— 8“— 8 4——. —,— 1— 1 —— Leihbibliothek f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Okltmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uühr offen. 24 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbefannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; füͤr wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 1 Monat: 1 wet.— Pf 1 Mr. 59 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswärtige Ahonnenten“ baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf üihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mieder mit dem Verräther!— In die Seine mit dem napo⸗ leoniſchen Schuft, der ſein Vaterland verrathen willl— An die Laterne mit dem Kerl!“ Alſo erſchallten die drohenden Rufe aus dem Volkshaufen, der auf dem Boulevard Sebaſtopol einen noch jungen, herkuliſch gebauten Mann umzingelt hielt, und zwar geſchah dies am Abend des 4. Sep⸗ tember 1870, deſſelben Tages, an welchem der geſetzgebende Körper den bei Sedan in Kriegsgefangenſchaft gerathenen Kaiſer abſetzte und die franzöſiſche Republik proclamirte. Der Bedrohte ſtand furchtlos der Menge gegenüber, er hätte den kleinen buckligen Kerl mit den ſchielenden Augen und dem gelben Geſicht, der vor ihm ſtand und am lauteſten ſchrie, mit einem ein⸗ zigen Schlage ſeiner ſehnigen Fauſt niederſchmettern können, aber er erhob den Arm nicht, nur ein verächtliches Lächeln umzuckte ſeine Lippen.„Wer wagt es, zu behaupten, daß ich Frankreich verrathen habe?“ erwiderte er.„Wer kann mir dieſes Verbrechen beweiſen?“ „Ich!“ ſchrie der Bucklige, aber er trat doch einen Schritt zurück, als jetzt der flammende Blick des jungen Mannes ihn traf.„Ihr wart bis heute ein Agent Pietri's—“ „Das iſt eine Lüge!“ fuhr der Bedrohte auf.„Ich bin ein guter Patriot, ein Republikaner mit Leib und Seele! Wollt Ihr die Fahne der Republik mit dem Blute ihrer beſten Bürger beſudeln?“ „Nein! Nein!“ ſchrieen Mehrere.„Aber wer ſeid Ihr, wenn die Anklage gegen Euch eine Lüge iſt?“ „Ich bürge für ihn“, rief ein anderer junger Mann, eine kleine gedrungene Geſtalt, welcher ſich gewaltſam eine Bahn durch die Menge gebrochen hatte.„Dieſer Mann iſt Paul Bertrand, Maſchinen⸗ 1* im Schweiße ſeines Angeſichts ſein Brod verdienen muß.“ „Es leben die Arbeiter!“ riefen Einzelne.„Es lebe die Republik! Nieder mit den Spionen und Verräthern!“ „Hei, und wer ſeid Ihr denn?“ fragte der Bucklige mit einem boshaften Blick auf den Vertheidiger des Bedrohten. „Erneſt Lafleur, Tiſchler und Nationalgardiſt“, lautete die Ant⸗ wort, die in feſtem, ruhigem Tone gegeben wurde.„Man wird mich auf den Wällen von Paris finden, wenn die Preußen kommen, mich und dieſen hier, den Ihr einen Verräther nennt. Wir werden unſer Herzblut für Frankreich vergießen, vielleicht kriecht an demſelben Tage dieſer krumme, bucklige Hund unter die Bettdecke.“ Schallendes Gelächter belohnte dieſen Ausfall gegen den Buckligen, der vor Wuth zitterte und ſich nun dem Spott und Hohn der Menge ausgeſetzt ſah. Erneſt aber ſchob ſeinen Arm in den des Freundes und ſchritt mit ihm von dannen, Niemand dachte daran, die Beiden aufzuhalten, die Aufmerkſamkeit der Menge war bereits von andern Dingen in Anſpruch genommen. . Ein Zug Stadtſergeanten marſchirte vorbei, ohne Waffen, das Volk hatte ihnen die Degen abgenommen, man verhöhnte jetzt die Polizeibeamten, die man bisher ſo ſehr gefürchtet hatte. Das Ge⸗ dränge auf den Boulevards wurde immer ſchlimmer, die Menſchen umarmten und küßten ſich, ein an Wahnſinn grenzender Jubel hatte ſich aller Gemüther bemächtigt. Die Rufe:„Es lebe die Republik!— Nieder mit den Preußen!“ übertönten den Lärm, der immer mächtiger anſchwoll und dem Rau⸗ ſchen und Toſen der Meereswogen glich. Die Bataillone der Na⸗ tionalgarden von Belleville und Montmartre marſchirten vorbei, die Marfeillaiſe ſingend und von den jubelnden Zurufen der Volksmaſſen begrüßt. Infanterie, Zuaven, Mobilgarde und Franctireurs er⸗ ſchienen Arm in Arm, und überall war man beſchäftigt, Alles zu zerſtören, was an das Kaiſerreich erinnerte. Die Büſten Napoleon's, die kaiſerlichen Wappen über den Thüren der Hoflieferanten, die Embleme der geſtürzten Regierung, alles das lag in Trümmern auf der Straße, man wollte durch nichts mehr an die napoleoniſche Familie erinnert ſein. Und dann ordneten plötzlich, wie von einem einzigen Gedanken — 5— beſeelt, die Maſſen ſich; die Arbeiter traten in Reih und Glied, Soldaten, Nationalgarden, Franctireurs, Zuaven und Mobilgarden ſchloſſen ſich an, und dieſe ganze, gewaltige und bunt zuſaumen⸗ gewürfelte Maſſe marſchirte im Tact, die Marſeillaiſe ſingend, über die Boulevards gegen die Maͤdeleine. Die beiden Freunde waren ſtehen geblieben, um den Zug an ſich vorbei marſchiren zu laſſen. „Kanaille!“ ſagte Paul, mit den Zähnen knirſchend.„Dieſes tolle Geſindel wird nicht eher Ruhe finden, bis Frankreich völlig ruinirt iſt.“ „Geſindel?“ fragte Erneſt vorwurfsvoll.„Paul, ich fürchte faſt, die Anklage gegen Dich war gerecht.“ „Bah, ich bin nie ein Agent Pietri's geweſen.“ „Aber Du biſt auch kein Republikaner!“ „Doch, ich bin es, aber nicht in dem Sinne, in dem dieſe Ka⸗ naille ſich Republikaner nennt. Ich bin es ſchon deshalb, weil ich das harte Joch der Arbeit tragen muß; aber ich bin es nicht mehr, wenn die Republik den Krieg fortſetzt.“ „Wir ſollen Frieden ſchließen mit den übermüthigen Preußen?“ fragte Erneſt mit einem zürnenden Blick auf den Freund.„Wir dürfen es nicht—“ „Parbleu, ſo müſſen wir uns mit dem Gedanken befreunden, daß wir hier verhungern werden, wenn nicht eine preußiſche Bombe uns den Gefallen erzeigt, unſerm elenden Daſein ein Ende zu machen“, erwidexte Paul bitter.„Gambetta wird natürlich nicht nachgeben, dieſer ehrgeizige Advokat wird ſich zum Dictator Frankreichs empor⸗ ſchwingen und dann—“ „Paul!“ fiel Erneſt warnend ihm in's Wort, indeß die treuher⸗ zigen Augen voll Beſorgniß zu dem herkuliſchen Manne emporſchauten. „Wenn das Volk dieſe Worte hörte, es würde Dich zerreißen und nichts könnte vor ſeiner Wuth Dich retten!“ Der Maſchinenbauer ſtrich mit der breiten, ſchwieligen Hand über ſeine Stirne, als ob er die finſtern Gedanken beſchwören wollte, und abermals umzuckte ein höhniſches Lächeln ſeine Lippen. „Laſſen wir das“, ſagte er,„die Zeit wird ja lehren, wer Recht hat! Aber ich will Dir beweiſen, daß ich ein guter Patriot bin. Kannſt Du ſchweigen?“ „Du kennſt mich von Kindesbeinen an, Paul—“ „Ja, ich weiß, daß Du eine treue, ehrliche Seele biſt, nur zu 1 A 1 1 gutmüthig, deshalb biſt Du auch nie auf einen grünen Zweig ge⸗ kommen. Ich vertraue darauf, daß Du das Geheimniß, welches ich Dir jetzt anvertraue, mit keiner Silbe verrathen wirſt.“ „Du darfſt es, Paul.“ „Wohlan, ſo höre. In der Rue Dauphine wohnt ein alter Geizhals, ein Wucherer der ſchlimmſten Sorte, der das edle Gewerbe eines Lumpenſammlers betreibt.“ „Pierre Bandau“, warf Erneſt ein. „Ah, Du kennſt ihn?“ „Wer ſollte Vater Bandau nicht kennen? Hat er nicht große Aehnlichkeit mit dem Burſchen, der vorhin den Pöbel gegen Dich hetzte?“ „Du haſt Recht, Vater Bandau hat auch einen Buckel, und in ſeinen grauen, ſtechenden Augen, in ſeinem gelben, pockennarbigen Geſicht ſpiegelt ſich nicht weniger Bosheit und Tücke, wie in den Augen jenes Burſchen, den der Teufel holen möge! Aber Pierre Bandau hat eine ſchöne Tochter, Erneſt. So ſeltſam das auch lauten mag, ich ſage die Wahrheit.“. „Und Du liebſt das Mädchen?“ „Ja, mein Freund. Ich rettete Louiſon vor einigen Monaten aus den Händen roher Burſchen, die ſie beſchimpfen wollten; an jenem Abend lernten wir einander kennen, und wir ſahen uns nun öfter. Vielleicht hätte ich bald daran denken dürfen, meinen eignen Heerd zu gründen, wenn der Krieg nicht ausgebrochen wäre, aber ſelbſt in dieſem günſtigſten Falle lag das Ziel mir doch noch fern. Ich bin ein armer Teufel, und Louiſon iſt das einzige Kind Pierre Bandau's.“ „Und Vater Bandau iſt ein reicher Mann!“ „Leider“, ſeufzte Paul,„ich darf nicht hoffen, daß er uns ſeine Einwilligung geben wird. Er will ſein ſchönes Kind theuer ver⸗ kaufen, und weshalb ſollte ihm das nicht gelingen? Am Hofe Na⸗ poleon's wimmelte es von Edelleuten und hochgeſtellten Männern, welche kein Bedenken trugen, die ſchöne Tochter eines reichen Lumpen⸗ ſammlers zu heirathen, wenn die Mitgift der Braut ihnen eine glän⸗ zende Rente ſicherte. Und dieſe Leute, die augenblicklich freilich ver⸗ ſchwunden ſind, werden eines ſchönen Tages zurückkehren und Pierre Bandau kann dann mit ſicherer Ausſicht auf Erfolg ſeine Netze auswerfen.“ „Aber wird Louiſon auch in dieſem Punkte ihrem Vater gehor⸗ chen?“ fragte Erneſt zweifelnd. — 7— „Sie wird zu wählen haben zwiſchen dem Gehorſam und dem Fluch ihres Vaters.“ „He— verlierſt Du ſo raſch den Muth?“ „Gewiß nicht, weder den Muth, noch die Hoffnung. Aber an⸗ genehm iſt es doch nicht, ſich auf einen hartnäckigen Kampf mit dieſem eigenſinnigen, ſtarrköpſigen Manne gefaßt machen zu müſſen.“ „Ich würde ehrlich und furchtlos vor ihn treten—“ „Und Dich der Gefahr ausſetzen, mit groben Worten vor die Thüre geworfen zu werden?“ fiel Paul dem Freunde in's Wort. Das wäre die erſte Niederlage für mich, und ihn würde der wohl⸗ feile Sieg ermuthigen. Ich habe ein beſſeres Mittel gewählt.“ Die Beiden waren jetzt auf dem Pont Neuf angekommen, jener alten und berühmten Seinebrücke, die von der Rue de Rivoli durch die Cits in die Rue Dauphine führt. Paul blieb ſtehen, legte ſeine Hand auf den Arm des Freundes und ſah ihm forſchend in's Auge. 3 „Du wirſt ſchweigen“, ſagte er mit ungewöhnlichem Ernſt,„ein unbedachtes Wort aus Deinem Munde würde mir das Leben koſten. Sieh her, wo wir hier ſtehen, iſt manches Todesurtheil vollſtreckt worden, die ſchmutzigen Wellen der Seine ſind ſchon für Manchen ein Grab geworden, der ein gefährliches Geheimniß nicht zu bewahren wußte.“. Erneſt blickte beſtürzt auf. „Und Dir droht dieſelbe Gefahr?“ fragte er. „Ja, ſobald ich zum Verräther werde.“ „Dann enthülle mir lieber das Geheimniß nicht.“ Paul blickte ſinnend in die ſchwarze Fluth hinunter, deren Wellen an den mächtigen Pfeilern der Brücke ſchäumend ſich brachen. Schaaren von Arbeitern, Frauen, Gamins und Nationalgarden in buntem Gemiſch wälzten ſich, die Marſeillaiſe ſingend, an den Beiden vorbei, der Maſchinenbauer ſchenkte ihnen keine Beachtung. Er ſah auch nicht, daß ein Mann, der eine Blouſe trug, ſtehen blieb und ihn eine geraume Weile ſcharf beobachtete, und daß dieſer Mann dann einem Kameraden leiſe einige Worte zuflüſterte, worauf der letztere ſich über die Baluſtrade ſchwang und unter der Brucke verſchwand. „Ah— bch, das ſind thörichte Beſorgniſſe“, brach er endlich das Schweigen,„und Ahnungen haben keine Berechtigung. Aber es wäre ja möglich, daß mir etwas Menſchliches begegnete, und dann iſt es ———— ¹ gut, wenn Du weißt, welches Schickſal mich betroffen hat. In dem Hauſe Pierre Bandau's halten die republikaniſchen Verſchworenen ihre nächtlichen Sitzungen, ein glücklicher Zufall verrieth es mir, und ich ruhte nicht eher, bis es mir gelungen war, Zutritt zu erhalten. Ein furchtbarer Eid verpflichtete mich, zu ſchweigen über Alles, was ich ſehen und hören würde, jedem Befehl zu gehorchen und ſelbſt mein Leben für die gute Sache zu wagen. Ich ſchwur, mein Zweck war erreicht, ich konnte jetzt den Vater Louiſon's verderben, wenn er meinen Haß herausforderte.“ „Steht er an der Spitze der Verſchworenen?“ fragte Erneſt mit wachſender Beſtürzung. „Nein. Wer an der Spitze ſteht, weiß Niemand. Die Perſon unſeres Führers iſt in geheimnißvolles Dunkel gehüllt, Niemand kennt ihn, er erſcheint und verſchwindet, Niemand kann ſeine Spur ver⸗ folgen. Wir nennen ihn den Marquis, ſeinen Namen wiſſen wir nicht, ſeine Wohnung iſt uns unbekannt.“ „Und einem ſolchen unbekannten Manne ſchenkt Ihr Vertrauen?“ „Weshalb nicht, er führt ein ſtrenges Regiment, und die Anord⸗ nungen, die er trifft, beweiſen uns, daß er ein energiſcher Mann iſt. Kurz vor dem Ausbruch des Krieges war Alles zum Sturz des Kaiſerreichs vorbereitet, das Loos hatte den Mann ſchon bezeichnet, der den Kaiſer im Schloſſe von St. Cloud erdolchen ſollte. Ich glaube, Pietri hat davon eine Ahnung gehabt, und es iſt möglich, daß die Furcht vor den Verſchwörungen der Republikaner viel zum Ausbruch des Krieges beigetragen hat. Der Volſſtrecker unſeres Todesurtheils folgte dem Kaiſer nach Metz, aber er fand keine Ge⸗ legenheit, ſeine Aufgabe zu löſen, und nun haben die Ereigniſſe in Sedan ihn von der Erfüllung ſeiner Pflicht befreit. Was wir wollten, iſt erfüllt, wir haben die Republik.“ „So wird alſo nun der Bund zerfallen—“ „Parbleu, es hat den Anſchein, als werde das nicht der Fall fein, wir ſind auf heute Abend geladen, und es heißt, wir würden nun Arbeit bekommen. Ich müßte mich ſehr irren, wenn nichk Gambetta ſelbſt an unſerer Spitze ſtände; wenn ich das mit Sicherheit wüßte, würde ich austreten, dem ehrgeizigen Advokaten magichnicht dienen. Komm mit, Erneſt, ich will Dich einführen, Du magſt dann ſelbſt urtheilen.“ „Nimmermehr!“. „Haſt Du Furcht?“ r —= ——-—--—-:. — 9— „Keineswegs, aber ich liebe es nicht, mich an ſolchen Verſchwö⸗ rungen zu betheiligen, ich habe mich ſtets davon fern gehalten.“ „Ja, es iſt beſſer, wenn man ſich nicht betheiligt“, nickte Paul gedankenvoll,„aber Du weißt, ich habe meine beſonderen Intereſſen dabei: Vater Bandau wird doch nicht ſo ganz gleichgültig bleiben, wenn ich ihm mit Verrath drohe—“ „Und wem wollteſt Du den Geheimbund verrathen?“ fiel Erneſt ihm in's Wort. „Bah, die Republik wird bald zu Grunde gehen, vielleicht ſteigt Napoleon wieder auf den Thron—“ „Unmöglich!“ 8 „In Frankreich iſt Alles möglich.“ „Und dann?“ „Dann mag Pierre Bandau wählen, ob er mir ſeine Tochter geben, oder die Reiſe nach Cayenne antreten will.“ In den Augen Erneſt's flammte die Gluth des Zornes auf. „Das kann Dein Ernſt nicht ſein“, ſagte er entrüſtet,„es wäre eine Schmach für Dich, welche Dir meine Achtung und Freundſchaft rauben würde.“ „Parbleu, Vater Bandau wird mich nicht zwingen, meine Dro⸗ hung auszuführen.“ „Schon die Drohung allein wäre Deiner nicht würdig. Entführe Louiſon, beſtimme ſie, heimlich das Haus ihres Vaters zu verlaſſen und Dir zu folgen, das läßt ſich mit der Ehre des Mannes ver⸗ einigen, aber der Verrath würde Dich ſchänden!“ „Ich will mir das überlegen“, ſagte Paul, indem er dem Freunde die Hand bot.„Für heute müſſen wir ſcheiden, aber morgen werde ich Dich in Deiner Wohnung beſuchen, wir können dann weiter darüber reden. Sei verſchwiegen, Erneſt, verrathe mit keiner Silbe, daß Du Kenntniß vdn dieſem Geheimniß haſt, die Mitglieder unſeres Bundes haben überall ihre Spione.“ Er drückte dem Freunde die Hand und ſchritt langſam den Pont Neuf hinunter. Erneſt entfernte ſich nach der entgegengeſetzten Rich⸗ tung, und jetzt ſchwang auch der Mann in der Blouſe ſich wieder über die Balluſtrade, um in angemeſſener Entſernung dem Maſchinen⸗ arbeiter zu folgen. Vor einem großen, düſtern Hauſe in der Rue Dauphine blieb Paul ſtehen; es war ein maſſives, alterthümliches Haus, mit ſchweren Eiſen⸗ 1 1 1 h — 10— ſtäben vor den Fenſtern und geſchwärzten Mauern, welches eher einem Gefängniſſe, als der Wohnung eines Bürgers glich. Paul zog die Glocke, Pierre Bandau öffnete ſelbſt die Thür und ließ den Verſchworenen ein. Es war ein kleiner, hagerer, buckliger Mann in einem ſchmutzigen, abgetragenen Anzuge. Die grauen, ſtechenden Augen, von borſtigen Brauen überſchattet, das pockennarbige, mit zahlloſen Narben und Runzeln überſäete Ge⸗ ſicht mit der ſcharf gebogenen Naſe, den fahlen Lippen und dem vor⸗ ſtehenden Kinn, der graue, ſtruppige Bart und der kahle glänzende Schädel, alles das verlieh der Erſcheinung dieſes Mannes etwas Ab⸗ ſtoßendes, man konnte ſich ſchon beim erſten Anblick der Vermuthung nicht erwehren, daß Vater Bandau ein tückiſcher, boshafter und hab⸗ ſüchtiger Menſch ſein müſſe. Paul war raſch an ihm vorbeigeſchritten, er würdigte ihn kaum eines Blickes. „Nun?“ fragte der Alte erwartungsvoll, nachdem er die Thür wieder geſchloſſen hatte.„Wie iſt es draußen?“ „Vortrefflich, alte Nachteule!“ erwiderte Paul gelaſſen.„Arago, Favre und Gambetta ſtehen an der Spitze der Republik, das Volk hat die Tuilerien erſtürmt und das Neſt leer gefunden.“ „Sehr gut!“ nickte Vater Bandau, aus deſſen Augen tückiſche Bos⸗ heit leuchtete.„Und die Preußen?“ „Na, man glaubt, ſie werden nun Frieden ſchließen.“ „He, wer glaubt das?“ „Zum Teufel, Jeder, der etwas zu verlieren hat!“ „Na, wir beide glauben's nicht— wie?“ kicherte der Alte ſpöttiſch. „Mir iſt es gleichgültig, Ihr aber wünſcht es wohl nicht?“ „Nein, ich wünſche es nicht, Paris muß belggert werden—“ „Ah— Ihr denkt alsdann Euer Schäſchen zu ſcheeren?“ „Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte.“ „Natürlich, und in ſolchen Zeiten der Noth ſind die Lumpen billig.“ „Ganz recht, die Lebensmittel dagegen um ſo theurer“, erwiderte Pierre Bandau, die dürren Hände reibend.„He, weshalb wünſcht Ihr es nicht, Bertrand? Wenn die Preußen vor den Thoren ſtehen, müſſen die Reichen in Paris mit den Arnten theilen, und wenn ſie das nicht wollen, kann man ſie dazu zwingen.“ pen derte iſch hen, ſie —— — 11. „Dann werden wir alſo bei Euch beginnen.“ „Bei mir?“ rief der Alte beſtürzt.„He, was kann man von mir fordern? Ich habe nichts, ich bin ein armer Mann, ich werde ſelbſt einer von denjenigen ſein, die mit den Reichen theilen.“ Sie waren während dieſes Geſprächs in ein ſehr dürftig ausge⸗ ſtattetes Zimmer getreten, in welchem bereits Dunkelheit herrſchte, indeß draußen noch der Dämmerſchein des Abends alle Gegenſtände deutlich erkennen ließ, der Wucherer zeigte auf einen hölzernen Stuhl und trat an das vergitterte Fenſter. „Nein, ich habe nichts“, fuhr er fort, nachdem Paul ſich nieder⸗ gelafſen hatte,„und daß in dieſen ſchlechten Zeiten nichts zu ver⸗ dienen iſt, weiß jedes Kind. Und wer kann vorausſehen, welche Tage nun kommen werden. Krankheit, Noth, Elend, Seuchen und Bom⸗ ben, du lieber Gott, wir gehen ſchweren Zeiten entgegen.“. Er ſeufzte tief auf und ſchüttelte ſein kahles Haupt, dann holte er aus einem Schranke ein Talglicht, welches er mit zitternder Hand anzündete. „Ihr habt doch etwas, was Euch reich macht“, ſagte Paul, die dunklen Augen feſt auf die Jammergeſtalt heftend,„eine ſchöne Toch⸗ ter, Vater Bandau.“ „He— was wollt Ihr damit ſagen?“ „Jenun, wenn Ihr ſo arm ſeid, muß das Mädchen Euch zur Laſt fallen.“ „Und was weiter?“ „Da müßte es Euch lieb ſein, wemn ein Mann ſich fände, der Euch die Sorge abnehmen wollte.“ Der Alte warf trotzig das Haupt empor.. „Meint Ihr“, fragte er höhniſch.„Ja, es wäre mir lieb, aber es hat noch kein Mann ſich gefunden, der ſie zur Frau begehrt hätte! Oder wollt Ihr, daß ſie ihre Schönheit an den Meiſtbietenden ver⸗ kaufen ſoll? O, ſie könnte auch in Sammt und Seide gehen, Diener und Equipage haben, aber Louiſon iſt ein ehrbares Mädchen, Tugend und Ehre gelten ihr mehr, als glänzende Pracht und rauſchende Ver⸗ gnügungen.“⸗ „Und wer ſagt Euch, daß ich ſie in den Reihen jener Dirnen ſehen möchte, vor denen Niemand Achtung hat?n entgegnete Paul unwillig.„Sie iſt arm, ich bin es auch, aber ich habe geſunde Arme und kann genug verdienen, um eine Familie zu ernähren, ich würde 1 Louiſon auf den Händen tragen, wenn Ihr ſie mir zum Weibe geben wolltet.“ Der Alte ſchlug ein gellendes, höhniſches Gelächter auf, ein Blick der Verachtung traf aus den grauen Augen den jungen Mann, dem das Blut in die Wangen ſchoß. „Verzeiht, wenn ich lache“, ſagte er,„Eure Worte lauten gar zu komiſch. Glaubet Ihr denn, ich werde mein ſchönes Kind einem Ar⸗ beiter geben, der kaum ſo viel hat, daß er ſich ſelbſt ernähren kann? Das hieße, muthwillig ſie in's Elend ſtürzen, und mir liegt die Pflicht ob, für ihre Zukunft gewiſſenhaft Sorge zu tragen. Für Leute Eures Schlages gibt's in Paris Griſetten genug, die gerne Noth und Elend mit einem Manne theilen, wenn ſie nur unter die Haube kommen, meine Tochter aber verdient ein beſſeres Loos. He, wißt Ihr denn nicht, daß ich ſchon einen Grafen abgewieſen habe, der um ihre Hand warb?“ Paul hatte ſich erhoben, der Hohn des Wucherers trieb ihm die Galle in's Blut, aber er bezwang ſich. „Wenn das Eure letzte Antwort wäre, hätte ich nichts mehr zu ſagen“, erwiderte er mit leiſe zitternder Stimme,„aber ich denke, die Zeiten haben ſich ſeit geſtern geändert. Die Republik kennt keine Edelleute, und wenn erſt die Gulllotine ihre Arbeit begonnen hat, wird man Paris auch von den Wucherern ſäubern, welche aus der Noth ihrer Mitbürger ihren Vortheil gezogen haben. Pierre Ban⸗ dau, hütet Euch, der verſchmähte Freier könnte bald als Richter vor Euch ſtehen, vergeßt das nicht.“ „Ah, bah— Gambetta iſt kein Robespierre!“ ſpottete der Alte. „Er nicht, aber er wird nicht lange regieren, Aſſy, Flourens und Rochefort werden ihn verdrängen, und dann beginnt das Blutgericht!“ „Ich habe nichts!“ rief der Wucherer trotzig.„Ich bin ein guter Patriot, mir kann man nichts vorwerfen.“ „Parbleu, in Euren Büchern wird man die Beweiſe finden. Ihr habt Arbeiterfamilien in's Elend geſtürzt, Ihr habt armen Wittwen den letzten Strohſack gepfändet, Waiſen um ihr Erbtheil betrogen, Ihr habt—“ „Und was ich auch gethan haben mag, der Marquis wird mich ſchützen und mir das Zeugniß geben, daß ich ein glühender Republi⸗ kaner bin!“ „Der Marquis!“ ſpottete Paul.„Ihr verkriecht Euch hinter einen Mann, den Ihr nicht kennt, der vielleicht plötzlich verſchwindet, — — 13— um nie wieder zu erſcheinen. Er wird Euch nicht retten, er muß für ſich ſelbſt ſorgen, außerdem iſt es eine alte Wahrheit, daß man in ſolchen Zeiten geleiſtete Dienſte gerne vergißt. Ich frage Euch noch einmal, wollt Ihr mir Louiſon zum Weibe geben?“ „Da müßte doch zuvor Louiſon ſelbſt gefragt werden, ob ſie Euch zum Manne will.“ „Das könnt Ihr getroſt mir überlaſſen.“ „Seid Ihr Eurer Sache ſo ſicher?“ „Vielleicht.“ Wieder lachte der alte Mann, es war das heiſere Lachen eines tückiſchen Dämons. 4— „Und wenn ſie auch wollte, ich würde nein ſagen“, rief er,„nein und tauſendmal nein! Einem Bettler gebe ich mein Kind nicht, das merkt Euch, ein für allemal.“ „Wohlan, ſo werde ich Mittel ſuchen, Euren Trotz zu beugen“, erwiderte Paul etregt,„Ihr aber ſollt dieſer Stunde einſt gedenken. Ihr könntet mich fragen, welches Recht ich habe, die Hand Eurer Tochter von Euch zu fordern, aber ich würde Euch keine Antwort auf dieſe Frage geben. Und nun genug, wir kommen ſpäter darauf zurück.“ 3 Der Wucherer wanderte mit großen Schritten auf und nieder, die Drohung des jungen Mannes ſchien auf ihn keinen Eindruck zu machen, das höhniſche Lächeln, welches ſeine fahlen Lippen umſpielte, bewies, daß ſie ihn nicht einſchüchterte. „Ihr hättet meine Antwort vorausſehen können“, ſagte er,„aber ſo iſt die Jugend! Sie wiegt ſich in Träumen und Illuſionen und meint, jeder Traum müſſe ſich verwirklichen. Und wenn ſie ſich ge⸗ täuſcht ſieht, dann möchte ſie gleich Alles vernichten und mit dem Kopf durch die Mauern rennen. He, ich ſollte nur deshalb mein Kind ſo ſorgſam erzogen haben, um es einem Bettler, einem Prole⸗ tarier in die Arme zu werfen? Geht zum Kuckuck, Bertrand, aber laßt mich und Louiſon ungeſchoren! Seid Ihr deshalb hieher gekom⸗ men, um dieſe unverſchämte Forderung an mich zu ſtellen? Ich muß es wohl glauben, da Ihr durch die Hausthüre gekommen ſeid, ſtatt den geheimen Eingang zu benutzen, na, Ihr werdet jetzt wiſſen, daß es vergebliche Mühe war.“ Der Alte brach plötzlich ab, der ſchrille Ton einer hellen Glocke ließ ſich vernehmen.— 2 — 1 1 — 14— Paul war erſchreckt zuſammengefahren; Pierre Bandau nahm die Talgkerze aus dem Leuchter und ſtellte ſie in eine Laterne, dann ſchritt er auf die Thüre zu. „Der Marquis iſt da“, ſagte er,„das Signal gilt mir, wenn ich nicht irre, haben wir heute große Verſammlung, bei der Niemand fehlen darf.“ „Ich werde Euch begleiten“, erwiderte Paul. Der Alte nickte und ſchloß hinter dem jungen Manne die Thüre des Zimmers ſorgfältig zu. Die Beiden ſchritten durch den langen, dunklen Hausflur und ſtiegen eine ſchmale, ſteile Treppe hinunter, auf der eine feuchte, dumpfe Luft ihnen entgegenwehte. Dicke Mauern wölbten ſich über ihnen, der Boden unter ihren Füßen war näß und ſchlüpfrig. Vater Bandau ſchritt mit der Laterne voran, es ſchien faſt, als ob die engen, winkligen Gänge zwiſchen den Gewölben kein Ende nehmen wollten. Dann und wann fiel der Blick Paul's auf eine mit Eiſen und ſchweren Riegeln beſchlagene Thür, er konnte ſich der Vermuthung nicht erwehren, daß dieſes alte geheimnißvolle Haus früher ein Gefängniß geweſen ſein müſſe, und er trug kein Bedenken, dieſe Vermuthung auszuſprechen. Der Wucherer war vor einer Thüre ſtehen geblieben, und als jetzt der unſichere Schein der Laterne auf ſein pockennarbiges Geſicht fiel, erſchrak der junge Mann unwillkürlich vor dem boshaften, wahrhaft teufliſchen Ausdruck dieſes Geſichts. „He, kann es nicht noch ein Gefängniß ſein?“ fragte er ſarka⸗ ſtiſch.„Wem der Marquis ein Quartier hinter dieſen Thüren an⸗ weiſt, der ſieht die Sonne nicht wieder.“ „Und Ihr ſeid der Kerkermeiſter?“ „Vielleicht iſt kein Kerkermeiſter nöthig; wer verhungern ſoll, be⸗ darf keiner Aufwartung und Bedienung.“ „Das wäre grauſam!“ „Parbleu, hütet Euch, daß Ihr nicht dazu verurtheilt werdet“, höhnte Vater Bandau, während er die Riegel zurückſchob und das ſchwere Schloß öffnete,„der Marquis macht kurzen Prozeß.“ „Ich fürchte ihn nicht.“ „Hat Mancher geſagt, der am andern Tage ſtumm wie ein Fiſch war.“— dau nahm die Laterne, dunn tt mir, wenn der Niemand me die Thüre Hausflur und eine feuchte, n unter ihren hien faſt, als en kein Ende uls auf eine onnte ſich der ißvolle Haus ein Bedenken, ben, und als rbiges Geſicht m boshaften, zte er ſarka Thüren an gern ſüll b werdet“ heilt w 9 hob und d9* 5 1 ozeß⸗ wie ein Jiſt — 15— Die Thür knarrte in ihren verroſteten Angeln, ein ſeltſamer Con⸗ traſt bot ſich dem überraſchten Blick. Strahlender Lichtſchein ſtrömte den Eintretenden entgegen, in dem weiten, großen Raume, deſſen Boden mit Teppichen belegt war, ſtand eine lange, mit Flaſchen und Gläſern beſetzte Tafel, und an dieſer Tafel ſaßen ungefähr zwanzig Männer aus allen Ständen. Man ſah die Arbeiter in Blouſen neben Studenten und National⸗ gardiſten, elegant gekleidete Herren neben Bettlern, die in Lumpen gehüllt waren. Die Mauern waren weiß getüncht, hie und da hatte eine geſchickte Hand dieſe Wände mit ſinnreichen und ſatiriſchen Carrikaturen ge⸗ ſchmückt, die entweder die kaiſerliche Familie oder die deutſchen Trup⸗ pen verſpotteten. Vater Bandau ſchloß die Thüre hinter ſich und ſchritt durch den Raum, an der langen Tafel vorbei auf eine andere Thüre zu, an der er leiſe dreimal anpochte. Wie von unſichtbarer Hand wurde ſofort die Thüre geöffnet, ſie fiel ebenſo raſch und geräuſchlos hinter dem alten Manne wieder zu. Paul hatte inzwiſchen an der Tafel Platz genommen und aus einer vor ihm ſtehenden Flaſche ein Glas mit Wein gefüllt, welches er haſtig leerte. Das Geſpräch an dieſem Tiſche drehte ſich einzig und allein um die Ereigniſſe des Tages. Ein Arbeiter berichtete die Befreiung Rochefort's, den das Volk aus dem Gefängniſſe geholt hatte, ein Bettler ſchilderte die Pracht in den Tullerien, ein Dritter wollte über die Flucht der Kaiſerin genau unterrichtet ſein, hier ſchimpfte Einer auf die Nationalverſammlung, dort ſchwur man dem ſiegreichen Feinde Widerſtand zu leiſten und auszuharren bis zum letzten Athemzuge. Die tolle, an Wahnſinn grenzende Begeiſterung, die auf den Straßen herrſchte, machte auch hier ſich geltend, und dieſe Begeiſte⸗ rung weckte ſeltſamerweiſe in den Herzen der Meiſten die feſte Zu⸗ verſicht, daß Deutſchland den Frieden anbieten werde. „He, was will Preußen gegen die franzöſiſche Republik denn aus⸗ richten?“ rief ein Arbeiter.„Sie werden zurückſchrecken, denn die Republik heißt das Volk in Waffen, die Republik iſt unbeſiegbar. Und wenn ſie kommen, ſo ſollen ſie erfahren, daß jetzt ein großes, mächtiges Volk ihnen gegenüberſteht, welches nur die Freiheit oder den Tod begehrt!“ „Sie werden kommen“, warf Paul ein. „Wohlan, ſo finden ſie hier ihr Grab“, fuhr der Arbeiter fort. „Keinen Zoll breit Landes, keinen Stein von unſern Feſtungen und keinen Thaler von unſerm Schatz ſollen ſie erhalten. Jules Favre iſt ein Ehrenmann, er wird nicht mit ſich handeln laſſen, er wird ihnen die Wahl ſtellen zwiſchen dem Frieden und dem Tode.“ „Ha, und General Trochu wird Paris bis auf den letzten Mann vertheidigen!“ rief ein Anderer.„Hat er nicht den Muth gehabt, unter dem Kaiſerreich ein Buch zu ſchreiben, in welchem er alle die Fehler aufdeckte, durch die unſere ruhmvolle Armee untergegangen iſt? Hat er nicht das ganze Unglück vorausgeſagt, offen und ohne Furcht vor der Ungnade Napoleon's?“ „Und Gambetta!“ fügte ein Dritter hinzu.„Iſt er nicht der Mann der That, der Energie, des eiſernen Charakters?“ „Gambetta ſoll leben!“ riefen Einige begeiſtert. „Ja, er lebe!“ füuhr der Arbeiter fort.„Wie, dieſer Mann von vierunddreißig Jahren ſollte nicht beſſer regieren, wie der Dezember⸗ mörder, der ein ſiecher Greis und der Sklave der Launen ſeines ſpa⸗ niſchen Weibes war? Was that er, als ſeine Eltern ihn zwingen wollten, ein Diener der Kirche, ein Prieſter zu werden? Im Prieſter⸗ ſeminar von Montauban ſtach er ſich mit dem Federmeſſer ein Auge aus, und als nun ſein Vater herbeieilte, da erklärte er ihm feſt und ruhig, er werde auch das andere Auge ſich ausſtechen, wenn man ihm nicht erlaube, das Seminar zu verlaſſen. War das nicht die Helden⸗ that eines Römers? Wird dieſer heroiſche Mann nicht eher ſich unter den Trümmern von Paris begraben laſſen, als daß er die Thore dem Feinde öffnet? He, hat Paris je einen Advokaten gehabt, der ſo kühn für Recht und Freiheit in die Schranken trat, wie Gambetta? Als die kaiſerliche Regierung die Journale vor Gericht forderte, welche zu Geldbeiträgen für das Denkmal des beim Staatsſtreich gefallenen Deputirten Baudin aufforderten, war da Gambetta nicht der Verthei⸗ diger der Angeklagten? Und wie hat er damals die Regierung und den Kaiſer öffentlich vor den Schranken des Gerichts gezeichnet! Er war der Richter, und dieſer Richter fällte ein vernichtendes Urtheil über den Ankläger! Wie hat er ſeitdem geſprochen in den Sitzungen der Nationalverſammlung! Ihm danken wir es, daß die Republik proklamirt wurde, denn er riß ſeine Partei mit ſich, und er wird Frankreich retten!“ Wieder ertönte gener helle, ſchrille Klang der Glocke, und augen⸗ blicklich verſtummte das Geſpräch, die Blicke Aller richteten ſich auf die Thüre, durch welche Bandau verſchwunden war. Auf der Schwelle dieſer Thüre ſtand jetzt ein großer, ſchlanker Mann, in eng anliegender ſchwarzer Kleidung, mit hohen Stulpen⸗ ſtiefeln und ſchwarzen Handſchuhen. Sein Geſicht war bleich, aber es hatte etwas Angenehmes, der Ausdruck dieſer feinen Züge ließ auf Geiſt und daneben auf Energie ſchließen, der Blick der dunklen Augen war ſcharf und durchdringend, die feſt aufeinander gepreßten Lippen, die hohe Stirn und das breite Kinn bekundeten Charakterſtärke und eine eiſerne Willensfeſtigkeit. Sein dichtes, krauſes Haar war an den Schläfen ſchon ergraut, aber daran trug das Alter wohl weniger Schuld, als der Kampf mit den Mächten des Schickſals und den Leidenſchaften. Er hatte die Anweſenden mit einem raſchen Blick gemuſtert und die funkelnden Augen dabei eine Weile auf Paul ruhen laſſen. „Ich habe Euch zuſammenberufen, um Euer Urtheil über einen Verräther zu fordern“, ſagte er mit tiefer, klangvoller Stimme.„Ihr werdet es ſprechen. Welche Strafe trifft den, der die Geheimniſſe unſres Bundes enthüllt, der ſich unſer Mitglied nennt und daneben mit den Tyrannen in Verbindung bleibt?“ „Der Tod!“ lautete das einſtimmige Urtheil. „Der Tod!“ wiederholte der Marquis.„Und der Verräther weiß das, denn auch er hat den Eid geſchworen, den jedes Mitglied unſeres Bundes leiſten muß! Das Urtheil wird vollſtreckt werden. Ich weiß wohl, daß Mehrere unter Euch ſind, die gerne auch in jene Geheimniſſe eindringen möchten, die nur mir bekannt ſein dürfen, ich weiß, daß man mich beobachtet hat, daß man heimlich mir gefolgt iſt, um meinen Namen und meine Wohnung zu erforſchen. Wozu das? Wer etwas von mir will, der mag es mir hier ſagen, ich gebe Jedem Gehör, aber ich verbiete Euch Allen, mir nachzuſtellen. Nicht als ob ich fürchtete, es gebe Verräther unter Euch, obgleich ich das nicht weiß, da ich Niemanden in's Herz ſchauen kann, aber ich verlange ſtummen Gehorſam, und Neugier iſt mir verhaßt. Denkt auch nicht, daß mir etwas verborgen bleiben könne, oder daß ich die nicht kenne, welche ſo unverſchämt ſind, meine Geheimniſſe erforſchen zu wollen, ich trete ſie nieder, wenn ſie es wagen, mir in den Weg zu kommen. Und unn zur Sache! Die Nepublik iſt proclomirt, aber wir dürfen des⸗ ½ 34. 2 halb die Hände nicht in den Schooß legen. Die Orleaniſten und Bonapartiſten ſind eine mächtige Partei, ſie arbeiten im Stilten gegen uns, und dieſe Partei wird das Haupt erheben, ſobald wir läſſig werden. Wir müſſen durch den Schrecken herrſchen und dieſe Partei ausrotten; zu ihr zählen die Prieſter, die Reichen, die Deutſchen und die ehemaligen kaiſerlichen Beamten, auf ſie ſei fortan Euer Augen⸗ merk gerichtet. Jeder von Euch wird in ſeinem Bezirk die Ver⸗ dächtigen aufzeichnen und binnen acht Tagen mir die Liſte überreichen. Niemand darf geſchont werden, die Liſten müſſen vollſtändig ſein Wird Paris von den Preußen belagert, ſo werden wir hier mit den Verdächtigen aufräumen, von denen wir fürchten müſſen, daß ſie dem Feinde die Thore öffnen können; wir werden alsdann mit der be ſitzenden Klaſſe die alte Rechnung ordnen. Sie hat ſich vom Schweiße der Arbeiter gemäſtet, ſie ſoll herausgeben, was ſie dem Volke ge⸗ ſtohlen hat, die Aufgabe der Republik iſt es, zu ſorgen, daß auch der ärmſte Tagelöhner Sonntags ſein Huhn im Topfe hat.“ „Bravol Es lebe der Herr Marquis! Es lebe die Republik!“ erſcholl es von allen Seiten. „Einige von Euch werden morgen in der Frühe nach Marſeille, Lyon, Bordeaux und Lille reiſen“, fuhr der Marquis fort,„ſie ſollen auch dort arbeiten, damit im entſcheidenden Augenblick in allen Städten zugleich die ſociale Republik proclamirt wird! Die Betreffenden werden nach Mitternacht ihre Päſſe und ſonſtigen Papiere erhalten, ſie müſſen mit den erſten Zügen Paris verlaſſen.— Das wäre Alles, was ich für heute Euch zu ſagen habe, geht und beobachten in den Straßen, ermuthigt die Zaghaften, verfolgt die Verräther und ſorgt für die Liſten. Wenn das Vaterland zu den Waffen ruft, ſo werdet Ihr Alle in die Nationalgarde eintreten, ſorgt, daß aus Eurer Mitte möglichſt viele Offiziere gewählt werden, wir werden uns ſpäter auf die Bataillone ſtützen müſſen. Und wer zum Offizier gewählt wird, der muß unſere Ideen in ſeinem Bataillon verbreiten und inm Stillen Waffen und Munition aufhäufen, denn wir wiſſen jetzt noch nicht, welche heiße Kämpfe uns erwarten. Seid vorſichtig, verſchwie gen und gehorſam, bald wird die goldene Zeit für den Arbeiter an⸗ brechen.“ erhoben die Verſchworenen ſich und ſchritten einer dritten Thüre zu, welche den geheimen Ausgang aus dieſem Verſteck bildete. Er gab ein befehlendes Zeichen mit der Hand; auf ſeinen Win wul: 19— „Paul Bertrand!“ rief der Marquis, die blitzenden Augen feſt auf den Maſchinenbauer richtend, der erſchreckt zuſammenfuhr.„Folgen Sie mir, ich habe einige Fragen an Sie zu richten.“ Der junge Mann zögerte im erſten Augenblick, dann erhob er trotzig das Haupt, als ob er andeuten wolle, er kenne keine Furcht und ſei ſich keiner Schuld bewußt. Der Marquis war in den anſtoßenden Raum zurückgetreten, Paul folgte ihm. Es war ein kleines, aber ſehr elegant ausgeſtattetes Gemach. Ein weicher Teppich bedeckte den Boden, die Wände waren mit far⸗ bigem Sammt behangen. In der Mitte ſtand ein kleiner Tiſch, auf dem mehrere Waffen und ein Todtenſchädel neben den brennenden Kerzen lagen, hinter dieſem Tiſche ſtanden drei Seſſel, mit rothem Sammt überzogen. In einem dieſer Seſſel ſaß Pierre Bandau, der in ſeinem ſchmutzigen Anzuge ſich gar ſeltſam in dieſer eleganten Umgebung ausnahm, an der andern Seite des Tiſches ſaß ein fein gekleideter Herr, deſſen verlebtes Geſicht die unverkennbaren Spuren einer ſtür⸗ miſchen Vergangenheit trug.; Es war einer jener Herren, denen man in Paris faſt bei jedem Schritt begegnete, die alle Freuden des Lebens bis zum Ueberdruß genoſſen hatten und vor keinem Mittel zurückſchreckten, wenn es galt, einen beſtimmten Zweck zu erreichen. Man fand ſie in den Cafés und auf den Promenaden, in ele— ganten Equipagen und hoch zu Roß, in den Salons der vornehmſten Geſellſchaft und in den Arbeiterkneipen, in den Tanzſälen der Demi⸗ monde und in den Zuchthäuſern, in den Tuilerien und auf den Ga⸗ leeren, je nachdem ſie das Schickſal begünſtigt hatte oder nicht. Zwiſchen dieſen Beiden nahm der Marquis Paatz, ſein durch⸗ dringender Blick ruhte lange auf dem jungen Manne, als ob er in die tiefſten Tiefen ſeiner Seele dringen wolle.“ „Paul Bertrand“, begann er, und ſeine Stimme klang ſcharf und ſchneidend,„was hatten Sie vor einer Stunde Ihrem Freunde auf dem Pont Neuf mitzutheilen?“ Auf dieſe Frage war Paul nicht vorbereitet, ſie mußte ihn be⸗ ſtürzen, und dem forſchenden Blick ſeiner Richter konnte ſeine Be⸗ ſtürzung nicht entgehen. „Was veranlaßte Sie, die Geheimniſſe des Bundes zu verrathen?“ 9 2 fuhr der Marquis fort.„Was bewog Sie zu dem Wagniß, Ihren Eid zu brechen und—“ „Wer behauptet, daß ich es gethan habe?“ fuhr Paul auf. V Der Marquis ſchlug mit einem elfenbeinernen Stabe auf eine ſilberne Glocke, die vor ihm auf dem Tiſche ſtand, und beſtürzt prallte Paul zurück, als er jetzt einen Arbeiter hinter dem Sammtvorhang hervortreten ſah. „Berichte, was Du vernahmſt, als Du auf dem Pont Neuf dieſen Nann belauſchteſt“, befahl der Marquis. „Er verrieth unſere Geheimniſſe“, erwiderte der Arbeiter,„er ſagte, daß er nur deshalb unſerem Bunde beigetreten ſei, um dem V 3¹ Bater Bandau mit Verrath drohen zu können, wenn dieſer ihm Houiſon nicht zum Weibe geben wollte. Er nannte Gambetta einen ehrgeizigen Advokaten, dem er nicht dienen möge, und er äußerte mehr⸗ mals, daß Napoleon zurückkehre und dem ganzen Schwindel ein Ende machen würde.“ „Iſt das die Wahrheit?“ fragte der Marquis ſcharf. „Sie müſſen beſſer wie ich wiſſen, ob Sie ſich auf Ihre Spione verlaſſen können“, erwiderte Paul trotzig. 4 „Wollen Sie auch jetzt noch leugnen?“ „Nein!“ „So werden Sie wohl auch nicht leugnen können, daß Sie mit rkaiſerlichen Regierung in Verbindung geſtanden haben?“ 8 4„Man müßte mir das beweiſen.“ „Sehr wohl, kennen Sie dieſe Handſchrift?“ Der Marquis hielt dem jungen Mann ein Schriftſtück vor die nugen. „Es iſt ein Bericht über die Stimmung in Paris nach der Nieder⸗ lage bei Wörth“, fuhr er fort.„Sie ſchickten es an den Secretär Rapoleon's, der ſich damals in Metz befand.“ „Es ſind Privatmittheilungen.“ „Mittheilungen eines Verräthers! Wir wiſſen, daß die Regierung einen Staatsſtreich beabſichtigte, daß zwölftauſend Verhaftsbefehle auf der Präfectur lagen, die eben ſo viele republikaniſch geſinnte Bürger nach Algier und Cayenne befördern ſollten. Wir wiſſen auch, daß die Regierung in allen Ständen ihre Agenten hatte, welche von Zeit zu Zeit über die öffentliche Meinung berichten mußten, damit der günſtigſte Augenblick zur Ausführung dieſes Verbrechens gewählt Ihren uf eine prallte orhang a einen te mehr⸗ in Ende Spione Sie mit vor die Nieder⸗ gerrttät egierung ehle al Bin ß uch, W von Hell mi der wwihlt werden konnte, und dieſes Schriftſtück beweiſt mir, daß Sie ein ſehr thätiger Agent waren.“ „Und wenn ich nun erkläre, daß ich mich zu dieſem ſcheinbaren Verrath hergab, um unſerer gerechten Sache zu nützen?“ erwiderte Paul, der ſeine ganze Faſſung wiedergewonnen hatte. „So würde Niemand dieſe Lüge glauben“, ſagte der Marquis ernſt. „Der Bericht dieſes braven Mannes beweiſt uns nur zu deutlich, daß Sie mit der Abſicht des Verraths in unſern Bund eingetreten ſind. Wer war der Mann, dem Sie unſer Geheimniß verriethen?“ „Ein Freund!“ „Sein Name?“ „Ich werde ihn nicht nennen.“ „Ah, das iſt ſchon wieder ein Beweis des Verraths“, ſagte Pierre Bandau, ſein kahles Haupt ſchüttelnd.„Man muß ihn zwingen, den Namen zu nennen.“ „Wer könnte das?“ erwiderte Paul herausfordernd.„Wer be⸗ ſäße die Machtt, mich zu zwingen?“ „Ich!“ rief der Marquis drohend.„Sie wiſſen, welche Strafe Sie erwartet und Sie wiſſen auch, daß Sie auf Gnade nicht hoffen dürfen.“ „Glauben Sie, ich werde darum betteln?“ fragte Paul, das Haupt zurückwerfend.„Wer gibt Ihnen das Recht, ein Todesurtheil zu ſprechen? Wer hat überhaupt Sie zum Richter eingeſetzt?“ „Sie ſelbſt durch Ihren Eid.“ „Bah, was gelten ſolche Eide? Sie ſpielen nur eine Komödie und gefallen ſich dabei in der Hauptrolle; der ganze Zweck der Ver⸗ ſchwörung läuft doch nur darauf hinaus, ſich ſelbſt Anſehen und Macht zu verſchaffen. Sie möchten gerne Nachfolger Gambetta's werden, oder die Rolle eines Robespierre ſpielen, es wäre Ihnen eine Wol⸗ luſt, wenn Sie die Prieſter und alle Reichen niedermetzeln laſſen könnten, nicht weil Sie glauben, dadurch das Wohl der arbeitenden Klaſſe zu begründen, ſondern weil Sie ſich ſelbſt bereichern möchten. Was liegt Ihnen an der Form der Regierung! Hätten Sie am Hofe des Kaiſers ein Amt erhalten, welches Ihnen eine hohe Rente ſicherte, ſo würden Sie nicht daran gedacht haben, ihm nach dem Leben zu trachten, und böte der Graf von Paris Ihnen in dieſer Stunde eine namhafte Summe, ſo würden Sie mit klingendem Spiel zu ihm übergehen. Bah, Ihr Republikaner werdet Frankreich ruiniren, denn — ——;X—P—:—— —⸗—x—xxx⸗xxꝛꝛꝛꝛxꝛJ— — —— — 22— Ihr denkt nur an Euch, und für jedes Lorbeerblatt auf Eurem Haupte werden Tauſende Gut und Blut opfern müſſen. Was liegt Euch daran? Ihr ſchiebt den Haß gegen die Preußen vor, um ſelbſt im Trüben zu fiſchen, aber die Stunde der Vergeltung wird auch für Euch kommen und der Fluch Frankreichs Euch in's Grab folgen.“ Jäh blitzte es in den Augen des Marquis auf, der elegante Herr neben ihm lächelte phlegmatiſch, Pierre Bandau blickte entſetzt den jungen Mann an, deſſen Kühnheit er nicht begreifen konnte. „Verfluchter!“ knirſchte der Marquis, indem er die Hand auf einen Meſſingknopf legte, der ſich in der Mitte der Tiſchfalte befand. „Wer kann jetzt noch an Eurem Verrathe zweifeln? Ihr werdet ver⸗ ſchwinden von der Erde und Niemand wird erfahren, was aus Euch geworden iſt.“. „Kommt heran!“ rief Paul höhnend.„Ich nehme es mit einem Dutzend auf, wen meine Fauſt niederſtreckt, den werden die Zähne nie mehr ſchmerzen!“ Das letzte Wort war kaum über ſeine Lippen, als der Boden unter ſeinen Füßen ſich öffnete, ein gellender Angſtſchrei entfuhr ihm, im nächſten Moment war er in der dunklen Tiefe verſchwunden, ein zweiter Druck auf den Meſſingknopf ſchloß die Oeffnung wieder. „Jetzt mag er über ſeine frechen Worte nachdenken, bis der Hunger in ſeinen Eingeweiden wüthet!“ ſagte der Marquis mit dumpfer Stimme. „Dann wird er bekennen“, warf Pierre Bandau ein. „Es iſt unnöthig“, fuhr der Marquis fort,„überlaßt ihn ſeinem Schickſal und kümmert Euch nicht weiter um ihn, er muß ſterben. Du kannſt gehen“, wandte er ſich an den Arbeiter, der das Zeugniß wider Paul abgelegt hatte,„und auch Ihr, Vater Bandau, müßt uns jetzt verlaſſen, ich erwarte Beſuch.“ Der alte Mann nickte und verließ, gefolgt von dem Arbeiter, das Gemach. „Das war ein ſehr kurzer Prozeß“, ſagte der elegante Herr lachend,„übrigens war mir dieſe ſinnreiche Vorrichtung noch ganz unbekannt. Haſt Du dieſe glückliche Idee gehabt?“ „Nein, Victor“, erwiderte der Marquis, das Haupt auf den Arm ſtützend,„das alte Haus hat manches düſtere Geheimniß, die mir ſelbſt nicht alle bekannt ſind. Es gibt hier einen geheimen Ein⸗ gang in die unterirdiſchen Katakontben, Gefängnißzellen und andere Dinge, die ſelbſt das ſcharfe Auge der Polizei nicht entdecken würde.“ „Hm, mich kümmern dieſe Geheimniſſe weiter nicht, ſie dienen Haupte gt Euch elbſt im uch füt gen.“ te Herr d 46 Ho nd auf befand. eet ver⸗ 8 Cuch Hunge: Somme. ſeinem ſterben gugniß „müßt gemach. e Herr ch gand unſern Zwecken, das genügt mir. Weißt Du auch, daß der Ver⸗ urtheilte Recht hatte?“ „Inwiefern?“ „Daß wir im Trüben ſiſchen wollen!“ „Du magſt das wollen, ich nicht.“ „Bah, biſt Du ſo uneigennützig?“ „Ja, Du haſt genug, und dennoch trachteſt Du nach deit Ruhm, ein Beglücker des Volkes genannt zu werden. Da iſt die Triebfeder Deiner Handlungen. Wen erwarteſt Du?“ „Gambetta.“ G „Wie? Ihn?“ fragte Victor überraſcht.„Wird er Zeit finden, Dich hier aufzuſuchen?“ „Er muß wohl, er hat Wichtiges mit mir zu berathen. Wenn er kommt, wirſt Du Dich entfernen.“ „Ah— genieße ich ſo wenig Vertrauen?“ „Es gibt Geheimniſſe, die gefährlich ſind, Victor, ſeih froh, wenn man Dich mit ihnen verſchont. Ich habe Dich vor einigen Tagen gebeten, Erkundigungen über das Mädchen einzuziehen, kannſt Du mir heute Bericht erſtatten?“ „Sie iſt eine Deutſche.“ „Ah, und weiter?“ „Sie heißt Marie Reimann und wohnt in der Rue Vicomte Nr. 12, in der Nähe der Boulevards von Vilette und Belleville.“ Der Marquis blickte eine Weile ſchweigend vor ſich hin, in tiefes Sinnen verſunken. „So iſt auch ſie ein Kind aus dem Volke“, ſagte er endlich leiſe, „ach, wie bald wird auch ſie unter den Verlorenen ſein.“ „Bah, wie ſentimal!“ ſpottete ſein Freund, ohne ſich von dem flammenden Blick einſchüchtern zu laſſen, der ſo plötzlich aus den blitzenden Augen ihn traf.„Und das eines ſolchen Mädchens wegen! Sie wohnt in einer Manſarde unter dem Dache, und man ſagt, ſie habe einſt beſſere Tage geſehen. Ich will das nicht beſtreiten, aber ich glaube auch, wenn ſie wollte, könnte ſie in Ueberfluß leben, es gibt noch reiche Herren genug hier, die für ſolche Schönheit einen hohen Preis zahlen. Statt daraus Nutzen zu ziehen, hängt ſie ſich an den Tiſchler, der unter demſelben Dache mit ihr wohnt. Erneſt Lafleur ſoll freilich ein braver und fleißiger Handwerker ſein, aber er iſt ſo arm wie Job, und nichts mit nichts multiplicirt gibt nichts.“ Der Marquis blickte auf, ſeine Brauen hatten immer finſterer ſich zuſammengezogen. „Iſt es Wahrheit, daß ſie den Tiſchler liebt?“ fragte er erregt. „Lieber Himmel, dieſe Griſetten lieben heute Den, morgen Jenen, wer ihnen das Meiſte bietet.“ „Herr von Segur!“ fuhr der Marquis zornig auf.„Ich erſuche Sie, dieſe junge Dame nicht in die Kategorie der Griſetten und Lo⸗ retten zu ſtellen!“ Victor zuckte die Achſeln. „Glaubſt Du noch an Weibertugend, Henri?“ fragte er ſpöttiſch. „Ich meine, die Erfahrungen, die Du gemacht haſt, müßten Dich eines Beſſeren belehren.“ „Marie iſt eine Deutſche.“ „Ah und da glaubſt Du—“ „Ja, ich glaube an deutſche Tugend und Sitte“, ſagte der Marquis ernſt,„ich habe lange genug in Deutſchland gelebt, um ein deutſches Mädchen beurtheilen zu können. Ich ſah Marie zum erſten Mal im Hauſe des Vicomte von Chateaufleur, ſie war als Gouvernant⸗ in ſeinen Dienſten. Beim Ausbruch des Krieges ſollte auch ſie Paris verlaſſen, und ich glaubte feſt, daß ſie es gethan habe, der Vicomte hatte ſich nicht gut gegen ſie benommen, und mich dauerte das arme Mädchen.“ „Die Liebe war ſchon erwacht“, warf Herr von Segur mit leiſem Spott ein. „Was weißt Du von Liebe, Victor!“ fuhr der Marquis in ver⸗ achtendem Tone fort.„Was Du Liebe nennſt, iſt ein Sinnenrauſch, der dem aufflackernden Strohfeuer gleicht. Nein, mich erinnerte Marie an meine erſte Liebe, und wer jemals wahrhaft geliebt hat, wird ſeine erſte Liebe nie vergeſſen können. Ich glaubte ſie wieder vor mir zu ſehen, an der mein ganzes Herz hing, jenen Engel— aber laſſen wir das, Du haſt ja doch kein Verſtändniß für ſolche Erinnerungen. Ich glaubte, Marie ſei nach Deutſchland zurückgekehrt, und ich ſuchte ſie zu vergeſſen. Da erſchien ſie plötzlich mir wieder, vor einigen Tagen, Du weißt es, Du begleiteteſt mich ja.“ „Freilich“, erwiderte Victor.„Du ſtandeſt da, wie das Weib Lot's, als es zur Salzſäule ward.“ „Dein Spott kann mich nicht verletzen, weil ich weiß, daß Dein Derz einer edlen Regung nicht fähig iſt. Aber was Du auch ſagen 4 erer ſich erreat . Jenen, Narauis t ſeiſem n ver⸗ er auſch, Marie ungen ſuchte einigen 3 Wel ſagen 25 magſt, es wird Dir doch nicht gelingen, meine Liebe mit dem Gift Deines Hohnes zu begeifern. Ich wollte ſie damals anreden, aber ſie war ver⸗ ſchwunden, ehe ich meine Faſſung wiedergefunden hatte.“ „Und nun mußt Du erfahren, daß ein Proletarier ihr Herz ge⸗ wonnen hat!“ „Und wenn es der Fall wäre, und dieſe Liebe machte ſie glücklich, dann würde ich ihrem Glücke nicht in den Weg treten!“ „Ha, das ſind Anſichten“, entgegnete Herr von Segur höhniſch, „was mich betrifft, ſo werde ich alle Hebel in Bewegung ſetzen, und vor keinem Mittel zurdlſchi ecken, um die ſchöne Töchter Pierre Ban⸗ dau's zu gewinnen.“ „Nimm Dich in Acht“, warnte der Marquis,„Louiſon könnte den Kampf mit Dir aufnehmen, und P zepie Bandau iſt auch nicht der Mann, der ſo leicht ſich betrügen läßt „Ah bah, dem verführeriſchen Glanz des Goldes kann kein Mädchen widerſtehen! „Vielleicht keine von denen, die Du bisher kennen lernteſt, aber Louiſon könnte doch eine A usnahme machen.“ „Sb gibt es andere Mittel, den Eigenſinn des Mädchens zu beugen.“ Wieder flammte es in den dunklen Augen des Marquis auf, und abermals traf ein zornglühender Blick den Wüſtling, der mit ſelbſt gefälligem Lächeln an den Spitzen ſeines ſchwarzen Schnurrbarts drehte. „Du ſprichſt von anderen Mitteln!“ ſagte er mit bebender Stimme. „Sch glaube, errathen zu können, was Du darunter verſtehſt. Hüte Dich, Victor, ich werde nicht dulden, daß die Taube von den Krallen des Geiers zerfleiſcht wird; ich werde nicht ſchweigen, wenn ein Mit glied unſeres Bundes Menſcheurecht und Menſchenwürde in den Koth. treten will. Hier iſt die Grenze, die auch mein vertrauteſter Freund nicht überſchreiten darf, wenn er nicht meinen Zorn und die Vergel⸗ tung herausfordern will! Wenn Louiſon aus freiem Antriebe ſich in Deine Arme wirft, ſo werde ich es gut heißen, ſelbſt für den Fall, daß Pierre Bandau betrogen werden müßte, aber willſt Du ſie zwingen, Deinen Verlockungen Gehör zu ſchenken, willſt Du durch Betrug oder Gewalt ſie auf die Bahn der Schande und des Ver⸗ derbens führen, dann ſieh Dich vor, ich werde der Beſchützer des Mädchens ſein.“ Herr von Segur verſuchte, zu lächeln, aber es wollto ihm nicht gelingen, vor dem flammenden, durchbohrenden Blick ſeines Freundes mußte er die Augen niederſchlagen. „Und Marie Reimann?“ fragte er mit beißendem Spott. „Kümmere Dich nicht um ſie, Deine Mittheilungen genügen mir vollſtändig, ich verlange nicht mehr zu wiſſen und verbiete Dir alle weitere Nachforſchungen.“ „Ah, das iſt der Dank!“ „Genug, Du kennſt nun meinen Willen, und Du wirſt auch wiſſen, daß ich mein Wort niemals zurücknehme, alſo hüte Dich! Glaube nicht, Louiſon ſei jetzt ſchutzlos, nachdem ich mich gezwungen ſah, ihren Geliebten zu verurtheilen, ich werde mich fortan als ihren Beſchützer betrachten.“ Ein leiſes Klopfen brach die Unterredung ab, der Marquis blickte auf und gab ſeinem Freunde einen befehlenden Wink. „Er kommt,“ ſagte er.„Wir werden uns morgen im Café Tortoni wiederſehen.“ Herr von Segur hatte ſich ſchon erhoben, er nahm ſeinen Hut, warf einen Mantel um und ging hinaus. Einige Minuten blieb der Marquis allein, dann wurde die Thüre geöffnet, und Leon Gambetta trat in das Gemach. Die ganze äußere Erſcheinung dieſes elegant gekleideten Mannes, ſeine Haltung und ſein Auftreten ließen erkennen, daß er eine eiſerne Willensfeſtigkeit beſaß, ſie bewieſen ferner, daß er ein ſtolzer, ſelbſt⸗ bewußter Mann war, bei dem Kühnheit der Gedanken mit maßloſem Ehrgeiz ſich paarten. Sein etwas jüdiſches Geficht hatte einen leidenden Zug, es trug in dieſem Augenblick die Spuren der Erſchöpfung. Der Marquis war ihm raſch entgegengetreten, Gambetta reichte ihm nur flüchtig die Hand, dann fank er mit allen Zeichen der geiſtigen und leiblichen Ermüdung in einen Seſſel nieder. „Ich komnſe, um Ihnen zu danken“, ſagte er,„der Bund hat der Republik Vortreffliche Dienſte geleiſtet. Dieſe napoleoniſchen Ma⸗ melucken im geſetzgebenden Körper mußten gezwungen werden, den Verhältniſſen Rechnung zu tragen, ſie wollten noch immer nicht be⸗ greifen, daß das Kaiſerreich ſein Ende erreicht hatte. Ha, wie ſie ſich krümmten und feige in ihre Schlupfwinkel verkrochen, als wir unſern Antrag auf Proclamirung der Republik einbrachten! Wäre es tnicht eund — n mit r alle aunes, eiſerne — 27— zur Abſtimmung gekommen, ſo hätten ſie noch einmal die Majorität für ſich gehabt, aber das Volk wurde ungeduldig, und die feigen Burſchen zitterten für ihr erbärmliches Leben.“ „Wir haben gewirkt, ſo viel wir konnten,“ erwiderte der Marquis, „zum Kampf auf den Barrikaden ſollte es nicht ommen—“ „Nein, das wollte ich nicht, eine blutige Revolution hätte die moraliſche Macht des Feindes verſtärkt und uns die Sympathieen des Auslandes entzogen.“ 1 „Glauben Sie, daß wir dieſe Sympathieen jetzt haben?“ „Gewiß! England und Amerika werden der Republik zujauchzen, ſie werden verlangen, daß Preußen mit dem franzöſiſchen Volke Frieden ſchließt.“ „Und wird Preußen dieſem Verlangen nachgeben?“ „Nein!“ „Und wozu iſt die Regierung entſchloſſen?“ „Zum Kampf bis auf's Meſſer.“ „Er wird Frankreich ruiniren!“ „Frankreich iſt ein reiches Land, es hat unerſchöpfliche Hülfsquellen. Noch iſt Bazaine mit einer großen Armee in Metz, er muß ſich be⸗ haupten, bis wir von Paris die Gefahr abgewendet haͤben.“ „Bazaine iſt ein Verräther!“ „Bah, er wird ſich erinnern, daß ſeine Zukunft nun in unſeren Händen liegt. Vor allen Dingen muß für die Befeſtigung und Ver⸗ proviantirung der Hauptſtadt Sorge getragen werden, die Preußen werden binnen einigen Tagen hier ſein und die Stadt cerniren. Es iſt ſchon viel geſchehen, aber Manches muß noch geſchehen, indeß, alle Vorbereitungen ſind ſchon getroffen, und wenn die Preußen nur noch acht Tage ausbleiben, ſind wir fertig. Die Verbindungen mit den Provinzen ſind hergeſtellt, wir werden unterirdiſche Telegraphen, Luft⸗ ballons, Taucherſchiffe und eine Taubenpoſt haben, dieſe Verbindungen genügen. Wir haben Soldaten, Waffen, Munition und Lebensmittel im Ueberfluß, Paris kann ſich ein halbes Jahr behaupten, und ich vertraue darauf, daß Trochu ſeine Schuldigkeit thun wird. Inzwiſchen werde ich in den Provinzen neue Armeen aus der Erde ſtampfen, ich werde alle Männer zu den Waffen rufen und tüchtige Generale an ihre Spitze ſtellen.“ „Aber woher nehmen Sie die Waffen?“ „England und Amerika liefern ſie.“ — — „Und die Generale?“ „Sie ſind überall zu finden. Aurelles de Paladine, Chanzy, Faidherbe, Bourbaki;— ah, wir haben tüchtige Männer genug, man muß nur verſtehen, jeden auf ſeinen Poſten zu ſtellen. Wir werden mit großen, von Todesmuth beſeelten Armeen von Süd und Nord heranmarſchiren und die Preußen hier erdrücken, wir werden ſie ver⸗ nichten und dann in Eilmärſchen uns Metz und Straßburg nähern, um dieſe treuen Städte zu entſetzen. Der iſt ein Feigling, der jetzt ſchon Muth und Hoffnung verliert, wir müſſen ſiegen und alſo werden wir auch ſiegen. Das ganze Volk muß ſich erheben, überall müſſen ſich Freiſchaaren bilden und den Preußen die Zufuhren abſchneiden, das belagerte Paris wird in Ueberfluß leben, während der Feind vor ſeinen Thoren hungert. Und dann kommen die Schrecken des Winters. Die Preußen, die draußen in Näſſe und Kälte liegen, werden von Seuchen hingerafft werden, die Kanonen unſerer Forts werden ſie bataillonsweiſe niederſchmettern, und keiner von dieſen Barbaren wird ſeine Heimath wiederſehen.“ Der Dictator hatte mit ſteigender Begeiſterung dieſe Worte geſprochen, eine ſeltſame, fieberhafte Gluth leuchtete aus ſeinen Augen. Werden Sie in Paris bleiben?“ „Nein, die Regierung wird ihren Sitz nach Tours verlegen, um den Aufſtand in den Provinzen zu organiſiren. Favre bleibt hier, Thiers reiſt morgen ab, um an den Höfen von England, Rußland und Oeſtreich für uns zu wirken. Aber ich werde hier ſo lange bleiben, bis die ganze Organiſation der Vertheidigung beendet iſt. Wir wer⸗ den zuvörderſt alle Deutſchen ausweiſen, die ſich noch in Paris befinden.“ „Ohne Ausnahme?“ „Gewiß.“ „Auch die Frauen?“ „Auch ſie, wir dürfen keine Spione hier dulden.“ „Wenn es mir erlaubt wäre, für die junge Dame Fürſprache einzulegen—“ „Bürgen Sie für ſie?“ „Ja.“ „Sie können es wohl nur ſo lange, als Sie das Mädchen lieben, Herr Marquis—“ „Ich bürge mit meinem Leben für ſie.“ * rrache lieben, — „Gut, wir ſprechen morgen darüber, obſchon ich es nicht rathſäm halte, überhaupt eine Ausnahme zu machen. Ich erwarte Sie morgen zum Diner, Marquis, wir haben dabei Manches zu berathen, heute bin ich zu ſehr erſchöpft, und überdies muß ich noch in dieſer Nacht einem Miniſterrathe beiwohnen. Ich könnte Ihnen ein Amt geben, guten Sache zu widmen. Sie werden an der Spitze des Bundes bleiben, der Bund ſoll die Seele der Vertheidigung ſein. „So dachte auch ich mir meine Aufgabe. Die Mitglieder unſeres Bundes ſollen in die Nationalgarde eintreten und Alles aufbieten, daß ſie aus der Wahlurne als Offiziere—“ „Ganz recht“, ſiel Gambetta ihm lebhaft in's Wort,„richten Sie hierauf Ihr beſonderes Augenmerk. Ich weiß, es gibt viele Bürger in Paris, die den Widerſtand nicht wünſchen und einen ſchimpflichen Frieden vorziehen, es gibt Freunde Napoleon's und der Orleans, welche im Stillen gegen die Republik arbeiten werden, man muß ſie beobachten und die gefährlichſten Gegner unſchädlich machen, gleichviel durch welche Mittel. Sie werden die Poſt und die Telegraphen überwachen laſſen, Marquis, Sie werden ferner Trochu beobachten und die Namen aller Derjenigen verzeichnen, welche ſich eines Ver⸗ rathes an der Republik ſchuldig machen. Der Bund ſoll ſtark und mächtig werden, alle Gutgeſinnten, auf deren Treue wir uns verlaſſen dürfen, ſchicke ich Ihnen zu, Sie werden intelligente Köpfe unter ihnen finden. Sobald irgend etwas ſich ereignet, was der Mitthei⸗ lung werth iſt, telegraphiren Sie mir, ich ſchicke Ihnen, ſo oft ich es vermag, Botſchaft von Außen. Favre hat nicht die Energie, die man von ihm verlangen müßte, er iſt der Mann der Phraſe, nicht der Mann der That. Aber er liebt ſein Vaterland, und er wird aus⸗ harren.“ „Und ganz Frankreich wird den Namen Gambetta's mit hoher Bewunderung nennen—“ „Ja, wenn es mir gelingt, das Vaterland zu retten“, nnterbrach der Dictator ihn gedankenvoll.„Aber wenn meine Bemühungen ſchei⸗ teru, dann wird man auf mich die ganze Schuld häufen und mir vorwerfen, ich habe Frankreich ruinirt. O, ich kenne die Franzoſen, ſie werden mir fluchen und mich einen ehrgeizigen Abenteurer nennen, wenn wir trotz aller Opfer einen vom Feinde dietirten Frieden an⸗ 9 nehmen müſſen. Aber ſei es, mich kann das nicht beirren, ich thue meine Pflicht und opfere dafür meine Geſundheit und mein Leben.“ „Und die Nachwelt wird gerechter richten!“ „Ich hoffe das. Wenn unſere Armeen geſchlagen werden und wir den Frieden annehmen müſſen, dann mögen Andere ihn unter⸗ zeichnen, mein Name ſoll nicht unter dem ſchmachvollen Dokument ſtehen. Ich werde ſterben, wie Hannibal auf den Karthago's!“ „Und Frankreich?“ „Bah, wenn es ſich ſo tief erniedrigt hat, wird es ſich auch einem Napoleon wieder unterwerfen.“ „Das darf nimmer geſchehen!“ „Können Sie es verhindern?“ „Wir können dieſer Schmach vorbeugen. Die Pariſ garde, die Bataillone von Belleville, Montmartre werden der Republik treu bleiben.“ „Was vermögen ſie gegen die Kreaturen des Dezembermannes? Man wird ſie auf den Boulevards niederkartätſchen und auf ihren Leichen den Kaiſerthron wieder aufrichten.— Aber Sie haben Recht“, fuhr der Dictator, ſich erhebend fort,„man darf auch dann noch die Hände nicht in den Schooß legen, und weshalb ſollen wir ſchon jetzt ſo düſter in die Zukunft blicken? Noch haben wir die Macht, noch iſt nur ein kleiner Theil Frankreichs vom Feinde beſetzt, noch ſtehen uns Hülfsquellen zu Gebote, die unerſchöpflich ſind! Victor Hugo und Garibaldi werden kommen und der Republik ihre Dienſte widmen, ſie werden das Volk begeiſtern.“ „Und Flourens, Rochefort?“ „Ich fürchte dieſe Schwätzer nicht, ſie ſind beide feige. Aber meine Zeit iſt abgelaufen, man erwartet mich in meinem Hotel.“ „Wenn Sie erlauben, werde ich Sie begleiten.“ „Mein Wagen erwartet mich auf dem Pont Neuf; kommen Sie.“ Der Marquis zog an einer Glockenſchnur, dann nahm er ſeinen Hut und Ueberrock und folgte dem Dictator, der ſchon in der geöff⸗ neten Thüre ſtand. Einige Minuten ſpäter erſchien Pierre Bandau, um die Lichter auszulöſchen. Trümmern er National⸗ und La Vilette — — ——— ktional⸗ Vilette — u jett och iſt I uns ) und dmen, ——ʒ—— — 31— Zweites Kapitel. Hülflus und verlaffen. Ueber die Mittheilungen ſeines Freundes nachſinnend, ſchritt Erneſt langſam über die Boul wn der Vorſtadt Belleville zu. Das Gedränge der Volksmaſſen umwogte ihn, oft mußte er ſtehen bleiben, um die lärmenden und ſingenden Schaaren vorbeimarſchiren zu laſſen, durch die eine Bahn zu brechen ihm nicht möglich war. Auch er war mit Herz und Seele Republikaner, auch er haßte jede andere Regierungsform, welche die bürgerlichen Freiheiten ein⸗ ſchränkte, aber dieſe Republik wollte ihm doch nicht gefallen. Die Männer, die an ihrer Spitze ſtanden und ſo eigenmächtig die Zügel der Regierung ergriffen hatten, waren ehrgeizige, ſelbſtſüchtige Naturen, man konnte nicht hoffen, daß ſie dem Wohle des Vater⸗ landes ihre eigenen Intereſſen opfern würden. Vorzüglich Gambetta, ſo populair er auch durch ſeine Reden bei den Arbeitern geworden war, flößte dem jungen Manne, der mit ſcharfem Blick beobachtete, kein Vertrauen ein, und wenn er ihn dem Freunde gegenüber in Schutz genommen hatte, ſo war dies nur ge⸗ ſchehen, weil die Anſichten Paul's ihn reizten und erbitterten. Dem Bunde der Verſchworenen beizutreten, konnte er ſich nicht entſchließen, er hatte ſich bisher allen Verſchwörungen ferngehalten, weil er aus Erfahrung wußte, daß ſolche Beſtrebungen ſelten zu einem guten Ende führen. Noch weniger konnte er die Gründe billigen, welche Paul bewogen hatten, ſich in den Geheimbund aufnehmen zu laſſen, es waren das eigennützige Abſichten, welche ſich mit der Ehre und Selbſtachtung ſchlecht vereinigen ließen. Ueber das Alles dachte Erneſt nach und es waren keine erfreu⸗ lichen Gedanken, er ſuchte ſie zurückzudrängen, ſeine Seele mit anderen Dingen zu beſchäftigen. Und das gelang ihm bald. Ein anderes, ſchönes Bild ſtieg vor ſeinem geiſtigen Auge auf, das Bild eines ſchlanken, blonden Mäd⸗ chens, ein Madonnenantlitz mit tiefblauen Augen, in dem Unſchuld und Herzensgüte ſich ſpiegelten. „Marie!“ entfuhr es leiſe ſeinen Lippen, und ein tiefer Seufzer folgte dieſem Namen. Seit einigen Wochen wohnte ſie in der Manſarde, die neben ſeiner —.O[.(— —— 32— Wohnung lag, aber er hatte ſie nicht oft geſehen und bisher noch nicht gewagt, ein Wort an ſie zu richten. Ihr blondes 5 Haa ar und ihre blauen Augen hatten ihm verrathen, r, und Madame Leroi, die alte Wahrſagerin, e de unter demſelben Dach bewohnte, hatte ihm geſagt, das ſchöne Fräulein ſei Gouvernante in einer vornehmen Fo milie geweſen Weshalb hatte ſie Paris nicht verlaſſen? Und woher nahm Mittel, um ihre beſcheidenen Bedürfniſſe zu befriedigen? Er hatte ſie beobachtet, ſo viel er es vermochte, und ſo weit es ihm, ohne neugierig zu erſcheinen, erlaubt war, aber er konnte nichts entdecken, was ihm eine befriedigende Antwort auf dieſe Fragen gab. Er wußte nur, daß ſie feine Handarbeiten machte, aber er konnte nicht glauben, daß ſie in dieſer trüben Zeit, in der alle Geſchäfte niederlagen, Abſatzquellen gefunden haben ſollte. Und was auch kümmerte es ihn? Weshalb ſorgte er um ſie, ihn doch die eigenen Sorgen genugſam in Anſpruch nahmen? Ja, das wußte er auch nicht, er mußte immer und immer wieder an das ſchöne, ſtille Mädchen denken, und ſo oft er ihr begegnete, und aus ihren großen Augen ein Blic ihn traf, fühlte er ſich von innigem Mitllid ergriffen. Vielleicht war ſie arm und unglücklich, hatte ſie dann nicht allen Anſpruch auf ſeine Theilnahme, ſeinen Schutz und ſeine Hülfe? Er hatte ſich oft vorgenommen, ſie anzuſprechen, aber der Muth entſank ihm, ſo oft er dieſen Vorſatz ausführen wollte. Und wie trüb und düſter lag nun die Zukunft vor ihr! Wenn die Deutſchen Paris belagerten und die Preiſe der Lebensmittel immer höher ſtiegen, wenn zuletzt die Lebensmittel fehlten, welches Schickſal erwartete dann dieſes hülfloſe, verlaſſene Mädchen? Aber nein, ſo lange er lebte, ſollte ſie nicht ſchutzlos ſein, ſo lange er noch einen Biſſen Brod beſitze, ſollte ſie nicht darben. Dieſer Entſchluß verbannte die trüben Gedanken wieder, er gab dem jungen Manne die Heiterkeit zurück. Oft hörte er in ſeiner Nähe den Ruf:„Tod den Deutſchen! Nieder mit den preußiſchen Spionen!“ ja einmal war er ſogar Zeuge, daß der Pöbel einen Greis mißhandelte, dem man nichts weiter vor⸗ werfen konnte, als daß er ein Preuße war. Nationalgardiſten mußten den alten Mann aus den rohen Händen — S 2 — wieder nß entſant Wenn immer Schicſal o lange er gab utſchen! — Zeuige⸗ ter vol⸗ Händen — — 33— der wüthenden Kanaille befreien, ſie brachten ihn zur Präfectur, von wo er mit Zwangspaß ausgewieſen wurde. Konnte nicht auch Marie dieſes Loos erwarten? Konnte nicht auch ſie auf einem ihrer Ausgänge als Deutſche erkannt und mißhandelt werden? Dieſe Kanaille ſchont kein Alter und kein Geſchlecht; der fana⸗ tiſirte, durch die infamen Lügen und Verläumdungen der ehrloſen Zeitungsſchreiber aufgehetzte Pöbel hatte Frauen und Kinder, Kranke und Krüppel mißhandelt, ja, es waren ſogar abſcheuliche Ver brechen unter dem Vorwande der Spionenjagd begangen worden. Erneſt erkannte immer deutlicher, daß er mit dem Mädchen reden, daß er ſie warnen und ihr ſeinen Schutz anbieten müſſe, ehe es zu ſpät war. Er beſchleunigte ſeine Schritte, und eben wollte er in die Rue du Foubourg du Temple einbiegen, als er ſich plötzlich einer ncdrenul elegant und auffallend gekleideten Dame gegenüber ſah, welche bei ſeinen Anblick ſichtbar ſtutzte, dann aber, wie einem plötzlich uufteidarden Gedanken nachgebend, ihm beide Hinde entgegenſtreckte. „Erneſt!“ ſagte ſie mit allen Zeichen freudiger Ueberraſchung, während ein Lächeln über ihr ſchönes Geſicht glitt.„Welch' unerwartete Be⸗ 7„ 1 gegnung! Aber erkennſt Du denn Jenny Mouſſom nicht wieder, Deine Jenny?“ Zögernd hatte Erneſt ſeine breite, ſchwielige Hand in die feine, zarte Hand der jungen Dame gelegt, dunkle Schatten umwölkten ſeine Stirne. „Meine Jenny!“ wiederholte er, und der Ton ſeiner Stimme klang wie leiſer Spott.„Wie lange iſt es her, daß ich Dich ſo nennen durfte!“ „Acht Jahre, mein Freund“, erwiderte Jenny ſcherzend,„aber ſei verſichert, kein Tag iſt vergangen, an dem ich nicht Deiner gedacht hätte!“ „In Mabille und in der Cloſerie des Lillas“, bemerkte Erneſt bitter. Du haſt Glück gehabt, Jenny.“ Das Mädchen biß auf die Lippe, der Spott verletzte ſie, ein zürnen⸗ der Blick traf aus ihren blitzenden Augen den jungen Mann, der ihre elegante Toilette muſterte. „Glück? Was iſt Glück?“ ſagte fie.„Wohin gehſt Du?“ „Nach Hauſe.“ „Ich werde Dich begleiten.“ * „Du mich?“ „Und weshalb nicht?“ „Ich wohne in einer Manſarde.“ „Allein?“ „Wie Du fragen kannſt.“ „Ach ja, Du warſt immer ein Tugendheld“, ſpottete Jenny,„ver⸗ zeihe, daß ich dieſe Frage an Dich richtete. Komm, wir gehen zu⸗ ſammen.“ „Aber dieſe Toilette—“ „Ah, Du fürchteſt für Deinen guten Ruf?“ „Nein, man kennt mich und weiß, daß mir Ehre und Selbſtachtung weit mehr gelten, als—“ „Sprich das nicht aus“, fiel Jenny ihm in's Wort, und ihre Stimme klang ſo flehend, daß er betroffen zu ihr aufſchauen mußte. „Ich begreife die Bedenken, die Dir verbieten, mich in Deine Wohnung zu führen, aber einer Unglücklichen wirſt Du Deine Theil⸗ nahme nicht verſagen.“ „Niemals!“ „Ich kenne Dein gutes Herz, Erneſt, es hat mich einſt geliebt, und ich habe es betrogen und verrathen.“ „Vielleicht biſt Du nicht ſo ſchuldig—“ „Doch ich bin es, mein eigenes Gewiſſen ſagt es mir. Aber ich werde Dir das Alles in Deiner Wohnung erzählen, und wenn Du mich angehört haſt, magſt Du über mich richten.“ Sie legte ihre Hand auf ſeinen Armen und die Beiden ſchritten langſam weiter, die elegante ſchöne Dame am Arme des Arbeiters. „Wie glücklich waren wir damals!“ brach Jenny nach einer Pauſe. das Schweigen.„Haſt Du Dich jener Zeit oft erinnert?“ „Laſſen wir das“, bat der junge Mann,„es gibt Erinnerungen, die man nicht wecken darf.“ „Und die man dennoch nicht zurückdrängen kann. Mir iſt es nicht möglich, jene Zeit zu vergeſſen.“ „Ich habe mit der Vergangenheit abgerechnet.“ „Aber in Deinen Träumen—“ „Noch einmal, laſſen wir das!“ Schweigend ſetzten ſie ihren Weg fort, ſie bogen in die Rue Gincent ein, und hier blieb Erneſt vor einem kaſernenartig gebauten Hauſe ſtehen. „del⸗ en zu⸗ JLiun⸗ d tung dumme — 1 Deie Theil⸗ die Nhle 1¹ uten gebn — 35— Er zog die Glocke, die Thüre öffnete ſich, das rothe Geſicht des Concierge blickte durch das kleine Fenſter der Thürhüterloge, als die Beiden über den Hausflur ſchritten. Sie ſtiegen viele Treppen hinauf, es war eine mühſame, er⸗ müdende Wanderung, oft mußte Jenny ſtehen bleiben, um Athem zu ſchöpfen. Endlich hatten ſie das Zimmer Erneſt's erreicht, es war dürftig, aber doch ſauber und freundlich ausgeſtattet, ein zufriedenes Gemüch mußte ſich in dieſer traulichen Wohnung behaglich fühlen. Ein alter Divan, ein kleiner Tiſch, mehrere Stühle, ein Schrank und einige Lithographien bildeten die ganze Einrichtuug, aber Alles ſtand und hing an ſeinem rechten Platze, der Fußboden war mit Sand beſtreut, weiße Gardinen hingen vor den Fenſterſcheiben, ein Roſen⸗ ſtock und ein Vogelbauer ſtanden auf einem Tiſchchen vor dem Fenſter, und der Canarienvogel ſchmetterte eben jetzt ſeine kunſtreiche Weiſe, als ob er die Beiden begrüßen wollte. Jenny blickte ſich um, dann ließ ſie ſich auf den Divan nieder, und ein ſchmerzlicher Seufzer entrang ſich ihren Lippen. „Wie glücklich Du biſt!“ ſagte ſie.„Wer wohnt dort?“ Sie zeigte mit ihrem Sonnenſchirm auf die Thüre, die halb ge⸗ öffnet war. „Dort iſt meine Werkſtatt“, erwiderte Erneſt, indem er ihr gegen⸗ über auf einem Stuhle Platz nahm. „Ah, Du biſt ſelbſtſtändig?“ „Seit einem Jahre.“ „Und Du biſt zufrieden?“ 1 „Ich hatte bisher Arbeit genug.“ Das Mädchen nickte leicht. „Das wird nun nicht mehr der Fall ſein“, ſagte ſie,„aber ein thatkräftiger und geſchickter Mann wie Du kann immer ſo viel ver⸗ dienen, wie er bedarf.“ „Ich erhalte meinen Sold als Nationalgardiſt. Und dann rechne ich darauf, daß Paris in der nächſten Zeit viele Särge gebrauchen wird.“ „Wie bitter Du das ſagſt!““ „Soll ich mich darüber freuen? Es werden recht viele kleine Särge ſein, Jenny, wir Männer können ſchon viel ertragen, Strapazen und Entbehrungen, aber die armen Kinder werden in Maſſen weg⸗ gerafft werden.“ 3* —-— 36— „Vielleicht machſt Du dann auch einen Sarg für ein armes, un⸗ glückliches Weib, das auf der Straße verhungert iſt“, ſagte Jenny, den Blick feſt auf ihn richtend.„Bah, was liegt daran! Das Leben iſt nicht werth, daß man es als ſein höchſtes Gut betrachtet. Laß mich noch einmal in die Vergangenheit zurückblicken, Erneſt, es wird meinem aus tauſend Wunden blutenden Herzen ein wohlthuendes Ge, fühl ſein. Wir waren Kinder, Erneſt, frohe glückliche Kinder, weißt Du es noch?“ „Gewiß.“ „Du nannteſt Dich meinen Bruder, und ich war ſtolz auf den Bruder, den ich ſo ſehr liebte. Gedenkſt Du noch der fröhlichen Stunden im Gehölz von Bolougne und in den Champs Elyſees, in Saint Denis und an ſo vielen anderen Orten, wohin wir unſere Eltern begleiteten? O, ich erinnere mich noch, wie Dein guter Vater einmal ſagte, wir Beide müßten für das ganze Leben vereint bleiben.“ „Es war kurz vor ſeinem Tode.“ „Ja, kurz vor der traurigen Zeit, die unſerm Glück ſo plötzlich ein Ende machte!“ ſeufzte Jenny, indem ſie ihre Hand auf den Arm des jungen Mannes legte und ihn wehmüthig in's Auge ſchaute. Unſere guten Eltern raffte die Cholera hinweg, weshalb verſchonte die Seuche mich?“ „Jenny, das iſt eine frevelhafte Frage!“ „Sie iſt es, und dennoch richte ich ſie an das Schickſal.“ „Du mußt viel gelitten haben!“ „Nicht das, die Reue iſt es, die das Leben mir verbittert. Was jenen Tagen folgte, weißt Du, Erneſt. Noch einmal lachte uns der Sonnenſchein des Glücks, noch einmal vergoldete er unſern Pfad, der mit duftenden Blüthen bedeckt war.“ „Er wäre es noch heute, wenn Du—“ „Mache mir keinen Vorwurf, höre mich an. Wir waren beide arm, wir mußten beide arbeiten, um das trockene Brod zu verdienen, es war ein hartes, mühſames Leben.“ „Aber die Liebe, unſere reine, treue Liebe verlieh ihm tauſend Freuden!“ „Es war die Liebe der Unſchuld— ja, ſie machte uns glücklich, ſie ſöhnte uns mit der troſtloſen Gegenwart aus und ſpiegelte uns eine glücklich Zukunft vor. Weshalb es nicht ſo bleiben konnte? Ich weiß es nicht, Erneſt, es war wohl nicht Gottes Wille, daß wir gen unſere Vater eiben.“ Was der der mum- — — 37— einander angehören ſollten. Du weißt nicht, wie lange ich der Ver⸗ ſuchung widerſtanden habe, wie der gute Engel in meiner Bruſt mit dem böſen Dämon gerungen hat, und wie manche Nacht ich ſchlaflos verbrachte in dieſen entſetzlichen Kämpfen. Wenn ich in meinem ſchlichten Kattunkleidchen meine Arbeit ablieferte, und meine früheren Colleginnen dann in Sammt und Seide, in eleganten Equipagen oder hoch zu Pferde mir begegneten, dann regte der Neid ſich in mir, und der Glanz der Zukunft erblaßte vor dieſer ſtrahlenden Pracht.“ „Das war der Fluch des zweiten Kaiſerreichs, der aus Frankreich einen Sumpf ſchaffte, in dem Tugend und Ehre verſinken mußten!“ warf Ernſt ein. „Ich gebe Dir Recht, aber damals dachte ich nicht darüber nach. Und dann auch ſah ich Dich ſo ſelten, und wenn ich Dich ſah, warſt Du müde von der Arbeit, erſchöpft und verſtimmt, es wollte ja auch Dir nicht Alles gelingen, wie Du es wünſchteſt und erwarteſt. Und dann kam jener Abend, den ich nie vergeſſen werde. Ich hatte ſo lange gekämpft und gerungen, den Verſucher ſo oft zurückgewieſen, an jenem Abend unterlag ich. Noch heute weiß ich nicht, was ich damals getrunken habe, der Verſucher gab mir das Glas, ich trank, und wie flüſſiges Feuer lief es durch meine Adern. Leidenſchaften, die ich nie gekannt hatte, erwachten, der Kampf in meinem Innern war zu Ende, und als der Verſucher mich nun in ſeine Arme ſchloß, mir den blitzenden Schmuck und die koſtbare Garderobe zeigte, da widerſtrebte ich nicht länger. Das war der Fluch der Armuth, Erneſt, der ſchon ſo manches Opfer gefordert hat und bis in Ewigkeit Opfer fordern wird. Der Kampf war zu Ende und ich ergab mich dem Dämon, der meinen guten Engel beſiegt hatte. Zu Dir durfte ich nicht mehr zurückkehren, ich hätte nicht gewagt, Dir vor die Augen zu treten. So blieb ich bei dem, der mit feierlichen Schwüren mir gelobte, für mich zu ſorgen und mich nie zu verlaſſen. Ich glaubte damals noch an die Heiligkeit des Eides, und in meiner Weiſe fühlte ich mich glücklich. Der Freudenbecher, der das Leben mir bot, be⸗ rauſchte mich, ich hatte Alles, was mein Herz begehrte!“ „Und an mich dachteſt Du nicht!“ „Gewiß, Erneſt.“. „Nein, Du dachteſt nicht daran, wie unſäglich unglücklich Du mich gemacht hatteſt—4 38 „O, ich wußte, daß Du mich ſuchteſt, ich wich D Dir aus, Du durfteſt mich nicht wiederſehen.“ 1 „Und als meine Nachforſchungen Dir unbequem wurden, ſchriebſt Du mir?“ „Ja, da ſchried ich Dir die Wahrheit, die mündlich zu geſtehen ich nicht gewagt haben würde. Ach, wie bald ſollte ich erfahren, daß nicht Alles, was glänzt, Gold iſt. Mein Verſucher verließ mich, oder es mit andern Worten zu ſagen, er trat mich an einen Freund ab, der mich tyranniſirte und mißhandelte. Und dann kam die Zeit, wo ich in Mabille und in der Cloſerie des Lillas tanzte. Wo ich tanzen mußte, wenn ich nicht hungern wollte! N Nun, das war auch ein Leben voll rauſchender Vergnügungen, und ich habe an jenen Orten manchen Triumph gefeiert. Ich wurde die Geliebte eines Ruſſen, es war Zeit, daß ich den Tanzboden verließ, jüngere Kräfte drängten mich mehr und mehr in den Hintergrund. 44 „Und was nun?“ fragte Erneſt, als das Mädchen ſtockte. „Der Krieg brach aus, und mein Ruſſe reiſte ab, ich war wieder allein, hülflos und verlaſſen.“ „Ohne Mittel?“ „Das nicht. Ich habe eine elegante Wohnung, einen reichen Schmuck und auch noch eine gefüllte Börſe, aber ich ſehne mich nach Liebe und mein Gewiſſen ruft mir unaufhörlich zu, daß ich ſie nimmer finden werde.“ „Niemals!“ beſtätigte der junge Mann, das Haupt erhepend. „Die Liebe kann Dir nie verzeihen, was Du an ihr geſündigt haſt!“ „Wahre Liebe kann verzeihen, Erneſt!“ „Alles, nur Deine Schuld nicht.“, Die Brauen Jenny's zogen ſich zuſammen, ein herber Zug um⸗ zuckte ihre ſchwellenden Lippen. „Du kannſt mir nicht verzeihen?“ fragte ſie und eine ſeltſame Gluth leuchtete aus ihren Augen. Wenn Du es nicht könnteſt, wäre Deine Liebe eine Lüge geweſen.“ „Doch, Jenny, ich habe Dir längſt. vergeben.“ „Und Du wirſt mich wieder lieben.“ „Nimmermehr.“ „Mein Herz ſchkägt noch ſo warm, wie damals, Erneſt, Du wirſt an meinem Herzen vergeſſen, was hinter uns liegt. Ich will Alles mit Dir theilen, ich will verkaufen, was ich habe, meine ſchöne Woh⸗ — —„= auch enen nung verlaſſen und hierher zu Dir kommen, um fortan bin Dir zu wohnen. Ich will aller Pracht entſagen und mit dem einfachſten Kleide mich begnügen.“ „Das iſt vorbei Jenny!“ ſagte Erneſt, die Hand abwehrend er⸗ hebend.„Vorbei für immer.“ „Verſuch's, wir können noch glücklich werden“, fuhr Jenny fort, indem ſie ſeine Hand erfaßte, und ihren Arm um ſeinen Nacken ſchlang. „Ich verlange nicht, daß die Kirche unſerm Bund ihren Segen geben ſoll, nein, dieſes Opfer fordere ich nicht von Dir, ich biete Dir nur meine Liebe, ſie muß in Deinem Herzen ein Echo finden. Ich bin noch jung, Erneſt, meine Erfahrungen werden mich warnen, wenn noch einmal die Verſuchung mir nahen ſollte, aber Deine Liebe muß mich ſchützen und mir eine ſtarke Stütze ſein! Willſt Du mir dieſen Schutz verweigern? Willſt Du das Herz zurückſtoßen, daß Du einſt ſo innig liebteſt? Könnteſt Du ſo herzlos ſein, mich in den Abgrund hinunter zu ſtoßen der vor meinen Füßen gähnt?“ Sie blickte ihn verführeriſch an, aber er erkannte, daß dieſer Blick berechnet war, ſein Blut in Wallung zu bringen und die ſchlummern⸗ den Leidenſchaften in ihm zu wecken. Wohl pochten ſeine Pulſe ſtürmiſcher, wohl durchzuckte auch ihn ein berauſchendes Gefühl, aber mit ſeiner ganzen Willenskraft hielt er die erwachenden Leidenſchaften nieder. „Beſuche mich“, flüſterte ſie, und ihr heißer Athem ſtreifte ſeine Wangen,„komm' zu mir, Erneſt, ich glaube, wir können in meiner Wohnung beſſer und ungeſtörter darüber berathen, in der Rue Riche⸗ lieu 28 wirſt Du mich finden. Komm' jetzt mit mir, Geliebter—“ „Jetzt nicht und niemals!“ rief der junge Mann von ſeinem Sitz aufſpringend.„Zwiſchen uns liegt eine Kluft, die nichts überbrücken kann. Dieſe Kluft iſt Deine Schande, Jenny, und wäre die Brücke von Gold, ich würde ſie nicht betreten.“ „Erneſt!“ fuhr das Mädchen entrüſtet auf. „Weshalb zwingſt Du mich, Dir dieſe Worte zu ſagen? Du fragteſt mich, ob ich einer Unglücklichen meine Theilnahme verſagen könne, jetzt erkenne ich, daß Du mir eine Falle ſtellen wollteſt, aber nichts, weder Deine glatten Worte, noch Deine Reize können mich verführen, in die Falle hineinzugehen.“ Ein ſilberhelles Lachen war die Antwort Jenny's auf die Er⸗ klärung. — 40— Du biſt noch immer der Alte“, ſagte ſie, halb ſcherzend, halb ſpottend,„Du verſtehſt noch immer nicht, den Augenblick zu nehmen, wie er ſich Dir bietet, das Leben zu genießen, ohne Dich vor den Folgen zu ängſtigen. Ich kann leben ohne Dich, mein Freund, ich bedarf Deines Schutzes und Beiſtandes nicht, denn aus dem Schiff⸗ bruch iſt mir genug geblieben, und ich habe andere Freunde, die reich und mächtig ſind. Soll ich ſie Dir aufzählen? Da ſſt an. ein junger, geiſtreicher Mann, der einſt an der Spitze der Republick ſtehen wird, Cluſeret, der auf ſein Generalspatent wartet, Magnin, der Finanzminiſter der jetzigen Regierung, Victor von Segur, ein talent⸗ voller Kopf, Flourens, der einflußreiche Republikaner und außerdem ein Dutzend Finanzmänner, die unter dem zweiten Kaiſerreich Mil⸗ lionen ſenpunen haben.“. „Und genügen Dir dieſe noch nicht?“ fragte Erneſt mit Verachtung. „Nein, denn ich liebe keinen von ihnen. Ich empfange ſie in meinen Salons, und ſie zahlen dafür ihren Tribut am Sgpieltiſch, ſo bleibt meine Börſe voll, aber das Herz geht leer aus, Du ſollſt in dieſem Herzen thronen, Erneſt, Dir allein ſoll es angehören.“ „Das wäre eine zweif felha fte Ehre!“ „Eine Ehre auf die Du ſtolz ſein müßteſt.“ „Sie würde mir die Selbſtachtung rauben.“ „Bah, glaubſt Du mit einer Phraſe mich überzeugen zu können?“ „Nein, aber ich lege keinen Werth darauf, Dich zu überzeugen“, entgegnete Erneſt kalt.„Als Du die alten Erinnerungen in mir weckteſt, da fühlte ich Mitleid mit Dir, und ein tiefes Bedauern er⸗ griff mich bei dem Gedanken, was Du mir hüätteſt werden können, wenn Du mir treu geblieben wäreſt. Aber nur zu bald fiel die trügeriſche Maske, und ich kann jetzt nur noch meine Freude darüber ausdrücken, daß der ſchöne Traum damals ein Ende nahm. Wehe mir, wenn die Enttäuſchung erſt nach unſerem Hochzeitstage erfolgt wäre!“ Jenny hatte ſich jetzt auch erhoben und den koſtbaren Shwal feſt um ihre Schultern gezogen; das verführeriſche Lächeln war von ihren Lippen verſchwunden, und nur die verzehrenden Gluthen des Zornes und des Haffes loderten in ihren dunklen Augen. „Iſt dies die einzige Antwort, die Du mir zu geben haſt?“ fragte Jenny mit ſcharfer Betonung. „Die einzige und letzte!“ nes — 11— „Bedeuke, daß Dein Wohl in meinen Händen ruht. Ich kann Dich erheben, oder in den Staub treten, je nachdem es in meinem Belieben liegt, ich kann Dich reich und angeſehen machen, und Dich vernichten.“ „Lieber arm in Ehren, als reich in Schande.“* „Erneſt, verſchmähte Liebe erzeugt den Haß!“ „Ich fürchte Deinen Haß nicht!“ „Er würde Dich tödten. „So verſuche Deine Kraft“, rief Erneſt trotzig,„ich habe nur eine Antwort für Dich, daß ich Dich verachte.“ Jenny war dem jungen Manue näher getreten, ihre funkelnden Augen ſchienen ihn durchbohren zu wollen.“ „Du bieteſt Verachtung für Liebe“, ſagte ſie und jetzt klang ihre Stimme, wie das Ziſchen einer Schlange,„Du wirſt es bereuen, ſolche Demüthigung vergißt ein Weib nie. Aber ich will denken, Du habeſt das in der erſten Aufwallung geſagt, die Erinnerung an meinen Treubruch habe den alten Groll in Dir geweckt, ich will Dir Be⸗ denkzeit gönnen, Du wirſt kommen und mich um Verzeihung bitten, Du wirſt Dich des Glückes erfreuen, welches ich Dir biete. Und kommſt Du nicht, Erneſt, dann fürchte meine Rache, verſchmähte Liebe wird zur Fülle des Haſſes und der Haß eines beleidigten Weibes ruht nicht, bis er ſein Opfer niedergetreten und vernichtet hat.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ ſie das Zimmer, und der Blick Erneſt's ruhte lange auf der Thüre, hinter der ſie verſchwun⸗ den war. Er hatte ſie geliebt, heiß und innig, und dieſe Liebe war ſein Ideal geweſen, der leuchtende Stern, zu dem er emporſchaute, wenn er in dem ſchweren Kampfe mit den Mächten des Schickſals ſich der Verzweiflung nahe glaubte.— Der Stern war erloſchen, das Ideal ihm geraubt, aber die Er⸗ innerung an jenen ſchönen, herrlichen Traum überwältigte ihn, der ſtarke, willensfeſte Mann ſank auf einen Stuhl und weinte wie ein Kind. Er hörte nicht, wie die Thüre leiſe geöffnet wurde, er ſah das ſchlanke, ſchöne Mädchen mit dem blonden Haar und den blauen Augen nicht, welches ſo geräuſchlos eintrat und. ſich ihm näherte, aber als ſie nun ihre Hand auf ſeine Schulter legte, ſchrak er zuſammen, und zu dem Madonnenantlitz aufblickend, war es ihm, als habe der „ — 42— Himmel ihm einen Engel geſandt, der ihn tröſten und mit ſeinem Geſchicke verſöhnen ſolle. „Verzeihen Sie mir, daß ich es wage, einzutreten“, ſagte eine ſanfte, weiche Stimme,„aber ich dachte, es würde Ihnen wohlthun, menn in dieſem Augenblick ein Wort der Theilnahme die Stürme in Ihrem Herzen beſchwichtigte.“ Erneſt hatte verwirrt ſich erhoben, ſein Antlitz heiterte ſich auf, ein Sonnenſchein des Glückes glitt über ſein umwölktes Geſicht. „Ich danke Ihnen tauſendmal“, erwiderte er bewegt.„Worte der Theilnahme und des Troſtes von den Lippen eines Engels—“ „Sprechen Sie nicht ſo“, fiel das Mädchen bittend ihm in's Wort,„mein Herz trieb mich, Ihnen meine Theilnahme zu beweiſen, und Ihnen zu ſagen, daß ich Ihren Muth und Ihre Standhaftig⸗ keit bewundere.“ Erneſt blickte mit leuchtenden Augen dem ſchönen Mädchen in das leicht geröthete Antlitz. „So wiſſen Sie Alles?“ fragte er. „Ja, meine Schuld iſt es nicht, daß die Wände in dieſem Hauſe ſo dünn ſind, und die junge Dame ſprach ſo laut, daß ich, auch wenn ich es nicht gewollt hätte, jedes Wort vernehmen mußte.“ „O, ſie iſt eine Verworfene—“ „Urtheilen Sie nicht zu ſchnell und zu hart“, fuhr Marie leicht das Köpfchen ſchüttelnd fort,„wir haben ja Alle unſere Fehler und Schwächen, und wie leicht iſt der erſte Schritt Af der verbotenen Bahn geſchehen!“ Sie hatte, während Sie dies ſagte, auf dem Divan Platz ge⸗ nommen, und Erueſt ſaß vor ihr in ſtummer Bewunderung ſie anſchauend. „Wie gut und edel Sie ſind!“ erwiderte er mit bebender Stimme. „Sie vertheidigen eine[Schuldige, trotzdem Sie ſelbſt die Ueberzeu⸗ gung von ihrer Schuld haben müſſen. Sie wenden ſich mit Abſcheu von der Verworfenen ab und treten dennoch mit würdevoller Hoheit denen entgegen, die den erſten Stein auf ſie werfen wollen! Ach ja“, fuhr er fort, indem er leiſe mit der Hand über Stirn und Augen ſtrich,„ich habe dieſes Mädchen tief und innig geliebt, und wer weiß, ob ich ſie nicht aus dem Sumpfe gerettet und zu mir emporgezogen haben würde, wenn ſie aufrichtig bereut hätte. Aber nun iſt das letzte Gefühl des Mitleids für ſie zu meinem Herzen erloſchen, ich werfe ſie zu den Todten.“ — — 413— „Sie werden ſie nicht beſuchen?“ „Würden Sie mich nicht verachten, wenn ich es thäte?“ „Könnte das Mitgefühl Sie nicht hinführen?“ „Nein, nein, das iſt nun vorbei. Ich habe geweint, Fräulein Marie, und ich ſchäme mich dieſer Thränen nicht, ſie galten dem letzten Andenken an einen ſüßen Traum, der mich unnennbar glücklich machte.“ „Geduld, nach den Stürmen des Winters kommt der Frühling wieder mit ſeinem Lerchenſang und Veilchenduft“, ſagte das Mädchen, einen heitern Ton anſchlagend.„Muth und Hoffnung, mein Freund, das Menſchenherz darf niemals verzagen, denn oben über den Sternen lenkt der Vater aller Menſchen die Geſchicke jedes Herzens.“ „Und er ſendet ſeine Engel auf die Erde, daß ſie den Unglück⸗ lichen tröſten“, erwiderte Erneſt, indem er die kleine Hand des Mädchens erfaßte,„o, daß ein ſolcher Engel mich durch das ganze Leben be⸗ gleitete! Fräulein Marie, wie oft habe ich Ihnen meine Freundſchaft, meinen Schutz in dieſer trüben, ſchweren Zeit anbieten wollen, aber nie fand ich den Muth dazu, ich fürchtete, Sie könnten mich unver⸗ ſchämt und zudringlich nennen und die Hand zurückſtoßen, die ich Ihnen bieten wollte.“ „Wie konnten Sie das glauben?“ „Ja, wie konnte ich es? Mußte nicht der Blick Ihrer ſanften Augen mir ſagen, daß Ihre edle, reine Seele mich nicht mißverſtehen würde? Ich war ein Thor, daß ich mich des Glückes Ihrer Freund⸗ ſchaft beraubte, daß ich wartete, bis Sie zu mir kamen, um mir zu ſagen, daß Sie meine Freundin ſein wollten. Und nicht wahr, Fräu⸗ lein Marie, das werden Sie mir ſein?“ Eine glühende Röthe hatte das Antlitz des Mädchens übergoſſen, ſie ſchlug vor dem treuherzigen Blick des jungen Mannes verwirrt die Augen nieder. „Daran dachte ich nicht, als ich hier eintrat“, ſagte ſie leiſe, „und doch hätte ich vorausſehen müſſen, daß das Geſpräch dieſe Wendung nehmen könnte. Nun denn, ich will offenherzig ſein und ohne Scheu und Rückhalt Ihnen erklären, daß ich mit herzlicher Freude die Hand des Freundes annehme. Ich habe Ihren edlen, Charakter kennen gelernt, ich beobachtete Sie, ohne daß Sie es ahnten, und wiſſen Sie weshalb? Um in der Stunde der Noth und Gefahr Sie um Ihren Schutz zu bitten, denn ich ſtehe allein, hülflos und verlaſſen in der Welt.“ —⸗;———;’;; —᷑—ę—ÿ—᷑—ꝛ—ÿ—ᷣ—ͥ—ᷣ—y—— —— — ͦ— ———xxx:ꝛꝛyöꝛ——i— — 44— 1 „Hülflos und verlaſſen!“ wiederholte Erneſt träumeriſch.„Ich dachte es mir.“ „Wohl deshalb, weil Sie nicht begreifen konnten, daß ich, ein Deutſche, Paris nicht verließ?“ „Ja, auch aus dieſem Grunde!“ Das Mädchen nickte gedankenvoll, ein tiefer Seufzer entrang ſid ihren Lippen. „O, wie gern hätte ich dieſe Stadt der Sünde und der Laſter verlaſſen“, ſagte ſie mit ſchmerzlicher Wehmuth,„aber ich k 4 nicht, mir fehlten die Mittel zur Reiſe und wohin ſollte ich mich wenden?“ 4,. „Haben Sie keine Familie in Deutſchland?“ b. „Nein, dort ſchlägt kein Herz mir entgegen, und die deutſchen Verhältniſſe ſind mir fremd geworden. Wollen Sie meine Lebens A ☛ 2. B — 78 E ₰ „O, gewiß, Marie.“ „Wohlan, ſo hören Sie, ich will Ihnen den Anfang dieſer troſt⸗ loſen Geſchichte erzählen, wie er mir berichtet wurde, als meine gute theure Pflegemuttter ihre letzte Stunde nahen fühlte.— Vor zwanzig Jahren ſchritt an einem ſtürmiſchen, dunklen Herbſtabend ein deutſches Ehepaar durch die Rue d'Enfer, um ſich in das Hotel, in welchem es logirte, zurückzubegeben. Sie kamen aus einer heitern Geſellſchaft, von einem Diner, zu welchem ein Geſchäftsfreund ſie eingeladen hatte, denn ſie waren nach Paris gekommen, um hier Einkäufe für ihr deutſches Geſchäft zu machen. Sie wiſſen, daß in der Rus d'Enfer ſich das Findelhaus befindet, die Beiden waren nur noch eine kurze Strecke von dieſem Gebäude entfernt, als ſie eine dunkle Geſtalt bemerkten, welche in auffallender Eile ſich entfernte, und es war ihnen als ob ſie durch das Heulen des Sturmes und das Plätſchern des Regens leiſes Schluchzen vernommen hätten. Im nächſten Augenblic⸗ ſtanden ſie vor dem Korbe, in den die unglückliche Mutter ihr Kind niederlegte, um es der Barmherzigkeit und dem Mitleid fremder Leut⸗ anzuvertrauen.“ „Um es vielleicht niemals wiederzuſehen!“ warf Erneſt ein. „Ein Kind lag in dem Korbe, und dieſes Kind weinte. Die Ek⸗ der Beiden, die vor dem Korbe ſtanden, war kinderlos, der Himme. hatte ihr dieſen Segen verſagt. Ein Gedanke durchzuckte blitzſchnet die Seele der Dame, als der Korb in das Haus hineingezogen wurde, war er leer, das hülfloſe Geſchöpf ruhte an dem Herzen der edlen Samariterin, es war nicht mehr verlaſſen. Schnell eilten die Beiden in ihren Gaſthof, und während der Herr hinausging, um eine Amme zu ſuchen, betrachtete die Dame mit Entzücken ihren Raub, der ſie unſäglich glücklich machte. Sie fand in den Windeln des Kindes ein Billet, welches nur die wenigen Zeilen enthielt: „Erbarmen für dieſes arme, unglückliche Geſchöpf! Es iſt das K dind einer Deutſchen, die den Verlockungen eines Verführers Glauben ſchenkte. Forſcht nicht nach den Eltern und flucht der Mutter nicht, die mit brechendem Herzen ihr theures Kind fremden H Händen anver⸗ trauen muß. Wenn aber die Bitte einer Mutter heilig iſt, dann hoffe ich mit Zuverſicht auf die Erfüllung meiner Bitte, daß das Mädchen auf den Namen„Marie“ getauft und ihm ſpäter dieſer dn übergeben werde. Wie jeder böſen That die Reue folgt, ſo wird einſt auch der gewiſſenloſe Vater ſeine Schuld bercuen, dann aber vertraue ich auf das gerechte Walten der Vorſehung, und dieſer Ring ſei das Erkennungszeichen, wenn der Vater ſein Kind ſucht.“ „Das war Alles?“ fragte Erneſt, als Marie ſtockte. „Alles, mein Freund, und Sie werden mir zugeben, daß es ein ſehr ſchwacher Anhaltspunkt war. Vielleicht hätte man durch eine öffentliche Aufforderung damals den Vater ermitt teln können, aber würde dieſe Aufforderung gefahrlos geweſen ſein? Konnte nicht die Mutter das Kind zurückfordern, konnte nicht die Polizei ſich durch ſie veranlaßt ſehen, das deutſche Ehepaar des Raubes anzuklagen? Und ließ ſich erwarten, daß der Mann, der die Mutter dieſes Kindes ver⸗ führt und zu einem Schritt der Verzweiflung getrieben hatte, der Aufforderung Folge leiſten würde?“ „Nein, gewiß nicht!“ „Welcher Vorwurf könnte alſo die edlen Menſchen treffen, welche entſchloſ ſſen waren, dieſem Kinde die ganze Fülle ihrer Liebe zu ſchenken, es zu pflegen und zu erziehen und ihm die Eltern zu er⸗ ſetzen? Sie hatten es ja in der erſten Stunde ſchon ſo lieb gewonnen, daß ſie an die Möglichkeit, es wieder verlieren zu können, nicht denken mochten. Sie nahmen es mit nach Deutſchland, und je älter das Kind wurde, deſto lieber gewannen ſie es. Mein Freund, dieſes Kind bin ich⸗ 3 Der junge Mann nickte gedankenvoll, dann erhob er ſich, um die Lampe anzuzünden, denn es war dunkel geworden, und die Dunkelheit verbarg ihm die lieblichen Züge des Mädchens. ¹ — — 46— „Sie ahnten in den Tagen ihrer Kindheit davon nichts? fragte er mit bewegter Stimme. „O, nein, es wäre ja grauſam geweſen, einen dunklen Schatten auf den blumenreichen Pfad des unſchuldigen Kindes zu werfen! Es war eine ſchöne Kindheit, mein Freund, die Erinnerung an ſie wirft noch heute ihren ſtrahlenden Sonnenſchein in die Nacht der ſorgen⸗ vollen Stunden. Laſſen Sie mich über jene Zeit mit wenigen Worten hinweggehen, denken Sie an Ihre eigene Kindheit, die ja auch eine glückliche war.“ Erneſt ſaß dem Mädchen wieder gegenüber, ihre Hand ruhte in der ſeinigen, und ſeine treuherzigen Augen waren unverwandt auf ſie gerichtet. „Die ſchönen Tage einer glücklichen Kindheit ſind dem Menſchen⸗ herzen unvergeßlich“, ſagte er,„Sie haben ht die Erinnerung an ſie iſt der köſtlichſte Schatz in der Menſche bruſt.“ „Jene Tage waren raſch verſtrichen“, fuhr Marie leiſt fort,„dem Sonnenſchein des Lebensfrühlings folgte eine lange, dunkle Nacht.— Mein guter Vater ſtarb, Gram und Schmerz brachen ihm das Herz, falſche Freunde hatten ihn um ſein ganzes Vermögen betrogen, ihn an den Bettelſtab gebracht, er konnte die Schande nicht überleben. Und die Mutter folgte ihm wenige Wochen ſpäter in's Grab, nach⸗ dem ſie vorher mir das Geheimniß enthüllt hatte. Zum zweiten Male war ich hülflos und verlaſſen, Niemand nahm ſich meiner an, meine Freundinnen kannten die Tochter des Bettlers nicht mehr, und die Gläubiger nahmen ohne Rückſicht und Erbarmen Alles, was in der Hinterlaſſenſchaft ſich vorfand. Indeß, ich hatte fremde Sprachen, Muſik und feine Handarbeiten erlernt, und ich fühlte den ernſten redlichen Willen, die Kraft und den Muth in mir, den Kampf min den Mächten des Schickſals aufzunehmen.“ Welch' trauriges Loos!“ ſagte Erneſt mit herzlicher Theilnah „Traurig und troſtlos in der That, aber auch das mußte i wunden werden, und ich überwand es. Der Vicomte von Chateaufleur e eine Gouvernante für ſeine beiden Töchter, ich bot meine Dienſie 17, Ir1 an, und man war ſo freundlich, ſie anzunehmen. Ich ahnte nich wie traurig das Loos einer Gouvernante iſt, welchen Demüthigungen ich mich in dem Hauſe dieſes reichen und ſtolzen Edelmannes aus⸗ geſetzt ſehen würde. Ich ertrug auch das, ich fand mich geduldig in der Rolle der weißen Sklavin und erfüllte gewiſſenhaft meine Pllichten, — ——. ——— — — 47— ſo daß die Familie des Vicomte mir bald ihre Anerkennung nicht verſagen konnte. Die Kinder liebten mich, mit ihren Eltern kam ich. ſelten in Berührung, Madame war wenig zu Hauſe, und der Lebens⸗ wandel, den ſie führte, konnte mich wahrlich nicht veranlaſſen, ihr näher zu treten. Aber der Vicomte hatte einen Sohn aus erſter Ehe, und dieſer Chevalier von Chateaufleur war ein eitler, ſelbſt⸗ gefälliger und genußſüchtiger Menſch, der ſo wenig Schamgefühl beſaß, daß er ſogar mir gegenüber ſich mit ſeinen Triumphen über die Damen brüſtete.“. „Mich wundert das nicht; Paris iſt ein Sumpf, der ſich unter einer dünnen, ſchimmernden Decke verbirgt. Wehe uns, wenn dieſe Decke einmal einbricht! Wehe dieſen Wüſtlingen, dieſen Geſellen des Satans, wenn die Arbeiter ſich erheben werden, um Gericht über ſie zu halten! Wo findet man noch Zucht und Sit) Ehre und Tugend, frommen Gottesglauben und Unſchuld in Paris? Nur in den Arbeiter⸗ vierteln, ja ſelbſt in den Gefängniſſen unter den Verbrechern eher, als in den goldſtrahlenden Salons der Vornehmen und Reichen. Was iſt dieſen Leuten die Ehe! Was gilt ihnen die Unſchuld eines tugendhaften Mädchens, was der Glaube an Gott, was die Reinheit eines guten Gewiſſens! Sie wollen das Leben genießen, denn ſie denken, mit dem Tode habe Alles ein Ende, und es iſt ihnen gleich⸗ gültig, ob ihr Weg auch über zertretene Menſchenherzen führt, die unter ihren Füßen verbluten! Ha, dieſer Krieg iſt ein Gottesgericht, und ſie ſelbſt haben die Vergeltung herausgefordert in thörichter Verblen⸗ dung und wahnſinnigem Trotz, ſie werden vernichtet werden, wie Sodoma und Gomorrha vernichtet wurden, als das Maß ihrer Sünden voll war. Aber fahren Sie ſort, Marie, Sie waren noch nicht zu Ende.“ Er drückte leiſe die Hand des Mädchens, und ein inniger dank⸗ bqer Blick traf ihn aus den blauen Augen. „Was ich längſt befürchtet hatte, geſchah“, fuhr Marie fort,„der Chevalier bot mir ſeine Liebe an. Ich wies ihn energiſch zurück und drohte, das Haus unverzüglich zu verlaſſen, wenn er noch einmal wage, dieſes entehrende Anſinnen an mich zu ſtellen. Von dieſem Augenblick an kümmerte er ſich nicht um mich, aber daß er dieſe Demüthigung mir nicht vergeſſen hatte, ſollte ich beim Ausbruch des Krieges erfahren. Das Ausweiſungsdecret gegen die Deutſchen zwang auch mich, an meine Abreiſe zu denken, ich bat den Vicomte, mir — 48— 1 mein Honorar auszuzahlen. Er ſchuldete mir zweitauſend Francs, ich hatte nie etwas von meinem Gelde gefo ordert, es war ja nach meinem Dafürhalten in ſeinen Händen am ſicherſten aufgehoben Können Sie glauben, daß meine Bitte mit verletzendem Hohn zurück gewieſen wurde? Er ſei nicht verpflichtet, einer D Deutſchen Lohn zu zahlen, erwiderte er, und wenn er das auch wolle, könne er es jetzt nicht, der Krieg werde ihn ruiniren, das baare Geld, welches er noch beſitze, müſſe er jetzt für ſich und ſeine Familie zurückhalten.“ „Parbleu, dieſer Mann iſt ein ehrloſer Schuft!“ fuhr Erneſt zornig auf.„Aber Geduld, Marie, wir werden abrechnen mit ihm. Zahlte er Ihnen nicht 82, „Keinen Sous.“ „Und Madame?“. „Sie zeigte mir die Thüre! Dann trat der Chevalier zu mir, um mit teufliſcher Bosheit mir zu erklären, wenn ich unter den Bedingungen, die ich errathen könne, bleiben wolle, ſo werde er für. mich ſorgen, weiſe ich aber auch jetzt ſein Anerbieten zurück, ſo rathe er mir, Paris binnen vierundzwanzig Stunden zu veelaſſen, denn er könne dem Gerichte Beweiſe liefern, daß ich eine preußiſche Spionin ſei.“ In den Augen des jungen Mannes flammte die Gluth des ornes jäh auf, ſeine Lippen preßten ſich feſt aufeinander, und die Iinde ballten ſich krampfhaft zuſammen. 3 „Ich werde Sie rächen, Marie“, ſagte er, zitternd vor zung, „dieſe Schmach ſoll nicht auf Ihnen ruhen bleiben.“ „Ich habe vergeſſen und vergeben“, entgegnete das Mädchen in beruhigendem Tone,„und jener Mann ſteht zu tief unter Ihne, als daß Sie ihm den Kampf anbieten dürfen, in dem Sie dorh den Kürzeren ziehen würden.“ „Und was thaten Sie darauf?“ „Ich verließ das Haus.“ „Sie hätten den Vicomte zwingen müſſen, Ihnen die Sch . 5 zum letzten Sous zu zahlen.“ „Konnte ich es?“ „Die Polizei oder der amerikaniſche Geſandte mußten Sie ſchatzen „Die Polizei? Sie hatte ja Befehl, uns hinaus zu trei„ ſie würde über meine Forderung geſpottet haben. Und der Geſandte erwiderte mir, ich werde jetzt kein Recht erhalten, ich müſſe warten ornes ande ℳ ten in , als 4. den . bis W Saint⸗ 25. Mai 1871. (H. 2.) Erſchießung von Pariſer Inſurgenten durch Verſailler Truppen in der Straße Saint⸗Germaine⸗l'Auxerrois am 25 ——— 49— bis nach dem Frieden, dann erſt könne ich einen Prozeß gegen den Vicomte anſtrengen.“ „Dann wird dieſer Schuft beſchwören, daß er die Schuld ge⸗ zahlt habe.“ „Wenn er das thut, ſo muß ich es Gott anheimſtellen, den Meimeid zu beſtrafen, ich muß auf ihn vertrauen, er wird mir bei⸗ ſtehen. Ich hätte Paris vielleicht verlaſſen können, aber was ſollte ich ohne Mittel in der Heimath beginnen? Daß ich ſofort eine neue Stelle fand, war ſehr zweifelhaft, hier aber konnte ich vielleicht durch meiner Hände Arbeit ein beſcheidenes Daſein friſten. Schon als Gouvernante hatte ich für mehrere Geſchäfte Sltickereien geliefert; ich beſuchte meine Kunden, einige von ihnen gaben mir neue Aufträge. Ich fand hier eine Wohnung, die mir genügte und das Verdienſt meiner Hände reichte hin, meine Bedürſuiſſe zu beſtreiten.“ „Wie aber wird es nun werden?“ fragte Erneſt mit erzwungener Nuhe.„Die Aufträge werden ausbleiben, die Preiſe der Lebensmittel ſteigen, und die Verfolgung der Deutſchen dauert fort.“ „Der liebe Gott wird weiter ſorgen“, erwiderte das Mädchen im Tone der Zuverſicht. Erneſt ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Das Vertrauen auf ihn iſt freilich die beſte Stütze“, ſagte er, „aber wenn der Hunger über die Schwelle tritt, dann kommen doch Stunden, in denen das Herz zagt und verzweifelt. Marie, Sie haben durch Ihre Freundſchaft mich unnennbar glücklich gemacht, nun aber müſſen Sie mir auch geſtatten, daß ich die Sorge für Sie übernehme. Was ich habe, werde ich mit Ihnen theilen, und ich denke, es wird uns nie an dem Nöthigſten fehlen, ich beziehe als Nationalgardiſt meinen Sold und werde täglich meine Na⸗ tionen erhalten; wollen Sie in dieſer ſchweren, an Sorgen und Gefahren ſo reichen Zeit mich als Ihren Freund, Ihren Bruder betrachten?“ Er bot ihr die Hand, nach kurzem Beſinnen legte Marie ihre Hand hinein, und wieder traf ihn ein inniger Blick des Daukes. „Ich will“, ſagte ſie, nich werde mich als Ihr? Schweſter be⸗ trachten und Alles, was auch kommen möge, gemeinſam mit Ihnen tragen. Wir werden beide arbeiten, beide uns geduldig unter den Willen des Höchſten beugen. Aber es iſt ſpät geworden, mein Freund“, fuhr ſie fort, indeß ein heiteres Lächeln ihre Lippen um⸗ R. 4 — 50— ſpielte,„und Madame Leroi kö de Vermuthungen ſpielte,„und Madame Leroi könnte ihre beſonderen Vermuthungen über dieſe erſte Zuſammenkunft hegen.“ „Bah, was kümmert uns die böſe Zunge dieſes Weibes!“ „Man muß auch den Schein meiden, mein Freund. Gute Nacht Himmel gebe Ihnen einen ſchönen Traum.“ 8 „O, ich werde von dem Engel träumen, den er mir geſandt hat!“ „Still, ſtill, Sie dürfen das nicht ſagen.“ Hand in Hand ſchritten die Beiden zur Thüre, dort wechſelten ſie noch einmol einen langen, innigen Blick, dann ging das ſchöne Mädchen hinaus. Aber wie ſehr erſchrak ſie, als ſie plötzlich in dem finſtern Gange die Umriſſe einer menſchlichen Geſtalt vor ſich auftauchen ſah. „Darf man gratuliren?“ fragte eine ziſchende Stimme mit bos⸗ haftem Hohn.„Tritt Dein Glück nicht mit Füßen, ſchönes Täub⸗ chen, reiche Herren freien um Dich, Du kannſt in Sammet und Seide gehen, wenn Du nur klug ſein willſt.“ „Madame Leroi“, ſagte Marie mit zitternder Stimme. „Still, ſtill, er braucht es nicht zu hören, hat er auch die Knospe gepflückt, die ſchöne Blume iſt zu gut für ihn. Komm morgen zu mir, mein Schatz, dann werde ich Dirx den Weg zeigen, der zu Deinem Glücke führt.“ Marie hatte ſich ansdem Weibe vorbeigedrängt und ihr Zimmer erreicht, zitternd vor Entrüſtung und Erregung ſchlug ſie die Thüre hinter ſich zu, aber noch lange klang ihr das boshafte Kichern des ſchändlichen Weibes in den Ohren. Drittes Kapitel. Die Tochter des Wucherers. Nachdem Pierre Bandau die Lichter im Gemach der Verſchworenen ausgelöſcht und alle Thüren geſchloſſen hatte, kehrte er in ſeine Wohn⸗ ſtube zurück, die ebenſo ärmlich ausgeſtattet war, wie ſein Schreib⸗ zimmer. 3 Aber man bemerkte hier doch, daß eine weibliche Hand in dieſem Naume ſchaltete und trotz der Dürftigkeit konnte man dem Zimmer eine gewiſſe Traulichkeit nicht abſprechen. Louiſon, die Tochter des Wucherers, war noch mit einer Hand⸗ r aimmer Thüre rn ds vorenen Wohn⸗ —— 31— kleine, trüb brennende Lampe ſtand, deren mattes Licht nur ſpärlich den großen Raum erhellte. Sie war ein hübſches, ſchlankes Mädchen, geſchmückt mit dem friſchen, feſſelnden Reiz der Jugend, und Paul hatte Recht, wenn er behauptete, es ſei ſeltſam, daß der dürre, häßliche Mann eine ſo ſchöne Tochter beſitze. Ihre Kleidung war ſehr einfach, ja, man konnte ſie ärmlich neunen, aber dieſes dünne, eng anſchließende Kleid ließ die ſchönen und vollen Körperſormen vortheilhaft vortreten, und das feine, etwas blaſſe Geſicht mit den energiſch blitzenden Augen feſſelte den Blick ſo ſehr, daß er keine Zeit fand, ihre Toilette zu muſtern. Und dieſer Blick ruhte jetzt feſt und forſchend auf dem alten Manne, der die mageren Hände auf den Rücken gelegt hatte und langſam auf und nieder wanderte. „Iſt Dein Tagewerk vollbracht?“ fragte ſie nach einer Weile. „Nun die Nepublik proclamirt iſt, wird der geheime Bund woyl auch auseinandergehen—“ „Das wäre nicht zu wünſchen“, fiel der Alte ihr in's Wort,„der 41 arbeit beſchäftigt, ſie ſaß an dem großen runden Tiſche, auf dem eine Marquis zahlt eine hohe Miethe— „Und weun die Verſchwörung verrathen wird, ſo wirſt Du das Loos der Verſchworenen theilen!“ „Ah— bah, die Gefahr liegt heute ferner denn je, wir haben unſere Maßregeln getroffen, die uns ſicher ſtellen. Hmi— ich denke, fuͤr uns wird nun eine goldene Zeit koutmen. Meine Keller ſind mit Lebensmitteln angefüllt, und ich habe billig eingekauft, ſehr billig.“ Der Wucherer rieb vergnügt die dürren Hände und kicherte boshaft. „Die Butter wird zwanzig, dreißig Francs das Pfund koſten, die comprimirten Gemüſe müſſen eine fabelhafte Höhe erreichen; ge⸗ lalzenes Fleiſch, Käſe, Schinken und Eier werden nicht mehr aufzu⸗ treiben ſein. Sehr gut, wenn die Noth am höchſten iſt, öffnet Vater Bandau ſein Gewölbe, o, er hat gute Kunden, die Alles baar be⸗ zahlen. Und wer nicht zahlen kann, der hat ja noch Gold⸗ und Silberſachen, Edelſteine, koſtbare Möbel und werthvolle Kunſtgegen⸗ Aände. Pierre Bandau nimmt Alles, der alte Lumpenſammler kennt die Taxe, und man betrügt ihn nicht.“ Louiſon hatte die Brauen drohend zuſammengezogen, ein Blick der 4* — 52— Entrüſtung traf den Geizhals, der vergnügt vor ſich hinlüchelte und wohl im Geiſte ſchon ſeinen Nutzen berechnete. „So wollteſt Du mit der Noth Deiner Milmenſchen Wucher treiben?“ ſragte ſie entrüſtet.„Du wollteſt den Hunger der Unglück⸗ lichen benutzen, um—“ „Ha, was willſt Du?“ rief Pierre Bandau höhniſch.„Wenn wir beide verhungern, wird Niemand ſich um unſer Schickſal beküm⸗ nneen, und wenn der Hunger mich zwänge, mein letztes Gut für ein Stück Brod hinzugeben, ſo würde ich keinen Menſchen finden, der aus Mitleid mich ſättigte. Wer kann mir verdenken, wenn ich bei Zeiten mich vorſehe, wenn ich mit ſcharfem Blicke in die Zukunſt hineinſchaue und mich vor den Sihrreh des Hungers rhn Wes⸗ halb thun das nicht Alle? Wenn die Leute leichtſinnig in den Tag hineinleben, wie dürfen ſie ſich beſchweren, daß ſie an er ihren Leicht⸗ ſinn bereuen und den Beutel öffnen müſſen? Ich werde ein gutes Geſchäft machen, und es iſt ein reelles Geſchäft, eine zunei che Spe⸗ kulation, an die vielleicht mancher kluge Mann denkt. Die zehnfachen Preiſe müſſen gezahlt werden, ich verkaufe nicht eher, und wer kein Geld hat, der mag meinetwegen verhungern, er hätte ja das voraus⸗ ſehen und in der letzten Stunde Paris verlaſſen können.“ „Und die armen Frauen und Kinder dauern Dich nicht?“ ſragte Louifen mit wachſender Erregung. „Mögen die Männer für ſie ſorgen.“ „Vielleicht ſind die Männer im Kampfe gefallen!“ „So muß die Regierung ſich ihrer annehnten. Zum Teufel, kann ich denn für Alle ſorgen? Was verpflichtet mich dazu?“ „Du könnteſt ihnen die Lebensmittel zu einem mäßigen Preiſe überlaſſen!“ „Daß ich ein Narr wäre!“ ſpottete der Alte.„Vom Winde lebt man nicht, und ich will wiſſen, weshalb ich arbeite, und weshalb ich mein Kapit al aufs S Spiel ſetze. Wenn die Preußen Irieden ſchließen, können wir t Vorräthe ſeb verzehren, oder mit Schaden ver⸗ kaufen, aber Gott ſei Dank, das iſt eine unbegründete Beſorgniß, der Krieg wird fortgeſetzt bis auf den letzten Mann, und man ſagt, Paris werde ſich mindeſtens ſechs Monate lang behaupten.“ „Uud wer wird in der belagerten Stadt herrſchen? Der Pöbel, Vater, und der Pöbel wird—“ „Wir gehören ſelbſt zum Pöbel“, höhnte der Wucherer,„wir haben 1 1 1 1 —— glück⸗ Denn küm⸗ der bei kunſt ge — 9 be 3⸗ 9 53 nichts, und ich werde nicht ſo dumm ſein, meine Vorräthe zu ver⸗ rathen. Ich werde Alles unter der Hand an die reichen Leute ver⸗ kaufen, die Lebensmittel müſſen bei Wanißt und Nebel geholt werden, damit Niemand etwas davon erfährt.“ „Man wird es dennoch erfahren, unſer Haus ſtürmen und Dich ermorden.“ „Unſinn! Wenn eine Gefahr droht, ſind die ſämmtlichen Vor⸗ räthe binnen zwei Stunden in den Katakomben, da ſucht ſie Niemand.“ die aber willſt Du da hineingelangen?“ Der Alte war vor dem Tiſch ſtehen geblieben, ſein pockennarbiges Geſich verzog ſich zu einem höhniſchen Grinſen „Bater Bandau, der Lumpenſammiler von Paris, kennt alle Ge⸗ heimniſſe der Stadt“, ſagte er, indem er einen Schlüſſelbund aus der Taſche zog,„ich hatte meine guten Gründe, ols ich dieſes Haus kaufte. Es iſt ein Fuchsbau, Louiſon, und der ſchlaueſte Jäger kann den Fuchs in dieſem Bau nicht fangen. Du kennſt wohl die Gewölbe unter dieſem Fußboden, aber Du weißt nicht, daß es unter ihnen noch andere Ge Bevülbe gibt, die nur der Eingeweihte entdecken kann. Fallthüren und verſteckte Treppen führen hinunter, ſie ſind die Kerker unſeres Bundes und wehe dem, der in ihnen Quartie er nehmen muß, ſein Schickſal iſt beſiegelt. Und dann gibt's eine Fallthüre, welche die Katakomben öfſnet, die unter dieſem Hauſe ſich hinziehen. Es war eine ſchwere, mühſame Arbeit, die harte Steindecke zu durch⸗ brechen, aber ich raſtete nicht, bis ich ſie vollendet hatte, nun fürchte ich kein Gefahr mehr, was auch geſchehen mag, in der unte rirdiſchen Todtenſtadt wird Nie rrand mich ſuchen und finden, mir aber ſind die Gänge dieſes Labyrinths bekannt, ich kann mich in ihnen nicht ver⸗ irren. Sieh hier die Schlüſſel, die alle dieſe Geheimniſſe erſchließen, aber in weſſen Hand ſie auch Prilen mögen, ohne meine Führung wird Niemand ſie benutzen können.“ Entſetzen und Beſtürzung ſpiegelten ſich in dem bleichen Geſichte des Mädchens, die Hand, welche vorhin noch ſo emſig die Nadel führte, ruhte. „Und iſt es ſchon vorgekommen, daß die Mauern dieſer Kerke einen Gefangenen umſchloſſen?“ fragte ſie mit fieberhafter Spannung. Der Wucherer zuckte zuſammen, als ob eine Natter ihn ge⸗ biſſen habe. „Das ſind Fragen auf die ich keine Antwort geben darf“, X gegnete er.„Den Verräther trifft die verdiente Strafe, und nur durch den Tod kann ein Verräther unſchädlich gemacht werden.“ „Und Du biſt Mitglied eines ſolchen Bundes?“ fuhr Louiſon entſetzt auf.„Du glaubſt Dich berechtigt—“ „Das ſind unnütze Fragen! Hüte Dich vor Verrath, Louiſon, ſelbſt Dein Vater könnte Dich nicht ſchützen. Der Bund wird be⸗ ſtehen, er ſoll die Republik ſtützen und die Rückkehr der Tyrannen verhindern. Das iſt unſer Zweck, und dieſer Zweck muß alle Mittel heiligen. Du aber haſt begründete Urſache, dem Bunde dankbar zu ſein, denn er hat heute Abend auch Dich beſchützt.“ „Mich?“ „Ja, obſchon das nicht nöthig geweſen wäre. Ein ſchuftiger Bettler, ein Agent Napoleon's, ein Proletarier hatte ſich bei uns eingeſchlichen und den Eid der Treue und Verſchwiegenheit geſchworen. Und weshalb? Nicht der gerechten Sache wegen, was liegt einem ſolchen Lump am Wohle des Vaterlands! Er hatte ſeine Augen auf Dich geworfen, dieſer armſelige Maſchinenbauer, und da er wohl wußte, daß ich mich niemals dazu verſtehen würde, einem Bettler die Hand meines Kindes zu geben, ſo wollte er mich zwingen, ſeine wahnſinnige Forderung zu erfüllen! He— kennſt Du den Mann?“ Louiſon war abwechſelnd blaß und wieder roth geworden, aber es gelang ihr, ihre Faſſung zu behaupten. Sie ahnte, daß der Vater, der heute außergewöhnlich redſelig war, im Begriff ſtand, ihr ein ent⸗ ſetzliches Geheimniß zu enthüllen, und ſie wußte auch, daß er ſeine Mittheilungen ſofort abbrechen würde, wenn ſie ein beſonderes In⸗ tereſſe für das Schickſal des Unglücklichen verrieth. Und dieſen Unglücklichen liebte ſie mit aller Kraft ihres jungen Herzens, ſie wußte, daß er ihretwegen ſich in dieſe Gefahr begeben hatte, wie oft ſchon hatte ſie für ſein Leben gezittert, wenn ſein Groll gegen die Verſchworenen ihn zu Drohungen verleitete. Nun war das längſt Gefürchtete eingetroffen, und ihr mußte Alles daran liegen, über ſein Loos Gewißheit zu erhalten. „Ich weiß nicht, von wem Du redeſt“, ſagte ſie mit erzwun⸗ gener Ruhe. „Paul Bertrand lautet ſein Name.“ Louiſon ſchüttelte den Kopf, als ob ſie erwidern wolle, der Name ſei ihr unbekannt. „Ah— Du kennſt ihn nücht? Um ſo größer iſt die Frechheit —— tiger 5⁵ und Unverſchämtheit dieſes Burſchen! Er forderte Deine Hand von mir, auf meine Weigerung antwortete er mit frechen Drohungen. Der Bund hat ihn gerichtet.“ „Und Du warſt der Ankläger?“ „Nein, er hatte vorher auſ dem Pont Neuf einem Freunde ſeine Pläne verrathen und dieſe Unterredung war belauſcht worden, das überhob mich der Nothwendigkeit, ihn anzuklagen.“ „Und was iſt mit ihm geſchehen?“ fragte Louiſon, den Blick un⸗ verwandt auf ihre Arbeit geheftet. „Frage nicht.“ „Ihr habt ihn ermordet!“ „Der Marquis hat das Urtheil geſprochen.“ „Das Todesurtheil!“ „Ja, noch lebt er, aber es wird nicht lange mit ihm dauern.“ Der Alte wanderte auf und ab, Louiſon ſchlug die Augen auf und holte tief Athem, ſie meinte, die Laſt, die auf ihr ruhte, müſſe ſie erdrücken. „Ueber den Marquis wird einſt auch das Urtheil geſprochen werden“, ſagte ſie mit bebender Stimme,„ein höherer Richter iſt über Euch, der einſt Euch vor ſeinen Richterſtuhl fordern wird.“ „Unſinn!“ höhnte der Wucherer. „Du ſpotteſt noch, aber die Gewißheit, daß ein Richter über Dir iſt, wird in der Sterbeſtunde mit unwiderſtehlicher Gewalt ſich Dir aufdrängen“, fuhr Louiſon in prophetiſchem Tone fort,„dann wird die Reue zu ſpät kommen und keine Zeit Dir bleiben, Dich mit Deinem Gott zu verſöhnen und Buße zu thun. Und wenn dann einſt Deine guten und böſen Thaten gewogen werden—“ „Schweige!“ fuhr der alte Mann auf, dem der Schweiß in großen Tropfen vor die Stirne trat.„Es gibt keinen Gott, keine Vorſehung und kein Gericht, das Gold iſt der Gott, der die Welt regiert. Du ſollteſt mir danken, daß ich ſo raſtlos bemüht bin, Schätze für Dich aufzuhäufen, daß ich noch immer arbeite, da ich doch längſt die Ruhe verdient hätte.“ „Arbeiteſt Du für mich, oder für den Dämon der Habſucht, der Dich beherrſcht?“ fragte Louiſon mit ſcharfer Betonung.„Mich ver⸗ langt nicht nach dieſen Schätzen, ſie ekeln mich an, denn ich weiß nur zu gut, daß ſie mit dem Schweiß und Blut der Armen und Unglück⸗ lichen befleckt ſind.“ 4 ——iͤ—— Wucherer ſchleuderte dem kühnen Mädchen einen flammenden Blick zu, aber Louiſon ſchaute furchtlos zu ihm auf, die Gefahr, in der ihr Geliebter ſchwebte, verlieh ihr Muth, Allem zu begegnen. „Wir wollen das unerörtert laſſen, fuhr ſie fort,„ich habe ja nie ein Hehl daraus gemacht, daß Deine Geſchäfte mir Abſcheu ein⸗ flößen. Hier handelt es ſich um das Leben eines Menſchen, welches Du retten kaunſt.“ „He und Du forderſt von mir—“ „Daß Du handelſt, wie Pflicht und Gewiſſen es Dir gebieten. Dieſe eine gute That wird hundert böf⸗ Handlungen auſwiegen.“ „Sie würde mir das eigene Leben koſten“, erwiderte der Alte chſelzuckend. „So will ich's unternehmen, Du magſt dann die ganze Schuld auf miich ſ ſchieben, ich werde mich vor dem Marquis zu vertheidigen wiſſen.“ „Thörin, Du kennſt den Marquis nicht!“ „Und wäre er ein zweiter Robespierre, ich fürchte ihn nicht“, ſagte das Mädchen ruhig.„Enthülle mir die Geheimniſſe Enor Kerker und überlaſſe mir das gefahrvolle Werk der Befreiung.“ ‚Niemals, und wenn Du mich kniefällig darum bitteſt, ich würde dieſe thöri chte Bitte nicht erfüllen.“ „S auch Dich die Blutſchuld!“ „Wi ich nicht, denn ich habe das Urtheil nicht geſprochen.“ „Dich auch, denn in Deinen Händen ruht jetzt das Leben dieſes Mannes. Dein eigenes Gewiſſen wird Dich des Mordes anklagen, und das Gericht Goties—“ „Weibergewäſch!“ fiel der Wucherer ihr in's Wort.„Spare die Worte, mich kann dieſer Unſinn nicht erſchrecken. Das Urtheil iſt geſprochen, es unß vollſtreckt werden, den Verräther hat eine gerechte Strafe getroffen.“ Er hatte aus einem Schrank eine Laterne geholt, die er anzündete, und mit der er bald darauf das Zimmer verließ. Die Thüre war kaum hinter ihm zugefallen, als Louiſon haſtig von ihrem Sitze emporſprang. Zornesgluth blitzte aus ihren Augen und ein Zug eiſerner Entſchloſſenheit umzuckte ihre Lippen. „Und ich rette ihn dennoch“, ſagte ſi mit zitternder Stimme. „Kann ich ihn nicht retten, ſo will ich mit ihm untergehen, dann aber ſoll auch hier den Verbrechen ein Ende gemacht werden? Wenn ich nur Gewißheit hätte, wenn ich nur wüßte, wo ich ihn ſuchen darf!“ Id auf zſſon 1 oien. „,S0 nicht, ſFurer Eur 1 würde wurde⸗ — 57 Sie trat aws Fenſter und drückte die glühende Stirne an die kalte Glasſcheibe, ſo blickte ſie lange, in Sinnen verſunken, in die dunkle Nacht hinaus. Mein Gott, ſtehe mir he„flüſterte ſie„Dr hes Werk beenden. ulde Du nicht, daß die Mörder ihr entfetz ie wandte ſich un Der alte Mann trug jetzt einen ichuu zigen, eng at an dem Gü ttel, den er um die Hüfte geſchnallt hatte, Hi en, einen großen Korb trug er auf ſagte er, und ſeine Stimme klang es waren heute viele 2 A 3 dem Rücken. noch rauher ◻ᷣ C* „Jch und heiſerer w ie vorhin,„e Straßen, da muß man ſorgen, daß man ‚Du gehſt, ohne mir ein Wort zu könnte?“ fragte Loniſon vorwurfsvoll Der Wucherer lachte höhniſch De „Ich wüßte nicht, was ich H r zu ſager antwortete „Dem Verräther iſt Recht geſche d u, der Ver Lſuch ihn zu befreien Och; ein gleichb hedeutend mit Landesverrath. Ich wiederhole Dir, ſolcher Verſuch wäre unnütz, Niemand wird die Geheimniſſe dieſes Hauſes erforſchen, die ſchläneſte pürnaſe der Polizei kann ſie nicht entdecken. Und ich ſage Dir no ch einmal, hüte Dich vor Verrath, Dein eigener Vater müßte Dich rtheilen Er warf ihr noch einmal er hinaus, und Louiſon blieb der zufallenden Hausthüre vernahm. „Was mm?“ Das war die erſte Frage, die un Lippen ndes M Sie kannte den eigen nſin daß weder Bitten noch Drohungen ihn bewegen würden, ſchluß zu ändern. Aber das durfte ſie nicht zurückſchrecken, ſie mußte ſelbſtſtändig handeln, ſie mußte Alles verſuchen, um den Geliebten zu retten. Vielleicht gelang es ihr dennoch, die Geheimniſſe der unter⸗ rdiſchen Gewölbe zu erforſchen, ſie vertraute auf Gottes Hülfe, ſie konnts nicht glauben, daß er i ihr ſeinen Beiſtand ve rweigern werde. die Schlüſſel aufbewahrte, wenn er das wäre 3 henden Blick zu, dann ging ſtehen, bis ſie das Geräuſch g chens ſich Auwaus ngen Alten zu genau, um nicht zu wi ſeinen Ent⸗ — Sie wußte, wo ihr Vater Haus verließ; ſie nal hm die Lampe, um in ſein Schlafzimmer zu gehen, ſobald ſie die Schlüſſel beſaß, wollte ſie ihre Nachforſchungen in den Gewölben beginnen. Da, als ſie im Begriff ſtand, die Thüre zu öffnen hörte ſie draußen ein Geräuſch; erſchreckt trat ſie zurück, ſie hatte deutlich ver⸗ fiananen, d daß die Hausthüre geöffnet und wieder geſchloſſen worden war. Wer konnte ſo ſpät noch kommen? Wohl nur ihr Vater, ſie be⸗ wohnte mit ihm das Haus allein, und ohne§ Hausſchlüſſel vnn von draußen Niemand hereingelangen. Vielleicht hatte er irgend etwas vergeſſen, vielleicht auch wollte er ſeine Schlüſſel holen, um die Nachforſchungen Lou Vio n's zu ver⸗ hindern. Aber das war nicht der Gang ihres Vaters s, raſche Schritte näherten ſich der Thüre, die im nächſten Augenblicke geöffnet wurde, und auf der Schwelle des Zimmers ſtand Victor von Segur, den Louiſon ſchon oft in der Schr reibſtube ihres Vaters geſehen hatte Sie hatte ſtets Abneigung gegen dieſen Mann empfunden, ohne ſich ſelbſt über die Gründe ihrer Abneigung Rechenſchaft geben zu können, jetzt aber erſchreckte ſein plötzliches Erſcheinen ſie, die Ahnung drängte ſich ihr auf, daß es keine gute Abſicht ſein könne, was ihn hierherführe. Es war ihr unmöglich, ein Wort an ihn zu richten, der Schrecken lähmte ihre Zunge, und Herr von Segur benutzte ihre Verwirrung um die Thüre zu ſchließen, Hut und Rock abzulegen und vor das beſtürzte Mädchen hinzutreten. „Ich hoffe, Sie werden meine Dreiſtigkeit verzeihen“, ſagte er mit der ganzen Unverſchämtheit eines Mannes, der ſo ſehr von ſeinem Werth durchdrungen iſt, daß er ſtets ſeines Sieges ſich gewiß glaubt. „Ich fand keinen andern Weg und kein anderes Mittel, des Glückes einer vertraulichen Unterredung mit Ihnen theilhaftig zu werden, und ich ſehnte mich ſo ſehr nach einer Gelegenheit, Ihnen alles das ſagen zu können—“ „Mein Herr, ich begreiſe noch nicht, wie Sie es ermöglicht haben, in dieſe s Haus zu gelangen“, unterbrach Louiſon ihn, indem ſie einen Schritt zurücktrat,„ich muß Sie erſuchen, mir das vor allen Dingen zu erklären.“ „Ah, bah, das iſt außerordentlich einſach“, ſcherzte Herr von Segur.„Vater Bandau hütet ſeine ſchöne Tochter ſo ängſtlich, daß man ſeinen ganzen Scharſblick aufbieten muß, wenn man ihn betrügen will. Zu unſerm Glück dachte er nicht daran, daß es geſchickte Schloſſer in Paris gibt, die Khen paſſenden Schlüſſel nach einem Wachsabdruck anfertigen können, daß dieſes Haus keinen Concierge S — 59— hat, der die Hausthüre bewacht, und daß er ſelbſt die Nächte außer dem Hauſe zubringt.“ „Und was berechtigte Sie, dieſen Weg zu wählen?“ fragte Louiſon, ihre Entrüſtung gewaltſam bemeiſternd. Mein Fräulein, die Liebe iſt erfinderiſch“, erwiderte Victor mit einer Verbeugung. Er wollte die Hand des Mädchens erfaſſen, aber der flammende Blick, der aus ihren funkelnden Augen jäh ihn traf, ſchien ihn ein⸗ zuſchüchtern, er trat achſelzuckend zurück und ließ ſich auf dem hart gepolſterten Sopha nieder. Sie zürnen mir“, ſagte er,„aber ich hoffe, Ihren Groll zu verſöhnen. Sie müßten meinen Muth und mein Erfindungstalent bewundern, Sie müßten freudig den kühnen Mann willkommen heißen, der Sie aus dieſem troſtloſen Gefängniß befreien will.“ „Wenn es hier etwas gibt, was bewundert zu werden verdient, ſo iſt es Ihre Unverſchämtheit“, erwiderte Louiſon mit der würde⸗ I vollen Hoheit tief gekränkter Unſchuld.„Sie hatten nicht das leiſeſte Recht, wie ein Dieb in der Nacht in dieſes Haus einzudringen, und die Gründe, die Sie zu Ihrer Rechtfertigung anführen wollen, kann ich nicht als ſtichhaltig anerkennen.“ „Aber nun bin ich hier, und Sie werden mir erlauben, daß ick Ihnen das ſage, was ich Ihnen ſchon längſt gerne ſagen wollte.“ „Mein Herr—“ „Verzeihen Sie mir, Louiſon, wenn nichts Anderes mich entſchul⸗ digen kann, ſo muß es meine Liebe thun, ihr werden Sie dieſes Recht nicht abſtreiten können. und jubelt Ihr Herz nicht bei dem Ge⸗ danken, daß es geliebt wird? Oder ſollten Sie wirklich die Liebe eines Proletariers erwidern, der Ihnen nichts zu bieten vermag außer einer Exiſtenz voll Sorge und Elend?“ Das Mädchen war jetzt unwillkürlich einen Schritt näher getreten, dieſe Worte hatten ihr verrathen, daß ihr ungebetener Gaſt über das Loos ihres Geliebten unterrichtet war. Wie, wenn ſie ſcheinbar dieſem Manne Gehör ſchenkte, ihn aus⸗ ſorſchte und ihn benutzte? Vielleicht gelang es ihr, ihn zu überliſten, und Paul konnte ihr dieſer Liſt wegen nicht zürnen, die ihm das Leben rettete. „Mein Vater hat mir von einem Arbeiter erzählt“; ſagte ſie ſcheinbar unbefangen,„er ſagte mir auch, daß dieſer Mann zum Tode verurtheilt worden ſei.“ — ———ÿ—ÿ—ÿxXV— — 60— Der Wüſtling blickte betroffen auf, aber er fand nichts in dem Antlitz des Mädchens, was ihm Argwohn einflößen konnte. „Er wurde verurtheilt, weil er des Verraths überführt n wurde“, entgegnete er. Und er erwartet nun in den Gewölben dieſes Hauſes die Voll⸗ ſtreck ung des Urtheils? Der Gedanke iſt mir entſetzlich.“ „Ah, Sie lieben ihn!“ „Wie ich jeden Menſchen liebe.“* „Läugnen Sie nicht, Louiſon.“ „Ich ſage die Wahrheit. Es iſt mir entſetzlich, denken zu zeüiſen daß es einen Kerker in dieſem Hauſe gibt, in welchem ein Unglück licher ſchmachtet, die Erinnerung an dieſen Mord wird mich im Wachen und Träumen verfolgen. Wann ſoll das Urtheil vollſtreckt werden?“ Es wird vollſtreckt ſein, ſobald der Hungertod das Verbrechen des Verräthers geſühnt hat“, ſagte Herr von Segur, dem es jetzt ge⸗ lur ägen en war, die Hände des Mädchens zu erfaſſen. Wie ſchrecklich und grauſam!“ „Die Strafe iſt gerecht.“ „Tußen Sie das nicht, ich würde nimmer über die Schuld eines Menſchen richten können. Netten Sie ihn, Herr von Segur, befreien Sie mich von dieſem entſetzlichen Schreckbild.“ „Und welcher Lohn würde für dieſes zeſahrdalle Unternehmen mich erwarten?“ fragte der Wüſtling, vor deſſen glühendem Blick Louiſon die Augen niederſchlagen mußte. „Es iſt unhöflich, nach dem Lohn zu fragen, ehe man ihn ver⸗ dient hat.“ „Nicht doch, Louiſon, der Kluge ſichert ſich den Lohn, ehe er das Wae Bheui Er zog das Mädchen näher zu ſich h eran und nöthigte ſie, neben ihm anf dem Sopha Platz zu nehme Stellen wir vorab feſt, ob Sie ihr retten können“, ſagte Louiſon, die ſic ihrem Ziele ſchon nahe glaubte.„Sind Ihnen die Geheimmiſſe dieſes Hauſes bekaunt?“ -„ a. 4* 18 71 „Nein, aber der Marquis kennt ſie. Viellei in welchen Raum der Verurtheilte ge⸗ 7 2 „ 71 bracht Warde⸗ „Er verſchwand plötzlich vor meinen Augen.“ eſtehe ich nicht.“ ur — müjſſe üſſen, — 31— h, S „Ah, Sie wiſſen nicht, daß im Kabinet des Marquis vor dem lthür ſich befindet, welche durch den Druck auf eine Feder geöffnet werden kann.“ Louiſon erbleichte, ſie mußte gewaltſam den Schreckensruf zurück⸗ drängen, der ihr ſchon auf der Zunge ſchwebte.“ „Ich erinnere mich deſſen nur dunkel“, ſagte ſie verwirrt, während ſie es geſchehen ließ, daß Herr von Segur ſeiner Arm um ihre Taille ſchlang. „Wiſſen Sie nicht, in welchen Naum dieſe Fallthüre führt?“ „Nein.“ „Aber Sie wiſſen, wie man dieſe Thüre öffnen kann. Wohlan, befreien Sie ihn, mein Herr!“ „Ich darf es nicht.“ „So erlauben Sie mir, daß ich es thue.“ „Sie würden Ihr Leben dabei verlieren.“ Ich glaube das nicht. Man würde von der Flucht des Ver⸗ „ urtheilten keine Kenntniß erhalten.“ Herr von Segur war in Nachdenken verſunken, von Zeit zu 3 ſtreifte ſein lauernder Blick verſtohlen das bleiche Geſicht des Mädchens. „Und wenn ich es nun übernähme, dieſe Aufgabe zu löſen“, „wenn ich ſo tollkühn wäre, den Zorn des Marquis heraus zu fordern und den Bund zu betrügen, was würde mein Lohn ſein?“ „Meine Freundſchaft“, erwiderte Loniſon, ihn feſt in's Auge ſchauend,„die Freundſchaft eines guten Herzens.“ Der Wüſtling zuckte die Achſeln, ſein glühender Blick glich dem + Blick eines Tigers, der ſein Opfer belauert. „Ireundſchaft!“ wiederholte er ſpöltiſch.„Für eine ſentimentale Ratur mag ſie Werth haben, nicht aber für mich. Ich fo dere mehr, Louiſon, ich fordere Liebe! Und gewinnen Sie nicht auch durch die Erfüllung meiner Forderung? Muß Ihnen nicht das ſreudenloſe Leben in dieſem Hauſe, die Tyrannei eines mürriſchen, geizigen und ſelbſt⸗ ſüchtigen Vaters unerträglich ſein? Ich biete Ihnen dafür die Freiheit, ich biete Ihnen den ſchänmenden Frendenbecher, ein Leben des Ge⸗ nuſſes. Sie kennen das Leben noch nicht, Louiſon—“ „Und mich verlangt nicht, die rauſchenden Vergnügungen und be⸗ rauſchenden Genüſſe deſſelben kennen zu leruen“, fiel das Mädchen ihm eruſt im's Wort,„mir genügt das ſtille, einſame Leben in dieſem Hauſe, ja mir graut vor dem Sündenpſuhl, den Sie mir zeigen. eit Q—— — 4 4 19 Begnügen Sie ſich mit meiner Freundſchaft, Herr von Segur, retten Sie einem Wtü ücklichen das Lrbon und das nedehälen, eine gute That vollbracht zu haben, wird Sie reich belohnen.“ „Sie werden 4ſennr tal“, höhnte der Wafe ing, indem er die )„In der Jugend muß man ge⸗ raſch entflohen. Fordern Sie was Sie wollen, aber ſeien Sie mein, ganz mein, und ein ‚Leben, reich an under ahnten Freuden, ſoll Ihnen erblühen. Bei Du biſt ſchön, Louiſon, die Knospe wird ſich herrlich eutfalten, Du wirſt herrſchen, und man wird Di mit einem Goldregen über⸗ ſchütten. Greif zu, Mädchen, wenn das Glück entflohen iſt, kehrt es 5 nie wieder zurück, folge mir, ich vid Dir einen Weg bahnen, auf dem Du herrliche Triumphe feiern ſollſt. Man wird Dich beneiden um Deine Schönheit und Deinen Reichthum, man wird Deinen Pfad mit Bl b Di umen beſtreuen und Dich anbeten.“ n ſeiner Stimme war immer leidenſchaftlicher geworden, nheimſie Horeßrende(ſuth oder H 51 fſiogondo eine unheimliche verzehrende Gluth loderte in ſeinen tiefliegenden Augen, ſeine Arme umſchlangen immer l ler das Mädchen und ſein HoiSop Hon ran uf jhro oppleiche 3 heißer Athem brannte auf ihren erbleichenden Wangen. 1 Von Entſetzen ergriffen, riß Louiſon ſich gewaltſam aus dieſer Umarmung empor, hoch aufgerichtet ſtand ſie vor ihm, den flanunenden Blick mit durchbohr geheftet und den Arm wie ich dieſer Verſuchung Gehör geb e ſind mir Ehre und mein Herr, als Sie ſo unverſchämt in dieſes Haus gen, dann werden Sie nun wohl wiſſen, daß Ihre Bemühungen fruchtlos bleiben werden!“ „Louiſon, Sie ſind in dieſem Augeublicke wohl nicht fähig, über meinen Vorſchlag zu urtheilen. Es hat Sie überraſcht, denken Sie ruhig über ihn nach—“ „Kein Wort weiter, Herr von Segur, ich erwarte, daß ein Reſt von Ehre und Schamgefühl Ihnen ſagen wird—“ ) „Stille, ſparen wir alle Phraſen, mein ſchönes Kind“, ſpottete der Wüſtling.„Betrachten wir die Dinge, wie ſie ſind, nicht wie ie ſein könnten, Sie verlangen von mir die Rettung eines Menſchen der den Tod verdient hat, Sie fordern, daß ich für dieſen Vurſchen n mein eigenes Leben wagen ſoll und ich erkläre mich bereit, das Wagniß 19 t, und ein wden gewordell, fliegenden Irs und ſein — — 63— u untersehmen. Und welchen Lohn verlange ich? Beim Himmel, ich biete Ihnen die Freiheit und die Freude, Glück, Reichthum und Alles, was ein Mädchenherz nur begehren kann, und Sie wollen darin eine Beleidigung erblicken? Sei vernünftig, Louiſon, Tugend und Ehre ſind leere Begriffe, das Gold allein regiert, die Tugend in Lumpen wird verachtet und verſpottet.“ Auch er hatte ſich erhoben, lachend ſchritt er auf das entrüſtete Mädchen zu, um ſie in ſeine Arme zu ſchließen. „Zurück!“ rief Louiſon drohend.„Wagen Sie nicht, mich zu berühren!“ „Bah, ſo ſind ſie Alle, ehe die Feſtung capitulirt, muß ſie wenig⸗ ſtens zum Schein vertheidigt werden!“ „Elender! Verlaſſen Sie mich, oder ich rufe um Hülfe!“ „He, Du weißt ſelbſt nur zu gut, daß in dieſer einſamen Straße keine Wächter ſind.“ „Dann ermorde ich Sie.“ Herr von Segur trat einen Schritt zurück, es ward ihm nun doch klar, daß er im Kampfe mit dieſem zum Aeußerſten entſchloſſenen Mädchen unterliegen konnte, auch erinnerte er in dieſem Augenblicke ſich der Warnung des Marquis. „Du ſpielſt vortrefflich Comödie“, ſagte er, mit den Zähnen knir⸗ ſchend,„an Dir iſt eine talentvolle Schauſpielerin verloren gegangen. Ich glaube nicht an die Tugendmaske, mein ſchönes Kind, Du wirſt ſie abwerfen und mir danken, daß ich Dich gezwungen habe, das Glück im Fluge zu erhaſchen.“ Louiſon preßte die Hand auf das ſtürmiſch pochende Herz, ſie fühlte, daß ſie ihre ganze Kraft aufbieten mußte, um dieſen Kampf durchzufechten. „Herr von Segur, ich habe nie ein Gefühl der Zuneigung für Sie empfunden“, erwiderte ſie, den zornflammenden Blick unverwandt auf ihn gerichtet,„nach dieſem Auftritt kann ich Sie nur noch ver⸗ achten! Ich befehle Ihnen noch einmal, verlaſſen Sie mich und ver⸗ ſuchen Sie nie wieder, ſich mir zu nähern, ich würde Ihnen daſſelbe ſagen müſſen, was ich Ihnen geſagt habe.“ „Glauben Sie wirklich, mit leeren Drohungen mich einſchüchtern zu können?“ fragte der Wüſtling heiſer.„Ich bin ſtets gewohnt geweſen, jeden Entſchluß auszuführen, energiſch und rückſichtslos meinen Weg zu verfolgen, bis ich das Ziel erreicht habe. Und was man 0 1 — 64— mir nicht gutwillig geben will, das nehme ich mit Gewalt, mein ſchönes Kind, wir wollen ſehen, wer von uns Beiden in dieſem Kampfe unterliegt.“ „Schurke!“ rief das Mädchen, zitternd vor Zorn und Entrüſtung. Herr von Segur lachte, es war das Lachen eines tückiſchen Dämons. „Ich gebe Ihnen Bedenkzeit“, fuhr er fort,„Sie ſollen mir keinen Vorwurf machen können. Jedenfalls werden Sie über dieſe Unter⸗ redung das tiefſte Schweigen beobachten, ſollten Sie nur eine Silbe davon verrathen, ſo würden Sie mich dadurch zwingen, mit dem Marquis über Ihre Pläne zur Befreiung des Verurtheilten zu reden, und Sie wiſſen, welches Loos dann Sie erwartet. Ich gehe, aber wir werden uns ſehr bald wiederſehen, ich rechne feſt darauf, Sie dann ruhiger und vernünftiger zu ſinden. Adieu, mein ſchönes Kind, auf Wiederſehen.“ Er trat mit einer tiefen, etwas ſpöttiſchen Verbeughing zurück, nahm ſeinen Hut und verließ, die Marſeillaiſe triglernd, das Zimmer. Loniſon fühlte ſich einer Ohnmacht nahe, es währte lange, ehe ſie ſich aus der Betäubung aufraffen konnte, dietalle ihre Sinne ge⸗ lähmt hatte. Sie fürchtete die Drohungen dieſes Mannes nicht, ſie war ent⸗ ſchloſſen, den Kampf mit ihm aufzunehmen, und ſie zweifelte nicht, daß der Sieg ihr bleiben werde. Aber es empörte ſie tief, daß man ihr das bieten durfte! Sollte ſie mit dem Vater darüber reden? Sie durfte es nicht, wenn Segur den Marquis auf ihre Pläue auf⸗ merkſam machte, mußte ſie erwarten, daß das Todesurtheil unver⸗ züglich vollſtreckt wurde. Und dann auch konnte ja ihr Vater ſie nicht ſchützen gegen die Verfolgungen dieſes Schurken. Er verbrachte die Nächte draußen, und ſein Geiz erlaubte ihm nicht, einen Wächter zu beſolden. Sie mußte ſelbſt ſich ſchützen, und hinter der feſten, verriegelten Thüre ihres Schlafzimmers war ſie ja vor dieſen Verfolgungen ſicher. Sie dachte nicht lange darüber nach, ihre Seele beſchäftigte ſich bald wieder mit dem Schickſal ihres Geliebten und mit den Pläuen zu ſeiner Beſreiung. Wo ſie ihn ſuchen durfte, wußte ſie nun, aber konnte ſie allein mit ihren ſchwachen Kräften das ſchwere Werk vollbringen. Sie er⸗ innerte ſich, daß Paul ihr einmal geſagt habe, er habe nur einen Freund, Erneſt Lafleur in der Rue St. Vincent 12; mit deutlicher — lonls. einen lter⸗ Kind, lrück, mer. ehe ge⸗ ent⸗ aicht, man Den? all⸗ ver⸗ m die ußen, Sie hüre ſich anlen allein e e einten licher — 65— Klarheit entſann ſie ſich dieſes Namens, ſie hoffte, daß er ihr mit Rath und That beiſtehen werde. Aber in dieſer ſpäten Stunde konnte ſie nicht zu ihm eilen, zu⸗ dem war der Augenblick ſchon nahe, in welchem ihr Vater zurückzu⸗ kehren pflegte, ſie mußte die Ausführung ihres Vorhabens bis zum nächſten Tage verſchieben, ſo ſchmerzlich ihr ſelbſt auch dieſer Auf⸗ ſchub war. Viertes Kapitel. Die Prophezeihung der Wahrſagerin. Die Manſarde, welche Madame Leroi bewohnte, lag den Stuben Erneſt's und Mariens gegenüber, ſie machte auf den Eintretenden einen geheimnißvollen und unheimlichen Eindruck. Seltſam geformte Flaſchen und Phiolen, Büchſen und Töpfe mit Aufſchriften, die Niemand leſen konnte, ſtanden auf einem Geſtell, welches eine Wand des Zimmers faſt ganz einnahm, von dem oberſten rett grinſ'ten einige Todtenſchädel auf den grauen Kater und den großen, ſchwarzen Raben nieder, die, meiſt ſchlafend, das alte Sopha nur dann verließen, wenn das hagere Weib mit der langen Habichts⸗ naſe und den grünen, ſtechenden Augen ſich aus ihrem Armſeſſel erhob. Bücher, die früheren Jahrhunderten entſtammten, ſchmutzige Spiel⸗ karten, Gläſer und Flaſchen bedeckten den Tiſch, vor welchem der Seſſel ſtand, während in einer Ecke des Zimmers das weiße Skelett eines Menſchen dieſe Schätze zu bewachen ſchien. Die Alte ſaß an dieſem Morgen wieder vor ihren Büchern, die Katze lag in ihrem Schooß, und der Rabe hockte auf ihrer Schulter und blickte mit ſeinen glänzenden Augen auf das Buch, welches offen vor ihr lag. Sie ſihien in tiefem Nachdenken verſunken zu ſein, des höhniſche Zug, der ihre dünnen Lippen umzuckte und der boshaf Ausdruck ihres ſcharf markirten, häßlichen Geſichts ließen nur zu deutlich erkennen, daß ihre Seele ſich mit Gedanken beſchäftigte, die das Licht des Tages ſcheuen mußten. „Hundert Sous für die arme Frau!“ krächzte der Rabe.„Wir ſind arm, arme Teufel.“ „Ruhig, Jaques!“ ſagte das Weib, während ihre gelbe runzliche Hand leicht über das Fell des Katers fuhr. R. 5 1 1 1 — 66— „Arme Teufel!“ w wiederholte der Nabe.„Achtung!“ Die Alte erhob das Haupt, ihr techender Blick heftete ſich auf die Thüre, gleich darauf wurde leiſe angepocht. Das Weib nickte, als ob ſie andeuten wolle, ſie habe dieſen Beſuch erwartet, dann rief ſie mit ihrer ſcharfen, durchdringenden Stimme:„Herein!“, um ſich in der nächſten Sekunde in den Inhalt des vor ihr liegenden Buches zu vertiefen. Arme Teufel!“ ſchrie der Nabe.„Hundert Sous für die arme Fraul In der geöffneten T Thüre ſtand der Marquis, aber wer ihn am Abend vorher in der Mitte der Verſchworenen geſehen hätte, würde ihn jetzt ſchwerlich wieder erkaunt haben. Er war nicht allein ſehr elegant gekleid nicht den dicken, ſchwarzen Bart, der geſtern den unterer n Theil ſeine Geſichts bedeckte. Sein geſtern ſo bleiches Autlitz war leicht geröthet, er machte den Eindruck eines Mannes, der harmlos das Leben ge⸗ nießt und die Freuden einer wohlbeſetzten Tafel allen anderen Ge⸗ nüſſen vorzieht. Die Alte blickte nur flüchtig auf und deutete auf da der Marquis nahm, nachdem er die Ausſtattung des flüchtigem Blick gemuſtert hatte, Platz. „Man hat mir Eure nunſ gerühmt“, ſagte er, aber das Weib defahl ihm durch einen gebieteriſchen Wink, zu ſchweigen. „Wir ſind arm“, S der Rabe, de 4 den eleganten Herrn un⸗ verwandt anſchaute und von Zeit zu Zeit mit den Flügeln ſchlug. „Hundert Sous für die arme Frau!“ Der Marquis zog ſeine Börſe heraus und warf ein Goldſtück auf den Tiſch, der helle Klang des Metalls bewog das Weib, ihr Buch zu ſchließen und de ſtechenden Auge n auf ihn zu richten, als ob ſie andeuten wolle, daß ſie nun bereit ſei, ihn anzuhören. „Nuhig, Faanes, ds. ſie,„der Herr wird ſprechen. Was führz Sie zu mir?“ „Der Wuuſch, Ihre Kunſt zu erproben.“ „Ilt es nur Neugier, was dieſen Wunſch geweckt hat, dann wird meine Kuuſt Sie nicht beleiedigen. Der Neugier bleibt die Zukunft verſchloiſe n, ein Buch mit ſieben Siegeln, welches Niemand zu öffnen vermag.“ „Ah— bekennen Sie damit, daß auch Sie nicht die Macht haben, t, er trug auch heute Sopha, und immers mit 2 d2 Zi + ich auf dieſen genden Inhalt arme hn am würde h heute l ſeines geröthet, ben ge⸗ en Ge⸗ ha, und ts wiit 98 Weib urn un⸗ ſchlus⸗ godllt . 38 eib, ihr fen, als as fühft grlunſ 3 haben, es zu öffnen?“ fragte der Marquis ſarkaſtiſch.„Das wäre freilich ein freimüthiges Geſtändniß, welches Ihnen für alle Fälle eine Hinter⸗ thüre offen ließe.“ „Was verſtehen Sie davon!“ erwiderte das Weib ruhig.„Sie wollen meine Kunſt erproben, urtheilen Sie, wenn Sie die Probe haben. Ich fürchte Ihren Sarkasmus nicht, es hat ſchon Mancher da geſeſſen, der mich verſpottete und von Schwindel und Betrug ſprach, und der ſpäter mit Thränen in den Augen und ſchwerbedrücktem Herzen mich verließ. Was wollen Sie wiſſen?“ „Was Jeder wiſſen will, der hierher kommt!“ „Ihre Hand!“ rief der Rabe, deſſen kluge Augen noch immer auf den Marquis gerichtet waren, wie wenn er der Unterredung mit geſpannter Aufmerkſamkeit folge. „Zeigen Sie mir Ihre Hand“, ſagte Madame Leroi,„nein, nicht die rechte, die linke— ſo.“ Sie betrachtete lange die ſcharfen und tiefen Linien dieſer weißen ariſtokratiſchen Hand, und die buſchigen Brauen zogen ſich immer dichter zuſammen. 3 „Die Zukunſt zu ergründen, iſt nicht Jedem rathſam“, ſagte ſie nach einer Weile mit ſcharfer Betonung.„Der dunkle Schleier ver⸗ birgt gar oft ein Unheil—“ „Gleichviel“, fiel der Marquis ihr in's Wort,„ich bin ein Mann, nur der Feigling fürchtet ſich, dem Schickſal in's drohende Auge zu ſehen!“ „Sie wollen alſo hinter den Schleier blicken?“ „Ja.“ „Es ſei. Sie ſind nicht der Lebemann, der Sie zu ſein ſcheinen wollen, mein Herr. Sie fordern mehr vom Leben, als den Genuß des Augenblicks.“ „Mag ſein.“ „Die Leidenſchaften, die in Ihrer Bruſt ſchlummern, drohen, Sie zu unterjochen, und unter dieſen Leidenſchaften ſteht der Ehrgeiz an der Spitze. Hinter Ihnen liegt eine ſtürmiſche Vergangenheit, Sie ſind getäuſcht und betrogen worden, aber auch Sie haben mit den edelſten Gefühlen des Menſchenherzens ein frevelhaftes Spiel getrieben.“ „Ich will in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit ſchauen“, ſagte der Marquis unwirſch. 3* 1 — 68— ein boshafter, tückiſcher Blick. „Fürchten Sie ſchon jetzt?“ fragte ſie.„Noch iſt es Zeit, Sie können zurücktreten—“ „Nimmermehr!“ „Wohlan, dann unterbrechen Sie mich nicht mehr, die 8 Die Alte nickte und ſah zu dem eleganten Herrn auf, es war iſe Dadd ch ſpinne, dürfen nicht abgebrochen werden. Sie ſind reich, Sie haben nie die Sorge gekannt, und wenn die Erinnerung an die 1 Adede heit Ihnen unangenehm iſt, 3 liegt die Schuld allein an Ihnen. Sie waren unzufrieden mit der Regierung, Sie ſud e es noch, Sie 5 4 Q 8 8( rro Hopdon“ jagen einem Ideal nach, welches Sie niemals erreichen werden.“ oic⸗ „Vielleicht iſt es ſchon erreicht!“ „Nein, dieſe Republik genügt Ihnen nicht, Sie möchten an die Spitze diner Schr vdensheriſch haft treten, um Ihren Leidenſchaſten die Zügel ſchießen zu laſſen.“ Bah das i ud Vermuthungen—“ „Die ſich auf dieſe Linien diten mein Herr, und ſolche Linien können nicht n gen. Sie werden raſtlos den betretenen Weg ver folgen, aber ich ſagte Ihnen ſchon, daß Sie das Ziel nicht erreiche können, daß Ihr Streben vergeblich ſiin wird.“ „Das iſt meine Sache, Madame“, erwiderte der Marquis, der die Worte der Alten i jetzt doch zu deunruhigen ſchienen.„Aber fahren Sie fort, ich will hinter den Schleier blicken.“ „Sie ſtützen ſich auf die Freundſchaft mächtiger Leute, blicklich mit feſter Hand die Zügel halten, aber wie lan dauern? Wenn dieſe Leute Frankreich unglücklich gemacht, Tauſende hingeſchlachtet oder ruinirt haben, werden ihren Händen die Zügel entfallen, und mit ihnen fallen auch alle ihrer Gunſt ſonnten. Es iſt ein gefährliches Sp dieſe Linie ſagt mir, daß keine Warnung ſie zurüc „Nichts!“ beſtätigte der Mhaeis. Auſchlaſſen „Wohl, dieſe Hand wir es WManichn ver aber wer Blut vergießt, vergoſſen wer heißt es. Sie werden eines ge 1 bbent. Der Marquis zuckte unwillkürlich zuſa mmen unter dem ſtechenden Blick der grünen Augen, die in die Tief wollen ſchienen; er ſtrich mit der Hand * 8 NLoick eicht das Haupt. 9 welche ſich in — 69— „Hundert Sous für die arme Frau!“ krächzte der Rabe.„Wir ſind arme Teufel.“ „Eines gewaltſamen Todes“, wiederholte das Weib langſam,„er⸗ ſchreckt Sie auch das nicht?“ „Nein.“ „Der Dolch eines Meuchelmörders wird Ihr Herz durchbohren in demſelben Augenblick, in welchem Sie das höchſte Glück Ihres Lebens gefunden zu haben glauben.“ „Ich werde mich vorſehen!“ „Sie können es nicht, Niemand vermag ſeinem Schickſal zu entrinnen.“ „Wohlan, ſo mag das Schickſal ſeinen Spruch erfüllen, wenn die Zeit gekommen iſt“, ſagte der Marquis trotzig,„mich wird dieſe Prophezeihung nicht abhalten, meine Bahn zu verfolgen.— Seltſam“, fuhr er gedankenvoll fort,„in der Regel prophezeihen die Wahrſager nur Glück und Freude, mir ſcheint, Sie haben beſondere Gründe, das nicht zu thun.“ „Welche Gründe könnte ich haben?“ fragte die Alte ſcharf.„Und was wäre meine Kunſt werth, wenn ich ſie mißbrauchen und zu Spiegelfechtereien benutzen wollte? Mögen Sie nun glauben, was Sie wollen, ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt. Sie wollen nicht an Ihre Vergangenheit erinnert ſein, Herr Marquis, Sie fürchten, ich könne Ihnen die Geſchichte eines verführten und betrogenen Mäd⸗ chens in's Gedächtniß zurückrufen!“ Der Marquis fuhr aus ſeinem Sinnen empor, dieſe Worte hatten ihn ſichtbar überraſcht. „Ah, nun wird mir Alles klar“, ſagte er ſarkaſtiſch.„Sie kennen mich, das Ganze war nichts weiter als eine Komödie.“ „Denken Sie, es ſei eine Komödie geweſen, in der Todesſtunde werden Sie ſich meiner Prophezeihung erinnern“, erwiderte Madame Leroi, während ſie den Kater ſtreichelte.„Ja, ich kenne Sie, ich er⸗ kannte Sie, als Sie da ſaßen, und es war mir, als ſähe ich neben Ihnen das ſchöne Bild des jungen, blühenden Mädchens. Bah, ſie war ja ane Deutſche, eine Fremde, was lag daran, ob ſie im Elend unterging! Die Knospe war zu verführeriſch ſchön, Sie konnten ihrem Zauber nicht widerſtehen, und als Sie—“ „Weib, was wißt Ihr davon!“ rief der Marquis wild auffah⸗ rend.„Habt Ihr das Mädchen gekannt?“ — 70— „Sie hören es.“ „Wo iſt ſie jetzt?“ „Sie ruht längſt unter dem Raſen. Die ſchöne Iulie iſt längſt vergeſſen, keine Thräne iſt je auf ihr Grab gefallen.“ „Es war nicht meine Schuld“, ſagte der Marquis mit dumpfer Stimme.„Weshalb ſchenkte ſie mir kein Vertrauen? Ich hatte ihr gelobt, daß ich ſie zum Altar führen wolle, trotzdem mein Vater mir mit ſeinem Fluch drohte; ich würde mein Verſprechen eingelöſt haben, wenn ſie in Geduld ausgeharrt hätte. Ich weiß nicht, welcher Ma⸗ chinationen man ſich bedient hat, um ihr Vertrauen zu erſchüttern, ich erfuhr erſt nach Jahren, daß ein Diener, auf deſſen Treue ich baute wie auf einen Felſen, zum Verräther an mir geworden war. Es war zu ſpät, die Schuld zu ſühnen, Julie war ſpurlos ver⸗ ſchwunden.“ Die Alte nickte, der Rabe ſchlug krächzend mit den Flügeln. „Sie hatte vorher einem Kinde das Leben gegeben“, verſetzte ſie, die Noth zwang ſie, es dem Findelhauſe zu übergeben, und nach ihrem Tode ſagte man mir in jenem Hauſe, das Kind ſei geſtorben. Noth. und Elend haben die ſchöne Julie auf die Bahn des Verderbens ge⸗ führt, und der Kummer brach ihr das Herz.“ „Wir ſind arm, arme Teufel!“ ſchrie der Rabe. Der Marquis hatte das Antlitz mit den Händen bedeckt und athmete ſchwer. So ſaß er lange in einer Ecke des Sopha's, und die grünen Augen des Weibes waren mit tückiſcher Bosheit auf ihn gerichtet.“ „Wer mir damals geſagt hätte, wo ich ſie finden könne“, brach er endlich das Schweigen.„Ich habe ihre Spur geſucht, aber alle meine Mühe war vergeblich.“ „Und was nutzt nun die Reue?“ entgegnete Madame Leroi.„Sie verbittert das Leben, der Kluge vergißt, was hinter ihm liegt und freut ſich des Augenblicks. Julie iſt todt, Herr Marquis, aber Paris hat noch ſchöne Kinder, die ſich nach der Liebe eines reichen Mannes ſehnen.“ Ein Zug der Verachtung breitete ſich über das Geſicht des ele⸗ ganten Herrn. „Wer mir eine Wahrſagerin zeigen könnte, die nicht auch zu⸗ gleich das Gewerbe einer Kupplerin betreibt!“ ſagte er mit ſchneiden⸗ dem Hohn. —. 71— „Was wollen Sie?“ ſpottete die Alte.„Die Schwächen und Fehler der Menſchen ſind unerſchöpfliche Goldgruben, man muß nur verſtehen, aus ihnen zu ſchöpfen. Genießen Sie die kurze Spanne Zeit, die Ihnen noch gegeben iſt! Wollen Sie ein naives, unſchul⸗ diges Naturkind, oder eine üppige, ſchöne Dame? Madame von Cha⸗ teaufleur und Jenny Mouſſon werden Ihnen mit Freude ihre Salons öffnen, oder wünſchen Sie eine bezaubernd ſchöne Hofdame der Kaiſerin? Sie haben zu befehlen und die Stunde zu beſtimmen, in der Sie hier mit der Dame zuſammen zu treffen wünſchen.“ „Ich verabſcheue dieſe Damen“, entgegnete der Marquis, der jetzt ſeine ganze Faſſung wiedergefunden hatte,„ſie waren und ſind das Unglück Frankreichs!“ „Das iſt ein ungerechtes Urtheil“, fuhr Madame Leroi fort,„die größte Schuld ruht auf den Männern. Wollen Sie eine naive Un⸗ ſchuld? Ich kenne manches friſche, blühende Mädchen, und Mittel ſtehen genug mir zu Gebote, ſpröde Bedenken zu beſiegen—“ „Laſſen wir das“, unterbrach der Marquis ſie.„Mir begegnete vorhin ein junges Mädchen auf der Treppe, eine hübſche Erſcheinung mit blondem Haar und blauen Augen—“ „Marie Reimann.“ „Eine Deutſche?“ „Ja, auch eine Deutſche!“ „Finden Sie nicht, daß ſie mit Julie einige Aehnlichkeit hat?“ „Sie haben Recht“, nickte das Weib,„ich hatte darauf noch nicht geachtet. Dieſe Aehnlichkeit müßte für Sie ein Magnet ſein.“ „Und wenn das der Fall wäre?“ „So haben Sie nur zu befehlen.“ „Ich verſtehe Sie nicht“, ſagte der Marquis befremdet.„Auf mich hat dieſes Mädchen nicht den Eindruck einer Griſette gemacht—“ „Sie iſt es auch nicht, aber welches Mädchen kann dem Zauber des Goldes widerſtehen?“ „Vielleicht täuſchen Sie ſich dennoch, Madame.“ „Ich täuſche mich nie. Es iſt wahr, Marie hat bis geſtern das Leben einer Heiligen geführt, aber eine Heilige geht nicht in der Abenddämmerung in das Zimmer eines jungen Mannes, um dort eine Stunde zu verweilen.“ Der Marquis klemmte die Unterlippe zwiſchen die Zähne, ſein Geſicht war todesbleich geworden. 1 1 1 1 1 1 1 1 — 72— „Wer iſt der junge Mann?“ fragte er. „Ein Tiſchler, Erneſt Lafleur.“ „Ein ſolider Mann?“ „Hm— ja, ein Proletarier, aber ein hübſcher Mann. Die jungen Mädchen ſehen ja ſtets auf das Aeußere!“ „Sie haben eine boshafte Zunge!“ „Ich beobachte ſcharf und kann jedes Wort vertreten. Wenn ich ſage, dieſes Mädchen iſt nicht beſſer und tugendhafter, wie jedes an⸗ dere, ſo habe ich meine Beweiſe für dieſe Behauptung, Herr Marquis“ „Hundert Sous für die arme Frau!“ ſchrie der Rabe. „Nicht beſſer und tugendhafter wie jede Andere!“ wiederholte der Marquis, die Stirne runzelnd.„Das hätte ich nimmer geglaubt, und doch muß es wohl wahr ſein.“ „Wenn Ihnen daran liegt, ſie kennen zu lernen, ſo beſtimmen Sie die Stunde.“ „Und was dann?“ „Sie werden Marie hier finden, und wenn das Mädchen ſich ſträuben ſollte, Ihren Vorſchlägen Gehör zu geben, dann mögen Sie die Kraft meines Liebestrankes erproben, ihm hat noch kein Mädchen widerſtehen können.“ Mit einer Geberde des Abſcheues und der Entrüſtung wandte der Marquis ſich ab, die Alte kicherte höhniſch, ohne den Blick von ihm abzuwenden. „Ich denke, Sie werden wiederkommen und meine Hülfe in An ſpruch nehmen“, ſagte ſie, als er der Thüre ſich näherte,„wir ſehen uns heute nicht zum letzten Male.“ Der Marquis erwiderte darauf kein Wort; er ging hinaus und klopfte gleich darauf an der gegenüber liegenden Thüre an. Marie ſah erſtaunt auf, als der elegante Herr eintrat; ſie erhob ſich, um ihm entgegen zu gehen, aber er bat ſie durch einen Wink, ſitzen zu bleiben. „Kennen Sie mich nicht mehr?“ fragte er.„Ach ja, es iſt wahr, Sie ſahen mich nur einmal, flüchtig, im Hauſe des Vicomte von Chateaufleur, und was hätte damals Sie veranlaſſen können, meine Züge Ihrem Gedächtniſſe einzuprägen?“ „Jetzt erkenne ich Sie, Herr Marquis“, erwiderte das Mädchen, und eine leichte Röthe übergoß ihr ſchönes Antlitz.„Was verſchafft mir die Ehre ihres Beſuchs?“ e der laubt, umen — 738— „Der Wunſch, Ihnen meinen Schutz und Beiſtand anzubieten.“ „So dankbar ich Ihnen dafür auch ſein muß—“ „Glauben Sie doch Beides ablehnen zu müſſen, nicht wahr?“ fiel der Marquis in ſcherzendem Tone ihr in's Wort, indem er dem ſchönen Kinde gegenüber Platz nahm. „Ja, mein Herr, mir fehlt nichts, ich bin zufrieden mit dem, was ich habe.“ „Und mit dem, was kommen wird? Denken Sie nicht an die Schrecken der Belagerung?“ „Ich ſehe ihnen mit Muth entgegen.“ „Weil auch Sie den thörichten Glauben hegen, die Preußen wür⸗ den nun Frieden ſchließen und Paris verſchonen. Ich aber ſage Ihnen, Hunger und Seuchen werden hier zahlloſe Opfer fordern, und es iſt rathſam, ſich bei Zeiten vorzuſehen. Der Vicomte von Chateau⸗ fleur hat die Zeitverhältniſſe benutzt, um Sie zu betrügen, mein Fräulein, ich weiß das, es wäre vergebliche Mühe, wollten Sie ver⸗ ſuchen, ihn zur Zahlung ſeiner Schuld zu zwingen, man würde Sie im's Gefängniß werfen, wenn Sie es wagten, ſich öffentlich zu zeigen. Iſt es da nicht gerechtfertigt, wenn ein Freund Ihnen ſeinen Bei⸗ ſtand anbietet? Dieſe Wohnung, mein Fräulein, iſt Ihrer nicht würdig, dieſe Arbeit wird Ihre Geſundheit untergraben und die Schreckniſſe der Belagerung müſſen Sie tödten. Ich biete Ihnen ein Aſyl an, in welchem Sie geſchützt ſind, jeder Wunſch, den Sie hegen mögen, ſoll erfüllt werden—“ „Herr Marquis, dieſes Anerbieten, ſo freundlich es auch ſcheint, könnte mich beleidigen“, ſagte Marie, ihre Erregung mühſam bemei⸗ ſternd,„es lautet ja ganz ſo, wie das Anerbieten, welches der Cheva⸗ lier von Chateaufleur mir zu machen wagte. Nein, mein Herr, und wenn der Hungertod an meine Thüre pochte, ich würde nimmer die Schande wählen, um ihm zu entrinnen, lieber todt und vergeſſen, als ein Leben in Schande.“ „Sie mißverſtehen mich—“ „O, nein, ich weiß, welcher Dämon hinter dieſer menſchenfreund⸗ lichen Maske lauert, welchen Dank man von mir fordern wird. Ueber⸗ laſſen Sie mich meinem Schickſal, Gott wird für mich ſorgen, mich ſchützen und mir beiſtehen.“ Der Marquis ſchüttelte ablehnend das Haupt. „Ich ſage Ihnen noch einmal, Sie mißverſtehen mich“, erwiderte 1— 1 — 74— er,„ich werde keinen Dank von Ihnen fordern, der Ihrer Ehre und den edlen Gefühlen Ihres Herzens zu nahe treten könnte. Ich thue das Gute des Guten wegen, nicht, weil ich auf einen Dank rechne. Ich ſtelle Ihnen frei, mich wieder zu verlaſſen, wann es ihnen beliebt, ich verpfände Ihnen mein Ehrenwort, daß nichts zwiſchen uns vor⸗ fallen ſoll, was Ihr Herz mir entfremden könnte.“ Marie blickte den Edelmann ſinnend an, der gütige, freundliche Ausdruck ſeines treuherzigen Geſichts konnte kein Mißtrauen in ihrer Seele aufkommen laſſen. „Und welche Gründe veranlaſſen Sie, mir dieſes edle Anerbieten zu machen?“ fragte ſie. „Daß man doch immer nach Gründen fragen muß, wenn es gilt, eine gute That zu verrichten, die Pflicht der Menſchenliebe zu er⸗ füllen!“ erwiderte der Marquis achſelzuckend.„Haben Sie denn den Glauben an die Menſchheit ſo ganz verloren, daß Sie an den Gottes⸗ funken in der Menſchenſeele nicht mehr glauben können?“ „O, nein, Herr Marquis, die trübſten Erfahrungen würden mir dieſen Glauben nicht rauben können.“ „Wohlan, ſo fragen Sie nicht weiter. Denken Sie, ich liebe Sie, wie ein Vater ſeine Tochter liebt, und dieſe Liebe ſei der einzige Grund, der mich bewege, Ihnen Schutz und Beiſtand anzubieten. Würden Sie auch dieſe Liebe fürchten?“ „Nein.“ „Ich danke Ihnen für dieſes Vertrauen, ſeien Sie verſichert, daß ich es nicht mißbrauchen werde. Alſo darf ich hoffen, daß Sie meinen Vorſchlag annehmen.“ „Und ich danke Ihnen für Ihren Edelſinn“, ſagte das Mädchen, ihm die Hand reichend, und in ihren blauen Augen leuchtete es freudig auf.„Aber geſtatten Sie mir, hier zu bleiben, zürnen Sie mir nicht, wenn ich Ihr Anerbieten ablehne.“ „Welche Gründe haben Sie dafür?“ „Ich fühle mich behaglich in dieſer beſcheidenen Manſarde, und ich bin zufrieden mit meinem Looſe.“. Sie werden es auch in meiner Wohnung ſein.“ „Vielleicht nicht in dieſem hohen Grade. Dort würden vielleicht Wünſche in mir erwachen, an die ich hier nicht denke—“ „Sie ſollen erfüllt werden.“ „Und ihre Erfüllung machte mich doch nicht glücklich“, fuhr Marie re und ch thue rechne. beliebt, is vor⸗ ndliche ihrer rbieten s gilt, zu er⸗ in den Gottes⸗ en mir e Sie, einzige wieten. rt daß meinen tädchen, tete es in Sie 2 und ielleict Matie — 75— gedankenvoll fort. Es iſt ein eigenes Ding damit, je mehr man hat, je mehr man wünſcht, ſagt ein altes Sprüchwort, hier aber ſchweigen alle Wünſche.“ „Alle?“ „Ja, mein Herr!“ „Sollte nicht ein anderer Grund Sie beſtimmen?“ fragte der Marquis, leicht die Brauen zuſammenziehend. „Welcher?“ „Hm, vielleicht die nächſte Nachbarſchaft eines jungen Mannes—“* „Herr Marquis!“ „Verzeihen Sie, wenn ich indiscret werde, aber dieſer Grund wäre ja ſo natürlich, und ich wüßte nicht, was Sie hindern könnte, mir die Wahrheit zu geſtehen.“ Purpurgluth hatte die Wangen des Mädchens übergoſſen, ver⸗ wirrt ſchlug ſie vor dem herrſchenden Blick des eleganten Herrn die Augen nieder. „Nein, das iſt es nicht“, ſagte ſie,„wenn ich auch unter dieſem Dache einen Freund gefunden habe, ſo ſind meine Beziehungen zu ihm doch ſo rein und unſchuldig, ſo loſe und— „Nun dann, ſo hindert Sie alſo nichts, meinen Vorſchlag anzu⸗ nehmen“, ſiel der Marquis ihr in's Wort, indem er ſich erhob.„Sie werden in meinem Hauſe ſicher ſein vor der Deutſchenhetze, die nun wieder beginnen ſoll, das Decret, welches alle hierwohnenden Deut⸗ ſchen ohne Ausnahme ausweiſt, wird heute noch erſcheinen.“ „Bin ich hier nicht auch ſicher?“ „Nein, mein Fräulein, der Pöbel wird die Häuſer durchſuchen und die Unglücklichen mißhandeln, welche dem Ausweiſungsdecret zu trotzen wagen. Und es bedarf nur eines Wortes, Ihr Verſteck den fanatiſirten Kanaillen zu verrathen.“ „Ich habe keinen Feind.“ „Jeder hat ſie.“ „Welche Anklage könnte man wider mich erheben? Nein, mein Herr, ich fürchte nichts, und ich werde hier bleiben, ſchon meines guten Rufes wegen, der mir verbietet, Ihr freundliches Anerbieten anzunehmen. Ich will Ihnen glauben, daß nur eine edle Abſicht Sie bewogen hat, es mir zu ſtellen, und in dieſem Glauben danke ich Ihnen von ganzem Herzen dafür.“ 4 „Iſt das Ihr unabänderlicher Entſchluß?“ — 76— „Ja.“ „Dann freilich muß ich den Korb annehmen, den Ihre Hand mir geflochten hat. Sie werden mir wohl erlauben, daß ich von Zeit zu Zeit mich nach Ihrem Befinden erkundige?“ „Wie könnte ich es Ihnen verbieten?“ „Und ich darf mich fortan Ihren Freund nennen?“ „Ich werde ſtolz ſein auf dieſe Freundſchaft.“ Der Marquis holte ſein Portefeuille aus der Taſche und nahm aus demſelben eine Karte, die er dem Mädchen überreichte. Dieſe Karte trug keinen Namen, ſondern nur ein ſeltſam verſchlun⸗ genes Zeichen und darunter die Worte:„Faubourg Saint Honoré 48.“ „Es wäre möglich, daß Sie plötzlich in eine Lage kämen, welche Ihnen den Beiſtand eines einflußreichen Freundes wünſchenswerth machte“, ſagte er,„ſchicken Sie dann einen zuverläſſigen Boten mit dieſer Karte in das bezeichnete Haus, und Sie dürfen ſich meiner Hülfe verſichert halten. Wollen Sie mir das verſprechen?“ „Herzlich gern.“ „Gut, dieſes Verſprechen beruhigt mich einigermaßen. Und nun adieu, auf Wiederſehn.“ Er reichte dem Mädchen die Hand und ſah ſie lange innig an, dann ſchritt er langſam hinaus, und es ſchien faſt, als ob er mit Sicherheit erwarte, daß ſie ihn noch einmal zurückrufen werde. Aber Marie ſchloß die Thüre hinter ihm zu und nahm gedanken⸗ voll die Karte auf, die ſie auf ihr Arbeitstiſchchen gelegt hatte. Was bewog dieſen vornehmen Herrn, ihr ſeine Hülfe anzubieten? Sie konnte nicht glauben, daß eine unlautere Abſicht die Triebfeder geweſen ſei; ſein höfliches, Vertrauen einflößendes Benehmen hielt dieſen Verdacht fern, und doch wollte ein leiſes Mißtrauen in ihrer Seele aufſteigen, und es gelang ihr nicht, daſſelbe ganz zurückzudrängen. Wie dem auch ſein mochte, ſie wollte ſich' ſeiner erinnern, wenn ſte die Hülfe eines Freundes bedurfte, aber ſie glaubte auch, ihrem Nachbar eine offene Mittheilung über dieſen Beſuch machen zu müſſen, und ſchon wollte ſie mit der Karte in der Hand das Zimmer ver⸗ laſſen, als die Thüre geöffnet wurde und Madame Leroi eintrat. „Schon wieder Beſuch gehabt, mein Täubchen?“ fragte das alte Weib mit einem lauernden Blick auf das erbleichende Mädchen.„He, das war ein feiner Herr, nicht wahr? Ja, ja, mein Püppchen, den Einen liebt man, den Andern läßt man bezahlen, hab's auch ſo ge⸗ nir — 77— halten in meinen jungen Jahren, und mich vortrefflich dabei befunden. Und wir gehen ja jetzt einer ſo ſehr ſchweren Zeit entgegen! Da muß man viel, viel Geld haben, wenn man den Hunger fern halten will, und wer weiß, ob wir nicht Ratten ſpeiſen müſſen, um das armſelige Leben zu friſten! So recht, mein Täubchen, rupfe ihnen die goldenen Federn aus, warte nur, ich werde Dir noch manchen Goldvogel in's Netz jagen.“ Die Gluth des Zornes flammte auf den Wangen Mariens, ihre blauen Augen, die ſonſt ſo ſanft blickten, ſchoſſen vernichtende Blitze auf die Kupplerin, deren widerwärtiges Geſicht ſich zu einem höhni⸗ ſchen Grinſen verzogen hatte. „Und das wagen Sie mir zu ſagen?“ rief ſie, unfähig, ſich zu bemeiſtern.„Dieſe Schmach und Schande wollen Sie mir aufbürden? Madame, Sie haben ſchon geſtern Abend mir Worte geſagt—“ „He, he, ereifere Dich nicht ſo ſehr“, ziſchte das Weib,„die Auf⸗ regung könnte Dir ſchaden! Es bleibt ja ganz unter uns, und der junge Herr nebenan ſoll nichts davon erfahren.“ Zitternd vor Entrüſtung klopfte Marie an die Wand des Nebenzimmers. „Herr Lafleur!“ rief ſie mit bebender Stimme, und ſchon im nächſten Augenblicke, als ob er nur auf dieſen Ruf gewartet habe, trat Erneſt ein. „Schützen Sie mich vor dieſer Frau“, bat das Mädchen,„ſie verfolgt mich mit boshaften Schmähungen, ſie glaubt, durch meinen geſtrigen Beſuch bei Ihnen dazu berechtigt zu ſein.“ „Weshalb wollen Sie es denn gleich an die große Glocke hän⸗ gen?“ ſpottete Madame Leroi.„Schweigen Sie doch, es iſt nicht gut, das Urtheil der Welt herauszufordern.“ „Hinaus!“ donnerte Erneſt, wild auffahrend.„Sie wollen dieſe junge Dame beſchimpfen, aber nehmen Sie ſich in Acht vor dieſer Fauſt, ſie kann den Schädel eines alten Weibes mit einem einzigen Schlage zertrümmern.“ „Das wäre ein Mord“, ſagte die Alte mit einem giftigen Blicke auf den jungen Mann, der mit drohend erhobenem Arm vor ihr ſtand.„Denken Sie an Traupmann, mein junger Freund, er hat auf dem Schaffot geendet. Was liegt mir an dem Schickſal dieſer fortgejagten Gouvernante? Wenn ich nicht ſo ſehr gutmüthig wäre, hätte ich ihr längſt eine Wohnung im Gefäuzuiß verſchafft, aber ich kann das ja noch immer thun, wenn ſie mir läſtig wird.“ ————— 78— „Wenn Sie es thun, dann können Sie Ihre Rechnung mit dem Leben abſchließen“, erwiderte Erneſt ſcharf,„denken Sie an meine Fauſt, Madame! Und nun erſuche ich Sie, dieſes Zimmer zu ver⸗ laſſen, wenn Sie ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollen, hinaus⸗ geworfen zu werden.“ Madame Leroi mochte wohl einſehen, daß es nicht rathſam war, dieſem kräftigen, entſchloſſenen Manne zu trotzen, ſie begnügte ſich damit, ihm einen Blick des glühendſten Haſſes zuzuwerfen, bevor ſie das Zimmer verließ. Marie war noch immer ſtarr vor Entrüſtung, der Auftritt mit dieſem Weibe hatte ſie betäubt, aber den beruhigenden Worten des jungen Mannes gelang es bald, ihr die Faſſung wiederzugeben. Sie beich⸗ tete ihm jett den Beſuch des Marquis, den Vorſchlag, den er ihr gemacht, vie Gründe, welche er ſür ſein Anerbieten angeführt, und die Antwort, die ſie ihm gegeben hatte. Die Augen des jungen Mannes leuchteten freudig auf, er glaubte, in dieſer Antwort den Beweis zu entdecken, daß ſie ihn liebte, und dieſe Vermuthung weckte ein beſeligendes Gefühl in ihm. Er äußerte Zweifel, die ja auch in der Seele Mariens auf⸗ geſtiegen waren, er meinte, ſo ganz uneigennützig ſei dieſes Anerbieten doch nicht geweſen. „Sie kennen die Mittel nicht, deren dieſe Herren ſich bedienen, um ein argloſes Mädchen zu bethören und zu betrügen“, ſagte er, während er langſam auf und nieder wanderte,„die Uneigennützigkeit dieſes Herrn war wohl auch nur eine Maske, welche Sie täuſchen ſollte. Sie glauben das nicht?“ „Nein, mein Freund.“ „Nun denn, wenn einmal der Augenblick kommen ſollte, der Sie zwingt, Ihre Ehre zu vertheidigen, dann wiſſen Sie ja, wo Sie einen treuen Freund finden. Warten Sie in Nuhe ab, was nun geſchehen wird.“ „Die Feindſchaft der alten Frau beunruhigt mich weit mehr“, erwiderte Marie mit einem ſcheuen Blick auf die Thüre,„dieſe Leute kämpfen mit Waffen, gegen die wir wehrlos ſind.“ „Sie wird es nicht wagen“, ſagte Erneſt begütigend,„ſie weiß, daß ich nun für Alles, was Ihnen zuſtoßen wird, ſie allein verant⸗ wortlich mache und meine Drohung vergißt ſie gewiß nicht. Ich hatte auch ſchon Beſuch heute Morgen.“ „Sie?“¹ Erneſt nickte bejahend. „Ein junges Mädchen, die Tochter eines Wucherers, die im Stillen mit meinem beſten Freunde verlobt iſt. Der thörichte Junge hat ſich in eine Verſchwörung eingelaſſen, und er war ſo unklug, die Geheim⸗ niſſe des Bundes zu verrathen. Jetzt ſchwebt er in Lebensgefahr, das Mädchen beſchwor mich, ihn zu retten. Ich werde natürlich meinen Freund nicht im Stiche laſſen, aber ob uns die Rettung ge⸗ lingen wird, iſt die große Frage. „Sie werden ſich ſelbſt in Gefahr begeben— 9 „Ba), Gefahren fürchte ich nicht, und im Nothfalle nehme ich's mit einem halben Dutzend Gegner auf. Nein, es ſind da vorher noch dunkle Geheimuiſſe zu enthüllen, zudem des Möädchen ſelbſt keinen Schlüſſel hat.“ 4 dee df „Und wann wollen Sie das Werk beginnen?“ „Heute Abend.“ „Wenn ich Ihnen Beiſtand leiſten kann— „Nein, Fräulein Marie, dieſes Werk fordert muthige und ent⸗ ſchloſſene Männer, aber bitte, bemerken Sie ſich den Namen: Pierre Bandau, Nue Dauphine; ſollte ich morgen Abend nicht zurückgekehrt ſein, dann wird man in jenem Hauſe über mein Schickſal Auskunft geben können.“ „Ich werde daran denken, wenn ich Sie morgen nicht ſehe, nicht Ihr fröhliches Singen höre, mit dem Sie Ihr Tagewerk zu beginnen pflegen.“ Erneſt ſchüttelte wehmüthig das Haupt, ein ſchwerer Seufzer ent⸗ rang ſich ſeiner gepreßten Bruſt. „Ich glaube, der heitere Geſang wird bald verſtummen“, erwiderte er mit einem ſorgenvollen Blick auf das ſchöne Mädchen, welches ſich an ihrem Arbeitstiſchchen wieder niedergelaſſen hatte.„Man ſagt, die Preußen ſeien ſchon in Reims, und Paris werde ihnen die Thore nicht öffnen. Man iſt entſchloſſen, bis auf den letzten Mann und die letzte Patrone die Stadt zu behaupten. Aber ſei es“— fuhr er, das Haupt erhebend, fort—„wir werden dem Schickſal muthig die Stirne bieten, was auch kommen mag; ich ſehe ja auch ein, daß Paris die Ehre Fraukreichs retten muß. Und nun noch Eins, mein Fräulein, che ich ſcheide. Weun Sie in dem Hauſe des alten Wuche⸗ rers über mein Schickſal ſich Gewißheit verſchaffen wollen, dann wenden Cie ſich an Iraulein Louiſon Bandau, die Tochter dieſes — 30— Mannes, Sie werden ein edles, liebenswürdiges und energiſches Mädchen in ihr kennen lernen.“ „Wäre es nicht beſſer, wenn ich in dieſem Falle von der Karte des Marquis Gebrauch machte?“ fragte Marie, indem ſie ihre Hand in die des jungen Mannes legte und mit einem innigen Blick zu ihm aufſchaute. „Nein, Fräulein Marie; wir kennen die Abſichten dieſes Herrn nicht, wir wiſſen nicht, ob wirklich nur edle Freundſchaft ihn bewogen hat, ſeinen Beiſtand Ihnen anzubieten. Vielleicht könnte es ihm ſehr erwünſcht ſein, daß Sie Ihres einzigen Freundes beraubt wären, dann würde er natürlich nichts zu meiner Rettung thun.“ „So werde ich Louiſon Bandau beſuchen.“ „Das iſt das Beſte“, nickte Erneſt,„und nun leben Sie wohl, ich habe noch Manches vorzubereiten für die Rettung meines Freun⸗ des, und die Augenblicke ſind jetzt koſtbar.“ Er drückte ihr warm die Hand, ſah ihr lange in die ſchönen Augen und ging dann langſam hinaus. Im Sinnen verſunken ſtützte Marie das Köpſchen auf den Arm Sie ſchaute ernſt und trüb in die Zukunft, den bangen Beſorgniſſen, die immer wieder in ihrer Seele auſſtiegen, konnte ſie nicht gebieten. Wenn die deutſchen Truppen die Stadt umzingelten, Noth, Elend, Hunger und Seuchen ihren Einzug hielten, wenn die Preiſe der Lebensmittel unerſchwinglich wurden und die letzteren endlich ganz mangelten, welches Loos erwartete dann ſie, das arme ſchutzloſe und verlaſſene Mädchen? Erneſt hatte freilich gelobt, daß er die Sorge für ſie übernehnien wolle, aber hatte er nicht genug zu ſchaffen mit der Sorge für ſich ſelbſt? Und war es nicht möglich, daß ein feindliches Geſchoß ihn niederſtreckte, oder die Seuche auch ihn auf's Schmerzenslager warf? Auf den Marquis ſetzte Marie kein Vertrauen, je länger ſie ſeinen Worten nachdachte, deſto ſtärker ward das Mißtrauen in ihr. Die Möglichkeit lag nur zu nahe, daß unlautere Abſichten ihn bewogen hatten, ihr das anſcheinend uneigennützige Anerbieten zu machen. Und zudem war ſie noch anderen Gefahren ausgeſetzt, die Dro⸗ hung der Kupplerin hatte ſie darauf aufmerkſam gemacht. Der glühende Haß der Franzoſen gegen die Deutſchen konnte auch ſte vernichten, und nur mit Grauen und Entſetzen konnte Marie daran denken, wie nahe dieſe Gefahr ihr war. um larte — 81— Wenn ſie in die rohen Hände des wüthenden Pöbels ſiel, wenn die fanatiſirte Menge ſie beſchimpfte und mißhandelte— entſetzt ſprang ſie auf, es war ihr, als höre ſie ſchon das Brüllen der Ka⸗ naillen. War es Wirklichkeit oder Täuſchung? Stimmen ließen ſich draußen vernehmen, drohende Rufe, und dazwiſchen glaubte Marie deutlich die krächzende Stimme der Wahrſagerin zu hören. Immer näher kam dieſer verworrene Lärm, der Fußboden zitterte unter den ſchweren Tritten der Menge— und jetzt wurde die Thüre geöffnet, und ein Schreckensruf entfuhr den Lippen des zitternden Mädchens, als ihr Blick auf die unheimlichen Geſtalten ſiel, die lär⸗ mend und brüllend binnen wenigen Secunden das Zimmer füllten. Das alte Weib war mitten unter dieſen halbberauſchten und zum Theil bewaffneten Männern, der Rabe hockte auf ihrer Schulter und ſchien an dem wüſten Lärm eine beſondere Frende zu haben. „Nieder mit der preußiſchen Spionin!“ ſchrie ein halberwachſener Burſche.„An die Laterne mit ihr!“ Marie hatte ſich in die äußerſte Ecke ihres Gemachs gellüchtet, der Muth der Verzweiflung lieh ihr Kräfte. „Was wollt Ihr von mir?“ fragte ſie, und die Hoheit der weib⸗ lichen Würde verfehlte ſelbſt auf dieſe rohen Geſellen ihre Wirkung nicht.„Ich bin mir keine Schuld bewußt—“ „Eine Spionin iſt ſie!“ rief das Weib. Sie hat täglich Briefe nach Verlin geſchickt und die Beſuche verdächtiger Herren empfangen. Sie muß vor's Kriegsgericht!“ „Dahin gehören alle Deutſche, die Paris jetzt noch nicht verlaſſen haben“, nahm ein herkuliſcher Mann das Wort, der die Uniform eines Nationalgardiſten trug.„Weshalb ſind Sie hier geblieben, Mademoiſelle?“ „Weil ich nicht die Mittel beſaß, die Stadt zu verlaſſen“, erwi⸗ derte Marie mit wachſender Angſt. „He, iſt das nicht eine Lüge!“ ſchrie Madame Leroi.„Hat die Regierung nicht Jedem einen Paß und ein Fahrbillet gegeben, der hinaus wollte? Das Frauenzimmer wohnt ſchon lange bier, und ſeitdem ſie in dieſem Hauſe iſt, hat ſie den Preußen Alles verrathen, was ſie nur verrathen konnte.“ „Hundert Sous für die arme Frau!“ krächzte der Nabe. „Das iſt eine boshafte Verläumdung“, ſagte Marie, tief entrüſtet darüber, daß einige Gamins die Schränke und Schiebladen durch⸗ ſuchten,„ich habe keinen Brief geſchrieben— ⸗ 6 — 382— „Mutter Leroi iſt ein braves Weib!“ rief eine rauhe Slimme. „Sie ſpricht keine Lüge. Hängt die Spionin auf! Wir müſſen Paris von dem Ungeziefer befreien! Es lebe die Republik!“ „Ja nieder mit der Spionin!“ ſchrieen mehrere Stimmen, aber jetzt trat der Nationalgardiſt ſchützend vor das bedrohte Mädchen. „Sie werden uns folgen, Fräulein“, ſagte er,„wir müſſen Sie zum Maire bringen.“ „Wenn das ſein muß, ſo werde ich gehorchen“, erwiderte Marie, ſich vertraue mich Ihrem Schutze an.“ „He, macht kurzen Prozeß!“ ſpottete die Alte.„Sie darf jetzt nicht mehr ausgewieſen werden, man muß den Verrath mit dem Tode beſtrafen.“ Der raſende Haufe jauchzte dieſen Worten Beifall, ſchon machten Viele Miene, ſich auf das bebende Mädchen zu ſtürzen. Aber der Nationalgardiſt hielt die Wüthenden zurück. „Franzoſen, wir entehren die Nation!“ rief er in den Lärm hin⸗ ein.„Das Kriegsgericht ſoll über ſie urtheilen; wenn ſie ſchuldig iſt, wird die gerechte Strafe ſie ereilen. Platz, im Namen der Republik!“ „Mein Gott, mein Gott, wie wird das enden?“ ſeufzte Marie, die ſich einer Ohnmacht nahe fühlte.„Können Sie mich ſchützen, mein Herr? Haben Sie die Macht, den raſenden Leidenſchaften dieſer Leute Schranken zu ſetzen?“ „Ich werde mein Möglichſtes verſuchen.“ Mit dieſen Worten brach der Gardiſt ſich eine Bahn, ſchreiend und brüllend wälzte die Menge ſich hinaus, in deren Mitte das un⸗ glückliche Mädchen ſich befand, dem man nicht einmal geſtattete, irgend etwas mitzunehmen. Die Alte blieb allein zurück mit ihrem Naben, der laut krächzend mit den Flügeln ſchlug. Horchend ſtand ſie in der Mitte des Zimmers, und immer bos⸗ hafter und tückiſcher ward der Ausdruck ihres häßlichen Geſichts. Endlich war der Lärm verſtummt, das alte Weib nickte befriedigt und ſah ſich forſchend in dem Zimmer um. „Das war ein günſtiger Augenblick“, ſagte ſie halblaut,„wenn Lafleur hier geweſen wäre— ah, bah, ſie hätten ihn niedergeſchlagen, wie einen tollen Hund.“ Sie riß die Schubladen der Kommode auf und durchſuchte ſie, und fand hier Manches, was ſie ſich aneignete. ctt est — — 33— „Er darf nichts erfahren“, fuhr ſie fort, während ſie emſig be⸗ ſchäftigt war, ihre Schürze mit dem geraubten Gut zu füllen,„er würde mich ermorden, wenn er die Wahrheit hörte.— He, man kann's ihm ja verſchweigen! Ich weiß nichts davon, und wenn er ſpäter ihr Schickſal erfährt, was habe ich dann damit zu ſchaffen? Vielleicht findet er ihre Leiche in der Morgue— aber nein, das wäre doch nicht zu wünſchen. Dem Marquis muß ich das Geheimniß verkaufen, er ſoll das ſchöne Vögelchen aus dem Gefängniſſe holen und den Eigenſinn des Tugendſpiegels beugen. Nachher wird ſie es mir Dank wiſſen, wenn ſie in Sammt und Seide in den elyſäiſchen Feldern ſpazieren fährt.— He, was iſt denn das?“ Sie hatte eine kleine Schachtel geöffnet, ihr funkelnder Blick ruhte auf einem Ring, der aus dem Etui ihr entgegenblitzte. Es war ein ſchmaler Goldring mit einem koſtbaren Diamanten, im Innern deſſelben waren die Buchſtaben H. d. C. eingravirt. „Sieh dau, murmelte ſie, und ein tückiſcher Zug umzuckte ihre fahlen Lippen,„den Anfang ſcheint der Tugendſpiegel ſchon gemacht zu haben! He— was nutzt ihr der Ning? Vielleicht knüpft eine Erinnerung ſich daran— hm, wir werden ſehen und den glücklichen Fund benutzen!“ Sie ſteckte die Schachtel in die Taſche ihres Kleides und ſetzte ihre Nachforſchungen in den Schubladen fort. „Wir ſind arm, arme Leute!“ krächzte der Rabe. „Ruhig, Jaques“, ſagte Madame Leroi,„wir werden bald reich ſein, die Aernte beginnt.“ „Hundert Sous für die arme Frau!“ „Recht ſo, mein braver Kerl, wir müſſen arm ſcheinen, wenn wir auch alle Schätze hätten. So— hier iſt nichts mehr zu holen, ich werde nun zum Maire gehen und mich erkundigen, wohin man den Tugendſpiegel bringen wird. Ah, der Maire iſt mein guter Freund, er hat ſo manchen Dienſt von mir gefordert, jetzt ſoll er mir ſeinen Dank abtragen.“ Sie ſchloß die Schubladen wieder, warf noch einmal einen prü⸗ fenden Blick durch das Zimmer und ging dann, boshaft für ſich hin kichernd, hinaus. Eine Viertelſtunde ſpäter verließ das alte Weib, nachdem ſie vor⸗ her die Thüre ihres Zimmers ſehr ſorgfältig zugeſchloſſen hatte, das Haus, um ſich zur Mairie zu begeben. 6*½ Fünftes Kapitel. Die geheimen Gewölbe des Geizhalſes. Vom Thurme der Kirche Notre Dame hatte es Mitternach: ge⸗ ſchlagen; die letzten dumpfen Schläge waren noch nicht verhallt, als Pierre Bandau ſein Haus verließ, um ſeinem nächtlichen Gewerbe nachzugehen. Aus dem Schatten des gegenüberliegenden Hauſes trat eine dunkle Geſtalt heraus, die dem buckligen Manne nachblickte, bis derſelbe hinter der nächſten Ecke verſchwunden war. Er ſchien nicht zu bemerken, daß ein anderer Mann in ſeiner Nähe ſtand, der den Vorſprung einer Mauerecke benutzte, um in ſeinem Verſteck unerkannt zu bleiben. Langſam ſchritt er auf das Haus des Wucherers zu, der Andere trat einen Schritt vor, um ihn zu beobachten. Die Thüre wurde geöffnet und der Mann, der kein anderer war, als Erneſt Lafleur, trat in das Haus. Louiſon ſchloß hinter ihm die Thüre. „Gott ſei Dank, daß Sie gekommen ſind“, ſagte ſie mit bebender Stimme,„ich hätte die drückende Laſt nicht länger tragen können. Haben Sie Alles, was wir bedürfen?“ „Alles“, erwiderte Erneſt.„Seien Sie ganz ruhig, mein Frau⸗ lein, wir werden Paul retten.“ 4„Das gebe Gott.“ Die Beiden waren inzwiſchen in die Wohnſtube eingetreten, eine brennende Laterne ſtand auf dem Tiſche. „Ich hätte Ihnen gern ein Glas Wein angeboten“, ſagte das Mädchem,„aber wir haben keine Flaſche davon im Hauſe. Mein Vater trinkt nichts außer Waſſer—“ „Ich bedarf nichts“ unterbrach Erneſt ſie begütigend, während er 7 ſich in dem kahlen Zimmer umſah,„aber Paul wird am Ende ſehr ſchwach ſein.“ Louiſon nickte und näherte ſich dem Tiſche. „Sie werden dann für ihn ſorgen“, ſagte ſie.„Wenn es uns gelingt, ihn zu befreien, darf er in ſeine alte Wohnung nicht zurück⸗ kehren, der Marquis würde ihn dort ſuchen laſſen.“ „Wer iſt dieſer Marguis?“ fragte Exneſt. — h. ge⸗ , als werbe unkle rſelbe ſeiner im in Andere wor, aunen. Frau⸗ eine 3 das Mein rend er de ſehr 63 un3 zuũc⸗ — 35— „Ich weiß es nicht, und wenn ich es wüßte, dürfte ich es Ihnen nicht ſagen. Ich glaube, Niemand kennt ihn, außer dem Herrn von Segur, der ein zu großer Schurke iſt, als daß man mit ihm ein Geheimniß theilen dürfte.“ „Ah, das iſt der Burſche, der Ihnen den ſchändlichen Antrag machte?“ „e „Und Sie haben heute nichts mehr von ihm gehört?“ „Nein. Er war zwar am Morgen hier, aber er ging in das Geſchäftszimmer meines Vaters, ich ſah ihn nicht, ich hörte nur ſeine Stimme.“ „Und Sie haben auch nichts unternommen für die Befreiung Pauls?“ „Was ſollte ich thun? Ich durfte mit meinem Vater nicht mehr darüber reden, es würde ſeinen Argwohn geweckt, ihn vielleicht ver⸗ anlaßt haben, die Schwierigkeiten, die uns ohnedies entgegenſtehen, zu vermehren.“ „Und haben die Verſchworenen heute wieder eine Zuſammenkunft gehabt?“ „Ja. Mein Vater war heute Abend lange abweſend, und wie ich gehört zu haben glaube, ſoll ein Mitglied der republikaniſchen Regierung der Verſammlung beigewohnt haben. Man will die Re⸗ publik um jeden Preis erhalten, man fürchtet Thiers und Trochu, die man vorläufig benutzen will.“ „Wohlan, ſchreiten wir an's Werk“, ſagte Erneſt, aus ſeinem Sinnen auffahrend,„ich hoffe, man wird uns nicht ſtören.“ „Vor Tagesanbruch kehrt mein Vater ſelten heim.“ „Gut, bis dahin werden wir unſer Werk beendet haben.“ Louiſon nahm die Laterne und den Schlüſſelbund, der neben der letzteren lag, der junge Mann folgte ihr. Sie ſtiegen die enge, ſchmale Treppe hinunter, als ſie unten auf dem naſſen, ſchlüpfrigen Boden angelangt waren, blieb Erneſt ſtehen. „Sollten wir überraſcht werden, ſo denken Sie nur an ſich, mein Fräulein“, ſagte er.„Kümmern Sie ſich nicht um mich, es lönnte zu einem Kampfe kommen, in dem Sie mir nur hinderlich wären. Vielleicht wird dann morgen oder übermorgen ein junges Mädchen Sie beſuchen, um ſich nach meinem Schickſal zu erkundigen, vertrauen Sie ihr ganz und berathen Sie mit diefer Freundin, was für mich geſchehen kann.“ 0 — 86— „Ich werde Sie nicht verlaſſen“, crwiderte Louiſon, indem ſie ine Thüre öffnete,„aber ich wüßte auch nicht, wer uns überraſchen ſollte.“ „Geſchieht es, dann folgen Sie meinem Rathe. Wohin führen dieſe Thüren?“ „Es ſind Gewölbe, die nicht benutzt werden.“ „Beſitzen Sie die Schlüſſel?“ „Ja.“ „Dann möchte ich Sie bitten, zu öffnen; wir müſſen alle Ge⸗ heimniſſe dieſes Kellers erforſchen, der einen ſehr großen Umfang zu haben ſcheint.“ „Und unter ihm liegen die Katakomben, das ungeheure Labyrinth der unterirdiſchen Todtenſtadt, in der ſo viele, ſo unzählige Todten⸗ gebeine aufgehäuft ſein ſollen“, ſagte Louiſon, während ſie den Schlüſſel zu der Thüre ſuchte, vor der ſie ſtand.„Waren Sie ſchon in dieſem Labyrinth?“ Erneſt nickte. „Cinmal“, erwiderte er,„aber ich möchte den Ort des Grauens und Entſetzens nicht mehr betreten. Er iſt das Reich der Todten, er erſtreckt ſich in ſtundenlanger Ausdehnung unter der Hälfte von Paris, und wer ſich in dieſen Gängen verirrt, der iſt unrettbar dem Tode verfallen. Mit Todtenſchädeln und Menſchengebeinen ſind die Mauern rechts und links tapeziert, man ſieht da Kreuze und Kränze, Inſchriften und Arabesken von Menſchenknochen. Man findet Säulen und Pfeiler, Kanzeln und Altäre aus Knochen und Schädeln gebildet. Da ſind die Schädel von Feldherren und Staatsmännern, von be⸗ rühmten Dichtern und hohen Herren, von ſchönen Frauen und Her⸗ zoginnen, von Arm und Reich bunt durcheinander geworfen, und wer vermag zu ſagen, wem der Schädel angehörte, in deſſen Augenhöhlen jetzt eine Ratte niſtet!“ „Entſetzlich!“ ſagte Loniſon erſchreckt. „Als die alten Kirchhöfe geräumt wurden, ſchüttete man den In⸗ halt aller Gräber in die Katakomben, es war ein wüſter Berg von Menſchengebeinen, in dem man dann nachher Ordnung brachte, als man auf den Gedanken kam, die Wände mit ihm zu tapezieren.“ „O, der Gedanke daran iſt gräßlich!“ erwiderte das Mädchen, deren Wangen erbleicht waren.„Das wußte ich noch nicht, nun wird es mir manche Stunde verbittern.“ 227 — 8— „Erſchreckt Sie der Gedanke, über dieſer Todtenſtadt zu wohnen, ſo ſehr?“ „Gewiß, zumal ich weiß, daß unſer Haus durch eine geheime Thüre mit ihr in Verbindung ſteht.“ „Mein Gott, wenn Paul— aber nein, daran dürfen wir nicht denken. Was enthalten dieſe Kiſten und Fäſſer?“ „Lebensmittel.“ „Ah, Vater Bandau iſt ein ſehr vorſichtiger Mann, er will ſich vor dem Hunger ſchützen.“ „Und die anderen Gewölbe nebenan dienen ebenfalls zur Auf⸗ bewahrung von Lebensmitteln“, ſagte Louiſon.„Aber ich bitte Sie, darüber zu ſchweigen.“ „Ich verſtehe, Pierre Bandau fürchtet den Zorn des hungernden Volkes, wenn es erfährt, daß er die Schrecken des Hungers benutzt, um ſeine Habgier zu befriedigen“, ſagte Erneſt ſarkaſtiſch.„Ich werde ſchweigen.“ „Und ich werde die Kenntniß dieſes Geheimniſſes benutzen, um das Elend der Armen zu mildern, ſo viel es in meinen Kräften ſteht“, erwiderte Louiſon, während ſie die Thüre wieder ſchloß. „Glauben Sie nicht, daß ich die Handlungsweiſe meines Vaters bil⸗ lige, ich verabſcheue den Geiz, die Habgier und den Wucher, aber wie kann ich ihm entgegentreten? Ich bin ein ſchwaches Mädchen und als ſein Kind ihm Gehorſam ſchuldig.“ Sie hatte, während ſie dies mit bewegter Stimme ſagte, eine andere Thüre geöffnet, und die Beiden traten jetzt in das große Ge⸗ mach, in welchem die Verſchworenen ſich zu verſammeln pflegten. Flaſchen und Gläſer ſtanden noch auf dem langen Tiſche, Erneſt füllte ſich ein Glas und trank es aus, während er mit flüchtigem Blick die Karrikaturen an den Wänden muſterte. „Ich hatte mir das Alles düſterex, geheimnißvoller vorgeſtellt“, verſetzte er,„nun möchte ich faſt glauben, daß es eine ſehr harmloſe Verſchwörung ſei.“ „Wenn einer der Verſchworenen ahnte, daß Sie dieſen Raum betreten haben, ſo würde auf Schritt und Tritt Ihnen ein Meuchel⸗ mörder folgen“, entgegnete Louiſon ernſt.„Bewahren Sie das Ge⸗ heimniß, wenn auch die Veröffentlichung deſſelben jetzt nicht mehr ſo gefährlich für die Verſchworenen wäre, ſie würden dennoch den Ver⸗ rath rächen. Hier iſt das Allerheiligſte.“ — 388— Sie traten in das Kabinet des Marquis, deſſen düſtere Ausſtat⸗ tung einen beängſtigenden Eindruck auf den jungen Mann machte. „Alio hier iſt der Ort?“ fragte er mit gedämpfter Stinune. „Wenn Herr von Segur die Wahrheit geſagt hat, ja.“ „Und die Fallthüre?“ „Soll vor dieſem Biiche ſein.“ „Ah— hier, wo der Teppich zerſchnitten iſt“, ſagte Erneſt, in⸗ dem er niederkniete und auf den Fußboden klopfte.„In der That, der hohle Schall beſtätigt die Ausſage Segun's.“ Louiſon war an den Tiſch getreten, ſie betrachtete aufmerkſam alle Gegenſtände, die ſich auf demſelben befanden. „Wenn wir nur wüßten, wie dieſe Thüre geöffnet werden kan fuhr Erneſt nachdenklich fort, während er den Fußboden unter dem Teppich unterſuchte.„Ich entdecke noch nichts, was mich auf eine Spur führen könnte!“ „Ich glaube, wir müſſen das Geheimniß hier ſuchen“, ſagte Loniſon,„hier ſitzt der Marquis, und die Vermuthung liegt nahe, daß er von ſeinem Sitze aus die Fallthüre öffnen kann.“ Erneſt hatte ſich erhoben, er ſtand jetzt neben dem Mädchen, ſein Blick ſiel auf den Meſſingknopf. „Vielleicht iſt es das“, ſag und die Woyte waren noch nich Geräuſch ſeine Aufmerkſamkeit feſſel Vor dem Tiſche war plötlich eine Oeffnung entſtanden, kein Zweiſel mehr, das Geheimniß war entdeckt. Ein leiſer Freudenſchrei entfuhr den Lippen des Mädchens. „Er iſt gerette tl“ ſagte ſie. Erneſt knöpſte ſeinen Rock auf, und man ſah jetzt, daß er eine dünne Strickleiter um den Leib geſchlungen hatte, die er raſch abwickelte. Sl te er, indem er au den Knopf drückte, t über ſeine Lippen, als ein rolleudes 2 „Sagt gerettet, wenn e9 ſich in dieſer Höhle beſindet“, erwiderte er, aber faſt fürchte ich— Er brach ab, der Blick Louiſon's war mit ſieberhafter Spannung auf ihn gerichtet. „Was fürchten Sie?“ fragte ſie. „Ich höre keinen Laut.„Paul würde doch ſofort ein Zeichen ſeiner Anveſenheit gegeben haben.“ Louiſon kniete ſchon neben der Oeffnung und rief den Namen des Geliebten. ltg fel — 39— Unten in der ſchwarzen Nacht blieb es ſläll, vergeblich horchten die Beiden auf eine Antwort Erneſt befeſtigte die Strickleiter auf dem Fußboden und Keß ſie in die Oeffnung hinunterhangen, dann nahm er eine Laterne und ein Piſtol vom Tiſche. „Warten Sie hier“, ſagte er in beruhigendem Tone.„Vielleicht ſchläft er, oder eine Ohnmacht hält ſeine Sinne umfangen, ich werde rufen, ſobald ich ihn gefunden habe.“ „Ich werde Sie be Neiten“ erwiderte Louiſon, vor Erregung zilternd. „Nein, nein, das iſt nichts für Sie!“ „O, ich werde ſtark 83 muthig ſein.“ „Ich bezweifele das nicht, aber da unten können Sie mir nichts nutzen“, verſetzte Erneſt in eincm Tone, der keinen Widerſpruch duldele. „Bleiben Sie, gedulden Sie ſich nur fünf Minuten.“ Er ſtieg langſam die Leiter hinunter, Louiſon beugte ſich über die Oeſſnung und wartete mit fieberhafter Ungeduld. Sie ſah den jungen Mann in der Finſternis verſchwinden, die das trübe Licht der Laterne nicht zu durchdringen vermochte, ſie ſah den ſchwachen Lichtſchein immer weiter ſich entfernen, bis er endlich ganz ihrem Blick entſchwand. Endlich, endlich drang ein Ruf aus der Tiefe herauf. „Die Fallthüre zu den Katakomben iſt offen“, rief Erneſt,„Paul hat auf dieſem gefahrvollen Wege die Flucht verſucht.“ Das Mädchen ſchrie entſetzt auf „Werfen Sie mir die Stri leite r hinunter“, fuhr Erneſt fort, „mir bleibt jetzt nichts andres übrig, aſs in die Katakomben hinab⸗ zuſteigen.“ Keines Gedankens mehr fähig, löſte Louiſon die Haken der Leiter, die im nächſten Augenblick in die Tiefe hinunterfiel. „Warten Sie nicht auf mich“, rief Erneſt noch einmal hinauf nbeten Sie, daß Gott mein Werk gelingen laſſen möge.“ Louiſon hörte noch eine kurze Weile ein leiſes Geräuſch, dann ward es wieder ſtill, Erneſt mußte jetzt in die Katakomben hinunterge⸗ ſtiegen ſein. „Aber was war das!“ Erſchreckt fuhr ſie empor, ſie glaubte Schritte zu hören, und jetzt war es ihr auch, als vernehme ſie die ranhe Stimme ihres Vaters. — 90— Wenn er ſie hier fand? Lber nein, er konnte es nicht ſein, er kehrte nie ſo früh zurück; ſie mußte ſich getäuſcht haben, es war wohl nur ein Phantaſiegebilde ihrer überreizten Nerven. Da drang plötzlich ein Lichtſtrahl in das Kabinet, und auf der Schwelle ſtand der Lumpenſammler mit ſeiner Blendlaterne, hinter ihm über ſeine Schulter hinweg ſah Louiſon in das fahle abgelebte Geſicht Segur's. Der Wucherer hatte die Laterne erhoben, ihr Licht ſiel voll auf das zitternde Mädchen. „He, was haſt Du hier zu ſchaffen?“ fragte er rauh.„Wer hat Dir das Recht gegeben, hier einzudringen? Wer ſagt Dir, wo Du meine Schlüſſel finden würdeſt, und wie dieſe Thüre geöffnet werden könne?“ „Vor allen Dingen, mein ebenſo kluges, als ſchönes Fräulein, werden Sie uns ſagen müſſen, wo der Mann ſich befindet, der vor einer Stunde ſich in dieſes Haus ſchlich“, nahm Herr von Segur das Wort, indem er ſich dem Mädchen näherte.„Was Sie hierher führte, iſt nicht ſchwer zu errathen, aber ich bewundere Ihren Muth, der Ihnen erlaubte, das kühnſte Wagniß zu unternehmen.“ „Wo iſt der Kerl?“ rief Pierre Bandau.„Gib Antwort, Möd⸗ chen, wo hat der Burſche ſich verſteckt 271 Louiſon hatte inzwiſchen ihre Faſſung wieder gefunden, ſie begriff, daß ſie nicht mehr verrathen durfte, als die Beiden ſchon wußten.. „Ich verſtehe die Worte dieſes Herrn nicht“, ſagte ſie mit er⸗ zwungener Ruhe.„Es war meine Abſicht, einen Unglücklichen zu retten, und wer dies Geheinniß mir verrathen hat, wird Herr von Segur ſo gut, wie ich wiſſen.“ „Aber Herr von Segur hat geſehen, daß ein Mann in dieſes Haus trat, als ich es kaum verlaſſen hatte.“ Ein Blick der Verachtung traf aus den dunklen Augen Leuiſon's den Wüſtling, der ſpöttiſch lächelnd neben dem Wucherer ſtand. „Daß Herr von Segur die Rolle eines Spions mit ſeiner Chre vereinbar hält, bezweifle ich nicht“, antwortete ſie,„aber ſeine Angabe iſt darum doch nichts weiter, als eine böswillige Lüge, die meinen guten Ruf gefährden ſoll.“ „Du biſt allein hier?“ fragte der Alte. „Ja.“ —,.,—,— or Rer 663 — 91— „Und haſt keinen Mann geſehen? Herr von Segur, Sie ſahen ihn in mein Haus treten.“ Der Wüſtling zuckte die Achſeln, ſein Blick ruhte unverwandt auf dem todtenbleichen Geſichte des Mädchens, er ahnte, was in ihrer Seele vorging und glaubte vielleicht, dadurch, daß er ihre Partei ergriff, ihre Gunſt ſich erwerben zu können. „Ich will es nicht mit Sicherheit behaupten“, ſagte er ausweichend, „ich kann mich getäuſcht haben, die Wahrheitsliebe des Fräuleins darf ich nicht in Zweifel ziehen.“ Pierre Bandau hatte eine von den beiden Kerzen, die auf dem Tiſche ſtanden, angezündet, er drückte auf den Knopf, die Oeffnung ſchloß ſich wieder. „Darf ich Sie bitten, mich hier zu erwarten?“ wandte er ſich zu dem Edelmann, der bejahend nickte.„Louiſon, folge mir, ich werde Dich in Dein Zimmer führen.“ Tief aufathmend gehorchte das Mädchen, mit dieſen Beiden konnte ſie den Kampf nicht aufnehmen. Der Gedanke an das Loos ihrer Freunde war ihr entſetzlich, aber was konnte ſie thun, um ſie zu retten? Sie wußte es nicht, und es war ihr in dieſem Augenblicke auch nicht möglich, darüber nachzudenken. Mechaniſch, mit ſchwankenden Schritten folgte ſie dem Vater durch die engen, feuchten Gänge, die ſteile Treppe hinauf, bis in ihr Schlafgemach. Und als ſie jetzt in das verzerrte, pockennarbige Geſicht des alten Mannes ſchaute, erſchrak ſie, es ward ihr klar, daß ſie auf Schonung und Verzeihung nicht rechnen durfte. „Wer gab Dir die Schlüſſel?“ fragte er rauh. „Ich nahm ſie.“ „Und woher wußteft Du, wo ich ſie aufbewahrte? Wer ſagte Dir, daß Du ſie unter den Dielen meines Schlafzimmers finden würdeſt?“ „Ich wußte es.“ „So haſt Du ſpionirt, und ich darf nun wohl auch vermuthen, daß Du es thateſt, um mich zu beſtehlen.“ „Daran habe ich nicht gedacht!“ „Bah, ich glaube Dir nicht“, verſetzte der Geishals, ich muß jetzt Dir Alles zutrauen, Lüge und Diebſtahl.“ „Vater!“ fuhr Louiſon erregt auf. „Wir werden das ſpäter unterſuchen, morgen; in dieſem Augen⸗ blicke fehlt mir die Zeit und die Luſt dazu. Du wollteſt den Ver⸗ räther befreien, es muß alſo etwas Wahres an ſeiner Behauptung ſein, und ich war ein Narr, daß ich Dich von dem Schicſſal dieſes Burſchen unterrichtete. Deine Bemühungen wären erfolglos geblieben, aus jenem Kerker gibt es keine Rettung. ber Du könnteſt unſer Geheimniß ausplaudern wollen, das müſſen wir verhindern. Du wirſt dieſes Zimmer ohne meinen Willen nicht verlaſſene was Du bedarſſt, um Dir Dein Leben zu friſten, bringe ich Dir, von Dir allein wird es abhängen, wie lange Deine Gefangenſchaft dauern ſoll. Ich denke, Du wirſt nun Zeit genug finden, über Deinen Ungehorſam und Dein Vergehen nachzudenken; ich verzeihe Dir nicht eher, als bis Du ernſtlich bereut haſt.“ Der alte Mann ging hinaus und ſchloß hinter ſich die Thüre zu, er zog den Schlüſſel ab und ſteckte ihn in die Taſche. Dann kehrte er auf demſelben Wege in das Cabinet zurück, in welchem Herr von Segur ihn erwartete. Der Edelmann wandelte in Nachdenken verſunken auf und nieder als der Wucherer eintrat, er ſchien mit einem Plane beſchäftigt zu ſein, über den er ſo raſch nicht mit ſich ins Reine kommen konnte. „Nun?“ fragte er, ſtehen bleibend und die glühenden Augen forſchend auf den Alten richtend.„Hat ſie die Wahrheit bekannt?“ „Sie wollte den Verräther befteien, 41 „Und der Mann, dur ſich in Ihr Haus ſchlich?“ „Sie will ihn nicht geſehen haben.“ Herr von Segur 1 ß ſich in einen Seſſel nieder und drehte an der Spitze ſeines ſchwarzen Schnurrbartes „Ich habe Sie auf den nächtlichen Beſuch aufmerlſam gemacht, den mir ein Zufall verrieth“, ſagte er,„ich ſuchte Sie auf, und Sie werden ſich erinnern, daß ich Ihnen meine Miltheilungen im Tone der Ueberzeugung machte.“ „Sie beharren alſo dabei, daß der Unbekannte in mein Haus ge⸗ treten iſt?“ „Ja, aber es iſt auch möglich, daß er es wieder verließ, während ich Sie aufſuchte.“ 1. Der Wucherer nickte, jetzt ward ihm die Sache klar. „Sie werden daraus den Schluß ziehen müſſen, daß es hohe Zeit t — 93— iſt, Ihre ſchöne Tochter unter die Haube zu bringen“, fuhr der Wüſt⸗ ling in ſarkaſtiſchem Tone fort,„alſo bedenken Sie ſich nicht lange, öffnen Sie Ihren Geldſchrank und ſtatten Sie das Mädchen ihrem Vermögen gemäß aus, die Freier ſcheinen ſich bereits gefunden zu haben, und im Grunde kann es Ihnen gleichgültig ſein, wer ſie als ſeine Frau heimführen wird.“ „Holla!“ fuhr der Geizhals auf.„Das iſt mir ganz und gar nicht gleichgültig, mein Herr!“ „Ah bah, die Tochter eines Lumpenſammlers darf keine große Anſprüche machen, und die reichen Roués am kaiſerlichen Hofe, auf welche Sie gerechnet haben, ſind auch verſchwunden. Alſo was wollen Sie? Louiſon wird einen Handwerker oder einen Arbeiter heirathen, Sie werden den Beiden die Haushaltung einrichten und greifen ihnen unter die Arme, wenn der Mann nichts verdient.“ „Lieber möchte ich mein Kind im Sarge ſehen!“ rief der Wucherer ärgerlich. „Aber ſo wird's kommen, und Sie können es nicht ändern“, ſagte der Wüſtling höhniſch. „Ich werde ſelbſt ihr den Mann beſtimmen!“ „Inzwiſchen geht Louiſon bei Nacht und Nebel mit einem Pro⸗ letarier auf und davon. „Dann enterbe ich ſie.“ „Und Ihr Kind ſtirbt im Elend.“ „Was küm merus mich, wenn ſie es nicht anders will“, entgegnete der Alte, indem er aus ſeiner Horndoſe eine Priſe nahm.„In Paris ſterben täglich Menſchen im Elend, die es beſſer hätten haben können.“ „Hm“, es gibt einen andern Weg“, warf Segur ein.„Louiſon iſt ein ſchönes Mädchen, und ich kenne Herren genug, die ein Lächeln von dieſen ſchönen Lippen mit Gold aufwiegen würden.“ „Und zu dieſen Herren zählen Sie wohl auch?“ fragte Pierre Bandau höhniſch. „Wäre es ein Unglück für Louiſon, wenn ihre Reize einen ſo mächtigen Eindruck auf mich gemacht hätten? Ich begreife nicht, daß Sie nicht längſt ſchon auf dieſen Weg aufmerkſam geworden ſind. Louiſon würde nicht nur Ihre Kaſſe nicht mehr in Anſpruch nehmen, ſondern auch in die Lage kommen, elwas von ihrem Ueberfluß Ihnen abzugeben. Ihr Haus iſt groß, es hat gewiß in der erſten Etage ſchöne Räume, dort könnte Louiſon ihre Salons einrichten. Bedenken V 1 —— 94— Sie die Vortheile, die ſich daran für Sie knüpfen würden! Sie könnten die Beſuche kontroliren, mit den reichen Herren Privatge⸗ 5 ſchäfte machen, die Kaſſe der jungen Dame verwalten und einen ſehr einträglichen Handel mit Champagner treiben, der Ihnen großen Nutzen abwerfen würde. Wenn man das Geſchäft verſteht, Vater Bandau, muß man ein reicher Mann dabei werden, und daß ſie es verſtehen, weiß Jeder. Sie ſparen nicht allein alle Ausgaben für Louiſon, d ſondern auch die Mitgift, und man wird nicht mehr von der Tochter des Lumpenſammlers, ſondern von der Königin der Schönheit he ſprechen.“ Die böſe Saat, die der Wüſtling ausſäete, ſchien in der Seele des Geizhalſes einen fruchtbaren Boden zu finden, er wandelte ſchweigend, in Sinnen verſunken, auf und nieder, während von Zeit zu Zeit ſein lauernder Blick verſtohlen das fahle Geſicht des Edelmanus ſtreifte. „Nein, daran habe ich noch nie gedacht“, brach er endlich das Schweigen,„ich hatte ein beſſeres Loos für meine Tochter im Auge.“ f „Mag ſein, aber dies Ziel iſt nun in weite Ferne gerückt. Wir haben kein Kaiſerreich, keinen glänzenden Hof mehr, der Adel Frauk⸗ 5 reichs iſt geflüchtet, und Paris geht einer ſchweren, trüben Zeit ent⸗ gegen. In der franzöſiſchen Republik iſt Alles glanzlos und nüchtern, und wenn ein Arbeiter kommt und um die Hand Louiſon's wirbt, ſo dürft Ihr als guter Patriot die Werbung eines braven Republikaners nicht zurückweiſen. Die Zeit der Aernte iſt vorüber, alter Mann, es gibt keine Edelleute mehr, die ſich ruiniren, aber es gibt noch reiche Männer genug, die vor der Schönheit des Weibes ihre Kniee beugen. Macht zu Gelde, was Ihr habt, verwerthet Euer todtes Kapital und ſorgt, daß es Zinſen trägt. Man wird in Mabille nicht mehr tanzen, in der Maiſon D'oree nicht mehr für hundert Francs das Couvert diniren, Paris wird ernſt und öde ſein. Aber darum feiert die Freude doch noch im Verborgenen ihre Feſte! Oeffnet Euer Haus der Freude, und man wird Euch mit Goldregen überſchütten.“ Der Wucherer ſchüttelte den Kopf, aber das Funkeln ſeiner Augen verrieth doch, daß der Vorſchlag des Wüſtlings Anklang bei ihm fand. „Ich könnte das nicht verantworten“, ſagte er. Herr von Segur lachte höhniſch. „Können ſie verantworten, daß Louiſon den Bund verrathen 3 wollte?“ fragte er 4 „Das wird Niemand erfahren.“ ²—„— „Wenn der Marquis es erſühre, würde er kurzen Prozeß machen, nicht allein mit ihr, ſondern auch mit Ihnen.“ „Was kann er mir vorwerfen.“ „Mangel an Vorſicht und Wachſamleit!“ „Jeder kann betrogen werden.“ „Aber dieſer Vetrug wäre unmöglich geweſen, wenn Louiſon ſich der Schlüſſel nicht hätte bemächtigen können.“ Der Alte war ſtehen geblieben, wenn ſein Blick eine toͤdtende Kraft beſeſſen hätte, würde er den Edelmann vernichtet haben. „Sie werden ſchweigen“, ſagte er drohend. „Nur unter einer Bedingung.“ „Und die lautet?“ „Daß Sie meinen Rath befolgen!“ Der Wucherer zuckte zuſammen. „Was kann Ihnen daran liegen, ob ich ihn befolge oder nicht?“ fragte er rauh. „Herr, ich ſagte Ihnen ſchon, daß die Schönheit Louiſon's mich bezaubert habe.“ „He und da verlangen Sie von mir—“ „Alter Herr, weshalb ereifern Sie ſich ſo ſehr? Ich verlange von Ihnen nichts, ich erlaube mir nur, Ihnen einen Rath zu geben, für den Sie mir dankbar ſein müßten. Sie gewinnen dadurch Geld, Sie Sorgen dadurch für die Zukunft Ihrer Tochter, die zu hüten Ihnen nun ſchwer fallen muß. In welche Beziehungen ich dann zu Ihrem Kinde trete, kann Ihnen ſehr gleichgültig ſein, und wenn ich auch keins von den Schafen bin, die für Leute Ihresgleichen goldene Wolle tragen, ſo—“ „Genug, mein Herr!“ fiel Pierre Bandau ihm barſch ins Wort, „Wenn ich auch wollte, Louiſon wird niemals dieſen Weg betreten.“ „Bah, wird ſie dem Glanz des Goldes widerſtehen kömten?“ „Gewiß.“ „Behaupten Sie das nicht, ein koſtbarer Diamantſchmuck oder eine prachtvolle Robe haben ſchon oft eine ſpröde Schöne zur Kapi⸗ tulation bewogen. Aller Anfang iſt ſchwer“, fügte der Wäſtling mit beißendem Hohn hinzu,„aber wenn der erſte Schritt einmal gethan iſt, dann denkt man nicht mehr an die Umkehr.“ „Und die Reue hinkt nach.“ „Die Reue? Wenn man in Ueberfluß lebt und jeden Wunſch er⸗ — 96— füllt findet, denkt man nicht an die Reue, man hat dann weder Zeit noch Luſt, über vergangene Dinge nachzudenken.“ „Sie wird es nicht thun“, murmelte der Alte, deſſen eigene Be⸗ denken gegen die Schande ſeines Kindes mehr und mehr zu ſchwinden ſchienen. „So muß man ſie zwingen!“ warf Segur ein. „Zwingen? Wer könnte cs?4 „Ich.“ „In welcher Weiſe?“ „Ich kenne eine alte Hexe, die einen vortrefflichen Liebestrank zu brauen verſteht. Ueberlaſſen Sie die Sache mir, mein Beſter, Louiſon ſoll ſich freiwillig in meine Arme werfen.“ 4 „Berauſcht von dem Liebestrank—“ „Was ſchadet das? Wenn die Sache geſchehen iſt, wird Louiſon einſehen, daß es keine Umkehr für ſie gibt, und daß ſie nichts Veſſeres thun kann, als auf der Bahn weiter zu ſchreiten.“ „Und mir würde ſie fluchen.“ „Auf Sie fällt kein Vorwurf; ich will Ihnen ſogar erlauben, mir nach geſchehener That die derbſten Grobheiten zu ſagen, dantit Sie auch den Schein wahren.“ Pierre Bandau hatte ſeine Wanderungen wieder aufgenommen, er athmete ſchwer und mühſam, wie Einer, der mit einem Entſchluſſe ringt und ſeine Bedenken gewaltſam zu beſiegen ſucht. Die Habgier dieſes Menſchen war durch die Worte des Verſuchers geweckt, Victor von Segur kannte den Alten, er wußte nur zu gut, daß dieſer herzloſe, habſüchtige Mann ſeiner Selbſtſucht Alles, auch das Theuerſte opfern konnte. Und im Grunde genommen, war es ja immerhin ein beneidens⸗ werthes Loos, dem Louiſon entgegenging, beneidenswerther, als wenn ſie das Weib eines armen Arbeiters wurde und ihr ganzes Leben mit drückenden Sorgen kämpfen mußte. So dachte der Geizhals, vor deſſen Augen ſchon das Gold und die Edelſteine funkelten, die dieſer ſchmachvolle Handel ihm ein⸗ bringen ſollte. „Ich dürfte in keiner Weiſe compromittirt werden“, ſagte er nach einer Pauſe.„Ich kann Louiſon nicht zwingen, dieſen Rath zu he⸗ folgen, mein Gewiſſen würde mir dies verbieten.“ „Wie Sie überhaupt ein Zerwürfniß mit ihr vermelden müſſen“, r Zeit ne Ve⸗ lwinden ant zu Louden Louiſen geſſeres auben, dalkit wen, lichluſſe ſucherz zu gul 5 uch idens⸗ wenn Lebell ld und m ein⸗ dr uich 1 he⸗ 6 (H. 3.) Der Fall der Vendome⸗Säule zu Paris. 1 1 97— erwiderte Segur kalt, indem er ſich erhob.„Alſo iſt die Sache ab⸗ gemacht.“ „Wir ſprechen noch weiter darüber?“ „Sie weichen mir noch immer aus?“ „Gönnen Sie mir eine kurze Bedenkzeit, ich möchte doch zuvor wiſſen, wie Louiſon darüber denkt.“ „Verrathen Sie ihr nichts“, ſagte der Wüſtling haſtig,„wenn ſie uns in die Karte blickt, haben wir das Spiel von vorn herein verloren. Ich werde mit der Hexe reden und mir den Trunk verſchaffen, dann iſt die Geſchichte ſehr einfach. Inzwiſchen beobachten Sie Louiſon ſcharf, der Rettungsverſuch iſt ihr nicht geglückt, ſie könnte ihn wieder⸗ holen, oder gar unſer Geheimniß verrathen wollen, um ihn zu befreien.“ „Verrath würde ſie nicht zum Ziele führen“, erwiderte der Alte ruhig, indem er ſeine Laterne nahm.„Unter dem Kerker des Ver⸗ urtheilten ſind die Katakomben, dort ſucht und findet ihn Niemand. Der Bund würde rechtzeitig ſeine Maßregeln treffen, um den Burſch en verſchwinden zu laſſen. Aber ich werde das Mädchen bewachen, ſie darf ihr Zimmer nicht verlaſſen.“ „Das genügt“, nickte Segur, der unterdeſſen in das größere Ge⸗ mach getreten war,„und vor allen Dingen darf der Marquis nichts erfahren.“ Der Verſammlungsſaal der Geſchworenen hatte drei Thüren eine führte in das Cabinet, die zweite in das Gewölbe des Wucherers uc), 18, 1 —— Am oberen Ende dieſer Treppe befand ſich wieder eine Thür, Er befand ſich jetzt in einer engen, dunklen Gaſſe; nachdem er ſich nach allen Richtungen umgeſchaut hatte, ſchritt er eiligſt von dannen. Sechſtes Kapitel. Im Saale der Lorette. In der ſehr reichen und vornehmen Rue Richelieu bewohnte Jenny ouſſon die ganze erſte Etage eines eleganten Hauſes, und in dieſen N. 7 M — 98— mit allem erdenklichen Luxus ausgeſtatteten Räumen war am Abend des ſechsten September eine ſehr heitere Geſellſchaft verſammelt. Die Tafel in der Mitte des Salons war mit Schüſſeln und Tellern, mit Champagnerflaſchen und Gläſern beladen, prachtvolle Blumenbouquets in koſtbaren Vaſen, geſchliffene Kryſtall⸗Pokale und ſilberne Armleuchter verliehen ihr eine beſondere Zierde. Der Marquis nahm den Ehrenplatz ein, neben ihm ſaß Jenny, die ſich indeß mehr mit Herrn von Segur als mit ihm beſchäftigte. Mehrere junge und hübſche Damen, und eben ſo viele elegante Herren, unter denen einige ſich in Uniform befanden, bildeten die übri geGeſellſchaft, die in ausgelaſſener Laune lachte und ihren Spott mit den Gefahren trieb, die gleich ſchwarzen, gewitterſchwangern Wolken über dem modernen Babel an der Seine hingen. Nur der Marquis war ſtill und ſchweigſam, ſelten umzuckte ein flüchtiges Lächeln ſeine Lippen, er ſchien an dem Scherz und Spott der Uebrigen keinen Gefallen zu finden. „Mögen ſie kommen, die Barbaren!“ rief Jenny übermüthig, ihr Glas erhebend.„Sie werden vor Paris ihr Grab finden, und wenn es ihnen gelänge, eine Breſche zu ſchießen, ſo würden ſie in den Straßen von Paris vernichtet werden. Es lebe die Republik!“ Die meiſten Gäſte ſtimmten in den Ruf ein, der Marquis trank langſam ſein Glas aus. „Welche Maßregeln ſind getroffen, Herr von Dombrowski?“ wandte er ſich zu einem Offizier der Nationalgarde.„Man ſagte mir, Sie ſeien die Seele der Vertheidigungsarbeiten.“ „Wir werden ſiegen“, erwiderte der Offizier im Tone der Zu⸗ verſicht.„Wenn die Preußen nicht binnen acht oder zehn Tagen vor den Thoren ſtehen, ſind wir mit unſerer Arbeit fertig. Die Fort⸗ ſind armirt und mit hinreichender Munition verſehen, neue, ſtarke Verſchanzungen aufgeworfen, die Wälle mit Geſchützen geſpickt. Die Minen überall gekegt— ah, wir werden gande Dioiſionen in die Luft ſprengen.“ „Wer iſt dieſer Herr?“ fragte Segur leiſe, indem er ſich zu Jenny wandte. „Wie? Sie kennen ihn nicht? Herrn von Dombrowski, ein Pole und ein glühender Republikaner. Er war der Hauptchef der letzten polniſchen Revolution und widerſtand der ruſſiſchen Arme mehrere Monate lang. Später war er General unter dem Befehl ‿ — 968— bend die Garibaldi's. Man ſagt, er habe auch im Kaukaſus gegen die Ruſſen mit gekämpft, wer er auch ſein mag, jedenfalls iſt er ein Republikaner uets mit Leib und Seele. chter„Wir haben Lebensmittel genug“, fuhr Dombrowski fort,„alle mit ihren zahlreichen Viehheerden unſern Beſtand an friſchem Fleiſch Magazine ſind gefüllt, und die Landleute aus der Umgebung werden vermehren. Und was unſere Streitkräfte anbelangt, ſo dürfen wir ante auch in dieſem Punkte ganz ruhig ſein. General Clement Thomas die befehligt die erſte Armee, die aus zweihundertſechsundſechszig Ba⸗ mit taillonen beſteht; General Ducrot wird noch erwartet, er ſoll die zweite lben Armee commandiren, die aus acht Diviſionen Infanterie und einer Diviſion Cavallerie gebildet wird, außerdem ſtehen noch ſieben Divi⸗ ein ſionen, darunter die Marineſoldaten, unter dem Befehl Trochu's. Spott Wenn nur die Oberleitung etwas energiſcher wäre!“ „Schenken Sie ihr kein Vertrauen?“ fragte der Marquis. ihr„Nein, General Trochu iſt kein Republikaner, wenn der Friede wenn geſchloſſen iſt, wird er ſich zum Dictator aufwerfen und die Republik den ſtürzen.“ „Und glauben Sie, daß die Nationalgarde alsdaun ruhig zuſehen ront wird?“ erwiderte Segur.„Was ſagen Sie dazu, Herr Chevalier von Chateaufleur?“ 3k?“ Der Marquis heftete die blitzenden Augen feſt auf den jungen ſate Mann, der ebenfalls die Uniform eines Offiziers der Nationalgarde trug; er erinnerte ſich in dieſem Augenblicke der Anklage, welche A Marie gegen dieſen Mann erhoben hatte. 1 1m Der Chevalier zuckte die Achſeln, ein ſpöttiſches Lächeln umſpielte T pf ſeine Lippen. ur„Wie kann ich darüber ein Urtheil fällen 2 ¼⅛ entgegnete er.„Ich h halte noch immer an der Hoffnung feſt, daß Preußen den Frieden „ d annehmen wird, den Jules Favre ihm anbieten wird.“ 15„Ja, wenn wir Elſaß und Lothringen, Metz und Straßburg ab⸗ treten“, ſpottete der Marquis.„Das wäre ein ſchmachvoller Friede ich 3 für die Republik, den nur ein Napoleon unterzeichnen könnte. Und .— auf Sie, mein Herr, rechnet die Republik nicht, ſie weiß, daß der 1 3 junge Adel ſich zurückſehnt nach dem glänzenden und ausſchweifenden Leben am kaiſerlichen Hofe, ſie zählte auf die Arbeiter, die geſunde Kraft des Volkes, die von der Fäulniß der Demoraliſation noch nich angefreſſen iſt.“ — 100— Die jungen Damen in den eleganten und auffallenden Toiletten waren im erſten Augenblick betroffen, ſie konnten ja dieſe Worte auch auf ſich beziehen, aber im nächſten Moment ſchlug Jenny ein ſilber⸗ helles Gelächter auf, in welches ihre Freundinnen einſtimmten. „Sie ſind ein Miſanthrop, Marquis!“ ſagte Jenny, indem ſie ihren Arm um ſeinen Nacken ſchlang und ihn verführeriſch anſchaute. „Hat das Leben denn gar keine Freuden mehr für Sie?“ „Laſſen Sie ihn“, ſcherzte Segur, deſſen Eiferſuchi geweckt wurde, „eine unglückliche Liebe nagt an ſeinem ſtolzen Herzen.“ „Und wenn dem ſo wäre, hätteſt Du doch nicht das Recht, darüber zu ſpotten!“ erwiderte der Marquis in ernſtem, drohendem Tone. „Wir ſprechen hier über das Wohl und Wehe des Vaterlandes, jeder gute Patriot muß jetzt wünſchen, daß die Republik ſich mehr und mehr kräftigt. Wehe denen, die es wagen, der rothen Fahne untreu zu werden!— Ich beſitze da ein kleines, intereſſantes Buch, welches ich vor einigen Jahren angekauft habe, hier iſt es, den Patrioten ſollte es eine Warnungstafel ſein. Ihr werdet Euch vielleicht erinnern, daß vor zehn Jahren der alte Portier der Tuilerien ſtarb, er war ein faſt achtzigjähriger Greis.“ „Wer ſollte ihn nicht gekannt haben, den Alten, der ſo treu an dem großen Kaiſer hing!“ warf ein Herr ein. „In ſeinem Nachlaſſe fand man dieſes Buch, welches nur vier Blätter enhält. Auf der erſten Seite ſteht nichts weiter als:„Ver⸗ zeichniß der Bewohner des Tullerienſchloſſes während meiner Dienſt⸗ zeit.“ Auf der zweiten Seite beginnt dieſes Verzeichniß, welches ſehr intereſſant iſt. Wollt Ihr es hören?“ Alle ſtimmten zu, der Marquis las: „1) Napoleon Bonaparte, erſter Conſul der Republik, ſodann Kaiſer der Franzoſen, eingezogen am 29. Februar 1800 aus dem Luxem⸗ bourg⸗Palais, ausgezogen den 19. März 1814 nach der Inſel Elba. 2) Ludwig der Achtzehnte, König von Frankreich und Navarra, eingezogen den 3. Mai 1814 aus England, ausgezogen den 19. März 1815 nach Gent. 3) Napoleon, Kaiſer der Franzoſen, eingezogen den 2 März 1815 aus Elba, ausgezogen den 3. Juli 1815 nach der Inſel St. Helena. 4) Ludwig der Achtzehnte, König von Frankreich und Navarra, eingezogen den 18. Juli 1815 aus Gent, geſtorben im Schloſſe den 16. September 1824. ⸗ — —— — 101— e zogen den 19. September 1824 aus dem Pavillon Marſau, ausge⸗ zogen den 29. Juli 1830 nach Schottland. 6) Das Pariſer Volk, eingezogen den 29. Juli 1830 von der Straße, ausgezogen den 29. Auguſt deſſelben Jahres zu ſeinen Geſchäften. 7) Ludwig Philipp, Köuig der Franzoſen, eingezogen den 29. Auguſt 1830 aus dem Palais Royal, ausgezogen den 24. Februar 1848 nach England. 8) Das Volk von Paris, eingezogen den 24. Februar 1848 von den Barrikaden, ausgezogen den 20. März 1848 zu ſeinem Berufe. 9) Napoleon der Dritte, Kaiſer der Franzoſen durch die Gnade Gottes und den Willen des franzöſiſchen Volkes, eingezogen den 2. Dezember 1852 aus dem Palais Eliſee, ausgezogen———— Hier bricht das Verzeichniß ab, wir aber können es ergänzen und ſchreiben: ausgezogen den 2. September 1870 in preußiſche Kriegs⸗ gefangenſchaft nach Kaſſel!“ „Und wenn er je zurückkehrte, wenn er es wagte, noch einmal dieſen auf Blut und Leichen errichteten Thron zu befeſtigen, ſo müßten Millionen Hände ſich bewaffnen, um ihm den Dolch ins Herz zu ſtoßen!“ rief Segur.„Nieder mit ihm und ſeiner ganzen Dynaſtie.“ 4 „Und nieder mit den Orleans und den Bourbonen!“ fügte Dom⸗ browski hinzu.„Es lebe die einige, ungetheilte Republik! Nieder mit Allen, die ihr nicht Gut und Blut opfern!“ „Wollen Sie die Guillotine wieder aufrichten?“ mit leiſem Spott. „Wenn es ſein müßte, gewiß. Wenn das Wohl der Republik dieſen Aderlaß verlangt, ſo werden wir uns nicht bedenken. Aber ſorgen wir für die Gegenwart, nicht für die Zukunft. Vernichten wir vor allen Dingen die Barbarenhorden, welche Frankreich über⸗ ſchwemmen, wenn das geſchehen iſt, werden wir uns mit unſern innern Angelegenheiten beſchäftigen.“ „Die Journale müſſen fortfahren, den heiligen Krieg zu predigen“, ſagte der Chevalier von Chateaufleur.„Kennen Sie die Anſprache Victor Hugo's an die Pariſer?“ „Nein, nein!“ „Wohl, ich habe einige Sätze meinem Gedächniſſe eingeprägt.— Bürger, ich hatte geſagt, an dem Tage, wo die Republik zurückkehrt, werde auch ich zurückkehren. Hier bin ich. Zwei große Dinge rufen fragte Jenny mich her. Erſtens die Republik, zweitens die Gefahr. Ich komme, um meine Pflicht zu thun. Was iſt meine Pflicht? Es iſt die Eurige, die Aller, Paris zu vertheidigen. Paris zu retten iſt mehr, als Frankreich zu retten, iſt die Welt zu retten. Paris iſt der Mittel⸗ punkt der Menſchheit. Paris iſt die heilige Stadt. Wer Paris an⸗ greift, greift das ganze Menſchengeſchlecht an. Paris iſt die Haupt⸗ ſtadt der Civiliſation, die nicht ein Königreich, noch ein Kaiſerreich iſt, die das ganze Menſchengeſchlecht in ſeiner Vergangenheit und Zukunft iſt. Paris iſt die Stadt der Revolution. Soll eine ſolche Stadt, ein ſolcher Hauptort, ein ſolcher Lichtheerd, ein ſolches Centrum der Geiſter, der Herzen und Seelen, ein ſolches Gehirn, verletzt, ge⸗ brochen, im Sturm genommen werden? Und durch wen? Durch eine Horde Barbaren? Das iſt unmöglich. Das wird nicht geſchehen, niemals, niemals, niemals!“ „Leeres Geſchwätz eines kindiſchen Greiſes!“ ſagte der Marquis achſelzuckend. „Da iſt der Artikel in der Liberté denn doch beſſer“, verſetzte Segur, eine Zeitung entfaltend.„Schlagt nieder die Preußen, tödtet dieſe wilden Thiere, vernichtet die Mordbrenner von Forbach; der heilige Krieg verlangt es! Haben ſie nicht frech behauptet, ſie wollten uns Lothringen und Elſaß rauben, ſie wollten Straßburg zur Hauptſtadt eines Königreichs machen, das von Preußen abhängig wäre? Und während ſie trachten, aus den Bewohnern von Straßburg und Nancy gehorſame Unterthanen von Wilhelm zu ſchaffen, machen ſie aus den armen Elſaſſer Bauern Bismarck'ſche Soldaten. Ja, gegen alles Völkerrecht, ohne Scham, ohne Gefühl für Soldatenehre, hängen ſie ie Bauern, nachdem ſie ihre Häuſer geplündert haben— was noch gräßlicher iſt, ſie zwingen ſie mit Kolbenſchlägen, in ihren Reihen zu fechten. Man ſah in früheren Zeiten, daß Sieger die beſiegten Völ⸗ kerſchaften zu Sklaven machten. So die Römer! Man hat geſehen, daß Barbaren die Gefangenen vor ihre Reihen ſtellten, um ſich einen Wall aus ihren Leibern zu machen. So die Scythen! Den Preußen war es vorbehalten, alle dieſe Barbareien zu überbieten. Dieſe Un⸗ menſchen zwingen den in der Hütte oder im Felde Gefundenen, gegen ſeine Verwandten zu kämpfen, der Sohn gegen den Vater! Bruder gegen Bruder ſtehen im Felde! Und dann ſprechen uns Zeitungen von der Mäßigung dieſer Henker? Und wir, wir ſollten Mitleid mit ihnen haben? Nein, nie, niel Weder Pardon noch Schonung! rup trum ge 1 Durch ehen, arquis ſtodt Und Nanch ¹s den alles en ſie noch — 103— Drauf! Drauf! Werde jede Hütte am Tage ein Blockhaus, jeder Buſch des Nachts ein Hinterhalt, jede Quelle, jeder Brunnen eine Todesſtätte! Ihr Wilddiebe, ihr Jäger, auf den Anſtand, der heilige Krieg beginnt!— Was, Ihr wollt Eure Pferde in unſern Kirchen füttern, Ihr wollt aus unſern geſchändeten Töchtern die Mägde für Eure betrunkenen Soldaten machen, aus unſern Söhnen die Knechte für Eure Pferde? Auf darum, Ihr Prieſter, Ihr Diener Gottes, Ihr Alle, welche zu der unſterblichen Seele ſprecht,— predigt den heiligen Krieg? Und Ihr bleichen Geſpenſter der Sieger von 92 und 1814, erhebt Euch vor den Augen Eurer Enkel, ruft Ihnen die Greuel ins Gedächtniß, welche ſie von⸗ den Ahnen der Bismarck's und der Moltke's zu erdulden hatten! Zeigt den Lebenden, wie man den Boden des entweihten Vaterlandes vertheidigt! Mögen Eure Stimmen mächtig durch Berg und Thal, durch Dorf und Stadt rufen: Der heilige Krieg beginnt!“ „So iſt es recht“, ſagten einige Herren,„man muß die Nation entflammen, die wild verzehrende Gluth des Haſſes wecken und ſchüren.“ „Und was wird man dadurch erreichen?“ fragte der Marquis ſarkaſtiſch, den Ruin Frankreichs und den Sturz der Republik.“ „Beenden wir dieſes unerquickliche Thema“, nahm Jenny das Wort, „wir können noch genug politiſiren, wenn die Preußen vor den Thoren ſtehen und ihre Bomben die Straßen von Paris unſicher machen.“ „Dann flüchten die Weiber und Kinder in die Katakomben“, rief Dombrowski,„wir aber ergeben uns nicht, wir laſſen uns unter den Trümmern der eroberten Stadt begraben.“ „Das wäre entſetzlich“, rief eine Dame, indem ſie ſich ängſtlich an den Chevalier anſchmiegte,„mir graut vor den Katakomben.“ „So weit wird's wohl nicht komtnen“, ſpottete Jenny.„Und was uns erwartet, darüber erhaleen wir ſogleich Gewißheit. Ich habe eine Wahrſagerin hierher beſchieden, ſie ſoll uns den Schleier lüften, den die Zukunft uns verhüllt.“ Die jungen Damen klatſchten Beifall, der Marquis zog die Brauen leicht zuſammen. „Es gibt nur eine gute Wahrſagerin in Paris“, ſagte Segur, „Madame Leroi, ſie allein verſteht ihre Kunſt.“ „Und eben dieſe wird kommen.“ Jenny hatte ſich erhoben, ihr Blick ſtreifte den Chevalier, der ſeine Nachbarin umſchlungen hielt. Sie trat in ein anſtoßendes Kabinet, die Gäſte bemerkten kaum daß ſie ſich entfernte, ſie ſcherzten und lachten wieder mit den Damen, indeß der Marquis ſich angelegentlich mit Segur unterhielt. Der Chevalier von Chateaufleur verließ jetzt auch den Salon, er trat eben⸗ ſalls in das Cabinet, und fand hier Jenny vor dem Blumentiſche in Nachdenken verſunken. Leiſe trat er ihr näher, er ſchlang den Arm um ihre Tallle und zwang ſie, ihn anzuſchauen, und der Blick, der jetzt aus ihren dunklen Augen ihn traf, mußte ſein Blut in fieberhafte Wallung bringen. „Wann werden Sie ganz mein ſein?“ fragte er leiſe. „Sobald Sie mich gerächt haben“, flüſterte Jenny. „Gerächt? An wem?“ „An einem Manne, der mich tödtlich beleidigt hat.“ „Wer iſts? Der Marquis?“ „Würden Sie wagen, den Kampf mit ihm aufzunehmen?“ „Mit Jedem, wenn Ihre Gunſt der Preis des Kampfes iſt.“ Im nächſten Augenblick umſchlangen zwei weiche Arme den Nacken des jungen Mannes und er fühlte einen brennenden Kuß an ſeinen Lippen. „Jenny, was können Ihnen alle dieſe Leute ſein?“ flüſterte er in leidenſchaftlicher Erregung.„Meine glühende Liebe wird Ihnen Alles erſetzen, leben Sie fortan nur noch für mich!“ „Nein, mein Freund, die Herrlichkeit würde raſch zu Ende ſein“, erwiderte das Mädchen mit leiſem Spott.„Können Sie über un⸗ erſchöpfliche Mittel verfügen?e Werden Ihre Mittel ausreichen, um ſe Wünſche zu erfüllen, die mein verwöhntes Herz hegt?“ ab Fewiß, gewiß—“ verden ſich für mich ruiniren, und das dulde ich nicht, denn „Sie. 214 ich liebe Siee vonaten bitte ih vergeblich um einen Beweis Ihrer Liebe.“ 8. „Jenny, ſeit M. ich ſei ſo leichtſinnig, wie die ſchöne 4 ſinnig, ie ſchöne Fra „Ah, Sie denken, 4 une Frau Ihres Vaters?“. „Meine Stiefmutter?“ d agte der Chevalier befremdet.„Was wiſſen Sie von ihr?“ „Oh genug, mein Freund“, ſcherzte Jenny„Fragen Sie den Marquis, wenn er keinen Werth auf das Geheim niß legt. wird er Ihnen das Haus der Modiſtin bezeichnen, in d⸗ Frau zuſammenkam.“ em er ſo oft mit der lo.— „Das verſtehe ich nicht.“ „Sollten Sie wirklich noch ſo unerfahren ſein? He, mein Freund, haben Sie noch keinen Ehemann betrogen?“ „Das wohl, aber—“ „Aber dieſe Ehemänner waren Dummköpfe, und es be durfte keiner Vorſichtsmaßregeln, um ſie zu betrügen. Iſt es nicht ſo?“ „Allerdings.“ „Sehr gut. Sie werden aber auch begreifen, daß es kluge Ehe⸗ männer gibt, die ihre Frauen mit Argusaugen bewachen, und viel⸗ leicht zählt dazu auch der Vicomte von Chateaufleur, trotzdem er ſelbſt die galanten Abenteuer liebt. Nun wohl, ich will Ihnen das Ge⸗ heimniß enthüllen. Madame geht in das Haus einer Modiſtin, und alle Welt glaubt, ſie thue es, um Einkäufe zu machen. Aber dieſes Haus hat ſeine Geheimniſſe! Madame tritt in ein ſehr elegantes geheimes Kabinet, welches einen beſonderen Ausgang nach der Straße hat, und ſie findet hier ihren Freund, der auf einem andern Wege hineingekommen iſt. Verſtehen Sie das?“ „Gewiß. Und meine Stiefmutter—“ „Sie kennt dieſes Geheimniß und weiß es zu benutzen“, ſagte Jenny ſcherzend.„Was wollen Sie? Madame hat eine koſtbare Toilette, und der Herr Vicomte darf nicht erfahren, wie viel dieſer Schmuck, dieſe ſeidenen Roben, dieſe Spitzen koſten, man muß ſich zu helfen wiſſen. Ich will Ihnen 100 Damen nennen, welche auf dieſem Wege ſich die Mittel zur Befriedigung ihrer Putzſucht ver⸗ ſchaffen, und ſie ſollen bei jedem Namen erſtaunen, denn es ſind an⸗ geſehene Namen, Damen von den höchſten Ständen. Ich bin nicht ſo leichtfertig mein Freund, und wenn man mit Geringſchätzung auf mich herunterſieht, ſo lache ich darüber, ich weiß ja, daß dieſe ſtolzen, eleganten Damen, die ſo ſtolz auf ihre Tugend und ihren fleckenloſen Ruf ſind, ihre Gatten betrügen. Nein, Sie ſollen ſich nicht für mich ruiniren, Chevalier, laſſen Sie den eitlen Gecken das Vergnügen, mich mit Gold zu überſchütten, und tröſten Sie ſich mit meiner Liebe, wenn die Eiferſucht in ihrem Herzen erwachen will“ Der Chevalier umſchlang ſtürmiſch das verführeriſch ſchöne Mäd⸗ cheu, aber ſie entwand ſich ſanft ſeinen Armen. „Sie rennen meine Bedingung“, ſagte ſie. „Nennen Sie mir den Mann, der Ihre NMache herausgefordert hat, ich werde ihn vernichten.“ ————, —— — 106— „Das wird keine ſchwere Aufgabe für Sie ſein, denn jener Mann iſt nichts weiter, als ein Proletarier ein Arbeiter von Belleville.“ „Wie? Und ihn halten Sie Ihrer Rache werth?“ „Er hat mich beleidigt.“ „Wohlan, nichts iſt leichter, als dieſe Rache zu befriedigen“, er⸗ widerte der Chevalier.„Wo finde ich ihn?“ 8 „Ich werde es Ihnen morgen ſagen.“ „Wozu der Aufſchub?“ „Morgen Vormittag bin ich nur für Sie zu ſprechen, darf ich Sie erwarten?“ „Sie machen mich glücklich, Jenny!“ „Triumphiren Sie nicht zu früh, ich wiederhole Ihnen, daß ich ſtreng auf der Erfüllung meiner Bedingung beharren werde.“ „Und darf ich fragen, ob ich der Einzige bin, den Sie zu Ihrem Rächer erkoren haben?“ „Ja, Herr Chevalier. Sie werden darin einen Beweis meiner Zuneigung finden. Und nun genug, morgen früh erwarte ich Sie hier in meinem Boudoir.“ Sie verbeugte ſich leicht vor dem jungen Herrn und eilte in den Salon zurück, und als der Chevalier ihr folgte, entging es ihm nicht, daß Herr von Segur einen zornflammenden Blick ihm zuſchleuderte. Er ſchien einige Worte an ihn richten zu wollen, die vielleicht einen Streit vom Zaune brechen ſollten, aber es kam nicht dazu, denn Jenny hatte kaum wieder Platz genommen, als eine Dienerin ein⸗ trat und ihr leiſe einige Worte zuflüſterte. „Meine Damen und Herren, Madame Leroi iſt draußen“, ſagte Jenny, während ſie der Dienerin einen Wink gab,„wir werden eine intereſſante Stunde erleben.“ „Und vielleicht ſpäter ſpöttiſch lachen, wenn wir uns dieſer albernen Komödie erinnern“, fügte der Marquis mit beißender Ironie hinzu. Die Gäſte ſchwiegen, die Blicke Aller waren auf das alte Weib geheftet, welches in der Thüre ſtand und mit ihren tückiſchen, ſtechen⸗ den Augen die Geſellſchaft muſterte. 4 „Treten Sie näher, Madame!“ rief Jenny in übermüthiger Laune. „Wir ſtehen auf der Schwelle großer Ereigniſſe, von Ihnen wollen wir hören, welches Schickſal uns erwartet.“ 2 Die Alte ſchritt langſam auf den Tiſch zu, erſt jetzt ſchien ſie 9 1“, er⸗ neiner Sie den nicht, Rrie. einen denn ein⸗ — — 107— den Marquis zu bemerken, bei ſeinem Anblick leuchtete ein jäher Strahl aus ihren Augen. „Iſt es Neugier, Uebermuth oder Angſt, was dieſen Wunſch ge⸗ weckt hat?“ ſagte ſie mit ſcharfer Betonung. Wohl das Alles, aber die Zeit wird bald kommen, in der auch Diejeni igen ernſt wer⸗ den und an ihr letztes Stündlein denken, welche heute noch den Muth haben, über das Geſpenſt des Hungers zu lachen und zu ſpotten! Die Zukunft wollt Ihr ergründen? Wißt Ihr denn nicht, daß der Schleier, der ſie Euch umhüllt, ein Geſchenk und eine Wohlthat des Himmels iſt?“ Die Damen lachten, Dombrowski bot der Alten ſeine Hand. „Beginnt mit mir“, ſagte er befehlend. Madame Leroi trat näher, ein bedeutſamer Blick traf den Mar⸗ quis, der ſofort ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte und ihm verrieth, daß das Weib ihm etwas Beſonderes mitzutheilen habe. „Mit Euch“, erwiderte ſie, leicht das Haupt wiegend.„Ihr ſeid zu hohen Ehren berufen, aber das hohe Amt wird Euren Schultern ſchwere Laſten aufbürden und Euch keinen Dank einbringen. Ihr werdet das Leben Tauſender Eurem Ehrgeize opfern und den Bürger⸗ krieg auf Eure Fahne ſchreiben, Ihr werdet den Sohn gegen den Vater und den Bruder gegen den Bruder hetzen und das Alles im Namen und unter dem rothen Banner der Republik. Das iſt ein trauriger Ruhm, mein Herr, er flicht keine Lorbeeren um das Haupt des Generals.“ „Das klingt ſehr unverſtändlich“, ſpottete Segur, während Dom⸗ browski mit den Achſeln zuckte, wie wenn er andeuten wolle, das Ganze ſei ja doch nur eine alberne Komödie.„In dieſer Weiſe will ich auch Jedem ſein Schickſal prophezeihen. Sagt uns etwas, was Hand und Fuß hat, Madame?“ „Würdet Ihr es verſtehen?“ erwiderte das Weib ruhig.„Und wenn Ihr's verſtändet, würdet Ihr darnach handeln? Ihr macht's wie der Vogel Strauß, der ſeinen Kopf unter die Flügel ſteckt in der feſten Zuverſicht, dann könne der Jäger ihn nicht ſehen. Ihr wollt die Zukunft ergründen? Nun wohl, die Preußen werden kom⸗⸗ meu und die Stadt einſchließen, und der eiſerne Ring wird ſo feſt und dicht ſein, daß den Pariſern nur noch die Wege durch die Luft bleiben. Hunger und Seuchen werden hier wüthen, und die feind⸗ lichen Granaten werden in unſeren Straßen und Häuſern krepiren — ———— und alles Lebende niederſchmettern. Lachen und Geſang werden ver⸗ ſtummen, und der wird ſich glücklich ſchätzen, der noch ein Geld⸗ ſtück beſitzt, um eine Ratte kaufen zu können, die ſeinen Hunger ſtillen ſoll.“ „Wie ekelhaft!“ rief Jenny empört.„Wir ſollen Ratten ſpeiſen? Welcher Wahnſinn!“ „Wartet, bis der Hunger in Euren Ein werdet Ihr für eine Ratte Alles hergeben, was Euch lieb und theuer iſt“, ſuhr Madame Leroi fort.„Man wird die Kapitulation ver⸗ langen, wenn die Sterblichkeit überhand nimmt und die Kirchhöfe ſich füllen, aber dieſe ſtarrköpfigen Republikaner haben kein Erbarmen mit Eurer Noth und Eurem Elend, ſie führen Eure Väter, Brüder und Söhne hinaus zur Schlachtbank und das Blut wird vor den Thoren von Paris in Strömen fließen. Es wird fließen im ganzen Lande, im Norden, Süden, Weſten und Oſten, Dörfer und Städte werden in Flammen aufgehen, die Aecker verwüſtet und zerſtampft werden, und der Fluch Frankreichs wird das Haupt des Dicta⸗ tors treffen, der ſeinem Ehrgeize das Glück ſeines Vaterlandes geopfert hat.“ „Und wer iſt dieſer Mann?“ fragte der Marquis ſcharf. „Gambetta!“ „Madame, hüten Sie Ihre Zungel“ fuhr Herr von Segur auf „Ihre Worte klingen wie Hochverrath!“ Die Alte richtete den ſtechenden Blick durchbohrend auf ihn. „Ich leſe im Buche des Schickſals“, ſagte ſie,„und was ich dort leſe, berichte ich, nichts mehr, nichts weniger!“. „Fahren Sie fort“, befahl Dombrowski.„Was Sie auch ſagen mögen, man wird von Ihnen keine Rechenſchaft dafür fordern.“ „Und der Tag wird kommen, an dem Paris den Siegern die Thore öffnen muß“, ſagte Madame Leroi in prophetiſchem Tone, „man wird es thun mit Haß und Wuth im Herzen, aber man wird auch nicht wagen, nur einen Schuß auf ſie abzufeuern, denn er würde das Signal zu einem grauenhaften Gemetzel ſein. Sie werden nicht lange hier weilen, aber der Stadt wäre es beſſer, wenn ſie Wochen, Monate hier blieben. Sobald ſie abgezogen ſind, wird die Fahne des Bürgerkrieges, die rothe Fahne der Barrikade und der Gulllotine ent⸗ faltet werden. Dann beginnt eine Zeit des Schreckens für das ſchöne, einſt ſo luſtige Paris, dann werden die Leichen der ermordeten Bürger geweiden wüthet, dann — in den Straßen ſich aufhäufen, dann wird man nur das Gebrüll der Wuth, das raſende Toben der Leidenſchaften und das Schluchzen Verzweiflung hören.“ „Und was dann?“ fragte der Marquis. „Dann iſt Frankreich am Bettelſtabe, entehrt, geſchändet vor den lehr Æ S ☛ Augen der Welt, und die Nation geht unter, wie Polen und Griechen⸗ land untergegangen ſind.“ „Bah, Frankreich kann nicht untergehen“, ſagte Dombrowski, nund Polen wird einſt wieder neu erſtehen. Wer wird ſich durch das Geſchwätz eines alten Weibes beirren laſſen?“ „Weshalb habt Ihr mich gerufen, wenn Ihr meinen Worten keinen Glauben ſchenken wollt?“ entgegnete Madame Leroi ſchneidend. „Wird das Hungergeſpenſt an meiner Schwelle vorbeigehen? Kann nicht auch mich eine preußiſche Bombe in Stücke reißen?“ „Das wäre ein entſetzlicher Verluſt für Paris“, höhnte der Chevalier. „Vielleicht ein größerer Verluſt, als wenn Euch eine Kugel träfe“, fuhr die Alte fort.„So wird es kommen, deshalb ſeht Euch vor, daß der Tod Euch nicht unvorbereitet überraſcht.“ Jenny lachte laut und luſtig auf, und dieſes ſilberhelle Lachen löſte den Bann der Angſt und des Entſetzens, der auf ihren Gäſten lag. „Und wenn das Alles eintrifft, ſo theilen wir mit Tauſenden daſſelbe Schickſal“, rief ſie.„Ah, wie köſtlich wird uns ein ſchönes Diner nach der Hungersnoth munden! Dieſer Genuß entſchädigt uns für alle Entbehrungen. Madame, hier iſt meine Hand, ſtudiren Sie die Linien, ſagen Sie mir die volle Wahrheit.“ Das alte Weib ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Sie hoffen und glauben viel Schönes“, ſagte ſie in warnendem Tone,„aber man wird Sie betrügen, und wo Sie jetzt noch Sonnen⸗ ſchein und Blüthen auf Ihrem Pfade ſehen, da werden Sie bald Nacht und Dornen finden.“ „Aber nach dieſer Zeit kommt wieder eine andere, nicht wahr?“ „Hüten Sie ſich vor den Preußen!“ „Lieber Himmel, was wollen Sie damit ſagen? Halten Sie mich für eine Spionin?“ „Nein, aber die Neugier könnte Sie verführen, ſich den Preußen zu nähern, wenn dieſelben als Sieger hier einmarſchiren.“ „He, und was dann?“ — 110— „Was dann? Unter den Preußen gibt es ſchöne Leute, reiche Offiziere, Sie verſtehen mich ſchon.“ „Das iſt eine Beleidigung!“ rief der Chevalier entrüſtet, wäh⸗ rend dunkle Gluth die Wangen Jenny's übergoß. „Junger Herr, was wiſſen Sie davon, wie es an jenem Tage in Paris ausſehen wird?“ erwiderte Madame Leroi.„Sie haben — noch nicht erfahren, wie weh der Hunger thut, wie können Sie jetzt ſchon darüber urtheilen, was ſpäter geſchehen wird? Ich warne Sie noch einmal, mein Fräulein, die Preußen werden Ihnen den Tod bringen.“ Das Mädchen erbleichte, die funkeln en Augen des Weibes beob⸗ achteten mit ſichtbarer Befriedigung den Eindruck, den der düſtere Spruch auf die Anweſenden machte. „Iſt unter Euch noch Jemand, der meine Kunſt erproben möchte?“ fragte ſie mit leiſem Hohn, dann, als keine Antwort erfolgte, ſchritt ſie auf den Marquis zu, dem die Beſtürzung der Gäſte ein ſpöt⸗ tiſches Lächeln abnöthigte. „Ich werde Sie morgen beſuchen?“ flüſterte Segur ihr zu, als 3 ſie an ihm vorbeiging. „Fürchten Sie die Zeugen?“ erwiderte Madame Leroi verächtlich. „Nicht das, ich weiß ja, was ich von dem ganzen Hokuspokus zu halten habe.“ „Dann ſparen Sie den Gang und mir die Zeit.“ „Ich komme in einer anderen Angelegenheit.“ „Dann werde ich Sie erwarten.— Herr Marquis, haben Sie auch den Muth verloren?“ Der Marquis fuhr aus ſeinem S innen empor. „Was wollen Sie von mir?“ fragte er barſch. V„Nichts, aber vielleicht kann ich Ihnen etwas ſagen, was Sie noch nicht wiſſen.“ „Wird es mich intereſſiren?“ „Jedenfalls.“ „Wohlan, ſo reden Sie!“ „Ihre Hand. Sie lieben unglücklich, mein Herr, denn Ihre Ge⸗ ebte ſchmachtet im Gefängniß.“ Der Marquis fuhr von ſeinem Seſſel empor, als ob ein elektri⸗ ſcher Schlag ihn getrofſen habe, ſein Blick rühte durchdringend auf dem widerwärtigen Geſi chte des Weibes. —- „Das kann nicht ſein“, ſagte er rauh. „Es. iſt die Wahrheit. Man hat ſie geſtern Morgen verhaftet.“ „Und weſſen beſchuldigte man ſie?“ „Iſt ſie nicht eine Deutſche?“ „Ah— Herr Margnis, das hätte ich nimmer erwartet“, ſagte Jenny, ihm mit dem Zeigefinger drohend.„Wie? Sie lieben eine Deutſche? Iſt das nicht auch Vaterlandsverrath?“ „Und wer hat ſie denuncirt?“ fragte der Marquis, ohne auf das Mädchen zu hören. „Wer weiß das“, entgegnete die Alte achſelzuckend,„das Volk verhaftete ſie.“— „Und wohin hat man ſie gebracht?“ „Herr Marquis, als ich Ihnen meine Hülfe anbot, verſchmäheten Sie dieſelbe, nun—“ „Nun muß ich ſie annehmen“, fiel der Marquis ihr in's Wort, „und ich begreife, daß Sie dafür einen Lohn erwarten.“ Er zog ſeine Börſe aus der Taſche unb legte einige Goldſtücke in die runzliche Hand des Weibes. „Wo alſo werde ich ſie finden?“ fragte er. „Im Gefängniß Saint Lazare, Rue du Faubourg Saint Denis.“ „Wiſſen Sie das ganz beſtimmt?“ „Sie iſt von der Präfektur dahin gebracht worben.“ „Man hat ſie alſo nicht ausgewieſen?“ „Nein.“ „Und weshalb das nicht? Die Ausweiſung lag doch am nächſten.“ „Weil man ſie vor das Kriegsgericht ſtellen will.“ Das Geſicht des Marquis war noch fahler geworden und ſeine Augen ſchoſſen flammende Blitze. „Was kann man ihr vorwerfen“, fuhr er auf.„Sie iſt un⸗ ſchuldig, weshalb will man ſie verderben?“ Sein gluͤhender Blick traf den Chevalier, er glaubte in dem Ant⸗ litz des jungen Herrn einen höhniſchen Zug zu bemerken, und un⸗ fähig, ſeinen Zorn zu beherrſchen, trat er zitternd vor Erregung auf ihn zu. „Iſt das Ihr Werk?““ fragte er knirſchend.„Glaubten Sie in dieſer Weiſe ſich rächen zu müſſen für die Demüthigung, die Sie verdient hatten?“ Dem Chevalier ſchoß das Blut in die Wangen; er hatte die — —yÿ ——— 112— eutſche Gouvernante längſt v vergeſſen, er wußte nicht von ihr die Rede war. „Ich weiß nicht, was Sie wollen“, ſagte er trotz vbig. falls ſind Sie berechtigt, dieſen ſeltſamen Ton mir ſchlagen.“ „Sie denken wohl, ich wiſſe nicht ht, daß Sie junge Dame mit ſchamloſen Anträgen ver folgt haben?“ „Bitte, wollen Sie mir nicht zuvor den Namen der Da ne nennen?“ „Mäßige Dich, Henry, flüſterte Segur warnend,„wer anklagt, ohne ſich vorher Beweiſe verſchafft zu haben, zieht ſtets den Kürzeren.“ „Beweiſe!“ wiederholte der M arquis düſter. luchen, und wenn ich ſie gefunden habe, dann wehe dem Schul ldigen!“ „Ich ſtehe zu jeder Stunde zur Verfügung“, ſagte der Chevalier höhniſch, aber der Mo arquis hörte dieſ Worte nicht mehr r, er näherte ſich ſchon der Thüre und Madame Leroi folgte ihm. „Meine Damen und Herren, das Spiel beginnt“, rief 2 Jenny, „es wird uns zerſtreuen und unſere Heiterkeit uns zurückgeben.“ Der Marquis achtet te nicht darc auf, er ſtürmte hinaus, im Vor⸗ zimmer reichte die Dienerin ihm den Ueberrock und den Hut, und wenige Minuten ſpäter ſtand er ſchon auf der Straße. Eine lange Geſchütz⸗ und Munitionskolonne fuhr ſchwerfällig an ihm vorbei, ihr folgten Arbe eiterſchaaren, die Hacken und Spaten trugen. „Ich werde ſie Aus der entgegengeſetzten Richtung kam eine ſtarke National⸗ gardenpatrouille, die jetzt ſtatt der abgeſetzten Polizeibeamten den Dienſt der öffentlichen Ordnung verſahen. Der Marquis ſchritt langſam auf dem breiten Trottoir hinunter, dem Carouſſelplatz zu, Madame Leroi folgte ihm noch immer. Als er an der Ecke ſtehen blieb, trat das Weib auf ihn zu, und er ſchien jetzt zu bemerken, daß ſie hm gefolgt war. „Lafleur weiß nichts von ihrer Verhe aftung“, ſ Verhe ſagte ſie leiſe mit heiſerer Stimme. „Wer iſt Lafleur?“ fragte der Marquis aus ſeinem Brüten 1 e wachend. „Der Tiſchler den Marie liebt.“ „Ah, er würde ſie beſchützt haben. Wo war er im Augenblick Gefahr?“ — 113— „Ja, wer das wüßte! Er hat geſtern vor der Verhaftung des Mädchens ſeine Wohnung verlaſſen und iſt bis jetzt nocj nicht heim⸗ gekehrt. Ich glaube, das wird Ihnen angenehm ſein.“ „Inwiefern?“ „He, ſo lange dieſer Burſche Ihnen im Wege ſtand, durften S der ſpröden Schönen keinen Vorf ſchlag machen, der rohe Geſeile hitte Sie ermordet. Aber jetzt haben Sie das Reich allein, es kan ja nicht ſchwer fallen, das Mädchen zu befreien, und das R äd muß Ihnen dankbar dafür ſein. Lafleur darf über ihr Schickſal nichts erfahren, er würde Fe uer und Flammen ſpeien, Sie und mich mit blindem Haß verfolgen.“ „So verſchweigen Sie es ihm, wenn er Sie fragen ſollte“, ſagte der Marquis, dann ſetzte er haſtig ſeinen Weg fort, und Madame Leroi ſchlug jetzt eine andere Richtung ein. Je näher der Marquis der Cité kam, jener Inſel in der Seine, auf der das Stadthaus, die Polizeipräfektur und die irche Notre Dame ſich befinden, deſto geräuſchvoller war das Leben ringsum. Die Rufe:„Es lebe die Republik!“ und„Nieder mit den Preu⸗ ßen!“ hörte man noch immer, und überall ſah man Banden, die lär⸗ mend und ſingend die Stadt durchzogen, oder Gruppen, welche die Tagesereigniſſe beſprachen. Der Haß gegen die Deutſchen machte ſich alluͤberall in Drohungen, Läſterungen und Verwünſchungen Luft und die friedlich geſinnten Bürger, welche für ihr Eigenthum und ihr Leben zitterten, wagten nicht, dieſen fanatiſirten Maſſen entgegenzutreten. So forderte man auf der einen Seite mit trotzigem Hohn das Schickſal heraus, während man auf der anderen mit Angſt und Zit⸗ tern den Schreckniſſen der Belagerung entgegenſah. Und dazwiſchen ſang, tanzte und lachte man noch immer in dem äppigen, leichtfertigen Paris, und wenn man nicht tanzte und lachte, ſo beluſtigte man ſich damit, in jedem verdächtigen Geſichte einen Spion zu wittern, und die wenigen Deutſchen, die in Paris zurück⸗ geblieben waren, zu verfolgen und zu mißhandeln. Und ſchon jetzt konnte man Schaaren von Vagabunden bemerken, welche nur auf das Eintreffen der Preußen warteten, um mit der Ausführung ihrer verbrecheriſchen Pläne zu beginnen, und durch Raud, Mord und Plünderung ſich zu bereichern. Alles trug ſchon Uniform, wenn es auch nichts meiter war, als 9. G ——— eine Goldlitze oder ein anderes militäriſches Abzeichen an der Civil⸗ kleidung, überall ſah man Bajonnette blitzen, während endloſe Ge⸗ ſchütz⸗, Munitions⸗ und Proviantkolonnen nach verſchiedenen Richtungen durch die Straßen raſſelten, ſtets empfangen von den jubelnden Zu⸗ rufen der Volksmaſſen. Man konnte ſchon jetzt Paris als ein einziges großes Hcerlager betrachten, nur daß jetzt noch hie und da einzelne elegante Toiletten ſich zeigten, die wenige Tage ſpäter gänzlich verſchwunden waren. Der Marquis wurde oft durch marſchirende Banden von Gamins und Arbeitern aufgehalten, die unter dem Gebrülle der Marſeillaiſe ſich ihm entgegenwälzten, er athmete auf, als er die Treppe des Stadthauſes hinaufſtieg, deſſen ſämmtliche Fenſter trotz der ſpäten Stunde noch hell erleuchtet waren. Ein Beamter trat ihm entgegen, er erwiderte auf ſeine Frage, die Miniſter ſeien noch verſammelt und Gambetta befinde ſich unter ihnen, aber Niemand dürfe ſie in ihrer Berathung ſtören. Auf den Treppen und in den Gängen ſtanden Nationalgarden, Beamte mit dreifarbigen Schärpen, Offiziere von allen Waffen⸗ gattungen, Ordonnanzen und Adjutanten kamen und gingen, unter dem Schutze ſeines Begleiters trat der Marquis endlich in ein ſtilles, trauliches Gemach, in welchem er den Schluß der Miniſterſitzung er⸗ warten ſolle. Er übergab dem Beamten ſeine Karte mit der ſeltſam verſchlun⸗ genen Chiffre, dann ließ er ſich in einem Seſſel nieder und ſtützte das Haupt auf den Arm. Die Geſellſchaft, aus der er kam, ekelte ihn an, und doch mußte er von Zeit zu Zeit ſie beſuchen, um auch die Stimmung in dieſen Kreiſen zu erforſchen. Dieſes frivole, genußſüchtige Leben war ihm ein Greuel, und doch hatte auch er in früheren Jahren in ſolchen Kreiſen die Freuden und das Glück des Lebens geſucht. Wenn doch der Stern ihm treu geblieben wäre, der damals in ſtrahlender Pracht ihm aufging und ſein mildes Licht auf den Pfad ergoß, auf dem der Marquis das Leben zu durchwandern gedachte. Vielleicht lag auch an ihm die Schuld, daß er um dieſes Glück be⸗ trogen worden war! Vielleicht war ey nicht vorſichtig, nicht energiſch genug geweſen. — Ein ſchmerzlicher Seufzer entrang ſich ſeinen Lippen, das war vorbei, vorbei für immer!“ Livil⸗ Ge⸗ ungen n Zr tllager letten 115— Und doch, vielleicht ging ihm noch einmal das Leben in unge⸗ ahnter Schönheit auf. Was war es, was ihn ſo mächtig an Marie feſſelte, was ſchon im erſten Augenblicke der Begegnung mit ihr die Liebe in ſeinem Herzen geweckt hatte? War es nur ihre Aehnlichkeit mit Derjenigen, die er einſt ſo heiß geliebt hatte, und die er nicht mehr vergeſſen konnte? Dachte er nur an jene, wenn das Bild des ſchönen, blonden Mädchens vor ſeinem geiſtigen Auge emporſtieg? Nein, das Bild der Heimgegangenen ſtand im Hintergrunde ſeines Herzens, dort ſollte es auch bleiben, bis das müde Herz aus⸗ geſchlagen hatte, aber es hatte nichts gemein mit dieſem ſtrahlenden, farbenfriſchen Bilde, welches ſelbſt im Traume ſeiner Seele vor⸗ ſchwebte. Eine namenloſe Wuth bemächtigte ſich ſeiner bei dem Gedanken an die Schmach, die ihr widerfahren war; er glaubte noch immer, daß der Chevalier von Chateaufleur dieſe niedrige Rache genommen habe, aber wenn er Beweiſe dafür erhielt, dann ſollte dieſer Elende die Schuld bitter bereuen. Er zitterte für das Leben des geliebten Mädchens, wußte er doch nicht einmal etwas Näheres über die Verhaftung. Wie nahe lag die Möglichkeit, daß der Pöbel ſie mißhandelt hatte, wie viele Fälle dieſer Art waren ſeit Ausbruch des Krieges ſchon vorgekommen! Und dann dachte er auch an Lafleur, an den Mann, den ſie liebte, wie Madame Leroi behauptete. Indeß, über dieſen Punkt ging der Marquis leichter hinweg, er kannte ja die boshafte, verleumderiſche Zunge des alten Weibes, und es war natürlich, daß ſie mit ihrem von Sünde und Schande bela⸗ denen Gewiſſen das tugendhafte Mädchen haßte. Nun, er wollte ſelbſt mit dem Tiſchler ſprechen und ſich über die Behauptung der Kupplerin Gewißheit verſchaffen. So weit war er in ſeinem Gedankengange gekommen, als die Thüre geräuſchlos geöffnet wurde und der Dictator Frankreichs eintrat. Er war erregt, die anſtrengende Arbeit hatte ſeine Kräfte er⸗ ſchöpft. „Was bringen Sie mir?“ fragte er mit Fieberhaſt.„Gebe der Himmel, daß es gute Nachrichten ſind, ſie würden mir die ſchwere Laſt erleichtern.“ 8* — 116— Wird ſie Ihren Schultern ſchon zu ſchwers?“ fragte der Marquis. Gambetta warf trreen d das Haupt zurück. „Zu ſchwer?“ erwiderte er.„Nein! Ich weiß, welche Aufgabe ich übernommen habe, ich werde ſie löſen, oder ſterben, Sieg oder Tod, heißt mein Wahlſpruch. Aber die Laſt wird erſchwert durch das Mißtrauen des Volkes, man wirft uns ſchon jetzt Herrſch vor, man verlangt die Commune und zwingt uns ſchon am erſten Tage zum Bürg ſucht iege.“ „Und würde die Commune nicht die beſte Stütze der Republik d ſein?“ erwiderte der Marquis. „Sie wäre die Schreckensherrſch znft ſi wi ſplittern, den Kampf aller Parteien h 2 der Feind vor den Thoren iſt. Wir n len nicht kerffhen,: wir be⸗ ſitzen nicht den maßloſen Ehrgeiz, den n man uns vorwirft, mit kräftiger Hand und redlichem Willen das. und werden wieder zurücktreten, ſobald das r rland geret ttet iſt Aber zur Rettung Frankreichs be darf es der einmüthigen Erhebung der ganzen Nation, mit hohlen Phraſen und ſchönen Redensarten iſt nichts gewonnen, Gut und Blut müſſen freudig geopfert werden. Und wir, die Mitglieder der Regierung, ſind dazu bereit, wir bringen unſer eigenes Leben zum Opfer und ierlaſſen die„Regekung der innern Verhältniſſe einer ſpäteren Zeit. Dann aber nichts Halbes. Mögen dann die Jakobiner eine Regierung einſetzen, dieſe Regierung wird beſſer ſein, als Kaiſer⸗ oder Königreich! Doch ich vergeſſe ganz, daß ein beſonderer Zweck Sie hierher führt; welche Nachrichten bringen Sie mir?“ „Ich komme in einer perſönlichen Angelegenheit“, ſagte der Mar⸗ quis, der für einen Augenblick ſeine Beſorgniſſe vergeſſen hatte. „Alſo nicht in Angelegenheiten unſeres Bundes? Wohlan, wenn ich Ihnen dienen kann, ſo wird es mit Vergnügen geſchehen, ver⸗ fügen Sie ganz über mich.“ „Sie werden ſich erinnern, daß ich Sie vorgeſtern Abend um einen Sicherheitspaß für eine Dentſche bat.“ „Ach ja, ich glaube, mein Secretär hat ihn ſchon ausgefertigt.“ „Inzwiſchen iſt die junge Dame ſchon verhaftet worden.“ Der Dictator zuckte die Achſeln, wie wenn er erwidern wolle, das hab abe ſes ja vorausſehen laſſen, und er bedauere, nun aichts mehr für das Mädchen thun zu können. Taa 55 — 11— „Es war unklug, daß ſie überhaupt in Paris blieb“, ſagte er. Unſer Decret befieh llt allen Deutſchen, Paris binnen vierundzwanzig Stunden zu verlaſſen, diejenigen, weloe dieſem Befehl nicht nach⸗ kommen, werden vor ein Kriegsgericht geſtellt.“ „Das iſt eine harte Maßr wagel 4 „In vielen Fällen mag ſie hart erſcheinen, in den meiſten hin⸗ gegen iſt ſie es nicht. Wir ſind von Spionen umgeben, ich habe ſichere Beweiſe, daß Deutſche in Paris unſern Feinden wichtig e Nachrichten geſchickt haben, vor den Verräthern in unſerer müſſen wir uns ſchützen. Und wer trotz unſeres Befehls bleibt, hat der nicht beſondere Gründe zu bleiben?“ „Gewiß, aber können dieſe Gründe nicht auch in anderen Ur⸗ ſachen liegen?“ „In welchen zum Beiſpiel?“ „Die junge Dame, von der ich rede, war mehrere Jahre Gou⸗ vernante im Hauſe eines Bicomte von Chateaufleur, der Vicomte ſchuldete ihr dreitauſend Francs. Als ſie die Schuld von ihm forderte, um in ihre Heimath zurückzukehren, erhielt ſie nur beleidigenden Hohn zur Antwort, wie nennen Sie dieſe Handlungsweiſe?“ „Ich muß ſie als eine Infamie bezeichnen.“ „Und Sie werden auch begreifen, daß die Dame ihre ſauer er⸗ worbenen Erſparniſſe nicht im Stich laſſen wollte“, fuhr der Mar⸗ quis fort. Aann ſagte ihr, es ſei jetzt vergeblich, wenn ſie ihre Forderung geltend mache, ſie als Deutſche ſtehe außer dem Geſetze ſie müſſe warten, bis der Friede geſchloſſen ſei. Die Mittel fehlen, ihr, Paris zu verlaſſen, überdies fand ſich hier lohnende Arbeit, ſie bezog eine Manſarde und fertigte für mehrere Geſchäfte kunſtvolle Stickereien an. Sie blieb in der Hoffnung, daß der Krieg bald be⸗ endet ſein werde, und ich bürge mit meinem eigenen Kopfe für ſie. Der Gedanke an Spionage und Verrath liegt ihr fern, was auch könnte ſie verrathen? Sie verließ nur ſelten ihre Dachſtube—“ „Aber ſie blieb, und das iſt ein Verbrechen“, fiel der Dictator ihm in'’s Wort. „Ich habe Ihnen ja die Gründe genannt—“ „Sie ſind nicht ſtichhaltig. Der amerikaniſche Geſandte würde ihr einen Paß und die nöthigſten Mittel zur Reiſe gegeben haben, und in Deutſchland fand ſie mitleidige Seelen genug, die ſich ihrer annahmen.“ = 118— „Und ihre Forderung an den Vicomte?“ „Sie ging ihr deßhalb nicht verloren, der geſetzliche Weg blieb ihr immer offen. Aber Sie lieben dieſe Dame, Herr Marquis, ich glaube, darin müſſen wir den wahren Grund ſuchen, der ſie bewog, dem Ausweiſungsdecret zu trotzen.“ Ein bedeutungsvolles Lächeln umſpielte bei den letzten Worten die Lippen Gambetta's, während die Brauen des Marquis ſich immer düſterer zuſammenzogen. „Wenn dieſer Grund ſie entſchuldigt, ſo wollen wir annehmen, Ihre Behauptung treffe den Nagel auf den Kopf“, erwiderte der Marquis, das Haupt erhebend.„Die junge Dame iſt im Gefäng⸗ niß Saint Lazare, ich bitte Sie um einen Befreiungsbefehl.“ „Das kann ich nicht.“ „Sie könnten es nicht? Ach, Sie ſcherzen, eine Zeile von Ihrer Hand genügt—“ „Nein, mein Freund, nur Graf Keratry, unſer Polizei⸗Präfekt, beſitzt die Schlüſſel zu den Gefängniſſen.“ „Wohlan, ſo bitte ich um Ihre Fürſprache, ich werde ſofort mich zu Keratry verfügen.“ „Es wäre vergebliche Mühe.“ Mit wachſendem Befremden blickte der Marquis zu dem Dictator auf, die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen drohend an. „Wie? Nicht einmal das darf ich fordern zum Lohn für meine treuen Dienſte?“ fragte er, gewaltſam den aufſteigenden Zorn nieder⸗ drückend. „Sie fordern Unmögliches“, erwiderte Gambetta.„Sie kennen den glühenden Haß des Volkes gegen die Deutſchen, wir dürfen nicht wagen, einem verhafteten Deutſchen die Freiheit zu geben. Die Schließer in den Gefängniſſen, die Nationalgarden, welche dort auf Wache ſtehen, würden es dem Volke berichten und die Regierung des Verraths, des heimlichen Einverſtändniſſes mit dem Feind beſchuldigen. Glauben Sie mir, wir würden noch in dieſer Stunde einige Ver⸗ haftete befreien, von deren Schuldloſigkeit wir überzeugt ſind, aber wir dürfen es nicht.“ Die blitzenden Augen des Marquis ruhten feſt auf dem bleichen Antlitz Gambetta's, das Beben ſeiner Lippen verrieth den gewal⸗ tigen Sturm, der in ſeinem Innern tobte. „So müßte ich die Unſchuldige ihrem Schickſal überlaſſen?“ fragte er. — 119— „Das Einzige, was ich für ſie thun kann, iſt, daß ich Befehl gebe, ſie nicht vor Gericht zu ſtellen.“ „Und welches Loos erwartet ſie dann?“ „Gefangenſchaft bis zum Frieden.“ „Das wäre ſchrecklich.“ „Bedenken Sie, was ſie erwarten würde, wenn ſie noch einmal in die rohen Hände des fanatiſirten Pöbels fiele“, ſagte Gambetta warnend.„Im Gefängniß iſt ſie vor Mißhandlung geſchützt, ſie wird dort Alles erhalten, was ſie wünſcht, die Freiheit ausgenommen.“ Der Marquis ſchüttelte energiſch das Haupt, jäh flammte die Gluth der Entrüſtung in ſeinen Augen auf. „Sind das die Freiheiten, welche die Republik bietet 2“¹ fragte er rauh.„Will die Republik die Tyrannei der Despoten fortſetzen? Das hat ſelbſt die Regierung Napoleon's nicht gewagt, daß ſie ein unſchuldiges Mädchen ins Gefängniß warf und ihre Freilaſſung ver⸗ weigerte, trotzdem ſie von der Unſchuld der Verhafteten überzeugt war.“ „Wir leben in Zeiten—“ „Die manches entſchuldigen können und müſſen, aber gleichwohl dieſe Ungerechtigkeiten nicht rechefertigen dürfen“, fuhr der Marquis mit ſteigender Erregung fort.„Der Verräther muß beſtraft werden, die Unſchuld muß das Geſetz ſchützen. Wir führen Krieg mit den deutſchen Soldaten, nicht aber mit wehrloſen Frauen.“ Wieder zuckte Gambetta mit den Achſeln. „Sie müſſen die Gründe anerkennen, die uns zu dieſem Ver⸗ jahren nöthigen“, ſagte er mit gemeſſenem Ernſte.„Oder ſollen wir unthätig zuſehen, daß der fanatiſirte Pöbel die Deutſchen auf den Boulevards ermordet? Wir ſchützen ſie, indem wir ſie verhaften, weshalb haben ſie Paris nicht verlaſſen?“ Der Marquis hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben, ein Lug der Enrſchloſſenheit umzuckte ſeine Mundwinkel. „Im Allgemeinen laſſe ich das gelten“, entgegnete er,„aber in dieſem einzelnen Falle kann und muß eine Ausnahme gemacht werden.“ „Unmöglich!“ „Wohlan, dann werde ich dieſer undankbaren Republik meine Dienſte nicht mehr widmen, möge ein Anderer an die Spitze der Verſchworenen treten und das Werk beenden.“ „Das können nur Sie, und Sie dürfen jetzt nicht untreu werden, Herr Marquis. Weshalb denn gleich das Kind mit dem Bade aus⸗ 1 ——— ütten? Die Regierung darf in keiner Weiſe Partei für einen ver⸗ pftelen Deutſchen neüiner⸗ ſie würde⸗ dadurch nur Mißtrauen wecken und d e Lunze Wuth der Kanaille auf ſi lnden. Abexr d gibt es denn einen and dern Waeg. um eine Seſänn nachdem i Feunt Bitte vurce ſo energi ſcg a abgewi eſen worden welches Mittel denken Sie?“ fragte er. „Ich denke daran, daß ein mit Gold beladener Efel die höchſte Mauer überſteigen kann.“ „Beſtechung?“ „Verlangen Sie, daß ich Ihnen den Plan entwerfe übat die 1 J P Wachſamkeit der Regierung betrügen ſoll?“ fragte der Dictator mit leiſer Ironie.„Das wäre zu viel gefordert, überdies glann ich Ihrem Scharfſinn den Entwurf ruhig überlaſſen zu können. Es gibt unter den Siehen e ormf Teufel, die kaum das trockene Brod haben, ver ſuchen Sie, was der Zauber des Goldes vermag.“. „Und wenn es mir gelänge, die ſchwierige Aufgabe zu löſen?“ „Dann würde ich Ihnen einen Sicherheitspas für die junge Dame ausſtellen.“ „Würde er ſie ſchützen?“ jwwenn ſie in Freiheit iſt, gewiß?“ Der Marquis ſtand lange in Nachdenken verſunken, er hatte nicht erwartet, daß ſo viele Schwierigkeiten ſich vor ihm aufthürmen würden. „Das iſt der einzige Rath, den ich Ihnen geben kann“, nahm Gambetta noch einmal das Wort,„ich muß es nun Ihnen überlaſſen, ob und in welcher Weiſe Sie ihn befolgen wollen. Sie entſchuldigen mich wohl, Herr Marquis, Regierungsgeſchäfte rufen mich, ſo müde und abgeſpannt ich auch bin, darf ich doch an Ruhe noch nicht denken.* „Dann muß ich um Entſchuldigung bitten, daß ich es wagte— „O, bitte, ich werde immer und gerne Ihren Beſuch empfangen, und es würde mich glücklich machen, wenn ich einmal Gelegenheit fände, Ihnen beweiſen zu können, daß die Republik treue Dienſte zu be⸗ lohnen weiß.“ Die Beiden näherten ſich der Thüre, auf der Schwelle blieb der Marquis noch einmal ſtehen. „Hat man beſtimmte Nachricht, wann die Preußen eintreffen werden?“ fragte er. — — 121— „Nein. Man will ſie zwar in Lagny geſehen haben, aber ich kann das nicht glauben, man ſieht jetzt in jeder Ecke ein Geſpenſt, die Furcht vor den Preußen und namentlich vor den Ulanen iſt kindiſch und lächerlich.“ „Und wie lange werden Sie noch hier bleiben?“ „So lange, bis hier die Maſchinerie in Ordnung iſt, jedenfalls werde ich vor meiner Abreiſe Sie noch einmal ſehen, um Ihnen alle nöthigen Inſtructionen zu geben. Ich habe Ihnen bereits mehrere zuverläſſige Leute geſchickt— „Sie ſind in den Bund eingetreten!“ „Gut, man kann ſich auf ſie verlaſſen, ſie werden mit der Republik ſiegen oder untergehen. Auf Wiederſehen, Herr Marquis, wenn Sie den Sicherheitspaß zu erhalten wünſchen, ſo fordern Sie ihn von meinem Secretär.“ Nachdenklich ſchritt der Marquis an den Wachen und Poſten vor⸗ bei, er ſchreckte nicht vor der ſchwierigen Aufgabe zurück, die vor ihm lag, aber er konnte doch den Beſorgniſſen nicht gebieten, die immer und immer wieder aufſtiegen und ihm zuflüſterten, welchen Plan er auch erſinnen möge, das Werk werde ihm nicht gelingen. —:— Siebentes Kapitel. Die Geheimniſſe der Katakomben. Erneſt war mit der brennenden Laterne in die unterirdiſche Todten⸗ ſtätte hinuntergeſtiegen, um den verſchwundenen Freund zu ſuchen. Er befand ſich zwiſchen zwei Mauern von Schädeln, die ihn un⸗ heimlich angrinſten, aber Erneſt kannte keine Furcht, und zudem war ſeine ganze Aufmerkſamkeit jetzt ausſchließlich darauf gerichtet, die Spur ſeines Freundes zu ſuchen. Rechts und links zeigten ſich andere Gänge, aber der junge Mann verfolgte die gerade Richtung in der ſicheren Vorausſetzung, daß auch Paul, der in der Finſterniß die Seitengänge keinesfalls bemerkt hatte, den geraden Weg gewählt haben würde. Die Stille des Grabes umgab ihn, und oft, wenn ſein Blick auf eines jener geſpenſterhaften Gebilde fiel, welche aus den Menſchen⸗ gebeinen hier gebildet worden waren, zuckte er doch erſchrocken zu⸗ fammen. — 122— Das ſchwache Licht der Laterne erhellte nur einen kleinen Kreis, aber um ſo unheimlicher traten jene phantaſtiſchen Gebilde hervor. Dann und wann rief er den Namen des Freundes, nur der dumpfe Widerhall ſeiner eigenen Stimme antwortete ihm.* Es war ein gefahrvoller Weg. Erneſt wußte es, wenn er einen Seitengang einſchlug und in dieſem Labyrinth von Gängen ſich ver⸗ irrte, war er unrettbar verloren. Oft auch blieb er ſtehen, um ſeine Umgebung zu betrachten, die immerhin einen gewiſſen, wenn auch ſchauerlichen Reiz hatte. Mächtige Pfeiler ſtützten hier und da das Gewölbe, auf welchem Paris ſtand, weite Straßen und Plätze zeigten ſich dem Blick, endloſe Gänge, in die wieder zahlloſe andere Gänge mündeten. Und alle dieſe Mauern rechts und links ſwaren tapezirt mit Schädeln und Menſchenknochen, ja, man hatte hie und da Altäre, Sitzplätze, Säulen und Kanzeln von ihnen errichtet. Dann wieder ſchritt Erneſt weiter, er begriff nicht, daß Paul in dieſer undurchdringlichen Finſterniß ſich ſo weit in das Labyrinth hineingewagt hatte, und oft verlor er die Hoffnung, ihn zu finden. Wie lange er nun ſchon zwiſchen dieſen ſeltſamen, unheimlichen Mauern wanderte, wußte er nicht, aber er meinte, mehrere Stunden müßten darüber ſchon verſtrichen ſein, und er dachte bereits ernſtlich darüber nach, ob er nicht beſſer thue, umzukehren, und am nächſten Tage mit einigen Wächtern der Katakomben die Nachforſchungen fort⸗ zuſetzen, als er plötzlich den Ruf einer menſchlichen Stimme vernahm. Eine ſchwankende Geſtalt kam ihm entgegen, und im nüächſten Augenblick lag Paul in ſeinen Armen. „Dich ſchickt der Himmel“, ſagte Paul mit heiſerer Stimme, „aber nun fort, fort von dieſem Ort des Grauens und Entſetzens!“ „Mich ſchickt Louiſon“, erwiderte Erneſt,„Du wäreſt längſt frei, wenn Du nicht den unſeligen Entſchluß gefaßt hätteſt, in die Kata⸗ tomben hinunterzuſteigen.“ „Ich würde es nicht gethan haben, wenn ich eine Ahnung da⸗ von gehabt hätte, daß die Katakomben unter meinem Kerker lagen. Ich wußte, daß man mich verhungern laſſen wollte, es war ſchrecklich in dem finſtern, feuchten Loch, und was lag mir näher, als der Ver⸗ ſuch, dieſem Kerker zu entfliehen? Ich fand nach langem Suchen die Fallthüre, der Riegel war bald zurückgeſchoben, als ich die Thüre öffnete, wehte eine dumpfe Luft mir entgegen. Das alte Haus hatte endloſe tt mit Altäre, gaul in byrinth finden. llichen unden rwithch nächſten en fort⸗ ernahm. näͤcſſten — 123— ſo manches dunkle Geheimniß, weshalb ſollte es nicht auch einen unter⸗ irdiſchen Gang haben, durch den die Verſchworenen im Fall der Noth die Flucht ergreifen konnten? Ich beſann mich nicht lange, jeden⸗ falls hatte dieſer Gang irgendwo einen Ausgang ins Freie. Ich ſprang hinunter und trat muthig die Wanderung an, erſt als ich die Wände berührte und die Schädel fühlte, erkannte ich, wo ich mich befand.“ „Und Du kannſt dem Himmel danken, daß Du immer die gerade Richtung verfolgteſt, hätteſt Du einen Seitengang eingeſchlagen, würde ich Dich nicht gefunden haben. Wir müſſen nun umkehren und ver⸗ ſuchen, durch den Keller Pierre Bandau's die Oberwelt zu erreichen.“ „Wenn man nicht inzwiſchen ſchon meine Flucht entdeckt hat.“ „Ich glaube das nicht. Louiſon erwartet uns im Kabinet der Verſchworenen, ihr Vater kommt vor Tagesanbruch nicht heim, beeilen wir uns.“ Raſch eilten die Beiden in der Richtung von dannen, aus der Erneſt gekommen war, ſie erreichten nicht lange darauf einen ziemlich großen Platz, auf den mehrere Gänge mündeten. Hier blieb Erneſt ſtehen, ein Gefühl der Unſicherheit bemächtigte ſich plötzlich ſeiner, er hatte den Weg verloren. Aergerlich ſtampfte er mit dem Fuß auf den feuchten Boden, nach kurzem Nachdenken ſchritt er über den Platz auf einen Gang zu. „Wir müſſen auf die Hülfe Gottes vertrauen“, ſagte er mit dumpfer Stimme,„nur ein Eingeweihter kann in dieſem Labyrinth ſich zurecht finden.“ „Du haſt den Weg verloren?“ fragte Paul beſtürzt. „Ich hoffe, daß es nicht der Fall iſt.“ „Aber wenn es der Fall wäre, irgendwo müſſen wir doch einen Ausgang finden.“ „Gewiß, aber wenn die Kräfte uns verlaſſen, hat das Suchen ein Ende.“ „Glaubſt Du, daß wir ſo lange hier umherirren müſſen?“ „Denken wir nicht darüber nach“, erwiderte Erneſt,„der Gedanke iſt zu ſchrecklich.“ „Es iſt ſchon ſchrecklich genug, dieſe Millionen grinſender Schädel zu ſehen.“ 1 Schweigend ſchritten die Freunde weiter, und Erneſt erkannte bald, daß er den rechten Weg verfehlt hatte. Er ſah Monumente, Gehilde und Plätze, die er auf dem Hinweg nicht bemerkt hatte, aber dennoch verlor er den och ve raſtlos weiter, und Paul ſolgte ihm, ohn So verſtrichen Stunden, qualvolle Stunden Ewigkeit däuchten. Plötzlich blieb Paul ſtehen. 9 Beiden eine im ne,„meine „So wollen wir un Laterne auf den Boden ſtellte. nicht verlieren, Paul.“ d 2 N d ‿ ₰ 7 8 erwiderte Erneſt, indem er die Ni ür 175 Soffnnr „Wir dürfen Muth und Hoffnung „Ich glaube, daß ich beide ſchon verloren habe, wir finden keinen Ausgang!“ nUnd doch gibt es deren ſo viele!“ „Wenn man nur wüßte, wo man ſie finden könnte“, ſeufzte Paul, indem er dem Freunde, der neben ihm auf dem feuchten Erdboden ſaß, die Hand drückte.„Du haſt Dein Leben für mich gewagt, Erneſt, Du wirſt es verlieren meinetwegen, fluche mir nicht, mein Freund, wir werden zuſammen ſterben.“ „Sprich nicht ſo“, bat Erneſt mit erzwungener Ruhe,„ich gebe die Hoffnung noch nicht auf. Horch! hörſt Du das dumpfe Rollen über uns?“ „Gewiß, es klingt wie das Rollen eines näher kommenden Ge⸗ witters.“ „Es ſind die Wagen, die da oben über die Boulevards fahren, die ſchweren Geſchütze, die langen Colonnen von Munitionskarren. Ja, wenn man hier die Decke durchbrechen und ſo plötzlich aus dem Grabe emporſteigen könnte mitten in das friſche, lachende Leben hinein?“ „Wäre das unmöglich?“ „An manchen Stellen wohl nicht. Kennſt Du die Geſchichte der Katakomben?“ „Nein.“ „Wohlan, ſo höre zu, ich will ſie Dir erzählen, wie mein Groß⸗ vater ſie mir berichtet hat. Die Katakomben ſind alte Steinbrüche und nun ſchon mehr als ein Jahrtauſend alt. Man hatte aus ihnen die Steine geholt, aus denen Paris erbaut wurde, die Kirchen und Paläſte über uns ſind aus dieſen Steinen erſtanden. Später, als man dieſe Steinbrüche nicht mehr benutzte, kamen ſie in Vergeſſenheit, und wenige Menſchen wußten damals, daß ſie auf einem Grabe „Meinne wohnten, welches plötzlich einſtuͤrzen und ſie verſchlingen konnte. Die Faubourgs St. Jaques, St. Michel und St. Marcel bis zum Fau vourg St. Germain, alle dieſe Stadtviertel haben unter ſich dieſe Katakomben, das Pantheon, der Luxembourg, der Jardin des Plantes, das Odeon, die Hospitäler der heiligen Anna, der hilfloſen Kinder der Maternité und der Salvetriere, und noch viele andere öffentliche und ſtolze Gebäude ſtehen auf der nicht ſehr dicken Decke, welche ſie von dieſen Abgründen trennt. Kurz vor dem Ausbruch der franzö⸗ fiſchen Revolution, zu Ende des vorigen Jahrhunderts, ſchwankte an verſchiedenen Stellen in dieſem Quartier der Boden, einige Häuſer ver ſchwanden faſt ſpurlos, andere ſtürzten zuſammen, es war, als wenn ein Erdbeben dieſe Straßen heimgeſucht habe. Jetzt erinnerte man ſich der alten Steinbrüche, und in ſteter Angſt vor einem weiteren Ein⸗ ſturze beeilte man ſich, der drohenden Gefahr vorzubeugen. Man ſtieg in die Tiefe hinunter, man ſah, daß die Sicherheit der Stadt von dieſen verfallenen, halb verſchütteten Gängen abhing, daß, wenn ſie einſtürzten, Paris unrettbar verloren war. Man erxrichtete Pfeiler und Säulen, verband ſie durch ſtarke Tragbalken miteinander, mauerte die Wölbungen aus und ſtützte die Decken. Man brachte Ordnung in dieſe Gänge und ſchuf aus ihnen eine unterirdiſche Stadt, ein Labyrinth von Straßen und Plätzen, in dem nur kundige Führer ſich zurecht finden konnten. Die Friedhöfe, welche ſich ſämmtlich im In⸗ nern der Stadt, theils in den Kirchen ſelbſt, theils auf den anſtoßen den Plätzen befanden, waren überfüllt, man hatte Leichen auf Leichen gehäuft, ſo daß zum Beiſpiel der Kirchhof der„Innocents“ durch dieſe Leichenſchichten acht Fuß höher war, wie die umliegenden Straßen. Die Todten waren den Lebenden im Wege, und nicht allein dies, die überfüllten Friedhöfe hauchten Peſtdünſte aus, aber bisher hatte man vergeblich über Abhülfe nachgedacht, man wußte eben nicht, wo man mit dieſer Maſſe von Gebeinen bleiben ſollte. Und als man nun die Katakomben entdeckte, da hatte man gefunden, was man ſo lange vergeblich ſuchte. Am 7. April 1786 weihte der Erzbiſchof von Paris mit einem Gottesdienſte dieſe Steinbrüche zur Begräbniß⸗ ſtätte ein und ſofort begann man mit der Räumung des Friedhofes der„Innocents“. Auf dieſem Kirchhofe fand man über eine Million von Särgen, weitere Millionen lieferten die übrigen Friedhöfe, die nun alle geräumt wurden. Fünfzehn Monate hindurch, Nacht für Nacht fuhren die Karren unausgeſetzt zwiſchen den Kirchhöfen und der Straße der Tombe Ihrion, hier befand ſich eine Grube, durch welche man die Gebeine in die Katakomben hinunterſchüttete.“ „Gräßlicher Gedanke!“ warf Paul ein.„Es muß ein grauen⸗ haftes Bild geweſen ſein, dieſer wüſte Berg von Schädeln und Knochen, von Schutt und Moder bei Fackelſchein.“ „Ja, es war ein einziger, mächtiger Schutthaufe, in dem dieſe Schädel und Knochen von Millionen Menſchen lagen. Da waren die Schädel von Fürſten, Feldherren, hohen, mächtigen Herren, ſchönen Damen und die Schädel von Verbrechern, Proletariern, Bettlern und anſchuldigen Kindern bunt durcheinander geworfen. Aber damit be⸗ gnügte man ſich jetzt nicht. Als die Revolution ausbrach und die Schreckensherrſchaft Tauſende von Menſchenleben vernichtete, da warf man auch die Leichen dieſer Greuelzeit, in die Katakomben, die Alles verſchlangen. Die Opfer der Kämpfe und der Gulllotine, die Drei⸗ tauſend, die in den Septembertagen des Jahres 1792 hingeſchlachtet wurden, ſie alle, alle wurden hier in das gemeinſchaftliche Grab ge⸗ worfen, hinuntergeſchüttet, wie man eine Karre Steine oder Schutt hinunterſchütten würde. Hier liegen St. Juſt und Robespierre, Dan⸗ thon und Pethion, Marat und Charlotte Cordey, der Herzog von Orleans und die ſchöne Prinzeſſin Lannballe, Mirabeau, Voltaire und Rouſſeau, deren Leichname man aus dem Pantheon der großen Männer entfernte, die Weiber der Halle, jene Megären der Gulllotine, die Schreckensmänner und Blutrichter ſammt ihren zahlloſen Opfern, die Katakomben haben ſie alle verſchlungen. „Unter dem erſten Kaiſerreiche begann man damit, den Knochenhaufen zu ordenen. Die einzelnen Friedhöfe wurden von einander abgeſondert, man ſortirte die Knochen nach Jahrgängen, nach den Stätten, auf denen ſie gefunden worden, nach den Ereigniſſen, denen ſie geopfert worden waren. „Und dann begann man dieſe grauenvolle Arbeit, man tapezirte die Mauern der Gänge mit den Schädeln und den Knochen, man baute Altäre und Kanzeln von ihnen auf, man gab den Straßen Namen und ſtellte Gedenktafeln auf, die dem Wanderer berichten, wo die Schädel früher ruhten. „Wer weiß, wem jener Schädel gehörte, auf dem unſer Blick ruht! Wielleicht war es der Kopf eines berühmten Mannes, eines vielbe wunderten Staatsmannes, oder eines ausgezei cteten Dichters, viel⸗ leicht thronte dieſer Schädel einſt als verführeriſch ſchönes Köpfchen Drei⸗ Ma hl achtet 19 ge⸗ Schutt Dan⸗ von ltaire Noßen llotine, pfern, haufen ndert, auf — 127— auf den blendend weißen Schultern einer lebensluſtigen Dame, viel⸗ leicht war er auch der Kopf eines Mörders. „Wenn wir hier Studien machen wollten und könnten, ſo würden wir viel Intereſſantes finden; mein Vater war öfter hier, früher, als es noch nicht ſo ſchwierig war, in die Katakomben hineinzugelangen, er ſagte mir, es gebe da Gedenktafeln mit den Inſchriften:„Kampf am Faubourg St. Antoine“,„Kampf am Schloſſe der Tuilerien.“„Die Todten vom 2. und 3. September 1792“, ja es gebe ſogar eine Fontaine mit lebenden Fiſchen hier unten. Dieſe Fiſche und die Ratten ſind die einzigen lebenden Weſen in dieſer unterirdiſchen Todten⸗ ſtadt; vielleicht wird man nach Wochen hinunterſteigen, um ſie zu fangen, wenn da oben der Hunger überhand nimmt.“ „Und gibt es nur einen Eingang, den vor der Barriere d'Enfer bei der Tombe Ihrion?“ fragte Paul. „Nein, es gibt deren mehrere, aber wer außer dem Eingeweihten vermag ſie in dieſem Labyrinth zu finden? Das Palais Luxembourg ſoll mit ihnen in Verbindung ſtehen, ja, man will ſogar wiſſen, daß auch aus den Tunlerien ein Gang hineinführe. Und wie das Haus Pierre Bandau's mit ihm verbunden iſt, ſo gibt es hier viel Spe⸗ lunken, die ihre Fallthüren haben. Es iſt ſo bequem, hier die Be⸗ weiſe eines Raubmordes verſchwinden zu laſſen, oder geſtohlene Sachen hier zu verſtecken, und an manchen Stellen iſt die Decke ſo dünn, daß es nicht große Mühe koſtet, eine Oeffnung zu brechen.“ Erneſt richtete, während er dies ſagte, die Augen zur Decke empor, dann warf er einen Blick auf ſeinen Freund, und als er ſah, daß der Schlaf die müden Augen Paul's geſchloſſen hatte, verſuchte auch er, die Augen zu ſchließen. Er wußte wohl, daß es rathſamer geweſen wäre, die Nachfor⸗ ſchungen fortzuſetzen, aber die Kräfte waren erſchöpft. Wie lange er geſchlafen hatte, wußte er nicht; als er erwachte, herrſchte ringsum tiefe Finſterniß. Das Licht in der Laterne war erloſchen, die Finſterniß vermehrte die Schrecken, ſie verringerte die Möglichkeit, den Ausgang zu finden. Der erſte Gedanke Erneſt's galt dem Freunde, Paul lag noch an ſeiner Seite. Er durfte ihn nicht länger ſchlafen laſſen, die Augen⸗ blicke waren koſtbar. „Ich habe keine Hoffnung mehr“, ſagte Paul, als er nun auch erfuhr, daß die Laterne erloſchen war, aber er erhob ſich doch, und Hand in Hand nahmen die Freunde die Wanderung wieder auf. „Muth!“ erwiderte Erneſt.„So lange die Kniee noch nicht unter uns zuſammenbrechen, müſſen wir die letzte Kraft aufbieten, ſo will es der Trieb der Selbſterhaltung.“ „Wie lange mögen wir geſchlafen haben? fragte Paul nach einer Weile. 3 g „Wer kann dies beſtimmen? Das Geräuſch der rollenden Wagen über uns iſt ſchwächer geworden, man könnte daraus ſchließen, daß die Nacht angebrochen ſein m riſſe aber es iſt ja auch möglich, daß wir uns unter Straßen befinden, in denen weniger Leben und Verkehr herrſcht. Fühlſt Du noch keinen Luftzug?“ „Nein.“ „Wenn Du irgend etwas entdeckſt, ſo theile mir es ſofort mit, die unbedeutendſte Wahrnehmung kann zu unſerer Rettung führen. Ein leiſer Luftzug kann uns belehren, welche Richtung wir wählen und einhalten müſſen.“ „Horch, was iſt das?“¹ „Waſſer, mein Freund.“ „Und woher kommt das Waſſer? Ich höre es deutlich plätſchern.“ „Es iſt wahrſcheinlich der Springbrunnen, von dem ich Dir erzählte.“ „Man nennt ihn La Samaritaine.“ „Es war eine ſchöne Hoffnung, die ſo plötzlich mich durchzuckte, um ſo bitterer iſt die Enttäuſchung.“ „Ich baue meine Hoffnung auf etwas Anderes.“ „Worauf 20 „Auf die Hülfe Louiſon's.“ „Mein Gott, wenn auch ſie in dieſes Todtenreich hinunter⸗ geſtiegen wäre!“ ſagte Paul entſetzt. „Das iſt nicht anzunehmen. Aber ſie weiß, daß wir Beide uns in den Katakomben befinden, ſie hat vergeblich unſere Rückkehr er⸗ wartet, ſie wird nicht müßig bleiben.“ „Und was ſollte ſie thun?“¹ „Die Wächter der Katakomben beſtimmen, uns zu ſuchen. „Müßte ſie dann nicht die Geheimniſſe ihres Vaters verrathen?“ „Glaubſt Du, daß ſie davor zurückſchrecken wird, wenn es ſich um das Leben ihres Geliebten handelt?“ fragte Erneſt.„Man wird uns ſuchen und— Er brach ab, krampfhaft umllammerte er den Arm des Freundes „Siehſt Du dort den rothen Schein?“ flüſterte er.„Es ſind die tunter Fackeln der Wächter, wir ſind gerettet, Paul.“. 1 ſo wil Haſtig ſchritten die Beiden auf den Lichtſchimmer zu, aber als ſie 5 nun vor dem Gange anlangten, aus dem er kam, blieben ſie unwill⸗ Weile. kürlich betroffen ſtehen. 2. Wagen 7 In geringer Entfernung vor ihnen ſahen ſie einen ziemlich ge⸗ aß die räumigen Platz, und auf dieſem Platze ſtanden etwa ein Dubend ß wir Männer, von denen Mehrere Fackeln trugen. Es war eine und heim⸗ erkehr liche Scene, unheimlich ſelbſt für die Beiden, die ihre letzte H ſſnung auf dieſen Lichtſchimmer gebaut hatten. Eine Strickleiter hing von der Decke nieder, und in dem Kreiſe, t nit den die Männer um einen ihrer Genoſſen geſchl oſſen hatten, machte ä eine Branntweinflaſche fleißig die Runde. „Still“, flüſterte Erneſt,„horchen wir, was dieſe Burſchen vor⸗ haben, um unſere Maßregeln darnach zu treffen.“ „Die Republik hat keine Zukunft“, ſagte der Mann in der Mitte, „ſie wird zuſammenbrechen, ſobald die Regierung der Not hwendigkeit zen“ nachgegeben und den ſchmachvollen Frieden unterzeichnet hat. Alle Dir gutgeſinnten Bürger und vorzüglich die, welche eine ſociale Re⸗ publik fürchten, werden ſich nach der Rückkehr des Kaiſers ſehnen, denn das Kaiſerreich war der Friede! Vergeſſen wir nicht, Allen bagckt zu ſagen, daß die Republikaner, dieſe ehrgeizigen Advokaten, den he9e Kaiſer zum Krieg mit Deutſchland gezwungen haben, bürden wir immer wieder ihnen die ganze Schuld auf, und heben wir bei jede Gelegenheit die Segnungen hervor, welche das Kaiſerreich im Gefolge hatte. Flößen wir der beſitzenden Klaſſe Schrecken ein, dadurch, daß ner wir uns an die Spitze des Geſindels ſtellen und die Häuſer plündern, un ſie wird um ſo eher die Wiedererrichtung des Kaiſerreichs fordern.“ . us„Und wir gewinnen auch dabei“, erwiderte eine rauhe Stimme. 2 9⸗„Wir werden die Beute theilen“, fuhr der Redner fort,„wir h ſind ja da eranf„Andehnieſon⸗ wenn wir unſer Leben friſten wollen. Man hat uns, die Beamten der Polizei, abgeſetzt, man zahlt uns keinen Sold, ja, man glaubt, uns mißhandeln zu dürfen. Aber Gedull 5 die Stunde der Vergeltung wird ſchlagen, und dann mögen die N thm. publikaner in Cayenne über ihre Namzoſten nachdenken. iell ſh wird die Regierung noch während der Belager ung geſtürz: 4 ſ. Aſſy und deren Freunde wollen die Eaurnome fordern. 31 o. — 130— wir die Gluth der Leidenſchaften, gießen wir überall Oel in's Feuer, ſhts kann für unſern Zweck beſſer ſein, als wenn die depubiiane ſich untereinander Ke eeiſchen. Ich ſage Euch, eine Republik in Feanlreinj unmöglich geworden, nur die Kanaille wünſcht ſe. ſager bald wird man die Regierung der Kanaille haſſen und verw pünſchen.“ „Und der Kaiſer wird uns belohnen?“ fragte die rauhe Stimme. „Er hat's verſprochen, ſeine Agenten ſind mit guten Vollmachten hen, wir dürfen uns darauf verlaſſen, daß man uns fürſtlich be⸗ lohnen wird.“ „Gut, dann wollen wir auf Credit arbeiten, der Kaiſer hat uns noch nie betrogen. So oft wir in ſeinem Auftrage eine Verſchwörung anzettelten, haben wir ſtets unſern Lohn empfangen, und ich glaube nicht, daß einer unter uns iſt, der ſich beklagen könnte. Wir werden alſo unſere Banden organiſiren und mit ihnen in die Häuſer der Reichen eindringen.“ „Jetzt nah nicht“, erwiderte der Anführer,„warten wir, bis die vor den Thoren ſtehen, bis der Hunger hier ſich fühlbar enblick ſtürzte Erneſt mit einem Schrei der Ver⸗ dh die zu, die beſtürzt und ent ſetzt auseinander mmel ſei Lob und Dank!“ rief Erneſt.„Endlich, r ſers daß wir gerettet ſeien.“ ten hatten ihre Faſſung raſch wieder gefunden, Dn 3** 3. e bemerkten zeit agd Paul, der mit ſchwankende Schritten näher kam, der welcher das große Wort geföhrt hatte, trat auf Erneſt zu hob die Fackel, um ihr Licht voll auf das bleiche Geſicht des und e . H,Iſo⸗* jangen Mannes falle Boher kommt 71 9 ſuchen? lud aif 1 den Katalom Gragen zu beantworten, bevor er ſich nicht geſättis 2 ½ 44 von Eurer Antwort allein Eure Rettung ab⸗ Endüch, gefunden, — 131— „Beantwortet meine Fragen.“ „Nun denn, wenn Ihr nicht anders wollt, ich werde die Wahr⸗ heit ſagen, ſelbſt auf die Gefahr hin, einen guten Republikaner zu erzürnen. Wir beide ſind keine Freunde Gambetta's, und wir haben die Thorheit begangen, das öffentlich zu erklären, in einer Spelunke, in welche der Zufall uns hineingeführt hat.“ „Aber Ihr ſeid Arbeiter—“ „Muß man deshalb auch Anhänger dieſer Advokaten ſein, die nur ihren eigenen Ehrgeiz, nicht aber das Wohl des Arbeiters im Auge haben? Ja, wenn Flourens an der Spitze ſtände—“ „Oder Ihr ſelbſt, nicht wahr?“ „Ja, wir ſelbſt, wir wüßten ſchon, was geſchehen müßte, um der arbeitenden Klaſſe ihr ſchweres Loos zu erleichtern. Gambetta will das nicht, er will nur herrſchen, ein berühmter Mann werden, und er wird doch nur ein Despot, gegen den Napoleon ein milder Herr⸗ ſcher war.“ „Glaubt Ihr das in allem Ernſte?“ „Würde ich den Muth haben, es zu ſagen, wenn es nicht meine Neberzengung wäre?“ „Fahrt fort, Ihr habt meine Fragen noch nicht beantwortet.“ „In jener Spelunke fiel man über uns her, man ſchalt uns Ver⸗ räther und bedrohte uns mit dem Tode. Wir waren zwei gegen dreißig, ſie hätten uns todtſchlagen können. Aber ſie„ollten uns einem langſamen, qualvollen Tode überliefern, ſe ſe hleppten uns hin⸗ unter in den Keller und öffneten eine Fallthüre, daßr 1 ſtieß n ſie uns in den ſinſtern Abgrund hinab, und als wir aus unſerer Betänbung erwachten, erkannten wir, daß wir uns in den Katakomben befanden.“ „Wann geſch chah das?“ 8 „Am fünften September Ahends gegen neun Uhr.“ „So ſeid Ihr vierundzwanzig Stunden lebendig begraben geweſen.“ „Es war eine qualvolle Zeit.“ „Und wo liegt jene Spelunke?“*“ „Ich werde mir Mühe geben, ſie wieder aufzuſuchen, aber welch Benngthuung könnten wir fordern? Die elenden Burſchen würden uns des Hochverraths beſchuldigen—“ „Und die Regierung ſchützte Euch wahrlich nicht. Habt Ihr hon lange hier in der Nähe ſtondene „Nein. — 132— „Wer lockte Euch hierher?“ „Der Schein Eurer Fackeln. Ein unſägliches Gefühl der Freude durchzuckte uns bei dieſem Anblick, aber wir dachten, es feien die Wächter der Katakomben.“ „Und wofür haltet Ihr uns 35 „Ich habe darüber noch nicht nachgedacht.“ „Sagt es offen heraus.“ „Je nun, vielleicht habt Ihr gute Gründe, Euch zu verſtecken „Bah, es gibt ja keine Polizei mehr.“ „Wahr, aber die Nationalgarden ſchützen jetzt das Eigenthum, und ſie machen kurzen Prozeß.“ „Seid Ihr nicht auch in der Nationalgarde?“ „Ja, aber wir kämpfen nur gegen die Preußen, für Gambetta werden wir unſer Leben nicht opfern.“ Der Polizeibeamte ſchien befriedigt zu ſein, er verſammelte ſeine Genoſſen um ſich und unterhielt ſich eine Weile leiſe mit ihnen, dann winkte er den Beiden, näher zu treten. „Ihr werdet begreiflich finden, daß wir das Geheimniß unſeres Verſtecks ſtreng bewahren“, ſagte er,„nennt Eure Namen und Eure Wohnung, damit wir Euch zu finden wiſſen, wenn Ihr uns mit Verrath lohnt.“ „Herr, wir ſind ehrliche Arbeiter 4 „Mag ſein, aber wir kennen Euch nicht.“. Erneſt kam der Aufforderung nach, der Beamte ſchritt zu der Strickleiter. „Ihr werdet mir folgen“, ſagte er,„ſind wir oben angelangt, müßt Ihr Euch die Augen verbinden laſſen.“ Nach den beiden Arbeitern ſtiegen die übrigen Beamten hinauf, und nachdem den Geretteten die Augen verbunden waren, wurden ſie in ein Zimmer geführt und hier bewirthet. Sie waren jetzt mit dem Haupte des Bundes allein, und das Gemach, in welchem ſie ſich befanden, war ſo hübſch und traulich ein⸗ gerichtet, daß ſie ſich augenblicklich behaglich in ihm fühlten. Ihr Wirth ſetzte ihnen Wein, Brod, Käſe und Fleiſch vor und ſah ſchweigend zu, wie fie ihren Heißhunger ſtillten. „Ich weiß nicht, ob Ihr mir die volle Wahrheit geſagt habt, Bort, nachdem ſie ſich geſättigt hatten,„die Menſchen⸗ — — 133— beſinnen, ob es rathſam war, der innern Stimme zu gehorchen. Ich kann auch nicht unterſuchen, ob Ihr gehorcht und unſere Geheimniſſe erfahren habt, wohl aber kann ich Euch warnen und Euch auf die Strafe aufmerkſam machen, die ein Verrath zur Folge haben würde.“ „Es iſt unnöthig“, ſagte Erneſt,„wir werden nicht mit Undank lohnen.“ „Nichtsdeſtoweniger müßt Ihr wiſſen, daß man Euch von nun an beobachten wird, Ihr werdet nichts thun können, was uns ver⸗ borgen bliebe. Und wenn Ihr uns mit Verrath lohnt, dann be⸗ reitet Euch auf Euer letztes Stündlein vor, das Urtheil wird gefällt und vollſtreckt werden. Und nun kommt, ich werde Euch eine Strecke begleiten.“ Er legte wieder die Binde um ihre Augen und führte ſie hinaus, und nachdem ſie eine ziemlich weite Strecke ſchweigend zurückgelegt hatten, ſagte er ihnen, ſie könnten nun gehen, wohin es ihnen beliebe. Die beiden Freunde athmeten auf und nahmen die Binde ab, ihr Begleiter war verſchwunden, und ſie erkannten nun, daß ſie ſich in der Cité auf dem Platz an der Kirche Notre Dame befanden. „Gott ſei Dank!“ ſagte Erneſt.„So wären wir auch dieſer Ge⸗ fahr glücklich entronnen.“ „Und das danken wir Deiner Geiſtesgegenwart“, erwiderte Paul. „Aber wohin nun? In meine Wohnung zurückzukehren, wage ich nicht, haben die Verſchworenen meine Flucht entdeckt, ſo werden ſie mich dort ſuchen.“ „Du gehſt mit mir.“ „Gut, ich nehme den Vorſchlag an, Du haſt freilich ſchon ſo viel für mich gethan—“ „Laſſen wir das. Wir werden von Fräulein Marie erfahren, was ſie und Louiſon zu unſerer Rettung gethan haben, und wir werden ſie bitten, Deine Verlobte zu beruhigen.“ „Und glaubſt Du, daß ich damit mich begnügen werde?“ fragte Paul.„Ich werde jetzt nicht ruhen, bis Louiſon mein Weib iſt, und welche Mittel ſich mir dazu auch bieten mögen, ich werde jedes wählen, welches mir Ausſicht auf Erfolg verſpricht.“ Erneſt ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Das iſt eine Angelegenheit, in der man ſchwer einen Rath er⸗ theilen kann“, ſagte er,„Du mußt ſelbſt wiſſen, was Du thun darfſt, denn die Folgen fallen ja auf Dich und Louiſon zurück. Aber bedarfſt — 134— ⸗ Du der Hülfe eines Freundes, ſo weißt D Du, daß Du auf mich rech en kannſt, vorzüglich, wenn es den Kampf mit dieſem ſchuftigen W Wucherer gilt.“ „Auch im Kampf mit den Verſchworenen?“ fragte Paul. „Hm, ich rathe Dir nicht, mit ihnen den Kampf zu beginnen, im Gegentheil, es wird beſſer ſein, wenn wir dieſen Leuten, den Repu⸗ blikanern ſowohl, wie den Polizeibeamten, aus dem Mögen ſie zuſe chen⸗ wie ſie fertig werden und was ſie w ge gehen. ichten, wir haben keine Veranlaſſung, uns ihnen anzuſchließen ndr ihre Pläne zu durchkreuzen.“ Die Bei den hatten während dieſes Geſprächs die belebten Straßen raſch durchſchritten, neugeſtärkt durch den feurigen Wein, mit dem ſie erquickt worden waren, fühlten ſie nichts mehr von der Erſchepfung, die in Folge der Entbehrungen und Aufregungen in den Katakomben ihre Glieder gelähmt hatte. Sie erreichten bald das Haus, in welchem Erneſt wohnte, raſch ſtiegen ſie die Treppe hinauf, Erneſt zündete in ſeinem Zimmer eine Kerze an und blickte ſich dann forſchend um, wie einer, der nach langer Abweſenhe it ſeine Wohnung wieder betritt. Paul ließ ſich auf einen Stuhl nieder und be trachtete ebenfall die beſcheidene Ausſtattung des Zimmers, während Erneſt an die Wand der anſtoßenden Manſarde trat und horchte. „Sollte ſie ſchon zur Ruhe gegangen ſein?“ fragte Erneſt nach einer Pauſe.„Ich kann das nicht glauben, es iſt noch nicht elf Uhr, und in der Regel arbeitet ſie bis Mitternacht.“ Er klopfte auf die Wand, aber drinnen blieb es ſtill. „Sie hat wohl ihre Kräfte unſeretwegen zu ſehr angeſtrengt“, meinte Paul,„das wird die Urſache ſein, daß ſie ſo früh zu Bett gegangen iſt.“ „Aber es würde ſie beruhigen, wenn ſie wüßte, daß wir gerettet ſind“, warf Erneſt ein, indem er abermals anklopfte. Keine Antwort erfolgte, die Erregung des jungen Mannes wuchs, er konnte ſich dieſes Räthſel nicht erklären.“ „Vielleicht iſt ſie bei Louiſon geblieben“, ſagte Paul.„Mein Gott, ich denke jetzt mit Entſetzen daran, daß die Mädchen in die Kata⸗ komben hinuntergeſtiegen ſein könnten!“ „Dazu haben ſie nicht den Muth.“ „Die Liebe vermag Alles. Wir dürfen nicht ruhen, bis wir Ge⸗ wißheit haben.“ — — 135— Erneſt hatte die Thüre ſeines Zimmers ſchon geöffnet, er trat auf den Gang hinaus und pochte gleich darauf an der Thüre ſeiner 9- 93 1 7 Nachbarin an. „He— he, ich glaube, mit den Schäferſtunden hat's ein Er de genommen“, krächzte eine heiſere Stimme hinter ihm, und als Erneſt beſtürzt ſich umwandte, fiel ſein Blick auf Madame Leroi, deren mnie ſo tückiſch erſchienen war, wie eben jetgt. widerwärtiges Geſicht „Iſt Fräulein Reimann nicht zu Hauſe?“ fragte er barſch. „Scheint wohl nicht“, ſpottete die Alte,„na ich dachte, Sie würden das beſſer wiſſen, wie ich.“ Erneſt erfaßte den dürren Arm des alten Weibes und führte ſie H in ihr Zimmer, eine Ahnung, daß ſie mehr wiſſe, als fie ihm ver⸗ rathen wolle, durchzuckte ihn, er wollte ſie zwingen, ihm die volle Wahrheit zu ſagen. „Hier iſt etwas Beſonderes vorgefallen“, ſagte er, den durch⸗ bohrenden Blick feſt auf das Weib richtend,„wo iſt Marie, Madame? Sie wiſſen es und werden es mir berichten.“ Der Rabe ſchrak aus dem Schlafe empor und ſchlug mit den Flügeln, dann flog er auf die Schultern der Wahrſagerin, die ihren Arm aus der Fauſt des jungen Mannes befreit hatte. „Ich weiß nichts“, erwiderte ſie unwirſch.„Das Mädchen hat geſtern Morgen ihre Wohnung verlaſſen und iſt bis jetzt noch niezt heimgekehrt.“ „Geſtern Morgen?“ „Ja, Sie waren kaum fortgegangen.“ „Und es iſt Ihnen unbekannt, wo ich fie finden werde?“ „Wie kann ich es wiſſen?“ „Sie hat Ihnen kein Wort geſagt?“ „He, der Tugendſpiegel hat mir ja nie das Wort gegönnt“, ſpot⸗ tete Madame Leroi,„und was hätte mich veranlaſſen können, mie um ſie zu bekümmern? Sie wußte ſehr genau, daß ich hinter die Maske ſah und an den Tugendſchein nicht glaubte, vielleicht hat ſie deshalb ſich auf und davon gemacht.“ „Das iſt eine infame Lüge!“ fuhr Erneſt auf.„Sie haben den Mädchen gedroht, aber auch dieſe Drohung würde Marie nicht zur Flucht veranlaßt haben, ſie wußte ja, daß ich ſie beſchützte. Sie würde nicht für immer fortgegangen ſein, ohne mir ein Zeichen zu hinterlaſſen. Gnade Ihnen der Himmel, wenn Sie es gewagt haben — 136— Ihre Drohung auszuführen; ich bin jetzt auf Alles, auf das Schlimmſte vorbereitet, aber fällt mir ein Beweis gegen Sie in die Hände, dann wird dieſe Fauſt die Rechnung mit Ihnen ordnen.“ Das Weib lachte und zuckte die Achſeln, als ob ſie erwidern wolle, ſie fürchte dieſe Drohung nicht. „Wir ſind arm, arme Leute!“ krächzte der Rabe. „Ich frage Sie noch einmal auf Ehre und Gewiſſen, können Sie mir keine Nachricht über das Mädchen geben? Nichts, was mich auf eine Spur leiten könnte?“ „Nein.“ „Gut, ich werde mich dieſer Antwort erinnern, wenn ich Marie gefunden und aus ihrem Munde die Ereigniſſe vernommen habe. Nach dieſen in drohendem Tone geſprochenen Worten ging Erneſt in ſein Zimmer zurück, er nahm die Kerze und trat, von ſeinem Freunde begleitet, kurz darauf in das Gemach Mariens, deſſen Thüre nicht verſchloſſen war. Er fand hier Alles in derſelben Ordnung, in der er es verlaſſen hatte, man konnte glauben, Marie ſei erſt vor wenigen Minuten hinaus gegangen. Erneſt wagte nicht, die Schränke und Schubladen zu öffnen, er be⸗ gnügte ſich damit, den Blick prüfend umherſchweifen zu laſſen, dann trat er an das Arbeitstiſchchen undd hier fiel ſein erſter Blick auf die Karte des Marquis, die halb verſteckt unter einer angefangenen Stickerei lag. Er zuckte unwillkürlich zuſammen, haſtig nahm er die Karte auf, die er lange mit ſtarrem Blick betrachtete. „Sollte ſie zu ihm geflüchtet ſein?“ ſagte er leiſe mit zitternder Stimme.„Sollte ſie bei ihm Hülfe für mich geſucht haben— aber nein, das kann nicht ſein, ſie ahnte ja auch die unlauteren Abſichten dieſes eleganten Herrn.“ „Hm— möglich wäre das allerdings“, meinte Paul,„pvielleicht hat ſie ſeinen Beiſtand für Dich gefordert, und er zwang ſie, bei ihm zu bleiben.“ „Wie hätte er das gekonnt?“ „Parbleu, ich weiß es nicht, ich kenne die Künſte nicht, mit denen dieſe Herren ein argloſes Mädchen zu bethören und zu verführen verſtehen, aber mir ſind Beiſpiele genug bekannt—“ „Halt ein!“ rief Erneſt entſetzt,„ich mag darüber nicht nach⸗ denken, es könnte mich wahnſinnig machen.“ — 137— „Vielleicht kann Louiſon uns das Räthſel löſen.“ „Ja, das iſt der einzige Strohhalm, an den ich mich klammere. Du darfſt nicht hingehen, Paul, Du würdeſt Dich in dieſelbe Gefahr begeben, der Du kaum entronnen biſt; aber mich kennt der Wucherer nicht, ich werde ihn zwingen, mir eine Unterredung mit ſeiner Tochter zu bewilligen.“ „Heute Abend iſt es zu ſpät dazu, Du mußt warten bis morgen. So unangenehm auch der Aufſchub iſt, halte ich ihn doch für rath⸗ ſam. Du biſt jetzt zu aufgeregt, und ein leidenſchaftlicher Ausbruch könnte Alles verderben.“ Erneſt nickte gedankenvoll, er hörte die Worte ſeines Freundes kaum; Paul umſchlang ihn, und willenlos ließ er ſich von ihm in ſein Zimmer zurückführen. Das Hannt der Verſchworenen. In furchtbarer Aufregung hatte Louiſon die Nacht durchwacht, das Schickſal der Beiden in den Katakomben trat mit den gräßlichſten Farben vor ihre Seele. Es unterlag für ſie keinem Zweifel, daß ihr Vater die Flucht des Verurtheilten entdeckt und die Fallthüren geſchloſſen hatte, damit war den Beiden der Rückweg abgeſchnitten und der Hungertod ihr Loos. Sie verſuchte die Thüre zu öffnen, gewaltſam ſich zu befreien, aber die Riegel waren zu feſt, und zudem mußte das Mädchen befürchten, daß der Lärm ihren Vater herbeirufen werde. Endlich brach der Tag an, Louiſon dachte nur an die grauenvolle Nacht, welche ihre Freunde umgab, das Licht des Tages hatte nichts Tröſtliches für ſie. Wieder verſtrichen lange, qualvolle Stunden, endlich kam der Wucherer, um ihr Speiſe zu bringen. Sie war entſchloſſen geweſen, ihm mit Vorwürfen entgegen zu treten, aber ſie fand jetzt den Muth nicht dazu, als fie in ſein fin⸗ ſteres Antlitz ſchaute. 2 Er blieb lange bei ihr, offenbar erwartete er, daß ſie ihn an⸗ reden werde, er ſtand am Fenſter und blickte finnend hinaus, wäh⸗ rend ſie ihren Hunger ſtillte.- „Du wirſt dieſes Zimmer nicht verlaſſen“, brach er endlich das Schweigen,„ein ungehorſames und trohziges Kind muß gezüchtigt werden.“ „Dafür, daß cs ſeinen Vater vor einer Blutſchuld bewahren wollte!“ erwiderte Louiſon bitter. „Bah, auf mir ruht die Verantwortung nicht, ſondern auf denen, die das Urtheil geſprochen haben. Und wenn Herr von Segur dem Marquis das Vorgefallene mittheilt, ſo dürfte Deiun dudenn und Schönheit Dich nicht vor demſelben Urtheil ſchützen können.“ „Mögen die Meuchelmörder ihr Werk vollenden, 1 fürdhte den Tod nicht.“ „Ah— man ſcheidet nicht gern aus dem Leben“, ſpottete der Alte, vorzüglich wenn man noch ſo jung iſt, wie Du. Den Ver⸗ räther kann Niemand retten, ich habe es Dir damals ja geſagt, das Urtheil muß vollſtreckt werden.“ Damit ging er hinaus, ohne eine Antwort abzuwarten, die ſchweren Riegel wurden wieder vorgeſchoben, und Louiſon ſah an dieſem Tage ihren Vater nicht wieder. Es waren entſetzliche Stunden für ſie, der Abend brach an, die Finſterniß der Nacht vermehrte die Schrecken und immer unheim⸗ licher, beängſtigender wurden die Bilder, die vor ihrer Seele auf⸗ ſtiegen. Aber was hätte ſie thun können, um den unglücklichen Freunden zu Hülfe zu eilen? Was hätte ſie mit ihrer ſchwachen Kraft vermocht, ſelbſt wenn ſie frei geweſen wäre? Der Schlaf erbarmte ſich endlich der gemarterten Seele, aber es war doch nur ein kurzer, unruhiger Schlummer, und aus dieſem Schlummer fuhr ſie plötzlich jäh empor. Der Wucherer ſtand vor ihrem Lager, er trug noch das Koſtüm des Lumpenſammlers, und der grauende Morgen ließ das Mädchen erkennen, daß er von ſeiner nächtlichen Arbeit eben heimgekehrt war. „Biſt Du in der Stimmung, mich anzu uhören?“ fragte er. Louiſon richtete ſich empor und ſtützte das Haupt auf den Arm, ſie ſah mit fieberhafter Spannung in die ſtechenden Augen aber kein Zug in ſeinem pockennarbigen Geſichte verrieth ihr, daß er eine gute Nachricht brachte. „Sprich“, ſagte ſie,„ich werde verſuchen, Dir meine Aufmerkſam⸗ keit zu ſchenken.“ „Nun dann, ich will Dir verzeihen und Dir die weitere Strafe boim lle auf⸗ Koſtüm Nädchen t war⸗ en Arm, aber kein eine gult — 139— erlaſſen, obgleich Du ſie zehnfach verdient hätteſt. Du biſt nun er⸗ wachſen, und es iſt meine Pflicht, für Deine Zukunft zu ſorgen.“ „Wie kannſt Du nur in dieſer ernſten, trüben Zeit daran denken?“ „Man muß an Alles denken, und ich wüßte nicht, inwiefern die Zeitverhältniſſe mich an der Erfüllung meiner Pflicht hindern könnten. Ich will nicht unterſuchen, ob der Burſche, den Du befreien wollteſt, die Wahrheit geſagt hat, als er behauptete, Du liebeſt ihn, es wäre ja unnütze Mühe, denn dieſer Bettler würde niemals meine Zuſtim⸗ mung erhalten haben. Indeß, dieſer Vorfall hat mich auf eine Ge⸗ fahr aufmerkſam gemacht, der ich ernſtlich vorbeugen muß. Ich fürchte, Du biſt in ſchlechte Geſellſchaft gekommen, dies paßt ſich nicht für die Tochter eines Mannes, der ſeinem Kinde eine namhafte Ausſteuer geben kann. Du biſt ſchön, jung, lebensluſtig, Du könnteſt herrſchen, Triumphe feiern, die goldenen Vögel in's Netz locken und ihnen die Federn ausrupfen. Das wäre Deiner würdiger, als die Liebelei mit einem Proletarier, und ich ſehe nicht ein, weshalb es noch nicht ge⸗ ſchehen iſt. Hörſt Du mich?“ „Ia, Vater. „Vielleicht weißt Du nun ſchon, wo hinaus ich will.“ „Ich habe noch keine Ahnung davon.“ Der Alte kicherte boshaft und kniff die Augen zuſammen. „Parbleu, es liegt ſo nahe!“ ſagte er.„Ich werde Dir die ganze erſte Etage unſeres Hauſes einräumen, die Zimmer ſollen elegant eingerichtet werden, ich gebe Dir eine koſtbare Garderobe, kurz, Du wirſt Alles erhalten, was Dir nöthig iſt, um die Rolle einer vornehmen Dame zu ſpielen.“ „Und wozu das Alles?“ „He, um die Beſuche der reichen Herren empfangen zu können, welche ſich in Dich verlieben werden.“ Eine dunkle Gluth übergoß jäh das Antlitz des Mädchens, Zorn und Entrüſtung blitzten aus ihren dunkeln Augen, aber der alte Schurke ſchien das nicht zu bemerken. „Herr von Segur würde Dir ſeine Freunde vorſtellen“, fuhr er fort,„der Champagner, den ich natürlich gegen Bezahlung liefere, muß in Strömen fließen. Parbleu, dieſe Herren werden einen freund⸗ lichen Blick, ein Lächeln von Dir mit Gold aufwiegen, Gold und blitzende Edelſteine werden ſie Dir in den Schooß ſchütten, ſie werden ſich ruiniren für Dich.“ — 140— „Und dieſen Vorſchlag wagſt Du mir zu machen?“ rief Lor liſon unfähig, länger ihre Entrüſtung zu bemeiſtern. „Ah, bah, ich weiß, welchen Einwurf Du machen willſt“, ant⸗ wortete der Wucherer achſelzuckend.„Es ſind die alten, nichtsſagen⸗ den Phraſen von Ehre, Tugend, Unſchuld und Gewiſſen. Unſinn, das Alles ſind leere Begriffe, die durchaus keinen Werth haben, mit denen man keinen Hund hinter dem Ofen fortlocken kann. Ich will Dir viele hochangeſehene Damen nennen, welche ihre Freunde hinter dem Rücken des Gatten empfangen, die ganze Stadt weiß es, aber ſie verlieren darum nichts von ihrem Anſehen und ihrer Würde.“ „Mögen ſie die Schande vor ihrem Gewiſſen verantworten können, vor Gott können ſie es nicht“, ſagte Louiſon mit bebender Stimme. „Das iſt wieder Unſinn“, ſpottete Pierre Bandau.„Man muß mit ſeinem Pfunde wuchern, und Dein Pfund iſt die Schönheit. Du wirſt Dir ein Vermögen ſammeln, das Leben genießen, die alten Tage Deines Vaters erheitern und Deine Zukunft ſicher ſtellen. Später kannſt Du von Deinen Renten leben, oder heirathen, ganz nach Deinem Belieben, Du haſt dann Deine Jugend genoſſen! 14 „Nimmermehr!“ rief das Mädchen mit einem flammenden Blicke auf das grinſende, pockennarbige Geſicht.„Lieber den Tod, als die Schande und Sünde!“ 3 „Du wirſt Dir das überlegen— „Ich habe meinen Entſchluß gefaßt.“ „Er iſt übereilt.“ „Nichts wird mich bewegen können, ihn zu ändern!“ „Wir werden ſehen.“ „Und wenn Du mich zwingen wollteſt, ſo— „He, was dann?“ fragte Pierre Bandau ſpöttiſch, als das Mäd⸗ chen mitten im Satze abbrach.„Dann willſt Du auf und davon laufen? Sei nicht närriſch, der Käfig iſt zu feſt, und ich öffne ihn Dir nicht eher, bis Du vernünftig geworden biſt. Herr von Segur— „Nenne den Namen dieſes Elenden nicht“, fiel Louiſon ihm wild in's Wort,, jehe ich die Berührung dieſes Wüſtlings dulde, gebe ich mir ſelbſt den Tod.“ Wieder lachte der Alte, es war ein Lachen, welches Louiſon entſetzte. „Herr von Segur kennt die Welt und die Menſchen“, ſagte er, 1 47 74 en, mit ch will hinter m miß eit. Du e alten ſtellen. gan Mäd⸗ davon fne ihn - zur— zum wild gebe ic Lauiſon agte er, — 141— „er weiß aus Exrfahrung, wie man eine junge Dame gewinnen muß. Und haſt Du einmal mit ihm den Anfang gemacht, ſo wird das Uebrige ſich raſch finden. Alſo überlege es Dir in aller Ruhe, aber warte nicht zu lange mit dem Entſchluß, die Preußen werden bald da ſein, und dann wird Schmalhans Küchenmeiſter, wenn wir uns nicht Quellen öffnen, aus denen wir die Mittel zu unſerer Exiſtenz ſchöpfen können. Und Dir dürfte es dann auch hier nicht bei der ſchmalen Koſt gefallen. Na, ſei klug, Mädchen, und denke über meine Worte nach.“ Ehe Louiſon ſich ſo weit geſammelt hatte, daß ſie ihrer Ent⸗ rüſtung über dieſen ſchändlichen Vorſchlag Worte leihen konnte, war der Wucherer ſchon verſchwunden. Der alte Mann ging in ſein Schreibzimmer hinunter und ſchüt⸗ tete hier den Korb aus, der die Aernte der vergangenen Nacht ent⸗ hielt. Dann begann er den bunten, abſcheulichen Haufen zu ſortiren, Lumpen, Knochen, Leder, Glasſplitter und Scherben aller Art bildeten dieſen Haufen, der jetzt die ganze Aufmerkſamkeit des Wucherers feſſelte. Der ſchrille Klang der Hausglocke ſchreckte ihn plötzlich aus ſeiner Beſchäftigung auf, er erhob ſich, um nachzuſehen, wer ſo früh ſchon Einlaß begehre. Als er die Hausthüre öffnete, ſtand Erneſt vor ihm. Er kannte den jungen Mann nicht, und er fand keine Zeit, ihn um den Zweck dieſes Beſuchs zu fragen, denn Erneſt ſchritt ungeſtüm an ihm vor⸗ bei in das Haus, und dem Wucherer blieb jetzt nichts übrig, als die Thüre wieder zu ſchließen. „Führen Sie mich zu Ihrer Tochter“, ſagte Erneſt barſch,„ich habe einige Worte mit ihr zu reden.“ Der Wucherer war im erſten Augenblicke ſtarr und ſtumm vor Erſtaunen. Stand denn Louiſon mit all dieſen Proletariern und Blouſenmännern im Verkehr? Und was führte dieſen Burſchen zu ihr? „Mein Herr, das iſt ein ſonderbares Verlangen“, erwiderte er, „umſomehr, als es in einem ſo groben und rückſichtsloſen Tone ge⸗ ſtellt wird. Woher wiſſen Sie denn überhaupt, daß ich eine Tochter habe, und was wollen Sie von dem Mädchen?“ „Nichts weiter, als einige Fragen an ſie richten“, ſagte Erneſt, der es doch für rathſam fand, einen höflichen Ton anzuſchlogen.„Ich hoffe, Sie werden mir nichts in den Weg legen—“ „Und wenn ich es thäte?“ „Hm, dann würden Sie mich zwingen, einige Geheimniſſe zu veröffentlichen, die Sie um jeden Preis gewahrt ſehen möchten.“ Das Erſtaunen des Alten wuchs, der Ernſt und die zuverſicht⸗ e Ruhe, mit der dieſer Mann gegen ihn auftrat, weckten in ſeine Seele Beſorgniſſe, über die er ſich eigentlich ſelbſt keine Rechenſchaft zu geben wußte. „Sie drohen mir?“ fuhr er ſpitzig heraus.„Mit welchem Recht?“ „Mit dem Recht des Stärkeren. Ich glaube nicht, daß es Ihnen angenehm ſein würde, wenn ih dem hungernden Volke verriethe, wo es einen enormen Vorrath von Lebensmitteln finden kann, und wenn ich hinzufügte, daß ein gewiſſer Mann mit dieſen Lebensmitteln Wucher treiben will.“ Pierre Bandau war beſtürzt einen Schritt zurück getreten, das hatte er nicht erwartet. „Und wer hat Ihnen dieſes Geheimniß verrathen?“ fragte er mit unſicherer Stimme. „Parbleu, was kümmert das Sie? Ich weiß Manches, mein Herr, aber ich warte immer auf den richtigen Augenblick, wenn ich aus meinen Entdeckungen Nutzen ziehen will. Von Ihrem Geheim⸗ niſſe werde ich keinen Gebrauch machen, wenn Sie mich nicht dazu zwingen, das verſpreche ich Ihnen, und nun erſuche ich Sie noch einmal, mich zu Ihrer Tochter zu führen.“ „Was wollen Sie bei ihr?“ „Fragen Sie nicht weiter, ich werde es Ihnen nicht ſagen. Ich verbiete Ihnen auch, meine Unterredung mit der jungen Dame zu belauſchen; wenn Ihre Geheimniſſe Ihnen lieb ſind, ſo richten Si ſich nach meinen Wünſchen.“ Pierre Bandau ſchüttelte ſein kahles bn upt, er begriff das nicht, er bewin nur, daß er dieſer Forderung nachgeben mußte, wenn er ſeine aufgeſtapelten Schätze nicht dem wüthenden Pöbel preis⸗ uſge Alles geben 1 38 Die Drohung hatte ihn völlig eingeſchüchtert, er las in den Zügen des jungen Mannes, daß derſelbe entſchl loſſen war, ſie zu erfüllen, wenn ſeine Vitte nicht bewilligt wurde. „Kommen Sie mit“, ſagte er nach kurzem Nachdenle en,„ich ver⸗ 74 geb la ſe mich auf Ihr Verſprechen. „Sie dürfen es, denn ich bin ein Ehrenmann, wenn ich auch die Blo orſe eines Arbeiters trage.“ N — 143— 3u Der Wucherer ſtieg die Treppe hinauf, und Erneſt ſolgte ihm, die Stufen knarrten unter ihren ſchweren Tritten. P Als der alte Mann vor der Thüre ſtehen blieb und die Riegel le zurückſchob, blitzte es jäh in den Augen Erneſt's auf. nit„Iſt das Fräulein eine Gefangene?“ fragte er barſch.„Was 6 hat ſie verbrochen, daß Sie wagen dürfen—“ .„Mein Herr, Sie haben kein Recht, darnach zu fragen“, ſiel len Vierre Bandau ihm in's Wort.„Wenn ich meine Tochter ein⸗ 1 ſchließe, ſo habe ich natürlich meine Gründe dafür.— Louiſon! Ein mn Herr wünſcht mit Dir zu reden, biſt Du in der Lage, ihn zu em⸗ 4 pfangen?“. „Ja, Vater“, antwortete das Mädchen, und der Wucherer öffnete jetzt die Thüre. Den Lippen Louiſon's entfuhr ein leiſer Freudenruf, als der junge er Mann eintrat, Erneſt ſchritt raſch auf ſie zu, erfaßte ihre Hand und führte ſie in die äußerſte Ecke des Zimmers. „Wir ſind gerettet“, ſagte er mit gedämpfter Stimme,„Paul ich lebt und iſt in Sicherheit.“ -„Dem Himmel ſei Dank 1“ „Sprechen wir leiſe, Ihr Vater ſteht lauſchend vor der Thüre. Als ich vorgeſtern Morgen meine Wohnung verließ, bat ich meine Nachbarin, ſich bei Ihnen nach meinem Schickſal zu erkundigen, für den Fall ich nicht zurückkehre. War das junge Mädchen bei Ihnen?“ zu„Nein.“ „Oder überhaupt in dieſem Hauſe?“ „Ich kann das nicht wiſſen, mein Vater überraſchte mich vor der les offenen Fallthüre, er zwang mich, ihm hierher zu folgen und ſeit un jenem Augenblick bin ich eine Gefangene.“ „So können auch Sie mir keine Nachricht über das Mädchen geben?“ ae„Nein. Wäre ſie hier geweſen, ſo würde mein Bater dieſen Beſuch erwähnt haben.“ — Annſain.„ „Und Fräulein Reimann teres das Haus verlaſſen. jetzt noch keine Spur von ih „O, Sie werden ſie finden“, ſagte Polizei⸗Präfektur, vielleicht iſt ſie verhaf 144— Sie mich machen durch die Nachricht, daß Sie und Paul gerettet ſind! Ich habe hier entſetzliche Stunden verlebt, und vielleicht ſteht noch Entſetzlicheres mir bevor.“ „Ihnen? Ihr Vater wird noch einige Tage grollen— „Nein, das iſt es nicht allein, ſeinen Groll fürchte ich nicht ſo ſehr. Er will mich zwingen, mich einem Wüſtling in die Arme zu werfen, und Sie ſehen, ich bin ganz in ſeiner Gewalt.“ „Der Elende!“ fuhr Erneſt entrüſtet auf. „Ich habe ihm erklärt, daß ich eher ſterben als das thun würde, aber hat er nicht tauſend Mittel, den Widerſtand eines ſchwachen Mädchens zu brechen? Was kann ich gegen die Waffen ausrichten mit denen er kämpft.“ „Verlaſſen Sie ihn, Louiſon.“ „Wohin ſoll ich flüchten?“ „Zu uns. Paul wohnt bei mir.“ „Mein guter Ruf wäre verloren.“ „Was kümmert Sie das Geſchwätz der alten Weiber, Sie wer⸗ den bei uns ein Aſyl finden und—“ „Nein, ich darf das nicht“, unterbrach Louiſon ihn ernſt,„ich muß auch den Schein meiden, und Paul würde ſelbſt nicht wollen, daß ein Flecken auf meine Ehre fiele.“ „Aber müſſen Sie nicht fürchten, daß Sie unterliegen werden, wenn Sie hier bleiben, wo Sie ſchutzlos den Machinationen dieſes halſüuigen Geizhalſes preisgegeben ſind?“ „Ich werde kämpfen, ſo lange ich es vermag.“ „Und wenn Ihre Kräfte erſchöpft ſind?“ „Dann iſt es ja noch immer früh genug, die Flucht zu ergreifen. Und wenn ich es dann thue, iſt der verzweifelte Schritt eher ge⸗ rechtfertigt.“ „Sie mögen Recht haben“, ſagte Erneſt nachdenklich, deſſen Seele ſich mehr mit dem Schickſal Mariens als mit den Beſorgniſſen Louiſon's beſchäftigte.„Da, wenn Fräulein Reimann noch in dem Hauſe wäre, ſo dürften Sie ohne Bedenken den Schritt unternehmen, Sie würden an ihr eine treue Freundin finden, und die boshaften Zungen könnten in dieſer Freundſchaft nichts entdecken, was Ihrer Chre zu nahe träte.“ 3 „Dieſe Freundſchaft würde ich mit herzlichem Danke annehmen“ erwiderte Louiſon,„aber wie die Dinge augenblicklich liegen, muß ich WW — HN, S Fenmff S Guauuunle—— — 145— inſtweilen noch hier ausharren. Ich will warten, bis die junge Dame in ihre Wohnnng zurückgekehrt 8— „Und ſobald dies geſchehen iſt, hole ich Sie.“ „Werden Sie es Pöunen, „Ah, ich beſitze einen 2 Lulieman, der mir zu jed eſes Gefängniſſes öffnet“, ſagte Erneſt ſcherzend, 78 er fürch zu ſehr, daß ich die Geheimniſſe ſeiner Gewölbe verö ſfen ttlichen kön „Die Geheimniſſe des Bundes? Sprechen Sie mit keiner Silbe davon, die Rache der Verſchworenen wüiide Sie ſicher ereilen.“ 1 3 denke an die Lebensmittel, welche Ihren Vater bereichern plen⸗ „Ja, das muß er fürchten“, nickte Louiſon beruhigt,„aber er darf nicht erſahren, was Ihnen die Kenntniß von dieſem Geheimniß ver⸗ chafft hat. Sie werden mich alſo nicht vergeſſen?“ „Nein, mein Ehrenwort zum Pfande!“ „Gut, ſo bin ich ruhig.“ Sie reichte dem jungen Manne mit leuchtenden Augen die Hand, jetzt fühlte ſie Kraft und Muth genug, den ſchweren Kampf aufzu nehmen, der ſie erwartete. Erneſt ſagte ihr Lebewohl und ging hinaus, er fand, wie er dies erwartet hatte, den alten Mann vor der Thüre, der ihn mit ſicht⸗ baren Zeichen des Aergers empfing. „Welche Geheimniſſe haben Sie denn mit meiner Tochter zu ver handeln?“ fragte Pierre Bandau, als ſie die Treppe wieder hinunter⸗ ſtiegen.„Wiſſen Sie auch, daß das Alles mir ſehr ſeltſam und auf⸗ fallend erſcheint? Sie haben mich gezwungen, Ihnen eine geheime Unterredung mit meiner Tochter zu bewilligen—“ „Und da ärgert es Sie wohl, daß Sie von unſrer ganzen Unter⸗ redung kein Wort vernommen haben?“ ſpottete Erneſt. jPendeſen Sie nicht das Sprichwort:„Der Horcher an der Wand hört f eine eigene Schand“ und freuen Sie ſich, daß wir ſo rückſichtsvoll gegen Sie waren, leiſe zu ſprechen.“ Der alte Mann zitterte vor Aufregung und Zorn; ſo energiſch war ihm noch Niemand entgegengetreten, und der Hohn dieſes Mannes trieb ihm die Galle in's Blut. „Ich werde es doch erfahren“, ſagte er, mühſam ſeine Aufregung bekämpfend.. „Und dann werden Sie vielleicht finden, daß es nicht der Mühe werth war, die Wahrheit zu erforſchen“, erwiderte Erneſt, der jetzt an 4 * 19 ——— V — 146— der Hausthüre ſtand.„Im Uebrigen warne ich Sie, mein Beſter. vergreifen Sie ſich nicht an dem Mädchen und hüten Sie ſich, die Grenze der väterlichen Rechte zu überſchreiten, ich werde wieder⸗ kommen und mich überzeugen, ob Sie meine Warnung beherzigt haben. Adieu!“ Ohne den Geizhals noch eines Blickes zu würdigen, ging er nach dieſen Worten hinaus. Er ſchritt raſch über den Pont Neuf und ſchlug die Richtung zum Faubourg St. Honoré ein, jenem eleganten und glänzenden Stadttheile, welchen die Axiſtolratie des Adels und des Geldes bewohnte. In der Hauptſtraße, durch welche ſein Wa ihn führte, herrſchte eine ſieberhafte Aufregung. Dunkle Gerüchte, daß die Preußen ſchon in der Nähe ſeien, waren aufgetaucht und hatten mit Blitzesſchnelle ſich verbreitet, man wollte behaupten, fliehende Landleute hätten dieſe Nachricht mitgebracht. Auf allen Plätzen exerzirten die Soldaten und Nationalgarden, lange Schaaren von Lrbelten von Frauen und Kindern begleitet, zogen hinaus, um ihre Kameraden auf den Wällen und Verſchanzungen abzulöſen, Mitrailleuſen und Geſchütze raſſelten vorüber, große Wage züge, mit Lebensmitteln beladen, Viehheerden und faſt unüberſehba Schaaren von Landleuten, die hinter den M der 5 Tauern von Paris Schutz ſuchten, kamen an dem jungen Manne vorbei, riefige Proclamationen hingen an allen Straßenecken, und wohin der Blick auch ſchweifen mochte, ſah er nur Uniformen, Waffen und militäriſche Abzeichen. Paris nahm mehr und mehr das Anſehe an, auf den elyſäiſchen Feldern bivouakirten die Soldaten, Generale mit ihren Stäben, Bataillone der Nationalgarde, Banden, die Waff verlangten, halberwachſene Burſch en mit einer alten verroͤſteten Flinte auf der Schulter, Haufen von zerlumpten Weibern, die den Preußen den Tod ſchworen, all' dieſe Gruk ppen und Geſtalten begegneten Erneſt en eines großen Heerlagers 3 in bunter Abwechſelung, der indeß nicht in der Stimmung war, dieſem intereſſanten Schauſpiel ſeine Aufmerkſamkeit zu widm — Nur einmal blieb er ſtehen, um eine Düte mit gebratenen Kar⸗ toffeln zu kaufen, die er, weiterſchreitend, verzehrte. Oft mußte er ſich gewaltſam eine 2 durch das Gedränge brechen, denn faſt an jeder Straßenecke hatten ſich Gruppen gebildet, walche den vewückten Phraſen eines Volksreduers Beifall jauchzten aher unbekämmert um die Scenen, die ihn umgaben, und die wohl gerigner waren, das Auge zu feſſeln, ſetzte er ſeinen Wez fort. — nd Er war ſelbſt ein glühender Republikaner, aber von dem Wider⸗ ſtande der Stadt Paris gegen einen ſiegreichen Feind erwartete er kein Heil. Er theilte den glühenden Haß gegen die Deutſchen nicht, wie er ſchon im Juli inmitten des wahnſinnigen Pöbelgebrülls den Krieg verdammt hatte, als ein ruchloſes Verbrechen, ſo verdammte er ihn auch heute noch, und er ſah in den Niederlag gen Frankreich 1 4 M iur das Walten einer gerechten Vergelt ung. Er liebte auch die inner nicht, die jetzt an der Spitze der gierung ſtanden, er wußte, daß ſie aus perſönlichem Ehrgeiz Frank⸗ n ruiniren würden, und daß trotz aller ſchweren Opfer der Friede enommen werden mußte, den der ſiegreiche Feind dictirte. Gleichwohl war er entſchloſſen, ſeine Pflicht als Bürger zu erfüllen 85 en den Peind Sih ſein Keoen Linan ebe en, mie d in dem Kampf mende der hw eiber, das Brüllen der Gamins, die hei die fortw Treiben ri ingsu m, die e Praßlereten der Eiſenfreſſer iſeren enden Rufe:„Es lebe die Repu⸗ blik“ oder er mit den Preußen!“ flößten i ihm Ekel ein, während auf der anderen Seite der Gedanke an all' das kommende Elend ihn mit Mitleid erfüllte. Draußen vor den Thoren wurden ringsum die Dörfer zerſtört, die Landhäuſer niedergeriſſen, die Wälder angezündet, die Gärten und Aecker verwüſtet. Was ſechszig ſegensreiche Friedensjahre ge hatten, das wurde nun vernichtet, damit die Kanonen der freies Feld hatten und die Preußen keine Quartie re, eund fanden. Man trieb die Leute gewaltſa am aus ihren Häuſern, man zer⸗ trümmerte ihnen das eigene Dach über den K Köpfen und zwang ſie in Paris ein Unterkommen zu ſuchen, man nahm ihnen A Alles, was ſie mit Fleiß und Sparſamkeit ſich erworben hatten. Man wollte eine Wüſte rings um Paris ſchaffen n, was lag dara ob Tauſende dadurch unglücklich wurden! Und wozu das Alles? Nur, damit Paris einige Wochen länger widerſtehen konnte, man wollte ja nicht einſehen, daß man trotz alledem und alledem endlich ſich doch ergeben Fte, man durch eine lange Be aune ſich ſelbſt den größeren Schaden zufügte. Klänge de der Mar 27 eſchaffen er G in, 148— Und daß ſich keine Stimme gegen dieſes Zerſtörungswerk erhod, daß keine Stimme Vernunft predigte, haften, erbärmlichen Pariſer Zeitungen und den Hetzereien derer, welche eigenmächtig die Zügel der Regiexung aufgenommen hatten. Darüber hatte Erneſt nun ſchon ſo oft nachgedacht, und er dachte auch jetzt wieder darüber nach, während die Unglücklichen, die man draußen aus ihren Häuſern vertrieben hatte, mit ihrer armſeligen Habe an ihm vorüberzogen. Er hatte endlich das Haus Nummer achtundvierzig in dem Fau⸗ bourg St. Honoré erreicht; es war eines der ſchönſten und elegante⸗ ſten Häuſer, und unwillkürlich drängte ſich dem jungen Manne der Gedanle auf, daß der Marquis ein außerordentlich reicher Herr ſein müſſe. Und mit dieſem Herrn ſollte er, der ſchlichte, arme Arbeiter, um den Beſitz eines Mädchens kämpfen? Er mußte ja unterliegen in dieſem Kampfe, deſſen Ausgang ihm ſchon jetzt nicht zweifelhaft ſein konnte! Er athmete tief und ſchwer auf, dann zog er die Hausglocke, und als ihr dumpfer Klang ſein Ohr berührte, ſchra er zuſammen, ohne ſelbſt zu wiſſen warum. Der Portier in der reichen, glänzenden Livree, der ihm die Thür öffnete, mußterte ihn mit einem geringſchätzenden Blick vom Scheitel bis zur Sohle, aber ſein mürriſches Geſicht wurde doch freundlicher, als er die Karte betrachtete, welche der Mann in der Blouſe ihm überreichte. „Ich wünſche den Herrn Marquis zu ſprechen“, fagte Erneſt mit ſchüchterner Befangenheit,„wenn Sie die Güte haben wollen, ihm dieſe Karte zu geben, ſo glaube ich mit Zuverſicht, daß er mich nicht abweiſen wird.“ Der Portier winkte einem Diener, der im Hintergrund des ele⸗ ganten Hausflurs ſtand, der Diener nahm die Karte in Empfang und Erneſt folgte ihm die breite, mit Teppichen belegte Treppe hinauf. Er hatte nie ſolche Pracht und Eleganz geſehen, ſie blendete ihn und drückte ihn nieder, er empfand immer klarer und deutlicher, daß er in dem Kampf mit dieſem reichen, mächtigen Herrn den Kürzeren ziehen mußte. Was wollte er der Macht des Goldes, die ſeinem Gegner über⸗ wiegende Vortheile einräumte, entgegen ſſtellen? Mußte er nicht er⸗ warten, daß dieſer Marquis uin in den Staub niederwerfen und zer⸗ treten werde? Mit Geld konnte man ja Alles erreichen, alle Wege abnen, einen Feind ſpurlos verſchwinden machen. rdrh jungen Mann uf, einzutreten; Erneſt befand ſich in einem traulich m 1 41 „ 117 ohne 1 1 . 9 8. 2..— 1 Ar Er war in der Betrachtung eines zierlichen, mit S 1 „ Schrankes verſunken, als er plötzli vernahm, beſtürzt wandte er ſich um, er ſah f cr 1„;:. 7 2 ber, deſſen eleg heinung ganz mit dieſer Umgebung he aichte C, r. ee.. 8. at„Sie ſind fleur“, ſagte der Marquis, deſſen mit 26 freundlichem Wohlwollen auf dem friſchen, leicht gerötheten Geſicht des ihm. M 2 jungen Mannes ruhte. „Ja, gnädiger Herr“, erwiderte Erneſt betroffen.„Aber woher wiſſen Sie das?“ „Die junge Dame, der ich dieſe Karte übergab, nannte mir Ihren und 3 19 5, 9 Namen, als den ihres beſten Freundes. Erneſt ſchlug die Augen nieder, er hatte vielleicht doch dieſem —— eihn Herrn Unrecht gethan; das war nicht die Sprache eines Nebenbuh⸗ da lers, ſondern die eines Freundes. tgren„Nun wohl, ich werde mein Wort einlöſen“, fuhr der Marquis fort,„was führt Sie zu mir?“ iler⸗ 1„Die Ungewißheit über das Schickſal meiner Freundin“, erwiderte tt et⸗’ Erneſt, mit Stolz das letzte Wort betonend. — Der Marquis ſah ihn erſtaunt an, dann lud er ihn durch einen Weg Wink ein, ſich in einen Seſſel niederzulaſſen. —,— — 150— „Nehmen Sie Platz“, ſagte er,„ich verſtehe das nicht. Sollte der jungen Dame etwas zugeſtoßen ſein—“ Sie iſt verſchwunden, gnädiger Herr.“ 7 3 8 8 „Ah,— was nennen Sie verſchwinden?“¹) „Sie hat ihre Wohnung vorgeſ dem nicht zurückgekehrt.“ „Und Sie haben keine Gewißheit über die Gründe dieſes Ver⸗ ſchwindens?“ „Keine Ahnung.“ Der Marquis ſchüttelte den Kopf. „Seltſam“, ſagte er.„Hat ſie denn nicht hinterlaſſen, wohin ſie gehen wollte? Erinnern Sie ſich nicht irgend eines Wortes, welches Ihnen darüber Gewißheit geben könnte?“ „Nein. Ich war nicht zu Hauſe, ich kehrte erſt geſtern Abend zurück, und Alles, was ich über ihr Schickſal erfuhr, beſchränkt ſich auf die Mittheilung einer Nachbarin, Fräulein Reimann habe bald nach mir ihre Wohnung verlaſſen.“ „Und nun?“ „Nun komme ich zu Ihnen, Herr Marquis, um Sie zu bitten, mir zu rathen und beizuſtehen. Sie haben ja der jungen Dame ſo edelmüthig Schutz und Hülfe angeboten, da darf ich wohl hoffen, daß Sie nun auch—“ „Gewiß!“ fiel der Marquis ihm in's Wort.„Aber was ſoll, was kann hier geſchehen?“ „Ich weiß es nicht, ich habe nicht die Geldmittel, um—“ „Ah, wenn es allein daran fehlt, ſo ſteht meine Schatulle Ihnen zur Verfügung. Aber was glauben Sie hier mit Geld erreichen zu können? Wir haben keine geheimen Polizeiagenten mehr, und wenn wir ſie hätten, ſo wäre es immerhin bedenklich, ihnen dieſen Auftrag anzuvertrauen. Könnte das Fräulein nicht beſondere Gründe gehabt haben, ihre Wohnung zu verlaſſen?“ „Welche, Herr Marquis?“ fragte Erneſt befremdet. „Ja, wer das wüßte! Vielleicht liegt an Ihnen die Schuld— bitte, mißverſtehen Sie mich nicht, es liegt mir ſehr, ſehr fern, Sie kränken zu wollen. Aber nehmen wir an, irgend etwas habe Ihre Eiferſucht geweckt—“ „Nein, Herr Marquis, ich hatte ja nicht einmal die Berechtigung eiferſüchtig zu werden.“ „Wie? Lieben Sie denn das Mädchen nicht?“ „O, Gott allein weiß, wie innig ich ſie liebe“, erwiderte Erneſt, die leuchtenden Augen zu dem Edelmann erhebend,„mein Herzblut könnte ich freudig für ſie vergießen, wenn das ihr Glück begründete!” „Nun wohl, wird dieſe Liebe nicht erwiedert?“ „Ich weiß das nicht, aber ich glaube nicht, es hoffen zu dürfen.“ „Und doch nennen Sie Fräulein Marie Ihre Freundin?“ „Iſt denn kein Unterſchied zwiſchen einer Freundin und einer Gelieb⸗ ten? Ich hatte nicht den Muth, ihr meine Liebe zu geſtehen, es würde mich unglücklich machen, wenn ich aus ihren Händen einen Korb empfinge.“ Der Marquis nickte, es war, als ob ein heller Sonnenſtrahl plötzlich über ſein Geſicht glitt. „Alſo war es nur Freundſchaft, was die Herzen aneinander kettete“, ſagte er ſinnend.„Wohlan, ſuchen wir einen andern Grund. Iſt es nicht möglich, daß man der jungen Dame Anerbietungen ge⸗ macht hat, die zu verführeriſch waren, als daß das Mädchen der Ver⸗ ſuchung hätte widerſtehen können? Bedenken Sie die Armuth des Mädchens, berückſichtigen Sie ferner die Zeit, in der wir leben, und die düſtere, ſorgenſchwere Zukunft, der wir entgegengehen. 41 „Nein, Herr Marquis, das iſt unmöglich!“ rief Erneſt, deſſen Wangen ſich höher färbten. „Urtheilen Sie nicht ſo raſch!“ „Ich wüßte Niemanden, der ihr dieſe Anerbietungen gemacht haben könnte, wenn nicht— Er brach ab, ein feines Lächeln umſpielte die Lippen des Edelmannes. „Wenn ich nicht ſelbſt dieſer Jemand geweſen wäre!“ entgegnete er.„Nicht wahr, daß wollten Sie ſagen?“ „Ic leugne es nicht, liegt dieſe Antwort nicht nahe? Außer Ihnen hat nie ein Herr das junge Mädchen be ſucht.“ „Nie?“ „Nein, niemals!“ „Und dennoch könnte meine Vermuthung begründet ſein.“ „Herr Marquis, dieſe Worte thun meinem Herzen wehe, mit meiner eigenen Ehre bürge ich für die Ehre dieſes Mädchens, die ſo fleckenlos iſt, wie der weiße Kelch einer Lilie.“ „Ich will Ihnen glauben“, ſagte der Marquis, aus ſeinem Sinnen erwachend,„auch auf mich hat Fräulein Reimann den Eindruck eines tugendhaften Mädchens gemacht.“ Augen delmannes be⸗ „ich werde ohne rtrauen Sie mir wicht ſo ehen und „Sie werden das mehr erre „Nun ja, daß zie müſſen Geduld h Sie müſſen Geduld h. 2 rig,1 bei i der Maſ ſe von Ve ben, mein lieber Herr, Und überdies iegt die Mö ichkeit nahe, daß man ausgewieſen hat, haben Sie daran noch nicht gedacht? „Nein, guädiger Herr.“ „So mache ich Sie darauf aufmerkſam, es wird gut ſein, wenn Sie dieſe Möglichkeit ſtets im Auge bohalten, amit ſpäter die Ent⸗ chung Sie nicht zu ſchwer und bit trifft. hen S Zahnhöfe, Sie werden ſie Kberfüll finden mit Ausgewieſenen behen Sie nur an Deutſchen kurzen Prozeß macht.“ ◻ᷣ Erneſt nickte gedankenvoll, er mußte dieſe Gründe anerkennen, die Möglichkeit, daß Marie Paris ſchon verlaſſen haben könne, leuchtete 1275 ihm mehr und mehr ein und erfüllte ſein Herz mit ſchmerzlicher Wehmuth „Geduld“, fuhr der Marquis fort, und ſein Blick ruhte jetzt wieder mit freundlichem Wohlwollen auf dem jungen Manne,„ich hoffe, daß Flüchtlingen, und Sie wiſſen ja auch, daß die Regierung mit den es nit gelingen wird, uns Gewißheit zu verſchaffen. Sie ſind giſchler?“ „Ja, Herr Marq t3 14 uis. „Augenblicklich „Ah, Sie werden Erheſt But, betrof haben, nicht wa 44 Gewiß. 57 f Gut, ich b zu erhalten, hnung in den überlaſſen, richten hoffe, Sie werden rquis hatte, wührend dieſes ſagte 2 hes geöffnet, er nahm aus ihr e einige Geldrollen und legte ſie vor ft auf den Tiſch. Betrachten Sie dieſe tauſend Francs als erſten Vorſchuß“, ſagte er, nohne Geld können Sie nicht arbeiten, Sie werden manche Auslage haben, und mit dem baaren Gelde in der Hand kaufen Sie billiger ein. Bedürfen Sie mehr, ſo kommen Sie zu mir, vielleicht beſuche ich Sie dann und wann, um zu ſehen, wie weit Sie das Werk ge⸗ fördert haben.“ Dem jungen Manne war es, als halte ein Traum ſeine Sinne umfangen, aber dann war es doch ein ſchöner und angenehmer Traum, mechaniſch nahm er die Rollen und ſteckte ſie in die Taſche. „Sie ſollen zufrieden mit mir ſein“, erwiderte er, ich we Alles auſbieten, ein ſo ſeltenes und mich wahrhaft Üüberraſchen de⸗ trauen zu verdienen. Und was das Schickſal unſerer Freu trifft—“ „So überlaſſen Sie es ruhig mir, es zu erforſchen. Sobar ich irgend etwas erfahren habe, ſollen Sie Nachricht erhalten.“ Erneſt fühlte, daß der Marquis ihn mit dieſen Worten verab⸗ ſchiedete, und wenn auch die Unterredung ihn nicht ganz befriedigt hatte, wenn auch noch manche Frage ihm auf den Lippen ſchwebte, auf die er eine beruhigende Antwort zu erhalten wünſchte, ſo wagte er doch nicht, dem reichen Herrn länger läſtig zu fallen. Er hatte ſich kaum entfernt, als ein Diener eintrat, der dem Edelmann ein zierliches, parfümirtes Billet überreichte. Der Marquis warf einen Blick auf die Adreſſe und zog die Brauen zuſammen. „Schon wieder ſie!“ ſagte er, indem er das Siegel erbrach.„‚Bin ich denn noch nicht fertig mit ihr? Ich haſſe ſie, ſeitdem ich weiß, wie niederträchtig ſie das arme Mädchen behandelt hat; dieſe Frau hat keine Ehre und kein Gewiſſen.“ Er trat ans Fenſter und entfaltete das Billet. „Theuerer Freund, ich erwarte Sie um elf Uhr in unſerem klei⸗ nen Paradies“, las er halblaut, und ein Zug der Verachtung glitt über ſein Antlitz.„Sie müſſen kommen, ich habe Ihnen viel Wichtiges mitzutheilen, ich beſchwöre Sie bei unſerer Liebe, mich nicht ver⸗ gebens warten zu laſſen. Gedankenvoll ſteckte der Marquis das Billet in ſeine Taſche, dann warf er einen Blick auf ſeine Uhr. „Was könnte ſie mir mitzutheilen haben?“ murmelte er.„Wohl das alte Lied, das mir ſo oft vorgeſungen wurde! Unbezahlte Rech⸗ nungen, Zwiſt mit dem Gemahl, Furcht vor der Zukunft— ah, bah, es wird mich langweilen. Aber ſei es, ich muß dennoch hingehen und ihr ſagen, daß eine Kluft zwiſchen uns liegt, über die keine Brücke hinüberführt. Und wenn ſie dann ſich in allen Hoffnungen getäuſcht ſieht, mag ſie ſich ſelbſt die Schuld beimeſſen, Sie mag ſich der Künſte erinnern, deren ſie ſich bediente, um mich in ihre Netze zu locken.“ Er trat vor den Spiegel, warf einen langen, forſchenden Blick auf das Glas und verließ dann das Kabinet, um einige Minuten ſpäter den Weg zu dem Stelldichein anzutreten. — 155— Neuntes Kapitel. Berſchmähte Liebe. Das Haus der Modiſtin, deſſen Geheimniſſe Jenny dem Cheva⸗ lier verrathen hatte, lag an der Ecke einer ſehr belebten Hauptſtraße. Faſt immer hielten elegante Equipagen vor dem Haupteingange dieſes Hauſes und oft konnte man auch in der Nebenſtraße vor der erſten Thüre eine beſcheidene Droſchke oder eine Equipage bemerken, aber Niemand achtete darauf, und Wenige hatten eine Ahnung von dem Zweck, der viele dieſer ſchönen, eleganten und vornehmen Damen in das Haus führte. Sah man ſie in den Laden hineingehen, ſo mußte man ja glauben, daß ſie die neueſten Moden anſehen, oder Einkäufe machen wollten, wer hätte ahnen können, daß ſie kaum einen flüchtigen Blick auf die koſtbaren Spitzen, Bänder und Blumen warfen, vielmehr ohne Auf⸗ enthalt den Laden durchſchritten, um ink einem der Kabinette ihre Geliebten zu erwarten. Vor den Augen der Welt war ihre Ehre fleckenlos, und kein Hauch trübte ihren guten Ruf, man pries ſie als vorzügliche, ſorgſame Mütter, als treue Gattinnen und ahnte nicht, daß dieſe Ehrbarkeit und Sittenreinheit nur eine Maske ſein könne. Eine junge, ſehöne, ſtrahlende Frau ſaß an dieſem Morgen in dem geheimen Kabinet, es war Madame von Chateaufleur, die den Marquis erwartete. Die prachtvolle, ſchöne Toilette der Dame harmonirte mit der eleganten Ausſtattung des Gemachs, aber der mitunter ſorgenvolle und dann wieder zornige Ausdruck ihres ſeinen Geſichts bildete einen ſcharf hervortretenden Kontraſt mit dieſer Umgebung. Sie ſaß ſchon lange hier, die blitzenden Augen mit fieberhafter Ungeduld auf eine Thüre gerichtet, die eine Portiere von rothem Sammt zur Hälfte bedeckte, und gar oft hatte ſie ihre Uhr zu Rath gezogen, wenn der Faden ihrer Geduld zu reißen drohte. Endlich bewegte der Vorhang ſich, die Thüre war geräuſchlos ge⸗ öffnet worden, der Marquis ſtand vor der ſchönen Dame, die ſich raſch erhoben hatte und nun mit ihren Armen ſeinen Nacken umſchlang. „Endlich, endlich kommſt Du“, ſagte ſie, tief aufathmend,„ich hatte die Hoſfnung, daß Du meine Bitte erfüllen würdeſt, ſchon ver⸗ loren. O, die Zeit iſt vorüber, in der ein Wunſch von meinen Lippen Dir ein Befehl war!“ V ———— nis hatte ſich aus d ame zum Divan und nahm ihr machſt mir Vorwürfe, die ich nicht verdient habe“, 1 7 9 2 Inſhruch eannrn ru 47 4 Anſpruch genommen, und ich iſt jetzt a ſeh in mit meinem Stiefſo hne r Marquis, die Brauen zu⸗ Bouvernante, der wir die Thuͤre O2 ine 1 4 „Der rChexalje verfolgt das mit ſeinen Anträgen, ſie 8ſr 44 „„ d05 zmer rt 2 denn Dich Schickie. Schichal d er uten Perſon! zu meinem E Paris befinden nge Strafe verdient.“ „Sol llte es Dir unbekannt ſein, aus welchem Grunde ſie in Paris blieb?“ fragte der Marquis ſcharf. Frau von Chateaufleur ſchlug die Augen nieder. „Unbekannt und gleichgültig zugleich“, antwortete ſie. „Man hat ihr das Geld v vorenthal en—“ „Das iſt Sache des Bicomte— „Verzeihe, wenn ich Dich unterbr tce, ich hätte gewünſcht, daß Du für die Rechte des armen Mädchens eingetreten wäreſt.“ Die ſchöne Frau warf das Köpfchen tibgig zurück, die Gluth der Entrüſtung blitzte in ihren Augen auf. „Wie Du nur ſprechen kannſt!“ und ein Zug der Verachtung umzuckte ihre Lippen.„Dieſes Anſinnen an mich zu ſtellen! Was kümmert denn mich die Beſoldung unſerer Dienſtboten? Und dieſe Perſon iſt eine Deutſche,— ah, mein Freund, wir haben inzwiſchen erfahren, weshalb ſie überhaupt die Stelle einer Gouvernante in Paris annahm. Sie war eine preußiſche Spionin, ſie bezog von Berlin ihren Sold dafür, daß S. über die Stimmung der Pariſer einem berichtete, und ſie benutzte ihr Talent zum Zeichnen, um Pläne und 7 9 7 7 Karten der Befeſtigungen von Pari 1s nach B Berlin zu ſchicken.“ „Glaubſt Du wirklich dieſen Unſinn?“ fragte der Marquis mit beißendem Spott. Du glaubſt bas natürlich nicht, das Mädchen hat ja an Dir einet t nden.“ —„Für die e Unſchuld und für das Recht eines gekränkten Menſchen werde ich de in die Schranken treten!“ Frau von Chateaufleur zuckte die Achſeln. „Ich 8 nicht eiferſüchtig“, ſagte ſie, aber der Blick, der aus ihren büend en Augen den Marquis ſtreifte, ſtrafte ihre Worte Lügen. Ich gönne Dir den ſchönen Traum in den Armen dieſer blonden Deutſchen, er wird ja nicht lange dauern, denn dieſe deutſchen Mäd⸗ chen und nalte Naturen, ſie dürfen mit uns, den heißblütigen Töchtern Frankreichs, nicht um den Preis in der Liebe ringen! Aber es hat mich tief gekränkt, daß Du deßhalb mit dem Chevalier in eirhe Geſellſchaft Hader begannſt, es ſind da auch Worte über mich gefallen— „Nicht, daß ich wüßte!“ „Das Geheimniß dieſes Hauſes iſt verrathen worden.“ „Ein Geheimniß war mir ſtets heilig.“ „Aus den Worten, welche der Chevalier heute Morgen ſagte, mußte ich es entnehmen.“ P„So hat ein Andrer es ihm verrathen.“ „Wie kalt Du biſt!“ ſagte die ſchöne Frau vorwurfsvoll, indem fie ſeine Hand ergriff und ihm ernſt ins Auge ſchaute.„Wenn nun der Chevalier ſo indiseret wäre und ſeinem Vater unſer ſüßes Ge⸗ heimniß verriethe?“ „So würde der Vicomte Dir die Scheidung anbieten.“ U„Und das ſagſt Du mir?“ fuhr Frau von Chateaufleur etregt auf.„Henry, ſo leichtfertig uinf Du über die Möglichkeit dieſes Scandals hinweggehen? Ah, Du liebſt mich nicht mehr, Deine Liebe war nur ein Rauſch, er iſt verflogen! Und doch habe ich Dir Alles geopfert! Meine Ehre, die Ruhe meines Gewiſſens und meinen guten Ruf. Alles, was mir theuer war, ich gab es hin für Dich, den die glähenden Worten Deiner Liebe konnte ich nicht widerſtehen. Ich ſchen könnte die Schuld rechtfertigen dadurch, daß ich an einen alten Mann in gebettet bin, aber dem Hohn der Welt kann ich mit dieſer Entſchul⸗ ſt n hatteſ f 1 alten ſeine e, Du wiſſen beſtehe 1 ß au omödi ndt 1 3 8 en Ger maͤchen hat“, er⸗ 5 ge en Ku erwa rfe zu n den 2 denr hoen! 1 lich elmann wie Du de ejan 83¹ 6 d — Cde de de 7 4 de M der em ber na in du Di nach 9 te 2 e 87 eimniß a. Ich ſag meine 1 e, ore d L aun 8* 8 ⁸ 2 8 — ⁸ 8 ₰ — epr r g. elter cht entgegent & rſt, ande rückte. ii Meine i n Edelmann 3 N 2 — „Du De digung ſie —ÿ—ᷣ—õ—————— er⸗ etten?“ e? N — 150— nF 9 33 Hoffnungen nicht täuſch hen, es n„ † 4 54 leinem JIunern, die für Dich d da verſtummte jene Stimme, 1 i der jüngſten Zeit ſo oft Urſache meine Kält heſchweren. 9 . ein elend des Sciel iit t mi . llur g. 1 fan ddeſ. Dich tens ein weniger als Bettlerin, einer Hochverrätherin muf 4 Ho danr aß 491 daß verſchmähte und Liebe Haß gebiert?“ 55 Zr mich 5 Du nicht, Aber Du weiß Du kennſt die Er gen, die an die erſte fen, alſo würdeſt Du auch die Gründe ni nie wahrha erhebenden en Er e aben, Iräulem Neigtann in meinen Sch nehmen. Weshalb ſoll ich mit Dir darüber ſtreiten? Du wirſt b atz ge funden haben, wenn Du sgaben für Deine — Toilette und andere Bedürfniſſe nicht einſchränken willſt. Nimm einen guten Us Rath von mir an, Cora, br ic Deinem Treu 3 E pen der e ſchönen Frau, er „Ich will Dir alle „ 4„ 4„, ,8 4 u in den Staub niedergetreten 2e mir nur „Ich werde Dein Freund bleiben.“ „Nicht mehr, als das?“ „Nein, Cora, der ſchöne Tran „So werde ich verlaſſen ſein in den ſchweren über uns hereinbrechen. Sei es, ich und ſein Haus verlaſſen, um auf d & dieſe Maske durchſchaute, die ihm kein M ein⸗ 1 1 ſt, die dem Bicomte gehe zenn Du Schulden ha daß ich manche ſchöne Stunde ies— Nein, den nein, ich verlange keinen Dank“, fuhr er fort, indem er ſich erhob, als ſie abe „wir wollen dieſe Kon nicht wieder beginnen. Schreibe mir, wie vie Du bedarfſt, das Geld liegt in meinem Hauſe zu Deiner Verfügung. ſan Von den Lippen der ſchönen Frau verſchwand das Lächeln, ſie hei hatte erreicht, was ſie erreichen wollte, jetzt warf ſie das Haupt ſtolz gf und trotzig zurück und ein kalter Blick traf aus ihren funkelnden S Augen den Edelmann, der ſie ſo tief gedemüthigt hatte. „Werde ich Dich nicht wiederſehen?“ fragte ſie kühl. „Wozu das? Es iſt beſſer, wir laſſen nun die Erinnerung an ver⸗ 6 gangene Zeiten ruhen und vermeiden Alles, was ſie wecken könnte.“ 3 „Und wenn die Tage der Noth kommen?“ „Der Vicomte wird Dich die Noth nicht fühlen lafſen.“ „O, er iſt geizig, er glaubt nicht an die Belagerung—“ „So ſorge Du, Cora.“, d „Ich kann nicht, die Mittel fehlen mir.“ 1 Der Marquis zuckte die Achſeln und nahm ſeinen Hut. „Was auch kommen mag, Du wirſt Dich ſtets erinnern, daß meine Freundſchaft Dir geblieben iſt, und daß dieſe Ff. Iſchaft Opfer bringen kann“, ſagte er.„Vergiß das nicht und ſieh muthig der Zukunft entgegen. Aber vergiß auch nicht, daß nun der ganze Traum zu Ende iſt, und daß es vergeblich ſein würde, mich in ein Netz zurückzulocken, aus dem ich mich befreit habe. Wir wollen ohne Bitterkeit von einander ſcheiden, Cora, daß es einmal ſo kommen mußte, hätten wir beide ja vorausſehen können, und über die erſten heißblütigen Jahre der Jugend ſind wir ja auch hinaus. Alſo lebe wohl, und bewahre mir ein freundliches Andenken.“ Er bot ihr die Hand, zögernd legte ſie ihre kleine Hand hinein, ohne ihren Druck zu erwiedern. Er nickte ihr noch einmal zu, dann verſchwand er hinter der Por⸗ tiere, auf der jetzt der zornflammende Blick der ſchönen Frau ruhte. Aber noch keine Minute war verſtrichen, als abermals der Sammt⸗ vorhang ſich bewegte, erſchreckt trat Fran von Chateaufleur zurück, auf der Schwelle des Zimmers ſtand ihr Stieffohn, der Chevalier. — 161— „Was führt Sie hierher?“ fragte ſie in fieberhafter Erregung. „Die Ehre meines Vaters“, erwiderte der Chevalier kalt. „Chevalier, wenn Sie dieſer Unterredung beigewohnt hätten, wür⸗ den Sie die Ueberzeugung gewonnen haben, daß—“ „Ich vernahm jedes Wort, Madame!“ „Ach— Sie haben gelauſcht?“ Ich leugne das nicht. Man hat mich auf dieſes Haus aufmerk⸗ ſam gemacht, Madame, man bezeichnete es mir als den Ort Ihrer heimlichen Zuſammenkünfte mit dem Marquis, war es nicht meine Pflicht, zu erforſchen, ob man die Wahrheit behauptet, oder ob man Sie verleumdet hatte?“ „Chevalier, dieſer Hohn beleidigt mich!“ „So iſt es Ihre Schuld, Madame, denn Sie fordern ihn heraus. Ich ließ heute Morgen Andeutungen fallen, und es entging mir nicht, daß dieſelben Sie erſchreckten. Ich bemerkte, daß Sie einen unſerer Diener mit einem Briefe hinausſchickten, mein Entſchluß war ſofort gefaßt. Ich ging hierher, ich ſah den Marquis eintreten, es war meine Abſicht, Genugthuung von ihm zu fordern für die Beleidigung, die mir geſtern Abend widerfuhr. Aber ich fand im Vorzimmer mei⸗ nen Gegner nicht, ich hörte nur ſeine Stimme, ſo ward ich Zeuge ſeiner Unterredung mit Ihnen. Als ich hörte, daß er ſich entfernen wollte, verſteckte ich mich, ich dachte, es ſei beſſer, wenn er nicht er⸗ fahre, daß i on belauſcht habe. Aus meinem Verſteck konnte ich ihn beobachten, und ſo entdeckte ich das Geheimniß dieſer Thüre.“ Frau von Chateaufleur hatte ihre Faſſung wiedergefunden, der Ausdruck ihres ſchönen Geſichts war kalt und ruhig. „Und nun?“ fragte ſie.„Was wollen Sie nun thun, Chevalier? Wollen Sie dem Vicomte Ihre Entdeckungen berichten, ſo erkläre ich Ihnen, daß ich dieſelben nicht fürchte, ich bin auf Alles, auch auf den Kampf mit Ihnen gefaßt.“ „Habe ich Ihnen den Kampf angeboten?“ entgegnete der Cheva⸗ lier lachend.„Der Himmel bewahre mich vor dieſer Tollkühnheit. Mit einer ſchönen Frau kämpfe ich nicht, vor der Schönheit ſtrecke ich die Waſſen, weil ich nur zu gut weiß, daß ich gegen ſie wehrlos bin.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte Cora.„Vergeſſen Sie nicht, daß ich die Gemahlin Ihres Vaters bin!“ „Nein, Madame, ſo wenig wie ich vergeſſen werde, daß Sie die Mutter meiner Schweſtern ſind, obgleich ich nicht darauf ſchworen 9½ 11 91 1 1 — — 162— möchte, daß die kleinen Mädchen in Wahrheit meine Schweſtern ſeien. Ich wiederhole Ihnen, die Abſicht, mir Ihre Feindſchaft erwerben zu wollen, liegt mir fern, im Eegentheil, ich biete Ihnen ein Bündniß an.“ „Gegen wen?“ „Gegen den Marquis.“ „Iſt das Ihr Ernſt, Chevalier?“ „Mein voller Ernſt. Er hat Sie beleidigt, Madame, Sie müſſen ihn haſſen.“ In den Augen Cora's blitzte es freudig auf, ihre kleine Hand umklammerte krampfhaft den Arm des jungen Mannes. „Ja, ich haſſe ihn“, ſagte Sie mit bebender Stimme,„er hat mich betrogen, auch gedemüthigt, und das kann eine Fran nicht ver⸗ zeihen. Aber Sie wiſſen, Chevalier, Ihr Vater iſt ein Knauſer, wir haben beide Grund, uns über ihn zu beklagen, und der Marquis iſt ein freigebiger Freund. Benutzen wir ſeine Freundſchaft, ſo lange ſie Opfer bringen kann, dann wollen wir Rache nehmen.“ Der Chevalier nickte. „Wir werden mit ihm abrechnen“, erwiderte er,„wir haben ja beid 6 eine Abrechnung mit ihm zu ordnen, laſſen Sie mir Zeit, dar⸗ über nachzudenken, ſo ſchlau er auch iſt, ſoll er dennoch in die Falle gehen, die wir ihm ſtellen wollen.“ „Und ich werde Ihnen lohnen für Ihren Beiſtand. Fordern Sie von mir, was Sie wollen, ich werde es Ihnen gewähren, wenn es in meiner Macht liegt. Wir werden dieſen ſtolzen Mann vernichten, ihn und die unverſchämte Perſon, die ihn gegen mich aufgehetzt hat. Er behauptet, Sie hätten der Gouvernante Vorſchläge gemacht, die—“ „Bah, ſie war immerhin ein hübſches Mädchen.“ „Und die deutſche Schönheit hatte für Sie einen beſondern Reiz, iſt es nicht ſo?“ „Ich gebe es zu.“ „Nun wohl, wir werden ſie zwingen, Ihre Vorſchläge anzunehmen. Wo wohnt die Gouvernante?“ „Im Gefängniß Saint Lazare.“ „Deſto beſſer, laſſen Sie mich einen Plan entwerfen, ich erinnere mich einer Frau, welche uns gute Dienſte leiſten kann. Dieſes Mäd⸗ chen ſoll zur Verzweif ⸗fung ütrichen werden, ſie ſoll Ihnen danken, wenn Sie ſo großmüthig ſind, ihr ein Aſyl anzub ieten. Vielleicht können wir dadurch den Marquis in's Herz treffen, er liebt die be 9331 8 deis, — 163— Bettlerin, ihre Schmach wird ihn tief verwunden. Kommen Sie, begleiten Sie mich nach Hauſe.“ „Ich ſah unſern Wagen vor der Thüre.“ „Er erwartet mich.“ „Dann bitte ich Sie, mich zu entſchuldigen, Madame, eine Dame enwartet mich, Sie werden begreifen, daß ich ſie nicht vergeblich warten laſſen darf.“ Frau von Chateaufleur lachte und drohte ihrem Stiefſohn mit dem Zeigefinger. „Ich fürchte, Sie ſind ein Wüſtling“, ſagte ſie ſcherzend.„Neh⸗ men Sie ſich vor den Damen in Acht, Chevalier, die Reue würde zu ſpät kommen.“ Sie legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſchritt an ſeiner Seite mit ſtolz erhobenem Haupte hinaus.— Der Marquis hatte keine Ahnung von den Gewitterwolken, die über ſeinem Haupte ſich zuſammenzogen. Er warf ſich in den Wagen, der in der Nähe ihn erwartete, und fuhr nach Haufe, und ſo wenig beſchäftigte ihn ſeine Unterredung mit der ſchönen Frau, daß er dem Leben und Treiben auf den Straßen ſeine ganze und ungetheilte Auf⸗ merkſamkeit widmen konnte. Er muſterte alle Gruppen, vor denen der Wagen langſam vorbei⸗ fuhr, mit ſcharfem Blick, er vernahm jeden Ruf, ja oft beugte er lauſchend ſich vor, wenn er einen Volksredner bemerkte und die Stimme deſſelben hörte. Er blieb nicht lange in ſeinem Hauſe, ſchon nach einer halben Stunde verließ er es wieder, zu Fuß und bekleidet mit einer Blouſe und einem Käppi der Nationalgarde. Wenn Erneſt ihm begegnet wäre, würde er in dieſem Poletarier von Belleville den Marquis nicht wieder erkannt haben, ſo ſehr waren die Züge ſeines Geſichts entſtellt. Er ſah aus, wie ein Mann, der lange Jahre hindurch mit Sorge und Entbehrungen gekämpft hat, und ſeine etwas gebeugte Haltung mußte die Vermuthung beſtätigen, daß er manchen harten Kampf mit dem Schickſal ausgefochten habe. Die kurze Pfeife im Munde und die Hände in den Hoſeutaſchen, ſchlenderte er langſam über die Boulevards, auf denen eine unüber⸗ ſehbare Menſchenmenge wogte. Es ſchien, als ſei ganz Paris auf den Boulehards verlammelt, 11²* —— 164 um Nachrichten über den Feind zu erwarten, und doch herrſchte in allen Seitenſtraßen daſſelbe bunte Leben und Treiben. Aber es war nicht mehr die feine, elegante Geſellſchaft, welche vor wenigen Wochen noch hier vor den glänzenden Cafes promenirte. Die Stutzer, die behäbigen alten Herren, die eleganten Damen in den auffallenden Toiletten, die ſchimmernden Equipagen, die ſtolzen Reiter und Reiterinnen, die unzähligen Fremden, ſie Alle waren ver⸗ ſchwunden, man ſah faſt nur Bauern, Studenten, Blouſenmänner, Soldaten, Mobil⸗ und Nationalgarden, Zuaven und dazwiſchen freche Weibsperſonen, die ſich an Jeden herandrängten, der ſie eines Blickes würdigte. In den Reſtaurants und Cafes ſaßen dieſe Frauenzimmer zwiſchen den Zuaven und Mobilgarden an den Marmortiſchen auf ſammetnen Fauteuils und ſchwelgten in den Genüſſen eines feinen Frühſtücks oder einer Flaſche Champagner. Und dieſe ganze, bunt zuſammengewürfelte Menſchenmaſſe ſang unermüdlich die Marſeillaiſe, die nur dann und wann einmal durch den Ruf„Vive la Republique!“ oder„Vive la France!“ unter⸗ brochen wurde. Es war ein betäubender Lärm, man hätte glauben können, ſich in einem rieſig großen Irrenhauſe zu befinden. Vor dem Cafe Riche hatte eine Straßenſängerin mit dünner Stimme die Marſeillaiſe angeſtimmt, eine Dame, welche vor dem Tafe ſaß, ſprang auf den Tiſch und ſtimmte mit feuriger, hinreißender Begeiſterung daſſelbe Lied an. Ein raſender Jubel erhob ſich, zweimal mußte die Dame das Lied ſingen, und das brüllende Beifallgeſchrei der Menge wurde immer toller. Mitten in dieſem Lärme erhob ſich ein neuer Sturm. Tauſend⸗ ſtimmig wälzten die Rufe:„Vive Rochefort! Vive la Republique!“ ſich von Boulevard zu Boulevard, und unter dieſem fortwährenden betäubenden Geſchrei der Maſſen fuhr ein einſpänniger, offener Wagen vorüber, in welchem Rochefort, der Verfaſſer der„Laterne“ ſaß. Er wurde von allen Seiten begrüßt, man drängte ſich hinzu, um ihn zu ſehen, und einige Hundert ſeiner Anhänger rannten unter unausge⸗ ſetztem Geſchrei dem Wagen nach. Auf allen Plätzen, den Champs Elyſées, im Hofe des Louvre, im Tulleriengarten, im Garten des Induſtriepalaſtes, überall bivouakirten Truppen: Artillerie, Munitions⸗Colonnen, Cavallevie und Mobilgarden. —— hte in welche enirte. ten in ſolzen nver⸗ nner, freche eines iſchen etnen s ſtücks e ſang durch Inter⸗ — 165— In den Avenuen und auf den Quais wurden Zeltlager errichtet und alle Vorbereitungen zu großen Bivouaks getroffen, man ſchleppte ſchon das Material für den Barrikadenbau hier und da zuſammen, und dazwiſchen kamen noch immer Schaaren fliehender Landleute mit ihren hochbepackten Karren und ihren Viehheerden. Und überall hörte man nur eine Stimme, die der Siegesgewißheit, man war felſenfeſt davon überzeugt, daß die Preußen vor den Thoren von Paris vernichtet würden. Die Trümmer des Corps Vinoy, die der Schlacht bei Sedan durch eilige Flucht ſich entzogen hatten und in aufgelöſten Haufen in Paris eintrafen, dieſe abgehetzten, zerlumpten und demoraliſirten Soldaten konnten die Siegesgewißheit der Pariſer nicht erſchüttern, man nannte ſie Feiglinge und ſchrieb alle ihre Niederlagen dem Ver⸗ rath und der Unfähigkeit der Kaiſerlichen Regierung und ihrer Ge⸗ nerale zu. Der Marquis ſchien von der Stimmung des Volkes außerordent⸗ lich befriedigt zu ſein, er beobachtete und horchte überall, er las die angeſchlagenen Proclamationen und Decrete der Regierung und wech⸗ ſelte dann und wann mit einem Arbeiter einige Worte, welche ſich auf dieſe Erlaſſe bezogen. An der Rue du Faubourg St. Denis verließ er die Boulevards und nicht lange darauf zog er am Thore des Gefängniſſes St. Lazare die Glocke. Dumpf und ſchaurig hallte der Ton ſin den weiten Gängen des großen Gebäudes wieder, und eine beengende Luft wehte dem Marquis entgegen, als das Thor geöffnet wurde. Der Pförtner betrachtete ihn mit mißtrauiſchen Blicken und fragte ihn nach ſeinem Begehr. „Ich will eine Gefangene beſuchen“, ſagte der Marquis, der die Rolle des Arbeiters ſo vortrefflich ſpielte, daß er ſelbſt das erfahrene, ſcharfblickende Auge dieſes Mannes täuſchte. „Hm, haben Sie einen Erlaubnißſchein?“ „Wozu das?“ „Ohne ihn werden Sie nicht eingelaſſen!“ „Und wer ſtellt ihn aus?“ „Der Polizeipräfekt.“ Der Marquis lachte ſpöttiſch. „Mein Freund, das Volk kennt keinen Polizeipräfect“, ſagte er, 5** ——— ———ͦͦꝛ: — 166— „das ſouveräne Volk regiert ſelbſt und dieſes Gebäude iſt jetzt ſein Eigenthum. Rufen Sie einen Schließer, mit Ihnen habe ich nichts zu ſchaffen.“ Der Pförtner hatte das Thor wieder geſchloſſen, das energiſche Auftreten dieſes Mannes ſchien ihm zu imponiren, vielleicht auch fürchtete er, daß das„ſouveräne Volk“ ſich veranlaßt fühlen könne, in dieſes Haus einzudringen, hatte es doch auch damals die Baſtille erſtürmt. „Es iſt unnütz“, ſagte er,„Sie werden ſehen, daß man Sie nicht einlaſſen wird.“ „Das ſei meine Sorge“, antwortete der Marquis kühl. „Und welche Gefangene wünſchen Sie zu ſehen?“ „Eine Deutſche.“ „He— find Sie toll?“ „Keineswegs, mein Beſter! das junge Mädchen iſt meine Freundin, und es war meine Schuld, daß ſie in Paris blieb. Glauben Sie denn, ein Deutſcher könne nicht auch ein guter Republikaner ſein?“ „Sie ſind Sclaven.“ „Eben drum ſehnen ſie ſich nach Freiheit.“ Der Pförtner ſchüttelte den Kopf und entfernte ſich, der Marquis folgte ihm langſam, bis er den großen Hof erreichte, auf dem ein reges Leben herrſchte. Die gefangenen Frauen wanderten hier ſcherzend und lachend auf und nieder in ihren plumpen Holzſchuhen und der groben Gefängniß⸗ tracht, dort ſtanden ſie in Gruppen beiſammen, eifrig mit einander plaudernd, und das rohe Gelächter, welches dann und wann das Ohr des Marquis berührte, verrieth deutlich, welche Art von Unterhaltung dieſe tief geſunkenen Geſchöpfe liebten. Er ſah hier Manche, die ihm vor Kurzem noch in reicher Toilette, nachläſſig in die ſeidenen Kiſſen ihrer offenen Equipage zurückgelehnt, in den elyſéeiſchen Feldern begegnet war, er erkannte manches ſchöne reizende Geſicht, welches er früher in luſtiger Geſellſchaft hinter den Champagnerflaſchen geſehen hatte. Und dann wieder ſah er eine Einzelne, abgeſondert von ihren Schickſalsgenoſſinnen in irgend einem Winkel des großen Hofes ſtehen, eine blaſſe, abgehärmte Geſtalt, die gleichwohl noch der volle Reiz der Jugend umfloß. O, er wußte wohl, was das alte Weib dieſer Einſamen, Trauern⸗ t auch könne — 167— den zuflüſterte, er kannte ja das ganze Elend dieſer bedauernswerthen Geſchöpfe. Dieſe Megären, alt geworden in Sünde und Schande, hatten ja ihre Freude daran, weu ſie ein ſolches Weſen in den Abgrund hinunterſtürzen konnten. Sie wußten es ihm ſo klar und begreiflich zu machen, daß es nun für immer verloren ſei, daß es nur einen Weg noch gebe für alle die, welche hier gewohnt hätten, den Weg der Schande und des Laſters und ſie verſtanden es ſo vortrefflich, dieſen Weg mit duftenden Blüthen zu ſchmücken, die Stürme der Leiden⸗ ſchaften zu entfeſſeln und alle Schwächen des weiblichen Herzens zu benutzen, daß ihr gehetztes, zur Verzweiflung getriebenes Opfer endlich unterliegen mußte in dem Kampfe mit dem böſen Dämon, mit der Verſuchung. Dieſe alten Weiber vermittelten zwiſchen den Unglücklichen und dan reichen, vornehmen Wüſtlingen draußen, und wenn der Tag der Freiheit für ihr Opfer kam, dann führten ſie es dem Schurken in die Arme. Der Marquis wußte das, der Anblick dieſer Megären, welche vortrefflich die Maske der Scheimheiligkeit vorzubinden wußten, erfüllte ihn mit Zorn und Abſcheu. O, es war ſehr intereſſant, hier zu ſtehen und zu beobachten, die Koketterie zu ſehen, mit der die jüngeren Gafangenen den groben Anzug und die ſchweren Holzſchuhe trugen, ihre verführeriſchen Blicke aufzufangen, und ihre Geſpräche zu belauſchen. Wie ſie ſich einander überboten mit den Triumphen, die ſie vor⸗ dem gefeiert hatten! Wie ihre Augen leuchteten, wenn ſie die Schätze aufzählten, die ſie früher beſeſſen hatten! Und mit welcher Zuverſicht ſie von der Zukunft neue Triumphe, neue Schätze erwarteten! Das waren Diejenigen, an denen nichts mehr zu beſſern war, die ſchon ſo tief im Sumpf der Sünde wateten, daß ſie kein Verlanger mehr darnach trugen, ihm zu entrinnen. Aber die Andern, die eines geringen Vergehens wegen hier ein⸗ geſperrt waren, vielleicht unſchuldig in Unterſuchungshaft ſaßen, ſie, die Ehre und Tugend noch für unſchätzbare Güter hielten, waren zu beklagen. Wie konnten ſie den Verlockungen dieſer Weiber widerſtehen, die ihnen ihre Freundſchaft anhoten, ihnen in allen Stücken guten Rath gaben, die Haft ihnen erleichterten, und das ſpätere Leben ihnen von der glänzendſten Seite zeigten? —— — 168— Sie mußten fallen, ſie waren im Netz, ehe ſie es ahnten, und ihr Kämpſen und Ringen war umſonſt. Der Marquis wandte ſich ab, die, welche er ſuchte, fand er nicht unter den Gefangenen und mit Entſetzen mußte er an die Möglichkeit denken, daß auch an Marie die Verſuchung in Geſtalt einer ſolchen Megäre herantreten könne. Was es auch koſten mochte, er mußte ſie befreien, jeder Athemzug an dieſem Orte vergiftete ihre Unſchuld. Ein Schließer trat auf ihn zu, ein robuſter Geſelle in einer un⸗ ſaubern Uniform, deſſen rothe Naſe nur zu deutlich verrieth, daß er dem Trunke ergeben war. „Ihr Wunſch kann nicht erfüllt werden“, ſagte er mit rauher, heiſerer Stimme, und die ſtieren Augen glotzten den Marquis un⸗ verſchämt an.„Ohne Erlaubnißſchein darf hier Niemand eine Ge⸗ fangene beſuchen.“ „Und dieſe Erlaubniß wäre gar nicht zu umgehen?“ fragte der Marquis mit gedämpfter Stimme. „Nein.“ „Bah, ich weiß das beſſer, mein Freund, und auf ein Hundert⸗ ſousſtück ſoll's mir am Ende auch nicht ankommen.“ Der Schließer ſchien über den Vorſchlag nachzudenken, aber das währte nicht lange, er ſchüttelte ſehr energiſch ſein ſtruppiges Haupt. „Sie wollen eine Deutſche ſprechen“, ſagte er barſch,„unſere Inſtructionen lauten ſehr beſtimmt, und mit den Deutſchen haben wi gar keine Rückſicht. Kommen Sie mit, hier dürfen Sie nicht bleiben, die Geſangenen werden aufmerkſam.“ Der Marquis folgte dem Manne in den Gang, nachdem ſie ſich eine kurze Strecke entfernt hatten, blieb er ſtehen. „Es wäre ja leicht, die Gefangene zu benachrichtigen“, ſagte er, inen vertraulichen Ton anſchlagend,„ich verſpreche auf Ehrenwort—“ „Nichts da, mein Amt iſt mir zu lieb, als daß ich es ſo leicht⸗ fertig verlieren möchte!“ „Aber es wird ja Niemand etwas dodon erfahren!“ „Wenden Sie ſich an eins der Weiber, die täglich hierher kommen.“ „Alles andere, nur das nicht!“ „Kennen Sie dieſe Frauen ſo genau?“ fragte der Schließer mit Il „Wozu überhaupt dieſe Vermittlung?“ erwiderte der Marquis n, und 4 Hor ben — 169— ungeduldig.„Der Inſpector von St. Lazare würde mir meine Bitte nicht verweigern, wenn ich mich an ihn wenden wollte!“ „Verſuchen Sie es, Sie würden ſchön ankommen!“ Der Marquis zuckte die Achſeln. „Hier iſt nicht der Ort, weiter darüber zu berathen“, fagte er, „wann haben Sie eine freie Stunde?“ „Sogleich kommt die Ablöſung.“ „Und wo kann ich Sie treffen?“ „In der Rue bleue, in der Schenke des„Vater Tabaret.“ „Werden Sie ſogleich hinkommen?“ „Freilich.“ „Wohl, ich erwarte Sie dort, ich hoffe, wir werden uns dennoch einigen.“ „Schwerlich“, ſagte der Schließer Pottend,„wenn man eine zahl⸗ reiche Familie zu ernähren hat, iſt man ſehr vorſichtig.“ Der Marquis ließ ſich ſo leicht nicht abſchrecken, und gerade die letzten Worte des Trunkenbolds befeſtigten die Hoffnungen, die er auf ihn gebaut hatte. Er ging in die ihm bezeichnete Straße, die eine kurze Strecke hinter dem Gefängniſſe lag, und es ward ihm nicht ſchwer, die Schenle zu finden. Er trat in die unſaubere, mit ſtinkendem Tabaksqualm angefüllte Gaſtſtube und forderte ein Glas Branntwein, dann betrachtete er die Gäſte, welche an den übrigen Tiſchen ſaßen. Er ſah faſt nur Zuavenphyſiognomien, ſelbſt die Gamins, die halberwachſenen, zerlumpten Burſchen, die hier zwiſchen den Männern ſaßen und nicht ſelten das große Wort führten, trugen in ihren Zü⸗ gen ſchon den Stempel des Verbrechens. Auch der Vater Tabaret, der wohlgenährte Wirth, der womöglich in ſeinem Aeußeren noch größeren Schmutz zeigte, als ſein Haus und ſein Mobilar, hatte ein gemeines, widerwärtiges Geſicht und der Marquis vermuthete wohl mit Recht, daß dieſer Mann mit ſeiner Vergangenheit ſich nicht rühmen konnte. Es ſaßen da viele, denen man es anſah, daß ſie ſchon im Zucht⸗ hauſe oder auf der Galeere geweſen waren, und die Reden, die ſie führten, bewieſen das noch deutlicher. Sie freuten ſich alle auf die Schreckniſſe einer Belagerung, und nachdem ſie den Marquis mit mißtrauiſchen Blicken gemuſtert hatten, — 170— erklärten ſie ohne Hehl, daß man während der Belagerung die Rei⸗ chen ſchröpfen und ſie zwingen müſſe, ihren Ueberfluß mit den Armen zu theilen. Der Marquis gab ſich des Anſchein, als intereſſire ihn das Ge⸗ ſpräch nicht, dadurch beugte er am ſicherſten dem Mißtrauen dieſer Burſchen vor, welches gefährliche Folgen für ihn haben konnte. Er dachte darüber nach, wie er dem Schließer gegenüber auftreten ſolle, entdeckte er ſich ihm, ließ er ihn wiſſen, daß er nicht der Ar⸗ beiter aus dem Volke, ſondern ein reicher, vornehmer Herr ſei, ſo weckte er dadurch die Habſucht dieſes Mannes und an der Unver⸗ ſchämtheit deſſelben konnte alsdann der ganze Plan ſcheitern. Eins aber war dem Marquis klar, Marie mußte um jeden Preis aus jenem Gefängniß befreit werden, jede Stunde, die ſie in demſelben zubrachte, vermehrte die Gefahren, welche ſie umgaben, und von denen ſie keine Ahnung hatte. Seitdem der Edelmann die Megären geſehen hatte, zitterte er für die theuerſten Güter des ſchönen Mädchens, für ihre Ehre und Unſchuld. Aber hegte er nicht ſelbſt den Vorſatz, ſie um dieſe Güter zu betrügen? Hatte er denn ſchon geprüft, ob ſeine Liebe zu ihr nicht auch nur ein Rauſch ſei, derſelbe Sinnesrauſch, der ihn bisher an Frau von Chateaufleur feſſelte? Und machte ſein Gewiſſen ihm nicht ſchon jetzt Vorwürfe darüber, daß er den Freund dieſes Mädchens getäuſcht und betrogen hatte? Alle dieſe Fragen ſtiegen in ſeiner Seele auf, aber er ſand keine Zeit, lange über ſie nachzudenken, denn der Schließer erſchien ſchon bald, jetzt nahmen andere Dinge ihn in Anſpruch. „Nun?“ fragte der Marquis, nachdem der Trunkenbold das erſte Glas auf einen Zug geleert und ſeine Pfeife angezündet hatte,„habt Ihr meine Worte überlegt?“ „Es kommt nichts dabei heraus“, erwiderte der Schließer achfel⸗ zuckend, deſſen ſtiere Augen auf der ſchmalen, weißen Hand des Edel⸗ manns ruhten. „Und was müßte für Euch dabei herauskommen?“ „Eine kleine Rente.“ „Wie viel etwa?“ „Zweitauſend Francs jährlich.“ „Das wäre ein Kapital von vierzigtauſend Francs.“ „Eine Kleinigkeit für einen reichen Herrn.“ Rei⸗ Armen 8 Ge⸗ dieſer gp— ftreten er Ar⸗ 5* — 171— „Und wer hat Euch geſagt, daß ich reich ſei?“ Der Schließer zuckte die Achſeln und warf einen verſtohlenen Blick auf die lärmenden Vagabunden. „Weshalb ſagen Sie mir nicht die Wahrheit?“ erwiderte er, „Nennen Sie mir vor Allem den Namen der Gefangenen.“ „Marie Reimann.“ „Ah, iſt es die? Ein ſchönes Kind!“ „Und unſchuldig verhaftet.“ „Bah, das ſagen ſie Alle.“ „Aber für die Schuldloſigkeit dieſer bürge ich.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, wer heutzutage für einen Deutſchen Partei nimmt, wird als Hochverräther betrachtet. Wiſſen Sie denn nicht, daß das Mädchen der Conſpiration mit den Preußen beſchuldigt wird? Sie iſt eine Spionin, und das Kriegsgericht wird kurzen Proceß mit ihr machen.“ „Es darf nicht urtheilen ohne Beweiſe!“ „Parbleu, wenn man Beweiſe ſuchen will, kann man ſie überal finden“, ſpottete der Schließer,„und für das Volk wäre es ein intereſ⸗ ſantes Schauſpiel, wenn das ſchöne Mädchen kriegsrechtlich erſchoſſen würde.“ „Es wird dieſes Schauſpiel nicht haben“, entgegnete der Marquis, die Stirne runzelnd,„dafür iſt ſchon geſorgt. Ihr habt eine zahl⸗ reiche Familie, wie Ihr ſelbſt ſagtet, ich kann mir nicht denken, daß Euer Einkommen hinreicht, ſie zu ernähren.“ „Na, meine Frau verdient auch, ſie wäfcht für die Gefangenen, und meine Mädchen verkaufen auf den Boukevards Blumen.“ „Das wird nicht lange mehr dauern.“ „Parbleu, die Pariſer lieben die Blumen, ſie werden ſie kaufen, auch dann noch, wenn die preußiſchen Bomben in den Straßen platzen.“ „Sie werden Ihre Sous nöthiger haben.“ „Kommen wir zur Sache“, ſagte der Schließer ärgerlich,„Sie lieben die Gefangene.“ „Hm, das war leicht zu errathen.“ „Und es iſt Ihnen weniger um den Beſuch als um die Befreiung des ſchönen Mädchens zu thun.“ „Ja, mein Freund.“ „Und da ſoll ich die heißen Kaſtanien für Sie aus dem Feuer holen?“ V ———— — 172— „Nehmen wir an, das Alles ſei die Wahrheit.“ „Gut, ich würde dann zuerſt fragen, wie viel Sie mir zu zahlen gedenken? Sie ſind nicht der Arbeiter, der Sie ſcheinen wollen, Sie ſind ein reicher, vornehmer Herr, das ſehe ich an Ihren Händen, die noch keine ſchwere Arbeit gethan haben.“ „Ich will auch das zugeben.“ „Sie müſſen es, denn mich täuſcht man ſo leicht nicht. Denken Sie nicht, es ſei leicht, die Gefangene zu befreien, ich werde in dem Hauſe auch beobachtet und überwacht, und es müßten da viele Vor⸗ kehrungen getroffen werden, ehe wir an's Werk ſchreiten könnten. Ich weiß heute noch nicht, wie ich den Portier betrügen ſoll, der Kerl hütet das Thor wie ſeinen Augapfel.“ „Sie werden das Alles ermöglichen.“ „Hm ja, aber wenn ich ertappt werde, verliere ich mein Amt.“ „Sie wollen ſich ja durch eine Rente ſichern!“ „Wenn ich ſie erhalte! Ich kann mein Amt verlieren, ohne daß es mir möglich geweſen wäre, meine Aufgabe zu löſen; man wirft mich hinaus und das Fräulein bleibt hinter Schloß und Riegel. Was dann, mein guter Herr?“ „Dann ſorge ich für Sie!“ „Ja, wer's glaubt!“ fuhr der Schließer ironiſch fort.„Goht die Sache fehl, ſo wollen die großen Herren von ihren Verbündeten nichts wiſſen, und man kann ihnen nichts anhaben, weil man keine Beweiſe gegen ſie beſitzt. Hier aber ſind große Schwierigkeiten und Gefahren zu überwinden, jedenfalls müßte ich auf eine Vorausbezahlung dringen.“ „Der ganzen Summe?“ „Sagen wir die Hälſte.“ Der Marquis verſank in Nachdenken, es war eine unverſchämte Forderung, und er hatte nicht einmal eine Bürgſchaft dafür, daß der Trunkenbold ſein Verſprechen löſen werde. Aber für Marie war ihm kein Opfer zu groß, und das Geld hatte ohnedies für ihn keinen Werth. „Und bis wann glaubt Ihr Eure Aufgabe löſen zu können?“ fragte er nach einer Pauſe. „Heute nicht und in den erſten Tagen noch nicht“, erwiderte der Schließer lakoniſch, ich kann das überhaupt nicht vorausbeſtimmen, weil ich nicht weiß, welche Hinderniſſe mir in den Weg treten werden. Aber es ſoll geſchehen ſo bald wie möglich, und ich werde ſchon heute mit den Vorbereitungen beginnen.“ „Ihr könntet mir wohl vorher eine Zuſammenkunft mit der Ge⸗ fangenen verſchaffen.“ „Die iſt unmöglich. Wollen Sie ihr eine Nachricht zukommen laſſen, ſo bin ich bereit, einen Brief an ſie zu beſorgen, aber von einer perſönlichen Zuſammenkunft rathe ich entſchieden ab. Das würde immerhin einiges Auffehen erregen, die Beamten würden aufmerkſam auf die Deutſche, man nennt ſie ja ſchon jetzt die büßende Magdalena, weil ſie nie ihre Zelle verläßt und immer ſo ſtill und traurig iſt. Geben Sie mir ein Billet an ſie, es ſoll richtig abgegeben werden.“ Der Marquis mußte ſich dieſen Gründen fügen, er ſah ein, daß der Schließer Recht hatte. „Wann und wo treffe ich Euch?“ fragte er. „Kommen Sie morgen Abend in meine Wohnung, hier iſt nicht der geeignete Ort, ſolche Geſchäfte abzuſchließen.“ „Gut, wo wohnt Ihr?“ „Im zweiten Hauſe rechts neben dieſer Schenke oben unter dem Dache. Nach neun Uhr bin ich zu Hauſe.“ Der Marquis nickte und ſchob ſein Glas dem Trunkenbold hin, der es ohne Verzug austrank. „Ich werde kommen“, ſagte er. Und nun noch Eins! So lange das Mädchen im Gefängniß iſt, haltet Ihr die gemeinen Weiber fern, wollt Ihr das?“ „Wenn ich es kann!“ „Ihr müßt es können, dieſe Megären ſäen Unkraut, wohin ſie kommen.“ „Wer kann das ändern?“ erwiderte der Schließer achſelzuckend. „Sie haben freien Zutritt, und einige von ihnen ſind ſelbſt Gefangene, es würde eine Revolution im Gefängniſſe geben, wenn wir dieſen Weibern den Zutritt verweigerten. Aber ich will thun, was ich vermag, ich werde auch das Fräulein warnen, es iſt dann ihre Sache, ob ſie die Freundſchaft dieſer Kupplerinnen zurückweiſen will, oder nicht.“ Der Marquis war aufgeſtanden. „Bis morgen Abend“, ſagte er,„laßt mich den Gang nicht ver⸗ geblich machen, ich werde mich gleich nach neun Uhr einfinden.“ Der Schließer nickte zuſtimmend, nahm ſein Glas und ſetzte ſich zu den Vagabunden, die noch immer eifrig über die Maßregeln be⸗ riethen, durch welche ſie die Reichen zwingen wollten, ihre Schätze herauszugeben; der Marquis aber verließ die Schenke und athmete — 174— zzef auf, als er der verpeſteten Luft in dem unſanbern Hauſe ent⸗ ronnen war. Zehntes Kapitel. Die Preußen kommen. In der Manſarde der beiden Freunde begann jetzt ein geſchäf⸗ tiges Treiben. Erneſt widmete ſich mit allem Eifer der ihm übertragenen Arbeit, und dieſe Arbeit war für ihn eine Wohlthat, denn ſie hielt ihm die guälenden Gedanken fern, die er glei hwohl nicht ganz zurückbrängen konnte. Auch Paul ſuchte und fand Troſt in der Arbeit, er führte die Säge und den Hobel, während Erneſt über ſeinen Zeichnungen ſaß und die Formen der einzelnen Möbel wie die Verſchlingungen der geſchnitzten Verzierungen berieth. Täglich hofften ſie, der Marquis werde kommen, um ihnen über das Schickſal des verſchwundenen Mädchens Nachricht zu bringen, aber ein Tag nach dem andern verſtrich, und keine Spur wollte ſich zeigen, die man hätte verfolgen können. Am Abend gingen die Freunde aus, um ſich über die Tagesereig⸗ niſſe zu unterrichten und auf den Boulevards Nachforſchungen nach der Verlorenen zu halten, die natürlich auch zu keinem Reſultate Einmal war Erneſt im Hauſe des Marquis geweſen und mit der 858 feſte Erklärung, der Herr ſei nicht zu Hauſe, abgewieſen worden, das feſt Vertrauen, welches er auf dieſen Edelmann ſetzte, verbot ihm, dieſen Beſuch zu wiederholen, er wußte ja, daß der Marquis ihm Nachricht heit erhalten hatte. — Beſorgniſſen an das Schickſal Louiſons, der Erneſt Ruf Rufr 2 24;r 3 7 ,„ te Paul ſeine Aufregung nicht bemeiſtern, oft ſtand er ;†. S 2 NRuaherer— 68 griff, in das Haus des Wucherers zu eilen und den ſchmutzigen Plänen ihres habſüchtigen Vat die ernſten Warnungen und Vorſtellungen des Freundes WD un wieder ab, ſeinen Vorſatz auszuführen. ſe ent⸗ Albei — 175— Er wußte ja ſelbſt, daß er verloren war, wenn die Verſchworenen ſeine Rettung erfuhren, und wenn er auch bei dem Gedanken daran man vor Wuth knirſchte, mußte er dennoch ſich vor ihnen verſtecken, denn gegen dieſe Macht beſaß er keine Waffen. Mit Madame Leroi kamen die Freunde nicht in Berührung, nur einmal ſah Paul zufällig, daß Herr von Segur ihr Zimmer verließ, aber er hatte ſelbſt zu großes Intereſſe, eine Begegnung mit dem Wüſtling zu vermeiden, als daß er ſich hätte veranlaßt ſehen können, ihm entgegenzutreten. Inzwiſchen nahmen die Dinge in Paris ihren Verlauf, den man mit ziemlicher Sicherheit vorausgeſehen hatte. Die franzöſiſchen Marineſoldaten, die Trümmer der geſchlagenen Armeen und die Mobilgarden aus der Provinz waren eingetroffen, die Bataillone der Nationalgarde hatten ſich formirt, große Waſfenſendungen aus England und Amerika kamen an, und in allen Fabriken, Gießereien und Werkſtätten wurden Waffen geſchmiedet und Patronen angefertigt. Die Befeſtigungsarbeiten, die Zerſtörung der Dörfer und Land⸗ häuſer vor den Thoren und die Niederbrennung der Gehölze wurden immer eifriger betrieben, und von Tag zu Tag erwartete man die Preußen plötzllich vor Paris zu ſehen. Inzwiſchen nahm in Paris ſelbſt das alte, leichtfertige Leben ſeinen Fortgang. Die Kaffechäuſer auf den Boulevards waren überfüllt, vor ihnen trieben die Mobilen aus der Provinz mit ſchamloſen Frauenzimmern ſo großen Scandal, daß der Polizeipräfekt ſich genö⸗ wigt ſah, dagegen einzuſchreiten. Man ſang, tanzte und lachte, wenn auch viele Vergnügungsorte ſchon geſchloſſen waren, unbekümmert um die ſchwarzen Wolken, die immer drohender ſich über der leichtſinnigen Stadt zuſammenzogen. Ueberall ſah man Soldaten und Nationalgarden, überall Geſchütze, Bajonette, Munitionswagen und die Karren der Unglücklichen, welche die Familien von draußen hereinſchafften. Franctireurs in Opercoſtümen, Pompiers und andere phantaſtiſche Geſtalten miſchten ſich unter die Maſſen, welche ſich noch immer an der Hetzjagd auf die Deutſchen und auf Spione erzötzten. Tauſende von wohlhabenden Familien verließen die Stadt, in der Schweiz, in Belgien oder England d dieſes ———— — 176— Und dazwiſchen erſchienen täglich Proclamationen der Regierung, hetzten die Zeitungen täglich mit den ſchamloſeſten Lügen und Verleum⸗ dungen gegen die deutſchen Truppen, wurden täglich neue gemeine und widerwärtige Karrikaturen gedruckt und maſſenweiſe verkauft, in denen die napoleoniſche Familie oder der König von Preußen und deſſen Generale und Miniſter verſpottet wurden. Thiers hatte ſeine Rundreiſe angetreten, um in England, Ruß⸗ land und Oeſterreich Verbündete zu werben, und Jules Favre reiſte nach Ferrieres in's deutſche Hauptquartier, um über die Bedingungen eines Waffenſtillſtandes zu unterhandeln. So war der 19. September gekommen. Die preußiſchen Reiter hatten ſich ſchon in der Nähe gezeigt, und die einlaufenden Nachrichten bekundeten, daß die deutſchen Truppen von allen Seiten anmarſchirten um die Stadt einzuſchließen. General Ducrot war mit einer anſehnlichen Truppenmaſſe hinaus⸗ gezogen, um bei Chatillon und Clamart den Deutſchen den Weg zu verlegen, ſie gegen Orleans und Verſailles zurückzuwerfen. Und dieſe Truppen kamen nun in wilder Auflöſung in die Stadt zurück, ſie waren geflohen, als die erſten Granaten unter ſie fielen. Mit dem Geſchrei:„Wir ſind verloren! Die Preußen rücken in die Stadt!“ liefen die Flüchtlinge, die aus Zuaven und Linientruppen beſtanden, über die Boulevards. Gambetta warf ſich entſetzt in einen Wagen und fuhr nach der Porte Maillot, dort war kein deutſcher Soldat zu ſehen; man eilte nach Montrouge und ſah hier das ganze Elend einer zügelloſen Flucht. Mit und ohne Waffen, ſchreiend und tobend, kamen die Soldaten, Geſchuͤtze, Munitionswagen, reiterloſe Pferde, Alles das brach ſich Bahn durch das Gedränge der entſetzten Volksmaſſen, deren Beſtür⸗ zung bald der grimmigſten Wuth wich. Man preßte die Fliehenden an die Mauern und ſpie ihnen in's Geſicht, die Nationalgarden hieben mit den Kolben auf ſie ein, und immer lauter ward das wahnſinnige Verlangen, man ſolle die Feig⸗ linge erſchießen. Die Thore der Stadt wurden geſchloſſen, Paris war von allen Verbindungen abgeſchnitten, dem Hunger und den deutſchen Bomben preisgegeben, die deutſchen Truppen ſchloſſen draußen den eiſernen Ring, der das Schickſal der leichtſinnigen und dennoch ſo heldenmüthigen Weltſtadt beſiegeln ſollte. gnen in — 177— Es war in der Abenddämmerung dieſes Tages. Erneſt hatte ſeine Zeichnungen fortgelegt und ſtand im Begriff, ſich zum Ausgehen fertig zu machen, Paul wanderte mit großen Schritten in der Man⸗ ſarde auf und nieder. Sie hatten eben darüber geſprochen, ob und was nun no könne, um über das Schickſal der beiden Mädchen Gewißhei erhalten, und ſie waren überein gekommen, daß Erneſt noch einmal zu dem Wucherer gehen und mit Louiſon berathen ſolle. Da wurde plötzlich die Thür geöffnet und der Marquis trat in das Zimmer. Erneſt ging ihm lebhaft entgegen, aber der Marquis ſchien ihn nicht zu bemerken, ſein Blick ruhte mit ſichtbaren Zeichen der Ueber⸗ hung auf dem Antlitz Pauls, der den eleganten Herrn kaum Ju heachtete. „Endlich!“ ſagte Erneſt, und beim Klange dieſer Stimme richtete der Marquis raſch die Augen auf ihn.„Bringen Sie mir Gewißheit? O, Sie ahnen nicht, mit welcher fieberhaften Ungeduld ich auf Nach⸗ richten wartete.“ „Und doch konnten Sie ſchon damals vorausſehen, daß es ſehr, ſehr ſchwierig ſein würde, Gewißheit zu erhalten“, entgegnete der Edelmann ruhig.„In dieſer allgemeinen Verwirrung beſchäftigt Jeder ſich nur mit ſeinen eignen Angelegenheiten, es hat mir große Mühe gekoſtet, eine Spur zu entdecken, die ich verfolgen konnte.“ „Ich glaube das“, ſagte Erneſt, tief aufſeufzend,„und ich irre wohl nicht, wenn ich vermuthe, daß Sie keine guten Nachrichten er⸗ halten haben.“ „Gut und ſchlecht, wie man's nehmen will, ſchlecht für uns und gut für unſre Freundin. Man hat ſie allerdings verhaftet, auf weffen Befehl, das konnte ich nicht erfahren, aber es thut auch nichts zur Sache. Man wollte ſie vor ein Kriegsgericht ſtellen, aber ihre Ju⸗ gend und ihr Geſchlecht müſſen wohl Gnade vor den Augen der Beamten gefunden haben, denn man begnügte ſich damit, ſie auszuweiſen.“ „Und ſie iſt abgereiſt?“ fragte Erneſt mit bebender Stimme. „Ja, mein junger Freund. Man hat ihr einen Paß und die Mittel zur Reiſe gegeben, und wir dürfen hoffen, daß ſie in Dentſch⸗ land mitleidige Herzen gefunden hat, die nun für ſie ſorgen werden „Aber dann begreife ich nicht, daß ſie nicht geſchrieben hat“, warf Erneſt kopfſchüttelnd ein.„Sie mußte doch wiſſen, welche Unruhe ihr plötzliches, ſpurloſes Verſchwinden mir bereiten würde!“ R. 12 — 178— „Sie hat es jedenfalls gethan“, ſagte der Marquis, der an den 9 getreten war, auf welchem die Zeichnungen lagen,„und wenn Brief nicht in Ihre Hände gekommen iſt, ſo kann das Niemand befremden. Die Briefe aus Deutſchland ſind ia alle verdächtig, und das ſchwarze Kabinet, in welchem ſie geöffnet werden, gibt ſie nicht heraus.“ „Das wäre eine Infamie!“ „Man will es damit entſchuldigen, daß das Wohl des Staates dieſe Maßregel erfordere, mein Freund. Ah, dieſe Zeichnungen find prächtig, ausgezeichnet, mein Freund, Sie haben Talent und einen ediegenen Geſchmack.“ Wangen des jungen Mannes färbten ſich höher, ſeine Augen 1 82 Tif ihr p z Sie ſehen wollen, was wir ſchon geſchafft haben—“ † 3 „Nein, heute nicht, ſpäter“, unterbrach der Marquis ihn, nich bin heute nicht in der Stimmung, ein Kuufber zu Betrachten und zu prüfen. Sie werden wohl ſchon wiſſen, daß unſere Truppen feig geflohen ſind, und die Deut lſchen vor den Thoren ſtehen?“ „Ja, man hat es uns geſagt.“ 772 Wi mii üſſen uns nun auf die Belagerung gefaßt machen und khoßſen. daß Nachrichten von draußen hereinkommen werden. Ueber ikſal der jungen Dame dürfen wir nun beruhigt ſein, aßen n wir uns in Geduld, bis die Belagerung ihr Ende erreicht hat.“ Mit dieſen Worten hatte der Marquis ſich der Thüre genähert, Erneſt gab ihm das Geleite, als ſie ſich draußen in dem Gange befanden, blieb der Edelmann ſtehen. „Wer iſt der junge Mann, den ich bei Ihnen ſah?“ fragte er in auſcheinend gleichgültigem Tone. „Ein Freund.“ „Ich kann mir das denken. Vielleicht ein Gehülfe?“ „Nein, Herr Marauis, er hat das Tiſchlerhandwerk nicht erlernt Aber gemeinſame Schickſale und Gefahren haben uns eng mit ein⸗ ander verbunden.“ „Und Sie können ihm vertrauen?“ „Gewiß.“ Der Maraii⸗ ſtand in Gedanken verſunken, ſein Blick ruhte auf den ſchwarzen Mauern, an denen er ſchwerlich etwas Intereſſantes entdecken kounte. uEr wohnt bei Ihnen?“ fragte er nach einer Pauſe. ent rlern t ein⸗ — 179— „Ja.“ „Aber, du lieber Bianane, weshalb richte ich eigentlich alle dieſe Fragen an Sie?“ ſagte der Marquis, einen heiterern Ton anſchlagend, „was kümmert denn mich Ihre Lebensweiſe und der Verkehr mit Ihren Ireunden? Leben Sie wohl, mein Freund ich gedenke in einigen Taer noch Lünne vorzuſprechen, um Ihre Arbeit zu betrachten. Wünſchen Sie eine weitere Vorauszahlung?“ „Nein.“ „Nun, wenn Sie in die Lage kommen ſollten, eine ſolche wün⸗ zwerth zu finden, ſo theilen Sie es mir ganz offen mit, Sie dann am beſten thun, wenn Sie mir Ihre Wünſche ſchriftlic en, ich bin ſelten zu Hauſe, aber meinem Portier können Sie Ihren Brief ruhig anvertrauen. Und wenn Sie irgend etwas über das Schickſal unſerer Freundin erfahren, ſo benachrichtigen Sie mich jedenfalls, das Unſcheinbarſte kann von großer Bedeutung ſein.“¹ Erneſt ſtand an der Treppe und ſah dem Edelmann nach, bis derſelbe ſeinem Blick entſchwunden war. Nun kehrte er nachdenklich in ſeine Manſarde zurück. Paul wanderte wieder auf und ab, beim Eintritt des Freundes blieb er ſtehen. „Der alſo war der vielgeprieſene Marquis?“ fragte er erregt. „Mir war's, als müſſe ich ihn bei einer andern Gelegenheit ſchon geſehen haben, ſelbſt ſeine Stimme klang mir bekannt, aber ich kann mich der frühern Begegnung ſo klar nicht entſinnen.“ „Du wirſt Dich irren“, ſagte Erneſt ruhig. „Auch das iſt möglich, laber ich glaube, in Einem irre ich mich riͤht, darin, daß dieſer feine, ſtol 1 Herr Dich betrügt.“ Erneſt blickte betroffen auf, dieſe Behauptung mußte ihn umſo⸗ mehr befremden, weil ſie mit ſo großer Zuverſicht aufgeſtellt wurde. „In wiefern ſollte er mich betrügen?“ fragte er. „Nennt er ſich nicht den Freund Mariens 241 „Wohl, aber das thue ich ja auch.“ „Hm, wer weiß, ob er nicht ein größeres Recht auf ihre Freund⸗ ſchaft hat, als Du.“ Erneſt ſchüttelte den Kopf. „Du vertrauſt zu leicht“, fuhr Paul fort.„ Faſt vierzehn Tage at's gedauert, ehe er Dir eine Nachricht brachte, dieſe Zeit konnte fur ihn hinreichen, die Bedenken des Mädchens zu beſiegen und—“ 12* „Pant, zult⸗ ein!“ rief Eenſ m keiden chafthi jer rnfundud auce Mar arie dieſe Bahn betreien,: ihr feſter Charakter wird jeder Ver⸗ ſuchung widerſtehen.“ „Haſt Du das nicht früher auch von Jenny Mouſſon behauptet?“ „O, ſie war eine Franzöſin, ein eitles, putzſüchtiges Geſchöpf, mit ihr kannſt Du Marie nicht vergleichen.“ „So urtheilſt Du heute“, ſagte Paul achſelzuckend,„damals bauteſt Du auf die Treue Jenny's Häuſer, ſo gehe doch hin zu ihr und laß Dich belehren, wie leicht es iſt, ein junges, unerfahrenes Mädchen zu verführen, wenn der Verſucher nur verſteht, ihre kleinen Schwächen zu benutzen.“ „Zu ihr? Niemals!“ „Im Grunde genommen wäre es auch überflüſſig, wenn Du die Augen öffnen und ſehen wollteſt, könnteſt Du ja Manches entdecken, was Dein Vertrauen längſt hätte erſchüttern müſſen. Weshalb gab der reiche Herr Dir Arbeit? Weshalb zahlte er Dir eine ſo hohe Summe voraus? An dem Meublement liegt ihm nichts, er wollte ja nicht einmal die angefangene Arbeit beſichtigen. Aber Dein Ver trauen wollte er gewinnen und Dich hindern, ſeine Pläne zu durch kreuzen. Iſt Dir das noch nicht klar geworden? Weshalb übernahm er ſo bereitwillig alle Nachforſchungen? Weshalb rieth er Dir, keine Schritte in dieſer Angelegenheit zu thun? Bah, lehre mich dieſe Wuͤſtlinge nicht kennen, ſie ſpielen ihre Rollen meiſterhaft, und es iſt, weiß der Himmel, nicht ſchwer, eine argloſe, vertrauende Natur zu betrügen.“ Das waren böſe, gefährliche Worte, ſie machten auf Erneſt einen tiefen Eindruck und entfeſſelten in ſeiner Seele die Furien des Miß⸗ trauens, der Zweifel und des Zornes. Er ballte unwillkürlich die Hände und flammende Blitze ſchoſſen aus ſeinen funkelnden Augen. „Wenn das die Wahrheit wäre!“ fagte er, zitternd vor Erregung. „Wenn ich ſo ſchändlich hintergangen worden wäre! Nein, es kann nicht ſein, Marie wird nimmermehr in dieſe Schande eingewilligt haben. Laß uns ausgehen, Paul, das Gewühl draußen wird uns zerſtreuen.“ „Du wollteſt ja zu Pierre Bandau gehen.“ „Ich bin dazu bereit.“ „Rette wenigſtens Louiſon!“ „Für Dich!“ ſagte Erneſt bitter.„Du drückſt mir den Stachel in's Herz und forderſt in demſelben Augenblick einen Dienſt von mir, der Dein Glück begründen ſoll. Aber es ſei, ich will Dir beweiſen, daß ich Dein Freund bin.“ 5 „Du thuſt mir weh, Erneſt, ich wollte Dich nicht kränken. Wenn dieſer Marquis Dich betrogen hat, dann werde ich Dich rächen. Ge⸗ duld, wir werden das auch erfahren. Und was Louiſon betrifft, ſo ſage ihr, ſie müſſe unter allen Umſtänden das Haus ihres Vaters verlaſſen. Wenn dieſer habſüchtige Wucherer ſich vorgenommen hat, die Schönheit ſeines Kindes als eine Goldgrube zu betrachten, dann wird er nicht ruhen, bis ſein ſchändlicher Plan ihm gelungen iſt, und nur die Flucht Louiſons kann dieſen Plan durchkreuzen. Louiſon kann ja in der Manſarde Mariens wohnen, wir beide werden für ſie ſorgen und ſie beſchützen, und ſobald es ſich ermöglichen läßt, ſoll die Kirche unſerm Bund ihren Segen geben.“ „Ich werde ihr das ſagen“, erwiderte Erneſt, der ſeiner Erregung noch immer nicht Herr werden konnte,„aber ich glaube nicht, daß ſie auf dieſen Vorſchlag eingehen wird, wenn nicht die höchſte Gefahr im Verzuge iſt.“ Die Freunde gingen jetzt hinaus, unten vor dem Hauſe empfing ſie ſchon das lärmende Gewühl der Menge. Der tolle, wahnſinnige Enthuſiasmus der früheren Tage war einer maßloſen Angſt gewichen, man glaubte in jedem Angenblick die Kanonen der Deutſchen donnern zu hören, es herrſchte nur eine Stimme, die, daß die Preußen im Laufe der Nacht die Stadt mit Sturm nehmen würden. Wo ein Soldat von der Linie, oder ein Zuave ſich blicken ließ, wurde er verſchmäht und verſpottet, ja, in nicht ſeltenen Fällen miß⸗ handelt, während man die Mobil⸗ und Nationalgarden überall mit begeiſterten Zurufen empfing. Man ſah Spione überall, man verhaftete Männer und Frauen und beſchuldigte ſie des Verraths, man ſuchte in allen Cafes und Reſtaurationen, auf allen Plätzen und Straßen nach vermummten preußiſchen Offizieren. Wer ein Goldſtück ſehen ließ, war unfehlbar ein Spion, man verhaftete ihn und ſchleppte ihn zur Präſectur, und viele ſahen ſich ſogar von der Gefahr bedroht, von dem wüthenden Pöbel in die Seine geworfen zu werden. ——— Es war eine unbeſchreibliche Aufregung, der Pöbel regierte, und Es war ein wüſtes Durcheinander, ein betäubender Lärm, der noch vermehrt wurde durch das Raſſeln der Geſchützräder, den brüllenden Geſang der Marſeillaiſe und das gellende Schreien der Gamins. — 182— die Angſt vor dem Einmarſch der Preußen mußte alle Ungerechtigkeiten die rechtfertigen. Auf den Boulevards war das Gedränge ſo groß, daß die Freunde de ſich oft gewaltſam eine Bahn brechen mußten. n Alles ſchrie durcheinander, und Niemand wußte, was er eigentlich fie wollte. Der Eine verlangte die ſofortige Einſetzung der Commune, der zer Andere forderte zum Barrikadenbau auf, der Dritte ſchimpfte auf die im Regierung, der Vierte verlangte die Erſchießung der feigen Linien⸗ de ſoldaten, und dazwiſchen konnte man oft die Aeußerung hören, die Guillotine müſſe aufgerichtet werden, damit man mit allen Verräthern ſt und Spionen kurzen Proceß machen könne. d An einer Ecke blieben die Freunde ſtehen, um Athem zu ſchöpfen. Sie ſahen vor ſich eine Gruppe von Männern, welche die Naſe 4 in die Luft ſtreckten, und binnen wenig Minuten bildete dieſe Gruppe einen wirren, dichten Menſchenknäuel, den die Freunde unmöglich durchbrechen konnten. e— das Licht— das Licht!“ riefen einige Stimmen aus dem Haufen.„Seht ihr nicht das grüne Licht oben am zweiten Fenſter der fünften Etage?— Was ſoll das Licht ſo ſpät am Abend?“ „Es iſt ein Signal!“ ſchrieen Andere.„Ein Signal für die 7* Preußen!“ „Ich kenne den Portier!“ rief eine Stimme.„Seine Frau iſt eine Preußin!“ „Holla, er verbirgt Spione in ſeinem Hanſe!“ antwortete ein Anderer.„Sie wolten Paris den Preußen überliefern!“ „Nieder mit den Preußen!“ Nieder mit den Spionen!“ 77 „Holt die Nationalgarde!“ Hängt den Portier an die Laterne!“ „Werft ſein Weib in die Seine!“ D „Da— „Stürmt das Haus!“ „Schlagt das Licht bewegt ſich.“ Alles nieder!“ e, und gkeiten freumde gentlich ne, der wf die Linien⸗ en, die rthern er noch lllenden ns. höpfen. e Naſe Fruppe nöguch us dem Fenſter — 183— So tönten die Rufe wild durcheinander, und ſchon machte man Miene, die Hausthüre gewaltſam zu erbrechen, als die Nationalgarde erſchien. Der erſte, der ihr in die Hände fiel, war der Portier, er wurde verhaftet, die erregte Menge ſtürmte die Treppe hinauf, und als ſte nun in das Zimmer trat, deſſen Fenſter ſo hell erleuchtet war, fand ſie eine Familie, die beim Schein ihrer Lampe in den Zeitungen las. Aber dieſe Enttäuſchung ſteigerte nur die Wuth des Pöbels, man zertrümmerte die Möbel unter dem Vorwande, es ſeien dennoch Spione im Hauſe, und die Nationalgarde hatte die größte Mühe, die Bewohner dieſes Zimmers vor Mißhandlungen zu ſchützen. „Und das Alles ereignet ſich, während der Feind vor den Thoren ſteht!“ ſagte Erneſt entrüſtet, während er mit ſeinem Freunde weiter wanderte.„In Wahrheit, mir bangt vor den Ausſchreitungen der Canaille, wenn erſt die Schreckniſſe der Belagerung ſich zeigen. Man wird die Häuſer plündern und die, welche ihr Eigenthum vertheidigen, erſchießen, was liegt dieſem Geſindel an einem Mord mehr oder we⸗ niger, es iſt ja ſo bequem, ſich damit zu entſchuldigen, man habe nur einen preußiſchen Spion, oder einen Verräther des Vaterlandes füfilirt.“ „Und die Nationalgarde wird draußen auf den Wällen ſterben, ohne die Stadt retten zu können“, erwiderte Paul,„wahrhaftig, dieſer Widerſtand iſt eine Tollheit.“ „Wie man's nimmt! Wir werden doch dem Auslande Achtung einflößen und den Feind zwingen, uns einen ehrenvollen Frieden anzubieten!“ „Glaubſt Du wirklich, daß wir Elſaß und Lothringen behalten werden?“ „Ich wage noch nicht, eine Anſicht darüber zu äußern. Noch haben wir Metz und Straßburg, Belfort, Bitſch und Toul, warten wir ab, ob es Bazaine nicht gelingen wird, mit ſeiner Armee durchzubrechen und auf Paris zu marſchiren. Ich glaube zwar ſelbſt nicht daran, aber man behauptet, Bazaine werde ſich jetzt mit hunderttauſend Mann unſerer beſten Truppen auf die Preußen werfen und Paris entſetzen, die Franctireus unter dem Commando Garibaldi'z würden den Preußen alle Zufuhr abſchneiden und die Armee, die ſich bei Lyon bilde, müſſe binnen acht Tagen in den Schwarzwald einbrechen und alle Gräuel des Krieges in die deutſchen Gauen tragen.“ „Phraſen, Erneſt!“ „Mag ſein, aber man glaubt ja zu gern, was man wünſcht. So ——ÿ—ÿ—ÿ—ᷣÿ—ñ— viel ſteht feſt, erhalten wir nicht Hülfe von Außen, ſo ſind wir ver⸗ loren, denn wenn wir auch dreimalhunderttauſend Mann hier in Paris unter Waffen haben, ſo ſind dies doch ungeübte, bunt zuſammen ge⸗ würfelte Haufen, die den disciplinirten preußiſchen Truppen nicht Stand halten können. Und Trochu iſt auch nicht der Gaueral, der eine ſolche Maſſe leiten und kühne Schachzüge ausführen kann, er ſucht ſeinen ganzen Ruhm in phraſenreichen Proclamationen, und wenn die Ge⸗ ſchichte zuſammenbricht, wird er ſein Commando niederlegen und die Hände in Unſchuld waſchen. Gebe nur der Himmel, daß die Bela⸗ gerung nicht lange währe. An die Schreckniſſe des Hungers darf ich nicht denken, die Kranken, die Frauen, die Greiſe und Kinder werden zu Tauſenden ſterben, es wird ein grenzenloſes Elend ſein. Und wer weiß, welche Zeit nach dieſer kommen wird“, fuhr Erneſt mit dumpfer Stimme fort.„Die Arbeiter ſind mit dieſer Regierung nicht zufrieden, ſie wollen die rothe Republik, die Herrſchaft der Guillotine, die Ver⸗ nichtung der Prieſter und der beſitzenden Klaſſe. Der maßloſe Luxus der letzten Jahre hat ſie erbittert gegen die Reichen und vorzüglich gegen die Glückspilze, die unter dem zweiten Kaiſerreich Millionen gewonnen. Ich fürchte, das bequeme Leben im Dienſt der National⸗ garde wird den Arbeitern die Arbeit ganz verleiden, und dann dürfen wir uns auf das Schlimmſte gefaßt machen.“ Sie bogen jetzt in die Rue Dauphine ein und ſtanden bald dar⸗ auf vor dem Hauſe des Wucherers. „Du kannſt mich hier erwarten“, ſagte Erneſt,„ich werde nicht lange in dem Hauſe bleiben, wenn Gefahr im Verzuge iſt, bringe ich Louiſon mit.“ Paul nickte zuſtimmend und trat in den Schatten der gegenüber⸗ liegenden Häuſer. Erneſt zog die Glocke. Erſt nach einer geraumen Weile wurde die Klappe in der Haus⸗ thüre geöffnet und in der Oeffnung erſchien das pockennarbige Geſicht Pierxe Bandau's. Er erkannte den jungen Mann augenblicklich. „Was wollt Ihr hier?“ fragte er barſch.„Abends öffne ich meine Thüre nicht, kommt morgen wieder.“ „Habt Ihr ſchon vergeſſen, daß ich ein Mittel beſitze, dieſe Thüre zu öffnen?“ erwiderte Erneſt drohend.„Soll ich die Nationalgarde rufen und Eure Keller viſitiren laſſen?“ „Sagt was Ihr wollt!“ in „Nichts weiter, als Eure Tochter ſehen.“ „Sie ſchläft ſchon.“ „Wenn das die Wahrheit iſt, werdet Ihr ſie wecken.“ „Zum Teufel, iſt die Sache ſo wichtig?“ fragte der Geizhals är⸗ gerlich.„Louiſon würde Euch für die Störung ihrer Nachtruhe keinen Dank wiſſen, kommt morgen früh wieder.—“ „Und verſprecht Ihr mir, mich alsdann einzulaſſen?“ „Ja.“ Bela⸗„Gut, ich werde kommen.“ „Alſo das iſt der Burſche, der ſich ſo ſehr für das Mädchen intereſſirt?“ fragte eine Stimme hinter dem Wucherer, als er die wer Klappe wieder geſchloſſen hatte. fe Es war Herr von Segur, welcher den Alten beſucht und nun zur dder Hausthüre begleitet hatte.„Sie werden ihn auch morgen nicht einlaſſen.“ Ver.„Aber Sie hören ja, daß er mich dazu zwingt“, erwiderte Pierre eunls Bandau, während er in die Wohnſtube zurückkehrte.„Dieſen Leuten jalip darf man jetzt nicht ſchroff entgegentreten, ſie haben die Macht und 7 wiſſen ſie zu benutzen.“ „Sie fürchten alſo dieſen Burſchen?“ Vir„Ja, mein Herr.“ 4.„Und in welchen Beziehungen ſteht er zu Louiſon?“ „Das iſt mir noch nicht klar geworden, Louiſon verweigert jede d Antwort auf dieſe Frage, nur einmal ſagte ſie, er ſei ihr Freund 5 und ſie ſchenke ihm ihr volles Vertrauen.“ ni„Alſo iſt es nur Freundſchaft?“ Re 10„Ich habe allen Grund, dies zu glauben.“ „Sehr gut, dann kann er uns nicht gefährlich werden. Aber fah⸗ ren wir fort, wo wir vorhin ſtehen geblieben find. Louiſon will alſo Ihre Vorſchläge nicht annehmen?“ Hals⸗„Sie weigert ſich mit einer Entſchiedenheit, die mich ärgert und heſict zugleich erſchreckt.“ Man muß ſie alſo zwingen!“ „Ich habe auch das verſucht“, ſagte der Wucherer, ſein kahles ne ich Haupt ſchüttelnd, während er mit den ſpitzen Fingern tief in ſeine 9 Schnupftabaldoſe griff,„aber weder die Gefangenſchaft, noch der Hunger Thüre kann ihren Trotz beugen.“ grae„So hahen wir andere Mittel.“ „Sie denken an den Liebestrank der alten Hexe? Ich möchte das — 186— nicht, mein Herr, Louiſon würde Lärm machen, und in ſolchen Zeiten muß man Alles vermeiden, was die Aufmerkſamkeit der Nachbarn oder der Straßencanaille erregen kann, man würde das Haus ſtür⸗ men und mich berauben.“ „Aber wer ſagt Ihnen denn, daß Louiſon Lärm machen wird? Und wünſchen Sie nicht auch, daß das Mädchen Vernunft annimmt und Ihnen die goldnen Vögel in's Netz jagt?“ „Gewiß, ich hatte mir davon ſo viel verſprochen!“ „Und meine Freunde erwarten mit Ungeduld die Stunde, in der ich ſie vorſtellen werde. Es ſind reiche Herren, Vater Bandau, und es ſind Viele unter ihnen, die nicht das leiſeſte Bedenken tragen, ſich für eine ſchöne Dame zu ruiniren.“ Der Geizhals nickte gedankenvoll. Was lag ihm an der Unſchuld und dem Glück ſeines Kindes, wenn er nur ſich an dem Glanz und dem hellen Klange des Goldes erfreuen konnte! „An der Entſchloſſenheit Louiſons ſcheitert der ganze Plan“, ſagte er,„und ich glaube auch nicht, daß ſie ſo leicht ſich überliſten läßt.“ „Das möge meine Sorge ſein!“ „Gerade Sie werden es nicht fertig bringen, Louiſon haßt Sie!“ „Um ſo größer iſt mein Triumph!“ „Und geſetzt, es gelingt Ihnen, was dann?“ „Parbleu, dann wird Louiſon einſehen, daß man von Unſchuld und Ehre nicht mehr ſprechen kann, wenn ſie zum Teufel ſind!“ ſpottete der Wüſtling.„Sie wird ſich in ihr Schickſal ergeben und bald an dem luſtigen, glänzenden Leben Geſchmack ſinden. Geben Sie acht, ſie wird mir noch dafür danken, daß ich ſie auf dieſe Bahn gebracht habe!“ Die ſtechenden Augen des Alten ruhten forſchend auf dem verlebten Geſicht Segurs, wie Spott und Hohn zuckte es um ſeine Mundwinkel, „Das müſſen Sie ſelbſt mit ihr ausmachen“, ſagte er ironiſch, „ich glaube nicht an dieſe Dankbarkeit. Aber wie wollen Sie über⸗ haupt die Sache anfangen? In meinem Hauſe geſtatte ich ſie nicht.“ „Gut, ich will Ihnen meinen Plan ziemlich ausführlich entwickeln“, erwiderte der Wüſtling,„der Burſche, der vorhin vor Ihrer Thüre ſtand, hat mich dabei auf eine gute Idee gebracht. Glauben Sie, daß Louiſon die Flucht ergreifen wird, wenn Sie ihr Gelegenheit dazu bieten?“ „Ich wüßte nicht, wohin ſie fliehen ſollte!“ Zeiten cbarn ſtür⸗ wird? nimmt — 187— „Sie hat keine Freundin in Paris?“ „Nein.“ „Hm, zu dem Proletarier wird ſie auch nicht flüchten, alſo dürfen wir es immerhin wagen. Sie laſſen morgen den Burſchen nicht ein, verſtehen Sie?“ „Hm, das kann ich nicht verſprechen.“ „Nun gut, wenn Sie dazu gezwungen werden, ſo mag es in Gottes Namen geſchehen, aber geben Sie ſchon vorher Ihrer Tochter die Freiheit und ſagen Sie ihr dabei, Sie hätten ſich mit mir über⸗ worfen und wollten auf die gemachten Porſchläge verzichten. Sodann geben Sie ihr dieſe Karte, unter dem Vorwande, der Arbeiter habe fie an der Thüre abgegeben und dabei bemerkt, er erwarte ſie mit Sicherheit, ſie möge der Dame des Hauſes nur die Karte zeigen, dann werde man ihr ſagen, wo ſie ihren Freund finde. Sie ſehen, es iſt die Karte einer Modiſtin, ich habe auf der Rückſeite Tag und Stunde des Stelldicheins bemerkt, übermorgen Abend zwiſchen acht und neun Uhr. Sie können ja das Mädchen begleiten, wenn ſie es wünſcht, vor dem Hauſe nehmen Sie Abſchied von ihr.“ Der Geizhals wiegte bedenklich das Haupt. „Sie wird die Falle ahnen“, ſagte er. „Bieten Sie einmal Ihre ganze Schlauheit auf, Vater Bandau, es iſt mir gleichgültig, in welche Form Sie es kleiden, wenn nur das Mädchen zur beſtimmten Stunde ſich einfindet.“ „Und was dann?“ Herr von Segur lachte boshaft. „Ich laſſe mir nicht in die Karten blicken, ehe ich alle Trümpfe ausgeſpielt habe“, ſpottete er,„und Sie thäten auch beſſer, nicht gar zu neugierig zu ſein. Wenn Sie das Mädchen hingebracht haben, können Sie gehen, Louiſon wird den Rückweg ohne Sie finden.“ „Und dann geht der Lärm in meinem Hauſe los.“ „Bah, Louiſon wird einſehen, daß der Lärm das Geſchehene nicht ungeſchehen machen kann!“ „Und was wird der Marquis ſagen, wenn er es erfährt? Sie kennen ſeine Grundſätze—“ „Unter uns geſagt, Vater Bandau, der Marquis iſt in gewiſſer Beziehung nichts weiter, als ein Komödiant“, fiel Herr von Segur ihm in's Wort, nachdem er einen ſcheuen Blick hinter ſich geworfen hatte,„ſollte er uns als Ritter der beleidigten Unſchuld entgegentreten —— ———— — — 188— wollen, dann habe ich auch noch eine Waffe gegen ihn, die ihm Unan⸗ nehmlichkeiten bereiten könnte. Man muß nur verſtehen, hinter die Maske zu blicken, dann lernt man die Leute kennen.“ Pierre Bandau ſtierte den Wüſtling mit weit geöffneten Augen an, in ſeinem pockennarbigen Geſicht ſpiegelte ſich die höchſte Beſtürzung. „Na, das müſſen Sie allein mit ihm ausmachen“, ſagte er,„ich will ganz aus dem Spiele bleiben, ich darf von all' Ihren Plänen nichts gewußt haben!“ „Verſteht ſich, alter Freund, die ganze Verantwortung ruht auf mir allein. Alſo Louiſon wird kommen?“ Der Wucherer fuhr erſchreckt zuſammen, die drei Glockenſchläge, die gerade in dieſem Augenblick ſich vernehmen ließen, riefen ihn in das geheime Kabinet des Marquis. Er erhob ſich haſtig von ſeinem Sitz, der Edelmann, der ſich ſchon vor ihm erhoben hatte, nahm ſeinen Hut. „Sie wird alſo kommen?“ fragte Segur noch einmal. „Ich werde mein Möglichſtes thun.“ „Und ich erwarte ſie mit Sicherheit.“ „Werden Sie nicht mit hinuntergehen?“ fragte der Alte, als der Wüſtling ſich jetzt der Thüre näherte. „Nein, heute nicht, wir haben keine Generalverſammlung, und zu den kleinen Verſammlungen habe ich keinen Zutritt.„Es iſt ja auch das nur eine Komödie, die keinen Zweck mehr hat, ſeitdem das Kai⸗ ſerreich geſtürzt iſt, aber der Marquis liebt das Geheimnißvolle, und weshalb ſollte man ihm das unſchuldige Vergnügen nicht gönnen?“ Er lachte boshaft nach dieſen Worten und trat im nächſten Augen⸗ blick in die Straße hinaus. Pierre Bandau ſchloß hinter ihm die Thüre und ſchritt langſam auf den Eingang zu, nach den Kellergewölben. Elftes Kapitel. Die geheimnißvollen Papiere Napoleons. Der Marquis ſaß heute allein in dem geheimen Kabinet, und der finſtre, zornige Ausdruck ſeines Geſichts verrieth, deß er bei ſehr ſchlechter Laune war. Pierre Bandau mußte das ſofort bemerken, als er eintrat, aber Unan⸗ ter die t, und ei ſeht — 189— er ahnte nicht, daß das Gewitter, welches die Wolken auf der Stirne des Marquiz ankündigten, ſich üher ihm entladen ſollte. Der funkelnde Blick des Edelmanns ruhte durchdringend auf dem pockennarbigen Geſicht. „Wir haben vor mehreren Tagen einen Verräther verurtheilt“, ſagte er,„das Urtheil muß jetzt vollſtreckt ſein, es wird Zeit, daß wir die Leiche in die Katakomben werfen.“ „Liegt ſie dort unten nicht ſicher genug?“ fragte der Wucherer „Nein, der Verrath liegt immer in der Möglichkeit und eine Durchſuchung dieſer Räume könnte die unangenehmſten Folgen für uns haben. Sie werden hinunterſteigen und das Nöthige beſorgen.“ Pierre Bandau ſchüttelte entſetzt das kahle Haupt, aber ſchon hatte der Marquis die geheime Fallthür geöffnet. „Uebertragen Sie das einigen andern Mitgliedern unſeres Bundes“, ſagte der alte Mann mit zitternder Stimme,„es iſt keine Arbeit für mich, ich bin alt und ſchwach—“ „Vorwärts!“ befahl der Marquis mit ſcharfer Betonung.„Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß das Geheimniß dieſes Kerkers nur Wenigen bekannt iſt, und daß es nicht im Intereſſe des Bundes liegt, alle Verſchwoxene in daſſelbe einzuweihen. Nehmen Sie die Strickleiter und die Laterne und ſteigen Sie hinunter, ich werde Sie begleiten.“ Die letzten Worte ſchienen einen beruhigenden Eindruck auf den Geizhals zu machen, er zog den Sammetvorhang, der die Mauern bedeckte, auseinander und nahm die Strickleiter, die dort hing, vom Haken. Der Marquis hatte die Laterne ergriffen, als die Leiter befeſtigt war, ſtieg er zuerſt hinunter, Pierre Bandau folgte ihm zögernd. Der Raum war leer, die Beiden ſahen bald die offene Fallthüre, die in die Katakomben hinunterführte und entdeckten nun auch die Strickleiter Erneſt's, die dort noch in die finſtere Tiefe hinabhing Der Marquis ſprach kein Wort, er löſte die Leiter und warf ſie auf die Schulter des alten Mannes, dann ſchloß er die Thüre und befahl durch einen Wink dem Wucherer, die Riegel wieder vorzuſchieben Nachdem das geſchehen war, kehrten die Beiden in das Kabinet zurück. Dem Geizhals ſtand der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn, der Marquis verſchränkte die Arme auf der Bruſt und heftete den flammenden Blick mit durchbohrender Kraft auf ihn. ——— — 190— „Löſen Sie mir dieſes Räthſel“, ſagte er barſch.„Von Ihnen verlange ich die Löſung, denn Sie ſind der Hüter un ſerer, Geheimuiſſe.“ „Mit keiner Silbe habe ich ſie jemals verrathen“, erviderte Pierre Bandau mit zitternder Stimme. „Wer hat dem Verurtheilten dieſe Strickleiter gegeben?“ „Wie kann ich es wiſſen? Jedenfalls trug er ſie im Augenblicke der Verurtheilung bei ſich.“ „Ich würde das bemerkt haben, eine ſolche Leiter kann man nicht in die Weſtentaſche ſtecken.“ „Es war immer ein Fehler und ich habe oft darauf aufmerkſam ge⸗ macht, daß die Thüre zu den Katakomben keinen beſſern Verſchluß hatte.“ Glauben Sie, damit ſich rechtfertigen zu können?“ unter rbrach ihn der Marquis zornig.„Denken Sie nach, wem haben Sie da Geheimniß verrathen?“ „Niemanden!“ „Vielleicht Ihrer Tochter.“ Der Wucherer zuckte zuſammen, als ob ein elektriſcher Schlag ihn getroffen habe, dem ſcharfen Blick des Marquis entging das nicht jäh blitzte es in ſeinen Augen auf. „Louiſon liebte ja den Burſchen“, fuhr er ſarkaſtiſch fort,„Sie haben in Ihrer geſchwätzigen Weiſe ihr das Urtheil verrathen und die Weiberliſt lockte Ihnen auch den Reſt des Geheimniſſes heraus. Iſt es nicht ſo?“ „Nicht ganz ſo— „Aber doch ungefähr!. Und nun wollen Sie alle Schuld von ſich abwälzen? Sie werden alt und unzuverläſſig, Bandau, hätte ich nicht ſo oft Ihre Treue erprobt, ſo würde ich kurzen Proceß mit Ihnen machen.“ Der Wucherer trocknete die naſſe Stirn und blickte ſich um, wie Einer, der in höchſter Gefahr nach Hülfe ſucht. „Ich kann nicht leugnen, daß Ihr Vorwurf in gewiſſer Beziehung egründet iſt“, ſagte er,„aber der Himmel weiß, daß es nicht in neiner Abſicht lag—“ — RAX „Es iſt unnöthig, daß Sie mir das erklären, wäre ich nicht davon überzeugt, ſo hätte ich das Urtheil über Sie ſchon geſprochen und vollſtreckt. Sie glauben alſo auch, daß Louiſon hier Verrath geübt hat?“ „Ich muß es glauben. Aber muß man nicht auch anuehmen, daß der Verurtheilte in den Katakomben eines elenden Todes geſtorben iſt?“ „Er lebt!“ iſt 35 g6 „o 7 HerGhn. — 491— „Unüelich 19 „Ich habe ihn mit eignen Augen geſehen.“ „Dannwird es nicht ſchwer halten, ſeine Wohnung zuer üüternüi— „Ich kenne ſie, es bedarf nur eines Winks von meiner§ und der Dolch durchbohrt ſein Herz.“ „Ah, dann iſt ja nichts verloren“, ſagte der Wucherer aufathmend Der Bund hat Hände genug, die das Rächeramt übernehmen können— „Ich verzichte darauf“, fiel der Marquis ihm in's Wort,„er iſt gleichſann durch ein Wunder dem Tode entronnen, mag er nun ſein elendes Leben behalten.“ „Aber er wird auf Rache ſinnen!“ „Jch glaube das nicht, er kennt jetzt aus Erfahrung die Macht des Bundes und ſein Verrath kann uns heute nicht mehr ſchaden. Nur dann, wenn er ſo verwegen wäre, etwas gegen uns zu unter⸗ nehman, würde die Strafe ihn erreichen! Sie werden ſchweigen, Louiſon darf auch nicht erfahren, daß er gerettet iſt, und daß wir Kenntniß von ihrem Verrath haben, die Furcht vor meinem Zorn könnte ſie zu einem Schritt verleiten, der uns zwänge, ihr lunges Leben zu vernichten. Und das möchte ich nicht“, fuhr der Marquis in weicherem Tone fort,„wenn fie dieſen Arbeiter kiebt, ſo zount⸗ ſie nicht anders handeln, und die ganze Schuld fällt auf den zurück, der ihr das Schickſal ihres Geliebten verrieth. Ich werde den jungen Mann beobachten und prüfen, vielleicht läßt auch ſein Verrath ſich en rtichurdigen, und wenn er der Liebe Louiſons werth iſt, dann betrachte ch es als Ihre Pflicht, daß Sie die Beiden glücklich machen.“ „Niemals!“ fuhr Pierre Bandau auf.„Meine Tochter iſt zu ſchön für dieſen Proletarier!“ „Wir werden darüber ſpäter ſprechen“, ſagte der Marquis kalt, „Armuth ſchändet keinen Menſchen. Hüten Sie ſich vor Segur, alter Freund, dieſer Wüſtling hat ein Auge auf Ihr ſchönes Kind geworfen, er iſt der Geier, der die Taube jagt. Erwarten Sie das Reſultat meiner Beohachtungen, wir werden dann weiter berathen. Gehen Sie, ich erwarte Jean und Pierre, ſollten Sie einen der Beiden iin Vor⸗ zimmer finden, ſo ſchicken Sie ihn hierher.“ Pierre Bandau ging in nachdenklicher Stimmung hinaus, eine Minute ſpäter trat ein Diener in herrſchaftlicher Livree ein Der Marquis hatte ſich Jinter dem Tiſch in einem Seſſel niedergelaff er warf nur einen flüchtigen Blick auf d das verſchmitte Geſicht de 5 ☛ 77 V —— — — „Wie ſieht es in Euerm Hauſe aus, Jean?“ fragte er ruhig. „Es iſt noch Alles beim Alten, gnädiger Herr!“ „Lebt Madame von Chateaufleur noch immer in Frieden mit ihrem Gatten?“ „Jenun, was das anbetrifft, ſo darf man darüber nicht ⸗eſtanmer⸗ fagte Jean in boshaftem Tone.„Madame weiß den Schein zu wah ren, und der Vicomte hat an andere Dinge zu denken, als ſich um die Privatangelegenheiten ſeiner ſchönen Frau zu kümmern.“ „Aug jetzt noch?“ „Natürlich! Der Vicomte liebt noch immer das Spiel und die ſchönen Weiber. Madame ſteht jetzt mit dem Chevalier auf ſehr freundſchaftlichem Fuße.“ „Ah— das iſt mir neu.“ „Und ich glaube, daß die Beiden ſich gegen einen Edelmann ver⸗ bündet haben, der Madame beleidigt haben ſoll.“ Der Marquis blickte auf. „Wer iſt dieſer Edelmann?“ fragte er. „Ich weiß das nicht, ſie nennen ihn nur den Marquis. Aber ich weiß wohl, daß ſie Böſes gegen ihn im Schilde führen.“ „Sind ihre Pläne Dir bekannt?“ „Ich habe einmal gehorcht, es war ein günſtiger Zufall, den ich natürlich benutzte.“ „Und was hörteſt Du?“ „Sie würden längſt einen entſcheidenden Schlag geführt haben, denn ſie haſſen beide den Marquis, aber er muß wohl ein fehr reicher Mann ſein, ſie wollen ihn vorher plündern.“ „So, ſo“, ſagte der Marquis ſarkaſtiſch. Und wodurch glauben ſie das zu erreichen?“ „Madame meint, es werde ihr nicht ſchwer ſein, ihn wieder in ihre Netze zu locken, wenn die Deutſche erſt ganz zbeſeitigt ſei, und dann wollte ſie ihm die goldnen Federn ausrupfen.“ „In der That, dieſer Plan könnte genial erſcheinen, wenn er nicht lächerlich wäre. Und was dann?“ „Dann wollen ſie ihn demüthigen, der Chevalier hat ſich ſogar verſchworen, ihn zu ermorden.“ Der Marquis lächelte ſpöttiſch, dieſe Drohung konnte ihm keine Deſean einflößen. Sie beſchäftigen ſich jetzt damit, die Deutſche zu verderben“, 79 aunen’, u wah⸗ 1 ich um as 2 2 8 2 — 5 8A 1 2 8 8 8 A 8 — 8 2 8 — 8 8 2 2 2 5 „ ☛ 2 9 .—— ———ö—em—— —————— ———— — 193— fuhr Jean fort, deſſen Augen beim Anblicke der Goldſtücke leuchteten, welche der Edelmann auf den Tiſch legte.„Die Deutſche muß wohl in Saint Lazare ſein, ſie ſoll dem Chevalier in die Arme gehetzt werden.“ „He, woher weißt Du das?“ „Hm, man hört Manches, wenn man die Ohren zur rechten Zeit offen hält. Seit einigen Tagen kommt, und zwar in den Abendſtun⸗ den, ein altes Weib in unſer Haus, mit der Madame und der Cheva⸗ lier lange, geheime Unterredungen haben.“ „Ich hoffe, Du haſt dieſe Unterredungen belauſcht“, warf der Marquis ein, der ſeine Erregung kaum noch bemeiſtern konnte. „Wenn auch nicht alle, ſo doch einige von ihnen. Das Weib be⸗ arbeitet die Gefangene im Intereſſe des Chevaliers, ſie klagt ſehr über den Eigenſinn des Mädchens, wenn man ihren Ausſagen glauben darf, ſo iſt die Gefangene ſehr tugendhaft. Aber die Alte glaubt trotzdem mit feſter Zuverſicht, den Trotz beugen zu können, und aus der letzten Unterredung ging mir hervor, daß ſie ſchon Fortſchritte gemacht hat.“ Eine fieberhafte Gluth loderte in den dunklen Augen des Marquis, das krampfhafte Zucken ſeiner Lippen verrieth, daß ein gewaltiger Sturm in ſeinem Innern tobte. „Weiter!“ ſagte er rauh.„Enthülle mir den ganzen Plan, und verſchweige mir nichts von dem, was Du gehört haſt.“ „Sobald das Weib ihre Aufgabe gelöſt hat, und ſie glaubt, daß dies binnen einigen Tagen der Fall ſein wird, will Madame die Freilaſſung der Gefangenen bewirken. Sie behauptete, daß ſei ihr leicht, und ich glaube dies, eine ſchöne Frau, die liebenswürdig und gefällig zu ſein weiß, kann ja Alles erreichen. Dann ſoll der Chevalier dem Mädchen die Freiheit ankündigen und ſie in unſer Haus zurück⸗ führen, und hier will man ſie ſo verſteckt halten, daß Niemand erfährt, wo ſie geblieben iſt. Aber das iſt noch nicht Alles. Wenn das Mädchen eine Zeitlang die Geliebte des Chevaliers geweſen iſt, will man ſie vor die Thüre werfen, man glaubt, ſie werde dann den Weg der Schande betreten müſſen und, wie ſo manche Andre, untergehen.“ „Daß iſt ein teufliſcher Plan!“ fuhr der Marquis auf. „Hm, ich glaube, er iſt nichts Seltenes in Paris“, entgegnete Jean achſelzuckend.„Man will ſich dadurch an dem Marquis rächen und wenn's gelingt, dann wird es eine vollſtändige Rache ſein.“ „Du wirſt Deine Beobachtungen fortſetzen.“ — K. 13 ———— iͤ—, — 194— „So weit es mir möglich iſt.“ „Ah, Deine Herrſchaft ahnt nicht, daß der Verräther in ihrem Hauſe iſt, und Du biſt für alle Fälle geſichert. Wirſt Du ertappt, ſo verſchaffe ich Dir einen andern Dienſt, vergiß nicht, Jean, daß Du mir Alles verdankſt. Ich nahm Dich auf, als Du aus dem Zuchthauſe kamſt, ich verſchaffte Dir Papiere und Zeugniſſe, ich brachte Dich in jenes Haus, ich werde auch weiter für Dich ſorgen, wenn Du mir treu und ergeben biſt.“ Jean nickte zuſtimmend und ſteckte die Goldſtücke ein. „Wie ſteht der Chevalier mit Jenny Mouſſon?“ fragte der Mar⸗ quis nach einer Pauſe. „Ich glaube nicht, daß er Urſache hat, ſehr zufrieden zu ſein. Er ſchickt ihr Geſchenke, aber das Fräulein nimmt ſie ſehr kalt auf, und der junge Herr iſt ſtets in übler Laune, wenn er ſie beſucht hat.“ „Sie verſteht die Sache beſſer, wie ſeine ſchöne Stiefmutter“, ſpottete der Marquis,„aber ſie macht kein glänzendes Geſchäft dabei, der Chevalier iſt auf die Kaſſe ſeines Vaters angewieſen, und der Vicomte iſt keineswegs freigebig. Gut, ich bin zufrieden mit Dir, übermorgen erwarte ich weitere Berichte.“ Er winkte, Jean verbeugte ſich unterwürfig und ging hinaus. Der Marquis hatte die Brauen finſter zuſammengezogen, ein flam⸗ mender Blitz ſchoß aus ſeinen Augen. „Die Elenden!“ murmelte er.„Sie wollen Pläne gegen mich ſchmieden? Meine Rache wird ſie vernichten! Wie war es möglich, daß ich dieſes Weib lieben konnte? Ah bah, es war ja nur ein Sinnes⸗ rauſch, von dem nur Ueberdruß zurückgeblieben iſt.“ Er blickte auf, vor ihm ſtand ein kleiner, breitſchultriger Mann in einer blauen Blouſe.. „Du biſt es, Pierre?“ ſagte er, wie aus einem ſchweren Traume erwachend.„Es iſt gut, ich habe Dich erwartet. Sind meine Auf⸗ träge ausgeführt?“ „Ich komme aus dem Schloſſe von Saint Clond“, erwiderte Pierre ruhig.„Ich habe die Preußen in der Ferne geſehen, ſie rücken von allen Seiten an, ich ſah die Rauchſäulen ihrer Wachtfeuer und ſah auch, dem Himmel ſei's geklagt, unſere fliehenden Soldaten.“ „Bah, Soldaten des Kaiſers, was konnte man Beſſexes von ihnen erwarten?“ entgegnete der Marquis verächtlich.„Was haſt Du in Saint Clond ausgerichtet?“ „Ich fand im Kabinet des Kaiſers dieſe Papiere.“ Der Marquis ergriff haſtig die Dokumente, welche Pierre auf den Tiſch gelegt hatte. Er entfaltete mehrere und prüfte ſie mit flüchtigem Blick. „Die Berichte Stoffel's über die preußiſche Armee“, ſagte er halb laut,„er hat gewarnt und abgerathen, er nennt den Krieg leichtſinnig und verderblich— ſehr gut, die Nation wird erfahren, wie frevel⸗ müthig dieſe Regierung geweſen iſt. Und hier Depeſchen aus dem Lager, geheime Berichte des Polizeipräfekten und Briefe galanter Frauen. Gut, ſehr gut, dieſe Aktenſtücke müſſen veröffentlicht werden, dann kann die Nation ein gerechtes Urtheil fällen.“ „Ich hatte nicht Zeit genug, mir Alles anzueignen“, fuhr Pierre fort,„die Preußen konnten jeden Augenblick eintreffen, und es waren außerdem kaiſerliche Diener in der Nähe, die mich niedergeſchlagen haben würden, wenn ſie mein Vorhaben entdeckt hätten!“ „Ich bin zufrieden“, nickte der Marquis,„man wird ja auch in den Tuilerien noch Manches finden. Iſt der Botendienſt organiſirt?“ „Ich habe ein Dutzend entſchloſſene Männer gefunden, welche bereit ſind, das Wagniß zu unternehmen. Sie werden in mannig⸗ fachen Verkleidungen ſich durch die Vorpoſten ſchleichen und unſere Briefe nach Verſailles befördern.“ „Und unſere Freunde in Verſailles?“ „Sie ſind entſchloſſen und harren nur des Signals, um ihre Aufgabe zu erfüllen.“ „Haben ſie Waffen?“ „Ja.“ „Und glaubt man, daß das deutſche Hauptquartier dorthin kom⸗ men wird?“ „Darüber waren die Anſichten getheilt. Viele glauben. der König von Preußen werde in Ferrieres, im Schloſſe Rothſchild's, bleiben, Andere dagegen behaupten, es ſei ſchon der Befehl getroffen, für die Aufnahme des Hauptquartiers Alles vorzubereiten.“ Der Marquis war in Sinnen verſunken, er blätterte gedanken⸗ voll in den vor ihm liegenden Papieren. „Ich theile die Anſicht der letzteren“, ſagte er nach einer Weile und ich hoffe, unſre Freunde in Verſailles werden ihre Pflicht thun. Der Sturm muß plötzlich losbrechen und mit einem Ausfall der Pariſer zuſammenfallen. Das Loos mag den beſtimmen, der in dem 13 ½ — 196— Tumult den König erſchießen ſoll, ein Zweiter übernimmt Bismarck. ein Dritter den Kronprinzen. Der Fall dieſer Führer wird Verwir⸗ rung und Entſetzen hervorrufen, der Thronerbe iſt ein unmündiger Knabe, die Preußen werden um jeden Preis Frieden ſchließen müſſen, damit ſie in ihr Land zurückkehren können. Und dann will ich den Fürſten ſehen, der den Muth hat, die Erbſchaft der franzöſiſchen Re⸗ publik anzutreten! Dann ſteht die Republik ſo feſt, daß nichts ſie er⸗ ſchüttern kann!“ „Ich habe einige Hunde von Verſailles mitgebracht, und dagegen unſere Hunde dort zurückgelaſſen. Dieſe klugen Thiere werden den Weg durch die feindlichen Vorpoſten finden.“ „Wenn die Preußen ſich nicht das Vergnügen machen, ſie nieder⸗ zuknallen!“ „Das dürfte ihnen doch bei Allen nicht gelingen.“ „Und wenn einer unſerer Briefe ihnen in die Hände fällt, ſo verſtehen ſie doch unfre Geheimſchrift nicht.“ „In jedem Falle werden unſere Freunde in Verſailles Nachricht erhalten“, ſagte Pierre.„Haben wir nicht außerdem unſere Brief⸗ tauben und unſere unterirdiſchen Telegraphen?“ „Ich glaube, daß wir auf die letzteren nicht rechnen dürfen“, er⸗ widerte der Marquis,„dieſe Preußen durchſuchen und erforſchen Alles, es hält zu ſchwer, ſie zu betrügen.“ „Und außer den Preußen haben wir noch mit einer andern Macht zu kämpfen“, nahm Pierre wieder das Wort,„die Agenten Napoleons ſind im Stillen thätig, ſie ſollen einen geheimen Bund geſtiftet haben, aber man iſt ihnen trotz der eifrigſten Bemühungen noch nicht auf die Spur gekommen.“ „Wie? dieſe Burſchen wagen es?“ wallte der Marquis auf.„Sie ſind ſo kühn, an eine Reſtauration des Kaiſerreichs zu denken?“ „Es ſind ehemalige Polizeiagenten, Beamte, verabſchiedete Offiziere, überhaupt Leute, die von der Republik nichts, dagegen von dem Kaiſer⸗ reich Vieles zu erwarten haben. Ich bemühte mich bisher vergeblich, zu den Sitzungen dieſer Verſchworenen Zutritt zu erlangen, aber ich hoffe, es wird mir dennoch gelingen. O, ſie haben ihre Pläne ſchlau erſonnen. Sie wollen allenthalben Unordnung ſtiften, die Arbeiter zum Barrikadenkampf hetzen, die Reichen plündern laſſen und die Schreckensherrſchaft einführen, um der befitzenden Klaſſe Haß gegen die Republik einzuflößen.“ —— marck Verwir⸗ ündiger nüſſen, ich den den Re⸗ ſie er⸗ „Sie mögen ſich hüten, daß ihre Köpfe nicht zuerſt fallen!“ rief der Marquis wüthend.„Mit dieſen Burſchen werden wir nicht viel Federleſens machen. Pierre, biete Alles auf, dieſe Verſchwörung zu entdecken, laß Dich von ihnen anwerben, ſchwöre jeden Eid, den ſie von Dir fordern und ruhe nicht, bis Du ſo viel erfahren haſt, daß wir das ganze Neſt ausheben können. Und nun gehe, beginne das Werk ſofort, wir müſſen dieſe Pläne im Keime erſticken.“ In fieberhafter Erklärung wanderte der Marquis auf und nieder, er ſchien nicht einmal zu bemerken, daß Pierre ſich entfernte, erſt nach einer geraumen Weile blieb er vor dem Tiſche ſtehen. Er nahm den ſchwarzen Vollbart ab, der ſein Geſicht umrahmte und holte ein Etui aus der Taſche, welches Kamm, Spiegel und Bürſte enthielt. Nachdem er ſeine Friſur geordnet hatte, zog er einen hellen, ele⸗ ganten Ueberzieher über ſeinen ſchwarzen Anzug, dann verließ er durch den geheimen Gang und die Pforte in der Gartenmauer das Haus. Langſam, wie in tiefem Nachdenken verſunken, wanderte er über den Pontneuf, ohne den Gruppen und Banden, an denen er vorbei⸗ kam, Beachtung zu ſchenken. Die Mittheilungen Pierre's hatten ihn aus ſeiner Sicherheit auf⸗ gerüttelt, er wußte nur zu gut, daß die Agenten Napoleons eine Macht bildeten, die man nicht genug ſchätzen durfte. War auch der Frankreichs unmöglich geworden, ſo hatte er doch noch immer einen großen Anhang auf dem Lande und unter den wohlhabenden Bürgern, welche den Frieden um jeden Preis wollten und ſobald nicht vergaßen, daß das Kaiſerreich für ſie zwanzig Jahre hindurch der Friede geweſen war. Man durfte dieſe Macht nicht unterſchätzen, man mußte ihr ent⸗ gegentreten und ſie vernichten, ehe ſie Zeit fand, ſich zu ſammeln und zu kräftigen. Aus ſeinem Brüten weckte ihn plötzlich eine bekannte Stimme. Er blickte auf und erſtaunte ſelbſt, als er jetzt bemerkte, daß er ſich in der Rue Richelieu, vor dem Hauſe, in welchem Jenny Mouſſon wohnte, befand. Vor ihm ſtand der Chevalier von Chateaufleur, und beim Anblick dieſes Mannes, der die Uniform eines Kapitains der Nationalgarde trug, erinnerte der Marquis ſich der Mittheilungen, die Jean ihm gemacht hatte. 1 1 1 —— — 198— „Wünſchen Sie etwas von mir?“ fragte er in keineswegs freund⸗ lichem Tone. Der Chevalier lachte höhniſch. „Seitdem Sie der Genugthuung aus dem Wege gegangen ſind, die ich von Ihnen fordern durfte und mußte, wüßte ich nicht, was ich von Ihnen wünſchen könnte“, erwiderte er mit beißendem Spott. „Warten Sie, vielleicht iſt die Stunde ſchon nahe, in der ich dieſe Genugthuung unaufgefordert Ihnen geben werde“, ſagte der Mar⸗ quis in aufwallendem Zorn.„Ich werde Ihnen dann beweiſen, daß ich damals begründete Urſache hatte, Ihnen eine ehrloſe Handlung vorzuwerfen.“ „Bah, Madame Chateaufleur würde lachen, wenn ſie das Wort Ehre aus Ihrem Munde vernähme!“ „Und mir wäre es ſehr gleichgültig, ob Madame darüber lachen würde, mein Herr!“ „Sie beſchimpfen meine Mutter!“ „Sie zwingen mich, die Wahrheit unverblümt zu ſagen, mein Herr. Aber ich nehme Ihnen das nicht übel, Sie ſuchen den Streit mit mir. Sie glauben ja, Rache nehmen zu müſſen für eine Demü⸗ thigung, die ich hier nicht weiter erörtern mag. Thun Sie, was Ihnen beliebt, Chevalier, aber bedenken Sie bei Allem, was Sie thun, daß Sie beobachtet werden. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ Der Chevalier war ſtumm und ſtarr vor Beſtürzung. Hatte er ſelbſt ſeine innerſten Gedanken verrathen, oder hatte der Marquis auf anderem Wege Kenntniß von den Plänen erhalten, die gegen ihn geſchmiedet wurden? Er ſah ihm nach, bis er im Gedränge eines die Straße herauf⸗ kommenden Arbeitertrupps ſeinen Blicken entſchwunden war, dann trat er in das Haus. Der Concierge kannte den jungen Mann und ließ ihn paſſiren, der Chevalier ſiedad die Treppen hinauf und ſtand bald darauf vor der Thüre, welche die Wohnung Jenny's von dem übrigen Theil des Hauſes abſonderte. Er zog an der Glocke, ein lebhaftes Kammermädchen öffnete, der Chevalier umarmte und küßte ſie, lachend ließ ſie es geſchehen, dann eilte ſie in das Boudoir ihrer Herrin, um ihn anzumelden. Eine geraume Weile verſtrich, ehe ſie zurückkehrte, und der ernſte Ausdruck freund⸗ ſind, „ was Spott. h dieſe Mar⸗ — 199— ihres hübſchen Geſichts verrieth, daß ſein Beſuch nicht ſo willkommen war, wie er es wahrſcheinlich erwartet hatte. Das ärgerte ihn, mit umwölkter Stirn trat er in das elegante Zimmer, in welchem Jenny in nachläſſiger Haltung auf dem Divan lag. „Sie haben keine gute Stunde gewählt“, ſagte das Mädchen mit matter Stimme,„ein unerträgliches Kopfweh martert mich.“ „Wohl eine Folge der vielen Aufregungen der jüngſten Tage“ erwiderte der Chevalier in bedauerndem Tone,„aber von ſolchen, kleinen Unannehmlichkeiten darf man ſich nicht unterdrücken laſſen. Trinken Sie Champagner, Jenny, lachen Sie—“ „Worüber ſoll ich lachen!“ „Mein Gott, über mich, wenn Sie wollen!“ fuhr der Chevalier fort, indem er einen Seſſel zum Divan rollte.„Geben Sie Befehl, daß ein Souper aus der nächſten Reſtauration gebracht werden ſoll.“ „Heute nicht.“. „Mein Gott, Sie haben ja Ihren ganzen Humor verloren! Haben Sie einen Wunſch, Jenny, den ich erfüllen könnte?“ Das Mädchen ſtrich leiſe mit der Hand über ihre Stirne, als ob ſie ſich auf die Antwort beſinnen müſſe. „Jau, ſagte ſie leiſe. „So nennen Sie ihn.“ „Den, daß Sie mich verlaſſen mögen.“ „Ah, Sie ſind grauſam.“ „Ich bin nicht in der Stimmung, zu plaudern.“ „Dann erlauben Sie mir wenigſtens, hier zu ſitzen und Sie an⸗ zuſchauen.“ „Das wäre langweilig und lächerlich“, ſpottete Jenny.„Aber Sie ſind ſehr genügſam, ich weiß das.“ „Zu genügſam, Jenny! Ich laſſe mich ſtets, ſo oft ich Sie be⸗ ſuche, mit leeren Worten abſpeiſen.“ „Und wer trägt die Schuld daran?“ „Sie! Parbleu, ich bin Ihr Sclave, ich ruinire mich für Sie, ich ſchenke Ihnen den koſtbarſten Schmuck—“ „Verzeihen Sie, die Steine in dem Brillantſchmuck, den ich von Ihnen empfing, ſind unächt, und Sie wiſſen doch, daß ich keinen un⸗ ächten Schmuck trage.“ Der Chevalier biß auf die Lippe, er wagte nicht, dem Blicke des ſchönen Mädchens zu begegnen. — 200— „Sie haben da ſparen wollen“, fuhr Jenny ſarkaſtiſch fort,„viel⸗ leicht dachten Sie, ich würde dieſe Steine von ächten Brillanten nicht unterſcheiden können.“ „Ich begreife das nicht“, ſagte der junge Mann ärgerlich.„Si machen mir einen Vorwurf, den ich nicht verdiene. Sind die Steine unächt, ſo hat der Juwelier mich betrogen, ich werde den Schmuck umtauſchen. Iſt das die einzige Urſache Ihrer Verſtimmung?“ „Nein.“ „Dann bitte ich Sie, mir die weiteren Gründe zu nennen.“ „Darf ich fragen, ob es Ihnen gelungen iſt, die Aufgabe zu löſen, die ich Ihnen übertrug?“ „Es war mir bisher noch nicht möglich.“ „Die alte Antwort. Und was haben Sie gethan?“ „Dem Manne iſt ſchwer etwas anzuhaben, Jenny. Ich habe mit M adam⸗ Leroi ſehr igeleaentlich darüt ber berathen, ſelbſt dieſe er⸗ fahrene Frau konnte mir keinen Weg zeigen, auf dem das gewünſchte Ziel zu erreichen wäre. Er iſt Mitglied der Intenuinua⸗ ein flei⸗ ßiger, nüchterner Menſch und ein guter Pat triot, Verdächtigungen gegen ihn würden nicht zum Ziele führen, ſondern auf den Denuncianten zurückfallen. Und in einen perſönlichen Kampf mit dieſem Manne kann ich mich nicht einlaſſen, das werden Sie einſehen.“ „Weil Sie nicht den Muth dazu haben!“ „Nein, weil ich mit Sicherheit vorausſehen muß, daß ich in die⸗ ſem Kampfe unterliegen würde. Warten Sie, bis die Nationalgarde in's Gefecht kommt, dann wird ſich gewiß eine Gelegenheit finden, den Proletarier verſchwinden zu laſſen.“ „Nun wohl, dann warten Sie auch ſo lange“, erwiderte Jenny deren Lippen ein ſpöttiſches Lächeln umzuckte.„Sie haben nun oft genug gehört, unter welcher Bedingung ich Ihnen meine volle Gunſt ſchenken werde, es liegt alſo ganz allein in Ihrem Belieben—“ „Jenny, Sie müſſen die Verhältniſſe berückſichtigen.“ „Mein lieber Freund, von Müſſen kann zwiſ chen uns keine Rede ſein, ich bin Ihre Sclavin nicht. Wollen Sie Ihre Geſchenke zurück⸗ nehmen, ſo ſtehen Sie zu jeder Stunde zu Ihrer Verfügung, ich lege keinen Werth darauf.“ „Weil ſie Ihnen nicht reich, nicht koſtbar genug ſind“, fuhr der Chevalier zornig auf.„Sie bieten mir mehr, als Menſchengeduld ertragen kaun, Jenny, wenn man den Bogen zu ſtraf ſpannt, zerſpringt er.“ — 201— „Ich weiſe dieſen Vorwurf zurück“, ſagte das Mädchen kalt.„Sie haben mich verfolgt, und ich leugne nicht, daß ich Gefallen an Ihnen fand, aber Sie verlangen zu viel und bieten dafür zu wenig. Ich glaube, es iſt rathſam, wenn wir dieſes Geſpräch abbrechen, Chevalier⸗ ich befinde mich in gereizter Stimmung, ſie könnte zu einem Bruch zwiſchen uns führen, und ich glaube, das werden Sie vermeiden wollen. Kommen Sie morgen wieder, mein Freund, ich hoffe dann meinen Humor wiedergefunden zu haben, dieſe Stimmung muß ja auch Ihnen peinlich ſein.“ Der Chevalier hatte die Brauen immer finſterer zuſammengezogen, eine bittre Antwort ſchwebte ihm auf der Zunge, aber er drängte ſie zurück, die Beſorgniß, daß er Alles verderben und für immer die Gunſt Jenny's verſcherzen könne, mahnte ihn zur Vorſicht. „Und darf ich hoffen, daß ich morgen meinen Wunſch erfüllt ſehen werde?“ fragte er, ſich erhebend. „Geduld, mein Freund, wer treu ausharrt, wird belohnt werden. Was ich Ihnen verſprochen habe, das halte ich, aber Sie müffen Geduld haben. Was macht Ihre ſchöne Stiefmutter?“ „Ich danke, ſie befindet ſich wohl.“ „O, das bezweifle ich nicht. Beſucht ſie noch häufig das Haus der Modiſtin?“ Der Chevalier blickte überraſcht das lächelnde Mädchen an. „Sie finden Ihre Heiterkeit wieder“, ſagte er,„laſſen Sie Cham⸗ pagner holen—“ „Bitte, beantworten Sie meine Frage.“ „Aber mein Gott, was intereſſirt Sie denn das Befinden meiner Stiefmutter?“ „Sie weichen mir aus.“ „Durchaus nicht, Madame beſucht jenes Haus nicht mehr.“ „Wiſſen Sie das ſo beſtimmt?“ „Ja, denn ſie hat mit dem Marquis gebrochen.“ „Ah, das wollte ich wiſſen, ich danke Ihnen. Und nun gute Nacht, mein Freund, ich erwarte Sie morgen zum Diner, es iſt das erſte während der Belagerung.“ Sie winkte ihm mit der Hand den Abſchiedsgruß und ſah ihm lächelnd nach, wie er zögernd hinausging, aber als die Thüre hinter ihm geſchloſſen war, ſprang ſie haſtig von dem ſchwellenden Polſter auf und ein jäher Blitz ſchoß aus den ſchönen, zornfunkelnden Augen. — —— — 202— „Der Narr!“ ſagte ſie.„Er iſt der Mann nicht, der mein Herz feſſeln könnte, und doch glaubte er, ich müſſe kniefällig um ſeine Liebe betteln. Ich liebe nur den, den ich achten kann, und es gibt nur einen Mann in Paris, der mir Achtung einflößt. Ob er kommen wird? Ob ſein Stolz ihm erlaubt, meine Schwelle zu überſchreiten? Er fürchtet meinen Haß und meine Rache nicht, und beim Himmel, er hat in Wahrheit keine Urſache dazu. Seine Vorwürfe vernichten mich, ſeine Erinnerungen an die ſchöne Zeit der Vergangenheit beu⸗ gen mich nieder in den Staub. O, ihn könnte ich auf meinen Knieen um Liebe bitten, ſie würde mich ſtolz und glücklich machen, und mit tauſend Freuden wollte ich die beſcheidene Manſarde mit ihm theilen.“ Sie ſchüttelte das Köpfchen, daß die dunklen Locken in ſtürmiſche Wallung geriethen und ihr Füßchen ſtampfte heftig auf den Teppich. „Dieſe erbärmlichen Narren, die mit Gold Liebe erkaufen wollen!“ fuhr ſie zornig fort.„Wer könnte ſie achten, wer ſie lieben? Sie ſind verächtlich in dem tollen Rauſch, und langweilig, wenn der Rauſch verflogen iſt! Und was bildet dieſer Laffe ſich ein? Er wirft mir vor, daß er ſich für mich ruinire? Wahrlich, dazu bedarf es wenig, er vergeudet ſein armſeliges Vermögen an meinen Spieltiſchen.“ Draußen ließ der Klang der Glocke ſich vernehmen, der Blick Jenny's ruhte mit fieberhafter Spannung auf der Thüre. Stürmiſch wogte ihr Buſen, auf den ſie beide Hände preßte, der Klang einer bekannten Stimme hatte ihr Ohr berührt, und nun ſtand der Mann, den ſie ſo ſehnſüchtig erwartete, vor ihr auf der Schwelle des eleganten Gemachs. Es war Errneſt, der ſchlichte Arbeiter in der blauen Blouſe nahm ſich gar ſeltſam in dieſer glänzenden Umgebung aus, aber er ſelbſt ſte „Du haſt mich gebeten und ich bin gekommen“, ſagte er kalt und ruhig.„Es hat mich Ueberwindung gekoſtet, dieſe Bitte zu erfüllen, aber ich dachte an unſre Kindheit, und Du ſchriebſt in Deinem Briefe, der Rath und Beiſtand eines ehrlichen Freundes thu Dir Noth.“ Jenny war auf ihn zugetreten, ſie ſtreckte ihm beide Hände ent⸗ gegen und ſah ihn mit leuchtenden Augen an. „Wie danke ich Dir für dieſe Wortel“ erwiderte Sie.„Ja, mein guter, lieber Erneſt, die Erinnerung an unſre Kindheit wird unſre Herzen ewig an einander ketten, dieſes Band kann nicht reißen.“ Sie ſchien das am wenigſten zu bemerken. kommen greiten? immel, rnichten — 203— führte ihn zum Divan und nahm neben ihm Platz, ſie wandte den Blick nicht von ihm und hielt ſeine Hand noch immer in der ihrigen. „Ich wußte ja, daß Du kommen würdeſt“, ſagte ſie leiſe, das Köpf⸗ chen an ſeine Schulter lehnend,„o, ich bin ſehr, ſehr unglücklich.“ Erneſt nickte, als ob er erwidern wolle, er habe das erwartet, alſo könne es ihn nicht überraſchen. „Sieh, all' dieſer Glanz, all' dieſe Pracht widert mich an, die faden Schmeicheleien der vornehmen Herren erregen mir Urberdruß und Ekel, und vergrblic ſehe ich mich nach einer ſtarken Hand um, die ich ergreifen, die mich retten könnte.“ „Geh' ins Kloſter, Jenny.“ „Was ſoll ich dort?“ „Bereuen und büßen, Dein Leben fortan nur guten, frommen Werken widmen!“ Jenny ſchüttelte ablehnend das Haupt, ein leichter Schatten glitt über ihre Stirne. „Wenn das Herz noch jung iſt, darf man es nicht lebendig begraben“, ſagte ſie,„das wäre Mord. Und ach, mein armes Herz hängt noch ſo ſehr am Leben— aber nicht an dieſem elenden Leben!“ In ſteigender Aufregung hatte ſie die letzten Worte geſprochen, und als Erneſt ſie betroffen anſchaute, mußte er vor ihrem flammen⸗ den Blick unwillkürlich die Augen niederſchlagen. „Nein, ins Kloſter kann und mag ich nicht gehen“, fuhr ſie fort. „Du weißt ja aunh, Erneſt, daß ich zu lebensluſtig, zu heiter dazu bin. Kann ein Fehltritt niemals vergeben und vergeſſen werden? Erneſt, wenn Du wißteſt wie ich gerungen habe! Wenn Du Zeuge geweſen wärſt der furchtbaren Stunden, in denen Reue und Ver⸗ zweiflung mich verfolgten! Wie oft habe ich auf dem Pont des Arts geſtanden, auf jener Brücke, auf der wir damals das ſüße Geſtänd⸗ niß unſerer Liebe austauſchten, wie oft habe ich ſtarr hinuntergeſchaut in die ſchäumenden Wellen und gedacht, mir wäre wohler, wenn ich da unten ein Grab fände.“ Der junge Mann bedeckte das intii mit den Händen, für ihn hatte dieſes Bild etwas Erſchütterndes Jenny zog leiſe ſeine Hände ſart aund blickte mit ihren thränen⸗ feuchten Augen ihm in's bleiche Antlitz. „Das waren entſetzliche Stunden“, flüſterte ſie,„und von den Vorübergehenden ahnte wohl Niemand, daß ſolche gräßliche Gedanken — 204— die Seele des ſchönen jungen Weibes beſchäftigen konnten, welches da in eleganter Toilette nachdenklich über die Brüſtung hinunterſah in die plätſchernden Wellen. Vielleicht hätte ich es thun ſollen, es wäre ja raſch vorbei geweſen. Aber ich hatte nicht den Muth, zu ſterben, und dann auch dachte ich an die Morgue, an das häßliche, ekelhafte Haus, in welchem die Leichen der Verunglückten zur Schau geſtellt werden. Nein, ich konnte es nicht, o, es iſt nicht leicht, zu ſterben, wenn man im Lebensfrühling ſteht, deſſen Blüthen einen wunderſamen Reiz haben.“ „Wäreſt Du damals zu mir gekommen!“ „Tauſendmal dachte ich an Dich, und dann war es mir ſtets, als ob eine innere Stimme mir zuflüſterte, ich habe Deine Liebe noch nicht verloren. Aber auch dazu fand ich den Muth nicht, Dir gegen⸗ über zu treten, ich fürchtete, Du werdeſt mir die Thüre zeigen, und das hätte ich nicht ertragen können. Ich fluchte meinem Verführer und ſegnete Dich, und dann ſtürzte ich mich wieder in den Taumel hinein, um mich zu betäuben und zu vergeſſen. Und wenn der Cham⸗ pagner in Strömen floß, dann konnte ich wieder jauchzen, das Leben ſei doch ſchön!“ „Und nun?“ fragte Erneſt leiſe, während die Arme des Mäd⸗ chens ihn umſchlangen, und ihr warmer Athem ſeine glühenden Wangen ſtreifte.„Was willſt Du nun?“ „Was ich will? Ich weiß es nicht, Erneſt, ſo lange ich die ret⸗ tende Freundeshand nicht finde. Ich bin reich, ſehr reich, aber dieſer Reichthum macht mich nicht glücklich. Ich möchte wieder arm ſein, arm und geliebt!“ „Wer ſo an der Liebe gefrevelt hat, Jenny, der hat ſie für im⸗ mer verſcherzt.“ „Sage das nicht, mein Herz iſt jung geblieben, es kann noch lieben, ja, es kann noch glücklich machen und glücklich werden. Ich will Alles verkaufen, Allem entſagen, will in einer ärmlichen Manſarde wohnen und Tag und Nacht arbeiten, ich will nur dem Einen ange⸗ hören, den ich liebe.“ Sie ſchlang ihre Arme ſtürmiſch um ſeinen Nacken und ein glü⸗ hender, leidenſchaftlicher Kuß brannte auf ſeinen Lippen. Ein ſüßes, berauſchendes Gefühl durchſtrömte ihn, das Blut wallte in ſeinen Adern und ſeine Pulſe pochten fieberhaft. Iber gewaltſam entriß er ſich dieſem Rauſche, deſſen Gefahren u geſtellt — 205— er ahnte, das Bild Mariens trat zwiſchen ihn und dieſes liebe⸗ glühende Weib. „Das iſt vorbei, Jenny“, ſagte er,„ich will Dir ein treuer Freund ſein und bleiben, was könnte ich Dir mehr ſein?“ „Mein Geliebter!“ „Niemals!“ „Und ich wäre Deine Magd. Auf die Rechte einer Gattin mache ich keinen Anſpruch, ich darf ja nicht wagen, ſie von Dir zu fordern, aber vielleicht gibſt Du ſie mir ſpäter doch, wenn Du mich geprüft haſt. Denke an unſre Eltern, Erneſt, vergiß, was hinter uns liegt, es gilt ja, ein Herz vor Verzweiflung zu bewahren, welches Du einſt geliebt haſt.“ „Und der Himmel weiß, wie treu und innig ich es liebte!“ „Daran erinnere Dich, und Dein gutes Herz wird Dir ſagen, was Du thun mußt.“ Erneſt wiegte leicht das Haupt. „Du biſt zu ſehr an den Luxus und das Wohlleben gewöhnt“, ſagte er in ernſtem Tone,„Du würdeſt Dich in der Manſarde un⸗ glücklich fühlen.“ „Wenn Du bei mir biſt, nicht!“ „Aber ich kann nicht bei Dir ſein.“ „So gibſt Du mich auf?“ fragte Jenny zürnend.„Könnteſt Du mich wirklich in den Abgrund hinunterſtoßen? Nein, Erneſt, das ver⸗ magſt Du nicht, Dein Gewiſſen würde Dir das nie verzeihen.“ „Ich ſagte ja, daß ich Dein Freund bleiben wollte.“ „Und nichts mehr, als das?“ „Jenny, kannſt Du denn nicht begreifen, daß die Liebe rein und lauter ſein muß, wenn ſie das Herz glücklich machen ſoll, und daß ohne Unſchuld keine lautere Liebe denkbar iſt?“ erwiderte der junge Mann mit leiſem Vorwurf.„Mit der Vergangenheit, ſo weit ſie uns betrifft, müſſen wir abgeſchloſſen haben, aus ihr ſind uns keine Rechte und Pflichten hinterblieben. Daß Du damals mich betrogen haſt, habe ich Dir längſt verziehen, und glaube mir, ein Gefühl der innigſten Theil⸗ nahme ergreift mich, wenn ich Deines Geſchicks gedenke. Aber die Liebe, die Du damals weckteſt, iſt fort, ihre Blüthen ſind verdorrt, und ſelbſt der Sonnenſchein Deines Lächelns und Deiner Blicke kann ſie nicht zu neuem Leben erwecken. Das iſt vorbei, vorbei für immer, und daß es ſo iſt, ſchmerzt mich nicht minder tief, wie Dich.“ ————— —— ——— — 206— Das Mädchen ſeufzte tief auf und blickte ſtarr vor ſich hin. „Du magſt Recht haben“, ſagte ſie mit bebender Stimmr,„aber ich kann trotz alledem noch immer nicht glauben, daß das für immer vorbei ſein ſoll. Es müßte denn ſein, daß Dein Herz nun einer Andern angehörte.“ „Denke, dem ſei alſo, dann wirſt Du meine Worte beſſer begreifen.“ „Dann bin ich verloren.“ „Nein, Jenny, ſo raſch darf Niemand verzweifeln. Wenn es Dein Ernſt iſt, ein andres Leben zu beginnen, dann zögere nicht mit der Ausführung dieſes Entſchluſſes, ich will Dir beiſtehen mit Rath und That, ich will Dir ein treuer Bruder ſein.“ „Und mein Herz bliebe öde wie zuvor?“ „Aber Dein Gewiſſen wird Dir keinen Vorwurf mehr machen. Die Manſarde neben meiner Wohnung ſteht leer, Du kannſt ſie miethen, die junge Deutſche, welche ſie bewohnte, iſt ausgewieſen worden.“ „Und dieſe Deutſche liebſt Du?“ „Frage mich nicht, Jenny, ich kann Dir keine Antwort darauf geben, Du hörſt ja, das Mädchen iſt ausgewieſen.“ Jenny erinnerte ſich in dieſem Augenblick des Geſprächs, welches der Marquis mit der Wahrſagerin in ihrem Salon gepflogen hatte, die Ahnung, daß jenes Mädchen die Gefangene ſein könne, durchzuckte ſie blitzſchnell. Sie erinnerte ſich auch des Vorwurfs, den der Marquis dem Chevalier gemacht hatte, ſie wollte Gewißheit haben. „War dieſes Mädchen nicht Gouvernante im Hauſe des Vicomte von Chateaufleur?“ fragte ſie. Erneſt konnte ſeine Ueberraſchung nicht verbergen. „Woher weißt Du das?“ forſchte er. „Ich glaube, vor einiger Zeit ſprach man hier darüber, wenn ich nicht irre, ſagte man, ſie ſei verhaftet worden.“ „Ja, ſie iſt dieſelbe, ſie ſoll nach Deutſchland zurückgekehrt ſein, und uunn ſteht ihr Zimmer leer.“ 4 „Ich miethe es.“ „Gut, und wäreſt Du geneigt, dieſes Zimmer mit einer andern Dame zu theilen?“ „Da müßte ich doch zuvor wiſſen— „Sie iſt die Braut meines Freundes, ſie muß das Haus ihres Baters verlaſſen, der ſie zwingen will, ſeinem ſchändlichen Anſinnen Gehör zu geben.“ 41 Miü ich u auß dußer G Nr zu ei § 3 dem icomte — 207— „Sie ſoll bei mir eine Zuflucht finden.“ „So iſt uns ja Allen geholfen ¹“ ſagte Erneſt erfreut. „Nur mir nicht!“ „Die Liebe eines Bruders ſoll Dir erſetzen, was Du verloren haſt, Jenny, ich gelobe es Dir.“ „Ich werde wenigſtens in Deiner Nähe fein“, ſagte das Mädchen, „ich werde in den Erinnerungen vergangener Zeiten ſchwelgen und einem Leben entfliehen, welches mich anwidert. „Und wenn es Dein aufrichtiger Ernſt iſt, ein neues Leben zu beginnen, dann wirſt Du Dich bald wieder glücklich fühlen“, erwiderte Erneſt, ihr freundlich zunickend.„Wann willſt Du kommen?“ „Sogleich!“ „Aber Du haſt hier doch noch Manches zu ordnen.“ Jenny ſah ſich in dem Zimmer um und ſtrich leiſe mit der Hand über die umwölkte Stirn. „Nichts, gar nichts“, ſagte ſie,„Ich werde meinen Schmuck und mein baares Geld mitnehmen, das Uebrige mag hier bleiben. Dieſe Möbel ſind ja nicht mein Eigenthum, der Tapezier ſoll ſie zurückholen, ich werde ihm die Miethe zahlen.— Aber es iſt ja wahr, Niemand außer Dir ſoll erfahren, wo ich geblieben bin, dieſe faden, langweiligen Herren würden mich verfolgen, und ich müßte Dich bitten, ihnen die Thüre zu zeigen. Da werde ich wohl noch einen Tag hier bleiben müſſen.“ „Du mußt ja auch Dein Kammermädchen entlaſſen.“ „Ja, Du haſt Recht, alle dieſe Feſſeln müſſen vorher gelöſt werden, es wäre zu unklug, wenn ich ſie gewaltſam ſprengen wollte. Horch, was bedeutet der Lärm?“ Von der Straße herauf erſchollen Rufe, Erneſt und Jenny traten an das Fenſter und blickten auf die Menſchenmenge hinunter. „Im Namen der Republik!“ ſchrie eine rauhe Stimme.„Oeffnet oder wir ſchlagen die Thüren ein.“ „Mein Gott, was bedeutet das?“ fragte Jenny ängſtlich, indem ſie ſich an den Arm ihres Freundes klammerte. „Vielleicht ſucht man einen Spion in dieſem Hauſe!“ „Hier? Aber das kann nicht ſein—“ „Es lebe Frankreich! Nieder mit allen Verräthern!“ ſſchrieen einige Stimmen. Eine Patrouille der Nationalgarde brach ſich Bahn durch den Haufen, und die Beiden ſahen, daß ſie in das Haus eindrang. 5 6 — — —— — 208— „Man fahndet jetzt ſtark auf die Conciergen“, ſagte Erneſt in beruhigendem Tone,„der Pöbel iſt toll und blind in ſeinem leiden⸗ ſchaftlichen Haß gegen die Preußen.“ „Sie kommen die Treppe herauf“, flüſterte Jenny, zitternd vor Angſt.„Sollte ihr Beſuch mir gelten?“ Erneſt erſchrak, als er in das todesbleiche Antlitz des ſchönen Mädchens ſah. „Ruht eine Schuld auf Deinem Gewiſſen?“ erwiderte er. „Nein. Aber Du weißt ja, man hat die Damen der Demimonde ausgewieſen.“ „Zählſt Du Dich zu dieſen?“ „Gewiß nicht, aber man kann mich verleumdet haben, die Kanaille prüft nicht lange, eine Anklage genügt ihr— Himmel, ſie kommen zu mir!“ In der That hörte man jetzt vor der Thüre des Gemachs rauhe Stimmen und ſchwere Tritte, es konnte keinem Zweifel mehr unter⸗ liegen, daß der Beſuch wirklich dem Mädchen zugedacht war. Es wurde ungeſtüm angepocht, Erneſt, der Jenny zum Divan geführt hatte, ſchritt zur Thüre und öffnete. Der Gang war mit Nationalgarden beſetzt, hinter ihnen auf der Treppe ſah man die haßverzerrten Geſichter des Pöbels. Ein Offizier trat ein, Erneſt ſtand zwiſchen ihm und dem Mäd⸗ chen, welches ſich einer Ohnmacht nahe fühlte. ¹„Ich ſuchte die Bürgerin Mouſſon“, ſagte der Offizier mit einem ſcharfen, forſchenden Blick auf Jenny,„ich vermuthe, daß dieſe Dame die Geſuchte iſt.“ „Ja, mein Herr“, erwiderte Jenny mit dem Muthe der Ver⸗ zweiflung,„ich bin dieſe Bürgerin und daneben eine gute Patriotin, wie mein Freund hier bezeugen wird.“ Der Offizier zuckte die Achſeln, ein Zug verachtender Gering⸗ ſchätzung glitt über ſein Geſicht. „Auf das Zeugniß und die Bürgſchaft ſolcher Freunde darf das Gericht keinen Werth legen“, ſagte er,„und was mich betrifft, ſo habe ich den Befehl, Sie zu verhaften.“ „Und weſſen wird dieſe Dame beſchuldigt?“ fragte Erneſt. „Sie haben wohl kein Recht, darnach zu fragen, mein Herr, denn es gereicht Ihnen wahrlich nicht zur Ehre, daß Sie in der Wohnung dieſer Dame angetroffen werden.“ Erneſt preßte die Lippen auf einander, er fühlte das Blut in &☛ ———⸗—ᷓ — 209— ſeinen Adern kochen, aber er ſah auch ein, daß er ſich bezwingen und wenigſtens äußerlich ruhig bleiben mußte. „Ich kann und mag Ihnen die Verhältniſſe nicht auseinander⸗ ſetzen, die zwiſchen mir und Fräulein Mouſſon beſtehen“, ſagte er mit leiſer, bebender Stimme,„aber ich mache Sie doch darauf auf⸗ merkſam, daß ein Mann von Ehre nur dann eine Anklage erhebt, wenn er ſie beweiſen kann. Ich bin ihr Freund, ja, um es noch deutlicher zu bezeichnen, der Bruder dieſer Dame, und da meine ich doch ein Recht zu haben, jene Frage an Sie zu richten.“ „Die Bürgerin Mouſſon iſt angeklagt, preußiſche Offiziere und Spione in ihrer Wohnung aufgenommen zu haben—“ „Das iſt eine boshafte Verleumdung!“ fuhr Jenny entrüſtet auf. „Wenn ein preußiſcher Spion es gewagt hätte, ſich mir zu nähern, ſo würde ich die Erſte geweſen ſein, die ihn dem Gerichte überlieferte!“ „Verzeihen Sie, es iſt nicht meine Sache, das zu unterſuchen.“ „Sie verhaften mich alſo in jedem Falle?“ „Ja.“ „Wohlan, gehen wir zum Polizeicommiſſair—“ „Wiſſen Sie nicht, daß es keine Polizei mehr in Paris gibt?“ fragte der Offizier ſcharf.„Für Ihren Patriotismus legt dieſe Un⸗ kenntniß der Ereigniſſe kein gutes Zeugniß ab.“ „Ich wußte es, aber ich dachte nicht daran. Wohin werden Sie mich führen?“ „Nach Saint Lazare.“ „In's Gefängniß?“ rief Jenny entſetzt.„Das iſt gegen das Geſetz, ich verlange, daß ich vorher verhört werde, ich werde Bürg⸗ ſchaft ſtellen, meine Freunde—“ „Mein Fräulein, ich muß den Befehl vollziehen, der mir über⸗ tragen iſt“, fiel der Offizier ihr kühl in's Wort.„Auch liegt es in Ihrem Intereſſe, mir ohne Widerrede zu folgen, im andern Falle würde ich Sie vor der Wuth des Pöbels nicht ſchützen können.“ „Buͤrgen Sie für die Sicherheit der Dame?“ fragte Erneſt, der in rathloſer Verwirrung nicht wußte, was er thun ſollte, um die Ge⸗ fahr von der Freundin abzuwenden. „Ja, mein Herr!“ „Ich mache Sie dafür verantwortlich! Sei ruhig, Jenny, dieſe alberne Anklage muß ja zerfallen, aber füge Dich jetzt in das Unab⸗ änderliche, mit dem fanatiſchen Pöbel läßt ſich's nicht unterhandeln.“ 3 14 — 210— „Sie werden mir bes erlauben, daß ich Hut und Tuch mitnehme?“ wandte Jenny ſich zu dem Offizier, der zuſtiumend nickte. „Sie dürfen keinen Argwohn hegen, mein Herr, ich werde nicht ſo thöricht ſein, die Flucht zu ergreifen.“ „Sie können es nicht“, erwiderte der Offizier ruhig,„man würde Sie unten auf der Straße ermorden.“ Jenny ging mit ſchwankenden Schritten in das Nebenzimmer, Erneſt wollte ſich dem Fenſter nähern, aber der Offizier trat ihm raſch in den Weg. „Zeigen Sie ſich nicht“, ſagte er warnend,„Sie haben keine Ahnung von der Wuth und Erbitterung der Maſſen, ich müßte auch Sie verhaften, um Ihr Leben zu ſchützen.“ Erneſt trat zurück, jäh blitzte die Gluth der Entrüſtung in ſeinen Augen auf. „Dieſe Wuth und Erb rdiftennd wäre beſſer angebracht, wenn ſie ſich gegen den Feind vor den Thoren richtete“, entgegnete er. Damit ans ge r 88, daß man Unſchuldige verhaf ke und ermordet unter dem Vorwande—“ „Schweigen Sie, das Volk weiß, wo 424 3 ſein Feinse ſuchen muß, Ihre Freundin angeht, ſo iſt Zehn gegen Eins zu wetten zute nicht zum erſten Male in S San at Lazare wohnen wird.“ kehrte in dieſem Augenblick zurück, ſie trat auf Erneſt zu und re icht ihm die Hand. „Die Sühne beginnt“, ſagte ſie, zitternd vor Erregung, ‚ich will denken, dies ſei eine Strafe des Himmels, wenn ſte a auch unſchuldig mich trifft. Lebe wohl, Erneſt, kannſt Du etwas für mich weiß ich ja, daß Du es nicht unterla aſſen wirſt, auf Wied Halte die Manſarde zu meiher Aufnahme bereit, wenn meine 2 ſchuld an den Tag gekommen iſt, ſuche ich bei Dir die Zuflucht, die 3 5 Du mir angeboten baſt Die Nationalgard dem Freunde noch änmat zu, im naufen Augenki war ſie ſeinem Blicke im Gedränge der lärmenden, heulenden Menge entſchwunden. Do 515 3 S4 a volftes Kapiter. —₰! el. johe uud ant re Liebe und Gottvertranen. Der Auf im Gefängniſſe Saint Lazare war Reimann ſ ür Mearie — — 211— me7 Nicht nur der tödtlichen Langeweile, der ſch 1 aren Nahrung und der rohen Behandlung n wegen 3 richt aus dem Grunde, weil ſie hier ſtündlich Sing⸗ ſehen und hören niußte, welche ſie tief empörten. wünde In den gemeinſchaftlichen Speiſe⸗ und Schlaſzimmern vernahm ſie nur rohe, ſchmutzige Worte, die tief geſunkenen Geſchöpfe, welche ſie ihre Schickſalsgefährtinnen nannte, drängten ſich an ſteten ſich mit ihrer ſündhaften Vergangenheit und bemüh alle Wege der Schande zu zeigen, von denen das reine, unſchuldige ke Herz Mariens bisher keine Ahnung gehabt hatte. a Sie vermied es, dieſen Geſchöpfen nahe zu kommen, ſie blieb auch in den Stunden, in denen freie Bewegung auf dem Hofe ge ſtattet war, ſeine in ihrer Zelle und ihre Genoſſinnen verfolgten ſie um ihrer Unſchuld wegen mit beißendem Hohn. mn ſie Wie ein leuchtender Sonnenſtrahl fiel plötzlich das Billet des Danit, Marquis in die dunkle Nacht, die ſie umgab. 6= Wer es ihr geſchickt hatte, wußte ſie nicht, der Schließer wollte muf ihr keinen Aufſchluß darüber geben, ſie dachte an Erneſt und konnte doch nicht glauben, daß er es ermöglicht haben ſolle, dieſen mürriſchen Trunkenbold zu beſtechen. 15 Das Billet enthi elt nur die weni igen Worte:„Geduld und Ver⸗ trauen, Sie ſind nicht verlaſſen“, und auf dieſe Worte baute Marie 6 jetzt alle Hoffnungen. 9 Sie erwartete, daß der Schließer ihr Andeutungen machen, ihr 8 weitere Zeichen von draußen bringen werde, aber darin ſah ſie ſich getäuſcht, in dem bisherigen Ben omnen d dieſes Mannes änderte ſich nichts. Aber ein altes, häßliches Weib näherte ſich jetzt dem Mä chene ſie kam täglich und ſagte oft der Gefangenen Worte, k ſehr empörten, wie die rohen Aeußerungen ihrer Mitgef Und es half nichts, daß ſie ſich mit Entrüſtung abwandte, das Weib verfolgte ſie mit hartnä O 5 „ war auch heute wieder in's Gefängniß g gekommen, und Marie bli 8 befremdet auf, als das Weib ihr verſtohlen ein Billet in die Hand d late. Vertrauen Sie dieſer Frau“, las das Mädchen,„binnen wenigen To gen werden Sie frei ſein.“ der „U d wer ſchickt mir dieſes Billet?“ fragte Marie, auf die das Wort„Freiheit“ einen wunderbaren Eindruck machte. — 212— „Ein junger, reicher Herr, der Sie liebt“, erwiderte die Alte mit gedämpfter Stimme.„Sie kennen ihn.“ „Wer iſt es?“ „Ja, mein Täubchen, ſo forſcht man die Leute aus! Sie werden bald die Freiheit erhalten, der junge Herr erwartet Sie draußen, er führt Sie in eine elegante Wohnung, er gibt Ihnen Schmuck und eine koſtbare Garderobe—“ „Kommen Sie ſchon wieder mit dieſen mich entehrenden Vor⸗ ſchlägen?“ unterbrach Marie ſie empört.„Wie oft habe ich Ihnen ſchon geſagt, daß ich davon nichts wiſſen will.“ Die Alte verzog ihr häßliches Geſicht zu einem höhniſchen Grin⸗ ſen, ſie bemerkte nicht, daß eine andere Gefangene ſich genähert hatte und hinter einem Mauervorſprung die Unterhaltung belauſchte. „Was wollen Sie?“ ſpottete ſie.„Wer einmal hier geweſen iſt⸗ dem bleibt draußen jede Thüre verſchloſſen. Das ſollten Sie bedenken, mein ſchönes Kind.“ „Ich bin unſchuldig verhaftet und kein Makel haftet auf meiner Ehre.“ „Unſchuldig? du lieber Gott, das ſagen ja Alle! Aber glauben Sie wirklich, der Richter werde ſich dadurch beirren laſſen?“ „Was kann man mir vorwerfen?“ „Spionage und Verrath, mein Täubchen. Man wird vielleicht nicht einmal ein Urtheil fällen, mit den Preußen macht man nicht viel Federleſens.“ „So wird man mich hinauslaſſen müſſen, wenn der Friede ge⸗ ſchloſſen iſt.“ „Müſſen? Wer will die Behörde dazu zwingen? Wer weiß denn, daß Sie hier gefangen ſind? Wer kümmert ſich um das Schickſal einer armen Gouvernante, die hundertmal untergegangen ſein kann?“ „Meine Freunde!“ „Ah— Sie haben Freunde! Ganz recht, aber dieſe Freunde thun auch nichts umſonſt, mein ſchönes Kind. Und wenn Sie ſo ſpröde bleiben, dann werden aus dieſen Freunden ebenſoviele Feinde werden, und Feinde können einen Menſchen in Paris ſpurlos ver⸗ ſchwinden laſſen. Kennen Sie das Loos, welches dann Sie erwartet, he? Sie werden hier bleiben, man vergißt Sie, und keine Klage, keine Beſchwerde dringt über dieſe Mauern hinaus. Sie werden hier alt werden und ſterben, oder man zwingt Sie, einen entlaſſenen Galcerenfträfling zu heirathen und mit ihm nach Afrika auszuwandern.“ 1 bleich zuckte ſichi 1 die E haben der anneh eine und walt drauu Aber Chev 6 chene di Ane desh es ſe zwin hong hält entg mei den ie Alte werden gen, er ck und Vor⸗ Ihnen Grin⸗ t hatte ſen iſt edenken, EChre.“ llauben telleicht mn vicht iede ge⸗ denn, ickſal konn?“ Jreunde Sie ſo Feinde s ver⸗ rwartet, Klage, en hier laſſenen ndemn — 213— Der ſtechende Blick des boshaften Weibes ruhte forſchend auf dem bleichen Geſicht des Mädchens, und ein trotziger, tückiſcher Zug um⸗ zuckte ihre Lippen, als ſie bemerkte, daß ihre Worte nicht den beab⸗ ſichtigten Eindruck gemacht hatten. „Das iſt Ihr Schickſal, wenn Sie auf Ehre und Unſchuld pochen, die Sie beim erſten Schritt über die Schwelle dieſes Hauſes verloren haben“, fuhr ſie fort.„Aber ich will Ihnen auch die andere Seite der Medaille zeigen. Wenn Sie die Hülfe des reichen, jungen Herrn annehmen, dann werden Sie Alles haben, was Ihr Herz begehrt, eine ſchöne Wohnung, Equipage, Diener in Livree, blitzenden Schmuck und die Toilette einer Herzogin.“ „Und wer bietet mir das?“ fragte Marie, ihre Entrüſtung ge⸗ waltſam bezwingend. „Ich ſagte Ihnen ſchon, daß Sie ihn kennen.“ „Nennen Sie mir ſeinen Namen.“ „Mein Schatz, das iſt ja immer noch früh genug, wenn Sie draußen in den Wagen ſteigen, in welchem er Sie abholen wird. Aber wenn Sie es wollen, ſo erfülle ich Ihren Wunſch, der Herr Chevalier von Chateaufleur wird mir deshalb nicht zürnen.“ Die Gluth des Zornes übergoß jetzt jäh das Antlitz des Mäd⸗ chens, die blitzenden Augen hefteten fich durchbohrend auf die Megäre, die dieſe Wirkung am wenigſten erwartet hatte. „So weiß ich doch, wer der Elende iſt, der mir dieſes ſchändliche Anerbieten zu machen wagt“, ſagte ſie mit erhobener Stimme.„Nur deshalb wollte ich ſeinen Namen erforſchen. Und Sie dachten wohl, es ſei leicht, ein armes Mädchen in Verſuchung zu führen, ſie zu zwingen, den Weg der Schande und Sünde zu betreten? Ihre Dro⸗ hungen prallen ab an meinem Gottvertrauen, und der Verſuchung hält die reine, wahre Liebe, die mein Herz erfüllt, den feſten Schild entgegen, den die Pfeile des Satans nicht durchdringen können. O, mein Gott, muß ich denn dieſe ſchändlichen Worte anhören? Gibt es denn kein Geſetz, welches mich berechtigt, Sdie—“ „Ruhig, ruhig, mein Täubchen“, kicherte die Alte boshaft,„ich will ja nur Ihr Beſtes, ich gebe Ihnen ja nur einen guten Rath, für den Hunderte mir Dank gewußt haben, die Anfangs ſich auch ſperrten und ſträubten, Sie werden ja auch zahm werden, mein ſchö⸗ nes Kind, kein Baum fällt auf den erſten Streich.“ „Fort von mir!“ rief Marie empört. —— — 214— He— he, wie das Fit llen ausſchlägt“, höhnte das Weib. „Nehmt Euch in Acht, daß nicht plötzlich ein Schlag Euch trifft, der Eurem Schandleben ein Ende machen könnte!“ ſagte eine Stimme hinter der Alten, die beſtürzt ſich umwandte.„Ihr habt dieſer Dame mehr geboten, als manſhliche Geduld ertragen kann, jetzt trete ich für ſie ein, hütet Euch.“ Die Alte muſterte das junge, ſchöne Mädchen in der reichen Toilette von Kopf bis zu Füßen, ein höhniſches Lächeln umſpielte ihre fahlen dünnen Grpen. „Mademoiſelle Mouſſon!“ ſagte ſie geringſchätzend.„Hat die Herrlichkeit endlich ein Lude genommen? Es iſt noch nicht lange her, daß ich Sie in glänzender Equipage in den elyſéeiſchen Feldern ſah, aber ſo geht's, wenn man zu übermüthig wird.“ Marie erinnerte ſich ſofort, daß das Mädchen!, welches damals Erneſt beſucht und ihm mit ſihrer Rache gedroht hatte, Jenny Mouſ⸗ 1 und dieſe Erinnerung war uicht geeignet, ihr Vertrauen einzuflößen, ſo ſehr ſie ſich auch ihrer Schickſalsgefährtin für die recht⸗ zeitige Hülfe verpflichtet fühlte. „Was kümmert das Euch?“ fragte Jenny trotzig.„Sorgt für Euch und kümmert Euch nicht um die Angelegenheiten Anderer. Und nun macht, daß Ihr fort kommt, Ihr hört ja, daß Eure Gegenware uns unangenehm iſt.“ „Sie wird Euch beiden noch einmal ſehr angenehm ſein,“ erwi⸗ derte die Alte boshaft, indem ſie ihnen den Rücken wandte,„wartet nur, Ihr werdet mich ſchon rufen.“ „Arules Kind!“ flüſterte Jenny theilnehmend, indem ſie ihren Arm in den ihrer Geſi ihrtin ſchob.„Was haben Sie von dieſer Me⸗ gäre hören und dulden müſſen!“ Marie nickte tief aufſeufzend, die vheünthhi⸗ des ſchönen Mäd⸗ chens that ihr dennoch wohl, ſie hatte ſolche Worte ſeit ihrer Ge⸗ fangenſchaft noch nicht vernommen. „Sie ſind mir bekannt, ohne daß Sie es wiſſen und ahnen“, fuhr Jenny fort,„Sie wohnten in der Rue Vincent und waren vordem Gouvernante in einem adeliagen Hauſe.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte Marie überraſcht. „Laſſen Sie das mein Geheimniß ſein, Sie hören, daß ich es weiß. Und was mich betrifft, ſo iſt es beſſer, Sie erfahren nicht, wer ich bin, und welche Vergangenheit hinter mir liegt, aber wie die — 215— Sie auch darüber denken mögen, ſeien Sie verſichert, daß ich Ihnen ein Herz voll Freundſchaft und Theilnahme entgeg 4 4 nbring ge. 49 „Und das iſt ein ſeltener Schatz in dieſem Hauſe“, erwiderte Marie freudig bewegt.„Wiſſen Sie auch, weshalb ich verhaftet 1 9 9 9 „Ja, und ein ſeltenes Zuſam mentreffen möchte ich es nennen, daß ich aus demſelben Grunde verhaftet wurde. Man beſchuldigt mich, ich habe preußiſchen Offizieren und Spionen meine Salons geöffnet, he Anklage, aber in Paris iſt ja jetzt Alles möglich.“ es iſt eine lächerl „Und wie ſieht es draußen aus?“ Salecht genug, wir haben geſtern eine kleine Schlacht verloren, die Preußen halten Paris umſchloſſen, unſere Verbindungen find — lich abgeſchnitten.“ Sr/** 4 F 44 „Die Stadt wird ſich ergeben. „Man denkt nicht daran! Wir haben ja Lebens nittel und Mu⸗ nition genug, ſo ſagt man, und der Pöbel würde Jeden niedermetzeln, te, von Kapitulation zu ſprechen. Mag es nun kommen, 7 0 p 7 8 wie es, im Grunde genommen unren wir mit unſerm Loos zufrieden ſein, wir werden hier wenigſtens nicht verhungern.“ 7 Jenny blickte bei d deſen Worten mit Grrem Lächeln auf den Lippen die Gefährtin an, die bedenklich das Haupt wiegte, wie wenn ſie er⸗ t nicht beipflichten. widern wolle, ſie könne dieſer Anſie „Man wird uns hier vergeſſen“, nahm Jenny nach einer Weile wieder das Wort,„aber was ſchadet das? Wenn der Friede geſchloſſen iſt, werden Freunde ſich unſrer erinnern und das Gefängnißthor uns öffnen.“ „Ja. Sie haben Freunde— „Und Sie auch! Und wenn Niemand draußen an Sie denkt, dann werde ich Sie nicht vergeſſen. Sehen Sie nur, mit welchen bos⸗ haften Blicken jene Geſchöpfe uns betrachten! Wer ſich hier von dem Troß abſondert und an den Gemeinheiten dieſer Verworfenen keinen Geſchmack findet, der muß es ſich gefallen laſſen, daß dieſe boshaften Zungen ihr ganzes Gift gegen ihn ausgießen. Aber was geht es uns an?“ „Wir ſind uns ſelbſt ja genug!“ „Gewiß, und von Jenen lernt man nichts Gutes. Wir werden eine Zelle für uns miethen und uns auf unſere Koſten ſpeiſen laſſen, damit wir mit ihnen nicht mehr in Berührung kommen.“ 74 — 216— „Aber dazu gehört Geld.“ „O, ich habe genug, und es iſt mir gelungen, im Augenblick meiner Verhaftung eine namhafte Summe einzuſtecken“, ſagte Jenny, nachdem ſie ſich ſcheu umgeſchaut hatte.„Wir werden mit dem Gelde ausreichen.“ „Und wie ſoll ich Ihnen danken für die Freundſchaft, die Sie mir beweiſen?“ erwiderte Marie, die ſich mehr und mehr zu dem lebhaften, heitern Mädchen hingezogen fühlte.„Sie kennen mich nicht, ſehen mich heute vielleicht zum erſten Male, und thun ſchon ſo viel für mich!“ „Weil Sie unglücklich ſind, meine Freundin!“ „Sind Sie es nicht auch?“ „Nicht in demſelben Maße. Hinter mir liegt ein bewegtes Leben, ich habe gelernt, mich in alle Verhältniſſe zu fügen, das Leben zu nehmen, wie es iſt, und geduldig alles Ungemach zu tragen. Ich weiß, daß nach jedem Sturme wieder Sonnenſchein folgt, und wenn der Sturm mich umtobt, ſo denke ich an den Sonnenſtrahl, der das finſtre Gewölk bald durchbrechen wird. Haben Sie noch nie geliebt?“ Jenny war ſtehen geblieben, ihre dunklen Augen ruhten forſchend auf der Freundin, die leicht das Haupt ſchüttelte. „Wirklich noch nie? 4 „Nein.“ „Ah, ich glaube, Sie ſind nicht ganz offenherzig“, ſagte Jenny und ein leiſer Vorwurf lag in dem Ton ihrer Stimme,„Sie wären ſchon ſo alt geworden, ohne geliebt zu haben? Warten Sie, man ſprach von einem jungen Handwerker, deſſen Manſarde neben der Ihrigen lag, hieß er nicht Lafleur?“ „Kennen Sie ihn?“ fragte Marie, und jetzt war es an Jenny, die Augen vor dem forſchenden Blick niederzuſchlagen. „Ich? Vielleicht, aber was thut das zur Sache? Man wollte behaupten, Sie ſeien mit ihm verlobt.“ „Das iſt ein Irrthum.“ „Sagen Sie die Wahrheit?“¹ „Es iſt nie ein Wort zwiſchen uns gefallen, welches von Liebe gehandelt hätte.“ Jenny athmete auf, als ob ihr eine ſchwere Laſt von der Seele genommen ſei. „Yher Sie lieben ihn dennoch?“ fragte ſie. Antl dari Wej Da rauhe Spr mein ſelt Gö Und dold mſer dier des wer blic enny, helde Sie dem iicht, viel eben, n zu weiß, nder nſtre Liebe Seele — 217— Eine leichte Röthe überzog die Wangen Mariens, ſie wandte das Antlitz ab. „Sprechen wir nicht davon“, ſagte ſie,„ich habe ſelbſt noch nicht darüber nachgedacht.“ „Seltſam“, erwiderte Jenny gedankenvoll,„aber wer kann das Weſen der Liebe und die Räthſel des Menſchenherzens ergründen? Da kommt unſer Schließer, was mag der Brummbär von uns wollen?“ Marie blickte auf, der Schließer kam auf ſie zu, er ſagte ihr in rauhem, barſchen Tone, eine Dame wünſche ſie zu ſehen, ſie warte im Sprechzimmer. „Eine Dame?“ fragte das Mädchen erſtaunt.„Wer ſollte ſich meiner erinnern—“ „Aber ſo gehen Sie doch!“ ſagte Jenny heiter.„Das iſt eine ſeltene Gunſt in Saint Lazare, ich vermuthe, daß Sie eine mächtige Gönnerin beſitzen.“ Marie drückte der Freundin die Hand und folgte dem Schließer, und als ſie durch den langen, engen Gang ſchritten, blieb der Trunken⸗ bold plötzlich ſtehen. „Ich muß einige Worte mit Ihnen ſprechen“, flüſterte er heiſer, „wenn Sie aus dem Sprechzimmer zurückkommen, erwarten Sie mich hier vor dieſer Thüre.“ „Es iſt gut“, entgegnete das Mädchen, über dieſe Geſprächigkeit des ſonſt ſo ſchweigſamen und mürriſchen Mannes überraſcht,„ich werde mich einfinden.“ Der Schließer nickte und öffnete bald darauf die Thüre des Sprech⸗ zimmers, der Blick Mariens fiel auf Madame von Chateaufleur, die in eleganter Toilette, mit einem Lächeln auf den Lippen das Mädchen empfing. „Endlich habe ich Sie gefunden!“ nahm die Dame das Wort, one den Schließer zu beachten, der, wie das Hausgeſetz dies vor⸗ ſchrieb, der Unterredung beiwohnte.„Damals glaubte ich feſt, Sie hätten Paris ohne Verzug verlaſſen.“ „Wie konnten Sie das glauben?“ erwiderte Marie, in deren Seele der alte Groll ſich wieder regte.„Sie wußten ja, daß ich nicht die Mittel beſaß, die Koſten der Reiſe zu beſtreiten, der Herr Bicomte wollte die Schuld nicht zahlen—“ „Sie dürfen ihm deshalb nicht zürnen“, fiel Cora ihr in's Wort, nin jenen Tagen der Aufregung iſt Manchem Unrecht geſchehen. Und —— — 218— Sie wiſſen ja auch, daß im Augenblick der Kriegserklärung alle For⸗ n Deutſcher an Franzoſen ungültig wurden, darauf ſtützte 77 derunge der Vicomte ſich. „Ein ſolches Geſetz iſt mir nicht bekannt.“ „Wie Sie ja überhaupt von den Erſetz ein Marie, im Gegen⸗ Aber Sie ſollen nichts an uns verlieren, theil, ich will Ihnen bew ziſan, daß ich die Dienfte zu ſchätzen weiß, die Sie uns geleiſtet haben.“ Weshalb hätte Marie dieſer Verſicherung nicht ſollen? Sie fand in dem ſchönen, heitern Antlitz d Zug, der ihr Mißtrauen einſlö zben konnte, und im 8 glü man ſich ja gern an jeden Strohhalm. „Es wird mir nicht ſchwer fallen, Ihnen die Freiheit zu ve fuhr Frau von Chateaufleur fort,„ich werde Sie als Gouve r Kinder reclamiren, und ich beſitze an maßgebender Stelle Ein⸗ meine fluß genng, um mit Sicherheit auf ein günſtiges Reſultat rechnen zu können.“ Madame, die Freih heit iſt mein einziger Wunſch“, ſagte Marie, 3 ihrer Freude hingebend. „Sie werden dieſen Wunſch vielleicht ſchon mo Aber was wollen Sie beginnen, wenn Sie wieder d „Ich werde in meine Manſarde zurückkehren und arbeiten.“ „Das dulde ich nicht. Sie werden in unſerm Hauſe wohnen. Sie haben Feinde, Marie, viele Feinde, vor dieſen Feinden muß ich n erfüllt ſehen. außen ſind?“ 3 Sie beſchützen. Niemand darf erfahren, wo Sie geblieben ſind, Sie müſſen ſpurlos verſchwunden ſein, in unſerm Hauſe werden Sie ein Aſyl finden, in welchem Niemand Sie ſucht. Wollen Sie mir das verſprechen?“ Ein ihr ſelbſt unerklärbares Mißtrauen hatte Marie beſchlichen, ſie konnte es nicht zurückdrängen, ſie mußte immer wieder der Eröff⸗ nungen gedenken, welche das alte Weib gemack hatte. Aber war es denn möglich, daß Frau von Chateaufleur die ſchänd⸗ lichen Pläne ihres Stiefſohnes kannte und bilsde⸗ Wollte ſie jetzt das unſchuldige Opfer dem: Wüſtling in die Arm werfen? Der Lebenswandel dieſer Dame, der dem Mädchen nicht ganz unbekannt war, gab freilich ſolchen Vermuthungen weiten Raum, aber Marie that ihr am Ende doch Unrecht, wenn ſie dieſer Freundin in der Noth mit Mißtrauen entgegen kam ſchänd⸗ — 219— h glaube nur einen Feind zu haben“, ſagte ſie, er würde dann mit mir unter demſelben Dache wohnen.“ „Der Vicomte?“ „Rein, der Chevalier.“ „Fürchten Sie wmnee⸗ „Er hat ſchon damals mich verfolgt und mir auch jetzt wieder Borſchläge machen laſſen, die mich tief empören.“ „Sie nehmen Alles gleich zu ernſt und zu ſcharf“ nund gerade gl„Der Chevalier iſt ein Jers aänter Menſch er n Sie verliebt hat, das kan Niemand Er wird glücklich ſein, wenn Sie ſeine giet ebe erwidern, ie ja in der ſtillen Einſamkeit unſres Hauſes 2 „Madame, iſt das Ihr Ernſt? 7 „Mein Himmel, Marie, wollen Sie nun auch mit mir einen Kampf beginnen?“ ſcherzte Frau von Chateaufleur.„Es li a ganz in Ihrem freien Belieben, was Sie thun und laſſen wollen, auf ie Liebe des Chevaliers könnten Sie ſtolz ſein.“ Nach dieſen Worten muß ich auf das Aſyl in Ihrem§ verzichten“, ſagte Marie entſchloſſen.„Ich würde dort Recht ha em Wüſtling die Thüre zu zeigen, wenn er nit & A olgt, ich wäre ſchutzlos ſeiner Willkür preis⸗ gegeben. ziehe ich vor, in meine Manſarde zurückzukehren, Medente „Aber Sie dürfen das nicht!“ rief Cora ärgerlich.„Wenn ich Sie befreie, will ich auch einen Dank dafür haben, Sie werden meine Kinder beauffichtigen und deren Unterricht beiten. wie Sie ſich übe haupt ganz meinen Anordnungen fügen müſſen. Der Chevalier winſcht ch das auch, und ich ſehe nicht ein, weshalb Sie diej en ſehr freundſchaf lichen Vorſchlag ablehnen wollen!“ „Meine Ehre gebietet es mir“, ſagte Marie noch immer in dem feſten, en ſöleſſenen Tone. „CEhre? Was iſt Ehre? Mit welchem Recht können Sie danen ſprechen? Wenn ein junges, ſchönes Mädchen in einem vornehmen Hauſe eine Stelle annimmt, ſo iſt es ſelbſtredend, daß ſie gegen die zungen Herren dieſes Hauſes nicht ſpröde ſein darf; auf Ihre Ehre D hein zu wirft das keinen Makel, wenn ſie nur nach Außen den Sch wahren verſteht. Aber weshalb ſage ich Ihnen das Alles? Sie müſſen doch einſehen, daß—“ „Nicht weiter, Madamte!“ unterbzach Marie ſie entrüſtet.„Mir b — — 220— wird jetzt Alles klar. Der Chevalier iſt wüthend über die Nieder⸗ lagen, die ich ihm bereitet habe, und von Ihren freundſchaftlichen Geſinnungen gegen mich habe ich ſo viele Beweiſe erhalten, daß es mich nicht befremden kann, wenn Sie ein beſonderes Vergnügen daran fänden, mich in Elend und Schande zu ſtürzen. Die Worte, die ich damals Ihnen ſagte, bevor ich Ihr Haus verließ, haben Sie gewiß noch nicht vergeſſen, nun glauben Sie eine Gelegenheit gefunden zu haben, Rache dafür zu nehmen. Ich verzichte auf Ihre Hülfe, Gott, deſſen Auge in jedes Herz ſieht, wird mich ſchützen.“ Frau von Chateaufleur war abwechſelnd roth und wieder blaß geworden, ſie zitterte vor Aufregung, und ihre krampfhaft zuckenden Lippen verriethen, daß es ihr unſägliche Mühe koſtete, ihre äußere Ruhe zu bewahren. „Mir ſcheint, daß Sie einen Vorwand ſuchen, um mich zu belei⸗ digen“, ſagte ſie, und ihre Stimme klang rauh und heiſer,„die An⸗ klage, die Sie wider mich erheben, finde ich lächerlich. Ich habe mich in Ihnen nicht getäuſcht, Mamſell, Sie ſind undankbar, und nicht allein das, Sie lieben auch die Maske der Scheinheiligkeit. Was zwiſchen Ihnen und dem Chevalier vorgefallen iſt, will ich hier nicht weiter erörtern. Sie werden es aber begreiflich finden, wenn ich dem Herrn Chevalier mehr Glauben ſchenke, wie Ihnen. Er hat mir viel Intereſſantes von Ihnen erzählt, man ſpricht ſchon in unſern Kreiſen darüber und findet es natürlich, das dieſer deutſche Tugendſpiegel unſer Haus ſo plötzlich verlaſſen hat, um dem öffentlichen Skandal vorzu⸗ beugen. Weiter habe ich auf Ihre Beſchuldigungen nichts zu ent⸗ gegnen, wenn Sie zur Einſicht kommen und meine Hülfe wünſchenswerth finden ſollten, dann werden Sie vorher mich um Verzeihung bitten müſſen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ Frau von Chateaufleur mit ſtolz erhobenem Haupte das Gemach und lange ruhte der ſtarre Blick Mariens auf der Thüre, hinter der ſie verſchwunden war. Ein Schrei der tiefſten Entrüſtung entrang ſich ihren bebenden Lippen, das war der Schmach zu viel geweſen. Der Schließer ſtand noch immer in ſeiner Ecke und hielt die glotzenden Augen unverwandt auf ſie gerichtet. „So ſind unſre vornehmen Damen“, ſagte er ſarkaſtiſch.„Sie trium⸗ phiren, wenn ſie ein armes Mädchen recht tief in den Koth treten können, aber wie tief ſie ſelbſt im Koth waten, davon wollen ſie nichts wiſſen.“ d dem ir viel Kreiſen lunſer vorzu⸗ zuu enl⸗ gverth bitten rufleur ſtarte ll. ebenden elt die ttium⸗ 7 unen, A, wiſſell.⸗ — 221— „Das ſchändliche Weib!“ ſchluchzte Marie.„Sie hätte vor Scham vor mir verſinken müſſen—“ „Parbleu, wenn man ſie angreift, muß man ſich vorſehen, oß man auch Waffen gegen ſie hat, ſonſt unterliegt man in dem Kampfe! Aber beeilen Sie ſich, Fräulein, meine Zeit iſt knapp gemeſſen, und ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen.“ Gleich einer Träumenden ging das Mädchen hinaus, dieſer Auf⸗ tritt hatte ihre Sinne betäubt und in ihrer Seele ſtürmte und tobte es gewaltig. Vor der Thüre, welche der Schließer ihr bezeichnet hatte, blieb ſie ſtehen, bald darauf wurde dieſe Thüre geöffnet, und der Schließer forderte ſie auf, einzutreten. Es war eine kleine, kahle Gefängnißzelle, in der nur eine hölzerne Bank ſtand, der Aufforderung des Schließers folgend, ließ ſie ſich auf dieſer Bank nieder. „Was ich Ihnen jetzt ſage, das muß ſtreng verſchwiegen bleiben“, nahm der Trunkenbold das Wort,„ein einziges unbedachtes Wort könnte uns beide in's Verderben ſtürzen. Sie haben viele Freunde, mein Fräulein, wie es ſcheint.“ „Freunde, auf deren Hülfe ich nicht gerechnet habe“, ſagte Marie, naber der Himmel ſchütze mich vor ſolchen Freunden, die, wie der Chevalier von Chateaufleur, für ihre Hülfe das Höchſte von mir verlangen! Wer gab Ihnen das Billet, welches ich vor einigen Tagen von Ihnen empfing?“ „Es iſt mir unmöglich, dieſe Frage zu beantworten, denn ich ſelbſt kenne den Herrn nicht. Er zeigt ſich mir nur in der Arbeiterblouſe, aber ſeine ariſtokratiſchen Hände haben mir gleich verrathen, daß er ein vornehmer Herr iſt.“ „Sie wiſſen auch nicht, wo er wohnt?“ „Nein, ich weiß nichts weiter, als daß er kein Opfer ſcheut, um Sie zu befreien. „Seltſam! Wie kann ich wiſſen, ob ich ihm vertrauen darf?“ „Vielleicht finden Sie hierin nähern Aufſchluß.“ Der Schließer überreichte dem Mädchen eine Karte, und beim erſten Blick auf die verſchlungenen Buchſtaben, die ſich auf dieſer Karte befanden, erkannte Marie, daß der Marquis dieſer geheimniß⸗ volle Freund war. Sie las auf der Rückſeite der Karte folgende Zeilen in deutſchet Sprache: ——— ——, — — 222— „Erinnern Sie ſich, daß Sie die Freundſchaft angetlontitten haben, welche ich Ihnen anbot, nun kann dr 3Smand Ihnen den erſten Beweis geben, daß er entſchloſſen iſt, ſein Wort aufrech halten Hören Sie, was man Ihnen ſagen ne ſeen Sie ver Aug und muthig. Mein Wagen wird S ſich mir ganz an, Sie vertrauen einem ch renmanne, der Jonen nicht als ein aufrichtiger, treuer Freund.“ ragte der Schließer nach einer Weile. Wie aus einem verworrenen Traume erwachend, ſtrich Marie mit der Hand über ihre Stirne. „Ich leſe hier nur, daß ich Ihnen vertrauen ſoll“, ſagte ſie, dem ck der großen, ſtarren Augen ausweichend,„und das will ich, mein Herr.“ „Ohne Vertrauen würde auch das Werk nicht gelingen“, erwider der Schließer.„Und nun hören Sie. Morgen Abend, wenn 16 die letzte Runde mache, geben Sie acht auf mich Ihnen ſchelte, wozu ich ja leicht einen iſt die Luft rein und Alles in Ordnung. Halter bereit, aber hüten Sie ſich wohl, daß d merkſam auf Sie werden. Mit dem Schla geräuſchlos die Thüre öffnen, ſo rge 1 Sie dam zu werden, hinauskommen : IA 5 npderel Gefangenen 11 die anderen Gefangenen auf lo 1 bemerkt , aber laſſen Sie mich warten, denn ich muß hinter Ihnen die Thüre wieder Ihnen einen Mantel umwerfen, damit die Verdacht ſchöpfen, eilen Sie an ihnen vorbei und nach mir um, ich folge Ihnen nicht. Hier, in ire offen ſein wird, finden Sie eine Uniform, ziehen an und ſchnüren Sie Ihre Hleidungsſtücke in ein Bündel zu⸗ unmen, dann eilen Sie über den Hof em Thore werden Sie mich noch einmal und Sie ſind frei.“ „Frei!“ wiederholte Marie unwillkürlich, die mit fieberhafter Spannung zugehört hatte. „Sind Sie draußen, ſo wenden Si die erſte Ecke rechts in die Rue du ieß gerader Richtung, bis dort erwarten Damit indeß kein J — 223— nnenuf antworten t. heae lun Das Mädchen war in Nachdenken verſunken. Das Alles klang h rüch Alhaft und geheimnißvoll, aber die Karte mit dem Zeichen des mußte ja alle Bedenken beſeitigen. w ur Muth und Geiſtesgegenwart, dann wird's ſchon gelingen“ ſagte der Schließer. Wenn hier die Poſten Sie anrufen, ſo antworten Sie nur:„Vive la Republique!“ Das genägt.“ „Und Sie?“ fragte Marie beſorgt. „Bah, ich werde ruhig abwarten, was aus der Geſchichte entſteht. Vielleicht bin ich der Erſte, der am andern Morgen Lärm macht, dann gedenke ich Ihnen noch eine nachträgliche Genngthuung zu bereiten. Ich werde das alte Weib, welches ſich Ihnen ſo unverſchämt auſ⸗ drängte, verdächtigen, ich werde ſie anklagen, ſie habe Ihnen die Mittel zur Flucht verſchafft. Scheinbeweiſe find d afür genng vorhanden, und wenn die alte Hexe erſt hinter Schloß und Riegel ſitzt, wird ſie ſo bald nicht wieder hinauskommen. „Aber wenn nun der Verdacht ſich auf Sie lenkt?“ „Nun, ich erwarte von Ihnen, daß Sie klug ſein werden. In Ihre frühere Wohnung dürfen Sie nicht zurückkehren, man wird Sie dort zuerſt ſuchen, und wenn man Sie fände, wären wir Beide ver⸗ loren. Habe ich aber keine Unklugheit von Ihrer Seite zu befürch ſo fürchte ich überhaupt nichts, und im ſchlimmſten Falle iſt ja für mich geſorgt.“ Marie hatte ſich erhoben, das Bewußtſein, dieſes düſtere, troſtloſe Haus bald verlaſſen zu können, verlieh ihr neuen Nuth und neue Kräfte und ließ ſie ſelbſt den unangenehmen Auftritt mit Frau von Chateaufleur vergeſſen. Daß ſie in ihre frühere Wohnung nicht zurückkehren durfte, leuch⸗ tete ihr ein, wurde ſie nach der Flucht wieder verhaftet, ſo konnte man ihr vorwerfen, ſie habe durch die Flucht ihre Schuld bewieſen, und das Urtheil ließ demgemäß nicht lange auf un warten. Zwar konnte ſie noch immer nicht ſo recht ſich mit dem Gedanken befreunden, daß ſie ſich ganz dem Marquis anvertrauen müſſ er hatte bei der Erſten Begegnung den Eindruck eines auf ſie gemacht, und dieſem erſten Eindruck wollte ſie Glauben ſcher Auch hoffte ſie, daß es ihr nicht ſchwer fallen werde, Erneſt von e, aber 1 n — —— ——᷑——ꝛ—ꝛ—ꝛ———C—C—jj 1 ,— — — 224— ihrer Befreiung zu benachrichtigen und ihn zu bitten, eine beſcheidene Wohnung für ſie zu miethen, der Marquis konnte ihr das ja nicht verweigern, und er mußte ſie ziehen laſſen, wenn ſie ſein Haus ver⸗ laſſen wollte. Die rauhe Stimme des Schließers weckte ſie aus ihrem Brüten. „Sie haben mich alſo ganz verſtanden?“ fragte er. „Ja.“ „Morgen Abend.“ „Ich weiß es und werde acht geben.“ „Gut, kehren Sie nun in den Hof zurück und ſchweigen Sie.“ Marie kam nicht dazu, über den Befreiungsplan ernſtlich nachzu⸗ denken, denn auf dem Hofe erwartete ſie Jenny, welche ſie ſofort mit Fragen beſtürmte, wer die Dame geweſen ſei, und welche Nach⸗ richt ſie gebracht habe. Marie fand keinen Grund, ihr die Wahrheit zu verſchweigen, und bei dem Namen des Chevaliers blitzte es zornig in den Augen ihrer neuen Freundin auf. „Er iſt ein Schurke“, ſagte ſie,„er hat auch mich verfolgt, und ich hatte meine Freude daran, ihn zum Narren zu halten. Aber warten Sie, wenn ich wieder draußen bin, werde ich ihm mit dürren Worten ſeine Erbärmlichkeit vorwerfen.“ Und nachdem ſie in dieſer Weiſe ihrem Grimme Luft gemacht hatte, plauderten ſie wieder in ihrer heiteren, ausgelaſſenen Weiſe, über ihre Pläne für die Zukunft, und Marie hörte ihr gerne zu, dieſes Geplauder gab auch ihren Gedanken eine andere Richtung und lenkte ſie von den Beſorgniſſen ab, welche die ernſte Gegenwart ihr einflößen mußte.) Dreizehntes Kapitel. Der Kampf mit der Unſchuld. Louiſon konnte für ihr Erſtaunen keine Worte finden, als ihr Vater ihr ankündigte, er habe ſich eines Andern beſonnen und wolle jetzt auf die Erfüllung der Bedingungen verzichten, die ſeine Tochter ſo ſehr empört hätten. Er fügte hinzu, ſie könne nun wieder frei im Hauſe ſchalten und walten, er wolle es ihr überlaſſen, ob ſie auf dem bisher betretenen e beſcheidene das ja nicht Haus ver tem Brüten. en Sie,“ lich nachzu⸗ e ſie ſofort velche Nach⸗ weigen, und Augen ihrer rfolgt, und ten. Aber dürren mit durren uft gemacht enen Weiſe, r gerne zl, ſichtung und genwen iht Wege weiter zu ſchreiten gedenke, das aber ſagte er ihr, wenn ſie ſich wirklich entſchließe, einem Bettler ihre Hand zu reichen, werde er ſie enterben. Louiſon war über dieſe Worte ganz überraſcht, aber ſie glaubte, den Schlüſſel zu dieſem Räthſel gefunden zu haben, als er im Laufe des Geſprächs äußerte, er habe ſich mit Herrn von Segur überworfen, die Forderungen dieſes Mannes ſeien doch auch ihm zu unverſchämt geweſen. Daß am Morgen dieſes Tages Erneſt vergeblich eine Unterredung mit ihr gefordert hatte, erfuhr ſie nicht, ſie dachte auch nicht darüber nach, weshalb er ſich ſo lange nicht ſehen ließ, ſie war ja jetzt frei und nun wollte ſie die erſte, günſtige Gelegenheit benutzen, um ſich über das Schickſal Paul's Gewißheit zu verſchaffen. Am Tage darauf ſchien Pierre Bandau in beſonders guter Laune zu ſein. Es war am Nachmittag dieſes Tages, den Victor von Segur zur Ausführung ſeines Schurkenſtreiches feſtgeſetzt hatte, deſſelben Tages, an welchem auch Marie ihre Freiheit erhalten ſollte. Louiſon war mit den Vorbereitungen zu einem ſehr einfachen Mittageſſen beſchäftigt, und der Geizhals ſtand neben ihr und ſah ihrem geſchäftigen Treiben zu.— „Spare, ſpare, ſpare“, krächzte der alte Mann mit heiſerer Stimme,„wer ſpart zur Zeit, der hat's in der Noth, und die Noth wird nicht lange auf ſich warten laſſen. Die Preiſe der Lebensmittel ſind ſchon fabelhaft geſtiegen, Butter, Eier und friſches Fleiſch können die armen Leute ſchon nicht mehr bezahlen, und die Reichen werden bald noch tiefer in den Geldbeutel greifen.“ Er rieb dabei vergnügt die Hände und kicherte für ſich hin. „Das haben ſie davon“, fuhr er fort,„ſie wollten es ja, weshalb haben ſie nicht den Waffenſtillſtand angenommen?“ „Iſt er ihnen angeboten worden?“ fragte Louiſon erſtaunt. „Natürlich, aber die Preußen wollten Straßburg, Toul und Ver⸗ dun haben, die Republikaner haben geſchworen, keinen Stein von unſern Feſtungen abzutreten. Die Narren! Straßburg iſt ſchon ein Trümmerhaufen und mit Metz ſieht es auch übel aus, Bazaine wird Feſtung und Armee übergeben! Na, meinetwegen, mir iſt es recht, wenn die Preußen Alles zuſammenſchießen und die Republikaner hier Schuhſohlen eſſen müſſen, ich ſcheere bei der Geſchichte mein Schäſchen und lache ſie Alle aus.“ . 15 ——— —ÿÿ — 226— Louiſon wandte das Antlitz ab, aber der alte Mann bemerkte mit ſeinem ſcharfen Blick doch den Zug der Entrüſtung, der über das hübſche Geſicht ſeines Kindes glitt. „Die Dummen und die Narren müſſen durch Schaden klug wer⸗ den“, ſagte er,„und der iſt ſelbſt ein Narr, der aus den Thorheiten der Menſchen nicht ſeinen Vortheil zieht. Weshalb haben ſie nicht Alle ſich verproviantirt? Was kommen würde, konnten ſie voraus⸗ ſehen, jetzt müſſen ſie für den Leichtſinn büßen.“ „Aber Du könnteſt Dich doch mit einem geringen Nutzen begnü⸗ gen“, warf das Mädchen ein. „He, dann wäre ich Schläge werth! Ich nehme, was ich nehmen kann, man muß die Gelegenheit benutzen.“ „Aber die Armen, welche die hohen Preiſe nicht zahlen können, werden verhungern.“ „Iſt das meine Schuld 5* „Du könnteſt ein gutes Werk thun, und den Unglücklichen helfen.“ Der Wucherer lachte boshaft und nahm mit großem Geräuſch eine Priſe, dann ſetzte er ſich an den Tiſch, um mit Heißhunger über die dünne Waſſerſuppe herzufallen, welche Louiſon aufgetiſcht hatte. „So? Alſo das wäre meine Pflicht?“ fragte er höhniſch, nach⸗ dem er ſeinen Teller ausgelöffelt hatte.„Soll ich nicht auch noch den Doctor und die Mediecin bezahlen, wenn Typhus, Blattern und Cholera hier hauſen?“ „Mein Gott, fürchtet man das auch?“ erwiderte Louiſon entſetzt. „Bah, in einer belagerten Stadt ſind die Epidemien die beſten Verbündeten der Belagerer“, fuhr Pierre Bandau achſelzuckend fort, „die Kinder und die Frauen, die Kranken und die Greiſe werden daran glauben müſſen. Aber was geht das uns an? Ich habe das Elend nicht verſchuldet, aber ich ſehe auch nicht ein, weshalb ich der barmherzige Samariter ſein ſoll. Die Vorräthe unten in meinen Gewölben haben mich enorme Summen gekoſtet, ich will das Kapital ſammt den Zinſen zurück haben. Wer mir die Zinſen zahlen muß, das iſt mir einerlei, die Hauptſchuldigen thun es natürlich nicht, ſie machen ſich bei Zeiten aus dem Staube. Die Herren der Regierung ſitzen in Tours hinter vollen Schüſſeln. Gambetta will auch abreiſen, na, es bleiben ja genug reiche Leute hier, die zahlen können.“ „Und die Armen?“ „Für ſie muß die Regierung ſorgen.“ 41¹ 27 „Aber wenn man erfährt, daß Du mit den Lebensmitteln Wucher treibſt—“ „Parbleu, dann habe ich es Dir zu verdanken!“ fuhr der Geiz⸗ hals zornig auf.„Du allein kannteſt das Geheimniß, Du haſt mein Vertrauen mißbraucht. Wer hat dem Proletarier die Vorräthe ver⸗ rathen? Du, Louiſon, Du wollteſt ihm eine Waffe gegen mich geben!“ Das Mädchen ſchlug verwirrt vor dem ſtechenden Blick die Augen nieder, die Anklage war begründet, ſie konnte ſie nicht zurückweiſen. Der Alte löffelte den Teller jetzt zum zweiten Male aus. „Er war vorhin wieder hier“, fuhr er fort, indem er in die Bruſt⸗ taſche ſeines ſchmutzigen und vielfach geflickten Rockes griff.„Er drohte mir wieder, aber ich fürchte ihn nicht mehr, wenn er mir unbequem wird, finde ich ſchon Mittel, ihn unſchädlich zu machen. Das kannſt Du ihm ſagen, in mein Haus kommt er nicht mehr, er ſo wenig, wie Segur, ich haſſe ſie Beide.“ Er warf die Karte auf den Tiſch, die der Wüſtling ihm gegeben hatte und erhob ſich, um, wie er dies in aufgeregter Stimmung ſtets zu thun pflegte, in dem Zimmer auf und nieder zu wandern. „Der Burſche ſcheint jetzt in der Modewaarenhandlung beſchäftigt zu ſein“, nahm er nach einer Pauſe wieder das Wort,„er gab mir die Karte, mit dem Bemerken, er erwarte Dich heute Abend dort, wenn Du nicht kämeſt, werde ihm das ein Beweis ſein, daß ich Dich noch immer gefangen halte und tyranniſire.“ Louiſon blickte nachdenklich auf die Karte, dann durchzuckte ſie plötzlich der Gedanke, daß ſie in dieſem Hauſe Paul wiederſehen werde und die Freude, welche dieſe Hoffnung in ihrem Herzen weckte, trieb ihr das Blut in die Wangen. „Wirſt Du mir erlauben, hinzugehen?“ fragte ſie. „Ich habe nichts dagegen“, erwiderte Pierre Bandau gelaſſen, „ſorge nur, daß Du rechtzeitig wieder zu Hauſe biſt, wenn ich um Mitternacht ausgehe, und Du biſt noch nicht hier, wirſt Du draußen übernachten müſſen.“ „Ich werde um neun Uhr zurück ſein.“ „Das erwarte ich, es ziemt ſich für ein junges Mädchen nicht, ſo ſpät noch auf der Straße zu ſein, zumal in jetziger Zeit, und ich würde Dir die Erlaubniß nicht geben, wenn mir nicht ſelbſt daran läge, dem Burſchen zu beweiſen, daß ich nicht der Haustyrann bin, für den er mich hält. Was nun Dein Verhältniß zu ihm betrifft, 15* 002 — 228— ſo vertraue ich auf Deinen geſunden Menſchenverſtand, Du mußt Dich doch zu gut halten, als daß Du Dich einem Bettler in die Arme werfen könnteſt!“ Louiſon ſchwieg, ſie war froh, daß ſie wenigſtens dieſe Erlaubniß erhalten hatte, über den andern Punkt wollte ſie mit dem Vater nicht ſtreiten, ſchon weil ſie fürchten mußte, daß ihn dieſer Streit ver⸗ anlaſſen könne, die Erlaubniß zurückzunehmen. Pierre Bandau ſchien übrigens eben ſo wenig geneigt zu ſein, dieſes Geſpräch fortzuſetzen, er zog ein Notizbuch aus der Taſche und blätterte darin, während er von Zeit zu Zeit einige Worte für ſich hinmurmelte. Inzwiſchen trug das Mädchen die Teller und Schüſſeln hinaus, um in der Küche ihr häusliches Geſchäft zu verrichten. Von den ſchwarzen, drohenden Wolken, die über ihr hingen, hatte ſie keine Ahnung, ſie ſah nur hellen Sonnenſchein, und es war ihr oft, als müſſe ſie laut aufjauchzen, um der Freude in ihrem Herzen Luft zu machen. Es war ja ganz unzweifelhaft, daß ſie Paul an dem bezeichneten Orte finden würde, und es ſchien ihr auch natürlich, daß ihr Vater nur aus Furcht vor den Drohungen Erneſt's ihr die Erlaubniß ge⸗ geben hatte. Als ſie in das Wohnzimmer zurückkehrte, war ihr Vater emſig beſchäftigt, eine Reihe von Zahlen zu addiren, und das Reſultat dieſer Beſchäftigung ſchien ihn außerordentlich zu befriedigen. „Fünfhundert Procent werde ich verdienen“, ſagte er, laut auf⸗ lachend.„Ah, Pierre Bandau iſt ein kluger Mann, er weiß den Augenblick zu benutzen.“ „Wird der Marquis dieſen Wucher billigen?“ fragte Louiſon ernſt. „Bah, was braucht er davon zu erfahren? Und wenn er es erführe, habe ich ihn nicht in der Hand? Wenn ich meine Gewölbe ſchließe und die geheimen Thüren zumauern laſſe, ſtehen die Verſchwo⸗ renen draußen auf der Straße. O, o, mich überliſtet Keiner, ich weiß, was ich thue.“ Louiſon trat an's Fenſter und blickte auf die Straße hinaus, dann und wann zog ein kleiner Trupp Nationalgarden vorüber, aber die frühere, begeiſterte Stimmung ſchien doch die Leute verlaſſen zu haben. Sie ſahen ernſt urd niedergeſchlagen aus, ſie hatten wohl nicht er⸗ wartet, daß die Einſchließung furchtbarer Ernſt werden könne. Sie ſprach mit dem Vater darüber, er warf einen Blick auf die Vater⸗ landsvertheidiger und lachte. „Ja, ja, die werden keinen Schuß abfeuern“, ſagte er,„es ſind die Nationalgarden aus dem Faubourg Saint Honoré und von der Chauſſee d'Antin, die reichen, vornehmen Herren gehen den preußiſchen Kugeln gern aus dem Wege.“ Dann fuhr er in ſeiner Arbeit fort, und nicht lange darauf nahm Louiſon Abſchied von ihm, um den Weg zum Hauſe der Modiſtin anzutreten. Er ſchärfte ihr noch einmal ein, bald heimzukehren, Louiſon trat auf die Straße hinaus. Wie ganz anders erſchien ihr Paris heute im Vergleich zu früheren Tagen! Seit etwa drei Wochen hatte ſie das väterliche Haus nicht mehr verlaſſen, und wenn ſie auch darauf vorbereitet war, daß ſie Manches anders finden werde, ſo wurde ſie doch überraſcht durch die vielen und auffallenden Veränderungen. Die eleganten Toiletten waren verſchwunden, Bauern, Soldaten und bewaffnete Bürger füllten die Boulevards, mehrere der glänzen⸗ den Café's und viele der ſchönſten Läden waren geſchloſſen, Mobil⸗ garden ſaßen mit ihren Dirnen in den Reſtaurants, in denen ſonſt die vornehme Welt zu ſpeiſen pflegte. Und dann dieſer wüſte, tolle Lärm an allen Orten, dieſes Schreien, Brüllen und Singen, welches die Sinne betäubte! Dieſe rieſenlangen Proclamationen an den S raßenecken, dieſe Lazarethfahnen und Neu⸗ tralitätsflaggen überall. Dieſe Zeltlager und Bivouaks auf den öffent⸗ lichen Plätzen, dieſes Waffengeklirre und Geſchwirre allenthalben! Oft riß ein toller Strom das Mädchen eine Strecke weit mit ſich fort, und wenn ſie dann endlich ſich aus dem Strudel befreit hatte und ſtehen blieb, um Athem zu ſchöpfen, ſah ſie ſich plötzlich von Mobilgarden umringt, und rohe, empörende Worte drangen in ihr Ohr. Dann eilte ſie entſetzt, ängſtlich weiter und das höhniſche Geläch⸗ ter der halb berauſchten Soldaten folgte ihr. Wie viel Armuth und Elend, wie viel Sünde und Schande mußte ſie ſchon jetzt ſehen! Hier ein armes Weib mit dem ſterbenden Säugling im Arm, die von Gruppe zu Gruppe ſchwankte und bettelte, dort einen Greis, Do D 8 ˙ er auf ſeinen Stock geſtützt, mit dem Hut in der Hand die Vorüber⸗ gehenden um ein Almoſen anſprach und dann wieder dort eine Schaar 230— frecher Frauenzimmer, die mit den Mobilgarden ſich über die Armuth luſtig machten! Man trug einige Verwundete vorbei, die draußen gekämpft hatten, und ihre Kameraden ſammelten für ſie milde Gaben, die ſehr reich⸗ lich floſſen, aber der ernſte Eindruck war ſchon im nächſten Augenblick wieder verwiſcht, man tanzte, ſang und lachte, als ob durchaus keine Gefahr zu erblicken ſei. An einer Straßenecke ſtand auf einem Stuhle eine große, hagere Geſtalt und predigte. Nobilgarden und Zuaven, liederliche Dirnen und Gamins umringten ihn und lachten über ſeine Ermahnung, Buße zu thun und ein anderes Leben zu beginnen. „Wie Sodom und Gomorrha untergegangen ſind in ihren Sün⸗ den, ſo wird auch dieſes Babel untergehen, denn es ſind nicht zehn Gerechte in ſeinen Mauern!“ rief der Prediger mit heiſerer Stimme in das tolle Gelächter hinein.„Feuer, Hunger und Krankheiten werden es verwüſten, und was übrig bleibt, wird das Schwert vernichten!“ Man laͤchte noch immer, aber ſchon ballten einige der Zuhörer drohend die Fäuſte. „Die Preußen ſind die Geißel, mit der Gott dieſ el züch l Gottes tigt“, fuhr der hagere Mann fort,„wer kann mit kämpfen! Thut Buße, betet auf Euren Knieen, Euch ſein möge, gelobt Beſſerung, und der Herr wird ein barmher⸗ ziger Richter ſein.“ „Der Schuft iſt ein preußiſcher Spion!“ ſchrie eine Stimme. „Hört Ihr nicht, daß er uns proteſtantiſch machen will?“ „Nieder mit ihm!“ ſchrieen Andere.„Werft den Spion in die Seine!“ Was nun folgte, darüber konnte Louiſon ſich auch ſpäter nicht mehr klar werden; ſie ſah nur einen Menſchenknäuel vor ſich, ſie ſah, wie der hagere Mann plötzlich verſchwand, wie Hunderte von Fäuſten und Waffen auf einen einzigen Punkt niederſielen, ſie hörte einen gellen⸗ den Schrei, der den Höllenlärm übertönte, und entſetzt eilte ſie weiter. Athtmlos kam ſie in dem Hauſe der Modiſtin an, eine corpulente Dame trat ihr entgegen und fragte in freundlichem und höflichem Tone nach ihrem Begehr. Louiſon zeigte ihr die Karte und erwiderte, ſie ſei gebeten worden, in dieſem Hauſe einen Freund zu⸗ erwarten, die Dame winkte uud forderte ſie auf, ihr zu folgen. trmuth hatten, veich⸗ genblick s keine hagere Dirnen Buße — 231— Bald befand Louiſon ſich in dem geheimen Kabinet, deſſen ele⸗ gante und verſchwenderiſche Ausſtattung ſie in hohem Grade über⸗ raſchte, die Dame hatte ſie verlaſſen mit dem Bemerken, ſobald der Erwartete komme, werde ſie ihn ihr zuführen, ſie möge ſich ſo lange gedulden und inzwiſchen ein Glas Wein trinken. Der Tiſch vor dem Divan war gedeckt, einige Weinflaſchen und Gläſer ſtanden neben den ſilbernen Couverts. Louiſon ließ ſich in einem Seſſel nieder, ein beengendes Gefühl hatte ſich ihrer bemächtigt, es war ein Gefühl der Angſt vor einer unbekannten Gefahr, eine dunkle, bange Ahnung, daß ſie dieſen Schritt bereuen werde. Die Dame trat wieder ein und ſtellte einige Schüſſeln auf den Tiſch, dann ſchenkte ſie dem Mädchen ein Glas Wein ein. „Greifen Sie zu“, ſagte ſie in gewinnendem Tone,„Ihr Freund hat mich beauftragt, Sie zu bewirthen.“ 4 Louiſon nahm mechaniſch das Glas, es war ein ſüßer, wohl⸗ ſchmeckender Wein, der flüſſiges Feuer in ihre Adern goß. „Ich ziehe doch vor zu warten, bis er kommt“, erwiderte ſie, aber die Dame drängte ſie in ſo liebenswürdiger Weiſe, daß Louiſon fürchten mußte, ſie zu beleidigen, wenn ſie der Einladung nicht Folge leiſtete. Und die Speiſen ſchmeckten ihr vortrefflich, im Hauſe ihres Vaters gab es nur Brod und dünne Waſſerſuppen, ſie hatte ſich oft nach einer ſolchen Mahlzeit geſehnt. Die Dame plauderte mit ihr und ſchenkte ihr immer wieder ein, ſie nöthigte das Mädchen, den ſüßen Wein zu trinken und ruhte nicht eher, bis eine Flaſche halb geleert war. Darüber war beinahe eine Stunde verſtrichen, die Dame ent⸗ fernte ſich jetzt mit dem Bemerken, der Freund werde ſich nun bald einfinden. Louiſon wäre am liebſten ihr gefolgt, ihre Angſt wuchs mit jeder Minute. Eine fieberhafte Gluth durchſtrömte ihren Körper, ihre Pulſe pochten ſtürmiſch, die Augen brannten ihr, und doch meinte ſie oft laut auflachen zu müſſen in ausgelaſſener Heiterkeit. Sie konnte dieſen Zuſtand nicht begreifen, aber es lag dennoch etwas Angenehmes, Berauſchendes in ihm. Seltſame Bilder zogen ihrem geiſtigen Auge vorüber, auf denen ——;—;;:—— — 232— oft ihr Blick mit Wohlgefallen ruhte, um im nächſten Momente ſich entſetzt von ihnen abzuwenden, es war ein ſtetes, fieberhaftes Schwan ken zwiſchen Heiterkeit und Angſt, ein ſüßes Träumen, aus dem ſie dann wieder jäh emporſchreckte. War es die Wirknng des Weines, oder der ſchwülen mit den feinſten Wohlgerüchen geſchwängerten Luft in dieſem Gemach, was ihre Sinne mehr und mehr betäubte? Sie konnte es nicht ergründen, und ſie fand auch für ihre Be⸗ fürchtungen und Ahnungen keine genügende Erklärung. Wer anders, als Erneſt oder Paul konnte ſie hierher beſtellt haben? Und wenn Paul ſie ſo lange warten ließ, ſo lag die Schuld gewiß nicht an ihm, vielleicht nahm ihn der Dienſt in der Nationalgarde ſo ſehr in Anſpruch, oder ein anderes Geſchäft hielt ihn ab, oder er wollte abſichtlich nicht früher kommen, weil er die Begegnung mit einem Mitgliede des Geheinbundos fürchtete. Cs war ja natürlich, daß er dieſe Begegnung vermeiden mußte. wenn man erfuhr, daß er dem Kerker entflohen war, begann ſofort wieder die Verf Mit dieſen Gedanke war ihr in der That ſche als ſie, aufſchauend, plötzlich! Der lüſterne Blick des Wüſtli liche Haltung erklärte ihr ſofort das ganze, ſie vergeblich den Schlüſſel geſucht hatte. Wie Schuppen fiel es ihr von den Augen, ſie wuſ ſie arglos in eine Falle gegangen war, die dieſer Schurke ihr ſo liſtig geſtellt hatte.. Sie wollte von ihrem Sitz aufſpringen, aber Herr von Segur ſaß ſchon neben ihr, und ſeine Hand drückte ſie auf das Polſter zurück. „Sie hatten mich hier nicht erwartet?“ fragte er.„Ah, das iſt für mich kein ſchmeichelhaftes Geſtändniß, Louiſon, aber ich hoffe den noch, daß wir als gute Freunde ſcheiden werden.“ „Ja, wenn Sie ſofort mich hinauslaſſen!“ ſagte Lo niſon mit wachſendem Zorn. „Mein ſchönes Kind, da wir nun einmal hier ſind, können wir auch einen Augenblick plaudern“, erwiderte der Wüſtling boshaft, in⸗ dem er die Gläſer füllte.„Wie ich ſehe, haben Sie ſchon geſpeiſt, das iſt mir lieb, ich hoffe, Sie hatten ſich über nichts zu beklagen?“ Ur olgung gegen ihn. anken ſuchte Louiſon ſich zu beruhigen, und es t gelungen, ihrer Angſt Herrin zu werden, Herrn von Segur vor ſich ſah. ſeine triumphirende, zuverſicht⸗ dunkle Näthſel, zu dem —, — — S — ßte jetzt, daß ließ nu „Nur darüber, mein Herr, daß Sie es waren, der mich bewirthen ließ“, verſetzte das Mädchen, zitternd vor Erregung.„O, wenn ich nur eine Ahnung davon gehabt hätte!“ „Dann wäre mir natürlich das Glück, hier ungeſtört mit Ihnen plaudern zu können, nicht zu Theil geworden.“ „Gewiß nicht.“ „Und doch erwarten Sie hier einen Freund! Einen Proletarier, der Ihre Schönheit nicht zu würdigen weiß.“ „Ich erwartete einen Freund, deſſen Ehre ich meine höchſten Güter anvertrauen darf.“ „Und der, ich wiederhole es, dieſe Güter nicht nach ihrem wahren Werthe zu ſchätzen weiß.“ „Mein Herr, ich darf dieſe ſchmachvollen Worte nicht anhören“, rief Louiſon, in deren Adern das Blut immer ſtürmiſcher wallte, „Sie werden mich augenblicklich hinauslaſſen!“ Der Wüſtling drehte an ſeinem Sühnutrönnt und lächelte, ſein glühender Blick ruhte voll Bewunderung auf dem Mädchen, welches ihm in dieſer leidenſchaftlichen Erregung noch ſchöner erſchien. „Sie regen ſich unnöthig auf“, ſagte er ironiſch.„Sie können nicht hinaus, ſo lange ich es nicht erlaube, und ſollten Sie ſich zu einem Hülferuf verſteigen wollen, ſo mache ich Sie darauf aufmerkſam, daß ein ſolcher Ruf ungehört verhallen würde.“ „Und was weiter?“ fragte Louiſon mit einem flammenden Blick auf das fahle verlebte Geſicht. „Ah, bah, plaudern wir, Louiſon, genießen wir den Augenblick. Ich ſagte Ihnen ja damals, wir würden uns an einem andern Orte wiederſehen, und dann müßten Sie mir Rede ſtehen, es war mir wirklich nicht ſchwer, dieſe Prophezeihung zu erfüllen. Was wollen Sie? Die vernünftigen Vorſchläge Ihres Vaters haben Sie zurückgewieſen, ich will Ihnen deshalb nicht zürnen, der alte Mann verſteht eben nicht, mit jungen Damen umzugehen, er hat Ihnen vielleicht in einer Weiſe Vernunft gepredigt, die Ihr Zart gefühl verletzte. Kommen Sie, Louiſon, trinken Sie, man lebt nur einmal, und wohl dem, der ſagen kann, daß er ſein Leben genoſſen habe!“ „Mein Vater hat Ihnen unſer Haus verboten, ah, wenn er wüßte, daß Sie—“ Das ſchallende Gelächter des Schurken nöthigte ſie, mitten im Satze abzubrechen. ——— 4 „Ihr Vater iſt ein ſchlauer Fuchs!“ rief Herr von Segur. „Haben Sie wirklich keine Ahnung davon, daß er mit Ihnen Komödis geſpielt haben könnte?“ „Das verſtehe ich nicht.“ „Parbleu, hat er nicht ſelbſt Ihnen die Karte gegeben, die er aus meinen Händen empfing?“ Das war ein Schlag, der das Mädchen unvorbereitet traf. Eines ſolchen Schurkenſtreichs hätte ſie ihren Vater nicht fähig gehalten, und doch konnte ſie nun nicht mehr. an ſeiner Mitſchuld zweifeln, die Machinationen der Beiden wurden ihr jetzt ſonnenklar. Aber ſie glaubte dennoch, ihn vertheidigen zu müſſen, ſie bezwang gewaltſam den Sturm, der in ihrem Innern tobte, ſie wollte die ganze volle Gewißheit haben. „Es iſt nicht ſchwer, einen Abweſenden zu verleumden“, ſagte ſie mit zitternder Stimme,„ich kann nicht glauben, daß mein Vater von dieſem ſchändlichen Plane gegen ſein eigenes Kind unterrichtet geweſen ſein ſoll.“ Herr von Segur zuckte die Achſeln unditrank ſein Glas haſtig aus. „Sie können das nicht glauben“, erwiderte er,„wohlan, ich will es Ihnen klar machen. Pierre Bandau hat eingeſehen, daß er auf dem Wege gütlicher Ueberredung Ihren Eigenſinn nicht beugen kann, aber er hält trotzdem an der Hoffnung feſt, daß er Ihren einſtigen vornehmen Freunden die goldenen Federn ausrupfen wird. Ich denke, das wird Ihnen verſtändlich ſein, Louiſon. Ihr Vater vertraut darauf, daß es meiner Ueberzeugungsgabe gelingen wird, Ihnen die Vortheile zu zeigen, die Schönheit und Jugend Ihnen bieten. Und weshalb ſollten Sie das nicht einſehen? Ich will nicht Alles wiederholen, was ich Ihnen bei unſrer erſten Zuſammenkunft ſagte, Sie haben jedenfalls über meine Worte nachgedacht und könnten längſt zu einem definitiven Entſchluß gekommen ſein. Denken Sie doch nur an die ſchmale Koſt im väterlichen Hauſe und vergleichen Sie damit die Genüſſe einer ſolchen Tafel! Was wünſchen Sie? Einen Diamant⸗ ſchmucke Eine prachtvolle ſeidene Robe mit Spitzenbeſatz? Sie brauchen nur einen Wunſch zu äußern, ſo werde ich mich beeilen, ihn zu erfüllen.“ Ein unſägliches Gefühl der Verachtung durchzog die Seele des Mädchens, und dieſe Verachtung traf nicht den Wüſtling allein, ſon⸗ dern auch den Mann, den ſie Vater nennen mußte. 2 7897 Segur. domödie die er Eines Das Haupt ſtolz erhoben, zum Aeußerſten entſchloſſen, ſtand ſie vor dem Edelmann, mit ihrem flammenden Blick ihn durchbohrend. „Sie ſind ein elender Schurke!“ ſagte ſie mit gehobener Stimme, aber mit welchen Waffen Sie auch kämpfen mögen, ich fechte dieſen Kampf mit Ihnen aus.“ „Sie würden unterliegen.“ „Gott wird mir beiſtehen 1 „Bah, Louiſon, das iſt eine abgedroſchene Redensart. Sei ver⸗ nünftig, Mädchen, ich liebe Dich, ich werde mich ruiniren für Dich, aber mein mußt Du werden.“ „Lieber den Tod, als dieſe Schmach!“ „Unſinn! Weshalb ſträubſt Du Dich ſo ſehr? Du kannſt den Sieg ja doch nicht gewinnen. Deine Freunde, wenn Du deren haſt, können Dich nicht ſchützen, Dein Vater hilft Dir nicht, Du ſtehſt zanz allein in dieſem Kampfe! Und dieſes Haus iſt auch bekannt, mein ſchönes Kind. Wer es hört, daß Du hier geweſen biſt, der glaubt an Deine Unſchuld nicht mehr. Alſo ſiehſt Du, daß der erſte Schritt ſchon geſchehen iſt, den Du nicht ungeſchehen machen kannſt, und deshalb rathe ich Dir noch einmal, ſei vernünftig.“ „Fkammende Gluth brannte auf den Wangen des Mädchens, ein convulſiviſches Zittern überlief ihren ganzen Körper. „Und das Alles wagen Sie mir zu ſagen?“ rief ſie, unfähig, länger ſich zu bemeiſtern. Alle dieſe Schändlichkeiten können Sie lachend enthüllen? Ah, weshalb ſollten Sie es nicht können? Sie haben ja keine Ehre, kein Schamgefühl, Ihr Gewiſſen iſt vertrocknet, und ſtatt des warmen Herzens haben Sie einen Stein in der Bruſt. Noch einmal befehle ich Ihnen, mich hinauszulaſſen, hören Sie, ich befehle es Ihnen!“ Wieder lachte der Wüſtling, er breitete die Arme nach dem ſchönen Mädchen aus, aber ſie ſtieß ihn vor die Bruſt, daß er zurücktaumelte. „Sieh, ſo liebe ich Dich nur noch glühender“, ſagte er,„ſo biſt Du wunderbar ſchön! Und jetzt ſoll ich das Täubchen aus dem Käfig entwiſchen laſſen? Wahrhaftig, man würde mich auslachen, wenn ich der Narr wäre!“ „Zurück!“ ſchrie Louiſon, der ſein glühender Blick Entſetzen ein⸗ flößte.„Rühren Sie mich nicht an!“ „Wenn eine Feſtung ſich nicht ergeben will, muß man ſie mit V —— Sturm nehmen“, ſpottete Segur, trunken von Wein und Sinnes⸗ rauſch. Wohlan, der Kampf beginnt, meine ſchöne Feindin, und ich glaube, daß ich ſiegen werde.“ Er trat auf das Mädchen zu und ſtreckte die Arme nach ihr aus, aber in demſelben Augenblick hatte Louiſon eine volle Weinflaſche ergriffen, und ein wuchtiger Schlag traf das Haupt des Wüſtlings, der taumelnd zurückprallte, mit beiden Händen nach dem Kopfe griff und dann bewußtlos zuſammenbrach. Wie gelähmt an allen Gliedern ſtand Louiſon vor ihm, den ſtarren Blick mit dem Ausdruck des Schreckens und Entſetzens auf ihn ge⸗ heftet, dieſe Wirkung hatte ſie von dem erſten Schlage doch nicht erwartet. Aber in der nächſten Minute raffte ſie ſich aus ihrer Betäubung empor, ſie athmete tief auf, ſtellte die Flaſche wieder auf den Tiſch und eilte zur Thüre. Sie war verſchloſſen, auch die zweite Thüre gab dem Druck nicht nach. Louiſon ſah ein, daß ſie um keinen Preis hier bleiben durfte, wenn der Wüſtling aus ſeiner Ohnmacht erwachte, durfte ſie von ſeiner Wuth und Rachſucht das Schlimmſte erwarten, und es war mehr als zweifelhaft, ob es ihr noch einmal gelingen werde, ſich vor ſeinem Angriff zu ſchützen. Sie klopfte, erſt leiſe, dann immer ſtürmiſcher und ungeduldiger, bis endlich die Dame erſchien und die Thür öffnete. Louiſon rannte an ihr vorbei, ohne ſie eines Blickes zu würdigen, ſie eilte gleich einem gehetzten Reh durch die Gänge, die Treppen hinunter und hielt dann erſt inne, als die Straße hinter ihr lag. Sie preßte die Hände auf ihren ſtürmiſch wogenden Buſen und blieb ſtehen, die Kehle war ihr wie zugeſchnürt und es währte eine geraume Weile, ehe ſie wieder voll und tief Athem holen konnte. Aber was nun? Durfte ſie nach Hauſe zurückkehren? Mußte ſie nicht erwarten, daß Segur ſie dort ſuchen werde? Und konnte ſie von ihrem Vater Schutz vor der Rache dieſes Mannes erwarten? Es war ein entſetzlicher Gedanke, daß ihr Vater fortan nur ihre Verachtung verdiente, aber ſo gerne ſie auch an ſeine Schuld hätte zweifeln mögen, konnte ſie es doch nicht. Segur hatte die Anklage gegen ihn zu klar und beſtimmt aus⸗ geſprochen, ſie mußte begründet ſein, er konnte ſie nicht aus der Luft gegriffen haben. η‿ſ War ſie jetzt nicht im elterlichen Hauſe neuen Machinationen ausgeſetzt? Nein, ſie durfte nicht dahin zurückkehren, und ſie befand ſich ja auch ſchon auf dem Wege zur Wohnung Erneſt's, bei dem ſie Rath und Hülfe ſuchen wollte. Er hatte ihr damals ein Aſyl angeboten, jetzt war der Zeitpunkt gekommen, in der ſie ſein Anerbieten annehmen mußte. Sie hatte das Haus in der Rue Vincent bald erreicht, ſie eilte die Treppe hinauf, in der freudigen Hoffnung, dort oben auch Paul zu finden, in deſſen Armen ſie raſch die überſtandene Gefahr ver⸗ geſſen konnte. Aber als ſie nun vor der Manſarde ſtand, welche Erneſt bewohnte, fand ſie die Thüre verſchloſſen, und auf ihr Pochen erhielt ſie keine Antwort. Dafür wurde eine Thüre hinter ihr geöffnet, und wenn auch das tückiſche Geſicht des alten Weibes, welches in der offenen Thüre ſtand, nicht einladend war, ſo trug Louiſon in ihrer Aufregung doch kein Bedenken, in das ſeltſam ausgeſtattete Gemach einzutreten. Die Alte zeigte auf einen Stuhl und ließ ſich in ihrem Seſſel nieder, der Rabe flog von der Brüſtung des Sopha's auf ihre Achſel und der graue Kater ſprang auf ihren Schooß. „Sie beſuchen Ihre Freunde ſehr ſpät“, begann ſie, nachdem das Midche n zu Athem gekommen war,„und es ſcheint, daß Sie nicht erwartet worden ſind.“ „Nein, man erwartet mich nicht“, entgegnete Louiſon raſch. „Denken Sie nicht ſchlecht von mir, Madame, es iſt ein beſonderer Zufall, der mich ſo ſpät hierher ſihe Iſt Herr Lafleur aus⸗ gegangen?“ „Sie ſind beide fort.“ „Beide? Herr Lafleur wohnt nicht mehr allein in dem Zimmer?“ Sind ſie ſchon eiferſüchtig?“ ſcherzte die Wahrſagerin.„Sein Zimmergenoſſe iſt kein junges Mädchen, ſondern ein junger Mann.“ „Ah— wiſſen Sie, wie er heißt?“ Der Alten mußte die Erregung des Mädchens auffallen, ihre ſtechenden Augen ruhten unverwandt auf dem bald erbleichenden, bald wieder aufglühenden Antlitz Louiſons. „„Damit kann ich nicht dienen“, ſagte ſie,„ich weiß nur, daß ſein Vorname Paul iſt.“ „Gott ſei gelobt!“ „Was haben Sie?“ „O, nichts, nichts“, ſagte Louiſon verwirrt,„ich werde nun Schutz und Hülfe finden.“ „Verfolgt man Sie?“ „Ja, Madame.“ „Wenn ich Ihnen rathen und helfen kann, ſo werden Sie mich gern dazu bereit finden.“ Louiſon blickte ſie ſcharf an, und ſo ſehr hatte das Weib ihre Züge in der Gewalt, daß das Möädchen jetzt nur Freundlichkeit, Theilnahme und Gutmüthigkeit in ihnen fand. „Wenn ich Ihnen mein Vertrauen ſchenken wollte, ſo müßte ich vorher von Ihrer Verſchwiegenheit überzeugt ſein“, ſagte ſie zurück⸗ haltend. „Mein Kind, alte Leute können ſchweigen“, erwiderte Madame Leroi ruhig,„meine Bruſt bewahrte manches Geheimniß, ich habe es längſt vergeſſen. Weshalb ſollten Sie einer alten Frau nicht ver⸗ trauen dürfen, die ſchon vor dem Grabe ſteht und nur noch über die Geheimniſſe des Jenſeits nachdenkt? Ich habe mit dem Leben abge⸗ ſchloſſen, und hege jetzt nur noch den Wunſch, dieſe ſündhafte Welt zu verlaſſen, in der ich nichts als Sorge und Arbeit gefunden habe.“ „Sie wiſſen nicht, wohin meine Freunde gegangen ſind?“ fragte Louiſon, die ſich ſo raſch nicht entſchließen konnte, der alten Frau ihr ganzes Vertrauen zu ſchenken. „Nein. Aber wohin geht man jetzt? Auf die Boulevards, um patriotiſche Phraſen zu drechſeln, in die Schenken, um dort auf die Preußen zu ſchimpfen.“ „Und wann werden ſie heimkommen?“ „Vor Mitternacht nicht. Wenn das Bataillon Nachtdienſt hat, kehren ſie erſt morgen Mittag heim.“ „Sie ſind beide in der Nationalgarde?“ 7Ja. „Und iſt der Dienſt anſtrengend?“ „Hm, ich weiß das nicht.“ „Hundert Sous für die arme Frau!“ krächzte der Rabe, deſſen glänzende Augen unverwandt das Mädchen anblickten. „Ruhig, Jacques“, ſagte Madame Leroi,„Du ſtörſt uns. Jeden⸗ falls iſt es ein gefahrvoller Dienſt, Mademoiſelle, man ſpricht ſchon davon, daß in den erſten Tagen ein großer Ausfall gemacht werden A S — 239— ſoll, dann wird Mancher in's Gras beißen müſſen, der heute noch nicht an ſein Ende denkt. Aber ſie wollten mir ja erzählen, was Sie hierher führt.“ Louiſon blickte auf, ihre Gedanken hatten ſich mit dem Bilde des Geliebten beſchäftigt. Weshalb ſollte ſie dieſer Frau nicht die Wahrheit berichten? Ihre Mittheilungen warfen ja keinen Flecken auf ihre eigene Ehre, ſie ſtellten nur diejenigen an den Pranger, welche dort zu ſtehen verdienten. Madame Leroi hörte ſehr aufmerkſam und mit wachſendem In⸗ tereſſe zu, durch einige Fragen, welche ſie geſchickt einwarf, erfuhr ſie Alles, was ſie zu wiſſen wünſchte, und das, was das Mädchen ver⸗ ſchwieg, konnte ſie mit ihrem in ſolchen Angelegenheiten erfahrenen Scharfſinn raſch und leicht errathen. „Bater Bandau iſt mir bekannt“, ſagte ſie gedankenvoll, als Louiſon ſchwieg,„wer ſollte ihn nicht kennen? O, er iſt ein ſchmutziger Patron, mein Fräulein, Niemand kann Sie um das Glück, dieſen Mann Ihren Vater nennen zu dürfen, beneiden. Neich ſoll er ſein, aber ſein Reichthum iſt auf unredliche Art erworben, der Fluch der Wittwen und Waiſen ruht auf ihm.“ „Ich habe darüber nie nachgedacht“, erwiderte Louiſon, leicht das Köpfchen ſchüttelnd, es ſtand mir ja nicht zu, über meinen Vater zu richten.“— „Nein, Sie haben Recht, aber jetzt nach dieſen Enthüllungen ſind die Bande gelöſt, die bisher Sie an ihn feſſelten.“ „Wir ſind arm, arme Leute!“ ſchrie der Rabe. Louiſon war erſchreckt zuſammengefahren, ihr Blick traf das Geſicht der alten Frau, ſie fand auch jetzt nur den Ausdruck inniger Theilnahme in ihm. „Nein, ich darf nicht dahin zurückkehren“, ſagte ſie, tief aufſeufzend. „Und er darf nicht erfahren, wo er Sie finden kann.“ „Wird das ihn nicht ſehr beunruhigen?“ „Wenn es ihn ängſtigt, ſo iſt das eine gerechte Strafe für die ſchwere Schuld, aber ich glaube, er wird ſich darüber hinwegſetzen und es dem andern Schurken überlaſſen, Sie zu ſuchen.“ „Und wenn dieſer mich fände—“ „Ja, dann dürfen Sie von der Rache eines ſolchen Menſchen Alles erwarten“, nickte Madame Leroi.„Ich bewundere Sie, Fräu⸗ ———— — 240— lein, nicht jedes Mädchen wäre ſo ſtandhaft und muthig geweſen! O, es gibt wenige Mädchen in Paris, die der Verſuchung widerſtehen können, der Glanz des Goldes blendet die Meiſten, ja, das Gold, das Gold, es übt einen gefährlichen Zauber. Nun ſind Sie hierher gekommen, um bei ihren Freunden Schutz zu ſuchen?“ „Was blieb mir Anderes übrig?“ „Nichts, es iſt wahr, und doch iſt auch das nicht der richtige Weg. Lafleur iſt ein armer Handwerker, und ich vermuthe, daß Sie auch keine gefüllte Börſe haben.“ „Ich habe nichts.“ „Sehr wohl. Lafleur müßte alſo eine Wohnung für Sie miethen und für Ihren Unterhalt ſorgen, wird er es können? O, der gute Junge wird Tag und Nacht arbeiten, um ſo viel zu verdienen, das heißt, wenn er Arbeit hat. Aber die Arbeit ſtockt auch, man gießt jetzt Kugeln und verfertigt Patronen, die Waffenſchmiede haben voll⸗ auf zu thun, die übrigen Handwerker feiern.“ Louiſon ließ das Köpfchen auf die Bruſt ſinken, es lag viel Wahres in dieſen Worten. „Herr Lafleur ſagte mir vor einigen Tagen, eine Manſarde ſei in dieſem Hauſe frei“, erwiderte ſie ſchüchtern.„Vielleicht könnte ich Arbeit finden—“ „Welche Arbeit?“ „Waſchen, nähen, ſtricken—“ „Mein liebes Kind, ich fürchte, Ihr zarter Körper iſt ſolcher Arbeit nicht gewachſen. Und die Manſarde iſt nun auch vermiethet. Wollen Sie mit Ihren Freunden die Wohnung theilen? Dann öffneten Sie der Verleumdung Thor und Thür, die boshaften Zungen der Nachbarſchaft würden ſich beeilen, Sie eine Griſette zu nennen, und wenn man nur einmal der Bosheit Stoff zu unnützem Gerede gegeben hat, dann iſt es mit der Ehre für immer vorbei. Glauben Sie einer erfahrenen Frau, Mademoiſelle, ich habe Vieles erlebt, und es war ſtets mein Beſtreben, die jungen Mädchen zu warnen, ihnen zu rathen und zu helfen.“ „Und was rathen Sie mir nun?“ „Erlauben Sie mir noch eine Frage. Weiß Bandau, daß Ihr Freund in dieſem Hauſe wohnt?“ „Unmöglich wäre das nicht.“ „Nun wohl, wird er Sie nicht hier ſuchen?“ ſolher ethet. Dann ungen ennen, Gerede lauben öt, und ihnen „ 8 5 2 5 — S S —+₰ Z 2 — — 2 = Sz er 3 2 = 8 G 5 2 — 5 2 5 2 — an 2 5 — — 2 3 A = 5 ₰½ H — 241— „Herr Lafleur würde mich ſchützen.“ „Mein Kind, wer kann mit der Bosheit kämpfen? Würde Segur nicht alle Hebel in Bewegung ſetzen, Sie dieſes Schutzes zu berauben? Sind Sie ſo klug und erfahren, daß Sie allen Fallſtricken entgehen können, welche dieſer Sühutle Ihnen legen wird? Und endlich, mein gutes, armes Kind, hat Ihr Vater nicht Gewalt über Sie? Wenn er den Polizeipräfekt erſuchk, Sie gewaltſam inddie väterliche Wohnung zurückbringen zu laſſen—“ „Das wird er nicht wagen!“ „O, dieſe Leute wagen und gewinnen immer! Sie drehen dem Geſetz eine Naſe und vernichten Ihre Feinde durch falſche Denuntia⸗ tionen. Und wer ſoll Sie ſchützen, wenn Ihre Freunde draußen auf den Wällen ſtehen? Wer ſoll Sie vertheidigen, wenn dieſe Freunde das Unglück haben, im Kampfe verwundet, oder getödtet zu werden? Kann ich es? Ich bin eine alte, ſchwache Frau, mich ſtreckt man mit einem Fauſtſchlage nieder.“ „So rathen Sie mir nicht, hier zu bleiben?“ fragte Louiſon beſtürzt. „Nein, mein Kind, in Ihrem eigenen Intereſſe darf ich es Ihnen nicht rathen“, erwiderte Madame Leroi, beſorgt das graue Haupt ſchüttelnd, während ſie mit der dürren Hand über den Pelz des ſchnur⸗ renden Katers ſtrich.„Sie ſind hier denſelben Gefahren ausgeſe etzt, die in dem Hauſe Ihres Vaters Sie bedrohen, und nicht das allein, Sie würden Ihren guten Ruf in den Staub treten und Ihren F Freun⸗ den eine ſchwere Laſt aufbürden. Ich mache Sie noch auf einen andern Punkt aufmerkſam. Wenn dieſe jungen Hitzköpfe erfahren, was Sie mir vorhin mitgetheilt haben, was, glauben Sie, wird dann geſchehen? Alle Leidenſchaften werden in ihnen ſich aufbäumen, Haß und Rach⸗ ſucht werden fie verleiten, dieſen Herrn von Segur aufzuſuchen, fie werden ihn ermorden, den Pöbel gegen den Wucherer hetzen—“ „Halten Sie ein!“ rief das Mädchen entſetzt.„Das ſind ſchreck⸗ liche Bilder, Madame, ich mag ſie nicht ſehen.“ „Es wird geſchehen“, fuhr die Alte, wie mit ſich ſelbſt redend, fort,„die Jugend hat heißes Blut in den Adern, ſie fragt nicht ängft⸗ lich nach den Folgen, wenn ſie im Aufwallen der Leidenſchaften eine unbeſonnene Handlung begeht.“ „Aber was ſoll ich thun?“ fragte Louiſon rathlos. „Wollen Sie meinem Rathe folgen? Verlaſſen Sie das Haus, ehe d Beiden zurückkehven, überlaſſen Sie es mir, die jungen Leute R. 16 —— —õ— —— Ich vorzubereiten, ihnen allmählig das Vorgefallene mitzutheilen. Ich werde keinen Mann nennen, um ſein Verbrechen zu verhüten, aber ich werde ihnen die Gründe auseinanderſetzen, welche Sie bewogen haben, auf ihren Beiſtand zu verzichten. Und wenn dies Alles ge⸗ ſchehen iſt und die erſten Stürme ſich beruhigt haben, dann dürfen Sie getroſt Ihre Freunde beſuchen.“ „Und wo bleibe ich?“ Die Alte warf den Kater von ihrem Schooß und erhob ſich, der Rabe flog auf das Sopha zurück und ſchlug krächzend mit den Flügeln. „Ihr Vertrauen ſoll glänzend belohnt werden“, ſagte ſie,„ich werde Ihnen ein Unterkommen verſchaffen, wo Sie vor allen Ver⸗ folgungen geſichert ſind. Wenn Sie arbeiten können und wollen, ſo wird meine Freundin Sie gern aufnehmen, ſie iſt eine alte Frau und ernährt ſich ſammt ihrer Tochter durch die fleißige Arbeit ihrer Hände. Freilich, es iſt keine elegante Wohnung, und das Eſſen wird auch manchmal knapp ausfallen, aber es iſt doch ein Aſyl, und ich glaube, Ihr Vater hat Sie auch nicht verwöhnt.“ „Ich bin mit Alllem zufrieden, wenn ich nur Schutz und eine freundliche Aufnahme finde.“ „Sie werden Beides finden, treue, theilnehmende Herzen, ſchlichte und einfache Naturen. Wollen Sie mich begleiten?“ „Ich bin bereit. Sie verſprechen mir alſo, die jungen Herren von Allem zu unterrichten?“ „Langſam, vor und nach.“ „Und wenn es geſchehen iſt, werden Sie mir Nachricht bringen?“ „Gewiß— ſofort!“ „Wohlan, dann bleibt mir nur noch übrig, Ihnen zu danken“, ſagte das Mädchen bewegt,„Ihnen und Gott, der mir in der Ge⸗ fahr eine ſo uneigennützige Freundin finden ließ.“ Die Alte nickte und löſchte das Licht aus, dann ſchritt ſie dem Mädchen voran durch den finſtren Gang und die ſteile Treppe hinunter. Sie verließen das Haus und durchwanderten ſchweigend mehrere Straßen, bis ſie die Rue de Marſeille erreichten. Hier trat Madame Leroi in ein Haus, welches große Aehnlichkeit hatte mit dem Hauſe, in welchem ſie ſelbſt wohnte, und nachdem ſie einige Treppen hinaufgeſtiegen waren, flüſterte das Weib dem Mäd⸗ chen zu, es moge hier einen Augenblick warten. Gourdin und ihre Tochter Juſtine vorbe⸗ ◻ do MPadam „Ich werde Madame el. ſchlchte Herren — 243— reiten“, ſagte ſie mit gedämpfter Stimme,„ſie verlangen dieſe Rück⸗ ſicht, und da iſt es gut, wenn man ſie beobachtet.“ Louiſon blieb allein zurück, ſie hörte aber eine Thür öffnen und ſchließen, dann unterbrach nichts mehr die Stille, welche ſie umgab, außer dem ſchmerzlichen Weinen eines kleinen Kindes, welches ſich nicht beruhigen laſſen wollte. Das Mädchen hatte auf dem Wege über die Worte der alten Frau ernſt nachgedacht, und es war ihr immer klarer geworden daß Madame Leroi ſich als eine uneigennützige und ſehr erfahrene Freundin benommen hatte. Sie bereute nicht, den Rath dieſer Frau befolgt zu haben, ſie fühlte ſich ihr zu Dank verpflichtet, es wäre wirklich unverantwortlich eweſen, wenn ſie ihren Freunden dieſe Laſt aufgebürdet hätte! Hier, bei dieſen Leuten konnte ſie arbeiten und ſelbſt ſich ihren Lohn ver⸗ dienen, und vielleicht ſah fie ſchon morgen ihren Geliebten wieder, über deſſen Geſchick ſie jetzt ganz beruhigt ſein durfte. So weit war ſie in ihrem Gedankengange gekommen, als ein lunges, kokett gekleidetes Mädchen mit einer brennenden Kerze in der Hand die Treppe herunterkam und ſich ihr als Mademoiſelle Juſtine Gourdin vorſtellte. Es lag etwas Freies, Herausforderndes in dem Auftreten dieſes Mädchens, was Louiſon im erſten Augenblicke unangenehm berührte, aber das freundliche, heitere Weſen Juſtinens, und die Lebhaftigkeit, mit der ſie Louiſon ihrer herzlichen Theilnahme und warmen Freund⸗ ſchaft verſicherte, verwiſchte dieſen Eindruck bald wieder. Sie folgte ihr die ſteile Treppe hinauf und trat bald darauf in eine geräumige Manſarde, deren freundliche Einrichtung Geſchmack und ſogar eine gewiſſe Wohlhabenheit verrieth. Madame Gourdin, welche das Mädchen mit großer Freundlichkeit empfing, war ein würdiges Seitenſtück zu der Wahrſagerin. Sie war zwar nicht ganz ſo häßlich und ſchmutzig, aber es lag och auch in ihrem Geſicht etwas Gemeines und Tückiſches, was dem Mädchen wohl zur Warnung hätte dienen können und unter andern Verhältniſſen Louiſon auch gewiß abgeſchreckt haben würde. Indeß in dieſem Augenblick merkte Louiſon nichts davon, ſie fand uch keine Zeit, den beiden alten Weibern ihre Aufmerkſamkeit zu benken, denn Juſtine zog ſie lebhaft plaudernd, in die Neben welche als Schlafgemach diente, und nahm ihr hier Hut und T 16 — 244— e zu richten und ſie immer und im⸗ um darauf zahlloſe Fragen an ſi ſie an ihr eine treue, aufopfernde mer wieder zu verſichern, daß Freundin finden ſolle. Endlich nahm Madame Leroi Abſchied. „Ich hoffe, Sie werden ſich hier ganz wohl fühlen“, ſagte ſie, indem ſie dem Mädchen die Hand reichte,„dieſe brave Frau hat mir verſprochen, wie eine Mutter für Sie ſorgen zu wollen.“ „Und ich werde Ihnen niemals vergeſſen, daß Sie in den Stun⸗ den der Noth ſo menſchenfreundlich mir geholfen haben“, erwiderte Louiſon, in deren Augen Thränen der Rührung ſchimmerten.„Wahr⸗ lich, dieſe Herzengüte und Menſchenliebe findet man ſelten.“ „Wir haben unſre Pflicht gethan“, fuhr die Wahrſagerin fort, „dafür dürfen wir keinen Dank erwarten und verlangen. Seien Sie vorſichtig, mein liebes Kind, verlaſſen Sie dieſes Haus nicht, in allen Straßen und Häuſern von Paris gibt es Spione, vergeſſen Sie nicht, daß Sie mächtige Feinde haben, die mit ihrem Golde Alles möglich machen können. Mit Ihren Freunden werde ich reden, ich bringe Ihnen Nachricht, verlaſſen Sie ſich ganz auf mich.“ „Ich hoffe, Sie bald wiederzuſehen.“ „Ja, ſobald als es möglich iſt, meine Theure. Wir müſſen die erſten Stürme austoben laſſen, meine Mittheilungen werden böſes Blut machen, aber ich will Alles aufbieten, um die entfeſſelten Leiden⸗ ſchaften in ihre Schranken zurückzudrängen. Was auch geſchehen mag, mein Kind, thun Sie nichts ohne unſern Rath, Sie müſſen uns Ihr ganzes und volles Vertrauen ſchenken, wenn wir Sie wirkſam ſchützen ſollen.“ „Vertrauen fordere ich auch unter allen Umſtänden“, fügte Madame Gourdin hinzu,„wir haben es übernommen, Ihnen zu helfen und ſuchen nun eine Ehre darin, unſer Verſprechen zu erfüllen.“ Die Wahrſagerin nickte und zog ihr verſchoſſenes Tuch feſt um ihre Schultern. „Meine Freundin will mich noch eine Strecke begleiten“, ſagte ſie,„Juftine, Sie haben wohl die Güte, ſich unſres Schützlings an⸗ zunehmen, und ihr die böſen Gedanken fern zu halten?“ „Mit vielem Vergnügen, Madame 44 „Gut, gut, gute Nacht, Kinder, auf baldiges Wiederſehen!“ Die beiden Weiber gingen hinaus, nachdem ſie eine kurze Strecke ſchweigend zurückgelegt hatten, traten Sie in die Schenke des Vater Tabaret, der ſie mit großer Höflichkeit empfing. 3 Eu dur gie ſie, jat mir Stun⸗ widerte ahr⸗ Ren die en böſes n Leden⸗ venn r ganze⸗ follen.“ Nadame fen und Er führte ſie in ſein eigenes Wohnzimmer, da die Schenkſtube mit Vagabunden und anderm Geſindel angefüllt war, und nachdem er ihnen eine Flaſche Branntwein gebracht hatte, ließ er ſie allein. „So, nun können wir alles beſprechen“, nahm Madame Gourdin das Wort, indem ſie einen forſchenden Blick auf die Thüre warf, „was iſt's mit dem Vögelchen?“ „Ich habe es Euch ja ſchon geſagt!“ „Alſo war das die Wahrheit?“ „Die volle Wahrheit.“ „Und wer war der feine Herr, der ſeine Sache ſo ungeſchickt anfing?“ „Das muß einſtweilen mein Geheimniß bleiben“, antwortete die Wahrſagerin.„Denkt nicht, ich wolle Euch kein Vertrauen ſchenken, ich weiß ja, daß man ſich auf Euch verlaſſen kann, aber Ihr wißt auch, daß viele Köche den Brei verderben.“ „Das heißt mit andern Worten—“ „Nichts weiter, als was ich Euch geſagt habe. Laßt mich zuerſt die Netze auswerfen, wenn es mir nicht gelingen ſollte, könnt Ihr Eure Kunſt verſuchen.“ „Und was herauskommt, wird ehrlich getheilt.“ „Das verſteht ſich. Ich werde verſuchen, ob man den Alten nicht zur Ader laſſen kann, der Geizhals hat Schätze aufgehäuft—“ „Bah, mit Pierre Bandau iſt nichts anzufangen.“ „Nennt keinen Namen“, ſagte Madame Leroi haſtig,„auch hier haben die Wände Ohren, und wir dürfen uns nicht in die Karten blicken laſſen. Wenn der Alte nicht herausrücken will, laſſen wir ihn fallen. Der Edelmann wird ja auch zu mir kommen, um mir Vor⸗ würfe zu machen, daß mein Liebestrank nichts genutzt habe.“ „Mit dem iſt auch nichts anzufangen!“ warf Madame Gourdin ein, die jetzt ihr Glas ſchon zum dritten Male ausgetrunken hatte. „Wenn man ſich mit einem ſolchen Eſel einläßt, hat man nur Aerger und Undank davon.“ „Na, diesmal werden wir für ihn handeln, aber vorher ſoll er zahlen, daß er ſchwarz wird.“ Die beiden Weiber kicherten vergnügt und ſteckten ihre langen ſpitzen Naſen in die Branntweingläſer.. „Ich habe auch noch manchen feinen Herrn in Reſerve“, ſagte Madame Gourdin,„unſer Goldoögelthetc ſoll ſie alle in's Garn locken.“ „Wird Juſtine nicht eiferſüchtig werden?“ — 246— „Ah bah, ſie hat ihre Freunde und Gönner, die es ihr an nichte fehlen laſſen.“ „Wo habt Ihr das Mädchen entdeckt?““ „In Lazare. Es war ein unſchuldiges Geſchöpf und wollte ſich lange nicht überreden laſſen, aber wenn ich einmal etwas in die Hand nehme, dann ſetze ich es auch durch.“ „Sie wird wohl klug und vorſichtig ſein.“ „So ſchlau wie Juſtine iſt ſelten eine.“ „Wenn ſie Louiſon nur nicht warnt!“ „Denkt nicht daran“, ſpottete Madame Gourdin,„im Gegentheil on wird ihre Freude daran finden, den Eigenſinn des Tugend⸗ Louiſ ſpiegels zu brechen.“ „Deſto beſſer, hütet Euch nur, irgend etwas zu verrathen. Wenn Louiſon Verdacht ſchöpft, läuft ſie Euch davon, ſie iſt muthig und raſch entſchloſſen, und ich mag nicht daran denken, was mir geſchehen würde, wenn ihre Freunde von unſern Plänen Kenntniß erhielten.“ „Dafür, daß dies nicht geſchehen kann, laßt mich ſorgen. Ich werde das Mädchen ſtill ihren Weg gehen laſſen, ſie ſoll nicht einmal ahnen, wie ſcharf ſie beobachtet und bewacht wird, ich werde ihr kein Wort ſagen, welches Mißtrauen wecken könnte. Wozu auch? ich habe keine Luſt, mich mit ihr zu zanken und die fahlen Phraſen anzuhören. In Lazare ſitzt jetzt auch ſolch ein Tugendſpiegel, noch dazu eine Deutſche, die lieber verhungern, als in Sammt und Seide gehen will.“ Madame Leroi blickte auf, ihre ſtechenden Augen waren forſchend auf das Antlitz der Genoſſin gerichtet. „Eine Deutſche?“ fragte ſie boshaft.„Heißt ſie nicht Marie? Marie Reimann?“ „Ah, Ihr kennt ſie auch?“ „Natürlich, ich habe ihr ja das Unterkommen in Lazare verſchafft, und was das Beſte iſt, die Freunde Louiſons ſind auch die Freunde dieſer Gefangenen. Wer hat Euch den Auftrag gegeben, die blonde Deutſche in Verſuchung zu führen?“ „Eine Dame.“ „Wirklich? Hm, ob der Marauis ſich denn gar nicht um ſie be⸗ kümmert?“. „Was ſagt Ihr da?“ „Nichts. Alſo Fräulein Marie widerſteht auch?“ „Sie hat mir ſo viele Grobheiten geſagt, daß ich jetzt die Luft — 247— verloren habe, noch einmal mit ihr anzubinden. Na, ich denke, ſie wird mit der Zeit doch zahm werden. Aber ich will Euch offen geſtehen, es beunruhigt mich, daß die Freunde ſo nahe bei Euch wohnen.“ „Sie werden nichts erfahren.“ „Wer weiß! der Teufel miſcht die Karten manchmal ſonderbar. Es iſt ſchon nicht gut, daß Louiſon weiß, wohin ſie flüchten kann, wenn es ihr bei mir nicht mehr gefällt. Und ſollte Marie frei werden, dann ſucht auch ſie bei ihnen Schutz und Hülfe.“ Die Wahrſagerin nickte gedankenvoll und ſtierte lange in ihr Glas. „Ihr meint, es ſei beſſer, wenn die Burſchen auszögen?“ fragte ſie. „Gewiß.“ „Sie werden das nicht wollen.“ „Man muß ſie dazu zwingen.“ „Durch welche Mittel?“ „Darüber nachzudenken, will ich Euch überlaſſen. Man könnte den Hausherrn gegen ſie aufhetzen, ſie des Einverſtändniſſes mit der preu⸗ ßiſchen Spionin beſchuldigen, lieber Himmel, es gibt da ſo viele Mittel und Wege, man muß ſie nur zu benutzen wiſſen. Sind die Burſchen aus dem Hauſe, dann haben wir keine Gefahr mehr, flieht das Mädchen dann, ſo läuft ſie Euch wieder in die Hände.“ „Ja, ja, Ihr habt Recht“, erwiderte die Wahrſagerin, aus ihrem Brüten erwachend,„Vorſicht iſt immer beſſer, als Nachſicht, ich werde mir die Sache überlegen.“ „Und zwar raſch muß es geſchehen, wir haben dann freie Hand.“ Wieder kicherten die Alten, dann goß Madame Gourdin den Reſt aus der Flaſche in ihr Glas. „Wir wollen das Schäfchen gründlich ſcheeren“, höhnte ſie,„wenn ſie nachher nicht Vernunft annehmen will und der Lärm uns unbequem wird, werfen wir ſie auf die Straße. Aber die Vernunft wird ſchon kommen.“ „Und wenn uns Gefahr droht, dann habe ich noch ein Mittel, das Mädchen für die Ewigkeit einſchlafen zu laſſen“, erwiderte Madame Leroi, die von ihrem Sitze aufgeſtanden war.„Uebereilen wir nichts, wir haben Zeit genug.“ Damit verabſchiedete ſie ſich von ihrer Freundin, die bald darauf auch die Schenke verließ, um in ihre Wohnung zurückzulehren. — 248— Vierzehntes Kapitel. Die Flucht aus dem Kerker. In den geheimen Gewölben Pierre Bandau's waren an dieſem Abend die Verſchworenen zahlreich verſammelt. Man ſah nur Uniformen der Nationalgarde, und es waren meiſt entſchloſſene, verwegene Geſichter. Der Marquis in ſeinem eng anliegenden, ſchwarzen Anzuge ſtand unter ihnen, und ſie lauſchten mit geſpannter Aufmerkſamkeit ſeinen Worten⸗ „Wir wollen keinen ſchmachvollen Frieden“, ſagte er,„wir wollen keine Regierung, die mit dem Feinde unterhandelt. Ich weiß aus will die Feſtung übergeben und die Regierung der Republik thut nichts dieſen Verrath zu verhindern. Blickt auf Lyon, dort hat man die fociale Republik proclamirt, ſoll Paris, das ſtets an der Spitze der Revolution marſchirte, hinter Lyon zurückbleiben? Wir müſſen die Commune haben, Paris muß ſeine Regierung wählen, ſo lange wir nicht die rothe Fahne aufpflanzen, haben wir keine Republik.“ „Sehr wahr!“ rief eine Stimme. „Nieder mit den Pfaffen und den kaiſerlichen Mamelucken!“ riefen Andere. „Nieder vor allen Dingen mit denen, welche ſich vom Schweiße des Volkes gemäſtet haben“, ſuhr der Marquis fort.„Die Bataillone von Belleville, Menilmontant, Montmartre und Clignancourt müſſen gegen das Hötel de Ville marſchiren und eine neue Regierung ein ſetzen. Nur die Commune kann die Deutſchen über die Grenzen zurückwerfen, von ihr hängt die Rettung, die Zukunft des Landes ab.“ Die Anweſenden riefen Beifall. „Und Ihr habt brave Kommandanten, Ihr habt treue Freunde unter den Journaliſten. Ledrus⸗Rollin, Felix Pyat, Blanquet, Victor Huge, ſie alle unterſtützen Euch, denn Eure Forderung iſt gerecht. Flourens, Sapia, de Magy und de Vallès werden mit ihren Ba⸗ taillonen marſchiren, ſchließt Euch ihnen an, ſetzt dieſe„Regierung ab wählt eine andere, die ein Herz für das Volk und mehr Muth und, Energie hat.“ „Parbleu, das allein kann uns retten!“ rief ein Bataillonskom⸗ mandant.„Ich bürge für mein Bataillon!“ „Wir auch!“ ſchrieen die Andern. A — 249— „Gut“, ſagte der Marquis,„laßt es nur nicht bei Worten allein bewenden, Frankreich kann nur durch Thaten gerettet werden. Wenn Ihr Eure Aufgabe gelöſt habt, dann wird draußen der Sturm los⸗ brechen, gebt acht, was geſchieht. Es wird in Verſailles ein Blutbad N dun geben, welches Europa in Angſt und Schrecken ſetzen ſoll, aber dann 8 wird der Name der ſranzöſiſchen Republik ſür alle Zeiten mit Flam⸗ zſ menſchrift in der Geſchichte ſtrahlen, Frankreich wird den Völkern ndunte und Fürſten zeigen, was ein freies Volk vermag.“ Porten„Es lebe Frankreich!“ wolen„Es lebe die Republik!“ iß aur„Es lebe die Commune!“ lt, er Ein Gebrüll des Beifalls hatte ſich erhoben, über das Geſicht des Marquis glitt ein Lächeln der Befriedigung. „Muth!“ ſagte er,„wir müſſen ſiegen. Mit dieſer Regierung iſt nichts anzufangen, von den Männern der Phraſe dürfen wir kein Heil erwarten. Wer hat ſie an die Spitze geſtellt? Niemand! Die Arbeiter von Paris bedeuten Frankreich, fie allein haben das Recht, die Regierung zu wählen. Wählt Gambetta, er iſt ein entſchloſſener Mann, aber—“ u wiſer„Rochefort!“ warf eine Stimme ein. „Was ſoll uns der Feigling?“ fuhr der Marquis verächtlich fort „Auch er iſt nur ein Phraſenheld, fort mit ihm. Es gibt andere Männer in Paris, die würdiger ſind, die Zügel der Regierung zu führen, dieſe müſſen gewählt werden. Und nun genug, ſagt Euren Bataillonen daſſelbe, was ich Euch geſagt habe, fragt ſie, weshalb man ihnen die Waffen verweigert, und ſie werden ſchäumen vor Wuth. Die unzuverläſſigen Leute ſchickt nach Hauſe, marſchirt nur mit denen, auf die Ihr Euch verlaſſen könnt. Ich werde Euch ſagen, wann es Zeit iſt, haltet Euch bereit, wir müſſen raſch handeln, ehe Straßburg greunde gictr und Metz gefallen ſind. Geht, die Verſammlung iſt aufgelöſt.“ t nag Unter dem Geſang der Marſeillaiſe zogen die Verſchworenen durch 2 Ba⸗ die geheime Thür ah; der Marquis wartete, bis der letzte verſchwunden 3 1 war, dann trat er in ſein Kabinet, wo er heftig an der Glockenſchnur zog 4„ Wenige Minuten ſpäter trat Pierre Bandau ein, dem ſcharfen Blick uih! des Marquis entging es nicht, daß der alte Mann ſich in ungewöhn⸗ ulsbm⸗ licher Aufregung befand.. lont„Wo iſt Herr von Segur?“ fragte er.„Ich habe ihn ſeit einigen Tagen nicht geſehen, heute Abend ſollte er hier ſein.“ — 250— Der Wucherer verſuchte ſich den Anſchein der Gleichgültigkeit zu geben, aber es gelang ihm doch ſo recht nicht. „Ich weiß es nicht“, ſagte er,„auch ich habe ihn nicht geſehen.“ „Sie wiſſen es!“ „Nein, nein, ich glaubte, er ſei hier.“ „Segur fängt an, mir Mißtrauen einzuflößen“, ſagte der Marquis mit ſcharfer Betonung,„er mag ſich hüten, ich würde vergeſſen, daß er mein Freund geweſen iſt. Mir iſt überhaupt in der letzten Zeit Manches ſeltſam erſchienen, ich habe die Flucht des Verurtheilten noch nicht vergeſſen, Pierre Bandau!“ Der Geizhals ſchlug die Augen nieder, er konnte den glühenden Blick, der ihn ſo durchbohrend traf, nicht ertragen. „Iſt Jean hier?“ fragte der Edelmann nach einer Pauſe. „Beide, er und Pierre.“ „Jean ſoll eintreten.“ Bald darauf ſtand der Diener dem Marquis geg „Nun?“ fragte der Letztere,„was gibt's Neues?“ „Madame iſt wüthend.“ „Worüber 20 „Ich weiß es nicht. Sie kam geſtern von einer Spazierfahrt in furchtbarer Aufregung heim, das alte Weib fand ſich ſpäter auch ein, aber es gelang mir nicht, diesmal die ganze Unterredung zu belauſchen.“ „Du haſt gar nichts gehört?“ „Doch. Madame muß in Saint Lazare geweſen ſein, und es ſcheint, daß ſie das Spiel bereits verloren haben. Der Chevalier iſt auch verſtimmt, man hat Jenny Mouſſon verhaftet, und das Alles ſchreibt man dem Marquis zu, dem man blutige Rache geſchworen hat.“ „Haſt Du erfahren, wie das alte Weib heißt?“ „Madame Gourdin, Rue de Marſeille.“ „Haſt Du ſonſt noch etwas zu berichten?“ „Nein.“ „Gut, Du kannſt gehen.“ Jean hatte ſich kaum entfernt, als Pierre eintrat, auch an ihn richtete der Marquis die Frage, ob er ihm Nachricht bringe. „Es ſind ſchlechte Nachrichten“, ſagte Pierre mißmuthig,„die Hunde, von Verſailles treffen nicht ein, es kommen von draußen keine Nach⸗ richten mehr herein.“ „Ich habe bereits andere Vorkehrungen getroffen, wir werden über. — 251— binnen einigen Tagen Nachrichten erhalten. Du ſollteſt die beiden Arbeiter beobachten.“ „Ich habe es gethan, ſie ſind gute Patrioten und fleißige, nuch terne Leute, aber ich fürchte, ſie ſtehen mit den Agenten Napoleo in Verbindung.“ „Beweiſe!“ rief der Marauis zornig.„Eine Anklage ohne Be⸗ weiſe hat keine Gültigkeit.“ „Hm, ich kann mich irren, aber ich ſah geſtern Abend einen Mann in das Haus gehen, der früher geheimer Polizeiagent war, und den⸗ ſelben Mann fand ich ſpäter wieder auf dem Boulevard Montmart 3 wo er ſich mit den beiden Arbeitern unterhielt.“ „Haſt Du noch nichts Näheres über dieſe Verſchwörung erfahren?“ „Nein, Alles was ich weiß, beſchränkt ſich darauf, d daß die Bur⸗ ſchen ihre Zuſammenknſte in den Katakomben halten, und auch dies iſt nur Vermuthung.“ „Und wie iſt die Stimmung in der Nationalgarde?“ „Getheilt. Viele Bataillone ſchwärmen für Trochu und Gambetta andere wollen den Umſturz, und die meiſten Kommandanten hofſe dabei im Trüben fiſchen zu können.“ „Alſo darauf iſt es abgeſehen?“ ſagte der Marquis nachdenklich „Aber das kann mich ja nicht überraſchen, die Kanaille verleugnet ſich nie.“ „Die beſitzende Klaſſe will den Frieden, ſelbſt wenn er mit den ſchwerſten Opfern erkauft werden müßte.“ „Ich will ihn auch, alle Gutgeſinnten wünſchen ihn. Aber es iſt nun zu ſpät, er hätte nach Sedan abgeſchloſſen werden müſſen. Jetzt iſt es unſre erſte Plicht, die Republik vor Berrath zu ſichern, Thiers ſoll die Krone Frankreichs nicht wieder verſchachern, es mü iſſen Schritte geſchehen, die einen vollſtändigen Bruch mit dieſer Partei herbeiführen und die Rückkehr der Despoten unmöglich machen.— Sie werd en geſchehen, alle Vorbereitungen ſind getroffen. Du wirſt fortfahren, zu beobachten und zu forſchen, richte Dein ganzes Augenmerk auf die Entdeckung der napoleoniſchen Verſchwörung, mit dieſen Burſchen müſſen wir den Anfang machen.“ Er warf einen Blick auf die Uhr und winkte dem Manne, daß er ſich entfernen möge, einige Minuten ſpäter verließ auch er das 4 Haus. Als er den Garten durchſchritt, um durch die geheime Pforte ſich zu entfernen, ſah er ſich plötzlich einer dunklen Geſtalt gegenüber, in der er ſofort Herrn von Segur erkannte. Er blieb ſtehen, und ſeine Stimme klang ſcharf und zornig, als er ihn fragte, weshalb er ſo ſpät komme. „Spät?“ erwiderte Segur verwirrt.„Es iſt erſt zehn Uhr—“ „Und Du wußteſt doch, daß punkt neun Uhr die Offiziere der Nationalgarde ſich einfinden ſollten.“ „Ah, ich hatte Abhaltung.“ „Und wie mir ſcheint, biſt Du ſehr aufgeregt. Ich ſehe Blur auf Deiner Stirn, wo warſt Du, was iſt Dir begegnet?“ „Nichts von Bedeutung. Ein kleines, galantes Abenteuer—“ „Welches wohl nicht ſo ausfiel, wie Du es wünſchteſt?“ „Parbleu, nein!“ verſuchte Segur zu ſcherzen.„Das Kätzchen zeigte ſeine Krallen, aber Geduld, ich werde ſie beſchneiden.“ Das letzte Woxt war noch nicht über ſeine Lippen, als ſchon die Fauſt des Marquis mit eiſernem Griff den Arm des Wuüſfings umſpannt hielt „Und wer war dieſes Kätzchen?“ fragte „Bah, was kümmert das Dich?“ „Erlaube, ich will es wiſſen.“ „Du? Haſt Du ein Recht, mir zu befehlen? Und wenn Du dieſe Recht Dir anmaßeſt, bin ich verpflichtet, zu gehorchen?“ „Victor, Du verſuchſt vergeblich, die Ketten zu zerreißen, die Dich an mich feſſeln“, ſagte der Marquis warnend.„Du weißt, ich dulde leinen Widerſpruch, ſelbſt nicht von dem Freunde, von dem ich vor allen Dingen Aufrichtigkeit verlange. Wer war das Mädchen, welches ſeine Unſchuld ſo tapfer vertheidigte?“ Segur knirſchte mit den Zähnen, die Wuth, die er mühſam zurück⸗ gedrängt hatte, um den Freund zu täuſchen, loderte wieder auf und brach ſich gewaltſam eine Bahn. „Frau von Chateaufleur war es nicht“, erwiderte er boshaft ſchöne Dame—“ „Spare den Hohn, er trifft mich doch nicht“, fiel der Marquis ihm in's Wort.„Und Dir ſteht es am wenigſten zu, über meine Beziehungen zu jener Dame zu richten.“ „Aber über mich willſt Du richten?“ „Ich haſſe und verurtheile jede ehrloſe Handlung, und ich ver⸗ muthe, daß Du einer ſolchen Dich ſchuldig gemacht haſt. Pierre Bandau war ſehr aufgeregt, meine Frage nach Dir verwirrte ihn, Du liegſt mit dem Alten unter einer Decke und Louiſon iſt das Opfer Eurer ſchändlichen Pläne. Iſt es nicht ſo?“ „„die ſchlug, ſchien ihn für den Augenblick eingeſchüchtert zu haben. Der Wüſtling ſchwieg, der drohende Ton, den der Marquis an⸗ „Antwort!“ ſagte der Marquis.„War Louiſon das Mädchen, welches ſo energiſch den Kampf mit Dir aufnahm?“ „Und wenn ſie es wirklich geweſen wäre?“ fragte Herr von Segur trotzig. „Ah, ſie war es. Iſt Dein ſchändlicher Plan Dir gelungen? „Ich weiß nicht, was Du willſt. Laß mich los, ich habe Dir nichts weiter zu ſagen.“ „Herr von Segur, ich befehle Ihnen, mir zu antworten!“ erwi⸗ derte der Marquis, und ſeine Fauſt umklammerte den Arm noch feſter. „Ich will Alles wiſſen.“ „So fragen Sie Louiſon ſelbſt! das Mädchen hat eine Riei ſenkraft diesmal unterlag ich, aber ich werde die Niederlage rächen.“ „Sie werden ſichts gegen das Mädchen unternehmen“, ſagte der Marquis warnend.„Louiſon ſteht unter meinem Schutze, wehe Ihnen, wenn Sie es wagen, meinen Zorn herauszuforderu. Ich habe heute keine Zeit, Einzelnheiten zu erforſchen, aber ich werde morgen mich näher nach dem Vorgefallenen erkundigen und dann meine Maßregeln treffen, für heute ſage ich Ihnen nur, daß„Sie meine Achtung und Freundſchaft verſcherzt haben. Wer einem wehkloſen, tugendhaften Mädchen Gewalt anthun kann, der kann keinen Reſt von Ehre mehr in der Bruſt haben, er verdient niedergeſchoſſen zu werden, wie ein oller Hund. Auf Wiederſehen, Herr von Segur, beherzigen Sie meine Warnung, Sie wiſſen, ich ſcherze nie.“ Er ſtieß den Wüſtling zur Seite und trat im nächſten Augenblick durch die geheime Pforte auf die Straße. Das geräuſchvolle Leben und Treiben ringsum konnte heute ſeine Aufmerkſamkeit nicht feſſeln, er ſchritt eilig an den Gruppen vor⸗ bei, die er kaum eines Blickes würdigte und trat endlich in ſein ele⸗ gantes Palais. Ein Diener begleitete ihn in ſein Kabinet, der Marquis legte Hut und Ueberrock ab und begab ſich in ein andres Zimmer, aus dem er bald in eleganter Toilette zurückkehrte. Er war jetzt wieder der heitre, ſorgloſe Lebemann, die finſteren Schatten waren von ſeiner Stirn verſchwunden, und ſelbſt ſein Gang üin. leichter und ekaſtiſcher geworden zu ſein. Punkt halb zwölf ſoll mein Wagen vor der Thüre ſtehen“, 274 — 254— wandte er ſich zu dem Diener,„der Kutſcher ſoll keine Livree anlegen, außer ihm wird Niemand mich begleiten. Sind Briefe für mich ein⸗ gelaufen?“ Der Diener ſchritt zum Schreibtiſch, aber der Marquis kam ihm zuvor, er warf einen flüchtigen Blick auf die Adreſſen der Briefe, die hier lagen. „Seit einer Viertelſtunde erwartet Sie ein Arbeiter“, nahm der Diener das Wort,„er ſagt, er ſei beſtellt—“ „Ach ja, ich hatte das ſchon vergeſſen. Er ſoll noch einen Augen⸗ blick warten, ich werde läuten.“ Der Diener ging hinaus, der Marquis erbrach das Siegel eines Briefes und entfaltete das duftende Blllet. Ein Zug der tiefſten Verachtung umzuckte ſeine Lippen, während ſeine Augen über die feinen Schriftzüge glitten. „Alſo damit beginnt das Werk?“ murmelte er.„Sie iſt un⸗ glücklich, weil ſie mich nicht mehr ſieht? Bah, dieſe Komödie widert mich an. Dieſe Liebesbetheuerungen, dieſe Klagen und Bitten ſind ja nichts weiter als Lügen, die mich in das Netz des ſchlauen Weibes zurück⸗ locken ſollen! Ob ſie jemals geliebt hat? Gewiß nicht, was ſie Liebe nennt, iſt Sinnesrauſch und Komödie. Und dann hier dunkle Aeuße⸗ rungen über einen nahe bevorſtehenden Schickſalsſchlag, Andeutungen auf den Jähzorn des Vicomte, das Falliment des Banliers und die immer mehr ſich fühlbar machende Theuerung— ach, ich verſtehe, unter dieſer Maske will man mich plündern, ſie wollen ja erſt dann das Rachewerk ausführen, wenn ſie mir Alles genommen haben.— Die Thoren! Denken ſie denn nicht daran, daß ich ihr Spiel durch⸗ ſchauen könne? Kennt Cora mich ſo wenig, daß ſie mich für ſo dumm und leichtgläubig halten kann?“ Er blickte noch einmal in den Brief, dann ſchob er ihn in die Taſche. „Nur noch eine Zuſammenkunft!“ fuhr er fort.„Es wäre grau⸗ —, ihr dieſe Bitte abzuſchlagen, von deren Erfüllung ſie einen großen ſolg zu erwarten ſcheint. Nun, wir wollen ſehen.“ Er drückte auf einen Elfenbeinknopf, der ſilberhelle Klang des cchens war noch nicht verhallt, als die Thüre geöffnet wurde, und ſt eintrat. Der Marquis war anſcheinend in die Lectüre einer Zeitung ver⸗ er blickte nur flüchtig auf, dann lud er durch einen Wink den aun 4 Rlat au Rüo en Mann ein, Platz zu nehmen. Inloan anlegen, mich ein⸗ ar; kam ihm riefe, die nahm der „Sie haben befohlen, gnädiger Herr“, ſagte Erneſt befangen,„ich komme, um Ihre Befehle zu hören.“ „Sie ſind kein echter Republikaner“, ſcherzte der Edelmann, die Zeitung hinlegend,„ein Republikaner läßt ſich nicht befehlen. Aber ſtreiten wir nicht über Worte, wann erhielten Sie meine Karte?“ „Heute Mittag.“ „Und Sie ſind pünktlich, das iſt eine ſchöne Tugend. Die Arbeit wird jetzt wohl langſam fortſchreiten?“ „Der Dienſt auf dem Exerzirplatz und auf den Wällen nimmt uns viele Zeit fort.“ „Das Vaterland fordert dieſes Opfer, mein Freund, und in ſol⸗ chen Fällen müſſen wir Alle Opfer bringen können. Bedürfen Sie eines neuen Vorſchuſſes?“ „Nein, ich danke herzlich.“ „Nun, Sie wiſſen ja, daß meine Schatulle ſtets für Sie offen iſt, es wird mir lieb ſein, wenn Sie davon Gebrauch machen. Sie haben von Fräulein Marie wohl noch keine Nachricht erhalten?“ „Nein.“ „In der That, es wäre ja auch unmöglich, wir ſind von allen Verbindungen ſo glatt abgeſchnitten, daß gar keine Kunde von draußen hereinkommen kann:“ „Verzeihen Sie, wenn ich eine unbeſcheidene Frage an Sie richte“, warf Erneſt ſchüchtern ein.„Iſt es ganz gewiß, daß Fräulein Marie Paris verlaſſen hat?“ „Wir können es nicht mehr bezweifeln“, ſagte der Marquis ruhig. „Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen die Verſicherung gebe, daß ich weder Mühe noch Koſten geſpart habe, um mir Gewißheit zu verſchaffen.“ „Gewiß, gewiß!“ „Und muß es Sie nicht beruhigen, daß das Mädchen in Sicher⸗ heit iſt? Hier wäre ſie noch immer den Inſulten des Pöbels ausge⸗ ſetzt, in Deutſchland hat ſie die liebevollſte Aufnahme gefunden.“ „Aber ſie wird nun nicht wieder zurüͤckkehren.“ „Würde Ihnen das ſehr ſchmerzlich ſein?“ „O, es würde mir das Glück meines Lebens rauben.“ „Aber mein Freund, Sie wiſſen ja nicht einmal, ob Fräulein Marie mehr als Freundſchaft für Sie empfindet!“ erwiderte der Mar⸗ quis, den forſchenden Blick feſt auf das Antlitz des jungen Mannes * — 256— gerichtet.„Wie alſo können Sie von ihr das Glück Ihres Lebens fordern? Wiſſen Sie denn, ob das Herz der jungen Dame noch frei iſt? Kann nicht das Fräulein ſchon ſeit Jahren Herz und Hand einem andern Manne zugeſagt haben? Außerdem dürfen Sie doch auch nicht vergeſſen, daß die junge Dame hoch über Ihnen ſteht. Sie ſind ein ſchlichter Arbeiter, der außer ſeinem Handwerk nichts gelernt hat, Fräulein Marie hingegen iſt eine Dame von gediegener Bildung und feiner Erziehung.“ Errneſt ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken, dieſe Worte ſchmet terten ihn nieder und raubten ihm die letzte Hoffnung, an die er ſo feſt ſich geklammert hatte. Der Marquis betrachtete ihn eine Weile, dann ſtrich er leicht mit der Hand über ſeine Stirne, als ob er ſeine Gedanken ſammeln und auf einen andern Punkt richten wolle. „Wir müſſen das der Zeit überlaſſen“, ſagte er in theilnehmen dem Tone,„aber unklug wäre es Ihrerſeits, wenn Sie Hoffnungen hegen wollten, welche keine Ausſicht auf Erfüllung haben. Sie werden ſich das auch ſagen müſſen, wenn Sie ruhig und vernünftig darüber nachdenken.“ „Ich habe es mir ſchon geſagt, hundert und tauſend Mal“, ſeufzte Erneſt,„aber es kamen dann doch wieder Stunden, in denen die alten Hoffnungen wieder erwachten. Sie haben Recht, wir müſſen es der Zeit überlaſſen, und wenn Fräulein Marie nach dem Frieden nicht zurückkehren ſollte, dann ſteht mir ja immer noch der Weg nach Deutſch land offen. Sie ſagen, ich habe nichts gelernt, außer meinem Hand⸗ werk. Nun, mein Wiſſen ſteht nicht ſo hoch, wie das meiner gelehrten Freundin, aber ich habe doch auch gute Schulen beſucht und für alles Gute immer ein offnes Auge und Ohr gehabt. Und ich meine auch, es komme zumeiſt auf das Herz an, ein treues Gemüth und ein feſter Charakter ſind doch die beſten Grundpfeiler einer glücklichen Ehe.“ Der Marquis hatte die Hände auf den Rücken gelegt und wan⸗ derte auf und nieder, der treuherzige Ton des ſchlichten Mannes berührte ihn ſeltſam und ließ ihn faſt bereuen, daß er dieſe biedere vertrauende Natur betrügen wollte. „In der Hauptſache iſt das Alles richtig“, antwortete er,„aber llein genügt das doch nicht zu einer glücklichen Ehe. Das Weib ſoll an dem Manne hinaufſchauen, ſteht er in der Bildung unter ihr, dann verliert ſie bald die Achtung vor ihm. Kr das wollte . eine auch, ein feſter 1 Ehe. d wan⸗ annes biedere, aber er,„ — jh ich Ihnen ja nicht ſagen, mein Freund, wie ſind wir eigentlich auf Reſes Thema gekommen?“ „Sie fragten mich— „Ja ſo, es iſt wahr. Ich ließ Sie aus einem andern Grunde 1, d 5 77 bitten, mich zu beſuchen. Sind Sie ein muthiger, Mann?“ Erneſt blickte befremdet auf, der Marquis ſtand vor ihm, ſein cht war plötzlich ert geworden „Wenn Sie mich auf die Probe ſtellen wollen— „Ja ich will es und zwar im Auftrage der Republik. Ich hoffe, Sie ſind der Republik ergeben.“ „Mit Gut und Blut, ſo viele und ſo große Fehler ſie gemacht haben mag.“ „Man will wiſſen, unter den Arbeitern ſeien noch viele An ger Napoleons.“ „Das iſt ein Irrthum.“ „Hm, man hat ehemalige Polizeiag genten in den Arbeitervierteln geſehen und zieht daraus Gs hlußfolgerungen—“ „Die gewiß falſch ſind „Das will ich nicht ehangten, mein Freund! Es iſt Thatſache daß man im Stillen für die Intereſſen des Gefangenen von Kaſſel ſehr thätig iſt, man weiß auch, daß es eine Berſchwörung hier gibt welche den Zweck verfolgt, die napoleoniſche Dynaſtie wieder auf den Thron zu bringen. Sollte Ihnen davon nichts bekannt ſein?“ „Nichts“, erwiderte Erneſt, den der ſtrenge Blick des Edelmanns verwirrte. Er wußte, daß er eine Lüge ſagte, aber er beſaß nicht den Muth, ſein Abenteuer in den Katakomben zu berichten. Dieſer Bericht hätte zu weiteren Mittheilungen führen müſſen, die unten allen Umſtänden verſchwiegen bleiben mußten. Dem Marquis entging die Verlegenheit des jungen Mat e nicht, er zog die Brauen zuſammen und nahm ſeinen Spaziergang wieder auf. „Wer ſich zu ſolchen Umtrieben hergeben kann, der muß ein Schurke ſein“, ſagte er mit ſcharfer Bet ic jede politiſche Meinung, aber die guter des Dezembermannes kann ich in ich 47 Ohnen. Ihnen fage, 258— „Ich muß wohl, aber Sie können es ja durch die That beweiſen.“ „Ich bin dazu bereit.“ „Wohlan, es handelt ſich darum, eine Botſchaft nach Verſailles zu bringen. Wir haben ſchon v 0 geſchickt, aber bis jetzt iſt noch keiner zurückgekehrt, und wir wiſſen nicht, ob unſere Brieſe glücklich angekommen oder in die Hind⸗ des Feindes geſallen ſind. ue Das zu ermitteln und eine ne Zotſchaft nach Verſailles zu ſchicgen 1 bedürfen wir eines muthige— gen un wandten Mann 1es. Sie ſorechen 6 türlich ohne Waff einen franzöſiſ den Mantel, Sie wird. An der ich gebe ſich an den Command für ihn, er erwartet Sie in dieſer Nacht zwiſchen Man gibt Ihnen dort einen Preußiſchen Helm, d nzöſiſche Käppi n mnaäuſchru eine Patrouille wird Sie bis zu unſern Vorpoſten begleiten und Ihnen die ſicherſte Wege angeben, auf denen Sie die preußiſche Poſteulette paſſiren können. Die Uniform wird Sie ſchätzen, inſofern, als die Preußen nicht daran denken werden, einen Franzoſen in ihr zu ſuchen, aber Sie müſſen gleichwohl jede Berührung r mit dieſen Soldaten zu ver⸗ meiden ſuchen, eben weil die Sprache Sie ſofort ver rrathen würde. Wenn es Ihnen gelingt, Verſailles zu erreichen, ſo verfügen Sie ſich ohne Berzug zu dem Herrn, deſſen Adreſſe ich Ihnen geben werde, ihm übergeben Sie die Briefe, welche Sie im Kragen Ihrer Uniform zwiſchen Tuch und Futter finden. Sie werden gut aufge⸗ nommen werden und andere Briefe empfangen, welche Sie auf dem⸗ ſelben Wege hierher zurückbringen. Gelingt es Ihnen, die Aufgabe zu löſen, ſo erhalten Sie eine Prämie von tauſend Francs und außer⸗ dem den Rang eines Kapitains der Nationalgarde.“ „Erneſt ſaß in Nachdenken verſunlen, er kounte ſich nicht verhehlen, tollkühnes Unternehmen war, aber ſein Mannesſtolz 1 3 — — auch nicht zu, den gefährlichen Auftrag zurückzuweiſen, man würde ihm Feigheit vorgeworfen haben, und dieſen Vorwurf hätte er von dem Marquis am wenigſten ertragen können. „Ich will es verſuchen“, brach er endlich das Schweigen, Q ich nicht zurücklehre, dann bewahren Sie mir ein freundliches 29 „Weil Sie energiſcher und 7 faA ns 2S; Rai Piate iniform Ihnen Vortheile bietet erfreuten.“ 7 n A „ deren die andern Boten ſich „Gerade die kann mein Un „Ich fürchte ſagte der P theil, ich verſpreche mir gerade hiervon den beſten bereit, ſofort den anzutreten?“ „Sofort?“ „Ja, es iſt jetzt elf Uhr, und Sie haben einen weiten Weg zur Porte Matillot.“ „Paul wird mich vermiſſen—“ „Was ſchadet das? Binnen vierundzwanzig Stunden können Si zurück ſein. Sie brechen morgen Abend von Verſailles wieder und treffen in der Nacht hier ein. Sollte ich alsdann nicht zu ſprechen ſein, ſo wird mein Portier Ihnen das Zimmer anweiſen, in welchem Sie ſich umkleiden können. Laſſen Sie die Uniform hier, man wird ſie mir am Morgen überreichen. Ich komme dann einige Stunden ſpäter zu Ihnen, um Ihnen das Geld zu bringen und Ihre Erleb⸗ niſſe zu hören. Und nun, mein Freund, an's Werk. Gehen Sie dort in jenes Gemach, Sie werden da die vollſtändige Uniform finden.“ Mechaniſch erhob Erneſt ſich, er fühlte, daß er gehorchen mußte, daß er jetzt nicht mehr zurücktreten durfte, mochte daraus auch ent⸗ ſtehen, was wollte. Der Marauis lächelte befriedigt, er hatte ſeinen Zweck erreicht, und dieſer Zweck war kein anderer, als der, den beſten Freund Ma⸗ riens für einige Tage zu beſeitigen. Vielleicht, ja wahrſcheinlich kehrte Erneſt nicht zurück, die Mög⸗ lichkeit lag ja ſehr nahe, daß er aufgegriffen und als Kriegsgefangener nach Deutſchland gebracht wurde, und wenn dieſe Erwartung nicht 1 260 eintraf, dann verſtrichen doch immerhin bis zur Rückkehr des jungen Mannes einige Ta η S 13 don mettar, 2 4 ilich noch den weiteren Zweck, die ſai H u H*9 1 ſchaffen, und auch dieſen 9 C Nor⸗ ſr. Briefe auf ſicherm Wege nach Verſailles zu arqnis hoffte der Erneſt war mit ſeiner Toilette bald fertig, als er wieder eintrat füſiliers, die ganz für ihn chen Mantel hatte er auf 3 angefertigt zu ſein ſchien. Den franzöſiſ 0 8 2 dem Arm hängen, und das Käppi trug er in der Hand. „In Wahrheit, Sie ſind ein ſch mucker Preuße“, ſagte der Marquis, nachdem er ihn aufmerkſam gemuſtert hatte,„und es trifft ſich gut, daß Sie nur einen Schnurrbart tragen, ein Knebelbart könnte Sie verrathen.“ „Ich hoffe meine Rolle gut zu ſpielen“, erwiderte Erneſt,„und ich würde nicht die mindeſte Beſorgniß hegen, wenn ich der deutſchen Sprache mächtig wäre!“ „Nun Sie es nicht ſind, iſt die Rolle um ſo ſchwieriger.“ „Vor Schwierigkeiten bin ich niemals zurückgeſchreckt. Haben Sie mir noch irgend welche Verhaltungsregeln zu geben für den unglück⸗ 1 lichen Fall, daß ich ergriffen würde?“ „Ja, mein Freund. Was die Briefe betrifft, ſo machen Sie ſich ihretwegen keine Sorgen,„man wird ſie im preußiſchen Lager nicht leſen können, und durch den Verſuch, ſie zu vernichten, könnten Ihnen 5* nur Unannehmlichkeiten erwachſen. Erklären Sie ruhig, Sie hätten die Uniform irgendwo gefunden und ſie benutzt, um ſich nach dem 1 Suden begeben zu können. Man wird Ihnen Spionage vorwerfen, aber man kann Ihnen nichts weiter anhaben, als daß man Sie im ſchlimmſten Falle nach Deutſchland ſchickt, von wo Sie ſpäter zurück⸗ ehren werden. Im Uebrigen denke ich nicht daran, daß dieſer Fall liberhaupt eintreten könnte, ich vertraue zu ſehr auf Ihre Klugheit, hoffe ich mit Zuverſicht, daß man mich übermorgen von Ihrer klichen Rückkehr benachrichtigen wird. Gehen Sie mit Gott, mein Freund, das Bewußtſein, dem Vaterlande einen großen Dienſt zu Kennd Ihnen niemals vergeſſen darf, wird Sie geleiten.“ rauis blickte lange aaf die Thüre, hinter der Erneſt ver⸗ 7 fen wolle, um ihm zu be⸗ n war, es ſchien faſt, als als ob er ihn zurück g a„ r aman chen Weg nicht zu untertehmen auͤhl der Reue ſich ſeiner und wenn die d N böſe mon in ſeinemn zu, dann wandte er ſich zu dem Portier, der neb en i an ſol l nachſehen, ob die Zimmer in Ordnung ſind“, ſagte er mi npf timme,„nichts darf fehlen, ich mache die Dienerſchaft Und dann noch „ lo ich allein oder in kehrt bin, und wer dieſe peim fi; weese Frager dis Rfe.S 8 die Pferde zogen an, d n Sie den tzdem Mitternacht ſchon vorüber war, belebten noch v Pe Sie ſic ouen die Straßen, aber die Geſtalten, welche i d De niöt Marquis begegneten, waren keines wegs geeignet, 2 ßen „e Of Bagabunden der ſchlimmſten Sorte, verwegene nt 1 bätten Mobilgarden, liederliche Frauenzimmer und alte W bete zogen in 9 7 dem buntem Gemiſch an dem Edelmann vorbei, und die meiſten dieſer ver⸗ werfen, dächtigen Geſtalten kamen aus der Schenke des Vaters Tabaret, der 7 in dieſer bewegten Zeit glänzende Geſchäfte machte. Von Zeit zu Zeit hörte man aus der Ferne den dumpfen Schall eines Kanonenſchuſſes herüb erhallen, es waren die Geſchütze des Mont Valerien, welche ihre Munition u nnütz vergeudeten. Und wenn der Donner eines ſolchen Schuſſes herüberrollte, dann 1 1 Lauchgte das Geſindel auf, und die großmäuligen Prahlhänſe unter 8 ihnen behaupteten, jeder Schuß ſchmeltere mindeſtens fünfzig dieſer Dn vermaledeiten Preußen“ nieder. tte Der Marquis nandente auf und ab, er beobachtete ſcharf das Fnet Leben und Treiben ring⸗ er richtete ſchon deshalb ſeine ganze ſemn Aufmerkſamkeit darauf, weil er die Beſorgniſſe zurückdrän ngen wollte, M die ihn ängſtigten. Ahrenden Wagens weckte ihn aus —— — — 2632.— Oft auch richtete er den Blick forſchend in die Ferne, dahin, woher die entſprungene Gefangene kommen mußte, und oft fiel es ihm ſchwer, ſeine Ungeduld zu bemeiſtern. Endlich ſah er eine ſeltſame Geſtalt mit eiligen Schritten näher kommen, er unterſchied deutlich die Uniform, die viel zu lang und zu weit für ihren augenblicklichen Träger war. Raſch eilte er auf ſie zu, das Wort:„Frankreich“ ſchallte ihm entgegen, er gab die Antwort und bot der Entflohenen den Arm. „Nur fort, fort!“ ſagte Marie haſtig.„Ich fürchte, man hat meine Flucht ſchon entdeckt.“ Die Beiden beſchleunigten ihre Schritte, der Marquis hob das Mädchen in den Wagen, der in raſender Eile abfuhr. Sie ſchwiegen beide, der Marquis begriff, daß das geängſtete Mädchen einer geraumen Zeit bedurfte, um ſich zu ſammeln und zu beruhigen. „Wohin führen Sie mich?“ fragte Marie endlich mit leiſe zitternder Stimme. „In mein Haus“, erwiderte der Marquis in herzlichem, freund⸗ ſchaftlichem Tone,„nur dort ſind Sie ſicher vor Verfolgung.“ Das Mädchen ſchwieg, aber als zugleich mit dem vollen Schein einer Laterne der Blick des Marquis auf ihr Antlitz fiel, ſah er, daß dieſes ſchöne liebliche Geſicht todesbleich war. „Wenn ich Ihr Vertrauen nicht habe, wenn Sie mir das Recht, es zu beanſpruchen, nicht einräumen wollen, dann, mein Fräulein, bitte ich Sie, zu beſtimmen, wohin ich Sie führen ſoll“, ſagte er leiſe,„ich werde jeden Wunſch erfüllen, ausgenommen die, welche Sie in neue Gefahren bringen könnten.“ „Ich weiß ja nicht, wohin ich fliehen ſoll“, entgegnete Marie rathlos.„Und weshalb ſollte ich Ihnen nicht vertrauen? Sie haben ſo viel für mich gethan, daß—“ „Reden wir davon nicht“, bat der Marquis,„von dem Freunde konnten und mußten Sie dieſe Hülfe erwarten. Aber wir ſind ſchon zur Stelle.“ Der Portier öffnete den Wagenſchlag, der Marquis hob das zitternde Mädchen heraus und trat mit ihr ins Haus. Der Portier ſchritt den Beiden mit einem Armleuchter voran, der Weg führte ſie durch mehrere Gänge, an hohen Bogenfenſtern und reich geſchmückten Thüren vorbei, aber Marie war in dieſem —„— —.—,—. hin, woher ihm ſchwer itten näͤher lang und hallte ihm 1 Arm. man hat 8 hob das grängſtete eln und zu ſe zitternder em, freund⸗ 9 3 Uen Schein ſah er, daß kecht, Fräulein, „ſogte et welche Eit nete Makie Sie haben en Jreunde d fid lis hob der „ßter voran, ¹ aſtern — 2632— Augenblick nicht in der Stimmung, die Pracht und Eleganz, welche ſie umgab, zu bewundern. Endlich öffnete der Portier eine Thüre, Marie trat in ein trau⸗ liches Gemach, in dem ſie augenblicklich ſich heimiſch fühlte. Die ſchweren, dunkeln Vorhänge, die weichen Teppiche, die koſt⸗ baren Möbel und Gemälde konnten in dieſem Raume nur einen wohl⸗ thuenden Eindruck machen, denn hier vereinigte ſich dies Alles zu einem harmoniſchen Ganzen, zu einem angenehmen traulichen Auf⸗ enthalt. Dem Mädchen war es, als habe ſie hier ein ſicheres Aſyl, eine neue Heimath geſunden, ſie athmete erleichtert auf und reichte dann dem Marquis beide Hände.. „Ja, ich vertraue Ihnen“, ſagte ſie, und eine leichte Röthe über⸗ zog ihre Wangen, während die großen, blauen Augen in kindlicher Unſchuld zu ihm aufſchauten.„Ich habe trotz aller ſchmerzlichen Er⸗ fahrungen den Glauben an das Gute und Edle im Menſchenherzen noch nicht verloren, ich glaube gern an die Uneigennützigkeit Ihrer Freundſchaft.“ Der Marquis nickte und führte ſie zum Divan, dann ließ er ſich ihr gegenüber in einen Seſſel nieder. „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für dieſe Worte“, erwiderte er, ihr voll und innig in die ſchönen Augen ſchauend.„Dieſes Ver⸗ trauen iſt für mich der ſchönſte Dank, ich verlange keinen andern. Und ich hoffe, daß Sie ſich hier wohl fühlen; ſo weit ich es konnte, habe ich für alle Bedürfniſſe geſorgt, ſollte noch etwas fehlen, ſo ent⸗ ſchuldigen Sie das mit meiner Unkenntniß. Ihre Schlaf⸗ und Toilette⸗Zimmer befinden ſich nebenan, Sie werden in den Schränken und Schubladen Alles finden, was Sie bedürfen, und wenn es keine reiche, glänzende Garderobe iſt, ſo bitte ich Sie, mir deshalb nicht zu zürnen. Ich glaubte in dieſer Beziehung Ihren Wünſchen ent⸗ gegen zu kommen, wenn ich das Einfache und Schöne dem prunken⸗ den Flittertand vorzog.“ „Gewiß, Herr Marquis, ich danke Ihnen auch dafür.“ „Und ſollten Sie irgend etwas wünſchen, ſo drücken Sie nur auf jenen Knopf, und man wird Sie unverzüglich bedienen. Mich wer⸗ den Sie vielleicht ſelten ſehen, Fräulein Marie, anderweitige Sorgen nehmen meine Zeit ſehr in Anſpruch, aber ſeien Sie verſichert, daß ich, ſo oft ich auch kommen mag, Ihnen ſtets mit der hohen Achtung —ͤͤͤͤͤ ——yͤ 4 es. adame daß ein junges ſchützte?“ 715½ 12977 ſchändlich chen Weibes Nun 772b denn, iſe meiner eine beſondere „Darf ich „Jenny Mo Ein dunkler miethen, die ich m umen der Dame erfahren?“ er die Stirn des Marquis, freundet“, fuhr ſie fort,„die zerzensgüte und m gewannen 85 im Fluge mein aches wieder Vertrauen und mein ich zurückftieß 1 gu ge m Vertrau uen werte“ „Die innere 86 imme de dem Menſchenherzen immer den rich e der badaun⸗ leiſe.„Aber fahren Sie wie der Schließer es mir S— 8 η 4 8 4 Q ⁸½ angekkeidet auf meinem ager und horchte mit laut pochendem Herzen an Marqu⸗ t z wieder 23 l. nich nun erhob, ſtand ſie plötzlich Aufregung, ſie beſchuldigte nich ich ſie mitnehme. Es wa ſit drohte, Lärt mir ie doch endlich, ſie zu beſchwichti unte und durfte, aber ich mußte ihr verſpee ſo weit es n e haben ihr dog nicht geſa⸗ ſtochen habe?“ t, daß ich der Freund ſei, der den 9 18 ¼ 7 8 ihr verrachen. Der war ch ſo lange ausblieb, i nicht nennen. Die erſten g 7 Uniformmantel verbarg meine Kleider, dunkel in den Gängen. Aber der an H bei mußte, ſchien doch Argwohn er rief mich an, als ich mich ſchon eine kurze Strecke von ihm entfernt hatte. Ich achtete nicht darauf und eilte in die Zelle, in der ich die Uniform finden ſollte. Als ich wieder heraustrat, ſtand der Po Nähe, er wollte offenba heit verſchaffen. Win Stimme rief ich ihm zu, er ſolle ſich angenblicklich auf ſe ſcheeren, und er gehorchte ohne Bderrcde Der Marquis lachte. „Ich hätte das ſehen mögen!“ ſagte er ſtockte doch in Ihren Adern.“ Gewiß, wie ich zum ha gelangt bi ich begreife wirklich nicht, daß der Schrecken nich in Ohnmacht warfen. Und 99 hatte kaum das Thor errei icht, als ich Stimmen und raſche Schritte hinter mir vernahm, aber zum Glück war das Thor ſchon offen, ich eilte hindns 5 „Und nun inn Sie gerettet“, verſetzte der Marqnis, mit der Hand über ſeine Augen ſtreichend, wird Niemand Sie ſuchen Wohin hätten Sie fließen wollen? In Ihre frühere Wohnung? Man wird Sie dort morgen ſchen ſuchen. Wollten Sie eine andere Woh⸗ — 286— nung miethen? O, Paris iſt groß, und der Einzelne verſchwindet leicht in dieſer Maſſe, aber Sie ſind eine Deutſche, und Ihre äußere Erſcheinung verräth Ihre Abſtammung. Wo hätten Sie ſich ver⸗ bergen können vor dem glühenden Haß der Pariſer Kanaille und vor der Rachſucht Ihrer zahlreichen Feinde? Madame von Chateaufleur, der Chevalier, Jenny Mouſſon, das Weib, welches Sie in St. La⸗ zare verfolgte, die Wahrſagerin, welche Sie denuncirte, ſie Alle wer⸗ den die Entflohene ſuchen, um ihren Rachedurſt zu ſtillen. Können Sie daran zweifeln?“ „Nein, Herr Marquis.“ „Nun wohl, dann werden Sie auch die Nothwendigkeit einſehen, das Geheimniß Ihres Aufenthaltsortes ſtreng zu bewahren. Sie dürfen keinen Beſuch annehmen, Niemand darf erfahren, daß Sie unter dieſem Dache weilen.“ „Niemand?“ fragte Marie leiſe. „Nein, meine Freundin, Niemand!“ „Aber Ihre Diener—“ „Für ſie bürge ich, ſie ſind alle zu feſt an mich gekettet, als daß einer von ihnen mich verrathen könnte.“ Das Mädchen blickte ſinnend vor ſich hin. „Ich habe außer Ihnen nur noch einen Freund in Paris“, ſagte ſie bewegt,„ihn möchte ich über mein Geſchick beruhigen.“ „Erneſt Lafleur?“ „Ja. Kennen Sie ihn?“ „Er war ja bei mir, um mir Ihre Karte zu bringen und Hülfe für Sie von mir zu verlangen. Er ſcheint ein guter Menſch zu ſein.“ Marie mußte vor dem forſchenden Blick des Edelmanus die Augen niederſchlagen. „Er hat ein gutes, edles Herz“, erwiderte ſie verwirrt. „Aber er iſt nur ein Handwerker.“ „Thut das dem Werth des Menſchen Abbruch?“ „Gewiß nicht, aber er iſt nicht der Mann, an dem Sie hinauf⸗ ſchauen könnten“, ſagte der Marquis ernſt. „Dennoch iſt es mein Wunſch, ihn zu benachrichtigen.“ Der Marquis zuckte bedauernd die Achſeln. „Erneſt Lafleur iſt ſeit vorgeſtern verſchwunden“, antwortete er, naber Sie wiſſen ja nicht, was in den jüngſten Tagen ſich hier ereignet hat. Der vorgeſtrige Tag war ein Tag der Schande und erſchwindet hre äußere e ſich ver⸗ le und vor jgateaufleur, n St. La⸗ Alle wer⸗ Können t einſehen, hren. Sie daß Sit als daß fs“, ſagte ud Hülr i fein 4 ie Angen je hinuſ⸗ natttte el — 267— des Unglücks für Frankreich. Unſere Truppen wurden vor den Wällen von Paris geſchlagen, und die Deutſchen ſchloſſen den Ring um die ſchöne und ſtolze Hauptſtadt.“ „Und Lafleur?“ fragte Marie, ſieberhaft erregt⸗ „Ein ganzes Bataillon unſerer Nationalgarde wurde gefangen ge⸗ nommen, unter dieſen Gefangenen ſoll auch Ihr Freund ſich befinden. Ich werde mich morgen wieder nach ihm erkundigen, und es wird mir eine große Freude ſein, wenn ich Ihnen eine beruhigende Nach⸗ richt bringen kann.“ „Der Marquis hatte ſich erhoben, er hielt die Hand des Mäd⸗ chens in der ſeinigen und ſah ihr mit herzlicher Theilnahme in die umflorten Augen. „Es liegt kein Grund zu Beſorgniſſen vor“, ſagte er,„die Deutſchen behandeln ihre Gefangenen ſehr gut, und für Lafleur iſt es vielleicht ein Glück, daß er den Schreckniſſen der Belagerung entronnen iſt. Was uns betrifft, ſo können wir ihnen mit Ruhe entgegenſehen, meine Freundin, es wird uns hier an nichts fehlen, die Qualen des Hungers werden wir nicht kennen lernen. Und nun gute Nacht, möge die erſte Nacht unter dem Dache des Freundes Ihnen einen ſchönen Traum bringen 17 Er drückte ihr die Hand und nickte ihr noch einmal mit freund⸗ lichem Lächeln zu, dann ging er hinaus, und lange, lange ruhten die ſtarren, thränennaſſen Augen des Mädchens auf der dunkeln Portiere, hinter der er ihrem Blick entſchwunden war, ſie fühlte, daß ſie dieſem Manne mehr Dank ſchuldete, als ſie jemals ihm abtragen konnte. Fünfzehntes Kapitel. Die Geſellen des Sataus. So wenig Liebe auch Pierre Bandau für ſein einziges Kind fühlte, war er doch durch die Flucht Louiſons in hohem Grade beunruhigt. uUnd ſeine Beſorgniſſe wurden geſteigert durch die Begegnung Segurs mit dem Marquis und die Drohungen des Letzteren. Wenn er nur gewußt hätte, wo er das Mädchen ſuchen ſollte! Die Vermuthung, daß ſie zu ihren Freunden geflüchtet ſei, ſtieg in ihm auf, aber er wußte nicht einmal, wo dieſe Freunde wohnten. Ueber Plänen brütend, — — ——y die er alle als unausführbar verwerfen mußte Bureau unermüdlich auf und ab, an nichts theilungen des Wüſtlings denkend, den rmorden können. Es war ihm doch nicht recht em Hauſe befand, er hatte nun blaudern, und an dem er ſeinen Und daneben mußte e bene 8 der Proletarier fu ch⸗ dem Mäde en begegnet war, Der r alte Man j ſchrak zu hatte ihn aus Konnte das als er die Klappe Wee von einem elek ektriſchen hlag er war im erſten Augenblick nicht Was follte er thun? Durch die erhandeln? 9 1 A Thür klapf pe Das war gefährlich, müßige Gaffer lungerten in allen Straßen, ſammelten ſich raſch, wo es etwas gab, was ihre Aufmerkſamkeit feſſeln konnte. Und wenn die Kanaille ſhi was er mit dieſem Manne zu verhandeln hatte, ſo unterl ag es keinem Zweifel, daß ſie ſein Haus ſtürmten, ihn wrnutn und mißha ndelten. Und Paul war ja allein. Er kon nte ihn immerhin ein laſſ den Einzelnen fürchtete er nicht, mit ihm nahm er im No Kampf auf. Alle dieſe Gedanken hatten mit Blitz zuckt, und ehe er es ſelbſt wußte und wollt offen und der junge Mann eingetreten. „Barbleu, Ihr werdet mich wohl noch kennen“, ſagte reud er dem Wucherer ins Bureau folgte,„vielleicht hab ſchon entdeckt, daß ich vom Tode auferſtanden bin.“ „Unkraut vergeht nicht“, brummte der Geizhals mürriſch,„aber nehmt Euch doch in Acht, zum zweiten Male raſcher vollſtreckt werden.“ ſen lle ſeine Seele durch⸗ te, war die Thüre ſchon zerriſſenen Schlafrock 269— „Das wollen wir abwarten, einſtweilen hüte ich mich vor denn Mordgeſindel drunten in Euren Kellern.“ „Was führt Euch hierher?“ fragte Pierre Bandau, der den glü⸗ aden Augen des herkuliſchen Mannes nicht zu begegnen wagte. Paul hatte auf einem Sru hl Platz genommen, er beobachtete jede Bewegung des Wucherer „Das will ich Euiß; mit wenigen Worten erklären“, antwortete er.„Mein Freund Lafleur war vorgeſtern hier und wurde nich eingelaſſen, er wollte geſtern Abend noch einmal den Verſuch machen, und ſeitdem habe ich ihn nicht wieder geſehen.“ Der Geizhals athmete auf, er wiſchte den Schweiß von ſeiner Stirne und öffnete mit gelaſſener Ruhe ſeine Tabakdoſe. „Ich habe ihn nicht geſehen“, ſagte er. „Er wer wirklich nicht hier?“ „Nein.“ „Sie werden begreifen, daß ich Ihnen das nicht glaube. Er war hier und man hat ihn beſeitigt.“ „Wenn er gekommen wäre, würde ich ihn nicht eingelaſſen haben.“ „Bah, ſeine Drohungen—“ „Schüchtern mich nicht ein.“ „Und weshalb ließen Sie mich ein?“ „Hm— vielleicht aus einer beſondern Laune“, ſpottete der Bu⸗ cherer, der ſeine ganze Faſſung wiedergefunden hatte.„Ich wieder⸗ hole Ihnen, daß ich Ihren Freund nicht geſehen habe, mehr kann ich Ihnen nicht ſagen.“ „Er verließ mich geſtern Abend und kehrte nicht zurück, Dienſt hatte er nicht—“ „Wer weiß, was ſeine Heimkehr verhindert hat! Es iſt doche in Paris nichts Seltenes, daß ein junger Mann einige Nächte dra⸗ verbringt. Paul hatte ſich erhoben, er ſchien die letzten Worte nicht gehört zu haben. „Ich werde nicht ruhen, bis ich darüber Anſſchluß habe“, ſagte r 1,5 Sie mich belogen haben, ſo werde er; ſollte es ſich heraus 4 ich dafür Rechenſchaft von Ihnen fordern. Fuͤhren Sie mich jetzt Or 7 n höhnte der 3 F vas ich d d 3 Il Ner „Zwiſchen damals und jetzt iſt ein gewaltiger Unterſchied, zumal Sie Ihre Tochter als Gefangene behandeln. Glauben Sie, ich werde ruhig zuſehen und ſchweigen, wenn Sie meine Braut zwingen wollen, den Weg der Schande zu betreten? Bei Gott, wenn Sie es fertig brächten, dann ſchlüge ich Sie nieder, wie einen tollen Hund!“ Der Wucherer war erſchreckt zurückgetreten, aber ſchon hielt die ſehnige Fauſt des Maſchinenbauers ſeinen dürren Arm umklammert. „Sie und dieſen Herrn von Segur!“ fuhr er in leidenſchaftlicher Aufregung fort.„Und wenn der Mord mich aufs Schaffot brächte, ich müßte ihn begehen.“ „Sind Sie verrückt?“ rief Pierre Bandau entſetzt.„Louiſon iſt Ihre Braut nicht—“ „„Sie iſt es vor Gott und den Menſchen, und was auch kommen mag, ich laſſe nicht von ihr. Führen Sie mich zu ihr oder rufen Sie das Mädchen— keine Weigerung, ehrloſer Schuft; ich laſſe mich nicht mehr betrügen!“ Der Wucherer bereute zu ſpät, daß er dieſen gefährlichen Gegner in ſein Haus eingelaſſen hatte, er war ganz in der Gewalt dieſes erbitterten Mannes. „So laſſen Sie mich doch los!“ krächzte er. Ich glaube wahr⸗ haftig, Sie find verrückt!“ „Noch nicht, aber ich könnte es werden bei dem Gedanken an die Schmach, die Sie Ihrem Kinde zufügen wollen!“ rief Paul mit ſteigender Wuth.„Und ich gehe nicht von der Stelle, bis ich Louiſon geſehen und mit ihr geſprochen habe.“ „Ha, da könnten Sie am Ende lange warten müſſen.“ „Was ſoll das heißen?“ „Louiſon iſt nicht hier!“ „Sie lügen!“ „Es iſt die Wahrheit.“ Die Fauſt Paul's umklammerte noch feſter den dürren Arm, ein Schmerzensſchrei entrang ſich den Lippen des Wucherers „Und wenn Sie nicht hier iſt, ſo werden Sie wiſſen, wo ich ſie finden kann“, ſagte Paul, mit den Zähnen knirſchend.„Heraus mit der Wahrheit, altes Scheuſal, meine Geduld iſt zu Ende!“ „Das iſt ja das Unglück, daß ich nicht weiß, wohin ſie ſich ge⸗ chhtet hat“, ächzte der alte Mann, der vor Angſt und Entſetzen am ganzen Körper zitterte.„Ich muß ja ſelbſt Nachforſchungen anſtellen, n die ut a! mi 6 4 uiſon . oin Arm, en no ich ſie 1“. mit und jede Spur fehlt mee bis jetzt, die einen Anhaltspunkt bieten könnte.“ Paul hatte den Geizhals auf einen Stuhl niedergedrückt, er ſtand dicht vor ihm, und ſein flammender Blick war mi durchbohrender Kraft auf ihn gerichtet. „Wann iſt Louiſon entflohen?“ fragte er. „Geſtern Abend.“ „Und aus welchem Grunde?“ „Das weiß ich nicht.“ „Keine Flauſen!“ donnerte Paul, den Arm drohend erhebend. Weshalb iſt ſie geflohen?“ „Fragen Sie Herrn von Segur.“ „Ah, hat der Schurke gewagt, ſeine ſauberen Pläne ins Werk zu ſehen? Elender, Sie ſind der Helfershelfer dieſes Buben und ein größerer Schurke, wie er, wenn es überhaupt einen größeren Schur ken geben kann! Aber wehe Euch Beiden, wenn dem Mädchen ein Leid angethan iſt! Ich werde fürchterliche Abrechnung mit Euch halten! Weshalb kam Loniſon nicht zu mir? Ich ahne Schreckliches, ſie wagte nicht, mir vor die Augen zu treten, mir zu ſagen, daß ein Schand⸗ bube ihre Ehre geraubt habe. Aber ich werde ſie ſinden und müßte ich jedes Haus in Paris durchſuchen, ich werde das Vorgefallene er⸗ fahren und dann kommt die Abrechnung. Habt Ihr eine Ahnung davon, wo Louiſon eine Zuflucht geſucht haben könnte?“ „Nein“, ſagte der Wucherer, mit wachſendem Entſetzen zu dem jungen Manne aufſchauend. „Und wenn Ihr ſie hättet, würdet Ihr ſie mir nicht verrathen, Ihr habt zu gute Gründe, meine Rache zu fürchten. Ihr werdet mich wiederſehen, heute, morgen, oder an einem andern Tage, dieſe Rechnung muß geordnet werden.“ Noch einmal ſchüttelte Paul die Fauſt gegen den Wucherer, dann ſtürmte er hinaus. 3 Wohin nun, es war ihm gleichgültig, wohin ſein Weg ihn führte er wollte Tag und Nacht die Stadt durchwandern, um Loniſon zu ſuchen, er wollte ſich nicht eher Ruhe gönnen, bis er ſie gefunden hatte. „Zur Morgue!“ war ſein erſter Gedanke. Es war ja möglich, daß Louiſon ſich aus Berzweiflung über die ihr widerfahrene Schm in die Seine geſtürzt hatte. Das war ja ſo oft vorgekommen, wes⸗ 272 272 71 alb hätte nicht auch Louiſon dieſen letzten verzweifelten Schritt thun önnen, um dem qualvollen Leben ein Ende zu machen. Ja, zur Morguo, vielleicht fand er dort ihre Leiche au naſſen Steinen—— ha, ſchon der Gedanke an dieſe Möglichkeit drohte ihn raſend zu machen. Er ſtürmte über den Pontneuf, ſchon hatte er die Mitte der Brücke erreicht, als er plötzlich wie gebannt ſtehen blieb. War das nicht Sagur, der dort an der Brüſtung lehnte und in die plätſchernden Wellen hinunterſchaute? „Ja, er war's, Paul erkannte ihn ſofort, trotz der ſchwarzen Binde, welche der Wüſt ling um die Stirn geſchlungen hatte. Wollte er mit dieſer Binde Komödie ſpielen? Wollte er die Leute glauben machen, er ſei in einem Gefecht verwundet worden? Oder hatte Louiſon mit ihm gerungen und er im Kampf mit ihr die Wunde erhalten? In namenloſer Wuth ſtürzte Paul ſich auf den eleganten Herrn, er umſchlang ihn mit ſeinea A men und hob ihn über die Brüſtung. „Schurke!“ ſchrie er. ender Schannuude an die Vergeltung hatteſt Du wohl nicht d.che Ein gellender Schrei entfuhr den Lippen Segur's, von allen Seiten ſtrömten Leute herbei, aber ſie kamen zu ſpät, um das Rachewerk zu verhindern. Die Wellen der Seine ſchloſſen ſich über dem Körper des Wüſt⸗ lings, und von allen Seiten fühlte Paul ſich erfaßt. Er wandte ſich ruhig um, ſein Antlitz war ernſt, ſein Blick düſter und trotzig. „Was wollt Ihr?“ rief er in den Lärm hinein.„Ich habe einen Spion in die Seine geworfen, das iſt alles.“ Nationalgarden umtringten den Bedrohten, ein elegant gekleideter Herr trat in den Kreis, Paul erkannte den Marquis, der ſeinen Freund ſo kräftig unterſtützt hatte. „Ich bürge für ihn“, ſagte der Marquis,„der Elende, den er in die Seine warf, verdiente kein beſſeres Loos.“ „Da ſchwimmt der Kerl!“ ſchr eie ein Gamin, und das Volk eilte — — 8 —₰ — ₰½ — in Fieberhaſt auf die andere Seite der Brücke, um das ſeltene Scheu 5 1 einem unſchul — 273— „Wiſſen Sie das ſo ganz beſtimmt?“ fragte der Marquis. „Ich vermuthe es, das Mädchen iſt ſpurlos verſchwunden und ihr eigener Vater geſteht ein, daß dieſer Schandbube allein weiß, wo ſie geblieben iſt.“ „Sie werden mit dieſen Leuten gehen“, ſagte der Marquis,„man muß auf der Wache ein Protokoll darüber aufnehmen. Die näheren Einzelnheiten werde ich ſpäter von Ihnen erfahren, für jetzt rathe ich Ihnen Ruhe und Mäßigung an.“ Paul folgte ohne Widerrede der Aufforderung ſeiner Kameraden, in ihrer Mitte ſchritt er von dannen, während der Marquis in die Cité ging. Eine halbe Stunde ſpäter trat der Marquis in das Arbeitskabinet Gambetta's. Der Sekretair des Dictators hatte ihn angemeldet, und obgleich Gambetta ſehr beſchäftigt war, empfing er ihn doch. „Man hat mir geſagt, Sie brächten wichtige Nachrichten“, rief er ihm entgegen,„ich vermuthe, daß es Ihnen gelungen iſt, Nach⸗ richten von draußen zu erhalten.“ „Dann bedaure ich ſehr, Ihre Hoffnung nicht erfüllen zu können“, erwiderte der Marquis ruhig.„Von meinen Boten iſt keiner zurück⸗ gekehrt, unſere Tauben bleiben aus, unſere Hunde hat man in der feindlichen Poſtenlinie aufgefangen.“ „Und unſere unterirdiſchen Telegraphen find auch ſchon zerſtört“, ſagte Gambetta, heftig mit dem Fuße aufſtampfend.„Das haben wir der Leichtfertigkeit zu verdanken, mit der die kaiſerliche Regierung die Belagerung erwartete. Wo ſind die Taucherboote, die auf der Seine unſern Verkehr mit den Provinzen vermitteln ſollten? Wir haben nur eins vorgefunden, von deſſen Brauchbarkeit ich mir nicht viel verſpreche. Jetzt ſoll Alles nachgeholt werden, es iſt eine Rieſen⸗ arbeit, aber man verlangt von uns, daß wir ſie bewältigen ſollen. Und was thut das Volk? Es ſchimpft auf uns, es wälzt die ganze Verantwortung auf uns und beſchäftigt ſich ſchon jetzt mit dem Plan, uns zu ſtürzen. Dieſe erbärmlichen Linientruppen werfen beim erſten Kanonenſchuß die Gewehre fort, und das Volk ſchiebt die Schald auf uns. Wer denkt daran, daß die ganze franzöſiſche Armee keinen Schuß Pulver werth iſt? Wer erinnert ſich, daß die kaiſerliche Re⸗ gierung nur für die Elite⸗Truppen ſorgte und die geſammte Linie aus Stellvertretern zuſammengeſetzt iſt? Niemand, die jetzige Regie⸗ R. 18 — — — 274— rung ſoll die Verantwortung für Alles übernehmen. Die Cafés mußten geſtern Abend geſchloſſen werden, weil die Mobilgarden, Of⸗ fiziere und Loretten ihre Orgien in ihnen feierten. General Trochu iſt verhaftet worden, auf ſeine Adjutanten hat man geſchoſſen, und in all dieſem Wirrwarr ſollen wir ſicher und ruhig das Staatsruder führen können? Bei Gott, Marquis, ich verliere ſchon heute, am dritten Tage der Belagerung, den Muth.“ „Geduld!“ erwiderte der Marquis kopfſchüttelnd,„das ſind die erſten hochgehenden Wogen der Leidenſchaft, der Strom wird bald in ſein altes Bett zurückkehren.“ „Ja, wenn man darauf warten könnte!“ rief der Dictator unge⸗ duldig.„Trochu hat wiederholt erklärt, er könne mit unſern Truppen nichts ausrichten, man müſſe ihm eine Friſt von mindeſtens vier Wochen gönnen, damit ſie einexercirt würden. Nun, ich ſehe das ein, aber wir können und dürfen ſo lange nicht warten. Ich muß ſelbſt hinaus, um in den Provinzen den Aufſtand zu organiſiren, Armeen zu bilden und Kriegspläne zu entwerfen, wir müſſen von Süden und Norden zugleich und durch einen Maſſenausfall unterſtützt die Reihen der Belagerungsarmee durchbrechen, und das muß bald geſchehen, noch ehe Bazaine Zeit gefunden hat, Metz zu übergeben.“ „Und auf welchem Wege wollen Sie hinaus?“ „Mit dem Luftballon.“ „Wie? Einem ſo unzuverläſſigen Fahrzeug wollen Sie Ihr Leben anvertrauen?“— „Bah, was gilt das Leben eines Einzelnen, wenn es ſich um das Wohl Frankreichs handelt? Wenn ich nicht ſelbſt wirke und ſchaffe, geſchieht nichts, die übrigen Miniſter haben guten Willen, aber nicht die Thatkraft.“ „Und nicht die Fähigkeiten!“ fügte der Marquis hinzu. „Und aufrichtig geſtanden, der Geheimbund unterſtützt mich auch nicht, wie ich es erwartet hätte.“ „Sie thun ihm Unrecht, wir ſind im Geheimen thätig, und ich darf Ihnen ſchon jetzt ſagen, daß Sie bald von uns hören werden.“ „Was wird geſchehen?“ „Etwas, was Europa in Schrecken ſetzen wird.“ „Darf ich es nicht erfahren?“ „MNoch nicht.“ „Nunz wie Sie wollen“, ſagte der Dictator achſelzuckend, nich Die Cefts arden, Of⸗ ral Trochu poſſen, und Staatsruder heute, am ſind die ad bald in tator unge⸗ Truppen iſtens vier h ſehe das Ic mu organiſiren, ſen von Lntter muß bald — wergeben. uckend, m — 275— erwarte nicht viel, meine Hoffnungen ſind ſehr beſcheiden. Man ſpricht von einer Verſchwörung unter den Nationalgarden gegen uns, das Verlangen nach einer Commune beginnt ſchon laut zu werden, ich hoffe, der Bund wird ſich nicht daran betheiligen.“ „In Allem, was er thut, berückſichtigt er nur das Intereſſe Frankreichs“, erwiderte der Marquis ruhig.„Und geſetzt, Paris wollte die Commune, müßte man nicht im Intereſſe der Republik dieſem Verlangen nachgeben?“ „Jetzt noch nicht. Die innern Kämpfe zerſplittern unſere Kräfte, wir müſſen hier Ruhe haben, um unſere ganze Kraft gegen den Feind richten zu können. Aber ſpäter, wenn eine Nationalverſammlung gewählt werden ſollte, in der die republikaniſche Partei zu ſchwach vertreten iſt, dann iſt die Commune die einzige Rettung. Laſſen Sie ſich nur jetzt nicht auf den Schwindel ein, Herr Marquis, er geht von napoleoniſchen Agenten aus, die gerne Verwirrung ſtiften und der beſitzenden Klaſſe Schrecken einflößen möchten, um ſie einer Re⸗ ſtauration des Kaiſerreichs geneigt zu machen.“ „Man muß den Ereigniſſen ihren Gang laſſen“, ſagte der Marquis, „was auch geſchehen mag, der Bund wird ſtets die Fahne der Re⸗ publik hoch halten. Aber ich will Sie nicht länger ſtören, Ihre Zeit iſt zu koſtbar. Dürfte ich um den Schutzpaß für die deutſche Dame bitten? Sie erinnern ſich wohl noch unſerer Unterredung über ſie?“ Der Dictator blickte auf. „Iſt ſie nicht eine Gefangene in St. Lazare?“ fragte er. „Seit geſtern nicht mehr.“ „Ah, ſo haben ſie es alſo doch zu ermöglichen gewußt—— aber ich will nicht indiscret ſein. Mein Secretair wird Ihnen den Paß geben.“ „Dann hätte ich noch eine zweite Bitte, die umſomehr gerecht⸗ fertigt erſcheint, als Sie ja Paris verlaſſen wollen.“ „Nun?“ „Ich wünſche einige Verhaftsbefehle zu beſitzen.“ „Gegen wen?“ „Gegen ſolche Perſonen, die im Intereſſe der Republik beſeitigt werden müſſen.“ „Ich möchte Namen wiſſen.“ „Nun, ich könnte Ihnen zwei nennen, aber Sie werden ſie nicht kennen. Es ſind Arbeiter, ſogar Mitglieder der Nationalgarde—“ 18* — hͤͤͤͤͤöoöoͤnͤſſͤͤ 276— „Und weſſen beſchuldigen Sie dieſe Leute?“ „Sie ſollen Mitglieder der napoleoniſchen Verſchwörung ſein“, erwiderte der Marquis gelaſſen.„Beweiſen kann ich ihnen noch nichts, wie es denn überhaupt ſchwer hält, Mitglieder einer größeren Ver⸗ ſchwörung der Schuld zu überführen. Ueberdies halte ich es für nicht rathſam, eine ſolche Verſchwörung der Oeffentlichkeit preiszugeben, die Freunde des Kaiſerreichs würden dadurch in ihren Sympathieen beſtärkt und die wilden Leidenſchaften der Kanaille neu entfeſſelt, es iſt beſſer, man macht das ſtill und ohne Aufſehen ab.“ „Der Polizeipräfekt Keratry— „Verzeihen Sie, er iſt ein ängſtlicher Mann, der nicht gern die Verantwortung für eine gewagt ſcheinende Handlung übernimmt. Vertrauen Sie mir die Haftbefehle an, ich werde nur im Nothfalle Gebrauch von ihnen machen, und auch dann noch in einer Weiſe, daß die Regierung durchaus nicht kompromittirt werden kann.“ „Ich werde mit Keratry darüber ſprechen.“ „Und wann darf ich die Antwort holen 281 „Wann Sie wollen, morgen.“ Der Marquis verließ das Kabinet, er nahm im Zimmer des Secretairs den Paß in Empfang und ſchlug dann den Weg zu den Boulevards ein. Man ſah in den Straßen jetzt faſt nur noch Uniformen, überall exercirten die Nationalgarden, auf allen Plätzen waren Zeltlager und Bivouaks. Die Stimmung war ernſt, man beſchäftigte ſich ſchon damit, die Entfernung von den preußiſchen Batterieen zu berechnen, um feſtzuſtel⸗ len, wie weit die Bomben Paris beſtreichen würden. Ja, hier und da wurden ſchon Fenſter und Kellerlöcher mit Matratzen und Sand⸗ ſäcken verbarrikadirt. Auf dem Beulevard begegnete dem Marquis ein ſeltſamer Zug. Etwa dreißig Damen aus Belleville marſchirten in der Richtung nach dem Stadthauſe. Sie trugen Käppi's, leinene Gamaſchen und in den Händen einen ſtarken Knüttel. Ihnen voran wehte eine rothe Fahne mit der Inſchrift:„Wir wollen die Commune“. Viele der Zuſchauer zuckten die Achſeln, andere lachten und ſpotteten. Mehrere riefen:„Nach St. Lazare!“ Der Zug war eben an dem Maruis vorbeimarſchirt, als einige Nationalgarden ihm entgegentraten. mg ſein“, oh nichs, heren Ver⸗ ch es für iszugeben, mpathieen feſſelt, es t gern die bernimmt. Nothfalle Weiſe, daß umer des en, überall llaget und drmit, dit — ijtzuſtel⸗ hier und ud Sadd⸗ ſamer dug. r Richtung niſcen nd eine olhe iele der Mehrere inige 43 einig — 277— Aber die kühnen Amazonen zögerten nicht lange, ſie fielen mit ihren Fäuſten und Knütteln über die Nagionalgarden her, welche ſich einfach darauf beſchränkten, ihnen die Stöcke zu entreißen. Die rothe Fahne wurde zerfetzt und in den Koth getreten, die Stange zerbrochen. Der Tumult wurde immer größer, die Amazonen kämpften mit der Wuth gereizter Löwinnen. Da, in dieſem kritiſchen Moment, hob ein Nationalgardiſt die zerbrochene Fahnenſtange auf. „Nach dem Stadthauſe!“ rief er. Folgt mir!“ Die Amazonen traten wieder in Reih und Glied und folgten dem Manne, der ſie zur nächſten Polizeiſtation führte, von wo ſie unter dem Gelächter der Menge einzeln nach Hauſe geſchickt wurden. „Mein Herr, eine kleine Gabe für das Vaterland!“ redete ein ſchon ziemlich bejahrter Mann den Marquis an, als dieſer ſeinen Weg fortſetzen wollte. „Zu welchem Zweck?“ fragte der Marquis. „Um die Preußen zu vernichten.“ „He— glauben Sie, es zu können?“ „Ah, ich habe eine Maſchine erfunden, mit der ich die ganze preußiſche Armee in die Luft ſprengen werde.“ „Dieſe Maſchine möchte ich ſehen.“ „Verzeihen Sie, ſie iſt noch nicht fertig, ich ſammle eben Bei⸗ träge, um ſie anfertigen zu können.“ „Und Sie gkauben wirklich—“ „Gottes Tod, mein Herr, nicht einer von dieſen Preußen wird den heiligen Boden Frankreichs lebend verlaſſen. Wiſſen Sie denn nicht, welche Erfindungen ſchon gemacht ſind, um die Ehre Frankreichs zu retten?“ „Nein“, ſagte der Marquis, indem er dem Manne ein Fünf⸗ frankenſtück gab. „Ah— da iſt die Mitrailleuſe Montigny, ſie wirft vierhundert⸗ einundachtzig Kugeln in der Minute. Die Mitrallleuſe Markterberg wirft zweihundertfünfzig Kugeln, die Mitrailleuſe Durand, die nicht mit Pulver, ſondern mit Dampf geladen wird und in jeder Sekunde ſechszig, alſo in der Minute ſechsunddreißighundert Kugeln wirft. Die Bomben Moneſtrol, von denen jede ein ganzes Bataillon vernichtet, die Brandbomben Gaudins, die aus den Luftballons auf die Fuhr⸗ werke und Ambulanzen des Feindes geſchleudert werden. Die Stink⸗ bomben, welche mehrere Stunden lang in einem weiten Umkreiſe die — — ——— — 278— Verwundeten auf den Gefechtfeldern erſticken. Die Satansrakete, die ein ganzes Armeecorps in Brand ſteckt. Das griechiſche Feuer Beaume's, Brandgeſchoſſe, die Alles verbrennen, was ihnen in den Wurf kommt, ohne daß es möglich wäre, ſie zu löſchen. Die Explo⸗ ſionsminen von Dieheim, die ganze Regimenter in die Luft ſprengen, die unterirdiſchen Torpedos, die Bataillone vernichten, die gepanzerte Locomotive, die mit Kanonen und Mitrailleuſen beſpickt iſt und end⸗ lich, mein Herr, meine Erfindung.“ „Die jedenfalls die beſte von allen ſein wird“, ſagte der Marquis. „Ich erbiete mich, mit ihr alle preußiſchen Batterieen und Re⸗ gimenter niederzuſchmettern, das Hauptquartier in die Luft zu ſpren⸗ gen und ſelbſt den fliehenden Feind bis auf den letzten Mann zu vernichten.“ „Natürlich muß es ein Geheimniß bleiben, bis die Maſchine fertig iſt?“ „Allerdings, den Ruhm der Erfindung möchte ich mir nicht neh⸗ men laſſen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ Der Marquis ſchüttelte lächelnd den Kopf, der berühmte Erfin⸗ der ſtand bereits bei einem andern Herrn, von dem er ebenfalls einen Beitrag erbettelte. „Blödſinn!“ murmelte der Marquis, indem er ſeinen Weg fort⸗ ſetzte.„Lüge und Phraſe, aber man kann den Pariſern Alles aufbinden, wenn man es nur verſteht, ihnen die Phraſe mundgerecht zu machen.“ Er bog in die Rue Vincent ein und trat in das Haus, in wel⸗ chem die Freunde wohnten. Auf der Treppe begegnete ihm ein altes Weib, es war Madame Gourdin, aber der Marquis kannte dieſe Frau nicht, und ebenſowenig ahnte er, welche Nachricht ſie der Wahrſagerin gebracht hatte. Madame Gourdin war am Morgen in St. Lazare geweſen und die erſte Nachricht, welche ſie hier erhielt, war die von der Flucht der blonden Deutſchen. Das ganze Gefängnißperſonal war in fieberhafter Aufregung, man hatte noch nicht herausgebracht, wie es der Gefangenen möglich ge⸗ weſen war, zu entfliehen, man bemühte ſich eifrig, das dunkle Räthſel zu löſen, ohne indeß den Schlüſſel dazu finden zu können. Dieſe wichtige Nachricht hatte Madame Gourdin ſofort ihrer Freundin überbracht, und die Wahrſagerin ſaß jetzt in ernſtem Nach⸗ denken über den Vorfall verſunken. rakete, die che Feuer en in den die Explo ſprengen, gepanzerte und end⸗ (. ,2 Marqu Mo 1 und Re⸗ zu ſpren⸗ Mann zu — 279— Der Rabe hockte, wie immer, auf ihrer Schulter, und es ſchien faſt, als ob auch er über das Räthſel nachdenke. „Achtung!“ krächzte er plötzlich, dann ſchlug er energiſch mit den Flügeln. Die Alte erhob das Haupt, ein bedeutungsvoller Zug glitt über ihr runzliches Geſicht, als der Marquis eintrat. „Hundert Sous für die arme Frau!“ ſchrie der Rabe.„Wir ſind arm, arme Leute.“ „Habe ich endlich auch wieder einmal die Ehre?“ fragte Madame Leroi.„Ach, es iſt ja wahr, ein guter Dienſt wird raſch vergeſſen.“ „Sehr raſch, Madame, Undank iſt der Welt Lohn“, ſpottete der Marquis. Hm, ich habe das ſo oft erfahren, daß ich gegen Undank abgehärtet bin. Aber der ſchönen, blonden Marie wird die Enttäuſchung bitter ſein.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß Sie das ſchöne Fräulein nicht heirathen werden. Die ſchöne Blume am Wege reizt den Wanderer, er bricht ſie und ergötzt ſich an ihrem Duft und ihrer Farbenpracht, und wenn ſie zu welken be⸗ ginnt, wirft er ſie fort, und andere Füße treten ſie in den Staub. Iſt es nicht ſo?“ „Nicht immer, Madame!“ „Bah, ich habe ſelten eine Ausnahme gefunden.“ „Und inwiefern haben Ihre Worte Bezug auf Fräulein Reimann? Sie iſt im Gefängniß.“ „Seit geſtern nicht mehr.“ „In der That? Wer ſagte es Ihnen?“ „Sie hören, daß ich es weiß. Soll ich Ihnen den Namen des Herrn nennen, der ihr die Flucht ermöglicht hat?“ Der Marquis klemmte die Unterlippe zwiſchen die Zähne, der farkaſtiſche, beißende Ton, den die Alte anſchlug, ließ ihn erkennen, daß ſie ſein Geheimniß ahnte. „Was kümmert es mich?“ erwiderte er mit erzwungener Ruhe. „Wollen Sie mich nun glauben machen, daß das ſchöne Mädchen Sie gar nicht intereſſire?“ fragte das Weib mit boshaftem Spott. „Glauben Sie wirklich, ich wiſſe nicht, daß das Fräulein bei Ihnen eine Zuflucht gefunden hat? So räthſelhaft auch allen Andern dieſe Flucht ſein mag, ich ſehe hinter den dunkeln Schleier, Herr Marquis.“ —— — 280— „Hundert Sous für die arme Frau!“ krächzte der Rabe. „Das ſind Vermuthungen“, entgegnete der Edelmann,„und welchen Werth man auf Eure Vermuthungen legen darf, weiß Jeder, der Euch kennt.“ „Und doch kommen Sie zu mir, um meinen Rath zu hören—“ „Nein, Madame, ich komme, um einige Fragen an Sie zu richten“, fiel der Marquis ihr ins Wort,„Fragen, welche die jungen Leute gegenüber betreffen.“ Die Wahrſagerin lächelte boshaft; das war ja abermals eine Beſtätigung ihrer Vermuthungen. „Man ſagt, ſie ſeien in eine Verſchwörung verwickelt“, fuhr er fort,„ich möchte die Wahrheit dieſer Behauptung ergründen.“ „Sie ſtehen ja ſelbſt an der Spitze einer Verſchwörung—“ „Abermals Vermuthung, verſchonen Sie mich damit, halten wir uns an Thatſachen.“.— Der Marquis hatte bei den letzten Worten einige Goldſtücke auf den Tiſch geworfen, der Rabe blickte mit den klugen, glänzenden Augen auf das funkelnde Gold und ſchlug mit den Flügeln. „An Thatſachen“, wiederholte die Alte,„was wollen Sie wiſſen?“ „Ob die jungen Herren oft über Nacht ausbleiben und ob ſie Beſuche empfangen, die einen Verdacht wecken könnten.“ „Das heißt mit andern Worten, ob ſich kein Haken finden läßt, an dem man ſie faſſen kann, nicht wahr?“ fragte Madame Leroi.„Sie könnten ja unbequem werden, wenn ſie erführen, daß die blonde Deutſche noch immer in Paris iſt.“ Der Marquis biß auf die Lippe, er war nicht gewohnt, daß man in dieſem Tone mit ihm ſprach, und doch mußte er ihn ſich gefallen laſſen, denn das Weib war zu tief in ſeine Geheimniſſe eingeweiht. „Beantworten Sie meine Fragen“, ſagte er befehlend. Wie Sie darüber denken, und welche Schlüſſe Sie aus ihnen ziehen, das iſt mir gleichgültig, nur warne ich Sie vor unbedachten Aeußerungen, welche mich compromittiren könnten.“ „O, was ich verſchweigen will, das erfährt keine Menſchenſeele“, erwiderte die Alte mit einem ſtechenden Blick auf den Edelmann. „Nun, die jungen Leute gehen jeden Abend aus, und es wird in der Regel Mitternacht, ehe ſie heimkehren, aber wen treibt in dieſer Zeit die Neugier nicht hinaus? Beſuche empfangen ſie nicht und ich habe noch nichts entdeckt, was einen Verdacht gegen ſie wecken könnte. Sie Lcen eichen — 281— ſind fleißig und nüchtern, ſie thun ihren Dienſt in der Nationalgarde gewiſſenhaft und ſind treue Anhänger der Republik. Sehen Sie, das iſt die Wahrheit, Herr Marquis, fragen Sie mich aber, ob man ihnen nicht doch einen Stein in den Weg werfen könnte, über den ſie ſtolpern müßten, ſo kann ich Ihnen auch darauf eine befriedigende Antwort geben.“ Der Marquis hatte die Arme auf der Bruſt verſchränkt, feſt und durchdringend ruhte ſein Blick auf dem runzlichen Geſicht des tücki⸗ ſchen Weibes. „Welches Mittel würden Sie wählen?“ fragte er. „Man könnte Papiere in ihrer Manſarde verbergen, die ihnen den Hals brechen müßten. Man könnte ihnen verdächtige Leute zu⸗ ſchicken und Sorge tragen, daß Andere dieſe Leute hineingehen ſehen.“ „Und dann?“ „Bah, dann werden Sie verhaftet und vor ein Kriegsgericht ge⸗ ſtellt. Ich habe ſchon daran gedacht, ob man ſie nicht zwingen könne, dieſe Wohnung zu verlaſſen, die blonde Deutſche hätte dann keine Zuflucht mehr, wenn irgend ein Ereigniß ſie zwingen ſollte, die Hülfe eines Freundes zu ſuchen. Aber ich weiß nicht, wie man es ermög⸗ lichen ſoll, die Verhaftung wäre kürzer und ſicherer.“ „Aber man müßte Beweiſe haben“, warf der Marquis ein. „Beweiſe! Du lieber Himmel, wie billig ſind ſie, wenn man ſie ſuchen will! Sorgen Sie für die Papiere—“ „Dieſe Sorge müßten Sie übernehmen.“ „Ah— auch das? Je nun, ich kenne einen Mann, der jedes Dokument verſchaffen kann, aber er fordert viel, ſehr viel.“ „Und für Euch müßte natürlich auch viel abfallen?“ „Je größer die Gefahr, deſto höher der Preis.“ „Ich ſehe hier keine Gefahr für Euch.“ „Die Burſchen würden mich ermorden, wenn ſie mich ertappten!“ „Was würden ſie thun, wenn ſie erführen, daß Fräulein Rei⸗ mann auf Eure Denunciation hin verhaftet und nach St. Lazare gebracht wurde? Liegt es alſo nicht auch in Eurem Intereſſe, dieſe gefährlichen Gegner unſchädlich zu machen? Ich will ihren Tod nicht, wozu auch? Es genügt, wenn ſie bis zum Friedensſchluſſe hinter Schloß und Riegel gehalten werden, nachher werde ich ſie für die Gefangenſchaft entſchädigen.“ „Ja, nachher, wenn das ſchöne Fräulein das trotzige Köpfchen — 282— gebeugt hat. Geben Sie mir fünfhundert Franken und beſtimmen Sie den Tag, an dem die Beweiſe zur Stelle ſein müſſen.“ „Das Erſte ſoll geſchehen, das Zweite kann ich nicht. Nur im äußerſten Nothfalle möchte ich dieſes Mittel benutzen. Man müßte die Papiere an einem ſicheren Orte verſtecken, wo die Beiden ſie nicht finden, dort könnten ſie liegen bleiben, bis man von ihnen Ge⸗ brauch machen will.“ „Aber weshalb wollen Sie nicht—“ „Nein, Madame, in dieſem Punkte ſteht mein Entſchluß feſt; wenn Sie in dieſer Weiſe Ihre Aufgabe löſen können, dann mag es geſchehen.“ „Wir ſind arm, arme Leute!“ ſchrie der Rabe. „Wie Sie wollen“, ſagte Madame Leroi,„binnen drei Tagen ſollen die Papiere an Ort und Stelle ſein.“ „Und wenn es geſchehen iſt, erhalten Sie das Geld.“ Die Alte nickte, ihr ſtechender Blick ſtreifte verſtohlen das Geſicht des Edelmannes, der langſam, wie in Nachdenken verſunken, ſeine Glacehandſchuhe anzog. „Vielleicht können wir noch ein zweites Geſchäft machen“, ſagte ſie. „Ich wüßte nicht, welches.“ „Die vornehmen Herren ſehen und kaufen gern einen ſchönen Edelſtein, darf ich Ihnen einen werthvollen Ring zeigen?“ Der Marquis blickte betroffen auf, es waren weniger die Worte ſelbſt, als der geheimnißvolle Ton, in welchem ſie geſprochen wurden, was ihn überraſchte. Madame Leroi hatte eine Schublade des Tiſches geöffnet, in ihrer gelben, dürren Hand blitzte der Diamantring, den ſie nach der Verhaftung Mariens geſtohlen hatte. Und kaum hatte der Edelmann einen Blick auf dieſen Ring geworfen, als er ihn mit Fieberhaſt der Hand der Wahrſagerin entriß. „Woher habt Ihr ihn?“ fragte er mit bebender Stimme.„Wer gab Euch den Ring?“ „Kennen Sie ihn?“ antwortete das Weib ironiſch.„Sehen Sie die Gravirung auf der inneren Fläche, könnten dieſe Buchſtaben H. d. C. nicht Henri de Chateaurouge bedeuten?“ Der Marquis zuckte zuſammen, ein flanunender Blick traf aus ſeinen Augen die Wahrſagerin. r (¶ eſtimmen Nur im n mißte eiden ſie onen Ge⸗ luß feſt; mag es ei Tagen 3 Geſicht ken, ſeine ſagte ſie. a ſchönen die Worte n wurden, jffnet, in nach der ſen Ring ahrſogetin — 283— „Hundert Sous für die arme Frau!“ krächzte der Rabe.„Wir ſind arm, arme Leute!“ „Ruhig, Jacques,“ höhnte Madame Leroi,„dieſer Ring wird uns reich machen. Oder ſollte das auch wizder eine Vermuthung ſein, die für ſie keinen Werth hat?“ „Der Ring iſt nicht ſo werthvoll—“ „Aber die Geſchichte, die ſich an ihn knüpft, Herr Marquis!“ „Sie kennen ſie?“ „Nicht ganz, aber ich errathe das, was ich nicht weiß, und mei Scharfſinn trifft in der Regel den Nagel auf den Kopf.“ „Wohlan, ſagen Sie mir, wie Sie in den Beſitz des Ringes ge⸗ kommen ſind.“ „Ich habe ihn gekauft.“ „Von wem?“ „Ja, wenn ich ſo thöricht ſein wollte, alle Fragen zu beantwor⸗ ten, die Ihnen auf der Zunge ſchweben, dann—“ „Ich zahle Ihnen tauſend Francs für den Ring.“ „Und für die Geſchichte?“ „Mit dieſem Preis iſt Beides bezahlt.“ „Ich taxire das Geheimniß höher“, erwiderte die Alte, leiſe kichernd,„und Niemand ſoll mir wehren, ſelbſt den Preis zu be⸗ ſtimmen. Wer das Kreuz in der Hand hat, ſegnet ſich zuerſt damit, ſo werden Sie auch denken.“ Der Marquis machte eine Bewegung der Ungeduld, er hatte den Ring hingelegt, Madame Leroi nahm ihn auf und ſteckte ihn an ihren ſpitzen Zeigefinger. „Er hat einſt die Hand eines ſchönen Mädchens geſchmückt, ſagte fie leiſe,„ach, wie viele Hoffnungen knüpfen ſich an ihn, wie oft haben ſchöne Augen ihn mit Thränen benetzt. Und dann brach das Herz, das mit dieſem blitzenden Steinchen betrogen worden war, und Alles war zu Ende.“ Der Marquis ſah finſter vor ſich hin, die Erinnerungen, welche dieſe Worte weckten, hatten nichts Angenehmes für ihn. „Es war nicht meine Schuld allein“, murmelte er.„Aber die Geſchichte dieſes Ringes, Madame, wenn ich bitten darf! Soweit Sie ſie mir bis jetzt berichtet haben, kenne ich ſie, aber was folgt nun?“ „Ein Geheimniß—“ „Welches ich theuer bezahlen ſoll. Wie viel fordern Sie?“ —— Bn ¹ — — — 284— „Hunderttauſend Francs.“ „Ihr ſeid unverſchämt!“ fuhr der Edelmann zornig auf. „Ich glaube, daß das Geheimniß für Sie dieſen Werth haben wird.“ X „Aber ich bin nicht geneigt, eine ſo hohe Summe dafür zu be⸗ zahlen.“ „Das iſt eine andere Sache“, ſagte die Alte ruhig.„So werde ich mein Geheimniß behalten.“ „Und was nutzt es Euch?“ „Wer weiß! Später könnte es doppelten Werth erhalten.“ „Niemals! Gebt mir den Ring, was er werth iſt, zahle ich.“ „Die Geſchichte hat den größeren Werth.“ „Ah, bah— ſoll ich ſie Euch erzählen?“ fragte der Marquis, gewaltſam ſeine Aufregung bezwingend.„Das Mädchen ſtarb, ein Anderer erbte den Ring, der von Hand zu Hand wanderte, manch⸗ mal im Pfandhauſe lag und bald darauf wieder an der Hand einer üppigen Lorette blitzte. Und dann wurde er Euch angeboten, vielleicht kanntet Ihr den Ring, vielleicht auch gaben Euch die Buchſtaben im Innern zu Vermuthungen Anlaß, und dieſe Vermuthungen weckten die Hoffnung, daß ein gutes Geſchäft mit dem Ringe zu machen ſei.“ „Das iſt doch nicht ſo ganz richtig“, ſpottete das Weib.„Ich könnte mehr wiſſen, Aufklärungen geben, aber—“ „Ja, Ihr könntet mir ein Märchen erzählen und mich in fieber⸗ hafte Aufregung bringen“, fuhr der Marquis fort,„mit einem Netz von Lügen könntet Ihr mich umſtricken und mich vielleicht zwingen, Eurer unerſättlichen Habſucht die größten Opfer zu bringen. Aber ich bin doch zu klug, und die Falle iſt zu plump, als daß es Euch gelingen könnte, mich hineinzulocken, Madame.“ „Wer weiß, ob Sie Ihre Klugheit nicht bereuen werden!“ „Gewiß nicht, wenn der Wunſch, das Geheimniß zu erfahren, in mir aufſteigen ſollte, dann werde ich mich Ihrer Habſucht erinnern, dann werde ich mich auch erinnern, daß Beide, Mutter und Kind, längſt unter dem Raſen ruhen.“ „Wiſſen Sie das ſo beſtimmt?“ „Ja. Ich war im Findelhauſe und habe die Bücher mir vor⸗ legen laſſen, aus ihnen gewann ich die Ueberzeugung, daß die Hoff⸗ nungen, welche Ihr jetzt in meiner Seele wecken wollt, keine Be⸗ rechtigung haben. Aber trotz alledem will ich mein Gebot verdoppeln, — Karguis, atö, ein manch⸗ nd einer vielleicht ben im weckten en ſa. ,6 fieber⸗ em Netz wingen, Aber 3 Cuch 11 hren, in rinnern, d Kiind, — 285— und nicht allein das, ich verpflichte mich auch auf Ehrenwort, die volle Summe von zehntauſend Francs zu zahlen, wenn Euer Geheimniß wirklich Werth für mich hat. Wollt Ihr auf dieſen Vorſchlag ein⸗ gehen, ſo iſt der Handel abgeſchloſſen.“ „Ich gehe von meiner Forderung nicht ab.“ „Wohlan, dann möge Jeder von uns das Seinige behalten. Wollt Ihr mir auch den Ring nicht verkaufen?“ „Nein.“ „Für Euch iſt er ein todtes Kapital, welches keine Zinſen trägt.“ „Sei es, er iſt mein Eigenthum, ich verkaufe ihn nur dann, wenn der volle Werth mir gezahlt wird.“ Der Marquis nahm ſeinen Hut. „Ich kann Euch nicht zwingen, ihn mir zu überlaſſen“, ſagte er, „und Ihr werdet es nicht thun, trotzdem Ihr wißt, daß er früher mein Eigenthum war, und daß ſich für mich beſondere Erinnerungen an ihn knüpfen. Ihr habt den ſchönen, vielverſprechenden Plan ein⸗ mal entworfen, und nun ärgert es Euch, daß ich nicht mit geſchloſſe⸗ nen Augen in das Netz hineingehe. Ihr habt Euch einfach verrech⸗ net, und ich kann ja warten, die Zeit wird kommen, in der Ihr jedes Gebot annehmt, der Hunger zwingt Euch dazu.“ „Auch ich kann warten“, erwiderte Madame Leroi ſo ruhig, als ob es ſich nur um einige Sous handle,„es fragt ſich nur, wem dieſes Warten am gefährlichſten iſt.“ „Jedenfalls Euch, denn Noth und Elend ſtehen ſchon vor Eurer Thüre, ſie werden bald eintreten.“ Das alte Weib lachte höhniſch, als die Thüre hinter dem Edel⸗ mann ins Schloß gefallen war. „Noth und Elend!“ ſpottete ſie.„Glaubt er, daß der Hunger ihn verſchonen wird?“ „Wir ſind arm, arme Leute!“ krächzte der Rabe. „Wir ſind es nicht, Jacques!“ rief Madame Leroi trotzig, indem ſie haſtig ſich erhob.„Mutter Leroi iſt eine kluge Frau, die auch an die kommenden Tage denkt.“ Sie kniete auf den Fußboden nieder und hob eine Diele auf, dann holte ſie aus der Oeffnung mehrere Töpfe, Flaſchen, Schachteln und Büchſen, denen Würſte, Schinken und andere Lebensmittel folgten. Alle dieſe Schätze breitete ſie vor ſich auf dem Boden aus, und der Rabe hockte neben ihr und ſah ihr mit funkelnden Augen zu. ———I — — — — 286— „Da haben wir Butter, Eier, Käſe, Fleiſch und Gemüſe“, kicherte ſie,„da iſt Salz, Reis, Gerſte und Branntwein, ah, wir haben alles, was wir bedürfen!“ Der Rabe ſchlug mit den Flügeln, der Kater ſpazierte zwiſchen den Herrlichkeiten umher und rieb den runden Kopf an dem Arme es alten Weibes. „Noth und Elend!“ ſpottete ſie wieder,„wir werden nicht ver⸗ hungern, wir haben hier genug für ſechs Monate, aber Niemand darf erfahren, daß wir ſo reich ſind. Wir ſind arm, arme Leute, he— Jacques?“ „Hundert Sous für die arme Frau!“ krächzte Jacques. „Ja, ja, ſo iſt es recht. Sie werden kommen und wiſſen wollen, wann die Noth ein Ende nimmt, dann ſollen ſie zahlen, zahlen, zahlen!“ Die Augen des alten Weibes funkelten, während ihre Hände emſig beſchäftigt waren, die Schätze in ihr Verſteck zurückzuſchaffen. „Dann wird Mancher in die Zukunft ſchauen wollen“, fuhr ſie fort,„dann werden die Reichen für ihre Schätze und ihr Leben zittern. Ein gutes Geſchäft,— he, Jacques?“ „Wir ſind arm, arme Leute!“ „Und daß wir es nicht ſind, braucht Niemand zu wiſſen.“ Eie hatte ſich erhoben und in ihrem Seſſel wieder Platz genom⸗ men, ihre ſtechenden Augen blickten auf den Ring an ihrem Finger. „Gewißheit!“ murmelte ſie.„Nur Marie könnte ſie mir geben, und wer ſagt mir, wo ich das Mädchen finde? Der Marquis hat ſie in ſeinen Schutz genommen, ſie wird bei ihm bleiben, bis die Blume ihren Reiz für ihn verloren hat. Und dann?“ Die Alte ſtützte das Haupt auf die Arme und verſank in Nach⸗ denken. 2 ,Wa⸗ kümmert es mich?“ fuhr ſie fort.„Nach uns die Sünd⸗ fluth! Die alten Sünden haben ſich gerächt, und mir kann man keinen Vorwurf machen! Aber ſind meine Vermuthungen Tichtig, Kann ich mich nicht auch getäuſcht haben? Bah, wie ſollte ſie zu dieſem Ring gekommen ſein, wenn ſie ihn nicht geerbt hätte? Und gleichwohl iſt es auch mir noch ein dunkles Räthſel, welches ich löſen muß, wenn ich ganz klar ſehen will! Und ich werde es löſen!“ — 287— „Achtung!“ krächzte der Rabe.„Hundert Sous für die arme Frau!“ Madame Leroi erhob das Haupt und blickte auf die Thüre, man pochte ungeſtüm, dann wurde die Thüre haſtig aufgeriſſen, und Herr von Segur ſtand auf der Schwelle. Er war naß vom Kopf bis zu den Füßen, das Waſſer tröpfelte von ſeinen Kleidungsſtücken herunter, und ſeine Zähne klapperten vor Froſt. „Das iſt ein ſonderbarer Aufzug“, ſagte das Weib ſpöttiſch.„Faſt ſollte man glauben, Sie kämen gerades Wegs aus der Seine.“ „Hole der Teufel die Kanaille!“ rief Segur wüthend.„Weiß der Himmel, ſie hätte mich noch einmal hineingeworfen, wenn ich ihr in die Hände gefallen wäre! Und vor Allen ſoll den frechen Burſchen der Teufel holen, der mich ſo hinterliſtig überfiel. Ihr habt ihm Alles verrathen, das iſt die Sache, aber Ihr ſollt es büßen.“ Er war raſch auf den Tſich zugetreten, Madame Leroi ſprang erſchreckt von ihrem Sitz auf. „Rühren Sie mich nicht an!“ ſagte ſie drohend,„mein Jacques verſteht keinen Spaß, er hackt Ihnen die Augen aus.“ „Dem verfluchten Vieh drehe ich den Hals um!“ ſchrie Segur mit wachſender Wuth. „Wenn er es ſo weit kommen läßt! Sehen Sie ſich vor, mein Herr, er vertheidigt mich mit ſeinem Leben. Was ſoll ich verrathen haben?“ „Die Geſchichte mit Loniſon.“ „Wem?“ „Dem Bettelburſchen, der ſich der Gunſt dieſes Mädchens rühmt. Und Sie wiſſen auch, wo das Mädchen iſt, Sie haben den Burſchen zu ihr geführt und ihn gegen mich auſgehetzt, nachdem Sie vorher mich mit Ihrem Höllentrank betrogen hatten.“ Madame Leroi athmete wieder auf, dieſer Anklage konnte ſie ruhig die Stirn bieten. „Das iſt aus der Luft gegriffen“, ſagte ſie,„ich weiß von alle⸗ dem nichts und habe Louiſon noch nicht geſehen. Aber Sie werden ſich erkälten, mein Herr.“ „Was liegt daran?“ fuhr Segur auf, der vergeblich ſeine Wuth zu bemeiſtern ſuchte.„Es iſt beſſer, daß ich einen Schnupfen be⸗ komme, als daß die Kanaille mich in der Seine ertränkt. Ah, wenn — 288— ich dem Burſchen nur wieder begegne! Geben Sie mir Gift, Ma⸗ dame, ich ermorde die ganze Bande, das Mädchen, ihren Vater, und den Buben, der mich auf dem Pontneuf hinunterſtürzte.“ „Ja, wenn Sie den Wucherer beerben könnten, hätte es noch einen Zweck“, ſpottete das Weib.„Vielleicht hat er dem Burſchen die Geſchichte verrathen.“ „Er?“ fragte der Wüſtling aufſchauend.„Beim Himmel, feige genug iſt er dazu. Und der Bube kam von jener Seite. Ich werde es erfahren, hat er's nicht gethan, dann thaten Sie es.“ „Ich habe den Burſchen nicht geſehen.“ „Wohnt er nicht in dieſem Hauſe?“ „Ja, aber ich werde mich hüten, ein Wort mit ihm zu wechſeln. Und weiß ich denn, was zwiſchen ihm und Louiſon und Ihnen vorge⸗ fallen iſt?“ Segur zeigte auf das ſchwarze Tuch, mit dem er die Stirne verbunden hatte. „Der Höllentrank war nichts werth“, knirſchte er,„ein gutes Schlafpulver hätte beſſere Dienſte gethan. Was vorgefallen iſt? Niedergeſchlagen hat ſie mich, daß ich die Beſinnung verlor, und als ich aus der Betäubung erwachte, war ſie verſchwunden.“ Madame Leroi lachte. Sie wußte das Alles ebenſo gut, und vielleicht noch genauer, wie er, aber es bereitete ihr Genugthuung, aus ſeinem eigenen Munde den Bericht über ſeine Niederlage zu hören. Durch ihre boshaften Bemerkungen und ihr ſchadenfrohes Lachen reizte ſie ſeine Wuth noch mehr. „Alſo verſchwunden iſt ſie?“ fragte ſie.„Und ihr Vater ha auch keine Ahnung davon, wo ſie ſein könne?“ „Nein.“ „Waren Sie ſchon in der Morgue?“ „„Natürlich, aber weshalb hätte das Mädchen in die Seine ſprin⸗ gen ſollen? Bei allen Teufeln, wenn ich ſie finde, werde ich eine furchtbare Rache nehmen!“ „Und was wäre dieſe Rache werth?“ forſchte das Weib mit einem lauernden Blick auf das verlebte Geſicht des Wüſtlings. „Alles, was ich habe.“ „Das wird nicht viel ſein.“ „Gleichviel, ich gebe Alles dafür hin.“ „Hm, wenn ich mich der Sache annehmen will, werde ich die t, Ma⸗ eer, und es noch Burſchen k feir werde 1 vechſeln. 6 vorge⸗ 4 Stirne 8 8 n gutes 2 en iſt? 5 md als d 5 ut, und 5 gthuung, 5 lage zu 2 47 ,22 5 enftohes 5 ö — 289— Verlorene bald gefunden haben, aber ich müßte vorher wiſſen, wofür ich es thue.“ „Und wenn ich das Geld ſtehlen müßte, welches Sie fordern, Sie ſollen die Summe erhalten.“ Die Alte nickte zuſtimmend, und wieder erſcholl ihr heiſeres, bos⸗ haftes Lachen. „Pierre Bandau müßte die Summe zahlen“, ſagte ſie. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ „He, iſt er nicht ein reicher Mann?“ „Ich habe keinen Credit mehr bei ihm.“ „Man muß ihn zwingen, das Geld herauszugeben“, antwortete die Alte.„Daß er Ihnen nicht mehr borgt, kann ich mir denken, ſie ſind ruinirt, und in ſolchen Zeiten verdient man nichts im Spiel. Die luſtigen Loretten ſind in der Schweiz, in Brüſſel oder England, die heitern Abende in den ſtrahlenden Salons haben ein Ende ge⸗ nommen und werden ſobald nicht wiederkehren. Ja, damals rollte das Gold über die grünen Tiſche, und die guten Freunde der ſchönen Damen, welche die Gimpel in's Netz locken mußten, hatten alle Taſchen voll Gold und den Kopf voll herrlicher Pläne. Damals gab Pierre Bandau dieſen Herren bereitwillig Vorſchüſſe, er wußte ja, daß das Geld ihm hohe Zinſen einbrachte, jetzt iſt er vorſichtig geworden.“ „So iſt es, alte Hexe“, ſagte Segur ironiſch,„Ihr kennt meine Vergangenheit beſſer, wie ich ſelbſt.“ „Bah, man lieſt ſie ja in Eurem Geſicht. Und nicht ſie allein, guch die Zukunft. Zwei Wege liegen vor Ihnen, mein Herr, der erſte führt ins Gefängniß und aus dieſem ins Spital, wenn Sie nicht vorziehen, auf der Straße zu ſterben, der andere könnte Sie zum reichen Manne aachen.“ „In Wahrheit? P. leu, dann wird die Wahl mir nicht ſchwer fallen.“ „Vorausgeſetzt, daß Sie Muth und Schlauheit genug beſitzen. Pierre Bandau weiß ſelbſt nicht, wie reich er iſt, der Mann kaun plötzlich vom Schlage gerührt werden oder in einem Anfall von Ueber⸗ druß ſich das Leben nehmen,— wer wird ihn beerben?“ „Louiſon.“ „Na, dann heirathen Sie das Mädchen, es iſt ein gutes Geſchöft, ſpottete das Weib.„Aber freilich, Louiſon wird nicht wollen, un zwingen kann man ſie nicht.“ — 290— „Vernichten will ich ſie, aber nicht heirathen!“ rief der Wüſtling wüthend.„Im Staube will ich ſie ſehen, mit einem Leben voll Elend und Schande ſoll ſie büßen für den Schlag.“ „Sehr gut, aber um ſolche Rache nehmen zu können, muß man Geld haben. Wenn ich das Mädchen finde und Louiſon mit gebun⸗ denen Händen Ihnen überliefern ſoll, dann fordere ich einen hohen Lohn für dieſen Dienſt, und es fragt ſich, ob Sie ihn mir zahlen werden.“ „Ich ſage noch einmal, und wenn ich das Geld ſtehlen müßte!“ „He, nehmen wir einmal einen beſtimmten Fall an. Wenn der Wucherer plötzlich ſtürbe und ein Teſtament hinterließ, in welchem Sie zum Univerſalerben dingeſcbt ſind, wäre das nicht ein großer Glücksfall?“ „Gewiß, aber— „Aber Sie dde, das ſei unmöglich? Man kann Alles möglich machen.“ Der Wüſtling ſah das Weib mit fieberhafter Spannung an, ſie öffnete ihm da eine Ausſicht, die ihn blendete. „Nehmen wir an, Sie beſuchen den Alten eines Abends“, fuhr Madame Leroi fort,„Sie bringen eine Flaſche Wein mit und plau⸗ dern mit dem Manne über irgend etwas, was ihn intereſſirt. Glau⸗ ben Sie, daß er trinken wird?“ „Natürlich, der Kerl iſt ja zu geizig, für ſein eigenes Geld je ein Glas Wein zu trinken.“ „Gut, am andern Tage findet man Pierre Baudau mit der Schlinge um den Hals an einem Haken in ſeinem Hauſe hängen, was liegt näher, als die Annahme, daß er ſelbſt ſich das Leben ge⸗ nommen hat? Hundert Gründe würde es für den Selbſtmord geben. Geiz, Sorge, Hunger, Verluſte—“ „Ganz gut, aber das Teſtament?“ „Dafür würde ich ſorgen, ſobald Sie mir einige von Bandau eigenhändig geſchriebene Zeilen bringen.“ Herr von Segur ſchüttelte den Kopf, die Sache war ihm noch nicht do ganz klar. „Wenn Sie ihm ſagen, Louiſon ſei gefunden, weigere ſich aber, in das Haus ihres Vaters zurückzukehren, er möge einen Brief an ſie ſchreiben, und dieſen Brief Ihnen zur Beſorgung übergeben, ſo wird er kein Bedenken tragen, dieſen Rath zu befolgen. Dann haben leben voll muß man nit gebun⸗ zen hohen ir zahlen müßtel“ Wenn der m welchem in großer s müglich g an, ſie 89, fuhr und plau⸗ tt. Glau⸗ 3 Geld je mit der 1 Hängen, keben R⸗ td geben. n Bandan — 291— wir, was wir wünſchen, und das Teſtament kann binnen vierund⸗ zwanzig Stunden fertig ſein.“ „Aber ich wüßte nicht, aus welchem Grunde er ſich das Leben nehmen ſollte“, warf der Wüſtling ein. „Wird das Ihnen noch immer nicht klar? Nach dem Wein ſchläft er ein, ſo feſt, daß kein Kanonenſchuß ihn wecken könnte. Für den Strick müſſen Sie ſorgen, und der Haken wird wohl auch geſunden werden.“ „Satan!“ ſchrie Segur.„Einen Mord muthet Ihr mir zu?“ Das alte Weib zuckte die Achſeln. „Wollt Ihr's nicht auf der Straße ausſchreien?“ fragte ſie bos⸗ haft.„Mir iſt es gleichgültig, welchen Weg Ihr gehen wollt, im Spital ſeid Ihr auch vor Sorgen geſchützt und unter dem Vaga⸗ bunden⸗Geſindel findet Ihr raſch Freunde. Wenn Euch dieſes Leben beſſer behagt, meinetwegen— des Menſchen Wille iſt ſein Himmel⸗ reich! Aber dann braucht Ihr auch nicht mehr zu mir zu kommen, die Vagabunden halte ich mir gerne fern.“ „Ihr wißt, wo Loniſon iſt“, ſagte er. „Vielleicht“, erwiderte Madame Leroi,„wenigſtens kann ich Euch die Verſicherung geben, daß es in meiner Macht liegt, Euch Gelegen⸗ heit zur Rache zu bieten.“ Erſt der Alte, dann die Tochter, wir theilen die Erbſchaft und Ihr habt die Süßigkeit der Rache dazu in den Kauf. Alſo überlegt's Euch. Wenn Ihr meinen Rath be⸗ folgen wollt, ſo bringt mir den Brief, und ich werde Euch mit allem Nöthigen verſorgen. Und nun macht, daß Ihr trockene Kleider be⸗ kommt, das unfreiwillige Bad könnte tödtliche Folgen haben.“ „Aber der Burſche muß auch gezüchtigt werden!“ „Später, man darf nichts übereilen. Ihr werdet gut thun, mich nicht bei Tage zu beſuchen, er könnte Euch in dieſem Hauſe begegnen, dann ſeid Ihr verloren.“ „Würdet Ihr dafür garantiren, daß das Teſtament vom Gericht anerkannt wird?“ „Ja“, nickte die Alte,„der Mann, der es verfaßt, muß auch be⸗ zahlt werden, aber das übernehme ich, die erſten Koſten ſchieße ich vor, ſpäter theilen wir ſie, wie wir auch das Erbe theilen.“ Herr von Segur verſprach, den Vorſchlag reiflich überlegen zu wollen und verließ das ſchändliche Weib in beſſerer Stimmung, als in der er gekommen war. 19*¼ V ——— — 292.— Sechszehntes Kapitel. Im deutſchen Lager. Erneſt hatte furchtlos den gefährlichen Weg angetreten, er war entſchloſſen, ſeine Aufgabe zu löſen, wenn er auch ſein Leben dafür opfern ſollte. Man hatte ihm einen Weg gezeigt, auf welchem er die deutſchen Vorpoſten umgehen konnte, dieſer Weg führte durch Gärten und niedriges Gebüſch. Er ſchritt rüſtig voran, von Zeit zu Zeit ſtehen bleibend, um zu horchen, ob nicht eine Patrouille ſich nähere, oder irgend ein verdäch⸗ tiges Geräuſch ihn zur Vorſicht mahne. Oft hörte er aus der Ferne Huſſchlag oder den Knall eines ein⸗ zelnen Schuſſes herüberhallen, von Zeit zu Zeit vernahm er das: „Halt— Werda!“ der deutſchen Poſten, und die ſich mehr und mehr vermehrenden Wachtfeuer in der Ferne bewieſen ihm, daß er dem feindlichen Lager immer näher kam. Sein Weg führte ihn an einem kleinen Häuschen vorüber, er ſah Licht, leiſe ſchlich er auf das Fenſter zu, und er war in hohem Grade erſtaunt, als er ein junges hübſches Weib mit einem Kinde auf den Armen in dem freundlich eingerichteten Zimmer bemerkte. Er klopfte an, die junge Frau blickte auf, ohne zu erſchrecken, ſie legte das Kind auf ein Kiſſen und trat an's Fenſter, welches ſie geräuſchlos öffnete. „Erſchrecken Sie nicht“, flüſterte Erneſt,„ich bin Franzoſe, ob⸗ gleich ich die Uniform des Feindes trage. Laſſen Sie mich ein, ich 5 möchte einige Fragen an Sie richten.“ Ohne ein Wort zu erwidern, ging die Frau zur Thür und ließ den jungen Mann ein, der in dem Zimmer erſchöpft auf einen Stuhl ſank.— 3„Woher kommen Sie?“ fragte ſie. „Aus Paris.“ „So ſind Sie ein Kundſchafter.“ „Ich bringe Briefe nach Verſailles.“ „In's Hauptquartier?“ „Nein.“ „Alſo denkt man in Paris noch immer nicht an den Frieden? er war n dafür eutſchen en und un zu redit⸗ nes ein⸗ er das: ehr und daß er . er ſah hohem m Kinde merlte. ſſchrecken elches fi cſe, c⸗ ein, ich und liep auf einen — 293— Dieſe Regierung iſt ſchlimmer und grauſamer wie das Kaiſerreich, ſie opfert ihrem Ehrgeiz den Wohlſtand des ganzen Landes.“ „Weshalb haben Sie dieſes Haus nicht verlaſſen?“ fragte Erneſt mit leiſem Vorwurf. „Weshalb? Weil ich unſere ſauren Erſparniſſe retten wollte. Meinen Mann haben ſie gezwungen, nach Paris zu flüchten, er wird bitter bereuen, daß er ſo thöricht war.“ „Ja, es war thöricht, daß er eine ſo ſchöne Frau ſchutzlos zu⸗ rückließ.“ „Mein Herr, Sie thun den deutſchen Soldaten Unrecht!“ ſagte die Frau, auf deren Wangen die Gluth der Entrüſtung aufſtieg „Sie haben kein Recht, dieſe braven Leute anzuklagen, Sie am we⸗ nigſten, denn Sie kennen ſie nicht.“ „Aber die Journale—“ „Die Journale lügen! Als die erſten Preußen ſich zeigten, da zitterte auch ich vor ihnen, man hatte ja in allen Zeitungen ihnen die elendeſten Schandthaten vorgeworfen. Aber wie ſehr ſah ich mich getäuſcht, dieſe Soldaten waren beſcheidene, ruhige Leute, die mit Allem vorlieb nahmen, ja, die mir bei de Arbeit halfen und nie⸗ mals, auch nicht im Scherz, ein verletzendes Wort an mich richteten Sie waren dankbar für einen Tuun: W haſfe ſie theilten mit mi ihre Lebensmittel und beklagten mit mir die Greuel des Krie O, mein Herr, wie ganz anders benahmen ſich die elenden Burſe die vorher in franzöſiſcher Uniform hier waren! Roh und gemein, nicht Ehre noch Sitte achtend, alles Heilige in den Staub tretend. Nein, die Deutſchen ſind nicht, wie man ſie geſchildert hat, ich habe Hochachtung vor ihnen.“ Ein Zug der Bitterkeit umzuckte die Lippen des jungen Mannes. Dieſe Worte klingen ſeltſam aus dem Munde einer Franzöſin“. ſagte er mit beißendem Sarkasmus. „Und doch enthalten ſie nur die Wahrheit, mein Herr, man ſoll auch dem Feinde Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Vor ihrer Ankunft haben franzöſiſche Banden hier Alles verwüſtet und die armen Leute gezwungen, ihre Häuſer zu verlaſſen, Hab und Gut zurückzulaſſen, und nun ſollten Sie ſehen, wie ſorgſam die Deutſchen Alles zu ſcho⸗ nen und zu erhalten ſuchen, ſo weit das ſich mit dem Kriege ver⸗ trägt! Freilich, wo die Häuſer leer ſtehen, verfahren ſie nicht ſo glimpflich mit dem herrenloſen Gut, wer könnte ihnen das verargen? —ö — — 294— In den leeren Salons ſoll es bunt ausſehen, und daß aus den koſt⸗ barſten Möbeln Barrikaden gebaut ſind, iſt auch die Wahrheit, aber weshalb ſind die Eigenthümer geflohen? Hier in meinem Hauſe hat man noch nichts angetaſtet und Einquartierung habe ich noch keine geſehen.“ „Wird ſchon kommen, Madame“, ſpottete Erneſt,„die Preußen ſind ja noch nicht warm geworden hier. Wenn erſt die Kugeln hüben und drüben pfeifen, werden Sie auch ſchon wünſchen, in Paris zu ſein.“ „Wo bald der Hunger zahlloſe Opfer fordern wird!“ „Das Vaterland verlangt dieſe Opfer.“ „Opfer, die nicht den mindeſten Nutzen bringen, vielmehr das Unglück Frankreichs erhöhen“, ſagte die junge Frau ernſt.„Man ſollte nicht ſo leichtfertig mit den Menſchenleben und dem Wohle eines ganzen Landes va banque ſpielen.“ Das Geſpräch hatte eine Wendung genommen, welche dem jungen Manne peinlich war, er erhob ſich, um ſeinen Weg fortzuſetzen. „Wie weit bin ich noch von den Vorpoſten?“ fragte er. „Sie haben die Linie ſchon überſchritten. Wußten Sie das nicht? „Nein.“ „Und Sie ſind nicht angerufen worden? Dann haben Sie wirk⸗ lich Glück gehabt.“ „Und auf welchem Wege erreiche ich am raſcheſten und ſicherſten Verſailles?“ „Schlagen Sie den erſten Fußpfad links ein.“ Erneſt dankte und ging hinaus. Die Worte der jungen Frau hatten ihn doch nachdenklich geſtimmt. Trotzdem er ein deutſches Mädchen liebte, trotzdem er deutſche Arbeit und deutſchen Fleiß achtete und hochſchätzte, hatte er doch den ver⸗ leumderiſchen Lügen in den Zeitungen Glauben geſchenkt und die deutſchen Soldaten für Barbaren gehalten. Der tolle Strudel in Paris hatte zeitweiſe auch ihn mit fortgeriſſen, und dann waren ja dieſe Soldaten auch die Feinde Frankreichs, die jeder Patriot ſchon deshalb haſſen mußte.. Und nun hörte er das erſte wahre Urtheil über ſie, welches ſo ganz anders lautete und ihn verwirrte. Wenn man auch in Verſailles ſo dachte, dann durften die Pariſer nicht auf Hülfe von dort rechnen. Aber welche Hülfe erwarteten ſie eſti mmt Arbeit den ver⸗ und die ztrudel in waren ja iiot ſchon — 295— von Verſailles? Was enthielten die Briefe, die der Marquis ihm als ſo wichtig bezeichnet hatte? Wenn er geahnt hätte, wie ſehr der Maranis ihn betrog! Er hielt ihn für einen Ehrenmann, für einen Mann, reich an Menſchenliebe und Herzensgüte, wie konnte er ſolchen Betrug ahnen! Er ſchritt rüſtig weiter und faſt bei jedem Schritt feſſelte ein neuer Anblick ſeine Aufmerkſamkeit. Die Arbeiten der Pioniere und der Artillerie hatten viel Intereſ⸗ ſantes für ihn, aber er durfte ſich nicht bei ihnen aufhalten, es hätte Verdacht wecken können. Infanterie⸗ und Kavallerie⸗Patrouillen marſchirten an ihm vorbei, lange Trainkolonnen und Batterieen raſſelten vorüber, Generale mit ihren Stäben, Adjutanten, Ordonnanzen und Feldgendarmen ſprengten über die Straßen, hier kamen Sanitäts⸗Detachements, dort Munitions⸗ und Proviantzüge, dann wieder belebten elegante Equipagen, in denen hohe Offiziere ſaßen, die Scene, oder ein großes Truppenlager brachte Abwechslung in die Scenerie. Und dazwiſchen ſchmetterten die Signalhörner, raſſelten die Trom⸗ meln, erſcholl dann und wann rauſchende Muſik und donnerten die Kanonen der Pariſer Forts, deren Geſchoſſe, wie Erneſt nun mit eigenen Augen ſah, nicht den geringſten Schaden anrichteten. Es war ein bewegtes, intereſſantes Bild, Soldaten und Waffen überall, wohin nur der Blick ſich wenden mochte. Erneſt fühlte ſich bald ganz ſicher in dieſem bunten Gewühl, Nie⸗ mand redete ihn an, und Alles griff ſo präciſe in einander, daß Jeder ſich frei bewegen konnte, ohne Andern hemmend in den Weg zu kommen. Wie ganz anders war es dagegen in Paris! Dort ein tolles Durcheinander, ein kopfloſes Hin⸗ und Herrennen, ein unaufhörliches Befehlen, Schreien und Fluchen, oder das heiſere Gebrüll der Mar⸗ ſeillaiſe, untermiſcht mit den Phraſen des Uebermuthes und des Wahnſinns. Hier wurde auch geſungen, überall, wo nur größere Trupps ver⸗ ſammelt waren, aber wie ganz anders klangen dieſe ernſten und me⸗ lodiſchen Geſänge! Hier die ernſte, faſt andächtige Begeiſterung, die dem Sieger den Nimbus der Beſcheidenheit verlieh, dort in Paris der tolle Rauſch des Uebermuths, dem ein ſchreckliches Erwachen folgen mußte. — — 296— Wie eine Ahnung durchzuckte es die Seele des jungen Mannes daß dieſen ernſten, kräftigen Geſtalten der Sieg bleiben mußte. Einige Cuiraſſiere ritten mit klingendem Spiel an ihm vorbei. Welche Leute, welche Pferde! Wahrlich, denen ſah man es nicht an, daß ſie in mehreren Schlachten gefochten hatten! Und wie beiter war faſt jedes Antlitz, wie muthig blitzten die en, wie ſtolz ſaßen dieſe Geſtalten, den Pallaſch in der nervigen 5 Fauſt, im Sattel! Auch die gefürchteton n Ulanen ſah Erneſt hente zum erſten Mal In kleinen Trupps ſprengten ſie querfeldein über die Aecker Wieſen, was er ſah, erregte ſeine Bewunderung, und wenn es wirk lich wahr war, was die jun Frau ihm geſagt hatte, dann nahm er eine ganz andere Meinung über die deutſche Armee nach Paris e Verſailles kam, deſto bunter und geräuſchvoller n das Leben ringsum, deſto zahlreicher wurden die Un men und die Ordensſterne, und in Verſailles ſelbſt glaubte er ſich ötzlich in eine glänzende Reſidenz verſetzt. glänzenden Die bre e, ſchöne Avenue war mit Spaziergängern belebt, de 9„ Jonr† rafor oanton 1— GIto HalaiNU denen es au 9 an elegant gek leideten Damen nicht fehlte, obgleich diele von den Letztern Traueranzüge trugen. m Khrar fſe u und Equipagen,„Reiter er* h durcheinander, in errſs feſſaln und Erneſt tteigender Bewunderung. Ein Soldat ſprack hein, als bemerke er es nicht und ging weiter. Dieſer Zwiſchenfall hatte ihn auf die ihm drohende Gefahr auf⸗ mierkſam gemacht, und er war ſehr froh darüber, daß der Soldat ihm mehr für ihn, er Bäe vor allen Dingen dafär n daß dre ver⸗ rütheriſchen Briefe, die er beſaß, an ihre Adreſſe gelangten. Er ſchritt jetzt raſcher durch die Straßen und ſtand bald vor dem ele⸗ ganten, palaſtähnlichen Hauſe, welches der Marquis ihm bezeichnet hatte. W Mannes, 297— Hier athmete Alles Ruhe und Frieden, in den Gärten ringsum blühten noch die Roſen und ein balſamiſcher Duft würzte die Luft. t zog an der Glocke, ein Portier öffnete und empfing den Ein⸗ In ſt tretenden mit mürriſcher Miene. N2e as wollen Sie hier?“ fragte er in barſchem Tone.„Wir 71 haben keine Einauartierung, mein Beſter— Führen Sie mich zum Herrn dieſes Hauſes“, fiel Erneſt ihm in's Wort,„ich bin nicht der, welcher ich zu ſein ſcheine.“ „Ohol Wer ſind Sie denn?“ jragte der Portier grob. „Ich glaube, daß Sie das nichts, ar werde Sie hinauswerfen laſſ hr gut, aber ich würde wiederk ommen, und dann könnten Sie derjenige ſein, der den Tritt erhielte.“ e Haltung und die ernſte Ruhe des jungen —X HA* Die herau Mannes verfeh ten t ißreu Eindruck auf den Portier nicht, aber ſo ſ ſich doch nicht beirren, er glaubte, die Würde ſeines ren zu müſſen. zie angemeldet werden wollen, müſſen Sie mir ſagen, d und was Sie wünſchen“, entgegnete er. Um Ihnen vielleicht Geheimniſſe zu verrathen, welche uns Allen in 7 önnten? Sagen Sie Ihrem Prran ein Bote aus zu ſprechen.“ He, das hätten Sie gleich ſagen ſol Uene rief der Portier über⸗ raſcht.„Aber wer konnte auch denken— „Bitte, beeilen Sie ſich.“ Wenige Minuten ſpäter trat Erneſt in ein elegantes Kabinet, und ſchon im nächſten Augenblick ſah er ſich einem Herrn mit ſchnee⸗ weißem Haar gegenüber, der ihn mit einem ſcharfen und aufmerk⸗ ſamen Blick muſterte. Wet ſchickt Sie?“ fragte dieſer Herr, und Erneſt überreichte ihm ſtatt aller Antwort die Karte, welche der Marquis ihm zu dieſem Zweck gegeben hatte. 1— Der Greis konnte ſeine Ueberraſchung nicht verbergen. „Alſo iſt es doch wahr, daß Sie aus Paris kommen?“ ſagte er. „Es iſt Ihnen gelungen, die Wachſamkeit der Deutſchen zu täuſchen und ihre Vorpoſten zu umgehen? In der That, mein Herr, ein ſehr gefahrvolles Unternehmen, die deutſchen Poſten ſchießen alles Verdäch⸗ tige nieder, man ſagt, kein Hund könne ihre Linie unbemerkt paſſiren.“ — 298— „Sie ſehen, daß ich es dennoch möglich gemacht habe“, erwiderte Erneſt.„Aber erlauben Sie mir jetzt, daß ich die Briefſchaften ab⸗ gebe, die— „Wo ſind ſie?“ „Im Kragen meiner Uniform.“ „Warten Sie.“ Der alte Herr zog die Glocke und befahl dem eintretenden Diener, einen Schlafrock zu bringen und für ein Frühſtück mit Wein zu ſorgen. Und als der Schlafrock gebracht wurde, mußte Erneſt ihn gegen ſeine Uniform umtauſchen, den Kragen der letztern auftrennen und die Briefe herausnehmen. Der alte Herr ſetzte ſich an einen Schreibtiſch und begann, die Briefe zu leſen. „Greifen Sie zu“, wandte er ſich vorher noch einmal zu dem jungen Manne,„Sie werden einer Stärkung bedürfen, ich werde unterdeß dieſe Schriftſtücke leſen.“ Erneſt hatte jetzt Muße, das Gemach, in welchem er ſich befand, wie auch den Greis zu betrachten. Die Ausſtattung des Zimmers verrieth Reichthum und einen ge⸗ diegenen Geſchmack, ein dicker, weicher Teppich bedeckte den Boden. Die Fenſter und Thüren waren mit Vorhängen von dunklem, ſchwe⸗ rem Seidenſtoff halb verhüllt, und die ſchwerfälligen, mit Schnitzwerk reich verzierten Möbel mußten wohl aus frühern Jahrhunderten her⸗ ſtammen. Die Wände waren mit dunklem Holzgetäfel bekleidet, es mußte ein altes Haus ſein, über welches die Zeit ſpurlos hinweggegangen war. Und der Beſitzer dieſes Hauſes ſchien einer alten, angeſehenen Familie anzugehören, in ſeiner ganzen äußern Erſcheinung prägte ſich die Ariſtokratie des Adels aus. Es dauerte eine geraume Weile, ehe der alte Herr ſeine Lecture beendet hatte, dann richtete er den Blick wieder auf Erneſt, der in⸗ zwiſchen mit ſeinem Frühſtück auch fertig geworden war. „Iſt Ihnen der Inhalt dieſer Briefe bekannt?“ fragte er. „Nein“, erwiderte Erneſt,„der Herr Marquis ſagte mir nur, wenn dieſe Dokumente in die Hände der Deutſchen fielen, ſo würde man ſie im feindlichen Lager doch nicht leſen können.“ „Das iſt die Wahrheit. Er hat Ihnen alſo nichts weiter geſagt?“ erwiderte jaften ab⸗ Diener, Wein zu ihn gegen nnen und 3 mußte en war. ſehenen g prägte ne Lettut? 3 der u⸗ er. nir nur, ärde „Doch, er erwarte, daß ich die Antwort mitbringen werde.“ Der Greis nickte. „Ich kann Ihnen dieſe Antwort erſt gegen Mitternacht geben“, ſagte er,„nun, Sie werden ja auch nicht früher von hier aufbrechen wollen.“ „Nein, ich muß die Nacht benutzen.“ „Sprechen Sie Deutſch?“ „Keine Silbe.“ „Um ſo größer iſt für Sie die Gefahr.“ „Ich weiß es, und eben deshalb möchte ich mich auch in Ver⸗ ſailles nicht mehr ſehen laſſen, wie nöthig iſt.“ „Sie können in meinem Hauſe bleiben, ich werde Ihnen Journale und Bücher geben, welche Ihnen die Zeit vertreiben. Und nun noch eine Frage, wie iſt die Stimmung in Paris?“ „Feſt und entſchloſſen!“ „Man iſt entſchloſſen, ſich bis auf den letzten Mann zu behaupten?“ .%ꝗᷣhᷣ—·)*1 „Jd. „Und die Lebensmittel?“ „Die Regierung behauptet, ſie ſeien in genügender Menge vor⸗ handen. Die Nationalgarde iſt bereit, Gut und Blut für das Vater⸗ land einzuſetzen, und die opferfreudige Stimmung der Bevölkerung unterſtützt ſie in dieſem Entſchluſſe.“ „Wir werden Sie auch unterſtützen“, erwiderte er alte Herr, und ein ſeltſamer Zug umzuckte ſeine Mundwinkel,„die fremden Eindring⸗ linge müſſen vernichtet werden, die Erde muß ſie verſchlingen, Frank⸗ reich ſoll dem ſtaunenden Europa zeigen, was es vermag. Bleiben Sie ruhig in dieſem Zimmer, man wird Ihnen Alles bringen, was Sie bedürfen, ſollten Sie außerdem irgend etwas wünſchen, ſo ziehen Sie nur an dieſer Glocke.“ Nach dieſen Worten ging er hinaus, und nicht lange darauf brachte ein Diener mehrere Zeitungen, Journale und Bücher, mit denen Erneſt ſich mehrere Stunden beſchäftigte. Aber die Langeweile fand ſich doch ein, und mit ihr kam eine Fülle von Gedanken. Der junge Mann dachte an Marie, an Paul, Louiſon und den Marquis, ja, einmal durchzuckte ihn der Gedanke, ob er die Gelegen⸗ heit nicht benutzen und Marie in Deutſchland aufſuchen ſolle. Aber das war ein thörichter Gedanke, über den er ſelbſt lächeln mußte. — Er wußte ja nicht, wohin Marie ſich geflüchtet hatte, wie konnte er, der kein deutſches Wort ſprach, hoffen, daß ſeine Nachforſchungen in dem großen Deutſchland den gewünſchten Erfolg haben würden? Und htete ihn nicht ſeine Ehre, ſofort nach Paris zurückzukehren verpflich 0 und ſeine Miſſion ganz zu erfüllen? Was mochten die Briefe enthalten, die er hierher gebracht hatte? Was führte eigentlich der Marquis gegen die Deutſchen im Schilde? Hm— ihn kümmerte das Alles ja nicht, er hatte ſeine Schuldigkeit gethan, was ſollten die unnützen Fragen und Dedenlen⸗ Der junge Mann wanderte auf und nieder und betrachtete in Ermangelung einer beſſern Beſchäftigung das Getäfel der Wand. Einige Unregelmäßigkeiten in den einzelnen Feldern feſſelten ſeine Aufmerkſa mfeit, er, d der ſelbſt Biſch ler, alſo auch Sachkenner War 1 f e eiten jabſicht tlich angebracht he zu erforſchen. iſt und eine halb be Flaſche Wein getrunken ſeine volle Aufmerkſamkeit wieder dem Geheimniß, welches er erfor ſchen woſlte Er hatte neben dem Schreibtiſch eine Holztafel bemerkt, auf der hell die re 8 len tzte aſt in der Mitte eine hellere Färbung zeigte in onnte nur daher Lſe, er verſuchte vergeblich als er nun mit vo lich ein leiſes Geräuiſch und das auf ſie kte, hörte er plötz Getäfel, vor dem er ſtand, in der Höhe und Breite eine Mannes, ſchob ſich zur Seite Der junge Mann ſtand vor einer dunkl g derte die dicke, ſchwere Mauer, durch welche der geheime Gag fü ihrte Sollte er das Geheimniß noch weiter erforſchen? Seine Neugier war gereizt, dennoch zögerte er. Aber war er nicht der vertraute Bote der Verſchworenen? Und konnte man ihm einen Vorwurf machen, wenn er ein Geheimniß verfolgte, welches der Zufall ihm verrathen hatte? Er ſchloß die Thüre ab, deh welche der Diener einzutreten pflegte und trat in den Gang hinein; er wollte ſich nicht lange in unh. — 301— dieſem Gange aufhalten, und überdies hatte ja der alte Herr ihm geſagt, vor Mitternacht könne er die Antwort auf die Briefe nicht empfangen. Eine feuchte und dumpfe Luft wehte ihm entgegen, und tiefe Finſterniß umgab ihn, bald ſtieg er mehrere Stufen hinauf, dann wieder hinunter, vorſichtig taſtete er mit den Händen an der Mauer ſich weiter. So weit er es beurtheilen konnte, führte dieſer geheime Gang an vielen Gemächern vorbei, hin und wieder ſah er durch eine Spalte Licht ſchimmern, das waren die Stellen, an denen die geheimen Thüren ſich befanden. Und nach einer langen Wanderung, die dem jungen Manne end⸗ los ſchien, ging's eine hohe Treppe hinunter, Erneſt zählte hundeet und vierzig Stufen, aber ſo drückend und peinlich ihm auch der Ge⸗ danke an die Möglichkeit einer Verirrung war, trieb doch die Neugier ihn unwiderſtehlich weiter. Er ſtand noch auf der letzten Stufe dieſer Treppe, er mußte hier einen Augenblick weilen, um Athem zu ſchöpfen, als plötzlich Stim⸗ men an ſein Ohr ſchlugen, von denen er jede einzelne deutlich ver⸗ nehmen konnte. Dicht vor ihm drang wieder ein ſchwacher Lichtſtrahl durch die Mauer, es war offenbar, daß er vor einer geheimen Thüre ſtand, und eben dadurch wurde es ihm auch ermöglicht, die Unterhaltung zu belauſchen. Es war die ſonore Stimme des Hausbeſitzers, welche Erneſt jetzt hörte, und ſchon die erſten Worte feſſelten ſeine ganze Aufmerkſamkeit. „Man zählt in Paris auf uns“, ſagte dieſe Stimme,„man er⸗ wartet mit Zuverſicht, daß wir dieſe Bartholomäusnacht in Scene ſetzen werden. Und in derſelben Nacht, in der wir hier unſere Auf⸗ gabe erfüllen, wird die bewaffnete Macht in Paris einen Maſſen⸗ ausfall machen und ſich auf die Deutſchen werfen, die Geſchütze in den Forts und auf den Wällen werden die Fliehenden niederſchmettern, das ganze Paris wirdſich erheben, um die Eindringlinge, die Horden der Barbaren zu vernichten. Wenn der König, der Kronprinz, die Generale Bismarck und Moltke todt ſind, wird Schrecken und Ver⸗ wirrung in den Reihen des Feindes herrſchen, der Kopf, der für ſie denkt und handelt, fehlt ihnen. Wir werden ſie niederſchlagen, in allen Städten und Dörfern wird das Volk zu den Waffen greiſen, — die Flüchtlinge auffangen und vernichten. Dann wird die ruhmbedeckte Armee von Paris nach Metz marſchiren, Bazaine befreien und mit der Armee dieſes Generals vereint die deutſchen Fluren überſchwemmen. Dann werden wir Rache nehmen für die Schmach, die man Frank⸗ reich angethan hat.— Seid Ihr bereit?“ „Wir ſind es!“ antworteten mehrere Stimmen. „So ſchwört Ihr, mit gewiſſenhafter Treue und ohne Todesfurcht die Aufgabe zu löſen, die Euch zufallen wird?“ Wir ſchwören!“ „Wohlan, ſo wollen wir loſen, und wen das Loos treffen mag, Keiner darf zurücktreten.“ „Tod dem Feigling und dem Verräther!“ „Das erſte Loos gilt für den König von Preußen. Ich greife in die Urne und der, deſſen Namen ich ziehe, übernimmt es, in jener Nacht den Despoten zu tödten.“ Eine Pauſe folgte dieſen Worten, Erneſt fühlte ſich von Grauen und Entſetzen erfaßt. So ſehr er auch ſein Vaterland liebte, ſo tief ihn auch das Unglück deſſelben betrübte, konnte er doch dieſen Meuchel⸗ mord nicht billigen, er begriff nicht, daß die Verſchworenen nicht an die Folgen dieſer unſeligen That dachten. „Das zweite Loos für den Kronprinzen!“ erſchallte die Stimme wieder. Glaubten denn dieſe Wahnſinnigen, Deutſchland werde den Fürſten⸗ mord nicht rächen? Konnten ſie wirklich glauben, daß dieſe disciplinirte, in jeder Beziehung vortrefflich geſchulte Armee ſich in wilde Flucht auflöſen werde? „Das dritte Loos für Bismarck!“ Dieſe Thoren! Der Rauſch des Wahnſinns mußte ſie erfaßt haben, denn eine Komödie konnte das nicht ſein, die ernſte, würde⸗ volle Haltung des Greiſes, ſeine ruhige, zuyerſichtliche Sprache wider⸗ ſprachen dieſer Annahme. „Und das vierte Loos für Moltke!“ ſagte die ſonore Stimme wieder.„Das Loos iſt geworfen, es hat entſchieden, Frankreich er⸗ wartet, daß Jeder ſeine Schuldigkeit thut und ſeinen Schwur erfüllt. Wir übrigen werden auf unſerm Poſten ſein und mit bewaſſneter Hand in die Präfektur eindringen, um die Offiziere des Generalſtabs in den Betten zu überfallen. Wir werden die Sturmglocken läuten und die Waffen unter die Bewohner von Verſailles vertheilen. Möge (₰ 32 Pmp hmbedeckte elen mlg, d Ich greife 5, u jener n Grauen te, ſo tief Meuchel⸗ nicht an 2 Sümme n Fürſten⸗ plinitte de Flucht Jeder von uns in ſeinem Kreiſe auf den entſcheidenden Augenblick vorbereiten, damit Niemand überraſcht wird und nicht etwas Halbes geſchieht!“ „Und wann wird die Stunde ſchlagen?“ frag d9te eine Stimme. „Ja, wann? Der König von Preußen iſt noch in Ferridères, in Paris weiß man das nicht, man glaubt dort, das große Hauptquar⸗ tier ſei ſchon hier. Wir müſſen warten, bis der König hier wohnt, wir dürfen nichts übereilen. Man ſagt, das Hauptquartier werde in den erſten Tagen nach hier verlegt werden, alſo Geduld!“ „Und das Zeichen?“ „Drei Raketen werden vom Thurm der Waſſerleitung von Louri⸗ ciennes aufſteigen, wenn ihnen vom Mont Valerien drei Raketen ant⸗ worten, dann erwartet in der folgenden Nacht das Heulen der Sturm⸗ glocke. Beim erſten Signal müſſen die Verſchworenen in der Prä⸗ fektur ſein, ſie werden die Uniform preußiſcher Offiziere tragen und den erſten günſtigen Augenblick wahrnehmen, ihre große Aufgabe zu erfüllen.“ „Es ſoll geſchehen“, erwiderten einige Stimmen.„Aber wodurch erhalten wir Gewißheit, daß der Bote die Antwort glücklich nach Paris gebracht hat?“ „Schreiben Sie dem Marquis, wenn er dieſen Brief erhalten habe, ſolle er am nächſten Abend zwiſchen neun und zehn Uhr eine blaue Rakete vom Mont Valerien aufſteigen laſſen“, befahl der Haus⸗ herr.„Meine Herren, ich verlaſſe Sie für einen kurzen Augenblick, um die Uniform des Boten zu holen, in deren Kragen wir die Do⸗ kumente einnähen werden.“ Erneſt athmete auf, er hatte nun genug gehört und wollte den Rückweg antreten, um einer Entdeckung vorzubeugen, die für ihn un⸗ angenehme Folgen haben konnte. Aber ehe er dieſen Entſchluß ausführen konnte, ſah er plötzlich in ein Lichtmeer, welches ihn ſo ſehr blendete, daß er die Augen ſchließen mußte, er hörte einen Schrei, dann fühlte er, wie man ihn ergriff und fortzog. Die geheime Thüre mußte plötzlich geöffnet worden ſein, jedenfalls hatte der alte Herr den geheimen Gang benutzen wollen. Und als er nun die Augen öffnete, bot ſich ihm ein Anblick, der nur zu ſehr geeignet war, ihn zu beunruhigen und zu erſchrecken. Er war umringt von vermummten Geſtalten, die ſchwarze Halb⸗ 1 l 1 —= — — 304— masken trugen, in ihren Händen blitzten Dolche, und drohend blitzten aauch ihre Augen hinter den Masken. Vor ihm ſtand der Hausherr, an einer langen, ſchwarz behange⸗ nen Tafel ſaß ein Vermummter und ſchrieb. „Wer hat Ihnen das Geheimniß des Ganges verrathen?“ fragte der Hausbeſitzer mit ſcharfer Stimme.„Sagen Sie die Wahrheit, Herr, wir würden jede Lüge durchſchauen.“ „Ich ſelbſt entdeckte dieſes Geheimniß, als ich, von Langeweile geplagt, das Wandgetäfel betrachtete“, entgegnete Erneſt, der wohl fühlte, daß er unter allen Umſtänden ſeine Geiſtesgegenwart bewah⸗ ren mußte. „Und wer erlaubte Ihnen, das Geheimniß zu benutzen?“ „Niemand, es iſt wahr. Aber ich dachte, der Bote der Ver⸗ ſchworenen dürfe dieſe Erlaubniß ſich nehmen—“ „Er muß ſterben“, murmelte eine Stimme. „Wäre das der Lohn für meine Treue!“ fuhr Erneſt auf. „Es iſt der Lohn des Verräthers!“ ſagte der Hausherr ernſt. „Aber ich bin kein Verräther!“ „Was haben Sie hier gehört?“ „Ich könnte erwidern: nichts, aber ich bleibe bei der Wahrheit und antworte: Alles.“ „So kennen Sie nun die Geheimniſſe, in welche der Marquis Sie nicht einweihen wollte.“ „Ich werde ſie bewahren.“ „Wer bürgt uns dafür?“ „Meine Ehre!“ ſagte Erneſt, das Haupt ſtolz erhebend. billige nicht, was Sie vorhaben, offen und ehrlich erkläre ich meine Herren, dieſe Aufrichtigkeit möge Ihnen eine neue Bürgſchaft für mein Schweigen ſein. Ich billige es nicht, weil ich von Ihren Plänen kein Heil erwarten kann.“ „Da haben wir den Verrath!“ riefen einige Stimmen. „Nennen Sie das Verrath? Ich liebe Frankreich, und daß ich mein Leben für die Republik hingeben kann, das habe ich Ihnen be⸗ wieſen. Aber muß ich deshalb auch Beſchlüſſe billigen, welche Frank⸗ reich in das tiefſte Elend ſtürzen werden? Gewiß nicht, und Sie könnett mir deshalb nicht grollen. Geſetzt, Ihr Plan gelingt Ihnen, glauben Sie, daß die deutſchen Soldaten kopflos und feige die Flucht ergreifen werden? Ah, ſie werden wuthentflammt die Ermordun⸗ ——ÿ„+& Lel⸗ — 305— ihrer geliebten Führer rächen, ſie werden nicht wanken und weichen, wuien vor Wuth und Schmerz werden ſie ein entſetzliches Blutbad nrichten, Verſailles der Erde gleichmachen, Paris erſtürmen und nicht das Kin im Mutterleibe verſchonen. Das n meine Anſicht üb die deutſchen Soldaten, und ich meine, die Erfahrungen der jüngſten Zeiten müßten ſie beſtätigen.“ „Genug“, ſagte der Hausherr unwirſch.„Es ſind die Anſichten eines Mannes, der vor großen, kühnen Thaten zurückſchreckt.“ „Eines Mannes, der ſein Vaterland vor größerem Unglück be⸗ wahren möchte.“ „Eines Verräthers und Feiglings“, ſagte dieſelbe Stimme i welche den Tod gefordert hatte. Erneſt wollte heftig erwidern, aber ein Wink des Hausherr 3 be⸗ fahl ihm zu ſchweigen. Die Verſchworenen traten zuſammen und beriethen leiſe mit ein⸗ ander. Erneſt war auf Alles gefaßt; er erinnerte ſich des Terzerols, welches der Marquis ihm gegeben hatte, er war entſchloſſen, ſein Le⸗ ben theuer zu verkaufen. „Der Marquis hat ihm vertraut“, hörte er den Hausherrn ſagen, „ich glaube, das iſt die beſte Bürgſchaft für ihn.“ „Und wir finden keinen andern Boten“, verſetzte ein Anderer, „wir müſſen ſeine Hülfe in Anſpruch nehmen.“ „Aber wenn er plaudert, dann iſt Alles verloren“, warf ein Dritter ein. „Wo ſollte er plaudern?“ erwiderte der Hausherr.„In Paris würde man unſerm Entſchluß zujauchzen und hier kann er nichts verrathen, er iſt ja der deutſchen Sprache nicht mächtig.“ „Wenn Sie die Verantwortung übernehmen wollen—“ „Ja, ich übernehme ſie, das Vertrauen des Marquis iſt für mich eine ſichere Bürgſchaft.“ Nach dieſen Worten wandte der Hausherr ſich wieder zu Erneſt, der den Verhandlungen mit fieberhafter Spannung gefolgt war. „Wie Sie auch über das, was Sie hier gehört haben, denken mögen“, ſagte er,„unter allen Umſtänden verlangen wir von Ihnen die ſtrengſte Verſchwiegenheit. Wollen Sie ſchwören, unſer Geheim⸗ niß zu bewahren, mit keiner Silbe es zu verrathen, weder dem Iinde noch dem Freunde?“ „Ja, mein Herr!“ R. 8† —** 1 — —— „Sie könnten denken, es ſei leicht und gefahrlos, dieſen Schwur zu brechen, aber wenn Sie dies thäten, dann würden wir nicht ruhen, bis wir den Verrath gerächt hätten. Beherzigen Sie das wohl, gehen Sie nicht leicht darüber hinweg, wen wir finden wollen, den N finden wir, müßten wir ihn auch bis an's Inde der W „Was ich geſchworen habe, das halte ich.“ „Vergeſſen Sie nie, daß Sie durch unehrenhafte Mittel in den Beſitz unſerer Geheimniſſe gekommen ſind, und daß ſchon dies uns veranlaßt, Sie ſch anf zu überwachen und zu beobachten. Wenn Sie mit gewiſſenhafter Treue Ihren Eid erfüllen, dann harrt Ihrer ein reicher Lohn. Und nun folgen Sie mir, ich werde Sie in das Zim⸗ mer zurückführen, in welchem Sie hätten bleiben ſollen.“ Schweigend ſchritten die Beiden durch den geheimen Gang, der Hausherr ging mit einer brennenden Laterne voran, und Erneſt ent⸗ deckte, daß der Weg, den dieſer wählte, bedeutend kürzer war, als der, den er vorher zurückgelegt hatte. Im Kabinet angelangt, ſchloß der alte Herr die geheime Thüre und zog die Glocke. Er befahl dem Diener, Licht und eine Flaſche Wein zu bringen und verließ dann ſeinen Gaſt, der herzlich froh war, der Gefahr entronnen zu ſein. Wohl empörte ſein ganzes Innere ſich gegen die Mitſchuld an dieſem ſchmachvollen Meuchelmord, aber er hatte geſchworen, und ſein Schwur war ihm heilig. Der Marquis war nun auch in ſeiner Achtung geſunken, mit der Ehre des Mannes konnte Erneſt dieſen Meuchelmord nicht vereinen, und er hätte nimmer geglaubt, daß dieſer reiche und vornehme Edel⸗ mann ſolche ehrloſe Mittel ergreifen könnte. Er mußte jetzt unwillkürlich darüber nachdenken, ob die Freund⸗ ſchaft, welche der Marquis Marien angeboten hatte, ſo rein und lauter, ſo ganz frei von ſelbſtſüchtigen Abſichten war, wie er ſich den An⸗ ſche in geben wollte. Annir er nicht auch in dieſem Punkte ihn betrogen und das arg⸗ loſe Mädchen bethört haben? Wenn er nun Marie überredet hatte, zu ihm zu fliehen, ſeinem Schutze ſich anzuvertrauen— aber nein, das war doch nicht möglich, Marie würde ja nimmer dieſes Anerbieten angenommen haben. Aber ſo ganz konnte er dennoch den Argwohn nicht beſiegen, er elt verfolgen.“ war entſchloſſen, den Edelmann zu beobachten und er hoffte, hierdurch ſich volle Gewißheit zu verſchaffen. So weit waren die quälenden Gedanken vorgeſchritten, als der alte Herr zurückkehrte. rneſt zog ſeine Uniform an und wies mit edlem Stolze das Geld zurück, welches ihm angeboten wurde. „Nicht dafür habe ich das gefährliche Unternehmen gewagt“, ſagte er mit feſter Ruhe,„ich that es für mein Vaterland.“ „Und Sie würden es nicht unternommen haben, wenn man vor⸗ her Sie in unſere Geheimniſſe eingeweiht hätte?“ „Nein, mein Herr.“ „Sie ſind ſehr aufrichtig“, erwiderte der Hausherr, die Stirne runzelnd, naber dieſe Aufrichtigkeit zeugt von Ihrem YD duthe. Seien ie vorſichtig und klug, mein Herr, ſollten Sie von den feindlichen Poſten 9 efangen genommen werden, ſo erwartet Sie der Tod. Wir, die Verſchworenen, würden uns dann genöthigt ſehen, das Todesurtheil zu fällen und zu vollſtrecken. Leben Sie wohl, beherzigen Sie unſere Warnung und vergeſſen Sie niemals Ihren Eid.“ Er drückte ihm die Hand und begleitete ihn bis zur Treppe, dann verließ Erneſt das Haus und es war ihm, als ſei eine ſchwere Laſt ihm von der Seele genommen. Siebenzehntes Kapitel. Verkaufte Unſchuld. Louiſon konnte nicht ſagen, daß ſie ſich in der Wohnung der Madame Gourdin ſo ganz wohl fühlte. So freundlich das alte Weib auch in der erſten Stunde geweſen war, bemerkte das Mädchen doch bald, daß dieſe Freundlichkeit nichts weiter als eine trügeriſche Ma⸗ ke war, hinter der ein tückiſcher Charakter ſich verbarg. Juſtine war freilich heiter, freundlich und herzlich, aber zwiſchen ihr und Ma⸗ dame Gourdin herrſchte doch nicht das gute Einvernehmen, welches Mutter und Kind aneinander feſſeln mußte. Dann auch befremdete es Louiſon, daß die Beiden nicht an Arbeit dachten. Madame Gourdin ſaß meiſt in Nachdenken verſunken in ihrem Lehnſtuhl, dann und wann machte ſie in einem unſaubern Buch, wel ches fie in ihrer Taſche aufbewahrte, Notizen, oder ſie las in alten 20* — 308— ſſenen Journalen, keinesfalls konnte ſie damit auch nur einen 21 d Und Juſtine beſchäftigte ſich den ganzen Tag damit, ſich zu putzen, vor dem Spiegel zu ſtehen und eine Opernarie zu trällern, oder ihre d zu betrachten. niſon begriff das nicht, ſie hatte die Alte gebeten, ihr Beſchäf⸗ gung zu geben, und Madame Gourdin gab ihr Bücher mit dem erlen, in ſolchen Zeiten lohne die Arbeit ſich nicht, man müſſe die Zeit vertreiben, ſo gut es gehe. Dabei aßen und tranken die Leute beſſer, als Louiſon es erwartet „dem die Lebensmittel ſo theuer und die Ausſichten für die Zukunft ſo ſehr ernſt und trübe waren. Es war ein tödtlich langweiliger Tag für Loniſon, ſie wänſchte hundertmal, wieder im Hauſe ihres Vaters zu ſein, wo ſie ſtets ihre Arbeit gehabt hatte, aber an die Rückkehr dahin durfte ſie ja nicht denken. Am Abend kam Madame Leroi, auf die Frage Louiſon's erwiderte ſie, ihre Freunde ſeien heute den ganzen Tag draußen geweſen, um ihre Pflichten als Nationalgardiſten zu erfüllen, ſie habe alſo nicht mit ihnen reden können. Dann führte Juſtine das Mädchen in's Nebenzimmer, und auch das mußte Louiſon befremden. Die beiden alten Weiber blieben allein, ſie horchten, bis nebenan Alles ſtill war, dann blickte Madame Gourdin die Wahrſagerin fragend an. „Wir müſſen noch einige Tage warten“, ſagte die letztere,„ein anderer Plan iſt im Werke, der vorher ausgeführt werden muß. Wie ſchickt ſie ſich?“ „Sie langweilt ſich.“ „Geben Sie ihr Beſchäftigung, das Mädchen iſt an Arbeit gewöhnt, und das viele Nachdenken könnte unſere Pläne durchkreuzen. Sie müſſen darauf bedacht ſein, jeden Argwohn fern zu halten, während ich im Stillen wirke, um alle Hinderniſſe zu beſeitigen.“ „Ich glaube, ſie iſt ein Trotzkopf“, warf Madame Gourdin ein, „wir werden Laſt mit ihr haben.“ Den Trotz kann man beugen.“ pder 1* 00 LD 71—* „Dann gibt's Lärm.“ „Bewahre! Vor Alſem darf man das Mädchen nich⸗ 309— laſſen, ihre Freunde ſuchen ſie. Wenn es zu einem Auftritt kommen ſollte, dann wird Juſtine Ihnen beiſtehen, und ſobald das Mädchen ſich beruhigt hat, geben Sie ihr eine Meſſerſpitze von dieſem Pulver in Kaffee oder Waſſer, dann wird ſie in Schlaf fallen und mit dem heftigſten Kopfweh wieder erwachen. Und wenn ein Menſch Kopfweh hat, dann iſt er mit Allem zufrieden, und unfähig, zu denken.“ Sie hatte eine Schachtel aus der Taſche geholt und ſie ihrer Freundin hingeſchoben; die beiden Weiber kicherten boshaft, als freuten ſie ſchon jetzt ſich ihres Triumphs. Sie ſprachen noch eine geraume Weile leiſe mit einander, dann verließ Madame Leroi ihre Freundin, die ſich auf den Fußſpitzen zur lauſchen. „Hm— alte Hexe, muß man zu Euch kommen; wenn man mit Euch reden will?“ rief plötzlich eine barſche Stimme hinter ihr.„Zum Teufel, Ihr bedient Eure Freunde ſchlecht.“ Die Alte wandte erſchreckt ſich um, und es ſchien ſie keineswegs angenehm zu überraſchen, als ſie bemerkte, daß der Chevalier von Cha⸗ teaufleur der ungebetene Gaſt war. „Weshalb ſeid Ihr heute nicht gekommen?“ fuhr der Chevalier fort, indem er ſich in den Seſſel des Weibes ſetzte und den Blick durch das Zimmer ſchweifen ließ.„Wollt Ihr uns abſichtlich ver⸗ ſchweigen, daß Marie aus St. Lazare entflohen iſt? Oder habt Ihr andere Pläne mit dem Mädchen vor— he?“ Madame Gourdin zuckte die Achſeln. „Seitdem Madame, Ihre Stiefmutter, uns das Spiel ſo gründ⸗ lich verdorben hat, konnte ich keine Luſt mehr haben, meine Bemü⸗ hungen fortzuſetzen“, ſagte ſie,„es wäre ja doch Alles vergeblich geweſen. Und wie die Dinge jetzt liegen—“ „Sapriſti, ſeid Ihr ſo kurz angebunden?“ fuhr der Chevalier auf. „Ihr habt das Mädchen irgendwo verſteckt, um es dem reichen Marquis in die Arme zu jagen, das ſcheint Euch ein beſſeres Geſchäft zu ſein, wie?“ „Dem Marquis?“ fragte die Alte, mit einem lauernden Blick auf den jungen Mann, der mit der Quaſte ſeines Säbels ſpielte. „Na, ich glaube, der wird am Beſten wiſſen, wo der entflogene Vogel iſt.“ „Und ich will es auch wiſſen!“ rief der Chevalier trotzig.„Zum — — 310— enſe Teufel, das Leben in Paris beginnt langweilig zu werden. Jenny Mouſſon iſt auch in Lazare, der Teufel weiß, weshalb die ſchönen Mädchen alle eingeſperrt werden. Auf den Boulevard's und in den Café's ſieht man nur Geſindel und das wilde Brüllen und Lärmen der Kanaille habe ich auch ſatt. Sagt mir, wo Fräulein Marie iſt, ich bin gerade jetzt in der Stimmung, mit ihr zu plaudern und zu lachen.“ „Wenn Ihre Mutter es nicht weiß, dann wird der Marquis wohl der Einzige ſein, der es wiſſen kann“, ſagte Madame Gourdin. „Fragen Sie ihn, ich habe die Luſt verloren, mir von dem Tugend⸗ ſpiegel Grobheiten ſagen zu laſſen.“ Ein Geräuſch im Nebenzimmer hatte ſchon vorher die Aufmerk⸗ ſamkeit des Chevaliers geweckt, er erhob ſich jetzt und ſchritt auf die Thüre zu, die er ungeſtüm aufriß, ehe das alte Weib ihn daran hindern konnte. Er ſtand auf der Schwelle und betrachtete lange die beiden Mäd⸗ chen, Louiſon hatte ſich hinter ihre Freundin geflüchtet, die mit zorn⸗ funkelnden Augen dem Offizier gegenüberſtand. „Parbleu, Du biſt's, Juſtine?“ rief der Chevalier mit rohem Lachen.„Dich hätte ich wahrhaftig hier nicht geſucht. Aber die alte Hexe hatte ja immer ein mitleidiges Herz, wenn ſie nur mit dem Mitleid etwas zu verdienen wußte.“ Er hatte ſein Käppi abgenommen und die Schwelle überſchritten Juſtine blieb vor ihm ſtehen, und Madame Gourdin ſchien noch keinen Entſchluß faſſen zu können. „Mit welchem Recht dürfen Sie wagen, hier einzudringen?“ fragte Juſtine empört.„Wir haben Sie nicht aufgeſucht—“ „Alberne Närrin, wie kommſt Du zu dieſem Tone?“ unterbrach der junge Mann ſie lachend.„Wo ich ein ſchönes Mädchen finde, trete ich gerne ein, das mußteſt Du von früher her wiſſen. He, damals, als Du noch Kammerkätzchen bei meiner Mama warſt, ſahſt Du mich gern kommen, weißt Du noch, wie herzlich wir uns freuten, wenn wir meiner Mama eine Naſe gedreht hatten? Wahrhaftig, es waren hübſche Tage, aber ich ſehe nicht ein, weshalb wir den Spaß nicht fortſetzen könnten.“ Juſtine hatte die Brauen zuſammengezogen, Louiſon erſchrak vor dem flammenden Ausdruck dieſes vorhin noch ſo ſchönen Geſichts. „Daß Sie daran mich erinnern müſſen!“ ſagte ſie mit bebender —, 55Z) d 7 3 Tugend⸗ lufmert⸗ auf die n daran — 311— G timme.„Welch falſches Spiel Sie damals mit mir getrieben haben, iſt mir erſt ſpäter klar geworden—“ „Bah, Du wirſt es dennoch nicht bereut haben! Aber laß' ſehen, Deine Freundin da gefällt mir noch beſſer! He, Madame, holen Sie Champagner und im nächſten Reſtaurant ein feines Souper, wir wollen uns einen vergnügten Abend machen.“ Mit den letzten Worten trat der Chevalier auf Louiſon zu, um ſie zu umarmen, aber ſie ſtieß ihn zurück, daß er taumelte. „Wer iſt dieſer Elende?“ fragte ſie entrüſtet.„Was berechtigt ihn zu dieſer Unverſchämtheit?“ „Sapriſti, die gefällt mir!“ lachte der Chevalier.„Wohl eine Komödiantin, he? Champagner herbei, alte Hexe, verſieh Dein Ge⸗ ſchäft und dann ſtöre uns nicht weiter. Wer ich bin, mein Liebchen? Ein Edelmann, Herr von Chateaufleur, frage das Kammerkätzchen, die kennt mich.“ Madame Gourdin war nach einem langen, forſchenden Blick auf die beiden Mädchen ſchützend zwiſchen ſie und den Offizier getreten, vorzüglich der zornglühende Blick Louiſon's mußte fie erkennen laſſen, daß es rathſam war, den rohen Gaſt in ſeine Schranken zurück zu weiſen. „Daraus kann nichts werden“, ſagte ſie in entſchloſſenem Tone, „wenn Juſtine Sie begleiten will, ſo habe ich nichts dagegen, aber in meinen Zimmern dulde ich keine Orgie.“ „Als ob es das erſte Mal wäre, daß wir hier einen heitern Abend gehabt haben!“ rief der Chevalier höhniſch.„Zum Teufel, altes Weib, hier iſt Geld, macht, daß Ihr fortkommt, ich plaudere unterdeſſen mit den ſchönen Kindern. He, Juſtine, ſei nicht ſo ſpröde, ich werde Dir einen neuen Sammthut kaufen, oder was Du ſonſt haben willſt.“ „Danke, ich kann meine Rechnungen ſelbſt bezahlen“, erwiderte das Mädchen trotzig,„es geht mir nicht, wie Ihrer Stiefmutter, die von ihren Freunden—“ „Parbleu, ſo machen die Damen es alle, ſo haſt Du es auch gemacht. Ich glaube, Du trägſt da noch einen Ring am Finger, den ich Dir geſchenkt habe.“ „Jetzt iſt es genug!“ rief die Alte.„Willſt Du ausgehen, Juſtine—“ „Mit dieſem Schuft nicht!“ — — 312— „Sie hören es, Herr Chevalier.“ „Das Kätzchen zeigt die Krallen“, ſpottete der junge Herr,„gut, mich ſollen ſie nicht kratzen, ich werde meine Gunſt der Andern ſchenken. Mein ſchönes Fräulein, ich gebe mir die Ehre, Sie zu einem ſeinen Souper einzuladen, Sie werden mir hoffentlich das Vergnügen ſchenken.“ Mit einem Blick der Verachtung wandte Louiſon ihm den Rücken. „Kommen Sie“, ſagte Madame Gourdin,„Sie ſehen ja, daß die zungen Damen Ihre Geſellſchaft nicht wünſchen.“ „Tod und Teufel!“ knirſchte der Chevalier, mit dem Fuße auf⸗ ſtampfend.„Juſtine, jetzt frage ich Dich in allem Ernſt, was ſoll dieſes Benehmen heißen?“ „Es ſoll Ihnen den Beweis liefern, daß ich Sie verachte“, er⸗ widerte das Mädchen, und ihre funkelnden Augen ſchleuderten ihm einen flammenden Blitz zu.„Wenn Ihnen das noch nicht klar geworden iſt, dann werden Sie etzt wohl nicht mehr daran zweifeln können.“ Die Alte war dem jungen Manne näher getreten. „Machen Sie keinen Lärm“, flüſterte ſie,„unter vier Augen will ich Ihnen Aufklärungen geben und das Mittel nennen, durch welches Sie ſich rächen können.“ Der Chevalier folgte ihr, kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, als Juſtine die Thüre zuwarf und haſtig der innern Riegel vorſchob Die Hände auf den ſtürmiſch wogenden Buſen gepreßt, ſtand Louiſon in der Mitte des Zimmers. „Abſcheulich!“ ſagte ſie, fieberhaft erregt.„Wie durfte dieſer Elende ſich eine ſolche Unverſchämtheit herausnehmen?“ „Dieſe Herren dürfen Alles“, erwiderte Juſtine mit zitternder Stimme,„ſie dürfen uns niedertreten in den Staub, und wir müſſen thnen danken, daß ſie uns nur das Leben laſſen. Ich möchte nur wiſſen, ob das Weib—“ Sie brach ab, geräuſchlos ſchlich ſie zur Thüre, ſie hörte den leiſen Schall der Stimmen, aber Worte konnte ſie nicht unterſcheiden. „Es war eine abgekartete Geſchichte“, flüſterte ſie nach einer Pauſe, und jäh blitzte es in ihren dunklen Augen auf,„o, dieſes Weib iſt eine erbärmliche Intriguantin.“ „Und das ſagen Sie von Ihrer Mutter?“ fragte Louiſon entſetzt. Juſtine war auf einen Stuhl niedergeſunken, ſie bedeckte das — 313— Antlitz mit den Händen und ſchluchzte leiſe, indeß Louiſon rathlos neben ihr ſaß und nicht wußte, wie ſie dieſes dunkle Räthſel löſen konnte. So verſtrichen einige Minuten, dann erhob Juſtine wie von einem plötzlichen Entſchluſſe beſeelt, das Haupt und trocknete die Thränen von ihren Wangen. „Sie iſt nicht meine Mutter“, ſagte ſie leiſe. „Dann wurde ich betrogen—“ „Vielleicht ſollten Sie es werden. Hören Sie mich an, Sie ſind die z wuſt vor der ich mein Herz ausſchütte, Sie werden mich nicht verdammen, denn auch Sie haben bittere und ſchmerzliche Erfahrungen machen und mit einem feindlichen Geſchick kämpfen müſſen. Meine Eltern lebten in der Provinz, ſie waren arm, aber ehrlich und gottes⸗ fürchtig. Als ich größer wurde und zu der Einſicht gelangte, daß ich nun den alten Leuten zur Laſt fiel, beſchloß ich, nach Paris zu gehen und mir dort einen Dienſt zu ſuchen. Ich war jung und hübſch, ich konnte arbeiten und war entſchloſſen, mich jeder Arbeit zu unter⸗ ziehen und mir recht viel zu erſparen, um ſpäter mir eine hübſche Ausſteuer beſchaffen zu können. Mit dieſem Vorſatz kam ich nach Paris, ich diente in mehreren Häuſern, oft trat mir die Verſuchung nahe, aber ſtets wies ich den Verführer zurück. Madame von Cha⸗ teaufleur ſah⸗mich eines Tages in dem Hauſe einer ihrer Freundinnen, ich gefiel ihr, und ich nahm das Anerbieten, ihre Kammerzofe zu werden, um ſo lieber an, als mir ein hohes Honorar nebſt vielen Geſchenken in Ausſicht geſtellt wurde. Madame war die Stiefmutter des jungen Herrn, den Sie ſoeben geſehen haben, und dieſer Herr bemühte ſich lange vergeblich um meine Gunſt, ich blieb ſeinen glän⸗ enden Verſprechungen gegenüber ſtandhaft, meine Unſchuld war mir theurer, als alle Schätze der Erde. Ach, meine Freundin, Sie wiſſen nicht, wie viel' tauſend Gefahren ein armes Mädchen vom Lande in dieſer Stadt der Sünde und des Laſters ausgeſetzt iſt, Sie haben keine Ahnung davon, wie viele Schlingen ihr gelegt werden und mit welcher raffinirten Schlauheit die Verſuchung fie auf Schritt und Tritt verfolgt. Ich war ſtandhaft geblieben, obgleich ich ſchon mehr als einmal geſchwankt hatte, und nun ſchien der Chevalier mich nicht mehr zu beachten. Da, eines Tages bat er mich, einer Madame Gourdin in der Rue de Marſeille einen Brief zu bringen, und da ich ohnedies im Begriff ſtand, einen Ausgang zu machen, konnte ich ihm — 314— die Bitte nicht abſchlagen. Ich kam hierher, das Weib empfing mich freundlich und ſetzte mir ein Glas ſüßen Weines vor, welches ich mit Behagen austrank. Es war mir, als ob ein wildes, verzehrendes Feuer in meinen Adern lodere, alle Leidenſchaften waren in meinem Innern entfeſſelt.“ „Ich kenne dieſen Zuſtand“, ſagte Louiſon nachdenklich,„auch mir wurde ja ein ſolcher Trank vorgeſetzt.“ „Und dann trat der Chevalier ein, und wie es gekommen iſt, weiß ich noch heute nicht, aber ich beſaß die Kraft nicht mehr, ſeinen Bitten zu widerſtehen.“ „Und mich machte der Wein raſend—“ „Ja, weil Sie den Mann haßten und verabſcheuten, der Sie 3 verführen wollte. Ich aber liebte den Chevalier, oder ich glaubte doch, ihn zu lieben. Erſt ſpäter ward es mir klar, daß der Chevalier mit dieſem ſchändlichen Weibe das Spiel abgekartet hatte, und ich hätte raſend werden mögen vor Aerger, daß ich ſo arglos in die plumpe Falle gegangen war. Aber nun war der erſte Schritt ge⸗ ſchehen, und ich konnte die Bahn nicht mehr verlaſſen, der Wüſtling hatte erreicht, was er wollte, und als er meiner müde war, da ſorgte er dafür, daß ich mit Schimpf und Schande aus dem Hauſe ſeiner Eltern entlaſſen wurde. Ob er glaubt, ich wiſſe das nicht? O, ich habe alle Fäden der Intrigue entdeckt und verfolgt, ich weiß, welche elende und erbärmliche Rolle er in der Geſchichte geſpielt hat.“ „Und wie kamen Sie wieder in dieſes Haus?“ fragte Louiſon. „Was wollte ich beginnen? Freunde hatte ich nicht, und meine kleinen Erſparniſſe waren raſch verzehrt. Nach Hauſe durfte ich nicht zurückkehren, meine Schande hätte den alten Leuten das Herz 44 gebrochen.“ „Aber dieſes Weib—“ „Ich fand keine andere Zuflucht, und Madame Gourdin nahm mich auf.“ 1„Und was thaten Sie hier?“ „Fragen Sie nicht, ich werde es Ihnen niemals ſagen. Nur das Eine forderte ich von ihr, daß ſie nie eine Begegnung zwiſchen mir und dem Chevalier herbeiführen dürfe, ſie verſprach es, und nun haben Sie geſehen, wie das Weib Wort hält.“ Mit Entſetzen und wachſender Beſorgniß hatte Louiſon dieſe Mittheilungen vernommen. ℳ pf ich mir „Und welches Loos erwartet mich hier?“ fragte ſie. „Das Loos, welches Jede trifft, die keine Heimath und keine Freunde hat“, entgegnete Juſtine,„Sie werden ihm nicht entrinnen können.“ „So hätte die Wahrſagerin mich nur deshalb hierher gebracht, um mich hier dem ſchändlichen Wüſtling zu überliefern?“ „Ich weiß das nicht; man weiht mich in ſolche Pläne nicht ein, und aufrichtig geſtanden, würde ich Ihnen nichts verrathen haben wenn das Weib mich nicht ſo ſchändlich hintergangen hätte.“ „So war es nicht Freundſchaft für mich, was Sie dazu bewog?“ „Forſchen Sie nicht weiter, Sie würden mich ja doch nicht ver⸗ ſtehen. Wenn ein Menſch im Unglück iſt, dann bereitet das Unglück Anderer ihm eine gewiſſe Genugthuung und wer über einen Stein geſtrauchelt iſt, der ſieht auch Andere gern über denſelben Stein ſtraucheln. Was wollen Sie, Louiſon? Draußen finden Sie keinen Menſchen, der ſich Ihrer annähme, es ſei denn, Sie würfen ſich ihm ganz in ſeine Arme, Ihr eigener Vater will Sie zwingen, den Weg der Sünde zu betreten, und Ihre Freunde ſind zu ſchwach, Sie zu ſchützen.“ „Dennoch darf und werde ich nicht hier bleiben“, ſagte Louiſon in entſchloſſenem Tone.„Ich muß dieſes Haus verlaſſen, ich muß auch von Ihnen ſcheiden.“ „Weil Sie mich verachten?“ „Nein, Juſtine, ich fühle nur Bedauern und Mitleid für Sie, aber ſie ſagten ja ſelbſt, es werde Ihnen eine gewiſſe Genugthuung bereiten, mich ſtraucheln und fallen zu ſehen. Und kann ich den Plänen dieſer Weiber entgegentreten, kann ich mich vor ihren Ma⸗ chinationen ſichern, die mir ganz unbekannt ſind? Laſſen Sie mich, ich muß handeln, wie Pflicht und Gewiſſen es mir gebieten.“ Sie ſtand ſchon an der Thüre, im nächſten Augenblick trat fie in das Zimmer, in welchem Madame Gourdin am Tiſche ſaß und ſich mit ihrem Notizbuche beſchäftigte. Hoch aufgerichtet ſtand ſie dem alten Weibe gegenüber, welches betroffen zu ihr aufblickte. „Madame, ich weiß jetzt, wo ich mich befinde, und in weſſen Schutz ich mich begeben habe“, ſagte ſie, und ihre zitternde Stimme verrieth, daß ein gewaltiger Sturm in ihrem Innern tobte,„Sie werden mir geſtatten, daß ich ohne Verzug Ihre Wohnung verlaſſe.“ — 316— Die Alte preßte die Lippen aufeinander und ſchleuderte der Ver⸗ rätherin, die im Hintergrunde des Zimmers ſtand, einen wüthenden Blick zu. „Sie wollen mich verlaſſen?“ ſpottete ſie.„Und wo glauben Sie, ein beſſeres Unterkommen zu finden 244 „Gleichviel, wo es auch ſein mag— 5„Erlauben Sie, ich geſtatte Ihnen das ganz und gar nicht. Ich bin für Sie verantwortlich, und es iſt mein feſter Wille, mein Ver⸗ ſprechen zu erfüllen!“ „Ich könnte Sie fragen, wem Sie dieſes Verſprechen gegeben haben, und was man Ihnen dafür zahlen wird“, ſagte Louiſon mit würdevoller Hoheit,„ich könnte Ihnen drohen mit der Rache meiner Freunde, aber wozu das Alles? Ich werde gehen, und ich glaube nicht, daß Sie den Muth haben, mich zurückzuhalten.“ Sie ſchritt wirklich zur Thuͤre und Madame Gourdin begnügte ſich damit, boshaft zu lachen. Die Thüre war verſchloſſen, ein leiſer Schrei entfuhr den Lippen des Mädchens, welches nun erſt den ganzen Umfang der Gefahr be⸗ griff, die ſie bedrohte. „So raſch geht das nicht“, ſpottete die Alte,„es wäre ja zu undankbar von Ihnen, wenn Sie mich in dieſer Weiſe verlaſſen wollten. He, wiſſen Sie denn nicht, daß ich berechtigt bin, Miethe und Koſtgeld von Ihnen zu fordern?“ „Ich werde ſie zahlen.“ „Haben Sie wirllich Geld?““ „Das nicht, aber—“ „Ja, ſehen Sie, mit Verſprechungen laſſe ich mich nicht abſpeiſen. Und was wollen Sie draußen? In das vöäterliche Haus können Sie nicht zurückkehren, und wenn ein alter Bekannter Ihnen begegnet, 1 dann wird er Ihnen ſeine Begleitung aufdrängen. Nein, mein Kind, das wäre eine große Thorheit. Draußen werden alle Mädchen auf⸗ gegriffen und nach Lazare gebracht, die ſich zwecklos in den Straßen umhertreiben, dieſer Gefahr würden Sie ſich alſo ausſetzen.“ „Alles das kann mich nicht abhalten, der Stimme meines Ge⸗ wiſſens zu folgen“, ſagte Louiſon mit Entſchiedenheit.„Wollen Sie nich nicht freiwillig gehen laſſen, ſo werde ich das Haus allarmiren und gewaltſam mich befreien.“ „Verſuchen Sie das“, erwiderte das Weib ruhig.„Rufen Sie zum Fenſter hinaus, Niemand wird Sie hören, ſchlagen Sie auf die Thür und man wird kommen und fragen, wer den Lärm mache. Und wenn ich dann den Leuten ſage, Sie ſeien Ihrem Vater entlaufen und wollten Ihre Freiheit nur deshalb haben, um in's preußiſche Lager zu flüchten und dort die Stadt Paris zu verrathen, was wird alsdann geſchehen?“ „Man wird dieſer Lüge nicht glauben!“ fuhr das Mädchen ent⸗ rüſtet auf. „He, man wird es thun, man ſucht ja überall Spione und Ver⸗ räther, man wird Sie mißhandeln und ermorden—“ „Gleichviel, ich will es darauf ankommen laſſen!“ rief Louiſon und im nächſten Augenblick zitterte die Thür unter ihren wuchtigen Fauſtſchlägen.„Man wird ja auch Sie kennen, Madame, man wird mir glauben und mich vor der Gemeinheit eines ſolchen Weibes ſchützen.“ Madame Gourdin war von ihrem Sitz emporgefahren, ſie wollte ſich auf das Mädchen ſtürzen, aber ehe ſie dieſen Entſchluß ausfüh⸗ ren konnte, ſtand Juſtine ſchon zwiſchen ihr und Louiſon. „Hört auf mich“, ſagte ſie in drohendem Tone.„Beruhigen Sie ſich, Louiſon, dann will ich auf Ihre Seite treten.“ „Schlange!“ knirſchte das Weib. „Wenn ich dieſen Namen verdiene, wer hat mich zur Schlange gemacht?“ fuhr Juſtine fort.„Wer hat die edelſten Gefühle in mei⸗ nem Herzen erſtickt und den Dämon in mir geweckt? Wer war der Satan, der mit teufliſcher Liſt mich auf die Bahn des Böſen lockte? Von mir dürfen Sie kein Mitleid, keine Schonung erwarten, und ich meine, es läge in Ihrem eigenen Intereſſe, den Bruch mit mir zu verhüten.“ „Laſſen Sie mich hinaus, und ich will Ihnen dankbar ſein bis an's Ende meines Lebens“, ſagte Louiſon. Juſtine ſchüttelte ablehnend das Haupt. „Damit wäre Ihnen nicht geholfen“, erwiderte ſie,„was dieſes Weib Ihnen geſagt hat, iſt die Wahrheit, Sie finden draußen keinen Schutz, ſondern nur Gefahren. Sie finden draußen nur Feinde, bei jedem Schritt droht Ihren Füßen ein Fallſtrick, und Sie ſind nicht erfahren genug, dieſen Schlingen zu entgehen. Und wenn Sie Lärm machen, ſo genügt dem Geſindel die Anklage dieſer Frau, es fragt nicht nach Beweiſen, und was Sie auch ſagen mögen, auf Ihre Recht⸗ — — fertigung wird man nicht hören. Das Wort Spion hat einen ge⸗ waltigen Klang in der jüngſten Zeit, es entfeſſelt die Leidenſchaften und macht die Leute blind. Glauben Sie mir, Louiſon, Sie würden eine Gefahr heraufbeſchwören, in der Sie unterliegen müßten. Blei⸗ ben Sie hier, wenigſtens ſo lange, bis ein anderes Unterkommen ſich für Sie gefunden hat.“ „Nimmermehr!“ rief Louiſon mit wachſender Angſt. „So werde ich Dich zwingen!“ ſchrie das Weib, die Maske jetzt ganz abwerfend. Glaubſt Du, ich habe Dich aufgenommen, um Dich zu füttern?“ „Ich war in der Abſicht gekommen, zu arbeiten— „He, und Du ſollſt arbeiten! Du ſollſt die reichen Herren freund⸗ lich empfangen und—“ „Das iſt vorbei“, fiel Juſtine ihr heftig in's Wort.„Seitdem Ihr dem Chevalier den Zutritt erlaubt habt, bin ich mit Euch fertig, und ich werde nun auch Louiſon vor Eurer Liſt und Bosheit in Schutz nehmen. Wehe Euch, wenn Ihr dieſem Mädchen nur ein Haar krümmt, ich würde Geheimniſſe veröffentlichen, die Euch in's Zuchthaus brächten.“ Madame Gourdin war erſchreckt zuſammengefahren, ihr ſtarrer Blick ruhte mit dem Ausdruck des Entſetzens auf dem bleichen Antlitz des eutſchloſſenen Mädchens, welches ſeinen Arm um die Taille Louiſon's geſchlungen hatte. udt der Pfeil getroffen?“ fuhr Juſtine triumphirend fort. enkt nicht, es ſei ein Schreckſchuß geweſen, wenn ich reden will, nen ſich in der nächſten Stunde für Euch die Pforten des Gefäng⸗ niſſes. Wo i der Säugling geblieben, den man Eurer Pflege an⸗ vertraut hat? Mag auch ein Jahr darüber verſtrichen ſein, daß die Mutter des Kindes durch den Tod deſſelben um ihr Erbtheil betrogen wurde, ich kann jederzeit die Beweiſe ſchaffen, daß das Kind keines 7* natür diche en 7* odes geſtorben iſt.“ „Lüge!“ ſchrie das Weib wild auffahrend,„Lüge und Verleum⸗ dung! Du u mfſt mich einſchüchtern, aber Deine Drohungen erſchrecken mich nicht. Ich weiß nichts von dem Kinde!“ „Der Vater des Kindes war todt, fünf Monate nach dem Tode dieſes reichen Herrn kam die junge Wit ttwe nieder“, ſagte Juſtine mit gedämpfter Stimme.„Soll ich Namen nennen? Louiſon würde er⸗ fahren, daß es eine der angeſehenſten Familien war, in der dieſes Verbrechen verübt wurde. Von dem Leben des Kindes hing es ab, ob die Mutter das Vermögen ihres Gatten erben würde; ſtarb das Kind im erſten Lebensjahre, ſo fiel die Hinterlaſſenſchaft dem Bruder des Erblaſſers zu. Und dieſer Bruder ließ das Kind von der Seite der Mutter nehmen, als dieſe in Fieberphantaſien lag, er übergab es Euch, und man ſagte der Mutter, das Leben des Kindes ſei gefährdet geweſen. Dann verlangte das arme troſtloſe Weib ihr Kind zu ſehen, und man durfte ihr dieſe Bitte nicht verweigern. Madame, was iſt in der Nacht, die jenem Tage folgte, geſchehen? Sie wiſſen es, und ich weiß es auch, ich habe nicht geruht, bis ich dieſe furcht⸗ bare Waffe gegen Sie beſaß.“ Ein Wuthſchrei entrang ſich den bebenden Lippen des alten Weibes, Juſtine griff in den Buſen, und im nüächſten Augenblick blitzte eine Dolchklinge in ihrer Hand. „Zurück!“ rief ſie warnend.„Glauben Sie, ich habe mich nicht für jeden Fall vorgeſehen? Wer den Kampf mit einem ſolchen Geg⸗ ner mfnehn nen will, der verſchafft ſich zuvor Waffen, und Ihr ſeht, daß ich dieſe Vorſicht nicht außer Acht gelaſſen habe. Fahren wir fort. Man legte ein todtes Kind in die Arme der Mutter, die am Tage darauf nach Bicétre in's Irrenhaus gebracht wurde. Der Bruder des Erblaſſers wurde ein reicher Mann und Ihr erhieltet den bedungenen Lohn. „Das iſt Alles Lüge!“ rief Madame Gourdin, die vergeblich Ruhe und Faſſung zu heucheln verſuchte. „Zwingt mich nicht, die Beweiſe vorzulegen, der Vater des Wüſt⸗ lings, der vorhin ſo arrogant gegen uns auftrat, würde ſo wenig wie Ihr erfreut darüber ſein.“ „Und wenn es die Wahrheit wäre, was wollteſt Du mir an⸗ haben? Frauenzimmer Eurer Sorte zu vernichten, habe ich immer die Macht, hüte Dich, dieſe Macht herauszufordern.“ Ein Zug unbeſchreiblicher Verachtung umzuckte die Lippen Juſtinens, ſie legte ihre Hand auf den Arm Louiſon's und blickte das Weib feſt und entſchloſſen an. „Ihr wißt nun, was Ihr zu erwarten habt, wenn Ihr den Kampf mit uns wollt“, ſagte ſie in ernſtem, warnendem Tone. „Wir beide werden in Ruhe abwarten, was Ihr zu thun gedenkt Glaubt nicht, es werde Euch leicht ſein, mich zu hintergehen und meine Wachſamkeit zu täuſchen, und gelänge es Euch dennoch, dann — 320— würde dieſes Eiſen Euer Herz durchbohren, oder das Zuchthaus Euch aufnehmen. Das iſt mein letztes Wort,[Madame, nun ſeht Euch vor. Arbeiten wollen wir, um unſern Unterhalt zu verdienen, aber nicht in der ſchmachvollen Weiſe, wie Ihr es verlangt, und wenn Ihr uns keine Arbeit ſchaffen könnt, dann müßt Ihr uns ſchon geſtatten, daß wir hinausgehen und ſie ſuchen.“ Sie führte nach dieſen Worten das vor Aufregung zitternde Mädchen in die Nebenkammer und ſchob den Riegel vor. Lange ſtand ſie hier in düſtrem Brüten verſunken, indeß Louiſon nach Faſſung und Ruhe rang. „Nun iſt das Eis gebrochen“, nahm Juſtine endlich wieder das Wort,„wir dürfen einen erbitterten Kampf erwarten. Dieſes elende Weib wird alle Mittel benutzen, die ihr zu Gebote ſtehen, um für die Demüthigung Rache zu nehmen und unſern Widerſtand zu beugen, aber wir werden ſtandhaft ſein, und wenn die Verhältniſſe es for⸗ dern, dann—“ Sie beendete den Satz nicht, aber der vernichtende Blick, der aus chren zornfunkelnden Augen die Thüre traf, ließ erkennen, daß ſie feſt entſchloſſen war, von jeder Waffe Gebrauch zu machen. „Sie können hinaus“, ſagte Louiſon, noch immer heftig erregt, „gehen Sie zu meinen Freunden, zu meinem Vater, berichten Sie ihnen die Lage, in der wir uns befinden—“ „Später, Louiſon“, fiel Juſtine ihr in's Wort,„wir würden jetzt durch dieſen Schritt vielleicht Alles verderben. Wohnt nicht Madame Leroi in demſelben Hauſe? Und können Sie bezweifeln, daß dieſes Weib mit Argusaugen dort Wache halten wird? Glauben Sie, man werde mich gehen laſſen, wohin es mir beliebe, ohne mir zu folgen? Und was dürfen Sie von Ihrem Vater erwarten 59 „Zum mindeſten Schutz gegen dieſes Weib!“ „Sie könnten ſich getäuſcht ſehen. Außerdem anterliegt es keiuem Zweifel, daß Madame Gourdin den Pöbel gegen Sie aufhetzen wird, ſobald ſie von ſolchen Schritten Kenntniß erhält. Folgen Sie meinem Rath, Louiſon und ſchenken Sie mir Ihr Vertrauen, ich werde mich bemühen, es im vollſten Maaße zu verdienen. Sie müſſen bleiben, aber ſeien Sie ohne Furcht, Sie haben an mir eine Freundin gefun den, welche mit ihrem eigenen Leben Sie vertheidigen wird.“ Louiſon ſchüttelte zweifelnd das Haupt, es war ein ſchlechter Troſt, der ihre ernſten Beſorgniſſe nicht beſeitigen konnte, aber was wollte er — 321.— ſie beginnen? Wenn ſie dieſer Freundin Mißtrauen zeigte, ſo forderte ſie die Feindſchaft des energiſchen Mädchens heraus, und es war in dieſem Falle möglich, daß Juſtine ſich mit dem alten Weibe verbündete. Nein, es war beſſer, ſie unterwarf ſich dem Willen dieſes erfah⸗ renen und thatkräftigen Mädchens, es war beſſer, ſie wartete geduldig auf eine günſtige Gelegenheit, die ihr erlaubte, ſelbſtſtändig zu handeln. Juſtine war ſchon damit beſchäftigt, ſich auszukleiden, um zu Bett zu gehen, ſie ſprach der Freundin noch immer in beruhigendem Tone zu, und Louiſon verſprach ihr, in allen Stücken ihrem Rathe zu folgen und daneben dem alten Weibe gegenüber wachſam und vorſichtig zu ſein. Dann ging auch ſie zur Ruhe, und bald entführte ein lieblicher Traum ihre Seele in ſchönere Gefilde, indeß Madame Gourdin im Nebenzimmer über finſtere Pläne brütete, die beide Mädchen in's tiefſte Elend ſtürzen ſollten. Achtzehntes Kapitel. Eine deutſche Jungfrau. Marie fühlte ſich am erſten Tage ihrer Befreiung von ſeltſamen Gefühlen bewegt. Die Freude darüber, daß ſie dem Gefängniſſe entronnen war, daß ſie ſich nicht mehr genöthigt ſah, die rohen und gemeinen Aeuße⸗ rungen der Schickſalsgefährtinnen und die ſchändlichen Vorſchläge des alten Weibes anzuhören, ließ fie in den erſten Stunden alles Andere vergeſſen. Aber bald nahmen ihre Gedanken eine andere Richtung und es beunruhigte ſie jetzt, daß ſie ſich in dem Hauſe eines Mannes befand, den ſie nicht näher kannte, eines Mannes, der vielleicht unlautere Abſichten hegen konnte, ohne daß ſie eine Ahnung davon hatte. Sie mußte ſich immer wieder fragen, was ihn bewogen habe, ihr ſeine Freundſchaft, ſeinen Schutz, ſeine Hülfe anzubieten und ſie aus dem Gefängniſſe zu befreien, und ſie fand auf dieſe Frage keine Antwort, welche ſie ganz befriedigen konnte. Sie hatte ihm Vertrauen verſprochen, und ſie glaubte auch, daß er dieſes Vertrauen verdiene, ſie fühlte Hochachtung vor ihm, und 3. 21 ——p — 322— ſie erinnerte ſich keines Wortes, keines Blickes, wodurch ein Verdacht in ihrer Seete hätte aufſteigen können. Und es war ja auch wahr, daß ſie in ihre frühere Wohnung nicht zurückkehren durfte, weil ſie dort jedenfalls von den Häſchern geſucht wurde, und weil ſie dort wieder mit der Wahrſagerin in Berührung kam, deren Haß ſie auf ſich geladen hatte. Es war ferner wahr, daß ſie draußen Feinde beſaß, die danach trachteten, ſie zu verderben, Madame von Chateaufleur und der Che⸗ valier, Madame Leroi und die geſammte Kanaille von Paris, die jetzt alle Boulevard's bevölkerte, und ſie mußte ſich dem Marquis zu unendlichem Danke verpflichtet fühlen, daß er ihr ſeinen Schutz angedeihen ließ. Aber wenn ſie dann wieder an Erneſt Lafleur und an ihr eigenes, trauliches Stübchen dachte, dann wollte ſie ein Heimweh nach jenem ſtillen Aſyl ergreifen, und gewaltſam mußte ſie die Erinnerung an die ſchönen Tage, die ſie dort verlebt hatte, zurückdrängen. Der Marquis beſuchte ſie an dieſem Tage nicht, er ließ durch den Diener ſich nach ihrem Befinden und ihren Wünſchen erkundigen und überließ es ihr, wie ſie die Stunden verbringen wollte. Und die Zeit wurde dem ſchönen Mädchen nicht lang. Sie fand in ihrem Wohngemach ein vortreffliches Piano und eine reiche, gewählte Bibliothek, ſie fand in den Schränken eine reich⸗ haltige Garderobe, vom einfachen Hauskleid bis zur ſeidenen mit koſt⸗ baren Spitzen beſetzten Robe, und hier fehlte nichts, was eine Dame zu ihrer Toilette bedurfte. Eitel und putzſüchtig war Marie nicht, aber die Tochter Eva's konnte ſich doch ſo ganz nicht verleugnen, ſie betrachtete mit ſteigen⸗ dem Wohlgefallen ihren Reichthum und freute ſich in kindlicher Unſchuld über dieſe Schätze. Und nachdem ſie ihr köſtlich zubereitetes Mittagsmahl verzehrt hatte, ſetzte ſie ſich an den zierlichen Schreibtiſch und ſchrieb ihre Erlebniſſe ſeit dem Tage der Kriegserklärung nieder. Wenn nur Erneſt noch in Paris geweſen wäre! Sie würde an ihn geſchrieben und ihn über ihr Geſchick beruhigt haben. Aber er konnte ja zurückgekehrt ſein, es war ja immerhin möglich, daß er ſich der Gefangenſchaft durch die Flucht entzogen hatte. Wes⸗ hald ſollte ſie nicht verſuchen, ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen? Dem augenblicklichen Gedanken nachgebend, ſchrieb ſie einige Zeilen gerin in e danach der Che⸗ 1 Schutz eigenes, ich jenem errung an ieß durch on rkundigen an und ine reic⸗ mit liſt an ihn, ſie theilte ihm mit, daß ſie frei und in Sicherh i, und daß ſie hoffe, ihn bald wiederzuſehen, dann übergab ſie die Feriſhe dem Diener mit dem Auftrage, es an ſeine Adreſſe zu befördern. Sie ſchärfte ihm ein, daß er das Billet dem Adreſſaten perſönlich übergeben müſſe, finde er dieſen nicht, ſo ſollte er ihr den Brief zurückbringen. Aber als ſie am Tage darauf den Diener fragte, ob er ihren Auftrag ausgeführt habe, erhielt ſie eine ausweichende Antwort. Das befremdete und beunruhigte ſie, um ſo mehr, als der Marquis ihr geſagt hatte, man werde jeden ihrer Wünſche erfüllen. Sie nahm ein Buch und verſuchte, ſich in den Inhalt deſſelben zu vertiefen, um die Gedanken fern zu halten, welche ihre Seele folterten. Aber es war ihr ganz unmöglich, dem Buche ihre volle Aufmerkſamkeit zu widmen, und mißmuthig ſetzte ſie ſich vor ihr Piano, in der Hoffnung, daß die weichen Klänge der Muſik die Stürme in ihrem Innern beruhigen würden. Sie ſpielte ein deutſches Lied und ſang mit leiſer, zitternder Stimme: Es iſt beſtimmt in Gottes Rath, Daß man vem Liebſten, was man hat, Muß ſcheiden. Wiewohl doch nichts im Lauf der Welt Dem Herzen, ach, ſo ſauer fällt, Als Scheiden! Es lag eine unendlich ſchmerzliche Wehmuth in dem ſeelenvollen Vortrag dieſes Volksliedes, es klang faſt, wie der Schwanengeſang eines brechenden Herzens. So Dir geſchenkt ein Knösplein was, So thu' es in ein Waſſerglas, Doch wiſſe: Blüht morgen Dir ein Röslein auf, Es welkt wohl ſchon die Nacht darauf, Das wiſſe! Marie bedeckte die Augen mit den Händen und ſeufzte tief und ſchwer auf. Sie dachte an ihr ſchönes Deutſchland, an ihr trautes, liebes Vaterland, an das ſo manche unendlich ſüße Erinnerung für ſie ſih knüpfte. Weshalb hatte ſie es verlaſſen? Weshalb war ſie nicht dort geblieben? O, ſie hätte dort ja auch ihr Lebensglück finden können, vielleicht raſcher und beſſer, wie in der Fremde, in der ſie ſo manche 21* — 324— Demüthigung erlitten, ſo manche bittere, ſchmerzliche Erfahrung gemacht hatte! Ihre Finger glitten wieder leiſe über die Taſten, eine Thräne rann langſam über ihre Wangen. Und hat Dir Gott ein Lieb' beſcheert, Und hältſt Du ſie recht innig werth, Die Deine, Es wird wohl wenig Zeit um ſein, 5 Da läßt ſie Dich ſo gar allein, Dann weine! Nun mußt Du mich auch recht verſtehn, Ja, recht verſtehn, Wenn Menſchen auseinander gehn 6 So ſagen ſie: Auf Wiederſehn! Auf Wiederſehn!“ Das Mädchen ſtützte den Kopf auf die Hand, ihre Stimmung war nicht heiterer geworden, dieſes Lied hatte die Sehnſucht nach der Heimath in ihrem Herzen geweckt. Da— was war das? Sie blickte auf und ein leiſer Schrei der Ueberraſchung entfuhr ihren Lippen. Die Wand neben dem Inſtrument hatte ſich plötzlich geöffnet, und in dieſer Oeffnung ſtand der Marquis. Marie war von ihrem Sitz emporgeſprungen, aber der Marquis trat lächelnd auf ſie zu und reichte ihr beide Hände. „Weshalb erſchrecken Sie?“ fragte er.„Iſt es Ihnen unbe⸗ kannt, daß es in Paris viele Häuſer mit geheimen Gängen und Thüren gibt?“ „Und wozu dienen dieſe Geheimniſſe?“ erwiderte Marie, deren zitternde Hand in der Hand des Edelmannes ruhte.„Ich hatte keine Ahnung davon, und wenn es mir bekannt geweſen wäre, dann 1 würde ich dennoch nicht geglaubt haben—“ 4„Zürnen Sie mir?“ fragte der Marquis jetzt in deutſcher Sprache. „Sie werden es nicht thun, wenn ich Ihnen meine Beweggründe erkläre. Aber wie ich ſehe, überraſcht es Sie nicht minder, Ihre Mutterſprache aus meinem Munde zu hören“, fuhr er ſcherzend fort, indeß er das Mädchen zum Divan führte,„und doch ſollte Ihnen eben dies eine neue, ſichere Bürgſchaft dafür ſein, daß Sie mir ganz vertrauen können. Ja, mein Fräulein, ich habe manchen Sommer mung ch der tfuhr 1 ffnet ctgui unbe⸗ 1 und deren hatte 4 dann prache ggründe , Ihre nd fert, Ihnen ir galtz öonngler — 325— in Ihrem ſchönen Vaterlande verbracht, mich mit den Sitten und Gebräuchen Deutſchlands vertraut gemacht, und ich leugne nicht, daß die Eindrücke, die ich dort empfing, den Grundſtein zu ſittlichem Ernſt und die Liebe zu allem Schönen und Guten in meinem Herzen legten. Sie fragen, wozu dieſe geheimen Gänge und Thüren dienen? Die Erklärung iſt einfach. Als beim Staatsſtreiche Napoleons ſo viele Gegner dieſes meineidigen Uſurpators verhaftet wurden, da dachte wohl jeder Republikaner daran, wie er der Verhaftung entgehen könne, wenn dieſe Gefahr einſt ihm drohen ſolle. Und ich, Fräulein Marie, war ſtets ein erbitterter Gegner des Despoten, ich arbeitete Tag und Nacht an ſeinem Sturze, und mehr denn einmal ſtand mir die Gefahr nahe, mein Leben in Cayenne beſchließen zu müſſen. Und weshalb ich heute dieſe geheime Thüre benutzte? Das deutſche Lied ließ mir keine Ruhe, ich vernahm die Klänge der Muſik, ich horchte athemlos, und mit unwiderſtehlicher Gewalt zog es mich näher und näher, ach, dieſes Lied weckte halbvergeſſene Erinnerungen, wühlte in dem Staub und Moder vieler Jahre und holte aus dem Schutt ein reizendes Bild herauf, deſſen Zauber mich ganz beſtrickte. Zürnen Sie mir auch jetzt noch?“ Es lag etwas in dem weichen Ton ſeiner Stimme, in dem ſeelen⸗ vollen Blick ſeiner dunklen Augen, in dem ganzen Ausdruck ſeiner bewegten Züge, was das erſchütterte Vertrauen Mariens wieder be⸗ feſtigte, ja, was ihr ſagte, ſie dürfe ihm ihre Theilnahme nicht ver⸗ ſagen, denn auch er habe das Glück ſeines Lebens nicht in vollem Maße gefunden. „Wie könnte ich?“ erwiderte ſie leiſe.„Es war nur das erſte Erſchrecken—“ „Die ungewöhnliche und Ihnen ganz unerwartete Art meines Ein⸗ tritts“, nickte der Marquis.„Vielleicht werde ich öfter auf dieſem Wege kommen, Fräulein Marie, er iſt meinen Dienern unbekannt, ſie erfahren alſo nicht, wie oft ich Sie beſuche. Und es iſt ja immer beſſer, wenn man auch den Schein zu meiden ſucht. Aber noch ein anderer Grund führt mich zu Ihnen. Sie haben Ihrem Diener geſtern einen Brief an Erneſt Lafleur übergeben.“ Marie blickte überraſcht auf, ein leichter Schatten glitt über ihre Stirue, als ſie ſah, daß der Edelmann dieſen Brief aus der Bruſt⸗ taſche zog. „Was das Billet enthält, weiß ich nicht“, fuhr er fort,„und ich 1 ——— — 326— verlange auch nicht, es zu erfahren. Aber es wäre zu unklug, wenn nur eine Zeile von Ihrer Hand dieſes Haus verließe.“ „Herr Lafleur wird mich nicht verrathen“, warf Marie ein. „Gewiß nicht, darin pflichte ich Ihnen vollkommen bei. Aber ich ſagte Ihnen ſchon, Lafleur ſei in deutſche Kriegsgefangenſchaft gerathen und vor dem Frieden würden Sie ihn nicht wiederſehen.“ „Sie verſprachen mir, ſich näher danach zu erkundigen.“ „Ich habe es gethan, und man beſtätigte mir, daß das ganze Bataillon gefangen genommen ſei. Lafleur war bis geſtern Abend noch nicht heimgekehrt, ſomit läßt die Thatſache ſich nicht mehr bezweifeln.“ Marie ſchlug vor dem Blick des Edelmannes die Augen näſder, ſie glaubte in ihm einen leiſen Vorwurf zu leſen, und ſie konnte nicht leugnen, daß dieſer Vorwurf berechtigt war. „Wenn ich auch auf die Treue meiner Diener bauen kann, ſo leugne ich dennoch nicht die Möglichkeit, daß man ſie durch Liſt oder Beſtechung in ihrer Treue erſchüttern könnte“, nahm der Marquis wieder das Wort, indem er ſeine Hand leiſe auf den Arm des ſchönen Mädchens legte.„Und Sie wiſſen ja, wie viele Feinde Ihre Spur ſuchen, Sie wiſſen, mit welchen unehrenhaften Waffen dieſe Feinde kämpfen.“ „Aber Niemand vermuthet mich in dieſem Hauſe.“ „Sagen Sie das nicht, Fräulein, man will ja ſchon eine Spur gefunden haben, und Spione bewachen ſeitdem mein Haus. Wenn dieſes Billet in die Hände eines ſolchen Spions gefallen wäre, ſo könnte ich Sie vielleicht nicht mehr ſchützen.“ Marie hatte das Siegel erbrochen, ſie legte das Billet offen vor den Edelmann hin, der kaum einen flüchtigen Blick auf die Zeilen warf. „Wenn ich wirklich mich einer Unklugheit ſchuldig gemacht habe, dann bitte ich Sie, mir zu verzeihen“, ſagte ſie im Tone des Be⸗ dauerns,„ich dachte in Wahrheit ſo weit nicht nach.“ „Deshalb denke ich für Sie, und Sie müſſen mir erlauben, dies auch ferner zu thun“, erwiderte der Marquis, leicht das Haupt wie⸗ gend.„Ich habe meinen Dienern verboten, Briefe von Ihrer Hand zu befördern, wenn Sie über irgend etwas Gewißheit zu erhalten wünſchen oder draußen etwas zu beſorgen haben, ſo ſagen Sie es mir, und Sie dürfen ſich darauf verlaſſen, daß jeder Wunſch, ſo weit ( ☛ — wen. der ich rathen u, ſo ſt oder arquis : des S zt wie⸗ Hauld rhalten Zie es ſo weit 85 — 82 dies nur möglich iſt, Erfüllung finden ſoll. Ich hoffe, es fehlt Ihnen an nichts.“ „O nein“, ſagte das Mädchen, dem es ſelbſt lieb war, daß dieſes peinliche Geſpräch abgebrochen wurde,„Sie haben für mich geſorgt, wie ein Vater für ſeine Tochter, ich danke Ihnen von ganzem Her⸗ zen für Ihre liebenswürdige Aufmerkſamkeit.“ „Und fühlen Sie ſich glücklich in dieſen Räumen 2** „Wäre es nicht undankbar, wenn ich dieſe Frage verneinte?“ Der Marquis ſtrich mit der Hand leiſe über die Stirne, und Marie glaubte einen ſchweren Seufzer zu hören. „Sie ſind es nicht“, ſagte er,„Sie ſind eine jener ſchlichten, ge⸗ mükhvollen Naturen, welche das Glück nicht im Reichthum, in Pracht und Glanz, in der Befriedigung aller Wünſche ſuchen. Man findet dieſer Naturen viele in Deutſchland, in Paris ſind ſie ſelten.“ „Und dennoch erkläre ich Ihnen ohne Hehl und Rückhalt, daß ich mich hier recht heimiſch fühle“, entgegnete das Mädchen weich,„die Sehnſucht nach der Heimath iſt das Einzige, was mein Glück trübt.“ „Und wohl auch die Sehnſucht nach einem andern Herzen 1 Sie ſah ihm voll in die dunklen Augen, die fragend auf ihm ruhten. „Nein“, ſagte ſie,„dieſe Vermuthung hat keine Berechtigung.“ Der Marquis ſchüttelte den Kopf, ſein Antlitz war ernſt gewor⸗ den, das heitere Lächeln umſpielte ſeine dippen nicht mehr. „Wie ſangen Sie doch vorhin?“ fragte er leiſe. Und hat Dir Gott ein Lieb beſcheert, und hältſt Du ſie recht innig werth, Die Deine, Es wird wohl wenig Zeit um ſein, Da läßt ſie Dich ſo ganz allein, Dann weine! „Sie kennen das Lied?“ fragte Marie erſtaunt. „O, ich kenne manches deutſche Lied, deſſen Klänge einſt mich entzückten und berauſchten. Aber das iſt ſchon lange her, und nun ſind die Lieder verklungen und vergeſſen. Darf ich eine große, große Bitte an Sie richten?“ „Herr Marquis—“ „Dann bitte ich Sie, ſingen Sie mir noch ein Lied.“ „Mit tauſend Freuden“, ſagte das Mdchen, ſich erhebend,„Sie haben zu beſtimmen.“ — 328— Sie ſtand vor dem Inſtrument und ſah ihn fragend an, er be⸗ merkte es nicht, er ſah, wie in tiefem Nachdenken verſunken, vor ſich hin. Naria ließ die Hände über die Taſten gleiten, und immer mäch⸗ tiger ſchwollen die Töne an, bis ſie allmählich wieder in ruhigere Bahnen einlenkten. Und dann begann ſie mit ihrer weichen, melodiſchen Stimme: Und biſt Du fern und biſt Du weit, Und zürnſt noch immer mir, Doch Tag und Nacht voll Traurigkeit Iſt all mein Sinn bei Dir. Ich denk' an Deine Augen blau Und an Dein Herz dazu— Ach keine, keine find' ich je, Die mich ſo liebt, wie Du. Der Edelmann war aufgeſtanden, auf den Fuſßſpitzen ſchlich er näher, er ſtand hinter dem ſchönen Mädchen, und die Schatten der Wehmuth umdüſterten mehr und mehr ſein Antlitz, während es dann und wann ſeltſam in ſeinen Augen aufleuchtete. Wie ſtand die Welt in Roſen ſchön, Da ich bei Dir noch war, Da rauſcht' es grün von allen Höhn, Da ſchien der Mond ſo klar. Du brachſt die Roſ', ich küßte Dich, Ich küßt' und ſang dazu. Wohl keine, keine find' ich je, Die mich ſo liebt, wie Du. „Ach keine, keine find' ich je, die mich ſo liebt, wie Du“, wieder⸗ holte der Marquis mit zitternder Stimme. Marie hörte es nicht, ſie fuhr fort: Wohl bin ich frei nun, wie der Falk, Der über Berge fliegt, Vor dem die Welt, die ſchöne Welt Hellſonnig offen liegt; Doch hat der Falk ſein heimiſch Neſt, Und wo wird mir einſt Ruh'? Ach keine, keine find' ich je, Die mich ſo liebt, wie Du? O ſchlimwer Tag, o ſchlimme Stund', Die uns für immer ſchied; Da ſind aus meines Herzens Grund Geſchieden Freud' und Fried'! we de —-— 329— Nun ſuch' ich wohl durch Land und See Und hab' nicht Raſt noch Ruh', Doch keine, keine find' ich je, Die mich ſo liebt, wie Du. Ueberraſcht blickte das Mädchen zur Seite, vor ihr lag der Cdel⸗ mann auf den Knieen und drückte ſein Haupt in ihren Schooß, und ſie hörte ihn leiſe, leiſe ſchluchzen. Was konnte dieſen ſtolzen, ſtarken Mann ſo ſehr erſchüttern? Hatte das Lied wirklich Erinnerungen in ihm geweckt, die ihn ſo ganz ſeiner Faſſung beraubten? Sie konnte es kaum glauben, und dennoch mußte dem ſo ſein, und ein Gefühl des innigſten Mitleids erfüllte ihre Seele. Doch keine, keine find' ich je, Die mich ſo liebt, wie Du, ſagte er leiſe, dann erhob er das Haupt, und Marie erſchrak, als ſie in ſein bleiches, verſtörtes Antlitz ſchaute. Er ſah ſie lange an, als erwarte er von ihren Lippen Worte des Troſtes und der Theilnahme, dann fuhr er mit der Hand über Stirne und Augen, wie wenn er ſeine Gedanken aus weiter Ferne zurückrufen und ſammeln wolle. „Verzeihen Sie mir“, ſagte er, indem er aufſtand,„das Menſchen⸗ herz iſt ein Räthſel, und wenn es auch noch ſo feſt ſich gewappnet glaubt gegen alle Eindrücke von Außen, ſo kommen dennoch Stunden, in denen es ſchwach und zaghaſt iſt.“ „Hat das Lied ſo ſchmerzliche Erinnerungen geweckt?“ fragte das Mädchen bewegt. „Ja, Marie. Mir war, als ob ſie es wieder geſungen habe, ſie, die ich ſo treu und heiß geliebt habe! Ach, es war ein ſüßer Traum, und ich vertraute ſo feſt darauf, daß er das Glück meines Lebens begründen werde!“ „Und weſſen Schuld war es denn, daß dieſes Vertrauen getäuſcht wurde?“ „Sie mag auf beiden Seiten geweſen ſein, aber die Hauptſchuld ruht doch auf mir.“ „Und Sie ſind nicht glücklich geworden?“ „Nein, Marie, es war die Strafe des Himmels, daß ich es nicht werden durfte.“ „Vielleicht verſtanden Sie es nicht, Vergangenes zu vergeſſen und der Gegenwart mit heiterm Gemüth ſich in die Arme zu werfen.“ Der Marquis ſchüttelte den Kopf, dann blieb er ſtehen, und ſein Blick ruhte lange ſinnend auf dem ſchönen Antlitz des Mädchens, welches träumeriſch vor ſich hinſchaute. iß das!“ ſagte er. Vielleicht wäre es „Vielleicht— ja, wer wei all dieſe Pracht wollte ich freudig für heute noch nicht zu ſpät. O, ſolches Glück hingeben und mit einer Wohnung in der beſcheidenſten Hütte vorlieb nehmen, dieſes Glück würde mich für jedes Opfer ent⸗ ſchädigen.“ Der helle Klang e blick durch das Gemach. „Was war das?“ fragte Marie beſtürzt. „Nichts, man ruft mich“, antwortete der Marquis, wie aus einem ſchweren Traum erwachend.„Marie, Sie haben mir eine unvergeß⸗ liche Stunde bereitet, ich danke Ihnen von Herzen, vielleicht erzähle ich Ihnen ſpäter einmal, was mich in dieſer Stunde ſo ſehr erſchüttert hat. Und nicht wahr, Sie werden mir nicht zürnen, wenn ich dann und wann dieſen Weg benutze?“ fügte er lächelnd hinzu, indem er auf die geheime Thüre zeigte, die er bereits geöffnet hatte. „Gewiß nicht“, ich das Geheimniß keune, ines ſilbernen Glöckchens hallte in dieſem Augen⸗ erwiderte Marie,„nun i wird es mich nicht mehr erſchrecken.“ „Ich danke Ihnen, auf Wiederſehen!“ Der Marquis trat in die Oefſnung, die ſich hinter ihm wieder ſchloß, er ſchritt durch den finſtern Gang und befand ſich bald darauf in ſeinem Kabinet, wo er haſtig an der Elocke zog. „Wer wünſcht mich zu ſprechen?“ fragte er den eintretenden Diener. „Eine Dame.“ „Kennſt Du ſie?“ „Madame von Chateaufleur.“ Der Edelmann 309 die Brauen finſter zuſammen und klemmte die Unterlippe zwiſchen die Zähne, kein Beſuch konnte in dieſem Augenblick ihm unangenehmer ſein, wie gerade dieſer. „Du hätteſt ſagen ſollen, ich ſei verhindert“, verſetzte er. „Madame ließ ſich nicht abweiſen.“ „Wohlan, ich laſſe ſie bitten, ſich zu mir zu bemühen.“ Der Diener ging hinaus, der Marquis ließ ſich vor ſeinem Schreibtiſch nieder, ergriff eine Feder und begann emfig zu ſchreiben. Er gab ſich den Anſchein, als bemerke er den Eintritt der eleganten Rich mar Ind d ſein hchens, däre es dig für denſten ker ent⸗ Augen⸗ s einem nvergeß⸗ erzähle rſchütett ich dann ndem er ß keune, mn wider Id dur Itretendel — 331— Dame nicht, aber Madame von Chateaufleur ließ ſich dadurch nicht beirren, die ſchöne Frau ſchritt auf ihn zu und legte ihre Hand auf .— 7 5 ſeine Schulter. „Hat man Dir nicht geſagt, Henry, daß ich Dir die Ehre eines Beſuches erzeige?“ fragte ſie zürnend. Der Edelmann legte die Feder hin und blickte auf, wie Einer, den man aus tiefem Sinnen geweckt hat, und der nun einer geraumen Weile bedarf, um ſeine Gedanken zu ſammeln. „Wenn es geſchehen iſt, dann habe ich es überhört“, erwiderte er,„Du mußt verzeihen, Cora, ich bin ſo ſehr beſchäftigt—“ „Womit, mein Freund?“ ſcherzte Cora.„Schreibſt Du Liebes⸗ briefe an—“ „Laß' das, in einer ſo ernſten und trüben Zeit ſcherzt man nicht mit Lappalien. Was führt Dich zu mir?“ „Du kommſt nicht zu mir, ſo werde ich wohl zu Dir kommen müſſen, Henry. Aber wie unhöflich Du biſt! Wilklich, ich erkenne Dich nicht wieder. Iſt mein Beſuch Dir unangenehm?“ „Nein, aber ich finde es unklug, daß Du zu mir kommſt“, ſagte der Marquis, indem er die Dame zum Divan führte.„Wenn der Bicomte es erführe—“ „O, der Vicomte hat an andere Dinge zu denken; er jammert über die Theuerung und bereut Tag und Nacht, daß er Paris nicht in der elften Stunde noch verlaſſen hat.“ „Für ſeinen Geiz iſt das allerdings eine harte Nuß—“ „Und ich muß am meiſten darunter leiden. Henry, Du ahnſt nicht, wie herzlos und tyranniſch er iſt.“ „Er iſt Dein Gatte, Cora—“ „Aber dieſes Leben iſt mir unerträglich, und mehr als einmal ſtand ich ſchon im Begriff, Dich um Schutz gegen ihn zu bitten.“ „Ich könnte ihn Dir nicht gewähren“, ſagte der Marquis ernſt, „Du mußt bei ihm ausharren.“ „Er will alle Diener und Pferde abſchaffen—“ „Hm, das wäre eine vernünftige Handlung.“ „Und dann wird er mich verhungern laſſen!“ „Das glaube ich nicht, Cora.“ Doch, er hat ſchon geſagt, unſer Tiſch müſſe einfacher werden, „‿ man könne im Nothfalle ſich auch mit Brod und Waſſer be⸗ gnügen.“ — 332— „Der Vicomte liebt ſelbſt ein gutes Diner zu ſehr, als daß er an dieſer einfachen Mahlzeit Geſchmack finden könnte.“— üöre „So wird er für ſeine Perſon draußen ſpeiſen“, erwiderte Cora, Blic entrüſtet über die Theilnahmloſigkeit ihres Freundes.„Henry, ich hätte nimmer geglaubt, daß Du ſo herzlos ſein könnteſt. Wo ſoll hund ich denn eine Zuflucht ſuchen, wenn nicht bei Dir?“ Glau Der Marquis wanderte langſam auf und nieder, er ſchien es ab⸗ erinn ſichtlich vermeiden zu wollen, den verführeriſchen Augen der ſchönen erinn Frau zu begegnen, denn ſo oft er in ihre Nähe kam, ſchlug er den. Blick nieder. unter „Ich wüßte nicht, was Dich zwingen könnte, eine Zuflucht außer⸗ halb Deines Hauſes zu ſuchen“, ſagte er.„Wenn der Vicomte auch nicht allen Deinen Wünſchen Rechnung trägt, ſo darfſt Du doch Char auch nicht vergeſſen, daß viele dieſer Wünſche thöricht und unberech⸗ tigt ſind.“ geſt „Und das ſagſt Du mir?“ rief Cora, in deren Augen es jäh wie aufblitzte.„Du, dem ich meine Liebe ſchenkte, Du, der einzige Mann, den ich je geliebt habe, den ich noch liebe?“ Cor „Das iſt vorbei, Cora!“ wied „Wenn Du es auch vermagſt, ſolche Liebe zu vergeſſen, ich kann es nicht. Aber Du haſt mich nie geliebt, Henry, Du haſt nur ein ernſ grauſames Spiel mit mir getrieben.“ war Der Marquis war ſtehen geblieben, voll und ernſt ruhte ſein Blick geſe auf dem glühenden Antlitz der erregten Frau. und „Ich weiß nicht, was Du willſt“, ſagte er.„Wie iſt es möglich, daß man die Frau eines Andern lieben kann? Und wie kann eine es ſolche Frau glauben, daß— dieſe „Höre auf, Du beleidigſt mich tödtlich!“ rief Cora, wild auf⸗ b fahrend. Wenn es Dir nicht möglich war, weshalb haſt Du mir ihm Liebe geheuchelt. Weshalb haſt Du mich zum Treubruch an meinem unn 4 Gatten verführt?“ „Habe ich das gethan, Cora?“ ſi „Ach, nun willſt Du auch das mir zuſchieben?“ ſchä „Vielleicht weniger Dir, als Deiner Putzſucht, denn Du wirſt mich niemals überzeugen können, daß eine innige, reine Liebe Dich an mich gefeſſelt habe. Aber wozu alle dieſe Erörterungen? Es De müßte Dir doch klar geworden ſein, daß dieſer Rauſch verflogen iſt, ich glaube wenigſtens, daß ich es Dir deutlich genug geſagt habe.“ M e duct — 333— Cora hatte ſich erhoben, ſie ſtand vor dem Marquis, ſie legte ihre Hände auf ſeine Schultern und ſah ihn mit jenem verführeriſchen Blick an, der ihn ſchon ſo oft in ihre Netze zurückgeführt hatte. „Ich kann das nicht glauben“, erwiderte ſie,„und wenn Du es hundertmal mir ſagſt, ſo iſt es mir doch unmöglich, dieſer Erkläpung Glauben zu ſchenken, Henry, muß ich Dich an jene ſüßen Stunden erinnern, an die Worte, die Du damals mir ſagteſt? Muß ich Dich erinnern an den Schwur, den Du freiwillig—“ „Verzeihe, Alles, was ich derzeit Dir geſagt haben mag, geſchah unter dem Einfluß Deiner Schönheit, die meine Sinne verwirrte. „Und bin ich ſeitdem häßlich geworden?“ „Nein, Cora, aber ich habe Eigenſchaften Deines Herzens und Charakters kennen gelernt, die mich zurückſtoßen.“ Die ſchöne Frau warf ſich in ſeine Arme, ſie umſchlang ihn un⸗ geſtüm, ein glühender Kuß brannte auf ſeinen Lippen, und er fühlte, wie ihr ganzer Körper convulſiviſch zitterte. Langſam entwand er ſich dieſer ſtürmiſchen Umarmung, er führte Cora zum Divan zurück und ſetzte ſeine unterbrochene Wanderung wieder fort. „Ich wiederhole nochmals, das Alles iſt nun vorbei“, ſagte er in ernſtem Tone,„mehr und mehr ſehe ich ein, daß es nichts weiter war, als ein ſinnverwirrender Rauſch. Aber was ich Dir damals geſagt habe, das werde ich halten, ich werde die Freundſchaft bewahren und nicht ängſtlich rechnen, penn Du von mir ein Opfer verlangſt.“ Frau von Chateaufleur hatte ihre ganze Faſſung wiedergefunden, es war ja Alles nur eine Komödie geweſen, und daß der Marquis dieſe Komödie erkannte und durchſchaute, das ärgerte ſie zumeiſt. Hoch aufgerichtet, das Köpfchen ſtolz zurückgeworfen, ſaß ſie vor ihm, und ihre flammenden Augen folgten ihm unverwandt, wie er langſam auf⸗ und niederſchritt. „Die deutſche Gouvernante ſteht zwiſchen uns Beiden“, ſagte ſie, und in dem Ton ihrer Stimme lag eine verachtende Gering ſchätzung.„Sie hat mich verdrängt, ihr konnteſt Du Alles opfern.“ „Ihr? Was hätte ich ihr geopfert?“ „Haſt Du ſie nicht aus St. Lazare befreit? Iſt ſie nicht in Deinem Hauſe? Ah, für ſie haſt Du hier eine Zuflucht—“ „Cora, das ſind Vermuthungen, die zu widerlegen ich nicht der Mühe werth halte.“ „Weil Du es nicht kannſt!“ „Und weil ich es nicht will!“ rief der Marquis trotzig.„Ich habe keine Verpflichtung, über meine Handlungen Rechenſchaft abzu⸗ legen.“ „Schon dieſe Antwort beweiſt mir, daß meine Vermuthungen begründet ſind.“ „Und wenn ſie es wären?“ „Dann würde ich den Treubruch rächen!“ Der Marquis zuckte ironiſch lächelnd die Achſeln. „Du hatteſt ja ſchon früher Deine Rachepläne entworfen“, ſagte er kalt,„wenn ich an ſie denke, ſo muß ich über die Fertigkeit er⸗ ſtaunen, mit der Du hier Komödie ſpielſt. Madame Gourdin, ein Weib, welches die ganze Stadt verachtet, ſollte die Gefangene in St. Lazare den ſchändlichen Abſichten Deines Stiefſohnes geneigt machen, und als das Mädchen ſtandhaft blieb, da verſuchteſt Du ſelbſt, Dich in ihr Vertrauen einzuſchmeicheln. Sie durchſchaute die Maske, und Du ließeſt Dich hinreißen, dieſe Maske ganz abzuwerfen und Dich in Deiner wahren Geſtalt zu zeigen.“ „Das kann nur ſie Dir geſagt haben 1“ fuhr Frau von Chateau⸗ fleur auf, die jetzt einſehen mußte, daß ſie ihr Spiel verloren hatte. „Weiterer Beweiſe für die Wahrheit meiner Vermuthung bedarf ich nicht.“ „Ich weiß noch mehr, Cora, was die junge Dame mir nicht ver⸗ rathen haben kann. Wie lautet doch Deine Uebereinkunft mit dem Chevalier?“ Wie von einer Natter geſtochen, zuckte Cora zuſammen, wenn er auch dies wußte, dann hatte ſie Alles verloren. „Du wollteſt verſuchen, die alten Beziehungen mit mir wieder anzuknüpfen, und Du meinteſt, das könne Dir nicht ſchwer fallen, denn Du ſeiſt noch immer eine ſchöne, verführeriſche Frau. Du wolleſt Komödie mit mir ſpielen, um mich zu plündern, und wenn das Letztere erreicht war, dann ſollte der vernichtende Schlag mich treffen. Ich kann nicht ſagen, daß der Plan ſchlau eingefädelt ge⸗ weſen ſei, denn Du mußteſt doch wiſſen, daß ich mich nicht mehr bethören ließ, gleichwohl verſuchteſt Du es.“ Frau von Chateaufleur hatte ſich erhoben, ihr Geſicht war todes⸗ bleich, krampfhaft zuckten ihre Lippen. „Ich möchte wiſſen, wer dieſe Lügen Dir aufgebunden hat“, . 7c ſt abzu⸗ thungen u, ſagte gkeit er⸗ din, ein ein Et. machen, ſt, Dic ke, und dih in ehateau⸗ en hatte. 3 bedarf ſnicht bet⸗ mit dem wenn er t wieder und wenn hlag nic fädelt ge⸗ icht nehr 7 aat todes⸗ l den hal erwiderte ſie,„aber wenn ich das auch nicht erfahre, ſo weiß ich doch nun, daß Du Gründe ſuchſt, den Bruch mit mir unheilbar zu machen. Vielleicht fürchteſt Du die Rache meines Gatten, vielleicht auch nimmt die deutſche Gouvernante Dich ſo ganz in Anſpruch, daß Du alle anderen Beziehungen abbrechen mußt. Aber auf der anderen Seite ſollteſt Du auch bedenken, daß eine Frau niemals eine Beleidigung vergißt! Ich bin Dir mit Liebe und Vertrauen entgegengekommen, ich habe Dir meinen guten Ruf und den Frieden meines Hauſes geopfert, ich habe auf die Treue Deiner Geſinnungen gebaut, wie auf einen Felſen, nun ſtürzt Alles zuſammen, und Dein Hohn iſt der einzige Dank, den ich von Dir erhalte. Sei es, Henry, Du willſt die Feindſchaft, ich nehme den Kampf mit Dir auf.“ „Ich will nicht, daß wir in Feindſchaft ſcheiden“, ſagte der Mar⸗ quis ernſt und ruhig. „Die Freundſchaft, die Du mir anbieteſt, beleidigt mich mehr, als Deine Feindſchaft mich beunruhigen könnte!“ „Ich werde nie Dein Feind ſein!“ „So werde ich die Feindſchaft herausfordern. Ich will doch ſehen, ob Du die Macht haſt, eine Gefangene zu befreien und in Deinem Hauſe zu verbergen!“ „Und ich erkläre Dir, der erſte Schritt, den Du gegen Fräulein Reimann unternimmſt, ſtürzt Dich in's Verderben.“ „Gut, meſſen wir gegenſeitig unſere Kräfte, mein Herr“, ſagte Cora in herausforderndem Tone,„bin ich auch nur ein ſchwaches Weib, ſo fühle ich doch die Kraft in mir, den Kampf mit Ihnen durchzufechten. Auf Wiederſehen, mein Herr!“ Sie eilte hinaus und warf ſich in ihren Wagen, der vor der Thüre ſie erwartete. Einige Gamins heulten und pfiffen, als ſie die elegante Dame einſteigen ſahen, ein ſchwerer Stein floß an dem Wagen vorbei, Cora bemerkte es nicht, in dumpfem Brüten verſunken, ſaß ſie da, in die Kiſſen zurückgelehnt, immerfort der beleidigenden Worte gedenkend, welche der Marquis ihr geſagt hatte. Sie hatte kein Intereſſe für das Wogen der bewaffneten Volks⸗ maſſen auf den Boulevards, für die bunten, an Abwechslung reichen Bilder in den Lagern und Bivouaks, für die Geſchütze, Wagenkolon⸗ nen und marſchirenden Bataillone, ſie hörte kaum den rollenden Don⸗ ner des Geſchützfeuers, ſie dachte in dieſem Augenblicke nur an ihre Rache. — 336— Endlich hielt der Wagen vor ihrem Haufe, ſie ſtieg aus und eilte in ihr Boudoiv. Auf dem Wege dahin begegnete ihr der Chevalier, ſie forderte ihn durch einen Wink auf, ihr zu folgen. Der junge Mann erkannte ſofort aus ihrem bleichen, von Haß entſtellten Geſicht, daß ihr etwas Unangenehmes paſſirt ſein mußte, aber ihre Mittheilungen beſtürzten ihn dennoch, ein ſo entſchiedenes Auftreten des Marquis hatte er nicht erwartet. „Es unterliegt alſo keinem Zweifel, daß Marie ſich in ſeinem Hauſe befindet“, ſagte ſie,„und ebenſowenig kann es einem Zweifel unterliegen, daß es mir nun nicht mehr gelingen wird, ihn in das Netz zurückzulocken. Wer ihm das Alles verrathen hat, begreife ich nicht, aber er kannte unſere Pläne, und wenn wir nicht ſehr vorſichtig zu Werke gehen, ſo wird Alles, was wir gegen ihn unternehmen, an ſeiner Wachſamkeit ſcheitern.“ „Und was ſoll nun geſchehen?“ fragte der Chevalier. „Ja, was ſoll geſchehen? Wenn ich zu Keratry gehe, ſo wird der Präfekt Hausſuchung halten laſſen—“ „Fällt ihm nicht ein“, ſiel der junge Mann ihr ins Wort,„der Marquis iſt mit allen Miniſtern befreundet, und wer weiß, ob nicht Ke⸗ ratry ſelbſt die Gefangene in Freiheit geſetzt hat. Aber felbſt in dem Falle, daß der Präfekt ſich bewegen ließe, Hausſuchung zu halten, würde der Marquis Mittel und Wege zu ſinden wiſſen, der Ent⸗ deckung vorzubeugen.“ „Zumal jetzt, da er gewarnt iſt“, ſagte Cora nachdenklich. Kann man denn dieſem Manne nichts anhaben?“ „Auf dem Wege, den Du vorſchlägſt, nicht; was geſchehen ſoll, das müſſen wir ſelbſt thun.“ „Zum Beiſpiel?“ „O, es wäre eine Kleinigkeit, ihn ins Jenſeits zu befördern, aber was hätten wir davon? Wenn wir nicht ſeine Schätze uns aneignen können, dann iſt es nicht der Mühe werth, dieſe Aufgabe zu löſen“ „Man müßte Beides vereinigen.“ „Hm ja, aber darüber muß man zuvor ſehr reiflich nachdenken. Und mir kommt gerade jetzt die Sache ſehr ungelegen.“ „Weshalb?“ „Weil andere Dinge mich beſchäftigen. Jenny Mouſſon iſt ver⸗ haftet—“ us und forderte on Haß mußte, hiedenes ſeinent Zweiftl in das reife ich orſſichtig mehrien, vird der t.„der dt ge⸗ fehſt in halte der Ekt⸗ Kann jen ſoll enn, aber aneignen u liſen. acdenten. liſt vel⸗ V Gambetta. —— —— „Und ich wünſche ihr, daß ſie ihr Leben in St. Lazare beſchließen möge“, fiel Cora ihm ins Wort.„Sie hat die Gouvernante gewarnt und die Pläne der Frau Gourdin durchkreuzt—“ „He, dieſe Gourdin war zu dumm, zu einfältig, ſie ſtellte dem Mädchen zu plumpe Fallen. Ich war geſtern bei ihr, um ihr darüber Vorwürfe zu machen und ſie zu fragen, was man für Jenny thun könne, und weißt Du, wen ich bei ihr traf? Juſtine, unſer früheres Kammerkätzchen.“ Frau von Chateaufleur zuckte die Achſeln. „Und was mich noch mehr befremdete, Juſtine war außerordent⸗ lich ſpröde und trotzig.“ „Bah, kann das Dich ärgern?“ „Bewahre, aber ich wollte den Grund erfahren und ging deshalb noch einmal zu der Gourdin. Und weißt Du, was ſie mir ſagte? Ich möge mich in Acht nehmen, Juſtine zeige die Krallen, ſie ſei im Beſitze eines Geheimniſſes, welches meinen Vater auf die Galeere bringen könne.“ „Wer behauptet das?“ fragte Cora entrüſtet. „Juſtine!“ „Dieſe Elende! Solche Drohungen können mich nicht einſchüchtern!“ Frau von Chateaufleur brach ab, die Thüre war geöffnet worden, der Vicomte, ein kleines, hageres Männchen mit grauem Haar und eingeſchrumpftem Geſicht, trat ein. „Es iſt zu toll, Madame“, krähte er in fieberhafter Erregung, „zu tolll Die Preiſe der Lebensmittel ſind kaum noch zu erſchwingen. Ich komme aus der Halle, Ochſenfleiſch koſtet fünf Franken das Pfund und die meiſten Schlächter fangen ſchon an, Pferde zu ſchlachten. Brrr— Pferdefleiſch! Werden Sie es eſſen können, Madame?“ „Nein, mein Herr“, erwiderte Cora, der dieſes Thema nichts weniger als angenehm zu ſein ſchien. „Ich wollte einen Hahn kaufen, aber er ſollte dreißig Francs koſten, und für ein welſches⸗Huhn in Trüffeln forderte man nicht mehr als hundert Francs.“ „Das iſt Ihre Schuld“ ſagte Frau von Chateaufleur, während der Vicomte mit großen Schritten das elegante Kahinet durchmaß. „Weshalb geſtatteten Sie mir nicht, uns bei Zeiten mit Lebensmitteln zu verſorgen?“ „Weshalb?“ rief der Vicomte zornig.„Weil ich nicht glaubte, R. 50 0 4,r dor uoatb e Stadt der Hungersnoth aorun uſo MWifien gerung auszuſetzen. Wiſſen o† 47 ℳ r werde nicht mancher en wir uns genöthigt ſehen, unſere Bären aber das ſei dann nur für die reichen h mit zwanzig Francs bezahlen könnten. ; Aunhafr 5 mit Hunden, K 5 P H 458 zen und Ratten degun⸗ cr,—: griat dllan 4 re eaut 19 5 könne verhungern. Und wiſſen Sie, JNor nfe* Punse us umd Die Choler us und die Chol— oh, wir dieſe von Gott verfluchte Stadt nicht „Ja, es iſt wahr, das Geſindel würde ſofort in dieſe Räume e und alles geraubt haben! Wer konnte auch denken, ſ ürde! Napoleon hätte die Bewohner ſeiner adt nimmermehr ſolchem Elend preisgegeben, aber dieſe ehr⸗ 8 ☛ z„ Sn elft H„ n, die ſich jetzt an die Spitze geſtellt haben, fragen ihnen iſt es gleichgültig, wenn das ganze Land ruinirt „So öffnen Sie den Preußen die Thore“, ſpottete Cora. „Madame, dieſer Scherz iſt ſehr unpaſſend, ich habe hier nichts zu befehlen—“ „Und wenn die Preußen einrückten, ſo würden Sie noch mehr Urſache zu Klagen und Beſchwerden finden.“ „Man ſoll Frieden mit ihnen ſchließen, Frieden um jeden Preis!“ krähte der Vicomte. Madame, wiſſen Sie auch, daß in dieſer Stadt unzählige Menſchen ſchon dem Hungertode nahe ſind?“ „Schon jetzt? Die Belagerung hat ja kaum begonnen!“ „Ja, ſchon jetzt. Denken Sie doch an die Säuglinge und Greiſe! Es gibt keine Milch mehr, und die Brüſte der Mütter beginnen ſchon zu vertrocknen. Denken Sie an die armen Familien, die bis⸗ her von ihrem Tagelohn lebten und nun keinen Sous mehr verdienen. Was wollen Sie? Die Regierung denkt nur an Waffen und Muni⸗ tion, um das Wohl ihrer Mitbürger kümmert ſie ſich nicht.“ „Und dennoch gibt's in der Nationalgarde Viele, die ihr Mangel an Energie vorwerfen“, warf der Chevalier ein.„Man verlangt die Commune, die rothe Republik—“ „Die Guillotine!“ krähte der Wicomte, in deſſen ſtarren Augen — 20bBp, ſehlt noch! Madame 444 44 3 3 erung nicht überleb t hinweg, tödtet auf die Gouillotine ſchleppen. und Verzweiflung des kleine Llei te ſie,„wir haben P ich denke, dann werden auch Bette ttelſtab greifen ſoll? 120 un dies ſein müßte, ſo wären Sie es mir und Ihren ſchuldig!“ 1 — ſſen Sie, wie lange dieſe Schreckenszeit dauern wird? genug, daß die Regierung in ihrem maßloſen Ehrgeiz das Leben uſender opfert, muß auch dieſer verrückte Victor Hugo noch alle enſchaften entflammen, um die Kapitulation unmöglich zu machen. ren Sie nur ſeinen neueſten Aufruf: „Frankreich hat das Vorrecht, welches einſt Rom und Griechenland hatten, daß ſeine Gefahr ein Merkzeichen der Civiliſation bedeutet Wie ſteht es mit der Welt? Wir werden es ſehen. Wenn es ſich ereignete, was unmöglich iſt, daß Frankreich unter⸗ läge, ſo würde die Höhe der Ueberfluthung, der es unterläge, Tiefe des Niveaus des menſchlichen Geſchlechts anzeigen. Aber Frankreich wird nicht unterliegen, und zwar aus einem einfachen Grunde, nämlich: weil es ſeine Pflicht thun wird. Frankreich iſt ds allen Völkern und allen Menſchen ſchuldig, Paris zu retten, nicht um dieſer Stadt, ſondern um der Welt willen⸗ Und dieſe Pflicht wird Frankreich erfüllen. Mögen ſich alle Gemeinden erheben! Mögen alle Gefilde in Feuer aufgehen! Mögen alle Wälder mit Donnerſtimme ſich füllen! Sturmgeläut— Sturmgeläut! Es ſtürze aus jedem Haus ein Soldat heraus, es werde aus jedem Flecken ein Regiment, aus jeder Stadt eine Armee! Die Preußen ſind achthunderttauſend ſtark; Ihr ſeid vierzig Millionen! Richtet euch auf und hauchet fie weg! die — 340— Lille, Nantes, Tours, Bourges, Orleans, Colmar, Toulouſe, Bayonne, gürtet eure Lenden! Vorwärts! Lyon, nimm deine Flinte, Bordeaux, nimm deine Büchſe, Rouen, zieh deinen Degen, und du, Marſeille, ſinge dein Lied und komme fürchterlich. Städte, Städte, Städte, bildet Wälder von Piken, verdichtet eure Bayonnette, ſpaunt eure unn an, und du Dorf, nimm deine Miſtgabel! Man hat kein Pulver, man hat keine Munition, man hat keine Artillerie? Irrthum! Man hat deren! abrigene hatten die Schweizer Bauern nur Aexte, die polni⸗ ſchen Bauern nur Senſen, die bretoniſchen Bauern nur Stecken. Und Alles verſchwand vor ihnen! Rollet Felſen herab, häufet Plaſterſteine, verwandelt die Pflug⸗ ſcharen in Beile, die Furchen in Gräben, kämpfet mit Allem, was euch in die Hand fällt, nehmet die Steine unſeres geheiligten Bodens, ſteinigt die Eindringlinge mit den Gebeinen unſerer Mutter Frank⸗ reich. O, Bürger, in den Kieſeln des Weges, die ihr ihnen in's Ge⸗ ſicht werfet, iſt das Vaterland. Macht es, wie Bonbonnel, der Pantherjäger, der mit fünfzehn Mann zwanzig Preußen getödtet und dreißig Gefangene gemacht hat. Die Straßen der Städte mögen die Feinde verſchlingen, es öffne ſich jedes Fenſter in Wuth, es ſpeie die Wohnung ihre Möbel, das Dach werfe ſeine Ziegel. Es mögen die Gräber ſchreien, man höre hinter jeder Mauer das Volk und Gott, überall lodere das Feuer aus der Erde, jedes Geſträuch werde zu einem feurigen Buſche. Kein Stillſtand, keine Ruhe, kein Schlaf! Quälet den Feind hier, zerſchmettert ihn dort, fanget alle Zu⸗ fuhren ab, zerſchneidet die Stränge, brechet die Brücken ab, verſperrt die Straßen mit Verhauen, unterminirt den Boden! Frankreich werde den Preußen zum Abgrund. Ocganiſiren wir die erſchreckende Schlacht des Vaterlandes! Franctireurs auf! Durchbirſcht die Wälder, ſchreitet durch die Waldbäche, benutzt den Schatten und das Zwielicht, kriecht längſt den Schluchten, gleitet auf dem Boden dahin, legt an, ſchießet, vernichtet den Eindringling! lüů Am — 341— Ve ertheidigt Frankreich mit Heldenmuth, mit Verzweiflung, mit glühender Liebe! Seid ſchrecklich, Patrio Nur haltet an vor einer Hütte, um dem ſchlafenden Säugling die Stirn zu küſſen, denn das Kind iſt die Zukunft, denn die Zu⸗ kunft iſt die Republik! So laßt uns handeln, Franzoſen!“— „Was ſagen Sie zu dieſem Wahnſinn?“ fragte der Vicomte, in⸗ dem er das Zeitungsblatt ſinken ließ.„Iſt dieſer Mann nicht reif für Bicstre?“ Cora zuckte die Achſeln. „Victor Hugo beweiſt damit ſeinen Patriotismus,“ antwortete ſie. „Sehr gut, aber dieſer verrückte Patriotismus ruinirt uns „Gibt es nichts Anderes, was uns ruiniren könnte?“ Der Vieomte blickte befremdet auf, es war weniger die Frage bſt, aber der ernſte und ſcharfe Ton, in welchem ſie geſtellt wurde, wa⸗ ihn überraſchte. „Etwas nc eres?“ krähte er.„Ja, doch, Madame, die Preiſe der Le ebensmittel, wiſſen Sie, was man für einen Blumenkohl for⸗ dert? Sechs Francs und für das Pfund Schweizerkäſe zehn Francs! O, ich ſehe ſchon die Zeit kommen, in der man für eine Käſerinde das Heil ſeiner Seele verſchreiben wird 14 „Und was wird dann geſchehen?“ „Beim Himmel, dann werde ich Cyankalium kaufen, um de in meinem Hauſe ein Ende zu machen.“ „Da wüßte ich ein einfacheres Mittel,“ ſagte Cora, den forſchen⸗ den Blick feſt auf das Antlitz ihres Gemahls richtend.„Erinnern Sie ſich noch meiner Kammerzofe Juſtine?“ „Sie war ein einfältiges Ding, eine dumme Gans—“ „Verzeihen Sie, ſo ſehr dumm war ſie nicht, ſie war klug genug, ein Geheimniß zu erforſchen, welches einen gewiſſen Herrn auf die Galeere bringen könnte.“ Der Vicomte fuhr erſchreckt zuſammen, er ſtarrte die ſchöne Frau an, als ob vor ihm ein Geſpenſt aus dem Boden aufgeſtiegen ſei. „Das verſtehe ich nicht,“ ſagte er. „Jenun, Sie werden das Geheinniß kennen!“ „In der That, nein!“ „Vielleicht bezieht es ſich auf eine Erbſchaft.“ N G. Der Vicomte wandte ſein Antlitz ab und trat an's Feu zog ein Tuch aus der Taſche und trocknete ſeine naſſe Stirne. „Juſtine hat immer ein böſes Maul gehabt“, ſagte er,„man darf ihr nicht glauben. Sie haßt uns, weil wir ihr den Stuhl vor die Thür geſetzt haben, mein Gott, was hat denn das Geſchwätz einer ſolchen Perſon zu bedeuten?“ „Nichts, wenn es nicht bewieſen werden kann.“ „Und hier kann nichts bewieſen werden.“ Wer weiß! Vielleicht wiegen Sie ſich zu ſehr in Sicherheit, mein „Ha, Sie wollen mir drohen?“ rief der Vicomte ärgerlich. Nein, aber ich möchte Sie darauf aufmerkſam machen, daß es in Ihrem eigenen Intereſſe liegt, Ihre Pft flicht als Gatte und Vater zu erfüllen. Wenn Ihr Herz Ihnen verbietet, die nöthigſten Opfer zu bringen, ſo könnten auch Andere den Grundſatz, daß Jeder ſich felbſt der Nächſte iſt, anerkennen und nach ihm handeln. Und wenn Sie in Unterſuchungshaft ſäßen, ſo würde mir die Verwaltung unſe⸗ res Vermögens anheimfallen, und ich zweifle nicht, daß der Herr Chevalier in dieſemn Falle alle Anordnungen billigt, die ich in unſerm geneinichaftlihen Intereſſe zu treffen gut befinde.“ Frau von Chateaufleur hatte dies in einem ſehr energiſchen Tone geſagt, ſie ſchien jedem Widerſpruch von vorn herein vorbeugen zu woilen und ihre Worte ſchienen in der That einen niederdrückenden indruck auf den Vicomte zu machen. Er war verwirrt, und es wollte ihm nicht gelingen, ſeine Ver⸗ enheit ſo ganz zu verbergen, ſo viele Mühe er ſich auch gab, ſeine Nuihe wenigſtens äußerlich zu bewahren. Ich Kwiederhole Ihnen, Juſtine iſt eine einfältige Gans und eine voshafte Kreatur“, ſagte er, aber er wartete nicht ab, ob und was ſ ne Frau darauf zu erwidern hatte, mit den letzten Worten war er auch ſchon Pnans geſtürmt. Cora blickte den Chevalier fragend an. „Was halten Sie davon?“ fragte ſie. „Pa zrbleu, ich glaube, es handelt ſich hier um ein ſehr wichtiges und gefährliches es Geheimniß“, erwiderte der junge Mann.„Wiſſen Sie etwas Näheres?“ „Nein.“ „Aber Sie traten ſo beſtimmt auf.“ mei — 343— „Und doch waren es nur Vermuthungen.“ „Die ihn in Verlegenheit brachten.“ „Chevalier, wir müſſen dieſes Geheimniß erforſchen. „Zu welchem Zweck?“ „Haben Sie nicht gehört, daß er uns lieber dem Hungertod preis⸗ geben, als ſeinen Mammon opfern will?“ „Ich kann nicht glauben, daß dies ſeine ernſte Abſicht iſt.“ „Glauben Sie, was Sie wollen“, ich ſage Ihnen, er wird ſich nicht bedenken, wenn ihm die Wahl geſtellt wird. Wir müſſen ihn wingen, ſeine Pflicht zu erfüllen, und um das zu können, iſt es nothwendig, daß wir das Geheimniß erforſchen. Sehen Sie zu, wie das zu erreichen iſt, denken Sie auch über unſere Pläne gegen den Marquis nach, ich werde in jeder Beziehung Ihnen mit Rath und That zur Seite ſtehen.“ Sie reichte ihm lächelnd die Hand, der junge Mann küßte und verließ das Boudoir, um über die Löſung der ſchwierigen Auf⸗ gabe nachzudenken. Neunzehntes Kapitel. Ein Berliner Landwehrmann. Zwiſchen Verſailles und Paris lag eine Feldwache dicht am Park einer halb zertrümmerten Villa. Die Franzoſen hatten ſchon vor dem Eintreffen der Deutſchen dieſes Landhaus niederreißen wollen, aber keine genügende Zeit dazu gefunden, weil ſie eben ihre Zeit dazu benutzt hatten, die Weinkeller und Speiſekammern zu leeren. Und als ſie nachdem ihr Zerſtörungswerk begannen, hatten die ausgeſandten Patrouillen gemeldet, die preußiſchen Ulanen ſeien ſchon in der Nähe, was die halb berauſchten Mobilgarden veranlaßte, un⸗ verrichteter Dinge ohne Verzug nach Paris zurückzukehren. Einige Tage ſpäter hatten die Preußen von dieſem Landhauſe Beſitz genommen und in der Nähe deſſelben ihre Feldwache aufge⸗ ſchlagen. Im Park ſtanden einige beſpannte Geſchütze, hinter der Villa waren die Pferde der Huſaren untergebracht, Infanterie, Ka⸗ vallerie, Jäger, Artillerie und Pioniere lagerten um das lodernde 7 Wachtfeuer, an dem in den Feldkeſſeln der Glühwein brodelte. — —— —— Und in dieſem heitern Kreiſe machte ein Füſilier⸗Gefreiter ſich durch ſeine witzigen Einfä älle und ſeine Ausgelaſſenheit vorzugsweiſe bemerlbar. „Ick ſage Sie, ick kenne der Feldkeſſel die Runde gemacht hatte,„ick jehe jede Wette in, det wir in vierzehn Tagen ein 38 chiren werden. Wat jlooben Sie denn? In Paris ſind drei Millionen Menſchen, die jeden er das Wor: nachdem er das Wortd, nachdem „ 5 Tag was eſſen wollen, und hol' mir der Podbielen wenn ſie nich heute ſchon am Hun Lertuch nagen!“ „Was wiſſen Sie davon?“ brummte ein Artillerie⸗Unteroffizier „Man hat auch geſagt, wenn den Pariſern die Milch ausbliebe, wür den ſie ſofort kapituliren.“ „Donnerwac en Sie es man ab!“ rief der Gefreite. . „Die haben noch Kühe in Paris, urd wenn det Vieh geſchlachtet iſt, dann gibts ooch noch eingetrocknete Milch. Aber det kennen Sie nich! Un wat ick davon weeß? Nanu ſoll mir der Deubel holen, wenn ick es nich weeß, wer ſoll et denn wiſſen? Ick bin ja fünf Jahre in dem Rett aiid geweſen!“ ller Blicke richteten ſich auf den biedern Sohn Brandenburgs, der du en ſeinen dunklen Vollbart ſtrich und mit ſelbſtbewußtem Stolze vor ſich hinlächelte. „Sie, in Paris?“ fragte eine dünne Stimme.„Hören Sie, wenn Sie zu ſtark blau färben, dann wird's ſchwarz.“ „Deshalb ſagt auch das Sprichwort: er lügt, daß er ſchwarz wird“, antwortete der Unteroffizier „Na, wat ſo en oller Schneider ſagt, der in den Dörfern herum⸗ gefochten hat und den Gendarmen aus dem Wege gegangen is, det kann mir weiter nich reizen“, erwiderte der Gefreite, indem er dem blondhaarigen Füſilier, der neben ihm ſaß, einen verächtlichen Blick zuwarf.„Der hat Paris freilich nur im Panorama jeſehn, un weil er nich da jeweſen is, aus Mangel an Geldüberfluß, meent er, an⸗ dere Leute könnten ooch nich hinkommen.“ „Da möchte ich doch wiſſen, was Sie in Paris getrieben haben“, ſagte ein Huſar. „Ja, wenn Sie mich'ne Cigarrje jeben, denn werde ick et Sie ſagen.“ „Hier, mein Freund.“ 9„ „Na, ick danke, wenn et nur keene Liebescigarrje is! Denn mit „ denen kann man nen Ochſen verjiften. Wiſſen Sie, wat mich bei Sedan begegnet is? Na nu, geben Sie Acht. Alſo ick mache mit ſechs Mann'ne Patrouille, et war am Abend vor der Schlacht, und ick ſollte die Stellung der feindlichen Vorpoſten jründlich recognoſeiren det Man gut, wir marſchiren durch Feld und Wald, knallen hier mal nen Franzoſen nieder und nehmen dort eenen jefangen. Sehr gut, endlich ſehen wir en Haus in freiem Felde, und um det Haus an ſtehen, hol' mir der Podbielski, zehn Franzoſen und ſtecken die Naſen in die Luft.“ „Was thaten Sie?“ fragte der Füßſilier. „Paß uff, wirſt es ſchon erfahren. Ick ſage, Kinder, hier is was Beſonderes los, Achtung! Wir ſind unſrer ſieben, alſo nimmt Jeder enen von den Kerlen uff's Korn, un wenn ick Feuer commandire, tet iſt denn muß es ooch ſofort krachen. Aber nen Oogenblick wollte ick nich doch zuſehen. Die Kerle rührten ſich nich vom Fleck, un aus dem Hauſe kam ein blauer Daupf weiter ſah und hörte ick niſcht. Det wurde mir uff die Dauer zu langweilig, ick kommandire, und— pe dar⸗ dauz!— liegen ſechs von die rothen Hoſen im Dreck, die andern riſſen aus. Un wie wir nun in das Haus gingen, ſaß da en preußiſcher Marketender bieder vor einer Flaſche Wein und roochte dabei ne Liebescigarrje. Der Kerl qualmte wie en Schornſtein, war ooch en Schneider ſeines Zeichens, un Sie wiſſen ja, die Schneider roochen Kartoffelkraut, wenn ſie keenen Tabak nich haben. Jetzt wurde mir das Jeheimniß klar. Die Franzoſen hatten den Geſtank nicht ver⸗ lhtun tragen können und ſich deshalb nich in das Haus gewagt.“ Alle lachten, nur der Füſilier ſchüttelte ärgerlich den Kopf. P de„Das iſt eine zu grobe Lüge“, ſagte er,„und ich ſehe keinen Witz br darin.“ 4 Zit„Weil Du ſelber ne Liebescigarrje vor ne echte Havannah an⸗ en Bl * ſiehſt“, erwiderte der Gefreite.„Und was ick erzählt habe, det is un We die Wahrheit, ick lüge nie. Aber Ihr wollt wiſſen, wat ick in Paris er, gethan habe. Nanu, ick bin da Oberkellner und Geſchäftsführer geweſen, und es war keen ſchlechtes Leben. Donnerwachsſtock, haben habe noch en ſchönes Kapital bei'nem Pariſer Bankier ſtehen, aber ick fürchte, der Kerl brennt mir mit dem Gelde durch.“ t Eie.„Wenn er es noocch nicht gethan hat, dann ſitzt er einſtweilen feſt“, bemerkte der Unteroffizier. „Kellner!“ ſagte der Füſilier verächtlich.„Gargon!“ — 346 1* „LCl, M0l. monsieur!“ rief der Gefreite, dann aber, als das ſchallende Gelächter der Kameraden ihm begreiflich machte, daß der Füſilier ſich einen Scherz mit ihm erlaubt hatte, wurde er ärgerlich. „Ja, dafür ſind die Schneider gefunden“, ſagte er,„weil ſie ſelbſt viel geneckt und genarrt werden, foppen ſie ooch gern andere Leute.“ „Bah, wat ick mir vor ſo'nen Windbeutel koofe! Mancher wäre froh, wenn er Gargon ſpielen könnte, er bekäme wenigſtens jeden rag'nen warmen Löffel in den Leib. Un det ſage ick Dich, wenn vir in Paris einrücken, denn halte Dir nur ja hinter die Colonne, wenn die Gamins Dir ſehen, biſt Du geliefert. In Paris dürfen die Schneider nich ausgehen, keene Wirthſchaft nich beſuchen und keene Cigarrje uff der Straße roochen, un in Dir erkennt man den Schneider uff hundert Schritt Entfernung!“ „Ja, wenn wir einrücken!“ ſeufzte ein Jäger, der, das Haupt auf den Arm geſtützt, ſinnend in die lodernde Flamme ſchaute.„Wie lange kann das noch dauern! Ich glaube, wir ſind zu ſpät gekommen, wir hätten von Sedan in Eilmärſchen nach Paris rücken und die ſchlecht bewaffneten Banden überrumpeln müſſen, jetzt haben wir ihnen Zeit gelaſſen, ſich mit Munition und Proviant zu verſehen.“ „Warten Sie, unſere Geſchütze werden ihnen Vernunft predigen“ erwiderte der Unteroffizier. „Da können wir noch lange warten!“ rief der Gefreite.„Na, ick denke, einſtweilen ſind wir gut geborgen, wir können's ja aus⸗ halten. Jeſtern haben wir wieder'nen zugemauerten Keller entdeckt, ick weeß nich mehr, wie viele Fäſſer und Flaſchen da liegen ſollen, aber es is Stoff genug da für en ganzes Vierteljahr.“ „Und die Frauen und Kinder daheim?“ fragte der Jäger mit leiſem Vorwurf. „Habe ick nich!“ „Aber es liegen viele Familienväter vor Paris.“ „Donnerwichsbürſt, oller Junge, det is freilich nicht angenehm für den, dem es angeht, aber es läßt ſich nich ändern. Hier müſſen wir bleiben, bis Paris capitulirt hat, und et wäre Jammerſchade, wenn wir uff den Triumph verzichten ſollten. Nanu, wat is denn weiter? Die Frauen und Kinder daheim leiden keenen Hunger nich, und wat uns betrifft, ſo haben wir Erbswurſt, Weinkeller, Liebes⸗ gaben und Cigarrjen.“ „Und wenn der Winter kommt?“ C Hier kennt man keenen Winter nich! Wenn es bei uns anfäng! „„ ſc u frieren, blühen hier die Veilchen.“ „Das iſt wieder einmal nicht wahr“, ſagte der Füſilier. ie ſelbſt„Abſprechen kann Jeder, aber ick de Sie haben noch nie nich deä. en franzöſiſches Veilchen geſehen! Jeben Sie mich mal den Keſſel, Unteroffizier. Sehen Sie, ſo jroß wie dieſer Keſſel is en franzöſiſches Baſchen, un wer das nich jlooben will, der kann's meinetwegen blei Damit t der der Gefreite den Keſſel an die Lippen und trank nen m Wüchtiden Schluck daraus. Ach wat“, ſagte er dann, indem er ſeinen Vollbart ſtrich,„man nan den uß ſich in Allens ſchicken können, un wenn man immer fidel is, dann jeht's ooch janz jut. Wenn's den Herrſchaften gefällig is, werde 3 Haux ick en janz famoſes Lied fingen uf die Melodie vom Prinz Eugen.“ „Wi Und ohne die Erlaubniß erſt abzuwarten, begann er: aide König Wilhelm ſaß ganz heiter und die Jüngſt zu Ems, dacht' gar nicht weiter en I An die Händel dieſer Welt. ,ßon Friedlich, wie er war geſunnen, Trank er ſeinen Krähnchenbrunnen Als ein König und ein Held. Na Da trat in ſein Kabinette zz aus⸗ Eines Morgens Benidette, 2W Den geſandt Napoleon. Ei, Der fing zornig an zu kollern, Aem Weil ein Prinz von Hohenzollern Sollt' auf Spauiens Königsthron. mit Wilhelm ſagte:„Benedettig! Sie ereifern ſich unnöthig, Brauchen Sie man nur Verſtand! Vor mir mögen die Spaniolen Sich nach Luſt'nen König holen, Meinthalb aus dem Pfefferland! Der Geſandte, ſo beſchieden, War noch lange nicht zufrieden, Weil er's nicht begreifen kann; Und er ſchwänzelt und er tänzelt Um den König und ſcharwänzelt, Möcht' es gerne ſchriftlich ha'n. 348 Zſieht unſer Wilhelm Rexe Sich das klägliche Gewächſe Mit den Königsaugen an; Sue gar nichts weiter, ſundern Wandte ſich, ſo daß bewundern Jener ſeinen Rücken kann. Als 9 lls N apoleon das vernommen, ß ich die Stiebeln kommen Onkel trug. Dieſe zog der Bonaparte auſam an, und auch der zarte Lulu nach den ſeinen frug. G So in grauſer Kriegesrüſtung dufen ſie in ſtolzer Brüſtung: au Franzoſen! Ueber'n Rhein!“ die Kaiſerin Eugenie Iſt beſonders noch diejenige, Die in's Feuer bläſt hinein. Viele Tauſend rothe Hoſen Stark nun treten die Franzoſen Eiligſt unter'n Chaſſepot, Blaſen in die Kriegstrompete Und dem Heere à la téte Brüllt der wilde Turico. Der Zephire, der Zuave, Der Spahi und jeder Brave Von der grande nation, An zweihundert Mitrailleuſen „Sind mit der Armee geweſen, Ohne ſonſtiges Kanon. Deutſchland lauſchet mit Erſtaunen Auf die welſchen Kriegspoſaunen, Ballt die Fauſt, doch nicht im Sack, Nein, mit Fäuſten, mit Millionen Prügelt es auf die Cujonen, Auf das ganze Lumpenpack. Wilhelm ſpricht mit Moltk' und Roone Und ſpricht dann zu ſeinem Sohne: „Fritz, geh' hin und haue ihm!“ Fritze, ohne lang zu feiern, Nimmt ſich Preußen, Schwaben, Balern, Geht nach Wörth und hauet ihm. —— — 349— Haut ihm, daß die Lappen fliegen, 5 ie all' die Kränke kriegen klappernde Gebein, ſie ohne zu verſchnaufen, Bis Paris und weiter laufen, Und wir ziehen hinterdrein. Unſer Kronprinz, der heißt Fritze Und er fährt gleich einem Blitze Unter die Franzoſenbrut. Und, ob wir ſie gut geſchlagen, Weißenburg und Wörth kann's ſagen, Denn wir ſchrieben dort mit Blut. Ein Füſilier von Dreiundachtzig Hat dies neue Lied erdacht ſich Nach der alten Melodei. Drum, ihr friſchen, blauen Jungen, Luſtig darauf losgeſungen, Denn wir waren auch dabei. „Nanu jebt mich mal den Keſſel“, rief der Gefreite, nachdem der Refrain verklungen war.„Die Kehle is mich trocken geworden.“ Und als er nun den Keſſel an die Lippen ſetzte und den Labe⸗ trunk ſchlürfte, fiel ſein Blick auf einen Soldaten, der während des Geſangs ſich dem Wachtfeuer genähert hatte. Dieſer Soldat ſchien ſofort ſeine ganze Aufmerkſamkeit zu feſſeln, aber dem erſteren mußte es wohl unangenehm ſein, daß er ſo ſcharf beobachtet wurde, denn er wandte ſich um und ſchritt langſam von dannen. Der Gefreite erhob ſich und folgte ihm, er holte ihn vor der Villa ein. „Heda!“ rief er, aber der Füſilier ging weiter, als ob er den Ruf nicht gehört habe. Im nächſten Augenblick lag die Hand des Gefreiten auf ſeiner Schulter, er mußte ſtehen bleiben. „Wahrhaftig, Erneſt, Du biſt es“, ſagte der Gefreite überraſcht, nachdem er ihn eine Weile angeſchaut hatte.„Was thuſt Du hier, in dieſer Uniform?“ „Jean?“ fragte Erneſt.„Ich hätte Dich nicht wieder erkannt.“ „Und wir haben doch ſo manchen Abend fröhlich beiſammen ge⸗ ſeſſen.“ „Ja, das iſt wahr, aber daß ich Dir hier begegnen würde—” —— ————1 Du „ll mußte ich . P. Franzofen waren zu frech ge⸗ ol' mir dey Deubel, ja. Die 8 „Und doch warſt auch Du ein halber Franzoſe“, ſagte Erneſt vor⸗ wurfsvoll. Wie oft haſt D k ſei dein zweites C Natorſane 1 Vaterland! 1„Nanu, man ſagt manchmal was, ohne weiter darüber nachzu⸗ denken“, erwiderte der Gefreite, den der Vorwurf einigermaßen in Verlegenheit ſetzte. Aber, wie kommſt Du an dieſe Uniform?“ „Ja, das iſt eine lange Geſchichte, die ſich ſo raſch nicht erzählen läßt.”“ Während dieſes Geſprächs waren die Beiden rüſtig weiter ge⸗ ſchritten, der Gefreite ſchien nicht einmal zu bemerken, daß er ſich mehr und mehr von der Feldwache entfernte. „Ich begreife doch noch immer nicht, daß Du uns verlaſſen konn⸗ teft“, nahm Erneſt nach einer Pauſe wieder das Wort,„ich hätte gedacht, die hübſche Juſtine habe mehr. Anziehungskraft für Dich.“ „Juſtine?“ ſagte der Gefreite.„Ja, mein Freund, ſie war ein ſchönes und heiteres Mädel, aber das Vaterland rief und im Lande 1 heißt es: Deutſchland, Deutſchland über Allens!“ „Möchteſt Du fie nicht wiederſehen?“ „O, gewiß.“ „Hm, wenn Du wollteſt, ich könnte Dir das Vergnügen ver⸗ ſchaffen.“ 1„Du? „Klingt das ſo unglaublich?“ „Nein, aber dann kannſt Du nur ein Spion ſein!“ „Und als ſolchen würdeſt Du mich verhaften?“ „Donnerwachsſtock, ich müßte es!“ „Auch dann, wenn ich im Dienſt Eures Herrn von Bismarck ſtände?“ 41 eben ſtehen, ein Doppelpoſten ſtand vor ihnen mit gefälltem Bayonnet. „Sprich Du mit den Leuten“, flüſterte Erneſt ſeinem Freunde zu,„ich darf meine Papiere nicht zeigen, Herr von Bismarck hat es mir ſtreng verboten.“ „Halt! Werda!“ rief der Poſten noch einmal. Der biedere Berliner, der noch immer nichts Böſes ahnte, ging einige Schritte vor und gab die Loſung. Auf die Frage:„woher?“ antwortete er:„Patrouille von der Feldwache!“ Dann fügte er noch hinzu, daß er Befehl habe, mit ſeinem Kameraden eine Schleichpatrouille bis zu den feindlichen Vor⸗ poſten zu machen, da man Nachricht erhalten habe, daß der Feind in dieſer Nacht einen Ueberfall beabſichtige.“ Daraufhin ließ der Poſten die Beiden paſſiren, die Loſung war jg richtig, und in der Aeußerung des Gefreiten lag nichts, was Ver⸗ dacht erwecken konnte. Ein niedriges Gebüſch verbarg ſie bald den Blicken des Poſten, ſie ſchritten langſam weiter und plauderten über Juſtine. Endlich blieb der Gefreite ſtehen. „Jetzt iſt es genug“, ſagte er,„wir müſſen Abſchied nehmen Uff der Wache werden ſie mir ſchon vermißt haben.“ „j dachte, Du wollteſt mich nach Paris begleiten.“ „Is nich, ick habe keine Luſt nich, von dem Pöbel— 352— Ach. Jean, wenn ich bei Dir bin, wird Dir nichts geſchehen.“ Ses kann man nich wiſſen.“ Juſtine wird es Dir hoch anrechnen, wenn Du ihretwegen S dich'⸗ einer kleinen Gefahr ausſetzeft.“ „Juſtine muß warten, bis wir in Paris einmarſchiren.“ „Dann wirſt Du ſie nicht ſehen.“ „Nanu, die Haare raufe ick mir deshalb noch nicht aus!“¹ „Alſo Du willſt nicht?“ „Nein.“ „Wohlan, ſo wirſt Du müſſen“, ſagte Erneſt, einen ſehr ener⸗ giſchen Ton anſchlagend, und der Gelreite vernahm deutlich das Knacken des Hahnes einer Schußwaffe. Er wollte zurückſpringen, aber ſchon hielt die Hand des Fran⸗ zoſen ſeinen Arm umfaßt, und es gelang ihm nicht, ihn dem eiſernen Griff zu entwinden. „So haben wir nicht gewettet“, fuhr Erneſt fort,„Du biſt in die Falle gegangen, ohne daß ich Dich dazu aufforderte, nun laſſe ich Dich nicht mehr hinaus.“ Das iſt infam!“ knirſchte der Gefreite.„Un dat geſchieht unter der Maske der Freundſchaft?“ „Sei vernünftig, Jean! Drüben ſtehen unſere Poſten, wenn ich den Schuß abfeure, oder wenn Du Lärm magſt, ſind wir ſofort um⸗ zingelt und dann blüht es Dir, daß man Dir in Maras oder einem andern Gefängniſſe Quartier gibt. Aber gehſt Du mit mir, ſo kannſt Du bei mir wohnen, und wenn Du wieder hinauswillſt, ſo werde ich ſorgen, daß Dir keine Schwierigkeiten in den Weg treten. Du wirſt Juſtine ſehen und in ihren Armen die Strapazen des Krieges ver⸗ geſſen. He, mein Freund, iſt es Dir nicht intereſſant, das einſt ſo luſtige und übermüthige Paris wiederzuſehen, wie es in Sack und Aſche Buße thut?“ „Du haſt mir überliſtet“, ſagte der Gefreite, zitternd vor Zorn und Erregung,„nanu werde ick mir fügen müſſen, wenn ick nich mein Leben uff ne erbärmliche Weiſe verlieren will. Aber, daß Du det gekonnt haſt, det werde ick Dir nich verjeſſen.“ „Jean, im Kriege iſt jede Liſt erlaubt.“ „Na, hol' mir der Deubel, wenn es jeder Andere wäre, wollte ick mir mit dem Gedanken tröſten, daß ick en Schafskopp geweſen ſei, aber bei Dir kann ick det nich, denn wir waren ſeit langen Jahren —— zier d ₰ g 3 4 wollt weſen ſei, Jahten 1 Ja¹ befreundet und haben manche Flaſche mitſammen ausgetrunken. Erneſt, wir Berliner ſind immer nobel, un det verlangen wir ooch von an⸗ dern Nationen.“ „Es ſoll Dir an nichts fehlen.“ „Wat ick mir davor koofe! Mir fehlt die Freiheit, ick kann meene Pflicht als Vaterlandsvertheidiger nich mehr erfüllen.“ „Dafür kommſt Du auch nicht mehr in die Gefahr, todtgeſchoſſen zu werden.“ „He, gloobſt Du denn, daß—“ „Qui vive!“ erſchallte jetzt der Ruf dicht vor den Beiden. Dunkle Geſtalten erhoben ſich vom Boden und ſchlugen die Chaſſe⸗ pots an. Erneſt wechſelte einige Worte mit ihnen, die Beiden mußten ihre Waffen abgeben, dann begleiteten zwei Franzoſen ſie zur Feldwache. „Jetzt ſei ſchlau“, flüſterte Erneſt ſeinem Freunde zu,„ich werde für Dich ſprechen, damit Dir das Quartier im Geſängniß erſpart bleibt.“ Sie hatten die Feldwache bald erreicht, Erneſt übergab dem Offi⸗ zier ſeine Legitimationskarte. „Alſo iſt es Ihnen wirklich gelungen, die Wachſamkeit des Fein⸗ des zu täuſchen?“ fragte der Offizier freudig überraſcht. „Wie Sie ſehen, Herr Lieutenant!“ „Und Sie kommen direct von Verſailles?“ „Zu Befehl.“ „Welche Nachrichten bringen Sie von dort?“ „Ich weiß es nicht, man hat mir Briefe übergeben, die ich in Paris abliefern ſoll.“ „Und wie fanden Sie die Stimmung in Verſailles?“ „Gedrückt, es wimmelt dort von feindlichen Soldaten.“ „Iſt die Aufſtellung des Feindes in gerader Richtung vor uns ſehr ſtark?“ „Ja, Herr Lieutenant, auch glaube ich nicht, daß eine Ueberrumpe⸗ lung gelingen würde, die Deutſchen ſind ſehr wachſam und dabei gut dient.“ „Varbleu, es iſt wahr, ſie ſind beſſer bedient, wie wir. Und wer iſt dieſer?“ „Ein Kamerad, der in Verſailles nicht bleiben wollte. Er trat den geſahrvollen Weg mit mir an, um in der Nationalgarde für Paris zu kämpfen. Ho De R. 23 5 1 -— 351— „Das iſt brav“, ſagte der Offizier,„Sie werden das an maß⸗ gebender Stelle erwähnen, damit dieſer Muth und Patriotismus ſeinen verdienten Lohn findet.“ Die Beiden ſetzten jetzt ihren Weg fort, nachdem man vorher Jedem von ihnen einen franzöſiſchen Mantel und ein Käppi gegeben hatte. Es war ein langer und ermüdender Weg, er führte an den Zeltlagern und Bivouaks der Truppen vorbei, und trotz der ſpäten Stunde herrſchte hier allenthalben noch ein bewegtes Leben. Man ſang, lachte und tanzte, überall ſah man weibliche Geſtalten, Marke⸗ tenderinnen und Pariſer Dirnen, mit denen die Mobilgarden ihre Kurzweil trieben. Und dazwiſchen donnerte von Zeit zu Zeit ein dröhnender Kano⸗ nenſchuß von den Forts, oder ein blendendes Licht tauchte plötzlich auf, welches die Gegend in weitem Umkreis beleuchtete. Oft begegneten ihnen betrunkene Soldaten, welche mit heiſerer Stimme die Marſeillaiſe brüllten, manchmal rief ein Poſten ſie an, hie und da näherte ſich ihnen eine Dame, aber die Beiden ließen ſich durch nichts aufhalten, ſie ſetzten ſchweigend ihren Weg fort. „Was ſagſt Du zu dieſen Truppen?“ fragte Erneſt endlich, als ſie den Wällen von Paris nahe waren. „Wenn ick mir en Urtheil über ihnen erlooben wollte, dann würde es nich günſtig ausfallen“, erwiderte der Gefreite,„wir ſind's in unſerm Lager anders gewohnt.“ „Ja, das habe ich auch geſunden, und eben deshalb halte ich den Widerſtand für ebenſo nutzlos als thöricht.“ „Nanu, ſage det den Leuten, die Dir ausgeſchickt haben—“ „Ich werde mich hüten, wer in Paris von der Nothwendigkeit der Kapitulation ſpricht und nicht in das wahnſinnige Geſchrei des Pöbels einſtimmt, der läuft Gefahr, an die Laterne gehangen zu werden.“ „Donnerwichsbürſt, ſieht es ſo in dem luſtigen Paris aus?“ „Du wirſt es nicht wiedererkennen.“ „Dann bedaure ich umſomehr, daß ich nicht mehr in unſerm Lager bin.“ „Du mußt Dich nun in das Unabänderliche fügen“, ſagte Erneſt in dem Tone herzlicher Theilnahme. Für mich war es ein Akt der Nothwendigkeit, daß ich Dich zwang, mich zu begleiten, Du hätteſt nach Deiner Rückkehr zur Wache Alles verrathen können, und das — ————— durfte mir nicht gleichgültig ſein. Aber ich verſpreche Dir, daß es Dir in Paris an nichts fehlen ſoll, ich werde Dich als der betrachten. Erinnerſt Du Dich noch meines Freundes Paul?“ „Paul Bertrand? Nanu, ſoll ick den nich mehr kennen?“ „Er wohnt bei mir.“ „Is denn Deine Wohnung'ne Kaſerne?“ „Bewahre“, ſagte Erneſt.„Aber Paul wurde von den Republi⸗ kanern verfolgt, auch er will den Frieden, und ich nahm mich ſeiner an. Das Nähere werde ich Dir ſpäter erzählen. Ach, mein Freund, wie oft habe ich freudig den neuen Tag begrüßt“, fuhr er fort, in⸗ dem er den Blick gen Oſten richtete, wo helle Streifen ſchon das Dunkel der Nacht lichteten,„heute kann ich's nicht, ich muß immer und immer daran denken, daß der neue Tag uns nur neues Elend bringt. Auf den Straßen und Plätzen in Paris ſieht man freilich wenig davon, dort hört man nur das Kriegsgeſchrei der fanatiſirten genge, dort ſieht man nur Waffen und muthig blitzende Augen, aber wenn man in die Wohnungen der Armen blickt, dann möchte man blutige Thränen weinen. Hunger und Elend haben die Schwelle der Armuth ſchon überſchritten, und glücklich der, welcher noch etwa⸗ beſitzt, was er in's Pfandhaus bringen kann, für ihn iſt wenigſtens die Möglichkeit vorhanden, ſein Leben für einige Tage noch zu friſten. Ja, die Reichen leben heute noch herrlich und in Freuden, und die feilen Dirnen tanzen noch auf den Boulevards und in den Café's, aber wie lange wird's dauern, dann hat auch für ſie die Herrlichkeit ein Ende.“ „Na, wenn ick die Wahrheit ſagen ſoll, dann geſchieht es Euch ganz Recht“, warf der Gefreite ein.„Ihr ſeid zu üppig, zu über⸗ müthig, zu leichtſinnig und zu gottlos geworden; der Krug geht ſo lange zum Brunnen, bis er bricht.“ „Daſſelbe habe ich mir geſagt, aber iſt die Strafe nicht zu ſchrecklich? Müſſen nicht gar zu viele Unſchuldige büßen? Und wenn wir erdlich nach dieſen ſchweren, entſetzlichen Tagen und Wochen den Frieden mit Deutſchland geſchloſſen haben, dann bricht der Bürger⸗ krieg in hellen Flammen aus, der Kampf zwiſchen der ſocialen und der gemäßigten Republik.“ „Dann ſeid Ihr erſt recht fertig.“ „Spotte nicht darüber, Jean, wer ſein Vaterland liebt, kann über das Unglück deſſelben keine Schadenfreude empfinden. Mich erfüllt dieſes Unglück mit tiefer Betrübniß.“ 23²³ — 356— Sie ſtanden vor dem Thore, Erneſt wechſelte einige Worte mit dem Poſten, fünf Minuten ſpäter wurden ſie eingelaſſen. Der Offizier der Thorwache richtete einige Fragen an ſie, dann ließ er ſie gehen. Der Gefreite erkannte in der That ſein ſchönes, luſtiges Paris nicht wieder. Ueberall waren Barrikaden errichtet oder im Bau begriffen, überall ſah er Waffen blitzen, und die Geſtalten, die ihm begegneten, machten nicht im Entfernteſten einen erfreulichen Eindruck auf ihn. Manchmal kam es ihm vor, als ob man die Gefängniſſe und Galeeren geräumt habe, um ihre Inſaſſen zu bewaffnen, und es würde ihn durchaus nicht überraſcht haben, wenn eine von dieſen Geſtalten ihm das Gewehr auf die Bruſt geſetzt und ſeine Börſe 1 gefordert hätte. Erneſt zuckte die Achſeln, als ſein Freund dieſe Anſicht äußerte, er wußte nicht, was er darauf erwidern ſollte. Von dem früheren Leben und Treiben war nichts mehr zu ent⸗ decken. Der Gefreite hatte oft in den erſten Morgenſtunden die Hauptſtraßen durchwandert und ſeine Freude an dem ſchönen Vieh, dem herrlichen Gemüſe und dem prachtvollen Obſt gehabt, welches von unzähligen, hochbepackten Karren zu Markt gebracht wurde, heute ſah er nur hier und da einen ſolchen Wagen, und was von dieſen abgeladen wurde, ſah durchaus nicht einladend aus. In vielen Straßen bemerkte er vor einzelnen Häuſern zahlreiche, dicht zuſammengedrängte Menſchenmaſſen, Nationalgardiſten, Frauen, Greiſe und Kinder, ja, Mütter mit dem Säugling auf den Armen. Es waren die Häuſer der Bäcker und Metzger, die vielleicht erſt nach zwei Stunden ihre Läden öffneten, und glücklich der, dem es alsdann gelang, ſeinen Bedarf für dieſen Tag zu erhalten, und was der morgende Tag brachte— wer wußte es? Schon jetzt ſah man manches bleiche, abgehärmte Geſicht, die 3 Fittige des Todes rauſchten ſchon über der unglücklichen Stadt, die für ihre Sünden ſo ſchwer büßen mußte. Erneſt eilte an dieſen Gruppen vorbei, die für den Gefreiten in⸗ ſofern Intereſſe hatten, als ſie ihn erkennen ließen, daß Noth und Elend in die einſt ſo üppige Stadt ſchon eingezogen waren. Und auf den Boulevards boten dem Auge ſich wieder andere Scenen. Einige Cafés hatten ſchon geöffnet, Mobilgarden und Zuaven 7407 Frauen, Armen. iicht erſt em e8 und was 2 ½½ ſdie icht,— eadt, die . „iten in⸗ loth und — 357— ſaßen drinnen an den eleganten Tiſchen, plaudernd, lachend und ſin⸗ gend, während draußen die liederlichen Dirnen ihre Netze auswarfen. Plötzlich blieb Erneſt ſtehen, vor ihnen her ſchritt ein alter, gebeugter Mann mit einem Korbe auf dem Rücken und dem Haken der Lumpenſammler in der ſchmutzigen Hand. Es war Pierre Bandau, auch der Gefreite kannte ihn, und es befremdete den Letzteren, daß Erneſt ſo vertraulich die Hand auf die Schulter des Wucherers legte. „Was macht Louiſon?“ fragte Erneſt. Der Alte wandte erſchreckt ſich um, tief aufſeufzend ſchüttelte er das graue Haupt. „Ja, wenn ich es wüßte!“ erwiderte er. „Parbleu, was ſoll das heißen?“ rief Erneſt beſtürzt. „Louiſon hat mich verlaſſen.“ „Das geſchieht Euch recht, alter Sünder, es iſt die gerechte Strafe für Euer—“ „Nein, meine Schuld iſt es nicht“, fiel der Wucherer ihm in's Wort,„man hat ſie gewaltſam entführt.“ „Wer?“ „Auch das weiß ich nicht.“ Ein ironiſches Lächeln umſpielte die Lippen des jungen Mannes. „Ich glaube, Ihr dürft Euch ihretwegen beruhigen“, ſagte er,„ſie wird ohne Zweifel ein ſicheres Aſyl gefunden haben, indem ſie vor Eurer Tyrannei geſchützt iſt.“ „Ihr denkt an Euren Freund“, entgegnete der Wucherer,„ſie iſt nicht bei ihm, auch er ſucht ſie und bemüht ſich vergeblich, eine Spur zu finden, die er verfolgen könnte.“ „He— ich glaube, Ihr wollt Komödie ſpielen!“ fuhr Erneſt auf.„Damit kommt Ihr nicht durch! Habt Ihr Eure ſchändlichen Abſichten ſchon ausgeführt, daß Ihr nun unſere Rache fürchtet?“ Ich fürchte nichts mehr, ſeitdem ich Louiſon verloren habe.“ A „Hattet Ihr Euch nicht mit einem Herrn von Segur ver⸗ bündet?“ fragte Erneſt mit ſcharfer Betonung.„Er wird wiſſen, wo das Mädchen ſich befindet und was in Eurem Hauſe vorgefallen iſt, und Ihr wißt das auch, aber Ihr wollt nicht geſtehen! Nun gut, man wird Euch zu zwingen wiſſen, und dann ſei der Himmel Euch gnädig.“ Er ließ den alten Mann ſtehen und ſchritt mit ſeinem Begleiter 358— aſch weiter, dem er jetzt Alles erzählte, was auf Paul, Marie und birn Bezug hatte. Inzwiſchen erreichten ſie die Nue Vincent, und Erneſt ſtieg jetzt ha S8 die ſteilen Treppen hinauf; er pochte an der Thüre ſeiner ſarde an, im nächſten Augenblick öffnete Paul, und Erneſt erſchrak, als er in das verſtörte Geſicht des Freundes blickte. „Gott ſei Dank, daß Du wieder da biſt“, ſagte Paul, tief auf⸗ achmend, als ob eine Centnerlaſt ihm von der Seele gefallen ſei, „Dein räthſelhaftes Verſchwinden hat mir große Sorge bereitet.“ „Du wußteſt alſo nicht, welchen Auftrag ich übernommen hatte?“ fragte Erneſt überraſcht.„Der Marquis hat Dir gar keine Nach⸗ richt darüber zukommen laſſen?“ „Nicht eine Silbe!“ „Das iſt ſeltſam. Aber ſieh hier unſern alten Freund Jean, den ich aus dem feindlichen Lager mitgebracht habe. Schnell, hole aus der Nebenkammer einen Anzug von mir, damit er ſich umkleiden kann, dann bereite uns ein Frühſtück, unſere Kräfte ſind erſchöpft. Ich hoffe, wir haben noch etwas Kaffee und Brod.“ „Von Allem iſt etwas noch vorhanden“, erwiderte Paul, der in⸗ zwiſchen dem Geſreiten die Hand geſchüttelt hatte. Und während der Gefreite ſich umkleidete, erzählte Erneſt dem geſpannt zuhörenden Freunde den Zweck der Miſſion, die ihn nach Verſailles geführt hatte, ſowie auch ſeine Unterredung mit dem Wucherer, deſſen Worte ihm noch immer nicht klar waren. Aber als nun auch Paul Bericht erſtattete, war das Räthſel ſo⸗ fort gelöſt, und Erneſt fand in der Aufregung des erſten Augenblicks keine Worte für ſeine Entrüſtung. „Du haſt alſo gar keine Spur entdeckt?“ brach er endlich das Schweigen. „Nein, nachdem ich den Schurken in die Seine geworfen hatte, wurde ich verhaftet, und man gab mir erſt am Abend dieſes Tages die Freiheit zurück. Was ſollte ich thun, um den Zufluchtsort Loui⸗ ſons zu ermitteln? Ich habe Tag und Nacht die Straßen durch⸗ wandert, ich habe jedes alte Weib, jeden Bekannten gefragt, ich bin wohl zwanzig Mal in der Morgue aeſen Alles umſonſt, Louiſon iſt ſpurlos verſchwunden.“ „Und was gedenkſt Du nun zu thun?“ „Ich weiß es nicht.“ ſtieg jett re ſeiner erſchrak 17 f „Ich werde mit dem Marquis darüber reden, er hat die Macht und die Mittel, ihm iſt es leicht, uns Gewißheit zu verſchaffen.“ „Deinem Marquis traue ich nicht“, erwiderte Paul mit ſchnei⸗ dender Stimme.„Aber das Frühſtück iſt fertig, komm Jean, Du biſt nun unſer Gaſt, und ich hoffe, es wird Dir bei uns gefallen.“ „Nanu, ick muß mir fügen“, ſagte der Gefreite,„aber angenehm is es nich, Gefangener zu ſind.“ „Die Gefangenſchaft wird Dich nicht drücken“, entgegnete Erneſt, während er den Freund bediente,„iß, trink und ſei fröhlich, alles Andere kannſt Du getroſt unſerm Herrgott anheimſtellen.“ „Wenn's damit alleene abgemacht wäre!“ „Parbleu, es iſt nun einmal nicht anders“, lachte Erneſt,„hätteſt Du meine Liſt geahnt, ſo würdeſt Du mich verhaftet haben, und ich wäre wahrſcheinlich nach kurzem Prozeß erſchoſſen worden. Ich denke, ſo wie es jetzt iſt, iſt es beſſer, wir werden hier brüderlich für Dich ſorgen, und wenn Du einige Wochen nothgedrungen hier bleiben mußt, ſo hat das doch auch manches Angenehme für Dich.“ „Ick ſage ja, ick werde mir fügen“, nickte der Gefreite,„und wenn Ihr der Hülfe eines Freundes bedürft, dann könnt Ihr uff mir rechnen, ick bin allemal Derjenige, welcher!“ „Das iſt mehr, als wir verlangen können.“ „Bewahre, Koſt und Logis muß ick mir verdienen, un hol mir der Deubel, mir wird et ne Freude ſind, wenn ick'nem Franzoſen die Rippen zerbrechen kann. Nur immer nobel.“ „Wer weiß, ob wir Deiner Hülfe nicht ſehr bedürfen werden“, ſagte Paul nachdenklich. „Haſt Du beſtimmte Gründe für Deinen Verdacht gegen den Marquis?“ fragte Erneſt. „Ich denke, ja. Ich war auch in St. Lazare, um mich dort zu erkundigen. Es war ja möglich, daß man Louiſon, als ſie wie ein gehetztes Reh durch die Straßen eilte, aufgegriffen und dorthin gebracht hatte.“ „Sehr recht“, nickte Erneſt,„und es war gut, daß Du an dieſe Möglichkeit dachteſt.“ „In St. Lazare wußte man nichts von ihr, aber ich vernahm dort eine andere Geſchichte, die mich nicht weniger intereſſirte. Man ſagte mir, eine deutſche Gefangene ſei vor ein oder zwei Tagen auf räthſelhafte Weiſe aus dem Gefängniß entführt worden. Ich ließ — 360— mir das Aeußere dieſer Gefangenen beſchreiben und erkannte Marie Reimann.“ „Unmöglich!“ rief Erneſt betroffen. „Wie ich Dir ſage. Der Tag, an welchem ſie in's Gefängniß gebracht wurde, ſtimmt genau mit dem Tage, an welchem ſie hier ihre Wohnung verließ.“ In fieberhafter Erregung war Erneſt von ſeinem Sitze aufge⸗ ſprungen, er wanderte mit großen Schritten auf und nieder, um die Stürme zu bemeiſtern, die in ſeinem Innern tobten. „Ah, wenn das die Wahrheit wäre!“ ſagte er mit dumpfer Stimme. „Es ſteht Dir frei, ſelbſt in St. Lazare nachzuforſchen, ich war, als ich das Gefängniß verließ, meiner Sache ſicher. Und als ich heimkehrte, begegnete mir der Marquis hier in der Treppe, ich erkannte ihn ſogleich, aber da er ſo eilig an mir vorbeiſchritt, mochte ich ihn nicht anreden.“ „Er wollte ſich gewiß nach mir erkundigen.“ „Hm, dann würde er mich angeredet haben. Auch hörte ich drüben das Weib boshaft lachen, es klang mir wie das Lachen eines Satans, der ſich über einen gelungenen Streich freut. Und Du wirſt wiſſen, Erneſt, daß die Hexe niemals ohne beſonderen Grund lacht, ſie hat ihre Hände jedenfalls im Spiele gehabt, und ich ver⸗ muthe, daß der Marquis bei ihr war, um ihr den Sündenlohn zu bringen.“ „Tod und Teufel!“ fuhr Erneſt auf. „Nanu, regt Euch nich uff!“ ſagte der Gefreite begütigend. „Erſt Klarheit, dann handeln.“ „Ja, erſt Klarheit“, murmelte Erneſt.„Ich kann noch immer nicht glauben, daß dieſer vornehme, wohlwollende Herr mich ſo ſchändlich hintergangen haben ſoll!“ Sein Wohlwollen war berechnet, es ſollte Dich in Sicherheit wiegen“, ſagte Paul.„Weshalb ſchickte er Dich nach Verſailles? Er hoffte mit Zuverſicht, Du werdeſt den Preußen in die Hände fallen, dann warſt Du beſeitigt.“ „Aber wer hat die Gefangene entführt?“ „Parbleu, wenn man in St. Lazare das wüßte, würde man den Betreffenden ſammt der Entflohenen längſt hinter Schloß und Riegel haben.“ Wer⸗ » Aarle hefüngniß ſie hier e aufge⸗ dnnier dumpfer ich war, als ich erkannte ich ihn — 361— „Man hat dort keine Ahnung davon?“ „Nein. Zwar ſagt man, ein Schließer müſſe beſtochen worden ſein, aber das ſind Vermuthungen, die uns keinen Anhaltspunkt 44 1 2 geben. „Und wie denkſt Du darüber?“ „Die Antwort könnteſt Du ſelbſt Dir geben. Der Marquis hat das Mädchen befreit und hält es jetzt an irgend einem ſichern Orte verſteckt. Eine andere Löſung finde ich nicht.“ Erneſt blieb lange in Sinnen verſunken; er konnte und wollte as Alles nicht glauben, und doch konnte er ſich auch wieder der Wahrheit nicht ganz verſchließen, die in den Erklärungen des Freun⸗ des ſich mit überzeugender Klarheit ausprägte. „Ich werde den Marquis prüfen und ihm in die innerſte Tiefe des Herzens blicken“, ſagte er mit mühſam erzwungener Ruhe.„Wehe ihm, wenn er mein Vertrauen mißbraucht und mich ſo ſchmählich getäuſcht hat!“ „Und ich werde Dir beiſtehen“, erwiderte Paul.„Aber vergeſſen wir auch Louiſon nicht.“ „Gewiß nicht, mein Freund, wir wollen treu und feſt beiſammen ſtehen und uns nicht Ruhe noch Raſt gönnen, bis wir Beide befreit haben. O, ich habe jetzt ſo viel zu denken und zu ſorgen, daß ich nicht weiß, wo ich beginnen ſolll Ich habe auch Jenny Mouſſon verſprochen, daß ich ſie nicht vergeſſen wolle, die Laſt, die auf mir ruht, droht mich zu erdrücken. Aber Geduld, alle dieſe Aufgaben ſollen erledigt werden. Zuvörderſt muß ich zum Marquis gehen und ihm die Briefe aus Verſailles bringen, dann nehme ich ihn ins Gebet.“ „Nur vorſichtig“, warnte Paul. „Ich hoffe, mich beherrſchen zu können. Du wirſt mich in der Nähe erwarten, wir gehen dann nach St. Lazare und zu Pierre Bandau, der alte Schuft weiß am Ende doch mehr, als er ſagen will. Du, Jean, bleibſt hier und ruhſt Dich aus, Du findeſt ja ſpäter noch Zeit genug, Studien in Paris zu machen.“ „Nanu, ick werde ſchlafen wie en Dachs“, erwiderte der Gefreite. „Aber wo finde ick Juſtine?“ „Ja, die müſſen wir auch noch ſuchen, vielleicht begegnen wir ihr auf den Boulevards, dann bringen wir Dir ihre Adreſſe mit.“ „Donnerwachsſtock, iſt es ſchon ſo weit mit ihr?“ ——½ „Das will ich damit nicht ſagen“, beruhigte Erneſt den beſtürzten —— —xz — Freund,„aber man findet jetzt ganz Paris auf den Boulevards; es iſt alſo nicht unmöglich, daß Juſtine uns begegnet. Leg' Dich im Nebenzimmer auf's Bett, ich denke, wir kehren eher heim, ehe Du erwachſt.“ Die beiden Arbeiter gingen hinaus, Erneſt trug noch die preußiſche Uniform unter dem Mantel, die er im Hauſe des Marquis gegen eine Blouſe umtauſchen wollte. Nachdem der Gefreite ſich in den beiden Manſarden umgeſchaut und Alles mit großem Intereſſe betrachtet hatte, wollte er eben die Thüre ſchließen, als dieſe geöffnet wurde und Madame Leroi ihr häßliches Geſicht zeigte. Sie richtete die ſtechenden, tückiſchen Augen feſt auf den jungen Mann, der entſetzt einige Schritte zurückgetreten war. „He, he, wieder ein neuer Miether?“ fragte ſie grinſend. „Hol' mir der Deubel, olle Hexe, wat kümmert det Dir!“ rief der Gefreite wüthend, und im nächſten Augenblick warf er die Thüre ſo heftig zu, daß die Wände zitterten. Er ſchob jetzt den innern Riegel vor und ging in die Nebenkammer, um den völlig erſchöpften Körper auszuruhen. Zwanzigſtes Kapitel. Der Pakt mit dem Böſen. Pierre Bandau war nach ſeiner Begegnung mit Erneſt ſehr ver⸗ ſtimmt heimgekehrt. Es fehlte ihm doch manches, ſeitdem Louiſon ihn verlaſſen hatte, manche Bequemlichkeit, an die er gewöhnt war, manches, was er nicht gern entbehrte. Es war ihm doch nicht recht, daß er ihre Stimme nicht mehr hörte, daß ihr fröhliches Lachen ihn nicht mehr erheiterte, und daß er in dem großen, düſtern Hauſe Niemanden hatte, dem er ſeine Sorgen und ſeinen Aerger klagen konnte. Aber weit entfernt, ſich die Schuld beizumeſſen, ſchob er ſie ganz auf Segur, und das half ihm nun auch nichts mehr, denn er hatte durch den Marquis erfahren, daß der Wüſtling in der Seine er⸗ trunken war. iis gegen — 363— Auch dieſer Troſt war ihm verloren, und die ernſten Vorwürfe die der Marquis ihm gemacht hatte, mußten ihn ebenfalls beunruhigen. Er kannte die ſtrengen Grundſätze dieſes Mannes, und der Marquis hatte ihm mit dem Tode gedroht, für den Fall er nicht dafür ſorge, daß Louiſon binnen acht Tagen wieder im elterlichen Hauſe ſei. Ja, wenn er nur gewußt hätte, wo er ſie ſuchen durfte! Er konnte auch nicht mehr glauben, daß einer der beiden Arbeiter von Belle⸗ ville, welche ſie ihre Freunde nannte, ihren Aufenthaltsort kannten, das entſchiedene Auftreten Paul's trat dieſer Vermuthung zu ſchroff entgegen. Er bereitete ſich ſein Frühſtück, was ihm keine große Mühe verurſachte, da es nur aus einem Glaſe Waſſer und einem Stück trockenen Brodes beſtand, und nachdem er dieſes frugale Mahl in ſeiner Schreibſtube verzehrt hatte, holte er ſeine Geſchäftsbücher herbei, um ſich in ſeine Rechnungen zu vertiefen. Was draußen vorging, kümmerte ihn weiter nicht, ihm war es gleichgültig, wie lange die Belagerung dauerte, und wie viele Opfer Hungertod und Seuchen forderten, wenn ihn nur die feindlichen Bomben verſchonten und die Pariſer Kanaille nicht ſein Haus erſtürmte, um zu plündern. Nein, ihm war es ſogar lieb, daß der Hunger ſeine ſchwarzen Fittige über die Stadt ausbreitete, ihm ſelbſt konnte dieſer finſtere Geiſt ja nichts anhaben, im Gegentheil, ihm brachte er nur Gewinn. Seine grauen Augen leuchteten, und ein häßliches Grinſen über⸗ flog ſein pockennarbiges Geſicht, als er den Gewinn berechnete, den er aus den aufgeſpeicherten Lebensmitteln zu ziehen gedachte, Louiſon war für dieſen Augenblick wieder vergeſſen. Der ſchrille Klang ſeiner Hausglocke riß ihn aus ſeiner Beſchäf⸗ tigung empor, er ſchnürte den ſchmutzigen Schlafrock feſter um ſeine Lenden und ſchritt langſam zur Hausthüre. Als er die Klappe öffnete, fiel ſein Blick auf eine alte, abgehärmte Frau und eine junge, elegante Dame, er öffnete ohne Bedenken und ließ die Beiden ein, die ihm in die Schreibſtube folgten. Die alte Frau war ſchüchtern zurückgetreten, und Pierre Bandau wandte ſich deshalb zu der eleganten Dame, welche keine andere als Juſtine war, mit der Frage, was der Zweck ihres Beſuches ſei.. „O, das kann ich Ihnen ſo raſch nicht erklären“, erwiderte Juſtine in ihrer lebhaften Weiſe,„dieſe Frau ſtand bereits vor Ihrer Thüre, als ich ankam, ich werde warten.“ — 364— „Und Sie?“ wandte der Wucherer ſich zu der alten Frau. „Kennen Sie mich nicht mehr?“ lautete die Antwort. Pierre Bandau betrachtete ſie eine Weile forſchend und ſchüttelte das kahle Haupt. „Erinnern Sie ſich nicht mehr des Mannes, der Ihnen vor fünf⸗ zehn Jahren das Leben rettete?“ „Hm, das iſt ſchon lange her“, ſagte der Wucherer gedehnt, indem er mit den ſpitzen Fingern in ſeine Tabakdoſe griff und dabei ſtarr vor ſich hin blickte.„Aber ſo dunkel ſchwebt es mir doch noch vor.“ „Und ich meine, es müſſe Ihnen unvergeßlich ſein“, erwiderte die Frau, deren Wangen ſich höher färbten, während ihre tiefliegenden Augen ſich feſt auf das pockennarbige Geſicht hefteten. „Sie waren in die Seine geſtürzt und rangen ſchon mit dem Tode, mein Mann rettete Ihnen das Leben.“ Pierre Bandau blickte auf, die letzten Worte ſchienen ihn beſtürzt zu haben. „War das Ihr Mann?“ fragte er zweifelnd. „Ah, Sie wollen mich nicht mehr kennen?“ „In der That, Madame, ich kann nicht glauben— „Daß ich jene blühende, heitere Margot ſein ſoll, nicht wahr? Sie beſuchten einige Tage darauf meinen Mann, um ihm zu danken, und was war Ihr Dank?“ „Mein Gott, er wollte ja nichts annehmen!“ „Weil er ein zu edler, zu uneigennütziger Menſch war. Aber Ihre Freundſchaft, die Sie ihm anboten, nahm er an.“ „Er hat nie Gebrauch von ihr gemacht.“ „Wie ruhig Sie das ſagen! Welchen Gebrauch machten Sie von ſeiner Freundſchaft? Sie kamen zu mir, wenn er nicht daheim war, und ich war ein ſchwaches, eitles, thörichtes Weib, ich ließ mich blen⸗ den durch den Glanz des Goldes, welches Sie mir zeigten. Ja, mein Herr, das war Ihr Dank, Sie verführten die Frau des Mannes, der Ihnen das Leben gerettet hatte.“ „Pfui!“ warf Juſtine entrüſtet ein. Der Wucherer ſchleuderte ihr einen tückiſchen Blick zu, aber im nächſten Moment glitt ein ſardoniſches Lächeln über ſeine dünnen Lippen. „Wir waren damals beide noch jung“, ſagte er ſarkaſtiſch,„und wenn eine Fran ſich nicht verführen laſſen will, ſo wird ſie allen 44 Fan. u, aber im ne dünnen Verlockungen widerſtehen. An den Männern liegt es nicht, daß die Unſittlichkeit ſo überhand genommen hat, es liegt an Denen, die für ein Goldſtück Tugend und Unſchuld, Ehre und guten Ruf bereitwillig verkaufen.“ „Können Sie das auch mir vorwerfen?“ fragte die Frau, ſich hoch aufrichtend und den buckligen Schuft mit einem vernichtenden Blick meſſend.„Wollen Sie ſich nicht mehr erinnern, wie ich mit Ihnen gerungen habe? Haben Sie all' die ſüßen Worte ſchon ver⸗ geſſen, mit denen Sie meine Gewiſſensbiſſe zu beſchwichtigen ſuchten? Es gelang Ihnen nicht, mich zur Maitreſſe zu gewinnen, wie Sie es ſo gerne gewollt hätten, ich blieb ſtandhaft, und als meine Bitten nicht mehr fruchteten, da verbot ich Ihnen unſer Haus.“ „Und das war ſehr unklug.“ „Aber ich bewahrte mir den Frieden am häuslichen Heerd, und das war mir werthvoller, als alle Schätze, die Sie mir bieten konn⸗ ten. Mein Mann erfuhr meine Schmach nicht, und ich konnte es nicht über mich gewinnen—“ „He, Madame, ſind Sie nur deshalb gekommen, um mich an jene Zeit zu erinnern?“ rief der Wucherer ärgerlich.„Was ſcheert mich die Vergangenheit, ich habe an andere Dinge zu denken.“ Die Frau ſeufzte tief auf. „Nein, deshalb kam ich nicht“, ſagte ſie,„ich würde Sie nicht daran erinnert haben, wenn Sie mich erkannt hätten. Für mich hat jene Zeit ja auch keine angenehme Erinnerung. Mein Mann iſt vor einem halben Jahre geſtorben, er hinterließ mir nichts, als vier kleine Kinder, er iſt ſtets ein armer Handwerker geblieben, der keine Er⸗ ſparniſſe zurücklegen konnte.“ „Wie es immer geht“, ſpottete der Wucherer.„So lange das Geſchäft noch etwas abwirſt, wird in Saus und Braus gelebt, heute mit Sack und Pack nach Neuilly, morgen nach Bougival, übermorgen in die Champs Elyſées—“ „Schmähen Sie meinen Gatten nicht“, fiel die Frau empört ihm in's Wort,„es war ein braver Mann, dem man nichts Böſes nach⸗ tragen kann. Wenn Sie auch vergeſſen wollen, daß Sie ihm Ihr Leben verdanken, ſo bedenken Sie wenigſtens, daß er unter dem aſen ruht. Ich habe für meine Kinder gearbeitet, und mein Tagelohn reichte hin, uns dir zu ernähren, aber ſeitdem der Krieg ausgebrochen iſt, wurde die Arbeit weniger, und jetzt hat ſie ganz aufgehört.“ — —— „So geht's Tauſenden!“ „Und alle dieſe müſſen nun betteln, wenn ſie nicht verhungern wollen.“— „Bah, die Regierung muß Euch ernähren.“ „So ſagte man, aber man ſieht nichts davon.“ „Geht zu Eurem Maire—“ „Ich war bei ihm, er gab mir einen Schein, nachdem ich ſtun⸗ denlang gewartet hatte. Ich ſolle mir auf dieſen Schein Brod und Fleiſch holen“, ſagte er,„aber als ich hinkam, war für die Armen nichts mehr vorräthig.“ „Hm, dann müßt Ihr warten bis morgen.“ „Warten bis morgen?“ rief ſie im Ton der Verzweiflung.„War⸗ ten und zuſehen, wie meine armen Kinder verhungern? Mein Herr, wiſſen Sie, womit wir uns in den letzten Wochen ernährt haben? Es reichte nicht für Einen hin, aber fünf mußten davon eſſen, nun liegen zwei Kinder auf dem Stroh und jammern über ihren Hunger.“ Pierre Bandau ſchüttelte das kahle Haupt, kein Zug in ſeinem pockennarbigen Geſicht ließ erkennen, daß das Unglück dieſer Frau ihn rührte. „Es kommt Alles auf Gewohnheit an“, ſagte er, und ein leiſer Hohn ſpiegelte ſich in dem heiſern Ton ſeiner Stimme,„der Eine bedarf viel, der Andere kommt mit wenig aus. Ich habe es ſo weit gebracht, daß ich faſt gar nichts eſſe, ein Glas Waſſer und ein Stück Brod genügen mir vollſtändig. Glaubt mir, die Gefahr des Ver⸗ hungerns iſt nicht ſo groß, wie die Leute glauben, wenn man auch mal Leibweh ſpürt, man ſtirbt ſo raſch nicht.“ „Und das ſagen Sie mir?“ fuhr die Frau auf.„Glauben Sie, das könne für mich ein Troſt ſein? Wenn ich Ihnen ſage, daß meine Kinder dem Tode nahe ſind, ſo dürfen Sie es mir glauben, eine Mutter täuſcht ſich darin ſo leicht nicht.“ „Meinetwegen, aber was wollen Sie bei mir?“ „Fürchten Sie, ich werde betteln?“ „Madamo, ich bin ſelbſt ein armer Mann—“ „Ja, ich weiß das“, ſchnitt die Unglückliche ihm mit ſchneidendem Hohn das Wort ab.„Sie ſind ein armer, bedauernswerther Mann, Sie wiſſen nicht, wie viel Segen Sie mit den Schätzen ſtiften könn⸗ ten, die Sie zwecklos aufgehäuft haben, nur, um Ihre unerſättliche Habgier zu befriedigen. Sie ſind ein reicher Mann und dennoch ſo 9 vorß Unger Rrhlnger gern in ſeinem — r„5 Frau ihn an Wüer en der Eine es ſo weit ein Stich arm, daß man Sie bedauern muß. Nein, der Gedanke, Sie um ein Almoſen bitten zu wollen, lag mir fern, ich hegte nicht einmal die Hoffnung, daß die Erinnerung an vergangene Zeit Ihr Herz rühren werde, ich weiß ja, daß Sie ſtatt des Herzens einen Stein in der Bruſt haben.“ Pierre Bandau lachte, es war das beſte Mittel, ſich über die Verlegenheit hinwegzuhelfen. Juſtine beobachtete ihn ſcharf und in ihren Zügen ſpiegelte ſich eine ganze Fülle von Verachtung. „Ich wollte Ihnen nur einen Ring zum Kauf anbieten“, fuhr die Arme fort,„er iſt das Letzte, was ich beſitze, und ich denke, Sie kennen ſeinen Werth beſſer, wie man im Pfandhauſe ihn zu ſchätzen weiß.“ Der Wucherer zuckte die Achſeln, als ob er ſagen wollte, das ſei kein Geſchäft für ihn, denn er wiſſe nichts dabei zu verdienen, aber er warf doch einen Blick auf den Brillantring, der in der Hand der Unglücklichen funkelte. Ueberraſcht trat er näher, er nahm den Ring und ſchritt damit zum Fenſter, wie wenn er ihn prüfen wolle. Dieſen Augenblick benutzte Juſtine, ſie trat raſch und leiſe auf die Frau zu und drückte ihr ein Goldſtück in die Hand. „Still“, flüſterte ſie haſtig,„er darf es nicht erfahren. Wie heißen Sie?“ „Margot Bouhon.“ „Und Ihre Wohnung?“ „Rue Jean Jacques Rouſſeau Nummer 46.“ Juſtine trat zurück, Pierre Bandau ſchien die Prüfung beendet zu haben. „Ich kaufe zwar im Allgemeinen ſolche Sachen nicht“, ſagte er, „man kann ja nicht wiſſen, ob ſie aus ehrlicher Hand kommen—“ „Herr Bandau!“ „Bitte, ich ſage das im Allgemeinen, nicht um Sie zu beleidigen, denn ich ſetze voraus, daß Sie den Ring ehrlich erworben hahen.“ „Sollte es Ihnen ſo ganz unbekannt ſein, von wem ich ihn er⸗ hielt?“ „Es iſt mir gleichgültig, Madame, ich verlange nicht einmal, es zu erfahren. Für mich hat der Ring nur des Steines wegen Werth, in jeder anderen Beziehung iſt er ganz werthlos für mich. Was fordern Sie für ihn.“ — 368— „Taxiren Sie ihn.“ „Om— hundert Francs iſt eine ſehr hohe Summe, Madame, wenn ich mich dennoch entſchlöſſe, ſie für den Ring zu zahlen, ſo brächte ich damit ein Opfer, zu welchem nur beſondere Rückſicht mich bewegen kann.“ „Und mir erklärte ein Juwelier, daß der Ring mit dem drei⸗ fachen Preiſe noch nicht bezahlt ſei“, ſagte Frau Bouhon, die ihre Entrüſtung gewaltſam zu bemeiſtern ſuchte. „Dreihundert Francs?“ fragte der Geizhals kalt.„So gehen Sie doch hin, Madame, und verkaufen Sie ihn dem Manne, der Juwelier ſein will, und nicht einmal einen kleinen. Brillanten ſchätzen kann.“ „Der Mann war ein Deutſcher“, erwiderte die Frau, leicht das Haupt ſchüttelnd,„er hat ſein Geſchäft geſchloſſen und Paris ver⸗ laſſen, kurz nachdem der Krieg ausbrach. Ja, wenn er noch hier wäre, dann hätte ich mich ſofort an ihn gewandt. Aber nun wußte ich keinen andern, dem ich den Ring anbieten konnte, man erzählt auch nicht gerne Jedem ſein Elend.“ „Und da ſollte ich der Nothſtopfen ſein?“ ſpottete Pierre Bandau. „Sie glaubten, von mir eine Summe erpreſſen zu können?“ „Sie ſind ein Elender!“ rief die Frau, der en Entrüſtung auſ's Höchſte geſtiegen war.„Nein, hätte ich nur ahnen können, welcher Empfang mich hier erwartete, dann würde ich Ihre Schwelle nicht überſchritten haben. Aber Sie gaben mir einſt dieſen Ring, Sie verſuchten, mit dieſem Brillanten mich zu blenden, und es gelang Ihnen.“ „Genug“, fiel der Wucherer ihr trocken in's Wort,„ich bin kein Freund von ſentimentalen Redensarten, meine Zeit iſt knapp bemeſſen, und Sie ſehen, die Dame wartet nur darauf, daß Sie uns verlaſſen. Wollen Sie mein Gebot annehmen?“ „Meine Kinder ſterben“, murmelte die Frau,„hundert Francs iſt zwar nicht viel, aber—“ „Sie werden es nicht annehmen“, ſagte Juſtine mit ſcharſer Betonung,„ich zahle Ihnen den vollen Werth, verlaſſen Sie ſich darauf.“ „He, mein Fräulein—“ „Herr Bandau, ich bin unfreiwillig Zeugin dieſes ſchmählichen Handels geweſen, nun halte ich für meine Pflicht, den Abſchluß des⸗ — od dame, jlen, ſo ht mich m drei⸗ ie ihre ndall. — 369— lben zu verhindern. Und ſollte ich wirklich nicht kommen, Madame, woran nur äußere Umſtände mich hindern könnten, dann erhalten Sie an jeder Thüre den Preis, den dieſer Mann Ihnen geboten hat.“ Mit leuchtenden Augen blickte Frau Bouhon zu dem jungen Mädchen auf, auf deren glühenden Antlitz auch der tückiſche Blick des Geizhalſes ruhte. „Alſo Sie wollen ihn kaufen?“ fragte ſie. „Ja, heute oder morgen.“ „Oder auch gar nicht“, warf Bandau höhniſch ein. „8 9, ich vertraue Ihnen“, ſagte die Frau, indem ſie die Hand dcheus erfaßte,„ich leſe in Ihren Augen, daß Sie nicht des Mäd lungen und betrügen können. Leben Sie wohl, Herr Bandau, wenn Sie ſich je einmal dieſer Stünde erinnern, wenn die Bilder ver⸗ gangener Zeiten in einer ſtillen S tunde an Ihrer Seele vorüberziehen, dann finden Sie ſich mit Ihrem Gewiſſen ab, ſo gut Sie es ver⸗ mögen, ich habe 3 Ihnen nichts weiter mehr zu ſagen, als daß ich Sie verachte.“ Der Geizhals blickte ſtarr auf die Thüre, hinter der die Frau verſchwunden war, er fühlte, daß er eine Niederlage erlitten hatte, aber die Niederlage ſelbſt ärgerte ihn nicht ſo ſehr, wie der Um⸗ ſtand, daß die junge, ſchöne und elegante Dame Zeugin derſelben geweſen war. „Sie kennen das Weib nicht“, ſagte er,„Sie wiſſen nicht, wie durchtrieben ſie iſt, und wie oft ſie ſchon mit ihren Betteleien mich geärgert hat.“ „Wie dem auch ſein mag, Ihr Benehmen läßt ſich nicht entſchul⸗ digen“, erwiderte Juſtine ernſt. „Ah, bah, der Ring war nicht mehr werth, das angebliche Gebot des Juweliers war nur eine Lüge, Alles, was das Weib ſagte, war eine einzige Lüge.“ „So beſchimpfen Sie jetzt die, welche Sie einſt—“ „Parbleu, mein Fräulein, wer urtheilen und richten will, muß Beweiſe haben. Aber kommen wir zur Sache, welchem Umſtande verdanke ich die Ehre Ihres Beſuches?“ „Ob er Ihnen zur Ehre gereicht, weiß ich nicht, zudem glaube ich, daß der Zweck verfehlt iſt.“ „Laſſe n Sie hören.“ „Ich komme von Louiſon.“ R. 94 — ——, ——xʒ 1 — —— — 370— Der Wucherer, der langſam auf und niedergeſchritten war, blieb mit weit geöffnetem Munde vor dem Mädchen ſtehen. „Von meiner Tochter?“ fragte er mit fieberhafter Spannung. „Louiſon nannte ſich einmal Ihre Tochter, ob ſie es jetzt noch thut, weiß ich nicht.“ „Was ſoll das heißen?“ „Sie werden es ſo gut wiſſen, wie ich.“ „Ich verſichere Sie, daß Ihre Worte mir ein Räthſel ſind. Louiſon hat, allerdings mit meiner Erlaubniß, mein Haus verlaſſen, aber ſie verſprach mir, binnen einer Stunde heimzukehren, ſeitdem habe ich ſie nicht wiedergeſehen.“ „Und die Gründe ihres Ausbleibens ſollten Ihnen ganz unbe⸗ kannt ſein?“ fragte Juſtine, ohne ihre Verachtung zu verhehlen. „Louiſon weiß ſehr genau, daß Sie bei der Sache betheiligt waren, der elende Burſche, der ihr Gewalt anthun wollte, hat es ſelbſt mit beleidigendem Hohn ihr geſagt.“ Pierre Bandau mußte die Augen niederſchlagen, er konnte den flammenden Blick des tiefentrüſteten Mädchens nicht ertragen. „Sie weiß Alles“, fuhr Juſtine nach einer Pauſe fort,„ſie kennt alle Machinationen, welche Sie ſo ſchlau eingefädelt zu haben glaubten.“ Der Wucherer fuhr mit ſeiner gelben Hand über die Stirne, um den Schweiß abzuwiſchen, der ihm in die buſchigen Brauen lief. „Sie wiſſen alſo, wo Louiſon ſich befindet?“ fragte er. „Natürlich.“ „Weshalb kommt ſie nicht ſelbſt?“ „Vielleicht verlangen Sie auch noch, daß ſie um Verzeihung bitten ſoll?“ „Das wäre natürlich der einzig richtige Weg—“ „Den Louiſon niemals betreten wird“, rief Juſtine empört.„Sagt Ihnen denn Ihr Gewiſſen noch immer nicht, wie ſchwer Sie ſich an Ihrem Kinde vergangen haben? Wahrlich, wenn ich ſo vor Ihnen ſtehen müßte, wie Sie jetzt vor mir, dann ſpränge ich ohne Weiteres in die Seine.“ Der alte Mann zuckte die Achſeln und lächelte höhniſch. „Im Grunde genommen, habe ich mit Ihnen nichts zu ſchaffen“, ſagte er,„Louiſon ſoll ſelbſt kommen, mit ihr werde ich mich raſch verſtändigen.“ „O, daran zweiſle ich nicht, Sie haben ihr ja ſchon bewieſen, daß ———., — 371— Sie ein vortrefflicher Kerkermeiſter ſind, und in dieſem Hauſe ſoll es Kerkerzellen genng geben.“ Der Geizhals ſtampfte zornig mit dem Fuße auf den Boden. „Zum Teufel, was wollen Sie von mir?“ rief er. „Ich will verſuchen, ob man ein vernünftiges Abkommen mi Ihnen treffen kann.“ „In welcher Weiſe?“ „Louiſon wird nie zu Ihnen zurückkehren.“ „Wiſſen Sie das ſo beſtimmt?“ „Ja, mein Herr. Sie kann auch nicht in dem Hauſe bleiben, in dem ſie gegenwärtig ſich befindet, denn dort wie hier drohen ihr dieſelben Gefahren.“ „Ich verſpreche ihr meinen Schutz.“ „Louiſon dankt dafür, ſie hat dieſen Schutz kennen gelernt.“ „Aber was will ſie?“ fragte der Alte ungeduldig.„Sie wird doch nicht verlangen, daß ich ſie um Verzeihung bitten ſoll?“ „Ihnen würde das nichts nützen“, entgegnete Juſtine ruhig,„das frühere Einvernehmen zwiſchen Vater und Kind, ſo gut oder ſchlecht es auch geweſen ſein mag, kann nie wieder hergeſtellt werden. Sie haben Ihr Kind tödtlich beleidigt, Sie haben alle Bande, welche Louiſon an Sie feſſeln, in den Staub getreten, nun der Bruch erfolgt iſt, kann nach dem Vorgefallenen von einer vollſtändigen Ausſöhnung nicht mehr die Rede ſein.“ Pierre Bandau hatte ſein pockennarbiges Geſicht zu einem höh⸗ niſchen Grinſen verzogen. „Alſo in dem Hauſe kann ſie nicht bleiben?“ fragte er.„Da möchte ich doch wiſſen, in welchem Hauſe ſie ſich befindet.“ „Damit Sie von Ihrer väterlichen Gewalt Gebrauch machen können?“ „Bah, ich denke nicht daran.“ „Sie ſind ein ſchlauer Fuchs, mein Herr, aber mich überliſten Sie doch nicht!“ Pierre Bandau lächelte ſarkaſtiſch und griff in ſeie Tabaksdoſe, er warf dem Mädchen einen Blick zu, wie wenn er ſagen wollte, für n ſei dieſe Ueberliſtung nur eine Kleinigkeit. Aber trotz dieſer erheuchelten Ruhe konnte er dennoch nicht ganz verbergen, daß die Lage, in der er ſich befand, ihm außerordenklich unangenehm war. — 372— „Ich verlange durchaus nichts zu wiſſen“, ſagte er trocken,„ich werde Sie nicht zwingen, mir irgend etwas mitzutheilen, was Sie mir freiwillig nicht ſagen wollen. Sie wollten mir ja einen Vor⸗ ſchlag machen, wie Sie vorhin erklärten.“ „Allerdings, mein Herr“, erwiderte Juſtine, der die Ruhe und Gelaſſenheit dieſes Mannes die Galle immer tiefer in's Blut trieb. „Ich ſagte Ihnen ſchon, daß Louiſon nicht zu Ihnen zurückkehren könne, und wenn Sie aufrichtig ſein wollen, ſo müſſen Sie mir darin Recht geben. Auf der andern Seite aber iſt es auch Ihre Pllicht, für Ihr Kind zu ſorgen, und ſo hartherzig Sie auch ſein mögen, dieſer Pflicht können Sie ſich nicht entziehen.“ „Zur Sache, wenn ich bitten darf!“ „Louiſon würde alſo eine beſcheidene Wohnung für ſich miethen, die Sorge dafür übernehme ich, und Sie zahlen Ihrer Tochter mo⸗ natlich eine beſtimmte Summe, welche zur Beſtreitung ihrer Bedürf⸗ niſſe hinreicht.“ Der alte Mann ſchlug in ſchallendes Gelächter auf. „Wie ſchlau!“ rief er.„Wie liſtig erſonnen! Ah, dachten Sie damit den ſchlauen Fuchs zu fangen? Natürlich werden Sie jeden Monat ſich einfinden, um das Geld in Empfang zu nehmen?“ „Ja, mein Herr!“ „Und dann weiß der Teufel allein, in weſſen Taſchen es wandert.“ Juſtine war dem Wucherer näher getreten, feſt und ernſt, faſt drohend ſah ſie ihm in das pockennarbige Geſicht. „Sehe ich aus wie eine Betrüg erin?“ fragte ſie, bebend vor Enträſtung.„Freilich taxiren Sie die Menſchen mit dem Maßſtabe des Mißtrauens, welches Geiz und Habſucht Ihnen einflößt, Sie ſehen in Jedem einen Lump, weil Sie ſelber ein Lump ſind.“ „Mein Fräulein, Sie befinden ſich in meinem Hauſe!“ „Ich weiß das und fürchte Ihren Zorn nicht, wenn Sie mir näher treten wie ich es Ihnen erlaube, ſo gibt es draußen Leute genug, die nur nach einem Vorwand ſuchen, um Ihrem ſchmutzigen Gewerbe für alle Zeiten ein Ende zu machen. Wiſſen Sie, was ich dann thun werde? Ich werde auf den Boulevard's erzählen, was ich hier erlebt habe und hinzufügen, daß Ihre Keller einen reichen Schatz von Lebensmitteln enthalten, mit denen Sie in den Tagen der höchſten Noth Wucher zu treiben gedenken.“ Pierre Bandau wollte wiederum lachen, aber er konnte nur das ——— je mir Leule nutzigen was ich was ich Sta 7 chſten häßliche Geſicht zu einem widerwärtigen Grinſen verzerren, welches mehr Angſt und Aerger, als Spottluſt verrieth. „Sie ſollten mir Dank wiſſen, daß ich zwiſchen Ihnen und Ihrem Kinde zu vermitteln ſuche“, fuhr Juſtine mit gehobener Stimme fort, „der Vorſchlag, den ich Ihnen gemacht habe, zeigt Ihnen den einzigen Weg, auf dem eine Verſöhnung möglich iſt. Wollen Sie dieſe nicht, wohlan, ſo erinnern Sie ſich wenigſtens, daß Sie Pflichten zu erfüllen haben, denen kein Mann von Ehre und Gewiſſen ſich entzieht. Und nun antworten Sie mir.“ Der Wucherer ſchüttelte energiſch das kahle Haupt. „Es iſt nicht an mir, die Verſöhnung zu ſuchen“, ſagte er. „Louiſon hat mein Haus heimlich verlaſſen, an ihr iſt es, freiwillig zurückzukehren. Wenn ſie es thut, ſo verſpreche ich ihr Verzeihung und Schutz, thut ſie es nicht, ſo mag ſie ſehen, wo ſie bleibt.“ „Iſt das Ihr letztes Wort?“ „Ja, mein Fräulein, mein letztes!“ „Dann wäre meine Miſſion zu Ende“, erwiderte Juſtine mit gemeſſener Ruhe.„Ich habe zwar nicht die Zuverſicht gehegt, daß Sie meinen Vorſchlag annehmen würden, aber ich hoffte doch, noch einen Funken von Ehre und Schamgefühl in Ihrem vertrockneten Herzen zu finden. Dieſe Hoffnung hat mich auch getäuſcht, aber die Täuſchung drückt mich nicht nieder. Ich kann arbeiten, und Louiſon kann es auch, wir werden nicht verhungern.“ „So iſt Ihnen ja geholfen“, höhnte der Wucherer.„Wer ar⸗ beiten kann, ſoll nicht um Almoſen betteln.“ „Erbärmlicher Schuft!“ ſagte das Mädchen mit einem flammen⸗ ſprühenden Blick auf das pockennarbige Geſicht.„Sie werden ſich einſt vergeblich nach einer Hand umſehen, die den Todesſchweiß von Ihrer Stirne wiſcht, die Ihnen den letzten Liebesdienſt erweiſt. Sie werden umſonſt nach Ihrem Kinde rufen, der Fluch, der auf Ihrem Haupte ruht, muß ſich erfüllen. Die Geiſter derer, welche Sie in's Elend geſtürzt haben, werden Sie in der Todesſtunde um⸗ ſchweben, und die Geſellen der Hölle werden vor Ihrem harten Lager den Reigen tanzen—“ „Hinaus!“ donnerte der Geizhals entſetzt. „Ich gehe, ſobald es mir beliebt!“ rief Juſtine, deren Haltung immer feſter und drohender wurde.„Sie werden dieſer Stunde ge⸗ denken und bitter bereuen, daß Sie auf meinen Vorſchlag nicht ein⸗ — 374— gingen, dann aber kommt die Reue zu ſpät. Und wenn einſt die Poſaunen des jüngſten Gerichts die Todten erwecken, dann wird eine Donnerſtimme von Oben Ihnen zurufen:„Du biſt verflucht!“ Wie verſteinert ſtand der alte Mann hinter ſeinem Schreibpulte, er wollte ſchreien, aber es war ihm nicht möglich, einen Laut über die Lippen zu bringen, er wollte ſich auf das Mädchen ſtürzen, wel⸗ ches jetzt langſam der Thüre zuſchritt, aber die Glieder verſagten ihm den Dienſt. „Du biſt verflucht!“ hallte es noch in ſeinen Ohren, als Juſtine 1 das Haus verlaſſen hatte, und ſo ſehr er ſich auch gegen die Wucht dieſer Worte zu wappnen ſuchte, er konnte ſich ihrer Wirkung doch nicht ganz verſchließen. Indeß, dieſer Zuſtand der Betäubung währte nur einige Minuten, als der Geizhals ſeine Faſſung wiedergefunden hatte, erſcholl ein heiferes Lachen aus ſeinem Munde. Louiſon lebte, ſie war in Sicherheit,— was wollte er weiter wiſſen? Er brauchte ſich alſo keine Vorwürfe zu machen, er konnte jetzt in aller Ruhe abwarten, ob ſie zu ihm zurückkehren wollte oder nicht. Wenn ſie eigenſinnig war, ſo mochte ſie zuſehen, wie ſie ſich vor Noth und Sorgen ſchützte, überdies lag ja auch die Möglichkeit nahe, daß dieſe vermeintliche Freundin nichts weiter als eine Betrügerin war. Damit ſuchte der Schurke ſein mahnendes Gewiſſen zu beſchwich⸗ tigen, und als ihm das doch nicht ſo ganz gelingen wollte, vertiefte er ſich wieder in ſeine Arbeit, um die ganze Geſchichte zu vergeſſen. Er hatte die Arbeit kaum wieder aufgenommen, als abermals der ſchrille Klang der Glocke ihn ſtörte. Diesmal prallte er erſchreckt zurück, als er durch die geöffnete Klappe Herrn von Segur erblickte, der in eleganter Toilette vor der Hausthüre ſtand. Er glaubte ein Geſpenſt zu ſehen, aber nach kurzem Zögern ent⸗ ſchloß er ſich doch, den Wüſtling einzulaſſen. „He, mein Herr, ſind Sie denn nicht in der Seine ertrunken?“ fragte er noch immer verwirrt, als der ſaubere Burſche im Bureau ihm gegenüber ſtand. „Welche Frage?“ ſpottete Segur. 8„Aber der Marquis ſagte mir doch—“ „Der Marquis iſt ſehr gütig. Wenn er Zeuge des Vorfalls en, wel⸗ ten ihm uſti Juſtine Mucht Duhe ing doch „ 5 Ninuten, poll ein weiter ate jetzt er nicht. ſich vor it nahe, rin war. ſſchwich⸗ vertiefte — 375— war, ſo hätte er als guter Freund mir beiſpringen ſollen! Nicht ein⸗ mal ein Boot wurde zu meiner Rettung ausgeſchickt, wär' ich nicht ein ſo vortrefflicher Meiſter im Schwimmen, ſo läge ich jetzt in der Morgue, und ich glaube, in ſolchem Falle würde Niemand meine Leiche reclamiren. „Ja, ja, das kommt davon—“ „Alter Sünder, ſind Sie weniger ſchuldig, als ich? Wenn der Proletarier wüßte, welchen Antheil Sie an der Geſchichte haben, würde er ſich nicht bedenken, ſeine Wuth auch an Ihnen auszulaſſen.“ „Mein Gott, Sie zwangen mich dazu—“ „Laſſen wir das“, ſagte Segur abwehrend,„es iſt unerquicklich, über ſolche Angelegenheiten zu ſtreiten. Wiſſen Sie, wo Louiſon ſich gegenwärtig befindet?“ „Nein“, entgegnete der Wucherer barſch. „Hm, was würden Sie thun, wenn das Mädchen in Ihr Haus zurückkehrte?“ „Nichts, mein Herr!“ „Sehr wohl, Sie würden mir alſo geſtatten, den begangenen Fehler wieder gut zu machen?“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich bin unvorſichtig geweſen, das gebe ich zu, aber ich würde zum zweiten Male mich beſſer vorſehen, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß alsdann—“ „Ich mag davon nichts wiſſen“, fiel Pierre Bandau ihm in die Rede. „Was Louiſon thun will, iſt mir vollſtändig gleichgültig geworden.“ „Nun denn, ich werde Sie auch durchaus nicht beläſtigen, ich ordne allein die Angelegenheit und laſſe Sie dabei ganz aus dem Spiele. Sehen Sie denn nicht ein, daß wir uns an dem frechen Burſchen rächen müſſen? Wollen Sie ihm Ihre ſchöne Tochter in die Arme werfen? Zum Teufel, Vater Bandau, ich halte Sie für klüger, als daß ich das glauben könnte!“ Der Geizhals hatte die Hände auf den Rücken gelegt und ſchritt langſam auf und nieder. „Wie ſteht es draußen?“ fragte er, indem er ſich den Anſchein gab, als habe er die Worte des Wüſtlings gar nicht vernommen. Segur, der inzwiſchen eine Cigarre angezündet hatte, machte eine Bewegung der Ungeduld. „Ich kümmere micch nicht viel darum“, antwortete er,„man ſpricht — 376— von einem Ausfall, der heute oder morgen ſtattſinden ſoll, man fürchtet eine Revolution der Kanaille, man klagt über Mangel an Lebensmitteln und über die hohen Preiſe, man ſucht an allen Ecken Spione, ſchlägt friedliche Bürger nieder, wirft hier und da einen ehemaligen Polizeibeamten in die Seine und dringt in die verlaſſenen Wohnungen der ausgewieſenen Deutſchen ein, um zu plündern und zu zerſtören. Der Pöbel will ſich amüſiren, man muß ihm das Ver gnügen erlauben. Wir Andern leiden natürlich darunter, aber die Ka naille hat einmal die Herrſchaft—“ „Nehmen Sie ſich in Acht, daß der Marquis dieſe Worte nicht hört“, warnte Bandau,„er ſteht auf der Seite der Arbeiter.“ er Wüſtling blickte ſich ſcheu um, als fürchte er, der Marquis könne hinter ihm ſtehen, dann blies er mit einer Miene der Ver⸗ achtung dem alten Manne eine dichte Rauchwolke in das pockennarbige Geſicht. „Der Marquis iſt ein Komödiant“, ſagte er,„er möchte gerne eine große Rolle ſpielen, gar an der Spitze Frankreichs als Dietator ſtehen, aber das wird ihm ſchwerlich gelingen. Sein Schönthun mit dem Proletariat hat etwas Lächerliches, und das Geheimnißvolle, mit dem er ſeine Perſon umgibt, iſt nichts weiter, als der Flitterſtaat eines Schauſpielers. Aber kommen wir auf unſer Thema zurück.“ „Laſſen Sie mich damit in Ruhe.“ „Ich weiß, wo Louiſon ſich befindet.”“ „Sie wiſſen es?“ fragte der Geizhals überraſcht.„Seltſam, die ganze Stadt weiß es, nur ich nicht.“ „He, wer weiß es außer mir? „Eine junge Dame, die vorhin hier war und zwiſchen mir und Louiſon vermitteln wollte.“ „Vielleicht eine Betrügerin“, ſagte Segur achſelzuckend, aber das ſeltſame Leuchten ſeiner Augen verrieth, daß er mit fieberhafter Span⸗ nung weitere Enthüllungen erwartete. „Nein, mein Herr“, erwiderte Bandau,„was ſie mir geſagt hat, konnte nur Louiſon ihr berichtet haben, ſie kannte den ganzen Handel, den wir beide abgeſchloſſen hatten.“ „Nun? Und was haben Sie gethan?“ „Nichts!“¹ Ah, Sie wollen keine Verſöhnung?“ 5 „In dieſer Weiſe nicht“, ſagte der Wucherer heftig.„Wie, ich D 82 zandel, ſoll ihr eine Wyörenaa miethen und ihr eine jährliche Rente zahlen, damit ſie die große Dame ſpielen kann?“ Herr von Segur athmete auf und lachte. „Laſſen Sie Andere dafür ſorgen“, entgegnete er,„ſie kann weiß Gott nicht verlangen, daß ihr Vater ihr die Mittel dazu geben ſoll! Was Sie beſitzen, haben Sie durch mühſame Arbeit ſich erworben, und Louiſon iſt alt genug, ſelbſt für ihren Unterhalt zu ſorgen.“ „So iſt es, mein Herr“, nickte der Alte, über dieſe Worte be⸗ friedigt.„Sie kann arbeiten, mag ſie es thun!“ „Natürlich. Indeß darf man nicht außer Acht laſſen, daß Louiſon in die Arme ihres Proletariers flüchten wird, wenn ſie keine Arbeit findet, und Sie wiſſen ſelbſt, daß gegenwärtig alle Hände mit wenig Ausnahmen in Paris feiern. Was wird die Folge ſein? Der freche Burſche dringt eines Tages an der Spitze ſeiner Kameraden in Ihr Haus ein und zwingt Sie unter Todesdrohungen, ihm einen Th heil Ihrer Erſparniſſe herauszugeben. Der Kerl hat ja ohnedies noch din. Kin hehhe mit Ihnen, mit uns Allen zu pflücken. Sie waren iſitzer des Gerichts, welches ihn zum Tode verurtheilte, Sie waren ſein Kerkermeiſter, und Ihnen verdankt er ſeine Rettung vom Hun⸗ gertode nicht. Sehen Sie, das ſind auch die Folgen der Komödie des Geheimbundes! Außerdem wird Louiſon ihm nicht verſchweigen, welchen Antheil Sie an dieſem Handel gehabt haben, und das Alles zuſammen muß die Wuth des rohen Burſchen entflammen.“ Von dieſer Seite hatte Pierre Bandau die Angelegenheit freilich noch nicht betrachtet, an dieſe Gefahr hatte er nicht gedacht. Sie ſtieg gleich einem drohenden Geſpenſt vor ihm auf und ſeine Angſt zeigte ihm ſchon den wüthenden Pöbel, wie er in das Haus eindrang, um zu morden und zu plündern. Entſetzen ſpiegelte ſich in ſeinen Zügen, immer klarer ward ihm die Möglichkeit dieſer drohenden Gefahr, und in ſeiner Verwirrung bemerkte er nicht einmal das boshaft triumphirende Lächeln, welches die blauen Lippen des Wüſtlings umſpielte. „Was kann ich dagegen thun?“ fragte er. „Vorbengen“, erwiderte Segur lakoniſch. „Durch welche Mittel?“ „Louiſon muß in Ihre Gewalt zurückgelockt werden.“ „Sie will nicht—“ „Ah, bah, die Sache iſt nach meiner Anſicht ſehr leicht und einfach.“ — 378— „Ich könnte den Polizeipräfekten—“ „Verzeihen Sie, dieſer Weg würde nicht zum Ziele führen.— Erſtens hat der Polizeipräfekt alle Hände voll, daß er ſich um Privat⸗ angelegenheiten nicht kümmern kann, und zweitens könnte ich auch die Wohnung Louiſon's nicht einmal mit Sicherheit angeben.“ „Aber Sie ſagten doch vorhin—“ „Ich muß meine Erklärung dahin ergänzen, daß eine alte Frau, welche ich mit den nöthigen Nachforſchungen beauftragte, mir berichtet hat, ſie habe das Mädchen gefunden. Sie iſt bereit, jeden Auftrag auszuführen, aber den Aufenthaltsort Louiſon's will ſie einſtweilen nicht verrathen, weil ſie fürchtet, alsdann um ihren Lohn betrogen zu werden. Was dieſen Lohn betrifft, ſo übernehme ich es, ihn zu zahlen, ich rechne dafür darauf, daß Sie ſpäter ein Auge zudrücken und nicht Alles bemerken werden, was in Ihrem Hauſe vorgeht.“ „Darüber läßt ſich ja ſpäter ſprechen“, ſagte der Alte ungeduldig. „Alſo, was ſoll jetzt geſchehen?“ „Sie ſchreiben einige Zeilen an Louiſon.“ „He, verlangen auch Sie, daß ich um Verzeihung betteln ſoll?“ „Bewahre, dadurch würden Sie Ihrer Würde zu viel vergeben! Schreiben Sie ihr mit zitternder Hand, Sie ſeien krank und fühlen ſich dem Tode nahe; Niemand kümmere ſich um Sie, allein, hülflos und verlaſſen lägen Sie auf dem Schmerzenslager, keine Hand reiche Ihnen einen Labetrunk, kein tröſtendes Wort lindere Ihre Schmerzen. Drücken Sie die Sehnſucht nach Ihrem Kinde aus, ſchreiben Sie, es ſei Ihr einziger und letzter Wunſch, ſich mit Louiſon auszuſöhnen und ſie vor Ihrem Ende zu ſegnen.“ Die grauen Augen des Wucherers leuchteten ſeltſam, ein tückiſcher Zug umzuckte ſeine Mundwinkel, während er leiſe kichernd die welken Hände rieb. „Vortrefflich!“ ſagte er.„Herr von Segur, Sie ſind ein aus⸗ gezeichneter Intriguantl“ „Schreiben Sie den Brief.“ „Aber wird Louiſon ihm Glauben ſchenken?“ „Ueberlaſſen wir es der alten Frau, die etwa aufſteigenden Zweifel zu beſeitigen, ſie iſt in ſolchen Dingen erfahren.“ Pierre Bandau hatte ſchon die Feder ergriffen, im nächſten Augen⸗ blick begann er mit der Ausführung des Bubenſtreichs, der ſeinen ganzen Beifall fand. — 379— Wenn er geahnt hätte, zu welchem Zwecke dieſer Brief benutzt werden ſollte! Herr von Segur ſaß ihm gegenüber und blickte anſcheinend gleich⸗ gültig den Rauchwölkchen nach, die zu der ſchmutzigen Zimmerdecke aufſtiegen, nur dann und wann ſtreifte ſein lauernder Blick verſtohlen den alten Mann, der emſig ſchxieb und dabei unausgeſetzt vor ſich hinkicherte. Endlich war das Schriftſtück fertig, der Wucherer reichte es ſeinem Genoſſen, der es aufmerkſam las. „Sehr gut!“ ſagte Segur.„Parbleu, Sie hätten es nicht beſſer machen können.“ „Und Sie glauben an den Erfolg?“ „Mit Zuverſicht, alter Freund. So, nun ſiegeln und adreſſiren Sie den Brief an Ihre Tochter.“ Auch das war bald geſchehen, der Wüſtling legte den Brief in ſein Portefeuille und zog ſeine eleganten Handſchuhe an. „Ich werde mich beeilen, das Schreiben an ſeine Adreſſe zu be⸗ fördern“, ſagte er,„aber ich kann nicht verſprechen, ob das ſchon in der nächſten Stunde geſchehen wird. Jedenfalls bringe ich Ihnen heute Abend Nachricht.“ Der Geizhals nickte zuſtimmend. „Kommen Sie, wenn Sie wollen“, erwiderte er,„bis Mitternacht bin ich zu Hauſe, und da der Bund heute keine Sitzung hat, werden wir ungeſtört ſein.“ „Deſto beſſer. Auf Wiederſehen alſo!“ Herr von Segur verließ das Haus und ſchritt, ohne ſich um⸗ zublicken, eilig über den Pont Neuf, der, wie die angrenzenden Stra⸗ ßen, auch heute ſehr belebt war. Nichts konnte ihn heute aufhalten; wo die gaffende Menge ihm den Weg verſperrte, bahnte er ſich gewaltſam einen Weg durch das Gedränge, und ſelbſt das intereſſante Schauſpiel einer Spionenhetze vermochte diesmal nicht ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Er hörte nur, daß der Bedrohte, nachdem der Pöbel ihn geſchlagen und mißhandelt hatte, in Todesangſt rief, er ſei Elſäſſer und ſpreche deshalb ſo ſchlechtes Franzöſiſch, er vernahm noch, wie die Kanaille den Mann hochleben ließ, den ſie im vorhergehenden Augenblick in die Seine werfen wollte, dann lag der Schauplatz dieſes Wahnſinns ſchon hinter ihm. —,—— Erſt in der Nue bleue, vor der Schenke des Vaters Tabaret, machte er Halt, und ohne ſich lange zu beſinnen, trat der elegante Herr in das ſchmutzige Haus, aus dem ein wahrer Peſtduſt ihm ent gegenwehte. Vater Tabaret ſtand in der Thür, er ſchien den ſeltenen Gaſt erwartet zu haben, denn ohne lange zu fragen, führte er ihn in das⸗ ſelbe Zimmer, in welchem die Damen Leroi und Gourdin damals ihre ſauberen Pläne berathen hatten. Heute ſaß die Wahrſagerin allein in dieſem Gemach, ſie lächelte ſpöttiſch, als Herr von Segur mit unverhohlenem Widerwillen den unſauberen Naum betrachtete. Varlene Madame, dieſer Ort gefällt mir nicht“, ſagte der Wüſt ling, die Naſe rümpfend,„es wäre mir lieber geweſen, wenn die Zu⸗ ſammenkunft in Ihrer Wohnung ſtattgefunden hätte.“ „Ja, wenn man Alles haben könnte, wie man es gerne haben möchte!“ ſpottete Madame Leroi.„In meiner Wohnung wären Sie den Freunden Louiſon's in die Hände gelaufen. Der andere Burſche iſt heute Morgen auch wieder heimgekommen, er hat einen Freund mitgebracht, ihrer ſind jetzt drei. Haben Sie Luſt, die Wucht ihrer Fäuſte zu erproben?“ „Hol' ſie alleſammt der Teufel!“ knirſchte Segur wüthend. „Na, wer weiß, was noch geſchieht! Nur immer Eile mit Weile. Was haben Sie ausgerichtet?“. „Hier iſt der Brief.“ Das alte Weib ergriff haſtig das Schreiben, welches Segur auf den Tiſch geworfen hatte, ſie erbrach behutſam das Siegel und las. „Sieh' da, wie rührend der alte Schuft werden kann“, höhnte ſie. „Das hätte ich dieſer eingetrockneten Seele nicht zugetraut!“ „Ich hoffe, dieſer Brief wird genügen.“ „Natürlich, wir haben ja die Handſchrift, das Siegel und die Unterſchrift.“ „Und wann kann das Dokument fertig ſein?“ 2„Uebermorgen.“ „Das wäre zu ſpät“, ſagte der Wüſtling,„ich muß es heute noch erhalten, die ganze Geſchichte muß heute Abend geordnet werden.“ Madame Leroi blickte befremdet auf. „Aus welchen Gründen?“ fragte ſie.„Was man übereilt, geräth ſelten gut.“ . ² — 381— „Aber hier thut Eile Noth. Vor mir war eine junge Dame bei dem Geizhals, ſie wollte vermitteln zwiſchen Louiſon und ihm, Louiſon muß ſie geſchickt haben.“ „Hm— ſollte Juſtine ſchon ſo weit gegangen ſein?“ brummte die Wahrſagerin beſtürzt. Dieſes Geſchöpf wird Alles verderben.“ Bandau hat ihre Forderung abgelehnt, und es läßt ſich denken, daß das nicht in der höflichſten Weiſe geſchehen iſt. Was nun ge⸗ ſchehen kann, liegt auf der Hand. Louiſon eilt zu ihren Freunden—“ „Sie wird ſcharf bewacht.“ „Nun, dann übernimmt ihre Freundin das auch und der Sturm bricht mit einem Male los.“ Madame Leroi blickte ſinnend vor ſich hin. „Es iſt wahr“, ſagte ſie,„unter dieſen Verhältniſſen thut Eile Noth. Aber ſo ſchlimm wie es ſcheint iſt die Sache doch nicht, mein Herr—“ „Glauben Sie meinen Worten, von der Energie Louiſon's läßt ſich Alles erwarten und befürchten. Und ſind die Burſchen erſt unter⸗ richtet, dann haben wir das Ziel vollſtändig verloren. Sie werden das Mädchen befreien und die Geldſchränke des Wucherers leeren, der ganze Handel kommt an den Tag und wir haben die fürchterlichſte Rache zu erwarten. Sie müſſen es möglich machen, mir das Teſta ment heute Abend zu verſchaffen, ich habe dem Alten meinen Beſuch bereits angekündigt, er ſchenkt mir heute noch das größte Vertrauen, morgen könnte er ſchon Argwohn hegen, wenn er ſich in den Hoff⸗ nungen getäuſcht ſieht, die er auf dieſen Brief geſetzt hat.“ „8„Heute Abend“, wiederholte die Wabrſahürit„Der Mann wird ein höheres Honorar beanſpruchen— „Was will das bedeuten gegenüber dem großen Vortheil, den die raſche Erledigung uns bietet? Muß ich denn nicht das Schwerſte über⸗ „Ah, bah, der Schuft wird ſchlafen wie eine Ratte“, ſpottete da Weib, nund ſein ſpindeldürrer Leib iſt ſo leicht wie eine Feder!“ Jawohl, aber was nachher folgt!“ -41 a O „Liebe und Reichthum— „Und die Qualen eines böſen Gewiſſens.“ „Als ob Sie überhaupt ein Gewiſſen hätten! Gewiſſen leeres Wort, mit dem man die Sterbenden ängſtigt und die Feit verzagt macht. He, hat nicht Napoleon Tauſende niedermetzeln und —y—— —— — — — 382— in Cayenne langſam hinſiechen laſſen, um ſich der Kaiſerkrone bemäch⸗ tigen zu können? Und werden nicht in dieſem Kriege abermals Tau⸗ ſende gemordet, die mit ihrem Leben den Meineid dieſes Mannes bezahlen müſſen? Glauben Sie, mein Herr, daß alle dieſe Morde auch nur ein einziges Haar auf dem Haupte Napoleons bleichen werden?“ „Ich werde meine Aufgabe löſen“, ſagte Herr von Segur, wäh⸗ rend das Weib ihr Glas austrank,„aber ich verlange auch, daß Ihr Euer Verſprechen in allen Punkten haltet,“ „„Das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Louiſon muß heute Abend mein ſein.“ „Sobald Sie mit Allem fertig ſind.“ „Um Mitternacht bringe ich Ihnen die Nachricht, daß der Wu⸗ cherer baumelt.“ „Wohlan, ſei es denn heute Abend“, erwiderte das Weib ent⸗ ſchloſſen,„ich ſehe auch ein, daß wir nicht länger zögern dürfen, die Freundin Louiſon's könnte unſern Plan durchkreuzen.“ „Gut, wann ſoll ich kommen?“ „Um acht Uhr bin ich hier.“ „Parbleu, hier gefällt es mir nicht—“ „Thut mir leid, aber ich weiß keinen beſſern Ort unſerer Juſam⸗ menkunſt. Ich werde Ihnen das Teſtament und eine Flaſche Wein übergeben.“ „Und ich gehe, um die Geſchichte zu ordnen. Wohin ſoll ich das Dokument legen?“ „Auf das Pult, ſo daß es ſofort in die Augen fällt. Man wird dann um ſo weniger daran zweifeln, daß der Alte ſelbft ſich ent⸗ leibt hat.“ „Ganz recht. Und wenn ich fertig bin, wo finde ich Euch?“ „Wieder hier.“ „Aber Louiſon—“ „Wir gehen alsdann zu ihr.“ „Da wäre es doch beſſer, wenn ich unverzüglich in das Haus gehen könnte, in welchem ſie weilt. Wozu der Umweg?“ „Mein Herr, wenn Sie meinen Anordnungen ſich nicht fügen wollen, ſo iſt es beſſer, wir ſehen von Allem ab“, ſagte das Weib ärgerlich.„Ich treffe keine Maßregeln umiſonſt, wir können nicht eher zu Louiſon gehen, bis ich mit Sicherheit weiß, daß ſie ſchläſt. Leuchtet — 1 — 383— Ihnen denn das nicht ein? Man wird mir hierher Nachricht bringen, dann wiſſen wir, woran wir ſind.“ „Nun denn, ich füge mich“, erwiderte der Wüſtling,„was aber wird morgen geſchehen?“ „Einſtweilen laſſen wir die Dinge gehen, wie ſie wollen. Louiſon wird vielleicht Lärm machen, aber was nutzt ihr das? Sie wird feſt⸗ gehalten und wenn ihre Freundin uns unbequem wird, ſo hat man ja Mittel genug, ſie unſchädlich zu machen.“ „Das iſt dann Ihre Sorge!“ „Allerdings. Wir werden Louiſon binnen einigen Tagen ſo zahm machen, daß ſie ohne Widerrede den kleinen Roman mit Ihnen fort⸗ ſetzen wird, iſt die Sache ſo weit gediehen, dann müſſen Sie die Sorge für den Unterhalt des Mädchens übernehmen.“ Mit Vergnügen. Aber in Bezug auf das Teſtament iſt mir der weitere Verlauf noch nicht ganz klar.“ „Sie gehen morgen im Laufe des Tages hin, um Ihren alten Freund zu beſuchen. Sie finden die Thüre verſchloſſen und ſchöpfen einen unbeſtimmten Verdacht, den Sie einigen Nachbarn Bandau's mittheilen. Man holt einen Schloſſer und öffnet, man findet die Leiche und das Teſtament, Sie beklagen den Tod Ihres beſten Freun⸗ des, und die Geſchichte iſt abgemacht. Vielleicht wird die Leiche nicht einmal gerichtlich unterſucht, ſollte dies dennoch geſchehen, ſo könnten Sie das Reſultat mit Ruhe erwarten. In ſolchen unruhigen Zeiten hat das Geſetz keine Geltung und nach dem Frieden, wenn Ruhe und Ordnung zurückkehren, kann man Ihnen nichts mehr anhaben.“ „Ich werde dann wohl Paris verlaſſen“, warf Segur nachdenklich ein. Am Ende iſt es beſſer, wenn man einer Unterſuchung aus dem Wege geht.“ „Wie Sie wollen. Aber ſobald Sie in den Beſitz der Erbſchaft getreten ſind, werden Sie mir die Hälfte zahlen.“ Der Wüſtling zog die Brauen zuſammen. Feſt und durchdrin⸗ gend ruhten die ſtechenden Augen des Weibes auf ihm. „Sie ſinnen über Betrug“, ſagte ſie ſcharf,.„aber ich fürchte ihn nicht. Wenn Sie mich betrügen wollten, wären Sie verloren. Denken Sie nicht, ich als Mitſchuldige könne Ihnen nichts anhaben, in Allem, was ich für mich oder Andere unternehme, halte ich mir ſtets eine Hinterpforte offen, durch welche ich im Nothfall entſchlüpfen kann. Ich glaube, Sie zweifeln daran nicht, mein Herr, alſo martern Sie — —— —— — — — 384— Ihren Kopf nicht mit unnützen Gedanken. Heute Abend um acht Uhr iſt Alles bereit.“ Sie nickte. Herr von Segur näherte ſich zögernd der Thüre. Sie warnen mich vor Betrug“, nahm er noch einmal das Wort, ,i warne auch Sie, M Madame. Wort gegen Wort, i erichn gegen Verſprechen! Wenn Sie wortör zig werden, weiß ich Sie zu finden, dann fürchten Sie meine Rache.“ Er ging hinaus; Madame Leroi blickte ihm höhniſch nach, trank ihr Glas aus und erhob ſich. „Narr!“ murmelte ſie.„Betrogen wirſt Du doch, ohne daß Du es ahnſt.“ Dann verließ auch ſie die Schenke. Einundzwanzigſtes Kapitel. Ich habe Oich lieb, Du Süße. Mit hochklopfendem Herzen ſtand Erneſt vor dem Palais des Maranis, und gleich finſteren Dämonen umrauſchten ihn noch im mer die Worte des Freundes, welche die böſe Saat des Mißtrauens in ſein Herz geſäet hatten. Er wollte ſelbſt prüfen, aber dann dachte er auch wiederum an die ernſte, unnahbare Haltung und an den kalten, ſtrengen Blick des Edelmannes, und die Hoffnung, daß er ſeinen Zweck erreichen werde, entſank ihm. Er zog die Glocke, der Portier ließ ihn ein, und wie damals führte ein reich betreßter Lakai ihn in das Kabinet des Marquis nachdem er zuvor ihn angemeldet hatte. Der Edelmann ging ihm mit allen Zeichen freudiger Ueberraſchun entgegen. „Ich hatte auf Ihre Rückkehr nicht mehr gerechnet“, ſagte er „als ich geſtern erfuhr, daß Sie nicht heimgekommen feien. Sie werden mir gewiß viel Intereſſantes zu berichten haben.“ Er zeigte auf einen Seſſel, Erneſt nahm Platz und blickte den Marquis forſchend an. War es denn möglich, daß dieſes offene, liebenswürdige Geſ ihn betrügen konnte? Durfte er wirklich den Verdächtigungen Pa Kauben ſchenken, wenn er in dieſe treuherzigen Augen ſah?. Ende des exſten Baudes — danes ontrol Chart vellow Hed Magenta