit, daß er ſo lange ausreichen werde, bis von draußen E gekommen ſei. Man hoffte noch immer mit Zuverſicht, Baz 2 aine werde bei Metz durchbrechen, die Preußen zurückwerfen und den König von Preußen zwingen, die Belagerung von Paris aufzuheben, man vertraute ferner auf das rechtzeitige Eintreffen der Armeen, die, wie man wußte, im Norden und Süden Frankreichs zuſammengezogen wurden. Man verlangte einen Maſſen⸗Ausfall. Nicht ein einzelnes Corps, nein, die ganze Armee von Paris ſollte ſich auf die Deutſchen werfen und ihre Reihen durchbrechen, man ſchimpfte auf den General Trochu, daß er dieſem ganz unausführbaren Verlangen nih: Folge gab, ſon⸗ dern in kleinen Gefechten ſeine Kräfte zerſplittert Und trotz des Ernſtes der Sachlage, trotzdem Hunger und Typhus ſchon jetzt Opfer forderten, trotzdem man von Tag zu„Tag das Bom⸗ bardement erwartete, lachte man über die ſcheußlichen Spottbilder, mit denen erfinderiſche Köpfe Paris überſchwemmten. So hoch auf der einen Seite dieſes verweichlichte, entſittlichte Volk ſich durch ſeinen Muth, ſeinen Patriotismus und ſeine Aisd auer emporſchwang, ſo tief wälzte es auf der andern Seite ſich im eigenen Koth, ohne Scham, ohne Ehrgefühl. Der gefangene Kaiſer, die Kaiſerin, Trochu und Andere wurden in den ſchmutzigſten Karrikaturen verhöhnt, die an allen Straßenecken gekauft und belacht wurden. Juſtine war vor einer Proclamation ſtehen geblieben. Sie lautete: „Eine unverzeihliche Panique, welche ſelbſt das Beiſpiel eines ousges zeichneten Corpscommandanten und ſeiner Offiziere nicht ver⸗ hindern konnte, hat ſich des proviſoriſchen Zuavenregiments bemächtigt. Schon von Beginn des Treffens an haben ſich die meiſten Soldaten in Unordnung in die Stadt zurückgezogen und dort beunruhigende Gerüchte verbreitet. Um ihr Benehmen zu entſchuldigen, gaben ſie vor, daß man ſie zu ſicheren Verluſten gleichſam auf die Schlachtbank geführt habe, ungeachtet deſſen, daß ſie unverwundet waren und keine — . der Verluſte erlitten hatten. Sie behaupteten, keine obwohl ſie nur davon keinen Gebrauch machten, ich davon überzeugt. Die volle Wahrheit iſt die, daß d ſchon von Anfang an den Verluſt eines Treffens ve iſc uld ie n, deſſen Reſultate ungeachtet einer ſolchen Feigheit bedeutend geworden ſind. Leider haben ſich viele Infanteriſten denſelben angeſchloſſen. Schon hatten die erſten unglücklichen Kriegsereigniſſe undisciplinirte und de⸗ moraliſirte Soldaten nach Paris gelangen laſſen, welche Unruhe und Verwirrung bereiteten und nur durch gewiſſe Umſtände ihrer gerechte Strafe entgangen ſind. Nun bin ich aber feſt entſchloſſen, ſo großer Unordnung ein Ende zu machen. Ich beiehld allen Vertheidigern von Paris, Soldaten jedes Truppenkörpers, Mobilen, oder wer ſich unter ähnlichen, ver⸗ dächtigen Umſtänden treffen läßt, alle jene, die im betrunkenen Zuſtande in der Stadt herumirren und durch ihr Benehmen die Uniform, welche ſie tragen, entehren, zum Plagkonn nindo die unter ähnlichen Um⸗ ſtänden aufgegriffenen Bewohner der Polizeipräfektur zu Werkieben Die Kriegsgerichte find in Permanenz und werden dem Geſetze des Belagerungszuſtandes Nachdruck geben. er Gouverneur von Paris und General en chef. Trochu.“ Die Proklamation war ſchon einige Tage alt, aber ſie bewies, welcher Maßregel es bedurfte, um nur einigermaßen die Disciplin der Vertheidigungs⸗Armee aufrecht zu halten. Juſtine bemerkte nicht, daß ein altes Weib, welches ſchon ſeit einer Stunde auf dem Pontneuf geſtanden hatte, hinter ſie getreten war. Dieſes Weib war Madame Gourdin. Eine andere, noch junge Frau ſtand neben dem Mädchen, und als der Blick Juſtinens dieſe Frau traf, erſchrak ſie vor dem Aus⸗ druck der Verzweiflung, der das todesbleiche, aber dennoch hübſche Geſicht verzerrte. „Madame, Sie ſind krank“, ſagte ſie, von tiefer Theilnahme er⸗ griffen,„kommen Sie, ich werde Sie nach Hauſe oder in ein Spital führen.“ Die Frau fuhr wie aus einem ſchweren, beängſtigenden Traume empor, krampfhaft zuckte es um ihre Lippen. „Krank?“ erwiderte ſie.„Ja, das Herz bricht, nun wird es bald zu Ende ſein!“ „Mein Gott—“ — 442— „Rufen Sie ihn nicht an, das iſt vergeblich“, fuhr die Frau⸗ haſtig fort, und die Gluthen des Wahnſinns leuchteten aus ihren dunklen Augen,„es gibt keine Vorſehung, keine Gerechtigkeit.“ „Sie freveln, Madame“, ſagte Juſtine erſchüttert,„Sie müſſen Schreckliches erfahren haben, daß Sie an der Gerechtigkeit Gottes zweifeln.“ Die junge Frau hielt den Arm des Mädchens umfaßt, und ihre glühenden Augen ruhten feſt und unverwandt auf ihr. „Wo iſt mein Mann?“ fragte ſie.„Wo ſind meine Kinder? Wo iſt mein alter, guter Vater?“ „Sagen Sie mir, wo Sie wohnen, und ich werde Sie heimführen.“ „Wo ich wohne? Heute auf der Straße, morgen in der Morgue, übermorgen auf dem Kirchhofe von Mont⸗Parnaſſe!“ Mit wachſendem Entſetzen ſuchte Juſtine ihren Arm aus der Hand der Verzweifelten zu befreien, aber ihre Bemühungen waren vergeblich.. G „Sie ſind wahnſinnig“, ſagte ſie, zitternd vor Angſt und Auf⸗ regung.„Laſſen Sie mich los—“ „Wahnſinnig!“ fiel die Frau ihr in's Wort.„Wer kann be⸗ greifen, daß ich es nicht geworden bin? Ach, wir waren ſo glücklich, und die beiden Kinder waren ſo reizende Geſchöpfe!“ Sie blickte ſtarr in die Wellen der Seine hinunter, und es ſchien faſt, als ob die Erinnerung an ihr Glück den finſteren Bann löſen wolle, der auf ihr ruhte, denn ein Lächeln umſpielte ihre Lippen. Aber das währte nur einen kurzen Moment, im nächſten Augen⸗ blick flammte das verzehrende Feuer wieder jäh in ihren Augen auf. „Ja, wir waren glücklich“, ſagte ſie heiſer,„und es war Thor⸗ heit, daß wir auf die Beſtändigkeit unſeres Glückes vertrauten. Wir hatten einen Feind, wir fürchteten ihn nicht, denn wir vermieden Alles, was ihn gegen uns aufreizen konnte. Der Ausbruch des Krieges machte unſer Geſchäft ſtocken, aber was that das, wir waren geſund und unſere Erſparniſſe ſchützten uns vor Mangel. Treffe der Fluch der Hölle den, der dieſen Krieg verſchuldete! Mögen in ſeiner Todesſtunde alle Gräber ſich öffnen und alle die, welche dieſer Krieg gemordet hat, in Schaaren an ihm vorbeiziehen, und jeder Einzelne ihn verfluchen. Er ſei verflucht! Zeitlich und ewig! Er und ſein Weib und alle die, welche ihm geholfen haben, die verheerende Kriegs⸗ fackel anzuzünden. Verflucht auf immerdar!“ —— der aren Auf⸗ be⸗ lich ſchien löſen gen auf. hor⸗ Wir jeden des zaren der einer rieg elne ſein tegs⸗ — ererTr Hoch aufgerichtet, einer Furie gleich, ſtand die Frau vor Juſtinen, die einen leiſen Schreckensruf nicht zurückdrängen konnte. Es war nach der Schlacht bei Wörth, man ſuchte überall nach Spionen und Verräthern. Mein Mann war ausgegangen, um anf en Boulevards die neueſten Nachrichten zu hören; ſein Feind ſah hn, der Augenblick der Rache war gekommen. Die Pariſer Ka⸗ naille fragt nicht nach Beweiſen, die Anklage genügt ihr, und vor einem Mord bebt ſie niemals zurück. Man ſagte ihr, mein Mann ſei ein Spion, er habe den Preußen Alles verrathen, er ſtehe noch jetzt mit dem Feinde in Verbindung. Und was nun geſchah— o, es war entſetzlich, mir graut, ſo oft ich daran denke. Eine form⸗ loſe, blutende Maſſe brachte man mir zurück. Der Pöbel hatte ihn geſteinigt, zertreten. Und die Schergen des Verbrechers, der dieſen Krieg ſo frevelhaft heraufbeſchwor, hatten es geſchehen laſſen. Was lag auch an dem Leben eines Einzelnen, an dem Leben eines Man⸗ nes, den ein perſönlicher Feind einen Spion genannt hatte!“ „Entſetzlich!“ flüſterte Juſtine, während um die Lippen der Ma⸗ dame Gourdin ein ſarkaſtiſches Lächeln zuckte. „Und dann kam jener Schurke und zeigte Dokumente vor, die mein Mann unterſchrieben haben ſollte, Schuldſcheine und Wechſel, von deren Daſein ich nie eine Ahnung gehabt hatte. Sie waren gefälſcht, aber ich konnte die Fälſchung nicht beweiſen und was galt mein Wort, ich war ja das Weib eines vom Volke gerichteten Ver⸗ räthers! Man trieb uns hinaus, mich, meine Kinder und meinen alten, kranken Vater. Eine Manſarde nahm uns auf; ich verkaufte meinen Schmuck, aber es kam nicht viel heraus. Mein Vater ſtarb, der Gram und die Sorge hatten ihm das Herz gebrochen. Dann erkrankten meine Kinder, ich hatte keine Milch, kein Brod, ſie zu er⸗ nähren; ich bettelte für ſie, aber die Hülfe kam zu ſpät. Man trug die kleinen Leichen geſtern hinaus, unde nun habe ich Alles, Alles verloren, was mir lieb und theuer war, was meinem Leben Werth verlieh!“ Sie bedeckte die Augen mit der Hand, aber trotz des gewaltigen Schmerzes, der ihre Seele durchzuckte, blieben dieſe ſtarren, brennen⸗ den Augen thränenleer. „Muth“, ſagte Juſtine erſchüttert,„es iſt eine ſchwere Prüfung, aber auch das ſoll ein Menſchenherz mit Geduld und Ergebung tragen.“ „Geduld und Ergebung!“ erwiderte die Unglückliche mit ſchneiden⸗ dem Hohne.„Wie leicht laſſen dieſe Worte ſich ausſprechen, wenn nan glücklich iſt, aber wie ſchaal klingen fie dem, deſſen Herz zu rechen droht.“ „Kommen Sie mit mir—“ „Mit Ihne n? Nei in!“ „Ich werde für Sie ſorgen, Madame, ich werde Ihnen bei⸗ ſtehen, Rache an dem Schurken zu nehmen, der das Glück Ihres ebens vernichtete.“. Die Unglückliche ſchüttelte den Kopf und ſtarrte wieder hinunter in die ſchwarzen Fluthen. „Kann ich Ihnen auch nicht zurückgeben, was ſie verloren haben, ſo wird doch die Rache Sie fröſten und—“ „Glauben Sie das wirklich?“ fiel die Frau ihr ſcharf in's Wort. „Und wenn jener Schurke in den letzten Todeszuckungen zu meinen Füßen läge, glauben Sie, das werde für mich ein Troſt ſein und mich vergeſſen laſſen, was ich verloren habe? Man ſagt, die Rache ſei ſüß; mich verlangt nicht darnach, zu erforſchen, ob das Wahrheit iſt; ich verſchmähe die Rache, die mir nur neue Aufregungen be⸗ reiten, mich mit Erinnerungen an mein verlorenes Glück foltern würde. Nein, ich habe abgeſchloſſen mit dem Leben, Dank Ihnen, daß Sie einer Unglücklichen ſich annehmen wollten. Leben Sie wohl, Mademoiſelle, wenn es ein Jenſeits gibt, werden wir dort uns wiederſehen.“ Juſtine ſchrie entſetzt auf, mit Fieberhaſt hatte die Unglückliche ſich auf die Brüſtung der Brücke geſchwungen, in der nächſten Se⸗ kunde war ſie verſchwunden. Das Miädchen blickte hinunter, die Wellen des Fluſſes zogen weite Kreiſe, eine weiße Hand tauchte noch einmal empor, dann verſchwand auch ſie. Nur Wenige hatten dieſen erſchütternden Vorfall bemerkt, fie traten an die Brüſtung, ſahen eine Weile hinunter, zuckten gleich⸗ gültig die Achſeln und entfernten ſich: Niemand dachte daran, einen Verſuch zur Rettung zu machen. Juſtine war ganz betäubt, mit ſchwankenden Schritten ging fie weiter, aber als ſie eine kurze Strecke zurückgelegt hatte, zog es ſie noch einmal zu jener Stelle zurück. Sie wandte ſich um und ſah ſich plötzlich der Madame Gourdin gegenüber. — ———— 4545 neiden wer 1 derz zu :=' Wort. meinen in und Rache ahrheit — — Dieſe unarwartete Begegnung gab ihr ſofort die Faſſung zurück. Weshalb folgen Sie mir?“ fragte ſie in ſcharſe em Tone. „Ohp, ich werde doch denſelben Weg gehen dürfen, den Sie gehen“, erwiderte das Weib trotzig.„Können Sie mir das verbieten?“ „Nein, aber ich will mich vor Spionage hüten“, ſagte Juſtine feſt und jentſchloſſen.„Wenn Sie die Abſicht hegen, mir noch weiter zu folgen, dann möchte ich Sie darauf aufmerkſam machen, daß ich eine Waffe beſitze, mit der ich Sie vernichten kann.“ Madame Gourdin verzog ihr Geſicht zu einem boshaften Grinſen. „Ich fürchte Ihre Drohungen nicht“, entgegnete ſie.„Sie aber haben Grund, mich zu fürchten, Mademoiſelle, Sie haben einen braven Patriot, einen Offizier der Nationalgarde ermordet und beraubt, Sie haben mit der Frau eines preußiſchen Spions in Verkehr geſtanden und ſich ſelbſt der Spionage ſchuldig gemacht. Ich ſchlage Ihnen einen Vergleich vor, Alles, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, ſoll ver⸗ geben und vergeſſen ſein, wenn Sie mir ſagen, wo ich Louiſon finde.“ „Nimmermehr!“ rief Juſtine empört. „Sie wiſſen nicht, was ich will. Louiſon mag unter Ihrem Schutze bleiben, ich werde nichts gegen das Mädchen ſelbſt beginnen, ich will nur ihren Vater zwingen, mir eine namhafte Summe zu zahlen, das Mittel, dieſen Zweck zu erreichen, habe ich bereits gefunden.“ Juſtine blickte mit einem unſäglichen Ausdruck von Verachtung in das widerwärtige Geſicht des alten Weibes. „Glauben Sie, dieſe Maske könne mich täuſchen?“ fragte ſie. „Was wollen Sie? Herr von Segur iſt todt—“ „Bah, als ob er der Einzige geweſen wäre, der ehrlos genug iſt, einen ſo ſchmachvollen Handel zu ſchließen! Hunderte von Leuten ſeiner Sorte tragen kein Bedenken, ſich zu ſolchem Zweck mit Ihnen zu ver⸗ binden, und Sie kennen ihrer genug, die dazu augenblicklich bereit ſind.“ „Und ſelbſt, wenn das der Fall wäre, was kümmert es Sie?“ warf Madame Gourdin giftig ein.„Muß es Ihnen nicht zur Genug⸗ thuung gereichen—“ „Genug, Madame“, fiel Juſtine ihr entrüſtet in's Wort,„Sie kennen meinen Entſchluß.“— „Sie werden mir alſo nicht ſagen, wo ich Loꝛ uiſon finde?“ „Nein, und abermals nein!“ „Sehr gut, dann weiß ich, was ich zu thun habe.“ — 446— Madame Gourdin nickte boshaft zu dieſen Worten und trat zurück, als ob ſie Juſtine auffordern wollte, ihren Weg fortzuſetzen. „Thun Sie, was Ihnen beliebt“, ſagte das Mädchen drohend, aber folgen Sie mir nicht. Sie würden mich zwingen, von meiner Waffe Gebrauch zu machen.“ Sie ſchritt weiter, aber ſo ruhig ſie äußerlich auch ſcheinen wollte, die Begegnung mit dieſem boshaften Weibe flößte ihr dennoch ernſte Beſorgniſſe ein. Mochte ſie ſich auch ſagen, daß es in ihrer Macht liege, dieſes Weib zu vernichten, auf der andern Seite konnte ſie doch nicht leugnen, daß auch Madame Gourdin Waffen beſaß, die nicht gering zu ſchätzen waren. Sie bereute jetzt, daß Sie die Leiche Segur's beraubt hatte, irgend etwas mußte dem Weibe dieſen Raub entdeckt haben, er ſprach gegen ſie und beſchuldigte Sie eines Raubmords, während ſie doch aus Nothwehr den tödtlichen Stoß auf den Wüſtling geführt hatte. Sie blickte ſich um, das Weib war verſchwunden, vielleicht ſtand ſie in em Menſchenknäuel, der auf der Brücke ſich gebildet hatte. Sie hätte viel darum gegeben, wenn ſie ſchon jetzt zu Hauſe ge⸗ weſen wäre, ſie fing an, das Weib zu fürchten, welches ſie bisher nur verachtet hatte. Juſtine beſchleunigte ihre Schritte, es war ihr, als vernehme ſie hinter ſich Stimmen, wie wenn ein großer Volkshaufe ihr folge. Aber das war gewiß nur Täuſchung, ihre überreizten Nerven ſpiegel⸗ ten ihr das vor, und doch— der Lärm kam immer näher, immer deutlicher hörte ſie das Rufen und Schreien einer raſenden Menge. Im erſten Augenblick wollte ſie in ein Haus flüchten, aber die Angſt, die ſie plötzlich überfiel, verwirrte ihre Sinne, es war ihr un⸗ möglich, dieſen Entſchluß auszuführen. Sie blieb ſtehen und wandte ſich um, ſie erſchrak heftig, als ſie bemerkte, daß ihr in der That eine Volksmenge folgte. Aber galt dieſes Schreien und Lärmen ihr? Sie ſah Madame Gourdin nicht mehr, und es wäre doch natür⸗ lich geweſen, daß ſie ſich an der Spitze des fanatiſirten und von ihr aufgehetzten Haufens befunden hätte. Was ſollte ſie thun? Sie wußte es nicht, ſie war unfähig, einen klaren und beſtimmten Gedanken zu faſſen. Sie blieb ſtehen, die Menge wälzte ſich immer näher, einige Ga⸗ , der nen —— mins liefen an ihr vorbei und ſtellten ſich hinter ſie, es unterlag jetzt keinem Zweifel mehr, daß die Wuth des Geſindels allein gegen ſie gerichtet war. Im nächſten Augenblick hatte der Schwarm ſie ſchon umzingelt, und die drohenden Stimmen dieſer Weiber, Gamins und Proletarier ließen ſie das Schlimmſte befürchten. „Iſt es wahr, daß Du einen Offizier der Nationalgarde ermordet haſt?“ ſchrie ein Mobilgardiſt, ein kleiner trotziger Kerl mit einem Stierkopf. „He, was fragt Ihr noch lange?“ rief ein zerlumptes Weib. „Steht die Schuld nicht auf ihrem Geſicht geſchrieben?“ „In die Seine mit der Dirne!“ ſchrie eine gellende Stimme. Juſtine fühlte, daß nur Muth und Geiſtesgegenwart ſie retten könnte, ſie mußte dem Geſindel imponiren; wenn ſie Angſt zeigte, war ſie verloren. „Ich habe einem Wüſtling den Dolch in's Herz geſtoßen, weil er mir gewaltſam die Ehre rauben wollte“, ſagte ſie,„aber dieſer Schurke war kein Vertheidiger unſerer Hauptſtadt, ſondern ein vor⸗ nehmer Herr—* „Die ſieht mir auch aus, als ob ſie noch etwas zu vertheidigen hätte!“ rief das Weib mit ſchallendem Gelächter.„Du haſt ihn ge⸗ mordet, um ihn zu berauben.“ „Wer klagt mich deſſen an?“ „Eine brave Frau!“ ſchrie der Mobilgardiſt, während einige Ga⸗ mins hohnlachend dem Mädchen den Shawl abriſſen.“ „Eine Kupplerin!“ erwiderte Juſtine.„Eins jener Weiber, die in St. Lazare ihre Opfer ſuchen.“ „Sie gibt alſo zu, daß ſie ſchon in St. Lazare geweſen iſt!“ ſchrie das Weib in den Volkshaufen hinein. „In die Seine!“ ſchrie die gellende Stimme wieder. „Sie wird auch zugeben, daß ſie eine gute Freundin der Frau des preußiſchen Spions iſt!“ höhnte der Mobilgarde.„He, ſeht Ihr denn nicht an ihren Kleidern, wer ſie iſt? Anſtändige Frauen hüllen ſich in Trauer aus Schmerz über die Schmach ihres Vaterlandes, ſollen wir dulden, daß die Dirnen unſer Unglück verſpotten?“ Das war der Funke, der zündend in's Pulverfaß fiel. Ein raſender Lärm erhob ſich, hundert Fäuſte ſtreckten ſich nach dem bedrohten Mädchen aus, ſchon riſſen die Gamins ihr den Hut ab, während das fanatiſirte Weib den nackten, ſchmutzigen Arm erhob, um ihr einen Fauſtſchlag in's Geſicht zu verſetzen. Da in dieſem Augenblick der höchſten Gefahr ſtob die Menge pkötzlich auseinander, ein Offizier der Nationalgarde durchhrach ge⸗ waltſam die Reihen, und als er jetzt in den Kreis trat, erkannte Juſtine in ihm den Chevalier von Chateaufleur. So unangenehm ihr auch unter anderen Verhältniſſen die Be⸗ gegnung mit dieſem Herrn geweſen wäre, jetzt erſchien er ihr wie ein Engel vom Himmel, den Gott ſelbſt geſchickt hatte, um ſie zu ſchützen und zu retten. „Was ſoll das?“ donnerte der Chevalier.„Schämt Ihr Euch nicht, ein junges Mädchen zu mißhandeln?“ „Sie iſt eine Mörderin! Eine Spionin!“ erſcholl es aus dem. Hauf en. „Wer ſagt das?“ fuhr der Offizier auf.„Die alte Hexe dort hat Euch aufgehetzt,— ſeht nur, wie ſchlau ſie ſich verkriecht, damit man ihr ſelbſt nicht an den dürren Leib kommen kann!“ Die Blicke Aller richteten ſich auf Madame Gourdin, die an einer nahen Straßenecke ſtand und von dort aus das Reſultat ihrer Ver⸗ leumdung beobachtete. „Ha, der feine Herr wird wohl wiſſen, weshalb er die Spionin beſchützt“, ſpottete ein Gamin, aber das letzte Wort war kaum über ſeine Lippen, als ein mächtiger Fauſtſchlag des Chevaliers ihn in das Gedränge hineinſchleuderte. „Wäre ſie eine Spionin, ſo würde ich der Erſte ſein, der ihre Verhaftung befähle“, ſagte der Offizier,„aber ich kenne ſie und weiß, daß fie eine gute Bürgerin iſt.“ „Das kann Jeder ſagen“, höhnte das Weib, dem jungen Manne einen boshaften Blick zuwerfend. „Aber nicht Jeder beweiſen“, erwiderte der Chevalier.„Als man vor einigen Tagen die erſten Verwundeten von draußen hereinbrachte, da ging dieſes Mädchen von Bahre zu Bahre, um die Verſchmach⸗ tenden zu erquicken und den Verzweifelnden ermuthigende Worte zu ſagen. Wer aber war jenes Scheuſal, welches Euch gegen dieſen Engel aufhetzte?“ Der Lärm verſtummte, der Chevalier hatte ſeinen Zweck erreicht, die Wuth war verraucht, an ihre Stelle traten Theilnahme und Be⸗ wunderung. —— s dem e dort damit Jeiner Ver⸗ pionin nüber in das r ifre weiß, Nanne 3 man brache, hmach⸗ rte zu — 449— „Und als man die Braven in die Ambulancen trug, da konnte man dies Mädchen vor dem Bette eines Sterbenden knieen ſehen“, fuhr der junge Mann fort,„man konnte Zeuge ſein, wie ſie mit dem Unglücklichen betete, und den erbleichenden Lippen den letzten Labe⸗ trunk reichte. Wo waret Ihr, daß Ihr dies nicht wißt? Wo war jenes elende Weib? Ach, ich will es Euch ſagen. Sie war draußen, auf dem Gefechtsfelde, ſie plünderte die Todten, die ihr Leben für Paris, für Frankreich hingegeben hatten. Und eine ſolche Megäre darf Euch aufhetzen gegen dieſen Engel? Wie? Franzoſen, ſeid Ihr noch immer die edle, gerechte Nation, welche an der Spitze der Civi⸗ liſation marſchirt, oder ſeid Ihr es nicht mehr?“ Ein Schrei der Wuth erſcholl aus der Menge, die Maſſe lichtete ſich, viele drängten ſich hinzu, um dem Mädchen die Hand zu reichen und um Verzeihung zu bitten, während Andere auf Madame Gour⸗ din zuliefen, die ohne Verzug die Flucht ergriff. Man hob das Tuch und den Hut auf, man wollte das Mädchen auf den Schultern heimtragen und ſelbſt das fanatiſirte Weib, welches den Tod für ſie gefordert hatte, ſtimmte jetzt in die Beifallsbezeu⸗ gungen ein, die dem Mädchen reichlich geſpendet wurden. Der Chevalier aber legte die Hand Juſtinens in ſeinen Arm und ſchritt mit ihr von dannen, und der Ruf:„Es lebe die National⸗ garde!“ folgte den Beiden. „Wie ſoll ich Ihnen danken?“ nahm Juſtine das Wort, nachdenn ſie in eine ſtille Straße eingebogen waren.„Sie haben mir das Leben gerettet—“ „Danken Sie dem Zufall, der mich noch zur rechten Zeit auf den Schauplatz der Gefahr führte“, erwiderte der Chevalier. „Ihm und auch Ihnen. Nur Ihre Geiſtesgegenwart hat mich gerettet.“ 5 „Und ich irre wohl nicht, wenn ich vermuthe, daß Madame Gour⸗ din den Pöbel auf Sie gehetzt hat.“ „So iſt es.“ „Sie wohnen nicht mehr bei ihr?“ „Nein.“ „Man nannte Sie eine Mörderin.“ „Weil ich einen Schurken niederſtieß, der meine Freundin ihrer Ehre berauben wollte.“ „Wer war dieſer Mann?“ N. 29 „Herr von Segur.“ Der Chevalier zuckte die Achſeln. „An ihm iſt nichts verloren“, ſagte er.„Nur ein Schuft weniger in der Welt. Wer iſt Ihre Freundin?“ Juſtine warf trotzig das Köpfchen zurück und blickte den junger Herrn durchdringend an. „Ich erinnere mich eines Auftritts—“ „Laſſen wir das“, ſchnitt der Chevalier ihr das Wort ab“, mich beſchäftigen jetzt andere und ernſtere Dinge, als galante Abenteuer.“ „In Wahrheit, Herr Chevalier?“ „Glauben Sie mir nicht?“ „Wenn ich an die Vergangenheit zurückdenke, dann fällt es mir ſchwer, dieſer Behauptung Glauben zu ſchenken.“ „Bah, mit den Jahren kommt der Ernſt, und mit den Zeiten ändern ſich die Anſchauungen“, ſagte der Chevalier ruhig.„Was wollen Sie, Juſtine, vor dem Kriege war ich noch ein Knabe, das Unglück Frankreichs hat mich zum Mann gereift. Vielleicht iſt es nur Neugier, was mich bewegt, den Namen Ihrer Freundin zu er⸗ forſchen, weiter nichts! Ich kann mir nicht denken, daß ſie in der That ſo tugendhaft ſein ſoll—“ „Wohl deshalb nicht, weil ſie unter meinem Schutze ſteht?“ „Wie Sie doch Alles und Jedes auf ſich beziehen! Glauben Sie denn, ich habe Ihnen das Leben gerettet, um Sie zu beleidigen? Ah, bah, Juſtine, es iſt nicht meine Schuld, daß wir nicht die guten Freunde geblieben ſind, die wir früher waren.“ „Und weſſen Schuld iſt es?“ „Ich weiß es nicht, ſie mag auf beiden Seiten ruhen.“ „Chevalier, erinnern Sie ſich nicht mehr, weshalb ich ſo plötzlich aus dem Dienſte Ihrer Frau Mutter entlaſſen wurde? Spricht Ihr Gewiſſen Sie ganz frei von aller Schuld? Ich war das erſte Opfer, die deutſche Gouvernante ſollte das zweite ſein.“ Der junge Mann ſtrich leicht mit der Hand über die Augen. „Ganz kann ich es nicht leugnen“, erwiderte er,„aber ich denk mir, es müſſen auch andere Gründe vorgelegen haben.“ „Inwiefern?“ „Hm, vielleicht hat etwas an Ihnen meinem Vater nicht gefallen.“ „O, der Vicomte war immer freundlich und gütig.“ „Und zum Dank für dieſe Güte drangen Sie in ſeine Geheimniſſe ein.“ — 451— Juſtine blickte betroffen auf. Wie konnte er das wiſſen? Sie erinnerte ſich nicht mehr, daß ſie darüber mit Madame Gourdin ge⸗ ſprochen und nur zu deutliche Fingerzeige gegeben hatte, es war ihr unbegreiflich, wie der Chevalier davon Kenntniß haben konnte. Sie ſah den Blick des Offiziers durchdringend auf ſich gerichtet, und dieſer Blick verwirrte ſie nur noch mehr. „Juſtine, Sie kennen ein ſolches Geheimniß, ſagte er in eindring⸗ lichem Tone,„ich weiß es, Sie würden vergeblich verſuchen, mich zu täuſchen. Sie ſchulden mir Dank, wie Sie ſelbſt ſagen, wohlan, weihen Sie mich in jenes Geheimniß ein und die Schuld iſt getilgt.“ „Herr Chevalier, ich weiß nicht—“ „Leugnen Sie nicht, Juſtine, ich bin zu gut unterrichtet.“ „Dann müßten Sie Alles wiſſen.“ „Nein, ich weiß nur, daß Sie gedroht haben, Sie könnten mich und meine Familie durch dieſes Geheimniß vernichten.“ „Das kann nicht ſein.“ „Es iſt ſo.“ „Aber weshalb wollen Sie es erforſchen?“ fragte Juſtine mit ſteigender Verwirrung. „Ich habe beſondere Gründe dafür.“ „Die Sie mir jedenfalls zuvor nennen müſſen.“ Die Beiden waren in den elyſeiſchen Feldern angelangt, ſie ſchrit⸗ ten an den Bivouaks der Mobilgarden vorbei, die mit Exerziren, Kochen und allen möglichen Beſchäftigungen ſich die Zeit vertrieben und fanden im dichten Gebüſch eine Bank, auf der ſie ſich niederließen. Hier waren ſie ungeſtört, der Schall der Kanonenſchüſſe von den Forts und der Waffenlärm drangen aus der Ferne zu ihnen herüber, und zu ihren Füßen raſchelte das dürre Laub im Winde. „Es wäre beſſer, wenn wir in Ihre Wohnung gingen“, ſagte der Chevalier, indem er ſich umblickte, wie wenn er einen unberufenen Lauſcher fürchte, aber mir ſcheint faſt, Sie wollen Ihre Wohnung mir geheim halten.“ „Einſtweilen ja“, erwiderte das Mädchen,„zürnen Sie mir des⸗ halb nicht, es iſt nothwendig für meine Sicherheit.“ „Wie Sie wollen, mich intereſſirt dieſes Geheimniß nicht, zume! ich annehmen muß, daß Sie nicht geneigt find, die früheren Beziehun gen mit mir wieder anzuknüpfen. Dafür aber werden Sie mir das andere Geheimniß enthüllen.“ 209* 452— „Nennen Sie vorher Ihre Gründe.“ „Auch das ſoll geſchehen. Meine Stiefmutter glaubt einem gefähr⸗ lichen Geheimniſſe auf der Spur zu ſein, Sie werden ſich erinnern, daß ſie ſtets mit meinem Vater auf geſpanntem Fuße lebte.“ „Ja, ich erinnere mich deſſen.“ „Sie beklagt ſich über ſeinen Geiz, ohne daran zu denken, daß ihre Verſchwendung alles Maß überſchreitet und Niemand meinem Vater verargen kann, wenn er ſolcher Verſchwendung energiſch ent⸗ gegentritt. Wohlan, wenn Madame von ſeinem Geheimniſſe Kennt⸗ niß erhielte, ſo würde ſie es benutzen, um die Summen zu erpreſſen, welche ihr bisher vorenthalten worden ſind, und Sie werden begreifen, daß es in meinem Intereſſe liegt, dieſer Erpreſſung vorzubeugen.“ „Sie würden es nicht können“, ſagte Juſtine gedankenvoll,„dieſes Geheimniß wäre in der Hand Ihrer Stiefmutter eine furchtbare Waffe.“ „Ich würde es nur dann können, wenn ich vor ihr das Geheim⸗ niß erforſcht hätte, nur dann wäre es mir möglich, ihr Hinderniſſe— und Schwierigkeiten in den Weg zu legen, ja, wenn es ſein müßte, den Vater zu warnen.“ Juſtine ſah den Chevalier forſchend an, es war, als ob ſie in die geheimſten Falten ſeiner Seele eindringen wolle. „Sollte nicht ein anderer Beweggrund vorhanden ſein?“ fragte ſie mit leiſer Ironie.„Wäre es nicht möglich, daß Sie ſelbſt das Ge⸗ heimniß benutzen wollten, um den zähen Vater geſchmeidig zu machen?“ „Aber, was kümmert das mich?“ fuhr ſie ſich ſelbſt unterbrechend fort.„Wenn ich Ihnen auch das Geheimniß verrathe, ſo bleiben die Beweiſe doch in meiner Hand, und ich kann jederzeit ſie benutzen, wie es mir beliebt.“ Der junge Herr biß auf die Lippe, gerade dieſe Beweiſe waren die Hauptſache für ihn und ſeine ränkevolle Stiefmutter, und die Antwort des Mädchens ließ ihn erkennen, daß er ſie von ihr nicht erhalten würde. „Was ich weiß, das habe ich erſt ſpäter erfahren“, nahm Juſtine wieder das Wort,„ich hatte Ihr Haus ſchon verlaſſen, ein Zufall verrieth mir die erſte Spur, die ich von nun an mit raſtloſem Eifer verfolgte. Erinnern Sie ſich noch Ihres Onkels Hippolyt?“ „Gewiß.“ „Er war der Bruder Ihres Vaters, und das Glück hatte ihn — 453— begünſtigt. Er war ein reicher Mann, und Ihr Vater beſaß nichts weiter, als eine kleine Rente.“ „Sie ſcheinen ſehr genau unterrichtet zu ſein“, ſagte der Chevalier, deſſen Brauen ſich leicht zuſammengezogen hatten.„Ob das letztere wahr iſt, weiß ich nicht, mein Vater hat mich nie in ſeine finanziellen Verhältniſſe eingeweiht. Aber des Qnkels Hippolyt erinnere ich mich natürlich ſehr genau, er ſtarb ja erſt vor einigen Jahren. Er war ein ſchöner, ſtattlicher Mann mit weißem Haar und Schnurrbart, er hatte mit Ehren in der Armee gedient und den Rang eines Generals erhalten, als er ſeinen Abſchied nahm.“ „Das Alles iſt mir bekannt“, fuhr Juſtine fort.„Hippolyt war der einzige Bruder Ihres Vaters, er war unverehelicht, wenn er ſtarb, fiel ſeine ganze Hinterlaſſenſchaft Ihrem Vater zu. Und der Vicomte rechnete mit Zuverſicht auf dieſes Erbe, er war nicht nur jünger, wie der General, er war auch arm, und die Armuth klammert ſich an jede Hoffnung.“ „Nun, arm war er wohl nicht—“ „Doch, Herr Chevalier, ſeine Rente reichte nicht aus, alle Be⸗ dürfniſſe zu beſtreiten und ſo war er allmählich immer tiefer in Schul⸗ den gerathen. Er hätte ſich ſeinem Bruder entdecken können, vielleicht würde der General die Schulden bezahlt haben, aber dazu war er zu ſtolz.“ „Bleiben Sie bei der Sache, Juſtine.“ „Ich muß Ihnen alle dieſe Verhältniſſe auseinanderſetzen, damit die Sache Ihnen klar wird. Alſo Ihr Vater hoffte, und nichts wäre ihm erwünſchter geweſen, als wenn er eines Tages die Nach⸗ richt von dem Tode ſeines Bruders erhalten hätte. Statt deſſen erhielt er eines Morgens einen Brief, in welchem der General ihm ankündigte, daß er binnen vierzehn Tage ſich zu verehelichen gedenke. Das war ein vernichtender Blitzſchlag aus heiterm Himmel, er traf den Vicomte mit zerſchmetternder Wucht.“ „Ah, ich erinnere mich deſſen auch“, ſagte der Chevalier,„in unſerm Hauſe herrſchte große Beſtürzung über dieſen Entſchluß meines Onkels.“ „Nicht nur Beſtürzung, ſondern auch Erbitterung, ja, eine maaß⸗ loſe Wuth, die alle Schranken überſtieg. Die Braut war ein tugend⸗ haftes, aber ſehr armes Mädchen, man konnte nicht begreifen, daß der General ſie heirathen wollte. Der Vicomte reiſte perſönlich zu 454— ſeinem Bruder, um ihn zu bewegen, den Schritt rückgängig zu machen, aber er ſtieß auf einen Widerſtand, deſſen Energie ihn erſchreckte.“ „Onkel Hippolyt war ein ſehr energiſcher Mann“, nickte der Che⸗ valier,„er ging von einem einmal gefaßten Entſchluſſe nicht ab. Es iſt wahr, mein Vater lief damals Gefahr, ſich mit ihm zu überwer⸗ fen, es kam zu ſehr heftigen Auftritten zwiſchen den Brüdern.“ „An denen auch Ihre Stiefmutter ſich betheiligte. Indeß das Alles half nichts, der General heirathete ſeine Braut und brach jede Verbindung mit ſeiner Familie ab.“ „Nicht doch, er beſuchte uns noch ſehr oft.“ „Nur zweimal, Herr Chevalier, und zwar aus ganz beſonderen Veranlaſſungen, die ich nicht näher erörtern will. Etwa vier Monate nach der Hochzeit erkrankte der General an einer heftigen Lungen⸗ entzündung, und acht Tage ſpäter wurde er in der Gruft ſeiner Ahnen beigeſetzt. Seine ganze Familie war bei den Begräbnißfeier⸗ lichkeiten zugegen—“ „Ich erinnere mich deſſen auch.“ „Nun wohl, als man das Teſtament des Verſtorbenen öffnete, fand man folgende Beſtimmungen: Die ganze Hinterlaſſenſchaft ſollte vorläufig von Seiten des Gerichts für die Generalin verwaltet werden. Schenkte ſie binnen neun Monaten, vom Todestage an gerechnet, einem Kinde das Leben, ſo fiel das geſammte Vermögen an die Mutter, traf dieſer Fall nicht ein, oder ſtarb das Kind während der Geburt oder im erſten Lebensjahre, ſo erhielt die Generalin die Hälfte der Hinterlaſſenſchaft, während die andere Hälfte dem Vicomtte zufiel. Nach dem Tode der Generalin ſollte alsdann auch ihre Hälfte dem Vicomte oder deſſen Kindern zufallen, natürlich vorausgeſetzt, daß das 4 ————————— Kind des Generals todt war. Sie werden zugeben müſſen, daß das ein ſehr unvorſichtig abgefaßtes und gefährliches Teſtament war, ge⸗ fährlich für die Hinterbliebenen des Erblaſſers.“ „Inwiefern?“ fragte der Chevalier ſcharf. „Hören Sie weiter, mein Herr. Der Vicomte trat jetzt in ſehr nahe Beziehungen zu der jungen und ſchönen Generalin. Er verſtand es meiſterhaft, ſich ihr volles Vertrauen zu erwerben, er ſprach mit ihr über die Art und Weiſe, wie er ſich mit ihr arrangiren wolle, weun der im Teſtament vorgeſehene, betrübende Fall eintrat, und kam in dieſem Punkte allen Wünſchen ſeiner Schwägerin bereitwillig ent⸗ gegen. Er erzeigte ihr kleine Aufmerkſamkeiten, beklagte ihr Geſchick, ——— — 455— kurz, er machte ſich ihr unentbehrlich, ſo daß die Generalin ſich außer⸗ ordentlich einſam auf ihrem Landgute fühlte, als er ſie verlaſſen hatte. Wiſſen Sie, was damals in ſeinem Plane lag?“ „Wie kann ich es wiſſen!“ „Sie ſollten die Generalin heirathen.“ „Ah, bah— Vermuthungen!“ „Ich habe Beweiſe dafür, Herr Chevalier. Aber dieſen Vorſatz ließ der Vicomte doch wieder fallen und zwar aus verſchiedenen Gründen. Erſtens waren Sie noch zu jung, zweitens konnte man nicht wiſſen, wie die Generalin darüber denken würde, und drittens war es immerhin ſehr zweifelhaft, ob Sie von dem großen Vermögen nur den unbedeutendſten Theil Ihrem Vater abtreten würden. Sie liebten das Spiel und die ſchönen Frauen, wie leicht konnten Sie dieſes Vermögen binnen einigen Jahren vergeuden, und dann war dem Vicomte wieder nicht geholfen.“ Der Chevalier war außer ſich vor Erſtaunen. „Und das Alles wiſſen Sie?“ fragte er.„Wer kann es Ihnen geſagt haben?“ „Gleichviel, Sie hören, daß ich es weiß. Es hat mir nicht viel Mühe gekoſtet, das Alles zu erfahren, wenn der Champagner die Köpfe verwirrt, fließt der Mund von Worten über, man muß dann nur ein feines Gehör und einen ſcharfen Blick haben, ſo ſondert man leicht das Wahre vom Falſchen. Auf dieſem Wege alſo war das Ziel nicht zu erreichen, und daß die Generalin mit jedem Tage ihrer Nie⸗ derkunft näher kam, konnte man jetzt nicht mehr bezweifeln. Wenn nur das Kind bei der Geburt oder nach einigen Tagen ſtarb. In dieſem Falle war wenigſtens die Hälfte der Erbſchaft gerettet.“ „Juſtine, welcher Gedanke!“ „Erſchreckt er Sie?“ ſpottete das Mädchen.„Ihr Vater fand in ihm nichts, was ihn hätte erſchrecken können. Die Generalin wohnte jetzt im Hauſe ihres Schwagers, aber kam mit Ihrer Stiefmutter wenig oder gar nicht in Berührung, ſie hatte ihre beſonderen Gemächer und ihre eigene Dienerſchaft. Der Vicomte traf ſeine Vorbereitungen. Die Diener, welche treu und zuverläſſig waren, wurden unter nich⸗ tigen Vorwänden entlaſſen, und da man ſie nicht ſofort erſetzen konnte, mußten die Lakaien des Vicomte die Generalin bedienen. Der Arzt, welcher die Dame täglich beſuchte, war ein verkommenes Subjekt, ein Mann, der ein ſehr weites Gewiſſen beſaß und für Geld Alles that, — —————— —ᷣ—ᷣ—ÿ—ᷣᷣ̃ͦͥ——— — 456— was ihm zugemuthet wurde. Mithin hatte der Vicomte leichtes Spiel.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Juſtine?“ „Sie werden es erfahren. Madame Gourdin beſaß ſchon damals den Ruf eines Scheuſals, aber ſie hatte nichtsdeſtoweniger eine noble Kundſchaft. Wie heute noch, ſo führte ſie damals ſchon leicht zu bethörende Mädchen in die Arme der Wüſtlinge, welche Gold genug beſaßen, um die Habſucht dieſes Weibes zu befriedigen, ſie war Meiſterin in der Anfertigung gefälſchter Dokumente, ſie verſtand es, Karten und Würfel zu fälſchen, die in der Hand des Eingeweihten eine wahre Goldgrube waren, ſie beſorgte vornehmen Damen, welche über die Rechnungen ihrer Putzmacherinnen und Näherinnen erſchraken, reiche Freunde,— kurz, ſie war zu allen Schandthaten zu gebrauchen und wußte in allen Fällen Rath. Nit dieſer vortrefflichen Frau ſetzte der Vicomte ſich in Verbindung, in einer regneriſchen, ſtür⸗ miſchen Nacht wurde der ganze Plan bis in die kleinſte Einzelnheit feſtgeſtellt.“ „Welcher Plan?“ fragte der Chevalier, deſſen Erſtaunen jetzt dem Entſetzen gewichen war. „Geduld, mein Herr, greifen Sie mir nicht vor. Die Generalin kam nieder, das Kind lebte, es war ein geſundes, kräftiges Kind.“ „Verzeihen Sie, das iſt nicht wahr. Es war ein dem Tode ver⸗ fallenes Kind—“ „Allerdings“, fiel Juſtine ihm ſarkaſtiſch in's Wort,„nur nicht in der Weiſe dem Tode verfallen, wie Sie es verſtehen wollen. Ich weiß wohl, daß man ſpäter das Gerücht verbreitet hat, das Kind ſei nicht lebensfähig geweſen, die Lüge war überflüſſig, es krähte ja doch weiter kein Hahn danach, ſo geſchickt war Alles eingefädelt. Und wer hätte auch den Vicomte angreifen wollen! Er beſaß ſo viele Freunde am Hofe, er ſtand mit dem Polizeipräfekten auf dem beſten Fuße, und in jener Zeit war Manches möglich zu machen, wenn man nur die rechten Wege kannte, auf denen man ſein Ziel verfolgen mußte. Gleich nach der Niederkunft gab man der Mutter einen Trank, der ſie in tiefen Schlaf verſetzte. Als ſie aus dieſem Schlafe erwachte, lag ſie— im Fieberdelirium. Unter ſolchen Umſtänden mußte natürlich das Kind einer Amme oder Pflegefrau anvertraut werden, und Madame Gourdin war die barmherzige Samariterin, welche ſich des hülfloſen Geſchöpfs annahm.“ — 457— „Juſtine, das ſind ſchwere Beſchuldigungen!“ „Ich kann ſie bewi eſen. Die Generalin war eine kräftige Natur, ſie überwand das Fieber, das Bewußtſein kehrte zurück, und nun ver⸗ mißte ſie ihr Kind. Sie rief nach ihm, man ſuchte ſie zu beruhigen, aber ſie wollte ſich nicht beruhigen laſſen. Der Doctor war gleich wieder mit einem Tränkchen bei der Hand, aber die verzweifelnde Mutter wollte auch von ihm nichts wiſſen, ſie verlangte unaufhörlich nach ihrem Kinde und ſchrie ſo laut und herzzerreißend, daß der Vicomte wohl oder übel ſich bequemen mußte, ihr Verlangen zu erfüllen.“ „Man hatte ihr aber geſagt, das Kind ſei todt!“ „Das iſt abermals eine Lüge geweſen, man hat ihr nichts geſagt, ſie durfte nicht vorbereitet ſein, wenn der Schrecken ſeine Wirkung thun ſollte. Madame Gourdin hatte inzwiſchen das Ihrige gethan, es war eine leichte Aufgabe, mit einigen Tropfen Opium kann man bei einem neugeborenen Kinde viel erreichen.“ „Juſtine!“. „Beben Sie jetzt vor dem Geheimniß zurück? Nicht wahr, es iſt eine furchtbare Waffe? Ich begreife nicht, daß ich die Macht dieſer Waffe noch nicht erprobt habe!“ „Fahren Sie fort“, ſagte der Chevalier, von Entſetzen ergriffen. „Das Kind wurde geholt, man legte die kalte Leiche in die fieberglühenden Arme der Mutter.“ „Und die Generalin wurde wahnſinnig!“ „Der Doctor hatte ſchon vorgebaut mit ſeinen Giftmixturen Eine Wahnſinnige war ja unfähig, ihr Vermögen zu verwalten, und im Grunde war es gleichgültig, auf welchem Wege mon das Ziel erreichte. Sie ſtarb bald darauf in Bicöätre, wohin man ſie gebracht hatte, und der Vicomte ſah ſich im Beſitz der ganzen Hinterlaſſen⸗ ſchaft ſeines Bruders.“ Der Chevalier ſaß in dumpfem Brüten verſunken, er hörte nicht einmal, daß Juſtine ihre Mittheilungen beendet hatte, erſt ihr ſcharfer Ruf ſchreckte ihn empor. „Das iſt entſetzlich!“ ſagte er mit heiſerer Stimme. Aber Beweiſe, Juſtine, Beweiſe!“ „Sie ſind in meinen Händen.“ „Was verlangen Sie dafür?“ „Nichts, ſie ſind mir nicht feil.“ — —— ———— 5—— —ᷣ—ÿ;:—— — 458— „Mein Gott, was wollen Sie damit? Eine Summe Goldes muß Ihnen lieber ſein—“ „Nein, ich bin zufrieden mit dem, was ich habe, und dieſe Beweiſe ſind für mich zu werthvoll, als daß ich ſie aus den Händen geben möchte. So oft mein Blick auf ſie fällt, fühle ich ſtets eine freudige Genugthuung bei dem Gedanken, daß ſie in meinen Händen ein Blitzſtrahl ſind, den ich zu jeder Stunde auf das Haupt eines ſtolzen, vornehmen Mannes ſchleudern kann. Und wer weiß, ob ich es nicht ſchon bald thue. Leben Sie wohl, Herr Chevalier, ich habe Ihnen den Dienſt vergolten, nun ſchulde ich Ihnen nichts mehr.“ „Wollen Sie ſich wirklich nicht von den Beweiſen trennen?“ „Nein.“ „Vielleicht kann ich Ihnen eine hohe Summe dafür bieten.“ „Auch dann nicht. Ich bin mit Schmach und Schande aus dem Hauſe Ihres Vaters entlaſſen worden, das kann ich nicht vergeſſen—“ „Sie ſollen mit Ehren in daſſelbe zurückkehren.“ „Als Ihre Gattin?“ „Juſtine, wäre das möglich?“ „Ein bitterer Zug umzuckte die Lippen des Mädchens, in ihren dunkeln Augen blitzte es jäh auf. „Sie haben Recht, das iſt ja unmöglich“, ſagte ſie ſarkaſtiſch, „der Edelmann und die Kammerzofe!“ „Aber ich verſpreche Ihnen, daß Sie eine ehrenvolle Stellung in unſerem Hauſe einnehmen ſollen.“ „Welche andere Stellung könnte ich einnehmen, als die einer Dienerin, und dazu iſt mir die Freiheit zu lieb! Sie wollen die Beweiſe haben, Herr Chevalier, aber ich darf und werde ſie Ihnen nicht übergeben.“ Sie nickte ihm den Abſchiedsgruß zu und ging von dannen. Der Chevalier folgte ihr, er verlor ſie nicht aus den Augen, bis er das Bivouak der Truppen erreicht, an dem ihr Weg ſie vorbei⸗ führte. Hier winkte er einem Zuaven, der im nächſten Moment an der Seite des Offiziers war. „Folgen Sie dieſer Dame“, ſagte er mit gedämpfter Stimme, indem er ein Goldſtück in die Hand des Zuaven drückte,„ſuchen ſie zu erfahren, wo ſie wohnt, aber ſehen Sie ſich vor, daß die Dame keinen Verdacht ſchöpft.“ Der Zuave nickte. .— — — 459— „Sie werden mich im Café Tortoni finden, dort erwarte ich Ihre Mittheilungen. Wenn Sie Ihre Aufgabe löſen, ſoll ein zweites Goldſtück Ihnen die Mühe lohnen.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. Gambetta im Luftballon. Der Chevalier und Juſtine hatten kaum ihren Sitz verlaſſen, als das Gebüſch hinter der Bank auseinandergebogen wurde und der Marquis heraustrat. Es war ſehr unklug von den Beiden geweſen, dieſen Sitz zu wählen, denn es gab Wege hinter, vor und neben dem Gebüſch, und man konnte ihr Geſpräch belauſchen, ohne daß ſie eine Ahnung davon hatten. Der Marquis mußte Alles vernommen haben, ſein Geſicht war bleich, aber eine triumphirende Freude blitzte aus ſeinen Augen. Er blieb eine Weile ſtehen, um ſich nach allen Seiten umzublicken, dann ſchritt er raſch durch das Truppenlager den Boulevard's zu. Man ſah heute auffallend viele Nationalgarden in allen Straßen, fie ſtanden gruppenweiſe beiſammen und ihre ernſten Mienen ließen erkennen, daß irgend etwas ſich vorbereitete, was zu einer Kataſtrophe in der belagerten Stadt führen ſollte. Der Marquis fand auch heute wieder Zeit und Muße, ſcharf zu beobachten, er ſprach mit einigen Offizieren der Nationalgarde lange und ein Zug der innerſten Befriedigung breitete ſich über ſein Geſicht, als er ſeinen Weg fortſetzte. Die Saat, die er geſäet hatte, war aufgegangen, heute oder morgen ſollte der Aufſtand erfolgen, die Regierung abgeſetzt und die Commune proclamirt werden. Man ſchimpfte auf Trochu und die Miniſter, man ſagte ohne Hehl, ſie ſeien unfähig, Frankreich zu retten, ihre Maßregeln ſeien nur halbe Maßregeln, denen jede Klarheit und Energie fehle, über⸗ dies habe Paris, das Herz Europas, die Stadt der Welt, das Recht, ſelbſt ſich zu regieren, und dieſes Recht dürfe es ſich nicht nehmen laſſen. Der Marquis war über die Einmüthigkeit dieſer Anſichten ſehr — 460— erfreut, er lobte die Muthigen, ermuthigte die Zaghaften und beob⸗ achtete dazwiſchen Alle, welche er ſeiner Aufmerkſamkeit werth hielt. Selbſt dem Uneingeweihten mußte die Ahnung ſich aufdrängen, daß die Revolution nahe war, trotz allem Lärm und Leben ringsum. Die Vertheidigungsarbeiten nahmen noch immer ihren Fortgang, Geſchütze und große Wagenkolonnen fuhren unaufhörlich den Außen⸗ werken zu, die Bataillone marſchirten allenthalben, der Geſchützdonner rollte unabläſſig von den Forts herüber und wohin man den Blick auch wenden mochte, ſah man nur Waffen und Uniformen. Aber wenn man die Nationalgarden und vorzüglich die Leute aus den Arbeiterquartieren ſchärfer in's Auge faßte, dann konnte Einem der düſtere Ernſt in ihren Mienen nicht entgehen und dieſer Ernſt, dieſe Entſchloſſenheit ließen nur zu deutlich errathen, daß die Sach⸗ lage begann, kritiſch zu werden. Der Marquis bog in die Rue Vincent ein und trat einige Minuten ſpäter in das Zimmer der Wahrſagerin. Madame Leroi empfing ihn mit ihrer gewohnten Ruhe und Gleichgültigkeit, die ſie auch dann nicht verlor, als ſie den Blick des Edelmanns mit durchbohrender Kraft auf ſich gerichtet ſah. In einer Ecke des Zimmers, halb von dem Büchergeſtell ver⸗ borgen, ſaß Madame Gourdin, der es mit genauer Noth gelungen war, ſich vor der Wuth des Volkes hierher zu retten. Der Marquis würdigte dieſes Weib nur eines verachtenden Blickes, dann trat er auf den Tiſch zu, hinter dem die Wahrſagerin ſaß. „Madame, ich komme noch einmal wegen des Ringes“, ſagte er G mit ſcharfer Betonung,„vielleicht ſind Sie heute eher geneigt, ihn zu verkaufen.“ „Ich hatte Sie früher erwartet“, entgegnete Madame Leroi aus⸗ weichend,„ehe wir zu einem neuen Geſchäft übergehen, müſſen die alten zuvor geordnet werden. Die Freunde der blonden Deutſchen ſind im Gefängniß, man hat die Papiere da gefunden, wohin ich ſie legte. Sie werden ſich erinnern, daß mir für dieſen Dienſt tauſend Francs zugeſagt wurden.“ „Gewiß, Madame, aber wie viel iſt es Ihnen werth, daß ich über den Mordverſuch an Pierre Bandau und über die Fälſchung des Teſtaments ſchweige? Segur hat mir gebeichtet, ich weiß ſehr genau, b in welcher Weiſe Sie bei der Sache betheiligt waren, und welchen 1 Lohn Sie ſich ausbedungen hatten.“ U — 461— Das fahle Geſicht der Wahrſagerin war noch fahler geworden, aber ſie verlor ihre Faſſung nicht. „Herr von Segur war ein Schurke“, ſagte ſie,„es kam ihm auf eine Lüge mehr oder weniger nicht an.“ „Segur iſt todt und auf einen Todten die Schuld zu wälzen, iſt Kinderſpiel. Aber mich führen Sie nicht hinter's Licht, Madame!“ Segur wurde in derſelben Nacht ermordet, in der ich dem Wucherer das Leben rettete, Sie wußten nicht, was in dem Hauſe des alten Mannes vorgegangen war, Sie glaubten, Pierre Bandau hange ſchon an dem Strick, den Sie für ihn gedreht hatten.“ „Bah, das ſind Vermuthungen.“ „He, Madame, weshalb ſchlichen ſie am andern Tage ſo oft an dem Hauſe des Wucherers vorbei? Weshalb zogen Sie am Abend die Glocke, und was war die Urſache, daß Sie ſo heftig erſchraken, als durch die offene Thürklappe das pockennarbige Geſicht des Geiz⸗ halſes Sie anſtarrte? Sie hatten das nicht erwartet, es ſollte drinnen ruhig bleiben, dann wollten Sie die Nachbarn rufen und gewaltſam in das Haus eindringen! Vielleicht befand ſich in Ihrer Taſche ein anderes Teſtament, in der allgemeinen Beſtürzung und Verwirrung konnte der Umtauſch unbemerkt bewerkſtelligt werden, dann waren Sie vie Univerſalerbin des Todten. Vertheidigen Sie ſich nicht, Madame, ich kenne Sie zu genau, um nicht zu wiſſen, daß ich den Nagel auf den Kopf treffe. Aber ich möchte wiſſen, wo die Summe geblieben iſt, welche Segur dem Wucherer raubte, bevor er ſich anſchickte, ſein Werk zu beenden.“ Die Weiber wechſelten verſtohlen einen bedeutungsvollen Blick. „Ich hab's ja geſagt“, rief Madame Gourdin erboſt,„er hatte die Taſchen voll Gold—“ „Mit Ihnen habe ich nichts zu ſchaffen“, fiel der Marquis ihr in's Wort,„ich rathe Ihnen, mir ſo fern wie möglich zu bleiben, es könnte mir einmal in den Sinn kommen, Sie zu fragen, was in einer gewiſſen Nacht mit dem Kinde der Generalin von Chateaufleur ge⸗ ſchehen ſei!“ „Teufel!“ knirſchte das Weib. „Ihnen bleibt doch nichts verborgen!“ höhnte die Wahrſagerin Sie müſſen von ausgezeichneten Spionen bedient ſein.“ „Beantworten Sie meine Frage“, ſagte der Marquis kühl,„wo iſt das Geld geblieben?“ —— —— — ,162— „Juſtine und Louiſon müſſen es geſtohlen haben, wir fanden bei dem Todten nichts mehr.“ „Ja, ſie haben Alles geſtohlen!“ rief Madame Gourdin mit ſtei⸗ gender Wuth.„Ah, wenn ſie mir in die Hände fallen!“ „So werden Sie ihnen nichts Böſes zufügen“, erwiderte der Marquis ſtreng.„Die Mädchen ſtehen jetzt unter meinem Schutz, das möge Jeder ſich merken, den es angeht.“ „Sie und die Deutſche— eins, zwei, drei“, ſpottete die Wahr⸗ ſagerin mit einem tückiſchen, boshaften Lächeln,„der Herr Marquis hat ja das Geld, weshalb ſollte er nicht wie ein türkiſcher Paſcha einen Harem anlegen können?“ Die elenden Weiber lachten, der Marquis zuckte verächlich mit den Achſeln. „Denken Sie darüber, wie Sie wollen“, ſagte er,„nur hüten Sie ſich vor perſönlichen Feindſeligkeiten, ſie könnten böſe Folgen für Sie haben. Kommen wir auf den Ring zurück. Wollen Sie mein Gebot annehmen?“ „Sie kennen den Preis.“ „Hundert Sous für die arme Frau!“ krächzte der Rabe, der auf der Schulter des alten Weibes hockte und mit den klugen glänzenden Augen den Edelmann unverwandt anſtarrte.“ 5 „Sie werden ſelbſt nicht erwarten, daß ich ihn zahle.“ „Und ich laſſe keinen Sous davon ab.“ „So werde ich noch einige Zeit warten.“ „Bis der Hunger meinen Eigenſinn beugt, nicht wahr?“ höhnte Madame Leroi.„Da werden Sie freilich lange warten müſſen, eine kluge Perſon hat ſich für alle Fälle vorgeſehen, mir kann der Hunger nichts anhaben. Kaufen Sie den Ring, mein Herr, ich ſage Ihnen, das Geheimniß, welches ſich an ihn knüpft, iſt Ihnen das Dreifache meiner Forderung werth. Ach, Sie werden es ſpäter bereuen—“ „Ich warte“, ſchnitt der Marquis ihr das Wort ab“, Ihre For⸗ derung iſt zu unverſchämt. Was ich Ihnen zu ſagen hatte, das habe ich Ihnen geſagt, ich wüßte dem nichts mehr hinzuzufügen, aber noch einmal richte ich an Sie beide die ernſte Warnung, ſich jeder Feind⸗ ſeligkeit gegen diejenigen zu enthalten, die unter meinem Schutze ſtehen, ich würde keine Rückſicht, keine Schonung kennen, und es ſind Beweiſe gegen Euch genug in meinen Händen, in jeder Stunde kann ich Cuch vernichten.“ —— — 463— Er ging ohne Abſchiedsgruß hinaus, es ärgerte ihn doch, daß er den Ring nicht erhalten ſollte, an den ſo manche ſüße Erinnerung für ihn ſich knüpfte. Aber eine ſolche Forderung durfte er nicht bewilligen, ſelbſt wenn der Ring dieſen Werth für ihn gehabt hätte, es widerſtrebte ſeinem Gefühl, der unerſättlichen Habgier des gemeinen Weibes dieſes Opfen zu bringen. Er ſtieg den Montmartre hinauf, oben auf der Höhe wiegte ein ungeheurer Luftballon ſich im Winde, und unüberſehbare Menſchen⸗ maſſen hatten ſich in allen angrenzenden Straßen verſammeltz, um der Abfahrt des Ballons beizuwohnen. Es koſtete ihm Mühe, ſich durch das Gedränge eine Bahn zu brechen, man ſtieß ihn zurück, rohe Bemerkungen trafen ſein Ohr, es war nicht möglich, durchzukommen. Dem Marquis perlte der Schweiß auf der Stirne, er wollte noch einmal einen Verſuch machen, als er plötzlich mehrere Herren mit dreifarbigen Schärpen und von Nationalgarden begleitet, die Höhe heraufkommen ſah. An ihrer Spitze befanden ſich Rochefort, der Polizeipräfekt Keratry und einige andere Mitglieder der Regierung, denen das Volk bereit⸗ willig Platz machte. Ihnen ſchloß der Marquis ſich an, ſo gelangte er ohne Schwie⸗ rigkeit in das Haus des Luftſchiffers. Auf dem großen freien Platze vor dieſem Hauſe war man emſig beſchäftigt, den Ballon mit Gas zu füllen, viele Herren und Damen ſtanden dabei und ſahen zu. Von ſeinen Collegen in der Regierung umgeben, ſtand Gambetta an einer Seite des Platzes, er ertheilte Befehle, indem er ſich bald zu dieſem, bald zu jenem wandte. Der Marquis ſchritt langſam an der Gruppe vorbei, der Dicta⸗ tor, deſſen unſtäter Blick in fieberhafter Unruhe über den Platz ſchweifte, bemerkte ihn und gab ihm ein Zeichen, daß er in der Nähe bleiben möge Inzwiſchen wurde der Korb, in welchem die Reiſenden Platz neh⸗ men ſollten, mit Sandſäcken, Lebensmitteln und vielen Packeten Briefen und Proclamationen angefüllt. Auf dem Platze ſelbſt herrſchte Stille, aber der Geſchützdonner untermiſcht mit dem Geſchrei des Volkes bildeten einen unaufhörlichen Lärm, der oft wahrhaft betäubend war. ———— ——— —— —— — 464— Nach einigen Minuten hörte der Marquis, der in Sinnen ver⸗ ſunken auf die Stadt hinunterblickte, ſeinen Namen nennen, er wandte ſich um, Gambetta ſtand vor ihm. „Kommen Sie, um Abſchied zu nehmen, oder bringen Sie mit intereſſante Nachrichten“, fragte der Dictator, indem er ſeinen Arm in den des Freundes ſchob und langſam mit ihm auf⸗ und niederwanderte. „Ich wollte nicht glauben, daß Sie wirklich die Reiſe antreten würden“, erwiderte der Edelmann. „Und weshalb nicht? Zweifeln Sie an meinem perſönlichen Muth?“ „Gewiß nicht, aber Paris wird Sie ſchmerzlich vermiſſen.“ „Ich denke, nicht. Die Maſchine iſt nun ſo weit im Gange, daß das Räderwerk ſich kaum noch verwirren kann und in den Pro⸗ vinzen bin ich nöthiger. Unſere Delegirten in Tours haben keine Energie, ſie ſtehen rathlos vor ihrer Aufgabe, die ihnen doch ſo deut⸗ lich vorgezeichnet iſt, die Präfekten greifen auch nicht durch, ſie ver⸗ ſtehen es nicht, den Patriotismus anzufeuern. Ich muß hin und die Säumigen und Zaghaften aufrütteln, Paris allein kann den ſiegreichen Feind nicht zurückwerfen, von Außen muß Hülfe kommen, und zwar raſch.“ „Man rechnet noch immer auf Bazaine und ſeine Armee.“ „Ah, bah, Bazaine ſpielt eine zweideutige Rolle, und ich fürchte, auch er iſt ſo eng umſtrickt, daß er den Durchbruch nicht mehr er⸗ möglichen kann. Er hat den günſtigen Zeitpunkt verſtreichen laſſen, nun iſt es zu ſpät.“ „Vielleicht könnte auch er noch befreit werden!“ „Vielleicht, das heißt, wenn er Lebensmittel genug hat, um ſich noch einige Wochen zu behaupten. Vor allem gilt es, Paris, das Herz Frankreichs, zu retten. Ich werde im Norden und Süden Armeen bilden und tüchtige Generale an ihre Spitze ſtellen, ich werde alle Provinzen aufrütteln und bewaffnen, der Feind darf keine Ruhe finden. „Glauben Sie an das fade Geſchwätz Victor Hugo's?“ fragte der Marquis ſarkaſtiſch.„Mit ſolchen wahnſinnigen Proklamationen erreicht man nichts—“ „Verzeihen Sie, dieſe Proklamationen haben uns viel genutzt Wenn wir auch über die Phraſen lächeln, die Bauern werden doch durch ſie entflammt, und auf die Landbevölkerung müſſen wir uns ſtützen. Wir haben Waffen und Munition—“ „Aber keine Truppen!“ Der Dictator ſchwieg, er blickte, gleich einem Propheten, der die 1 — 465— Zukunft ergründen will, in die Ferne hinaus, und ein trüber, düſterer Schatten breitete ſich über ſein Antlitz! „Sie haben kein Vertrauen auf den Sieg“, ſagte er,„und ehrlich geſtanden, glaube auch ich nicht, daß wir die Deutſchen über ihre Grenzen zurückwerfen werden. Aber können, dürfen wir den Frie⸗ den annehmen, den man uns dictiren will? Fordert nicht die Ehre Frankreichs, daß wir kämpfen bis zum letzten Mann? Wenn wir ohnmächtig im Staube liegen, dann kann man uns zwingen, das Sclavenjoch auf den Nacken zu nehmen, aber man ſoll zuvor uns niederwerfen! Vielleicht gelingt es uns dennoch, einige Vortheile zu erringen, dann werden die neutralen Mächte für uns eintreten.“ „Das iſt eine vergebliche Hoffnung!“ „Sagen Sie das nicht, wir leben in einer Zeit, in der man nie vorher ſagen kann, was der nächſte Tag bringen wird, ich habe dieſe Hoffnung noch nie aufgegeben. Ein Anderer als Thiers hätte die Höfe in London, Wien und Petersburg bereiſen ſollen. Thiers wollte nur für ſich Reclame machen, geben Sie Acht, er wird ſpäter die Maske abwerfen.“ „Fürchten Sie den alten Mann?“ „Ich? Nein! Aber Frankreich hat Grund, ihn zu fürchten, er hat ſtets eine zweideutige Rolle geſpielt. Wir werden unterliegen, und Frankreich wird das, was wir gethan haben, nicht anerkennen. Gut, auf dieſen Undank bin ich gefaßt, ich trete ab, ſobald meine Aufgabe gelöſt iſt, einen ſchmachvollen Frieden unterzeichne ich nicht. Thiers und Favre werden die Vermittler ſein, ſie werden jeden Frieden unterſchreiben, Favre läßt ſich von ſeinem weichen Gemüth hinreißen, und Thiers will Präſident von Frankreich werden. Und was darauf folgt, das brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, der Handel mit den Prinzen von Orleans iſt ſchon abgeſchloſſen, die Republik wird verkauft und Herr Thiers ſichert ſich das Portefeuille eines Miniſterpräſidenten.“ „Das darf und wird niemals geſchehen“, ſagte der Marquis erregt. „Wenn wir den Dingen ihren Lauf laſſen, ſo wird es geſchehen“, entgegnete Gambetta,„die Fäden ſind ſchon geſponnen, der Knoten, von dem ſie auslaufen, ruht in den Händen des Herrn Thiers. Aber es darf nicht geſchehen, darin haben Sie Recht, und ich vertraue auf Sie und die Arbeiter⸗Bataillone. Wie es auch kommen mag, die Republik muß gerettet werden.“ R. 30 466— „Sie ſoll gerettet werdeu!“ „Ich baue darauf! Mögen auch Ströme Blutes fließen, was wir errungen haben nach zwanzigjähriger Knechtſchaft, das müſſen wir feſthalten.“ „Und eben deshalb wünſche ich, Sie blieben in Paris.“ „Ich kann nicht, mein Freund, ich bin draußen nöthiger. Ueber⸗ dies möchte ich auch nicht bei den Erſten ſein, welche den Bürgerkrieg proclamiren, man ſoll unbekannte Leute, Arbeiter, in den Vordergrund ſchieben, die nach unſeren Befehlen decretiren. Ich kann mich alſo ganz auf Sie verlaſſen?“ „Unter allen Umſtänden.“ „Ich danke Ihnen, wir werden unüberwindlich ſein, wenn wir uns in dem Beſtreben vereinigen, die Republik gegen Liſt und Ver⸗ rath zu vertheidigen. Da kommt Trochu, ich habe ihm noch einige Mittheilungen zu machen, leben Sie wohl, mein Freund, auf frohes Wiederſehen.“ Der Dictator ſchüttelte dem Marquis die Hand und ſchritt auf den General Trochu zu, der, umgeben von ſeinem Generalſtabe, auf dem Platze erſchienen war. Er ſprach lange mit ihm, und mitunter wurde dieſe Unterredung von heftigen, ungeduldigen Geberden begleitet, woraus der Marquis zu entnehmen glaubte, daß eine Meinungsverſchiedenheit zwiſchen den Beiden obwalten müſſe. Endlich kam der Augenblick der Abfahrt, alle Vorbereitungen waren beendet, der Rieſenballon zerrte an den Stricken, welche ihn noch am Boden feſthielten, der Korb war gefüllt, Gambetta, der Luftſchiffer und ein dritter Herr ſtiegen ein, die Stricke wurden gelöſt, und unter dem tauſendſtimmigen Geſchrei:„Es lebe Gam⸗ betta!“—„Es lebe Frankreich!“—„Es lebe die Republik!“ ſtieg der Ballon mit pfeilſchneller Geſchwindigkeit zu den Wolken empor. Von Sekunde zu Sekunde wurde er kleiner, bis er nur noch als ſchwarzer Punkt dem Auge ſichtbar war und zuletzt in der Ferne ganz verſchwand. Die Menſchenmenge verlief ſich, während auf dem Platze bereits Vorbereitungen zur Füllung eines andern Ballons getroffen wurden. Auch der Marquis trat den Rückweg an, die Mittheilungen Gambetta's nahmen ſein ganzes Denken in Anſpruch. Auch er hatte die Gefahr ſchon erkannt, die der jungen Republil — . drohte, er mußte dem Dictator Recht geben, von den Intriguen Thiers' war Alles zu befürchten. Aber die Gegenmine war ja ſchon gelegt, der Aufſtand der Nationalgarden mußte den Sturz der Regierung herbeiführen und dann konnte man es der Commune überlaſſen, den Machinationen der Orleaniſten entgegenzutreten. Aus ſeinem Brüten weckte ihn eine ſilberhelle Stimme, er blickte auf, neben ihm ſchritt eine elegante Dame, Jenny Mouſſon, die lachend ihre Hand auf ſeinen Arm legte und ihm forſchend in die Augen ſchaute. „Haben die Schreckniſſe der Belagerung Sie ſchon entmuthigt?“ fragte ſie ironiſch.„Seltſam, ich ſehe jetzt nur noch ernſte Geſichter, Paris ſcheint ſein fröhliches Lachen verlernt zu haben.“ „Wohl dem, der noch lachen kann“, erwiderte der Marquis ernſt. „Ach ja, aber ändert man etwas durch Schwermuth und Nieder⸗ geſchlagenheit? Ich weiß nicht, ich finde das Leben auch jetzt noch ſchön und ſchlage mir die Sorgen aus dem Sinn.“ „Wenn Sie es können—“ „He, und weshalb nicht? Man ſagt, wir würden verhungern, Gott ſei Dank, ich habe noch einige Mittel, die mich vor dieſem Schickſal bewahren, man ſagt ferner, die preußiſchen Bomben würden uns tödten, ich glaube nicht daran, ſo lange es noch gewölbte Keller gibt—“ „Heiter und ſorglos, wie immer!“ ſagte der Marquis kopſſchüttelnd. „Man ſollte glauben, Sie ſeien in St. Lazare ernſter geworden.“ „Ja, ſo lange ich dort war, konnte ich auch nicht lachen, es um⸗ gab mich zu viel Elend und Gemeinheit. Ich möchte nur wiſſen, wem ich meine Freiheit verdanke! Irgend ein einflußreicher Freund muß ſich meiner angenommen haben, ſonſt hätte man mich nicht ſo bald verhört und mir ſo ohne Weiteres die Freiheit gegeben. Aber ich kann das nicht ergründen. Der Chevalier von Chateaufleur hat weder den Muth noch das Anſehen dazu, und Erneſt Laſleur, der einzige Mann, auf den ich meine Hoffnungen ſetzte, iſt ſchon ſeit mehreren Tagen verhaftet.“ „Erneſt Lafleur?“ fragte der Marquis, anſcheinend gleichgültig. „Wer iſt dieſer Mann?“ „Cin ſchlichter Handwerker.“* 4 „Und was iſt er Ihnen?“ — 468— „Ein Jugendfreund, den ich achte und verehre.“ Der Marquis lächelte bedeutſam. „Es kann Ihnen ja gleichgültig ſein, wer den Freundſchaftsdienſt Ihnen erzeigt hat“, ſagte er, indem er einen verſtohlenen Blick auf das Mädchen warf.„Ich dachte, der Chevalier ſei Ihr vertrauteſter Freund.“. „Nicht doch“, lachte Jenny übermüthig,„er iſt nicht der Mann, der mir eine beſondere Achtung einflößen kann. Und mit ſeinem Vermögen ſoll es auch nicht weit her ſein—“ „Ah, ich begreife, hier iſt die Klippe, an der ſeine Bemühungen geſcheitert ſind! Der Chevalier iſt übrigens ſehr leichtſinnig und ſehr gutmüthig, mein Fräulein, es wäre mir lieb, wenn Sie an den freund⸗ ſchaftlichen Beziehungen mit ihm feſthalten wollten.“ Jenny blickte betroffen auf. „Das wäre Ihnen lieb?“ fragte ſie überraſcht. „Allerdings, ich würde mir überhaupt erlauben, Ihnen manchen guten Rath zu geben, wenn ich wüßte, daß meine Worte auf einen fruchtbaren Boden fielen.“ „Weshalb zweifeln Sie daran, ich bin zu Ihren Dienſten, Herr Marquis.“ „Wann darf ich Sie beſuchen?“ „Warten Sie. Heute dinire ich bei einem Mitgliede der Regie⸗ rung, ich hoffe, man wird mir keinen Pferdebraten vorſetzen.“ „Seien Sie ohne Sorgen, die Herren Miniſter ſpeiſen noch immer vortrefflich.“„ „Wie bitter Sie das ſagen!“ „Ich denke an die Tauſende von Unglücklichen, die nicht einmal eine Brodkruſte zu verzehren haben, um ihren Hunger zu ſtillen.“ „Und ſpeiſen Sie deshalb ſchlechter?“ „Nein, mein Fräulein, aber ich greife nicht in den Säckel der Nation, um meine Tafel zu beſetzen.“ Jenny wiegte leicht das Köpfchen. „Ich ſehe darin keinen großen Unterſchied“, ſagte ſie heiter,„aber ich möchte mich bei Ihnen einmal zu Tiſch laden.“ „Es wird mir zum Vergnügen gereichen.“ „Alſo angenommen?“ L„Ja.“ Ga. „uUnd wann?“ al et — 469— „Morgen, wenn Sie wollen, für heute ſind Sie ja ſchon verſagt.“ „Ach ja, und mein Freund, der Miniſter, wird keine Entſchuldi⸗ gung gelten laſſen; wie ich höre, hat er große Geſellſchaft geladen, wir werden ſehr vergnügt ſein.“ „Sie werden lachen und tanzen, während draußen der Tod ſeine Ernte hält.“ „Marquis, verderben Sie mir den Appetit nicht“, ſagte das leicht⸗ fertige Mädchen unmuthig.„Ich fürchte ohnedies, daß man uns Pferdefleiſch vorſetzen wird.“ „Seien wir froh, wenn wir das immer haben können.“ „Brrrr, es iſt entſetzlich“, erwiderte Jenny ſchaudernd.„Mein Gott, zum Vergnügen könnte man wohl ein Stückchen davon verſuchen, aber nichts Anderes zu haben, als dieſes ekelhafte Fleiſch— ſchon der Gedanke daran macht mich übel.“ „Hm, wenn die Pferde geſchlachtet ſind, werden wir Katzen, Hunde und Ratten ſpeiſen.“ „Ratten? Das wäre mein Tod!“ Jetzt lachte der Marquis, es war für ihn eine Genugthuung, der übermüthigen und frivolen Heiterkeit einen Damm geſetzt zu haben. „Der Hunger thut weh“, ſagte er gelaſſen,„in früheren Zeiten iſt es ſchon vorgekommen, daß man in belagerten Städten Schuhſohlen gegeſſen hat. Und was die armen Familien in Paris heute eſſen, um den nagenden Hunger zu ſtillen, das—“ „Ich bitte Sie, Marquis, ſchweigen Sie, der Appetit iſt mir ſchon verdorben.“ „Schade für den Pferdebraten des Herrn Miniſters. Aber ich verſpreche Ihnen, auf meiner Tafel ſollen Sie nichts finden, was Ihren Abſcheu erregen könnte. Haben Sie Ihre frühere Wohnung wieder bezogen?“ „Natürlich.“ „Und empfangen Sie dort noch immer Ihre Freunde?“ „Wer kommt, iſt willkommen.“ „Alſo werde ich es auch ſein?“ „Gewiß.“ Jenny war ſtehen geblieben, ſie wollte den Omnibus benutzen, um in ihre Wohnung heimzukehren und ſich zum Diner bei dem Mi⸗ niſter anzukleiden, der Marquis verabſchiedete ſich von ihr und ſetzte ſeinen Weg fort. — 470— Als er ſein Palais erreichte, bemerkte er, daß der Portier ſich mit einer jungen Dame unterhielt, welche einen großen Blumenſtrauß in der Hand trug. Täuſchten ihn ſeine Augen nicht, ſo war es dieſelbe Dame, welche er vor zwei Stunden in den elyſeiſchen Feldern mit dem Chevalier belauſcht hatte. Und in der That, ſie war es, ſie war Juſtine. Was in aller Welt wollte ſie bei ihm? Hatte der Chevalier ſie geſchickt, um ſich Gewißheit darüber zu verſchaffen, ob Marie in ſei⸗ nem Hauſe weilte? Als ſie ihn kommen hörte, wandte ſie ſich um und eine verräthe⸗ riſche Gluth übergoß ihr hübſches Geſicht, die Begegnung ſchien ihr nichts weniger als angenehm zu ſein. „Gott ſei Dank“, ſagte der Portier, als ob ihm eine ſchwere Laſt von der Seele genommen ſei,„da ſehen Sie, Fräulein, daß ich Ihnen die Wahrheit ſagte.“ „Gilt Ihr Beſuch mir?“ fragte der Marquis in freundlichem Tone. Juſtine zögerte einen Augenblick, ſie ſchien verwirrt zu ſein, dann aber bejahte ſie die Frage mit auffallender Haſt, und der Edelmann forderte ſie auf, ihn zu begleiten. Er führte ſie nicht in ſein Kabinet, ſondern in ein anderes Gemach, ſchob ihr einen Seſſel hin und bat ſie, Platz zu nehmen. „Welchem Umſtande verdanke ich die Ehre?“ fragte er, indem er das Mädchen mit Intereſſe betrachtete.„Ich empfange nie oder nur ſelten den Beſuch einer Dame, mein Portier war vielleicht erſtaunt, daß Sie—“ „Ach nein“, fiel Juſtine ihm in's Wort,„das gerade nicht, aber er wies mich in einer Weiſe ab, die ich gerade nicht höflich nennen kann.“ „Nehmen Sie ihm das nicht übel, dieſe Leute haben keine Lebensart.“ „Ja. Sie ſind kriechend vor reichen und vornehmen Perſonen und glauben dafür alle Andern mit Verachtung behandeln zu können.“ „Verlangen Sie Genugthuung?“ „Nein, mein Herr.“ Der Marquis hatte ſchon den Arm erhoben, um die Glocke zu ziehen, er ließ ihn wieder ſinken. Juſtine ſteckte ſichtbar verlegen ihr Näschen in den Blumenſtrauß. „Darf ich nun fragen, was Sie zu mir führt?“ nahm der Mar⸗ quis wieder das Wort. — 471— Juſtine blickte auf, ſie mußte vor dem forſchenden Vlick die Augen niederſchlagen, es war ihr ganz unbegreiflich, wie ſie ſo ſehr die Faſ⸗ ſung verlieren konnte. „Man ſagte mir, Sie ſuchten eine Kammerzofe für eine junge — Dame“, erwiderte ſie. „Und da wollen Sie Ihre Dienſte anbieten?“ „So iſt es.“ „Mein Fräulein, man hat Sie falſch berichtet.“ „O, ich glaube das nicht, Herr Marquis, und was meine Treue, meine Fähigkeiten und Verſchwiegenheit betrifft, ſo dürfen Sie mir Ihr ganzes Vertrauen ſchenken.“ Der Marquis lächelte ſarkaſtiſch. „Weshalb heben Sie Ihre Verſchwiegenheit ſo ſehr hervor?“ fragte er.„Hat man Ihnen vielleicht auch geſagt, es gebe Geheim⸗ niſſe in dieſem Hauſe, die bewahrt werden müßten?“ „Ich dachte mir nichts weiter dabei.“ „Hm, Verſchwiegenheit iſt eine lobenswerthe Tugend“, fuhr der Edelmann fort, indem er das Mädchen unverwandt beobachtete,„und Sie thun wohl daran, verſchwiegen zu ſein. Wenn ich an die Ver⸗ brechen des Herrn Vicomte von Chateaufleur denke, für welche Sie die Beweiſe in Händen haben, ſo muß ich mir ſagen, daß eine un⸗ überlegte Enthüllung dieſes Geheimniſſes die unangenehmſten Folgen für Sie haben könnte.“ Der ſtarre Blick des Mädchens ruhte mit dem Ausdruck des Ent⸗ ſetzens auf dem Marquis, der ihr freundlich zulächelte. „Aber woher wiſſen Sie das?“ fragte ſie. „Wenn ich mir ferner ſage, daß die kleine Hand, welche jetzt das Bouquet hält, einem Wüſtling den Dolch in's Herz geſtoßen hat, ſo muß ich wiederum die Verſchwiegenheit—“ „Herr Marquis!“ rief Juſtine beſtürzt, von ihrem Sitz empor⸗ fahrend.„Sind Sie allwiſſend?“ „Nein, mein Kind, aber ich weiß Vieles, und es iſt manchmal gut, wenn man gut unterrichtet iſt. Ob Sie die Macht beſitzen wer⸗ den, ſich und Louiſon Bandau vor den Verfolgungen der beiden Me⸗ gären zu ſchützen, das iſt freilich eine andere Frage, auf die ich keine Antwort geben kann.“ „Ah, Madame Gourdin zählt auch Sie zu ihrer Kundſchaft“, ſagte das Mädchen, die Oberlippe trotzig aufwerfend,„jetzt wird mir Alles klar.“ ———. —õ——õ—õÿ— 2— — ——————,—— ——— 8.— — ——— ———— —:—;—;;:——— — 472— „Wirklich ganz klar?“ fragte der Marquis mit leiſem Spott. „Ich glaube nicht, daß dieſes Weib Sie zu mir geſchickt hat, um die Geheimniſſe meines Hauſes zu erforſchen. Und das war einzig und allein der Zweck Ihres Beſuchs. Sie ſollten ſich überzeugen, ob eine junge Dame in dieſem Hauſe wohnt, eine deutſche Gouvernante, die vor einigen Monaten noch gleichzeitig mit Ihnen im Dienſte des Vicomte von Chateaufleur ſtand. Mein Kind, man mag die Kunſt der Verſchwiegenheit noch ſo gründlich kennen, es iſt dennoch nicht rathſam, in die Geheimniſſe anderer Perſonen einzudringen. Solche Geheimniſſe können eine drückende Laſt werden, und hat man ſie ein⸗ mal ſich aufgebürdet, ſo iſt es ſchwer, ſie wieder abzuſchütteln.“ Juſtine war ſprachlos vor Erſtaunen, ſie wußte nicht, was ſie darauf erwidern ſollte. „Ich zürne Ihnen deshalb nicht“, fuhr der Marquis nach einer Weile fort,„wie könnte ich es? Ein junges Mädchen zu bethören, iſt Kinderſpiel, und Sie dachten es ſich wahrſcheinlich ſehr leicht, mein Vertrauen im Fluge zu gewinnen. Gegen feurige Blicke und das Lächeln ſchöner Lippen bin ich gewappnet, mein Fräulein. Aber könnten wir nicht ein Abkommen treffen? Man hat Ihnen viellsicht eine hohe Summe geboten für die Löſung dieſer Aufgabe, ich biete Ihnen das Doppelte, wenn Sie die Bedingungen erfüllen, welche ich Ihnen vorſchlagen werde.“ Gegen ſolche Worte war Juſtine nie unempfindlich geweſen, dem Zauber des Goldes hatte ſie nie widerſtehen können. Zudem bot ſich hier eine vortreffliche Gelegenheit für ſie, einen reichen und vornehmen Herrn zu verpflichten, deſſen Beiſtand ihr im Laufe der Zeit von unſchätzbarem Werth ſein konnte. Freilich erinnerte ſie ſich auch des Verſprechens, welches ſie Jean gegeben hatte, aber war es ihr denn jetzt möglich, dieſes Verſprechen zu erfüllen? Vielleicht konnte ſie es eher einlöſen, wenn ſie den Vorſchlag des Herrn annahm, ſie fand alsdann gewiß öfter einen ſchicklichen Vor⸗ wand, ihn zu beſuchen, es ließ ſich beſſer und mit größerer Sicherheit ein Plan entwerfen. Der Marquis, der das Mädchen ſcharf beobachtete und in den Zügen eines Menſchengeſichts zu leſen verſtand, wußte ſehr genau, was in ihrer Seele vorging. „Es iſt wahr“, ſagte er,„das Gold, welches Herr von Segur —., — 8o—— — 473— dem Wucherer geraubt hatte, befindet ſich in Ihrem Beſitz und dieſe Summe genügt, für die nächſte Zeit Sie und Louiſon vor dem Hunger zu ſchützen. Aber die Preiſe der Lebensmittel werden noch höher ſteigen, und die Erfahrung lehrt, daß unvorſichtige Leute unter ſolchen Verhältniſſen ihre Erſparniſſe für Leckerbiſſen ausgeben, weil ſie ſich nicht entſchließen können, mit einfacher und weniger ſchmackhafter Koſt vorlieb zu nehmen. Für die Dauer alſo werden Sie nicht geſichert ſein, mein Fräulein, das Geld wird ſehr bald verausgabt ſein, und dann iſt Holtand in Noth. Sie können mir nur erwidern, Sie hätten Freunde, welche Sie nicht im Stiche laſſen würden. Sehr wohl, aber in den Zeiten der Noth denkt Jeder zuerſt an ſich ſelbſt. Und auf Pierre Bandau dürfen Sie auch keine Hoffnung bauen, er würde ſein Kind lieber verſchmachten laſſen, als daß er nur einen Sous für ſie opferte.“ „Das iſt leider nur zu wahr“, warf Juſtine ein. „Wohlan, mein Fräulein, ich freue mich, daß Sie das einſehen. Außerdem dürfen Sie die Gefahr nicht unterſchätzen, welche Ihnen aus der Rachſucht der beiden Weiber erwächſt. Ich gebe zu, daß Sie das Mittel beſitzen, Madame Gourdin in's Zuchthaus zu bringen, aber wird man Ihnen Zeit laſſen, es zu benutzen? Schwerlich. Wird das Weib nicht jedem Angriff von Ihrer Seite vorbeugen, und kann es nicht Sie eines Raubmords beſchuldigen? Verzeihen Sie, ich will Sie keineswegs beleidigen, dieſe Abſicht liegt mir fern, ich möchte Ihnen nur die Klippen zeigen, an denen Ihre Pläne und Hoffnun⸗ gen ſcheitern können. Vielleicht iſt es noch ein Geheimniß, wo Sie und Louiſon ein Verſteck gefunden haben, aber wie lange wird es Ihr Geheimniß bleiben?“ „Sie ſollen kommen“, ſagte Juſtine trotzig,„eher ſtoße ich auch ihnen die Klinge in's Herz— „Erlauben Sie, das iſt eine Redensart, die durchaus keinen Werth hat“, fiel der Marquis ihr mit gemeſſenem Ernſt in’'s Wort.„Wenn eine Patrouille der Nationalgarde plötzlich in Ihr Zimmer tritt, ſo kann Ihr perſönlicher Muth Sie vor der Verhaftung nicht ſchützen. Ich biete Ihnen einen beſſern Schutz an, Ihnen und Ihrer Freundin, denn ich bewundere Ihren Muth, Ihr raſches, energiſches Handeln, und ich will glauben, daß Sie nicht zu Denen zählen, welche ihre Gunſt Jedem ſchenken, der ſich um ſie bewirbt.“ Juſtine ſchlug die dunklen Augen zu dem Edelmann auf. Lag ——— ———ÿõõ—— ———— — ͦ—— —— —— — —— — 474— auch in ſeinen letzten Worten etwas, was ſie verletzen konnte, ſo fühlte ſie dennoch ſich ihm für ſein freiwilliges Anerbieten verpflichtet und der Schutz eines ſolchen Mannes hatte immerhin großen Werth für ſie. „Hören Sie nun meine Bedingungen“, ſagte er in derſelben freund⸗ lichen und gütigen Weiſe.„Zuvörderſt wünſche ich zu erfahren, wer Sie zu mir geſchickt hat.“ Das Mädchen zögerte. Wenn ſie die Wahrheit ſagen wollte, ſo mußte ſie Jean verrathen, ſo gab ſie überhaupt das ganze Spiel verloren. Der Marquis entriß ſie dieſer Verlegenheit, er dachte nicht an Erneſt, wie hätte auch das Mädchen mit dem Gefangenen in Verkehr treten können. „War es nicht der Chevalier von Chateaufleur?“ fragte er. „Ja“, antwortete Juſtine leiſe. „Ah— alſo hofft er noch immer ſeinen Plan verwirklichen zu können? In der That, er iſt ein Narr, den man nicht zu fürchten braucht. Hat er Ihnen den Plan entworfen?“ „Nein, er ſagte mir nur, ich ſolle erforſchen, ob die junge Dame ſich in dieſem Hauſe befinde.“ „Sie werden ihm erwidern, Sie hätten ſich die Ueberzeugung verſchafft, daß das nicht der Fall ſei.“ „Es ſoll geſchehen.“ „Sie werden ihm und Louiſon mit keiner Silbe verrathen, was wir beſprochen haben, ich fordere die ſtrengſte Verſchwiegenheit von Ihnen.“ „Ich werde ſchweigen.“ „Sehr gut. Wo wohnen Sie?“ „Herr Marquis, wollen Sie mich auf die Probe ſtellen, ob ich ſchweigen kann?“ „Durchaus nicht, mein Fräulein, ich fordere in allem Ernſt von Ihnen, daß Sie mir Ihre Wohnung bezeichnen.“ „Ich darf es nicht ſagen!“ „Sie wiſſen, es liegt auch in Ihrem Intereſſe. Wenn ich Sie ſchützen ſoll, muß ich wiſſen, wo Sie wohnen. Ueberdies könnte ich in den Fall kommen, Ihnen eine eilige Mittheilung machen zu müſſen, es wäre ferner möglich, daß Sie auf der Straße verhaftet würden und die Sorge für Louiſon mir anheimfiele, kurz, es können 2 7. — 475— ſo viele unvorhergeſehene Fälle eintreten, daß ich mit aller Entſchie⸗ denheit auf die Erſüllung dieſer Bedingung dringen muß.“ „Nun denn, ich will Ihuen volles Vertrauen ſchenken“, ſagte Juſtine, ihn ernſt und voll anſchauend,„Nue Jean Jacques Nouſſeau Nummer 46 bei einer Frau Margot Bouhon.“ „Wie kommen Sie zu dieſer Frau?“ Juſtine erzählte ihm ihr Zuſammentreſſen mit der Wittwe bei dem Wucherer. Der Marquis ſchüttelte das Haupt. „Seltſames Spiel der Zufalls“, ſagte er.„Gut, bleiben Sie dort, ich werde vielleicht ſelbſt einmal hinkommen, um mich zu über⸗ zeugen, ob Sie der Frau vertrauen können. Nun die letzte Bedin⸗ gung. Sie beſitzen die Beweiſe für das Verbrechen des Vicomte von Chateaufleur.“ Auf dieſe Frage war Juſtine nicht gefaßt, ſie raubte ihr im erſten Augenblick die Faſſung. „Ich weiß nicht, wer Ihnen das verrathen haben kann“, erwiderte ſie,„es war bis jetzt mein Geheimniß—“ „So glauben Sie. Aber denken Sie einmal nach. Haben Sie nicht, um ſich dieſe Beweiſe zu verſchaffen, Schritte gethan, welche Argwohn wecken mußten.“ „Nicht, daß ich wüßte!“ „Sie erinnern ſich deſſen heute nicht mehr. Indeß kann Sie das weiter nicht berühren, mein Fräulein, Sie hören, daß ich unterrichtet bin, das mag Ihnen genügen. Worin beſtehen die Beweiſe?“ „In einem Brief, den der Vicomte an den Doktor geſchrieben hat.“ „Weiter!“ „Sodann beſitze ich einen Brief des Doktors an den Vicomte und einen Schuldſchein, den der letztere der Madame Gourdin übergeben hat.“ „Iſt das Alles?“ „Genügen dieſe Beweiſe nicht?“ „Nein!“ „Nun gut, dann beſitze ich ein von der Hand des Doktors geſchrie⸗ benes Dokument, welches nach dem Tode dieſes Mannes in meine Hände fiel. In dieſem Dokumente ſind die Thatſachen ausführlich geſchildert und mit allen nöthigen Notizen verſehen, es iſt eine An⸗ klageſchrift, wie ſie kein Richter ſchärfer und gründlicher aufſetzen kann.“ „Und das Dokument iſt echt?“ „Die Unterſchrift des Doktors iſt von ſechs Zeugen beglaubigt.“ — 476— „Und was war der Zweck des Schriftſtücks?“ forſchte der Mar⸗ quis, der jetzt dem Mädchen gegenüber ſaß und den flammenden Blick mit durchdringender Kraft auf ſie gerichtet hielt. „Der Vicomte hat dem Arzte nicht die ganze Summe gezahlt, die er ihm für ſeine Mitwirkung zugeſagt hatte. Er vertraute darauf, daß der Doktor nicht den Muth haben werde, das Verbrechen zu ent⸗ hüllen, das Gericht würde ja auch ihn zur Galeere verurtheilt haben. In dieſem Vertrauen täuſchte er ſich nicht, aber der Doktor fand doch einen Weg, um ſich an dem Geizhalſe zu rächen. Es war ſeine Ab⸗ ſicht, daß das Dokument nach ſeinem Todefin die Hände des Gerichts fallen ſollte, das war die Rache, die er nehmen wollte.“ „Und wie kam es, daß dieſe Abſicht vereitelt wurde?“ „Ich hatte mich in den letzten Monaten des alten Mannes an⸗ genommen, ich gab ihm die Mittel, daß er ſeine Trunkſucht befriedi⸗ gen konnte, und im Rauſch erzählte er mir das ſchreckliche Geheimniß. Seitdem war mein Sinnen und Trachten darauf gerichtet, in den Beſitz des verhängnißvollen Dokuments zu kommen, und ein glücklicher Zufall erfüllte dieſen Wunſch. Ein Schlagfluß traf den Trunkenbold in meiner Gegenwart, es war raſch mit ihm zu Ende, vor ſeinem Tode übergab er mir das Schriftſtück mit der Aufforderung, ich ſolle ihn rächen.“ „Und weshalb zögerten Sie bis heute, dieſen letzten Wunſch eines Verſtorbenen zu erfüllen?“ „Die Wahrheit iſt, daß ich noch keine Zeit fand, daran zu denken.“ „Nun gut, Sie werden mir dieſe Papiere übergeben.“ „Nimmermehr!“ „Weshalb ereifern Sie ſich, mein Fräulein? Ich ſage, Sie wer⸗ den es thun, und wenn Sie meine Gründe gehört haben, müſſen Sie mir Recht geben. Die Papiere ſind nicht mehr ſicher bei Ihnen, Sie haben bereits Anderen verrathen, daß Sie dieſelben beſitzen.“ „Nur Einem, Herr Marquis!“ „Dem Chevalier! Es war eine Thorheit!“ „Er forderte es von mir als Gegendienſt dafür, daß er mir das Leben gerettet hatte, ich konnte es ihm nicht abſchlagen.“ „Und der Chevalier wird nun Himmel und Hölle in Bewegung ſetzen, um ſich dieſer Papiere zu bemächtigen. Ich wiederhole Ihnen, ſie ſind nicht ſicher bei Ihnen. Sie werden dieſe Papiere mir an⸗ vertrauen und Niemandem verrathen, daß ich ſie beſitze, im Gegentheil, ——„+. &— S=————* —-— 477— wenn man Sie fragen ſollte, ſo werden Sie antworten, dieſe Beweiſe ſeien noch immer in Ihrem Beſitz. Dadurch vereiteln wir alle Ma⸗ chinationen der Familie Chateaufleur, die Hausſuchung wird keine Re⸗ ſultate ergeben, und ſollte man Sie verhaften laſſen, ſo habe ich die Macht, Ihnen die Thüren des Gefängniſſes wieder zu öffnen. Im Uebrigen verſpreche ich Ihnen auf Manneswort, daß die Papiere nur zu dem Zweck verwendet werden ſollen, für welchen der Doktor ſie beſtimmt hat, vertrauen Sie feſt darauf, daß kein Mißbrauch mit ihnen getrieben wird, abze überlaſſen Sie es auch mit demſelben Vertrauen mir, den Beoßhte für ſein fluchwürdiges Verbrechen zu züchtigen.“ Juſtine war in Kachdenken verſunken, ſie wußte nicht, was ſie thun ſollte. Wenn ſie die Erfüllung dieſer Bedingung ablehnte, ſo zog der Marquis die Hand, die er ihr angelloten hatte, zurück. Und nicht allein das, er war jetzt auch in das ganze Geheimniß eingeweiht, er kannte ihre Wohnung, und es war ihm, dem reichen, vornehmen Manne, ein Leichtes, ſie verhaften zu laſſen und ſich auf dem Wege der Gewalt der Papiere zu bemächtigen. Auf der anderen Seite konnte ſie auch nicht glauben, daß er ſich in den Beſitz dieſer Dokumente ſetzen wollte, um den Vicomte ſicher zu ſtellen, ſie wußte ja, daß er nie ein beſonderer Freund des Vi⸗ comte geweſen war, wenn er auch zu der ſchönen Frau deſſelben in ſehr nahen Beziehungen ſtand. Und die Wahrheit ſeiner Gründe konnte ſie auch nicht leugnen und widerlegen, ſie hatte ſchon bereut, daß ſie ſo unklug geweſen war, dem Chevalier das Geheimniß zu verrathen, ſie ſah niege ſchwarzen Wolken in der Ferne emporſteigen, die über ihr ſich zuſammenballen mußten, und aus denen der vernichtende Blitzſtrahl auf ſie nieder⸗ fahren konnte.—. So war es denn, Alles in Allem geffömmen, in ihrem eigenen Intereſſe geboten, dem Marquis volles Vertrauen zu ſchenken und das Bündniß anzunehmen, welches er ihr anbot. A „Entſchließen Sie ſich“, ſagte der Marquis nach einer Weile, „wenn Sie mir kein Vertrauen ſchenken können, dann müſſen Sie auch auf meinen Schutz verzichten, das Eine iſt ohne das Andere nicht denkbar. Ich werde Ihnen deshalb nicht grollen, aber ich werde bedauern, daß Sie dem Worte eines Edelmannes keinen Glauben geſchenkt haben.“ —— ———;xxx —— 1 —— —-— —— —— „Ich werde Ihnen die Papiere bringen“, antwortete Juſtine, aber ich behalte mir vor, daß ich ſie jederzeit zurückfordern kann.“ „Ich werde ſie Ihnen nur dann zurückgeben, wenn Sie für dieſes Verlangen einen triftigen Grund anführen können. Damit mäſſen Sie zufrieden ſein.“ „Gut, ich bin es.“ „Und vor allen Dingen Verſchwiegenheit!“ „Ich verſpreche es. Wann darf ich kommen?“ „Würden Sie eine Einladung zum Diner für morgen annehmen, Juſtine?“ „Mit Vergnügen. Werden wir allein ſpeiſen?“ „Eine andere Dame wird zugegen ſein.“ „Ah, die Deutſche?“ „Nein, Juſtine, mein Haus birgt keine Geheimniſſe. Ich weiß nicht, ob Sie Fräulein Jenny Mouſſon kennen.“ „Nein, Herr Marquis.“. „Nun, ich denke, ſie wird Ihnen gefallen. Auf Wiederſehen alſo morgen Nachmittag! Wir ſpeiſen um fünf Uhr.“ „Ich werde etwas früher kommen, um Ihnen die Papiere einzu⸗ händigen.“ Der Marquis nickte und begleitete das Mädchen zur Thüre, dann eilte er in ſein Kabinet. „Jetzt habe ich Euch“, ſagte er triumphirend,„jetzt verſucht es, mich mit Euren Machinationen zu umſpinnen, mit dieſem Dokument zerreiße ich die Maſchen Eurer Netze und vernichte Euch insgeſammt, ſobald es mir beliebt.“ Er zog die Glocke und ſah auf die Uhr. „Das Diner ſoll im Zimmer der Dame ſervirt werden“, befahl er dem eintretenden Diener, gehe und frage ſie, ob ich um die Chre bitten dürfe, heute mit ihr zu ſpeiſen.“ Gedankenvoll wanderte er auf und nieder, über ſeinen Plänen brütend. „Jenny und Juſtine werden ſich nicht mehr zu Werkzeugen gegen mich hergeben“, murmelte er,„ich werde ihre Iutereſien mit den meinigen ſo feſt verketten, daß ſie in einem Verrath keinen Vortheil finden können. Lafleur und Bertrand ſind einſtweilen un chädlich und den Plänen des Chevaliers iſt die Spitze abgebrochen. Der Vicomte ſoll ſeine Schuld an Marie tilgen und ſein Verbrechen ſühnen, und Cora— ah, bah, ich habe ſie zu den Todten geworſen. Pierre — 479— Bandau überlaſſe ich ſeinem Schickſal, ſein Kopf wird wohl unter der Guillotine fallen, er hat's tauſendfach verdient. Blieben noch die beiden Weiber. Hm— mit ihnen muß man vorſichtig ſein, dieſe Megären haben den größten Einfluß auf die Kanaille, man ſticht da in ein Wespenneſt.“ „Mademoiſelle läßt um die Ehre bitten“, meldete der Diener. „Gut, gut, ſobald ſervirt iſt, ſoll es mir gemeldet werden.“ Der Marquis trat au's Fenſter und blickte in ſeinen großen, ſchönen Garten hinunter, deſſen Wege und Beete der Herbſt mit dem dürren Laub der Bäume bedeckt hatte. „Wie ſagte ſie noch?“ flüſterte er.„In dem Augenblick, in welchem ich das höchſte Glück meines Lebens erreiche, werde der Dolch des Mörders mein Herz durchbohren! Bah— altes Weiber⸗ geſchwätz, was wiſſen dieſe Hexen von der Zukunft!—— Mich ſoll dieſes Gefaſel nicht abhalten, mit allen Mitteln nach der Erreichung des erſehnten Ziels zu ſtreben, und wenn ich das Glück habe, dann werde ich es feſthalten, und es zwingen, mir unterthänig zu ſein! Aber werde ich es erreichen? Oft, wenn die blauen Augen ſo innig und theilnahmvoll mich anſchauen, glaube ich, nicht daran zweifeln zu dürfen, und in andern Stunden ſuche ich wieder vergeblich einen Blick, ein Lächeln, ein Wort zu erhaſchen, um meine Zweifel zu beſiegen. „Seltſam, daß ſie ſo ruhig und heiter iſt! Mich beunruhigt dieſe Unbefangenheit, die auf Gleichgülligkeit ſchließen läßt.— Geduld, ſie wird ja einſehen, daß ich nur Ihr Beſtes will!“ Er trat vor den Spiegel und blickte lange auf das Glas, aus dem ſein Ebenbild ihm entgegenſchaute, und ein zuverſichtliches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „Ich kann nicht glauben, daß ſie dieſen Lafleur geliebt haben ſoll“, flüſterte er,„ſie, die gebildete Dame, den einfachen Handwerker, der ihr außer einem treuen Herzen und einem braven Charakter nichts bieten kann.— Ah, bah, das war eine Roman⸗Idee, ſie wird ſie vergeſſen.“ Er ordnete die Schleife ſeines Halstuchs, ſtrich mit der feinen, ariſtokratiſchen Hand ordnend über ſein krauſes Haar und ging mit ſtolzerhobenem Haupte, ein Lächeln der Siegesgewißheit auf den Lippen, hinaus, um ſich in die Gemächer Mariens zu begeben. Er kannte die Feſtigkeit und Treue eines deutſchen Herzens noch — 480— nicht, wer konnte ihm verargen, wenn er Marie mit demſelben Maßſtabe maß, mit dem er die leichtlebigen und vergnügungsſüchtigen Franzöſinnen zu meſſen gewohnt war! Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Zerbrochene Feſſeln. Es war eine ſtürmiſche Nacht. Der Sturm peitſchte den Regen in ſchweren Güſſen gegen die Fenſter und Mauern, er pfiff und heulte um alle Ecken, als ob er ſein Vergnügen daran finde, die Schrecken in der belagerten Stadt zu vermehren. In der Gefängnißzelle der Freunde regte es ſich geheimnißvoll, leiſe Stimmen murmelten und oft athmete einer der drei Gefangenen tief und ſchwer auf. „Wenn nur der Sturm nicht wäre“, ſagte der Falſchmünzer leiſe,„er wird die Strickleiter ſo heftig ſchaukeln, daß Eure Hände ſie nicht erfaſſen können.“ „Nur vorwärts“, drängte Erneſt,„wir fürchten nichts, das Heulen des Sturmes wird jedes andere Geräuſch übertäuben, und in ſolchem Hundewetter denken die Poſten nicht daran, Alles zu beob⸗ achten, was um ſie her vorgeht.“ „Ja, das Wetter iſt vortrefflich“, erwiderte Dorman, während er die eiſerne Stange hin und her bog,„aber der Sturm gefällt mir doch nicht. Haben wir Alles?“ „Alles, was wir bedürfen“, ſagte Paul. „Gut— ak, endlich bricht die Kanaille, wir werden die Stange mitnehmen, man kann nicht wiſſen, wozu ſie zu gebrauchen iſt. Wer uns entgegentritt, den ſchlagen wir nieder.“ Er beugte ſich in die Finſterniß hinaus und taſtete mit der Hand an der Außenmauer herum. „Hier iſt die Rinne“, ſagte er,„mein gutes Glück, das mich bisher nie im Stich gelaſſen hat, möge auch heute mich ſchützen. Alſo gebt Acht, bin ich oben, ſo laſſe ich die Leiter herunter, Ihr müßt ſie auffangen und an den Stangen befeſtigen. Muth, meine Freunde, wenn wir ihn verlieren, dann haben wir Alles verloren, dann wäre es beſſer, wir unternähmen das Wagniß nicht.“ Paſchal Grouſſet, Mitglied der Commune von Paris. 1871. — — 481— Finſterniß. Erneſt ergriff die Hand ſeines Freundes. „Wir gehen einer Todesgefahr entgegen“, ſagte er ernſt,„wer kann wiſſen, ob wir ſie beſtehen werden? Verſprich mir, Paul, daß wenn einer von uns Beiden ſterben ſollte, der Andere die Rache für ihn über⸗ nimmt. Verſprich es mir, ſtirbſt Du, ſo werde ich nicht Louiſon gefunden und in Sicherheit gebracht habe, ſterbe ich, ſ Du Marie Reimann ſuchen und vor den Machinationen ihrer Feinde beſchützen.“ „Ich verſpreche es Dir“, erwiderte Paul. „Und wie unſer Haß gegen den Marquis gemeinſam iſt, ſo muß es auch unſere Rache ſein. Ihm verdanken wir unſere Verhaftung er hat für die Scheinbeweiſe geſorgt, die uns verderben ſollten.“ „Er ſoll dafür büßen!“ „Gut, nun bin ich ruhig, was auch kommen mag, Marie wird nicht ſchutzlos und verlaſſen ſein!“ Die beiden Freunde horchten in die Nacht hinaus, das Geheul des Sturmes betäubte jedes Geräuſch. Nur einmal glaubte Paul den ſcharfen Klang eines Eiſens zu vernehmen, aber mit Sicherheit konnte er es nicht behaupten. Da fiel plötzlich dicht vor ihren Augen die Strickleiter nieder, der Sturm peitſchte ſie ihnen in's Geſicht. Paul prüfte ihre Feſtigkeit, dann ſchwang er ſich hinaus, um die gefahrvolle Reiſe anzutreten. Trotzdem das Gewicht ſeines herkuliſchen Körpers die Leiter be⸗ laſtete, ſchleuderte der Sturm ſie hin und her, aber der junge Manmn kannte weder Furcht noch Schwindel, vorſichtig ſtieg er eine Sproſſe nach der andern hinauf, und oben waren die Arme Dorman's bereit, ihn zu unterſtützen. Mit Erneſt dauerte es länger, aber auch er kam glücklich auf dem Dache an. Die Nacht war ſo finſter, daß man keine Hand vor den Augen ſehen konnte, und der Aufenthalt auf dem Dache konnte keineswegs auch nur erträglich genannt werden. Schwere Regengüſſe überflutheten die Flüchtlinge, und die Gewalt des raſenden Sturmes zwang ſie, ſich an Alles anzuklammern, was ihre Hände erreichen konnten 11612½ — 482— Der Falſchmünzer krocj voran, die Freunde folgten ihm. N 8 7 rach langem Suchen hatte er end war, wie man das nicht anders erwart Aber wer konnte in dieſ einer zerbrechenden Fenſterſch Stoß war die Sache und zog die Rieg das Dach verlaſſe— Wo ſie ſich jetzt befanden, wußten ſie nicht, es war finſter in dem aber der Falſchmünzer hatte ſich bald Gewißheit darüber verſchafft. Er taſtete ſich an den Wänden entlang, dann und wann ſtolperte er über einen Gegenſtand, und ſo oft das geſchah, entfuhr ein leiſe Fluch ſeinen Lippen. „Wir befinden uns in einer Rumpelkammer“, ſagte er mit ge⸗ dämpfter Stimme,„hier iſt die Thür, ich werde verſuchen, ſie zu öffnen.“ Die Beiden hörten ihn arbeiten, mit fieberhafter Spannung er⸗ warteten ſie das Reſultat, es wäre für ſie entſetzlich geweſen, wenn ſie ihren Weg über das Dach hätten fortſetzen müſſen. Da plötzlich hörten ſie draußen den Schall eiliger Schritte, der Falſchmünzer ließ die Arbeit ruhen. „Hier, in dieſer Kammer war es“, ſagte eine helle, zitternde Stimme,„ich habe es ganz deutlich gehört.“ „Ach, es wird nur eine Katze geweſen ſein“, entgegnete eine andere rauhe Stimme.„Ihr Frauenzimmer ſeht in allen Ecken Geſpenſter und macht aus jeder Mücke einen Elephanten.“ „Aber wenn ich Dir ſage, daß ich die Tritte gehört habe.“ „Bah, es war wohl ein Traum.“ „Mein Gott, nein, ich ſchlief ja noch nicht.“ „Na, wir werden ja ſehen, was es war.“ Nan hörte Schlüſſel klirren und dazwiſchen die rauhe Stimme noch immer ärgerlich brummen und ſchelten. „Verflucht!“ flüſterte Dorman, dem die beiden Freunde ſich leiſe genähert hatten.„Wir können nicht mehr hinaus, man würde das zerbrochene Fenſter finden und uns verfolgen.“ „Aber was nun?“ fragte Erneſt. „Bah, wenn dieſe Leute ſo neugierig ſind, werden ſie für ihre — — ſpran ngen gerän iſchvoll zurück, die Thür wu en, eckte die Flüchtlinge. Swen Perſonen, din Mann und ein Weib, traten ein, die letztere trug nd 1 in der Hand des Maunes blitzte der Lauf eines Revolvers. Aber kaum ſtand dieſer Mann im Zimmer, als er lantlos zu⸗ ſammenbrach, der Falſchmünzer hatte ihn mit einem einzigen Schlage mit der eiſernen Gitterſtange niedergeſtreckt, und faſt in demſelben Augenblick ſah das Weib ſich ergriffen und die Laterne ihrer Hand entriſſen. „Kein Laut, oder Ihr ſeid des Todes!“ ſagte Dorman. Die Frau hätte ohnedies keinen Schrei ausſtoßen können, ſie war ſtumm und ſtarr vor Schrecken. Der Einäugige hatte die Wahrheit geſagt, ſie befanden ſich in einer Rumpelkammer, in der alle möglichen, zum Theil unbrauchbare Gegenſtände bunt durcheinander lagen, und Dorman begriff jetzt ſelbſt nicht, daß er bei ſeinen Nachforſchungen keinen größeren Lärm gemacht hatte. Paul und Erneſt hielten die Frau gefaßt, der Mann lag bewußt⸗ los auf dem Boden und gab kein Lebenszeichen von ſich. „Weshalb waret Ihr ſo neugierig?“ ſagte der Falſchmünzer ſpottend.„Ihr hättet Euch damit beruhigen ſollen, es ſei eine Katze geweſen, aber ſo ſeid Ihr Weiber, Ihr müßt die Naſe in Alles ſtecken, Alles erforſchen. Iſt das Euer Mann?“ „Ja. „Und Ihr wohnt hier im Hauſe?“ „Wir ſchlafen unter dieſer Kammer.“ „Na, wer wir ſind, werdet Ihr ſchon errathen haben, die Freiheit iſt jedem Menſchen lieb, und wir haben wahrhaftig nicht den gefähr⸗ lichen Weg über das Dach gewählt, um uns von einem ſolchen Bur⸗ ſchen aufhalten zu laſſen. Wollt Ihr uns einen Weg angeben, auf dem wir hinauskommen können?“ „Ich wüßte keinen“, erwiderte die Frau trotig. „de, Madame, ſeid nicht ſo kurz angebunden, wir haben Mittel genug, Euch die Zunge zu löſen, zwingt uns nicht, ſie enzndendei Wo ſtehen die Poſten?“ 31⸗ uf den Treppen und in den „Gibt es keinen Gang, der nich t bis an's Thor ge⸗ Sozjort „Keille t, würdet Ihr dort auf eine ſtark S 7 Aßh zuch undbom ſe elbſt wenn Bhr auch unben h Befehl hat, Nachts unter keinen Umſtänden das Th hor zu öff 1 2 Foutfoh o ſf „Zun Teufel, ich habe 6 9‧¼ eg 21 „Aber könnte man nicht auf den Ho gen?“ hät„ Sie d zurch wonnen? Der 4. Menern ätten dadurch gewonnen? De mit Mauern lder dort augen⸗ uden umſchloſſen, und die Poſten wir entdecken.“ müſſen wir einen andern Löes lächen ſagte Dorman hrend er ſeinen Blick durch das Zimmer ſchweifen ließ.„Ihr erdet uns natürlich verather, ſobald d wir Euch frei geben, nun, wir viſſen uns zu ſichern.“ Er trat auf einen Haufen alten Gerumpels zu, aus dem er zwei alte Degen herauszog, die mit Scheide und Leibgurt, no gut erhalten, dort lagen. Dann hob er den Revolver au er Hand des betäubten Mannes entfallen war. ſaunneetan befahl er.„Die Frau bleibt hier. Beſſer wäre vielleicht, wenn wir ſie ſtumm machten—“ „Das werde ich nicht z zuüeten., fiel Erneſt ihm ſcharf in's Wort, nes it denn g an dem einen Opfer.“ Der Falſchmünzer warf ihm einen boshaften Blick zu, dann gab er der geängſteten Frau einen Stoß vor die Bruſt, daß ſie zurück⸗ taumelte. onn ſagte er barſch.„Nehmen Sie die Latern ie mit, Paul, wir haben das Licht nöthiger, wie dieſe Leute.“ Er ſciß die Thüre zu und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche, dann hob er die Laterne empor, um ſich umzublicken. Es war ein großer, weiter Raum, von dem nur ein ſehr kleiner Theil durch das Licht der Laterne nothdürftig erhellt wurde, die Flücht⸗ linge durchſchritten ihn und blieben an der Treppe ſtehen, welche in die untern Stockwerke hinunterführte. Der Schall dex gemeſſenen Schritte der Wachtpoſten drang von unten herauf, es wäre Thorheit geweſen, auf dieſem Wege die Flucht fortſetzen zu wollen. Einer dieſer Poſten mußte ganz in der Nähe ſtehen, man hörte deutlich, wie er mit leiſer Stimme den Chant de depart ſang. ziemlich ch 2 5 b ſ, welche T 8 erte Dorman,„wir t 6 C 4 2 4 41† 4 auf das ch und verſuchen, in ſtizpalaſt ein 4 r ſ(p t g„05 „In Gottesnamen“, ſagte Erne „—.„, 0, 7-,⸗.. 7, „Fänden wir unten ofſene Thüren, ſo könnten wir mit unſern zu überrumpeln“, ve SiTefe oſor Nondarc tänden wäre dieſer Verſuch Mohnünn! Wahnſinn. n: 8:. 6 f v.. 5 5 3 Ein gellender Schrei erſcholl hinter ihnen, der Ruf:„Zu Hi Räuber! Mörder!“ wurde unaufhörlich wiederholt. „Das Weib verdirbt Alles“, knirſchte Dorman,„mit einem Degen⸗ ſtoß wäre die Sache abgemacht geweſen. Das hat man von der Gutmüthigkei Die Freunde ſchwiegen und folgten dem Falſchmünzer, der eilig weiterſchritt, ein Dachfenſter öffnete und ſich hinausſchwang. Die La⸗ terne konnten ſie nicht mitnehmen, ſie mußten das Licht auslöſch es würde ſie verrathen haben. 1 Noch auf dem Dache hörten ſie das Schreien des Weibes, und ſie glaubten auch zu vernehmen, daß es in dem Hauſe lebendig wurde. Dorman kroch auf allen Vieren voran, ſo legten ſie eine kurze Strecke zurück, als eine Mauer ihnen Halt gebot. Zum Glück war dieſe Mauer nicht ſehr hoch, ſie konnten den obern Rand derſelben mit den Händen erreichen, das machte es ihnen möglich, ſich auf das Dach des Nebengebäudes hinaufzuſchwingen. Ein Abweichen nach rechts oder links hätte ihnen das Leben koſten können, ſie mußten die geradeſte Richtung verfolgen, in der undurchdringlichen Finſterniß konnten ſie nicht erforſchen, wie nahe ſie ſich dem Rande des Daches befanden. Die größere Vorſicht mußte der Falſchmünzer beobachten, die Mög⸗ lichkeit lag ja nahe, daß er plötzlich an irgend einer Ecke oder Lücke er anlangte, und dann gähnte unter ihm eine furchtbare Tiefe. 2 Die Nothwendigkeit dieſer Vorſicht ließ die Flüchtlinge nur lang⸗ ſam vorwärts kommen und ihre Beſorgniſſe wurden vermehrt dadurch, daß ſie hinter ſich die Stimme der Verfolger vernahmen. Daß man ihnen auf demſelben Wege folgen würde, war freilich t nicht wahrſcheinlich, aber es ließ ſich vorausſehen, daß man alle Aus⸗ gänge beſetzte und das anſtoßende Gebäude durchſuchte. Wieder klirrte eine Fenſterſcheibe, ein Schreckensruf ließ ſich ver⸗ nehmen, die Flüchtlinge ſprangen durch das zertrümmerte Fenſter hinunter. „Wer iſt da?“ fragte eine zitternde Stimme, die offenbar einem Weibe angehörte. „Ruhig!“ ſagte Dorman drohend.„Wir werden Ihnen kein Leid anthun, wenn Sie ſich ruhig verhalten.“ „Mein Gott, nimm mich in Deinen Schutz!“ rief die Stiume wieder im Tone der höchſten Angſt.„Was wollt Ihr hier „Wir ſind Flüchtlinge, politiſche Gefangene“, ſagte Erneſt, einen freundlichen, gewinnenden Ton anſchlagend.„Sie werden uns nicht verrathen.“ „Nein, nein, aber verlaſſen Sie dieſes Zimmer.“ „Geduld“, erwiderte der Falſchmünzer, laſſen Sie uns wenigſtens zu Athem kommen. Machen Sie Licht.“ „Ich kann nicht, ich liege im Bette.“ „So ſagen Sie mir, wo ich das Nöthige finde.“ „Wenden Sie ſich nach links, dann werden Sie bald den Tiſch erreichen, auf welchem Sie eine Kerze ſinden. Ich bin in Ihrer Ge⸗ walt, aber ich hoffe—“ „Seien Sie unbeſorgt“, ſiel Paul ihr in's Wort,„wir ſind Män⸗ ner von Ehre.“ „Und wir werden Sie belohnen, wenn Sie uns beiſtehen, unſer 4 Unternehmen zu beenden“, fügte der Falſchmünzer hinzu. ¹ Er hatte, während er das ſagte, die Kerze angezündet und blickte ſich prüfend um. 1 In dem Bette lag ein junges Mädchen, welches den ſtarren Blick mit uniaglicher Angſt auf ihn gerichtet hielt, die Einrichtung des Zim⸗ mer 2 war einfach, aber ſie entbehrte doch nicht eines gewiſſen Comforts⸗ „Wer ſind Sie?“ fragte Dorman jetzt, ohne indeß dem Mädchen einen Schritt näher zu treten. „Sieſehenes, ein junges Mädchen, welches Sietödtlich erſchreckt haben.“ „Wehr wohl, aber welche Stellung bekleiden Sie?“ „Ich bin Kammerzofe der Prokuratorin Laport. Ihr Gemahl iſt nach der Kataſtrophe von Sedan geflüchtet.“ „Weshalb floh ſie nicht mit ihm?“ „Ach, mein Herr, es war keine glückliche Ehe. Madame gab den Bitten ihrer Freunde nach und blieb.“ „Ich verſtehe.“ „Aber die Freunde haben ſich zurückgezogen, und Madame bereut nun, daß ſie in Paris geblieben iſt.“ — — 437— „Sehr gut“, ſagte Dorman,„ſie wird uns unterſtützen. Melden Sie uns an, mein Fräulein.“ „Sind Sie wahnſinnig?“ fragte das Mädchen beſtürzt. „Keineswegs, die Verfolger ſind uns auf den Ferſen, wir müſſen zu verzweifelten Mitteln unſere Zuflucht nehmen, um ihnen zu ent⸗ gehen. Melden Sie uns an.“ „Aber mein Gott, in dieſer Stunde—“ „Ich werde das Licht löſchen, Sie kleiden ſich an und gehen 3 Madame. Sagen Sie ihr, wir ſeien politiſche Gefangene und Ehre männer, wir würden uns für jeden Freundſchaftsdienſt erkenntlich 4 gen. Wir ſind reich, mein Fräulein, und dennoch arm, denn uns fehlt das edelſte Gut des Menſchen, die Freiheit! Wir werden auch Ihnen dankbar ſein, aber bitte, beeilen Sie ſich.“ „Ja, mein Herr“, ſagte das Mädchen,„nur einen Augenblick Geduld. Ich weiß nicht, ob Madame—“ „Sagen Sie ihr, was ich Ihnen geſagt habe, wir vertrauen auf den Edelmuth und di e Herzensgüte der Dame, in ſolchen Zeiten muß Jeder ſeinem Nächſten beiſtehen.“ „Ich werde thun, wie Sie mirr befohlen, verhalten Sie ſich ruhig und erwarten Sie mich hier.“ Die Thüre wurde geöffnet und wieder geſchloſſen, die Flüchtlinge befanden ſich allein. „Das iſt unſere letzte Hoffnung“, ſagte Dorman,„aber ich mßte wenig Erſahrung und 2 Menſchenkenntniß beſitzen, wenn dieſe Hoffnung fehlſchlagen ſollte „Wäre es nicht beſſer, wir verſuchten ſoſort das Haus zu ver⸗ laſſen?“ fragte Erneſt. „Glauben Sie denn, die Straße ſei noch nicht beſetzt? Draußen werden wir erwartet; wir hätten das Weib ſtumm machen ſollen, dann würden wir jetzt in Freiheit ſein.“ „Lieber wäre ich im Kerker geblieben, als daß ich durch einen Mord meine Freiheit erkauft hätte“, ſagte Pau „Ah, bah, der Schwache muß dem Starken wrichen, wer mir hem⸗ mend in den Weg tritt, den ſchlage ich nieder, wenn er vernünſtigen Vorſtellungen kein Gehör geben will. Sollten wir unſer Leben gewagt haben, um uns von einem elenden Weibe in's Gefängniß zurückbrin⸗ gen zu laſſen? Zum Teufel mit aller Weichherzigkeit! Es iſt ja im Grunde genommen ganz gleichgültig, ob das Schwert oder der Hunger 0 † F N 435 4 un 3 nſchen tödtet, und Sie ſehen gt, ihren ehrgeizig Das iſt eine andere Sache“, warf Erneſt ein. das Eine iſt ſo gut ein Mord, wie das Andere, wenn man es Mord nennen will. Das Frauenzimmer blei wenn ſie uns verräth, ich werde „K deinesw egs 35 leh, in'’s Geh ehi irn j jc agen.“ ; d Doz— um m Gaunen Sie der Dame wenigſtens Zeit, ſich un M Paul. „Bah, ſie weiß, daß Gefahr im Verzuge iſt, und ſie kann wohl denken, daß verfolgte Flüchtlinge nicht in der Stimmung ſind, einen Inre 8„ Angriff auf ihre Tugend zu machen. „, r.Con h ho Qa.,„5„ 1. 4 30 9 Ein leiſes, höhnij L itete dieſe Worie, die 2 Abneigung, hes Lachen beglei welche die beiden Freut nde gegen den Fa chmün zer empla fande en, ſteigerte ſich mit jeder Minute. Das Mädchen kehrte in dieſem Augenblick zurück; Madame wollte die Herren empfangen. „Ich wußte es wohl“, ſpottete Dorman,„haben Sie die Güte, führen. Und hier, mein Kind, iſt etwas für Sie, ich de enke, es wird Ihnen Freude machen, wenn Sie das Billet bei beſehen. Aber was nun auch kommen mag, Mademoiſelle, klug und verſchwiegen. Müſſen Sie unſere V Berlolger in Ihr Zimmer einlaſſen, ſo wird freilich das zertrümm ierte Fenſter uns verrath aber Sie können alsdann bei der Erklärung beha arren, unſer plötzliches Eindringen habe Sie ſo ſehr erſchreckt, daß Sie in Ohnmacht gefallen ſeien, und Sie vermöchten nicht anzugeben, was weiter geſchehen ſei.“ „Gut, das iſt die beſte Ausrede. Lärm auf der Straße.“ Wenige Minuten ſpäter traten die Flüchtlinge in ein ſehr ele⸗ gantes Zimmer, aus dem eine köſtlich duftende Luft ihnen entgegen⸗ wehte. Alles in dieſem Gemach zeugte von der Verſchwendung und dem leichten nur nach Genuß haſchem 4 Leben der ſchönen üppigen Frau, die in einem mit koſtbaren Spitzen beſetzten Nachtgewande ihnen entgegentrat. „Wir ſtellen uns unter Ihren Schutz, Madame“, ſagte Dorman, der duch hier das Wort führte,„dieſer Schutz iſt uns um ſo drin⸗ gender nöthig, als die Verfolger uns ber reits auf den Ferſen ſind.“ p uS uns zu Kommen Sie, ich höre ſchon Sie find ungl werden mir die? erlauben, wen ich die Ehre habe, bei mir zu ſehe r hatte ſich in einem Seſſel die Freunde ihm hm ſich ganz wie ein reiſen der Ariſtokratie ber 851„ ſoin N. Binde nicht ſein E Dell. dieſem feinen ußſchen Züg hübſchen Zügen 7 7 Frau im Fluge erworben haben. ejnoer r e! F 2 9 4 „ danach zu fragen“, ſagte er mit einer ei el Verbeugun Was 9(8 2 4ε ſ 7 2 leichten Verbeugung.„Was meine G betrifft, ſo ſind ſie H 4. 5.. Rerzotismus Patriotismus nichts weiter, als arme, aber durchaus brave, von 5 ronhefteſter woünn 1 OI..; r. den ehrenhafteſten Geſinnungen beſeelte Arbeiter, die ir zuſammer Und ich, Madame ſehr einflußreicher Mann, vielleicht weniger durch rch meine ſeit Jahrhunderten berühmte Familie.“ „Und ich vermuthe, daß dieſe einflußreiche Stellung Sie nach dem Sturze des Kaiſerreichs in's Gefängniß gebracht hat.“ „So iſt es, Sie haben einen bewundernswerthen Scharfblick, gnädige Frau. Ich machte aus meinen Anſichten kein Hehl, ſpottete über das wahrhaft kindiſche Gebahren dieſer aufgeblaſenen Republikaner, und ich war reich, ſehr reich, das genügte dem Pöbel, mich des Hochverraths zu beſchuldigen. Ach, Madame, Ihr Herr Gemahl, der kaiſerliche Prokurator würde daſſelbe Schickſal gehabt haben, auch er war ein treuer Anhänger des Kaiſers. Indeß tröſten wir uns mit der Gewißheit, daß man dieſer Regierung bald müde ſein und das Kaiſerreich zurückwünſchen wird, ein Plebiſcit wird Napoleon wieder auf den Thron berufen.“ „Und Sie, meine Herren?“ wandte die Prokuratorin ſich zu den Freunden, die mit wachſendem Erſtaunen dieſer Auseinanderſetzung gefolgt waren.„Was haben Sie verbrochen?“ „Nichts“, erwiderte Erneſt,„die Intriguen eines perſönlichen Feindes haben uns iws Gefängniß gebracht, und die Regierung ließ ſich dabei als williges Werkzeug gebrauchen.“ „Im Namen der Nepublikl Oeffnet!“ rief draußen eine rauhe Stimme. „Man wird Hausſuchung halten“, ſagte Dorman mit einem ſar⸗ kaſtiſchen Lächeln auf den Lippen, indem er einige Tauſend⸗Francs⸗ Billets auf den Tiſch legte.„Werden Sie den Muth haben, uns zu verbergen, Madame?“ „Gewiß. Ich hoffe, man wird nicht wagen, in die Wohnung einer Dame von Stand einzudringen.“ „Und wenn es dennoch geſchähe?“ „Halten Sie das für möglich?“ „Weshalb nicht? Die Nationalgarde führt gegenwärtig das Regiment in Paris.“ „Nun denn, auch in dieſem Falle werde ich Sie retten.“ Man hörte jetzt die befehlenden Stimmen im Innern des Hauſes, ja, man vernahm bereits ſchwere Tritte auf der Treppe und das Klirren von Waffen. Die Prokuratorin ſtand horchend an der Thüre, der Falſchmünzer ic ſah ſich ſchon nach dinem Verſteck um, und ſein Blick fiel auf einen großen, geſchnitzten Schrank, der im Hintergrunde des Gemachs ſtand. „Sie gehen vorbei“, ſagte die ſchöne Frau mit gedämpfter Stimme, , nich wußte ja, daß man nicht wagen würde, hier einzudringen.“ i Sie es ab“, erwiderte Dorman,„man wird ſich vorab überzeugen wollen, durch welches Fenſter wir eingeſtiegen ſind.“ „Wenn nur meine Zofe nicht in der Verwirrung etwas verräth!“ „Ich habe ſie gut unterrichtet, Madame, ſie weiß, welche Erklä⸗ wur n wu eimmer lauter im Hauſe, man hörte ſogar jetzt ſchon ſchende Weiberſtimmen. Kolben wurden aufgeſtoßen, eine ſcharfe Stimme ertheilte unabläſſig Befehle, die Stufen der Treppen knarrten den ſchweren Tritten, und daz ſchen bemühte der Concierge Beweis zu liefern, daß es unmöglich ſei, aus dem Gefängniß Haus zu gelangen. So verſtrich eine halbe Stunde, dann vernahmen die Lauſchenden lich ein heftiges Gepolter, lautes Rufen und Schreien und zwiſchen⸗ e, ängſtliche Stimme der Zofe, die fortwährend ihre chuldloſigkeit betheuerte. — 2 Die lärmende Bande kam die Treppe herunter, einzelne Stimmen riefen den Namen der Prokuratorin. ——— 491 Die ſchöne Frau gab den Flüchtlingen einen Wink, ſie ſchritt haſtig auf den großen Schrank zu und öffnete ihn. Er war leer, Madame drückte auf einen kaum ſichtbaren Knopf, die Rückwand ſchob ſich nach beiden Seiten auseinander, und die überraſchten Männer ſahen in einen dunklen Raum. „Fort!“ flüſterte Madame,„dort ſind Sie ſicher.“ Sie hatte kaum den Schrank wieder geſchloſſen, als ungeſtüm angepocht wurde, aber die Prokuratorin verlor ihre Geiſtesgegen⸗ wart nicht. „Oeffnet!“ rief eine ranhe Stimme. „Was will man von mir?“ fragte die ſchöne Frau. „Im Namen der Republik verlangen wir Einlaß.“ Madame lachte, ohne zu bedenken, daß dieſes Lachen ihre Gegner erbittern mußte. „Man wird doch nicht ſo unhöflich ſein, in ſpäter Nacht in das Schlafgemach einer Dame eindringen zu wollen?“ ſpottete ſie. „Zum Teufel, wir treten die Thüre ein!“ „Aber weshalb?“ „Wir ſuchen entflohene Gefangene!“ „Bei mir? Das iſt kindiſch und lächerlich. Gehen Sie zu meiner Zofe, ſie wird Ihnen ſagen, daß ich niemals den Beſuch eines Herrn empfange.“ Jetzt erſcholl draußen ein ſchallendes Gelächter, die Prokuratorin zog die Brauen zuſammen und in ihren ſchönen Augen flammte jäh die Gluht der Entrüſtung auf. „Man beleidigt mich“, ſagte ſie drohend,„ich werde morgen Genugthuung verlangen.“ „Zum Teufel, öffnet, oder wir machen kurzen Prozeß!“ Ein wuchtiger Kolbenſtoß traf die Thüre, die in allen Fugen krachte, die ſchöne Frau mußte jetzt einſehen, daß es der feſte Vorſatz ihrer Gegner war, gewaltſam einzudringen. „Ich weiß nicht, was Sie wollen“, ſagte ſis,„aber wenn Sie mir verſprechen, ſich anſtändig benehmen zu wollen und die Rückſichten zu beobachten, die eine Dame von Stand fordern darf, ſo werde ich freiwillig öffnen.“ Statt der Antwort traf abermals ein Kolbenſtoß die Thüre, die Prokuratorin drehte den Schlüſſel um und öffnete. Ein Schwarm von bewaffneten und unbewaffneten Menſchen, Na⸗ —— das Gemach, in gen ommon elbonRen Schrank waren in die Ne *. „Ja, es geſchieht„erwiderte der Unteroffizier in gereiztem Tone,„wir werden das ganze Haus durchſuchen, die Burſchen müſſen hier ſein.“ ſein, aber in meinen Zimmern ſind ſie nicht.“ „Als ob noch nie ein Mann außer dem Prokurator in dieſem Zimmer geweſen ſei!“ ſpottete das Weib.„He, wißt Ihr nicht mehr, daß der Prokurator ein unterwürfiger Mameluk Napoleon's war?“ „Wo iſt der Schuft?“ riefen einige Stimmen.„An die Laterne mit ihm.“ „He, er hat ſich geflüchtet, der Lump wußte zu gut, wie groß ſein Sündenregiſter war! Weshalb iſt die Dame nicht mit hingegan⸗ gen? Parbleu, ich weiß es. Sie hatte gute Freunde, die ſie nicht verlaſſen wollte, während Paris mit Todesmuth ſich rüſtete, die ver⸗ maledeiten Preußen zu empfangen, wurde hier gezecht und gejubelt ganze Nächte hindurch, ſie feierten hier Orgien!“ — Unteroffizier,„Sie werden mich beſchützen, mein§ hrei der Entrüſtung durchlie „Das iſt eine Infamie“, wandte die ſchi Inkaroffiazor arc Da „Ich kann es nicht“„ erwiderte der Unterofſizier barſch.„Das r.„ M; Weib ſagt die Wahrheit. .( 14 „Wie, mein Herr— Madame, es iſt je dio TXh · leugnen 29* Nor t, die Thatſachen leugnen zu wollen * £☛ A% HSror Sar[: 5 44 Sie hätten Ihrer Gemahl begleiten ſollen. rief da „Der Prokurator iſt jetzt in England bei der Kaiſerin Weib,„und ſeine Frau iſt hier, um ihm täglich über die Stimmung zu berichten und hier zu iirigniren „He, habt Ihr's gehört? Nannte hr uns nict vorhin Pöbel?“ „Nieder mit ihr!“ riefen mehrere Stimmen.„Nieder mit der „Bür cgerin, ich werde Sie verhaften müſſen“, ſagte der Unter⸗ offigter.„Sie reizen die Menge.“ „Ich reize ſie?“ fragte Madame empört.„Ich meine doch, das Gegentheil ſei der Fall.“ „He— weshalb wollte ſie nicht öffnen?“ ſchrie das Weib wieder. „Weshalb brannte hier ſchon vor einer halben Stunde Licht? Sie liegt mit den Preußen unter einer Decke, ſie ſpionirt und verräth, Paris ſoll fallen, damit wir Frieden machen müſſen und Napoleon zurückkehren kann.“ „Schlagt ſie nieder!“ ertönte eine Stimme,„die Verräther lauern überall, man muß ſie todtſchlagen, wie die tollen Hunde!“ Das Weib hatte ſich vorgedrängt, ſie ftand vor der Prokuratorin, ſtemmte die Hände in die S eite und blickte ſie an wie ein Tiger, der ſein Opfer beobachtet. „Können Sie es leugnen, Madame?“ ſchrie ſie.„Sie verrathen Frankreich an die Preußen und an den Dezembermann. Wovon leben Sie? Man zahlt Ihnen keinen Gehalt mehr, ſeitdem Ihr Mann nicht mehr kaiſerlicher Prokurator iſt! Und doch machen Sie ein großes Haus! Doch ſchwelgen Sie an reichbeſetzter Tafel! Auf Ihrem Tiſche iſt noch kein Pferdefleiſch geweſen— ah bah, das iſt gut genug für den Pöbel!“ „Schützen Sie mich vor dieſem Scheuſal!“ rief Madame entſetzt, aber der Unteroffizier, dem man zuwiben gemeldet hatte, daß von den Entflohenen keine Spur entdeckt worden ſei, zuckte die Aſeln. 8 1 4 — 494— G& ß 29 af Z e&.[an 5; ₰. „Hört Ihr's?“ rief das Weib.„Scheuſal nennt ſie mich! Ich frage Euch Bürger, gibl's eine beſſere Patriotin, wie ich bin? Und can die Prokuratorin heran † 7 2 die jetzt ihre Ru en hatte. 82 1 e. „Genug!“ rief der eroffiszier.„Keine Hand rühre an dieſe Dame, die unter dem Schutze der Nationalgarde ſteht.“ „Endlich thun Sie Ihre Pflicht,“ athmete Madame auf,„ich danke Ihnen.“ „Madame, ich werde nicht dulden, daß man Sie inſultirt, aber ich muß Sie erſuchen, mich zu begleiten. Wenn man auch die Flücht⸗ linge hier nicht gefunden hat, ſo ruht doch der Verdacht des Hoch⸗ verraths auf Ihnen, und Sie werden von dieſem Verdacht ſich reinigen müſſen, wenn Sie die Wohlthaten des Geſetzes in Anſpruch nehmen wollen.“ „Sie haben kein Rocht, mich zu verhaften.“ „Ich habe es, und übe es aus, Madame! Ihr Gatte war bis zum letzten Augenblick ein ſerviler Diener Napoleon's, er hat durch 2, ſeine Flucht bewieſen, daß er es noch iſt, daß er Frankreich an den Despoten verrathen will. Sie ſind ihm nicht gefolgt, das beweiſt, daß Sie hier für ſeine Sache wirken wollen.“ Das Geſicht der ſchönen Frau war todesbleich geworden, wohin ſie ſchaute, ſah ſie nur drohende Mienen und Blicke, ſie mußte er⸗ kennen, daß dieſe erregte, gegen ſie aufgehetzte Menge nur auf ein Wort, auf ein Zeichen wartete, um ſich auf ſie zu werfen und ſie zu ermorden. Sie bat, man möge ihr geſtatten, in ihrer Wohnung zu bleiben, man könne ja einen Poſten vor die Thüre ſtellen, bis ihre Schuld⸗ loſigkeit erwieſen ſei; rohes Gelächter war die Antwort auf diche Bitte. Man erlaubte ihr nicht einmal, ein anderes Kleid anzulegen, die Haltung der Menge wurde immer drohender, die Nationalgarden um⸗ ringten ſie und zwangen ſie, den Weg zum Gefängniß in ihrem leichten Nachtgewande anzutreten. Man durchſuchte nun auch die übrigen Räume des großen Hauſes, ohne indeß eine Spur von den Entflohenen zu finden; nach einer Stunde verſtummte der Lärm, man hörte draußen noch vereinzelt Rufe, dann wurde es auch dort wieder ſtill. Aus dem dſbenen Schrank und ihre Zof Madan no dame Paul, aber der Falſ chmi ünzer hören, er ſah ſich prüfend um und betrachtete . ſchien die Frage nicht zu k 2 die Stutzuhr, die auf dem marmornen Kaminſims ſtand. „Gehen wir in das anſtoßende Zimmer“, ſagte er,„ah, dort ſteht das Möbel, welches ich ſuche.“ 2 Er zeigte auf einen eleganten, ſehr werthvollen Sekretair und zog 2 ſeine Inſtrumente aus der Taſche. ¹ „Noch einmal, was haben Sie vor?“ fragte Paul in drohendem 2 Tone.„Beabſichtigen Sie wirklich eine Dame zu berauben, der wir — 8 zum größten Dank verpflichtet ſind?“ 4 ir Dorman ſtellte die brennende Kerze auf den Sekretair und zuckte verächtlich die Achſeln. „Dank?“ erwiderte er.„Wir ſchulden ihr keinen Dank. Sie hat uns ein Verſteck angewieſen und dafür einige Tauſend⸗Francs⸗ Billets empfangen, alſo iſt der Dienſt bezahlt.“ —„Es waren falſche Banknoten!“ ſagte Erneſt, auf deſſen Stirne . die Adern anſchwollen. „„Bäh, wer weiß das? Unter tauſenden wird kaum Eilner die 89 Fälſchung entdecken. He, hat der Prokurator vielleicht immer nach — Recht und Gerechtigkeit gerichtet? Er hat die Galeere zehnmal ver⸗ dient, aber man konnte ihn gebrauchen, deshalb ſchonte man ihn.“ Der Falſchmünzer hatte inzwiſchen 8 ſeiner Inſtrumente die Schlöſſer des Sekretairs geöffnet, mit geballten Fäuſten, zitternd vor Wuth ſtand Paul hinter ihm, aber Erneſt hielt den Freund zurück. „Laß' ihn“, flüſterte er ihm zu,„uns kettet jetzt nichts mehr au dieſen Verbrecher, und wir können ihn nicht hindern, ſeine Pläne aus⸗ — — 496— 77 „ſagte mete, was eini wenn Sie in den ariſt aun in Schußz iu in Schab 3₰ N ſich alles anet hin intereſſant, einen „, ee Dono nſc it dabei eine andere Anſcha ans der MNorhrocher Pa damit Ihr Verbrechen beſchönigen wenn ich nicht nehr er a 76 9 pA† was hier zu ſinden iſt, ſo holt es , d 1+% nne ſſor ,F.„ e z er tegierung, und ich kann's beſſer gebrauchen. Da iſt Gold, onr Prmmoen„ nſſo Heilon 0 oten, kommen Sie, wir wollen theilen. „Nicht einen Sous nehmen wir davon“, ſagte Paul mit bebender Stimme. -, hier ſind Ba hier ſind D f „Wie Sie wollen! Dann werden Sie mir erlauben, daß ich das Ganze nehme.“ Er ſchob lachend das Geld in ſeine Taſchen und beſchäftigte ſich nun damig, eine Schatulle zu öffnen, die er in einer Schublade ge⸗ funden hatte. „Sie ſind ein erbärmlicher Menſch“, nahm Paul das Wort, dem es ſchwer fiel, ſich zu mäßigen,„ein dem Bagno entſprungener Sträf⸗ ling, wir müſſen uns ſchämen, daß wir mit Ihnen gemeinſame Sache gemacht haben.“ Der Falſchmünzer hatte ſchon bei den erſten Worten das Haupt trotzig zurückgeworfen, in drohender, feindſeliger Haltung ſtand er den jungen Leuten gegenüber, eine verzehrende Gluht loderte in ſeinen Augen. „Hüten Sie Ihre Zunge!“ ſagte er mit dumpfer Stimme.„Bei allen Teufeln, ſprechen Sie die Worte:„Bagno“ und„Sträfling“ nicht mehr aus, oder ich vergeſſe mich in meiner Wuth. Iſt das der Dank dafür, daß ich Ihnen den Weg aus dem Kerker gebahnt habe? Es iſt mir recht, wenn wir uns trennen, die Wege, welche Sie gehen, gefallen mir ohnedies nicht, aber wenn wir je einmal einander begeg⸗ nen ſollten, dann rathe ich Ihnen, mich nicht zu kennen. Wollen Sie aber jetzt einen Kampf mit mir, dann—“ — 497— Er beendete den Satz nicht, aber er zog den Revolver aus ſeiner Taſche und richtete die Mündung deſſelben auf Paul. „Sie ſehen“, fuhr er fort,„ich bin zu Allem entſchloſſen, treiben Sie mich nicht zum Aeußerſten, wenn der Schuß fällt, ſind wir Alle verloren. Sie werfen mir vor, ich wolle hier ein Verbrechen begehen, ich weiſe dieſe Anklage zurück, das, was ich hier nehme, iſt durch Ver⸗ brechen erworben! Und nun laſſen Sie mich in Ruhe, wenn ich fertig bin, werden wir weiter über unſere Flucht berathen.“ „Komm“, ſagte Erneſt,„wir haben dieſen Menſchen nicht mehr nöthig, wir werden ſofort das Haus verlaſſen.“ „Ja, wenn Sie können!“ höhnte Dorman.„Glauben Sie, alle Thüren offen zu finden? Denken Sie, in der Straße vor dem Hauſe ſeien keine Poſten und Patrouillen mehr? Laufen Sie meinetwegen ihnen in die Hände, ich aber ziehe vor, zu warten, bis man am hellen Tage unbemerkt und ohne aufzufallen, das Haus verlaſſen kann.“ Die beiden Freunde waren in das Nebenzimmer zurückgegangen. „Er hat Recht“, ſagte Paul,„wir müſſen warten. Fallen wir den Schergen wieder in die Hände, ſo wird man uns ſagen, es be⸗ dürfe keines Verhörs, unſere Flucht habe die Schuld bewieſen.“ „Ja, Du kannſt Dich gedulden“, erwiderte Erneſt ungeduldig,„Du haſt die Gewißheit, daß Louiſon Dir gerettet iſt, ich abex finde nicht Ruhe noch Raſt, ſo lange ich Marie nicht aus der Gewat des Mar⸗ quis gerettet habe.“ „Wir werden ja in einigen Stunden frei ſein“ „Wenn das Glück uns wohl will. Aber was dann?“ „Dann werden wir in unſere Wohnung eilen. Jean muß uns zu Louiſon führen, haben wir ſie begrüßt, dann gehen wir zum Marquis.“ Erneſt ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Ich habe mir das Alles ſo leicht vorgeſtellt, als wir noch hinter Schloß und Riegel ſaßen“, ſagte er,„aber jetzt treten alle Schwierig⸗ keiten gar zu deutlich vor meine Seele und ich muß geſtehen, daß ich vor ihnen erſchrecke. Man wird uns verfolgen, wir dürfen uns nir⸗ gend blicken laſſen—“ „Ah bah, wir müſſen gerade jetzt frei und kühn auftreten, wir müſſen unſerm Bataillon berichten, welches Unrecht uns geſchehen iſt und aus welchen Gründen man uns in's Gefängniß geworfen hat. Sie werden alle Partei für uns nehmen, wir werden an der Spitze 82 R. 35, —— — — — — 3 1 A 1 1 8* ——-— —— ——— —.— — 498— einer zahlreichen Schaar in das Haus des Marquis eindringen und von ihm Genugthuung fordern.“ „Und Madame Leroi?“ fragte Erneſt. „So lange ſie uns nicht in den Weg tritt, laſſen wir die alte Hexe in Ruhe, der Augenblick kommt doch, in dem wir mit ihr ab⸗ rechnen. Wir werden Marie befreien, eine innere Stimme ſagt es mir, aber übereilen wir nichts, um nicht Alles zu verderben.“ Erneſt ſchwieg, in Nachdenken verſunken, ſaß er auf dem Divan, während Paul, ſeine Pläne ſchmiedend, langſam auf⸗ und niederwanderte. So verſtrich eine Stunde, dann trat der Falſchmünzer ein. Er hatte die ſchwarze Binde abgenommen und dafür eine Brille aufgeſetzt und die Freunde entdeckten erſt jetzt, daß auch ſein rechtes Auge geſund war. Auch trug er nicht mehr ſeine frühere Kleidung, ſondern einen andern, ſehr feinen Anzug, über den er einen eleganten Paletot an⸗ gezogen hatte, einen Hut nebſt zierlichem Stock hielt er in der Hand. „Ich glaube, ſo kann ich ohne Gefahr an einer ganzen Kette Poſten vorbeigehen“, ſagte er, gewiſſermaßen als Antwort auf die erſtaunten Blicke ſeiner Gefährten,„man wird mich nicht erkennen. Wenn Sie daſſelbe Mittel wählen wollen, ſo finden Sie alles Nöthige in dem dritten Zimmer, eine ganze Auswahl der eleganteſten Garderobe, der es beſſer iſt, wenn ſie benutzt, als wenn ſie von den Motten zer⸗ freſſen wird.“ „Dagegen finde ich durchaus nichts einzuwenden“, erwiderte Paul indem er ſeinem Freunde einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, wir ſichern dadurch das Gelingen unſeres Unternehmens, und wenn es Dir recht iſt, Erneſt—“ „Gewiß, gehen wir.“ Der Falſchmünzer ſah ihnen mit einem tückiſchen Blick nach. „Moraliſten!“ ſpottete er.„Als ob dies kein Diebſtahl wärel Aber wie ſie wollen, wenn ſie nur mir nicht wieder in den Weg treten!“ Er nahm auf dem Divan Platz, zog die Kerze nahe heran und ließ die Steine eines Brillantſchmucks, den er aus der Taſche gezogen hatte, in dem Lichtſtrahl blitzen. „Hm, unecht können ſie dennoch ſein“, ſagte er,„und dann wäre der ganze Plunder werthlos. Die Leroi wird's wiſſen, ſie kennt etwas von Edelſteinen, ſie ſoll den Schmuck taxiren. Teufel, es wird mir ganz ſeltſam ſein, wenn ich wieder einmal auf den Boulevards ſpaziere! d .— 499— Und die alte Vettel wird auch die Augen aufreißen, ſie glaubt mich noch auf der Galeere. Woher nur dieſe Burſchen wiſſen mögen, wo ich geweſen bin? He, weshalb zerbreche ich mir den Kopf deshalb? Sie werden nichts verrathen, es wäre ihr eigener Schade, und ſie werden mich auch nicht wiederfinden. Er ſteckte den Schmuck wieder ein und zählte die geraubten Banknoten, dann betrachtete er das goldene Petſchaft, die verſchiedenen Ringe, Nadeln und Armbänder, die er geſtohlen hatte, und das Geſammtreſultat ſeiner Prüfung ſchien ihn ſehr zu befriedigen, wenigſtens verrieth dies das Lächeln, welches nicht mehr von ſeinen Lippen wich. Als die Freunde zurückkehrten, dämmerte ſchon der Morgen. Sie hatten ebenfalls elegante Anzüge gewählt, aber ein ſcharfblickender Beobachter konnte doch ſofort erkennen, daß ſie nicht gewohnt waren, ſolche Kleider zu tragen, zumal Paul zeigte ſich ſo linkiſch und unbe⸗ holfen in ihnen, daß Dorman ein Lächeln des Hohns nicht unter⸗ drücken konnte. Allmählich wurde es unten in der Straße lebendig, der Falſch⸗ münzer warf einen verſtöhlenen Blick hinunter, er bemerkte mehrere Poſten, die auf⸗ und abſchritten und jeden Vorübergehenden mit prüfenden Blicken muſterten. Eine Stunde verſtrich nach der andern, die Poſten wurden abge⸗ löſt, ihre Nachfolger ſchienen ſehr ausführlich unterrichtet zu werden. Endlich riß dem Falſchmünzer die Geduld. „Wir müſſen einzeln uns entfernen“, ſagte er,„ich werde den Reigen eröffnen.“ Er ſetzte ſeinen Hut auf, verließ das Zimmer und ſtieg die Treppe hinunter. Die Freunde ſahen ihn an den Poſten vorbeiſchreiten, er trat ſo keck und ſicher auf, als ob er ſich nicht der geringſten Schuld bewußt ſei. Jetzt ging Erneſt, auch ihm gelang es, die Wachſamkeit der Nationalgardiſten zu täuſchen, er bog um die Ecke und war dem Blick des Freundes entſchwunden. 4 Paul fühlte ſich nicht ſo ſicher, die ungewohnte Kleidung beengte ihn, er meinte, man müſſe ihn ſofort erkennen. Er ging die Treppe hinunter, die Hausthüre ſtand offen. Aber in dem Augenblick, in welchem er auf die Thüre zuſchreiten wollte, hörte er hinter ſich ein lautes:„Halt!“ 32,*½ — — 500— Daß dieſer Ruf ihm galt, konnte er nicht bezweifeln, er fuhr erſchreckt zuſammen, aber in demſelben Moment fühlte er auch in⸗ ſtinktiv, daß er verloren war, wenn er ſtehen blieb. Ohne ſich lange zu beſinnen, ſtürzte er hinaus, ein Wachtpoſten wollte ihm den Weg vertreten, er ſtieß ihn zurück und ergriff die Flucht. Ein Schuß fiel, aber die Kugel pfiff an ihm vorbei, er lief über den Boulevard du Palais und machte erſt auf dem Boulevard de Sebaſtopol Halt, als er ſich im dichten Gedränge einer Schaar von Arbeitern befand. Seine Verfolger mußten die Fährte verloren haben, er war gerettet, Niemand kümmerte ſich um ihn. In der Volksmaſſe, die ihn umgab, gährte es gewaltig, man ſprach von einem Aufſtand der Arbeiterbataillone, von der Erſtür⸗ mung des Stadthauſes und der Einſetzung einer Commune, aber Paul hörte nicht darauf, er ſetzte eilig ſeinen Weg fort, nur an Louiſon denkend, die er nun wiederſehen ſollte. Als er die Rue Vincent erreichte, traf er mit Erneſt wieder zu⸗ ſammen, der ſeinetwegen in großen Sorgen war. Gemeinſam ſtiegen ſie die Treppen hinauf, und ein Freudenruf entfuhr den Lippen Jean's, als er ſeine Freunde eintreten ſah. Man hatte ſie in ihrer Wohnung noch nicht geſucht, das war ein gutes Zeichen, es bewieß, daß man an ernſtliche Verfolgung nicht dachte. Erneſt rieth zur ſofortigen Anlegung der Uniform, und ſchon nach wenigen Minuten hatten die eleganten Herren ſich wieder in National⸗ gardiſten verwandelt. Jean bereitete inzwiſchen ein Frühſtück, dem die Flüchtlinge wacker zuſprachen. Die erſte Frage Paul's galt der Geliebten, Jean erwiderte, er werde mit Juſtinen ſprechen und das Nähere wegen einer Zuſammen⸗ kunft verabreden. Damit mußte Paul ſich begnügen, er ſah ja ein, daß es eine Nothwendigkeit für die Sicherheit der beiden Mädchen war, ihre Wohnung geheim zu halten, und er konnte die Maßregeln nur billigen, die Juſtine zu dieſem Zweck getroffen hatte. „Gut, während Jean dies beſorgt, werden wir unſerem Bataillon Bericht erſtatten“, ſagte Erneſt,„wir müſſen das, um uns vor einer nochmaligen Verhaftung zu ſchützen.“ „Und dann?“ fragte Jean. übe wi ——— — 501— Paul und Erneſt zu ihrem Bataillon eilten, ſollte eine großartige Demonſtration in's Werk geſetzt werden. fuhr in⸗„Dann gehen wir zum Marquis.“* „Nanu, warten wir ab. was Juſtine ſagt, ſie hat die Jeſchichte ſten übernommen, und wir werden von ihr hören—“ de„Was haben wir von ihr noch zu hören, was wir nicht ſchon wüßten“, fiel Erneſt ungeduldig ihm in's Wort.„Daß Marie in über dem Hauſe des Marquis wohnt, vielleicht gegen ihren Willen gefangen de gehalten wird, iſt ſo klar wie irgend etwas. Und ebenſo klar iſt es, von daß wir ſie nur auf dem Wege der Gewalt befreien können.“ ben,„Und wenn wir den Lump niederſchlagen, iſt auch weiter nichts 4 verloren“, fügte Paul hinzu];„Geh' Du zu Juſtine, wir werven 1 nan unterdeſſen unſere Geſchäfte ordnen.“ kür⸗ 3 Arm in Arm ſchritten die Freunde hinaus, der Gefreite ſah ihnen nber verduzt nach, ſchüttelte den Kopf und verließ gleich darauf auch das Haus. an xe Sechsundzwanzigſtes Kapitel. nruf Das Vorſpiel der Revolntion. ein Die rothen Republikaner waren längſt mit der Regierung unzu⸗ frieden geweſen, ſie verlangten, daß die Vertheidigung mit mehr Energie chte. geführt werden ſolle, die Mitglieder der Regierung ſammt dem General 84 Erwahn und den übrigen Heerführern waren ihnen zu zaghaft.. — Indeß war das im Grunde genommen nur ein Vorwand, mit dem ſie den großen Haufen köderten und aufhetzten, in Wahrheit ſer wollten ſie nicht nur ſelbſt regieren, ſondern auch ihre mit dem Bürgerblut beſudelten Hände nach den Gütern der Kirche und den re Schätzen der beſitzenden Klaſſe ausſtrecken. mem Ledru Rollin, Blanqui, Felix Pyat und eine Maſſe von Journa⸗ liſten goſſen immer auf's Neue Oel in's Feuer, man ſchrieb das inm Wort:„Commune“ auf die rothe Fahne und ſagte der Menge täglich, ihhe nur die Commune, das heißt, eine von den Pariſern aus ihrer Mitte ligen,— gewählte Regierung ſei allein im Stande, Frankreich zu retten. Man hatte die Chefs mehrerer Bataillone von Belleville gewonnen üllen und der Aufſtand wurde im Stillen organiſirt. einer Am Morgen des 8. October, an demſelben Tage, an welchem —— — —õ— — —— — 502— Das Bataillon war ſchon verſammelt, als die Freunde bei ihm eintrafen. Man empfing ſie mit Jubel, und doch wußte von den Nationalgarden faſt Niemand, was geſchehen ſollte. Nur die Chefs und die Offiziere waren in den Plan eingeweiht. Erneſt und Paul mußten in die Reihen eintreten, ſie fanden nicht einmal Zeit, einige Worte mit Bekannten zu wechſeln. So ſtiegen drei⸗ bis viertauſend Nationalgarden von Belleville herab, und aus ihrer Mitte erſchallte unausgeſetzt der Ruf:„Es lebe die Commune!“ Eine unüberſehbare Menge von Gamins, Weibern und verdäch⸗ tigem Geſindel ſchloß ſich ihnen an, rothe Fahnen wurden überall ſichtbar, und mit wüſtem Geſchrei wälzte dieſe ganze Maſſe ſich auf das Stadthaus zu, um die Regierung zur Abdankung zu zwingen. Indeß war das Vorhaben verrathen worden, oder es hatte die Regierung für alle Fälle ihre Vorſichtsmaßregeln getroffen; als die Inſurgenten den Platz vor dem Stadthauſe erreichten, fanden ſie ihn bereits von Nationalgarden beſetzt, auf deren Treue die Regierung vertrauen durfte. Mehrere Bataillone rückten an, überall wurde Generalmarſch geſchlagen, es entſpann ſich auf dem Platze ein Handgemenge, aber die Inſurgenken erkannten bald, daß ſie zu ſchwach waren, und daß die regierungstreuen Bataillone ſich nicht verlocken ließen, zu ihnen überzugehen. Sie mußten ſich zurückziehen, nachdem eine Menge von fanati⸗ ſirten Rednern unſinnige Reden gehalten hatten, einige Schüſſe gefallen und mehrere Perſonen getödtet oder verwundet waren. Es war ein betäubender Lärm und ein unbeſchreibliches Gedränge auf dieſem mit Menſchen angefüllten Platze, Erneſt und Paul brachen ſich gewaltſam eine Bahn und athmeten auf, als ſie dieſem erſtickenden Gedränge entronnen waren. „Und das ſoll zur Rettung des Vaterlandes dienen!“ ſagte Erneſt bitter.„Wahrhaftig, mich ekelt dieſes Treiben an.“ „Weshalb haben wir uns daran betheiligt?“ erwiderte Paul.„Es iſt das Beſte, man bleibt ſolchen Beſtrebungen fern, zu einem guten Ziele führen ſie ja doch nicht. Gehen wir jetzt zum Marquis?“ „Ja.“ Die Freunde beſchleunigten ihre Schritte und hatten bald das Valais des Edelmannes erreicht. — 503— ihmn Erneſt zog die Glocke, der Portier wollte den Beiden den Weg den vertreten, er mochte aus ihren finſteren, drohenden Mienen ahnen, daß ſie nichts Gutes im Schilde führten. 1 viht. Aber ehe er ſich deſſen verſah, hatte Paul ihn bei Seite gedrängt, rich die Freunde ſchritten an ihm vorbei auf die Treppe zu, die zum obern Stockwerk führte. Im erſten Augenblick verduzt, folgte der Portier ville ihnen, indem er ihnen im barſchen Tone befahl, ſtehen zu bleiben, lebe aber ſie kümmerten ſich nicht um ſeinen Befehl, und die Entſchloſſenheit, die in ihrem Auftreten, in ihrer ganzen äußern Erſcheinung ſich aus⸗ drückte, hielt ihn ab, ſie thätlich anzugreifen. Oben am Ausgang der Treppe ſtießen ſie auf einen Lakai, der bei dem plötzlichen Anblick der beiden Nationalgardiſten beſtürzt zurücktrat.— 1„Führen Sie uns zum Marquis!“ befahl Erneſt in einem Tone, die der keinen Widerſpruch dulden zu wollen ſchien.„Beeilen Sie ſich, die wir haben keine Zeit.“ ihn Mechaniſch, ohne Widerrede gehorchte der Diener, die Freunde blieben dicht hinter ihm, ſie traten faſt gleichzeitig mit ihm in das Kabinet, in welchem der Marquis vor ſeinem Schreibtiſch ſaß. ſch Der Edelmann erhob ſich, auch er war beſtürzt, als er die ſo plötzlich vor ſich ſah, die er im Gefängniß glaubte, aber dieſe Beſtürzung währte nur einen kurzen Augenblick, er hatte ſeine Faſſung raſch wieder⸗ hnen gefunden. „Bringen Sie mir ſo wichtige und dringende Nachrichten, daß Sie S ſich ſogar genöthigt ſehen, meine Diener zu überrumpeln?“ fragte er nti⸗ iſſe in der freundlichen, gewinnenden Weiſe, mit der er Erneſt ſo oft beſtochen hatte.„Ich bin wirklich erſtaunt, hoffe aber, daß es keine 1 nge ſchlimme Nachrichten ſind.“ he Ein Wink verabſchiedete den Diener, ein zweiter Wink lud die den Freunde ein, Platz zu nehmen, die indeß dieſer Einladung keine Folge leiſteten. neſt„Herr Marquis, wir kommen, um Sie zu fragen, wo Fräulein Marie Reimann ſich gegenwärtig befindet, nahm Erneſt, vor Erregung 3 3 zitternd, das Wort. Wir wiſſen, daß es Ihnen bekannt iſt, und daß den Sie Alles verſucht haben—“ V „Welche Sprache, mein Freund!“ unterbrach der Marquis ihn „Zarf.„Habe ich Ihnen nicht ſchon oft eine Antwort auf dieſe Frage gegeben, die Ihnen genügen mußte5“¹ ds 1„Sie haben mir geſagt, Fräulein Marie ſei nach Deutſchland / / — — ——õ———— —— — 504— zurückgekehrt, und ich glaubte es, weil ich mir nicht denken konnte, daß Sie, der reiche, vornehme Herr, einen armen Handwerker betrügen würden. Aber es war eine Lüge!“ „Herr Lafleur, Sie befinden ſich in meinem Hauſe!“ „Verzeihen Sie, wenn ich heftig werde, es wäre auch mir lieber, wenn wir die Angelegenheit in Güte ordnen könnten.“ „Ich wüßte nicht, was wir mit einander zu ordnen hätten“, ſagte der Marquis, von deſſen Lippen das freundliche Lächeln verſchwunden war,„für den Gang nach Verſailles habe ich Ihnen den Lohn gezahlt, und den Vorſchuß, den ich Ihnen gab, werden wir berechnen, wenn Sie mir das Meublement abliefern.“ „Sie wollen meinen Freund nicht verſtehen!“ warf Panl mit müh⸗ ſam erzwungener Ruhe ein.„Aber glauben Sie nicht, mein Herr, daß Sie diesmal uns mit leeren Worten abſpeiſen werden. Wir wiſſen, daß die junge Deutſch—“ „Ueberlaß das mir“, ſchnitt Erneſt ihm das Wort ab.“ Der Herr Marquis kann ja nicht leugnen. Fräulein Reimann ging damals nicht nach Deutſchland zurück, man brachte ſie nach ihrer Verhaftung nach St. Lazare, und dies Alles war das Werk des Mannes, der ihr ſeine uneigennützige Freundſchaft angeboten hatte.“ „Damit wollen Sie behaupten, daß es mein Werk geweſen ſei?“ fragte der Marquis, ſich emporrichtend. „Ich muß das behaupten“, fuhr Erneſt fort.„Fräulein Reimann verſchwand auf räthſelhafte Weiſe aus dem Gefängniß, aber ich fand ihre Spur wieder, und ich bin entſchloſſen, mein Leben daran zu wagen, um dieſe Spur zu verfolgen. Ich ſtand Ihnen im Wege, Sie fürch⸗ teten meine Nachforſchungen, ich mußte beſeitigt werden. Um das zu erreichen, ſchickten Sie mich nach Verſailles. Sie hofften, ich werde den Preußen in die Hände fallen, dann war der Tod des Spions, oder die Kriegsgefangenſchaft mein Loos. Aber ich entkam den Ge⸗ fahren, ich kehrte zurück, und was noch ſchlimmer war, ich entdeckte bei meiner Rückkehr das Geheimniß, welches Sie mir ſo ſorgfältig verbergen wollten. Sie laſen in meinem Geſicht. daß das deutſche Lied, welches ich hier vernahm, mir bekannt war, Ihrem ſcharf beob⸗ achtenden Blick konnte die Aufregung nicht entgehen, die ſich meiner bemächtigte, Sie wußten, daß ich nicht allein das Lied, ſondern auch die Stimme kannte.“. „Was wollen Sie mit all' dieſen Vorausſetzungen?“ fragte der gen ———— Edelmann ſpöttiſch.„Und was berechtigt Sie überhaupt, in dieſem Tone mit mir zu reden?“ „Leugnen Sie nicht, Herr Marquis, es hilft Ihnen nichts, ich bin meiner Sache zu ſicher. In jener Stunde erkannten Sie, daß ich ein gefährlicher Gegner war, aber Sie hatten als kluger Mann Ihre Vorkehrungen ſchon getroffen. Sie hatten es nicht verſchmäht, mit einem Weibe, welches nur Verachtung verdient, ein Bündniß gegen mich zu ſchließen, und dieſes Weib ſorgte dafür, daß man in meiner Wohnung compromittirende Papiere fand, von deren Exiſtenz mir nicht das Mindeſte bekannt war. Ich, oder beſſer geſagt, wir beide wurden verhaftet, auf Grund eines Haftbefehls, den Sie ſich zu verſchaffen gewußt hatten. Man führte uns ohne Verhör in's Gefängniß, dort ſollten wir vergeſſen werden. Aber ſo fein dieſer Plan auch angelegt war, ſcheiterte er doch an der Energie, mit der wir nach Freiheit trach⸗ teten, und Sie ſehen, wir ſind frei! Ob man uns verfolgen wird, weiß ich nicht, aber wollte man noch einmal uns verhaften, ſo würde unſer Bataillon für uns eintreten.“ Der Marquis hatte die Arme auf der Bruſt verſchränkt, furchtlos ſtand er den Beiden gegenüber, auf denen unverwandt ſein Blick ruhte. „Sie können ſich über meine Geduld nicht beklagen“, ſagte er mit gemeſſener Ruhe, ich habe Sie angehört, ohne Sie zu unterbrechen. Alles, was Sie mir da geſagt haben, ſind Vermuthungen, die ich einer Widerlegung nicht werth halte. Aber nehmen wir an, dieſe Vermuthungen ſeien begründet, ſetzen wir den Fall, die junge Dame ſei aus freiem Antriebe mir in mein Haus gefolgt und ſie warte nur auf den Friedensſchluß, um mir die Hand am Altare zu reichen, was würden Sie in dieſem Falle thun?“ Die Gluth, die auf den Wangen Erneſt's brannte, wich der Todes⸗ bläſſe, er war auf Alles vorbereitet, nur nicht auf dieſe Frage, die ſein zuckendes Herz wie ein Dolchſtich traf. „Ich müßte das aus ihrem eigenen Munde hören“, erwiderte er. „Freilich, mir würden Sie es nicht glauben. Aber ich frage Sie noch einmal, was würden Sie thun?“ In der Bruſt des jungen Mannes tobte ein gewaltiger Kampf, er preßte die Hand auf das ſtürmiſch pochende Herz und blickte den Marquis ernſt und feſt an. „Wenn Fräulein Marie mir das ſagte, ſo würde ich mich ihres Glückes freuen“, entgegnete er mit bebender Stimme. Ich würde Sie 4 ——— — — 506— ſegnen, mein Herr, wenn Sie Ihre Gattin ſo glücklich machten, wie ſie es zu werden verdient, wie ich auf der andern Seite Jeden ver⸗ nichten werde, der dieſen Engel, ſei es durch Liſt, Betrug, oder Ge⸗ walt, in Schande und Elend ſtürzt. Seien Sie ganz aufrichtig, mein Herr, laſſen Sie mich klar ſehen, geſtatten Sie mir eine Unterredung mit der jungen Dame, und ich will dem Verdacht, den ich bisher gegen Sie hegte, entſagen.“ Der Marquis war an's Fenſter getreten, in Nachdenken verſunken beantwortete er dieſe Aufforderung nicht. „Sie fordern etwas von mir, was ich Ihnen nicht bewilligen kann“, brach er endlich das Schweigen. Weshalb ſetzen Sie Mißtrauen in mich. Wäre das Fräulein noch in Paris, ſo würden Sie jedenfalls Nachricht von ihr erhalten haben.“ „Sie weichen mir aus—“ „Keineswegs, ich zeige Ihnen nur, daß Ihr Mißtrauen unbegründet iſt. Haben Sie Geduld, wenn dieſer Krieg beendet iſt, werden Sie Gewißheit erhalten, die Zeit iſt jetzt nicht dazu angethan, ſich mit ſolchen Angelegenheiten zu beſchäftigen.“ „Sie geben alſo zu, daß Fräulein Reimann in Ihrem Hauſe wohnt, daß ſie es war, welche das deutſche Lied ſang?“ fragte Erneſt, die Stirne runzelnd. „Nein.“ „Dann, Herr Marquis, zwingen Sie uns, andere Wege einzu⸗ ſchlagen, um uns Gewißheit zu verſchaffen.“ „Sie wollen mir drohen?“ „Wir werden nicht ruhen, bis wir unſere Aufgabe gelöſt haben.“ Der Marquis ſchüttelte den Kopf und lächelte ironiſch. „Ich weiß wirklich nicht, was Sie wollen“, ſagte er mit lakoniſcher Ruhe.„Sie greifen mich an auf leere Vermuthungen hin, Sie werfen mir Intriguen und Machinationen vor, von denen ich ſelbſt keine Ahnung habe. Aber ich kann Sie nicht hindern, Ihre tollen Ideen zu verfolgen, ich kann Sie nicht zwingen, meinen Worten Glauben und mir Vertrauen zu ſchenken, Sie bieten mir den Kampf an, ich muß ihn annehmen, aber ich ſage Ihnen voraus, Sie werden mich gegen jeden Angriff gerüſtet finden.“ Er winkte befehlend, wie wenn er ſie auffordern wolle, ihn zu verlaſſen, aber die Freunde ließen ſich ſo raſch nicht abfertigen. „Wenn noch ein Zweifel an der Richtigkeit unſerer Vermuthungen ——— einzu⸗ 9 1 ben. iſſcher verfen keine Ideen auben ,, ich wich ———— — 507— hätte obwalten können, ſo würden Ihre letzten Worte ihn beſeitigt haben“, ſagte Paul, für ſeinen Freund das Wort ergreifend,„wir haben nun die Ueberzeugung gewonnen, daß Fräulein Reimann ſich in dieſem Hauſe befindet, und daß ſie wie eine Gefangene behandelt wird.“ Der Marquis drückte auf den Knopf neben ſeinem Schreibtiſch, der filberhell le Klang einer 1 durchzitterte die weiten Räume des Hauſes.„Sie ſchlagen einen Ton an, den ich nicht dulden kann noch werde“, erwdder rte er ſcharf,„ich habe I Ihnen meine Antwort gegeben, damit betrachte 6 die Angelegenheit als erledigt.“ Ein Diener war eingetreten, Erneſt flüſterte ſeinem Freunde einige beruhigende Worte zu. Auf dem Wege der Gewalt war jetzt nichts auszurichten, Erneſt hatte die Löfung ſeiner Aufgabe ſich leichter vorgeſtellt, er ſah jetzt ein, daß er auf dieſem Wege ſeinen Zweck nicht erreichen konnte. „Begleite die Herren zur Thüre“, befahl der Marquis.„Sie, ſehen, meine Herren, ich bin ſehr beſchäftigt, überdies dürfte Ihre augenblickliche Stimmung Ihnen nicht erlauben, die Unterhaltung fortzuſetzen. Ich hoffe Sie werden ernſß und rnbig über meine Worte nachdenken und von einem thörichten Vorhaben abſtehen, welches für Sie ſelbſt die unangenehmſten Wran haben müßte.“ Die Freunde erwiderten kein Wort. Paul wollte heftig auffahren, aber Erneſt, der beſonnener war, zog ihn mit ſich fort. Als der Marquis ſich allein ſah, veränderte ſich ſofort der Aus⸗ druck ſeines Geſichts. Auch ihm war es ſchwer gefallen, ſeine Ruhe zu behar Upten⸗ er hatte Worte hören müſſen, die ihn tief beleidigten. „Fatal!“ murmelte er.„Wie iſt es den Beiden nur möglich gewor⸗ den, aus dem Gelänoniſ zu entfliehen? Und woher haben ſie dieſe genaue Kenntniß? Er wird entſagen, wenn Marie ihm erklärt, daß ſie meine Braut ſei. Sie muß entſcheiden, ich ertrage dieſes Schwanken zwiſchen Hoffen und Paſü nicht lingger, ich muß Gewißheit haben.“ Er ſtrich mit der Hand über Stirn und Augen und ſeufzte ſchwer auf, dann ſprang er heftig von ſeinem Seſſel empor, um mit großen Schritten das Kabinet zu durchmeſſen. „Wenn ich Sie wieder verhaften ließe!“ ſagtes er.„Aber nein, ich darf es nicht, ſie ſind auf dieſen Schlag vorbereitet, und die Wuth eines ganzen Bataillons könnte ſich gegen mich richten. Gibt es denn kein anderes Mittel, ſie unſchädlich zu machen? Beim Himmel, —— ———— — 508— ich bin ſchwach geworden, ſeitdem das Mädchen hier iſt, ich muß mich gewaltſam aufrütteln aus dieſem Träumen und Brüten. Stehe ich noch an der Spitze der Verſchworenen? Habe ich noch Macht über ſie? Ich weiß es nicht, ich bin läſſig geworden. Bandau ſpielt eine zweideutige Rolle, ich ſehe zu und ſchweige. Ich weiß, daß er mit den Agenten Napoleon's angeknüpft hat und thue nichts, um den Verrath zu verhindern. Ah, das muß anders werden, ich muß das Ruder wieder in die Hand nehmen.“ Der Eintritt des Dieners brach das Selbſtgeſpräch ab, der Mar⸗ quis ging ihm lebhaft entgegen, als er in der Hand dieſes Mannes eine Taube bemerkte. „Sie iſt ſoeben eingetroffen“, ſagte der Lakai, indem er die Taube ſeinem Herrn übergab.„das arme Thier ſcheint ſehr ermattet zu ſein.“ Der Marquis löſ'te von einer Schwanzfeder des Thieres einen kleinen Federkiel, den er auf ſeinen Schreibtiſch legte, dann gab er die Taube zurück mit dem Befehle, ſie gut zu füttern. In dem Federkiel befand ſich ein kleines, feſt zuſammengerolltes Stückchen Papier, welches der Marquis unter ein Vergrößerungsglas brachte; er konnte jetzt ohne Mühe die Schrift leſen, die das un⸗ bewaffnete Auge nur für Punkte und Striche hielt. „Wir haben bisher vergeblich das Signal erwartet“, las er mit halblauter Stimme,„aber wir ſind nicht entmuthigt. Das Haupt⸗ quartier iſt inzwiſchen eingetroffen und wir ſind mit unſeren Vor⸗ bereitungen fertig. Je länger wir warten können, deſto beſſer iſt es für die Sache, wir erhalten täglich neue Mitglieder, die ſich mit Treue unſerm Vorhaben hingeben. Ende October wäre nach unſerer Anſicht der geeignetſte Zeitpunkt, wir berückſt chtigen dabei Vieles, von dem man dort keine Kenntniß haben kann. Aber wann es auch ſein mag, wir erwarten das Signal.“ „Gut“, murmelte der Marquis.„Bis dahin wird Trochu ſo weit fertig ſein, daß er ſich zu einem Aus Sfall entſchließen kann, und— — ah, was gibt's?“ „Herr Colonel Flourens“, meldete der Diener. „Er iſt willkommen.“ Der Marquis hatte ſich erhoben, um dieſes gefürchtete Haupt der rothen Republikaner zu empfangen, und als Flourens in der Uniform eines Oberſten der Nationalgarde eintrat, ging der Edelmann ihm mit allen Zeichen einer freudigen Ueberraſchung entgegen. — 509— „Sie kommen wie gerufen“, ſagte er,„ſoeben erhielt ich Nach⸗ richten aus Verſailles, welche auch Sie intereſſiren. Aber, was haben Sie? Sie ſehen ſo finſter und niedergeſchlagen drein—“ „Und weiß der Himmel, ich habe Grund dazu“, fiel Flourens ihm ärgerlich ines Wort.„Mit dieſer Regierung iſt nichts anzufangen, ſie verſchanzt ſich hinter ihre Feigheit, verloddert die Zeit mit phra⸗ ſenhaften Proklamationen und läßt die Dinge draußen gehen, wie ſie wollen.“ „Geduld, mein Freund, ſie wird das Ruder nicht lange mehr führen.“ „Weiß ſie perſönlichen Muth, Energie und patriotiſche Dienſte zu ſchätzen?“ fuhr Flourens zornig auf.„He, als ich fünf Bataillone der Nationalgarde unter meinem Befehl vereinigte, um Einheit in das Ganze zu bringen, war es nicht ein verdienſtvolles Werk? War ich nicht berechtigt, den Rang und Titel eines Colonel zu fordern? Man gab ihn mir nicht, nun gut, ich ſtehe noch immer an der Spitze dieſer Bataillone, was liegt mir an dem Titel!“ „Die Regierung fürchtet Sie“, warf der Marquis lächelnd ein. „Wie ſie Jeden fürchtet, der ihr feſt entgegentritt und ihr Spiel durchſchaut. Am vergangenen Mittwoch ließ ich meine Bataillone vor dem Stadthauſe aufmarſchiren und verlangte Chaſſepots für meine Leute.“ „Man verweigerte ſie, und Sie nahmen Ihren Abſchied. Sie hätten das nicht thun ſollen, mein Freund; Männer, wie Sie, kann unſere Partei nicht entbehren.“ „Parbleu, ich häbe das ja eingeſehen und meinen Abſchied zurück⸗ gezogen.“ „Und doch würde es beſſer geweſen ſein, wenn dies unterblieben wäre. Man darf nicht weichen und wanken, über perſönliche Belei⸗ digungen muß man ſich hinwegſetzen.“ „Bah, dieſe Regierung iſt mir zu widerwärtig! Paris ſoll ſeine eigene Vertretung wählen, ich verlange einen Wohlfahrtsausſchuß, der ernſt und energiſch über Mittel nachdenkt, durch welche das Vaterland gerettet werden kann. Es iſt zu viel böſes und faules Blut im Herzen Frankreichs, wir müſſen ihm zur Ader laſſen. Unter dem Kaiſerreich haben die Bourgeois ſich gemäſtet, ſie erſticken in ihrem Fett, indeß die Arbeiter darben. Auch die Kirche hat zu viel ver⸗ ſchlungen, das todte Kapital muß zur Vertheilung kommen.“ —— —;— — — ͤ —— — 510— „Sehr wohl“, ſagte der Marquis,„aber man darf nichts über⸗ eilen.“ „Parbleu, heute Morgen ſollte der Sturm losbrechen, die Bataillone waren in der vortrefflichſten Stimmung. Aber als wir vor dem Stadt⸗ hauſe ankamen, war der Platz ſchon beſetzt, und die Bataillone der Bourgeois rückten in gewaltigen Maſſen an, um dieſes Vorhaben zu verhindern.“ Der Marquis blickte den Colonel beſtürzt an. Das iſt ohne mein Wiſſen und Wollen geſchehen“, ſagte er vor⸗ wurfsvoll„Ich würde Ihnen geſagt haben, daß die Zeit noch nicht gekommen ſei.“ „Ah bah, man muß dieſem unleidlichen Zuſtande ein Ende machen“, erwiderte Flourens achſelzuckend.„Fort mit dieſen Memmen, die ſich zu keiner großen That erheben können! Mit unſrer ganzen Wucht müſſen wir uns auf die Preußen werfen, ſie ſind noch nicht fertig mit ihren Belagerungsarbeiten, wir müſſen ſie überfallen, ehe ſie ſich darauf vorbereiten können. Trochu hat einen Plan und Paris ſpottet über dieſen Plan, den er wohlweislich geheim hält, er iſt keinen Sous werth.“ „Wir müſſen warten“, ſagte der Marquis,„die Regierung hat noch zu viele Freunde und Anhänger. Setzen Sie ſich dorthin und leſen Sie die Nachrichten aus Verſailles, Colonel, dann werde ich Ihnen meinen Plan entwickeln.“ Flourens kam der Aufforderung nach, der Edelmann ſchritt wieder auf nnd nieder. „Ich verſtehe das nicht“, ſagte der Colonel nach einer Pauſe. „Was hat man in Verſailles vor?“ „Hören Sie. Wir werden warten bis Ende Oktober.“ „Hm, das ſind noch drei Wochen.“ „Ganz recht, aber vergeſſen wir nicht, daß die Unzufriedenheit mit der Regierung mit jedem Tage wächſt, alſo iſt jeder Tag ein Gewinn für uns. Ueberlaſſen Sie es mir, Trochu zu beſtimmen, am letzten Tage des Monats Oktober einen Ausfall zu unternehmen.“ „Kennen Sie den Eigenſinn dieſes Cererels⸗e fragte Flourens mit beißendem Spott.„Er wird Ihnen ſagen, er habe einen Plan und ſein Teſtament lege bei ſeinem Notar. Waßrhaf tig, man könnte glauben, der gute Mann ſei kindiſch geworden.“ „Wenn er nicht will, ſo wird ein anderer General den Ausfall unternehmen.“ den Tag ha Co — 511— „Welcher?“ „Ich denke an den General Bellamare.“ „Parbleu, er hat Muth, aber er wird dennoch nicht wagen, gegen den Befehl Trochu's zu handeln.“ „Es ſei meine Sorge, ihn dazu zu beſtimmen. An demſelben Tage wird Verſailles ſich erheben und die oberſten Heerführer der Deutſchen tödten.“ „Ah, das wäre ein ſehr kurzer und ſicherer Weg. Marquis, ich kann Ihnen meine Bewunderung nicht verſagen, Sie—“ „Laſſen wir das. Die Linie und Marine, die Mobilen und die Nationalgarden der Bourgeois werden den General Bellamare unter⸗ ſtützen, man wird Trochu zwingen, dieſe ganze Macht gegen die Deut⸗ ſchen zu führen. Während draußen der Kampf tobt, machen wir an der Spitze der Arbeiterbataillone hier reinen Tiſch, wir ſtürzen die Regierung und ſetzen die Commune ein, die ſiegreich zurückkehrenden Truppen werden hier die Thatſache finden und wie ich nicht zweifle, ſie mit Jubel begrüßen.“ „Natürlich!“ ſagte Flourens, deſſen Augen leuchteten.„Trochu hat es mit Allen verdorben.“ „Man wird Sie zum Commandanten der Nationalgarde ernennen, Colonel.“ „Ich nehme dieſes Amt an.“ „Sehr gut, o, wir haben Männer genug in Paris, welche die gegenwärtigen Machthaber erſetzen können.“ „Und Sie?“ „Laſſen Sie mich im Hintergrunde, ich geize nicht nach Ehren und Würden, meine Aufgabe iſt es, die arbeitende Klaſſe ihrem Elend zu entreißen, ihr Menſchenrechte und Menſchenwürde zurück zu geben. Ihre Aufgabe iſt es, die Chefs der Arbeiterbataillone zu unterrichten, ſie zur Ruhe und Vorſicht zu ermahnen, damit kein übereilter Schritt gethan wird, der Alles verderben könnte. Säen Sie Mißtrauen und Unzufriedenheit in alle Kreiſe, welche noch mit der Regierung halten, es iſt gut, wenn man langſam und ſicher vorbereitet. 1 Der Colonel hatte ſich erhoben. „Wenn ich das Alles geſtern gewußt hätte, würde der Putſch heute nicht erfolgt ſein“, ſagte er,„aber es war eine Demonſtration, die uns eher nutzen als ſchaden wird.“ „Und die dennoch beſſer vermieden wird“, erwiderte der Marquis 1 1 1 4 6 4 1 — ——— ——õõ — — 9 gelaſſen.„Solche Demonſtrationen geben der Regierung einen will⸗ kommenen Vorwand, gehäſſige Gerüchte zu verbreiten, den Bourgeois Schrecken einzuflößen und Vorſichtsmaßregeln zu treffen. Laſſen wir nun den Dingen ihren Lauf, mein Freund, ich weiß, es gährt allent⸗ halben, je höhex die Noth ſteigt, deſto höher wächſt auch die Unzu⸗ friedenheit, man muß die Saat auch keimen und reifen laſſen. Und vor allen Dingen, Colonel, bitte ich darum, daß man mich ſtets früh⸗ zeitig unterrichtet, wenn irgend etwas geſchehen ſoll. Sie ſehen, daß ich alle Fäden in der Hand halte, es kann dem Ganzen nur zu gro⸗ ßzem Nachtheil gereichen, wenn einer dieſer Fäden zerriſſen wird.“ Mit dieſen Worten hatte der Edelmann ſeinen Gaſt zur Thüre begleitet, er nahm jetzt mit einem Handdruck Abſchied von ihm. Der Marquis trat vor den Spiegel und ordnete ſeine Toulette, dann öffnete er die geheime Thüre und trat in den dunklen Gang hinein. Marie ſaß auf dem Divan und las in einem Buche, als der Edelmann durch die geheime Thüre eintrat; ſie legte das Buch hin und reichte ihm mit freundlichem Lächeln die Hand. „Ich ahnte, daß Sie kommen würden“, ſagte ſie, während der Marquis ihr gegenüber ſaß,„es war mir, als ob eine innere Stimme es mir zuflüſtere.“— „Die Stimme des Herzens!“ erwiderte der Marquis, deſſen freude⸗ leuchtender Blick mit inniger Bewunderung auf dem Mädchen ruhte. „Fühlen Sie ſich nicht einſam, mein Fräulein?“ „O, nein, die Bücher und die Muſik halten die trüben Gedanken fern. Oft iſt es mir, als wolle das Heimweh mich ergreifen, die Sehnſucht nach meinem geliebten deutſchen Vaterlande, aber wenn ich mir dann ſage, daß es nicht ſein kann, dann ſchweigt das Sehnen wieder.“ „Ich dachte, es habe Ihnen in Paris ſo ſehr gut gefallen!“ „Ach ja, Paris iſt eine ſchöne Stadt, aber ich vermiſſe das Ge⸗ müth und das Streben nach dem Edlen und Schönen, welches doch jedem Menſchenherzen bei der Geburt gegeben iſt.“ „Paris iſt eine Stadt der Sinnesluſt, der rauſchenden Vergnü⸗ gungen“, ſagte der Marquis,„und Sie haben Recht, dem Gemüths⸗ menſchen bietet Deutſchland unendlich mehr. Aber was wollen Sie dort, Fräulein Marie? Sie haben keine Eltern, keine Geſchwiſter in der Heimath, es gibt dort nichts, was Sie magnetiſch anziehen könnte.“ Marie ſchüttelte leicht das Köpfchen. — 513— „Deutſche Sprache und deutſche Lieder“, erwiderte ſie,„deutſche Wälder und deutſche Herzen, o, wer Deutſchland ſeine Heimath nennt, der kann es nimmermehr vergeſſen.“ „Und dennoch werden Sie nicht dahin zurückkehren.“ „Wer ſagt Ihnen das, Herr Marquis? Freilich, ſo lange hier die Thore geſchloſſen ſind, werde ich hier bleiben müſſen, und wenn der Friede unterzeichnet iſt, dann habe ich noch ein unerquickliches Geſchäft mit dem Vicomte zu ordnen, dem ich die Schuld doch nicht gerne ſchenken möchte. Vielleicht erhalte ich nicht Recht, der Haß gegen die Deutſchen wird ja noch lange alle Herzen und Gemüther hier erbittern—“ „Er ſoll Ihnen die Schuld zahlen, Marie, ich zwinge ihn dazu.“ „Sie wären vielleicht der Einzige, der es könnte, denn Sie haben Macht, Anſehen und Einfluß.“ „Und ich beſitze eine Waffe, vor der dieſer Mann ſich wie ein Wurm im Staube kyümmen wird. Er ſoll Ihnen volle Genugthuung geben, vertrauen Sie auf mein Wort.“ „Nun denn, wenn das geordnet iſt, was könnte mich noch abhalten, in die Heimath zurückzukehren?“ fragte Marie heiter und unbefangen. „Ich werde dort gewiß bald ein Unterkommen finden—“ „Das Unterkommen einer Dienerin!“ „Herr Marquis!“ „Verzeihen Sie, aber iſt die Stellung einer Gouvernante nicht faſt gleichbedeutend mit der einer Sklavin? Nein, Marie, Sie können ſich darin nicht wohl fühlen, was Sie auch ſagen mögen, Sie ſind zu weichherzig, zu gemüthreich, als daß Sie alle die Demüthigungen ertragen könnten, die mit dieſer Stellung verbunden ſind. Sie müſſen herrſchen, Marie, dann ſind Sie eine unſchätzbare Zierde des Hauſes, Sie dürfen nicht dienen.“ „Ich bin immerdar zufrieden geweſen mit der Stellung, die das Schickſal mir anwies“, erwiderte das Mädchen ruhig,„und in der Zufriedenheit ruht das ſchönſte Glück des Lebens. Weshalb höher ſtreben, wenn man einſieht, daß man auf dem rechten Platze ſteht? Erfülle Jeder ſeine Pflichten mit Freudigkeit, dann wird er ſich reich belohnt ſehen, ohne daß es einer beſonderen Anerkennung bedürfte.“ „So hätten Sie keinen, gar keinen Wunſch?“ fragte der Edel⸗ mann erſtaunt.„Erſtreckt Ihre Zufriedenheit ſich wirklich ſo weit, daß alle Wünſche in Ihrem Herzen ſchweigen?“ R. 33 „Ich wüßte nicht, was ich wünſchen ſollte. Doch ja, ich entbehre die werthloſen Kleinigkeiten, die ich in meiner Wohnung zurücklaſſen 3' mußte, als man mich verhaftete, es befinden ſich Andenken unter ihnen, die ich nicht gerne verlieren möchte.“ „Andenken von lieber Hand?“ „O nein, Herr Marquis, an manches dieſer Andenken knüpfen ſich nur ſchmerzliche Erinnerungen, aber auch an ihnen hängt das Herz.“ Der Marquis nickte gedankenvoll. „Ich werde verſuchen, dieſen Wunſch zu erfüllen“, ſagte er.„Sie wiſſen, daß Ihr Aufenthaltsort geheim bleiben muß—“ „Noch immer?“— „Gewiß. Man bemüht ſich noch immer, das dunkle Räthſel zu( löſen, wie es Ihnen möglich wurde, aus St. Lazare zu entfliehen, ich weiß, daß man Sie ſucht, und daß Ihre frühere Wohnung ſehr ſcharf bewacht wird.“ „Hat man keinen Verdacht auf den Schließer geworfen?“ „Doch, aber man konnte ihm nichts beweiſen.“ „Und hörten Sie nichts von Jenny Mouſſon?“ „Sie iſt frei.“ „Und ſie verdankt Ihnen die Freiheit.“ „Nein, Ihnen, mein Fräulein, Sie wünſchten die Befreiung dieſes Mädchens, ich erfüllte den Wunſch, wenn ich ihn auch nicht billigen 8 konnte. Jenny Mouſſon hatte eine kleine Strafe verdient, ſie war 1 Ihrer Freundſchaft nicht werth.“ 4 „Aber die warme und herzliche Theilnahme, mit der ſie ſich meiner annahm—“ „Ja, ſie hat mich bewogen, ein gutes Wort für ſie einzu⸗ legen.“ „Und von Erneſt Lafleur haben Sie nichts mehr gehört?“ „Nein.“ „Sein Schickſal dauert mich.“ „Denken Sie noch immer an ihn?“ fragte der Marquis, die Brauen leicht zuſammenziehend. I „Er war mir ein Freund— „Auf die Freundſchaft eines Arbeiters von Belleville können Sie nicht ſtolz ſein.“ „Und wer ſagt, daß ich es ſei?“ erwiderte Marie ſcherzend. *„ Aber kann es Sie ſo ſehr befremden, daß ich an ſeinem Schiclſal : S „AUl deſes lligen e war neiner einzu⸗ — 515— Antheil nehme? Ich habe in ihm einen guten und edlen Menſchen kennen gelernt, Herr Marquis „Ich will das nicht beſtreiten, aber die Freundſchaft, die er Ihnen bewieſen hat, haben Sie ihm reich vergolten.“ „Darf ich darum ſeiner nicht mehr gedenken?“ „Das ſage ich arie, aber ich fürchte, Sie denken zu oft, ge ich zu viel an ihn.“ „Gewiß nicht.“ „Und ich glaube, daß mich dies eiferſüchtig machen könnte.“ Marie blickte befremdet auf, die Worte klangen wie eine leiſe Drohung, es lag etwas Seltſames in dem Tone, in welchem der Edelmann ſie geſprochen hatte. Sie erhob ſich und trat an's Pianino, wie im Traume glitt ihre Hand leiſe über die Taſten. Glaubte ſie, den Dämon in ſeinem Innern mit den weichen Klängen der Muſik beſchwören zu können? Sie blickte zu ihm hinübar, er hatte das Haupt auf den Arm geſtützt und ſchaute finſter vor ſich hin. Und dann klang es leiſe mit unendlicher Wehmuth von ſeinen Lippen: Ich habe Dich lieb, Du Süße, . Du meine Luſt und Qual! Ich habe Dich lieb und grüße Dich tauſend, tauſendmal! „Soll ich Ihnen das Lied ſingen?“ fragte Marie beklommen. „Nein, nicht dieſes“, erwiderte der Marquis, das Haupt haſtig erhebend,„die Erinnerungen, die es in mir weckt, würden mich erſchüttern. Aber ein anderes Lied möchte ich von Ihnen hören, ein deutſches Vaterlandslied. Darf ich darum bitten?“ „Fürchten Sie nicht, daß es Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten könne, wenn in Ihrem Hauſe—“ „O, man wird den Geſang nicht hören.“ „Nun denn, ich bin gerne bereit“, ſagte das Mädchen, dann begann ſie, zuerſt leiſe, aber ihre melodiſche Stimme ſchwoll bis zum Schluß immer mächtiger an: Deutſchland, Deutſchland über Alles, Ueber Alles in der Welt, Wenn es ſtets zu Schutz' und Trutze Brüderlich zuſammenhält; 316— Von der Maas bis an die Memel, Von der Etſch bis an den Belt! Deutſchland, Dentſchland über Alles, Ueber Alles in der Welt! H Der Blick des Marquis ruhte mit Bewunderung auf der ſchlanken ¹ Geſtalt des ſchönen Mädchens. 4 Sie ſah ihn fragend an, er nickte, als ob er ihr danken und ſie ¹ bitten wolle, fortzufahren. Deutſche Frauen, deutſche Treue, Deutſcher Wein und deutſcher Sang Sollen in der Welt behalten 6 Ihren alten ſchönen Klang Und zu edler That begeiſtern Unſer ganzes Leben lang. Deutſche Frauen, deutſche Treue, Deutſcher Wein und deutſcher Sang. „Wie ſehr Sie Deutſchland lieben!“ ſagte der Marquis leiſe. „O, es muß wunderbar herrlich ſein, von einem deutſchen Mädchen. geliebt zu werden.“ Marie ſchlug erglühend die Augen nieder, ſie ahnte, was in der Seele des Edelmannes vorging, und Beſorgniſſe, deren Grund ſie t ſelbſt ſich nicht zu erklären wußte, ſtiegen in ihr auf. d Einigkeit und Recht und Freiheit b 4 Für das deutſche Vaterland! Darnach laßt uns Alle ſtreben 4 Brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit Sind des Glückes Unterpfand;— 3 Blüh' im Glanze dieſes Glückes, u Blühe, deutſches Vaterland! „Es iſt kein Lied für franzöſiſche Ohren“, ſagte Marie ſcherzend, als die letzten Klänge verhallt waren. 1 „O, wir könnten viel aus ihm lernen, aber wir wollen das nicht“, erwiderte der Marquis, leicht das Haupt wiegend, wir ſind 1 zu dünkelhaft, zu ſehr von unſerem eigenen Werthe überzeugt, wir glauben die erſte Nation der Welt zu ſein und mit Geringſchätzung auf die anderen Nacionen hinabblicken zu dürfen. Und tragen die I Deutſchen nicht einen großen Theil der Schuld daran, daß es ſeit e Jahren ſo iſt? Aeffen ſie nicht alle unſere Modenarrheiten nach? j Suchen ſie nicht in allen Stücken uns zu copiren? Es gibt in den h n anten ad ſie rzend, n das ſind „wir tzung n die z ſeit gebildeten Ständen Deutſchlands nur Wenige, die nicht di 3 ſiſche Sprache erlernt haben und ihre Kenntniſſe bei jeder Gelegenheit anbringen. Nicht nur in allen Gaſthöfen, auch in allen vornehmen Häuſern gibt's franzöſiſche Speiſekarten, man überſetzt unſere Ro⸗ mane, führt unſere ſeichten Theaterſtücke auf allen deutſchen Bühnen auf und bewundert in Luxusartikeln nur das, was aus Paris kommt. Und doch ſind die Deutſche n uns in den meiſten Dingen überlegen. Sie haben ausgezeichnete Dichter und Künſtler, ſie haben eine Sprache, die unendlich reich iſt an Gemüth und Geiſt, ſie haben eine vorzüg⸗ liche Induſtrie, aber alles dies gilt ihnen nicht ſo viel, wie das Schlechtere und Geringere, was aus Frankreich kommt.“ „Das wird nun nicht mehr der Fall ſein!“ „Glauben Sie?“ „Gewiß. Frankreich hat die deutſchen Arbeiter ausgewieſen ſich damit einen Schaden zugefügt, den es niemals erſetzen Deutſchland aber wird daraus den höchſten Vortheil ziehen.“ Der Marquis zuckte zweifelnd die Achſeln. „Paris bleibt Paris“, ſagte er,„wenn die Zuſtände ſich wieder geordnet haben, ſo werden die franzöſiſchen Induſtriellen ihre ver⸗ triebenen Arbeiter zurückrufen, und die Deutſchen ſind gutmüthig genug, die ihnen widerfahrene Unbill zu vergeſſen und zu kommen. Paris wird im Reiche der Mode wieder herrſchen, und die deutſchen Damen ordnen ſich gerne dieſer Herrſchaft unter.“ „Aber, ehe das geſchieht, wird noch eine lange Zeit hingehen.“ „Freilich, denn nach dem Frieden mit Deutſchland wird der Bür⸗ gerkrieg in Frankreich ausbrechen. Das Proletariat hat lange geſeufzt unter dem tyranniſchen Druck der Armuth, der ſchlummernde Löwe wird ſich erheben und ſeine Mähnen ſchütteln, und wehe denen, die es gewagt haben, ihm die Feſſeln anzulegen.“ „Wehe Frankreich, wenn das geſchieht,“ ſagte das Mädchen ernſt. Der Marquis hatte ihre Hand erfaßt, er führte ſie zum Divan und nahm neben ihr Platz. „Sie haben mich einmal weich und ſchwach geſehen“, verſetzte er, „Sie bewieſen mir Ihre Theilnahme, geſtatten Sie mir nun, daß ich — ■ A —2 7 5 La Ihnen erzähle, was mich damals ſo ſehr erſchütterte. Ich habe nur einmal in meinem Leben geliebt, Marie, damals, als mein Herz noch jung war, als mein Blick noch weit, weit in eine ſonnige Zukunft hinſchweifte. Es war eine heiße, innige Liebe, und ſie wurde erwiedert — — —.— 8 mit der vollen Gluth und Hingebung eines jugendlichen Mädche herzens. Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt iſt, daß in den ade⸗ lichen Familien Frankreichs die Eltern für ihre Kinder die Wahl treffen, es war auch in meiner Familie Sitte. Aber es war mir unbekannt, daß mein Vater für mich ſchon die Wahl getroffen hatte, und ich glaube, wenn ich es gewußt hätte, würde ich mein Herz den⸗ noch dem ſüßen Gefühl nicht verſchloſſen haben, welches m ich beſeligte. Meine Geliebte war arm. Aber, war ich nicht reich, konnte ich nicht ihr eine ſichere Exiſtenz bieten? Weshalb alſo hätte 1 auf eine be⸗ deutende Mitgift Bedacht nehmen ſollen? Nein, ich dachte nicht daran, ich freute mich des Sonnenſcheins, der mich umfloß, der B Blthen, welche die Liebe mir täglich bot. Es war mein feſter Vorſat Geliebte als meine Gattin heimzuführen, aber ich bedurfte zur Aus⸗ führung deſſelben die Einwilligung meines Vaters. Daß ich ſie nicht erhalten würde, ſchien mir unglaublich, mein Vater liebte mie ch, und ich ſagte mir, dem Liebreiz meiner Braut werde er nicht wi iderſtehen können. So wiegte ich mich in Sicherheit, ohne ue ahiin. daß die ſchwarzen Wolken ſich über unſern Häuptern zuſamn kaüͤten Wie es gekommen iſt, daß mein Vater ſo genau von wurde, das iſt mir heute noch nicht klar, ich weiß Diener, dem ich mein ganzes Vertrauen ſchenkte, von mein erkauft war, und daß er ſich gebrauchen ließ, ſeinen zu verrothen. 44 gen und ſeufzte tief Mard c ihn ergriffen „Eines müſſe im Intereſſ unſeres Ver ruehens eine Reiſe aneten, fuhr der Edelmann fort er übergab mir verſchiedene Briefe und Wechſel und drängte mich, unverzüglich abzureiſen. Man ließ mi Gelie ebten Abſchied zu nehmen, kaum Zeilen an ſie zu ſchreiben, d die ich mei übergab. Ich hoffte, binnen einigen T Trennung war nicht zu vermeiden, dem ich gehorchen, zumal, wenn ich ſpäter rechnen wollte. Ha, wenn ich nur Reiſe zu Grunde lag! Kaum hat meinem Diener einen andern Brief für meine Braut üb hat mir geſagt, er ſei tück der Fälſchung geweſen, ich habe ihn nie geſehen. In dieſem Briefe fand meine Braut den Bruch mit kalten, herzloſen Worten, und noch an demſelben Tage ging mein Vater ſelbſt zu ihr, um ihr eine Summe Geldes anzubieten und ſo das Maaß ihres Schmerzes und ihrer Entrüſtung voll zu machen. Inzwiſchen wurde ich draußen von Woche zu Woche hin⸗ gehalten; die Angelegenheit, welche ich ordnen ſollte, war erdichtet, 3 aber ich wußte das ja nicht. Man forderte Papiere von mir, die ich 1 von Paris kommen laſſen mußte, ſie wurden mir erſt nach Wochen 8. geſchickt, und kaum war dieſes Geſchäft erledigt, als mein Vater mich in eine andere Stadt ſchickte, ohne mir zu erlauben, vorher nach Paris zurückzukehren. Vielleicht war ich auch damals etwas zu leicht⸗ fertig, es gefiel mir draußen ganz gut, und ich begnügte mich damit, von Zeit zu Zeit meiner Braut zu ſchreiben und ſie zur Geduld zu ermahnen. Von dieſen Briefen erhielt ſie natürlich keinen, man hatte Sorge getroffen, daß ſie alle in die Hände meines Vaters kamen, der ſie las und vernichtete. Endlich nach einer Abweſenheit von mehreren Monaten durfte ich heimkehren. Man empfing mich mit liebenswür⸗ 4’ diger Freundlichkeit, lobte meine Umſicht und meinen Eifer und freute d 3 ſich über mein vortreffliches Ausſehen. Noch an demſelben Tage eilte ich zu meiner Braut, ihre Wohnung war leer. Ich fragte und forſchte bei den Nachbarn, ſie hatte kurz nach meiner Abreiſe die Wohnung verlaſſen und war ſeitdem verſchollen. O, das waren entſetzliche Tage für mich, ich hatte ja noch immer keine Ahnung von den Intriguen, 3 denen mein Lebensglück geopfert worden war. Ich ruhte nicht, bis tie ich eine Spur entdeckt hatte, ſie führte in's Hoſpital. Meine Brut — war todt, geſtorben an der Verzweiflung über meine Untreue, über reſſe die Schande, die ich ihr angethan haben ſollte. Erſt jetzt tauchte eine ſort dunkle Ahnung in mir auf, ich wollte Gewißheit haben. Wenn Einer ſie mir geben konnte, ſo war es mein Diener, auf ihn richtete ich mein Augenmerk. Ich ritt mit ihm aus, draußen im Walde von Bondy drohte ich ihm, daß ich ihn erſchießen werde, wenn er nicht die volle Wahrheit geſtehe. Und die Memme geſtand, die Mündung 4 des Terzerols, die er an ſeiner Schläfe fühlte, flößte ihm Schrecken und Entſetzen ein. Nun wußte ich Alles, aber konnte, durfte ich an meinem Vater Rache nehmen? Ich war raſend vor Wuth, und doch mußte ich mich bezwingen, ich fühlte mich dem Wahnſinne nahe und mußte dennoch den Kopf klar halten, damit die entfeſſelten Leiden⸗ ſchaften mich nicht hinriſſen, eine That zu begehen, die die bitterſte — — — — — — — 520— Reue im Gefolge gehabt hätte. Es war mir unſäglich ſchwer, meinem Vater ruhig gegenüber zu treten und die Stürme in meinem Innern zu beſchwören, aber ich ſagte mir, was ein Aufbrauſen meiner Wutt ein Bruch mit dem Vater an dem Geſchehenen ändern könnte? Indeß, zum Ausbruch ſollte der Sturm doch kommen. Die mir beſtimmte Braut war aus der Kloſterpenſion in das Haus ihrer Eltern heim⸗ gekehrt, man befahl mir, ſie zu beſuchen und um ihre Hand zu wer⸗ ben. Da rach d der Damm und nichts konnte nun die tobenden Wogen Empörung aufhalten. Mein Vater zitterte vor mir, er ſuchte ſich zu rechtfertigen, aber als er bemerkte, daß dies meine Erbitterung ſteigerte, Whan er, und von jener Stunde an kam er nie wieder auf die bea igte Heirath zurück. Ich verließ Paris noch an demſelben Tage. Als ih meinen Vater wiederſah, lag er auf dem Sterbebette.“ „Und Sie ſöhnten ſich mit ihm aus?“ fragte Marie erſchüttert. „Ja, dem Sürbeuden, der mich um Verzeihung bat, konnte ich nicht mehr zürnen. Aber mein Lebensglück war dahin, mein Leben war fortan nur noch eine troſtloſe Wanderung im heißen Wüſtenſande, nur ſelten fand ich eine grüne Oaſe, die für einen kurzen Augenblick mich entzückte.“ „Sie konnten ſie nicht vergeſſen?“ „Nein, Marie, ich vermochte es nicht, ich hätte meinen Reichthum dafür hingegeben, wenn ich es gekonnt hätte. Ja, es war eine troſt⸗ loſe Wanderung, zwanzig Jahre hindurch ſchritt ich einſam und ungeliebt durch das Leben, ich fand Freunde, die mich benutzten und betrogen, eitle Frauen, die mein Gold liebten, aber kein Herz, welches einer reinen, treuen Liebe fähig und werth geweſen wäre So wurde die Nacht, die mich umgab, immer finſterer, und ich glaubte nicht, daß mir noch einmal ein Stern aufgehen könne. Ich glaubte es nicht, bis ich Ihnen begegnete, Marie, aber als ich Ihnen in die Augen ſchaute, da hätte ich laut aufjauchzen mögen, es war mir, als ſei das Morgenroth eines neuen Tages für mich angebrochen. Ich habe nicht um Ihre Liebe geworben mit der Feuergluth des Jüng⸗ lings, nein, ich wollte Ihnen Zeit laſſen, mich zu prüfen und zu ent⸗ ſcheiden, ob Sie an meiner Seite glücklich werden könnten. Und ich glaube, dieſe Entſcheidung müſſen Sie nun treffen können, Marie, ich biete Ihnen mein Herz und meine Hand, Alles, was ich beſitze, an, und ich werde mich überreich und glücklich ſchätzen, wenn Sie es annehmen.“ 1ch 2 19 Leben Leben and 9 ——] — — Das ſchöne Antlitz des Mädchens war abwechſeln roth und wieder An Zanft blaß geworden, auch vor ihren Augen erſchien die Zunft in ſuuhlene dem Sonnenſchein, aber ein anderes Bild trat im ſo hſten Momen vor ihre Augen, und dunkle Wolken lagerten ſich übz die Sonne. „Antworten Sie mir, Marie“, ſagte der Marquis Ne mit beb Stimme, indem er ihre Hände gefaßt hielt und ſie friend anſchaute. „Sie wiſſen nun, wie unſäglich glücklich Sie mich mach können.“ „O, daß ich es könnte!“ ſeufzte Marie. „Gewiß, Sie können es.“ „Muß eine Ehe, wenn ſie glücklich werden ſoll, oh nicht auf gegenſeitige Liebe ſtützen?“ fragte das Mädchen, die umßrten Augen zu ihm erhebend.„Und wenn nun ſolche Liebe mein 9 ½ nicht er⸗ füllt, würden Sie an meiner Seite Ihr Glück finden?““ „Marie, Sie täuſchen ſich und mich.“ „Nein, Herr Marquis, was ich für Sie fühle, iſt Föynoſchef oder wenn ich es deutlicher ausdrücken ſoll, die Liebe der T Tochter zum Vater. Kann ich mein Herz zwingen—“ G „Marie, ich will Ihnen Bedenkzeit geben, damit Sie ſich ſrüfen können. Sie ſtehen allein in der Welt—“— „Das erſchreckt mich nicht“, fiel das Mädchen ihm leiſe in's Won. „Oft habe ich darüber nachgedacht, wie es ſein werde, wenn einmal ein Mann um mein Herz und mein Hand werbe, und dann ſagte ich mir ſtets, das müſſe ein unendlich ſüßes Gefühl ſein, ein jubelndes Aufjauchzen aus tiefſter Seele. Zürnen Sie mir nicht, daß ich heute nicht jauchzen kann, mir iſt, als müſſe ich weinen, weil ich plötzlich das Liebſte verloren habe.“ Der Marquis erhob ſich, ſein Antlitz war finſter, eine verzehrende Gluth loderte in ſeinen Augen. „Ich würde das ſeltſam finden“, ſagte er,„wenn Ihre Worte mir nicht den Beweis lieferten, daß Sie Lafleur lieben. Sagen Sie die Wahrheit, Marie, ſteht er nicht zwiſchen Ihnen und mir?“ Ja, ſo war es, in dieſem Augenblick ward es dem Mädchen klar was ſie ſo lange vergeblich zu erforſchen geſucht hatte. Das war die Stimme, die ihr zuflüſterte, ſie dürfe die Werbung des Edelmannes nicht annehmen, dieſe Liebe war's, was ſie ſo lange wie ein dunkles, ihr ſelbſt unbekanntes Räthſel beſchäftigt hatte. „Es iſt ſo“, ſagte der Marquis dumpf,„ich bin abermals um mein Glück betrogen.“ „O, ſpreche Sie nicht ſo“, bat Marie in ahnen nicht, whe tiefe Wunden Sie meinem§ „Ein Arbeie wird mir vorgezogen, ich war ein thörichter Träumer, daß ich an de Sten glaubte, daß ich hoffen konnte, noch einmal lehendem Tone, ,Sie rzen ſchlagen. Her H ei glücklich zu wden.“ „Herr Mauis, ich—“ „Sagen ie nichts mehr, ich weiß genug, was könnten Sie mir jetzt noch ſagi? Wollen Sie mir die Liebe einer Tochter anbieten? Ich weiß nit, wie man als Vater ſein Kind lieben muß, es wäre kein Erſatz ir meine zertrümmerten Hoffnungen.“ Er ſchrt haſtig auf die geheime Thüre zu und war im nächſten Augenblick inter ihr verſchwunden. 7 9 35 Langeſchritt er in ſeinem Cabinet auf und nieder, zornige Worte entfuhren ſeinen Lippen, ſeine Seele brütete über finſteren Pl 4 So fand ihn ſein Diener, der ihm meldete, die beiden Damen er⸗ warteten ihn im Speiſeſaale zum Diner De Marquis fuhr mit der Hand über die Stirne „Zenny und Juſtine, es 3 iſ wahr“, murme Einledung ganz vergeſſ 1 und mich entſe 2 würde hein Man ſoll es an 0 f nichts fehlen l iehen, jeden Wunſch len.“ 1 Der Diener entfe rnte ſich, der Marquis blieb eine Weile in Ge⸗ danken verſunken ſtehen, dann ging er in ein Nebenzimmer, um ſeinen Ueberzie ei r anz zul gen und Hut und Regenſchirm zu holen. Eine er ſtürmte er in die belel ns, es war ein unabweisbares Bedürfniß für ihn, der reien Luft Athem zu ſchöpfen und die Eindrücke anderer Bilder in ſch aufzunehmen. . Siebenundz zwanzigſtes Kapitel. Die letzte Die Ruhe in der ſtillen Wohnung der Frau Bouhon war für Louiſon nach den vielen Stürmen und Aufregungen eine Wohlthat. Sie konnte hier wieder aufathmen, ſie fand hier nur Wohlwollen und 523 Liebe und hätte nicht das Zerwürfniß mit dem Vater ihr jede Freude getrübt, ſo würde ſie mit ihrem Looſe ganz zufrieden geweſen ſein. Der armen Wittwe war auch eine ſchwere Sorgenlaſt von der Seele genommen, das Geld Juſtinens ſchützte ſie und ihre Kinder vor Mangel und ſie trug kein Bedenken, dieſe Unterſtützung anzunehmen, da die Mädchen ja auch von ihr Schutz und Beiſtand forderten. Es war ein trauliches Stillleben in der beſcheidenen Wohnung, in die das Geräuſch des Außenlebens nicht eindrang. Und dennoch ſammelten auch über dieſem Orte des Friedens und der Zufriedenheit ſich die gewitterſchwangeren Wolken, die immer drohender ſich zuſammenballten und in ihrem Schooße den Blitz bargen, der das ſchöne Glück zertrümmern ſollte. Juſtine hatte keine Ahnung davon, daß der Chevalier von Cha⸗ teaufleur ihr damals den Spion nachſandte, um zu erfahren, wo ſie wohnte, ſie hatte ſich von ihm bethören laſſen und ſeinen 2 Worten ollen Glauben geſchenkt. Sie wußte auch nicht, daß der Chevalier mit dem Concierge des Hauſes ein Bündniß geſchloſſen hatte, und daß von dieſem Augenblick an jeder ihrer Schritte beobachtet wurde. Arglos war ſie ansgegam agen, um bei dem Marquis zu diniren, ſie freute ſich auf die gute Tafel, obſchon ſie am Tage vorher ebenſo vortrefflich bei dem Miniſter geſpeiſt hatte. Louiſon und Frau Bouhon blieben allein, ſie waren mit häus⸗ lichen Arbeiten beſchäftigt. Louiſon beſchäftigte ſich in Gedanken wieder mit dem Vater; ſie nußte oft an den alten Mann denken, der jetzt ſo einſam in dem großen, düſtern Hauſe war. Vielleicht war er doch nicht ganz ſo ſchuldig, wie Herr von Se ihn gemacht hatte, vielleicht war es ihre Pflicht geweſen, und offen dieſe Anklage mitzutheilen und ſeine Rechtfertigun ig au hören. Sie hatte oft darüber nachgedacht, und wenn auch Juſtine über ſolche Gedanken ſpottete und lachte, Louiſon vermochte doch nicht, ſie zurückzudrängen und ihnen alle Berechkigung abzuſprechen. Ihr 2 ter wußte nicht, wo ſie war, wie di konnte er zu ihr kommen, um ſich zu rechtfertigen, ihr die Hand z erſöhnung zu bieten? Mit der Wittwe ſprach ſie nie daräber, wie auch Frau Bouhon ihr nicht mittheilte, in welchen Beziehungen ſie zu dem Wucherer ſtand. die aus rund dieſer Verſünung⸗ 2 Nie⸗ fel in fröh⸗ he ich ein Pr Kinno 9 9 n Lippen, meine Ir reund in, und dennoch Sie ſo 18 1 hr(3 r 2 Sie ſtets, mit Ihrem Glücke ufrieden 3 u ſein.“ pH b 1 WMadamse erwiderte Louiſon, die dunklen Augen zu ihr aufſchlagend.„Aber kann das die Erinnerungen ver⸗ bannen, die unbewußt immer un und immer wieder auftauchen?“ „Und es ſind keine angenehmen Erinneru angen, nicht Wahr?. „Nein, Madame, der Blick in die V ergangenheit it iſt für mich troſtlos, meine Kindheit war kein mit Roſen beſtreuter Pfad.“ „Ich kann's mir denken“, nickte die Wittwe, indeß ihr Blick mit mütterlicher Liebe die ſpie elenden Kinder ſtreifte,„und ach, wer weiß was die Zukunft Ihnen bringen wird.“ „Ja, wer weiß es!“ ſeufzte Louiſon. „Muth, mein Kind. Wenn Ihr Geliebter wieder frei iſt, wird er für Ihre Zukunft Sorge tragen, und bis dahin wird die Freund⸗ ſchaft Juſtinens uns die Sorgen fern halten Ach, es iſt eine ſchwere, trübe Zeit, und wer weiß, wie viel Schweres uns noch erwart Schon jetzt ſind die Preiſe der Lebensmittel den Armen unerſchwing⸗ lich, und man beh auptet, an Leapitulation ſei vor Ablauf eines Viertel jahres nicht im d denken. Die Nationalgarde freilich erhält ihren Sold und ihre täglichen Rationen an Brod und Fleiſch und die Maires ſollen auch für uns ſorgen Aber es geſchieht nichts, und wer ſo glücklich iſt, nach ſtundenlangem Warten etwas zu erhalten, der belommt kaum ſoviel, daß er ſein Leben für vierundzwanzig Stunden friſten kann. Dazu kommt die Angſt vor dem Bombardement. Dazu kommen die Seuchen, die bereits ihre Opfer fordern.“ „Die Seuchen?“ fragte Louiſon beſtürzt. „Sie alle treten ſchon mehr oder minder heftig auf. Der Tod wird eine reiche Ernte halten.“ „Das wäre ſchrecklich!“ „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen beipflichten ſoll. Was mich be⸗ trifft, ſo wäre ein raſcher Tod mir lieber, als ein langſamer, qual⸗ voller Hungertod. Man hätte Paris übergeben ſollen, es iſt ja nicht denkbar, daß wir ſiegen und die Stadt behaupten werden.“ Louiſon nickte gedankenvoll. iſt ☛ wird eund⸗ 9 Sold ſollen — — — 3 525— „Wir können das nicht ändern“, ſagte ſie,„und auf die Wünſche des Einzelnen wird keine Rückſicht genommen. Danken wir dem Him⸗ mel, daß wir Juſtine gefunden haben!“ „Woher ſie nur das viele Geld haben mag?“ Louiſon zog leicht ihre Brauen zuſammen, ein leiſer Zug der Ver⸗ achtung umzuckte ihre Lippen. „Was kümmert es uns?“ erwiderte ſie.„Ich mag ſie deshalb nicht fragen, ich kann mir ja denken, aus welcher Quelle ſie ſchöpft.“ „Ja, ja, aber wenn ſie auch früher leichtſinnig geweſen iſt, jetzt iſt ſie es nicht mehr.“ „Und wo war ſie geſtern, Madame? Wo iſt ſie heute?“ „Ah, geſtern ſheiſte ſie beim Weiniſe ‚ und heute hat ein Mar⸗ quis ſie eingeladen.“ „Ganz recht, und es gefällt mir nicht, daß ſie dieſe Einladungen annimmt.“ „Darin muß ich Ihnen Recht geben“, erwiderte die Wittwe,„ſie ſollte es nicht thun, die Zeit iſt zu ernſt dazu. Aber wer dieſe Bahn einmal betreten hat, mein Fräulein, der kann ſie ſo leicht nicht wieder verlaſſen. Und weshalb ſollen wir dem Mädchen Vorwürfe machen? Sie ſorgt für uns—“ „Und bringt dafür Opfer, die wir nicht annehmen dürfen!“ „Dennoch nehme ich ſie ohne Bedenken an, nicht meinetwegen, ſondern um meiner armen Kinder willen. O, meine Freundin, Sie wiſſen nicht, welchen unſäglichen Schmerz es mir bereitete, als die ar⸗ men Geſchöpfe nach Brod ſchrieen, und ich nichts, keinen Sous beſaß, um ihren nagenden Hunger zu ſtillen. Ich ſegne Juſtine, der Him⸗ mel hat mir dieſen Engel geſchickt, um mir meine Kinder zu erhalten.“ Louiſon ſchwieg, das Bild ihres geizigen, herzloſen Vaters tauchte vor ihrem geiſtigen Auge auf. War er nicht verpflichtet, für ſie zu ſorgen? Mußte ſie ihn nicht an dieſe Pflichten erinnern? Es widerſtrebte ihren Gefühlen, die Hülfe Juſtinens länger in Anſpruch zu nehmen, zumal ſie nichts thun konnte, um ſelbſt etwas zu verdienen. Wenn dieſe Hülfsquellen erſchöpft waren, und wie leicht konnte das ſchon in naher Zeit der Fall ſein, was ſollte dann geſchehen? Konnte man ihr nicht den Vorwurf machen, ſie habe die Hände müßig in den Schooß gelegt und den Kindern der Wittwe das Brod entzogen? 1 3 3 — ——— — — N 15„4. GanBo. 1 11 Madame Bouhon hatte eine Haube aufgeſetzt und ein Tus Pon!1 chen“, ſag gte ſie,„es , ih f 5 Vorrath ſorgt, denn die geben Sie auf die Kinder von n g zu Tag bühes r Acht, Dich hoffe bald zur Louiſon nickte, die Kinder ſ penn ſie zu dem Vater hinging und eben und vergeſſen, wenn auch er vergeben und vergeſſen könne— 8 g Jer aber nein, das konnte ſie nicht, wenn ſie es that, ſo kehrte ſie in ein 7 Dl, ſ 7 1 5 4 Sie kannte ja den alten Mann zu genau, um nicht zu wiſſen, daß er bereits eine Strafe für ſie erſonnen hatt⸗ und ſie erinnerte ſich au uch jetzt wieder des ſchändlichen Rorſthlage den er ihr gemacht hatte War es nicht möglich, daß er dieſen Vorſchlag wiederholte, ja, daß er ſie zwang, die Bahn der Sunde zu betreten, die ihm neue Quellen zur Befriedigung ſeiner unerſättlichen Habſucht öffnen ſollte? Nein, ſie durfte ſich dieſer Gefahr nicht ausſetzen. So muthig und tandhaft ſie auch war, dieſem Manne ſtanden zah lloſe Mittel zu Ge⸗ bote, ſeinen Willen durchzuſetzen, und wenn ſie unterlag, dann war das Gluͤck ihres ganzen Lebens verloren Ein leiſes Geräuſch weckte ſie aus ihrem Brüten. Sie blickte auf und ein leiſer Schreckensruf entfuhr ihren Lippen, in der geöffneten Thüre ſtand der Chevalier von Chateaufleur. M in ſchnell tauchte die Erinnerung an ihre erſte Begegnung mit dieſem Manne in ihrer Seele auf, ſie haßte und verabſcheute ihn, er war ja von denſelben Geſinnungen beſeelt, die dem Wüſtling Segur das Leben gekoſtet hatten. Todesbläſſe überzog ihr Antlitz, als ſie ſich von ihrem Sitz erhob, der Chevalier ſchien ihr Erſchrecken nicht zu bemerken, er ſchritt lächelnd auf ſie zu und bot ihr die Hand. „Ich habe lange gewünſcht, mit Ihnen allein reden zu können“, ſagte er,„nun iſt mein Wunſch erfüllt. Plaudern wir, mein ſchönes Kind, in dieſen trüben Zeiten muß man ſich erheitern, ſo gut es geht.“ Er holte eine mit Bonbons gefüllte Schachtel aus der Taſche und legte ſie auf den Tiſch, und als Louiſon mit einer abwehrenden Ge⸗ berde das Geſchenk zurückwies, gab er die Schachtel den Kindern, die freudig aufjauchzten. 2 1 thatte. te, ja, n neue ſollte te? łig und zu Ge⸗ t war —y—y= — 27— ₰ 244 „So gilt Ihr Beſuch wirklich mir? fragte das Mädchen, nach Faſſung ringend. „Ja, mein Fräulein, Ihnen allein. Seit dem Augenblick unſrer erſten Begegnung konnte ich Sie nicht mehr vergeſſen, aber ſo lange Sie bei der Madame Gourdin wohnten, mochte ich Sie nicht beſuchen. Ein Edelmann geht nicht gern in derartige Häuſer.“ „Und weshalb kommen Sie hierher?“ „Um Sie zu ſehen, um nit Ihnen zu plaudern. Juſtine hat mich vielleicht verleumdet bei Ihnen, man kann auf ihre Worte nichts ge⸗ ben. S. war Kam merz zoſe in un unjeru Hule und wenn ſie behauptet, wahrheit Sie ſal ſt hat e ja keine Ruhe, bis 15 in ihrem Netz war, in welchem vor mir mein Kammerdiener und unſer Kutſcher zappelten. Auch waren es nicht meine Machinationen, ſondern ihre unverſchämte Neugier und Frechheit, was meine Mutter nöthigte, ſie zu entlaſſen.“ „Weshalb ſagen Sie mir das Allesf 2 fragte Louiſon. „um Sie vor Juſtinen zu warnen.“ „Juſtine iſt meine Freundin, und ich habe keinen Grund, an der Aufrichtigkeit ihrer freundſchaftlichen Geſinnungen zu zweifeln.“ Der Chevalier lächelte ſarkaſtiſch. ‚Und doch war es ein ſchlechter Freundſchaftsdienſt, daß Juſtine Sie in die Wohnung der Frau Gourdin brachte“, ſagte er. „Das hat ſie nicht gethan.“ „Nun denn, Sie lernten ſie dort kennen.“ Louiſon richtete ſich ſtolz empor, ein wahrhaft vernichtender Blick traf aus ihren flammenden Augen den Edelmann. „Juſtine mag in anderer Beziehung ſein, wie ſie will“, ſagte ſie, „mir iſt ſie immer eine treue und uneigennützige Freundin geweſen, und ich glaube an die Wahrheit der Mittheilungen, die ſie mir aus ihrer Vergangenheit gemacht hat.“ „Parbleu, ſie iſt ein kluges Mädchen, mein ſchönes Kind, ſie ver⸗ ſteht es vortrefflich, ein kunſtreiches Netz zu weben und argloſe Herzen in ihm zu fangen. Wiſſen Sie, wo ſie heute dinirt?“ „Ja, ich weiß es.“ „Sehr wohl, dann müſſen Sie auch wiſſen—“ „Kein Wort weiter, mein Herr, Sie ſind am wenigſten berechtigt, das Mädchen zu verdammen, welches Sie in Schande gebracht haben.“ ——— — — 528— er Chevalier zuckte die Achſeln und blickte eine Weile dem Spiel der Kinder zu. „Schande!“ ſagte er ſpottend.„Das iſt die hohle Phraſe, mit der die jungen Mädchen das Glück verſcheuchen, wenn es ſich ihnen nahen will. Fragen Sie die, welche klüger ſind und das Glück erhaſchen, ſie werden Ihnen ſagen, daß es ein mit Roſen beſtreuter Weg iſt. Sie ſind hier nicht auf Ihrem rechten Platze, Louiſon Sie leben von der meariherzinken eines Mädchens, das kaum ſo viel beſitzt, um ſich ſelbſt vor dem Hunger zu ſchützen. Wenn Juſtine die Mutter dieſer Kinder ernährt, ſo iſ ſie dazu gewiſſermaßen euflihte⸗ da ſie ja hier Aufnahme gefunden hat, aber welches Recht en Sie, eine ſolche Unterſtützung zu fordern? Sie ſind jung, d ir jung, ſchön und lebensluſtig, weshalb wollen Sie hier ver⸗ immern? Man lacht und tanzt noch immer in Paris, weshalb uunlen Sie nicht des Lebens ſich freuen?“ „Ich dachte mir, daß Sie mir das ſagen würden“, entgegnete Louiſon mit mühſam erzwungener Ruhe.„Aber denken Sie nicht, daß es Ihnen gelingen werde, meine Grundſätze zu erſchüttern und mich Ihren Verlockungen geneigt zu machen!“ Der Chevalier war dem Mädchen näher getreten, ſein lüſterner Blick ruhte unverwandt auf ihr, und das Lächeln des Wüſtlings umſpielte ſeine Lippen. „Ich weiß nicht, was Sie wollen“, ſagte er mit beißendem Spott. „Dadurch, daß Sie das Haus Ihres Vaters verließen, dadurch, daß Sie bei Madame Gourdin eine Zuflucht ſuchten und ſich mit Juſtine ſo eng befreundeten, haben Sie Ihren guten Ruf verloren. Die Bahn iſt betreten, weshalb ſträuben Sie ſich, auf ihr weiter zu ſchreiten? Louiſon, ich habe eine wundervolle Wohnung für Sie gemiethet, Sie werden dort Alles finden, was ein Mädchenherz nur begehren kann, und ich werde jeden Wunſch erfüllen, noch ehe Sie ihn ausgeſprochen haben. Denken Sie denn gar nicht an die Zu⸗ kunft? Ihr Vater hat Sie enterbt, der Mann, dem Sie Ihre Zukunft anvertrauen wollten, wird in den erſten Tagen zum Tode verurtheilt werden, Sie ſtehen allein, Noth und Mangel bedrohen Sie, und Arbeit finden Sie nicht, ſelbſt wenn Sie ein Leben voll Mühe und Arbeit dem Glück, welches ich Ihnen biete, vorziehen wollten. Man ſucht den Mörder Segur's. Madame Gourdin hat Sie dieſer That beſchuldigt, wenn man Sie findet, wird man Sie zum Tode verurtheilen.“ 5 8 Spiel mit ihnen n 2 8 ’ = — a A — = S — =— 2 2 = 8 — — 82 82 2 A — — S ð 2 21 ₰ — — 520— „Sei es, ich ziehe den Tod der Schande vor!“ entgegnete Louiſon mit einer Entſchloſſenheit, die der Chevalier nicht erwartet zu haben ſchien. 5 „Louiſon, ich will Ihnen Tauſende zeigen, vor denen die Menge ſich demüthig verbeugt—“ „Mag ſein, aber ich werde dieſe Zahl nicht vermehren!“ „Ah bah. Sie zählen ja ſchon zu ihnen! Ein junges Mädchen, welches heimlich das elterliche Haus verläßt und mit übelberüchtigten Weibern verkehrt, darf nicht erſtaunen, wenn man ihr Tugend und Ehre abſpricht.“ Louiſon preßte die Hände auf den ſtürmiſch wogenden Buſen, es war ihr unſöglich ſchwer, ihrer wachſenden Entrüſtung zu gebieten. Sie wich vor dem Wüſtling zurück, deſſen glühenden Blick ſie nicht ertragen konnte, aber er folgte ihr, lachend, mit ausgebreiteten Armen. „Kommen Sie mit mir“, ſagte er,„ich werde Sie in Ihre Wohnung führen, dort können wir ganz ungeſtört über die Zukunft plaudern. Sie wiſſen nicht, welches Glück Sie verſcherzen wollen, Juſtine würde ohne Bedenken mit beiden Händen zugreifen, aber ich mag ſie nicht, ich liebe Sie, Louiſon, Sie allein. Und wenn Sie nicht anders wollen, parbleu, hier iſt meine Hand, Sie ſollen meine Gattin werden.“ „Das wäre eine zweifelhafte Ehre“, bemerkte das Mädchen bittex. „Louiſon, Sie beleidigen mich!“ „O, Sie haben mich ſo tief beleidigt, daß dieſe Worte nicht in die Waagſchale fallen können!“ „Und was Sie jetzt ausſchlagen, das werden Sie ſpäter an⸗ nehmen müſſen, mein ſchönes Kind. Man ſtirbt nicht gerne, wenn man noch jung iſt und das Leben wie ein lachender Frühlingstag vor einem liegt. Die Noth hat ſchon manchen Trotzkopf gebeugt, warten Sie nicht, bis Sie gezwungen werden, Ihre Tugenden zu opfern. Ich wiederhole mein Verſprechen, ich werde Sie als meine Gattin heim⸗ fhren, ſobald der Krieg beendet iſt.“ „Wie oft haben Sie dieſes Verſprechen ſchon gegeben?“— „Außer Ihnen noch keinem Mädchen, Louiſon.“ „So wäre ich wirklich die Erſte, an der Sie die Kraft eines Meineides verſuchen wollen? Ich bitte Sie, verlaſſen Sie mich, Sie erſcheinen mir nur noch verächtlicher, wenn Sie—“ „Bei allen Teufeln, das wagen Sie mir zu ſagen?“ rief der 8 7 24 . 3⁴ — — 530— Chevalier wüthend.„Wiſſen Sie nicht, daß ich die Macht habe, Sie zu verderben? Ich brauche nur eine Patrouille meiner Leute zu holen und Sie nach St. Lazare bringen zu laſſen.“ „Thun Sie es, Ehre und Gewiſſen werden es Ihnen nicht ver⸗ bieten, Sie kennen beides nicht.“ „Ah, in St. Lazare würden Sie bald zahm werden“, knirſchte der junge Mann.„Zum Teufel, weshalb ſoll ich auf halbem Wege ſtehen bleiben?“ Er wollte ſich auf das Mädchen ſtürzen, die Kinder, die ſich erſchreckt in eine Ecke geflüchtet hatten, ſchrieen laut auf, Louiſon ergriff einen ſteinernen Krug und blieb entſchloſſen ſtehen. „Wagen Sie es nicht“, ſagte Sie mit gehobener Stimme,„ich werde mit Ihnen kämpfen auf Tod und Leben, und ehe ich unter⸗ liege, hat das Geſchrei der Kinder die Hausgenoſſen herbeigerufen. Ich werde nicht fragen, ob der Schlag mit dieſem Kruge Sie tödten könne, ohne Zögern und Bedenken werde ich ihn auf Ihrem Kopfe entzwei ſchlagen.“ Der Chevalier war unwillkürlich zurückgetreten, er mußte ein⸗ ſehen, daß er auf dieſem Wege den Kürzeren zog, überdies hatte er nicht den Muth, einen ſolchen Kampf aufzunehmen. Lange ruhte ſein leidenſchaftlich glühender Blick auf dem bleichen Antlitz des Mädchens, wie wenn er überlegen wolle, was er nun noch thun könne, um ſeine ſchändliche Abſicht zu erreichen. Endlich lachte er hell auf.. „Sind wir nicht Thoren, daß wir eine ſo alberne Komödie ſpielen?“ ſagte er in ſcherzendem Tone.„Glauben Sie nicht, Louiſon, daß ich mich Ihnen gegenüber zu einem Gewaltact hinreißen laſſen könne, ich liebe Sie dazu zu ſehr. Ich hoffe, Sie werden Vernunft annehmen, den Gründen, die ich Ihnen genannt habe, können Sie ſich nicht verſchließen, und Sie werden einſehen, daß das, was ich Ihnen biete, der Annahme werth iſt.“ „Sie haben meine Antwort vernommen“, erwiderte Louiſon kalt, ohne ihre Verachtung zu verhehlen. „So weiſen Sie wirklich meine Liebe zurück?“ „Ja.“ „Dadurch würden Sie den Haß in meinem Herzen wecken.“ „Ich fürchte ihn nicht.“ „Bei allen Teufeln, Sie werden zu ſpät bereuen, daß Sie mir in ieſer Weiſe entgegengetreten ſind.“ be, Sie u holen ct ver⸗ er junge eiben?u die ſic Louiſon 6, nich unter⸗ erufen, tüdten Kopfe te ein⸗ atte er leichen r nun Endlich omödie wuiſon, laſſen rnunft ie ſich Ihnen n kalt, e mir — 531— „Ich werde nie bereuen, daß ich meine Unſchuld vertheidigt habe“, entgegnete Louiſon ruhig.„Was Sie auch thun mögen, mein Herr, mich zu verderben, niemals, niemals werde ich es bereuen.“ „Ah, Sie werden anders reden, wenn Sie in St. Lazare ſind.“ „Nein, dort würde ich vor den Verfolgungen eines ſo verächtlichen Wüſtlings ſicher ſein. Ein Wuthſchrei entrang ſich den bebenden Lippen des Cheva⸗ liers, aber er wagte dennoch nicht, den Kampf mit dem erbitterten und zum Aeußerſten entſchloſſenen Mädchen auzunehmen, ihre drohende, faſt herausfordernde Haltung ſchüchterte ihn ein. Er ſchleuderte ihr noch einmal einen racheglühenden Blick zu, dann ſtürmte er hinaus. Der Krug entſank der Hand des Mädchens, er zerbrach klirrend auf dem Fußboden. Louiſon fühlte ſich einer Ohnmacht nahe, aber ſie raffte ſich ge⸗ waltſam empor, mehr denn je zuvor bedurfte ſie jetzt der Faſſung. Daß der Chevalier ſich rächen würde für die Demüthigung, unter⸗ lag für ſie keinem Zweifel, und daß er mit der Rache nicht ſäumen würde, war ebenſo gewiß. Und der Gedanke an das Gefängniß St. Lazare war dem Mäd⸗ chen ſchrecklich. Aber wohin ſollte ſie ſliehen? Sie wußte es nicht, nur Eins war ihr klar, daß ſie dieſes Haus verlaſſen mußte, in welchem ſie ſich jetzt keinen Augenblick mehr ſicher fühlen konnte. Schon in der nächſten Viertelſtunde konnte der Chevalier an der Spitze einer Patrouille zurückkehren, dann gab es für ſie keine Rettung mehr, dann gab es für ſie nur noch die Wahl zwiſchen dem Gefängniß und der Annahme des ſchändlichen Vorſchlags, den der Wüſtling ihr gemacht hatte. Sie mußte fliehen, hier gab es kein Zögern, kein Bedenken, ſie durfte nicht warten, bis Frau Bouhon oder Juſtine zurückkehrte. Und in der Verwirrung dachte ſie nicht einmal daran, ihren Freundinnen eine Mittheilung zu hinterlaſſen, ſie hüllte ſich in ihren Shawl, küßte die Kinder, die ſie liebgewonnen hatte, und eilte hinaus. Wie ein gehetztes Reh eilte ſie durch die Straßen, nur fort, weit fort von dem Orte, an welchem die furchtbare Gefahr ihr drohte! Der Gedanke, in ein Kloſter zu flüchten, durchzuckte ihre Seele, dort hinter den hohen Mauern fand ſie Schutz und Sicherheit. ———— ————————— — ———— ——— — —õ— Aber durfte ſie hoffen, daß man ſie aufnehmen werde? Und trennte dieſer Schritt ſie nicht auf immer von ihrem Verlobten? Juſtine hatte ihr geſagt, Paul werde binnen einigen Tagen frei ſein, ſie konnte nicht von ihm laſſen, er würde unglücklich werden, wenn ſie durch die Flucht in's Kloſter eine unüberſteigbare Schranke zwiſchen ſich und ihm aufthürmte. Und doch— was blieb ihr Anderes übrig? Welches andere Ver⸗ ſteck ſie auch ſuchen mochte, ihre Feinde entdeckten es gewiß. Sie beſaß zudem keine Mittel, ſie wußte nicht, woher ſie trockenes Brod nehmen ſollte, um ihren Hunger zu ſtillen,— o, es war eine entſetzliche Lage, aus der ſie keinen Ausweg ſah. Und wohin ſie blickte, ſah ſie nur Noch und Elend. Sie las es in den bekümmerten Mienen der armen Frauen, die hier und dort mit ihren Kindern ſtanden und die Vorübergehenden um ein Almoſen anflehten, ſie las es in den ſorgenvollen Zügen der Bürger, die in Gruppen beiſammen ſtanden und ſich leiſe miteinander unterhielten, ſie las es in den bleichen, abgehärmten Geſichtern der Kinder, denen der Tod ſeinen Stempel ſchon aufgedrückt hatte, ja, ſie las es ſogar in den verzerrten Geſichtern der fanatiſirten Menge, die von Ergebung nichts wiſſen wollte und mit dem brüllenden Ge⸗ ſang der Marſeillaiſe ſich zu begeiſtern ſuchte. Noth und Elend überall, und dennoch wagte keine Stimme von Kapitulation zu ſprechen. Verwundete wurden auf dem Quai aus dem Seineboot ausge⸗ laden, und die Menge, welche dieſem traurigen Schauſpiel zuſah, opferte ihre Sous, um den braven Vertheidigern eine Erquickung zu verſchaffen. Aber wer dachte an die Frauen und Kinder, an die Kranken und an die Greiſe, die Hunger und Seuche ſtündlich niedermähten? Louiſon ſtand auf dem Quai und ſchaute ſinnend in die plätſchern⸗ den Wellen hinunter. Da unten winkten ihr Ruhe und Frieden, ein Sprung, ein kurzer Kampf, dann war Alles zu Ende. Sie dachte an die Frau, von der Juſtine ihr erzählt hatte, an die arme Wahnſinnige, die vom Pont⸗ neuf in den Fluß hinunter geſprungen war. Es war ein ſchrecklicher Gedanke, Louiſon bebte vor ihm zurück. Das Bild Paul's tauchte vor ihr auf— nein, ſie durfte nicht ver⸗ zweifeln, ſo raſch durfte ſie das Vertrauen auf Gott und deſſen ge⸗ rechte Vorſehung nicht verlieren. 2 wä Und 17 en frei verden, chranke e Ver⸗ ockenes ir eine n, die henden en der nander on der te, ja, Wenge, Ge⸗ e von ausge⸗ zuſah, ing zu m die ihten? ſchern⸗ kurzet onl der Pont⸗ zurück. t ver⸗ en ge⸗ — 533— Sie konnte ja in ein Lazareth gehen und ſich dort als Kranken⸗ wärterin anbieten. Ja, das war der einzige richtige Weg, ein glücklicher Gedanke, den ſie ohne Zögern ausführen wollte. Sie wandte ſich um, ihr erſter Blick fiel auf den Marquis. Sie hatte ihn nur einmal im Hauſe ihres Vaters geſehen, ſie erkannte ihn ſofort wieder, aber ſie wußte nicht, daß es derſelbe Mar⸗ quis war, den Juſtine ihren Freund nannte. Sein Geſicht war verſtört, ſein Blick ſtarr, auch ihm mußte Un⸗ angenehmes begegnet ſein, Louiſon erkannte das aus ſeiner ganzen äußern Erſcheinung. Der Marquis bot ihr den Arm, ſie nahm ihn an, es war für ſie ein beruhigendes Gefühl, ſich an der Seite eines Mannes zu ſehen, von dem ſie wußte, daß er mächtig genug war, ſie zu beſchützen. Er fragte ſie in wohlwollendem Tone, was ſie ſo ſehr errege, er fühlte ja das Zittern ihrer Hand auf ſeinem Arme, und Louiſon be⸗ richtete ihm nun alle ihre Erlebniſſe jeit ihrer Flucht aus dem Vater⸗ hauſe bis zu dieſer Stunde. Er horchte ſchweigend und aufmerlſam ihr zu, während ſie lang⸗ ſam dem Pontneuf zuſchritten, und als ſie ſchwieg, ſah er ſie ernſt und voll an. „Und was wollen Sie nun thun?“ fragte er mit herzlicher Theilnahme. „Ich weiß es nicht“, erwiderte Louiſon, die Augen niederſchlagend, „ich dachte ſchon an's Kloſter, aber ich darf dieſen Schritt nicht thun, er würde mich und Paul unglücklich machen.“ „Sie ſind noch zu jung, Louiſon, als daß Sie in der Einſamkeit des Kloſters im Gebet und frommen Betrachtungen Erſatz finden könnten für ein verlorenes Lebensglück. Ueberlaſſen Sie das denen, welche die letzte Hoffnung zu Grabe getragen und mit dem Leben ab⸗ geſchloſſen haben.“ 3 „Dann dachte ich auch an's Lazareth.“ „Glauben Sie dort vor Verfolgungen geſchützt zu ſein 2u fragte der Marquis.„Man würde Ihre Spur bald entdeckt haben und Ihnen abermals die Wahl zwiſchen dem Gefängniß und der Schande ſtellen. Und abgeſehen hiervon, fühlen Sie ſich ſtark genug für das Amt einer Krankenpflegerin? Sie wiſſen nicht, wie ſchwer dieſes Amt iſt, mit welchen Prüfungen und Entbehrungen es verknüpft iſt, und welche himmliſche Geduld es fordert.“ — 534— „Ich würde ja Alles auf mich nehmen—“ „Ja, Sie haben den Muth, aber wie bald würde er Sie ver⸗ laſſen! Die gegenwärtigen Zuſtände ſind ein Kinderſpiel gegen das, was uns bevorſteht, Louiſon. Es wird nicht lange dauern, ſo ſind die Lazarethe überfüllt, wir haben noch keinen Maſſenausfall gemacht, aber er ſteht uns nahe bevor, dann werden wir die Verwundeten zu Tauſenden zählen. Wir erwarten täglich das Bombardement, die preußiſchen Bomben werden unzählige Opfer fordern, Hunger und Seuchen werden in der unglücklichen Stadt wüthen, und ich fürchte, inmitten dieſes Entſetzen erregenden Elends werden die Kräfte Sie verlaſſen. Ihre Nerven halten das nicht aus, Louiſon, deshalb kann ich Ihrem Vorhaben nicht beipflichten.“ „Aber wohin ſoll ich flüchten“, entgegnete das Mädchen rathlos, „Ich bin von allen Mitteln entblößt.“ „Sie fragen noch? Sagt Ihnen nicht eine innere Stimme, daß Sie im Hauſe Ihres Vaters die ſicherſte Zuflucht finden?“ nEr hat mich zu ſchmachvoll behandelt—“ „Glauben Sie nicht Alles, was Segur Ihnen geſagt hat. Er war ein boshafter Menſch, ein Verleumder, dem es auf eine Lüge nicht ankam, wenn er ſich durch ſie rein waſchen konnte. Er hat Ihren Vater überredet, Ihnen den allerdings ſchmachvollen Vorſchlag zu ma⸗ chen, er hatte eine Gewalt über den alten Mann, die er für ſeine Zwecke ausbeutete. Segur iſt todt, Louiſon, von ihm haben Sie alſo nichts mehr zu befürchten.“ „Aber dieſer Chevalier—“ „Was ihn betrifft, ſo dürfen Sie ruhig ſein. Ich werde ihn warnen, er ſoll Ihnen kein böſes Wort mehr ſagen.“ „Aber wie wird mein Vater mich aufnehmen?“ „Mit offenen Armen. Er weiß, daß er eine ſchwere Schuld auf ſich geladen hat, und wenn auch ſein vertrocknetes Gewiſſen ihm des⸗ halb keine ſonderlichen Vorwürfe macht, ſo ſehnt er ſich doch nach ſeinem Kinde, die Einſamkeit in dem großen Hauſe hat etwas Be⸗ ängſtigendes für ihn.“. „Er wird mich wieder einſperren.* „Nein, das wird er nicht thun, ich begleite Sie, Louiſon, ich werde ein ernſtes Wort mit ihm reden und ihm ſagen, daß Sie fortan unter meinem Schutze ſtehen. Beruhigt Sie das?“ Das Miädchen nickte bejahend. 1 — 535— „Sie haben Gewalt über ihn“, ſagte ſie,„er fürchtet Ihren Zorn.“ „Wohlan, das muß für Sie die beſte Bürgſchaft ſein. Und in dem Hauſe Ihres Vaters ſind Sie vor Verfolgungen ſicher, wenn Ihre Feinde auch erfahren ſollten, daß Sie ſich dort befinden, ſie werden doch nicht wagen, in das Haus einzudringen. Und wenn dies dennoch geſchähe, dann ſagen Sie es mir, die Verwegenen würden es bitter bereuen.“ Louiſon dankte dem Marquis mit warmen Worten, unter ſeinem Schutze durfte ſie es wagen, zu dem Vater zurückzukehren, und ſie mußte ja auch einſehen, daß es keine beſſere Zuflucht für ſie gab. Sie hatten jetzt den Pontneuf erreicht, aber als ſie eben auf der Brücke waren, trat der Chevalier von Chateaufleur an der Spitze einer Patrouille ihnen entgegen. Das Mädchen wich beſtürzt zurück, der Marquis drückte ihren Arm feſt an ſich. „Ruhig“, ſagte er leiſe,„Sie werden jetzt erfahren, daß dieſer Mann nur ein Poltron iſt, den man nicht zu fürchten braucht.“ Auch der Chevalier ſtutzte, als er das Mädchen am Arm des Cdel⸗ manns erblickte, aber ſeine Beſtürzung währte nur einen kurzen Augen⸗ blick, dann trat er auf den Marquis zu. „Sie wiſſen keinesfalls, daß dieſe Dame eine Mörderin iſt“, ſagte er,„ich ſuche ſie, um ſie dem Gericht zu überliefern.“ „Mein Herr, ich weiß Alles“, entgegnete der Marquis kühl,„ich kenne auch die Gründe, welche Sie bewegen, dieſen Racheakt vorzu⸗ nehmen.“ „Man hat Sie betrogen.“ „Keineswegs, ich kenne Louiſon zu genau, um nicht zu wiſſen, daß ſie eine Feindin jeder Lüge iſt. Und ich kenne auch Sie, Herr Chevalier, es kann mir alſo nicht ſchwer fallen, hier ein Urtheil zu fällen.“ „Sie werden ſich alſo der Verhaftung widerſetzen?“ fragte der Chevalier, deſſen Antlitz dunkle Zornesgluth übergoß⸗ „Ja, mein Herr.“ „He, das wollen wir ſehen!“ „Bitte, nur noch einige Worte.“ „Ich wüßte nicht, was Sie mir noch zu ſagen hätten“, verſetzte der Chevalier verächtlich.„ hhre Drohungen können Sie ſparen, denn ich fͤrchte ſie nicht.“ „Was ich Ihnen noch zu ſagen hätte? Nur Eins, mein Herr, — ———— — 536— und ich glaube, Sie wiſſen, daß ich nicht der Mann bin, der leere Drohungen liebt. Sie können Louiſon verhaften, denn die Macht iſt augenblicklich auf Ihrer Seite, und im Nothfalle würde der ſüße Pöbel Ihnen beiſtehen, dieſen Vorſatz auszuführen. Aber wenn Sie es thun, ſo wandert eine Stunde ſpäter auch der Vicomte von Cha⸗ zeaufleur in's Gefängniß, und ein Prozeß beginnt, der Paris in Er⸗ ſtaunen ſetzen ſoll.“ Der Chevalier war bleich geworden, er klemmte die Unterlippe zwiſchen die Zähne, während er den Marquis ſcharf anſah, aber im nächſten Augenblick umzuckte ein höhniſcher Zug ſeine Lippen. „Damit erſchrecken Sie mich nicht“, ſagte er,„mein Vater iſt ſich keiner Schuld bewußt.“ „Parbleu, mein Herr, man wird ihn fragen, wo das Kind ſeines Bruders, des Generals, geblieben ſei.“ Wie von einer Natter geſtochen zuckte der junge Mann zuſammen, jetzt wußte er, daß ſein Gegner das gefährliche Geheimniß kannte. „Man wird ihn fragen, wie es gekommen ſei, daß die Generalin, dieſe junge, kräftige Frau, wahnſinnig geworden ſei“, fuhr der Mar⸗ quis fort,„und es wird mir leicht ſein, auf alle dieſe Fragen mit Beweiſen zu antworten.“ „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen“, ſtotterte der Che⸗ valier verwirrt. „Sie werden es erfahren, wenn Sie den Muth haben, dieſe Dame zu verhaften, denn ich ſchwöre Ihnen, thun Sie es, ſo hole ich den Vicomte aus ſeiner Wohnung, um ihn nach Mazas bringen zu laſſen. Vielleicht wäre Ihnen das in gewiſſer Beziehung angenehm, mein Herr, inſofern, als Sie glauben, dadurch freie Verfügung über das Vermögen Ihres Vaters zu erhalten, aber Sie könnten ſich darin ge⸗ täuſcht ſehen. In meinen Händen befinden ſich Schuldſcheine Ihrer Stiefmutter, die mehr als die Hälfte dieſes Vermögens verſchlingen, und ich würde mich keinen Augenblick bedenken, dieſe Forderungen gel⸗ tend zu machen.“ Der Chevalier knirſchte vor Wuth mit den Zähnen, dieſer Dro⸗ hung gegenüber war er ohnmächtig, er hatte keine Waffe, ſie zu be⸗ kämpfen. „Nun thun Sie, was Sie nicht laſſen können“, ſpottete der Mar⸗ quis.„Sie wiſſen jetzt, daß ich auf alle Fälle gerüſtet bin. Ich hoffe, Sie werden dieſe junge Dame fortan mit Ihren ſchamloſen — 3537— Anträgen verſchonen, es kann Ihnen ja ſo ſehr ſchwer nicht fallen, einen Erſatz für ſie zu finden.“ Nach dieſen Worten ſetzte der Marquis ſeinen Weg fort, und der Chevalier ließ ihn ungehindert gehen, er ſandte ihm nur einen Blick des glühendſten Haſſes nach. „Seltſam, daß dieſer Mann Alles ſo ſchweigend hinnahm“, ſagte Louiſon, erſtaunt zu ihrem Begleiter aufblickend,„ich war darauf ge⸗ faßt, daß ſeine Leidenſchaft hell aufflammen würde.“ „Er iſt nicht ſo gefährlich, wie er ſcheint“, erwiderte der Marquis ſarkaſtiſch.„Die kläffenden Hunde beißen nicht, man muß nur ver⸗ ſtehen, ihnen mit Geſchick einen Fußtritt zu geben. Der Chevalier wird Ihnen nicht mehr zu nahe treten.“ „Sagen Sie das nicht, er hat einen boshaften, racheſüchtigen Cha⸗ rakter.“ 1 „Ah, bah, er wird meine Drohung nicht vergeſſen.“ „Sie hat ihn jetzt verblüfft, und es wird ſeine Wuth ſteigern, daß er ſich durch ſie einſchüchtern ließ.“ „Ich werde ihn daran erinnern, ſobald ich ihn wiederſehe. Er iſt ja ſchon ſeit längerer Zeit auch mein Feind, ſeine Wuth wird ſich in erſter Reihe gegen mich richten.“ Die Beiden hatten während dieſes Geſprächs das Haus des Wucherers erreicht, der Marquis zog die Glocke, nicht lange darauf erſchien das pockennarbige Geſicht Bandau's in der Thürklappe. Der Geizhals blickte das Mädchen ſo ſtarr an, als ſei ein Ge⸗ ſpenſt vor ihm aufgeſtiegen, und erſt nachdem er von ſeiner erſten Beſtürzung über dieſe ganz unerwartete Begegnung ſich erholt hatte, öffnete er die Thüre. „Hier bringe ich Ihnen Ihre Tochter zurück“, ſagte der Marquis während Louiſon ſich dem alten Mann näherte und ihm beide Hände reichte,„ich habe ihr eine gute und herzliche Aufnahme verſprochen und erwarte mit Zuverſicht, daß Sie mein Wort einlöſen werden.“ Pierre Bandau ſchien im erſten Augenblick den Schwergedrückten ſpielen zu wollen, aber als er in das bleiche, abgehärmte Antlitz ſeines Kindes blickte, regte ſich doch etwas in ſeinem Herzen, was ihm dieſe Rolle unmöglich machte. Er ſank in die ausgebreiteten Arme Louiſon's und drückte ſie feſt an ſich. Dann aber, als ſchäme er ſich dieſer Rührung, entwand er ſich raſch wieder ihren Armen, um hinter ſein Schreibpult zu flüchten. ——— — ————— — —— — ——— — 538— „Wir wollen das Vergangene vergeſſen“, ſagte Louiſon mit zit⸗ ternder Stimme,„ich komme zu Dir, um Dich um eine Zuflucht zu bitten.“ „Ja, der Hunger thut weh“, warf der Geizhals ſpottend ein. „Pierre Bandau, das iſt nicht der Grund ihrer Heimkehr“, er⸗ widerte der Marquis,„wäre er es allein geweſen, ſo würde ich ihn beſeitigt haben. Ich will Sie nicht daran erinnern, welchen Vorwurf Louiſon Ihnen machen darf. Sie ſelbſt müſſen wünſchen, daß Alles vergeſſen ſei. Segur iſt todt, die gerechte Strafe hat den Elenden ereilt—“ „O, der Schurke!“ jammerte der Wucherer.„Mein halbes Ver⸗ mögen hat er mir geſtohlen, und keinen Sous erhielt ich zurück.“ „Das ſind die Folgen, wenn man mit ſolchen Leuten Bündniſſe ſchließt, Bandau. Im Uebrigen können Sie dem Himmel danken, daß Sie mit einem blauen Auge davon gekommen ſind, wäre ich nicht rechtzeitig dazwiſchen getreten, ſo moderte Ihr Gebein ſchon im Grabe.“ Der alte Mann wanderte in fieberhafter Erregung auf und nieder, er konnte ſich noch immer nicht über den Verluſt beruhigen. „Der Schuft!“ brummte er.„Ich habe ihm ſo oft aus der Noth geholfen, ihm Summen vorgeſtreckt, dafür hat er mir mit Raub und Meuchelmord gelohnt.“ „Und das war das Schlimmſte nicht“, ſagte der Marquis ernſt, „das Verbrechen, welches er an Ihrem Kinde begehen wollte—“ „Laſſen wir das“, fiel der Geizhals ihm in's Wort,„es iſt beſſer, wir vergeſſen das.“ „Gewiß, es wird mir lieb ſein, wenn Sie das einſehen. Sie werden Louiſon nicht entgelten laſſen, daß ſie das elterliche Haus ver⸗ ließ, Sie werden ſie mit der Liebe und Sorgfalt behandeln, die das Kind von dem Vater erwarten darf und Sie werden ſie ſchützen vor allen Fallſtricken, die man ihrer Unſchuld und Tugend legen wird. Wollen Sie mir das geloben?“ „Ich muß wohl, obgleich der Ungehorſam Louiſon's—“ „Kommen Sie wieder darauf zurück?“ fragte der Marquis ſcharf. „Ich ſage Ihnen, Sie werden das Alles thun, und wehe Ihnen, wenn Sie Ihr Wort brechen. Ich beobachte Sie, nichts wird mir entgehen, was in dieſem Hauſe ſich ereignet; hat Louiſon Urſache, ſich zu beklagen, ſo fordere ich von Ihnen Rechenſchaft.“ Der Alte war ſtehen geblieben, ſeine grauen Augen blickten das Mädchen an, die Rührung war wieder der Härte gewichen. — 539— „Du kannſt ſofort Deine Pflichten wieder übernehmen“, ſagte er, „es gibt in Küche und Keller Manches zu thun, was in Deiner Ab⸗ weſenheit liegen blieb. Freilich iſt Schmalhans inzwiſchen Küchen⸗ meiſter bei mir geworden, aber ich denke, wir werden doch ſatt wer⸗ den, ſo lange wir Brod und Waſſer haben, brauchen wir den Hun⸗ gertod nicht zu fürchten. Und noch Eins“, fuhr er fort, als Louiſon ſchweigend ſich entfernen wollte,„Du wirſt im Keller mehrere Ratten⸗ fallen finden, die ſtündlich nachgeſehen werden müſſen. Die Ratten ſind ein Luxusartikel geworden, man zahlt für das Stück einen Franc.“ Louiſon machte eine Geberde des Abſcheus, Pierre Bandau lachte. „He, man hat immer Ratten in Paris gegeſſen“, ſpottete er, „Ratten⸗Ragout und Ratten⸗Paſteten, aber die Feinſchmecker wußten's nicht. Jetzt, wo ſie wiſſen, daß ſie Ratten eſſen ſollen, meinen ſie, daran ſterben zu müſſen. Und das Fleiſch iſt ſo zart, ſo weich! Parbleu, Herr Marquis, wiſſen Sie, was der Baronin Alphons von Rothſchild begegnet iſt?“ „Nein, mein Herr.“ „Wohlan, geben Sie Acht, es iſt eine ergötzliche Geſchichte. Man weiß, daß der Baron in ſeinem Park zu Ferrieres Tauſende von Fa⸗ ſanen züchtet, er iſt berühmt wegen ſeiner Fafanerie, die ſeiner Küche die herrlichſten Braten lieferte. Baron von Rothſchild wollte jüngſt einen Faſanenbraten ſpeiſen, er ſchickte in alle Markthallen, in alle Geflügelhandlungen des Palais Royal, und man ſagt, daß er tauſend Francs für einen Faſan geboten habe. Aber es war kein Faſan aufzutreiben und Herr von Rothſchild mußte mit einer Paſtete von Pferdezungen vorlieb nehmen. Aber ein reicher Herr weiß ſich immer zu helfen. Er ließ ſeinen Hofjägermeiſter kommen und ſagte:„Monſieur, trefft Eure Vorkehrungen, zum Dejeuner muß ich eine Faſanenpaſtete von Spatzen haben.“ Und der Hofjägermeiſter veranſtaltete ſofort eine Hetzjagd auf Spatzen mit Leimruthen, Netzen, Vogelflinten und Blasrohren. Er lieferte fünfzig Spatzen an den Hofküchenmeiſter ab, der daraus eine Faſanenpaſtete bereitete, welche Madame von Roth⸗ ſchild deliciös fand. Und wiſſen Sie, was ſeitdem die Spatzen koſten? Zehn Francs das Stück.“ „Das iſt eine Erwerbsquelle für die Pariſer Gamins“, ſagte der Marquis, ſie verſtehen das Blasrohr zu gebrauchen. Louiſon, ich verlaſſe Sie jetzt, ich bin beruhigt über Ihr ferneres Schickſal, aber vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen geſagt habe. Wenn Sie Grund — 540— zu einer Beſchwerde haben, ſo wenden Sie ſich an mich, Sie ſtehen jetzt unter meinem Schutze.“ Er verließ das Haus, der Zwiſchenfall hatte auch auf ſeine um⸗ düſterte Stimmung einen wohlthuenden Eindruck geübt. Er dachte jetzt milder über die Worte, die Marie ihm geſagt hatte. Seine Werbung mußte ſie überraſcht haben, und ihre Liebe zu Erneſt hatte ſie wohl nur vorgeſchoben, um ihre Ablehnung ſeiner Bitte zu begründen. Wenn ſie Erneſt nicht mehr ſah, ſo mußte ſie ihn ja bald ver⸗ geſſen, und der Dank, den ſie dem Marquis ſchuldete, mußte ſie ihm näher führen. Er wollte jetzt in ſein Haus zurückkehren und ſeine Pflichten als Wirth erfüllen. Jenny Mouſſon und Juſtine erwarteten ihn ja, und er hatte Manches mit ihnen zu beſprechen, was ſich auf ſein Verhältniß zu Marien bezog. In der Hauptſache lag ihm daran, in dieſen beiden Mädchen Ver⸗ bündete zu gewinnen, willige Werkzeuge, die er zur Ausführung ſeiner Pläne benutzen konnte. Jenny Mouſſon war mit Erneſt befreundet, und auch Juſtine mußte in näheren Beziehungen zu den beiden Ar⸗ beitern ſtehen, da war es ſchon von großem Vortheil fürn ihn, wenn er ſich das Vertrauen dieſer Beiden ſicherte und ſo eine Spionage verhinderte, die ihm unbequem werden konnte. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Zanber des Goldes. Pierre Bandau war ſehr erfreut über die Heimkehr ſeiner Tochter, wenn auch kein Wort, kein Blick, ja kein Zug ſeines harten Geſichtes dieſe Freude verrieth. Es war ihm ſtets unangenehm geweſen, wenn er in der Nacht ſein Haus hatte verlaſſen müſſen, ohne die beruhigende Gewißheit zu haben, daß ein Hüter in demſelben zurückblieb. Es war ihm ebenfalls nicht angenehm geweſen, daß er ſein frugales Mahl ſich ſelbſt bereiten mußte, er ſaß lieber vor ſeinen Büchern, um ſeinen Reichthum zu derechnen und darüber nachzudenken, durch welche Mittel er ihn ver⸗ mehren könne. — Ver⸗ einer ndet, N⸗ eenn nage hter, ctes dacht zu alls iten zu ver⸗ — 541— Er wechſelte noch einige Worte mit Louiſon und fuhr, nachdem ſſen hatte, in ſeinen Berechnungen fort. Marktpreiſe, er berechnete den Nutzen, In ziehen wollte und mehr ſie das Bureau verla Vor ihm lagen die jüngſten den er aus ſeinem Vorrath von Lebensmitte als einmal rieb er ſich kichernd die Hände. Es konnte ja nicht fehlen, daß er ein glänzendes Geſchäft damit machte, es war eine vortreffliche Spekulation geweſen, die ſein Ver⸗ mögen faſt verdoppelte. „Butter und Eier ſind nicht mehr zu haben“, murmelte er,„man wird dafür fordern können, was man will, die Leute müſſen jeden Preis zahlen. Sehr gut, das Ei wird vielleicht einen Franc koſten und die Butter das Pfund dreißig oder vierzig Francs. Ein famoſes Geſchäft! Und Speck— ah, ich werde Millionär werden, wenn ich nur noch einige Wochen warte.“ Er blieb ſtehen und rechnete im Geiſt an den Fingern ſeiner Hände den Nutzen aus. „Man könnte dieſe Wochen anderweitig benutzen“, fuhr er fort. „Wenn ich der Butter einen Zuſatz gäbe, durch den ſie ſchwerer würde, wenn ich— ah, ich werde mir das überlegen, was gemacht werden kann, wird gemacht. Iſt die Zeit gekommen, ſo werde ich mich mit dem Dienſtperſonal der Vornehmen in Verbindung ſetzen, ſie ſollen auch eine Kleinigkeit verdienen, wenn ſie mir beiſtehen, den eimlich zu betreiben. Der Pöbel darf nichts davon erfahren, er würde mein Haus ſtürmen und meine Gewölbe plündern. Und es kann ja auch vermieden werden! Ich verkaufe die Waare unten im Keller und laſſe die Käufer nur einzeln ins Haus; Louiſon kann an der Hausthüre Wache halten, damit keine Unvorſichtigkeit begangen Handel h wird.“ Er ſchritt wieder auf und nieder, ein boshafter Zug unſpielte ſeine Lippen. „Bah, was kümmert mich die Kandille“, fuhr er nach einer Pauſe wieder fort.„Es wird Niemandem Schaden bringen, wenn das ganze Geſindel verhungert. Die Regierung füttert es, ſie ſollte es nicht thun, das Proletariat iſt die Peſtbeule der Menſchheit, man muß ſie aus dem geſunden Fleiſch ausſchneiden.“ Der Klang der Glocke bewog ihn, ſein Selbſtgeſpräch abzubrechen, er blieb horchend ſtehen. Er hürte, daß Louiſon die Thüre öffnete und leichte Schritte ſich dem Bureau näherten, dann wurde angepocht, ——— — — 542— und im nächſten Augenblick ſtand ein elegant gekleideter Herr vor dem Wucherer, der ihn mit einem ſcharfen, prüfenden Blick muſterte. Dieſer Herr war kein Anderer, als der Falſchmünzer Dorman, der noch denſelben Anzug trug, den er aus der Garderobe des kaiſer⸗ lichen Prokurators geſtohlen hatte. Pierre Bandau kannte ihn nicht, aber das ſichere Auftreten und die feine Kleidung des anſcheinend vornehmen Herrn flößten ihm Hoch⸗ achtung ein. Er bot ihm einen Stuhl an, Dorman lehnte ihn ab, legte ſeinen Hut auf den Tiſch und zog langſam ſeine Handſchuhe aus. „Man hat mir geſagt, Sie ſeien nicht abgeneigt, ein vortheil⸗ haftes Geſchäft zu machen, wenn eine Gelegenheit dazu ſich Ihnen biete“, begann er, indem er den alten Mann forſchend anblickte. „Sollte man mich falſch berichtet haben, ſo bitte ich Sie, mir das ohne Rückhalt zu erklären, damit ich meine Zeit nicht nutzlos ver⸗ ſchwende.“ „Es kommt darauf an, welcher Art dieſes Geſchäft iſt“, ſagte der Geizhals ausweichend. „Hm, nehmen wir an, daß es verſchwiegen bleiben müſſe, mein Herr, würde Sie das zurückſchrecken?“ „Durchaus nicht.“ „Und was das Geſetz betrifft, ſo darf man wohl behaupten, daß die Geſetze gegenwärtig keine Kraft mehr haben.“ „Dem möchte ich doch nicht beipflichten.“ „Sie fürchten alſo das Geſetz?“ „Keineswegs.“ „Ah, ich verſtehe“, ſagte Dorman, ſarkaſtiſch lächelnd,„Sie halten es für beſſer, Wege zu ſuchen, auf denen man es umgehen kann.“ Pierre Bandau nickte zuſtimmend. „Dieſe Wege ſind leicht zu finden“, erwiderte er. „Recht ſo, aber etwas Scharfſinn muß man doch zu Hülfe nehmen.“ „Und daran hat es mir nie gefehlt.“ „Deſto beſſer, wir paſſen alſo ganz zuſammen“, verſetzte der Falſchmünzer befriedigt.„Haben Sie ein Tauſend⸗Francs⸗Billet?“ Der Wucherer blickte betroffen auf. „Das iſt eine ſonderbare Frage“, antwortete er. „Sie ſcheint ſonderbar, mein Herr, aber ſie iſt es nichtl“ „Nennen Sie mir den Zweck—“ Sie ten und n Hoch⸗ ſeinen artheil⸗ Ihnen hlickte. it das 3 ver⸗ gte der mein daß — 543— „Parbleu, ich verlange die Banknote nicht zu ſehen, aber wenn Sie eine ſolche beſitzen, dann bitte ich Sie, dieſelbe zu holen.“ Pierre Bandau ſchüttelte den Kopf, als ob er ſagen wolle, er begreife das nicht, aber er trat doch, wenn auch mit einigem Zögern an ſeinen Geldſchrank und nahm aus ihm das Bankhillet. Dorman hatte dieſen Augenblick benutzt, um ſich mit prüfendem Blick in dem Raume umzuſchauen, und Manches ſchien ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu feſſeln. Daneben aber betrachtete er jede Bewegung des alten Mannes, und ſeine Augen funkelten, als ſie in den wohlgefüllten Geldſchrank blickten. Pierre Bandau kehrte mit der Banknote zurück, Dorman öffnete ſein Portefeuille, nahm aus ihm ein Tauſend⸗Francs⸗Billet und warf es dem Alten auf's Pult hinüber. „Bitte, vergleichen Sie die Scheine“, ſagte er. „Aber ich frage nochmals, was ſoll das?“ „Vergleichen Sie!“ „Der Wucherer unterzog die Scheine einer ſehr ſorgſamen Prüfung. „Ich finde da keinen Unterſchied“, erwiderte er. „Durchaus keinen?“ „Nein.“ „Parbleu, und dennoch iſt die Banknote, die ich Ihnen gegeben habe, falſch!“ „Nicht möglich!“ „Ich ſage Ihnen die Wahrheit.“ Der Geizhals ſchüttelte den Kopf und prüfte die Scheine noch einmal, indem er ſie gegen das Licht hielt. „Wenn Sie wirklich die Wahrheit behaupten, dann muß der Fälſcher ein ſehr geſchickter Künſtler ſein“, ſagte er. „Ich danke für das Compliment.“ „Ah, Sie ſind es ſelbſt?“ „Ich habe die Ehre.“ „In der That ſehr fein und ſauber“, verſetzte der Wucherer. „Ich glaube nicht, daß die Kaſſirer unſerer erſten Bankhäuſer die Fälſchung entdecken würden.“ „Wollen Sie den Verſuch machen?“ „Danke,— es wäre ja doch möglich— „Bah, Sie haben keinen Muth.“ — 9 — — —— — — 544— „Erlauben Sie, es iſt eine gefährliche Sache.“ „Für Sie nicht. Wenn man die Fälſchung entdeckte, könnten Sie erklären, man habe Ihnen den Schein in Zahlung gegeben, und kein Verdacht würde auf Sie fallen.“ „Aber ich müßte Ihnen den Betrag erſetzen.“ „Ich verzichte darauf“, erwiderte Dorman, während er eine Ci 6 garre aus ſeinem Etui nahm. Würde ich das thun, wenn ich meiner Sache nicht ganz ſicher wäre? Nehmen Sie den Schein und präſentiren Sie ihn einer beliebigen Bank, man wird ihn ohne Weiteres wechſeln, und Sie bringen mir das Geld, welches man Ihnen dafür gegeben hat. Wird aber die Banknote confiscirt, ſo haben Sie mir keinen Sous dafür zu vergüten.“ Der Alte nickte, ſein glühender Blick ruhte noch immer ſtarr auf 8 der Banknote. „Wollten Sie mir nicht ein Geſchäft vorſchlagen?“ fragte er. „Allerdings, und ich zweifle nicht, daß Sie auf mein Anerbieten eingehen werden.“ „Sprechen Sie, ich höre.“ „Parbleu, Sie könnten es ſchon errathen haben“, ſagte der Falſch münzer, indem er dem Geizhals eine Rauchwolke in's Geſicht blie⸗ „es iſt ein Handel mit ſolchen Banknoten.“ Der Wucherer griff tief in ſeine Schnupftabakdoſe und nahm geräuſchvoll eine Prieſe. „Hm, in welcher Weiſe?“ erwiderte er.„Man wirft in ſolche Zeiten nicht mit Tauſend⸗Francs⸗Billets um ſich, mein Herr, de würde Verdacht erregen.“ „Bah, ich vertraue auf Ihre Klugheit, Sie werden Mittel fir den, jedem Verdacht vorzubeugen.“ „Wir werden ſehen. Einigen wir uns vorab über die Grund bedingungen. Sie würden alſo die Banknoten liefern?“ O.X 14 Jd. „Wie viel täglich?“ „So viel wie wir verausgaben können.“ 8 9 „Und welchen Preis würden Sie dafür beanſpruchen?“ Der Falſchmünzer ſchnellte die Aſche von ſeiner Cigarre un blickte den Alten forſchend an. „Sie müßten mir Obdach und Koſt geben“, ſagte er,„das wär die erſte Bedingung. In meiner Wohnung kann ich nicht arbeiten elen — 545— die Gefahr der Entdeckung iſt dort für mich zu groß, überdies beſitze ich auch nicht die Mittel, mir die nöthigen Werkzeuge und das Material anzuſchaffen.“ „Ah, ich dachte, Sie beſäßen das Alles!“ „Ich beſaß es, aber es wurde mir genommen.“ „So müßte ich auch dieſe Summe vorſtrecken?“ „Natürlich.“ „Aber dann werden es nicht dieſe Banknoten ſein, welche aus Ihren Händen hervorgehen, Sie werden einen Fehler machen, ſo daß man die Fälſchung erkennen kann—“ „Fürchten Sie das nicht“, fiel Dorman achſelzuckend ihm in's Wort,„wer dieſes Billet anfertigen konnte, der wird keine Fehler machen. Im Uebrigen iſt es ja Ihnen anheimgeſtellt, die Scheine zu prüfen, ehe ſie verausgabt werden, ſollten Sie darin wirklich einen Fehler entdecken, ſo kann dem leicht abgeholfen werden. Die Vorarbeiten würden freilich mehrere Tage in Anſpruch nehmen, ſo lange müßten Sie ſich gedulden.“ Der Wucherer ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſagen, das Alles gefalle ihm nicht, aber der Falſchmünzer ſchien das nicht zu bemerken. „Ich vermuthe wohl mit Recht, daß es in dieſem Hauſe verſteckte Räume, vielleicht geheime Gewölbe gibt“, fuhr er fort,„ein ſolches Gewölbe würde für meine Zwecke paſſen. Und was die Koſt betrifft, ſo bin ich nicht verwöhnt, ich nehme mit Allem vorlieb.“ „Auch mit trockenem Brod?“ „Mit Allem!“ „Ich könnte Ihnen nichts Beſſeres geben, denn ich bin ein armer Mann, und Sie wiſſen ſelbſt, wie theuer die Lebensmittel ſind.“ „Es bedarf keiner Entſchuldigung“, erwiderte Dorman gleichgültig, „mit Brod kann man ja auch den Hunger ſtillen.“ „So wären wir darüber einig“, ſagte Pierre Bandau,„und was die Wohnung betrifft, ſo werde ich Ihnen einen Raum anweiſen, en das ſchärfſte Polizei⸗Auge nicht entdecken kann. Aber was ſollen wir mit den Banknoten beginnen? Wir können ſie nicht in großen Maſſen den Banken präſentiren—“ „Ich habe einen Plan, der vielleicht Ihren Beifall finden wird“, ſiel Dorman ihm in's Wort.„Wir kaufen alle Lebensmittel auf, die wir in Paris finden und bezahlen mit unſern Banknoten. Wir R. 35 —— ——— können dreiſt die höchſten Preiſe zahlen, denn am Tage darauf ſind die Preiſe noch höher geſtiegen.“ „In der That, das wäre keine ſchlechte Spekulation.“ „Wir werden unſer Augenmerk vorzugsweiſe auf die feineren Lebensmittel richten, die wir bei den Geflügelhändlern im Palais Royal finden, auf alle diejenigen Speiſen, welche nur die ſe In der Reichen und Vornehmen zieren. Sind wir im Beſitz d tzten Vor rät th ſo können wir fordern, was wir wollen, man wird in jeden Preis zahlen.“ ld wenn dieſes Geſchäft abgewickelt iſt?“ fragte Pierre Ban⸗ dau mit leuchtenden Augen. „Dann kaufen wir andere Dinge. Es gibt eine Maſſe von kleinen Fabrikanten und Geſchäftsleuten, die ihre ſämmtlichen Waaren unter dem Preis losſchlagen würden, wenn nur ein Käufer ſich fände. Sie haben Raum genug in dieſem Hauſe, um große Lager zu errichten und nach erfolgtem Frieden werden wix die Waare mit bedeutendem Vortheil verkaufen können.“ 7 Der Wucherer nickte. „Ihr Vorſchlag, mein Herr, gefällt mir“, ſagte er vergiis„aber es iſt da noch Manches zu überlegen und reiſſich zu erwägen. Sie müſſen mir eine kurze Bedenkzeit gonnen— „Wozu das? Ich finde nichts— „Erlauben Sie, während Sie nichts bei der Geſchichte wagen, ſetze ich meinen ehrenvollen Namen, meine Freiheit und mein Ver⸗ mögen auf's Spiel, man kann nie voraus wiſſen, wie der Teufel die Karten miſcht, um ſo nothwendiger iſt es, daß man alle Chancen des Spiels berechnet. Zudem habe ich Rückſicht auf meine Tochter zu nehmen, die mit mir dieſes Haus bewohnt, wenn ich auch für ihre Verſchwiegenheit bürgen kann, ſo weiß ich doch, daß ſie in dieſem Punkte nicht denkt, wie ich, alſo wäre es rathſam, das Geſchäft ihr zu verheimlichen.“ „Natürlich muß ich das Ihnen überlaſſen!“ „Ich werde dieſe Sorge übernehmen, aber man muß mir Zeit gönnen, meine Pläne zu entwerfen.“ Der Falſchmünzer zog ſeine Handſchuhe an und nahm ſeinen Hut. „Friſche Fiſche, gute Fiſche!“ ſagte er.„Lieber wäre es mir wenn Sie ſich ſofort entſchließen wollten. Aber ich kann Sie dazu nicht zwingen, und wenn Sie mich nicht zu lange warten laſſen—“ „Drei Tage, mein Herr!“ „Ich könnte inzwiſchen einen anderen Compagnon finden.“ , glaube ich nicht, es müßte ja ein Compagnon ſein, der ſt über eine Summe verfügen kann und auch in ſolchen Dingen erfahren iſt. Ich werde dieſe drei Tage benutzen, um eine Wohnung für Sie einzurichten, und wenn Sie mir ſchon jetzt die Werkzeuge bezeichnen wollen, welche Sie nöthig haben, ſo werde ich ſie inzwiſchen eitleiſen Dorman zog ſein Portefeuille aus der Taſche und nahm aus de unfel ben ein Papier, welches er dem Geizhals überreichte. „Sie finden hier das ganze Verzeichniß“, ſagte er; es fehlen nur noch einige Kleinigkeiten, die ich ſelbſt kaufen muß. Glauben Sie, daß ich übermo Wden Abend einziehen kann.“ „Ich werde Ihnen morgen eine entſcheidende Antwort geben.“ „Gut, je nachdem ſie ausfällt, können wir in die nähere Berathung eintreten.“ Er nickte dem alten Manne zu und verließ das Haus, und der triumphirende Zug um ſeine Lippen verrieth, daß er mit dem Reſultat der Unterredung ſehr zufrieden war. Langſam und mit ſichtbarem Intereſſe die Scenen, die ihn um⸗ gaben, beobachtend, ſchritt er durch die Straßen, wie ein Mann, der die Zeit nicht beſſer todtzuſchlagen weiß, als mit Spazierengehen. Vor dem Palais des Vicomte von Chateaufleur blieb er ſtehen, er zog die Glocke und erſuchte den Portier, ihn bei Madame anzumelden, indem er ihm gleichzeitig eine Karte überreichte. Ein Diener führte ihn in ein elegantes Zimmer und Madame von Chateaufleur ließ ihn nicht lange warten. Mit allen Zeichen einer freudigen Ueberraſchung ging ſie ihm entgegen, ihm beide Hände reichend. „Du kommſt wie gerufen“, ſagte ſie,„ich habe in den letzten Tagen ſehr oft an Dich gedacht. Aber wie konnte ich ahnen, daß Du ſchon ſo bald kommen würdeſt? Du biſt begnadigt?“ „Nein, meine theure Schweſter“, entgegnete Dorman mit ironiſchem Lächeln,„wenn ich auf die Begnadigung hätte warten wollen—“ „Ah, Du biſt entflohen?“ „So iſt es.“ „Mein Gott, wenn man Dich hier fände!“ rief die ſchöne Frau erſchreckt.„War es nicht unklug, nach Paris zurückzukehren?“ 35* „Im Gegentheil, hier wird man mich nicht ſuchen, Cora, ſelbſt wenn man in dem tollen politiſchen Wirrwarr Zeit fände, an einen entſprungenen Galeerenſträfling zu denken.“ „Pierre, das iſt ein häßliches Wort!“ „Ah, bah, man muß jedes Ding beim rechten Namen nennen. Und Du weißt ja, weshalb ich verurtheilt wurde. Ich war vielleicht nicht ſo ſchuldig wie Du, aber damals galt es, alle Schwierigkeiten zu beſeitigen, die ſich Deiner Verbindung mit dem Vicomte ent gegen⸗ ſtellten. Das iſt uns gelungen, und nachher war ich ſo gutmüthig, den Kopf für Dich in's Loch zu halten.“ „Ich habe Dir das nicht vergeſſen.“ „Darauf vertraue ich; Du wirſt mir Deinen Dank durch die That beweiſen müſſen. Ich will Dich mit einer Beſchreibung meiner Flucht verſchonen, ſie war mit unſäglichen Strapazen und Gefahren verknüpft, aber was wagt man nicht für die Freiheit? Ich kam nach Paris, aber ich hatte nicht einmal Zeit, Dich zu beſuchen, man ver⸗ haftete mich am Tage meiner Ankunft unter der lächerlichen Be⸗ ſchuldigung, daß ich ein preußiſcher Spion ſei.“ „Ach, wenn ich das nur geahnt hätte!“ „Hätteſt Du es ändern können?“ „Ich würde Deine Freilaſſung erwirkt haben. Ich habe Freunde bei den Miniſtern.“ „Alſo regieren die ſchönen Frauen in Paris noch immer?“ fragte Dorman ironiſch.„Nimm Dich in Acht, Cora, es gährt gewaltig in den Arbeiter⸗Vorſtädten, man will die Regierung ſtürzen.“ „Um die Commune zu errichten, ich weiß es. Wird es nicht auch in der Commune Männer geben, welche der Schönheit huldigen?“ „Gewiß“, nickte der Falſchmünzer,„und ich bezweifle nicht, daß Du alle Vortheile wahrnehmen wirſt, die ſich Dir bieten. Nun, vor⸗ läufig bedarf ich Deines Beiſtandes in dieſer Weiſe nicht, ich bin aus dem Depot der Polizeipräfectur entflohen und werde mich vorſehen, daß man mich ſobald nicht wieder einſperrt.“ „Und wovon lebſt Du, Pierre?“ fragte Cora, deren Blick ſin nend auf dem Antlitz des Bruders ruhte.. „Hm, auf dieſe Frage vermag ich keine Antwort zu geben. Er⸗ laube mir, daß ich einige Fragen an Dich richte. Biſt Du glücklich?“ „Nein, Pierre.“ „Ah, was fehlt an Deinem Glücke?“ „Der Vicomte iſt ein Geizh das zeöihi Iſe und jammert r ſeloſt aber beſucht ſpeiſe dort vortrefflich.“ trägſt keine Schuld an dieſem Zerwürfniß?“ „Ich hatte ein aber ſeidem er mich beleidigt „Dem Vicomte iſt davom 9 „Er hat keine „Und Du haſt nicht zwingen kannſt, Deine Wünſche zu nicht, einer ſchönen Dingen bringen können.“ Madame von Wolke das Unmuth mu „Dep Vicomte gewußt“, ſagte ſie,„und der anderes Mit tel, w verſtehe 4, Der Bicomte 1 7 welches ihn auf die Galeere bringen kann, ich einigen Tagen, der eidle ſagte es mir.“ b „Auf welchem „Hin, ich weiß ter 5 Er leidet auch unt r die W 02 0 enutze e es . ,r; Aod AAa,fr te ii on nit dem Marquis von Chateaurouge 1 6 ι½ 4 - ihn, daß Du ihn 3 1 Lora, ich begre eife das nichts unm öglich ich und Du vor qgaller licht nmöglich und Du vor Ailk n „jeHtor. 05 a verliebten Narren unter den CEhateaufleur ſchütte lte hs ich üb hö Geſicht. 75 C, fain„Fo; hat ſich ſtets ſeine Selbſtſtändigkeit zu bewahren iſt raſch verflo ogen. Mit ſolchen Mitteln beugt man ſeinen Eigenſinn nicht, aber ich kenne ein elches raſch zum Ziele führen würde.“ 2.44 ich nie üheren Jahren ein Verl S. e ſtehſt Du mit ihm?“ 6 nict ob ich mich ganz auf ihn verlaſſen kann. er dem Geiz ſeines Vaters, er bot mir ein Bünd⸗ 7 niß gegen de Heri bie an, der ihn ebenfalls beleidigt hat. Wir wollten Beide ſie beſitzt unwider muthen, daß er 1 L mmerzofe hat die Verbrechen des der Chev aber der Chevalier beſitzt nicht die eines ſolchen Vorhabens nöthig iſt. Vicomte entdeckt, eiſe, die ſie Aicht ſeimedeien will. dalier, aber ver mir gegenüber nicht mehr euruchr iſt. hrung de Hare 2 Bewe 39Are 8 — Z— 5 55 . S. ☚☛ ₰ —8 — — — 2 — 1 8 ₰ Er weiß — —————— — ——————— — mehr, als er ſagen will, er verjihäur eig fürchtet jetzt, ſein Vater könne com „Vielleicht auch will er allein! das Geheimniß ausbeuten“, warf der Falſchmünzer ein. „Auch das läßt ſich annehmen. Jedenfalls iſt dieſes Geheimniß eine Goldgrube.“ „Wonn man nur wüßte— „Ja, wenn man wüßte!“ ſchnitt Cora ihrem Bruder das Wort ab.„Mir wird die Kammerzofe keine Silbe verrathen, ſie haßt mich, weil ich ſie mit Schimpf und Schande fortgejagt habe.“ „Und Du kannſt hier über gar nichts verfügen?“ „Nein, Pierre.“ „Das iſt fatal, ich habe Geld nöthig.“ „Wie viel?“ „Mindeſtens tauſend Francs.“ „Ich habe nicht einmal hundert.“ „Aber ich muß Geld haben. In Linigen Tagen könnte ich 8 ir zurückgeben. Cora, Du wirſt nicht vergeſſen, was ich für Dich ethar an habe ₰ „Nein, gewiß nicht“, erwiderte die ſchöne ſchmerzt mich, daß ich Deinen Wunſch nicht erfi ſoll ich's 1ũ Ich könnte Dir einen Du möchteſt ihn verſchleudern, im Pfandhauſe gi 71 8 x i Der ·in Dorman, der in † 1 Gedanken verſun kein Mittel, die Summe zu beſchafſen? „Wer hat in ſolch unſere Zu⸗ nde d nn ſo n Geld haben driege konnte ich von meiner Modiſtin haben, was ich ver⸗ K 1t W2 474.2& Das ih anders geworden. Jeder angte ſein Geld feſt, man weiß ja nicht, was noch kommen kann. en wir die Beweiſe gegen den VLicbunte, dann würde ich ihn zwir ſeines Vermögens zu übertragen.“ „Wir müſſen ſie uns zu verſchaſſen ſuchen.“ 5 3. Du der Mann, dieſe Auf⸗ „Und wenn dies möglich iſt, ſo gabe zu u löſen.“ 61 „Hm, ich werde mein Beſtes thun. Wie heißt die Kammerzofe?“ — „Juſtine.“¹ „Und wo finde ich ſie?“ „Mit Sicherheit weiß ich es nicht, aber ich habe eine Vermuthung. Geſtern fand ich das Portefeuille des Chevaliers, er hatte es in ſeinem Zimmer liegen laſſen. In der Hoffnung, in ihm etwas zu finden, was mir einen Schlüſſel zur Löſung des Räthſels bieten könne, durch⸗ blätterte ich u13 eine der letzten Notizen lautete:„Juſtine— Nue Jean Jacqu 3 Wüonſſean 46.9 „Oas g enügt“, ſagte Dorman, indem er die Notiz in ſein Porte⸗ feuille nider erſchrieb. „Du wirſt alſo hingehen?“ „Gewiß.“ „Juſtine iſt jung, ſchön und lebensluſtig.“ „Sehr gut, ich werde ihr Vertrauen raſch gewonnen haben. 44 „Und wenn Du mir die Beweiſe bringſt, wird der Vicomte mein willenloſer Sklave werden.“ nir werden ihn ruiniren.“ „Er hat nichts Beſſeres verdient. Mag der Chevalier dann zuſehen, wie er zurecht kommt, er will mich betrügen, alſo kann er ſich nicht beſchweren, wenn er ſelbſt betrogen wird.“ „Aber um Juſtine betrügen zu können, muß ich über eine Summe verfügen können, die nicht unbedeutend ſein darf“, ſagte der Falſch⸗ münzer.„Dieſe Mädchen machen große Anſprüche, ſie wollen in den erſten Reſtaurauts ſpeiſen— „Ja, ja, ich weiß das. Woher nehmen wir nur Geh⸗ 2) da fällt mir ein, der Marquis hat mir ſeine Kaſſe zur Verfügu geſtellt.“ „Parbleu, dann verfüge über ſie!“ „Würdeſt Du den Muth haben, ihm einen Wechſel zu präſentiren?“ „Weshalb nicht?“ „Es wäre möglich, daß er Dich unfreundlich empfinge.“ „Hm, ich kann auch grob werden.“ „Du wirſt ihm ſagen, wenn er die Summe nicht zahle, läheſt Du Dich genöthigt, Deine Rechnung dem Vicomte zu überreichen.“ „Gut, wenn Du glaubſt, daß dies ihn bewegen wird—“ „Ich glaube es, Pierre, Du mußt nur energiſch auftreten! Bei dieſer Gelegenheit lernſt Du den Marquis kennen, ich fordere von Dir, daß Du Deine Schweſter rächſt.“ „Hat er Dich ſo tief deeihiges⸗ „O, ich haſſe ihn glühend.“ Cora war an einen reus get füllte den Wechſel aus, er lautete auf reit „Tauſend für mich und tauſend für Die dem pa ſchmünzer das Dokument überreichte,„ich erwarte mi t Span⸗ nung das Reſultat Deines Unternehmens. Sei klug und vorſichtig, aber tritt feſt auf Wechſel in ſein Portefeuille. i mir gelingen“, erwiderte er ruhig,„wir wer⸗ „Und wann ſehe 16 d „Heute nicht, ich! 736„; 19 e Geſchäfte, die ich ni kann, und zudem iſt es ja trun Abend. Aber morgen Duruirg— Du mich erwarten, ich hoffe dann ſchon ſo ziemlich unterrich Laß den Vicomte nicht merken, was Du gegen ihn im Schi damit er nicht vorbengen kann, und dem Chevalier vorſichtig, aus einem Verbündeten kann man l ſchaffen.“ * Fr 7 5 7 464&3„ mr„ e⸗ n4 „Ich fürchte, er iſt ſchon mein Feind, er wird die Partei ſeines Vaters ergr ziſan—“ —₰„* 14 „Do hm unter. Mit dieſen Worten reichle Dorman dann ging er hinaus. Er ſchlug den kürzeſten Weg zum Hauſe des Marquis ein, über die Worte ſeiner Schweſter nachſinnend, die ihm ein weites Felr Q 1Qᷣ eröffneten. Wenn er erſt die Beweiſe beſaß. wollte er ganz nach ſeinem Belieben handeln; war die S 9 auf die Galeere bringen konnte, dann ſollte er auch die Jacke des randnatn Sträflings tragen. Der Falſchmünzer empfand eine freudige Genugthuung bei dieſem Gedanken. Er, der ſelbſt das Brandmal des Verbrechers trug, freute ſich mit tückiſcher Bosheit darüber, daß dieſer vornehme, angeſahene Herr in dieſelbe Kategorie mit ihm treten ſollte. Der Portier des Marquis erhob Schwierigkei iten, als Dorman den Wunſch ausſprach, ohne Verzug angemeldet zu werden, er woll ihn unter dem Vorwande abweiſen, der H itze noch an der Tafd aber der Falſchmünzer nahm darauf Rückſicht. uld des Vicomte ſo groß, daß ſie ihn 3 4¹ 8 48 — „Sagen Sie ihm, die nh eine Dniäe, die ihm ſehr nahe ſtehe“, te er in bo Tone,„wenn ich nicht vorgelaſſen. werde, 3 treffen die S 1 Zur deweiſung jene Dame.“. Der Portier entfernte ſich, einige eiun ffe enne Falſchmünzer in ein Kabinet, welches an den Speiß durch eine Portiere mit dieſem in Verbindung fund. Gläſerk lang und fröhliches Lachen ſchallten aus dem Speiſeſaal dem 8 Falſchmünzer entgegen, der; ſich gleich darauf dem? Marauis geger nüber ſah. Dorman überreichte Pim ohne ein Wort zu verlieren, den Wechſel, der Marquis zog die Brauen finſe r zuſammen. „Alſo das war die ſo ſehr dringende Angelegenheit?“ fragte der letztere mit ſcharfer Beto „Wie Sie ſehen“, er Dorman kühl. „Und Sie glauben, daß ich d den Wedan d zhten werde?“ „M ſdanme von Chateaufleur hat mir die Verſicherung gegeben, ich wer 8 Geld ſofor rt erhalten.“ ne wenn ich uun „Ah, Herr Marouis, Sie werden wiſſen, daß Madame nicht wagen dem Vicomte vorzl kann weder Sie 9 1 in's Wort, indem er den F fendem Blick muſterte.„Wer ſind Sie, wenn ie „Dieſe Frage thut nichts zur Sache“, e n, das Haupt trotzig er chebend.„Sie ſehen, daß Madame urcinte Forderung anerkennt.“ 4 „Sehr wohl, aber ich erkenne ſie nicht an.“ „Wie, mein Herr, ſollte eine Dame ſich ſo ſehr in Ihnen getäuſcht haben? Sie ſteht Ihnen nahe— „Das iſt ein heerun „Dieſer Wechſel beweiſt es.“ „Er beweiſt nur, 8 Madame in ihren Forderungen unverſch wird“, ſagte der Marquis unwirſch.„Verzeihen Sie, daß ich dieſ Ausdruck gebrauche, aber ich finde keinen beſſeren. Ich habe bereits bedeutende Summen gezahlt, aber das auuñ enmal ein Ende nehmen, ich fühle mich keineswegs verpflichtet, der Schatzmeiſter dieſer Dame zu bleiben.“ ent —— 1 — den Edelmann, der unwillkürlich zurü — 554— „Alſo werden Sie nicht zahlen?“ „Nein.“ „Dann bleibt mir nichts übrig, als dieſen Wechſel dem Vicomte vorzulegen.“ „Ganz wie Sie wollen.“ „Der Vicomte wird fragen, was ſeine Gattin berechtige, ihre Gläubiger an Sie zu verweiſen, und es kann nicht fehlen, daß er die Wahrheit erfährt.“ „Sehr gut“, ſpottete der Marguis,„er wird vielleicht noch vieles erfahren, was ihm unangenehm iſt.“ „Mag ſein, aber ein Mann von Ehre ſchützt die Dame, die ihm nahe geſtanden hat“, bemerkte Dorman, deſſen funkelnder Blick drohend auf den Edelmann gerichtet war. Der Marquis richtete ſich hoch auf, ein Zug der Verachtung um⸗ zue dt⸗ ſeine Lippen. Sie werden unverſchämt, mein Herr“, ſagte er,„Sie ſcheinen ganz zu vergeſſen, daß Sie ſich in meinem Hauſe befinden. Haben Sie eine Forderung an mich, oder an Madame von Chateaufleur? Und was berechtigt Sie, ſich zum Anwalt dieſer Dame aufzuwerfen? Ich wiederhole Ihnen, daß ich dieſen Wechſel nicht honoriren werde, und Si ögen der Dame ſagen, da 7 aupt keinen Wechſel ½ — — — — 5 83 —₰ — 8 — 1 einlöſen würde.“ „Dann werden Sie ſich auf eine ſehr ung ngenehme Begegnung mit dem Vicomte gefaßt machen müſſen.“ „Hab en Sie mich noch immer nicht verſtanden?“ 7 Ich kann eben nicht glauben, daß ein Edelmann ſeine eigene Ehre tief in den Staub treten könne—“ Mein Herr, dieſer Vorwurf fällt auf Sie zurück, Sie haben nicht 3 zu richten über die Gründe, die mich bewegen, ein unverſchämtes Verlangen zurückzuweiſen.— Parbleu, mein Herr, ich glaube jetzt Sie au erkennen! Sind Sie nicht der Bruder Cora's?“ Dormian zuckte kaum merklich zuſammen, eine fahle Bläſſe überzog eine Wangen. „Bei Gott, Sie ſind es!“ rief der Marquis betro öffen.„He, mein derr wer hat Ihnen erlaubt, die Galeere zu verlaſſen? Es iſt u. kein Dekret erſchienen, welches die Fälſcher begne undigt hät Ein flammender Blitz traf aus ledon Augen des Falſchm nüngers ckwich und einen kof ſtbaren Dolch älſch und Mörder — 555— ergriff, welcher neben anderen ſeltenen Waffen eine Wand des Kabi⸗ nets ſchmückte. „Haben Sie ſo große Furcht vor mir?“ fragte Dorman höhniſch. „Ich bin nicht der, für den Sie mich halten, mein Herr, und wenn ich wirklich ein entlaſſener Galeerenſträfling wäre, ſo hätten Sie den⸗ noch von mir nichts zu befürchten. Ich komme nicht in der Abſicht zu Ihnen, eine Summe von Ihnen zu erpreſſen, ich fordere nur die Zahlung für dieſen Wechſel, deſſen Richtigkeit Sie nicht leugnen können.“ „Deſſen Richtigkeit zweifelhaft wird, ſobald ein der Fälſchung über⸗ führter Verbrecher ihn beſitzt“, erwiderte der Marquis, der ſeine Faſſung nicht verlor. „Iſt es Ihre Abſicht, mich zu beleidigen?“ fuhr Dorman auf, während eine helle Stimme im Speiſeſaale die Marſeillaiſe anſtimmte. „Denken Sie über mich, wie Sie wollen, aber hüten Sie Ihre Zunge, Herr Marauis, ich bin nicht der Mann, der ſich ungeſtraft beleidigen läßt.“ „Hinaus!“ rief der Marquis, auf die Thüre zeigend.„Schon zu lange habe ich Ihre Unverſchämtheiten angehört, jetzt hat meine Geduld ein Ende.“ Der Falſchmünzer blieb in troziger, herausfordernder Haltung vor ſeinem Gegner ſtehen. „Ich frage Sie noch einmal, wollen Sie den Betrag zahlen?“ ſagte er mit vor Wuth bebender Stimme. „Nein.“. „Dann erwarten Sie, was weiter geſchieht.“ 1 „Von einem Manne, wie Sie, darf ich freilich Alles erwarten, aber Sie werden mich gewappnet finden. Jetzt erſuche ich Sie zum letzten Male, mich zu verlaſſen, thun Sie es nicht, ſo ſetzen Sie ſich der Gefahr aus, durch meine Diener hinausgeworfen zu werden.“ Ein höhniſches Lächeln war die Antwort Dorman's auf dieſe Drohung, aber er fand es doch rathſam, der Aufforderung Folge zu leiſten. Er knirſchte vor Wuth, als er das Haus verließ. Nicht er, auch ſeine Schweſter war tödtlich beleidigt worden, ſie mußten Beide für dieſe Beleidigung Genugthuung haben. Der Marquis konnte die Zahlung verweigern, aber er hatte es in empörender Weiſe gethan, und er ſollte dafür büßen. neben ärgerte es ihn auch, daß ſeine Schweſter ihn dieſer Demüthi⸗ gung ausgeſetzt hatte. ß 3 ———— — —— 4 51 daß Dar. es ihn, daß der Marc erinner n, dieſem Derrn war, ernſte Wenn er ; Nr2 55 großen Paris ver nochmaligen Begegnung Der Rache galt ſ H 16 ſinden würde, ſo lange er kein Genugthuung für die ihm yr Pder 6, 3chaung für die ihm te Schmach erhalten hatte. Schaufenſt tert goß, herrſchte goß, he c 1 Di b Ot ‿ 1 Vergnügungs ind l chie t und lachte in Mabille ſpeiſt ich der N. ſpeiſte nich der Maiſon Doree 1915 Iſffan Hr,. und Alles hatte ein Irnicg trautdi Piges Paris war ni Paris war ni nicht n C 4252 4 ar immt, ſettdem der Te de Koßnene den edi r Tabaret 5, . r 3 einer mit Branntwein gefüllten Fla Glas ſcheus zurück. Madame Leroi ſah ihn erſtaunt an und lächelte boshaf nche „Sind wir ſo vorne gekehrt ſind d“ fragte ſie vorſetzt, laſſe ich auch es Höllengebrüu ornar 55,15 geworden, ſeitdem eſe 5 ſtehen abe. Eüe 1 1 ſehen, aber ſo ange nichts Anderes hab', begnüge ich mich mit dem 3 9 9 ch Mit dem, kann.“ „Meinelwegen“, ſagte Dorman trohbiig,„Jeder nach ſeinem Ge⸗ ſchmack! Aber an einem ſolchen Orte würde mir auch der beſte Cham⸗ pagner nicht munden.“ „Bah, geht nur einmal in's Gaſtzimmer, Ihr trefft da alte Freunde und gute Bekannte.“ „Ich mag mit ihnen nichts zu ſchaffen haben.“ „Weil Ihr ſie fürchtet. Aber es nutzt Euch nichts, wenn ſie Euch fehen, machen ſie die alte Freundſchaft wieder geltend, und dann müßt Ihr mit den Wölfen heulen.“ „Wenn ich will!“ fuhr Dorman zornig auf.„Das hängt von mir ab, Madame, ich möchte Niemanden rathen, mir in den Weg zu treten.“ In ſeinen Augen blitzte die Gluth des Zornes jäh auf, und er ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, daß die Wahrſagerin erſchreckt zuſammenſuhr. „Und nun kein Wort mehr davon“, fuhr er fort,„erinnert mich nicht mehr an den Ort, an dem ich geweſen bin, oder bei allen Teufeln, ich drehe Euch das Genick um.“ „Weshalb ſeid Ihr nur gleich ſo wild?“ fragte das Weib mit einem ängſtlichen Blick auf den Falſchmünzer, der vor Erregung zitterte. „Hat Pierre Bandau Euch nicht ſo empfangen, wie Ihr es von ihm erwartetet?“ „Pierre Bandau iſt ein alter Narr“, erwiderte Dorman, deſſen finſteres Geſicht ſich allmählich aufheiterte.„Ihn in eine Falle zu locken, iſt Kinderſpiel.“ „Er iſt hineingegangen?“ „Natürlich.“ „Ah, ich dachte es mir, ſeine Habſucht iſt der böſe Dämon, der ihn zu allem Schlechten verführt.“ Dorman lachte heiſer. „Weshalb hätte er ſich auch beſinnen ſollen?“ erwiderte er.„Ich zeigte ihm einen echten Tauſend⸗Francs⸗Schein und ſagte ihm, das Billet ſei falſch, der alte Eſel ſtierte ſich faſt die Augen aus dem Kopf, um irgend ein Merkzeichen der Fälſchung zu entdecken, was ihm natürlich nicht gelang.“ „Und nun?“ „Ich glaube, wir ſind in Ordnung.“ „Ihr werdet zu ihm ziehen?“ — ————— — * — 4 „Ueberltorgen.“ „Dann habt Ihr freie Hand.“ Dorman nickte und fuhr mit der Hand durch ſeine Haare. „Er iſt ärmlich eingerichtet“, ſagte er,„außer ſei er keine Koſtbarkeiten beſitzen.“ „Das glaube ich auch nicht.“ 1(oldo mer m Gelde wird bezweifle ich, daß er ſein ganze Geld ke aufbewahrt. Dieſe habſüch htigen Geizhälſe haben in ihrem Hauſe ein Heheinies Verſteck, worin ſie einen Theil ihrer Schätze aufbewahren.“ ⸗ „Ihr werdet diefe geheimen Verſtecke erforſchen.“ 1 „So lange das nicht ge 2 ſchehen iſt, unternehme ich nichts.“ „Hm, zu lange dürft Ihr auch nicht warten“, ſagte Mada me die inzwiſchen ihr Glas ausgeſchlürft hatte,„er könnte Verdacht da inn wäre Alles verloren.“ das ſei meine Sorge“, ſpottete Dorman.„Er wird ohne dies mic drängen, mit der Arbeit zu beginnen, er wird täglich einige tauſend Banknoten von mir fordern, und ich glaube, ſeinem ſcharfen Auge würden die Kennzeichen der Fälſchung nicht entgehen.“ „Gewiß nicht, ihm dürft Ihr Euer Fabrikat nicht zeigen, er würde Euch einen Pfuſcher ſchelten und Euch die Thüre zeigen.“ „Je nun, einige Wochen könnte ich auf die Vorarbeiten verwenden“, fuhr der Falſchmünzer fort,„inzwiſchen werde ich die Augen ſchon offen halten. Und wenn ich weiß, was ich zu wiſſen wünſche, dann zögere ich nicht länger. Mit einem einzigen geſchickten Griff iſt das abgemacht, einem ſolchen dürren Kerl die Gurgel zuzuhalten, iſt kein ſchweres Stück Arbeit.“ „Wenn Ihr es nur verſteht, ſein Mißtrauen fern zu halten⸗ ſagte das Weib bedenklich. „Hm, davor bangt mir nicht, aber er hat von ſeiner Tochter ge⸗ ſprochen, auf die er Rückſicht nehmen müffe, und Ihr ſagtet mir doch, er wohne allein in dem Hauſe.“ Madame Leroi blickte befremdet auf. „Seine Tochter?“ ſragte ſie.„Sie hat ihn verlaſſen, und ich glaube nicht, daß ſie je zu ihm zurückkehren wird.“ „Ihr ſeid ſchlecht unterrichtet, keinedehtar lſnete mirdie anebhlre e.1 „Wie? Sollte das Mädchen ihren Groll wirklich überwunden haben und— aber das kann ich nich ht g lauben.“ 550— G. „Parbleu, daun laßt es bleiben!“ höhnte der Falſchmünzer.„Ich ſage Euch, ich habe ſeine Tochter in dem Hauſe geſehen, und ſie ſcheint mir ein kluges und energiſches Fraue nzimmer zu ſein?“ „Auch ein ſchönes Frauenzimm ner, nicht wahr?“ ,59 genau habe ii ſie nicht benech et.“ Hm, es kann Euch nicht ſchwer fallen, die Gunſt einer ſolchen Gans zu erobern.“ „Ver Vſh mich damit“, fiel der Falſchmünzer ihr in's Wort, „mir können die Frauenzimmer nicht gefährlich werden.“ „Aber Ihr ihnen.“ „Auch ch das nicht, ich halte mich ihnen fern.“ „Aber wenn es ſich darum handelte, ein Mädchen zu verderben?“ „So würde ich Euch nicht rathen, mich als Werkzeug benutzen zu wollen, ich mag von keinem Mädchen etwas wiſſen.“ Madame Leroi wiegte nachdenklich das Haupt, wie wenn ſie ſagen wolle, er ſei der erſte Mann, der ihr eine ſolche Antwort gebe und ſie glaube nicht an die Aufrichtigkeit derſelben. „Sie iſt wieder bei ihm“, murmelte ſie,—„ſeltſam, es muß eine beſondere Bewandtniß haben. Aber was kümmert es mich? Sie wird ihrem Schickſal doch nicht entrinnen.“ „Was träumt Ihr da für Euch hin?“ fragte Dorman, aus ſeinem Brüten auffahrend.„Sprecht laut, damit man's verſtehen kann, ich bin kein Freund von vielem Rathen.“ „Nichts, nichts“, ſagte das Weib.„Es muß Euch doch etwas Unangenehmes begegnet ſein.“ „Ja, das iſt es.“ „Darf man's wiſſen?“ „Kennt Ihr den Marquis von Chateaurouge?“ „Freilich, er iſt ein ſehr vornehmer und ſtolzer Herr!“ „Daß ihn der Teufel hole!“ knirſchte der Falſchmünzer.„Wenn ich dieſen Burſchen erwürgen könnte, würde es mir eine Wolluſt ſein.“ Aus den Augen des Weibes zuckte ein tückiſcher Blitz. „Was hat er Euch gethan?“ fragte ſie. „Er hat mich tödtlich beleidigt.“ „Das iſt ſo ſeine Art, er beleidigt Jeden, der mit ihm in Be⸗ rührung kommt. Aber was führte Euch zu ihm?“ „Eine Angelegenheit, die Euch nichts angeht.“ „Na, na, ſeid nicht gleich ſo kurz angebunden“, ſagte Madame — ͤſͤſͤſͤſſſſ— ———— — —— — 560— Leroi ärgerlich.„Ihr müßt wiſſen, daß ich Eure beſte Freundin bin. Ich habe die geſtohlenen Schmuckſachen für Euch verkauft; ich habe Euch auf den Wucherer aufmerkſam gemacht—“ „Alles gut, aber deshalb bin ich noch nicht verpflichtet, Euch in alle meine Geheimniſſe einzuweihen. Es muß Euch genügen, wenn ich Euch ſage, daß ein Geſchäft mich in das Haus des Marquis führte und daß dieſer hochmüthige Burſche mich tödtlich lrinee unt Ihr mir ein Mittel angeben, durch welches ich mich für d Beleidigung rächen kann, ſo werde ich Euch dankbar dafür ſein.“ „Das iſt eine Sache, mit der ich mich nicht gerne befaſſen mag“, erwiderte das Weib.„Uebrigens begegnet Ihr dem Marquis überall, und wenn Ihr Eurer Hand ſicher ſeid, ſo iſt es mit einem raſchen Stoß abgemacht. Nachher könnt Ihr ja ſagen, es ſei ein Hochver⸗ räther oder ein preußiſcher Spion geweſen, dann wird man Euch wegen der That loben.“ „Man ſagt, Madame von Chateaufleur ſtehe dem Marquis ſehr nahe“, verſetzte Dorman mit einem lauernden Blick auf die Alte. „Das iſt früher allerdings der Fall geweſen, aber jetzt nicht mehr.“ „Und wer trägt die Schuld an dem Zerwürfniß?" „Der Marquis, er liebt eine Andere.“ „Wer iſt dieſe Andere?“ „Eine Deutſche, die früher als Gouvernante im Hauſe des Vi⸗ comte von Chateaufleur wohnte. Das Volk verhaftete ſie und brachte ſie nach St. Lazare, ſie iſt auf räthſelhafte Weiſe aus dem Gefängniß befreit worden und man behauptet, der Marquis halte ſie in ſeinem Hauſe verſteckt.“ „So, ſo— da wäre vielleicht ein Haken, an dem man den Burſchen faſſen könnte! Iſt Ihnen vielleicht auch eine Kammerzofe der Frau von Chateaufleur bekannt?„ „Juſtine?“ „Ja, ſo heißt ſie.“ „Gewiß.“ „Wohnt ſie wirklich in der Rue Jean Jacques Rouſſeau 467“ Madame Leroi horchte auf. „Wenn man Euch geſagt hat, daß ſie dort wohne, wird's wohl die Wahrheit ſein“, antwortete ſie.„Was wollt Ihr von ihr?“⸗ „Nichts, ich kannte ſie früher ſchon.“ Kö ohl — 561— „Und ſoeben ſagtet Ihr, mit den Frauenzimmern wolltet Ihr nichts zu ſchaffen haben.“ Der Falſchmünzer erhob ſich. „Ich ſagte auch, daß ich nicht geneigt ſei, meine Geheimniſſe Preis zu geben“, entgegnete er gelaſſen.„Im Uebrigen bleibt es bei unſerer Abſprache, wenn ich das Geſchäft mit Pierre Bandau geordnet habe, erhaltet Ihr den verſprochenen Lohn, und wenn Ihr mir den Marquis an's Meſſer liefert, ſoll's mir auch auf eine kleine Sunune nicht ankommen. Werdet nicht ungeduldig, wenn Ihr in den nächſten Wochen nichts von mir hört; bin ich einmal im Hauſe des Wucherers, ſo werde ich ſelten ausgehen, vielmehr meine ganze Aufmerkſamkeit darauf richten, alle Winkel dieſes Hauſes zu durchforſchen.“ „Ich werde mich gedulden“, ſagte Madame Leroi, und ihr ſtechen⸗ der Blick folgte dem Verbrecher, der langſam hinausging. Dorman wollte an der halbgeöffneten Thüre der Gaſtſtube eben eiſchreiten, als ein kleiner, unterſetzter Mann mit einem ſtruppigen et und einem echten Gaunergeſicht ihm in den Weg trat. „Hol' mich de Teufel“, rief der Kleine,„das kann kein Irrthum ſein,„Du biſt Dorman, alter College, ich heiße Dich willkommen! He — Jean, Paul, Auguſte— kommt einmal heraus, hier iſt ein alter Bekannter.“ Dorman hatte die Brauen zuſammengezogen, ein Fluch entfuhr ſeinen Lippen, er wollte den Kleinen beiſeite ſtoßen, um ſeinen Weg fortſetzen zu können, aber es war ſchon zu ſpät, ein Schwarm von Vagabunden ſtürmte aus der Gaſtſtube und umringte ihn. Eswaren alles bekannte Geſichter, gebrandmarkte Sträflinge wie er, mit welchem Recht hätte er ſich von der Gemeinſchaft mit ihnen losſagen können? Wenn er gewagt hätte, es zu thun, ſo forderte er ihren Haß heraus und von dieſem Haß durfte er das Schlimmſte erwarten. Sie ſchüttelten ihm die Hände und richteten unzählige Fragen an ihn, die er nicht alle beantworten konnte, ſie führten ihn gewalt⸗ ſam in das Schenkzimmer, und hier ſammelten ſich neue Bekannte um ihn, die ihn willkommen hießen. „Gottes Tod, es iſt ſchön von Dir, daß Du gekommen biſt“, nahm der Kleine das Wort,„ich ſagte Dir ja damals, als ich ent⸗ laſſen wurde, beim Vater Tabaret würden wir uns wiederſehen.“ „Aber ich bin nicht entlaſſen“, erwiderte Dorman unwirſch,„ich habe mich in der Nacht aus dem Staube gemacht—“ R. 36 —— —— ——— „Deſto beſſer!“ rief eine heifere Stimme.„Hier ſoll Dir nichts geſchehen, Alle für Einen und Einer für Alle iſt unſere Loſung, wir laſſen keinen aus unſerer Mitte verhaften.“ „Vorausgeſetzt, daß er treu zu uns hält“, ſagte ein Anderer. „Gottes Tod, muß er das nicht?“ rief der Kleine, während Vater Tabaret eine Flaſche Branntwein brachte. „Und wenn ich es nicht wollte?“ fragte Dorman trotzig.„Bin ich denn für mein ganzes Leben zur Gemeinſchaft mit Euch verdammt? Parbleu, wenn ich mich von Euch losſage, ſo will ich den ſehen, der mich zwingen kann, an dieſer Gemeinſchaft feſtzuhalten.“ Ein rohes, ſchallendes Gelächter war die Antwort der Vagabr unden, der Kleine aber blickte mit offenem Munde ſtarr den Falſchmünzer an. „Na, höre, das ſind kindiſche Redensarten“, ſagte er,„dabei kommſt Du bei uns nicht durch. Du biſt gezeichnet, wie wir, Du haſt die⸗ ſelbe Jacke und dieſelben Ketten getragen, die wir trugen, und wenn man's Dir am Ende auch nicht an der Naſe anſieht, daß Du auf der Galeere warſt, ſo bleibſt Du doch einer der Unſrigen.“ „Und wenn Du zu ſtolz biſt, das anzuerkennen, dann werden wir Dir's auf anderm Wege begreiflich machen“, rief die heiſere Stimme. „Wer nicht mit uns iſt, der iſt gegen uns, und mit ſolchen Burſchen machen wir kurzen Prozeß.“ „Gottes Tod, es war ja nichts weiter, als ein ſchlechter Scherz“, lachte der Kleine, ohne den flammenden Blick Dorman's zu beachten. „Was ſoll das Gezänke? Dorman ſoll unſer Anführer werden, er hat Muth, er weiß ſich in allen Kreiſen zu benehmen. He, was ſagt Ihr dazu?“ „Hören wir zuerſt, was er ſagt“, bemerkte die heiſere Stinume. „Es fragt ſich ja noch ſehr, ob er will.“ „Ich weiß nicht, wovon die Rede iſt“, ſagte Dorman, der mehr und mehr einſah, daß er gute Miene zum böſen Spiel machen mußte, wenn er nicht Freiheit und Leben gefährden wollte. „Na, die Geſellſchaft hat uns ausgeſtoßen, deshalb wollen wir die Geſe zeſthaft ausſtoßen“, erwiderte der Kleine.„Sie will uns keine Frbeit geben ſo ſoll ſie uns die Mittel geben, daß wir leben können Das iſt die Grundidee unſeres Bundes. Nun höre. In Paris ſtehen viele Wohnungen leer, nicht allein von den Deutſchen, die ausgewieſen wurden, ſondern auch von vielen reichen Franzoſen, die ſich geflüchtet haben.“ die — 563— 8. 2** „Und dieſe Wohnungen wollen wir gründlich revidiren“, warf die ere Stimme ein. „Wir haben eine Li hei ſte von allen“, fuhr der Kleine fort,„wir haben falſche Schlüſſel und andere vorzügliche Inſtrumente, man n. Finden wir auch kein kann uns kein Hinderniß in den Weg lege Geld, ſo finden wir doch Schmuckſachen und Silbergeſchirr, und wir kennen Leute genug, die Alles aufkaufen, was Werth hat.“ „Und wenn Ihr ertappt werdet, hängt man Euch an die Laterne“, ſagte Dorman mit ſchneidendem Hohn. „Ah bah, Polizei gib zs nicht mehr, und die Nationalgarde ver⸗ Uebrigens haben wir Alle Uniformen und greift ſich an uns nicht. Waffen der Nationalgarde, und wenn Du willſt, ſollſt Du unſer Ofſizier und Führer ſein.“ „Was wir erbeuten, wir „ehrlich und redlich. Und wenn wir mit den l find, dann beſuchen wir die Kapitaliſten, die Arbeiter genährt haben.“ Der Gedanke an den Marquis durch des Falſchmünzers. Hier bot ſich ihm ein Weg, auf dem er ſeinen Rachedurſt befrie⸗ digen konnte, wenn dieſe Vagabunden zu ihm hielten, wenn er ſich ihr Vertrauen erwarb, dann konnte ar ſie führen, wohin es ihm beliebte. „Zeige mir die Liſte“, ſagte er. Der Kleine griff in die Taſche und überreichte ihm ein ſchmutziges Schriftſtück, welches Dorman mit großer Aufmerkſamkeit prüfte. „Viel wird da nicht zu holen ſein“, verſetzte er,„die Flüchtlinge Haben jedenfalls ihre werthvollſte Habe mitgenommen.“ 4 „Gottes Tod, die Wenigſten hatten Zeit, daran zu denken.“ „Jenun, man kann's ja verſuchen, mit großen Gefahren iſt es keinesfalls verbunden.“ „Du willſt alſo das Amt annehmen?“¹ „Wenn Ihr mir Treue und Gehorſam gelobt— ja.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt. Wer nicht gehorcht oder ſich zu ſtumm, das ſchwöre d getheilt“, ſagte die heiſere Stimme, eeren Wohnungen fertig ſich vom Schweiße der zuckte blitzſchnell die Seele einem Verrath verleiten läßt, den machen wir ſ ich Dir.“ „Gut, wann ſoll das Werk beginnen?“ „Morgen Abend.“ „Und wo verſammeln wir uns?“ 3 — 564— „Bier.“ 2. „Wohlann, ſagte Dorman das Haupt emporrichtend und mit einem ſcharfen Blick die Anweſenden muſternd,„hier iſt meine Hand, ich gelobe Euch Treue, wer ſich unter meinen Befehl fügen will, der bekräftige es mit einem Handſchlag.“ Sie drängten ſich Alle hinzn, um ſeine Hand zu drücken, und Jeder, der kam, mußte ſeinen Namen nennen, den Dorman in ſein Portefeuille ſchrieb. eu morgen Abend um neun Uhr“, ſagte er,„man wird dafür ſorgen, daß ich hier eine Uniform für mich finde.“ „Unbeſorgt, ſie iſt ſchon da“, warf der Kleine ein. „Gut, wir werden alſo in den erſten Nächten die Liſte durch⸗ nehmen und in die Häuſer eindringen unter dem Vorwande, daß ein Shaa ſich in ihnen verſteckt halte. Die Treppen und Ausgänge erden beſetzt, Niemand, wer es auch ſei, darf hineingelaſſen werden, n Hausſuchung muß einen ſtreng militäriſchen Anſtrich haben. Die Uebrigen durchſuchen die Zimmer und öffnen die Schränke, nur werth⸗ volle Gegenſtände, Silberſche Schmuckſachen und Werthpapiere dürfen mitgenommen werden, die Vater Tabaret bis zur Vertheilung aufbewahrt.“ „Sehr gut!“ ſagte die heiſere Stimme. „Wenn die letzte Wohnung durchſucht iſt, führe ich Euch in das Haus eines Edelmannes, der eine deutſche Spionin beherbergt“, nahm Dorman wieder das Wort.„Wir werden dort eine reiche Beute ſinden, ſo viel, daß wir Alle, wenn wir dies wollten, von unſerer Rente leben können.“ „Seht Ihr wohl, daß ich Recht hatte?“ triumphirte der Kleine. „Einen beſſeren Auüflihrer konnten wir nicht finden!“ „Wir müſſen dieſen Edelmann füfiliren“, fuhr d der Falſchmünzer fort,„wenn wir uns mit ſeiner Verhaftung begnügen, wird ſein Palais beſetzt, und die Regierung confiscirt ſein Vermögen, dann haben wir das leere Nachſehen.“ „Nieder mit der Regierung!“ rief die heiſere Stimme.„Wir wollen die Commune!“ „Still!“ befahl der Kleine.„Mir iſt es gleichgültig, wer an der Spitze ſteht, wenn man uns nur in Ruhe läßt. Dorman, Du haſt das Rechte getroffen, der Kerl muß füſilirt werden. Ah, es wird noch Mancher füſilirt werden, man ſoll uns nur Recht ſprechen laſſen, dieſe Bourgeois müſſen vom Erdboden verſchwinden.“ Zeute ſerer eine. inzer ſein dann — 565— Der Falſchmünzer hatte ſich erhoben, den Branntwein, den man ihm anbot, berührte er nicht. „Es bleibt alſo. dabei“, ſagte er,„morgen Abend um neun Uhr beginnen wir.“ „Und wer nicht pünktlich zur Stelle iſt, erhält nichts von der Beute“, fügte der Kleine hinzu. „Im Uebrigen bitte ich mir aus, daß Niemand von Euch mich grüßt oder gar mich anredet, wenn er mir auf den Boulevards begegnen ſollte. Ich ſage das nicht aus Stolz, ſondern unſerer Aller Sicherheit wegen. ZDeigt, daß Ihr gehorchen könnt, ſollte ich eines Abends nicht erſcheinen, ſo bin ich verhaftet, in dieſem Falle verlaſſe ich mich auf Euch.“ Der Falſchmünzer reichte nach dieſen Worten dem Kleinen die Hand und nickte den Anderen zu, denen ſein ſicheres, feſtes Auftreten rimponirte, dann ſchritt er in die Nacht hinaus, und aus weiter Ferne rollte der Geſchützdonner der Forts dumpf herüber, die unglückliche Stadt unabläſſig au die Schreckniſſe der Belagerung mahnend. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Erſtürmung des Stadthauſes. Immer drohender zogen die unheilſchwangeren Wolken ſich über der unglücklichen Stadt zuſammen, aber die verblendeten Pariſer, deren Fanatismus an Wahnſinn grenzte, wollten ſie nicht ſehen. Sie ſchimpften auf die Regierung und den General Trochu, ſie verlangten Maſſenausfälle und ſchleunige Vernichtung des Feindes, die größeren Vorpoſtengefechte genügten ihnen nicht. Und die offiziellen Rapporte ſprachen immer von dem unvergleich⸗ lichen Muth der pariſer Soldaten, von enormen Verluſten des Fein⸗ des, von Sieg und wieder Sieg, aber es war durchaus nichts zu entdecken, was dieſe Siegesbulletins beſtätigte. Und wenn das Publikum ungeduldig wurde und nähere Aufſchlüſſe verlangte, dann hieß es:„Ja, wenn wir nur einige Batterieen mehr gehabt hätten, oder wenn wir zwei Stunden früher aufgebrochen wären, oder wenn wir ſtärker als zehntauſend Mann geweſen wären!“ Und das Publikum fragte mit Recht:„Weshalb hattet Ihr die 1— 566— Batterieen nicht? Weshalb bracht Ihr nicht früher auf? Weshalb habt Ihr nicht mehr Truppen in's Gefecht geführt?“ Am 10. October ſchlug General von der Tann einen Theil der Loirearmee, die zum Entſatze von Paris anrückte, am 11. wurde die Stadt Orleans erſtürmt. Am 13. October ſchoſſen die franzöſiſchen Batterieen das ſchöne Schloß St. Cloud in Brand, während glei chzeitig zehn Bataillone inen Ausfall machten, der von den Baiern zurückgewieſen wurde. Am 16. October capitulirte Soiſſons, am 18. erſtürmte die 24 preußiſche Diviſion Chateaudun. Alle dieſe Verluſte wurden den Pariſern als eben ſo viele Siege mitgetheilt die Regierung in Tours, an deren Spitze Gambetta ſic befand, ſchickte eine Siegesnachricht ach der anderen durch Brieftauben in die belagerte Stadt. Man ſprach auf den Boulevards davon, daß die Sache Frank⸗ reichs niemals beſſer geſtanden habe und man mit Sicherheit auf die Vernichtung der Deutſchen rechnen könne. Man wußte, daß aus dem Süden die Loire⸗Armee, vortrefflich bewaffnet, mit Geſchützen und Munition reichlich verſehen, in Eil⸗ märſchen anrückte, und daß oben im Norden ebenfalls eine ſtarke Armee ſich bildete, die den Belagerern in den Rücken fallen ſollte. Man ſetzte außerdem ſeine Hoffnung auf den Marſchall Bazaine, der die F Se ſtung Metz noch immer behauptete, und Metz war ja„der Schlüſſel der Situation“, wie einige Generale behaupteten. Wenn Bazaine den ihn unſſchließenden eiſernen Ring durchbrach und mit ſeiner Armee, den beſten Truppen Frankreichs, über die Preußen herfiel, dann mußte der Sieg ſich wieder an die franzöſiſchen Fahnen 4 12 eine he ften. Ja, ſelbſt wenn es ihm nicht gelang, Paris zu befreien, wenn er nur die Vogeſen beſetzte, dem Feinde alle Zufuhren abſchnitt, V ſo konnten die Pariſer ſich auf dieſe verhaßten Preußen werfen und ſie in die Arme Bazaine's treiben. Kein Einziger ſollte lebend den franzöſiſchen Boden verlaſſen, lautete die Phraſe. Man hatte ja eines Tages in einem Gebüſche verſteckt einen 1 Luftballon gefunden, deſſen Gondel mit Briefen der Metzer Garniſon angefüllt war. In allen dieſen Briefen drückte ſich das Vertrauen auf den Sieg un nd — 567— aus, man hatte Lebensmittel genug in Metz und die Stimmung der Truppen waren unvergleichlich. Die engliſchen und belgiſchen Journale berichteten von täglichen fällen, bei denen die Preußen jedesmal enorme Verluſte erlitten. Wenn das ſo fortging, mußte Bazaine bald mit ihnen fertig ſein, und es war ja möglich, daß er ſich ſchon auf dem Marſche nach Paris befand. Mit dieſen vagen Hoffnungen tröſtete und ermuthigte man ſich, und ſo ſehr das Elend in der belagerten Stadt auch wachſen mochte, Niemand wagte, von der Nothwendigkeit der Kapitulation zu reden. Die Nationalgarden von Belleville, Montmartre, Menilmontant und Clignancourt organiſirten inzwiſchen im Stillen den Aufſtand, unter allen Umſtänden ſollte die Regierung geſtürzt werden und die Commune an ihre Stelle treten. Von der letzteren, einer aus rothen Republikanern gewählten Regierung, erwartete man ein energiſches Vorgehen. In der Nacht vom 19. zum 20. October machten die Pariſer unter heftigem Geſchützfeuer aus den Forts wieder einen Ausfall in der Gegend von Chevilly, am 21. October Mittags folgte ein größerer Ausfall vom Mont Valerien aus gegen Malmaiſon. Alle dieſe Ausfälle hatten keinen weiteren Erfolg, als daß die Pariſer mehrere Geſchütze und viele Leute zurücklaſſen mußten, und daß die Lazarethe in Paris ſich mit Verwundeten füllten. Am 24. kapitulirte Schlettſtadt, und überall in den Provinzen drangen die Deutſchen von Sieg zu Sieg vor, während die franzöſiſche Regierung immer neue Niederlagen der feindlichen Armeen berichtete. Am 28. October machten die Pariſer einen Ausfall gegen Le Bourget. Sie vertrieben hier die Vorpoſten und beſetzten den Ort mit ſehr ſtarken Kräften. Natürlich wurde dieſer kleine Erfolg als großer Sieg ausgebeutet. Auf den Boulevards berieth man ſich eifrig darüber, ob man jetzt die Deutſchen umzingeln und insgeſammt niedermetzeln ſolle, oder ob man ſich damit begnüden ſolle, ſie in die Flucht zu ſchlagen. Es hieß, die Loire⸗Armee ſei in der Nähe und führe unüberſoh⸗ bare Viehheerden mit ſich, um die Pariſer mit friſchem Fleiſch zu verſehen; man hatte ja durch die Erſtürmung Le Bourget's die Reihen der Belagerer durchbrochen, ein großer, gewaltiger Stoß mußte nun die ganze feindliche Armee über den Haufen werfen. — 568— Das war ein unbeſchreiblicher Jubel in allen Straßen, auf allen Plätzen, jetzt hatte die Noth ein Ende, Fraukreich war gerettet, die Heere der Republik marſchirten nach Berlin und dictirten dort dem verhaßten Feinde einen ſchimpflichen Frieden. Aber wenn man die Kehrſeite dieſer a Anſche inend glänzenden Me⸗ daille betrachtete, dann mußte man ſich mit Abſcheu und Entrüſtung von dieſer frivolen Nation abwenden, die richt den Muth hatte, die Schläge des Schickſals mit Würde zu ertragen, die Urſache ihres tiefen Sturzes zu erforſchen und der Zukunft ernſt in's drohende Auge zu ſchauen. Berauſcht von dem glücklichen Ausfalle eines unbedeutenden Dob. poſtengefechts, auf handatalich Lügen vertrauend und mit kindiſ Schwäche an die thörichten Hoffnungen ſich klammernd, beſchwor dun Nation den völligen Nuin über ſich herauf; ſie hatte keine Augen für das Elend und die Noth der Armen, unter denen Hunger und Elend wütheten, kein Verſtändniß für die unansbleiblichen Folgen dieſes Leichtſinns, der täglich Hunderte in den Tod trieb und mit jedem Tage das Unglück Frankreichs vermehrte. Die Pariſer blieben nicht lange im Beſitz von Le Bourget. Am 30. October griff die zweite preußiſche Garde⸗Infanterie⸗ Diviſion an und warf nach einem blutigen und glänzenden Gefecht den Feind aus der inzwiſchen ſtark befeſtigten und verbarrikadirten Poſition. Und an demſelben Tage las man im„Combat“, dem Journal Felix Pyat's, einen Artikel, der die Ueberſchrift:„Verrath des Mar⸗ challs Bazaine“ trug und die Kapitulation von ni berichtete. Ein Schrei der Wuth durchhallte die Boulevards Woher hatte dieſes Journal die verhängnißvolle Nachricht? Man lief zum Miniſterium, die Negierung erklärte, ſie habe keine Nachrichten von Bazaine. Ein lärmender Volkshaufe vii ſich zum Bureau des Journals, um dort Alles entzwei zu ſchlage Felix Pyat war nicht zu Hauſe, ſein Vertreter erklärte, er habe die Nachricht von Flourens. Flourens berief ſich auf Rochefort, der von nichts wiſſen wollte, und obgleich man keine Bürgſchaft für die Wahrheit der Hiobspoſt erhalten konnte, glaubte man dennoch an ſie. Man ſagte ſich, daß dieſe Nachricht aus der Luft gegriffen ſein b 5 d en — 569— könne, man erinnerte ſich der Vergangenheit Bazaine’s und der Ge⸗ rüchte, die ſchon vor Wochen des beabſichtigten Verraths ihn beſchul⸗ digten, und man äußerte ohne Hehl, es müſſe wahr ſein, Bazaine habe e Armee und die Feſtung den Preußen verkauft. Dazu kam noch die Nachricht von der Niederlage bei Le Bourget, der Anblick der vielen Verwundeten, welche von draußen hereinge⸗ vracht wurden. Es war zu viel auf einmal, dem Freudentaumel folgte die Ver⸗ zweiflung. Auf den Boulevards verlangte man den Frieden. Es hieß, Thiers ſei zurückgekehrt, er habe von Bismarck die Er⸗ laubniß erhalten, die Vorpoſten zu paſſiren, um perſönlich mit der Regierung wegen eines Waffenſtillſtandes zu unterhandeln. Man wollte wiſſen, es ſollte eine National⸗Verſammlung berufen werden, um über die Bedingungen des Friedens zu berathen, und man ſetzte nun die letzte Hoffnung darauf, daß die Einigung zwiſchen den Siegern und den Beſiegten gelingen werde. Man fand jetzt einmal Zeit, ſich umzublicken, und man erſchrak über das Elend, welches man zuvor nicht bemerkt hatte. Die Nationalgarde erhielt freilich täglich ihren Sold und ihre Rationen, ihre Familien wurden ebenfalls unterſtützt, aber was ge⸗ ſchah für die große Maſſe derer, die von allen Mitteln entblößt waren und keinen Angehörigen in der Nationalgarde hatten? Viele Privatperſonen und Vereine hatten allerdings Volksküchen, ſogenannte Cantinen errichtet, in denen die Bedürftigen zwei Mal täglich geſpeiſt wurden, aber ihre Zahl reichte nicht hin, das Elend auch nur annähernd zu mildern. Man ſah vor dieſen Cantinen vom erſten Morgengrauen bis in die ſpäte Nacht eine dichtgedrängte Schaar von Frauen, Kindern, Krüppeln und Greiſen, die hier ſtundenlang warten mußten und ſich glücklich ſchätzen durften, wenn es ihnen gelang, hineinzukommen und einige Lebensmittel zu erhalten. Die Regierung that wenig für dieſe Unglücklichen, und ſelbſt das, was ſie that, erwies ſich als völlig unzureichend. Die Mairien waren angewieſen, den Nothleidenden Anweiſungen zu geben, welche ſie berechtigten, bei den Bäckern und Pferdemetzgern eine Ration in Empfang zu nehmen, aber wenn Sie nach ſtunden⸗ langem Harren dieſe Karten vorzeigten, war in der Regel ſchon Alles verkauft, und die Armen mußten mit leeren Händen abziehen. — — 570— Die Friedhöfe füllten ſich in erſchreckender Weiſe, die Morgue reichte nicht mehr aus für alle Leichen derer, die aus Verzweiflung den Tod geſucht und gefunden hatten, und die Seuchen gewannen von Tag zu Tag an Ausdehnung. Das Alles zeigte ſich jetzt dem erſchreckten Blicke derer, die bis⸗ her den Kampf bis auf den letzten Mann gefordert hatten und nun einſahen, daß Paris nicht mehr gerettet werden konnte. Schrieb doch Edmund About ſelbſt in ſeinem Journale:„Paris iſt ebenſo unfähig, ſich ſelbſt zu retten, wie Metz, Toul und Straß⸗ burg. Paris wird dem Hunger zum Opfer fallen, wi ſal des jungfräulichen Metz geweſen. Wir können Ausfälle machen, wie auch Bazaine gethan, aber ſelbſt wenn es uns gelänge, eine Lücke in den Belagerungsring zu machen, dieſelbe wird ſich vor uns wieder ſchließen, und Paris vor Hunger umkommen.“ Das war die Sprache aller Vernünftigen und Einſichtsvollen, Ja, man mußte ein Ende machen. Nicht allein der Hunger zwang dazu, auch die Haltung des Pöbels ließ Schlimmes befürchten. Bewaffnete Banden waren bereits in die Häuſer eingedrungen, um unter Todesdrohungen Geld und Lebensmittel zu erpreſſen, man erwartete täglich eine Revolution, und wenn in dieſem Kampfe die rothen Republikaner den Sieg davon trugen, dann war Niemand ſeines Eigenthums mehr ſicher. Die Häupter der Rothen wollten den Frieden nicht, ſie hetzten zum Aufſtande. Und an demſelben Tage, an welchem von allen Seiten die Hiobs⸗ poſten eintrafen, an welchem der weitaus größere Theil der Pariſer ſich nach dem Frieden ſehnte, am 31. Oktober wurde plötzlich in allen Quartieren Generalmarſch geſchlagen.— Aber nehmen wir nun den Faden unſerer Erzählung wieder auf. Erneſt und Paul hatten beide die Ueberzeugung gewonnen, daß Marie ſich im Hauſe des Marquis befand, ſie entwarfen unzählige Pläne, das Mädchen zu befreien, ſie verſuchten, die Diener des Mar⸗ quis zu beſtechen, an der Spitze einiger Freunde in das Haus ein⸗ zudringen, der Gefangenen eine Botſchaft zukommen zu laſſen, aber alle dieſe Verſuche ſcheiterten an den Vorſichtsmaßregeln, die der Edel⸗ mann geteoffen hatte, und an der Treue ſeiner Diener. Dazu kam, daß auch Louiſon jetzt wieder verſchwunden war. Weder 8 des Schick e es das Schick⸗ G hlige Mar⸗ ein⸗ aber Edel⸗ — 571— Frau Bouhon, noch Juſtine vermochten dieſes neue Räthſel zu löſen, aus den unzuſammenhängenden Reden der Kinder erfuhren ſie nur, daß ein eleganter Herr das Mädchen inſultirt und durch ſeine Dro hungen gezwungen hatte, das Haus zu verlaſſen. Ein Beſuch bei dem Wucherer hatte nicht das gewünſchte Reſultat. Pierre Bandau war ihnen kalt und ruhig entgegen getreten und hatte durch ſeinen Hohn ihre erbitterte Stimmung nur noch mehr gereizt. Alle ihre Nachforſchungen waren vergeblich, ſie fanden nirgend eine Spur, die ſie hätten verfolgen können. Wohl aber erfuhren ſie, daß Juſtine und Jenny Mouſſon jetzt ſchon eng mit dem Marquis befreundet waren, und die Vermuthung lag nahe, daß er ſie beſtochen hatte, um ſich auch nach dieſer Seite hin zu ſichern. Jedenfalls, ſo glaubten ſie, wußte er auch, wo Louiſon ſich beſand, vielleicht war er ſelbſt jener Herr geweſen, der ihr gedroht hatte. Jean verſuchte Juſtine auszuforſchen, aber auch auf dieſem Wege erfuhr man nichts. Die Freunde waren oft der Verzweiflung nahe, aber was wollten ſie dem Marquis anhaben? Dieſem reichen und mit allen Miniſtern befreundeten Herrn gegenüber waren ſie ohnmächtig, es blieb ihnen nichts Anderes übrig, als eine Gelegenheit abzuwarten, die ihnen er⸗ laubte, ihn perſönlich anzugreifen. Ueberdies nahm der Dienſt auf den Wällen ihre Zeit ſehr in Anſpruch, und wenn ſie von der Wache kamen, waren ſie ſo müde und erſchöpft, daß ſie dem ermatteten Körper die Ruhe nicht verſagen durften. Jean ſehnte ſich auch ſtündlich mehr aus der belagerten Stadt hinaus; wenn er allein war, beſchäftigte er ſich mit Fkuchtplänen. Der Marquis war von Allem unterrichtet, er ließ die Freunde unausgeſetzt beobachten, um auf Alles, was ſie gegen ihn unternahmen, vorbereitet zu ſein. Er wagte nicht, ſie wieder verhaften zu laſſen, ſie hatten in ihrem Bataillon einen zu großen Anhang. Mit Marie ſtand er wieder in dem aalten freundſchaftlichen Ver⸗ hältniß, mit keiner Silbe kam er auf ſeine Werbung zurück, ja, er gab ſich den Anſchein, als habe er ſie ganz vergeſſen, und dadurch gelang es ihm raſch, die Befangenheit des Mädchens zu beſeitigen und ihr volles Vertrauen wieder zu gewinnen. Er hatte aber auch jetzt keine Zeit, ſich viel mit ihr zu beſchäftigen, die Organiſation des — —— — — — 572— Aufſtandes und die Verhandlungen mit den Verſchworenen in Verſailles nahmen ihn zu ſehr in Anſpruch. In der Nacht kamen die Häupter der Republikaner in den Ge⸗ wölben Bandau's zuſammen, um zu berathen, Befehle zu ertheilen und alle Vorkehrungen zu treffen, welche das Gelingen ihres Planes ſichern ſollten. Der Tag des Aufſtandes war k Aif den 31. Oktober feſtgeſetzt, an demſelben Tage ſollte General Bellamare bei Le Bourget die preu ßiſchen Vorpoſten angreifen und die Verſchworenen in Verſailles ſich erheben. Den Falſchmünzer hatte der Marquis nicht wiedergeſehen, er ahnte nicht, daß Dorman jetzt im Hauſe des Wucherers wohnte und ſich hier mit der Anfertigung falſcher Banknoten beſchäftigte. Er hatte einige Vertraute beauftragt, ihn zu ſuchen, aber da ſie ihn nicht fanden, beruhigte er ſich, wie er überhaupt dieſen Mann nicht fürchtete, den er mit einem einzigen Wort unſchädlich machen konnte. Auch Madame von Chateaufleur hatte ihn ſeitdem nicht mehr beläſtigt, ſie ſchien jetzt einzuſehen, daß der Riß zwiſchen ihr und ihm unheil⸗ bar war. So brach der 31. October an, und der Generalmarſch rief die Nationalgarden der Arbeiter⸗Quartiere unter die Waffen. Um elf Uhr Vormittags marſchirten die Bataillone zum Stadt⸗ hauſe. Jeder, der ſie ſah, wie ſie lärmend und tobend, die rothe Fahne an der Spitze, unter dem Gebrüll der Marſeillaiſe und dem unaufhörlichen Geſchrei:„Wir wollen die Commune!“ i 4 über die Boulevards wälzten, fühlte, daß der Ausbruch des Bürgerkrieges un⸗ vermeidlich war. Die Weiber der Markthallen, die Vagabunden und die Gamins, kurz alle Perſonen, die bei einem ſolchen Aufſtande nichts verlieren, ſondern nur gewinnen konnten, ſchloſſen ſich ihnen an, und der raſende Lärm wuchs von Minute zu Minute. Auf dem Platze vor dem Stadthauſe marſchirten die Bataillone auf. Dichtgedrängt, Kopf an Kopf füllte die tobende Menge den Platz man hörte nur die Rufe:„Es lebe die Commune!“—„Es lebe die Republik!“ Die Mitglieder der Regierung waren im Hotel de Ville ver⸗ ſammelt, ſie traten heraus, um den Sturm zu beſchwören. Etienne Arago, der Maire von Paris, Nochefort und General 4 10 Trochu redeten zu dem Volke, mahnten zur Geduld, erklärten, daß noch nichts verloren ſei, vielmehr die Regierung die beſten Hoffnungen habe, die ſich nur dann verwirklichen könnten, wenn im Innern der bo lagerten Stadt Ruhe und Ordnung herrſchten. Es war vergeblich, ihre Stimmen drangen nicht durch, ſie verloren ſich in dem betäubenden Lärm. Andere Redner hetzten die Maſſen anf, ihnen jauchzte ma fall zu, und man nannte alle„Verräther“, die nicht in das E nach der Commune mit einſtimmten. Um zwei Uhr ſchickten die Bataillone eine Deputation von fünſzig Perſonen in das Stadthaus. Sie drangen in den Berathungsſaal der Regierung ein, wo Jules Favre, Jules Simon, der General Trochu mit dem Chef ſeines Ge neralſtabes, Rochefort, Etienne Arago und einige andere Perſonen ſich befanden. Die Deputation verlangte Aufklärung über die Niederlag⸗ bei Le Bourget. Trochu erwiderte, die Schuld liege allein an dem General Bella⸗ mare, der ohne Auftrag gehandelt habe. „Das iſt nicht wahr!“ rief Maurice Jolly, ein Mitglied der De⸗ putation.„Man verſucht abermals die Schuld von ſich abzuwälzen aber die Regierung iſt dem Volke verantwortlich, und das Volk ver⸗ langt Rechenſchaft.“ -„Sie wird ihm gegeben werden, ſobald wir den Frieden haben“ ſagte Favre mit imponirender Hoheit. „Wir wollen keinen Frieden“, ſchrie ein anderer Deputirter,„wir wollen den Kampf, die Vernichtung des Feindes! Was iſt geſchehen um Paris, um Frankreich vor Schande zu bewahren? Man hat Aus fälle gemacht mit einigen Bataillonen, ſtatt die ganze Armce auf den Feind zu werfen, man vergeudet aus den Forts nutzlos die Munition, man ſieht ruhig zu, wie Bazaine mit dem Hunger kämpft, utan thut nichts, um das Elend in Paris zu mildern.“ „Wir wollen dieſe Regierung nicht!“ riefen mehrere Stimmen. „Es lebe die Republik!“ „Die Republik iſt ſchon verkauft!“ „Thiers will Frieden ſchließen, und den Grafen von Paris auf auf den Thron ſetzen!“ „Nieder mit Thiers!“ „Ah, bah, wir ſind ſchon verrathen!“ —ä——— — —— — — — —— — — 574— „Wir wollen keine Opfer nutzlos bringen.“ Der Tumult wurde immer toller, die Deputirten überſchricen einander, und inmitten dieſes Sturmes übergab man dem General d Trochu ein Billet. „Das ſind unſere Forderungen!“ rief eine Stimme.„ der Stadt Paris ſollen in drei Tagen zuſammen berufen werden, um die Commune zu ernennen. Die Commune ſoll aus achtzig Bürgern beſtehen, unter dieſen ſollen die Mitglieder des zukünftigen Kabinets 5¹ ſein, die der Commune verantwortlich ſind, wie dieſe dem franzöſiſchen Dal! Die Wähler ou Bolke verantwortlich iſt. Sobald der Feind über die Grenze zurück geworfen iſt, ſoll eine Nationalverſammlung gewählt werden, welche über das zukünftige Geſchick Frankreichs zu entſcheiden hat.“ „Es lebe die Commune!“ erſchallte der Ruf. Der General Trochu war erbleicht. „Das iſt das Ende Frankreichs!“ ſagte er dumpf. „Es iſt das Ende des Deſpotismus!“ ſchrie Maurice Jolly.„Wir wollen ſelbſt unſere Gemeinde⸗Vertretung wählen, das ſouveräne Voll will regieren. Zwanzig Jahre haben wir das Sklavenjoch getragen, unſere Geduld iſt zu Ende, das Proletariat verlangt in ſeine Men⸗ ſchenrechte wieder eingeſetzt zu werden.“ Die Mitglieder der Regierung hatten ſich erhoben, ſie zogen ſich in einen Nebenſaal zurück, um zu berathen. In demſelben Augenblick trat der Maragnis ein. Die Deputirten umringten ihn und theilten ihm das Reſultat ihres Schrittes mit, indem ſie die Hoſſnung ausſp achen, daß daß die Regierung nachgeben und die gerechten Forderungen des Volkes be⸗ willigen werde. „Wir zögern zu lange“, ſagte der Marquis ernſt.„Mau muß mit Waffengewalt erzwingen, was man uns gutwillig nicht geben will.“ Er trat an's Fenſter und winkte der lärmenden Menge; ſie zureden, wäre in dieſem betäubenden Tumult eine nutzloſe Thorheit geweſen. Unten ſielen Schüſſe, ſie wurden abſichtlich abgefeuert, um die entfeſſelten Leidenſchaften noch mehr zu entflammen. Die Nationalgarden ſetzten ſich in Bewegung. Sie erbrachen di Thüren des Stadthauſes und drangen in die Säle ein, welche ſie im aun fällten 844 1 Aüien⸗ Delescluze, Felix Pyat, Flourens und andere Chefs der National⸗ garde ſammelten ſich um den Marquis, der eine Liſte mit den Na⸗ men derjenigen Perſonen entwarf, die jetzt an die Spitze treten ſollten. Die Revolution war fertig, man konnte die bisherige Regierung als geſtürzt betrachten. „Sie werden an die Spitze treten“, wandte Flourens ſich zu dem Marquis, indeß immer neue Schaaren in den Saal ſtrömten. „Laſſen Sie meinen Namen aus dem Spiele“, erwiderte der Edel⸗ mann.„Das Volk kennt ihn nicht, er könnte Mißtrauen erwecken. Nehmen Sie dieſe Liſte! Delescluze, Felix Piat, Ledru Rollin und Dorian.“ „Aber wo bleiben wir?“ „Geduld, mein Freund, ein guter Feldherr bleibt ſtets hinter den Truppen, die im Vordertreffen ſtehen.“ Der Zettel wurde abgeſchrieben, man öffnete die Fenſter und warf die Namen der neuen Gewalthaber hinunter. „Es lebe Dorian!“ ſchrie die Menge auf dem Platze. „Dorian ſoll Dictator werden!“ „Und Gambetta?“ fragte Flourens leiſe. „Seien Sie unbeſorgt“, ſagte der Marquis lächelnd,„Dorian mag den erſten Anprall aushalten, wenn er fällt, tritt Gambetta an ſeine Stelle!“ „Es gibt noch Bataillone, welche dem General Trochu treu ſind.“ „Eben deshalb müſſen wir uns beeilen.“ „Parbleu, es wäre das Beſte, wenn wir die Miniſter erſchöſſen.“ „Wozu das? Man zwinge ſie abzudanken, je weniger Blut ver⸗ goſſen wird, deſto beſſer iſt es für die Sache ſelbſt.“ Während dieſes kurzen Geſprächs hatten die Nationalgarden auch die Thüren des Saales erbrochen, in welchem die Mitglieder der Re⸗ gierung ſich befanden. Die Maſſen drangen in den Saal ein. Jules Favre blieb un⸗ beweglich, kein Zug in ſeinem eiſernen Antlitz verrieth, daß dieſe Ge⸗ fahr ihm Furcht einflößen konnte; Jules Simon, der gleichmüthig Figuren auf den Tiſch zeichnete, hatte nur einen Blick der Verachtung für ſeine Gegner, Trochu ſah feſt und ruhig auf die Maſſen, die ihm mit den Fäuſten drohten. „Hinaus!“ riefen einige Stimmen.„Was haben dieſe Leute hier noch zu thun? Wir ſind jetzt die Herrſcher, Eure Feigheit hat Euch geſtürzt.“ —— · 5 1 1 — 576— Einige Nationalgardiſten ſchlugen die Gewehre auf den Genera an, er blickte furchtlos auf die Mündungen. „Man will Sie tödten, General“, flüſterte ein Adjutant ihm zu A „Gehen Sie hinaus.“ „Ich bin Soldat und werd e auf meinem Poſten ſterben“, erwiden der Gouverneur ruhig. Ein Bataillonschef trat zwiſchen die Nationalgardiſten und der⸗ General, aber er konnte nicht verhindern, daß man die Regierung mit den gemeinſten Sch nähung igen überhäufte. Während die drei Miniſter hier ihren Tod erwarteten, organiſirte man im Nebenſaale bereits die Wahlen. Die Liſte der Candidaten für die Commune wurde aufgeſtellt und berathen, man ernannte Jlo urens zum Chef der Nationalgarde und beſetzte alle wichtigen Aemter mit neuen, größtentheils ganz unbekann⸗ ten Perſonen. Ja, man fand ſogar Zeit, darüber zu berathen, in welcher Weiſe chſenden Noth in Paris abgeholfen werden könne. All Einwohner ſollen ihren Vorrath von Lebensmitteln abgeben und insgeſammt täglich je nach der Kopfzahl der Familien Rationen empfangen, deren Größe man feſtſtellen wollte, ſobald man mit Sicher⸗ heit wußte, wie groß der Vorrath war, den die Stadt noch beſaß. Es war das eine Nieſenaufgabe, aber man ſchreckte nicht vor ihr zurück, und es war in der That das einfachſte und ſicherſte Mittel, auch den Aermſten die nothwendige Nahrung zu verſchaffen. In⸗ zwiſchen wuchs unten auf dem Platze der Tumult mehr und mehr. Die Maſſen verlangten ein Reſultat, ſie forderten die Verhaftung der Miniſter, ſie verlangten, daß die neue Regierung ein Decret wegen der Wahlen erlaſſe und bezeichnete ſchon die Namen der Männer, welche in die Commune gewählt werden ſollten. Daß Ernſt Picard, der Finanzminiſter, Gelegenheit gefunden hatte, aus dem Hotel de Ville zu entkommen, wußte Niemand, und Nie⸗ mand würde geglaubt haben, daß dieſer Miniſter den Muth haben werde, dem ſiegreichen Aufſtand entgegen zu treten. Ernſt Picard verlor die Faſſung nicht, er eilte in ſein Miniſterium, ſchickte ſeine Befehle an die Chefs den Bataillone, auf deren Treue er bauen konnte, und ließ eiligſt durch eine Stafette die Telegraphen⸗ Adminiſtration und den General Ducrot von dem Vorgefallenen be⸗ nachrichtigen. V V n erwidere und den rung mit b rganiſirte tellt und ude und mbetann⸗ ſer Weiſe abgeben Ratione eiche⸗ ſazʒ. vor ihr Mittel, . In⸗ mehr. rrhaftung et wegen Männer, en hatte, und Nie⸗ 1 h haben 1 f — — Le leuen bo⸗ f 9 ff — 'G ſei. aaaggſeß Paris. (H. 13.) Der Brand des Stadthauſes zu —— — ———— —————*— —õÿy ÿmömy m——õõ———— ——— — 577— Und wieder ſchlug man jetzt in allen Quartieren von Paris Ge⸗ neralmarſch. Erneſt und Paul waren mit ihrem Bataillon marſchirt und auch mit ihm in das Stadthaus eingedrungen. Sie billigten dieſe Revolution nicht, aber die Klugheit gebot ihnen, dem Bataillon treu zu bleiben, man konnte ja nicht wiſſen, wer den Sieg davon trug. Sie ſahen den Marquis inmitten der Offiziere, augenblicklich ward ihnen die Nolle klar, die er in dieſem Ereigniß übernommen hatte. Erneſt zog den Freund mit ſich fort, ſie brachen ſich eine Bahn durch die Menge, die alle Treppen und Corridore füllte, und ſtiegen in das Souterrain hinunter, welches unbeſetzt war. Aus den Kellern wurden fortwährend ganze Stückfäſſer Wein heraufgeholt, alle Speiſekammern wurden geleert, in allen Sälen zechten die Republikaner, und der Pöbel ſtand ihnen darin wacker bei. Schon begann man draußen auf dem Platze Barrikaden zu er⸗ richten, aber man fand ſo raſch das nöthige Material nicht und konnte deshalb das Werk nicht ſo raſch fördern, wie man gerne wollte, und wie es zur Feſthaltung des Errungenen nöthig geweſen wäre. „Was ſagſt Du zu dieſem Skandal?“ fragte Erneſt, als er ſich mit ſeinem Freunde allein befand.„Auf Raub und Plünderung iſt es abgeſehen, wehe der Stadt, wenn dieſe Kanaille an's Ruder ge⸗ langt.“ „Hat ſie es nicht ſchon in den Händen?“ erwiderte Paul verächtlich. „Nein“, fuhr Erneſt fort.„Jules Favre und Trochu werden ihren Poſten nicht verlaſſen, ſo lange man ſie nicht beſeitigt hat—“ Nan wird ſie erſchießen.“ „Bah, dieſe Burſchen haben nicht den Muth dazu. Die Bataillone ſind verführt, ſie wollten das nicht, Flourens und Genoſſen haben ſie durch hochtönende Phraſen geködert, und jetzt, nachdem das Verbrechen geſchehen iſt, glaubt man, Paris gerettet zu haben. Hören wir den wüſten Lärm, das Jauchzen und Singen. Sie haben das Hötel de Ville in eine Kneipe umgewandelt und es ſind nur Vagabunden, die zin dieſer Kneipe ſich betrinken. Sahſt Du den Marquis?“ „Natürlich!“ „Er ſteht an der Spitze dieſer Rotte, wenn der Aufſtand unter⸗ drückt wird, haben wir einen Haken, an dem wir den Heuchler faſſen zönnen.“ R. 37 —j—— ——QQQ—ę—ÿ—C— —— — — 578— Paul ſchüttelte den Kopf, er konnte ſo raſch nicht begreifen, was ſein Freund damit ſagen wollte. „Wir haben jetzt den Weg gefunden, auf dem wir ihm beikommen können“, nahm Erneſt wieder das Wort,„und diesmal ſoll er uns nicht entwiſchen. Siegt die Regierung, ſo werden wir mit einer Compagnie Mobilgarden in das Haus des Marquis eindringen und den Edelmann wegen Hochverraths verhaften. Wir werden das Haus durchſuchen, die Diener hinaustreiben und Marie finden.“ „Und geſetzt, das Alles träfe ein, weißt Du, ob Marie geneigt ſein wird, das Haus ihres Beſchützers zu verlaſſen?“ „Ja, Paul, ich glaube zuverſichtlich daran.“ „Und dennoch könnteſt Du Dich getäuſcht ſehen. Iſt es denn ganz unmöglich, daß der Marquis das argloſe Mädchen durch glän⸗ zende Verſprechungen bethört hat? Weißt Du denn überhaupt, ob Marie Dich liebt?“ Erneſt blickte in finſterem Schweigen vor ſich hin. „Wir werden es erfahren, wenn wir in ihr Gefängniß eindringen““, ſagte er dumpf,„denn daß ſie eine Gefangene iſt, kann ja keinem Zweifel unterliegen.“ „Ah, der Marquis verſteht die Kunſt, ſich die Gunſt der jungen Mädchen zu erwerben, vortrefflich“, ſpottete Paul.„Denke nur an Juſtine und Jenny Mouſſon.“ „Schweige von dieſen beiden“, fuhr Erneſt haſtig auf.„Sie ſind verlorene Geſchöpfe, man darf Marie mit ihnen nicht vergleichen.“ „Und Fräulein Reimann ſtand allein, hülflos und verlaſſen, ſie wußte nicht—“ „Iſt es Deine Abſicht, mich aufzuregen und zu ängſtigen?“ fiel Erneſt dem Freunde zürnend in's Wort.„Du haſt ſchon oft dieſe Bedenken geäußert und kommſt immer wieder darauf zurück, trotzdem Du weißt, daß ich ihnen keine Berechtigung zuerkennen kann. Wes⸗ halb thuſt Du es? Würde es Dir nicht unangenehm ſein, wenn ich täglich dieſelben Bedenken über Louiſon äußern wollte?“ „Ah, Louiſon hat bewieſen, daß ſie ihr Leben für ihre Tugenden einſetzt, ſie iſt meine Braut—“ „Sehr wohl, aber auch ſie war hülflos und verlaſſen, auch ſie wußte nicht, woher ſie Brod nehmen ſollte, um den nagenden Hunger fern zu halten. Wir wiſſen nicht, wo ſie iſt, und welches Loos ſie getroffen hat, ſie kann untergegangen ſein, Noth und Mangel können — 579— ſie gezwungen haben, die Bahn zu betreten, vor der ſie zurücſchauderte, ſo lange noch eine mitleidige Seele für ſie ſorgte. He, wer weiß, ob nicht der Marquis der elegante Herr war, der ſie aus der Man⸗ ſarde der Madame Bouhon vertrieb? An jenem Tage hat Juſtine bei ihm dinirt, er kam erſt beim Deſſert, und kurz vorher empfing Louiſon den verhängnißvollen Beſuch. Vielleicht hat er ſie gezwungen, ſeiner Gefangenen Geſellſchaft zu leiſten, ich ſage Dir, Paul, in dem Hauſe dieſes Mannes werden uns alle Näthſel klar werden.“ „Das gebe der Himmel!“ „Und wenn wir mit ihm fertig ſind, dann ſoll auch die Rechnung mit Pierre Bandau geordnet werden.“ „Was haſt Du gegen ihn?“ „Bei Gott, ſollen wir ruhig zuſehen, wie dieſer gewiſſenloſe Schuft mit den Lebensmitteln Wucher treibt? Tauſende verſchmachten unter unſeren Augen, und die Gewölbe dieſes Schurken ſind mit Lebens⸗ mitteln angefüllt, die er nur zu den höchſten Preiſen verkaufen will.“ „Was willſt Du thun?“ „Ihn zwingen, ſeine Vorräthe herauszugeben, ſie ſollen unter die Armen vertheilt werden.“ „Das würde ſein Tod ſein!“ „Bah, was liegt an dem Leben dieſes Menſchen! Niemand wird ihm eine Thräne nachweinen, im Gegentheil, die, welche ihn gekannt haben, werden ſich freuen, daß die Menſchheit von dieſer Peſtbeule befreit iſt——.“ „Horch! Generalmarſch!“ „Wem mag er gelten?“ fragte Paul, aus ſeinem Brüten empor⸗ fahrend. „Den Mobilgarden, den treugebliebenen Bataillonen der National⸗ garde“, erwiderte Erneſt mit leuchtenden Augen.„Dem Himmel ſei Dank, wir werden uns die Schmach fern halten, die eine Rotte von Vagabunden uns aufbürden will.“ Paul ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Du urtheilſt zu ſcharf“, ſagte er.„Im Großen und Ganzen hat das Volk Recht, wenn es die Commune fordert. Die große Stadt Paris iſt berechtigt, aus ihrer Mitte die Männer zu wählen, welche ſie vertreten, ihr Vermögen verwalten und über das Wohl der Bürger wachen ſollen, der Staat hat nicht das Recht, durch die Ernennunz der Präfekten und Maire's uns zu bevormunden.“ 37* — — —nm„eaq — — — — ͦ—— 1 „Ich gebe das zu und werde nicht der Letzte ſein, dieſes Recht zu vertheidigen, aber man ſoll es jetzt nicht fordern“, erwiderte Erneſt. „Es iſt heute unſere Pflicht, feſt zu der Regierung zu halten und mit ihr vereint die Preußen zu bekämpfen! Ah— ſie kommen, hörſt Du den Sturmmarſch 5. Die beiden Freunde durcheilten die Räume des Souterrains, ſie fanden eine Thüre, welche hinausführte, und die ſie mit leichter Mühe öffnen konnten. Die Nacht war inzwiſchen angebrochen, man hatte draußen Fackeln angezündet, und aus den Fenſtern des Stadthauſes ergoß ſich heller Lichtſchein über den Platz, den die lärmende Menge noch immer anfüllte. Von allen Seiten eilten die treugebliebenen Bataillone herbei, ſie drangen auf den Platz, den ſie Schritt vor Schritt ſäuberten. Auf das Geſchrei:„Es lebe die Commune!“ antworteten ſie mit dem Ruf:„Es lebe Trochu!“ Einzelne Schüſſe fielen, aber zu einem ernſten Gefecht kam es nicht, die Maſſen zogen ſich in die angrenzenden Straßen zurück. Nur einige Bataillone der Nationalgarde von Belleville blieben auf dem Platz zuric, d die n gänge zum Stadthauſe waren verbarri⸗ fadirt, 1 und an allen Fenſtern ſtanden die Inſurgenten, bereit, d den Kampf aufzunehmen. Ein Angriff auf das Hötel de Ville würde zu einem furchtbaren Blutbade geführt haben, dennoch mußte man ſich dazu entſchließen, um die Wemäfter zu befreien und den Aufſtand zu unterdrücken. In dieſem Augenblick traten die beiden Freunde heraus, ſie eilten auf ein Bataillon Mobilgarden von Fmiſtéere zu und forderten es auf, ihnen zu folgen. Sie führten das Bataillon durch das Souterrain, und dieſe Truppen ngen in den S a34 ein, in welchem die Miniſter ſich befanden. Trochu wurde befreit, die Inſurgenten waren umzingelt, diejenigen, hten konnten, mußten ſich erg dr ra ben. che ſich nicht mehr ſute 1 So war der Auf unterdrückt, die aufrühreriſchen Bataillone ſtoben auseinander, die Truppen auf dem Platze empfingen den be⸗ freiten General mit Jubel. Erneſt und Paul waren bei dem mobilen Bataillon geblieben, man überhäufte ſie mit Lobſprüchen wegen ihrer Geiſtesgegenwart und ihres muthigen Benehmens. Da man aber in ihnen Leute aus Belleville erkannte, welche die 1 nd T — 581— Nummer eines rebelliſchen Bataillons trugen, ſo führte man ſie in einen Saal, in welchem mehrere höhere Offiziere ſich verſammelt hatten, um über die gefangenen Inſurgenten Kriegsgericht zu halten, und man fragte ſie hier nach den Einzelnheiten des Aufſtandes, wie nach den Gründen, welche ſie hewogen hatten, ihre eigenen Kameraden zu verrathen. Erneſt antwortete auf alle Fragen klar und ſcharf, er verhehlte nicht, daß er die Forderung des Volkes berechtigt halte, aber er fügte hinzu, daß dieſe Forderung in ſolcher Zeit nicht aufgeſtellt werden dürfe. Dann nannte er die Zührer der Inſurgenten und erwähnte unter dieſen den Marquis, deſſen Namen er nicht angeben konnte. „Ich verlange eine Compagnie Mobilgarden“, ſchloß er ſeine Mit⸗ theilungen,„mit ihr werde ich in das Haus des Edelmannes ein⸗ dringen und den Auſwiegler verhaften. Er war die Seele des Auf⸗ ſtandes, man muß ihn unſchädlich machen, wenn man einer Wieder⸗ holung dieſes Verbrechens vorbeugen will.“ Die Offiziere beriethen eine geraume Weile leiſe miteinander, dann erklärten ſie, daß ſie auf die Verhaftung des Edelmannes verzichten wollten. Das hatte Erneſt nicht erwartet, er fuhr zornig auf, er gab ihnen zu bedenken, daß ſie eine ſchwere Verantwortung auf ſich laden würden, wenn ſie die Anführer nicht beſtrafen wollten. „Mein braver Mann, Sie ſind entweder ein perſönlicher Feind des Marquis, oder Sie ſehen eben nicht weiter, wie Ihr Blick reicht“, erwiderte ein General ruhig,„es liegt in unſerem Intereſſe, weiter kein Aufheben von der Sache zu machen. Verhaftungen würden nur das Volk erbittern und die Menge zu Exceſſen verleiten, das müſſen wir verhüten.“ „Beſſer, daß man dieſen Exceſſen entgegentritt, als daß man den Inſurgenten geſtattet, im Stillen für ihre Sache zu wirken“, warf Erneſt ein. „Ah bah, ſie werden einſehen, daß es eine verlorene Sache iſt.“ „Das glauben dieſe Leute nie!“ „Genug, mein Herr, Sie kennen unſeren Entſchluß, und wir ſind nicht verpflichtet, Ihnen alle unſere Gründe auseinander zu ſetzen.“ Erneſt zitterte vor Erregung, als er den Saal verließ. Sollte auch dieſe Hoffnung ihn getäuſcht haben? So raſch konnte er auf ſie nicht verzichten, man mußte einen anderen Weg wählen, um ihre Erfüllung zu erzwingen. ——— ————— — ——— —— 3 Auf dem Platze bivouakirten die Soldaten, die Freunde näherten ſich einer Gruppe Mobilgarden, die eifrig über die Vorfälle dieſes Tages debattirten. „Parbleu, das iſt zu viel!“ hörten ſie einen Sergeantmajor ſagen.„Draußen kämpfen, die Nächte Wache halten und dann auch noch hier täglich die Regierung retten— das halte der Teufel aus!“ „Und was hat man davon?“ fragte ein Unteroffizier.„Nicht ein⸗ mal ein Faß Wein gibt man uns— „He, man fordert nur, daß wir unſere Schuldigkeit thun“, erwi⸗ derte ein Dritter,„auf Dank haben wir keinen Anſpruch.“ „Bei allen Teufeln, man ſollte die Aufrührer füſiliren“, wetterte der Sergeantmajor, dann würden wir Ruhe haben.“ „Ganz recht“, miſchte Erneſt ſich in das Geſpräch,„das wäre der kürzeſte und vernünftigſte Weg. Aber die Generale wollen das ja nicht.“ „He, wer ſeid Ihr?“ fragte der Unteroffizier mißtrauiſch.„Ihr tragt eine verdächtige Nummer—“ „Wir haben das Bataillon von Finiſtere in's Hötel de Ville geführt“, fiel Paul ihm in's Wort. „Den Teufel auch, ſeid Ihr die Beiden?“ rief der Sergeant⸗ major.„Na, das war brav, ohne Euch hätte es ein fürchterliches Gemetzel gegeben.“ „Und vielleicht wäre dieſes Gemetzel eine Wohlthat für Paris geweſen“, ſagte Erneſt.„Die Anführer der Inſurgenten hat man entwiſchen laſſen.“ „Man wird ſie ſchon finden.“ „Nein, man will ſie nicht finden!“ „Parbleu, was iſt das? Man will nicht?“ „Eure Generale wollen keine Verhaftungen.“ „Das iſt nicht wahr“, ſagte der Sergeantmajor entſchieden. „Und ich ſage Euch, es iſt die Wahrheit!“ erwiderte Erneſt mit derſelben Entſchiedenheit.„Ich habe mich erboten, einen der Haupt⸗ Anführer zu verhaften, man hat mich zurückgewieſen.“ „Alle Teufel!“ „Man fürchtet Exceſſe!“ „Gut, wir werden mit dem Kolben dreinſ hlagen.“ „Man fürchtet, das Volk zu erbittern.“ „Bah, wir ſind längſt erbittert.“ „Ihr könnt es ſein, denn man fordert von Euch Alles und behe erten ieſes rajor auch us!- ein⸗ rwi⸗ terte mit 583— delt Euch mit rückſichtsloſer Strenge, während man dieſe Inſurgenten begnadigt.“ Dieſe Worte riefen unter den Umſtehenden einen Sturm der Entrüſtung hervor. „Iſt das wirklich die Wahrheit?“ fragte der Sergeantmajor endlich. „Die volle Wahrheit?“ „Und wer iſt der Inſurgenten⸗Anführer, den Ihr in's Gefängniß liefern wollt?“ „Ein ſehr reicher Edelmann.“ „Ah bah, der hat gewiß nicht mit der Kanaille gemeinſame Sache gemacht.“ „Er thut es, um eine Rolle zu ſpielen, er will ſich zum Dictator Frankreichs aufwerfen“, ſagte Erneſt. Hat Napoleon nicht auch ſich mit Vagabunden umgeben, als er nach der Kaiſerkrone griff? Ich ſage Euch, der Edelmann war oben im Saale und verzeichnete die Liſte derjenigen, die in die Commune gewählt werden ſollten.“ „Und dieſen Burſchen will man nicht verhaften?“ „Nein.“ „Parbleu, dann werden wir es thun“, ſagte der Sergeantmajor entſchloſſen. Wir verlaſſen uns dabei auf die Wahrheit Eurer Mit⸗ theilungen.“ „Weshalb ſollte ich lügen? Man muß den Marquis füſiliren und ſein Haus plündern—“ „Das iſt unſere Sache nicht“, fiel der Unteroffizier ihm in's Wort. „Wir haben nichts weiter zu thun, als den Hochverräther zu verhaften.“ Der Sergeantmajor hatte inzwiſchen ſchon zwanzig Mann ge⸗ wählt, er ſtellte ſich an ihre Spitze. „Endlich!“ flüſterte Erneſt ſeinem Freunde zu.„Binnen wenigen Stunden werden wir alle Räthſel gelöſt haben.“ „Vertraue nicht zu feſt darauf“, warnte Paul. „Zweifelſt Du jetzt noch immer an dem günſtigen Erfolg?“ „Ich denke an die Mittel, die unſerm Gegner zu Gebote ſtehen, und an die Maßregeln, die er jedenfalls für alle Fälle getroffen hat. Wir könnten auch diesmal wieder mit einer langen Naſe abziehen müſſen.“ „Das fürchte ich nicht, diesmal müſſen wir unſern Zweck erreichen.“ „Vorwärts!“ befahl der Sergeantmajor, und der kleine Trupp ſetzte ſich in Bewegung. — —— ———j= Dreißigſtes Kapitel. Die Taubenpoſt. Der Marquis war glücklich aus dem Stadthauſe entronnen, er trat ohne Verzug den Weg zu ſeinem Palais an, denn es konnte ja keinem Zweifel mehr unterliegen, daß jetzt für die Inſurgenten Alles verloren war. Sie hatten zu früh triumphirt, ſie waren zu unvorſichtig, in ihren Vorſichtsmaßregeln zu leichtfertig geweſen. Verſtimmt und aufgeregt kam der Edelmann in ſeinem Kabinet an, er ſank erſchöpft in einen Seſſel und blickte ſtarr vor ſich hin. Aber ſchon nach wenigen Minuten ſprang er wieder empor, um mit großen Schritten das Gemach zu durchmeſſen. Er warf einen Blick auf die Pendeluhr, es war neun Uhr. Kein Lärm drang von draußen in dieſes ſtille, abgelegene Kabinet, kein Geräuſch unterbrach die Ruhe, die hier herrſchte. Der Marquis drückte auf den Elfenbeinknopf und befahl dem Diener, Wein zu bringen, dann trat er an ſeinen Schreibtiſch, auf den ſein Kammerdiener alle Briefe, Karten und Zeitungen niederlegte, welche in der Abweſenheit ſeines Herrn abgegeben wurden. Heute lag nur ein zierliches Briefchen da, und die Handſchrift der Adreſſe war dem Marquis bekannt. Er runzelte die Stirne, das Billet war von Cora. Im erſten Augenblick wollte er es wieder hinwerfen, aber er beſann ſich doch eines Andern, er erbrach das Siegel und entfaltete das duf tende Papier. „Mein theurer Freund!“ las er.„Meine Lage wird unerträglich, der Vicomte kehrt mit jedem Tage mehr den Despoten heraus. Ich habe keinen Freund außer Dir und vertraue auf Deinen Edelmuth, Deine Freundſchaft, Deine Hülfe. Der Chevalier ſteht auf der Seite ſeines Vaters, Du haſt ihn beleidigt, er rächt ſich dafür an mir. Ver⸗ geſſen wir Alles, was hinter uns liegt, mein Freund, ich verlange nichts weiter von Dir, als die Freundſchaft, die Du ſelbſt aus eigenem Antriebe mir angsbot ten haſt. Ich bedarf ihrer, Henri; der Chevalier hat mir gedroht, dem Vicomte unſere früheren Beziehungen entdecken zu wollen, thut er es, ſo bin ich verloren. Der Vicomte ſucht nur nach einem Vorwande, um ſich von mir zu trennen, er geht ſogar — 585— mit dem Vorſatze um, ſeine ſämmtlichen Werthpapiere einzuſtecken und mit dem Luftballon Paris zu verlaſſen. Ich muß mit Dir ſprechen, ich verlauge von Dir, daß Du meine Ehre vertheidigſt und das Ent⸗ ſetzlicſſte, den Mangel, mir fern hältſt. Ich erwarte Dich morgen gegen zwölf Uhr bei meiner Modiſtin, kommſt Du nicht, ſo eile ich zu Dir, um mit Dir zu berathen, was nun geſchehen ſoll.“ Der Marquis warf das Billet auf den Tiſch und kreuzte die Arme auf derr Rücken, ſeine Brauen waren finſter zuſammengezogen und krampfhaft zuckte es um ſeine Lippen. . „Was ſoll ich mit ihr berathen?“ murmelte er.„Weiß ſie dem noch immer nicht, daß ich mich ganz von ihr losgeſagt habe? Ich bin dieſer unverſchämten Forderungen müde, ſie zwingt mich zu Grob⸗ heiten, die ich lieber vermeiden möchte.“ Der Eintritt des Dieners unterbrach ſein Selbſtgeſpräch, er blickte auf, an dem Diener vorbei drängte Flourens ſich in das Kabinet. Der Marquis gab dem Diener einen Wink, daß er ſich entfernen möge, dann heſtete er den Blick fragend auf den Colonel, deſſen Geſicht kirſchbraun war. „Sie ſind aufgeregt“, ſagte er, indeß ein ſarkaſtiſches Lächeln ſeine Lippen umſpielte. „Gottes Tod, würde es Sie nicht mehr wundern, wenn ich ruhig wäre?“ erwiderte Flourens, heftig auffahrend.„Wir haben Alles verloren. Trochu iſt von den Truppen mit Jubel empfangen worden, unſere Bataillone ſind auseinander geſprengt, und die Kanaille hat keinen Arm erhoben, um uns beizuſtehen“ „Und weſſen Schuld iſt das Alles?“ fragte der Marquis.„Unſere eigene! Zuerſt wurde gezaudert, man ließ die Deputirten ſich mit den Miniſtern herumzanken, und als man endlich den Muth fand, das Stadthaus zu ſtürmen, vergaß man die nöthigſten Vorſichtsmaßregeln. Man hätte das Haus beſſer beſetzen und ſofort ringsum Barrikaden errichten müſſen, man mußte in den Arbeiterquartieren gleichzeitig Barrikaden bauen. Glauben Sie wirklich, daß wir ohne einen Kanonen ſchuß unſern Zweck erreichen werden?“ „Wir ſind verrathen worden.“ „Bah, das iſt die alte, wohlfeile Redensart, die Ausrede der Schwäche, der Troſt der Verzagtheit.“ „Herr Marquis, was mich betrifft—“ „Ja, mein Freund, Sie ſind ein muthiger, entſchloſſener Mann, ——— — 72 —jööie — 586— und eben deshalb befremdet es mich, aus Ihrem Munde das Wort „Verrath“ zu hören. Wir ſind zu langſam und zu unvorſichtig ge⸗ weſen, das iſt die Sache, Colonel.“ Flourens ſchüttelte heftig den Kopf und biß dabei auf die Lippe, ein jäher, flammender Blitz ſchoß aus ſeinen Augen. „Sie mögen Recht haben“, ſagte er,„es hätte Manches geſchehen müſſen, was unbeachtet geblieben iſt, aber auch ich habe Recht, man hat uns verrathen. Wer hat die Mobilgarden durch das Souterrain geführt?“ „Ich weiß es nicht, ſchlimm genug, daß man nicht daran dachte, ihnen dieſen Weg zu verſperren.“ „Weshalb dachten Sie nicht daran?“ Der Marquis richtete ſich empor, vor ſeinem durchbohrenden Blick mußte der Colonel die Augen niederſchlagen. „War das meine Aufgabe?“ fragte er.„War es nicht an Ihnen, das Haus zu beſetzen, Poſten auszuſtellen und den Barrikadenbau zu leiten? Weshalb geſchah es nicht? Weil Sie fürchteten, man könne Sie bei der Wahl der neuen Regierung überſehen, und doch mußten Sie wiſſen, daß Sie dieſe Sorge getroſt mir überlaſſen durften.“ „Ich hatte Befehl gegeben—“ „Parbleu, in ſolchen Fällen muß man ſelbſt an der Spitze ſein und darauf achten, daß jeder Befehl prompt vollzogen wird. Wäre das Alles nicht verſäumt worden, ſo ſäßen Trochu, Favre und Simon jetzt im Gefängniſſe.“ „Und die regierungstreuen Bataillone?“ „Der größere Theil wäre zu uns übergegangen, und mit dem Reſt würden wir auch fertig geworden ſein.“ Flourens ſchüttelte zweifelnd das Haupt. „Ich glaube das nicht“, ſagte er,„dieſe Bourgeois zittern für jeden Franc, den ſie beſitzen. Sie fürchten uns, ſie wiſſen, daß ſie herausgeben müſſen, was ſie den Arbeitern geſtohlen haben, ſo bald wir an's Ruder kommen.“ Der Marquis legte die Hände auf den Rücken und wanderte auf und nieder. „Ich begreife nicht, daß das für Sie eine Schwierigkeit ſein kann, vor der Sie rathlos ſtehen bleiben“, erwiderte er,„mit unſeren Ar⸗ beiter⸗Bataillonen können wir Paris unterjochen, ſie haben Muth und Energie und die große Maſſe der Pariſer iſt gewohnt, bei Barrikaden⸗ Wort Lype, hehen man errain dachke, Blick ſein Wäre Simon kämpfen ſich in ihre Häuſer zurückzuziehen. Es fehlt an guten Führern, Colonel, es fehlt an Leuten, die mit Umſicht und ſchneller Auffaſſung handeln.“ „Soll das abermals ein Vorwurf für mich ſein?“ „Durchaus nicht, mein Freund, im Gegentheil, uns wäre geholfen, wenn Sie an der Spitze der geſammten Nationalgarde ſtänden.“ „Verzeihen Sie, ſo unbedingt kann ich Ihnen nicht beipflichten Wir hatten bei dieſem Aufſtande auf andere Umſtände gerechnet, die leider nicht eingetroffen ſind. General Bellamare ſollte heute bei Le Bourget angreifen, Sie wollten dafür ſorgen, daß an dieſem Tage ein Maſſen⸗Ausfall ſtattfand. Statt deſſen hat Bellamare ſich geſtern ſchlagen laſſen, und wie, wenn ich fragen darf, ſtehen unſere Angelegen⸗ heiten in Verſailles?“ Der Marquis blieb ſtehen und ſah den Colonel betroffen an. „Ich denke, gut“, erwiderte er,„aber aufrichtig geſagt, habe ich noch nicht daran gedacht. Das Signal iſt vorgeſtern gegeben worden, unſere Freunde haben es bemerkt, denn ſie antworteten ſofort mit dem verabredeten Zeichen.“ Er ſchritt haſtig auf die Thüre zu und drückte auf den Kuopf. „Es wäre möglich, daß eine meiner Tauben mir bereits eine Nachricht gebracht hätte“, fuhr er fort,„iſt unſern Freunden das Werk gelungen, ſo haben wir noch nichts verloren.“ Der Diener war bereits eingetreten, der Marquis richtete an ihn die Frage, ob eine Brieftaube im Laufe des Tages eingetroffen ſei, und da der Diener darauf keine beſtimmte Antwort geben konnte, befahl er ihm, nachzuſehen. Schon nach wenigen Minuten kehrte der Diener mit einer Taube zurück, der Marquis unterſuchte ſie, löſte den Federkiel, der die Bot⸗ ſchaft enthielt, und trat an ſeinen Schreibtiſch, um durch das Ver⸗ größerungsglas die Schrift zu entziffern. Aber kaum hatte er die erſten Zeilen geleſen, als er beſtürzt das Glas fallen ließ. „Schlechte Nachrichten?“ fragte Flourens, der den Edelmann unver⸗ wandt beobachtet hatte. „Sehr ſchlimme“, erwiderte der Marquis unwirſch,„dieſe Leute hüſjen ſehr dumm und unvorſichtig gehandelt haben.“ Bitte, leſen Sie.“ 5 Marquis nahm den Zettel wieder auf, ſeine Hand zitterte, e ——— — — — —— — 588— eine gewaltige Aufregung hatte ſich des ſonſt ſo ruhigen und kalt⸗ blütigen Mannes bemächtigt. „Alles iſt verrathen“, las er mit bebender Stimme,„man hat Hausſuchung gehalten, aber nicht viel gefunden. Viele ſind muthlos geworden, ſie ziehen ſich zurück, eine beſſere Gelegenheit muß abge⸗ wartet werden.“ „Abwarten und immer abwarten!“ ſagte der Colonel mit ſchnei⸗ dendem Hohn.„Abwarten, bis Frankreich in den letzten Zuckungen liegt. Ah bah, Marquis, wir werden die verhaßten Deutſchen in Paris ſehen. Man verlangt ſchon jetzt den Frieden und die Kapitu⸗ lation—“ „Wer verlangt das?“ fuhr der Edelmann auf. „Paris.“ „Nicht doch, Colonel, einige feige Zeitungsſchreiber verlangen es, weil ihnen die Lebensweiſe in der belagerten Stadt nicht behagt, das Volk hingegen iſt entſchloſſen, Alles zu ertragen.“ „Edmund About hat mit ſeinem Friedensartikel die Schwachen und Muthloſen aufgerüttelt, und auf den Boulevards ſpricht man offen über die Nothwendigkeit der Kapitulation. Der Marquis zuckte verächtlich die Achſeln. „Auf den Boulevards iſt ſchon ſo viel geredet worden, daß ein vernünftiger Menſch kein Gewicht auf das Geſchwätz legen kann“, ſagte er.„War der Jubel beim Ausbruch des Krieges nicht der tollſte Wahnſinn? Haben wir nicht tauſendmal geſchworen, kein Mann der deutſchen Armeen dürfe lebend Frankreich verlaſſen? Bah, es iſt der Unſinn des Narrenhauſes, und ſo lange unſere Thore geſchloſſen bleiben, werden auch die Schreier in das Unabänderliche ſich fügen.“ „Sehr wohl, aber vergeſſen Sie nicht, daß durch die Kapitulation Bazaine's eine neue Armee, die bisher bei Metz feſtgehalten wurde, frei wird, und daß die Deutſchen den eiſernen Ring um Paris jetzt noch enger und feſter ziehen werden.“ Der Eintritt der Dieners unterbrach das Geſpräch, er brachte dem Marquis einen Brief, der nach flüchtigem Blick auf die Adreſſe das Siegel erbrach. „Sie haben Feinde, Herr Marquis“, las er,„Feinde, ſogar unter Denen, welche Sie für treu und ergeben halten. Man hat Sie im Hotel de Ville an der Spitze der Auführer geſehen und Ihre Ver⸗ haftung beantragt. Dieſem Antrage iſt keine Folge gegeben worden, . aber man kann nicht wiſſen, was noch erfolgen wird. Sehen Sie ſich vor, ein Freund warnt Sie! Er warnt Sie zugleich vor un⸗ überlegten Handlungen, es iſt heute Pflicht eines jeden Patrioten, treu zur Regierung zu halten und mit allen Kräften an dem großen Werke mit zu arbeiten. Erſt dann, wenn der Feind zurückgeworfen iſt, kann die Frage der zukünftigen Regierungsform endgültig ent⸗ ſchieden werden. Und die Stunde, in der das geſchehen kann, wird bald ſchlagen, wir erhalten ſoeben Nachrichten von Gambetta, die Pro⸗ vinzen haben ſich erhoben, eine gewaltige Armee unter dem General Aurelles de Paladine rückt aus dem Süden heran, ſie wird den Feind bei Orleans vernichten und mit ihrer ganzen Wucht ſich auf Verſailles werfen. Der Stern Frankreichs ſteigt ſtrahlend wieder auf, ſeien wir Männer und gute Patrioten, dann müſſen wir ſiegen.“ Schweigend gab der Marquis dieſen Brief dem Colonel, der, auf ſeinen Säbel geſtützt, neben dem Schreibtiſch ſtand, Flourens las ihn und warf ihn mit einer Geberde der Geringſchätzung hin. „Phraſen!“ fragte er.„Wie oft iſt dieſes leere Stroh gedroſchen worden! Haben die Provinzen je etwas für Paris gethan? Wir mußten die Revolutionen machen und die Regierungen ſtürzen, die Provinzen ſahen unthätig zu. Und wie war's beim letzten Plebiſcit? Paris ſtimmte mit„Nein“, es wollte das Kaiſerreich nicht mehr, aber die Provinzen ſagten„Ja“ und wenn wir ſie heute fragen, ſo werden ſie abermals das Kaiſerreich fordern.“ Der Edelmann war in Nachdenken verſunken, er nickte, als ob er ſagen wolle, er könne leider die Wahrheit dieſer Erklärung nicht leugnen. „Von den Provinzen erwarte ich kein Heil“, fuhr Flourens fort, „ſelbſt wenn es Gambetta gelungen wäre, die Bauern in Maſſen auf⸗ zubieten und zu bewaffnen, was glaubt er, mit ſolchen Truppen gegen die disciplinirten, ſiegreichen Heere der Deutſchen ausrichten zu können? Möglich, daß ſie nicht einmal in den Kugelregen hineingehen, und wenn ſie dennoch den Muth dazu haben, dann werden ſie haufenweiſe niedergeſchoſſen.“ Der Marquis fuhr empor, wie aus einem ſchweren Traume er⸗ wachend. „Wie es auch kommen mag, Colonel, die Republik muß gerettet werden“, ſagte er, die blitzenden Augen feſt auf den Offizier richtend. „Nicht die Republik, die Jules Favre oder Herr Thiers wünſchen, nein, die ſociale Republik, auf der allein das Recht der Arbeiter beruht.“ — ——— ——— — —— — 590— „Dem pflichte ich bei.“ „Wohlan, ich ſehe ein, daß wir nichts unternehmen dürfen, ſo lange der Feind vor den Thoren ſteht, wir würden dadurch die Sym⸗ pathieen der großen Maſſe verſcherzen. Warten wir, bis der Krieg beendet iſt. Muß Paris kapituliren, werden wir gezwungen, einen ſchmachvollen Frieden zu unterzeichnen, ſo hat die gegenwärtige Regie⸗ rung den Boden unter ihren Füßen verloren, ſie muß abdanken, wenn ſie ſich nicht der Wuth des Pöbels ausſetzen will. Dann iſt unſere Zeit gekommen, Belleville, Montmartre, Menilmontant und Clignan⸗ court werden die Republik retten, und das ganze Paris wird hinter ihnen ſtehen. Bereiten wir uns alſo auf jenen Tag vor, ſorgen wir dafür, daß wir Waffen, Geſchütze und Munition haben, benutzen wir jeden Tag, jede Stunde, den Arbeitern zu ſagen, daß jener Tag ſie zum Kampfe bereit finden müſſe.“ „Aber wenn Paris kapitulirt, wird man uns entwaffnen“, warf Flourens ein. „Mag man die Linie entwaffnen, die Notionalgarde muß ihre Waffen behalten, unter dem Vorwande, daß ſie die Ruhe und Ord⸗ nung aufrecht erhalten ſoll. Und ſobald der Feind abmarſchirt iſt, gehen wir an's Werk.“ „Parbleu, ich glaube, das iſt der beſte und ſicherſte Weg“, ent⸗ gegnete der Colonel,„die Regierung iſt überdies jetzt gewarnt, Trochu wird energiſche Maßregeln treffen, um jeden Aufſtand zu unterdrücken. Aber wenn er gezwungen wird, Paris zu übergeben, dann fallen ſeine Anhänger ab—“ „Und er muß ſeine Enklaſſung nehmen. Können wir auf Dom⸗ browski zählen?“ „Wie auf uns ſelbſt!“ „Gut, er iſt ein energiſcher Mann und ein tüchtiger Offizier. Wir werden Männer ſeines Schlages genug finden, wenn wir ſie nur ſuchen wollen.“ „Gewiß, Herr Marquis, aber dieſe Leute ſind ebenſo ehrgeizig, wie energiſch und tapfer.“ „Was ſchadet das? Wir können einen Nationalgardiſten zum General befördern, wenn er die Fähigkeiten dazu beſitzt. Das Weitere werden wir im Laufe der nächſten Tage beſprechen, laſſen Sie ſämmtliche Verbündete wiſſen, daß ich ſie morgen Abend im Hauſe Bandau's erwarte. Und nun, mein lieber Colonel, bezwingen Sie Ihre Un⸗ — 591— geduld, wir können nicht mit dem Kopf durch die Mauer rennen, die Parole heißt jetzt: Abwarten und vorbeugen!“ Er reichte nach dieſen Worten dem Freunde die Hand, der ſich jetzt verabſchiedete. Der Marquis blieb noch lange ſinnend ſtehen, er war wieder ruhiger geworden in ſeinem Innern, ſeitdem er eingeſehen hatte, daß er von dieſem Auſſtande kein günſtiges Reſultat erwarten durfte. Sein Blick fiel auf das Billet Cora's, ein Zug der Verachtung glitt über ſein ernſtes Geſicht. „Ich habe Feinde!“ ſagte er leiſe, indem er mit der Hand über die Stirne ſtrich, als ob er ſeine Gedanken ſammeln wolle.„Es war nicht nöthig, daß man mir das ſchrieb, ich wußte es längſt. Aber ich fürchte dieſe Feinde nicht. Cora und der Chevalier? Parbleu, ich werde ſie vernichten, wenn ſie mir unbequem werden! Ich laſſe den Vicomte verhaften und ſein Vermögen confisciren, ich werde den Che⸗ valier der Mitſchuld an jenem Morde anklagen, und Cora mag zu⸗ ſehen, wo ſie bleibt. Sodann die beiden Arbeiter, die Freunde Mariens! Sollten Sie wirklich wagen—— ha, was war das?“ Er fuhr erſchreckt zuſammen, rauhe Stimmen waren draußen laut geworden, er hörte ſchwere Tritte und das Geklirr von Waffen. Im erſten Augenblicke wollte er zur Thüre eilen, aber er er⸗ innerte ſich der Warnung, die er erhalten hatte und ſchritt jetzt auf die geheime Thüre zu, offenbar in der Abſicht, der Begegnung mit ſeinen Feinden auszuweichen. Aber er hatte ſie noch nicht erreicht, als die Thüre aufgeriſſen wurde und der Portier in's Kabinet ſtürzte. „Retten Sie ſich, Herr Marquis!“ ſchrie er, aber in demſelben Augenblick traf ihn ein Kolbenſchlag auf's Haupt, der ihn bewußtlos niederſtreckte. Der Marquis ſah ein, daß es zur Flucht zu ſpät war, er hätte das Geheimniß ſeines Hauſes ſeinen Feinden preisgegeben, und das mußte er vor allen Dingen vermeiden. Er blieb ſtehen und wandte ſich um, vor ihm ſtand Dorman in der Uniform eines Ofſiziers der Nationalgarde, während ſechs Gardiſten die Thüre beſetzt hielten. Der Falſchmünzer ſah den Lauf eines Revolvers auf ſich gerichtet, er lächelte höhniſch. „Wenn Sie einen einzigen Schuß abſeuern, ſo werden Sie in der —— — ——— ͦOnoq— — — 592— nächſten Minute nur noch eine formloſe, zuckende Maſſe ſein“, ſagte er mit lakoniſcher Ruhe,„ich denke, das Leben hat noch einigen Werth für Sie. Geht hinaus, Leute, ich werde mit dieſem Herrn reden, haltet die Thüren beſetzt und erwartet in Geduld meine Rückkehr. Hört Ihr einen Schuß fallen, dann wißt Ihr, was Ihr zu thun habt, werft ohne Bedenken die Brandfackel in's Haus und ſchlagt Alles nieder, was ſich widerſetzt.“ Er hatte mit dieſen Worten ſeine Genoſſen hinausgedrängt und die Thüre geſchloſſen, und der Marquis, dem dieſe Nuhe imponirte, erwartete jetzt die kommenden Dinge. „Ich ſagte Ihnen damals, daß wir uns wiederſehen würden“, fuhr Dorman fort, indem er auf den Edelmann zutrat,„Sie wollten das nicht glauben—“ „Zurück!“ rief der Marquis.„Kommt mir nicht näher, elender Galeerenſträfling, oder beim Himmel, ich ſchieße Euch nieder wie einen tollen Hund.“ Der Falſchmünzer blieb ſtehen, in ſeinen Augen blitzte es jäh auf. „Auf einen höflichen Empfang war ich allerdings nicht vorbereitet“, ſagte er,„aber es würde in Ihrem Intereſſe liegen, wenn Sie Ihre Worte beſſer wählen wollten. Sie werfen mir die Galcere vor, gut, ich geſtehe ein, daß ich derjenige bin, für den Sie mich halten, nach dieſem Geſtändniß werden Sie wiſſen, daß Sie es mit einem Gegner zu thun haben, der vor Nichts zurückſchreckt. Wir ſind einmal die Ausgeſtoßenen, mein Herr, man meidet uns wie die Peſt, und weshalb? Weil wir ſo dumm waren, oder das Unglück hatten, uns auf einem krummen Wege ertappen zu laſſen. Die reichen und vornehmen Herren begehen oft Schlimmeres und werden nicht gefiſcht, es iſt ja eine alte Regel, daß man die kleinen Diebe hängt und die großen laufen läßt.“ „Was wollt Ihr hier?“ fragte der Marquis barſch, der jede Be⸗ wegung ſeines Gegners beobachtete. „Parbleu, wir haben Beſehl, Sie zu verhaften.“ „Dieſen Auftrag gibt man einem ſolchen Menſchen?“ „He, ich bin Offizier der Nationalgarde!“ „Dieſe Erklärung berechtigt mich zu der Frage, wo Ihr die Uni⸗ form geſtohlen habt?“ Dorman lachte, es war ein heiſeres, trockenes Lachen, welches die mühſam verhaltene Wuth erkennen ließ. „Geſtohlen?“ erwiderte er achſelzuckend.„Jenun, ich könnte ja auch — — 593— das zugeben, damit wir raſcher zur Sache kommen, ich könnte fogar zugeben, daß meine Kameraden, die draußen das Reſultat unſerer Unterredung erwarten, ſämmtlich Galeerenſträflinge geweſen ſind. Würde dies an der Sache irgend etwas ändern? Gewiß nicht, im Gegentheil, mein Herr, Sie müßten daraus erkennen, daß Sie es mit Leuten zu thun heben, die ſich nicht mit leeren Worten abſpeiſen laſſen.“ „Zur Verhaftung gehört ein Hrftbefehl.“ „Allerdings! Den haben wir nicht, wir handeln ganz auf eigene Fauſt.“ „So ſeid Ihr als Mörder und Diebe in mein Haus eingedrungen“, fuhr der Marquis auf.„Was hatte Euch dieſer Mann gethan, daß Ihr ihn niederſchlugt?“ Der Falſchmünzer warf einen geringſchätzenden Blick auf den be⸗ wußtloſen Portier und zuckte die Achſeln. „Er vertrat uns den Weg“, erwiderte er phlegmatiſch,„und wir ſind gewohnt, kurzen Prozeß zu machen.“ „Noch einmal, was wollt Ihr hier?“ „Sie hätten es längſt errathen können“, ſpottete Dorman,„Sie müſſen ſich ja noch der Forderung entſinnen, welche Madame von Chateaufleur mir übertrug.“ „Alſo Erpreſſung?“ „Wie Sie es nennen wollen, iſt mir gleichgültig, wir ſind zufrie⸗ den, wenn Sie unſerer Forderung nachkommen.“ „Madame von Chateaufleur, Ihre Schweſter, wird keinesfalls dieſe Forderung billigen“, ſagte der Marquis ſcharf. „Ah bah, Cora iſt Ihre Freundin nicht mehr, ſeitdem Sie dieſe Dame ſo tief beleidigt haben. Weshalb werſen Sie ihr vor, daß ſie meine Schweſter ſei? Sie wußten das damals ſchon, als Sie Coro unter glänzenden Verſprechungen zum Ehebruch verleiteten, weshall dachten Sie damals nicht an den Bruder auf der Galeere? Jetzt iſt er Ihnen unbequem, weil er ſich die Aufgabe geſtellt hat, ſeine Schweſter zu rächen, jetzt bereuen Sie, daß Sie nicht früher an die Folgen ge⸗ dacht haben. Ach, Ihr vornehmen Herren glaubt ungeſtraft jedes Verbrechen begehen zu können, für Euch beſtehen die Geſetze nicht! Da muß unſereins der Gerechtigkeit in's Handwerk pfuſchen und dem Heuchler die Maske abreißen. Wohlan, ich bin entſchloſſen das zu thun und nichts ſoll mich hindern, meinen Vorſatz auszuführen.“ „Keinen Schritt näher!“ donnerte der Marquis, als der Falſch⸗ R. 38 — — — —— — — — ——— — 594— münzer eine Bewegung machte.„Ich fürchte weder Euch, noch Eure Spießgeſellen!“ „Und das ſagen Sie mir mit einer Miene, als ob Sie ſchon unter der Laterne ſtänden, und der Strick um Ihren Hals gelegt wäre“, höhnte Dorman.„Mit ſolchen Redensarten machen Sie mich nicht irre, ich leſe die Todesangſt auf Ihrem Geſicht und bei allen Teufeln, Sie haben Urſache, in Angſt und Schrecken zu ſchweben. Meine Kanneraden würden meinen Tod furchtbar rächen, Sie wiſſen das ſo gut, wie ich. Ich könnte Sie zwingen, mir zur Präfektur zu folgen, ich könnte dort erklären, daß Sie an der Spitze der Inſur⸗ genten geſtanden hätten und man würde mich meines patriotiſchen Eifers wegen beloben. Beweiſe für meine Anklage ſind genügend vorhanden, andere Leute haben Sie ja auch im Stadthauſe geſehen. Aber was wäre dadurch gewonnen? Leute, wie Sie, haben überall mächtige Freunde, man würde Sie nach einigen Tagen wieder in Freiheit ſetzen, und Sie hätten dann nichts Eiligeres zu thun, als Rache an mir und Cora, an uns Allen zu nehmen.“ Der Marquis trat einen Schritt zurück, er ſtand jetzt der gehei⸗ men Thüre ſo nahe, daß man ſeine Flucht nicht mehr hätte verhin⸗ dern können. Aber er mußte ſich fragen, was er dadurch gewinnen werde? Ge⸗ ſetzt, er ſchoß ſeinen Gegner nieder und entzog ſich durch eine geheimniß⸗ volle Flucht der Rache der Verbrecher, mußte er nicht mit Sicherheit annehmen, daß ſie ſein Haus plündern und die Brandfackel hinein⸗ werfen würden? Dazu war es immerhin noch die große Frage, ob es ihm gelang, das Haus zu verlaſſen und dem Flammentode zu entgehen? Wenn alle Ausgänge beſetzt waren, konnten ihm auch die geheimen Gänge und Thüren nichts mehr nützen. So blieb ihm nichts Anderes übrig, als ein gütliches Abkommen mit dieſen Schurken zu verſuchen, weder Liſt noch Gewalt konnten ihn aus ihren Händen befreien. ‚Nun, wenn Madame von Chateaufleur Ihnen zu dieſem Mittel 3 gerathen hat, ſo rechtfertigt ſie dadurch nur die Meinung, die ich in der jüngſten Zeit über ihren Charakter gewonnen habe“, ſagte er im Tone der tiefſten Verachtung.„Kommen wir zur Sache, Sie ſpra⸗ chen von einer Forderung—“ „Sehr wohl, mein Herr“, unterbrach Dorman ihn,„es freut mich, ———, —, Eure ſchon gelegt e wich allen weben. wiſſen ur zu nſur⸗ tiſchen ügend ſehen. berall der in als gehei⸗ erhin⸗ 2 Ge⸗ mniß⸗ herheit iinein⸗ elang, Wenn Gänge ommen en ihn Mittel ich in er im fpia mich, 595 zu bemerken, daß Sie Vernunft annehmen. Hätten Sie damals den Wechſel eingelöſt, ſo wären Sie billiger weggekommen, heute reflectiren mehr Perſonen auf einen Antheil. Damals waren es zweitauſend Francs, wir würden uns, wenigſtens vorläufig, damit hegnügt haben.“ „Und heute?“ fragte der Edelmann. „Heute fordere ich zweimalhunderttauſend.“ „Sie ſind verrückt!“ „Bah, auf der Galeere hätte ich's werden können, aber nachdem ich auch das überſtanden habe, fürchte ich für meinen Verſtand nichts mehr.“ „Glauben Sie wirllich, daß ich dieſe unverſchämte Forderung be⸗ willigen werde?“ fragte der Marquis, in deſſen Adern das Blut kochte. „Ja, Sie werden das“, entgegnete Dorman, ohne ſeine lakoniſche Ruhe zu verlieren.„Sie werden nachgeben, wenn Ihr Leben Ihnen lieb iſt. Sie könnten mir ſagen, ſobald ich das Haus verlaſſen habe, würden ſie die Polizei mir nachſchicken, Sie könnten mir drohen mit Verhaftung, mit dem Dolch des Meuchelmörders, aber das wären nur verlorene Worte, mein Herr, die mich nicht einſchüchtern wärden. Denn bei der erſten Feindſeligkeit gegen mich ſtehen meine Kameraden hinter mir, ſie würden das Gefängniß erſtürmen, ſie würden ohne Gnade den ermorden, der die Hand des Meuchelmörders gegen mich bewaffnet hätte.“. „Und wenn ich Ihnen die Summe nicht zahle?“ „Dann werden wir Sie zwingen, mein Herr.“ Der Marquis richtete ſich hoch auf, dieſe Sprache beleidigte ſeinen Stolz. „Zwingen!“ rief er mit beißendem Hohn.„Ein Edelmann läßt ſich nicht zwingen, am wenigſten von ſolchen Burſchen!“ Der Falſchmünzer zuckte abermals die Achſeln. „Wenn Sie es darauf ankommen laſſen wollen, ſo dürften Sie zu ſpät bereuen“, ſagte er.„Ich wiederhole Ihnen, daß ich volle Berechtigung habe, Sie zu verhaften, nicht allein der faulen Rolle wegen, welche Sie bei dem heutigen Aufſtande geſpielt haben, ſondern auch aus einem anderen Grunde. Ich weiß, daß Sie eine deutſche Spionin in Ihrem Hauſe beherbergen, daß Sie dieſes Mädchen aus St. Lazare befreit haben. Die Deutſche hat meine Schweſter aus Ihrer Gunſt verdrängt, ihr wurde Cora geopfert. Parbleu, wäre das nicht allein ein ſchwer wiegender Grund für mich, Sie ſammt dieſer 38* — 596— Spionin in's Gefängniß zu bringen? Auch auf dieſe Rache verzichte ich, wenn Sie ohne Verzug das Geld zahlen.“ „Nimmermehr!“ „Bei allen Teufeln, dann ſind wir entſchloſſen, das Werk ganz und nicht halb zu thun. Wir werden Sie binden, und Ihnen glühende Kohlen emter die Fußſohlen legen, wir werden Sie martern, bis Sie eingeſtanden haben, wo Sie Ihr Geld aufbewahren.“ „Verſucht es, Banditen!“ ſchrie der Marquis, die Waffe erhebend, aber in demſelben Augenblicke traf ein Schlag mit dem flachen Säbel ſeinen Arm ſo wuchtig, daß der Revolver ſeiner Hand entfel. „So haben wir nicht gewettet“, höhnte Dorman, deſſen ſtechender Blick mit der Mordluſt eines Tigers auf dem flammenden Geſichte des Edelmanns ruhte,„ich weiß, wem ich gegenüberſtehe, und es iſt meine Art niemals, den Gegner zu unterſchätzen. Ich ſage Ihnen, wir werden erhalten, was wir verlangen, wenn nicht in Güte, dann durch die Gewalt. Ob Ihnen aber der Schädel eingeſchlagen wird, iſt uns gleichgültig, und was Ihre deutſche Geliebte betrifft, ſo dürfen Sie verſichert ſein, daß ich meine Schweſter an ihr rächen werde.“ „Bandit!“ knirſchte der Marquis, der jetzt wirklich Angſt vor ſeinem Gegner empfand, da er ſich wehrlos ihm gegenüber ſah.„Ihr ſeid auf dem beſten Wege zum Galgen—“ „Bah, das weiß ich“, fiel Dorman ihm in's Wort,„aber d'rum will ich erſt recht die kurze Spanne noch genießen. Und dazu bedarf ich des Geldes. Wenn ich mich in elegante Kleidung werfe und in glänzen⸗ der Equipage fahre, wird Jeder den Rücken vor mir beugen und Niemand daran denken, mich nach nmieiner Vergangenheit zu fragen, es kommt ja Alles nur auf den äußeren Schein an, die großen Herren dürfen thun und laſſen, was ſie wollen, von ihnen fordert man keine Rechenſchaft.“ Der Marquis war völlig rathlos, er wußte nicht, was er thun ſollte. Sein Gegner ſtand dicht vor ihm, es war ihm entſetzlich, in dieſe glühenden Augen voll Tücke und Bosheit ſehen zu müſſen, die ihm durch ihre Blicke deutlicher das Wort verriethen, daß ſein Leben verloren war, wenn er die unverſchämte Forderung nicht bewilligte. „Entſchließen Sie ſich“, ſagte der Falſchmünzer rauh,„ich kann's meinen Kameraden nicht verdenken, wenn ihnen die Geduld ausgeht. Entweder— oder! Denken Sie, die geforderte Summe ſei das Löſe⸗ geld, mit dem Sie Ihr Leben erkaufen können.“ — 597— „Und ſelbſt wenn ich zahlen wollte, wäre es mir in dieſem Augen⸗ blick doch unmöglich“, erwiderte der Marquis, nach einem Ausweg ſuchend, der ihn wenigſtens für den Augenblick aus der drohenden Gefahr befreite,„ich habe das Geld nicht im Hauſe, und mein Bankier zahlt ſeit einigen Tagen nichts mehr aus.“ „Und das ſoll ich glauben?“ „Wie Ihr wollt— ich ſage die Wahrheit!“ „Sehr wohl, wir werden ſehen“, verſetzte Dorman.„Sobald ich pfeife, treten meine Kameraden ein, Stricke haben wir mitgebracht und ein Haken wird hier irgend wohl zu finden ſein, der ſtark genug iſt, Ihren Kadaver zu tragen.“ Er ſpitzte ſchon die Lippen, als plötzlich draußen ein gewaltiger Lärm ſich erhob. Stimmen ſchrieen durcheinander, Scheltworte und rohe Flüche wurden laut, Fauſtſchläge donnerten gegen die Thüre des Kabinets, man hätte glauben können, die Hölle habe ihr ganzes Heer losge⸗ laſſen, um die Verbrecher an ihrem Vorhaben zu hindern. Der Falſchmünzer horchte und zog die buſchigen Brauen immer finſterer zuſammen, ein trotziger Zug umzuckte ſeine Lippen und ſein markirtes Geſicht nahm einen wilden, blutdürſtigen Ausdruck an. „Verflucht!“ knirſchte er, ſeine Ruhe und Faſſung verlierend. „Wer wagt es, uns zu ſtören?“ „Hinaus!“ rief der Edelmann, der dieſen Moment benutzt hatte, um ſeine Waffe vom Boden aufzuheben.„Bei Gott, wenn Ihr Euch nicht ſofort entfernt, jage ich Euch eine Kugel durch den Schädel.“ Ein heiſeres Lachen war die Antwort Dorman's, aber dieſes Lachen erſtarb auf ſeinen Lippen, als jetzt die Thüre aufgeſtoßen wurde und ein Sergeantmajor der Mobilgarde, begleitet von zwei National⸗ gardiſten, eintrat. Der Maræuis erbleichte, er erkannte ſofort Paul und Erneſt, er wußte nur zu gut, daß er auch von ihnen keine Schonung erwarten durfte. Aber ſein Leben war wenigſtens gerettet, das Gefängniß fürchtete er nicht. Der Falſchmünzer blickte die Eintretenden trotzig an. „Was ſoll's?“ fragte er rauh.„Ihr kommt zu ſpät, der Mar⸗ quis von Chateaurouge iſt bereits mein Gefangener.“ „Verhaftet dieſen Burſchen!“ rief der Edelmann.„Er hat dieſe Uniform geſtohlen, entblößt ſeinen Arm, Ihr werdet das Brandmal der Galeere auf ihm finden.“ — ———— —— — 598— „Das iſt ſeine Ausrede“, ſpottete Dorman,„er glaubt Euch da⸗ mit bethören zu können.“ „Parbleu, eine Galeerenphyſiognomie hat der Herr“, ſagte der Sergeantmajor, näher tretend,„und unmöglich wäre es nicht, daß er das Brandmal trüge.“ „Reſpect vor Eurem Vorgeſetzten!“ rief der Falſchmünzer zitternd vor Wuth. „Oho!“ ſpottete der Sergeantmajor.„Mein Vorgeſetzter iſt der Herr nicht! Uebrigens treibt ſich jetzt viel Geſindel in Paris herum und eine Uniform kann man ſich mit leichter Mühe verſchaffen. Weshalb haben Ihre Leute das Haus ſo raſch verlaſſen— he? Wenn ſie ein reines Gewiſſen gehabt hätten, wären ſie geblieben, um gemeinſchaftliche Sache mit uns zu machen. Zuerſt—“ „Beim Himmel, dieſer Offizier iſt—“ Paul brach erſchreckt ab, der flammende Blitz, der aus den glühen⸗ den Augen des Falſchmünzers ihn traf, erinnerte ihn an die Warnur⸗, mit der Dorman ſich in der Wohnung der Prokuratorin non ſeinen Fluchtgenoſſen verabſchiedet hatte. Erneſt trat auf ihn zu, auch er erkannte ihn jetzt. „Sie werden begreifen, daß Sie das Spiel verloren haben“, ſagte er mit gedämpfter Stimme,„wenn Sie ſich nicht entfernen, zwingen Sie uns, Sie zu verhaften, und was dann Ihrer harrt, wiſſen Sie.“ „Bah, man würde Sie ebenfalls verhaften—“ „Hinter uns ſteht unſer ganzes Bataillon, wir wärden keinen Tag im Gefängniſſe bleiben! Gehen Sie, wir haben Befehl, den Mar⸗ quis zu verhaften, Sie aber wollen hier plündern.“ Der Marquis ſprach inzwiſchen mit dem Sergeantmajor, und aus den Mienen des letzteren mußte der Falſchmünzer erkennen, daß er in der That das Spiel verloren hatte, und daß es nur für ihn ſelbſt gefährlich war, wenn er der Aufforderung ſeiner Gegner trotzig entgegentreten wollte. Seine Genoſſen ließen ihn im Stich, und die gegen ihn gerichtete Anklage des Marquis fiel um ſo ſchwerer in die Wagſchale, weil die beiden Nationalgardiſten ihre Wahrheit beweiſen konnten, ihm blieb jetzt nichts Anderes übrig, als durch eine raſche Entfernung ſich der Verhaftung zu entziehen. Er ſchritt auf die Thüre zu, der Sergeantmajor trat ihm in den Weg, er ſtieß ihn zurück. — 599— „Wollt Ihr auf die Ausſage eines Hochverräthers hin einen Offizier inſultiren?“ fragte er ſcharf.„Es würde Euch übel bekom⸗ men, mein Freund, verhaftet den Hochverräther, vor den Schranken des Gerichts werde ich ihm gegenüberſtehen. Wir ſehen uns wieder, Marquis, wann und wo es auch ſein mag, unſere Rechnung muß geordnet werden!“ 2 „Laßt ihn gehen, wandte Erneſt ſich zu dem Sergeantmajor, „wir haben keine Beweiſe gegen ihn.“ „He, liegt hier nicht der Beweis?“ rief der Sergeantmajor, auf den Portier zeigend, der jetzt, aus ſeiner Betäubung erwachend, den Kopf erhob. Dorman hatte ſich ſchon entfernt, es war zu ſpät, ſeine Flucht zu verhindern. Der Sergeantmajor wandte ſich jetzt zu dem Marquis, der ſeine ganze Faſſung wiedergefunden und bereits einen Weg entdeckt hatte, auf dem er auch dieſer neuen Gefahr entgehen zu können glauöte. „Waren ſie nicht der Anführer der Inſurgenten?“ fragte er. „Nein, mein Freund“, erwiderte der Edelmann ruhig, während ein Lächeln ſeine Lippen umſpielte,„ich befand mich nicht an ihrer Spitze.“ „Aber man hat Sie im Stadthauſe geſehen.“ „Ich leugne nicht, daß ich dort war—“ „Sehr gut, dann muß ich Sie verhaften.“ „Allein deshalb?“ fragte der Marquis ironiſch.„Wiſſen Sie denn, aus welchem Grunde ich mich im Stadthauſe befand? Man darf nicht vorſchnell urtheilen, das iſt ungerecht.“ Er drückte bei den letzten Worten auf einen Knopf, im nächſten Augenblick trat der Diener ein. „Du wirſt die braven Leute bewirthen“, befahl der Edelmann ihm, „man ſoll ihnen Burgunder, Brod und Fleiſch vorſetzen. Darf ich Sie bitten, Herr Sergeantmajor, meinem Diener zu folgen und mich mit dieſen beiden Herren allein zu laſſen?“ Der Sergeantmajor war ganz verdutzt; hätte der Marquis ihm mit Grobheiten und Drohungen geantwortet, ſo würde er um eine Erwiderung nicht verlegen geweſen ſein, aber dieſes feſte und dabei ſo höfliche Auftreten verwirrte ihn. Er warf ſeinen Begleitern einen fragenden Blick zu, auch ſie waren verlegen, er ſah es deutlich, von ihnen konnte er keinen Rath erwarten. — —— ————— ——— — — 600— Mechaniſch folgte er dem Diener, der den Portier hinausführte, und als die Thüre hinter ihm in's Schloß gefallen war, lud der Marquis die Freunde durch einen Wink ein, Platz zu nehmen. „Setzen wir uns“, ſagte er, indem er ſich in einen Seſſel nieder⸗ ließ,„ich werde befehlen, daß man uns Wein bringt—“ »Wozu das?“ fiel Paul ihm in's Wort.„Wir verlangen nichts von Ihnen außer—“ „Mein Gott, wie unhöflich Sie ſind!“ ſchnitt der Edelmann ihm die Rede ab.„Ich lade Sie ein und Sie antworten mir mit einer Grobheit. Woher rührt dieſer Haß? Was habe ich Ihnen gethan, meine Herren, daß Sie mich ſo conſequent verfolgen?“ „Das fragen Sie?“ erwiderte Erneſt erregt.„Habe ich es Ihnen nicht deutlich genug geſagt, als ich das letzte Mal hier war? Und konnten Sie glauben, daß ich mit Ihrer nichtsſagenden Antwort mich begnügen würde?“. Der Marquis ſchüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was Sie wollen“, ſagte er, einen heitern Ton anſchlagend,„Sie machen mich verantwortlich für etwas, was mir ganz unbekannt iſt. Und weil ich Ihnen keine befriedigende Antwort geben kann, ergreifen Sie jede Gelegenheit, mich zu verderben. Sie haben geſehen, daß ich im Stadthauſe war, daß ich mich damit be⸗ ſchäftigte, die neue Regierung zu organiſiren. In Ihren Augen kann das kein Verbrechen ſein, denn Sie wiſſen nur zu gut, daß die Com⸗ mune das einzige Mittel iſt, die Republik zu retten, und daß die arbeitende Klaſſe nur hiervon ihr Heil erwarten darf. Sie wiſſen, daß es eine Schmach für Paris iſt, ſich regieren laſſen zu müſſen von einem Präfekt, den die Regierung eingeſetzt hat, Sie wiſſen, doß die Bourgeois ſich von dem Schweiße der Arbeiter genährt haben, und daß für dieſe Leute die Stunde der Vergeltung ſchlagen muß.“ „Laſſen wir das bei Seite!“ warf Erneſt ein. „Nein, mein Freund, Sie müſſen wiſſen, daß ich das Wohl der Arbeiter will, daß es die Aufgabe meines Lebens iſt, das Proletariat in ſeine Menſchen⸗Rechte und Würde wieder einzuſetzen, wenn ich dies erreicht habe, will ich gern vom Schauplatze abtreten und mich auf mein Gut in der Provinz zurückziehen.“ „Das ſind Ideen, über die wir nicht mit Ihnen ſtreiten wollen“, ſagte Paul. Der Marquis nickte zuſtimmend. ührte, mder ieder⸗ nichts ihm einer than, hnen Und mich Ton mir wort Sie he⸗ kann Com⸗ die iſſen, iſſen doß und der riat dies auf 74 en“, — 601— „Ich weiß, daß etwas Anderes Sie hierher führt“, fuhr er fort, „Ihr Haß gegen mich, Ihr Durſt nach Rache. Und da frage ich mich vergeblich, wodurch ich Ihre Rache herausgefordert habe.“ „Wie, mein Herr, haben Sie unſere Verhaftung ſchon vergeſſen?“ fragte Erneſt ſcharf. „Wollen Sie mir die Schuld daran zuſchieben?“ „Ganz gewiß.“ „Das wäre ein großes Unrecht.“ „Keineswegs! Können Sie leugnen, Herr Marquis, daß Sie beſtürzt waren, als ich hier den Geſang des deutſchen Liedes vernahm?“ „Daß Sie doch immer wieder darauf zurückkommen müffen! Sie halten an einem unbegründeten Verdacht ſo feſt—“ „Erlauben Sie, wir wiſſen, daß dieſer Verdacht begründet iſt. Als Sie bemerkten, daß ich das Lied, die Melodie und auch die Stimme der Sängerin kannte, wurde ich ein gefährlicher Gegner für Sie, und Sie wählten das kürzeſte Mittel, dieſen Gegner zu beſeitigen. Die Vorbereitungen waren für dieſen Fall ſchon getroffen, Sie ließen uns verhaften, ohne die Möglichkeit in's Auge zu faſſen, daß es uns ge⸗ lingen könne, aus dem Gefängniſſe zu entfliehen.“ „Sie ſagten mir das damals ſchon“, erwiderte der Marquis ruhig, „Sie beſchuldigten mich ſogar eines Bündniſſes mit der Leroi, um Ihre Anklage zu beweiſen. Ein Edelmann, mein guter Freund, kann mit einem ſolchen Weibe lein Bündniß eingehen.“ „Ich habe mit eigenen Augen geſehen, daß Sie in das Zimmer dieſes Weibes traten“, ſagte Paul. „Hätten Sie doch auch gehört, welchen Gegenſtand meine Unter⸗ redung mit dieſer Frau betraf!“ entgegnete der Edelmann.„Sie würden mir im Herzen Abbitte gethan haben für den unwürdigen Verdacht. Sie würden gehört haben, daß es ſich um nichts weiter handelte, als um einen Brillantring, der einſt mein Eigenthum war, und der nun, Gott weiß, durch welchen Zufall, ſich in der Hand jenes Weibes befindet. Es knüpfen ſich für mich theure Erinnerungen an dieſen Ring, und Madame Leroi weiß das, ſie verlangt einen Preis, den ich nicht zahlen kann. Sie glauben mir vielleicht auch das nicht, aber es iſt Ihnen ja freigeſtellt, das Weib zu fragen, ich glaube nicht, daß ſie Ihnen die Wahrheit verhehlen wird.“ Paul und Erneſt blickten einander an, dieſe mit der Ruhe der b— ————— 4 — 602— Zuverſicht gegebene Erklärung, deren Wahrheit ſich nicht bezweifeln ließ, mußte ſie der beſten Waffe gegen den Edelmann berauben. „Sehen wir auch davon ab“, ſagte Erneſt nach einer Pauſe,„Sie werden uns aber nicht überzeugen können, daß Fräulein Reimann ſich nicht im Gefängniß St. Lazare befand. Wir wiſſen das mit zu großer Beſtimmtheit—“ „Ah, mein Freund, das iſt eine andere Frage“, fiel der Marquis ihm in's Wort.„Nachdem Sie mir damals dieſe Erklärung gemacht hatten, zog ich Erkundigungen ein, die das Reſultat ergaben, daß man allerdings die junge Dame verhaftet und nach St. Lazare gebracht hatte.“ „Und Sie befreiten ſie aus dem Gefängniß“, warf Paul ein, deſſen Blick durchbohrend auf dem Geſicht des Edelmannes ruhte. „Wozu die vielen Umſchweife? Wir verlangen. daß Sie das Mäochen in Freiheit ſetzen und—“ „Ruhig“, bat Erneſt,„Eines nach dem Anderen.„Sie wiſſen, wo Fräulein Reimann ſich befindet, Herr Marquis?“ „Bevor ich dieſe Frage beantworte, möchte ich einige andere Fragen an Sie richten“, erwiderte der Edelmann mit ernſter Ruhe.„Aber es wäre mir lieb, wenn Ihr Freund ſich nicht in das Geſpräch hin⸗ einmiſchen wollte, ich denke, dieſe Angelegenheit berührt uns beide und der junge Mann, verzeihen Sie meine Offenheit, wird in ſeinen Ausdrücken beleidigend. Mit Ruhe und Mäßigung kommen wir raſcher zum Ziele, die Erregung führt nur zu Zwiſt und Hader.“ „Fragen Sie, Herr Marquis!“ „Wohlan, lieben Sie Fräulein Reimann?“ „Mein Herr—“ „Verzeihen Sie, daß ich ſo ſchnurgerade auf das Ziel zuſteuere, aber iſt es nicht beſſer, wenn wir uns über unſere Beziehungen zu der jungen Dame ganz klar werden?“ „Nun denn— ja, ich liebe ſie!“ „Und was können Sie ihr bieten?“ „Ein treues Herz—“ „Sehr wohl, aber Fräulein Reimann iſt an Bedürfniſſe gewöhnt, die der Arbeiterſtand nicht kennt. Ueberdies ſteht ſie auch in der Bildung hoch über Ihnen.“ Erneſt fuhr mit der Hand über ſeine Stirn, auf der der Schweiß in hellen Tropfen perlte. weifeln 1 „„Sie un ſich nit zu karquis gemacht 1, daß Lazare lein, ruhte. kaochen wiſſen, Fragen „Aber hin⸗ e und ſeinen wir r.“ euere, en zu öhnt, der — 603— „Ich glaube, Sie haben mir das Alles ſchon einmal geſagt“, erwiderte er,„und wenn ich nicht irre, gab ich Ihnen damals eine Antwort, welche Sie befriedigte.“ „Nicht ſo ganz, mein junger Freund. Setzen wir den Fall, Fräulein Reimann gebe Herz und Hand einem andern Manne, wür⸗ den Sie alsdann entſagen können?“ „Wenn ich die Gewißheit hätte, daß ſie an der Seite dieſes Mannes glücklich würde—“ „Wer könnte ſie Ihnen geben? Wer vermag in die Zukunft zu blicken und ſich Gewißheit zu verſchaffen über das, was im Schooß der Zeiten ſchlummert?“ „Nun denn, wenn Fräulein Marie einem Anderen ihre Liebe ſchenkte, müßte ich nicht entſagen?“ „Freilich, aber Ihr Haß könnte ſich gegen den Zlücklichen Neben⸗ buhler richten.“ „Nur in dem Falle, daß er Fräulein Marie unglücklich und elend machte.“ „Wohlan, können Sie glauben, daß ich zu ehrloſen Mitteln greifen würde, um ein junges Mädchen zu bethören und zu verführen?“ „Nein, Herr Marquis.“ „Ich danke Ihnen für dieſes Vertrauen, es ehrt mich, auch der Edelmann kann üch geehrt fühlen durch das Vertrauen des ſchlichten Arbeiters. Reichen Sie mir die Hand, mein Freund, ich danke Ihnen nochmals. Und nun will ich Ihre Frage beantworten. Ich weiß, wo Fräulein Marie ſich befindet.“ „Ah— in Ihrem Hauſe!“ „Forſchen Sie nicht weiter, hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe. Auch ich liebe Marie, und Ihre Liebe kann nicht inniger, nicht reiner und glühender ſein, wie meine.“ „Da haben wir's!“ fuhr Paul heraus. „Bitte, dieſe Angelegenheit iſt nicht die Ihrige“, ſagte der Mar⸗ quis mit einem vorwurfsvollen Blick.„Werfen Sie keine Bitterkeit zwiſchen meinen Freund und mich. Ja, ich liebe ſie und bin ent⸗ ſchloſſen, Fräulein Marie zu meiner Gattin zu erheben, wenn ſie Herz und Hand mir ſchenken will. Aber denken Sie nicht, daß ich aus dieſem Grunde ihren Aufenthaltsort ſo ſtreng geheim halte, hegen Sie nicht den Verdacht, daß ich mich unwürdiger Mittel bediene, um mir den Sieg zu ſichern. Als ich die junge Dame aus dem Gefängniß — ——— ———— ——— — ˖V:——L,A˙.y.,.,.— ——Q— —— ——ÿ— ————— ——y ——— 1 1 i [[ EA i. 4 — — 604— befreite, was Ihnen keinenfalls gelungen wäre, da trat begreiflicher Weiſe mir die Frage nahe, wo die Entflohene in Ruhe und Sicher⸗ heit die Wiederkehr der öffentlichen Ordnung abwarten könne. Madame Leroi war ihre Feindin, zudem ließ ſich erwarten, daß man die Ent⸗ flohene in ihrer früheren Wohnung ſuchen würde. Ebenſowenig aber war ſie in jeder anderen Wohnung geſchützt, die fanatiſche Menge ſucht ja noch immer preußiſche Spione, ſie verhaftet, mißhandelt, ja, ſie ermordet Alle, die nur einen Schein von Verdacht auf ſich laden. Ich fand keinen ſicherern Ort, als die Wohnung, die ich in meinem Hauſe eingeräumt habe, und es war ein Act der Nothwendigkeit, daß ich ihr jeden Verkehr mit der Außenwelt abſchnitt. Ich ließ keinen Brief hinaus, keinen hinein, ich mußte meinen Dienern dieſen ſtrengen Befehl geben, um Fräulein Marie vor jeder Möglichkeit einer Ent⸗ deckung zu ſchützen. Sehen Sie ein, daß ich darin recht gehandelt habe?“ Erneſt war abwechſelnd roth und wieder blaß gaalden ſein Blick ruhte ſtarr auf dem Geſicht des Marquis. „Hm, ich darf nicht reden“, brummte Paul. „Und wenn Sie es dürften, was würden Sie erwidern?“ „Daß mir die ganze Geſchichte ſehr verdächtig ſcheint!“ „Sie ſcheinen mir überhaupt Jeden für einen Schurken zu halten, ſo lange er Ihnen nicht das Gegentheil bewieſen hat. Ich hoffe, Ihr Freund beurtheilt mich richtiger.“ „Herr Marquis, das hätten Sie mir damals ſagen ſollen“, erwiderte Erneſt, der ſich ſo raſch nicht faſſen konnte.„Weshalb verſchwiegen Sie es mir?“ „Weil Sie zu erregt waren.“ „Ich bin es jetzt nicht.“ „Eben deshalb habe ich Ihnen jetzt reinen Wein eingeſchenkt.“ „Und Sie werden mir auch geſtatten, Fräulein Marie zu beſuchen.“ Der Marquis ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken, er war doch nicht ſo ganz aufrichtig, wie er ſich den Anſchein gab. „Ja“, ſagte er nach kurzem Ueberlegen,„aber heute noch nicht.“ „Ich werde morgen wiederkommen.“ „Sie vergeſſen, daß ich verhaftet werden ſoll.“ „O, der Sergeantmajor wird ſich beruhigen, wenn wir ihm ſagen, daß wir uns geirrt haben.“ „Parbleu, das wäre Wahnſinn!“ ſagte Paul. iflicher Sicher⸗ loadame he Ent⸗ ig aber Menge elt, ja, laden. neinem it, daß keinen trengen Ent⸗ andelt n Blick halten, hoffe wider⸗e wiegen — — — 605— „Nein, auch morgen noch nicht“, verſetzte der Marquis, ohne von dem Proteſt Paul's Notiz zu nehmen.„Wir wollen einen beſtinmten Tag anſetzen, an dieſem Tage ſoll Fräulein Marie zwiſchen uns beiden in unſerer Gegenwart ihre Wahl treffen.“ „Inzwiſchen hat der Herr Marquis für ſich vorgearbeitet, und man ſpielt mit Dir nur eine verabredete Komödie“, warf Paul mit beißender Ironie ein. „Dieſen Einwurf konnte ich von Ihnen erwarten“, ſagte der Edel⸗ mann,„aber ich erwarte Ihn nicht von Ihrem Freunde. Er wird mich beſſer kennen und wiſſen, daß er auf meine Ehre vertrauen darf. Ich will ihm geſtatten, eine Stunde vor der Wahl allein mit der jungen Dame zu reden, dann mag er ſelbſt ſie fragen, ob und welche Gründe ſie habe, ſich über mich zu beſchweren. Er mag ihr ſchreiben, ſchriftlich um ihr Herz und ihre Hand werben, ich ver⸗ pflichte mich, ihr den Brief zu übergeben, und wenn ich das thue, werde ich ebenfalls um ihre Hand werben. Sie wird ſich Bedenkzeit ausbitten, man weiß ja wie die jungen Mädchen in dieſem Punkte ſind, und ich antworte ihr, daß wir heute über vierzehn Tage ihre Entſcheidung erwarten.“ „Und wenn ihre Wahl auf mich fällt?“ fragte Erneſt, aus ſeinem Sinnen erwachend. „Dann bleibt Fräulein Reimann in meinem Hauſe, bis der Friede geſchloſſen iſt, aber Sie haben das Recht, ſie täglich zu beſuchen. Und nicht allein das, ich werde ihr auch eine namhafte Summe zur Mit⸗ gift geben und ſie fortan als meine Tochter betrachten.“ „Das iſt der Köder, der Dir hingeworfen wird“, ſpottete Paul, „nun beiß an!“ „Und bürgen Sie mir mit Ihrem Ehrenwort dafür, daß Sie dieſen Antrag in allen Theilen halten werden?“ fragte Erneſt, auf den die Worte des Marquis einen tiefen Eindruck gemacht hatten. „Ja.“ „Bah, wir haben jetzt die Macht in den Händen“, ſagte Paul ärgerlich.„Durchſuchen wir das Haus, befreien wir die Gefangene.“ „Glauben Sie, daß Ihnen das ſo leicht fallen werde?“ unter⸗ brach der Marquis ſie gelaſſen.„Ich will Ihnen eine Friſt von drei Tagen geben, binnen der Sie dieſes Haus durchſuchen dürfen, Sie werden die Zimmer nicht finden, welche Fräulein Marie bewohnt. Uebrigens wäre es auch ſehr unhöflich, die junge Dame aus dem —yÿ— ——— — 606— Schlafe aufzuſchrecken, abgeſehen davon, daß Sie dadurch mir mit dem größten Undank lohnen würden.“ „Sei es denn“, erwiderte Erneſt,„ich will mich gedulden, Herr Marquis, aber wenn Sie mein Vertrauen täuſchen, dann—“ „Bitte, keine Drohungen! Was ich verſprochen habe, halte ich.“ „Alſo Du willſt wirklich der Narr ſein?“ fragte Paul, mühſam an ſich haltend. „Muß ich nicht den Vertrag eingehen? Und weiß ich denn, ob Fräulein Marie mir's danken würde, wenn ich ſie auf dem Wege der Gewalt befreite? Bin ich denn ihrer Gegenliebe ſo ganz ſicher?“ „So wenig, wie ich“, ſagte der Marquis ruhig,„auch mir fehlt darüber jede Gewißheit.“ „Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich“, verſetzte Paul achſel⸗ zuckend.„Aber wir ſind noch nicht fertig, Herr Marquis, ich habe auch noch eine Frage an Sie zu richten.“ „Wenn Sie ſie in höflicher Form ſtellen, werde ich ſie beantworten.“ „Ach was, ich habe nicht gelernt, mit Phraſen um mich zu werfen. Sie kennen Jenny Mouſſon und Juſtine, nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Alſo kennen Sie auch Louiſon Bandau!“ „Woraus ſchließen Sie das?“ „Juſtine iſt mit Louiſon befreundet, und Louiſon Bandau iſt meine Braut.“ „Sonderbare Schlußfolgerung!“ „Keineswegs. Während Juſtine hier bei Ihnen dinirte, verließ Louiſon ihre Wohnung und ſeitdem iſt ſie ſpurlos verſchwunden.“ „Gut, was weiter?“ „Man ſagt, ein eleganter Herr habe ſie abgeholt—“ „Und da denken Sie gleich, ich müſſe dieſer Herr geweſen ſein?“ „Jawohl.“ „Sie haben wunderliche Einfälle“, ſcherzte der Marquis.„Glich der Herr vielleicht mir?“ „Hm, das weiß ich nicht“, erwiderte Paul, den die heitere Ruhe des Edelmannes verwirrte. „Nun wohl, was berechtigt Sie dann zu dieſem Verdacht?“ „Parbleu, liegt die Möglichkeit nicht nahe, daß Sie eine Geſell⸗ ſchafterin für Fräulein Marie ſuchen? Und lönnte Ihre Wahl nicht auf Louiſon gefallen ſein?“ — — —4ü j.—r — 607— Der Marquis lachte und ſchüttelte den Kopf. „Da ſehen Sie, wie leicht man in Verdacht kommen kann“, wandte er ſich zu Erneſt,„vorzüglich, wenn man es mit mißtrauiſchen Per⸗ ſonen zu thun hat. Nein, mein Herr, Ihre Vorausſetzungen ſind grundfalſch, aber es freut mich, daß ich Ihnen beweiſen kann, wie wenig ich Ihr Mißtrauen verdiene. Es iſt wahr, daß ein eleganter Herr Louiſon zwang, ihre Wohnung zu verlaſſen, um der Rache dieſes zudringlichen Menſchen ſich zu entziehen.“„Aber dieſer Herr war der Chevalier von Chateaufleur, der ſchon ſeit einiger Zeit dem Mädchen nachſtellte.“ Paul blickte betroffen auf. „Das Letztere iſt mir bekannt“, ſagte er,„wodurch aber erfuhr der Schurke den Aufenthaltsort Louiſons?“ „Mein lieber Freund, wenn Sie das wiſſen wollen, werden Sie ihn ſelbſt fragen müſſen“, entgegnete der Marquis, bedeutſam lächelnd. „Dieſe Herren haben ja die Mittel, Spione zu beſolden, und es gibt in Paris tüchtig geſchulte Spione.“ „Und woher wiſſen Sie—“ „Laſſen Sie mich ausreden, Sie ſollen Alles erfahren, ſchon des⸗ halb, um die Einſicht zu erlangen, daß Sie mir großes Unrecht gethan haben. Ich weiß nicht, war es ein Zufall oder eine Fügung der Vorſehung, daß ich an demſelben Abend meine Schritte zum Quai de becole lenkte, genug, ich bemerkte dort Louiſon, und die Miene des Mädchens ließ mich vermuthen, daß ſie im Begriff ſtand, einen Schritt der Verzweiflung zu thun.“ „Das wird Louiſon nimmermehr thun!“ „Sie unterbrechen mich ſchon wieder, mein Beſter! Wenn ich Ihnen ſage, daß ich die Beſtätigung meiner Vermuthung in den ver⸗ ſtörten Zügen Louiſon's fand, ſo dürfen Sie mir glauben. Ich redete das Mädchen an und vernahm nun das Vorgefallene. Louiſon wußte nicht, wohin ſie flüchten ſollte, und es war in der That ſchwierig, einen Aufenthaltsort für ſie zu beſtimmen, an welchem ſie ſich ſicher fühlen durfte. Ich dachte im erſten Augenblick wirklich daran, ſie in mein Haus aufzunehmen, aber Louiſon ſelbſt brachte mich davon zurück.“ „Und wo iſt ſie jetzt?“ fragte Paul in fieberhafter Erregung. „Bei ihrem Vater.“ „Parbleu, dort—“ ————————— 1 9 1 3 — 608— „Dort iſt ſie ſicher, mein Freund, Pierre Bandau weiß, daß ſeine Tochter unter meinem Schutze ſteht, er weiß auch, daß ich niemals eine leer“ Drohung ausſpreche.“ Die flammenden Augen Paul's richteten ſich feſt auf das Antlitz des Edelmannes. 6 „Ich kann nicht glauben, daß Louiſon aus freiem Antriebe in das Haus dieſes Tyrannen zurückgekehrt ſein ſoll, welches ſchon einmal ein Gefälgniß für ſie war“, ſagte er.„Sie wußte ja aus Erfahrung, welches Loos dort ſie erwartete, ſie rannte den ſchmutzigen Geiz, die Härte und die niedrigen Geſinnungen ihres Vaters—“ „So gehen Sie hin und fragen Sie Louiſon ſelbſt“, iel der Marquis ihm mit geneſſenem Ernſt in's Wort,„die Hartnäckigkeit, mit der Sie an Ihrem Verdacht feſthalten, muß mich tief kränken, aber ich verzeihe Ihnen auch das. Wenn Sie glauben, an irgend Jemand Rache nehmen zu müſſen, ſo richten Sie Ihr Augenmerk wenigſtens auf die Perſonen, denen Sie eine Schuld vorwerfen können, auf den Chevalier und die Wahrſagerin, aber verſchonen Sie mich mit Ihrem Mißtrauen und Ihren Feindſeligkeiten, zu denen Sie keine Berechtigung haben.“ Er hatte ſich erhoben und auf den Knopf gedrückt, aber ſtatt des Dieners, trat der Sergeantmajor ein, deſſen Gang und Haltung nur zu deutlich bewieſen, daß er der Flaſche tapfer zugeſprochen hatte. „Parbleu, es wird Zeit“, ſagte er mit ſchwerer Zunge,„für die freundliche Bewirthung wollen wir uns bedanken, aber unſere Pflicht müſſen wir darum doch erfüllen. Herr Marquis, machen Sie ſich bereit—“ „Der Herr Marquis wird uns nicht begleiten“, erwiderte Erneſt ruhig,„wir haben uns geirrt, mein Braver.“ „He— geirrt?“ rief der Sergeantmajor verdutzt.„Sie ſagten ja ſelbſt, der Herr Marquis ſei im Stadthauſe geweſen!“ „Allerdings, aber er war dort als Anhänger der Regierung, nicht als Anführer der Inſurgenten.“ „He— iſt das die Wahrheit?“ „Ja, mein Freund“, nahm das Marquis das Wort,„ich habe mit den Inſurgenten nichts zu ſchaffen. Im Uebrigen war der Irr⸗ thum verzeihlich, ich mußte ja eben ſo gut, wie Favre und Trochu, mit den Wölfen heulen.“ „Parblen, deſto beſſer!“ ſagte der Sergeantmajor.„Es wäre —— — — 609— mir doch eenehm geweſen, den Herrn verhaften zu müſſen, der uns ſo fürſtlich bewirthet hat.“ „Ich werde meinem Diener befehlen, Jedem von Euch eine Flaſche Wein mitzugeben.“ „Es lebe der Herr Marquis von Chateaurouge!“ rief der Ser⸗ geantmajor begeiſtert. Die Freunde hatten ſich erhoben, Erneſt wechſelte mit Paul leiſe einige Worte, dann wandte er ſich zu dem Edelmann. „Es bleibt alſo bei unſerem Vertrage“, ſagte er,„ich weede Ihnen morgen den Brief an Fräulein Marie bringen und mich nach vier⸗ zehn Tagen einfinden, um die Entſcheidung zu vernehmen.“ „Ja, es bleibt dabei“, entgegnete der Marquis, indem er ihm die Hand reichte,„ein Vertrag muß gehalten werden, und Manneswort darf Niemand umſtoßen. Ich hoffe, Sie werden nun einſehen, daß ich nicht anders handeln konnte und durfte, wie ich gehandelt habe, und wenn Sie dieſe Ueberzeugung erlangen, dann können Sie auch nicht mehr bezweifeln, daß Sie in allen Dingen auf meine Freund⸗ ſchaft bauen dürfen. Und nun noch Eins, ehe wir ſcheiden. Sie kennen den Mann, der vorhin in der Uniform eines Offiziers mich bedrohte, Sie erkannten ihn, und meine Anklage muß Ihnen ver⸗ rathen haben, daß auch ich ihn kenne. Ich bitte Sie, forſchen Sie ihm nach, und wenn Sie ihn finden, dann laſſen Sie ohne Bedenken ihn verhaften.“ „Das kann ich nicht.“ „Was hindert Sie daran?“ „Wir flohen gemeinſchaftlich aus dem Gefängniß.“ „Ah, Sie fürchten ihn.“ „Würde er uns nicht ſofort verrathen?“ „Und wenn er es thäte, er könnte Ihnen nichts anhaben, ſo lange ich Sie beſchütze“, ſagte der Marquis ruhig.„Ich würde dafür ſorgen, daß Sie ſofort wieder in Freiheit geſetzt würden.“ „Wenn Sie uns dieſe Zuſicherung geben—“ „Ich geben ſie Ihnen und werde mein Wort einlöſen. Und nun leben Sie wohl, meine Herren, ich hoffe, wir werden ſpäter einmal in froherer Stimmung beiſammen ſein.“ Der Marquis blickte lange, in tiefem Sinnen verſunken, auf die Thüre, hinter der die Beiden verſchwunden waren. So war auch dieſe Gefahr abgewendet, aber er hatte auch dafür R. 39 — — — 610— Zugeſtändniſſe machen müſſen, die ihm ſehr unangenehm werden konnten. Wie aus einem ſchweren, verworrenen Traum erwachend, fuhr er langſam mit der Hand über Stirne und Augen, und ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ſeinen Lippen. „Wenn ſie ihn ſo ſehr liebte, daß ſie ſeinetwegen ein Leben voll Glanz und Glück an meiner Seite ausſchlüge!“ ſagte er leiſe.„Wenn ſie in ſeine Arme eilte und mir nichts böte, als ihre Freundſſchaft oder die Liebe einer Tochter!“ Ein finſterer Schatten umwölkte ſeine Stirn, und wie fernes Wetterleuchten blitzte es in ſeinen dunklen Augen auf. „Wenn— wenn!“ ſpottete er.„Es kann ja nicht ſein, ſie wird ihr Herz nicht allein, ſondern auch ihren Verſtand ſprechen laſſen, und dann darf mir um die Entſcheidung nicht bangen. Was kann er ihr bieten, und was biete ich?—“ „Aber wenn ſie dennoch den Proletarier vorzöge?— Beim Himmel, ich denke, es gibt noch Wege genug, die mich zu dem erſehnten Ziel führen können, und ich bin nicht der Mann, der rath⸗ und muthlos vor einem Hinderniß ſtehen bleibt.“ Er preßte die Lippen feſt aufeinander und erhob drohend die Fauſt, als ob er einen unſichtbaren Gegner niederſchlagen wolle. „Vernichten würde ich ſie alle“, ſagte er mit dumpfer Stimme, „vernichten und mit ihnen untergehen. Es wäre ja ihr Unglück, wenn ſie dieſem Manne ihre Hand reichte, und ich kann nicht von ihr laſſen. Aber ich hoffe, man wird mich dazu nicht zwingen, Marie muß ja einſehen, daß ihre Wahl nur auf mich fallen kann.“ Er nahm den ſilbernen Armleuchter vom Kaminſims und trat vor den Spiegel, und je länger er hineinblickte, deſto zuverſichtlicher wurde das ſelbſtbewußte Lächeln, welches ſeine Lippen umſpielte. Nach einigen Minuten verließ er das Kabinet, um ſich in ſein Schlafgemach zurückzuziehen. Einunddreißigſtes Kapitel. Die Megären des Fiſchmarktes. Pierre Bandau ſaß am Tage nach dem mißglückten Aufſtand der rothen Republikaner in ſeiner Wohnſtube und beſchäftigte ſich damit, mehreren todten Ratten das Fell abzuziehen. — 1 — 611— Es war eine ekelhafte Arbeit, aber der alte Mann ſchien an ihr ein beſonderes Wohlgefallen zu finden; er legte die abgezogenen Thiere auf ein beſonderes Brett und warf die Felle in ein mit Waſſer ge⸗ fülltes Gefäß, welches neben ihm auf dem Fußboden ſtand. Louiſon ſaß am Fenſter und nähte, von Zeit zu Zeit warf ſie einen Blick zu dem Vater hinüber, ohne den Abſcheu zu verbergen, den ihr ſeine Beſchäftigung einflößte. „Es iſt ein ausgezeichnetes Geſchäft“, ſagte der alte Mann, mehr mit ſich ſelbſt, als mit ſeiner Tochter redend,„das Fangen der Thiere koſtet nichts, die Arbeit iſt leicht und die Preiſe ſteigen mit jedem Tage.“ „Entſetzlich, daß die Noth ſchon ſo hoch gewachſen iſt!“ warf Louiſon ein. „Ah, bah, das ließ ſich vorausſehen“, ſpottete der Wucherer, in⸗ dem er in ſeine Schnupftabakdoſe griff,„ſie wird noch höher wachſen, wenn die Regierung ſich nicht bald zur Kapitulation bequemt. Hm, wenn erſt die Rothen an's Ruder kommen, wird Paris ein großer Trümmerhaufe werden, den die Preußen mit Sturm nehmen müſſen, und wie viele Menſchen dabei ihr Leben einbüßen, läßt ſich nicht be⸗ rechnen.“ „Man ſagt, der Aufſtand ſei unterdrückt.“ „Das iſt die Wahrheit, aber die Inſurgenten werden ſich dadurch nicht einſchüchtern laſſen. He, war es nicht ein geſcheidter Einfall, daß ich die Fallthüre zu den Katakomben öffnete und eine Leiter hin⸗ unterſtellte, um dieſen allerliebſten Thierchen einen Weg in unſeren Keller zu bieten? In Schaaren kommen ſie an, um flugs in die Fallen hinein zu ſpazieren und mir blankes Gold zu bringen.“ Louiſon ſchüttelte den Kopf. Der Alte licherte vergnügt für ſich hin. „Da ſind zuerſt die Felle, welche die Handſchuhfabrikanten kaufen werden“, fuhr er fort,„ſodann das Fleiſch, aus welchem ich eine köſt⸗ liche Wurſt bereiten werde. Ich werde das Fleiſch hacken, einige Zwiebeln nebſt anderem Gewürz dazu geben, dann das Gemengſel in die Därme füllen, die Würſte leicht kochen und—“ „Abſcheulich!“ rief Louiſon entſetzt.„Wenn das wirklich Dein Ernſt iſt, dann wirſt Du die ganze Arbeit allein verrichten müſſen, ich komme nicht in die Küche.“ Pierr⸗ Bandau lachte. „Parbleu, wie dann, wenn der Hunger Dich zwänge, dieſes ab⸗ ſcheuliche Gericht zu eſſen?“ fragte er ſpottend. 39* ———-—— 612— „Das wird nimmer geſchehen!“ „Unſinn, Du wirſt meine Wurſt verſuchen und ſie ausgezeichnet finden.“ „Nicht für alle Schätze in der Welt.“ „Aber ich begreife Dich nicht, Louiſon. Die Ratte iſt ein eben ſo reinliches Thier, wie das Schwein, und Schweinefleiſch iſt für Dich ein Leckerbiſſen.“ „Wenn ich ſchon an den Ort denke, von dem dieſe Thiere kommen, empfinde ich einen unüberwindlichen Ekel.“ „Die Katakomben?“ erwiderte der Geizhals.„Sie ſind nicht ſo ſchrecklich, wie ſie gemacht werden.“ „An den Todtengebeinen haben die Ratten genagt—“ „Hm, nicht allein daran, ſie freſſen auch die Leichen, welche dann und wann von dem Mordgeſindel hinuntergeworfen werden“, unter⸗ brach Bandau ſeine Tochter.„He, haſt Du noch nie gehört, daß die Schweine das auch thun?“ „Und nun denken zu müſſen, daß die armen Leute dieſe Ekel er⸗ regende Speiſe eſſen ſollen, um ſich vor dem Hungertode zu bewahren.“ „Die armen Leute?“ höhnte der Wucherer.„Bewahre, die eſſen Pferdefleiſch und geſtohlene Katzen, für ſie ſind die Ratten zu theuer. Das Stück koſtet ſchon einen Franc fünfundzwanzig Centimes, aber Geduld, ſie werden bald zwei Francs koſten, und unter zehn Francs verkaufe ich das Pfund Wurſt nicht. Parbleu, die Pferdewurſt koſtet ſchon fünf Francs und Ochſenwurſt acht Francs, aber meine Wurſt iſt ein Leckerbiſſen für die Feinſchmecker. Sieh nur, wie zart das Fleiſch iſt.“ „Ich will nichts ſehen“, erwiderte Louiſon, den Blick haſtig ab⸗ wendend.„Was mich betrifft, ſo würde ich ſchwer erkranken, wenn ich von dieſem ekelhaften Gericht nur einen Biſſen eſſen müßte.“ Wieder lachte der alte Mann, ohne ſich indeß in ſeiner Arbeit ſtören zu laſſen. „Ja, ja, was man nicht weiß, macht Einem nicht heiß“, ſagte er mit beſonderem Spott.„Wenn wir Alles, was wir eſſen und trinken, vorher durch das Mikroscop betrachten wollten, würden wir mitten im Ueberfluß Hungers ſterben. In Paris find täglich Hunderte dieſer hübſchen Thierchen in Paſteten und Ragouts geſpeiſt worden, aber man wußte es nicht. Parbleu, wenn dieſer Krieg beendet iſt, wird man in allen Reſtaurants ein Rattengericht auf der Speiſekarte fin — 613— den. He, welcher Unterſchied iſt denn zwiſchen einer Ratte und einer Katze? Man ſagt bereits, Eſelsfleiſch ſei eine Delikateſſe, wer hat früher daran gedacht, einen Eſel zu ſchlachten? Die Bären aus unſerm zoologiſchen Garten ſind ſchon geſchlachtet, man zahlt für das Fleiſch einen raſenden Preis, und es heißt, in einigen Tagen werde man auch die übrigen Thiere, die Elephanten, Känguruhs, Büffel, Antilopen und Strauße tödten, um das Fleiſch zu verkaufen.“ „Das Alles geſchieht nur für die reichen Leute“, verſetzte Louiſon, „für die, welche die Mittel beſitzen, hohe Preiſe zu zahlen—“ „Oh, ich ſage Dir, dieſe Leute entbehren nichts, ihre Tafel iſt noch ſo reich beſetzt, wie vor dem Kriege. Und wenn ſie erſt meine Wurſt verſucht haben, werde ich fordern können, was mir beliebt.“ Ein zürnender Blick traf aus den Augen des Mädchens den Geiz⸗ halz, der jetzt eine neue Ratte ergriff. „Denkſt Du gar nicht an die Armen?“ fragte ſie vorwurfsvoll. „He, wer denkt an mich?“ ſpottete Bandau. „Du biſt nicht arm.“ „Gottes Tod, das iſt eine ſonderbare Behauptung! Niemand weiß, daß ich etwas erſpart habe, ich bin ein alter Mann und muß außer mir eine erwachſene Tochter ernähren, mein Geſchäft liegt ganz dar⸗ nieder, kein Sous kommt ein— aber wer fragt darnach, wovon ich lebe? Wahrhaftig, ich werde zum Maire gehen und ihn bitten, uns tägliche Rationen verabfolgen zu laſſen, ich habe auch ein Anrecht darauf, und dieſes Recht ſoll mir Niemand nehmen.“ „Du würdeſt die Armen berauben.“ „Unſinn, Jeder will leben, und die Regierung muß ſorgen, daß Keiner darbt.“ „Das ſagt man wohl“, erwiderte Louiſon, mit ſchmerzlicher Weh⸗ muth vor ſich hinblickend,„aber es iſt unmöglich, in dieſer ungeheuren Stadt Alle zu unterſtützen? Die Männer wiſſen ſchon, wo und durch welche Mittel ſie das Nöthige erhalten, die Nationalgarden empfangen täglich für ſich und ihre Angehörigen den Sold und die Rationen, aber welches Loos trifft die Kranken, die Wittwen und Waiſen, die Greiſe und überhaupt alle Diejenigen, welche Niemanden haben, der für ſie ſorgt?“ „Om, weshalb wollen wir uns darüber den Kopf zerbrechen? Die Weiber ſind in dieſem Punkte ſchlauer und energiſcher als die Männer. Ich ſehe ſie Morgens in dichtgedrängten Maſſen vor den Fleiſcher⸗ — ——— — 614— und Bäckerläden und vor den Cantinen ſtehen, und wenn ſie dort auch Stunden lang warten müſſen, keine von ihnen geht leer nach Hauſe.“ „Und die, welche nicht kommen können?“ „Die müſſen freilich verhungern!“ „Wie herzlos Du das ſagſt!“ „Gottes Tod, ſoll ich darüber weinen? Kann ich ihnen helfen? Und was ſchadet es uns, wenn der Tod unter dem Proletariat auf⸗ räumt? Des Geſindels iſt ohnehin zu viel in Paris, wir können Gott danken, daß es gelichtet wird.“ Er ſah zu dem Mädchen hinüber, aber vor ihrem ernſten, ſtrafen⸗ den Blick mußte er die Augen niederſchlagen. „Und wenn ſie auch in Lumpen gekleidet ſind, Vater, ſie ſind doch Menſchen“, ſagte Louiſon mit bebender Stimme.„Du könnteſt helfen, wenn Du nur wollteſt.“ „Hm, wenn etwas dabei zu verdienen wäre, weshalb nicht!“ „Du würdeſt Dir einen Stuhl im Himmel verdienen.“ Ein ſchallendes Gelächter war die Antwort des Wucherers, aber Louiſon ließ ſich durch daſſelbe nicht beirren. „Du haſt große Vorräthe aufgehäuft“, fuhr ſie fort, 13 wäre eine Sünde, die Dix niemals vergeben werden könnte, wenn Du mit dieſen Lebensmitteln wuchern wollteſt. Verzichte auf den Gewinn, überlaſſe die Vorräthe den Armen, denen, die daheim hungern und nicht wiſſen, woher ſie etwas nehmen ſollen.“ Der Alte lachte noch immer, aber ein harter, tückiſcher Zug um⸗ zuckte ſeine Mundwinkel. „Wenn ich das thäte, wäre ich reif für das Irrenhaus in Cha⸗ renton“, ſagte er, und ſeine Stimme glich dem Ziſchen einer Schlange. „He, ich ſoll das Gold mit vollen Händen zum Fenſter hinauswerfen? Wovon ſollen wir den leben?“ „Wir können für uns ſo viel zurückbehalten, daß wir keine Noth zu fürchten haben.“ „Jawohl, und ſchließlich habe ich eine enorme Summe geopfert, um eine thörichte Laune meines klugen Kindes zu befriedigen. Un⸗ ſinn, Louiſon! Die Butter koſtet heute vierzig Francs das Pfund, Eier zwei Francs das Stück, Speck fünfzehn Francs das Pfund, Schweizer⸗ käſe dreißig Francs das Pfund, und all' das Uebrige, was ich auper⸗ dem beſitze, iſt in demſelben Verhältniß geſtiegen. Und auf dieſen Gewinn ſoll ich ohne Weiteres verzichten?“ ott — 615— „Müßteſt Du es nicht, wenn das Volk unſer Haus erſtürmte?“ „Ah, ſo weit ſind wir noch nicht!“ „Wer weiß, wie bald es dazu kommen kann!“ „Ja, wenn ich nicht ſo ſchlau wäre!“ lachte Pierre Bandau, der jetzt die letzte Ratte abgezogen hatte.„Ich ſehe mich immer vor und weiß den Augenblick zu benutzen. Wenn die Rothen an's Ruder ge⸗ kommen wären, ſtänden die Sachen ſchlimmer, ſie würden alle Häuſer durchſuchen und alles confisciren, aber einſtweilen ſind wir noch ſicher vor ihnen. Ich habe mit mehreren Kochen und Köchinnen aus vor⸗ nehmen Häuſern geſprochen, ſie werden kommen, um zu kaufen, aber ſie müſſen volle Börſen mitbringen, auf Credit wird nichts abgegeben.“ „Und die Armen verhungern.“ „Gottes Tod, wer hat das zu verantworten? Die Regierung, die den Krieg bis auf den letzten Mann willl, nicht ich!“ „Alle die, welche helfen können und es nicht thun“, erwiderte Louiſon ernſt.„Frage doch Dein Gewiſſen, es wird Dir daſſelbe ſagen—“ „Jetzt iſt es genug“, fiel der Wucherer ihr ärgerlich in's Wort, indem er ſich erhob.„Weder Deine Sentimentalität, noch die Noth des Proletariats wird mich von meinem Entſchluſſe abbringen, wenn ich etwas verdienen kann, greife ich zu, ich ſorge für mich und auch für Dich, mögen Andere ſelbſt für ſich ſorgen.“ Er nahm das Brett, auf dem die abgezogenen Ratten lagen und trug es hinaus in die Küche, dann zündete er eine Laterne an, mit der er in den Keller hinunterſtieg. Die Antwort ſeines Kindes hatte ihn doch verſtimmt, wenn ſie auch auf ſeinen Entſchluß keinen entſcheidenden Einfluß haben konnte. Es wäre ihm lieber geweſen, wenn Louiſon mit ihm überein⸗ geſtimmt hätte. Indeß, was lag daran! Verrathen konnte ſie ſein Geheimniß nicht, und ebenſowenig lag es in ihrer Macht, ihn an der Ausführung ſeines Entſchluſſes zu hindern. Er öffnete die Gewölbe, in denen die Lebensmittel lagen, und traf in Erwartung der Käufer ſeine Vorbereitungen. Lange ruhte ſein Blick auf den koſtbaren Schätzen, die ſeinen un⸗ erſättlichen Durſt nach Gold, wenn auch nur theilweiſe, ſtillen ſollten, und je länger er ſie betrachtete, deſto wilder und verzehrender loderten die Gluthen der Habſucht in ſeinen grauen, unheimlichen Augen. — 616— Er hatte einige Kiſten, Fäſſer und Körbe geöffnet, er prüfte die Güte der Waare und nickte befriedigt. Aber wie erſchrak er, als er nun, ſich umwendend, plötzlich den Falſchmünzer vor ſich ſah, der ſchon ſeit einer geraumen Weile ihn beobachtet hatte. Sein Geſicht wurde erdfahl, eine unbeſchreibliche Wildheit und Wuth ſpiegelte ſich in ſeinen Zügen, er hätte den Mann mit einem Fauſtſchlag niederſtrecken mögen und er wagte doch nicht, ihn anzu⸗ greifen.„Wie kommt Ihr hierher?“ fragte er, bebend vor Aufregung. „Weshalb ſpionirt Ihr hier allenthalben?“ „Habe ich Euch auf falſcher Fährte ertappt?“ ſpottete Dorman. „Zum Teufel, ich bin Euer Gefangener nicht, ich habe mich nicht verpflichtet, mein Zimmer nicht zu verlaſſen.“. „Ihr habt ſpionirt!“ „Ich wollte wiſſen, was das Klopfen und Hämmern bedeutete, es konnte ebenſowohl ein warnendes Signal für mich ſein. Ei, ei, Ihr habt Euch gut vorgeſehen“, fuhr der Falſchmünzer näher tretend, fort.„Teufel, welche Maſſen von Butter, Eier, Speck und Käſe! Wollt Ihr das Alles ſelbſt verzehren?“ Pierre Bandau hatte den Arm des Falſchmünzers umklammert, er zog ihn haſtig mit ſich fort und zwang ihn, ihn durch die finſteren Gänge zu begleiten. Erſt als er in dem Gewölbe angekommen war, in welchem Dorman ſeine Arbeit verrichtete, ließ er den Arm los. „Sagen Sie, was Sie wollen, Sie haben ſpionirt“, knirſchte er, „und ein Spion—“ „Zum Teufel, Herr, wenn Sie Ihre Arbeit verheimlichen wollen, dann machen Sie nicht ſo großen Lärm, daß man meint, das Haus falle Einem über dem Kopf zuſammen!“ fuhr der Falſchmünzer auf. „Im Uebrigen darf es zwiſchen uns keine Geheimniſſe geben—“ „He— was iſt das?“ ſchrie der Wucherer.„Sie verlangen gar daß ich Ihnen alle meine Verhältniſſe offen legen ſoll? Möchten Sie nicht auch einen Blick in meinen eiſernen Schrank werfen, wie?“ „Sie ſind ein Narr“, ſagte Dorman achſelzuckend,„über dieſen Punkt läßt ſich kein vernünftiges Wort mit Ihnen reden. Ich ver⸗ lange nichts von Ihnen, aber ich habe auch keine Luſt, mir Grobheiten ſagen zu laſſen, lieber verlaſſe ich Ihr Haus.“ „Schön, und wo wollen Sie ein Unterkommen finden?“ höhnte der Alte.„Glauben Sie, einem Vagabunden ſeien alle Thüren geöffnet?“ „O, es ſind mir glänzende Anerbietungen gemacht worden, mein Herr“, entgegnete Dorman gelaſſen,„wenn ich nicht bisher gedacht hätte, mein Vertrag binde mich an Sie, würde ich mich nicht lange beſonnen haben.“ Der Wucherer hatte ſich dem Tiſche genähert, auf welchem die Metallplatte lag, er betrachtete aufmerkſaͤm die feine und ſcharfe Gra⸗ virung. Die hellen Schweißtropfen ſtanden ihm auf der Stirn, wenn Dorman ihn jetzt verließ, entging ihm der große Gewinn, den er aus den falſchen Banknoten zu ziehen gedachte. „So war es nicht gemeint“, ſagte er, einen höflichen Ton anſchlagend,„beleidigen wollte ich Sie nicht. Sie hatten mich durch Ihr plötzliches Erſcheinen erſchreckt.“ „Ein Beweis, daß ich Sie auf falſcher Fährte ertappte!“ „Gottes Tod, Herr, mit welchem Recht können Sie das behaupten? Iſt es ein Verbrechen, wenn ich eine Waare liegen laſſe, bis ſie den dreifachen Werth des Einkaufpreiſes gewonnen hat?“ „Gewiß nicht, aber es ärgert Sie, daß ich von dem guten Ge⸗ ſchäft Kenntniß erhielt!“ „Sie werden es mir nicht verderben, denn Sie haben kein Intereſſe dabei.“ „Sehr recht, indeß beſeitigt das Ihren Aerger nicht. Beruhigen Sie ſich, ich kann ſchweigen, und es wird mir lieb ſein, wenn Sie etwas verdienen.“ Der Wucherer überhörte die Bosheit, die in dieſen Worten lag, ſeine Erregung hatte das ſonſt ſo feine Gehör abgeſtumpft. „Wann gedenken Sie fertig zu werden?“ fragte er. „In den erſten acht Tagen noch nicht.“ „Parbleu, es dauert eine Ewigkeit!“ „Ich ſagte Ihnen voraus, daß Sie Geduld haben müßten.“ „Aber Sie arbeiten nun ſchon ſo lange an der Platte—“ „Sehr wohl“, ſpottete Dorman, der ſich auf ſeinen Stuhl nieder⸗ gelaſſen hatte,„wollen Sie verſuchen, ob Sie raſcher fertig werden können?“ „Laſſen Sie die ſchlechten Scherze beiſeite“, rief der Alte auf⸗ wallend.„Das iſt Ihre Arbeit, nicht die meinige!“ „Eben deshalb ſollten Sie ruhig abwarten, bis die Arbeit voll⸗ endet iſt. Sie haben keinen Verſtand davon, alter Herr, alſo können Sie auch nicht darüber urtheilen.“ * —V—;—— — 618— „Darüber nicht“, erwiderte Pierre Bandau, ſich mehr und mehr ereifernd,„aber über andere Dinge kann ich urtheilen. Wenn Sie zum Beiſpiel länger arbeiten wollten, würde das Werk raſcher ge⸗ fördert werden—“ „Und wenn ich beſſeres Licht und dann und wann eine Flaſche Wein hätte, ebenfalls!“ „He, worüber beſchweren Sie ſich?“ „Ueber Ihren Geiz.“ „Sie haben keine Urſache dazu, ich aber habe Gründe, mich über Sie zu beklagen.“ Der Falſchmünzer blickte auf, es war ein Blick voll Bosheit und Tücke, der das fahle Geſicht des Geizhalſes traf. „Sie bringen die Nächte draußen zuu, fuhr der letztere fort,„Sie gehen nach dem Abendeſſen fort und kommen erſt zum Frühſtück heim.“ „Das kann Ihnen gleichgültig ſein!“ „Durchaus nicht. Wer die Nächte in Saus und Braus durch⸗ wacht, iſt am Tage zur Arbeit unfähig.“ „Und wenn ich es wäre, mein Herr, was ginge es Sie en?“ fuhr Dorman trotzig auf. „Ich erinnere Sie an unſern Vertrag!“ „Zum Teufel, iſt mir darin vorgeſchrieben, wo ich die Nächte zu⸗ bringen ſoll?“ „Sie wollen mich nicht verſtehen!“ „Und Sie, mein Herr, wollen mich benutzen“, rief der Falſch⸗ münzer, von ſeinem Sitze aufſpringend.„Ich arbeite, wann es mir beliebt, zwingen laſſe ich mich nicht dazu. Und was ich außerdem treibe, geht Sie nichts an.“ „Parbleu, ich habe ja nichts dagegen“, ſagte der Geizhals, den der Trotz ſeines Genoſſen einſchüchterte,„wenn nur erſt die Platte fertig wäre!“ „Ich werfe Ihnen die Platte an den Kopf, wenn Sie mich nicht augenblicklich verlaſſen!“ Pierre Bandau wich beſtürzt zurück, es lag etwas in dem Geſicht des Falſchmünzers, was ihn erkennen ließ, daß dieſer Mann ent⸗ ſchloſſen war, ſeine Drohung auszuführen. „Was ſoll das heißen?“ fragte er. „Daß ich mich von Ihnen nicht tyranniſiren laſſe, mein Beſter, Sie werden wohl ihun, wenn Sie das nicht vergeſſen.“ 4 — 619— Der Wucherer ſchüttelte den Kopf, wie wenn er andeuten wolle, er begreife dieſes Benehmen nicht, aber er hielt es für rathſam, ſich ohne Widerrede zu entfernen. „Alter Schuft!“ brummte Dorman, indeß ein Zug des Hohns über ſein Antlitz zuckte.„Es iſt Zeit, daß ich dem Ding ein Ende mache! Und weshalb auch nicht? Ich weiß ja nun, was ich zu er⸗ fahren wünſchte, die Frucht iſt reif, ſie kann abgeſchüttelt werden. Ge⸗ heime Verſtecke hat er nicht, ſein Geld liegt in dem eiſernen Schranke, und mit einem energiſchen Griff kann man ihm die dürre Kehle zuſchnüren.“ Er blickte noch eine Weile horchend auf die Thüre, dann nahm er ſeine Arbeit wieder auf, während Pierre Bandau die Treppe hinaufſtieg, um zu ſehen, ob noch keine Käufer ſich eingefunden hatten. Er ſollte nicht lange warten, ſchon nach einer Viertelſtunde wurde heftig an der Glocke gezogen, und als der Wucherer die Thüre öffnete, trat ein Lakai ein, der mehrere Körbe trug und große Einkäufe ma⸗ chen wollte. Der alte Mann ging mit ihm in den Keller, aber er gebrauchte jetzt die Vorſicht, alle Verbindungsthüren zu ſchließen, ſo daß er nicht belauſcht werden konnte, während er die Waaren abwog und mit dem Käufer um den Preis feilſchte. So war er eine Stunde hindurch emſig beſchäftigt, hatte ein Käu⸗ fer ſein Haus verlaſſen, ſo wurde ein Anderer eingelaſſen, der draußen ſchon wartete. Portiers, Kammerdiener, ſchnippiſche Zofen, wohlge⸗ nährte Köchinnen und Köche wechſelten mit einander ab und ſie Alle zahlten ohne Widerrede die Preiſe, welche der Geizhals forderte, nach⸗ dem ſie ſich von der Güte der Waaren überzeugt hatten. Sie fanden hier ja, was nirgendwo mehr aufzutreiben war, Eier, friſche Butter und Käſe, und ihre Herrſchaften hatten ſie hinreichend mit Geld verſehen. Pierre Bandau befand ſich in der heiterſten Stimmung, er hatte in dieſer Stunde allein mehr eingenommen, als ſeine ſämmtlichen Vorräthe ihm koſteten und wenn er im Stillen den ganzen Gewinn berechnete, der ihm aus dieſem blühenden Geſchäft erwachſen mußte, ſo erſtaunte er ſelbſt über ſeine Klugheit und ſein kaufmänniſches Talent. Er hatte eben hinter dem letzten Käufer die Thüre geſchloſſen, als wiederum die Glocke gezogen wurde, aber als er diesmal den Schieber öffnete, erſchrak er, ſein Blick fiel auf Paul und Erneſt, an die er ſeit langer Zeit nicht mehr gedacht hatte, 620— „Was wollt Ihr?“ fragte er mit heiſerer Stimme.„Was führt Euch heute wieder zu mir?“ „Wir wollen Louiſon ſehen und mit ihr reden“, erwiderte Erneſt, für ſeinen Freund das Wort ergreifend,„öffnet, Vater Bandau, unſere Zeit iſt knapp bemeſſen.“ „Fällt mir nicht ein!“ ſpottete der Geizhals.„Ihr habt in mei⸗ nem Hauſe nichts verkoren.“ „Zum Geier, glaubt Ihr uns damit abfertigen zu können?“ fuhr Paul auf.„Wir wollen von Euch nichts, obſchon wir gerechte Ur⸗ ſache hätten, von Euch Genugthuung zu fordern—“ „Laß' mich mit ihm reden“, bat Erneſt,„mit Deiner Heftigkeit verdirbſt Du Alles. Bandau, Louiſon iſt in Eurem Hauſe, und wie Ihr auch über das Verhältniß Eurer Tochter zu meinem Freunde denken mögt, unſer Verlangen, Louiſon zu ſehen und mit ihr zu reden, müßt Ihr bewilligen.“ „Ich müßte das?“ ſpottete der Geizhals.„He, wer will mich dazu zwingen? Wo wart Ihr, als Louiſon Eures Schutzes bedurfte? Scheert Euch zum Teufel, in mein Haus laſſe ich Euch nicht ein.“ Damit ſchob er die Klappe zu, ohne ſich weiter um die Beiden zu bekümmern. Paul zitterte vor Wuth, vergeblich ſuchte Erneſt die Stürme in der Bruſt ſeines Freundes zu beſchwören. „Sei ruhig“, bat er,„mit Gewalt richten wir hier nichts aus, wir werden ein Mittel ſuchen und finden, den Alten zu überliſten.“ „Gerade ſo, wie Du den Marquis überliſten wollteſt“, erwiderte Paul ſarkaſtiſch,„auf Deine Schlauheit lege ich keinen großen Werth.“ „Sprich darüber nicht mehr, unſere Anſichten in dieſer Angele⸗ genheit gehen zu weit auseinander.“ „Natürlich! Der Marquis iſt jetzt wieder Dein beſter Freund, ein edler und ganz vorzüglicher Menſch, der nie ein Wäſſerchen getrübt hat! Bei Gott, Erneſt, hätte ich's mit ihm zu thun gehabt, er wäre nicht ſo gnädig davongekommen.“ Erneſt zuckte die Achſeln und ging über die Straße hinüber, um die ſchmutzigen Fenſter des großen, düſtern Hauſes zu betrachten, und Paul folgte ihm. „Aus den Worten Bandau's ging deutlich hervor, daß Louiſon ſich in ſeinem Hauſe befindet“, ſagte er,„der Wucherer würde andere Saiten aufgezogen haben, wenn er über das Schickſal ſeiner Tochter — 621— in Ungewißheit geweſen wäre. Einſtweilen iſt ſie hier gut auf⸗ gehoben—“ „So lange, bis ihr ſauberer Vater eine Gelegenheit findet und benutzt, um ſeinen ſchändlichen Plan auszuführen.“ „Haſt Du ſchon vergeſſen, was der Marquis uns ſagte?“ „Was kümmert mich dieſer Komödiant! Du magſt ihm vertrauen, ich thue es nicht, ich blicke hinter ſeine Maske.“ „Dein Mißtrauen geht wirklich zu weit. Jean iſt ja auch ganz meiner Anſicht.“ „Jean iſt ein Eſel.“ „Das behaupteſt Du heute zum erſten Male.“ „Aber gedacht habe ich's ſchon lange.“ „Jenun, wie Du über ihn denkſt, kann mir ja auch gleichgültig ſein. Bleiben wir bei der Sache. Wir könnten den Pöbel gegen den Wucherer aufhetzen, aber was hätten wir dadurch gewonnen?“ „Nichts.“ „Louiſon wäre dann auch der Wuth des Geſindels preisgegeben und man kann nie vorausſehen, welche Folgen daraus entſtehen, wenn man die böſen Leidenſchaften entfeſſelt. Vielleicht könnten wir zur Nachtzeit in das Haus eindringen. Nach Mitternacht geht Pierre Bandau aus, er kehrt nie vor Tagesanbruch zurück. Louiſon würde uns die Thüre öffnen—“ „Wenn ſie überhaupt nachſieht, wer Einlaß begehrt.“ „Man kann es wenigſtens verſuchen.— Parbleu, was mag die hübſche Zofe in dem Hauſe wollen?“ Er zeigte auf das junge Mädchen, welches ſoeben an der Schelle des Geizhalſes gezogen hatte, dann führte er ſeinen Freund in einen Thorweg, in welchem ſie vor dem Späherblick Bandau's geſichert waren. Die Zofe wurde eingelaſſen und die Thüre wieder geſchloſſen. „Ah, ich errathe“, fuhr Erneſt fort,„der alte Schuft hat mit dem Verkaufe ſeiner Lebensmittel begonnen, jetzt habe ich das Mittel, ihn zu überliſten, gefunden.“ Paul ſchwieg, aber ſeine Miene verrieth, daß er von den Plänen ſeines Freundes nicht viel erwartete. „Jean wird hingehen“, nahm Erneſt wieder das Wort,„Bandau kennt ihn nicht, und eine Livrée werden wir uns für ihn wohl ver⸗ ſchaffen können. Er wird ſagen, er ſei der Koch oder Lakai einer — 622— woinehmen Familie, und es unterliegt keinem Zweifel, daß der Wu⸗ herer ihn einlaſſen wird.“ „Und was dann?“ „Wir ſind in der Nähe, Jean hindert den Alten, die Thüre zu ſchließen, wir dringen ein und—“ „Und laſſen uns mit leeren Worten abſpeiſen“, fiel Paul ſarka⸗ ſtiſch ihm in's Wort.„So hat's uns bei dem Marquis auch er⸗ gangen, Du willſt Alles, aber Dir fehlt die Energie, ein altes Weib kann Dir die Thränen in die Augen locken.“ Erneſt ſtampfte ärgerlich mit dem Fuße auf den Boden, dieſen Hohn hatte er nicht verdient. „Er wollte ſeinen Plan ausführlicher erörtern, aber Paul ließ ihn nicht zu Worte kommen, die Stimmung des letzteren war ſo ſehr umdüſtert, daß ſelbſt die klarſten Vernunftgründe keinen Eindruck auf ihn machten. Er konnte ſeinem Freunde nicht verzeihen, daß er nicht energiſcher gegen den Marquis aufgetreten war, den Worten und Verſprechungen des Edelmanns ſchenkte er nicht den mindeſten Glauben. Er hegte auch jetzt noch Mißtrauen in Bezug auf den Vorfall, der Louiſon bewogen hatte, zu ihrem Vater zurückzukehren, er glaubte noch immer, der Marquis müſſe dabei ſeine Hand mit im Spiele gehabt haben. Es war darüber manches bittere Wort zwiſchen den Freunden gefallen, den Gründen, die Erneſt anführte, räumte Paul keine Be⸗ rechtigung ein, er beharrte eigenſinnig bei ſeinen Anſichten, mit denen er nur ſich ſelbſt das Leben verbitterte. Das Geſpräch zwiſchen den Freunden drohte bereits in einen hef⸗ tigen Wortwechſel auszuarten, als die Kammerzofe aus dem Hauſe Bandau's zurückkehrte, und allen Groll vergeſſend, ſchob Erneſt ſeinen Arm in den des Freundes, um dem Mädchen zu folgen. Das Wetter war trübe und naßkalt, aber demungeachtet herrſchte in allen Straßen ein reges Leben. Vorzüglich war es die Angſt vor dem Bombardement, welches man ſtündlich erwartete, was die Leute aus ihren Wohnungen hinaus⸗ trieb, man ſprach überall, wo nur eine Gruppe beiſammen ſtand, über den mißlungenen Aufſtand der Communiſten und die Friedenshoff⸗ nungen, die ſeit dem vorherigen Tage aufgetaucht waren. Die vernünftigen und einſichtsvollen Bewohner wünſchten den Frieden, ſie hatten ſich bereits mit dem Gedanken an eine Gebietsabtretung — — 623— beſreundet, ſie wollten den Frieden um jeden Preis, um den Schreck⸗ niſſen der Belagerung ein Ende zu machen. Aber es gab eine ge⸗ waltig große Partei, welche noch immer den Krieg bis auf den letzten Mann und die letzte Patrone verlangte, und die Macht dieſer Partei war ſo groß, daß alle Andern ſich ihr unterordnen mußten. Und dieſe Partei unterließ nicht, ihre wahnſinnigen Forderungen durch Demonſtrationen zu unterſtützen. Bunt zuſammengewürfelte Banden von Weibern, Männern und zerlumpten Burſchen zogen unter dem Gebrüll der Marſeillaiſe durch die Stadt, und wehe dem Zuſchauer, deſſen Miene ihnen nicht gefiel! Die Verhaftungen waren noch immer an der Tagesordnung, ein Wort, eine Geberde genügte, um einen Unſchuldigen in Todesgefahr zu bringen, man ſchlug ihn nieder, oder warf ihn in die Seine, wenn es nicht einigen beherzten Nationalgardiſten gelang, ihn den Fäuſten der wüthenden Menge zu entreißen. Und dazwiſchen donnerten unaufhörlich die Kanonen von den Forts, ſah man hier und da Verwundete von draußen hereinbringen, erblickte man die düſteren, verzweifelten Mienen der Unglücklichen, über die der Tod ſeine Fittige ſchon ausbreitete. Leichenzüge bewegten ſich an den lärmenden Schaaren vorbei, und meiſt waren es ſchmuckloſe, roh zuſammengezimmerte Särge, die man zu den Friedhöfen brachte, die Särge der Armen, welche auf Koſten der Stadt beerdigt wurden. Wie groß das Elend war, welches ſchon jetzt in der belagerten Stadt herrſchte, daß wußte Niemand, und es kümmerte ſich auch Nie⸗ mand darum, man wurde mehr und mehr gegen dieſes Elend abge⸗ ſtumpft, man hatte ja mit ſich ſelbſt ſo viel zu thun, daß man an Andere nicht denken konnte. Und dennoch, trotz alledem, ſah man auch manches heitere Geſicht, hörte man oft fröhliches Lachen und einen melodiſchen Geſang, bläſer⸗ klang und frivole Scherze.— Die Kontraſte berührten ſich noch immer in dem modernen Babel.— Die Freunde hatten das Mädchen auf dem Pontneuf eingeholt. Erneſt legte ſeine Hand auf ihre Schulter und zwang ſie, ſtehen zu bleiben. „Ich habe eine Frage an Sie zu richten“, ſagte er ernſt,„be⸗ antworten Sie mir dieſelbe der Wahrheit gemäß, eine Lüge würde die unangenehmſten Folgen für Sie haben. Was führte Sie in das NM Haus des Wucherers Bandau?“ 1 1 A 7 1 — — 6214— Das Mädchen war erſchreckt zuſammengefahren, und die Frage ſchien ihre Beſtürzung eher zu vermehren als zu mindern. „Weshalb wollen Sie es wiſſen?“ ſtotterte ſie. „Antworten Sie auf meine Frage!“ „Du lieber Himmel, weshalb geht man zu einem Wucherer? Wenn man kein Geld mehr hat, muß man die Werthſachen, die man noch beſitzt, verpfänden oder verkaufen.“ „Weichen Sie mir nicht aus“, drohte Erneſt.„Was haben Sie da in dem Korbe?“ „Nichts“, ſagte das Mädchen haſtig.„Laſſen Sie mich gehen, meine Herrſchaft erwartet mich.“ „Nicht von der Stelle, bis Sie geantwortet haben.“ „Zum Geier, wozu da langes Federleſen?“ rief Paul ärgerlich, indem er ſeine Hand auf den Korb legte.„Ueberzeugen wir uns, das iſt der kürzeſte Weg.“ Das Mädchen ſchrie laut auf, eine Bande jener ſchmutzigen, zer⸗ lumpten Weiber, welche in den Hallen von Paris Fiſche feilbieten, zog in demſelben Augenblick vorüber. Die meiſten dieſer Megären waren berauſcht, an ihrer Spitze flatterte eine rothe Fahne mit der Inſchrift:„Wir wollen die Com⸗ mune“, und ſo widerlich und ekelhaft dieſer Anblick auch war, wagte doch Niemand, ein Wort des Mißfallens zu äußern, man wußte nur zu gut, daß dieſe Weiber keinen Scherz verſtanden. Paul hatte gewaltſam den Korb geöffnet, das Mädchen ſträubte ſich vergeblich dagegen, ſie konnte es nicht verhindern. Ein Weib war aus dem Zuge herausgetreten, als ihr funkelnder Blick auf den Inhalt des Korbes fiel, rief ſie mit donnernder Stimme:„Halt!“ und ſofort umringte die Bande das geängſtigte Mädchen. „Eier, Käſe und Butter!“ ſchrie die Megäre, indem ſie den Korb, den Sie der Zofe entriſſen hatte, in die Höhe hielt.„Luxusartikel, die wir ſeit Wochen nicht mehr kennen!“ „Es iſt mein Eigenthum“, ſagte das Mädchen mit zitternder Stimme,„meine Herrſchaft wird mich ſchelten.“ „Deine Herrſchaft?“ lachte die Megäre.„Bei allen Teufeln, Du glatte Katze, wie darf Deine Herrſchaft ſich unterſtehen, beſſer leben zu wollen, wie wir?“ „Schlagt das Frauenzimmer nieder, Mutter Bardeau!“ ſchrie eine l jlald 3 n — 625— andere Stimme.„Das ſind die unnützen Freſſer, d.e nichts für Paris thun, aber uns das Brod vor der Naſe wegnehmen!“ „Halt da!“ rief Erneſt, indem er vor das Mädchen trat.„Wer ſie berührt, der hat's mit mir zu thun 1 „Ohol“ fuhr Mutter Bardeau auf, während ſie den Nationalgar⸗ diſten mit einem höhniſchen Blick muſterte.„Glaubſt Du denn, wir fürchteten eine ſo armſelige Puppe, wie Du biſt?“ Die Freunde zogen ihre Säbel, ſie forderten dadurch nur die Wuth der Weiber heraus, die den Kreis immer enger um die Be⸗ drohten ſchloſſen. „He, den Kampf nehmen wir an“, ſchrie eine heiſere Stimme, „nieder mit den Lumpen, die ihre Waffen gegen treue Patriotinnen ziehen!“ Von allen Seiten ſtrömten Neugierige herbei, um dem Schau⸗ ſpiel zuzuſehen, aber nicht Einer ſchien geneigt, den Bedrohten bei⸗ zuſtehen. Schon hatten rohe Fäuſte das Mädchen ergriffen, welches einen Schrei der Verzweiflung ausſtieß, ſchon erhob Paul ſeine Waffe, um der Mutter Bardeau, die ihn mit dem Blick eines Tigers beobachtete, einen Hieb über den Schädel zu geben, als die Stimme Erneſt'’s noch einmal den Lärm überſchallte. „Schließen wir Frieden“, ſagte er,„dieſes Mädchen iſt unſchuldig, es hat nichts weiter gethan, als die Befehle ſeiner Herrſchaft voll⸗ zogen. Hinweg von ihr!— Pfui, ſchämt Euch, daß Ihr Euch an einem wehrloſen Geſchöpf vergreifen wollt, dem Ihr nichts vorwerfen könnt. Sie hat Einkäufe für Ihre Herrſchaft gemacht, das iſt Alles.“ „Bei allen Teufeln, Burſche, Du willſt die Praſſer vertheidigen?“ rief Mutter Bardeau. „Nein, Madame, ich wäre der Erſte, der die Schwelger und Praſſer an die Laterne hing! Aber Geduld, ihre Stunde wird ſchlagen, wenn die Commune eingeſetzt iſt.“ „Es lebe die Guillotine!“ ſchrieen einige Stimmen.„Nieder mit den Bourgeois, dem Adel und den Prieſtern!“ „Laßt das Mädchen gehen“, fuhr Erneſt fort,„gebt ihr zurück, was ihr gehört, ich will Euch entſchädigen.“ „Du?“ fragte Mutter Bardeau ungläubig.„Laß hören, was Du uns bieten kannſt.“ „Ich werde Euch in das Haus führen, in welchem mit dieſen Leckerbiſſen gehandelt wird.“ R. 40 ₰ —— ——— „——— ————-————— w 1 E I U 4 —— ʃ ⏑——— — 626— Der Lärm verſtummte, dieſes Anerbieten ſchien die Weiber zu überraſchen. Paul ſtieß den Freund in die Seite, wie wenn er ihn warnen wolle, aber Erneſt machte eine abwehrende Bewegung. „Parbleu, das laſſe ich mir gefallen“, ſagte Mutter Bardeau. „Aber werden wir in dem Hauſe auch etwas finden?“ „Fragt das Mädchen.“ Die Kammerzofe nickte bejahend und blickte mit thränenſchweren Augen auf das hübſche Tuch, welches man ihr geraubt hatte, und das nun die Schultern einer häßlichen Megäre ſchmückte. „He, ſperre den Rachen auf“, ſchrie Mutter Bardeau wüthend, nwir ſind keine junge Herren, einfältiger Grünſchnabel, brauchſt nicht zimperlich zu ſein.“ „Die brave Fran will wiſſen, ob der Händler noch Vorrath von dieſen Waaren hat“, wandte Erneſt ſich zu dem Mädchen. „Gewiß, ganze Kiſten und Fäſſer voll. Mein ſchönes Tuch! Und mein Korb.“ „Sehr gut“, ſagte das Weib,„führe uns hin, mein Braver.“ „Vor allen Dingen gebt dem Mädchen Korb und Tuch zurück.“ Mutter Bardeau winkte dem Weibe, welches ſich das Tuch ange⸗ eignet hatte, dann übergab ſie der Zofe den Korb. „Wirſt keinesfalls mit ihm heimkommen“, ſpottete ſie,„man riecht den Käſe ja eine Viertelſtunde weit, und dieſem Geruch kann Niemand widerſtehen.“ Die Weiber öffneten eine Gaſſe und ließen das Mädchen durch, dann ſchloſſen ſie den Kreis wieder, in welchem ſich jetzt nur noch die beiden Nationalgardiſten befanden. „So“, ſagte Mutter Bardeau,„jetzt haben wir unſere Bedin⸗ gungen erfüllt, nun halte Du auch Dein Verſprechen.“ „Ich werde es einlöſen“, erwiderte Erneſt ruhig,„aber ehe wir einen Beſchluß faſſen, hört mich an.“ „Da haben wir die Ausflüchte!“ krächzte eine Stimme. „Ruhe!“ gebot Mutter Bardeau.„Wenn er uns betrogen hat, kann er ſein letztes Vaterunſer beten.“ „Ruhe und Geduld!“ ſagte Erneſt in eindringlichem Tone.„Wenn man etwas unternimmt, muß man Alles in's Auge faſſen und einen vernünftigen Plan entwerfen. Wir müſſen das Haus erſtürmen, man fA wird uns nicht öffnen.“ ——⸗⸗ꝛꝛꝛÿÿÿÿxxꝛä.— — — „Gut, wir werden ſtürmen.“ „Dazu haben wir Werkzeuge nöthig.“ 9.„Wir werden ſie holen.“ „Das Haus hat geheime Verſtecke—“ an„Wir werden ſie finden—“ „Ich ſehe, Ihr habt Muth, die Sache wird uns gelingen. In 1 dem Hauſe befindet ſich ein junges Mädchen, die Braut dieſes Mannes, ren Ihr werdet ihr nichts zu Leide thun.“ nd„Das weiß man nicht.“ „Sie billigt den Wucherhandel mit den Lebensmitteln nicht, und d, man behandelt ſie deshalb wie eine Gefangene.“ it„Wenn das die Wahrheit iſt, werden wir ſie befreien!“ „Alſo verſprecht Ihr uns, dem Mädchen nichts Böſes zuzufügen?“ on„Ja, vorausgeſetzt, daß ſie uns nicht in den Weg tritt“, ſagte Mutter Bardeau. h.„Dafür bürge ich“, erwiderte Erneſt.„Wann wollt Ihr den Sturm unternehmen?“ „Wann? Sofort!“ 1„Verzeiht, daß ich dem nicht beipflichten kann“, ſagte Erneſt mit 2 gedämpfter Stimme.„Blickt Euch um, Madame, ringsum ſteht Kopf an Kopf, alle dieſe Menſchen würden uns folgen, wenn wir ſofort aufbrächen.“ ht„Bah, was ſchadet das?“ b nd„Sie würden über die Vorräthe herfallen und Euch nichts laſſen, ſie würden Euch die ganze Arbeit überlaſſen und die Beute für ſich ) in Anſpruch nehmen. Kennt Ihr dieſe Müßiggänger noch nicht, 1 Madame? Es würde ein Auflauf geben, die Maſſe würde ſich in das Haus hineinwälzen und Alles ſtehlen.“ 3„Du willſt uns ausweichen!“ ſagte das Weib drohend. „Was ich verſprochen habe, halte ich. Ueberdies iſt es immer rathſamer, ſolche Geſchäfte in der Abenddämmerung vorzunehmen, am Tage kann man zu leicht und zu nachdrücklich geſtört werden.“ Mutter Bardeau verſank in Nachdenken, ihre grauen Augen waren durchdringend auf den jungen Mann gerichtet. Ich will mit meinen Freundinnen berathen ſagte ſie nach einer Weile,„die Majorität ſoll entſcheiden.“ Sie theilte den Weibern die Bedenken des jungen Mannes mit, und die Mehrzahl der Stimmen ſprach ſich für die Verſchiebung des Unternehmens bis zum Abend aus. 40* I 1 ö I V V — 628— „Wo treffen wir uns?“ fragte das Weib jetzt. „Wo Ihr wollt“, antwortete Erneſt.„Hier an der Statue Heinrichs des Vierten.“ „Gut, und welche Stunde?“ „Sechs Uhr.“ „Das iſt zu früh, ſagen wir um acht Uhr.“ „Einverſtanden, ich werde mich pünktlich einfinden.“ „Daß Du uns nicht betrügſt!“ warnte das Weib.„Wir würden Dich wiederfinden und dann wehe Dir!“ „Ein Wort, ein Mann— lautet mein Wahlſpruch. Verſeht Euch nur mit guten Werkzeugen, wir werden vorher die Liſt ver⸗ ſuchen, gelingt ſie nicht, ſo bleibt uns nichts anderes übrig, als Gewalt.“ Das Weib nickte und ordnete ihre Schaar, die Megären zogen ob, begleitet von dem Hohngeſchrei der Menge und dem gellenden Pfeifen der Gaſſenjungen, die in dichtgedrängten Schaaren dem wider⸗ wärtigen Zuge folgten, während die vernünftigen Zuſchauer mit einer Miene des Ekels den Kopf ſchüttelten. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Ein Belagerungsdiner. In der Manſarde, welche die Freunde bewohnten, ſaß Jean nach⸗ denklich am Tiſche; den Kopf auf den Armen geſtützt, blickte er ſtarr auf die Viſitenkarte, die vor ihm lag, und auf deren Rückſeite einige Zeilen geſchrieben waren. Er hatte ſich ſchon lange darnach geſehnt. Paris verlaſſen und zu ſeinen Kameraden zurückkehren zu können, aber nie zuvor war die Sehnſucht ſo ſtark geweſen, wie eben heute, Er dachte an die Tage von Weißenburg, Wörth und Sedan, an den Siegesjubel der deutſchen Armeen, an die Gemüthlichkeit drüben in den deutſchen Bivouaks und auch an die Schmach ſeiner Gefangen⸗ ſchaft, für die er keine Entſchuldigung finden konnte. Ja, in den erſten Tagen hatte das belagerte Paris Intereſſe für ihn gehabt, aber jetzt wandte er mit Ekel und Verachtung ſich ab von dieſem tollen Wirrwarr, dieſem fortwährenden Pochen auf Frankreichs Gloire, dieſen wahnſinnigen Ausfällen einer geſinnungsloſen Preſſe und den Gemeinheiten, die bei jedem Schritt und Tritt ihm begegneten. — 629— Wenn er auch auf der andern Seite den Muth und die Ausdauer dieſes entſittlichten Volkes bewundern mußte, welches die ſchwerſten Opfer geduldig ertrug, ſo lag doch auch in dieſem anſcheinenden Hel⸗ denmuthe ſo viel Phraſenhaftes, daß er auch ihm ſeinen vollen Bei⸗ fall nicht zollen konnte. Wie ganz anders war es im Lager der Deutſchen! Ernſt und ruhig griff dort Alles ineinander, man hörte keine Phraſen, noch die Flüche eines blinden Haſſes, man bedauerte dort die Pariſer, ohne zu ahnen, daß ſie im Großen und Ganzen dieſe Theilnahme nicht einmal verdienten. Ja, er wollte dahin zurückkehren, mit welchen Gefahren auch dieſer Weg verknüpft ſein mochte; ſeine Pflicht gebot ihm, an die Erfüllung dieſer Aufgabe ſelbſt ſein Leben zu ſetzen. Er nahm die Karte in die Hand, ein bitteres Lächeln umzuckte ſeine Lippen. „Ich habe die Ehre, Herrn Lafleur ſammt ſeinen Freunden zu einem Belagerungsdiner einzuladen. Die Damen Jenny Mouſſon und Juſtine werden anweſend ſein“, las er mit gedämpfter Stimme. „Heute, den erſten November, fünf Uhr.“ Es gab eine Zeit, in der er Juſtine wirklich geliebt hatte, ja er war entzückt geweſen, als er ſie vor einigen Wochen wiederſah. Aber ſie war nicht mehr die heitere, vertrauende Natur, die über eine Bandſchleife in hellen Jubel ausbrechen konnte, ſie machte höhere Anſprüche und Jean entdeckte nur zu bald, daß ihre Liebe nur des⸗ halb erkaltete, weil er nicht die Mittel beſaß, ihre Wünſche zu be⸗ friedigen. Sie hatte am erſten Tage ihm geſagt, ſie wolle Alles mit ihm theilen, Leid und Freud, ſie wollte für ihn ſorgen, ſo lange er keine lohnende Arbeit gefunden habe, aber wie raſch hatte ſie dieſes Ver⸗ ſprechen vergeſſen! Er wußte, daß ſie Geld, viel Geld beſaß, aber er wagte nicht, ſie um eine kleine Summe zu bitten, und es fiel ihr nicht ein, ihn zu fragen, ob er Geld bedurfte. Sie zog ſich mehr und mehr von ihm zurück, freilich, die intimen Beziehungen zu dem reichen Marquis waren vortheilhafter für ſie, was konnte ihr jetzt noch der arme Kellner gelten? „Hol mir der Deubel, ick laſſe ihr loofen;“ fuhr der Gefreite heraus, der bis dahin ſeinen Aerger gewaltſam zurückgehalten hatte. —— ——— —.Orp——ÿõÿ — — — 630— „Solch en Pariſer Sommervogel darf einen wackren Deutſchen nich das Herz ſchwer machen. Donnerwachsſtock, in Berlin jibt's doch ſchöne Mädchen, wat koofe ick mir vor en Pariſer Kammerkätzchen!“ Er war von ſeinem Stuhl aufgeſprungen und durchmaß jetzt mit großen Schritten die Manſarde, um ſeiner Aufregung Herr zu werden. Im nächſten Augenblick wurde die Thüre geöffnet, Erneſt und Paul traten ein, und der Gefreite blieb beſtürzt ſtehen, als er in das finſtere Geſicht des Letzteren blickte. „Und ich ſage Dir noch einmal, es war der dummſte Streich, den Du begehen konnteſt!“ rief Paul erboſt, nachdem er ſein Käppi auf den Tiſch geworfen hatte.„Du haſt über Louiſon eine Gefahr her⸗ aufbeſchworen, in der ſie untergehen muß.“ Erneſt ſchüttelte den Kopf. „Man kann Dir ſagen, was man will“, erwiderte er mit gemeſſe⸗ ner Ruhe,„auf Vernunftgründe hörſt Du nicht, Deine Erregung macht Dich blind gegen Alles. Sollte ich ſchweigend zuſehen, daß das Mädchen von den wüthenden Megären zerriſſen wurde? Oder glaubſt Du, wir Beide hätten die Macht gehabt, den Sturm in an⸗ derer Weiſe zu beſchwören? Der erſte Säbelhieb wäre für uns eine ſichere Anweiſung auf den Tod geweſen. Regte ſich eine Hand, um den Ring zu öffnen, der uns umſchloſſen hielt? Glaube mir, ich will zehntauſendmal lieber gegen ein preußiſches Bataillon vorgehen, als mich in einem Fauſtkampfe mit dieſen Fiſchweibern einlaſſen.“ „Weshalb ſetzten wir uns der Gefahr aus?“ „Dumme Frage! Kannſt Du, wenn Du dieſes Zimmer verläßt, mit Sicherheit behaupten, daß Du mit heiler Haut zurückkehren wirſt? Der Eine will in Dir einen Spion, der Andere einen Polizeiagenten erkennen, ein Wort genügt, die Kanaille gegen Dich zu hetzen, und Niemand wird Dir zu Hülfe kommen. Haſt Du vergeſſen, was wir vor einigen Tagen auf den Boulevards erlebten? Erinnerſt Du Dich nicht mehr des alten Herrn, der mit gebundenen Händen und blut⸗ triefendem Geſicht, mit zerfetzten Kleidern an uns vorübergeführt wurde? Haſt Du ſchon vergeſſen, wie entſetzlich die Kanaille ihn miß⸗ handelte? Steht nicht heute noch das ſcheußliche Weib mit den fliegen⸗ den Haaren und den blutunterlaufenen Augen vor Dir, welches ihn mit der Axt niederſchlug? Brüllend und lärmend wälzte ſich die Pöbel⸗ maſſe über den zuckenden Körper, den die Gamins mit wahnſinnigem Geheul in die Seine ſchleppten.“ — 631— „Er war früher Polizeiagent geweſen“, warf Paut ein, auf den die Schilderung einen tiefen Eindruck gemacht hatte. „So brüllte die Menge, wenn ſie gefragt wurde, was der Un⸗ glückliche verbrochen habe. Ich weiß es beſſer. Eine Stunde ſpäter führte der Zufall mich in die Nähe einer Rotte Vagabunden, und ich vernahm deutlich, daß einer dieſer Subjecte ſich rühmte, er habe den 3 alten Mann denuncirt, um ſich von der Verpflichtung, eine alte Schuld zahlen zu müſſen, zu befreien. Er gab zu, daß ſein Gläubiger ihn nur gemahnt habe, aber er fügte hinzu, dieſe Nachſicht ſei für ihn keine beruhigende Bürgſchaft geweſen, deshalb habe er die günſtige Gelegenheit benutzt, ſeinen Gläubiger zu beſeitigen, er rathe Jedem, dieſes Beiſpiel nachzuahmen. Und ſeine Genoſſen lachten darüber und dankten ihm für den Rath. „Nanu, det is die höhere Gemeinheit!“ ſagte der Gefreite ent⸗ rüſtet.„Det könnte bei uns in Berlin niemals nich paſſiren.“ „Als ob Ihr Deutſche frei von allen Fehlern und Laſtern wäret!“ erwiderte Paul trotzig.„Bei Euch ſind die Zuchthäuſer auch voll.“ „Donnerwachsſtock—“. „Erörtern wir dieſe Frage nicht“, fuhr Erneſt mit einer abweh⸗ renden Bewegung fort,„wir als Franzoſen müſſen uns unſerer Nation ſchämen. Man ſagt uns, wir ſeien die civiliſirteſte Nation, aber das iſt nichts weiter, als eine jener Phraſen, mit denen man uns ködert und immer wieder unter das Sklavenjoch zurückführt, wenn wir Miene machen, die Ketten zu zerreißen. Nein, Paul, es blieb mir kein an⸗ derer Weg übrig, um uns aus den Händen dieſer Megären zu befreien.“ „Wir werden unſer Wort nicht einlöſen!“ „Ja doch, wir werden es thun, weil wir es müſſen! Dieſe Weiber würden uns Tag und Nacht ſuchen und uns finden, wir können ihnen nicht entrinnen. Und dem Manne muß jedes Wort heilig ſein. Für den Wucherer iſt es eine gerechte Strafe, wenn ſein Haus geplündert wird, und ſollte er dabei ſein Leben verlieren, ſo iſt nur ein Schuft weniger in der Welt.“ „Was ihn betrifft, ſo werde ich keine Gewiſſensbiſſe empfinden, wenn die Weiber ihn zerreißen, aber—“ „Sei ruhig, Louiſon ſteht unter unſerm Schutze. Jean wird uns begleiten, wir drei reichen hin, das Mädchen zu beſchützen, zudem haben uns die Weiber die Zuſicherung gegeben, daß ſie ihr nichts Böſes zufügen wollen.“ — — ‿ —[OO—,— 3 — — — — — — — 632— „Bah, wer kann dieſer Zuſage Glauben ſchenken?“ „Halten wir unſer Wort, ſo werden ſie auch das ihrige halten“, entgegnete Erneſt ruhig,„ſo roh und gemein dieſes Geſindel auch ſein mag, es hat doch Ehrgefühl.“ „Nanu, wann ſoll der Spektakel losgehen?“ nahm jetzt der Gefreite das Wort, der mit wachſendem Erſtaunen dem Geſpräch gefolgt war. „Heute Abend“, ſagte Erneſt. „Aber hier is'ne Einladung für Euch zum Diner.“ Erneſt nahm die Karte und las die Zeilen. „Um fünf Uhr“, verſetzte er,„gut, wir können die Einladung nicht ablehnen.“ „Aber ich habe keine Luſt, ſie anzunehmen“, erwiderte Paul, der noch immer vor Erregung zitterte. „Du mußt Dich beherrſchen können“, warnte Erneſt,„in Ver⸗ hältniſſe, die man nicht ändern kann, muß man ſich hineinfinden. Wir werden alle Drei hingehen, Jean trägt gewiß auch Verlangen, Juſtine wiederzuſehen.“ „Hol' mir der Deubel, ſie kann mir geſtohlen werden!“ rief der Gefreite ärgerlich.„Wenn ick nur wieder hinaus könnte! Det is mein einziger Wunſch, uf alles Andere will ick jern verzichten.“ Paul hatte ſich vor dem Tiſche niedergelaſſen, er war in Nach⸗ denken verſunken. „Gefällt es Dir hier nicht mehr?“ fragte Erneſt, einen ſcherzen⸗ den Ton anſchlagend.„Der Winter bricht mit Macht herein, und das Ende der Belagerung iſt noch nicht abzuſehen. Hier biſt Du vor der Kälte geſchützt, Du haſt ein gutes Bett, haſt Lebensmittel genug, um den Hunger fern zu halten, heitere Geſellſchaft, treue Freunde—“ „Nanu und bin dabei doch en Jefangener!“ fiel Jean ihm in's Wort.„Mir ekelt Paris an—“ „Du fürchteſt die Gefahren, die Dir hier drohen, aber umringen Dich draußen nicht noch größere Gefahren?“ „Ick fürchte gar nicht, Erneſt, und Du kannſt mir nicht ver⸗ denken, wenn ick meine Kameraden jern wiederſehen möchte.“ „Um uns zu verrathen!“ „Donnerwachsſtock, ick frage Dir, was es hier zu verrathen gibt? Ick bin nich in den Forts geweſen, ick weeß nich, welche Verſchan⸗ zungen die Pariſer aufgeworfen haben und wann en Ausfall gemacht werden ſoll. Ick kenne nich mal die Stärke Eurer Armee, Alles, — 633— was ick weeß, beſchränkt ſich dadruff, daß ick ſagen kann, Paris is verrückt geworden.“ Erneſt lachte, Paul warf einen finſtern Blick auf den Spötter und runzelte die Stirn. „Das werden Deine Kameraden nicht glauben“, erwiderte Erneſt, „unſer Muth und unſere Energie müſſen ihnen Hochachtung einflößen. Es iſt wahr, Du kannſt nichts verrathen, Du kannſt ihnen nur ſagen, daß Paris entſchloſſen iſt, ſich bis auf den letzten Mann zu behaupten.“ .„Und er darf dennoch nicht hinaus!“ rief Paul. t„Bah, ich ſehe keine Gefahr darin, im Gegentheil, ich möchte wünſchen, daß ſein Wunſch in Erfüllung ginge.“ „Du wärſt verpflichtet, mir beizuſtehen“, ſagte Jean Du haſt; mir durch Verrath in die Falle gelockt, nanu ſieh zu, wie ick wieder r ⸗ herauskomme.“ n„Parbleu, Jean, das iſt eine ſonderbare Behauptung“, ſpottete n, Erneſt.„Wenn Du ſchlauer geweſen wärſt, hätteſt Du mich verhaftet, und ich möchte wiſſen, was Du in dieſem Falle mir antworten wür⸗ er deſt, wenn ich Dir einen Vorwurf machen wollte.“ n„Na, man hätte Dir nach Deutſchland gebracht—“ „Oder mich erſchoſſen, die preußiſche Uniform verrieth ja den Kundſchafter. Gib Dich zufrieden, Jean, ich werde mir die Sache überlegen, vielleicht finde ich einen Weg, auf dem Du zu Deinen 1 3 Kameraden zurückkehren kannſt.“ 5 d„Ick werde ihn gehen, wenn er ooch durch's Feuer führte!“’ p„An Deinem Muthe zweifle ich nicht, habe Geduld.“ d 4 Erneſt brach ab und blickte erſtaunt den feinen Herrn an, der in 8 1 dieſem Augenblick eintrat. ¹ 3 Er erkannte ihn augenblicklich, es war derſelbe Mann, den er in den Katakomben angetroffen hatte, das Haupt der napoleoniſchen Po⸗ n lizeiagenten. 1 Auch Paul erkannte ihn, er hatte ſich erhoben, ſein Blick ruhte 3 ſtarr auf dem eleganten Herrn, der mit raſchem Blick die Manſarde 5 muſterte und dann den Gefreiten ſcharf anſah. 1 „Ich habe einige Worte mit Ihnen zu reden“, wandte er ſich zu Erneſt,„Sie werden wiſſen, daß dies nur unter vier Augen ge⸗ 1 3 ſchehen kann.“ 4 t„Darf auch dieſer Freund nicht zugegen ſein?“ fragte Erneſt, auf Paul zeigend. — — 634— Der Agent nickte bejahend, Erneſt wechſelte leiſe einige Worte mit Jean, der ſich entfernte. „Wir ſind allein“, nahm Erneſt das Wort,„was haben Sie uns zu ſagen?“ „Vor allen Dingen will ich Ihnen berichten, daß ich Sie geſtern bei dem mißglückten Aufſtande ſehr ſcharf beobachtet habe.“ „Was berechtigte Sie dazu?“ fuhr Paul auf, der jetzt einen Ab⸗ leiter für ſeinen Grimm gefunden hatte. Der Agent erhob das Haupt und feſſelte den Blick auf das geröthete Geſicht des jungen Mannes. „Erinnern Sie ſich nicht mehr der Erklärungen, die ich Ihnen gegeben habe, als ich Sie aus den Katakomben rettete?“ fragte er mit ſcharfer Betonung.„Seit jenem Tage iſt mir keine Ihrer Hand⸗ lungen unbekannt geblieben, Sie wurden, ohne es zu ahnen, unaus⸗ geſetzt beobachtet. Nennen Sie das Spionage, nennen Sie es, wie Sie wollen, ich kann Ihnen nur darauf erwidern, daß die Nothwen⸗ digkeit mir dieſe Ueberwachung gebot. Und meine Schuld war es doch wahrlich nicht, daß Sie in unſere Geheimniſſe eingeweiht wurden. Damals waren die Dolche auf Sie gezückt, ich rettete Ihnen das Leden, Sie wiſſen, unter welchen Bedingungen es geſchah.“ „Kommen Sie zur Sache“, ſagte Erneſt. „Verzeihen Sie, es war nöthig, daß ich Ihren Freund auf die Sachlage aufmerkſam machte, ich denke, es wird unſere Verhandlungen weſentlich erleichtern. Ich wiederhole alſo, daß ich Sie beobachtet habe; bei dieſer Gelegenheit erhielt ich die Gewißheit, daß Sie den Aufſtand nicht billigten.“ „Wenigſtens nicht in dieſer Form.“ „Gut, wir wollen nicht über Worte ſtreiten. Sie führten die Mobilen von Finiſtere durch das Souterrain des Hotel de Ville und befreiten dadurch die gefangenen Miniſter.“ „Wir thaten es, weil wir in dem Sturz der Regierung kein Heil fanden“, entgegnete Erneſt. „Sehr wohl, aber glauben Sie, daß dieſe Regierung ſich be⸗ haupten wird?“ „Nein.“ „Ach, Sie haben vernünftige Ideen und einen ſcharfen Verſtand, mein Freund“, nickte der Agent, deſſen Lippen ein wohlwollendes Lächeln umſpielte,„Sie blicken beſonnen in die Zukunft und erkennen eo= d il 2 mit richtigem Blick die Gefahren, die unſerem Vaterlande drohen. Sie werden ſich auch nicht durch die Phraſen der Republikaner be⸗ thören laſſen, die dem Arbeiter goldene Berge verſprechen und ihm die Commune als rettenden Engel zeigen.“ „Die Commune, mein Herr, iſt gleichwohl eine gerechte Forderung“, erwiderte Paul.„Paris hat lange genug dazu geſchwiegen, daß es von Präfekten regiert wurde, welche die Regierung ernannt hatte. Wir wollen unſere eigene Vertretung haben, wir wollen ſie wählen und—“ „In der That, eine durchaus gerechte Forderung!“ fiel der Agent ihm in's Wort.„Aber was würde unter den jetzigen Verhältniſſen die Commune ſein? Eine Schreckensregierung, die Niemand will, außer einigen exaltirten Köpfen, die gerne eine hervorragende Rolle ſpielen möchten! Die Commune würde die Kirchen berauben, das Vermögen der beſitzenden Klaſſe confisciren und die Guillotine auf⸗ richten. He, wäre es Ihnen gleichgültig, wenn Handel und Wandel niederlägen, wenn alle Geſchäfte ruinirt würden, und das Ausland ſich mit Verachtung von uns abwendete?“ „Gewiß nicht. Aber ſoweit kann es nicht kommen!“ „Beim Himmel, mein Freund, ſoweit wird es kommen, wenn die Leidenſchaften über den Verſtand den Sieg davontragen. Mit der Commune iſt es alſo nichts. Und nun frage ich Sie, haben Sie mit Ihrem ſcharfen Blicke ſchon herausgefunden, welche Regierung für Frankreich die beſte wäre?“ „Nein.“ „Ach, Sie haben darüber noch nicht nachgedacht“, fuhr der Agent, leicht das Haupt wiegend, fort, und doch muß man daran denken, wenn man ſich von den ſpäteren Ereigniſſen nicht überraſchen laſſen will. Welchen Segen die Republik ſtiftet, haben wir geſehen, ſie zwingt uns, unſer Letztes zu opfern, trotzdem wir einſehen, daß dieſe Opfer vergeblich gebracht werden. Iſt der Widerſtand dieſer großen Weltſtadt nicht Wahnſinn? Iſt die Erhebung der Provinzen nicht eine frevelhafte Thorheit? Mit der Entſcheidungsſchlacht bei Sedan war der Krieg beendet, man mußte Frieden ſchließen, Frieden um jeden Preis. Wir würden uns erholt und zur Revanche gerüſtet haben, wir hätten nach einigen Jahren die verlorenen Provinzen zurückerobert und Deutſchland für die uns widerfahrene Schmach ge⸗ züchtigt. Ja, das hätten wir gethan, denn unſere Verluſte konnten ——— — 8 ——— —— — 636— wir bald verſchmerzen. Und nun? die Regierung der Republik hat den Kampf fortgeſetzt, ſie verſchleudert Millionen für Waffen und Munition, ſie läßt die Provinzen verwüſten, Städte und Dörfer ein⸗ äſchern, ſie ruinirt den Handel, läßt die Patrioten in Maſſen nieder⸗ ſchießen und gibt die Hauptſtadt unſäglichem Elend preis. Wir werden ruinirt ſein, wenn der Feind Paris bezwungen hat und uns einen ſchmachvollen Frieden dictirt, wir werden Milliarden nöthig haben, um wieder aufzurichten, was frevelhaft zerſtört wurde, und dem Kriege gegen Deutſchland vird der Bürgerkrieg folgen, der uns zerfleiſcht.“ Die Freunde konnten ſich der Wahrheit dieſer Bemerkungen nicht verſchließen, es war ja dieſelbe Anſicht, die ſie ſo oft geäußert hatten, und der Agent lächelte triumphirend, als er in ihren düſtern, nachdenk⸗ lichen Minen den Eindruck bemerkte, den ſeine Worte machten. „Wollen ſie dieſer Regierung, die ohne Gewiſſen, ohne Sinn und Verſtand handelt, das Geſchick Frankreichs noch länger anvertrauen?“ fragte er. „Nennen Sie uns eine beſſere Regierung“, erwiderte Erneſt aus⸗ weichend. „Da ſind die Orleans, da iſt der Graf von Chambord, der letzte Sproß der Bourbonen—“ „Nichts von dieſen!“ fuhr Paul auf.„Die Orleans haben nie Energie, nie ein Herz für das Volk gezeigt, und was die Bourbonen betrifft, ſo berichtet uns von ihnen die Geſchichte genug Schlimmes. Wir wollen ſie nicht.“ „Auch dann nicht, wenn Herr Thiers an die Spitze des Mini⸗ ſteriums tritt?“ „Wer iſt Thiers?“ ſpottete Erneſt.„Ich kenne einen Thiers, der im Jahre achtzehnhundertdreißig die Republik an den Herzog Louis Philipp von Orleans verkaufte, der ſtets zum Kriege gegen Deutſchland hetzte, und der durch dieſe Hetzereien einen großen Theil der Schuld an unſerer heutigen Schmach trägt. Aber dieſer Mann iſt alt geworden, er muß jetzt ein kindiſcher Greis ſein, und ich kann mir nicht denken, daß er den Muth haben ſollte, die Republik noch einmal an einen Despoten zu verkaufen.“ „Daß das nicht geſchieht, dafür wird das Volk, der Arbeiterſtand von Paris, ſorgen. Sie haben Recht, die Republikaner waren es, die zum Kriege hetzten, ſie zwangen den Kaiſer, den Fehdehandſchuh ———— — 637— Deutſchland hinzuwerfen. Lebten wir nicht glücklich unter dem Kaiſer⸗ reich? Was man Napoleon auch vorwerfen mag, er hatte ein Herz für ſein Volk, und nie zuvor war Frankreich ſo reich und blühend, ſo groß und geachtet, wie unter ſeiner Regierung.“ „Er war ein Despot!“ wallte Paul auf. „Hm, in gewiſſer Beziehung— ja! Aber Frankreich bedarf einer ſtarken Hand, eines ſtrammen Regiments. Es ſind Fehler gemacht worden, aber das Unglück iſt eine gute Schule, dieſe Fehler werden nun vermieden werden.“ „Parbleu, mein Herr, Sie ſprechen juſt ja, als ab Napoleon ſchon wieder auf dem Throne ſäße!“ ſpottete Erneſt. „Halten Sie es für unmöglich, daß das geſchehen wird?“ fragte der Agent mit lakoniſcher Ruhe. „Ganz gewiß.“ „Es käme auf ein Plebiscit an. Die Armee iſt für ihn, die Landbevölkerung wünſcht ſeine Rückkehr, die Städte in der Provinz werden mit geringen Ausnahmen für ihn ſtimmen.“ „Wiſſen Sie das ſo gewiß?“ fragte Paul ironiſch. „Ja, ich weiß es, und was, wenn ich fragen darf, bleibt uns denn Anderes übrig? Man wird Napoleon den Vierten unter der Regent⸗ ſchaft eines tüchtigen, charakterfeſten Generals auf den Thron ſetzen und ſehr zufrieden ſein, daß man wieder in geordneten Verhältniſſen lebt.“ „Das alſo iſt der Zweck Ihres Bundes?“ fragte Erneſt. „Ja, mein Herr“, erwiderte der Agent, und der Ton, den er jetzt anſchlug, hatte etwas Drohendes“, das iſt unſer Zweck, und Sie müſſen einſehen, daß es keinen beſſeren Zweck gibt. Was nutzen Ihnen hohle Phraſen, wenn Sie keine Arbeit, keine Ordnung, keine Sicherheit für Ihr Leben haben? Welchen Werth hat eine Regierung, die nicht einmal die Macht beſitzt, dem maßloſen Ehrgeiz ihrer eigenen Mitglieder entgegen zu treten? Was können Sie von Gambetta er⸗ warten? Nichts weiter, als den Ruin Frankreichs. Warten Sie nur noch einige Wochen, ſo wird jeder Franzoſe ihm fluchen, ſobald die⸗ ſem tollen Rauſch die Ernüchterung gefolgt iſt. Und was dann? Wo ſind die Männer, die Frankreich regieren und es vor dem gänz⸗ lichen Schiffbruch bewahren können? Der Wiedereinſetzung Napoleon's werden ſegensreiche Jahre des Friedens folgen, und ſeien Sie über⸗ zeugt, daß es eine ſeiner erſten Handlungen ſein wird, die Ver⸗ 1 V ——— waltung der Stadt Paris nach dem Wunſche ihrer Bewohner zu regeln.“ „In der That, es liegt viel Wahrheit in dieſen Erörterungen“, wandte Erneſt ſich zu dem Freunde, der gedankenvoll vor ſich hin⸗ ſchaute; aber ich fürchte, der Name„Napoleon“ iſt zu ſehr verhaßt, als daß der entthronte Kaiſer jemals wagen dürfte, ſich in Paris wieder blicken zu laſſen.“ „Und noch glühender, wie ihn, haßt man die Kaiſerin“, erwiderte Paul.„Hätte man ſie bei der Erſtürmung der Tuilerien gefunden, ſo wäre ſie das Opfer der Volkswuth geworden.“ „Das ſind alles Hinderniſſe, an denen Ihr Plan ſcheitern wird“, ſagte Erneſt“, ganz abgeſehen davon, daß der Pöbel Sie mordet, ſobald er in Ihnen einen kaiſerlichen Agenten entdeckt.“ „Bah, wer vor einer Gefahr zurückſchreckt, der wird nie etwas gewinnen! Wollen Sie, daß ich Ihnen meinen Plan entwickle?“ „Wir überlaſſen das Ihnen.“ „Es könnte gefährlich ſcheinen, daß ich es thue, aber bei Ihnen bin ich vor Verrath ſicher. Mögen Sie mir beipflichten oder nicht, Sie werden mein Geheimniß bewahren.“ „Unter allen Umſtänden.“ „Ich erwarte das von Ihrer Ehre. Sollten Sie aber dennoch mein Vertrauen täuſchen, ſo ſteht im Augenblick des Verraths der Rächer ſchon hinter Ihnen. Es iſt wahr, wie die Dinge jetzt liegen, hat der Kaiſer keine Hoffnungen, man erwartet, wenigſtens in Paris, das Heil Frankreichs noch immer von der Republik. Aber die Sachlage wird ſich ändern, ſobald die heilloſe Wirthſchaft der Commune beginnt.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Paul. „Daß man nach der Capitulation von Paris und der Unterzeich⸗ nung des Friedens hier die Commune einſetzen wird. Die Regicrung wird ſich genöthigt ſehen, abzudanken, in dem allgemeinen Wirrwarr bemächtigen die Rothen ſich der Gewalt und wählen die Commune. Zweifeln Sie daran?“ „Fahren Sie fort“, ſagte Erneſt „Der Bürgerkrieg iſt alsdann unvermeidlich geworden, eine zweite Negierung wird ſich bilden, eine Nationalverſammlung einberufen und der Beſchluß gefaßt werden, der Schreckensherrſchaft ein Ende zu machen. Unſere kriegsgefangenen Truppen kehren zurück, kaiſerliche Marſchälle treten an ihre Spitze und der Barrikadenkampf beginnt. Inzwiſchen ſind die Kirchen geplündert, die vermögenden Bürger be⸗ raubt, und die Kanaille hat ihre rohen Exceſſe begangen. Dann wird jeder vernünftige Menſch, Jeder, der nur ein Fünffrankenſtück zu verlieren hat, ſich nach Ruhe und Ordnung ſehnen, dann wird man ſich der Regierung des Kaiſerreichs erinnern—“ „Und auf dem Blut und den Leichen der Franzoſen ſoll aber⸗ mals der Thron des Despoten errichtet werden“, fiel Paul ihm mit ſchneidender Bitterkeit in's Wort.„Nein, mein Herr, das iſt der richtige Weg nicht!“ „Können Sie mir einen beſſeren zeigen?“ fragte der Agent.„Ich will Ihnen Zeit geben, darüber nachzudenken. Halten Sie das Glück feſt, meine Herren, man wird Ihnen dankbar ſein, wenn—“ „Nicht weiter!“ rief Erneſt.„Das Gold, welches man uns an⸗ bieten wollte, wäre ein Judaslohn, den ein Mann von Ehre nicht annehmen kann. Wenn wir einer beſtimmten Partei beitreten, ſo geſchieht es aus Ueberzeugung und aus Patriotismus, nicht aus ſelbſtſüchtigen Zwecken.“ „Wie Sie wollen, dieſe Geſinnungen ſind zu ehrenvoll, als daß man ſie bekämpfen könnte. Wann werden Sie mir Ihren Entſchluß mittheilen?“ „Verlangen Sie ihn?“ „Nachdem ich Ihnen alle dieſe Mittheilungen gemacht habe, muß ich ihn verlangen.“ „Und welche Rolle würde man fortan uns übertragen?“ fragte Erneſt. „Durchaus keine. Sie würden nichts weiter zu thun haben, als Ihre Kameraden gegen dieſe Regierung zu erbittern, wozu Ihnen täglich Gelegenheit geboten wird.“ „Sie ſind ohnedies ſchon im höchſten Grade erbittert.“ „Ich weiß es, aber es wird gut ſein, wenn man das Feuer von Zeit zu Zeit ſchürt. Was ſpäter geſchehen ſoll, darüber berathen wir gemeinſchaftlich, ſobald die Dinge ſich zu klären beginnen.“ „Und weiß der Kaiſer, daß man hier für ihn thätig iſt?“ „Natürlich, wir ſtehen unausgeſetzt in Verbindung mit ihm.“ „Gut, wir wollen uns die Sache überlegen“, ſagte Erneſt.„Wo finden wir Sie, wenn wir unſern Entſchluß gefaßt haben?“ „Wenn Sie wollen, komme ich übermorgen zu Ihnen.“ ————— 1 ——— + — — —— ——— — 640— „Nein, das wünſchen wir nicht, wir ſind hier vor Spionen nicht ſicher genug.“ „Ach Sie denken dabei an Madame Leroi?“ „Allerdings.“ „Sie haben Recht, dieſes Weib iſt gefährlich; ich erwarte Sie von morgen ab jeden Abend von acht bis neun Uhr an der Kirche Notre Dame.“ „Gut, wir werden kommen und Ihnen offen und ehrlich unſere Entſcheidung berichten.“ Der Agent nickte den Beiden freundlich zu und ging hinaus. Kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, als Erneſt haſtig auf ſeinen Freund zuſchritt und deſſen Hand ergriff. „Wie Du auch über dieſe Mittheilungen denken magſt, jetzt wollen wir nicht darüber ſprechen“, ſagte er in eindringlichem Tone,„es iſt nicht nöthig und auch nicht wünſchenswerth, daß Jean in die Zer⸗ riſſenheit und den Parteihader unſerer unglücklichen Nation hinein⸗ blickt. Kleiden wir uns an, der Marquis erwartet uns.“ „Du biſt entſchloſſen, hinzugehen?“ „Weshalb nicht? Ich thue es ſchon deshalb, um dieſen Mann noch gründlicher zu ſtudiren, ich will in die geheimſten Falten ſeiner Seele eindringen und erforſchen, ob er mein Vertrauen in vollem Maaße verdient.“ Jean war inzwiſchen eingetreten, er richtete einige Fragen an die Freunde, die ſich auf den Beſuch des Agenten bezogen, aber da er keine Antwort erhielt, ſchwieg er, um nun ebenfalls Toilette zu machen. Erneſt war heiter und ruhig, Paul hingegen verſtimmt, und dem Gefreiten gelang es nicht, zwiſchen Beiden zu vermitteln und eine. allgemeine heitere Stimmung hervorzurufen. Schweigend durchſchritten ſie die Straßen, in denen die erregte Menge auf und nieder wogte, oft ſahen ſie ſich genöthigt, ſich mit den Ellbogen eine Bahn durch das Gedränge zu brechen. Vor den glänzenden Café's auf den Boulevards ſaßen trotz der Kälte eine Menge Zuaven und Mobilgardiſten, liederliche Weibsbilder ſtanden auf den Tiſchen und ſangen mit krächzender Stimme patrio⸗ tiſche Lieder, und die Kanonen des Mont Walerien lieferten den Brummbaß zu dem nichts weniger als melodiſchen Geſang, der gleich⸗ wohl von den Volksmaſſen mit Enthuſiasmus aufgenommen wurde. „Wer ſich die Mühe geben wollte, hier ſcharf zu beobachten, der iicht — 641— könnte täglich ſich von der Steigerung unſeres Elends überzeugen“, ſagte Erneſt, als ſie an einer Gruppe ſchwarz gekleideter Frauen vor⸗ beiſchritten.„Rohheit und Gottloſigkeit, Verworfenheit und Selbſtſucht treten mit jedem Tage ſchärfer hervor, wie auf der anderen Seite die beſorgten, kummervollen Mienen ſich vermehren. Die Kanaille bleibt freilich, wie ſie war, die zerlumpten Gamins und die Vagabunden zeigen keine Lücken in ihren Reihen, das Geſindel weiß ja, woher es die Mittel nimmt, um ſein Leben zu friſten. Ihm kommt's auf Raub und Diebſtahl nicht an, und wenn's nicht anders geht, dann bettelt es um Almoſen. Aber der anſtändigen Frauen und der Kinder werden mit jedem Tage weniger, und die, denen man noch begegnet, tragen ſchon den Hauch des Todes auf der Stirn. Täglich mehren ſich die Sterbefälle, hie und da treten epidemiſche Krankheiten auf, und auf jedem Schritt und Tritt begegnet man Geſtalten, denen man es deutlich anſieht, daß Hunger und Sorgen, Angſt und Schmerz an ihrem Lebens⸗ mark zehren.“ „Weshalb macht Ihr nicht ein Ende?“ fragte Jean.„Oeffnet Eure Thore, ſo wird—“ „He, würden die Berliner ihre Thore öffnen, wenn unſre Armeen die Stadt umſchloſſen hielten?“ fiel Paul ihm in's Wort. „Nanu? Berlin is keene Feſtung nicht, wir haben's nich nöthig, unſere Reſidenz zu befeſtigen, denn ſo weit kommt der Feind nie⸗ mals nich.“ „Wie übermüthig!“ ſpottete Erneſt.„Wir waren es auch, Jean, aber Hochmuth kommt vor dem Fall, ſagt ein altes Sprichwort. Im Uebrigen glaube ich, daß der Regierung das Elend in Paris nicht in ſeinem ganzen Umfange bekannt iſt. Sie ſendet ihre Beamten nicht in die Hütten und Manſarden der Proletarier, ſie läßt keine Nach⸗ forſchungen anſtellen— wozu auch? Die Wahrheit würde ſie ent⸗ ſetzen und entmuthigen, und der große Haufe brüllt ja noch immer im Nauſch des Wahnſinns die Marſeillaiſe auf den Boulevards. Später erſt werden wir die volle Wahrheit erfahren und erſchrecken, aber dann liegt das Entſetzliche hinter uns, und der leichtfertige Pariſer hilft ſich mit einem frivolen Scherz über das Grauen hinweg.“ Sie wollten eben in den Faubourg St. Honoré einbiegen, wo das Palais des Marquis lag, als ein ſchwarzer Pudel an Erneſt emporſprang. Erneſt wollte den Hund verſcheuchen, aber das Thier kam immer R. 41 — 642— wieder bellend und winſelnd auf ihn zu und zwar geſchah dies in einer ſo auffallenden Weiſe, daß die Freunde ſich endlich der Ver⸗ muthung nicht erwehren konnten, eine beſondere Abſicht müſſe den Hund leiten. „Er wird ſeinen Herrn verloren haben“, meinte Paul, aber Erneſt ließ das nicht gelten, zumal der Hund in unverkennbarer Weiſe ſeine Freude äußerte, als er Miene machte, ihm zu folgen. „Sehen wir, was das Thier will“, ſagte Erneſt,„der Marquis wird uns nicht zürnen, wenn wir eine Viertelſtunde ſpäter kommen.“ Der Hund ſprang bellend vorauf, von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen, um zu ſehen, ob die jungen Leute ihm folgten. Nach einer kurzen Wanderung machte der Hund vor einem kleinen Hauſe Halt, die Thüre war nicht geſchloſſen, die Freunde traten ein und folgten auch jetzt dem Pudel, der ſie in ein Zimmer des Erdge⸗ ſchoſſes führte. Ein entſetzlicher Anblick bot ſich ihnen hier. Auf einem Bette lag ein junges Weib, völlig angekleidet, mit einem Säugling im Arm, neben dem Bette auf dem Teppich ſahen ſie ein etwa dreijähriges Mädchen, deſſen ſchneeweiße Wangen der Hund leckte. Auf einem zweiten Bette, welches an der anderen Seite des Zimmers ſtand, lag ein Greis mit ſilbergrauem Haar, deſſen welke Hand ſchlaff über den Rand des Bettes herunterhing. Die Ausſtattung des Zimmers und die Kleidung der Perſonen ließen erkennen, daß ſie wohlhabende Leute waren oder doch geweſen ſein mußten, denn es ſehlte nichts in dieſem Gemach, was zur Be⸗ quemlichkeit der Bewohner dienen konnte. Die junge Frau und die beiden Kinder waren todt, der Greis athmete noch ſchwach. Erſchüttert ſtanden die Freunde vor dem Bette, das hohle einge⸗ fallene Geſicht des alten Mannes erzählte nur zu deutlich die Leidens⸗ geſchichte, welche der Tod beendet hatte. Erneſt beugte ſich über den Sterbenden, der Hund ſprang auf das Bett und leckte das Geſicht des Greiſes. „Hier können wir noch helfen“, ſagte Paul,„der Unglückliche lebt noch, ſuchen wir das Leben feſtzuhalten.“ Der Greis öffnete beim Klange dieſer Stimme die Augen, ſein brechender Blick traf das Geſicht Erneſt's. — 643— „Muth!“ flüſterte der Letztere.„Wir werden einen Arzt und ſtärkende Nahrung holen, Sie ſollen gerettet werden, gerettet durch die Treue und Klugheit dieſes vortrefflichen Hundes.“ Der Greis erhob leicht die Hand und machte eine abwehrende Bewegung, wie wenn er ſagen wollte, für ihn komme die Hälfe zu ſpät, daun zeigte er auf ein Blatt Papier, welches auf dem Nacht⸗ tiſchchen lag. Und als ob der Tod nur darauf gewartet habe, daß ſein Opfer in dieſer Weiſe vom Leben Abſchied nehmen ſolle, athmete der Ster⸗ bende noch einmal tief auf, während ein convulſiviſches Zittern ſeinen Körper überlief. Er hatte geendet, Erneſt drückte ihm die Augen zu und ſprach ein kurzes Gebet. Dann nahm er das Papier und trat damit an's Fenſter deſſen Vorhänge er zurückſchob. „Du, der Du unſere Leichen findeſt, erfülle die heiligſte der Chriſtenpflichten und ſorge, daß ſie in geweihter Erde beſtattet wer⸗ den“, las er mit bebender Stimme.„O, mein Gott, womit habe ich dieſes Entſetzliche verſchuldet! Aber nein, ich will nicht murren wider Dich, wie könnte ich Dich verantwortlich machen für das Geſchick eines Menſchen, der doch vor Dir nichts iſt, als ein winziges Sandkorn! Ich war glücklich, o, zu glücklich vielleicht,— mein Gott, ich danke Dir, daß Du jene lange Reiſe von Tagen, Jahren, mit dem Son⸗ nenſchein des Glückes vergoldeteſt! So trüb und troſtlos auch die Jahre meiner Kindheit waren, für alle dieſe Entbehrungen wurde ich reich entſchädigt. Ich will mich nicht rühmen, daß ich aus eigener Kraft geworden ſei, was ich war, als ich die theure Jugendgeliebte als mein ſüßes Weib heimführte, nein, Dein Segen ruhte auf mir, und ohne ihn würde ich nimmer der reiche Mann geworden ſein. Ach ja, es gab eine Zeit, in der mein ganzes Sehnen und Trachten nur dahin ging, mir Neichthümer zu erwerben, eine Zeit, in der ich wähnte, der Beſitz irdiſcher Güter ſei der Inbegriff alles Glückes! Vergib mir dieſe Thorheit, die Habſucht hatte mich ver⸗ blendet. Ich arbeitete mit raſtloſem Eifer, aber nie wählte ich ver⸗ werfliche Mittel, um mein Vermögen zu vermehren, kein Fluch ruhte auf dem Gelde, welches ich im Schweiße meines Angeſichts mir erworben hatte. 41* ——„ 8 2— 644— Du weißt es, Gott, wie unſäglich glücklich wir waren, als Du unſere Ehe mit einem Kinde ſegneteſt. Und nun liegt dieſes Kind vor mir und ringt mit dem Hunger, und meine unglücklichen Enkel ſehen aus hohlen Augen flehend mich an und ſchreien nach Brod. Ich kann's nicht ertragen, dieſes Bild des Grauens und Ent⸗ ſetzens, meine Sinne verwirren ſich—— o, mein Gott, laß mich ſterben, aber bewahre mich vor dem Gräßlichſten, vor dem Wahnſinn! Nein, ich will nicht murren, Du haſt ſie gegeben, Du haſt ſie genommen, Dein Name ſei gelobt in alle Ewigkeit— Amen! Wie iſt es doch gekommen, daß das Unglück ſo plötzlich über uns hereinbrach? Ach, ich weiß es noch, wie man mein ſüßes Weib hinaustrug zum Pere Lachaiſe, und wie ich jeden Frühling ihr Grab mit Veil⸗ chen bekränzte. Sie liebte die Veilchen ſo ſehr! Ich weiß es noch, wie mein Kind Hand in Hand mit dem ſtattlichen Capitain zum Altar trat und der Prieſter ihren Bund ſegnete! Ein neues Leben begann für mich, ich wurde noch einmal jung. Ach, wie oft wiegte ich meine kleine Margot, das reizende Ge⸗ ſchöpf, auf meinen Knieen, wie ſüß klang das Wort„Großpapa“ von ihren roſigen Lippen! Allgerechter, wo hatteſt Du Deinen vernichtenden Blitzſtrahl, als der Corſe zum Schwerte griff, um das friedliche Deutſchland ruchlos zu überfallen? Weshalb ſchleuderteſt Du ihn nicht auf das Haupt des Frevlers, weshalb ließeſt Du es geſchehen, daß ein Verbrechen verübt wurde, welches zwei Nationen zwang, ſich gegenſeitig zu zer⸗ fleiſchen? Iſt es wahr, daß die ganze franzöſiſche Nation dieſen Krieg ver⸗ ſchuldet hat? Ich weiß es nicht, und wozu könnte es nutzen, wenn ich darüber nachſinnen wollte? Könnte ich dadurch den Kapitain von den Todten auferwecken, der in der Schlacht bei Wörth den Heldentod ſtarb? Könnte ich für das Reſultat meiner Grübeleien Brod kaufen, um den Hunger meiner Lieben zu ſtillen? Nichts von alledem, der Kapitain ſchlummert unter dem Raſen und wir werden ihm bald in das geheimnißvolle Jenſeits folgen. Wie ein Blitzſchlag aus heiterm Himmel traf die Hiobspoſt unſer Glück und den Frieden meines Hauſes. — 645— Es war vorbei, der letzte Stern erloſchen, Nacht, finſtre Nacht umgab uns. Vergib uns, wenn wir an Dir und Deiner Gerechtig⸗ keit zweifelten, wenn unſeren zitternden Lippen eine Anklage gegen Dich entfuhr!— O, es war des Elends noch nicht genug, das Schickſal ward nicht müde, uns zu verfolgen. Der Bankier, bei dem ich mein ganzes Vermögen deponirt hatte, war ein Schurke, er entfloh mit den ihm anvertrauten Geldern, und es wäre nutzlos geweſen, ihn zu verfolgen. Wir hatten kein Geld, keine Lebensmittel, und ach, wir hatten keine Freunde mehr, als man erfuhr, daß der reiche Mann ein Bettler geworden war. Die, welche noch Forderungen an mich hatten, zwangen mich, ihnen mein Silbergeſchirr und den Schmuck meiner Tochter zu über⸗ geben, was lag ihnen daran, ob ſie uns dem Hungertode preis gaben! Du weißt, mein Gott, wie ich gerungen habe, wie ich kämpfte mit dem Schickſal und nach jeder Niederlage den Kampf wieder auf⸗ nahm! Es war umſonſt. Man ſtieß den alten Mann zurück, wenn er ſich nach ſtudenlangem Harren bis zur Thür der Cantine durchge⸗ drängt hatte, man lachte ihn aus auf der Mairie und machte ihm Vorwürfe, indem man ſagte, es ſei ein abſcheuliches Verbrechen, daß der reiche Mann ſich auf Koſten der Armen ernähren laſſen wolle. Ich forderte eine Penſion für die Wittwe des Kapitains, man erwiderte mir, der Kapitain ſei ein Verräther geweſen, wie jeder Offizier, der bei Wörth gekämpft habe. Ach, ich hatte Niemanden, der mir bezeugen wollte, daß ich ein Bettler geworden war, Niemanden, der für die Wittwe und die Waiſen eines braven Soldaten ſprach. Ich wollte meine Möbel verkaufen, aber es fand ſich kein Käufer, und das Elend wuchs von Tag zu Tage. Mein armes Kind lag auf dem Krankenbette, der Schlag hatte ſie zu hart getroffen, meine Enkel ſtarben langſam. Ja, ich war ein Bettler, wer konnte mir verbieten, daß ich auf den Boulevards ging und bettelte? Blicke nicht auf mein weißes Haar, Du, der Du dieſe Zeilen lieſeſt, es iſt in Ehren grau geworden, aber nun deckt es Schmach und Schande! — 646— Ich bettelte, die Soldaten verhöhnten mich, liederliche Dirnen trieben ihren Spott mit mir. Und noch immer nicht war es genug der Schmach, man ſchlug und mißhandelte mich. O, mein Gott, ich danke Dir, daß das Ende kommt, ich ſühle es nahen, ich höre das leiſe Rauſchen der Fittige des Todes. Es geht zu Ende. Der Säugling iſt todt, die arme Mutter preßt die kleine Leiche an ihre Bruſt und meine kleine Margot liegt auf dem Teppich. Still— ſie iſt müde, ſie will ſchlafen. Ob der Hunger ſie ſchlafen läßt? Horch— ſind das nicht die lieblichen Stimmen der Engel, höre ich nicht das Hallelujah der himmliſchen Heerſchaaren. Still— Margot ſchläft, und ihre Mutter iſt leiſe eingeſchlum⸗ mert, und bie Engel ſchweben hernieder, um die lieblichen Geſchöpfe in das Reich des ewigen Friedens zu führen. Frevler, Du haſt ſie gemordet! Zittere, wenn ich dort oben Dir gegenübertrete! Deine Krone trieft von Blut und unaufhörlich rieſelt aus ihr das rothe warme Blut nieder auf die Todtengebeine, über die Dein Weg Dich führt! Ha, Du konnteſt nicht ſterben, Gott ließ es nicht zu, die Furien der Hölle ſind losgelaſſen, ſie werden Dich verfolgen Tag und Nacht, im Wachen und im Träumen! Und wenn einſt der Tod an Dein Siechbett tritt, um Dir nach dieſer qualvollen Folter den Gnadenſtoß zu geben, dann wird er die Geiſter Derer heraufbeſchwören, die Du gemordet haſt. Wehe Dir, Wehe, dreimal Wehe! Du wirſt Dich nach dem Tode ſehnen und nicht ſterben können, es wird ein entſetzlicher Kampf ſein, dem die ewige Verdammniß folgt! Still— Margot ſchläft! Ich will mich zu ihnen ſchleichen und ihren Schlaf bewachen, das Getöſe der Kanonen könnte ſie wecken. Laß' Deine Batterien ſpielen, Feind, laß' Feuer niederregnen auf dieſes Sodom, o Gott, vertilge die Stadt von dem Erdboden. Kein Stein möge auf dem andern bleiben, kein Menſchenleben dieſem Strafgericht entrinnen. Still— ich höre das Hoſiannah der Engel!—— — 647— Nein, Margot ſchläft nicht, die Engel haben ſie geholt. Wie friedlich ſie da liegen, ſie, die einſt mein Stolz, meine Freude, mein Glück waren! Wer kann ſagen, daß der Hunger ſie getödtet habe? Nein, der ruchloſe Verbrecher hat ſie gemordet, auf ſein Haupt ſchleudere ich den Fluch der ewigen Verdammniß. Still, ich will mich auch hinlegen und ſchlafen— es geht zu Ende, dort oben werde ich die Theuren wiederſehen. Noch einmal, Fremdling, ermahne ich Dich an die Samariterpflicht, mögeſt Du zum Lohn für ihre Erfüllung Alles nehmen, was Du in dieſem Hauſe findeſt, Du ſollſt mein Erbe ſein. Willſt Du meinen Namen wiſſen? Ich nenne ihn nicht, frage in der Nachbarſchaft, ſo wirſt Du ihn erfahren.“—— Erſchüttert ließ Erneſt das Dokument ſinken, unaufhaltſam waren ihm die Thränen in's Auge geſchoſſen. „Der letzte Wille eines Geſchiedenen ſoll Jedem heilig ſein, ſagte er mit bebender Stimme,„wir werden unſere Pflicht erfüllen.“ „Werden wir es können?“ fragte Jean. „Und wenn man uns Alles verweigert, ſo zimmere ich ſelbſt die Särge und wir tragen ſie hinaus auf den Friedhof.“ „So ſei es“, erwiderte Paul nicht minder ergriffen.)— „Wir werden damit warten müſſen bis morgen“, fuhr Erneſt fort,„geloben wir uns gegenſeitig, dieſe Pflicht zu erfüllen. Es wäre ja möglich, daß einen oder zwei von uns ein Mißgeſchick träfe, dann wird der Dritte die Samariterpflicht übernehmen. Verſprecht Ihr es?“ „Jau““, erwiderten die Beiden. „Wohlan, gehen wir, hier können wir nicht mehr helfen.“ Erueſt lockte mit dieſen Worten den Hund, aber der Pudel, der ſich vor dem Bette des Greiſes hingelegt hatte, wedelte mit dem Schweif, ohne ſich zu erheben. „Treu bis in den Tod!“ murmelte Paul.„Das kluge Thier weiß, daß hier der Tod ſein Werk beendet hat.“ Auch Jean verſuchte, das Thier zu locken, aber als er näher trat, zeigte der Pudel drohend ihm die Zähne. Sie verließen jetzt das Haus, ernſt und ſchweigſam ſchlugen ſie den Weg zum Palais des Marquis ein. Als ſie vor dem Hauſe ſtanden, äußerte Paul, es werde beſſer ſein, wenn man nicht hineingehe, man verderbe ja auch den übrigen — 648— Gäſten die Freude, und was ihn betreffe, ſo könne er unmöglich ein heiteres Geſicht zeigen. Aber Erneſt achtete nicht darauf, er zog die Glocke, und bald darauf traten die Freunde in das Vorzimmer des Speiſeſaals, in welchem ſie ihre Waffen und Käppis ablegten. Der Marquis kam ihnen mit heiterem Lächeln entgegen und machte ihnen Vorwürfe, daß ſie nicht pünktlicher gekommen ſeien; Jenny und Juſtine ſaßen bereits an der mit Schüſſeln, Flaſchen unb Gläſern bedeckten Tafel. Der Gefreite zog die Brauen finſter zuſammen, als ſein Blick auf Juſtine fiel, die in auffallend eleganter Toilette war, aber ſie ſchien ſeinen Zorn nicht zu bemerken, ſie ſah ihn an und lachte. Ein Diener rückte die Seſſel an die Tafel, und der Maquis for⸗ derte durch einen freundlichen Wink ſeine Gäſte auf, ſich niederzulaſſen. „Wiſſen Sie auch, daß es unartig iſt, Damen warten zu laſſen?“ fragte Jenny ſchmollend, als die Freunde der Aufforderung nachge⸗ kommen waren. „Mein Fräulein, es war nicht unſere Schuld“, erwiderte Paul mit einem feſten, verweiſenden Blick auf die junge Dame, welche die Oberlippe trotzig aufwarf. „Beim Himmel, wenn das eine genügende Entſchuldigung iſt, ſo werde ich nie eine andere gebrauchen!“ lachte Juſtine.„Aber ſtreiten wir nicht darüber, wir würden uns den Appetit verderben, und ein geſunder Appetit iſt das köſtlichſte Geſchenk des Himmels. „In der That?“ fragte Jean ironiſch.„Sie kennen kein höheres Gut?“ „Was wollen Sie?“ antwortete Juſtine übermüthig.„Der Magen regiert den Körper, wenn er krank iſt, dann— aber mein Gott, Sie blicken mich an wie ein Tiger!“ „Sie ſcheinen verſtimmt zu ſein, meine Herren“, ſagte der Marquis, während der Diener die Suppe brachte,„iſt Ihnen Unangenehmes begegnet?“ „Das nicht“, erwiderte Erneſt,„aber Sie haben dennoch Recht, unſere Verſtimmung hat einen ſehr triftigen Grund.“ „Den Sie uns nennen müſſen,“ warf Jenny ein. „Nicht jetzt.“ „Seltſam, iſt es ein Geheimniß?“ „Nein, mein Fräulein.“ — 649— „Herr Marquis, iſt das Pferde⸗Bouillon?“ fragte Juſtine in einem Tone, der ſehr unverſchämt klang. Der Edelmann runzelte die Stirn, aber im nächſten Augenblick heiterte ſich ſein Geſicht wieder auf. „Was denken Sie?“ entgegnete er.„Glauben Sie, es gebe kein friſches Ochſenfleiſch mehr?“ „O, für reiche Leute gewiß!“ „Wohlan, ſo war die Frage unnütz.“ „Seien Sie nicht böſe, Marquis, Sie wiſſen ja, daß ich um keinen Preis Pferdefleiſch eſſen würde.“ „Und doch könnte die Zeit kommen, in der Sie froh wären, wenn Sie Pferdefleiſch hätten“, ſagte Paul ernſt. „Verderben Sie mir den Appetit nicht“, erwiderte Juſtine ärger⸗ lich,„ich mag den Namen nicht einmal hören.“ „Parbleu, mein ſchönes Kind, Sie ſind ſehr verwöhnt“, verſetzte der Marquis, man könnte glauben, Sie hätten ſtets nur bei Tortoni oder in der Maiſon Dorée geſpeiſt.“ „Wenn ich das wollte, könnte ich es heute noch“, ſagte Juſtine trotzig. „Sie wiſſen vielleicht nicht, daß die Maiſon Dorée geſchloſſen iſt und Tortoni einen enormen Preis für das Couvert fordert?“ Juſtine zuckte die Achſeln, als ob ſie ſagen wolle, nach dem Koſten⸗ punkt brauche ſie nicht zu fragen. „Aber mein Gott, Sie haben ja keine Speiſekarte“, ſagte ſie, nachdem ſie ein Glas Burgunder auf einen Zug ausgetrunken hatte. „Verzeihen Sie, das Papier iſt ein Luxusartikel in Paris gewor⸗ den“, entgegnete der Marquis mit leiſem Spott,„ich habe aber auch in Wahrheit nicht daran gedacht, daß Sie die Speiſekarte für eine Nothwendigkeit halten würden.“ „Nanu, da haſt Du den Deckel, naſeweiſes Jeſchöpft“, brummte Jean, der ſein Stück Braten mit großem Appetit verſpeiſte. Donner⸗ wachsſtock, Dir möchte ick mal den Kopp jründlich zurecht ſetzen, na, ick müßte Dir nur in Berlin haben.“ Jenny hatte bisher geſchwiegen, aber ihr Blick ſtreifte oft verſtohlen das ernſte Geſicht Erneſt's. „Ich möchte das Geheimniß kennen lernen“, ſagte ſie, an ihrem Glaſe nippend,„mir ſcheint, Sie verbergen uns etwas, was von großer Bedeutung iſt.“ — 650— „Ach, was kümmert es uns?“ ſcherzte Juſtine.„Schlimme Nach⸗ richten erfährt man immer zu früh. Seien wir fröhlich, meine Freunde, der entſchwundene Augenblick kehrt niemals zurück!“ Sie erhob das Glas und warf einen verführeriſchen Blick dem Marquis zu, während ſie die Molodie eines frivolen Liedes trällerte. „So denken Sie niemals an die Zukunft?“ fragte Paul. „Nie, mein Herr! Nach uns die Sündfluth, was liegt daran. Jeder ſorge für ſich, und wer ſein Leben nicht genießt, der iſt nicht werth, es zu beſitzen.“ „Schöne Grundſätze!“ warf Jean mit einem zornigen Blick auf das leichtfertige Mädchen ein. „Bah, ich habe gefunden, daß ich mich wohl dabei befinde!“ „Und das Geheimniß?“ fragte Jenny Mouſſon, ſich zu Erneſt wendend. „Erlaſſen Sie uns, es zu berichten“, bat der junge Mann mit ſo ungewöhnlichem Ernſt, daß jetzt auch der Marquis ſich bewogen fühlte, ihn befremdet anzuſchauen. „Merkwürdig!“ ſpottete Juſtine.„Ganz wie Sie wollen, mein Herr, wir ſind nicht neugierig und verzichken gerne auf das inter⸗ eſſante Geheimniß. Aber es iſt unartig, daß Sie es uns vorenthalten.“ Paul hatte die Brauen finſter zuſammengezogen, es lag etwas Drohendes in dem Blick, der das Mädchen traf. „Ich kann Ihnen nur rathen, darauf zu verzichten, ſagte er, gunſere Mittheilungen würden Ihre Heiterkeit trüben.“ „Ah— bah, was es auch ſein mag, ich werde darüber lachen!“ „Glauben Sie, auch dann noch lachen zu können, wenn wir Ihnen den Hunger in ſeiner gräßlichſten Geſtalt ſchildern?“ „Nur zu, um ſo beſſer wird es mir ſchmecken!“ lachte das über⸗ müthige Mädchen.„He, ſitzen wir nicht an einer reichbeſetzten Tafel? Was könnte uns der Hunger anhaben?“ „Vielleicht glauben Sie auch nicht, daß man in Paris verhungern nann?" nahm Ernſt das Wort, den der Leichtſinn dicſes Mädchens reigte. „Nein, mein Herr!“ „Freilich, wer wie Sie in den Tag hineinlebt, der hat kein Ge⸗ fühl für das Unglück Anderer.“ „Hol mir der Deubel, det Frauenzimmer is nich werth, daß ihr die Sonne leſcheint“, brummte der Gefreite. Juſtine haite die blitzenden Augen feſt auf Erneſt geheftet, ein Zug des Unmuths und des Trotzes umzuckte ihre Lippen. „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte ſie, ohne zu bemerken, daß der Marquis ſie unverwandt beobachtete.„Wollen Sie mir einen Vorwurf daraus machen, daß ich den Kopf nicht hängen laſſe? „Nein, mein Fräulein, ich ſchätze ſogar Jeden glücklich, der unter den obwaltenden Verhältniſſen ſeine Heiterkeit ſich bewahren kann, aber ſie darf nicht in frivolen Uebermuth ausarten.“ „Wir haben von dem Geheimniß noch immer keine Silbe ver⸗ nommen“, warf Jenny ſchmollend ein. „Befriedigen Sie doch die Neugier der Damen“, ſagte der Marquis mit beißender Ironie. „Nun wohl, aber man möge mir keinen Vorwurf machen, wenn meine Mittheilungen die Stimmung trüben.“ „Das iſt, was mich betrifft, unmöglich“, lachte Juſtine mit einem herausfordernden Blick auf den Marquis, der das Antlitz abwandte, um ſeinem Diener einen Befehl zu ertheilen. „Wir werden ſehen, Mademoiſelle“, fuhr Erneſt fort.„Alſo hören Sie. Auf unſerem Wege hieher zog ein Pudel unſere Aufmerkſam⸗ keit auf ſich, der ſich unabläſſig bemühte, dieſe Aufmerkſamkeit zu wecken.“ „Prächtig!“ rief Juſtine.„Das klingt wie der Anfang eines Märchens aus Tauſend und eine Nacht.“ „Na, warte man, det Lachen wird Dir doch verjehen“, brummte Jean, der mühſam ſich halten mußte. „Wir folgten dem Thiere in ein Haus, deſſen äußere Erſcheinung auf vermögende Bewohner ſchließen ließ. Wir traten in ein elegant ausgeſtattetes Gemach und fanden in ihm vier Leichen.“ „Marquis, iſt das in Wahrheit Geflügel?“ fragte Juſtine, welcher der Diener eben die ſilberne Schüſſel gereicht hatte. „Faſan, Mademoiſelle.“ „Ach— deliciös, Sie ſind ein ebenſo aufmerkſamer, als liebens⸗ würdiger Wirth. Bitte, fahren Sie fort, mein Herr.“ „Dieſe Leichen waren ein Greis, eine junge Dame und zwei Kinder und der erſte Blick ließ uns erkennen, daß der Hunger ihnen das Leben geraubt hatte.“ „Jenny Mouſſon ſtieß unwillig ihren Teller zurück. Juſtine lachte hell auf und widmete ihre ganze Aufmerkſamkeit dem Knöchelchen, von dem ihre blendend weißen Zähne das zarte Fleiſch abnagten. — 652— „Du lieber Himmel, das mag auch im tiefſten Frieden oft genug vorkommen“, ſpottete ſie.„Verſchämte Armuth— bah, man kennt das ja!“ „Und was gab Ihnen die Gewißheit, daß dieſe Perſonen Hungers geſtorben waren?“ fragte der Marquis ernſt. „Dieſes Dokument, welches wir auf dem Tiſche fanden.“ „Mein Gott, Herr Marquis, kann Sie das verſtimmen?“ fragte Juſtine achſelzuckend.„Bah, das iſt eine Erzählung für empfindſame Seelen, man ſollte glauben, Eugen Sue oder Alexander Dumas habe ſie erfunden.“ Der Edelmann warf ihr einen zürnenden Blick zu und entfaltete das Dokument. „Sie hätten uns das nicht berichten ſollen“, ſagte Jenny. „Sie wollten es, mein Fräulein.“ „Es iſt wahr, ich bin für meine Neugier beſtraft.“ „Wie ſentimental!“ ſpottete Juſtine, während der Diener die blitzenden Spitzgläſer mit ſchäumendem Champagner füllte.„Für ſolche Leute gibts ja Cantinen, weßhalb ſchämen ſie ſich, ihre tägliche Ration zu holen?“ „Leſen Sie das Dokument“, ſagte Paul grollend,„erſt wenn ſie den Inhalt deſſelben kennen, ſind Sie berechtigt, ein Urtheil zu fällen.“ Juſtine trällerte eine Melodie und ſah forſchend in die Schüſſel, welche der Diener ihr anbot. „Créme!“ ſagte ſie fröhlich.„Vortrefflich, ich eſſe ihn leidenſchaft⸗ lich gern, Marquis, ich werde mich oft bei Ihnen zu Tiſche laden.“ „Leichtſinniges Jeſchöpf!“ knirſchte Jean.„Du biſt nicht beſſer, wie alle Anderen.“ „He, ſagten Sie etwas?“ wandte das Mädchen ſich zu ihm. „Allerdings“, fuhr der Gefreite heraus,„es war keene ſchmeichel⸗ hafte Bemerkung für Ihnen.“ „Wodurch habe ich Ihre Gunſt verſcherzt?“ „Donnerwachsſtock, mir wundert es, daß ick überhaupt jemals Ihr Freund jeweſen bin!“ „In Wahrheit? Wohlan, mein Herr, Ihre Freundſchaft hat durch⸗ aus keinen Werth für mich.“ „Als dem Fuchs die Trauben zu hoch hingen, fand er ihnen ſauer“, erwiderte Jean, in deſſen Augen es jäh aufblitzte,„aber Sie ſind klüger, Sie ſehen ſich erſt nach enen Erſatz um, ehe Sie was mmas — 653— fortwerfen. Ick mag Ihnen wünſchen, daß es Ihnen jut jeht, aber ick gloobe et nich.“ Der Marquis hatte das Dokument geleſen, dunkle Schatten um⸗ wölkten ſeine Stirn. „Schrecklich!“ ſagte er mit dumpfer Stimme.„So Zoll für Zoll ſterben zu müſſen, in den Eingeweiden die Schmerzen des Hungers, vor ſich die Leichen der theuerſten Angehörigen— ſchon der Gedanke an dieſe Qualen weckt das Gefühl des Grauens. Juſtine, leſen Sie dies, und dann lachen Sie noch!“ „Ah bah, geben Sie her, mein Herr“, ſpottete das Mädchen, ohne zu beachten, daß die Augen Aller mit Zorn und Verachtung auf ſie gerichtet waren. Was wird es ſein? Eine Kette von Lügen, Phraſen und ſentimentalen Lamentationen! Bitte, reichen Sie mir die Créme⸗ Schüſſel noch einmal, ich werde mir die Lectüre dieſes intereſſanten Aktenſtücks verſüßen.“ Der Edelmann ſchleuderte ihr einen wahrhaft vernichtenden Blick zu, Juſtine bemerkte ihn nicht, ſie legte das Dokument vor ſich hin und las, während ſie mit ſichtbarem Behagen den ſüßen Créme ſchlürfte. „Ja, ja, wenn man von Haus zu Haus gehen wollte, man würde ſchaudern vor dem unſäglichen Elend“, ſagte der Marquis, leicht das Haupt wiegend.„Wir kennen es nicht in ſeinem ganzen Umfange und denken nicht einmal daran, was noch kommen wird.“ „Wozu auch?“ erwiderte Jenny, aus ihrem Sinnen emporfahrend. Iſt es nicht genug an dem, was wir täglich ſehen und hören müſſen? Weshalb ſollen wir noch tiefer eindringen, da wir doch wiſſen, daß wir nur Schrecken und Entſetzen finden?“ „Und dennoch ſollte man es thun“, ſagte Paul erregt.„Wir ſollten uns endlich klar werden darüber, daß wir dicht am Rande eines furchtbaren Abgrundes ſtehen, dann würden wir zur Vernunft kommen und dem Feind die Thore öffnen.“ „Erklären Sie das auf den Boulevards, und das Volk wird Sie ſteinigen!“ warnte der Marquis. „Das Volk iſt verblendet, aber wer trägt die Schuld daran? Die Regierung—“ „Nicht doch, mein Freund, ſeien wir gerecht, wir dürfen der Re⸗ gierung nicht Alles aufbürden. Es iſt wahr, daß man ihr Manches vorwerfen kann, aber bedenken wir auch, welche Rieſenaufgabe auf den Schultern dieſer Männor ruht. Sie ſagen, das Volk ſei ver⸗ — 654— blendet, ich gebe zu, daß es ſich in einem Rauſch befindet, den andere Nationen Wahnſinn nennen mögen. Der Haß, der glühende Haß gegen Deutſchland hat dieſen Rauſch erzeugt, er ſchreit nach Rache und vergeblich wäre es, ihm Vernunft predigen zu wollen. Wenn die Regierung die Thore öffnen wollte, ſo würde die große Maſſe in einen Nothſchrei ausbrechen und die Miniſter ermorden. Sie hat ja Alles, was ſie zu ihrer Exiſtenz bedarf, ſie leidet keinen Mangel, und es gefällt ihr, mit dem Gewehr auf der Schulter ſpazieren zu gehen. Was wollen Sie, es iſt ein Racekrieg, der nur mit der völligen Ver⸗ nichtung einer Nation enden kann. Als die Nachricht von der Kapi⸗ tulation Bazaine's und der Niederlage bei La Bourget eintraf, da hörte man hie und da das Wort:„Friede“, aber heute darf Niemand wagen, es öffentlich auszuſprechen. Man weiß, daß General Aurelles de Paladin an der Spitze einer gewaltigen Armee heranrückt, daß die Provinzen eſich erhoben haben, daß überall, in allen Städten und Dörfern die Bürger und Bauern ſich bewaffnen, um den Feind zu beunruhigen und ihm die Zufuhren abzuſchneiden, und dieſe Gewißheit gibt den Pariſern Muth, auszuharren. Im Uebrigen geſchieht hier das Mögliche, um die Noth zu lindern, die Regierung macht ungeheure Anſtrengungen, um alle Einwohner zu rationiren, und reiche Privat⸗ leute geben mit vollen Händen. Nein, meine Freunde, nehmen wir Alles in Allem, ſo können wir dieſer muthigen Stadt unſere Bewun⸗ derung nicht verſagen, niemals in der Weltgeſchichte hat eine Stadt ein ſo glänzendes Beiſpiel von Muth und Ausdauer gegeben.“ „Und das Ende?“ fragte Erneſt. „Mein Freund, daran dürfen wir nicht denken.“ „Aber wir können es vorausſehen.“ „Ich gebe das zu. Die Hoffnung, daß wir ſiegen können, daß es uns gelingen wird, den Feind zurückzuwerfen und ihn zu einem ehrenvollen Frieden zu zwingen, dieſe Hoffnung iſt eine Thorheit. Wir ſtehen einer gewaltigen, ſiegreichen, vortrefflich ausgerüſteten und disciplinirten Armee gegenüber, und was man von der Möglichkeit V der Vernichtung dieſer Armee faſelt, hat nicht mehr Werth, wie das ſinnloſe Geſchwätz eines alten Weibes.“ „Drum iſt auch der Widerſtand eine Thorheit,— ja, ein Ver⸗ brechen!“ warf Paul ein. „Sagen Sie das nicht, mein Freund! Wüßten wir auch, daß dieſer Widerſtand unſeren völligen Untergang herbeiführen würde, wir — 655— müßten ihn dennoch dem Feinde entgegenſetzen. Frankreich darf den Frieden, den der Sieger ihm dictirt, nicht unterzeichnen, ſo lange es noch einen Arm findet, der es vertheidigt. Und wenn wir unter⸗ gehen, ſo gehen wir ehrenvoll unter, wie es einer großen Nation geziemt.“ Hell auflachend ſchob Juſtine in dieſem Augenblick das Dokument zurück. „Das iſt ein Blatt aus einem Roman“, ſpottete ſie,„ich ſage es ja, ſentimentale Phraſen, weiter nichts.“ „Piui“, brummte Jean.„Na, ick werde nie mehr hinter'nem ſchönen Jeſicht ooch ne ſchöne Seele ſuchen!“ „Kann Sie das wirklich nicht erſchüttern?“ fragte Erneſt entrüſtet. „Sie ſehen ja, daß ich darüber lache.“ „Ich vermuthe jetzt, Sie würden auch dann noch lachen können, wenn ich ihnen die Leichen zeigte.“ „Verzeihen Sie, ich würde Sie nicht in das Haus begleiten.“ „Ach, das ſpricht die Furcht aus Ihnen!“ Bewahre, aber ich vermeide gern einen Anblick, der mein Zart⸗ gefühl verletzt.“ „Und Sie wollen noch von Zartgefühl ſprechen?“ fuhr Paul auf. Juſtine ſah ihm betroffen in die glühenden Augen, dann nahm ſie achſelzuckend eine Birne von der Fruchtſchale, die vor ihr ſtand. „Das iſt ein ſonderbares Tiſchgeſpräch“, ſagte ſie kalt.„Mir ſcheint, Sie haben es darauf abgeſehen, uns die Freude zu ver⸗ derben. Das wäre eines gebildeten Mannes unwürdig. Aber freilich, die Herren von Belleville—“ „Nicht weiter“, fiel der Marquis ihr ſcharf in's Wort.„Wir ſind jetzt auf der äußerſten Grenze angelangt.“ „Ah— bah, weßhalb ſtreiten wir auch über leere Begriffe!“ ſcherzte Juſtine, indem ſie ihr Glas erhob.„Wir können nicht Allen helfen, in ſolchen Zeiten muß Jeder für ſich ſelbſt ſorgen.“ Der Diener hatte dem Marquis eine Karte überreicht, ein Zug des Unwillens glitt über das Geſicht des Edelmanns. „Ich bin jetzt nicht zu ſprechen“, ſagte er leiſe. „Aber die Dame will ſich nicht abweiſen laſſen“, erwiderte der Diener.„Sie lachte, als ich ihr ſagte—“ „Parbleu, das iſt eine Unverſchämtheit!“ „Mit Gewalt konnten wir ſie doch nicht vor die Thüre ſetzen; ſie — 8656— ging, ohne ein Wort zu verlieren, in Ihr Kabinet und erklärte mir dort, daß ſie warten wolle, bis es dem Herrn Marzuts gefällig ſei, ſie zu empfangen.“ Der Edelmaun erhob ſich, die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen drohend an, ſeine Hand zerknitterte die Karte, die im nächſten Augen⸗ blick auf den Teppich fiel. „Ich bitte Sie, mich zu entſchuldigen“, wandte er ſich zu ſeinen Gäſten,„ich werde bald wieder zurück ſein.“ Den Kopf trotzig zurückwerfend und die Lippen feſt aufeinander⸗ preſſend, ging er hinaus, und als er gleich darauf in ſein Kabinet trat, erſchrak Madame von Chateaufleur vor dem zornigen Blick, der aus ſeinen flammenden Augen ſie traf. „Sie haben gehört, Madame, daß ich Gäſte habe“, ſagte er in keineswegs freundlichem Tone,„ich mußte erwarten, daß Sie darauf Rückſicht nehmen würden.“ „Und das ſagen Sie mir?“ fragte Cora entrüſtet.„Welche Sprache, Henry! Haben Sie meinen Brief nicht erhalten? Wiſſen Sie nicht, daß ich als eine Hülfeſuchende zu Ihnen komme?“ „Was dieſen Punkt betrifft, Madame, ſo müßten Sie wiſſen, daß Sie das Recht auf meine Freundſchaft verſcherzt haben“, erwiderte der Marquis mit einer Entſchiedenheit, die jede Andere eingeſchüchtert haben würde.„Sie mißbrauchten meine Güte und meine Geduld, ja, Sie gingen ſo weit, baß Sie mir einen entſprungenen Galeeren⸗ ſträfling zuſchickten, der die Summen durch Drohungen von mir er⸗ preſſen ſollte, die ich aus freiem Antriebe Ihnen nicht geben wollte.“ Cora war erſchreckt zuſammengefahren, ſie wußte noch nicht, was ſich zwiſchen dem Marquis und ihrem Bruder ereignet hatte, aber der Ton, den der Edelmann anſchlug, ließ ſie deutlich erkennen, daß er triftige Gründe haben mußte, ſich über Dorman zu beſchweren. „Sie haben ihn erkannt, Henry“, ſagte ſie,„ich hätte das voraus⸗ ſehen können. Aber Ihr Vorwurf trifft mich nicht, mein Bruder forderte Geld, er drohte mir mit einem öffentlichen Skandal, ja, er war entſchloſſen, ſich in meinem Hauſe verhaften zu laſſen, wenn ich ſeine Forderung nicht erfüllte. Was ſollte ich thun? Geld beſaß ich nicht, ich gab ihm den Wechſel, darauf vertrauend, daß Sie die un⸗ bedeutende Summe zahlen würden—“ „Und doch konnten Sie vorausſehen, daß dieſes Vertrauen Sie täuſchen mußte! Sie nennen jede Summe unbedeutend, ich finde das 4 pnn te mir ig ſe hwollen Augen⸗ ſeinen nander⸗ Kabinet ic, der — er in darauf prache, enicht, en, daß viderte üchtert Hedul, leeren⸗ nir er⸗ vollte.“ as ſich det der daß er 1 voraus⸗ Bruder ja„er enn ich faß ich die un⸗ (H. 5.) D 8 n h. i 15 eer Brand der Tuilerien während des Par ſer Aufſtandes. n Sie de das — 657— begreiflich, Sie waren ja bisher gewohnt, aus meinem Säckel die Forderungen Ihrer Gläubigen zu befriedigen. Soll ich Ihnen die Liſte der Summen vorlegen, die ich für Sie gezahlt habe? Wiſſen Sie auch, daß dieſe Summe ſich auf zweimalhunderttauſend Franes beläuft. Cora warf die Oberlippe trotzig empor. „Was iſt dieſe Summe im Vergleich zu dem Opfer, welches ich Ihnen gebracht habe?“ erwiderte ſie vorwurfsvoll.„Henry, ich hätte nie gedacht, daß Sie je in dieſem Tone mit mir ſprechen konnten. Und daß Sie es heute thun, während Sie doch wiſſen, wie ſehr ich Ihrer Hülfe bedarf, das muß mich tief kränken und empören.“ „Es iſt nicht meine Schuld, Madamel“ ſagte der Marquis kalt. „Henry, ich will auch dieſe Demüthigung ertragen, aber entziehen Sie mir Ihre Freundſchaft nicht. Ich ſchrieb Ihnen ſchon, daß meine Lage unerträglich geworden ſei, daß der Vicomte mich tyran⸗ niſire. Der ſchmutzige Geiz dieſes Mannes verbittert mir jede Stunde, ich blicke mit Schrecken in die Zukunft, wenn dieſe Aufregungen noch lange andauern, ſuche ich den Tod in der Seine.“ Der Marquis, der langſam auf⸗ und niederwanderte, zuckte gering⸗ ſchätzend die Achſeln. „Ich kann den Vicomte nicht zwingen, Ihnen die Verwaltung ſeines Vermögens anzuvertrauen“, entgegnete er.„Er wird auch trübe Erfahrungen gemacht haben, ich kann ihm nicht verdenken, wenn er unberechtigten Forderungen entgegentritt.“ „Henry!“ fuhr die ſchöne Frau zornig auf. „Was wollen Sie, Madame? Man kann eine Citrone bis auf den letzten Tropfen auspreſſen, aber einmal nimmt's ein Ende.“ „Der Vicomte verſagt mir das Nöthigſte, er läßt mich darben.“ „Das glaube ich nicht.“ „Werden Sie mir die Ehre erzeigen, die Einladung zu einem Diner anzunehmen? Sie würden erſtaunen, wenn man ihnen die dünnen Waſſerſuppen und die zweifelhaften Fleiſchſpeiſen vorſetzte.“ „Parbleu, Madame, die Verhältniſſe zwingen uns Alle, uns auf das Nöthigſte zu beſchränken.“ „Aber ſie zwingen den reichen Mann nicht, ſeine Familie ver⸗ hungern zu laſſen.“ „Wohlan, verkaufen Sie Ihren Schmuck!“ „Er hat keinen Werth.“ R. 42 der ſchönen Frau ſtehen. 658— „Wie? Ich erinnere mich ſehr genau, daß ich Ihnen einen Brillant⸗ ſchmuck ſchenkte, der zwanzigtauſend Francs koſtete.“ „Ja, wenn die rechten Steine ſich noch in dieſem Schmuck be⸗ fänden!“ ſeufzte Cora. Ein Zug unſäglicher Verachtung glitt über das Antlitz des Edel⸗ mannes. „Das iſt meine Schuld nicht“, ſagte er,„der Verſchwendung folgt die Reue ſtets, ſei es früh oder ſpät.“ „Und Vorwürfe, Henry, können das Geſchehene nicht ungeſchehen machen“, erwiderte Cora entrüſtet.„Der Chevalier nimmt auch eine feindſelige Haltung an, und der Vicomte ſucht nur nach einem Vor⸗ wande, ſich von mir zu trennen.“ „Abermals Ihre Schuld“, verſetzte der Marquis gelaſſen.„Sie haben es nicht verſtanden, dieſen Mann zu feſſeln, Sie haben ihm ſtets eine kalte Gleichgültigkeit gezeigt, während er Liebe verlangte.“ „Und was gab ich Ihnen, Henry?“ „Laſſen wir das; wenn ich mich ſeiner Zeit erinnere, ärgert es mich ſtets, daß ich mich in die Netze locken ließ, die mir auf Schritt und Tritt geſtellt wurden.“ „Auch das noch!“ ſagte Cora, in deren dunklen Augen die ver⸗ zehrende Gluth des Zornes jäh aufloderte.„Sie haſſen mich, Henry, der Zauber des Goldes hat auch Sie umſtrickt und Ihr Herz jeder edlen Regung unfähig gemacht. Sie haben kein Mitleid mit mir, Sie würden mich verſpotten, wenn Sie mich in Lumpen gehüllt auf der Straße ſähen, o, mein Gott, wenn ich das erleben müßte—“ Sie warf ſich in einen Seſſel und drückte ihr duftendes Taſchen⸗ tuch vor die Augen; der Marquis hörte ſie krampfhaft ſchluchzen, aber es ſchien ihn nicht zu rühren. Er kannte ja die Verſtellungskunſt dieſer Frau, er kannte alle die Mittel, die ſie früher mit Erfolg ſo oft angewandt hatte, welche Maske ſie jetzt auch wählen mochte, ihn konnte ſie nicht mehr bethören. Er wanderte eine Weile ſchweigend auf und ab, dann blieb er vor „Was verlangen Sie von mir?“ fragte er. Cora blickte mit Thränen in den Augen zu ihm auf, ſie war in dieſem Moment verführeriſch ſchön, aber ihre Schönheit hatte für ihn ihren Reiz verloren. „Rath und Beiſtand“, erwiderte ſie. Brillant⸗ muck he⸗ es Cdel⸗ ung folgt geſchehen uch eine m Vor⸗ Sie en ihm langte.“” gert es Schritt ie ver⸗ jeder t mir, llt auf — aſchen⸗ üchen, te alle welche thören. er vor ar in t ihn 7 „Was ſoll ich Athen? Ertragen Sie die kleinen Unannehmlich⸗ keiten mit Geduld.“ „Ich kann es nicht.“ „Sie müſſen, Madame! Tauſende ſind ſchlimmer daran, wie Sie, Sie müſſen Geduld haben.“ „Ich will ja mit Allem zufrieden ſein, wenn nur dieſe Angſt von mir genommen wird.“ „Angſt? Wovor?“ „Vor dem Zorn des Vicomte. Wenn der Chevalier unſer Ge⸗ heimniß verräth, iſt der Vorwand gefunden, der Vicomte wird ſein Geld und ſeine Werthpapiere einſtecken und mit dem Luftballon Paris veylaſſen.“ „Wiſſen Sie auch, daß Godard für die Reiſe einen enormen Preis ferdert?“ „Der Vicomte wird ihn zahlen, für ſein eignes Ich kann er die größten Opfer bringen. Henry, Du mußt mir helfen, Du kannſt es. Was iſt für Dich eine Summe von Hunderttauſend Francs, wenn es ſich um die Rettung einer Frau handelt, die Du einſt ſo glühend geliebt haſt.“ Sie hatte ſeine beiden Hände erfaßt und blickte flehend zu ihm auf, und in dieſem Moment durchzuckte die Erinnerung an jene Zeit ſeine Seele. Es war nur ein Rauſch, aber ein köſtlicher Rauſch geweſen, er hatte damals dieſe Frau mit einem Goldregen überſchüttet und kein Opfer war ihm zu groß geweſen, welches er nicht freudig gebracht hätte, wenn es galt, einen ihrer Wünſche zu erfüllen. Eine Reihe von farbenfriſchen Bildern zog an ſeinem geiſtigen Auge vorüber, er wollte ſie gewaltſam verſcheuchen, aber ſie tauchten immer wieder auf, und er konnte den Blick nicht von ihnen ab⸗ wenden. „Du wirſt mir die Summe geben“, fuhr Cora fort,„ich miethe mir eine beſcheidene Wohnung und lebe von meinen Renten.“ „Und was biſt Du dann?“ fragte der Marquis.„Eine unter⸗ haltene Frau—“ „O, was kümmert mich das Geſchwätz der Menge! Ich werde glücklich und zufrieden ſein!“ „Wie lange?“ „Mein ganzes Leben, Henry!“ 42* — ——— ͦ—— 1 — 660— „Nein, Cora, nicht ein Jahr lang. Du wirſt das Geld für Deine Garderobe ausgeben und—“ „Ich bin klug geworden, glaube mir, ich werde ſparſam ſein und keinen Sous mehr ausgeben, als meine Rente.“ „Wäre es dann nicht beſſer, wenn ich Dir die Rente zahlte?“ „Darin läge keine Sicherheit für mich.“ „Das heißt, Du mißtraueſt mir?“ „Nein, Henry, obſchon Du täglich eine andere Laune haſt. Aber Du kannſt plötzlich ſterben, Dich in Verſchwörungen einlaſſen, die Dich zwingen, die Flucht zu ergreifen, Du kannſt Dein Vermögen verlieren — es iſt beſſer, wenn Du mir das Kapital übergibſt.“ Der Marauis ſchüttelte den Kopf, er begann allmählich wieder zu ernüchtern. „Ich ſehe darin kein Heil für Dich“, ſagte er,„ich kann nicht glauben, daß es Dir möglich wäre, Deine bisherigen Bedürfniſſe ein⸗ zuſchränken. Zudem würdeſt Du Deine Ehre und Deinen guten Ruf in den Staub treten, und Du weißt nicht, wie bitter es iſt, den Hohn und die Verachtung der Menge ertragen zu müſſen.“ „Ich werde Alles erdulden—“ „Wohlan, erprobe Deine Geduld daran, daß Du Dich den Launen des Vicomte fügſt und—“ „Henry, das kann ich nicht!“ „Du mußt, Cora, ich ſehe keinen anderen Weg, den ich Dir zeigen könnte.“ Er hatte ſeine Hände den ihrigen entzogen und die Wanderung durch das Zimmer wieder aufgenommen. Es ärgerte ihn, daß er ſchwach geweſen war, daß er ſich abermals von der Verführungskunſt dieſer Frau hatte umſtricken laſſen. „Ich kann Dir das Kapital nicht zahlen“, fuhr er fort,„ich habe Verluſte erlitten, und bedarf täglich einer bedeutenden Summe, um die nöthigſten Lebensmittel zu beſchaffen.“ „Sage lieber, Du willſt nicht“, zürnte Cora. „Nein, ich will auch nicht, weil ich nur zu gut weiß, daß das Geld weggeworfen wäre.“ „Ah, das iſt die Wahrheit noch nicht. Du willſt nicht, weil Du Dich von dem Gelde nicht trennen kannſt, weil der Geiz Dein einſt fo weiches Herz verhärtet hat.“ „Denke darüber, wie Du willſt, ich habe Dir meine Antwort ge⸗ — 661— geben. Vielleicht iſt auch dieſe Forderung nichts weiter, als der erſte Schritt zur Ausführung des Planes, den Du dor einiger Zeit mit dem Chevalier verabredet haſt. Man will mich ruiniren, mich an den Bettelſtab bringen, um mir dann den letzten Stoß zu geben. Ich bin darauf vorbereitet, Madame, man wird mich gerüſtet finden.“ „Dieſe Vermuthung iſt eine neue Beleidigung“, ſagte Cora ent⸗ rüſtet.„Wohlan, mein Herr, ich habe Sie gewarnt, meine Schuld iſt es nicht, wenn der Vicomte Rechenſchaft von Ihnen verlangt“ „Mag er kommen, ich fürchte ihn nicht.“ „Weil er ein alter Mann iſt? Man hat mir geſagt, daß er ein guter Piſtolenſchütz ſei—“ „Glauben Sie, dadurch mich einſchüchtern zu können?“ fiel der Marquis ihr ſpottend in's Wort.„Er wird nicht wagen, mich her⸗ auszufordern, wenn ich ihm ein Bild aus ſeiner Vergangenheit gezeigt habe.“ Cora hatte ſich erhoben, ihr Blick ruhte ſtarr, mit dem Ausdruck der höchſten Beſtürzung auf dem Geſicht des Edelmannes. „Das verſtehe ich nicht“, ſagte ſie..— „Gewiß, Sie verſtehen es“, erwiderte der Marquis ruhig,„Sie bemühen ſich ja noch immer, das Geheimniß zu erforſchen, deſſen Ver⸗ öffentlichung den Vicomte vernichten muß.“ Ein leiſer Schrei entfuhr den Lippen der ſchönen Frau. „Sind Sie allwiſſend?“ fragte ſie. „Allwiſſend iſt nur Gott, aber ich weiß Manches, und was ich zu erfahren wünſche, das kann mir auf die Dauer nicht verborgen bleiben.“ „Ich glaube, jenes Geheimniß iſt eine furchtbare Waffe.“ „Allerdings, Madame!“ „Geben Sie dieſe Waffe mir—“ „Um keinen Preis; in Ihrer Hand wäre ſie verderbenbringend für Sie.“ „Ich würde den Vicomte zwingen, Abbitte zu thun und meine Herrſchaft anzuerkennen.“ „Sie vergeſſen den Chevalier.“ „Auch er muß dieſe Waffe fürchten.“ „So glauben Sie. Aber wenn Sie plötzlich den Gifttrank in Ihren Eingeweiden fühlten, würden Sie ſich zu ſpät meiner Warnung erinnern.“ 662— „Ich ſehe, Sie wollen mir nicht helfen“, ſagte Cora mit ſteigen⸗ der Entrüſtung,„Sie haben Ihr Verſprechen vergeſſen, Sie ſtoßen Lich zurück, ich gelte Ihnen nichts mehr—“ „Madame, ich erlaube mir, Sie daran zu erinnern, daß meine Gäſte mich erwarten“, unterbrach der Edelmann ſie mit einer Ver⸗ beugung.„Ich wüßte nicht, was wir jetzt noch zu beſprechen hätten, nachdem Sie meinen Rath vernommen haben.“ Dunkle Zornesgluth übergoß das Antlitz Cora's, eine heftige Er⸗ widerung ſchwebte ihr auf der Zunge, aber ſie drängte ſie zurück, ſie begnügte ſich damit, dem Marquis einen Blick des glühendſten Haſſes zuzuſchleudern, während der Edelmann ſich mit einer zwaiten Verbeu⸗ gung ſich von ihr verabſchiedete. Sie ſah wohl ein, daß Sie auf dem betretenen Wege ihr Ziel nicht erreichen konnte, daß ihre Schönheit jeden Reiz für den Marquis verloren hatte, der einſt willenlos ihr Sklave geweſen war, daß ein neuer Verſuch, ihn in ihre Netze zurückzulocken, ihr nur neue Demü⸗ thigungen bereiten mußte, und ſo blieb ihr nichts Anderes übrig, als ſich, mit Groll und Haß im Herzen, zu entfernen. Der Marquis kehrte in den Speiſeſaal zurück, er fand ſeine Gäſte in der trübſten Stimmung. Selbſt die ſtets heitere, leichtfertige Juſtine zeigte eine böſe, un⸗ willige Miene; es mußten harte Worte gefallen ſein, die ihre Heiter⸗ keit ſo ſehr getrübt hatten. Jenny Mouſſon war nachdenklich und ſchweigſam, und die Freunde erhoben ſich ſchon gleich nach dem Eintritt des Marquis, um Abſchied zu nehmen. Der Edelmann wollte ſie zurückhalten, aber Erneſt erklärte, der Dienſt rufe ſie, und gegen dieſen Vorwand ließ ſich freilich nichts einwenden. So blieb der Marquis allein mit den Mädchen zurück, aber ob⸗ ſchon der feurige Wein, der Champagner, in den Gläſern perlte, wollte die Verſtimmung nicht weichen, und der Edelmann war herzlich froh, als nach einer Viertelſtunde auch die jungen Damen aufbrachen. Juſtine verhehlte ihm nicht, daß ſie in ihren Erwartungen getäuſcht worden ſei, ſie war unverſchämt genug, den Marquis aufzufordern, ſie an einem der nächſten Tage wieder einzuladen, fügte aber hinzu, er möge alsdann die Herren von Belleville daheim laſſen. Der Marquis ſchwieg und verbeugte ſich, lachend und ſcherzend — 663— ſchritt Juſtine mit ihrer Freundin von dannen, ſie hatte jetzt ihren frivolen Humor wiedergefunden. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Der Lohn des Wuchers. Pierre Bandau war mit dem Reſultat des heutigen Tages in hohem Grade zufrieden. Er hatte für einen ſehr geringen Theil ſeiner Lebensmittel eine bedeutende Summe eingenommen und durfte dabei die Gewißheit hegen, daß die nächſten Tage ihm eine noch reichere Ernte bringen würden. Er ſaß in ſeinem Bureau und rechnete. Die Lampe, die auf dem Pult ſtand, verbreitete ein ſchwaches, unſicheres Licht, und in die⸗ ſem Halbdunkel machte das große, kahle Zimmer einen unheimlichen Eindruck. Das kahle Haupt auf den Arm geſtützt, die grauen Augen unver⸗ wandt auf das Papier geheftet, welches er mit langen Zahlenreihen bedeckte, bemerkte der Wucherer nicht, daß die Thüre geöffnet wurde und Dorman eintrat. Erſt als der Falſchmünzer an der anderen Seite des Pultes vor ihm ſtand, blickte er auf, und er erſchrak heftig, als er jetzt ſo plötzlich in die glühenden Augen dieſes Mannes blickte. „Sie haben eine ſonderbare Art und Weiſe, Jemanden zu er⸗ ſchrecken“, ſagte er ärgerlich.„Können Sie nicht anklopfen, ehe Sie eintreten?“ „Gewiß“, erwiderte Dorman ruhig. „Na, zum Teufel, weshalb thun Sie es nicht?“ „Weil ich dieſe Ceremonieen zwiſcheg uns überflüſſig halte, alter Freund.“ Pierre Bandau rieb mit dem Rockärmel über ſeine Stirn. „Ich wüßte nicht, daß ein ſo vertrauliches Verhältniß zwiſchen uns herrſchte“, ſagte er mit wachſendem Aerger.„Sie nehmen ſich überhaupt zu viel heraus.“ — 664— „Ach— aber wenn ich Ihnen ein Packet Banknoten brächte, wäre ich Ihr beſter Freund, nicht wahr?“ ſpottete Dorman. „Hm, ich warte ſchon lange darauf“, entgegnete der Wucherer, in deſſen Augen die Habgier aufleuchtete.„Sie werden ſich erinnern, was ich Ihnen heute Morgen geſagt habe.“ „Natürlich. Sie warfen mir vor, ich arbeite zu langſam.“ „Und das iſt die Wahrheit.“ „Ich verbringe die Nächte außer dem Hauſe.“ „Können Sie es leugnen?“ „Um Ihnen zu beweiſen, daß ich mich beſſere, leiſte ich Ihnen heute Abend Geſellſchaft.“ In dem Tone, in welchem Dorman dies ſagte, lag etwas, was den Wucherer bamruhigte, er blickte auf, das Geſicht des Falſch⸗ münzers hatte einen feindſeligen, entſchloſſenen Ausdruck. „Wenn Sie gehen wollen, werde ich nichts dagegen einzuwenden finden“, ſagte er. „Wie? Jetzt wollen Sie ſelbſt mich hinaustreiben?“ höhnte Dor⸗ mann.„Iſt Ihnen meine Geſellſchaft unangenehm?“ „Sie ſehen, daß ich beſchäftigt bin.“ „Sehr wohl, und da ich vermuthe, daß es eine intereſſante Ar⸗ beit iſt, möchte ich ſie mit Ihnen theilen. Mir ſcheint, Sie berechnen Ihr Vermögen—“ „Herr— ſcheeren Sie ſich zum Teufel!“ fuhr Bandau erboſt auf. „Was kümmert meine Arbeit Sie?“ Der Falſchmünzer ſtützte das Kinn auf ſeine Fäuſte und lachte heiſer.„Ich ſehe, es iſt noch nicht Alles ſo ganz klar zwiſchen uns“, ſagte er,„Sie wollen mich nur benutzen und den Gewinn ganz ein⸗ ſtreichen. Unſinn, alter Herr, das wäre ein zu ſchlechtes Geſchäft für mich, als daß ich mich damit begnügen könnte.“ „Lautet nicht die Abſprache, daß Sie die Hälfte des Gewinnes erhalten?“ 3 „Ganz recht, aber was thun Sie, um die andere Hälfte zu ver⸗ dienen? Nichts, ich ſoll arbeiten und wohl auch den Kopf in's Loch halten, wenn die Sache ſchief geht—“ „He, muß ich nicht für die Umwechslung der falſchen Banknoten ſorgen?“ „Nennen Sie das Arbeit? Sie können mich dabei betrügen, daß mir die Augen überlaufen und mir ſchließlich nichts bleibt.“ wäre —, in nern hnen was alſch⸗ enden Dor⸗ Ar⸗ cnen tauf. lachte uns“, ein⸗ ft füt innes ver⸗ Loch noten daß — 665— „Ich ernähre Sie— „Für Sie mag das ein großes Opfer ſein, aber ich geſtehe Ihnen offen, daß ich auf der Galeere beſſer beköſtigt wurde. Ihr ſchmubiger Geiz blickt überall durch, wahrhaftig, es wundert mich, daß ich nicht ſchon längſt Ihnen unſern Vertrag vor die Füße geworfen habe.“ „Wenn Sie es jetzt thun wollen,— meinetwegen!“ ſagte der Wucherer, deſſen Angſt mit jeder Minute wuͤchs.„Ich habe durchaus nichts dagegen, ich hätte mich überhaupt mit einem ſolchen Manne nicht einlaſſen ſollen.“ „Sie haben Furcht vor mir“, lachte Dorman. „Bewahre, wenn Sie mir dazu Anlaß geben ſollten, würde ich Sie ohne Weiteres verhaften laſſen.“ Ein tückiſcher Blick traf den alten Mann, dem der Angſtſchweiß vor die Stirne trat. „Und ich, mein Beſter, würde Ihnen die Kehle zuſchnüren, wenn Sie mir in irgend einer Weiſe in den Weg träten!“ erwiderte er mit heiſerer Stimme. Pierre Bandau wollte ſchreien, aber die Stimme verſagte ihm, das Entſetzen betäubte ſeine Sinne. „Ja, das würde ich thun“, fuhr der Falſchmünzer fort,„und ich glaube nicht, daß ich jemals Gewiſſensbiſſe deshalb empfinden würde. Es iſt ja ein verdienſtvolles Werk, wenn man die Menſchheit von einem Schurken befreit.“ „Herr, ſind Sie wahnſinnig?“ „Alberne Redensart, ich habe Ihnen ſchon heute Morgen darauf geantwortet. Hören Sie mich an, Pierre Bandau, ich werde Ihnen die Bedingungen nennen, unter denen wir gute Freunde bleiben können.“ „Ich verlange das nicht.“ „Glaub's gerne, Sie möchten mir nun am liebſten auf den Rücken ſehen. Aber wenn man einmal einen Pakt mit dem Teufel geſchloſſen hat, kommt man nicht wieder los. Ich kann Ihnen ſchon morgen ein Packet Banknoten liefern, meine Arbeiten ſind ſoweit fertig, jeden Tag könnte ein weiteres Packet folgen, aber vorher müſſen wir im Reinen ſein, in's Ungewiſſe hinein mag ich nicht arbeiten. Ich gebe mein Talent und meine volle Kraft in's Geſchäft, Sie müſſen das Kapital geben.“ „Das verſtehe ich nicht.“ — — 666— „Ei, zum Teufel, ſind wir nicht Aſſocies?“ ſpottete der Falſch⸗ münzer.„Verlangen Sie denn Alles von mir umſonſt? Sie werden Ihr ganzes Vermögen in das Geſchäft hineinſchießen, Sie werden den Gewinn aus Ihrem Victualienhandel und Ihren Wuchergeſchäften mit mir theilen, wie ich den Gewinn aus den Banknoten mit Ihnen theile.“ Jetzt lachte der Wucherer, aber es war ein erzwungenes, unheim⸗ liches Lachen.— „Ich glaube wahrhaftig, Sie ſind verrückt“, ſagte er ſarkaſtiſch. „Gehen Sie zu Bett, Dorman, Sie haben entweder Fieber oder einen Rauſch.“ „Ich werde zu Bett gehen, ſohald unſere Geſchäfte geordnet ſind. Was ich verlange, iſt recht und billig, alter Herr, Sie müſſen meine Forderung bewilligen, ſo ſehr ſich auch Ihr Geiz dagegen ſträuben mag.“ Pierre Bandau zitterte am ganzen Körper vor Erregung, die Kniee drohten unter ihm zu brechen. „Und wenn ich dieſe unverſchämte Forderung eines Wahnſinnigen zurückweiſe?“ fragte er. „Dann werden Sie ſehen, was geſchieht“, erwiderte der Falſch⸗ münzer mit eiſiger Kälte.„Ich leſe in Ihrem fahlen Geſicht, daß Sie den kühnen Vorſatz hegen, um Hülfe zu rufen, es wäre unnütz, Fräulein Louiſon kann Sie nicht hören, und auf die Straße dringt Ihr Schrei nicht hinaus, überdies habe ich die Vorſicht gebraucht, die Thür dieſes Zimmers zu verſchließen.“ „Herr des Himmels, Sie wollen mich ermorden“, ſchrie der Wucherer, der ſeine Angſt nicht mehr bemeiſtern konnte. „Bah, ſo weit ſind wir noch nicht“, fuhr Dorman gelaſſen fort, es kommt nur auf Sie an, ob Ihre Vermuthung Wahrheit werden ſoll.“ Er zog bei dieſen Worten einen Strick aus der Taſche und legte ihn vor ſich hin, er mußte lachen, als er in das verzerrte Geſicht des Geizhalſes ſah, deſſen Augen weit aus ihren Höhlen hervor⸗ traten. „Im Grunde genommen iſt der Tod nicht ſo furchtbar, wie man ihn macht“, ſagte er ſpottend,„in einer Minute kann die ganze Ge⸗ ſchichte zu Ende ſein, und drüben im Jenſeits erwarten die himm⸗ liſchen Freuden die unſterblichen Seelen. So ſagen wenigſtens die Pfaffen, ob's wahr iſt, weiß ich nicht.“ — 667— 1 „Er iſt wahnſinnig“ murmelte Pierre Bandau, deſſen Blick unſtät durch das Zimmer ſchweifte, als ob er einen Weg zur Flucht ſuchen wolle. „Machen wir die Sache kurz ab“, nahm der Falſchmünzer wieder das Wort,„öffnen Sie Ihren Geldſchrank, wir werden gemeinſchaftlich das Geld und die Werthpapiere zählen. Ich nehme die Hälfte und verpflichte mich dafür, von morgen ab täglich ein Packet Banknoten zu liefern. Für jedes Tauſend⸗Francs⸗Billet werden Sie mir fünf⸗ hundert Francs zahlen, und im Laufe eines Monats ſind Sie Mil⸗ lionär.“ „Das wäre ein ſchlechter Handel für mich.“ „Keineswegs, rechnen Sie ſelbſt, alter Freund. Ich liefere täglich zweihundert Banknoten—“ „Aber ich ſoll ſie umwechſeln.“ „Das iſt nicht ſo ſchwierig, wie die Anfertigung. Auf den Gewinn aus dem Victualienhandel will ich verzichten, Sie ſehen, ich kann auch großmüthig ſein.“ „Beſſer würde es ſein, wenn Sie vernünftig wären. Daß ich Ihre Forderung nicht bewilligen kann, müſſen Sie einſehen, Sie würden es an meiner Stelle auch nicht thun.“ Pierre Bandau hatte dieſe Worte mit ſtockender Stimme ge⸗ ſprochen, er wußte wohl, daß die triftigſten Vernunftgründe auf dieſen Mann keinen Eindruck machen würden, und daß nur die Flucht ſein Leben retten konnte. Die Todesangſt verlieh ihm einen Muth, den er bisher nicht gekannt hatte, er ſtürzte zur Thüre, um zu verſuchen, fich gewaltſam den Weg zu bahnen, aber er hatte die Thüre noch nicht erreicht, als er die Schlinge ſchon an ſeinem Halſe fühlte. Im nächſten Augenblick ſtürzte er hinterrücks nieder, er verſuchte zu ſchreien, aber er konnte es nicht, ſeine Kehle war zugeſchnürt. Der Falſchmünzer lachte höhniſch. „Dieſe Geſchicklichkeit hatten Sie mir gewiß nicht zugetraut“, ſagte er boshaft,„Sie haben da wieder einen Beweis, wie gut es iſt, wenn der Menſch Alles lernt.“ Er beugte ſich über den alten Mann und feſſelte ihm Hände und Füße, dann band er ihm ein Tuch um den Mund. Nachdem dies geſchehen war, löſte er die Schlinge, und Pierre Bandau athmete tief und ſchwer auf. — 668— „Es iſt nicht nöthig, daß ich Euch in's Jenſeits ſchicke,“ ſagte der Falſchmünzer,„Ihr hängt einmal am Leben und habt dabei das Talent eines Hamſters, möglicherweiſe ſammelt Ihr wieder im Laufe einiger Jahre ſo viel, daß es ſich der Mühe lohnt, Cure Schatzkammer noch einmal zu revidiren.“ Der Wucherer ſtöhnte, ſeine blutunterlaufenen Augen folgten jeder Bewegung des Verbrechers, der jetzt in die Taſche des Gefeſſelten griff und ſich der Schlüſſel desſelben bemächtigte. „Natürlich kann nun von längerer Dauer unſerer bisherigen Be⸗ ziehungen nicht mehr die Rede ſein“, fuhr Dorman fort, indeß er auf den eiſernen Schrank zuſchritt,„das iſt Eure Schuld, nicht die meinige. Ich hatte es gut mit Euch vor, ich war ehrlich geſonnen, unſern Vertrag zu erfüllen, Ihr wolltet es nicht— gut, nun fallen die Folgen auf Euch.“ Pierre Bandau zuckte zuſammen, als er hörte, wie die Schloß⸗ riegel des eiſernen Schrankes mit ſcharfem Klang zurückſprangen,— nun war Alles verloren, wenn auch ſein Leben gerettet wurde, er war ein Bettler, ſeiner mühſam erworbenen Schätze beraubt.„Und was Eure Nachepläne betrifft, ſo fürchte ich ſie nicht“, nahm Dorman wieder das Wort.„Erſtens dürfte es Euch ſchwer werden, mich in Paris zu finden, und zweitens habt Ihr keine Beweiſe gegen mich, wir ordnen ja das Geſchäft unter vier Augen. Solltet Ihr mir aber einmal unvermuthet in den Weg treten, ſo werde ich mich nicht lange bedenken und Euch niederſchlagen, wie einen tollen Hund, das merkt Euch.“ Beladen mit Goldrollen, Banknoten und Werthpapieren trat er an's Pult, und Pierre Bandau krümmte ſich unter Folterqualen, als er den Klang ſeines Goldes vernahm, welches der Falſchmünzer mit der Geſchicklichkeit eines alten, erfahrenen Kaſſirers durch ſeine Hände gleiten ließ. „Rentenbriefe!“ ſagte Dorman nach einer Weile.„Der Cours ſteht augenblicklich ſehr niedrig, aber was thut's, ich werde ſchon einen Käufer für ſie finden. Parbleu, Ihr habt auch ſpaniſche und italie⸗ niſche Papiere? Was ſoll ich nur damit anfangen? Na, wir werden ſehen, vielleicht verlaſſe ich Paris mit dem Ballon, in der Provinz wird man dieſe Papiere wohl verſilbern können.“ Er horchte auf, ein ſeltſames Geräuſch berührte ſeine Ohren, es klang wie fernes Toſen von Meereswogen. — 669— Aber lange konnte dieſer Lärm ſeine Aufmerkſamkeit nicht feſſeln, die vor ihm liegenden Schätze nahmen ſie zu ſehr in Anſpruch. Er hatte in dem Schranke einige leinene Beutel gefunden, in die er jetzt das Geld und die Werthpapiere einpackte. „Hm, was beginne ich nun mit Euch?“ fragte er mit einem gleichgültigen Blick auf den Gefeſſelten.„Das Beſte und Sicherſte wäre freilich, wenn ich die Schlinge zuzöge, Ihr könntet dann nicht mehr plaudern und— der Teufel, was iſt das?“ Ein gewaltiger Lärm hatte plötzlich ſich erhoben, man hörte das Schreien und Kreiſchen einer Menge Weiber, dazwiſchen wurde un⸗ geſtüm an der Hausglocke geriſſen, Steine flogen gegen die Hausthüre und die Fenſter. Dorman war erdfahl geworden, er ſtand mitten im Zimmer und horchte, von Zeit zu Zeit entfuhr ein wilder Fluch ſeinen bebenden Lippen. „Tod dem Wucherer!“ ſchrie draußen eine gellende Stinime. „Nieder mit dem Schurken, der die Armen ihrer Nahrung beraubt.“ „Ach, das gilt Euch!“ ſagte der Falſchmünzer.„Man will Euch an's Leder, wahrſcheinlich der Lebensmittel wegen, mit denen Ihr wuchert.“ Pierre Bandau ſtöhnte, der kalte Schweiß floß ihm von der Stirne herunter. „Man wird das Haus erſtürmen“, ſuhr Dorman fort,„man wird Euch an der erſten Laterne aufknüpfen und Eure Keller plündern. Gut, den eiſernen Schrank muß die Kanaille ſtehen laſſen, ich werde mir das Geld ſpäter holen.“ Man verſuchte von Außen die Thüre des Büreaus zu öffnen. „Vater!“ rief Louiſon im Tone der Verzweiflung.„Rette Dich, ehe es zu ſpät iſt!“ „Zum Teufel, muß die mir sauch noch in den Weg kommen?“ knirſchte der Falſchmünzer, während er ſeine Beutel in den Schrank trug. „Fliehel Vater! Hörſt Du nicht?“ „Halt' den Rand!“ brummte Dorman.„Mit der Flucht hat's gute Wege, das Urtheil iſt ſchon geſprochen, es wird auch vollſtreckt werden.“ Er ſchloß den Schrank zu und ging zur Thüre, die er haſtig öffnete; ohne ein Wort mit dem beſtürzten Mädchen zu wechſeln, ſtürmte er an ihr vorbei. — 670— „An die Laterne Pierre Bandau!“ ſchrie die gellende Stimme wieder, und ein furchtbarer Stoß traf gleichzeitig die Hausthüre, während das Bombardement mit ſchweren Steinen unaufhörlich fortgeſetzt wurde. Ein Schrei des Entſetzens entfuhr den Lippen Louiſon's, als ſie ihren Vater in dieſer Verfaſſung fand, aber ſie fragte nicht lange, ſie begriff, daß hier kein Augenblick zu verlieren war. Haſtig löſte ſie die Feſſeln, der alte Mann raffte ſich mühſam empor und rang ſtumm und ſtarr vor Entſetzen die Hände. „Fort!“ ſagte Louiſon mit zitternder Stimme. Die ganze Straße iſt voller Menſchen, Kopf an Kopf ſteht draußen der Pöbel, zu Mord und Plünderung entſchloſſen.“ „Meine Schlüſſel!“ ſchrie der Wucherer.„Wo ſind die Schlüſſel?“ „Frage jetzt nicht, Vater, denke an Dein Leben!“ Wieder erbebten die Mauern unter der Wucht eines gewaltigen Stoßes, gellendes Pfeifen vermiſchte ſich mit drohenden Rufen, es war ein Höllenlärm, der betäubend wirkte. Pierre Bandau eilte bald zu ſeinem Pult, bald zu ſeinem Geld⸗ ſchrank, er wußte offenbar nicht, was er thun ſollte, um ſeine Schätze zu retten. „Iſt Dir Dein Gold lieber, wie Dein Leben?“ fragte Louiſon, der dieſes kindiſche Gebahren ein Gefühl der Verachtung einflößte. „Wenn Du warteſt, bis das Geſindel die Thüre erbrochen hat, biſt Du verloren.“ „He, was will die Kanaille von mir?“ fuhr der Wucherer in maßloſer Wuth auf.„So geh' doch und frage— „Was iſt da zu fragen?“ fiel Louiſon ihm in's Wort.„Ich habe Dich ja oft genug gewarnt, Du wollteſt nicht auf mich hören. Das Volk hungert, und Du wucherſt mit den Vorräthen, die Du aufge⸗ häuft haſt.“ „Wer hat es ihnen verrathen?“ ſchrie Bandau.„Hat ſich denn Alles wider mich verſchworen? Man will mich berauben— wo iſt die Polizei, die den Bürger ſchützen ſoll? Weshalb ſchießt die National⸗ garde nicht das Geſindel nieder?“ „Fort! Fort!“ drängte das Mädchen, zitternd vor Angſt.“ Sie mor⸗ den uns Beide, gib ihnen Alles preis, wenn Du nur Dein Leben retteſt.“ Immer wilder und toller wurde der Lärm draußen, Arthiebe trafen die Thüre, man hörte deutlich, wie das Holz zerſplitterte, es vonnte nicht lange mehr währen, dann war die Breſche gebrochen. „Ja— fort“, murmelte der Wucherer, dem der wüſte Lärm die Beſinnung raubte.„Aber wohin? Wenn ich nur die Schlüſſel hätte, daß ich mein Geld mitnehmen könnte!“ Louiſon ſah jetzt ein, daß auf dieſem Wege mit dem alten Manne nichts auszurichten war, ſie erfaßte ſeine Hand und zog ihn mit ſich fort. Der Geizhals folgte ihr, wie ein willenloſes Kind, er ſah unthätig zu, wie ſie in der Wohnſtube eine Laterne anzündete, und ſo oft ein Schlag oder ein Stoß die Hausthüre traf, fuhr er, wie vom Blitz getroffen, zuſammen. Louiſon nahm die Kellerſchlüſſel vom Haken und zog den alten Mann zur Kellerthüre. „Höre nur, wie ſie arbeiten!“ ſagte ſie.„In einigen Minuten iſt die Thüre geſprengt, dann ergießt ſich der ganze Schwarm der Kanaille in das Haus, und was ihm in den Weg kommt, wird zer⸗ treten.“. Pierre Bandau ſchwieg, er war vollſtändig betäubt, es war ihm nicht möglich, einen klaren Gedanken zu faſſen. „Wäre nur der Marquis unten“, fuhr Louiſon fort, während ſie die feuchten Stufen der Kellertreppe hinunterſtieg.„Aber er könnte auch nichts ausrichten, es wäre vergeblich, wenn er ſich gegen dieſen Strom ſtemmen wollte.“ „Heute iſt er nicht dau, lallte der Alte,„es ſollte eine Verſamm⸗ lung ſtattfinden, aber—— wenn ich nur meine Schlüſſel hättel Fluch dem elenden Schurken!“ „Was nun?“ fragte Louiſon, ohne die letzten Worte ihres Vaters zu beachten.„Wohin wenden wir uns?“ „Wir müſſen verſuchen, durch den geheimen Ausgang zu ent⸗ fliehen.“ „Gut, gehe voran und öffne die Thüren.“ Der Wucherer nahm die Schlüſſel, ſie klirrten in ſeiner zitternden Hand, es koſtete ihm Mühe, die vielen Schlöſſer zu öffnen. Endlich langten ſie im Gewölbe der Verſchworenen an, Louiſon ſtellte die Laterne auf den Tiſch. „Bleibe hier, bis ich Dich rufe“, ſagte ſie,„ich werde gehen und mich überzeugen, ober der Weg noch frei iſt.“ Pierre Bandau ließ ſie gehen, er dachte nicht daran, daß es ſeine Pflicht war, dieſen Gang zu machen und ſein Kind vor Gefahr zu — 672— ſchützen. In Nachdenken verſunken und dennoch keines klaren Gedankens fähig, ſtand er vor dem Tiſch, die Rückkehr ſeiner Tochter erwartend. Bis hieher drang der Lärm nicht, die Stille, die ihn umgab, ließ den alten Mann die Gefahr vergeſſen. Was lag ihm an ſeinem Leben, wenn er ſeine Schätze verlor! Für ſie allein lebte er, ſie allein verliehen ſeinem Leben Werth. Er fühlte ſich dem Wahnſinn nahe; wenn er jetzt dem Falſch⸗ münzer begegnet wäre, er würde ſich mit der Wuth eines Tigers auf ihn geſtürzt haben, um ihm die Schlüſſel zu entreißen. Aber war es nicht möglich, daß die Schlüſſel noch im Bureau g lagen? Ha, beſaß er nicht ein zweites Exemplar dieſer Schlüſſel? Ja, ja, damals als er den Schrank kaufte, waren ihm die Schlüſſel in doppelter Anzahl eingehändigt worden, er erinnerte ſich deſſen ganz genau. Wo war nun das zweite Exemplar? Der Wucherer raffte ſich aus ſeiner Betäubung empor, es gab noch ein Mittel, den Schatz zu retten, aber er mußte ſeine Gedanken ſammeln, um ernſt darüber nachzudenken. Wo hatte er die Schlüſſel nur aufbewahrt? Sie mußten unter der Diele in ſeinem Schlafzimmer liegen— 1 ja, es konnte nicht anders ſein. — Wenn er ſie dort nicht fand, wußte er nicht, wo er ſie ſuchen ſollte. Die Hoffnung, ſeinen Schatz retten zu können, hatte ihm ſeine ganze Spannkraft wieder gegeben, er war ſich jetzt mit voller Klar heit aller Schritte bewußt, die er thun mußte, um ſein Vorhaben auszuführen. Louiſon kehrte in dieſem Moment zurück, ſie war noch bleicher geworden, aber ſie bewahrte auch jetzt noch ihre Faſſung. „Die Gartenpforte iſt beſetzt“, ſagte ſie mit zitternder Stimme, „ich wagte nicht, ſie zu öffnen, als ich die Stimmen vernahm.“ —„Ah, ſo hat uns Einer verrathen, der die Geheimniſſe meines Hauſes ſehr genau kennt“, erwiderte Pierre Bandau,„pielleicht ein Mitglied des Bundes, oder—“ „Verſäumen wir die Zeit nicht mit Vermuthungen“, fiel Louiſon ihm haſtig in's Wort,„wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Was nun?“ —⸗ „Hörteſt Du oben Lärm?“ „Natürlich.“ deu„Aber das Geſindel iſt noch nicht im Hauſe?u „Ich glaube es nicht.“ klor! Der Wucherer zitterte vor Erregung, eine fieberhafte Gluth loderte in ſeinen Augen. ilſc⸗„Wir werden hier warten“, ſagte er. gers„Aber mein Gott, glaubſt Du denn, ſie werden nicht bis hierher dringen? Wenn ſie den geheimen Ausgang durch die Gartenthür rreau kennen, kann ihnen auch dieſes Gewölbe nicht unbekannt ſein.“ „Ja, ja, Du haſt Recht“, erwiderte der alte Mann, indem er die naſſe Stirn trocknete,„wir ſind hier nicht ſicher.“ de„Und kein Ausweg, der hinausführte!“ ſeufzte das Mädchen. ſih„Doch, noch einer, an den Niemand denkt“, ſagte Bandau, indem er auf das Kabinet des Marquis zuſchritt.„Sei ruhig, dieſen Aus⸗ gang kann uns Niemand verſperren.“ gab„Welchen Weg meinſt Du?“ 3 uken„Den durch die Katakomben.“ 1 3„Entſetzlich!“ rief Louiſon, das Antlitz mit den Händen bedeckend. „Schon der Gedanke an den Ort dieſes Grauens iſt mir fürch⸗ — terlich.“ Der alte Mann zuckte die Achſeln. düen„Noch fürchterlicher iſt es, von den rohen Füßen der Kanaille 2 zertreten zu werden“, ſagte er. Willſt Du Dich dem lieber aus⸗ ſene ſetzen?“ 1—„Nein, nein—“ du„Wohlan, ſo verliere weiter keine Worte!“ „All' die Todtengebeine—“ 14.„Ah bah, es iſt nicht ſo grauenhaft, wie man's macht, ich bin iicher. 7 3 1 oft in den Gängen da unten geweſen, und niemals iſt mir irgend etwas zugeſtoßen. Man kann ja vor ſich hinſehen, was kümmert es une Dich, wie die Mauern tapezirt ſind.“ Er hatte auf den Knopf gedrückt, der die Fallthüre öffnete, er iines holte jetzt eine Strickleiter und forderte Louiſon auf, hinunterzuſteigen. an Nach einigem Zögern kam das Mädchen der Aufforderung nach, der alte Mann folgte ihr. iſon Ein Rudel Ratten floh nach allen Richtungen, als der Lichtſtrahl eren der Laterne in den finſtern Raum fiel, Pierre Bandau lachte, aber R. 43 — 674— es war ein erzwungenes Lachen, welches ſeine Aufregung nur zu deutlich durchblicken ließ. „He, die Leiter ſteht noch da“, ſagte er,„hier nimm die Laterne und beeile Dich.“ „O, mein Gott, gib mir Kraft und Muth, das Entſetzliche zu rtragen“, flüſterte Louiſon. „Raſch, raſch!“ drängte der Geizhals.„Nimm die Laterne.“ „Wirſt Du mir folgen?“ „Ja doch.“ Das Mädchen ſtieg langſam hinunter, Pierre Bandau blickte ihr nach, bis ſie in der Finſterniß ſeinem Blick entſchwunden war. „So, nun warte, bis ich komme!“ rief er. „Mein Gott, was haſt Du vor?“ fragte Louiſon beſtürzt. „Nichts, nichts, ich will nur mein Geld holen.“ „Vater!“ „Sei ruhig, ich weiß, wo die Schlüſſel ſind—“ „Es iſt zu ſpät.“ „Noch nicht, ich kann das Geld nicht in ihren Händen laſſen. Ich werde bald zurück ſein, warte nur.“ „Vater, mir ſagt eine Ahnung, daß ich Dich nicht wiederſehen werde!“ rief das Mädchen im Tone der Verzweiflung. „Unſinn, ich werde mich früh genug aus dem Staube machen, aber halte mich jetzt nicht länger auf. Sollte die Kanaille vor mir hier ſein, dann halte Dich links, immer geradeaus, hörſt Du, Louiſon?“ „Ich will Dich begleiten.“ „Du bleibſt, und nun genug!“ Der alte Mann ſtieg die Leiter wieder hinauf und ſchloß die Fall⸗ thür, dann ſchritt er raſch durch die Gewölbe. Er kannte den Weg, trotz der ſchwarzen Finſterniß, die ihn um⸗ ga5, er war ihn ja unzählige Male ohne Licht gegangen. Auf der Kellertreppe blieb er ſtehen, um zu lauſchen. Noch immer dröhnte die Thüre unter den gewaltigen Schlägen und Stößen— ach es war eine alte, ſolide Thüre aus kerngeſundem Eichenholz; ſie konnten vielleicht noch lange arbeiten, ehe ſie dieſelbe erbrochen hatten. Er eilte hinauf, er ſtand jetzt im Hausflur, durch alle Glieder, als die Mauern des Haufes unter dem neuen Er, der Schreck fuhr ihm wuchtigen Stoß erbebten. je zu jn um⸗ chlägen ini rfelb hr ihm 1 nellel 675— Veun ſie in dieſem Augenblick eindrangen! Die Splitter der zerbeochenen Fenſterſcheiben fielen klirrend auf die Straße, und ſo oft ein Steinwurf Erfolg hatte, erhob ſich draußen ein uule wahnſinniges Geheul. Einzelne Stimmen und Rufe konnte er nicht mehr unterſcheiden, um ſo größer war das Entſetzen, welches dieſes Geheul ihm einflößte. Aber er durfte nicht zaudern, er mußte handeln. Mit der Behendigkeit einer Katze ſchlich der alte, dürre Mann die Treppe hinauf, und merkwürdig, daß er in dieſem Augenblick, Alles Andere vergeſſend, nur an den Auftritt mit dem Falſchmünzer dachte. Wo war Dorman geblieben? Ihm war der geheime Ausgang unbekannt, er mußte ſich noch in dem Hauſe beſinden. Konnte er nicht in der Zwiſchenzeit das Geld geholt haben? Der Wucherer erſchrak. als dieſe Frage in ihm aufſtieg, aber er mußte ja in der nächſten Minute eine Antwort darauf finden. Er warf ſich auf den Fußboden ſeines Schlafzimmers nieder und öffnete mit Fieberhaſt das Verſteck. Er mußte lange ſuchen in dem Moder, der darunter ſich ange⸗ ſammelt hatte, dann aber entfuhr ein leiſer Freudenruf ſeinen Lippen. Da waren ja die Schlüſſel, er hatte ſie gefunden! Mit tt taſchen Sätzen eilte er die Treppe hinunter, in ſeinem Bureau brannte noch die Lampe, ſie warf durch die halbgeöffnete Thüre einen matten Lichtſtreif auf den Hausflur. Hei, wie die Aexte ſo ſcharf in das feſte Holz hineinfuhren! Wie die Steine ſo luſtig gegen die Mauern praſſelten! Der Wucherer lachte höhniſch— ja, ſein Haus war ein feſtes Bollwerk, er hatte das längſt gewußt. Wenn er nur auch die Lebensmittel hätte retten können! Vielleicht gelang es ihm noch. Wenn er alle Thüren zu den Ge⸗ wölben ſchloß und verbarrikadirte, gewann er mindeſtens eine halbe Stunde, er konnte in dieſem Zeitraume manche Kiſte, manchen Korb in die Katakomben ſchaffen, dort lagen ſie einſtweilen ſicher, wenn auch die Ratten ihre ſcharfen Zähne an ihnen verſuchten. In die unterirdiſche Todtenſtadt folgte ihm Niemand, man hatte ja keine Ahnung davon, daß ſein Haus mit ihr in Verbindung ſtand. Ach, und er kannte alle Gänge in dieſem Labyrinth! Es war nicht nöthig, daß er es verließ, er konnte da unten ruhig abwarten, bis 43* * — 676— der Sturm ſich gelegt hatte und dann wieder an's Tageslicht empor⸗ ſteigen. Freilich fand er alsdann ſein Haus ruinirt, ſeine Habe zerſchlagen und Alles, was einigen Werth beſaß, geraubt, aber mußte nicht die tegierung ihm ſpäter den Schaden erſetzen? Ha— was war das? Pierre Bandau blieb entſetzt ſtehen, dieſer furchtbare Knall betäubte ihn. Und jetzt noch einmal ein Krachen und Donnern, das helle Klirren eines niederſtürzenden Eiſens— nein, das konnte keine Täuſchung ſein, die Thür war geſprengt. Der alte Mann machte eine verzweifelte Anſtrengung, um ſeinen Geldſchrank zu erreichen, aber er war gelähmt an allen Gliedern, die Kniee brachen unter ihm, er mußte ſich auf den Tiſch ſtützen, der in ſeiner Nähe ſtand. Horch— dieſes wilde, entſetzliche Geheul! Sie waren ſchon im Hauſe, der entſetzliche Lärm kam mit jeder Sekunde näher. Und jetzt—— der Wucherer brach zuſammen, er lag auf den Knieen, wie Einer, der um Gnade und Erbarmen flehen will. Ein Schwarm zerlumpter Weiber wälzte ſich in das Bureau, Aexte und Meſſer, Säbel und Piſtolen blitzten in ihren ſchmutzigen Fäuſten, von dieſen Megären durfte er kein Erbarmen erwarten. „He, da iſt der Schuft!“ ſchrie Mutter Bardeau, die an der Spitze der Fiſchweiber eingedrungen war. „An die Laterne mit dem Wucherer!“ rief eine heiſere Stimme. Pierre Bandau raffte in Todesangſt ſeine letzten Kräfte zuſammen und ſprang empor. „Was wollt Ihr von mir?“ fragte er.„Ich habe nichts ver⸗ brochen; ich bin ein armer Mann—“ „Ein Hallunke biſt Du!“ fiel Mutter Bardeau ihm in's Wort, indem ſie mit einem Blick der Verachtung den alten Mann muſterte. „Für die reichen Bourgeois haſt Du Lebensmittel aufgeſpeichert, aber die Armen können vor Deiner Thüre verhungern, was liegt Dir daran.“ „Nein, nein—“ „Doch, doch, ſage ich! Haſt Du den Armeu je einen Sous gegeben?“ „Ich bin ja ſelbſt arm.“ „Lump, wir wiſſen es beſſer.“ „Macht kurzen Prozeß!“ rief die heiſere Stimme.„Der Schuft iſt nicht werth, daß man ihn auhört.“ mpor⸗ ſlagen it die dieſer lirren ſun ſeinen t, die der in on im uf den nreau, tzigen . m der — 677— Neue Schaaren wälzten ſich herein, ſie drängten mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt die Weiber immer näher auf den alten Mann, der bis in die entfernteſte Ecke des großen Gemachs zurückwich und unaufhör⸗ lich ſeine Schuldloſigkeit betheuerte. Da blitzte plötzlich eine Axt über ſeinem Haupte, ein gellender Todesſchrei übertönte den raſenden Lärm— Pierre Bandau ſtürzte mit einer klaffenden Wunde in dem kahlen Schädel nieder. Niemand kümmerte ſich um ihn, ſeine Leiche wurde von dem Ge⸗ ſindel zertreten, welches Alles, was ſich in dem Raume befand, zerſchlug. In alle Räume des Hauſes ergoß ſich die tobende Menge, überall plündernd und Alles zerſtörend, während die Megären in die Gewölbe hinunterſtiegen. Einige Vagabunden beſchäftigten ſich mit dem eiſernen Schranke, den ſie mit Brecheiſen und anderen Werkzeugen verarbeiteten, ohne ein Reſultat zu erzielen, während halberwachſene Burſchen Stricke um die Füſte der Leiche banden, um ſie in die Seine zu ſchleppen. Sie wollten eben unter gellendem Pfeifen und Schreien mit ihr das Bureau verlaſſen, als Erneſt, Paul und Jean eintraten. Die Freunde blieben entſetzt ſtehen. „Da ſieh, was Du angerichtet haſt“, ſagte Paul, in deſſen ver⸗ zerrtem Geſicht Wuth und Verzweiflung ſich ſpiegelten. „Wohin?“ donnerte Erneſt die zerlumpten Gamins an. „In die Seine mit dem Schuft!“ ſchrie einer dieſer angehenden Vagabunden, aber die Worte waren kaum über ſeine Lippen, als eine wuchtige Ohrfeige ihn zu Boden ſtreckte. „In die Seine mit Euch ſelbſt, infames Lumpenpack!“ rief Erneſt wüthend.„Hinaus Alle— auf der Stelle!“ Die Vagabunden hielten mit ihrer Arbeit inne, um den National⸗ gardiſt zu betrachten, der ſo kühn war, ihnen Befehle zu ertheilen; ein ſchallendes Gelächter, in welches die Gamins einſtimmten, war ihre Antwort. Erneſt beſann ſich nicht lange, er warf die Burſchen hinaus, dann trat er auf die Vagabunden zu. „Werdet Ihr gehorchen?“ fragte er ſcharf. „Habt Ihr uns etwas zu beſehlen?“ lautete die Antwort. „Die Nationalgarde iſt Vollſtreckerin der Geſetze, und Diebſtahl in einer belagerten Stadt wird mit dem Tode beſtraft“, entgegnete Erneſt mit einer Entſchiedenheit, die ſelbſt auf dieſe rohen und zu ——— ——— — — 678— jedem Verbrechen ſähigen Naturen Eindruck machte.„Wenn Ihr nicht augenblicklich meinem Befehl Folge leiſtet, ſchieße ich Euch ſammt und ſonders nieder.“ Nur einer der Vagabunden hatte den Muth, dieſem Befehl troben zu wollen, aber als er bemerkte, daß ſeine Genoſſen ihn im Sti ließen und davonſchlichen, beſann auch er ſich eines Andern, und die Freunde blieben mit der Leiche Bandau's allein in dem Bureau zurück. „Hol' mir der Deubel, det is'ne ſaubere Wirthſchaft“, brummte Jean, den Kopf ſchüttelnd.„Det wäre bei uns in Deutſchland nich möglich.“ „Wo iſt nun Louiſon?“ fuhr Paul in ficberhafter Erregung auf. „Ich huhe das ganze Haus durchſucht, vor jeder Thüre ihren Namen gerufen, aber keine Stimme antwortete mir.“ „Ich vermuthe faſt, daß ſie noch gar nicht zu ihrem Vater zurlick⸗ gekehrt iſt“, entgegnete Erneſt in beruhigendem Tone,„ſie würde ja ihm zur Seite geblieben ſein.“ „Und dann wäre ſie mit ihm ermordet worden“, ſagte Paul mit herber Bitterkeit.„Das iſt Dein Werk, Du haſt eine furchtbare Verantwortung auf Dich geladen.“ „Weshalb verſuchſt Du immer wieder, mir die Schuld in die Schuhe zu ſchieben?“ erwiderte Erneſt mit leiſem Vorwurf.„Früher oder ſpäter mußte dieſen Mann die Vergeltung treffen, ſein Sündenregiſter war hoch genug angelaufen.“ „Bah, was liegt an ihm, er war ein Schurke! Aber Louiſon?“ .„Geduld So lange das Geſindel hier alle Räume füllt, können unſere Nachforſchungen zu keinem Reſultat führen.“ „Und wenn das Geſindel Louiſon findet—“ „So wird ihr kein Haar auf dem Haupte gekrümmt werden. Du haſt gehört, daß Mutter Bardeau uns die feſte Zuſicherung gab.“ „Als ob mich dies beruhigen könnte!“ rief Paul mit wachſender Erregung.„Was fragt dieſe Kanaille nach dem Verſprechen einer ſolchen Megäre!“ „Nun wohl, ſo muß es Dich beruhigen, daß wir Louiſon nicht gefunden haben. Sie hätte uns gewiß geantwortet, wenn unſere Stimmen zu ihr gedrungen wären.“ „Kann ſie nicht geſchlafen haben?“ „Welche Frage? Wer könnte bei ſolchem Höllenlärm ſchlafen? Sei ruhig, Paul, entweder iſt Louiſon nicht im Hauſe, und dann — 679— haben wir nichts für ſie zu fürchten, oder ſie wartet in ſicherem Ver⸗ ſteck das Ende des Sturmes ab.“ „Und wenn die Kanaille iſ Verſteck entdeckt?“ „Du nin unit immer gleich das Schlimmſte an und quälſt dadurch Dich ſelbſt. Wir können jetzt nichts thun, höre nur, wie die Menge draußen hin und her wogt, ſie füllt alle Zimmer, alle Treppen und Gänge—“ „Und wirft möglicherweiſe ſogleich die andfackel in's Haus“, ſiel Paul ihm in's Wort. „Donner vachsſtock, det wäre'ne ſchlimme Jeſchichte!“ rief Jean erbleichend.„Na, mir kann det ganze Paris g ſtohlen werden, hol mir der Deubel, lange bleibe ick eeni mehr Füin „So raſch geht das auch nicht“, ſaate Erneſt,„ſie werden natürlich Alles zerſchlagen, aber davor, diß ſie das Den anzünden könnten, bangt mir nicht, ſie thun es ſchon deßhalb nicht, um nicht im feind⸗ lichen Lager Vermuthungen zu wecken.“ Ein wilder, raſender Lärm erhob ſich draußen, von einer bangen Ahnung getrieben, eilte Paul zur Thüre. Ein dicht gedrängter Schwarm von Weibern, Vagabunden und Gamins wälzte ſich vorbei, man hatte das Lager der Lebensmittel ent⸗ deckt und geplündert, das bewieſen die Körbe, Kiſten und Fäſſer, die unter Aufſicht der Mutter Bardeau und unter dem wahnſinnigen Ge⸗ heul der Maſſen hinausgeſchafft wurden. Aus allen Räumen des großen Hauſes wurde das Geſindel durch dieſen Lärm angelockt, ſie kamen in Schaaren die Treppe herunter und eilten in die Kellergewölbe, um ihren Auntheil ſich zu ſichern. „Das Feld wird allmählich frei“, ſagte Erneſt,„dieſer Beute wer⸗ den Alle nachlaufen, um bei der Theilung nicht zu kurz zu kommen. Warten wir's ab, die Keller ſind raſch geräumt.“ und vielleicht hatte Louiſon ſich dorthin geflüchtet!“ „Wir werden ſehen— Geduld!“ „Det weeß Jott,'ne ſaubere Wirthſchaft!“ brummte Jean.„Na, it ſage Euch ganz offen und ehrlich, Ihr ſeid reif, wie en wurm⸗ ſtichiger Appel. Plündern un morden, rauben un ſengen, un dabei leht d der Feind vor den Thoren.“ „In Wahrheit er hat Recht“, nickte Erneſt,„es iſt ein betrüben⸗ des Zeichen, welches uns keine Ehre macht.“ „Na, nu wenn erſt det Jeſindel hier regiert, denn wird et noch — 680— ſchöner werden,“ fuhr der Gefreite fort.„Denn is keen Menſch mehr in Paris ſeines Portemonnaies ſicher.“ „Schweige!“ herrſchte Paul ihn an.„Dir ſteht es nicht zu, ein verdamuiendes Urtheil über uns zu fällen.“ „Nanu? Ick ſage Euch nur die Wahrheit, ſeht zu, wie Ihr's beſſert! Wegen meiner könnt Ihr in Gottes Namen Alles ruiniren un Euch jejenſeitig uffreſſen, es ſoll unſer Schaden nich ſind.“ „So weit ſind wir nun doch noch nicht“, ſpottete Erneſt,„wir warten einſtweilen noch immer auf Eure Bomben. Es ſcheint, Ihr habt den Muth nicht, das Bombardement zu beginnen, Ihr werdet wohl einſehen, daß Ihr uns unterſchätzt habt, und nun nähmt Ihr gern jeden Frieden an.“ „Natürlich, aber wir dictiren ihn“, erwiderte Jean.„Wenn's mal anfängt, dann wird's fürchterlich, Ihr kennt unſere Iranaten noch nich.“ „Ich glaube, wir können jetzt beginnen“, nahm Paul das Wort, der horchend an der Thüre ſtand,„das Geſindel hat ſchaarenweiſe das Haus verlaſſen.“ Erneſt nahm die Lampe und ſchrob den Docht in die Höhe, die Freunde traten hinaus. Einzelne verdächtige Geſtalten ſtürmten an ihnen vorbei, Weiber und Gamins kamen noch aus den Gewölben, aber die große Maſſe ſchien ſich doch verlaufen zu haben. In den oberen Näumen war es ſtill, die jungen Leute beſchloſſen, dort mit ihren Nachforſchungen zu beginnen. Sie fanden alle Thüren erbrochen und zertrümmert, die Räume des erſten Stockwerks boten einen troſtloſen Anblick. Dieſe Zimmer, die der Wucherer niemals geöffnet hatte, waren einſt ſehr elegant ausgeſtattet geweſen, man konnte das trotz der Zer⸗ ſtörung noch jetzt bemerken. Die ſchweren, verblichenen Damaſtgardinen hingen noch an den Fenſtern, Fetzen der einſt werthvollen und nun von den Motten zer⸗ freſſenen Teppiche lagen zwiſchen den Trümmern der alterthümlichen Möbel, zwiſchen Glas⸗ und Porzellan⸗Scherben auf dem Boden. Die Goldrahmen der Spiegel und Gemälde hingen noch an den Wänden, aber die Gläſer waren zerſplittert, die Bilder zerſchnitten. Eine dumpfe, modrige Luft wehte ierall, Schimmel bedeckte an vielen Stellen die Tapeten, von den mit Stuckatur⸗Verzierungen — 681— geſchmückten Decken hing graues Spinngewebe in langen Fäden nieder. Hie und da wehte durch ein zertrümmertes Fenſter der kalte Nachtwind herein, den alten Staub in dichten Wolken aufwirbelnd, und ein Schwarm von Motten unkkreiſte die Lampe, um des lang entbehrten Lichts ſich zu erfreuen. Man hatte nichts ganz gelaſſen, wohin man auch ſchauen mochte, überall traf der Blick auf Trümmer und Scherben, auf Schutt und Moder. Die Räume waren bald durchwandert, in jedem Zimmer hatte Paul den Namen der Geliebten gerufen, ohne eine Antwort zu er⸗ halten. Die Freunde ſtiegen nun zum zweiten Stockwerk hinauf, dort lagen die Schlafzimmer. Auch hier war nichts wie Verwüſtung. Die Betten waren ge⸗ ſtohlen, die Möbel entzwei geſchlagen, nicht einmal ein Kleidungsſtück hatte das Geſindel zurückgelaſſen. Paul klopfte an mehreren Stellen auf die Mauern, er fand kein Verſteck, und auch hier erhielt er keine Antwort auf ſein Rufen. „Sie könnte den geheimen Ausgang benutzt haben, deſſen die Ver⸗ ſchworenen ſich bedienen“, ſagte er endlich. „Ich glaube das nicht“, erwiderte Erneſt,„der Ausgang war beſetzt.“ „So haſt Du—“ „Bitte, mache mir keinen Vorwurf, ein Anderer muß den Me⸗ gären das Geheimniß dieſes Ausganges verrathen haben, Mutter Bardeau ordnete die Bewachung deſſelben an. Sehen wir in den Gewölben nach, ich hoffe, wir finden dort den Schlüſſel, der uns das Räthſel löſen wird.“ „Und wenn wir auch in dieſer letzten Hoffnung uns getäuſcht ſehen?“ fragte Paul, der Verzweiflung nahe. „Dann— aber komm, es iſt früh genug, darüber zu berathen, wenn wir Gewißheit haben.“ Sie eilten hinunter, noch immer kamen einzelne Subjekte aus den Gewölben, in denen mehrere Fackeln brannten, deren rothes Licht einen unheimlichen, geſpenſtigen Schein auf die dunkeln, feuchten Mauern warf. Das Gewölbe, in welchem die Vorräthe gelegen hatten, war 682 gänzlich ausgeräumt, man fand in ihm nichts mehr, als die Bretter zerbrochener Kiſten, lecre Körbe und einen Berg von Eierſchl en. Die jungen Leute drangen durch bis in das Zimmer der Ver⸗ ſchworenen, ſelbſt dieſes war von der allgemeinen Verwüſtung nicht verſchont geblieben. Paul ſchritt auf das Kabinet des Marquis zu, eine entſetzliche Ahnung war in ſeiner Seele aufgeſtiegen, wie ein B ch⸗ zuckte ihn die Erinnerung an die Nacht, die er in den Katakomben verbracht hatte. Erneſt folgte ihm, er ahnte, was in der Seele ſeines Freundes vorging.„Die Katakomben!“ murmelte Paul mit dumpfer Stimme. Ich kann nicht glauben, daß Louiſon den Muth gehabt haben litz ſtrahl „On ſoll, dieſen Weg zu wählen“, erwiderte Sriuhſ „Was thut man nicht in der Todesangſt? Wenn ich nur wüßte, wie die Fallthüre zu öffnen iſt!“ „Warte, ich weiß es, Louiſon hat es damals mir gezeigt.“ Erneſt trat an den dii und drückte auf den Knopf, den Lippen des Gefreiten entfuhr ein Schrei der Ueberraſchung, er ſah ſich plötzlich dicht vor der finſteren Oeffnung. „Hier hängt eine Strickleiter!“ rief Peul.„Allmächtiger Gott, ſie hat den defahtva len Weg unternommen.“ „Ruhig“, bat Erneſt,„halten wir die Gedanken beiſammen, wenn wir uns verwirren laſſen, iſt Alles verloren.“ Er unterſuchte die Strickleiter, dann ſtieg er hinunter, Paul folgte ihm. Sie ſahen jetzt die zweite Leiter, welche aus dem Kerker in die Todtenſtadt hinunterführte, der letzte Zweifel war gehoben. Paul rief den Namen des Mädchens unzählige Male in die Finſterniß hinein, aber nur der dumpfe Wiederhall ſeiner eigenen Stimme antwortete ihm. „Was uuns fragte er, am ganzen Körper zitternd.„Wir müſſen ihr folgen.“ „Um uns Alle zu verirren, nicht wahr?“ antwortete Erneſt ruhig. „Wir haben keine Laterne, keine Lebensmittel, keine Kenntniß von den verſchlungenen Gängen dieſes Labyrinths. Wir würden Louiſon nicht finden, und ſelbſt, wenn uns ein glücklicher Zufall begünſtigte, ſuchten wir vergeblich einen Ausgang.“ „Ich würde mit ihr vereint ſterben.“ — 45 e „Unſinn! Damit wäre Keinem von uns Allen geholfen.“ „He— ſoll dann nichts geſchehen?“ „Sei nicht gleich ſo aufgeregt, Paul. Wir werden in die Nue d'Enfer gehen und die Wächter der Katakomben auffordern, uns zu begleiten. Sie lennen die Wege, unter ihrer Führung müſſen wir Louiſon finden.“ Ja, la, komm“, drängte Paul,„jede Minute in dieſem Grabe muß dem Mädchen Qualen der Hölle bereiten.“ Die jungen Leute ſtiegen haſtig die Leiter wieder hinauf und eilten ohne Verzug hinaus, um ihr Vorhaben auszuführen. Sie hatten die Gewölbe kaum verlaſſen, als eine eiſerne Thür, deren Feſtigkeit dem Angriff des ſtürmenden Pöbels widerſtanden hatte, geöffnet wurde und Dorman mit einer brennenden Laterne heraustrat. Er blieb im Gange ſtehen, um zu lauſchen, dann ſchritt er langſam dem Ausgang zu. Ein trotziger Zug umzuckte ſeine feſtgeſchloſſenen Lippen, ſein Ge⸗ ſicht war tedezülcich aber das verzehrende Feuer in ſeinen glühenden Augen verrieth, daß in ſeinem Innern gewaltige Stürme tobten. Er kam an dem Gewölbe vorbei, in welchem die Lebensmittel aufgeſpeichert geweſen waren, er warf einen höhniſchen Blick auf die Trümmer und blieb abermals ſtehen, um zu horchen. Es war ſtill ringsum, kein Lärm, kein Geräuſch berührte ſein Ohr, das beruhigte ihn. Langſam ſtieg er die Treppe hinauf, ein ſcharfer Zugwind wehte ihm entgegen, als er in den Hausflur trat. Er nahm ſich nicht einmal die Zeit, die Verwüſtung zu betrach⸗ ten, ohne Aufenthalt ſchritt er auf das Bureau zu. Aber als er die Thüre öffnete, und ſein Blick auf die entſtellte Leiche des Wucherers fiel, prallte er entſetzt zurück. Er hatte offenbar nicht erwartet, dieſen Anblick zu finden, aber ſeine Beſtürzung währte nicht lange, ſie wich einem boshaften Hohn, der ſein Geſicht zu einem widerwärtigen Grinſen verzog. „Alter Narr, weshalb mußteſt Du auch dem Sturme Trotz bie⸗ ten?“ murmelte er.„Waren Deine Schätze Dir lieber wie Dein Leben? Du konnteſt ſie ja doch nicht retten, wenn Du auch Dein Leben dafür hingabſt.“ Er lachte laut auf, aber er vermied es doch, daß ſein Blick noch einmal die Leiche traf. — 684— Er trat auf den eiſernen Schrank zu und ſtellte die Laterne auf den Fußboden, dann holte er die Schlüſſel aus der Taſche, mit denen er die Thüre öffnete. „Das Volk hat ihn gerichtet und das Urtheil vollſtreckt“, brummte er,„es iſt beſſer ſo, mir wurde dadurch ein Verbrechen erſpart. Und er hat den Tod verdient— bah, was geht's mich an, es iſt ja nur ein Schuft weniger in der Welt.“ Er zog die beiden Beutel aus dem Schrank und ſchob den leich⸗ teren, der die Werthpapiere enthielt, in ſeine Rocktaſche, den anderen nahm er unter den Arm. „Das Ende krönt das Werk“, ſpottete er,„ nd ein beſſeres Ende konnte ich mir wirklich nicht wünſchen. Der Mann iſt todt, ohne, daß ich nöthig gehabt hätte, meine Hände mit ſeinem Blut zu be⸗ flecken, und ich bin ſein Erbe. Wo nur ſeine ſchöne Tochter geblieben ſein mag? Bah, ich mag mir darüber den Kopf nicht zerbrechen, ſie kann mich nicht verrathen, wenn ſie auch mit dem Leben davon ge⸗ kommen ſein ſollte!“ 3 Er blies die Laterne aus, aber als nun Finſterniß ihn umgab und er wieder der Leiche gedachte, erfaßte ihn ein Gefühl des Ent⸗ ſetzens, er ſchleuderte die Laterne in das Zimmer, daß ſie klirrend zerbrach und eilte hinaus. Vor dem Hauſe blieb er ſtehen, um Athem zu ſchöpfen, es war ſtill in der Straße, keine lebende Seele zu ſehen. Der Falſchmünzer blickte ſich nach allen Seiten um, dann ſchritt er eilig auf den Pontneuf zu. Vierunddreißigſtes Kapitel. Gold und Ehre. Es ſchlug zehn Uhr, als Dorman die Boulevards erreichte. Er blieb vor einem Cafk ſtehen, welches allerdings nicht ſo glänzend war, wie in früheren Tagen, aber doch noch immer Anziehungskraft genug beſaß, um diejenigen anzulocken, welche noch die Mittel zu außer⸗ gewöhnlichen Genüſſen beſaßen. Das Bewußtſein, eine namhafte Summe zu beſitzen und das Bedürfniß, nach den Entbehrungen der vorhergegangenen Tage wieder —2 8 2 fo war, genug znußer⸗ das ! viede — 685— einmal an einer wohlbeſetzten Tafel zu ſchwelgen, trieb den Falſch⸗ münzer gar zu mächtig in dieſes Haus, er konnte dem inneren Drange nicht widerſtehen. Er drehte den leinenen Beutel in ſein ſeidenes Taſchentuch ein und trat hinein. Mobilgarden, Zuaven, junge Dämchen, einige Mobilgardiſten und mehrere Offiziere ſaßen an den Tiſchen, einige ſpeiſten, andere ſchlürften ihren Kaffee und laſen dabei die neueſten Zeitungen, wieder Andere ſpielten Domino oder plauderten miteinander. Die Aufregung der früheren Tage ſchien bereits der Niedergeſchlagenheit gewichen zu ſein, wenigſtens ſah man hier nur ernſte, ſorgenvolle Geſichter, mit Ausnahme der Dirnen, welche ſich eifrig bemühten, ihre Freunde mit frivolen Scherzen zu unterhalten. Dorman nahm an einem Tiſche Platz, an welchem zwei hübſche, elegante Damen allein ſaßen und befahl dem Kellner, ein Souper zu bringen. Die beiden Damen waren Jenny Mouſſon und Juſtine, die kurz vorher bei dem Marquis geſpeiſt hatten und nun mit einer Taſſe Kaffee ihr Tagewerk beſchließen wollten. Im Anfang beachtete der Falſchmünzer ſie nicht, er hatte über andere Dinge nachzudenken. Er mußte jetzt eine neue Wohnung ſuchen und ſich dann mit dem Verkauf der Werthpapiere beſchäftigen, daneben auch noch die Theilung mit ſeinen Genoſſen in der Schenke Vater Dabaret's ordnen und über weitere Pläne zur Vermehrung ſeines Raubes nachſinnen. „Nein, wir wollen darüber nicht mehr ſprechen“, ſagte Iuſtine, „mich hat die ganze Geſchichte ohnedies genügend gelangweilt. Wenn das lächerliche Dokument auf Dich einen ſo ernſten Eindruck gemacht hat, ſo begreife ich das nicht, ich mußte darüber lachen.“ „Du lachteſt aus Trotz“, erwiderte Jenny,„Du wollteſt den Herren nicht zeigen—“ „Nein, ich wollte es nicht“, fiel Juſtine ihr heftig in's Wort, „ſie ſollten dieſen Triumph nicht haben. Es war abſcheulich, daß ſie uns die Freude verbitterten, und ich begreife nicht, daß der Marquis ſolche Leute zu einem feinen Diner einladen kann.“ „Seine Gunſt haſt Du auch verſcherzt.“ „Bah, was liegt mir daran? Er gibt ſich das Anſehen eines vornehmen Mannes, der eine Million Renten hat, aber in Wahrheit iſt er ein Knicker.“ — 686— „Ich glaube, ſo raſch können wir uns kein Urtheil über ihn bil⸗ den“, ſagte Jenny nachdenklich.„Man muß dieſen Mann zu behan⸗ deln verſtehen, aber es war nicht die richtige Art, wie Du ihn be⸗ handelteſt.“ Ein übermüthiges Lächeln glitt über das Antlitz Juſtinens, ſie warf einen verſtohlenen Blick auf den Fal ſchmünzer, der anſcheinend in Sinnen verſunken, den Rauchwölkchen ſeiner Cigarre nachſchaute. „Ich hatte eine feinere Tafel erwartet“, erwiderte ſie ſchmollend, „überdies langweilte mich die Geſellſchaft, und vollends, als er uns verließ, ſtieg die Galle mir in's Blut.“, „Hm, der Beſuch ließ ſich ja nicht abweiſen.“ „Und der Dame, der er die Audienz bewilligen mußte, ſchuldet er beſondere Rückſichten.“ „Kennſt Du ſie, Juſtine?" „Er warf ja ihre Karte auf den Boden.“ „Ja, ja, aber ich meine, ob Du die Dame ſelbſt ke unſt?“ Juſtine zuckte mit einer ſpöttiſchen Miene die 2 Achſeln „Wie ſollte ich nicht?“ erwiderte ſie.„Ich hatte ja das Glück Kammerzofe der Madame von Chateaufleur zu ſein.“ „Ah— dann wirſt Du auch etwas Näheres über ihre Be⸗ ziehungen zu unſerm Marquis wiſſen.“ Dorman ſpitzte die Ohren. Er erinnerte ſich der Mittheilungen, die Cora ihm über ibrs frühere Zofe und über das Geheimniß, welches ſich auf ein Verbrechen des Vicomte bezog, gemacht hatte. „Natürlich“, ſagte Fuſtine, die Oberlippe trotzig aufwerfend. „Wenn der Vicomte von ſemſe wüßte, was ich weiß, dann wäre Madame längſt nicht mehr bei ihrem Gemahl.“ „Das bezieht ſich wohl unf den Marquis?“ Auf ihn vorzüglich, ob Madame noch andere Freunde neben ihm gehabt hat, weiß ich nicht, aber ich halte es für ſehr wahrſcheinlich.“ „Seltſam!“ ertgegnete Jenny, leicht das Haupt wi dend„Der Marquis ſchien keineswegs über den Beſuch erfreut zu ſein.“ „Om— vielleicht iſt er ihrer überdrüſſig geworden. Dieſe Dame machte große Anſprüche, möglicherweiſe iſt ſie in ihren Forderungen zu unverſchämt geweſen.“ „Und als er zurückkehrte, war er ſehr ernſt und ſchweigſam.“ „Er hat vielleicht eine unangenehme Scene mit ihr gehabt. Wer ſich mit dieſen Damen einläßt, der hat A erger genug, man mag ihnen n be⸗ ol er — 687— mit dürren Worten ſagen, daß man nichts mehr von ihnen wiſſen wolle, ſie kommen immer wieder, um zu betteln. Wenn man uns nur einen Wink gibt—“ Wir ſind nicht allein, Juſtine.“ „Juſtine blickte betroffen auf den Falſchmünzer, aber dieſer Herr widmete ſeine ganze Aufmerkſamkeit dem Gericht, welches der Kellner ihm kurz vorher gebracht hatte. „Und wenn ex's auch hörte, was Tüge daran?“ fragte ſie achſel⸗ zuckend.„Ich ſage die Wahrheit— „Hm, es fragt ſich, ob Du ſie beweiſen kannſt.“ „Und wenn ich es nicht könnte 29* „Dann wäre Madame berechtigt, Rechenſch aft von Dir zu fordern und Dich eine Verleumderin zu nennen.“ „Bah, ſie wird es nicht wagen. Wenn ſie es thäte, würde i9 ſamunt ihrem Gemahl und ihrem niederlichen Stiefſohn vernichten. Ich wundere mich, daß ich es noch nicht geth jan habe, zumal ich trif⸗ tige Urſache habe, Rache an ihr zu nehmen.“ „Weiß ſie, daß Du es kannſt?“ „Schwerlich, aber der junge Herr weiß es.“ „Und den jungen Herrn willſt Du ſchonen?“ „Be wahre, gerade ihn haſſe ich am meiſten. Uebrigens iſt mir der Marquis in mancher Beziehung zu Dank verpflichtet, es liegt in ſeinem Intereſſe, ſich meine Gunſt zu bewahren, denn wenn ich plau⸗ dern wollte, könnte es böſe Folgen für ihn haben.“ Jenny rührte gedankenvoll in ihrer Taſſe und blickte zu dem Falſchmün zer hinüber, der mit der harmloſeſten Miene das Geſpräch — Das iſt Alles ganz gut!“ ſagte ſie,„aber damit, daß der Mar⸗ quis uns dann und wann einladet, können wir uns auch nicht be⸗ gnügen. Ich hatte ſchon einen Plan entworfen, der mir ſeine Vörſe öffnen ſollte, aber das Tiſchgeſpräch niahun eine Wendung, die mir nicht erlaubte, dieſen Plan auszuführen.“ „Und Du wirſt ſchwerlich etwas erreichen, denn wie geſagt, der reiche Herr iſt ein Knicker. Sollen wir gemeinſchaftliche Sache machen?“ „Weshalb nicht!“ „Gut, meine Wohr nung bei der Frau Bonhon gefällt mir nicht mehr, ich muß da zu viel entbehren, und das Kindergeſchrei 8 o QꝘά — 1 85 — S —— — 688— macht mich nervös. Ich werde der Frau eine kleine Summe geben, damit ihre Kinder nicht zu hungern brauchen und zu Dir ziehen.“ „Du ſollſt willkommen ſein“, ſagte Jenny.„Raum iſt genug in meiner Wohnung, aber das Geld fehlt.“ „Bah— das iſt Nebenſache. Ich habe noch eine hübſche Sunnme, wenn ſie verausgabt iſt, laſſen wir den Marquis zur Ader.“ „Das muß ſchon früher geſchehen.“ „Wir werden ſehen.“ „Wirſt Du mich jetzt ſchon begleiten?“ „Nein, dieſe Nacht ſchlafe ich noch in meinem alten Quartier, morgen Vormittag komme ich zu Dir.“ „Gut, ich erwarte Dich mit herzlicher Freude.“ „Wir werden dann Alles berathen, es müßte mit ſonderbaren Dingen zugehen, wenn wir nicht Quellen finden ſollten, aus denen wir mit vollen Händen ſchöpfen können.“ Die beiden Damen hatten ſich erhoben, Dorman legte die Ser⸗ viette hin und beobachtete ſie. Juſtine warf ihm, ehe ſie das Café verließ, einen bedeutſamen Blick zu, er erhob ſich und trank haſtig ſeinen Wein aus, dann folgte er den Beiden. Er erinnerte ſich der Demüthigung, die ihm in dem Hauſe des Marquis widerfahren war, der bitteren Klagen Cora's über den Geiz des Vicomte und ſo mancher anderer Einzelnheit, die er ſchon halb vergeſſen hatte, jetzt bot ſich ihm eine Gelegenheit, das Alles zu ord⸗ nen, den Wunſch Cora's zu erfüllen und für ſeine Perſon an dem Edelmann Rache zu nehmen. Die Damen ſchritten langſam die Boulevards hinunter, an der erſten Ecke blieben ſie ſtehen. Jenny bog in eine Seitenſtraße ein, während Juſtine ihren Weg in gerader Richtung fortſetzte. Noch einigen Minuten hatte Dorman das Mädchen erreicht, er zog den Hut ab und äußerte ſeine Freude, ſie ſo bald wieder zu ſehen. „Ich bitte Sie, mir zu erlauben, daß ich Sie begleite“, fügte er hinzu,„die Straßen ſind unſicher und die Wachen haben Befehl, jede Dame zu verhaften, die nach zehn Uhr ohne Begleitung ange⸗ troffen wird.“ „Iſt man ſo ſtreng und fromm geworden in dem einſt ſo luſtigen Paris?“ fragte Juſtine lachend, indem ſie ihre Hand auf den Arm — m — 689— des Falſchmünzers legte.„Was in aller Welt haben wir denn ver⸗ brochen, daß man uns verfolgt?“ „Es ſind eben nur Extreme, in denen die Regierung ſich gefällt. Den Deutſchen kann ſie nichts anhaben, deshalb übt ſie ihre dictato⸗ riſche Gewalt im Innern aus.“ „Wie grauſam! Ich lache und ſinge gerne, man wird uns auch das verbieten, wie man uns ſchon den Tanz verboten hat.“ „Ach, dann wird's noch immer Orte genug geben, an denen Sie herzen und lachen können!“ „Zum Beiſpiel?“ „Meine Wohnung.“ „Vortrefflich, aber ich fürchte, Sie wohnen in einer Manſarde, und da kann man nicht lachen.“ „Parbleu, mein ſchönes Kind, was hindert Sie, ſich ſofort zu überzeugen, daß dieſe Vermuthung falſch iſt?“ „Mich? Durchaus nichts.“ „Wohlan, Sie werden mich um Verzeihung bitten. Wir werden Champagner trinken und lachen.“ „Wein und Liebe“, ſagte Juſtine ſcherzend,„die beiden ſind un⸗ zertrennlich, aber wiſſen Sie, was als Drittes im Bunde fehlt?“ „Nein.“ „Gold, mein Herr!“ „Wir werden auch das haben.“ „Täuſchen Sie mich nicht?“ „Wenn Sie mir mißtrauen—“ „Nein, nein“, fiel Juſtine ihm haſtig in's Wort.„Wenn Sie mich täuſchen wollten, wäre es ja Ihr eigener Schade.“ „Inwiefern?“ „Ich würde Sie augenblicklich verlaſſen!“ „Sie werden es nicht thun, ich weiß es.“ „Um ſo beſſer für Sie. Was halten Sie von meiner Freundin?“ „Sie iſt nicht ſo ſchön, wie Sie.“ „Ach, und ſie hat das Lachen verlernt. Man hat mir geſagt, ich werde auch nicht mehr lachen, wenn die preußiſchen Bomben auf den Boulevards platzten, aber ich glaube, dieſes intereſſante Schau⸗ ſpiel würde mich ſehr erheitern. Weiß man noch nicht, wann das Bombardement beginnen wird. „Nein, mein Kind, vielleicht will man uns durch Hunger zwingen.“ N. 44 —— Oð——— — 690— „Dann würde die Geſchichte noch lange dauern. Aber was iſt das?“ „Sie wohnen hier?“ Sie ſtanden vor dem Hauſe des Vicomte von Chateaufleur, und Juſtine erinnerte ſich unwillkürlich ihrer beißenden Bemerkungen über Cora. „Gefällt Ihnen das Haus nicht?“ fragte Dorman. „Da hinein gehe ich nicht mit Ihnen.“ „Und weshalb nicht, wenn ich fragen darf?“ „Weil ich nicht will!“ „ Das iſt in der That ein triftiger Grund!“ lachte Dorman, aber in demſelben Augenblick umſchlang er die Taille des Mädchens ſo feſt, daß Juſtine vor Schmerz laut aufſchrie. Er hatte ſchon vor⸗ her ein Flacon aus der Taſche gezogen, welches er ihr jetzt unter die Naſe hielt, und bereits nach wenigen Sekunden lag ſie bewußtlos in ſeinem Arme. Der Falſchmünzer hob ſie auf wie ein ſchlafendes Kind und ſchritt auf die Thüre zu, er zog die Glocke und trat gleich darauf mit ſeiner Laſt in das Haus. „Führen Sie mich in ein Zimmer und laſſen Sie Madame wiſſen, daß ich da bin“, befool er dem Portier, der ganz verdutzt ihn betrachtete. „Madame wird ſich bereits in ihr Schlafgemach zurückgezogen haben“, ſagte der Lakai. „Wenn auch— richten Sie die Botſchaft aus, Madame er⸗ wartet mich.“ Dagegen ließ ſich nichts mehr einwenden, der Portier führte den ihm völlig Fremden in ein Cabinet, ſtellte eine brennende Kerze auf den Tiſch und entfernte ſich, um dem erhaltenen Befehl nachzukommen. Dorman legte ſeine ſchöne Bürde auf den Divan, warf das Packet mit dem Gelde auf den Tiſch und begann in dem Zimmer auf⸗ und abzuwandern. Er brütete ſchon jetzt über einem Plane, durch den er dem Mar⸗ quis die Beleidigung heimzuzahlen gedachte, es kam dabei nur noch darauf an, ob dieſes Mädchen ſich bereit finden ließ, die Ausführung zu vermitteln. Sie ſollte den Marquis verrathen, ihn ſeinen Feinden überliefern, wenn ſie dazu bereit war, wollte er ihr den Weg ſchon zeigen, auf dem ſie es ohne Gefahr für ſich ermöglichen konnte. — 693— „Nein, Madame!“ „Wie kategoriſch Sie das ſagen! Ich verlange ſie durchaus nicht umſonſt, ſtellen Sie Ihre Forderung“ „Sie ſind mir nicht feil.“ „He, was wollen Sie damit?“ fragte Dorman rauh.„Sie ver⸗ lieren ihren Werth, wenn man ſie nicht benützt.“ „O, die Verjährungsfriſt für einen Mord iſt ſehr weit ausgedehnt“, ſagte Juſtine ſarkaſtiſch.„Dieſe Beweiſe werden niemals kraftlos werden.“ „Der Vicomte kann plötzlich ſterben!“ warf Cora ein. „Dann wird ein Höherer über ihn richten.“ „Und was haben Ihnen alsdann die Beweiſe genutzt?“ „Welchen Nutzen würden ſie für Sie haben, Madame?“ „Das iſt eine naſeweiſe Frage.“ „Erlauben Sie, ich bin Ihre Zofe nicht mehr.“ „He, und was ſind Sie jetzt?“ Wieder mußte Dorman den Sturm beſchwören, der ſich abermals erheben wollte, an dieſer gegenſeitigen Erbitterung drohten die Unter⸗ handlungen zu ſcheitern. „Hören Sie, was ich Ihnen biete“, ſagte Cora, gewaltſam ſich bezwingend.„Ich werde Ihnen eine Wohnung einräumen und—“ „Mit dieſem Vorſchlag kann ich mich von vorne herein nicht ein⸗ verſtanden erklären“, unterbrach Juſtine ſie. „So werde ich Ihnen eine kleine Rente zahlen.“ „Wie lange? Vielleicht einmal, das zweite Mal würden Sie mich durch Ihre Lakaien hinauswerfen laſſen.“ Cora wechſelte einen bedeutungsvollen Blick mit ihrem Bruder, wie wenn ſie ihn fragen wolle, ob es möglich ſei, mit einer ſo frechen und trotzigen Dirne ein vernünftiges Wort zu reden. „Nun wohlan“, ſagte ſie tief aufathmend,„ich werde Ihnen nicht die Rente, ſondern das Kapital zahlen.“ „Wie hoch iſt das Kapital, Madame?“ „Zehntauſend Francs“, erwiderte Dorman. „Und wer ſoll das Geld zahlen? Sie, oder der Marquis?“ „Unverſchämtes Geſchöpf—“ „Rege Dich nicht auf, Cora“, ſagte ber Falſchmünzer,„man muß ſich über ſolche Bemerkungen erhaben fühlen. Mein liebes Kind, wir wollen deutlich miteinander reden. Das Geld zahle ich und zwar — ————— 5* — 694— ſofort, wenn Sie uns die Papiere übergeben. Ich ſetze voraus, daß dieſe Papiere eine vollſtändige Beweiskette bilden, in der kein Ring fehlen darf, Sie behaupten, dem ſei ſo, wir glauben Ihnen. Ein größeres Vertrauen können Sie nicht fordern. Was wir mit dieſen Beweiſen beginnen wollen, kann Ihnen gleichgültig ſein, ſie werden durch den Kauf bedingungsloſes Eigenthum.“ „Aber ich will ſie nicht verkaufen.“ „In dieſem Falle, mein kluges Kind, würde mir nichts Anderes übrig bleiben, als die Papiere aus Ihrer Wohnung zu holen. Sie wohnen bei Madame Bouhon, Rue Jean Jaques Rouſſeau, Nummer ſechsundvierzig, ich zweifle nicht, daß die Frau uns ohne Bedenken Ihre Habſeligkeiten ausliefern wird.“ Juſtine lachte hell auf. „Sie werden dort nichts finden“, ſagte ſie. „Dann tragen Sie die Papiere bei ſich, unſere Aufgabe wird da⸗ durch weſentlich erleichtert.“ „Auch das nicht, mein Herr.“ „Man wird ſich überzeugen.“ „Wie, mein Herr, Sie ſind ſchamlos genug, mir dies zu ſagen?“ fragte Juſtine entrüſtet. Ich wiederhole Ihnen, daß es nutzloſe Mühe wäre, die Papiere ſind an einem Orte niedergelegt, den ich nicht ver⸗ rathen werde.“ „So wird man Sie dazu zwingen“, entgegnete Cora,„Hunger und einſame Haft haben ſchon manchen Trotzkopf mürbe gemacht.“ „Verſuchen Sie es!“ „Unſinn,“ ſagte Dorman ärgerlich.„Sie müſſen doch einſehen, Juſtine, daß Sie den Kürzeren ziehen werden, wenn Sie unſere Feindſchaft herausfordern. Sie ſind in unſerer Gewalt, wir könnten Sie ruhig in's Jenſeits ſchicken, ohne eine Entdeckung befürchten zu müſſen. Denn wer würde Sie vermiſſen? Wahrlich Niemand. Sie verſchwinden, und kein Hahn kräht nach Ihnen. Vielleicht entdeckt ein früherer Freund Ihre Leiche in den Morgue, aber er wird ſie nicht einmal reclamiren.“ In dem ſtarren Blicke der weitgeöffneten Augen Juſtinens ſpiegelte ſich das wachſende Entſetzen, welches dieſe Worte ihr einflößten, Miene, Ton und Haltung dieſes Mannes verriethen ihr nur zu deutlich, daß er zum Aeußerſten entſchloſſen war. Sie mußte nachgeben, das war ihr jetzt klar geworden, ſie mußte⸗ — 695— es, wenn es auch nichts weiter war, als eine Liſt, durch welche ſie der drohenden Gefahr ſich entzog. „Reden wir ernſt und vernünftig miteinander“, fuhr der Falſch⸗ münzer fort, ohne den glühenden Blick von ihr abzuwenden,„wir werden hoffentlich dennoch zu dem gewünſchten Ziele kommen. Wo ſind die Dokumente?“ „In der Hand eines Freundes“, erwiderte Juſtine zögernd. „Und wer iſt dieſer Freund?“ „Das ſage ich nicht.“ „Gut, laſſen wir dieſen Punkt einſtweilen unberührt. Sie geben zu, daß Sie die Papiere beſitzen, und daß es in ihrer Macht liegt, ſie uns zu überliefern; nicht wahr?“ „Ja. „Weiter! Welche Beziehungen beſtehen zwiſchen Ihnen und dem Marquis von Chateaurouge?“ „Die beſten von der Welt.“ „Bitte, ich glaube das beſſer zu wiſſen! Ich erinnere mich, daß Sie vorher im Café ihre Unzufriedenheit über ihn äußerten. Täuſchen wir uns nicht gegenſeitig, was Madame und mich betrifft, ſo haſſen wir jenen Mann, und dieſer Haß ſtützt ſich auf triftige Gründe.“ Ueber die Lippen des Mädchens glitt ein höhnendes Lächeln, ſie ſchleuderte der ſchönen Frau einen boshaften Blick zu. „Und doch war Madame noch vor wenigen Wochen die intimſte Freundin des Herrn Marquis!“ ſagte ſie. „Haben Sie auch das ausſpionirt? fuhr Cora entrüſtet auf. „Ach, Madame, es konnte mir ja nicht verborgen bleiben, es war nicht nöthig, daß ich ſpionirte. Ich kann Ihnen die Geheimniſſe eines kleinen Cabinets erzählen, welches ſich in dem Hauſe Ihrer Modiſtin befindet—“ „Elende!“ „Still“, ſagte Dorman,„geben wir Alles zu, was dieſes Mädchen behauptet, es kann nicht ſchaden, wenn wir bei der Wahrheit bleiben. Nun denn, Madame war die Freundin des Marquis, aber er hat ſeine Schwüre gebrochen und ihr Beleidigungen zugefügt, die keine Frau vergeſſen und vergeben kann.“ „Und was weiter?“ fragte Juſtine ſpitz. „Sie werden begreifen, daß ſolche Beleidigungen Genugthuung fordern und wir ſind entſchloſſen, ſie uns zu verſchaffen. Der —— — 696— Marquis weiß das, er iſt ein vorſichtiger Mann, er hat ſeine Maß⸗ regeln getroffen, unſre Pläne zu verhindern und dabei ſein Augenmerk vorzüglich auf mich gerichtet.“ „Hm, wenn Madame Grund zur Rache hätte, ſo würde ſie heute den Rachedurſt befriedigt haben, ſie konnte es, denn ſie war allein mit dem Marquis.“ „Ja, wenn ich wie Sie, mit kaltem Blute einen Menſchen morden könnte!“ ſagte Cora mit einem Blicke der Verachtung. „Parbleu, Madame, das iſt die kürzeſte und ſicherſte Rache. Aber freilich, nicht Jeder hat den Muth und die Geiſtesgegenwart im entſcheidenden Augenblicke.“ „Sie werden ſich mit uns verbünden“, fuhr Dorman fort,„Sie haben Zutritt—“ 1 „Ich, mein Herr? Niemals!“ „Erlauben Sie, wir verlangen nichts weiter von Ihnen, als daß Sie uns den Wag bahnen, das Uebrige iſt unſere Sache. Wir werden gemeinſchaftlich den Plan entwerfen, Ihnen ſoll der leichteſte Theil unſerer Aufgabe zufallen. Wir fordern nicht, daß Sie es umſonſt thun, mein ſchönes Kind, durchaus nicht. Wenn der Marquis todt iſt, werden wir ſeine Hinterlaſſenſchaft theilen, und Sie ſollen Ihren vollen Antheil erhalten. Was dabei herauskommen wird, weiß ich nicht mit Beſtimmtheit zu ſagen, aber ich weiß wohl, daß es eine große bedeutende Summe ſein muß, die Ihnen ein Leben in Glanz und Ueberfluß ſichert.“ Juſtine ſchüttelte den Kopf, wenn auch der Blick in dieſe glänzende Zukunft ſie blendete, ſo konnte ſie ſich doch nicht entſchließen, ſolche Mittel zu benutzen, um dieſe Zukunft ſich zu ſichern. Sie war leichtſinnig und in mancher Beziehung gefühllos, aber vor der Bahn des Verbrechens bebte ſie zurück, ſo tief war ſie noch nicht geſunken. Und dennoch durfte ſie das ihr angebotene Bündniß nicht ſo ganz zurückweiſen, ſie fühlte inſtinktiv, daß ſie verloren war, wenn ſie es that. Dieſer Mann mit dem drohenden Blick, in dem die verzeh⸗ renden Gluthen böſer Leidenſchaften ſich ſpiegelten, hatte ſie zu tief in ſeine Pläne eingeweiht, ſeine eigene Sicherheit erforderte, die Mit⸗ wiſſerin dieſes Geheimniſſes unſchädlich zu machen, wenn ſie ſich mit ihm nicht verbinden wollte. „Entſchließen Sie ſich“, ſagte Dorman,„Sie holen die Papiere, — 697— und ich zahle Ihnen ohne Verzug zehntauſend Francs, wir berathen alsdann über unſere andern Pläne, und Sie erhalten den dritten Theil der baaren Gelder und Werthpapiere, der Schmuckſachen und Silbergeſchirre, welche der Marquis hinterlaſſen wird.“ „Alle dieſe Worte ſind verſchwendet“, verſetzte Cora mit ſchneidender Schärfe,„Juſtine vertraut uns nicht, ſie wird die Kenntniß unſerer Abſichten nur zu unſerm Schaden benutzen.“ „Wenn wir ſo thöricht ſein werden, ihr das zu geſtatten 1“ ent⸗ gegnete Dorman.„Sie hat die Wahl zwiſchen einem Bündniß mit uns und dem Tode.“ Juſtine fuhr von ihrem Sitze empor, ihre Hand griff in den Buſen, aber ſie fand dort den Dolch nicht, den ſie ſonſt ſtets bei ſich führte. „Widerſtand von Ihrer Seite wäre nutzlos“, ſagte der Falſch⸗ münzer kalt,„beim erſten Hülferuf iſt ihr Leben verloren. Weshalb wollen Sie es zum Aeußerſten kommen laſſen? Sie allein verlieren dabei, während Sie auf der andern Seite gewinnen können.“ „Das ſehe ich ein, aber dieſe drohende Sprache gefällt mir nicht“, enwiderte das Mädchen, deſſen Antlitz todesbleich geworden war.„Ich mache auf die rückſichtsvolle, höfliche Behandlung Anſpruch, die ein Herr jeder Dame ſchuldet. 4 Cora lachte laut auf, der Falſchmünzer warf ihr einen ernſten, verweiſenden Blick zu. „Sie ſind alſo bereit, meinen Vorſchlag anzunehmen?“ fragte er. „Unter der Bedingung, daß Sie mir den Beweis liefern, daß ich mit Sicherheit auf die Zahlung der zehntauſend Francs rechnen kann.“ Dorman öffnete den Beutel, der auf dem Tiſche lag, und warf einige Rollen auf den Tiſch, die er zerbrach. Klirrend fielen die Goldſtücke heraus, die dunklen Augen der ſchönen Frau funkelten, während Juſtine nur einen gleichgültigen Blick für das blit ende Gold hatte. „Gut“, ſagte ſie,„ich bin beruhigt.“ „Sie werden uns die Papiere überliefern?“ „Sobald ſie in meinen Händen ſind.“ „Und Sie können auf Ehrenwort verſichern, daß dieſe Papiere das Verbrechen des Vicomte unumſtößlich beweiſen 2* „Ja. Sie werden darunter eine Denkſchrift des Arztes finden, der auf Befehl de⸗ Vicomte das Kind der Generalin von Chateaufleur ᷣn 698— nordete und die Mutter in's Irrenhaus brachte. Dieſes Document iſt von mehreren Zeugen beglaubigt—“ „Ah, das wird genügen“, ſagte Cora erfreut, ‚dieſen Beweis kann der Vicomte nicht umſtoßen. Aber wer bürgt uns dafür, daß Sie uns nicht betrügen?“ „Ich werde ⸗Juſtine begleiten“, erwiderte Dorman. „Und ich werde Ihnen dieſe Begleitung nicht geſtatten!“ ſagte das Mädchen, die Augen ſeſt auf ihn richtend.„Es iſt nahe an Mitternacht, ich kann jetzt den Freund nicht beſuchen, dem ich die Documente übergeben habe, ich muß damit warten bis morgen.“ „Da haben wir ſchon die Hinterpforte, durch die ſie uns ent⸗ ſchlüpfen will“, warf Cora ein. „Madame, wenn Sie mir nicht trauen, ſo iſt es beſſer, wir ſchließen das Bündniß nicht.“ Der Falſchmünzer ſtand in Nachdenken verſunken. „Sie könnten hier bleiben“, ſagte er,„Madame würde Ihnen ein Schlafzimmer anweiſen laſſen, morgen früh treten wir dann ge⸗ meinſam den Weg an.“ „Und wenn ich Sie betrügen wollte, wäre es mir ſo ſehr ſchwer, Ihnen auf dieſem Wege zu entſchlüpfen?“ fragte Juſtine ſpöttiſch. „Der Weg führt über die Boulevards, ich finde dort ohne Zweifel Freunde und Bekannte, ein Hülfeſchrei würde ſie herbeirufen, und 6 wenn ich dann der Menge berichte, was Sie von mir verlangen, dürfte ich mit Gewißheit darauf rechnen, daß man für mich Partei nähme. Wie ich Ihrem Worte Glauben ſchenke, ſo müſſen Sie auch mir vertrauen, mein Herr. Beſtimmen Sie Ort und Stunde unſerer nächſten Zuſammenkunft, und ich werde Ihnen die Papiere bringen.“ „Gut, ich will Ihnen glauben“, ſagte Dorman entſchloſſen.„Täu⸗ ſchen Sie mich, ſo werde ich nicht ruhen, bis ich Sie gefunden habe, und dann fürchten Sie meine Rache.“ „Ich weiß das, die Drohung iſt überflüſſig.“ „Denken Sie nicht, daß ich Sie nicht finden werde, mir iſt bis jetzt noch Niemand entgangen, den ich verfolgte. Kommen Sie mor⸗ gen hierher, wir erwarten Sie zwiſchen elf und zwölf Uhr zum Frühſtück, hier läßt das Geſchäft ſich beſſer ordnen, als an einem andern Orte.“ „Gut, ich werde mich einfinden. Weiter haben Sie mir nichts mehr zu ſagen?“ ———— veument„Nein.“¹ „Dann gute Nacht!“ is vann Das Mädchen verbeugte ſich leicht und ging hinaus, Dorman a5 Sie ließ ſie ungehindert gehen, ohne das mißbilligende Kopfſchütteln ſeiner Schweſter zu beachten. „Das war unklug!“ ſagte die ſchöne Frau ärgerlich.„Wir wer⸗ ſagte den Sie nicht wiederſehen.“ ahe an„Ich denke doch“, erwiderte Dorman gelaſſen.„Der Gewinn ich die reizt ſie, es iſt ein zu vortheilhafter Handel für ſie.“ „Sie wird dem Marquis alles verrathen, er zahlt ihr mehr—“ 3 ent⸗„Wenn ſie den Muth dazu hat! Es kann ihr ja nicht zweifelhaft ſein, daß ich meine Drohung ausführen werde. Warten wir's ab, r, wir Cora, ich ſah keinen andern Weg, uns ſicher zu ſtellen; daß ſie die Papiere einem Andern zur Aufbewahrung übergeben hat, erſcheint mir ſehr glaubwürdig, und es erſchien mir nicht zweckmäßig, Gewalt Ihnen anzuwenden, um ſie zur Enthüllung dieſes Geheimniſſes zu zwingen. un g⸗ Ohne Lärm wäre es nicht abgegangen, und der Pöbel draußen lauert nur auf eine Gelegenheit, um in die Häuſer der Reichen ein⸗ chver zudringen.“ ttiſch„Sie wird nicht kommen“, ſagte Cora. wefel„Dann ſuche ich ſie, und wehe ihr, wenn ich ſie finde.— Ich und würde Dich bitten, mir eine Wohnung in Deinem Hauſe einzuräu⸗ angen, men, aber ich glaube, es iſt beſſer für uns Beide, wenn ich's nicht Partei thue. Dem Vicomte möchte ich nicht begegnen, und meine Anweſen⸗ eauch heit könnte ihm doch nicht ſo ganz verborgen bleiben, überdies möchte der Marquis Verdacht ſchöpfen, wenn er erführ, daß ich bei Dir ni wohne. Vernichten wir dieſe Beiden, dann können wir thun und Tu⸗ laſſen, was uns beliebt. Sollte der Chevalier uns in den Weg hrbe treten, ſo beſeitigen wir auch ihn.“ V Cora war an den Tiſch getreten, der Glanz des Goldes ſchien ſie magnetiſch anzuziehen. 1 ü V„Woher haſt Du das genommen?“ fragte ſie. nur⸗„Bah, eine alte Schuld, die ich einkaſſirte.“ 1 1 „Pierre, ich vermuthe— 1„Gottes Tod, Cora, hier iſt nichts zu vermuthen, das Gold iſt mein Eigenthum.“ „Gib mir einen Theil davon.“ 9„Hm, Du wirſt bald mehr beſitzen—“ — 700— „Vielleicht, aber das iſt noch ungewiß. Die beſten Pläne können ſcheitern.“ „Du biſt nicht ſtolz und hochmüthig geweſen, als ich zu Dir zu⸗ rückkehrte, Du haſt mich empfangen, wie eine Schweſter den Bruder empfangen ſoll, dafür ſchulde ich Dir Dank. Nimm einige Rollen, Du wirſt ſie mir ſpäter zurückgeben.“ „Sammt den Zinſen, Pierre“, erwiderte Cora, die bereits mit. zitternden Händen in dem Beutel wühlte.„Du biſt ein guter Junge, man hat Dir großes Unrecht gethan, aber Geduld, zuletzt wirſt Du über alle Deine Feinde triumphiren.“ Der Falzmünzer nickte gedankenvoll und band den Beutel wieder zu, dann nahm er ſeinen Hut. „Ich hoffe das“, ſagte er,„mit Deinem Gemahl und dem Mar⸗ quis werden wir beginnen, das iſt der erſte Akt des Rachewerks. Ich werde gehen und mir ein Quartier ſuchen, ein nobles Quartier, meine Intereſſen fordern, daß ich fortan die Rolle eines vornehmen Herrn ſpiele. Du ſollſt keine Urſache haben, Dich Deines Bruders ſchämen zu müſſen, ich werde mit Tagesanbruch die Vorbereitungen treffen, die zur Uebernahme der neuen Rolle nöthig ſind. Auf Wiederſehen, Cora, ich hoffe, morgen Abend hat Dein Wille allein Geltung in dieſem Hauſe!“ Er nickte ihr noch einmal zu und ging hinaus, und Cora blickte lange ſinnend auf die Thüre, hinter der er verſchwunden war. Endlich wandte ſie ſich um, aber entſetzt prallte ſie zurück vor dem Anblick, der ſo unerwartet ihr ſich bot. Das Zimmer, in welchem ſie ſich befand, war durch eine mit ſchweren Gardinen verhangene Thüre mit einem andern Gemach ver⸗ bunden. Dieſe Portiere war auseinander geſchoben, und auf der Schwelle des Zimmers ſtand die kleine, hagere Geſtalt des Vicomte, in deſſen kleinen Augen ein verzehrendes Feuer loderte. „Was nun, Madame?“ fragte er ſcharf.„Glauben Sie, Ihr ſchändlicher Plan werde Ihnen gelingen?“ Cora hatte raſch ihre Faſſung wiedergefunden, Haß und Wuth erfüllten ihre Seele, alle böſen Leidenſchaften flammten mächtig in ihr auf. „Nennen Sie es einen ſchändlichen Plan, wenn ich Vergeltung übe?“ erwiderte ſie trotzig. P 4 6 Pläne können zu Dir zu⸗ den Bruder inige Rollen bereits mit guter Junge, zt wirſt Du ſeuutel widder d dem Mar⸗ hewerks. Ich artier, meine hmen Herrn ders ſchämen noen treffen, Wiederſehen, gin diſem Cora blicke war. ück vor dem jh eine mit Hemach ver⸗ er Schwelle in deſſen. 2ze alt Sie, M und Vuth mächtig in eltung Verg 39 — 691— So weit war der Verbrecher in ſeinem Gedankengange gekommen, als Cora eintrat. Sie erſchrak, als ſie ihren Bruder bemerkte, aber als nun ihr Blick auf Juſtine fiel, ſtieß ſie einen leiſen Freudenſchrei aus. „Da bringe ich Dir Deine frühere Zofe“, ſagte er lächelnd,„jetzt ſieh' zu, ob Du Deinen Zweck erreichen und die Beweiſe gegen den Vicomte erhalten wirſt.“ Cora war raſch auf das Mädchen zugeſchritten. „Sie iſt nur betäubt“, fuhr er fort,„ich mußte Chloroform an⸗ wenden, da ſie ſich weigerte, die Schwelle dieſes Hauſes zu überſchreiten. Aber ſie wird ſogleich erwachen, nur einen Augenblick Geduld. „Wo iſt der Vicomte?“ „In ſeinem Kabinet.“ „Und der Chevalier?“ „Ich weiß es nicht, ich glaube, er hat die Nachtwache auf den Wällen.“ „Sehr gut, wir ſind alſo ungeſtört. Du warſt heute beim Marquis.“ „Woher weißt Du das?“ fragte Cora befremdet. „Er hat Dich nicht gut empfangen.“ „Nein, nein, aber—“ „Nun, dieſe Gans da war bei ihm zum Diner, man hat ſich über Dich luſtig gemacht.“ Dunkle Gluth übergoß das Antlitz der ſchönen Frau, ein Blitz des glühendſten Haſſes traf aus ihren Augen das Mädchen, welches eben die Augen öffnete. „Schändlich!“ preßte ſie zwiſchen den feſtgeſchloſſenen Zähnen her⸗ vor.„Wie? So ehrlos iſt dieſer Mann, daß er mich dem Geſpött ſolcher Dirnen preisgibt? Pierre, räche mich an ihm, und ich will Dir mein ganzes Leben dafür danken! Er hat mir vorgeworfen, ich habe Dich zu ihm geſchickt, um ihn zu zwingen, das Geld zu zahlen, er ſprach von Dir in Ausdrücken, die ich nicht wiederholen mag—“ „Ich kenne ſie“, ſagte der Falſchmünzer höhniſch,„er hat ſie mir in’s Geſicht geſchleudert.“ „Dann begreife ich nicht, daß Du ſo lange mit der Rache zögerſt!“ „Soll ich mich ſelbſt an's Meſſer liefern? Wenn man ſolchen Herren beikommen will, muß man verſteckte Wege ſuchen.“ Juſtine war jetzt völlig erwacht, ſie richtete ſich empor und blickte 44 X — — 692— verwirrt die Beiden an, es fiel ihr offenbar ſchwer, ſich deſſen zu er⸗ innern, was vorher mit ihr vorgefallen war. Aber im Augenblick darauf ſprang ſie von dem Divan auf, ſie ſchien jetzt die Gefahr, in der ſie ſich befand, in ihrem vollen Umfange erkannt zu haben. „Man hat mich betrogen!“ ſagte ſie.„Was will man von mir?“ „Sie werden es erfahren“, erwiderte Cora kalt,„ſetzen Sie ſich, Mademoiſelle, ich werde einige Fragen an Sie richten, auf die ich offene Antworten erwarte.“ „Da können Sie lange warten!“ „Wenn Sie trotzig ſind, ſo werden wir Mittel finden, Ihren Trotz zu beugen.“ „Verſuchen Sie es, Madame, ich ſage Ihnen in's Geſicht, daß Sie nicht beſſer ſind, wie ich, und daß ich nur durch Sie geworden bin, was ich bin. Ich habe keine Pflichten gegen Sie, wohl aber habe ich das Recht, von Ihnen Genugthuung zu fordern für den Schimpf, den Sie mir zufügten, als Sie mich ohne Grund entließen.“ „Frech und boshaft iſt das Geſchöpf noch immer“, ſagte Cora im Tone der Verachtung.„Ich wiederhole Ihnen, Mademoiſelle, man wird Ihren Trotz zu beugen wiſſen.“ „Wagen Sie es, ſo ſchreie ich die ganze Nachbarſchaft zuſammen, ich werde dieſen Leuten eine Geſchichte erzählen—“ „Ruhe“, fiel Dorman ihr mit ernſter Miene in's Wort.„Reizen— Sie uns nicht, Juſtine, hören Sie zuvor, was wir von Ihnen wollen.“ „Gut, ich werde hören“, ſagte das Mädchen. „Und meine Fragen beantworten?“ erwiderte Cora. „Das weiß ich noch nicht.“ „So verſuchen wir es. Sie haben dem Chevalier eine Geſchichte erzählt, vielleicht iſt es dieſelbe, mit deren Veröffentlichung Sie vorhin mir drohten, aber ſie betrifft nicht mich, ſondern den Vicomte.“ „Das iſt die Wahrheit! „Sie haben behauptet, die Beweiſe ſeien in Ihren Händen.“ „Glauben Sie, das ſei eine Lüge?“ „Nur nicht ſo heftig, ich habe Ihnen noch keine Lüge vorgeworfen.“ „Nun wolhl, ich habe dieſe Beweiſe.“ „Sind ſie vollſtändig?“ „Natürlich, ſonſt wären ſie werthlos.“ „Wären Sie geneigt, mir dieſe Beweiſe zu überlaſſen?“ en „Vergeltung? Wofür?“ „Für ihren Geiz, Ihre Tyrannei, für die ſchmachvolle Behandlung, die mir in dieſem Hauſe zu Theil geworden iſt.“ Der Vicomte war näher getreten, vor ſeinem flammenden Blick mußte Cora unwillkürlich die Augen ſenken. „Mein Geiz?“ erwiderte er.„Madame, ich habe jeden billigen Wunſch befriedigt, aber meine Mittel reichten nicht aus, um Ihre Putz⸗ und Genußſucht zu befriedigen. Und weil ich das einſah, führte ich ein ſtrenges, geordnetes Regiment ein, Sie müßten mir dankbar dafür ſein, denn ich ſichere dadurch Ihren Kindern eine glänzende Aus⸗ ſteuer. Sie nennen es Tyrannei, rechnen Sie mit dem geſunden Verſtande, nicht mit den Leidenſchaften, ſo werden Sie es anders nennen. Sie beſchweren ſich, daß unſer Tiſch einfacher geworden iſt, daß keine Leckerbiſſen mehr aufgetiſcht werden, verlangen Sie, daß ich mein ganzes Vermögen an unſere Tafel vergeuden ſoll? Die Preiſe der Lebensmittel haben eine ſo enorme Höhe erreicht—“ „Verſchonen Sie mich mit dieſen Lamentationen!“ fiel Cora ihm erregt in's Wort.„Ich habe Sie täglich hören müſſen, ſie ſind kindiſch und lächerlich.“ „Im Gegentheil, Madame, ſie ſind nur zu ſehr begründet, wenn Sie das nicht einſehen wollen, ſo iſt das nur ein Beweis für Ihren Leichtſinn, der Ihnen nicht geſtattet, ernſt in die Zukunft zu blicken. Sie ſprechen von ſchmachvoller Behandlung. Madame, wer von uns beiden hat Urſache, ſich darüber zu beklagen? Haben Sie mir die Treue gehalten, die Sie mir am Tage unſerer Hochzeit gelobten? Stehen Sie nicht in dieſem Augenblick mit Schmach und Schande be⸗ deckt vor mir?“ Cora wandte ihm achſelzuckend den Rücken, wie wenn ſie ihm ihre Verachtung beweiſen wolle. „Wie? Sie, die Sie Chre und Pflicht vergeſſen und mit eignen Füßen in den Staub getreten haben, wollen mir Vorwürfe machen? Mit welchem Recht? Jetzt weiß ich, wer die elegante Toilette und den koſtbaren Schmuck bezahlt hat, bisher vermochte ich dieſes Räthſel nicht zu löſen, jetzt iſt es mir klar geworden.“ „Wirklich?“ ſpottete die ſchöne Frau.„Dann wird es Ihnen wohl auch klar ſein, daß Sie durch Ihren Geiz mich zwangen, die Börſe eines Freundes in Anſpruch zu nehmen. Sie ſind ein alter Mann, Vicomte, Sie waren es ſchon, als Sie mich zum Altare — 702— führten, Sie mußten ſchon damals wiſſen, daß ich für das Opfer, welches ich Ihnen brachte, Entſchädigung verlangte. Ich opferte Ihnen meine Jugend, meine Schönheit und meine Freiheit, Sie haben dieſes Opfer nicht zu würdigen gewußt. Sie konnten mit Ihrer ſchönen Frau glänzen, Sie mußten ſtolz auf meinen Beſitz ſein, aber nichts von alledem! Sie ſuchten Ihre Vergnügungen im Jockeyclub und über⸗ ließen es Ihrer jungen Frau, die Lebensgenüſſe zu ſuchen, die ſie von Ihnen zu fordern berechtigt war.“ „Glauben Sie damit Ihr Verbrechen entſchuldigen zu können?“, fragte der Vicomte boshaft. „Nein, mein Herr, ich glaube, daß es nicht einmal einer Ent⸗ ſchuldigung bedarf, denn ich ſehe darin kein Verbrechen. Und wenn es ein Vergehen war, ſo tragen Sie allein die Schuld daran! Blicken wir aber nun in Ihre Vergangenheit, Vicomte! Sie glaubten das Geheimniß Ihrer Verbrechen gut bewahrt, nun iſt es an's Licht ge⸗ kommen, die Beweiſe werden bald in meinen Händen ſein.“ „Sie werden nie in Ihre Hände gelangen!“ fuhr der kleine Herr auf.„An der Treue meiner Diener ſcheitern Ihre Künſte. In Wahrheit, das Complot mit der liederlichen Dirne und dem ent⸗ ſprungenen Galeerenſträfling zeigt Ihren Charakter in ſeinem wahren Lichte.“ „Pierre Dorman iſt mein Bruder, mein Herr!“ „Ah, Sie haben Urſache, auf dieſe Verwandtſchaft zu pochen, um die Niemand Sie beneiden wird! Ein ſolches Subjekt iſt freilich zu Allem fähig, es bebt vor keinem Verbrechen zurück, und ein ſolches Subjekt muß Ihr Werkzeug ſein, wenn Sie Ihr ſchändliches Vor⸗ haben ausführen wollen. Sehr wohl, Madame, es ſoll Ihnen frei⸗ geſtellt ſein, das Bündniß recht eng und feſt mit dieſem Burſchen zu ſchließen, ich werde dagegen nichts einzuwenden finden, wenn es außer⸗ halb meines Hauſes geſchieht. In dieſem Falle kann natürlich von einer Rückkehr in dieſes Haus nicht mehr die Rede ſein.“ „Und was würde ich bei dem Tauſch verlieren?“ fragte Cora, die Hand auf den ſtürmiſch wogenden Buſen praſſend. „Nichts, Madame, denn Ehre und guten Ruf haben Sie bereits verloren.“ „Nein, nichts, mein Herr, denn ich war bisher an einen Mörder gefeſſelt. Pierre hat kein Blut vergoffen, er ſteht in dieſer Beziehung hoch über Ihnen,“ A Blick würd — 703— In den Augen des Vicomte blitzte es jäh auf, und wenn der Blick, der die ſchöne Frau traf, eine tödtende Kraft beſeſſen hätte, ſo würde Cora zerſchmettert niedergeſunken ſein. „Das iſt nichts weiter, als eine ſchändliche Lüge“, ſagte er, mit den Zähnen knirſchend,„dieſe liederliche Dirne behauptet Beweiſe gegen mich zu beſitzen, ich lache darüber. Das Kind war ſchwächlich, es trug bei der Geburt den Keim des Todes in ſich. Es iſt geſtor⸗ ben, und die Generalin wurde irrſinnig, wer könnte darin etwas finden, was geeignet wäre, gegen mich einen Argwohn zu wecken?“ „Man wird Ihnen die Denkſchrift des Arztes vorlegen, der da⸗ mals Beide behandelte.“ „Der Arzt war ein Trunkenbold, deſſen Verſtand der Branntwein zerrüttet hatte. Der Himmel mag wiſſen, welche Phantaſieen er im Delirium niedergeſchrieben hat, aber keinesfalls kann man dieſen Wahn⸗ ſinn zu einem Beweis gegen mich benutzen.“ „Es ſind noch andere Beweiſe in den Händen Juſtinens.“ „Ah bah, wenn es wirklich zur Verhandlung vor Gericht kommen ſollte, ſo würde ich ſchonungslos das ganze Complot enthüllen. Ich würde Ihren Bruder auf die Galeere, Juſtine in'’s Gefängniß St. Lazare bringen laſſen und Sie dem Hohn und der Verachtung preis⸗ geben! Ja, Madame, das würde ich thun! Sie glauben zu gewin⸗ nen, wenn Sie mich denunciren, aber Sie vergeſſen ganz, daß meiner Verhaftung die Confiscation meines Vermögens folgen würde. Und wie, Madame, wollen Sie der Anklage entgegen treten, wenn ich Sie beſchuldigte, mich zu jener That gezwungen zu haben?“ „Das können Sie nicht!“ rief Cora entſetzt. „Ich werde es thun.“ „Alſo geben Sie zu, daß Sie das Verbrechen begangen haben?“ „He, und wenn ich es begangen hätte, welchen Vorwurf wollen Sie mir machen? That ich es nicht für Sie und Ihre Kinder? War das Vermögen meines Bruders nicht mein rechtmäßiges Eigenthum, um welches die Generalin mich betrügen wollte?— Ich durchſchaue Ihren Plan. Mit den Beweiſen in der Hand wollen Sie durch Drohungen große Summen von mir erpreſſen, der Galeerenſträfling äußerte ja ſchon die Hoffnung, daß ich morgen Ihr demüthiger Sklave ſein würde. Aber Sie triumphiren zu früh, Ihre Drohungen wer⸗ den mich nicht einſchüchtern.“ NM„don ſohen mein Herr.“ „Wir werden ſehen, mein Herr. — — 794— „Ja, wir werden ſehen“, ſpottete der Vicomte ihr nach.„Par⸗ bleu, Madame, ich werde Ihnen fagen, welche Maßregeln ich zu treffen gedenke. Erſcheint Ihr Bruder, ſo wird er hinausgeworfen, wollen Sie das Haus verlaſſen, ſo wird der Portier ſich weigern, Ihnen die Thüre zu öffnen. Man wird Ihnen nicht erlauben, ein Billet hinauszuſchicken, man wird Sie unausgeſetzt beobachten und mir über Alles, was Sie thun, Bericht erſtatten. Findet Juſtine ſich ein, ſo wird man ſie in mein Kabinet ſühren, und es müßte mit ſeltſamen Dingen zugehen, wenn ich ſie nicht zwänge, mir die Papiere herauszugeben. Außerdem werde ich von dem Marquis Genugthuung fordern für den Schimpf, den er meinem Namen angethan hat, vielleicht führt das zu intereſſanten Enthüllungen, die ich als Beweiſe für Ihre Schuld in unſerm Scheidungsproceß benutzen kann. So werde ich handeln, ich lege meine Karte offen hin, nun ſpielen Sie Ihre Trümpfe aus, wenn Sie überhaupt noch glauben, das Spiel gewinnen zu können.“ Das hatte Cora nicht erwartet, dieſe Ruhe und Entſchloſſenheit beſtürzte und verwirrte ſie. Sie hatte ſich der Gewißheit hingegeben, daß er um Gnade und Schonung bitten und alle Bedingungen eingehen werde, um die Ent⸗ deckung ſeines Verbrechens zu verhüten, nun ſand ſie ihn gegen Alles gerüſtet, und ſie mußte geſtehen, daß ſie ohnmächtig war gegenüber den Waffen, die er ihr zeigte. „Was nun, Madame?“ fragte der Vicomte höhniſch. „Ihr Benehmen muß mich empören“, erwiderte Cora zornig. „Sie haben kein Recht, mich als Ihre Gefangene zu behandeln!“ „Sehr wohl, verlaſſen Sie mein Haus für immer, dann ſind Sie frei.“ „Zahlen Sie mir die Hälfte unſeres Vermögens aus und ver⸗ pflichten Sie ſich, mir eine jährliche Rente zur Erziehung unſerer Kinder auszuſetzen, ſo bin ich dazu bereit.“ „Glauben Sie in der That, daß ich ſo dumm ſein werde, dieſe Forderung zu bewilligen.“ „Wohlan, dann bleibe ich.“ „So lange, bis das Gericht die Scheidung ausgeſprochen hat, aber keine Stunde länger.“ „Das iſt eine Infamie!“ „Keineswegs, jeder andere Mann an meiner Stelle würde ſo und nicht anders handeln.“ Par⸗ d zu orfen, igern ein und uſſtine e mit piere uung rei.“ ver⸗ ſerer dieſe Pop aber und U — — 705— Cora rang mit einem Entſchluß. Es fiel ihr unſäglich ſchwer 3 e d 9 7 einzulenken, ihren Haß zu bemeiſtern und dieſem Manne ein gutes Wort zu geben, aber es mußte ſein. ßen wir Frieden“, ſagte ſie. „Unter welchen Bedingungen?“ 7 G S — — —₰ „Ich überliefere Ihnen die verhängnißvollen Papiere.“ „Sie haben ſie noch nicht.“ „Ich verpflichte mich ferner, keine Feindſeligkeit gegen Sie zu unternehmen.“ „Und was weiter?“ „Dagegen werden Sie volle Freiheit in meinem Der Vicomte lachte höhniſch. beſſeren Tiſch ſorgen und mir Laſſen einräumen.“ „Ich laſſe mich auf keine Bedingung ein, denn ich fürchte den Kampf nicht, den Sie mir anbieten“, ſagte er.„Wollen Sie unter den bisherigen Verhältniſſen in meinem Hauſe bleiben und ſich ge⸗ horſam meinen Anordnungen fügen, ſo werde ich erſt nach beendetem Kriege die Scheidungsklage anhängig machen—“ „Nimmermehr!“ „Wohlan, ſo gehen Sie, wohin es Ihnen beliebt.“ „Cher verlaſſe ich augenblicklich dieſes Haus.“ „Ich hindere Sie nicht daran, gehen Sie, Madame!“ ſagte der kleine Herr mit eiſiger Kälte.„Gehen Sie zu Ihrem Bruder, er hat Geld, vielleicht finden Sie bei ihm, was Sie in meinem Hauſe vergeblich geſucht haben.“ Er wandte ihr den Rücken und ging hinaus, ohne ſie noch eines Blickes zu würdigen. Haß und Wuth tobten in der Seele der ſchönen Frau. „Rache!“ war ihr erſter Gedanke, und„Rache!“ murmelten ihre bebenden Lippen Hier konnte ſie nicht mehr bleiben, ſie ſah es ein, ihr Stolz, ihre Ehre erlaubten es ihr nicht, denn er hatte ihr in kränkender Weiſe die Thüre gezeigt. Und hier konnte ſie ſich nicht rächen, denn, wenn ſie blieb, war ſie eine Gefangene, von Spionen umgeben. Nein, ſie mußte fort, und wenn ſie auch noch nicht wußte, wo ſie ein Unterkommen finden ſollte, unter dem Dache dieſes Mannes durfte ſie nicht länger bleiben. R. 45 Dorman ihr glaubte ſie ihrer 9 welches Sie eilte in ihr 4 7827 „ bis D geben hatte, reichte für ei Bruder gefunden zu haben, danm nußte er weiter ſorgen. Sie raffte ihre werthvollſte Habe nicht, ſelbſt das große comte es ihr nicht auslie Dann weckte ſie den Portier, er 1 rde, fern wür rohe hö öhniſche Lachen des Lakai. S. Ganitel Fünfunddreißig ſtes Kapitel. In der Todte Die Freunde waren ohne Verzug in die Rue d'Enfer geeilt, um den Wächter, der die Schlüſſel zu den Katokomben beſaß, zu wecken. Es währte lange, ehe es ihnen gelang, und der mürriſche Mann, ärgerlich über die nächtliche Störung, weigerte ſich Anſangs, der an ihn gerichteten Aufforderung Folge zu leiſten. Aber das feſte und entſchiedene Auftreten Erneſt's ſchüchterte ihn ein, er holte brummend die Schlüſſel und einige Fackeln, und nicht lange darauf ſtieg die kleine Geſellſchaft d die ſteile Treppe zur unter⸗ irdiſchen Todtenſtadt hinunter. Eine dumpfe, modrige Luft wehte ihnen entgegen, eine den Athem beengende Grabesluft.— „In der Rue Dauphin iſt das Mädchen hineingeſtiegen?“ fragte der Wächter.„Gut, wenden wir uns rechts. „Und binnen welcher Friſt werden wir ſie gefunden haben?“ fragte Paul, deſſen Stimme vor Erregung zitterte. „Das läßt ſich ſchwer oder gar nicht beſtimmen, ich kann ja nicht hen eingeſchlagen und wie oft ſie, — 444 8 8 4, gewechſelt hat. 44 2 N5S wiſſen, welche Richtung das Mo ohne es ſelbſt zu wiſſen, dieſe Richtung „Aber wir zwerden ſie finden“, ſagte Ernef beruhigend. „Vielleicht,— wer weiß das. „Wie, mein Herr, Ihnen iſt das aul betroffen.„Sie müſſen doch jeden Ste 1.1 1 g 77 ſagte der Gefreite.„Hol' ☛ nich in meine Wohnung „Nanu, merkwürdig genug is es hier“, mir der Deubel, ſolche Tapeten möchte ick haben!“ „Flößt Dir dieſe Umgebung Furcht ein?“ fragte Erneſt. „Mir? Jott bewahre! Die ollen Knochen können mir nich bange machen. Aber wenn ick zu befehlen hätte, ließ ick ihnen zu Knochen⸗ mehl verarbeiten, det wäre wenigſtens ein Segen vor die Kartoffelfelder.“ „Das wäre gefrevelt!“ „Nanu? Weeß denn en Menſch, wem dieſer Schädel gehört hat? Hieher wird Niemand kommen, um ſeene olle Iroßmutter zu beſuchen, Jerippe is Jerippe, un gebleichte Knochen gleichen ſich merkwürdig.“ Der Wächter ſchritt ſchweigend voran, Paul blieb ihm dicht zur Seite, dann und wann den Namen Louiſon's in die Seitengänge hin⸗ einrufend. 3 Erneſt und Jean ſchritten hinter den Beiden, und der letztere be⸗ trachtete mit ſteigendem Intereſſe die ſeltſamen und phantaſtiſchen Gebilde dieſer koloſſalen Steinbrüche, wie die mitunter kun Verzierungen, die aus den Todtengebeinen hergeſtellt waren. Kein Laut, kein Geräuſch antwortete den oft verzweifelten Rufen, De 1 wenn der Wiederhall der Stimmen verklungen war, trat die alte Stille wieder ein, die nur hie und da durch das Sickern des Waſſers unterbrochen wurde. „Hier ſind wir unter der Rue Dauphin“, ſagte endlich der Wächte indem er ſeine Fackel erhob,„dort hinten in der Ferne ſehe ich die Leiter, vielleicht finden wir auf jener Stelle das Mädchen ohnmächtig und bewußtlos.“ C. Paul eilte voran, er hatte bald die Leiter erreicht, aber von Louiſon ken. hielt hier die Facke! war keine Spur zu entd zuforſchen. auf's Gera 8 dann die Gefahr des Erſtickens. Es gibt hier Gänge, in denen eine gefährliche Luft weht, ſie betäubt den Menſchen und wirft ihn nieder, 5 um nie wieder zu erwachen.“ „Davon habe ich noch nichts gehört“, ſagt „Wie es überhaupt Wenige gibt, welche Sie werden auch nicht wiſſen, daß entſprungene Verbrecher hier einen Schlupfwinkel ſuchen, daß man die Leichen Ermordeter hier verſchwin⸗ . ö4an Pontot ie Katakomben kennen. den läßt, und die Diebeshehler die Katakomben zur Lagerſtätte für ihre Waaren benutzen.“ „Doch, das iſt mir bekannt.“ 3„Hm, Sie haben vielleicht dunkle Gerüchte darüber vernommet aber ſo unheimlich dieſe Gerüchte auch lauten mögen, die Wir übertrifft ſie dennoch. Wenn das Mädche in die Hände fiele, wäre es verloren.“ „Vorwärts, vorwärts!“ drängte Paul in fieberhafter Aufregung. , n dieſem lichtſcheuen Geſindel „Nanu, Eile mit Weile!“ ſagte Jean.„Raſcher können wir nich gehen.—„Hol' mir der Deubel, det war en prächtiges Exemplar Ho von'ner Ratte! Na, wenn die preußiſchen Bomben kommen, können die Pariſer hier Verſteckens ſpielen.“ „Mein Herr, Sie äußern ſich ſehr leichtfertig über das Unglück der Stadt Paris“, verſetzte der Wächter unwillig.„Der Aufenthalt b in den Katakomben iſt für Frauen und Kinder entſetzlich, und es wäre zu wünſchen, wenn wir von den Bomben verſchont blieben.“ A„Er wünſcht es natürlich nicht“, warf Paul ein. „Paul!“ warnte Erneſt. „Mir ſcheint überhaupt, daß Sie kein Franzoſe ſind“, ſagte der Wächter, indem er ſtehen blieb, um den Gefreiten mit ſorſchendem Blick zu muſtern.„Ihre Ausſprache iſt keineswegs rein—“ „Bah, er iſt Elſäſſer“, unterbrach Erneſt ihn, den dieſe Wendung 6 des Geſprächs beunruhigte. Elſäſſer?“ wiederholte der Wächter zweifelnd.„Ich bin's auch, „Donnerwachsſtock, wat jeht et Ihnen an?“ rief Jean übermüthig. 6„Ick bin, wat ick bin, verſtehen Sie mir?“ „Und ich will nun wiſſen, wer Sie ſind ¹“ ſagte der Wächter trotzig. „Ich habe keine Luſt, Spione hier herumzuführen!“ —„Na, et wird immer intereſſanter“, ſpottete Jean.„Sehe ick aus, wie en Spion?“ Ore Sorr re „Ja, mein Herr, gerade o! Jd, 2 9 „Und was halten Sie von uns?“ fragte Erne ( — —₰ 1 h weiß nicht, woher Sie die Uniform haben, es iſt nichts iches, daß Spione ſich ſolcher Mittel bedienen.“ hen wir“, ſagte Paul ungeduldig. „Nicht von der Stelle!“ rief der Wächter.„Es ſthut mir leid genug, daß ich Ihnen Glauben geſchenkt habe. Ein junges Mädchen hat nicht den Muth, ſich in dieſe Gänge hinein zu wagen, ſie würde auf der Leiter ſtehen geblieben ſein, man hat mir eine Lüge aufge⸗ bunden, um Gelegenheit zu erhalten, hier zu ſpioniren.“ „Man ſollte faſt glauben, Sie ſeien plötzlich wahnſinnig geworden“, erwiderte Erneſt, die Brauen zuſammenziehend.„Was gibt es hier wenn wir ſpioniren wollten, würden wir hin⸗ Km ſch zu ſpioniren? Nichts, aus vor die Thore gehen.“ „Mich täuſchen Sie nicht“, rief der Wächter.„Sie ſuchen hier einen Gang, durch den die Preußen eindringen könnten.“ „Ah, bah, einen ſolchen Gang gibt es nicht.“ „Nein, aber Sie wollen ſich davon überzeugen. Sie wollen wiſſen, wo die Petroleum⸗ und Pulver⸗Vorräthe liegen, welche Arbeiten hier geſchehen ſind, um die Preußen in die Luft zu ſprengen, Sie— Tod und Hölle, Sie ſind preußiſche Spione.“ „Nanu? Un wenn wir's wärend“u fragte Jean, den die Wuth dieſes grimmigen Mannes ergötzte. „Sie werden mir ohne Widerrede folgen, wir verlaſſen ohne zug die Katakomben.“ „Menſch, wenn Sie auf dieſem Vorſatz beharren, könnte es Ihr Tod ſein“, knirſchte Paul.„Wir haben Ihnen die volle Wahrheit berichtet, Sie dürfen erſt dann zweifeln, wenn wir das unglückliche Mädchen nicht finden.“ „Ich bin meiner Sache ſicher, folgen Sie mir.“ Mit dieſen Worten hatte der Wächter ſchon den Rückmarſch an⸗ getreten, aber im nächſten Augenblick hielt die Fauſt Paul's ſeinen Arm wie in einem Schraubſtocke. „Sie werden Ihre Pflicht thun“, ſagte Paul, mühſam ſeine Wuth bezwingend.„Sie werden uns durch alle Gänge dieſes Labyrinths führen, hören Sie?“ „Ich werde es nicht thunl“ „Dann zwingen wir Sie?“ 8 — ⸗ Ver⸗ — 710— Mit einem gewaltigen Ruck entriß der Wächter ſeinen Arm der nervigen Fauſt, er ſprang zurück und hob drohend die Fackel empor. „Wer will mich zwingen?“ rief er wüthend.„Dem Erſten, der mir naht, ſtoße ich die Fackel in's Geſicht, und wenn ſie dabei erliſcht, ſo weiß ich immer noch den Weg im Dunkeln zu finden, Sie mögen dann zuſehen, wie Sie hinauskommen.“ Die Freunde ſtanden ſtumm und ſtarr vor Entſetzen da. Wie war das Alles nur ſo raſch gekommen? Der Mann hatte ja nicht einmal Gründe für ſeinen Verdacht, und nun nahm er plötzlich eine Haltung an, welche die ernſteſten Beſorgniſſe einflößen mußte. „So nehmen Sie doch Vernunft an“, ſagte Erneſt.„Wir ver⸗ ſprechen Ihnen auf Manneswort, ſie zum Polizeicommiſſär zu be⸗ gleiten, ſobald wir das Mädchen gefunden haben, dort wird es ſich herausſtellen, daß wir keine Spione ſind.“ „Eut, aber Sie ſollen mich ſofort begleiten!“ „Und das Mädchen?“ „Sprechen Sie nicht davon, ich weiß, woran ich bin!“ „Zum Teufel, wenn der Burſche nicht will, dann müſſen wir ihn zwingen“, knirſchte Paul in maßloſer Wuth.„Sein Wahnſinn wird Louiſon tödten.“ Er wollte ſich auf den Wächter ſtürzen, aber die geſchwungene Fackel ſchreckte ihn zurück. „Rührt mich nicht an“, ſchrie der Wächter, der langſam rückwärts ſchritt,„ich ſtoße Jedem die Fackel in's Geſicht.“ Das letzte Wort war noch nicht verhallt, als ein Todtenſchädel mit wuchtiger Gewalt das Haupt des Wächters traf, er taumelte und ſtürzte nieder, Jean eilte hinzu und hob die Fackel auf. „Nanu? War det nich en famoſer Wurf?“ fragte er triumphirend. „Na, zu etwas ſind die ollen Knochen doch noch jut.“ „Dem Himmel ſei Dankn“, athmete Paul auf,„ich hätte an dieſe Waffe wirklich nicht gedacht.“ Ernſt ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Ich bin mit dieſem Ausgang nicht zufrieden“, ſagte er,„wir kennen keinen Weg und werden uns in dieſem Labyrinth nicht zurecht finden. Ueberdies iſt der Mann nur betäubt, er wird bald erwachen, dem Ausgang zueilen und Lärm machen—“* „Ganz nach Belieben“, fiel Paul ihm in's Wort.„Gerade das kann uns beruhigen. Man wird uns ſuchen, alſd können wir uns nicht verirren, der lächerlichen Anklage treten wir mit Entſchloſſenheit entgegen, und den Angriff auf dieſen Burſchen werden wir mit leichter Mühe verantworten. Vorwärts.“ Die Freunde wanderten weiter. Oft, wenn ſie an eine Stelle kamen, auf der mehrere Gänge mündeten, äußerte Erneſt wiederholt ſeine Beſorgniſſe, aber Paul wollte davon nichts wiſſen, er rief in jeden Gang den Namen Louiſon’'s hinein und traf dann nach kurzem Nachdenken ſeine Wahl, ohne auf den Rath ſeiner Begleiter zu hören. Aber noch immer nicht wollte ſich eine Spur zeigen, und die Wanderung währte nun ſchon mehrere Stunden. Jean fühlte ſich erſchöpft, auch Erneſt mußte ſeine letzten Kräfte aufbieten, um dem Freunde zu folgen, der noch immer rüſtig voranſchritt. Paul fühlte ſich der Verzweiflung nahe, er warf ſich oft die Frage auf, ob Louiſon überhaupt in die Katakomben hineingeſtiegen ſei, er meinte, in dieſem Falle müſſe er ſie ſchon gefunden haben. Aber die Leiter, die aus den Gewölben Bandau's hinunterführtee und von derem wahren Zweck er keine Ahnung hatte, beſeitigte dieſe Zweifel wieder,— und wenn es ſein eigener Tod war, er wollte nicht ermüden, bis er ſich Gewißheit verſchafft hatte. Jean und Erneſt murrten, er hörte es, aber er achtete nicht darauf, wenn ſie ihm nicht mehr folgen wollten, konnten ſie ja zurück⸗ bleiben, es war ihm gleichgültig. Wieder rief er den Namen Louiſon's, und es war ihm, als höre er in der Ferne eine Antwort auf ſeinen Ruf. War es Wirklichkeit oder Täuſchung, gleichviel, er fühlte ſich neu belebt, das Blut wallte raſcher durch ſeine Adern, ſeine Sehnen und Muskeln wurden ſtraffer, er fühlte keine Ermüdung. „Hörtet Ihr's?“ fragte er. „Wir hörten nichts“, erwiderte Erneſt. „Bleiben wir ſtehen, um zu horchen.— Louiſon!“ „Ja, jetzt vernahmen Alle deutlich die Antwort, aber ſie kam aus weiter, weiter Ferne. Eine andere Perſon, vielleicht eine jener lichtſcheuen Geſtalten, vor denen der Wächter ſie gewarnt hatte, konnte den Ruf vernommen und geantwortet haben— aber nein, die Hoffnung, die ihm ſo plötzlich genaht war, wollte Paul jetzt nicht wieder fahren laſſen. Unter un⸗ ausgeſetztem Rufen ſchritt er weiter, und immer deutlicher vernahmen ſie die Antwort. — 212 Es war eine helle, weibliche Stimme, jetzt konnten keine Zweifel mehr obwalten. Haſtiger eilte Paul vorwärts, die Freunde hatten Mühe, ihm zu folgen. Und nun am Ende dieſes Ganges ſtürzte eine weibliche Geſtalt mit einem Freudenſchrei auf ihn zu,— er hielt Louiſon in den Armen und bedeckte ihr Antlitz mit heißen Küſſen. „Gerettet!“ flüſterte das Mädchen.„Gerettet durch Dich.“ „Und nun vereint mit mir bis zum Tode“, ſagte Paul.„Du armes Kind, wie viel Ungemach, Schmerz und Sorgen haſt Du er⸗ tragen müſſen.“ Louiſon entwand ſich ſanſt ſeinen Armen und reichte mit einem Lächeln auf den bleichen Lippen Erneſt die Hand. „Ja, ja“, erwiderte ſie, erſchreckt zuſammenfahrend, als ihr Blic auf die Todtenſchädel fiel,„aber von allen Schrecken war der Aufent⸗ halt hier doch das Schrecklichſte.“ „Wir werden dieſen Ort ſogleich verlaſſen“, tröſtete Paul,„nun ſollen beſſere Tage für Dich anbrechen.“ Das Mädchen fuhr mit der Hand über die Stirne, als ob ſie ſich auf etwas beſinnen wolle. „Mein Vater iſt auch hier“, ſagte ſie,„wir müſſen ihn ſuchen.“ Die Freunde ſchwiegen, keiner von ihnen mochte ihr die Hiobspoſt berichten. „Er mußte ja flüchten“, fuhr ſie fort,„ich erwartete ihn, aber er kam nicht. Ich hörte das raſende Gebrüll des Pöbels und floh, Angſt und Schrecken verwirrten mich. Die Laterne erloſch, Finſterniß umgab mich, ich eilte weiter, es war mir, als ſei die Rotte mir auf den Ferſen.“ „Entſetzlich!“ flüſterte Paul, deſſen Arm das Mädchen umſchlun⸗ gen hielt. „Wir müſſen den alten Mann ſuchen, Paul— aber was iſt Dir, Du biſt ſo ernſt, haſſeſt Du ihn ſo glühend, daß Du ihn dieſem entſetzlichen Geſchick überlaſſen willſt?“ „Wenn er in den Katakomben wäre, ſo könnten wir uns ſeinet⸗ wegen beruhigen“, erwiderte Paul,„er wird ja dieſe Gänge kennen.“ „Wenn er es wäre? Zweifelſt Du daran?“ Man hat ſein Haus erſtürmt, das Volk hatte ihm den Tod ge⸗ ſchworen.“ — 1248 271 „Und er? „Louiſon, 84 1 Spannung. ' ₰4 ir die Wah hrhei verhei mlichen 9 Du t ſie ja doch bald erfahren—“ „Er iſt todt!“ ſchrie das Mädchen auf. würde „Sein Geſchick hat ihn ereilt“, fuhr Paul fort,„und wenn wir 8 in Allem nehmen wollen A, müſſen wir ſagen, daß es eine ge⸗ rechte Vergeltung war. Er iſt neben ſeinen S Schätzen geſtorben, aber er hat einen ſanften Tod gehabt.“ „Todt! eErmordet!“ ſchl zte Louiſon, das Antlitz mit den Hän⸗ den bedeckend.„O, weshalb hörte er nicht auf meine Warnung, 1 nen Rath?“ „Seine Schätze waren ihm lieber, wie ſein Leben“, ſagte Erneſt, ner konnte ſich nicht entſchließen, ſie zu opfern.“ Louiſon blickte auf und ſah durch Thränen den Geliebten an. Sahſt Du ſeine Leiche?“ fragte ſie. Pa ul nickte bejahend. „Man hat ſie geſchändet, nicht wahr?“ „Nein, mein Kind, man wollte es thun, aber wir verhinderten es. Wir kamen zu ſpät, um ihm das Leben zu retten, aber wir glaubten auch nicht, daß er ſo thöricht ſein werde, zu warten, bis das Volk in ſein Haus eindrang. Er hatte Zeit genug, zu entfliehen, weshalb benutzte er ſie nicht? Du wirſt Dich tröſten, Louiſon, für Dich iſt es kein großer Verluſt, denn er hat nie wie ein guter Vater an Dir gehandelt.“ „Aber er war dennoch mein Vater.“ „Der Dich zwingen wollte—“ „Paul, über Todte ſoll man nichts Böſes reden“, ſagte das Mädchen bittend.„Welche Vorwürfe ich ihm auch zu ſeinen Leb⸗ zeiten gemacht haben mag, ſie alle ſind jetzt vergeſſen, mein Herz wird ihm ein Andenken voll Liebe wahren. Wohin gehen wir nun?“ „Das Haus Deines Vaters iſt verwüſtet, Louiſon.“ „Ich kann es mir denken.“ „Du wirſt mit einer Manſarde vorlieb nehmen müſſen.“ „Ich bin mit Allem zufrieden.“ „Nanu, darüber wollen wir uns den Kopf erſt zerbrechen, wenn wir wieder draußen ſind“, nahm Jean das Wort, der auf dem Bo⸗ den ſaß.„Mit dem Logis hat's einſtweilen noch Zeit.“ „Was bedeutet das?“ fragte Louiſon beſtürzt — 714— „Nichts. Mein Freund fürchtet, wir würden den Ausgang nicht wieder finden, aber ich kenne den Weg.“ „Mir ſoll's lieb ſein“, brummte der Gefreite.„Aber hol' mir der Deubel, ick will lieber uf Vorpoſten ſteh'n, als hier Gedanken ſpinnen.“ Er erhob ſich und folgte den Voranſchreitenden. „Nimm doch einige Rückſicht auf das Mädchen“, ſagte Erneſt leiſe,„weshalb willſt Du ihr neue Angſt und Sorgen bereiten?“ „Ach was, ick habe den janzen Schwindel ſo ſatt, daß es mir anekelt“, erwiderte Jean unwillig.„Ick will in unſer Lager zurück, hier ſieht man kein fröhliches Geſicht, hier is niſcht wie Mord und Todtſchlag, Wahnſinn un Gemeinheit. Nimm's mir nich übel, oller Junge, aber ick ſpreche frei von der Leber weg, Euer vielgeprieſenes Paris is niſcht weiter, als'ne Kloake.“ „Du biſt ſehr freimüthig!“ „Weshalb ooch nich? Wenn Ihr nur die Wahrheit hören wolltet, aber Ihr ſeid taub uf beeden Ohren, un ick danke vor die verrückte Wirthſchaft.“ „Parbleu, ſo geh' in Gottes Namen!“ „Leicht geſagt, aber wenn die Maus mal in die Falle ſitzt, hilft kein Pfeifen mehr.“ „Soll ich mit dem Marquis darüber reden?“ „Nanu? Ick danke! Der hat mir heute Nachmittag anjejlotzt wie en Meerwunder, ick jloobe, der wäre der Erſte, der mir in Mazas freies Quartier verſchaffte.“ „Es iſt natürlich beſſer, wenn man ſich nur auf ſich ſelbſt ver⸗ läßt“, ſagte Erneſt gedankenvoll.„Paul, ich glaube, das iſt nicht der richtige Weg!“ „Sei unbeſorgt, ich kenne ihn.“ „Na ja, der kennt ihm ſo lange, bis er uns feſtgefahren hat“, brummte Jean. „Ueberlaſſen wir es vorläufig ihm, den Gang zu wählen“, ſagte Erneſt,„hinaus kommen wir jedenfalls. Haſt du Muth.“ „Dumme Fragel Ein Deutſcher hat allemal Muth.“ „Na, na, nur nicht gleich ſo oben hinaus. Es wird auch Feiglinge in Deutſchland geben. Vielleicht könnte ich da hinaus helfen.“ Man immer heraus mit der Sprache.“ 77 „Ich habe noch die Legitimationskarte, die ich damals benutzte—“ hiſt tt wie Mazas t ver⸗ ht der „Gilt ſie heute noch?“ „Wie kann ich das wiſſen? Wenn ſie ungültig iſt, ſo mußt Du einen Ausweg ſuchen.“ „Wem muß ick ſie zeigen?“ „Dem Poſten, der Dich anruft.“ „Na, der mag ſich vorſehen, ſonſt hat er eine Ohrfeige weg, daß er auf beiden Ohren taub iſt.“ Erneſt mußte unwillkürlich lachen. „Wenn damit alles abgemacht wäre, würde ich mich Deinetwegen nicht beunruhigen“, ſagte er.„Aber mit ſolchen Mitteln kommſt Du nicht durch. Du wirſt deine Uniform anziehen, ich gebe Dir einen franzöſiſchen Militärmantel und ein Käppi—“ „Daſſelbe Coſtüm, was Du damals trugſt— wie?“ „Allerdings, ich halte es für das zweckmäßigſte. Sodann begleite ich Dich zu unſern Vorpoſten, Du mußt für einen franzöſiſchen Kund⸗ ſchafter gelten, der eine Botſchaft nach Verſailles bringen ſoll.“ „Ne faule Rolle, oller Junge!“ „Eine beſſere finde ich nicht für Dich.“ „Nanu, ick werde ſie ſpielen. Und was weiter?“ „Weiter? Nichts! wenn Du Eure Vorpoſten erreichſt, wirſt Du wiſſen, was Du zu thun haſt.“ „Na, ja, wenn ick erſt ſo weit bin, dann bin ick weit genug.“ „Haſt Du erſt unſere Vorpoſten hinter Dir, wirſt Du den Weg ſchon finden. Aber das ſage ich Dir, Jean, ich vertraue feſt darauf, daß Du Drüben nichts verrathen wirſt, was uns ſchaden könnte.“ Erneſt ſah ſeinen Begleiter ſcharf, faſt drohend an, der Gefreite zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Ich wüßte nicht, was ick verrathen könnte“, entgegnete er. „Wann ſoll die Reiſe losgehen.“ „Vielleicht morgen Abend.“ „Je eher, je lieber! „Geduld, ich muß noch einige Vorkehrungen treffen“, ſagte Erneſt, „es wird gut ſein, wenn ich Dir unſere Parole verrathen kann, auch muß ich wiſſen, welche Bataillone auf Wache ziehen. Man iſt in der letzten Zeit ſehr vorſichtig geworden, ſeitdem man erfahren hat, daß der Feind von Allem, was bei uns vorfällt, unterrichtet wird. Geben wir uns die geringſte Blöße, ſo ſind wir beide verloren, Spione und Verräther werden nachſichtslos erſchoſſen.“ Paul und Louiſon waren ſtehen geblieben. „Ich glaube nun ſelbſt, daß ich den falſchen Weg eingeſchlagen habe“, ſagte der Erſtere,„wir hätten uns mehr links halten müſſen.“ „Nanu, da haben wir's!“ brummte Jean.„Donnerwachsſtock, ick ſage ja, es wird immer intereſſanter.“ „Nicht links, ſondern rechts“, erwiderte Erneſt,„ſchlagen wir den erſten Seitengang ein.“ Paul ſchüttelte zweifeln „Rechts?“ ſagte er.„ Rathe folgen.“ „Mein Gott, gibt's denn nur einen Ausgang?“ fragte Louiſon ängſtlich. „Nur Ruhe und Muth“, erwiderte Erneſt,„wir werden gewiß hinauskommen.“ „Wenn nich lebendig, dann todt“, meinte der Gefreite.„Na, zum Sterben ſind wir in guter Geſellſchaft.“ Louiſon warf ihm einen zürnenden Blick zu. „Dieſer Spott iſt frivol“, ſagte ſie,„er verletzt das Gefühl. Paul, ich fürchte, daß ich nicht weit mehr gehen kann, meine Kräfte ſind erſchöpft.“ „Muth, Muth, Gott wird uns nicht verlaſſen“, erwiderte Paul, der ſelbſt der Ermuthigung bedurfte. „Weiter in Gottes Namen!“ rief Erneſt.„Wir dürfen den Muth nicht verlieren.“ Sie ſetzten ihre Wanderung fort, aber ſie hatten erſt eine kurze Strecke zurückgelegt, als Louiſon erklärte, ſie könne nicht weiter, Worte der Ermuthigung und Ermunterung konnten die geſunkenen Kräfte nicht beleben, die Freunde waren gezwungen, Raſt zu hal⸗ ten, und die ernſte Frage trat ihnen nahe, ob das Mädchen über⸗ haupt im Stande ſein werde, die mühſame Wanderung wieder auf⸗ zunehmen. Die vorhergegangenen Aufregungen und Gemüthserſchütterungen, die wachſende Angſt und der gänzliche Mangel an ſtärkenden und belebenden Mitteln hatten die Kräfte Louiſon's ſo ſehr erſchöpft, daß ihr Körper einer langen Ruhe bedurfte, die er an dieſem Orte unter ſteter Angſt und Aufregung nicht finden konnte. Paul war troſt⸗ und rathlos, der Gefreite erging ſich in Vor⸗ würfen und bitteren Bemerkungen und ſchalt ſich einen Thor, daß er D das Haupt. ch glaube, Du irrſt, aber ich will Deinem d J — ——, — 717— ſich an dieſem gefahrvollen Unternehmen betheiligt habe, nur Erneſt gen el n“ behauptete noch ſeine Ruhe und Faſſung. k Er glaubte jetzt den richtigen Gang gefunden zu haben, und wenn 1 er auch keine befriedigenden Gründe für ſeine Vermuthungen anführen 4 den konnte, ſo klammerten ſich doch Alle an die Hoffnung, welche durch 2 ſie geweckt wurde. Man berieth noch darüber, als Jean plötzlich in der Ferne einen* ſchwachen Lichtſchimmer bemerkte, er machte ſeine Freunde darauf auf⸗ 1 merkſam, und ihre Hülferufe lockten bald die Retter näher. zoen An der Spitze der Letzteren befand ſich der Wächter, den der Ge⸗ freite niedergeſtreckt hatte, dieſe Entdeckung trübte die Freude und rief. 1 abermals ernſte Beſorgniſſe wach. 6 Indeß zeigte es ſich, daß dieſe Beſorgniſſe der Begründung 4 in entbehrten. ¹ Die Anweſenheit Louiſon's beſeitigte den Verdacht des Wächters, der ohnedies ſchon ſich ſeines feindſeligen Auftretens wegen ernſte 3 Vorwürfe gemacht hatte; die Freunde mußten ſich einem kurzen Verhör unterwerfen und wurden darauf hinausgeführt. 1 * Es war bereits heller Tag, als ſie in der Rue d'Enfer an das A Tageslicht emporſtiegen, ſie athmeten mit Entzücken die friſche Luft 1 a. ein und traten eine Stunde ſpäter in ihre Wohnung, wo ſie die nach all dieſen Strapazen nothwendige Ruhe und Erquickung fanden. 4 Sechsunddreißigſtes Kapitel. 4 enen hal⸗ Die Entſcheidung. „ Der Marquis hatte ſein Verſprechen eingelöſt und Marie den Brief Erneſt's übergeben, er hatte ihr dabei den Tag bezeichnet, an dem ſie ihren Entſchluß treffen ſollte. ngen Es war in Wahrheit ſein feſter Vorſatz, ehrlich zu Werke zu urd gehen und dem Mädchen freie Wahl zu laſſen, aber wenn er an di daß Möglichkeit dachte, daß Marie den Proletarier ihm vorziehen könne, 1 unter erwachten Haß und Wuth gegen den Nebenbuhler wieder in ſeiner Seele. Dann flammten alle Leidenſchaften wieder in ſeinem Innern auf 6 Vor⸗ und der Dämon flüſterte ihm zu, in dieſem Falle müſſe er Marie zwingen, das Glück, welches er ihr anbiete, feſt zu halten. — ———— —— — Er blieb in der Zwiſchenzeit nicht unthätig ohne etwas zu entdecken, was ihn hätte beu an hatte die Beide 7 gegangen war, konn Erneſt und Pan—l verrichtete Treue die C heiten ihre nd oriſon blieb ſtets daheim in ihrer Die ucherers, die C Erſtürn nung: und ig ſeines Haufes, die Ilucht ind Rettung Louiſon's,— das Alles be⸗ ſchäftigte den Edelmann ahdete Tage, er ruhte nicht, bis er alle Fäden entdeckt und die Sachlage klar durchſchaut hatte. So erfuhr er, welchen Antheil die Freunde an dieſem Ere igniß genommen hatten, und er dachte ſchon darüber nach, ob er daraus nicht eine Waffe gegen ſie ſchmieden könne, im Fall er einer ſolchen bedurfte. Er hatte manchen Plan entworfen, aber unter all' dieſen Plänen war nicht einer, der ſeinen vollen Beifall fand. Und dennoch mußte etwas geſchehen, er ſah es mit jedem Tage mehr ein, ward es ihm doch mit jedem Tage klarer, daß die Wahl Mariens nicht auf ihn fallen würde. Marie war nicht mehr ſo herzlich und vertrauend ihm gegenüber, wie früher, wenn er ſich auch über Kälte und Unfreundlichkeit nicht beklagen konnte, ſo verletzte ihn doch ihre Zurückhaltung und ihr Mangel an Vertrauen. Er fand ſie jetzt häufig einſilbig und verſtimmt, ſie lachte und ſang nicht mehr, und auch das glaubte er einzig und allein auf ſich beziehen zu müſſen. Er hatte ſchon daran gedacht, ob er Jenny oder Juſtine mit ſeinem Plane bekannt machen und ihre Hülfe in Anſpruch nehmen ſolle, aber er konnte ſich dazu nicht entſchließen. Juſtine war ihm zu gefühllos, zu leich tfertig, als daß er ſich ihr hätte anvertrauen mögen, und Jenny Mouſſon war noch immer die Freundin Erneſts, auf ihre Treue konnte er ſich nicht verlaſſen. Er hätte alle, auch die unverſ hämteſt ſten n Forderungen dieſer putz⸗ d gen htigen Damen befriedig iſſen, um ſich vor Verrath und dazu fühlte er ſich nicht en. mit gewi ſetai 1 1 wie überhaupt der ſtete Verkehr mit ihnen ihm zu unangenehm geweſen wäre. Juſtine, welche ihm den Vorfal s Vicomte be⸗ richtet hatte, trat ohnedies ſchon jetzt in en ihn auf, 1 die ihn empörte, er ſuchte bereits nach einem Vorwande, ſie ihrem Schickſ al zu ül berlaſſen. So lagen die Dinge, als Madame von Chateaufleur trotz der bisher gemachten Erfahrungen ihn noch einmal beſuchte. Sie war jetzt ſehr demüthig, ſie bat um ſeine Hülfe in einer „die ihm nicht geſtattete, ihr die Bitte abzuſchlagen. Er warf ihr ihr Bündniß mit dem Falſchmünzer vor, Cora gab Alles zu, er konnte der Bittenden heute nicht die Thüre zeigen, wenn er auch gewollt hätte. Sie ſagte ihm, daß ſie trotz der eifrigſten Nachforſchungen ihren. Bruder noch nicht gefunden habe, daß eine Lasſohunna mit ihren Gatten ganz unmöglich ſei, und daß ſie außerdem noch die Feind⸗ ſeligkeiten des Chevaliers zu fürchten habe. Der Marquis befand ſich gerade an dieſem Tage in einer Stim⸗ mung, welche den Wünſchen und Plänen der ſchönen Frau jeden Vorſchub leiſtete, er ließ ſich, ohne es zu wiſſen, von ihren herhin wieder umſtricken, und Cora benutzte dieſen günſtigen Umſtand, Netz immer enger und feſter um ihn zu ziehen. Als ſie ihn verlaſſen hatte, entwarf er abermals einen Plan, in welchem die ſchöne Frau eine hervorragende Rolle erhielt, aber ſo ganz klar konnte er ſich auch über dieſen Plan noch nicht werden, der eine längere Ueberlegung verdiente. Ueberdies wußte er ja auch nicht, wie die Entſcheidung Mariens ausfallen werde, er mußte das Ende der Friſt abwarten. Inzwiſchen dachte in Paris Niemand mehr an den Frieden, denn nicht nur, daß die Unterhandlungen Thiers' im feindlichen Lager an der unerſchütterlichen Feſtigkeit des Grafen Bismarck geſcheitert waren, hatte man nun auch die ſichere Nachricht erhalten, daß die Loirearme in Eilmärſchen anrückte und die Deutſchen bei Orleans zurückgewor⸗ fen hatte. Die Feſtungen Verdun und Neu⸗Breiſach hatten freilich capi⸗ tulirt, aber was wollte das bedeuten gegenüber den Erfolgen der Loirearmee, über die in Paris prahleriſche Siegesbulletins ausgegeben wurden. 1 Die Deutſchen hatten Orleans räumen müſſen, es hieß, ſie ſeien 85 vernichtet, ihre Trümmer zögen ſich in wi ilder Auflöſung zurück Man Ooer ree er der Loirearmee L D erwartete nun täglich, j zu hören, man wußte, daß d ich ausgerüſtete — Armee war, und es unterlag nicht dem leiſeſten Zweifel, daß ſie die Belagerungstruppen ſchlagen und vernichten würde. Man wußte, daß zahlreiche Viehheerden dieſe Armee begleiteten, man ic veluls ſchon jetzt in der Hoffnung, daß man binnen wenigen h Fleiſ es iſch in Hülle und Fülle haben werde, man entwarf die tühnft n P Pläne zur völligen Vernic chtung des Feindes, deſſen Land nun verheert und vernichtet werden ſollte. An die Armee des Prinzen Friedrich Carl, welche von Metz aus im Anmarſch war, dachte man nicht, ſie war ja hocſt: unbedeutend, ſie hatte bei Metz den größten Theil ihrer Mannſchaften verloren und unter dem kleinen Reſt wütheten Seuchen. Und im feindlichen Lager vor Paris herrſchte auch nicht mehr die frühere Kampfluſt, wie man aus ganz zuverläſſiger Quelle wiſſen wollte. Auch hier rafften die Seuchen täglich unzählige Streiter fort, die * 6 4 —— ₰. 8 7 alten Landwwehr leute murrten und verlangten den Rückmarſch. Hunger id Kälte entmuthigten ſie, und unter den Führern ſollten ernſte Meinungsverſchiedenheiten obwalten, die bald zum Zerwürfniß führen m ußten. Wenn man gleichzeitig mit dem Angriff der Loirearmee einen Maſſenausfall machte, ſo mußten dieſe vermaledeiten Preußen ins⸗ geſammt vernichtet werden, nicht einer von ihnen ſollte mit dem Leben davon kommen, und Frankreich war gerettet. Die Preiſe der Lebensmittel waren unterdeſſen erſchreckend ge⸗ ſtiegen. Brod und Wein waren allerdings noch vorhanden, auch Fleiſch wurde in kleinen Rationen verabreicht, aber wie Viele gab es, welche den Ekel gegen Pferdefleiſch, Hunde, Katzen und Ratten nicht überwinden konnten, und wie Viele gab es außerdem, welche nicht mehr die Kraft beſaß ben, ſtundenlang vor den Läden und Cantinen auszuharren, die daheim, unbeachtet, in einem Winkel verhungerten. Die kleinen Bürger, Handwerker und Arbeiter, welche niemals dazu gekommen waren, etwas zu erſparen, empfanden das wachſende Elend am ſchwerſten. Arbeit gab es nicht. Viele waren zu ſtolz, ihre Armuth zu zeie ſie hungerten ſo lange, bis ihre Kräfte ſchwanden, und der Tod ihren Elend ein Ende machte. Die Sterblichkeit unter den Frauen, Kindern und Greiſen wuchs mit jedem Tage, aber trotz dem und alledem war Paris noch immer leichtfertig. „Slavch n? nvjch⸗zutoguac ui i nn ue e eehanlug alg an hunzcpjaacaunipe anau aud(91 ‧G) — 721— Die reichen Leute litten wohl keine Noth, wenn auch unter ihnen Mancher ſich befand, der ſein ganzes Vermögen opfern mußte, um ſein Leben zu friſten. Die Meiſten hatten vor der Belagerung ihre Frauen und Kinder aus Paris entfernt, und für Geld konnte man in Paris noch Man⸗ ches haben. Man ſpeiſte in den Reſtaurants Eſel⸗ und Mauleſel⸗Filets, ge⸗ bratenes Fleiſch von Bären, Antilopen, Känguruhs und Straußen, man aß dort die ſchmackhafteſten Gerichte, ohne lange darnach zu fragen, woraus ſie beſtanden. Der große Arbeiterhaufe war in die Nationalgarde eingereiht; die Leute gingen mit dem Gewehre auf der Schulter ſpazieren, der Müßiggang gefiel ihnen um ſo beſſer, als ſie daneben die Helden ſpielen konnten. Jeder Nationalgardiſt empfing täglich ſeine Brod⸗ und Fleiſch⸗ Rationen und einen Sold von einem und einem halben Franken, dieſe Leute litten keine Noth, das Leben, welches ſie jetzt führten, ge⸗ fiel ihnen beſſer, als das der Arbeit. Der Müßiggang führte zur Trunkſucht, Berauſchte ſah man zu jeder Stunde in allen Straßen, und täglich wurden Exceſſe verübt, die mit Angſt und Schrecken in die Zukunft blicken ließen. Den Landleuten, welche vor der Belagerung nach Paris geflüchtet waren, hatte man die leeren Wohnungen der ausgewieſenen Deutſchen und der geflohenen Pariſer eingeräumt, ſie waren mit ihren Kühen, Schweinen, Hühnern und Enten in die vornehmſten Etagen eingezogen. Im eleganten Salon war jetzt der Schweineſtall, in den Bou⸗ doirs und Bibliothekzimmern ſpazierte das Federvieh umher. Indeß auch dieſe Leute ſtifteten einigen Nutzen. Man zwang ſie, die großen und weiten Felder, welche um Paris lagen, zu be⸗ ackern und Gemüſe zu pflanzen, bis dieſes ſo weit gediehen war, daß man es benutzen konnte, behalf man ſich mit den Kartoffeln und Pflanzen, welche tollkühne Marodeure in den verlaſſenen Gärten und Feldern unter dem feindlichen Feuer ſammelten. Kamen dieſe Leute mit ihrer Beute in die Stadt, ſo wurden ſie ſchon vor den Thoren von Wucherern empfangen, welche dieſe Vorräthe zu hohen Preiſen ankauften, um ſie den reichen Leuten für den dop⸗ pelten und dreifachen Preis wieder zu verkaufen. Die Theater und öffentlichen Vergnügungsorte waren längft ge⸗ K. 48 chloſſen, Gas durfte Niemand mehr brennen, das Wenige, was noch abrizirt wurde, mußte zum Füllen der Luftballons benutzt werden. Eine große Anzahl der Theater diente zu Lazarethzwecken, überall ſah man die Fahnen mit dem rothen Kreuz, und da man noch immer, trotz dem Ernſt der Lage, das Bedürfniß zu Zerſtreuung fühlte, grün⸗ — dete man Clubs, in denen man die tollſten Komödien aufführte. Man gründete Clubs für alle Klaſſen der Bevölkerung, ſogar für die Frauen, man verurtheilte in dem einen den Kaiſer ſammt ſeinen f unter wahnſinnigen Ceremonien den lieben Gott ab, kurz, man er⸗ ging ſich in den verrückteſten Albernheiten. Man verkaufte auf den Boulevards die unfläthigſten Karrikaturen 9 und Broſchüren, man zwang ſich, heiter und ausgelaſſen zu ſcheinen, und die liederlichen Dirnen hielten die reichſte Ernte. Man ſang, tanzte und lachte in den Café's, in den Reſtaurants und auf den Boulevards, während in den Manſarden und wohl auch in manchem eleganten Cabinete Hunger und Seuchen zahlloſe Opfer forderten. So lagen die Dinge, als am 15. November die Nachricht von dem großen Siege des Generals Aurelles de Paladine über die Deut⸗ ſchen bei Orleans eintraf. Die Provinzen hatten ſich erhoben! Die Provinzen kamen, um Paris zu befreien. Der Jubel über dieſe Nachricht kannte keine Grenzen. Man kannte den Mann als ſiegreichen General bisher nicht, aber an dieſem Tage ward er der gefeiertſte Held. Man kannte ihn nicht, und dennoch berichteten alle Journale ſeine Tugenden, dennoch wollte Jeder behaupten, es habe ſich mit Sicher⸗ heit erwarten laſſen, daß dieſer General Frankreich retten werde. Die Journale wußten ſogar, daß der General eine Kugel im Gehirn hätte, die nicht herausgezogen werden konnte und wenn ſie unter ſeinem Schädel rollte, ſeinem Geſicht einen unbeſchreiblich wilden Ausdruck gab. Mit ſolchen Dummheiten und Kindereien fütterte man noch immer die Pariſer, die natürlich Alles glaubten.— Man berechnete die Stunde, in der Paladine vor Paris eintreffen mußte, und verſchaffte ſich Nadeln, mit denen man ſeine Märſche auf der Karte markirte, man erzählte von vielen großen Siegen, welche die Provinzen ſchon erfochten hatten, ohne lange danach zu fragen, aus welcher Quelle dieſe Nachrichten geſchöpft waren. —— Miniſtern und Marſchällen zum Tode, man ſetzte in dem andern. — 723— Der Tag, an welchem dieſe Nachricht eintraf, war für Marie der Tag, an welchem ſie ihre Entſcheidung treffen ſollte. Es hatte ſeit mehreren Tagen geſchneit, und eine empfindliche Kälte geſellte ſich zu den übrigen Schreckniſſen der Belagerung. Das Mädchen ſtand am Fenſter und blickte ſinnend auf den Gar⸗ ten hinunter. Der Schnee fiel in dichten Flocken nieder und hüllte die kahlen Beete, die Wege und die entlaubten Bäume und Sträucher immer dichter in das weiße Leichengewand ein. Eine ſchwere, drückende Laſt ruhte auf der Seele Mariens,— ſie hatte ihre Entſcheidung getroffen, aber ſie fürchtete von ihrer Erklä⸗ rung, der ſie nicht ausweichen konnte, das Schlimmſte. Ein leiſes Geräuſch bewog ſie, ſich umzuwenden, der Marquis ſtand vor ihr. Sein Geſicht war bleich, das Zucken ſeiner Lippen verrieth ſeine fieberhafte Erregung. Er bot dem Mädchen die Hand und führte ſie zum Divan, hier ließ er ſich neben ihr nieder. Im Vorbeigehen bemerkte Marie, daß die geheime Thüre offen geblieben war, ſie mußte daraus entnehmen, in welcher Aufregung der Edelmann ſich befand. „Marie“, ſagte er leiſe.„Sie wiſſen, welche Frage Sie heute beantworten ſollen—“ „Ich weiß es“, fiel das Mädchen ihm in's Wort,„aber ich glaube, daß Sie der Entſcheidung nicht vorgreifen dürfen.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Herr Lafleur iſt noch nicht hier.“ „Nur in ſeiner Gegenwart wollen Sie die entſcheidende Antwort geben?“ Maxie blickte den Fragenden ernſt und voll an, und es lag in ihrem Blicke eine Hoheit ſo würdevoll, daß er unwillkürlich die Augen niederſchlagen mußte. — „Lautet ſo nicht die Uebereinkunft?“ erwiderte ſie.„Haben Sie mir nicht gelobt, daß Sie in keiner Weiſe meinen Entſchluß beein⸗ fluſſen wollen?“ „Gewiß, aber ich möchte den Mann ſehen, der ſeinem Herzen zu gebieten vermag, wenn es ſchwankend zwiſchen Furcht und Hofſnung Gewißheit verlangt.“ 46*⅔ 724— Ein ungewöhnlicher Ernſt ſpiegelte ſich in dem ſchönen Antlitz des Mädchens. „So ſchwer es Ihnen auch werden mag, dem Manne muß ſein Wort heilig ſein“, ſagte ſie, leicht das Haupt wiegend.„Ich habe Ihnen mein ganzes Vertrauen geſchenkt, Herr Marquis, ich habe Ihnen meine theuerſten Güter anvertraut, und ich hege noch heute die felſenfeſte Ueberzeugung, daß Sie dieſes Vertrauen nicht täuſchen werden.“ Sie legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſah ihn flehend an, wie wenn ſie ihn bitten wolle, ihr zu verzeihen, daß ſie ihm das ſagen müſſe, aber der Marquis zog die Brauen finſter zuſammen. „Ihre Worte wecken die Vermuthung, ja die Gewißheit in mir, daß Ihre Wahl nicht auf mich gefallen iſt“, erwiderte er.„Sie ziehen den Proletarier dem Edelmann vor, Marie, Sie fühlen keine Theilnahme für mich, was liegt Ihnen daran, ob ich das Glück finde, welches ich ſo lange vergeblich ſuchte und nun gefunden zu haben wähnte. Und wenn Sie noch einen triftigen Grund hätten, meine Hand zurückzuweiſen, wenn Sie berechtigt wären, ſich über mich zu beklagen, wenn—“ „Herr Marquis, ſagten Sie nicht vorhin ſelbſt, dem Herzen könne man nicht gebieten?“ „Und erwiderten Sie mir nicht, man müſſe es können?“ „Wohlan, nehmen wir an, es liege in der Möglichkeit— können Sie glauben, daß dieſe Tyrannei ſich nicht bitter rächen wird? Und was wäre ich Ihnen, wenn ich Ihnen nun meine Hand, nicht aber mein Herz ſchenken wollte?“ „Marie, Sie würden mich lieben“, erwiderte der Edelmann leb⸗ haft,„ich würde ja Alles aufbieten, Ihnen meine Tiefe und innige Liebe zu beweiſen und in Ihrem Herzen Gegenliebe zu wecken. Ich kann mir nicht denken, daß ich dieſen Zweck nicht erreichen ſollte, das Bild Lafleur's würde bald erblaſſen, und Sie müßten ja im Laufe der Zeit einſehen, daß Sie an ſeiner Seite nicht glücklich geworden wären.“ „And weshalb könnte ich es nicht werden?“ „Weil Lafleur tief unter Ihnen ſteht, weil er ein armer Teufel iſt, der kaum ſich ſelbſt ernähren kann“ „Wenn Sie das glauben, kennen Sie ihn nicht.“ „Ich will ſeinem Charakter nicht zu nahe treten, im Gegentheil, Marie, ich erkenne bereitwillig ſeine guten Seiten an, aber wie bald werden Noth und Sorgen ihn verbittern, ihm den häuslichen Heerd verleiden. Ich urtheile ruhig und mit nüchternem Blick, ich zittere für Sie vor dem Abgrunde, auf den Sie zuſchreiten wollen.“ „Nein, auch Sie ſind Partei“, erwiderte das Mädchen,„Ihr uUrtheil iſt befangen, es kann nicht frei von Vorurtheilen ſein. Ich kenne Lafleur beſſer, ich weiß, daß er eine höhere Bildung beſitzt, als man ſie ihm zutraut, und was ihm noch fehlt, das ergänzt ſeine geſunde Lebensanſchauung und ſein eiſernes, unermüdliches Streben.“ Der Marquis hatte unwillig ſich erhoben. Jetzt konnte er nicht zweifeln, er hatte Gewißheit, eine Gewißheit, die ſeine ſchönſten Hoſſ⸗ nungen vernichteten, die plötzlich die Morgenröthe des ſo voſig an⸗ brechenden Tages wieder in finſtere Nacht verwandelte. Es empörte ihn tief, daß er dieſem Nebenbuhler weichen ſollte, er konnte trotz alledem noch immer nicht glauben, daß Marie in Wahrheit ſo thöricht ſein werde, einen folchen Entſchluß zu faſſen. „Wenn Sie ſich der Worte erinnern, die ich in einer ſchwachen Stunde Ihnen geſagt habe, dann werden Sie fühlen und begreifen, wie ſchwer es mir wird, dem erträumten Glücke entſagen zu müſſen“, nahm er mit bebender Stimme das Wort. ‚Sie werden begreifen, daß mir das unmöglich ſein wird, Marie! Ich bin nicht mehr der lebensfrohe Jüngling, der über eine ſolche Täuſchung ſich leicht hin⸗ wegſetzen und anderwärts Erſatz für das verlorene ſuchen kann, nein, ich bin ein Mann, der feſthält, was er hat, der mit dem Schickſal jeden Kampf aufnimmt.“ Marie blickte betroffen zu ihm auf, ſein finſteres, entſchloſſenes Geſicht ſagte ihr noch mehr als ſeine Worte, obſchon die letzteren deutlich genug ſeinen Entſchluß verriethen. „Wenn ich in dieſen Worten eine Drohung erblicken wollte, ſo müßte ich glauben, daß Sie mein Vertrauen täuſchen wollen“, ſagte ſie,„aber ich mag und kann das nicht glauben. Sie haben mir Mangel an Mitgefühl vorgeworfen, es war ein ungerechter Vorwurf, denn ſtets empfand ich inniges Mitleid—“ „Mitleid?“ fuhr der Edelmann auf.„Ich verlange es nicht, von Ihnen am wenigſten, ich fordere Liebe.“ „Die ich Ihnen nicht geben kann“, erwiderte das Mädchen mit ſchmerzlicher Wehmuth.„Ich habe mich oft gefragt, ob es nicht möglich ſei, daß ich Sie lieben könne, ich habe mir geſagt, der Dank, „* den ich Ihnen ſchulde, verpſlichte mich, Sie zu lieben, Sie glücklich zu machen, aber ſtets fand ich eine Schranke zwiſchen Ihnen und mir, die ich nicht niederreißen konnte. Fragen Sie mich nicht, was 7 9 I 3 9 17 dies ſei, ich weiß es ſelbſt nicht, mir iſt oft, als ob eine innere Stimme mich vor ſolcher Liebe warne— ich kann nicht, Herr Mar⸗ quis— ich könnte es auch dann nicht, wenn Erneſt Lafleur nicht zwiſchen uns ſtände. Fordern Sie die Liebe einer Schweſter oder einer Tochter von mir, und ich werde Ihnen ſagen, daß Sie dieſelbe ſchon beſitzen, mehr aber kann ich Ihnen nicht ſein.“ Der Marquis hatte die Hände auf den Rücken gelegt, er wan⸗ derte auf und nieder, um ſeine Erregung zu bemeiſtern. Von zu Zeit ſtreifte ſein Blick verſtohlen das bleiche Geſicht des ſchönen Mädchens, aber ſo oft er den blauen Augen begegnete, in denen er einen ſtummen Vorwurf las, wandte er das Antlitz ab. Er fühlte ſelbſt die ganze Schwere des Unrechts, welches er be⸗ gehen wollte, aber die entfeſſelte Leidenſchaft erſtickte die warnende Stimme ſeines ſonſt ſo guten und edelmüthigen Herzens, er wollte die Erfüllung ſeines Wunſches erzwingen. „Die Liebe einer Schweſter, oder einer Tochter!“ wiederholte er mit ſchmollendem Groll.„Glauben Sie, daß ich mich damit begnü⸗ gen könne? Sie geben zu, daß Sie mir Dank ſchulden, es iſt die Wahrheit; was ich für Sie that, würde kein Anderer für Sie ge⸗ than haben. Ich will Sie daran nicht erinnern, Sie fühlen es ja ſelbſt. Und was die Schranke zwiſchen uns Beiden betrifft, Marie, ſo kann ich ſie wirklich nicht ſehen. Vielleicht ſchreckt Sie mein Neich⸗ thum zurück, aber er gibt Ihnen ja die Mittel, jeden Wunſch zu be⸗ friedigen, wie meine Liebe Ihnen die heiterſte, ſorgloſeſte Zukunft ſichert. Wie könnten Sie hier noch zaudern? An der Seite Lafleur's würden Sie eine Exiſtenz voll Noth und Arbeit, voll Sorgen, Ent⸗ ſagungen und Demüthigungen finden, ich hingegen biete Ihnen Alles, was ein Frauenherz nur begehren mag. Und verlange ich dafür ein Opfer von Ihnen? Nein, ich biete Ihnen meine Hand an, ich werde mich noch heute mit Ihnen trauen laſſen, und Ihr Willee ſoll allein in dieſem Hauſe herrſchen.“ „Ich weiß das Alles“, ſagte Marie leiſe,„ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Güte, und um ſo tiefer ſchmerzt es mich, Ihr mich ehrendes Anerbieten ablehnen zu müſſen. Herr Marquis, Sie wollen die Wahrheit hören, ich darf ſie Ihnen nicht verhehlen. — —— 27— Ich liebe Erneſt Lafleur, ich habe ihn geliebt ſeit dem Angenblicke meiner erſten Begegnung mit ihm, und ich fand in ſeinem Briefe die Beweiſe ſeiner innigen und tiefen Gegenliebe. Kann ich nun noch meinem Herzen gebieten, dieſer Liebe zu entſagen? Und wenn ich es könnte, wäre es mir möglich, dieſes Herz zur Liebe für Sie zu zwingen? Nein, nein, wir würden Beide unglücklich werden.“ „Wiſſen Sie das ſo beſtimmt?“ „Ja, ich fühle es, und je länger ich darüber nachdenke, deſto klarer wird es mir.“ Der Marquis war ſtehen geblieben, ein wildes, verzehrendes Feuer loderte in ſeinen funkelnden Augen, die feſt und unverwandt mit drohendem Ausdruck auf ihr ruhten. „Und wenn ich nun dennoch dem erträumten Glücke nicht ent⸗ ſagen wollte?“ fragte er, mühſam an ſich haltend. „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Marquis.“ „Ach, Marie, Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß Sie ſich in meinem Hauſe, in meiner Gewalt beſinden.“ „Mein Herr—“ „Marie, der iſt ein Narr, der das Glück nicht feſthält, der es nicht zwingt, ihm dienſtbar zu ſein.“ Das Mädchen war todesbleich geworden, Angſt und Entſetzen ſpiegelten ſich in ihren ſtarren Zügen. Sie wollte ſich erheben, aber kraftlos ſank ſie auf ihren Sitz zurück. „Das kann Ihr Ernſt nicht ſein“, ſagte ſie bebend,„das wäre eine zu gewaltige Täuſchung, die mir den Glauben an Gott und die Menſchheit rauben würde.“ Der Marquis lachte bitter. „Fragen Sie ſich, ob es nicht Ihre Schuld ſei, wenn ich dieſen Glauben ſchon verloren habe“, entgegnete er.„Glauben Sie wirklich, ich werde dem Proletarier das Feld räumen, ſchweigend zuſehen, wie er das Liebſte, was ich auf der Welt habe, in Beſitz nimmt? Nim⸗ mermehr werde ich das zugeben, nur über meine Leiche führt der Weg zu Ihnen.“ „Und Ihr Verſprechen?“ „Bah, es bindet mich jetzt nicht mehr.“ „Herr Marquis, Ihre Ehre—“ „Mahnen Sie mich nicht daran, Marie!“ fuhr der Edehnann zornig auf.„Ich halte das Glück feſt und opfere ihm Alles, Ehre ——ÿ—ÿ—ÿ—ꝛx——V———— —ʒ———————— — 728— und Gewiſſen, mein Vermögen und mein Leben. Sie behaupten, Lafleur zu kennen, aber Sie werden ſchwerlich wiſſen, daß dieſer Mann ein Verbrecher iſt, der eher die Galeere als Achtung und Liebe verdient. Er hat den Pöbel gegen Pierre Bandau, den Vater Louiſon's, aufgehetzt, er ſtand an der Spitze der wüthenden Rotte, welche das Haus erſtürmte und den alten Mann ermordete. Und dieſem Burſchen wollen Sie Ihre Hand reichen? Nimmer werde ich das zugeben, ich werde ihn vernichten, wenn Sie der Thorheit nicht entſagen und ferner noch mit ihm ſich beſchäftigen. Sie ſollen mich lieben, Marie, ich fordere es und werde nicht ruhen, bis ich dieſen Zweck erreicht habe.“— „Und das ſagen Sie mir?“ fragte Marie mit wachſender Angſt. „Die Leidenſchaft ſpricht aus Ihnen, Herr Marquis, und Sie wiſſen ſelbſt nicht, was Sie ſagen, deshalb will ich dieſe Worte vergeſſen, die mein Herz wie Dolchſtiche getroffen haben. Ich will an dem Glauben feſthalten, daß Sie Ihr verpfändetes Ehrenwort einlöſen und mein Vertrauen rechtfertigen werden, ich will mit Geduld abwarten, was Sie nun unternehmen werden, ich kann ja nicht glauben, daß Sie mich ſo ſehr betrogen haben ſollten.“ Der Marquis ſah auf ſeine Uhr, er war jetzt, nachdem er ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, ruhiger geworden. „Ich frage Sie noch einmal, Marie“, ſagte er, nwird Ihre Wahl auf Lafleur, oder auf mich fallen?“ „Sie wiſſen es.“ „Vielleicht war die Bedenkzeit zu kurz—“ „Mein Entſchluß ſtand ſchon am erſten Tage feſt.“ „Marie, ich will Sie auf meinen Knieen um Ihre Liebe bitten, ich will Alles thun, was Sie begehren, jede Bedingung erfüllen, die Sie an Ihr Jawort knüpfen wollen!“ rief der Marquis, der ſich noch einmal von ſeiner Leidenſchaft hinreißen ließ und vor dem er⸗ ſchreckten Mädchen auf die Kniee niedergeſunken war. Er hielt ihre beiden Händ⸗ gefaßt und ſah ihr flehend in die Augen, die ſich mit Thränen füllten. „Marquis, Sie demüthigen ſich zu tief“, ſagte in demſelben Augenblick eine helle, ſcharfe Stimme,„ſtehen Sie auf, Sie brin⸗ gen das Mädchen in eine Verlegenheit, die ihr wahrhaft peinlich ſein muß.“ Die Beiden waren erſchreckt emporgefahren, in der geheimen Thüre — 729— ſtand Madame von Chateaufleur, welche die Gruppe mit ſarkaſtiſchem Lächeln betrachtete. Der Marquis hatte raſch ſeine Faſſung wiedergefunden, er trat auf ſie zu, um ihr Vorwürfe zu machen, aber Cora kam ihm zuvor. „Ueberlaſſe es mir, dieſen Trotzkopf zu beugen“, flüſterte ſie,„ich weiß, wie man ihn behandeln muß.“ „Wir ſprechen ſpäter darüber“, erwiderte er leiſe,„ſobald wir es können, werde ich Dir ein Zeichen geben, ich erwarte Dich dann in meinem Kabinet.—— Ich hatte ganz vergeſſen, die geheime Thüre zu ſchließen“, fügte er dann mit lauter Stimme hinzu,„es war eine unverzeihliche Nachläſſigkeit, die mich jetzt nicht berechtigt, Ihnen einen Vorwurf zu machen. Marie, ich laſſe Sie mit dieſer Dame allein, ſie wird Ihnen das Unrecht abbitten, welches Sie Ihnen zugefügt hat, ich habe dafür geſorgt, daß auch dieſe Genugthuung Ihnen zu Theil werde. Was ich Ihnen geſagt habe, und was Sie mir darauf erwiderten, das wollen wir vergeſſen, ich hege noch immer die Hoff⸗ nung, daß Sie ſich eines Andern beſinnen werden.“ Er verbeugte ſich nach dieſen in ſehr höflichem Tone geſprochenen Worten und ging durch die geheime Thüre hinaus. Es war ihm ärgerlich und angenehm zugleich, daß Cora ihn ſo unerwartet überraſcht hatte und dazu noch in einer ſo wenig benei⸗ denswerthen Situation, ärgerlich, weil ſie nun im Beſitz eines Ge⸗ heimniſſes war, welches für ihn gefährlich werden konnte, angenehm, weil er mehr und mehr einſah, daß er der Hülfe dieſer ſchlauen und erfahrenen Frau bedurfte, wenn er das erſehnte Ziel erreichen wollte. Und Cora befand ſich ja jetzt in Verhältniſſen, welche ſie zwan⸗ gen, ſich ganz ſeinem Willen zu unterwerfen, ſie hing von ſeiner Gnade ab und er glaubte mit leichter Mühe ein gefügiges Werkzeug aus ihr machen zu können. Er dachte darüber nach, während er in ſeinem Kabinet auf und nieder wanderte und Erneſt erwartete. Im erſten Augenblick war er entſchloſſen geweſen, ſeinem Diener Vorwürfe zu machen darüber, daß er Madame von Chateaufleur in das Kabinet geführt hatte, aber er ſtand davon ab, er kannte ja nur zu gut die Energie dieſer Frau, und er mußte in erſter Neihe ſich ſelbſt ſeiner Nachläſſigkeit wegen Vorwürfe machen. Daß Cora ihn betrügen werde, glaubte er nicht, wie hätte fie es auch gekonnt? Sie war jetzt ſeine Gefangene, ſo gut, wie Marie, — 730— und ſie ſollte ſein Haus nicht eher wieder verlaſſen, bis er ſie geprüft und ihre Abſichten ganz durchſchaut hatte. Eine Viertelſtunde verſtrich, dann meldete der Diener Erneſt La⸗ fleur an, und gleich darauf ſtand der Marquis dem jungen Manne gegenüber, der ſeinen Sonntagsſtaat angelegt hatte. Der Edelmann ging ihm mit wohlwollendem Lächeln entgegen und bot ihm die Hand. „Wiſſen Sie auch, daß Sie nicht pünktlich geweſen ſind?“ ſagte er mit leiſem Vorwurf.„Ich erwarte Sie ſchon ſeit einer Viertel⸗ ſtunde.“ „Verzeihen Sie, ich hatte in der vergangenen Nacht Wachtdienſt“, erwiderte Erneſt,„wir wurden nicht rechtzeitig abgelöſt”“— „Und die Pflicht geht Allem vor, nicht wahr?“ „Gewiß, Herr Marquis, denn wenn ich mir auch ſagen muß, daß eine bereits verlorene Sache mir dieſe Pflicht auferlegt, ſo darf ich doch auch nicht vergeſſen, daß mein unglückliches Vaterland ihre Erfüllung fordert.“ „Sie haben Recht, mein junger Freund, und ich möchte wün ſchen, daß alle Vertheidiger unſerer Stadt dächten wie Sie. Aber leider ſind zu viele räudige Schaafe in dieſer Heerde, und ich begreife wohl, daß Trochu mit dieſer Armee keinen entſcheidenden Schlag wagen will.“ „Er würde nur nutzloſe Opfer koſten.“ „Und dennoch müſſen dieſe Opfer gebracht werden. Was ſpricht man auf den Boulevards?“ „Es iſt die alte tolle Wirthſchaft“, antwortete Erneſt ärgerlic „Man glaubt mit Zuverſicht an den großen Sieg der Loire⸗Armee und bereitet ſich ſchon jetzt darauf vor, die einmarſchirenden Sieger zu empfangen.“ „Sie ſagen das in einem Tone, der vermuthen läßt, daß Sie an die Möglichkeit unſerer Befreiung nicht glauben.“ „Nein, Herr Marquis, ich glaube nicht daran, weil ich die deutſche Armee geſehen habe. Den guten Willen der Provinzen und die Energie Gambetta's erkenne ich gerne an, aber dieſe Anſtrengungen ſind nutzlos und thöricht. Mit undisciplinirten Haufen kann man eine ſiegreiche Armee nicht ſchlagen, ſelbſt wenn die Waffen und die Talente der Führer auf beiden Seiten gleich wären. Einen kleinen Erfolg mag die Loire⸗Armee errungen haben, aber wenn ſie auf größere Truppenmaſſen ſtößt, wird das Blatt ſich wenden und das Blut Tauſender nutzlos vergoſſen.“ „Gewiß nicht, ſo wenig, wie man den verrückten Ideen eines Wahnſinnigen entgegen treten darf“, fuhr Erneſt fort.„Und doch ſollte man es thun, an jeder Straßenecke ſollte eine warnende Stimme ſich erheben und dem unwiſſenden, bethörten Haufen Vernunft predi⸗ gen. Man ſollte die Journale unterdrücken, die täglich zum Wider⸗ ſtand bis auf den letzten Mann hetzen, man ſollte die Regierung zwingen, Frieden zu ſchließen, ehe Frankreich vollſtändig ruinirt iſt.“ „Wollen Sie verſuchen, dieſe Aufgabe zu löſen?“ „Bei Gott, ich wäre ſofort bereit dazu, wenn eine Geſellſchaft von muthigen Männern ſich bildete, die Alle dieſen Zweck zu erreichen ſtrebten. Das Elend hat eine entſetzliche Höhe erreicht, und wer weiß, was noch kommen wird.“ „Ja, wer weiß!“ ſagte der Edelmann gedankenvoll.„Die Re⸗ gierung gibt nicht nach, und wenn ſie es wollte, würde der Pöbel ſie daran verhindern.“ „Der Pöbel!“ entgegnete Erneſt erbittert.„Er ſieht und fühlt das Elend nicht, er empfängt ſeinen Sold und ſeine Nationen, er bereichert ſich durch Plünderung und berauſcht ſich im Blute der Un⸗ glücklichen, die ſeiner blinden Wuth zum Opfer fallen. Aber wie es in den Manſarden ausſieht, darum kümmert er ſich nicht; wenn die Särge vorbeigefahren werden, und ihre große Zahl ihn erſchreckt, flucht er den Preußen, ohne daran zu denken, daß die Hauptſchuld auf ihn fällt.“ Der Marquis nickte, als ob er ſagen wolle, er wiſſe darauf nichts zu erwidern, denn es ſei die Wahrheit. „Denken wir, es ſei eine Strafe Gottes“, nahm er nach einer Pauſe das Wort,„und wenn die Unſchuldigen mit den Schuldigen leiden müſſen, ſo lehrt ja die Erfahrung, daß dies zu allen Zeiten und in jedem Kriege ſo geweſen iſt. Warten wir ab, was die Loire⸗ Armee ausrichten wird. Im Norden iſt ebenfalls eine Armee im Anmarſch und Garibaldi wird bald mit ſeinen Schaaren aufbrechen, um in das deutſche Land einzufallen.“ „Ja, warten wir ab“, ſagte Erneſt, mit der Hand über die Stirn fahrend,„darf ich Sie jetzt an den Zweck meines Beſuchs erinnern?“ „Mein Freund, wir werden heute kein Reſultat erhalten.“ „Aber iſt heute nicht der Tag—“ — 732— „Freilich, der Tag, an welchem Fräulein Reimann ihre Enlſchei⸗ dung treffen ſollte.“ „Wohlan, gehen wir zu ihr.“ Der Marquis ſchüttelte ablehnend das Haupt, eine ernſte Weh⸗ muth breitete ſich über ſein Geſicht. „Fräulein Marie iſt erkrankt“, ſagte er mit ſchmerzlicher Beto⸗ nung,„Sie begreifen, daß unter ſolchen Umſtänden die Friſt ver⸗ längert werden muß.“ Erneſt war bleich geworden, eine unſägliche Angſt ſpiegelte ſich in ſeinem ſtarren Blick, der mit fieberhafter Spannung auf dem Edelmann ruhte. „Vielleicht iſt dieſe Krankheit eine Folge der Gemüthsaufregun⸗ gen“, fuhr der Marquis fort,„vielleicht auch hat ſie die Miasmen einer epidemiſchen Krankheit eingeathmet, Typhus und Blattern for⸗ dern ja täglich hier ihre Opfer.“ „Und was ſagt der Arzt?“ fragte Erneſt tonlos. „Er weiß noch nicht, welchen Namen er der Krankheit geben ſoll, man muß den weiteren Verlauf abwarten. Daß es der jungen Dame an der aufmerkſamſten Pflege nicht fehlt, brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen, mein lieber Freund, ich habe eine ſehr gute Wärterin engagirt und erhalte ſtündlich Berichte.“ „Mein Gott, wenn—“ „Ergehen wir uns jetzt nicht in Vermuthungen, die uns nur äng⸗ ſtigen können, wir müſſen Geduld haben, Alles was geſchehen kann, das theure Leben zu retten, geſchieht, das Andere müſſen wir Gott anheim ſtellen.“ „Und ich kann ſie nicht ſehen?“ fragte Erneſt mit zitternder Stimme. „Nein, ſie liegt zu Bett, ich ſelbſt habe ſie ſeit einigen Tagen nicht mehr geſehen, jede Aufregung kann ihr den Tod bringen. Wir müſſen uns gedulden, mein Freund, ſobald Fräulein Marie geneſen iſt, werde ich es Ihnen mittheilen, ſie darf dann nicht länger mit ihrer Entſcheidung zögern.“ „Sie hat meinen Brief erhalten?“ „Natürlich.“ 6 „Und ſprach ſie nicht mit Ihnen darüber?“ „Doch“, ſagte der Marquis zögernd.„Sie äußerte ſich in an⸗ erkennender, lobender Weiſe über Sie, ſie pries Ihre Herzensgüte, ihren vortrefflichen Charakter, Ihren Fleiß und Ihr ernſtes Streben.“ ———ü— „Und darauf?“ „Was wollen Sie mehr?“ „War das Alles, was ſie ſagte?“ „Alles, mein Freund. Durfte ich ſie fragen, welche Entſcheidung ſie treffen werde? Hatte ich Ihnen nicht verſprochen, Alles zu ver⸗ meiden, was in irgend einer Weiſe mir zum Vortheil gereichen könne?“ „So haben auch Sie keine Gewißheit?“ 3 „Nein.“ Erneſt athmete auf, ihm war, als ſei eine ſchwere Laſt von ihm genommen, er fand in dem Geſicht des Edelmannes keinen Zug, der ihm Mißtrauen hätte einflößen können. „So thürmen die Sorgen ſich auf“, ſagte er,„und es gehören ſtarke Schultern dazu, um die ſchwere Laſt zu tragen. Ich muß Sie bitten, mir zu erlauben, daß ich mich täglich nach dem Beſinden der jungen Dame erkundige.“ „Ich würde es ſeltſam finden, wenn Sie es nicht thäten“, er⸗ widerte der Marquis freundlich.„Kommen Sie, ſo oft und wann Sie wollen, Sie werden hier ſtets eine Antwort auf Ihre Fragen erhalten.“ „Es wäre furchtbar, wenn der Tod ſie wegraffte“, ſeufzte Erneſt, dem die Thränen in die Augen ſchoſſen.„Wenn ich dem Gedanken an dieſe Möglichkeit nachhangen wollte, könnte ich wahnſinnig werden.“ „So verbannen ſie ihn“, ſagte der Edelmann ruhig,„man muß ſtets das Beſte hoffen. Und iſt es denn heutzutage eine Seltenheit, daß eine Krankheit plötzlich den geſundeſten Menſchen wegrafft? Muß nicht Jeder darauf gefaßt ſein, daß im nächſten Augenblick ihn der Tod erreichen wird? Man will wiſſen, das Bombardement werde in einigen Tagen beginnen, der Feind ſoll es bereits angekündigt haben, platzen erſt die Bomben in den Straßen von Paris, dann werden die Opfer zahlreicher werden. Und nun denken Sie, was geſchehen wird, wenn die Deutſchen die Stadt erſtürmen! Paris iſt alsdann der ganzen ungezügelten Wuth der Stürmenden preisgegeben, die von Blut berauſchten Soldaten werden rauben, ſengen und morden, und der Lebende mag dann wohl diejenigen beneiden, welche vor dieſer Schreckensſtunde in's Jenſeits hinübergegangen ſind.“ „Das wäre entſetzlich!“ „Aber immerhin möglich. Je länger unſer Widerſtand währt, deſto höher ſteigt die Wuth des Feindes, der längſt das Ende dieſes Krieges herbeiwünſcht. Ich weiß wirklich nicht, ob ich den nicht glück⸗ lich preiſen ſoll, der das Ende dieſer Belagerung nicht erlebt.“ Erneſt ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken, die entſetzlichen Bil⸗ der, welche der Marquis ihm zeigte, ſchmetterten ihn nieder. „Aber weshalb ſollen wir gleich an das Furchtbarſte denken, wes⸗ halb das Geſpenſt des Todes herauſbeſchwören?“ nahm der Edelmann wieder das Wort.„Hoffen wir, daß dieſe Krankheit vorübergehen und Fräulein Marie geneſen wird, wir haben ja gegenwärtig noch keine Veranlaſſung, dieſer Hoffnung ganz zu entſagen.“ Erneſt ſtrich mit der Hand über Stirne und Augen, ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ſeinen Lippen. „Wenn es hier einen Troſt für mich gibt, ſo iſt es die Gewiß⸗ heit, daß Fräulein Reimann die ſorgfältigſte Pflege hier findet“, ſagte er.„Aber auch ſie kann ihr das Leben nicht retten, wenn ſie den Todeskeim im Herzen trägt. Wie iſt das nur ſo raſch gekommen? Ich hatte mich ſo ſehr auf dieſe Stunde gefreut, auf das ſo lange herbeigeſehnte Wiederſehen, und ach, wie unſäglich glücklich wäre ich geweſen, wenn ihre Wahl auf mich gefallen wäre!“ „Wie aber, wenn Sie mir hätten weichen müſſen?“ fragte der Marquis ruhig. „Ich war auch darauf vorbereitet, ich hätte entſagen können, ſo ſchwer es mir auch geworden wäre. Wenn ſie nur glücklich wird, für ſie will ich gern auf mein eignes Glück verzichten.“ „Nun, dieſe Nothwendigkeit iſt Ihnen noch nicht nahe getreten, mein junger Freund“, ſagte der Marquis mit herzgewinnender Freund⸗ lichkeit,„wir wiſſen beide nicht, wie die Entſcheidung ausfallen wird. Wo ſind Ihre Freunde?“ Erneſt blickte auf, dieſe Frase lenkte ſeine Gedanken den beäng⸗ ſtigenden Bildern ab, mit denen ſie ſich beſchäftigt hatten. „Paul iſt daheim“, erwiderte er,„heute durſte er mich nicht be⸗ gleiten.“ „Er iſt ſehr mißtrauiſch.“ „Er war es, ſo lange das Unglück ihn verfolgte. Aber ſeikdem er ſeine Braut wiedergefunden hat und mit ihr vereint iſt, kaun ich nicht mehr über ihn klagen.“ Der Edelmann wiegte leicht das Haupt. „Es wäre zu wünſchen, daß er die böſen Leidenſchaften zügelte“, ſagte er.„Paul Bertrand iſt auch einer von deuen, die mit dem Kopfe durch jede Mauer rennen wollen und dem Verſtande nur ge⸗ zwungen eine Stimme einräumen. Ich liebe dieſe Naturen, wenn es gilt, durch Waffengewalt einen Zweck zu erreichen, aber ihr Miß⸗ trauen und ihr Grimm richten ſich gegen Jeden, der ſeine Handlungen nicht ganz nach ihren Wünſchen richtet.*Wer war die Veranlaſſung, daß das Haus des Wucherers erſtürmt wurde?“ Erneſt ſenkte betroffen vor dem ernſten, faſt drohenden Blicke des Marquis die Augen. „Pierre Bandau ſelbſt“, erwiderte er.„Es wurde dem Volke verrathen, daß er enorme Vorräthe von Lebensmitteln aufgehäuft hatte, mit denen er wucherte—“ „Und wer verrieth es ihm?“ „Die Käufer dieſer Lebensmittel.“ „Sie wollen mich täuſchen“, ſagte der Edelmann,„aber ich weiß beſſer, wie die Dinge liegen. Weshalb Sie und Ihr Freund die Damen der Halle gegen den Lumpenſammler aufgehetzt haben, kann und mag ich nicht ergründen, vielleicht würden Sie es jetzt, nachdem Sie die böſen Folgen erkannt haben, nicht wieder thun. Aber es iſt geſchehen, und keine Vorwürfe können Geſchehenes ungeſchehen machen.“ Erneſt wollte ſich vertheidigen, aber der Marquis machte eine abwehrende Bewegung. „Sie haben ſich hinreißen laſſen, und ich will Ihnen deshalb keine Vorwürfe machen“, fuhr er fort,„Pierre Bandau hätte ja dieſes Ende vorausſehen können. Seine Tochter iſt gerettet, aber wie ſieht es mit der Hinterlaſſenſchaft des Wucherers aus?“ „Als wir am andern Tage hingingen, fanden wir den eiſernen Schrank erbrochen und geplündert, Louiſon hat keinen Sous von dem großen Vermögen gerettet.“ „Hm, trug der Schrank Spuren der gewaltſamen Erbrechung?“ „Nein, und eben das war uns ſo ſehr auffallend. Pierre Bandau hielt die Schlüſſel in der ſtarren, feſt geſchloſſenen Hand, und doch war der Schrank vermittelſt dieſer Schlüſſel geöffnet worden.“ „Wubte Louiſon keine Aufklärung darüber zu geben?“ „Ihre Mittheilungen machten das Räthſel nur noch dunkler. Mehrere Tage vorher ſoll Pierre Bandau ein verdächtiges Subjekt in ſein Haus aufgenommen haben. Wer dieſer Mann war und was er in dem geheimen Gewölbe, welches er bewohnte, trieb, wußte Louiſon nicht, auch ſah ſie ihn nur ſelten. Dieſes Subjekt nun kam an dem — 736— Abend, an welchem der Angriff begann, aus dem Bureau, deſſen Thüre vorher verſchloſſen geweſen war, und Louiſon fand im Butrdgn ſelbſt ihren Vater gefeſſelt und geknebelt auf dem Boden liegen.“ „Seltſam!“ ſagte der Marquis.„Hat ſie gar keine Ahnung da⸗ von, wer dieſer Menſch gewefen iſt?“ „Nein.“ „Ich will verſuchen, es zu erforſchen, aber ich fürchte, das väter⸗ liche Vermögen iſt für Louiſon verloren. Und es ruhte auch kein Segen auf dem Gelde, es war behaftet mit dem Fluch und den Thrä⸗ nen der Armuth, das mag Louiſon über den Verluſt tröſten. Wo iſt Ihr anderer Freund?“ „Jeau?“ „Ich glaube, ſo hieß er. Er wohnt nicht mehr bei Ihnen.“ „Er hat uns verlaſſen“, erwiderte Erneſt, den di eſe Frage in Ver⸗ legenheit btaͤchte,„ſeitdem haben wir über ſein Schickſal nichts mehr erfahren.“ „Sie wiſſen alſo nicht, ob es ihm gelungen iſt, mit heiler Haut durch unſere Vorpoſtenkette zu kommen?“ fragte der Edelmann ironiſch Erneſt zuckte zuſammen. „Sie wiſen Alles“, ſagte er verwirrt,„Ihnen kann man nichts verbergen. „Mein Freund, was ich wiſſen will, das erfahre ich auch. Ich weiß, daß dieſer Freund ein Preuße war, den Sie damals von Ver⸗ ſailles mitgebracht hatten, wenn Leine Anweſenheit in Paris mir Be⸗ ſorgniſſe eingeflößt hätte, ſo würde ich ohne Verzug ſeine Verhaftung beantragt haben. Ich weiß, daß Sie ihm behülflich geweſen ſind, Paris zu verlaſſen, ich ſah auch darin keine Gefahr, denn er kann nichts verrathen.“ „Er war früher lange in Paris und ſchon damals mit mir be⸗ freundet—“ „Mag ſein, ich will weiter nichts wiſſen“, unterbrach der Marquis den jungen Mann,„ich habe 5 auch nicht weiter nach ſeinem Schick⸗ ſal erkundigt. Was macht unſere Freundin, Madame Leroi? Haben Sie noch immer Grund, ſich über ſie zu beſchweren?“ „Nein. In den erſten Tagen wollte ſie ſich Louiſon nähern, auch die Gourdin verſuchte es, aber wir haben den Megären ſe gründlich den Kopf gewaſchen, daß ſie nicht mehr wagen—“ „Sehen Sie ſich vor, Sie kennen die Schliche dieſer Weiber nicht, — 737— ihrer Liſt und Schlauheit iſt ein ehrlicher Charakter nicht gewachſen. Empfängt die Wahrſagerin noch viele Beſuche?“ „Mehr denn je. Elegante Damen und junge Herren geben ſich bei ihr ein Rendezvous, Vagabunden und alte Hexen beſuchen ſie, aber da der Zweck dieſer Beſuche mich nicht intereſſirt, gebe ich mir auch nicht die Mühe, ihn zu erforſchen.“ Bei den letzten Worten hatte Erneſt ſich von ſeinem Sitze erhoben, um Abſchied zu nehmen, und der Edelmann hielt ihn nicht zurück. „Ich würde Sie gern zum Diner einladen“, ſagte der Marquis, indem er ihm die Hand reichte,„aber Sie werden begreifen, daß ich nicht dazu in der Stimmung ſein kann. So lange Fräulein Marie krank iſt, ſoll in dieſem Hauſe die tiefſte Ruhe herrſchen, ſpäter werden wir das Verſäumte nachholen und hoffentlich das frohe Feſt der Ge⸗ neſung feiern.“ Erneſt nickte zuſtimmend, es erwachte noch immer kein Mißtrauen in ſeiner Seele. „Ich werde von Ihrer freundlichen Erlaubniß Gebrauch machen und mich täglich nach dem Befinden der jungen Dame erkundigen“, erwiderte er. „Sie werden mich zu jeder Stunde bereit finden, Ihnen Antwort zu geben, mein junger Freund, ich hoffe, ſchon bald Ihnen erfreuliche Mittheilungen machen zu können.“ Der Marquis athmete auf, als ſein Nebenbuhler ſich entfernt hatte, das freundliche Lächeln verſchwand von ſeinen Lippen, ein düſterer Ernſt breitete ſich über ſeine Züge. Ddie Arme auf der Bruſt verſchränkt, wanderte er eine geraume Weile auf und nieder, dann öffnete er die geheime Thüre, und gleich darauf erklang der ſilberhelle Ton eines Glöckchens. Einige Minuten verſtrichen, dann trat Cora durch die geheime Thüre in's Kabinet. Der Marquis ſtand ihr gegenüber, ſein Blick ruhte durchdringend auf ihrem leicht gerötheten Antlitz. „Ich wäre berechtigt, Dir bittere Vorwürfe zu machen“, ſagte er, „Du haſt eigenmächtig Dich in Geheimniſſe eingedrängt, die Du ohne meine Erlaubniß nicht erforſchen durfteſt.“ Die ſchöne Frau zuckte die Achſeln und warf ſich lachend in einen Seſſel, ihre blitzenden Augen hefteten ſich feſt auf den Edelmann, der ihr gegenüber Platz nahm. R. 4 — — 738— „Man muß eine günſtige Gelegenheit zu benutzen wiſſen, Heury“, ſagte ſie,„Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte. Und wenn man ſolche Geheimniſſe zu bewahren wünſcht, läßt man nicht alle Thüren offen. Im Grunde genommen, kann es Dir nur angenehm ſein, daß ich einer Situation ein Ende machte, die für Dich beſchämend war.“ „Laſſen wir das, über dieſen Punkt können wir nicht ſtreiten, Cora, denn Du haſt das Weſen einer wahren Liebe niemals gekannt.“ „Wie ſentimental!“ „Spotte darüber nicht, der Spott würde mich verletzen.“ „Gut, reden wir ernſt über dieſe Angelegenheit“, erwiderte Ma⸗ dame von Chateaufleur.„Du haſt um die Hand einer früheren Gouvernante geworben und Deine Werbung iſt zurückgewieſen wor⸗ den, weil Marie Deinem Nebenbuhler den Vorzug gibt. Ich hätte ein Recht, eiferſüchtig zu werden, Dir Treuloſigkeit und Meineid vor⸗ zuwerfen, aber wozu das? Nehmen wir die Dinge, wie ſie ſind und fügen wir uns den Verhältniſſen.“ „Das wird das Beſte ſein, Cora. Ueber Deine Eiferſucht würde ich lachen, und Dein Haß wäre ohnmächtig. Was ſagte Marie, nachdem ich das Gemach verlaſſen hatte?“ „Nicht viel, Henry, ſie kam mir mit Mißtrauen entgegen, aber ich wußte ja, wie man ſie behandeln muß. Ich bat ſie um Ver⸗ zeihung wegen des Unrechts, welches ihr in unſerm Hauſe angethan wurde, ich ſchob die ganze Schuld auf den Vicomte und ſagte ihr, daß ich ihn verlaſſen habe, weil ſeine Tyrannei mir unerträglich ge⸗ weſen ſei. Sie glaubte mir, ich hätte gewünſcht, daß ſie in Klagen über Dich ausgebrochen wäre, aber ſie that es nicht, ſie ſagte mir nur, es ſei ihr unmöglich, Deinen Wunſch zu erfüllen.“ „Und weißt Du, wer mein Nebenbuhler iſt?“ „Natürlich. Ich wußte es ſchon damals, als Marie ſich in St. Lazare befand. Ein Arbeiter von Belleville.“ „Kannſt Du glauben, daß ich ihm weichen werde*“ „Du wäreſt kein Mann, wenn Du es thäteſt!“ „Er war hier, heute ſollte Marie wählen zwiſchen ihm und mir, er lam, die Entſcheidung zu holen.“ „Und was ſagteſt Du ihm?“ „Marie ſei gefährlich erkrankt.“¹ „Glaubte er es?“ „Er äußerte nicht den leiſeſten Zweifel.“ — 739— „Sehr gut, auf dieſem Fundament werden wir weiter bauen“, ſagte Cora nachdenklich.„Vor allen Dingen, Henry, muß ich Deinen Entſchluß kennen. Liebſt Du das Mädchen ſo ſehr, daß Du ihr nicht mehr entſagen kannſt?“ . 474 „Ja. „Und wirſt Du vor keinem Mittel zurückſchrecken, um Deinen Zweck zu erreichen?“ „Vor keinem, Cora!“ antwortete der Marquis mit feſter Ent⸗ ſchloſſenheit.„Ich habe ihr meine Hand und mein Vermögen ange⸗ boten—“ „Das war eine Thorheit“, fiel Cora ſpottend ihm in's Wort. „Mit ſolchen Damen muß man in anderer Weiſe reden. Ich werde verſuchen, mir ihr volles Vertrauen zu gewinnen, und ich zweifle nicht, daß mir dies in den erſten Tagen gelingt. Ich werde ihre Partei ergreifen und mit ihr Pläne ſchmieden, ſie aus Deinem Hauſe zu befreien.“ „Wenn ſie Dir glaubt!“ „Ah, das iſt meine Sache! Ich werde ihr die Ueberzeugung ein⸗ flößen, daß ich Dich glühend haſſe, und daß dieſer Haß mich bewegt, das Bündniß mit ihr einzugehen, ſie muß und wird es glauben. Ich werde ſie auffordern, an den Proletarier zu ſchreiben und mich erbie⸗ ten, den Brief an ſeine Adreſſe zu befördern. Natürlich muß ich ihr darauf eine ſchriftliche Antwort bringen. Deine Aufgabe iſt es, für dieſe Antwort zu ſorgen. Möglicherweiſe kennt Marie die Hand⸗ ſchrift Deines Nebenbuhlers, man muß das jedenfalls berückſichtigen.“ „Ich werde mir einige Zeilen von ihm zu verſchaffen ſuchen“, ſagte der Marquis ſinnend.„Aber da fällt mir ein, Marie beſitzt ja einen Brief von ihm, in welchem er um ihre Hand geworben hat.“ „Ah, ich werde ſuchen, ihn zu erhalten, aber es darf nicht in auf⸗ fallender Weiſe geſchehen, wir müſſen Alles vermeiden, was in der Seele des Mädchens Verdacht wecken könnte. Sobald ich ihr volles Vertrauen gewonnen habe, führe ich die Entſcheidung herbei, in welcher Weiſe ſie erfolgen ſoll, weiß ich noch nicht, ich werde darüber gründlich nachdenken. Der Nebenbuhler muß für immer beſeitigt werden, das iſt die erſte Bedingung.“ „Ich könnte ihn verhaften laſſen, aber ich darf es nicht wagen, er würde die Machinationen ſofort entdecken und ſeine Freunde gegen mich aufhetzen.“ 47⸗ 2—— —j— — 1 V 1 4 I — 740— „Nein, das darf nicht geſchehen, es iſt nicht der richtige Weg. Wenn Marie die Gewißheit erhalten hat, daß der Arbeiter für ſie verloren iſt, wird ſie über Deinen Vorſchlag nachdenken und ſich vor⸗ ausſichtlich nicht lange beſinnen. Was dann, wenn ſie Deine Wer⸗ bung annimmt?“ „Ich werde mein Wort einlöſen!“ „Und wo bleibe ich?“ „Einſtweilen wirſt Du hier in meinem Palais wohnen, Cora.“ „Sehr wohl, aber ſpäter?“ „Am Tage meiner Trauung mit Marie zahle ich Dir ein Ra⸗ pital aus, deſſen Zinſen Dich vor Sorgen und Noth ſchützen. Wir ſprechen darüber ſpäter, heute bin ich nicht in der Stimmung, über dieſen Punkt mit Dir zu berathen.“ „Wohlan, ich will Dir noch einmal vertrauen“, ſagte die ſchöne Frau mit leiſer Ironie,„trotzdem Du ſo oft mich getäuſcht und be⸗ trogen haſt. Ich weiß wohl, daß Du jetzt nur dem Druck der Ver⸗ hältniſſe nachgibſt, aber was thut es? Gerade darin liegt für mich eine Bürgſchaft, daß Du mich diesmal nicht hintergehen wirſt. Aber heirathen würde ich das Mädchen nicht, Henry. Wozu auch? Dieſe Liebe iſt nichts weiter, als ein Rauſch, der raſch verfliegt, biſt Du aus ihm erwacht, ſo würdeſt Du Dich ärgern über die Feſſeln.“ „Ich denke anders darüber“, erwiderte der Marquis unwillig. „Ich bin nicht aus dem Holze geſchnitzt, aus dem Dein leichtſinniger Stiefſohn gemacht iſt.“ *,Nun, wie Du willſt, es wird ſich ja finden! Ich werde alſo hier wohnen und mit Marie täglich zuſammen ſein. Natürlich habe ich meine volle Freiheit, Henry, ich will nicht als eine Gefangene mich behandelt ſehen. Ich muß aus⸗ und eingehen, thun und laſſen können, ganz wie es mir gefällt, Feſſeln laſſe ich mir nicht anlegen.“ „Ich verſpreche es Dir.“ „Gut, und wenn ich einen Wunſch äußere, wirſt Du ihn erfüllen.“ „So lange es beſcheidene Wünſche ſind, gewiß.“ Cora warf die Oberlippe trotzig empor. „Ich weiß nicht, was Du unbeſcheidene Wünſche nennſt“, erwi⸗ derte ſie,„ich werde weder Schmuck noch eine koſtbare Garderobe von Dir fordern, die Zeiten ſind zu ernſt dazu, und es iſt zu gefährlich, ſich in einer eleganten Toilette der Kanaille, die jetzt die Straßen be⸗ völkert, zu zeigen. Aber ich verlange einen guten Tiſch—“ ſie or⸗ 1 — 741— „Das Alles ſollſt Du haben.“ „Dann bin ich zufrieden. Erwartete Marie heute den Burſchen?“ „Natürlich.“ „Wohlan, ſo werde ich ihr ſagen, er ſei nicht gekommen. Viel⸗ leicht glaubt ſie das nicht, aber da der Proletarier in der National⸗ garde dient, und der Dienſt auf den Wällen Allem vorgeht, kann ſie es doch glaublich finden. Es wird rathſam ſein, wenn Du heute und morgen ihr fern bleibſt, möchlicherweiſe bringt das ſie auf die Vermuthung, daß ſie Dich beleidigt habe, dann iſt es an ihr, um Verzeihung zu bitten.“ Der Marquis blickte ſchweigend vor ſich hin, er verfolgte im Geiſte die Fäden, welche dieſe ſchlaue Frau ſpann, um aus ihnen das Netz zu weben, welches Marie in ſeine Gewalt bringen ſollte. Hätten die entfeſſelten Leidenſchaften nicht die edlen Gefühle ſeines Herzens erſtickt, ſo würde er ſelbſt zurückgebebt ſein vor den ſchänd⸗ lichen Plänen Cora's, er würde ſie mit Abſcheu und Verachtung zu⸗ rückgewieſen haben, aber ſein ganzes Sinnen und Trachten galt jetzt nur der Erreichung ſeines Zweckes und die Stürme in ſeinem Innern erlaubten ihm nicht, die Mittel ängſtlich zu prüfen. Wie aus einem verworrenen, beängſtigenden Traume erwachend, fuhr er endlich aus ſeinem Sinnen empor, er ſah die blitzenden Augen der ſchönen Frau fragend auf ſich gerichtet, und er erſchrak unwill⸗ kürlich vor der Tücke, die in dieſem Blick ſich ſpiegelte. „Du hatteſt damals auch Pläne gegen mich geſchmiedet“, ſagte er,„und es war Deine Schuld nicht, daß ſie nicht zur Ausführung kamen.“ „Weshalb kommſt Du wieder darauf zurück?“ fragte Cora ſchmollend. „Um Dir zu zeigen, daß ich Dir gegenüber zu Mißtrauen be⸗ rechtigt wäre. Wo iſt Dein Bruder?“ „Ich weiß es nicht.“ „Du haſt ihn nicht gefunden?“ „Nein. Ich war zu ſtolz, unſern Portier zu fragen, ob er oder Juſtine ſich eingefunden habe, und wo hätte ich meinen Bruder ſuchen ſollen?“ „Du ſagteſt mir, er habe an jenem Abend viel Geld beſeſſen, weißt Du nicht, woher er es genommen hatte 5 „Ich fragte nicht danach.“ „Ich vermuthe, daß er den Wucherer Bandau beraubt hat, aber — 742— wenn man ihm das auch beweiſen könnte, würde man doch den Raub ſchwerlich bei ihm finden. Dieſe Burſchen haben überall ein ſicheres Verſteck, man kann ihnen ſelten etwas anhaben, wenn man ſie nicht auf friſcher That ertappt. Sollteſt Du ihm zufällig begegnen, Cora, ſo wirſt Du ihm nicht ſagen, wo Du jetzt wohnſt, ich will mit dem entſprungenen Verbrecher nichts zu ſchaffen haben.“ „Er iſt nicht ſo ſchlimm, wie Du glaubſt, Henry, er würde ſich freuen, wenn ich ihm ſagte, daß ich mit Dir ausgeſöhnt ſei—“ „Nimm ihn nicht in Schutz, ich kenne die Sorte beſſer. Läßt er ſich noch einmal in meinem Hauſe blicken, ſo werde ich ihn ohne Weiteres niederſchießen.“ „Auch den Vicomte?“ fragte Cora ſcherzend. „Bah, was könnte ihn zu mir führen?“ „Der Wunſch, Beweiſe zu erhalten, auf den er den Scheidungs⸗ prozeß ſtützen kann.“ „Er könnte hier andere Beweiſe finden, die vernichtend für ihn wären. Du haſt ihn ſeitdem nicht wieder geſehen?“ „Nein, aber der Chevalier beſuchte mich geſtern.“ „Um Dir ſeine Theilnahme zu bezeigen?“ „Bewahre, um mich zu verſpotten. Er iſt ein elender, charakter⸗ loſer Menſch, er hat die Kenntniß des Geheimniſſes benutzt, um mit ſeinem Vater ein Bündniß gegen mich zu ſchließen. Der Vicomte zahlt ihm jetzt ein anſehnliches Taſchengeld, dafür hat der Chevalier ſich ganz auf ſeine Seite geſtellt.“ „Das ſagte er Dir?“ „Dies und noch manches Andere, es war ſeine Abſicht, mich zu kränken und zu beleidigen.“ „Er wird nicht wagen, Dich hier mit ſeinen Bosheiten zu ver⸗ folgen, ich ſchütze Dich. Und nun an's Werk, Cora, wir dürfen keine Stunde verlieren.“ „Madame von Chateaufleur erhob ſich, der Marquis öffnete die geheime Thüre und machte ſeine Freundin mit dem Mechanismus derſelben bekannt.“ „Zum Diner erwarte ich Dich“, ſagte er,„wir wollen dann weiter berathen.“ Cora nickte zuſtimmend und verſchwand darauf hinter der Thüre, welche der Marquis wieder ſchloß. Ae or fey Gortroſ Chart Magenta Green vellow Hed