1½ 8 — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöf ſiſcher Literatur Edujard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Büeher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr Lesepr eis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von j edem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ven angenommen. .Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eins Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher:: 4 Bücher: 6 Bücher: — ꝗ⁰-— auf 4 Monat: 1 M— 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 3 2„—„ 4„— 55 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der ächee auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene“, verlorene und deftrte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil hües größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. T 11 554 911 BUCH-NR. 11.554.911 E7 DEr 97% 30 R11 36 500,000 Thaler oder: Handwerker, Arbeiter und Jabrikant. ;ò́Ö Ein Lebensbild aus der Gegenwart von Ernſt Kaiſer. 4 — oee ₰ Oberhauſen. 4 Verlagshandlung von Ad. Spaarmann. 3 2 4 2 5—— ſſ————— 2., e Sr, R Nachdruck und Ueberſetzungsrecht in fremde Sprachen behält ſich die Verlagshandlung vor Erſtes Kapitel. Auf den Barrikaden. „Bürger heraus!— Auf die Barrikaden! Es muß Blut fließen!—— Herrrrraus!“ Es war ein kleiner, unterſetzter, rothbärtiger Mann, der an einem Septembertage des Jahres 1848 in verſchiedenen Stxaßen der heiligen Stadt Köln dieſe Worte rief. Trotzdem es noch ſehr früh am Tage war, rottete das Volk in den Straßen, welche jener Mann durchwanderte, ſich raſch zu⸗ ſammen; man ſah Gevatter Schuſter und Schneider mit allen er⸗ denklichen und undenkbaren Mordwaffen herbeietlen, um die in der vergangenen Nacht aufgerichteten und dann wieder verlaſſenen Bar⸗ rikaden zu vertheidigen. Eine dieſer Barrikaden befand ſich auf dem Hof in der Nähe des Domes, und die blutrothe Fahne, die auf ihrer Spitze wehte, ſchien anzudeuten, daß ſie bis auf den letzten Mann und den letz⸗ ten Blutstropfen vertheidigt werden ſollte⸗ 18 „Bürger heraus!— Es muß Blut fließen!“ ſchrie der roth⸗ bärtige Demokrat, während er auf der Spitze der Barrikade mit nerviger Fauſt die rothe Fahne ſchwang. 2* 3 —DSann ſtieg er wieder hinunter, um in eine Seitenſtraße ein⸗ zubiegen und auch dort durch ſein Geſchrei die Bürger auf die nahende Gefahr aufmerkſam zu machen. In weiter Ferne hörte man ſchon das Wirbeln der⸗Trommeln und einzelne Flintenſchüſſe. 3 „Bürger heraus!— auf die Barrifeden!“ 5 Die Geſellen des Schloſſermeiſters Peter Braun ließen bei dieſem Rufe Hammer und Feile feiern. Die Werkſtätte lag ſicht an der Straße, einer der beiden Ge⸗ ſellen öffnete raſch das Fenſter. 3 Der rothbärtige Domokrat blieb ſtehen. Fünfmal hunderttauſend Thaler.* — —m. 4 1* „Heraus, Meiſter Braun!“ rief er mit ſeiner tiefen Baß⸗ ſtimme.„Heraus mit Euren Geſellen! Rüſtige Hände thun Noth, wir müſſen die Freiheit retten!“* „Scheert Euch zum Teufel!“ ſchrie der Schloſſermeiſter.„Ich mag von dem Demokratengeſindel nichts wiſſen!“ „Ohol“ fuhr der Rothbart auf, während er mit einem Blick der Verachtung die kleine, gedrungene Geſtalt des Meiſters von dem mit feuerrothen Borſten bewachſenen Schädel bis zu den Fuß⸗ ſohlen maß.„Hütet Euch, Mann Gottes, wer nicht mit uns iſt, iſt wider uns, und für ſolche werden ſich Laternenpfähle genug finden!“ Meiſter Braun ergriff den wuchtigen Hammer, der vor ihm auf dem Werktiſche lag, er ſchien ihn dem Verwegenen an den Kopf werfen zu wollen. „Mich wundert nur, daß Otto Schenk noch immer Euer Ge⸗ ſelle iſt,“ fuhr der Rothbart fort, während er einem der beiden Geſellen, die hinter dem Meiſter ſtanden, einen ſtechenden Blick zuwarf.„In der Volksverſammlung hat er immer das große Wort geführt, aber wenn er durch Thaten beweiſen ſoll, daß er das Volk im Herzen trägt, ſo zieht er ſich von der gerechten Sache zurück.“ Der Zorn des Meiſters ſchien ſchon verraucht zu ſein. Er zuckte die Achſeln und beehrte ſeine Geſellen mit einem Blick, der ihnen deutlich beweiſen mußte, wie ſehr er ihre Anſichten und Ideen geringſchätzte. „Es iſt alles feiges Geſindel,“ ſagte er,„Schreier und Wühler ſind ſie Alle, Communiſten, die gerne mit dem, der etwas er⸗ worben hat, theilen möchten!“ Dem ſchlanken, kräftigen Jünglinge, den der Rothbart Otto Schenk genannt hatte, ſchoß das Blut in die Wangen, die Gluth nes Zornes loderte in ſeinen großen, dunklen Augen hell empor. iind die alltäglichen Redensarten, mit denen Ihr Das iet, was wir mit unſerm Herzblut vertheidigen, ſagte er, un. Bebende Stimme bekundete die, gewaltige a⸗ nere Erregung.„ nund keine feigen Memmen und noch we⸗ niger Banditen, die ihren Mitbürgern das Meſſer an die Kehle ſetzen wollen.“ „Spart die Mühe, Otto, dieſen Mann bekehrt Ihr nicht!“ rief der zweite Geſelle, der ſeinen Meiſter um eine Kopfes Länge überragte.„Wenn er bei den—omokraten ſeinen Vortheil zu finden wüßte, wäre er längſt zu un⸗ angen.“ Meiſter Braun hielt noch im. umklammert, trotzdem der Rothbart ſcho. geſetzt hatte.. Stiel des Hammers keinen Weg fort⸗ „Banditen ſeid Ihr!“ ſchrie er,„hütet Euch, noch iſt nicht aller Tage Abend, Recht und Geſetz müſſen ſiegen, die Kartätſchen werden es Euch ſchon beibringen. Otto Schenk, Euer Vater iſt auch einer von denen, die ſchon im ſchwarzen Buche ſtehen; wenn wir einmal beginnen, die Heerde von den räudigen Schafen zu ſäubern, wird's mit der Herrlichkeit Eures Vaters Schenkwirth⸗ ſchaft auch ein Ende nehmen.“ Mit verſchränkten Armen, kalt und ruhig ſtand Otto dem wuthbebenden Manne gegenüber; er fürchtete ihn nicht, nach ſeiner Anſicht mußte das Volk ſiegen. „So beſtätigt ſich alſo, was ich geſtern gehört habe, woran ich aber nicht glauben konnte und mochte,“ erwiderte er gelaſſen. „Nikolas, Euch habe ich es noch nicht geſagt, weil ich zuvor Ge⸗ wißheit haben wollte, dieſe Gewißheit finde ich jetzt in den Dro⸗ hungen dieſes Menſchen, der nichts Anderes iſt, als ein geheimer Polizeiſpion.“ Meiſter Braun fuhr erſchreckt zuſammen, das hatte er nicht erwartet. Nikolas aber, der Kamerad Otto's, trat raſch einen Schritt vor, und wie er jetzt, mit ſeiner breiten Bruſt, den mächtigen Schultern und den ſehnigen Armen vor dem kleinen Meiſter ſtand, ſchien es, als ob er Gericht über ihn halten und mit einem ver⸗ nichtenden Schlage ſeiner wuchtigen Fauſt das Urtheil über ihn fällen wolle. „Ihr mögt ſein, wer Ihr wollt und was Ihr wollt, mich küm⸗ mert es nicht,“ ſagte er mit ſcharfer Betonung,„aber was Ihr auch thun möget, denkt an das Ende und hütet Euch, mir in den Weg zu treten. Seht Ihr dieſe Fauſt? Wohin ſie fällt, da wächſt kein Gras mehr, und wenn ſie einmal zufällig auf Euren Schädel fallen ſollte, ſo beſchwert Euch nicht über die Gehirner⸗ ſchütterung, ich habe Euch gewarnt. Kommt, Otto, bei dieſem Menſchen kann ein ehrlicher Geſelle nicht mehr arbeiten.“ Otto hatte bereits das Schurzfell abgelegt und ſeinen Rock an⸗ gezogen, die Beiden verließen, ohne den Meiſter eines Blicks zu würdigen, die Werkſtätte und das Haus. Was kümmerte es ſie, daß Meiſter Braun in ſeiner ohnmäch⸗ tigen Wuth ihnen Flüche und Verwünſchungen nachſandte! Sie hatten ihn nie geachtet, ſeines niedrigen, ſchmutzigen Cha⸗ rakters wegen, jetzt verachteten ſie ihn. In der Ferne wirbelten noch immer die Trommeln, ſie riefen die Bürgerwehr zu den Waffen. Auf den Barrikaden ſtanden die Söhne des Volkes, aber von beſonderer Kampfesluſt war nichts zu bemerken. Die wenigen Schreier, welche außer ihrem Leben nichts zu verlieren hatten, ſuchten vergeblich die Helden der Barrikaden an⸗ zufeuern. Man hatte ſtark darauf gerechnet, daß einzelne Bataillone und Batterien der Beſatzung übergehen würden, aber dieſe Hoffnung ſchien ſich nicht verwirklichen zu wollen; die Meiſten ſahen ein, daß ſie im Begriff ſtanden, eine nutzloſe Thorheit zu begehen, daß ſie von den Leitern des Aufſtandes dupirt und betrogen waren. Nur Wenige blieben auf den Barrikaden, und ſelbſt dieſe Wenigen hatten den Muth zur Vertheidigung verloren. Otto, verleitet von der falſchen, irrigen Anſicht jener Tage, daß er für eine edle und gerechte Sache ſein Leben einſetze, redete den Genoſſen zu, nicht ohne Kampf der Uebermacht zu weichen. Der Hohn und Spott des Schloſſermeiſters hatten ihn erbittert und gereizt, er wollte zeigen, daß dieſes„demokratiſche Geſindel“ ſein Leben opfern konnte für die Rechte und Freiheiten, die es forderte. Er ſah nicht, daß Braun in ſeiner Nähe ſtand, er widmete ſeine ganze Aufmerkſamkeit den Arbeitern und Handwerksgeſellen, die ſeinen Worten lauſchten, und hier und da durch begeiſterte Zu⸗ rufe ihn unterbrachen. Da— horch— in nächſter Nähe Trommelwirbel und Waffengeraſſel. Einer der Arbeiter, welcher hoch oben auf der Barrikade ſtand, rapportirte, daß der Stadtcommandant an der Spitze eines In⸗ fanterie⸗Regiments ſich nähere. Dieſe Mittheilung genügte, drei Viertel der Helden zu ſchleu⸗ niger Flucht zu bewegen, hinter der Barrikade ſtanden jetzt außer Otto und Nikolas nur noch ſechs Arbeiter, die mit alten Perkuſ⸗ ſionsgewehren bewaffnet waren. Der Stadtkommandant ließ die Trommeln rühren und die Proklamation verleſen, laut der die Stadt Köln in Belagerungs⸗ zuſtand erklärt wurde, er forderte darauf die Anführer auf, die Barrikade niederzulegen. Eine unüberſehbare Menſchenmenge ſtand an den Straßen⸗ ecken, nicht, um den Kampf mit dem Militair aufzunehmen, ſondern nur, um ihre Neugierde zu befriedigen. „Es iſt aus,“ ſagte Nikolas,„das Einzige, was wir errungen haben, iſt der Fluch der Aicherlichkeit.“ 1 „Lieber ſterben, als dieſen Fluch auf uns laden!“ erwiderte Otto, bebend vor Wuth.„Kollten denn nicht unter all' dieſen Menſchen einige Dutzend ſich finden, die—“ „Ich hab' eine Frau und f Kinder zu Haus,“ fiel ein Arbeiter ihm in's Wort, währender das Gewehr hinwarf,„wenn ich todt bin, kümmert ſich keine Seele um ſie.“ 4 1 —— —,——— — 7— Otto blickte ſich um, er ſah ein, daß es eine Thorheit wäre, nur den Verſuch zu einer Vertheidignng der Barrikade zu machen. Noch einmal forderte der Offizier zur Niederlegung der Waf⸗ fen auf, dann ließ er eine Compagnie mit gefälltem Bajonett vorrücken. Da fiel plötzlich von der Barrikade her ein Schuß, die Kugel riß einem Soldaten den Helm vom Kopfe. Im nächſten Augenblicke hatte die Compagnie die Barrikade erreicht, die Soldaten kletterten hinauf, ſie kamen eben noch früh genug, um zu ſehen, wie die letzten Vertheidiger in der ſtürmiſch wogenden Volksmenge verſchwanden. Die letzten Vertheidiger waren Otto Schenk und Nikolas Schwarz, die beiden Geſellen des Schloſſermeiſters Peter Braun. Otto hatte den Poſten behaupten wollen, ſein Kamerad aber war vernünftig genug geweſen, Freiheit und Leben der Vertheidi⸗ gung einer verlorenen Sache vorzuziehen. Die Volksmenge öffnete ihnen raſch eine Gaſſe, die ſich ſofort wieder ſchloß, ſobald ſie die Beiden aufgenommen hatte. Die Flüchtlinge eilten über den Altenmarkt und Heumarkt der Sevexinſtraße zu. An dieſer Straße lag das Haus des Schenkwirthes Bertram Schenk, der ſich einer ſehr frequenten Wirthſchaft erfreute. Es war ein kleines, aber ſehr freundliches Haus, welches die Kölner Spießbürger gerne heſuchten, weil es ſeinen Namen„zum großen Schoppen“ durch d rtreffliches Bier und gutes Maaß rechtfertigte. Bertram Schenk, der kleine kugelrunde Herr mit den blauen Taubenaugen und dem kahlen Schädel, deſſen Glatze durch einen ſehr ſchmalen Kranz von dünnen blonden Haaren umrahmt wurde, war außerdem ein ſehr liebenswürdiger gefälliger Wirth, der es verſtand, die Stammgäſte an ſein Haus zu feſſeln. 4 Er war im Herzen Demokrat, wie ſein Sohn Otto; die Re⸗ volution in Paris und Berlin hatte ſeinen früheren ſehr loyalen Geſinnungen einen Stoß gegeben, und die Geſpräche unter ſeinen Gäſten trugen viel dazu bei, ihn mit den Forderungen der Volks⸗ partei zu befreunden. Die Volksverſammlungen beſuchte er nicht, er ließ ſich berich⸗ ten, was in ihnen vorgefallen war, er nahm Intereſſe an Allem, aber nichts konnte ihn bewegen, ſelbſt an der Bewegung Theil zu nehmen. Er hatte Otto oft gebeten, ſich zurückzuhalten, aber vergebens. Jetzt kehrte Otto als Flüchtling in das Elternhaus zurück und die Möglichkeit lag nahe, daß ſeiner unbeſonnenen Handlung viele ſchwere, trübe Stunden folgten. *³ N „ Die beiden jungen Leute hatten ſich in das Hinterſtübchen geflüchtet, dort waren ſie einſtweilen vor den Späheraugen ſicher. Bertram Schenk ſchüttelte mißbilligend ſein kahles Haupt, als Otto ihm die Ereigniſſe berichtet hatte. Er nahm aus ſeiner runden Horndoſe ſehr nachdenklich eine Priſe und ſeufzte dann einigemale tief auf. „Daß ich das erleben muß!“ ſagte er.„Wie oft habe ich Dich gewarnt, Dir gerathen—“ „Lieber Vater, Vorwürfe ändern das Geſchehene nicht,“ fiel Otto ihm ins Wort.„Wenn man Alles vorausſehen könnte, würde Manches ungeſchehen bleiben.“ „Und doch iſt es auf der anderen Seite auch gut, daß man nicht Alles vorausſehen kann,“ verſetzte Nikolas, der nachdenklich vor ſich hingeblickt und dann und wann einen Zug aus dem Bierglaſe gethan hatte.„Ich bin jetzt kurirt, werde mich in der⸗ artige Geſchichten nicht mehr einlaſſen.“ Otto zuckte die Achſeln. „Der Uebermacht muß Jeder weichen,“ ſagte er unmuthig, „hätten Alle die, welche müßig zuſahen, zugegriffen, wäre es An⸗ ders gekommen.“ „Wir wollen darüber nicht ſtreiten,“ erwiderte der Wirth, „jeder hat ſeine beſonderen Anſichten, ich meine aber, ein kleines Kind müſſe einſehen, daß man in einer Feſtung nicht revoltiren kann. Wenn Meiſter Braun wirklich ein Geheimer iſt, dann wird er Euch leider die Worte nicht vergeſſen, die Ihr ihm ge⸗ ſagt habt, und da meine ich, es ſei rathſam, Ihr machtet Euch bei Zeiten aus dem Staube. Wir erleben in der nächſten Zeit Manches, was uns nicht angenehm ſein wird.“ Der alte Mann wurde in dieſem Augenblick durch den Ein⸗ tritt zweier Stammgäſte unterbrochen, welche die Berechtigung zu beſitzen ſchienen, dieſes Hinterſtübchen zu jeder Tageszeit und ohne vorherige Anfrage benutzen zu dürfen. Der ältere von ihnen war der Schneider Fritz Wacker, der jüngere der Barbier Caspar Gabel, beide hatten ſich der Freund⸗ ſchaft des Wirths durch die Aufrichtigkeit ihrer Geſinnungen und die edlen Seiten ihres Charakters erworben. Die äußere Erſcheinung des Schneiders bot nichts beſonders Bemerkenswerthes, dagegen konnte man die des Barbiers als ſehr auffallend bezeichnen. Auffallend wegen der langen Arme, auffallend ferner wegen der enormen Naſe in dem pockennarbigen Geſicht. Dieſe Naſe war eine wahre Merkwürdigkeit, ſie gab in der Schenkſtube den Gäſten oft Veranlaſſung zu ſehr intereſſanten Bemerkungen. — — 9— Ein Naſenknochen ſchien nicht vorhanden zu ſein, denn die Verbindung des unförmlichen, nach allen Richtungen hin bewegli⸗ chen Fleiſchklumpens, den Caspar Gabel ſein Riechorgan nannte, mit dem Stirnbein fehlte gänzlich. Die Stammgäſte nannten dieſes Riechorgan„Kartömmelchen“ und dieſer Name ging zuletzt auf den Barbier über, ſo daß man ihn nur noch mit dieſem Namen bezeichnete, wenn in ſeiner Ab⸗ weſenheit über ihn geſprochen wurde. Die Erregung der beiden Eintretenden, die ſich in ihrem gan⸗ zen Weſen kundgab, bewies, daß ſie wichtige Nachrichten brachten. „Der Aufftand iſt unterdrückt!“ rief der Schneider.„Nur un Schuß ſoll gefallen ſein— na, darum keine Feindſchaft nicht!“ „Weiß man, wer den Schuß abgefeuert hat?“ fragte Nikolas. „Wenn man's wüßte, wäre der Thäter längſt verhaftet,“ ſagte der Barbier, während er mit den langen Fingern ſeiner rechten Hand durch ſein ſchwarzes, wolliges Haupthaar fuhr.„Ihr ſeid wohl auch dabei geweſen?“ „Wer behauptet das?“ fuhr Otto auf. „Hm— ich meine nur, weil Ihr Feierabend gemacht habt, man ſpricht ja auch von Schloſſergeſellen, die man hinter der Barrikade geſehen haben will.“ Der Wirth, der inzwiſchen unruhig auf⸗ und abgegangen war, blieb ſtehen und hot ſeinen Freunden eine Priſe an. „Ihr könnt dieſen beiden Ehrenmännern vertrauen,“ wandte er ſich zu ſeinem Sohne,„ſie werden Euch nicht verrathen.“ „Verrathen?“ erwiderte der Schneider mit gedämpfter Stimme. „Ich will keinen Zwirnsfaden mehr einfädeln, wenn ich dazu fähig bin. Hat einer unter Euch geſchoſſen, ſo ſoll es unter uns bleiben, ich bin immer Derjenige, welcher ſeinen Freunden beiſteht.“ „Wer geſchoſſen hat, iſt uns ſelbſt ein Räthſel,“ ſagte Otto, „hinter unſerm Rücken fiel der Schuß, als wir uns umſahen, be⸗ merkten wir nur noch den Pulverdampf, den Schützen konnten wir nicht entdecken.“ „Hol mich Dieſer und Jener, wenn's nicht Meiſter Braun ſelbſt war!“ rief Nikolas, von ſeinem Sitz aufſpringend. „Ich habe den Schuft geſehen, er ſtand dicht hinter mir in der gaffenden Volksmenge.“ „Dann ſeid Ihr verloren!“ rief der Barbier entſetzt.„Ich war in der Glockengaſſe, als ich von einem Bekannten die Nach⸗ richt von dem Vorgefallenen erhielt, ich ſah Euren Meiſter mit ſeinen krummen Gliedmaßen an mir vorbei ſtrolchen, er ſchien's eilig zu haben, das fiel mir auf. Er ging in's Polizei⸗Präſidium, nehmt Euch in Acht, ich weiß, er iſt ein Geheimer.“ ₰ 10— Der Wirth nickte, er war beſtürzt, verwirrt, die Hand, in welcher er die runde Doſe hielt, zitterte gewaltig. „Das kommt davon!“ ſagte er.„Ich meine, Ihr hättet das Alles vorausſehen müſſen. Nun iſt es zu ſpät.“ „Zu ſpät?“ erwiderte der Schneider.„Die Beiden müſſen fliehen, wir wollen ſie ſchon hinausbringen. Nur Courage, es geht Alles, wenn man will.“ „Fliehen— wohin?“ fuhr der Wirth mit wachſender Erregung fort.„Das iſt leicht geſagt. Wenn man nicht ungezähltes Geld hat, wird man überall angehalten, einen Paß kann man jetzt nicht ſchaffen und—“ „Vater, beruhige Dich,“ unterbrach Otto ihn ruhig,„ſo ſchlimm iſt es noch nicht. Ich werde ſchon durchkommen, und wer weiß, ob dieſer Zwang zur Flucht nicht mein Glück iſt! Ich werde draußen etwas Tüchtiges lernen, mich namentlich auf den Maſchi⸗ nenbau werfen, und ich hoffe, wenn ich nach Jahr und Tag heim⸗ kehre, ſollt Ihr ſtolz auf mich ſein. Ich weiß, Du haſt mir ſchon manches Opfer gebracht, ich werde Dir ſtets dankbar dafür ſein, dies ſei das letzte, welches ich von Dir fordere.“ „Wohl geſprochen, junger Mann,“ ſagte der Schneider,„man muß in allen Fällen immer derjenige, welcher ſein. Den Kopf oben halten und vorwärts ſtreben. Mit der Zeit pflückt man Roſen.“ Er ging hinaus und der Barbier folgte ihm bald nachher. Nikolas wollte in ſeiner Wohnung ſeine geringen Habſeligkeiten zuſammenſchnüren; er hatte weder Eltern noch Verwandte, ihm war der Abſchied leicht. Nachdem Otto Ort und Stunde der Zuſammenkunft mit ſeinem Freunde verabredet hatte, folgte er mit ſchwerem Herzen dem Vater in das Familienzimmer, wohl wiſſend, daß ihn dort von Seiten der minder gutmüthigen Mutter heftige Vorwürfe und harte Worte erwarteten. Was er gethan hatte, bereute er nicht, ihn ärgerte es nur, daß er der Gewalt weichen mußte. Zweites Kapitel. Auf Schleichwegen. Unter allen kölniſchen Bürgern, welche ſich damit beſchäftigten, Kapitalien auszuleihen, Pfänder in Verſatz zu nehmen, Wechſel zu discontiret und ähnliche gewinnbringende Geſchäfte zu be reiben, zeichnete Jakob Herz ſich durch ſeine Raffinirtheit, ſeine Herzloſig⸗ keit und ſeine Habſucht aus. Er war verachtet von Allen, die ihn kannten und doch auch geſucht von Vielen, die ihn nicht ent⸗ behren konnten. Von ſeiner Habſucht und ſeinem ſchmutzigen Geize zeugte ſeine abgetragene, altmodiſche und unſaubere Kleidung, wie auch ſeine unfreundliche, ärmlich ausgeſtattete und nicht minder unſaubere Wohnung, und von ſeiner Hartherzigkeit, Raffinirtheit und Ge⸗ fühlloſigkeit wußte man ſo manches Beiſpiel anzuführen, daß Nie⸗ mand ſie bezweifeln konnte. Familie beſaß er nicht. Er hatte nie eine Lebensgefährtin geſucht, das Leben eines Junggeſellen behagte ihm viel zu ſehr, als daß er die Neigung gefühlt hätte, es mit einer anderen, ge⸗ müthlicheren aber auch koſtſpieligeren Lebensweiſe zu vertauſchen. Sein Schreiber war der Einzige, den er um ſich duldete, und wenn das Gerücht behauptete, dieſer Schreiber ſei ſein Buchhalter, ſein Koch und Hausknecht in einer Perſon, ſo behauptete es nur die Wahrheit. Jakob Herz hatte ihn vor zwanzig Jahren gewiſſermaßen als n Sclave für eine Schuldforderung übernommen, und wenn auch durch die Dienſte dieſes Sclaven jene Schuld längſt getilgt war, „Ider Herr noch Sclave dachten daran, ſich von einander zu trennen. Dieſer Schreiber hieß Bernhard Schenk, war aber mit dem Wirth Bertram Schenk in keiner Beziehung verwandt, er wußte kaum, daß ein Wirth dieſes Namens in Köln wohnte.— An dem Morgen, an welchem die revolutionären Bewegungen in der heiligen Stadt ſich im Bau einiger Barrikaden Luft machten, ſaßen Jakob Herz und deſſen Schreiber hinter wohl verſchloſſenen und verriegelten Thüren. Der Wucherer zitterte für ſeine Schätze. Bernhard Schenk, der ſehr wohl wußte, daß er als Schreiber und Faktotum dieſes Mannes eben ſo ſehr verachtet war wie dieſer, für ſein Leben. Jakob Herz trocknete zu wiederholten Malen die gefurchte Stirn, auf der der Angſtſchweiß in hellen Tropfen perlte. Es kümmerte ihn nicht, daß ſeine fuchſige Perrücke ſich verſchob und ſeine Stirne immer höher wurde, ſo daß zuletzt der Schreiber ſich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen. Es war allerdings ein krampfhaftes Lachen, ein Lachen des Galgenhumors, aber es reizte und erbitterte nichts deſto weniger den Wucherer. „Natürlich, Sie können unſere Lage lächerlich finden,“ ſagte er ingrimmig,„Sie haben ja nichts zu verlieren. Wäre ich ein ſolcher Herr von Habenichts, wie Sie, ginge ich auch auf die Barrikaden, Sie können ja nur dabei gewinnen.“ „Aber ſo ſehen Sie doch in den Spiegel, dann werden Sie bemerken, daß Sie eine ſehr komiſche Figur ſpielen,“ erwiderte der Schreiber beſchwichtigend.„Du lieber Gott, ich verliere ge⸗ nug, wenn ich mein Leben verliere. Und weshalb laufe ich Ge⸗ fahr, es zu verlieren? Doch wohl nur Ihretwegen.“ „He— was meinetwegen?“ keifte der alte Mann, während er ſeine Perrücke zurechtrückte.„Meinen Sie, weil Sie mein Schreiber ſind? Bah, dieſen Räubern geht es ja doch nur um das Geld. Wir verlieren nur dann das Leben, wenn wir uns wider⸗ ſetzen. O grundgütiger Himmel— war das nicht ein Kanonen⸗ ſchuß?“ Auch der Schreiber war erſchreckt zuſammen gefahren. „Ich glaube, es war der Schlagladen,“ ſcotterte er,„wir haben Sturm.“ „Dann hätten Sie den Schlagladen feſthaken ſollen,“ fuhr Herz fort und aus ſeinen meergrauen Augen fiel ein ſtechender Blick auf das hagere eckige Geſicht des Schreibers.„Ihrer Nach⸗ läſſigkeit wegen habe ich jeden Augenblick Schreiner und Schloſſer nöthig.— Horch— hören Sie nicht das Getöſe der Volksmenge?“ Der Schreiber ſtrengte ſein Gehörorgan an und ſchüttelte nach einer kurzen Pauſe ablehnend das Haupt. „Es ſind Kinder,“ ſagte er,„ſie werden wohl Räuber und Soldat ſpielen.“ Jakob Herz ſuchte ſeine Angſt und Aufregung durch raſches Auf⸗ und Abwandern in dem engen Raume zu bemeiſtern.—„He — was war das?“ Der ſchrille Ton der Hausglocke hatte dem alten Manne den Schreckensruf erpreßt. Die Glocke war mit unverkennbaren Zeichen der Ungeduld gezogen worden. Herr und Diener ſtierten einander an, keiner von ihnen be⸗ ſaß den Muth, nachzuſehen, wer Einlaß begehrte. Das Schellen wiederholte ſich, zugleich wurde ungeſtüm an der Hausthüre gepocht. 2 —— en — 13— „So ſehen Sie doch nach, wer draußen iſt,“ flüſterte der Wucherer.„Ihr Amt iſt es ja, die Thüre zu öffnen.“ „In Gottes Namen,“ erwiderte der Schreiber,„wir können ja doch den Pöbel nicht hindern, die Thüre einzurennen, wenn er das vorhat.“ Er ging zögernd, langſam hinaus; der Blick des Wucherers ruhte mit dem Ausdruck wachſenden Entſetzens auf der Thüre. Aber dieſes Entſetzen wich einer ſehr angenehmen Ueberraſchung, als ſtatt der erwarteten Barrikadenhelden ein Poſtbote eintrat. Die erſte Frage des Wucherers galt dem Aufſtande. „Ich verſichere Sie, es war nur ein Putſch,“ erwiderte der Beamte,„eine ganz verrückte Idee, die ſich nicht verwirklichen konnte. Na, unſer ausgezeichneter Stadt⸗Kommandant, General Engels, hat die ganze Geſchichte als eine verrückte Idee angeſehen und durch ſeine Milde unnützes Blutvergießen verhitet.— Aber ich habe hier einen Brief an Herrn B. Schenk,“ fuhr der Poſt⸗ bote fort, während er einen Brief hinlegte, deſſen Adreſſe mit Poſtſtempeln, blauen und rothen Ziffern ganz und gar bedeckt war.„B. Schenk, wenn ich nicht irre, ſind Sie der Adreſſat.“ Der Schreiber ſchüttelte nachdenklich ſ ſein hageres Haupt. Er betrachtete den Brief auf der Vorder⸗ und der Rückſeite und legte ihn dann wieder hin. „Aus Braſilien,“ ſagte er. „Rio de Janeiro,“ erwiderte der Beamte mit einer ſehr wich⸗ tigen und geheimnißvollen Miene.„Königlich preußiſches Conſulat, wie das Siegel ausdrücklich beſagt,— wer weiß, vielleicht eine Erbſchaft!“ „Erbſchaft?“ fragte Jakob Herz haſtig.„He— geben Sie mir einmal den Brief.“ „Ich habe keine Verwandten in Braſilien,“ ſagte der Schreiber nachdenkend. „Hm— Sie wiſſen es vielleicht nicht,“ verſetzte der Wucherer, „Ihre Eltern ſind ſchon ſeit zwanzig Jahren todt, möglicherweiſe iſt ein Bruder Ihres Vaters nach Braſilien ausgewandert, ehe Sie geboren waren.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich davon halten ſoll,“ ſagte der Schreiber, nachdem der Beamte ſich entfernt hatte,„wenn ein Verwandter von mir in Braſilien wohnte, würde mein Vater ge⸗ wiß darüber mit mir geſprochen haben. Sie wiſſen ja ſelbſt, wie erbärmlich unſere Verhältniſſe in den letzten Lebensjahren meines Vaters waren.“ 4 „Natürlich,“ entgegnete der Wucherer, während er die Papier⸗ ſcheere ergriff, um den Brief zu öffnen,„ſo erbärmlich, daß ich für meine Forderung keinen Pfennig erhielt. Sie boten Ihre Dienſte mir an, um auf dieſem Wege die Schuld zu tilgen und in Ermangelung eines Beſſern ging ich auf das Anerbieten ein, obſchon Ihre Dienſte mir ziemlich werthlos waren. Jetzt geben Sie Acht, ich werde Ihnen den Brief vorleſen,— aber das ſage ich Ihnen voraus, wenn Sie etwas geerbt haben, müſſen Sie vor allen Dingen meine Forderung tilgen.“ Er blickte bei dieſen Worten mit ſeinen ſtechenden Augen den Schreiber ſcharf, faſt drohend an, und Schenk gab durch ein Kopf⸗ nicken zu erkennen, daß er bereit war, auf dieſe Bedingung einzugehn. „Alſo hören Sie,“ fuhr der Wucherer ſort.„Herrn B. Schenk in Köln. Ihre geehrte Zuſchrift vom 10. März dieſes Jahres kann ich erſt heute beantworten, weil ich ſehr umfaſſende Nach⸗ forſchungen anſtellen mußte, wenn ich Ihnen eine genügende Aus⸗ kunft über die fragliche Angelegenheit geben wollte.“ „Aber ich habe ja gar nicht dahin geſchrieben,“ warf der Schreiber überraſcht ein. „Hm, das muß doch wohl der Fall geweſen ſein, hier ſteht es ja: Ihre Zuſchrift vom 10. März—“ „Aber ich verſichere Sie—“ „Hören wir weiter. Es iſt richtig, daß Ihr Bruder Friedrich Schenk im September vorigen Jahres geſtorben iſt und ein Teſtament hinterlaſſen hat, in welchem er ſeinen in Köln wohnen⸗ den Bruder Bertram Schenk, oder deſſen Rechtsnachfolger zum Univerſalerben einſetzte.“ „Bertram Schenk!“ rief der Schreiber.„Ah— das iſt eine Verwechslung— ich wußte es ja.“ Jakob Herz ſchüttelte ſein Haupt und rückte die Perrücke zu⸗ recht, die ſich verſchoben hatte. „Alſo weiter,“ ſagte er ruhig.„Das Teſtament befindet ſich in den Händen der hieſigen Behörde, ich habe von demſelben Ab⸗ ſchrift nehmen laſſen, die Sie auf der Rückſeite dieſes Schreibens finden. Sie werden daraus das Nöthige erſehen, es iſt kurz und bündig abgefaßt und es bedarf von Ihrer Seite nur der Hierher⸗ ſendung eines Bevollmächtigten, um das Erbe in Empfang zu nehmen. Nach einer ziemlich genauen Schätzung beträgt der Werth der Hinterlaſſenſchaft mindeſtens achtzigtauſend Dollars, und ich würde ihnen rathen, ſelbſt hierher zu kommen, damit die Schwierig⸗ keiten, welche die hieſige Behörde in ſolchen Fällen gerne erhebt, leichter beſeitigt werden können. Auf meinen Schutz und that⸗ kräftigen Beiſtand dürfen Sie rechnen. Mit vorzüglicher Hoch⸗ achtung— Königlich Preußiſches Konſulat, der Konſul——“ „Na, die Unterſchrift iſt unleſerlich,“ fuhr Jakob Herz fort, während er gedankenvoll den Brief zuſammenfaltete,„thut übri⸗ gens auch nichts zur Sache.“ —— „Bertram Schenk?“ ſagte der Schreiber und ein unverkenn⸗ barer Unmuth lag in dem Tone, in welchem er das ſagte.„Ich habe den Namen nie gehört. Wahrhaftig achtzigtauſend Dollars ſind nicht zu verachten, wenn man ſie haben könnte—“ „Und weshalb ſollte man ſie nicht erheben können?“ fuhr der Wucherer aus ſeinem Brüten auf.„Dieſer Bertram Schenk iſt der Wirth„zum großen Schoppen“ auf der Severinſtraße, er hat Geld genug. Weshalb ſollen Sie nicht eben ſo gut wie er, berech⸗ tigt ſein, dieſe Erbſchaft in Empfang zu nehmen? Iſt es ſein Verdienſt, daß ſein Bruder ſo reich geworden iſt?“ „Aber der Erblaſſer war ſein Bruder und nach dem Geſetz—“ „Bah— die Geſetze ſind nur für die Thoren, der kluge und umſichtige Mann hat ſeine eigenen Geſetze. Ich will Ihnen einen Vorſchlag machen. Sie überlaſſen es mir, dieſe Angelegenheit zu ordnen, Sie ſchweigen und leiſten mir Beiſtand, wenn ich ihn verlange. Gelingt es mir, die Erbſchaft einzukaſſiren, was ich durchaus nicht bezweifle, ſo erhalten Sie zehntauſend Dollars.“ Der hagere Schreiber fuhr mit dem Taſchentuche einigemal über ſeinen eckigen Schädel, der ſchon die Spuren einer werden⸗ den Glatze zeigte und blickte dabei, in tiefem Sinnen verſunken, ſchweigend vor ſich hin. Der Vorſchlag hatte auf der einen Seite viel Verlockendes, dagegen auf der andern auch manches Bedenkliche. „Mit zehntauſend Dollars, die praeter propter vierzehntauſend Thaler nach unſerm Gelde betragen, können Sie ſich ins Privat⸗ leben zurückziehen,“ nahm Herz nach einer Weile wieder das Wort,„Sie können alles Mögliche damit beginnen.“ „Und Ihnen würden ſiebenzigtauſend bleiben,“ warf Schenk ein. „Bexechnen Sie gütigſt die Koſten und die Gefahr, lieber Freund.“ „Aber wie wollen Sie es ermöglichen—“ „Mein Plan iſt bereits entworfen. Sie geriren ſich als Bertram Schenk— verſtanden?“ „Sie meinen, ich ſollte hinreiſen? „Keineswegs. Sie dürfen das nicht, weil Sie zu jung ſind, um ſich für einen Bruder des Erblaſſers ausgeben können.“ „So wollen Sie ſelbſt die Reiſe machen?“ „Ich würde es thun, wenn ich für mehrere Monate von hier abkommen könnte.“ „So müßte alſp ein Dritter in das Geheimniß eingeweiht werden? „Ja, das müßte geſchehen,“ erwiderte der Wucherer.„Ange⸗ nehm iſt es mir nicht, aber ich ſehe keinen andern Weg.“ „Und wer—“ 4— — 16— „Darüber reden wir ſpäter. Sie ſtellen eine Vollmacht aus, ich ſorge dafür, daß ihre Unterſchrift beglaubigt wird, und ſuche mir auch ein Geburtsatteſt und andere Papiere zu verſchaffen, welche Ihr Bevollmächtigter an Ort und Stelle vorlegen kann. Ja, um ganz ſicher zu gehen, werden Sie den Betreffenden ſogar notariell bevollmächtigen. Das iſt allerdings ein Kunſtſtück, ich gebe es zu, Sie müſſen ſich bei dem Notar als Bernhard Schenk geriren, aber ich denke, aus dem„Bernhard“ läßt ſich ſpäter ein „Bertram“ machen. Oder—— ja, ſo wird's auch gehen, ich kenne einen Notariatsſchreiber, der für fünfzig Thaler ſeine Seele dem Teufel verſchreibt, er ſoll das Inſtrument anfertigen, die Hauptſache iſt ja das Notariatsſiegel, eine unleſerliche Unterſchrift können wir ſelbſt unter das Dokument kritzeln. Mit dieſem Schriftſtück reiſt unſer Vertrauensmann hin, er müßte ein gewal⸗ tiger Eſel ſein, wenn er nicht mit dem Gelde zurückkehrte.“ Dem Schreiber wollte die Unfehlbarkeit dieſes Planes noch immer nicht einleuchten. „Das iſt Alles ganz gut,“ ſagte er,„aber liegt nicht die Möglichkeit nahe, daß Bertram Schenk heute oder morgen dem Konſul ſchreibt und Antwort auf ſeinen Brief verlangt?“ „Das iſt wahr,“ erwiderte Herz,„dieſer Möglichkeit müſſen wir vorbeugen. Das Konſulatſiegel iſt unverletzt, wir können das Couvert zuſtutzen, daß die Einſchnitte wegfallen. Geben Sie Acht.“ Mit einer bewundernswerthen Geſchicklichkeit löſte der Wucherer das große Siegel ſo behutſam ab, daß durchaus nichts an dem⸗ ſelben verletzt wurde. Darauf nahm er die Scheere um die Klappe des ziemlich großen Couverts zu beſchneiden. „So,“ ſagte er, nachdem er ſein Werk ſorgfältig geprüft und tadellos gefunden hatte,„jetzt ſchneiden Sie von dem Konſulat⸗ briefe den unbeſchriebenen halben Bogen ab und ſchreiben Sie in derſelben feinen, zierlichen Handſchrift, was ich Ihnen dictiren werde. Alſo:„Herrn B. Schenk in Köln. In Erwiderung Ihres Schreibens vom 10. März theile ich Ihnen mit, daß Ihr Bruder Friedrich Schenk allerdings im September vorigen Jahres geſtorben iſt, aber nichts hinterlaſſen hat, was der Rede werth wäre. Seine Hinterlaſſenſchaft hat kaum hingereicht, die Schulden und Koſten zu decken und meine ſorgfältigen Nachforſchungen haben ergeben, daß die hieſige Behörde nur beabſichtigt, Sie zur Ueber⸗ nahme der Erbſchaft zu bewegen, um Sie ſpäter zur Deckung der noch rückſtändigen Koſten und Schulden nöthigen zu können. Sie werden hieraus erſehen, daß es nur in Ihrem Intereſſe liegen kann, der Sache keine weitere Folge zu geben. Hochachtend König⸗ lich Preußiſches Konſulat, der Konſul.“ So, jetzt geben Sie her, ht die n dem müſſen können en Sie ucherer 1 dem⸗ m die ift und nſulat⸗ Sie in dictiren dderung sß Ihr Jahres Jrerih chulden haben Ueber⸗ Deckung können. eliegen Knig⸗ jie her, 117— ich werde den Brief unterzeichnen und ihn heute Abend an die richtige Adreſſe befördern.“ Mit einer Gewandtheit, die den Schreiber in Erſtaunen ſetzte, ſchloß Jacob Herz den Brief mit dem ſo kunſtreich abgelöſten und nun ebenſo kunſtreich aufgeklebten Siegel. „Was ſagen Sie nun?“ fragte der Wucherer triumphirend. „Bezweifeln Sie auch jetzt noch, daß meine Bemühungen den ge⸗ wünſchten Erfolg haben werden?“ „Wenn Sie ſtets mit derſelben Gewandtheit und Umſicht zu Werke gehen, durchaus nicht!“ erwiderte Schenk, der jetzt einſah, daß ſein Herr und Meiſter in dieſer Beziehung ihn bedeutend überragte. „Gut, ſo werden Sie ees jetzt auch mir überlaſſen, dieſe Angelegenheit zu ordnen,“ fuhr Herz im Tone geſchmeichelter Eigenliebe fort.„Wenn ich Ihnen nun dafür, daß Sie ſich ver⸗ pflichten, zu ſchweigen, zehntauſend Dollars zahle, ſo iſt das nach meiner Meinung mehr wie genügend. Sie gehen alſo auf meinen Vorſchlag ein?“ Bernhard Schenk ſah eine Weile ſinnend hinaus auf den kleinen, mit einer hohen Mauer umſchloſſenen Hof, als ob er ſich Rath holen wolle in den Schutt⸗ und Kehrichthaufen, die ſeit Jahr und Tag dort lagen. „Ich gehe darauf ein,“ erwiderte er endlich,„aber unter der Bedingung, daß, wenn die Sache ſchief abläuft, meine Mitwirkung geheim bleibt. Ich werde alsdann läugnen, etwas von Ihren Abſichten und Plänen gewußt zu haben und Sie müſſen das be⸗ ſtätigen.“ „Gut,“ ſagte der Wucherer,„ich werde Ihren Wünſchen in dieſer Beziehung Rechnung tragen, ſo viel es mir möglich iſt. Vor allen Dingen handelt es ſich jetzt darum, ein taugliches Sub⸗ jekt zur Reiſe nach Braſilien zu finden. Sehen Sie einmal das Regiſter meiner Schuldner durch und zwar hauptſächlich die Liſte derjenigen, welche die Blüthe meiner faulen Schuldner ſind, und demnächſt ohne Schonung zur Tilgung ihrer Schuld angehalten werden ſollen.“. Der Schreiber öffnete eins der vor ihm liegenden Bücher und blätterte in demſelben eine kurze Weile. „Abraham Abel,“ las er,„Cigarrenhändler, ſchuldet achtzig Thaler ſammt Zinſen vom Auguſt 1847.“ „Weiter,“ ſagte Herz, während er mit verſchränkten Armen auf- und abwanderte,„der Mann ſitzt nicht tief genug in der Kreide, außerdem iſt er ein Dummkopf.“ „Mathias Berenberg—“ „Um Gotteswillen, mit dem könnte man die Stadtmauern Fünfmal hunderttauſend Thaler. 2 — 18— einrennen, ſein dicker Schädel würde dabei beſtimmt nicht einmal Noth leiden.“ „Peter Braun, Schloſſermeiſter, ſchuldet zwölfhundert Thaler, wofür er ſein geſammtes Werkzeug und ſein Mobiliar verpfändet hat. Sollte ſchon im Jahre 1846 den vierten Theil des Dar⸗ lehns zurückzahlen, hat aber bisher die Zinſen pünktlich gezahlt.“ Jakob Herz war ſtehen geblieben, ſein Blick ruhte forſchend auf dem Geſicht ſeines Faktotums. „Peter Braun?“ wiederholte er.„Weshalb haben wir dieſem Manne ſo lange Nachſicht geſchenkt?“ Der Schreiber zuckte die Achſeln. „Er zahlt die Zinſen pünktlich,“ erwiderte er. „Bah— nur ſechs Prozent, ich kann mit dem Kapital fünf⸗ zehn bis zwanzig verdienen.“ „Zudem werden Sie ſich entſinnen, daß er Ihnen einmal einen ſehr deutlichen Wink gegeben hat, aus welchem wir entneh⸗ men mußten—“ „Ah— es iſt wahr, er ſagte mit ſehr unzweideutigen Wor⸗ ten, er gelte viel bei der Polizei, und wenn ich ihn treten wolle, ſo wiſſe er Mittel genug, mich zu verderben. Ja, ja, ich erinnere mich. Hm— der Mann wäre vielleicht zu verwenden, er iſt tief genug geſunken, man darf annehmen, daß er mit beiden Händen zugreifen wird, wenn ich ihm eine Summe in Ausſicht ſtelle, die — gehen Sie, ſuchen Sie ihn auf, er ſoll mich heute Abend be⸗ ſuchen, ich will mit ihm reden.“ „Aber bedenken Sie, wenn er der Verräther— „Bah, das iſt bei dieſen Leuten nicht zu befürchten. Er muß ein ſchlauer, geriebener Burſche ſein, wäre er es nicht, ſo würde er kein geheimer Agent ſein. Gehen Sie, ich werde ihn ſondiren, und erſt dann, wenn ich meiner Sache ſicher bin, mit der Sprache herausrücken. Inzwiſchen rede ich mit dem Notariatsſecretair, die Sache muß ohne Verzug betrieben werden.“ Kaum hatte der Schreiber das Haus verlaſſen, als Jakob Herz mit einem teufliſch boshaften Lächeln auf den Lippen ver⸗ gnügt die Hände rieb.. „Achtzigtauſend Dallars!“ murmelte er vergnügt.„Rechne ich fünftauſend für die Koſten ab, ſo bleiben fünfundſiebenzigtauſend, und ich will ein Schuft ſein, wenn mein Herr Schreiber davon einen einzigen Dollar erhält. Werde ſchon Mittel und Wege fin⸗ den, den läſtigen Geſellen zu beſeitigen, wenn ich ſehe, daß die Sache nach Wunſch realiſirt wird.— Aber wiee Hm— ich könnte ihn des Diebſtahls beſchuldigen und einſperren laſſen! Zu gefährlich, der Menſch würde plaudern,— warten wir es ab.“— 71 —, t einmal Thaler, erpfändet des Dar⸗ gezahlt.“ forſchend r dieſem tal fünf⸗ einmal entneh⸗ en Wor⸗ n wolle, erinnere riſt tief Händen 5 Er muß ſo würde ſondiren, Sprache 1 v etair, die 8 Jakob 15 pen ver⸗ jechne ich § ata uſend, Drittes Kapitel. Heimliche Liebe. Es war von Seiten des Schenkwirths ſehr unklug geweſen, den Barbier in das Geheimniß ſeines Sohnes einzuweihen. Wenn Caspar Gabel auch gelobt hatte, zu ſchweigen, Bertram Schenk hätte doch vorausſehen müſſen, daß es für den redſeligen Barbier ein Ding der Unmöglichkeit war, dieſes Gelübde zu halten. Neben dem Haufe des Gaſtwirths lag die Wohnung des Ban⸗ kiers Otto Schirmer. Die Leute nannten ihn„Bankier“, in Wirklichkeit war er nur Wechſelmakler und Geldwechsler. Er hatte ein ſchönes Haus, ein einträgliches Geſchäft und zwei wohlerzogene Kinder, und da er ein ſehr ruhiger und vernünftiger Mann war, den keine Leidenſchaften beherrſchten, ſo genügten ihm dieſe Glücksgüter, die mancher Andere entbehren mußte. Alfred, ſein Sohn, der ſich ganz nach dem edlen Charakter ſeines Vaters gebildet hatte, war ſchon ſeit zwei Jahren auf der Univerſität. Er ſtudirte Medizin, und ſeine reiche Begabung ließ erwarten, daß er einſt ein tüchtiger Arzt ſein werde. Eugenie, ſeine Tochter, zählte nun zwanzig Jahre; ſie war kein ſehr ſchönes, aber doch immerhin ein hübſches Mädchen, und die Schönheiten ihres tiefen, weichen Gemüths, ihres edlen Her⸗ zens und ihres Charakters erſetzten vollſtändig, was an äußerer Schönheit ihr fehlte. Sie hatte früh die Mutter verloren, Otto Schirmer, der ſich zu einer zweiten Heirath nicht entſchließen konnte, vertraute die Erziehung ſeiner Kinder einer ſentfernten Verwandten an, welche ſich bemühte, ihren Pfleglingen die Mutter zu erſetzen. Das war ihr in hohem Grade gelungen Alfred und Eugenie hingen mit zärtlicher Liebe an ihr. Thereſe Stern war Wittwe und noch immer eine recht hübſche, dralle Frau, die ſogar in den jüngſten Jahren noch mehrere Hei⸗ rathsanträge zurückgewieſen hatte. Sie durfte nicht daran denken, jemals dieſes Haus für immer verlaſſen zu wollen, ſie war an jedes einzelne Familienglied mit einer unzerreißbaren Kette, der Kette der Liebe und des Dankes, gefeſſelt, und Herr Otto Schirmer würde ſich eher dazu verſtan⸗ 2* 2 den haben, ſie zu ſeiner Gattin zu erheben, als ſie auf Nimmer⸗ wiederkehr ziehen zu laſſen. In dieſes Haus brachte Caspar Gabel brühwarm die Nach⸗ richt von dem verunglückten Aufſtande. Eugenie ſaß am Fenſter, mit einer Handarbeit beſchäftigt, Tante Thereſe wirthſchaftete in der Küche. „Ja, ja, ſo mußte es kommen,“ illuſtrirte Gabel ſeine Nach⸗ richt, während er mit einem großen Aufwande von Zeitverſchwen⸗ dung ſein Meſſer wetzte,„es war eine ganz verrückte Idee, und zu bedauern bleibt nur, daß ſonſt ganz vernünftige und ſehr ehren⸗ werthe Männer ſich dadurch compromittirt und in's Unglück ge⸗ ſtürzt haben.“ „In der That?“ fragte Schirmer gleichgültig. „Leute, die zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigten,“ fuhr der Barbier fort, ohne die mindeſte Rückſicht darauf zu nehmen, daß der Seifenſchaum auf den Wangen und dem Kinn des Bankters ſchon zu ſchwinden begann.„Leute, die jetzt die Flucht ergreifen müſſen, wenn ſie nicht einige Jahre hindurch in Spandau oder einer andern Feſtung über ihre Thorheit nachdenken wollen. Un⸗ ter uns geſagt, Sie kennen den Betreffenden ſehr genau und wer⸗ den mit mir bedauern, daß der biedere alte Mann ſolches an ſeinem Sohn erleben muß!“ Eugenie ließ die Nadel ruhen, ihre großen, blauen Augen waren forſchend auf das pockennarbige Geſicht des Barbiers gerichtet. „Sie verſtehen es meiſterhaft, der Geduld die Daumſchrauben anzulegen,“ ſagte ſie mit leiſem Vorwurf.„Sitzt nun mein Vater nicht ſchon ſeit fünf Minuten wie ein Lamm da und wetzen Sie nicht Ihre Meſſer ſo bedächtig und fein langſam, als—“ „Mich ſoll nur verlangen, wie lange es noch währen wird,“ fiel Schirmer ihr lachend in's Wort.„Wir werden wohl nicht eher erlöſ't werden, bis wir den Namen des Betreffenden erfah⸗ ren haben.“ Der Barbier faßte die Naſe des Bankiers zwiſchen Daumen und Zeigefinger und entfernte mit einigen gewandten, raſchen Strichen den Schaum der ſich unter dem Riechorgane befand. „Ganz im Vertrauen will ich Ihnen den Namen nennen,“ ſagte er mit wichtiger, geheimnißvoller Miene,„Sie werden ohne⸗ dies dem jungen Manne keinen Stein in den Weg legen, über den er ſtolpern könnte. Alſo der Sohn unſres Nachbars Schenk— „Otto Schenk?“ fragte Eugenie beſtürzt. Der Bankier blickte ſeine Tochter lange ernſt und forſchend an; auch der Barbier ſchien betroffen zu ſein. Weniger die Worte ſelbſt, als der Ton, in welchem ſie aus⸗ greifen u oder 1 len. Un⸗ und wer⸗ ſolches au en Augen Barbiers nſchrauben Vater weben Sit ren wird, wohl nicht nden erfah⸗ 1 Daumen n, voſchen , 7 befand. n nennen 7 1 — 23— geſtoßen worden waren, mußte Befremden erregen, dieſer Ton verrieth, daß Eugenie an dem jungen Manne ein ſehr großes Intereſſe nahm. „Der alſo hat ſich an dem Aufſtande betheiligt?“ brach Schirmer endlich das peinliche Schweigen.„Mich wundert's eigentlich nicht, er war immer ein unruhiger Kopf.“ Der Barbier nickte, ſeine Naſe glühte im dunkelſten Carmin, vielleicht trieb die Freude, eine ſehr wichtige Entdeckung gemacht zu haben, ihm das Blut in den Kopf und in ſein edles Riech⸗ organ. „Die Ideen, mit denen er ſich trägt, mögen recht gut und ſchön ſein,“ erwiderte er,„aber ſie brechen ihm den Hals. Wir Deutſchen können keine Revolution machen.“ „Und wenn wir's könnten, es käme nichts dabei heraus,“ ſagte Schirmer, indem er ſich erhob.„Uebrigens möchte ich Ihnen rathen, ſchon im Intereſſe des jungen Mannes, zu ſchweigen, wenigſtens ſo lange, bis der Betreffende in Sicher⸗ heit iſt.“ Caspar Melchior Gabel fühtte den Hieb, den der Bankier ihm mit dieſem wohlgemeinten Rath gab; er packte ſchweigend ſein Werkzeug ein und entfernte ſich, um eine Erfahrung und eine Entdeckung reicher. Eugenie hatte das Köpfchen auf den Arm geſtützt, der Aus⸗ druck ihrer Züge verrieth ihre gewaltige Erregung nnd die wach⸗ ſende Angſt. Otto Schirmer ſtand vor dem Spiegel und fuhr mit der Hand glättend über ſein bereits grau melirtes Haar. „Eugenie, was iſt Dir dieſer Mann?“ fragte er ernſt und ruhig, aber noch immer in ſeinem ſanften, gutherzigen Tone. „Deine Beſtürzung und Deine Aufregung haben einen tieferen Grund, und dieſen Grund wünſche ich zu erfahren.“ Eugenie erhob das Haupt und blickte wehmüthig ernſt den Vater an. Die Thräne, die in ihren Augen ſchimmerte, die langſam unter den blonden Wimpern hervorquoll, war eine genügende Antwort auf ſeine Frage. „Du weißt es ſelbſt, Ottv war in den Jahren meiner Kind⸗ heit mein und Alfreds Spielgenoſſe,“ ſagte ſie leiſe,„er kam oft in unſer Haus und auch ſpäter noch hing Alfred mit treuer Freundſchaft an ihm. Alfred achtete den Freund ſeines ehren⸗ haften Charakters, ſeines guten Herzens und ſeiner Talente wegen, an einen Standesunterſchied dachten wir alle nicht. Und weshalb auch? Iſt der Wirth Bertram Schenk nicht ein angeſehener, ge⸗ achteter Bürger? Und wenn Otto auch das Schloſſerhandwerk zu — 22— ſeinem Lebensberuf wählte, iſt er deshalb weniger achtbar? Er hat ſich bedeutende mechaniſche Kenntniſſe erworben, er wollte ſich in der Technik üben und dann—“ „Liebes Kind, Du entwickelſt ja eine Sachkenntniß, die mich in Erſtaunen ſetzt,“ fiel Schirmer ihr überraſcht in's Wort. „Aber hiervon ganz abgeſehen, wünſche ich nur eine Antwort auf die Frage, die ich vorhin an Dich richtete.“ „Dieſe Sachkenntniß erwarb ich mir durch die Geſpräche, welche Alfred mit ſeinem Freunde führte. Otto Schenk hat ihm ausführlich ſeine Pläne für die Zukunft mitgetheilt, und Alfred billigte ſie, weil er das Talent und die Kenntniſſe ſeines Freun⸗ des kannte. Wie es gekommen iſt, das weiß ich ſelbſt nicht, aber eines Tages ward es mir klar, daß ich den Freund meines Bruders liebte, und daß es mir unmöglich war, ſein Bild aus meinem Herzen zu verdrängen. Das war an dem Tage, an welchem er zum erſtenmale in einer Volksverſammlung auftrat, alſo vor wenigen Monaten. Ich bewunderte ihn, als ich ſeine Rede in der Zeitung las, aber ich fürchtete auch für ihn, weil ich ahnte, daß er ſich in Gefahren ſtürzte. Und je mehr meine Seele ſich nun mit ihm beſchäftigte, deſto feſter und tiefer faßte meine Liebe Wurzel. Vater, was kann das Herz dafür, wenn die Liebe ihren Einzug in daſſelbe gehalten hat? Wir ſind ſeitdem nicht mehr zuſammen gekommen, aber ich weiß, daß er meine Liebe erwidert. Die Blumen, die ich ab und zu in unſerm Garten fand, kamen von ihm, keine andre Hand hat ſie in mein Blumenbeet gepflanzt. Zur Nachtzeit iſt es geſchehn, ich habe eine Nacht geopfert, um mir Gewißheit zu verſchaffen, und dieſe Gewißheit erhalten.“ Der alte Herr hatte ſchweigend zugehört und nur dann und wann mißbilligend das Haupt geſchüttelt. Jetzt, als Eugenie ſchwieg, hielt er in ſeiner Wanderung inne, ſein Blick ruhte nachdenklich aber ohne einen Ausdruck des Vorwurfs auf dem bleichen Antlitz des Mädchens. „Es iſt eine harmloſe Liebelei,“ ſagte er,„eine platoniſche Spielerei, die nicht viel zu bedeuten hat. Unterbrich mich nicht, mein Kind, ich begreife und ehre die Regungen Deines Herzens und denke nicht daran, Dir einen Vorwurf über Gefühle zu machen, von denen Niemand weiß, wie ſie entſtanden ſind. Ich achte den jungen Mann, wenn ich auch Manches auszuſetzen finde, was mir nicht an ihm gefällt. Aber das ſiehſt Du ſelbſt ein, einem Schloſſergeſellen kann ich Deine Hand nicht geben, der Abſtand zwiſchen ihm und Dir iſt doch gar zu gewaltig. Es lag in meinem Plane, Dir an der Seite des jungen Herrn Liebmann eine geſicherte Zukunft zu ſchaffen, ich habe mit ſeinem Vater — 23— ſchon einigemal mich darüber unterhalten, er iſt nicht abgeneigt, auf dieſen Plan einzugehn. Theodor Liebmann iſt ein reicher Mann, ſeine Tabakfabrik gilt für eine der erſten in unſerer Stadt, und Carl Liebmann iſt bereits der Aſſocie ſeines Vaters.“ In dem Blick, den Eugenie dem Vater zuwarf, lag eine Ent⸗ rüſtung, die ſich auf triftige Gründe zu ſtützen ſchien. „Der Ruf des jungen Herrn Liebmann kann Dir nicht un⸗ bekannt ſein, Vater,“ erwiderte ſie, mühſam an ſich haltend,„Du aber wirſt nicht wollen, daß ich an der Seite eines ſolchen Nenſchen mein Lebensglück verſcherzen ſoll.“ Der Bankier zuckte gleichmüthig die Achſeln. „Die jungen Herren ſind ſchon ſeit langen Jahren keine Tugendſpiegel mehr,“ verſetzte er gelaſſen,„nichts deſtoweniger werden ſie in den meiſten Fällen gute Ehemänner. Jugend muß austoben, ſagt das Sprüchwort, es iſt beſſer, wenn ſie vor der Ehe austobt, als—“ „Und wenn dieſer Herr Liebmann wirklich ein Tugendſpiegel wäre, ein Mann, deſſen Charakter und Gemüth die ſicherſten Garantien für mein Lebensglück böten, ich könnte ihm meine Hand nicht reichen, weil ich ohne das Herz die Hand nie verſchenken werde,“ ſagte Eugenie entſchieden. Der alte Herr ergriff ſeinen Hut, er nahm dieſen Proteſt nicht ſo leicht, wie es vielleicht mancher andere Vater an ſeiner Stelle gethan haben würde. „Ich werde Dich wahrhaftig nicht zu einer Heirath zwingen, die Dir verhaßt iſt,“ ſagte er, und es lag etwas Treuherziges, Gewinnendes in ſeinem Tone, etwas, was dem Mädchen beweiſen mußte, daß er gerne ihrem Glück ein Opfer brachte,„aber Du kannſt auch nicht von mir fordern, daß ich eine Verlobung mit dem Schloſſergeſellen gutheißen ſoll.“ Eugenie hatte ſich erhoben, ein ſtolzes, ſelbſtbewußtes Lächeln umſpielte ihre Lippen. „Sei verſichert, daß Otto Schenk nicht um meine Hand werben wird, ſo lange er uns nichts mehr bieten kann, als die Exiſtenz eines Schloſſergeſellen,“ erwiderte ſie.„Iſt es denn unmöglich, daß er ſich aus dieſer Unterthänigkeit emporſchwingt? Ein Mann mit ſeinen Kenntniſſen, ſeinem Talent, ein Mann, der eine beſſere Bildung genoſſen hat, als die gewöhnliche Elementarbildung, einem ſolchen Manne—“ „Gut, gut, warten wir's ab,“ fiel Schirmer ihr in's Wort, während er langſam auf die Thüre zuſchritt,„wir wollen darüber nicht ſtreiten, es geht ja doch Alles ſeinen Gang. Aber ich rathe Dir, gib Dich keinen ſanguiniſchen Hoffnungen hin, ſie trügen gar zu leicht.“ Er ging hinaus, um ſeine Tagesgeſchäfte zu beſorgen, die Entdeckung, die er gemacht hatte, betrübte ihn, und wenn er ſeine Tochter nicht ſo ſehr geliebt hätte, würde er vielleicht ſofort mit einem Machtſpruche ihre Wünſche und Hoffnungen zu vereiteln geſucht haben. Eugenie aber eilte unverzüglich in die Küche zu Tante Thereſe. Sie wußte, daß ſie dieſer würdigen Dame ihren Kummer und ihre geheimen Wünſche anvertrauen konnte. Tante Thereſe ließ ſich durch die Mittheilungen des Mädchens in ihrer häuslichen Beſchäftigung nicht ſtören. Als aber Eugenie ihr die Antwort ihres Vaters mittheilte, konnte ſie ſich nicht enthalten, das Küchenmeſſer hinzulegen, die Arme in die Seiten zu ſtemmen und mit einem fragenden Blick auf Eugenie ſehr lebhaft den kleinen, runden Kopf zu ſchütteln. „Sieh einmal an, das iſt ja ein ausgezeichnetes Project,“ ſagte ſie,„dieſem Saufaus und Hazardſpieler will Herr Schirmer das Lebensglück ſeines Kindes anvertrauen? Herz, lieber wollte ich Dich auf der Bahre ſehen, als mit dem Brautkranz geſchmückt an der Seite dieſes Taugenichts!“ Eugenie ſeufzte tief auf. „Wenn aber nun der Vater ſchließlich dieſes Project ſo vor⸗ trefflich findet, daß er mir befiehlt, mich ſeinem Willen zu unter⸗ werfen?“ fragte ſie. „Dir befiehlt?“ erwiderte die kleine runde Frau mit einer Handbewegung, welche ſehr deutlich ihren Unwillen über die Mög⸗ lichkeit einer ſolchen Handlungsweiſe ausdrückte. „Eugenie, dann bin ich noch da, und es ſoll mir nicht darauf ankommen, dem Herrn Schirmer einmal gründlich den Kopf zu waſchen. Ich will Dich nicht gegen ihn aufhetzen, er iſt Dein Vater und im Grunde ein ſehr ehrenwerther vernünftiger Mann, nach meiner Anſicht hängt viel davon ab, wann und unter welchen Verhältniſſen der junge Herr Schenk zurückkehren wird. Zudem ſehe ich einſtweilen noch nicht ein, weshalb Du Dich ſo ſehr be⸗ unruhigſt, Ihr ſeid beide noch jung und Du weißt noch nicht ein⸗ mal, ob der junge Mann Deine Kebe erwidert.“ „Gewiß—“ „Ruhig, liebes Kind, Du glaubſt, was Du hoffſt und Du hoffſt, was Du wünſcheſt. Mir hat's in meinen jungen Jahren auch ſo gegangen, nachher gingen die ſchönſten Hoffnungen in Rauch auf.“ Eugenie blickte ſinnend in den Garten hinaus. „Wenn er nur wüßte, daß ich ihn liebe!“ ſagte ſie.„Das würde ihn ermuthigen und anſpornen, er muß ja ſelbſt einſehen, daß wir Beide nur dann das gemeinſame Ziel erreichen können, die ſeine t mit darauf Kopf zu iſt Dein Mann, . welchen Zudem as Dl⸗ inſehen, ee, l köllnen wenn es ihm gelingt, ſich zu einer geachteten Stellung empor zu ſchwingen.“ Auch Tante Thereſe war nachdenklich geworden. „Das würde ihn außerdem von mancher Thorheit zurückhal⸗ ten,“ verſetzte ſie.„Ja, ja, wenn man es ihm beibringen könnte! — Na, ich ſehe nicht ein, weshalb das unmöglich ſein ſollte, ich werde heute Nachmittag Frau Schenk beſuchen und unter irgend einem Vorwande—— beruhige Dich, liebes Herz, Rom iſt auch nicht an einem Tage erbaut worden, was gemacht werden kann, ſoll gemacht werden.“ Die kleine kugelrunde Dame machte bei den letzten Worten eine ſo energiſche, theatraliſche Bewegung, daß Eugenie ſich eines Lächelns nicht erwehren konnte; ſie wußte, wenn Tante Thereſe ſich etwas vornahm, ſo führte ſie es auch mit einer eiſernen Con⸗ ſequenz aus. Nun die Tante ihren Beiſtand ihr zugeſichert hatte, fühlte ſie ſich wieder getröſtet und ermuthigt, das Projekt des Vaters be⸗ unruhigte ſie nicht mehr. Viertes Kapitel. Der Abſchied. Otto hatte nicht umſonſt die Begegnung mit der Mutter ge⸗ fürchtet. Frau Bertram war bei all' ihren guten Eigenſchaften etwas galliger Natur, ſehr keifſüchtig und herrſchſüchtig. Einen Wider⸗ ſpruch konnte ſie nicht ertragen, und in dem ganzen Hauſe mußte ihr Wille maßgebend ſein. Bertram Schenk hatte ſich oft dagegen empört, aber ſeine Gattin, die nebenbei eine tüchtige, arbeitſame Hausfrau, eine liebe⸗ volle Mutter und eine ſehr tugendhafte Frau war, kannte ſo viele Mittel, den gutmüthigen, ſchwachen Herrn Gemahl zur Raiſon zu bringen, daß der Schenkwirth niemals mit ſeinem Proteſt durch⸗ drang und ſich immer wieder in das alte Joch fügen mußte. Otto lehnte ſich öfter und energiſcher dagegen auf, er exreichte dadurch nur, daß die Mutter den um ein Jahr älteren Bruder ihm vorzog. ————— Die Folgen blieben nicht aus. Otto ſchloß ſich mehr und mehr an den Vater an, während Heinrich beide, Vater und Mut⸗ ter, beherrſchte und ſich in Folge deſſen Manches erlaubte, was Bertram Schenk unter anderen Umſtänden ſtreng geahndet haben würde. Helene , die Schweſter Otto's, vermittelte ſtets zwiſchen den Eltern und den Geſchwiſtern, mit ihrem kindlichen weichen Ge⸗ müth ſtiftete ſie raſch wieder Frieden, wenn ein plötzlich herein⸗ brechender Sturm ihn zu zerſtören drohte. Auch heute war ein ſolcher Sturm hereingebrochen. Frau und Otto gen war. Bertram hatte den Sohn mit Vorwürfen überhäuft ſich denſelben dadurch entzogen, daß er hinausgegan⸗ Helene ſuchte die Mutter zu beruhigen, ſie ſtellte ihr vor, daß Vorwürfe das Geſchehene nicht ändern könnten, daß man jetzt vereint darauf hinwirken müſſe, Otto den ihn drohenden Gefahren zu entzieh Den daß als en. Bemühungen des Mädchens verdankte die Familie es, ſie am Abend ſich verſammelte, um über die nächſten nöthigen Schritte zu berathen, dieſe Berathung wenigſtens An⸗ fangs frei von Bitterkeit und Gereiztheit war. Man erkannte allſeitig an, daß eine ſchleunige Flucht geboten war, und das Verſprechen Otto's, ſich ferner an den politiſchen Bewegungen nicht mehr zu betheiligen, trug weſentlich zur Beru⸗ higung der Mutter bei, die noch immer nicht vergeben und ver⸗ geſſen konnte. „Eine ſo ſchöne Laufbahn leichtſinnig zu unterbrechen?“ grollte ſie.„Und weshalb? Einer albernen Idee wegen, die nur ein Tollhäusler— „Du 7, 74 wirſt zu ſcharf, Mutter,“ fiel der Wirth ihr in's Wort. Natürlich, Du biſt ja auch einer von den geheimen Demo⸗ kraten,“ fuhr Frau Bertram, ſich ereifernd fort, während ſie dem Gatten einen ſtechenben Blick zuwarf.„Du möchteſt auch gerne einen Umſturz erleben, haſt aber, Gott ſei Dank, nicht den Muth, Dich ſelb ſt der Gefahr auszuſetzen.“ „Mutter, Mutter!“ warnte Helene leiſe. Frau Schenk ſchüttelte ſehr energiſch das Haupt, ſie hielt ſich vollſtändig berechtigt zu ſehr ernſten und ſehr bitteren Vorwürfen und ſie fand in dem boshaften Lächeln, welches die Lippen Hein⸗ richs umſpielte, eine Aufmunterung, die ſie in dieſem edlen Vor⸗ haben beſtärkte. „Was hat er nun davon?“ ſagte ſie,„Entlaſſen, ein Flücht⸗ ling, eine glänzende Laufbahn unterbrochen—“ 3 „Eine ſehr glänzende Laufbahn!“ ſpottete Heinrich, der als ßen Herrn ſpielen, wo ſollte es hinaus Commis eines Materialwaarengeſchäfts ſich hoch über den Schloſ⸗ ſergeſellen erhaben dünkte.„Die Laufbahn eines Schloſſergeſellen, der es vielleicht noch einmal zum Hufſchmied gebracht hätte!“ In den Augen Otto's blitzte es auf. „Hüte Dich, daß Dir der Schloſſergeſelle nicht über den Kopf wächſt!“ ſagte er, mühſam an ſich haltend. Heinrich zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Was könnte aus einem Schloſſergeſellen werden!“ erwiderte er mit kühlem, verletzenden Spott.„Ich werde binnen Kurzem Aſſocie einer ſehr geachteten Firma ſein und wenn ich's erſt da⸗ hin gebracht habe, bin ich in wenigen Jahren ein reicher Mann. Reich will ich, reich muß ich werden, dem Reichen huldigt Jeder, der Arme bleibt verachtet.“ Frau Bertram machte eine zuſtimmende Bewegung. „Das iſt ein ſehr lobenswerther Vorſatz,“ ſagte ſie. „Mindeſtens eine halbe Million, fünfmalhunderttauſend Tha⸗ ler muß ich mein nennen,“ fuhr Heinrich mit einer Zuverſicht fort, als ob er das Geld ſchon in der Taſche habe.„Ich werde nicht ruhen, bis ich ſie beſitze.“ „Und wodurch gedenkſt Du ſie Dir zu erwerben?“ fragte Otto ruhig. „Wodurch? Spekulation, Aktien, Oel und Getreide, dem Kauf⸗ manne ſtehen unzählige Wege offen, reich zu werden.“ „Und unter dieſen Wegen iſt mancher, den ein ehrlicher Mann nie betreten würde,“ entgegnete Otto mit ernſter gehobener Stimme. „Auch ich ſtrebe danach, unabhängig zu werden und es zu einer gewiſſen Wohlhabenheit zu bringen, das Ziel verfolgt ja jeder Menſch, aber niemals würde ich es auf dem Wege zu erreichen ſuchen, den Du betreten willſt. Die Spekulationsgeſchäfte an der Börſe ſaugen an dem Herzblute des Armen, des Arbeiters, des Tagelöhners und des Handwerkers; wenn die Herren Kaufleute durch dieſes Hazardſpiel die Preiſe für die unentbehrlichſten Le⸗ bensbedürfniſſe in die Höhe ſchrauben,— wer leidet darunter? Die arbeitende Klaſſe, die jenen Herren mit ihrem Schweiß den Säckel füllen muß. Der rechtlich denkende Mann billigt dieſen Schwindel nicht.“ „Was verſtehſt Du davon?“ höhnte Heinrich.„Mit Deinen Anſichten und verſchrobenen Ideen wirſt Du ſtets bleiben, was Du biſt, der Tagelöhner Anderer. Es muß ein eigenes Ver⸗ gnühen ſein, ſein Leben am Amboß zu verbringen, ein Schloſſer⸗ geſelle—“ „Schmähe die Arbeit nicht!“ fiel Otto ihm in's Wort. „Wären alle Menſchen wie Du, wollten alle die Rolle eines gro⸗ Wir, die arbeitende Klaſſe, ſind die große Pulsader der ganzen Geſellſchaft; wenn ſie einmal ſtockt, hat Alles ein Ende. Und wenn Du einſt in offe⸗ ner Equipage fährſt, hüte Dich, auf den bewußten Handwerker verachtend hinabzuſehen, Du kannſt entéhrt werden, er nicht.“ „Otto hat Recht,“ ſagte der Wirth,„wenn er auch in man⸗ cher Beziehung zu weit geht.“ „Tolle Ideen!“ ſpottete Heinrich.„Er wird bald einſehen, wie viel ſie werth ſind. Wohlan, wenn Du auch dieſes Ziel verfolgſt, ſo ſoll die Zukunft lehren, wer Recht hatte, wer es ſo weit bringt, dieſes Ziel zu erreichen! Ich ſchreite ſicher und feſt vorwärts—“ „Ueberhebe Dich nicht, Heinrich,“ warnte Helene kopfſchüttelnd, „noch biſt und haſt Du nichts.“ „Aber ich werde etwas ſein und haben!“ rief Heinrich ge⸗ reizt.„Ich möchte hören, was Herr Schirmer ſagen würde, wenn Otto mit ſeinen Ideen um die Hand der Bankiers⸗Tochter werben wollte! Ah, ich habe es wohl bemerkt, daß man das Goldſiſchchen gerne angeln möchte, und Tante Thereſe wird wohl auch deshalb vorhin ſo angelegentlich mit dem Herrn Schloſſer⸗ geſellen ſich unterhalten haben—“ „Du ſcheinſt es darauf anlegen zu wollen, mir die Galle ſo recht tief in's Blut zu treiben!“ fuhr Otto auf, der Aller Augen fragend auf ſich gerichtet ſah.„Wärſt Du nicht mein Bruder, ich würde Dir die Züchtigung angedeihen laſſen, die einem ſol⸗ chen infamen Benehmen gebührt! Verhüte Gott, daß ich je in die Lage komme, von Deiner brüderlichen Hülfe Gebrauch machen zu müſſen, viel lieber will ich an den Thüren betteln, als von einem herzloſen Bruder ein Almoſen annehmen.“ Helene und der Vater ſuchten zu vermitteln, Frau Bertram ſelbſt warf dem hochſtrebenden Commis vor, er ſei zu weit ge⸗ gangen. Heinrich zuckte geringſchätzend die Achſeln und erwiderte, wenn man die Wahrheit nicht mehr ſagen dürfe, ſo ſei es beſſer, daß man überhaupt ſchweige. Die Mutter wollte wiſſen, ob es wahr ſei, daß Otto ein Auge auf Eugenie Schirmer geworfen habe. Otto verſuchte der Antwort auszuweichen, als ihm das nicht gelang, erklärte er, daß er es nie gewagt haben würde, ſich der jungen Dame zu nähern, trotzdem ſie ſeine Jugendgeſpielin ge⸗ weſen ſei und trotzdem er längſt gewußt habe, daß auch ſie eine tiefere Neigung für ihn hege. Er habe ſich vorgenommen, erſt dann um ihr Herz und ihre Hand zu werben, wenn er ihr eine Exiſtenz bieten könne, die ihrer Erziehung und ihrem Stande ent⸗ ſpreche und von dieſem Vorſatz werde er nicht abgehen. Bertram Schenk ſchüttelte ſehr bedenklich ſein kahles Haupt und nahm ziemlich geräuſchvoll eine Priſe. „Was man auch vornehmen mag, es kommt in der Regel ganz anders, wie man es wünſcht, hofft und erwartet,“ ſagte er, während er die Tabaksdoſe energiſch ſchloß,„man muß Geduld haben und der Zeit Alles überlaſſen. Es fragt ſich nun, wohin Du Dich wenden willſt, Otto, ein beſtimmtes Ziel mußt Du vor Augen haben, in's Blaue hinein zu wandern, thut ſelten gut.“ „Ich werde nach Paris und London gehen und dort in den mechaniſchen Werkſtätten Arbeit ſuchen,“ erwiderte Otto ohne Zögern. „Ich hatte es anders vor,“ fuhr der Wirth fort.„Du weißt, daß ich Anfangs März dieſes Jahres die Nachricht erhielt, mein Bruder Friedrich in Braſilien ſei geſtorben und habe mich zum Univerſalerben ſeines Vermögens eingeſetzt. Friedrich wohnt in Ouro⸗Preto, Provinz Minas Geraes, im Diamanten⸗ und Gold⸗ lande, es iſt anzunehmen, daß er ein bedeutendes Vermögen hin⸗ terlaſſen hat. Ich habe nun direkt an den Conſul geſchrieben, aber bis heute noch keine Antwort auf meine Anfrage erhalten.“ „Ein Beweis, daß die ganze Geſchichte Schwindel iſt,“ warf Frau Bertram ſehr kategoriſch ein.„Wer hat Dir damals das Mährchen mitgetheilt? Ein guter Bekannter, wie er ſich nennt! Mag wohl auch ſolch ein Saufaus und Lüdrian ſein, wie Dein Bruder, der damals auswandern mußte, weil—“ „Mathilde!“ rief Bertram Schenk drohend.„Mag mein Bruder bei Lebzeiten manchen dummen Streich gemacht haben, dem Todten trägt man es nicht nach. Und übrigens ſaugt das Nie⸗ mand aus den Fingern, welches Intereſſe könnte er dabei haben? Gs war nun mein Plan, Du ſollteſt hinreiſen und Dich erkun⸗ digen— „Es wäre Schade um das ſchöne Geld!“ unterbrach Frau Bertram ihn abermals.„Eine Reiſe nach Braſilien kann nicht mit fünf Silbergroſchen abgemacht werden.“ Auch Heinrich gab ſein Bedenken durch ein ſehr lebhaftes Kopfſchütteln zu erkennen. „Solche überſeeiſche Erbſchaften ſind in der Regel Trugbilder,“ ſagte er,—„die alte Fabel von dem reichen Oheim in Amerika iſt 1 „Wahrheit!“ rief der Wirth unwillig.„Ihr ſeid Alle gegen mich, aber der Tag wird kommen, an welch em Ihr einſeht, daß dieſe Erbſchaftsgeſchichte kein Mährchen iſt.“ In dieſem Augenblick trat Nikolas Schwarz ein, um den Freund und Kamerad abzuholen. Die Stunde des Abſchieds hatte geſchlagen. ☛ 4 5—— — 3— — 4 —g · 8 — —————— —, 30— Während der Zeit des Belagerungszuſtandes wurden die Thore der Stadt um neun Uhr geſchloſſen, vor Thorſchluß mußten die Flüchtlinge die Stadt verlaſſen haben. „Wir gehen nach Bonn,“ ſagte Nikolas, als der Wirth ihn fragte, welche Route ſie einzuſchlagen gedächten,„von dort aus benutzen wir das Dampfboot. Meine Erſparniſſe werden hoffent⸗ lich ſo weit reichen, bis ich die deutſche Grenze hinter mir habe.“ „Sie reichen ſo lange, als ich noch einen Groſchen in der Taſche habe,“ erwiderte Otto mit herzlicher Wärme.„Das ſei ferne von mir, daß ich den Freund im Stiche laſſe.“ Bertram Schenk reichte mit zitternder Hand dem Sohne eine kleine, unanſehnliche Brieftaſche. „Gott gebe Dir ſeinen Segen,“ ſagte er und eine Thräne glänzte in ſeinen treuherzigen Augen,„halte Gott vor Augen und die Liebe zu uns im Herzen, ſo wirſt Du vor manchem Fehltritt bewahrt bleiben.“ Auch Helene und die Mutter konnten ihre Rührung und ihren Schmerz nicht verbergen, auch ſie nahmen mit warmen, herzlichen Worten von dem Scheidenden Abſchied. Nur Heinrich blieb kalt und ruhig. „Du wirſt wohl ſobald nicht zurückkehren,“ ſagte er gleich⸗ müthig,„wenn es nach Jahren geſchieht, ſo wollen wir uns dieſer Stunde erinnern und prüfen, wer es am weiteſten gebracht hat, Du mit Deinem Vertrauen auf die Arbeit, ich mit meinen Spe⸗ kulationen.“ Auch von Nikolas nahm die Familie Otto's in herzlicher Weiſe Abſchied. Weshalb wohl ruhte der Blick Helene's ſo theilnehmend und wehmüthig zugleich auf dem jungen Mann? Weshalb ſenkte ſie verlegen erröthend die Wimpern, als ihr Blick dem ſeinigen begegnete? „Schützen Sie ihn, wenn ihm Gefahr droht,“ fiüſterte ſie, als ſie ihre kleine, weiße Hand in die rauhe, ſchwielige Rechte des Maſchinenbauers legte.„Er iſt ein treuer Freund und ſolches Schutzes werth.“ „Gewiß,“ erwiderte Nikolas leiſe,„ich ſchätze mich glücklich, ſeine Freundſchaft zu beſitzen.“ „Und nun noch einmal, Gott mit Euch!“ ſagte der Wirth, der inzwiſchen, wohl um ſeine Rührung zu bemeiſtern, eine Priſe nach der andern genommen hatte.„Geht, das Herz iſt uns Allen ſchwer genug, machen wir's kurz.“ Noch ein Kuß, ein Händedruck, dann eilten die jungen Leute hinaus.. Sie traten eine Wanderſchaft an, deren Ziel in weiter, weiter — „ gſich ſi cklich, Wirth, riſe Pl Allen — 31— Ferne lag, eine Wanderſchaft, die über rauhe, dornige Pfade und gar oft an gähnenden Abgründen vorbeiführte. Ob ſie das erſehnte Ziel erreichten? Wer konnte es vorausſehen? Sie beſaßen beide Muth und Thatkraft, ſie wanderten beide vereint auf ein und demſelben Wege einem und demſelben Ziele zu und doch ſollten einſt ihre Wege weit, weit aus einander gehen! Fünftes Kapitel. Ein Geheimer. Der Schneider Fritz Wacker und der Barbier Caspar Gabel ſaßen im Hinterſtübchen gemüthlich mitſammen plaudernd vor den ſchäumenden Biergläſern. Sie wußten, was drüben in der Wohnſtube vorging und ſo gern ſie auch von den beiden Jünglingen Abſchied genommen und ein herzliches Wort ihnen mit auf den Weg gegeben hätten, woll⸗ ten ſie doch nicht ſtörend in den Familienkreis eindringen. Und als die Flüchtlinge das Haus verlaſſen hatten und nun der Wirth ſich zu ſeinen Gäſten geſellte, da hielten es die letzteren für ihre Pflicht, ihn zu tröſten und aufzuheitern, fühlten ſie doch ſelbſt, wie ſchwer es ihm um's Herz ſein mußte. Bald wurden ſie durch den Eintritt des Brauburſchen unter⸗ brochen, der ſeinem Herrn leiſe einige Worte zuflüſterte. Ueber das wohlgenährte Antlitz des Schenkwirths glitt ein Zug freudiger Genugthuung. Er nahm ſein Glas und forderte durch ein Zeichen ſeine Gäſte auf, mit ihm anzuſtoßen. „Auf das Wohl der beiden Flüchtlinge!“ ſagte er leiſe.„So eben erhalte ich die Nachricht, daß ſie glücklich hinaus ſind.“ Die Gläſer wurden auf einen Zug geleert; Bertram Schenk ging hinaus, um ſie wieder zu füllen. Aber der Schrecken hätte ihn beinahe bewogen, ſie fallen zu laſſen, denn als er die Schwelle des Zimmers überſchritt, fiel ſein Blick auf eine Infanterie⸗Patrouille, die alle Thüren des Erd⸗ geſchoſſes beſetzt hielt. Ein Polizei⸗Commiſſair näherte ſich raſch dem Beſtürzten. „Wir ſuchen Ihren Sohn,“ ſagte er in höflichem, aber feſtem Tone.„Die Flucht iſt unmöglich, wir wiſſen, daß er hier in Ihrem Hauſe iſt.“ Der Wirth fühlte inſtinktiv, daß er vor Allem ſuchen mußte, Zeit zu gewinnen. Konnte er die Verfolgung der Flüchtlinge verzögern, ſo ge⸗ wannen die letzteren wenigſtens einen Vorſprung. „Was liegt gegen ihn vor?“ fragte er, bald den Commiſſair, bald die Soldaten anblickend. „Das werden Sie ſelbſt wiſſen,“ erwiderte der Beamte aus⸗ weichend, der dem Anſcheine nach nicht beabſichtigte, ſchroff und verletzend aufzutreten. Ich weiß es in der That nicht,“ verſetzte Schenk, und es gelang ihm vortrefflich, eine Verwirrung und Beſtürzung zu heu⸗ cheln, die ſogar den erfahrenen Beamten täuſchte. „Wie? Ihnen ſollte das unbekannt ſein?“ fuhr der Polizei⸗ commiſſair fort.„Sie wiſſen doch jedenfalls, daß Otto Schenk ſich an den aufrühreriſchen Bewegungen betheiligt hat!“ „Allerdings; er hat in den Volksverſammlungen hier und da eine Rede gehalten—“ „Und heute Morgen?“ „Nun? „Hat er mit bewaffneter Hand den Aufruhr unterſtützt und ſogar auf das Militär geſchoſſen.“ „Das kann ich nicht glauben,“ erwiderte Bertram Schenk kopfſchüttelnd,„es muß ein Irrthum ſeim“ „Verlieren wir nicht die Zeit mit leeren Redensarten,“ ſagte der Beamte ungeduldig.„Wo befindet ſich Ihr Sohn?“ „Ich weiß es nicht.“ Der Beamte gab den Soldaten einen Wink; einige von ihnen hielten die Thüren beſetzt, während die andern dem Commiſſar folgten, der ſofort alle Räume des Hauſes einer gründlichen Durch⸗ ſuchung unterwarf. „Es iſt glücklich überſtanden,“ ſagte der Wirth, der nach eini⸗ ger Zeit zurückkehrte.„Sie haben ihn nicht gefunden und be einigen Drohungen es bewenden laſſen.“ Der Barbier athmete erleichtert auf. „Gott ſei Dank,“ verſetzte er,„ich fürchtete ſchon, ſie würden Euch mitgenommen haben.“ Ein neuer Gaſt trat ein; ein Gaſt, der kein Recht hatte, in dieſes für die Stammgäſte reſervirte Zimmer ſo eigenmächtig ein⸗ zudringen. Dieſer Gaſt war Jakob Herz; daß die Anweſenden ihn kann⸗ ten, mußte ihm der Unmuth in ihren Zügen verrathen. ſagte ihnen niſſar eann⸗ 1 kann. Der Wucherer beachtete dieſen Unmuth nicht, er ließ ſich nie⸗ der und forderte ein Glas Bier. Bertram Schenk ging zögernd hinaus, und als er mit dem verlangten Trunk zurückkehrte, mußte der Wucherer abermals in dem ganzen Weſen des Wirths den Beweis finden, daß ſein Be⸗ ſuch ſehr unwillkommen war. Der Schneider, der gegen dieſen Mann eine unüberwindliche Abneignung hegte, ohne dafür einen perſönlichen Grund anführen zu können, konnte es nicht über ſich gewinnen, ihn ungeſchoren zu laſſen. „Wüßt Ihr, die ſchwerſte Strafe trifft in China die Wucherer,“ wandte er ſich zu dem Barbier.„Ich ſah eines Tages das Ur⸗ theil an einem ſolchen Manne vollſtrecken; er hatte die Wittwen und Waiſen betrogen und das Vermögen zahlloſer Familienväter verſchlungen.“ Jakob Herz richtete ſeine kleinen, tückiſchen Augen auf den dürren Schneider, er ſah ihn ſo ſcharf und ſtechend an, als ob er ihn durchbohren wollte. Aber Fritz Wacker ließ ſich nicht beirren. „Dem Manne wurde auf öffentlichem Platze vor verſammel⸗ tem Volke ein Ring durch die Naſe geſtoßen, die durch dieſe Prozedur eine Fagon wie die Eurige erhielt. Durch den Ring zog man einen Strick, darauf wurde der Menſch mit lautem Halloh durch alle Straßen der Stadt geführt. An jeder Ecke mußte er tanzen, wie ein Bär, wenn er nicht wollte, regnete es Hiebe mit der Peitſche. Schließlich wurde er auf den öffentlichen Platz zurückgebracht. Hier war unter einem großen Tiegel ein koloſſales Feuer angezündet, der Tiegel ſelbſt enthielt die geſamm⸗ ten Schätze des Verurtheilten. Sobald die Maſſe flüſſig war, legte man den Wucherer auf den Rücken und goß ihm den glühen⸗ den Brei in den Mund, und was nicht hineinlief, das lief drüber, ſpäter fiel der Pöbel drüber her, und daß er mit der Leiche nicht glimpflich umging, könnt Ihr denken.“ „Seid Ihr nicht der Schneider Fritz Wacker?“ fragte Herz, bebend vor Wuth. „Aufzuwarten,“ erwiderte der Schneider,„allemal derjenige, welcher!“ „Na, wenn Ihr ſo gut arbeiten könnt, wie aufſchneiden, müßt Ihr bald ein reicher Mann ſein,“ fuhr der Wucherer mit kühlem Hohn fort.„Mein Schreiber, Bernhard Schenk, hat heute Mor⸗ gen dieſen Brief angenommen, Herr Wirth, er glaubt indeß, daß derſelbe für ihn nicht beſtimmt ſein könne, da er in Braſilien keine Verwandten beſitzt. Vielleicht ſind Sie in der angenehmen Lage—“ Fünfmal hunderttauſend Thaler. 3 3 — 34— Bertram Schenk hatte raſch den Brief genommen, ſeine Hände zitterten, in ſeinem ganzen Weſen gab ſich eine gewaltige Aufre⸗ gung kund. „Rio de Janeiro— Konſulat,“ las er ſtotternd,„Herrn B. Schenk—— natürlich, der Brief iſt an mich adreſſirt.“ „Achtundzwanzig Groſchen Porto,“ ſagte Herz ruhig. Der Schneider und der Barbier hatten ſich raſch erhoben, ſie prüften beide Adreſſe, Siegel und Poſtſtempel, während der Wirth das Porto dem Wucherer einhändigte. „Wird wohl das Porto werth. ſein,“ verſetzte Herz gelaſſen, „falls Sie drüben eine Erbſchaft einzuziehen haben, könnte ich Ihnen vielleicht nützlich ſein.“ Bertram Schenk nickte; er hörte wohl die Worte, aber ihren Sinn verſtand er nicht, ſeine Seele war allzuſehr mit dem muth⸗ maßlichen Inhalte des Briefes beſchäftigt. Und doch ſchien er die Ungewißheit der Gewißheit vorzuziehen, es war, als ob. ihm ahnte, daß dieſer Brief ſeine ſchönen Hoff⸗ nungen mit einem Schlage vernichten ſolle.— Er nahm ſeine Brille aus dem Futteral und rieb lange und bedächtig an den Gläſern, während ſein Blick ſtier und gedanken⸗ voll auf dem Briefe ruhte. Er ſetzte langſam die Brille auf die Naſe, leerte ſein Glas zur Hälfte und nahm darauf mit ziemlichem Geräuſch eine Prieſe, ohne die wachſende Ungeduld ſeiner theilnehmenden Freunde zu berückſichtigen. Erſt nachdem er alle dieſe Vorbereitungen getroffen hatte, er⸗ brach er das Siegel. Erwartungsvoll, mit fieberhafter Spannung ruhten die Blicke der beiden Freunde auf ſeinem Geſicht. Sie ſahen, wie die Stirne ſich in Falten zog und düſtre Wolken ſich darüber lagerten; ſie mußten nun ſchon wiſſen, daß das Schreiben des Konſuls keine angenehme Nachricht enthielt. „Es iſt bitter, ſich in ſeinen Hoffnungen betrogen zu ſehen,“ ſagte der Barbier, indem er dem niedergeſchlagenen Wirth die Hand reichte,„aber man muß es nehmen, wie es kommt, ändern kann man's nicht.“ Bertram Schenk ſchob mit einem Seufzer den Brief in die Taſche. „Ich habe auch oft darauf gerechnet, daß ich das große Loos gewinnen würde,“ verſetzte der Schneider kopfſchüttelnd,„aber ich darum keine Feind⸗ blieb allemal derjenige, welcher—— na, ſchaft nicht! Werd's wohl noch einmal gewinnen, ſpiele ja ſogar ein ganzes halbes Loos, wofür ich manches Andere entbehren mi. 1 — nur Geduld!“ Hände Aufre⸗ em B. ben, ſie Wirth gelaſſen, unte ich er ihren n muth⸗ ange und gedanken⸗ die Bice und düſtre ſen daß 1 1 1 1 Der Wirth ſchwieg, auf einen ſo vollſtändigen Sturz ſeiner Hoffnungen war er nicht vorbereitet geweſen. „Es iſt alſo nichts?“ fragte Herz. „Nein,“ erwiderte Bertram Schenk kurz angebunden. „Dann bedaure ich, den Brief überbracht zu haben.“ Er ſtand im Begriff, ſich zu erheben, als ein vierter Gaſt eintrat, ein Gaſt, der ebenſo, wenn nicht noch mehr unwillkommen war, wie der Wucherer. Dieſer Gaſt war der frühere Meiſter Otto's, der Schloſſer Peter Braun. Auch er trat mit einer Ruhe und Sicherheit ein, als ob es für ihn keinem Zweifel unterliege, daß der Wirth ſich durch ſeinen Beſuch geehrt fühlen müſſe. Da nun weder der Wirth, noch der Barbier, noch der Schnei⸗ der irgend einen triftigen Grund hatten, gegen dieſen Mann ſofort feindſelig aufzutreten, ſo konnte natürlich keiner von ihnen etwas dagegen einzuwenden finden, daß der Schloſſermeiſter Platz nahm und nach einem ſehr höflichen Gruße ein Glas Bier forderte. „Es wäre mir lieb, wenn ich einige Worte mit Ihrem Sohn Otto reden könnte,“ wandte er ſich zu dem Wirth, nachdem er einen Zug aus ſeinem Glaſe gethan hatte. Schon der Anblick dieſes Mannes, der in keinem guten Rufe ſtand, hatte dem Wirth die Galle in's Blut getrieben, auch war er ſcharfſinnig genug, zu errathen, was der Schloſſermeiſter beab⸗ ſichtigte. „Was wollen Sie von ihm?“ erwiderte er, und ſeine Stimme klang barſcher und ſchroffer, als er es eigentlich wollte. „Nichts beſonderes,“ fuhr Braun gleichmüthig fort.„Sie wer⸗ den wiſſen, daß Otto und deſſen Kamerad heute Morgen Feier⸗ abend gemacht haben.“ „Sie tragen ja ſelbſt die Schuld daran.“ „Mag ſein, ich will das nicht näher unterſuchen.“ „Und was wollen Sie nun?“ „Ihren Sohn fragen, ob er wieder eintreten will.“ „Und das wollen Sie ihn ſelbſt fragen?“ „Weshalb nicht? Wir werden ſchon einig mit einander werden.“ „Wirklich?“ ſpottete der Wirth.„Na, mir iſt's Recht, verſuchen Sie Ihr Glück.“ „Gern, wenn Sie nur die Güte haben wollen, Ihren Sohn zu bitten, er möge auf einen Augenblick hierherkommen.“ Bertram Schenk wechſelte mit ſeinen Freunden einen ſehr be⸗ deutſamen Blick. Der Barbier verließ das Zimmer. „Ich werde es ihm ſchreiben, wenn ich weiß, wo er iſt,“ ſagte Schenk. 3* — 36— Peter Braun gab ſich den Anſchein, als habe er dieſe Antwort nicht erwartet. „Wozu dieſe Umſtände?“ erwiderte er.„Wir ſind ja unter uns, und Otto hat nach meiner Anſicht wegen ſeiner politiſchen Sünden nichts zu befürchten.“ Der Barbier kehrte in dieſem Augenblick zurück. „Zwei Gensd'armen und ein Sergeant ſind in der Nähe,“ ſagte er ruhig.. Bertram Schenk pflanzte ſich vor dem plötzlich erbleichenden Schloſſermeiſter in ſehr energiſcher Haltung auf. „Spione und Verräther dulde ich in meinem Hauſe nicht,“ verſetzte er mit gemeſſenem Ernſt,„wer mich fangen will, muß früh aufſtehen, und nun trinken Sie gefälligſt Ihr Bier aus und machen Sie, daß Sie hinaus kommen.“ Unter vier Augen würde Braun dieſer Aufforderung vielleicht nachgekommen ſein, aber vor Zeugen konnte er die Schmach nicht ſo geduldig hinnehmen. „Sie ſind Wirth und haben als ſolcher nicht das Recht, einem ruhigen, nüchternen Gaſte Ihr Haus zu verbieten,“ fuhr er auf. „Verſtehen Sie mich? Ihre Bemerkungen über Spione und Ver⸗ räther treffen mich nicht, ich werde Ihr Haus verlaſſen, wenn's mir beliebt.“ 1 Bertram Schenk bezwang ſich mühſam. „Ich kann mein Haus Jedem verbieten, der mir nicht paßt,“ ſagte er,„und ich wäre ein Narr, wenn ich in demſelben einen Menſchen duldete, der nichts Geringeres beabſichtigt, als meinen Sohn zu verrathen. Verſtehen Sie miche? Machen Sie, daß Sie hinaus kommen, ich ſage es Ihnen zum letzten Male.“ Peter Braun ſchien entſchloſſen zu ſein, nur der Gewalt zu weichen. Der Barbier, deſſen Naſe abwechſelnd roth und dann wieder weiß geworden war— ein ſicheres Zeichen, daß das Blut in ſeinen Adern ſtürmiſch wallte— warf die Gläſer und einen Stuhl um, in der unverkennbaren Abſicht, ein Geräuſch zu verurſachen, welches die nächſten Schritte rechtfertigen konnte. „Was?“ rief er ſo laut, daß alle Gäſte in der Schenkſtube ihn hören mußten.„Skandal wollt Ihr beginnen? Nüchtern wollt Ihr ſein? Hinaus mit ihm!“ „Hinaus!“ ſchrie der Schneider. „In einer ordentlichen Wirthſchaft zerbricht man keine Gläſer und Stühle!“ rief der Barbier wieder, und ehe der Schloſſermeiſten nur daran denken konnte, ſich zur Wehre zu ſetzen, hatten Wirtar 4 W 4 K Schneider und Barbier ihn ſchon gefaßt. Den vereinten Bemühungen dieſes Kleeblatts verdankte Pet ttwort unter tiſchen Nühe henden wcht, „ muß 1s und eelleicht f nicht einem er auf. d Ver⸗ wenn's . paßt,“ n einen memen daß Sit ewalt zu wieder Blut in n Stühl rutſachen, benkftube Rüchter Gliſer, fert mei 1 en Wirt⸗ 3* lkte Pet Braun es, daß er ſich binnen einer halben Minute auf der Straße, und zwar mit der Naſe auf dem Pflaſter befand, und — 37— mitten durch den Tumult vernahm er noch den Ruf: „So wirft man in China einen„Geheimen“ hinaus!“ Bebend vor Wuth erhob er ſich. Kinn und Naſe waren arg geſchunden, der Schmerz an ver⸗ ſchiedenen Theilen ſeines Körpers rief ihm in's Gedächtniß zurück, daß man ihn mit Rippenſtößen, Fußtritten und Kopfnüſſen reich⸗ lich bedacht hatte. Mit geballten Fäuſten und zornfunkelnden Blicks ſtand er vor dem Hauſe; hätte er ſich in dieſem Augenblicke an der Spitze einer Compagnie Soldaten befunden, ſo würde er keinen Stein auf dem andern gelaſſen haben. „Ein andres Mal macht keinen Skandal!“ ſpottete der Wirth, der inmitten ſeiner Freunde auf der Schwelle ſtand. „Ihr ſeid doch allemal derjenige, welcher!“ höhnte Fritz Wacker, während er tief in die Tabaksdoſe des Wirths hineingriff.„Ueberall betragt Ihr Euch wie ein roher, wüſter Geſelle— na, darum keine Feindſchaft nicht, aber ich rathe Euch, laßt Euch hier nicht mehr blicken!“ Der Schloſſermeiſter wollte ſeiner Wuth in heftigen Ausfällen Luft machen, aber die Stimme verſagte ihm. Von glühendem Rachedurſt beſeelt, entfernte er ſich, und das Gelächter des Kleeblatts, welches ihm folgte, war nicht geeignet, ſeinen Haß und ſeine Wuth zu dämpfen. An der erſten Ecke erwartete ihn der Wucherer Jakob Herz. „Kommt mit,“ ſagte er, als der Schloſſermeiſter an ihm vor⸗ beiſchreiten wollte,„ich werde Euch den Weg zeigen, auf welchem Ihr an ihm Rache nehmen könnt.“ Sechötes Kapitel. Das Komplott. Willenlos war Peter Braun dem Wucherer gefolgt. Er dachte nicht daran, daß er der Schuldner dieſes Mannes war, daß der Wucherer noch jüngſt ihm gedroht hatte, er werde ihn wegen der Schuld verhaften laſſen, ſeine Seele war in dieſem Augenblicke nur mit der erlittenen Schmach und dem Gedanken an Rache beſchäftigt. ‿ 7 — 38— Jakob Herz führte ſeinen Begleiter in eine wenig beſuchte Schenke und ließ ſich dort an einem von den übrigen Gäſten ent⸗ fernt ſtehenden Tiſche nieder. „Man hat Euch ſchmählich behandelt,“ ſagte er,„aber im Grunde betrachtet, kann ich nicht leugnen, daß der Wirth gewiſſer⸗ maßen in ſeinem Rechte war. Ihr hegtet den Vorſatz, ſeinen Sohn zu verrathen, und das muß einen Vater in Wuth bringen.“ Der Blick des Schloſſers ruhte ſtier auf dem verſchmitzten Geſichte des alten Mannes. „Ihr wolltet mir einen mit heiſerer Stimme. „Gewiß, aber es iſt ein ſehr beſchwerlicher Weg.“ „Thut ni „Apropos, Ihr wüßt doch, daß Ihr verurtheilt ſ Forderung vinnen vier Wochen auszuzahlen—“ „Was ſoll das?“ fiel Braun dem Wucherer heftig in's Wort. „Habt Ihr mich hierhergelockt, um— 1 „Nicht ſo laut, wenn ich bitten darf,“ fuhr Herz mit ernſter Ruhe fort,„wir haben über Dinge miteinander zu reden, die nicht Jeder hören darf. Zwei Wege liegen vor Euch, der erſtere führt iw's Schuldgefängniß und in's Elend, der andere gibt Euch Gele⸗ genheit, ein Vermögen zu erwerben und zu gleicher Zeit Enre Rache zu befriedigen. Trefft Eure Wahl!“ Der Schloſſermeiſter blickte fragend den Wucherer an, es war natürlich, daß die Worte deſſelben ihn nicht wenig überraſchen mußten. „Ich denke, es liegt auf der Hand, daß ich unter allen Um⸗ ſtänden den letzten Weg wählen werde.“ „Auch dann, wenn Eure Ehrlichkeit—“ „Bah, was thue ich mit der Ehrlichkeit, wenn ſie keinen Pfen⸗ ning einbringt!“ Jakob Herz nickte beiſtimmend. ein vernünftiger Mann,“ ſagte er,„das „Ich ſehe, Ihr ſeid emd iſt Jedem näher, wie der Rock. Würdet Ihr bereit ſein, eine Reiſe nach Mexico zu machen?“ „Nach Mexico?“ fragte Braun überraſcht. „Nach Braſilien wollte ich ſagen, iws Gold⸗ und Diamanten⸗ land. Es handelt ſich um eine bedeutende Summe, die Ihr dort als Bevollmächtigter eines Andern erheben ſollt. Wenn Ihr den Auftrag zur Zufriedenheit ausführt, ſtreiche ich nicht allein meine Forderung an Euch, ich zahle Euch ſogar außerdem fünftauſend Thaler.“ „Und meine Rache?“ „Wird in ſofern befriedigt, als jene Summe das rechtmäßige Weg zur Rache zeigen,“ verſetzte er eid, mir meine * chts, ich werde alle Hinderniſſe überwinden.“. — 39⸗— Eigenthum des Wirthes Bertram Schenk iſt, in deſſen Namen Ihr das Geld auch erheben werdet.“ Der Schloſſermeiſter verſtand das nicht recht, er bat um nä⸗ here Aufklärung, die Jakob Herz ihm mit kurzen Worten gab. „Ihr ſeht, ich ſchenke Euch großes Vertrauen,“ ſchloß der Wucherer ſeine Mittheilungen,„wenn Ihr daſſelbe mißbraucht, dürft Ihr Euch darauf gefaßt machen, daß ich Euch vernichten werde. Aber Ihr thut das nicht, weil Ihr einſehen müßt, daß ein Bündniß mit mir in Eurem Intereſſe liegt. Ihr erhaltet notarielle Vollmacht, Reiſegeld und einen Paß, könnt alſo dreiſt und ohne Beſorgniß drüben auftreten, zumal Ihr von dem recht⸗ mäßigen Erben durchaus keine Nachforſchungen zu befürchten habt. Sobald Ihr das Geld erhaltet, kauft Ihr in Rio de Janeiro Wech⸗ ſel auf London, Paris oder eine andere europäiſche Stadt, dieſe Wechſel ſchickt Ihr mir ein, und nach Eurer Rückkehr zahle ich Euch die bedungene Belohnung aus.“ „Aber ich kenne nur die deutſche Sprache,“ warf Braun ein, „mit ihr allein werde ich drüben nicht zurechtkommen.“ „Dafür laßt den Conſul ſorgen,“ fuhr Herz fort,„er wird Euch mit Rath und That zur Seite ſtehen, und Dolmetſcher findet Ihr da drüben genug. Jetzt entſchließt Euch, Ihr müßt mik dem nächſten Schiff abfahren.“ „Laßt mir Zeit bis morgen.“ „Gut, morgen früh erwarte ich Euch, Ihr werdet mir dann die Entſcheidung bringen.“ „Die Rache genügt mir nicht,“ nahm Braun nach einer kur⸗ zen Pauſe wieder das Wort,„ſie trifft den Wirth nicht tief ge⸗ nug und die beiden andern Schufte gar nicht.“ „Dafür laßt mich ſorgen,“ erwiderte der Wucherer,„wenn Ihr zurückkehrt, ſollt Ihr zufrieden ſein. Und was dann noch zu thun iſt, könnt Ihr ja nachholen— alſo bis morgen.“ Herz hatte ſich erhoben, er reichte ſeinem würdigen Genoſſen die Hand und ſchärfte ihm nochmals Verſchwiegenheit ein. Der Schloſſermeiſter wollte einige Minuten ſpäter ſich eben⸗ falls entfernen, er wurde daran gehindert durch den Eintritt einer ziemlich zahlreichen Geſellſchaft, die ihm auf der Schwelle des Zimmers begegnete. Dieſe Geſellſchaft beſtand größtentheils aus Eiſengießern, Ma⸗ ſchinenbauern und Schmiedegeſellen. Einer von dieſen machte ſeine Kameraden auf den Schloſſer⸗ meiſter aufmerkſam. „Seht Ihr, das iſt der Braun, der heute Morjen die Barri⸗ kaden vertheidigte,“ rief er im breiteſten Berliner Dialekt,„der war der Einzige, der den Muth jehabt hat, ich ſah, wie er ſchoß!“ * — 40— Im Nu ſah Peter Braun ſich umringt. Vergeblich verſuchte er, gegen die unverdiente Ovation zu proteſtiren; der Berliner ſeuerte ſeine Kameraden an, und ſchon im nächſten Augenblick hoben die kräftigen Arme der Eiſengießer und Maſchinenbauer den kleinen Schloſſermeiſter empor, um ihn im Triumphe davon zu tragen. Wenn Peter Braun auf der einen Seite auch ſtolz ſein konnte auf dieſe Gunſtbezeigungen, die er nicht verdient hatte und die gleichwohl geeignet waren, ihn zum Helden des Tages und zu einem Liebling des Volks zu erheben, ſo mußte er doch auf der andern Seite eine Begegnung mit der bewaffneten Macht fürchten, die ihn jedenfalls verhaftete, wenn ſie erfuhr, daß er den zwar unſchädlichen, aber ſehr verhängnißvollen Schuß abgefeuert hatte. Er bat, man möge ihn ruhig ſeines Weges gehen laſſen und nicht unnöthig ihn einer Gefahr ausſetzen, aber ſeine Begleiter ſchlugen dieſe Bitte mit dem Bemerken ab, ſie würden im Noth⸗ falle für ihn ihr Leben laſſen. Für den Schloſſermeiſter würde dieſer Triumph glücklich ab⸗ gelaufen ſein, wenn nicht das Schickſal gewollt hätte, daß der Zug unter einer Laterne Halt machte, und unter denen, die ihm folg⸗ ten, ein ehrlicher Spießbürger ſich befand, der den Gefeierten ſehr genau kannte. Als nun der Schein der Laterne voll auf das Antlitz Peter Braun's fiel und jener Spießbürger bei dieſer Gelegenheit in dem Gefeierten den alten Bekannten entdeckte, hielt derſelbe es für ſeine Pflicht, die biedern Söhne des Vulkan auf ihren Irrthum aufmerkſam zu machen. Es war eine ganz gewaltige Enttäuſchung, die natürlich eine durchaus gerechte Entrüſtung hervorrufen mußte. Gleich einem Lauffeuer verbreitete ſich unter der Menge die Nachricht, daß der Gefeierte nichts weiter ſei, als ein geheimer Spion, der durch den Schuß wahrſcheinlich nur den Ausbruch des Barrikadenkampfes bezweckt habe, um den Stadtkommandanten zur Beſchießung der Stadt zu nöthigen. Die Gunſt des Volkes wechſelt raſch; Peter Braun ſah mit wachſendem Entſetzen die geballten Fäuſte und erhobenen Stöcke, die ihn glücklicherweiſe nicht erreichen konnten, ſo lange er hoch oben auf ſeinem lebendigen Throne ſaß. Aber die, welche dieſen Thron bildeten, waren nicht minder übecraſcht und entrüſtet durch die erhaltene Aufklärung, und ſo geſchah es denn, daß der gefeierte Held des Tages ſich plötzlich abermals auf dem Straßenpflaſter befand, mit welchem er ſchon einmal an dieſem Abend nähere Bekanntſchaft gemacht hatte. Und bei dieſem ſehr unſanften Sturz allein würde es voraus⸗ — 11— ſichtlich nicht geblieben ſein, wenn nicht in dem Augenblick, in welchem die wüthende Menge über ihn herfallen wollte, plötzlich eine ſtarke Militair⸗Patrouille erſchienen wäre, die ſofort, als ſie den Volksauflauf bemerkte, Halt machte und mit gefälltem Bajo⸗ nett die Aufforderung zum Auseinandergehen erließ. Dieſer Zwiſchenfall rettete den bedrängten Schloſſermeiſter, der ohne Verzug ſich erhob und davoneilte. Peter Braun mußte nun einſehen, daß er in der heiligen Stadt Köln ſeines Lebens nicht mehr ſicher war, ſo lange nicht die erhitzten Gemüther ſich beruhigt hatten. Dieſe Einſicht bewog ihn, den Vorſchlag des Wucherers noch⸗ mals ſehr reiflich zu erwägen, und theils der angeführte Grund, theils die Erbitterung über die wiederholt ihm widerfahrene Schmach bewog ihn, jenen Vorſchlag anzunehmen. Für ihn, der ein ſehr weites Gewiſſen beſaß, bedurfte es kei⸗ ner langen Ueberlegung, eine Wahl unter den beiden ihm geöff⸗ neten Wegen zu treffen, und ſo fand er ſich denn am nächſten Morgen ſchon in aller Frühe im Hauſe des Wucheres ein, um das Bündniß mit dem letzteren zum Abſchluß zu bringen. Siebentes Kapitel. Im Elſaß. Die beiden Flüchtlinge hatten Bonn glücklich erreicht. Sie beſtiegen das Dampfboot und fuhren den Rhein hinauf, dem ſchönen Elſaß zu, von wo ſie die Reiſe nach Paris fortſetzen wollten. Sie fuhren vorbei an den ſtummen und doch ſo beredten Zeugen mittelalterlicher Herrlichkeit, an moosbewachſenen Ruinen, die von der Vergänglichkeit alles Irdiſchen zeugten; vorbei an ſtolzen Schlöſſern, deren hohe Bogenfenſter das funkelnde Gold der Herbſtſonne wiederſpiegelten, vorbei an hohen rebenumkränzten Bergen und fruchtbaren Thälern, an friedlichen Dörfern und ſtillen Landſtädtchen, vorbei an mancher armſeligen Hütte, in der Friede und Zufriedenheit wohnten, und an manchem herrlichen Pallaſte, aus welchem die Schutzgeiſter des Hauſes ſchon längſt trauernd und wehklagend geſchieden waren. Die beiden Freunde ſtanden auf dem Verdeck und blickten ſin⸗ .— A2. — 42— nend und träumend in die wunderbar ſchöne, romantiſche Land⸗ ſchaft hinaus. „Wenn ich es je zu einer beſcheidenen Hütte mit einem Garten und einem kleinen Ackerfelde bringe, will ich gerne zufrieden ſein,“ nahm Nikolas nach einer längeren Pauſe das Wort.„Ich be⸗ greife die nicht, die nur in einem Pallaſt ſich glüulich fühlen kön⸗ nen, was kann das Menſchenherz mehr verlangen, als ein ſtilles, häusliches Glück am eigenen Herde!“ Otto zuckte die Achſeln. „Und wenn Du es ſo weit gebracht hätteſt, würde Dir bald das Haus zu eng, der Garten zu klein, Dein Einkommen zu ge⸗ ring ſein,“ erwiderte er.„Wohl könnte das Herz zufrieden ſein mit einem beſcheidenen Looſe, aber wie Wenige ſind es!“ „Ja, ja,“ fuhr Nikolas ſeus, d fort,„der Reichthum hat viele große Vortheile voraus. Gewiß, es auß ſehr, ſehr angenehm ſein, wenn man jeden Wunſch befriedigen kann, wenn man nicht nöthig hat, für den kommenden Tag zu ſorgen. Aber ich verlange das nicht; mein ſchönſtes Ziel iſt, eine eigene Hütte und in dieſer Hütte ein treues Weib und eine heitere Kinderſchaar.“ Otto blickte träumend den Rauchwölkchen nach, die er von ſich blies. „Es hat ein Jeder ſeine eigenen Neigungen und ſeine eigenen Anſchauungen,“ ſagte er.„Wir, die wir in beſcheidenen Verhält⸗ niſſen erzogen und jedem Luxus fremd geblieben ſind, können uns von den Bedürfniſſen der reichen Leute kaum einen Begriff machen und eben deshalb halten wir ſie für glücklich, weil uns der Maß⸗ ſtab fehlt, mit welchem man ihre Bedürfniſſe meſſen muß. Aber glaube mir, gar Mancher wohnt in einem Pallaſt und iſt doch ärmer, wie der geringſte Tagelöhner, der im Schweiße ſeines Angeſichts das trockene Brod für ſich und ſeine Familie erwerben muß. Mit dem Einkommen ſteigern die Bedürfniſſe und gar oft eilen die letzteren den erſteren voraus. Du ſprachſt vorhin von dem Glück, den ein Familienkreis Dir gewähren würde, und das geſchah in einer lebendigen, anſchaulichen Weiſe, daß ich faſt vermuthe, Du habeſt Deine Wahl ſchon getroffen.“ Nikolas ſenkte verlegen die Wimpern. Es war in dieſem großem, ſtarken Manne etwas von der Natur des Kindes zurückgeblieben, und dieſes Etwas, das tiefe, weiche Gemüth und das zartfühlende, edle Herz konnten ihm nur zur Ehre gereichen. Wenn auch in den ſchweren Stürmen, die in den Tagen ſei⸗ nes Lebensfrühlings über ihn hinweggebrauſt waren, ſein Charak⸗ ter ſich geſtählt und ſogar etwas von eigenſinnigem Trotz ange⸗ nommen hatte, Herz und Gemüth waren weich und rein geblieben. Das war es auch, was Otto von Anfang an zu ihm hinge⸗ — 13— zogen hatte, was ihn immer und immer wieder an ihn feſſelte, wenn jener trotzige Eigenſinn das freundſchaftliche Verhältniß zu trüben drohte. „Wie darf ich, der arme Schloſſergeſelle, ſchon jetzt an eine ſolche Wahl denken“ erwiderte Nikolas nach einer Weile.„Wer kann wiſſen, wie nanches Jahr noch hingeht, ehe ich es ſo weit gebracht habe, daß ich den eigenen Herd gründen darf.“ „Nun, nun, allzu muthlos darf man auch nicht ſein,“ meinte Otto.„Kommt Zeit, kommt Rath, und eine heimliche Liebe iſt ein mächtiger Sporn.“ Nikolas ſchwieg, er beſaß wohl den Muth, aber nicht die Thatkraft ſeines Freundes, er war einer von denen, die nur zum Gehorſam, nicht zum Herrſchen qohoren ſind, die über große Schwierigkeiten mit einer zerweg zien Ruhe hinwegſchreiten und vor kleinen zagend und rathlos ſtehen bleiben. Otto wollte den Namen derjenigen, welche ſein Freund liebte, erforſchen, Nikolas wich allen Fragen aus, er meinte, wenn er ſein Geheimuiß preisgebe, ſo ſtreife er ihm den ſchönſten Zauber ab; zudem wiſſe das betreffende Mädchen ſelbſt nicht, daß er ihr Bild ſeiner Seele eingeprägt habe. In Mannheim übernachteten die Freunde. In dem Gaſthofe, in welchem ſie abgeſtiegen, lernten ſie einen jungen Franzoſen kennen, der ſich raſch an ſie anſchloß. Verſchiedene Gründe begünſtigten das. Henri Latour, war der Sohn eines Schloſſers in Mülhauſen im Elſaß, ſelbſt Mechaniker und, wie die beiden Freunde ſehr bald entdeckten, in ſeinem Fach ſehr erfahren und geſchickt. Er war daneben ein ſehr liebenswürdiger, offenherziger Menſch und es lag in der Natur der Sache, daß er ſich raſch die Her⸗ zen der beiden Deutſchen gewann, als er ihnen im Tone einer warmen und herzlichen Theilnahme ein Engagement in der Werk⸗ ſtätte ſeines Vaters anbot. Otto ſprach ziemlich geläufig die franzöſiſche, wie auch die engliſche Sprache, er hatte ſchon ſeit Jahren ſeine Mußeſtunden und vorzugsweiſe die Sonntage zu ihrer Erlernung verwandt. Das kam ihn nun gut zu Statten, denn Henri Latour redete noch immer die deutſche Sprache mit der den Franzoſen eigenen Schwerfälligkeit, trotzdem er in mehreren deutſchen Werkſtätten gearbeitet hatte. Die beiden Freunde nahmen mit herzlichem Danke das An⸗ erbieten an, es verſchaffte ihnen für einige Wochen Arbeit, wäh⸗ rend denen ſie ſich mit den franzöſiſchen Zuſtänden und Sitten vertraut machen konnten. Sie ſetzten am nächſten Morgen vereint mit ihrem neuen — 44— Freunde die Reiſe fort, und Henri Latour gab ihnen während der Fahrt manchen dankens⸗ und beherzigenswerthen Fingerzeig. Paul Latour, der Vater Henri's, empfing die beiden Deut⸗ ſchen mit offenen Armen; der deutſche Arbeiter iſt ja ſeines Flei⸗ ßes und ſeiner Ausdauer wegen überall geachtet und willkommen. Schon am Tage nach ihrer Ankunft handhabten Otto und Nikolas Hammer und Feile mit einer Rüſtigkeit und Geſchicklich⸗ keit, die den alten Meiſter überraſchten und erfreuten. Es würde augenblickich mit ihnen einen Vertrag für mehrere Jahre geſchloſſen haben, wenn die neuen Geſellen darauf einge⸗ gangen wären. Nikolas war nicht abgeneigt, aber Otto wollte es nicht, er hätte am liebſten ſeine Reiſe nach Paris unverzüglich fortgeſetzt, wenn nicht ein ſehr triftiger Grund dem entgegen getreten wäre. Die Beiden beſaßen keinen Paß, keine Legitimationspapiere. Es war ihnen zwar gelungen, die franzöſiſche Grenze zu über⸗ ſchreiten, ohne zur Vorzeigung eines Paſſes gezwungen zu wer⸗ den, aber ſie bedurften des Letzteren nothwendig zur Weiterreiſe, und Henri hatte ſich erboten, ihnen die nöthigen Papiere zu ver⸗ ſchaffen. Er war mit einem Schreiber des Maire's befreundet und hoffte durch deſſen Vermittlung die nöthigen Papiere zu erhalten. Aber Tage, Wochen verſtrichen, Otto und Nikolas feilten und hämmerten noch immer in der Werkſtätte Latour's, die Hoffnung, ihre Reiſe fortſetzen zu können, wollte ſich noch nicht erfüllen. Paul Latour beſaß außer ſeinem Sohne eine ſehr ſchöne Toch⸗ ter, die ſchon manchem ſeiner Geſellen einen zierlichen Korb ge⸗ flochten hatte. Marie war in der That eine Schönheit, ihr üppiger Wuchs, das reizende Profil ihres Geſichts und die dunklen, blitzenden Au⸗ gen mußten auf Jeden, der für ſolche Reize nicht ganz unempfäng⸗ lich war, einen bleibenden Eindruck machen. Sie war der Stolz ihres Vaters und die Zierde ſeines Hau⸗ ſes, und der alte, biedere Meiſter hatte oft geäußert, wer ſeine Marie freien wollte, der müſſe Kopf und Herz auf dem rechten Fleck haben und ein vorzügliches Stück Arbeit liefern können. Nun hatte Otto ſchon zu verſchiedenen Malen bemerkt, daß die großen, feurigen Augen des ſchönen Mädchens oft verſtohlen auf ſeinem Freunde Nikolas ruhten, und der Ausdruck ihres Blicks verrieth ihm genug. Nikolas bemerkte das nicht, er bekümmerte ſich nicht viel um ſeine Umgebung, ſtill und beſcheiden in der Werkſtätte, wie im Familienkreiſe ſeines Meiſters, ging er ſeinen gewohnten Weg. Und doch hätte er es bemerken müſſen. Wenn er bei Tiſche — 415— aufblickte, ſo ſah er oft die Augen Marie's auf ſich gerichtet, und es mußte ihm auffallen, daß ſie dann verlegen und erröthend die Wimpern ſenkte. Er mußte ferner bemerken, daß Marie ſtets in ſeiner Nähe war, mochte er ſich nun im Wohnzimmer, oder in dem kleinen Garten befinden, nur in die Werkſtätte kam ſie nicht. Otto begriff nicht, daß ſein Freund das ſchöne Mädchen ſo wenig beachtete, er hatte durch ſeine Beobachtungen genug er⸗ fahren, um zu wiſſen, daß Nikolas keinen Korb erhalten würde, wenn er um die Hand Marie's warb. Endlich brachte Henri die Legitimationspapiere und kaum hatte Otto ſie erhalten, als er auch ſchon an die Weiterreiſe dachte. Er ſprach darüber mit ſeinem Freunde und Nikolas pflichtete ihm bei. „Ich müßte lügen, wenn ich ſagen wollte, daß mir der Au⸗ fenthalt hier in irgend einer Beziehung unangenehm wäre,“ ver⸗ ſetzte Nikolas,„aber wir lernen hier nichts, und das iſt doch der Hauptzweck der Wanderſchaft.“ Otto lächelte bedeutſam. „So werden wir alſo morgen dem biederen Latour kündigen und in der nächſten Woche abreiſen,“ erwiderte er. „„Ich ſcheide gerne von hier, mich hält nichts zurück,— aber wie iſt es mit Dir?“ „Mit mir?“ fragte Nikolas befremdet.„Was könnte mich hier zurückhalten?“ „Nimm mir nicht übel, dann biſt Du mit ſehenden Augen blind,“ ſagte Otto achſelzuckend. „Ich begreife das nicht,“ erwiderte Nikolas mit wachſendem Erſtaunen,„der Sinn Deiner Worte iſt mir ein Räthſel, wel⸗ ches ich nicht zu löſen vermag.“ „Menſch, haſt Du denn nie bemerkt, daß die ſchöne Tochter unſeres Meiſters Dich mit ihren Blicken verfolgt?“ Ein ungläubiges Lächeln glitt über das ehrliche, offene Geſicht des jungen Mannes. „Lieber Junge, Einbildung, weiter nichts,“ ſagte er. „Nun, dann laſſ' Dir ſagen, daß es nur eines Wortes von Dir bedarf, um die Hand des ſchönen Mädchens zu gewinnen,“ verſetzte Otto, während er ſeine kurze Thonpfeife anzündete. Nikolas ſchüttelte ablehnend das Haupt, ein düſterer Schatten breitete ſich über ſein Antlitz. „Wenn es wahr wäre, was ich indeß ſehr bezweifle, ſo— „Es iſt wahr.“ Wohlan, dann iſt dies nur ein Grund für mich, die Abreiſe 41 II — 46— zu beſchleunigen,“ ſagte Nikolas ſo ruhig und ernſt, daß Otto be⸗ troffen zu ihm aufblickte. „Das begreife ich nicht,“ nahm Otto nach einer Pauſe wie⸗ der das Wort.„Hier bietet ſich Dir eine Gelegenheit, Deine Zukunft ſicher zu ſtellen, Alles zu erlangen, was Du zu erſtreben ſuchſt. Marie iſt ſchön, tugendhaft und vermögend, ihr Vater wird vielleicht ſpäter Dir das Geſchäft übertragen, da Henri ja höhere Pläne hegt—“ „Gewiß,“ fiel Nikolas ihm ruhig in's Wort,„mancher Andere würde mit beiden Händen zugreifen.“* Er war an's Fenſter getreten, er ſchaute in Sinnen verſun⸗ ken in die dunkle Nacht hinaus. In den Fabriken, die mit ihren hohen Schornſteinen und ſpitzen Giebeldächern über die andern Häuſer emporragten, brannten noch unzählige Lichter, man hörte die Maſchinen arbeiten, die Rä⸗ der ſchnurren. In der Werkſtätte Latour's war es ſtill und dunkel, der Meiſter liebte es, mit dem Schlaͤge ſieben Feierabend zu machen. „Kein Feuer, keine Kohle kann brennen ſo heiß, Als heimliche Liebe, von der Niemand nichts weiß!“ ſang Nikolas leiſe und wehmüthig für ſich hin. „Ah— iſt es das?“ fragte Otto.„Lieber Junge, ich will Dir nicht ab⸗ noch zurathen, ich meine nur, man müſſe das Glück feſthalten, wenn es ſich naht.“ Nikolas fuͤhr aus ſeinem Sinnen empor. „Das iſt Deine Herzensmeinung nicht, Otto,“ erwiderte er ernſt.„Eine Ehe ohne Liebe kann nimmer ein häusliches Glück begründen, und ſo ſehr ich auch Marie achte, lieben kann ich ſie nicht. Das Bild einer Anderen iſt meiner Seele eingeprägt und nichts wird es verdrängen können. Mag dieſes Bild auch nicht ſo blendend ſchön ſein, ich habe ihm im Herzen Treue gelobt und dieſes Gelübde iſt ein Eidſchwur, den ich nimmer brechen werde. Dringe nicht weiter in mich, frage nicht, wer dieſe Andere ſei, laſſ' mir mein ſüßes Geheimniß und ſei verſichert, daß Du der Erſte ſein wirſt, dem ich es entdecke, wenn der Augenblick dazu gekommen iſt.“ Otto ſchüttelte den Kopf, aber er kannte die an Eigenſinn grenzende Standhaftigkeit des Freundes und ließ deshalb das Thema fallen. Wenige Minuten ſpäter gingen die Beiden in's Familienzim⸗ mer, um das Nachteſſen einzunehmen. be⸗ wie⸗ Deine reben Vater ri ja ndere rſun⸗ gaenſinn 1b das lienzimt Achtes Kapitel. Verſchmähte Liebe. Unter den Geſellen Latours war es ein öffentliches Geheim⸗ niß, daß die Tochter des Meiſters den Deutſchen liebe. Auch ihnen waren die Blicke und verſteckten Anſpielungen nicht entgan⸗ gen, zu denen Marie durch ihre wachſende Leidenſchaft ſich ver⸗ leiten ließ, in der Hoffnung, die Erwiderung ihrer Liebe dadurch zu erzwingen. Einer dieſer Geſellen, ein Elſäſſer, Franz Werner, hatte kurz zuvor um die Hand Marie's geworben, er war in kühler, faſt verletzender Weiſe abgewieſen worden. Sogar Latour hatte ihm wegen dieſer Kühnheit einige keineswegs höfliche und ſchmeichel⸗ hafte Worte geſagt, denn Werner war ſeines tückiſchen Charakters und ſeiner ausſchweifenden Lebensweiſe wegen nicht beliebt. Franz Werner hatte zwar den Korb geduldig eingeſteckt, aber der Haß war in ſeiner Seele geweckt worden. Er haßte alle, Marie, ihren Vater und ihren Bruder, wenn auch die letzteren durchaus keine Schuld an ſeiner Zurückweiſung trugen. Dieſer Haß loderte hell und wild empor, als Werner die Liebe Marie's zu Nikolas entdeckte, und er ſann Tag und Nacht über die Mittel nach, durch welche er ſich rächen konnte. Er wollte Beide vernichten, ſeine Rache ſollte Alle treffen. Er beobachtete heimlich die Beiden, ſein Plan war bereits entworfen, ſeine Vorkehrungen ſchon getroffen. Nur der Umſtand, daß er von Seiten des Deutſchen noch keine Erwiderung der Liebe Marie's bemerkt hatte, hielt ihn bis⸗ her zurück, ſeinen Plan auszuführen. An jenem Abend nun, an welchem Otto ſeinen Freund auf die Liebe Marie's aufmerkſam gemac: hatte, theilte der Erſtere beim Nachteſſen ſeinem Meiſter mit, daß er mit ſeinem Freunde beſchloſſen habe, die Wanderſchaft fortzuſetzen, weshalb ſie Beide wünſchten, zu Ende der Woche entlaſſen zu werden. Den Meiſter berührte dieſe Mittheilung unangenehm, man ſah ihm an, daß er ſie ſo raſch nicht erwartet hatte. Marie ſchwieg, in ihrem bleichen Geſicht las Otto, wie tief und ſchmerzlich dieſer Entſchluß ſie berührte. — 18— „Gottes Blut, Ihr ſcheint ja rein vernarrt zu ſein in dieſe Deutſchen!“ rief Werner mit verletzendem Hohn, als Latour noch immer nicht nachließ, die Beiden zum Bleiben zu bewegen.„Sind ſie vielleicht beſſer wie wir? Wir machen auch ein gut Stück Ar⸗ beit, aber wenn wir einmal gehen wollen, können wir uns wo⸗ möglich noch auf einen Fußtritt zum Abſchied gefaßt machen.“ In den Augen des Meiſters flammte es zornig auf, und dieſer zornglühende Blick ruhte durchbohrend auf dem verwegenen Grobian. „Wenn Ihr gehen wollt, ſo werde ich an Euch keine Bitte verſchwenden,“ ſagte Latour gereizt,„Euch ſehe ich lieber auf den Rücken, als in's Geſicht und daran tragt Ihr ſelbſt die Schuld!“ „Natürlich!“ ſpottete Werner, während er ſeinen Kameraden einen bedeutſamen Blick zuwarf.„Wenn unſereins ſich unterfängt, die Augen zur Tochter des Meiſters zu erheben, ſo wird ihm das für eine Unverſchämtheit angerechnet. Aber wenn ſolch ein deutſcher Elephant—“ „Hütet Eure Zunge!“ fiel Nikolas ihm zornig ins Wort. „Der deutſche Elephant könnte Euch einen Denkzettel geben, der Euch Jahre lang zu ſchaffen machte.“ Franz Werner ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, daß die Teller und Gläſer klirrend in die Höhe fuhren. Er ſchien den Kampf mit ſeinem Gegner nicht zu fürchten und er konnte ihn in der That herausfordern, da er auf den Bei⸗ ſtand ſeiner franzöſiſchen Kameraden rechnen durfte. „Gottes Blut, kommt heran, wenn Ihr den Muth dazu habt!“ ſchrie er, bebend vor Wuth.„Ich werde Eure Elephantenknochen zuſammenſchlagen, daß Ihr ſie im Sack heimtragen ſollt!“ Der Meiſter hatte ſich erhoben. „Ihr ſeid ein unverbeſſerlicher Raufbold und Taugenichts, Werner,“ ſagte er, mühſam ſeine äußere Ruhe bewährend.„Schon längſt hätte ich Euch gekündigt, wenn die Arbeit nicht—“ „Ihr mir gekündigt?“ rief Werner höhnend.„Ich gehe, wenn ich will, heute will ich und morgen werde ich gehen, aber Ihr Alle ſollt dieſer Stunde noch einmal gedenken! Der Hochmuth Euer Tochter wird Ench theuer zu ſtehen kommen, das eitle Gäns⸗ chen mit ſeiner hübſchen Larve ſoll noch einmal erfahren, daß Franz Werner eine Beleidigung nicht verzeiht.“ Mit blitzenden Augen ſtand Marie dem Elſäſſer gegenüber, in dieſer Aufwallung des Zornes glich ſie mit ihrer ſtrahlenden Schönheit dem Cherubim, der mit flammendem Schwerte das erſte Menſchenpaar aus dem Paradieſe trieb. „Jetzt iſt's genug!“ ſagte ſie mit feſter, ruhiger Stimme. „Eure groben, beleidigenden Aeußerungen treffen weder meinen Vater noch mich, aber ſie charakteriſiren den, der ſie ſprach, als —————— tdieſe rnoch „Sind ic Ar⸗ 8 wo⸗ 1.¹ dieſer robian. Bitte uf den huld!“ neraden erfüngt, jm das zutſcher Wort. en, der — 19— einen Menſchen ohne jegliche Bildung und ohne Ehrgefühl. Und einem ſolchen Menſchen zeigt man die Thüre. An wem liegt die Schuld, daß Eure Werbung zurückgewieſen wurde? Doch wohl nur an Euch! Ihr mußtet Euch ſagen, daß ein Menſch wie Ihr nicht das Recht hat, um die Hand eines ehr⸗ und tugendſamen Mädchens zu werben—“ „Gottes Blut, Ihr dünkt Euch ja gewaltig hoch!“ rief Werner, ihr trotzig in's Wort fallend.„Wer ſeid Ihr denn? Euer Hoch⸗ muth wird noch eine Schlappe bekommen, dafür laßt mich ſorgen.“ Nicolas und Otto, beide von dem Wunſche beſeelt, dieſen un⸗ erquicklichen Wortwechſel zu beenden, hatten ſich der Thüre ge⸗ nähert und dieſe geöffnet. Sie bedeuteten jetzt Werner durch einen ſehr energiſchen Blick, daß er ſich entfernen möge, wenn er ſich nicht der Gefahr aus⸗ ſetzen wolle, gewaltſam dazu gezwungen zu werden. Franz Werner hatte auf den Beiſtand ſeiner franzöſiſchen Ka⸗ meraden gerechnet, er ſah ſich in dieſer Erwartung getäuſcht. Er war zu brutal, zu gemein aufgetreten, das hatte ihm die Sympathie ſeiner Kameraden entzogen. Vergeblich forderte er ſie durch Worte und Blicke auf, gemein⸗ ſchaftliche Sache mit ihm zu machen, und unter dieſen Umſtänden blieb ihm nichts anderes übrig, als der Aufforderung Folge zu leiſten. Er that es zögernd und unter Drohungen, die ſehr wohl ge⸗ eignet waren, den Meiſter und deſſen Familie zu beunruhigen. Auch verließ er das Haus nicht ſofort, er ging in das gemein⸗ ſchaftliche Schlafzimmer, um dort ſeine Habſeligkeiten einzuſchnüren. Die Geſellen entfernten ſich bald darauf, ſie waren weder mit dem Benehmen ihres Kameraden, noch mit dem Auftreten Latöur's und der beiden Deutſchen einverſtanden. Sie haßten die Deutſchen, weil der Meiſter und auch Marie ſie bevorzugten, und ſie würden deshalb gern geſehen haben, wenn dieſelben einen Denkzettel er⸗ halten hätten. Auch Otto und Nikolas ſuchten ihr Zimmer auf, Marie hatte ſich kurz zuvor entfernt. Ihr Weg führte ſie an dem Zimmer vorbei, in welchem Meiſter Latour den Beſuch empfing, den er ehren und auszeichnen wollte. Es war dies das Staatszimmer des Hauſes, die Einrichtung desſelben konnte man eher ſolide und gemüthlich, als elegant und luxuriös nennen. Als Nikolas an demſelben vorbeiſchreiten wollte, wurde plötz⸗ lich die Thüre geöffnet und Marie erſchien mit einer brennenden Kerze auf der Schwelle. Fünfmal hunderttauſend Thaler. 4 — 50— „Herr Schwarz, ich möchte Sie um eine kurze Unterredung bitten,“ ſagte ſie leiſe, mit bewegter Stimme. Nikolas konnte dieſe Bitte nicht abſchlagen, ſo ungern er ſie auch erfüllte. Er ahnte bereits, welchen Zweck dieſe Unterredung hatte und es war ihm peinlich, den Hoffnungen und Wünſchen des Mädchens entgegentreten zu müſſen. Darin, daß Marie ſelbſt dieſe Unterredung verlangte, fanden die beiden Freunde nichts Auffallendes, ſie hatten Gelegenheit ge⸗ nug gehabt, den energiſchen Charakter dieſes Mädchens kennen zu lernen. Marie ſtellte das Licht auf den Tiſch und lud den jungen Mann durch eine Handbewegung ein, Platz zu nehmen. „Der Schritt, den ich in dieſem Augenblick thue, mag Sie be⸗ fremden,“ ſagte ſie und der Ton ihrer Stimme verrieth die wachſende, ſtürmiſche Erregung.„Ich kann mir nicht helfen, ich muß Gewißheit haben, ehe Sie von hier ſcheiden, die Ungewißheit würde mich tödten. Ich weiß nicht, ob ich dem Himmel danken ſoll oder nicht, daß mein Bruder Sie in unſer Haus führte, aber welches auch das Reſultat dieſer Unterredung ſein mag, ich werde der Vorſehung deshalb nicht zürnen. Sie wollen ſchon in den nächſten Tagen ſcheiden und doch müſſen Sie bemerkt haben, daß Sie mit den Banden der Liebe an uns gefeſſelt ſind. Sie müſſen das bemerkt haben, Nikola, und ich kann nur zwei Fälle annehmen, wenn ich eine Entſchuldigung für Ihre Kälte und Gleichgültigkeit ſuchen will. Entweder, Sie haben nicht den Muth, um mich zu werben, oder Sie erkennen die Macht jener Liebe nicht an.“ Nikolas blickte zu dem Mädchen auf, ihre dunklen Augen, in denen die Gluth der Leidenſchaft loderte, ſah er fragend, mit dem Ausdruck fieberhafter Spannung auf ſich gerichtet. Es ſchmerzte ihn, ihr erwidern zu müſſen, daß ſie vergeblich gehofft habe, daß die Erwiderung der Liebe ſich nicht erzwingen laſſe, daß er nur Hochachtung, aber keine Liebe für ſie fühle. Er wußte, daß dieſe Antwort ihre ſchönſten Luftſchlöſſer zer⸗ trümmern mußte, aber eine andere konnte er ihr nicht geben. Ueber das ſchöne Geſicht des Mädchens glitt ein trüber Schat⸗ ten, ſie ſchien dieſe Antwort erwartet zu haben. „Ich habe Manchen zurückgewieſen, weil ich ihn nicht lieben konnte,“ ſagte ſie,„weil ich wußte, daß nur mein hübſches Geſicht und meine Mitgift ihn reizte, ich habe die Liebe nicht gekannt vordem Sie in unſer Haus kamen. Wie es gekommen iſt, daß die Liebe ſo plötzlich in mein Herz einzog, kann ich nicht ergrün⸗ den, aber es wäre Unrecht von Ihnen, wollten Sie mich dafür ſo ſchmerzlich büßen laſſen. Sagen Sie, was Ihnen an mir mißfällt dung er ſie und chens unden it ge⸗ in zu ungen ie be⸗ ih die n, ich oißheit danken „aber werde i den n, daß müſſen ehmen, tigkeit lich zu gen, in it dem mgeblich wingen er zer und ich will dieſe Fehler abzulegen ſuchen, aber ſtoßen Sie das Herz, welches ſo treu und innig an Ihnen hängt, daß es nicht mehr von Ihnen laſſen kann, nicht zurück.“ Der große, ſtarke Mann fühlte ſich erſchüttert. Die Leidenſchaftlichkeit, mit der Marie zu ihm ſprach, die ſich in ihrem Blick, in ihrer Stimme, in dem ſtürmiſchen Wogen ihres Buſens, ja, in ihrem ganzen Weſen kundgab, bewies ihm die Tiefe und Innigkeit des Gefühls, welches ſie beſeelte, dem ſie Alles zu opfern bereit war. Er legte die Hand auf das Herz und ſah ſie mit ſeinen treuen Augen bittend an. „Zürnen Sie mir nicht, wenn ich Ihnen nochmals erwidere, daß die Liebe ſich nicht erzwingen läßt,“ ſagte er.„Gewiß, ich erkenne es mit lebhaftem Danke an, daß Sie mich Ihrer Liebe gewürdigt haben, aber—“ „Aber?“ fragte Marie ungeduldig, als Nikolas zögerte. „Mein Herz iſt nicht mehr frei, in Deutſchland harrt meiner eine liebende und geliebte Braut.“ In den dunklen Augen des leidenſchaftlich erregten Mädchens flammte es auf, über ihre roſigen Lippen glitt ein kaltes, ver⸗ achtendes Lächeln. „Kalt wie der Schnee ſind die deutſchen Naturen,“ verſetzte ſie grollend,„nicht die glühendſten Strahlen der Liebesſonne vermögen das Eis zu ſchmelzen. Eine Braut? Nikola, kennen Sie das deutſche Sprüchwort: Aus den Augen, aus dem Sinn!? Wiſſen Sie, ob dieſe blondlockige, kalte Braut vielleicht nicht ſchon jetzt in den Armen eines Andern ruht? Sind Sie von ihrer Treue ſo feſt überzeugt, daß Sie—“ „Ich bin es!“ „Wohl, wenn Sie es ſind, wie lange ſoll dieſe Braut ſchmach⸗ tend der Rückkehr ihres künftigen Gatten harren? Wer ſind Sie und was haben Sie? Ich biete Ihnen mit meiner Hand das Ge⸗ ſchäft meines Vaters, er hat mir verſprochen, es Ihnen zu über⸗ tragen, wenn Sie mein Gatte ſind.“ „Und wenn Sie alle Schätze der Erde mir anböten— ℳ „Bah— Redensarten. Schmeichelt es nicht Ihrem Stolze, eine Braut zu beſitzen, die ſo manche Werbung zurückgewieſen hat? Sie ſtützen ſich darauf, es ſei Ihnen nicht möglich, meine Liebe zu erwidern,— gut, bleiben Sie hier bis zum Frühjahr, und wenn Sie dann noch auf die Weiterreiſe dringen, ſo will ich Sie ziehen laſſen.“ 1 Wie mancher Andere würde an Stelle des jungen Mannes ſchwankend geworden ſein in ſeinen feſteſten Vorſätzen gegenüber dieſer Liebesgluth, die alle Schranken niederriß! 4* Nikolas war eine ehrliche, treue Natur; vor ſeinem geiſtigen Auge ſtand das Bild derjenigen, der ſein Herz und ſein ganzes Denken angehörten. Die Schönheit Marie's ließ trotz ihrer verführeriſchen Ueppig⸗ keit und ihrem blendenden Zauber ihn kalt, er war nicht leiden⸗ ſchaftlich genug, als daß ſie ihn hätte verführen können. „Ich kann nicht,“ ſagte er noch einmal,„Sie müſſen das ſelbſt fühlen. Laſſen Sie uns in Friede und Freundſchaft ſcheiden; wenn ich dieſes Haus verlaſſen habe, werden Sie bald einen Andern finden, der Ihrer Liebe würdiger iſt.“ Er näherte ſich langſam der Thüre, Marie trat ihm raſch in den Weg. Mit hochrothen Wangen und flammendem Blick ſtand ſie ihm gegenüber, ihr warmer Athem berührte ſeine Stirne. „Nikola, ich liebe Sie mehr, als mein Leben, und Sie wollen ſo kühl und ruhig mich zurückſtoßen?“ flüſterte ſie.„Wiſſen Sie nicht, daß Sie dadurch entweder ein treues Herz brechen, oder es mit glühendem Haſſe erfüllen? Nur die eine Bitte gewähren Sie mir, bleiben Sie bis zum Frühjahre, ich verlange von Ihnen die Gewährung dieſer Bitte, hören Sie— ich verlange ſie!“ Es lag eine herausfordernde Drohung in dem Tone, in wel⸗ chem ſie die letzten Worte mehr hervorſtieß, als ſprach, eine Dro⸗ hung, hinter der bereits der erwachende Haß ſich barg. Nikolas ſchüttelte ablehnend das Haupt, ein wehmüthiger Zug breitete ſich über ſein ehrliches Geſicht. Die kleinen Hände des ſchönen Mädchens ballten ſich krampf⸗ haft, ihr Blick ſchien die Seele des jungen Mannes durchbohren zu wollen. „Sie verſchmähen mich,“ ſagte ſie mit bebender Stimme, „verſchmähte Liebe gebiert den Haß. Sie haben mich ſchwach ge⸗ ſehen, Nikola, und das vergißt kein Weib.— Lächeln Sie nicht, dieſe Stunde hat mich, die ſchwache, willenloſe Jungfrau, zum Weibe gereift, ſie hat die ſchönſten, herrlichſten Blüthen meines Lebensfrühlings vernichtet, meinem Gemüth den Todesſtoß gegeben, aber dafür auch meinen Charakter geſtählt. Nikola, wir ſcheiden, aber wir ſehen uns wieder, dann werde ich Ihnen zeigen, was ein willensſtarkes Weib vermag. Ziehen Sie ruhig im Staube der Landſtraße weiter, Sie ſind dazu geboren, im Staube zu krie⸗ chen, Ihr Blick kann das blendende Licht der Sonne nicht ertra⸗ gen. Wenn wir uns einſt wiederſehen, werden Sie an mir hinauf⸗ blicken und nicht den Muth haben, mich um einen Druck dieſer Hand zu bitten, die vor Jahren Ihnen ſammt einem liebenden Herzen angeboten wurde! Dann mögen Sie hingehen und die kalte blondhaarige Deutſche heimführen, mein Bild wird Sie nicht ſtigen ganzes gpig⸗ leiden⸗ ſelbſt wenn udern iſch in ie ihm wollen m Sie der es en Sie een die n wel⸗ e Dro⸗ er Zug rampf⸗ boohren btimme, dach g e nicht, u. zum meines gegeben, ſcheiden 1, Ws Staube zu krie⸗ t ertk⸗ hinauf⸗ g dieſer ibenden und die ie nicht verlaſſen, es wird zwiſchen Sie und Ihr Weib ſich drängen und Ihre Seele mit bitterer Reue foltern. Jetzt gehen Sie, wir ſind fortan geſchieden, ich bin zu jener Erkenntniß gekommen, daß Sie meiner Liebe nicht werth waren.“ Gleich einem Träumenden verließ Nikolas das Zimmer. Es lag etwas Prophetiſches in den Worten des Mädchens, was auf das ſchlichte, einfache Gemüth des jungen Mannes einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Nicht, daß er ſchon jetzt bereut hätte, ihre Liebe verſchmäht, ihre Bitte zurückgewieſen zu haben, im Gegentheil, es gewährte ihm eine erhebende Genugthuung, daß er der verlockenden Ver⸗ ſuchung gegenüber ſo ſtandhaft geblieben war, aber jene Worte regten ihn doch zu ernſtem Nachdenken an. Er kannte die Natur des Weibes noch nicht, erſt ſpäter, nach Jahren ſollte er ſie kennen lernen. Neuntes Kapitel. Die Rache des Eiferſüchtigen. Otto hatte den Tag der Abreiſe auf den nächſten Sonntag feſtgeſetzt. Das Wetter war, trotzdem der November ſich ſchon ſeinem Ende näherte, ſchön und mild, ein rechtes Wetter zum Wandern. Deshalb auch hatten die beiden Freunde beſchloſſen, das ſüd⸗ liche Frankreich zu Fuß zu durchwandern, in Marſeille und Lyon ſich einige Tage aufzuhalten und ſpäter mit der Eiſenbahn oder der Diligence ihre Reiſe nach Paris fortzuſetzen. Marie ließ ſich jetzt ſeltener im Wohnzimmer ſehen, ſie ſchien die Begegnung mit Nikolas abſichtlich vermeiden zu wollen. Dem Letztern war das nur angenehm; wenn er zufällig dem Mädchen begegnete, ſo fühlte er ſich verlegen und verwirrt, nicht ſeinet⸗, ſondern ihretwegen. So war denn der letzte Abend gekommen. Otto und Nikolas hatten von dem biedern Meiſter und Henri bereits Abſchied genommen, ſie wollten am nächſten Morgen in aller Frühe aufbrechen. — 54— Marie war beim Abſchiede nicht zugegen geweſen, auf ihre Frage nach ihr erwiderte Meiſter Latour, es ſei beſſer, wenn man dem Mädchen die Aufregung erſpare. Jetzt ſaß Otto in ſeinem Zimmer, um dem Vater die jüngſten Ereigniſſe und die bevorſtehende Abreiſe mitzutheilen. Auch an Fräulein Thereſe Stern im Hauſe des Herrn Otto Schirmer ſchrieb Otto einige Zeilen, was ſie enthielten, wird der geneigte Leſer errathen, wenn er ſich erinnert, daß Tante Thereſe ſich mit dem jungen Manne vor ſeinem Abſchiede von Köln ſehr angelegentlich über einen Punkt unterhalten hatte, der ſpäter dem Bruder Otto's Anlaß zu beißenden Bemerkungen gab. Nikolas, der Niemanden hatte, der an ſeinem Schickſale Antheil nahm, alſo auch keine Urſache fand, an irgend Jemanden einige Zeilen zu richten, ſtand am Fenſter und blickte in die ſternenhelle Nacht hinaus. Welche Gedanken mochten ſeine Seele beſchäftigten, als er ſo ſorgenvoll emporblickte zum ſternbeſäeten Himmelszelte! Otto hatte die Arbeit beendet. Er legte die Feder hin und ſchob die Briefe in ſein Porte⸗ feuille, um ſie am nächſten Tage der Poſt zu übergeben. Sein Blick ruhte forſchend auf dem Freunde, der ganz in Sinnen verloren war. „Woran denkſt Du?“ fragte er.„Reut es Dich vielleicht, Marie zurückgewieſen zu haben? Wenn Du mit einem ſchweren Herzen von hier ſcheideſt, lieber Junge, dann thuſt Du beſſer, hier zu bleiben und den Fingerzeig des Schickſals zu benutzen. Man ſchlägt raſch etwas aus, was ſpäter keine Reue zurückbringen kann.“ Nikolas war aus ſeinem Brüten emporgefahren, er zuckte gleich⸗ müthig die Achſeln. „Wie oft ſoll ich Dich auf den Grund aufmerkſam machen, der mich bewogen hat, die Liebe des Mädchens zu verſchmähen,“ erwiderte er, während er mit der Hand über ſeine breite Stirne ſtrich, als ob er verſuchen wollte, die trüben Gedanken zu ver⸗ ſcheuchen.„Ich bedaure Marie; ihren Schmerz und ihren Groll kann ich mir lebhaft vorſtellen, aber es iſt mir nicht möglich, ihretwegen dem Bilde zu entſagen, welches ich in meinem inner⸗ ſten Herzen trage.“ Otto nickte.„Ich ehre und billige dieſen Grund,“ ſagte er, „aber ich kann die Befürchtung nicht zurückdrängen, daß denn och einſt die Stunde der Reue für Dich ſchlagen wird! Weshenlb willſt Du der Erkorenen Deines Herzens nicht Dein Geheimrüß mittheilen und dadurch Gewißheit verſchaffen, die, mag ſie aluch ausfallen, wie ſie will, doch immer beſſer iſt, als eine peinlüche Ungewißheit.“ 1 k n Otto rd der Thereſe n ſehr r dem Antheil einige tenhelle er ſo Porte⸗ anz in jeleicht, hweren b eſſ er, Stirne zu ver⸗ 1Gtoll inner⸗ agte 5 denn och geshalb heimrüib ſie d 1” einliche — 55— Nikolas ſchüttelte ablehnend das Haupt. „Ich kann Dir die Gründe nicht nennen, die mich davon ab⸗ halten,“ erwiderte er,„wie es mir überhaupt unangenehm iſt, immer und immer wieder auf dieſen Gegenſtand zurückzukommen. — Horch, was war das?“ Die beiden Freunde lauſchten. „Man klopft,“ ſagte Otto ruhig. „Und zwar ſehr ungeduldig,“ fügte Nikolas haſtig hinzu.„Wer kann ſo ſpät noch Einlaß begehren?“ „Vielleicht ein Geſelle Latour's, der ſich verſpätet hat.“ „Horch, ſchon wieder.“ „So laß ihn klopfen,“ verſetzte Otto, den die Unruhe ſeines Freundes befremdete,„was kümmert es uns!“ „Vielleicht nichts, möglicherweiſe auch viel,“ erwiderte Nikolas mit wachſender Erregung.„Ich muß geſtehen, wenn wir dieſe Stadt im Rücken haben, wird mir eine Laſt von der Seele fallen.“ „Bah— ſei kein Thor!“ „Sage, was Du willſt, ich kann mich der Ahnung nicht er⸗ wehren, daß uns ein Unglück—“ „Lieber Junge, ſeitdem Du die Unterredung mit Marie ge⸗ habt haſt, biſt Du in einem Zuſtande der Aufregung, den ich nicht begreife,“ fiel Otto, der ſich erhoben hatte, dem Freunde in's Wort.„Wir werden morgen abreiſen, ich wüßte nicht, welche Gefahr uns bis dahin noch drohen könnte.“ „Du haſt Franz Werner—“ „Trifft die Familie Latour's, nicht uns!“ „Deine Rede, die Du geſtern Abend im Klub der deutſchen Arbeiter gehalten haſt.“ „Lieber Gott, die wenigen Worte, die ich dort zum Abſchiede geſprochen habe—“ Ein leiſes, ungeduldiges Pochen bewog ihn, den Satz abzu⸗ brechen. Otto näherte ſich raſch der Thüre, er konnte nicht leugnen, die Unruhe und Erregung des Freundes blieben auf ihn nicht ohne Wirkung. Haſtig, mit unverkennbaren Zeichen einer fieberhaften Erregung war Marie eingetreten. „Werner hat Euch der Behörde denuncirt,“ ſagte ſie,„ſoeben brachte ein Freund uns die Nachricht, daß der Maire Euch noch in dieſer Nacht verhaften laſſen will.“ Denuncirt?“ fragte Otto beſtürzt.„Welchen Grund konnte er— „Erinnern Sie ſich der Worte, welche Sie geſtern Abend an einem öffentlichen Orte geſprochen haben.“ 56— „Es war eine geſchloſſene Geſellſchaft.“ „Einerlei, ein Verräther befindet ſich in jeder Geſellſchaft, die franzöſiſche Polizei iſt vortrefflich organiſirt. Sie müſſen fliehen.“ „Da haſt Du's,“ ſagte Nikolas.„Hätteſt Du auf meine Warnung gehört—“ „Zu Vorwürfen iſt jetzt keine Zeit,“ fuhr Marie ungeduldig fort,„ſchon in der nächſten Minute können die Gensdarmen hier ſein.— Nikola, bleiben Sie hier, Sie ſind nicht compromittirt, ich werde Sie ſchützen.“ In dem Tone, in welchem das Mädchen die letzten Worte ſprach, ſpiegelte ſich noch einmal die ganze Leidenſchaftlichkeit ihrer Seele, deren verzehrende Gluth wieder hell in ihren dunklen Augen aufloderte. Aber Nikolas gab ſich den Anſchein, als habe er die Worte nicht vernommen, er ſchnürte ſein Felleiſen zu und nahm Stock und Mütze. „Ihr Freund wird ſeine Flucht leichter bewerkſtelligen können, wenn Sie ihn nicht begleiten,“ nahm Marie noch einmal das Wort,„fliehen Sie mit ihm, ſo wird die Polizei auch Sie ver⸗ folgen.“ „Meinetwegen,“ entgegnete Nikolas ruhig, der jetzt, als die Gefahr ihm nahe ſtand, ihr mit muthiger Todesverachtung ent⸗ gegen ging,„ich verlaſſe meinen Freund nicht, Glück und Unglück will ich mit ihm theilen.“ Die Stirne des Mädchens umdiſterte ſich, der Zorn darüber, ſich abermals zurückgewieſen zu ſehen, drohte ſie zu einem heftigen Ausfalle gegen den kalten Deutſchen zu verleiten. Aber ehe ſie ein Wort auf ſeine kühle Antwort erwidern konnte, trat Henri ein. „Fort!“ ſagte der letztere ungeduldig,„die Gensdarmen ſtehen ſchon vor der Hausthüre.“ Wirklich hörte man in dieſem Augenblichndas Aufſtoßen der Gewehrkolben und lautes, ungeſtümes Pochen. „Oeffnet— im Namen der Republik!“ rief eine rauhe Stimme. „Es bleibt nur noch ein Weg,“ flüſterte Henri,„der durch die Hofthür. Wenn Ihr die kleine Mauer überſtiegen habt, ſo eilt geradeaus durch den Garten, die Mauer, welche ihn umſchließt, i*ſt ebenfalls ſehr niedrig, wenn Ihr hinübergeklettert ſeid, befindet Ihr Euch auf offener Straße. Haltet Euch dann rechts und biegt in keine Nebenſtraße ein, es iſt der kürzeſte Weg, der zur Stadt hinausführt.“ Die kleine Geſellſchaft hatte inzwiſchen die Hofthüre erreicht, Henri ſtand im Begriff, ſie zu öffnen. hier ttirt, Vorte ihret Augen Worte Stock — 97 „Noch eins,“ ſagte Marie und ihre zitternde Stimme verrieth den Sturm in ihrer Seele,„ſollte Einer von Euch ergriffen wer⸗ den, ſo thut der Andere wohl, ſeinen Weg ſchleunigſt fortzuſetzen, den Einzelnen können und werden wir beſchützen, werdet Ihr aber beide gefangen, ſo ſeid Ihr beide verloren. Beherzigt dieſen Rath und nun geht, wir ſehen uns ſpäter wieder.“ Otto drückte noch einmal Beiden die Hände, dann eilte er hinaus. Nikolas folgte ihm, aber kaum hatte er die Schwelle über⸗ ſchritten, als er ſich von zwei kräftigen Armen erfaßt fühlte. Er wandte den Kopf und erkannte Franz Werner. Auf die Hülfe Henri's durfte er nicht rechnen, derſelbe hatte die Hofthüre ſofort wieder geſchloſſen, um den Gensdarmen, die immer ungeſtümer Einlaß begehrten, die Hausthüre zu öffnen. Mit einem gewaltigen Ruck befreite er ſich aus den Armen ſeines Gegners. Werner griff in die Bruſttaſche und zog einen Dolch hervor. Nikolas verlor die Geiſtesgegenwart nicht, ehe ſein Gegner von der Waffe Gebrauch machen konnte, ſtreckte ein wuchtiger Fauſt⸗ ſchlag ihn nieder. Aber der gellende Schrei, den Werner ausſtieß, erregte die Aufmerkſamkeit der Gensdarmen, die ſich noch im Hausflur be⸗ fanden. Sie eilten auf den Hof hinaus und bemerkten ſofort den Flüchtling, der eben die Mauer erreicht hatte. Einer der Gensdarmen legte ſein Gewehr an, es war ein Glück für Nikolas, daß ein anderer Gensdarm ſich zwiſchen ihm und jenem befand und dadurch ſeinen Kamerad an der Abfeuerung des Schuſſes verhinderte. Aber wenn auch durch dieſen ihm günſtigen Zufall ſein Leben gerettet wurde, der Verhaftung ent⸗ ging er nicht. Im Begriff, ſich auf die Mauer zu ſchwingen, ſah er ſich plötzlich umringt, ein Blick auf die Gensdarmen belehrte ihn, daß es ein Akt der Thorheit wäre, ſich zur Wehre zu ſetzen. Er ergab ſich. Otto hatte Anfangs keine Ahnung von dem Kampfe hinter ſeinem Rücken. Ueberzeugt, daß der Freund ihm folge, hatte er den ihm be⸗ zeichneten Weg verfolgt, erſt, als er über die zweite Mauer hinüber war und nun auf der Straße ſtand, vernahm er den Schrei Werner's. Er ahnte ſofort, daß Nikolas ſich in Gefahr befand und er war noch unentſchloſſen, ob er ihm zu Hülfe eilen ſollte, als er plötzlich Waffengeklirr und Stimmen vernahm. — 58— Daß Nikolas der Uebermacht unterliegen mußte, war voraus⸗ zuſehen, die Hülfe des Freundes konnte ihn aus der Gewalt der⸗ ſelben nicht befreien. So gerne nun auch Otto das Schickſal des Freundes getheilt hätte, mußte er ſich doch ſagen, daß es nicht allein ein nutzloſes, ſondern auch ein ſehr thörichtes Opfer ſein würde. Dem Freunde konnte man nicht beweiſen, daß er ſich einer ſtrafbaren Handlung ſchuldig gemacht hatte, während ſolche Beweiſe gegen Otto vorlagen. Nach kurzem Nachdenken ſetzte Otto ſeinen Weg fort, von Marſeille oder Lyon aus wollte er dem Meiſter Latour ſchreiben, wo Nikolas ihn finden konnte. Zehntes Kapitel. Wie man reich werden kann! Heinrich Schenk, der Bruder Otto's, war Commis im Ge⸗ ſchäft der Firma„Peter Paul Scherenberg ſelige Wittwe“. Die Firma beſtand ſchon ſeit einer Reihe von Jahrzehnten, ſie war vom Vater auf den Sohn vererbt und ſtets unverändert fortgeſetzt worden. Das Gerücht behauptete, Scherenberg ſei ein ſehr reicher Mann und die Väter heirathsfähiger Töchter bemühten ſich ſehr ange⸗ legentlich, mit ihm in ein freundſchaftliches Verhältniß zu treten, wohl nur in der Hoffnung, daß es ihnen gelingen möge, den einzigen Sohn Scherenbergs für eine ihrer Töchter zu gewinnen. Bertram Scherenberg war zwar noch nicht Theilhaber des Geſchäfts, aber der gegenwärtige Chef des letzteren hatte oft geäußert, er werde binnen Kurzem ſeinen Sohn als Aſſocie auf⸗ nehmen, denn es ſei ſein Wille, daß nach ſeinem Tode die Firma unverändert und mit ungeſchwächten Fonds beſtehen bleibe. In dieſem Hauſe hatte Heinrich Schenk ſeine Lehrzeit beſtan⸗ den, er war nach Ablauf derſelben als Commis engagirt worden und beſorgte gemeinſchaftlich mit dem alten Buchhalter und einem Lehrlinge die laufenden Geſchäfte. Er führte die Correſpondenz und verwaltete die Kaſſe, wäh⸗ rend der Chef ſich ausſchließlich mit dem Ein⸗ und Verkauf der Waaren beſchäftigte. raus⸗ der⸗ ttheilt loſes, einer weiſe von eiden, n Ge⸗ jinten, indert Mann ange⸗ treten, „den innen. r des te oft 8 auf⸗ Firma heſtan⸗ vorden einem wüh⸗ uf der An einem trüben Dezembermorgen ſchickte Heinrich den Lehr⸗ ling aus, er ſchien abſichtlich einen Vorwand dafür zu ſuchen, denn als der Lehrling ſchüchtern den Einwurf wagte, daß er das Geſchäft ſehr wohl bis zum Nachmittag verſchieben könne, erwi⸗ derte der Commis ihm in ſehr barſchem Tone, er habe zu ge⸗ horchen und ſich jeder naſeweiſen Bemerkung zu enthalten, wenn er einen Auftrag ausführen ſolle. „Die jungen Burſchen werden mit jedem Tage arroganter,“ ſagte Heinrich, als der Lehrling ſich zögernd entfernt hatte,„ich würde mir während meiner Lehrzeit derartige Bemerkungen nicht erlaubt haben.“ Der alte Buchhalter ſchüttelte ſein ſilbergraues Haupt und warf einen forſchenden Blick auf den Commis, der ſich vergeblich bemühte, eine innere wachſende Unruhe zu verbergen. „Lieber Herr, das junge Volk bleibt ſich ſtets gleich,“ erwi⸗ derte er ruhig,„es hat immer die Naſe voran, glauben Sie mir, Sie waren um kein Haar beſſer.“ „Wäre ich es nicht geweſen, würde Herr Scherenberg mir nicht ſo raſch ſein volles Vertrauen geſchenkt haben,“ fuhr der Kaſſirer und Correſpondent fort, während er ſelbſtgefällig die Halsbinde zurechtrückte,„ich denke, dieſes Vertrauen beweiſt ge⸗ nügend, daß ich es verſtand, mir ſeine Zufriedenheit in hohem Grade zu erwerben. Führe ich nicht die Kaſſe? Laufen nicht oft ſehr bedeutende Summen durch meine Hände? Ich erinnere Sie nur an die fünfzigtauſend Thaler, die wir im März dieſes Jahres einkaſſirten.“ Der Buchhalter zuckte geringſchätzend die Achſeln, die Eigenliebe des jungen Mannes mußte ihn um ſo mehr erbittern und ver⸗ letzen, weil er vor Jahren vergeblich danach getrachtet hatte, den Kaſſirerpoſten zu erhalten. „Ich glaube, Sie legen zu großen Werth auf Ihre unſchätz⸗ baren Verdienſte,“ ſagte er ſarkäſtiſch,„wäre Ihr Vater nicht in der Lage geweſen, eine Kaution von Fünfhundert Thalern für Sie zu hinterlegen, würde Herr Scherenberg Ihnen die Kaſſe nicht anvertraut haben. Uebrigens haben Sie keine Urſache ſich damit zu brüſten, daß jene fünfzigtauſend Thaler durch Ihre Hände gelaufen ſind, heute Morgen erhielten Sie das Geld, heute Nachmittag mußten Sie es zur Bank bringen, dazu kann man jeden ehrlichen Hausknecht benutzen.“ Ueber das etwas verlebte Geſicht Heinrichs glitt ein Zug der Verachtung. „Sie glauben alſo, die Summe ſei bei der Bank deponirt?“ fragte er. Der alte Mann blickte befremdet von ſeinen Büchern auf. — 60— „Gewiß,“ ſagte er,„haben wir nicht die Empfangsbeſcheinigung über das Depoſitum erhalten?“ „Natürlich,“ ſpottete Heinrich.„Leute, die keinen Unterneh⸗ mungsgeiſt beſitzen, trauen auch andern Menſchen keinen Muth zu. Hätten Sie jene Empfangsbeſcheinigung nur oberflächlich geprüft, würden Sie darin etwas entdeckt haben, was Sie jedenfalls befremdet und beunruhigt hätte.“ Der Buchhalter legte die Feder hin und ſchob die große ſilberne Brille hinauf auf die Stirne. „Und das wäre?“ fragte er beſorgt. „Bah— Sie werden es früh genug erfahren. Setzen Sie einſtweilen ein Circulair an unſre Geſchäftsfreunde auf, in welchem das Haus Peter Paul Scherenberg ſeelige Wittwe anzeigt, daß es ſeinen langjährigen treuen Mitarbeiter Heinrich Schenk als Theilhaber aufgenommen hat.“ Der Blick des alten Mannes ruhte ſtier auf dem Commis, der mit verſchränkten Armen in befehlender Haltung vor ihm ſtand. „Ich fürchte, Sie haben den Verſtand verloren,“ ſtotterte er. „Durchaus nicht,“ erwiderte Heinrich mit gemeſſenem Ernſt. „Das Circulair wird heute noch in die Druckerei wandern.— Wenn ich ſpäter etwas für Sie thun kann, ſoll es geſchehen,“ fuhr er fort,„Sie haben eine große Familie und ein kleines Ge⸗ halt, eine entſprechende Zulage kann Ihnen nur erwünſcht ſein.“ Der Buchhalter zweifelte noch immer an der Zurechnungs⸗ fähigkeit des jungen Mannes. „Es ſcheint mir wirklich, als ob eine fixe Idee Ihnen den Verſtand geraubt habe,“ ſagte er,„ich rathe Ihnen, gehen Sie heim und trinken Sie Fliederthee, ſo heiß, als Sie ihn nur trinken können und legen Sie ſich in's Bett. Ich werde Sie bei unſerm Prinzipal entſchuldigen.“ Ein höhnendes Lächeln umſpielte die Lippen Heinrichs. „Den Rath möchte ich Ihnen geben,“ erwiderte er,„man ſieht, daß Sie alt und ſchwach werden. Kümmern Sie ſich um Ihre Bücher, Herr, Sie ſind ja weiter nichts als eine Maſchine, die am Morgen aufgezogen wird und am Abend abgelaufen iſt.“ Der Buchhalter wußte nicht, was er zu dieſem Auftreten und Benehmen ſagen ſollte; Spuren der Geiſtesverwirrung konnte er in den Worten ſeines Kollegen nicht finden, und doch grenzte die Behauptung deſſelben, er werde als Theilhaber in das Geſchäft eintreten, nach ſeiner Anſicht an Wahnſinn. Heinrich würdigte den alten Mann keines Wortes weiter, er trat vor den Spiegel, ordnete Friſur und Halsbinde und ging darauf in das anſtoßende Kabinet, in welchem der Chef der Firma arbeitete. — 61— Es war ein kleiner, dürrer Herr mit einem faltenreichen Ge⸗ ſicht und einer ſehr hohen Stirne, unter der die kleinen hell⸗ grauen Augen lebhaft funkelten. Der Rock, den er trug, konnte eine vollſtändige Muſterkarte ſeines Fettgeſchäfts genannt werden; die Firma Peter Paul Sche⸗ renberg ſeelige Wittwe führte wohl keine Fettſorte, die nicht auf dieſem glänzenden, waſſerdicht gewordenen Rock vertreten war. Von dem Eintritt ſeines Commis nahm der alte Herr nur inſofern Notiz, als er in gleichgültigem Tone die Frage an ihn richtete, was er wünſche, in ſeiner Beſchäftigung ließ er ſich da⸗ durch nicht ſtören. Heinrich ſchloß die Thüre und rückte einen Stuhl neben den Sitz des Prinzipals. „Ich bedaure, wenn ich ſtöre,“ ſagte er in demſelben kühlen, geſchäftsmäßigen Tone, den Scherenberg angeſchlagen hatte,„aber die Angelegenheit, die mich zu Ihnen führt, iſt zu wichtig, als daß ich die Verhandlungen über ſie hinausſchieben könnte.“ „So reden Sie,“ verſetzte der Chef ruhig, während er ſeine lange, ſpitze Naſe bald über dieſen, bald über jenen Fetttopf hielt. „Es betrifft meine Aſſociation mit Ihnen,“ fuhr Heinrich fort,„ich biete ſie Ihnen unter ſehr annehmbaren Bedingungen an.“ Der alte Herr ſchnellte die Naſe empor und blickte ſeinen Commis in derſelben Weiſe an, wie es vordem der Buchhalter gethan hatte, er ſchien ebenfalls durch dieſen Blick ſich die Ueber⸗ zeugung verſchaffen zu wollen, ob der junge Mann über Nacht irrſinnig geworden ſei. „Waaas?“ fragte er gedehnt.„Sie bieten mir Ihre Aſſocia⸗ tion an?“ „Unter ſehr annehmbaren Bedingungen,“ wiederholte Heinrich gelaſſen. Der Materialwaarenhändler ſtellte den Topf, den er in der Hand hielt, hin, ein ſarkaſtiſcher Zug glitt über ſein hageres, ſcharf markirtes Geſicht. „Laſſen Sie hören,“ ſagte er,„ich fürchte, Sie haben gerechten Anſpruch auf Koſt und Logis in Siegburg.“ „Warten Sie mit Ihren Vermuthungen, bis Sie meine Be⸗ dingungen gehört haben,“ fuhr Heinrich mit unerſchütterlicher Ruhe fort, nübrigens, meine ich, ſchon mein Auftreten müſſe Ihnen be⸗ weiſen, daß ich meiner fünf Sinne vollkommen mächtig bin. Sie werden ſich erinnern, daß, als wir im März dieſes Jahres fünf⸗ zigtauſend Thaler einkaſſirten, ich Ihnen rieth, das Geld zum Ankauf von Eiſenbahnaktien und Staatspapieren zu verwenden.“ Scherenberg nickte bejahend. „Sie wollten das nicht.“ „Weil es, wie Sie wohl wiſſen, anvertrautes Geld war.“ „Das Geld eines Mannes, der ausgewandert war und vor Jahresfriſt vorausſichtlich über daſſelbe nicht verfügte.“ „Aber ich hatte ihm verſprochen, die Summe bei der Bank zu deponiren.“ „Ganz gut, wenn nun die Bank fallirte?“ „Bah, Preußen iſt ein ſolider Staat.“ „Wenn Sie das wußten, konnten Sie auch wagen, für das Geld Staatspapiere zu kaufen. Die Courſe ſtanden damals ſo niedrig, daß es unmöglich war, Geld zu verlieren.“ „Ich weiß nicht, weshalb Sie heute darauf zurückkommen,“ erwiderte Scherenberg ungeduldig,„ich habe Ihnen damals meine Meinung über dieſen Gegenſtand ſehr deutlich geſagt. Mit dem Aktienſchwindel mag ich nichts zu ſchaffen haben.“ „Auch dann nicht, wenn Sie im Voraus überzeugt ſein dürfen, daß Sie Ihr Vermögen dadurch verdoppeln?“ forſchte Heinrich. „Auch dann nicht! Was der Eine gewinnt, muß der Andere verlieren, und unter denen, welche ihr Geld dabei verlieren, be⸗ finden ſich meiſt Leute, die nichts zu verlieren haben. Ich mag mich auf die Koſten der Armen nicht bereichern.“ 4 „Wohl geſprochen,“ ſpottete Heinrich,„dieſer edle Grundſatz wird Sie auch bewegen, fortan Ihre Waaren nicht mehr zu fäl⸗ ſchen.— Ah— proteſtiren Sie nicht, alter Herr, wir wiſſen ſehr genau, wie das gemacht wird! Aber, um auf unſere Aſſocia⸗ tion zurückzukommen, erlauben Sie mir, vorab Ihnen mitzutheilen, daß ich nicht mit leeren Händen komme. Sie beauftragten mich damals, die Ihnen anvertraute Summe bei der Bank zu deponi⸗ ren, ich war ſo frei, dafür Aktien zu kaufen, die Courſe waren enorm gefallen, wer baares Geld zeigte, konnte unter der Hälfte des Werthes einkaufen. Bon, ich beſuchte die Börſe, und hatte nach einer halben Stunde ſtatt meiner fünfzigtauſend Thaler in Banknoten ein umfangreiches Packet Aktien, welches vielleicht das Doppelte, vielleicht auch kaum die Hälfte jener Summe werth war.“ „Menſch, ſind Sie toll?“ rief Scherenberg entſetzt.„Ich werde Sie in's Zuchthaus bringen.“ „Sie werden mit mir einen Geſellſchaftsvertrag abſchließen, alter Herr. Ich deponirte dieſe Papiere bei der Bank und ließ mir über das Depoſitum eine Empfangsbeſcheinigung geben, in der natürlich die Bemerkung enthalten war, daß dieſes Depoſitum aus Aktien und Staatspapieren beſtehe. Dieſe Bemerkung wurde mit einem haarſcharfen Meſſer ausradirt und die Quittung ad acta gelegt. Es war allerdings ein Hazardſpiel, ich gebe es zu, aber wer nichts wagt, gewinnt nichts. Ging der Staat zu Grunde, ſo war das Geld zum größten Theil verloren— — Eꝶ x wein⸗ eile n, mich poni⸗ waren Hälfte hatte er in t das war. 79 ließen, d ließ n, in ſitum wurde d actà aber runde, — 63— „Unterſchlagung, Betrug und Fälſchung!“ rief der alte Herr, während er mit ſeinen langen, dünnen Fingern in ſeinen Haaren wühlte.„Wenn noch Recht und Geſetz gilt, müſſen Sie ins Zuchthaus!“ „Gemach, lieber Mann,“ fiel Heinrich ihm kühl in's Wort, „Sie werden ſogleich anderer Anſicht ſein. Heute ſind jene Pa⸗ piere achtzigtauſend Thaler werth, Herr Scherenberg, warten wir noch ein halbes Jahr mit dem Verkauf, ſo haben wir fünfzigtau⸗ ſend Thaler gewonnen.“ Der Chef der Firma Peter Paul Scherenberg ſeelige Wittwe ließ die Arme ſinken, mit offenem Munde ſtierte er den jungen Mann an, in deſſen Behauptung er um ſo weniger Zweifel ſetzen konnte, als ſie im Tone überzeugender Sicherheit geſtellt worden war. „Iſt das die Wahrheit?“ fragte er, und ſeine Stimme klang bedeutend höflicher.— „Beauftragen Sie mich, die Papiere zu verkaufen, ſo werden Sie den Beweis dafür erhalten.“ „Achtzig tauſend Thaler?“ „Ohne die Zinſen.“ „Ah— das ändert die Sache.“ „Ich wußte es.“ „Nein, es ändert ſie nicht!“ fuhr der alte Herr heftig auf. „Sie haben mein Vertrauen mißbraucht—“ „Beruhigen Sie ſich, wer den Erfolg für ſich hat, behält immer Recht. „Ich könnte Sie in's Zuchthaus bringen!“ „Verſuchen Sie es.“ „Wer will mich daran hindern?“ „Niemand, aber es wird Ihnen nicht gelingen.“ Der Materialwaarenhändler hatte ſeine Fettproben vergeſſen. Er ſchritt in fieberhafter Aufregung in dem engen Raume auf und ab. „Und ſelbſt wenn ich nachträglich Ihr Verfahren billige, iſt es mein Geld, was Sie genommen haben,“ ſagte er nach einer Weile.„Sie haben durchaus keinen Anſpruch auf dasſelbe.“ Heinrich zuckte die Achſeln. „Ich finde es komiſch, daß Sie wegen einer ſolchen lumpigen Kleinigkeit ſo vielen Lärm machen,“ erwiderte er kalt. „Eine Kleinigkeit?“ fragte Scherenberg, ſtehen bleibend. „Ja. Ich betrachte das als den Anfang, wenn wir einmal ſchließen, müſſen wir eine Million beſitzen.“ „Ich glaube wahrhaftig, Sie—. „Glauben Sie, was Sie wollen, ſchenken Sie mir nur größeres Vertrauen und laſſen Sie mich ruhig operiren.“ — 64— Der alte Herr blieb eine geraume Weile in Nachdenken ver⸗ ſunken. „Wie gewonnen, ſo zeronnen,“ ſagte er endlich,„es iſt ein gefährliches Ding, das Spielen an der Börſe!“ „Wenn man's nicht kennt, allerdings,“ erwiderte Heinrich im Tone der Ueberlegenheit.„Alſo kommen wir nochmals auf meinen Vorſchlag zurück. Nehmen Sie ihn an, ſo trete ich mit einem Kapital von zwanzigtauſend Thaler als Theilhaber in Ihr Ge⸗ ſchäft ein, die überſchießenden zehntauſend Thaler von dem Gewinn ſollen Ihr Eigenthum ſein.“ „Und wenn ich ihn nicht annehme?“ „So verkaufe ich die Actien und gebe Ihnen die fünfzigtauſend Thaler zurück.“ „Das heißt, wenn ich es zugebe.“ „Wenn Sie es zugeben allerdings. Geſetzt, Sie klagen gegen mich auf Mißbrauch des Vertrauens, ſo erkläre ich, Sie hätten mich mit dem Einkauf der Actien beauftragt, das Gegen⸗ theil können Sie nicht beweiſen. Das wäre indeß für Sie ein ſehr kurzer und einfacher Weg, ſich lächerlich zu machen und Ihren Credit zu untergraben. Wir ſind natürlich alsdann geſchiedene Leute, aber Sie dürfen verſichert ſein, daß ich in Folge dieſes Eclats ſehr raſch einen unternehmenden Aſſocie finde, und dann wird es meine erſte Sorge ſein, Sie bankerott zu machen. Nun wählen Sie.“ Scherenberg konnte nicht leugnen, daß in der Aſſociation mit dem unternehmenden, und, wie es ſchien, ſehr gewandten jungen Manne ein Vortheil für ihn lag, während auf der andern Seite derſelbe ihm eine Concurrenz bieten konnte, die ihn auf die Dauer zu Grunde richten mußte. Der enorme Gewinn reizte ihn, die Habſucht war geweckt, der ruhige nüchterne Materialwaarenhändler zitterte vor Aufre⸗ gung bei dem Gedanken daran, daß er vielleicht die Million erwerben könne, die Heinrich ihm in Ausſicht ſtellte. Aber ſo raſch wollte er die Wünſche ſeines Commis nicht erfüllen. „Ich muß zuvor mit Bertram reden,“ ſagte er,„mein Sohn hat auch eine Stimme.“ Dieſe Antwort hatte Heinrich erwartet, ſie war ihm unan⸗ genehm, weil er ſehr wohl wußte, daß Bertram ihn im Grunde ſeines Herzens haßte, wenn er ſich auch äußerlich den Anſchein gab, als ob er auf ſehr intimem Fuße mit ihm ſtehe. „Ganz nach Belieben,“ erwiderte er,„ich vertraue darauf, daß Sie ſowohl, wie Ihr Sohn Ihren Vortheil nicht verkennen werden.“ n ver⸗ iſt ein rich im meinen einem jr Ge⸗ Hewinn tauſend klagen h, Sie Gegen⸗ Sie ein d Ihren ſchiedene b dieſes ind dann n. Nun ion wüt jungen mn Seite e Dauer geweckt Million is vicht ein Sohn mm unan- Grunde Arſchein rauf, doß verkennel Er ließ nach dieſer kühlen Erwiderung den Prinzipal mit ſeinen Fetttöpfen allein und kehrte in das Comptoir zurück. Natürlich hatte der Buchhalter nicht daran gedacht, das Cir⸗ culair aufzuſetzen, Heinrich ſchrieb es nieder und beauftragte den Lehrling, das Schriftſtück in die Druckerei zu bringen, mit der Weiſung, den Druck ſofort vorzunehmen. Er war entſchloſſen, den Plan, den er ſchon vor Monaten entworfen und reiflich überlegt hatte, durchzuſetzen und er füchtete nicht, daß derſelbe mißlingen könne. Elftes Kapitel. Herzloſe Egoiſten. Die Weinſchenke zum ſilbernen Lamm ſtand allgemein im Rufe einer Spielhölle. Es war ein öffentliches Geheimniß, daß allabendlich in dieſer Schenke eine ſehr lockere Geſellſchaft ſich verſammelte und oft enorme Summen im„Landsknecht,“„Faro,“ oder„Tempeln“ vergeudet wurden. Die Polizei durfte das freilich nicht erfahren, aber ſelbſt für den Fall, daß ſie es erfuhr und Nachforſchungen hielt, hatte der Wirth ſeine Vorkehrungen getroffen. Er hatte mehrere kleine Stuben für die verſchiedenen Spiel⸗ geſellſchaften eingerichtet, die mit der eigentlichen Gaſtſtube in keiner Verbindung ſtanden. In dieſen Räumen wurde das Hazardſpiel hinter verſchloſſenen Thüren betrieben; fand plötzlich die Polizei ſich ein, ſo genügte der Ton einer kleinen Glocke, ſämmtliche Spieler auf die nahe Gefahr aufmerkſam zu machen. Sie hatten dann nichts weiter zu thun, als die Karten und Marken zu verſtecken und die Räume zu verlaſſen, um in dem angebauten, ſehr ſinnreich eingerichteten Gartenpavillon das Weitere abzuwarten. In dieſes Haus führte Heinrich Schenk am Abend deſſelben Tages, an welchem er ſeinem Prinzipal ſich als Theilhaber ange⸗ boten hatte, den jungen Herrn Bertram Scherenberg. Seine Befürchtung war eingetroffen, Bertram hatte in ſeiner Unterredung mit dem Vater ſich dem Vorſchlage des Commis mit hartnäckiger Entſchiedenheit widerſetzt und ſogar den Rath gegeben, Fünfmal hunderttauſend Thaler.. 5 man möge Heinrich Schenk ohne Rückſicht dem Oberprocurator anzeigen. Dieſe Unterredung war ſo laut geführt worden, daß man im Comptoir jedes Wort vernehmen konnte, ihr Inhalt war alſo dem Commis nicht fremd geblieben. Heinrich Schenk kannte ſeinen Mann. Er ſuchte und fand im Laufe des Nachmittags Gelegenheit, mit Bertram einige Worte zu wechſeln, und es gelang ihm, den Letzteren zu überzeugen, daß dem jetzigen Gewinn von Dreißig⸗ tauſend bald größere Gewinne folgen könnten, wenn man die Sache nur richtig anzufangen wiſſe. Bertram war ebenſowohl ein Egoiſt, wie jeder andere Menſch, auch für ihn hatte das Gold einen Zauber, dem er ſchwer wider⸗ ſtehen konnte. Er hörte die Pläne Heinrichs an und mußte ſchließlich zugeben, daß dieſelben einen verlockenden Reiz hatten, und als Heinrich ihn bat, am Abend in die Weinſchenke zum ſilbernen Lamm zu kom⸗ men, um dort weitere, eingehendere Mittheilungen zu empfangen, ſagte er nach kurzem Bedenken zu. Heinrich führte den jungen Herrn in eine der für die Spiel⸗ geſellſchaft reſervirten Stuben und forderte Champagner. „Leute, wie wir, die ſich zu Börſenfürſten emporſchwingen wollen, müſſen den Leuten zeigen, daß ſie zu leben wiſſen,“ ſagte er, als Scherenberg befremdet ihn anblickte.„Der Champagner 6 verſchafft Credit und Credit iſt ſo gut, wie baares Geld!“ Mit einem Knall flog der Pfropfen empor, der feurige Wein der Champagne ſchäumte und perlte in den hohen Spitzgläſern. „Stoßen wir an,“ fuhr Heinrich mit der Gewandtheit und Sicherheit des vollendeten Weltmannes fort, indem er ſein Glas ergriff.„Auf daß das Haus Peter Paul Scherenberg ſelige 1 Wittwe binnen Kurzem den erſten Rang an der Börſe einnehmen 8 möge.“ 3 Das heißt,— mit oder ohne Aſſocie?“ fragte Bertram zögernd. „Natürlich— mit! Ohne mich wird das Haus ſich nie aus dem Staube erheben.“ „Dann bedaure ich,“ erwiderte Bertram, der in ſeiner äußeren Erſcheinung dem kleinen, dürren Chef der Firma auffallend glich. „So ſicher iſt es noch nicht, daß der Vertrag geſchloſſen werden ſoll, die Bedenken, die ich dagegen habe, ſind ſo raſch nicht 1 beſeitigt.“ Heinrich zuckte die Achſeln und leerte ſein Glas auf einen Zug. „Wie Sie wollen 7 “ ſagte er kühl,„ich habe das Meinige prator m im dem nheit, den eißig⸗ Wei äſern. und Glas ſelige hmen tram gethan, um Ihnen zu beweiſen, daß ich vor allen Dingen das Intereſſe Ihres Hauſes im Auge habe, aufdringen will ich Ihnen die Vortheile nicht.“ Das letzte Wort war kaum über ſeine Lippen, als zwei neue Gäſte eintraten. Heinrich kannte ſie, er ſtellte den einen der jungen Herren als den Sohn des Cigarrenfabrikanten Theodor Liebmann, den andern als den Sohn des Rentners Friedrich Schurz vor. Karl Liebmann ſchien ein eitler, dünkelhafter und genußſüch⸗ tiger Menſch zu ſein, ſeine gewählte, elegante Kleidung, ſein ſelbſtgefälliges Auftreten und ſein geziertes Weſen ließen das deutlich erkennen. Ernſt Schurz dagegen war ein ſtiller, beſcheidener Jüngling, deſſen Geſichtszüge Beſchränktheit verriethen. Liebmann hatte die Thüre hinter ſich geſchloſſen und gleich darauf den Schellenzug in Bewegung geſetzt. Er forderte Wein und Karten, der Wirth brachte Beides. Bertram Scherenberg bemerkte kaum, daß ſein Glas wieder gefüllt wurde, ſo oft er es geleert hatte, und daß Heinrich ihn unter den verſchiedenſten Vorwänden zum Trinken nöthigte. Liebmann forderte ſeine Zechgenoſſen zu einer Parthie Sechs⸗ undſechszig auf. Es war ein unſchuldiges Spiel, der Einſatz kaum der Rede werth. Scherenberg und Schurz ließen ſich verleiten, ſie ahnten wohl beide nicht, daß ſie ſich in den Händen zweier routinirter Spieler befanden, die jetzt das Netz zuzogen und ſie in demſelben feſt⸗ hielten. Eine zweite Flaſche Champagner wurde entkorkt, der feurige Wein that ſeine Wirkung. „Bah— überlaſſen wir das trockene, geiſtloſe Sechsund⸗ ſechszig den Spießbürgern, die ihre Zeit nicht beſſer todtzuſchlagen wiſſen,“ ſagte Liebmann, nachdem er die ſechſte Parthie verloren hatte,„ſpielen wir Roulette!“ Scherenberg und Schurz ſtrichen die gewonnenen Groſchen ein, es waren die Lockvögel, welche ſie in die Falle locken ſollten. Und dieſe Lockvögel thaten ihre Schuldigkeit. Als der Wirth den ganzen Spielapparat gebracht hatte und Liebmann als Bankhalter nun zum Pointiren aufforderte, zögerten die Beiden nicht, ihr Glück zu verſuchen. 7 Sie gewannen die erſten“ Einſätze, und es konnte nicht aus⸗ bleiben, daß dies ſie verleitete, einiges Vertrauen auf die Beſtän⸗ digkeit ihres Glückes zu ſetzen. Die Leidenſchaft war geweckt, die beiden jungen Leute beſaßen nicht mehr die Macht, ſie zu unterjochen. 5* — 68 8-— Die Kugel rollte unaufhörlich in dem Rade, mit eintöniger Stimme rief Liebmann die Nummern. Heinrich ſpielte nicht hoch, er beobachtete verſtohlen, aber ſcharf die beiden jungen Leute, vorzugsweiſe den Sohn ſeines Prinzipals, der bereits eine namhafte Summe verloren hatte. Schurz blieb dabei ruhig und gelaſſen, als er ſeinen letzten Thaler hingeworfen und verloren hatte, erhob er ſich. „Sie wollen ſchon fort?“ fragte Heinrich erſtaunt. „Was ſoll ich noch hier?“ erwiderte der Sohn des Rentners nunu„Ich habe mein Letztes verloren und zuſehen mag ich nicht.“ Liebmann zuckte gleichmüthig die Achſeln. „Der Wirth wird Ihnen eine Summe vorſtrecken, wenn Sie ihm einen Solawechſel ausſtellen,“ ſagte er kühl.„Ich habe ſchon ſehr oft die Erfahrung gemacht, daß geliehenes Geld Glück bringt.“ „Mag ſein,“ verſetzte Schurz,„ich will es nicht erproben. Ich hatte mir ohnehin vorgenommen, punkt zehn Uhr heimzugehen, nun iſt es ſchon elf.“ „Richtig,“ ſpottete Heinrich, indem er einen Blick auf ſeine Uhr warf,„na, wenn Sie es Ihrem Vater verſprochen haben, ſo gehen Sie in Gottes Namen, wir Drei ſtehen nicht mehr unter der Zuchtruthe.“ Entweder verſtand Schurz die verſteckte Anſpielung nicht, oder er war gewohnt, ſolche Redensarten zu hören, er entfernte ſich, ohne ſie einer Erwiderung zu würdigen. „Fahren wir fort,“ ſagte Liebmann ruhig. Heinrich begann jetzt hoch zu ſpielen, er forderte Bertram auf, ebenfalls ſeine Einſätze zu verdoppeln. Auffallenderweiſe ſpielte er ſtets gegen ihn, auch ſetzte er nicht eher, bis Bertram geſetzt hatte und alsdann wußte er es ſo ein⸗ zurichten, daß ſein Einſatz nicht ſo hoch war, wie der ſeines Mitſpielers. Das war eine ſehr ſchlau überlegte Operation. Da Heinrich ſtets gewann, Scherenberg dagegen verlor, ſo würde für den Bankhalter nichts übrig geblieben ſein, wenn Ge⸗ winn und Verluſt einander ausgeglichen hätten. Um das aber nicht gar zu auffallend zu machen und einem Argwohn in der Seele des Verlierenden vorzubeugen, mußte ab und zu auch Heinrich oder der Bankhalter einmal eine kleine Summe verlieren. Mit zitternder Hand legte Scherenberg endlich die letzte Bank note hin. Auf ſeiner Stirne perlte der Schweiß in hellen Tropfen, ſein — töniger aber ſeines tte. letzten entners n mag enn Sie ch habe Glück en. Ich zugehen, uf ſeine haben, ſt mehr ht oder ite ſch, Bertram er nicht r ſeines Uot, ſo denn Ge⸗ d einem ußte a ie lleine te Bank gfen, ſein ₰ 69— Blick ruhte ſtier mit fieberhafter Spannung auf dem Tre⸗ ſorſcheine. 3 „Perdu!“ ſagte Liebmann kalt, während er die Banknote ein⸗ ſtrich.„Haben Sie Alles verloren?“ „Alles!“ erwiderte Bertram tief aufſeufzend. „Wie viel?“ „Vierhundert Thaler!“ „Sie ſcherzen.“ „Durchaus nicht.“ „Lieber Freund, wie ſollten Sie dazu kommen, eine ſo große Summe bei ſich zu führen!“ ſagte Heinrich ungläubig. „Haben Sie denn vergeſſen, daß ich heute Nachmittag den Wechſel auf Herſtadt von Ihnen forderte, um ihn einzukaſſiren,“ fuhr Bertram gereizt auf. „Alſo Gelder Ihres Herrn Vaters?“ fragte Liebmann ruhig. „Bah, laſſen Sie ſich deshalb keine grauen Haare wachſen, der Alte hat Geld genug.“ Bertram blickte den Kaſſirer und Correſpondenten ſeines Va⸗ ters fragend an, er ſchien von ihm Rath und Troſt zu er⸗ warten. Heinrich zuckte gleichmüthig die Achſeln. „Sie wiſſen, daß ich vielleicht ſchon morgen austreten werde,“ ſagte er kühl und gemeſſen,„in dieſem Falle muß ich die Kaſſe Ihrem Herrn Vater übergeben.“ „Verlieren Sie den Muth nicht,“ verſetzte Liebmann,„ich will Ihnen vierhundert Thaler vorſtrecken gegen einen Solawechſel, zahlbar bei Sicht.“ „Was hätte ich dadurch gewonnen?“ fragte Scherenberg mit wachſender Aufregung. „Das müſſen Sie der Laune Fortuna's überlaſſen,“ erwiderte Heinrich achſelzuckend,„wir können Ihnen natürlich keine Garan⸗ tieen geben.“ Bertram Scherenberg war bereits zu ſehr der Sclave ſeiner Leidenſchaft, als daß er ſich dem Joche derſelben hätte entziehen fönnen. Es war ihm nicht möglich über die Folgen ſeiner Handlungen ruhig nachzudenken, ihn beſeelte in dieſem Augenblick nur ein Ge⸗ danke, der an den Zorn ſeines Vaters, welcher nichts mehr haßte, als eine leichtfertige Lebensweiſe. Vielleicht gelang es ihm, mit dem geliehenen Gelde das ver⸗ lorene zurück zu gewinnen, es war die einzige und letzte Hoff⸗ nung, an welche er ſich klammerte. Daß die Beiden ſich gegen ihn verbündet hatten, daß ſie die Kunſtgriffe kannten, die rollende Kugel dahin laufen zu laſſen, wohin es ihnen beliebte, daß er alſo, wie man zu ſagen pflegte, verrathen und verkauft war, ahnte er freilich nicht. „Ich bemerkte ſchon vorhin, daß ich oft die Erfahrung gemacht hatte, daß geliehenes Geld Glück bringt,“ nahm Liebmann nach einer Pauſe wieder das Wort, während er mit ſeinem Genoſſen das Spiel fortſetzte,„aber überreden will ich Sie nicht dazu.“ Scherenberg trocknete die naſſe Stirne und leerte darauf haſtig ſein Glas. „Ich will es wagen,“ ſagte er mit zitternder Stimme.„Aber woher nehmen wir das Wechſelformular?“ Liebmann öffnete gleichgültig ſein Portefeuille und überreichte ihm das gewünſchte Papier. „Füllen Sie die Summe aus und unterſchreiben Sie,“ ver⸗ ſetzte er,„hier liegt das Geld.“ „Was meinen Sie dazu?“ fragte Scherenberg, dem Commis ſeines Vaters einen forſchenden Blick zuwerfend.„Würden Sie an meiner Stelle—“ „Ich enthalte mich jedes Rathes,“ unterbrach Heinrich ihn gemeſſen,„jeder muß ſelbſt wiſſen, was er thun und laſſen darf.“ Bertram Scherenberg unterſchrieb das Papier und nahm ohne Zögern an dem Spiel wieder Theil. Er bemerkte weder den verſtohlenen, bedeutſamen Blick, den die Beiden einander zuwarfen, noch das boshaft triumphirende Lächeln, welches flüchtig über das Geſicht Heinrichs glitt. Die Kugel rollte wieder und Scherenberg verlor einen Einſatz nach dem andern. Nach einer Stunde war der letzte Reſt der geliehenen Summe ebenfalls verloren. Noch einmal redeten die Beiden in ihrer kalten, faſt verletzenden Weiſe dem jungen Manne zu, noch einmal unterzeichnete Scheren⸗ berg einen Solawechſel, lautend auf achthundert Thaler. Wieder verfloh eine Stunde, wieder zog der Bankhalter den letzten Thaler ſeiner Summe ein. Bertram war der Verzweiflung nahe. „Sechszehnhundert Thaler,“ ſagte er mit dumpfer, tonloſer Stimme,„ich weiß nicht, woher ich die Mittel nehmen ſoll, dieſe enorme Summe zu decken. Gönnen Sie mir Zeit, Herr Lieb⸗ mann, ich werde ſuchen die Wechſel binnen Jahresfriſt einzu⸗ löſen. „Spielſchulden ſind Ehrenſchulden,“ erwiderte Liebmann mit ſcharfer Betonung,„der Ehrenmann ſucht ſie binnen vierund⸗ zwanzig Stunden zu tilgen.“ „Aber ich beſitze augenblicklich nicht die Mittel!“ „Bedaure— Sie hätten das vorher bedenken müſſen.“ 757 pflegte, gemacht m nach henoſſen zu.” darauf Aber etteichte ver⸗ Lommis en Sie ich ihn ndarf. m ohne it, den phirende Einſatz Summe letzenden Scheren⸗ ſter den tonloſer oll, dieſe rr Lieb⸗ einzu⸗ ann nit vierund⸗ 71 „Aber es iſt ja für Sie doch nur gewonnenes Geld!“ fuhr Scherenberg gereizt auf. „Feilich, indeß werden Sie nicht leugnen können, daß wenn ich verloren hätte, Sie von mir ebenfalls Deckung gefordert haben würden.“ „Sie wollen mir alſo keinen Ausſtand geben?“ „Nein.“ „Sie werden ſchon morgen die Wechſel zur Zahlung prä⸗ ſentiren?“ „Gewiß!“ „Und wenn ich nicht zahle.“ „Laſſe ich die Wechſel proteſtiren und mache die Klage gegen Sie anhängig.“ „Das können Sie nicht!“ rief Scherenberg, den Wuth und Verzweiflung zu übermannen drohten.„Spielſchulden haben vor dem Geſetz keine Gültigkeit.“ „Ich weiß es und weil ich voraus ſah, daß Sie dieſen Ein⸗ wurf erheben würden, lieh ich Ihnen das Geld nicht auf Ehren⸗ wort, ſondern gegen Wechſelſicherheit.“ „Sie befinden ſich in einer ſehr fatalen Lage,“ nahm Heinrich mit kalter Ruhe das Wort.„Sie haben nicht die Mittel, die Wechſel einzulöſen und werden deshalb ſich genöthigt ſehen, Pater peccavi zu ſagen, das heißt, Ihrem geſtrengen Herrn Papa Ihre Schuld zu beichten. Das iſt allerdings ein unangenehmer Schritt, denn ſoweit ich Herrn Peter Paul Scherenberg kenne, glaube ich die Ueberzeugung hegen zu dürfen, daß er nach dieſer Beichte Sie unter ſtrenge Kontrolle ſtellen wird. Sie haben nun einmal den dummen Streich gemacht und ich hoffe, Sie werden ſich erinnern, daß ich Ihnen nicht dazu gerathen habe. Herr Liebmann iſt in ſeinem Recht, wenn er die Zahlung fordert, und wenn Sie die Schuld nicht tilgen, wird er Sie möglicherweiſe in Schuldarreſt bringen laſſen. Den einzigen Weg, auf welchem Sie allen dieſen unangenehmen Folgen vorbeugen und ſich mit Ehren aus der Schlinge ziehen könnten, haben Sie ſelbſt ſich verſchloſſen.“ „Welchen Weg?“ fragte Scherenberg, aus ſeinem Brüten emporfahrend. „Den meiner Intervention.“ „Was verſtehe ich darunter?“ „Hm, ich würde Ihnen die Summe vorgeſtreckt haben, wenn Sie nicht ſo feindſelig gegen mich aufgetreten wären!“ Bertram fuhr mit der Hand über Stirne und Augen, als ob er die düſtern Bilder verſcheuchen und die Ereigniſſe früherer Stunden in ſein Gedächtniß zurückrufen wolle. „Wann und inwiefern bin ich feindſelig gegen Sie aufgetreten?“ fragte er. — 22— „Wann? Heute! Inwiefern? Inſofern, als Sie Ihrem Vater gerathen haben, meinen Vorſchlag zurückzuweiſen.“ „Aber mein Gott, ſo ernſt war das ja nicht gemeint,“ lenkte Bertram ein, der ohne Bedenken ſich an den Strohhalm klam⸗ merte, der ihm im letzten Augenblick gehoten wurde.„Ich habe allerdings abgerathen, aber nachdem ich Ihre Pläne kenne, bin ich eher für als gegen Ihren Vorſchlag.“ „Das ſagen Sie jetzt!“ „Es iſt meine aufrichtige Meinung.“ „Sie wären alſo bereit, den Geſellſchaftsvertrag mit mir, unter den Ihrem Vater vorgeſchlagenen Bedingungen zu ſchließen?“ „Gewiß! „Liebmann, Sie ſind Zeuge.“ „Sehr wohl.“ „In dieſem Falle übernehme ich die Verpflichtung die Wechſel einzulöſen. Uebertragen Sie dieſelben auf mich, Liebmann, nach⸗ dem der Vertrag geſchloſſen und unterzeichnet iſt, werde ich die Wechſel dem Ausſteller zurückgeben. Bertram Scherenberg athmete erleichtert auf, eine ſchwere Laſt war ihm von der Seele gefallen. „Ich werde morgen früh mit meinem Vater reden,“ ſagte er, „Ihre Bedingungen ſollen erfüllt werden.“ Er nahm ſeinen Hut und forderte Heinrich auf, ihn zu begleiten. „Ich habe mit meinem Freunde noch einige Worte zu reden,“ erwiderte Heinrich ruhig,„gehen Sie nur voraus, ich komme gleich nach.—— Er iſt ein bornirter Menſch,“ fuhr er fort, als Scherenberg ſich entfernt hatte,„ſolche Leute in die Falle zu locken, macht wenig Vergnügen.“ „Wirft aber deſto mehr ab,“ erwiderte Liebmann achſelzuckend. „Bah, was haben wir gewonnen? Sechszehnhundert Thaler, achthundert für Sie, achthundert für mich, der ganze Gewinn fällt in Ihre Taſche, weil ich die Schuld des Narren übernommen habe.“ „Dafür ſind Sie Aſſocie des Hauſes—“ „Das iſt das Einzige,— ich kann nun auftreten, wie ich will. Uebrigens wird die Firma Peter Paul Scherenberg ſelige Wittwe nicht lange mehr exiſtiren, ſie muß der Firma: Heinrich Schenk weichen. Liebmann ſetzte das Glas an die Lippen und blickte über den Rand deſſelben ſeinen ehrenwerthen Genoſſen fragend an. „Glauben Sie, ich werde für dieſe beiden beſchränkten Krä⸗ merſeelen, Vater und Sohn, arbeiten?“ fuhr Heinrich gering⸗ ſchätzend fort.„Laſſen Sie mich nur erſt im Sattel ſein, ich — 73— werde ſchon ſorgen, daß ich feſtſitze. Morgen verkaufe ich fünf⸗ tauſend Ohm Rüböl und fünftauſend Malter Korn, Mai lieferbar, die Preiſe ſtehen hoch und man glaubt allgemein, daß ſie im Mai noch höher ſtehen werden. Ich weiß das beſſer, es ſind bedeutende Vorräthe noch zurück, wenn ſie auf den Markt gebracht werden, müſſen die Preiſe ſinken. Ich gewinne mindeſtens zwan⸗ zigtauſend Thaler und das ſoll ich mit dieſen beiden Dummköpfen fheilen?“ „Wenn Sie Aſſocie ſind—“ „Natürlich, gleiche Brüder, gleiche Kappen, aber ich werde die Fonds überwachen, über kurz oder lang müſſen ſie mir insge⸗ ſammt zufallen.— Geben Sie mir die beiden Wechſel, ich werde den Reſt von vierhundert Thalern Ihnen in den erſten Tagen auszahlen.“ „Sie ſchenken dem künftigen Aſſocie doch die Schuld?“ fragte Liebmann, während er ſeinem Genoſſen die Dokumente überreichte. „Bewahre, ich werde ihn dafür belaſten und das Geld aus unſrer Kaſſe nehmen.— Apropos, lieber Freund, Sie wiſſen ja, daß ich auf Fräulein Bertha, Ihre Schweſter, ſchon ſeit längerer Zeit ein Auge geworfen habe, darf ich als Aſſocie der Firma Peter Paul Scherenberg ſelige Wittwe hoffen, von Ihrem Vater nicht abſchlägig beſchieden zu werden, wenn ich mir erlaube, um die Hand ſeiner Tochter zu werben?“ „Darauf kann ich Ihnen in der That keine genügende Ant⸗ wort geben,“ erwiderte Liebmann gleichmüthig.„Sie müſſen den Verſuch wagen.“ „Aber Ihr Vater muß doch einſehen—“ „Lieber Freund, mein Vater hat ſeine eigenen Ideen und er iſt gewohnt, ſeinen Willen durchzuſetzen. Er verlangt von mir, ich ſolle mich um Herz und Hand des Fräulein Eugenie Schirmer bewerben, und ich ſehe voraus, daß ich dieſem Verlangen nach⸗ geben muß, trotzdem es mir nicht behagt. Ich weiß nun nicht, ob er für Bertha ſchon auch eine Wahl getroffen hat, aber ich glaube das nicht, weil ich in dieſem Falle etwas Näheres gehört haben würde.“ „Sie werden ein gutes Wort für mich einlegen.“ „Herzlich gerne, wenn ich's vermag. Mein Vater betrachtet die Heirath ſeiner Kinder als eine Geſchäftsſache, ich rathe Ihnen, ſie ebenfalls als ſolche zu behandeln.“ „Und wann werden Sie um die Hand des Fräulein Schirmer werben?“ forſchte Heinrich. „Ich weiß das ſelbſt noch nicht.“ „Ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß Sie einen Neben⸗ buhler haben.“ 74 „In der That?“ fragte Liebmann kühl.„Wen?“ „Meinen Bruder.“ „Den Schloſſergeſellen?“ Der ironiſche Zug, der bei dieſer Frage über das fahle, ver⸗ lebte Geſicht Liebmann's glitt, bewies ſehr deutlich, daß der Sohn des Fabrikanten dieſen Nebenbuhler nicht fürchtete. „Ich glaube ſogar, daß es Ihnen ſchwer fallen wird, ihn aus dem Sattel zu heben,“ erwiderte Heinrich. Die beiden ehrenwerthen jungen Herren hatten ſich erhoben, ſie trafen Anſtalten, den Heimweg anzutreten. „Warten wir das ab,“ ſagte Liebmann ruhig,„wenn ich mit einem Vermögen von achtzigtauſend Thaler auftreten werde, muß 6 dieſer armſelige Schloſſergeſelle das Feld räumen.“ Er reichte nach dieſen Worten dem Genoſſen die Hand und ſchritt, eine Opernarie trällernd, raſch von dannen. Zwölftes Kapitel. Die Tochter des Fabrikanten. Theodor Liebmann war ein ſehr reicher Mann und er bildete ſich auf dieſen Reichthum mehr ein, als er vor den Menſchen und ſeinem eigenen Gewiſſen verantworten konnte. Es war ein Emporkömmling, durch eine reiche Heirath, ge⸗ machte Spekulationen und, wie man behaupten wollte, durch einen betrügeriſchen Bankerott, den man ihn nicht beweiſen konnte, hatte er ſich ein bedeutendes Vermögen erworben. Trotz dieſem Bankerott und trotz den Gerüchten, die über ihn im Umlauf waren, ſtand er überall in hoher Achtung und großen Anſehen;— vor dem reichen Schuft zieht Jeder den Hut, auf den ehrlichen Bettler ſieht man mit Geringſchätzung hinab. Es iſt eine alte Wahrheit, daß ein mit Gold beladener Eſel die höchſte Mauer überſteigt, und daß für Gold Alles, Ehre, Ruhm, Anſehen, Achtung, käuflich iſt. Zwei Dinge ſind für alle Schätze der Erde nicht zu haben: ein ungetrübtes Glück und ein ruhiges Gewiſſen, dieſe Gottes⸗ gaben ſind Schätze, die der Reiche dem Armen nicht rauben kann. Theodor Liebmann war, ebenſo wie ſein ehrenwerther Sohn, ——— — ver⸗ Sohn t aus oben, h wit muß und tildete n und j, ge⸗ einen hatte r ihn großen „ auf Efel Ehre, jaben: ottes⸗ kann. Zohn, ein höchſt aufgeblaſener, dünkelhafter Menſch, ein herzloſer Egoiſt, der ſeiner verknöcherten Selbſtſucht Alles opfern konnte. Und ebenſo kalt, ebenſo herzlos und ſelbſtſüchtig war ſeine Tochter. Aufgewachſen und erzogen im Luxus, gewohnt, jeden Wunſch erfüllt zu ſehen, ſchon von Kindheit an darauf aufmerkſam gemacht, daß der Reiche ſich Alles erlauben dürfe und die unteren Stände nur dazu da ſeien, ihm zu dienen, ſich ſeinem Willen zu unter⸗ werfen, konnte es nicht ausbleiben, daß das weiche Gemüth des Kindes ſich verhärtete, daß Stolz, Eitelkeit und Selbſtſucht alle edleren Gefühle verdrängten. Theodor Liebmann ging ſeinen Kindern in dieſer Beziehung mit gutem Beiſpiele voran, er beſtrafte ſie nie für ihre Unge⸗ zogenheiten, ſelbſt wenn dieſe einen böswilligen Anſtrich hatten. Wenn die Lehrer oder Diener ſich beſchwerten, ſo zuckte er die Achſeln und es war ſogar vorgekommen, daß er im Beiſein der Kinder geäußert hatte, ſeine Kinder ſeien zum Herrſchen nicht zum Dienen geboren und wer ein Meiſter werden wolle, der übe ſich ſchon bei Zeiten. Solche Saat mußte böſe Frucht tragen! Bertha war eine vollendete Schönheit, aber dieſe Schönheit blendete nur, ſie bezauberte nicht. Die vollen üppigen Formen, das herrliche Profil des Ge⸗ ſichts, die hohe weiße Stirne, umrahmt von einer dichten Locken⸗ fülle, die großen, dunklen Augen und die Feinheit der Züge,— Alles konnte man bewundern, aber es war unmöglich, ſich für dieſe Schönheit zu erwärmen. Es war die Schönheit einer Marmorſtatue! So war Alles in dem großen, eleganten Hauſe des Fabri⸗ kanten! Aeußerlich glänzend und ſtrahlend, innerlich hohl und ſchaal. Die einzelnen Glieder der Familie gingen kalt und gleich⸗ gültig aneinander vorbei, kein Band der Liebe oder anderer Freundſchaft feſſelte ſie,— ſie bildete den vollſtändigen und ſcharf begrenzten Gegenſatz zur Familie Schirmer, in der Alles Liebe, Frieden und Glück war. Kalt und herzlos im Geſchäft, war Theodor Liebmann es auch im häuslichen Kreiſe, und ebenſo kalt und herzlos waren ſeine Kinder gegen ihn. Die Mutter, welche vielleicht zwiſchen ihnen und dem Vater hätte vermitteln können, ruhte längſt unter dem Raſen, Niemand dachte mehr an ſie, nur der marmorne Denkſtein auf ihreu Grabe gab noch Zeugniß, daß ſie einſt gelebt hatte. Zwei Tage waren ſeit jener Nacht verſtrichen, in der es — 76— Heinrich mit Hülfe ſeines Freundes den Sohn ſeines Prinzipals zur Genehmigung des Geſellſchaftsvertrages gezwungen hatte, als die Poſt unter anderen Briefen dem Fabrikanten auch das Cir⸗ culair der Firma Peter Paul Scherenberg ſelige Wittwe brachte, in welchem der Chef dieſer Firma ſeinen Geſchäftsfreunden an⸗ zeigte, daß er ſeinen Sohn Bertram und ſeinen langjährigen treuen Mitarbeiter Heinrich Schenk, als Theilhaber in ſein Ge⸗ ſchäft aufgenommen habe. Theodor Liebmann las das Circulair flüchtig und legte es dann gleichgültig bei Seite. Karl nahm dieſe Gelegenheit wahr. Er pries das Talent und die Kenntniſſe Heinrichs und ſprach die Ueberzeugung aus, daß dieſer junge Mann im Laufe der Zeit zu großem Reichthum gelangen werde. Der Fabrikant nickte dazu; es war offenbar, er legte nicht den geringſten Werth auf dieſe Mittheilungen, deren tiefere Be⸗ deutung er nicht ahnte. Eine Stunde ſpäter fuhr ein Wagen vor. Heinrich Schenk im ſchwarzen Frack, mit weißer Weſte und weißen Glacéhandſchuhen bat den Fabrikanten um eine kurze, ver⸗ trauliche Unterredung. Theodor Liebmann, dem, wie jedem Emporkömmlinge, das ari⸗ ſtokratiſche, diſtinguirte Auftreten des jungen Herrn imponirte, führte den Gaſt in eines ſeiner eleganten Zimmer und ſchob eigenhändig ihm einen Seſſel hin. „Mein Name iſt Heinrich Schenk, Aſſocie der Firma Peter Paul Scherenberg ſelige Wittwe,“ begann der junge Mann in kühlem, geſchäftsmäßigem Tone,„mein Anliegen an Sie iſt ein rein perſönliches.“ Liebmann verbeugte ſich. „Ich bin mit einem Kapital von zwanzigtauſend Thalern ein⸗ getreten,“ fuhr Heinrich fort,„das iſt allerdings noch nicht viel, aber ich habe mir vorgenommen, dieſes Kapital binnen Jahres⸗ friſt auf hunderttauſend Thaler zu erhöhen. „Sie haben ſich das vorgenommen?“ fragte der Fabrikant ruhig, der das ganz in der Ordnung zu finden ſchien. „Allerdings, und ich hege die Ueberzeugung, daß mir dieſes Vorhaben gelingen muß.“ „Durch welche Mittel?“ „Durch Börſenſpeculationen.“ „Ein ſchlüpfriger Weg.“ „Ich kenne ihn.“ Der Fabrikant verbeugte ſich abermals, die Ruhe und Sicher⸗ heit des jungen Herrn machten Eindruck auf ihn. ipals 2 als Lir⸗ rachte, an⸗ hrigen Ge⸗ e es ſprach fe der nicht 2Be⸗ und , ver⸗ s ari⸗ onirte, ſchob Peter an in ſt ein n ein⸗ viel, ahres⸗ brikant dieſes eiher — 72— „Im Vertrauen geſagt, habe ich die Aſſociation, welche Sche⸗ renberg mir anbot, nur deshalb angenommen, um ein gut fun⸗ dirtes Haus als Grundlage meiner Speculationen zu gewinnen,“ nahm Heinrich wieder das Wort,„ſpäter werde ich unter eigenem Namen das Geſchäft fortſetzen.“ „Und welchem Umſtande verdanke ich die Ehre Ihres Be⸗ ſuches?“ fragte Liebmann. „Dem Wunſche, mir die Hand Ihres Fräulein Tochter zu ge⸗ winnen;“ erwiderte Heinrich mit derſelben kühlen Gelaſſenheit, mit der er ſich vorgeſtellt hatte. Der Fabrikant zog die Augenbrauen in die Höhe und blickte den jungen Mann eine geraume Weile ſchweigend und ſcharf prüfend an. „„Sie kennen Bertha?“ fragte er. „Nein.“ „Was bewegt Sie denn, um ihre Hand zu werben?“ Ueber die Züge Heinrich's glitt ein bedeutſames, verſtändniß⸗ reiches Lächeln. „In erſter Reihe der Wunſch, mich mit der ſchönen Tochter eines Kaufmannes zu verbinden, deſſen Firma an der Börſe—“ „Halt, lieber Freund,“ unterbrach Liebmann ihn raſch.„Ver⸗ binden Sie vielleicht damit den Wunſch, meine Firma zu Ihren Speculationen zu benutzen?“ „Durchaus nicht, obſchon ich nicht abgeneigt bin, an voraus⸗ ſichtlich gewinnbringenden Geſchäften Sie theilnehmen zu laſſen.“ „So, ſo— und in zweiter Reihe?“ „Der Wunſch, eine ſo ſchöne Dame meine Gattin nennen zu dürfen,“ ſagte Heinrich ruhig. Theodor Liebmann verſchrenkte die Arme und blickte eine ge⸗ raume Weile ſchweigend auf den koſtbaren Teppich, der den Fuß⸗ boden bedeckte. „So iſt alſo mit dürren Worten geſagt, dieſe Angelegenheit für Sie nicht mehr noch weniger als eine Geſchäftsſache?“ fragte er nach einer Pauſe. „Das wage ich eben nicht zu behaupten, obſchon—“ „Ich verſtehe. Wohlan kommen wir zum Schluß. Was können Sie meiner Tochter bieten?“ „Wir werden natürlich einen Ehevertrag ſchließen, in welchem alle Fälle Berückſichtigung finden?“ „Gewiß.“ „Gut, welche Mitgift wird Fräulein Bertha erhalten?“ „Eine Ausſteuer von ſechstauſend Thalern.“ „Und in Baar?“ forſchte Heinrich. Der Fabrikant zuckte die Achſeln. — 78— „Nur der Thor zieht ſich aus, ehe er zu Bett geht,“ erwi⸗ derte er gelaſſen.„Meine Tochter wird dereinſt ein bedeutendes K Vermögen erben.“ „Sehr wohl— vorausgeſetzt, daß—“ „Lieber Herr, ich ſtehe auf ſehr ſoliden Füßen, es iſt alſo anzunehmen, daß Fräulein Bertha mindeſtens achtzig bis hundert⸗ tauſend Thaler erben wird. Ich bin nicht abgeneigt, ihr am Tage der Hochzeit zwanzigtauſend Thaler in Staatspapieren zu übergeben, unter der Bedingung, daß dieſe Summe ihr ausſchließ⸗ liches Eigenthum bleibt und daß Sie denſelben Betrag hinzufügen. Dieſe ganze Summe ſoll dann gewiſſermaßen zur Sicherſtellung der Zukunft meiner Tochter dienen, man kann ja nicht wiſſen, welche Fälle vielleicht eintreten, die ſolche Garantieen wünſchens⸗ werth machen. Die Zinſen des Betrags könnten dann als Na⸗ delgeld angeſehen werden.“ „Sagen Sie dreißigtauſend Thaler,“ warf Heinrich ein. „Werden Sie denſelben Betrag zahlen?“ „Ja.“ „Gut. So wären wir über dieſen Punkt einig. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Sie Ihrer Gattin die Stellung geben, auf welche ſie, vermöge ihrer Erziehung, ihrer Bildung und ihres Ver⸗ mögens Anſpruch machen muß.“ „N Natürlich. 4 „Daß Sie ferner den Willen und den Wünſchen Ihrer Ge⸗ mahlin, inſofern dieſelben nicht in die geſchäftlichen Verhältniſſe eingreifen, in keiner Weiſe entgegentreten.“ Auch das finde ich gerechtfertigt.“ 2„So werde ich den notariellen Ehevertrag in den nächſten Ta⸗ 1 gen ausfertigen laſſen und Ihnen das Nähere ſeiner Zeit mit⸗ theilen.“ Heinrich gab durch ein Kopfnicken ſeine Zuſtimmung zu er⸗ kennen; die beiden Herren erhoben ſich, um die Einwilligung 1 Bertha's in dieſe Anordnungen und Bedingungen einzuholen. Theodor Liebmann würde, wenn Heinrich Schenk dies bean⸗ tragt hätte, den Vertrag ſofort aufgeſetzt und unterſchrieben haben, wie in ſeinen geſchäftlichen, ſo auch in allen häuslichen Angelegen⸗ heiten nach ſeinem Gutdünken, ſeinem Willen mußte Alles ſich unterordnen. Daß Bertha gegen ſeine Anordnungen irgend etwas einzuwenden finden könne, hielt er für unmöglich, er mußte ja beſſer, wie ſie, wiſſen, in welcher Weiſe ihre Zukunft geſichert und ihr Glück begründet werden konnte. Ihr Glück?— Bah, den herzloſen Egoiſten kümmerte es nicht, ob ſie an der Seite des Mannes, dem er ihre Hand eigen⸗ — —— —. ohne zuvor ſeine Tochter davon zu benachrichtigen, er handelte, — erwi⸗ tendes erſteht auf u e igung beau⸗ haben, ndelte, mächtig zuſagte, glücklich wurde oder nicht, er beſchränkte ſich ganz allein darauf, ihr eine angeſehene Stellung in der Geſellſchaft zu ſichern, das Andere war für ihn Nebenſache. Und Bertha entſprach, Dank ihrer Erziehung, ganz den Er⸗ wartungen des Vaters. Ihrer Seele war bisher jedes erhebende, beſeligende Gefühl fremd geblieben. Stolz, Eitelkeit und Genußſucht waren die ein⸗ zigen Triebfedern ihres Thun und Denkens. Sie empfing die beiden Herren in ihrem Boudoir. Schon die Einrichtung dieſes Boudoirs warf ein helles, be⸗ zeichnendes Streiflicht auf den Charakter und das Gemüth dieſer jungen Dame. Wohin der Blick fiel, traf er einen übertriebenen Luxus, der nur den Zweck zu haben ſchien, den Reichthum des Fabrikanten hervorzuheben. Die Gardinen waren aus den ſchwerſten Seidenſtoffen ver⸗ fertigt, auf den koſtbarſten Möbeln ſah man die theuerſten Por⸗ zellan⸗ und Silbergeräthe. Prachtvolle Gemälde in breiten Goldrahmen zierten die mit einer werthvollen Sammettapete bekleideten Wände und der feinſte, türkiſche Teppich deckte den Fußboden. Aber all' dieſe Pracht und Eleganz ließ kalt, ihr fehlte der belebende Hauch, den nur eine ſinnige Anordnung ihr geben kann. Man konnte ſich inmitten dieſes Luxus nicht behaglich fühlen, weil man ſofort die Abſicht, mit ihm zu prunken und zu prahlen, erkannte. Und mitten in dieſer Pracht und dieſem Luxus glich die Toch⸗ ter des Fabrikanten um ſo mehr einer ſchönen, aber lebloſen Statue, einem ſchönen Gebilde, welches kein Leben einflößen konnte, weil es kein Leben ausſtrömte Mit wenigen, kühlen Worten ſtellte Theodor Liebmann ſeiner Tochter den jungen Herrn als ihren Verlobten und zukünftigen Gatten vor, und Bertha reichte ſchweigend ihre feine, weiße Hand den Verlobten, mit dem ſie bisher noch kein Wort gewechſelt atte. Der Fabrikant theilte ihr die Bedingungen mit, unter denen er ihre Hand dem jungen Börſenſpekulanten zugeſagt hatte, und Bertha erklärte ſich ohne Widerrede mit ſeinen Anordnungen ein⸗ verſtanden. Es war eine kalte Verlobung, ein Bund ohne Liebe, ohne eine freundſchaftliche Neigung, wie er in jenen Kreiſen ſo oft ge⸗ ſchloſſen wird.— Ueber die Wichtigkeit und hohe Bedeutung dieſes Schritts dachten beide nicht nach, ihnen genügte der goldene Reif und der — 30 Ehevertrag, Herz und Gemüth waren nicht berechtigt, ihre Stim⸗ men geltend zu machen. Sie reichten einander die Hand und tauſchten einige alltägliche Redensarten aus, an die Zukunft und die möglichen Folgen einer Ehe ohne Liebe dachten beide nicht. Bertha war mit der Hoffnung, an der Seite eines reichen Mannes eine bedeutende, vielbeneidete Rolle ſpielen zu können, zufrieden und Heinrich—— ja, wenn Liebmann die geheimen Abſichten und Pläne ſeines zukünftigen Schwiegerſohnes geahnt hätte, würde er vielleicht ſeine Einwilligung nicht gegeben haben. Nachdem die nöthigen Verabredungen über die Unterzeichnung des Ehevertrags und die Feier des Verlobungsfeſtes getroffen waren, ſtieg Heinrich wieder in den Wagen, um ſeine Eltern von dem Geſchehenen in Kenntniß zu ſetzen. Der biedere Schenkwirth war Anfangs erfreut über die Ver⸗ lobung ſeines Sohnes mit der ſchönen Tochter des reichen Fabri⸗ kanten, aber als er reiflich darüber nachdachte, ſtiegen doch manche Bedenken in ſeiner Seele auf. Heinrich hielt es nicht der Mühe werth, einen Verſuch zur Beſeitigung dieſer Bedenken zu machen, er wußte ja, daß ſein Vater im Hauſe nichts galt, und ſeitdem er dies wußte, behandelte er den alten Mann mit einer Geringſchätzung, die dieſem manche trübe Stunde bereitete. Frau Schenk nahm natürlich die Partei ihres Sohnes, ihrem Stolze ſchmeichelte die reiche Verwandtſchaft, ſie konnte ſich bei dieſer Gelegenheit nicht enthalten, zwiſchen Heinrich und ſeinem Bruder Otto einen Vergleich zu ziehen und die Anſicht zu äußern, daß Heinrich berufen ſei, ihrem Namen Glanz und Anſehen zu geben, während Otto ſtets der Sklave Anderer bleiben werde. Hätte die gute Frau in die Zukunft blicken können, ſo würde ſie entdeckt haben, daß der vielgeprieſene Liebling ſchon jetzt auf der Bahn des Verderbens wanderte, daß er unaufhörlich auf dieſer Bahn fortſchreiten mußte, wenn er die erſehnten Früchte ſeiner böſen Saat ernten wollte. ee Stim⸗ ltägliche gen einer reichen t können, geheimen geahnt haben. zächnung getroffen ltern von die Ver⸗ Fabri⸗ manche ſuch zur daß ſein vehandelte n manche es, ihrem ſich bei d ſeinen u äußern, nſehen zu werde. ſo würde jett auf rlich auf Früchte Dreizehntes Kapitel. Auf der Wanderſchaft. Franz Werner, der Elſäſſer Schloſſergeſelle, hatte ſeine De⸗ nunciation gegen die beiden Deutſchen ſo vortrefflich abgefaßt, daß Nikolas ſchon im erſten Verhör die Gefahr, welche ihm drohte, in ihrem ganzen Umfange erkennen mußte. Ganz beſonders auf Nikolas hatte Werner es abgeſehen, er glaubte, wenn er dieſen vernichtete, die ſtolze Tochter des Schloſſers am empfindlichſten zu treffen, und das letztere war ja der einzige Zweck ſeines Rachewerks. Er hatte Nikolas der öffentlichen Aufwiegelung beſchuldigt, und es war ihm gelungen, einige Zeugen zu finden, welche dieſe An⸗ klage bekräftigten. Vergeblich leugnete der Gefangene, umſonſt berief er ſich dar⸗ auf, daß er kein Redner ſei und niemals öffentlich geſprochen habe, vergebens legte er zu verſchiedenen Malen Proteſt ein, in⸗ dem er ſich darauf bexrief, daß er kein Franzoſe, ſondern ein Deutſcher ſei und deshalb ausgeliefert werden müſſe, der Prozeß gegen ihn wurde fortgeſetzt und es ſtand zu erwarten, daß er verurtheilt wurde. Schon war der Tag der Gerichtsſitzung nahe, als eines Abends die Thüre der Zelle, welche Nikolas bewohnte, geöffnet wurde und Marie eintrat. Nikolas erkannte ſie im erſten Augenblick nicht, ſie trug die Uniform eines franzöſiſchen Beamten. Als ſein Blick auf ſie fiel, bemerkte er, daß ſie verſtohlen durch einen Wink ihm zu verſtehen gab, er möge ſchweigen und ſie nicht verrathen. Was ſie vorhatte, konnte er nicht errathen, aber er ahnte, daß ſie kam, um ihn zu befreien und daß er nichts beſſeres thun konnte, als ihren Anordnungen ſich geduldig zu fügen. Marie wechſelte mit dem Schließer einige Worte, welche Ni⸗ kolas nicht verſtand, dann überreichte ſie ihm ein Papier, auf welchem der Gefangene ein großes Siegel bemerkte. Der Schließer ſteckte das Papier ein und Marie näherte ſich jetzt raſch dem Gefangenen, der mit wachſendem Erſtaunen ſie un⸗ verwandt anblickte. Fünfmal hunderttauſfſ Thaler. 6 8 — 32— „Vorwärts,“ ſagte ſie barſch,„Sie ſind hier nicht mehr ſicher, es iſt Befehl gekommen, Sie in ein anderes Gefängniß zu bringen.“ Dieſe Worte waren nicht geeignet, dem jungen Manne einen Schlüſſel zur Löſung des Räthſels zu bieten. „Vorwärts, wir haben keine Zeit zu verlieren,“ fuhr das Mädchen fort,„der Wagen wartet ſchon ſeit einer halben Stunde.“ Mechaniſch gehorchte Nikolas, er begriff das Alles nicht, zwar ahnte er, daß Marie ihn befreien wollte, aber daß die Befreiung auf dieſem Wege geſchehen könne, ſchien ihm ein Ding der Un⸗ möglichkeit. Der Schließer ging den Beiden voraus, er öffnete mehrere Thüren und zuletzt das Thor und Marie forderte den Gefangenen durch einen gebieteriſchen Wink auf, in den Wagen zu ſteigen, der vor dem Thore hielt. Nikolas bemerkte, daß ſchon ein franzöſiſcher Gensdarm in dem Wagen ſaß; bei dem Anblick dieſes Beamten erhielt ſeine zuver⸗ ſichtliche Hoffnung auf Befreiung einen gewaltigen Stoß. Er ſtieg ein, Marie ſetzte ſich ihm gegenüber und der Wagen rollte mit raſender Eile von dannen. Schon dieſe Eile hätte dem Gefangenen verrathen müſſen, daß man triftige Gründe hatte, die Stadt ſo raſch wie möglich zu verlaſſen und daß man befürchtete, verfolgt und eingeholt zu werden. Aber Nikolas war kein ſcharfer Denker, er dachte nicht gerne über Dinge nach, die über ſeinen Verſtand hinausgingen, die er nicht ſofort überſehen und begreifen konnte. Zudem erwartete er, daß Marie ihm das Räthſel löſen werde, und da ſie ſchwieg, hielt er es nicht für rathſam, eine Frage an ſie zu richten, ſo lange der Gensdarm noch anweſend war. Marie unterhielt ſich unausgeſetzt mit dieſem Beamten, es ſchien faſt, als ob ſie abſichtlich jeder Frage des Gefangenen aus⸗ weichen wolle. Nikolas war der franzöſiſchen Sprache noch nicht ſo mächtig, daß er die Unterredung verſtehen konnte, das Wenige, was er verſtand, bezog ſich nicht auf ihn, ſondern auf einen Andern, deſſen Haß man zu fürchten ſchien. Der Wagen hatte längſt die Stadt verlaſſen, in einem ziem⸗ lich weit entfernten Dorfe machte er Halt. Der Gensdarm ſtieg aus und der Wagen ſetzte gleich darauf ohne ihn die Reiſe fort. Jetzt erſt wandte Marie ſich zu dem Gefangenen, ein bezau⸗ berndes, verführeriſches Lächeln umſpielte ihre Lippen, als ſie ihm die Hand reichte. „Ich wünſche Ihnen Glück zu Ihrer Befreiung,“ ſagte ſie, △ ſicher ingen.“ eeinen hr das tunde.“ zwar freiung er Un⸗ nehrere angenen en, der in dem zuver⸗ Wagen en, daß glich zu holt zu Rt gerne die er mächtig, was er Andern, ij zien⸗ darauf n bez⸗ ſi ihm ige ſe „wenigſtens hoffe ich, mich jetzt der Gewißheit hingeben zu können, daß das Wageſtück gelungen iſt.“ Nikolas hatte das nicht erwartet, er fand Anfangs keine Worte für das Gefühl der Freude und des Dankes, welches ihn beſeelte. jelins war ſo raſch, ſo unerwartet gekommen, daß er noch immer nicht ſo recht daran glauben konnte. „So war das Alles eine Komödie?“ fragte er. „Natürlich,“ erwiderte Marie,„und Sie werden nicht leugnen können, daß ich meine Rolle gut geſpielt habe.“ „Vortrefflich! Aber ich begreife das nicht. Der Schließer und der Gensdarm—“ „Lieber Freund, der Schließer war beſtochen und der Gens⸗ darm ein Geſelle meines Vaters, den ich in's Vertrauen gezogen hatte.“ Die Ueberraſchung des jungen Mannes wuchs; er erkannte jetzt, was Marie für ihn gewagt hatte. „Wenn Sie im Gefängniſſe blieben, ſo wurden Sie zu mehr⸗ jähriger Kerkerhaft verurtheilt,“ fuhr das Mädchen nach einer kur⸗ zen Pauſe fort,„Franz Werner, unſer gemeinſchaftlicher Feind, hatte ſeine Vorkehrungen gut getroffen, es würde Ihnen nicht ge⸗ lungen ſein, die gegen Sie erhobene Anklage zu entkräften. Ich erfuhr das Alles durch den Schreiber des Maire's, der mit meinem Bruder befreundet iſt. Wenn Sie gerettet werden ſollten, ſo konnte das nur auf einem Wege geſchehen, auf dem der Flucht. Wie aber ſollte das ermöglicht werden? Nur durch Liſt konnte dieſer Weg geöffnet werden, mit Gewalt war nichts auszurichten.“ Nikolas nickte gedankenvoll, ſein Blick ruhte mit dem Ausdruck der Bewunderung auf dem ſchönen Mädchen, welches ihm nie vor dem ſo ſchön und liebreizend erſchienen war, wie in dieſem Augenblick. „Wie aber kamen Sie auf dieſe abenteuerliche Idee?“ fragte er. „Der Schreiber des Maire's entwarf den Plan, der nur dann ausgeführt werden konnte, wenn der Schließer im Gefängniſſe ge⸗ wonnen war. Die Möglichkeit lag ja nahe, daß der Schließer mich trotz der Verkleidung erkannte, und dann war natürlich Alles verloren. Daß der Wachtpoſten Verdacht ſchöpfen könne, befürch⸗ teten wir nicht, zumal, wenn ein Gensdarm mich begleitete. Der Schließer, ein ſehr habgieriger Menſch, erkärte ſich nach langem Zögern bereit, Sie entwiſchen zu laſſen, unter der Bedingung, daß ich ihm ein Dokument zurückließ, auf welches er ſich ſeinen Vorgeſetzten gegenüber berufen konnte. Mein Vater durfte von dem abenteuerlichen Plane nichts erfahren, er würde ihn verwor⸗ fen und die Ausführung deſſelben verhindert haben. Ich mußte 6* „,₰ — 84— alſo hinter ſeinem Rücken handeln. Der Schreiber verſchaffte mir das Dokument, laut welchem die Regierung befahl, Sie in ein anderes Gefängniß zu bringen, dieſes Schriftſtück und eine nicht unbedeutende Summe, theils aus meinen Erſparniſſen, theils aus dem Verkauf meiner Schmuckſachen herrührend, beſeitigten die letzten Bedenken des Schließers. Ein Geſelle meines Vaters über⸗ nahm die Stelle des Gensdarmen, einer ſeiner Freunde, ein Deut⸗ ſcher, die des Kutſchers. Damit mein Vater ſich nicht beunruhigte, ließ ich in meinem Zimmer einen Brief an ihn zurück— „So weiß auch Henri nichts davon?“ fragte Nikolas, ſie unter⸗ brechend. „Nein, er würde ebenfalls ernſte Beſorgniſſe gehegt und viel⸗ leicht andere, minder gefährliche Pläne entworfen haben, denen ich meine Zuſtimmung nicht geben konnte.“ Nikolas war in Nachdenken verſunken. Er bewunderte den Muth und die Kühnheit des Mädchens und doch erſchreckten ſie ihn auch, mußte er ſich doch ſagen, daß durch ſeine Befreiung ihm Verpflichtungen auferlegt worden ſeien, denen er ſich jetzt nicht mehr entziehen könne. Es unterlag keinem Zweifel, daß Marie für die Gefahr, der ſie ausgeſetzt und für das Opfer, welches ſie gebracht hatte, Dank forderte und Nikolas hatte triftige Gründe, dieſe Forderung zu fürchten. Die Nacht war inzwiſchen angebrochen, der Wagen rollte un⸗ aufhaltſam weiter. Auch Marie ſchwieg, vielleicht wollte ſie den Gedankengang des jungen Mannes nicht unterbrechen, in der Hoffnung, Nikolas werde nun erkennen, was er ihrer Liebe und Aufopferung ſchul⸗ dig ſei. Es war Mitternacht als der Wagen vor einem kleinen, be⸗ ſcheidenen Hauſe hielt. Dieſes Haus lag vereinzelt an der Landſtraße, ſo viel Nikolas erkennen konnte, war es eine Herberge für Fuhrleute und Fuß⸗ reiſende. Marie erkärte ihrem Begleiter, daß ſie hier übernachten wolle, als der Wirth nach langem Pochen endlich die Thür geöffnet hatte, ließ das Mädchen ſich ſofort ein Zimmer für die Nacht anweiſen. Der Wirth konnte ſeine Ueberraſchung nicht verhehlen, als er ſo plötzlich einen höheren Beamten vor ſich ſah, aber die Uniform hatte das Gute, daß ſie ihn einſchüchterte und ihn be⸗ wog, ſich eines höflichen und ſehr zuvorkommenden Benehmens zu befleißigen. Nikolas zog ſich ebenfalls in das ihm angewieſene Zimmer zurück, er fühlte ſich erſchöpft. te mir in ein e nicht 3 aus en die über⸗ Deut⸗ uhigte, unter⸗ d diel⸗ nen ich dhens 1, daß ſeien, hr. der „Dank ung zu lte Un⸗ engang Nikolas ſchu⸗⸗ en, be⸗ vikolas 3 uß⸗ 1 wolee et hatte, weiſen. n, als ihn be⸗ nens zl zimmer Als er am andern Morgen erwachte, war es noch ziemlich früh, der Tag graute kaum. Aus dem tiefen Schlummer, in dem er lag, hatte ihn ein ungeſtümes Pochen geweckt; er begriff ſofort, daß die Reiſe unver⸗ züglich fortgeſetzt werden ſollte. Der Wirth führte ihn in das Zimmer Marie's, dort erwartete ihn das Frühſtück. Marie trug nicht mehr die Uniform, ſondern ihre eigene Kleider, das überraſchte den jungen Mann, weil er es nicht er⸗ wartet hatte. Er ſetzte ſich an den Tiſch, der düſtere Ernſt in den ſchönen Zügen des jungen Mädchen befremdete ihn. „Sie haben ſehr viel für mich gewagt und mir ein großes 55 gebracht, Marie,“ ſagte er,„das werde ich Ihnen nie ver⸗ geſſen.“ „Es freut mich, wenn Sie einſehen, daß es ein großes Opfer iſt,“ erwiderte Marie, über deren Lippen ein bitteres Lächeln glitt; „ich habe Ihnen Alles geopfert, Alles, was mir lieb und theuer war. In die Heimath zu meinem Vater darf ich nicht mehr zurückkehren, man wird heute den Betrug entdecken und Franz Werner iſt klug genug, ſofort zu errathen, wer Sie befreit hat. Sein Haß würde mich vernichten und meinem Vater ein frühes Grab bereiten. Nikolas erſchrak, daran hatte er noch nicht gedacht. „Es iſt wahr,“ ſagte er mit gepreßter Stimme,„die Heimath haben Sie verloren.“ „Werloren? O nein,“ fuhr das Mädchen lächelnd fort,„meine Heimath iſt nicht die Scholle, auf der ich meine Kindheit ver⸗ brachte, ſondern Frankreich, mein ganzes, ſchönes Frankreich. Nikola,— zum letzten Male frage ich Sie, wollen Sie dieſes Herz und dieſe Hand annehmen, wollen Sie mit mir den Herd gründen, der mich für das, was ich Ihretwegen verloren habe, allein entſchädigen kann? Wir haben beide nichts, aber wir ſind beide jung und rüſtig und eine beſcheidene Exiſtenz genügt uns. Sie finden raſch Arbeit, ich werde auch arbeiten und mich be⸗ ſtreben, Ihnen ein glückliches Daſein zu bereiten.“ ſih ner junge Mann blickte in düſtrem Schweigen lange vor ich her. Er hatte dieſe Frage erwartet und es that ihm weh, aber⸗ mals dieſe Frage verneinen zu müſſen. „Sie kennen jetzt die Fülle und Tiefe meiner Liebe,“ fuhr Marie fort,„Sie wiſſen, was ich opfern kann für Sie und den⸗ noch vermag es Ihr kaltes Herz nicht zu erwärmen. Ich leſe in Ihrem Blick, daß ich Ihnen gleichgültig bin, daß—“ — 86— „Marie, wenn Sie in dieſes Herz hineinblicken könnten, Sie würden mir nicht ſo wehe thun durch Ihre harten Worte,“ unter⸗ brach Nikolas ſie wehmüthig.„Es iſt wahr, wir Deutſche ſind kalte, nüchterne Naturen, das Blut wallt nicht ſo raſch und ſtürmiſch in unſern Adern, aber dafür halten wir auch feſt an den Banden, die uns umſchlingen und feſſeln. Ich habe eine Braut in Deutſch⸗ land, ihr Bild iſt meiner Seele zu tief eingeprägt, als daß irgend Etwas es verdrängen oder verwiſchen könnte. Sie fordern Liebe von mir, Marie, und doch haben Sie ſelbſt ja erfahren, daß—“ „Brechen wir ab,“ ſagte das Mädchen mit ſchneidender Kälte. „Was ich für Sie gethan habe, bereue ich nicht, ich mußte ja vor⸗ ausſehen, daß ich keinen Dank dafür ernten würde.“ „Marie! Meine Freundſchaft—“ „Ich mag ſie nicht, ich will ſie nicht, ich will keine kalte nüchterne Freundſchaft für glühende Liebe eintauſchen. Sie können nun Ihre Reiſe fortſetzen, wann es Ihnen beliebt, nur hüten Sie ſich, der Behörde wieder in die Hände zu fallen, denn wir wer⸗ den fortan getrennt ſein und bleiben, ich vermag jetzt nichts mehr für Sie.“ Das Mädchen hatte ſich erhoben, ſtolz und hoch aufgerichtet ſtand ſie dem Manne gegenüber. Ihr Blick war kalt und drohend, eine trotzige Herausforderung lag in ihren Zügen. „Marie, Sie thun mir Unrecht, wenn Sie mich des Undanks zeihen,“ nahm Nikolas noch einmal das Wort,„ſagen Sie mir, was ich thun ſoll, und ich werde Ihren Befehl erfüllen, ſelbſt auf die Gefahr hin, mein Leben zu verlieren.“ „Wie edelherzig und großmüthig!“ ſpottete Marie und es lag etwas Schneidendes, Verletzendes in ihrem Spott.„Ich verlange Ihr Leben nicht, ich verlange nur, daß Sie Ihrer Braut ent⸗ ſagen, die nichts für Sie gethan hat und nichts für Sie thun würde!“ „Ich kann nicht!“ „Sie können nicht! Bah— wenn Ihre Braut Freiheit, Ehre und Leben für Sie einſetzen ſollte, würde ſie auch ſagen: Ich kann nicht, aber ich will für Dich beten.“ „Spotten Sie nicht,“ erwiderte Nikolas kopfſchüttelnd.„Es iſt nicht Jedem gegeben, Leben, Ehre und Freiheit für einen Andern einſetzen zu können und im Gebet liegt auch eine Macht, die—“ „Ah— wenn ich mich damit begnügt hätte, für Sie zu beten, würden Sie Ihre Freiheit erſt nach Jahren zurückerhalten haben!“ „Wiſſen Sie das ſo gewiß? Marie, es gibt eine Vorſehung, die Alles lenkt, die dem Bedrängten beiſteht und den Uebermüthigen züchtigt.“ en, Sie unter⸗ ſche ſind ürmiſch Banden, Deutſch⸗ irgend Liebe ne kalte können ten Sie r wer⸗ 3 mehr gerichtet oderung Indanks ie mir, ſelbſt es lag verlange aut ent⸗ ie thun — 827— Das Mädchen zuckte die Achſeln.. „Ich mag darüber mich mit Ihnen in keinen Wortwechſel einlaſſen,“ ſagte ſie kalt,„Sie ſind ein Träumer, eine kalte, eng⸗ herzige Natur.— Gehen Sie nach Lyon, Ihr Freund hat ge⸗ ſchrieben, daß Sie dort ihn finden würden.“ „Und wohin wollen Sie reiſen?“ fragte Nikolas beſorgt. „Nach Paris.“ „Was wollen Sie dort?“ „Ich weiß es noch nicht, aber ich hege die Ueberzeugung, daß ich dort nicht nur ein Unterkommen finden, ſondern auch eine große Rolle ſpielen werde.“ „Sie ſind von allen Mitteln entblößt—“ „Einerlei, ich habe Muth und Verſtand, ich werde mir meinen Weg bahnen und am Ziele ankommen.“ „Ein junges, ſchönes Mädchen, allein, ohne Freund und Be⸗ ſchützer in jener Stadt—“ „Sorgen Sie nicht für mich, ſorgen Sie für Ihr eigenes Wohl. Ich würde Ihnen gerne das nöthige Reiſegeld geben, aber ich beſitze ſelbſt nur noch zehn Franken, und von dieſer Summe kann ich nichts entbehren,— leben Sie wohl, wir ſehen uns wieder, dann aber unter anderen Verhältniſſen.“ Marie eilte nach dieſem kalten, froſtigen Abſchiede hinaus und ſien in den Wagen, der ſchon ſeit einer geraumen Weile ihrer arrte. Der Wagen rollte von dannen, und das Geräuſch der Räder war längſt verhallt, ehe Nikolas für ſein Erſtaunen über dieſen kurz abgebrochenen, faſt feindſeligen Abſchied Worte fand. Vierzehntes Kapitel. Ein Breslauer Weber. Nikolas beſann ſich nicht lange; er wußte, daß jeder unnöthig verlorene Augenblick ihm Gefahren bringen konnte. Wenn man in Mülhauſen ſeine Flucht entdeckte— und es lag auf der Hand, daß dies ſehr bald geſchah— ſo durfte er ſich auf die Verfolgung gefaßt machen, und dann hatte er keinen Freund mehr, auf deſſen Beiſtand er rechnen durfte. In Lyon ſollte er Otto finden, es lag in ſeinem Intereſſe, dieſe Stadt ſo raſch wie möglich zu erreichen. — 88— Gepäck beſaß er nicht, Alles, was er beſaß, trug er auf dem Leibe, ſeine Uhr, ſeine Börſe und ſeine Brieftaſche lagen noch im Gerichtsgebäude in Mülhauſen. Unter ſolchen Umſtänden war die Fortſetzung der Reiſe aller⸗ dings eine mißliche Sache, aber dem jungen Manne blieb kein anderer Weg übrig, er mußte auf ſein gutes Glück vertrauen und ſeine Hoffnung auf die Mildherzigkeit der franzöſiſchen Landbe⸗ wohner ſetzen. Er trat mit dieſem Vertrauen und dieſen Hoffnungen den weiten Weg an, und es währte nicht lange, ſo geſellte ein zweiter Handwerksburſche ſich zu ihm. Dieſer Handwerksburſche war eine kleine, dürre und ſchmäch⸗ tige Geſtalt, aber er trug ſein Felleiſen ſo leicht und marſchirte ſo rüſtig, daß man glauben konnte, er beſitze die Kräfte und Aus⸗ dauer eines Rieſen. Der Ausdruck ſeiner Züge war nicht ſehr einnehmend, es lag etwas Verſchmitztes darin, etwas, was an die Schlauheit und die Tücke eines Luchſes erinnerte, aber wenn man ſie genauer be⸗ trachtete, ſo fand man in ihnen einen vorwiegenden Zug deutſcher Ehrlichkeit und Gutmüthigkeit. „Holla— wohl auch ein deutſches Kind?“ ſagte dieſer Hand⸗ werksburſche, als er Nikolas erreicht hatte.„Der Deutſche kann ſeine Natur nie verleugnen, ich ſehe Euch an den Augen an, daß Ihr jenſeits des Rheines geboren ſeid.“ Nikolas hatte ſeine deutſche Mutterſprache lange nicht mehr ſo rein, ſo kräftig und voll gehört, ihr Klang machte einen tiefen Eindruck auf ihn. „Ihr habt Recht,“ erwiderte er,„ich bin ein Deutſcher, und hoffe, wir halten gute Kameradſchaft, ſo lange wir beiſammen ſein werden.“ „Bin's von Herzen zufrieden,“ fuhr der Handwerksburſche fort, während er mit einem treuherzigen Blick ihm die Hand reichte.„Bin ein ſchlichter Webergeſelle aus Breslau und heiße Kunibert Scharf, und Ihr?“ „Nikolas Schwarz, Schloſſergeſelle aus Köln am Rhein.“ „Alſo zwei Unterthanen des Königs von Preußen, na, das hat immerhin mehr Gewicht, als ein Reiß⸗Schleiz⸗Greiz⸗Lobenſteiner Bürger. Woher kommt Ihr?“ „Von Mülhauſen.“ „Und wohin?“ „Nach Lyon.“ „So gehen wir mitſammen. Hoffentlich habt Ihr etwas mehr in der Taſche, als einen armſeligen Zehrpfennig, ich bin voll⸗ ſtändig abgebrannt.“ uf dem foch im e aller⸗ teb kein en und Landbe⸗ en den zweiter ſchmäch⸗ arſchirte d Aus⸗ es lag eit und uer be⸗ euutſcher Hand⸗ he kann an, daß t mehr tiefen er, und ſammen sburſche jee Hand d heiße üͤn. na, das enſteiner 95 meh bin vol⸗ Nikolas ſchüttelte mit einem trüben Lächeln das Haupt. Er theilte dem biedern, offenherzigen Weber ſeine Erlebniſſe in Frank⸗ reich mit und bedauerte dabei, nicht in der Lage zu ſein, dem Leidensgefährten unter die Arme greifen zu können. „Na, macht Euch deshalb keine Sorgen,“ ſagte der Breslauer treuherzig,„unſer Herrgott verläßt keinen Deutſchen nicht, wir beide werden ſchon durchkommen. Verſteht Ihr irgend eine Kunſt, durch die man ſich mit Ehren ein Stück Brod und ein Nachtlager erwerben kann?“ „Welche Kunſt meint Ihr?“ „Hm,— könnt Ihr Witze?“ „Nein.“ „Singen, oder die Guitarre ſpielen?“ „Nein.“ „Zeichnen, auf dem Seile tanzen, oder ohne beſondere Vor⸗ bereitungen etliche Taſchenſpieler⸗Kunſtſtückchen ausführen?“ „Auch das nicht.“ „Dann ſeid Ihr allerdings einzig und allein auf das Fechten angewieſen, und das iſt auch eine Kunſt. Ich will ſehen, was Ihr darin leiſten könnt. Seht, wir ſind vor einem Dorfe ange⸗ langt, nehmt Ihr jene Seite, ich nehme dieſe; wenn wir hinter dem Orte wieder zuſammentreffen, wollen wir ſehen, wer das Meiſte erhalten hat.“ Nikolas nahm den Vorſchlag an, die Noth trieb ihn dazu. Er wanderte von Haus zu Haus, faſt überall wurde er ab⸗ gewieſen, und wo er etwas empfing, da war's eine Kleinigkeit, die er unter andern Verhältniſſen dem Geber vor die Füße ge⸗ worfen haben würde. Als er das Dorf hinter ſich hatte, ſetzte er ſich auf einen Meilenſtein, um ſeinen Kollegen zu erwarten. Aber eine Stunde verſtrich, und ſchon hegte Nikolas die Be⸗ ſorgniß, der Breslauer Weber ſei zum Maire gegangen, um ihn zu verrathen, als Kunihert Scharf endlich zwiſchen den entlaubten Hecken erſchien. Die kleinen, grauen Augen des Webers leuchteten, und eine freudige Genugthuung drückte ſich in ſeinem hagern Antlitz aus. „Das war eine reiche Ernte!“ ſagte er,„dieſe Franzoſen ha⸗ ben für Noth und Elend immer ein Herz.“ „Eine reiche Ernte?“ verſetzte Nikolas verſtimmt.„Ich kann nicht ſagen, daß ich zufrieden mit ihr bin.“ „He— wie viel habt Ihr denn zuſammengefochten?“ „Nur fünf Sous.“ „So liegt die Schuld au Euch.“ „Habt Ihr mehr erhalten?“ „Drei Franken.“ „Das begreife ich nicht.“ „Außerdem eine Wurſt, ein halbes Brod und ein halbes Litre Branntwein.“ „Ihr ſcherzt.“ „Keineswegs, ſeht hier.“ Der Breslauer Weber holte aus den weiten Taſchen ſeines Rockes die Victualien, die er genannt hatte, und Nikolas ließ ſich nicht lange nöthigen, zuzugreifen. „Ihr kennt das noch nicht,“ ſagte Scharf, während er ein großes Stück von der Wurſt abſchnitt.„Habt Ihr den jungen Dirnen, welche Euch die Thüre öffneten, einige ſchmeichelhafte Worte geſagt?“ „Nein.“ „Habt Ihr den Bauern intereſſante politiſche Neuigkeiten in's Ohr geflüſtert?“ „Ich wußte keine.“ „Bah, man muß ſie erfinden können. Seht, das iſt die ganze Kunſt, man muß Jedem ſofort an der Naſe anſehen können, was er am liebſten hört, das Ohr iſt der ſicherſte Kanal, der zum Herzen führt.“ „Aber du lieber Himmel, welche Neuigkeiten hätte ich den Bauern zuflüſtern können?“ ſagte Nikolas, der ſich durch einen kräftigen Zug aus der Flaſche geſtärkt hatte. Kunibert Scharf zuckte gleichmüthig die Achſeln. „Man muß den Rummel kennen,“ erwiderte er.„Der Bauer, der mir dieſes ausgezeichnete Frühſtück gab, war ein Mann von der alten Garde, ich ſagte ihm, der alte Napoleon ſei, verbürgter Nachricht zufolge, noch unter den Lebenden und ſchon unterwegs, um das alte Kaiſerreich in Frankreich wieder aufzurichten.“ „Das glaubte er?“ fragte Nikolas erſtaunt. „Natürlich, dieſe Leute glauben Alles, wenn man es verſteht, ihnen die Sache faßlich zu machen. Ein Anderer gab mir in ſeiner Herzensfreude einen halben Franken für die Nachricht, die franzöſiſche Armee habe Befehl erhalten, an den Rhein zu mar⸗ ſchiren. Einen Dritten köderte ich durch die Mittheilung, der Friede ſei geſichert,— wie geſagt, man muß die Leute kennen und zu behandeln wiſſen.“ Nikolas ſchüttelte gedankenvoll das Haupt, das begriff er nicht. „Wir werden uns ſchon durchſchlagen,“ fuhr der Breslauer mit zuverſichtlicher Ruhe fort,„verlaßt Euch auf mich, ich kenne den Rummel.“ Er erhob ſich nach dieſen Worten und ſetzte, ein deutſches Wanderlied anſtimmend, den Weg fort. des Litre ſeines ließ ſich er ein jungen ſchelhafte ten in's ie ganze en, was der zum ich den ch einen Bauer, ann vonl rbürgter tterwegs, 11 . — 91— Nikolas folgte ihm, die Ruhe und Sicherheit ſeines Kollegen ermuthigten ihn. „Ein Narr wart Ihr doch, daß Ihr das ſchöne Mädchen zu⸗ rückgewieſen habt, welches ſo viel für Euch gewagt und geopfert hatte,“ nahm Scharf nach einer Weile wieder das Wort,„wenn man in der Fremde iſt, darf man nicht gar ſo ängſtlich ſein. Eure Braut hätte es nicht erfahren, wenn Ihr mit der ſchönen Franzöſin nach Paris gegangen wäret, hol' mich der Kuckuck, ich würde mich keine Minute beſonnen haben.“ „So wie Ihr mag Mancher denken,“ erwiderte Nikokas ruhig, „ich kann nicht anders handeln.“ „Om— Ihr wolltet nicht, Ihr ſeid eine kalte Natur, Freund Rheinländer, und ich glaube Euch vorherſagen zu können, daß Ihr mit Eurer ſtrengen Ehrlichkeit und dem eigenſinnigen Charakter es niemals ſehr weit bringen werdet. Da ſind wir Schle⸗ ſier ganz anders! Wir nehmen mit, was wir haben können, ſind immer fidel und wiſſen den Augenblick zu benutzen.“ Unter ſolchen und ähnlichen Geſprächen verſtrich der Tag raſch. Das Geld, welches die Beiden beſaßen, wurde im Laufe des Tages verzehrt, und als ſie in der Abenddämmerung ermüdet vor der Schenke ſtanden, in der ſie übernachten wollten, konnten ſie über keinen Sous mehr verfügen, indeß das trübte die gute Laune des Webers nicht. „Im äußerſten Falle ſetzt uns der Wirth morgen an die Luft,“ ſagte er gelaſſen, als Nikolas ernſte Bedenken äußerte,„Hiebe und Püffe müſſen wir uns gefallen laſſen, ohne ſie kommt kein ehrlicher Handwerksburſche durch die Welt.“ Nikolas folgte zögernd ſeinem Genoſſen, der mit einer Zuver⸗ ſicht die Schwelle überſchritt, als ob er ſich bewußt ſei, eine wohl⸗ gefüllte Börſe zu beſitzen. Der Breslauer warf ſein Felleiſen auf die Bank und forderte in befehlendem Tone eine Flaſche Wein. Der Wirth aber muſterte die beiden Gäſte vom Scheitel bis zur Fußſohle, und es hatte den Anſchein, als ob er ihnen kein be⸗ ſonderes Vertrauen ſchenke. „Eine Flaſche Wein, Butter, Brod und Käſe!“ wiederholte der Breslauer mit einem ſehr geringſchätzenden Seitenblick auf den Wirth.„Und das raſch, wenn ich bitten darf, denn wir ſind er⸗ müdet von dem weiten Marſche und wollen morgen früh wieder aufbrechen, um rechtzeitig in Paris bei dem Einzuge Napoleon's zugegen zu ſein.“ Außer den Beiden befanden ſich nur noch drei Gäſte in dem Schenkzimmer, Bauern aus der Nachbarſchaft, und dieſe drei brachen ſofort ihre Unterhaltung ab, um den intereſſanten Mittheilungen des Handwerksburſchen ihre Aufmerkſamkeit zu widmen. „Welchen Napoleon meint ihr?“ fragte einer der Gäſte. „Welchen?“ erwiderte der Breslauer erſtaunt.„Seid Ihr denn ſo ſchlecht unterrichtet, daß Ihr das nicht einmal wüßt?“ „Was ſollen wir wiſſen?“ fragte der Wirth, neugierig näher tretend. „Daß der Tod Napoleon's nur eine Komödie war?“ „Unſres alten Kaiſers?“ „Deſſelben!“ „Ihr ſeid nicht recht bei Sinnen!“ „Donner und Doria, es iſt ja ein öffentliches Geheimniß!“ „Aber die Aſche Napoleon's iſt ja in Paris.“ „Wüßt Ihr das ſo gewiß?“ ſpottete der Breslauer.„Napo⸗ leon iſt damals von der Inſel Helena entwichen und nach America geflüchtet. Dort hat er eine Farm gehabt und die Engländer, um ſich nicht zu blamiren, haben ausgeſtreut, er ſei geſtorben. Wie geſagt, der alte Kaiſer iſt ſchon unterwegs, binnen acht Tagen wird er in Paris eintreffen.“ Die Bauern ſetzten volles Vertrauen in die Wahrheit dieſer Mittheilungen, ſie ſtießen auf das Wohl des Kaiſers an und wünſchten ihm eine glückliche Ankunft. Der Wirth aber ſchien ſehr ſtarke Zweifel zu hegen, er zuckte . die Achſeln und ging hinaus, um den Wein und das Abendbrod 5 g h zu holen. „Der Kerl iſt ein mißtrauiſcher Patron,“ flüſterte der Bres⸗ lauer ſeinem Kollegen zu,„wir werden kein freies Nachtlager haben.“ „Und was dann?“ fragte Nikolas beunruhigt. „Geduld, laßt mich ſorgen.“ Nachdem die Beiden ihr Abendbrod mit gutem Appetit verzehrt hatten, hielt der Breslauer ſeinen Teller über die Lampe, ſo daß die innere Fläche deſſelben von dem Ruß geſchwärzt wurde. ſerklinge das Haus des Wirths ſammt der nächſten Umgebung auf der geſchwärzten Fläche, ſo daß die Zeichnung ſelbſt in weißen Strichen auf dem dunklen Hintergrunde hervortrat. Darauf forderte er ein Ei und einen feinen weichen Pinſel. Der Wirth, der mit wachſendem Erſtaunen dem Beginnen ſeines geſchickten Gaſtes zuſah, brachte Beides. Kunibert Scharf zerbrach das Ei und überzog die Zeichnung ſehr fein und behutſam mit dem Eiweiß. „So,“ ſagte er,„laßt das trocknen und Ihr habt einen Teller, der unter Brüdern zwanzig Franken werth iſt, ich hoffe, Ihr werdet uns dafür freie Zeche geben.“ Nachdem dies geſchehen war, zeichnete er mit einem Federmeſ⸗ aniß!“ „Napo⸗ America gländer, n. Wie Tagen it dieſer an und er zuckte dendbrod Bres⸗ haben. vetzehrt di de. ddermeſ⸗ ngebung 1 weißen Daral BGeginnen ichnung zichn en Teller, fe 3 6 „Oho!“ fuhr der Wirth auf.„Iſt es darauf abgeſehen? Ich ſah Euch Beiden gleich an der Naſe an, daß Ihr Vagabunden ſeid—“ „Gemach,“ fiel der Breslauer ihm energiſch in's Wort,„war⸗ tet zuvor ab, ob wir die Zeche berichtigen werden, oder nicht. Ihr ſeid ein grober Geſelle, wenn Ihr alle Gäſte in dieſer Weiſe behandelt, werdet Ihr bald die Boutique ſchließen können.“ „Das ſage ich auch,“ nahm einer der Gäſte das Wort,„Eure Grobheit iſt erſt dann angebracht, wenn Ihr wüßt, daß die Leute nicht zahlen können. Ich gebe Euch einen Franc für den Teller, und einem zweiten, wenn Ihr auf einem andren Teller das Por⸗ trait des Kaiſers Napoleon zeichnet.“ Der Wirth ſchwieg, er ſchien auf die Meinung des Gaſtes, der die Parthei des Handwerksburſchen ergriffen hatte, einigen Werth zu legen. Der Breslauer führte den Auftrag aus und ſtrich die zwei Franken ein. Da keiner der andren Gäſte geneigt war, für ein ſolches Kunſtwerk etwas zu zahlen, ſo forderte Scharf den Wirth auf, ihm und ſeinem Freunde ein Zimmer anzuweiſen. „Wir haben zwei Franken,“ ſagte er, als er ſich mit Nikolas allein befand,„ſie reichen nicht hin, die Zeche zu berichtigen, zu⸗ dem wollen wir auch morgen frühſtücken. Alſo bleiben uns zwei Wege, entweder wir opfern das Geld und laſſen uns für den Reſt hinauswerfen und das iſt meine Liebhaberei nicht, oder wir drücken uns heimlich, was nach meiner Anſicht das Rath⸗ ſamſte iſt.“ Nikolas, der ehrliche, biedere Schloſſergeſelle, konnte dem letz⸗ ten Vorſchlage ſeine Zuſtimmung nicht geben. Er erbot ſich, dem Wirth ihre Verhältniſſe der Wahrheit gemäß vorzuſtellen und ihn zu bitten, Nachſicht mit ihnen zu haben, zumal ja die Zeche nicht viel mehr als zwei Franken ſein könne. „Aber der Breslauer wies dies Anerbieten zurück und ließ ſeinem Genoſſen nur die Wahl, entweder ihn zu begleiten, oder allein zurückzubleiben und ſich auf die Barmherzigkeit des Grobians zu verlaſſen. „Das Terrain iſt günſtig,“ ſagte er, während er einen prüfen⸗ den Blick durch das Fenſter warf,„unter unſerm Fenſter liegt ein ziemlich hoher Düngerhaufen, ein kühner Sprung und wir ſind draußen. Wir werden bis drei Uhr der Ruhe pflegen und dann unſern edlen Vorſatz ausführen; wenn der Wirth unſere Flucht erfährt, ſind wir längſt über alle Berge.“ Nikolas ſträubte ſich lange, aber der Breslauer ließ keine Be⸗ denken, keine Warnungen und Vorſtellungen gelten. — 94— Von den Strapazen der weiten Wanderung ermüdet, ſchliefen die Beiden bald ein, und als der Morgen dämmerte, fiel das fahle Licht der Dämmerung durch das geöffnete Fenſter auf ein verlaſſenes Lager. Fünfzehntes Kapitel. Der Mordverſuch. Otto Schenk hatte in einer mechaniſchen Werkſtätte in Lyon ſehr raſch lohnende Arbeit gefunden. Er wollte hier den Freund erwarten und wenn dieſer nicht in den nächſten Wochen eintraf, nach Mülhauſen zurückkehren, um die Befreiung deſſelben zu verſuchen. Marie hatte ihm ge⸗ ſchrieben, er möge ſich beruhigen, ſein Freund werde vor dem Tage der Verurtheilung das Gefängniß verlaſſen, und da er den energiſchen Charakter des Mädchens kannte, ſo glaubte er, auf die erhaltene Zuſicherung vertrauen zu dürfen. Der Beſitzer der Werkſtätte beſchäftigte ſehr viele Arbeiter, er beſaß ein großes, ausgedehntes Etabliſſement, in welchem Otto Manches lernen konnte, was ihm bisher noch unbekannt war. Der junge Mann verſäumte nicht, dieſe Gelegenheit zu be⸗ nutzen und Herr Leroy, ſein Prinzipal, bemerkte mit Wohlgefallen den Fleiß und die Fortſchritte des ſtrebſamen Deutſchen, der in der Regel am Morgen der Erſte und am Abend der Letzte in der Werkſtätte war. Oft war Otto von ſeinen Collegen aufgefordert worden, mit ihnen an einem Zechgelage Theil zu nehmen, er hatte das ſtets zurückgewieſen und ſich den Namen eines Duckmäuſer's erworben, was ihn aber nicht abhielt, ſeinen ſoliden Grundſätzen treu zu bleiben. Er benutzte ſeine freien Stunden dazu, ſich in den theoretiſchen Kenntniſſen zu vervollkommnen, er ſtudirte eifrig Mathematik und las alle in dieſes Fach einſchlagende Bücher, deren er nur habhaft werden konnte. Der alte Werkmeiſter, der in dem Etabliſſement Leroy's die Oberaufſicht führte, unterſtützte ihn in dem Beſtreben, ſich Kennt⸗ niſſe zu verſchaffen, ſo viel er es nur vermochte und Otto ließ keine Minute unbenutzt verſtreichen. ————— ſchliefen fiel das auf ein in Lyon ſer nicht ackehren, im ge⸗ vor dem da er den r, auf die beiter, er hem Otto war. 1* zu be⸗ hlgefallen 1, der in tte in der den, mit das ſtets erworben, n treu eoretiſchen matik und ir hobhaf eroy's de ſih Kenn⸗ Otto li Wenn er nicht in der Werkſtätte arbeitete, ſaß er in ſeinem beſcheidenen Stübchen und die Kenntniſſe, die er allmählich ſam⸗ melte, gaben ihm bald ein Uebergewicht über ſeine Kameraden, die ihre freien Stunden in den Schenken verbrachten. So waren mehrere Wochen verſtrichen, ſchon beunruhigte Otto ſich ernſtlich über das Schickſal ſeines in Mülhauſen verhafteten Freundes, und ſchon machte er ſich ernſte Vorwürfe darüber, daß er damals den Verſicherungen Marie's vertraut und nicht ſelbſt energiſche Schritte zur Befreiung des Gefangenen gethan hatte, als eines Abends Nikolas in Begleitung des Breslauer Weber⸗ geſellen eintrat. Wenn auch Nikolas berechtigt geweſen wäre, dem Freunde vorzuwerfen, daß er ihn im Stiche gelaſſen hatte, ſo dachte er doch in dieſem Augenblick nicht daran, ſolche Vorwürfe zu machen, die Freude des Wiederſehens wurde durch keinen Mißton getrübt. Otto forderte den Freund auf, ihm ſeine Erlebniſſe zu be⸗ richten, aber Kunibert Scharf, der Breslauer Weber, meinte, das laſſe ſich ſo raſch nicht abmachen und das Wiederſehen müſſe doch auch hinter vollen Gläſern gefeiert werden. Nikolas, der inzwiſchen an das vagabundirende Leben ſich gewöhnt hatte, pflichtete dieſer Anſicht bei und nach einigem Zögern gab Otto, wenn auch mit innerem Widerſtreben nach. Die Stunden verſtrichen raſch, die beiden Freunde hatten ein⸗ ander viel zu berichten und da ſie dabei dem feurigen Weine ſehr tapfer zuſprachen, ſo,konnte es nicht ausbleiben, daß der Geiſt des Weines ihnen bald zu Kopfe ſtieg. Zumal Otto, der nicht gewohnt war, geiſtige Getränke zu trinken, empfand bald die Wirkung des Weines, er hielt es für rathſam, heimzukehren. Nikolas wollte bei ſeinem Kollegen, dem Breslauer Weber, bleiben und am nächſten Tage, wenn er in dem Etabliſſement Leroy's Arbeit fand, ein beſcheidenes Zimmer für ſich ſuchen. Da Otto in ſeiner eignen Wohnung keinen Raum für den Freund hatte, ſo mußte er dieſes Vorhaben billigen und allein den Heimweg antreten. Mitternacht war nahe, die Nacht dunkel und ſtürmiſch. Der junge Mann durchwanderte langſam die öden ſtillen Straßen, die kalte Nachtluft that ihm wohl, ſie kühlte ſeine heiße Stirne und die glühenden Wangen. 3 In einer engen, dunklen Gaſſe vernahm er plötzlich in nächſter Nähe eine Stimme, die ihn um ein Almoſen anſprach. Der Ton dieſer Stimme klang ſo flehend, daß Otto es nicht über ſich ge⸗ oinnen konnte, mitleidlos vorbeizugehen. Er blieb ſtehen, ſein — 96— Blick fiel auf eine Frau, die in ein Tuch gehüllt, bittend zu ihm aufſchaute. So viel er in der Dunkelheit unterſcheiden konnte, war dieſe Frau nicht jung mehr, auch lag in dem Ausdruck ihres welken Geſichts etwas, was ihm Mißtrauen einflößte. „Erbarmen,“ bat die Arme, während ſie die zitternde Hand ausſtreckte„der Vater ſtirbt und die Kinder verhungern.“ Otto konnte ſich trotz dem Mißtrauen einer Regung des Mit⸗ leids nicht erwehren. „Wie kann der Einzelne ſolchem Elend ſteuern!“ erwiderte er. „Da muß die Gemeinde ſorgen—“ „Ah— Sie ſind ein Deutſcher!“ unterbrach die Bettlerin ihn mit einem Ausruf der Freude.„Kommen Sie, mein Mann iſt auch aus Deutſchland, Sie werden Ihren Landsmann nicht im Stich laſſen.“ „Wenn ich etwas für ihn thun kann—“ „O gewiß, gewiß, wäre es auch nur, daß Sie in ſeiner Mutterſprache ihm Troſt zuredeten. Hülflos liegt er auf ſeinem Schmerzenslager, die Kinder—“ „So führen Sie mich hin,“ ſagte Otto raſch entſchloſſen. „Was ich für ihn thun kann, ſoll gewiß geſchehen.“ Die Betllerin ſchritt raſch voran, Otto folgte ihr. Zwar beſaß er ſelbſt nicht die Mittel, um hier zu helfen, wie die Noth es verlangte, aber er konnte doch den Armen rathen und ſich für ſie verwenden. Er hielt es für ſeine Pflicht, ſeinen Rath und Beiſtand dem unglücklichen Landsmanne zu gewähren, er dachte ſich ſelbſt in die Lage dieſes Mannes hinein, die nach der Schilderung dieſer Frau eine entſetzliche ſein mußte. „Sie werden entſchuldigen, wenn der Weg etwas weit iſt,“ ſagte die Bettlerin nach einer geraumen Weile,„die Noth hat uns getrieben, in dem elendſten Viertel der Stadt ein Obdach zu ſuchen.“ Wäre Otto nüchtern und bei klarem Verſtande geweſen, ſo würde er bemerkt haben, daß er im Zickzack durch die Stadt geführt wurde, und daß, als die Frau endlich ſtehen blieb, er ſich ganz in der Nähe der Gaſſe befand, in der ſie ihn angeredet hatte. Mit ſeinen Gedanken über die Art und Weiſe, in der er dieſer Familie raſch und ſicher helfen konnte, beſchäftigt, bemerkte er das nicht, ſein Mißtrauen gegen die Bettlerin war geſchwunden. Er trat ohne Zögern in das dumpfe, finſtre Haus, deſſen Thüre die Bettlerin öffnete. Sie führte ihn eine Treppe hinauf und öffnete hier eine zweite Thüre. d zu ihm war dieſe welken de Hand des Mit⸗ iderte er. tlerin ihn Mann iſt nicht im in ſeiner fj ſeinem tſchloſſen. -. Zwar die Noth ſich fir tand dem ſt in die eſer Frau weit iſt Noth hat Döbdach zu veſen, ſe die Stadt eb, er ſi det hate n der er bemerkte chunnden , deſſe hier ein — 97— Otto trat ein. Es war ein niedriges, enges Gemach, welches nichts enthielt, als einen runden Tiſch und eine Bank. Die Wände und der Fußboden waren ſehr unſauber, die Scheiben des kleinen Fenſters zerbrochen. Auf dem Tiſch ſtand eine Lampe, die ein trübes Licht ver⸗ breitete. Die Bettlerin bat den jungen Mann, ſich einen Augenblick zu gedulden, ſie wollte zu dem Kranken gehen und ihn auf den Beſuch vorbereiten. Als ſie ſich entfernt hatte, blickte Otto ſich um. Das alte Mißtrauen erwachte wieder in ſeiner Seele, bange, drückende Ahnungen befielen ihn. Die Urſache dieſes Mißtrauens wußte er ſelbſt ſich nicht zu erklären, nichts deſto weniger vermochte er daſſelbe nicht zu be⸗ ſeitigen. Wenn die Familie ſich ſchon ſeit längerer Zeit in ſolchen drückenden Verhältniſſen befand, wie kam es, daß ſie noch immer zwei Räume bewohnte? Wenn auch der Raum, in welchem er ſich befand, eben nicht wohnlich genannt werden konnte, die Familie benutzte ihn und mußte auch für ihn ohne Zweifel Miethzins zahlen. Das enge Zimmer hatte etwas Unheimliches für Otto, die dumpfe, verdorbene Luft in dieſem Raume drohte ihn zu erſticken. Er wollte das Fenſter öffnen, es war zugenagelt. Das fiel ihm auf, es mußte ihn beunruhigen. Er nahm die Lampe vom Tiſch, um das Fenſter zu unter⸗ ſuchen, und als nun ſein Blick auf die Wand fiel, glaubte er mehrere Blutflecken zu entdecken. Ehe er ſich von der Richtigkeit dieſer Entdeckung näher über⸗ zeugte, eilte er zur Thüre. Sie war ebenfalls geſchloſſen. Vollſtändig vernichtet, wußte Otto jetzt, was ihm bevorſtand, weshalb er in dieſes Haus gelockt worden war. Der alte Werkmeiſter hatte ihn oft vor ſolchen Abenteuern gewarnt und ihn darauf aufmerkſam gemacht, daß ſchon mancher Fremde in Frankreich ſpurlos verſchwunden ſei; er erinnerte ſich jetzt dieſer Warnung und machte ſich bittere Vorwürfe, daß er ſo leichtgläubig geweſen war. Eine Waffe beſaß er nicht, außer ſeinem Stocke, der im Noth⸗ falle als ſolche dienen konnte. Dieſer Stock war von Leder geflochten und mit einem ſchwe⸗ ren Bleiknopf verſehen, ein kräftiger Hieb mit ihm konnte einen Schädelknochen zerſchmettern, aber ehe Otto vielleicht zum zweiten Fünfmal hunderttauſend Thaler. 7 — 98— Hiebe ausholte, konnte er ſchon von ſeinen Gegnern überwäl⸗ tigt ſein. Er war entſchloſſen, ſein Leben theuer zu verkaufen, wenn man wirklich die Abſicht hegte, ihn zu ermorden. Otto rückte den Tiſch und die Bank vor die Thüre und lauſchte mit angehaltenem Athem. Draußen war Alles ſtill, und dieſe unheimliche Stille erhöhte nur die Angſt und die Befürchtungen des jungen Mannes, der jetzt, als die Lampe auf dem Fußboden ſtand, auch auf dem letz⸗ teren, trotz der Unſauberkeit, die Spuren früherer Blutlachen entdeckte. An Flucht war nicht zu denken, zumal Otto die Einrichtung des Hauſes nicht kannte. Es wäre ihm vielleicht gelungen, die Thüre, die ſehr alt und morſch zu ſein ſchien, einzutreten, aber mußte er nicht befürchten, daß er alsdann den Mordgeſellen in die Arme lief? Das Beſte, was er unter den obwaltenden Verhältniſſen thun konnte, war, die kommenden Dinge geduldig zu erwarten und im entſcheidenden Augenblick die Geiſtesgegenwart zu be⸗ wahren. Eine halbe Stunde verſtrich, ſchon glaubte Otto, die ſchwache Hoffnung hegen zu dürfen, daß er noch einmal mit dem Leben davon kommen werde, da ja die Bettlerin ſich die Ueberzeugung verſchafft haben mußte, daß bei ihm nichts zu haben war, als er plötzlich draußen vor der Thüre gedämpfte Stimmen vernahm. Man ſchien ſich zu berathen. Otto legte das Ohr an die Thüre und horchte. Er hörte, daß die Frau ihren verbrecheriſchen Genoſſen Vor⸗ würfe machte darüber, daß ſie ſo ſpät gekommen ſeien und daß eine rauhe Stimme ihr darauf mit einem Fluche erwiderte, man könne ihretwegen die andern Geſchäfte nicht verſäumen. Er hörte ferner, daß dieſe rauhe Stimme fragte, ob es ſich auch der Mühe lohne und daß die Frau hierauf entgegnete, der junge Mann beſitze eine ſilberne Uhr und zwei Reihen der ſchönſten Zähne. Otto erſchrack. Er erinnerte ſich in dieſem Augenblick, daß ein franzöſiſcher Polizeibeamter ihm einmal mitgetheilt hatte, man ſei einer Bande auf der Spur, die in auffallender Weiſe einen Handel mit Menſchenhaaren und Zähnen betreibe, von denen man nicht wiſſe, wie ſie in ſolcher Menge in den Beſitz dieſes Geſin⸗ dels gelangen könnten. Er erinnerte ſich auch, daß man ihn oft um ſeine Zähne beneidet hatte und er begriff, daß er verloren war, wenn die Mordgeſellen ihn überwältigten. überwl⸗ n, wenn füre und e erhöhte nes, der dem letz⸗ lutlachen nrichtung alt und efürchten, ältniſſen erwarten t zu be⸗ 1 ſchwache em Leben erzeugung r als er rahm. ſen Vor⸗ und daß erte, man b es ſich hete, der — 99— Krampfhaft hielt ſeine nervige Fauſt den Stock umklammert, er war entſchloſſen, den Erſten, der eintrat, ohne Bedenken niederzuſchlagen. Er vernahm, daß die Frau mit gedämpfter Stimme ſagte, ſie wolle hineingehen und den jungen Mann holen, man könne ihn dann in dem finſtern Gange niederſtechen. Wenn der Stoß ſicher geführt werde, ſo ſei die Sache raſch und geräuſchlos abgemacht. Mit erhobenem Stock ſtand Otto an der Thüre. Als die letztere geöffnet wurde, hielt die ſchwache, aus Tiſch und Bank gebildete Barrikade für einen kurzen Augenblick Stand, und dieſen Augenblick benutzte Otto, den Knopf ſeines Stockes wuchtig auf das Haupt der Bettlerin niederfallen zu laſſen. Lautlos ſank das Weib zuſammen, mit einem Fußtritt ſchleu⸗ derte Otto ſie über die Schwelle zurück, dann warf er die Thüre wieder in's Schloß. Die Genoſſen des Weibes ließen ſich ſo raſch nicht zurück⸗ ſchrecken, im nächſten Augenblick ſtanden ſie auf der Schwelle. Ihrer waren zwei, robuſte kräftige Geſtalten, deren Phyſio⸗ gnomie verrieth, daß ſie vor keinem Verbrechen zurückbebten. Sie waren beide mit einem Dolch bewaffnet, und Otto erkannte ſofort, daß ſie ſich kurz zuvor in der Branntweinſchenke einen ſtarken Rauſch geholt hatten. Als ſie ſahen, daß ihr Opfer mit einem Stocke bewaffnet war, drangen ſie ohne Zögern auf den jungen Mann ein, der den Erſten niederſchlug und dem Zweiten einen ſo empfindlichen Ha⸗ ri den Arm verſetzte, daß der Dolch der gelähmten Hand entfiel. Es war ein ſehr kurzer Kampf, aus dem Otto als Sieger hervorging. Der Raubmörder hob den Dolch auf und zog ſich zurück, er ſchien keine Luſt zu haben, den Kampf fortzuſetzen. Otto ſah ſich wieder allein, die Thüre war noch offen, die Beiden, welche er niedergeſchlagen hatte, lagen bewußtlos auf dem Boden. Im erſten Augenblick beſchloß der junge Mann, die Thüre wieder zu ſchließen und das Zimmer erſt bei Tagesanbruch zu verlaſſen, aber nach kurzem Nachdenken ſah er ein, daß mit der Ausführung dieſes Vorhabens neue und ernſtere Gefahren für ihn verknüpft ſein konnten. Ddie Möglichkeit lag nahe, daß die Mörder, wenn ſie ſich von ihrer erſten Niederlage erholt hatten, entweder in verſtärkter Anzahl oder mit andern Waffen den Kampf fortſetzten und gegen eine Kugel konnte der Stock ihn nicht ſchützen. 7 ½ — 100— Zudem mußte er ſich ſagen, daß dieſes Geſindel ihn nicht mit dem Leben davonkommen laſſen durfte, die eigne Sicherheit gebot ihm jetzt den Mord auszuführen. Mit Rückſicht auf dieſe Gründe hielt Otto es für rathſam, die Flucht ſofort zu verſuchen, ſo lange zwei ſeiner Gegner noch bewußtlos und der Dritte kampfunfähig war. Er nahm das Licht und trat hinaus. Draußen in dem engen, niedrigen Gange war es ſtill und öde, Otto erreichte ungefährdet die Treppe. Auch hier bemerkte er Niemanden, er eilte hinunter und fand zu ſeinem Erſtaunen die Hausthüre offen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte ſein dritter Gegner ſie offen gelaſſen, als er das Haus verließ, um Verſtärkung zu holen. Der junge Mann dachte nicht daran, das Haus und die Gaſſe ſeinem Gedächtniſſe einzuprägen, fürchtend, daß man ihn verfolgen, oder aus einem Hinterhalt überfallen könne, eilte er auf’s Ge⸗ rathewohl in die Nacht hinaus und nach langem Umherirren langte er endlich in ſeiner Wohnung an, in der er, zitternd vor Aufregung, ſich auf ſein Lager warf.—— Als er am nächſten Morgen in der Werkftätte den alten Werkmeiſter ſah, theilte er ihm die Ereigniſſe der vergangenen Nacht mit; er bat ihn um Rath, auf welchem Wege er der Polizei⸗ behörde die Anzeige davon machen ſolle. Der alte Mann ſchüttelte ſehr bedenklich ſein graues Haupt und forderte Otto auf, ihn in's Kabinet des Herrn Leroy zu begleiten, der in dieſer Angelegenheit jedenfalls den beſten Rath ertheilen könne. Leroy hörte den Bericht des jungen Mannes ſchweigend an, dann blickte er eine geraume Weile den blauen Rauchwölkchen ſeiner Cigarre ſehr gedankenvoll nach. „Sie kennen die Gaſſe und das Haus nicht, in welchem dieſes Geſindel ſich aufhält?“ fragte er. „Nein,“ erwiderte Otto,„ich nahm mir nicht die Zeit es zu betrachten, als ich es verließ. Ich befand mich in einem Zuſtande der Aufregung, der mir nicht erlaubte, an irgend etwas Anderes, als an meine perſönliche Sicherheit zu denken.“ „Aber Sie würden jenes Geſindel ſofort wieder erkennen, wenn man die Scheuſale Ihnen gegenüber ſtellte?“ „Gewiß.“ „Auch das Weib?“ „Ja.“ „Können Sie die Gaſſe, in der dieſes Weib Sie anredete, genau bezeichnen?“ edete, — 101— „Nein.“ Herr Leroy hatte ſich von ſeinem Seſſel erhoben, er wanderte lange, in Schweigen verſunken, auf und ab. „Sie ſind nicht der Erſte, der dieſem Geſindel in die Hände gefallen iſt,“ nahm er nach einer Weile wieder das Wort.„Vor einem Jahre arbeitete in meiner Werkſtätte ein geſchickter, junger Mann, auch ein Deutſcher, dem ich nichts vorwerfen konnte, als einen etwas allzu lockeren Lebenswandel. Er berichtete mir eines Mor⸗ gens faſt daſſelbe, was Sie mir ſoeben mitgetheilt haben, nur mit dem Unterſchiede, daß es ihm gelungen war, vor dem eigent⸗ lichen Angriff zu entweichen. Er hatte ſich durch das Fenſter geflüchtet und in ſeiner Angſt und Verwirrung ebenfalls vergeſſen, das Haus ſeinem Gedächtniſſe einzuprägen. Ich ſelbſt machte der Behörde die Anzeige und die Polizeibeamten begannen augen⸗ blicklich mit raſtloſem Eifer ihre Nachforſchungen. Sie verhafteten einige verdächtige Subjecte und mein Geſelle wurde vorgeladen, um über die Ereigniſſe jener Nacht vernommen und den Verhaf⸗ teten gegenüber geſtellt zu werden. Das geſchah am zweiten Tage nach dem Vorfall, am dritten Tage ſollte das Verhör ſtatt⸗ finden. Was geſchah? Am Abend des zweiten Tages wurde der junge Mann auf dem Wege aus der Fabrik zu ſeiner Wohnung ermordet. Ein ſicher und mit geübter Hand geführter Dolchſtoß ſtreckte ihn nieder, der Tod war augenblicklich erfolgt. Die einzige Perſon, welche gegen das Geſindel zeugen und durch ihr Zeugniß das Verbrechen feſtſtellen konnte, war beſeitigt, die Verhafteten mußten ſchließlich wieder auf freien Fuß geſetzt werden.“ Der alte Werkmeiſter nickte. „Ich erinnere mich dieſes Falls ſehr genau,“ ſagte er,„eins der Subjecte ſoll ſpäter öffentlich geäußert haben, ein ſolcher Mord ſei das beſte Mittel, ſich eines unbequemen Zeugen zu entledigen.“ „Aber mein Gott, wie iſt das möglich?“ fragte Otto beſtürzt. Leroy zuckte die Achſeln. „Es muß eine ſehr gut organiſirte Verbrecherbande ſein,“ erwiderte er,„eine Bande, die ihre Maßregeln ſo vortrefflich getroffen hat, daß die Behörde ſie ſo leicht nicht überführen kann. — Ich bedaure, Sie verlieren zu müſſen, Herr Schenk, Sie ſind nicht nur ein ſehr geſchickter, ſondern auch ein ſehr talentvoller Arbeiter, und ich hatte mich ſchon der Hoffnung hingegeben, Sie dauernd an mich feſſeln zu können, aber unter den obwaltenden Verhältniſſen kann ich Ihnen nur rathen, die Stadt eher heute, wie morgen zu verlaſſen. Glauben Sie mir, der Sieg iſt Ihnen nicht geſchenkt, ſchon die Nothwendigkeit der Selbſterhaltung ge⸗ bietet der Bande, Sie aus dem Wege zu räumen.“ „Aber die Polizei—“ — 102— „Die Polizei iſt dieſer Bande gegenüber ohnmächtig, ſo lange es ihr nicht gelingt, das ganze Neſt auszuheben. Folgen Sie meinem Rath, reiſen Sie noch heute ab und berichten Sie erſt dann der Behörde Ihre Erlebniſſe in jener Nacht, wenn Sie in Sicherheit ſind. Der Werkmeiſter wird Ihnen Ihren rückſtändigen Lohn zahlen und ich will Ihnen Empfehlungsbriefe an die Eigen⸗ thümer ſehr bedeutender Etabliſſements geben, für Ihre Zulunft bangt mir nicht. Gehen Sie mit Gott, und wenn Ihr Weg Sie ſpäter wieder einmal hierher führt, ſo erinnern Sie ſich meiner und beſuchen Sie mich, auch wird es mir lieb ſein, brieflich etwas von Ihnen zu hören.“ Herr Leroy reichte mit den letzten Worten dem jungen Manne die Hand und Otto verabſchiedete ſich von dem edeln Biedermanne mit Thränen in den Augen. „Iſt es nicht, als ob ein Unſtern mich verfolgte?“ fragte er, als er ſeinem Freunde Nikolas die Ereigniſſe der jüngſten Nacht und den Rath Leroy's mitgetheilt hatte.„Hier konnte ich Etwas lernen und im Laufe der Zeit vielleicht mein Glück begründen, nun muß ich ohne mein Verſchulden wieder fort.“ „Wer weiß, wozu es gut iſt,“ erwiderte Nikolas treuherzig, „in Allem, was uns begegnet, müſſen wir den weiſen Rathſchluß einer höheren Macht erkennen und dieſem Rathſchluſſe uns ge⸗ duldig fügen. Wohin gehen wir nun?“ „Du willſt mich begleiten?“ „Natürlich. Was ſoll ich allein hier in Lyon?“ „Ich könnte Dir in dem Etabliſſement Leroy's Arbeit ver⸗ ſchaffen.“ „Nein, nein, ich will Freud' und Leid mit Dir theilen.“ „Wenn Du willſt—“ „Ich denke, es wird Dir nicht unangenehm ſein.“ „Im Gegentheil.“ „Wohl. Wohin werden wir gehen?“ „Vielleicht direkt nach Paris, ich muß abwarten, welche Em⸗ pfehlungsbriefe ich von Leroy erhalte.“ Die beiden Freunde hatten inzwiſchen das Etabliſſement ver⸗ laſſen, ſie gingen zur Wohnung Otto's, um ihre Vorbereitungen für die Reiſe zu treffen. Sechszehntes Kapitel. Im Goldlande. Es war zu Anfang des Monats Dezember, als der Dampfer unter anderen Paſſagieren auch den kölniſchen Schloſſermeiſter Peter Braun in Rio de Janeiro an's Land brachte. Nach einer langen, ſtürmiſchen Fahrt, während der er oft dem Tode in's Auge geſchaut hatte, betrat Peter Braun wieder feſten Boden; er hatte in den jüngſten Wochen ſchon zu wiederholten Malen mit dem Leben abgeſchloſſen und dem Wucherer Jakob Herz, durch den er zu dieſer Reiſe verleitet, ja gezwungen wor⸗ den war, gewünſcht, daß der Teufel ihn lothweiſe holen möge. Nun, nachdem die Gefahr überſtanden war und er ſich einſt⸗ weilen in Sicherheit ſah, trat er mit der Zuverſicht und der Un⸗ verſchämtheit eines Mannes auf, der ſeit früheſter Kindheit ge⸗ wohnt iſt, jeden Anderen nur als einen Sclaven ſeiner Laune zu betrachten. Er hatte kaum das Schiff verlaſſen, als er unter denen, die im Hafen müßig umher lungerten, ſcharfe Muſterung hielt. Er fand unter ihnen mehrere Deutſche, die ſich als Diener und Dolmetſcher ihm anboten, und nachdem er ſeine Wahl ge⸗ troffen hatte, ließ er ſich von ſeinem Diener in den erſten Gaſt⸗ hof der Stadt führen. Die Großartigkeit dieſer Stadt, die Pracht und Eleganz der Gebäude, das buntbewegte, geräuſchvolle Leben und Treiben in den Straßen und die Verſchiedenheit der maleriſchen Trachten machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, er kam ſich inmitten dieſes Lebens, dieſer Pracht und dieſes Reichthums ziemlich klein und unbedeutend vor. Seine Zuverſicht wich einer gewiſſen Kleinmüthigkeit, als er ſich von den Weißen, Mulatten, Kreolen und Negern umringt ſah, die das dienende Perſonal in dem großartigen, eleganten Gaſthofe bildeten, und er, der ſich vorgenommen hatte, nur im Salon des Gaſthofes zu wohnen, wagte keinen Einwurf, als einer der Kellner ihn in ein beſcheidenes Stübchen des höchſten Stock⸗ werks führte mit der etwas ironiſchen Bemerkung, daß man von hier aus eine herrliche Ausſicht habe. — 104— Dieſer Kellner hatte ihn ſofort richtig taxirt und Peter Braun mußte ſich die niedrige Taxe gefallen laſſen. Sein Diener und Dolmetſcher war ein kleiner, unanſehnlicher, bartloſer Menſch, ein echtes Berliner Kind und dabei ein gewal⸗ tiger Aufſchneider. Er ſprach deutſch, engliſch, franzöſiſch und ſpaniſch und war ſtolz auf dieſe Sprachkenntniſſe, die ſeinen einzigen Erwerbszweig bildeten. Natürlich intereſſirte es den Schloſſermeiſter, die Vergangen⸗ heit ſeines Dieners kennen zu lernen und der letztere zeigte ſich augenblicklich bereit, ihm darüber Bericht zu erſtatten. „Ich bin der Sohn eines Wirklichen Geheimraths,“ ſagte er, „Feodor von Wevelinghofen, Sie kennen vielleicht die Familie?“ „Erinnere mich nicht—“ „Na, ſchadet niſcht. Ich habe ſtudirt und mir auf mehreren Univerſitäten umhergetrieben, bis das Geld meines Alten alle war. Der Alte ließ mir mit dürren Worten wiſſen, er habe nun genug für mich gethan und ich könne nun ſehen, wie ich mich durchſchlage. Ich bitte Sie, ein wirklicher und dazu noch adeliger Geheimrath! Ich hätte mir an den König wenden können, aber ſehen Sie, das iſt auch nicht immer angebracht, und mein Alter verſtand keinen Spaß. Alſo faſſe ich mir kurz, verkaufe Alles, was ich noch habe, und nehme ein Billet nach Amerika, dem gelobten Lande.“ „Und was wollten Sie hier?“ fragte Peter Braun, deſſen kleine, ſtechende Augen unverwandt den Sohn des Wirklichen Ge⸗ heimraths anblickten. „Na, ich dachte, hier fließe Milch und Honig, aber proſit die Mahlzeit, hier kann eben ſo gut wie drüben in Deutſchland der vernünftige Menſch verhungern. Mein Alter ſchickte mir Empfeh⸗ lungsſchreiben an Kunz und Klas, nur kein Geld. Ich habe die Briefe nicht abgegeben, ſie konnten mir nichts nutzen.“ „Und was begannen Sie, als ſie hier angekommen waren?“ „Ich ließ mich als Zahnarzt nieder.“ „Als Zahnarzt?“ a.“ / 9 „Verſtanden Sie denn etwas—“ „Natürlich! Einen Zahn auszuziehen iſt eine Kleinigkeit, man muß nur die Kunſt verſtehen, ſeinen Patienten ſo feſt zu halten, daß er nicht fortlaufen kann. Wenn der Knochen glücklich heraus iſt, ſind auch die Schmerzen verſchwunden. Aber man muß Kraft in den Beinen haben, verſtehen Sie? Der Kopf des Patienten muß ſo feſt wie in einem Schraubſtock ſitzen— das iſt der ganze Kunſtgriff.“ „Nun, wie ging das Geſchäft?“ — 105— „Vortrefflich. Wiſſen Sie, ich gab einigen armen Teufeln ein paar Milreis—“ „Was iſt das?“ „Eine ſpaniſche Münze, die hier kurſirt, gilt nicht einmal einen Groſchen. Dafür ſtellten mir dieſe Leute ein Atteſt aus, wie ich es haben wollte, und dieſe Atteſte ließ ich in die Zeitung einrücken. Die Patienten kamen ſchaarenweiſe, ich war ein berühmter Mann.“ „Da hätten Sie ja reich werden müſſen,“ ſagte Braun erſtaunt. Der Berliner zuckte die Achſeln. „Wenn man viel verdient, gibt man auch viel aus, das iſt eine alte Geſchichte,“ fuhr er fort,„und ich war nicht der Mann, der ſich krumm legen konnte, wenn er etwas in der Taſche hatte.“ „Aber weshalb gaben Sie das Geſchäft auf?“ „Ja ſo! Sehen Sie, daran ſind die faulen, braſilianiſchen Zuſtände Schuld.“ „Wie ſo?“ „Sehr einfach! Kommt eines Tages ein junges, ſchönes Mäd⸗ chen zu mir und will einen Zahn ausgezogen haben. Geld hatte ſie nicht, aber reich wollte ſie ſein, ſie ſagte, ſie habe ihre Börſe vergeſſen. Faule Geſchichten, denke ich, aber das Mädchen hatte Eindruck auf mir gemacht. Man iſt doch auch nicht von Stroh! Alſo ich gebe mir an die Arbeit. Das Frauenzimmer ſchrie, daß man's ſechs Häuſer weit hören konnte und der Backzahn ſaß ver⸗ teufelt feſt. Endlich habe ich ihn erwiſcht und denken Sie ſich — jetzt ſagt mir das Frauenzimmer, ich habe nicht den richtigen Zahn ausgezogen. Gut, ſage ich, ſo ziehen wir jetzt den kranken Zahn unentgeldlich aus und das war, meine ich, aller Ehren werth. Aber ſie wollte nichts wiſſen davon und mir auch nicht bezahlen. Etwas mußte ich für meine Mühe haben, ich hatte mir wahrhaftig über die Maßen angeſtrengt. Alſo nehme ich ſie in den Arm und gebe ihr einen Kuß. Herrgott, den Lärm hätten Sie hören ſollen! Bei uns in Berlin wäre das gar nicht gefähr⸗ lich geweſen, aber hier hatte es unangenehme Folgen. Eine Stunde ſpäter fallen mir drei rohe Geſellen in die Bude und fordern Rechenſchaft von mir. Ich ſollte für den Kuß fünfhun⸗ dert Reis bezahlen und ich hatte keine zehn im Vermögen. Sie machten kurzen Prozeß, zerſchlugen Alles, was ich beſaß und es kam ihnen gar nicht darauf an, wenn dazwiſchen auch einmal ein Hieb mir traf. Zerſchlagen, an allen Gliedern gelähmt und ge⸗ ſchunden blieb ich unter den Scherben liegen, meine Laufbahn als Zahnarzt war beendet.“ „Wieſo? Sie konnten ja wieder von vorne anfangen.“ „Ja wohl, am andern Tage berichtete die Zeitung den Skan⸗ dal und ich wurde in einer Unmaſſe von Annoncen als ein — 106— Scheuſal bezeichnet, das nicht werth ſei, daß ihn die Sonne be⸗ ſcheine.“ „Hm, das hätte im Laufe der Zeit ſich verwiſcht.“ „Dachte ich auch. Aber die Patienten blieben aus und als nach mehreren Tagen endlich einmal wieder einer gekommen war, erſchienen gleich darauf auch die rohen Burſchen wieder, um zum zweitenmale mit ihren Bambusrohren mich durchzuprügeln. Da habe ich denn die Bude geſchloſſen und bin ſeitdem auf keinen grünen Zweig mehr gekommen.“ Der Schloſſermeiſter weit entfernt, irgend einen Zweifel in die Wahrheit dieſer Mittheilungen zuſetzen, fühlte einiges Mitleid mit dem ehemaligen Zahnarzte, zugleich aber auch eine gewiſſe Genugthuung bei dem Gedanken, daß dieſer Mann jetzt ſein Diener war. Er verſchaffte ſich das Vergnügen, den Sohn des Wirklichen Geheimraths ſein Joch fühlen zu laſſen, indem er ihn beauftragte, die Kleider zu reinigen und die Stiefel zu putzen. Als dies geſchehen war, befahl er ihm, ihn zum preußiſchen Konſul zu führen. Der Konſul ließ den Blick lange forſchend auf dem Manne ruhen, der ſich ihm als Bevollmächtigter des Wirthes Bertram Schenk in Köln vorſtellte. Wenn Peter Braun eine ſcharfe Beobachtungsgabe beſeſſen hätte, würde er bemerkt haben, daß er auf den Konſul durchaus keinen günſtigen Eindruck machte, ja, es würde ihm nicht entgan⸗ gen ſein, daß die beiden Schreiber des Konſuls, welche ebenfalls ihn vom Scheitel bis zur Sohle muſterten, gegenſeitig Bemerkun⸗ gen über ihn austauſchten, die keineswegs ſchmeichelhaft zu ſein ſchienen. Der Konſul prüfte die Papiere, welche Braun ihm überreicht hatte, und lud ihn darauf durch einen Wink ein, Platz zu nehmen. „Sie ſind bevollmächtigt, die Erbſchaftsangelegenheit des Schenkwirths Bertram Schenk in Köln zu ordnen,“ ſagte er. „Ich finde dieſe Papiere in Ordnung, begreife aber nicht, daß der Erbe nicht ſelbſt gekommen iſt, da es ſich um eine ſehr bedeutende Summe handelt.“ Peter Braun war auf jede Frage, jeden Einwurf vorbereitet, er hatte während der Ueberfahrt Zeit genug gefunden, über alle möglichen Vorkommniſſe nachzudenken. „Bertram Schenk iſt ein alter und dabei kränklicher Mann,“ erwiderte er ruhig. „Aber er konnte einen ſeiner Söhne hierherſchicken.“ „Gewiß. Indeß würde die lange Reiſe ihre Carriere unter⸗ brochen haben. Bertram Schenk weiß, daß er mir vertrauen darf.“ me be⸗ ind als en war, m zum rrügeln. keinen äfel in Mitleid gewiſſe tzt ſein rllichen ftragte, üßiſchen Manne Bertram beſeſſen entgan⸗ enfalls nerkun⸗ zu ſein berreicht nehwen. eit des gte er. daß der deutende bereitet, der all Mann, unter⸗ 511 T' darf⸗ — 107— Der Konſnl nickte. „Friedrich Schenk, der Erblaſſer, wohnte in Ouro⸗Preto, Provinz Minas Geraes,“ fuhr er fort,„Sie werden dorthin rei⸗ ſen müſſen, um das Erbe in Empfang zu nehmen. Die Beſitzung iſt ſammt dem Inventar und den bedeutenden Viehheerden verſtei⸗ gert worden und die Regierung hat das Geld zur einſtweiligen Aufbewahrung an ſich genommen. Sie kennen die Berechnung der ſpaniſchen Münzen, die hier courſiren, nicht?“ „Nein.“ „Sie ſind auch der ſpaniſchen Sprache nicht mächtig?“ „Ich habe bereits einen Dolmetſcher engagirt.“ „Vertrauen Sie ihm nicht zu ſehr. Ich werde Sie mit den nöthigen Dokumenten ausrüſten und Sie können ſchon morgen die Reiſe antreten. Reiten Sie?“ „Nein.“ „Dann werden Sie einen Wagen nehmen müſſen. Die Ge⸗ ſammtſumme der Erbſchaft beträgt ungefähr achtzigtauſend Dollars. Sie werden wohl thun, ſich mit Waffen zu verſehen, wenn unſere Banditen erfahren, daß Sie eine ſo bedeutende Summe bei ſich führen—“ „Ich werde zu ſchweigen wiſſen.“ „Gehen Sie nicht ſo leicht darüber hinweg, dieſe Leute haben ihre guten Freunde und Spione ſogar unter den Beamten der öffentlichen Behörden.“ Der Schloſſermeiſter konnte ſeine Beſtürzung und Unruhe nicht verhehlen. „Dann wäre es alſo gewiſſermaßen unvermeidlich, mit dieſen Banditen zuſammen zu treffen?“ fragte er. „Allerdings, vorausgeſetzt, daß es Ihnen nicht gelingt, durch Liſt die Pläne dieſer Hidalgos zu durchkreuzen. Sie werden übrigens ſchon in Ouro⸗Preto darauf aufmerkſam gemacht werden, ich gebe Ihnen ein Schreiben an einen mir befreundeten Deut⸗ ſchen mit, der dafür ſorgen wird, daß Sie nicht ohne Schutz die Rückreiſe machen.“ Peter Braun hatte noch manche Frage auf der Zunge, aber der Konſul gab ihm durch einen Wink zu verſtehen, daß er an⸗ derweitig beſchäftigt ſei und deshalb für heute die Unterredung abzubrechen wünſche. „Kommen Sie morgen früh hierher,“ ſagte er,„bis dahin werden die Papiere für Sie bereit liegen.“ Dem Schloſſermeiſter war keineswegs wohl zu Muthe, wenn er an die Gefahren dachte, denen er entgegengehen ſollte. Er ſuchte bei ſeinem Diener Troſt und Ermuthigung, aber der ehe⸗ — 108— malige Zahnarzt ſchien ein beſonderes Intereſſe daran zu haben, die Angſt und Unruhe ſeines Herrn zu erhöhen. Er war unermüdlich in ſeinen Mittheilungen über die Ver⸗ wegenheit und Grauſamkeit der braſilianiſchen Banditen und pro⸗ phezeite ſchon jetzt ſeinem Herrn, daß er nicht allein das Geld, ſondern auch ſein Leben verlieren werde. „Wiſſen Sie, das Geſcheidteſte, was Sie thun können, iſt, daß Sie mir das Geld anvertrauen,“ ſchloß er ſeine Mittheilun⸗ gen.„Die Banditen werden mich, den Diener nicht beachten, während Sie ſich mit Ihnen herumſchlagen, mache ich mich aus dem Staube.“ „Wirklich?“ ſpottete Braun, der ſofort die Abſicht ſeines ſchlauen Dieners errieth.„Sie flüchten ſich mit dem Gelde und mich ermorden—“ „Bewahre! Wenn die Banditen ſehen, daß ſie überliſtet ſind, werden ſie Ihnen aufgeben, für das Löſegeld zu ſorgen und dann kann ich mit ihnen unterhandeln. Wir retten dadurch wenigſtens einen Theil der Summe.“ Peter Braun wies dieſen Vorſchlag ſehr energiſch zurück, die Trefflichkeit der Gründe, welche der ehemalige Zahnarzt für ihn anführte, wollte ihm nicht einleuchten. Er kehrte in den Gaſthof zurück und ſandte ſeinen Diener aus, mit dem Auftrage, einen Wagen für ihn zu miethen. Er bereute bereits, daß er dem ehemaligen Zahnarzt den Zweck ſeiner Reiſe genannt hatte, aber es war nun einmal ge⸗ ſchehen und es blieb ihm nichts übrig, als ſeinen Diener ſcharf zu beobachten und ſich ſo gut wie möglich vor dem Verrath zu ſichern. Ungefähr eine Stunde mochte verſtrichen ſein, als der Diener in Begleitung eines Indianers zurückkehrte. Beim Anblick dieſer hohen, kräftigen Geſtalt konnte der Schloſſermeiſter ſich eines leiſen Entſetzens nicht erwehren. Das wilde, trotzige Geſicht mit dem ſcharfen, durchdringenden Blick, die ſehnigen, muskulöſen Arme, die einen Stier mit einem einzigen Hiebe niederſtrecken konnten, das ſcharfe blitzende Beil und das Scalpiermeſſer, die an dem mit bunten Federn verzierten Gürtel hingen, die drohende, herausfordernde Haltung dieſes braunen Sohnes der Wildniß— das Alles flößte dem Deutſchen, der noch nie einen Indianer geſehen, aber oft genug von ihrer Wild⸗ heit und Grauſamkeit gehört hatte, eine unbeſiegbare Furcht ein. „Ein Häuptling der Corrados,“ ſagte der ehemalige Zahnarzt, den die Furcht ſeines Herrn zu ergötzen ſchien.„Die Corrados ſind ehrliche Leute, treu und gutmüthig, ſo lange ſie nicht gereizt werden.“ haben, Ver⸗ d pro⸗ geld 1, iſ eilun⸗ achten, h aus ſeines de und ſind, 1 und adurch c, die ür ihn Dienet zt den al ge⸗ ſar ath zu Diener te der Das ick, die mäigen nd das Gürtal raunen —, der Wiſd⸗ t ein. hnarzt errados gereiſt — 109— „Du lieber Himmel, was kümmert das mich?“ ſtotterte Braun verwirrt,„bleiben Sie mir doch mit dieſen Menſchen vom Leibe.“ „Dieſer Häuptling hat ſich erboten, mit einigen ſeiner Leute uns das Geleit auf dem Rückwege zu geben,“ fuhr der Diener fort,„ſie thun's billig und laſſen, wenn es ſein muß, das Leben für uns.“ Der Schloſſermeiſter warf einen ſcheuen, verſtohlenen Blick auf den Indianer⸗Häuptling, der mit ernſter, gemeſſener Ruhe vor ihm ſtand und ihn unverwandt anblickte. „Ich will lieber allein reiſen, als in Begleitung dieſes Sub⸗ jekts,“ ſagte er. Der ehemalige Zahnarzt unterhielt ſich eine geraume Weile mit dem Häuptling in ſpaniſcher Sprache, die lebhaften Geſtiku⸗ lationen und die laute eindringliche Stimme des letzteren ließen Peter Braun errathen, daß der Indianer ſehr triftige Gründe für ſeine Begleitung vorbrachte. „Er ſagt, die Corrados ſeien ehrlich, treu und tapfer,“ wandte der Diener ſich wieder zu ſeinem Herrn,„der weiße Mann dürfe ihnen vertrauen. Er fordert nach preußiſchem Gelde ungefähr ſechszig Thaler—“ „Und wenn er's umſonſt thäte, ich will ſeine Begleitung nicht!“ rief der Schloſſermeiſter erregt. Der Indianer verſtand die Worte nicht, aber er errieth ihren Sinn. Er näherte ſich langſam dem kleinen, unterſetzten Manne und legte ſeine Hand auf den rothbehaarten Schädel deſſelben. Peter Braun aber fuhr zurück, als ob eine Tarantel ihn ge⸗ ſtochen habe, ſeine Seele durchfuhr blitzſchnell die Ahnung, der entſetzliche Menſch beabſichtige nichts Anderes, als ſich ſeiner Kopf⸗ haut zu bemächtigen. Feodor von Wevelinghofen lachte laut auf, und dieſes Lachen vermehrte das Entſetzen des geängſteten Schloſſermeiſters. Er ſtürzte zum Glockenzuge und läutete, als ob er die Todten aus den Gräbern erwecken wolle. Mehrere Kellner ſtürzten herbei, je mehr ihrer kamen, deſto toller wurde das Lachen des ehemaligen Zahnarztes. Der Irdianer ſtand ruhig inmitten des Tumults, er hatte die Unterlippe zwiſchen die Zähne gepreßt, ſeine glühenden Augen ſchienen den rothhaarigen Deutſchen durchborhen zu wollen. „Befreit mich von dieſem Scheuſal!“ ſchrie Peter Braun. „Hinaus mit dem Mörder und Räuber!“ Feodor trat raſch auf ſeinen Herrn zu. „Treiben Sie's nicht zu weit,“ flüſterte er warnend.„Dieſe Indianer ſind brave Leute, aber wenn ſie gereizt werden— — 110— „Hinaus! Hinaus!“ riefd er Schloſſermeiſter in wachſender Er⸗ regung.„Wenn er nicht gutwillig gehen will, ſo—“ Er beendete den Satz nicht, der Blick, den der Indianerhäupt⸗ ling ihm zuwarf, machte ihn erbeben. Neben einer würdevollen Hoheit und einer tiefen Verachtung ſpiegelte ſich in dieſem Blick eine Gluth des Haſſes, die den Schloſſermeiſter erkennen laſſen mußte, daß er dieſen Mann tödt⸗ lich beleidigt hatte. Der Häuptling der Corrados legte die Hand auf den Stiel des Beils, welches an ſeinem Gürtel hing, und ging dann langſam hinaus. Die Kellner, welche im erſten Augenblick ihn umringt hatten und große Luſt bezeigten, dem Befehle des Gaſtes Folge zu leiſten, wichen ſchüchtern zurück, ſie wagten nicht, den Sohn der Wildniß anzugreifen. „Mein Gott, was haben Sie gethan?“ ſagte der ehemalige Zahnarzt beſtürzt, als der Indianer ſich entfernt hatte.„Wiſſen Sie auch, daß Sie dieſen Mann tödtlich beleidigt haben?“ „Wenn ich das gethan habe, ſo ruht die Verantwortung allein auf Ihnen,“ erwiderte Braun, der noch immer nicht ſeine Erre⸗ gung bemeiſtern konnte.„Ich habe Sie nicht beauftragt, mit dieſem Scheuſal zu unterhandeln.“ Feodor von Wevelinghofen ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Habe ich Ihnen denn nicht geſagt, daß dieſer Häuptling ein Ehrenmann ſei, dem man Vertrauen ſchenken dürfe?“ verſetzte er. „Glauben Sie mir, hier ſind die Indianer ehrlicher, wie die Weißen, und wenn man ihnen die Rechte einräumen wollte, die ſie beanſpruchen dürfen, ſo würden wir wahrhaftig nicht ſchlecht dabei fahren. Sie haben einen Ehrenmann ein Scheuſal, einen Räuber und Mörder genannt—“ „Bah— er hat's nicht verſtanden!“ „Er hat in Ihrem Geſicht die Beleidigung geleſen und was er nicht verſtanden hat, das haben die Kellner ihm verdolmetſcht. Eine ſolche Beleidigung aber vergißt und verzeiht ein Indianer nie.“ „Meinetwegen,“ brummte Peter Braun verdrießlich. „Ah— Sie denken, er könne Ihnen nicht ſchaden?“ „So denke ich allerdings.“ „Wir werden ſehen.“ „Scheeren Sie ſich zum Kuckuck, Herr!“ rief der Schloſſer⸗ meiſter gereizt.„Sie liegen mit dem ganzen Geſindel unter einer Decke!“ Der ehemalige Zahnarzt näherte ſich langſam der Thüre. „Sie haben mich engagirt, und ich bleibe bei Ihnen,“ ſagte er ruhig,„Ihre Beleidigungen treffen mich nicht, denn ein Menſch d — 111— wie Sie kann mich nicht beleidigen. Wenn Sie auf meinen Rath, auf meine Warnungen keinen Werth legen, ſo iſt das Ihre Sache und die Folgen werden Sie allein treffen. Später aber werden Sie einſehen, daß meine Anſichten gut waren und daß die Beſchul⸗ digung, ich liege unter einer Decke mit dieſem Geſindel, aus der Luft gegriffen iſt.“ Er ging ſtolz, mit hoch erhobenem Haupte hinaus und über⸗ ließ es ſeinem Herrn, über ſeine guten oder böſen Abſichten nach⸗ zudenken. Peter Braun zuckte gleichmüthig die Achſeln, er fürchtete den Häuptling der Corrados weniger wie die braſilianiſchen Banditen. Siebenzehntes Kapitel. Ein Schurke überliſtet den andern. Als Peter Braun am nächſten Tage in das Bureau des Kon⸗ ſuls trat, um die nöthigen Papiere zur Erhebung der Erbſchaft in Empfang zu nehmen, bemerkte er, daß der Konſul unfreundlicher und förmlicher, wie am Tage vorher war. „Die Papiere liegen bereit,“ ſagte der Letztere,„ich werde Ihnen einen zuverläſſigen Herrn mitgeben, der an Ort und Stelle Ihnen mit Rath und That zur Seite ſtehen wird.“ Der Schloſſermeiſter verbeugte ſich. Er ahnte nicht, welchen geheimen Auftrag dieſer Begleiter hatte. „Auch iſt heute Morgen mit dem Dampfer, der Sie hierher brachte, ein Brief für Sie angekommen,“ fuhr der Konſul fort, und der Ton, in welchem er das ſagte, klang gedehnt, juſt, als ob der Konſul von dieſen Worten einen ſehr bedeutenden Eindruck erwarte.„Kennen Sie die Handſchrift?“ Peter Braun war überraſcht, er warf einen Blick auf die Adreſſe, ſie trug die Handſchrift des Wucheres Jakob Herz. „Sie werden die Handſchrift kennen,“ wiederholte der Konſul, dem die Ueberraſchung des Schloſſermeiſters nicht entgangen war. „Jedenfalls enthält der Brief geheime Inſtructionen, die erſt hier Sie erreichen ſollten.“ Peter Braun legte den Brief uneröffnet in ſein Portefeuille, den Inhalt deſſelben erfuhr er ja immer noch früh genug. „Sie haben einen Wagen gemiethet?“ fragte der Konſul. „Mein Diener hat dafür geſorgt.“ — 112— „Gut, der Herr, der Sie begleitet, wird die Reiſe zu Pferde machen.“ „Ich glaube, dieſe Begleitung iſt unnöthig,“ warf der Schloſſer⸗ meiſter ein,„ſie vermehrt die Koſten—“ „Und bürgt für Ihre Sicherheit,“ unterbrach der Konſul ihn ruhig.„Wann wollen Sie abreiſen?“ „Sofort.“. „Warten Sie bis heute Abend.“ „Wenn Sie es wünſchen—“ „Allerdings.“ „So ſei es.“ Peter Braun kehrte in den Gaſthof zurück. Je länger er über die Worte und das kalte, abgemeſſene Be⸗ nehmen des Konſuls nachdachte, deſto mehr fühlte er ſich beunruhigt. Hatte Jakob Herz an ihn geſchrieben und ihn gebeten, den Bevollmächtigten zu überwachen? Das war allerdings ſehr wahrſcheinlich, der Brief des Wu⸗ cherers hatte das Mißtrauen des Konſuls geweckt und ihn veran⸗ laßt, dem Bevollmächtigten die Begleitung eines Vertrauensmannes aufzudrängen. Dieſe Vermuthung gewann an Wahrſcheinlichkeit, als Peter Braun den Inhalt des empfangenen Briefes las. Jakob Herz machte in dieſem Briefe ihn darauf aufmerkſam, daß er ſofort für das Geld Wechſel einzukaufen und ihm dieſe einzuſenden habe. Er ſtellte ihm ferner frei, entweder zurückzu⸗ kehren oder in Braſilien zu bleiben, im erſtern Falle ſollte er den bedungenen Lohn nach ſeiner Rückkehr erhalten, im andern Falle wollte der Wucherer ihm nach Erhalt der Wechſel die ver⸗ ſprochene Summe ſofort überſenden. Auch hierüber hatte Braun während der Ueberfahrt ſehr reif⸗ lich nachgedacht. Wenn er die ganze Summe für ſich behielt, Braſilien ver⸗ ließ und in einem andern Theile Amerika's ſich anſiedelte, was konnte Jakob Herz ihm anhaben? Der Wucherer durfte ihn nicht verfolgen, that er es und ließ er ſich ſogar verleiten, ihn des Betrugs und der Unterſchlagung zu beſchuldigen, ſo fiel dieſe Beſchuldigung auf ihn ſelbſt zurück, er war ja ſelbſt in dieſer Sache ein Fälſcher und Betrüger. „Ich ſehe nicht ein, was mich bewegen könnte, dieſen Mann ſo ehrlich zu bedienen,“ murmelte er, während er in ſeinem Zimmer gedankenvoll auf⸗ und abwanderte,„er ſelbſt iſt ein Be⸗ trüger, ein Schuft, der den Galgen verdient hat. Ich ſoll die Gefahren beſtehen, mein Leben dabei auf's Spiel ſetzen und mich nachher mit einem Bettelgroſchen begnügen?— Bah— wer das — 113— Kreuz in der Hand hat, ſegnet ſich und ich wär' ein Narr, wenn ich's nicht thäte!“ Er blieb am Fenſter ſtehen und blickte lange ſchweigend hinaus. „Abgemacht,“ fuhr er endlich fort,„ich kaſſire das Geld ein, ſchiffe mich ein, um den Konſul nicht auf arge Gedanken zu bringen und laſſe mich irgend an einer Küſte an's Land ſetzen. Von da ſegle ich nach New⸗York und bin ich einmal in Nord⸗ amerika, ſo ſoll meine Spur raſch verwiſcht ſein. Mit achtzig⸗ tauſend Dollars kann ich meine Zukunft ſicher ſtellen, wenn Jakob Herz einen Andern um dieſe Summe betrügen will, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb ich nicht das Recht habe, ihn auch um das Geld zu betrügen.“ Nachdem der Schloſſermeiſter dieſen Vorſatz reiflich überlegt und die Ausführung deſſelben beſchloſſen hatte, zerriß er den Brief des Wucherers, um an dieſen Mann durch Nichts mehr erinnert zu werden. Seine einzige Sorge war jetzt noch die Furcht vor den Ban⸗ diten, und es reute ihn faſt, daß er das Anerbieten des Indianer⸗ häuptlings nicht angenommen hatte. Am Abend fand der Herr, den der Konſul ihm zum Begleiter erkoren hatte, ſich ein. Sennor Olivarez war ein junger, hübſcher Mann von hohem, ſchlanken Wuchs, einem kräftigen Körperbau und einnehmenden, intelligenten Zügen. Er trug auf dem Rücken eine Doppelbüchſe und im Gürtel einen Revolver nebſt einem ſehr fein gearbeiteten Dolch; die Cleganz ſeiner Kleidung ließ erkennen, daß er nicht zu der dienen⸗ den Klaſſe zählte. Er war ein vortrefflicher Reiter, und das Pferd, auf welchem er die Reiſe zu machen gedachte, war ein flinkes Thier von prächtigem Wuchs und unermüdlicher Ausdauer. Peter Braun empfand gegen dieſen jungen Mann ein Miß⸗ trauen, für welches er ſchwerlich Gründe anführen konnte, umſo⸗ weniger, als Sennor Olivarez in ſeinem Auftreten und Weſen etwas Offenherziges und Zutrauliches hatte, welches jeden Andern für ihn eingenommen haben würde. Der Wagen ſtand vor der Thüre; Peter Braun berichtigte ſeine Zeche und nahm an der Seite ſeines Dieners Platz, der ſich erlaubt hatte, ſchon vor ſeinem Herrn den Wagen zu beſteigen. Es war eine wunderbar ſchöne Reiſe, aber Peter Braun hatte keinen Sinn für die Naturſchönheiten, die ihn umgaben. Er beobachtete kaum die herrlichen Tropenpflanzen mit ihren mährchenhaften Blüthen, die dichten, ſchattigen Wälder mit ihrem Fünfmal hunderttauſend Thaler. 8 — 114— berauſchenden Duft, die in allen Farben ſchillernden Vögel, das reine azurne Blau des Himmels und die wunderbare Schönheit der Nacht, er dachte einzig und allein an das Gold, welches ihn erwartete, an die Luftſchlöſſer, die er für die Zukunft baute. Feodor unterließ nicht, ihn bald auf Dieſes, bald auf Jenes aufmerkſam zu machen und Sennor Olivarez, der neben dem Wagen ritt, bemühte ſich, die nöthigen Erklärungen zu geben, aber der Schloſſermeiſter legte nicht das geringſte Intereſſe für dieſe Schönheiten an den Tag. Er ſchenkte keinem ſeiner Begleiter Vertrauen, weder ſeinem Diener, noch dem Sennor, noch dem Creolen, der den Wagen führte, und er dachte ſchon jetzt darüber nach, ob und auf welchem Wege er ſich in Ouro Preto dieſer Begleiter entledigen könne. Wäre nur die Furcht vor den Banditen nicht geweſen, er würde ſich ſofort entſchloſſen haben, nach Empfang des Geldes von Ouro Preto heimlich abzureiſen und ſeinen Begleitern das Nachſehen zu laſſen. Seine Verſtimmung und ſeine Schweigſamkeit weckten in der Seele des ehemaligen Zahnarztes mancherlei Vermuthungen. Er wollte den Grund erforſchen und lenkte deshalb am zwei⸗ ten Tage der Reiſe das Geſpräch auf den Häuptling der Corrado's. Peter Braun ging über die Vermuthung, daß der Indianer ſich wegen der ihm widerfahrenen Schmach rächen könne, mit einer an Verachtung grenzenden Gleichgültigkeit hinweg. „Was vermag dieſes Geſindel?“ erwiderte er geringſchätzend. „Die Indianer ſind nicht mehr das, was ſie waren, ſie müſſen zufrieden ſein mit den Broſamen, die von den Tiſchen der Weißen fallen.“ Sennor Olivarez ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Wer Ihnen das geſagt hat, war ſehr ſchlecht unterrichtet,“ verſetzte er,„haben wir auch die Indianer weit zurückgedrängt und decimirt, ſie ſind noch immer mächtig genug, eine Belei⸗ digung zu rächen. Sie hätten nicht ſo ſchroff und brutal auf⸗ treten ſollen, mein Herr, um ſo mehr, als eine Urſache dazu nicht vorhanden war. Die Indianer haben die Treue, aber auch die Wildheit eines Hundes, es kommt nur darauf an, wie man ſie behandelt.“ Peter Braun legte achſelzuckend die Hand auf den Kolben ſeines Revolvers. „Was könnte er, der Einzelne, gegen uns ausrichten?“ ſagte er zuverſichtlich, aber das letzte Wort war kaum über ſeine Lippen, als der Creole mit einem Ruf des Entſetzens von ſeinem Sitz emporfuhr. Sennor Olivarez, wohl wiſſend, daß der Führer des Wagens de — 115— dieſen Schrei nicht ausgeſtoßen haben würde, wenn nicht triftige Gründe dafür vorhanden wären, riß die Büchſe von der Schulter. „Die Indianer!“ ſagte er. Peter Braun hatte ſeine Ruhe und Zuverſicht vollſtändig verloren. Er ſah in der Ferne einen Trupp von mindeſtens zwanzig dieſer Rothhäute auf ihren flinken Pferden heranſprengen, er wagte jetzt nicht mehr, zu fragen, was ſie gegen ihn und ſeinen Revolver ausrichten könnten. Ja, er vergaß ganz, daß er im Beſitz einer Waffe war, und es war in der That auch überflüſſig, ſich deſſen zu erinnern, denn die Uebermacht war zu groß, als daß man ſich der Hoffnung hätte hingeben können, in einem Kampfe mit ihnen den Sieg davon zu tragen. Sennor Olivarez ſprach das unverholen aus. „Es ſind die Corrados,“ ſagte er,„wenn ſie mit uns anbinden wollen, ſo können wir nichts Beſſeres thun, als uns zu ergeben.“ „Zum Teufel, das iſt ein ſchöner Schutz, den der Konſul mir aufgedrungen hat,“ fuhr Braun auf, als Feodor ihm die Anſicht des Sennor's verdolmetſcht hatte.„Wenn wir den Häuptling niederſchießen, ſo—“ „So ſind wir ſämmtlich verloren,“ unterbrach Feodor ihn raſch.„Vergießen wir das Blut eines Einzigen, ſo dürfen wir getroſt unſer Teſtament machen.“ „Und wenn wir uns ergeben?“ „Retten wir wenigſtens das Leben.“ Die Indianer hatten inzwiſchen den Wagen erreicht, Peter Braun bemerkte, daß der Häuptling, der durch ihn ſo ſchwer gekränkt worden war, ſich an ihrer Spitze befand. Sennor Olivarez ritt ihnen entgegnen, der Trupp machte Halt und der Häuptling unterhielt ſich lange und lebhaft mit dem Spanier. Plötzlich ſtürzten ſich die Indianer mit einem wilden betäu⸗ benden Geſchrei auf den Wagen, aber nicht den Paſſagieren, ſon⸗ dern den Pferden und dem Wagen galt ihr Angriff. Der Schloſſermeiſter und deſſen Diener wurden von dem Wagen hinuntergeſchleudert und als ſie ſich von dem Sturz erholt und erhoben hatten, ſahen ſie in weiter Ferne die Indianer mit dem Wagen und den Pferden davonjagen. Sennor Olivarez ſaß noch im Sattel, ein ironiſches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „Hoffentlich wird dieſe Lehre Ihnen genügen,“ ſagte er,„der Häuptling hatte es nur auf dieſe Rache abgeſehen, obſchon er, wie er mir ſagte, tödtlich beleidigt worden iſt.“ „Eine ſchöne Rache!“ verſetzte Braun gereizt.„Die Rache eines Schulbuben!“ 8*⅔ —— — 116— „Sie werden ihre Bedeutung empfinden, wenn wir einige Stunden marſchirt haben,“ erwiderte der ehemalige Zahnarzt mit ſtoiſcher Ruhe.„Wir haben noch eine weite Strecke zu wandern, ehe wir an Ort und Stelle ſind, und es iſt nicht daran zu denken, daß wir unterwegs einen Wagen oder Pferde finden.“ iite⸗ „So trifft dieſe Rache auch Sie!“ ſagte der Schloſſermeiſter mit einer gewiſſen Genugthuung. „Durchaus nicht, ich bin an ſolche Strapazen gewöhnt und wenn ich mich zu ſehr ermüdet fühle, wird der Sennor mir gerne für einige Stunden ſein Pferd anvertrauen, da Sie nicht reiten können, ſo—“ „Hol der Teufel dieſes Geſindel!“ rief Braun bebend vor Wuth.„Hätte ich nur den Schuft niedergeſchoſſen!“ „Ich kann Ihnen nur wiederholen, was Sennor Olivarez vorhin ſagte,“ warnte Feodor,„laſſen Sie es ſich zur Lehre dienen und begegnen Sie dieſen Leuten in Zukunft höflicher.“ Der Schloſſermeiſter ſchwieg, aber der finſtere, feindſelige Ausdruck ſeines Geſichts verrieth, daß er ohne Zögern den Häupt⸗ ling erſchoſſen haben würde, wenn er in dieſem Augenblick ihm gegenüber geſtanden hätte. Es war ein weiter, beſchwerlicher Marſch, oft glaubte Peter Braun, umſinken zu müſſen, dann aber drang Sennor Olivarez ohne Erbarmen auf Fortſetzung der Reiſe und der Schloſſermeiſter mußte ſeine letzten Kräfte wieder anſpornen, wenn er nicht allein in dem fremden Lande zurückbleiben wollte. Jetzt erſt lernte er die Rache des Häuptlings in ihrer ganzen Bedeutung und ihrem ganzen Umfange kennen, aber weit entfernt, daraus eine Lehre zu ziehen, vermaß er ſich hoch und theuer, dem rothhäutigen Geſindel dieſe Rache entgelten zu laſſen. Nur Eins vermochte ihn zu tröſten und zu ermuthigen, der Gedanke an den Reichthum, der ihn erwartete, und er war jetzt feſter denn zuvor entſchloſſen, dieſen Reichthum ganz und allein für ſich zu behalten. Nach einer bangen, mit vielen Gefahren und Strapazen ver⸗ knüpften Wanderung kamen die Drei in Ouro Preto an. Sennor Olivarez begleitete den Schloſſermeiſter zu dem Beamten, in deſſen Händen die Erbſchaftsangelegenheit ruhte. Er gab dort ſeine Papiere und Briefe ab und forderte Braun A auf, ebenfalls ſeine Vollmacht vorzulegen. Der Beamte prüfte die Papiere lange und hielt dann eine ebenſo lange Unterredung mit dem Sennor, ohne der wachſenden Ungeduld des Schloſſermeiſters die geringſte Beachtung zu ſchenken. „Was haben die Beiden ſo angelegentlich miteinander zu ver⸗ handeln?“ fragte Peter Braun ſeinen Diener, der ſehr aufmerk⸗ ſam zuhörte.„Macht der Beamte vielleicht Schwierigkeiten?“ — 117— „Durchaus nicht,“ erwiderte Feodor,„Sennor Olivarez wünſcht, für die Summe Wechſel auf New⸗York oder London zu kaufen und pflegt darüber Rath mit dem Beamten.“ Dem Schloſſermeiſter ſchoß das Blut in die Wangen. „Was kümmert ihn das?“ fuhr er auf.„Das iſt meine Sache, ich bin allein berechtigt, das Geld in Empfang zu nehmen.“ Der Sohn des Wirklichen Geheimraths ſchüttelte bedeutſam das Haupt. „Das ſcheint mir nun doch nicht der Fall zu ſein,“ ſagte er, „der Sennor tritt ſo entſchieden und ſelbſtſtändig auf, als ob er allein der Univerſalerbe ſei.“ „So ſagen Sie ihm, ich wünſche, daß er mir überlaſſe, das Geld nach meinem eigenen Gutdünken zu verwenden,“ erwiderte Braun, in deſſen Seele bange Ahnungen aufſtiegen;„ich bin be⸗ vollmächtigt, das Geld zu empfangen und nicht geneigt, mich bevormunden zu laſſen.“ Feodor theilte dem Sennor den Wunſch des Schloſſers mit. Sennor Olivarez überreichte darauf dem Bevollmächtigten einen Brief. Peter Braun erſchrack, er erkannte die Handſchrift des Wucherers Jakob Herz und errieth augenblicklich, was dieſer Brief enthielt. Jakob Herz theilte darin dem Konſul mit, er ſei von dem Schenkwirth Bertram Schenk laut beigefügtem Dokument bevoll⸗ mächtigt, die Erbſchaft in Empfang zu nehmen. Da Bertram Schenk ſeinem erſten Bevollmächtigten Peter Braun kein beſon⸗ deres Vertrauen ſchenke, er aber auch wünſche, daß eine ſo große Geldſendung nicht an ihn adreſſirt werde, für welchen Wunſch er ſehr triftige Gründe habe, ſo bitte er den Konſul, das Geld in Empfang zu nehmen und für den ganzen Betrag, mit Ausnahme von fünfhundert Dollars, gute Wechſel auf London, Paris und New⸗York zu kaufen und dieſe an Jakob Herz zu adreſſiren, der den Auftrag habe, die Wechſel einzuziehen und das Geld dem Erben auszuzahlen. Die fünfhundert Dollars möge der Konſul in Baar dem Bevollmächtigten Braun zur Rückreiſe überreichen. Dem Brief ſelbſt lag die notarielle Vollmacht Bertram Schenks bei. Im erſten Augenblick wollte der Schloſſermeiſter in ſeiner Wuth darüber, daß er überliſtet war, den ganzen Betrug ent⸗ decken, aber er war klug genug, ſich eines Beſſern zu beſinnen. Wenn er dieſen Vorſatz ausführte, ſo entlarvte er ſich ſelbſt als den Mitſchuldigen des Betrügers und es ſtand zu erwarten, daß er die Strafe theilte, welche den Wucherer traf. Zudem blieb ihm ja noch immer, außer den fünfhundert Dollars, die Möglich⸗ keit, den Wucherer zur Zahlung einer größeren Summe zu zwingen. — 118— Dieſe Gründe bewogen ihn zu ſchweigen, aber ſeine Seele erfüllte ein glühender Haß gegen den Wucherer. Sennor Olivarez hatte inzwiſchen ſeine Unterhaltung mit dem Beamten beendet, er ließ durch Feodor dem Schloſſermeiſter mit⸗ theilen, daß er die Angelegenheit ordnen und ihm die fünfhundert Dollars am nächſten Tage auszahlen werde. Peter Braun verſuchte zwar, noch einmal Proteſt dagegen zu erheben, aber er mußte vorausſehen, daß dieſer Proteſt als un⸗ begründet zurückgewieſen wurde. Von Feodor begleitet kehrte er in den Gaſthof zurück. Der ehemalige Zahnarzt, der die Sachlage errieth, ſuchte ihn zu beruhigen, indem er ihn darauf aufmerkſam machte, daß die Gefahr, den Banditen in die Hände zu fallen, nun bedeutend ver⸗ ringert ſei, aber Peter Braun wollte in ſeiner wachſenden Wuth von dieſem Troſte nichts wiſſen. Er war entſchloſſen, mit dem nächſten Schiffe nach Europa zurückzukehren und den Wucherer durch Drohungen zur Zahlung einer bedeutenden Summe zu zwingen, daß ihm das gelingen mußte, bezweifelte er durchaus nicht. Es ſollte anders kommen, wie er dachte und hoffte. Peter Braun hatte eben ſich hingeſetzt, um zu Nacht zu ſpeiſen, als plötzlich die Thüre geöffnet wurde und der Häuptling der Corrado's auf der Schwelle erſchien. Beim Anblick dieſes Mannes, der ihm ſo viele Strapazen und Gefahren bereitet hatte, loderte die Wuth des Schloſſermeiſters in wilder Gluth empor. Er ſprang von ſeinem Sitz auf und ergriff den Revolver, der vor ihm auf dem Tiſche lag. Feodor, das Vorhaben ſeines Herrn ahnend, warf ſich entſetzt zwiſchen ihn und den Indianer, der ruhig, ohne eine Miene zu verziehen, ſtehen blieb. „Mäßigen Sie ſich, das Geſchehene ändern Sie nicht!“ rief er in ernſtem, eindringlichem Tone.„Wenn Sie nur ein Haar auf dem Haupte dieſes Mannes krümmen, ſind Sie verloren.“ „Fort!“ ſchrie Braun, unfähig, ſich zu bemeiſtern,„dieſes Räubergeſindel muß vom Erdboden vertilgt werden.“ Der Indianerhäuptling erhob abwehrend den Arm und for⸗ derte durch einen gebieteriſchen Wink ſeinen Gegner auf, die Waffe ſinken zu laſſen.. „Er wird Ihnen noch einmal ſeine Begleitung anbieten wollen,“ ſagte Feodor.„Wenn Sie dieſelbe nicht wünſchen, ſo nenne ich ihm ruhig die Gründe, welche ſeinen Schutz unnöthig machen.“ „Hinaus mit dem Schuft!“ rief Peter Braun.„Wenn er ſich nicht augenblicklich entfernt, ſchieße ich ihn nieder.“ ein ß die ver⸗ Wuth roopa lung ingen eiſen, der pazen iſters det — 119— Feodor wandte ſich zu dem Indianer, deſſen dunkle, blitzende Augen den Schloſſermeiſter durchbohren zu wollen ſchienen. Er ſprach haſtig einige Worte mit ihm; der Häuptling ſchüttelte ablehnend das Haupt. War es Zufall, oder Abſicht, in dieſem Augenblick krachte der Schuß! Die Kugel ſtreifte den Kopfputz des Indianers, die zer⸗ ſchoſſenen Federn bedeckten den Fußboden. Mit einem Schrei des Entſetzens ſtürzte Feodor auf ſeinen Herrn zu, um ihm die Waffe zu entreißen; der Häuptling war kaltblütig ſtehen geblieben. Peter Braun ließ die Waffe ſinken, eine Ahnung ſagte ihm, daß dieſer Schuß böſe Folgen haben werde. Und er fand die Beſtätigung dieſer Ahnung in dem finſtern, drohenden Geſicht des Indianers, der ihm einen Blick des glü⸗ hendſten Haſſes zuſchleuderte und darauf langſam ſich entfernte. „Mein Gott, was haben Sie gethan!“ ſagte Feodor vor⸗ wurfsvoll.„Sie haben dieſen Mann, der friedlich zu Ihnen kam, der nicht die mindeſte feindſelige Abſicht gegen Sie hegte, meuch⸗ lings erſchießen wollen—“ „Friedlich?“ unterbrach Braun ihn höhnend.„Ich denke doch, dieſes Subjekt hat genugſam bewieſen, daß es keine friedlichen Abſichten hegt.“ „Sie konnten ſich damit begnügen, ſeine Begleitung abzu⸗ lehnen.“ „Nun habe ich ihm gezeigt, daß ich ihn nicht fürchte.“ „Und das wird böſe Folgen haben.“ „Bah— ich fürchte ſie nicht.“ Peter Braun ſprach nicht, wie er dachte. Er wollte ſich den Anſchein eines bis zur Verwegenheit muthigen Mannes geben, aber er zitterte bei dem Gedanken an die Rachſucht des gereizten Indianers. Er bereute ſeine Tollkühnheit und doch wollte er dieſe Reue nicht zeigen. Am nächſten Tage erklärte Sennor Olivarez ihm, er könne das Geld ihm erſt in einigen Tagen zahlen, da der Beamte in Bezug auf die Aushändigung der Erbſchaft Schwierigkeiten erhebe, die zuvor beſeitigt werden müßten. Dem Schloſſermeiſter war der Aufſchub unangenehm, aber er mußte ſich gedulden. Um die Langeweile fern zu halten, machte er einen Spazier⸗ gang, und ſo ſehr Feodor ihm auch abrieth, die Stadt zu ver⸗ laſſen, that er es dennoch, um den Gold⸗ und Diamantgruben in der Umgegend einen Beſuch abzuſtatten. — 120— Aber kaum hatte er die letzten Häuſer der Stadt hinter ſich, als er plötzlich ſich von einem Trupp Indianer umringt ſah. Im Nu hatte einer dieſer Rothhäute ihm eine Schlinge über den Kopf geworfen, die er ſo feſt zuzog, daß der Gefangene keinen Laut von ſich geben konnte. Im nächſten Augenblick lag er an Händen und Füßen gefeſſelt auf dem Rücken eines Pferdes und mit lautem Geſchrei jagten die Rothhäute mit ihm von dannen. Achtzehntes Kapitel. Die Brant des Armen. Das Feſt der Weihnachten war gekommen. Auch im Hauſe des Bankiers Otto Schirmer wurde der Chriſt⸗ baum geſchmückt; der alte Herr liebte es, dieſes Feſt in derſelben Weiſe zu feiern, wie es im Hauſe ſeiner Eltern, in den ſchönen, unvergeßlichen Jahren ſeiner Kindheit gefeiert worden war. Wenn die Wachslichtchen brannten und Tante Thereſe durch die Schelle das Zeichen gab, daß Alles bereit ſei; wenn dann der Bankier mit ſeinen Kindern in das hell erleuchtete Zimmer eintrat und ſein Blick auf den geſchmückten, im Lichtglanz ſtrahlenden Baum und den mit Geſchenken beladenen Tiſch fiel, dann glaubte er ſich in die eigene Kindheit zurückverſetzt und ſein Herz durch⸗ ſtrömte wieder der ganze Zauber der Jugend mit Blüthenduft und Sonnenſchein. Er liebte es, an dieſem heiligen Abend zu überraſchen und überraſcht zu werden, er freute ſich auf dieſe Ueberraſchungen ſchon Wochen lang voraus, und er ſuchte Alles zu vermeiden und zu beſeitigen, was ihm die Freude hätte trüben können. Und wie der Vater, ſo auch die Kinder. Alfred und Eugenie konnten ſich ein Weihnachtsfeſt ohne Chriſtbaum und Ueberraſchungen nicht denken. Tante Thereſe hatte dann freilich alle Hände voll. Sie mußte den Baum ſchmücken und die Geſchenke ordnen, ſie mußte die Vertraute jedes Familiengliedes ſein und was das eine ihr anvertraute, durfte ſie dem andern nicht verrathen. Sie mußte in Küche und Keller wirthſchaften, den großen Weihnachtskuchen und manches andere Feſtgebäck backen, ſie mußte das Haus vom Dache bis zum Keller reinigen laſſen und oft ſich h. über keinen feſſelt jagten ahriſt⸗ ſelben önen, durch n der ntrat enden aubte durch⸗ enduft und ſchon id zu ohne — 121— bis ſpät in die Nacht hinein, wirthſchaften— ſie wußte manch⸗ mal ſelbſt nicht, wo ſie beginnen und wo ſie beenden ſollte. Das war ein Leben, ein Wirthſchaften, ein Heimlichthun, daß es dem alten Herrn oft ſchwül in ſeinen eigenen Räumen wurde und er das Haus verlaſſen mußte, um ſich in irgend einer ſtillen Weinſchenke zu erholen und zu ſammeln, aber ohne dieſes Geſchwirre, dieſes Trepp⸗auf⸗ und abrennen, dieſes Flüſtern und Verbergen hätte auch er keine rechte Freude an dem Feſte gehabt. Das Alles war nun auch in dieſem Jahre geſchehen, nur mit dem Unterſchiede, daß Eugenie nicht die rege, lebhafte Theilnahme wie in den früheren Jahren gezeigt hatte. Sie war ſtill, in ſich gekehrt, oft ſaß ſie ſtundenlang in träu⸗ mendem Sinnen verſunken, oft auch zeigte ſie eine Heiterkeit, die etwas Erzwungenes, Unnatürliches hatte. Otto Schirmer war ſchon oft im Begriff geweſen, mit Tante Thereſe darüber zu reden, aber die kleine runde Dame wich einer Antwort auf jede Frage, welche dieſen Punkt berührte, aus, und es lag in der Natur der Sache, daß dieſes Ausweichen den alten Herrn nur noch mehr beunruhigte. Als nun Alfred von der Univerſität eintraf, um die Weih⸗ nachtsferien bei ſeinen Angehörigen zu verbringen, war es das Erſte, was der Bankier that, daß er ihn bat, den Grund jener Einſilbigkeit und Träumereien zu erforſchen. Alfred kannte dieſen Grund ſehr bald, Eugenie nahm keinen Anſtand, dem Freunde ihres Geliebten ihn mitzutheilen. Der junge Mann ſchätzte und achtete den Freund und wenn er auch ſeiner Schweſter nicht verhehlte, daß ihre Wahl ihrem Stande nicht entſpreche, und daß ſie manches Hinderniß antreffen werde, bevor ſie das erſehnte Ziel erreiche, ſo konnte er doch dieſe Wahl auch nicht mißbilligen. Otto Schirmer ſchüttelte ſehr bedenklich das Haupt, als ſein Sohn ihm das Reſultat ſeiner Unterredung mit der Schweſter mittheilte, aber er beruhigte ſich bald mit der Hoffnung, daß dieſe Liebe nicht Stand halten werde. leſ Einſtweilen wollte er durch ſie die Feſtfreude ſich nicht trüben aſſen. Es war ein ſchöner Abend, reich an Freude und Glück. Der ſchön geſchmückte, im blendenden Lichtglanz ſtrahlende Baum ſtand in der Mitte des mit einfacher, ſolider Eleganz ein⸗ gerichteten Zimmers und in dieſem Lichtmeere wanderten vier glückliche Menſchen von Tiſch zu Tiſch, um ſich an den eigenen Gaben und der Freude der Anderen zu erfreuen. Tante Thereſe war die Aufopferung ſelbſt, ſie eilte hinaus, — 122— um Vergeſſenes herbeizuholen, ſie trat wieder ein, um die bren⸗ nenden Wachslichtchen zu überwachen und ihr Backwerk anzu⸗ bieten. Der Bankier erquickte ſein Herz an der Freude ſeiner Kin⸗ der, die manchen geheimen Wunſch erfüllt fanden, ohne ſich erin⸗ nern zu können, daß ſie ihn je ausgeſprochen hatten. Er war ſelbſt wieder ein Kind geworden, der alte Herr, und er ſchämte ſich der Thränen nicht, die ihm in die Augen ſchoſſen, als er auf den Lippen ſeiner Tochter nach langer Zeit wieder ein Lächeln des Glücks bemerkte. „Wie herzensgut Du biſt!“ ſagte Eugenie bewegt, während ſie den Vater umarmte, und einen Kuß auf ſeine Stirne drückte. „Wolle der Himmel verhüten, daß ich jemals Dir dieſe Güte mit Sorgen und Kummer lohne!“ „Liebes Kind, was haſt Du?“ fragte der alte Herr beſtürzt. „Du weinſt? Weshalö?“— „Der Gedanke, daß das jemals der Fall ſein könnte, macht mich unglücklich, Vater!“ „Und wie könnte das je der Fall ſein, mein ſüßes Herz? Du biſt ſo lieb, ſo gut—“ „Und ich möchte es immer gegen Dich ſein, mein Vater.“ Tante Thereſe war beſorgt näher getreten. „Laſſen Sie das Kind,“ flüſterte ſie dem alten Herrn zu,„ſie denkt noch immer an die Verlobung mit Liebmann, die Sie damals—“ „Still, ſtill,“ unterbrach der Bankier ſie leiſe,„es iſt ja kein Gedanke daran, daß ich ſie jemals zwingen würde, eine Ehe gegen ihre Neigung zu ſchließen.“ Eugenie erhob das Köpfchen, ein dankbarer Blick traf aus ihren großen blauen Augen den Vater. Sie hatte die letzten Worte vernommen, und mehr, als alle Geſchenke erfreute ſie dieſe Zuſicherung. „Sei ruhig, mein Kind, es wird noch Alles gut werden,“ fuhr Otto Schirmer fort, während er das Mädchen an ſeine Bruſt drückte,„vertraue auf den, der die Geſchicke Aller lenkt, er wird wiſſen, was da gut iſt.“ Die Wolke, welche das Feſt zu trüben drohte, war glücklich verſchwunden. Eugenie war an dieſem Abend heiter und geſprächig, ihre Seele war von einem ſchweren Druck befreit. Alfred theilte Mehreres von ſeinen Erlebniſſen in der Univer⸗ ſitätsſtadt mit, Tante Thereſe gedachte der früheren Weihnachts⸗ feſte und der Bankier war unermüdlich in Mittheilungen aus ſeinen Kinderjahren. — 123— So ſchwand der Abend raſch, und als nun Eugenie ſich zur Ruhe begeben wollte, flüſterte Tante Thereſe ihr zu, ſie habe in ihrem Zimmer noch eine angenehme Ueberraſchung für ſie, die ihr große Freude bereiten werde. Eugenie ahnte ſofort, welche Ueberraſchung ſie erwartete, und ſie fand ſich in dieſer Ahnung nicht betrogen. Als die beiden Damen ſich im Gemach der Tante befanden, holte die letztere einen Brief aus ihrem Arbeitskäſtchen.— „Aus Paris,“ ſagte ſie lächelnd, während ſie Eugenie einen Blick auf die Adreſſe werfen ließ,„der Poſtbote hat ihn heute Abend gebracht.“ Eugenie hatte ſchon die kleine Hand ausgeſtreckt, aber Tante Thereſe zog mit einem ſchalkhaften Lächeln den Brief zurück. „Sie vergeſſen, daß dieſer Brief an mich adreſſirt iſt,“ fuhr ſie fort,„und in die Briefe eines jungen Herrn läßt man nicht gerne ein fremdes Auge blicken. Sie ſind ohnehin zu aufgeregt, um die Zeilen zu leſen, ſetzen Sie ſich dorthin und geben Sie Acht! Alſo:„„Meine liebe, gute, mütterliche Freundin!“— Das„mütterliche“ hätte er ſich erſparen können.—„„Wie ſehr danke ich Ihnen für die lieben Zeilen, die Sie mir vor einigen Tagen geſchickt haben. In der Fremde thut Einem jedes Lebens⸗ zeichen aus der theuren Heimath wohl, zumal, wenn es aus ſolchen Händen kommt. Meinen Brief, den ich vor der Abreiſe von Lyon an Sie ſchrieb, haben Sie erhalten,— wie wenige Tage liegen dazwiſchen und wie viel habe ich Ihnen zu berichten! Und doch muß ich mich kurz faſſen, denn dieſer Brief ſoll zum Feſt noch in Ihre Hände gelangen, ich denke mir, er wird Ihnen eine rechte Feſtesfreude bereiten. Alſo übergehe ich die kleinen Abenteuer und Strapazen während der Reiſe, die zudem kaum der Erwähnung werth ſind. Ein Empfehlungsbrief des Herrn Leroy in Lyon adreſſirte mich an einen Herrn Michelet, der ein ſehr bedeutendes Maſchinen⸗Etabliſſement in der unmittelbaren Nähe von Paris beſitzt. Der Empfang von Seiten dieſes Herrn übertraf meine kühnſten Erwartungen. Ich denke mir, daß Herr Leroy ihm Mittheilungen über meine Kenntniſſe und mein red⸗ liches Streben gemacht hatte, denn nach einer kurzen Prüfung engagirte Herr Michelet mich als Werkführer in der Werkſtätte für die mechaniſchen Arbeiten. Es ſind dazu viele mathematiſchen Kenntniſſe erforderlich, und ich geſtehe, daß mir Anfangs bangte, ich werde dieſen Poſten nicht ausfüllen können, aber es ward mir leichter, wie ich gedacht hatte, und es iſt mir auch gelungen, die Liebe meiner Vorgeſetzten und meiner Kameraden mir zu erwerben. — Will's Gott, ſo bleibe ich hier, bis ich die Mittel zur Selbſt⸗ ſtändigkeit finde. — 124— „„Nikolas arbeitet in der Schloſſerwerkſtätte, von dem Fenſter aus, an welchem ich arbeite, kann ich ihn rüſtig handthieren ſehen. Er iſt ein treuer biedrer Freund. Die Sonntage und auch die Abende in der Woche benutzen wir, Paris kennen zu lernen, es geht jetzt recht bunt hier zu, die verſchiedenen Partheien liegen einander in den Haaren und das Volk überwacht ängſtlich ſeine Freiheiten. „„Ich muß ſchließen, meine gute liebe Freundin, grüßen Sie Alle recht innig von mir, beſonders ſie, an die ich im Wachen und Träumen denke, deren Bild mich niemals verläßt. In un⸗ wandelbarer Treue Ihr Otto Schenk.““ In den Augen Eugenie's leuchtete eine ſtolze Freude. „Er wird ſein Ziel erreichen,“ ſagte ſie,„er iſt der Mann, der Alles niederwirft, was ihm hindernd in den Weg tritt.“ Tante Thereſe nickte. „Aber mit dem Niederreißen allein iſt es nicht gethan,“ er⸗ wiederte ſie,„er muß auch aufbauen können.“ „Das kann er und er wird es thun.“ „Ich glaube es. Ihnen bleibt nichts Anders übrig, als ge⸗ duldig und muthig auszuharren, gebe Gott, daß Sie nicht gar lange zu warten brauchen.“ Als Eugenie das Zimmer der Tante verließ, um ſich in ihr Schlafzimmer zu verfügen, umſpielte ein Lächeln des Glücks und der Freude ihre Lippen. Sie war ſtolz auf den Geliebten, der durch ſeine eigne Kraft ſich zu einer geachteten Stellung emporſchwingen wollte, daß ihm das gelingen würde, bezweifelte ſie nicht. Sie war bereit und entſchloſſen, ihre Liebe zu vertheidigen, feſt und treu an ihr zu halten und wenn es ſein mußte, ihr Alles, Alles zu opfern. Schon am nüächſten Tage ſollte ſie ihren Muth und ihre Standhaftigkeit beweiſen. Es war kurz vor Mittag, als ein Wagen am Hauſe Schir⸗ mers vorfuhr. Dem Bankier, der in ſeinem Kabinet mit der Durchſicht alter Briefſchaften beſchäftigt war, wurde der Beſuch des Herrn Lieb⸗ mann angemeldet. Der junge Herr hatte eine Toilette gemacht, als ob er einen Caſino⸗Ball beſuchen wolle und er trat mit einer ſolchen Zuver⸗ ſicht auf, als ob die Erfüllung ſeines Wunſches über jeden Zweifel erhaben ſei. Otto Schirmer lud ihn ein, Platz zu nehmen, er wußte ſchon, was den jungen Herrn zu ihm führte, die Toilette deſſelben hatte es ihm verrathen. vo nu he Fenſter ſehen. uch die en, es liegen j ſeine en Sie Wachen In un⸗ eidigen, te, ihr nd ihre Schit⸗ ͤt allter n Lieb⸗ reeinen Zuver⸗ gweifi e ſchn in hat „Sie werden wiſſen, Herr Schirmer, daß ich der Aſſocie meines Vaters bin,“ begann Liebmann nach den erſten Begrü⸗ ßungen,„und ich hege die Ueberzeugung, daß Sie auch wiſſen, wie ſolide unſer Haus iſt.“ „Das unterliegt keinem Zweifel,“ entgegnete Schirmer ruhig. „Wohl, wenn ich dies vorausſchicke, ſo geſchieht es nur, um Sie auf den Zweck meines Beſuchs vorzubereieen,“ fuhr der junge Herr fort, während er ſein nach Eau des milles fleurs duftendes Battiſttuch aus der Taſche ſeines Fracks zog und damit die bereits gefurchte Stirne rieb.„Mein Herr, ich habe die Ehre, um die Hand Ihrer Fräulein Tochter zu werben und ich gebe mich der angenehmen Hoffnung hin—“ „Ich hatte das erwartet,“ fiel Schirmer ihm kühl in's Wort, „es bedarf keiner langen Auseinanderſetzung zwiſchen uns beiden, Herr Liehmann. Wenn meine Tochter einwilligt Ihre Gattin zu werden, ſo bin ich gerne bereit, mit Ihnen oder Ihrem Herrn Vater die näheren Bedingungen des Ehevertrags zu berathen. — Verſuchen Sie nur Ihr Glück bei der jungen Dame, Eugenie hat in dieſem Punkte Ihren freien Willen.“ Der junge Herr verbeugte ſich. „Wenn ich Sie bitten dürfte, mich Ihrer Fräulein Tochter vorzuſtellen—“ „Herzlich gerne. Kommen Sie.“ „Wenn ich ferner Sie bitten dürſte, ein gutes Wort für mich einzulegen—“ „Verlangen Sie das nicht; ich werde in keiner Weiſe den leiſeſten Einfluß auf den Willen meiner Tochter ausüben.“ „Aber als Vater—“ „Meinen Sie ſei ich dazu verpflichtet?“ „Gewiſſermaßen allerdings.“ Der Bankier zuckte die Achſeln. „Das ſind Anſichten,“ ſagte er,„ich erkenne eine ſolche Pflicht nur dann an, wenn das Kind ſich auf einem Wege befindet, der in's Verderbeu führen muß.“ Die Beiden waren inzwiſchen die Treppe hinauf geſtiegen, Otto Schirmer führte ſeinen Gaſt in's Empfangzimmer und bat ihn, ſich einen Augenblick zu gedulden. Die Pulſe des jungen Herrn ſchlugen nicht raſcher und nicht kangſamer wie zu jeder anderen Zeit auch. Karl Liebmann war ſeines Sieges gewiß, er beurtheilte Eugenie nach ſeiner eigenen Schweſter, die ja auch ohne ein Wort der Widerrede in die Verlobung mit dem Manne eingewilligt hatte, der ihr von ihrem Vater vorgeſtellt worden war. Wenn Otto Schirmer ſich darauf ſtützte, ſeine Tochter habe — 126— ihren freien Willen, ſo war das vielleicht nur eine Redensart, durch die er jede Verantwortung von ſich fern halten wollte. An die Liebſchaft mit dem Schloſſergeſellen hatte Liebmann freilich gedacht, aber er legte kein Gewicht darauf, vor ihm, dem Sohne und Aſſocie des reichen Fabrikanten, mußte der arme Tagelöhner ja zurücktreten. Eugenie trat ruhig und unbefangen ein, der Ausdruck ihres Geſichts war ernſt und ſtreng. Sie erwiderte den Gruß des jungen Herrn höflich, aber kühl und zurückhaltend und manchem Andern wäre ſchon jetzt der Muth entfallen. Aber Liebmann war ja ſeiner Sache ſicher! Er, der nie ein tieferes Gefühl gekannt hatte, der ſeiner Selbſtſucht Alles opferte, was jedem Gefühlsmenſchen theuer und heilig war, er konnte nicht glauben, daß es eine Liebe gebe, die ſich über Rang, Stand und Vermögen hinwegſetze. „Ihr Herr Vater wird Ihnen vielleicht ſchon mitgetheilt haben, welche Wünſche und Hoffnungen mich hierherführen,“ ſagte er, „dieſe Hoffnungen ſind ſo ſehr mit meinem ganzen Sein ver⸗ wachſen, daß es mir unendlich ſchmerzlich ſein würde, ihnen ent⸗ ſagen zu müſſen.“ „Dann bedaure ich, Ihnen dieſen Schmerz bereiten zu müſſen,“ erwiderte Eugenie mit feſter Ruhe. Das hatte der junge Herr nicht erwartet. Weniger die Antwort ſelbſt, als der Ton, in welchem ſie gegeben wurde, ließ ihn ſofort erkennen, daß er auf eine Erfüllung ſeiner Wünſche nicht hoffen durfte. „Mein Fräulein, in einer ſo ſehr wichtigen Angelegenheit, deren Ausgang vielleicht das Lebensglück eines Menſchen entſcheidet, darf man wohl Gründe verlangen,“ ſagte er und es lag ein An⸗ flug von Gereiztheit in ſeiner Stimme.„Wenn dieſe Gründe derart ſind, daß ich ſie widerlegen oder beſeitigen kann—“ „Sie werden keins von Beiden können, mein Herr,“ unter⸗ brach Eugenie ihn ruhig,„wer meine Hand haben will, muß zuvor mein Herz beſitzen.“ „Und Sie glauben nicht, daß es mir gelingen wird, dieſes Herz zu erobern?“ „Nein, ich glaube das nicht!“ „Mein Fräulein, mit welchem Rechte können Sie das be⸗ haupten? Lernen Sie mich kennen—“ Eugenie ſchüttelte ablehnend das Köpfchen. „Sie haben den Grund gehört, der mich veranlaßt, Ihre Werbung zurückzuweiſen, weshalb wollen Sie noch weiter in mich dringen?“ erwiderte ſie mit feſter Entſchloſſenheit. 2 ——— ensart, lte. ömann m, dem arme k ihres er kühl zt der ſeiner uer und he, die haben, gte er, an ver⸗ nen ent⸗ müſſen, hem ſie füllung — 127— Die Erbitterung des jungen Mannes wuchs, er hatte es für unmöglich gehalten, daß Eugenie ihn, den Sohn des reichen Fabrikanten, entſchieden und kühl abweiſen würde. Mußte er dem Schloſſergeſellen weichen? Der Gedanke an die Möglichkeit dieſes Grundes der Zurück⸗ weiſung erfüllte ſeine Seele mit einer Wuth, die ihn alle Regeln des Anſtandes und der Bildung vergeſſen ließ. „Man ſpricht allerdings viel von einem Schloſſergeſellen, dem es gelungen ſein ſoll, das Herz der ſchönen Bankierstochter zu erobern,“ ſagte er ironiſch,„aber ich kann dieſem Gerücht keinen Glauben ſchenken.“ „Und wenn es nun dennoch die Wahrheit behauptete?“ fragte Eugenie, in deren blauen Augen es zornig aufblitzte. Der junge Herr zuckte die Achſeln, ein höhnendes Lächeln glitt über ſeine markirten, verlebten Züge. „Die Braut eines armſeligen Schloſſergeſellen!“ erwiderte er mit beißendem Sarkasmus.„Ich finde das zu lächerlich, als daß ich es glauben könnte!“ Daß dieſe Sprache, dieſer verletzende Ton, dieſe Rückſichts⸗ loſigkeit und dieſer Hohn Eugenie erbittern mußten, lag in der Natur der Sache. „Denken Sie darüber, wie Sie wollen,“ ſagte ſie, mühſam an ſich haltend,„ich verſichere Sie, in meinen Augen ſteht der arme, ſittenreine und rechtliche Arbeiter höher, als der reiche Wüſtling. Und nun haben Sie meine Antwort, Herr Liebmann, Ihre eigne Schuld iſt es, wenn ſie derber ausfiel, als ich es wollte.“ Dem jungen Herrn war das Blut in die Wangen geſchoſſen, er hatte geglaubt, das Mädchen demüthigen zu können und nun war er ſelbſt der Gedemüthigte. Weniger der Korb, als die Worte, mit denen er ihm über⸗ reicht worden war, ärgerten ihn, er kam ſich vor wie ein Schul⸗ bube, der eine verdiente Züchtigung empfängt. „Wenn die Sachen ſo liegen, ſo bleibt mir nur noch übrig, Ihnen zu der Verlobung mit dem Handwerksburſchen zu gratu⸗ liren,“ ſagte er, und der ganze Hohn, die ganze Wuth, deren ſeine Seele fähig war, ſpiegelten ſich in dieſen Worten.„Ich bedaure nur, daß Ihr Herr Vater mich davon nicht unterrichtet hat, denn offen geſagt, komme ich mir mit meiner Werbung um die Braut eines Schloſſergeſellen ziemlich albern vor.“ Eugenie hatte ſich raſch der Thüre genähert. „Der Ton, den Sie anſchlagen, mag in die Kreiſe paſſen, in denen Sie zu verkehren gewohnt ſind,“ erwiderte ſie mit ſcharfer Betonung, nich bin nicht gewohnt eine ſolche Sprache zu hören und noch weniger verpflichtet, mir in meiner eignen Wohnung — 128— ſolche Worte ſagen zu laſſen. Deshalb, und um Ihnen nicht Gelegenheit zu geben, in dieſem Tone ſortzufahren, ziehe ich vor, mich zu entfernen.“ Der junge Herr ſah ziemlich verblüfft auf die Thüre, hinter der das Mädchen verſchwunden war, er hatte nicht geahnt, daß daſſelbe ſo reſolut und energiſch auftreten könne. Es blieb ihm nun nichts andres übrig, als ebenfalls das Haus zu verlaſſen, und er ſtand ſchon im Begriff ſich zu ent⸗ fernen, als er ſich plötzlich dem Bruder Eugenies gegenüberſah, der mit blitzenden Augen und hochrothen Wangen auf dem Haus⸗ flur vor ihm ſtand. „Mein Herr, Sie haben meine Schweſter ſo tief beleidigt, daß ich mich genöthigt ſehe, deshalb Genugthuung von Ihnen zu fordern,“ ſagte Alfred mit bebender Stimme.„Als gebildeter Mann werden Sie wiſſen, daß ſolche Beleidigungen nur durch Blut getilgt werden können.“ Karl Liebmann war ſeiner wahren Natur nach eine feige Memme, aber zugleich auch ein gewaltiger Renommiſt, der ſeine Feigheit hinter bramarbaſirenden Redensarten zu verbergen ſuchte. Er maß den Studioſus mit einem Blick der Geringſchätzung vom Scheitel bis zur Sohle und zuckte dann verachtend die Achſeln. „Sie ſind noch zu jung, als daß Sit über ſolche Dinge ur⸗ theilen könnten,“ erwiderte er in kühlem, verletzendem Tone,„was ich mit Ihrer Fräulein Schweſter geredet habe,“ kümmert Sie nicht im Entfernteſten.“ Hell loderte die wilde, verzehrende Gluth des Zornes in den Augen des Jüngling's auf. „Sie verweigern mir die Genugthuung?“ fragte er mit ge⸗ dämpfter Stimme. „Ich wüßte nicht, was mich verpflichten könnte, ſie Ihnen zu geben!“ „Auch dann nicht, wenn ich Ihnen in's Geſicht ſage, daß ich Sie für einen rohen, ungebildeten Menſchen halte, für einen Wüſtling—“ „Mein Herr!“ „Ha— bringt das Ihr kaltes Fiſchblut in Wallung? Ja, Sie ſind ein roher Tölpel, ein eingebildeter Pinſel, der mit ſeines Vaters Gelde Alles erzwingen zu können glaubt. Sie haben ſich meiner Schweſter gegenüber benommen, wie ein Schuh⸗ flicker—“ „Ah— Sie haben gelauſcht?“ „Das Spioniren iſt meine Sache nicht; einige Worte meiner Schweſter genügten, mich über das Vorgefallene in Kenntniß zu ſetzen.“ ſin — 129— „Na, dann werden Sie auch wiſſen, daß ich—“ „Daß Sie ein Lümmel, ein aufgeblaſener, dünkelhafter Flegel ſind!“ unterbrach Alfred ihn gereizt. „Bah,— Sie können mich nicht beleidigen, Sie ſind noch nicht trocken hinter den Ohren—“ Das letzte Wort war kaum über ſeine Lippen, als die Hand Alfred's ſehr unſanft ſeine Wange berührte. „So verſchaffen wir Studenten uns Genugthuung für der⸗ artige Infamien, die ein Feigling uns in's Geſicht ſchleudert,“ ſagte Alfred, mühſam an ſich haltend.„Stecken Sie den Denk⸗ zettel ein, Sie haben ihn verdient; wenn Sie indeß das Gegen⸗ theil glauben, ſo ſtehe ich mit Vergnügen zu Dienſten, Ihr Sekundant wird mich am Vormittage ſtets zu Hauſe treffen.“ In den Adern Liebmann's kochte das Blut, er hätte ſich auf den Studenten ſtürzen und ihn mit der Fauſt niederſchlagen mögen, aber er war zu feige dazu. Er beſchränkte ſich darauf, ſeinem Gegner zu erklären, daß er den Schlag bereuen werde, dann wandte er ſich, um das Haus zu verlaſſen. Aber das Glück, welches ihn heute verfolgte, ſchien noch nicht müde zu ſein. Dicht vor der Hausthüre ſtolperte er über den Ring der Fallthüre, die in den Keller führte, er fiel und als er ſich wie⸗ der erhob, machte er die ſehr unangenehme Entdeckung, daß ein Aermel ſeines eleganten Fracks am Elbogen geplatzt war. Da er unbegreiflicherweiſe den Miethwagen, in welchem er gekommen war, fortgeſchickt hatte, da er ferner, ebenfalls unbe⸗ greiflicherweiſe vergeſſen hatte, einen Mantel oder Ueberzieher mitzunehnen, ſo war er genöthigt, zu Fuß nach Hauſe zurückzu⸗ ehren. Das aber machte der Riß im Aermel unmöglich, er ſetzte ſich der Gefahr aus, von der allezeit bereitfertigen Jugend verſpottet zu werden, zumal gerade jetzt der Gottesdienſt in allen Kirchen beendet und alſo jede Straße ſehr belebt war. Rathlos ſtand er vor dem Hauſe des Bankiers. Sein ungezogenes Benehmen erlaubte ihm nicht, wieder hin⸗ einzugehen und dort die Ankunft einer Droſchke abzuwarten. Da fiel ſein Blick auf ein Schild mit der Inſchrift„Fritz Wacker, Schneidermeiſter“ und raſch entſchloſſen, eilte er in dieſes Haus, um den Schaden ausbeſſern zu laſſen. Fünfmalhunderttauſend Thaler. Neunzehntes Kapitel. Dunkle Wege. Der Schneider Fritz Wacker war eine jener Naturen, die ſich ſehr leicht über die kleinen, wie die großen Sorgen hinwegſetzen, die aus der Vergangenheit keine ernſte Lehre für die Zukunft zu ſchöpfen wiſſen und leichtfertig in den Tag hineinleben, mit dem ſicheren Vertrauen, daß Gott, der die Sperlinge füttert und die Lilien kleidet, auch für ſie ſorgen werde. Katharina, ſeine kleine, ziemlich wohlbeleibte Frau, huldigte denſelben Grundſätzen, ſie hegte das feſte Vertrauen, daß einſt das Glück in ihre beſcheidene Wohnung einkehren und ſein ganzes Füll⸗ horn über ſie ausſchütten werde. Wann und auf welchem Wege ſich das verwirklichen ſollte, wußte ſie freilich nicht näher zu beſtimmen, ſie hoffte allerdings ſtark, daß ihr Gatte einmal das große Loos gewinnen werde und der Schneider war durch dieſes felſenfeſte Vertrauen gezwungen worden, ſtatt des bisherigen Viertel, nun ein halbes Loos zu nehmen, aber wenn auch dieſe Hoffnung ſich nicht verwirklichte, das Glück mußte kommen, dieſes ſtand bei der Frau des Schnei⸗ dermeiſters ſo feſt, wie die Gewißheit, daß zweimal zwei vier war. Köglicherweiſe konnte ja auch ihr einziges Kind, ihre Her⸗ mine, eine glänzende Partie machen; es war ja ſchon oft vorge⸗ kommen, daß ein Millionair ein armes Mädchen geheirathet hatte. Der Schneidermeiſter ſchüttelte freilich zu dieſen ſanguiniſchen Hoffnungen ſeiner ehrſamen Ehehälfte ſehr ungläubig ſein eckiges aupt, aber er mußte doch auch zugeben, daß Hermine ein recht hübſches Mädchen war, welches durch ſeine Schönheit, ſeine Leb⸗ haftigkeit und Liebenswürdigkeit auf das Herz eines Mannes einen bleibenden Eindruck machen konnte. Hermine ſelbſt war mit dieſen Wünſchen und Hoffnungen ihrer Mutter ſehr einverſtanden, ſie liebte den Putz und das Vergnü⸗ gen, eine reiche Heirath wäre ganz nach ihrem Sinne geweſen. Allerdings hatte ſich bisher noch kein Herr aus den höheren Ständen gefunden, der geneigt zu ſein ſchien, die Wünſche dieſer ehrſamen Familie zu erfüllen, aber Hermine war noch jung und de ſich ggſetzen, unft zu it dem und die uldigte iſt das ſollte, lerdings de und wungen oos zl kklichte, Schnei⸗ dei vier re Her⸗ t vorge⸗ heirathet iniſchen eckiges en reit ine Leb⸗ nes einen geen ihter Vergnü⸗ weſen. hößeran he dieſe ung un — 131— der Zufall konnte plötzlich verwirklichen, was man ſeit Jahren vergeblich erſehnt hatte. Und ein ſolcher Zufall ſchien heute, am erſten Weihnachtstage, der Familie des Schneiders Fritz Wacker unter die Arme greifen zu wollen. Hermine war allein zu Hauſe, als Karl Liebmann eintrat. Ihre gewählte Toilette, welche den üppigen Wuchs und die vollen Formen ſcharf hervorhob, der kokettirende Blick und das verführeriſche Lächeln auf den roſigen Lippen konnten nicht ver⸗ fehlen, auf den leicht erregten jungen Mann Eindruck zu machen. Er nannte ihr den Grund ſeines Beſuchs und Hermine bat ihn, ſich einen Augenblick zu gedulden. „Meine Eltern ſind zur Kirche,“ ſagte ſie, indem ſie dem jungen Herrn einen Stuhl hinſchob und bei dieſer Gelegenheit verſtohlen ſeine Toilette muſterte,„ſie werden aber ſogleich zurück⸗ kehren.“ j„Inzwiſchen habe ich das Vergnügen, einige Minuten mit der ſchönſten jungen Dame, die je mir begegnet iſt, zu verplau⸗ dern,“ erwiderte Liebmann galant. Fräulein Wacker fühlte ſich geſchmeichelt, ſie ſenkte verſchämt die Wimpern. „Sie ſcherzen, mein Herr,“ ſagte ſie leiſe. „Durchaus nicht, ſchönes Kind, ich verſichere Sie, daß ich ſelten ſo viel Schönheit und Anmuth vereint gefunden habe. Wie ſchade, daß eine ſolche Blume verborgen blüht! In unſern Kreiſen wür⸗ den Sie die gefeierte Königin aller Feſte ſein!“ War das Wahrheit oder Dichtung? Hermine blickte verſtohlen den jungen Herrn an, ſo glatt und ſüß waren ihr noch keine Worte eingegangen. Sie fand, daß er ein ſehr hübſcher, intereſſanter und gebil⸗ deter Mann war und ſeine Kleidung bewies, daß er zu den höheren, wenn nicht zu den höchſten Ständen zählte. „Es hält ſo ſchwer, in dieſe Kreiſe hinein zu kommen,“ ſagte ſie. Karl Liebmann hatte den richtigen Weg eingeſchlagen, er fand weniger Schwierigkeiten, als er erwarten durfte. „Schwer?“ erwiderte er.„Der Schönheit und Anmuth öffnen ſich alle Thüren.“ „Aber nicht der Armuth. Ich bin die Tochter eines beſchei⸗ denen Handwerkers.“ Der junge Herr ſchüttelte den Kopf. „Das ſind thörichte Anſichten,“ ſagte er,„vor der Schönheit beugt ſich Jeder. Wenn Sie mir geſtatten wollten, mich über dieſen Punkt mit Ihnen länger zu unterhalten, ſo würden Sie 9* — 132— bald die Richtigkeit meiner Behauptungen einſehen, mein Fräulein, aber dazu iſt leider jetzt die Zeit zu kurz.“ „Ach, ja, ich möchte das Leben in jenen Kreiſen gerne einmal kennen lernen,“ verſetzte Hermine neugierig,„es muß wohl recht ſchön und glänzend ſein?“ „Allerdings, liebes Kind, für den, der es nicht kennt, wenn man's kennt, hat man's bald ſatt.“ Ein trüber Schatten glitt über das Geſicht des Mädchens. „Dann werden jene Kreiſe mir wohl verſchloſſen bleiben,“ ſagte ſie wehmüthig. Karl Liebmann triumphirte, er kannte den Charakter und die Neigungen der ſchönen Schneiderstochter ſchon ſo genau, daß er im Voraus ſeines Sieges gewiß war. „Sie gehen nie allein ſpazieren?“ fragte er. Hermine blickte befremdet auf. „Nein,“ erwiderte ſie. „Ah— wie ſchade.“ „Weshalb?“ „Weil ich während eines ſolchen Spazierganges mir das Ver⸗ gnügen machen könnte, mit Ihnen zu plaudern.“ „Das würde ſich nicht ſchicken,“ ſagte Hermine erröthend. „Weshalb nicht?“ „Weil Sie ein reicher, vornehmer Herr ſind.“ „Darf ein reicher Herr nicht auch ein armes Mädchen lieben?“ „Die Leute denken gleich Arges.“ „Man muß es ihnen verheimlichen.“ „Das kann man nicht und ich fürchte, es kommt nichts Gutes dabei heraus.“ „Sie fürchten, die Liebe eines reichen Herrn könnte nicht auf⸗ richtig ſein?“ „Ja,“ erwiderte Hermine, ihn mit großen Augen voll an⸗ blickend,„die reichen Herren meinen es ſelten ehrlich.“ Der Sohn des Fabrikanten lächelte, es war das Lächeln eines Teufels, der ſein Opfer ſo eng umſtrickt hat, daß es ihm nicht mehr entrinnen kann. Hermine war zu unerfahren, um etwas Anderes, als den Verſuch, ſie über ihre Zweifel zu beruhigen, in dieſem Lächeln zu finden. „Wenn Sie mir erlauben wollten, darüber länger und ein- gehender mit Ihnen zu reden, ſo würde ich Ihre Zweifel und Beſorgniſſe raſch beſeitigt haben,“ ſagte Liebmann ruhig,„aber nicht hier, es würde Ihren guten Ruf gefährden, wenn ich Sie hier beſuchen wollte. Man kommt, es werden Ihre Eltern ſein. Sprechen Sie, wann werde ich Sie wiederſehen?“ Ror⸗ Ver⸗ eben?“ Gutes t auf⸗ ll an⸗ eines d rücht s den Lücheln d ein⸗ el und aber 5 Sie 1 ſein. — 13= Hermine ſenkte den Blick, dieſes ſtürmiſche Werben ſchmeichelte ihrem Stolze, gegen die ſüßen, glatten Worte war ihr Herz nicht gewappnet. „Ich werde heute Abend um fünf Uhr eine Freundin beſuchen, die am Neumarkt wohnt,“ flüſterte ſie. Der junge Herr nickte befriedigt, er hatte das Spiel ge⸗ wonnen. Was galt es ihm, ob er das Glück einer Familie vernichtete! Er ging gleichgültig über Blüthen und Menſchenherzen hinweg, ſeine Selbſtſucht ſagte ihm, daß er ſie ſeinen Leidenſchaften opfern dürfe.— Der Schneider war ſofort bereit, den Wunſch des jungen Mannes zu erfüllen. Er ſchwang ſich auf den Tiſch und beſeitigte mit kunſtgeübter Hand den Schaden, während Madame Wacker ſich eifrig bemühte, den angeſehenen Gaſt zu unterhalten. Der Tochter wegen ging Liebmann auf das alltägliche Geſpräch der Mutter ein, er zeigte ſich ſo höflich und liebenswürdig, daß die Schneidersfrau nicht müde werden konnte, das Lob des jun⸗ gen Herrn zu ſingen, nachdem dieſer längſt ſich entfernt hatte. Weder ſie noch ihr Gatte ahnten im Entfernteſten, was zwi⸗ ſchen dem reichen Herrn und ihrer Tochter vor ihrer Heimkehr vorgefallen war, ſelbſt die Einſilbigkeit und Nachdenklichkeit des Mädchens weckten in ihrer Seele keine beunruhigende Vermuthung. Der Zorn über die Niederlage bei der Tochter des Bankiers wurde durch den Triumph über den Sieg bei der ſchönen Schnei⸗ derstochter ausgeglichen. Nur Eins konnte Liebmann nicht vergeſſen, die Schmach, die ihm von Seiten Alfred's widerfahren war. Er fühlte, daß er ſie nicht ruhig hinnehmen durfte, er mußte vorausſehen, daß der Student damit öffentlich prahlen würde. Aber er war auch zu feige, den Bruder Eugenie's herauszu⸗ fordern, es unterlag ja keinem Zweifel, daß der junge Mediziner in der Führung jeder Waffe geübt war, während der Sohn des Fabrikanten nie eine Waffe in der Hand gehabt hatte. Hier mußte Heinrich Schenk, ſein vertrauter Freund, rathen, er hatte ohnedies über eine andere wichtige Angelegenheit mit ihm zu reden. Wenn er einen Weg fand, auf welchem er ſich an dem Bru⸗ der Eugenie's rächen konnte, ohne ſich ſelbſt einer Gefahr auszu⸗ ſetzen, ſo wollte er ihn gehen, ein glühender Rachedurſt beſeelte ihn. Am Nachmittage ſuchte er ſeinen Freund auf. Heinrich Schenk wohnte ſchon ſeit mehreren Wochen in dem Hauſe ſeines frühern Prinzipals und nunmehrigen Aſſocié's Peter —- 134— Paul Scherenberg, er hatte die ſchönſten Zimmer beanſprucht und, Dank ſeiner Gewalt über den Sohn des alten Mannes, ſie auch erhalten. Dieſe Zimmer waren mit einem Luxus ausgeſtattet, der allzu übertrieben genannt werden mußte, als daß man ihn hätte billigen oder entſchuldigen können. Als der Sohn des Fabrikanten eintrat, fand er ſeinen Freund damit beſchäftigt, bei einer Cigarre Sieſta zu halten. Heinrich Schenk lag auf dem Sopha und blickte ſinnend den blauen Rauchwölkchen nach, die er behaglich vor ſich hinblies. Er erhob ſich beim Eintritt des Freundes und zukünftigen Schwagers nicht, ſondern begnügte ſich damit, ihn durch einen Wink einzuladen, Platz zu nehmen. „Ich vermuthe, Du biſt abgewieſen,“ ſagte er, während er einen forſchenden Blick auf das Geſicht des jungen Herrn warf, der mißmuthig ihm gegenüber in einem Seſſel ſaß. Liebmann nickte. „Hätte es Dir vorherſagen können,“ fuhr Heinrich gleichgültig fort,„die junge Dame hält an ihrer romanhaften Idee feſt, es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie ſich zu guter Letzt durch den Schloſſergeſellen entführen ließe.“ „Mag ſie's thun,“ entgegnete Liebmann gereizt,„die Ernüch⸗ terung wird nicht ausbleiben.“ „Aber es ärgert doch.“ „Durchaus nicht.“ „Bah— weshalb willſt Du es leugnen?“ „Auf Ehre, die Sache iſt mir ziemlich gleichgültig.“ „Der Ausdruck Deines Geſichtes ſtraft dieſe Worte Lüge.“ „Was mich ärgert, iſt ein anderer Vorfall,“ entgegnete Lieb⸗ mann.„Der Bruder der jungen Dame hat mich tödtlich beleidigt.“ „Ah— der Student?“ 44 „Ja. „Welche Urſache hatte er dazu?“ „Na, ich will nicht leugnen, daß ich dem Fräulein zu der Ver⸗ lobung mit dem Schloſſergeſellen in ziemlich ironiſchem Tone Glück gewünſcht habe. Der Student hat entweder gelauſcht, oder durch ſeine Schweſter meinen Glückwunſch erfahren,— genug, er trat mir auf dem Hausflur entgegen und verſuchte, mich zu einem Duell zu zwingen.“ „Du haſt ihm dieſen Gefallen natürlich nicht erzeigt?“ „Nein.“ „Kann mir's denken. Der Herr Studioſus wurde durch Deine Weigerung übermüthig und gab Dir Worte zu hören, die Deine Ehre angriffen.“ üt und, ie auch er allzu billigen Freund d den les. nftigen h einen jrend er n warf, cgültig t urch den Ernüch⸗ ge.“ ete Lieb⸗ leidigt der Ver⸗ m Tolle ct, odet 1 einem 1 de duch bren 1 de — 135— „Das nicht allein—“ „Ah, er ging zu Thütlichkeiten über?“ fragte Heinrich, ſich raſch erhebend. „Freilich.“ Heinrich ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Ich weiß nicht, was dem vorhergegangen iſt,“ ſagte er, „jedenfalls mußt Du Eugenie oder deren Bruder ſehr ſchwer be⸗ leidigt haben.“ „Berechtigte ihn das, ſich mir gegenüber wie ein Karrenbin⸗ der zu benehmen?“ fuhr Liebmann auf. „Nein, indeß die Herren Studenten— „Sind mitunter rohe Burſchen, die einen ganz beſonderen Begriff von Ehre haben.“ Heinrich zuckte die Achſeln und ſchwieg. „Ich darf das ſo geduldig nicht einſtecken,“ fuhr Liebmann nach einer Pquſe fort,„der Menſch wird in allen Schenken und Kneipen damkt renommiren und ich verliere Achtung und Anſehn, wenn ich den Schlag nicht räche.“ „So fordere ihn heraus,“ ſagte Heinrich ruhig. „Das wäre der kürzeſte und ſicherſte Weg, meinem Leben ein Ende zu machen. Ich habe nie eine Waffe in der Hand gehabt.“ „Wenn Du das nicht willſt, auf welchem andern Wege glaubſt Du Dir Genugthuung verſchaffen zu können?“ „Ich will ihn vernichten.“ „Ohne Dich ſelbſt einer Gefahr auszuſetzen? Hm— ich kann Dir dazu nicht rathen. Es gibt freilich Subjekte genug in der Stadt, die für einen Schoppen Branntwein einen Mann über⸗ fallen und ihm die Knochen entzwei ſchlagen, aber es iſt ein ge⸗ fährliches Ding, ſich mit ihnen einzulaſſen.“ Karl Liebmann wanderte unruhig auf und ab. „Das will ich nicht,“ ſagte er,„eine ſolche Rache genügt mir nicht. Könnte man ihn nicht denunciren? Ihm irgend etwas anhängen, was ihn für einige Jahre in Haft brächte?“ Heinrich blickte lange nachdenkend vor ſich hin. „Wenn ich Dir einen guten Rath geben ſoll, ſo laß die Sache fallen,“ erwiderte er,„es kommt nichts Geſcheidtes dabei heraus und die Zeit iſt zu koſtbar, als daß man ſie mit ſolchen unnützen Dingen vergeuden dürfte. Der Student wird ſich hüten, mit der Geſchichte zu renommiren, es kann nicht in ſeinem Intereſſe lie⸗ gen, die Verlobung ſeiner Schweſter mit dem Handwerker an die große Glocke zu hängen.“ „Aber—“ „Lieber Freund, thu' was Du willſt, nur laß mich aus dem 41 — 136— Spiele, ich habe weder Zeit noch Luſt, mich mit ſolchen Dingen zu beſchäftigen.“ 7 Liebmann blieb ſtehen, ſein Blick ruhte mit dem Ausdruck w des Unmuths auf den gleichmüthigen Zügen ſeines Freundes. g „Das iſt alſo der Dank dafür, daß ich Dir in der Angele⸗ d genheit mit Scherenberg ſo treu zur Seite geſtanden habe?“ ſagte 6 er grollend„Wenn ich das vorher gewußt hätte, würde ich wahrhaftig—“ 3 „Sei nicht ungerecht, Dein Beiſtand in jener Angelegenheit hat Dir ſechszehnhundert Thaler eingebracht—“ „Die längſt wieder verloren ſind!“ 1 „Was kümmert das mich? Bertram Scherenberg hat ſich ſeit jenem Abend dem Spiel leidenſchaftlich ergeben, ich hege die Ueberzeugung, daß Du das noch immer zu benutzen weißt.“ 1 Liebmann warf dem Freunde einen Blick voll Gift und Spott zu. 6 I4„Wer hat den größeren Nutzen daran, Du oder ich?“ fragte er gereizt.„Du weißt ſehr genau, wie unſere Angelegenheiten ſtehen, ich habe ebenſowohl, wie Bertram Scherenberg, Wechſel acceptiren müſſen, die auf hohe Summen lauten.“ Heinrich ſtieß mit einer Geberde der Geringſchätzung die Aſche von ſeiner Cigarre. „Wer hat Euch beide gezwungen, dem Hazardſpiel dieſe Sum⸗ men zu opfern?“ fragte er ruhig.„Es iſt Euer eigner, freier Wille, Ihr könnt es thun, oder laſſen, Niemand legt Euch Zwang auf. Aber ſo ſeid Ihr, wenn Ihr Glück habt, möchtet Ihr gerne “ mit einem Schlage reich werden, wenn Ihr verliert, wollt Ihr das Verlorene wieder haben.“ „Es fehlte noch, daß Du mir eine moraliſche Vorleſung hal⸗ “ ten wollteſt!“ 4„Ich denke nicht daran!“ „Man weiß ja ſehr genau, daß es Deine Abſicht iſt, Bertram Scherenberg zu ruiniren, ihn mit ſeinem Vater zu entzweien und das ganze Geſchäft an Dich zu reißen.“ „Wer weiß das ſo genau?“ fragte Heinrich ſpottend. „Ich.“ 8„Das heißt, Du vermutheſt es.“ 1„Wenn Vermuthungen durch Beweiſe beſtätigt werden, ſo—“ „Und wenn ich wirklich dieſe Abſicht hegte, wen kümmert es vielleicht? Mag Jeder zuſehen, daß er feſt ſteht, wir Menſchen gehen Alle darauf aus, die Höherſtehenden zu verdrängen. Sie ſind wie die Käſemilben, einer frißt den Andern auf und wer das meiſte Geſchick dazu beſitzt, kommt am Beſten fort.“ „Schöne Grundſätze!“ höhnte Liebmann. Dingen usdrud e. Angele⸗ ſagte rde ich genheit ſich ſeit ege die ft und fragte nheiten Wechſel je Aſche Sum⸗ freier Zwang — 137— „Kannſt Du vielleicht Dich davon freiſprechen? Du biſt nicht weniger ſelbſtſüchtig wie jeder Andere, könnteſt Du die Wechſel, welche Du acceptirt haſt, decken, ſo wäre es Dir höchſt gleich⸗ gültig, ob dadurch eine ganze Familie ihr Glück und ihren Frie⸗ den einbüßen müßte.“ „Mit all' dieſen Redensarten wird mir nicht geholfen,“ ſagte Liebmann ungeduldig,„ich muß Geld haben, um die Wechſel decken zu können.“ „Laß Deinen Vater dafür ſorgen.“ „Es kommt mir faſt vor, als ob Du es darauf anlegen wollteſt, mich zu verſpotten,“ fuhr Liebmann erbittert fort.„Du weißt ſehr gut, daß mein Vater von der Exiſtenz dieſer Wechſelſchulden nichts wiſſen darf.“ „Bah— Du biſt Aſſocie—“ „Aber mein Vater führt die Caſſa, er wird die Wechſel nicht einlöſen.“ „So mußt Du ſie verlängern laſſen.“ „Das iſt leicht geſagt.“ „Und eben ſo leicht gethan. Wer iſt im Beſitz der Wechſel?“ „Jakob Herz.“ „Der Wucherer?“ „Freilich.“ „Na, er wird die Wechſel prolongiren, wenn Du ein kleines Opfer nicht ſcheuſt.“ „Das heißt, wenn ich ſtatt achttauſend neuntauſend Thaler acceptire.“ Heinrich zuckte gleichmüthig die Achſeln, ein ſcharfer Beobachter würde entdeckt haben, daß die Verlegenheit ſeines Freundes ihm eher angenehm, als unangenehm war. „So werde ich mich genöthigt ſehen, die Wechſel von Monat zu Monat mit ſchweren Opfern prolongiren zu laſſen,“ fuhr Lieb⸗ mann fort,„bis Jakob Herz zuletzt ſein Geld verlangt. Was aber dann?“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte Heinrich kalt.„Dann wird freilich nichts Anderes übrig bleiben, als daß Du Deinen Herrn Vater um Verzeihung bitteſt und Beſſerung gelobſt.“ 3 „Zum Teufel—“ „Weshalb regſt Du Dich auf, dadurch beſſerſt Du nichts! Es liegt ja in der Möglichkeit, daß Du inzwiſchen eine bedeutende Summe gewinnſt, dann kannſt Du den Betrag der Wechſel decken. Daan mun nicht ſo raſch den Kopf verlieren, kommt Zeit, kommt ſath!“ „Und wenn mein Vater ſich weigert?“ „Om— dann weiß ich freilich keinen Rath, Jakob Herz iſt — 138— ein Blutſauger. Aber weshalb beunruhigſt Du Dich ſchon heute? Warte es ruhig ab.“ Liebmann nahm ſeinen Hut. „Ich hoffe, im Nothfalle wirſt Du mir die Hand reichen,“ ſagte er.. „Wenn ich kann—“ „Gewiß kannſt Du es.“ „Wer behauptet das?“ „Du haſt Dir binnen wenigen Monaten ein hübſches Ver⸗ mögen erworben.“ „Vermuthungen, mein Freund,“ entgegnete Heinrich gleichgültig, gich habe Glück gehabt, es iſt, wahr, aber das Gerücht vergrößert Alles.“ „Ich kann mich alſo auf Dich verlaſſen?“ „Wir wollen ſehen, wenn ich das Geld gerade flüſſig habe, gewiß; aber in den nächſten drei Monaten iſt es mir unmöglich. Uebrigens wird der Wucherer gerne die Wechſel ſo lange pro⸗ longiren.“ Karl Liebmann entfernte ſich, er mußte eingeſehen haben, daß er von ſeinem Freunde keine Hülfe erwarten durfte. Heinrich wanderte eine geraume Weile nachdenklich auf und ab, dann ſetzte er ſich an ſeinen eleganten, mit Schnitzwerk über⸗ ladenen Schreibtiſch. Er nahm aus einer Schublade ein kleines Buch und warf einen Blick hinein. „Vierzigtauſend Thaler beträgt heute mein eigenes Vermögen,“ ſagte er, mit ſich ſelbſt redend,„das Glück hat mich begünſtigt. Die Oel⸗ und Getreide⸗Speculationen werden im Mai einen Gewinn von mindeſtens dreißigtauſend Thaler abwerfen, macht ſiebenzigtauſend. Hierzu die Mitgift Bertha's mit dreißigtauſend, — in Summa hunderttauſend Thaler! „Das wäre das Fundament, rechnen wir weiter. „Bertram Scherenberg wird die Wechſel nicht decken können, die er acceptirt hat, die bereits eingeleiteten Machinationen müſſen einen Bruch zwiſchen ihm und dem alten Manne herbei⸗ führen. „Iſt das gelungen, ſo wird Bertram beſeitigt und der Alte Heinrich blickte ſich um, in ſeinem wirren, verſtörten Blick ſpiegelte ſich die Beſorgniß, daß er überraſcht oder belauſcht wer⸗ den könne. „Der Alte?“ fuhr er nach einer Weile nachdenklich fort. „Er macht ſchon jetzt den Eindruck eines Mannes, deſſen V ſtand geſtört iſt, wenn er nach dem Unglück in ſeiner Familtt heute? jeichen,“ 8 Ver⸗ hgültig, rgrößert Jhube, möglich. ge pro⸗ en, daß auf und t über⸗ d warf nägen 1 günſtigt. i einen macht tauſend, können, nationen herbei⸗ der Alte — 139— in's Irrenhaus gebracht wird, ſo kann das keinem Menſchen auf⸗ fallen! „Natürlich fällt die ganze Hinterlaſſenſchaft an mich, ich werde es ſo einzurichten wiſſen, daß die Anverwandten meines Aſſocies keine Activa vorfinden. „Nun zu Liebmann! „Der Fabrikant hat ein Vermögen von hundert und fünfzig⸗ tauſend Thaler. „Karl Liebmann wird denſelben Weg wandern, den ſein Genoſſe Bertram Scherenberg wandern muß, darüber werde ich noch reif⸗ lich nachdenken. ‚Stirbt der Alte, ſo iſt Bertha die Univerſalerbin und ſtirbt ſie ſpäter auch, ſo fällt das ganze Vermögen mir zu, das unter⸗ liegt keinem Zweifel. „Gut— ich kann mit dieſen Ausſichten zufrieden ſein, glück⸗ liche Speculationen werden auch das ihrige thun, warten wir alſo den Gang der Dinge ruhig ab.“ Er legte nach dieſem Selbſtgeſpräch das Buch wieder in die Schublade und ſchloß die letztere ſehr vorſichtig. Darauf trat er vor den Spiegel, um ſeinen Anzug zu muſtern, und wenige Minuten ſpäter verließ er mit der Miene eines ſehr heitren und glücklichen Menſchen das Haus. Zwanzigſtes Kapitel. In der Weltſtadt. Otto und Nikolas hatten in der That in Paris eine ausge⸗ zeichnete Stellung gefunden. Herr Michelet, der Beſitzer des bedeutenden Etabliſſements, achtete und bevorzugte die beiden Deutſchen, und dieſe bemühten ſich, das Vertrauen ihres Chefs in immer höherem Grade ſich zu erwerben. Herr Michelet war ſeit vielen Jahren Wittwer, er hatte aus der Ehe mit einer geliebten und angebeteten Gattin nur ein Pe. eine Tochter behalten, die übrigen Kinder waren früh ge⸗ orben. Valerie war ein hübſches Mädchen, wenn ſie auch auf den Mamen einer vollendeten Schönheit keinen Anſpruch machen konnte, — 140— ſo lag doch in ihrer Erſcheinung, ihrem Auftreten und in ihrem ganzen Weſen ein Zauber, der ihr alle Herzen gewinnen mußten. Die Arbeiter ihres Vaters nannten ſie einen Engel, und die Liebe und Hochachtung, welche Alle für ſie hegten, bewies, daß Valerie in der That dieſen Leuten als ein guter Geiſt aus dem Jenſeits erſcheinen mußte. Sie war die Wohlthäterin der Armen, kein Unglücklicher wandte ſich vergeblich an ſie und die Familien der Arbeiter wußten man⸗ chen erhebenden Zug ihrer Gutherzigkeit und freudigen Opfer⸗ willigkeit zu berichten. Herr Michelet ſelbſt hatte keine Zeit, ſich um das Privat⸗ und Familienleben ſeiner Arbeiter zu kümmern, aber er war des⸗ halb nichts weniger als ein herzloſer Egoiſt. Was ſeine Tochter that, billigte er, wenn ſie eine Summe zu wohlthätigen Zwecken forderte, bewilligte er ſie ohne Widerrede, er ließ Valerie ſchalten, wie es ihr gefiel, und war ſtolz auf das Lob und die Bewunderung, welche ſeine Arbeiter ihr zollten. Als die Stürme des Jahres 1848 über das ſchöne Frankreich hinwegbrauſten, als das Proletariat ſich erhob, um den Druck, unter welchem es ſeufzte, abzuſchütteln, da mußte mancher Fabri⸗ kant entgelten, was er in den Jahren vorher an ſeinen Arbeitern verbrochen hatte. Da machte mancher Kröſus die bittere, aber gerechte Erfah⸗ rung, daß an ſeinem Gelde das Blut und der Schweiß ſeiner Arbeiter klebte und daß nun die Tage der Abrechnung gekommen waren, in denen er erntete, was er geſäet hatte. In dem Etabliſſement des Herrn Michelet aber ging Alles ſeinen ruhigen, gewohnten Gang, nur ein Arbeiter, der erſt vor wenigen Wochen eingetreten war, wollte dem reichen Fabrikant, wie er ſagte, zur Ader laſſen, aber er hatte kaum dieſe Aeuße⸗ rung fallen laſſen, als ſeine Kameraden ihn unverzüglich vor die Thüre ſetzten. Ja die geſammten Arbeiter hatten ſich mit Waffen verſehen, um das Etabliſſement und das Wohnhaus ihres Herrn vor einem Angriff von Außen zu ſchützen und ſie würden es bis zum letzten Athemzuge vertheidigt haben, wenn der gefürchtete Angriff erfolgt wäre. Daß m dieſem Etabliſſement überall in jeder Werkſtätte eine recht freudige und einmüthig herzliche Stimmung herrſchte, lag in der Natur der Sache und wenn man dieſer ſeltenen Eintracht auf den Grund ging, ſo fand man, daß ſie in der Liebe zu Valerie gipfekte. Am Weihnachtstage hatte Michelet ſeinen Arbeitern ein großes, ſinniges Feſt bereitet. ₰ in ihrem mußten. und die ies, daß aus dem rwandte en man⸗ Opfer⸗ Privat⸗ var des⸗ imme zu derrede, auf das en. fankreich 1 Druk, Fabri⸗ rbeitern Erfah⸗ iß ſeiner kommen ng Alles erſt vor abtifant, Auuße⸗ vor die eerſehen, rr einem m letzten ferfolgt itte eine 3 lag ii racht auf Valerie 1 grohes — 141— Sie wurden insgeſammt mit ihren Familien im Schloſſe, wie man das Wohnhaus nannte, bewirthet und nachher beſchenkt. Daß bei dieſem Feſt Valerie nicht fehlte, war natürlich und es war rührend zu ſehen, wie ſie von den Arbeitern und ihren Frauen vergöttert wurde. Wenn ſie einen dieſer gebräunten, robuſten Männer anredete, ſo ſah man eine ſtolze Freude in ſeinen Augen gufleuchten und dieſer leuchtende Blick folgte ihr noch lange, wenn ſie ſich wieder entfernte, um einem Andern einige freundliche Worte zu ſagen. Auch die beiden Deutſchen, die in einer Fenſterniſche plaudernd beiſammen ſtanden, wurden nicht vergeſſen. Von ihrem Vater geführt, trat Valerie zu ihnen. „Sie werden an dieſem Tage Ihr ſchönes Deutſchland ſehr entbehren?“ wandte ſie ſich lächelnd zu Otto.„Ich habe einmal einem Weihnachtsfeſte in Deutſchland, in Wien, beigewohnt und vergeſſe dieſes Feſt nie. Die Herzlichkeit und trauliche Gemüth⸗ lichkeit, die dort herrſchten, kennen wir Franzoſen nicht.“ „Und doch habe ich ſelten ein ſo ſchönes, herzliches und ge⸗ müthliches Feſt, wie das heutige, gefeiert,“ erwiderte Otto treu⸗ herzig. „Ah,— das iſt eine Schmeichelei.“ „Gewiß nicht, mein Fräulein. Dieſe Eintracht, dieſe Liebe und Herzlichkeit in dem großen Kreiſe findet man auch in Deutſch⸗ land ſelten oder nie. Freilich, wenn Sie—“ „Sehen Sie, Ihr Lob ſoll nur eine Schmeichelei für mich ſein, ich weiſe es als unverdient zurück. Glauben Sie, daß unter unſern Arbeitern dieſe Herzlichkeit herrſchen würde, wenn ſie nicht alle unverdorbene Naturen wären? Es iſt wahr, ich zeige an Allem, was ſie betrifft, eine rege Theilnahme und es mag wohl ſein, daß das ſie mit ihrem Sclavenlooſe ausſöhnt, aber fern ſei es von mir, glauben zu wollen, daß dies allein das Band bildet, welches ſie Alle umſchlingt und zu einem harmoniſchen Ganzen vereinigt. Nein, nein, dieſes Band iſt die Zufriedenheit, ſie ſind genügſam, und beſcheiden ſich mit dem, was ſie haben—“ „und ſie wiſſen ſehr wohl, daß ſie eine einzige große Familie bilden, daß alle ihre Sorgen, ihre kleinen Leiden und Freuden im Herrenhauſe ein Echo finden. Das macht ſie ſo freudig zur Ar⸗ beit, ſo einmüthig und zufrieden.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Michelet, der lächelnd zugehört hatte,„und ich verſichere Sie, ich bin ſtolz darauf, an der Spitze dieſer kleinen Colonie zu ſtehen. Meine Leute wiſſen ſehr gut, daß ein einziges räudiges Schaaf die ganze Heerde vernichten kann, deßhalb halten ſie ſelbſt auf Zucht und Ordnung und ich hege die Ueberzeugung, daß ich in der Wahl neuer Arbeiter nicht — 142— allzu ſchwierig zu ſein brauche. Die alten Arbeiter verdrängen die, welche Unfrieden ſäen wollen, raſch.“ „Und wenn der Stamm geſund iſt, kann man getroſt ein jedes neues Reis pfropfen,“ fügte Valerie hinzu,„es bringt entweder gute Frucht, oder es muß verdorren.“ „Und ich hoffe, Sie werden noch recht lange bei dieſem Stamme bleiben,“ fuhr Michelet fort, während er den Beiden die Hand reichte,„ich habe Großes mit Ihnen vor.“ Otto verbeugte ſich, er mußte für den Freund das Wort führen, Nikolas wurde gleich verwirrt, wenn ein höher ſtehender Menſch ihn anredete. „Auch unſer Wunſch iſt es, hier zu bleiben und recht viel zu b lernen,“ erwiderte er. Michelet und Valerie grüßten und wanderten weiter. b „Dieſes Mädchen iſt wirklich ein Engel,“ ſagte Otto,„man muß es begreiflich finden, daß ſie von Allen geliebt wird, die ihr nahe kommen.“ Nikolas nickte. „Auch ihren Vater muß man hochachten und lieben,“ entgegnete er,„Michelet iſt ein herzensguter, gemüthreicher Menſch, wenn er je einem Schurken in die Hände fiele, würde er bald ein Bettler ſein.“ „Wenn Du das glaubſt, ſo verkennſt Du ihn, er weiß ſehr wohl die Menſchen zu beurtheilen und mit energiſcher Strenge durchzugreifen, wenn es nöthig iſt.“ „Ich hatte gedacht, Du würdeſt ihn um Rath fragen, des Briefes wegen, der uns ſo vieles Kopfbrechen gemacht hat,“ ſagte Nikolas. Otto machte eine ablehnende Bewegung. „Wozu das?“ erwiderte er.„Wir vermuthen ja, wer den Brief geſchrieben hat und ſind entſchloſſen, der Aufforderung Folge zu leiſten, was bedarf es da noch eines Rathes 244 Nikolas ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Ich traue der Sache nicht,“ verſetzte er.„Daß der Brief eine Dame geſchrieben hat, ſteht feſt und wir vermuthen, daß Marie Latour die Schreiberin iſt. Sie fordert uns auf, heute Abend uns in einer uns unbekannten Straße einzufinden und—“ „Wir werden die Straße und das Haus finden,“ unterbrach Otto ihn ruhig,„wir werden hingehen und hören, was man von uns will.“ „Und wenn Marie jenen Brief geſchrieben hat?“ „Wohl— was ſoll's?“ „Sie haßt mich.“ „Wäre das der Fall, würde ſie Dich nicht befreit haben.“ etdrängen ein jedes entweder ei dieſem n Beiden as Wort ſtehender t viel zu to,„man 7 N die ihr entgegnete wenn er n Bettler weiß ſeht r Strenge gen, des ot“ ſagte wer den ung Folge der Brief — 143— „Sie that es in der Hoffnung, meine Liebe dadurch zu gewinnen.“ „Und dieſe Hoffnung bewegt ſie vielleicht auch, Dich ein⸗ zuladen.“ „Aber Du weißt doch—“ „Still, mein Freund, man muß das Kind nicht mit dem Bade ausſchütten. Du biſt dem Mädchen Dank ſchuldig und das Geringſte, was Du thun kannſt, um dieſen Dank zu beweiſen, iſt, daß Du ihre Wünſche anhörſt.“ „Aber, wenn ich dieſe Wünſche nicht erfüllen kann?“ 1 „Das iſt eine Sache für ſich. Weißt Du vielleicht, welche Wünſche ſie hegt?“ „Ich ahne es, und wenn ich auch dieſe Liebe nicht begreifen kann—“ „Lieber Junge, in Frankreich liebt man leidenſchaftlicher, wie in unſerm Deutſchland. Hier iſt die Liebe glühender und deshalb verzehrend und auch wieder raſch erloſchen, bei uns iſt ſie eine ſchöne, duftige Blume, die Duft und Schönheit verliert, wenn ſie mit rauhen Händen berührt wird. Wir gehen hin und handeln, wie die Verhältniſſe, die wir noch nicht kennen, es erfordern.“ Die beiden Freunde hatten während dieſer Unterredung das Haus verlaſſen, ſie ſchritten in der Abenddämmerung auf die Weltſtadt zu. Eine geraume Weile ſtockte die Unterhaltung, endlich nahm Nikolas wieder das Wort. „Es iſt leichtſinnig, daß wir dieſer anonymen Aufforderung Folge leiſten,“ ſagte er,„zumal Du ſchon in Lyon ein ſehr ernſtes Abenteuer beſtanden haſt, welches Dein Leben in große Gefahr brachte.“. Otto zuckte die Achſeln, ein Zug der Geringſchätzung glitt über ſein Geſicht. „Wenn man ſich ſtets von Bedenken und Befürchtungen leiten laſſen will, ſo wird man es nie zu etwas Beſonderem bringen,“ erwiderte er.„Der Gefahr muß man mit ruhiger Stirne ent⸗ gegengehen können, ſie ſtählt die Nerven. Ich muß noch einmal auf das Thema zurückkommen, über welches Du mir bisher nie Rede ſtehen wollteſt. Du ſagſt, Du habeſt eine Braut in Deutſch⸗ land und doch ſchreibſt Du nie an ſie, noch empfängſt Du je einen Brief von ihr. Jeder Frage über dieſe Braut weichſt Du aus— „Das erſcheint Dir ſonderbar?“ „Muß es mich nicht befremden?“ Nikolas ſchwieg, er ſchien nachzudenken. „Es iſt wahr, es muß Dich befremden,“ ſagte er nach einer Pauſe. — 144— „Aber ich will lieber Worte der Befremdung als des Spotts über dieſen Punkt von Deinen Lippen hören. Spott und Hohn könnte ich nicht ertragen,“ fuhr er ſich ereifernd fort,„das ſage ich Dir, Otto, ein einziges verletzendes Wort könnte mich bewegen, mich von Dir zu trennen.“ „Lieber Himmel, Du ereiferſt Dich ohne Grund—“ „Ich weiß, daß Du eine beißende Bemerkung machen wirſt—“ „Ich verſpreche Dir, es nicht zu thun.“ „Willſt Du mir auch geloben, Deine offene, ehrliche Anſicht, frei von jeder Leidenſchaft, zu äußern?“ „Wenn Du es wünſcheſt.“ „Ich wünſche es.“ „So verſpreche ich es Dir.“ „Vor allen Dingen mache ich Dich noch einmal darauf auf⸗ merkſam, daß das Mädchen, welches ich ſo tief und innig liebe, von dieſer Liebe nichts weiß und daß ſie erſt dann Alles erfahren ſoll, wenn ich ihr eine Exiſtenz bieten kann und ihr Herz und ihre Hand alsdann noch frei ſind.“ „Ich weiß das und ich glaube, Dir ſchon meine ernſten Be⸗ denken darüber mitgetheilt zu haben. 44 „Und wenn ich Dir nun ſage, daß dieſes Mädchen Deine Schweſter iſt; wirſt Du auch dann noch mir rathen, ſchon jetzt mir Gewißheit zu holen?“ Otto war ſtehen geblieben, dieſe Mittheilung hatte ihn über⸗ raſcht, aber nicht der leiſeſte Zug des Spottes oder der Miß⸗ billigung glitt über ſein Geſicht. „Wenn mich das überraſcht, ſo hat es ſeinen Grund darin, daß Du nicht eher mir Dein Vertrauen geſchenkt haſt,“ ſagte er ruhig.„Wie konnteſt Du von meiner Seite Spott und Hohn erwarten? Ich weiß, daß Helene an Deiner Seite eine, wenn auch beſcheidene, doch glückliche Exiſtenz finden wird und wenn ſie Deine Liebe erwidert, was könnte mich bewegen, zwiſchen Euch beide zu treten?“ „So billigſt Du dieſe Liebe?“ „Weshalb ſoll ich ſie mißbilligen?“ „Sie kann höhere Anſprüche machen, ich weiß, daß ich es nie höher als zu einem—“ „Lieber Freund, auf die Stellung in der Geſellſchaft kommt es nicht an, die Hauptſache iſt, ob der Menſch charakterfeſt, brav und gut iſt, ich reiche lieber dem ehrlichen Tagelöhner die Hand, als dem reichen Schurken.— Soll ich für Dich bei Helene anklopfen?“ „Nein, nein— „Aber weshalb nicht?“ 71 auf auf⸗ g liebe, rfahren erz und ten Be⸗ Deine pon jetzt ft Uber⸗ Miß⸗ darin, ſagte er d Hohn uem venn ſie en Euch „Ich will ſie nicht binden. Wenn ſie mich zurückweiſt, habe ich den Muth und die Freudigkeit verloren, da will ich lieber in dieſer Ungewißheit bleiben und an meinen Hoffnungen feſthalten.“ „Nun, wie Du willſt,“ ſagte Otto, indem er dem Freunde die Hand reichte,„ſei verſichert, daß es mir eine herzliche Freude bereiten wird, wenn Du das erſehnte Ziel erreichſt.“ Nikolas drückte warm die Hand des Freundes, eine ſchwere Laſt war ihm von der Seele gefallen. Die Beiden hatten Paris erreicht. Es gelang ihnen mit geringer Mühe, die Straße und das Haus zu finden, in welchem ſie erwartet wurden. Es war ein kleines beſcheidenes Haus in einer ziemlich ent⸗ legenen, ſtillen Straße. Otto zog die Glocke und noch in dieſem Augenblick wieder⸗ holte Nikolas ſeinen Wunſch, der anonymen Aufforderung, die ihn beunruhigte, keine Folge zu leiſten. „Warten wir's ab,“ erwiderte Otto ruhig. Als die Thüre geöffnet wurde, erſchien eine alte Frau auf der Schwelle, deren ſcharf markirte Phyſiognomie einen abſchrecken⸗ den Eindruck auf die Freunde machte. Sie blickte, während ſie die Lampe empor hielt, mit ihren grauen, ſtechenden Augen die Beiden forſchend an und forderte ſie dann durch einen Wink auf, ihr zu folgen. Gleich darauf befanden die Freunde ſich in einem kleinen, ſehr elegant eingerichteten Gemach. Dieſe elegante, geſchmackvolle und zugleich etwas überladene Ausſtattung ſchien Nikolas nur noch mehr zu beunruhigen, er fühlte ſich in ſolchen Räumen nicht wohl, weil er zu ſelten Gelegenheit gehabt hatte, ſich in ihnen zu bewegen. Otto dagegen harrte ruhig der kommenden Dinge, es über⸗ raſchte ihn nicht, noch beunruhigte es ihn, als er in der jungen Dame, welche bald darauf eintrat, Marie Latour, die Tochter des Schloſſers in Mülhauſen, erkannte. Marie war in dieſem Augenblicke ſchöner, denn je. Ihre elegante, verführeriſche Toilette hob die Schönheit ihres Wuchſes und ihrer Formen hervor und die Gluth der Leidenſchaft, die in ihren dunklen, glänzenden Augen loderte, hatte etwas Feſſelndes, Berauſchendes, dem nur ein feſter Charakter widerſtehen konnte. Sie bat die Beiden Platz zu nehmen und ließ ſich ſelbſt auf ein Fauteuil nieder, der zwiſchen zwei mit blühenden Gewächſen reich garnirten Blumentiſchen ſtand. „Ich. danke Ihnen, daß Sie meine Bitte erfüllt haben,“ ſagte ſie,„ich hege nun auch die Zuverſicht, daß Sie mir nicht zürnen werden, wenn Sie den Grund dieſer Bitte vernehmen.“ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 10 146— „Ich glaube, wir kennen ihn bereits,“ erwiderte Otto ruhig, „vielleicht iſt es beſſer, Sie ſprechen ihn nicht aus—“ „Mein Herr, es wird das letzte Mal ſein,“ fuhr Marie fort, über deren ſchönes Geſicht ein düſtrer Schatten ſich breitete. h „Was die gewaltige Liebe zu dieſem Undankbaren in meine Seele gehaucht hat, weiß ich nicht, es würde wohl auch zu keinem R⸗ ſultate führen, wollte ich darüber nachgrübeln. Aber eine tiefe, f gewaltige Liebe iſt es, das beweiſen wohl die Opfer, die ich gebracht habe. Ich habe die Heimath verlaſſen, mich einere Fälſchung ſchuldig gemacht, meinem theuren Vater unſagbaren Kummer bereitet, und das Alles dieſes Mannes wegen, der mir dafür mit Undank lohnt.“ „Mein Fräulein, was Sie für mich gethan häben, erkenne ich mit herzlichem Danke an,“ erwiderte Nikolas, der in dieſem Augenblick lieber hinter dem Schraubſtock als in dieſem eleganten d Gemach geſtanden hätte.„Ich habe Ihnen geſagt, daß ich bereit ſei, Ihnen jedes Opfer zu bringen; nur das Eine, meiner Braut zu entſagen, dürften Sie nicht verlangen.“ Ein glühender Blick traf aus den blitzenden Augen des Mäd⸗ chens den jungen Mann, ein Blick, der ihn zerſchmettert haben würde, wenn er die Kraft eines Blitzſtrahls beſeſſen hätte. „Alle dieſe Opfer habe ich gebracht,“ fuhr ſie fort,„und als 3 er trotzdem meine Liebe verſchmähte, da glaubte ich ihn haſſen zu 1 müſſen. Aber den Haß gebiert die Liebe nur unter tauſen 1 Qualen und Schmerzen, es währt lange, ehe die Umwandlung ſich vollzogen hat. Ich ſtehe nun am Scheidewege, einer führt zu dem Ziele, dem ich Alles geopfert habe, der andere führt zur Macht, zum Reichthum. Nicht ich habe die Wahl, ſie liegt in dem Willen desjenigen, der den erſten Weg mir öffnen und ver⸗ ſchließen kann.“ Otto blickte fragend den Freund an, der wehmüthig ernſt das l Haupt ſchüttelte. „Der zweite Weg, mein Fäulein, führt vielleicht zum Reich⸗ 1 thum, aber bittre Stunden der Reue werden am Ziele Sie erwarten,“ ſagte Otto, der die Abſichten des Mädchens ahnte. 8„Weshalb wollen Sie nur die Wahl zwiſchen dieſen Beiden? 9. 4 Kehren Sie in die Heimath zurück—“ 4„Ich kann es nicht!“ „Ihr Vater wird Sie mit offnen Armen empfangen.“ „Mein Vater wird mir die Thüre zeigen, wenn ich nicht am Arme des Mannes zurückkehre, für den ich meine Ehre und meinen guten Ruf hingegeben habe.“ „Suchen Sie hier eine Stelle.“ —„Nein, ich mag nicht die Sklavin Andrer ſein.“ ruhig, ie fott, vreitete. eSeele em Re⸗ e tiefe, die ich einer agbaren der mir enne ich dieſem eeganten bereit Braut Rid⸗ t haben . und als ſaſſen zu tauſend andlung 1 führt ahrt zut liegt in und ver⸗ enſt das n Reich⸗ eelle Sie s ahnte Beiden 11 niht m kre un — 147— „Sie wollen herrſchen—“ „Ja, ich will herrſchen, wäre es auch nur, um den vernichten zu können, der meine Liebe vergiftet und in Haß umgewandelt hat,“ erwiderte Marie mit blitzenden Augen und es lag in dem Ausdruck ihrer Züge, wie in dem Ton ihrer Stimme eine ſolche Fülle von wilder, verzehrender Leidenſchaft, daß Otto ſein Ent⸗ ſetzen nicht verhehlen konnte. „Was Sie auch thun mögen, mein Fräulein, beurtheilen Sie mich nicht falſch,“ nahm Nikolas das Wort.„Liebe läßt ſich nicht erzwingen, und wenn das Herz einmal liebt, ſo kann dieſe Liebe nicht mehr verdrängt werden. Müßten Sie ſelbſt mich nicht verachten, wenn ich meiner Braut die Treue bräche, wenn—“ „Genug, mein Herr!“ fiel Marie ihm in's Wort.„Ich könnte Ihnen erwidern, daß die Pflicht Ihnen gebiete, mich vor dem Sturz in den Abgrund zu bewahren, an den Sie mich ge⸗ führt haben.“ Otto hatte ſich erhoben. „Beenden wir dieſe Unterredung, die zu keinem Reſultate führen kann,“ ſagte er ruhig.„Ich kann Ihnen der Liebe zu meinem Freunde wegen nicht zürnen, mein Fräulein, aber mit Recht mache ich Ihnen den Vorwurf, daß Sie nicht verſucht haben, dieſe Leidenſchaft zu unterdrücken, als es noch Zeit war. Sie kannten die Gründe, welche dieſen Mann nöthigten, das, was Sie ihm anboten, zurückzuweiſen, Sie mußten dieſe Gründe ehren und einſehen, daß es Ihnen nichtgelingen werde, ſie zu beſeitigen.“ Die vorhin noch ſo hochrothen Wangen des Mädchens waren erblaßt, ihre Lippen bebten vor innerer Aufregung. „So kann nur ein Deutſcher reden,“ erwiderte ſie,„ein Mann, der weder Herz noch Gemüth hat, in deſſen Adern das kalte Blut der Amphibien wallt! Fort mit Euch, ich mag von Euch nichts mehr wiſſen, meine Liebe iſt erloſchen, fortan wird nur noch die Gluth des Haſſes meine Seele durchſtrömen.“ „Nooch einmal verſuchte Otto, den Freund zu rechtfertigen und ihr zu beweiſen, daß der größere Theil der Schuld auf ihrer Seite ſei, noch einmal bat Nikolas ſie, ſich mit ſeiner Freund⸗ ſchaft zu begnügen, mit finſterm Schweigen hörte Marie ſie an und als ſie geendet hatten, wandte ſie ihnen mit einem Blick der Verachtung den Rücken. Die beiden Freunde hielten es unter dieſen Umſtänden für rathſam, ſich zu entfernen, und Marie ließ ſie gehen, ohne den Verſuch zu machen, ſie zurückzuhalten.— 10*¾ Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Bund der Kache. Wenn die beiden Freunde ein Intereſſe daran gehabt hätten, die Straße, an der das kleine Haus lag, zu beobachten, ſo wür⸗ den ſie bemerkt haben, daß ein Mann das Haus, welches ſie ver⸗ gen, ſcharf und unverwandt betrachtete. Sie würden vielleicht näher getreten ſein und in dieſem Manne, der durch einen Mauervorſprung halb verdeckt war, Franz Werner erkannt haben, denſelben Elſäſſer Schloſſergeſellen, dem ſie ihre Verfolgung in Mülhauſen damals zu verdanken hatten. Sie ſahen dieſen Mann nicht und Franz Werner ſchien ab⸗ ſichtlich die Begegnung mit ihnen vermeiden zu wollen, denn er “ drückte ſich ſo viel wie möglich hinter den Vorſprung zurück, ohne ſie indeß aus den Augen zu verlieren. 6 Als ſie die Straße verlaſſen hatten, trat er hervor. „Kein Zweifel,“ ſagte er leiſe,„in dieſem Hauſe muß ſie wohnen. Sie liebt dieſen Mann noch immer— gut, wir werden ſehen, was zu thun iſt.“ 1 Er trat, raſch entſchloſſen, auf das Haus zu und zog die 1 Glocke. — — ☛ “ Die alte Frau öffnete. I Sie muſterte den Fremden ebenſo ſcharf, wie ſie die beiden Deutſchen gemuſtert hatte, dann fragte ſie ihn, was ihn in dieſes Haus führe. „Sagt dem Fräulein Marie Latour, ein alter Bekannter wünſche einige Worte mit ihr zu reden,“ erwiderte Werner kurz angebunden.. „Ein alter Bekannter,“ höhnte die Alte.„Das Fräulein iſt hier unbekannt.“ „Ein Bekannter aus Mülhauſen.“ „Ah— was könnte er Gutes bringen! Ihr ſeid zu jung, um ihr Vater, und zu alt, um ihr Bruder zu ſein,— geht, das Fräulein hat Beſſeres zu thun, als mit Euch die Zeit zu ver⸗ plaudern.“ Franz Werner ließ ſich ſo raſch nicht abweiſen. „Es wird ſich finden, ob Fräulein Latour mich anhören will oder nicht,“ ſagte er barſch, indem er die Frau ſehr unſanft bei thätten, ſo wür⸗ ſie ver⸗ i dieſem r, Jranz dem ſie en. hien ab⸗ denn er ück, ohne nülfß ſie r werden g die 25 68 de beiden in dieſes Bekannter äulein iſ zu jung geht, da⸗ t zu der all förn n nſanft — 149— Seite drängte und raſch an ihr vorbeiſchritt,„Ihr werdet wenig⸗ ſtens mich nicht hindern können, ſie in dieſem Hauſe aufzuſuchen.“ Er öffnete, ohne die Erwiderung der beſtürzten Frau abzu⸗ warten, die erſte Thüre, und ſtand in demſelben Gemach, in wel⸗ chem Marie die Deutſchen empfangen hatte, dem Mädchen gegen⸗ über. Erſchreckt trat Marie zurück, ſie hatte noch nicht daran gedacht, daß ſie dieſem Feinde in Paris begegnen könne. Franz Werner ſchloß hinter ſich die Thüre und ließ ſich auf einen Seſſel nieder. „Der Teufel, wie elegant und fein iſt das Alles!“ ſagte er, erſtaunt ſich umblickend.„Gottes Blut, wenn ich dagegen bedenke, wie ſchlicht und einfach es im Hauſe Latour's war, ſo drängt ſich mir die Vermuthung auf—“ „Mein Herr, was wünſchen Sie von mir?“ unterbrach Marie ihn, die ihre Faſſung raſch wieder gefunden hatte.„Was bewegt und berechtigt Sie, in dieſe Wohnung ſo eigenmächtig und gewalt⸗ ſam einzudringen?“ Franz Werner hatte inzwiſchen der eleganten Einrichtung die gebührende Aufmerkſamkeit gewidmet, er blickte jetzt das Mädchen an, welches in drohender, faſt feindſeliger Haltung vor ihm ſtand. „Was mich dazu berechtigt?“ erwiderte er ſpottend.„Ich meine, die Antwort auf dieſe Frage liege ſehr nahe. Gottes Blut, was hält mich ab, der Pariſer Polizei Ihre Heldenthaten in Mülhauſen zu berichten? Wenn ich das nicht thue und mir dafür nur erlaube, Ihnen einen freundſchaftlichen Beſuch zu machen, iſt 3 nicht das kleinſte Recht, auf welches ich Anſpruch machen darf?“ „Und welchen Zweck hat dieſer Beſuch?“ „Om— Sie wiſſen, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, Sie wiſſen auch, daß ich dieſen deutſchen Tölpel haſſe, der ſich zwiſchen Sie und mich gedrängt hat—“ d war die Urſache nicht, daß ich Ihre Werbung zurück⸗ wies.“ „Mag ſein, aber ich haſſe ihn, weil Sie ihn lieben.“ „Und wenn ich Ihnen nun ſage, daß ich ihn nicht mehr liebe?“ fragte Marie, in deren Seele die Gluth der Leidenſchaft neu aufflammte. „He— das wäre—“ „His Wahrheit!“ „Bah— haben Sie nicht mehr als zu viel für ihn geopfert?“ „Es iſt wahr.“ 4 j 4 l ſͤr zin gupſer „Und er ſollte ſo kalt und gefühllos ſein—“ „Er iſt es.“ — 150— Mit wachſendem Erſtaunen blickte Werner zu dem ſchönen Mädchen auf. „Gottes Blut, war er denn nicht noch vor wenigen Minuten hier?“ fragte er. „Woher wiſſen Sie es?“ „Ich habe ihn geſehen, als er dieſes Haus verließ.“ „Es iſt wahr, er war hier und ich habe ihm geſagt, daß ich ihn fortan haſſen werde,“ erwiderte Marie ſo feſt und ruhig, daß Werner keinen Zweifel in die Wahrheit ihrer Behauptung ſetzen konnte. „Das iſt ſonderbar, ſehr ſonderbar, ein Räthſel, welches ich nicht begreifen kann,“ ſagte der Elſäſſer.„Nun wohl, dann ſind Sie frei und ich darf es wagen, noch einmal um Ihre Hand zu werben.“ Marie ſchüttelte ablehnend das ſchöne Köpfchen. „Laſſen wir alte Geſchichten ruhen,“ entgegnete ſie,„nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, kann von einer ſolchen Werbung nicht mehr die Rede ſein. Was wollen Sie hier? Sind Sie nur gekommen, um mir zu ſagen, daß Sie jenen Deutſchen haſſen, wohl, ſo wiſſen Sie nun, daß auch ich ihn haſſe, das mag Ihnen genügen und Sie ausſöhnen mit der Zurückweiſung Ihrer Werbung.“ Franz Werner verſchränkte die Arme und blickte eine geraume Weile ſinnend vor ſich hin. Er war klug genug, einzuſehen, daß von einer Erfüllung ſeiner Wünſche und Hoffnungen nicht mehr die Rede ſein konnte und daß es ihm auch keinen Vortheil brachte, wenn er dafür ſich da⸗ durch rächte, daß er Marie der Polizeibehörde denuncirte. „Und was wollen Sie nun thun?“ fragte er. „Ich weiß es noch nicht,“ erwiderte das Mädchen ruhig. „In die Heimath dürfen Sie nicht zurück.“ „Ich habe bereits darauf verzichtet.“ „Ihr Vater hat gelobt, Sie nicht mehr als ſeine Tochter an⸗ zuerkennen.“ „Ich ahnte es.“ „Und das Alles haben Sie jenem Deutſchen zu verdanken. Marie, wollen Sie ſich dafür nicht an ihm rächen?“ „Was hätte ich durch die Rache gewonnen?“ „Wenigſtens die Genugthuung, für jene Opfer ſich entſchädigt zu haben.“ „Nein, laſſen Sie ihn, er wird ſpäter bereuen.“ „Bereuen?“ forſchte Werner.„Was ſollte ihn dazu veran⸗ laſſen? Gottes Blut, wenn ich an Ihrer Stelle wäre und ein Mann hätte meine Liebe verſchmäht, in den Staub getreten, ich würde ihn vernichten!“ 22 G ſchönen Minuten daß ich jig, daß i ſetzen Aches ic ann ſind Hand zu ach dem, Verbung ind Sie m hoſſen, 9 Ihnen Zerbung⸗ geraume ng ſeiner ante und ſich da⸗ üͤhig. ochter al⸗ — 151— Der Blick des Mädchens ruhte lange auf dem Geſicht des Elſäſſers. Seine Worte weckten und nährten den Sturm, der ihre Seele durchtobte,— ja, ſie wollte ſich rächen, nur wider⸗ ſtrebte es ihr, den Beiſtand dieſes Mannes anzunehmen. „Ich weiß wohl, daß ich auf meine frühern Wünſche verzichten muß,“ fuhr Werner fort,„nichtsdeſtoweniger empört mich die Handlungsweiſe dieſes Mannes, die auf der andern Seite mir allerdings als eine gerechte Vergeltung der Zurückweiſung meiner Werbung erſcheinen könnte. Marie, ſo tief Sie auch damals mich gekränkt haben, biete ich dennoch mich Ihnen als Rächer an.“ „Und was verlangen Sie dafür?“ fragte Marie. „Nur die Erlaubniß, dann und wann mit Ihnen reden zu dürfen.“ „Weiter nichts?“ „Nein.“ „Ich werde reich werden, Werner, es werden Tage kommen, in denen ich eine hervorragende Stellung einnehme.“ „Träume, Marie!“ „Träume, die ich verwirklichen werde.“ Franz Werner konnte ſeine Ueberraſchung nicht verhehlen. „Das wiſſen Sie ſchon jetzt ſo ſicher?“ fragte er. „Ich weiß es.“ „So haben Sie den Weg ſchon betreten, der zu dieſem glän⸗ zenden Ziele führt?“ Q 74 „Jd. „Ah, welcher Weg iſt es?“ „Forſchen Sie nicht darnach.“ „Doch, Marie, mir ahnt, daß es kein guter Weg iſt, hören Sie den Rath eines Mannes, der Sie zu ſehr liebt, als daß er Sie gleichgültig unterſinken ſehen könnte.“ Marie zuckte die Achſeln. „Ich werde nicht ſinken, ſondern ſteigen und wenn ich einſt das Ziel erreicht habe, ſollen meine Freunde mit mir zufrieden ſein,“ ſagte ſie.„Ihr Rath kann mich ebenſo wenig zurückhalten, wie Ihre Bitten und Warnungen es thun würden, Werner, des⸗ halb ſparen Sie die Worte. Ich mag keine untergeordnete Rolle ſpielen, wo ich einmal daheim meine Ehre und meinen guten Ruf verloren habe, will ich mit dem, was mir blieb, wuchern, ich fühle, daß ich erkoren bin, zu herrſchen, nicht zu dienen.“ „Aber die Reue—“ „Laſſen wir das, wer die Reue fürchtet, darf nichts wagen, nichts unternehmen; ich fürchte die Reue nicht. Was wollen Sie? Wer reich iſt, der i*ſt auch angeſehen und mächtig, der Arme aber kann ſich niemals aus dem Staube erheben.“ — 8* — 152— Franz Werner nickte. „Ja, ja, wer reich werden könnte!“ ſagte er ſinnend. „Bin ich's, ſo ſoll auch für Sie ein Theil dieſer Glücksgüter abfallen, vorausgeſetzt, daß Sie mir in allen Dingen zur Seite ſtehen. Nicht mit Ihrem Rath, ich weiß ſelbſt, was ich zu thun und zu laſſen habe. Ich verlange von Ihnen nur, daß Sie treu und pünktlich meinen Willen ausführen.“ „Alſo gewiſſermaßen als Diener?“ „Ja. Es iſt jedenfalls eine angenehmere Beſchäftigung als die bisherige, und ich verſichere Sie, daß Sie Reichthümer dabei ſammeln können.“ Franz Werner wußte nicht, was er dazu ſagen ſollte, der Sinn dieſer Worte war ihm unklar. Aber er begriff, daß dieſes Mädchen großartige Pläne ent⸗ worfen hatte und die Zuverſicht, mit der ſie ihm den Reichthum in Ausſicht ſtellte, mit der ſie ſelbſt über ihre eigene Zukunft redete, ließ ihn erkennen, daß ſie des Erfolges ihrer Pläne ſicher war. Er ſelbſt hatte nichts zu verlieren, er war ohne Arbeit und dnee auch nicht geneigt, ſich wieder hinter den Ambos zu ellen. Das Leben eines herrſchaftlichen Dieners in glänzender Livree gefiel ihm beſſer und es lag ja in ſeinem freien Willen, dieſen Poſten wieder zu quittiren, wenn er ſeinen Erwartungen nicht entſprach. „Stellen wir die Bedingungen feſt,“ ſagte er nach einer Weile,„wenn ſie mir zuſagen, gehe ich auf Ihren Vorſchlag ein.“ Marie dachte eine Weile nach. „Ueber die Bedingungen können wir uns ſpäter einigen,“ erwiderte ſie,„einſtweilen erhalten Sie von mir, was Sie zum Leben bedürfen. Es kommt auf Sie an, ob die Trinkgelder der Herren, denen ich meine Salons öffnen werde, glänzend ausfallen. Die Kunſt ſie zu fordern, lernen Sie raſch.“ Jetzt begriff der Elſäſſer die Pläne der jungen Dame, und ſeine frühere Liebe war ſchon ſo ſehr unter dem Egoismus und der Habſucht erſtickt, daß er keinen Einwand mehr machte. „Gut, ich nehme es an,“ ſagte er.„Aber hier werden Sie nicht mehr wohnen bleiben?“ „Nein.“ „Wir werden Wagen und Pferde haben 24 „Gewiß.“ „Dann kann es gelingen.“ „Sie geloben mir vor allen Dingen Treue und Verſchwie⸗ genheit—“ ihn 755 — 153— „Natürlich!“ .„Und mich zu rächen an dem Deutſchen?“ ksgüter c„Ja. Seite„Wie wollen Sie das anfangen? Wenn Sie die Behörde auf u thun ihn aufmerſam machen, ſo laufe auch ich Gefahr—“ ie treu„Das darf nicht geſchehen. Wiſſen Sie, wo er arbeitet?“ „In dem Etabliſſement Michelets.“ „In der Mäßigkeits⸗Kolonie?“ ſpottete Werner. ng als„Ich weiß das nicht, es ſoll ein ſehr großes Etabliſſement dabei ſein.“ „Ich kenne es. Wenn Sie mir einige Tage Urlaub geben, e, der werde ich den Deutſchen dort eine Suppe einbrocken, an der ſie erſticken ſollen.“ te ent⸗„Den Urlaub gebe ich Ihnen gerne. Sie werden Ihren chthum Dienſt ſchon heute Abend antreten. Nehmen Sie dieſe Adreſſe zukunft und ſagen Sie dem Herrn, ich erwarte ihn noch heute Abend.“ Pläne„Oh,— ein Bankier?“ fragte Werner, einen Blick auf die Karte werfend. et und Marie zuckte die Achſeln. bos zu„Er wird bald ruinirt ſein,“ erwiderte ſie gleichmüthig. „Wenn Sie dieſen Auftrag ausgerichtet haben, ſo holen Sie ürrer Ihre Habſeligkeiten—“ dieſen„Ich beſitze keine—.. 5 en rict„Deſto beſſer, ich werde morgen einen Schneider beauftragen, Sie mit der nöthigen Garderobe zu verſehen. Sie kehren ſicher einer zurück, meine Hauswirthin wird Ihnen ein Zimmer anweiſen, an ein.“ welchis, Sie bis zu unſerm bevorſtehenden Umzuge benutzen 4 önnen.“ nigen,„Und mein Taſchengeld?“ iie zum„Nehmen Sie einſtweilen dieſen Louisd'or; er iſt das Letzte der der von der kleinen Summe, die meine Wirthin mir geliehen hat. zlen. Uebrigens bezweifle ich nicht, daß der Bankier Ihnen den Gang 15 lohnen wird.“ und Franz Werner eilte hinaus. be und Marie zog die Glocke und beauftragte die alte Frau, für ein uus Souper von zwei Couverts Sorge zu tragen. dur Er„Endlich!“ ſagte die Alte, über deren häßliches Geſicht ein Zug triumphirender Genugthuung glitt.„Sehen Sie nun endlliich ein, daß der Weg, den ich Ihnen zeigte, der beſte iſt?“ „Ja, Marguerite, ich ſehe es ein,“ erwiderte Marie gleich⸗ gültig,„aber dem, der mich gezwungen hat, dieſen Weg zu gehen, habe ich Rache geſchworen.“ Die alte Frau nickte. erſcyi„Das gibt Abwechslung, wenn die Langeweile ſich einſtellt,“ — 154— verſetzte ſie,„jetzt aber handeln Sie klug und vorſichtig, übereilen Sie nichts, das Glück ruht in ihren Händen. Sie werden viel⸗ leicht ſchon bald dieſes Haus verlaſſen, nehmen Sie mich als Ihre Kammerfrau mit, ich vermiethe das Haus und wohne bei Ihnen.“ „Ich wollte Ihnen dieſen Vorſchlag ſchon machen.“ „So ſind wir alſo einig?“ „Vorausgeſetzt, daß Sie niemals den Verſuch machen wollen, mich in meinem freien Willen einzuſchränken.“ „Ich werde Ihnen nur rathen.“ „Aber auch nur das?“ „Ja.“ „Gut, dann ſind wir einig. Jetzt ſorgen Sie für ein Abend⸗ eſſen. Die Auslagen erſtatte ich Ihnen morgen zurück.“ Eine halbe Stunde ſpäter fuhr ein Wagen vor. Die Glocke wurde haſtig gezogen, die Alte eilte zur Thüre, um zu öffnen. Gleich daranf trat der Bankier ein. Er war ſchon ziemlich bejahrt, eine unterſetzte, wohlbeleibte Figur mit einer ſehr gutmüthigen Phyſiognomie und den Spuren einer werdenden Glatze. Man ſah ihm ſofort an, daß er ein Emporkömmling war; denn er trug ſeine goldne Kette, ſeine Ringe und andere Schmuck⸗ ſachen mit einer ſolchen Oſtentation zur Schau, daß man ſofort erkennen mußte, welchen Werth er auf ſie legte. „Sie haben befohlen, ſchönes Fräulein,“ ſagte er, während er ſich raſch dem Fauteuil näherte,„ich hoffe, Sie werden in meinen Augen leſen, wie glücklich—“ „Ich habe Sie gebeten, mich zu beſuchen, weil ich mit Ihnen über den Brief reden möchte, den Sie vor drei Tagen an mich ſchrieben,“ unterbrach Marie ihn ruhig.„Dieſer Brief hat mich überraſcht. Sie werben um meine Gunſt und doch kann ich mich nicht erinnern, Sie je zuvor geſehen zu haben.“ „Aber ich ſah Sie, mein ſchönes Kind—“ „Erlauben Sie, die Vertraulichkeiten beginnen erſt dann, wenn ich mich von der Wahrheit Ihrer Liebe zu mir überzeugt habe.“ „Fordern Sie Beweiſe!“ Der Blick, den Marie dem verliebten Narren zuwarf, hatte etwas Verführeriſches, dieſer Blick mußte die Leidenſchaft des Bankiers zu heller Gluth anfachen. „Wenn die Liebe wahr ſein ſoll, muß ſie vor allen Dingen opferwillig ſein,“ ſagte ſie und ein bezauberndes Lächeln umſpielte ihre Lippen. „Stellen Sie mich auf die Probe!“ erwiderte der Bankier feurig. vie der 8 lbereilen en viel⸗ nich als ohne bei wollen, Abend⸗ Glocke ffnen. lbeleibte Spuren ng war; Schmuck⸗ an ſ cfort hrend er meinen it Ihnen an mich hat mich ich mich an, wenn t habe. if, hatte haft des Dingen unipielt Banker — 155— Marie ſchüttelte zweifelnd das ſchöne Köpfchen und entkorkte eine Champagnerflaſche. „Ich bezweifle, daß Sie die Probe beſtehen werden,“ verſetzte ſie, nachdem ſie an dem perlenden, ſchäumenden Weine leicht ge⸗ nippt hatte.„Wenn ich einmal aus meiner einſamen Zurückge⸗ zogenheit in die Welt hinaustrete, dann will ich auch mit dem Glanze auftreten—“ „Sie ſollen es. Befehlen Sie—“ „Ueberſtürzen wir nichts. Eine ſchöne, elegante Wohnung, die mit allem Comfort, allem Luxus eingerichtet ſein muß—“ „Ueberlaſſen Sie es mir, dieſen Wunſch zu erfüllen. Ich kenne eine ſolche Wohnung, die Räume ſind hoch, luftig, elegant, ich werde für eine fürſtliche Ausſtattung Sorge tragen.“ „Die Einrichtung dieſer Wohnung muß natürlich mein allei⸗ niges Eigenthum ſein.“ „Es würde mich beleidigen, wenn Sie mir nicht erlauben mollten. ſie Ihnen als ein geringes Zeichen meiner Liebe anzu⸗ ieten. „Greifen Sie zu, mein Lieber, dieſes Geflügel iſt vortrefflich zubereitet.— Dann müßte ich eine Equipage und Pferde be⸗ ſitzen⸗“ Der Bankier nickte. „Ich dachte ſchon darüber nach, ob ein zweiſitziger oder ein vierſitziger Wagen vorzuziehen ſei.“ „Nehmen wir beide.“ „Wenn Sie es wünſchen.“ „Natürlich werden die Koſten der Haushaltung nicht unbe⸗ deutend ſein.“ „Meine Kaſſe ſteht Ihnen immer offen.“ „Sie werden mir monatlich zehntauſend Francs zahlen?“ „Zehntauſend?“ „Ich fürchte, es iſt zu wenig.“ Der Bankier war in dieſem Augenblick unfähig, über die Folgen der Verpflichtungen, die er einging, nachzudenken. Die Blicke, das Lächeln und der Ton der Stimme berauſchten und verwirrten ihn. „Wenn Sie nicht auskommen, nehmen Sie das Fehlende aus meiner Kaſſe,“ ſagte er. Marie füllte wieder die Gläſer und warf über den Rand des ſchäumenden Kelches dem Bankier einen glühenden Blick zu. „Natürlich wird meine Schmuckſchatulle mit der Einrichtung meiner Wohnung übereinſtimmen müſſen,“ ſagte ſie.„Ich ge⸗ bene. offenherzig, daß ich außer einem einfachen Ringe nichts e— — 156— „Ah— mein ſüßes Kind, ich werde den Laden des erſten Juweliers für Sie plündern!“ „Auch bin ich augenblicklich ohne Geldmittel, Sie werden die Güte haben, mir morgen die erſte Monatsrate zu ſchicken.“ „Mit Vergnügen!“ „Und wann werden Sie mich in meine neue Wohnung führen?“ „Späteſtens binnen ſechs Tagen.“ „Alſo noch vor Jahresſchluß?“ „Unter allen Umſtänden.“ Der Bankier hatte ſich inzwiſchen erlaubt, der jungen Dame näher zu rücken, er wollte ſeinen Arm um ihre Tallle ſchlingen. Marie erhob ſich, ein halb zürnender, halb aufmunternder Blick traf den verliebten Narren, der im Begriff ſtand, ſeiner un⸗ ſinnigen Leidenſchaft ſein ganzes Vermögen und vielleicht auch die Ehre ſeines Namens zu opfern. „Ich ſagte Ihnen ſchon, daß ich jetzt noch keine Vertraulich⸗ keiten dulde,“ verſetzte ſie. „Aber das iſt grauſam!“ erwiderte der Bankier. „Durchaus nicht.“ „Meine Liebe—“ „Reden Sie nicht von ihr, bevor ich von ihrer Wahrheit überzeugt bin.“ „Habe ich Ihnen nicht die Beweiſe dafür gegeben?“ „Nein.“ „Habe ich Ihnen nicht die Erfüllung aller Wünſche zugeſagt?“ „Freilich, aber— „Aber?“ „Wer bürgt mir dafür, daß Sie Ihr Verſprechen einlöſen werden?“ „Wie? Sie zweifeln daran?“ „Ja. Ich zweifle ſtets, ſo lange ich nicht überzeugt bin.“ Der Bankier ſchüttelte den Kopf, er begriff das nicht. Es überraſchte ihn, daß das Mädchen plötzlich ſo kalt, ſo ſpröde war, er hatte das nicht erwartet. Aber vergeblich verſchwendete er die ſchönſten Worte, Marie verlangte vor allen Dingen die Erfüllung ſeiner Verſprechungen und erklärte ihm, daß ſie erſt dann ihn wiederzuſehen wünſche, wenn er komme, um ſie in ihre neue Wohnung zu führen. Dieſe Erklärung wurde in einem ſo entſchiedenen, feſten Tone gegeben, daß der Bankier keinen Widerſpruch wagte, weil er be⸗ fürchtete, durch denſelben Alles zu verderben, er verabſchiedete ſich mit dem Verſprechen, ſchon am nächſten Tage Beweiſe für die Aufrichtigkeit und Opferwilligkeit ſeiner Liebe zu geben. ten △‿ à erſten rden die n.“ Vohnung n Dame hlingen. internder iner un⸗ auch bie traulich⸗ Gahrhei geſagt? einlöſen Hätte er das Lächeln kalten Hohnes geſehen, welches über das ſchöne Geſicht des Mädchens glitt, als er kaum hinausgegangen war, ſo würde er vielleicht ernſtlich über die unausbleiblichen Folgen ſeiner Thorheit nachgedacht haben und möglicherweiſe zu⸗ rückgetreten ſein, ſo lange es noch Zeit war. „Der Narr!“ murmelte Marie, während ſie die Glocke zog. „Er wird ſich ruiniren eines ſchönen Geſichtes wegen! Mag er's thun, ich werde ihn nicht bedauern, ich will über dieſes ganze Geſchlecht, welches ſich das ſtarke zu nennen beliebt, triumphiren!“ Auf den Ruf der Glocke war Franz Werner herbeigeeilt. „Sie können morgen Ihren Urlaub antreten,“ wandte Marie ſich zu ihm,„aber richten Sie ſich ſo ein, daß Sie binnen drei oder vier Tagen wieder zu meiner Verfügung ſind.“ „Und der Bankier?“ fragte Werner lauernd. „Er war hier.“ „Ich weiß es, er ſchien, als er Sie verließ, ſehr übel ge⸗ launt zu ſein.“ „Deſto beſſer.— Gab er Ihnen etwas?“ „Ich ſagte ihm, Sie hätten mich bedeutet, er werde den Bo⸗ tenlohn mir zahlen.“ „Und wie viel gab er?“ „Fünf Franken.“ „Ah— er iſt ein Knauſer, es iſt gut, daß ich es weiß. Jetzt gehen Sie und ſagen Sie Marguerite, daß ich mit ihr zu reden wünſche.“ Die alte Frau fand ſich ſofort ein, und Marie pflog, ehe ſie zu Bett ging, lange Rath mit ihr. Das Ergebniß dieſer Unter⸗ redung war der ehrenwerthe Entſchluß, den Bankier an den Bettelſtab zu bringen und ihm zuletzt mit kaltem Spott die Thüre zu zeigen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die Kinder der Arbeit. Die Weihnachtstage waren verſtrichen. In dem großen Eta⸗ bliſſement Michelet's arbeiteten die gewaltigen Maſchinen und die fleißigen Hände rüſtig und unermüdlich. Otto ſaß in ſeiner Werkſtätte mit der Konſtruction einer neuen Maſchine beſchäftigt, deren Zeichnung vor ihm lag. 158— Es war eine mühſame Arbeit, alle dieſe verwickelten Berech⸗ nungen zu machen, eine Arbeit, die Geduld, Kenntniſſe und Aus⸗ dauer erforderte. Und dazwiſchen beſchäftigte ihn noch immer die Unterredung mit Marie Latour, deren Drohungen ihn doch nicht ſo kalt und gleichgültig ließen, wie er ſich ſeinem Freunde gegenüber den Anſchein geben wollte. Er hatte den Charakter und die Willenskraft dieſes Mädchens genugſam kennen gelernt, um zu wiſſen, daß ſie fähig war, ihre Drohungen auszuführen und es bedurfte ihrerſeits ja nur einer geheimen Benachrichtigung der Behörde, wenn ſie die beiden Burſchen zwingen wollte, Frankreich zu verlaſſen. Mit ſeinen Gedanken über dieſe Angelegenheit ſowohl wie auch über die vor ihm liegende Zeichnung beſchäftigt, war es ihm unange⸗ nehm, daß der Werkmeiſter der Schloſſerwerkſtätte ihn darin unterbrach. Aber der Grund dieſer Unterbrechung war allerdings auch für ihn ſehr wichtig, ſo wichtig, daß er ſich durch ihn veranlaßt ſah, ſeine Arbeit liegen zu laſſen. „Schwarz ſchickt mich zu Ihnen,“ ſagte der Werkmeiſter;„er läßt Sie bitten, einen Augenblick zu ihm herüber zu kommen.“ „Sagen Sie ihm, es ſei mir augenblicklich unmöglich, ſeinen Wunſch zu erfüllen,“ erwiderte Otto,„Sie ſehen, ich bin mit dem Entwurf einer neuen Maſchine beſchäftigt, auf deſſen raſche und gründliche Prüfung Herr Michelet großen Werth legt.“ „Ich habe ihm das bereits bemerkt,“ fuhr der Werkmeiſter kopfſchüttelnd fort,„aber Schwarz meint, der Punkt, über den 44 er mit Ihnen reden müſſe, ſei ſo wichtig, daß Sie— „Kennen Sie dieſen Punkt?“ 744 d. 7 7 F* „Gut, ſo laſſen Sie hören.“ „Es betrifft einen neuen Geſellen, den Herr Michelet dieſen Morgen meiner Werkſtätte überwieſen hat.“ Otto blickte fragend zu dem Werkmeiſter auf. „Nun wohl, hat Schwarz vielleicht—“ „Er kennt dieſen Geſellen.“ „Ein Deutſcher?“ „Nein. Er ſagt, er habe ihn in Mülhauſen kennen gelernt und zwar von einer ſehr unvortheilhaften Seite.“ „In Mülhauſen?“ „In der Werkſtätte eines Schloſſers Latour.“ Otto erhob ſich, eine Ahnung ſagte ihm, daß dieſer Geſelle Franz Werner ſei. „Sie haben Recht, dieſe Angelegenheit iſt allerdings ſehr wichtig,“ ſagte er, während er ſich raſch der Thüre näherte. ſchreck Berech⸗ nd Aus⸗ erredung kalt und ber den Nädchens or, ihre ur einer e beiden wie auch unange⸗ terbrach. auch für laßt ſoh, ſter,„er umen.“ h, ſeinen mit dem aſche und rkmeiſter übet den let dieſen „Wenn dieſer neue Arbeiter derſelbe Menſch iſt, der in Mül⸗ hauſen—“ „Schwarz hat mir geſagt, er ſei ein Störenfried—“ „Das iſt er in der That.“ „Aber Herr Michelet hat ihn engagirt.“ „Er würde es nicht gethan haben, wenn er die Vergangenheit dieſes Mannes gekannt hätte.“ Die Beiden hatten jetzt die Schloſſerwerkſtätte erreicht. Als Otto eintrat, fiel ſein erſter Blick auf Werner, der rüſtig die Feile handhabte, und er glaubte zu bemerken, daß ein boshaft höhnendes Lächeln die Lippen dieſes Mannes umſpielte. Auch in dem Blick, den Werner flüchtig ihm zuwarf, las Otto eine tückiſche Bosheit, die nur zu ſehr geeignet war, ihn zu er⸗ ſchrecken und zu beunruhigen. Er trat zu ſeinem Freunde und fragte ihn, ob Werner ſchon ein Zeichen ſeiner Feindſeligkeit gegeben habe, Nikolas ver⸗ neinte es. „Er iſt kaum ſeit einer Stunde hier,“ erwiderte er,„ich be⸗ greife nicht, daß Herr Michelet dieſen Menſchen engagirt hat, dem doch das Vagabundenleben auf der Stirne geſchrieben ſteht. Ich kann den Verdacht nicht zurückweiſen, daß Werner mit der Tochter Latour's ein Bündniß geſchloſſen hat—“ „Wie kommſt Du darauf?“ „Ich weiß es nicht.“ „Erinnere Dich des Auftritts an jenem Abend zwiſchen Latour und ſeinen Geſellen—“ „Freilich, freilich, aber dieſer Menſch hat gewußt, daß wir hier arbeiten—“ „Ich bezweifle das nicht.“ „Und wer anders kann es ihm mitgetheilt haben, als—“ „Lieber Freund, woher hat Marie es erfahren? Wir wiſſen 8 ebenfalls nicht; aus derſelben Quelle kann Werner geſchöpft aaben.“ Nikolas ſchüttelte zweifelnd das Haupt, während er einen ver⸗ ſtohlenen Blick auf den Elſäſſer warf, der die Feile ruhen ließ und mit verſchränkten Armen die beiden Deutſchen ſcharf beobachtete. „SIch habe darüber ſehr reiflich nachgedacht,“ ſagte er.„Wenn dieſer Mann uns Unannehmlichkeiten bereiten wollte, ſo wäre der einfachſte und kürzeſte Weg der, die Polizei auf uns aufmerkſam zu machen.“ „Das gebe ich zu.“ „Wohlan, weshalb thut er es nicht? Weil er fürchtet, Marie u kompromittiren. Werden wir verhaftet, ſo kommt jedenfalls meine Flucht aus dem Gefängniſſe in Mülhauſen zur Sprache — — ——— — 160— und dann iſt es kaum zu vermeiden, daß Marie ebenfalls ver⸗ folgt und in den Prozeß verwickelt wird.“ „Auch das iſt richtig.“ „Eben deshalb wählt er einen andren Weg und daß er ihn wählt, genügt mir als Beweis dafür, daß er ſich mit Marie verſtändigt hat.“. Otto konnte dieſe Gründe nicht verwerfen, ſie hatten Manches für ſich. „Was dieſer Menſch thun wird, um uns zu verderben, kann ich freilich nicht voraus wiſſen,“ fuhr Nikolas fort,„aber daß er es vor hat und daß ſeine Pläne entworfen ſind, daß habe ich in ſeinen Augen geleſen.“ „Und wenn dies der Fall iſt, kennſt Du ein Mittel, durch welches wir uns ſchützen und ſeine Pläne vereiteln können?“ fragte Otto. Nikolas zuckte die Achſeln. „Man müßte Herrn Michelet bitten, dieſen Arbeiter wieder zu entlaſſen.“ „Wird er es können?“ „Gewiß.“ „Aber—“ „Wenn Du ihm reinen Wein einſchenkſt und die Gründe nennſt, ſo wird er gewiß Deine Bitte erſüllen.“ „Ich bezweifle es.“ „So verſuche es wenigſtens. Herr Michelet hält große Stücke auf Dich, er weiß, daß Du einer ſeiner beſten Arbeiter biſt, ich bin überzeugt, ſo ohne Weiteres wird er Deine Bitte nicht zurück⸗ weiſen.“ Nach einigem Zögern entſchloß Otto ſich, den Verſuch zu machen. Es war für ihn ein ſchwerer Gang, und doch mußte er ihn machen, ſchon, um ſpäteren Vorwürfen vorzubeugen. Herr Michelet empfing den jungen Mann ſehr höflich. Er bot ihm einen Stuhl an und ſprach ſein Erſtaunen darüber aus, daß Otto ſo raſch mit der Prüfung der Zeichnung fertig gewor⸗ den ſei. „Nicht das iſt es, was mich zu Ihnen führt,“ erwiderte Otto beklommen,„eine andere Angelegenheit nöthigt mich, Sie zu be⸗ läſtigen.“ „Eine Privatangelegenheit?“ „Ja.“ „So reden Sie, ich bin ſehr gerne bereit, Ihnen in allen Stücken mit Rath und That zur Seite zu ſtehen, obſchon es, offen geſagt, mir lieber wäre, wenn Sie damit bis zum Schluß der Arbeit warteten.“ alls ver⸗ ß er ihn t Marie Manches en, kann er daß er hbe ich in el, durch fagte Otho er wieder e Gründe pfe Stück biſt, ich ct zurück⸗ derfuch zte er ihn fflch. Er rüber alls, üig gewol⸗ derte Otti Sie zu be en in dl ohſchon Schll um g — 161— „Ich wollte das auch thun, aber Nikolas meinte—“ „Es betrifft Ihren Freund?“ „Uns beide.“ „So faſſen Sie ſich recht kurz.“ „Sie haben heute Morgen einen neuen Arbeiter engagirt.“ „Einen Schloſſer, ganz recht.“ „Dieſer Menſch hat in Mülhauſen mit uns in einer Werk⸗ ſtätte gearbeitet und auf uns beide einen glühenden Haß ge⸗ worfen.“ „Weshalb?“ „Die Tochter unſres Meiſters liebte meinen Freund, ſie hatte vorher dieſem Geſellen einen Korb gegeben.“ „Alſo Eiferſucht?“ „Jawohl.“ „Und das beunruhigt Sie heute noch.“ „Allerdings. Werner wählte, um uns zu verderben, einen Weg, den kein Ehrenmann gehen würde. Er denuncirte uns der Behörde als Aufwiegler.“ „Haben Sie zu dieſer Denunciation Anlaß gegeben?“ „Ich habe allerdings im vertrauten Freundeskreiſe einige Worte geredet, die indeß ſehr unſchuldiger Natur waren. Die Polizei hat nun auf jene Denunciation hin uns verfolgt, aber es gelang uns, ihr zu entwiſchen.“ Michelet wanderte eine geraume Weile nachdenklich in ſeinem Kabinet auf und ab. „Das iſt mir ſehr, ſehr unangenehm,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Hätte ich es vorher gewußt, würde ich natürlich dieſen Mann nicht engagirt haben, nicht nur aus Rückſicht auf Sie, ſondern auch meines Etabliſſements wegen. Aber er beſaß aus⸗ gezeichnete Zeugniſſe und augenblicklich fehlt es mir an tüchtigen Arbeitskräften. Ich habe ihn engagirt und kann ihn nun auch nicht ſo mir nichts, dir nichts entlaſſen.“ Otto nickte, er hatte darauf ja ſchon ſeinen Freund aufmerk⸗ ſam gemacht. „Zu einer Entlaſſung gehören Gründe,“ erwiderte er,„und die haben Sie nicht. Wenn Sie ihm ſagen, ſein Charakter, ſeine Vergangenheit und ſeine politiſche Haltung gefalle Ihnen nicht, ſo kann er Ihnen erwidern, das ſeien böswillige Verläumdungen und auf ſeine Arbeit könne es keinen Bezug haben.“ „So iſt es,“ fuhr Michelet fort,„mir fehlen alle Gründe, welche die plötzliche Entlaſſung rechtfertigen können. Zudem glaube ich auch nicht, daß Sie von ihm etwas zu befürchten haben, zeigt er ſich als ein Störenfried, ſo dürfen Sie verſichert ſein, daß meine Arbeiter ihn ſehr raſch hinaus ſchaffen werden und mit Auf⸗ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 11 2— — 162— gen Sie kommt er nicht durch, Sie genießen die 74 hetzungen ge Achtung und Liebe eines jeden Kameraden. „Dennoch kann ich die Befürchtung nicht zurückweiſen—“ „Bah,— Sie ſind zu ängſtlich. Was will er, der Einzelne, gegen Sie unternehmen? Sucht er Streit, ſo zeige ich ihm die Thüre, will er im Stillen gegen Sie—“ „Er wird eine Kameraden gegen die beiden Deutſchen auf⸗ hetzen!“ warf Otto ein. „Vertrauen Sie ruhig auf den geſunden Sinn Ihrer Kame⸗ raden, ſie laſſen ſich nicht aufhetzen.“ Otto hätte gerne noch einige Bedenken geäußert, aber er durfte nicht wagen, die Unterredung in die Länge zu ziehen, Michelet trat an ſein Schreibpult und gab ihm dadurch deutlich zu verſtehen, daß er beſchäftigt ſei und nicht länger geſtört zu werden wünſche. Er näherte ſich mit ſchwerem Herzen der Thüre. „Nur nicht ängſtlich,“ ſagte Michelet noch einmal,„Sie wiſſen, daß ich in jedem Falle Sie beſchützen werde. Kehren Sie ruhig zu Ihrer Zeichnung zurück und prüfen Sie dieſelbe recht ſorgſam und ſcharf; ich vermuthe, daß Sie manchen Fehler in ihr ent⸗ decken, die engliſchen Zeichnungen ſind mitunter ziemlich ober⸗ flächlich.“ Dem jungen Manne blieb nun nichts Anderes übrig, als ſich zu entfernen. Sein Weg führte ihn an der Werkſtätte vorbei, in der Ni⸗ kolas arbeitete, und trotz dem Geräuſch, welches die Maſchinen, die Hämmer und Feilen verurſachten, glaubte er ſchon von Weitem lauten Wortwechſel zu vernehmen. Von einer bangen Ahnung getrieben, öffnete er die Thüxre. Franz Werner ſtand in der Mitte des Raumes, umringt von dem geſammten Perſonal der Werkſtätte, nur Nikolas war an ſeiner Bank geblieben. In dem Augenblick, in welchem Otto eintrat, hörte er, daß Werner die Deutſchen Spione und Intriguanten nannte, die nichts weiter bezweckten, als Frankreich ſeiner blühenden Induſtrie zu berauben. „Geſindel iſt es!“ rief er.„Lumpiges Geſindel, welches hier lernen will, um in Deutſchland arbeiten zu können. Wenn wir dieſe Spione in unſrer Mitte dulden, werden wir bald in Deutſch⸗ land Arbeit ſuchen müſſen, dort entſteht ſchon jetzt ein Etabliſſe⸗ ment für Maſchinenbau nach dem andern und was da verdient wird, hat man uns geſtohlen.“ „Ohol“ warf ein Arbeiter ein.„Ihr ſeid ja ein grundge⸗ ſcheidter Prophet! Was haben Euch die Deutſchen gethan, daß Ihr en—” Einzelne, h ihm die iſchen auf⸗ ker Kame⸗ „aber er zu ziehen, ſch deutlich geſtört zu Sie wiſſen, Sie ruhig t ſorgſan mlich ober⸗ ig, als ſih ſſchmen, die on Weitem „Was ſie mir, was ſie uns, was ſie Frankreich gethan haben, fragt Ihr?“ fuhr Werner, ihn unterbrechend, fort.„Haben Sie nicht unſern Kaiſer gemordet, unſer Land geplündert, unſere Väter erſchlagen? Wer mit einem Deutſchen ſympathiſiren kann, der iſt kein Franzoſe und nicht werth, daß die Sonne Frankreichs ihn beſcheint.“ „Wollt Ihr wiſſen, weshalb dieſer Vagabund uns haßt?“ rief Otto in den Tumult hinein, der dieſen Worten gefolgt war. „Rachſucht iſt es, Rachſucht wegen verſchmähter Liebe. Dieſe Rachſucht hat ihn verleitet, uns in Mülhauſen der Polizei zu denunciren; ein Menſch, der ſich dazu hergeben kann, ſollte nimmer unter ehrlichen Männern geduldet werden!“ enier Denunciant?“ ſchrieen Einige.„Hinaus mit dem uft!“ „Eine Lüge iſt es,“ rief Werner, der nicht bemerkt hatte, daß Otto eingetreten war. „Eine Lüge?“ donnerte Otto.„Kameraden, Ihr kennt meinen Freund und mich, ich glaube nicht, daß einer von Euch einen Stein auf uns werfen kann! Nun wohl, ſeit wann kennt Ihr dieſen Mann, der Euch das Mährchen vom Diebsgelüſte der Deutſchen und dem Untergang Eurer Induſtrie aufbinden will?“ „Recht geſprochen,“ ſagte ein herkuliſcher Schloſſergeſelle„ſeit wann kennen wir ihn?“ „Er iſt kaum warm geworden hier,“ erwiderte ein Andrer. „Und da will er ſchon Hader und Zwietracht ſtiften?“ fragte ein Dritter. „Hinaus mit dem Lump!“ riefen Mehrere.„Wir laſſen uns nicht aufhetzen.“ „Laßt ihn,“ ſagte Otto,„es wird ihm eine Lehre ſein und ihn einſehen laſſen, daß hier nicht der Boden iſt, auf dem ſeine Saat Früchte tragen kann.“ Werner warf dem jungen Mann einen Blick voll des glühend⸗ ſten Haſſes zu. Werſucht es, mich anzurühren!“ rief er.„Wer es wagt, der iſt fortan ſeines Lebens nicht mehr ſicher. Ich habe Euch die Augen öffnen wollen, Ihr aber ſeid zu dumm, um mit ſehenden Augen ſehen zu können.“ „Hoho, er droht mit der Polizei!“—„Sollen wir es dulden, daß dieſer Vagabund hier das große Wort führen will? Iſt er finllech beſſer oder nur ebenſo gut, wie dieſe Deutſchen es ſind?“ Der herkuliſche Schloſſergeſelle hatte ſich an dieſen Rufen nicht betheiligt. Er war, während ſeine Kameraden ihrer Entrüſtung in Worten 11* — 164— Luft machten, auf den Störenfried zugetreten, hatte ihn, trotz allem Sträuben, Drohen und Proteſtiren gleich einer Strohpuppe unter den Aem genommen und mit bewundernswerther Gemüths⸗ ruhe hinausgetragen. Vor der Thüre konnte er ſich allerdings das Vergnügen nicht verſagen, mit einem ſo kräftigen Fußtritt Abſchied von ihm zu nehmen, daß die Naſe Franz Werners mit den Steinplatten des Korridors in ſehr innige Berührung kam. Darauf kehrte er in die Werkſtätte zurück, und das geſammte Perſonal nahm ſofort ſeine Arbeit wieder auf. Nur der Werkmeiſter entfernte ſich für eine kurze Zeit, um dem Chef des Etabliſſements den Vorfall zu berichten, was um ſo nöthiger war, als man vorausſehen mußte, daß Werner ſich im Comptoir über die ihm widerfahrene Behandlung beſchweren würde. Franz Werner ſchäumte vor Wuth, er wollte Genugthuung haben und glaubte ſie durch den Chef zu erhalten. Daß Michelet bereits unterrichtet war, ahnte er um ſo weniger, als er ja das Verhältniß zwiſchen dieſem Herrn und ſeinen Ar⸗ beitern uicht kannte. Um ſo mehr überraſchte es ihn, als der Chef des Etabliſſe⸗ ments ihm mit kühler Ruhe erwiderte, er hege die Ueberzeugung, daß ihm eine ganz gerechte Behandlung widerfahren ſei und daß ihm nun nichts mehr übrig bleibe, als die Fabrik möglichſt raſch zu verlaſſen. Werner proteſtirte gegen dieſe Behauptung, und während er noch proteſtirte trat der Werkmeiſter ein. Von ihm ließ Michelet ſich Bericht erſtatten und als der Werkmeiſter damit zu Ende war, legte er die Hand an den Glockenzug. „Ich gebe Euch zwei Minuten,“ wandte er ſich an den Stö⸗ renfried,„habt Ihr bis dahin das Haus nicht verlaſſen, ſo werdet Ihr auf demſelben kurzen Weg hinaus befördert, auf welchem Ihr vorhin an die Luft geſetzt wurdet. Alſo entſchließt Euch kurz!“ Werner wartete eine Wiederholung dieſer Aufforderung nicht ab, ſeine Wahl war unter den obwaltenden Umſtänden raſch getroffen. Er entfernte ſich, mit einem glühenden Haß gegen die beiden Deutſchen, gegen Michelet und das geſammte Perſonal in der Seele, und er hatte die Schwelle des Etabliſſements noch nicht überſchritten, als er ſchon über die Mittel nachdachte, durch welche er ſich an Allen für die ihm widerfahrene Schmach rächen kounte. ihn, trot trohpupye Gemüths⸗ allerdings —Fußtritt rners mit ung kam. geſammte Zeit, um was um Xrner ſich beſchweren nugthuung weniger, einen Ar⸗ Etabliſſe⸗ verzeugung, ei und daf ichſt räſch rährend er d als der dd an den den Sti⸗ o werdet if welchem jleßt Guh Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Gewitterwolken. Es gibt in Paris, dieſer Rieſenſtadt„zahlreiche Schenken, die nur das Proletariat beſucht. Und unter dieſen finden ſich wiederum mehrere, in denen nur das Vagabundenthum verkehrt. Da finden die Taſchendiebe und Gauner, die Bettler und die aus dem Zuchthauſe entlaſſenen Verbrecher, Arbeiter, die aus irgend einem Grunde keine Arbeit finden können, die kaum engagirt, ſofort wieder entlaſſen werden, weil ſie mehr Liebe zu einem lüder⸗ lichen Lebenswandel als zur Arbeit haben,— ſie alle finden ſich hier zuſammen und es iſt ihnen ein Bedürfniß, hinter dem Brannt⸗ weinglaſe ſich mit ihren Thaten zu rühmen, die jeden ehrlichen Menſchen mit Abſcheu und tiefer Entrüſtung erfüllen müſſen. In dieſen Höhlen des Laſters und des Verbrechens werden Pläne entworfen und berathen, Handlungen erſonnen, die ſpäter den Einen oder Andern in's Zuchthaus oder gar auf's Schaffot bringen, Verbrecher werden hier herangebildet und mit allen Kniffen und Ränken der Verbrecherlaufbahn bekannt gemacht— kurz, dieſe Schenken ſind die Hochſchule für alle die Handlungen, welche das Tageslicht fürchten müſſen. In einer ſolchen Schenke ſaß am Sylveſter⸗Abend Franz Werner. Marie Latour, ſeine Gebieterin, hatte ihn für dieſen Tag heurlaubt und dabei nicht unterlaſſen, die Hoffnung auszuſprechen, daß es ihm gelingen werde, einen beſſern wirkſameren Weg für die Ausführung ſeiner Rache an den beiden Deutſchen zu finden. Der Plan, den Werner entworfen hatte, richtete ſich nicht allein gegen die beiden Deutſchen, ſondern auch gegen Michelet und deſſen geſammtes Perſonal. Aber allein konnte er ihn nicht ausführen, er bedurfte dazu eiſandes mehrerer Perſonen und dieſe hoffte er ſehr raſch zu finden. Er legte die feine elegante Kleidung ab, welche der Schneider ihm gleich nach Weihnachten geliefert hatte und zog die Kleidung wieder an, welche er früher bei der Arbeit getragen hatte, darauf egab er ſich in die Schenke. Mit ſcharfem Blick muſterte er die — 166— anweſenden Gäſte, er hatte unter dieſen Vagabunden bald den Mann herausgefunden, den er ſuchte. Dieſer Mann war, nach ſeiner Kleidung, ſeinem Körperbau und ſeinen groben, ſchwieligen Händen zu urtheilen, ebenfalls ein Eiſenarbeiter, und es bedurfte keines beſondern Scharfblicks, um zu erkennen, daß er ſich ſchon ſeit längerer Zeit ohne Arbeit und Verdienſt befand. Dieſem Arbeiter gegenüber nahm Franz Werner Platz. Er forderte Branntwein und ſtieß, bevor er das Glas zum Munde führte, mit dem Vagabunden an. „Seid wohl auch ohne Arbeit?“ fragte er.„Na, ja, wer heutzutage nicht den Schafspelz umhängen kann, der verkommt in Noth und Elend.“ „Was meint Ihr damit?“ fragte der Bagabund. „Gottes Blut, man hat nur nöthig, ſich umzuſehen, ſo findet man ſchon die Antwort auf Eure Frage,“ fuhr Werner im Tone der Gewißheit fort.„Iſt es recht, daß ausländiſche Arbeiter uns vorgezogen werden? Iſt es recht, daß die Fabrikanten es billigen, wenn ein franzöſiſcher Arbeiter von dieſen Deutſchen hinausge⸗ worfen wird? Ha— geht nur in die Fabrik Michelets, in dieſe Muſterkolonie, wenn Ihr mit einem Fußtritt hinaus geworfen ſein wollt.“ „Oho!“, fuhr der Vagabund auf.„Das ſollte mir Jemand bieten!“ „Sie würden es Euch dort bieten, ſo gut, wie ſie es mir geboten haben. Die Arbeiter dort ſind ſcheinheilige Heuchler, die ihrem Herrn die Fußſohle küſſen, mit der ſie kurz vorher getreten worden ſind.“ „Von wem redet Ihr?“ miſchte hier ein Anderer ſich in die Unterhaltung. „Denkt Euch, dieſer Mann will mir aufbinden, bei Michelet würden die Arbeiter wie die Hunde behandelt!“ rief der Vagabund. „Da hat er Recht,“ nahm ein anderer Gaſt das Wort, der eine wahre Galgenphyſiognomie beſaß.„Michelet iſt ein ſchein⸗ heiliger Schuft, bei dem kein Arbeiter einen Tropfen Branntwein trinken darf.“ „Während er ſelbſt wohl im Champagner ſchwelgt!“ ſchrie ein Vierter. „Was er ſelbſt thut, erfährt Niemand,“ entgegnete Werner, der wohl einſah, daß er jetzt das Feuer ſchüren mußte,„man darf ja nicht laut darüber ſprechen, er hat ſeine Spione überall.“ „Aber ſeine Arbeiter ſind zufrieden mit ihm,“ wagte ein Gaſt einzuwerfen. „Zufrieden?“ ſpottete Werner.„Na, ja, ſie müſſen es ſein, bald den Lürperbau nfalls ein licks, um rbeit und latz. Er n Munde ja, wer kommt in ſo findet im Tone eiter uns billigen, vinusge⸗ „ in dieſe geworfen r Jemand ee es mir uchler, die er getreten ſi in die Michelet Vagadund Cokt, der en ſchein Branntweln lgtl“ ſchi te Wernen üßte, lm ne iberil, 2e(Goſt te ein G ſen ez ſein — 167— wenn ſie es nicht ſind, werden ſie vor die Thüre geſetzt. Dieſe Fabrikanten, die uns wie ihre Sclaven behandeln, die von unſerm Schweiß und Blut ſich mäſten, müßten ausgerottet werden, wir können ſelbſt die Herren ſpielen, wenn es darauf ankommt.“ „Ja, ja, das können wir,“ riefen Mehrere zugleich. „Und wenn wir in unſerer eigenen Werkſtätte arbeiteten, ſo hat das einen ganz andern Klang,“ fügte der Eiſenarbeiter hinzu. „Wir haben keine Maſchinen nöthig, wir können ſelbſt arbeiten, die Maſchinen ſind es, die uns das Brod ſtehlen.“ „An die Laterne mit den Schurken, die uns betrügen und ſich von unſerm Schweiß mäſten!“ ſchrie ein halbberauſchter Bett⸗ ler.„Wenn die Republik uns nicht ſchützt, ſo müſſen wir ſelbſt uns ſchützen.“ „Das iſt es, was allein uns helfen kann,“ ſagte Werner, der im Stillen ſchon triumphirte.„Wir ſelbſt müſſen uns ſchützen, aber wie?“ Die Brandfackel war in die Leidenſchaft hineingeſchleudert, die Gluth loderte hell und wild empor. „Wenn wir uns unſer Recht verſchaffen wollen, dann müſſen wir vor Allem die vernichten, die dieſes Recht ſeit Jahren in den Staub getreten haben,“ nahm einer der Vagabunden das Wort. „Wir müſſen daſſelbe Mittel wählen, welches damals in der Schreckenszeit unter dieſen reichen Blutſaugern aufgeräumt hat, — die Guillotine. Es lebe die Guillotine!“ „Das iſt das richtige Mittel!“ rief Werner.„Aber haben wir die Gewalt? Nein! Sind die, welche die Gewalt haben, geneigt, auf die Wünſche des Proletariats zu hören? Nein. Alſo?“ „Alſo müſſen wir uns ſelbſt Recht verſchaffen!“ ſchrie der Eiſenarbeiter. „Wir müſſen denen, die an der Spitze der Republik ſtehen, zeigen, daß wir auf ihre Hülfe nicht warten können und wollen!“ fügte ein Anderer hinzu. „Und wodurch zeigen wir es ihnen?“ fragte Werner mit ſcharfer Betonung.„Allein dadurch, daß wir einige dieſer miß⸗ liebigen Fabrikanten aufknüpfen, ihre Etabliſſements zerſtören und allen denen Krieg erklären, die für ſie ſind.“ „Das wollen wir!“ riefen Mehrere.„Was haben wir ge⸗ than, daß wir von Allen gemieden und von der Behörde über⸗ wacht werden? Wir haben Arbeit geſucht und ſie nicht gefunden, die Noth hat uns gezwungen, zu ſtehlen, Weib und Kind durften nicht verhungern.“ „Ah— ſeht Ihr erſt jetzt ein, wie ungerecht man gegen uns iſt?“ ſpottete Werner.„Wenn wir arbeiten wollen, zeigt man uns die Thüre, weil andere, fremde Leute unſere Plätze ſchon — 168— einnehmen; wenn die Noth, Elend und Hunger uns zwingen, um Unterſtützung zu bitten, ſo erwidert man uns, wir könnten ar⸗ beiten und ſollten unſere Kräfte verwerthen und wenn wir dann, vom Elend genöthigt, nehmen, was wir finden, ſo kommt das Geſetz und ſchickt uns in's Zuchthaus. Iſt das Freiheit, Gleich⸗ heit und Brüderlichkeit? Die Fabrikanten erſticken in ihrem eignen Fett, wir ſind es, die mit ihrem Schweiß ſie mäſten,— nieder mit ihnen!“ Es war natürlich, daß dieſe Worte auf den rohen Haufen einwirken mußten. Unter all' denen, welche in der Schenke anweſend waren, be⸗ fand ſich nicht einer, der etwas zu verlieren hatte, außer ſeinem armſeligen Leben, wohl aber hoffte Jeder durch die Vernichtung der Fabrikanten und ihrer Etabliſſements etwas zu gewinnen. Auch einige Weiber hatten ſich inzwiſchen eingefunden und dieſe waren es vorzugsweiſe, welche den Anſichten und Behaup⸗ tungen Werners beipflichteten. Eine von ihnen kannte die Tochter Michelets, ſie nannte ſie eine vollendete Heuchlerin, welche abſichtlich die Rolle einer Wohl⸗ thäterin ſpiele, um ſich dadurch für ihre heimlichen Sünden Ver⸗ zeihung zu erwerben. Es iſt eine bekannte Sache, daß dem Böſen jede gute That ein Dorn im Auge iſt. Während der gute, edel denkende Menſch für jede ſchlechte That eine Entſchuldigung ſucht und betrübt iſt, wenn er eine Entſchuldigung nicht finden kann, gewährt es dem Böſen eine Ge⸗ nugthuung, jede gute That zu begeifern, ihre Reinheit in Zweifel zu ziehen und ihr beſondere Gründe unterzulegen. Franz Werner hatte unter dieſer Rotte von Vagabunden und ehrloſem Geſindel leichtes Spiel. Er konnte und mußte ſeinen Zweck um ſo leichter und raſcher erreichen, weil es allgemein bekannt war, daß Michelet der Freund und Vater ſeiner Arbeiter war und daß er in ſeinem Etabliſſement nichts Schlechtes duldete. Ein Wort gab das andere, Jeder wollte jetzt den Fabrikanten und deſſen kleine Kolonie kennen, Jeder ſucht jetzt einen Stein, den er auf ihn werfen konnte, und Franz Werner ſchürte emſig die Gluth, die er angefacht hatte. Und als die Gluth wild emporſchlug, rückte er mit ſeinem Plane heraus. „Man muß an dieſem Manne ein Beiſpiel feſtſtellen,“ ſagte er,„ein Beiſpiel, welches die Anderen warnt und abſchreckt. Brechen wir auf, zerſtören wir die Fabrik und geben wir den Arbeitern Michelets die Freiheit, nach der ſie ſchmachten!“ ngen, un unten ar⸗ wir dann, ommt das ; Gleich⸗ in ihrem häſten,— Haufen drren, be⸗ er ſeinem ernichtung ſinnen. nden und Behaup⸗ annte ſie eer Wohl⸗ den Ver⸗ gute That e ſchlechte Ker eine eine Ge⸗ Zweifel mden und nd raſcher er Freund bliſſement abrikanten en Stein, ürte eniſig nit ſeinen n 1' jagte 71, äbſchrett 1 wir den — 169— Wäre die Rotte nüchtern geweſen, ſo würde ſie vielleicht die möglichen Folgen dieſes Schrittes bedacht und reiflich erwogen haben, aber Werner hatte dafür geſorgt, daß ſie ſich nicht mehr in der Verfaſſung befand, klar und ruhig nachzudenken. Während er mit dieſen Vagabunden unterhandelte, hatte er ſie reichlich mit Branntwein regalirt und der Geiſt des Alkohols das Seinige gethan. Die Lunte war in's Pulverfaß geworfen, die Exploſion er⸗ folgte augenblicklich. „Vorwärts! Vorwärts!“ erſcholl es an allen Tiſchen,„wir werden unſeren Kameraden zeigen, auf welchem Wege man ſich ſeine Rechte verſchaffen und ſichern muß.“ Franz Werner triumphirte, er hegte die Ueberzeugung, daß der entſetzliche Plan ihm gelingen mußte. „Wie viel ſind unſerer?“ fragte er. „Dreiundzwanzig, ohne die Weiber,“ lautete die Antwort. „Weshalb werden die Weiber nicht mitgezählt?“ fuhr Werner fort, der ſehr wohl wußte, daß gerade dieſe ſeine beſten Ver⸗ bündeten waren.„Sie gelten ſo viel, wie wir auch, ſie haben dieſelben Rechte, wie wir, ſie werden eben ſo tapfer, wie wir, dieſe Rechte zu vertheidigen wiſſen. Wir müſſen Waffen haben. Gehe Jeder, um eine Waffe zu holen, ſei es ein Brecheiſen, eine Axt oder eine Muskete, ohne Kampf wird es vielleicht nicht ab⸗ gehen. Können wir Verbündete gewinnen, ſo iſt es um ſo beſſer, je zahlreicher wir ſind, deſto ſicherer iſt uns der Sieg und wir werden genug finden, um uns für die Mühen und Strapazen zu entſchädigen.“ „Wir werden natürlich auch in's Schloß eindringen?“ fragte eines der Weiber. „Gewiß,“ erwiderte Werner,„ſollen wir dem Schuft das als Eigenthum laſſen, was er ſeinen Arbeitern geſtohlen hat?“ „Ich werde das Fräulein, dieſen Tugendſpiegel, beſuchen,“ höhnte ein anderes Weib,„ſie ſoll erfahren, daß man ihre heuch⸗ leriſche Maske durchſchaut.“ Nach kurzer Berathung entfernte das Geſindel ſich, um die nöthigen Werkzeuge und Waffen zu holen. Es war beſchloſſen worden, daß man erſt nach Mitternacht aufbrechen wollte, weil man annehmen mußte, daß Michelet und die Mehrzahl ſeiner Arbeiter in der Sylveſternacht das neue Jahr wachend erwarteten. Mehrere unter den Vagabunden verſprachen, bis dahin neue Freunde anzuwerben, nach ungefährer Schätzung konnte Werner darauf rechnen, an der Spitze von vierzig bis fünfzig Perſonen — 170— zu ſtehen, die insgeſammt nur von dem Wunſche beſeelt waren, die Geld⸗ und Silberſchränke des Fabrikanten zu plündern. Aber trotzdem dieſe Rotte aus charakterloſen Vagabunden zu⸗ ſammengeſetzt war, befand ſich dennoch ein Verräther unter ihnen. Und dieſer Verräther war derſelbe Eiſenarbeiter, an den Werner zuerſt ſich gewandt hatte. Anfangs mit Leib und Seele auf die Ideen Werner's ein⸗ gehend und den Anſichten deſſelben beipflichtend, hielt er es, nach⸗ dem der definitive Entſchluß gefaßt worden war, für rathſam, die Angelegenheit von zwei Seiten zu betrachten. Und da fand er denn, daß auf der andern Seite möglicher⸗ weiſe ſich ihm Vortheile boten, die zurückzuweiſen eine unverzeihliche Thorheit geweſen wäre. Er fühlte, daß er ſich nicht in der Verfaſſung befand, über dieſe Vortheile auf der einen und die Nachtheile auf der andern Seite klar und ſcharf nachzudenken, und dieſe Einſicht bewog ihn, ſeinem umnebelten Verſtande durch ein kaltes Sturzbad zu Hülfe zu kommen. Er trat in den Hof und hielt ſein ſchweres Haupt unter das Rohr der Pumpe. Der eiskalte Waſſerſtrahl that ſeine Wirkung, er verſcheuchte die Nebel des Alkohols. Der Vagabund dachte nun reiflich nach, er fand, daß er mehr gewinnen konnte, wenn er Michelet vor der ihm drohenden Ge⸗ fahr warnte, als wenn er ſich bei dem Sturm auf das Etabliſſe⸗ ment betheiligte, in welchem er ſich außerdem der Gefahr aus⸗ ſetzte, ſein Leben zu verlieren. Nachdem ihm das klar geworden war, zögerte er nicht, ſeinen Vorſatz auszuführen. Um jedem Mißtrauen in der Seele Werners vorzubeugen, ſagte er ihm, daß auch er eine Waffe holen und Verbündete wer⸗ ben wolle.—— Michelet feierte die Sylveſternacht im Kreiſe ſeiner Arbeiter. Er hatte ſich nun einmal ſo ſehr daran gewöhnt, ſie als ſeine Familie zu betrachten, daß er ohne ſie kein Feſt feiern konnte, und ſo hatte er ſie denn auch heute zur Feier des Jahreswechſels eingeladen. Geſänge und Toaſte wechſelten mit einander ab, die Stunden verſtrichen raſch und ſchon harrte man des erſten Glockenſchlags, der den Anbruch des neuen Jahres verkünden ſollte, als der Pförtner mit verſtörtem Geſicht die Meldung machte, ein Vaga⸗ bund wünſche augenblicklich mit dem Chef des Etabliſſements zu ſprechen, unter dem Vorwande, er bringe eine ſehr wichtige und dringende Nachricht, die nichts Geringeres, als das Wohl des ganzen Etabliſſements betreffe. t waren, m. nden zu⸗ er ihnen. an den er's ein⸗ es, nach⸗ ſam, die üglicher⸗ rzeihliche i, über randern vog ihn, u Hülfe nter das ſſcheuchte er mehr den Ge⸗ krabliſſe⸗ ahr aus⸗ , ſeinen zubeugen, dete wer⸗ Arbeiter. als ſeine mte, und ngeladen. Stunden als der in Vaga⸗ ments zl htige und Lohl de — 171— Es war nicht das erſtemal, daß man gedroht hatte, das Eta⸗ bliſſement zu zerſtören, Michelet beſaß ſo gut, wie jeder andre Mann, der eine hervorragende Stellung einnimmt, ſeine Feinde, und er war nicht ſo thöricht, ſich darüber leichtfertig hinweg zu ſetzen. Er gab Befehl, den Fremden einzulaſſen und hörte die Mit⸗ theilungen deſſelben ruhig an. Darüber, daß Franz Werner der Anführer der Bande war, herrſchte kein Zweifel, wenn auch der Vagabund behauptete, den Namen dieſes Anführers nicht zu kennen. „Ich rathe Ihnen, machen Sie dieſen Verräther unſchädlich, bis der Angriff zurückgewieſen iſt,“ flüſterte Otto ſeinem Chef zu, der in Nachdenken verſunken ſchweigend vor ſich hin blickte. „Wer kann wiſſen, ob dieſer Verrath nicht eine abgekartete Sache iſt?“ „Das glaube ich nicht,“ erwiderte Michelet ruhig, der ſeine Faſſung nicht verlor,„dennoch hat Ihr Rath Manches für ſich. Wie ſtark iſt die Bande?“ wandte er ſich zu dem Verräther, dem inzwiſchen ein Arbeiter ein volles Glas gereicht hatte. „Vielleicht vierzig Mann.“ „Und wann ſoll der Angriff ſtattfinden?“ „Gleich nach Mitternacht.“ „Wir werden ſie empfangen, daß ſie daran denken ſollen,“ ſagte ein Werkmeiſter, während er ſeinen Blick mit dem Ausdruck freudiger Siegesgewißheit über ſeine Kameraden ſchweifen ließ. WDicſes Geſindel wird entſchloſſene muthige Männer finden, ie—“ „Sagen Sie das nicht mit dieſer Sicherheit, lieber Herr,“ warnte Michelet,„ſolchen Gefahren muß man ernſt begegnen. Das Proletariat iſt im Zuſtande der Wuth und Gereiztheit wild und blutdürſtig, es ſchont im Vernichtungskampfe das eigne Leben nicht.— Was hat Sie bewogen, mir dieſe Mittheilungen zu machen? Haben Sie auf eine Belohnung gerechnet, ſo werden Sie mich bereit finden, Ihnen den Lohn zu zahlen, vorausgeſetzt, daß Sie beſcheiden in Ihrer Forderung ſind.“ Das klang gerade nicht erbaulich, der Vagabund mußte aus dieſen Worten entnehmen, daß Michelet ihn durchſchaute und zu behandeln wußte. „Ich befinde mich ſchon ſeit mehreren Monaten ohne Arbeit,“ ſagte er verwirrt. „Ah— iſt es das? Was ſind Sie?“ „Eiſengießer.“ „Und was war die Urſache, daß Sie aus Ihrer früheren Arbeit entlaſſen wurden?“ — 172— „Ich wurde nicht entlaſſen.“ „Sie gingen freiwillig?“ „Ja.“ „Weshalb?“— „Weil der Arbeitslohn zu niedrig war.“ Michelet ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Eines ſolchen Grundes wegen wird kein vernünftiger Ar⸗ beiter Feierabend machen,“ ſagte er ernſt,„ein niedriger Lohn iſt immer beſſer wie kein Lohn, man bleibt und wartet ruhig ab, bis eine beſſere Stelle ſich findet. Sie hoffen nun, bei mir Ar⸗ beit zu finden?“ Der Vagabund nickte. „Wohl, wenn ich dieſe Hoffnung erfüllen wollte, würden Sie ſich manchen Bedingungen fügen müſſen, von denen ich annehmen darf, daß ſie Ihnen läſtig und unangenehm wären.“ Ich würde mich ihnen unterwerfen.“ Der Blick Michelets ruhte ſcharf prüfend auf dem Geſicht des Vagabunden, er las in dieſen Zügen, daß der Verräther ſeinen Verrath ſchon bereute, weil er die an ihn geknüpften Er⸗ wartungen nicht erfüllt fand. „Ich halte es für beſſer, ſowohl in Ihrem eignen, wie in meinem Intereſſe, daß Sie auf dieſen Wunſch verzichten,“ ſagte er ruhig,„wir würden nicht lange beiſammen bleiben. Zudem dürfen Sie nicht überſehen, daß, wenn Sie ein Engagement bei mir annehmen, jene Bande Sie als den Verräther bezeichnen und für den Verrath züchtigen wird. Sie bleiben bis morgen früh hier, ich werde Ihnen einen Raum anweiſen laſſen, in wel⸗ chem Sie übernachten können und mache Sie darauf aufmerkſam, daß jeder Fluchtverſuch Ihrerſeits Ihnen das Leben koſten könnte.“ „Iſt das der Dank?“ fuhr der Vagabund gereizt auf. „Der Dank wird ſich morgen früh finden, die Vorſicht gebietet mir, mich vor einem möglichen doppelten Verrath ſicher zu ſtellen.“ Auf den Wink Michelet's näherten zwei Arbeiter ſich dem Verräther und forderten ihn auf, ſie zu begleiten. Knirſchend vor Wuth leiſtete der Vagabund dieſer Auf⸗ forderung Folge, es wäre Thorheit geweſen, ſich derſelben wider⸗ ſetzen zu wollen. Michelet traf unverzüglich ſeine Maßregeln zum Empfang der Bande. Er bewaffnete ſeine Arbeiter und wies jedem einen Stand⸗ punkt an, von welchem aus die Vertheidigung des Etabliſſements ſicher und wirkſam bewerkſtelligt werden konnte. Daun bat er Otto, die Leitung der Vertheidigung zu über⸗ tiger Ar⸗ ger Lohn ruhig ab, wir Ar⸗ rden Sie annehmen Geſicht Vertäther pften Er⸗ „wie in 7,“ ſagte Zudem ment bei ezeichnen morgen in wel⸗ zmerkſam, bönnte.“ uf. t gebietet ſicher zu ſich dem ſer Auf⸗ fang der [Stand⸗ ſſſemente iher⸗ n iter — 173— nehmen und nachdem dies Alles geſchehen war, ging er in das Wohnhaus zurück, um ſeine Tochter zu beruhigen. Eine Viertelſtunde ſpäter ſah man in der Ferne die Bande anrücken. Einige von ihnen trugen brennende Pechfackeln, in dem rothen Scheine dieſes Lichtes konnte man die Waffen der Vagabunden erkennen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Rache des Indianerhäuptlings.. y ne Der⸗geneigte Leſer wird ſich erinnern, daß wir den Kölniſchen Schloſſermeiſter Peter Braun in dem Augenblick verließen, in welchem die Corrados mit ihrem Gefangenen von dannen jagten. Peter Braun lag an Händen und Füßen gefeſſelt auf dem Rücken eines Pferdes und die beiden Indianer, welche zu beiden 85— Seiten neben ihm ritten, waren nicht im Entfernteſten darauf bedacht, ihm ſeine Lage bequemer zu machen. Die Jagd ging durch große dichte Wälder, über weite Prai⸗ rien, durch Bäche und Flüſſe unaufhaltſam vorwärts, und nicht eine dieſer Rothhäute ſchien daran zu denken, daß ihr Gefangener 8 an ſolche Strapazen nicht gewöhnt war. Unfähig ein Glied zu rühren, verſchmachtend vor Durſt und dabei gewiſſermaßen überzeugt, daß er nicht mit dem Leben da⸗ von kommen werde, litt der Schloſſermeiſter entſetzlich unter den Folterqualen des Leibes und der Seele. Was half ihm nun die Reue? Sie kam zu ſpät, hätte er den Rath und die Warnungen ſeines Dieners beachtet, würde er all' dieſen Gefahren und Strapazen entgangen ſein. Weshalb hatte der Häuptling der Corrados ihn nicht ſofort getödtet? Auch dieſe Frage drängte ſich dem Gefangenen auf, und die einzige Antwort, die er darauf fand, war keineswegs geeignet, ihn zu beruhigen, oder Hoffnungen in ſeiner Seele zu wecken. Es unterlag ja keinem Zweifel, daß der Häuptling eine grau⸗ ſame Rache an ihm üben wollte und Peter Braun hatte in frü⸗ heren Jahren von der Rachſucht und Grauſamkeit dieſer Söhne der Wildniß ſo Manches gehört und geleſen, daß er nur mit Entſetzen an das Loos, welches ihn erwartete, denken konnte. — 174— Nach einer zweitägigen Reiſe, während der die Indianer nur einmal Halt gemacht hatten, um die Pferde zu tränken und ein Mahl zu halten, erreichte der Trupp das Dorf, in welchem der Stamm dieſes Häuptlings wohnte. Es waren dreißig bis vierzig Hütten, aus Baumſtämmen und Erde aufgeführt und mit einer dichten Reihe von Bäumen um⸗ geben, welche dieſes Dorf bildeten. Die heimkehrenden Rothhäute wurden von ihren Weibern und Kindern mit lautem Geheul empfangen und ſchon jetzt rich⸗ tete zum Entſetzen des Schloſſermeiſters mancher Speer ſich auf die Bruſt des Gefangenen, der ihn unfehlbar durchbohrt haben würde, wenn nicht der Häuptling rechtzeitig ihn beſchützt hätte. Aber dieſer Schutz konnte in der Seele Brauns keine Hoff⸗ nung wecken; ſah er doch, daß der Häuptling und mehrere ſeiner Begleiter mit den Zurückgebliebenen einige Worte wechſelten, worauf dieſe ihn mit Blicken betrachteten, in denen ſein Loos deutlich genug ausgedrückt war. Man befreite ihn von ſeinen Feſſeln und führte oder, beſſer geſagt, trug ihn in eine der Hütten. Dieſe Hütte ſchien einzig und allein für die Gefangenen des Stammes beſtimmt zu ſein, ſie enthielt außer einer Steinbank und einem Lager von dürrem Laub nichts, was zur Bequemlichkeit hätte dienen können. Ein Indianer, mit Speer, Beil und Meſſer bewaffnet, folgte ihm in dieſe Hütte, und während Peter Braun völlig erſchöpft auf dem dürren Laube lag, kauerte der Indianer am Eingange, den glühenden Blick unverwandt auf den Gefangenen gerichtet. Man brachte Beiden Waſſer und halbrohes Fleiſch, ſowie ein Stück ſchlecht geröſteten Brodes, und der Hunger zwang den Ge⸗ fangenen, das Beiſpiel ſeines Hüters zu befolgen und dieſe Nah⸗ rungsmittel zu verſchlingen. Am nächſten Morgen trat der Häuptling, begleitet von einem zweiten Indianer ein. Dieſer letztere ſchien vielfach mit Deutſchen verkehrt zu haben, er ſprach wenn auch nicht geläufig doch ziemlich verſtändlich deutſch und diente ſeinem Stamme als Dolmetſcher, ſo oft dieſer mit Deutſchen in Berührung kam, die der ſpaniſchen Sprache nicht mächtig waren. Dieſer Dolmetſcher erklärte dem Gefangenen, daß er ſich auf ſeinen Tod vorbereiten müſſe. Peter Braun hatte das erwartet, aber er hoffte noch immer, daß irgend ein Zufall ihm das Leben retten könne. Nun er entdeckte, daß er ſich dem Häuptling verſtändlich machen konnte, beſtärkte dies ihn in ſeiner Hoffnung. dimner um t und ein vdelchem der immen und umen um⸗ Weibern jetzt rich⸗ r ſich auf ohrt haben t hätte. eine Hoff⸗ erre ſeiner wechſelten, ſein Loos der, beſſer ngenen des Steinbank zuemlichkeit fret, folgte g erſchöpft Eingange, erichtet. ſowie ein g den Ge⸗ dieſe Na⸗ von einem zu haben, lich deſh düſer mi prache n r ſih un ch immen — 175— Er erwiderte dem Dolmetſcher, daß er ſich keiner Schuld be⸗ wußt ſei, daß der Häuptling ihn gereizt habe und der Konſul in Rio de Janeiro den Mord rächen werde, der ihm nicht verſchwie⸗ gen bleiben könne. Der Indianer ſchüttelte ſein Haupt und entgegnete, der Häupt⸗ ling habe ihm ſeine Freundſchaft angeboten, er ſei zu ihm ge⸗ kommen in friedlicher Abſicht und trotzdem empfangen worden wie ein Räuber und Mörder. Die Schuld des weißen Mannes ſei es nicht, wenn die Kugel den Häuptling nicht getroffen habe, der große Geiſt habe dieſer Kugel eine andere Richtung gegeben. Den Konſul fürchteten die Corrados nicht, er wiſſe, daß ſie die Freunde der Weißen ſeien und daß ſie nur dann feindlich gegen ſie aufträten, wenn man ſie gereizt und tödtlich beleidigt habe. Daſſelbe thäten die Weißen auch. Peter Braun ſah ein, daß ſein Proteſt nichts fruchtete, er nahm ſeine Zuflucht zu Bitten und Verſprechungen. Er bot dem Häuptling Alles an, was er beſaß, wenn man ihm dafür das Leben ſchenken wollte, er gelobte ſogar, ihm hundert Dollars zu zahlen, wenn man ihn uach Rio de Janeiro zurückgeleitete. Aber weder ſeine Bitten noch ſeine Verſprechungen hatten den gewünſchten Erfolg. Der Häuptling ließ ihm erwidern, eine Beleidigung könne nur durch Blut getilgt werden, und er müſſe ſein Blut fließen ſehen. Der Dolmetſcher fügte hinzu, daß der ganze Stamm den Tod des weißen Mannes verlange und alle Vorbereitungen für die Peſichtei bereits getroffen ſeien, er möge ſich bereit halten, bei Sonnenuntergang werde man ihn an den Pfahl binden. Die Worte:„Feſtlichkeit, Sonnenuntergang und Pfahl“ er⸗ klangen dem Schloſſermeiſter wie die Poſaunen des jüngſten Ge⸗ richts, ſie ließen das Blut in ſeinen Adern ſtocken. Der letzte Anker, an den er ſich geklammert hatte, war ſeinen Händen ent⸗ fallen, Verzweiflung und Todesangſt erfüllten ſeine Seele. Der Häuptling und deſſen Begleiter hatten ſich entfernt, Peter Braun ſah ſich wieder mit ſeinem Hüter allein, der ihn unaus⸗ geſetzt beobachtete und den glühenden, ſtechenden Blick nicht von ihm wandte. Er verſuchte, ſich dieſem verſtändlich zu machen, es gelang ihm, durch bezeichnende Geberden, deren Sinn der Sohn der Wildniß raſch errieth, ihm ſeine Wünſche mitzutheilen. Wohl funkelten die Augen des Indianers bei dem Anblick der Goldſtücke, welche der Gefangene ihm anbot, aber die ehrliche Rothhaut wies ſie kopfſchüttelnd zurück. So war auch die letzte, ſchwache Hoffnung geſchwunden, von 176 der Peter Braun ſich hätte ſagen müſſen, daß ſchon der Gedanke an die Möglichkeit ihrer Erfüllung eine Thorheit geweſen wäre. Denn ſelbſt, wenn es ihm wirklich gelungen wäre, den Indianer zu beſtechen und die Hütte zu verlaſſen, mußte er nicht voraus⸗ ſehen, daß es für ihn ein Ding der Unmöglichkeit war, aus dem Bereich des Stammes zu entkommen? Der Gefangene erinnerte ſich, früher einmal gehört zu haben, daß ſelbſt ein zum Tode verurtheilter Weißer ſein Leben retten könne, wenn er ſich bereit erklärte, eine Indianerin zu heirathen. Er erinnerte ſich, daß ſolche Fälle vorgekommen waren und er würde ohne Bedenken dieſen Weg der Rettung gewählt haben, wenn man ihm denſelben angeboten hätte. Das ſagte er dem Dolmetſcher, der nach mehreren, qual⸗ vollen Stunden wieder erſchien, um den Gefangenen noch einmal darauf aufmerkſam zu machen, daß jede Hoffnung für ihn verloren und ſein Tod unwiderruflich beſchloſſen ſei. Der Indianer aber zuckte ſpöttiſch lächelnd die Achſeln und erwiderte, bei den Corrados ſei es nicht Sitte, einen Weißen in den Stamm aufzunehmen; ſelbſt wenn eine Tochter des Stammes die Ehe mit ihm begehre, würde der Häuptling die Erfüllung dieſes Verlangens nicht zugeben. Abermals verſtrichen einige Stunden, die dem Gefangenen eine Ewigkeit däuchten und doch auch wieder ihm zu raſch entſchwanden. Als die beiden Indianer eintraten, welche ihn auf ſeinem letz⸗ ten Gange begleiten ſollten, fanden ſie den Gefangenen mehr todt als lebendig und es blieb ihnen nichts übrig, als den weißen Mann zur Richtſtätte zu tragen, da dieſer, den letzten Muth der Verzweiflung zuſammenraffend, ſich energiſch weigerte, dahin zu gehen. Der Richtplatz befand ſich vor dem Dorfe. Es war ein ziemlich großer, freier Platz, den mehrere Reihen hoher, ſchattiger Bäume umgaben. Die ganze Einwohnerſchaft des Dorfes war auf dem Platze verſammelt, die Weiber und Kinder hockten auf dem Boden, die Männer, ſämmtlich mit ihren Speeren und Meſſern bewaffnet, bildeten einen Halbkreis, in deſſen Mitte der Häuptling ſtand. Dem Häuptling gegenüber, am entgegengeſetzten Ende des Platzes war der Pfahl eingerammt, an welchen die Indianer den Gefangenen mit Stricken feſtbanden. Der Schloſſermeiſter ſah die Blicke Aller auf ſich gerichtet und er las in dem Blick eines Jeden, daß er unrettbar verloren war. Jetzt hegte er nur noch den einen Wunſch, daß man es kurz machen möge, ihn ſchauderte vor dem Gedanken daran, daß man ihn zollweiſe zu Tode martern könne. * Gedanke eſen wäre. Indiener ht voraus⸗ „aus dem zu haben, den retten heirathen. waren und ihlt haben, ren, qual⸗ ſoch einmal in verloren chſeln und Weißen in Stammes Erfüllung ngenen eine tſchwanden. ſeinem let⸗ mehr todt den weißen Muth der e, dahin zu rere Reihen dem Platz B oden, de Das letztere aber ſchien in der Abſicht der Rothhäute zu liegen. Sie begannen einen Tanz, einen wilden, leidenſchaftlichen Tanz, in welchem jeder Tänzer ſeinen Speer auf die Bruſt des Gefan⸗ genen richtete. Das laute, wilde Geheul, untermiſcht mit einem einförmigen Geſang und den dumpfen, unharmoniſchen Klängen verſchiedener Inſtrumente, die drohenden Geberden und die blutdürſtenden Blicke — das Alles erhöhte die Todesangſt des Verurtheilten und bil⸗ deten allein ſchon eine entſetzliche Folterqual. Als der Tanz beendet war, ſtellten die Indianer ſich dem Gefangenen gegenüber auf und ſchleuderten ihre Speere nach ihm. Peter Braun hörte manchen an ſeinem Haupte vorbeiſchwirren, aber manchen fühlte er auch in ſein Fleiſch eindringen. Es ſchien auch dieſer Prozedur eine raffinirte Grauſamkeit zu Grunde zu liegen, denn nicht ein einziger Speer traf die Bruſt oder das Haupt, die Indianer wollten ihr Opfer zu Tode martern. Wieder begann der wilde, leidenſchaftliche Tanz, wieder er⸗ ſcholl das laute, betäubende Geheul. Dem Gefangenen ſchwanden die Sinne, er wäre dem, der ihm den Todesſtoß gegeben hätte, dankbar geweſen. Da horch— Pferdegetrappel in der Ferne! Mit raſender Eile kam es näher und näher, Schüſſe fielen, heulend und kreiſchend eilten die Weiber in ihre Wigwams zurück, während die Männer hinter den Bäumen Schutz und Deckung vor dem erſten Angriff ſuchten. Peter Braun war ohnmächtig, das Haupt auf die Bruſt ge⸗ ſenkt, ſah und hörte er nicht, was um ihn vorging. Für ihn war das ein Glück, die Indianer wähnten, er ſei todt, hätte er nur ein leiſes Lebenszeichen gegeben, würde einer der Rothhäute ihm unfehlbar ſeinen Speer in die Bruſt geſchleu⸗ dert haben. An der Spitze der Reiter, die, mit den Büchſen und dem Re⸗ volver in der Fauſt, ſich dem Platze näherten, befanden ſich Sen⸗ nor Olivarez und der ehemalige Zahnarzt Feodor von Weve⸗ linghofen. Sennor Olivarez gebot den Reitern Halt und forderte den Häuptling auf, den Gefangenen herauszugeben. Der Häuptling berieth eine kurze Weile mit ſeinen Genoſſen zund erwiderte, daß er geneigt ſei, dieſem Verlangen nachzugeben, uinter der Bedingung, daß mnan mit dem weißen Manne abziehe, ohne an dem Stamme Rache zu nehmen. Feodor war abgeſtiegen, er hatte ſich dem Gefangenen ge⸗ nähert und die Wunden deſſelben unterſucht. 3 Er erklärte dem Sennor, daß keine dieſer Wunden lebensge⸗ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 12 * — 178— fährlich ſei, auf dieſe Erklärung hin nahm Olivarez die Bedin⸗ gungen an. Es wäre für die Reiter vielleicht ein Leichtes geweſen, unter den Rothhäuten ein Blutbad anzurichten, ihre Wigwams zu zer⸗ ſtören, ihre Weiber und Kinder zu ermorden, zumal ſie ſich in dem Vortheil vor jenen befanden, daß ſie beritten und gut be⸗ waffnet waren, aber dies hätte die Indianer nur zur Wiederver⸗ geltung gereizt und es war rathſam, das zu vermeiden, wenn man es konnte. Die Indianer ließen es ruhig geſchehen, daß der Gefangene von ſeinen Feſſeln befreit und verbunden wurde. Es ärgerte ſie allerdings, daß man ihnen ihr Opfer entriß, aber ſie fanden doch eine Genugthuung darin, daß dieſes Opfer todt und ihre Rache alſo befriedigt war. Als ſie aber bemerkten, daß der Verwundete in dem Augen⸗ blick, in welchem er auf ein Pferd gehoben wurde, die Augen wieder öffnete und deutliche Lebenszeichen gab, ſtießen ſie ein wildes Geheul aus und ſie ſchienen große Luſt zu haben, den Kampf mit den Weißen zu eröffnen. Der Häuptling mochte einſehen, daß ein ſolcher Kampf zur Vernichtung des Stammes führen konnte, er ſuchte ſeine Genoſſen zu beſchwichtigen, aber mehr als ſeine Worte, ſchüchterten die drohende Haltung der Weißen und die Mündungen der Feuer⸗ waffen die Rothhäute ein. Sennor Olivarez beobachtete die Söhne der Wildniß ſcharf und unverwandt, während Feodor für ſeinen verwundeten Herrn Sorge trug, er war bereit und entſchloſſen, ſofort den Kampf zu beginnen, wenn die Indianer den Vertrag brachen. Als der ehemalige Zahnarzt die nöthigen Vorkehrungen ge⸗ troffen hatte, ſprengten die Reiter raſch von dannen, begleitet von dem Wuthgeheul der Rothhäute. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Der Sturm auf die Fabrik. Die Vagabunden ahnten nicht, daß in dem Etabliſſement Michelets zu ihrem Empfange Alles bereit war, und da Otto die Vorſicht gebraucht hatte, alle Lichter, welche von Außen bemerkt 8 1 1 — die Bedin⸗ eſen, unter nd gut be⸗ Wiederver⸗ den, wenn Gefangene pfer entriß, ieſes Opfer ent Augen⸗ die Augen en ſie ein aben, den Kampf zur tee Genoſſen hterten die der Feuer⸗ dniß ſcharf eten Herrn Kampf zü— hrungen ge⸗ egleitet vont . „„ Otto die LU u„uf gen hemernt werden konnten, auslöſchen zu laſſen, ſo mußte dies die Bande nur noch mehr in Sicherheit wiegen. Sie war ſtärker, als der Verräther angegeben hatte, ſo viel man in dem ungewiſſen Schein des Fackellichts bemerken konnte, beſtand ſie aus ungefähr ſechszig Perſonen, die insgeſammt mit den nöthigen Waffen und Werkzeugen verſehen waren. Die Vagabunden machten vor dem Etabliſſement Halt, ſie beriethen eine geraume Weile mit einander. „Aufgepaßt!“ flüſterte Otto ſeinen Kameraden zu.„Sobald ich rufe:„Fertig!“ werden die Gewehre angelegt, aber Niemand ſchießt, bevor ich dazu Befehl gegeben habe.“ Die Vagabunden ſchienen ihren Angriffsplan entworfen zu haben. Zwei von ihnen begannen die Mauer, welche das Etabliſſe⸗ ment umſchloß, zu überſteigen, offenbar in der Abſicht, das Thor von innen zu öffnen und ſo ihren Genoſſen den Weg zu bahnen. Als ſie auf der Mauerkrone ſtanden, rief Otto ihnen ein gebieteriſches„Halt“ zu. Die beiden Vagabunden ſtutzten. „Hinunter oder ich laſſe feuern!“ rief Otto.„Was wollt Ihr hier?“ „Ihr werdet es erfahren, wenn wir drinnen ſind,“ erwiderte einer der Beiden trotzig.— „Da werdet Ihr lange warten können,“ fuhr Otto ſpottend fort,„hinein kommt Ihr nicht.“ „Das iſt der Deutſche!“ rief eine Stimme hinter der Mauer. „Jagt ihm eine Kugel in den Schädel!“ „Bah, weshalb ſollen wir unnöthigen Lärm machen?“ ent⸗ gegnete einer der Beiden.„Wir werden den deutſchen Hund an eine Laterne hängen.“ Otto zögerte mit dem Befehl zum Feuern, er fürchtete die Verantwortung um ſo mehr, als er ſich noch der Hoffnung hingab, den Angriff ohne Blutvergießen zurückweiſen zu können; zudem war es der Wille Michelet's, daß nur im äußerſten Nothfalle von der Schußwaffe Gebrauch gemacht werden ſolle. Dadurch aber, daß er ſeiner Drohung die That nicht folgen ließ, ermuthigte er die Bande, die jetzt die Ueberzeugung hegte, daß man ſie nur habe einſchüchtern wollen.⸗ Die Vagabunden waren hinunter geſprungen, und an's Thor geeilt, ſie begannen, daſſelbe mit ihren Brecheiſen zu bearbeiten. Vor dem Thore ſtand die ganze Bande ſchreiend und lärmend, den vereinten Bemühungen mußte es bald gelingen, daſſelbe zu erbrechen. Die Arbeiter Michelets ſtanden an den Fenſtern und erwar⸗ 124 180 teten mit wachſender Ungeduld den Befehl zum Feuern, und als nun Otto noch immer damit zögerte, wurden Stimmen laut, die mit ſteigernder Entrüſtung ſich über dieſes Zögern beſchwerten. „Wenn wir hier noch lange geduldig zuſehen, werden die Mordbrenner uns wie die Fliegen todtſchlagen,“ murrte ein Maſchinenbauer. „Ruhe!“ gebot Otto. „Zum Teufel!“ rief ein Zweiter.„Was hält uns ab, dieſes Lumpengeſindel nieder zu ſchießen? Wir müſſen uns unſrer eignen Haut wehren.“ Lautes Jauchzen drang vom Hofe herauf. Das Thor war erbrochen, die Bande ſtürmte hindurch. In dieſem Augenblick fiel der erſte Schuß, er war das Signal zum Kampfe. Der Maſchinenbauer hatte dieſen Schuß abgefeuert, Otto beſaß jetzt nicht mehr die Macht, dem Kampfe Einhalt zu ge⸗ bieten. Die Arbeiter ſchoſſen auf's Geradewohl in den Haufen hinein, einige Vagabunden ſtürzten, andere, wahrſcheinlich verwundet, zogen ſich hinter die Mauer zurück. Aber eingeſchüchtert wurde die Rotte dadurch nicht. Die Verwundung ihrer Kameraden reizte den Haß und die Wuth der Uebrigen und vorzugsweiſe die Weiber bemühten ſich, die wilde Gluth der Leidenſchaft zu nähren. Nachdem die Bande die Thüren, welche in das Etabliſſement führten, erreicht hatte, waren die Schußwaffen nutzlos geworden. Mit ihren Aexten, Brecheiſen und anderen Inſtrumenten zer⸗ trümmerten die Vagabunden die Thüren, man hörte deutlich das Krachen und Zerſplittern der ſchweren eichenen Bohlen. Wenn es ihnen gelang, in das Gebäude einzudringen, ſo war die Zerſtörung deſſelben, die Zertrümmerung der Maſchinen und Geräthſchaften nicht zu vermeiden.. Man konnte mit ziemlicher Sicherheit voͤrausſehen, daß dieſes auf's Aeußerſte gereizte, wüthende Geſindel die Vertheidiger über⸗ wältigen würde, zumal die Munition der Letzteren beinahe ver⸗ braucht war, während die Angreifenden von ihren Schußwaffen noch nicht Gebrauch gemacht hatten. Zudem war durch das willkürliche Abfeuern der Gewehre die unbedingt nöthige Disciplin gelockert, von einem einmüthigen, erfolgreichen Zuſammenwirken konnte nicht mehr die Rede ſein. Zwar verſuchte Otto noch einmal, ſeine Autorität geltend zu machen, auch Michelet, der inzwiſchen herbei geeilt war, bemühte ſich, das Perſonal unter ſeinem Befehl zu vereinigen,— aber es war zu ſpät. * ——— , und als tlaut, die zwerten. werden die nurrte ein ab, dieſes rer eignen rch. as Signal ert, Otto lt zu ge⸗ en hinein, verwundet, s und die ühten ſich bliſſement geworden. enten zer⸗ eutlich das n, ſo war hinen und daß dieſes iger über⸗ inahe ver⸗ cußwaffen Gewehre mmüthigen, de ſein. geltend bemtüht abt ,— 1 — 181— Der Eine wollte dieſe, der Andere jene Treppe vertheidigen, der Eine glaubte hier, der Andere dort den am meiſten bedrohten Punkt ſuchen zu müſſen. Endlich gelang es Otto, ſechs ſeiner Kameraden, unter denen auch Nikolas ſich befand, von der Richtigkeit ſeiner Anſicht zu überzeugen. Er ſtellte ſich mit ihnen der Hauptthüre gegenüber, um hier die Mordbrenner zu erwarten, während Michelet durch Bitten und ernſte Drohungen einige Andere bewog, ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die Haupttreppe zu richten, die nach ſeiner Ueberzeugung zumeiſt bedroht war. Inzwiſchen hatten die Vagabunden mit unermüdlichem Eifer ihre Arbeit fortgeſetzt. Krachend flog die zertrümmerte Thüre aus ihren Angeln, das Geſindel zeigte ſich auf der Schwelle. Die Arbeiter, welche dieſer Thüre gegenüber ſtanden, feuerten in den Haufen hinein, der Anfangs beſtürzt zurückwich, dann aber, die Verwundeten zurücklaſſend, mit wildem Geſchrei hineinſtürzte. Die Arbeiter fanden nicht einmal Zeit, ihre Gewehre wieder zu laden, ſie mußten ſchleunig zurückweichen. Während nun ein Theil des Geſindels in die Räume des Erdgeſchoſſes eindrang, um hier zu zerſtören und zu plündern, verfolgte der andere Theil die zurückweichenden Arbeiter, welche jede Treppenſtufe mit todesverachtendem Muthe vertheidigten. Mehrere Vagabunden fielen, einige Arbeiter mußten ſich ver⸗ wundet zurückziehen. Otto und Michelet feuerten die Arbeiter an, ſie ſelbſt gingen ihnen mit gutem Beiſpiel muthig voran, aber die Uebermacht war trotz den Vortheilen, denen die Vertheidiger ſich erfreuten, zu groß. Das Geſindel rückte immer näher, wenn es ihm gelungen war, die Korridore zu gewinnen und in denſelben feſten Fuß zu faſſen, ſo hatte es den Sieg errungen. Man mußte vorausſehen, daß der Plünderung, der Zerſtörung und dem Morde die Brandſtiftung folgte, und wenn auch Niemand wußte, was dieſes Geſindel veranlaßt hatte, mit ſolcher Wuth ein Etabliſſement anzugreifen, welches ſo manche Familie ernährte und weit und breit in hoher Achtung ſtand, ſo ahnte doch ein Jeder, daß nur die gänzliche Vernichtung desſelben dieſe Wuth befriedigen würde. Auf beiden Seiten wurde mit dem Muthe und der Erbitte⸗ rung der Verzweiflung gekämpft, auf beiden Seiten waren ſchon Viele verwundet, und die Wuth der Mordbrenner ſchien noch immer im Wachſen begriffen. Auch Otto hatte bereits eine leichte Wunde am Arme erhalten, * —— ———, . er trat zurück, um ſie nothdürftig zu verbinden und alsdann ſich am Kampfe wieder zu betheiligen. Da näherte ſich ihm einer ſeiner Kameraden, deſſen ſichtbare, gewaltige Aufregung den jungen Mann Schlimmes befürchten ließ. „Das Geſindel iſt bereits in's Wohnhaus eingedrungen,“ ſagte dieſer haſtig,„wenn Sie dort hineingehen, können Sie ſich davon überzeugen.“ Erſchreckt trat Otto in das ihm bezeichnete Zimmer. Er warf einen Blick durch das Fenſter und fand die entſetz⸗ liche Nachricht ſeines Kameraden beſtätigt. Im Wohnhauſe waren mehrere Fenſter hell erleuchtet, auf den weißen Vorhängen zeichneten ſich die Schatten der Vagabunden ab, die, wie es ſchien, ſich bereits mit der Ausräumung der Schränke beſchäftigten. Der erſte Gedanke Otto's galt der Tochter ſeines Prinzipals. Sie befand ſich allein mit einigen Mägden in dem Hauſe, für welches keine Maßregeln zur Vertheidigung getroffen worden waren, weil man nicht daran gedacht hatte, daß die Bande dieſes hinter dem Etabliſſement liegende Haus gleichzeitig mit jenem angreifen würde. Ein Theil der Bande mußte das Etabliſſement umgangen haben. Der Arbeiter, welcher zuerſt die Entdeckung gemacht hatte, wollte Michelet benachrichtigen, Otto hielt ihn zurück. „Hier kann nur eine muthige Entſchloſſenheit Hülfe bringen,“ ſagte er,„Michelet würde verwirrt das Etabliſſement preisgeben, um ſeine Tochter zu beſchützen, dann wäre Alles verloren. Rufen Sie, Nikolas, und einige Leichtverwundete, wir haben den Vortheil für uns, daß wir jenem Geſindel in den Rücken fallen.“ An der Spitze von ſieben Kameraden verließ Otto durch eine Hinterpforte das Fabrikgebäude und eilte über den Hof dem Wohnhauſe zu. Er hatte dasſelbe noch nicht erreicht, als er einen lauten, ver⸗ zweifelten Hülferuf vernahm. Die Arbeiter fanden Hausflur und Treppe frei, ſie eilten hinauf. Das Geſindel hatte ſein fluchwürdiges Werk ſchon rüſtig be⸗ gonnen, die Scherben werthvoller Glas⸗ und Porzellangeſchirre deckten bereits überall den Fußboden, in jedem Zimmer, deren Thüren offen ſtanden, bemerkte man die Spuren der Verwüſtung. Zwei Vagabunden, welche ſich mit der Plünderung eines Silberſchrankes beſchäftigten, ſchlug Otto mit dem Kolben ſeiner Büchſe nieder, einige Andere, die ihnen auf dem Korridor begeg⸗ neten, fanden dasſelbe Schickſal. — lsdann ſich n ſichtbare, erchten ließ. gedrungen n Sie ſich die entſetz⸗ et, auf den Zagabunden zmung der mit jenem umgangen acht hatte, — 183— Wo aber war Valerie? Daß der Hülferuf von ihr oder einer in ihrer Nähe befind⸗ lichen Dienerin ausgegangen war, unterlag keinem Zweifel, man durfte nicht ruhen, bis man ſie gefunden hatte. Die Schlafzimmer lagen im obern Stock, es war ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß Valerie ſich dorthin geflüchtet hatte. Die Arbeiter ſtürmten hinauf. Der Schall mehrerer Stimmen führte ſie, Otto unterſchied deutlich die Stimme Valerie's. Die Thüre des Gemachs war geſchloſſen, Otto bat die junge Dame, zu öffnen. Ein lauter Hülferuf war die Antwort, dieſer Ruf bewies, daß Valerie ſich in der Gewalt ihrer Feinde befand. Mit einem kräftigen Fußtritt ſprengte Nikolas die Thüre und eine Entſetzen erregende Scene bot ſich den Arbeitern dar, die unwillkürlich auf der Schwelle ſtehen blieben. Valerie lag, an Händen und Füßen gefeſſelt, in einem Seſſel, zu beiden Seiten ſtand einer dieſer Mordbrenner, vor ihr ein häßliches, zerlumptes Weib. Es war ein widerwärtiges Geſchöpf von hohem, ſtarken Kör⸗ perbau, eine kräftige, knochige Geſtalt, die ſelbſt mit einem ſtarken Manne einen Fauſtkampf dreiſt aufnehmen konnte. Das ſtark ergraute Haar hing in einzelnen dünnen Strähnen wirr auf den Nacken hinunter, in dem eckigen, hageren Geſichte drückte eine ganze Fülle von teufliſcher Bosheit, Rachſucht und Haß ſich aus. „Was hat Euch dieſe gethan?“ donnerte Otto das anfangs erſchreckt zuſammenfahrende Geſindel an.„Bei Gott, Ihr ſollt Eure verwegene Bosheit auf der Galeere büßen!“ „Hoho— habt Ihr vor dieſem deutſchen Hunde den Muth verloren?“ ſchrie das Weib ihren Genoſſen zu.„Nieder mit ihm und den Anderen, das ganze Neſt muß ausgerottet werden.“ Einer der Arbeiter legte das Gewehr an. „Laßt,“ ſagte Otto,„dieſes Geſindel kann uns nicht mehr ent⸗ wiſchen, wozu unnöthiges Blutvergießen.“ „Kein Stein darf auf dem andern bleiben!“ fuhr die Megäre kreiſchend fort,„dieſe Blutſauger haben ſich lange genug von un⸗ ſerm Schweiß gemäſtet! Das zarte Püppchen will ich in die Schule nehmen, es ſoll nun auch einmal lernen, ſelbſt ſein Brod zu verdienen. Wird wohl noch manche Thräne und manchen Schlag koſten, aber ich ſetze es durch!“ Bei den letzten Worten hatte das Weib das große Meſſer, welches ſie in der Hand hielt, gleich einer Wahnſinnigen über ihrem Haupte geſchwungen, mit einem wilden Schrei ſtürzte ſie 4 — 184— ſich jetzt auf Otto, der ſie mit dem Kolben ſo derb vor die Bruſt ſtieß, daß ſie zurücktaumelte. Die Genoſſen des Weibes hatten inzwiſchen auch den Kampf mit den Arbeitern begonnen. Es war ein kurzer, erbitterter Kampf. Mit dem Kolben ſchlugen die Arbeiter das Geſindel nieder und befreiten darauf die junge Dame von ihren Feſſeln. Valerie lag in Ohnmacht, Otto eilte hinaus, um eine Dienerin zu ſuchen. Während er die Zimmer durchlief, vernahm er draußen auf dem Hofe den Hufſchlag mehrerer Pferde; er konnte ſich nicht ent⸗ halten, hinaus zu blicken, und eine ſchwere Laſt fiel ihm von der Seele, als ſein Blick auf mehrere franzöſiſche Gensdarmen fiel, die mit der flachen Klinge das Geſindel vor ſich her trieben und bereits viele Gefangene gemacht hatten. Er eilte in das Zimmer Valerie's zurück und fand eine Die⸗ nerin mit ihrer Herrin beſchäftigt. Er wollte nun in das Etabliſſement gehen, aber im Begriff, das Wohnhaus zu verlaſſen, ſah er ſich plötzlich dem Manne gegenüber, der ſchon in Mülhauſen ihn mit ſeinem Haß verfolgt hatte. Franz Werner ließ dem jungen Mann keine Zeit, darüber nachzudenken, wie er ihm entgegentreten ſolle, Otto hatte ihn kaum bemerkt und erkannt, als er, einen ſtechenden Schmerz in der Bruſt fühlend, ohnmächtig niederſank. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. In den Retzen des Wucherers. Jakob Herz hatte Nachrichten aus Rio de Janeiro erhalten. Der Konſul ſchrieb ihm, daß Alles nach Wunſch beſorgt ſei und der Betrag der Erbſchaft mit dem nächſten Schiffe folgen würde, da der Ankauf der Wechſel mehrere Tage erfordere. Auch das Schickſal Peter Braun's hatte der Konſul ihm mitgetheilt, ſoweit er ſelbſt es kannte.. Der Wucherer rieb ſich vergnügt die Hände, ein boshaſter Triumph leuchtete in ſeinen Augen. „Es macht ſich beſſer, wie man erwarten konnte,“ ſagte er, während Bernhard Schenk, ſein Schreiber, den Brief las. er die Brutt den Kampf indel nieder In. ne Dienerin draußen auf h nicht ent⸗ om von der darmen fiel, trieben und ₰ eine Die⸗ in Begriff em Manne aß verfolgt t, darüber hatte ihn Schmerz in 6. erhalten. at ſei und würde, Auch deS ſt, ſowei boshaſte „Binnen ſechs bis acht Wochen ſpäteſtens wird das Geld in meinem Beſitz ſein und nicht ein Pfenning kann mir ſtreitig ge⸗ macht werden. Peter Braun befindet ſich in der Gewalt eines rachſüchtigen Indianerhäuptlings, na, ich hoffe, die Rothhäute wer⸗ den kurzen Prozeß mit ihm machen. Der Konſul zweifelt ja ſelbſt an der Möglichkeit ſeiner Rettung.“ Der Schreiber nickte. „Er meint, es unterliege keinem Zweifel, daß die Indianer den Gefangenen morden,“ warf er ein. „Hm— er hat es ſelbſt verſchuldet,“ fuhr Herz achſelzuckend fort,„weshalb war er ſo dumm, den Häuptling zu beleidigen? Mir hat er durch dieſe Dummheit einen großen Gefallen erzeigt, inſofern, als ich nun nicht mehr nöthig habe, ihm den verſproche⸗ nen Lohn zu zahlen, was auch ohnehin nicht geſchehen wäre.“ „Nicht?“ fragte der Schreiber befremdet. „Nein!“ „Aber Sie hatten es ihm verſprochen.“ „Allerdings. Es wird viel verſprochen und wenig gehalten, wer ſo dumm iſt, ſich ein Verſprechen nicht ſchwarz auf weiß geben zu laſſen, der verdient nichts beſſeres, als daß er darum betrogen wird.“ „Das iſt eine eigenthümliche Anſicht,“ meinte Schenk, in deſſen Seele plötzlich die Befürchtung auftauchte, daß auch er um den damals ihm verſprochenen Lohn betrogen ſein könne. „Es ſind die Anſichten eines erfahrenen Mannes,“ erwiderte der Wucherer rauh,„eines Mannes, der keinen Groſchen aus⸗ gibt, ohne ihn vorher ſechsmal umzuwenden.“ „Wenn Ihre Schuldner— „Bah meine Schuldner ſind ſo feſt an mich gekettet, daß ſie ſich nicht loßreißen können.“. „Alſo Sie erkennen nur die Verpflichtungen an, die Sie ſchriftlich eingegangen ſind?“ .& 44 „Jd.— „Auch mir gegenüber?“ 3 Der Wucherer blieb ſtehen, ſein ſtechender Blick ruhte durch⸗ bohrend auf dem hageren, bleichen Geſicht des Schreibers. „Sind Sie vielleicht beſſer, wie jeder Andere?“ fragte er. „Das nicht, aber—“ „Na, dann werden Sie die Antwort auf Ihre Frage ſelbſt finden können.“— Bernhard Schenk ſchüttelte mißbilligend ſein kahles Haupt, ein düſterer Schatten breitete ſich über ſeine Züge.. „Ich verdenke Ihnen nicht, wenn Sie Ihren Vortheil wah⸗ ren, wenn Sie den Dummen übertölpeln und ſich Verpflichtun⸗ — 186— gen entziehen, die ohne Furcht vor dem Geſetz umgangen werden können,“ ſagte er.„Man weiß ja einmal, daß das Geld der Götze iſt, den Sie anbeten—“ „Das Geld? Wer kann behaupten, daß ich Geld habe? Mein Geld liegt feſt, ich habe kein geheimes Verſteck, keine eiſernen Kiſten, keine—“ „Wer ſpricht davon? Ich wollte Sie nur darauf aufmerkſam machen, daß es in dieſer Sache Ihr Vortheil nicht ſein kann, wenn Sie die eingegangenen Verpflichtungen nicht erfüllen.“ Jakob Herz ſchob ſeine fuchſige Perrücke zurecht und band die Kordel, welche den alten, zerlumpten Schlafrock über den Hüften zuſammenhielt, feſter. „Wie meinen Sie das?“ fragte er lauernd. „Sie werden ſich des Morgens erinnern, an welchem der Brief aus Rio de Janeiro ankam.“ „Natürlich, ſolche Ereigniſſe vergeſſe ich nie.“ „Sie erkannten zuerſt die Vortheile, welche durch eine Unter⸗ ſchlagung und Benutzung dieſes Briefes ſich Ihnen boten.“ „Ganz recht.“ „Ich weigerte mich, auf Ihren Plan einzugehen.“ „Weil Sie mit Ihrem beſchränkten Verſtande nicht einſehen konnten—“ 8 rhnben Sie, weil mein Rechtlichkeitsgefühl mir ſagte, aß—— „Bah, kommen Sie mir nicht mit dieſem Unſinn!“ „Nun wohl, Sie wußten meine Beſorgniſſe zu beſeitigen und meine Verſchwiegenheit dadurch ſich zu ſichern, daß Sie mir einen Theil der Erbſchaftsſumme verſprachen.“ „Haben Sie;s ſchriftlich?“ ſpottete Herz. „Leider nicht. Sie verſprachen mir zehntauſend Dollars. „Menſch, ſind Sie wahnſinnig?“ rief der Wucherer mit vor⸗ trefflich erheucheltem Erſtaunen.„Ich ſoll Ihnen zehntauſend Dollars verſprochen haben?“ „Das thaten Sie.“ „Gehen Sie ins Irrenhaus, guter Freund, bei Ihnen rap⸗ pelt's im Oberſtübchen. Laſſen Sie die Schraube, die ſich in Ihrem Schädel gelöſt hat, wieder befeſtigen, dann wollen wir weiter über die Sache reden.“ Jetzt riß auch dem Schreiber der Faden der Geduld. „Ich kann's beſchwören, daß Sie mir dieſe Summe verſpro⸗ chen haben!“ rief er mit wachſender Erregung. Ein Zug unbeſchreiblichen Hohnes glitt über das pergament⸗ farbene Geſicht des alten Mannes. „Zehntauſend Dollars?“ fragte er. 71 d igen werden ¹s Geld der habe? Mein ine eiſernen aufmerkſam ſein kann, üllen.“ nd band die den Hüften welchem der eine Unter⸗ ten 71 ſicht einſehen mir ſagte ſeitigen uud e mir einen Dollars.“ er mit vor 36 ntauſend Ihnen ra die ſic 3 wollen wit uld ne verſbi verqallel † r — 187— nuJg.“ „Was haben Sie denn in der Sache gethan, daß ich Ihnen dafür dieſes rieſige Kapital verſprochen haben ſoll?“ „Geſchwiegen.“ „Oh— ſo hoch taxiren Sie Ihre Verſchwiegenheit?“ „In gewiſſen Dingen ja.“ „Na, ich muß zugeben, daß Ihr Wahnſinn wenigſtens Me⸗ thode hat,“ ſagte der Wucherer kalt, während der Schreiber mit dem Aermel ſeines fadenſcheinigen Rockes die Stirne trocknete, auf welcher der Schweiß in großen Tropfen perlte.„Aber ich rathe Ihnen, dieſe fixe Idee fallen zu laſſen, lieber Freund, ſie könnte mich veranlaſſen, Sie einer Irrenanſtalt zu überweiſen.“ „Sie ſind ein Lump!“ fuhr Schenk gereizt auf. „Das hat mir ſchon Mancher geſagt,“ erwiderte Herz achſel⸗ zuckend,„aber bisher hat noch Niemand mir dadurch einen Gro⸗ ſchen aus der Taſche gelockt.“ „Ein nichtswürdiger, betrügeriſcher Schuft!“ „Gehören dieſe Redensarten mit zu Ihrer fixen Idee?“ „Ich werde Ihre Pläne durchkreuzen.“ „Können Sie es?“ „Ich werde dem rechtmäßigen Erben den Betrug eröffnen, dem Oberprokurator Anzeige machen—“ „Ereifern Sie ſich doch nicht,“ unterbrach Jakob Herz ihn kühl.„Was wollen Sie, jämmerliche Käſemilbe, gegen mich un⸗ ternehmen? Falle ich, ſo fallen Sie mit, ich werde nicht allein auf der Anklagebank ſitzen. Können Sie mir beweiſen, daß ich den Betrug erſonnen und ausgeführt habe? Haben Sie nicht die Briefe an den Konſul geſchrieben mit verſteller Handſchrift— he? Haben Sie nicht die Vollmachten Bertram Schenk's unterzeichnet und dabei die Unterſchrift ſo täuſchend nachgeahmt, daß ſelbſt ein Sach⸗ verſtändiger die Fälſchung nicht entdecken kann? Gehen Sie und reden Sie, wenn es Ihnen Vergnügen macht, den Reſt Ihres armſeligen Lebens im Zuchthauſe zu verbringen, Ihren Händen, die bisher nur die Feder geführt haben, dürfte es ſchwer fallen, den Schubkarren zu ziehen.“ Der Blick des Schreibers ruhte ſtier, mit dem Ausdruck der Beſtürzung, auf dem Wucherer, der hohnlächelnd ihn unverwandt anſchaute. Er konnte nicht leugnen, es lag Wahrheit in dieſen Worten, die ihren Zweck, ihn einzuſchüchtern, nicht verfehlten. „So werden Sie alſo den Raub ganz allein für ſich behal⸗ ten?“ fragte er nach einer langen Pauſe. „Om— es kommt darauf an,“ erwiderte Herz zögernd. „Ich ſehe eigentlich die Nothwendigkeit, einen Theil davon abzu⸗ — 188— geben, nicht ein, denn ich habe die ganze Angelegenheit geordnet, die, wenn ſie nicht geordnet worden wäre, mich eine bedeutende Summe gekoſtet hätte. Indeß werde ich ein kleines Opfer brin⸗ gen, um Sie für Ihre Verſchwiegenheit zu belohnen, obgleich Sie ſelbſt zugeben müſſen, daß dieſe Verſchwiegenheit ebenſo wohl in Ihrem, wie in meinem Intereſſe liegt.“ „Und was nennen Sie ein kleines Opfer?“ „Je nach den Umſtänden!“ „Vielleicht fünfundzwanzig Thaler?“ „Na, ja— „Sie ſind ein nichtswürdiger Menſch!“ fuhr der Schreiber erboſt auf. „Gemach, lieber Freund,“ entgegnete der Wucherer kühl,„wenn mir dieſe Redensarten unbequem werden, ſo zeige ich Ihnen, wo der Zimmermann das Loch gelaſſen hat. Was dann? Glau⸗ ben Sie, anders wo ein Unterkommen zu finden?“ „Ja.“ „Ah— Sie haben ſchon— „In dieſem Falle würde ich das Zuchthaus dem Obdach unter freiem Himmel vorziehen,“ fuhr der Schreiber fort,„ich hätten wenigſtens die Genugthuung, Sie ebenfalls im Schubkarren zu ſehen. Vielleicht würde ich mich zum Aufſeher emporſchwingen, dann könnte ich Ihnen Alles das vergelten, was Sie ſeit einer Reihe von Jahren mir angethan haben.“ In den kleinen, ſtechenden Augen des Wucherers blitzte es auf, es war das Wetterleuchten, welches dem Gewitter voranzu⸗ gehen pflegt. Aber Jakob Herz ſah auch ein, daß er ſich bezwingen mußte, daß es nicht gut war, wenn er es ganz mit ſeinem Schreiber verdarb. Er hatte ihn allerdings, wie man zu ſagen pflegt, in der Hand, das Wohl und Wehe dieſes Menſchen hing ganz von ihm ab, aber allzu ſtraff durfte er die Stricke nicht anſpannen, wenn ſie nicht reißen ſollten. „Sie ſind ein Narr,“ ſagte er nach einer Weile, mühſam an ſich haltend.„Was verlangen Sie mehr vom Leben, als die leibliche Nahrung? Und ich denke, eine beſſere Exiſtenz als die bisherige finden Sie nirgend. Sie ſind nicht überbürdet, Sie können über eine ſchlechte Behandlung ſich nicht beſchweren—“ „Nicht?“ „Nein, gewiß nicht. Wenn auch einmal ein hartes Wort fällt, das iſt gegenſeitig, Sie ſparen die groben Worte auch nicht, wenn Sie glauben, Anlaß dazu zu haben. Laſſen Sie den Dingen ihren Lauf, als Rentner würden Sie bald untergehen, die Lange⸗ eit geordnet e bedeutende Opfer bri⸗ obgleich Sie nſo wohl in er Schreiber kühl,„wenn ich Ihnen inn? Glau⸗ Obdach unter „hit ſun zubkarren zl vorſchwingen, je ſeit einer z blitzte es ter voranzu⸗ ngen mußte m Schreiben glegt, in de mnz von ihn nnen, wenn — 189— weile würde Sie Betrügern in die Hände führen und was wären Sie, wenn Sie das kleine Vermögen verloren hätten? Ich will Ihnen ein etwas höheres Gehalt zahlen, damit Sie dann und wann ein Glas Bier trinken können,— mehr zu verlangen, wäre Unrecht.“ Bernhard Schenk zuckte die Achſeln. „Was würde der Betrogene mir zahlen, wenn ich ſprechen wollte?“ entgegnete er.„Wenn ich—“ „Bah— er würde Ihnen vielleicht eine namhafte Summe verſprechen, aber ſein Wort zurücknehmen, ſobald er erführe, daß auch Sie ſich an dem Betruge betheiligt haben.— Still, man kommt.“ Mit einer Behendigkeit, die man dem alten Manne nicht zu⸗ getraut haben würde, hatte Jakob Herz ſeinen Platz am Schreib⸗ pult eingenommen, eine Feder hinter das Ohr geſteckt und einen Aktenſtoß vor ſich ausgebreitet, der Eintretende mußte ſofort die Ueberzeugung gewinnen, daß der Wucherer ſehr beſchäftigt und ſeine Zeit knapp bemeſſen ſei. Dieſer Eintretende war Karl Liebmann, der Sohn des Fa⸗ brikanten. Er trat nicht mit der gewohnten Sicherheit, dem dünkelhaften Hochmuth auf, in ſeinem ganzen Weſen lag etwas Gedrücktes, deſſen Urſache Jakob Herz augenblicklich erkannte. Der Wucherer wußte ſofort, daß der Beſuch dieſes jungen, elegant gekleideten Herrn nicht ihm, ſondern ſeinem Gelde alt. Er erhob ſich von ſeinem Sitz und lud durch eine Handbe⸗ wegung ſeinen Gaſt ein, Platz zu nehmen. „Mein Schreiber!“ ſagte er, als Antwort auf den fragen⸗ genden Blick, den Liebmann auf Schenk warf. „Es wäre mir lieb, mit Ihnen unter vier Augen reden zu können,“ erwiderte Liebmann leiſe. „Ich liebe das nicht,“ verſetzte Herz,„meine Geſchäfte mache ich ſtets hier ab und vor dieſem Manne habe ich keine Geheim⸗ niſſe.“ ü„Aber die, welche zu Ihnen kommen, könnten Geheimniſſe haben—“ „Welche? Mich beſuchen nur diejenigen, welche die Noth zu mir treibt.“ Der ſtechende Blick des alten Mannes ruhte ſcharf forſchend auf den Zügen Liebmann's, der einen ſo rauhen, barſchen Em⸗ pfang nicht erwartet hatte. „Sie machen alſo alle Geſchäfte in dieſem Raume ab?“ fragte Liebmann. — ☛ ———, 4 ———— — 190— Ja.“ 77 „Und Ihr Schreiber iſt ſtets zugegen?“ „Weshalb ſoll er es nicht ſein? Muß er nicht die Geſchäfte in die Bücher eintragen? Er iſt ein verſchwiegener, zuverläſſiger Mann, Sie dürfen in dieſer Beziehung ganz unbeſorgt ſein.“ Karl Liebmann holte ſein Portefeuille aus der Taſche und nahm aus demſelben zwei Wechſel, welche er dem Wucherer über⸗ reichte. „Ich wünſche, dieſe Wechſel zu verſilbern,“ ſagte er. Jakob Herz ſetzte ſeine Brille ſo langſam und bedächtig auf die Naſe, als ob er während dieſer Operation Zeit gewinnen wolle, über das ihm angebotene Geſchäft recht gründlich nachzudenken. Er prüfte die beiden Wechſel ſehr ſorgfältig und ſchob dann die Brille auf die Stirne, um den jungen Herrn eine geraume Weile forſchend anzublicken. „Eine ſehr große Summel“ verſetzte er. „Für Sie nicht?“ erwiderte Liebmann achſelzuckend. „Für mich nicht? Herr, Sie glauben gar, ich ſei ein Kröſus, der bis an den Elbogen in die Goldhaufen hineingreifen könne?“ „Das nicht, aber ich hege die Ueberzeugung, daß es Ihnen leicht ſein wird, dieſe Wechſel zu discontiren.“ „Zehntauſend Thaler!“ „Wenn Sie Ihre Zinſen abrechnen—“ „Iſt die Summe noch immer ſehr bedeutend.“ „Deſto beſſer für Sie,“ ewiderte Liebmann, der ſeinen Gleich⸗ muth wieder gefunden hat,„je höher die Summe, deſto lohnen⸗ der der Gewinn.“ Jakob Herz ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Sie ſind Ausſteller, Bezogener und Acceptant in einer Perſon,“ ſagte er. „Und ich hoffe, Sie werden wiſſen, daß ich als Aſſocie der Firma Theodor Liebmann und Sohn für dieſen Betrag gut bin,“ unterbrach der junge Herr ihn ungeduldig. „Heute noch— vielleicht! Wie es morgen ausſehen wird, kann Niemand wiſſen.“ „Mein Herr—“ „Erlauben Sie, muß es mich nicht befremden, daß Sie als Aſſocie dieſer Firma Solawechſel von ſolchem Betrage aus⸗ ſtellen?“ „Daran ſind triftige Gründe—“ „Ich vermuthe es, ohne dieſe Gründe ahnen zu können.“ „Aber was kümmert das Sie?“ fuhr Liebmann mit wachſen⸗ der Erregung auf.„Ich ſtelle die Wechſel aus, Sie zahlen mir den Betrag und erhalten am Verfalltage das Geld zurück.“ ie Geſchäfte zuverläſſiger gt ſein.“ Taſche und ſcherer über er. ichtig auf innen wolle zudenken. ſchob dam ine geraume ein Kröſus, afen könne? sß es Ihnen einen Gleich iſto lohnen iner Perſon zAſpeie di ag gut bin 8 5 gſehen wii daß Sie getrage d können- nit uah e zahlen M zurück. — 191— „Und wenn das Letztere nicht geſchieht?“ „Bah— drei Monate iſt eine lange Zeit, bis dahin werde ich Rath geſchafft haben.“ „Das hat noch Jeder geſagt, dem ich für ſolchen Wiſch mein gutes Geld gab; wenn der Verfalltag kam, mußte der Wechſel prolongirt werden.“ „War das für Sie ein Unglück?“ „Ein Glück wahrlich nicht.“ „Ah— ich meine, eine ſolche Prolongation werfe den größten Gewinn ab.“ Jakob Herz zuckte die Achſeln. „Davon verſtehen Sie nichts,“ ſagte er,„ich muß ſtets dar⸗ auf rechnen, meine Ausſtände am Verfalltage zurück zu erhalten, ich habe auch Verbindlichkeiten zu erfüllen, denen ich mich nicht entziehen kann.“ „Und wenn ich Ihnen ſage, daß Sie bei mir darauf rechnen können?“ „So iſt das für mich noch lange kein Evangelium. Sie haben als Privatmann dieſe Wechſel ausgeſtellt, wenn Ihr Vater ſich weigert, ſie einzulöſen, ſo kann ich Ihnen nachlaufen.“ Darin lag Logik, Liebmann mußte es zugeben. „Wenn Sie dieſe Wechſel auf Ihre Firma gezogen und die Firma ſie acceptirt hätte, ließe ich es mir noch gefallen,“ fuhr der Wucherer nach einer Pauſe fort;„das wäre wenigſtens eine Bürgſchaft.“ „Kann denn die Firma nicht auch falliren?“ Ein ſarkaſtiſches Lächeln glitt über das dürre Geſicht des alten Mannes.„Wenn Sie in dieſer Weiſe fortfahren, allerdings,“ ſagte er kühl.„Sind dies die einzigen Schulden, welche Sie haben?“ „Wer ſagt Ihnen, daß es Schulden ſind?“ „Na, lehren Sie mich das nicht kennen, der Wein, das Spiel und die Weiber haben ſchon Manchen zu Grunde gerichtet. Ich frage Sie, ob dieſe Wechſel—“ „Sie ſind die einzigen.“ Der Wucherer wanderte eine Weile nachdenklich auf und ab. „Wenn nun Ihr Vater die Zahlung verweigert, was dann?“ fragte er. „Er kann ſie nicht verweigern,“ erwiderte Liebmann, mehr und mehr gereizt durch die Bedenken und die beißenden Bemer⸗ kungen des alten Mannes.„Ich bin ſein einziger Sohn, und meine Ehre—“ „Erlauben Sie, Sie ſind der einzige Sohn, aber nicht das einzige Kind,“ fiel Herz ihm mit ſcharfer Betonung in's Wort. „Sie haben noch eine Schweſter.“ —. ———— “— „Allerdings.“ „Sie iſt verlobt.“ „Ganz recht.“ „Wenn nun dieſe Schweſter und deren Bräutigam ihrem Vater die Augen öffnen und Herr Theodor Liebmann es für rathſam hält, Sie unter Curatel zu ſtellen,— was dann?“ Dem jungen Herrn ſchoß das Blut in die Wangen, er ſah den höhniſchen Seitenblick des Schreibers, den dieſe Unterredung ergötzte. „Das ſind Combinationen, die ich albern finde,“ erwiderte er trotzig.„Ja, oder nein, wollen Sie das Geſchäft mit mir ſchließen?“ „Nur unter der Bedingung, daß Sie die Wechſel umſchreiben und zwar, wie ich es wünſche,“ ſagte Jacob Herz gemeſſen. „Ich ſoll die Summe auf die Firma ziehen?“ „Ja. 4. „Und im Namen der Firma acceptiren?“ „Allerdings.“ „Wer bürgt mir aber dafür, daß die Wechſel dann nicht ſchon vor dem Verfalltage vorgezeigt werden?“ „Niemand.“ „Aber ſie behalten doch die Wechſel an ſich?“ „Gewiß, indeß können Fälle eintreten, die mich nöthigen, ſie weiter zu verkaufen.“ „Welche Fälle zum Beiſpiel?“ fragte Liebmann, der ſeine Erregung mühſam bemeiſterte. „Jenun, Sie wiſſen ſelbſt, daß ich ſehr oft ein vortheilhaftes Geſchäft machen kann, habe ich dann die Mittel nicht flüſſig, ſo ſuche ich ſie flüſſig zu machen, in Geſchäftsſachen haben alle Rück⸗ ſichten ein Ende.“ „Aber wenn ich die Bedingung ſtelle, daß die Wechſel bis zum Verfalltage hier liegen bleiben müſſen?“ „So nöthigt die Bedingung mich, einen höheren Zinsfuß zu übernehmen.“ Karl Liebmann biß auf die Unterlippe, daß ſie blutete. Er trat an's Pult, nahm aus ſeinem Portefeuille ein Wechſelſchema und ergriff eine Feder. „Sie wiſſen, Ihren Vortheil wahrzunehmen,“ ſagte er un⸗ muthig, während er das Schema ausfüllte. Wieder glitt jenes ſarkaſtiſche Lächeln über das Geſicht des Wucherers. „Wer das nicht verſteht, kommt niemals vorwärts,“ erwiderte er ruhig,„ich habe mit manchen Entbehrungen und Sorgen kämpfen müſſen, ehe ich es ſo weit gebracht hatte, daß ich ruhig in die Zukunft blicken konnte.“ gam ihren mn es für dann?” en, er ſah Anterredung erwiderte er ſchließen?“ unſchreiben neſſen. dann nicht uüthigen, ſe der feine rthelleſte flüſſig, ſ malle Rück⸗ Zinsfuß 1' lutete Er zechſelſchem gte er M Geſicht des 11 erwident und Sctg h ich rulſt 4 „Und jetzt ſind Sie ein gemachter Mann!“ „So glaubt man und ich ſehe nicht ein, weshalb ich den al⸗ bernen Gerüchten über meinen Reichthum entgegentreten ſoll. Es ſind alberne Gerüchte, reich bin ich nicht, ich ſpekulire mit dem Gelde Anderer, die natürlich auch ſo viel wie möglich verdienen wollen.“ Liebmann legte die Feder hin. Der Wucherer unterwarf den Wechſel einer ſcharfen Prüfung und legte ihn dann wieder auf das Pult. „Zehntauſend Thaler,“ ſagte er,„Davon gehen alſo ab die Zinſen für drei Monate mit zehn Prozent, macht tauſend Thaler.“ „Zehn Prozent?“ rief Liebmann entrüſtet. Jakob Herz blickte ihn betroffen an. „Finden Sie den Satz zu niedrig?“ fragte er. „Zehn Prozent für drei Monate ſind ja vierzig Prozent für das Jahr.“ „Sie rechnen anders, wie ich. Ich ſchlage mein Kapital ſechsmal im Jahre um, jeder Termin wird bei mir für ein volles Jahr gerechnet.“ „Ah— das iſt ſtark!“ „Durchaus nicht. Bedenken Sie das Riſiko! Gutes Geld für ſchlechtes Papier.“ „Schlechtes—“ „Glauben Sie, ich habe keine Verluſte? Fragen Sie meinen Schreiber, er wird's Ihnen ſchwarz auf weiß beweiſen können.“ „Verluſte hat Jeder—“ „Mag ſein, ich aber ſuche die meinigen auszugleichen.“ „Durch Wucherzinſen.“ „Nennen Sie es, wie Sie wollen; wenn Sie glauben, den Wechſel beſſer verwerthen zu können, ſo verſuchen Sie es,“ ſagte der Wucherer ruhig. „Zahlen Sie mir die neuntauſend Thaler,“ entgegnete Lieb⸗ mann ungeduldig,„ich ſehe wohl, daß ich in den ſauren Apfel beißen muß.“ M Der Wucherer nähm den Bleiſtiſt und rechnete weiter. „Zinſen: Tauſend Thaler. Ferner ein halb Prozent Incaſſo⸗ ſpeſen: Fünfzig Thaler, ein Prozent dafür, daß der Wechſel bis zum Verfalltage liegen bleibt: Hundert Thaler, ein halb Prozent Proviſion: Fünfzig Thaler, Summa: Zwölfhundert Thaler. So⸗ mit wären zu zahlen achttauſendachthundert Thaler, für deren Hälfte Sie nach dem Geſchäftsgebrauch Waaren von mir zu nehmen hätten.“ Der junge Herr ſtand auf glühenden Kohlen. Er haßte dieſen Wucherer ſo gründlich, daß er ihn hätte Fünfmalhunderttauſend Thaler. 13 — 194— niederſchlagen mögen und ſchon ſtand er einmal im Begriff, den Händen deſſelben den Wechſel zu entreißen, als er noch rechtzeitig ſich entſann, daß dieſer Geſchäftsgebrauch ſchon oft im Kreiſe ſeiner Bekannten zur Sprache gekommen war und daß jeder Wucherer die Befolgung deſſelben zur Bedingung machte. „Sie können wählen,“ fuhr Jakob Herz mit einem hämiſchen Lächeln auf den Lippen fort,„Wein, Cigarren, Leinwand, Tuch, Edelſteine— ich habe ein großes Lager und feſte Preiſe.“ „Feſte Preiſe! Das kann ich mir denken,“ ſpottete Liebmann, bebend vor Wuth.„Was aber ſoll ich mit den Waaren beginnen?“ „Ach— es finden ſich überall Käufer. Ich ſelbſt bin ſogar geneigt, die Waaren zurückzukaufen.“ „Zu denſelben Preiſen?“ „Das gerade nicht— Jeder muß von ſeinem Geſchäft leben.“ Bernhard Schenk hielt den Blick unverwandt auf den jungen Herrn gerichtet, es gewährte ihm eine beſondere Genugthuung, daß der Wucherer mit dieſem reichen, angeſehenen Manne daſſelbe Spiel trieb, welches er kurz vorher mit ſeinem Schreiber getrieben hatte. „Wir können's ja in Bauſch und Bogen abmachen,“ fuhr Herz nach einer Pauſe gleichgültig fort,„ſchlagen wir den Verluſt gering an, auf vier Prozent, ſo ziehe ich dieſe von der Summe und wir erſparen uns dadurch das Ausſuchen der Waaren. Dem jungen Herrn blieb nur die Wahl zwiſchen der Ver⸗ zichtleiſtung und dieſem neuen Opfer, er wählte das Letztere. Natürlich zog Herz von der ganzen Summe die vier Prozent ab trotz dem Proteſt Liebmanns, der mit einem Fluch auf den Lippen ſeine achttauſend vierhundert Thaler einſteckte und darauf ohne Gruß mit haßerfülltem Herzen das Haus verließ. Der Wucherer ſchien die Unhöflichkeit nicht einmal zu be⸗ merken. „Ein feines Papierchen!“ ſagte er ſchmunzelnd, während er den Wechſel in ſeinen eiſernen Schrank legte.„Der junge Herr dauert mich, er wird entweder am Galgen oder im Armenhauſe enden.“ „Und daran werden Sie die Hauptſchuld tragen,“ warf der Schreiber ein. „Ich? Unſinn! Wenn er einem Andern in die Hände gefallen wäre, würde es ihm nicht beſſer ergangen ſein. Wenn ſich Je⸗ mand mit Gewalt ins Waſſer ſtürzen und mich vorher zum Erben einſetzen will, kann ich ihn davor nicht hindern?“ Bernhard Schenk hatte eine ſehr beißende Bemerkung auf der Zunge, aber ehe er Zeit fand ſie fallen zu laſſen, trat ein zweiter Gaſt in die Schreibſtube, bei deſſen Erſcheinen Jak do Herz fofort eine Thür öffnete, die in ein anſtoßendes Zimmer führte. Begrif, de ch rechzeit Kreiſe ſeiner der Wucherer em hämiſchen wand, Tuch, 4 beginnen?“ öſt bin ſogar ſchäft leben.“ fden jungen zenugthuung, mne daſſelbe ber getrieben fuhr Herz zerluſt gering ame und wir en der Ver⸗ Letzere. vier Prozelt luch auf den und darau nmal zu be während dt „junge Her cauſe enden. 4 walj 4 — 195— Dieſes Zimmer war ebenfalls ärmlich, aber doch mit etwas mehr Rückſicht auf Bequemlichkeit ausgeſtattet. Es war die Wohnſtube des Wucherers, in der die Unter⸗ handlungen gepflogen wurden, die wenigſtens theilweiſe dem Schreiber verſchwiegen bleiben ſollten. Der neue Ankömmling war Heinrich Schenk, er mußte bei dem Wucherer in hohem Anſehen ſtehn, das bewies die faſt kriechende Höflichkeit, mit der Jakob Herz ihn empfing. Heinrich lehnte die Einladung, auf dem alten Sopha Platz zu nehmen, ab, er legte ſeinen Hut auf den Tiſch und warf den Mantel über einen Stuhl. „Karl Liebmann war vorhin hier?“ fragte er. Der alte Mann nickte. „Ich ſah, daß er Ihr Haus verließ und kann mir denken, weshalb er Sie beſuchte.“ „Sie kennen ſeine Verhältniſſe?“ fragte Herz. „Habe ich Ihnen nicht ſchon vor acht Tagen geſagt, daß er kommen würde?“ „Ja, ja, aber—“ „Aber?“ „Ich habe das Geſchäft ungern gemacht.“ „Ungern? Weshalb? „Die Summe iſt zu hoch.“ „Wie viel beträgt ſie?“ „Zehntauſend Thaler.“ Ueber das Geſicht Heinrichs glitt ein boshafter Zug, es lag in dieſem Ausdruck etwas, was unwillkürlich die Vermuthung wecken mußte, daß Heinrich eine tückiſche Freude über die Verlegen⸗ heiten ſeines zukünftigen Schwagers empfand. „Das iſt allerdings viel,“ ſagte er,„aber Sie werden Ihr Schäfchen dabei geſchoren haben.“ Jakob Herz machte eine Bewegung des Unmuths und der Ungeduld. „Sie kennen ſeine Verhältniſſe,“ erwiderte er,„Sie ſind ja mit ſeiner Schweſter verlobt, glauben Sie, daß ſein Vater den Wechſel honoriren wird?“ „Sofort nicht.“ „Dann—“ „Beunruhigen Sie ſich deshalb nicht, warten Sie's ruhig ab und laſſen Sie es bei dieſer Summe bewenden.“ „Sie glauben alſo, daß ich mein Geld erhalte?“ „Wenn Sie klug ſind und meinen Rath befolgen, ja!“ „Gut, dann bin ich ruhig, ich weiß, daß man auf Sie ver⸗ trauen darf.“ — 196 „Es freut mich, daß ſie dies wiſſen,“ erwiderte Heinrich kühl, „vergeſſen Sie indeß nicht, daß Sie nur ſo lange auf meine Hülfe vertrauen können, als Sie meinem Rathe folgen und nur von dieſem ſich leiten laſſen. Karl Liebmann wird vielleicht den Wechſel ſpäter prolongiren laſſen, wenn er es wünſcht, erfüllen Sie ſeinen Wunſch.“ Betroffen blickte der Wucherer den jungen Mann an. „Auf dieſem Wege werde ich niemals mein Geld zurückerhalten,“ ſagte er. „Iſt das Ihr Vertrauen?“ „Aber—“ „Herr Herz, Sie werden dieſen Wechſel prolongiren und auch ſpäter jedem Wunſche Liebmanns in dieſer Beziehung nachkommen, ſo lange, bis ich Ihnen ſage, daß Sie nun ohne Nachſicht gegen Ihren Schuldner vorgehen ſollen!“ Jakob Herz ſchüttelte bedenklich das Haupt, er begriff offenbar nicht, welcher Nutzen ihm aus dieſen Prolongationen erwachſen konnte. „Wenn Sie das nicht wollen, ſo ſind wir geſchiedene Leute,“ fuhr Heinrich in einem Tone fort, der keinen Widerſpruch duldete, „Sie mögen dann zuſehen, ob und durch welche Mittel Sie die verlorenen Poſten eintreiben können.“ „Verlorene Poſten?“ fragte Herz beſtürzt. „Allerdings! Oder glauben Sie, Ihre Forderungen an Sche⸗ renberg und Liebmann ſeien Ihnen ſicher? Ich bin der Aſſocie Scherenbergs und der Schwager Liebmanns, in meinen Händen liegt es—“ „Aber Sie ſelbſt haben mir doch gerathen, den Beiden die Summen vorzuſtrecken!“ unterbrach der Wucherer ihn mit wachſender Beſorgniß. „Es iſt wahr, ich rieth Ihnen dazu, weil ich meine beſonderen Abſichten dabei habe. Dieſe Abſichten kann ich jetzt erreichen, ohne die Summen opfern zu müſſen.“ Jakob Herz blickte den jungen Herrn, der das ſo kühl und gemeſſen ſagte, als ob es ſich um ein ganz unbedeutendes Geſchäft handle, eine Weile forſchend an. Seine Erregung, die in ſeinem ganzen Weſen ſich kundgab, bildete einen auffallenden Kontraſt zu der Ruhe Heinrich's. „Ich glaube Ihre Abſichten zu errathen,“ ſagte er nach einer langen Pauſe.„Sie wollen die Beiden verderben, vernichten, um— „Erlauben Sie, was ich beabſichtige, kümmert Niemand,“ fiel Heinrich ihm kalt und mit ſcharfer Betonung ins Wort,„ich ver⸗ bitte mir in dieſem Punkte jede Einmiſchung. Ich frage Sie nur, veinrich kühl meine Hülfe ind nur von vielleicht den ſcht, erfüllen an. rickerhalten,“ een und auch nachkommen, achſicht gegen riff offenbar n erwachſen dene Leute, vrruch duldete, ttel Sie die en an Sche⸗ der Aſſocl nen Händen Beiden die it wachſenden e beſonderen tt erreichen, ſo kühl und ndes Geſchät de in ſeinen Kontraſt i nach eint vernichte wollen Sie meinen Rath befolgen und meinem Willen ſich unter⸗ werfen?“ 3 „Ich muß wohl!“ „Wenn Sie zu Ihrem Gelde kommen wollen, gewiß!“ „Gut, ich will.“ „Sie werden alſo den Wechſel verlängern?“ „Ja, aber die Summe wird dadurch höher werden.“ „Einerlei.“ „Dann aber bürgen Sie mir dafür, daß—“ „Bürgſchaft übernehme ich nie, Herr Herz, mein Wort muß Ihnen genügen.“ Der Wucherer ſenkte das Haupt, zum erſtenmale in ſeinem Leben ſah er ſich überliſtet. „Die Wechſel auf Peter Paul Scherenberg ſeelige Wittwe ſind morgen fällig,“ fuhr Heinrich fort,„wie hoch iſt der Betrag?“ „Fünſtauſend Thaler.“ „Sie werden den Wechſel morgen vorzeigen.“ „Bertram Scherenberg war ſchon geſtern hier, er—“ „Sie haben doch nicht prolongirt?“ fragte Heinrich haſtig. „Nein, er will heute wieder kommen.“ „Ich rathe Ihnen, gehen Sie rückſichtslos zu Werke, wenn Sie Ihr Geld haben wollen.“ Der Wucherer nickte. „Nun noch Eins. Sie werden nie, ſei es wo und bei wem es wolle, eine Silbe über mein Verhältniß zu Ihnen fallen laſſen — verſtehen Sie?“ „Sehr wohl.“ „Unſre Unterredungen müſſen ſtreng verſchwiegen bleiben.“ „Ich werde nicht plaudern.“ „Thun Sie es, ſo iſt es Ihr eigner Schaden.“ Heinrich hatte den Mantel umgeworfen und ſeinen Hut er⸗ griffen, er legte die Hand auf die Schloßkrücke. „Ich wiederhole Ihnen, gehen Sie ſchonungslos gegen Scheren⸗ berg vor,“ ſagte er,„wahrſcheinlich erhalten Sie morgen das Geld noch nicht, aber das mag Sie nicht beunruhigen, Sie werden es empfangen. Was auch im Hauſe Scherenberg's vorfallen mag, kümmern Sie ſich nicht darum, wir beiden ſind einander ganz fremd, ſollte ich Ihnen in unſerm Bureau Grobheiten ſagen, ſo denken Sie an den Gewinn, den Sie gezogen haben und ſtecken Sie die Grobheiten geduldig ein.“ Der Wucherer nickte, ihn befremdeten dieſe Worte nicht, er begriff, daß der junge Mann an Liſt und Schlauheit ihm über⸗ legen war und daß er nichts Beſſeres thun konnte, als die Ab⸗ ſichten deſſelben zu unterſtützen. — 198— Bertram Scherenberg fand ſich eine Stunde ſpäter ein, um ſeine Bitte zu wiederholen. Der Wucherer erklärte ihm mit verletzender Barſchheit, daß er ihn in's Schuldgefängniß bringen laſſen werde, wenn er ſein Geld nicht erhalte. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die Folgen des Leichtſinns. Peter Paul Scherenberg hatte ſich mit der ihm aufgedrungenen Aſſociation ſeines früheren Commis vollſtändig ausgeſöhnt. In den letzten Monaten war viel Geld gewonnen worden und die noch ſchwebenden Geſchäfte verſprachen ebenfalls einen reichen Gewinn. Selbſt der alte, vorſichtige Buchhalter, der Anfangs ſehr be⸗ denklich ſein graues Haupt geſchüttelt und unausgeſetzt die Beſorg⸗ niß geäußert hatte, die Firma müſſe durch die gewagten Specu⸗ lationsgeſchäfte zu Grunde gehen, mußte jetzt zugeben, daß ſeit dem Eintritt Heinrich Schenks die Firma an Anſehen und Solidität bedeutend gewonnen habe und daß ſie einſt am kaufmänniſchen Horizont als Stern erſter Größe glänzen werde, wenn es in dieſer Weiſe fortgehe. Aber je mehr das Anſehen und die Macht der Firma wuchs, deſto eitler und hochfahrender wurde Heinrich, der ſich bei jeder Gelegenheit den Anſchein gab, als ob das Geſchäft ſein alleiniges Eigenthum und der alte Gründer deſſelben nur ein geduldeter Miethling ſei. Die beiden Herren Scherenberg hatten unter dieſem Hochmuth viel zu leiden, aber ſie empörten ſich nicht gegen ihn aus triftigen Gründen. Der alte Herr drückte ein Auge zu, weil er wußte, daß er durch dieſen hochfahrenden Aſſocie mit jedem Tage reicher wurde und Bertram wagte nicht, gegen Heinrich aufzutreten, weil er ihn fürchtete. Bertram war überhaupt in der letzten Zeit ein Anderer ge⸗ worden. Er zeigte zur Arbeit keine Luſt mehr, ſcheu und gedrückt ſchlich er umher, jedes laute Wort, jedes plötzliche Geräuſch er⸗ ſchreckte ihn. in, un ſeine rſchheit, daß wenn er ſein us. gedrungenen öhnt. worden und anen veichen s ſehr be⸗ die Beſorg gten Specu⸗ en, daß ſeit nd Sol lidität einäniſhen es in dieſer Macht der dirtch der das Geſchäft ben nur ein n Hochmulh aus triftigen weil er iſ Anderet 9 und nrit Geräuſch, dl — 199— Seine Wangen waren fahl und eingefallen, ſein Blick unſtät, er machte den Eindruck eines Menſchen, der den Keim einer ſchweren, unheilbaren Krankheit in ſich trägt. Der alte Herr äußerte oft ernſte Beſorgniſſe, er bat den Sohn, einen ſolideren Lebenswandel zu beginnen, Abends bei Zeiten heimzukehren und das Wirthshaus für einige Wochen ganz zu meiden, aber Bertram erwiderte darauf ſtets, er fühle ſich wohl und ſeine Lebensweiſe ſchade ſeiner Geſundheit nicht. Heinrich, der allein die Urſache dieſer auffallenden Veränderung kannte, ſchwieg darüber, der alte Mann erfuhr ſie ja bei der un⸗ ausbleiblichen Kataſtrophe immer noch früh genug. Und dieſe Kataſtrophe mußte heute eintreffen. Bertram hatte, ehe er hinunter in's Comptoir ging, in welchem ſein Vater ſchon ſeit einer halben Stunde thätig war, eine lange Unterredung mit Heinrich in dem Wohnzimmer des Letzteren. Aber das Reſultat dieſer Unterredung war für ihn keinesfalls ein befriedigendes, denn als er das Zimmer verließ, glich er in ſeiner äußeren Erſcheinung einem Menſchen, der ſeine letzten Hoff⸗ nungen zu Grabe getragen und ſich ganz der Verzweiſtung in die Arme geworfen hat. Er ging in's Comptoir und blieb hier, den ſtzexen Blick faſt unverwandt auf die Thüre gerichtet, unthätig ſitzen. Heinrich beobachtete ihn ſcharf und verſtohlen, einmal, als Bertram ſich erhob und es den Anſchein hatte, als ob er das Comptoir verlaſſen wolle, trat Heinrich raſch in die Nähe der Thüre. Der Unbefangene ohnte in dieſen Bewegungen nichts Auf⸗ fallendes finden, wenn er ſich aber die Mühe geben wollte, die Beiden ſcharf zu Heobachten, ſ ſo mußte er entdecken, daß zwiſchen ihnen ein Geheimniß beſtand, deſſen Enthüllung der Eine fürchtete, der Anderer dagegen wünſchte. Es war zwiſchen neun u zehn Uhr, als Jakob Herz ein⸗ trat und nach kurzem Gruß ſein Portefeuille aus der Taſche zog. Die beiden Aſſocie's hatten zugleich ſich von ihrem Sitz er⸗ hoben; Heinrich ttahm 1e oſe⸗ den der Wucherer ihm über⸗ reichtee in Empfang. ‚Löſen Sie den Wiſch ein und ſchreiben Sie den Betrag mir in Rechnung ſagte Sef ram leiſe,„ich werde Ihnen dankbar ſein, wenn Sie die Geſ 5 verheimlichen.“ Heinrich ſchüttelte 4 ehnend das Haupt. „Sie wiſſen, was iich Ihnen heute Morgen geſagt habe,“ er⸗ widerte er barſch,„ſolche Verſchwendung muß das Ge ſchäft ruiniren.“ „Aber mein Gott, für uns ſind doch fünftauſend Thaler eine unbedeutend e Summe!“ — 200 „Für uns?“ ſpottete Heinrich.„Sind Sie vielleicht fähig, dieſe unbedeutende Summe im Laufe eines Jahres zu verdienen? Kommen Sie mit, Herr Herz, ich fürchte der Wechſel wird nicht honorirt.“ Er ſchritt raſch in das Kabinet, in welchem Peter Paul Scherenberg bei ſeinen Talg⸗ und Fettmuſtern ſaß. Jakob Herz folgte ihm und Bertram, der ſich ein Herz zu faſſen ſchien, ſchloß ſich ihm an. „Da wird ſo eben ein Wechſel im Betrage von fünftauſend Thaler vorgezeigt,“ wandte Heinrich ſich zu dem alten Herrn, der er⸗ ſtaunt zu dem Wucherer aufblickte.„Iſt Ihnen davon etwas bekannt?“ „Satan!“ knirſchte Bertram. „Fünftauſend Thaler? Wechſel?“ erwiderte Scherenberg be⸗ ſtürzt, während er einen prüfenden Blick auf das Papier warf. „Bertram hat ihn ausgeſtellt und acceptirt lieber Gott— ich weiß nicht— Bertram, wie verhält ſich die Sache?“ „Er ſagt, es ſeien Privatſchulden,“ fuhr Heinrich fort, ehe Bertram das Wort ergreifen konnte,„derartige Schulden dürfen indeß nach meiner Anſicht nicht auf ſolchem Wege gedeckt werden.“ Der alte Herr war von ſeinem Stuhl in die Höhe gefahren, ſein Blick ruhte mit dem Ausdruck des Entſetzens auf demt Sohne, der bleich, mit ſchwankenden Knieen, gleich einem ertappten Diebe vor ihm ſtand. „Privatſchulden?“ fragte er.„Fünftauſend Thaler?“ „Spielſchulden!“ warf Heinrich ein. „Herr meines Lebens, das iſt ja nicht möglich!“ rief Scheren⸗ berg. „Das Geſchäft kann ſolche Auslagen nicht tragen,“ ſagte Hein⸗ rich gedehnt,„bei ſolchen Verluſten werden wir bald an den Bettelſtab kommen. Es iſt nicht das Privatvermögen allein, es ſind auch die Geſchäftsfonds, die dadurch in Gefahr kommen, denn wie Sie ſehen, lautet der Wechſel auf die Firma, die Firma hat acceptirt, alſo iſt ſie auch geſetzlich verpflichtet, zu zahlen.“ „Ganz recht,“ verſetzte der Wucherer,„die Firma muß den Betrag zahlen.“ Der alte Mann blickte, vollſtändig verwirrt, bald den Einen, bald den Andern an, er konnte es noch nicht faſſen, daß dies Wahrheit und nicht ein wirrer Traum ſein ſollte. In der Seele Bertram's aber wuchs der glühende Haß gegen Heinrich, deſſen Abſichten er zwar noch nicht durchſchaute, wohl aber ahnte. „Es iſt ſo,“ ſagte er mit dem Muthe der Verzweiflung,„ich habe geſpielt und verloren. Die Nothwendigkeit, meine Ehren⸗ jelleicht fähig 173 zu verdienen? ſel wird nicht Peter Paul ein Herz zu fünftauſend derrn, der er⸗ davon etwas herenberg be⸗ Papier warf. Gott— ich ich fort, ehe zulden dürfen deckt werden.” ühe gefahren, dem Sohne, appten Diebe 90 T. rief Scheren⸗ ſagte Hein⸗ bald an den en allein, es d den Einen en, duß dir :Haß gegn Hallte, woh 1% eiflung, u Caron reine Ehrel 201 ſchulden zu decken, zwang mich, zu dieſem Mittel meine Zuflucht zu nehmen.“ „Zu dieſem Mittel!“ erwiderte Scherenberg erbittert. „Weshalb ſchenkteſt Du mir kein Vertrauen? Weshalb ſagteſt Du mir nicht—“ „Herr Schenk rieth mir davon ab.“ „Das iſt ein Irrthum,“ ſagte Heinrich achſelzuckend.„Ich habe nicht im Entfernteſten geahnt, daß ein ſolcher Wechſel auf uns in Umlauf ſein könne.“ „Sie haben es gewußt!“ fuhr Bertram zornig auf.„Ihnen iſt dieſer Wechſel ſehr willkommen—“ „Ereifern Sie ſich nicht, mein Beſter,“ fiel Heinrich ihm ge⸗ laſſen in's Worr.„Hätte ich es gewußt, ſo würde ich Ihrem Vater längſt die Mittheilung gemacht haben. Glauben Sie, es könne uns Beiden gleichgültig ſein, welche Summen Sie vergeuden?“ „Ah, es iſt Ihnen ſehr angenehm, durch dieſe Vergeudung eine Handhabe zu gewinnen,“ erwiderte Bertram gereizt.„Wer hat mich zum Hazardſpiel verführt? Sie!“ „Ich?“ ſpottete Heinrich mit einer Miene, als ob er den ge⸗ ſunden Verſtand ſeines Aſſocies bezweifle. „Ja, Sie! Erinnern Sie ſich des Abends, an welchem Sie mich in's ſilberne Lamm lockten, um über unſere Aſſociation mit mir zu reden. Sie verleiteten mich, an dem Hazardſpiel Theil zu nehmen, ich verlor ſechszehnhundert Thaler.“ „Es iſt wahr, daß Sie die Summe verloren,“ ſagte Heinrich kühl,„aber es iſt unwahr, daß ich Sie verleitet habe. Und was, that ich nachher? Ich übernahm die ganze Schuld für Sie und habe von Ihnen bisher noch keinen Pfennig zurückgefordert. Sind wir ſpäter vielleicht noch einmal gemeinſchaftlich im ſilbernen Lamm geweſen? Durch Andere erfuhr ich, daß Sie hingingen und Sie werden nicht leugnen können, daß ich Sie oft und ernſt gewarnt habe. Jetzt wollen Sie auf mich die Schuld ſchieben?“ „Bertram, Bertram, daß ich das erleben muß!“ ſeufzte der alte Herr. „Ich denke, das Alles können Sie nachher unter ſich ab⸗ machen,“ ſagte der Wucherer ungeduldig,„zahlen Sie mir das Geld—“ „Mit welchem Rechte fordern Sie es?“ unterbrach Heinrich Schenk ihn rauh.„Sie wußten ſehr gut, daß es keine reine Sache war, als Herr Scherenberg Ihnen dieſen Wechſel zur Ver⸗ ſilberung anbot, als ehrlicher Mann hätten Sie ihn zurückweiſen und auf das Geſchäft verzichten müſſen.“ „Die Unterſchriften ſind ächt,“ entgegnete Herz ruhig,„als Aſſocie der Firma hat der junge Herr das Recht, im Namen der Firma zu acceptiren.“ 202— „Das beſtreite ich.“ „Sie wollen alſo nicht zahlen?“ „Nein!“ „So werde ich den Prozeß gegen die Firma einleiten.“ „In Gottes Namen.“ „Bedenken Sie—“ „Mein Herr, ich bedenke, daß nicht die Firma, ſondern dieſer Herr Ihr Schuldner iſt,“ erwiderte Heinrich wüthend,„halten Sie ſich an ihn, als Vertreter der Firma werde ich vor Gericht er⸗ klären, daß die Firma keine Verbindlichkeiten gegen Sie hat.“ Jakob Herz legte den Wechſel in ſein Portefeuille. „Und Sie, Herr Schenk, haben nicht das Recht, die Zahlung zu verweigern,“ etzte Bertram gereizt.„Mein Privatvermögen als Aſſocie reicht hin, die Summe zu decken.“ Ein ſarkaſtiſches Lächeln glitt über das Geſicht Heinrich's. „Ihr Privatvermögen!“ höhnte er.„Glauben Sie vielleicht, der dritte Theil der Geſchäftsfonds bilde Ihr Vermögen? Wenn »Sie noch nicht wiſſen, daß die Geſchäftsfonds niemals von einem Aſſocie zu Privatzwecken angetaſtet werden dürfen, ſo ſtecken Sie gütigſt die Naſe in unſern Geſellſchaftsvertrag, da werden Sie's ſchwarz auf weiß finden. Erzeigen Sie mir den Gefallen, Herr Barzannd verfügen Sie ſich, ohne Prozeß erhalten Sie Ihr Geld nicht. „Aber wozu der Prozeß und die unnützen Koſten?“ warf Scherenberg ein,„Zahlen müſſen wir, durch den Prozeß bla⸗ miren wir uns,— kommen Sie morgen wieder, ich will mit meinen Aſſocie's darüber reden.“ Der Wucherer nickte und ging hinaus. „So kann das nicht fortgehen,“ ſagte Heinrich mit einer Ent⸗ ſchiedenheit, die jedem Widerſpruch vorbeugte,„ich habe keine Luſt, für einen Spieler und Verſchwender zu arbeiten.“ Der alte Herr wanderte mit verſchränkten Armen auf und ab; von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen, um die naſſe Stirne zu trocknen und ſeinem Sohne einen ernſten, vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen.— 4 „So kann es allerdings nicht gehen,“ erwiderte er.„Was wir ſauer verdienen, ſollen wir in der nächſten Minute vergeudet ſehen,— nein, nein, das dürfen wir nicht dulden. Ich begreife in der That nicht, daß dieſe unſelige Leidenſchaft Dich ſo ſehr unterjochen konnte, Bertram, Dich, den nüchternen, vernünftigen Mann, dem ich ruhig Alles anvertraut hätte.“ „Rechte deshalb nicht mit mir, ſondern mit Dieſem,“ ſagte Bertram düſter.„Er weckte dieſe Leidenſchaft in meiner Seele—“ „Wieder dieſe Albernheit!“ fiel Heinrich mit beißendem Hohn leiten. ſondern dieſer „„halten Sie r Gericht er⸗ Sie hat.“ le. die Zahlung rivatvermögen Heinrich. Sie vielleicht, gen? Wemn 3 von einem ſo ſtecen Sie werden Sies hefallen, Herr Sie Ihr Geld vſten?“ worf Prozeß bla⸗ ich will mit it einer Ent⸗ he keine Luſt ſe Stirne zu svollen Blic Was⸗ er. Was ute vergeude — 27 dich 0 ſehr v mmünftige — 293— ihm in's Wort.„Wenn mich ein Vorwurf treffen kann, ſo iſt es der, daß ich, um Ihren Vater nicht zu betrüben, an jenem Abend Ihre Spielſchulden aus meiner Taſche deckte. Ich ahnte nicht, daß Sie, trotz den gemachten Erfahrungen, zum grünen Tiſche zurückkehren würden.“ „Sie hätten ihn zurückhalten ſollen!“ ſagte Scherenberg ver⸗ weiſend.— „Du lieber Himmel, welchen Grund und welches Recht beſaß ich dazu? Er wollte im Spiel ſein Glück verſuchen, das kann man Niemandem verwehren.“ „Wir müſſen einen Weg ſuchen, auf welchem wir uns vor der Möglichkeit einer Wiederholung dieſes Vorfalls ſichern können,“ ſagte er nach einer Weile.„Und da bleibtns kein anderer Weg, als daß wir Dir durch Circular die Unterſchrift ſo lange entziehen, bis wir die Ueberzeugung hegen dürfen, daß— „Vater, das kannſt und darfſt Du nicht thun!“ rief Bertram beſtürzt.„Jedermann würde den Grund wiſſen wollen, meine Ehre wäre vernichtet und ich könnte Niemandem mehr offen in's Auge ſchauen.“ Ein hämiſches Lächeln umſpielte die Lippen Heinrich's, eine tückiſche Schadenfreude leuchtete aus ſeinen Augen. „Dieſen Schritt dürfen wir allerdings nicht thun,“ ſagte er gemeſſen,„er würde unſern Credit untergraben. Wir müſſen ein anderes Mittel ſuchen.“ „Welches?“ fragte Scherenberg.„Ich finde keins. Bertram, Du wirſt fortan nicht wehr ausgehen, ſondern die Abende hier verbringen, ich halte es für unbedingt nöthig, daß Du Dich für einige Zeit aus der Geſellſchaft zurückziehſt. Du wirſt ferner mir über jeden Thaler, den Du aus der Kaſſe nimmſt, Rechenſchaft ablegen und Dich meinem Willen ſtreng unterordnen. Einen Spieler und Verſchwender muß man unter Curatel ſtellen, wenn man ihn kuriren will. Jetzt geh' hinaus, ich werde mit Herrn Schenk über den Hauptpunkt berathen und Dir ſpäter mit⸗ theilen, was wir beſchloſſen haben.“ Bertram wagte nicht, eine Einwendemng zu machen, er fürch⸗ tete weniger den ſchroffen Charakter ſeines Vaters, als den Hohn Heinrich's, gegen den er keine Waffe beſaß. Der alte Mann warf ſich gleich einem Verzweifelnden in den Seſſel und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Heinrich hörte ihn ſchluchzen und ſtöhnen, ein Zug verachtender Geringſchätzung glitt über ſein Geſicht. Was galt ihm der Schmerz dieſes Mannes! Ihm war es gleichgültig, ob der Gram das Herz dieſes ſchwer geprüften Vaters brach; gefühllos, ohne Schonung und Er⸗ — — 204— barmen trat er jedes Hinderniß in den Staub, welches zwiſchen ihm und ſeinem Ziele ſtand. Was kümmerte es ihn, ob dieſes Hinderniß ein Menſchenherz war, er ſchritt gleichgültig über dasſelbe hinweg. „Ich nehme herzlichen Antheil an dem Schickſal, welches Sie ſo plötzlich betroffen hat,“ ſagte er, und es gelang ihm vortrefflich, den Ton einer warmen Theilnahme anzuſchlagen,„hoffen wir, daß Bertram zur Einſicht kommen und ſeiner Leidenſchaft entſagen wird.“ Scherenberg blickte mit ſeinen trüben, feuchten Augen den Heuchler bittend an. „Glauben Sie, daß er ihr noch immer fröhnt?“ fragte er. Heinrich zuckte die Achſeln. „Es iſt eine alte Erfahrung, daß, wenn ſolche Leidenſchaften einmal Wurzel gefaßt haben, es ſchwer, wenn nicht unmöglich iſt 4 „Mein Gott, dann wäre ja jede Hoffnung vergeblich?“ „O nein, mit Strenge und ernſter Wachſamkeit kann man Viel ausrichten, ſo raſch dürfen wir nicht verzagen.“ „Und halten Sie es auch für nöthig, daß ihm die Unterſchrift entzogen wird?“ „Ja.“ „Aber vorhin—“ „Ich pflichtete Ihnen nicht bei, weil ich den Weg, den Sie wählten, für verderblich und gefährlich halte.“ „Aber wenn wir ihm die Unterſchrift entziehen wollen, müſſen wir dies öffentlich thun.“ „Durchaus nicht. Wir machen das unter uns ab und be⸗ nachrichtigen nur diejenigen Leute, bei denen allein Bertram in ſeiner Verlegenheit Hülfe ſuchen kann.“ „Die Wucherer?“ -74 7 6 Scherenberg dachte lange nach. „Es iſt ein ſchwerer Schritt,“ ſagte er. „Wir müſſen ihn thun, wenn wir uns nicht der Gefahr eines Bankerotts ausſetzen wollen,“ entgegnete Heinrich feſt. „Sei es denn. Wollen Sie ihn von dieſem Entſchluß in Kenntniß ſetzen?“ „Thun Sie es.“ „Ich fürchte, mich zu ſehr aufzuregen. Sagen Sie ihm, daß er mir einen großen Kummer bereitet habe und daß ich erſt dann ihm verzeihen könne, wenn ich von ſeiner Beſſerung überzeugt ſein dürfe. Den Wechſel werden wir einlöſen müſſen.“ „Ich glaube es auch.“ ches zwiſchen Menſchenher) welches Sie mvortrefflic, ffen wir, daß daft entſagen Augen den fragte er. Leidenſchaften ht unmöglich hlich?“ ſt kann man ie Unterſchrift zeg, den Sie ollen, müſſen 3 ob und be⸗ Bertram in Gefohr dine⸗ Euſcuij n Sie ihm, dah ich eiſt dan zberzeugt ung über ſen. — 205— „Wohl, ordnen Sie dieſe Angelegenheit nach beſtem Ermeſſen, ich überlaſſe es Ihnen ganz.“ Als Heinrich das Cabinet verließ, ſah er die Blicke des Buch⸗ halters und des übrigen Perſonals forſchend auf ſich gerichtet. Sie alle ahnten, daß in dem Cabinet ernſte, wichtige Dinge berathen worden waren, aber ſie entdeckten in den Zügen Heinrichs nichts, was ihnen irgend einen Aufſchluß geben konnte. Bertram hatte ſich in ſein Privatzimmer zurückgezogen, Heinrich ſuchte ihn jetzt dort noch nicht auf, er verſchob die Unterredung mit ihm auf den Abend. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Ein Gaſt aus Braſilien. „Sagt was Ihr wollt, mit Eurer Tochter iſt's keine richtige Sache!“ rief Kaspar Melchior Gabel gereizt, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug, daß die Gläſer klirrend in die Höhe fuhren.„Und wenn Ihr ſie zehntauſendmal in Schutz nehmt, ich bleibe bei meiner Behauptung.“ Bertram Schenk, der behäbige Wirth, klopfte nachdenklich auf den Deckel ſeiner runden Schnupftabaksdoſe und blickte dabei den Schneider, der dem Barbier gegenüberſaß, mit ſeinen klugen glän⸗ zenden Augen recht bedenklich an. „Ja ja, Eure Hermine ſchlüpft Euch unter den Fingern durch, wenn Ihr die Zügel nicht ſtraffer anzieht,“ ſagte er ernſt.„Das Mädchen macht ſeit einiger Zeit einen Aufwand, den man nicht billigen kann, wenn man Eure Verhältniſſe kennt, Wacker.“ Der Schneider ſchüttelte mit einem Lächeln der Geringſchätzung auf den Lippen ſein ſemmelblondes Haupt. „Was Ihr doch alles faſelt!“ erwiderte er.„Meine Hermine iſt ein hübſches Mädchen und ſie weiß, daß ſie es iſt, na, wenn ein hübſches Mädchen ſich gerne putzt— darum keine Feindſchaft nicht. In China—“ „Wir leben nicht in China,“ fiel der Barbier ihm in's Wort, deſſen Naſe im dunkelſten Carmin glühte,„wir leben in Europa, in Deutſchland, in der alten heiligen Stadt Köln.“ „Na, da wird man denn doch wohl ſich kleiden können, wie man Luſt hat!“ fuhr der Schneider auf.„Ihr ſeid allemal der⸗ — 206— jenige, welcher den Splitter in den Augen Anderer entdeckt, aber an den eigenen Balken nicht denkt.“ „Hört Ihr's?“ wandte„Gabel ſich zu dem Wirth.„Er will das Mädchen entſchuldigen, mit ſeinen blöden Augen kann er nicht ſehen, daß das eitle Ding ſich über die Gebühr putzt! Wacker, Wacker, mögen Euch nicht zu ſpät die Augen geöffnet werden.“ „Inwiefern?“ fragte der Schneider verdrießlich. „Inſofern, als ein hübſches und dazu eitles, gefallſüchtiges Mädchen ſtets der Verführung ausgeſetzt iſt, lieber Freund. Ihr könnt die Augen nicht überall haben, deshalb ſteuert bei Zeiten und rottet das Uebel an der Wurzel aus.“ „Weshalb laßt Ihr das Mädchen jeden Abend allein aus⸗ gehen?“ fragte der Schenkwirth.„Man ſpricht in der ganzen Nachbarſchaft darüber, nur Ihr—“ „So laßt doch die Leute ſchwätzen, was ſie wollen!“ rief der Schneider gereizt.„Ich kann ihnen den Mund nicht ſtopfen.“ „Wohl könntet Ihr's, wenn Ihr nur wolltet,“ erwiderte der Barbier, bedenklich das Haupt ſchüttelnd.„Gebt ihnen keinen Anlaß zu ſolchem Gerede—“. „Ach was, wer etwas ſuchen will, kann allenthalben etwas finden.“ „Freund, es gibt keinen Rauch ohne Feuer, das iſt ein altes wahres Wort. Glaubt nicht, daß ich Euch das Alles ſage, nur um einen Stein anf Hermine werfen zu können,“ fuhr der Barbier mit wehmüthigem Ernſt fort,„unſer Herrgott allein weiß, wie ſehr es mich ſchmerzt, in dieſer Weiſe mit Euch reden zu müſſen. — Seht, ich habe es noch keinem Menſchen anvertraut, aber Euch will ich's heute ſagen, auf daß Ihr Euch über meine ernſten Warnungen ein richtiges Urtheil bilden könnt. Ich habe Hermine ſchon ſeit Jahren geliebt und wenn ich mir nicht ſelbſt ſagen müßte, daß ich ein Narr wäre, wollte ich um die Hand des ſchönen Mädchens werben, ſo würde ich längſt mit der Sprache herausgerückt ſein. Aber unſer Herrgott hat aus mir Line Vogel⸗ ſcheuche geſchaffen, ich weiß das ſehr gut und da darf ich mich der Hoffnung nicht hingeben—“ „Weshalb nicht?“ unterbrach der Wirth ihn raſch.„Ihr ſeid ein ehrenwerther Mann—“ „Mag ſein, daß Ihr mich dafür haltet, aber bei dem jungen Mädchen thut's der ehrenwerthe Charakter allein nicht. Ich bitte Euch, wenn ich Euch ſagte, daß ich in Eure Tochter verliebt ſei, würdet Ihr nicht recht herzlich über mich lachen?“ „Durchaus nicht.“ „Dann würdet Ihr mich bedauern, denn daß Eure Tochter mir einen Korb geben würde, unterläge doch wahrſcheinlich keinem Zweifel.“ entdeckt, aber th.„Et will kann er nicht utzt! Wacker, et werden.“ gefallſüchtiges Freund. Ihr ert bei Zeiten d allein aus⸗ in der ganzen len!“ rief der t ſtopfen.“ erwiderte der iohnen keinen etwas finden.“ ziſt ein altes lles ſage, nur ar der Barbier ein weiß, wie eenn zu müſſen. uut, aber Luch meine ernſten habe Hernine ht ſelbſt ſagen die Hand des t der Sprache ir dine Voghl⸗ darf ich niich dem jungen 3 Ich bitte ht⸗ 0 4 er verliebt ſei⸗ bure Tocle⸗ keine m heinlich „Und deshalb fallt Ihr wohl über meine Hermine her?“ ſpottete der Schneider.„Ihr wüßt, daß ſie Euch abweiſen würde und nun gönnt Ihr ſie auch keinem Andern.“ Der Barbier zuckte die Achſeln.. „Ihr ſeid vernarrt in das hübſche Geſicht Eurer Tochter,“ erwiderte er,„Ihr hegt möglicher Weiſe die Ueberzeugung, daß ſie dieſes Geſichtes wegen eine ausgezeichnete Parthie machen müſſe.“ „Wäre es unmöglich?“ B „Das nicht, aber unwahrſcheinlich.“ „In China ſuchen die reichſten Herren ihre Frauen in den unterſten Klaſſen—“ 6 „Hier thun ſie's nicht.“— „Sogar die chineſiſchen Prinzen ziehen Schönheit des Körpers⸗ dem Reichthum vor.“ 9 „Ihr ſeid ein Hansnarr,“ ſagte der Barbier unmuthig, indem er ſich erhob.„Ihr ſolltet lieber an Eure. aushaltung, an Euer Weib und Eure Tochter denken, als ume h in Gedanken im chineſiſchen Reiche umherzuſchweifen. Ihr wüßt ſoviel von China, wie die Kuh vom Sonntage, aber Ihr meint, Euch mit Euren Lügen und Aufſchneidereien einen großartigen Anſtrich geben zu können. Ich fürchte, Ihr werdet's noch einmal bereuen, daß Ihr hier die Augen nicht offen gehalten habt, dann aber dürfte die Reue zu ſpät kommen.— Nichts Neues von Otto?“ Bertram Schenk machte eine verneinende Geberde. „Habe, ſeitdem er mix zum neuen Jahre gratulirte, nichts mehr von ihm gehört,“ exwiderte er,„ich denke mir, daß er ſehr beſchäftigt iſt und nichts Bemerkenswerthes mir mitzutheilen weiß.“ „Heinrich wird nun wohl bald ſeine Hochzeit feiern?“ fragte der Schneider, der die Grobheiten ſeines Nachbars geduldig ein⸗ geſteckt hatte. Ueber das runde, gemüthliche Geſicht des Schenkwirths glitt ein düſterer Schatten. 1b „So viel wie ich höre, im Frühjahre,“ ſagte er kurz ange⸗ bunden. „Wer das Glück hat, führt die Braut heim,“ fuhr Wacker fort,„Euer Heinrich hat wirklich Gluͤck gehabt.“— „Ja, ja, wenn das Geld glücklich machen kann er „Na— ich wüßte nicht, was er noch wünſchen könnte! Eine reiche Braut, ein ſchönes Geſchäft—“ „Wollen's abwarten,“ ſagte der Wirth raſch,„man ſoll den Tag nicht vor dem Abend loben.“ Der Barbier nickte. „Es iſt ſchon Mancher hoch geſtiegen, um bald darauf wieder 74 208— tief zu fallen,“ verſetzte er,„ich preiſe keinen Menſchen ſeines Geldes wegen glücklich.“ Er ging nach dieſen Worten hinaus, der Schneider blickte ihm achſelzuckend nach. „Wenn er nur Geld hätte!“ ſpottete er.„Ihm geht's auch, wie dem Fuchs, der die Trauben ſauer fand, weil ſie ihm zu hoch hingen. Gute Nacht, Nachbar.“ Der Wirth nahm nachdenklich eine Prieſe und ergriff die leeren Gläſer, um ſie hinaus zu bringen. 4 Auf der Schwelle des Zimmers begegnete ihm ein hochge wachſener Mann mit einem wettergebräunten Geſicht, der nach kurzem Gruß ſich am Gaſttiſche niederließ. Er war der einzige Gaſt, und der Wirth, der ſich nach Ruhe ſehnte, hätte es lieber geſehen, wenn derſelbe nicht bei ihm ein⸗ gekehrt wäre. Mit einem kurzen und keineswegs einladenden„Wohl be⸗ komm's!“ ſetzte er das gefüllte Glas vor ihn hin. „Eine Frage, wenn ich bitten darf,“ nahm der Fremde das Wort, als der Wirth im Begriffe ſtand, das Zimmer wieder zu verlaſſen,„wohnte nicht ein Bruder von Ihnen in Braſilien?“ Bertram Schenk blickte überraſcht den Fragenden an. „Freilich,“ erwiderte er,„wie kommen Sie darauf?“ „Ich kannte ihn perſönlich.“ „Friedrich Schenk?“ „Ja. Er wohnte in Ouro⸗Preto in Minas Geraes.“ „Ganz recht.“ „Er ſtarb im Jahre 1847 im Herbſt.“ Der Wirth hatte dem Fremden gegenüber Platz genommen, nach langer Zeit ſah er endlich ſeinen Wunſch, über ſeinen Bruder etwas Näheres zu erfahren, erfüllt. „Sie waren alſo mit ihm befreundet?“ fragte er. „Befreundet eben nicht, aber ich kannte ihn ſehr gut. Habe manches Geſchäft mit ihm gemacht.“ „So, ſo 8 „Er war ein ſehr thätiger Mann und ein herzensguter Menſch.“ „Etwas leichtfertig wohl auch?“ „Das ich nicht wuͤßte. Im Gegentheil, er machte auf mich den Eindruck eines ſehr ernſten, ſoliden Menſchen.“ „Sie ſahen ihn oft?“ „Von Vierteljahr zu Vierteljahr. Ich ſprach einmal mit ihm über Deutſchland, unſere gemeinſame Heimath, und da ſagte er mir, daß ein Bruder in Köln wohnte. Er beklagte ſich, daß er ſo ſelten Nachricht von Ihnen erhalte.“ „Das war gegenſeitig,“ erwiderte Bertram Schenk, während ſen ſeines er dem Fremden eine Prieſe anbot,„ich habe alle ſeine Briefe beantwortet, und wenn meine Antwort nicht ſo raſch erfolgte, wie blicte ihm er es wünſchte, ſo lag die Schuld wahrlich nicht an mir. Man hat nicht immer Zeit und Luſt, Privatbriefe zu ſchreiben.— Er hes auch, hatte wohl Viehzucht?“ ie ihm zu„Ja, daneben eine kleine Goldgrube, die ihm manchen Gro⸗ ſchen einbrachte.“ 3 „Ah, das wußte ich noch nicht,“ ſagte der Wirth, aufmerkſam veerdend,„alſo verdiente er viel Geld?“ ,So glaube ich.“ die leeren i „Verheirathet war er nicht?“ „Nein.“ nach Ruhe„Ein trauriges, einſames Leben—“ ihm ein⸗„Na, er fühlte ſich wohl dabei, ich glaube, es war ſeine Ab⸗ ſiicht, ſpäter nach Europa zurückzukehren.“ Wohl be⸗„Es iſt beſſer ſo, wie es gekommen iſt,“ erwiderte der Wirth nachdenklich,„hier wäre er ſeinen Verwandten zur Laſt gefallen, emde das und wenn ich ihn auch mit offenen Armen aufgenommen hätte— wieder zu— na, man weiß ja, wo eine Frau im Hauſe iſt, ſind die An⸗ ſilien?“ ſichten immer verſchieden.“ 1 b Mit ſichtbarem Erſtaunen hatte der Fremde dieſe Worte angehört. —„Seinen Verwandten wäre er doch wohl nicht zur Laſt ge⸗ fallen?“ ſagte er.„Er war ja ein reicher Mann, der hier ſehr 1 bequem von ſeinen Zinſen leben konnte.“ „Ein reicher Mann?“ fragte Schenk überraſcht. „Natürlich.“ „Ah— das weiiß ich beſſer, mein Herr, er hatte mehr wrommhen, Schulden, wie Vermögen.“ en Bruder Der Fremde lächelte ungläubig. „Wie können Sie das wiſſen undbehau pten?“ ſagte er.„Ich gebe Ihnen mein Wort, Friedrich Schenk war in Ouro Preto zabe als ein ſehr reicher Mann bekannt. ut„Der Schein trügt oft,“ fuhr der Wirth fort.„Ich wurde von der braſilianiſchen Regierung aufgefordert, die Hinterlaſſen⸗ ſchaft meines Bruders in Empfang zu nehmen und ſchrieb deshalb an den preußiſchen Conſul in Rio Janeiro. Sehen Sie hier die Antwort, die ich erhielt.“ Der Wirth hatte aus der Bruſttaſche ſeines Rockes ein Porte⸗ feuille hervorgeholt und dem Fremden den Brief überreicht, den dieſer raſch öffnete. lwit iſun„Seitdem habe ich nichts mehr von der ganzen Geſchichte z ſagten gehört,“ ſetzte Schenk hinzu,„ich ließ die Angelegenheit fallen, ch, daß e weil ich keine Luſt hatte die Schulden meines Bruders zu bezahlen.“ Der Fremde prüfte den Brief ſehr aufmerkſam, er las ihn Fünfmalhunderttauſend Thaler. 14 — 210— mehrere Male und unterzog auch die Adreſſe, das Siegel und die verſchiedenen Poſtſtempel einer ſorgfältigen Prüfung. „Das begreife ich nicht,“ ſagte er,„faſt möchte ich behaupten, daß Sie das Opfer eines raffinirten Gauners geworden ſind.“ „Wie wäre das möglich?“ „Weshalb ſoll es unmöglich ſein? „Aber ich bitte Sie, der Conſul ſelbſt—“ „Wiſſen Sie, ob die Unterſchrift des Conſuls ächt iſt?“ Der Wirth zuckte die Achſeln. „Es iſt doch nicht anzunehmen, daß ein ſolcher raffinirter Gauner im Conſulat zu ſuchen wäre,“ erwiderte er. „Das Siegel trägt das preußiſche Wappen—“ „Freilich, freilich— ich begreife das ſelbſt nicht.“ „Nein, mein Herr, die Sache iſt nach meiner Anſicht ſehr klar und einfach,“ fuhr Schenk im Tone der Ueberzeugung fort. „Mein Bruder hat ſich den Anſchein eines reichen Mannes zu geben gewußt und es ſteckte nichts dahinter. „Aberſeine Viehheerden, ſein Haus, ſeine Aecker, ſeine Goldgruben—“ „Reichten alle nicht hin, die Schulden zu decken.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß ich es nicht begreife,“ ſagte der Fremde,„aber ich werde der Sache auf den Grund kommen, wenn Sie mir die Unterſuchung anvertrauen wollen. Im Frühjahre denke ich nach Braſilien zurückzukehren, ich werde nach meiner Ankunft unverzüglich die nöthigen Nachforſchungen anſtellen und Ihnen dann das Nähere mittheilen.“ „Es ſind vergebliche Hoffnungen,“ wandte der Wirth ein,„S bemühen ſich umſonſt—“ „Und wenn auch, was thut's! Ich vermuthe, daß meine Be mühungen nicht vergeblich ſein werden.“ Der Fremde hatte ſich erhoben. Morgen bleibe ich noch hier,“ ſetzte er hinzu,„wenn Sie ein Stündchen für mich übrig haben—“ „Gewiß.“ „Gut. Wann?“ „Ich würde Sie gerne zu Tiſch laden, aber meine Frau ergreift jede Gelegenheit, über die braſilianiſche Erbſchaftsgeſchichte ihre Gloſſen zu machen, Sie begreifen, daß mir das unangenehm ſein muß. Wenn ich Sie bitten darf, nach Tiſch zu kommen—“ 74 71 ie 1 1 „Sehr gerne— „Wir werden donn ungeſtört ſein.“ „Gut, erwarten Sie mich gegen zwei Uhr.“ Der Fremde ſchritt in die dunkle Nacht hinaus, der Wirth ſchloß die Thüre, löſchte das Licht und ging, in Nachdenken ver⸗ ſunken, in ſein Schlafgemach. iegel und dehaupten, ſind.“ Neunundzwanzigſtes Kapitel. ſe Mutter und Tochter. raffinirter Fritz Wacker, der ehrſame Schneidermeiſter mußte doch über die Worte nachdenken, die ſeine beiden Nachbarn zu ihm geredet hatten. 1 Wenn er auch ihre Befürchtungen ebenſo wenig theilte, wie er nicht ſehr ihren Anſchauungen beipflichten konnte, ſo mußte er doch zugeben, gung fort. daß Hermine wirklich in der jüngſten Zeit den geſchwätzigen kannes zu Zungen manchen Anlaß zu unnützem Gerede gegeben hatte. Und ſo ganz gleichgültig war es ihm denn doch nicht, wie die gruben. 4„Nachbarn über ſeine Tochter urtheilten. Es konnte alſo nicht ausbleiben, daß der Schneider verſtimmt ſagte der und übelgelaunt heimkehrte und die Entdeckung, die er beim Ein⸗ men, wenn tritt in ſeine Wohnſtube machte, war keineswegs geeignet, ihn zu Frühjahre erheitern und die Wolken von ſeiner Stirne zu ſcheuchen. ch meiner Hermine ſtand vor dem Spiegel und betrachtete ſich mit eitlem jellen und Wohlgefallen in dem Glaſe, während die Mutter das Licht hielt. Der Schneider bemerkte ſofort die lange goldene Kette und din, Sie den feinen Spitzenkragen, mit denen das Mädchen ſich geſchmückt hatte, auch entging es ihm nicht, daß ſein plötzlicher Eintritt die P meine Br⸗ Beiden ſehr unangenehm überraſchte. Die Beſtürzung ſtimmte mit den Warnungen des Barbiers allzuſehr überein, als daß der Schneider leichtfertig über ſie hätte hinweggehen können, er mußte Sie ein ihre Urſache erforſchen. 5 Frau Wacker ſtellte die Lampe auf den Tiſch und fragte den Gatten mit ſchlecht verhehlten Unmuth, weshalb er ſchon ſo früh heimkehre. „, JIrüMl„Weshalb?“ erwiderte der Schneider gereizt.„Es kann manch⸗ dine d te mal nicht ſchaden, wenn man einen Blick hinter die Couliſſen wirft.“ ftsgel in„Ah— Du warſt im Theater?“ fragte die Mutter. jnongene„Jawohl, in einem Theater, in welchem man Wahrheiten zu mumen— hören bekommt, die—“ „Was ſoll dieſe gereizte Sprache?“ unterbrach die Hausfrau den ſich mehr und mehr ereifernden Gatten, der keinen Blick von ſeiner Tochter verwandte.„Wenn Dich etwas Unangenehmes „begegnet iſt, ſo werden wir doch nicht dafür büßen ſollen!“ Fritz Wacker hatte ſich raſch dem Mädchen genähert. 14* nn 212 „Woher haſt Du die Kette?“ fragte er mit bebender Stimme. „Iſt es das?“ nahm die Mutter für Hermine das Wort. „Weshalb ſoll das Mädchen nicht ein goldne Kette tragen dürfen, ſo gut wie die vornehmen Damen?“ Dem Schneider war das Blut in die Wangen geſchoſſen. „Das iſt eine ſaubere Frage,“ erwiderte er,„eine Frage, die weder Hand noch Fuß hat. Ich will Antwort, woher kommt die Kette?“ „Vom Goldſchmied!“ ſagte Frau Wacker kühl. „Sprich Du, Hermine—“ „Mein Gott, ich werde doch ein Geſchenk annehmen dürfen!“ erwiderte das Madchen trotzig. „Ein Geſchenk! Ah— von wem?“ „Fritz, ſo lange Du in dieſer gereizten Aufregung Dir be⸗ findeſt, kannſt Du nicht verlangen, daß—“ „Mein Gott, ich bin ja ruhig—“ „Das ſieht man. Roth wie ein geſottener Krebs und wild wie ein losgelaſſener Bullenbeißer. Schöne Ruhe!“ Der kalte Spott ſeiner Frau reizte den Schneider nur noch mehr. „Jetzt habe ich's ſatt!“ rief er.„Wenn man mir nicht Rede und Antwort ſteht, trommle ich die Nachbarn zuſammen!“ „Nach Belieben!“ erwiderte Frau Wacker gelaſſen.„Du wirſt das wohl in China gründlich gelernt haben.“ „Sei ruhig, Vater, und Du ſollſt Alles erfahren,“ ſagte Hermine begütigend. „Ruhig, ruhig!“ polterte der Schneider.„Der Kuckuck ſoll ruhig bleiben, wenn man im Wirthshaus ſolche Dinge hören muß.“ „Welche Dinge?“ fragte die Mutter mit einem lauernden, ſtechenden Seitenblick auf den Gatten, der, offenbar in der Abſicht, ſeiner Erregung Herr zu werden, mit großen Schritten auf⸗ und abwanderte. „Welche Dinge?“ fuhr Wacker fort.„Glaubt Ihr denn, die Nachbarn hätten keine Augen?“ „So? Und was ſehen ſie mit ihren Augen?“ d 5225 Hermine ſich nicht mehr ihrem Stande gemäß kleidet, 8— ⸗„ Das höhnende Lachen ſeiner Gattin bewog den Schneider, mitten im Satze abzubrechen. „Ihrem Stande gemäß!“ ſpottete Frau Wacker.„In Lumpen müßte Hermine alſo gehen, wenn die Nachbarn—“ „Unſinn! Zwiſchen Lumpen und der einfachen bürgerlichen Kleidung iſt ein gewaltiger Unterſchied. Hermine trägt ſich zu bebender as Wott. en dürfen, oſſen. rage, die r kommt dürfenl“ Dir be⸗ und wild eider nur nicht Rede 0 „Du wirſt en,“ ſagte Luckuck ol ren muß. lauernden, er Abfich, auf⸗ und denn, die iß lleidet, Schneider hürger⸗ ägt ſich 1 ſchn auffallend, an allen Ecken guckt der Hochmuth heraus und die Nachbarn haben wohl ein Recht, zu fragen woher die Mittel zur Beſtreitung dieſes übertriebenen Putzes kommen.“ „Natürlich, wenn Du ihnen dieſes Recht einräumſt—“ „Ich kann ihnen nicht wehren, daß ſie es ſich nehmen. Woher kommen dieſe Mittel? Ich will es wiſſen.“ „Die Nachbarn ſollen vor ihren eignen Thüren kehren,“ ſagte Hermine erbittert,„aber der Neid läßt ſie nicht ruhen.“ „Das iſt es,“ erwiderte die Mutter, mit dem Kopfe nickend, ich an Deiner Stelle würde ihnen die Meinung mit derben Worten geſagt haben. Du aber haſt natürlich geſchwiegen und möglicherweiſe ſogar mit ihnen eingeſtimmt, der gute Ruf Deiner Frau und Deines Kindes iſt Dich ja höchſt gleichgültig! Das wird wieder heiter hergegangen haben hinter dem Bierglaſe!“ „So wollte ich doch, daß das Gewitter hineinſchlüge!“ rief der Schneider erboſt.„Wird man mir nun endlich einmal Rede ſtehen? Ich will wiſſen, wer die Kette und alle die anderen Ge⸗ ſchichten geſchenkt hat.“ Frau Wacker warf ihrer Tochter einen vielſagenden Blick zu. Es lag in dieſem Blicke Etwas, was Hermine aufforderte, zu ſchweigen und ihr die nöthigen Mittheilungen zu überlaſſen und daneben auch eine gewiſſe Schadenfreude darüber, daß der Schneider trotz ſeinem Zorn und ſeinem Aerger ſeines Wunſches Erfüllung nicht erzwingen konnte. „Die Sache iſt ſehr einfach,“ ſagte ſie ruhig.„Hermine iſt — aber kannſt Du auch ſchweigen?“ „Wenn es ſein muß!“ „Es muß ſein.“ „So werde ich ſchweigen.“ „Alſo, Hermine iſt verlobt!“ „Mit einem jungen, reichen Herrn,“ ſetzte das Mädchen hinzu. Der Schneider blickte bald ſeine Frau, bald ſeine Tochter an, er ſchien ſehr ſtarke Zweifel zu hegen. „Seit wenn?“ fragte er. „Seit heute Abend, das heißt, ſie hat den jungen Herrn ſchon früher kennen gelernt.“ „Und wer iſt dieſer Herr?“ „Ich will Dich ſeinen Namen nennen, aber Du darfſt nicht weiter davon ſprechen,“ fuhr Frau Wacker mit einem Lächeln ſelbſtbewußten Stolzes auf den Lippen fort.„Kennſt Du den Fabrikant Liebmann?“ „Cigarrenfabrikant Theodor Liebmann?“ „Ja. Sein Sohn, Herr Karl Liebmann, iſt der Bräutigam unſerer Tochter.“ 214— Von der Stirne des Schneiders ſchwanden die düſtern Wolken allmählich. „Aber weshalb habe ich nichts davon erfahren?“ fragte er. „Weil die Verlobung erſt heute Abend ſtattgefunden hat,“ er⸗ widerte Frau Wacker.„Du wirſt begreifen, daß dieſe Verlobung einſtweilen geheim gehalten werden muß, nicht allein der boshaften Nachbarn wegen, es ſind auch andere Gründe zu berückſichtigen. Der alte Herr Liebmann wird ungern ſeine Einwilligung geben, Herminen's Verlobter muß eine günſtige Gelegenheit abwarten, um ſeinen Vater vorzubereiten; wenn dem alten Herrn vorher etwas zu Ohren käme, würde das Brautpaar einen ſehr ſchlimmen Standpunkt haben.“ Der Schneider nickte, er ſah die Triftigkeit dieſer Gründe ein. „Aus dieſen Gründen will Herr Liebmann auch erſt dann uns beſuchen, wenn er die Einwilligung ſeines Vaters hat,“ fuhr die Mutter fort,„bis dahin kommt das Brautpaar bei einer Freundin Herminen's zuſammen.“ „Aber der junge Mann muß doch perſönlich uns um unſere Einwilligung bitten,“ warf der Schneider ein. „Er meint, dazu werde ſich wohl nächſtens einmal eine Ge⸗ legenheit finden,“ ſagte Hermine, während ſie mit der goldenen Kette ſpielte,„einſtweilen müſſe er ſich damit begnügen, daß ich—“ „Natürlich,“ unterbrach die Mutter ſie.„Der junge Herr muß Rückſichten nehmen, ich hoffe, daß man das einſieht.“, Die Verlobung ſeiner Tochter mit dem Sohn des reichen Fa⸗ brikanten ſchmeichelte dem Stolze des Schneiders zu ſehr, als daß ſeine Seele für die ſo nahe liegenden Bedenken Raum gehabt hätte.. Er dachte an den Triumph, den er am Tage der Hochzeit über ſeine Nachbarn feiern würde und erinnerte ſich dabei der Worte des Barbiers, die dieſer in Bezug auf ſeine eigenen Wünſche und Hoffnungen geſprochen hatte. Karl Liebmann und Kaspar Melchior Gabel! Welch' gewal⸗ tiger Unterſchied zwiſchen dieſen beiden Werbern. Dem Schneider fiel es nicht ein, darüber nachzudenken, welche Folgen die heimliche Verlobung haben könne, er ſonnte ſich bereits in dem Glanze, der nach ſeiner Meinung bald ſeine ſchöne Tochter umſtrahlen mußte. 4 Frau Wacker kannte ihren Gemahl ſehr genau, ſie las in ſeinen Zügen, was in ſeiner Seele vorging. „Herr Liebmann hat uns eine Ehre erzeigt, die wir nicht hoch genug würdigen können,“ ſagte ſie,„was will dagegen das Ge⸗ ſchwätz neidiſcher Nachbarn bedeuten, die uns ein ſolches Glück nicht gönnen!“ em Wolken ragte er. n hat,“ er⸗ Verlobung rboshaften ckſichtigen. ung geben, abwarten, ern vorher ſchlimmen Hründe ein. t dann uns " fuhr die Freundin um unſere eine Ge⸗ er goldenen daß ich—“ junge Herr ht. reichen Fa⸗ dr, als daß um gehabt er Hochzeit dabei der ch gewol⸗ nken, welche ſich bereits üne Tohler ſie los n r nict hod en das⸗„ llches Glück Se⸗ — 215— „Wie ſie ſich erſt ärgern werden, wenn mein Verlobter das Geheimniß veröffentlicht!“ fügte Hermine hinzu, während ſie wieder vor den Spiegel trat, um die goldene Kette zu bewundern. „Wer ſich zumeiſt ärgert, iſt der Barbier Gabel,“ entgegnete der Schneider, der jetzt vollſtändig beruhigt war,„er ſagte mir, daß er ein Auge auf Dich geworfen habe und längſt ſo frei ge⸗ weſen wäre, um Deine Hand zu werben, wenn er nicht fürchte, ſeiner Häßlichkeit wegen abgewieſen zu werden.“ „Der?“ ſpottete Frau Wacker mit beißendem Hohn.„Es fehlte noch, daß dieſer Orang⸗Utang—“ „Na, von ſeiner Häßlichkeit abgeſehen, iſt er ein ganz ehren⸗ werther Mann,“ fuhr der Schneider fort,„ein ſeelenguter Menſch, bei dem man es ſchon aushalten könne.“ „Aber er kann keine Familie ernähren,“ warf Hermine ein. „Ich begreife nicht, daß ein ſolcher Mann, der kaum das trockene Brod für ſich hat, ſchon an's Heirathen denkt.“ Fritz Wacker zuckte die Achſeln. „Als ich Deine Mutter heirathete, war bei uns auch Schmal⸗ hans Küchenmeiſter,“ ſagte er,„nachher ging es ganz gut.— Na, wenn ich einmal das große Loos gewinne, ſollſt Du eine Ausſteuer haben—“ „Wenn! Wenn!“ unterbrach ihn die Hausfrau.„Du haſt das ſchon ſeit Jahren geſagt.“ „Habe ich nicht in jedem Jahre meinen Einſatz gewonnen? Sind wir nicht ſo weit gekommen, daß ich jetzt ſchon ein halbes Loos ſpielen kann?“ Frau Wacker ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Beſſer wäre es, Du ſpielteſt nur ein Achtel und legteſt das Uebrige zurück!“ ſagte ſie. „Und was dann, wenn auf dieſes Achtel ein bedeutender Ge⸗ winn fällt? Werden wir uns nicht ernſte Vorwürfe machen? Wer nichts wagt, gewinnt nichts, ich aber weiß, daß ich etwas gewinnen werde.“ „Du weißt das ſo ſicher?“ „Ja. Eine Ahnung ſagt es mir. In China ſpielte ich auch einmal in der kaiſerlichen Lotterie, das heißt, ich wollte ſpielen, ich ſah dreimal nach einander im Traume eine Nummer und nahm mir vor, ſie zu beſetzen. Aber ich hatte kein Geld und als es mir endlich gelungen war, daſſelbe aufzutreiben, war die Nummer ſchon in andern Händen. Der Glückliche gewann das große Loos und ich hatte das Nachſehen.“ Frau Wacker ergriff die Lampe. „Was Du nicht alles in China erlebt haſt!“ ſpottete ſie.„Das Beſte iſt, daß Du ſelbſt die Aufſchneidereien für wahr hältſt.“ — 216— „Aufſchneidereien? Ich ſage Dir—“ „Ja, ja,— komm, wir wollen zu Bett gehen, es iſt ſpät genug geworden.“ Dreißigſtes Kapitel. Vergiftet. Heinrich hatte den Nachmittag des Tages, an welchem Jakob Herz den Wechſel präſentirte und Bertram Scherenberg ſeine Rechte als Aſſocie der Firma verlor, dazu benutzt, einen früheren Schulkamerad zu beſuchen, mit dem er noch vor einem Jahre ſehr befreundet geweſen war. Werner Wartenberg hatte gemeinſchaftlich mit ihm das Gym⸗ naſium beſucht und ſich ſpäter dem Studium der Chemie gewidmet. Heinrich war hauptſächlich durch die Chemie mit ihm befreun⸗ det geworden, die Beiden hatten im Hauſe Wartenbergs ein kleines Laboratorium errichtet und in ihren Mußeſtunden manches belehrende und manches ergötzliche Experiment gemacht. Später hatte Heinrich ſich mehr und mehr zurückgezogen, er war nur noch ſelten gekommen und endlich ganz ausgeblieben, und da Wartenberg ſelten ſeine Wohnung verließ, ſo war es begreiflich, daß die Beiden ſeitdem einander nicht wiederſahen. Nun trat Heinrich an dieſem Nachmittage unerwartet in das Laboratorium ſeines Freundes, der mit einer ſehr wichtigen Analyſe beſchäftigt war. „Wenn man nicht zu Dir kommt, ſieht man Dich nie,“ ſagte Heinrich, indem er dem Freunde die Hand reichte, der überraſcht aufblickte,„ich hatte erwartet, Du würdeſt mich beſuchen, um mir Glück zu wünſchen zu der Aſſociation mit meinem früheren Prinzipale und zu meiner Verlobung. Aber wer nicht kam, war mein guter Freund Wartenberg, der mich ganz vergeſſen zu haben ſcheint.“ „Däs nicht,“ erwiderte Werner kopfſchüttelnd,„aber Du weißt, ich dränge mich nicht gerne auf. Ich konnte ja nicht wiſſen, ob ich Dir angenehm kam—“ „So ſehr zweifelſt Du an meiner Freundſchaft?“ „Lieber Junge, mit der Freundſchaft hat's eine eigene Be⸗ wandtniß; wenn ſie auf der einen Seite erkaltet—“ man s iſt ſpäit chem Jakob nberg ſeine en früheren nem Jahre das Gym⸗ ie gewidmet. ihm befreun enbergs ein den manches 4 1 kgezogen, er blieben, und s begreiflih, attet in das igen Analyſe jnie,“ ſagte er überraſcht 217— „So ſoll die andere deſto ſtärker glühen, Werner. Mich haben die Geſchäfte ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß ich kaum an etwas Anderes denken konnte. Du glaubſt nicht, wie anſtrengend der Dienſt im Joche Merkur's iſt.“ Werner drehte die Spirituslampe höher und hielt den Blick unverwandt auf die Retorte gerichtet, aus deren Rohr ein weiß⸗ licher Dampf quoll. „Ich glaub's gerne und beneide Dich nicht darum,“ erwiderte er,„aber Du fühlſt Dich wohl in dieſem Joch und haſt alſo keine Urſache, Dich zu beklagen. Es geht Dir gut?“ „Gott ſei Dank, ja.“ „Man ſagt, Du werdeſt durch die Heirath mit Fräulein Lieb⸗ mann ein reicher Mann?“ „Du kennſt die junge Dame nicht?“ „Nein. Ich gehe wenig aus, komme nirgend hin.“ „Na, ja, ſie hat Vermögen.“ Einen Augenblick ſtockte die Unterhaltung. Werner beſchäftigte ſich mit der Retorte, die ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch nahm, und Heinrich ſah, in Ermanglung anderer Beſchäftigung, dem Treiben des Freundes zu. „Es iſt ſchön, das Du gekommen biſt,“ nahm Werner nach einer Weile wieder das Wort,„ich dachte ſchon, das Glück habe Dich hochmüthig gemacht.“ Ein ſtechender Blick traf aus den Augen Heinrich's den Freund, ein Blick, der einem ſcharfen Beobachter den Beweis geliefert haben würde, daß dieſe anſcheinend abſichtslos hingeworfenen Worte einen wunden Fleck getroffen hatten. „Ich ſagte Dir ſchon, daß ich im Drange der Geſchäfte an meine Freunde nicht denken konnte,“ erwiderte Heinrich ruhig. „Heute Morgen dachte ich an Dich, im Traume vergangene Nacht warſt Du mir erſchienen.“ „So, ſo!“ „Ja. Es war ein ſehr lebhafter und ſehr ſchöner Traum. Er verſetzte mich zurück in die Zeit, in der wir hier gemein⸗ ſchaftlich Chemie trieben. Du erinnerſt Dich dieſer Zeit wohl auch noch?“ „Gewiß.“ „Wir haben manches intereſſante Experiment gemacht.“ „Und manchen Groſchen unnütz vergeudet.“ „Mag ſein, damals ſchlugen wir es nicht an.“ „Du nicht, Du hatteſt immer Geld vollauf.“ „Weißt Du noch, daß wir einmal Blauſäure fabrieirt haben?“ „Ja, aber ſie war nichts werth.“ — 218— „Na, wir haben doch trotz aller Salmiakverſchwendung acht Tage hindurch die ſchönſten Kopfſchmerzen davon getragen.“ Der Chemiker zuckte geringſchätzend die Achſeln und goß neuen Spiritus auf die Lampe. „Dennoch war ſie nichts werth,“ ſagte er,„mir iſt das auch erſt ſpäter klar geworden.“ „Du haſt wohl ſeitdem manches Gift fabricirt?“ „Wie meinſt Du das?“ „Jenun, Du beſchäftigteſt Dich ja ſtets gerne mit der Be⸗ reitung der Gifte.“ „Lieber Freund, Alles was wir durch unſere chemiſchen Pro⸗ zeſſe gewinnen, iſt in höherem oder geringerem Grade Gift.“ „So meine ich das nicht.“ Werner nickte. „Ich weiß, was Du ſagen willſt,“ fuhr er fort.„Es iſt wahr, die Concentrirung und Zerſetzung der Giftſtoffe, wie die Auffindung neuer Giftarten war und iſt auch noch mein Lieblings⸗ ſtudium. Aber ich kann auf dieſes Fach nicht mehr ſo viel Zeit verwenden, die Jahre verſtreichen und wenn ich einmal ſelbſt⸗ ſtändig werden und auf einen grünen Zweig kommen will, muß ich mehr wiſſen.“ „Da haſt Du Recht.“ „Ich habe in voriger Woche einige ſehr ſchöne Präparate er⸗ halten, wenn Du ſie ſehen willſt, ſie ſtehen dort im Schrank. Da kannſt Du echte Blauſäure ſehen.“ „In der That?“ erwiderte Heinrich, der ſich bereits erhoben und den großen Schrank geöffnet hatte, in welchem eine Anzahl von Büchſen, Doſen, Flaſchen und Fläſchchen ſtanden.„Ah— dieſes hier?“ fuhr er fort, indem er ein kleines Kriſtallfläſchchen ergriff.„Du glaubſt, daß es die echte Blauſäure ſei?“ „Gewiß.“ „Du ſelbſt haſt ſie bereitet?“ „Ja. Bitte, öffne das Fläſchchen nicht, ſie verdunſtet ſo ſehr raſch und entwickelt einen Duft, der mir ſehr unangenehm iſt.“ Heinrich ſtellte das Fläſchchen wieder hin. „Iſt es denn wirklich wahr, daß dieſe Säure einen Ochſen augenblicklich tödten kann?“ fragte er, indem er zu ſeinen Sitz zurückkehrte. „Es iſt wahr,“ erwiderte der Chemiker ruhig. „Das heißt, es kommt auf das Quantum an.“ „Durchaus nicht, einige Tropfen genügen. Die Blauſäure wirkt fabelhaft ſchnell, wenn ſie mit einer Wunde in Berührung kommt.“ „Und ein Gegengift gibt's nicht?“ dendung acht agen.“ d goß neuen iſt das auch nit der Be⸗ niſchen Pro⸗ Gift.“ t.„Es iſt fe, wie die Lieblings⸗ ſo viel Zeit umal ſelbſt⸗ twill, muß räparate er⸗ Schrank. Da eits erhoben eine Arzabl n.„Ah 5 ftalfläſchhen 2ʃ itet ſo ſehr iſtet ſo nehmm iſt. inen Othſen einen Sitz Auiim Berührung — 219— „Nein.“— „Es iſt doch ein ſchönes Studium, das der Chemie,“ nahm Heinrich nach einer Pauſe wieder das Wort.„Wenn ich nicht Kaufmann wäre—“ „Möchteſt Du Chemiker ſein?“ „Gewiß.“ „Zwei Dinge gehören nothwendig dazu, Talent und Geld. Freilich Du haſt Geld genug.“ „Fehlt es Dir daran?“ „Mitunter.“ „Du hätteſt Dich an mich wenden ſollen.“ Werner blickte freudig überraſcht den Freund an. „Das thut man nicht gerne,“ ſagte er,„in Geldſachen hat alle Freundſchaft ein Ende.“ „Wie ſchlecht Du mich kennſt,“ erwiderte Heinrich vorwurfsvoll. „Biſt Du augenblicklich in Verlegenheit?“ „Ja und Nein. Ich habe keine Bedürfniſſe, Du weißt es, das Einzige, was ich mir augenblicklich wünſche, iſt ein neuer, ſehr complicirter Apparat und da ich weiß, daß ich ihn mir nicht verſchaffen kann, ſo ſuche ich den Wunſch zu vergeſſen.“ „Ein Apparat? Wie viel wird er koſten?“ „Mindeſtens fünfzig Thaler.“ Heinrich griff in die Bruſttaſche und holte ſein Portefeuille hervor. Er öffnete es und legte eine Banknote auf den Tiſch, an welchem der Chemiker ſaß. „Kaufe den Apparat und betrachte ihn als ein Andenken an die ſchönen Stunden, die wir hier in dieſem Raume gemeinſam verbracht haben,“ ſagte er. „Du willſt mir das Geld ſchenken?“ fragte Werner überraſcht. „Ja. „Aber ein ſo großes Opfer „Für mich iſt es kein Opfer, ich habe heute Morgen Tauſende verdient; es freut mich, mit einer ſolchen Kleinigkeit einen Wunſch meines Freundes verwirklichen zu können.“ Werner verſuchte noch einige Einwendungen zu machen, aber Heinrich beharrte dabei, daß er die Banknote annehmen müſſe, wenn er den Freund nicht erzürnen wolle. „Du könnteſt mir dagegen auch einen Gefallen erzeigen,“ ſagte er. „Welchen?“ fragte Werner. „Mir ein Glas Waſſer holen.“ „Herzlich gerne.“ Der Chemiker hatte ſich erhoben. 74 — 220— „Aber meine Retorte,“ ſagte er zögernd. „Ich werde Acht geben,“ erwiderte Heinrich ruhig.„Du biſt ja raſch zurück.“ „Die Pumpe iſt auf dem Hofe—“ „Sage mir nur, was ich zu thun habe.“ „Weiter nichts, als zu beobachten, daß die Dämpfe ſich gleich⸗ mäßig entwickeln und die Lampe nicht erliſcht.“ „Gut, gut.“ „Es wäre mir ſehr unangenehm, wenn—“ „Aber ſo geh' doch, ich werde ſchon Acht geben.“ Kaum hatte Werner das Zimmer verlaſſen, als Heinrich ſich raſch erhob. Er öffnete den Schrank, zog ein kleines Flacon aus der Taſche und goß in daſſelbe vielleicht den vierten Theil der Blauſäure. Ein ſcharfer durchdringender Geruch, ähnlich dem der bitteren Mandeln, verbreitete ſich in dem engen niedrigen Raume. Heinrich ſchloß den Schrank, ſchob das Flacon in ſeine Taſche und ſetzte ſich wieder hin. Das Alles war das Werk eines kurzen Augenblicks geweſen. Aber der Chemiker mußte, wenn er zurückkehrte, ſofort er⸗ rathen, was während ſeiner Abweſenheit vorgefallen war, der Duft verrieth es ihm. Heinrich ergriff ein mit Waſſer gefülltes Gefäß und ließ auf die weiß glühende Retorte einige Tropfen fallen. Eine heftige Detonation erfolgte augenblicklich, klirrend flogen die Glasſcherben umher, die Lampe erloſch, ein dichter, erſtickender Qualm füllte das Laboratorium. Im nächſten Augenblick hatte Heinrich beide Fenſter geöffnet und den Inhalt einer mit Salmiakgeiſt gefüllten Flaſche über den Fußboden ausgegoſſen. Bleich, athemlos ſtürzte Werner herein. „Was iſt geſchehen?“ fragte er mit zitternder Stimme. „Beruhige Dich, es hätte ſchlimmer ablaufen können,“ er⸗ widerte Heinrich,„die Retorte iſt zerſprungen, ich war in Lebens⸗ gefahr.“ „Aber mein Gott, wie iſt das möglich?“ „Lieber Junge, daß es möglich war, ſiehſt Du, vielleicht war es eine fehlerhafte Retorte.“ Der Chemiker begann ſeine Unterſuchung und Nachforſchungen. „Ich begreife es nicht,“ ſagte er kopfſchüttelnd. „Und doch iſt es geſchehen,“ entgegnete Heinrich ruhig,„ſei froh, daß die Sache ſo gut abgelaufen iſt.“ „Mein ſchönes Präparat—“ „Du wirſt den Prozeß noch einmal von vorne beginnen.“ „Ein theures—“ .„Wenn es das iſt, Werner, den Schaden will ich gerne er⸗ dig.„Du ſetzen, nimm dieſe zehn Thaler—“ „Nein, nein—“ „Ich ſage ja.“ „Wenn Du keine Schuld daran trägſt, ſo wäre es unrecht—“ e ſich gleich⸗„So viel ich weiß, trage ich keine Schuld daran, aber ich hätte ſelbſt mir das Glas Waſſer holen und Dich nicht ſtören ſollen. Nimm das Geld, mein Junge, von einem Freunde darfſt Du es annehmen.“ „Es iſt zu viel, Heinrich.“ Heinrich ſich„Ah— Ihr Chemiker habt ja immer Verwendung für die überflüſſigen Groſchen.“ 4 s der Taſche„Das wohl, aber— Du biſt doch nicht verletzt?“ Blauſäure.„Nein. Nur einen gelinden Schreck hat mir die Exploſion der bitteen eingejagt,“ erwiderte Heinrich, indem er ſeinen Hut ergriff.„Ich me. hoffe, Du wirſt mir nicht zürnen, Werner, ich bedaure ſehr, daß eine Taſce dieſer Vorfall ſich gerade während meiner Anweſenheit ereignen mußte.“ ks geweſen.„Ich bitte Dich—“ e, ſofort er⸗„Du erlaubſt mir, daß ich noch einmal wiederkommen darf?“ ar, der Duft„Du wirſt mir ſtets willkommen ſein.“ „Ich danke Dir. Lebe wohl.“ und ließ auf Der Abend dämmerte ſchon, als Heinrich die Wohnung ſeines Freundes verließ, er zog den Mantel feſt um ſich und kehrke mi rrrend flogen raſchen Schritten in ſein Geſchäftslokal zurück. erſtckender„Ich werde zu Bertram gehen und ihm unſere Uebereinkunft 1 mittheilen,“ ſagte er zu ſeinem früheren Prinzipale, nachdem das 8 1 Perſonal ſich entfernt hatte,„wo treffe ich Sie nachher?. „Ich werde hier unten bleiben,“ erwiderte der alte Mann verſtört,„gehen Sie nicht zu rauh mit ihm um, ich denke noch immer, daß es nur eine augenblickliche Verirrung war und dann erreicht man durch Güte vielleicht mehr, als durch eine rückſichts⸗ loſe Strenge.“ Heinrich nickte, den Zug kalten Hohnes, der über ſein Antlitz glitt, bemerkte Scherenberg nicht.. Er ging langſam die Treppe hinauf und trat in das Zimmer Bertram's. 4 eunger„Wir wollen über das Vorgefallene vernünftig mit einander ſchforſcung reden,“ ſagte er, nachdem er ſeinem Aſſocie gegenüber Platz ge⸗ 7 mnommen hatte,„es iſt nöthig, daß wir dieſe Angelegenheit ganz ruhig, gründlich verhandeln. Ihr Herr Vater will Ihnen unter allen umſtänden die Unterſchrift entziehen, ich habe einen harten Kampf 4 4 mit ihm gehabt.“ eginnel.„Sie?“ ſpottete Bertram und ſein ſtierer Blick wie die be⸗ 4 nſter geüffnet ſche über den mer herein. timme. künnen,“ er⸗ ar in Lbens⸗ wielleict wa 2 — 222— benden Lippen verriethen die gewaltige innere Erregung.„Sie haben mich abſichtlich zum Spiel verführt—“ „Laſſen Sie dieſe Albernheit beiſeite,“ unterbrach Heinrich ihn unmuthig,„ich habe Ihnen heute Morgen meine Meinung darüber deutlich genug geſagt. Bin ich vielleicht ein leidenſchaftlicher Ha⸗ zardſpieler? Und doch ſetze ich auch gerne einige Goldſtücke, wenn der Zufall mich an den grünen Tiſch führt. Man muß ſtets wiſſen, wie weit man gehen darf. Zur Sache! Der Wechſel wird gedeckt werden; natürlich ſind Sie für dieſe Summe unſerer Schuldner ſo lange, bis Ihr Privatvermögen die, Schuld deckt. Damit aber dieſer Vorfall ſich nicht wiederholen kann und er würde es wahrſcheinlich thun, wenn Sie die volle Unterſchrift be⸗ hielten, werden Sie einen Revers unterzeichnen, in welchem Sie ſich uns gegenüber verpflichten, kein Document ohne unſer Wiſſen und gegen unſere Einwilligung zu unterſchreiben. Dieſen Revers werden wir allen denen durch einen Vertrauensmann vorzeigen laſſen, die ſich damit beſchäftigen, Kapitalien auszuleihen und Wechſel zu discontiren. Für uns iſt das eine Bürgſchaft, für Sie eine Schranke, ich hoffe, Sie werden damit einverſtanden ſein.“ Ein Blick des glühendſten Haſſes traf aus den Augen Bertrams den Redenden, der jetzt eine Cigarre anzündete und geduldig die Antwort erwartete. „Ich muß wohl damit einverſtanden ſein,“ ſagte Bertram grollend,„Sie haben ein Intereſſe dabei, mich zu blamiren und mir das Herz des Vaters zu entfremden, und was Sie wollen, das ſetzen Sie durch.“— Heinrich ſchüttelte gleichmüthig das Haupt. „Wenn Sie nicht ſo ſehr gereizt und aufgeregt wären, würden Sie ſelbſt finden, daß Sie da eine große Dummheit geſagt haben,“ erwiderte er.„Nutzt es der Firma oder ſchadet es ihr, wenn einer der Aſſocie's ſich öffentlich blamirt? Ich denke bewieſen zu haben, daß mir der Glanz und die Macht der Firma mehr am Herzen liegen, wie mein eigenes 2 zohl und Wehe. Aber ſo gut Sie im Namen der Firma einen Wechſel auf fünftauſend Thaler lautend acceptiren können, um Ihre Spielſchulden damit zu decken, ebenſogut können Sie einmal in unſerm Namen an der Börſe ein Geſchäft abſchließen, welches uns läſtige und unvortheilhafte Ver⸗ bindlichkeiten auferlegÄt. Was ſpeciell Ihre Anſichten über mich betrifft, ſo beurtheilen Sie mich falſch, aber ich halte es jetzt nicht der Mühe werth, Sie eines Beſſeren zu belehren.“ „Es wäre auch vergebliche Mühe!“ warf Bertram ein. „Eben deshalb thue ich's nicht.“ „Ich kenne und durchſchaue Ihre Pläne und Abſichten. Sie wolle Geſch Mei Spee dünk die Fond bring uns hand zuzll und ( über . T Sie Sie und a! verſt def don ſchen feier ſich kann erre werd ung.„Sie deinrich ihn ung darüber tlicher Ha⸗ tücke, wenn muß ſtets echſel wird ne unſerer chuld deckt. nn und er erſchrift be⸗ gelchem Sie nſer Wiſſen ſen Revers t vorzeigen leihen und en Bertrams geduldig de te Bertram amiren und Sie wollen, ren, würden ſagt haben, ihr, wenn hewieſen zu a mehr am Aber ſo gut * wollen allmählich mich und meinen Vater verdrängen, das ganze Geſchäft in den Sack ſtecken— aber es wird Ihnen nicht gelingen. Mein Vater protegirt Sie, weil Sie bisher Glück mit Ihrer Speculation gehabt haben, das Blatt kann ſich wenden—“ „Gewiß, es würde ſich wenden, wenn wir Sie nach Gut⸗ dünken ſchalten und walten laſſen wollten. Das Hazardſpiel und die andern Leidenſchaften, die ſich hinzugeſellen, würden unſre Fonds verſchlingen und uns nach wenigen Jahren an den Bettelſtab bringen. Daß wir dem ſteuern, ärgert Sie und doch ſollten Sie uns Dank wiſſen, daß wir ſo nachſichtsvoll und milde Sie be⸗ handeln.“ „So ſprechen ſie Alle, die darauf ausgehen, Andern die Gurgel zuzuſchnüren,“ entgegnete Bertram gereizt,„von Ihrer Milde und Nachſicht mag ich nichts wiſſen.“ Ein bedeutſames und wie es ſchien verſöhnliches Lächeln glitt über das Geſicht Heinrichs. „Sie haben Ihren Haß auf mich geworfen,“ ſagte er,„wenn Sie wüßten, was ich für Sie gethan habe und was ich noch für Sie zu thun bereit bin, ſo würden Sie dieſen Groll fahren laſſen und anders über mich denken.“ „Was Sie für mich gethan haben?“ „Ja. Es hat mir Mühe genug gekoſtet, Ihren Vater zu verſöhnen und zur Nachſicht zu bewegen, dennoch hege ich die Hoffnung, daß es mir gelingen wird, ihn ſogar zu veranlaſſen, von jedem feindſeligen Schritt abzuſtehen, wenn Sie mir Vertrauen ſchenken wollen.“ „Kann ich esſ“ fragte Bertram zweifelnd. „Das hängt von Ihnen allein ab. Sie müſſen natürlich feierlich verſprechen, Ihren Leidenſchaften zu entſagen, Sie müſſen ſich von Allem zurückhalten, was dieſe Leidenſchaft wieder wecken kann, und ich denke mir, dies werden Sie am Beſten dadurch erreichen, daß Sie eine Geſchäftsreiſe unternehmen. Dadurch werden Sie aus den gefährlichen Kreiſen Ihrer hieſigen Freunde für eine geraume Zeit entfernt und es iſt Ihnen ſpäter leichter, dieſe Kreiſe zu meiden. Wollen Sie das, ſo geben Sie mir das Verſprechen ſchriftlich, dort iſt Schreibzeug und Papier, ich werde das Schriftſtück Ihrem Vater vorlegen und mit aller Energie in ihn dringen, meinen Vorſchlag anzunehmen.“ Der Blick Bertram's ruhte fragend auf dem Antlitz des Aſſocie's. Sollte er ſich wirklich in dieſem Manne ſo ſehr getäuſcht haben? Der Vorſchlag deſſelben war ſehr vernünftig und annehmbar, zudem hatte Bertram ſich ſchon im Stillen gelobt, eine ganz —s 224 andere, beſſere Lebensweiſe zu beginnen und der Verführung aus dem Wege zu gehen. Es war ja kaum denkbar, daß hinter dieſem Vorſchlag eigen⸗ nützige Abſichten ſich bergen ſollten. „Iſt das wirklich Ihr Ernſt?“ fragte er nach einer langen Pauſe. „Welchen Grund könnte ich haben, über dieſe Angelegenheit zu ſcherz en?“ „Ich will Ihnen das Verſprechen geben, oder beſſer, ich hän dige ſelbſt es meinem Vater ein.“ „Dadurch würden Sie Alles verderben, Ihr Anblick würde den alten Mann aufregen—“ „Sie mögen Recht haben—— aber wenn Sie mich be⸗ trügen—“ „So laſſen Sie doch endlich einmal Ihren Argwohn fallen. Schreiben Sie, ich will inzwiſchen eine Flaſche Wein holen, damit ich mit Ihnen auf unſere Verſöhnung anſtoßen kann.“ Heinrich ging nach dieſen Worten hinaus. Eine geraume Weile blieb Bertram in Sinnen verſunken, dann ergriff er haſtig die Feder. Weshalb ſollte er dieſem Vorſchlage mißtrauen, der ihn vor der Schande ſchützte und die völlige Ausſöhnung mit dem Vater anbahnte? Er fand keinen Grund zu ſolchem Mißtrauen. Schon nach wenigen Minuten kehrte Heinrich zurück. Er ſtellte drei Flaſchen und zwei Gläſer auf den Tiſch und bot ſeinem Aſſocie eine Cigarre an. „Weshalb ſollen wir ſelbſt uns das Leben verbittern? 2 ſagte er, während er die Gläſer füllte.„Einen dummen Streich macht Jeder einmal in ſeinem Leben, man muß nicht Alles gleich ſo ſcharf nehmen. Bertram ſtieß mit dem Aſſocie an. „Auf gute Freundſchaft!“ verſetzte er. „Bis in's Grab!“ rief Heinrich. Die Beiden leerten ihr Glas bis auf den Grund. „Teufel, der Wein iſt ſtark,“ ſagte Bertram. „Sie werden doch Ihres Vaters Weinkeller kennen,“ ſcherzte Heinrich.„Der alte Mann trinkt nichts Schlechtes.“ „Aber dieſer Wein iſt ſchlecht.“ „Ah— das iſt ein Irrthum. 44 „Nein, nein, er ſcheinit mit Spiritus verſetzt zu ſein.“ Der Blick Heinrichs ruhte unverwandt auf dem Geſicht des Aſſocies. „Bah, was ſchadet es!“ ſagte er.„In Ermangelung einer ührung aus chlag gn. iner langen legenheit zu er, ich hän⸗ blick würde ie mich be⸗ vohn fallen. olen, damit verjunken, der ihn vor dem Vater zurück. Er bot ſeinem tern?“ ſagte zrrich mact es gleich ſo en,“ ſcherzle 7,4 ein. geſict de g einer beſſeren Sorte müſſen wir uns mit dieſer begnügen. Stoßen Sie mit mir an— denn, was wir lieben!“ Bertram kam der Aufforderung nach. Heinrich lenkte jetzt das Geſpräch auf das Geſchäft. Er ent⸗ wickelte ſeine Pläne für die Zukunft, ſprach über die noch ſchwe⸗ benden Geſchäfte, berechnete den Gewinn, der nach ſeiner Ueber⸗ zeugung aus ihnen der Firma erwachſen mußte und baute Luft⸗ ſchlöſſer, die an Glanz und Pracht nichts zu wünſchen ließen. Er wußte die Aufmerkſamkeit ſeines Aſſocie's ſo ſehr zu feſſeln, daß dieſer nicht bemerkte, wie raſch die zwei erſten Flaſchen geleert wurden. Heinrich forderte von Zeit zu Zeit unter verſchiedenen Vor⸗ wänden zum Trinken auf und während er ſehr wenig trank, ſorgte er dafür, daß das Glas ſeines Zechgenoſſen ſtets gefüllt war. Die dritte Flaſche war angebrochen, Bertram fühlte, daß er ſchon zu viel getrunken hatte. Die Zunge war ihm ſo ſchwer wie Blei, ſein Blick ſtier, ſeine Hände zitterten. Der Tabaksqualm, der das Zimmer füllte, ließ ihn kaum noch die Perſon ſeines Aſſocie's unterſcheiden, der abermals die Gläſer füllte. „Noch einmal, auf gute Freundſchaft!“ ſagte Heinrich, indem er das Glas ſeines Zechgenoſſen ergriff und ſein eigenes auf die Stelle des erſteren ſchob.„Leeren wir das Glas noch einmal auf ein treues Zuſammenhalten und gutes Gelingen.“ Bertram hatte den Umtauſch der Gläſer nicht bemerkt, er nahm mechaniſch das Glas, welches vor ihm ſtand. „Ich kann nicht mehr,“ ſtammelte er. „Bah— ein einziges Glas.“ „Es geht nicht.“ „Es iſt das Letzte.“ „Sie haben mir zu ſehr zugeſetzt.“ „Lieber Gott, können Sie ſo wenig vertragen?“ ſpottete Heinrich. „Ich habe Ihnen treulich Stand gehalten und weiß wirklich nicht, daß ich etwas getrunken habe. Alſo, das letzte Glas!“ Bertram erhob das Glas, es ſchwankte in ſeiner Hand. „Das iſt ja ein betäubender Geruch,“ ſagte er. „Und das bemerken Sie erſt jetzt?“ fragte Heinrich ruhig. „Die dritte Flaſche war eine beſſere Sorte, ſtarke Blume, edles Gewächs.“ „Es iſt mir unmöglich, ihn über die Lippen zu bringen.“ „Gilt Ihnen meine Freundſchaft ſo wenig? Vorwärts, eins — zwei— drei!“ Fünfmalhunderttanſend Thaler. 88 t 1 226— Die Gläſer klirrten; Heinrich blickte ſtier den Aſſocie an, der mit unſicherer Hand das Glas zum Munde führte. Kaum war der Inhalt des Glaſes verſchwunden, als das Glas klirrend niederfiel. Lautlos war Bertram vom Stuhle geſunken, das krampfhafte Zucken der Glieder war das letzte Zeichen des entfliehenden Lebens. Heinrich erhob ſich, er beugte ſich über die Leiche und blickte lange in das ſtarre, verzerrte Antlitz. „Nummer Eins!“ ſagte er kalt.„Armſeliger Schächer, wes⸗ halb ſtellteſt Du Dich mir in den Weg? Entweder erreiche ich mein Ziel, oder ich gehe unter, eine andere Wahl gibt es für mich nicht.“ Er öffnete leiſe und behutſam das Fenſter und warf das Papier, auf welchem Bertram ſein Verſprechen niedergeſchrieben hatte, in's Feuer. Darauf ſchrieb er ſelbſt raſch einen Vertrag nieder, in welchem Bertram ſich verpflichtete, ohne Vorwiſſen und Einwilligung ſeiner Aſſocie's keine Verbindlichkeit irgend weſcher Art im Namen der Firma einzugehen und ſo lange auf die Gültigkeit ſeiner Unter⸗ ſchrift zu verzichten, als ſein Vater und Heinrich Schenk dieſe Beſchränkung nöthig erachteten. Dieſes Schriftſtück legte er auf den Tiſch neben das kleine Flacon, in welchem ſich kein Tropfen Blauſäure mehr befand. Darauf ſchloß er das Fenſter wieder. Das Zimmer, in welchem das Verbrechen ſtattgefunden hatte, ſtand mit dem Schlafzimmer Bertram's in Verbindung und aus dieſem Schlafzimmer führte eine Thüre in eins der Gemächer, welche Heinrich bewohnte. Vor dieſer Thüre ſtand in dem Schlafzimmer Bertrams ein Kleiderſchrank, der ſie völlig verdeckte. Heinrich ſchloß in beiden Zimmern die Thüren, welche in den Corridor führten, von innen und rückte darauf den großen aber nicht ſehr ſchweren Schrank ſo weit ab, daß er hinter demſelben die Thüre öffnen konnte. Als er ſich in ſeinem Gemach befand, zog er den Schrank wieder feſt an die Wand; es war eine mühſame Arbeit, die er, auf den Knieen liegend, verrichten mußte, aber ſie gelang ihm vortrefflich. Nachdem er nun auch dieſe Thüre wieder geſchloſſen und den Schlüſſel eingeſteckt hatte, ſtieg er langſam die Treppe hinunter. Scherenberg erwartete ſchon ſeit einer halben Stunde ſeinen Aſſocie mit wachſender Ungeduld. Er konnte nicht begreifen, weshalb derſelbe ſo lange da oben — die an, der Kaum war las kurtend krampfhafte entfliehenden und blickte hächer, wes⸗ erreiche ich gibt es für d warf das ergeſchrieben in welchen Agung ſeiner Namen der einner Unter⸗ Schenk dieſe n das kleine nehr befand. ——— runden hatte, ung und als er Gemächer, den Schkant die er, long ihm weilte, nach ſeiner Anſicht mußte die Unterredung mit Bertram ſehr raſch zu Ende ſein. Und als Heinrich nun eintrat und der alte Herr die düſteren Wolken auf der Stirne ſeines Aſſocies bemerkte, da ahnte er ſo⸗ fort, daß zwiſchen den Beiden ein heftiger Wortwechſel ſtattge⸗ funden haben müſſe. „Er will ſich unſern Anordnungen nicht fügen,“ ſagte Heinrich, „Anfangs geberdete er ſich wie ein Tobſüchtiger und nachher ſchwieg er wie ein Taubſtummer.“ „Nicht fügen?“ erwiderte Scherenberg entrüſtet.„Er muß ſich fügen, einen Hazardſpieler—“ „Das Alles habe ich ihm vorgeſtellt,“ unterbrach Heinrich ihn ruhig,„er aber meint, keinen Fehltritt begangen zu haben. Er könne über ſein Privatvermögen verfügen, wie es ihm beliebe, er⸗ klärte er mir und er werde nie dulden, daß man ihn behandle, wie einen Schulbuben.“ „Iſt er berechtigt, eine ſolche Sprache zu führen?“ brauſte der alte Herr gereizt auf.„Er mag über ſein Taſchengeld nach eignem Gutdünken verfügen, aber die Fonds der Firma ſoll er nicht antaſten.“ „Glauben Sie nicht, daß ich ihm das Alles recht eindringlich vorgeſtellt habe?“ erwiderte Heinrich achſelzuckend.„Er ließ mich kaum zu Wort kommen und als ich ihm endlich in feſtem ent⸗ ſchiedenen Tone erklärte, wenn er das Document, welches ich ihm vorlegte, nicht unterſchreibe, ſo würden wir öffentlich ihm die Unterſchrift entziehen, da fuhr er gegen mich auf wie ein gereizter Kampfhahn. Er habe nie etwas vom Leben gehabt, ſagte er, jetzt wolle er das Leben auch einmal genießen und wenn ihm das verweigert werde, ſo ziehe er den Tod einem armſeligen Leben vor. Der Zuchtruthe des Vaters ſei er längſt entwachſen, unter Curatel laſſe er ſich nicht mehr ſtellen.“ Dem alten Herrn war das Blut in die Wangen gefloſſen. „Das iſt der Dank für unſere Nachſicht?“ fragte er gereizt. „Er mag ſich hüten, wenn er nicht hören will, muß er fühlen und ich bin entſchloſſen, ihn wenn es ſein muß mit Gewalt auf den beſſeren Weg zurückzuführen. Sie haben alſo keine Einigung mit ihm erzielt?“ „Nein.“ „So werde ich morgen früh mit ihm reden.“ „Er forderte Wein, ich erfüllte ſeinen Wunſch, weil ich hoffte, beim Glaſe beſſer mit ihm unterhandeln zu können, aber dieſe Hoffnung war eine vergebliche. Je mehr Bertram trank, deſto aufgeregter ward er und mit ſeiner Aufregung wuchs auch ſeine Tobſucht. Ich legte endlich das Schriftſtück vor ihn auf den 1⁵* Tiſch und verließ ihn, hoffentlich wird er über Nacht ſich eines Beſſeren beſinnen.“ Scherenberg ſchüttelte bedenklich das Haupt.. „Ich begreife das nicht,“ ſagte er,„Bertram hat nie bewieſen, daß er ſo hart und eigenſinnig iſt.“ „Seine Ehre—“ „Ah— bedenkt er denn nicht, daß ſeine Ehre vollſtändig ver⸗ nichtet iſt, wenn wir Jakob Herz nöthigen, des Wechſels wegen mit uns zu prozeſſiren?“ „Er ſagte, ihm ſei das gleichgültig, die Firma müſſe den Wechſel einlöſen.“ „Sie haben ihm vielleicht harte Worte geſagt?“ „Durchaus nicht. Im Gegentheil, als ich ſeine Gereiztheit bemerkte, hielt ich es für rathſam, mit Ruhe und Sanftmuth ihm entgegen zu treten.— Ich weiß nicht, worauf er ſich ſtützte, aber h er muß einen gewiſſen Haltpunkt haben, der ihm erlaubt, in dieſer Weiſe gegen uns aufzutreten. Er ſprach von einem letzten Mittel, welches er anwenden würde, wenn man dabei beharre, ihn mora⸗ liſch zu tödten—“ „Welches Mittel war es?“ ;„Ich weiß es nicht.“ „Aber Sie ahnen es.“ „Ich? Wie könnte ich—“ „Leugnen Sie nicht, ich leſe in Ihren Zügen, daß Sie mehr wiſſen, als Sie ſagen wollen.“ „Wiſſen kann ich nichts, denn Bertram iſt nicht der Mann, 15 der ſo leicht einen Andern in ſeine Geheimniſſe einweiht,“ erwiderte Heinrich ausweichend,„und was meine Vermuthungen betrifft, ſo lege ich ſelbſt keinen Werth darauf. Ich habe ſchon daran gedacht, 1 ob Bertram vielleicht den Vorſatz hege, ſich durch den Tod der Schande zu entziehen—“ „Selbſtmord?“ rief Scherenberg beſtürzt. „Unmöglich wäre das nicht,“ fuhr Heinrich gelaſſen fort,„in⸗ deß auf der einen Seite traue ich ihm den Muth nicht zu und auf der andern Seite glaube ich auch nicht, daß er eine Waffe beſitzt.“ Der alte Herr wanderte unruhig auf und ab. Ich möchte wohl ſelbſt hinaufgehen und mit ihm reden,“ 6 4„.—*. ſagte er nach einer Pauſe,„wer weiß, wozu er in ſeiner Ver⸗ 3 zweiflung fähig iſt.“ Bah— gönnen Sie ihm Zeit bis morgen, dieſe Aufregung 77 9 9 wird nicht Stand halten.“ Scherenberg ging, ohne ein Wort zu erwidern, hinaus. Er ſtieg die Treppe hinauf und pochte an die Thüre Ber⸗ tram's an. war, „ ich i S G beide geme einen beitet ſeinen Brief S S beme öffne und dinte Sche ſchlof aber — gehö xg ſe dt ſch eins Niemand antwortete, nichts regte ſich in dem Zimmer. „Er ſchläft,“ ſagte Heinrich ruhig, der dem alten Herrn gefolgt war,„laſſen Sie ihn ruhen.“ „Aber er müßte doch mein Pochen hören!“ „Wenn er nüchtern wäre, würde er freilich erwachen, aber als .. ich ihn verließ, war er ſtark berauſcht.“ lſtändig ver⸗ Scherenberg ſchüttelte den Kopf, er pochte noch einmal. ſcſels wegen Endlich entfernte er ſich. Am Fuße der Treppe trennten die 8 beiden Aſſocie's ſich, mit der Verabredung, am nächſten Morgen i müſſe den gemeinſchaftlich die Unterhandlungen mit Bertram fortſetzen zu wollen. 4 Der Morgen kam, es war ein trüber, nebliger Morgen, der eeinen unfreundlichen Tag verſprach. e Gereiſthet Die Frühſtückſtunde war längſt verſtrichen, im Comptoir ar⸗ anftmuth ihn beitete das Perſonal ſchon rüſtig, der alte Herr hatte bereits in ſtütte, aber, ſeinen Fettbüchſen fleißig gewirthſchaftet, Heinrich verſchiedene ubt, in dieſer Briefe erledigt, aber Bertram erſchien nicht. zten Mittel, Scherenberg konnte endlich ſeine wachſende Unruhe nicht mehr e, in mora⸗ bemeiſtern, er ging hinauf, um ſeinen Sohn zu wecken. Eine Viertelſtunde ſpäter wurde die Thüre des Kabinets ge⸗ öffnet, das verſtörte Geſicht des alten Mannes blickte hindurch, und Heinrich, der den Wink verſtand, eilte in's Kabinet und ſchloß hinter ſich die Thüre. „Was iſt vorgefallen?“ fragte er. aß Sie meht„Ich weiß es noch nicht, aber mir ahnt Schlimmes,“ erwiderte Scherenberg, vor Aufregung zitternd,„die Thüren ſind noch ver⸗ t der Mann, ſchloſſen, ich habe angeklopft, als ob ich die Todten wecken wollte, tt,“ erwidete aber keine Antwort erhalten.“ e betrift, ſo„Eigenſinniger Trotz—“. 3 daran gedah,„Nein, nein, ich habe gelauſcht und nicht das mindeſte Geräuſch den Tod der gehört.“ „Vielleicht ſchläft er noch.“ „Um elf Uhr Vormittags?“ nie bewieſen, ſen fort in⸗„Es iſt wahr, Ihr Pochen müßte ihn geweckt haben.“ richt zu und„Mein Gott— ich weiß nicht— Waffe beſtt„Ruhe,“ beſchwichtigte Heinrich den verwirrten, geängſteten Mann,„was auch vorgefallen ſein mag, die Wahrheit darf außer im nden“ uns Beiden Niemand erfahren. Ich vermuthe, er hat während einer Lere der Nacht das Haus heimlich verlaſſen. ij ſel„Wenn es nur das wäre!“ d Aufregun„Iſt eine andere Vermuthung zuläſſig?“ eſe„Sie ſelbſt ſagten geſtern Abend— .„„Bah, denken Sie doch nicht gleich an das Schlimunſte,“ ent⸗ binans S, gegnete Heinrich ruhig.„Bertram hat nicht den Muth zu einem Thüt ſolchen Schritt—“ —— — 230 „Die Verzweiflung kann ihn dazu getrieben haben,“ jammerte der alte Mann. „Verlieren wir die Geiſtesgegenwart nicht,“ fuhr Heinrich fort. „Sie haben einen Hauptſchlüſſel?“ „Ja.“ „Deſto beſſer, ſo haben wir keinen Schloſſer nöthig. Wir werden die Thüre öffnen und uns von der Sachlage überzeugen. Wie dieſe aber auch ſein mag, nicht allein unſeres Credit's, auch der Ehre Bertram's wegen müſſen wir die Wahrheit ſtreng ge⸗ heim halten.“ „Können wir es?“ „Gewiß. Hat Bertram das Haus verlaſſen, ſo ſagen wir, er habe heute in der Frühe eine Geſchäftsreiſe angetreten.“ „Das Perſonal wird es nicht glauben.“ „Dafür laſſen Sie mich ſorgen.“ „Aber wenn nun der ſchlimmſte Fall eingetreten iſt?“ „So erklären wir, der Schlag habe Bertram gerührt.“ „Der Arzt—“ „Laſſen Sie mich mit ihm reden. Und nun kommen Sie, damit wir Gewißheit erhalten.“ Der alte Mann öffnete mit ſeinen zitternden Händen eine Schieblade ſeines Schreibtiſches und ſuchte mit Fieberhaſt unter den Papieren. Er durchſuchte eine zweite und dritte Schieblade, endlich hatte er den Schlüſſel gefunden. Mit ſchwankenden, unſichern Schritten ging er hinauf. Heinrich folgte ihm, in dem Geſicht des letzteren verrieth kein Zug die leiſeſte Spur innerer Erregung. Scherenberg öffnete die Thüre und blieb entſetzt auf der Schwelle des Zimmers ſtehen, ſein erſter Blick fiel auf die Leiche ſeines Sohnes, die vor dem Tiſche auf dem Teppich lag. Heinrich trat raſch ein.. „Jaſſung!“ ſagte er.„Geſchehene Dinge laſſen ſich nicht un⸗ geſchehen machen. Mir ſcheint, ein Schlagfluß,— aber halt— was iſt das? Ein kleines Flacon,— dieſer Geruch— ah, jetzt begreife ich. Er hat Blauſäure genommen, der Tod muß augen⸗ blicklich erfolgt ſein.“ Der alte Mann war auf einen Stuhl geſunken, ſein ſtierer Blick ruhte mit dem Ausdruck des tiefſten Seelenſchmerzes auf der Leiche. Es war ein entſetzlicher, unheimlicher Blick,— Heinrich ſchien ihn nicht zu bemerken. „Wir müſſen einen Arzt rufen und ihn zu bewegen ſuchen, die Urſache des Todes zu verheimlichen,“ ſagte er,„an die große Glocke darf dieſer Vorfall nicht kommen. Wird er bekannt, ſo werden die Leute auch bald wiſſen, welche Urſache ihm zu Grunde 7,“ jammerte Heinrich fort. nöthig. Wir e überzeugen. gredit's, auch at ſtreng ge⸗ ſagen wir, er en.“ iſt?“ rührt.“ kommen Sie, Händen eine eberhaſt unter te Schieblade, jinauf. zvertitth kein tſett auf der anj die Leich jlag. ſich nicht un— aber halt— — ah, jebt d muß augen in ſterer Bil auf der Miche 0. 211 Heiniic ſchie liegt, dann iſt die Ehre des Todten noch im Grabe geſchändet. Von unſerm Credit will ich nicht reden, ich könnte den Gerüchten an der Börſe vielleicht entgegentreten, aber wie raſch verbreitet es ſich nach Außen. Sind Sie nicht auch meiner Anſicht?“ „Fragen Sie mich nicht,“ erwiderte Scherenberg mit dumpfer Stimme,„ich bin in dieſem Augenblick unfähig, zu denken und eine Anſicht zu äußern.“ „Dann überlaſſen Sie es mir, dieſe Angelegenheit im Intereſſe des Todten und der Firma zu ordnen, nur Eins bitte ich Sie, nicht zu vergeſſen, nämlich, daß ein Schlagfluß Ihren Sohn ge⸗ tödtet hat.“ Heinrich eilte hinaus und ſchickte einen Lehrling zum Hausarzt Scherenberg's. „Herr Bertram Scherenberg iſt in vergangener Nacht plötzlich verſchieden,“ ſagte er im Comptoir ſo kühl und gleichmüthig, als ob es ſich um eine ſehr geringfügige Sache handle,„ein Schlag⸗ fluß hat ſeinem Leben ein Ziel geſetzt. Haben Sie die Güte, die Laden halb zu ſchließen, ſollte es dadurch zur Arbeit hier zu dunkel werden, ſo müſſen Sie Licht anzünden.“ Er kehrte, nachdem er dieſe Anordnung getroffen hatte, in das Sterbezimmer zurück und erwartete hier den Arzt, der ſchon nach wenigen Minuten erſchien. In ausführlicher und erſchöpfender Weiſe theilte Heinrich ihm Alles mit, was am Tage vorher zwiſchen Bertram und ſeinen Aſſocie's vorgefallen war, er hielt es für nöthig, ihm darüber Bericht zu erſtatten, um ihn über die Urſache dieſes Aktes der Verzweiflung Aufſchluß zu geben. Dieſen Mittheilungen fügte er, unter Angabe ſeiner Gründe, die Bitte hinzu, die Urſache des Todes geheim zu halten. Der Arzt erkannte die Urſache ſofort, er verlangte zu wiſſen, woher der Todte ſich die Blauſäure verſchafft habe. Darüber konnte weder Heinrich, noch der alte Mann Aufſchluß geben, aber Scherenberg erkannte das Flacon als ſein Eigenthum. Der Arzt konnte die Bitte nicht erfüllen, ſeine Pflicht gebot ihm, den Fall anzuzeigen, aber er verſprach für ſeine Perſon ſtrenge Verſchwiegenheit zu beobachten und wenn möglich auch den betreffen⸗ den Beamten zu bewegen, den Vorfall nicht ruchbar werden zu laſſen. Das hatte Heinrich erwartet, die Behörde durfte der Arzt nicht umgehen. Eine Stunde ſpäter erſchienen mehrere Beamte. Schon der Umſtand, daß die Thüren von innen geſchloſſen geweſen waren, mußte jeden Zweifel, jedes Bedenken beſeitigen, abgeſehen davon, daß die vorliegenden Gründe für den Selbſt⸗ mord nicht beſtritten werden konnten. 232 Nachdem das Alles durch die Unterſuchung feſtgeſtellt war, be⸗ willigten die Beamten gerne die Bitte Heinrichs, die Gründe, welche ihn zu dieſer Bitte bewogen, als gerechtfertigt anerkennend. Von dieſem Augenblick an ſtand es feſt, daß Bertram Scheren⸗ berg am Gehirnſchlage geſtorben war, und wenn auch das Per⸗ ſonal im Comptoir heimlich darüber miteinander flüſterte, im Beiſein Heinrichs wagte Niemand, einen Zweifel zu äußern. Heinrich löſte ſelbſt den Wechſel ein, bevor Jakob Herz die Nachricht von dem Tode ſeines Schuldners erhalten haben konnte. Scherenberg ließ ſich in den Tagen vor der Beerdigung im Comptoir nicht ſehen. Er blieb aber in ſeinem Wohnzimmer und nur Heinrich durfte ihn beſuchen. Was dieſer ihm mitzutheilen hatte, hörte er ſchweigend an, er ſchien für nichts mehr Intereſſe zu haben. Erſt als der Hügel ſich über dem Sarge geſchloſſen hatte und die beiden Aſſocie's des Todten vom Friedhofe zurückgekehrt waren, brach der alte Mann ſein Schweigen. Er machte ſich Vorwürfe, daß er zu ſtreng gegen ſeinen Sohn aufgetreten ſei und warf auch Heinrich vor, den Todten zur Ver⸗ zweiflung getrieben zu haben, dadurch, daß er ſo energiſch die Deckung des Wechſels zurückgewieſen habe. Heinrich ließ dieſe Vorwürfe ruhig über ſich ergehen, aber als der alte Mann ſchwieg, machte er ihn darauf aufmerkſam, daß man die Thatſachen nehmen müſſe, wie ſie in Wirklichkeit ſeien, nicht, wie ſie ſein könnten, und daß es beſſer ſei, einen Todten, als den ſchimpflichen Bankerott einer geachteten Firma betrauern zu müſſen. Der alte Mann wußte darauf nichts zu erwidern; am nächſten Tage begann er ſeine Thätigkeit im Geſchäft wieder und allmäh lich breitete über ſeinen Schmerz und ſeine Trauer die Zeit ihren mildernden Schleier. Bertram Scherenberg war verſchwunden und bald vergeſſen, das Geſchäft ging ſeinen ruhigen, gewohnten Gang, und Heinrich ſchwang ſich jetzt mehk und mehr zum alleinigen Chef deſſelben empor. ellt war, be⸗ die Gründe, anerkennend. am Scheren⸗ c das Per⸗ lüſterte, im zußern. b Herz de aben konnte. erdigung im inrich durfte weigend an loſſen hatte urückgekehrt einen Sohn en zur Ver⸗ nergiſch die gehen, aber aufmerkſam, Wirklichkeit ſei, einen eten Firma an nächſten und allmäh⸗ Zeit ihren vergeſſen, n Heinrich ef deſſelben Einunddreinigites Kapitel. Eine ſchwere Probe. Der Dolch Werner's hatte gut getroffen. Nur dem Umſtand, daß die Klinge auf eine Rippe geſtoßen und abgeprallt war, hatte Otto ſein Leben zu danken. Und wohl auch nicht dieſem Umſtande allein, ſondern haupt⸗ ſächlich der ſorgſamen und unermüdlichen Pflege Valerie's. Michelet hatte in ſeinem Hauſe dem Verwundeten ein Zim⸗ mer eingeräumt und ſofort ſeinen Hausarzt rufen laſſen, der, als er die Wunde ſondirte, ſehr bedenklich das Haupt ſchüttelte. Aber durch dieſes Kopfſchütteln und Achſelzucken ließ Valerie ſich nicht beirren, ſie hegte die feſte Ueberzeugung, daß es ihr ge⸗ lingen müſſe, dem jungen Manne das Leben zu retten, und dieſe Ueberzeugung verlieh ihr Kraft und Muth, ſich ganz der ſchweren Aufgabe zu widmen. Tage, Wochen verſtrichen, noch immer lag Otto in den Phan⸗ taſien des Wundſiebers, und in dieſem Delirium kam manches Wort über ſeine Lippen, welches er in bewußtem Zuſtande gewiß im Innerſten ſeiner Seele verborgen gehalten hätte. Valerie ſaß oft an ſeinem Bette, der Wärterin allein wollte ſie die Pflege nicht anvertrauen. Und als nun endlich Otto aus ſeinen Phantaſien zum Be⸗ wußtſein erwachte, als der Arzt erklärte, das Leben des Verwun⸗ deten ſei gerettet, da fühlte Valerie ſich reichlich belohnt für ihre Mühen, ihre Sorgen und Entſagungen. Sie mußte jetzt die weitere Pflege der Wärterin überlaſſen, das weibliche Zartgefühl verbot ihr, länger noch am Bette des Geneſenden zu weilen, aber ſie überwachte dieſe Pflege mit ſtrenger Sorgfalt. Was war es, weshalb ſie ſich ſo ſehr für Otto intereſſirte? Was bewog ſie, oft, wenn er ſchlief, leiſe einzutreten und den Blick lange auf ihm ruhen zu laſſen? Es herrſcht eine gefährliche Luft im Krankenzimmer, eine 3 welche in die Herzen eindringt und in der Seele Gefühle weckt, von denen ſie vordem keine Ahnung hatte. Sie nahmen Alle Theil an dem Schickſal Otto's: Michelet, Nikolas und die übrigen Kameraden, aber ſie Alle ließen ſich be⸗ ruhigen durch die Erklärung, daß die Gefahr geſchwunden ſei. 4 d — 234— Nur Valerie begnügte ſich mit dieſer Beruhigung nicht, ſie opferte auch jetzt noch manche Nacht, wenn der Zuſtand des Kranken einen Rückfall befürchten ließ. Noch manche Woche verſtrich, ehe der Arzt eine Unterhaltung erlaubte. Die Frühlingsſonne ſchien bereits warm durch die offenen Fenſter, die Veilchen blühten bereits zwiſchen Primeln und Au⸗ rikeln, als Otto das Bett verlaſſen und im Seſſel am geöffneten Fenſter die würzige Luft einathmen durfte. Und jetzt ließ Valerie es ſich nicht nehmen, ihm Geſellſchaft zu leiſten und mit ihm über die ſchrecklichen Tage der jüngſten Vergangenheit zu plaudern. Otto erinnerte ſich dunkel, daß Franz Werner den Stoß ge⸗ führt hatte, aber er war zu edel, ſich an dieſem Schurken zu rächen. Die Vagabunden, welche die Gensd'armen in jener Nacht er⸗ griffen hatten, waren bereits verurtheilt und ſtreng beſtraft wor⸗ den; es widerſtrebte dem edlen Charakter Otto's, nachträglich noch den Mann namhaft zu machen, der jene Bande aufgewiegelt und ihm den Dolch in die Bruſt geſtoßen hatte. Zwar hatte die Behörde lange auf dieſen Menſchen gefahndet, Michelet, die Arbeiter in ſeinem Etabliſſement und auch die ver⸗ hafteten Vagabunden bezeichneten ihn als den Anſtifter, aber alle Nachforſchungen waren vergeblich geweſen. Niemand ahnte, daß dieſer junge Mann und der Hausmeiſter einer gefeierten Schönheit, in deren Salon die angeſehenſten und reichſten Herren ſich verſammelten, ein und dieſelbe Perſon waren. Auch jetzt, als Valerie ihn fragte, ob er ſich des Meuchel⸗ mörders entſinnen könne, wich Otto der Antwort aus, unter dem Vorwande, daß er dieſen Menſchen nur flüchtig geſehen habe und das Bild deſſelben ſeinem Gedächtniß entſchwunden ſei. Dieſelbe Antwort gab er dem Beamten, der ihn beſuchte, um dieſe Frage an ihn zu richten. Sogar Nikolas erlangte kein beſſeres Reſultat, Otto rieth ihm nur, eine Begegnung mit Werner zu vermeiden. Die Kräfte kehrten langſam zurück; Dank der guten Pflege, der erheiternden Unterhaltung mit Valerie und der milden, ſchönen Luft erholte Otto ſich dennoch raſcher, als es unter andern Um⸗ ſtänden der Fall geweſen wäre. Die herzliche, innige Theilnahme Valerie's, ihre rührende Sorgfalt, ihr ſchlichtes, offenherziges Weſen führten zwiſchen dem Geneſenden und ſeiner Pflegerin bald zu einer geſchwiſterlichen Vertraulichkeit, zu einem ebenſo zarten als innigen Verhältniſſe, welches die beiden Seelen immer enger an einander kettete. ——X—ÿ,— g nich, ſie des Kranken Unterhaltung die offenen An und Au⸗ m geüffneten Geſellſchaft der jüngſten den Stoß ge⸗ Schurken zu er Nacht er⸗ geſtraft wor⸗ träglich noch gewiegelt md en gefahndet, nuch die ver⸗ er, aber alle Hausmeiſter henſten und ſei beſuchte, um Otto rieth 1 guten Pflege iden, ſchinm andern Um⸗ hre rührm „viſchen deln zwiſch chwiſerlihe 1 Vethältiſſ kettete. Valerie dachte nicht an den Abſtand zwiſchen ihr und dem Arbeiter ihres Vaters, und Otto vergaß, daß ſie die Tochter ſeines Chefs war. Die gründliche und gediegene Bildung des jungen Mannes, ſeine Kenntniſſe, ſeine geſunde Lebensanſchauungen und vor Allem die edlen Tugenden des Gemüths und Charakters bildeten eine feſte Brücke über die Kluft, die nach den Geſetzen der Convenienz ihn von Valerie trennen mußte. Er hatte vor ihr keine Geheimniſſe mehr, ſein ganzes ver⸗ gangenes Leben lag wie ein offenes Buch vor ihr, und was ſie in dieſem Buche las, das mußte ihre Achtung vor ihm nur erhöhen. Ob es ihr nicht einen Stich in's Herz gab, als er Eugenie mit warmen beredten Worten pries, mit Worten, in denen die ganze Fülle ſeiner Liebe ſich offenbarte? Sie hörte ihm ſchweigend zu, und es war ſchwer zu entſcheiden, ob das Lächeln, welches ihre Lippen umſpielte, der Ausdruck freu⸗ diger Theilnahme, oder nur eine Maske war, hinter der ein bittrer Schmerz ſich barg. Jedenfalls hätte Otto etwas Befremdendes darin finden müſſen, daß Valerie niemals die Rede auf Eugenie brachte, und daß, wenn er ſeiner Geliebten Erwähnung that, die junge Dame ſich plötzlich erinnerte, daß die Erfüllung irgend einer Pflicht ſie nöthigte, ſich für einen Augenblick zu entfernen. Otto bemerkte das nicht, er war weit entfernt, zu ahnen, daß Valerie ein anderes Gefühl als das der ſchweſterlichen Zuneigung für ihn hegen könne. Es erging ihm, wie ſeinem Freunde Nikolas in Mülhauſen, er war mit ſehenden Augen blind, ein Anderer mußte ihn über das, was um ihn vorging, belehren. Und jetzt war es Nikolas, der in die Seele Valerie's hinein ſchaute und den Freund auf das, was er in ihr entdeckte, auf⸗ merkſam machen zu müſſen glaubte. Otto ſaß im Garten in einer Laube, als Nikolas ihn auf⸗ ſuchte, um den Sonntag Nachmittag mit ihm zu verplaudern. „Du wirſt nun bald wieder ſo weit hergeſtellt ſein, daß wir an unſre Abreiſe denken können,“ ſagte Nikolas im Laufe der Unterhaltung, und der ernſte, faſt düſtere Ton, den er anſchlug, mußte Otto noch mehr befremden als die Worte es thaten. „An unſere Abreiſe?“ erwiderte er überraſcht.„Gefällt es Dir hier nicht mehr?“ „Das wohl, aber— „Nun, dann ſei auch nicht ſo eilig, ich denke es kann uns nicht ſchaden, wenn wir noch einige Monate bleiben. Ich ſchulde unſerm edlen Chef ſo viel Dank, daß ich ihm gerne einen Beweis 44 8 —ℳ—— — 81 — 236— meiner Dankbarkeit geben möchte, ehe ich Abſchied von ihm nehme.“ Nikolas nickte.„Ich glaube das gerne,“ ſagte er,„aber welchen andern, beſſeren Beweis kannſt Du ihm geben, als—“ „Lieber Junge, weshalb ſo ernſt, ſo, ich möchte faſt ſagen, feindſelig düſter? Iſt Dir etwas Unangenehmes begegnet, ſo ſag's gerade heraus, haſt Du einen Wunſch, den Du gerne erfüllt ſehen möchteſt, ſo ſprich ihn aus, Du mußt doch wiſſen, daß ich Dir in allen Dingen gerne mit Rath und That zur Seite ſtehe.“ „Gewiß, gewiß,— aber—“ „Aber? Ich begreife Dich nicht. Du willſt plötzlich von hier fort und kannſt mir für dieſen Entſchluß doch keine Gründe an⸗ geben, Du gibſt mir zu, daß ich unſerm Chef meine Dankbarkeit beweiſen muß, und dennoch ſuchſt Du mich davon zurückzuhalten. Ich habe in den jüngſten Wochen mich ſehr angelegentlich mit der neuen Maſchine beſchäftigt, die wir in London anfertigen laſſen wollten. Ich meine, dieſe Maſchine könne bedeutend einfacher und zweckmäßiger gebaut werden—— aber Du verſtehſt davon leider nichts!“ „Ich höre Dir mit lebhaftem Intereſſe zu.“ „Dann iſt an der Maſchine ein ganz bedeutender Fehler, der beſeitigt werden muß, wenn ſie ihrem Zweck ganz entſprechen ſoll, und ich glaube, daß es mir ſchon in den nächſten Tagen gelingen wird, eine beſſere Zeichnung zu entwerfen, nach der wir ſelbſt dieſe Maſchine mit geringen Koſten anfertigen können. Sobald ich wieder hinunter in die Werkſtätte darf, was wohl in dieſer oder der nächſten Woche der Fall ſein wird, ſo baue ich ſofort ein kleines Modell und Du ſollſt ſehen, Michelet wird durch dieſe Maſchine über die Engländer einen Triumph erringen, der Auf⸗ ſehen erregen muß.“ „Das iſt Alles recht ſchön, aber—“ „Mit Deinem ewigen, unausſtehlichen„Aber!““ fuhr Otto erzürnt fort.„So ſage doch, was Du auf dem Herzen haſt! Was treibt Dich von hier fort?“ „Mich? Nichts,“ erwiderte Nikolas verlegen.„Was mich betrifft, ſo geſtehe ich unverholen, daß ich am Liebſten hier bleiben möchte, bis ich mir ſoviel erſpart habe, um eine eigene Werkſtätte in der Heimath errichten zu können. Aber es iſt da ein triftiger Grund, der uns nöthigen wird, den Wanderſtab wieder in die Hand zu nehmen.“ „Welchen Grund?“ fragte Otto befremdet. „Er betrifft Dich.“ „Ah— ich bin neugierig.“ „Kannſt Du ihn nicht errathen?“ 160)5* d von ihm et,„aber n, als—" faſt ſagen, tet, ſo ſag's rfüllt ſehen aß ich Dir ſtehe. ich von hier Gründe an⸗ Dankbarkeit ſüickzuhalten. ich mit der igen laſſen ffacher und avon leider Fehler, der drechen ſoll, en gelingen wir ſelbſt . Sobald in dieſer ſofort ein durch dieſe der Auf⸗ fuhr Otto . rzen haſt! Was mih jer bleiben Werlſtätte n tifige der in die „Nein.“ „Hm— ich hab's mir gedacht. Du erinnerſt Dich wohl noch des Abends in Mühlhauſen, an welchem Du mich darauf auf⸗ merkſam machteſt, daß die Tochter unſres Meiſters—“ „Ja, ja.“ „Nun, heute erzeige ich Dir denſelben Dienſt, Otto.“ Dem jungen Mann ſchoß das Blut in die Wangen, ſein Blick ruhte fragend mit dem Ausdruck fieberhafter Spannung auf dem Geſicht des Freundes, der mit ſichtbaren Zeichen der Verlegenheit und Verwirrung ihm gegenüber ſaß. „Das muß ein Irrthum ſein,“ ſagte er ernſt, vielleicht einige Worte, einen Blick falſch.“ „Nein, nein, ich habe nicht eher reden wollen, bis ich meiner Sache ſicher war.“ „Du glaubſt, Valerie—“ „Liebt Dich, Otto.“ „Ich bitte Dich, ſie die reiche, ſchöne, angeſehene Dame!“ „Iſt es vielleicht noch nie vorgekommen, daß eine ſchöne, reiche und angeſehene Dame einen armen Teufel geheirathet hat? Du biſt arm, aber geſchickt, talentvoll und gebildet, wenn Du an der Spitze dieſes Etabliſſements ſtändeſt, würde Niemand Dir aus Deiner Vergangenheit einen Vorwurf machen.“ „Könnte er es vielleicht?“ „Nein. Du haſt von der Pike auf gedient und ſo wenig man einem Marſchall vorwerfen kann, er habe früher die Muskete getragen, ſo wenig könnte man Dir vorwerfen, Du ſeieſt vordem ein armer Arbeiter geweſen. Wer ſich aus dem Staube zu einer geachteten Stellung emporſchwingt durch ſein Talent und ſeiner Hände Arbeit der iſt ein Ehrenmann. Und glaubſt Du nicht, daß Fräulein Michelet gerade ſo denkt? War nicht zwiſchen mir und Maria Latour auch eine Kluft, freilich nicht ſo groß wie dieſe, aber doch groß genug, als daß ich es gewagt haben würde, ſie zu überſpringen? Und nun berücklſichtige die Verhältniſſe, welche das Erwachen der Liebe in der Seele Valerie's begünſtigt haben. Ihretwegen haſt Du Dein Leben gewagt, ſie war Deine Pflegerin—“ „Beweiſel Beweiſe!“ unterbrach Otto ihn mit wachſender Er⸗ regung.„Sie weiß ja, daß das Bild einer Anderen meine Seele erfüllt, daß ihre Liebe hoffnungslos wäre, daß—“ „Lieber Freund, wußte Maria Latour das nicht auch? Dieſe Franzöſinnen halten uns Deutſche für egoiſtiſche Naturen, die materiellen Vortheilen ihre heiligſten Gefühle opfern können.“ „Vergleiche Valerie nicht mit Maria Latour, Nikolas.“ „Bah, auch ſie denkt, Du werdeſt den Vortheilen, die an ihre Du deuteſt — Hand ſich knüpfen, nicht widerſtehen können! Und in der That, dieſe Vortheile ſind ſo verlockend, daß mir ſelbſt bangt, Du wirſt ſie nicht zurückweiſen. Reichthum, Anſehen, eine hohe Stellung—“ „Nichts davon, Du kennſt meinen Charakter und meine Ge⸗ ſinnungen. Zudem würde ja auch Michelet niemals ſeine Ein⸗ willigung zu dieſem Bunde geben.“ „Sage das nicht. Michelet iſt ein praktiſcher, vorurtheils⸗ freier Mann, er gibt die Hand ſeiner Tochter lieber einem armen talentvollen Arbeiter, als einem reichen Verſchwender. Man ſpricht ja ſchon im Etabliſſement ziemlich ungenirt darüber.“ „Worüber?“ „Ueber das vertrauliche Verhältniß zwiſchen Dir und dem Fräulein!“ „Unmöglich!“ rief Otto beſtürzt. „Andere Leute haben auch Augen, was der Eine nicht ſieht, bemerkt der Andere.“ „Aber ich hätte es doch auch bemerken müſſen!“ „Haſt Du vielleicht an die Möglichkeit einer Verbindung mit Fräulein Michelet gedacht?“ „Nein.“ „Alſo—“ „Und ich ſage noch immer, ich kann es nicht eher glauben, bis ich Beweiſe babe.“ Nikolas ſchüttelte mit ernſter Mißbilligung das Haupt. „Warte nicht zu lange mit Deiner Abreiſe,“ ſagte er,„je eher wir ſcheiden, deſto beſſer iſt es. Willſt Du Beweiſe haben, ſo beobachte Fräulein Valerie, wenn Du ihr ſagſt, daß es Dein Entſchluß ſei, abzureiſen.— Zwei Wege ſtehen Dir offen, Otto, willſt Du den einen verfolgen, darfſt Du den andern nicht be⸗ treten. Entweder Treue Deiner Geliebten oder—“ „Du kennſt mich.“ „Wohl, aber es iſt eine ſchwere Probe, die unter hundert Menſchen vielleicht nicht achtzig beſtehen. Ich kann Dir heute daſſelbe ſagen, was Du damals mir vorhieltſt, Eugenie Schirmer iſt noch nicht Deine Braut, es ſteht Dir frei zurückzutreten und eine andere Wahl zu treffen. Aber was Du auch thun magſt, Otto, vergiß nicht, daß Reichthum und Anſehen die Stimme des Gewiſſens niemals beſchwichtigen können. Sei ein Mann—“ „Glaubſt Du wirklich, daß ich ſchwanken könne?“ fragte Otto ruhig.„Wenn es iſt, wie Dn ſagſt, dann haſt Du Recht, wir müſſen fort, je eher, deſto beſſer.“ Nikolas reichte dem Freunde die Hand. „Dort kommt die junge Dame,“ ſagte er leiſe,„wenige Worte werden die Richtigkeit meiner Mittheilungen beweiſen können. Ich der That ₰ 7 , Du wirſt tellung— meine Ge⸗ ſeine Ein⸗ vorurtheils nem armen er. Man über.“ r und dem aindung mit zer glauben, aupt. gte er,„je veiſe haben, aß es Dein offen, Otto, m nicht be⸗ ter hundett Dir heute ie Schirmer zutrten und thun magſt, Stimme des rann— fuagte Ott Recht, wit enige Worte können. d9 gehe und laſſe Dich allein mit ihr, ſchone ſie, ſie hat es wahrlich um Dich verdient—“ Er brach ab, Valerie war raſch näher gekommen, ſich vor der jungen Dame verneigend, entfernte er ſich. Der Blick Valerien's ruhte forſchend auf den Zügen Otto's, der vergeblich ſich bemühte, ſeine Aufregung zu verbergen. „Brachte Ihr Freund Ihnen eine unangenehme Botſchaft?“ fragte ſie. „Ja und nein,“ erwiderte Otto, den Blick ſenkend.„Er will fort von hier, ſobald ich ſoweit hergeſtellt bin, daß ich ihn be⸗ gleiten kann.“ „Auch Sie wollen ſcheiden?“ unterbrach das Mädchen ihn raſch und der Ton ihrer Stimme verrieth dem jungen Manne, wie ſehr ſein Freund Recht hatte.„Weshalb wollen Sie uns verlaſſen?“ „Weshalb?“ fuhr Otto verwirrt fort.„Ich kann nicht leug⸗ nan, daß ich ungern und mit ſchwerem Herzen von hier ſcheide, aber es muß ſein.“ „Es muß ſein?“ „Ja, mein Fräulein. Der Zweck meiner Reiſe war ja in der Hauptſache meine Ausbildung, und da muß ich wohl, wenn ich ihn erreichen will, auch die engliſchen Etabliſſements be⸗ ſuchen.“ „Ah— das iſt es nicht. Seien Sie aufrichtig, Otto. Mein Vater hat mir oft geſagt, Ihre Kenntniſſe und Ihr Talent ſeien über alles Lob erhaben.“ „Ich bin Herrn Michelet für das Vertrauen, welches er mir ſchenkt, ſehr verbunden, aber ich ſelbſt fühle wohl am Beſten, wo es mir noch fehlt,“ ſagte Otto kopfſchüttelnd. Wenn man etwas will, ſo muß man es gans wollen, auf halbem Wege darf man nicht ſtehen bleiben.“ Valerie blickte, in düſteres Sinnen verſunken, vor ſich hin. „Wenn ich auch Ihre Gründe billigen muß,“ erwiderte ſie, „ſo begreife ich doch nicht, daß Sie ſchon ſo bald von hier ſcheiden wollen. Sie ſind noch Reconvalescent, die ſchwere, neblige Luft in England kann Ihnen nicht zuträglich ſein, bleiben Sie wenig⸗ ſtens, bis Sie ganz wieder hergeſtellt ſind.“ „Nikolas wünſcht die Abreiſe zu beſchleunigen.“ „Was kann das Sie kümmern? Sie ſind Ihr eigener Herr; wenn er gehen will, hat es auf Sie einen entſcheidenden Einfluß?“ „Gewiß.“ „Inwiefern?“ „Inſofern, als wir einander gelobt haben, beiſammen zu bleiben und und uns nicht zu trennen.“ — 240— Eine Wolke des Unmuths glitt über das feine Geſicht der jungen Dame. „Und wenn ich nun wünſche, daß Sie bleiben?“ fragte ſie. „Ah— dann erſchweren Sie mir den Abſchied, mein Fräu⸗ lein,“ erwiderte Otto beſtürzt.„Ihr Wunſch müßte mir Befehl ſein, denn Ihnen danke ich ja mein Leben, aber ich hege die Ueberzeugung, Sie werden dieſen Wunſch nicht ausſprechen.“ „So hat Ihr Freund alſo den Vorzug,“ ſagte das Mädchen leiſe.„Sie retteten mir das Leben, alſo ſind Sie mir keinen Dank ſchuldig dafür, daß ich in den Tagen Ihrer Lebensgefahr über Sie wachte.“ „Sagen Sie das nicht, mein Fräulein, ich werde nie vergeſſen, wie viel Dank ich Ihnen ſchulde! Glauben Sie mir, der Abſchied von Ihnen und Ihrem Herrn Vater geht mir nahe, aber beden⸗ ken Sie daneben auch, daß eine Braut ſehnſüchtig meine Heimkehr erwartet, eine Braut, der ich gelobt habe—“ „Das ſteht im Widerſpruch mit Ihren früheren Mittheilun⸗ gen,“ fiel Valerie ihm in's Wort, die ſich raſch erhoben hatte. „Sie haben mir geſagt, daß Sie Fräulein Eugenie liebten, aber erſt dann um ſie werben wollen, wenn ſie ihr eine geſicherte Zu⸗ kunft bieten könnten. Alſo feſſelt Sie nichts, als Ihr eigenes Gefühl an dieſe Dame. Sie ſind undankbar, Otto, aber ich hoffe, Sie werden nach ruhigem Nachdenken Ihren Entſchluß wieder fallen laſſen. Keinesfalls dürfen Sie vor der völligen Geneſung die Reiſe antreten.“ Ehe Otto Zeit fand, hierauf etwas zu erwidern, war die jnnge Dame verſchwunden. Es war eine ſchwere Probe, und wenn auch der Entſchluß Otto's felſenfeſt ſtand, wenn er auch nicht ſchwankte in der Wahl, die er treffen ſollte, ſo verkannte er doch nicht, daß er der Ge⸗ liebten ein großes Opfer brachte, ein Opfer, welches ihr die In⸗ nigkeit ſeiner Liebe und die Feſtigkeit ſeines Charakters beweiſen mußte. Er ſah voraus, daß es noch einen harten Kampf koſten werde, bevor er ſeinen Entſchluß ausführen konnte, aber er hoffte, in dieſem Kampfe würde Michelet ihm zur Seite ſtehen. Der reiche, angeſehene Fabrikant konnte ja in die Verbindung ſeines einzigen Kindes mit einem armen Arbeiter nicht einwilligen, er mußte die Gründe ehren, die Otto bewogen, das Etabliſſement zu verlaſſen, und wenn dies geſchehen war, ſo mußte auch Valerie im Laufe der Zeit einſehen, daß Otto durch ſeinen Abſchied ſie vor einer Thorheit bewahrthatte. So dachte der junge Mann; er konnte nicht glauben, daß die Liebe Valerie's zu ihm mehr als ein romanhafter Rauſch war, der bei ernſtem Nachdenken raſch wieder verfliegen mußte. e Geſicht der fragte ſie „mein Fre⸗ e mir Befehl ich hege di rechen.“ s Mädchen keinen Lebensgefahr nie vergeſſen, „ der Abſchied aber beden⸗ eine Heimkehr Mittheilun⸗ rhoben hatte. liebten, aber geſicherte Zu⸗ Ihr eigenes aber ich hoffe ſclluß wieden gen Geneſung ern, war de der Entſchlui in der Wahl, ß er der Ge⸗ ihr die In⸗ weiſen mußte. Kampf koſten ber er heffte chen. Verbindund e ht inwiligen, Etabliſſeten c Valert all Atſtied ſe Er hatte ſie nun darauf vorbereitet und nach ſeiner An⸗ ſicht ihr über das, was ſie erwarten durfte, die Augen geöffnet; ihren Wunſch, die Abreiſe bis zu ſeiner völligen Geneſung zu verſchieben, wollte er gerne erfüllen. Nikolas ſchüttelte zwar mißbilligend das Haupt, als Otto ihm dies mittheilte, aber auch er mußte zugeben, daß es beſſer ſei, wenn ſein Freund in der milden Luft des ſonnigen Frankreichs ſeine Herſtellung erwartete. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Ein edler Fabrikant. Sobald Otto ſich wieder in ſeiner Werkſtätte beſchäftigen konnte, begann er unverzüglich mit der Erbauung des Modells, über wel⸗ ches er mit ſeinem Freunde geſprochen hatte. Natürlich mußte dieſes Modell ein Geheimniß bleiben, wenig⸗ ſtens ſo lange, bis man die Brauchbarkeit deſſelben erprobt hatte, es konnte ja unter den Kameraden Otto's einer ſich befinden, der darnach trachtete, den Ruhm und den Nutzen der Erfindung für ſich in Anſpruch zu nehmen, wenn er den letzteren kennen lernte. Es war überhaupt ſeit dem Angriff in der Sylveſternacht der alte Geiſt der Liebe und Eintracht allmählich geſchwunden, Otto bemerkte es ſofort, als er zum erſtenmale die Räume des Etabliſ⸗ ſements wieder durchwanderte. Einige ſeiner Kameraden empfingen ihn mit warmer Herzlich⸗ keit, Andere, und zwar die Mehrzahl, hatten kaum ein Wort der Theilnahme für ihn. Das mußte den jungen Mann befremden, umſomehr, als er ja in jener Nacht ſein Leben für Alle gewagt, und dem Liebling Aller das Leben gerettet hatte, er konnte ſich den Grund dieſer auffallenden Kälte nicht erklären und nahm darüber mit Nikolas Rückſprache, der ihm mit wenigen Worten die Urſache klar machte. „In der Hauptſache iſt es der Neid darüber, daß Michelet und Valerie Dich, den Deutſchen, ſo ſehr bevorzugen,“ ſagte er achſelzuckend.„Dann auch ärgert es ſie, daß ſeit Deiner Ver⸗ wundung Fräulein Valerie Ihnen nicht mehr das frühere warme Intereſſe zeigt, und was iſt natürlicher, als daß ſie dies im Ein⸗ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 16 — 242— klang bringen mit Deiner Bevorzugung und deshalb ihren ganzen Groll auf Dich werfen? Sie erinnern ſich der frühern Zeit, in der ſie eine einzige Familie bildeten, und nun ſehen ſie in Dir den Störenfried, der—“ „Aber mein Gott, ſie können doch nicht verlangen, daß Va⸗ lerie ihretwegen auf Alles verzichten ſoll!“ fiel Otto ihm in's Wort. „Sie verlangen das auch nicht, aber es ärgert ſie, daß ein Deutſcher ſich in dieſe Familie eindrängt, daß ein Deutſcher einſt an ihrer Spitze ſtehen ſoll.“ Otto blieb lange in düſtrem Nachdenken verſunken. „Du haſt recht,“ ſagte er,„die Pflicht und der Dank, den ich unſerm Chef ſchulde, gebieten mir, die Abreiſe zu beſchleunigen. Nur noch ſo lange möchte ich bleiben, bis das Modell fertig und erprobt iſt, ich will es als ein bleibendes Andenken an mich hin⸗ terlaſſen.“ Rüſtiger und eifriger denn zuvor ſetzte Otto jetzt ſeine Ar⸗ beit fort. Es widerſtrebte ſeinem Charakter, länger als eben nöthig, in dem Etabliſſement zu bleiben, in welchem er mit ſeinem Freunde allein unter Feinden und Neidern ſtand, die alle ihn als den Störenfried ihres früheren Glücks betrachteten, die Alle ſehnſüchtig den Augenblick ſeiner Abreiſe herbeiwünſchten. . Zwar wagte noch Keiner, ihm in offener Feindſchaft entgegen zu treten, aber in den Blicken und Mienen Aller las er, daß die augenblickliche Ruhe und Zurückhaltung nur die ſchwüle Ruhe vor dem Gewitter war, der vielleicht ſchon bald ein verheerender Or⸗ kan folgen konnte. Und die Vorboten dieſes Gewitters zeigten ſich ſchon nach wenigen Wochen. An dem Tage, an welchem Otto die letzte Hand an ſein Mo⸗ dell gelegt und ſich die Ueberzeugung verſchafft hatte, daß dieſe Maſchine allen Anforderungen, die man an ſie ſtellen durfte, ent⸗ ſprach, ſollte ſeine Freude und ſein ehrlicher Stolz über das gelungene Werk empfindlich getrübt werden. Er wollte, da es ſchon ſpät war, erſt am nächſten Morgen ſeinen Chef mit dieſer Erfindung überraſchen und da er ſich ermüdet und geiſtig abgeſpannt fühlte, ſo verließ er heute früher wie ſonſt die Werkſtätte, um in den Gartenanlagen auszuruhen und ſich zu erholen. Er hatte ſich auf eine Bank niedergelaſſen und ſaß hier in Gedanken über die Zukunft verſunken, als er plötzlich durch eine rauhe Stimme aus ſeinem Brüten und Träumen geweckt wurde. Er blickte auf, vor ihm ſtanden drei Arbeiter Michelets, drei ihren ganzen ern Zeit, in ſie in Dir n, daß Va⸗ to ihm ins ie, daß ein eutſcher einſt dank, den ich beſchleunigen. l fertig und n mich hin⸗ ſeine Ar⸗ wnöthig, in em Freunde ihn als den e ſehnfüchtig ſaft entgegen er, daß die le Ruhe vor erender Or⸗ ſcon nach n ſein Mo⸗ daß dieſe durſte, ent⸗ über das 3 ten Morgen da er ſich heute fruͤher zuszuruhel ſoß hier in h durch din weckt Wune, zelts, de — 243— Eiſengießer, deren trotzige herausfordernde Haltung ihn ahnen ließ, daß ſie keine freundſchaftlichen Geſinnungen für ihn hegten. Einer dieſer drei bekleidete den Poſten eines Werkmeiſters, er ſchien auch jetzt von ſeinen Kameraden dazu auserſehen zu ſein, ihre Intereſſen wahr zu nehmen. „Wir haben gehört, daß Sie abreiſen wollen,“ ſagte dieſer Werkmeiſter, einen rauhen, barſchen Ton anſchlagend,„die Nach⸗ richt hat uns bewogen, bis heute zu ſchweigen, aber es ſcheint, daß es nur Flauſen waren. Sie treffen noch keine Anſtalten, das Etabliſſement zu verlaſſen, und bevor wir uns an Herrn Michelet wenden, möchten wir von Ihnen ſelbſt hören, ob wir uns darauf verlaſſen können, daß Sie in den nächſten Tagen ſich entfernen werden.“ Dieſe kurze faſt befehlende Art und Weiſe, Wünſche geltend zu machen, die möglicherweiſe das ganze Lebensglück eines Menſchen auf's Spiel ſetzten, trieb dem jungen Manne die Galle in's Blut. Wie durften dieſe Leute ſich erlauben, ihn zur Abreiſe zu nöthigen? Einen triftigen Grund konnten ſie für dieſes Verfahren nicht angeben, es ſei denn, daß man die Forderungen ihrer Selbſtſucht für einen triftigen Grund gelten laſſen wollte. „Was ſoll das?“ fragte er mit ſcharfer Betonung.„Wen kümmert es, ob ich bleibe oder abreiſe?“ „Uns Alle!“ erwiderte der Eiſengießer unwirſch.„Sie ſind der Störenfried in unſerm Etabliſſement.“ „Der Störenfried?“ „Ja. Ihretwegen haben die Pariſer Vagabunden das Etabliſ⸗ ſement zerſtören wollen—“ „Wer kann das behaupten?“ „Die Leute ſelbſt haben es ausgeſagt.“ „Und wenn ſie die Wahrheit geſagt hätten, trifft mich die Schuld?“ „Das wollen wir eben nicht behaupten. Aber ſeitdem Sie hier ſind, iſt die alte Eintracht geſchwunden, die Herzen Michelets und des Fräuleins ſind uns entfremdet, und das allein Ihretwegen.“ „Ah— iſt es das?“ „Genügt es nicht, uns zu erbittern gegen Sie? Wir wiſſen ſehr wohl, was Sie beabſichtigen, und wir Alle ſind entſchloſſen, dieſer Abſicht entgegenzutreten. Wenn Sie aber dennoch ſie er⸗ reichen, ſo fordern wir insgeſammt unſere Entlaſſung, für einen Deutſchen arbeiten wir nicht.“ Ein ironiſches Lächeln glitt über das Geſicht Otto's. „Aber wenn dieſer Deutſche ſein Leben verloren hätte für Euch und Euren Liebling, ſo würdet Ihr das Opfer angenommen 16* 244— haben,“ ſagte er,„trotzdem Ihr ihm jetzt keinen Dank dafür wüßt?“ Der Werkmeiſter zuckte gleichmüthig die Achſeln. „Ich denke, es war Ihre Schuldigkeit, mehr zu wagen, wie jeder Andre,“ entgegnete er,„wir hätten’s ja bequemer haben und manchem Kameraden ein langes Schmerzenslager erſparen können, wenn wir ſo feige und ehrlos geweſen wären, Sie den Vagabunden auszuliefern. Sie haben dem Fräulein das Leben gerettet und das Fräulein hat durch ihre aufopfernde Pflege Sie ebenfalls dem Tode entriſſen, nun ſind Sie quitt miteinander.“ „Und was weiter?“ „Was weiter? Wenn Sie ruhig nachdenken, ſo werden Sie einſehen, daß—“ „Daß ich der Störenfried bin?“ „So iſt es!“ „Und Sie wollen mich zwingen, das Etabliſſement zu ver⸗ laſſen?“ „Wenn wir es können, ja!“ „Durch Gewalt nöthigenfalls?“ „Nein, vergreifen werden wir uns nicht an Ihnen. Wenn der Hohn und die Verachtung Ihrer Kameraden Sie gleichgültig laſſen, ſo können wir das, was Sie vorhaben, nicht verhindern, wir werden dann aber Feierabend machen und Sie mögen zu⸗ ſehen, wo Sie neue Arbeiter finden.“ „Seid Ihr denn nicht kindiſche Thoren!“ ſagte Otto ruhig. „Was würdet Ihr durch einen ſolchen Schritt gewinnen? Ihr brächtet Euch und Eure Familien dadurch außer Brod und die Stunde würde bald kommen, in der Ihr zu Kreuze kriechen müßtet! Was kann es Euch gelten, in weſſen Händen das Kapital iſt, wenn es nur gut verwaltet wird! Ihr könnt ohne das Kapital nicht leben und das Kapital kann ohne Euch nicht gedeihen und Nutzen bringen. Jeder Gewaltakt, den Ihr gegen das Kapital unternehmt, fällt mit ſeinen ſchweren Folgen zuletzt auf Euch zurück, das laßt Euch geſagt ſein. Wenn ich wirklich die Abſicht hegte, die Ihr mir zuſchieben wollt, was würdet Ihr dadurch verlieren? Iſt vielleicht Einer von Euch fähig, ſich an die Spitze dieſes Etabliſſements zu ſtellen und es zu leiten? Müßt Ihr nicht froh ſein, wenn dieſe Leitung ſich in den Händen eines Mannes befindet, der ihr gewachſen iſt? Und daß ich das bin, werde ich Euch in den nächſten Tagen beweiſen. Blickt Euch nicht unter⸗ einander ſo bedeutungsvoll an, fürchtet nicht, ich hege dieſen maß⸗ loſen Ehrgeiz, mich ſo raſch empor ſchwingen zu wollen, ich weiß ſehr wohl, daß ich noch Vieles lernen muß, um auf ſolcher Höhe mich behaupten zu können. Man hat Euch geſagt, ich werde ab⸗ Dank dafür wagen, wie rhaben und ren können, Vagabunden herettet und enfalls dem werden Sie nt zu ver— en. Wenn gleichgiltig verhindern, mögen zu⸗ Otto ruhig. rnen? Ihr d und die ze kriechen das Kapital das Kapital deihen und J Kapital auf Euch die Abſich ür dadurch die Spitze tIhr nict 8 Mannes werde ich icht unter⸗ ieſen maß⸗ —, ic veſß licher Hühe werde cb⸗ — 245— reiſen; wenn es Euch beruhigt, will ich Euch wiederholen, daß dies allerdings mein feſter Entſchluß iſt.“ „Und wann—“ „Lieber Gott, könnt Ihr mir nicht gönnen, daß ich zuvor mich gänzlich erholen will?“ 8„Wamn wir nur wiſſen, daß es Ihr feſter Entſchluß iſt, und a— „Er iſt es.“ „Und daß Sie ihn bald ausführen werden.“ „Jedenfalls in der nächſten Woche.“ „Dann ſind wir zufrieden.“ „Und das iſt Alles, was Ihr verlangt?“ „Ja.“ Otto ſchüttelte das Haupt. „Mir bangt, die Stunde könne kommen, in der Ihr Euch Vorwürfe darüber macht, daß Ihr dazu beigetragen habt, mich von hier zu vertreiben,“ ſagte er.„Es iſt nicht immer gut, wenn man ſeinen Willen durchſetzen will, man thut gut, vorher die möglichen Folgen zu bedenken.“ „Welche Folgen könnte Ihre Abreiſe haben?“ erwiderte der Werkmeiſter mit einem Anfluge von Spott.„Nach unſerer Ueber⸗ zeugung kehrt durch ſie unſre frühere Eintracht zurück.“ „Ich wünſche, daß dieſe Ueberzeugung Euch nicht trügen möge, weiter weiß ich nichts zu ſagen.“ Otto wandte nach dieſen Worten ſeinen Kameraden den Rücken und ſchritt von dannen. So weit alſo war es ſchon gekommen, daß die eignen Kame⸗ raden, die ihn früher ſo ſehr geachtet und geſchätzt hatten, die Forderung an ihn ſtellten, er möge ſich entfernen! Was hatte er ihnen gethan? Wahrlich nichts, ſeine ganze Schuld war, daß Valerie ihn liebte! Konnte ein lächerlicherer Grund gefunden werden? Und doch hatte er Bedeutuug, er ſtützte ſich auf die Selbſtſucht und das beleidigte Nationalgefühl. Daß er, der Deutſche, vorgezogen wurde, konnten dieſe Fran⸗ zoſen ihm nicht verzeihen, wäre er ſelbſt ein Franzoſe geweſen, ſo hätten ſie, als die Erſten, ihm zu dieſem fabelhaften Erfolge Glück gewünſcht. „Bleibe im Lande und nähre dich redlich,“ ſagte Nikolas, als Otto ihm ſeine Unterredung mit den Kameraden berichtet hatte, „in der Fremde machen Wenige ihr Glück, und denen es gelingt, die haben zumeiſt auf krummen Wegen ihr Ziel erreicht.“— Am nächſten Morgen ließ Otto ſeinen Chef bitten, ihn in ſeiner Werkſtätte zu beſuchen. — 246— Michelet kam. Der junge Mann enthüllte ſein Modell und erklärte ihm die Vorzüge, die es vor der engliſchen Maſchine hatte. Michelet betrachtete das Werk lange, ein ſtolze Freude leuchtete in ſeinen Augen. „Das iſt eine herrliche Erfindung,“ ſagte er,„eine Erfindung, durch welche Sie Ihr Talent glänzend bewieſen haben. Ha— wie ſie jenſeits des Kanals ſich ärgern werden, wenn meine Maſchine ihr ſo hochgeprieſenes Werk verdunkelt! Herr Schenk, wie viel verlangen Sie für dieſes Modell? Fordern Sie, ich zahle Ihnen jeden Preis und meine Dankbarkeit bleibt Ihnen außerdem. Wir werden unverzüglich die Maſchine bauen, Sie ſollen ſelbſt⸗ ſtändig das Werk leiten.“ Otto ſchüttelte wehmüthig ernſt das Haupt, ſein Blick ruhte düſter auf dem Modell, deſſen einzelne Theile der Fabrikant auf⸗ merkſam prüfte. „Ich ſchulde Ihnen ſo vielen Dank, daß es mich beleidigen würde, wollten Sie für dieſes aus Ihrem Material und von einem Ihrer beſoldeten Arbeiter verfertigte Modell mir eine Be⸗ lohnung anbieten,“ erwiderte er ruhig.„Ich habe mir auf meinem Schmerzenslager vorgenommen, Ihnen für alle Ihre Güte und Freundſchaft ein ſchwaches Zeichen meiner Dankbarkeit zu hinter⸗ laſſen,— wohlan, möge dieſes Werk ein Andenken an mich ſein, mögen Sie beim Anblick desſelben ſich meiner erinnern, dann hat es den Zweck, den ich damit beabſichtigte, erfüllt.“ Michelet blickte betroffen auf. „Das verſtehe ich nicht,“ ſagte er.„Faſt glaube ich aus Ihren Worten entnehmen zu müſſen, daß Sie den Vorſatz hegen, mich zu verlaſſen.“ „So iſt es, Herr Michelet,“ entgegnete Otto, dem es Mühe koſtete, die äußere Ruhe zu bewahren. „Sie wollen wirklich fort?“ 74 / d. „Weshalb?“ „Erlaſſen Sie es mir, Ihnen den Grund zu nennen.“ Der Blick Michelets ruhte forſchend auf den Zügen des jungen Mannes, der vor dieſem ernſten, prüfenden Blick verwirrt die Wimpern ſenkte. „Das begreife ich nicht;“ ſagte er.„Weshalb wollen Sie mir den Grund nicht nennen?“ „Weil ich Ihnen nicht wehe thun möchte!“ „Sie fürchten, ich werde ihn nicht anerkennen?“ „Nein, das fürchte ich nicht.“ „Nun wohl—“ Modell und en Muſchine ude leuchtete Erfindung, e. Ha— venn meine err Schenk, Gie, ich zahle en außerdem. ſollen ſelbſt⸗ Blick ruhte brikant auf⸗ h beleidigen Al und von ir eine Be⸗ auf meinem e Güte und t zu hinter⸗ n mich ſein, n, dann hat ibe ich aus orſctz hegen, m es Mähe — 247— „Dringen Sie nicht in mich, Sie erfahren ihn vielleicht, wenn ich fort bin.“ Michelet hielt noch immer den forſchenden Blick unverwandt auf das Antlitz Otto's gerichtet. „Das iſt mir wirklich räthſelhaft,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Sie haben eine ſelbſtſtändige Stellung und mein volles Vertrauen; ſind Sie mit Ihrem Einkommen unzufrieden?“ „Durchaus nicht.“ „Es ſoll erhöht werden. Ich will Ihnen die Leitung des ganzen Etabliſſements übertragen und—— nun, man kann ja nicht wiſſen, was im Schooße der Zukunft ſchlummert, jedenfalls dürfen Sie darauf vertrauen, daß ich kein Opfer ſcheuen werde, um Ihre Kraft mir zu erhalten.“ Wieder ſchüttelte Otto den Kopf, wieder glitt jener wehmüthige Zug über ſein Geſicht. Wlanben Sie mir, auch mir wird der Abſchied ſchwer,“ ſagte er leiſe. „Aber, mein Gott, weshalb wollen Sie denn fort?“ „Ich muß.“ „Sie müſſen?“ „Ja.“ „Aber das wird ja immer toller und verwickelter!“ rief Michelet ungeduldig.„Wer konnte Sie dazu zwingen?“ „Meine Kameraden.“ „Sie ſcherzen, oder— „Durchaus nicht!“ „Wer hat es gewagt, dieſen Zwang ausüben zu wollen?“ fuhr Michelet auf.„Nennen Sie mir die Leute und—“ „Die Leute ſind gewiſſermaßen in ihrem Recht, Herr Micheket, zudem hatte ich auch meinen Entſchluß ſchon gefaßt, ehe meine Kameraden mich auf die Nothwendigkeit meiner Abreiſe aufmerk⸗ ſam machten.“ Der Fabrikant wanderte auf und ab, eine gewaltige Erregung mußte ſein Inneres erſchüttern. „Wenn das Alles wahr iſt, ſo müſſen Sie einen triftigen Grund haben,“ nahm er nach einer Weile wieder das Wort,„Sie können mir nicht verdenken, wenn ich von Ihnen die Angabe dieſes Grundes fordere.“ „Dieſe Forderung iſt allerdings eine berechtigte.“ „Wohl, Sie werden ihr alſo nachkommen.“ „Und Sie werden mir nicht zürnen? „Nein.“ „Dann erlauben Sie mir die Bemerkung, daß es gefährlich iſt, die Pflege eines Schwererkrankten einer jungen Dame anzu⸗ 44 — vetrauen,“ ſagte Otto mit gedämpfter Stimme.„Zumal dann, wenn Beide, der Patient und ſeine Pflegerin, jung ſind.“ Von der Stirne Michelets war die düſtere Wolke geſchwunden, ein bedeutſames Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „Ich verſtehe Sie,“ erwiderte er.„Ich begreife auch, daß dieſer Grund Ihnen triftig genug ſcheint, uns zu verlaſſen und ich ehre Ihre Geſinnungen, die bei dieſer Gelegenheit ein glän⸗ zendes Licht auf Ihren Charakter werfen. Unterbrechen Sie mich nicht. Es mag ſein, daß in Ihrem Vaterlande die reichen Leute bei der Verlobung Ihrer Kinder zuerſt auf Rang und Reichthum ſehen und Charakter und Gemüth erſt in zweiter Reihe berückſich⸗ tigen. Ich denke anders. Was iſt Reichthum? Ein todter Götze, den die Fauſt des Schickſals über Nacht zertrümmern kann. Was iſt Rang? Eine glänzende Maske, hinter der ja oft Schutt und Moder ſich bergen. Ich achte das Talent und den redlichen Willen des ſtrebſamen Mannes höher, mir gilt ein feſter Charakter und ein unverdorbenes Gemüth mehr als hoher Rang und Reich⸗ thum.— Nun wiſſen Sie, woran Sie ſind, und ich hoffe, Sie werden einſehen, daß einſtweilen noch kein Grund vorliegt, der Sie nöthigen könnte, uns zu verlaſſen.“ „Tauſend Dank für dieſen Edelmuth, für dieſen mich ſo ſehr ehrenden Beweis Ihres Vertrauens und Ihrer Anerkennung,“ ſagte Otto, der dieſe Antwort nicht erwartet hatte.„Und doch möchte ich wünſchen, Sie hätten dieſe Worte mir nicht geſagt, ſie machen mir das Scheiden nur noch ſchwerer.“ „Sie reden noch immer vom Scheiden?“ „Glauben Sie, daß ich es thun würde, wenn ich nicht müßte? Meine Ehre gebietet mir es, Herr Michelet, Sie werden mir Recht geben, wenn Sie meine Gründe hören. Ich bemerkte das Erwachen der Liebe in der Seele meiner ſchönen Pflegerin nicht, erſt als mein Freund mich darauf aufmerkſam machte und ich, um mir Gewißheit zu verſchaffen, mit ihr über meine Abreiſe redete, gewann ich die Ueberzeugung, daß dieſe Liebe ſchon tief ihre Wurzeln geſchlagen hatte.“ Michelet nickte.„Ich weiß es,“ ſagte er ruhig,„ich ſelbſt habe es bemerkt.“ „Nun wohl, in Deutſchland harrt meiner eine Braut, die ihr ganzes Vertrauen auf mich geſetzt hat, deren ganzes Lebensglück davon abhängt, daß ich mein Ziel erreiche, um ſie heimführen zu können. Darf ich dieſes Vertrauen täuſchen? Darf ich üher ein gebrochenes Herz mit ruhigem Gewiſſen vor den Traualtar treten? Gott weiß, wie tief es mich ſchmerzt, meiner Pflegerin mit Undank lohnen zu müſſen, aber ſie ſelbſt könnte mich ja nicht mehr achten, wenn ich materieller Vortheile wegen ein vertrauendes, „Jumal dann, ſind.“ e geſchwunden, eife auch, daß verlaſſen und heit ein glän⸗ chen Sie mich reichen Leute ind Reichthum eihe berückſich⸗ todter Götz, n kann. Was ft Schutt und den redlichen ſter Charakter g und Reich⸗ ch hoffe Sie liegt, der Sie mich ſo ſehr Anerkennung,“ .„und doch cht geſogt, ſie richt müßte? werden mir bemerkte das flegerin nicht chte und ic, neine Abreiſe ete ſchon tief g, ich elbſt Fraut, die ihr 3 Cebensglüch eimjüßren zu ih über en altar treten⸗ mit Undanl richt nh vettrouendes liebendes Herz zertreten wollte. Das iſt es, was mich forttreibt von hier, ich denke mir, wenn Fräulein Valerie mich nicht mehr ſieht, ſo wird die Zeit ſie vergeſſen laſſen, daß das Schickſal ihr die Erfüllung eines ſchönen Wunſches verweigerte.“ Michelet reichte dem jungen Manne die Hand. „Sie ſind ein Ehrenmann,“ ſagte er,„Sie können nicht anders handeln, aber der Himmel erbarme ſich meines armen Kindes. Ich fürchte, ich fürchte, dieſe Maſchine wird mich bald an ein Grab erinnern, in welchem mein Theuerſtes ruht. Sagen Sie mir jetzt nichts mehr, verſchieben Sie Ihre Abreiſe noch um einige Tage, ich kann jetzt mit Ihnen reden über das, was Sie vorhaben, und ohne Empfehlungen laſſe ich Sie nicht fort.“ Otto war erſchüttert, ſein Blick ruhte ſtier auf der Thüre, hinter der Michelet verſchwunden war. Eine ganze Fülle von Angſt, Seelenſchmerz und Verzweiflung lag in dem Tone, in welchem Michelet jene Worte geſprochen hatte und Otto konnte dieſen Schmerz, dieſe Verzweiflung, be⸗ greifen. Aber ſie beſtürzte und erſchütterte ihn, weil er in ihr den Beweis fand, daß die Liebe Valerie's ſchon mit ihrem ganzen Sein innig verwachſen war. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Ein beſorgter Vater. Michelet ging nach ſeiner Unterredung mit Otto in ſein Wohnhaus, es war ihm nicht möglich, in ſein Kabinet zurück⸗ zukehren, um dort zu arbeiten. Seine ſchönſten Hoffnungen waren zertrümmert, mit banger Beſorgniß blickte er in die Zukunft. Er kannte die leidenſchaftliche Gluth in der Seele Valerie's, er wußte, daß es eine verzehrende Gluth war, die nichts mehr dämpfen konnte. Er hatte ſein Kind beobachtet und Anfangs ſich Vorwürfe gemacht, daß er nicht vorſichtiger geweſen war. Dann aber befreundete er ſich allmählich mit dem Gedanken an die Verbindung ſeiner Tochter mit dem talentvollen Arbeiter, 250— deſſen ehrenhafter Charakter ihm für das Lebensglück Valerie's genügende Bürgſchaft gab. Er ſelbſt ſprach mit Valerie darüber, er ſelbſt baute ſchon Luftſchlöſſer für die Zukunft;— daran, daß Otto die Hand der reichen Erbin ausſchlagen könne, dachte er nicht im Entfernteſten. Freilich, die Gründe, die den jungen Mann zwangen, dies zu thun, mußte er anerkennen und ehren, wenn ſie auch ſeine Hoff⸗ nungen vernichteten und dem Herzen Valerie's eine tiefe Wunde ſchlugen. Es war beſſer, wenn er ſein Kind darauf vorbereitete, als wenn Valerie plötzlich jene Gründe erfuhr. Er trat in das Boudoir ſeiner Tochter und nahm anſcheinend heiter und ſorglos auf dem Fauteuil Platz. „Otto Schenk wird uns verlaſſen,“ ſagte er, hinter der Maske einer heitern Ruhe ſeine Aufregung verbergend,„er hat mir ſo eben mitgetheilt, daß er in den nächſten Tagen abzureiſen gedenke.“ Valerie nickte. Ihre großen ſchönen Augen blickten düſter auf die Stickerei, die vor ihr lag. „Du weißt das ſchon?“ fuhr Michelet fort.„Hat er viel⸗ leicht ſelbſt mit Dir darüber geſprochen?“ „Ja.“ „Wann?“ „Vor mehreren Wochen,“ erwiderte Valerie leiſe,„ich weiß, daß er ein Undankbarer iſt, der—“ „Liebes Kind, dieſe gewaltige Aufregung iſt unbegründet,“ fiel Michelet begütigend ihr ins Wort.„Otto iſt bereits verlobt—“ „Sagte er das?“ „Ja.“ „Dann hat er Dich betrogen, Vater, er iſt nicht verlobt.“ Michelet ſchüttelte mißbilligend das Haupt, eine düſtere Wolke glitt über ſeine Stirne. „Weshalb ſollte er mich getäuſcht haben?“ erwiderte er.„Hat er einen Grund dazu? Er würde gewiß mit beiden Händen das Glück feſthalten, welches ihm hier geboten wird, wenn die Ver⸗ hältniſſe es ihm geſtatteten. Otto iſt ein Ehrenmann, Valerie, er darf und will ſein Wort nicht brechen, das Vertrauen ſeiner Braut nicht täuſchen. Wir müſſen das anerkennen und auf die Erfüllung des Wunſches verzichten, der, ich geſtehe es unverholen, mir ſehr, ſehr lieb geworden war. Ich hatte es mir ſo ſchön gedacht, daß Otto einſt die Leitung meines Etabliſſements über⸗ nehmen werde und vorhin noch hatte ich Gelegenheit zu erfahren, daß ſie keinen beſſeren Händen anvertraut werden kann. Aber wenn das Schickſal uns etwas verſagt, ſo müſſen wir geduldig uns fügen und Verzicht leiſten.“ — ĩ²sSͤͤ r ͤr glück Valerie'z ſt baute ſchon die Hand der zEntfernteſten. angen, dies zu uch ſeine Hoff⸗ e tiefe Wunde orbereitete, als hm anſcheinend nter der Maske er hat mir ſo reiſen gedenke. kten düſter auf „Hat er vill b iſe, ſich weiß b hegrindet,“ fiel 1 t verlobt— ht verlobt. düſtere Wolle — 251— „Müſſen wir das?“ fragte Valerie mit wachſender Erregung. „Müſſen wir in den Abgrund hinunterſpringen, wenn das Schickſal uns an den Rand deſſelben führt? Weshalb dürfen wir nicht verſuchen, eine Brücke zu bauen, die uns ſicher hinüberführt? Vater, wenn Otto geht, dann iſt für mich Alles aus, mein Glück iſt nur an ſeiner Seite.“ „Und ich?“ fragte Michelet, beſtürzt über dieſe wild auf⸗ lodernde Gluth der Leidenſchaft.„Gelte ich Dir nichts mehr?“ „Vergib mir, Vater, wenn ich Dir wehe gethan habe,“ bat das Mädchen mit zitternder Stimme.„Du weißt ja, wie ſehr ich Dich liebe! Aber es iſt doch eine ganz andere, gewaltigere Liebe, die mich an Otto kettet, die mein ganzes Sein mit ihm ſo innig verbindet, daß eine Trennung nicht nur mein Glück, auch mein Leben vernichtend treffen würde.“ „Die Zeit lindert jeden Schmerz, jede Wunde kann vernarben; ſei ſtark, mein Kind, bedenke, daß ich nur Dich habe.“ Valerie ſchüttelte traurig das Köpfchen. „Das habe ich mir Alles ſchon unzählige Male geſagt, ich habe verſucht, das Bild zu verdrängen, aber wer kann dem Gram gebieten? Ich vermag es nicht, Vater! Ich habe ſogar verſucht, den Undankbaren zu haſſen, aber wie kann ein Herz haſſen, das ganz von Liebe erfüllt iſt? Ich denke, es gibt vielleicht noch einen Weg, der über dieſen Abgrund hinüberführt. Otto iſt nicht verlobt. Er liebt eine junge Dame in ſeiner Vaterſtadt und hat noch nicht gewagt, ihr ſein Herz und ſeine Hand anzubieten. Es iſt eine platoniſche Liebe und er vermuthet nur, daß ſie Erwiderung findet. So hat Otto ſelbſt mir geſagt, eine Tante der jungen Dame correſpondirt mit ihm; von einer gegenſeitigen Verpflichtung, von einem Treueſchwur iſt keine Rede geweſen. Alſo bindet ihn nichts an ſie; wenn ſie mit einem Andern ſich verbindet, ſo hat Otto keine Berechtigung, ihr deshalb einen Vorwurf zu machen. Wie darf er nur ſagen, ſeine Ehre gebiete ihm, meine Liebe zu⸗ rückzuweiſen?“ In Sinnen verſunken, blickte Michelet lange ſchweigend vor ich hin. „Und wenn das auch iſt, wenn auch kein Gelübde ihn bindet, ſo begreife ich dennoch den Grund, der ihn zwingt, uns zu ver⸗ laſſen,“ erwiderte er endlich.„Jene Dame erwidert ſeine Liebe und er weiß es, ſie erwartet ſeine Heimkehr und darf die Ueber⸗ zeugung hegen, daß er alsdann ihr Herz und ihre Hand noch offen findet.“ „Aber ſie kann ihn nicht ſo lieben, wie ich.“ „Liebes Kind—“ „Nein, Vater, ſo tief und innig kann keine Andere ihn lieben.“ 252— Michelet hatte ſich erhoben; er war an's Fenſter getreten. „Mein Gott, wie wird das enden!“ ſagte er leiſe.„Ich Brücke, was meinteſt Du damit?“ „Es iſt eine Hoffnung, freilich eine ſchwache, aber auch die letzte Hoffnung.“ „Sprich ſie aus.“ „Man müßte jene Dame zu bewegen ſuchen, freiwillig Verzicht zu leiſten.“ Michelet ſchüttelte ablehnend das Haupt. „Das wird Dir nicht gelingen,“ ſagte er. „Wenn ich ihr mittheile, was hier vorgefallen iſt, wenn ich ſie einen Blick in meine Seele werfen laſſe, ſo muß ihr Zart⸗ gefühl ihr ſagen, daß ſie nicht zwiſchen mich und ihn treten darf. Und wenn Du der Tante ſchreibſt, ſo hoffe ich, wird auch dieſe ihr zureden, freiwillig zurückzutreten.“ „Und geſetzt, ſie thut es, was haſt Du erreicht?“ „Ach, dann kann Otto dieſe Verlobung, wie er es nennt, nicht mehr vorſchieben.“ „Glaubſt Du, er wird die Verzichtleiſtung annehmen? Ich glaube es nicht, Valerie, ein Ehrenmann—“ „Verſuchen wir es, Vater!“ „Wohl, ich will Deinen Wunſch erfüllen, obſchon ich voraus⸗ ſehe, daß Deine Hoffnung eine vergebliche iſt. Ich werde mit dem Freunde Otto's reden.“ „Wozu das?“ „Er ſoll mir die Adreſſe der Tante geben—“ „Ich kenne ſie.“ „Aber ich halte es für gut, durch ihn vorher etwas Näheres über die junge Dame zu erfahren.“ „Er wird ſeinem Freunde unſer Vorhaben verrathen,“ ſagte Valerie beſorgt. „Ich werde ſorgen, daß es nicht geſchieht, ſchreibe Du den Brief an die Dame und überlaſſe mir das Andere—“ Eine Stunde ſpäter trat Nikolas in das Kabinet Michelets, in welches er durch einen Werkmeiſter beordert worden war. Der Fabrikant ſchloß die Thüre und forderte ihn auf, Platz zu nehmen. „Ich wünſche über Ihren Freund mit Ihnen zu reden,“ ſagte er,„Sie wiſſen wohl, daß er uns verlaſſen will und ich ver⸗ muthe, Sie kennen auch die Gründe dieſes plötzlichen Entſchluſſes?“ „Wenn Otto ſie Ihnen nicht genannt hat—“ „Er hat ſie mir genannt, Sie kennen ſie auch?“ 4— tird das gte ſtü blicke mit ernſter Beſorgniß in die Zukunft, die wie eine ſchwarze V 4 Nacht vor mir liegt.— Aber Du ſprachſt ja vorhin von einer ter getreten. er leiſe.„c le eine ſchwarz orhin von einer jaber auch di ewillig Verzich iſt, wenn ich muß ihr Zart⸗ ihn treten darf. wird auch dieſe 120 4 es nennt, nicht nnehmen? Ich pon ich votaus⸗ Ich werde mit etwas Näheres errathen, ſagte hreibe Du den ent Michelets orden war. ihn auf, Pla „Ja.“ „So habe ich alſo nicht nöthig, ſie zu wiederholen. Otto ſtützt ſich auf die Verlobung mit einer jungen Dame—“ „Fräulein Schirmer in Köln.“ „Ganz recht, dieſe Dame iſt aber ſeine Braut nicht, es mag ſein, daß ſie ſeine Liebe erwidert, aber nichts bindet ihn an ſie. Nun wohl, wenn Otto von hier ſcheidet, ſo werde ich mein Kind wohl bald zu Grabe geleiten müſſen.“ „Das verhüte Gott!“ ſagte Nikolas beſiürzt.„Fräulein Va⸗ lerie wird—“ „Wird ihrem Grame erliegen, ich kenne ihre Leidenſchaftlichkeit,“ fuhr Michelet in dumpfem Tone fort.„Mir bleibt nur noch eine Hoffnung, die, daß Fräulein Schirmer Verzicht leiſtet und ihre Rechte an meine Tochter abtritt.“ Nikolas nickte gedankenvoll. „Es wäre entſetzlich, wenn dieſes Schickſal Sie und Ihr ein⸗ ziges Kind treffen ſollte,“ ſagte er.„Aber ich kann es nicht glauben, eine Reiſe wird Fräulein Valerie zerſtreuen, ein anderes Bild wird das meines Freundes verdrängen—“ „Sagen Sie das nicht, ich weiß beſſer, wie es kommen wird. Ich habe beſchloſſen, der jungen Dame zu ſchreiben, und ich hoffe, ſie wird eine Entſcheidung treffen, die ihrem Herzen Ehre macht.“ „Und was hoffen Sie dadurch zu erreichen?“ fragte Nikolas, „Otto liebt das Mädchen ſeit ſeiner Kindheit, die Bande, die ihn an ſie feſſeln, ſind zu ſtark, es wird Ihnen nicht gelingen, ſie zu löſen.“ „Ich fürchte das auch,“ erwiderte Michelet,„aber ich will den Verſuch machen, um ſpäteren Vorwürfen vorzubeugen. Wollen Sie mir bei dieſem Verſuche beiſtehen?“ „Wenn ich es vermag—“ „Sie vermögen viel über Ihren Freund.“ „Glauben Sie das nicht, Otto läßt ſich von Andern nicht leiten.“ „Aber Sie werden ihm zureden, ihn darauf aufmerkſam machen, daß Valerie ohne ihn nicht leben kann.“ „Ich werde ihm das ſagen.“ „Natürlich, ohne unſre Unterredung zu erwähnen, er darf nicht wiſſen, daß wir gewiſſermaſſen ein Complot gegen ihn geſchmiedet haben.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Nikolas,„wenn er dies erführe, würde er ſofort abreiſen. Ich will mit ihm reden, aber ich hege nicht die Hoffnung auf ein günſtiges Reſultat.“ Michelet blieb lange in Nachdenken verſunken, nachdem Nikolas ſich entfernt hatte. 3 5 — 254— Auch er hegte keine Hoffnung, er würde ja an Stelle Otto's ebenſo wie dieſer und nicht anders gehandelt haben, ſo ſah er denn recht düſter und mit bangem ſchwerem Herzen in die Zukunft. Was hatte er nun von ſeinem Reichthum? Der Verluſt des Liebſten, was er beſaß, ſtand ihm bevor, und alle ſeine Schätze reichten nicht aus, dieſem Verluſt vorzubeugen. Vierunddreißigſtes Kapitel. Der Liebe Kampf. Seitdem Karl Liebmann mit ſeiner Werbung um die Hand Eugenie's ſo energiſch zurückgewieſen war, hatte er nicht mehr gewagt, ſich noch einmal dem jungen Mädchen zu nähern. Anfangs war er entſchloſſen geweſen, ſich an dem Bruder Eugenie's wegen der ihm widerfahrenen Schmach zu rächen, aber da er keinen Weg fand, auf welchem er dieſen Entſchluß ohne Gefahr für ſeine eigne Perſon ausführen konnte, ſo ließ er ihn einſtweilen wieder fallen, mit dem Vorſatz, eine günſtige Gelegen⸗ heit dazu abzuwarten. Der Bankier verlor über die Werbung und deren Zurück⸗ weiſung keine Worte, er wollte den Willen und die Wahl ſeiner Tochter nicht beeinfluſſen. Angenehm war es ihm freilich nicht, daß dieſe Wahl auf Otto Schenk gefallen ſein ſollte; Tante Thereſe wußte das ſehr genau, denn mit ihr hatte der alte Herr zu verſchiedenen Malen ſehr ernſt darüber geredet, aber es fiel ihm nicht in den Sinn, hier energiſch einzuſchreiten, er hoffte, Eugenie werde ſelbſt einſehen, daß eine Heirath mit dem Handwerker, der es nach ſeiner Anſicht nicht viel weiter als zum Schloſſermeiſter bringen konnte, ihren Verhältniſſen und ihrer Stellung im ſocialen Leben nicht ange⸗ meſſen ſei. Dieſe Hoffnung wurde dadurch beſtärkt, daß Eugenie nie ein Wort über den jungen Mann äußerte, daß nie ein Brief aus Frankreich an ſie ankam und daß auch die Schweſter Otto's keinen Verſuch machte, ein vertrauliches Verhältniß mit der Geliebten ihres Bruders anzuknüpfen. Das letztere hätte ja ſehr nahe gelegen, Helene Schenk war nicht nur die Nachbarin, ſondern auch die einſtige Schulkameradin Stelle Otto⸗ den, ſo ſah er in die Zulunft. nd ihm bevor iſt vorzubeugen. um die Hand er nicht mehr nähern. n dem Bruder zu rächen, aber Entſchluß ohne ſo ließ er ihn nſtig Gelegen⸗ derm Zurüc⸗ die Wahl ſeiner Pahl auf Otte das ſehr genan, en Malen ſch den Sinn, hie ſelbſt einſehen G ſeiner Anſih n konnte, ihren ben nicht oug Eugerie rie 6 ein Brief dle Dtvis lim 255— Eugenie's und ſchon aus dieſen beiden Gründen einigermaßen be⸗ rechtigt, ſich der jungen Dame zu nähern. Aber von alledem geſchah nichts, das beruhigte den Bankier, trotzdem Alfred von der Rückkehr zur Univerſität ihm die Ver⸗ ſicherung gegeben hatte, Otto und Eugenie würden nie von ein⸗ ander laſſen. Freilich wußte der alte Herr nicht, was hinter ſeinem Rücken geſchah. Er hatte keine Ahnung davon, daß Tante Thereſe fleißig mit dem jungen Manne correſpondirte, daß ſie ſehr oft die Mutter Otto's beſuchte und daß Eugenie ſtets von Allem, was den Ge⸗ liebten betraf, ſehr genau unterrichtet war. Er wußte auch nicht, daß der Barbier Gabel der Tante Thereſe alle Vorfälle in der Familie Schenk brühwarm berichtete, alſo gewiſſermaßen der Zwiſchenträger war, der die Familien im⸗ mer enger verknüpfte. Das Alles wußte er nicht, alſo hatte er auch keinen Grund, ſich zu beunruhigen. Lange Zeit waren von Otto keine Nachrichten eingetroffen, endlich kam ein Brief von Nikolas, der die Eltern von der Ver⸗ wundung ihres Sohnes benachrichtigte, zugleich aber auch die tröſtende Mittheilung enthielt, daß Otto ſich ſchon auf dem Wege der Geneſung befinde. Für Eugenie waren das trübe, traurige Tage geweſen, Tante Thereſe hatte große Mühe, ſie von ihrem Entſchluſſe, ſofort hin⸗ zureiſen, um die Pflege des Verwundeten zu übernehmen, abzu⸗ halten. Nikolas ſchrieb nur öfter, ſeine Briefe beruhigten das Mädchen. Dann kam auch ein Brief von Otto an Tante Thereſe mit der Nachricht, daß es mit ſeiner Geneſung raſch vorwärts ſchreite, und dieſer Brief traf an demſelben Tage ein, an welchem Heinrich Schenk ſeine Hochzeit mit Bertha Liebmann feierte. Dieſe Hochzeit wurde, wie man das nicht anders erwarten konnte, in einer ſo großartigen Weiſe gefeiert, daß ſie ſogar in einigen Kreiſen das Tagesgeſpräch bildete. Auch im Hauſe Schirmer's kam ſie zur Sprache und bei dieſer Gelegenheit erfuhren die beiden Damen, daß der alte Herr keine beſondere Achtung vor dem Bräutigam hegte. „Er iſt ein Schwindler,“ ſagte er,„ein leichtſinniger Spekulant, dem man einiges Talent nicht abſprechen kann, der aber mehr Glück, wiemerſtand hat.“ „Abeie poebmann hat ihm doch die Hand ſeiner Tochter ge⸗ geben,“ ier a Tante Thereſe ein,„und Liebmann iſt als ein ſehr vorſichth ſin“ un bekannt.“ Fuͤnfm — 256— „Hm, was will das heißen!“ fuhr Schirmer achſelzuckend fort, während er emſig die Gläſer ſeiner goldenen Brille putzte. „Liebmann iſt ein Parvenu, einer von derſelben Sorte, zu der ſein Schwiegerſohn zählt. Ich weiß übrigens aus zuverläſſiger Quelle, daß Liebmann vor ſeiner Einwilligung dem jungen Herrn ſehr ſcharf auf den Zahn gefühlt und Garantieen gefordert hat.“ „Garantieen?“ fragte Eugenie befremdet. „Ja. Heinrich Schenk hat ſich im Ehevertrage verpflichten müſſen, ein Kapital von dreißigtauſend Thalern für ſeine Gattin zu deponiren. Liebmann hat dieſelbe Summe hergegeben, die Zinſen dieſes Geſammtkapitals bilden das Nadelgeld der jungen Frau. Kein Gläubiger kann dieſes Geld angreifen, es iſt das unbeſtrittene Eigenthum der Frau, die damit nach Belieben ſchalten und walten darf.“ „Hat denn der junge Mann ſchon ein ſo großes Vermögen ſich erworben, daß er dieſe Summe deponiren konnte?“ fragte Tante Thereſe. „Glück— reines Glück!“ erwiderte Schirmer.„Er hat im vergangenen Herbſt und im Winter viel gewagt und viel gewon⸗ nen. Freilich es hätte ſchief gehen können, aber ich glaube nicht, daß er ſich daraus etwas gemacht haben würde. Dieſe Leute ſpielen va banque, haben ſie genug gewonnen, ſo ziehen ſie ſich zurück, um fortan von ihren Renten zu leben, verlieren ſie Alles, ſo werfen ſie um und fangen dann wieder von vorne an. Hein⸗ rich Schenk hat enorme Summen gewonnen, freilich iſt es ihm dabei ganz gleichgültig ob durch ſolche Spekulationen die noth⸗ wendigſten Lebensbedürfniſſe des Proletariats und des Arbeiter⸗ ſtandes in die Höhe getrieben werden, wenn er nur ſein Schäfchen ſcheert, die Andern mögen ſeinetwegen verhungern.“ „Aber das iſt ja entſetzlich und unverantwortlich, daß es ge⸗ duldet wird!“ ſagte Eugenie. „Liebes Kind, der Staat darf den Handel nicht einſchränken, es gibt manchen Krebsſchaden, der nicht zu heilen iſt.— Na, nun kam noch dazu, daß ein Aſſocie Schenks ſtarb—“ „Ah— Bertram Scherenberg,“ fiel Tante Thereſe ein. „Er war ja auch ein Hazardſpieler?“ Der alte Herr nickte. „Und man ſagte damals, er habe ſich erſchoſſen.“ „Erſchoſſen nicht, aber man ſprach davon, er habe ſich das Leben genommen. Mag dem nun ſein, wie ihm welle, genug er ſtarb und laut Geſellſchaftsvertrag fiel ein Theil ſei&s Ver⸗ mögens an Schenk, der außerdem den Vortheil hatte, n allen ſpäteren ſehr bedeutenden Gewinnen die Hälfte ſtatt eischOrittel zu erhalten.“ ulkar ſekzutend fort e putzte. Sorte, zu der gefordert hat.“ ge derpflichten tr ſeine Gattin hergegeben, die eld der jungen n, es iſt das gelieben ſchalten ißes Vermögen onnte?“ fragte „Er hat im dd viel gewon⸗ H glaube nicht, Dieſe Kaute ziehen ſie ſich eren ſie Alles, ene an. Hein ih iſt es ihm enen die noth⸗ des Arbeiter⸗ ſein Schäſchen h, daß es g⸗ t einſchränken, Na, — 257— Tante Thereſe blickte nachdenklich vor ſich hin. „Da wird der alte Schenk wohl bald ſeine Wirthſchaft ſchlie⸗ ßen,“ ſagte ſie nach einer Pauſe. „Was ſollte ihn dazu veranlaſſen?“ fragte Schirmer. „Nun, ich denke doch, der reiche Sohn—“ „Wird ſeinen Eltern keinen Heller herausgeben, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Ich habe den jungen Herrn an der Börſe kennen gelernt und taxire ihn für einen Menſchen ohne Herz, ohne Gefühl. Und es wird ihm auch kaum etwas übrig bleiben von ſeinem Einkommen, er macht ein großes Haus, wirft das Geld mit vollen Händen zum Fenſter hinaus und zeigt überall, daß er ein reicher Mann iſt, der etwas draufgehen laſſen kann.“ „Aber ſeinen Bruder könnte er unterſtützen!“ meinte Tante Thereſe. „Den erſt recht nicht!“ erwiderte Schirmer.„Es würde ſeinen Stolz empfindlich beleidigen, wenn ſein Bruder ſich hier als Schloſſermeiſter etabliren wolle. Auf den Handwerker ſehen dieſe Leute mit ſouverainer Verachtung hinab.“ In dieſem Augenblick meldete die Magd, der Barbier wünſche ſein Geſchäft zu verrichten. „Nur herein!“ rief Schirmer.„Da hören wir vielleicht noch intereſſante Einzelnheiten über die Hochzeit.“ Caspar Melchior Gabel trat mit einem ſehr ſelbſtbewußten Lächeln auf den Lippen ein. Man ſah ihm an, daß er verſchiedene Neuigkeiten im Sack hatte und daß er ſtolz darauf war, den überraſchenden Inhalt dieſes Sackes auszuſchütten. „Na, Sie ſehen ja ſo vergnügt in's Wetter, als ob Ihnen etwas ſehr Angenehmes begegnet ſei,“ ſagte der Bankier, nachdem er ſich hingeſetzt hatte.„Spielen wohl in der Lotterie— he?“ „Nein, das beſorgt mein Nachbar Wacker für mich mit,„er⸗ widerte der Barbier, während er langſam ſeine Meſſer wetzte und dabei bald die Damen, bald den kleinen Herrn ſo pfiffig anblickte, als ob er ſie darauf aufmerkſam machen wolle, daß er mehr wiſſe, als er ſagen dürfe.„Wenn der einmal das große Loos ge⸗ winnt, wird's einen gewaltigen Halloh geben.— Ich mag's ihm gönnen,“ fuhr er gleich darauf mit gedämpfter Stimme fort,„er wird ohnehin in der nächſten Zeit vielen Kummer erleben.“ „Kummer?“ fragte Tante Thereſe neugierig, die ſich für alle Nachbarn intereſſirte.„Inwiefern?“ Ah, das wiſſen Sie nicht?“ v „Nein, nein.“ „Sie wiſſen nicht, daß ſeine Tochter—— ah, Fräulein Schirmer entſchuldigen Sie, ich hatte ganz vergeſſen, daß Sie an⸗ weſend ſind.“ Fuͤnfmalhunderttauſend Thaler. 17 ————. — 258— „Darf ich's nicht hören?“ fragte Eugenie lächelnd. „Na, man ſpricht nicht gern darüber im Beiſein junger Damen.“ „Na, was iſt's denn?“ fragte der Bankier ungeduldig. „Hm, das Fräulein liebt den Putz und das Vergnügen und die Mutter iſt eine zwar recht wackere, aber ziemlich einfältige und eitle Frau. Man ſagt, ſie habe das Verhältniß begünſtigt, und ich glaub's gerne, weil es ihr ähnlich ſieht.“ „Welches Verhältniß?“ fragte Tante Thereſe. „Na, mit einem reichen jungen Herrn. Es hieß, ſie ſei mit ihm verlobt, aber man dürfe noch nicht davon ſprechen, ſo lange der Vater nicht ſeine Einwilligung gegeben habe.“ „Ah— nun?“ „Sie hat ſich etwas allzutief mit dieſem Verlobten eingelaſſen und ich begreife nicht, daß die Eltern das noch nicht bemerkt haben.“ Der Bankier ſchüttelte den Kopf, ſprechen konnte er nicht, der Barbier hatte ihn inzwiſchen eingeſeift. „Mich dauert das arme Mädchen,“ ſagte Tante Thereſe,„es iſt wahrlich kein Kunſtſtück, ein Mädchen aus dieſem Stande zu verführen.“ „Aus dieſem Stande?“ erwiderte Gabel aufblickend.„Ich verſichere Sie, der Stand iſt nicht ſo ſchlimm, wie er gemacht wird. Tugend und Ehre ſind bei uns keine leeren Begriffe. Freilich, ein Mädchenherz zu gewinnen, iſt ſo ſchwer nicht, wenn man ein ſchönes Geſicht und die Taſche voll Geld hat, aber dieſes Fräulein iſt durch ihren Hochmuth und ihre Putzſucht gefallen. Ich hatte es gut mit Hermine Wacker vor, konnte ich ihr auch kein glänzendes Daſein bieten, ſie würde bei beſcheidenen An⸗ ſprüchen an meiner Seite ein recht glückliches Leben gefunden haben. Aber der Bartkratzer war ihr zu gering und meine Naſe gefiel ihr auch nicht, du lieber Gott, ich würde ſie natürlich beſſer gemacht haben, wenn ich ſelbſt ſie mir in's Geſicht geſetzt hätte, nun ſie aber einmal ein ſolches Scheuſal iſt, kann ich's doch nicht ändern!“ „Natürlich nicht,“ ſagte Tante Therefe,„übrigens gewöhnt man ſich raſch an den Anblick. Wer iſt denn eigentlich der Ver⸗ lobte des Mädchens?“ „Das habe ich auch ſchon gefragt,“ fuhr der Barbier fort, „aber weder Hermine, noch die Eltern wollen mit der Sprache herausrücken. Es ſei ein reicher Herr, ſagen ſie, aber ſein Name müſſe einſtweilen noch verſchwiegen bleiben. Nun frage ich Sie, iſt das eine richtige Sache?“ „Er wird wohl ein Ehrenmann ſein und ſie heirathen,“ ſagte der Bankier. chelnd. junger damen nngeduldig. z Vergnüͤgen un ſiemlich einfäli ültniß begünſtigt hieß, ſie ſei mi prechen, ſo langt lobten eingelaſſen cch nicht bemerkt inte er nicht, der mte Thereſe,„es fieſem Stande zu ufblicend.„Ih wie er gemact leeren Begtiffe wer nicht, wenn hat, aber dieſt⸗ utzſucht gefallen nte ich ihr uuh beſcheibenen An der Barbier fn mit der Srra aber ſeil frage ich 7¹ Nau heirathen, 9 — 259— Der Barbier ſchüttelte den Kopf. „Wiſſen Sie, ich bin von Natur ziemlich phlegmatiſch,“ ent⸗ gegnete er,„aber in ſolchen Dingen ſteigt mir denn doch die Galle raſch in's Blut. Ich wollte wiſſen, wer der Schuft war, und um das zu erfahren, folgte ich geſtern Abend dem jungen Mäd⸗ chen, als es in der Dämmerung das Haus verließ. Sie bemerkte mich nicht, ich ſah, daß ſie in ein Haus ging und dachte mir, in dieſem Hauſe müßten die geheimen Zuſammenkünfte ſtattfinden. Na, es währte denn auch nicht lange, als ein junger Herr hinein⸗ ging und dieſer Herr wird ſchwerlich ſie heirathen.“ „Sie kennen ihn?“ fragte Tante Thereſe. „Wir alle kennen ihn.“ „Nun?“ „Seine Schweſter feiert heute Hochzeit.“ Liebmann?“ rief Eugenie überraſcht. 71 „Er ſelbſt,“ erwiderte der Barbier mit bekräftigendem Kopf⸗ nicken. „Liebmann!“ ſagte der Bankier nachdenklich.„So haben wir dieſen Menſchen richtig taxirt. Daß er ſich dazu verſtehen wird, die Tochter des Schneiders zu heirathen, iſt allerdings unwahr⸗ ſcheinlich.“ „Das arme Mädchen!“ verſetzte Tante Thereſe. Na, ſie mußte das voraus wiſſen,“ erwiderte Gabel vor⸗ wurfsvoll,„ſo viel Erfahrung und Einſicht hat doch ein Jeder. Aber wie ich Ihnen ſagte, Hochmuth und Putzſucht, von einer innigen Neigung kann doch hier wohl keine Rede ſein, denn Lieb⸗ mann iſt ein ganz charakterloſer Menſch.— Auf dieſer Hochzeit könnte man überhaupt Studien machen,“ fuhr er fort, während er ſeine Meſſer behutſam in die Serviette wickelte,„von außen Pracht und Glanz und drinnen Moder! Das Brautpaar geht gleichgültig aneinander vorbei, nicht die Liebe, das Gold hat dieſe Ehe ge⸗ ſchloſſen. Der Bruder der Braut, der dort natürlich unter den jungen Damen eine große Rolle ſpielen wird, ein herzloſer Schuft, der Aſſocie des Bräutigams—“ „Der alte Herr Scherenberg?“ fragte Schirmer, als der Barbier zögerte.„Was iſt's mit ihm?“ „Das werden Sie doch beſſer wiſſen, wie ich.“ „Ich weiß überhaupt nicht, worauf Sie anſpielen.“ „Man ſpricht doch an der Börſe darüber.“ „Ueber Scherenberg?“ „Na ja.“ „Ich verſichere Sie— 8 „Na, ich hab's von mehreren Seiten, mit dem alten Herrn ſoll es ſchlimm ausſehen.“ -41 47* — 260— „Inwiefern?“ „Man ſagt, ſein Verſtand habe gelitten.“ „Davon habe ich nichts gehört,“ ſagte der Bankier überraſcht. „Dann wird man's wohl verheimlichen wollen, der Firma wegen,“ erwiderte der Barbier.„Begreiflich iſt es, der plötzliche Tod ſeines einzigen Sohnes muß ihn angegriffen haben, er hatte auf ihn ſeine Hoffnungen gebaut.“ Der alte Herr nickte gedankenvoll. „Begreiflich wäre es,“ ſagte er,„aber ich kann's doch nicht gut glauben.“ Der Barbier näherte ſich der Thüre. „Trotz all' dieſem Elend wird die Hochzeit mit einem Glanze gefeiert, als ob ſie der Vermählung einer Fürſtentochter gelte,“ verſetzte er,„es iſt unglaublich, was da Alles gegeſſen und ge⸗ trunken werden ſolll Da werden der Frau Schenk die Augen überlaufen,— na, ich ſage Ihnen, die dünkelhafte Aufgeblaſen⸗ heit dieſer Frau überſteigt alle Grenzen! Der Heinrich iſt das Goldſöhnchen, ſeitdem er ſich mit der reichen Dame verlobt hat, die anderen Kinder gelten nichts mehr.“ Der Bankier ſchritt, nachdem der Barbier ſich entfernt hatte, lange nachdenklich auf und ab. „Von außen Glanz,“ ſagte er nach einer Weile,„aber wenn man einen Blick hinter die Couliſſen werfen kann, ſieht man ja oft das Elend und das Laſter!“ „Da iſt es denn doch beſſer, die Zukunft ſeines Kindes dem ehrlichen, ſtrebſamen Handwerker anzuvertrauen, als dem reichen Wüſtling und Verſchwender!“ erwiderte Tante Thereſe. Der alte Herr warf ihr einen Blick zu, der deutlich verrieth, daß er die Abſicht dieſer Antwort durchſchaute. „In jedem Stande gibt's tugendhafte und laſterhafte Menſchen,“ entgegnete er ruhig,„man darf nicht das Kind mit dem Bade ausſchütten. Sie ſind nicht alle, wie dieſer Liebmann, Gott ſei Dank, aber man muß die Augen offen halten und nicht auf den 8 äußeren Schein allein gehen. Einſtweilen können wir uns freuen, daß Herr Liebmann ſich hier einen Korb geholt hat.“ 1 Er nahm nach dieſen Worten ſeinen Hut und ging hinaus. lier überriſch I, der Fium der plötzliche aben, er hatte ins doch nicht einem Glanze tochter gelte, geſſen und ge⸗ nk die Augen Aufgeblaſen⸗ inrich iſt das e verlobt hat, entfernt hatte, „„aber wem ſieht man ja Kindes dem dem reichen eſe. tlich vertiet te Menſchen, it dem Bade unn, Gott ſei nicht auf den er uns freulen, un ſinms Fünfunddreißigſtes Kapitel. Hinter den Couliſſen. Im Hauſe Liebmann's ging es in der That ſo hoch her, daß man hätte glauben ſollen, der Bewohner dieſes Hauſes müſſe ſein Vermögen nach Millionen ſchätzen können. Eine ganze Orangerie war im Vorhauſe aufgepflanzt, die Steinplatten des Hausflurs deckten weiche Teppiche; Marmorſtatuen und koſtbare Vaſen auf hohen Poſtamenten ſtanden zwiſchen den Lorbeer⸗ und Orangen⸗ Bäumen und ein reich gallonirter Diener, der nichts weiter zu thun hatte, als die Thüre zu öffnen und die Gäſte zurechtzuweiſen, wanderte mit gravitätiſcher Miene unter dem dunklen Grün auf und ab. Die Treppe, die hinauf zum Saale führte, war mit Blumen⸗ Guirlanden geſchmückt, Blumen lagen auf jeder Stufe, zarte, duftige Kinder des Frühlings, die gepflückt waren, um zertreten zu werden. Oben auf dem Korridor ſtand ein zweiter Diener in reicher Livree und mit weißen Handſchuhen, er führte die Gäſte zur Garderobe und aus dieſer geleitete ein dritter Diener ſie in den Saal, in welchem das Feſt gefeiert wurde. Die Ausſchmückung des Saales mußte jeden Eintretenden über⸗ raſchen. Man konnte nicht ſagen, daß ſie ſinnig war, im Gegentheil, man mußte ſie überladen und geſchmacklos nennen, aber ſie erfüllte doch inſofern ihren Zweck, als ſie den Reichthum Liebmann's Jedem in's Auge fallen ließ. Reiche Draperien von Sammet oder Seide in den grellſten Farben wechſelten mit Kränzen und Guirlanden ab, koſtbare Oel⸗ gemälde in breiten, ſchweren Goldrahmen ſchmückten die mit einer dunklen Sammettapete bekleideten Wände. Im Hintergrunde ſah man einen mit ſilbernen Geſchirren be⸗ ladenen Tiſch, und da bereits auf der Tafel eine Unzahl von ſolchen Geſchirren in allen denkbaren Formen prangte, ſo mußte man ſich unwillkürlich fragen, wozu jene dienen ſollten, wenn ſie nicht allein den Zweck hatten, den Reichthum des Parvenues zu beweiſen. Spiegel, die vom Fußboden bin hinauf zur bemalten Decke reichten, werthvolle Penduluhren, ſilberne Armleuchter und Pokale, 262 koſtbare Porzellanvaſen und Nippſachen, Gruppen und Statuetten ſah man überall, wohin man auch den Blick wenden mochte. Und nun erſt die Tafel ſelbſt, an der mehr denn hundert Perſonen ſaßen! Sie brach faſt unter der Laſt der ſilbernen, kryſtallenen und porzellanenen Gefäße, in denen die ſeltenſten Gerichte, die theuerſten Weine und die feinſten Früchte aufgetiſcht waren. Einige zwanzig Diener wanderten hinter den Stühlen umher, bald hier, bald dort einen Gaſt bedienend, während aus einem Nebenzimmer, welches mit ſeinen Bäumen und blühenden Stauden⸗ gewächſen einem Garten glich, die heiteren Klänge der Muſik in den Saal hineinſchallten. Und inmitten dieſes Glanzes und dieſer überladenen Pracht ſaß die Braut an der Seite ihres nunmehrigen Gatten ſtrahlend wie eine Königin. Das Diamanten⸗Diadem auf ihrem Haupte funkelte in allen Farben, es wetteiferte mit dem Blitzen des Goldes und dem matten Glanz der Perlen, die Hals und Buſen ſchmückten. Bertha war eine blendende Schönheit, man mußte es zugeben, aber ihre Schönheit erwärmte und bezauberte nicht, ſie ließ kalt, man konnte ſie nur bewundern. Auch Heinrich war ein ſchöner Mann, und wenn man die Beiden beiſammen ſah, mußte man geſtehen, daß ſie in allen Stücken zueinander paßten, ihre äußere Schönheit war eine trüge⸗ riſche Hülle, hinter der dünkelhafter Hochmuth und Herzloſigkeit ſich bargen. Schon aus dem Arrangement der Tafel ging dieſer Hochmuth deutlich hervor. Liebmann, der reiche Fabrikant und deſſen Sohn, die Freunde des erſteren, unter denen einige Commerzienräthe und Bankiers ſich befanden, ſowie die reichen Freundinnen der Braut ſaßen am oberen Ende der Tafel in der Nähe des Brautpaares, während die ſchlichten Eltern Heinrichs unten beim Comptoirperſonal vorlieb nehmen mußten. Bertram Schenk erkannte die Abſicht und es lag in der Natur der Sache, daß ſeine ohnehin nicht ſehr zufriedene Stimmung da⸗ durch nur noch mehr getrübt wurde, während die Mutter Heinrichs in dem Glücke ſchwelgte, an der Tafel dieſes reichen Mannes ſitzen zu dürfen. Sie ließ es ſich auch nicht nehmen, in die Unterhaltung am oberen Ende einzugreifen, unbekümmert darum, daß ſie dadurch die Regeln des Anſtandes und der Bildung verletzte, ſie mußte doch zeigen, daß ſie berechtigt war, eine Hauptrolle bei dieſem Feſte zu übernehmen. Sie bemerkte nicht einmal, daß ſie durchaus Statuetten mochte. enn hundett allenen und ie theuerſten ſ 9 hlen umher, aus einem n Stauden⸗ r Muſik in enen Pracht en ſtrahlend te in allen und dem kten. es zugeben, ate ließ kalt, m man die ie in allen eine trüge⸗ zerzloſigkeit Hochmuth ie Freunde Bankiers ſaßen am wäührend . nal vorlieb der Natur mmung da⸗ Heinrich Mannes altung am ie dadurc ſie mußte bei dieſem 3 durchals — 263— nicht beachtet wurde, daß ſogar mitunter ein Blick der Gering⸗ ſchätzung ſie traf, und als Bertram Schenk es endlich für ſeine Pflicht hielt, ſeine Gattin darauf aufmerkſam zu machen, erw iderte ſie achſelzuckend, ſie wiſſe ſehr wohl, daß man ſie beneide, indeß Neider ſeien beſſer, wie Mitleider. Mancher Trinkſpruch wurde ausgebracht, auf das Brautpaar, auf Liebmann, auf die anweſenden Damen, auf das deutſche Vater⸗ land und ſo weiter, nur die Eltern Heinrichs erfreuten ſich dieſer Ehre nicht und dem Bräutigam fiel es nicht in den Sinn, die anweſenden Gäſte auf ſeinen biedern, ehrenwerthen Vater auf⸗ merkſam zu machen. Der Mutter fiel dies nicht auf, ſie legte keinen Werth auf eine ſolche Ehrenbezeugung, aber der Schenkwirth fühlte die Geringſchätzung heraus, ſie bewog ihn, die Tafel zu verlaſſen, bevor das Deſſert aufgetragen wurde und heimzukehren. Niemand nahm davon Notiz, nicht einmal Heinrichs Mutter, die ruhig ſitzen blieb, mit dem Vorſatz, bei ihrer Heimkunft dem Herrn Gemahl gründlich den Kopf zu waſchen. Als die Stunde der Abreiſe des Brautpaares nahe gerückt war, gab Heinrich ſeinem alten Buchhalter einen Wink. Die Beiden gingen hinaus und traten in ein anſtoßendes Gemach. „Wir haben bereits ziemlich ausführlich über die Leitung des Geſchäfts während meiner Abweſenheit geredet,“ nahm Heinrich das Wort,„nachdem die Beiden Platz genommen hatten,„aber es iſt da noch ein Punkt, auf den ich Sie aufmerkſam machen möchte, da man ja nicht wiſſen kann, was möglicherweiſe ſich ereignet. Iſt Ihnen in dem Weſen und Benehmen Scherenbergs nichts Beſonderes aufgefallen?“ Der alte Mann blickte befremdet den Fragenden an und ſchüttelte dann ablehnend das Haupt. „Ich wüßte nicht, was mir aufgefallen ſein ſollte, er.„Seit wann?“ „Im Allgemeinen ſchon ſeit dem Tode ſeines Sohnes, im Be⸗ ſonderen erſt in den jüngſten Wochen.“ „Er iſt ſo ſchweigſam und gedrückt—“ „Haben Sie nicht etwas Wirres in ſeinem Blick bemerkt?“ „Nein.“ „Etwas Unheimliches?“ „Durchaus nicht.“ „Alh, dann ſind Ste em ſchlechter Beobachter, ſagte Heinrich unmuthig,„mir iſt das ſofort aufgefallen, der alte Mann hat ſich ja ſeit jenem Tage ganz bedeutend verändert.“ Der Blick des Buchhalters ruhte mit dem Ausdruck wachſender Beſtürzung auf den Zügen des jungen Mannes. “ erwiderte — 264 „Sie vermuthen doch nicht—“ „Lieber Herr, ich vermuthe nichts mehr, ſeitdem ich Gewißheit habe,“ unterbrach Heinrich ihn raſch, nich kann jetzt nur noch fürchten. Ich verlaſſe mich auf Ihre Verſchwiegenheit; der Ver⸗ ſtand des alten Mannes hat ſo ſehr gelitten, daß ich ernſtlich einen Ausbruch von Tobſucht befürchte.“ „Mein Gott!“ „Still, die Sache muß unter uns bleiben, ganz unter uns, verſtehen Sie?“ „Aber es iſt ja nicht möglich!“ ſagte der Buchhalter entſetzt. „Nicht möglich?“ bemerkte Heinrich achſelzuckend.„Bedenken Sie den jähen, herben Verluſt,— es hat Mancher über gering⸗ fügigere Dinge den Verſtand verloren. Bedenken Sie, was dem plötzlichen Tode ſeines Sohnes vorherging, die Vorwürfe, die der alte Mann ſich ſpäter darüber gemacht hat, daß der Wechſel nicht ſofort eingelöſt worden iſt—“ „Aber er iſt ſo vernünftig, ſo ruhig—“ „Natürlich, wenn Sie ihn für einen kurzen Augenblick ſehen, bemerken Sie die Geiſtesabweſenheit nicht, ſo weit iſt die Zer⸗ rüttung ſeines Verſtandes noch nicht gediehen, daß ein oberfläch⸗ licher Beobachter ſie ſofort entdecken müßte. Aber mir, der ich häufiger mit dem alten Manne verkehre, konnte dieſer traurige Zuſtand nicht verborgen bleiben.“ Der Buchhalter machte eine Geberde, welche noch immer ſtarken Zweifel ausdrückte. „Geben Sie Acht, es wird nicht lange mehr währen,“ fuhr Heinrich ruhig fort, njedenfalls iſt es rathſam, bei Zeiten Vor⸗ kehrungen zu treffen. Haben Sie die Güte, den alten Herrn genau zu beobachten, aber nicht ſo, daß es ihm auffallen muß; ſobald Sie ein Symptom bemerken, welches Anlaß zu ernſten Be⸗ ſorgniſſen gibt, theilen Sie es mir ſofort mit, ich werde in dieſem Falle meine Reiſe abbrechen und unverzüglich zurückkehren. Der alte Mann nickte. „Lange bleibe ich ohnehin nicht, das Geſchäft erlaubt mir nicht, eine weite Reiſe zu machen. Ich werde über Paris nach London reiſen und mich in beiden Städten nur einige Tage aufhalten, hauptſächlich, um dort Geſchäftsverbindungen anzuknüpfen.“ „Alſo mehr Geſchäftsreiſe?“ warf der Buchhalter ein. „Verſteht ſich, ſo lange man jung iſt, muß man die Zeit be⸗ nutzen, ſpäter findet ſich zum Vergnügen immer noch Zeit genug.“ „So werden Sie binnen vierzehn Tagen wohl zurück ſein?“ „Hoffentlich, ich ſchreibe Ihnen darüber noch näher. Alſo Sie halten ein ſcharfes Auge auf den alten Herrn gerichtet?“ „Wenn Sie es wünſchen.“ ich Gewißheit lett nur noch eit, der Ver ernſtlich einen 3 unter Uns, lter entſetzt A„Bedenken über gering⸗ te, was dem ürfe, die der Wechſel nicht enblick ſehen, iſt die Zer⸗ in oberfläch⸗ mir, der ich ſer traurige umer ſtarken gren,“ fuhr geiten Vor⸗ alten Herrn fallen muß; ernſten Be⸗ de in dieſem ren. tnir rict, ach London auffalten, en.“ „Das Intereſſe der Firma fordert es.“ „So werde ich natürlich Ihrem Wunſche nachkommen, lehne aber jede Verantwortlichkeit ab.“ „Ich übernehme ſie,“ entgegnete Heinrich kühl.„Nur Eins fordere ich vor Allem, Verſchwiegenheit!“ „Sie dürfen ſich auf mich verlaſſen.“ „Gut, nach meiner Rückkehr werde ich über die Erhöhung Ihres Gehaltes mit Ihnen reden. Sie werden ohnehin eine freiere, ſelbſtſtändigere Stellung in meinem Hauſe erhalten, wenn der alte Herr—— indeß, wir wollen hoffen, daß es nicht ſo weit kommt. Leben Sie wohl, ich erwarte Ihren erſten Brief in Paris.“ Der Buchhhalter hatte ſich erhoben, er ſtand im Begriffe, ſich zu entfernen, als Karl Liebmann haſtig mit unverkennbaren Zeichen der Aufregung eintrat. 3 Heinrich winkte dem alten Maͤnne, das Zimmer zu verlaſſen und richtete an ſeinen Schwager die Frage, was die Urſache dieſer ihm auffallenden Aufregung ſei. „Du mußt mir helfen,“ erwiderte Liebmann,„die Kohle liegt mir auf dem Fuß, der elende Wucherer will ſein Geld haben und ich kann doch jetzt nicht meinem Vater ſagen, wie die Dinge ſtehen.“ „Weshalb nicht?“ fragte Heinrich ruhig.„Einmal muß es doch geſchehen.“ „Ja, ja, das ſehe ich wohl ein, aber jetzt nicht.“ „Bah— je eher, je beſſer!“ „Heinrich, ich begreife nicht, wie Du mir das anrathen kannſt!“ erwiderte Liebmann fieberhaft erregt.„Du weißt doch ſelbſt, daß die Rechnungen, die morgen und übermorgen einlaufen, ihn ver⸗ ſtimmen werden, in dieſe Stimmung mag ich nicht hineinfallen mit meinen Geſtändniſſen.“ „So muß der Jude prolongiren!“ ſagte der Heinrich kühl. „Er will nicht.“ „Ah— weshalb nicht?“ „Er meint, die Summe ſei nun groß genug.“ „Wie groß iſt ſie?“ „Jetzt zwölftauſend Thaler.“ „Dann iſt ſie in der That groß genug.“ „Du gibſt ihm Recht?“ „Gewiß. Würdeſt Du an ſeiner Stelle vielleicht nicht Dein Geld verlangen?“ Liebmann zuckte die Achſeln. „Davon iſt keine Rede,“ erwiderte er,„was ich an ſeiner Stelle thun würde, weiß ich nicht, ich habe mich noch nie in dem angenehmen Falle befunden, eine ſo große Summe ausſtehen zu haben.“ — 266— „Aber was Du ausſtehen hatteſt, haſt Du ſtets ſehr raſch einzutreiben gewußt. Was willſt Du nun von mir?“ „Du mußt mir helfen.“ „Zeige mir den Weg.“ „Lieber Gott, wozu die vielen Worte!“ ſagte Liebmann un⸗ geduldig,„Du haſt das Geld flüſſig, ſtrecke mir die Summe vor, Du weißt ja, daß Du ſie zurückerhalten wirſt.“ Ein ironiſches Lächeln glitt über das Geſicht Heinrichs. „Das iſt ſehr leicht geſagt,“ erwiderte er.„Eine Summe von zwölftauſend Thaler hat ein Geſchäftsmann niemals flüſſig.“ „Aber Du haſt ja von meinem Vater geſtern dreißigtauſend Thaler erhalten!“ „Und ich habe zu dieſer Summe aus meiner eigenen Kaſſe hinzu zahlen müſſen,“ ſagte Heinrich gemeſſen,„dieſer ganze Be⸗ trag liegt feſt in Staatspapieren, über welche nur Deine Schweſter verfügen kann. Dein Vater iſt ein Schlaukopf, Karl, er zieht ſich nicht eher aus, bis er zu Bett geht. Du kannſt denken, daß die Zahlung von dreißigtauſend Thaler, die ich dem Geſchäfts⸗ fonds entziehen mußte, mich ſehr ſtark angegriffen hat, ich könnte es nicht verantworten, wollte ich eine weitere Summe heraus⸗ nehmen, die Exiſtenz der Firma würde dadurch bedroht werden.“ „Redensarten!“ ſpottete Liebmann gereizt,„Dir ſtehen ſo viele Wege offen—“ „Aber nicht ein einziger, auf dem ich das Geld ſcheffelweiſe finde,“ fuhr Heinrich ihn unterbrechend, fort.„Ich kann Dir nicht helfen.“ „Dann muß ich Bertha bitten—“ „Dort kommt ſie, ich glaube nicht, daß Du noch Zeit findeſt, ihr Dein Anliegen vorzutragen, wir wollen ſogleich abreiſen.“ Die junge Frau ſtand auf der Schwelle des Zimmers, ſie hatte ihr Reiſekleid bereits angelegt. „Es iſt Zeit,“ ſagte ſie kühl, ſich zu ihrem Gatten wendend, „der Wagen wartet.“ „Ein Wort, Bertha!“ verſetzte Liebmann, und in dem Tone, in welchem er das ſagte, lag ſo viel Angſt und fieberhafte Auf⸗ regung, daß Bertha ihm unmöglich die Bitte abſchlagen konnte. „Mach's kurz,“ nahm Heinrich das Wort,„Du hörſt, der Wagen wartet ſchon und Du kannſt nicht verlangen, daß wir Deinetwegen unſere Reiſe aufſchieben ſollen.“ Bertha blickte fragend, bald den Gatten, bald den Bruder an, die kalte, gemeſſene Ruhe des Einen und die furchtbare Erregung des Andern mußten ſie in hohem Grade befremden. „Um was handelt es ſich?“ fragte ſie „Mit wenigen Worten, um eine Summe von zwölftauſend ſehr raſch nann un⸗ nme vor, s. Summe flüſſig.“ digtauſend nen Kaſſe anze Be⸗ Schweſter er zieht nken, daß Geſchäfts⸗ ich könnte e heraus⸗ werden.“ nſo viele jeffelweiſe kann Dir it findeſt iſen” mers, ſie wendend, im Tone, afte Auf⸗ konnte. prſt, der daß wit ruder an, Erregung älftauſend — 267— Thaler, die Du ihm von Deinem Heirathsgut vorſtrecken ſollſt,“ fuhr Heinrich mit ſchneidender Kälte fort.„Er hat das Geld am Spieltiſch verloren und fürchtet nun die Vorwürfe und den Zorn des Vaters. Morgen ſoll er das Geld zahlen, der Wechſel iſt in den Händen eines Wucherers, der vorausſichtlich mit aller Strenge gegen ihn vorgehen wird.“. „Und da ſoll ich das Geld dazu hergeben?“ erwiderte Bertha überraſcht. 8 4 „Heinrich ſagte mir, Du könneſt allein über Deine Mitgift verfügen,“ warf Liebmann ein, auf deſſen Stirne der Schweiß in großen Tropfen perlte. 4 3 „So iſt es in der That.“. „Und da dieſes Heirathsgut ſechszigtauſend Thaler beträgt—“ „So meinſt Du, ich könne davon zwölftauſend ohne Weiteres zum Fenſter hinauswerfen?“ „Ich zahle ſie Dir ſammt den Zinſen von meinem Erbe zurück.“ Bertha blickte fragend ihren Gatten an. „Das iſt eine ſchlechte Sicherheit,“ ſagte Heinrich achſelzuckend, „wer weiß, welche Forderungen ſpäter an dieſes Erbe gemacht werden!“ Liebmann warf ſeinem Schwager einen zornigen Blick zu. „Du haſt doch wahrhaftig keine Urſache, mir zu mißtrauen und mich der Verzweiflung in die Arme zu ſchleudern,“ erwiderte er,„bedenke gütigſt Deine Vergangenheit—“ „Da ſiehſt Du, welchen Dank Du ernten würdeſt,“ wandte Heinrich ſich zu ſeiner Gattin.„Der erſten Anleihe würden an⸗ dere folgen und wenn Dein ganzes Heirathsgut durch ſeine Hände gewandert wäre, hätteſt Du ſtatt der Rückerſtattung des Geldes nur den Hohn eines Undankbaren zu erwarten.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte Bertha kalt.„Zudem kann ich die Zinſen meines Heirathsgutes nicht entbehren und Du wirſt ſie ſchwerlich mir zahlen können. Ich bedauere, wende Dich an den Vater, er kann Dir ja einen Theil Deines zukünftigen Erbes vorab geben.“ „Herzloſe Egoiſten!“ knirſchte Liebmann, während er den Bei⸗ den, die das Gemach vexlaſſen wollten, raſch in den Weg trat. „Ihr wüßt ſelbſt ſehr wohl, daß der Vater dieſem Verlangen nicht Folge geben wird, daß mir nichts übrig bleibt, als eine Wahl zwiſchen der Schande und dem Tode! Haha, Heinrich ver⸗ ſteht es ja meiſterhaft, denen die er beſeitigen will, dieſe Wahl aufzudrängen, Bertram Scherenberg war der Erſte, ich ſoll, wie es ſcheint, der Zweite ſein.“ Ein glühender Blick des Haſſes traf aus den Augen Heinrichs 5 — 268— den jungen Mann, der, ein Bild der Verzweiflung, mit verzerrten Zügen und geballten Fäuſten vor ihm ſtand. „Ueber dieſe Anklage gehe ich ruhig hinweg,“ ſagte er,„ſie trifft mich nicht. Ich kann Dir kein Geld geben und daß Bertha es nicht thun will, verdenke ich ihr nicht. Gehe zu dem Wucherer hin, er iſt mir zu Dank verpflichtet und wird mir zu Liebe warten, bis ich von der Reiſe zurückgekehrt bin. Sage ihm, das ſei mein Wunſch, auf deſſen Erfüllung ich vertraue; wenn ich wieder hier bin, wollen wir ſehen, was zu machen iſt, vielleicht rede ich ſelbſt mit dem Vater. Jetzt geh', wir haben keinen Augen⸗ blick mehr zu verlieren.“ Liebmann trat beiſeite, er ſah ein, daß er nichts erreichen konnte. Theilnahmlos, ohne ein Wort der Ermuthigung, kaum das Haupt zum Abſchiedsgruße neigend, ſchritten die Beiden an ihm vorbei. Vor der Thüre auf dem Korridor erwartete die Mutter Hein⸗ richs das junge Ehepaar, offenbar in der Abſicht, Abſchied von ihm zu nehmen. Ueber das ſchöne, ſtolze Geſicht Bertha's lagerte ſich eine düſtere Wolke. „Sie wird uns eine Scene machen,“ flüſterte ſie ihrem Gatten zu.„Bedenkt dieſe Frau denn nicht, daß die Dienerſchaft ſich darüber luſtig machen wird?“ Heinrich nickte; er ſchritt raſch auf ſeine Mutter zu, die mit freudeſtrahlendem Geſicht ihm entgegen kam. „Geh' hinein,“ ſagte er leiſe,„überall gaffen die Diener, das Brautpaar muß man unbemerkt abziehen laſſen.“ Verdutzt blickte die alte Frau den Beiden nach, die mit ſtolz erhobenem Haupte die Treppe hinunter ſtiegen. Sie ſchüttelte den Kopf, eine ſolche Zurechtweiſung war ihr noch nicht vorgekommen. Aber Heinrich mußte ja wiſſen, was ſich ſchickte, es war viel⸗ leicht beſſer, daß er ſie darauf aufmerkſam gemacht hatte. Sie kehrte in den Saal zurück, und das ſtolze, ſelbſtbewußte Lächeln umſpielte wieder ihre Lippen, als ſie neben dem alten Buchhalter Platz nahm. 3 t verzerrten te er, yſie daß Bertha n Vucherer 4 r zu Liebe 1 eihm das—yy wenn ih— t, vielleicht nen Augen⸗ . 1 3 erreichen 15 kaum das en an ihm atter Hein⸗ bſchied von e ſich eine tem Gatten rſchaft ſi 1, die mit 3. diener dds 1“ 4 12 4 mit ſtolz n wor ihr var vie⸗ . bſtbewußte dem alten n 2 rey Control Chart as Vellow Hed Magenta Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Edujard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Jfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr Abends 8 Uhr offen. 2. Leropnleien Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe zmuß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher:. 4 Büc cher: 6 Bücher auf 1 Monat: 1 M Mk.——f 1 Mk. 50 50 Pf 2 Mk.— Pf. „ 2 3 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſthſindte zerriſſenet, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— F das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflie et. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 T Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1I 11 554 920 D e hcg 2. wahre Erzühlung aus der Ernſt Kaiſer, Jaeilen ut Oberhauſen. Verlagshandlung von Ad. Spaarmann. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Geheime Inſtructionen. Jakob Herz hatte heute ſeinem Schreiber erlaubt, den Nach⸗ mittag zu einem Ausfluge zu benutzen, er war ſogar ſo freigebig geweſen, ihm einen Thaler hinzuwerfen mit dem Bemerken, er möge ſich einmal einen recht vergnügten Nachmittag verſchaffen. Bernhard Schenk hatte von dieſer Erlaubniß Gebrauch ge⸗ macht, es kam ſo ſelten vor, daß er ſich ein Vergnügen bereiten durfte, weshalb ſollte er heute die Gelegenheit, nach der er ſo oft ſich ſehnte, zurückweiſen? Was ſein Prinzipal vorhatte, wußte er nicht, aber daß ein wichtiges Geſchäft, welches dem Schreiber geheim bleiben ſollte, ihn zu jener Freigebigkeit bewog, unterlag für ihn keinem Zweifel. Er haßte dieſen Mann, ſeitdem er ſo ſchnöde um den ver⸗ ſprochenen Lohn in der Erbſchaftsangelegenheit betrogen worden war, aber er konnte einſtweilen dieſen Haß noch nicht befriedigen, weil zu ſtarke Bande ihn an den Wucherer feſſelten. Das Geld aus Rio de Janeiro war in guten Wechſeln an⸗ gekommen, die Ouittung darüber ſchon an den Conſul zurückge⸗ gegangen, aber bis heute hatte Jakob Herz noch keine Silbe über die Belohnung ſeines Schreibers fallen laſſen. Bernhard Schenk war wüthend darüber, aber er konnte ihn nicht zwingen, ſein damaliges Verſprechen, wenn auch theilweiſe nur, zu erfüllen. Er konnte eben ſo wenig ihm den Raub entreißen, denn er ſelbſt war ja der Mitſchuldige, das Urtheil, welches über den Wucherer geſprochen wurde, traf auch ihn. Selbſt, wenn er dem rechtmäßigen Erben unter dem Siegel der Verſchwiegenheit den Betrug berichtete, die gerichtlichen Ver⸗ handlungen mußten ſeine Theilnahme an's Licht bringen und ſeine Verhaftung zur Folge haben. Das Alles wußte Jakob Herz ſehr wohl, und deshalb auch fiel es ihm nicht ein, die Verſchwiegenheit ſeines Schreibers zu erkaufen, der zufrieden ſein mußte, wenn der Wucherer ihm die Mittel zur Beſtreitung der nothwendigſten Bedürfniſſe gab. Während nun Bernhard Schenk an dem heiteren, ſonnigen Nachmittage über den Rhein wanderte, um in Mülheim den — 270— Thaler zu verjubeln, ſchritt Jakob Herz nachdenklich in ſeinem 3. Bureau auf und ab. Un „Er hat ein raſendes Glück,“ ſagte er, nachdem er, ſeine Wan⸗ i derung unterbrechend, den offenen Brief, der auf ſeinem Pulte d lag, noch einmal geleſen hatte,„ein Glück, welches ich nicht be⸗ greifen kann! Ah,— er ſpeculirt vortrefflich, dieſer junge Herr. net Laß' ſehen, der alte Scherenberg wird beſeitigt, dann iſt das ganze Geſchäft ſein alleiniges Eigenthum, das Geſchäft ſammt den Fonds! ih Ferner, dieſer Karl Liebmann ſoll genöthigt werden, ſich den Paß für das Zuchthaus auszuſtellen—— vortrefflich, er wird mo⸗ n raliſch und bürgerlich todtgeſchlagen, der Alte aufgehetzt, ihn zu 3 enterben—— hm, hm, der junge Menſch hat Verſtand! Uebri⸗ He gens mir kann's gleichgültig ſein, durch ihn habe ich ein gutes lich Geſchäft gemacht, und es iſt nicht mehr als recht und billig, daß ich ihn unterſtütze. Das liegt ja anch in meinem Intereſſe. dar Weigere ich mich, ſeinen Anordnungen Folge zu leiſten, ſo iſt mein Geld verloren, trotz Wechſel und Unterſchrift.“ m Der alte Mann nahm ſeine Wanderung wieder auf, er blieb un nach einer Weile am Fenſter ſtehen und blickte auf den Hofraum der hinaus. Lange ruhte ſein Blick ſtier und nachdenklich auf dem Schutt⸗ hel haufen, dann und wann bewegte er die Lippen oder er zuckte die no Achſeln, oder er machte eine audere unwillkürliche Geberde, aus der hervorging, daß ſeine Seele ſich ſehr angelegentlich mit der un Verfolgung eines Gedanken beſchäftigte. Si „Wenn man hinter den Schleier blicken könnte!“ ſagte er endlich leiſe.„Richtig iſt die Sache nicht. Ein Schlagfluß ſoll ic ihn getödtet haben? Bah, weshalb wird es verheimlicht, daß der fa junge Menſch ſelbſt ſich das Leben genommen hat? Wie ſagte auch noch der Gerichtsſchreiber, der es aus beſter Quelle wußte? al Blauſäure! Wie kommt ein Menſch auf die Idee, ſich mit Blau⸗ nu ſäure zu vergiften? Und woher hat er ſie erhalten? Ich habe dem jungen Herrn auf den Zahn gefühlt, ich ſah, daß er erſchrak, als ich ihm den Namen„Blauſäure“ ins Geſicht warf.— Wenn D man dahinter kommen könnte! Na— weshalb zerbreche ich mir M den Kopf darüber? Mich kümmert's ja weiter nicht.— Aber es ad wäre wegen der braſilianiſchen Erbſchaft gut, wenn ich's wüßte. Geſetzt, Bertram Schenk wittert Lunte und ſtellt Nachforſchungen 4 an, ſo könnte ich ihm im entſcheidenden Augenblicke die Wahl 5 ſtellen zwiſchen der Verzichtleiſtung auf die Erbſchaft oder der Ver⸗ öffentlichung jenes Geheimniſſes, die ſeinen Sohn auf's Schaffot * bringen würde.“ be Wieder ſchritt der Wucherer lange auf und ab, er dachte offen⸗ 3 3 bar über die Wege nach, auf denen er dieſes Ziel erreichen konnte. — 271 Als der Abend dämmerte, bemächtigte ſich ſeiner eine wachſende Unruhe, er warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Schwarz⸗ wälder Uhr, die in einer Ecke des Zimmers hing, und ſchüttelte dann jedesmal bedenklich das Haupt. „Er wird nicht kommen,“ ſagte er,„Schenk hat ſich verrech⸗ net. Wahrſcheinlich zieht er vor, ſeinem Vater gute Worte zu geben,— mir kann's recht ſein; wenn ich mein Geld erhalte, bin ich's zufrieden.“ Er zündete die Lampe an und öffnete eine eiſerne Schatulle, in der er ſeine Dokumente aufbewahrte. Cine Stunde mochte verſtrichen ſein, während welcher Jakob Herz den Inhalt der Schatulle ſorgfältig geprüft hatte, als plötz⸗ lich die Hausglocke ungeſtüm gezogen wurde. Der Wucherer ging hinaus, um zu öffnen, er kehrte gleich darauf, von Karl Liebmann begleitet, zurück. Der junge Mann trug unter dem Paletot noch den Frack und die weiße Weſte, aber der Ausdruck ſeiner verſtörten Züge und ſein wirrer Blick ließen ihn eher als einen Leidtragenden, denn als einen Hochzeitsgaſt erſcheinen. „Ich komme noch einmal zu Ihnen,“ ſagte er,„trotzdem Sie heute Morgen mich ſo barſch abgewieſen haben. Sie müſſen mir noch einmal einen Ausſtand bewilligen.“ „Ich habe Ihnen die Gründe genannt, die mir das verbieten,“ unterbrach der Wucherer ihn rauh,„ich meine, dieſe Gründe müßten Sie anerkennen!“ „Aber Sie haben doch früher nie an dieſe Gründe gedacht,“ fuhr Liebmann mit wachſender Erregung fort,„Sie waren doch früher ſtets bereit, die Wechſel zu prolongiren.“ „Ja früher— aber endlich muß es doch einmal ein Ende haben,“ ſagte Herz barſch.„Die Summe iſt nachgerade hoch ge⸗ nug angelaufen, auf dem Papier nützt ſie mir nichts.“ In den Augen Liebmann's blitzte es auf. „Wodurch iſt ſie ſo hoch angelaufen?“ erwiderte er gereizt. „Durch Ihre Zinsrechnung. Sie beträgt jetzt ſchon nach ſechs Monaten zwölf tauſend Thaler, und doch habe ich damals nur achttauſend vierhundert Thaler erhalten.“ Der Wucherer nickte, ein höhnendes Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „So iſt es,“ ſagte er ruhig,„aber bedenken Sie auch den Riſiko!“ „Welchen Riſiko?“ „Du lieber Gott, iſt mir denn das Geld ſo ſicher? Sie haben einen reichen Vater, ich gebe es zu, aber wenn dieſer Herr Ihre Schulden nicht tilgen will?“ „So bleibt Ihnen—“ — 272— „Natürlich das Schuldgefängniß! Ich kann Sie hinein bringen und dort für meine Rechnung füttern laſſen.“ „Wozu der Spott?“ fuhr Liebmann auf.„Mein Vater lebt nicht ewig, wenn er die Augen geſchloſſen hat, können Sie auf mein Erbe Beſchlag legen.“— „Sonderbar,“ ſpottete der Wucherer,„ich habe noch keinen Schuldner Ihres Schlages gehabt, der ſich nicht auf dieſe faule Redensart geſtützt hätte. Und doch wiſſen die Herren ſehr genau, daß ſie bis zu einer gewiſſen höchſt unbedeutenden Summe enterbt werden können, daß der Erblaſſende in ſeinem Teſtamente Be⸗ ſtimmungen treffen kann, die den Gläubigern ſeines hoffnungsvollen Sohnes das leere Nachſehen laſſen.“ „Befürchten Sie das auch bei mir?“ fragte Liebmann, dem das Blut in die Wangen ſchoß. Jakob Herz zuckte die Achſeln. „Ich kenne die Menſchen,“ fuhr er mit kühler Gemeſſenheit fort,„ſo lange ſie mich nöthig haben, beugen ſie den ſtolzen Nacken vor mir, und wenn es ſein muß, küſſen ſie ſogar meine Schuh⸗ ſohlen. Aber hinter dem Rücken wünſchen ſie, daß der Teufel mich lothweiſe holen möge und wenn ſie mich um meine Forderung betrügen können, thun ſie es mit boshafter Freude. Ich traue Keinem weiter, als ich ihn ſehe und ich geſtehe Ihnen aufrichtig, es wäre mir lieber, wenn ich das Geſchäft mit Ihnen nicht ge⸗ macht hätte!“ „Das ſind Vorausſetzungen, die meine Ehre beleidigen,“ ent⸗ gegnete Liebmann, bebend vor Wuth.„Trotzdem Sie mich über den Löffel barbirt haben, werde ich meine Schuld auf Heller und Pfenning tilgen.“ „Es wird mir lieb ſein.“ „Aber morgen kann ich es noch nicht.“ „Natürlich, und wenn Sie es könnten, thäten Sie es nicht. Es iſt ſo bequem, die Erfüllung läſtiger Verbindlichkeiten bis zum Tode des Vaters zu verſchieben. Ich werde mein Geld ſchon erhalten, verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Wenn Sie das wiſſen, weshalb wollen Sie mir den Aus⸗ ſtand nicht bewilligen? Sie verdienen dabei wieder eine hübſche Summe.“ „Ich kann mit dem baaren Gelde mehr verdienen.“ „Fordern Sie.“ „Bah— ich ziehe vor, das Geld einzukaſſiren.“ „Warten Sie wenigſtens ſo lange bis mein Schwager zurück iſt.“ „Wird er Ihnen helfen?“ ſpottete Herz. „Er hat es mir verſprochen.“ „Bringen Sie mir ſeine Bürgſchaft ſchriftlich.“ einen unerf Schu ſchft geſch der C lau nacj bringen gater lebt auf mein ch keinen eſe faule r genau, ie enterbt ente Be⸗ gsvollen — 273— „Sie hören ja, daß er verreiſt iſt,“ ſagte Liebmann ungeduldig. „Er erklärte mir, Sie ſeien ihm zu Dank verpflichtet und würden ſeinen Wunſch, mir Ausſtand zu geben, gewiß erfüllen.“ „Was nützt mir der Wunſch?“ erwiderte der Wucherer mür⸗ riſch.„So ſehr bin ich ihm nicht verpflichtet, daß ich dieſer Ver⸗ pflichtung wegen zwölftauſend Thaler in die Schanze ſchlagen müßte.“ „Wenn er dieſen Wunſch ausgeſprochen hat, wird er auch dafür ſorgen, daß Sie durch die Erfüllung deſſelben nicht in Verluſt kommen.“ „Das ſagen Sie!“ „Herrgott, iſt Ihnen denn mein Schwager nicht gut für den Betrag?“ „Wenn ich ſeine Bürgſchaft habe, allerdings.“ Liebmann ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden und warf einen Blick des glühendſten Haſſes dem alten Manne zu, der eine unerſchütterliche Ruhe bewahrte, aber nichts deſto weniger ſeinen Schuldner ſehr ſcharf beobachtete. „Mein Schwager wird entweder nach ſeiner Rückkehr die Bürg⸗ ſchaft übernehmen, oder mit meinem Vater reden,“ ſagte er, „geſchieht nichts von den Beiden, ſo bleibt Ihnen ja noch immer der Weg offen, gegen mich vorzugehen.“ Jakob Herz verſank in Nachdenken, Liebmann athmete auf, er glaubte, hoffen zu dürfen. „Wie lange wünſchen Sie den Ausſtand?“ fragte der Wucherer nach einer Weile. „Drei Monate.“ „Das iſt ſehr lange.“ „Ich fürchte, eine kürzere Friſt wird mir nicht viel nützen.“ „Bleibt Ihr Schwager ſo lange aus?“ „Das nicht, aber er muß einen günſtigen Augenblick abwarten, wenn er mit meinem Vater darüber reden will.“ „Drei Monate,“ erwiderte Herz nachdenklich.„Das iſt eine lange Zeit, ich könnte mit dem baaren Gelde in dieſer Friſt mindeſtens tauſend Thaler verdienen.“ „Das ſcheint mir denn doch etwas zu hoch gegriffen,“ ſagte Liebmann erbittert. „Durchaus nicht.“ „Tauſend Thaler für drei Monate? Das wären ja, auf's Jahr berechnet, drei und dreißig ein drittel Prozent.“ „Ich kann mit dem baaren Gelde fünfzig verdienen,“ fuhr Herz gleichmüthig fort.„Fragen Sie Ihren Vater, wie viel er an ſeinen Cigarren verdient, es werden wohl auch vierzig Prozent herxaus kommen.“ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 18 274 „Sei es denn,“ erwiderte der junge Manne mit gepreßter Stimme,„ich will das Opfer bringen.“ Er hatte bereits die Feder ergriffen und aus ſeinem Porte⸗ feuille ein Wechſelformular genommen. „Halt,“ ſagte der Wucherer, deſſen ſtechender Blick mit durch⸗ dringender Kraft auf dem Antlitz Liebmann's ruhte,„verſtändigen wir uns zuvor über die Sicherheit, die ſie mir geben wollen.“ Liebmann blickte befremdet auf. „Wir vernichten den alten Wechſel und ich ſtelle einen neuen aus,“ entgegnete er,„ſo haben wir's ja bei jeder Prolongation gehalten.“ „Das genügt mir nicht mehr.“ „Weshalb nicht?“ „Ein Wechſel auf Ihre Firma bietet mir keine Sicherheit mehr. Ich kann nicht wiſſen, ob Ihr Vater nicht Wind über Ihre Lebensweiſe und Ihre Schulden erhalten hat, ob das Cir⸗ culair, in welchem er Ihnen die Unterſchrift entzieht, nicht ſchon in der Druckerei liegt. Was iſt dann der Wechſel für mich? Ein werthloſer Wiſch, der mich nur berechtigt, Sie, nicht aber die Firma einzuklagen.“ Die Adern auf der Stirne des jungen Mannes waren drohend angeſchwollen. „Was wollen Sie Beſſeres von mir?“ erwiderte er mit heiſerer Stimme.„Ich kann Ihnen keine Bürgſchaft beibringen.“ „Ziehen Sie den Wechſel auf ein anderes hieſiges Geſchäftshaus.“ „Glauben Sie, ein anderes Geſchäftshaus wird meine Schulden bezahlen?“ ſpottete Liebmann. „Das nicht, aber ich darf dann die Ueberzeugung hegen, daß Sie Alles aufbieten werden, um die Vorzeigung dieſes Wechſels zu verhüten.“ „Aber wozu das?“ rief Liebmann ungeduldig.„Das ſind Nebenwege, die—“ „Die mir eine Bürgſchaft bieten.“ „Worin ſollte die Bürgſchaft liegen?“ „In Ihrer Furcht vor dem Criminalgericht.“ „Das verſtehe ich nicht.“ „Na, wenn Sie ein falſches Accept—“ „Das muthen Sie mir zu?“ unterbrach Liebmann den Wucherer erboſt.„Ich ſoll einen falſchen Wechſel anfertigen?“ „Ich muthe Ihnen nichts zu,“ erwiderte Herz ruhig.„Ihrem freiem Ermeſſen überlaſſe ich's, ob Sie meinen Vorſchlag annehmen wollen oder nicht.“ Liebmann trocknete die naſſe Stirne und blickte lange düſter vor ſich hin. 1 n — = „Ich kann das nicht,“ ſagte er. 3 „Gut, ſo werde ich morgen den Wechſel vorzeigen und, wenn er nicht eingelöſt wird, Proteſt erheben laſſen.“ „Mein Gott, bin ich denn ſchon ſo tief geſunken, daß ch die Bahn des Verbrechens betreten muß?“ rief der junge Mann verzweifelnd. „Das iſt Ihre Schuld allein,“ entgegnete der Wucherer achſel⸗ zucken „Ich will den Wechſel auf jede beliebige Firma ausſtellen, wenn Sie das wünſchen, aber das falſche Accept erlaſſen Sie mir.“ 4 „Eben das verlange ich.“ „Sie wollen mich alſo zwingen, ein Fälſcher zu werden? „Ich will mir die Sicherheit verſchaffen, daß Sie bis zum Verfalltage für Deckung ſorgen werden.“ „Mein Schwager— „Was er thun wird, kümmert mich einſtweilen noch nicht, er wird keine Bürgſchaft für Sie übernehmen.“ Liebmann hatte die Feder hingelegt, das Haupt auf den Arm geſtützt, ſah er ſtier vor ſich hin. „Sie ſtellen den Wechſel aus, acceptiren ihn im Namen des Bezogenen und ich laſſe ihn in meiner Kaſſe liegen bis zum Ver⸗ falltage. Löſen Sie ihn dann ein, ſo wird Niemand die Fälſchung erfahren.“ „Und wenn ich es nicht thue?“ „Ah— ſehen Sie, da haben wir's ſchon! Sie haben nicht den ernſten Willen—“ „Mein Gott, wenn ich nun nicht kann!“ „Ihr Schwager will Ihnen ja helfen!“ „Ganz gut,— aber—“ „Sehen wir davon ab,“ ſagte Herz kalt,„ſorgen Sie dafür, daß das Geld morgen bereit liegt, ſo iſt die Geſchichte geordnet. Ohne Geld oder eine ſichere Bürgſchaft warte ich nicht länger.“ „Sie ſind ein Teufel!“ knirſchte Liebmann.„Wer Ihnen in die Hände fällt, der iſt verloren.“ „Weshalb ſind Sie hineingelaufen?“ ſpottete Herz.„Ich habe Sie nicht gerufen.“ „Damals ſagten Sie mir, wenn ich nicht zahlen könne—“ „Brechen wir ab, wir haben Worte genug verſchwendet, ich werde morgen „Sei es denn, ich will den Wechſel ausſtellen,“ unterbrach der junge Mann ihn. „Und acceptiren?“ „„Ich muß ja. Aber nur unter der Bedingung, daß Sie ſchweigen und den Wechſel in Ihrer Kaſſe liegen laſſen. Alſo dreizehntauſend Thaler?“ „Sagen Sie fünfzehntauſend.“ „He— Sie wollen—“ „Ruhig. Ich denke mir, Sie ſind augenblicklich abgebrannt, ſchreiben Sie fünfzehntauſend, ſo zahle ich Ihnen achtzehnhundert Thaler aus. Es wäre ja möglich, daß Sie mit dieſem Gelde am grünen Tiſch Glück hätten!“ Liebmann nickte, das Anerbieten war ihm ſehr willkommen, er hätte nicht gewagt, den Wucherer um ein weiteres Darlehn anzuſprechen. „Auf wen ſoll ich den Wiſch ausſtellen?“ fragte er. „Nehmen Sie irgend eine Firma— warten Sie, hier habe ich die Unterſchrift der Herren Otto Schirmer und Sohn, die Handſchrift iſt der Ihrigen ziemlich ähnlich.“ Der junge Mann füllte das Formular aus; noch einmal zögerte er, es ſchien faſt, als ob er die Vorwürfe des Vaters dem Verbrechen vorziehen wolle, denn er machte eine Bewegung, als ob er entſchloſſen ſei, die Feder niederzulegen und den Wechſel wieder zu vernichten. Aber dieſen Entſchluß, wenn er wirklich in ſeiner Seele erwacht war, ließ er ſehr raſch wieder fallen, mit feſter Hand unterzeichnete er das Accept. Die Fälſchung war geſchehen, es hing jetzt nur noch von dem Wucherer ab, ob die Thore des Zuchthauſes ſich für den Sohn des reichen Fabrikanten öffnen ſollten. Jakob Herz prüfte den Wechſel ſehr ſorgfältig und über⸗ reichte darauf dem jungen Herrn einige Päckchen Banknoten, die dieſer, ohne ſie zu zählen, in die Taſche ſchob. „Ich hoffe, Sie werden nun den Verfalltag nicht vergeſſen,“ ſagte er ernſt,„Sie wiſſen ja, wie ſchwer das Geſetz die Wechſel⸗ fälſchung beſtraft.“ „Und ich hoffe, Sie werden Ihr Wort halten und den Wechſel nicht aus den Händen geben,“ erwiderte Liebmann noch immer fieberhaft erregt,„thun Sie das letztere, ſo erhalten Sie von Ihrer ganzen Forderung keinen rothen Pfennig.“ Er eilte hinaus, ohne das höhnende, teufliſche Lächeln zu be⸗ merken, welches bei ſeinen letzten Worten über das hagere Geſicht des Wucherers glitt. Er war ſich ſehr wohl der ſchweren Schuld bewußt, die er ſich aufgeladen hatte, er kannte ſehr genau die Folgen, welche ſie haben konnte und wenn es ihm jetzt noch freigeſtanden hätte, den geſchehenen Schritt rückgängig zu machen, ſo würde er es ohne Bedenken gethan haben. ———hJ————, — . — 4 Es war zu ſpät! Liebmann konnte dem Netze, in welchem ey gefangen war, nicht mehr entrinnen. Er würde das ſchon jetzt gewußt haben, wenn er geahnt hätte, das aio Herz nach den geheimen Inſtructionen Heinrich Schenk's andelte. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Der Kampf der Liebe. Mehrere Tage waren nach der Hochzeit Heinrich's verſtrichen, als Tante Thereſe und Eugenie die Briefe Michelets und Valerie's erhielten. Das war ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel, der in die ſchönen herrlichen Luftſchlöſſer vernichtend hineinfuhr. Eugenie las den Brief Valerie's zu wiederholten Malen, der Inhalt deſſelben beſtürzte und erſchütterte ſie. Auch Tante Thereſe, die ſonſt nicht ſo leicht ihre heitere Laune verlor, die ſtets in allen Verhältniſſen ſofort einen Ausweg fand, war beſtürzt und rathlos. „Das iſt ein harter, ſchwerer Kampf,“ ſagte ſie,„ein Kampf zwiſchen Liebe und Pflicht. Die Menſchenpflicht gebietet Dir, zu⸗ rückzutreten, Deinen Anſprüchen zu entſagen und dadurch das Leben derjenigen zu retten, die ihm das Leben gerettet hat.“ Eugenie nickte wehmüthig, eine Thräne ſchimmerte in ihren großen ſchönen Augen. „Kann ich denn Anſprüche und Rechte geltend machen?“ er⸗ widerte ſie.„Er iſt nicht an mich gebunden, er weiß ja nicht, daß und wie ſehr ich ihn liebe.“ „Dennoch glaube ich nicht, daß Otto das Opfer annehmen wird,“ fuhr Tante Thereſe fort,„er weiß von dieſem Schritt nichts, er hat das Anerbieten des Fabrikanten mit feſter Ent⸗ ſchloſſenheit zurückgewieſen.“. Weiter waren die Verhandlungen noch nicht gediehen, als die Magd die Nachricht brachte, Frau Schenk laſſe Fräulein Thereſe Stern um eine kurze Unterredung bitten. Tante Thereſe nickte bedeutſam.. „Die weiß es auch ſchon,“ ſagte ſie, und es ſchien, als ob dieſe Nachricht ihr die ganze Elaſticität ihres Geiſtes zurückgegeben — 278— habe,„ſie wird mich beſtimmen wollen, Dich zur Entſagung zu bewegen, ich kenne dieſe würdige Dame, die vor allen Dingen den materiellen Vortheil im Auge hat.“ „Geh' hinüber und höre, was ſie will,“ erwiderte Eugenie, „ich werde inzwiſchen meinen Entſchluß faſſen.“ „Nur nicht übereilt, liebes Kind.“ „Was wäre da zu übereilen? Dieſe junge Dame hat gerechte Anſprüche auf ſeine Liebe, er kann und darf nicht undankbar ſein—“ „Bah, das iſt romantiſche Mondſcheinſchwärmerei,“ warf Tante Thereſe geringſchätzend ein.„Wenn Otto Dir treu bleiben will, ſo haſt Du kein Recht, ihm deshalb zu zürnen.“ Tante Thereſe bekräftigte ihre letzte Anſicht durch ein ſehr lebhaftes Kopfnicken und entfernte ſich mit dem Verſprechen, ſo raſch wie möglich zurückzukehren. Frau Schenk hatte nicht allein ihrem Gatten, ſondern auch ihrer Tochter befohlen, bei der Unterredung mit Fräulein Stern zugegen zu ſein und ſie in ihrem Vorhaben kräftig zu unterſtützen. So fand denn Tante Thereſe die ganze Familie verſammelt, ſie errieth ſofort die nahe liegende Abſicht, die keineswegs geeignet war, ſie zur Nachgiebigkeit geneigt zu machen. „Wir haben einen Brief aus Frankreich erhalten,“ nahm Frau Schenk das Wort, nachdem Tante Thereſe ſich auf den ihr ange⸗ botenen Stuhl niedergelaſſen hatte.„Sie nehmen an unſerm Sohne Otto einen herzlichen Antheil, daß wir Ihnen den Inhalt dieſes Briefes nicht vorenthalten dürfen.“ „Otto ſelbſt hat Ihnen geſchrieben?“ fragte Tante Thereſe, während ſie mit ihren klugen Augen die Hausfrau forſchend anblickte. „Er ſelbſt nicht, ſein Prinzipal,“ fuhr die Mutter zögernd fort,„es handelt ſich um die Zukunft unſeres Sohnes. Die Tochter ſeines Prinzipals liebt Otto, ſie wiſſen ja, daß ſie ihn in ſeiner Krankheit ſo aufopfernd gepflegt hat. Herr Michelet iſt ein ſehr reicher Mann und Valerie ſein einziges Kind.“ Ich gratulire!“ ſagte Tante Thereſe trocken. „So weit ſind wir noch nicht,“ warf Bertram Schenk ein, während er geräuſchvoll eine Prieſe nahm.„Es iſt da noch ein Haar in der Butter—“ „Welches ſich aber ſehr leicht entfernen läßt,“ ergänzte Frau Schenk, ihrem Gatten einen unwilligen Blick zuwerfend.„Herr Michelet iſt bereit, ſeine Einwilligung in die Verlobung ſeiner Tochter mit unſerm Sohne zu geben und ihm nach der Hochzeit die Leitung des ganzen Etabliſſements zu übertragen, aber Otto glaubt ſich gebunden. Er hat ſeinem Prinzipal erklärt, er dürfe 4 — — 279— die Liebe des Fräuleins nicht erwidern, weil er bereits verlobt ſei. Ich begreife nicht, weshalb er ſich dieſer Lüge ſchuldig ge⸗ macht hat.“ „Eine Lüge?“ fragte Tante Thereſe ruhig. „Allerdings, Sie wiſſen doch auch, daß zwiſchen Fräulein Sahiener und unſerm Sohne eine Verlobung nicht ſtattgefunden at?“. „Ach ſol Nein.“ „Alſo iſt es eine Lüge geweſen.“ „Eine Lüge nun wohl nicht, Mutter,“ ſagte Helene,„Otto liebt Fräulein Schirmer und hegt die Ueberzeugung, daß ſeine Liebe erwidert wird—“ „Was weißt Du davon?“ fuhr Frau Schenk, über dieſen Widerſpruch entrüſtet, auf.„Selbſt, wenn dem ſo wäre,— ein Spatz in der Hand iſt beſſer als eine Taube auf dem Dache! Und hier hat er die Taube in der Hand, während der Spatz auf dem Dache ſitzt.“ „Ein ſehr ſchmeichelhafter Vergleich für Fräulein Schirmer, Madame!“ ſagte Tante Thereſe ruhig.„In der That, ſie mit einem Spatz auf dem Dache zu vergleichen—“ „Ich ſagte das nur in Bezug auf das Vermögen.“ „Ach ſo!“ „Herr Michelet iſt ein ſteinreicher Mann, ich weiß nicht, wie viele Arbeiter er beſchäftigt, aber es geht in die Tauſende hinein.“ „Ich denke, bei der Wahl der Lebensgefährtin handelt es ſich in der Hauptſache doch nicht um die Mitgift,“ wandte der Schenk⸗ wirth ein.„Ob ſie einige Groſchen mehr oder weniger hat—“ „Das iſt Dir natürlich gleichgültig!“ ſpottete die Mutter. „Wenn's nach Deinem Kopf gegangen wäre, hätte Heinrich Fräu⸗ lein Liebmann auch nicht geheirathet—“ „Nein, wahrhaftig nicht!“ platzte Bertram Schenk heraus.„Ich haſſe nichts mehr, als dieſen dünkelhaften Hochmuth!“ „Und wenn Du eine ſolche Stellung einnähmeſt und ein ſo großes Haus machen könnteſt, würdeſt Du nicht beſſer ſein, wie alle Andern,“ fuhr die Hausfrau mit beißender Ironie fort. „Schließlich freut es Dich doch recht innig, daß unſer Heinrich ein ſo reicher, angeſehener Mann geworden iſt.“ Der Schenkwirth zuckte die Achſeln und nahm eine Prieſe; was er dachte, durfte er nicht ſagen. „Und ebenſo reich und angeſehen wird unſer Otto, wenn er ſein Glück feſthalten will, ich begreife nicht, daß er das nicht ein⸗ ſieht! Fabrikant klingt doch beſſer, wie Schloſſergeſelle—“ „Mit Deinen großen Roſinen, die Du ſtets im Sack gehabt haſt, iſt es allein auch nicht gut,“ entgegnete Schenk, den der Hochmuth ſeiner Gattin erbitterte.„Otto iſt ein vernünftiger, ehrenwerther Menſch, er wird ſelbſt am beſten wiſſen, weshalb er auf das ihm angebotene Glück, wie Du es nennſt, verzichtet.“ „Weshalb?“ fuhr Frau Schenk auf.„Herr Michelet ſchreibt es ja ganz ausführlich. Wegen der angeblichen Verlobung mit Fräulein Schirmer. Eine ſchöne Verlobung! Die Beiden haben nie ein Wort miteinander gewechſelt, und wenn Otto um die Hand dieſes Fräuleins werben wollte, würde Herr Schirmer dem armen Schloſſergeſellen mit dürren Worten die Thüre zeigen.“ „Na, was kümmert das uns!“ ſagte der Schenkwirth unge⸗ duldig.„Otto muß wiſſen, was er zu thun hat, in dergleichen Dingen ſollen die Eltern nicht eingreifen.“ „Das ſage ich auch,“ erwiderte Tante Thereſe, die noch nicht zu Wort kommen konnte,„man muß in dieſem Punkt den Dingen ruhig ihren Lauf laſſen.“ „Wenn Otto zweifelhaft wäre, würde er doch ſelbſt geſchrieben haben,“ meinte Helene. Frau Schenk ſchien dieſe Oppoſition nicht erwartet zu haben. „Wenn man das nicht einſieht, dann will man's nicht einſehen,“ ſagte ſie, ſich mehr und mehr ereifernd, während ſie mit den Händen auf den Tiſch einen Parademarſch trommelte,„ein ſolches Glück wird Wenigen und auch dieſen nur einmal im Leben ge⸗ boten! Freilich, wenn die gebratenen Tauben angeflogen kommen, darf man den Mund nicht ſchließen, wer das thut, iſt ein Thor und ein Narr zugleich. Fräulein Schirmer kann durchaus keine Anſprüche auf unſern Sohn machen, Fräulein Stern, das bitte ich zu berückſichtigen, ſie hat nicht das Recht, ſich zwiſchen Otto und Fräulein Michelet zu ſtellen und die Beiden eines Glückes zu berauben, welches ihnen wohl nie wieder geboten wird!“ „Hei, das geht ja, wie ein Rad am Dampfwagen!“ ſagte der Schenkwirth, während er zu dem Parademarſch den Takt auf dem Deckel ſeiner Doſe ſchlug. „Fräulein Schirmer wird alſo nichts dagegen einwenden kön⸗ nen, wenn ich ſie bitte, in dieſem Sinne an Fräulein Michelet zu ſchreiben,“ fuhr die Mutter fort, ohne den Einwurf ihres Gatten zu beachten,„das wird unſerm Sohne die Augen öffnen und ihn von der thörichten Idee, daß eine frühere Verlobung ihn binde, heilen.“ Ein ſarkaſtiſches Lächeln umſpielte die Lippen der Tante Thereſe. „Das wäre ein Vorſchlag zur Güte,“ ſpottete ſie.„Fräulein Schirmer ſoll an Fräulein Michelet ſchreiben, ſie kenne zwar den Menſchen von Anſehn, aber Anſprüche könne ſie an ihn nicht machen und weil ſie das nicht könne, ſo verzichte ſie auf alle Rechte. Natürlich ſoll ich das Fräulein dazu überreden, es han⸗ ———.— — 281— delt ſich ja um eine glänzende Stellung für Ihren Herrn Sohn, der Gott ſei Dank, geſundere Anſichten hat, wie ſeine Frau Mutter! Ich danke für dieſen Auftrag, bin überhaupt der Mei⸗ nung, daß man in ſolchen Dingen ſich ganz zurückhalten ſoll. Ehen werden im Himmel geſchloſſen, Madame, nicht im Familien⸗ kreiſe, und ich denke, Otto und Eugenie können's beide noch ruhig abwarten. Otto hat Verſtand und Talent, er wird ſeinen Weg zu finden wiſſen, vor einem Manne, der ſein Glück durch eine Heirath gründen muß, habe ich keine Achtung. Und mit dem Haſchen nach Reichthum und Anſehen kommt man gemeiniglich auch nicht weit;— wie gewonnen, ſo zerronnen!“ Der Schenkwirth lächelte und nickte und machte ſogar einen Verſuch, mit den kleinen runden Händen Beifall zu klatſchen, nur ein ſtrafender, zürnender Blick ſeiner Gattin hielt ihn ab, dieſes Vorhaben auszuführen. In den Augen der Mutter ſprühte und loderte eine verzehrende Gluth, aus dem Parademarſch war ein vollſtändiger Trommel⸗ wirbel geworden. „Ah— Sie denken, wenn unſer Sohn einmal reich ſei und dann als angeſehener Fabrikant zurückkehre—“ „Davon kann vorläufig keine Rede ſein,“ fuhr Tante Thereſe, der gereizten Frau ins Wort fallend, fort,„ich habe mir Ihres Sohnes wegen noch keine Illuſionen gemacht und finde auch keinen Grund, das jetzt zu thun. Meinetwegen mag er Fräulein Michelet heirathen, ich werde ihm nichts in den Weg legen, im Gegentheil, es würde mich freuen, wenn er ſein Glück dadurch begründete, aber es ſoll mir nicht einfallen, ihn direct oder indirect zu dieſem Schritt zu zwingen.“ „Daſſelbe habe ich auch geſagt,“ verſetzte Schenk,„wenn Otto unſern Rath hören wollte, würde er ſelbſt geſchrieben haben. Er hat dies nicht gethan, alſo iſt er auch eing mit ſich über das, was er thun darf und muß.“ 3 Frau Schenk zuckte mit einer Geberde der Geringſchätzung die Achſeln, aber der innere Groll prägte ſich deutlich in ihrem Blick und ihren Zügen aus. Sie erwiderte kaum den Gruß der Tante Thereſe, die es für rathſam hielt, ſich zu entfernen; aber die Thür war hinter der letzteren noch nicht ins Schloß gefallen, als das Gewitter ſich über den Schenkwirth entlud, der es gewagt hatte, den Anſichten und Behauptungen ſeiner Gattin ſo energiſch entgegenzutreten. Eugenie hatte inzwiſchen nach einem ſchweren, bittern Kampfe ihren Entſchluß gefaßt.— Sie wollte zurücktreten, weil ſie dadurch das Glück Otto's und ihrer Nebenbuhlerin zu begründen hoffte. Sie wußte ja nicht, wie drüben die Dinge lagen, ſie ver⸗ muthete, Otto erwidere die Liebe Valerie's, und in dem Schweigen des Geliebten fand ſie eine Beſtätigung dieſer Vermuthung. Otto glaubte ſich vielleicht gebunden dadurch, daß er der Tante Thereſe Eröffnungen gemacht hatte; möglicherweiſe hatte er ſelbſt Valerie und deren Vater bewogen, dieſen Schritt zu thun, um Eugenie zu bewegen, freiwillig zurückzutreten. Wie dem auch ſein mochte, Eugenie ſagte ſich, daß ſie kein Recht habe, zwiſchen die Beiden zu treten und in dieſem Sinne beantwortete ſie den Brief Valerie's. Sie ſaß noch am Schreibtiſch, als Tante Thereſe zurückkehrte. Was drüben zwiſchen der Mutter Otto's und der Tante vor⸗ gefallen war, las Eugenie augenblicklich in den Zügen der letzteren; ſie wußte, daß ein heftiger Wortwechſel ſtattgefunden hatte, noch ehe Tante Thereſe Bericht erſtattete. „Und was haſt Du dadurch erreicht?“ fragte ſie, bedenklich das Köpfchen ſchüttelnd, als die Tante berichtet hatte.„Weiter nichts, als die Feindſchaft dieſer Frau—“ „Ich habe ihr wenigſtens die Wahrheit geſagt,“ unterbrach Tante Thereſe ſie triumphirend,„mir hat's lange auf der Seele gelegen, ihr einmal zu ſagen, was ich von ihrem dünkelhaften Hochmuth halte, nun iſt es herunter, ſie weiß jetzt, daß ſie bei mir mit ihrer Prahlerei nicht mehr ankommt. Du ſchreibſt ſchon an Fräulein Michelet?“ „Ja.“ „Was, wenn ich fragen darf?“ „Daß ich durchaus keine Anſprüche auf Otto geltend machen kann.“ „Ah— das darfſt Du nicht. Ich weiß ſehr wohl, daß Du von Otto nicht laſſen kannſt, weshalb—“ „Mein Entſchluß ſteht feſt,“ entgegnete Eugenie ruhig,„ich will nicht zwiſchen die Beiden treten, Otto iſt an mich nicht ge⸗ bunden; wenn er in dieſer Verbindung ſein Glück findet, welches Recht habe ich, ihm daſſelbe zu rauben? Ich leugne es nicht, daß die Entſagung mir unſagbar ſchwer fällt, aber ich kann nicht anders handeln, wie ich handle, und ſo thue ich denn, was mein Gewiſſen mir gebietet und vertraue auf den lieben Gott, der ja allein weiß, was uns Allen gut iſt.“ Tante Thereſe zuckte ſchweigend die Achſeln, es lag in dieſer Geberde ein energiſcher Proteſt gegen die Anſicht Eugenie's und zugleich auch der Vorſatz, dieſen Proteſt durch Thaten zu beweiſen. Sie ging in ihr Zimmer und ſchrieb ebenfalls einen Brie, — nicht an Michelet, ſondern an Otto, dem ſie das Vorgefallene ausführlich mittheilte. Dieſer Brief ging gleichzeitig mit der Antwort Eugenie's ab; —— 5—— wenn der letztere geeignet war, das Band zu löſen, ſo mußte der Inhalt des erſteren daſſelbe wieder neu und dauerhafter denn zuvor befeſtigen. Achtunddreißigſtes Kapitel. Die Liebe ſiegt! Valerie glaubte das Spiel gewonnen zu haben, als ſie den Brief Eugenie's geleſen hatte. Auch Michelet hegte die Hoffnung, daß Otto auf dieſen Brief hin das ihm angebotene Glück nicht länger zurückweiſen werde. Nikolas dagegen, den der Fabrikant in's Vertrauen gezogen hatte, äußerte ſtarken Zweifel, er konnte nicht glauben, daß Otto ſich durch dieſen Brief beſtimmen laſſen werde, ſeiner Jugendliebe zu entſagen. Noch an demſelben Morgen, an welchem der Brief angekom⸗ men war, ließ Michelet den jungen Mann in ſein Kabinet rufen. Er ſagte ihm, daß Valerie an Fräulein Schirmer geſchrieben habe und daß die Antwort der letzteren eingetroffen ſei; er legte ihm dieſe Antwort vor und bat ihn, nun einen Entſchluß zu treffen, wie er ihn vor Gott und ſeinem Gewiſſen verantwor⸗ ten könne. Otto war darauf vorbereitet, er hatte den Brief der Tante Thereſe bereits erhalten. Er las das Schreiben Eugenie's ſehr aufmerkſam und über⸗ reichte darauf ſeinem Chef den Brief, den er empfangen hatte. „Leſen Sie das,“ ſagte er,„dann werden Sie die Ueberzeugung erhalten, daß Fräulein Schirmer jene Zeilen mit blutendem Her⸗ zen geſchrieben hat, daß ich ein ehrloſer Menſch wäre, wenn ich das Vertrauen und die Hoffnungen meiner Geliebten täuſchen wollte.“ Die Stirne Michelet's umdüſterte ſich mehr und mehr, ein tiefer Seelenſchmerz prägte ſich in ſeinen Zügen aus.„So ſchütze Gott mein armes Kind,“ ſeufzte er, nachdem er den Brief geleſen hatte.„So ſchwer es mir auch wird, ich muß Ihnen Recht geben, Sie können nicht anders handeln, wenn Sie Ehre und Gewiſſen rein halten wollen.“ „Sie zürnen mir nicht deshalb?“ fragte Otto. „Weshalb ſollte ich Ihnen zürnen?“ fuhr Michelet leiſe fort, — 284— „Ich an Ihrer Stelle würde ja ebenſo handeln und Sie tragen keine Schuld daran, daß mein Kind bi ſo leidenſchaftlich liebt. Ich habe oft auf mein Glück gepocht, nun bin ich mit einem Schlage ein armer Mann geworden, das Liebſte, was ich beſitze, wird mir genommen.“ „Das wolle Gott verhüten!“ ſagte Otto tief bewegt. „Suchen Sie nicht, mich zu tröſten, ich weiß, daß mein Kind dieſen herben Schickſalsſchlag nicht überleben wird.“ „Aber gibt es denn keinen Weg, dem vorzubeugen?“ Michelet ſchüttelte verneinend das Haupt. „Wenn wir ihr Hoffnung ließen, wenn wir durch eine unter den obwaltenden Umſtänden gewiß gerechtfertigte Täuſchung ſie hinzuhalten verſuchten, bis die Zeit ihren Schmerz gemildert und ſie mit dem Gedanken an den Verluſt ihrer Hoffnungen vertraut gemacht hätte, wäre das nicht ein Weg, den man wenigſtens ver⸗ ſuchen könnte?“ Der Fabrikant blickte gedankenvoll vor ſich hin.„Ich habe ſchon daran gedacht,“ erwiderte er,„aber ich fürchte, Valerie wird die Abſicht durchſchauen.“ „Das glaube ich kaum, ſie wird ſich Anfangs an dieſe Hoff⸗ nung anklammern—“ „Sie wird Beweiſe verlangen, ich kenne ſie. Wenn Sie Valerie damit beruhigen wollen, daß Sie ihr geloben, ſpäter zurückzukehren, ſo wird ſie von Ihnen ein bindendes Verſprechen verlangen.“ „Gut, beugen wir dieſer Forderung vor.“ „Wodurch?“ „Ich gehe, ohne Abſchied von ihr zu nehmen. Nach meiner Abreiſe übergeben Sie ihr meinen Brief, in welchem ich ihr mit⸗ theile, daß ich jetzt noch keinen Entſchluß faſſen könne, daß ich einſtweilen nach England abgereiſt ſei, ſpäter aber zurückkehren werde, um ihr meinen Entſchluß zu nennen.“ „Werden Sie dieſes Verſprechen erfüllen?“ „Wenn die Umſtände es fordern,— ja.“ Die Beiden hatten nicht bemerkt, daß Valerie bei den letzten Worten eingetreten war. Bleich, mit bebenden Lippen, ſtand das Mädchen an der Thüre, die ganze Gluth der gewaltigen Leiden⸗ ſchaft, die ſie beſeelte, loderte in ihren dunkeln Augen. „Wozu der Betrug?“ ſagte ſie.„Ich würde mich durch ihn nicht täuſchen laſſen. Gehen Sie, Otto, ich will ſuchen, Sie zu vergeſſen, meines Vaters wegen.“ Beſtürzt hatten die Beiden ſich umgewandt. Otto wollte ſprechen, Valerie winkte ihm, zu ſchweigen. „Rechtfertigen oder entſchuldigen Sie ſich nicht,“ fuhr ſie fort, mühſam ihre Ruhe und Faſſung behauptend,„ich will nichts agen iebt. mem ſibe Kind unter ſie und raut ver⸗ habe wird Haff⸗ lerie hren, einer mit⸗ ich chren etzten das den⸗ ihn e zu fort, ſichts — — 285— hören. Ich will denken, es ſei ein Traum geweſen und mich ge⸗ duldig in den Sturz meiner ſchönſten Hoffnungen fügen. Leben Sie wohl, wenn wir einander nicht wiederſehen und Ihr Ge⸗ wiſſen Ihnen einſt Vorwürfe machen ſollte, ſo denken Sie, ich habe Ihnen vergeben.“ Sie ging hinaus, ehe Michelet oder Otto Zeit fanden, ſie über die Gründe aufzuklären, die den jungen Mann nöthigten, trotz dem Briefe Eugenie's, bei ſeinem Entſchluſſe zu beharren. Michelet blickte düſter vor ſich hin. „Es iſt eine erzwungene Ruhe,“ ſagte er mit dumpfer, ton⸗ loſer Stimme,„Valerie will ſtark ſcheinen, um mich zu be⸗ ruhigen.“ „Ich dagegen glaube, daß ſie ruhig ſein wird, ſobald ich ab⸗ gereiſt bin und ſie einſieht, daß ſie den Schickſalsſpruch nicht ändern kann,“ erwiderte Otto.„Blicken Sie nicht ſo ſchwarz in die Zukunft, Fräulein Valerie iſt ein kluges, vernünftiges Mädchen, ſie wird, wenn auch langſam, das Bild aus ihrer Seele verdrängen.“ „Gott gebe, daß ſie Recht behalten,“ fuhr der Fabrikant fort, nich will wenigſtens das Meinige thun, ſie zu zerſtreuen.— Wohin gedenken ſie zu reiſen?“ „Nach England.“ „Ich habe es mir gedacht, Sie können dort noch Manches lernen und wenn es auch nicht viel iſt, ſo kann es Ihnen doch nicht ſchaden, wenn ſie die engliſchen Fabriken kennen gelernt haben. Sie werden zuerſt nach London gehen und ſpäter auch die großen Etabliſſements in Birmingham und anderen Städten beſuchen.“ „Das iſt mein Plan.“ „But. Wird Ihr Freund Sie begleiten?“ „Jal. „Wie iſt es mit Ihrer Kaſſe beſtellt?“ „Ich hoffe für einige Monate auszureichen, bis dahin werde ich wohl Arbeit gefunden haben.“ Michelet öffnete ſeine Kaſſe nnd überreichte dem jungen Manne ein Tauſend⸗Francs⸗Billet. „Nehmen Sie das,“ ſagte er,„in London iſt ein theures Pflaſter und allzuviel werden Sie bei mir nicht erſpart haben.“ Otto zögerte. „Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich für einige Monate hin⸗ reichend verſehen bin,“ erwiderte er. „Bah— wenn auch! Betrachten Sie's als einen Noth⸗ pfennig, für den Fall Sie krank werden. Ich ſchulde Ihnen ja ohnehin für das Modell der neuen Maſchine—“ „Herr Michelet, ich—“ — 2836— „Weiſen Sie dieſes Billet zurück, ſo werde ich von dem Mo⸗ dell keinen Gebrauch machen.“ „Sei es denn,“ ſagte Otto,„dieſe Güte beſchämt mich umſo⸗ mehr, als ich mir ſagen muß, daß—“ „Nichts mehr davon. Ich werde einige Empfehlungsbriefe ſchreiben,— wann wollen Sie abreiſen?“ „Wenn möglich, noch heute Abend.“ „So bald ſchon?“ „Ich denke, es iſt beſſer, der jungen Dame wegen. So lange ſie mich noch hier ſieht, wird ihre Aufregung fortwähren, da iſt es beſſer, wenn ich mich je eher, je lieber entferne.“ „Sie mögen Recht haben. Heute Nachmittag ſollen die Empfehlungen bereit liegen, ich hoffe, Sie werden drüben eine zuvorkommende Aufnahme finden.—“ Ein Blick Michelets bedeutete dem jungen Mann, daß der Fabrikant die Unterredung beendet zu ſehen wünſche, er entfernte ſich und ſuchte ſeinen Freund auf, um ihn zu veranlaſſen, die nöthigen Vorkehrungen zur Abreiſe zu treffen. Nikolas nickte ſchweigend, er hatte vorausgeſehen, daß Otto bei ſeinem Entſchluſſe beharren werde und dieſer Entſchluß ſtimmte mit ſeinen eigenen Anſichten zu ſehr überein, als daß er dem Freunde hätte rathen können, anf die Wünſche Michelets einzugehen. Die Vorbereitungen waren raſch getroffen, die wenigen Gar⸗ derobeſtücke bald eingepackt. Sie wollten am Abend das Etabliſſement verlaſſen, in Paris übernachten und am nächſten Morgen mit dem erſten Zuge von dort abfahren. Als die Stunde des Abſchieds nahe rückte, traten die beiden Freunde mit ſchwerem Herzen in das Cabinet Michelets. Sie ſchieden beide ungern, aber es mußte ſein, gegen die eiſerne Nothwendigkeit konnten ſie ſich nicht ſträuben. Michelet wechſelte nur wenige Worte mit ihnen, er wollte ſich und ihnen den Ab⸗ ſchied nicht noch ſchwerer machen. Otto nahm die Briefe in Empfang und ſchied mit warmen Worten des Dankes und der Theilnahme von dem edlen Manne, der den Charakter und das Talent des ſchlichten Arbeiters höher achtete, als Rang und Reichthum. Eins mußte er ihm verſprechen, daß er oft ihm ſchreiben und in Fällen der Noth ſich vorzugsweiſe an ihn wenden wollte. Sie ſchieden von ihm, wie von einem Freunde, während ihre Kameraden kaum ein herzliches Abſchiedswort für ſie hatten. Als ſie das Etabliſſement verließen und ſchweigend der Stadt zuſchritten, blickten zwei feuchte Augen ihnen lange nach. Valerie fühlte, daß der Mann alle Blüthen ihres Frühlings ——,——— — 287— geknickt hatte, ſie wußte, daß ſie fortan auf den Sonnenſchein des Lebens verzichten mußte, daß es eine vergebliche Hoffnung war, an die Möglichkeit der Rückkehr des entſchwundenen Lebensglücks zu denken, aber ſie wollte wenigſtens äußerlich ſtark und ruhig ſcheinen, um dem Vater keinen Anlaß zu Sorgen und Kummer zu geben. Als die Beiden Paris erreicht hatten, ſahen ſie ſich nach einer beſcheidenen Herberge um, in der ſie ein Obdach für die Nacht finden konnten. Da ſie am nächſten Morgen in aller Frühe die Reiſe antreten wollten, ſo zogen ſie vor, in der Nähe des Bahnhofes zu über⸗ nachten und hier fanden ſie bald, was ſie ſuchten. Sie ließen ſich ein Zimmer anweiſen, legten dort ihr Gepäck nieder und beſchloſſen, da es noch ziemlich früh war, vor ihrer Abreiſe die Boulevards noch einmal zu beſuchen. Die prachtvollen Schauläden mit ihren großen Fenſtern, aus denen ein Lichtmeer ſich über die Straße ergoß, die geputzten Damen, die eleganten Equipagen und das bunte, reichbewegte und geräuſchvolle Leben feſſelten ihre ganze Aufmerkſamkeit ſo ſehr, daß ſie nicht bemerkten, daß ſchon ſeit einer geraumen Weile ein feingekleideter Herr ihnen folgte, der ſie ſcharf und unverwandt beobachtete. Sie ſahen auch nicht, daß dieſer Herr von Zeit zu Zeit mit einigen Herren, die ihm begegneten, leiſe einige Worte wechſelte und dabei auf ſie deutete, und daß, als jener Herr endlich in eine Seitenſtraße einbog, ein Anderer die Verfolgung fortſetzte. Sie wanderten langſam durch die Menge, bald hier, bald dort irgend einem Laden oder einer Perſon ihre Aufmerkſamkeit widmend. Plötzlich blieb Otto ſtehen, er umklammerte in fieberhafter Erregung den Arm ſeines Freundes und deutete auf eine offene Equipage, die langſam an ihnen vorbei fuhr. In dieſer Equipage ſaßen zwei Perſonen, ein Herr und eine Dame, beide noch jung, beide in eleganter, gewählter Toilette. „Mein Bruder Heinrich,“ ſagte Otto mit lebhaften Zeichen der Ueberraſchung,„wie kommt er hierher?“ „Es wird ein Irrthum ſein,“ erwiderte Nikolas zweifelnd, „wenn Dein Bruder wirklich hier wäre, würde er Dir doch zuvor geſchrieben haben.“ „Das hätte ich auch erwartet, aber—— nein, nein, er iſt es, ich ſehe es jetzt genau.“ Er wollte auf den Wagen zuſtürzen, Nikolas hielt ihn zurück. „Ruhig,“ ſagte er,„dieſe lebhafte Begrüßung könnte einen Auflauf hervorrufen, Du weißt ja, wie neugierig die Pariſer ſind. Wir wollen dem Wagen folgen und warten, bis er hält.“ — 288— Otto ſah die Begründung dieſes Rathes ein, die Beiden folgten in einiger Entfernung dem Wagen, der ſehr langſam fuhr.( „Die junge Dame wird wohl ſeine Gemahlin ſein,“ nahm Otto nach einer Weile wieder das Wort, und es lag eine unver⸗ holene Bitterkeit in dem Tone, in welchem er das ſagte. .„Meine Mutter hat mir wenigſtens mitgetheilt, daß er ſich verlobt habe mit der Tochter des Fabrikanten Liebmann, und wenn ich nicht irre, ſchrieb ſie in ihrem letzten Briefe, die Hochzeit werde binnen Kurzem gefeiert werden.“ „Das iſt Alles, was Du darüber weißt?“ fragte Nikolas unwillig. „Ja.“ „Dein Bruder hat Dir alſo keine Einladung zur Hochzeit geſchickt?“ „Ich nicht. Mein Bruder hatte immer eine ſtarke Doſis Hochmuth, ſein Streben und Trachten geht allein dahin, ſich Reich⸗ thum zu erwerben, für ſeine Familie hat er nie ein Herz gehabt.“ Nikolas ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Ein ſauberer Bruder!“ ſagte er. „Jeder nach ſeinem Geſchmack,“ fuhr Otto achſelzuckend fort, „wir ſind nicht alle aus einem und demſelben Metall gegoſſen.“ „Aber ſo viel hätte er doch thun können, daß er Dir mit wenigen Worten ſeine Verlobung oder Vermählung anzeigte—“ „Er hat's nicht gethan, weil er es für überflüſſig hielt. Ich fürchte ſein Haſchen nach Anſehen und Reichthum, ſein Verleugnen der Familie und der alten Freunde werden ihn noch einmal zu Fall bringen.“ G„Na, dann möchte ich Dir rathen, Deinem Herrn Bruder 1 auch nicht die Ehre Deines Beſuchs zu ſchenken, ich hege die Ueberzeugung, daß Du Dich einer Demüthigung ausſetzeſt.“ „Einer Demüthigung?“ fragte Otto.„Mich kann nur der demüthigen, der mich eines Laſters oder eines Verbrechens zeiht, Nikolas, Geringſchätzung demüthigt mich nicht.“ „Aber es wird Dich ärgern, wenn Dein Bruder ſo ſtolz auf d Dich herabſieht.“ e „Möglich, indeß hoffe ich, ſo ſehr wird er mich das Ueber⸗ ſ gewicht ſeines Geldes nicht fühlen laſſen.“ „Seine Frau—“ „Iſt vielleicht nicht minder ſtolz, eitel und herzlos, wie er, ich gebe es zu, aber was kümmert ſie mich! Ich werde von meinem Bruder hören, wie es zu Hauſe ausſieht und dann wieder gehen, weiter will ich nichts von ihm.“ 3 en folgten hr. , 1 nahm n unver⸗ h er ſich ann, und e Hochzeit Nikolas Hochzeit erleugnen jnmal zu Bruder hege die ſt. ens zeiht ſtolz auf 3 Ueber⸗ e er, ih meinem er geben, — 280 „Wenn er reich iſt, könnte er Dir wohl eine Summe zur Gründung eines eignen Etabliſſements vorſtrecken,“ meinte Nikolas nach einer Pauſe,„bei Deinem Talent und Deinem Fleiße iſt ihm das Geld ja ſicher.“ Otto ſchüttelte den Kopf, ein höhnendes Lächeln glitt über ſein biederes Geſicht. „Ich mag nicht mit geliehenem Gelde anfangen,“ ſagte er,— „am wenigſten aber mit dem Gelde meines Bruders, der dieſen Vorſchuß als ein Almoſen betrachten und dennoch Wucherzinſen davon fordern würde.“ Der Wagen hielt vor einem Gaſthofe erſten Ranges, das junge Ehepaar ſtieg aus und ging hinein. „Teufel, die Dame iſt ſchön,“ ſagte Nikolas, als der Lichtſtrahl voll auf die Beiden fiel. „Schön, aber kalt,“ erwiderte Otto,„eine Marmorſtatue.“ „Sie ſcheint in jeder Beziehung zu ihrem Gatten zu paſſen. Willſt Du hier warten, oder in unſere Herberge zurückkehren?“ „Wenn Du nicht lange zu bleiben gedenkſt.“ „Keinesfalls.“ „Dann ziehe ich vor, hier zu warten.“ „ielleicht bin ich ſchon binnen wenigen Minuten zurück.“ Otto trat hinein, er wechſelte mit dem Portier, der ihn vom Scheitel bis zu den Fußſohlen muſterte, einige Worte, dann ſtieg er langſam die breite Treppe hinauf. 8 Neununddreißigſtes Kapitel. Im Bondoir! Maria Latour ſaß, das Köpfchen auf die Hand geſtützt, in Ge⸗ danken verſunken in ihrem mit allem erdenklichen Luxus ausge⸗ ſtatteten Boudoir. Ein halb trotziges, halb wehmüthiges Lächeln umſpielte ihre Lippen, und es konnte auch für den, der ihre Vergangenheit nicht kannte, keinem Zweifel unterliegen, daß dieſes Lächeln mit ihrem Denken in innigſter Verbindung ſtand. Wer aber konnte wiſſen, welche Bilder in dieſem Augenblick an ihrer Seele vorüberzogen! Dieſes Lächeln konnte dem Haſſe gelten, den ſie noch immer Fünfmalhunderttauſend Thaler. 19 1 — 290— gegen Nikolas hegte, es konnte auch der Ausdruck der Reue und des Bedauerns ſein, des Bedauerns darüber, daß ſie dieſen Weg betreten hatte, der augenblicklich noch über lachende Gefilde führte, ſpäter aber vorausſichtlich in einer troſtloſen Wüſte endete. Wie Mancher würde behauptet haben, dieſe junge Dame müſſe glücklich ſein inmitten dieſer Pracht und dieſes Glanzes, ihrem Glücke könne nichts fehlen, da ſie ja jeden ihrer Wünſche erfüllt ſehe, noch ehe ſie ihn ausgeſprochen habe! Und doch würde eine ſolche Behauptung durchaus falſch ge⸗ weſen ſein. Wer hinein hätte blicken können in die Seele dieſes ſchönen, viel beneideten, viel umſchwärmten Mädchens, der würde mehr dunkle Flecken als Lichtſchimmer in ihr gefunden haben, er würde zu der Ueberzeugung gelangt ſein, daß das reine Erdenglück nicht auf dem Golde allein ruht. Maria erhob ſich, ſie trat an den Blumentiſch und ließ ihren Blick ſinnend auf den herrlichen Blüthen und Blättern der exotiſchen Gewächſe ruhen. Leiſe fuhr ihre weiße, mit Diamanten geſchmückte Hand über die Blätter hinweg, ein Seufzer entrang ſich ihrem Buſen. Dann wieder blitzte es in ihren Augen auf, die wilde Gluth der Leidenſchaft loderte hell empor. Die kleinen Hände ballten ſich, das krampfhafte Zucken der Lippen verrieth die gewaltige, innere Erregung. Da wurde plötzlich die Thüre raſch geöffnet, Franz Werner, der Hausmeiſter, trat haſtig ein. Niemand würde in dem elegant gekleideten Herrn den Schloſſer⸗ geſellen wieder erkannt haben, der damals in der Neujahrsnacht die Vagabunden zum Sturm auf das Etabliſſement Michelets ver⸗ leitet hatte. „Ich bringe eine intereſſante Neuigkeit,“ ſagte er, ehe Maria eine Frage an ihn richten konnte,„die Beiden ſind in Paris.“ „Welche Beiden?“ fragte Maria raſch. „Die Deutſchen.“ „Schenk und Schwarz?“ Werner nickte bejahend. „Sie werden uns jetzt nicht mehr entrinnen,“ fuhr er fort, „es kommt nur darauf an, daß wir unſern Plan fein einfädeln und dazu haben Sie die Mittel in der Hand.“ Mit blitzenden Augen ſtand Maria dem Hausmeiſter gegen⸗ über, ihr Blick hing mit dem Ausdruck fieberhafter Spannung an ſeinen Lippen. „Sie wifſen doch, daß die Beiden das Etabliſſement Michelets werlaſſen haben?“ —————J—— =—— — G— ——, 2 — 291— Maria ſchüttelte verneinend das Köpfchen. „Ah, dann fand ich noch keine Gelegenheit, es Ihnen mitzu⸗ theilen. Alſo müſſen Sie wiſſen, daß der eine dieſer Beiden, derſelbe, den ich verwundet habe, mit der Tochter Michelets ein zartes Verhältniß angeknüpft hat, in Folge deſſen ihm der Lauf⸗ paß gegeben wurde.“ „Woher wiſſen Sie das?“ fragte Maria überraſcht. „Bah— ich habe meine Spione überall, es hat uns aller⸗ dings eine kleine Summe gekoſtet, um über dieſe beiden Deutſchen ſtets genau unterrichtet zu bleiben, aber das Geld iſt nicht um⸗ ſonſt ausgegeben. Heute haben die Deutſchen ihren Abſchied er⸗ halten.“ „Heute?“ „Ja, ich begegnete ihnen vorhin und denke mir, daß ſie hier übernachten werden.“ „Und dann?“ Franz Werner zuckte die Achſeln. „Wahrſcheinlich werden ſie ſchon morgen abreiſen,“ erwiderte er,„hier können ſie nicht mehr bleiben, Michelet wird es nicht dulden. Ich bin ihnen eine geraume Strecke gefolgt, mußte aber endlich von der Verfolgung abſtehen, weil ich einen Plan ent⸗ worfen hatte, deſſen Ausführung Zeit erfordert. Ich gab einem geheimen Agenten den Auftrag, zu erforſchen, wo ſie logiren und wann ſie abzureiſen gedenken.“ Maria blickte gedankenvoll vor ſich hin. „Mögen ſie reiſen,“ ſagte ſie,„ich habe nichts mehr mit dieſen Menſchen zu ſchaffen.“ „So raſch iſt Ihr Haß getilgt?“ fragte Werner befremdet. „Das kann ich nicht glauben, erinnern Sie ſich denn nicht mehr, was Sie für dieſen Mann geopfert haben? Lagen Sie nicht vor ihm auf den Knieen, bettelten Sie nicht um ſeine Liebe, die er trotz all' den großen und ſchweren Opfern verweigerte?“ In den Augen des Mädchens flammte es auf, die Erinnerung an jene Tage hatten den Haß in ihrer Seele wieder geweckt. Werner hatte Recht, dieſer Haß war nicht erſtorben, er ſchlum⸗ merte nur, jene Erinnerung mußte die Gluth neu anfachen. „Ich habe einen ganz vortrefflichen Plan,“ fuhr Werner nach einer Pauſe fort,„einen Plan, deſſen Ausführung die Beiden in das Sklavenjoch ſchmiedet und alle ihre Wünſche und Hoffnungen vernichtet. Sie werden dann nie mehr nach Deutſchland zurück⸗ kehren und die blonde Braut dieſes deutſchen Elephanten wird darauf verzichten müſſen—“ „Ah— ich errathe, was Sie beabſichtigen,“ fiel Maria ihm vaſch in's Wort.„Wie ich ſchon damals Ihnen geſagt habe, daß 19* ich den Weg, auf welchem Sie mich zu rächen verſucht haben, nicht billigen könne, ſo muß ich Ihnen heute wiederholen, daß kein Blut mehr fließen darf. Ich will den Tod dieſer Beiden nicht.“ „Wer ſpricht davon?“ erwiderte Werner ruhig.„Ich denke nicht daran, die Hand eines Mörders zu bewaffnen.“ „Welchen andern Plan könnten Sie haben?“ „Einen bedeutend beſſeren. Wir laſſen die Beiden in die Fremdenlegion einſtecken. Das geht ganz vortrefflich. Sie wiſſen, daß Beide keinen deutſchen Paß beſitzen, der Maire in Mühlhauſen hat ihnen franzöſiſche Päſſe ausgefertigt. Dieſe ſind ihre einzige Legitimation. Nun wohl, wenn wir den Verdacht auf ſie werfen, daß ſie preußiſche Deſerteure ſeien, ſo rettet ſie nichts vor dem Schickſale, in die Fremdenlegion eingeſteckt und nach Algier ge⸗ ſchleppt zu werden.“ „Das wäre in der That für mich eine befriedigende Genug⸗ thuung,“ ſagte Maria erregt.„Aber wird es gelingen?“ gt.„ geling „Ich vertraue darauf. Sie müſſen mit dem Polizeipräfekt reden, der ja jeden Abend uns beſucht.“ Das Mädchen nickte. „Er wird Ihnen den Gefallen gerne erzeigen. Er hat Ihnen ja auch damals einen Dienſt erwieſen, als der Bankier, der ſich zuerſt für Sie ruinirt hatte, Ihnen ſo läſtig fiel. Wiſſen Sie noch, der alte Narr drang gewaltſam hier ein, um Ihnen Vor⸗ würfe zu machen—“ „Ganz recht, ich konnte mich vor dieſem zudringlichen Bettler nicht mehr retten; ein Almoſen wollte er nicht annehmen, er ver⸗ langte, ich ſollte ihn entweder heirathen oder mein ganzes Ver⸗ mögen ihm herausgeben.“ „Und als Sie das nicht wollten, ward er grob. Darauf ſchickten Sie zum Polizeipräfekt, der ſeitdem täglich kommen darf, und dieſer Herr fand ſehr raſch ein Mittel, den Unverſchämten zu beſeitigen. Er wird Ihnen auch jetzt wieder beiſtehen.“ „Ich zweifle nicht daron,“ erwiderte Maria,„was aber ſoll ich ihm ſagen? Ich muß ihm doch Gründe angeben, die mich nöthigen, ſeinen Beiſtand zu verlangen.“ „Sagen Sie ihm, Sie wüßten, daß die Beiden preußiſche Deſerteure ſeien, Ihr Vater habe ſich damals ihrer angenommen und ihnen Arbeit gegeben—“ „Wird das meinem Vater keine Unannehmlichkeiten zuziehen?“ fragte Maria beſorgt. „Bewahre, es hängt ja ganz allein vom Polizeipräfekt ab, wie weit er dieſe Sache verfolgen will. Dann ſagen Sie ihm, dieſe beiden Deſerteure hätten ſchon damals in Mülhauſen Sie verfolgt, nun ſeien ſie in Paris Ihnen begegnet und Sie müßten befürchten, n — von denſelben beläſtigt, vielleicht compromittirt zu werden. Das wird die Eiferſucht des Präfekten erregen, er iſt ohnehin ein ſehr eiferſüchtiger Herr.“ „Und Sie glauben, daß er dann ohne Weiteres die Beiden verhaften wird?“ „Gewiß. Es iſt ja der einfachſte Weg, ſie zu beſeitigen. Ich werde im Laufe des Abends erfahren, wo ſie logiren und was ſie vorhaben, Sie werden dem Präfekten die nöthigen Mittheilungen machen und ich verſichere Sie, morgen oder übermorgen ſind ſie ſchon auf dem Marſche nach Marſeille. Mit den Deſerteuren macht Frankreich kurzen Prozeß, ſie ſind Kanonenfutter für Algier.“ Maria wanderte in dem eleganten Gemach nachdenklich auf und ab. „Dennoch möchte ich auf dieſe Rache verzichten,“ ſagte ſie nach einer Weile.„Es iſt wahr, Nikolas hat mich ſchwach geſehen, er hat meine Liebe und meine Opfer verſchmäht, und das kann ich ihm nicht vergeſſen, aber ſoll ich deshalb ſein ganzes Lebensglück vernichten? Und was hat der Andere mir gethan, daß ich auch. ihn in's Elend ſtürzen ſoll?“ „Hat jener Menſch nicht auch Ihr Lebensglück vernichtet?“ er⸗ widerte Werner lauernd.„Hat er Mitleid mit Ihnen gehabt, als ſie ihm ſagten, daß ohne ihn das Leben für Sie keinen Werth mehr habe? Und hat der Andere ihn nicht darin beſtärkt? Wenn Sie ſo wankelmüthig ſind, dann bedaure ich, die ſchöne Zeit und das gute Geld nutzlos geopfert zu haben.“ Maria wollte den Vorwurf zurückweiſen, ſie fand keine Zeit dazu, ehe ſie ein Wort erwidern konnte, wurde die Thüre geöffnet, Marguerite, die alte Kammerfrau und vertraute Freundin Maria's, trat haſtig, mit ſichtbaren Zeichen der Aufregung, ein. „Ein junger Herr wünſcht mit Ihnen zu reden,“ ſagte ſie, ner iſt ein Fremder und nach ſeiner Kleidung zu urtheilen, nur ein Handwerker.“ „Er ſoll morgen wieder kommen,“ erwiderte Maria ruhig. „Ich habe ihn abgewieſen, aber er beſteht darauf, daß er Sie ſehen und mit Ihnen ſprechen müſſe—“ „Ich werde hinausgehen und ihn vor die Thüre werfen, wenn er nicht freiwillig geht,“ verſetzte Werner.„Wie darf ein ſolcher Lump wagen—“ Er brach ab, auf der Schwelle des Zimmers ſtand Henri Latour, der Bruder Maria's. Sein ernſter, ſtrenger Blick ruhte prüfend auf der Gruppe, als Maria, überraſcht, ſich ihm nähern wollte, ſtreckte er abwehrend die Hand aus. „Schicke dieſe Leute hinaus,“ ſagte er in einem Tone, der keinen Widerſpruch duldete,„ich habe mit Dir allein zu reden.“ — 294— Maria gab den Beiden einen Wink, ſie wagte nicht, dem ſtrafenden Blick des Bruders zu begegnen, mit geſenkten Wimpern erwartete ſie ſeine Worte. „Iſt das nicht derſelbe Menſch, der in der Werkſtätte unſeres Vaters arbeitete?“ fragte Henri, während er dem Hausmeiſter nachblickte.„Werner, der Elſäſſer? Und dieſes Subjekt iſt jetzt —— ah, Maria, wie ſehr Recht hatte unſer armer Vater, als er mir ſagte, Du würdeſt nun ſo tief ſinken, daß—“ „Halt ein, Henri,“ rief das Mädchen erregt.„Verdamme mich nicht, ehe Du weißt—“ „Weiß ich nicht ſchon genug?“ fuhr der junge Mann erbittert fort.„Dieſe Einrichtung, dieſe Toilette, dieſe elenden Subjekte, die Deine Vertrauten zu ſein ſcheinen—“ „Meine Dienſtboten, Henri!“ „Einerlei, wer ſolche Subjekte um ſich duldet, der kann nicht beſſer ſein, wie ſie ſind.“. „Werner iſt mein Hausmeiſter—“ „Dein Hausmeiſter?“ ſpottete Henri und der Ton ſeiner Stimme klang ſcharf und ſchneidend.„Du biſt ja eine vornehme Dame geworden! Wodurch? Man ſagt, Du hätteſt ſchon einen Bankier ruinirt und Viele lägen noch in Deinen Netzen, die Du ebenfalls ruiniren würdeſt. Das Gerücht von Deiner Verſchwen⸗ dung, Deiner Lebensweiſe und Deinen Verirrungen iſt bis zu uns nach Mülhauſen gedrungen, es hat unſerm armen Vater das Scheiden ſehr ſchwer gemacht.“ Ein wilder Schrei entrang ſich den bleichen Lippen des Mädchens. „Er iſt todt?“ rief ſie. „Er iſt todt,“ erwiderte Henri dumpf,„ich bringe Dir die letzten Nachrichten von ihm. Seitdem Du die Ehre unſeres Namens befleckt haſt—“ „Henri!“ „Haſt Du es nicht gethan? Kannſt Du leugnen, daß Du unſern guten Namen geſchändet und Deine eigne Ehre in den Staub getreten haſt? Seit jenem Tage, an welchem Du heimlich unſer Haus verließeſt, hat der Vater keine frohe Stunde mehr gehabt, der Gram hat ihm das Herz gebrochen. Später, als die Gerüchte zu uns drangen, als unſere Freunde und Bekannten ſpöttiſch die Achſeln zuckten, da—“ „Da wart Ihr natürlich die Erſten, die mich verurtheilten,“ warf Maria gereizt ein.„Keiner von Euch dachte daran, die Ur⸗ ſachen, die mich zwangen, dieſen Weg zu gehen, zu meiner Recht⸗ fertigung geltend zu machen, der Stab wurde über mich gebrochen, ich hatte ja kein Recht, mich zu vertheidigen.“ 6 — cht — 295— Feſt und durchbohrend blickte Henri die Schweſter an, ſeine Hand umklammerte krampfhaft die Lehne eines Stuhles. „Wie kannſt Du von dem Rechte einer Vertheidigung reden?“ ſagte er ernſt.„Für Deine Handlungen gibt's keine Entſchuldigung.“ „O doch, doch! Meine Liebe zu jenem Manne verleitete mich, ihn aus dem Kerker zu befreien, ich that für ihn, was jedes andere beherzte Mädchen für den Geliebten gethan haben würde. Und als er nun trotz dem ſchweren und großen Opfer, welches ich ihm gebracht hatte, meine Liebe verſchmähte, mußte nicht der Haß gegen ihn, gegen ſein ganzes Geſchlecht in meiner Seele erwachen?“ „Du hüätteſt zurückkehren ſollen—“ „Konnte ich es? Mußte ich nicht befürchten, daß man mich verhaften, daß der eigene Vater mir die Thüre zeigen werde?“ „Er hätte es nicht gethan!“ „O, er hätte es gethan, ich weiß das. Einer ſolchen Demüthi⸗ gung mochte ich mich nicht ausſetzen, mein Stolz ſträubte ſich da⸗ gegen.“ „Aber er ſträubte ſich nicht gegen die erbärmliche Rolle, die Du jetzt ſpielſt.“ „Eine erbärmliche Rolle nennſt Du es? In meinem Hauſe verſammeln ſich die reichſten und angeſehenſten Leute, Beamte der Republik, Offiziere, Deputirte— ſie alle huldigen mir—“ „Und doch iſt es eine erbärmliche Rolle,“ fuhr Henri erregt fort,„ich möchte lieber eine Dienſtmagd ſein, als in Deinen Schuhen ſtecken. Sie alle huldigen Dir, ſo lange Du noch äußere Reize haſt, aber nicht Einer von ihnen achtet Dich, und wenn die Zeit Deine Schönheit zerſtört hat, ſo werden ſie mit Spott und Hohn Dir den Rücken wenden. Vielleicht begegnen ſie Dir dann einmal in ihren glänzenden Equipagen, während Du auf den Straßen die Lumpen zuſammen ſuchſt, vielleicht wirft Dir dann der Eine, oder der Andere ein Almoſen zu, aus Mittleid mit Deinem Elend!“ „Du biſt ungerecht, Henri,“ entgegnete das Mädchen,„ich bin nicht ſo tief geſunken, wie Du vermutheſt. Ich haſſe ſie alle, die mir huldigen, ich ruinire Alle und doch können nur Wenige ſich rühmen, daß ſie mehr als ein freundliches Lächeln dafür erhalten haben. Ah— ſie werden mich nicht in's Elend ſtürzen!“ Der junge Mann ſchüttelte das Haupt. „Wir wollen darüber nicht ſtreiten,“ ſagte er,„ich habe genug geſehen und gehört, ich weiß, was ich von Dir zu halten habe. Und der Vater wußte es auch, er konnte Dir nicht verzeihen. Er iſt geſtorben, ohne Dir ſeinen Segen zu hinterlaſſen.“ „Henri, iſt es denn noch nicht genug?“ ſchrie da — 296— in wilder Verzweiflung.„Haſt Du noch mehr Bitterkeit für mich, ſo gieße ſie aus, die ganze Schale Deines Grolls, nur nicht tropfenweiſe laſſ' ſie mich koſten. Was ich gethan habe, das kann ich verantworten vor meinem Gewiſſen, und Niemand hat ein Recht, den Stab über mich zu brechen. Weshalb haſt Du mir nicht geſchrieben, daß der Voter krank und ſein Ende nahe ſei? Ich würde ſeine Verzeihung erhalten haben—“ „Er wollte Dich nicht ſehen,“ unterbr rach Henri ſie ernſt, „Dein Anblick würde ſein Ende beſchleunigt haben.“ „So haſt Du zwiſchen mir und ihm geſtanden? „Nein, ich habe ihm nicht zugeredet, noch uenreßen, ich wußte, daß alles Zureden vergeblich geweſen wäre. Aber ich hielt es für meine Pflicht, Dich aufzuſuchen, um Dir die Botſchaft zu bringen und Dich zu fragen, wie Du es mit Deinem Erbtheil ge⸗ halten haben willſt.“ „Ich verzichte darauf.“ „So werde ich es für ſpätere Zeiten Dir bei dem Maire depo⸗ niren, die Tage kommen ja doch, in denen Du nichts mehr haben wirſt.„ „Nein, nein, behalte es,“ erwiderte Maria raſch,„ich werde Dir noch eine Summe dazu geben, damit Du ein großes Etabliſſement gründen kannſt. Ich will Dich unterſtützen, Dir Alles geben—“ „Glaubſt Du, ich würde von Dir ein Geſchenk, oder eine andere Unterſtützung annehmen?“ fiel Henri ihr kalt in’'s Wort. „Seitdem mein armer Vater ſich losgeſagt hat von Dir, biſt Du meine Schweſter nicht mehr. Ich würde Dich bemitleiden, ich würde Dir eine Zuflucht anbieten, wenn au Verirrung nur Deine Ehre befleckt hätte, aber Du haſt dieſe Bahn betreten mit dem Bewußtſein und der Abſicht, durch die Schande Dir ein ge⸗ nußreiches Leben zu bereiten. Du haſt dieſe Abſicht erreicht, aber zugleich auch die Bande gelöſt, die Dich an Deine Familie feſſel⸗ ten. Das iſt alles, was ich Dir zu ſagen habe, ich kehre zu dem Grabe meines Vaters zurück, auf deſſen Hügel zu beten Du kein Recht haſt.“ Er hatte ſich bei den letzten Worten der Thüre genähert, um⸗ ſonſt bat Maria ihn, nicht ſo von ihr zu ſcheiden, vergeblich ver⸗ ſuchte ſie, ihn zurückzuhalten, er ging hinaus, ohne ſie eines weiteren Wortes oder Blickes zu würdigen. Der Blick des Mädchens ruhte lange ſtier auf der Thüre, hinter der Henri verſchwunden war, die Nachricht, die er gebracht, die Worte, die er zu ihr geſprochen hatte, vermochte ſie ſo raſch nicht zu faſſen. Sie hatte immer noch gehofft, der Vater werde ihr verzeihen, 2 ü ſie wollte ſpäter dem alten Mann ein ſorgenfreies Alter bereiten und durch verdoppelte Liebe ihn mit der Vergangenheit ausſöhnen, nun mußte ſie erfahren, daß er geſtorben war, ohne ein Wort der Liebe und des Segens ihr zu hinterlaſſen und nicht dies allein, auch der Bruder, der ihr dieſe Botſchaft brachte, hatte kein Wort der Liebe und der Verſöhnung für ſie. Der Groll regte ſich im Herzen, aus dem Funken loderte bald eine wilde Gluth hell empor. Wer trug die Schuld an dieſem Zerwürfniß, dieſem Familien⸗ haß, den nicht einmal der Tod tilgen konnte? Nikolas allein, für ihn hatte ſie das Alles gewagt und ge⸗ opfert, wenn er dieſes Opfers würdig geweſen und mit ihr zurück⸗ gekehrt wäre, ſo würde kein Flecken ihre Ehre getroffen haben und ſtatt der Verachtung hätte ſie Bewunderung und ein zwar beſcheidenes, aber ſchönes Glück geerntet. Die Erinterung daran gab ihrem Haſſe gegen dieſen Mann neue Nahrung. Er ſollte büßen dafür, daß er das Opfer nicht anerkannt hatte. Maria zog die Glockenſchnur, Franz Werner trat mit einem höhnenden Lächeln auf den Lippen ein. „Er hat Ihnen wohl die Leviten geleſen?“ fragte er ſpottend. „Der Herr Bruder war immer ein ſtrenger Sittenrichter, aber er hat es trotzdem nie zu einer beſonderen Stellung gebracht.“ „Nichts davon,“ erwiderte Maria trotzig.„Suchen Sie zu erfahren, wo man die beiden Deutſchen finden kann, wenn man ſie ſucht.“ „Ich habe ſoeben Nachricht erhalten. Mein geheimer Agent hat mir ſie gebracht.“ „Sie wiſſen alſo, wo die Beiden logiren?“ 7/ 3.4 „Nuch wie lange ſie in Paris bleiben werden?“ „Auch das. Der Agent hat mit ihnen geſprochen, und die Beiden waren ſo offenherzig, ihm ihren ganzen Plan mitzutheilen. Sie wollen morgen abreiſen, morgen mit dem erſten Zuge.“ „Wann fährt er?“ „Gegen zehn Uhr.“ „Wohin wollen ſie?“ „Nach London.“ „Gut, ſie werden dieſe Reiſe nicht machen.“ „Ich wußte es,“ ſagte Werner ruhig,„dieſe Gelegenheit durfte man nicht unbenutzt laſſen.“ Marguerite trat in dieſem Augenblick ein, ſie berichtete ihrer Herrin, daß ſchon ſeit einer halben Stunde mehrere Herren im Salon ſie erwarteten. — 298— „Iſt der Polizeipräſident unter ihnen?“ fragte Maria. „Nein.“ „Wenn er kommt, ſoll er hierher geführt werden, ich wünſche, mit ihm zu reden. Sobald er hier iſt, benachrichtigen Sie mich.“ Ein Wink verabſchiedete die Beiden. Maria trat vor den Spiegel und muſterte ihre Toilette. Nach⸗ dem ſie hier eine Schleife, dort eine Locke geordnet hatte, ging ſie, mit einem Lächeln der Heiterkeit und des Glücks auf den Lippen, in den Salon. Niemand ahnte, welcher Sturm in der Seele dieſes ſchönen ſtrahlenden Mädchens tobte, welche Fülle von Haß und Rachſucht ſie barg. Vierzigſtes Kapitel. Bruderliebe. Als Otto die Thüre des Zimmers öffnete, welches der Portier ihm als die Wohnung des jungen deutſchen Ehepaars bezeichnet hatte, fiel ſein erſter Blick auf den Bruder, der am Tiſche ſtand und einen offenen Brief in der Hand hielt. Die junge Frau ſaß auf dem Sopha und blickte gelangweilt zu dem Gatten auf, der, wie es ſchien, aus dieſem Briefe ihr vorgeleſen hatte. „Grüß' Gott, Heinrich,“ ſagte Otto treuherzig, indem er dem Bruder die Hand bot.„Ich hätte im Traume nicht daran ge⸗ dacht, daß ich Dir hier begegnen würde.“ „Ich auch nicht,“ erwiderte Heinrich kühl und offenbar unan⸗ genehm überraſcht, während er ſeine Fingerſpitzen in die harte, ſchwielige Hand des Arbeiters legte.„Es iſt in der That ein ſonderbarer Zufall—“ „Der Dir doch wohl nicht unangenehm ſein wird?“ fragte Otto. „O, nein, nein, Du ſtörſt durchaus nicht,“ fuhr Heinrich mit einem erzwungenen Lächeln auf den Lippen fort,„ich kann Dir bei dieſer Gelegenheit ja meine Gemahlin vorſtellen.“ Otto wollte auch ihr die Hand bieten, ſie kam dem durch eine kalte, gemeſſene Verbeugung zuvor. 76 8 * ——yEEEEEEEVV——— Otto wußte bereits, woran er war, er hegte ſchon jetzt die Ueberzeugung, daß er dieſen Beiden keinen größeren Gefallen er⸗ zeigen könne, als den, daß er ſich ſchleunigſt wieder entfernte. Aber gerade, weil er das wußte, gefiel es ihm, ſie mit ſeiner Gegenwart noch länger zu beläſtigen, er wollte verſuchen, einen recht tiefen Blick in die Seele Beider zu werfen. „Die Mutter hat mir vor einigen Wochen geſchrieben, Du werdeſt nun bald Deine Hochzeit feiern,“ nahm er nach einer Weile wieder das Wort,„aber ich wußte nicht, daß der Tag ſchon ſo nahe war.“ Heinrich mußte den Stich fühlen. „Du haſt doch meinen Brief erhalten, in welchem ich Dich einlud?“ fragte er. „Nicht eine Silbe,“ erwiderte Otto, für den es keinem Zweifel unterlag, daß dies eine Lüge war. „Dann muß der Brief verloren gegangen ſein,— ſonderbar!“ „In der That,— ſehr ſonderbar!“ „Du ſagſt das ſo ironiſch, als ob Du bezweifelteſt, daß ich die Einladung abgeſchickt habe!“ „Durchaus nicht.“ „Und wenn es überſehen worden wäre, ſo könnten Sie es wohl damit entſchuldigen, daß die Hochzeit im Hauſe meines Vaters gefeiert wurde,“ ſagte Bertha gemeſſen.„Von der Fa⸗ milie meines Gemahls—“ „Ich finde das ſehr begreiflich,“ unterbrach Otto ſie, den dieſer ſteife gemeſſene Ton ärgerte.„Ich würde ja ohnehin nicht ge⸗ kommen ſein, weil ich noch nicht völlig hergeſtellt war.“ „Ach, es iſt wahr, Du warſt krank,“ ſagte Heinrich, der nicht einmal daran dachte, ſeinem Bruder einen Stuhl, geſchweige denn ein Glas Wein anzubieten.„Hoffentltch befindeſt Du Dich jetzt wieder wohl.“ „Ich danke.“ „Ich würde Dir längſt einmal geſchrieben haben, aber die Geſchäfte nahmen meine Zeit ſo ſehr in Anſpruch, daß ich nicht daran denken konnte.“ „Hm—— Du biſt ja inzwiſchen ein reicher Mann ge⸗ worden?“ „Wer hat Dir das geſagt?“ „Die Mutter ſchrieb es mir.“ Heinrich zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Was wiſſen ſolche Leute von Reichthum?“ ſagte er.„Wenn ich auch Wagen und Pferde halten könnte, reich bin ich darum doch nicht.“ „Aber vermögend.“ — 300— „Je nun— ja, aber die Fonds liegen feſt, ich kann keinen Thaler entbehren, wenn ich mein Geſchäft nicht ſchwächen will.“ Ein ſarkaſtiſches Lächeln glitt über das Geſicht Otto's. „Du haſt wohl noch nichts erworben?“ fuhr Heinrich lauernd fort.„Damals als Du Köln verließeſt, wollteſt Du ja ſehr bald ein reicher Mann ſein.“ „Das habe ich nicht geſagt.“ „Ich meine doch.“ „Nein, ich ſagte nur, daß ich danach ſtreben wollte, durch red⸗ liche Arbeit mir ein Vermögen zu erwerben.“ „Von fünfmalhunderttauſend Thaler!“ ſpottete Heinrich. „Das habe ich auch nicht geſagt. Du bezeichneteſt dieſe Summe als das Ziel Deines Strebens.“ „Bah, ſie genügt mir nicht mehr.“ „Aber kann denn ein Schloſſer ſo viel verdienen?“ fragte Bertha geringſchätzend. „Erlauben Sie, ich bin Maſchinenbauer.“ „Alſo doch ein Handwerker?“ „Gauben Sie, ich ſchäme mich deſſen?“ fragte Otto ruhig. „Arbeit adelt den Mann—“ „Reichthum adelt ihn, guter Freund,“ fiel Heinrich ihm in's Wort.„Wir wollen darüber nicht ſtreiten.“ „Ich hoffe, Du berückſichtigeſt meine Gegenwart,“ ſagte Bertha mit ſcharfer Betonung. „Gewiß,“ fuhr Heinrich fort,„das Thema könnte Dich ja auch nicht intereſſiren. Du arbeiteſt hier in der Nähe?“ „Ich war Werkmeiſter in einem ſehr bedeutenden Etabliſſe⸗ ment.“ „Du warſt es? Weshalb—“ „Gründe, die ich nicht nennen kann, nöthigten mich zu kündigen.“ „Ah und jetzt?“ Otto errieth die Bedeutung des Blicks, der dieſe Frage be⸗ gleitete, er las in ihm, daß ſein Bruder fürchtete, auch in Köln wieder in nahe Berührung mit ihm zu kommen. Ihn ergötzte dieſe Beſorgniß, die ſich auch in den Zügen Bertha's ſpiegelte. „Ich hatte einmal vor, nach Köln zurückzukehren,“ erwiderte er. „So raſch ſchon?“ „Ich habe genug gelernt in der Fremde.“ „Und was wollen Sie in Köln beginnen?“ fragte Bertha, ihrem Gatten einen ſehr bedeutungsvollen Blick zuwerfend. Otto zuckte die Achſeln. „Rüſtige Arme kann man überall gebrauchen,“ ſagte er. „Aber in Köln würde man Dich ſofort verhaften,“ erwiderte Heinrich.„Die Barrikadengeſchichte iſt noch nicht niedergeſchlagen.“ 4 he — ten me — 301— haled Furcht vor der Verhaftung würde mich nicht zurück⸗ alten.“ „Du haſt damals den Schuß abgefeuert.“ „Ich kann beweiſen, daß ich es nicht gethan habe. „Geſetzt, Du kannſt es, welche Exiſtenz findeſt Du in Köln? Die eines Schloſſergeſellen—“ „Ich dachte mir, Du und der Vater würden mir ſo viel vor⸗ ſtrecken, daß ich eine eigne Schloſſerei errichten könnte.“ Heinrich ſchüttelte den Kopf. „Darauf kannſt Du keine Rechnung machen,“ erwiderte er. „Der Vater hat kein Geld und ich darf meine Geſchäftsfonds nicht angreifen.“ (☛ 7 71 „So, ſo— „Wenn das nicht wäre, Du weißt ja, ich würde Dich gerne unterſtützen.“ „Natürlich.“ „Du glaubſt es nicht?“ „Nein,“ erwiderte Otto ſcharf und feſt,„ich glaube es nicht, ich kenne Dich beſſer. Deine Selbſucht und Dein dünkelhafter Hochmuth ſind mir nie ſo klar geworden, wie heute. Du ſiehſt in mir nicht den Bruder, ſondern den armen Schloſſergeſellen, deſſen Du Dich ſchämen zu müſſen glaubſt, Du haſt kein Herz für Deine Familie und Deine Freunde, das Gold allein iſt der Götze, den Du anbeteſt. Du darfſt Dich beruhigen, ich werde nicht nach Köln reiſen, ich gehe nach London. Aber auch wenn ich einſt nach Köln zurückkehre, haſt Du keinen Grund, zu befürchten, ich werde Dir läſtig fallen! Ich werde Deine Schwelle nicht überſchreiten, denn nichts iſt mir verhaßter, als dieſer Hochmuth. — So, nun weißt Du, wie ich über Dich denke, nun wirſt Du auch wiſſen, wie wir in Zukunft zu einander ſtehen werden. Um Deinen Reichthum beneide ich Dich nicht, wenn das Glück Dich verläßt, biſt Du ärmer als ein Bettler, der ſich mit dem begnügt, was er hat. Adieu!“ Bertha hatte ſich erhoben, ſprachlos vor Erſtaunen und Ent⸗ rüſtung ſtierte das junge Ehepaar den ſchlichten Arbeiter an, der ſo verwegen war, ihnen dieſe Worte zu ſagen. Sie fühlten ſelbſt, wie gerecht dieſe Worte waren, und gerade das erbitterte ſie zumeiſt. „Bah— es iſt der Neid, der aus ihm ſpricht,“ ſagte Heinrich achſelzuckend, als die Thüre hinter ſeinem Bruder in's Schloß gefallen war,„was kann es uns überhaupt kümmern, wie ein ſolcher Menſch über uns denkt!“ Nikolas aber ſchüttelte mißbilligend das Haupt, als Otto ihm den Inhalt der Unterredung berichtete. ———ä—y— 4 — 302— „Ich habe es Dir vorausgeſagt,“ erwiderte er,„Du hätteſt es vermeiden ſollen.“ „Weshalb das?“ fragte Otto.„Mich freut es, daß ich die Laſt vom Herzen habe.“ „Er, Hitte Dir ſpäter nützen können.“ / r „Wenn Du vielleicht ihn um eine kleine Summe— „Brechen wir ab,“ fiel Otto unmuthig dem Freunde in's Wort,„ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich von ihm kein Darlehn haben möchte. Ich fühle die Kraft und den Muth in mir, durch meiner Hände Arbeit mich empor zu ſchwingen und ich vertraue darauf, daß mir das ohne die Unterſtützung Anderer gelingen wird.“ Nikolas ſchwieg, er konnte ja das Geſchehene doch nicht ändern. Als die Beiden in die Herberge zurückgekehrt waren, nahmen ſie im Gaſtzimmer ihr beſcheidenes Abendbrot ein und hier ge⸗ ſellte ſich der geheime Agent, der Spion Werner's, zu ihnen. Er begann ein Geſpräch über alltägliche, unverfängliche Dinge und wußte ſich durch ſeine Freundlichkeit und ſeine Theilnahme ihr Vertrauen ſo raſch zu erwerben, daß die Beiden ihm ohne Hehl ihre Abſichten und Pläne entwickelten. Als dieſer Mann ſie verlaſſen hatte, gingen ſie in ihr Schlaf⸗ gemach. Sie ſprachen hier noch lange über Michelet, Valerie und auch den Bruder Otto's und ſchliefen endlich, ermüdet von der an⸗ ſtrengenden Wanderung durch Paris, ein. Als Otto erwachte, graute der Morgen. Im erſten Augenblick war es ihm, als ob ein ungewöhnliches Geräuſch ihn geweckt habe, er fuhr im Bett in die Höhe, um zu lauſchen. Und in der That, dieſes Geräuſch wiederholte ſich, es war ein ſehr lautes und ſehr ungeſtümes Pochen, und wenn Otto nicht irrte, ſo hörte er dazwiſchen auch das Aufſtoßen von Gewehrkolben. Was bedeutete das? Otto war ſich keiner Schuld bewußt und doch konnte er nicht bezweifeln, daß es franzöſiſche Gensd'armen waren, welche zu dieſer ungewohnten Stunde und in dieſer beunruhigenden Weiſe Einlaß begehrten. Er weckte den Freund und machte ihn auf den Lärm aufmerkſam. „Im Namen des Geſetzes öffnet!“ rief eine rauhe Stimme. „Mein Gott, was bedeutet das?“ fragte Nikolas erſchreckt. „Ich weiß es nicht,“ erwiderte Otto rathlos,„ich kann mir nur denken, daß es ein Irrthum iſt.“ „Wird's bald?“ rief die Stimme wieder.„Wollt Ihr uns zwingen, die Thüre einzuſtoßen? 44 — AN — 303— „So öffnet doch,“ ſagte der Wirth,„fliehen könnt Ihr ohnehin nicht, die Straße iſt beſetzt.“ Die beiden Freunde hatten ſich nothdürftig angekleidet, Otto öffnete die Thüre. Vier Gensd'armen, von einem höheren Beamten begleitet, traten ein. „Sind Dieſe die beiden Deutſchen, die geſtern Abend hier einkehrten und ein Nachtlager verlangten?“ fragte der Beamte den Wirth. Der letztere bejahte. „Dann haben wir die preußiſchen Deſerteure,“ fuhr der Beamte befriedigt fort.„Vorwärts, kleidet Euch an und rafft Eure Habſeligkeiten zuſammen.“ „Deſerteure?“ erwiderte Otto beſtürzt.„Wir ſind preußiſche Unterthanen und haben gute Päſſe—“ „Deutſche Päſſe?“ fragte der Beamte ſcharf, während er die Beiden unverwandt beobachtete. „Franzöſiſche „Ah, von dem Maire in Mülhauſen?“ „Ja.“ „Wieder ein Beweis, daß es die ſind, die wir ſuchen,“ ſagte der Beamte triumphirend.„Vorwärts!“ Die Freunde blickten einander mit wachſender Beſtürzung an, ſie begriffen ſofort, daß irgend ein Feind ſie denuncirt hatte, und die Beſorgniß vor den Folgen dieſer verleumderiſchen Denunciation war eine ſehr gerechtfertigte. „Ich verſichere Sie, daß wir keine Deſerteure ſind,“ ſagte Otto, während er ſich ankleidete.„Wenn das kein Irrthum iſt, ſo iſt es eine Verleumdung—“ „Wir ſind unſerer Sache ſicher,“ unterbrach der Beamte ihn barſch.„Weshalb haben Sie keine preußiſchen Legitimations⸗ papiere? Sie ſind von Saarlouis oder Luxemburg deſertirt, haben in Mülhauſen gearbeitet und dort ſich franzöſiſche Päſſe zu verſchaffen gewußt. Daraufhin haben Sie in dem Etabliſſement des Herrn Michelet Arbeit angenommen und jetzt wollen Sie nach London, weil Sie ſich in Frankreich nicht mehr ſicher fühlen.“ Das Alles iſt richtig, bis auf die Deſertion ſelbſt,“ erwiderte Otto überraſcht.„Daß Sie das wiſſen, beweiſ't mir wiederum, daß ein boshafter Feind uns denuncirt hat.“ Der Beamte machte eine Geberde der Geringſchätzung.„Wenn Sie proteſtiren wollen, können Sie es in Algier thun,“ ſagte er gemeſſen,„Sie werden ſofort eingekleidat werden und abmarſchiren. Wir haben weder Zeit noch Luſt, die Sachlage gründlich zu untere ſuchen, hegen Sis auch die Ueberzeugung, daß eine ſolche Uneer⸗ ſuchung nur die Beſtätigung der gegen Sie vorliegenden Beſchul⸗ digung ergeben würde.“ „Das iſt eine heitere Geſchichte,“ wandte Otto ſich zu dem Freunde,„nach Algier ſollen wir geſchleppt werden. Wer uns das nur angethan haben mag!“ Nikolas hatte ſeine Faſſung vollſtändig verloren, er würde ſofort einen Fluchtverſuch unternommen haben, wenn er an die Möglichkeit des Gelingens geglaubt hätte. „Vielleicht Dein Bruder,“ ſagte er verwirrt. „Das kann ich nicht glauben,“ erwiderte Otto,„für ſo nieder⸗ trächtig halte ich ihn nicht.“ „Oder Franz Werner!“ „Das wäre eher möglich.“ „Aber wie kann dieſer Vagabund ſolchen Einfluß haben?“ „Wer weiß, welche Kanäle ihm offen ſtehen! Kann er nicht geheimer Polizei⸗Agent geworden ſein?“ „Das iſt wahr.“ „Vorwärts, vorwärts,“ drängte der Beamte ungeduldig. Die beiden Freunde ſchnürten ihr Bündel, ſie mußten der Gewalt ſich fügen. Der Beamte führte ſie ſofort in eine Kaſerne, den Proteſt Otto's und deſſen gerechte Forderung, ſie vor den Richter zu führen, beachtete er nicht. Ein alter Sergeant nahm ſie in Empfang, auch er überging alle Proteſte, Vorſtellungen, Bitten und Drohungen mit Stillſchweigen. Otto drang darauf, ſich an den preußiſchen Geſandten wenden zu dürfen, es wurde ihm nicht geſtattet, er bat, man möge ihm erlauben, ſeinem früheren Principale Michelet einige Zeilen zu ſchreiben, die Erfüllung dieſer Bitte wurde ihm verweigert. Man gab ihnen ein Früßhſtück und ſperrte ſie, jeden abgeſon⸗ dert, ein, einige Stunden ſpäter wurden ſie abgeholt, um einge⸗ kleidet zu werden. Schon am Mittag befanden ſie ſich in franzöſiſcher Uniform, nur die Waffen hatte man ihnen noch nicht gegeben. Am nächſten Morgen ſollten ſie nebſt einigen Andern nach Marſeille trans⸗ portirt werden, um hier zu einem Trupp zu ſtoßen, der ſeiner Einſchiffung nach Algier harrte. Im Laufe des Nachmittags wurden ihnen die Kriegsartikel vorgeleſen, die mehrere ſehr angenehme Paragraphen über Ga⸗ leerenſtrafe, Zwangsarbeit und Erſchießen im Falle der Deſertion enthielten, darauf mußten ſie den Fahneneid leiſten und als ſie wiederholt gegen dieſes Anſinnen proteſtirten, wurden ſie mit einer langen Liſte von Strafen bekannt gemacht, die im fortgeſetzten Weigerungsfalle über ſie verhängt werden dürften. — —— der⸗ N — 305— So blieb ihnen denn nichts Anderes übrig, als ſich der Gewalt zu fügen, und als ſie nun endlich gute Miene zum böſen Spiel machten, räumte man ihnen ſofort einige Freiheiten ein. Aber es blieb ihnen ſtreng verboten, die Kaſerne zu verlaſſen, und durch einen Brief oder einen Boten irgend Jemandem eine Nachricht über ihr Schickſal zukommen zu laſſen. Das mußte ihnen beweiſen, daß ein mächtiger, einflußreicher Feind ihnen dieſes Geſchick bereitet hatte. Am nächſten Morgen, als der Tag kaum graute, marſchirte der Trupp unter ſtarker Bedeckung ab. Vor dem Abmarſch hatte die Begleitungsmannſchaft ihre Gewehre geladen und der Offizier, der ſie führte, ihnen mit lauter deut⸗ licher Stimme befohlen, Jeden unverzüglich niederzuſchießen, der einen Fluchtverſuch mache. Einundvierzigſtes Kapitel. Hartgeſottene Sünder. Jakob Herz hatte wieder einmal ein gutes Geſchäft gemacht und er ſtand eben im Begriff, in ſeiner Herzensfreude ſeinem Schreiber ein halbes Liqueurglas voll Rum einzuſchenken, als plötzlich ſehr haſtig und ungeſtüm die Hausglocke in Bewegung geſetzt wurde. Der Wucherer öffnete ſtets ſelbſt die Thüre, er überließ das nie ſeinem Schreiber, weil er fürchtete, derſelbe könne einmal bei einem ſeiner Kunden ſich unliebſame Aeußerungen über ihn er⸗ lauben, gar mit demſelben ein Komplot gegen ihn ſchmieden. So ging er denn auch jetzt hinaus, um zu ſehen, wer Einlaß begehre. Wäre ein Blitzſtrahl aus heitrem Himmel plötzlich vor ihm niedergefahren, es hätte ihn nicht mehr entſetzen können, als der Anblick des Mannes, der vor der Thüre ſtand, es that. Dieſer Mann war der Schloſſermeiſter Peter Braun, derſelbe, den Herz als Bevollmächtigten nach Braſilien geſchickt hatte. Er glaubte ihn längſt und für immer beſeitigt, nun kehrte er unerwartet zurück und der Wucherer kannte den Zweck dieſer Rück⸗ kehr ſehr genau. Aber die Geiſtesgegenwart verlor Herz ſo raſch nicht. Er war Fünfmalhunderttauſend Thaler. 20 3 ja früher ſchon, noch ehe ſein Bevollmächtigter die Reiſe nach Braſilien angetreten hatte, darüber mit ſich vollkommen im Reinen geweſen, daß er dieſen Mann um den verſprochenen Lohn betrügen wollte, er hatte ſchon damals ſeine Pläne zur Ausführung dieſes edlen Vorhabens entworfen,— ſo traf ihn alſo dieſe Begegnung keineswegs ganz unvorbereitet. Mit der Schnelligkeit des Blitzſtrahls durchzuckte ſeine Seele der Gedanke, daß Peter Braun als ſein Mitſchuldiger ihm nichts anhaben könne, er alſo keinen Grund habe, dieſen Mann zu fürchten. „Ah— Ihr ſeid wieder da?“ ſagte er ſo kalt und gleich⸗ müthig, als ob er erſt am Tage vorher Abſchied von ihm genom⸗ men habe.„Ich hatte Euch nicht erwartet.“ „Glaub's gerne,“ erwiderte Braun kurz angebunden, während er raſch in das Schreibzimmer ſchritt,„es wäre Euch natürlich lieber geweſen, wenn die ſchuftigen Rothhäute mir den Garaus gemacht hätten.“ Jakob Herz zuckte gelaſſen die Achſeln. „Ich wüßte nicht, inwiefern mich das hätte intereſſiren kön⸗ nen,“ ſagte er ruhig,„es war Eure eigne Schuld, daß Ihr dieſen Leuten in die Hände fielt.“ „Ihr ſeid alſo unterrichtet?“ „Der Konſul theilte mir die Geſchichte mit!“ „Die Euch natürlich ſehr angenehm war!“ „Ich bemerkte Euch ſchon—“ „Na, wir wollen das auf ſich beruhen laſſen,“ fuhr Peter Braun fort, deſſen ganze äußere Erſcheinung den Eindruck eines Vagabunden machte.„Weshalb entzogt Ihr mir in Rio⸗Janeiro die Vollmacht?“ Der Wucherer begegnete dem ſcharfen, ſtechenden Blick des Schloſſers mit gemeſſener Ruhe. „Weshalb?“ erwiderte er gedehnt.„Ihr ließt vor Eurer Ab⸗ reiſe einige Aeußerungen fallen, die mich bewogen, auf meiner Hut zu ſein.“ „Ihr fürchtetet, ich werde Euch betrügen?“ „Hatte ich vielleicht Grund, die Möglichkeit eines Betruges ganz und gar zu bezweifeln? Gelegenheit macht Diebe, und Eure Angelegenheiten hier hatten wahrlich nichts Verlockendes für Euch. Da hielt ich es für beſſer, den Konſul zu beauftragen, mir direct die Summe in guten Wechſeln zu ſenden.“ „Was hoffentlich auch geſchehen iſt?“ „Allerdings.“ „Und ich wurde mit fünfhundert Dollars abgeſpeiſt.“ „Genügte die Summe nicht?“ — . & — 307— „Sie reichte eben hin, meine Rechnung im Gaſthofe und die Koſten der Rückreiſe zu beſtreiten.“ „Alſo genügte ſie auch,“ erwiderte der Wucherer kühl. „Zu dieſem Zwecke ja,“ fuhr Braun fort.„Rechnen wir jetzt ab. Ihr verſpracht mir damals, nach glücklicher Abwicklung des Geſchäfts zehntauſend Thaler zu zahlen.“ „Beſitzen Sie darüber einen Schuldſchein?“ unterbrach Herz ihn ruhig. Peter Braun warf dem Schreiber einen Blick zu, als ob er ihn um ſeinen Rath bitten wolle, Bernhard Schenk aber begnügte ſich damit, die Achſeln zu zucken. „Einen Schuldſchein?“ erwiderte er.„Wir haben das ja mündlich abgeſprochen.“ „Ah, dann könnte Jeder kommen und auf Grund einer ſolchen Abſprache Geld von mir fordern!“ ſpottete der Wucherer.„Ich erkenne prinzipiell nur die Schulden an, für deren Zahlung ich ſchriftlich mich verbürge!“ „Da haben wir den Schuft!“ wandte Braun ſich entrüſtet zu dem Schreiber.„Das alſo war die Hinterpforte, die er damals ſich offen ließ? He— alter Sünder, am Ende ſeid Ihr noch geſonnen, Eure Anſprüche an mich wegen der früheren Schuld geltend zu machen?“ „Sobald Ihr etwas erworben habt,“ entgegnete Herz, deſſen kalte Ruhe einen ſcharfen Gegenſatz zu der mehr und mehr wach⸗ ſenden Erregung des Vagabunden bildete.„Glaubt Ihr, ich ſei ſo leichtſinnig, das ſchöne Geld zu Fenſter und Thüre hinaus zu werfen? Ihr ſchuldet mir zwölfhundert Thaler ſammt den Zin⸗ ſen von mehreren Jahren, Eure Unterſchrift unter dem Schuld⸗ ſcheine werdet Ihr nicht läugnen können.“ „So ſchlage doch ein Donnerwetter in dieſe infame Schurkerei!“ rief der Schloſſermeiſter, bebend vor Wuth.„Nachdem ich Euch die Kaſtanien aus dem Feuer geholt und mir dabei die Finger garſtig verbrannt habe,——— zum Teufel, Herr, ich werde Euch zeigen, daß ich nicht mit mir ſpielen laſſe! Zahlt Ihr mir die verſprochene Summe nicht, dann—“ „Dann? Was dann?“ ſpottete Herz, als Braun zögerte. „Ihr wollt am Ende mich verklagen, einen gerichtlichen Eid von mir fordern—“ „Bah— ein Meineid iſt für Euch Kinderſpiel! Ich müßte „ein Narr ſein, wollte ich dieſen Weg einſchlagen. Aber es gibt noch andere Wege, Mann Gottes, Ihr werdet noch auf den Knieen vor mir liegen und mir mehr anbieten, als ich heut fordere.“ Ein boshaftes Lächeln glitt über das dürre, pergamentfarbene Geſicht des Wucherers. 20* — 308— „Das will ich ruhig abwarten,“ erwiderte er mit ſchneidendem Hohn,„ich zweifle ſehr, daß Ihr dieſe Freude erleben werdet. Geht hin und poſaunt die Geſchichte aus, wir wollen ſehen, wer den Kürzeren zieht. Ihr ſeid doch hingereiſt, nm die Erbſchaft in Empfang zu nehmen, Ihr habt Euch gefälſchter Papiere bedient und da wollt Ihr gegen mich auftreten? Mit ſolcher Sprache macht Ihr mich nicht mürbe, ich weiß ſehr genau, daß Eure Freiheit Euch zu lieb iſt, als daß Ihr ſie der Befriedigung Eurer Rachſucht opfern möchtet. Bitten könnt Ihr, aber ein Recht zu fordern habt Ihr nicht! Meinem Schreiber hat's nicht beſſer er⸗ gangen, er wollte auch ſeinen Antheil haben und hat doch keinen Heller erhalten. In ſolchen Dingen muß man vorſichtig ſein, hättet Ihr damals Eure Hülfe von der Abſchließung eines ſchrift⸗ lichen Contracts abhängig gemacht, ſo könntet Ihr heute gegen mich auftreten, daß Ihr es nicht thatet, iſt meine Schuld nicht.“ Sprachlos vor Erſtaunen und Entrüſtung hatte Peter Braun dieſe Worte angehört und unwillkürlich trat der Wucherer einen Schritt zurück, als jetzt ſein Blick auf den Vagabund fiel, der mit geballten Fäuſten, blitzenden Augen und bebenden Lippen vor ihm ſtand. Und wenn nicht Bernhard Schenk zwiſchen die Beiden ge⸗ treten wäre, ſo würde der Schloſſermeiſter vielleicht den kleinen, dürren Mann mit einem wuchtigen Fauſtſchlage niedergeſtreckt haben. „Ihr ſeid ein elender, feiger, betrügeriſcher Schuft!“ ſchrie Braun, unfähig, ſeine Wuth zu bemeiſtern.„Wenn Euch einmal die gerechte Vergeltung trifft und Ihr zum Schaffot geführt wer⸗ det, will ich—“ „Ereifert Euch nicht ſo ſehr, es ſchadet der Geſundheit,“ unter⸗ brach Herz ihn ſpottend.„Ihr werft mir Betrug vor,— was würdet Ihr gethan haben, wenn Ihr in Braſilien das Geld er⸗ halten hättet— he? Ah, ich kenne Euch, mit dem Raube wür⸗ det Ihr ruhig drüben geblieben ſein und nicht einmal daran ge⸗ dacht haben, mir meine Auslagen zu erſtatten! Wir haben ein⸗ ander nichts vorzuwerfen, im Gegentheil, Ihr ſeid mir Dank ſchuldig dafür, daß Ihr durch mich eine gute Lehre erhalten habt.“ Peter Braun hatte, knirſchend vor Wuth, mit der Mütze ſeinen rothbehaarten Schädel bedeckt, er machte Miene, ſich auf den Wucherer zu ſtürzen, aber ein Blick und eine bezeichnende Bewe⸗ gung des Schreibers hielten ihn zurück. Er begriff ſofort, daß er an dieſem Schreiber einen Verbündeten beſaß, und daß derſelbe ihn durch dieſe Geberde darauf aufmerkſam machen wollte, er wiſſe einen beſſern Weg, um den Wucherer zu züchtigen. „Ihr wollt alſo meiner Forderung in keiner Weiſe Gehör geben?“ fragte er. — 309— „Nein,“ erwiderte Herz entſchloſſen. „Gut, dann erwartet die Folgen dieſer niederträchtigen Hand⸗ lungsweiſe, die Euch bitter gereuen wird.“ Mit einem lauten Knall flog hinter dem empörten Schloſſer⸗ meiſter die Hausthüre in's Schloß, ein Zug der Befriedigung und der Verachtung zugleich breitete ſich über das Geſicht des Wucherers. „Der iſt abgetrumpft,“ ſagte er,„die Hauptſache bleibt immer, daß man ſich nicht in's Bockshorn jagen läßt.“ Der Blick des Schreibers ruhte lauernd auf den Zügen des alten Mannes. „Sie ſpielen noch immer ein ſehr gewagtes Spiel!“ erwiderte er. „Bah, ich habe es längſt gewonnen.“ „Wer weiß! Der Konſul in Rio⸗Janeiro kann Verdacht ge⸗ ſchöpft und direct an den rechtmäßigen Erben geſchrieben haben.“ Der Wucherer war an's Fenſter getreten, er blickte wieder hinaus auf den Schutthaufen. „Hätte er es gethan, ſo wäre der Brief längſt hier und die Unterſuchung bereits eingeleitet,“ ſagte er,„nun dies nicht geſchehen iſt, liegt auch kein Grund zu einer Beſorgniß vor.“ „Und wenn es dennoch ſpäter geſchieht?“ fragte Schenk. „So weiß ich, was ich zu thun habe.“ „Das heißt?“ „Was kümmert das Sie?“ fuhr Herz auf.„Müſſen Sie ſich denn in Alles mengen?“ „Wenn ich das wollte, würde ich viel zu thun haben. Ich denke nicht daran, aber ich möchte doch gerne wiſſen, wie Sie in dieſem Falle den Sturm beſchwören wollten!“ „Und ich habe keine Luſt, Ihnen das zu ſagen,“ erwiderte Herz unwirſch. „Dann bin ich meiner Sache gewiß,“ fuhr der Schreiber ruhig fort.„Sie wollen heimlich die Stadt verlaſſen und zwar ſo bald wie möglich, Ihnen graut vor den Folgen einer immerhin mög⸗ lichen Entdeckung. Um denen vorzubeugen, haben Sie ſich ent⸗ ſchloſſen, auszuwandern.“ Die Augen des Wucherers waren immer größer geworden, ſtier blickten ſie den Redenden an, der ſeine Vermuthungen in einem Tone äußerte, welcher eine über jeden Zweifel erhabene Ueberzeugung bekundete. „Woher wiſſen Sie das?“ fragte er. Der Schreiber lächelte triumphirend, dieſe Frage lieferte ihm den vollgültigen Beweis, daß er ſich nicht getäuſcht hatte. „Sie haben ſchon ſeit mehreren Monaten begonnen, Ihre Forderungen allmählich einzuziehen,“ erwiderte er.„Sie leihen — 310— nicht gerne mehr Summen aus, Sie ſuchen im Geheimen einen Käufer für Ihr Haus,— oh, ich bin nicht ſo dumm, wie Sie am Ende glauben. Sie wollen fort mit Ihrem Raube, an mich wird natürlich nicht gedacht.“ „Und wenn ich das wollte, könnten Sie es verhindern?“ fragte Herz ſarkaſtiſch.„Wenn ich dieſen Plan entworfen hätte, würde ich dabei auch an Sie gedacht haben, laſſen Sie ſich Ihrer Exiſtenz wegen keine graue Haare wachſen, Sie werden nicht zu kurz kommen.“ Es ſchlug Mittag, der Schreiber legte die Feder hin und ſchloß die Bücher. „Sie haben mir eine gute Lehre gegeben,“ ſagte er, während er den alten, zerriſſenen Arbeitsrock auszog,„Sie haben mir ge⸗ zeigt, daß man Liſt gegen Liſt ſetzen muß, ich werde dieſen Wink zu benutzen wiſſen.“— Als der Schreiber die Straße verließ, an der das Haus ſeines Prinzipals lag, ſah er ſich plötzlich dem Schloſſermeiſter gegenüber. Dieſe Begegnung überraſchte ihn nicht, er hatte ſie erwartet. „Sie gaben mir vorhin einen Wink,“ ſagte Braun,„wenn ich recht verſtanden habe, ſo—“ „So bin ich Ihr Verbündeter gegen dieſen Schuft,“ erwiderte Schenk ruhig.„Sie haben Recht. Kommen Sie nach Tiſch auf die Schiffbrücke, ich werde einen Dritten mitbringen, der ebenfalls bei der Sache betheiligt iſt. Wiſſen Sie, der Notaraatsſchreiber, der die falſchen Dokumente angefertigt hat, Herz will auch ihm keinen Lohn zahlen.“ Peter Braun nickte. „Ich werde mich einfinden,“ ſagte er,„wir müſſen gemein⸗ ſchaftlich handeln.“ „Das wollen wir.“ „Sie haben ſchon einen Plan?“ „Ja und nein. Warten wir bis nachher.“—— Es war ein intereſſantes Kleeblatt, welches eine Stunde ſpäter über die Brücke nach Deutz wanderte. Der große hagere Schreiber mit ſeiner altmodiſchen Kleidung und dem ſcharf markirten, abgehärmten Geſicht, der kleine unter⸗ ſetzte, breitſchultrige Schloſſermeiſter mit der Galgenphyſiognomie und dem brandrothen Schädel, und der wohlgenährte, ziemlich ſorgfältig gekleidete Notariatsſchreiber, deſſen aufgedunſenes, rothes Geſicht den Durſt auf Spirituoſen verrieth; ſie gingen ſchweigend neben einander her und wer ſie nicht kannte, dem mußte unwill⸗ kürlich die Vermuthung ſich aufdrängen, daß es ein Gerichtsvoll⸗ zieher mit ſeinen Gehülfen ſei, der im Begriff ſtehe, eine Pfändung oder Verhaftung vorzunehmen. hrend ge⸗ Wink eines über. artet. venn derte ˖auf falls eiber, ihm nein⸗ päter dung nter⸗ omie mlich tthes gend will⸗ voll⸗ dung — 311— Bernhard Schenk führte ſeine Begleiter in eine Bierſchenke und die Drei nahmen in einem abgeſonderten Zimmer Platz. „Vorab eine Neuigkeit,“ ſagte Schenk.„Der Wucherer will heimlich die Stadt verlaſſen und auswandern.“ Ueberraſcht blickten die Beiden auf. „Man konnte das einigermaßen erwarten,“ erwiderte Braun, „er muß ja die Entdeckung täglich befürchten.“ „Hat er ſelbſt es Euch geſagt?“ fragte der Notariats⸗ ſchreiber. „Nein, aber ich fühlte ihm auf den Zahn. Ich ſagte ihm geradezu, daß ich wiſſe, er hege dieſe Abſicht und aus ſeiner Ant⸗ wort entnahm ich, daß ich mich in meinen Vermuthungen nicht täuſchte.“ „So müſſen wir raſch handeln,“ ſagte Braun.„Ich will an dieſem Schuft eine Rache nehmen—“ „Still,“ fiel Schenk ihm in's Wort,„mit dieſen leidenſchaft⸗ lichen Aufwallungen erreichen wir nichts. Wir müſſen ſehr vor⸗ ſichtig zu Werke gehen.“ „Laßt Euren Plan hören,“ ſagte der Schreiber, der inzwiſchen ſein Glas auf einen Zug gelernt hatte. „Wohl, man müßte den rechtmäßigen Erben anonym benach⸗ richtigen und ihn auffordern, ſich an einem gewiſſen Orte einzu⸗ ſinden. Hier könnten wir ihn bearbeiten. Wir ſtellen ihm unſere Bedingungen und—“ „Das iſt nichts,“ fiel der Notariatsſchreiber ihm in's Wort. „Wird die Sache ruchbar, kommt ſie in die Hände des Gerichts, ſo müſſen wir drei den Kopf auch in's Loch halten und dazu habe ich keine Luſt.“ „Ich auch nicht,“ brummte Braun. „Er muß die Bedingung eingehen, die Sache nicht ruchbar machen zu wollen,“ fuhr Schenk fort,„wenn er dem Wucherer droht, wird dieſer ſchon mit dem Raube herausrücken.“ „Und was haben wir davon?“ fragte der Schloſſermeiſter mürriſch. „Bertram Schenk wird uns natürlich eine namhafte Summe zahlen müſſen—“ „Müſſen? Wenn wir ihn an die Erfüllung dieſer Bedingung erinnern, wird er uns auslachen, er hat ja dann auch gegen uns eine Waffe in der Hand.“ „So iſt es,“ ſagte der Notariatsſchreiber.„Ich habe über die Geſchichte lange und oft nachgedacht und bin zu dem Schluſſe ge⸗ kommen, daß wir mit all' unſeren Plänen nichts ausrichten wer⸗ den. Wir ſind eben in eine Falle hineingegangen.“. „Aus der wir uns befreien können, wenn wir nur den Muth dazu haben,“ erwiderte Peter Braun ruhig.„Aber Muth und ein weites Gewiſſen gehören dazu und ich weiß nicht, ob Ihr—“ „Nur heraus mit der Sprache,“ ſagte Schenk,„was es auch ſein mag, wir wollen wenigſtens Euren Plan prüfen.“ Der Sclloſſermeiſter blickte ſich vorſichtig um, er ſchien zu fürchten, daß ein unberufener Lauſcher in der Nähe ſein könne. „Wenn wir dem rechtmäßigen Erben zu dem Gelde verhelfen, ſo gehen wir leer aus,“ flüſterte er,„dadurch haben wir alſo nichts gewonnen. Ich meine, da ſei es beſſer, wenn wir das ganze Vermögen unter uns theilen.“ „Wenn wir das könnten!“ warf der Notariatsſchreiber ein. „Wir können es.“ „Durch Einbruch und Diebſtahl?“ warf Schenk ein. „Unſinn, die Sache muß feiner angelegt werden. Habt Ihr noch nie gehört, daß ein Geizhals oder ein Wucherer ſich er⸗ henkt hat?“ „Selten.“ „Aber es iſt ſchon vorgekommen.“ „Und Ihr glaubt, Jakob Herz—“ „Werde dieſen Weg wählen, um die Menſchheit von einer Peſtbeule zu befreien?— Nein. Dazu iſt dieſer Schuft zu feige und—“ „Aber, was ſoll denn Eure Frage bedeuten?“ „Hm— wenn Ihr das nicht verſteht, ſo habt Ihr beide ein ſchweres Begriffsvermögen.“ Der Notariatsſchreiber nickte. „Ich verſtehe es ſchon,“ ſagte er,„aber die Sache ſcheint mir denn doch zu gefährlich.“ „Es kommt alles darauf an, wie man's anfaßt,“ erwiderte Braun ruhig.„Ihr könnt mir die Anordnungen ruhig überlaſſen, kein Hahn ſoll danach krähen. Ich gehe eines Abends hin und Ihr wartet in der Nähe, bis ich Euch nöthig habe. Am andern Morgen findet Schenk ſeinen Prinzipal erhenkt, er macht Lärm, die Leiche wird abgeſchnitten und beerdigt und alle Welt glaubt, der Schuft ſei ſeines Lebens überdrüſſig geweſen.“ „Und ſeine Hinterlaſſenſchaft?“ fragte Schenk. „Na, wir theilen ſie unter uns.“ . vhr vergeßt, daß das Gericht ſofort die Siegel anlegen laſſen wird.“ „Ganz gut, wenn ein Teſtament ſich vorfindet, in welchem der Verſtorbene Euch zum Univerſalerben einſetzt, muß das Ge⸗ richt Euch die Hinterlaſſenſchaft überantworten.“ „Ein Teſtament?“ „Na, ich denke, Ihr kennt die Handſchrift Eures Prinzipals — ſo genau, daß es Euch nicht ſchwer fallen kann, ein ſolches Teſta⸗ ment anzufertigen.“ Bernhard Schenk ſchüttelte mit bedenklicher Miene das Haupt. „Dieſem Plane kann ich jetzt noch nicht beiſtimmen,“ ſagte er,„ich muß mir das zuvor überlegen.“ „Ihr werdet ſo lange überlegen, bis wir Alle im Zuchthauſe ſitzen,“ ſpottete Braun.„Wir müſſen raſch handeln.“ „Sehr raſch,“ fügte der Schreiber hinzu.„Wenn wir unſere Vorkehrungen ſo treffen, daß wir den Rücken gedeckt haben, kann Niemand uns etwas anhaben und was die Sache ſelbſt betrifft, ſo wird es mir keine Gewiſſensbiſſe verurſachen, dieſen Schurken in's Jenſeits befördert zu haben.“ Bernhard Schenk hatte ſich erhoben. „Laßt mir Zeit,“ erwiderte er,„daß etwas geſchehen muß, ſehe ich ein, aber den Mord möchte ich verhindern.“ „Wir werden durch ihn reiche Leute,“ warf Braun ein. „Ja, ja— aber—“ „Bah— was liegt an dem Leben dieſes Schurken?“ „Ich muß gehen, heute Abend wollen wir weiter darüber reden. Unternehmt nichts ohne mich, wenn ich einſehe, daß kein anderer Weg offen iſt, werde ich mich nicht länger ſträuben.“ Bernhard Schenk eilte hinaus, er wußte, daß ſein Prinzipal ihn mit Vorwürfen empfangen würde. Punkt zwei Uhr mußte er wieder am Pulte ſitzen, und jetzt hatte es ſchon drei geſchlagen. Aber Jakob Herz empfing ſeinen Schreiber mit ſtoiſcher Ruhe, er ließ ſich durch den Eintritt deſſelben in ſeiner Arbeit nicht ſtören. Erſt nachdem er dieſe Arbeit beendet und die Feder nieder⸗ gelegt hatte, ließ er die Bemerkung fallen, Bernhard Schenk hege wohl die Abſicht, daß er jetzt die Rolle eines Freiherrn ſpielen könne.— „Inwiefern?“ fragte Schenk, dem der beißende Ton das Blut in die Wangen trieb.„Welche Gründe—“ „Ereifern Sie ſich nicht, mein Beſter,“ ſchnitt der Wucherer ihm das Wort ab,„wenn ich auch nicht hinter die Couliſſen ſehen kann, weiß ich doch, was dort vorgeht. Sie hatten wohl eine ſehr intereſſante Unterredung mit dem ehemaligen Schloſſer— he?“ Schenk blickte betroffen den alten Mann an. Woher konnte dieſer ſchon die Zuſammenkunft in Deutz er⸗ fahren haben. „Sie wollen doch nicht leugnen, daß Sie mit Braun ſich über mich unterhalten haben?“ fuhr Herz fort, deſſen Blick durchdringend auf dem Geſicht des Schreibers ruhte.„Sie hätten wenigſtens ſo klug ſein ſollen, die Comptoirſtunde pünktlich einzuhalten—“ „Ah, das iſt der Grund, auf den Ihre Vermuthung ſich ſtützt?“ fragte Schenk.„Ich fiel nach Tiſch in Schlaf, als ich erwachte—“ „War es natürlich drei Uhr,“ ſpottete der Wucherer.„Sie haben wohl auch geträumt, Bier getrunken zu haben— he? Den Wirthshausduft können ſie nicht verleugnen, er verräth Sie. Glauben Sie, ich habe den Wink nicht bemerkt, den Sie heute Morgen dem Vagabund gaben?“ „Sie ſind mißtrauiſch und das Mißtrauen—“ „Was ich mit meinen eigenen Augen ſehe, laſſe ich mir nicht abſtreiten, mein Beſter. Sie ſpielen überhaupt eine Rolle, die ich nicht länger billigen kann, ich wäre ein Narr, wollte ich Spione und Verräther um mich dulden.“ „Spione und Verräther?“ fuhr Schenk auf.„Was berechtigt Sie, in dieſer Weiſe—“ „Ihr Auffahren beweiſt mir am Beſten, daß ich dazu berech⸗ tigt bin. Ich will Sie nicht ſofort vor die Thüre ſetzen, obſchon ich das Recht dazu habe, ſehen Sie ſich nach einer andern Stelle um, wir ſind mit Ende dieſes Monats geſchiedene Leute.“ Bernhard Schenk errieth, daß ſein Prinzipal dies ſchon längſt beabſichtigt und nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, die ihm erlaubte, ſich von dem Mitſchuldigen ſeiner Verbrechen zu trennen. Dieſen Vorwand hatte er heute gefunden, er benutzte ihn un⸗ verzüglich. Der Schreiber wußte auch, daß weder Bitten noch Vorſtellun⸗ gen den alten Mann bewegen würden, die Kündigung zurück zu nehmen. Sein Groll gegen den Wucherer ſtieg durch dieſe Handlungs⸗ weiſe auf's Höchſte, ein glühender Haß und zugleich der Wunſch, Rache zu nehmen, erfüllten ſeine Seele. Und das Mittel, dieſen Haß zu befriedigen, hatte Brauu ihm ja gezeigt, die letzten Bedenken waren jetzt geſchwunden. „Gut,“ ſagte er, indem er das Buch geräuſchvoll zuſchlug, „wenn wir ſchon ſo weit gekommen ſind, dann iſt es beſſer, wir machen ein raſches Ende. Zahlen Sie, was Sie mir noch ſchul⸗ den, ſo ſind wir ſchon jetzt geſchieden. Es hat mir ſchon lange widerſtrebt, einem ſolchen Schuft dienſtbar ſein zu müſſen, ich ſchüttle das Joch mit Vergnügen ab.“ „Um auf der Straße Hungers zu ſterben,“ höhnte der Wucherer. „Wie Sie wollen,— ich kann allein fertig werden, mein Schaden iſt es nicht, wenn Sie ſich ſofort verfügen. Wie viel haben Sie noch zu fordern?“ lug, wir hul⸗ nge ich exer. aden Sie ₰ — 315— „Das müſſen Sie wiſſen,“ ſagte Schenk trotzig.„Ich über⸗ laſſe es Ihnen, ob Sie Ihre Verſprechungen—“ „Meine Anſicht darüber kennen Sie, ich habe ſie noch nicht geändert. Sie haben noch drei Thaler und zehn Groſchen zu fordern, hier ſind ſie und nun machen Sie, daß Sie hinaus kommen.“ Bernhard Schenk ſteckte das Geld ein. „Das iſt der Lohn für treue Dienſte,“ erwiderte er,—„bah, ich war ein Narr, wenn ich glaubte, von Ihnen Dank erwarten zu müſſen.“ „Das waren Sie in der That.“ „Aber nach dieſer Zeit wird eine andere kommen—“ „Das glaube ich auch.“ „Und dann werden Sie bereuen— „Möglich, daß ich dann bereue, Ihnen nicht ſchon früher den Laufpaß gegeben zu haben. Ich wüßte nicht, was ich anders zu bereuen hätte.“ Der Schreiber hatte während dieſem Zwiegeſpräch ſeinen Ar⸗ beitsrock eingepackt und die Mütze vom Nagel genommen. Er ging jetzt hinaus, ohne dem Wucherer ein Wort des Ab⸗ ſchieds zu ſagen und mit dem feſten Entſchluß, den Plan ſeiner Verbündeten nicht allein zu billigen, ſondern ſich auch bei der Ausführung deſſelben zu betheiligen. 74 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Der Werth eines Tauſend’-Francs-Billets. Otto und Nikolas fanden nicht ſehr oft Gelegenheit, über ihre Lage mit einander zu reden. Sie wurden nicht allein ſehr ſcharf bewacht ſondern auch ſo viel wie möglich getrennt gehalten und ſogar mit Kolbenſtößen zurückgewieſen, wenn ſie den Verſuch machten, ſich einander zu nähern. Dennoch gelang es ihnen dann und wann, einige Worte mit einander zu wechſeln. Sie bezweifelten beide nicht, daß ſie dem Schickſale, in Algier als Kanonenfutter benutzt zu werden, nur durch die Flucht ent⸗ rinnen konnten, aber ſie ſahen auch beide ein, daß es gewiſſer⸗ — 316— maßen eine Thorheit war, an die Möglichkeit der Flucht zu denken. Nicht allein auf dem Marſche auch in den Quartieren wurden ſie bewacht wie die gefährlichſten Staatsverbrecher, die Soldaten mit den geladenen Gewehren wichen ihnen nicht von der Seite. Waren ſie einmal auf dem Schiffe, welches ſie hinüber bringen ſollte, ſo war die letzte ſchwache Hoffnung verloren. Otto hätte gerne mit dem Freunde darüber berathen, da er dies nicht konnte, mußte er verſuchen, allein zu handeln. Fand er einen Weg, ſo war es, ehe er ihn betrat, immer noch früh genug, Nikolas zu benachrichtigen, auch beugte er dadurch, daß er allein handelte, jedem Verdacht vor. Ein alter Sergeant befand ſich faſt ſtets, ſowohl auf dem Marſche, wie im Quartier in der Nähe Otto's. Dieſer Sergeant war nicht ſo unfreundlich und unzugänglich wie ſeine Kameraden, er hatte ſchon oft eine Unterhaltung mit Otto angeknüpft und ſogar, wenn auch nicht direkt ſo doch mit unzweideutigen Worten das Loos der beiden Deſerteure bedauert. Ihn beſchloß Otto in Verſuchung zu führen, gelang es ihm, dieſen Mann zu beſtechen, ſo hatte er viel gewonnen. Das mußte allerdings mit äußerſter Vorſicht geſchehen, er konnte ſich ja in dem alten Soldaten irren und durch den Be⸗ ſtechungsverſuch ſeine Lage verſchlimmern. Am letzten Marſchtage faßte der junge Mann ſich ein Herz. Er bot dem Sergeanten die gefüllte Feldflaſche an und knüpfte mit ihm ein Geſpräch an, welches Anfangs nur alltägliche Dinge betraf, bald aber eine ernſtere Wendung nahm. Im Verlaufe dieſes Geſprächs erfuhr der Sergeant alle Schick⸗ ſale Otto's, das ganze bisherige Leben des jungen Mannes lag offen vor ihm. „Ich bedauere Sie herzlich,“ ſbgte er, als Otto ſchwieg,„aber an der Sache ſelbſt iſt nun nichts mehr zu ändern und da iſt es das Beſte, wenn man ſich geduldig fügt.“ „Wer das kann!“ ſeufzte Otto. „Der Mann muß es können,“ fuhr der Sergeant treuherzig fort.„Zudem— wer weiß, ob nicht eine Laufbahn vor Ihnen liegt, die zu einem glänzenden Glücke führt. Es iſt Mancher Marſchall geworden, der als gemeiner Soldat in der Fremden⸗ legion diente.“ „Das iſt ein ſchlechter Troſt,“ erwiderte Otto.„Ich werde nie ein tüchtiger Soldat werden—“ „Sagen Sie das nicht!“ „Weshalb ſoll ich es nicht ſagen? Ich weiß, daß ich keine energiſche Ader in mir habe, ebenſowenig, wie mein Freund. A³ Hätte man mir in Paris erlaubt, unſern Geſandten oder auch nur meinen früheren Prinzipal zu benachrichtigen, ſo würde ich wahrhaftig Paris nur verlaſſen haben, um meine Reiſe nach London anzutreten.“ „Daß man Ihnen dies nicht erlaubt hat, beweiſ't mir, daß Sie einen einflußreichen Feind haben,“ ſagte der Sergeant,„aber dieſer Einfluß wird hoffentlich nicht bis Algier reichen. Haben Sie eine beſtimmte Anzahl von Jahren gedient, ſo werden Sie entlaſſen und Sie ſind alsdann franzöſiſcher Bürger, vielleicht Oſſizier.“ „Ich will auf Beides gerne verzichten, ich verlange nichts weiter, als nach England reiſen zu können. Tauſend Francs würde ich gerne zahlen, obſchon ſie mein ganzes Vermögen bilden, wenn ich mir und meinem Freunde dadurch die Freiheit ver⸗ ſchaffen könnte.“ Der Sergeant blickte betroffen den jungen Mann an. „Tauſend Francs?“ fragte er.„Mit dieſem Gelde können Sie vielleicht in Algier—— na, ich rathe Ihnen, fügen Sie ſich geduldig, ſo ſchlimm iſt's drüben nicht. Habe ſchon Manchen hintransportirt, der mit ſchwerem Herzen hinging und ſpäter als angeſehener Mann zurückkehrte.“ „Mag ſein,“ fuhr Otto fort,„ich würde das Geld gerne opfern.“ „Wiſſen Sie auch, welche Strafe auf Deſertion—“ „Wohl weiß ich es, aber ich fürchte dieſe Gefahr nicht, und bin ich erſt in England, ſo kann man mir nichts mehr anhaben.“ Der Sergeant ſchwieg, Otto konnte nicht ergründen, ob er ſeine Abſicht erreicht oder verfehlt hatte, denn kein Zug in dem wettergebräunten Geſicht des alten Soldaten verrieth, was in ſeiner Seele vorging. Er verſuchte noch einmal, auf dieſes Thema zurückzukommen, aber der Sergeant gab ihm keine Antwort, offenbar fürchtete er, ſich zu compromittiren. Dieſes Schweigen war natürlich nicht geeignet, dem jungen Manne Hoffnung einzuflößen, er mußte aus demſelben den Schluß ziehen, daß der Sergeant entſchloſſen ſei, der Verſuchung zu widerſtehen. Und dieſe Vermuthung fand darin eine Beſtätigung, daß bald darauf der Sergeant dem Offizier, welcher den Trupp führte, eine Meldung machte, die den Offizier veranlaßte, ſich ſofort und haſtig dem preußiſchen Deſerteur zu nähern. „Hüten Sie ſich,“ ſagte er,„beim erſten Fluchtverſuch werden Sie niedergeſchoſſen, verſuchen Sie noch einmal, einen treuen Soldaten der Republik zu beſtechen, ſo werde ich ſofort Ihnen Ketten anlegen laſſen.“ Groll und Bitterkeit erfüllten die Seele Otto's. Es drängte ihn, dem Sergeanten ſeine Anſicht über dieſen nichtswürdigen Verrath unverholen mit derben Worten mit⸗ zutheilen, aber er wagte es nicht, weil er fürchten mußte, ſeine Lage dadurch zu verſchlimmern. Auch hielt der Sergeant ſich ihm jetzt fern, er ſchien ſelbſt zu fühlen, daß er eine Handlung begangen hatte, die ſich mit ſeiner Ehre nicht wohl vertrug. Als der Trupp in Marſeille ankam und vor der Kaſerne Halt machte, ſprach der Sergeant lange mit dem Offizier, und der letztere übertrug die Bewachung der beiden preußiſchen Deſer⸗ teure einem Unteroffizier, dem er im Beiſein der Beiden ein⸗ ſchärfte, ihnen nicht von der Seite zu weichen und ſie unverzüg⸗ lich niederzuſtoßen, wenn ſie Miene machten, entweichen zu wollen. Derſelbe Sergeant, der Otto verrathen hatte, führte ſie in ein Zimmer, welches mit ſeinen maſſiven Mauern, dem vergitterten Fenſter und der mit mehreren Riegeln verſehenen Thüre den Eindruck einer Kerkerzelle machte. Aber ehe er dieſen Raum wieder verließ, warf er verſtohlen den beiden Freunden einen Blick zu, der mit ſeiner früheren Handlung in grellem Widerſpruch ſtand. Weder Spott, noch Schadenfreude noch ein boshafter Triumph ſpiegelte ſich in dieſem Blicke, vielmehr drückte in ihm fich ein Wohlwollen und zugleich eine ſchlaue Verſchlagenheit ans, die Otto faſt vermuthen ließen, daß er dennoch von dieſem Manne Hülfe erwarten dürfe. Aber wenn dieſe Vermuthung richtig war, weshalb hatte der Sergeant ſein Vorhaben verrathen? Die Flucht war doch ſehr erſchwert durch die Anordnungen, welche der Offizier auf jene Meldung hin getroffen hatte. „Warten wir's ab,“ ſagte Nikolas kopfſchüttelnd, als Otto ihm Alles leiſe und in deutſcher Sprache berichtet hatte,„ich hege keine Hoffnung mehr.“ Otto verſuchte jetzt mit dem Unteroffizier, dem ihre Bewachung anvertraut war, ein Geſpräch anzuknüpfen, aber wenn er je einen unhöflichen, ungebildeten Menſchen kennen gelernt hatte, ſo war es dieſer. Und doch gab es ein Mittel, ihm die Zunge zu löſen, ihn vielleicht freundlich und geſprächig zu machen, die rothe Naſe und das aufgedunſene Geſicht deuteten auf dieſes Mittel hin. Aber woher ſollte Otto es ſich verſchaffen? Er wagte nicht, den Unteroffizier zu erſuchen, Branntwein zu holen, ſo gerne er auch das Geld dazu hergegeben hätte. So verſtrich der Nachmittag; als der Abend dämmerte, öffnete der Unteroffizier vorſichtig die Thüre. Er blickte lange horchend — 19 hinaus und verließ endlich das Gemach, deſſen Thüre er hinter ſich ſorgfältig verriegelte. „Was bedeutet das?“ fragte Otto befremdet.„Will man uns Gelegenheit geben—“ „Still,“ flüſterte Nikolas,„er kommt ſchon zurück. Verſuche doch, ob er nicht in die Falle geht, er ſieht mir aus wie Einer, der für ein Quart Branntwein dem Teufel ſeine Seele ver⸗ ſchreibt.“ Die Thüre wurde geöffnet, aber ſtatt des Unteroffiziers trat der alte Sergeant ein. Er legte raſch in eins der Betten ein umfangreiches Packet und überreichte Otto eine große Flaſche. „Ich wußte, daß er hinausgehen würde, um die trockene Kehle zu befeuchten,“ ſagte er haſtig,„gehen Sie vorſichtig zu Werke, ſo wird's Ihnen gelingen. Trinken Sie ſelbſt nicht aus dieſer Flaſche, wenn er ſie hinter der Binde hat, wird er ſchlafen, wie ein Murmelthier. In jenem Packet ſind Matroſenanzüge, ich er⸗ warte Sie nach zehn Uhr hinter der Kaſerne. Seien Sie behut⸗ ſam, der Mann iſt zwar ein Trunkenbold, aber wenn er Verdacht ſchöpft, iſt Alles für Sie verloren.“ Ehe die Freunde Zeit fanden, eine Frage an ihn zu richten, war der Sergeant wieder verſchwunden. „Was ſagſt Du nun?“ fragte Otto. „Ich weiß wahrlich nicht was ich dazu ſagen ſoll,“ erwiderte Nikolas nicht minder überraſcht,„dieſer Sergeant ſcheint mir ein ſchlauer Fuchs zu ſein.“ „Allerdings und wenn die Sache gelingt, werde ich von dem Tauſend⸗Francs⸗Billet keinen Sous behalten.“ „Er ſteckt den Lohn ein und ſein Kamerad muß dafür büßen.“ „Es iſt wahr, im Grunde genommen iſt's ein elender Streich, aber was kann es uns kümmern! Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte und wir wären Narren, wollten wir die Gelegenheit nicht benutzen.“ „Zudem ſcheint die franzöſiſche Armee an dieſem Unteroffizier nicht viel zu verlieren.“ „Nein wahrhaftig nicht. Ich begreife nicht, daß der Offizier ihm unſre Bewachung anvertraut hat.“ „Er wird ihn nicht kennen, jedenfalls hat der Sergeant ihn vorgeſchlagen.“ Der Unteroffizier kehrte in dieſem Augenblicke zurück. Nicht nur ſeine Naſe, das ganze Geſicht glühte, er ſchien den Augenblick vortrefflich benutzt zu haben. Die Beiden bemerkten, daß er von Zeit zu Zeit verſtohlen aus einer kleinen Flaſche trank, ſie warteten nur ab, bis dieſe geleert war, um alsdann ihre Flaſche ihm anzubieten. — Otto that dies mit der Aeußerung, er wünſche in ein kamerad⸗ ſchaftliches Verhältniß mit ihm zu treten. Mißtrauiſch blickte der Unteroffizier bald die Beiden, bald die Flaſche an, man konnte in ſeinem Geſicht leſen, daß es ihm ſchwer fiel, der Verſuchung zu widerſtehen. „Woher habt Ihr das?“ fragte er, indem er dem jungen Manne raſch die Flaſche entriß. „Wir haben die Flaſche aus dem letzten Quartier mitgebracht,“ erwiderte Otto ruhig.„Wenn Sie nicht Beſcheid thun wollen, ſo heben wir ſie auf, bis wir auf dem Schiffe ſind.“ Der Unteroffizier hatte die Flaſche entkorkt, er hielt ſeine rothe Naſe über die Oeffnung. „Auf dem Schiff?“ ſpottete er boshaft,„Ihr wollt ja de⸗ ſertiren?“ „Wer behauptet das?“ fragte Otto. „Sie haben's ja ſelbſt geſagt.“ „Ein Mißverſtändniß, weiter nichts.“ „Haben tauſend Francs geboten—“ „Ich würde das vielleicht gethan haben, wenn ich ſie hätte.“ „Na ja, ich möchte auch wiſſen, woher ein preußiſcher Deſerteur tauſend Francs nehmen wollte,“ fuhr der Unteroffizier fort, der inzwiſchen die Flaſche an den Mund geſetzt und einen tüchtigen Zug gethan hatte.„Kerls, ich ſage Euch, macht Ihr mir dumme Streiche, dann ſeid Ihr verloren, ich maſſakrire Euch!“ „Wir wiſſen das ſehr wohl,“ ſagte Nikolas,„zudem wäre es ja Tollheit, hier an Flucht zu denken.“ „Gut für Euch, wenn Ihr das einſeht,“ brummte der Unter⸗ offizier, der die Flaſche umklammert hielt und feſt entſchloſſen ſchien, ſie nicht mehr abzugeben, ſo lange ſich noch ein Tropfen in ihr befand.„Ich bin nicht der Mann der mit ſich ſcherzen läßt. Sacre nom du Dieu— habe ſchon Menſchen maſſakrirt, der nicht pariren wollte! Werdet's auch lernen drüben in Algier!“ Die Flaſche war ſchon zur Hälfte geleert, die Freunde be⸗ merkten, daß der Geiſt des Branntweins ſeine Wirkung that. Der Unteroffizier erhob ſich, er mochte ſelbſt fühlen, daß er des Guten ſchon zu viel gethan hatte. Weshalb trinkt Ihr denn nicht?“ rief er, den Blick ſtier auf 1 die Beiden richtend.„Mort de ma vie— Ihr Schufte wollt mich wohl betrunken machen— he? Sacre nom du Dieul Kerl's, wenn ich das wüßte, ſtieße ich Euch ſofort nieder. Seid ja doch nichts Beſſeres werth!“ Der Unteroffizier hatte bei den letzten Worten das Bajonett ergriffen, er ſchien ſeiner Drohung die That folgen laſſen zu wollen. li — auf wollt erls, doch onett n 3u „Das wäre ein Mord, deſſen ein franzöſiſcher Soldat ſich nicht ſchuldig machen wird,“ ſagte Otto ruhig, aber mit ſcharfer Betonung.„Der franzöſiſche Soldat wird die Lorbeeren ſeiner Armee nicht durch einen Mord mit Blut beſudeln, das iſt meine Ueberzeugung.“ Der Unteroffizier legte das Bajonett wieder hin. „Habt Recht— es wäre ein Mord,“ erwiderte er.„Aber weshalb gebt Ihr mir den Branntwein? Würdet ihn ſelbſt ſaufen wenn—— da trinkt mit!“ Otto nahm die Flaſche, ſie enthielt nur noch wenig. Er ſetzte ſie an den Mund, ohne zu trinken, und Nikolas folgte ſeinem Beiſpiele. Den Unteroffizier beruhigte dieſes Manöver, er ließ mit ſicht⸗ lichem Wohlbehagen den Reſt durch die eigene Kehle laufen. Der alte Sergeant hatte nicht zu viel behauptet. Zehn Minuten ſpäter ſchlief der Berauſchte ſo feſt, daß kein Geräuſch, kein Rütteln ihn zu wecken vermochte. Die beiden Freunde holten nun das Packet aus dem Bette hervor. Da ſie kein Licht beſaßen, mußten ſie in der⸗Dunkelheit mit den ihnen ungewohnten und ganz unbekannten Kleidungsſtücken fertig zu werden ſuchen, ſo gut ſie es vermochten. „Was beginnen wir mit den Uniformen?“ fragte Nikolas. „Ich denke, wir laſſen ſie hier.“ „Keinesfalls,“ erwiderte Otto,„thun wir das, ſo weiß man ſofort, daß wir andere Kleidung tragen, während im anderen Falle man nur auf franzöſiſche Soldaten fahnden wird.“ „Aber wir können ſie doch nicht mitnehmen!“ „Weshalb nicht?“ „Wenn wir angehalten würden, müßte der Inhalt des Packets uns verrathen.“ „Dennoch müſſen wir's,“ ſagte Otto beſtimmt,„ich hoffe, der Sergeant wird daran ſchon gedacht haben und Rath wiſſen.“ Der Schlüſſel zur Thüre befand ſich in der Taſche des Unter⸗ offiziers. Otto holte ihn heraus und öffnete. Frei waren die Beiden noch nicht. Im Korridor oder auf der Treppe konnte ihnen ein Soldat begegnen, dem die Anweſen⸗ heit der Matroſen natürlich auffallen mußte. Geſchah das, ſo war vielleicht Alles verloren. Sie erreichten glücklich den Flur. Hier ſtand ein Wachtpoſten, die Beiden hörten aus der Ent⸗ fernung ihn auf den Steinplatten auf⸗ und abgehen. Otto blieb ſtehen und lauſchte. Die Beiden ſahen deutlich das große Thor, durch welches ſie die Kaſernen verlaſſen mußten; es war nicht geſchloſſen. Fünfmalhunderttauſend Thaler. 21 7 Aber gerade vor dieſem Thore marſchirte der Poſten auf und ab. Otto gab ſeinem Freunde ein Zeichen. Als der Poſten auf ſeiner Wanderung das Thor eben paſſirt hatte, ſchlichen die Beiden hinter ſeinem Rücken ſich hinaus. Er bemerkte ſie nicht, er wanderte ruhig weiter. Hinter der Kaſerne erwartete der Sergeant die Flüchtlinge. Er nahm das Packet mit den Uniformen in Empfang und forderte ſie auf, ihm zu folgen. „Die erſte Gefahr iſt beſeitigt,“ ſagte er,„aber gerettet ſeid Ihr noch nicht. Indeß, das iſt Eure Sache, ich habe nun das Meinige gethan nnd erwarte den verſprochenen Lohn.“ „Hier iſt er,“ erwiderte Otto, indem er dem Sergeanten die Banknote überreichte. „Papier?“ fragte der Sergeant überraſcht.„Ich glaubte, Ihr würdet in Gold zahlen.“ „Iſt die Banknote nicht ebenſo gut?“ „Nein, ich weiß nicht, wo ich ſie wechſeln laſſen ſoll. Aber gleichviel, wenn's nicht anders iſt, muß ich mich begnügen.“ „Und welchen Weg müſſen wir nun einſchlagen?“ „Ich habe ſchon dafür geſorgt. Im Hafen liegt ein Schiff, welches nach London fahren wird. Der Kapitän will Euch auf⸗ nehmen, ich habe ihm geſagt, Ihr ſeid Deutſche und da er ſelbſt auch ein Deutſcher iſt, ſo—“ „Gott ſei Dank!“ unterbrach Nikolas ihn, erleichtert auf⸗ athmend.„Wann fährt das Schiff ab?“ „Vielleicht ſchon übermorgen. Aber ich ſage Euch nochmals, die Gefahr iſt noch nicht beſeitigt. Man wird morgen früh Eure Flucht entdecken und die genaueſten Nachforſchungen anſtellen, es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß man ſämmtliche Schiffe durchſuchen wird, dann hütet Euch und laßt Euch nicht blicken.“ Der kleine Trupp war inzwiſchen im Hafen angekommen. Der Sergeant führte die beiden zu einem Kahn, in welchem zwei Matroſen ſaßen und gab ihnen das Packet mit den Uni⸗ formen zurück. „Sobald Ihr auf dem Schiffe ſeid, werft die Sachen in's Meer,“ ſagte er.„Und nun Gott befohlen, ſeid vorſichtig und verſchwiegen.“ Der Kahn fuhr ab, der Sergeant blieb noch eine Weile ſtehen, dann kehrte er langſam in die Stadt zurück. —— — auf aſſirt inge. und t ſeid n das Dreiundvierzigſtes Kapitel. Auf hoher See. Der Kapitän des Schiffes empfing die Flüchtlinge mit Worten herzlicher Theilnahme. Sie mußten ihm ihre Erlebniſſe in gedrängter Kürze mit⸗ theilen und er verſprach ihnen, ſie ungefährdet nach England zu bringen, vorausgeſetzt, daß ſie ſeinen Anordnungen ſich fügten. Er wies ihnen einen verſteckten Raum hinter mehreren Ballen und Fäſſern an und rieth ihnen, denſelben nicht eher zu verlaſſen, bis die Anker gelichtet ſeien, da man nicht wiſſen könne, ob unter den übrigen Matroſen nicht ein Verräther ſich befinde. Und daß dieſe Vorſicht dringend geboten war, bewieſen die Ereigniſſe des nächſten Tages. Früh am Morgen wurden plötzlich die Kanonen gelöſt, die Schüſſe verkündeten die Deſertion zweier Soldaten, die Trommeln wirbelten, Hörner ſchmetterten, es war ein Lärm, als ob die ganze Garniſon aufgeboten werden ſolle zur Verfolgung der Deſerteure. Der Hafen wurde von einer Truppen⸗Atheilung beſetzt, ver⸗ ſchiedene Patrouillen auf die Schiffe geſchickt. Auch das Schiff, in welchem die Flüchtlinge ſich befanden, ſollte einer Durchſuchung unterworfen werden. Anfangs proteſtirte der Kapitän unter dem Vorwande, daß er unter engliſcher Flagge fahre, nach einigem Zögern aber gab er nach. Der Ofſizier, welcher von Paris aus den Trupp befehligt hatte, der alte Sergeant und vier Gemeine ſtiegen in die Kajüte und den Gepäckraum hinunter. Die beiden Freunde zitterten in ihrem Verſteck. Wenn einer der Soldaten einen Blick hinter die Ballen und Fäſſer warf, ſo mußte es ihn befremden, hier zwei Matroſen unthätig zu finden, während der Kapitän doch„alle Mann auf Deck“ commandirt hatte. Aber die Gefahr erreichte ſie nicht. Niemand dachte daran, ſie hier zu ſuchen. Als die Soldaten das Schiff verlaſſen hatten, kam der Kapitän zu den Deſerteuren hinunter. 21* — 324— „Einſtweilen iſt die Gefahr vorüber,“ ſagte er,„morgen früh ſegeln wir ab.“ „Und wenn wir nun gefunden worden wären?“ fragte Otto, nachdem er dem muthigen Manne gedankt hatte.„Wir ſind doch auf Ihrem Schiffe unter engliſchem Schutz.“ Der Kapitän zuckte die Achſeln. „Ich würde vielleicht ſofort die Anker gelichtet haben,“ er⸗ widerte er,„aber was konnte ich gegen die Gewalt ausrichten? Man würde Sie hinweggeführt und es mir überlaſſen haben, durch den engliſchen Geſandten mein Recht zu vertheidigen. In⸗ zwiſchen wären Sie längſt auf der Reiſe nach Algier geweſen.“ Den Tag über hielten die Beiden ſich verborgen, einer der beiden Matroſen, die ſie am Abend zuvor im Nachen zum Schiff gefahren hatten, brachte ihnen das Eſſen und eine Matratze, auf der ſie ſich ausruhen konnten. Am nächſten Tage, als der Morgen kanm graute, wurden die Anker gelichtet, ein günſtiger Wind blähte die Segel, das Schiff nahm den Cours nach England. Jetzt kamen die Beiden aus ihrem Verſteck hervor und mit lautem„Hurrah“ begrüßte die Mnnnſchaft ſie, als ſie erfuhr, was der Kapitän gewagt hatte. In den erſten Tagen war die Fahrt eine ſehr günſtige, kein Wöltchen trübte den Himmel, eine leichte Briſe blähte die Segel, ſtolz und ſicher durchſchnitt der Kiel die Wogen. Die beiden Freunde erwieſen ſich nützlich, wo ſie es nur vermochten. Der Kapitän hatte erklärt, kein Paſſagiergeld von ihnen an⸗ nehmen zu wollen, aber er wendete nichts dagegen ein, daß ſie auf dem Schiffe und unten im Gepäckraume arbeiteten. Man war der engliſchen Küſte ſchon ziemlich nahe gekommen, als Otto eines Abends bemerkte, daß der Kapitän ſowohl, wie der Steuermann ſehr ernſt und beſorgt in die Ferne hinaus ſchauten. Wem galt dieſe Beſorgniß? Der Himmel war ſo heiter, das Meer ſo ruhig, Otto be⸗ merkte nichts, was die Beſorgniß rechtfertigen konnte. Er fragte den Kapitän, als dieſer in ſeine Kajüte hinunter gehen wollte. Anfangs wich der Kapitän einer beſtimmten Antwort aus, als aber Otto, dadurch noch mehr beunruhigt, ihm erklärte, er werde als Mann jeder Gefahr kühn die Stirne bieten, deutete der Kapitän in die Ferne. „Sehen Sie die kleine weiße Wolke, die drüben ſich zeigt?“ fragte er „Sie meinen das Segel?“ „Es gleicht allerdings einem in der Ferne auftauchenden Segel; dieſe Wolke iſt der Vorläufer eines Sturmes.“ „Aber der Sturm wird ſo raſch nicht ausbrechen—“ „Wir haben ihn in dieſer Nacht. Das Zeichen trügt nie. Geben Sie Acht, binnen einer Stunde werden Sie ſchon die Vor⸗ zeichen ſehr deutlich bemerken. Da wird jeder kräftige Arm will⸗ kommen ſein, ich verhehle Ihnen nicht, daß es mir lieber geweſen wäre, wenn der Sturm uns auf hoher See getroffen hätte.“ „Aber wir ſind doch der Küſte ſo nahe,“ warf Otto ein, „wenn ich nicht irre, gedachten Sie ſchon morgen zu landen.“ „Eben deshalb iſt die Gefahr bedeutend größer,“ fuhr der Kapitän bedenklich fort,„wir befinden uns auf einer Stelle, auf der ſchon manches Schiff an den Klippen geſcheitert iſt. Ich habe keine Zeit, Ihnen das näher zu erklären, ich muß Vorkehrungen treffen, halten Sie ſich bereit, wenn ich alle Mann auf Deck commandire.“ 3 Er ging hinunter in die Kajüte, Otto ſuchte den Freund auf und theilte ihm die Befürchtungen des Kapitäns mit. Schon an dem bewegten Leben und Treiben auf dem Verdeck, an den erregten, beſorgten Mienen der Matroſen und der ent⸗ ſchloſſenen Haltung des Kapitäns mußten die Beiden den ganzen Ernſt der drohenden Gefahr erkennen. Sie griffen mit an, wo ſie ſahen, daß ihr Beiſtand wünſchens⸗ erth war. Wie der Kapitän geſagt, hatten ſchon nach einer Stunde Him⸗ mel und Meer eine graue, gelbliche Farbe angenommen, die Wogen gingen bereits höher. Aber was war dies im Vergleich zu dem Orkane, der plötz⸗ lich mit einer Wildheit ausbrach, die allen menſchlichen Anſtren⸗ gungen, ihr Widerſtand zu leiſten, ſpottete! Die Wogen ſchleuderten das krachende Schiff bald hinunter in einen gähnenden Abgrund, bald hoben ſie es empor zu ſchwin⸗ delnder Höhe, bald ſchlugen ſie über dem Verdeck zuſammen. Dazwiſchen das Brüllen des Sturmes, das Rauſchen des Meeres, das Krachen der Maſten und die laute, befehlende Stimme des Kapitäns,— es war ein ſchreckliches, aber zugleich auch ein erhabenes Schauſpiel. Die beiden Freunde hatten, dem Rathe des Steuermanns fol⸗ gend, den Maſt umklammert, die mächtigen Sturzwellen, die ſich über das Verdeck ergoſſen, würden ſie hinweg gefegt haben, wenn ſie dieſe Vorſicht nicht gebraucht hätten. Die Nacht war ſo finſter, daß man kaum das Verdeck über⸗ blicken konnte. — 326— Die Heftigkeit des Orkans nahm noch immer zu, trotzdem alle Segel eingerefft und mehrere Maſten niedergelegt waren, warf der Sturm das Schiff, gleich einem leichten Federball, bald vor⸗ wärts, bald zur Seite. So verſtrichen mehrere Stunden, Stunden der entſetzlichſten Angſt und Aufregung. Ein alter Matroſe ſtand neben den beiden Freunden, Otto konnte ſich nicht enthalten, ihn um ſeine Meinung über dieſes Toben der Elemente zu befragen. „Wären wir auf hoher See, ſo bangte mir nicht, daß wir den Sturm überſtehen würden,“ erwiderte auch der Matroſe,„es iſt ein tüchtiges, gutes Schiff, aber hier an der Küſte kann das beſte Schiff ſcheitern.“ „So befürchtet Ihr einen Schiffbruch?“ fragte Nikolas. „Ich fürchte nichts, aber ich hoffe auch nichts,“ lautete die Antwort,„wir müſſen auf Alles gefaßt ſein.“ „Und wenn das Schlimmſte eintrifft,“ ſagte Otto,„welchen Rath gebt Ihr uns?“ „Den einen, ruhig zu bleiben und die Geiſtesgegenwart nicht zu verlieren.“ „Wir können Beide ſchwimmen.“ „Darauf verlaßt Euch nicht, hier hat alle Schwimmkunſt ein Ende.“ „Ich habe gehört, es ſei am beſten, wenn man ſich an einen Balken anklammere,“ warf Nikolas ein. „Verhüte Gott, daß es ſo weit kommt,“ fuhr der Matroſe fort,„wenn's aber nicht abzuwenden iſt, dann—“ Er beendete den Satz nicht, ein gewaltiger Stoß, der das ganze Schiff erſchütterte, daß die Planken krachten, nöthigte ihn, abzu⸗ brechen. „Was war das?“ rief Otto beſtürzt. „Ruhig!“ erwiderte der Kapitän, der in dieſem Augenblick vorbeiſchritt.„Wo iſt der Schiffszimmermann? Vorwärts, alle Mann an die Pumpen, das Schiff hat einen Leck!“ Schon im nächſten Augenblick arbeiteten die Pumpen, aber trotz der Unermüdlichkeit, mit der Jeder ſeine Schuldigkeit that, konnte nicht verhindert werden, daß der Schiffsraum ſich mehr und mehr mit Waſſer fiüllte. Das Schiff ſaß feſt, es hatte einen gewaltigen Bruch erhalten, durch den das Waſſer ſtromweiſe eindrang. Der Zimmermann hatte mit Lebensgefahr verſucht, das Loch zu verſtopfen, vergebens, er mußte von der nutzloſen Arbeit abſtehen. Und als ob der Sturm nur beabſichtigt habe, dieſes Schiff zu vernichten, begannen die Elemente jetzt, ſich zu beruhigen. malle warf vor⸗ ichſten Otto dieſes ir den ſes iſt beſte gelchen nicht ſt ein einen zatroſe ganze abzu⸗ enblick 3, alle aber — that, 5 und halten, 3 Loch ſtehen. Schiff 1 Die beiden Freunde, die noch nie in ſolcher Lage ſich befun⸗ den hatten, glaubten jetzt, neue Hoffnung ſchöpfen zu dürfen, ſie ſollten bald eines Anderen belehrt werden. Das Schiff ſchwankte auf dem Riff, das Waſſer im unteren Raume ſtieg immer höher, trotz der unausgeſetzten Arbeit an den Pumpen. Der Kapitän war hinuntergeſtiegen, auf ſeinen Befehl wurden die Kanonen gelöſt. Ob dieſer Hülferuf ein menſchliches Ohr erreichte? Der alte Steuermann, der gemeinſam mit den beiden Freunden arbeitete, erklärte unverholen, er glaube es nicht. „Unſer Leben ſteht jetzt in Gottes Hand,“ ſagte er,„na, ich bin eine alte Seeratte, habe weder Weib noch Kind, wenn mein Stündlein gekommen iſt, in Gottes Namen!“ „So ſchlimm wird's doch noch nicht ſein,“ erwiderte Otto. „Alle Hoffnung iſt ja noch nicht verloren!“ „Welche bleibt uns noch?“ fragte der Steuermann. „Ich denke, wenn auch das Schiff bis zu einer gewiſſen Höhe ſich mit Waſſer füllt, untergehen kann's ja ſo leicht nicht, da es auf dem Riff feſtſitzt.“ „Sie kennen das nicht,“ fuhr der Steuermann kopfſchüttelnd fort,„es wird nicht manche Stunde mehr währen, ſo bricht das Schiff auseinander, dem gewaltigen Druck des Waſſers kann es nicht widerſtehen.“ Abermals wurden die Kanonen gelöſt. Noch immer ging die See hoch, ſie brandete an den Klippen und Riffen und warf ihren Giſcht über das Verdeck. „Wenn wir nur wüßten, wo wir wären,“ nahm der Steuer⸗ mann nach einer Weile wieder das Wort,„man könnte vielleicht ein Boot ausſchicken.“ „Da iſt es am Beſten, man ſieht ſich vor,“ ſagte Nikolas, „ich werde mich an den großen Maſt anklammern, irgend wohin werden die Wellen mich wohl bringen.“ „Und was haben Sie gewonnen, wenn Sie den Strandräubern in die Hände fallen?“ „Den Strandräubern?“ fragte Otto. Der Steuermann nickte. „Das iſt ein entſetzliches Geſindel,“ erwiderte er,„ich will lieber ertrinken, als—“ „Aber mein Gott, davon habe ich ja noch nichts gehört!“ „Nicht? Wiſſen Sie denn nicht, daß hie und da an den Küſten ganze Ortſchaften von den Schiffbrüchen leben? Gerade da, wo die gefährlichen Klippen ſind, oft in der Nähe der Leuchtthürme wohnt dieſes Geſindel. Geht die See hoch, brauſt der Sturm — 328 über das Meer, ſo wandern ſie Alle aus und jeder Nothſchuß, den ſie hören, iſt für ſie ein Freudenſchuß. Am Strande hocken ſie, mit Stricken, Haken und großen Stangen verſehen, um auf⸗ zufiſchen, was die Wogen aus dem geborſtenen Schiff heranſpülen. Sie weigern ſich nicht allein, Hülfe zu bringen, ſelbſt wenn ſie's mit leichter Mühe vermöchten, ſie ſuchen ſogar durch Signale das Schiff irre zu führen, ſo daß es ſcheitern muß.“ „Und das duldet die Regierung?“ fragte Nikolas entſetzt. „Bewahre, aber kann ſie dieſes Geſindel ausrotten? Wenn ſie zehn in's Zuchthaus ſchickt, ſind am andern Tage wieder zwanzig da, die jene zehn erſetzen. Zudem fehlen ihr in den meiſten Fällen die Beweiſe. Wer aus dem Schiffbruch ſein Leben gerettet hat und ihnen in die Hände fällt, der wird niedergeſchlagen, mit kaltem Blute ermordet, damit Niemand gegen ſie auftreten kann.“ „Und ſolches Geſindel wohnt auch an den engliſchen Küſten?“ fragte Otto. „Hie und da gewiß. Die Gelegenheit, ohne Mühe und Gefahr etwas erwerben zu können, iſt ja zu verlockend.“ Der Tag war inzwiſchen völlig angebrochen. In weiter Ferne ſah man Land, ſteile hohe Felſen, die in's Meer hineinragten. Wieder donnerten die Kanonen, der Kapitän blickte durch ſein Fernrohr ſcharf hinüber. „Man will uns nicht helfen,“ ſagte er.„Drüben, am Fuße der Felſen ſehe ich Menſchen, aber ſie bleiben unthätig.“ „Dann Gnade uns Gott,“ verſetzte der Steuermann leiſe, „dieſe Menſchen haben ein Intereſſe daran, daß wir untergehen.“ „Das Boot hinunter!“ befahl der Kapitän.„Die beiden Fremden und die Schwächſten von der Mannſchaft mögen hinein⸗ ſteigen.“ „Und Sie?“ fragte Otto. „Ich bleibe auf meinem Poſten.“ „Wenn Sie wiſſen, daß es ein verlorner Poſten iſt, ſo wäre es—“ „Beeilen Sie ſich,“ fiel der Kapitän dem jungen Manne in's Wort,„wenn Sie noch einen Platz haben wollen, iſt es die höchſte Zeit.“ Das Boot war in der That ſchon vollſtändig beſetzt, die Ma⸗ troſen hatten keine Sekunde gezögert, der Aufforderung Folge zu leiſten und ebenſo wenig auf die ſchwächeren Kameraden Rückſicht genommen, wie auf die beiden Freunde. „Es iſt zu ſpät,“ ſagte der Kapitän,„ich kann's jetzt nicht mehr ändern, meine Autorität hat ein Ende, ſobald die Selbſt⸗ erhaltung in's Spiel tritt.“ i ſie vonzig teiſten erettet mit ann.“ 271 ten? und „In Gottes Namen,“ erwiderte Otto,„ſo theilen wir das Schickſal, welches Sie trifft.“ Das Boot fuhr ab, es tauchte bald aus den Waſſerbergen empor, bald wieder hinunter, endlich verſchwand es ganz. Das Schiff krachte in allen Fugen. Die Matroſen, welche zurückgeblieben waren, ſuchten Stricke und banden mit ihnen ſich an den Maſt feſt. Auch die Freunde wollten dies thun, der Kapitän hielt ſie zurück. „Von denen, die ſich dort angebunden haben, wird nicht Einer ſein Leben retten,“ ſagte er.„Bleiben Sie hier bei mir ſtehen, wenn das Schiff borſtet, halten wir uns an dieſem Wrack feſt.“ „Der Steuermann ſprach von Strandräubern,“ nahm Nikolas das Wort,„was halten Sie davon? Glauben Sie, daß jene Menſchen drüben—“ „Zu dieſem Geſindel zählen? Gewiß und deshalb iſt es mir gleichgültig, ob ich lebend jene Küſte erreiche oder nicht. Suchen wir nur beiſammen zu bleiben, drei muthige, entſchloſſene Männer können dieſen Schurken immer noch Reſpekt einflößen.“ Wieder krachten die Planken, das Schiff ſchwankte, es neigte ſich plötzlich zur Seite und nur noch ein Trümmerhaufen bezeich⸗ nete die Stelle, auf der es geſcheitert war. Der Kapitäu hatte ſofort einen ſchweren Balken, an welchem noch mehrere Planken befeſtigt waren, ergriffen. Otto und Nikolas waren in ſeiner Nähe, es gelang ihnen nach ſchwerem Kampfe mit den Wogen, dieſen Balken zu erreichen. „Suchen wir den Balken vor uns herzuſchieben,“ ſagte der Kapitän,„vielleicht gelingt es uns, jene Küſte zu erreichen. Nur Muth, meine Freunde, Muth und Ausdauer, wenn wir verzagen, ſind wir verloren.“ Es war eine ſchwere, mühſame Arbeit, den Balken durch die hochgehenden Wogen zu dirigiren, eine Arbeit, die ſehr bald die Kräfte erſchöpft hatte, ſo daß die Drei ſich endlich genöthigt ſahen, davon abzuſtehen und ſich ganz den Wellen zu überlaſſen. Im Anfang hatten ſie einander Troſt und Muth zugeſprochen, aber in dem Maaße, wie ihre Kräͤfte erlahmten, verloren ſie auch die Luſt zum Reden. Ein brennender Durſt peinigte ſie und dieſer Durſt folterte ſie um ſo mehr, als ſie ihn mit dem Waſſer, welches oft ihnen bis zum Munde reichte, nicht löſchen konnten. Nikolas hatte verſucht, das Seewaſſer zu trinken, aber der widerliche Geſchmack deſſelben und die ernſte Warnung des Kapi⸗ täns ließen es bei dem Verſuche allein bewenden. Die Sonne ſtand ſchon im Zenith, die Schiffbrüchigen hatten ſich der Küſte noch nichts genähert. — 330— Ringsum, ſo weit der Blick reichte, war das Meer mit Trümmern bedeckt, auch einige Leichen trieben an den Drei vorbei. Der Kapitän entdeckte eine kleine Waſſertonne, die noch gefüllt war, aber was nutzte ſie ihnen! Sie konnten ſie nicht öffnen und ſelbſt wenn ſie es ermöglicht hätten, wäre der Inhalt dennoch für ſie verloren geweſen. Der Abend dämmerte, als eine Strömung ſie zur Küſte mit fortriß. Es war die höchſte Zeit, ſowohl Otto wie Nikolas fühlten ſich ſo ſehr erſchöpft, daß ſie einer Ohnmacht nahe waren. Wenn das Bewußtſein ſie verließ, waren ſie verloren, der Kapitän, der dieſe Schwäche bemerkte, wie er überhaupt die Beiden unverwandt beobachtete, rief ihnen zu, die letzten Kräfte anzuſpannen. Näher und näher kamen ſie jetzt dem Strande, ſie konnten ſchon deutlich die Geſtalten unterſcheiden, die dort mit ihren Stangen und Haken handthierten. Sie ſahen Männer, Weiber und Kinder, meiſt zerlumpte, ab⸗ ſchreckende Geſtalten, ſie ſahen die geraubten Waaren aufgeſtapelt und neben dieſen mehrere Leichen. Die Strömung trieb ſie in gerader Richtung auf dieſen Punkt zu. Wenn ſie nun auch lebend den Strand erreichten, was hatten ſie gewonnen? Sie beſaßen keine Kraft mehr, um ſich zu vertheidigen, abge⸗ ſehen davon, daß ſie nicht einmal Waffen hatten. Jetzt unterſchieden ſie ſchon die Geſichtszüge der Strandräuber und ſo ſehr ſie vorhin ſich danach geſehnt hatten, die Küſte zu er⸗ reichen, ebenſo ſehr ſehnten ſie jetzt ſich auf die hohe See zurück. Der Kapitän beſaß eine ſeltene Geiſtesgegenwart. Er gab mit Aufbietung ſeiner letzten Kräfte dem Balken einen gewaltigen Stoß, der ihn der Strömung entzog und ihm eine andere Richtung anwies. Eine halbe Stunde ſpäter fühlten die Schiffbrüchigen Boden unter ihren Füßen, der Kapitain verließ auch jetzt ſeine Schick⸗ ſalsgefährten nicht. Er brachte ſie an Land und ſuchte zwiſchen den Felſen ein Verſteck, welches ſie den Blicken der Strandräuber entzog. Vierundvierzigſtes Kapitel. Eine Verführte. Hermine Wacker konnte nun die Folgen ihres vertraulichen Umgangs mit dem jungen Herrn Liebmann nicht mehr verbergen. Aber noch immer waren die Eltern blind, noch immer billigten ſie dieſes Verhältniß im feſten Vertrauen darauf, daß Liebmann ſein Wort einlöſen und die Braut heimführen werde. In der Nachbarſchaft ſprach man ziemlich laut über die Ge⸗ ſchichte, und da war nicht Einer, der das Mädchen in Schutz nahm. Die Eitelkeit Hermine's, ihre Putzſucht und ihr Hochmuth hatten ſie zu Fall gebracht, das raubte ihr jedes Mitleid. Auch in dem Hauſe Bertram Schenk's unterhielten die Gäſte ſich oft ſehr angelegentlich über die Familie des Schneiders und oft ward die Anſicht laut, es ſei Pflicht, daß man dieſem Manne endlich einmal die Augen öffne. Die Perſon des Verführers kannte man auch, trotzdem die Verlobung ſo ſehr geheim gehalten worden war, der Barbier Gabel hatte Sorge getragen, daß Niemand über den Stand und Namen dieſes geheimnißvollen Bräutigams in Zweifel ſein konnte. Wie es in ſolchen Dingen ſehr oft zu geſchehen pflegt, bildete die Verführung Hermine's im ganzen Stadtviertel das Stadt⸗ geſpräch, während den Betheiligten ſelbſt darüber nichts zu Ohren kam. Da theilte eines Abends Bertram Schenk dem Schneider mit, ſein Sohn Heinrich laſſe ihn um eine kurze Unterredung über eine ſehr wichtige Angelegenheit bitten, er möge ihn am nächſten Tage in der Mittagſtunde beſuchen, vorläufig aber jedem, ſeiner Frau ſowohl, wie ſeiner Tochter dieſen Beſuch verſchweigen. Fritz Wacker ſann vergeblich darüber nach, welche wichtige Angelegenheit den reichen Herrn Schenk veranlaſſen könne, eine geheime Unterredung mit einem Flickſchneider zu wünſchen, er konnte ſich das nicht enträthſeln und kaum die Mittagſtunde erwar⸗ ten, um Gewißheit darüber zu erhalten. Pünktlich, zur feſtgeſetzten Zeit fand er ſich in der Wohnung des jungen Herrn ein, die Magd erſuchte ihn, einen Augenblick zu warten, da die Herrſchaft noch zu Tiſch ſitze. 332— Der Scheider fand das ganz in der Ordnung, er vertrieb ſich die Zeit damit, daß er die Gemälde und Stiche betrachtete, welche die Wände des eleganten Zimmers ſchmückten. Eine ſolche Pracht und Eleganz hatte er ſelten in einem Hauſe angetroffen und er war doch ſchon oft in den Empfangszimmern vornehmer und reicher Leute geweſen. Er beneidete den jungen Herrn, der mit ſolchem Luxus ſich umgeben konnte und nahm ſich vor, dieſem Beiſpiele zu folgen, wenn die Göttin Fortuna ihn einmal das große Loos gewin⸗ nen ließ. Nach Verlauf einer halben Stunde führte die Magd ihn in das Speiſezimmer. Das junge Ehepaar ſaß beim Deſſert, Heinrich forderte durch einen herablaſſenden Wink den Schneider auf, Platz zu nehmen. „Ich weiß nicht, ob Sie die Gerüchte kennen, welche ſeit einiger Zeit in Ihrer Nachbarſchaft in Umlauf ſind,“ begann er, während er langſam eine Birne ſchälte,„faſt ſcheint es mir, als ob Ihnen dieſelben ganz und gar unbekannt ſind, denn Sie thun nichts, um ihnen entgegenzutreten.“ Fritz Wacker blickte mit wachſendem Erſtaunen den jungen Herrn an. „Ich weiß in der That nicht, welche Gerüchte Sie meinen,“ erwiderte er betroffen. „Dann halte ich es für meine Pflicht, Sie darüber aufzu⸗ klären,“ fuhr Heinrich ruhig fort,„das liegt nicht allein in Ihrem, ſondern auch in meinem Intereſſe. Oder vielmehr im Intereſſe meiner Gemahlin,“ ſetzte er hinzu, indem er der jungen Dame einen bedeutſamen Blick zuwarf.„Sie haben eine Tochter?“ Der Schneider nickte bejahend. „Man ſagt, ſie ſei ein ſehr ſchönes Mädchen.“ „Das müſſen Sie ſelbſt wiſſen,“ erwiderte Wacker,„Sie haben Hermine ja oft geſehen.“ „Flüchtig— mag ſein, ich erinnere mich ihrer nicht mehr, mir ſind ſo viele Perſonen begegnet, daß ich unmöglich die äußere Erſcheinung jedes Einzelnen im Gedächtniß behalten kann. Das Fräulein ſoll ſich vor mehreren Monaten,— ich glaube, gleich nach Weihnachten verlobt haben?“ „So iſt es, aber die Verlobung mußte bisher geheim bleihen.“ „Richtig, man ſagt, der Bräutigam ſei ein vornehmer, reicher Herr.“ „Ja, ja, er wünſcht, die Sache ſo lange geheim zu halten, bis er mit Sicherheit auf die Einwilligung ſeines Vaters rechnen kann.“ Der Schneider bemerkte die verſtohlenen, forſchenden Blicke —— — 333— nicht, mit denen Heinrich ſeine Worte begleitete, während er anſcheinend ſeine ganze Aufmerkſamkeit dem Deſſert widmete. „Wenn das zu Gerüchten Veranlaſſung gegeben hat,“ fuhr er fort,„ſo können mich dieſelben nicht beunruhigen, ich weiß, was ich von dem Verlobten meiner Tochter zu halten habe und ver⸗ traue darauf, daß Hermine nichts thun wird, was auf ihre Ehre einen Flecken werfen könnte.“ Ein ſpöttiſches Lächeln glitt über die ſchönen, kalten Züge Bertha's, während Heinrich geringſchätzend die Achſeln zuckte. „Wenn Sie dieſelben nicht beunruhigen, ſo müſſen wir darauf dringen, daß Sie dieſen Gerüchten mit aller Entſchiedenheit ent⸗ gegentreten,“ erwiderte er kühl,„etwas fällt immer auf die Fa⸗ milie zurück, trotzdem dieſe Familie ſich über dieſes Gewäſch er⸗ haben fühlen kann. Wer iſt dieſer geheimnißvolle Bräutigam?“ „Entſchuldigen Sie, wenn ich das Geheimniß wahre.“ „Wohlan, ſo will ich Ihnen beweiſen, daß es längſt kein Geheimniß mehr iſt. Karl Liebmann iſt der Bruder meiner Ge⸗ mahlin, und in Ihrem Stadtviertel redet man über dieſen Herrn in einer Weiſe, die uns empören muß. Ich will und kann nicht unterſuchen, ob Herr Liebmann Ihre Tochter, oder Fräulein Her⸗ mine den jungen Herrn in's Garn gelockt hat, die Anſichten dar⸗ über ſind ſehr getheilt.“ Dem Schneider war das Blut in die Wangen geſchoſſen, es empörte ihn, daß man in dieſer wegwerfenden Weiſe über ein Verhältniß ſprach, welches nach ſeiner Ueberzeugung das Glück ſeiner Tochter begründen mußte. „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen,“ verſetzte er. „Von einem„in's Garn locken“ kann hier keine Rede ſein; Herr Liebmann hat meiner Tochter Herz und Hand angeboten und ihr zugeſchworen, ſie zum Altar zu führen, ſobald ſein Vater in dieſe Verbindung einwillige. Aber darum keine Feindſchaft nicht, Herr Schenk, in China findet man in ſolchen Verhältniſſen durchaus nichts Auffallendes.“ „So würde ich Ihnen den guten Rath geben, die Beiden nach China zu ſchicken,“ ſpottete Heinrich, während er ſein Weinglas füllte,„hier gibt man den Leuten gerechten Grund zu Ver⸗ muthungen, die ſehr unangenehm ſind. Was mein Schwager dem Mädchen zugeſchworen hat, weiß ich nicht, ſo viel aber ſteht feſt, daß Ihre Tochter hauptſächlich deshalb ſeinen Schwüren ge⸗ glaubt hat, weil ſie dadurch die Mittel zur Befriedigung ihrer Putzſucht erhielt. Ich will ihr keinen Vorwurf machen, wenn die Eltern ſo leichtſinnig ſind, eine ſolche Verbindung zuzugeben und geheime Zuſammenkünfte zu geſtatten, wenn ſie, wie man zu ſagen pflegt, ihre Tochter dem Erſten Beſten an den Hals werfen, ſo — 334— trifft ſie der größere Theil der Schuld. Das können Sie weder zurückweiſen noch beſtreiten, Herr Wacker, ich begreife nicht, daß Sie das Alles nicht ſchon längſt eingeſehen haben. Oder ſollte es Ihnen denn noch immer unbekannt ſein, daß die Folgen dieſer geheimen Zuſammenkünfte bereits das Stadtgeſpräch bilden? Man ſagt, die Eltern ſeien blind für die Fehler ihrer Kinder, aber ſolche Fehler, denke ich, muß auch ein Blinder entdecken. Verzeihe, Bertha, wenn ich dieſen delikaten Punkt in Deiner Gegenwart zur Sprache bringe, Du ſiehſt, es iſt nicht möglich, ihn zu umgehen.“ Der Schneider war abwechſelnd, bald blaß, bald roth geworden. Er hatte plötzlich einen Aufſchluß erhalten, an den nur im Entfernteſten zu denken, ihm bisher noch nicht eingefallen war. Aber trotzdem der junge Herr ihn im Tone überzeugender Ge⸗ wißheit darauf aufmerkſam gemacht hatte, konnte er doch nicht glauben, daß die Sachlage ſich wirklich ſo verhalten ſollte. „Das ſind Vermuthungen,“ ſagte er,„unbegründete Verleum⸗ dungen neidiſcher Zungen!“ Heinrich zuckte die Achſeln und nahm eine Cigarre aus dem eleganten Etui. „Man glaubt in der Regel, was man wünſcht,“ erwiderte er gemeſſen,„und wenn durch dieſe Wünſche ein Strich gezogen wird, ſo klagt man Gott und die Welt an, ohne über die eigene Schuld nachzudenken. Fragen Sie Ihre Tochter ſelbſt, ich denke, das iſt der einfachſte Weg, ſich Gewißheit zu verſchaffen. Daß Herr Liebmann das Mädchen nicht heirathen wird, muß Jeder einſehen, der Ihre Verhältniſſe und die meines Schwagers kennt. „Wenn das wäre, dann iſt er ein Schuft,“ fuhr der Schneider mit wachſender Erbitterung auf. „Keineswegs, er hat die Gelegenheit wahrgenommen, wer will ihm das verübeln?“ „Wer ſo denkt—“ „Erlauben Sie, ich ſtelle mich auf den Standpunkt eines Mannes, der die Mittel beſitzt, das Leben zu genießen. Denken Sie gütigſt nach, wer iſt hier der Schuldige, mein Schwager, der die Gelegenheit benutzte, oder Sie, der die Tochter ſo hoch wie möglich zu verkaufen ſuchte?“ „Herr Schenk!“ „Nehmen Sie mir nicht übel, wenn ich Ihnen Worte ſage, die Ihrem Zartgefühl etwas ſehr nahe treten, eine Wunde welche tief iſt, muß gründlich ſondirt werden, wenn die Sonde Nutzen bringen ſoll. Würden Sie die geheime Verlobung und die heimlichen Zuſammenkünfte geſtattet haben, wenn der Bräutigam ein Mann aus Ihrem Stande geweſen wäre? Wahrlich nicht! dem te er zogen igene denke, Daß Jeder tennt. leider will Der Reichthum Liebmann's beſtach und blendete Sie, nun werden Sie erfahren, daß Sie einen dummen Streich begangen haben. — Was nun? Etwas muß geſchehen, wenn Sie mich nicht zwingen wollen, energiſch einzugreifen.“ Der Schneider blickte, in Gedanken verſunken, vor ſich hin. Er mußte zugeben, daß in dem, was der junge Herr ihm geſagt hatte, manches wahre Wort war, und daß, wenn jene Gerüchte ſich auf Wahrheit gründeten, der Verlobte ſeiner Tochter ſich benommen hatte, wie ein charakterloſer Wüſtling. „Was nun geſchehen ſoll?“ fragte er nach einer Weile.„Ich kann mir nicht denken, daß Herr Liebmann ſo ehr⸗ und charakterlos ſein wird, ſeinen Schwur zu brechen, Hermine hat ihm ver⸗ traut—“ „Und ich wiederhole Ihnen, er wird Ihre Tochter nicht heirathen,“ fiel Heinrich ihm in's Wort.„Bedenken Sie doch den Standesunterſchied!“ „Mein Bruder und die Tochter eines Schneiders!“ ſpottete Bertha. „Iſt denn zwiſchen Ihnen ein gar ſo gewaltiger Unterſchied?“ fragte Wacker entrüſtet.„Haben Sie, Madame, nicht auch den Sohn eines Schenkwirthen geheirathet? Ah, es wäre niederträchtig, wenn Ihr Bruder meine Tochter verführt hätte mit dem Vor⸗ ſatze— „Lieber Mann, ich ſagte Euch ſchon, auf ihn allein dürft Ihr die Schuld nicht wälzen,“ unterbrach Heinrich ihn kühl.„Auch machen Klagen und Vorwürfe das Geſchehene nicht ungeſchehen. Was wollt Ihr nun thun? Den Geſprächen muß ein Ende gemacht werden, thut Ihr es nicht, ſo thue ich's. Aber ich hoffe, Ihr werdet Vernunft annehmen—“ „Was ich thun werde?“ fuhr der Schneider auf.„Er ſoll mir Rede ſtehen, zu ſeinem Vater will ich gehen und wenn Alles nicht hilft, ſo verklage ich ihn.“ „Was gewinnt Ihr dadurch? Nichts!“ „Gut, ſo erreiche ich doch Eins, daß ich ihn an den Pranger ſtelle, wie er es verdient hat!“ „Bah, Eure Tochter—“ „Sie meinen, ſie werde dann am Pranger neben ihm ſtehen?“ „Das meine ich allerdings.“ „Sie irren, man wird ihn verurtheilen, ſie bemitleiden.“ Heinrich ſchüttelte zweifelnd das Haupt. „Wenn Ihr das glaubt, kennt Ihr die Menſchen noch nicht,“ erwiderte er,„erkundigt Euch doch in der Nachbarſchaft, wie man bereits über die Geſchichte redet. Macht die Sache ſtill ab, das iſt der beſte Rath, den ich geben kann. Mein Schwager oder — 336— deſſen Vater wird ſich vielleicht dazu verſtehen, Eurer Tochter eine kleine Summe zu zahlen und auch ſpäter zur Erziehung des Kindes beizutragen, mehr könnt Ihr nicht verlangen, wie Ihr denn überhaupt kein Recht habt, etwas zu verlangen. Vielleicht findet ſich dann auch Einer, der das Mädchen heirathet, auf den die ganze Schuld geſchoben werden kann. Da iſt zum Beiſpiel der Barbier Gabel, ich weiß, daß er Eure Tochter immer gerne geſehen hat—“ „Jetzt habe ich genug!“ rief der Schneider, deſſen Entrüſtung den höchſten Punkt erreicht hatte.„Ihr Reiche glaubt mit Eurem Golde Alles kaufen zu können, die Ehre und der gute Name der Armen gelten Euch nichts— wohl deshalb, weil Ihr ſelbſt keine Ehre im Leibe habt. Das war der ſaubere Plan, den Sie entworfen haben? Mit Geld ſoll mein armes Kind ſich abfinden laſſen? Pfui über dieſen Vorſchlag, den kein Ehrenmann mir ge⸗ macht haben würde!“ „Sie mögen ein reicher Mann ſein, Herr Schenk, den Vorzug muß ich Ihnen einräumen, obſchon man auch nicht weiß, wodurch Sie die dieſen Reichthum erworben haben. Aber im Punkte der Ehre ſtelle ich mich über Sie, ich weiß nun, daß Sie ein herz⸗ loſer Egoiſt ſind, dem für Gold Alles feil iſt! Leben Sie wohl, ich werde dieſer Unterredung gedenken, ſo oft ich Ihnen begegne, damit ich nie in die Verſuchung komme, Sie zu beneiden.“ Der Schneider ſtürmte hinaus. In ſeinem Innern gährte und kochte es gewaltig; ſo tief hatte noch Niemand ihn gedemüthigt. Wer gab dieſem jungen, hochmüthigen Menſchen das Recht, in dieſer Weiſe gegen ihn aufzutreten? Mußte er ſich nicht ſchämen, dem tief gekränkten Vater einen ſolchen Vorſchlag zu machen? Und doch, er hatte ein Recht dazu, und dieſes Recht hatte Wacker ſelbſt ihm gegeben, dadurch, daß er ſo eitel und leicht⸗ fertig geweſen war, in die heimliche Verlobung einzuwilligen. Hermine ſollte dafür büßen! Hermine und ſeine Frau, die Beide ihn durch ihren Spott, durch beißende Bemerkungen gezwungen hatten, zu ſchweigen und ſich in Alles zu fügen. Und wenn er mit ihnen abgerechnet hatte, dann wollte er auch die Rechnung mit Liebmann ordnen. Mit dieſem Entſchluß trat er in ſeine Wohnung und jetzt, als er ſeine Tochter betrachtete, fiel ihm auf, was allen Anderen ſchon längſt aufgefallen war. „Da haben wir die Beſcheerung,“ wandte er ſich zu ſeiner Frau, die ſtrickend am Fenſter ſaß und überraſcht den polternden Gatten anblickte.„Das ſind die Früchte der Saat Deines dünkel⸗ haften Hochmuths! Ein ſauberes Bürſchchen iſt dieſer Herr Bräuti⸗ gam!“ „He—— was ſoll dieſer Wortſchwall?“ fragte Frau Wacker gereizt.„Was iſt's mit den Früchten und dem Bräutigam?“ „Herrgott, haſt Du denn noch nicht bemerkt, worüber ſchon die ganze Nachbarſchaft ſich aufhält?“ rief der Schneider erboſt. „Wofür biſt Du denn Mutter, wenn Du das nicht einmal be⸗ merkſt? Schick nur zur Hebamme, Weib, und ſorge, daß die Wiege in's Haus kommt, ehe es zu ſpät iſt. Raſend möchte man wer⸗ den—— aber ſo geht's, wenn man den Weibern das Regiment im Hauſe überläßt! Dann hat man nur Schande und Unehre davon und hinterher ſoll man noch das Maul halten—“ „Vater, ich hitte Dich, ſei doch ruhig,“ fiel Hermine bittend ihm in's Wort.„ZJeder hat ſchwache Augenblicke im Leben—“ „Jetzt nennt ſie's noch gar ſchwache Augenblicke!“ fuhr der Schneider fort, während er gleich einem gefangenen Raubthiere in dem Gemach auf und ab wanderte.„Schwache Augenblicke! Eine Augenblicks⸗Sache iſt das nach meiner Anſicht doch wohl nicht! Schöne Geſchichten! In Ehren alt geworden, muß man in ſeinen alten Tagen noch die Schande erleben!“ Frau Wacker hatte mit weitgeöffneten Augen bald den Gatten, bald die Tochter angeſtiert. „Das kommt davon, wenn man ſich nicht um die Haushal⸗ tung und was damit zuſammenhängt, bekümmert!“ platzte ſie her⸗ aus.„Das hätte ich ja längſt erfahren müſſen.“ „Natürlich,“ erwiderte der Schneider und es lag ein beißender Hohn in dem Tone ſeiner Stimme.„Aber ſo geht's, die Mutter kümmert ſich mehr um die Klatſchviſiten und das Fräulein Tochter —— Herrgott, ich meine, der Kopf müſſe mir zerſpringen.“ „Na, dazu bedarf es eben keiner beſonderen Gehirnerſchütterung,“ warf die Hausfrau ein, erbittert über den ihr gemachten Vorwurf, „Dein Gehirn vermag nicht viel zu faſſen. Ich ſehe nicht ein, daß man dieſer Kleinigkeit wegen—“ „Kleinigkeit?“ ſchrie der Schneider.„Haha, natürlich iſt es eine Kleinigkeit, und was für eine Kleinigkeit! Ehe dieſe Kleinig⸗ keit erwachſen ſein wird, können Gram und Kummer mich längſt in die Grube gebracht haben.“ „Er wird ſein Kind nicht verleugnen,“ ſagte Hermine ruhig, „er hat mir zugeſchworen, daß dieſe Verirrung mir nichts von ſeiner Liebe raube.“ „Kind, ich meine, ein ſolcher Fall ſei oft genug vor der Hoch⸗ zeit vorgekommen,“ fügte die Mutter kopfnickend hinzu,„ohne Fünfmalhunderttauſend Thaler. 22 — 338— daß man behaupten kann, die ſpätere Ehe ſei deshalb unglücklich geworden.“ „Die ſpätere Ehe?“ ſpottete Fritz Wacker.„Weißt Du denn ſo gewiß, daß die Hochzeit gefeiert wird? Haſt Du's vielleicht ſchriftlich? Der Schwager dieſes ſaubern Herrn hat mir ſoeben erklärt, daran ſei nicht zu denken, der reiche Herr Liebmann könne eine Schueiderstochter nicht heirathen!“ „Was geht uns der Schwager an!“ „Na, der Schwager hat wahrſcheinlich den Auftrag, die An⸗ gelegenheit in Ordnung zu bringen. Er machte mir ſogar den Vorſchlag, ich möge mich mit einer kleinen Summe begnügen—“ „Das wäre eine Infamie!“ rief Hermine entrüſtet.„Dazu hat mein Bräutigam ihm keinesfalls Auftrag gegeben.“ Frau Wacker zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Wenn Du Grütze im Kopfe hätteſt, würdeſt Du ſofort her⸗ ausgefunden haben, daß die Familie ſich zwiſchen die Beiden ſtellen will, ſie wollen es ſich eine kleine Summe koſten laſſen, um die Heirath zu verhindern, und mir wundert, daß Du nicht in die Falle gegangen biſt.“ Fritz Wacker war eine ſanguiniſche Natur, er ließ ſich ebenſo leicht beruhigen, als in Harniſch bringen. Die Anſicht ſeiner Frau leuchtete ihm ein, es war ja möglich, daß die Familie auf eigene Fauſt handelte. Er blieb ſtehen, ſein Blick ruhte fragend auf dem Geſicht Hermine’s. „Glaubſt Du das auch?“ fragte er. „Gewiß,“ erwiderte das Mädchen ruhig,„mein Verlobter iſt ein Ehrenmann, der ſein Wort nicht zurücknimmt.“ „Dann laß' Dir's ſchriſtlich geben,“ fuhr der Schneider fort, „ich kann mich nicht eher beruhigen, bis ich's ſchwarz auf weiß ſehe.“ „Aber wozu das?“ fragte die Mutter.„Wenn Herr Liebmann ſein Ehrenwort—“ „Schwarz auf weiß, das iſt beſſer!“ „Ich will ihn heute Abend darum bitten,“ nahm Hermine das Wort,„Du darfſt Dich darauf verlaſſen, daß er die Bitte erfüllen wird.“ „Und dann wirſt Du Dir wohl über das neidiſche Geſchwätz der Nachbarn hinweg ſetzen,“ ſagte Frau Wacker ironiſch, die Leute gönnen ja Keinem das Weiße in den Augen.“ „Bringt mir das ſchriftliche Eheverſprechen,“ erwiderte der Schneider,„ich bezweifle noch ſehr, daß Ihr es erhalten werdet.“ Und was dieſen Herrn Schwager betrifft, ſo mag ich von dem auch nichts wiſſen,“ fuhr die Mutter fort, während ſie eifrig weiter ſtrickte,„er hat ſeinen Reichthum auch nicht auf ehrlichem —— — ter iſt — folt, weiß mantl ermine Bitte ſcwätz Leute te der verdet. n den eifrig rlichem Wege erworben, und wenn über Einen in der Stadt viel ge⸗ ſchwätzt worden iſt, ſo iſt er es.“ „Was kümmert das Alles mich!“ fuhr der Schneider auf. „Ich halte mich an den Thatſachen; ſo lange ich das Verſprechen nicht mit meinen eignen Augen ſehe, halte ich dieſen Herrn Bräutigam für einen Schuft!“ Die Beiden ſchwiegen, aber ihre Geberden verriethen, daß ſie auf dieſes Urtheil nicht den mindeſten Werth legten. Fritz Wacker polterte noch lange, endlich ſchwieg er auch, aber die Haſt, mit der er die Nadel führte, bewies, daß es in ſeinem Innern noch immer gewaltig tobte. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Betrogen! Hermine baute ſo feſt auf die Treue und den Charakter ihres Bräutigams, daß ſie nicht daran gedacht haben würde, jemals ein bindendes Verſprechen von ihm zu verlangen, wenn ihr Vater dies nicht ſo energiſch gefordert hätte. Die Unterredung mit dem letzteren hatte nun doch in ihrer Seele, wenn auch kein ausgeprägtes Mißtrauen, ſo doch einige leiſe Zweifel geweckt. Sie erinnerte ſich, daß ihr Verlobter in der jüngſten Zeit oft ſehr kalt und einſilbig geweſen war, daß er ihre Fragen über ſein Verhältniß zu dem Vater ſtets ausweichend beantwortet hatte, und dieſe Erinnerung verbunden mit dem Vorſchlage Schenk's und den Befürchtungen ihres Vaters war ſehr wohl geeignet, ſie zu beun⸗ ruhigen. War Hermine auch ein eitles, putzſüchtiges Mädchen, ſo ſtand ihr die Ehre doch noch immer zu hoch, als daß ſie dieſelbe für die Befriedigung ihrer Wünſche hingegeben hätte. Und ihre Ehre war für immer vernichtet, wenn Liebmann ſie verließ und ſein Wort zurücknahm. Mit ſchwerem Herzen betrat ſie an dieſem Abend die Woh⸗ nung der Freundin, in der die Zuſammenkünfte ſtattgefunden hatten. Sie wollte Gewißheit haben, die Eltern und ſich ſelbſt be⸗ ruhigen. — 340— Liebmann kam ſpät, er war verſtimmt. Den Gruß des Mädchens kaum erwidernd, ſetzte er ſich hin, um eine Eigarre anzuzünden und dann den blauen Rauchwölkchen ſinnend nachzublicken. Hermine blickte ihn eine Weile ſchweigend an, das Benehmen des Verlobten rief ihr alle Befürchtungen des Vaters in's Ge⸗ dächtniß zurück. „Du biſt verſtimmt,“ ſagte ſie. „Man kann nicht immer heiter gelaunt ſein,“ erwiderte er, kurz angebunden. „Du ſollteſt dieſe ernſte, trübe Stimmung wenigſtens nicht mit hieher bringen, Karl. Wenn Du im Geſchäft Unannehmlichkeiten gehabt haſt, weshalb ſoll ich dafür büßen? Ich habe auch manche Unannehmlichkeit zu Hauſe, mein Weg führt auch nicht über Roſen.“ Ein ironiſches Lächeln umſpielte die Lippen des jungen Mannes. „Du biſt freilich ſehr zu bedauern,“ ſpottete er.„Die Dornen ſtechen wohl ſehr?“ „Was berechtigt Dich zu dem Spott?“ fuhr Hermine unmuthig fort.„Du haſt wahrlich keinen Grund dazu, ich habe Dir Alles, mein theuerſtes Gut geopfert—“ „Wie oft ſoll ich das noch hören?“ fuhr Liebmann gereizt auf.„Du haſt mich ſchon ſo oft auf dieſes ſchwere Opfer auf⸗ merkſam gemach, daß ich der ewigen Klagelieder bald überdrüſſig bin.“ Auf der Stirne Hermine's zogen die Falten ſich drohend zu⸗ ſammen. So hatte er noch nie zu ihr geredet. „Meine Schuld iſt es nicht, daß ich ſie ſingen muß,“ erwiderte ſie, und es lag ein gewiſſer Trotz in dem Tone ihrer Stimme, „Du haſt es ſo weit gebracht, daß die Leute mit Fingern auf mich zeigen und thuſt dennoch keinen Schritt, um mich vor den Verluſt meiner Ehre zu ſchützen.“ „Woher weißt Du das?“ „Haſt Du vielleicht mit Deinem Vater geredet? Das wäre Deine Pflicht geweſen—“ „Ich fand noch keine Zeit dazu „So ſagſt Du immer, inzwiſchen kennt Deine Familie unſer Verhältniß, ſie bemüht ſich, uns zu trennen.“ „Vermuthungen—“ „Durchaus nicht. Dein Schwager hat heute Mittag meinem Vater erklärt, von einer Heirath könne nie die Rede ſein, er hat ihm eine Summe angeboten, für die ich auf meine Rechte ver⸗ zichten ſoll.“ Liebmann machte eine Bewegung der Geringſchätzung. „Für dieſe eigenmächtige Handlung meines Schwagers kann ich nicht verantwortlich gemacht werden,“ erwiderte er kühl. 74 hin, chen men Ge⸗ er, mit eiten anche ſen.“ mes. rnen derte ume, mich rluſt wäre unſer inem — 341 „Du haſt ihn alſo nicht dazu beauftragt?“ „Nein.“ „Aber mein Vater hat mir die heftigſten Vorwürfe gemacht, ich habe Worte hören müſſen, die ich nicht gerne noch einmal hören möchte. Ich habe Dich vertheidigt.“ „Das ewige Einerlei,“ unterbrach Liebmann ſie ungeduldig. „Ich kann's noch nicht ündern, wir müſſen Geduld haben.“ „Aber wir müſſen nun doch einmal wiſſen, woran wir ſind,“ fuhr Hermine mit wachſender Erregung fort;„mein Vater verlangt Sicherheit und Niemand kann beſtreiten, daß er kein Recht hat, das zu verlangen. Was mich ſelbſt betrifft, ſo baue ich noch immer auf die Redlichkeit Deiner Geſinnungen, aber meine Eltern, die Dich nicht kennen, wollen eine Bürgſchaft haben, auf die ſi ſich ſtützen können, wenn ſie den giftigen Zungen entgegentreten.“ Mit unverholenen Zeichen der Ueberraſchung und der Ent⸗ rüſtung hatte Liebmann dieſe Worte angehört. Er ſtieß jetzt ſehr energiſch die Aſche von ſeiner Cigarre und warf dabei dem Mädchen einen Blick zu, der ihr keinen Zweifel mehr darüber laſſen konnte, daß ſie ihre Ehre nnd ihr Lebensglück einem herzloſen Wüſtling geopfert hatte. „Das iſt ein eigenthümliches Verlangen,“ ſagte er mit ſchnei⸗ dender Kälte.„Welche Bürgſchaft fordert er?“ „Ein ſchriftliches Eheverſprechen.“ So boshaft dämoniſch hatten die Augen Liebmann's noch nie das Mädchen angeblickt, wie ſie es jetzt thaten. „Iſt das Alles?“ fragte er höhnend,„Wenn Dein Vater meinen Worten nicht glauben will, kann ihm auch ein ſchriftliches Verſprechen keine Bürgſchaft bieten.“ „Es wird ihn beruhigen.“ „Natürlich,— er wird damit von Haus zu Haus gehen und ſich mit dem reichen Schwiegerſohn brüſten.“ „Das iſt ungerecht, Karl.“ „Ich ſehe das nicht ein. Habe ich nicht bisher Alles gehalten, was ich gethan? Du wollteſt Schmuckſachen und ſchöne Kleider haben, ich gab ſie Dir, Du wollteſt Bälle und Concerte beſuchen, ich führte Dich hin, Du haſt eine Reiſe mit mir gemacht— was verlangſt Du nun noch! 221 „Daß Du mich vor dem Verluſt meiner Ehre ſchützeſt,“ erwiderte Hermine, fieberhaft erregt. „Ehre? Was iſt Ehre?“ fragte Liebmann gemeſſen.„Ich weiß nicht, was Du mit dieſem Wort willſt! Wenn Du einmal reich wirſt, biſt Du auch geehrt und angeſehen. Uebrigens bitte ich Dich, Deinem Vater zu erklären, ich wiſſe nicht, was er ſich einbilde, er ſei doch nur ein Flickſchneider und als ſolcher—“ ——— „Er iſt ein Ehrenmann!“ rief Hermine.„Gib mir das Ver⸗ ſprechen ſchriftlich, dann wird er ſich beruhigen.“ „Fällt mir nicht ein. Ich bin kein Freund von läſtigen Feſſeln.“ „Biſt Du denn nicht ſchon an mich gefeſſelt?“ I „Geſetzlich nicht.“ „Ah— alſo waren Deine Worte—“ „Eben nur Worte, inſofern haſt Du Recht. Du wirſt ſelbſt einſehen, daß es mich eine ungeheure Ueberwindung koſten muß, ¹ wenn ich Dich zum Altare führen ſoll, die Kluft zwiſchen uns iſt gewaltig groß. Deshalb thuſt Du beſſer, mich nicht ſo oft daran zu erinnern, zumal ja von Deiner Seite von einem Opfer keine Rede ſein kann. Ich habe mich Deinetwegen in Schulden geſtürzt, nur, um Deine Wünſche befriedigen zu können; laß es einſtweilen dabei bewenden; kommt Zeit, kommt Rath. Ich werde die Koſten Deiner Niederkunft beſtreiten und auch ſpäter Dich unterſtützen, obſchon ich geſetzlich nicht dazu verpflichtet bin. Wenn Deine Eltern mehr verlangen, dann iſt es beſſer, wir trennen uns, den ſpießbürgerlichen Anſichten eines Flickſchneiders kann und werde ich mich niemals fügen.“ Hermine hatte ſich erhoben; mit zornblitzenden Augen und f kreideweißen Lippen ſtand ſie vor dem herzloſen Egoiſten, der ſich durch dieſen Auftritt den Genuß ſeiner CEigarre nicht verkümmern ließ. „Iſt das Dein Ernſt?“ fragte ſie, bebend vor Aufregung. „Gewiß,“ erwiderte Liebmann kalt.„So wenig ich auch zur Trennung geneigt bin, ziehe ich ſie doch den ewigen Klageliedern vor.“ „Dann haſt Du kein Herz für mich und für Dein Kind, dann biſt Du ein—“ „Ereifere Dich nicht ſo ſehr, wir können das ja in aller Ruhe abmachen. Ehrlich geſagt, war mir dieſe Verbindung ſchon lange etwas läſtig, früher lebte man in Deiner Nähe auf, Du warſt immer heiter und luſtig und dieſe Heiterkeit verdeckte den Mangel an geſellſchaftlicher Bildung, der ſchroff zu Tage getreten iſt, ſeit⸗ dem Du ſo griesgrämig geworden biſt. Es iſt möglich, daß ich damals Dir geſagt habe, ich wolle Dich heirathen, nun ja, man ſagt oft viel, was man nicht als bindendes Verſprechen betrachten kann. Sage ſelbſt, welche Rolle würdeſt Du in unſern Kreiſen ſpielen? Jeder muß in ſeiner Sphäre bleiben, wenn er ſich nicht Demüthigungen ausſetzen will.“ „So haſt Du früher nie geſprochen.“ „Mag ſein; wenn ich es nicht that, ſo dachte ich, Du ſelbſt werdeſt ſo vernünftig ſein, das einzuſehen. Es iſt beſſer für Dich, —- elbſt muß, 8 iſt daran keine ürzt, eilen oſten ützen, Deine „den de ich und r ſich amern 19 g. h zur edern Kind, Ruhe lange warſt Langel ſeit⸗ aßi man achten rreiſen ) richt — 343— wenn Du in Deinen Kreiſen bleibſt, in den höheren Schichten würdeſt Du über die Achſel angeſehen werden. Es iſt ja nicht geſagt, daß wir deshalb uns trennen müſſen,“ fuhr Liebmann nach einer kurzen Pauſe gleichmüthig fort,„ich werde Dir den Verluſt Deiner Hoffnungen und Wünſche zu erſetzen ſuchen.“ „Auch das noch!“ ſagte Hermine mit bebender Stimme. „Dieſer Vorſchlag krönt Deine Schurkerei, er beweiſt mir, daß Du nie die Abſicht gehegt haſt, mich zu heirathen. Zur Concubine bin ich Dir allenfalls gut genug, nachdem ich Dir Alles geopfert habe—“ „Weshalb haſt Du mir Alles geopfert?“ unterbrach Liebnann ſie kalt.„Habe ich Dich dazu gezwungen? Glaubſt Du deshalb die Rechte einer Gattin an mich geltend machen zu können, ſo rathe ich Dir das Geſetz auch zu ſtudiren und damit muß dieſe Unterredung ein Ende haben. Willſt Du Dich mit dem bisherigen Verhältniß begnügen, ſo iſt es mir recht, unter der Bedingung, daß Du nicht mehr über die gebrachten Opfer jammerſt, mir iſt dieſes Gewinſel zuwider. Willſt Du dies nicht, ſo ſind wir fortan geſchieden und ich werde Dir eine Summe überſenden, die Dich in den Stand ſetzt, die Koſten Deiner Niederkunft und der erſten Pflege Deines Kindes zu beſtreiten. Später, wenn ich im Beſitz meines Vermögens bin, werde ich Dir jährlich eine Unterſtützung zukommen laſſen, aber ich mache Dich darauf aufmerkſam, daß dies nur dann geſchieht, wenn Du Deine vermeintlichen Rechte ruhen läßt und mir durch Verfolgung derſelben keine Unannehmlichkeiten bereiteſt. Adieu, Deinen Entſchluß erwarte ich bis übermorgen.“ Sprachlos vor Beſtürzung und Entrüſtung blickte Hermine ſtier auf die Thüre, hinter der der herzloſe Wüſtling verſchwunden war. Ein Chaos von Gedanken wogte in ihrer Seele und aus dieſem Chaos trat nur Eins klar und ſcharf hervor, die Gewiß⸗ heit, daß ſie entehrt und betrogen, daß ihr ganzes Glück ver⸗ nichtet war. Ihre Liebe war dem Haß gewichen und doch hatte ſie ihn ja geliebt? Wenn ſie gerecht ſein wollte, mußte ſie ſich fagen, daß nicht die Liebe, ſondern ihre Eitelkeit, ihr Hochmuth und ihre Putzſucht ſie zu Fall gebracht hatten. Sie begriff nicht, daß ſie dieſen herzloſen Egoiſten nicht ſchon früher durchſchaut, daß ſie ſo blind ſeinen Worten vertraut hatte. Die Verzweiflung bemächtigte ſich ihrer. Sie durfte nicht nachdenken über die Zukunft, über den Hohn und die Demüthigungen, die ihrer harrten, ſie durfte nicht an den Gram der Eltern, an die eigne Schmach und den niederträchtigen Betrug denken, wenn ſie ihre Seele frei von der Nacht des Wahnſinns halten wollte. Wie ſie nach Hauſe gekommen war, wußte ſie ſelbſt nicht, aus 344— einer tiefen Ohnmacht erwachte ſie in den Armen ihrer Mutter und ihr erſter Blick fiel auf den Vater, der mit düſterer Miene vor ihr ſtand. Sie wollte ſic vor ihm niederwerfen, ihn um Verzeihung bitten, er ſchloß ſie in ſeine Arme und drückte einen Kuß auf ihre Stirne. Sie war ja ſein einziges Kind, und wenn ſie gefehlt hatte, ſo war auch er nicht ganz frei von Schuld. Er erinnerte ſich der Vorwürfe, die Heinrich Schenk ihm gemacht hatte, er mußte ihre Begründung anerkennen. „Armes Kind!“ ſagte er leiſe.„Was zwiſchen Dir und ihm vorgefallen iſt, leſe ich in Deinem Geſicht.“ „Ich begreife es nicht,“ verſetzte Frau Wacker,„ich denke noch immer, es muß ein Irrthum ſein. Vielleicht hat die Forderung Deines Vaters ihn erbittert und da mögen wohl in dieſer gereizten Stimmung Worte gefallen ſein, die—“ „Wortoe, die mir beweiſen, daß er ein ehrloſer Menſch iſt, ein Menſch, der weder Herz noch Charakter hat,“ unterbrach Hermine ſie erbittert.„Er hat mir ſogar den Vorſchlag gemacht, es bei dem bisherig en Verhältniß bewenden zu laſſen, er hat mich be⸗ handelt wie eine öffentliche Dirne, ha— und Niemand war da, der mich an dieſem Schurken rächte!“ „Nun, nun, man muß nicht gleich die Sache über's Knie brechen,“ begütigte die Mutter. „Du willſt dieſen Schuft noch in Schutz nehmen?“ fuhr der Schneider auf, unfähig, länger ſeine Wuth zu bemeiſtern.„Beib, wenn das Schickſal Deines Kindes Dir ſo gleichgültig iſt,— aber freilich, Du mußt ihn ja zu entſchuldigen ſuchen, Du haft ja“ „Vater, keine Vorwürfe,“ bat Hermine.„Ich bin allein die Schuldige, auf mich häufe Deinen ganzen Groll, aber wenn ich dieſe Schmach nicht erlebe, dann verzeihe mir wenigſtens nach meinem Tode.“ „Du wirſt das arme Kind mit Deinen harten Worten zur Verzweiflung treiben,“ grollte Frau Wacker.„Was geſchehen iſt, läßt ſich nicht ändern—“ „Das weiß ich ſo gut, wie Du,“ erwiderte der Schneider,„und ich bin weit davon entfernt, der armen Betrogenen Vorwürfe machen zu wollen, aber es empört mich, wenn man einen ſolchen Schuft in Schutz nehmen will, der nach göttlichen und menſchlichen Geſet etzen lebenslänglich im Zuchthauſe eingeſperrt werden müßte. Jch werde ihm und ſeinem Herrn Vater meine Anſicht darüher in ſehr derben Worten ſagen.“ fuhr der kleine hagere Mann, mehr und mehr ſich ereifernd fort, während er mit den dürren, ſpitzen — Händen von Zeit zu Zeit durch ſein impertinent blondes Haar fuhr, vich werde Ihnen beweiſen, daß ich mich, trotzdem ich nur ein armer Flickſchneider bin, ebenſo hoch dünke, wie ſie.“ „Und was glaubſt Du, dadurch zu gewinnen?“ fragte Frau Wacker. „Nichts, ich weiß das, aber es wird mir wohl thun, wenn ich einmal die ganze Galle am geeigneten Orte ausſchütten kann.“ „Sie werden Dir die Thüre zeigen, Vater,“ ſagte Hermine warnend. „Mir?“ rief der Schneider in einem Tone, als ob er an der Spitze eines ganzen Armeecorps ſtände.„Das ſollen ſie wagen! Oeffentlich würde ich ſie blamiren—“ „Das iſt der rechte Weg nicht,“ unterbrach die Mutter ihn kopfſchüttelnd.„Blamirſt Du ſie, ſo blamirſt Du auch unſer Kind!“ Fritz Wacker wanderte eine geraume Weile auf und ab, er ſchien ernſtlich nachzudenken über die Schritte, die er thun konnte und durfte. „Es iſt wahr,“ ſagte er endlich ruhig,„zum Scandal darf ich's nicht treiben, leider Gottes werden ſolche Schurken noch immer in ihren Kreiſen in Schutz genommen. Ueber das ver⸗ führte und betrogene Opfer zuckt man die Achſeln, was liegt auch an einer Schneiderstochter!— Aber dem alten Herrn will ich in’s Gewiſſen reden, ich will ihm die Augen öffnen über ſeinen ſaubern Herrn Sohn, und erreiche ich dadurch auch weiter nichts, als daß er mir zeigt, wo der Zimmermann das Loch gelaſſen hat, ſo habe ich doch wenigſtens die Genugthuung, daß ſie wiſſen, wie ich über ſie denke und wie ſehr ich ſie verachte. Du, Hermine, mußt die Stadt verlaſſen, den Leuten werde ich das Maul zu ſtopfen ſuchen. Du gehſt zu Deiner Tante nach Mülheim, ſie wird Dich aufnehmen, wenn ich ihr die Koſten vergüte. Warte dort Deine Niederkunft ab und gib das Kind irgendwo in Pflege, oder bring' es ſpäter mit.“ „Ich überlebe die Schande nicht, Vater!“ ſeufzte das Mädchen. „Laß gut ſein, Kind,“ fuhr der Schneider fort,„eine Schande i*ſt es nicht, wenn man betrogen wird, das kann Jedem begegnen, die Schande trifft ihn, nicht Dich.“ „Die Leute urtheilen anders.“ „Leider Gottes, aber können wir's ändern?“ „Mögen ſie ſchwätzen,“ ſagte Frau Wacker geringſchätzend,„wir bleiben darum doch, was wir ſind.“ „Und wenn ich einmal das große Loos gewinne, werden die Anbeter trotz allem Vorgefallenen dutzendweiſe Dich umſchwärmen,“ fügte der Schneider hinzu.„Wenn uns das Glück einmal beſcheert — 346— würde! Ha, wie ſtolz und verächtlich wollte ich auf dieſe ganze Sorte herabſehen, und nicht Einer ſollte ſich meiner Freundſchaft rühmen dürfen! Dieſer Schenk, der früher ein einfältiger Junge war, dem ich oft begegnet bin, wenn er für ſeinen Prinzipal die Packete dutzendweiſe zur Poſt trug— wie hochnaſig ſah er auf mich, den Freund ſeines Vaters, hinab! Hätte ich damals in China die Prinzeſſin geheirathet, die Prinzeſſin Tſchi— Tſcha— Fou— Tſchum, könnte ich heute—“ „Du biſt ein Narr ſammt Deinen Prinzeſſinnen und Deinen Abenteuern in China,“ unterbrach Frau Wacker zornig ihren Gatten, der über ſeinem Lieblingsthema bereits die ernſten For⸗ derungen der Gegenwart vergeſſen hatte,„geh' zu Bett und denk' darüber nach, ob wir die Liebmann's nicht zwingen können, Hermine zu heirathen.“ „Zwingen?“ rief der Schueider ſpottend.„Beide, Vater und Sohn? Sei doch vernünftig!“ „Und wenn wir ſie zwingen könnten,“ ſagte Hermine erregt, „ja, wenn dieſer meineidige Menſch vor mir auf den Knieen um meine Hand bettelte, ich würde ſie ihm nicht geben. Ich verachte ihn zu ſehr, nachdem ich ſeinen Charakter kennen gelernt habe.“ Fritz Wacker gab durch ein Kopfnicken zu erkennen, daß er dieſer Anſicht beipflichtete. „Das ſage ich auch,“ verſetzte er,„einen ſolchen Menſchen kann man nur verachten. Aber ſagen will ich es ihnen, ſie ſollen erfahren, daß man ſich nicht als Leibeigene dieſer Herren betrachtet.“ Frau Wacker bemühte ſich vergeblich, ihren Gatten von dieſem Vorhaben abzubringen, ſie hoffte im Stillen noch immer, daß der Zwiſt beigelegt werden könne, es fiel ihr ſchwer, ihren lang ge⸗ hegten Wünſchen und Hoffnungen in Bezug auf die Zukunft Hermine's zu entſagen. Der Schneider aber beharrte auch am nächſten Morgen noch bei ſeinem Entſchluß, er hielt es für unvereinbar mit ſeiner Ehre, daß er dieſe Schmach geduldig und ſchweigend tragen ſollte, er mußte ſeinem Herzen Luft machen, und ſo trat er denn am Vor⸗ mittag den ſchweren Gang zum Hauſe des reichen Fabrikanten an. ganze dſchaft Junge Al die r auf ls in 4— deinen ihren 2 For⸗ denk jnnen, rund erregt, n um rachte be.” aß er nſchen ſollen ctet.“ dieſem ß der g ge⸗ ukunft noch Ehre, e, er Vor⸗ n an. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Stolz und Chre. Theodor Liebmann hatte in Gemeinſchaft mit ſeinem Schwieger⸗ ſohne ein außerordentlich vortheilhaftes Geſchäft an der Börſe abgeſchloſſen. Seitdem Heinrich Schenk von der Hochzeitsreiſe zurückgekehrt war, hatte der Fabrikant ſich oſt an einzelnen Spekulations⸗ geſchäften des Hauſes Peter Paul Scherenberg ſelige Wittwe be⸗ theiligt und ſchon manchen bedeutenden Gewinn eingeſtrichen. Da war es natürlich, daß er auf ſeinen Schwiegerſohn große Stücke hielt und daß der letztere einen immer größeren Einfluß auf den alten Herrn gewann, der dem Sohne Liebmann's ver⸗ derblich werden ſollte.— Karl Liebmann ahnte das nicht im Entfernteſten, im Gegen⸗ theil, er freute ſich dieſes wachſenden Einfluſſes, weil er hoffte, Heinrich werde denſelben zu Gunſten ſeines Schwagers benutzen. Er hatte ihn ſchon oft gebeten, ihm die Summe zur Deckung des Wechſels zu verſchaffen, aber Heinrich zeigte noch immer keine Luſt dazu; er gab vor, daß er noch nicht wagen dürfe, mit dem alten Herrn darüber zu reden und er ſelbſt die Mittel nicht be⸗ ſitze, den Wechſel zu decken. Das Einzige, wozu er ſich endlich verſtand, war, daß er den Wucherer bewog, den Wechſel nochmals zu verlängern; wodurch er das erreicht hatte, blieb dem Schuldner ein Geheimniß. So ſtanden die Sachen an dem Tage, an welchem Liebmann mit der Tochter des Schneiders brach. Heinrich ſuchte an demſelben Abend ſeinen Schwager in der Weinſchenke auf und ſprach unverholen mit ihm über dieſe Liebſchaft. Da erfuhr er denn, was vorgefallen war, und es unterlag keinem Zweifel, daß der Vater des verführten Mädchens ſich ſchon am nächſten Tage bei dem Fabrikanten beſchweren würde. Er kannte das leicht erregte, reizbare Temperament Wackers und den hochfahrenden Stolz Liebmann's, er ſah voraus, daß es im Hauſe des letztern zu einem ſehr heftigen Auftritt kommen würde, und die Folgen dieſes Auftritts auf den jungen Herrn zurückfallen mußten. — — . Woran er nie zuvor gedacht hatte, das that er heute, er be⸗ ſuchte am Vormittage ſeinen Vater, um zu hören, ob ſein Bruder Otto etwas von ſich hatte hören laſſen. Bertram Schenk konnte ſein Erſtaunen über dieſen unerwar⸗ teten Beſuch und dieſe ungewohnte Theilnahme nicht verhehlen. „Es iſt ſchön,“ ſagte er,„daß Du endlich einmal an dem Schickſal Deines Bruders Antheil nimmſt, ich meine, das hätteſt Du ſchon früher thun ſollen.“ Heinrich trat an's Fenſter und blickte auf die Straße hinaus. „Ich hatte nicht die Zeit dazu,“ erwiderte er achſelzuckend, „wenn Du mir die Briefe Otto zuſchicken wollteſt, ſo wäre mir das lieb.“ „Sehr gern,“ fuhr der Schenkwirth fort, während er bedächtig eine Prieſe nahm,„aber ich fürchte, der letzte Brief wird Dich nicht angenehm berühren. Otto beklagt ſich darin bitter über Dich.“ „Ueber mich?“ „Jg. In Paris „Ach ſo— es iſt wahr, ich hätte ihn freundlicher empfangen können, aber die unerwartete Begegnung, meine Abſpannung— „Er ſchreibt, Du habeſt Dich herzlos benommen und Deine Frau ſei ſo ſtolz und kalt geweſen—“ „Dafür wird er mich doch nicht verantwortlich machen wollen?“ ſpottete Heinrich.„Er hat mir Worte geſagt, die mich, wenn ein Anderer ſie mir geſagt hätte, bewogen haben würden, dem Unverſchämten die Thüre zu zeigen. Und das ohne allen Grund! Ich weiß nicht, weshalb er dieſen Groll gegen mich hegt, meine Schuld iſt es doch nicht, daß er auf keinen grünen Zweig kommen kann. Wenn er neidiſch auf mich iſt, ſo läßt ſich das erklären, aber er ſollte wenigſtens ſo klug ſein, dieſen Neid zu verbergen.“ Der Schenkwirth klopfte gedankenvoll auf den Deckel ſeiner Doſe. „Der arme Schelm hat wieder Unglück gehabt,“ ſagte er, ohne auf die Rechtfertigung ſeines Sohnes einzugehen.„Kurz nach der Zuſammenkunft mit Dir wurde er verhaftet unter der Be⸗ ſchuldigung, er ſei ein preußiſcher Deſerteur. Er ſollte in die Fremdenlegion eingereiht und nach Algier gebracht werden, es gelang ihm aber, in Marſeille zu entfliehen.“ „Nun? Was weiter?“ fragte Heinrich, der noch immer unver⸗ wandt hinausblickte. „Ein Schiffskapitän nahm ſich ſeiner und ſeines Freundes Ni⸗ kolas Schwarz an. Das Schiff war nach London beſtimmt, es ſcheiterte an der engliſchen Küſte. Der Schiffskapitän und die beiden Freunde waren die Einzigen, die mit dem Leben davon⸗ er be⸗ Sruder rwar⸗ A15 fangen 9— Deine den?“ wenn dem rund! meine mmen lären, kamen, ſie retteten ſich dadurch, daß ſie ſich an einen Balken an⸗ klammerten, der ſie nach einer Fahrt von über zwölf Stunden an Land brachte. Aber Du hörſt ja nur halb—“ „Ich höre Alles, fahre nur fort.“ „Weißt Du, was Strandräuber ſind?“ „Ich habe davon gehört. Geſindel, welches an den Küſten wohnt und—“ „Ganz recht, Kannibalen, die jeden Schiffbrüchigen berauben und ermorden, damit er ihr ſchändliches Verbrechen nicht verrathen kann. Unter dieſes Geſindel ſielen die Geretteten—“ Eine fieberhafte Aufregung bemächtigte ſich in dieſem Augen⸗ blick des jungen Mannes. Er ergriff ſeinen Hut und eilte der Thüre zu. „Das iſt ja Alles ſehr ſchön,“ ſagte er,„ſchicke mir doch den Brief, ich habe jetzt leider keine Zeit.“ Verduzt blickte Bertram Schenk ſeinem Sohne nach, der haſtig hinausſtürmte. „Was bedeutet das?“ brummte er, während er ihm folgte. „Weshalb hat er's plötzlich ſo eilig?“ Der Schenkwirth fand auf dieſe Fragen keine befriedigende Antwort. Als er die Hausthüre erreichte, ſah er ſeinen Sohn in der Ferne davoneilen, einige Schritte hinter ihm ging der Schneider Wacker. Daß Heinrich durch ſeinen Beſuch nichts weiter beabſichtigt hatte, als den Augenblick abzuwarten, in welchem der Schneider den Weg zum Hauſe Liebmann's antrat, konnte der Schenkwirth freilich nicht ahnen. Heinrich eilte an dem Schneider vorbei, der, in ſeinen Gedanken verſunken, den jungen Herrn nicht einmal bemerkte und trat eine Viertelſtunde ſpäter mit einem heitern Lächeln auf den Lippen in das Kabinet ſeines Schwiegervaters. „Ich bringe gute Nachrichten,“ ſagte er,„die Courſe ſind wie⸗ der geſtiegen, wir werden mit unſern öſterreichiſchen Papieren ein ausgezeichnetes Geſchäft machen. Es iſt noch immer Zeit, zu kaufen, aber ein großes Geſchäft gibt's nicht mehr, ich ziehe des⸗ halb vor, meine Aufmerkſamkeit anderen Papieren zu widmen. Aber was haben Sie? Sie blicken ja ſo finſter d'rein, als ob —— haben Sie unangenehme Nachrichten erhalten?“ Der Fabrikant fuhr mit der Hand über die Stirne und warf ſeinem Sohne einen Blick zu, in welchem Heinrich deutlich ſah, daß zwiſchen den Beiden etwas vorgefallen ſein mußte, was dem alten Herrn Anlaß zu ernſten Vorwürfen gegeben hatte. „Es iſt nichts,“ erwiderte er ausweichend.„Alſo wieder 350— geſtiegen? In der That ſehr angenehm. Wie viel werden wir verdienen?“ „Ich denke, nach ungefährer Berechnung Sie zwanzig, ich dreißig⸗ tauſend Thaler.“ „Sie ſind ein Glückskind!“ „Ich leugne das nicht. Sie werden aber auch zugeben, daß ich weiß, wie's gemacht wird! Wer etwas gewinnen will, muß auch etwas wagen können,— das iſt das ganze Geheimniß.“ „Es kann auch einmal ſchief gehen,“ warf Karl Liebmann, der ebenfalls heute Lcr ſchlecht gelaunt zu ſein ſchien, ein. Heinrich zuckte die Achſeln, ein ziemlich lautes, ungeſtümes Pochen hinderte ihn, die Antwort zu geben, die ihm auf der Zunge ſchwebte. Da er der Thüre zunächſt ſtand, ſo beeilte er ſich, dieſelbe zu öffnen, er wußte ſehr genau, wer Einlaß begehrte. Fritz Wacker blieb auf der Schwelle des Gemachs ſtehen, ſein Blick ruht durchdringend auf dem Sohne des Fabrikanten, der beim Anblick dieſes Mannes erbleichte. „Da treffe ich ja die ganze Familie beiſammen,“ ſagte er, „deſto beſſer!“ Befremdet blickte Liebmann den Eintretenden an. „Was wünſcht Ihr?“ fragte er in kurz angebundenem Tone. „Geht in's Comptoir—“ „Mein Beſuch gilt Ihnen und Ihrem ſauberen Herrn Sohne,“ erwiderte der Schneider, der im Bewußtſein ſeines Rechtes ent⸗ ſchloſſen war, ſich nicht einſchüchtern zu laſſen,„mit Ihrem Comptoir⸗Perſonal habe ich nichts zu ſchaffen.“ Liebmann warf ſeinem Sohne einen fragenden Blick zu. „Was bedeutet das?“ fragte er.„Wenn Du mit dieſem Manne eine Privatſache zu ordnen haſt, ſo führe ihn in Dein Zimmer, hier iſt nicht der Ort dazu, derartige Angelegenheiten zu verhandeln.“— „Nein, hier, in Ihrem Beiſein will ich dieſem Herrn ſagen, daß er ein Schuft iſt,“ fuhr der Schneider auf, den dieſe kurze, geringſchätzende Abfertigung nur noch mehr erbitterte.„Wenn er's leugnen kann, mag er's thun, ich glaube nicht, daß er den Muth dazu hat.“ Karl Liebmann hatte ſeine Faſſung wieder gefunden, er hoffte, den Flickſchneider einzuſchüchtern, wenn er ihm eine freche Stirne zeigte. „Was ſollen dieſe Redensarten?“ erwiderte er.„Ich erinnere mich nicht, Euch je geſehen zu haben, was berechtigt Euch hier einzudringen und mir Grobheiten zu ſagen, für die ih vor Gericht Euch belangen werde? Wer ſeid Ihr?“ en wir b ſagen, kurze, mn er Muth hoffte, Stirne rinnere ich hier gericht „Ah, auch das noch!“ ſagte der Schneider mit dumpfer Stimme. „Aber freilich, ich hätte es erwarten können, es iſt ja das einzige Mittel, meiner Anklage entgegenzutreten! Wer ich bin? Der Schneider Fritz Wacker, das wiſſen Sie ſo gut, wie ich ſelbſt es weiß.“ „Ich habe nicht die Ehre,“ ſpottete Liebmann. „Macht's kurz,“ ſagte der Fabrikant.„Was wünſcht Ihr?“ Fritz Wacker blickte abwechſelnd bald den Vater, bald den Sohn an, es empörte ihn, ſich ſo behandelt zu ſehen. „Ich will mich kurz faſſen,“ erwiderte er,„ſo kurz wie möglich. Mein Herr, ich habe eine Tochter, ſie iſt mein einziges Kind. Dieſer junge Mann nun hat meine Tochter verführt nnd entehrt und da meine ich wohl das Recht zu haben, für dieſe Schmach Genugthuung zu fordern. Er hat ihr die Ehe ver⸗ ſprochen und nun, da ſie ihn an ſein Verſprechen erinnert, weiſſt er ſie mit Spott und Hohn zurück.“ Der Blick des Fabrikanten ruhte mit dem Ausdruck ernſter Strenge auf dem Geſicht des jungen Mannes, der Anfangs trotzig dieſem Blick begegnete, dann aber verwirrt⸗ die Wimpern ſenkte. „Und was verlangt Ihr nun?“ fragte Liebmann kalt.„Glaubt Ihr, ihn zwingen zu können, ſein Verſprechen einzulöſen?“ „Nein, bei Gott, wenn ich es könnte, würde ich es nicht thun,“ erwiderte der Schneider raſch.„Ich möchte dieſem Menſchen das Glück meines Kindes nicht anvertrauen.“ „Wenn Ihr das nicht wollt, was iſt denn der Zweck Eures Beſuchs?“ fragte der junge Herr gereizt.„Uebrigens iſt die Sachlage nicht ſo, wie Ihr ſie ſchildert. Es iſt mir nicht ein⸗ gefallen, einer Schneiderstochter die Ehe zu verſprechen—“ „Still!“ unterbrach der Fabrikant ihn ſtreng.„Ihr werdet einſehen, guter Freund, daß von einer Heirath zwiſchen meinem Sohne und Eurer Tochter nicht die Rede ſein kann. Was zwiſchen den Beiden vorgefallen iſt, weiß ich nicht, jedenfalls aber ſteht es feſt, daß Eure Tochter die Hauptſchuld trägt. Sie mußte wiſſen, daß die Kluft zwiſchen ihr und meinem Sohne zu groß war, wenn ſie dennoch ſich verführen ließ, ſo darf ſie ſich wegen der Folgen nicht beklagen. Das iſt meine Anſicht, der jeder vernünf⸗ tige Menſch beipflichten muß. Indeß bin ich, um einen Eclat zu vermeiden, nicht abgeneigt, das Mädchen zu unterſtützen—“ „Dieſes Anerbieten hatte ich erwartet,“ entgegnete der Schnei⸗ der,„Herr Schenk hat's mir ja geſtern ſchon gemacht. Hören Sie nun auch meine Antwort. Es iſt wahrlich keine Kunſt, ein Mädchen zu verführen; wer das verſteht, der findet viele Wege, auf denen er ſeinen Zweck erreichen kann. In meinen Augen aber iſt der, welcher darauf ausgeht, ein unſchuldiges Mädchen 352— zu bethören und ihr ganzes Leben zu vergiften, ein erbärmlicher Schuft, den jeder Ehrenmann verachten muß. Nicht minder er⸗ bärmlich iſt es, den Verluſt der Ehre mit Geld ausgleichen zu wollen, ſo viel Gold beſitzen Sie nicht, daß Sie dieſen Verluſt mir erſetzen könnten.“ Der Fabrikant hatte die Glocke gezogen, die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen drohend an. „Mäßigen Sie ſich,“ warnte Heinrich. „Mäßigen?“ fuhr der Schneider auf.„Wenn mir dieſer Hohn geboten wird? Natürlich, wo das Geld iſt, da iſt auch Macht und Anſehen, wir Armen ſind die Leibeigenen, die Alles ertragen, Alles dulden ſollen. Vor dem ehrlichen Manne, wenn er arm iſt, zieht Niemand den Hut, vor dem reichen Schurken kriechen Alle im Staube. Ich will damit nicht ſagen, daß die Reichen alle herzloſe, egoiſtiſche Menſchen ſeien, Gottlob, es gibt Viele unter ihnen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, aber dieſe Liebmann'ſche Sippſchaft iſt von der richtigen Sorte—“ „Hinaus mit dieſem arroganten Flegel!“ donnerte der Fabrikant dem Hausknecht zu, der bei den letzten Worten des Schneiders eingetreten war. Der Hausknecht, ein ſtarker, robuſter Mann, ergriff mit derber Hand den Rockkragen des Schneiders, und ehe Fritz Wacker nur daran denken konnte, einen Verſuch zur Vertheidigung zu machen, befand er ſich ſchon vor der Hausthüre, die geräuſchvoll hinter ihm in's Schloß fiel. Nichtsdeſtoweniger that es ſeinem Herzen wohl, den Beiden ſeine Anſicht in derben Worten geſagt zu haben, und dieſes Gefühl der Befriedigung gab ihm ſeinen Humor zurück. „Gerade, wie in China,“ murmelte er, während er, ohne ſich umzublicken und ohne die Schadenfreude der Zeugen dieſer Scene zu bemerken, den Heimweg antrat,„wenn man den Leuten die Wahrheit ſagt, erntet man nur Undank.“ Der Fabrikant ſtand mit verſchränkten Armen ſeinem Sohne gegenüber. In ſeinen Augen loderte ein wildes Feuer und der finſtre Ausdruck ſeiner Züge verrieth das drohende Gewitter. „Mir iſt in den letzten Tagen Manches über Deine Lebens⸗ weiſe zu Ohren gekommen,“ ſagte er grollend,„Manches was mir nicht gefällt. Ich warne Dich, Karl, ich bin nicht geſonnen, das, was ich mir mühſam erworben habe, durch Dich vergeudet zu ſehen. Man ſagt, Du ſeieſt ein Hazardſpieler—“ „Wer ſagt das?“ warf der junge Mann trotzig ein. „Bertha.“ „Ah— ſie möchte gerne—“ trmlicher nder er⸗ ſchen zu Verluſt f ſeiner abrikant hneiders derber ker nur machen, hinter Beiden Gefühl jne ſich Scene ten die Sohne finſtre Lebens⸗ s mir n, das, det zu — 353— „Welche Abſichten ſie dabei hat, iſt mir gleichgültig, daß ihre Behauptung wahr iſt, wirſt Du gegenüber den Beweiſen, die ich beſitze, nicht leugnen können. Nun kommt die fatale Geſchichte mit der Schneiderstochter dazu. Ich verlange, daß dieſem Lebens⸗ wandel gründlich ein Ende gemacht wird und will hoffen, daß nicht eines Tages Schulden aufgedeckt werden, die—— Du verſtehſt mich, richte Dich danach.“ Der alte Herr verließ nach dieſen, in ſehr ernſtem, eindring⸗ lichen Tone geſprochenen Worten das Kabinet. „Mein Gott, wie wird das enden!“ ſeufzte Liebmann rathlos. Heinrich zuckte gleichmüthig die Achſeln. „Du haſt zu toll gewirthſchaftet,“ erwiderte er kühl,„wenn's dem Eſel zu wohl wird—“ „Ah, Ihr Alle ſeid gegen mich verſchworen!“ fuhr Liebmann gereigt auf.„Du haſt den Schneider mir auf den Hals gehetzt, Dn haſt Bertha bewogen, dem Vater Mittheilungen zu machen, 1 u— 11 „Nur immer weiter im Text,“ unterbrach Heinrich ihn ſpottend. „Jemand muß ja die Schuld tragen, es iſt ſo bequem, einen Sündenbock zu haben! Ich habe natürlich Dich zum Spiel ver⸗ leitet, ich habe Dich veranlaßt, das Mädchen zu verführen und den falſchen Wechſel auszuſtellen.“ „Um Gotteswillen, ſprich nicht ſo laut.“ „Weshalb nicht? Ich bin ja der Schuldige, was kann's Dich kümmern?“ „Ich bitte Dich, ſei doch nicht gleich ſo aufgebracht. Ich habe ja nur Dich, der mir helfen kann, und Du mußt mir helfen, Heinrich, oder ich bin verloren.“ „Helfen?“ fuhr Heinrich ruhig fort.„Du gleichſt dem ver⸗ wegenen Schwimmer, der im Uebermuth die reißendſte Strömung durchſchwimmen will. Wenn er nicht mehr die Macht hat, ſich ihr entgegen zu ſtemmen, wenn der Wirbel ihn erfaßt hat, dann ſchreit er um Hülfe.“ „Aber Du kannſt helfen.“ „Zeige mir die Mittel und ich will ſehen, ob ich es kann.“ „Du biſt reich.“ „Nur vermögend.“ „Du haſt vorhin noch erklärt, daß Du dreißigtauſend Thaler—“ „Ganz recht, aber dieſes Geld iſt nicht flüſſig und, davon ab⸗ geſehen, kannſt Du nicht verlangen, daß ich ſechszehntauſend Thaler zum Fenſter hinauswerfen ſoll.“ „Sie ſind Dir nicht verloren.“ „So ſagſt Du.“ „Im Nothfalle wird Bertha—“ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 23 — 354— „Ich denke, ſie hat Dir oft und deutlich genug geſagt, daß ſie ihren Brautſchatz nicht angreifen will.“ „Das heißt mit dürren Worten, Ihr wollt mir Beide nicht helfen,“ erwiderte Liebmann im Tone der Verzweiflung.„Ihr habt ein Intereſſe dabei—“ „Wir haben nur das Intereſſe, daß wir unſer gutes Geld nicht vergeuden wollen,“ unterbrach Heinrich ihn kühl.„Ich wüßte nicht, welches andere Intereſſe uns leiten könnte. Uebrigens kannſt Du das auch nicht verlangen, wir ſind nicht verpflichtet, Deinen unverantwortlichen Leichtſinn gut zu heißen und die Sum⸗ men, die Du verſchwendet haſt, zu erſetzen. Das wird ſelbſt Dein Vater nicht thun, die Summe iſt zu groß.“ „Du haſt mir verſprochen—“ „Mit Deinem Vater zu reden, allerdings. Aber kannſt Du nach den Worten, die Du eben gehört haſt, glauben, daß er den Wechſel einlöſen wird? Ich will mit ihm reden, aber ich möchte Dir rathen, es nicht zu wünſchen.“ „Aber, mein Gott, was ſoll ich denn thun?“ fragte Liebmann, fieberhaft erregt. „Da iſt nur noch ein Weg, tritt eine Reiſe an, gleichviel, wohin und warte in der Ferne ab, wie die Geſchichte hier geordnet wird. Will Dein Vater nicht zahlen, ſo kannſt Du wenigſtens nicht verhaftet werden, löſt er den Wechſel ein, ſo iſt, wenn Du zurückkehrſt, ſein erſter Zorn verraucht. Das iſt, nach meiner Anſicht, der beſte Weg, ich muß es Dir überlaſſen, ob Du ihn gehen willſt.“ Liebmann war in Gedanken verſunken. „Was werden die Leute ſagen, wenn ſie hören, daß ich mich heimlich entfernt habe!“ ſagte er. „Was werden ſie ſagen, wenn das Haus Otto Schirmer und Sohn Dich verhaften läßt, wegen Wechſelfälſchung.“ „So weit wird es mein Vater nicht kommen laſſen.“ „Du kennſt ſein jähzorniges Temperament— „Zudem habe ich ja auch nicht die Mittel, eine ſolche Reiſe zu machen.“ „Bah, als Aſſocie des Geſchäfts kann es Dir doch nicht ſchwer fallen, einige hundert Thaler einzukaſſiren!“ „Damit würde ich nicht ausreichen.“ „Für die erſten Wochen wäre es genug, ſpäter kann Rath ge⸗ ſchafft werden. Für alle Fälle rathe ich Dir, den Ort, an welchem Du weilſt, geheim zu halten, damit Dein Vater und Jakob Herz Dich nicht verfolgen können; Du kannſt mir ſchreiben, ich werde Dir unter einer andern Adreſſe antworten, wie es hier ausſieht. Sobald die Sache geordnet iſt und Dein Vater ſich in das Un⸗ — 355— abänderliche gefügt hat, kannſt Du zurückkehren, ich werde Dir darüber ganz genaue Mittheilungen machen.“ „Am einfachſten wäre es—“ „Wenn ich den Wechſel einlöſte,“ fuhr Heinrich gemeſſen fort, 6 während er ſeinen Hut nahm.„Du kennſt die Gründe, welche mir verbieten, das zu thun, wenn ich aber in anderer Beziehung Dir nützlich ſein kann, ſo ſoll das gewiß geſchehen. Ueberlege Dir das; wenn Du hier bleibſt, ſetzeſt Du Dich der Gefahr aus, ein⸗ geſteckt zu werden.“ Er entfernte ſich; daß ſeine Saat Früchte tragen werde, be⸗ zweifelte er durchaus nicht. Als er den Weg zu ſeiner Wohnung einſchlagen wollte, erinnerte er ſich ſeiner Unterredung mit dem Vater und daß er t Du dieſe ſo kurz abgebrochen hatte. r den Er fühlte, daß es den alten Mann befremden und peinlich nüchte berühren mußte, wenn er nicht zurückkehrte, um ſich über das Schickſal ſeines in England weilenden Bruders zu erkundigen. mann, So ging er denn hin, um, wenn auch nur zum Schein, ſeine Theilnahme zu beweiſen und wegen ſeiner vorherigen eiligen und cviel, auffallenden Entfernung ſich zu entſchuldigen. urdnet Bertram Schenk ſühlte ſich durch dieſe Entſchuldigung in etwa gſtens mit dem Benehmen ſeines Sohnes ausgeſöhnt, wenn er auch die n Du Gründe der Entſchuldigung ſelbſt ſo unbedingt nicht gelten laſſen neiner konnte. u ihn„Wenn Du auch ein wichtiges Geſchäft vergeſſen hatteſt, ſo lange konnteſt Du doch warten, bis ich mit meinen Mittheilungen zu Ende war,“ ſagte er, während er mit einem vorwurfsvollen rich Blick auf den jungen Mann in die Doſe griff.„So viel Liebe muß man für einen Bruder haben, daß man—“ r und„Daß ich ſie habe, beweiſt meine Rückkehr,“ unterbrach Heinrich ihn ruhig.„Alſo, wie iſt's ihm weiter ergangen?“ „Alſo, ich ſagte Dir, er ſei unter die Strandräuber gefallen?“ „Ganz recht.“ Reiſe„Der Schiffskapitän hat nun Otto und deſſen Freund gerettet. 4 Er brachte die Beiden, die ohnmächtig waren, an eine Stelle, auf 4 chwer der ſie von dem Geſindel ſo bald nicht entdeckt werden konnten. 1 Nichts deſto weniger ſah der Kapitän, als er am Morgen erwachte, ein junges Mädchen vor ſich, welches Miene machte, die Flucht ge⸗ zu ergreifen, wahrſcheinlich, um den Genoſſen den Fund anzuzeigen. ltem Der Kapitän ſprang auf und zwang es, zu bleiben. Es gelang Hetz ihm, dieſes Mädchen dadurch, daß er ihm einen Ring ſchenkte, zu rde bewegen, ſie nicht zu verrathen und ihnen heimlich Speiſe und weche und einen Trunk Waſſer zu bringen. In jenem Verſteck blieben mi die Drei bis zum Abend und Du kannſt denken, daß ſie in 23* — 356— beſtändiger Todesangſt ſchwebten. Neugeſtärkt, mit einigen Mund⸗ vorräthen verſehen, ſchlichen ſie am Abend davon. Das Mädchen hatte ihnen den Weg, ſo gut ſie es vermochte, beſchrieben und ſo gelangten ſie denn, nach einer ſehr langen, mühſamen und gefahr⸗ vollen Wanderung in eine Stadt, in der die Schiffbrüchigen eine recht herzliche Aufnahme fanden. Von hier aus wurden ſie nach London befördert, wo Otto ſeine glücklicherweiſe geretteten Em⸗ pfehlungsbriefe an ihre Adreſſen beförderte. Ein Herr Harriſon, Beſitzer eines ſehr bedeutenden Etabliſſements, hat die Beiden gleich darauf engagirt und aus den Mittheilungen Otto's zu ſchließen, muß es ihnen dort recht wohl gehen.“ „Das freut mich,“ ſagte Heinrich kühl.„Hoffentlich wird er in England eine dauernde Stellung finden.“ Der Schenkwirth ſchüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht,“ erwiderte er.„Er ſehnt ſich nach Deutſchland zurück, und das finde ich begreiflich, ein Deutſcher kann nie ſeine Heimath vergeſſen. Na, ich denke, wenn er ſich genug Kenntniſſe erworben hat, ſo wirſt Du ihm wohl unter die Arme greifen, Du biſt ja ſchon jetzt ſo reich—“ „Reich?“ unterbrach Heinrich den Vater ruhig.„Ich weiß nicht, was die Leute wollen, die mich reich nennen. Das Wenige, was ich mir erworben habe, liegt feſt, ich kann's in meinem Ge⸗ ſchäfte nicht entbehren.“ „Nun, nun, er iſt ja auch noch nicht hier; darüber werden immerhin noch einige Jahre verſtreichen, bis dahin kannſt Du, wenn's ſo fortgeht, Millionair ſein.“ Heinrich ſchwieg, das ſpöttiſche Lächeln, welches ſeine Lippen umſpielte, hätte dem alten Manne beweiſen müſſen, daß er auf eine Erfüllung dieſer Hoffnung auch dann nicht rechnen durfte, wenn ſein Sohn ein Kröſus geworden war. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Der Weg des Verbrechens. Als Heinrich in ſeine Wohnung zurückkehrte, theilte der Buch⸗ halter ihm mit, daß ein engliſcher Herr ſchon ſeit einer Stunde ihn im Kabinet erwarte. Dieſer Herr war ein großer, hagerer Mann, der trotz ſeiner Wich teßen, rd er nach iſcher ſich Buch⸗ tunde eleganten, gewählten Kleidung, trotz ſeinen Brillantringen und ſeiner ſchweren goldenen Uhrkette, durch den finſtern, tückiſch lauernden Ausdruck ſeiner Züge einen ſehr unangenehmen, ab⸗ ſtoßenden Eindruck machte. Es lag etwas Dämoniſches in dieſem Geſicht, Etwas, was dem Charakter dieſes Mannes ein ſehr ſchlimmes Zeugniß gab. Er überreichte dem jungen Herrn ſeine Karte, die nur den Namen„Merville“ trug. Lebhaft überraſcht blickte Heinrich den Gaſt an. „Ich hatte Sie erſt Morgen erwartet,“ ſagte er,„aber je eher, deſto beſſer. Sie haben den alten Herrn noch nicht geſehen?“ „Nein,“ erwiderte Merville, der auf einen einladenden Wink des jungen Herrn hin Platz genommen hatte,„ich wollte vor allen Dingen mit Ihnen reden.“ Heinrich nickte. „Sie ſind alſo bereit, auf meine Vorſchläge einzugehen?“ fragte er. „Vorausgeſetzt, daß wir uns über die Bedingungen einigen.“ „Ich bezweifle keineswegs, daß dies geſchehen wird.“ „Sie haben wahrſcheinlich über meine Bedingungen ſchon nach⸗ gedacht?“ Q 41 „Ja. Der ſtechende Blick des Engländers ruhte lauernd auf dem Geſicht Heinrich's, in welchem kein Zug verrieth, was in ſeiner Seele vorging. „Ich habe Ihnen geſchrieben, daß ich keine dieſer Bedingungen fallen laſſen könne,“ ſagte er. „Ich weiß das,“ erwiderte Heinrich ruhig.„Sie übernehmen es ganz allein, den Betreffenden in die Falle zu locken und zwar ſo, daß, wenn es Ihnen nicht gelingen ſollte, ich in keiner Weiſe compromittirt werden kann.“ „Daß übernehme ich unter der Bedingung, daß Sie den alten Mann unter einem beliebigen Vorwande bewegen, mich frei⸗ willig nach London zu begleiten.“ „Gut. Sie erhalten alsdann jährlich zweihundert Pfund Sterling und an dem Tage, an welchem Sie mir mittheilen, daß er geſtorben ſei, tauſend Pfund. Ich denke, es kann Ihnen nicht ſchwer fallen, dieſe Angelegenheit ganz nach meinem Wunſche zu ordnen, Irrſinnige ſterben ja oft plötzlich.“ „Natürlich,“ erwiderte Merville achſelzuckend,„ich habe der⸗ artige Fälle oft gehabt. Mein Inſtitut zeichnet ſich ſogar aus durch die vielen Todesfälle—“ llundan hat nie Verdacht geſchöpft?“ „Nie. —— — 358— „Aber ich ſetze den Fall, die Behörde ordnet plötzlich eine ärztliche Unterſuchung ihrer Patienten an—“ „So ſind Vorkehrungen getroffen, die mich vollſtändig ſicher ſtellen.“ „Sie haben den Fall ſchon gehabt?“ „Zweimal.“ „Und die Herren Doktoren mußten unverrichteter Sache wieder abziehen?“ „Ja.“ „Dann müſſen Sie in der That gute Vorkehrungen getroffen haben.“ Merville zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Wenn man mir ſagt, der neu aufzunehmende Patient ſei irrſinnig, ſo muß ich das glauben,“ erwiderte er,„auch dann, wenn kein Beweis für die Richtigkeit dieſer Behauptung vorliegt. Jeder Irrſinnige hat ja lichte Augenblicke und in einem ſolchen Augenblick darf man ſich nicht täuſchen laſſen. Da habe ich ein gutes Mittel, um mir einen Beweis zu verſchaffen. Ich ſperre den Patienten in eine Zelle ein, in der einige Tobſüchtige, allerdings durch Ketten unſchädlich gemacht, ſich befinden. Wenn er dieſen eine Zeit lang Geſellſchaft geleiſtet hat und außerdem in der Koſt ziemlich knapp gehalten worden iſt, zeigt es ſich, ob der Patient geiſteszerrüttet iſt, oder nicht—“ „Das heißt, wenn er es noch nicht war, muß er es in dieſer Geſellſchaft werden,“ ſpottete Heinrich. „Om— das kann man natürlich nicht unterſuchen, und die Verantwortung trifft ja die, welche mir den Patienten mit der Behauptung übergeben haben, er ſei wahnſinnig.“ „Aber wie iſt es, wenn eine von der Behörde beauftragte Commiſſion Ihr Haus durchſucht?“ „Das geſchieht nie, ohne daß ich nicht vorher einige Andeu⸗ tungen erhielte. Alsdann werden die Patienten, die ſehr ſtark an lichten Augenblicken leiden, in ein verſtecktes Gemach geſchafft und dort ſcharf bewacht. Wer ein Geräuſch macht, wird in die Zwangs⸗ jacke geſteckt und außerdem mit der Peitſche gezüchtigt, in der Regel aber wiſſen dieſe Leute nicht, weshalb ſie von ihren Gefährten abgeſondert ſind.“ „Nun aber verlangt die Commiſſion gerade einen dieſer Pa⸗ tienten zu ſehen.“ „Ganz recht, das iſt ja der einzige Zweck dieſer Unterſuchung. Da habe ich denn immer einige Subjekte in Bereitſchaft, von denen ich den Einen oder den Andern vorführen laſſe; natürlich ein recht tobſüchtiges Subjekt, welches, wenn die Commiſſion Be⸗ denken hegt und ſchärfer unterſuchen will, ſich plötzlich befreit und etroffen ent ſei wenn J der genblick U 359— auf die Herren ſtürzt. Ich ſage Ihnen, das hilft ſofort, jeder Zweifel ſchwindet, die Herren eilen davon, ſo raſch ſie es ver⸗ mögen.“ Heinrich bot dem Engländer eine Cigarre an und zog die Glocke. „Eine Flaſche Wein und drei Gläſer,“ befahl er dem ein⸗ tretenden Hausknecht.„Bitten Sie Herrn Scherenberg, hierher zu kommen, ein fremder Herr wünſcht mit ihm zu reden.— Ueberlaſſen Sie die Einleitung mir,“ wandte er ſich zu dem letz⸗ teren,„gehen Sie auf den Plan, den ich mit wenigen Worten entwickeln werde, ein. Sie werden finden, daß er ſehr einſilbig und mißtrauiſch iſt, behandeln Sie ihn vorſichtig.“ Gleichzeitig mit dem Hausknecht, der den Wein brachte, trat Scherenberg ein. „Herr Merville aus London!“ ſtellte Heinrich den Fremden vor.„Er kommt, um uns ein ſehr vortheilhaftes Geſchäft anzu⸗ bieten.“ Scherenberg verbeugte ſich. „Ein Geſchäft, an welchem wir, wenn wir in's Geſchirr gehen, jedenfalls zehntauſend Thaler verdienen,“ fuhr Heinrich gelaſſen fort.„Es handelt ſich um einen bedeutenden Getreide⸗Ankauf, wir ſollen die Lieferung übernehmen, die Preiſe, die uns geboten werden, ſind äußerſt günſtig.“ „Ich verſtehe davon nichts,“ erwiderte der alte Mann ruhig. „Die Speculationsgeſchäfte haben Sie ja bisher allein beſorgt, wenn Sie alſo glauben, daß wir ein gutes Geſchäft machen werden, ſo ſchließen Sie es in Gottes Namen ab.“ Heinrich füllte die Gläſer und ſtieß mit den Beiden an. „Halb und halb iſt das ſchon geſchehen,“ ſagte er,„aber es handelt ſich hier darum, daß Einer von uns dieſen Herrn begleitet, um drüben mit den Geſchäftshäuſern direkt abzuſchließen, Herr Nerville iſt nur Agent. Ich würde ſofort dazu bereit ſein,“ for Heinrich in ſeiner Rede fort,„wenn ich hier abkommen kömte, aber die Geſchäfte, die hier noch ſchweben, bedürfen einer ſteter Aufmerkſamkeit und wir könnten Tauſende verlieren, wenn nur ewas verſäumt würde und ich habe das Herrn Merville ſchon erklärt, er meint, es ſei eben ſo gut, wenn Sie ihn begleiten wollen.“ „Aben ich verſtehe nichts davon,“ entgegnete Scherenberg ahlehnend. „Das lut zur Sache nichts,“ ſagte Merville,„Sie werden die Verträge inſehen und unterzeichnen unter Vorbehalt der Ge⸗ nehmigung Ihes Herrn Aſſocies. Sie können alſo keinen Miß⸗ griff begehen. — — 360— Der alte Mann ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Ich habe keine rechte Luſt, die weite Reiſe zu machen,“ ver⸗ ſetzte er,„ein alter Mann, wie ich—“ „Muß immer noch Intereſſe daran finden, andere Länder und Völker kennen zu lernen,“ unterbrach Heinrich ihn ruhig.„Reiſen Sie in Gottes Namen hin, Sie werden drüben in London recht intereſſante Tage erleben.“ „Ich ſpreche ja nicht einmal engliſch.“ „Was das betrifft, ſo werde ich es mir zur Ehre rechnen Ihnen, ſo lange Sie in London weilen, zur Seite zu bleiben,“ erwiderte Merville. „Bedenken Sie den großen Gewinn!“ ſagte Heinrich. Der alte Mann dachte nach; es war ihm unangenehm, auf ſeine Gewohnheiten, wenn auch nur für einige Tage, verzichten zu ſollen, aber auf der andern Seite mußte er ſich auch ſagen, daß er das kleine Opfer nicht verweigern konnte, zumal ja bisher Heinrich Schenk faſt allein das Geſchäft geführt hatte. Nach langem Zögern und nachdem alle ſeine Bedenken und Einwendungen als unbegründet erkannt worden waren, erklärte er ſich bereit, am nächſten Morgen die Reiſe zu unternehmen. Merville kehrte in den Gaſthof, in welchem er abgeſtiegen war, zurück und hier beſuchte ihn Heinrich im Laufe des Nachmittags, um eine zweite, ſehr lange Unterredung hinter geſchloſſener Thüre mit ihm zu pflegen. Scherenberg benutzte den Nachmittag und Abend zum Ein⸗ packen ſeiner Reiſebedürfniſſe. Er war damit eben fertig geworden, als Heinrich in das Zimmer trat. „Ich beneide Sie wirklich um dieſe Reiſe,“ ſagte er,„ich ver⸗ ſichere Sie, daß London eine ſehr intereſſante Stadt iſt.“ „Das bezweifle ich durchaus nicht,“ erwiderte Scherenberg⸗ einigermaßen verſtimmt,„dennoch wäre es mir lieber, wenn ig hier bleiben könnte.“ 4 „Sie fürchten die Seefahrt?“ de Du nicht, man muß ſich von allen Gewohnheiten treinen und—“ „Bah, für einige Tage iſt das nicht der Rede werte Ich habe Merville gebeten, über Sie zu wachen, er ſcheint mir ein vortrefflicher Menſch zu ſein.“ „Glauben Sie?“ „Ganz gewiß.“ 7 „Ich kann nicht ſagen, daß mir ſein Aeußeres gfällt, er hat etwas in ſeinem Blick—“ „Er hat in früheren Jahren trübe Erfahrunge gemacht. Das 5—2 71 ver⸗ er und Reiſen recht technen eiben,“ Das — 361— Aeußere eines Menſchen läßt nie auf ſeinen inneren Werth ſchließen. — Es iſt wahr,“ fuhr Heinrich nach einer Pauſe fort,„wenn man eine ſolche Reiſe antritt, denkt man ſtets an den möglichen Fall eines Todes. So thöricht es auch iſt, ſich dadurch den Genuß zu verkümmern, da man ja ebenſo raſch und plötzlich daheim ſterben kann, grübelt man doch über dieſe Möglichkeit nach, und ich leugne nicht, daß ich es vernünftig finde, wenn man vor der Reiſe für einen ſolchen Fall ſeine Anordnungen trifft.“ Mit wachſendem Erſtaunen blickte Scherenberg ſeinen Aſſocie an. „Wie kommen Sie auf dieſen Gedanken?“ fragte er. „Es fiel mir plötzlich ein,“ fuhr Heinrich fort.„Sie hinter⸗ laſſen keine nahen Erben, für den Fall Ihres Todes haben wir keine Verabredung getroffen. Wenn ich ſterbe, ſo fällt mein ganzes Vermögen an meine Frau, das iſt bereits teſtamentariſch feſtgeſtellt, daß Sie aber an ein Teſtament gedacht haben, möchte ich bezweifeln.“ „In der That, ich habe noch nicht daran gedacht,“ erwiderte Scherenberg. „Und iſt es Ihnen nicht wünſchenswerth, Verfügungen zu treffen, die—“ „Du lieber Gott, glauben Sie denn ſo ſicher, daß ich von dieſer Reiſe nicht zurückkehren werde?“ „Im Gegentheil, aber es iſt gut, wenn man auf jeden mög⸗ lichen Fall vorbereitet iſt. Es würde eine heilloſe Verwirrung werden, wenn ich, ohne irgend einen Anhaltspunkt zu haben, Ihre Hinterlaſſenſchaft ordnen ſollte.“ „Da wird wenig zu ordnen ſein,“ ſagte Scherenberg ruhig. „Nahe Verwandten habe ich nicht, nur einen entfernten Vetter, der in Breslau wohnt. Dieſer Mann hat ſich nie um mich bekümmert und wie ich durch Andere erfuhr, ſoll er ein herunter⸗ gekommenes Subjekt ſein.“ „Dann haben Sie alſo auch weder ein Intereſſe noch eine Verpflichtung, ihn zum Erben einzuſetzen?“ „Gewiß nicht, ich muß ja die Ueberzeugung hegen, daß dieſer Menſch das ganze Erbe verjubeln wird.“ „Und dazu iſt es zu mühſam erworben.“ „Gewiß.“ „Was aber ſoll dann mit der Hinterlaſſenſchaft—“ „Mein Gott, betrachten Sie mich denn ſchon jetzt als einen Todten?“ fragte Scherenberg befremdet.„Was kann es überhaupt Sie kümmern, wer mich beerben wird?“ Heinrich zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Mir iſt es allerdings gleichgültig, wen Sie als Erben ein⸗ ſetzen werden,“ erwiderte er,„obſchon ich meine, daß ein Theil Ihres Vermögens von Rechtswegen an mich fallen müſſe.“ —— — 362— „Ah— dieſe Anſicht—“ „Mag Sie überraſchen, ich gebe es zu. Indeß können Sie auch nicht leugnen, daß Sie mir allein den größeren Theil Ihres Vermögens verdanken, aber wie geſagt, ich trete zurück.“ Der alte Mann blickte forſchend ſeinen Aſſocie an. „Sie ſcheinen darauf anſpielen zu wollen, daß es recht und billig ſei, wenn ich ein Teſtament zu Ihren Gunſten mache,“ ſagte er,„ich ſehe aber eine Verpflichtung dazu nicht ein. Wenn ich Ihnen den größeren Theil meines Vermögens verdanke, ſo haben Sie durch mein Kapital Ihr ganzes Vermögen erworben. Ich werde ein Teſtament machen, wenn ich einmal Zeit und Luſt dazu habe, vielleicht finde ich dazu auf der Reiſe Gelegenheit. Damit Sie aber ſchon jetzt wiſſen, wie ich über mein Vermögen zu ver⸗ fügen gedenke, erkläre ich Ihnen, daß daſſelbe an die Armen der Stadt Köln fallen wird. Einzelne kleine Legate ausgenommen, die ich näher bezeichnen werde.“ „Ganz wie es Ihnen beliebt,“ entgegnete Heinrich gleichgültig, „ich mache keinen Anſpruch auf das Geld.“ „Dann hätten Sie auch die Fragen ruhen laſſen ſollen.“ „Sie geſchahen in Ihrem Intereſſe.“ „Bah, welches Intereſſe kann es für mich haben?“ „Sind wir denn nicht wie die Kinder, daß wir uns über ungelegte Eier ſtreiten?“ unterbrach Heinrich den alten Herrn. „Reiſen Sie mit Gott und ſchließen Sie drüben das Geſchäft ab, ich hoffe, Sie binnen einigen Tagen wieder wohlbehalten hier zu ſehen. Inzwiſchen ſind auch hier einige noch ſchwebende Geſchäfte abzuwickeln, die uns einen bedeutenden Gewinn verſprechen.“ Scherenberg ſchüttelte unmuthig das Haupt. „Geld und immer Geld!“ ſagte er verdrießlich.„Sie denken nur an das Eine. Mich ekelt dieſes Geld an, ſeitdem mein armer Sohn—“ „Laſſen Sie die Todten ruhen.“ „Ich muß noch immer an ihn denken. Und dann erinnere ich mich ſtets, daß er Sie als ſeinen Verführer bezeichnete. Ich weiß nicht, oft kann ich mich eines ſehr ſchlimmen Verdachtes nicht erwehren.“ „Welches Verdachtes?“ fragte Heinrich ſcharf. „Daß Sie ihn auf jene Bahn geführt haben, um ihn zu beſeitigen, um ſich mehr und mehr—“ „Wenn Sie den Verdacht wirklich hegten, hätten Sie ihn früher ausſprechen ſollen,“ unterbrach Heinrich den alten Mann barſch, „Sie würden mich zur Auflöſung unſeres Geſellſchafts⸗Vertrages ſofort bereit gefunden haben. Ich habe die Arbeit und die Sorgen, Sie bleiben gemüthlich hinter Ihren Fetttöpfen ſitzen und ſtreichen ————. — 363— nachher den Gewinn ein. Im Uebrigen kann ich Ihnen nur ſagen, daß Ihr Herr Sohn einer von denen war, von welchen man zu ſagen pflegt, ſtille Waſſer gründen tief.“ Peter Paul Scherenberg ſchwieg, er war in höherem Grade, als er ſelbſt es wußte, der Sklave ſeines früheren Commis geworden, er wagte nicht, gegen ihn aufzutreten, wie er es oft gerne gewollt hätte. Heinrich Schenk wußte das, hätte er nicht die Abſicht gehegt, ſich des ganzen Vermögens ſeines Aſſocies zu bemächtigen, würde er längſt den Geſellſchaftsvertrag mit ihm aufgelöſt haben. Am nächſten Morgen fuhr der alte Herr in Begleitung Mer⸗ ville’s ab. Achtundvierzigſtes Kapitel. Eine unerwartete Begegnung. Wie Otto ſeinem Vater geſchrieben hatte, war es ihm ge⸗ lungen, den Strandräubern zu entrinnen und in London in dem ſehr bedeutenden Etabliſſement Harriſon's ein Unterkommen zu finden. Er war mit ſeiner neuen Stellung außerordenlich zufrieden. Harriſon hatte ſehr raſch entdeckt, daß Otto der warmen Em⸗ pfehlung Michelets Ehre machte, es lag in ſeinem Intereſſe, den talentvollen, ſtrebſamen Arbeiter dauernd an ſich zu feſſeln. Schon nach wenigen Wochen übertrug er ihm die Leitung der mechaniſchen Werkſtätte, während Nikolas in der Schloſſerei eben⸗ falls einen bevorzugten Poſten erhielt. Die beiden Freunde dachten jetzt ernſtlich daran, ſobald wie möglich in ihrer Heimath den eigenen Herd zu gründen, aber dazu war einſtweilen noch keine Ausſicht vorhanden. Sie mußten einſtweilen ihre Hoffnung darauf bauen, daß es ihnen gelingen werde, von ihrem ſehr hohen Lohne eine Summe zu erſparen, die ſie einſt in den Stand ſetze, eigene Werkſtätten zu errichten, und das nöthigte ſie, eine ſehr einfache Lebensweiſe zu führen und keinen Schilling unnütz auszugeben. Zwar gingen die Wünſche Otto's höher, wie die ſeines Freundes. Während der letztere ſich gerne mit einer einfachen Schloſſer⸗ —— — 364— werkſtätte zufrieden gab, ging das Sehnen und Trachten Otto's allein dahin, einſt eine Eiſengießerei und Maſchinenfabrik zu beſitzen. Sein Ehrgeiz ſpornte ihn zu dieſem Wunſche an; er hatte ſeinem Bruder geſagt, daß er ihm zeigen wolle, wie man durch ſeiner Hände Arbeit reich werden könne. Heinrich war beinahe am Ziele ſeiner Wünſche angelangt, freilich auf einem Wege, den Otto nicht billigen konnte. Umſomehr hielt der letztere es für Ehrenſache, dem Bruder den Beweis zu liefern, daß auch andere, ehrliche Wege zum Reichthum führten. Wochen, Monate verſtrichen, ſchon nahte der Herbſt, als Otto eines Tages mit ſeinem Prinzipale über ſein Vorhaben und ſeine Wünſche offenherzig redete. Harriſon pflichtete ihm inſofern bei, als er zugab, daß es ein edles Streben ſei, ſich aus dem Arbeiterſtande emporzuſchwingen, aber er unterließ auch nicht, den jungen Mann auf die Schwierig⸗ keiten aufmerkſam zu machen, die er auf ſeinem Wege finden mußte. Ihm ſelbſt lag viel daran, die beiden Deutſchen und vorzugs⸗ weiſe Otto zu feſſeln, er erhöhte ihren Lohn und verſprach ihnen, ſpäter ſie zu unterſtützen, wenn ſie einige Jahre treu bei ihm ausgehalten hätten. Zu einer Verpflichtung in dieſer Beziehung wollte Otto ſich nicht verſtehen, er hoffte, raſcher ſein Ziel zu erreichen, während Nikolas geneigt war, einen Vertrag für mehrere Jahre mit dem Fabrikant abzuſchließen. Die Beiden ahnten nicht, daß auch dieſe Luftſchlöſſer zertrüm⸗ mert werden ſollten. Eines Abends forderte Otto den Freund auf, ihn zu begleiten, er wollte für eine ziemlich bedeutende Summe bei einem Bankier deutſche Wechſel kaufen und dieſe ſeinem Vater zuſenden, der ſich erboten hatte, die Erſparniſſe ſeines Sohnes zu verwalten. Die beiden Freunde hatten das kleine Geſchäft bald abge⸗ macht. Als ſie den Betrag an der Kaſſe des Bankhauſes zahlten, ſtand ein elegant gekleideter Herr neben ihnen, der, wie es ſchien, ebenfalls ein Geſchäft mit dem Hauſe abgeſchloſſen hatte. Dieſer Herr ging gleichzeitig mit ihnen hinaus. „Um Vergebung,“ ſagte er, als ſie ſich vor der Thüre befan⸗ „„Sie ſind Deutſche?“ „Allerdings,“ erwiderte Otto überraſcht.„Woraus ſchließen Sie das?“ Der Fremde lächelte bedeutſam. „Der Deutſche kann ſich nie verleugnen,“ fuhr er fort,„jede Bewegung, jede Miene, jedes Wort verräth ihn. Wie lange ſind Sie ſchon hier?“ den wierig⸗ mußte. 10 ſHihnen, dei ihm tto ſich ährend üt dem ertrüm⸗ gleiten, Bankier der ſich abge⸗ zahlten, ſchien, ligs⸗ 365— „Seit mehreren Monaten.“ „Ah— Sie wohnen hier?“ „Ja. Wir arbeiten in dem Etabliſſement Harriſon's.“ „Da gratulire ich,“ ſagte der Fremde,„dieſes Etabliſſement hat einen ſehr geachteten Namen und Herr Harriſon ſoll einen ſehr hohen Lohn zahlen.“ „Wir ſind zufrieden,“ erwiderte Nikolas, deſſen Stolze es ſchmeichelte, daß dieſer feine, vornehme Herr ſich ſo freundlich mit ihnen unterhielt. „Da begreife ich aber nicht, daß Sie noch nie im Klub Ihrer Landsleute waren,“ nahm der Fremde nach einer Pauſe wieder das Wort,„jeder Deutſche beſucht ihn von Zeit zu Zeit, um wie⸗ der einmal ſeine Mutterſprache zu hören und ſich über die Heimath unterhalten zu können.“ Nikolas, der zwar von der engliſchen Sprache ſo viel verſtand, daß er zur Noth ſich unterhalten konnte, blickte fragend ſeinen Freund an. „Mir iſt von einem ſolchen Klub nichts bekannt,“ erwiderte Otto ruhig. „Ah— das bedaure ich für Sie—— darf ich fragen, welche deutſche Provinz Sie Ihre Heimath nennen?“ „Wir ſind Preußen, Rheinländer.“ „Rheinländer finden Sie ſehr viele in dem Klub, Kölner und Koblenzer, meiſt politiſche Flüchtlinge. Wenn Sie erlauben, führe ich Sie heute Abend ein.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ erwiderte Otto ausweichend,„in der That, Herr—“ „John Williams.“ „Herr Williams, ſehr gütig. Aber ich fürchte, unſre Toilette wird einigen Anſtoß erregen—“ „Durchaus nicht, Sie finden viele Arbeiter dort, man wird Sie mit offenen Armen empfangen.“ „Glauben Sie?“ „Ganz gewiß! Würde ich Sie angeredet haben, wenn ich mich über Ihren ehrenwerthen Stand ſo hoch erhaben dünkte? Sie dürfen ſich in dieſer Beziehung beruhigen, ich verſichere Sie, Sie werden mir Dank wiſſen.“ Otto wechſelte mit ſeinem Freunde leiſe einige Worte, Nikolas gab ſeine Zuſtimmung. „Wohlan, Herr Williams, wir Kehmen Ihr freundliches An⸗ erbieten mit großem Danke an,“ ſagte Otto,„aber wir müſſen bitten, daß es uns überlaſſen bleibt, zu gehen, wann es uns beliebt.“ „Gewiß, gewiß!“ erwiderte der Fremde,„wenn Sie einmal — 366— eingefährt ſind, können Sie kommen und gehen ganz nach Be⸗ lieben, keinem Mitgliede wird in dieſer Beziehung ein Zwang auferlegt.“ John Williams führte die Beiden durch mehrere Straßen und Gaſſen und lud ſie endlich ein, in einen Wagen zu ſteigen, unter dem Vorwande, daß das Verſammlungshaus des Klubs in einer Vorſtadt liege und der Weg zu weit ſei, um ihn zu Fuß zurückzulegen. Durch welche Straßen der Wagen fuhr, konnte Otto nicht unterſcheiden, es war eine ihm völlig unbekannte Gegend, und die Dunkelheit erlaubte ihm nicht, irgend ein beſonderes Merkmal ſeinem Gedächtniſſe einzuprägen. Wozu auch? Wollten ſie ſpäter noch einmal den Klub beſuchen, ſo konnten ſie ja eine genaue Adreſſe ſich geben laſſen und einen Kutſcher beauftragen, ſie hinzubringen. Der Wagen fuhr ſehr raſch, bald durch belebte, bald wieder durch ſehr einſame Straßen, bald an ſtolzen Palläſten, bald an baufälligen Hütten vorbei. Endlich hielt er. Der Fremde zahlte das Fahrgeld und führte ſeine Begleiter abermals durch ein Labyrinth von Gaſſen. Vor einem kleinen Hauſe, deſſen äußere Erſcheinung, ſo viel die Beiden in der Dunkelheit bemerken konnten, einen freundlichen Eindruck machte, blieb er ſtehen. Er pochte mit der Krücke ſeines Stockes dreimal auf die Thüre, die geräuſchlos von unſichtbarer Hand geöffnet wurde. Ein wahres Lichtmeer ſtrahlte den Eintretenden entgegen. Der Flur war mit Teppichen belegt, mit Lorbeerbäumen, Büſten und Gemälden geſchmückt. John Williams öffnete eine Thüre und lud die Beiden durch einen Wink ein, einzutreten. „Ich werde Sie anmelden,“ ſagte er,„gedulden Sie ſich, bis ich zurückkehre.“ Es war ein außerordentlich elegantes, mit allem Comfort aus⸗ geſtattetes Gemach, in welchem die Beiden ſich befanden. „Wenn ich meine ehrliche Meinung ſagen ſoll, ſo fürchte ich, man hat uns in eine Falle gelockt,“ flüſterte Nikolas, während er ſich nach allen Seiten hin umblickte,„dieſe Einrichtung—“ „Ich hege dieſelbe Befürchtung,“ unterbrach Otto ihn raſch, „aber wie dem auch ſein mag, wir müſſen uns jetzt fügen.“ „Das ſehe ich nicht ein, benutzen wir die Abweſenheit dieſes Herrn, um uns zu entfernen.“ „Glaubſt Du, daß es uns möglich ſein wird? Stecken wir in einer Falle, ſo werden auch Vorkehrungen getroffen ſein, daß wir ſo leicht nicht entrinnen können.“ ſch Be⸗ Zwang en und „unter einer wieder ald an egleiter ſo viel dlichen Thüre, n. Der en und durch ic, bis rt als⸗ üte ich rend er raſch veſs vit in aß wir „Aber was—“ „Geduld, wir müſſen Liſt gegen Liſt ſetzen. Still— ich höre Schritte. Vorſichtig, ich werde Dir im rechten Augenblick ein Zeichen geben.“ John Williams bat die Freunde, ihm zu folgen. Er führte ſie eine Treppe hinauf in einen großen Saal, der ebenfalls glänzend beleuchtet und mit luxuriöſer Eleganz einge⸗ richtet war. Eine ziemlich große Geſellſchaft war in dieſem Saale ver⸗ ſammelt, nicht allein Herren, auch Damen, die in einzelnen Gruppen beiſammen ſaßen. Niemand ſchenkte den Eintretenden Beachtung. John Williams führte ſie an einen der zahlreichen Tiſche und ſtellte ſie der Ge⸗ ſellſchaft, die an dieſem Tiſche ſaß, vor. Dieſe Geſellſchaft beſtand ebenfalls aus Damen und Herren, ſie alle empfingen die beiden Deutſchen ſehr freundlich und liebens⸗ würdig. „Sie können hier Alles haben, was Ihr Herz begehrt,“ flüſterte Williams ihnen zu,„Wein, Bier, Champagner, nur keine warmen Speiſen.“ „Trinken wir eine Flaſche Wein,“ ſagte Otto. Während Williams einem jungen Manne, der den Dienſt eines Kellners zu verſehen ſchien, den Auftrag ertheilte, muſterte Otto flüchtig aber ſcharf die Anweſenden. Sie waren Alle ſehr gewählt gekleidet, aber in ihren Zügen, ihren Bewegungen, ihrem ganzen Weſen und Benehmen lag etwas, was mit dieſer Kleidung nicht im Einklang ſtand. Otto glaubte einige ſehr ſcharf ausgeprägte Gaunerphyſiognomien unter ihnen zu bemerken, und was die Damen betraf, ſo war er über ihre Stellung im ſocialen Leben ſehr raſch mit ſich im Reinen. Deutſche bemerkte er gar nicht, nur ein Herr, der in Geſell⸗ ſchaft einiger Damen an einem entfernten Tiſche ſaß, ſchien ein Landsmann zu ſein. John Williams zuckte die Achſeln, als Otto ihm ſein Be⸗ fremden darüber äußerte. „Die Deutſchen kommen in der Regel ſpät,“ ſagte er,„dann auch finden ſie ſich an manchen Tagen gar nicht ein. Wie ſchmeckt Ihnen der Wein? Ein vortreffliches Gewächs.“ Das fand Otto nicht, ihm ſchien der Wein ſehr ſchwer zu ſein, aber die Höflichkeit gebot ihm, Beſcheid zu thun. Eine halbe Stunde verſtrich, neue Gäſte kamen nicht. Da wurde plötzlich eine Flügelthür geöffnet, die Geſellſchaft erhob ſich und trat in den Nebenſaal. — 368— Williams forderte ſeine Begleiter auf, ihm zu folgen. In dieſem Nebenſaale ſtand ein langer mit grünem Tuch über⸗ zogener Tiſch, am oberen Ende deſſelben ſaß eine junge, ſehr ſchöne Dame, in der die Beiden beim erſten Blick Marie Latour, die Tochter des Schloſſermeiſters in Mülhauſen, erkannten. Auch Marie, die mit ihren dunkeln Augen jeden Eintretenden muſterte, erkannte ſie ſofort. Sie gab indeß weder Ueberraſchung noch Beſtürzung zu er⸗ kennen; die beiden Freunde durch ein leichtes Kopfnicken begrüßend, winkte ſie ihnen, ſich zu ihr zu ſetzen. Da nun die Freunde nicht wußten, daß ſie die Verfolgungen in Paris dieſer Dame ver⸗ dankten und ebenſowenig ahnen konnten, daß Franz Werner in ihren Dienſten ſtand, ſo nahmen ſie keinen Anſtand, der Einladung Folge zu leiſten, zumal kein Zug in dieſem noch immer ſchönen Geſicht darauf hindeutete, daß ſie ihnen noch grollte. Während die übrige Geſellſchaft ſich um den Spieltiſch gruppirte, ließ Marie ſich in der Kürze die Erlebniſſe der Beiden mittheilen. Sie ſchien herzlichen Antheil an ihrem dermaligen Geſchick zu nehmen, Worte der Theilnahme und des Bedauerns, der Freude über die Flucht und die jetzige gute Stellung bethörten die Freunde, die beide für glatte Worte nicht unempfänglich waren. „Es wird Sie überraſchen, mich hier zu finden,“ ſagte ſie, als Otto mit ſeinen Mittheilungen zu Ende war,„glauben Sie mer, ich wäre lieber in Paris geblieben.“ „Und was trieb Sie von dort fort?“ fragte Otto. „Ein politiſches Komplott,“ fuhr die junge Dame fort,„ich war zu leichtſinnig. Wenn die Sache gut ausgefallen wär, würde ich gefeiert worden ſein, man hätte mich die Retterin Frankreichs geprieſen, aber unſer Plan wurde verrathen und mir blieb nichts übrig, als die Flucht zu ergreifen.“ „Und darauf gründeten Sie hier ein Spielhaus?“ „Ein Spielhaus kann man's nicht nennen, es iſt eine Reſtau⸗ ration, in der ich nur einen beſtimmten Kreis auserwählter Gäſte empfange.“ „Sonderbare Gäſte!“ dachte Otto, aber er ſchwieg. „Später haben meine Gäſte mich gebeten, ein Spiel zu arran⸗ giren,“ fuhr Marie fort,„und da iſt's denn vor und nach zur Gewohnheit geworden. Hoch ſpielen wir nicht.“ Ein Diener brachte Champagner. Marie entkorkte eine Flaſche und ſchenkte den beiden Deutſchen ein. „Was hinter uns liegt, wollen wir vergeſſen,“ ſagte ſie, und ihre Unbefangenheit beruhigte die Freunde vollſtändig,„ich hätte za ſchon damals einſehen müſſen, daß es ein Traum war, der icht erfüllt werden konnte.“ 369— Das Spiel begann. Einige ſetzten nur Gold, Andere Silber, wieder Andere Bank⸗ noten. In dem Käſtchen, welches vor der Bankhalterin ſtand, lagen faſt nur Banknoten, Marie ſchien eine beſondere Freude daran zu finden, ſie gegen Gold umzutauſchen. Wenn Sie verlor, zahlte ſie nur in Banknoten aus, gewann ſie, ſo warf ſie die Goldſtücke in ein anderes Käſtchen, in welchem ſie liegen blieben. Daß Marie ausſchließlich gewann, konnte man nicht behaupten, der Gewinn war, ſo viel Otto die Sache überblicken konnte, gering. „Sie ſpielen nicht?“ fragte die junge Dame nach einer ge⸗ raumen Weile. Otto verneinte. „Ah— das finde ich ſonderbar, ein junger Mann—“ „Ich finde keinen Gefallen daran.“ „Sie fürchten, zu verlieren?“ „Das gerade nicht.“ „Sie können ja auch gewinnen. Keinesfalls ſind Gewinn oder Verluſt groß, Sie ſehen ja, ich reſpectire jeden Einſatz.“ Nikolas warf einige Schillinge auf das grüne Tuch. Er gewann. „Verſuchen Sie's,“ ermunterte die Dame Otto auf,„es kleidet den Mann ſchlecht, wenn er ſo ängſtlich iſt.— Oder— ſollten Sie vielleicht nicht die Mittel beſitzen? Wie viel wünſchen Sie—“ „Erlauben Sie,“ fiel Otto ihr in's Wort und das Blut ſchoß ihm dabei in die Wangen, ſich beſitze allerdings nicht die Mittel in baarem Gelde—“ „Ich ſtrecke ſie Ihnen vor.“ „Das wäre ein unbilliges Verlangen. Ich habe vorhin einen Wechſel auf Köln im Betrage von ſechszig Pfund Sterling gekauft, das hat meine Kaſſe erſchöpft.“ „Wie Sie wollen,“ ſagte Marie kühl,„ich will Sie nicht dazu nöthigen, um mir Vorwürfe zu erſparen, im Falle Sie einige Schillinge verlieren ſollten.“ Otto beſaß ein ſehr feines Zartgefühl, der Spott der jungen Dame kränkte und verletzte ihn. Er glaubte es ſeiner Ehre ſchuldig zu ſein, ihr den Beweis zu liefern, daß er ſo ſehr nicht am Gelde hing; es war freilich ein falſches Ehrgefühl, aber es verlangte Berückſichtigung. Zudem überzeugte er ſich ja auch, daß es ein ehrliches Spiel war und daß Niemand gezwungen wurde, höher einzuſetzen, als er wollte. Nikolas hatte wieder gewonnen, Marie warf Otto einen Blick zu, in welchem eine verletzende Geringſchätzung ſich ausdrückte. Fünfmalhunderttauſend Thaler. 24 —— Dieſer Blick entſchied. Otto zog ſein Portefeuille aus der Taſche und legte den Wechſel vor Marie hin. „Wenn Sie die Güte haben wollen, mir dieſes Papier zu verſilbern, ſo werde ich Ihnen beweiſen, daß ich einen kleinen Verluſt nicht fürchte,“ ſagte er. Marie griff in ihre Schatulle und überreichte dem jungen Manne ſechszig Pfund Sterling in Banknoten. Dieſe Schatulle war beinahe geleert, während in der andern das Gold und Silber ſich angehäuft hatte. Otto ſtand im Begriff eine Banknote auf den grünen Tiſch zu legen, als plötzlich der ſchrille, ſcharfe Klang einer Glocke ertönte. In demſelben Augenblick erloſchen alle Lichter. „Was bedeutet das?“ fragte Otto überraſcht. „Still,“ flüſterte Marie,„verhalten Sie ſich ganz ruhig, dieſes Zeichen meldet die Ankunft der Polizei. Wenn ſie uns beim Hazardſpiel findet, werden wir Alle beſtraft. Ruhig!— Sobald die Gefahr vorüber iſt, fahren wir fort.“ Im Hauſe blieb Alles ſtill, plötzlich ertönte der ſchrille Klang noch einmal. „Meine Damen und Herren, wir müſſen ſchließen,“ ſagte Marie mit gedämpfter Stimme,„die Gefahr bedroht uns zu ſehr. Ich werde die Thüre öffnen, die zur geheimen Treppe führt, eilen Sie hinaus, ich hoffe Sie morgen wiederzuſehen.“ Das letzte Wort war noch nicht über ihre Lippen, als hinter ihr eine kleine Thür geöffnet wurde. Man ſah durch dieſelbe in einen ſchmalen, ſchwach beleuchteten Gang, und die beiden Freunde bemerkten, daß die Geſellſchaft ſich beeilte, das Gemach zu verlaſſen. „Säumen Sie nicht,“ flüſterte John Williams den Beiden zu, „die engliſchen Geſetze ſtrafen das Hazardſpiel ſehr ſtreng.“ Marie war verſchwunden. Williams führte die Freunde hinaus. Sie ſtiegen eine enge dunkle Treppe hinunter und ſtanden bald darauf in einer ihnen ganz unbekannten Gaſſe. „Gehen Sie immer gerade aus,“ ſagte Williams,„wir müſſen uns leider trennen, da mein Weg in entgegengeſetzter Richtung liegt. Nach einer halbſtündigen Wanderung werden Sie eine Straße erreichen, die Ihnen jedenfalls bekannt iſt, zudem begegnen Ihnen Perſonen genug, welche Ihnen den Weg zeigen können. Gute Nacht!“ 5 John Williams war ebenſo raſch und ſpurlos verſchwunden, wie Marie Latour. „Das iſt eine merkwürdige Begebenheit,“ ſagte Nikolas, während — 371— „— die beiden Freunde rüſtig von dannen ſchritten,„ich muß geſtehen, he den daß ich die ganze Geſchichte nicht begreife.“ er zu„Dann geht's Dir, wie mir,“ entgegnete Otto.„Wir können ter z d nicht behaupten, daß wir geprellt worden ſind, und dennoch leinen erſcheint es mir unglaublich, daß—— alle Wetter, wenn die Befürchtung, die plötzlich in meiner Seele auftaucht, begründet iſt, zungen dann—— Nikolaus, iſt Dir, als wir neben der jungen Dame dotulle ſaßen, nicht aufgefallen, daß ſie ihre Verluſte nur in Banknoten Silber auszahlte?“ .„Ich habe es bemerkt, fand aber nichts Auffallendes darin.“ n Tiſch„Ich auch nicht, aber jetzt gibt es mir Veranlaſſung zu ſehr Gloce ernſten Befürchtungen.“ „Inwiefern?“ „Inſofern, als mir bangt, daß die Banknoten falſch ſind. Weshalb hielt Marie das Gold und Silber zurück? Weshalb—“— dieſes„Wenn Du das glaubſt, ſo thun wir am Beſten, die Sache 3 beim ſofort zu unterſuchen und zur Anzeige zu bringen. Mir fiel es Sobald auch auf, daß ich kein Geräuſch in dem Hauſe hörte, als uns geſagt worden war, die Polizei ſei da. Und dieſes plötzliche Ver⸗ Klang ſchwinden der jungen Dame ſowohl, wie unſres Begleiters—“ „Sind nur zu ſehr geeignet, meine Befürchtungen zu beſtätigen,“ ſagte fuhr Otto fort.„Aber welchen Nutzen haben wir, wenn wir der zu ſehr. Behörde Anzeige machen? Wir können keine Beweiſe liefern; t, eilen ſelbſt wenn es uns gelingt, das Haus wieder zu finden, fehlen uns doch die Zeugen, ohne welche wir unſere Ausſagen nicht zu hiuter bekräftigen vermögen. Da kann denn ſehr leicht auch auf uns ein Verdacht fallen, und Marie Latour wird gewiß nicht verſäumen, 6 uchteten ihn auf uns zu lenken.“ aft ſih„So biſt Du der Anſicht, wir ſollen die Sache auf ſich beruhen laſſen?“ fragte Nikolas. zu,„Ja.“ V1 den„Aber bedenke das ſchöne, ſauer erſparte Geld—“ linaus.„Werde ich's auch im günſtigſten Falle zurückerhalten? Wir 4 ſtanden wollen mit Herrn Harriſon darüber reden, ich bin überzeugt er le wird mir Recht geben.“— müſſen Nachdem die Freunde eine halbe Stunde gewandert waren, üchtung entdeckten ſie, daß ſie auf dieſem Wege niemals nach London 4 eine kamen, und dieſe Entdeckung mußte abermals ihre Befürchtung ecennen beſtätigen. ehrder. Glücklicherweiſe begegnete ihnen ein Polizeibeamter, der ſie ki eine Strecke begleitete und dann ihnen den Weg zeigte, auf welchem unden ſie ſpät nach Mitternacht in ihrer Wohnung anlangten. wunben, Am nächſten Morgen theilten ſie ihrem Chef die Erlebniſſe treud dieſer Nacht mit. mährel 1 24* — 372— Harriſon prüfte die Banknoten und erklärte ſie für falſch. Auch er rieth den Freunden ab, ſelbſt eine Anzeige zu machen. „Dieſe Bande iſt, wie es mir ſcheint, zu gut organiſirt, als daß ſie ſo leicht überführt werden könnte,“ ſagte er,„wenn nicht vollgültige Beweiſe gegen ſie vorliegen und wenn es der Polizei nicht gelingt, ſie während der Verſammlung zu überraſchen, ſo wird die Anklage immer auf den Kläger zurückfallen. Sie kennen die Schliche und Ränke dieſes Geſindels nicht. Ueberlaſſen Sie es mir, einen tüchtigen Polizeiagenten mit der Verfolgung dieſer Bande zu beauftragen und unternehmen Sie nichts in der Sache, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß Sie ſcharf beobachtet werden.“ „Das Geld iſt alſo verloren?“ fragte Otto. Harriſon zuckte die Achſeln. „Sie werden noch mehr verlieren, wenn Sie Ihre ſchöne Zeit zur Wiedererlangung deſſelben opfern,“ erwiderte er.„Da gebe ich Ihnen einen beſſeren Rath. Kennen Sie die Miſchung der Metalle, die Anfertigung des Gußſtahls?“ „Nein.“ „Studiren Sie dieſes Fach und verſuchen Sie, ob unſer Guß⸗ ſtahl ſich nicht verbeſſern läßt. Die Dichtigkeit deſſelben läßt noch Manches zu wünſchen. Verbeſſerungen würden uns enormen Ge⸗ winn bringen.“ Neunundvierzigſtes Kapitel. Im Namen des Geſetzes. Acht Tage waren ſeit jener Nacht verſtrichen. Otto dachte bereits nicht mehr an den Verluſt, er wies jede Erinnerung an ihn zurück, um dem Aerger über denſelben vor⸗ zubeugen. Den Fingerzeig ſeines Chefs benutzend, beſchäftigte er ſich jetzt eifrig mit der Anfertigung des Gußſtahls und den Verbeſſerungen, die derſelbe möglicherweiſe noch erhalten konnte. Da theilte Nikolas ihm eines Tages mit freudeleuchtenden Augen mit, er habe einen Brief aus Deutſchland erhalten, von einem Freunde, an den er vor einem Vierteljahre geſchrieben habe. ſch. nachen. rt, als znicht Polizei en, ſo kennen n Sie dieſer Sache, bachtet — 373— Dieſer Freund ſei bei einem ſehr bedeutenden Bergwerke angeſtellt, er bekleide dort einen hohen Poſten und habe ihm nun die Leitung der Schloſſerei angeboten. Otto las den Brief und ſo ungern er ſich auch von dem Freunde trennte, konnte er ihm zu dieſem Anerbieten doch nur Glück wünſchen. „Es iſt der erſte Schritt zur Selbſtſtändigkeit,“ ſagte er,„ich kann Dir nur rathen, ihn zu thun.“ Nikolas nickte. „Ich habe mir das auch geſagt,“ erwiderte er.„Ich würde gerne hier bleiben, wir haben ja einander gelobt, uns nicht zu trennen—“ „Umſtände ändern die Sache,“ fiel Otto ihm in's Wort,„ich würde es Dir ſehr verdenken, wenn Du meinetwegen das Aner⸗ bieten ablehnen wollteſt. Du verdienſt dort vieles Geld, kannſt Dir in einigen Jahren ſo viel erſparen, als Du zur Errichtung einer eigenen Werkſtätte bedarfſt, außerdem befindeſt Du Dich in der Heimath. „Heimath? Wo iſt meine Heimath? Ich habe weder Eltern, noch Geſchwiſter, noch Verwandte—“ „Lieber Junge, Deine Heimath iſt Köln, Dein ganzes Sehnen, alle Deine Gedanken ziehen Dich dorthin, und von Eſſen, Deinem künftigen Aufenthaltsorte, kannſt Du binnen wenigen Stunden dorthin reiſen. Das wirſt Du auch thun, ich bezweifle es nicht. Grüße meine Eltern und meine Schweſter, und wenn ſie Dich fragt, was ich denn zu ihrer Verlobung mit Dir ſagen werde, 0— 77 „O ſtill, ſtill, ſo weit ſind wir noch nicht.“ „Aber Ihr werdet ſo weit kommen, und das ſehr bald, wenn Du nur den Muth haſt, um ihr Herz und ihre Hand zu werben. Helene hat mir vor einigen Tagen geſchrieben, in ihrem Briefe iſt auch von Dir die Rede. Nur Muth, lieber Junge, die Mädchen lieben es, im Sturme erobert zu werden.“ Harriſon gab, nachdem er den Brief geleſen hatte, gerne ſeine Einwilligung; auch er rieth dem jungen Manne, das Anerbieten anzunehmen. Er zahlte ihm nicht nur den Lohn für den vollen Monat, er legte auch noch einige Pfund Sterling dazu und ſchied von dem jungen Manne mit der Erklärung, daß er ſtets bei ihm wieder eintreten könne, wenn er in Deutſchland ſeine Erwartungen nicht erfüllt finde. So reiſte den Nikolas ſchon am nächſten Tage ab, und den beiden Freunden wurde die Trennung ſehr ſchwer. Otto ſtand jetzt ganz allein in der Fremde, er war nur auf ſich angewieſen, — 374— unter ſeinen Kameraden in dem Etabliſſement hatte er Keinen gefunden, an den er ſich eng anſchließen konnte. Abermals verſtrich eine Woche. Harriſon hatte eine kleine Reiſe angetreten, von der er binnen wenigen Tagen zurückkehren wollte. Da traten eines Tages mehrere Herren in die Werkſtätte, in der Otto arbeitete. Sie forderten ihn auf, ihnen zu folgen und gingen gerades Weges in ſeine Wohnung, die in der Nähe der Fabrik lag. Hier verlangten ſie ſeine Schlüſſel. Mit wachſendem Erſtaunen fragte Otto nach dem Grunde dieſer ihn befremdenden und zugleich beunruhigenden Aufforderung. „Sie werden das ſpäter erfahren,“ entgegnete einer der Herren kühl.„Geben Sie uns die Schlüſſel zu ihren Schränken und Koffern.“ „Hier ſind ſie,“ ſagte Otto, der nicht begreifen konnte, weshalb man bei ihm Hausſuchung halten wollte,„indeß glaube ich das Recht zu haben, Sie zu fragen, was Sie berechtigt, in dieſer Weiſe in meine Wohnung einzudringen.“ Einer der Herren zog einen weißen Stab aus der Taſche, er legitimirte ſich dadurch als Beamter der Polizei. „Wenn wir dazu nicht berechtigt wären, würden wir die Haus⸗ ſuchung nicht vornehmen,“ ſagte er, während ſeine Begleiter die Durchſuchung bereits begannen,„aber was uns dazu berechtigt, werden Sie erſt ſpäter erfahren.“ Otto ſah dem Reſultat dieſer Durchſuchung mit unbefangener Ruhe entgehen, er war ſich nicht der geringſten Schuld bewußt. Als aber einer der Herren aus dem Handkoffer ein kleines Päckchen hervorholte und dieſes öffnete, fiel dem jungen Manne die Erinnerung an die falſchen Banknoten, die er von Marie Latour erhalten hatte, ſchwer auf die Seele. Er hatte dieſe Banknoten derzeit nicht vernichtet, weil er hoffte, ſie dereinſt als Beweismittel benutzen zu können; wurden ſie jetzt gefunden, ſo lag die Möglichkeit nahe, daß man ihn der Ver⸗ breitung derſelben beſchuldigte. Und in der That ſchienen die Beamten nichts weiter zu be⸗ zwecken, der betreffende Herr überreichte die Banknoten ſeinem Kollegen und gab dem Polizeibeamten einen Wink, deſſen Bedeu⸗ tung nicht den leiſeſten Zweifel zuließ. „Wie kommen Sie zu dieſen Banknoten?“ fragte er den jungen Mann mit ſcharfer Betonung. „Ich erhielt ſie in einem Hauſe, in welches ich durch den Vorwand hineingelockt wurde, daß ich dort mehrere Landsleute finden werde,“ erwiderte Otto unbefangen.„Dieſes Haus war Keinen binnen ätte, in gerades Grunde derung. Herren en und veshalb das dieſer ſche, er Haus⸗ ter die rechigt, angener bewußt. kleines une die Latour hoffte, eine Spielhölle, ich wurde verleitet, am Spiele Theil zu nehmen und da ich kein baares Geld beſaß, ſo ſah ich mich genöthigt einen Wechſel zu verkaufen, für den ich dieſe Scheine erhielt.“ „Ganz genau daſſelbe Mährchen,“ ſagte der Beamte trium⸗ phirend.„Wir ſind, wie es mir ſcheint, auf der rechten Fährte. Junger Mann, ein offenes Geſtändniß wird das Urtheil mildern, wenn Sie ſich hinter Lügen—“ „Mein Herr, ich ſage Ihnen die Wahrheit,“ unterbrach Otto ihn, der noch immer den Zuſammenhang nicht errieth.„Ich bin um dieſe Summe betrogen worden.“ „In der That?“ ſpottete einer der Herren.„Weshalb haben Sie dann der Behörde nicht ſofort Anzeige gemacht?“ „Weil ich fürchtete, dieſe Anzeige würde kein Reſultat haben.“ „Faule Ausreden!“ „Fragen Sie Herrn Harriſon.“ „Gut, rufen Sie ihn.“ „Augenblicklich iſt er verreiſt.“ „Ah— da haben wir's! Wäre er hier, würden Sie ſich nicht auf ihn berufen.“ „Ich verſichere Sie auf Ehrenwort—“ „Was gilt uns Ihr Ehrenwort! Im Namen des Geſetzes, Sie ſind verhaftet.“ Ein Blitzſtrahl aus heitrem Himmel hätte den jungen Mann nicht mehr erſchrecken können, als dieſe Worte es thaten. Bleich, mit dem Ausdruck des Entſetzens ſtierte er die Beamten an, die das Packetchen verſiegelten und auf den Umſchlag deſſelben einige Worte niederſchrieben. „Ich habe Herrn Harriſon ſofort am andern Morgen die Sache mitgetheilt,“ ſagte er verwirrt,„dieſer Herr verſprach mir, die nöthigen Nachforſchungen anſtellen zu laſſen—“ „Das können Sie jetzt wohl ſagen, da Sie wiſſen, daß Herr Harriſon Ihre Ausſagen weder beſtätigen, noch dementiren kann,“ erwiderte der Polizeibeamte,„die Unterſuchung wird lehren, was daran wahr iſt. Sie ſind uns dennncirt als Mitglied einer Falſch⸗ münzerbande, Sie und ein Freund von Ihnen, der, klüger wie Sie, vor einigen Tagen Reißaus genommen hat, wie wir heute Morgen erfuhren.“ „Wer hat es gewagt, uns zu denunciren?“ fuhr Otto ent⸗ rüſtet auf. „Das kümmert Sie nicht,“ lautete die barſche Antwort,„wir haben den Beweis, daß die Denunciation auf Wahrheit beruht.“ „Können Sie uns vielleicht das Haus zeigen, in welchem Sie die Scheine erhalten haben wollen?“ fragte ein Anderer. „Gewiß, wenn Sie mich in die Straße führen.“ — 376— „Ah— das iſt eine vortreffliche Entſchuldigung. Können Sie uns Namen nennen?“ „Nein.“ „Om— ich hatte erwartet, Sie würden deren ſofort ein halbes Dutzend herbeten. Einerlei, Sie ſind verhaftet, und von Ihnen wird es jetzt allein abhangen, ob Sie als gemeiner Ver⸗ brecher, oder als Gentleman behandelt ſein wollen.“ Otto fügte ſich; er mußte ſich ja der Gewalt fügen, wenn er ihr ſich widerſetzen wollte, ſo hatte er zu erwarten, daß er gleich einem gemeinen Verbrecher mit gefeſſelten Armen in's Geſängniß geführt wurde. Die Beamten erlaubten ihm einen Wagen holen zu laſſen, in dieſem fuhr er, von Polizeiagenten begleitet, zum Gefängniß. Als er über ſeine Lage nachdachte, mußte er ſich ſagen, daß nur eine ſehr geringe Hoffnung für die Rettung ſeiner Unſchuld vorhanden war. Nikolas, der Einzige, deſſen Zeugniß ſeine Ausſagen beſtätigen konnte, war abgereiſt, die Möglichkeit, daß es gelingen werde, jenes Haus wieder zu finden, ſehr zweifelhaft. Auf der andern Seite ſprach der Schein gegen ihn. Man hatte die falſchen Banknoten in ſeinem Koffer gefunden und wenn man ihm auch nicht beweiſen konnte, daß er deren ver⸗ ausgabt hatte, ſo bewies doch ſchon der Beſitz dieſer Scheine, daß er mit den Falſchmünzern in Verbindung ſtand. Dieſer Beweis genügte vielleicht dem Richter, das Urtheil über ihn zu ſprechen, und Otto ſah keine Möglichkeit, denſelben durch Gegenbeweiſe zu entkräften. Seine Beſorgniſſe nahmen nach dem erſten Verhör eher zu, als ab. Der Unterſuchungsrichter hatte ſeine Rechtfertigung kaum an⸗ gehört, vielmehr einzig und allein in ihn gedrungen, ſeine Mit⸗ ſchuldigen zu nennen, das mußte dem Angeklagten beweiſen, daß man von ſeiner Schuld bereits überzeugt war. Harriſon, der einige Tage ſpäter zurückkehrte, ſuchte vergeblich den Gefangenen zu befreien. Trotzdem er die Behauptungen Otto's in allen Punkten be⸗ ſtätigte, weigerte die Behörde ſich, den Angeklagten auf freien Fuß zu ſetzen.. Der Fabrikant fand das, als es ihm geſtattet wurde, die Akten des Unterſuchungsrichters durchzuſehen, begreiflich. Der letztere war von der Schuld des Gefangenen überzeugt und ſeine Akten mußten auch dem unbefangenſten Richter dieſe Ueberzeugung aufdrängen. Unter dieſen Umſtänden konnte Harriſon nichts Anderes thun, Können ort ein nd von r N 2 Ver⸗ denn er r gleich Lſängniß ſſen, in — 377— als die Vertheidigung Otto's einem tüchtigen Anwalt anzuver⸗ trauen und außerdem ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die Ent⸗ deckung des Hauſes, in welchem die Falſchmünzerbande ſich ver⸗ ſammelte, zu richten. Er ſtellte ſeinem Agenten eine namhafte Summe zur Ver⸗ fügung und eine glänzende Belohnung für den Fall des Gelingens in Ausſicht. Das war das Einzige, was er thun konnte; bat er den Freund Otto's, herüber zu kommen, ſo war dadurch nur auch die Freiheit dieſes Mannes gefährdet und für den Gefangenen ſelbſt nichts gewonnen. Aber ein Tag nach dem andern verſtrich, der Agent entdeckte trotz dem unermüdlichen Eifer, mit welchem er ſeine Aufgabe zu löſen ſuchte, nichts, was einen Anhaltspunkt bot. Der Tag der Gerichtsſitzung kam immer näher, Otto war durch ſeinen Vertheidiger bereits darauf vorbereitet worden, daß er ſich auf vollſtändige Freiſprechung keine Hoffnung machen durfte, vielmehr zufrieden damit ſein mußte, wenn der Richter das niedrigſte Strafmaß über ihn verhängte. Wie ſehr dieſe Erklärung den jungen Mann erſchütterte, läßt ſich denken. Er hatte an der Hoffnung feſtgehalten, daß die Schuldigen entdeckt werden müßten, daß es unmöglich und mit dem Walten einer gerechten Vorſehung unvereinbar ſei, daß er, das Opfer des Betruges, nun auch für den Betrug büßen ſolle, und nun war dieſe Hoffnung verloren, nun hatte ſein Glaube an die Gerech⸗ tigkeit Gottes den Todesſtoß erhalten. In finſteres Brüten verſunken, ſtand er in ſeiner Zelle am Fenſter. Es war ein ſtark vergittertes Fenſter, aber es erlaubte doch dem Licht und der Luft freien Zutritt. Freilich, die Ausſicht war nichts weniger, als erhebend. Dem Gefängniß gegenüber lag ein großes, düſteres Gebäude mit vergitterten Fenſtern, ein Gebäude, über deſſen Zweck Otto ſchon oft vergeblich nachgedacht hatte. Anfangs glaubte er, es ſei ein Seitenflügel des Gefängniſſes ſelbſt, ſpäter überzeugte er ſich, daß es ein von dieſem ganz getrenntes, beſonderes Gebäude war. Er hatte dann und wann Geſtalten an den Fenſtern bemerkt, vor denen ihm graute, abgemagerte, mit Lumpen bekleidete Ge⸗ ſtalten, und es war ihm oft vorgekommen, als ob einige dieſer Geſtalten ſchwere Ketten trügen, die ſie am freien Gebrauch ihrer Glieder hinderten. Dann auch hatte es ihm geſchienen, als ob er in den Phyſiognomien dieſer ihm unheimlichen Geſtalten den Ausdruck 378— des Irrſinns bemerke, und mit dieſer Beobachtung ſtand das laute gellende Schreien und Brüllen, welches oft aus jenem Hauſe herüberdrang, ſo ſehr im Einklang, daß Otto endlich zu der Ueber⸗ zeugung gelangte, das Gebäude müſſe ein Irrenhaus ſein. An dieſem Nachmittage nun bemerkte er plötzlich an einem Fenſter dieſes Hauſes das Geſicht eines Mannes, den er ſchon früher geſehen zu haben glaubte. Es war ein hageres, dürres Geſicht mit hohlen, tiefliegenden Augen, ein Geſicht, in welchem Gram, Kummer, verhaltener Groll und eine tiefe Niedergeſchlagenheit ſich ausdrückten. Je länger Otto daſſelbe betrachtete, deſto bekannter ſchien es ihm. Einem Irrſinnigen glich dieſer Mann nicht, ſein Blick war ruhig, feſt und nachdenkend, es lag nichts Unſtätes, nichts Wirres in demſelben. Und doch mußte er zu den Patienten zählen, Otto bemerkte deutlich, daß er einen zerlumpten Rock trug und daß hinter ihm ein Wärter ſtand, der jede ſeiner Bewegungen ſcharf beobachtete. Himmel— wo hatte er das Geſicht geſehen? Es war ſchon eine lange Zeit her— wahrſcheinlich in Köln, — ganz recht, dort mußte es geweſen ſein. Aber wann?— wo? — bei welcher Gelegenheit? Er kannte es ganz genau, je länger er es betrachtete, deſto deutlicher entſann er ſich desſelben. Otto dachte nach, er rief alle ſeine Bekannten in ſein Gedächt⸗ niß zurück. Plötzlich leuchtete es in ſeinen Augen auf, er hatte gefunden, was er ſuchte. Dieſer Mann war ja der frühere Prinzipal und jetzige Aſſocie Heinrich's— Peter Paul Scherenberg! Es konnte kein Zweifel obwalten, er war es, Otto erkannte ihn ganz genau. Aber wie kam es, daß dieſer Herr ſich hier in London im Irrenhauſe befand? Wenn er wirklich irrſinnig war, weshalb hatte man ihn nicht in Köln untergebracht? Es beſtanden ja auch dort derartige An⸗ ſtalten. Otto konnte dieſes Räthſel nicht löſen. Er blickte noch einmal hinüber, er ſah, daß der Wärter den alten Mann vom Fenſter zurückriß. Weshalb geſchah das? Hatte der Wärter bemerkt, daß der Gefangene an dem Kranken Intereſſe nahm? War es Vorſchrift in dieſem Hauſe, daß die Patienten ſich nicht am Fenſter zeigen durften? Otto fand keine Zeit, über dieſe Fragen nachzudenken, ein bachtete. in Köln, — wo? e länger Gedächt⸗ efunden, gffocie erkannte don im in richt ige An⸗ ter den daß der zeigen e, ein — 379— Gerichtsbeamter war inzwiſchen eingetreten, er brachte ihm die Nachricht, daß das Gericht am nächſten Tage ſein Urtheil über den Gefangenen fällen werde. Dieſe Botſchaft rief dem jungen Manne das eigene Schickſal in's Gedächtniß zurück und über dem eigenen Ungemach vergaß er raſch, was noch kurz vorher ſeine Seele ſo ſehr beſchäftigt hatte. Fünfzigſtes Kapitel. Im Irrenhauſe. Peter Paul Scherenberg war arglos in die Falle gegangen. Merville hatte ihm am Tage nach ſeiner Ankunft in London den Beſuch einiger ſehr intereſſanten Gebäude vorgeſchlagen und bei dieſer Gelegenheit ihn in ſein Haus geführt, welches der alte Mann nicht wieder verlaſſen ſollte. An dem Abend, an welchem Otto dieſen Mann hinter den Fenſtern des Irrenhauſes entdeckte, befand Scherenberg ſich ſchon ſeit mehreren Wochen in der Anſtalt. Er hatte bisher alle Bemühungen Merville's durch ſeine Ruhe und ſeine Gleichmüthigkeit zu Schanden gemacht; er errieth, daß er das Opfer der Habſucht ſeines Aſſocie's war, er ahnte jetzt auch den Zuſammenhang zwiſchen dem Tode ſeines Sohnes und den Machinationen dieſes Menſchen. Das erfüllte ſeine Seele mit Bitterkeit und Haß, es befeſtigte in ihr den Entſchluß, den Tod ſeines Sohnes zu rächen und alle Pläne jenes Egoiſten zu vereiteln. Und dieſer Entſchluß gab ihm Kraft und Muth, alle Miß⸗ handlungen zu ertragen, denn nur dann, wenn er ruhig blieb und an ſeinen Hoffnungen feſthielt, durfte er darauf bauen, jenen Ent⸗ ſchluß ausführen zu können. Merville hatte einen harten Stand mit dieſem Patienten, aber er hoffte nichtsdeſtoweniger, ſeinen Zweck zu erreichen. Hätte Scherenberg nicht in der erſten Zeit ſeiner Einſperrung einmal die Aeußerung fallen laſſen, er habe ſich für alle Fälle vorgeſehen und das Verbrechen gegen ihn werde einſt gerächt wer⸗ den, ſo würde Merville nicht ſo viele Umſtände mit ihm gemacht, ihn vielleicht ſchon für immer beſeitigt haben. — 380— Dieſe Aeußerung aber bewog den Eigenthümer der Anſtalt, vorſichtig zu Werke zu gehen und, bevor er den entſcheidenden Schritt that, zu erforſchen, welche Vorkehrungen ſein Patient ge⸗ troffen hatte. An jenem Abend nun wollte Merville ihn abermals in's Ver⸗ hör nehmen. Er ließ ihn in eine abgeſonderte Zelle führen und machte ihm dort einen Beſuch. „Ich hoffe, Sie werden nun eingeſehen haben, daß für Sie kein Weg aus dieſem Hauſe hinausführt,“ ſagte er,„Sie müſſen doch ſelbſt wiſſen, daß ich verpflichtet bin, Sie, nöthigenfalls mit Gewalt, ſo lange hier zu halten, bis Sie vollſtändig geneſen ſind.“ Der alte Mann blickte den Schurken feſt und durchdringend an. „Wie oft wollen Sie mir das alberne Mährchen noch auf⸗ tiſchen?“ ſpottete er.„Ich weiß ſehr wohl, daß Sie im Auftrage meines Aſſocie’s handeln, und ich verſichere Sie nochmals, daß alle Ihre Pläne zu Schanden werden. Die Vorkehrungen, die ich getroffen habe, werden entweder mir die Freiheit zurückgeben, oder meinen Tod rächen.“ Merville zuckte die Achſeln. „Das iſt ja eben die fixe Idee,“ erwiderte er. „Halten Sie es dafür, die Stunde wird kommen, in der Sie bereuen, ſich mit jenem Schuft gegen mich verbündet zu haben.“ „Bah, welche Vorkehrungen könnten Sie getroffen haben?“ „Ich werde Ihnen darüber keinen Aufſchluß geben.“ „Weil es eben eine fixe Idee iſt.“ Scherenberg ſchwieg, über ſein Geſicht glitt ein Zug des Hohns und der Verachtung. „Ich will nicht leugnen, daß Ihr Aſſocie mich beauftragt hat, Ihnen in meinem Hauſe ein Aſyl einzuräumen,“ fuhr Merville nach einer Pauſe fort,„er hat mich um ein ärztliches Gutachten gebeten und ich kann ihm leider nichts Anderes ſagen, als daß eine Ausſicht auf Geneſung gar nicht vorhanden iſt. Darauf hin hat er mich beauftragt, dahin zu wirken, daß Sie ihm die Ord⸗ nung Ihrer Hinterlaſſenſchaft überlaſſen—“ „Wie viel hat er Ihnen dafür geboten?“ unterbrach Scheren⸗ berg ihn raſch. „Ich fordere von ihm nicht mehr, als das, was jeder Patient in meiner Anſtalt zahlen muß.“ „Sie haben wohl nur Patienten meiner Kategorie?“ „Wie verſtehen Sie das?“ „Laſſen Sie uns einmal ganz ehrlich darüber reden,“ fuhr der alte Mann fort.„Ich gebe zu, daß ich arglos in die Falle hineingegangen bin und daß ich ein Intereſſe daran habe, meine Anſtalt, idenden lent ge⸗ 3 Ver⸗ te ihm ür Sie müſſen ls mit ſind.“ Hohns ſ hat, erville tachten 3 doß uf hin Ord⸗ heren⸗ gatient hr der Falle meine — 381— Freiheit zurück zu erhalten. Nicht meinetwegen, denn ich bin ein alter Mann und ſeit dem Tode meines Sohnes hat das Leben für mich keinen Reiz mehr. Aber vor meinem Tode möchte ich gerne noch eine Aufgabe erfüllen, die, den Mord meines Sohnes zu rächen.“ „Den Mord Ihres Sohnes?“ fragte Merville, der mit ſtei⸗ gendem Intereſſe zugehört hatte. „Ja. Mein Sohn hat—“ „Gift genommen, ich weiß das.“ „Aber die Gründe, die ihn dazu bewogen, kennen Sie nicht.“ „O, doch, er hat im Hazardſpiel bedeutende Summen ver⸗ loren, Sie weigerten ſich, den Wechſel einzulöſen—“ „Mein Aſſocie hat Sie gut unterrichtet. Aber er wird Ihnen nicht geſagt haben, daß er meinen Sohn zum Hazardſpiel ver⸗ leitet hat, daß er es war, der die Einlöſung des Wechſels ver⸗ weigerte, daß er ihn zur Verzweiflung trieb! Nachdem ich dieſen Menſchen nun ganz kennen gelernt habe, hege ich die Ueberzeugung, daß er ihm das Gift verſchafft und ihn bewogen hat, daſſelbe zu benutzen. Iſt das kein Mord?“ Merville ſchüttelte zweifelnd das Haupt. „Wie dem auch ſein mag, Sie werden Ihren Aſſocie deshalb nicht zur Rechenſchaft ziehen können,“ ſagte er ruhig.„Zudem iſt es erwieſen, daß Ihr Geiſt geſtört iſt—“ „Nichts mehr davon!“ unterbrach Scherenberg ihn rauh.„Sa⸗ gen Sie mir, wie viel dieſer Elende Ihnen zahlen will, ſo werde ich Ihnen eine höhere Summe bieten. Ich gelobe Ihnen außer⸗ dem, mit keiner Silbe meines Aufenthalts in dieſem Hauſe zu er⸗ wähnen.“ Merville dachte nach, von Zeit zu Zeit ſtreifte ſein forſchender Blick verſtohlen das Geſicht des alten Mannes, in deſſen Zügen eine gewaltige Erregung ſich kund gab. Es war vielleicht beſſer, wenn er in Güte ſich mit dieſem Manne einigte, wenn er durch ſcheinbares Eingehen ſich das zu verſchaffen ſuchte, was er auf dem bisherigen Wege nicht erreichen konnte. Ihn freizulaſſen, war er keineswegs geneigt, bis jetzt hatte kein Patient lebend die Anſtalt wieder verlaſſen, er durfte das ja nicht, wenn alle die entſetzlichen Geheimniſſe und Verbrechen ge⸗ heim bleiben ſollten. „Wohlan, wie viel würden Sie opfern?“ fragte er. „Fordern Sie!“ „Fünftauſend Pfund Sterling.“ „Hat mein Aſſocie mich ſo hoch taxirt?“ fragte Scherenberg überraſcht. — 382— „Das nicht, aber—“ „Aber Sie glauben, dieſe Forderung ſtellen zu dürfen?“ „So iſt es.“ „Gut, ich bewillige ſie, obſchon ſie mehr als die Hälfte meines Vermögens beträgt.“ „Sie werden mir das Geld ſofort baar auszahlen?“ „Sofort nach meiner Rückkehr in die Heimath.“ „Wer bürgt mir dafür, daß Sie es thun?“ „Sie fürchten, ich werde mein Wort brechen?“ „Erlauben Sie, unſer Verhältniß zu einander—“ „Läßt dieſe Befürchtung zu, ich kann es nicht leugnen. Ich wende Ihnen einen Schuldſchein geben, der Sie vollſtändig ſicher ſtellt.”“ Merville nickte. „Das würde mir genügen,“ ſagte er.„Indeß müßten Sie ſich noch einer Bedingung fügen, wenn Sie Ihren Wunſch erfüllt ſehen wollen.“ „Welcher?“ „Ihr Aſſocie wünſcht, daß Sie ihm die Ordnung Ihrer Hinter⸗ laſſenſchaft anvertrauen—“ „Sie ſagten das ſchon vorhin.“ „Er wünſcht mehr als dies, er verlangt, daß Sie ihn zum Univerſalerben einſetzen.“ „Daraus wird nichts,“ erwiderte der alte Mann ſcharf.„Ich habe während der Reiſe hierher meinen letzten Willen eigenhändig niedergeſchrieben, ich will, daß dieſes Teſtament nach meinem Tode vollſtreckt wird. Außer einigen Legaten ſoll mein ganzes Ver⸗ mögen an die Armen fallen.“ Der Blick Merville's ruhte lauernd auf dem Geſicht Scheren⸗ bergs, es lag etwas Teufliſches in dieſem Blicke. „Das Teſtament hat keine Gültigkeit, wenn Sie es nicht im Beiſein mehrerer Zeugen einer Gerichtsperſon zur Aufbewahrung übergeben,“ ſagte er.„Da Sie nun jedenfalls das Schriftſtück noch bei ſich führen, ſo würde ich Ihnen rathen, daſſelbe ſofort bei Ihrer Heimkehr notariell beglaubigen zu laſſen, um ihm da⸗ durch Rechtskraft zu geben.“ „Das wird geſchehen,“ erwiderte der alte Mann ruhig, der nicht ahnte, welche Tücke hinter dieſem anſcheinend wohlgemeinten Rath ſich barg.— „Nun aber hat Ihr Aſſocie mich beauftragt, Sie zu bewegen, nöthigenfalls zu zwingen, ein Teſtament zu ſeinen Gunſten zu machen,“ fuhr Merville fort,„er hat mir freigeſtellt, Sie zu ent⸗ laſſen, ſobald mir dies gelungen ſei. Sowohl in Ihrem, wie in meinem Intereſſe liegt es nun, dieſes Schriftſtück auszufertigen, — 383— 3 Ihr Aſſocie kann alsdann nichts gegen Ihre Rückreiſe einwenden. Sie aber können dieſes Teſtament durch ein ſpäteres umſtoßen. Scherenberg ſchien durchaus keine Luſt zu haben, dieſe Bedin⸗ meines gung einzugehen, deren Nothwendigkeit er nicht einſehen konnte. Er ſträubte ſich energiſch dagegen, erſt als Merville ihm kate⸗ goriſch erklärte, daß er dieſelbe nicht fallen laſſen könne und daß die Entlaſſung aus der Anſtalt ſofort nach der Ausfertigung dieſes Documents erfolgen werde, lenkte er ein. Nach langem Zögern erklärte er ſich endlich bereit. Merville holte Schreibmaterialien und dictirte den Inhalt des 1 35 Teſtaments, laut welchem Heinrich Schenk Univerſalerbe der Hin⸗ Jcbe terlaſſenſchaft ſeines Aſſocie's Peter Paul Scherenberg war. 3„So,“ ſagte der alte Mann, nachdem er das Document unter⸗ zeichnet und auch den Schuldſchein ausgefertigt hatte,„jetzt habe ich meine Bedingungen erfüllt, ich hoffe, Sie werden mir nun er di keine Schwierigkeiten mehr bereiten.“ „Durchaus nicht,“ erwiderte Merville, während er die Schrift⸗ ſtücke zuſammenfaltete und in ſein Portefeuille legte,„Sie können Hinte⸗ morgen früh abreiſen. Ich werde mir erlauben, Sie nun nicht mehr als meinen Patienten, ſondern als meinen Gaſt zu betrachten, ich bedauere nur, Ihnen kein beſſeres Zimmer anweiſen zu können. Ich bin in meinen Räumen ſehr beſchränkt, meine ͤn zum Patienten—“ 3„Ich bin ganz zufrieden,“ unterbrach Scherenberg ihn ruhig. f. d„Wenn Sie nur die Güte haben wollen, dafür Sorge tragen zu n laſſen, daß morgen früh ein Wagen bereit ſteht, der mich zum m Tode Bahnhofe bringt.“ s Ver⸗„Mit Vergnügen.“ „Sobald ich drüben angekommen bin, erhalten Sie das Geld.“ Scheren⸗ Merville erklärte ſich zufrieden und nahm von dem alten Herrn Abſchied, indem er ihm eine glückliche und vergnügte Reiſe icht im wünſchte. vahrung Eine halbe Stunde ſpäter brachte ein Wärter das Abendeſſen. ritſtüc Es beſtand diesmal nicht aus einer dünnen Waſſerſuppe, ſon⸗ e ſofort dern aus ſehr kräftigen, zwar etwas ſtark gewürzten, aber ſehr ihm da⸗ ſchmackhaft zubereiteten Speiſen und einer Flaſche Wein. Scherenberg hatte ſich lange nach einer ſolchen Mahlzeit geſehnt, hig, der ſie war ihm um ſo willkommener, als ſchon ſeit mehreren Tagen emeinten ein Heißhunger ihn quälte. Er ließ es ſich vortrefflich ſchmecken und die Freude, nun bald hewegen, der Gefahr entronnen zu ſein, würzte ſeinen Appetit. nſten zu Sdein Leben hatte jetzt wieder einen Zweck, den, den Tod ſeines zu ent⸗ Sohnes zu rächen. Er begriff nicht, daß er dieſem Menſchen ſo großes Vertrauen — 384— geſchenkt hatte, daß er nicht ſchon damals aufmerkſam geworden war, als Bertram den Aſſocie der Verführung beſchuldigte. Hätte er damals die Sachlage unterſucht, ſo würde er vielleicht Manches entdeckt haben, was ihm erſt jetzt aufgefallen, aber noch immer unklar war. Ein brennender Durſt nöthigte ihn, das Glas recht oft zu leeren; er hing, während er es that, ſeinen Plänen nach. Sobald er heimgekehrt war, wollte er ein notarielles Teſta⸗ ment machen, das erzwungene umſtoßen und die Armenverwaltung in Köln zur Univerſalerbin einſetzen. Er wollte ferner die ge⸗ naueſten Nachforſchungen über die Beziehungen ſeines Aſſocie's zu dem Verſtorbenen anſtellen und die Geſchäftsführung des Erſteren einer ſorgfältigen Prüfung unterwerfen laſſen.— Der Kopf war ihm ſchwer geworden,— war es die Wirkung des Weines oder der Aufregung? Der alte Mann kämpfte lange gegen den Schlaf an, das Haupt ſank immer tiefer auf die Bruſt hinab, die Augen ſchloſſen ſich.— Als Scherenberg erwachte, war der Tag längſt angebrochen. Schien auch die Sonne nicht in die Zelle hinein, an der Fär⸗ bung des Lichts konnte der alte Mann berechnen, daß es beinahe Mittag ſein mußte. Aber wollte er denn nicht ſchon in aller Frühe abreiſen? Wes⸗ halb war er nicht geweckt worden, und wie kam es, daß er ſich nicht im Bette befand? Der alte Mann fuhr von der hölzernen Pritſche, auf der er lag, empor; erſt jetzt bemerkte er, daß er an Händen und Füßen gefeſſelt war. Und nicht dies allein, er trug auch eine andere Kleidung, einen Anzug von grauem, grobem Tuche. Was bedeutete das? War ihm denn nicht verſprochen worden, daß er ſeine Heim⸗ reiſe antreten könne? Hatte er nicht einen Schuldſchein unterſchrieben, in welchem er ſich verpflichtete, dem Beſitzer dieſer Anſtalt fünftauſend Pfund Sterling zu zahlen? Und nun? Hier mußte ein Irrthum obwalten, vielleicht war ein Befehl Merville's in Bezug auf einen anderen Patienten auf ihn bezogen worden. Damit tröſtete der alte Mann ſich, an einen nochmaligen Betrug konnte er nicht glauben, es lag ja keine Veranlaſſung zu einem ſolchen vor. Als der Wärter kam, um die Zelle zu revidiren, verlangte Scherenberg eine Unterredung mit Merville. Nach langem, drin⸗ gendem Bitten verſprach der Wärter, dieſen Wunſch zu erfüllen. worden wielleicht er noch oft zu Teſta⸗ waltung die ge⸗ cies zu Erſteren pf war es oder Haupt ſih.— ochen. er Fär⸗ beinahe Wes⸗ er ſich der er Füßen J einen — 385— Merville erſchien; mit einer Miene, die nichts Gutes verhieß, näherte er ſich dem alten Manne. „Wie geht's?“ fragte er barſch, während er den Puls fühlte. „Das Blut iſt noch immer in Wallung, wir werden zu kalten Sturzbädern übergehen müſſen.“ „Was bedeutet das?“ erwiderte Scherenberg beſtürzt.„Ich ſollte ja heute Morgen die Rückreiſe antreten—“ „Noch immer dieſe fixe Idee!“ unterbrach Merville ihn be⸗ denklich, indem er ſich zu dem Wärter wandte.„Sein Zuſtand hat ſich in den letzten Tagen bedeutend verſchlimmert. Findet Ihr das nicht auch?“ Der Wärter nickte grinſend. „Ich habe das übrigens erwartet,“ fuhr Merville ruhig fort, während er den alten Mann betrachtete, wie ein Pflanzer den Sklaven, den er zu kaufen beabſichtigt,„nach meiner Anſicht kann er's nicht lange mehr machen. Er ſoll mit der Medizin fort⸗ fahren und nichts weiter als dünne Waſſerſuppen erhalten, wird er tobſüchtig, ſo legt ihm die Zwangsjacke an, im Nothfalle können wir ihn auch zur Ader laſſen.“ „Herr mein Gott, ſoll ich denn wirklich wahnſinnig gemacht werden?“ rief Scherenberg in wilder Verzweiflung.„Habe ich Ihnen denn nicht Alles gegeben, was Sie forderten? Was ver⸗ langen Sie mehr? Zweifeln Sie, daß ich Ihnen das Geld ſchicen werde? Ich breche mein Wort nicht, ſo löſen Sie nun auch Ihre Zuſage ein—“ „Gewiß, gewiß,“ erwiderte Merville, deſſen Lippen ein hämi⸗ ſches Lächeln umſpielte,„ich bewillige Ihnen ja Alles, was Sie haben wollen, ſo beruhigen Sie ſich doch.“ Er warf bei den letzten Worten dem Wärter einen bedeut⸗ ſamen Blick zu; Scherenberg bemerkte ihn, er las in ihm, daß er doppelt überliſtet und betrogen war. „Sie ſind ein Schurke!“ rief er, bebend vor Wuth, die zu bemeiſtern er nicht mehr fähig war.„Ein elender, abgefeimter Schurke, der einſt am Galgen enden wird.“ Merville zuckte die Achſeln, er war an ſolche Wuthausbrüche ſeiner Patienten gewöhnt. „Befolgt genau meine Vorſchriften,“ befahl er dem Wärter. „Wenn er ſich bis heute Abend nicht beruhigt, ſo bringt ihn zu den Tobſüchtigen, die werden ihn durch ihr Schreien und Toben wohl ſtumm machen.“ „Und jetzt,“ ſagte der Wärter, als Merville ſich entfernt hatte, „will ich Euch auf Eins aufmerkſam machen. Ich habe einen ſauren Dienſt, und Niemand kann mir verargen, wenn ich auch einmal eine ruhige Stunde zu haben wünſche. Wenn Ihr Euch Fünfmalhunderttauſend Thaler. 25 — 386— nicht beruhigt und es darauf anlegt, mich zu kreuzigen, werde ich zur Peitſche greifen, Ihr wäret der Erſte nicht, den ich durchge⸗ peitſcht habe. Das merkt Euch, meine Geduld geht auch einmal zu Ende.“ Scherenberg ſchwieg, er begriff jetzt, daß man die Vernunft eines Menſchen ſyſtematiſch zerrütten konnte, wenn man dies ernſt⸗ lich wollte. Er mußte nun auch einſehen, daß er rettungslos verloren war, daß nur noch ein Zufall ihn retten konnte. Einundfünfzigſtes Kapitel. Wenn die Noth am größten, iſt Ne Hülfe am nächſten. Otto ſaß auf der Anklagebank. Der Unterſuchungsrichter hatte den Anklageakt verleſen, das Verhör begann. Der Angeklagte mußte zugeben, daß die bei ihm gefundenen falſchen Banknoten ſein Eigenthum waren, er konnte ſogar nicht leugnen, daß er wiſſentlich falſche Banknoten beſeſſen hatte. Seine Mittheilungen über den Erwerb derſelben riefen nur ein ungläubiges Lächeln hervor, das Urtheil war bereits über ihn gefällt, ehe der Vertheidiger ſeine Rede begonnen hatte. Es war eine glänzende Rede, die der Advokat für das Geld Harriſon's hielt, ein Meiſterſtück der Redekunſt voll Schwung und Begeiſterung, aber ohne tieferen Inhalt, ohne die Macht der Ueberzeugung. Es war weniger eine Vertheidigung, als eine Entſchuldigung: in der Hauptſache nur darauf berechnet, das Urtheil zu mildern. Der Gerichtshof trat ab, um zu berathen, der Stab war ſchon gebrochen, es handelte ſich nur noch um Feſtſtellung des Strafmaßes. Da näherte ſich ein großer ſchlanker Mann der Zeugenbank; er wechſelte mit Harriſon leiſe einige Worte und dieſer unterhielt ſich eben auch eine kurze Weile mit dem Vertheidiger. Der letztere verließ den Saal, er kehrte nach einer halben Stunde gleichzeitig mit den Richtern zurück. Otto, der bereits jede Hoffnung verloren hatte und in ſtumpfer Apathie das Urtheil erwartete, blickte überraſcht, befremdet auf, erde ich drige einmal dernunft s ernſt⸗ verloren b⸗ Gülfe er hatte undenen gar nicht fen nur ts über 3 Geld ng und cht der digung: mildern. ab wal enbank, terhielt halben tump fer det all — 387— als der Richter ihm verkündete, der Urtheilsſpruch ſei bis zum nächſten Tage aufgeſchoben. Er konnte ſich die Urſache dieſes Aufſchubs nicht erklären, auch keinen Aufſchluß darüber erhalten, da er ſofort in's Gefängniß zurückgeführt wurde. Erſt hier ſollte er erfahren, welchem Umſtande er jenen Auf⸗ ſchub verdankte. Der Unterſuchungsrichter, Harriſon und der Fremde, der mit dem letzteren im Gerichtsſaale ſo heimlich geſprochen hatte, traten bald nach ihm in die Zelle. „Werden Sie das Haus und die Perſonen wieder erkennen, welche Sie in jener Nacht angetroffen haben, wenn Sie hingeführt werden?“ fragte der Richter den Gefangenen. „Gewiß,“ erwiderte Otto raſch.„Hat man jetzt endlich eine Spur entdeckt?“ „Ich war ſo glücklich,“ ſagte der Fremde, den Harriſon als ſeinen Agent vorſtellte,„wenigſtens hoffe ich, daß das Haus, wel⸗ ches in vergangener Nacht meine Aufmerkſamkeit in ſo hohem Grade erregte, daſſelbe iſt, in welchem die Bande ſich verſammelt. Das Aeußere und die Ausſtattung des Hausflurs entſpricht ganz Ihrer Beſchreibung, auch erkannte ich in einigen Subjekten, welche hineingingen, mehrfach beſtrafte Verbrecher. „Gott ſei Dank!“ athmete Otto auf. „Geben Sie ſich nicht zu früh Hoffnungen hin,“ warnte der Richter.„Wenn es uns nicht gelingt, vollgültige Beweiſe für die Richtigkeit Ihrer Behauptungen zu finden, wird der Stab über Sie gebrochen werden.“ „Und dieſe Beweiſe zu erhalten, dürfte uns ſchwerer fallen, als Sie vermuthen,“ fügte der Agent hinzu.„Dieſe Leute haben ihre Spione überall, ſchon aus der Hinausſchiebung des Urtheils müſſen ſie den Schluß ziehen, daß irgend etwas entdeckt worden iſt, was zu Ihren Gunſten ſpricht. Sie werden auf ihrer Hut ſein, gelingt es uns nicht, ſie vollſtändig zu überraſchen, ſo iſt Alles für Sie verloren.“ Das hatte Otto allerdings nicht erwartet, er glaubte ſich ſchon gerettet. „Herr Harriſon und ich werden im Laufe der nächſten Nacht die Beweiſe für Ihre Unſchuld zu erhalten ſuchen,“ fuhr der Agent fort,„wenn uns das gelingt, ſo ſind Ihre Ehre und Frei⸗ heit gerettet.“ „Kann ich Sie unterſtützen—“ „Nein, Sie ſind Gefangener, zudem würde Ihr Beiſtand mehr verderben, als gut machen. Man darf Sie nicht in unſerer Ge⸗ ſellſchaft ſehen, wir haben vielleicht ſchon zu viel gewagt, daß wir Sie hier im Gefängniſſe beſuchten. Geben Sie mir eine möglichſt 25* — 388— genaue Beſchreibung der inneren Einrichtung des Hauſes, ſowie der Hauptperſonen, ſoweit dieſelben Ihnen noch erinnerlich ſind das iſt Alles, was Sie einſtweilen thun können.“ Otto kam dieſem Verlangen nach. Der Agent hörte ihn ſchweigend an, dann und wann gab in ſeinen Zügen ein lebhaftes Intereſſe ſich kund, es war offenbar, er kannte einige dieſer Perſonen, die der Gefangene ſo getreu wie möglich beſchrieb. Bald darauf entfernten die Drei ſich, ſie ließen den Gefangenen zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwankend, zurück.—— Am Abend dieſes Tages ſaßen in einer Vorſtadt Londons zwei Landleute in einer übel berüchtigten Kneipe. Sie ſchienen einen weiten Marſch gemacht zu haben und nach ihrer Kleidung zu urtheilen, wohlhabende Pächter zu ſein. Das Letztere ging auch aus ihrem Auftreten hervor. Sie verlangten Wein und als ſie dieſen erhielten, zahlten ſie mit Gold. Und doch hätte das Galgengeſicht des Wirths ſie darauf auf⸗ merkſam machen müſſen, daß ſie ſich in einer Spelunke befanden, in der es rathſam war, keine gefüllte Börſe zu zeigen. Dieſe beiden Pächter waren Harriſon und der Polizeiagent. Der Fabrikant hatte es ſich nicht nehmen laſſen, perſönlich mit⸗ zuwirken, trotzdem er von dem Agent darauf aufmerkſam gemacht worden war, daß er ernſten Gefahren entgegenging. „Ich ſehe noch immer nicht den Nutzen unſerer Verkleidung ein,“ flüſterte Harriſon dem Agenten zu, während dieſer die anweſenden Gäſte verſtohlen beobachtete,„beſſer wäre es nach mciner Anſicht, wenn—“ „Still,“ fiel der Agent ihm leiſe in's Wort,„dort ſitzen zwei, die in jener Nacht dabei geweſen ſind. Ich kenne ſie, verwegene Burſchen, die ſchon oft in Verdacht ſtanden, aber nie abgefaßt werden konnten, weil die Beweiſe gegen ſie fehlten.“ „Und woher wiſſen Sie, daß dieſe nichts weniger als elegant gekleideten Vagabunden bei der Geſchichte betheiligt waren?“ fragte Harriſon. „Ihr Freund, der Gefangene, hat gerade dieſe mir ſehr genau beſchrieben, einer von ihnen iſt jener John Williams, der ihn in die Falle lockte.“ „Nicht möglich,“ ſagte der Fabrikant überraſcht. Jener Wil⸗ liams war ein vollendeter Gentleman, ein ſehr fein gekleideter err+ 5„Sie haben noch nie dieſes Geſindel kennen gelernt,“ unter⸗ brach der Agent ihn achſelzuckend.„Bitte, ſehen Sie nicht mehr hin, die Leute ſind mißtrauiſch und beobachten ſcharf. Ein geriebener Burſche, wie dieſer Williams, kann am Morgen ein Lord, am 1 ———— ——— — 389— Mittag ein Gaſſenkehrer und am Abend ein ſchlichter Handwerker ſein und jede Rolle wird er meiſterhaft ſpielen. Ich kenne den Burſchen, er treibt ſich viel in dieſer Gegend umher, weil ſeine Liebſte hier wohnt.“ Der Agent klopfte bei den letzten Worten ſehr vernehmlich auf den Tiſch und bat den Wirth, als dieſer erſchien, ihm einige Goldſtücke in Banknoten umzuſetzen. John Williams, der dieſe Bitte vernommen haben mußte, ging hinaus, nicht ohne vorher dem Wirth einen ſehr bedeutſamen Blick zuzuwerfen, den der Agent bemerkte. Der Wirth bedauerte achſelzuckend, dieſe Bitte nicht erfüllen zu können, da er keine Banknoten beſitze. „Wenn Sie noch einen Augenblick verweilen wollen, kann Ihnen vielleicht geholfen werden,“ fügte er hinzu,„um dieſe Zeit beſucht oft ein Herr mein Haus, der an der Bank angeſtellt iſt und ſtets Banknoten bei ſich führt.“ „Jetzt haben wir ihn,“ flüſterte der Agent, nachdem der Wirth ſich entfernt hatte.„Williams wird ſogleich als Gentleman erſcheinen, geben Sie Acht, Sie werden ihn kaum wieder erkennen.“ In der That trat nach Verlauf einer Viertelſtunde ein ſehr fein gekleideter Herr ein, der, nachdem er einen flüchtigen Blick über die anweſenden Gäſte geworfen hatte, ſich zu den Pächtern ſetzte. Harriſon mußte geſtehen, daß er in dieſem Gentleman den Vagabund nicht wieder erkannt haben würde, wenn der Agent ihn nicht vorher darauf aufmerkſam gemacht hätte. Nicht allein die Kleidung, auch die Farbe des Haares, der Ausdruck des Geſichts und das Auftreten und Benehmen dieſes Mannes hatten ſich vollſtändig geändert. Dieſer Herr forderte eine Flaſche Bier und knüpfte mit den Pächtern eine alltägliche Unterhaltung über das Wetter an. Als der Wirth das Bier brachte, ſagte er den Pächtern, dieſer Herr ſei derſelbe, auf deſſen Kommen er vorhin ſie vertröſtet habe und da nun Williams begreiflicherweiſe fragte, was man von ihm wünſche, fügte der Wirth hinzu, die beiden Herren hätten ihn gebeten, einige Goldſtücke gegen Banknoten umzutauſchen. Bereit⸗ willig zog Williams ſein Portefeuille aus der Taſche. „Wenn es mir möglich iſt, werde ich dieſen Wunſch ſehr gerne erfüllen,“ ſagte er. Der Agent machte eine ablehnende Bewegung. „Es iſt unnöthig,“ ſagte er gleichgültig,„wir werden unſere Goldfüchſe ſchon quitt werden. Wir wollen uns London einmal gründlich anſehen,“ fuhr er fort,„und da wird's wohl gleichgültig ſein, ob man in Gold oder Banknoten zahlt.“ — 390— „So, Sie ſind zum Vergnügen hier?“ fragte Williams, indem er das Portefeuille wieder einſteckte. Harriſon nickte. „Wir gedenken zwei oder drei Tage in London zu bleiben,“ erwiderte er. „Da werden Sie manche vergnügte Stunde haben, wenn es Ihnen an den Mitteln nicht fehlt.“ „Mittel?“ lachte der Agent, während er eine gefüllte Börſe auf den Tiſch legte.„Ich denke, damit reichen wir ſchon aus.“ „Das glaube ich auch,“ erwiderte Williams,„vorausgeſetzt, daß Sie keinem Betrüger in die Hände fallen.“ „Das kennen wir,“ ſagte der Agent ſelbſtgefällig,„uns betrügt man ſo leicht nicht.“ „Wo werden Sie abſteigen? Doch wohl nicht hier?“ „J bewahre, wir haben uns hier nur ausruhen und erfriſchen wollen. Wollen ſehen, wo wir einkehren, wo es uns am Beſten gefällt.“ „Sie kennen London ſchon?“ „Oberflächlich; wir wiſſen nur, wo wir für unſer Geld gut eſſen und trinken können. Wenn Sie uns vielleicht einige An⸗ leitungen geben wollten, Herr—“ „John Williams, meine Herren—“ „Herr Williams, ſo würden Sie uns dadurch zu großem Danke verpflichten.“ Spielte Williams ſeine Rolle gut, ſo ſpielte der Agent ſie nicht minder vortrefflich, der Vagabund konnte nicht im Entfern⸗ teſten ahnen, daß dieſe ehrlichen, biederen Pächter es darauf abge⸗ ſehen hatten, ihn in eine Falle zu locken. Seine Seele hegte kein Mißtrauen, wie konnte ſie es auch, ſie beſchäftigte ſich ganz mit den Börſen dieſer reichen Pächter, deren Inhalt eine reiche Ernte verſprach. „Wenn Sie ſich meiner Leitung anvertrauen wollen, ſo hoffe ich, Sie werden es nicht bereuen,“ ſagte er.„Leider kann ich Ihnen nur die Abendſtunden widmen, da ich am Tage gebunden bin.“ „Das genügt,“ erwiderte Harriſon,„wir nehmen Ihr freund⸗ liches Anerbieten mit Dank an.“ „Wohin werden Sie uns führen?“ fragte der Agent. „Wohin es Ihnen beliebt,“ entgegnete Williams.„Was ziehen Sie vor, ein recht buntes, geräuſchvolles Treiben, oder eine ſtille, aber ſehr angenehme Geſellſchaft?“ „Entſchieden das Letztere.“ „Lieben Sie die Damen?“ „Außerordentlich. ————. — 391— „Für das Spiel haben Sie wohl nichts übrig?“ „O doch, nur darf es nicht zu hoch kommen und, was die Hauptſache iſt, wir dürfen nichts verlieren.“ John Williams erhob ſich. „Dann werde ich Sie in eine Reſtauration führen, in der Sie nicht nur Alles finden, was Sie wünſchen, in der Sie auch die Elite der Londoner Geſellſchaft antreffen,“ ſagte er.„Dieſe Reſtauration iſt nur ſehr wenigen Perſonen bekannt.“ „Wir werden dort auch Damen finden?“ fragte der Agent. „Gewiß, ſehr ſchöne Damen.“ „Gut, dann gehen wir.“ Williams führte die beiden Pächter in daſſelbe Haus, in welchem Otto die falſchen Banknoten erhalten hatte. Er gebrauchte auch diesmal die Vorſicht, ſich eines Wagens zu bedienen und es ſchien, als ob er mit mehreren Kutſchern in Einverſtändniß ſtehe, denn der Agent hatte nicht bemerkt, daß dem Kutſcher irgend ein Wink gegeben worden war, und dennoch fuhr der Wagen auf ſehr weiten Umwegen ſeinem Ziele zu. Bis zu dem Augenblick, in welchem der Spielſaal geöffnet wurde, unterhielten die Pächter ſich ſehr laut mit den anweſenden Damen, die ſich ſofort um ſie verſammelten und ſich ſehr eifrig bemühten, die Gunſt der vermögenden, freigebigen Herren zu erwerben. Niemand ahnte, daß inzwiſchen draußen Polizeibeamte das Haus umzingelten, daß namentlich der geheime Ausgang, die kleine Pforte in der Gartenmauer ſehr ſcharf bewacht wurde. Wie an jenem Abend ſaß auch heute Marie Latour am Spiel⸗ tiſche, vor ihr ſtand wieder die mit Banknoten gefüllte Schatulle. Die Pächter betheiligten ſich, ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, ſofort am Spiele, und der Agent, der trotz ſeiner ſcheinbaren Unbefangenheit ſehr ſcharf beobachtete, bemerkte deutlich die verſtohlenen, triumphirenden Blicke, welche die Bankhalterin und Williams miteinander wechſelten. Die Banknoten verſchwanden nach und nach aus der Schatulle, ſie befanden ſich größtentheils in den Händen der Pächter, während das Geld der Letzteren die andere Schatulle füllte. Und gerade ſo wie an jenem Abend erſcholl plötzlich der ſchrille Glockenton. „Meine Herren, die Polizei!“ ſagte Marie, ſich erhebend. Der Agent hatte nur auf dieſen Augenblick gewartet. Er trat raſch hinter die Bankhalterin und rief der beſtürzten Geſellſchaft ein donnerndes Halt zu, während er den kleinen Stab, das Zeichen ſeines Amtes aus der Bruſttaſche des Rockes hervorholte. — 392— Und in demſelben Augenblick ſetzte Harriſon eine kleine Jagd⸗ pfeife an die Lippen. „Was bedeutet das?“ fragte Marie erbleichend. „Im Namen des Geſetzes erkläre ich alle Anweſenden ver⸗ haftet,“ erwiderte der Agent ernſt und ſcharf.„Niemand wage, einen Fluchtverſuch zu machen, er würde mißlingen und außerdem die Schuld beweiſen.“ Ein lautes, ungeduldiges Pochen ließ ſich draußen vernehmen. Jeder wußte, wer Einlaß begehrte. „Das iſt eine alberne Komödie,“ rief Williams, deſſen trotzige Haltung vermuthen ließ, daß er entſchloſſen war, ſich der Ver⸗ haftung zu widerſetzen.„Wir ſind in einem Privathauſe, die Polizei hat nicht das Recht—“ „Zurück!“ donnerte der Agent, indem er ſeinen mit einem ſchweren Bleiknopf verſehenen Stock erhob.„Die Polizei wird Euch zeigen, ob ſie das Recht hat, eine Falſchmünzerbande zu ver⸗ verhaften!“ Das war, eine unvorſichtige Aeußerung, ſie mußte den An⸗ weſenden beweiſen, daß ihr ganzes Geheimniß verrathen war, daß das Zuchthaus und der Galgen ihnen Allen drohte. Sie war um ſo unvorſichtiger, als die Kollegen des Agenten ſich noch nicht im Hauſe befanden, ihm alſo auch nicht zu Hülfe kommen konnten. John Williams warf ſich mit dem Muthe der Verzweiflung auf den Polizeibeamten, die Lichter erloſchen, die Tiſche und Stühle wurden umgeſtürzt, Alle ſtürmten auf die beiden Pächter ein, die ſehr wohl einſahen, daß ſie dieſer Uebermacht nicht lange Stand halten konnten. Der Agent konnte in der Finſterniß von ſeinem Stocke auch nicht freien Gebrauch machen, er mußte befürchten, Harriſon zu treffen, der ſich mitten im Handgemenge befand. Da war es denn ſehr leicht begreiflich, daß es den Verbrechern gelang, die geheime Thüre zu erreichen, während einige von ihnen die Gegner beſchäftigten, eilten die Andern hinaus. Inzwiſchen hatten die Kollegen des hart bedrängten Beamten die Thüre geöffnet und die unteren Räume durchſucht, ſie drangen jetzt in den Geſellſchaftsſaal und gleich darauf auch in das Spiel⸗ zimmer ein. Die Wenigen, die ſie hier noch fanden, mußten ſich ergeben, trotz ihrer verzweifelten egenwehr. Harriſon und der Agent hatten verſchiedene Verletzungen er⸗ halten, die zerriſſenen Röcke, die blauen Flecken und Beulen am Kopfe zeugten von der Erbitterung, mit der dieſer Fauſtkampf geführt worden war. Jagd⸗ t ver⸗ wage, berdem lhten. rotige Ver⸗ e, die einem wird tver⸗ An⸗ „daß enten Hülfe flung tüͤhle —, die Stand auch n zu hern hmen mten ngen iel⸗ eben, el⸗ am rnpf John Williams lag bewußtlos auf dem Teppich, ein wuchtiger Hieb mit dem Stocke hatte ihn niedergeſtreckt. Der Agent ordnete ſofort die Verfolgung der Entflohenen an, vor allen Dingen lag ihm daran ſich der Perſon der Bankhalterin zu bemächtigen, die, wie es ihm ſchien, die Seele der ganzen Bande geweſen war. Aber bevor man den Gaskrahnen gefunden und geöffnet und die erloſchenen Lichter wieder angezündet hatte, war eine geraume Zeit verſtrichen, und als man jetzt zur Durchſuchung des Hauſes ſchritt, machte man die unangenehme Entdeckung, daß man zu lange damit gewartet hatte. Einige Perſonen waren an der Gartenpforte verhaftet worden, die meiſten aber auf einem unbekannten und nicht zu entdeckenden Wege entflohen. Unter dieſen befand ſich auch die Bankhalterin, ſie war ſpurlos verſchwunden. Der Prozeß gegen Otto wurde jetzt ausgeſetzt, dagegen die Unterſuchung gegen die Falſchmünzer ſofort eingeleitet. Gegenüber den Beweiſen, die ſich in den Händen des Gerichts befanden, konnten die Gefangenen nicht leugnen; ſobald es feſtſtand, daß die Behauptungen Otto's auf Wahrheit beruhten, daß er ſelbſt betrogen worden war, wurde er aus dem Gefängniſſe entlaſſen. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Ein Advokat ohne Klienten. Die heimliche Entfernung Karl Liebmanns und die Einſperrung Scherenberg's in ein Londoner Irrenhaus, die beide nicht ver⸗ ſchwiegen blieben, machten an der Börſe in Köln ein nicht geringes Aufſehen. Sie gaben zu verſchiedenen Gerüchten und Vermuthungen Ver⸗ anlaſſung und dieſe Gerüchte waren um ſo abenteuerlicher, als Heinrich auf alle an ihn gerichteten Fragen über dieſe Ereigniſſe nur ausweichende Antworten gab. Er bedauerte den Prinzipal und ſtellte die heimliche Ent⸗ fernung ſeines Schwagers in Abrede. Jakob Herz war in fieberhafter Erregung zu ihm gekommen, — 394— um ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen, ob der junge Herr Lieb⸗ mann wirklich„ausgekniffen“ ſei und wer in dieſem Falle den Wechſel decken werde. Heinrich hatte ihn beruhigt und ihn gebeten, den Verfalltag des Wechſels geduldig abzuwarten, erſt dann wollte er mit dem Fabrikanten ſprechen. Der letztere wußte nicht beſſer, als daß ſein Sohn die Reiſe angetreten habe, um den Vorwürfen der Schneiderstochter und einer möglichen Beſchimpfung aus dem Wege zu gehen. Heinrich hatte ihm das gleich nach der Abreiſe ſeines Schwagers erklärt und als dieſer Grund durchaus nicht unwahrſcheinlich war, ſo fand Liebmann keine Urſache, die Richtigkeit deſſelben zu bezweifeln. Von der Exiſtenz jenes Wechſels hatte er keine Ahnung, und da es ihn auch nicht intereſſirte, zu erfahren, wo ſein Sohn ſich aufhielt, ſo forſchte er ihm auch nicht weiter nach. Ihm genügte die Mittheilung Heinrich's, daß der junge Herr augenblicklich Italien bereiſe und dort in den Orangenwäldern über ſeine Thor⸗ heiten nachdenke. Heinrich aber hatte alle Urſache, mit den Er⸗ folgen ſeiner Machinationen zufrieden zu ſein. Langſam und ſicher ſchritt er auf dem betretenen Wege weiter, was kümmerte es ihn, ob es der Weg des Verbrechens war, wenn er nur auf ihm das erſehnte Ziel erreichte.— Mit ſeiner Familie war er gewiſſermaßen zerfallen, er beſuchte ſie ſehr ſelten und dann kam es faſt immer zwiſchen ihm und ſeinem Vater zu Reibereien, die ſtets mit einem heftigen Wort⸗ wechſel endeten. Bertram Schenk warf oft ſeinem Sohne Hochmuth und Hab⸗ ſucht vor, während die Mutter ihn in Schutz uahm und bei jeder Gelegenheit ihn herausſtrich, da konnte es denn nicht ausbleiben, daß der Hausfrieden wich und die Verſtimmung in dieſer Familie mehr und mehr zunahm.. Auch das kümmerte Heinrich nicht, er würde bei dem Tode ſeiner Eltern keine Thräne vergoſſen haben. Die Habſucht, das Streben nach Macht, Reichthum und Anſehen hatten alle beſſeren Gefühle in ſeiner Seele erſtickt, ſeiner Selbſtſucht opferte er Alles. Er hatte ihr ſchon manches Opfer gebracht und war bereit, ihr noch größere Opfer zu bringen, ſah er ſich doch ſchon jetzt in reichem Maaße belohnt. Sein Aſſocie war nun beſeitigt, es galt jetzt, ſich das Ver⸗ mögen deſſelben zu ſichern. Darauf, daß es Merrille gelingen werde, das gewünſchte Teſtament zu erhalten, baute er keine großen Hoffnungen, er mußte die Erfüllung dieſes Wunſches auf einem andern Wege zu erreichen ſuchen. err Lieb⸗ zalle den erfalltag nit dem te Reiſe eer und hwagers ich war, weifeln. ig, und ohn ſich genügte blicklich Thor⸗ den Er⸗ weiter, „wenn beſuchte mn und Wott⸗ Hab⸗ „ 2 i jeder leiben, amilie Tode t, das eſſeren Alles. be reit n jetzt — 395— So erklärte er denn eines Morgens ſeinem Buchhalter, daß er ſich genöthigt ſehe, ſeinen Aſſocie interdiciren und den Geſell⸗ ſchaftsvertrag mit ihm gerichtlich auflöſen zu laſſen, da er keine Luſt habe, das, was er ſauer verdiene, mit einem Irrſinnigen zu theilen. Der alte Mann ſchüttelte zwar den Kopf, aber er konnte doch nicht leugnen, daß ſein Prinzipal zu dieſem Verfahren berechtigt ſei. Heinrich reichte ſeinen desfallſigen Antrag nebſt einem beglau⸗ bigten Zeugniſſe Merville's über den unheilbaren Irrſinn Scheren⸗ berg's der Gerichtsbehörde ein und ſann nun über die weiteren Schritte nach. Kurz darauf empfing er den Beſuch eines Juriſten. Dieſer Herr ſtellte ſich ihm als Rechtsconſulent Wimmer vor und trat von vorn herein ſo frei und keck auf, daß Heinrich, ent⸗ rüſtet über dieſen Mangel an Reſpekt, ſich verſucht fühlte, ihm die Thüre zu zeigen, noch ehe er den Zweck dieſes Beſuches erfahren hatte. „Sie haben beim Gericht die Auflöſung des Geſellſchaftsver⸗ trages mit Ihrem Aſſocie beantragt,“ ſagte der Rechtsconſulent, während er durch die hellgrünen Gläſer ſeiner Brille den jungen Mann ſcharf anblickte.„Sie haben ein Recht dazu, vorausgeſetzt, daß der Irrſinn Scherenberg's eine Thatſache iſt, und ich kann kaum bezweifeln, daß das Gericht Ihrem Autrage entſprechen wird, aber es ſind da mehrere Punkte zu berückſichtigen, an die Sie, wie ich vermuthe, noch nicht gedacht haben.“ Mit wachſendem Erſtaunen hatte Heinrich ihn angehört. Was kümmerte es denn dieſen Mann, was andere ihm völlig fremde Perſonen unternahmen? „Bevor ich Ihnen darauf antworte, muß ich Sie erſuchen, mir den Beweis zu liefern, daß ſie berechtigt ſind, ſich in dieſe Privatangelegenheit einzumiſchen,“ entgegnete er entrüſtet. Ein feines, vielſagendes Lächeln glitt über das fahle knochige Geſicht des Rechtskonſulenten. „Ich hatte dieſen Einwurf erwartet,“ fuhr er ruhig fort. „Sehen Sie, ich zähle nicht zu den glücklichen Juriſten, die jeden Tag ihren Champagner trinken können, im Gegentheil, ich bin einer von den armen Schluckern, die nur Armenpraxis haben. Sie wiſſen doch, was das bedeutet?“ „Nein, es intereſſirt mich auch nicht—“ „Ah, aber es dient zum beſſeren Verſtändniß, wenn ich Ihnen die Sache klar mache. Na, die Bedeutung der Armenpraxis fin⸗ den Sie ſchon in den Worten ſelbſt. Sie werden begreifen, daß ich keine Seide dabei ſpinne. Da geht’s mir dann, wie dem — 396— Jäger, der nach wochenlanger erfolgloſer Jagd endlich einmal einen feiſten Haſen entdeckt. Er verfolgt ihn ſo lange, bis er ihn in der Jagdtaſche hat.“ „Was ſoll der Vergleich?“ fragte Heinrich ungeduldig. „Die Bedeutung liegt nahe,“ erwiderte Wimmer achſelzuckend. „Ihr Antrag contra Scherenberg iſt der Haſe, auf den ich Jagd mache.“ Befremdet blickte Heinrich den kleinen hageren Mann an, der jetzt aus einer zinnernen Doſe bedächtig eine Prieſe nahm und darauf ebenſo bedächtig die verſtreuten Tabakkörner von ſeiner fadenſcheinigen Weſte abſchnellte. Er begriff den Zuſammenhang nicht, wenngleich er auch errieth, daß es ſich um eine beabſichtigte Prellerei handelte. „Sie verſtehen das noch nicht?“ fuhr der Rechtsconſulent nach einer Pauſe fort.„Sehr einfach, ich habe entdeckt, daß Ihre Sache ziemlich faul iſt und laſſe Ihnen nun die Wahl zwiſchen meinem juriſtiſchen Beiſtande oder meiner Feindſchaft.“ Wimmer bekräftigte dieſen Vorſchlag durch ein ſehr nachdrück⸗ liches Kopfnicken und blickte darauf den jungen Herrn ſo pfiffig lächelnd an, als ob er ihn fragen wolle, was er denn zu dieſem Beweis von Schlauheit ſage. „Dieſe Art, Klienten zu ſuchen, iſt mir wirklich neu,“ ſagte Heinrich, nachdem er ſich von ſeiner Ueberraſchung erholt hatte. „Ich fürchte aber, daß Sie auf dieſem Wege ebenſowenig Seide ſpinnen werden.“ „Muß verſucht werden,“ erwiderte der Rechtskonſulent ruhig. „Sie ſind der Erſte, mit Ihnen eröffne ich das Spekulations⸗ geſchäft, wir ſind alſo beide Spekulanten, nur mit dem Unterſchiede, daß Sie Ihr Schäfchen ſchon im Trocknen haben. Sie denken am Ende: ich wolle Sie nur in's Bockshorn jagen? Bewahre, ich bin meiner Sache ziemlich ſicher. Fürs Erſte kenne ich dieſen Herrn Merville, der ſo gütig war, den Irrſinn Ihres Aſſocie's zu beglaubigen. Ich lernte ihn in England kennen, damals war er noch Schiffsarzt und ich ſtellte ihm ſchon derzeit das Prognoſti⸗ kon, daß er einmal den Galgen zieren werde. Zweitens liegt es klar auf der Hand, daß Sie Ihren Aſſocie nach Siegburg oder in eine andere hieſige Anſtalt geſchickt haben würden, wenn der Irrſinn wirklich eine Thatſache wäre.“ „Mein Herr!“ fuhr Heinrich, bebend vor Wuth auf. „Es ärgert Sie, daß ich Ihnen in die Karten blicke. Du lieber Himmel, weshalb ſpielen Sie nicht verdeckter? Ich habe natürlich mein Intereſſe dabei, das kann mir Niemand verdenken, wenn ich es wahrnehme. Hier alſo liegt der faule Punkt. Dem Gericht genügt vielleicht das Zeugniß Merville's, es wird Ihrem ———=— zVͤSS2 ☛ —— einen hn in ickend. Jagd n der und ſeiner uhang ichtigte ſulent Ihre riſchen drück⸗ pfiffig dieſem ſagte hatte. Seide ruhig. tions⸗ ſchiede, denken wahre, dieſen ſorie's 3 war gooſtr⸗ eegt es J oder im der .Dü habe denken, Dem Jhrem — 397— Antrage Folge leiſten. Was dann? Sie müſſen das Vermögen Ihres Aſſocies herausrücken, das Gericht wird dasſelbe verwalten bis zum Tode des Irrſinnigen und es alsdann den rechtmäßigen Erben aushändigen. Das aber kann nicht in Ihrem Plane liegen, und entweder haben Sie an dieſe Folge nicht gedacht, oder Sie beſitzen irgend ein Dokument, welches Ihnen die ganze Hinter⸗ laſſenſchaft zuſichert. Nehmen wir das letztere an, ſo kann dieſes Dokument, gleichviel, ob es ein Teſtament, oder ein Schenkungs⸗ akt iſt, angefochten werden, ſobald ein geſetzlich berechtigter Erbe auftritt. Die Gründe der Anfechtung aber mögen ſein, welche ſie wollen, ſie finden eine Stütze in dem faulen Punkte, auf den ich vorhin Sie aufmerkſam machte. Sehen Sie das ein?“ Heinrich fand keine Worte für ſein Erſtaunen, ſeine Beſtür⸗ zung und Entrüſtung. Der Rechtskonſulent hatte ihm das Alles ſo klar und deutlich geſagt, als ob er in die Pläne des jungen Mannes ganz genau eingeweiht ſei. Er mußte zugeben, daß er ſich in dieſem Manne einen ge⸗ fährlichen Gegner erwarb und doch konnte er ſich nicht entſchließen, gemeinſchaftliche Sache mit ihm zu machen. Er ſagte ſich, wenn er dies thue, ſo müſſe er ſich dieſem ge⸗ riebenen Juriſten auf Gnade und Ungnade ergeben, das könne für ihn bedeutend unangenehmere Folgen haben, als wenn er den Kampf mit ihm aufnahm. Zudem hatte ja Merville ihn über die Folgen einer Reviſion ſeiner Anſtalt vollſtändig beruhigt. „Ich leugne nicht, daß Ihre Combinationen und Schlußfolge⸗ rungen außerordentlich ſcharf und ſpitzfindig ſind,“ erwiderte er, und es lag ein beißender Spott in dem Tone, in welchem er das ſagte.„Allein, es ſind doch nur leere Vermuthungen, auf welche dieſe Combinationen ſich ſtützen. Mein Herr Aſſocie iſt deshalb in einem Londoner Irrenhauſe untergebracht worden, weil ſein Irrſinn ſich während ſeinem Aufenthalt in England zeigte.“ Wieder glitt jenes vielſagende Lächeln über das Geſicht des Juriſten. „Sie wußten das wohl voraus?“ fragte er. „Wieſo?“. „Hm, Merville war ja kurz vor der Abreiſe Ihres Aſſocie's nach England hier, ſie haben wohl damals ſchon mit ihm über dieſen Fall geſprochen?“ 3 Die Wangen Heinrich's erbleichten, es koſtete ihm Mühe, ſeine gewaltige Aufregung zu beherrſchen. „Merville hat am Tage vor der Abreiſe Ihres Aſſocie's im Pariſer Hof logirt,“ fuhr Wimmer mit ſcharfer Betonung fort, „er iſt gleichzeitig mit dieſem Herrn Scherenberg abgereiſt.“ — 398— „Mag ſein,“ erwiderte Heinrich, eine Ruhe heuchelnd, die ſeiner Seele fremd war,„mir iſt davon nichts bekannt.“ Der Rechtsconſulent blickte den jungen Mann ſcharf an, die Ruhe deſſelben täuſchte ihn nicht, ſie bewies ihm nur, daß Heinrich Schenk nicht geneigt war, ſich mit ihm zu verbünden. „Sie ſcheinen Ihrer Sache ziemlich ſicher zu ſein,“ ſagte er. „Sie wären es nicht, wenn Sie wüßten, was ich zu thun ent⸗ ſchloſſen bin.“ „Thun Sie, was Ihnen beliebt!“ „Sie wiſſen wohl nicht, daß Ihr Aſſocie noch entfernte Ver⸗ wandte hat?“ „Was kümmert es mich?“ „Dieſe Verwandten werden unter meinem Rechtsbeiſtande die Sache unterſuchen.“ „Es wird mir lieb ſein, wenn dies geſchieht, das Reſultat dieſer Unterſuchung wird den Beweis liefern, daß ich in meinem Rechte bin, wenn ich die Auflöſung des Geſellſchaftsvertrages beantrage.“ „Und das Vermögen?“ „Mein Herr, was berechtigt Sie, dieſe Frage an mich zu ſtellen?“ fuhr Heinrich auf. „Ich ſtehe hier im Namen meiner Klienten,“ erwiderte Wim⸗ mer trocken,„nachdem Sie vorgezogen haben, meinen Beiſtand zurückzuweiſen, bleibt mir nichts Anderes übrig, als die Sache Ihrer Gegner zu vertreten.“ „Wo ſind dieſe Gegner?“ ſpottete Heinrich.„Wollen Sie ſich zum Anwalt des Irrſinnigen aufwerfen, ſo zeigen Sie Ihre Vollmacht, ohne dieſe haben Sie kein Recht, in ſeinem Intereſſe aufzutreten.“ Der Rechtsconſulent nahm ſeinen Hut. „Wie geſagt, ich bin genau unterrichtet,“ verſetzte er,„ſo genau, als es unter den obwaltenden Umſtänden überhaupt möglich iſt, ich durchſchaue Ihre Pläne und werde ſie zu durchkreuzen wiſſen. Wollen Sie meinen Beiſtand annehmen, ſo ſchweige ich, vorausgeſetzt, daß Sie meine Bedingungen erfüllen; ich laſſe Ihnen Zeit bis heute Abend, darüber nachzudenken. Erhalte ich keine Antwort, ſo weiß ich, was ich zu thun habe. Guten Morgen.“ Heinrich konnte nicht leugnen, daß die ihm unbekannten Pläne dieſes Juriſten ihn in hohem Grade beunruhigten. Es unterlag keinem Zweifel, daß er ihm gegenüber einen ſehr ſchweren Stand habe, dennoch zog er noch immer vor, das Bündniß zunrück zu weiſen. Seine ganze Hoffnung beruhte nun darauf, daß Merville ihm das verlangte Teſtament einſchickte; er hatte ihn darauf aufmerkſam — 399— gemacht, daß dieſes Schriftſtück in geſetzlicher Form und unter einem früheren Datum ausgefertigt ſein müſſe. Beſaß er dieſes Dokument, ſo konnte Niemand ihm etwas an⸗ haben, zumal er die Ueberzeugung hegen durfte, daß das Geheimniß nicht aufgeklärt wurde. Merville hatte in ſeinem letzten Briefe geſchrieben, er hege die Hoffnung, ihm das Teſtament verſchaffen zu können, er möge ſich noch eine kurze Zeit gedulden, über's Knie könne man dieſe An⸗ gelegenheit nicht brechen. Zwei Tage ſpäter las Otto in den Zeitungen eine Aufforde⸗ rung des Rechtsconſulenten Wimmer an alle nahen und entfernten Verwandten des in Köln wohnenden Peter Paul Scherenberg. Er erſuchte ſie, ſich entweder ſchriftlich oder perſönlich bei ihm zu melden behufs Entgegennahme ſehr wichtiger Mittheilungen. Heinrich lächelte ſpöttiſch über dieſe Annonce. Scherenberg beſaß ja nur einen Verwandten, einen Vetter, der in Breslau wohnte und ein heruntergekommenes Subject ſein ſollte. Es war nicht wohl anzunehmen, daß dieſer Menſch die Zei⸗ tungen las, oder beſſer Freunde beſaß, die ſich ſo ſehr für ihn intereſſirten, daß ſie ihn auf dieſe Annonce aufmerkſam machten. Er beſchloß, dieſer Sache einſtweilen ihren Lauf zu laſſen und ſeine Aufmerkſamkeit nun der Angelegenheit ſeines Schwagers zu⸗ zuwenden. Das Vermögen Theodor Liebmanns mußte ſein Eigenthum werden, gleichviel, welche Opfer es koſtete, dieſen Zweck zu er⸗ reichen. Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Das Glücksrad. Bertram Schenk hatte den Beſuch des Braſilianers längſt ver⸗ geſſen. Seitdem der Konſul in Rio de Janeiro ihm geſchrieben hatte, daß ſeine Hoffnung auf die reiche Erbſchaft eine vergebliche ſei, war er ſo klug geweſen, dieſe Erbſchaft ganz zu vergeſſen, und ſelbſt die Vermuthungen und Behauptungen jenes Braſilianers, der den Erblaſſer ſo genau gekannt haben wollte, konnten ihn — 400— nicht veranlaſſen, die alten begrabenen Hoffnungen wieder aufzu⸗ wecken. Umſomehr überraſchte es ihn, als er eines Tages plötzlich einen Brief aus Braſilien erhielt, in welchem jener Fremde ihm mittheilte, daß der verſtorbene Friedrich Schenk ein namhaftes Vermögen hinterlaſſen habe, dieſes Vermögen indeß ſchon vor mehreren Monaten durch den preußiſchen Conſul erhoben worden ſei. Er habe noch keine Zeit gefunden, nach Rio Janeiro zu reiſen, um perſönlich darüber mit dem Conſul Rückſprache zu nehmen, ſchrieb dieſer Fremde, der ſich Karl Roſendahl nannte, ſobald er könne, werde er weitere Nachforſchungen anſtellen, inzwiſchen rathe er dem Wirth, ſich direkt an den Conſul zu wenden, da man an⸗ nehmen müſſe, daß auch dieſer durch einen raffinirten Betrüger dupirt worden ſei. Bertram Schenk las dieſen Brief zu wiederholten Malen, dann ſteckte er ihn in die Taſche. Es fiel ihm ſchwer, ſeiner fieberhaften Aufregung Herr zu werden, einer Aufregung, die ſehr natürlich war. Wenn die Behauptungen Roſendahls auf Wahrheit beruhten, und das konnte der Schenkwirth nicht bezweifeln, da zu einem ſolchen Zweifel keine triftigen Gründe vorlagen, ſo hatte ein ſchlauer Betrüger ſich der Hinterlaſſenſchaft bemächtigt und es war ſehr gut möglich, daß man dieſen Betrüger nie entdeckte. Bertram Schenk nahm raſch mehrere Prieſen nacheinander, ein Zeichen, daß er ſich mit ſehr ernſten Dingen beſchäftigte. Aber ſo ſehr er ſich auch den Kopf zerbrach, gelang es ihm doch nicht, in das Dunkel einige Klarheit zu bringen, er hatte nicht die leiſeſte Ahnung davon, wer dieſer Betrüger ſein könne. Mancher Andere an ſeiner Stelle würde ſofort im Familien⸗ kreiſe den Inhalt dieſes wichtigen Briefes mitgetheilt haben. Ber⸗ tram Schenk that es nicht. Er hatte ſeine guten Gründe dafür. Wenn ſeine Frau erfuhr, daß er über den Löffel barbirt worden war, ſo durfte er auf eine Gardinenpredigt rechnen, die ihm die Galle in's Blut treiben mußte. Freilich hatte Frau Schenk damals über die braſilianiſche Erbſchaft geſpottet und durch ihre beißenden Bemerkungen ihm das Vorhaben, genaue Nachforſchungen anzuſtellen, verleidet, aber darauf durfte er ſich jetzt nicht mehr berufen, wenn er nicht den Vorwurf hören wollte, es ſei ſeine Pflicht geweſen, ſich durch derartige Bemerkungen nicht abhalten zu laſſen, das Intereſſe ſeiner Fa⸗ milie zu vertreten. Alſo ſchwieg der Schenkwirth,— gelang es ihm, den Betrüger zu entdecken und dieſem den Raub zu entreißen, ſo war es ja aufzu⸗ plötzlich de ihm mhaftes on vor rden ſei. nreiſen, nehmen, obald er en rathe nan an⸗ Betrüger Malen, derr zu eruhten, erfuhr, auf eine treiben ihm das r darau Vorwurf derartige ner Jr⸗ Betrüger mj es je — 401— immer noch früh genug, ſeiner Familie den unerwarteten Glücksfall zu berichten. Auch mit Heinrich mochte Bertram Schenk über dieſe Angelegenheit nicht berathen. Heinrich beſaß ſein Vertrauen nicht mehr, ſeitdem der Schenk⸗ wirth wiederholt Gelegenheit gefunden hatte, den Hochmuth und die Herzloſigkeit dieſes Sohnes kennen zu lernen. An Otto konnte er auch nicht darüber ſchreiben, er fürchtete in der Seele des Jünglings Hoffnungen zu erwecken, die auf ſein ernſtes Streben ſtörend einwirkten. Aber der Drang nach Mit⸗ theilung ließ ihn nicht ruhen. Er war einer von den Naturen, die nicht gut ein Geheimniß bewahren können, die Alles, was ſie trifft, Freud und Leid, mit einem befreundeten Herzen theilen müſſen. Und unter allen Bekannten des Schenkwirths war Kaspar Melchior Gabel, der Barbier, ſtets der aufrichtigſte, theilnehmendſte Freund geweſen. Die Beiden hatten einander ſchon Manches anvertraut, wes⸗ halb ſollte Bertram Schenk ihm dieſe Nachricht verſchweigen? Der Barbier war nicht nur ein theilnehmender und ver⸗ ſchwiegener Freund, er beſaß auch einen klugen Kopf und konnte gewiß dem Freunde mit ſeinem Rathe einen guten Dienſt leiſten. Der Schenkwirth nahm abermals eine Priſe und klappte die Doſe ſehr energiſch zu. So wollte er es machen, der Barbier ſollte ihm rathen und dieſen Rath wollte er befolgen. In der Regel ſprach der Barbier ſchon in der Abenddämmerung vor, noch ehe das Licht angezündet wurde, er plauderte dann mit dem Wirth, bis die übrigen Stammgäſte ſich einfanden. Heute aber war er nicht der erſte Gaſt. Es war kurz nach ſpier Uhr, als ein großer, breitſchulteriger Mann in die Schenkſtube trat, der mit den in ſehr erregtem, freu⸗ digem Tone geſprochenen Worten:„Gott zum Gruß!“ dem befremdet aufblickenden Wirth die Hand bot. „He,— kennt Ihr denn den Nikolas nicht mehr?“ fuhr der Fremde fort, als Schenk zögernd ſeine kleine, runde Hand in die ſchwielige Rechte ſeines Gaſtes legte.„S' iſt freilich ein Jahr her, daß wir uns zum letztenmale ſahen, aber ich meine, ſo ſehr könne ich mich doch nicht verändert haben—“ „Sieh da, Herr Schwarz,“ unterbrach der Wirth ihn freudig überraſcht, während über ſein behäbiges, wohlgenährtes Antlitz ein heiteres Lächeln ſich breitete. „Wahrhaftig, ich hätte Sie kaum wieder erkannt. Sie ſind ja in der Fremde ein Herkules geworden. Wie konnte ich aber auch an Sie denken?“ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 26 — 402— 4„Es iſt wahr, Sie mußten mich noch in London vermuthen,“ erwiderte Nikolas, nachdem er, der dringenden Einladung des Wirthes Folge leiſtend, Platz genommen hatte,„Otto wird Ihnen inzwiſchen noch nicht geſchrieben haben.“ Bertram Schenk war hinausgeeilt, er kehrte nach einigen Augen⸗ blicken mit zwei gefüllten Gläſern zurück. „Jetzt erzählen Sie mir, was Sie hierher führt und wie es 4 meinem Jungen in London geht,“ ſagte er.„Er hätte mitkommen ſollen,— weiß der Henker, ſeitdem er fort iſt, habe ich keine frohe Stunde mehr.“ Nikolas that einen tiefen kräftigen Zug, dann blickte er mit ſeinen treuherzigen Augen den alten Mann fragend an. „Da iſt ja Ihr Sohn Heinrich,“ erwiderte er,„man ſagt, er ſoll ſehr reich geworden ſein und eine ausgezeichnete Parthie gemacht haben.“— Der Wirth nickte, ein düſterer Schatten glitt über ſein Geſicht. „Reden wir nicht von ihm,“ verſetzte er,„wenn Geld allein glücklich machen kann, dann muß er allerdings ſehr glücklich ſein, aber ich kann mich dieſes Glücks nicht freuen.“ „Und Ihre Tochter Helene?“ „Ja, ja, ſie iſt ein liebes, gutes Kind, Gott ſegne ſie für ihre Liebe und—— aber wenn im Hauſe nicht Alles ſo recht in einander greift, dann iſt auch kein rechter Frieden und kein rechter Segen da— laſſen wir das alſo, was macht Otto?“ „Er hat eine ausgezeichnete Stelle und ich hege die Hoffnung, daß er ſein Ziel bald erreichen wird. Im Uebrigen iſt er noch immer der Alte, unermüdlich bei der Arbeit, ſparſam und ſolide in ſeiner Lebensweiſe.“ I„Ah— er hat Charakter—“ „Und ein gutes Herz.“ „Ganz gewiß. Wie aber kommt es, daß Sie London verlaſſen haben?“ „Man bot mir eine ſo vortreffliche Stellung an, daß ich ein leichtſinniger Thor geweſen wäre, wenn ich ſie ausgeſchlagen hätte.“ „Da wünſche ich Ihnen Glück,“ ſagte der Wirth, und Nikolas erwiderte den Handoruck des kleinen Mannes ſo herzhaft, daß Bertram Schenk ſich verſucht fühlte, laut aufzuſchreien. „Ich bin Werkführer in der Schloſſerei eines Bergwerkes,“ fuhr Nikolas fort;„ich erhalte ein namhaftes Gehalt nebſt freier Wohnung und bin in meiner Stellung ganz und gar ſelbſtſtändig.“ „Wo liegt das Bergwerk?“ „Bei Eſſen.“ In dieſem Augenblick trat der Barbier ein. „Und es gefällt Ihnen dort?“ uthen,“ ng des Ihnen Augen⸗ wie es kommen h keine er mit ſagt, er Parthie Geſicht. d allein lich ſein, für ihre recht in n rechter voffnung, er noch nd ſolide — 403— „Sehr. Kommen Sie einmal herüber, es wird Sie gewiß intereſſiren, ein Bergwerk kennen zu lernen.“ Der Wirth hatte ſich erhoben, ſo intereſſant ihm auch die Unterredung mit dem Freunde ſeines Sohnes war, zog er doch in dieſem Augenblick eine Unterhaltung mit dem Barbier vor; die Angelegenheit, welche er mit dieſem zu berathen hatte, war für ihn weit wichtiger. Nikolas ſaß ſelbſt auf glühenden Kohlen. Er war hauptſächlich gekommen, um Helene wiederzuſehen und mit ihr zu reden und nun ſann er ſchon ſeit einer Viertelſtunde vergeblich über einen Vorwand nach, der ihm die Privatwohnung des Wirthes öffnen konnte. Bertram Schenk kam dieſem Wunſche zuvor. „Sie ſind natürlich mein Gaſt, ſo lange Sie hier weilen,“ ſagte er,„wenn ich mich in den Abendſtunden Ihnen nicht ſo ganz widmen kann, wie ich es gerne möchte, ſo hoffe ich, Sie werden das entſchuldigen, der Wirth muß überall ſein, wenn die Gäſte kommen. Meine Frau und Tochter wird es gewiß auch intereſ⸗ ſiren, über die Erlebniſſe Otto's in Frankreich und England etwas Näheres zu erfahren;— bitte, gehen Sie in's Wohnzimmer, ich komme nach, ſobald ich es ermöglichen kann.“ Nikolas ließ ſich das nicht zweimal ſagen, nachdem er den Barbier begrüßt und einige Worte mit ihm gewechſelt hatte, verließ er die Schenkſtube. Der Wirth führte jetzt ſeinen Freund in das Hinterſtübchen und überreichte ihm hier den erhaltenen Brief. „Was ſagen Sie dazu?“ fragte er, nachdem Gabel den Brief geleſen hatte. Der Barbier blickte lange ſchweigend in ſein Glas, dann leerte er es zur Hälfte auf einen Zug. „Ich würde ſofort an den Konſul ſchreiben,“ ſagte er. „Das werde ich auch thun, aber bis die Antwort von dort eintrifft, ſind abermals Monate verſtrichen.“ „Leider, aber Sie werden ſich bis dahin gedulden müſſen,“ fuhr der Barbier fort, während er nachdenklich ſeine Naſe rieb.„Dieſer Roſen⸗ dahl kann kein Intereſſe dabei haben, Sie hinter's Licht zu führen, ich wüßte wenigſtens nicht, was er dadurch bezwecken wollte.“ Der Wirth nickte gedankenvoll. „Dennoch habe ich meine eignen Gedanken darüber,“ ſagte er bedächtig.„Ich kann nicht wohl annehmen, daß dieſer Mann ſo ganz zufällig hierhergekommen ſein ſoll, ich meine, er müſſe eine mir allerdings unerklärbare Abſicht dabei gehabt haben.“ „Nun, das werden Sie ja durch den Konſul erfahren,“ er⸗ widerte der Barbier ruhig. — 404— „Das heißt, ich werde erfahren, ob der Betrug ſtattgefunden hat, oder nicht.“ „Und das zu erfahren iſt ja einſtweilen die Hauptſache.“ „Aber damals ſchrieb doch der Konſul ſelbſt, es ſeien mehr Schulden als—“ „War der Brief ächt?“ „Natürlich; er trug das Siegel und die Unterſchrift des Kon⸗ ſuls und die Poſtſtempel bewieſen auch, daß er aus Braſilien kam.“ „Nichts deſtoweniger kann es ein gefälſchter Brief geweſen ſein,“ ſagte der Barbier bedenklich. „In dieſem Falle müßte ich den Betrüger in Braſilien ſuchen.“ „Freilich, wo anders ſollte er ſtecken? Na, wenn der Betrug ſtattgefunden hat, wird der Konſul ſchon die Sache in die Hand nehmen.“ „Das hoffe ich auch,“ erwiderte Bertram Schenk, indem er tief in ſeine Doſe hineingriff,„einſtweilen wollen wir uns noch keinen Hoffnungen hingeben, ſchweigen Sie auch über die Geſchichte, meine Familie ſoll nichts erfahren.— Apropos, wie hat's Ihnen denn geſtern in Mülheim ergangen?“ Der Barbier ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken, ein ſchmerz⸗ licher Seufzer entrang ſich ſeinen Lippen. „Es hat Sie wohl ſehr überraſcht, als ich Ihnen geſtern Mittag mein Vorhaben im Fluge mittheilte?“ fragte er. „Ich kann das nicht leugnen, dieſes Vorhaben—“ „Betrachten Sie vielleicht als eine Narrheit?“ „O nein, das nicht, aber—“ „Aber Sie dachten doch, ich ſtehe im Begriff, einen dummen Streich zu machen. Sehen Sie, ich kann von dem Mädchen nicht laſſen, trotzdem ich mir ſagen muß, daß ein ſo grundhäßlicher Menſch, wie ich—“ „Nun nun, ſo ſchlimm iſt's doch nicht.“ „Der Spiegel hat's mir oft genug geſagt, weshalb ſoll ich ſelbſt mich zu täuſchen ſuchen. Damals, als die Geſchichte mit Liebmann ſich ereignete, habe ich Hermine ſehr ſcharf verurtheilt und ich ſage auch jetzt noch, daß ihr Hochmuth ſie zu Fall ge⸗ bracht hat. Aber ſpäter wurde ich doch milder in meinen Anſichten, ich bedauerte das Mädchen und mit dem Mitleid erwachte auch die alte Liebe wieder. Sie wiſſen, Hermine war plötzlich ver⸗ ſchwunden und der Schneider beobachtete ein hartnäckiges Schweigen. Ich aber wollte wiſſen, wo das Mädchen ſteckte und wer ſucht, der findet. Sie iſt im Hauſe ihrer Tante in Mülheim vor ſechs Wochen mit einem Knaben niedergekommen,— eine Früh⸗ — 405— geburt, die ſchwerlich auffkommen wird. Na, ich hab's mir lange überlegt und bin ſchließlich zu dem Reſultat gekommen, daß Her⸗ mine trotz dieſem Fehltritt eine gute Gattin und Hausfrau ſein könne, und das bewog mich denn, ihr noch einmal meine Hand anzubieten. Ich dachte mir, Hermine könne dadurch den Flecken von ihrer Ehre abwaſchen und zugleich auch ihrem Kinde eine gute Pflege ſichern. Ich verdiene genug, um eine keine Familie zu ernähren und wenn's ſpäter eine große Familie iſt, ſo wird unſer Herrgott wohl das Nöthige dazu geben.“ Bertram Schenk nickte beiſtimmend. „Mit einem ſolchen Vertrauen und ernſtem Fleiß verhungert man ſo leicht nicht,“ ſagte er.„Nun, wie nahm ſie es auf?“ „Sie war Anfangs überraſcht, verwirrt, ſie ſchien mir im Herzen zu danken für dieſe Werbung, die ihr beweiſen mußte, daß ſie noch immer meine Achtung und mein Vertrauen beſaß. Ich ſagte ihr frei und offen, daß ich ſehr wohl wiſſe, wie häßlich ich ſei, daß ich aber hinter dieſer äußeren Häßlichkeit ein gutes Herz und ein treues Gemüth habe, und daß die Schönheit ja niemals ein Fundament für das Glück in der Ehe ſei. Ich ſagte ihr ferner, daß ich keine Liebe von ihr verlange, ſondern nur Achtung und Vertrauen, daß ich aber mich beſtreben wolle, mir ihre Liebe zu erwerben.“ „Das war vortrefflich geſagt,“ verſetzte der Wirth.„Nach meiner Anſicht konnte das Mädchen nichts Beſſeres thun, als Ihren Antrag anzunehmen.“ „Sie wies ihn zurück,“ fuhr der Barbier wehmüthig fort. „Nicht barſch und verletzend, nein, mit einfachen, ſchlichten Worten. Sie dankte mir und erwiderte, daß ſie das Opfer, welches ich ihr bringen wolle, nicht annehmen könne. Ihre Ehre ſei nun einmal befleckt und das werde man ihr nie vergeſſen, auch auf mich werde dieſe Schmach ſich erſtrecken, wenn ich trotzdem und alledem ſie heirathe. Ich habe ihr lange zugeredet, aber ſie be⸗ harrte bei ihrer Anſicht.“ Bertram Schenk griff nachdenklich in die Doſe und ſchüttelte das Haupt. „So ſehr Unrecht hat ſie nicht,“ ſagte er,„ein derartiger Fehl⸗ tritt bleibt immer haften, die böſe Welt benutzt jede Gelegenheit, um—“ „Was kümmert, das mich und ſie? Wenn wir glücklich ſind, was kümmert uns dann das Gerede der Leute? Weiß Gott, ich habe ihr meine Haud angeboten, weil ich ſie lieb habe, von einem Opfer meinerſeits kann da wohl keine Rede ſein.“ „Ihr ſeid ein guter Menſch, Gabel,“ ſagte der Schneider, der bei den letzten Worten unbemerkt eingetreten war.„Hermine — 406— hat mir heute Mittag mitgetheilt, weshalb Ihr geſtern ſie beſucht habt— ich wollte, ich hätte Euch früher ſo kennen gelernt, es wäre vielleicht Manches anders gekommen.“ „Sagt das nicht,“ erwiderte der Wirth,„es kommt Alles, wie es kommen ſoll, wir können's nicht ändern, auch wenn wir's voraus wüßten.“ „Und was ſagte Hermine dazu?“ fragte der Barbier.„Sie hat meinen Antrag zurückgewieſen, weil ſie fürchtete, ich wolle ihr ein Opfer bringen—“ „Sie darf ihn nicht annehmen,“ unterbrach Wacker ihn ruhig. „Mit einer ſolchen Vergangenheit ſoll man nicht heirathen, es kommen in jeder Ehe Differenzen vor und in ſolchen Stunden ſucht man gerne Gründe und Vorwände, um dem Andern zu beweiſen, daß man ſelbſt der leidende Theil iſt. Da bietet nun eine ſolche Vergangenheit gar zu leicht—“ „Glaubt Ihr, ich könne ſo niederträchtig ſein, meiner Fran—“ „Lieber Freund, im Augenblick der aufwallenden Leidenſchaft thut man Manches, was man hernach bitter bereut. In China iſt jeder Wortwechſel unter den Eheleuten ſtreng verboten, wer dieſes Verbot übertritt, wird am hellen Tage auf den Markt geführt und ſo lange mit faulen Eiern und Aepfeln beworfen, bis er gelobt, fortan den häuslichen Frieden nicht mehr ſtören zu wollen.“ „Na, dann müſſen die Menſchen dort anders ſein, wie hier,“ verſetzte der Wirth,„hier würde man nicht ſo viele Eier und Aepfel herbeiſchaffen können, als zu dieſer Prozedur nöthig wären. — Apropos, ſpielt Ihr noch immer in der Lotterie?“ Der Schneider nickte. „Ich habe das halbe Loos noch einmal behalten,“ ſagte er;„ich hatte vor, es wenigſtens theilweiſe zu verkaufen, es iſt mir nach⸗ gerade doch zu theuer und meine Frau hat mir ſchon manches beißende Wort deshalb geſagt. Aber ich konnte mich nicht gut entſchließen; ich meine, einmal müſſe man doch gewinnen.“ „Seid froh, wenn Ihr den Einſatz zurückerhaltet,“ verſetzte der Barbier,„ich weiß nicht, mit der Lotterie kann ich mich nicht befreunden.“ „Ihr habt nie geſpielt?“ fragte Wacker. „Nein, ich habe nie ſo viel Geld zu viel gehabt, daß ich mir ein Loos anſchaffen konnte.“ „Na, das muß man einzurichten wiſſen. Wenn ich jeden Tag. ein Glas Bier weniger trinke, ſo macht das im Jahre zwölf Thaler, an einem Ende ſparen und am andern das Erſparte richtig anwenden, die Kunſt muß man kennen.“ Der Eintritt eines kleinen, ziemlich wohlbeleibten Herrn brach das Geſpräch ab. —Q—Q—Q—Q—ę—ę—C—C—C—O—O—O—O—C—C—O—O—O—Qꝭ——— d beſucht ut, es Alles, wir's Sie lle ihr ruhig. en, es en ſucht weiſen, ſolche 2u—“ enſchaft China , wer Markt en, bis ollen.“ hier, er und wären. — 407— Dieſer Herr muſterte die Anweſenden mit einem ſcharf prüfen⸗ den Blick und näherte ſich dann raſch dem Schneider. „Sie ſind der Herr, den ich ſuche,“ ſagte er,„in Ihrer Wohnung ſagte man mir, ich würde Sie hier finden.“ Der Schneider blickte befremdet auf. „Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen,“ erwiderte er,„alſo muß doch ein Irrthum vorliegen.“ Der Fremde liächelte. „Ich glaube nicht,“ fuhr er fort,„Sie ſind Herr Fritz Wacker—“ „Schneidermeiſter Wacker,— allerdings. Womit kann ich dienen 555 Der Fremde hatte ſein Portefeuille geöffnet, nahm aus dem⸗ ſelben einen Brief und legte ihn geöffnet vor den Schneider hin. „Spielen Sie dieſe Nummer?“ fragte er. Als ob ein elektriſchen Funke ihn getroffen habe, fuhr Fritz Wacker von ſeinem Sitz empor.. Seine Knie zitterten, ſtier blickten ſeine Augen den Fragen⸗ den an. „Es iſt in der That meine Nummer,“ ſtotterte er verwirrt. „Sie wiſſen das ganz beſtimmt?“ „Natürlich, ich ſpiele ſie ja ſchon ſeit zwei Jahren.“ Der Fremde nickte. „In unſern Büchern ſteht ebenfalls hinter dieſer Nummer Ihr Name verzeichnet,“ ſagte er. Der Gleichmuth und die Ruhe des Fremden bildeten einen ſcharfen Kontraſt zu der fieberhaften Erregung des Schneiders und der ungeduldigen Erwartung, die ſich in den Zügen der beiden Freunde ausdrückte. „Na, wie viel hat er denn gewonnen?“ fragte der Schenkwirth. Der Fremde ſchob das Portefeuille wieder in die Taſche und bot dem Schneider die Hand. „Ich wünſche Ihnen Glück,“ ſagte er,„auf Ihre Nummer iſt das große Loos gefallen.“ „Das große Loos!“ riefen die Beiden wie aus einem Munde, während der Schneider, unfähig, ein Wort über die Lippen zu bringen, gleich einer Statue da ſtand. „Das große Loos,“ wiederholte der Fremde.„Da ſie ein halbes Loos ſpielen, ſo fällt Ihnen ein Gewinn von fünfund⸗ ſiebenzigtauſend Thaler zu.“ Fritz Wacker warf mit einem Freudenſchrei ſeine Mütze hoch empor. „Von dieſer Summe werden natürlich die Koſten und Gebühren in Abzug gebracht,“ fuhr der Fremde fort,„wenn Sie zu mir in's Bureau kommen wollen, werde ich Ihnen das ganz genau berechnen.“ „Natürlich, morgen hole ich das Geld,“ rief der Schneider, der inzwiſchen ſeinen Freunden die Hand geſchüttelt hatte. „Morgen früh um acht Uhr.“ „So raſch geht das nicht,“ erwiderte der Collecteur,„die Gewinne werden erſt nach vier Wochen ausgezahlt.“ „Nach vier Wochen?“ „Ja, indeß, wenn Sie das Geld früher haben wollen, können Sie's bei der Bank gegen Zinsvergütung in Empfang nehmen. Auch bin ich gerne bereit, Ihnen eine kleine Summe auf Abſchlag ſchon jetzt zu zahlen, überlegen Sie ſich das.“ Der Collecteur ging hinaus. Fritz Wacker reichte mit leuch⸗ tenden Augen noch einmal ſeinen Freunden beide Hände. „Jetzt hat alle Noth ein Ende,“ ſagte er,„jetzt können wir auch einmal das Leben genießen.“ „Nur nicht zu üppig!“ warnte der Wirth.„Denkt an das Sprichwort: Wie gewonnen, ſo zeronnen!“ „Und hütet Euch vor den guten Freunden, die ſich jetzt Euch aufdrängen werden,“ ſetzte der Barbier hinzu. Der Schneider hörte ſchon die letzten Worte nicht mehr, er war hinausgeeilt, um ſeiner Gattin zu beweiſen, daß ſie mit ihrem Schelten über ſeine Ausgaben für die Lotterie Unrecht gehabt habe. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Der Treue Lohn. Nikolas fand im Wohnzimmer die Mutter und die Schweſter Ottos, und der kalte Empfang, der ihm von Seiten der Haus⸗ frau zu Theil wurde, berührte ihn ſehr unangenehm. Um ſo freundlicher und liebenswürdiger war Helene, das ſöhnte ihn einiger⸗ maßen mit jener Kälte wieder aus. Er berichtete ihnen die Erleb⸗ niſſe in Frankreich und England, vermied es aber, die Begegnung mit Heinrich in Paris zu erwähnen. Frau Schenk äußerte ſich mißbilligend darüber, daß Otto nicht im Etabliſſement Michelets geblieben ſei und Valerie geheirathet habe, ihre ſcharfen, verletzenden Bemerkungen, an welche ſich ein ſehr unpaſſender Vergleich Otto's mit ſeinem Bruder knüpfte, erbitterten den jungen Mann, er konnte ſich nicht überwinden — deſter daus⸗ n ſo iger⸗ tleb⸗ nung richt athet ein ppfte, nden — 4 9.— ſeiner Entrüſtung in einigen eben nicht fein gewählten Worten Luft zu machen. Da gab denn ein Wort das andere und bei den ſchroffen Anſichten der Frau Schenk, bei ihrer Vorliebe für Heinrich konnte es nicht ausbleiben, daß Nikolas ſich bald in einen Wortwechſel verwickelt ſah, in welchem er den Kürzeren ziehen mußte. Ver⸗ geblich ſuchte Helene zu vermitteln, die Mutter ward in ihrem Urtheil über Otto nur immer härter und bitterer, ſo daß Nikolas ſich ſtark verſucht fühlte, augenblicklich ſich zu entfernen. Wenn er dies nicht that, wenn er trotzdem blieb, ſo hatte das ſeine guten Gründe, welche Frau Schenk ſchwerlich ahnen konnte. Hätte ſie nur im Entfernteſten eine Ahnung davon gehabt, ſo virer ſie ſich gehütet haben, die beiden jungen Leute allein zu aſſen. Unter dem Vorwande, einer Freundin ihren Beſuch zugeſagt zu haben, ging ſie hinaus, allem Anſcheine nach wollte ſie dadurch nur dem jungen Manne beweiſen, wie unangenehm und läſtig ſein Beſuch ihr war. Helene verſuchte das Benehmen der Mutter zu entſchuldigen, und ſo wenig ſtichhaltig auch die Gründe waren, welche ſie für dieſe Entſchuldigung hervorſuchte, ließ Nikolas ſie doch gelten, ihm war es lieb, daß er endlich allein mit dem Mädchen war, die wenigen Augenblicke dieſes Alleinſeins wollte er nicht getrübt ſehen. Die Beiden redeten nun über Otto viel miteinander. Helene erkannte die Gründe an, die den Bruder bewogen hatten, auf das Anerbieten Michelets zu verzichten und bei dieſer Gelegenheit theilte Nikolas ihr mit, daß auch ihm in Mülhauſen ein ſolches Anerbieten gemacht worden ſei, welches er aus denſelben Gründen nicht angenommen habe. Helene wußte das ſchon. Otto hatte ihr darüber geſchrieben und zwar ausführlicher, als Nikolas ahnte. Ihr Erröthen, ihre Verwirrung mußten das dem jungen Manne beweiſen, und Nicolas wäre ein Thor geweſen, wenn er dieſe Gelegenheit nicht benutzt hätte⸗ Wie es kam, das wußte er ſelbſt nicht und was er ſprach, das wußte er nachher auch nicht mehr, er erinnerte ſich nur dunkel, daß er viel von Liebe und Treue, von einem genügenden Einkommen, ſeinem redlichen Willen und dem Glück ſeines Lebens geſprochen hatte. Dann hatte Helene Anfangs die Wimpern geſenkt und eine dunkle Purpurgluth ergoß ſich dabei über ihre Wangen, bald darauf aber hatte ſie mit ihren großen blauen Augen ihn recht treuherzig angeſchaut und ihre kleine weiße Hand in die ſchwielige Rechte des ehrlichen Werbers gelegt. — 410— Sie hatte ihm geſagt, daß ſie ihn achte und liebe und daß ſie ſeit Langem ſchon ihm gut ſei und Nikolas war darüber ganz entzückt geweſen. Die erſten Augenblicke dieſes ſüßen Glücks trübte kein Schat⸗ . die Beiden hatten Alles vergeſſen, ſie lebten nur ihrer iebe. Aber die Wolken, welche dieſen Sonnenſchein verdunkeln ſollten, drohten ſchon in der Ferne, ſie rückten näher und näher heran. Sie vergaßen Beide, wie raſch die Stunden verſtrichen. Arm in Arm ſaßen ſie plaudernd beiſammen, ſie hatten einander ſo viel au erzählen, daß ſie kein Ende finden konnten. Da ſchreckte plötzlich eine ſcharfe Stimme ſie jäh aus ihrer ſüßen Verſunkenheit empor. Aufblickend ſahen ſie die Mutter vor ſich ſtehen, und es be⸗ durfte keines beſonderen Scharfblicks, um zu erkennen, daß Frau Schenk ſich in keiner roſenfarbenen Stimmung befand. Mit zornglühendem Blick und kreideweißen Lippen ſtand die große, hagere Frau auf der Schwelle des Zimmers und ihre Haltung erinnerte an den Cherubim, der mit feurigem Schwert die erſten Menſchen aus dem Paradieſe trieb. „Das ſind heitere Geſchichten!“ ſagte ſie und ihre bebende Stimme verrieth die gewaltige innere Erregung.„Liebesverhält⸗ niſſe hinter dem Rücken der Eltern und noch dazu mit einem armſeligen Schloſſergeſellen, der—“ „Erlauben Sie, Frau Schenk,“ unterbrach Nikolas ſie feſt, aber ruhig,„Helene hat mir das Jawort gegeben, ſie iſt meine Braut, und mir bleibt jetzt nur noch übrig, die Eltern um ihren Segen zu bitten.“ Frau Schenk hatte raſch Hut und Tuch abgelegt. „So? das bleibt Ihnen übrig?“ ſpottete ſie, und ein ver⸗ letzender Hohn drückte in dieſem Spott ſich aus, ein Hohn, der den jnngen Leuten das Blut in die Wangen trieb. „Sieh Einer an, wie zuverſichtlich ſolche Leute auftreten kön⸗ nen! Als ob wir ſo ohne Weiteres in Alles einwilligen müßten!“ „Mutter, ſei nicht ſo bitter,“ bat Helene.„Ich habe ja gar nicht daran gedacht, daß Nikolas um meine Hand werben werde, ich habe ja bis heute—“ „Ruhig!“ fiel die erboſte Frau ihr in's Wort.„Was dieſer ſogenannten Verlobung vorhergegangen iſt, kümmert mich weiter nicht, ich werde nie meine Einwilligung dazu geben. Niemals!“ Sie lief nach dieſen, im Tone leidenſchaftlicher Aufregung geſprochenen Worten zur Thüre und rief den Namen ihres Mannes. „Niemals!“ wiederholte ſie zurückkehrend noch einmal, ohne — 411— die Beiden nur eines Blickes zu würdigen.„Es iſt mir genug, daß wir ſchon einen Handwerker in der Familie haben!“ „Und dieſer Handwerker wird Ihnen einſt mehr Ehre machen wie der vielgeprieſene Kaufmann,“ erwiderte Nikolas gereizt. „Hochmuth kommt gar oft vor dem Fall, ein ſtrebſamer Hand⸗ werker—“ „Und wenn Sie eine Million beſäßen, mein Schwiegerſohn werden Sie nicht!“ rief Frau Schenk trotzig.„Ich will doch ſehen, ob ich gehorchen muß, wenn es Ihnen beliebt, zu befehlen.“ „Du lieber Gott, was iſt denn nun los?“ fragte der Wirth eintretend.„Man ſollte ja faſt glauben—“ „Was hier los iſt?“ fuhr Frau Schenk, ihn unterbrechend, fort.„Das ſind die Folgen davon, wenn man die Augen nicht offen hält und jedem hergelaufenen Handwerksburſchen mit einer höflichen Verbeugung die Thüre öffnet.“ „Jetzt wird es zu viel,“ ſagte Nikolas ernſt.„Ich kann viel ertragen, aber meine Geduld hat auch einmal ein Ende und auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.“ „Nikolas, bedenke, ſie iſt meine Mutter,“ bat Helene,„ſie meint es nicht ſo ſchlimm—“ „Na, da ſoll man wohl noch dem Herrn Handwerksburſchen um den Hals fallen und ihm für die Ehre danken?“ keifte die Hausfrau.„Da wollte ich noch lieber Dich im Kloſter ſehen!“ „Werde ich denn nun endlich einmal erfahren, weshalb dieſer Lärm geſchlagen wird?“ fragte der Wirth, der mit wachſendem Erſtaunen ſeinen Blick von dem Einen zum Anderen ſchweifen ließ. „Die Sache iſt ſehr einfach,“ erwiderte Nikolas.„Ich liebe Helene ſchon ſeit Jahren, ſie erwidert meine Liebe. Nun haben wir vorhin einander das Jawort gegeben.“ „Heit're Geſchichten!“ ſchaltete Frau Schenk ein. „Es iſt geſchehen, ehe wir's wußten,“ fuhr Nikolas ruhig fort, „und ich meine, das entſchuldigt es, daß ich nicht vorher mich an Sie gewandt habe.“ „Auch das noch!“ keifte die Hausfrau.„Ich begreife die Unverſchämtheit nicht.“ „Ich finde hier keine Unverſchämtheit,“ entgegnete Bertram Schenk ruhig,„ich wüßte nicht, was Dich berechtigen könnte, ſie zu ſuchen.“. „Keine Unverſchämtheit?“ rief Frau Schenk entrüſtet.„Mein Gott, iſt es denn keine Unverſchämtheit, ſwenn ein ſolcher Handwerks⸗ geſelle um die Hand unſerer Tochter wirbt?“ „Ach ſo!“ „Natürlich, Dir hat er eine Ehre damit erzeigt. Du biſt froh, wenn Deine Tochter verſorgt iſt—“ „Jetzt verlange ich, daß dieſes Keifen und Schimpfen endlich einmal ein Ende nimmt,“ ſagte der Wirth mit einer Entſchieden⸗ heit, wie er ſie nie zuvor gezeigt hatte. „Erzählen Sie, Nikolas, was geſchah weiter?“ „Nun, wir ſaßen hier und ſprachen über die Vergangenheit, wir wollten noch heute Abend die Eltern um ihre Einwilligung und ihren Segen bitten. Da tritt Ihre Frau plötzlich ein und noch ehe wir ein Wort ſprechen können, überſchüttet ſie uns ſchon mit beleidigenden Vorwürfen. Wir haben geſchwiegen, als wir einſahen, daß ſie ſich nicht beruhigen ließ, aber wenn's noch lange in dieſer Tonart fortgeht, dann kann ich nicht mehr ſchweigen. Grobe Arbeit kann ich auch liefern, das iſt kein Kunſtſtück, und wer mich an meiner Ehre angreift, der kann's mir nicht verargen, wenn ich zuſchlage, daß die Funken davon ſprühen.“ Der Wirth zog ſeine Doſe hervor, ſie war in allen Fällen ſeine beſte Freundin, bei ihr holte er ſich Rath, Muth und Troſt, wenn er deſſen bedurfte. So nahm er auch jetzt eine Prieſe, dann durchwanderte er langſam das Zimmer. Frau Schenk aber zerrte an den Bändern ihrer Haube und warf von Zeit zu Zeit einen Blick der tiefſten Entrüſtung auf das junge Paar, welches ruhig den Entſchluß des Vaters er⸗ wartete. „Ich meine, wir hätten Aerger und Sorgen genug,“ ſagte ſie, „mun muß auch noch von dieſer Seite Verdruß kommen. Was würde Heinrich dazu ſagen, wenn er erführe, ein Schloſſergeſelle ſolle ſein Schwager werden?“ Der Schenkwirth blieb ſtehen, auch in ſeinem Innern gährte und kochte es, man las es in ſeinem Blick, der durchdringend auf der keifenden Frau ruhte. „Iſt denn Heinrich hier Herr im Hauſe, oder bin ich es?“ erwiderte er.„Was er dazu ſagt, kümmert mich nicht, er mag vor ſeiner eignen Thüre kehren!“ „So? Das kümmert Dich nicht? Und unſere Verwandtſchaft mit dem Fabrikant Liebmann?“ „Kann mir erſt recht geſtohlen werden!“ fuhr Bertram Schenk gelaſſen fort.„Ich dünke mich doch zu gut, um mich von dieſen hochnaſigen Leuten über die Achſeln anſehen zu laſſen!“ „Wenn das Heinrich hörte!“ „Ich will's ihm in's Geſicht ſagen, oder glaubſt Du vielleicht, ich fürchte mich vor ihm? Er paßt freilich ganz zu dieſen Leuten, es genirt ihn, wenn er unſer Haus betreten muß. Er mag ſich vorſehen, es iſt ſchon Mancher gefallen, der höher ſtand, wie er.“ „Du gönnſt ihm ſein Glück nicht!“ — — 413— „Weshalb ſollte ich es ihm nicht gönnen? Mich muß es ja freuen, wenn's meinen Kindern gut geht—“ „Jawohl— wenn Otto, Dein Augapfel, dieſes Glück hätte, wär's eine andere Sache.“ Der Schenkwirth zuckte die Achſeln und blickte mit ſeinen klugen Augen bedeutſam den jungen Mann an. „Sagen Sie ſelbſt, iſt es möglich, gegen ſolche albernen Redens⸗ arten aufzutreten?“ fragte er.„Ich habe lange das Maul ge⸗ halten, leider Gottes zu lange, aber jetzt will ich auch einmal von der Leber wegreden und meinen Standpunkt behaupten. Man wirft mir vor, Otto ſei mein Augapfel. Ja, ja, er iſt es, aber wodurch iſt er es geworden. Zuerſt durch ſeinen biederen Charakter, ſeinen Fleiß und ſein ernſtes Streben, dann auch dadurch, daß er von ſeiner Mutter ſtets mit einer verletzenden Geringſchätzung be⸗ handelt wurde. Meine Frau hat immer große Roſinen im Kopfe gehabt, der Handwerker galt ihr nichts, ihre Söhne ſollten Kauf⸗ leute oder ſtudirte Herren werden. Wer aber den Arbeiterſtand nicht achtet, wer in ihm nicht das lebensfriſche Mark des ganzen Volkes ſieht, der muß mit einem maßloſen Hochmuth behaftet ſein. Man wirft mir ſtets das fabelhafte Glück Heinrich's vor! Nun ja, er iſt ein reicher Herr geworden, er wird vielleicht auch nächſtens ſeine Equipage halten und es ſollte mich nicht wundern, wenn er alsdann ſeinen armen Vater verleugnete. Aber iſt's da⸗ mit allein gut? Ich achte den Tagelöhner höher, der für ſeine Familie Liebe hegt, der Herz und Gemüth ſich bewahrt hat. Ich habe meine Einwilligung zur Heirath Heinrich's nur ungerne ge⸗ geben, die Zeit wird lehren, ob meine Befürchtungen begründet waren oder nicht, gebe Gott, daß das letztere der Fall iſt.“ „Biſt Du nun zu Ende?“ ſpottete Frau Schenk. „Noch lange nicht,“ fuhr Bertram Schenk in ernſtem Tone fort,„aber ich will das Uebrige für mich behalten, es nutzt ja doch nichts, ob ich Dir meine Anſichten auseinanderſetze.— Helene, ſage mir offenherzig, glaubſt Du Dein Lebensglück in dieſer Ver⸗ bindung zu finden?“ „Ich glanbe es nicht allein, ich weiß es,“ erwiderte das Mäd⸗ chen ohne Bedenken. „Und Sie, Nikolas, haben ein Einkommen, welches vollſtändig hinreicht für die Bedürfniſſe einer kleinen Familie?“ „Ja und ich hoffe dieſes Einkommen mit der Zeit noch ver⸗ größern zu können.“ „Wohl, hier iſt meine Hand, ich gebe meine Einwilligung,“ ſagte Bertram Schenk ruhig mit einem treuherzigen Lächeln auf den Lippen. Die jungen Leute eilten auf ihn zu und umarmten ihn. — 414— Stumm und ſtarr vor Erſtaunen blickte Frau Schenk auf die Gruppe. Sie begriff offenbar nicht, wie es möglich war, daß dies Wirklichkeit und nicht eine Täuſchung ſein ſollte. Eine ſo ſcharf ausgeprägte Oppoſition hatte ihr Gatte noch nie gewagt, ihr Wille war bisher allein maßgebend geweſen. Helene näherte ſich ihr. „Und Du, Mutter?“ fragte ſie.„Es kann ja Dein Ernſt nicht ſein, meinem Glück in den Weg treten zu wollen— „Deinem Glück?“ rief Frau Schenk in ſchneidendem Tone. „Eine Heirath mit einem Schloſſergeſellen— Glück? Lächerlich! Ich will die Komödie nicht länger ſtören— angenehme Ruhel Fort war ſie, laut ſchallend fiel hinter ihr die Thüre in's Schloß. Bertram Schenk war an ſolche Auftritte zu ſehr gewöhnt, als daß ſie ihn in beſondere Aufregung verſetzt hätten. Er zuckte kaltblütig die Achſeln und nahm dann geräuſchvoll eine Priſe. „Geduld,“ ſagte er ruhig,„wir müſſen ihr Zeit gönnen. Sie weiß jetzt, daß ich wieder Herr im Hauſe bin, ſie wird nun auch wohl einſehen, daß ſie ſich fügen muß.“ „Und wenn ſie es nicht thut?“ fragte Helene beſorgt. „Na, ich werde ihr den Kopf ſchon zurechtſetzen, und ſo große Eile hat's ja auch noch nicht.“ „Das will ich nun gerade nicht behaupten,“ erwiderte Nikolas, „je eher ich den eigenen Herd gründen kann—“ „Deſto angenehmer iſt es Ihnen, ich kann's mir denken. dur ich will ſehen, was ſich thun läßt. Wie lange bleiben Sie ier?“ „Ich denke, morgen wieder abzureiſen.“ „Morgen ſchon?“ fragte Helene. „Ja, die Herren ſehen's nicht gerne, wenn man die Arbeit verſäumt.“ Bertram Schenk nickte zuſtimmend. „Ich finde das in der Ordnung,“ ſagte er,„reiſen Sie, ich werde Sie vielleicht bald beſuchen und dann hoffe ich, Ihnen eine gute Nachricht mitzubringen.“ Eine halbe Stunde ſpäter verließ Nikolas das Haus, die Ein⸗ ladung des Wirthes, unter ſeinem Dache zu übernachten, lehnte er ab und Bertram Schenk ſchien das erwartet zu haben.—— In der Wohnung des Schneiders Wacker wurde zu derſelhen Stunde ein ebenſo gewaltiger Lärm geſchlagen. Der kleine dürre Schneider hielt die Taille ſeiner korpulenten Ehehälfte umſchlungen und tanzte mit ihr in der Stube umher, daß die Teller und Schüſſeln in dem Schranke klirrten. — 415— Madame Wacker ſank endlich erſchöpft auf einen Stuhl nieder und jetzt gönnte auch der Schneider ſich einen ruhigen Augenblick. Er trocknete die naſſe Stirne und ließ ſeinen Blick flüchtig durch das Zimmer ſchweifen. „Von dieſen alten Brocken nehmen wir nichts mit,“ ſagte er, „nichts ſoll mich in dem neuen Hauſe daran erinnern, daß ich einmal Schneider geweſen bin. Wie ich dieſe Elle zerbreche, ſo zerbreche ich die Erinnerung an die Vergangenheit.“ Mit einer theatraliſchen Geberde warf der Schneider die Stücke der zerbrochenen Elle hinaus. Er ſchleuderte ſie durch das offene Fenſter hinunter, ohne zu bedenken, daß er ſich dadurch einer Uebertretung der Polizeigeſetze ſchuldig machte. „Auch an China?“ fragte Frau Wacker. „Auch an China!“ fuhr der Schneider fort.„Du wirſt nun auch einmal in dieſes geſegnete Land kommen, es verſteht ſich ja von ſelbſt, daß ich mit Dir eine Reiſe dahin Mache Ich habe dort ſo viele frohe Stunden verlebt— „Tritz, Fritzl⸗ „Du lieber Himmel, ich begreife nicht, daß man mir das nicht glauben will. Aber darum keine Feindſchaft nicht, wer das große Loos gewinnen kann, der kann doch wahrhaftig auch in China ge⸗ weſen ſein.— Laſſen wir das ruhen. Alſo, ich werde morgen zu dem Kollekteur hingehen und mir einen Vorſchuß für die vier Wochen, die wir abwarten müſſen, geben laſſen. Dann gehe ich zu einem Häuſermakler, wer Geld hat, kann Häuſer genug kaufen.“ „Ein Haus mit einem Garten, Einfahrt, Stallung und Remiſe.“ „Natürlich, wir können's ja haben.“ „Wir werden auch Wagen und Pferde halten?“ „Verſteht ſich ganz von ſelbſt. Allemal Derjenige, welcher!“ Madame Wacker nickte befriedigt. „Wir werden dann einen ſehr vornehmen Verkehr haben,“ ſagte ſie,„und nach dieſem Verkehr müſſen wir uns natürlich richten. Du darfſt die Bierhäuſer nicht mehr beſuchen, es paßt ſich nicht mehr für Dich—“ Sie brach ab, die Thüre war haſtig geöffnet worden und der Nachbar des Schneiders, Herr Otto Schirmer, eingetreten. Der alte Herr trug in der Hand ein Stück der Elle, welche Fritz Wacker ſo pathetiſch zerbrochen hatte. „Ich möchte Sie erſuchen, etwas vorſichtiger mit Ihrem Hand⸗ werksgeräthe umzugehen,“ ſagte er, indem er das Stück Holz emporhob,„Sie hätten eben ſo gut mein Geſicht treffen können, wie Sie meinen Hut getroffen haben.“ — 416— „Bedaure,“ erwiderte der Schneider, ſich in die Bruſt werfend, „mit Abſicht iſt es wahrlich nicht geſchehen.“ „Erlauben Sie, die Wucht des Wurfes läßt doch wohl eine Abſicht vorausſetzen.“ „Mein Herr, ich werde den Schaden erſetzen. Meine Mittel erlauben mir das, haben Sie die Güte, mir Ihre Schadenrechnung zuzuſchicken, ſie ſoll prompt bezahlt werden.“ Der Bankier muſterte mit einem Blick des Erſtaunens den Schneider vom Scheitel bis zur Sohle. „Von einer Schadenrechnung will ich abſehen,“ erwiderte er, „Sie haben Ihre Groſchen—“ „Holla, von Groſchen kann keine Rede mehr ſein,“ unterbrach Wacker ihn raſch.„Es fragt ſich ſehr, wer reicher iſt, Sie oder ich!“ „So, ſo,“ ſpottete Schirmer,„da haben Sie wohl das große Loos gewonnen?“ „Wenn Sie nichts dagegen haben— jal Haben Sie vielleicht Luſt, ein Kapital von mir auf erſte Hypothek zu nehmen? Sie können's haben, weil ich weiß, daß Sie ſolide ſind.“ Otto Schirmer ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Wenn das Glück Sie wirklich in dieſer Weiſe begünſtigt hat, ſo möchte ich Ihnen dennoch rathen, nicht gar ſo übermüthig darauf zu pochen,“ ſagte er warnend.„Halten Sie feſt, was Sie haben und denken Sie nicht, es könne kein Ende nehmen. Wer weiß, ob Sie dieſe Elle, die Sie im Uebermuth zerbrochen haben, nicht noch einmal ſehr bedürfen.“ Der Schneider blickte achſelzuckend ſeine Gattin an, als der Bankier ſich nach dieſer Warnung entfernt hatte. „Der borſtet auch vor Neid!“ ſpottete er.„Na, meinetwegen, darum keine Feindſchaft nicht. Er hat nicht einmal ſo viel, daß er Wagen und Pferde halten kann!“. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Die Cholera. An demſelben Abend, an welchem der Schneider die Nachricht erhielt, daß er das große Loos gewonnen habe, ſaßen in dem Wirthshauſe in Deutz die Feinde des Wucherers Herz berathend beiſammen. 417 erfend„Und ich ſage noch einmal, je eher wir die Sache unternehmen, deſto beſſer iſt es,“ flüſterte Peter Braun ſeinen beiden Verbündeten I eint zu.„Wir müſſen erwarten, daß der Schuft plötzlich heimlich ab⸗ reiſt, dann haben wir das Nachſehen.“ Mittel„Weshalb haben wir's nicht ſchon längſt ausgeführt?“ warf ürung der Notariatsſchreiber achſelzuckend ein.„Es war doch ſchon vor Monaten beſchloſſen!“ he dr„Die Schuld lag an ihm,“ fuhr Braun, auf den ehemaligen 15 Schreiber deutend, fort.„Er hat Angſt—“ nen„Durchaus nicht,“ unterbrach Bernhard Schenk ihn.„Ich fürchte nur, die Sache gelingt uns nicht, dann ſind wir verloren!“ „Und ich denke, Euch oft genug geſagt zu haben, daß das eine erbtach alberne Furcht iſt,“ warf der Schreiber ein,„der Wucherer wird ſich hüten, uns der Polizei zu überliefern, er weiß ſehr gut, daß . in dieſem Falle das Thor des Zuchthauſes ſich auch für ihn lroße öffnet.“ „Das ſage ich auch,“ verſetzte Braun.„Zudem liegt es doch elich auf der Hand, daß unſer Plan gelingen muß.“ 2 Sie„Er iſt wenigſtens ſehr einfach,“ ſagte der Schreiber beiſtimmend. Bernhard Schenk blickte nachdenklich in ſein Bierglas. „Mir iſt natürlich die Hauptrolle zugedacht,“ verſetzte er,„ich gt hat, ſoll die Kaſtanien aus dem Feuer holen.“ müttig„Ihr ſeid ein Narr und eine Memme dazu,“ brummte der as Sie Schloſſermeiſter.„Ihr geht einfach hin und begehrt Einlaß unter Vexr dem Vorwande, Ihr brächtet eine ſehr wichtige Nachricht, die auf haben, die braſilianiſche Erbſchaft Bezug habe. Er wird öffnen, das unterliegt keinem Zweifel, die Sache iſt für ihn zu wichtig.“ als der„Er wird ſagen, ich möge am Tage wiederkommen.“ „So erwidert Ihr, jeder Augenblick Verzug vergrößere die wwegen, Gefahr.“ el, daß„Ihr kennt ihn nicht ſo, wie ich,“ warf Schenk ein.„Er iſt ſo mißtrauiſch—“ „Na, zum Teuſel, Ihr werdet's doch verſuchen können!“ fuhr Braun gereizt auf.„Ich ſage Euch, er wird öffnen, Euch fürchtet er ja nicht. Alſo wenn das geſchieht, ſo ſorgt Ihr, daß das Licht in dem Augenblick, in welchem er die Thüre öffnet, erliſcht. Das kann nicht ſchwer fallen und auch keinen Verdacht wecken. Ihr ſagt ihm, er möge nur vorgehen, die Hausthüre würdet Ihr ſchon ſchließen. Das thut Ihr nun ziemlich geräuſchvoll, aber ſo, daß die inneren Riegel zurückgeſchoben bleiben, ſo daß ich ſpäter mit dem Schlüſſel hinein kann. Das iſt Alles, was Ihr zu thun 1 achricht habt.“ in dem„Und ich meine, das ſei ſo leicht, daß jedes Kind es über⸗ rrathend nehmen könne,“ ſagte der Schreiber. Fuͤnfmalhunderttauſend Thaler. 27 — 418— „So übernehmt Ihr es,“ warf Schenk ein. „Und wer ſoll nachher die Arbeit verrichten?“ fragte Peter Braun.„Da werdet Ihr erſt recht Euch zurückziehen. Es bleibt bei der Abſprache, wollt Ihr nicht mit uns ſein, ſo iſt dabei peibee nichts verloren, nöthigenfalls übernehmen wir Beide es allein.“ „Bewahre,“ erwiderte Schenk raſch,„der Schurke hat mich zu niederträchtig behandelt, als daß ich auf die gerechte Rache ver⸗ zichten könnte. Wann ſoll es ausgeführt werden?“. „Heute Abend.“ „So raſch?“ „Wir müſſen. Man hat mir verrathen, daß Jakob Herz ſchon ſeinen Paß gefordert und erhalten habe, wer bürgt uns dafür, daß er morgen noch hier iſt? Hat er ſich einmal durchgemacht, ſo iſt alles zu Ende, nachlaufen können wir ihm nicht.“ Nach einigem Zögern gab Bernhard Schenk ſeine Zuſtimmung, die drei Verbrecher verließen das Wirthshaus und wanderten über die Brücke nach Köln. Es war zwiſchen zehn und elf Uhr, als Bernhard Schenk am Hauſe ſeines ehemaligen Prinzipals die Glocke zog. Der Wucherer wachte noch, er ging ſelten vor elf Uhr zu Bette. Wie der Schreiber vorausgeſehen hatte, ſo geſchah es. Jakob Herz öffnete das Fenſterchen neben der Thüre und fragte, wer Einlaß begehre. Als Bernhard Schenk ſeinen Namen genannt und ihm mitge⸗ theilt hatte, er bringe in Bezug auf die braſilianiſche Erbſchaft eine ſehr wichtige Nachricht, erwiderte der Wucherer barſch, man möge ihn damit verſchonen, er öffne ſo ſpät ſeine Thüre nicht mehr. Darauf war der Schreiber vorbereitet, ſeine nicht minder barſche Antwort, dann ſei es ihm gleichgültig, wenn die Polizei noch im Laufe der Nacht den Wucherer aus dem Bette hole, er für ſeine Perſon werde ſich zu ſichern wiſſen, machte den beab⸗ ſichtigten Eindruck. Jakob Herz überzeugte ſich, daß Bernhard Schenk allein war und öffnete dann vorſichtig die Thüre. Das Licht, welches der Wucherer vor ſich hielt, erloſch. „Teufel, jetzt ſtehen wir in der Finſterniß,“ ſagte der Schrei⸗ ber unwirſch;„ich habe keine Luſt, mir an Euren alten Schränken die Schienbeine zu zerſtoßen. Geht voraus und zündet die Lampe an, ich werde die Thüre ſchon ſchließen.“ Jakob Herz ging nicht ſo leicht in die Falle. Ohne ein Wort zu erwidern, ſchloß er vorſichtig die Thüre, er vergaß nicht, die Riegel vorzuſchieben. — 419— Erſt nachdem er das beſorgt hatte, ging er langſam in ſeine Wohnſtube. Bernhard Schenk verſuchte die Riegel zurückzuſchieben, er mußte dabei die äußerſte Vorſicht anwenden, das leiſeſte Geräuſch konnte den Argwohn des alten Mannes wecken und dann war die Aus⸗ führung des Planes eine Unmöglichkeit geworden. Der Wucherer hörte nichts, der Schreiber war ſo ſchlau, un⸗ aufhörlich zu ſchelten über die Finſterniß und die altmodiſchen Schränke, die auf dem Hausflur ſtanden, das leiſe Geräuſch, welches er nicht vermeiden konnte, wurde dadurch erſtickt. Als der Wucherer das Licht wieder angezündet hatte, blickte er den ſpäten Gaſt fragend an; ein gewiſſer Grad von Mißtrauen ſpiegelte ſich noch immer in ſeinem Blicke, aber Bernhard Schenk gab ſich den Anſchein, als bemerke er es nicht. „Was habt Ihr mir zu ſagen?“ fragte er.„Faßt Euch kurz, ich bin müde und fühle mich außerdem nicht wohl.“ „Dann bedaure ich um ſo mehr, Euch ſagen zu müſſen, daß die Unterſchlagung der braſilianiſchen Erbſchaft entdeckt iſt,“ er⸗ widerte Schenk, indem er ſich auf einen Stuhl, der Thüre gegen⸗ über, niederließ.„Der rechtmäßige Erbe hat Briefe erhalten, die—“ „Woher wüßt Ihr das?“ forſchte Herz. „Bertram Schenk hat ſelbſt Rückſprache mit mir darüber ge⸗ nommen. Er weiß, daß Ihr der Betrüger ſeid, aber es war ihm unerklärlich, wodurch Ihr den Betrug ermöglicht habt. Das wollte er von mir wiſſen.“ „Und Ihr habt natürlich ſofort gemeinſchaftliche Sache mit ihm gemacht?“ „Ich werde mich hüten. Bertram Schenk hat mir erklärt, er werde ſchonungslos gegen Alle verfahren, die er der Mitwir⸗ kung überführen könne, ich aber habe keine Luſt, mich im Zucht⸗ hauſe zu langweilen.“ Der Wucherer warf einen lauernden Seitenblick auf ſeinen früheren Schreiber, einen Blick, in welchem Angſt, Unruhe und Mißtrauen ſich ausprägten. „Ich durchſchaue Euch,“ erwiderte er,„an der ganzen Geſchichte iſt kein wahres Wort. Wenn Bertram Schenk Beweiſe gegen mich hätte, würde er keine Zeit damit verlieren, mit Euch Rück⸗ ſprache zu nehmen, er wäre ſofort zur Polizei geeilt, um meine Verhaftung zu beantragen. Und wenn Ihr von ihm befragt wor⸗ den wäret, ſo würdek Ihr ohne Bedenken verſucht haben, ihm Eure Dienſte anzubieten, er würde alsdann vielleicht ſich jeder Bedingung gefügt und Eure Mittheilungen mit Gold aufgewogen haben.“ „Meint Ihr?“ ſpottete Schenk. 27* „Ganz gewiß, ich kenne Euch.“ Jakob Herz machte eine Bewegung, als ob er einen ſtechenden Schmerz empfinde; erſt jetzt fiel dem Schreiber das entſtellte, ver⸗ ſtörte Geſicht und der wirre, unſtäte Blick auf. „Sagt offenherzig, was Euch hierher geführt hat,“ fuhr der alte Mann nach einer kurzen Pauſe fort,„glaubt Ihr, mir die Daumſchrauben anſetzen zu können—“ „Ja, das glauben wir, alter Sünder,“ erſcholl in dieſem Augenblick eine Stimme hinter ihm,„wir haben das Recht, die Macht und die Mittel dazu.“ Erſchreckt blickte der Wucherer ſich um, Peter Braun und der Notariatsſchreiber ſtanden hinter ihm. Braun ſchloß die Thüre und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. „Jetzt ſind wir alle beiſammen,“ ſagte er,„halten wir jetzt Abrechnung.“ Sprachlos vor Angſt und Entſetzen war der Wucherer von ſeinem Sitz in die Höhe gefahren. „Wer hat Euch eingelaſſen?“ ſtotterte er. „Wir ſelbſt,“ erwiderte der Schreiber ruhig,„und ich verſichere Euch, wir haben unſere Vorkehrungen ſo gut getroffen, daß wir unſerer Sache ganz ſicher ſein dürfen.“ „Vor allen Dingen verhaltet Euch ruhig,“ ſagte der Schloſſer⸗ meiſter, indem er den dürren Mann auf ſeinen Sitz niederdrückte, „die Thüre iſt geſchloſſen und ein Hülferuf würde nur zur Folge haben, daß wir Euch für immer den Mund ſchlöſſen, abgeſehen davon, daß ein ſolcher Ruf draußen nicht vernommen wird.“ Der Blick des Wucherers irrte von dem Einen zum Andern, er las in jedem Geſicht eine düſtere Entſchloſſenheit, er fand in den Zügen eines Jeden den Vorſatz, ein Verbrechen zu begehen. „Ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt,“ ſagte er verwirrt, „ich habe Eure Dienſte hinlänglich belohnt—“ „Oho!“ fuhr Braun auf.„Als wir den verſprochenen Lohn forderten, habt Ihr mit boshaftem Hohn uns erklärt, wenn wir glaubten, zu einer Forderung an Euch berechtigt zu ſein, möchten wir unſer Recht auf geſetzlichem Wege geltend machen. Das wüßt Ihr ſo gut, wie wir es wiſſen, ich halte es für überflüſſig, darauf zurückzukommen. Was wir wollen? Das iſt mit zwei Worten geſagt: viel Geld!“ „Und wenn ich die Erfüllung dieſer Forderung verweigere?“ fragte Herz, deſſen zuckende, krampfhafte Bemegungen verriethen, daß ein phyſiſcher Schmerz ihn peinigte. „So nehmen wir's,“ erwiderte der Notariatsſchreiber kühl. „Da könnt Ihr lange ſuchen,“ ſpottete der Wucherer,„ich habe keine Hundert Thaler im Hauſe.“ enden ver⸗ der tdie leſem die d der aſche. jetzt „Das wird ſich finden,“ ſagte Braun achſelzuckend.„Leute Eurer Sorte ſind immer arm.“ „Natürlich,“ höhnte Schenk.„Wenn wir auch nicht viel baares Geld finden, ſo finden wir doch in Actien und Werthpapieren, die man an jeder Hausthüre verkaufen kann, eine ſo bedeutende Summe, daß wir für unſer ganzes Leben geborgen ſind. Der Wucherer ſchleuderte ſeinem ehemaligen Sklaven einen Blick des glühendſten Haſſes zu. „Ich hätte ſchon früher vorausſehen können, daß Ihr einmal dieſe Rolle ſpielen würdet,“ ſagte er,„weshalb gab ich Euch nicht einen Tritt—“ „Ja, weshalb thatet Ihr's nicht?“ fuhr Schenk, ihn unter⸗ brechend, mit ſchneidendem Hohne fort.„Hättet Ihr's nur ge⸗ than, ehe der Brief aus Braſilien ankam, wir wären dann alle drei noch ehrliche Leute. Ihr habt uns auf die Verbrecherbahn geführt, jetzt müßt Ihr auch die Folgen tragen.“ Jakob Herz hoffte noch immer, durch eine Liſt ſich aus der Schlinge zu ziehen, er kannte ja den entſetzlichen Plan ſeiner Gegner nicht. Gelang es ihm, ſie hinaus zu ſchaffen, ſo war er gerettet; zum zweiten Male öffnete er ihnen gewiß nicht die Thüre wieder. „Ich gebe zu, daß ich in Eurer Gewalt bin,“ ſagte er nach einer Weile kleinmüthig,„ich weiß auch, daß ich ein Opfer bringen muß, nachdem ich ſo dumm war, mich von Euch überliſten zu laſſen. Wie viel verlangt Ihr?“ Der Schloſſermeiſter gab ſeinen Genoſſen einen Wink. Den rothbehaarten Kopf auf beide Arme geſtützt, blickte er dem alten Mann ſcharf und unverwandt in's Geſicht. „Wir ſind bereit, auf dem Wege der Güte uns mit Euch zu einigen,“ erwiderte er,„aber ich mache Euch im Voraus darauf aufmerkſam, daß—— was habt Ihr, fühlt Ihr Euch un⸗ wohl?“ „Es iſt nichts,“ verſetzte Herz, und der Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichts ſtrafte dieſe Behauptung Lügen,„etwas Leibſchneiden—“ „Gießt einen Rum hinter die Binde,“ rieth der Schreiber. Schenk erhob ſich und holte aus einem Schranke einen ſtei⸗ nereen Krug und mehrere Gläſer. „Branntwein hat der alte Sünder immer im Hauſe,“ ſagte er,„aber es iſt ihm nie eingefallen, ihn einem Gaſte vorzuſetzen.“ Der Schloſſermeiſter füllte die Gläſer, ohne den finſteren Blick des Wucherers zu beachten. „Ich wollte Euch noch ſagen, Ihr möget nicht die Hoffnung hegen, uns über den Löffel barbieren zu können“ fuhr er fort, „das iſt Euch einmal gelungen, gebrannte Kinder ſcheuen das Feuer.“ ¹ — 422— „Es war nicht nöthig, mich darauf aufmerkſam zu machen,“ entgegnete der Wucherer unwirſch.„Nennt Eure Forderung, da⸗ mit ich ſehe, ob wir uns einigen können.“ „Wie viel betrug die braſilianiſche Erbſchaft?“ fragte Braun. „Nach Abzug aller Koſten ungefähr hunderttauſend Thaler,“ erwiderte Schenk. „Wir ſind unſrer vier, jeder von uns hat das Seinige ge⸗ than, alſo gebührt auch Jedem der vierte Theil.“ „Seid Ihr verrückt?“ rief der Wucherer. „Nichts weniger als das,“ fuhr Braun ruhig fort.„Ihr zahlt Jedem von uns fünfundzwanzigtauſend Thaler baar aus, alsdann ſind wir mit Euch quitt.“ Jakob Herz verlor die Geiſtesgegenwart nicht. Sein Hauptaugenmerk war ja doch nur darauf gerichtet, ſeine Gegner zu überliſten, da konnte es ja gleichgültig ſein, wie viel er ihnen verſprach. „Ich ſagte Euch ſchon, daß ich augenblicklich kein Geld habe,“ erwiderte er.„Kommt in einigen Tagen wieder—“ „Seid doch nicht ſo dumm, zu glauben, daß wir uns mit Verſprechungen begnügen werden“, fiel der Notariatsſchreiber ihm gelaſſen in's Wort.„Nicht einmal ein in geſetzlicher Form aus⸗ gefertigter Schuldſchein kann uns befriedigen. Denn, welchen Werth hat ein ſolcher Schein für uns? Wollten wir gerichtlich die Deckung verlangen, ſo würde das Gericht uns fragen, woher dieſe enorme Forderung rühre und ſelbſt wenn wir an dieſer Klippe glücklich vorbei wären, könnten wir noch immer mit Sicher⸗ heit darauf rechnen, daß Ihr die Scheine für falſch erklären würdet. Wir kennen Euch, Mann Gottes, Ihr ſeid mit allen Hunden gehetzt.“ Dann kann ich Euch nicht helfen,“ ſagte Herz gleichgültig. „Gebe ich Euch Actien, ſo kann ich morgen ſagen, ſie ſeien mir geſtohlen worden—“ „Gewiß, und eben deshalb verlangen wir baares Geld,“ ſagte der Schloſſermeiſter, der das Glas raſch nach einander zu wieder⸗ holten Malen geleert hatte. „Ich kann es nicht ſchaffen.“ „Daß Ihr's nicht im Hauſe habt, glaube ich gerne“, erwiderte Schenk.„Aber ich weiß, Ihr habt Eure Forderungen ſo viel wie möglich eingezogen und das Geld einem Bankier gebracht. Das habt Ihr gethan, damit Ihr über Euer Vermögen verfügen könnt, wenn Ihr plötzlich abreiſen wollt. Gebt uns einen Schein auf dieſen Bankier, einer von uns wird das Geld erheben, wäh⸗ rend die beiden anderen Euch ſo lange bewachen.“ „Fällt mir nicht ein!“ rief der Wucherer, der jetzt einſah, daß 31 — 423— er ſeinen gut unterrichteten Gegnern gegenüber einen ſchweren Stand hatte. „Na, dann kann ich Euch nicht helfen,“ ſagte der Schloſſer kühl,„wollt Ihr's nicht freiwillig geben, ſo nehmen wirs mit Gewalt. Seht hier dieſen Strick, der Hanf daran iſt für Euch gewachſen. Die Sache iſt ungeheuer einfach. Ihr ruft nur ein einziges Mal um Hülfe und dieſer Ruf wird nicht gehört wer⸗ den. Der Haken oben in der Zimmerdecke ſcheint mir ſtark genug zu ſein, wir legen die Schlinge um Euren dürren Hals und ziehen Euch hinauf. Ein Tiſch und ein umgeſtürzter Stuhl laſſen Jeden vermuthen, daß Ihr ſelbſt Euch das Leben genom⸗ men habt, für dieſe Vermuthung liegen ja Gründe genug vor. Iſt das geſchehen, ſo revidiren wir Eure Kaſſe. Wir haben alsdann nicht mehr zu befürchten, daß Ihr behaupten könnt, die Actien, welche wir demnächſt verkaufen werden, ſeien geſtohlen.“ Stier, mit dem Ausdruck des Entſetzens, ruhte der Blick des Wucherers auf dem Galgengeſicht des Schloſſermeiſters. Daß dieſer Mann nicht nur fähig, ſondern auch entſchloſſen war, ſeiner Drohung die That folgen zu laſſen, konnte er nicht bezweifeln, und doch ſchien ihm das Opfer zu groß, welches er bringen ſollte, um ſein Leben zu retten. Gab es denn keinen Weg, dieſer Gefahr zu entrinnen? Gewiß, es gab einen, aber an dieſen Weg dachte Keiner, auf ihn war man nicht vorbereitet. Der Notariatsſchreiber hatte keinen Blick von dem alten Manne verwandt, alſo konnte es ihm auch nicht entgangen ſein, wie ſehr der noch immer zunehmende Schmerz ihn peinigte. Und jetzt, als Jakob Herz laut ſtöhnend von ſeinem Sitz emporfuhr, erkannkte der Schreiber auch die Krankheit, deren Symptome ſich plötzlich zeigten.„Er hat die Cholera!“ ſchrie er entſetzt. Merkwürdig, daß dieſe abgehärteten Verbrecher, die ſich ohne Bedenken der größten Todesgefahr mit kaltem Blute ausgeſetzt haben würden, wenn es die Ausführung eines Verbrechens galt, vor dieſer Seuche ein ſo großes Entſetzen empfanden! Sie alle, Schenk, Braun und der Schreiber, ſtürzten zur Thüre, die ſie nicht raſch genug öffnen konnten. Der gläſerne Blick des Kranken, die krampfhaften Zuckungen ſeines Körpers jagten dieſen hartgeſottenen Sündern eine Furcht ein, die ſie nicht zu überwinden vermochten. Freilich trat auch in jenem Jahre die Seuche in einer ſo verheerenden Weiſe auf, daß man es dem Beſonnenſten nicht verübeln konnte, wenn er bei einer zufälligen Berührung mit einem ſolchen Kranken die Geiſtesgegenwart verlor. Auf der Schwelle blieb der Schloſſermeiſter zögernd ſtehen. 424— Nicht, daß er ſich ſeiner Furcht ſchämte, es fiel ihm ein, daß er Alles verloren hatte, wenn er das Feld räumte. Er bedachte auch, daß gerade jetzt die Gelegenheit zum Raube außerordentlich günſtig war, und daß, wenn der alte Mann ſtarb, das Gericht den ganzen Nachlaß verſiegelte. Er rief ſeinen Genoſſen zu, er ſchalt ſie Feiglinge, aber in demſelben Augenblick vernahm er auch den gellenden Hülferuf des Wucherers. Jakob Herz hatte den Augenblick wahrgenommen. Er ſchleppte ſich zum Fenſter hin, riß es offen und ſchrie, ſeine letzten Kräfte aufbietend, um Hülfe, ſo laut er es vermochte. Dem Schloſſermeiſter blieb nun nichts Anderes übrig, als ſeinen Genoſſen zu folgen. Als er ſie erreichte, fühlte der Notariatsſchreiber ſich ſchon von der Seuche ergriffen. Das Entſetzen, der Ekel und die Angſt hatten vielleicht den Keim, den er ſchon in ſich trug, beſchleunigt. Und jetzt zeigte ſich deutlich der Egoismus dieſer geſinnungs⸗ loſen Menſchen. Weder Braun noch Schenk kümmerten ſich um den kranken Genoſſen, ſie eilten davon und überließen ihn ſeinem Schickſale. Vergeblich bat der Schreiber ſie, ihn in ſeine Wohnung zu führen und einen Arzt zu holen, ſie gaben ihm nicht einmal Ant⸗ wort, ja ſogar die beiden Geſunden trennten ſich, weil jeder von ihnen fürchtete, der Andere könne ebenfalls im nächſten Augenblick erkranken. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Im Palaſt. Otto hatte nach ſeiner Entlaſſung aus dem Gefängniſſe ſeine Stelle in dem Etabliſſement Harriſons ſofort wieder eingenommen. Er beſchäftigte ſich jetzt ausſchließlich mit der Fabrikation des Gußſtahls, worüber er während ſeiner Haft oft und ſehr eingehend nachgedacht hatte. Gelang es ihm, auf dieſem Felde Entdeckungen zu machen, ſo konnte er vielleicht durch dieſelben ſeine Zukunft ſicher ſtellen, ja es war möglich, daß ſolche Entdeckungen eine Goldgrube waren. mungs⸗ kranken fſale. zuung zu al Ant⸗ der von genblick — 425— Mit Harriſon, der ihn in ſeinen Forſchungen uuterſtützte und denſelben mit lebhaftem Intereſſe folgte, unterhielt er ſich oft darüber. Sie waren beide in dem Punkte einig, daß man eine Miſchung erfinden müſſe, die ein weſentlich härteres und dichteres Metall liefern, ein Metall, welches die Bronze nicht nur erſetzen, ſondern Wenn das gelang, ſo war der Induſtrie ein neues Feld er⸗ öffnet, ein Feld, auf welchem man goldene Früchte ernten mußte. Inmitten dieſer Forſchungen erhielt Otto eines Tages einen Brief aus Paris. Michelet theilte in demſelben dem jungen Manne mit, daß Valerie bedenklich erkrankt ſei und vor ihrem Ende den Mann, den ſie ſo noch immer mit der ganzen Kraft ihrer Seele liebe, noch einmal zu ſehen wünſche. „Sie dürfen die Erfüllung dieſes Wunſches nicht abſchlagen,“ ſchloß Michelet dieſes Schreiben,„bei Ihrer Liebe zu den Eltern beſchwöre ich Sie, kommen Sie! Fürchten Sie nicht, daß ein Vorwurf Sie hier erwarten würde, ich werde Sie ſegnen, wenn Sie kommen, um meinem armen Kinde das Scheiden zu er⸗ leichtern.“ Otto war erſchüttert. Er hatte nicht geglaubt, daß Valerie ſich ſo tief grämen, daß der Gram ſie tödten werde. Wenn er auch ſein Gewiſſen frei von jeder Schuld fühlte, wenn er ſich auch ſagte, ihm könne kein Vorwurf gemacht werden, eine innere Stimme flüſterte ihm dennoch zu, er habe das Glück in jenem Hauſe zerſtört, er habe den Fluch hineingetragen. Er zitterte vor dem Augenblick, in welchem er dem Manne gegenübertreten ſollte, der im Herzen ihn beſchuldigte, das einzige geliebte Kind ihm geraubt zu haben, er zitterte vor dem vorwurfs⸗ vollen Blick der Sterbenden, die von ihm Abſchied nehmen wollte. Dennoch mußte er hin, das ſagte auch Harriſon, als er den Brief geleſen und Otto ihm die nöthigen Aufklärungen gegeben hatte. Er durfte die Erfüllung dieſes Wunſches nicht verſagen, er war der Sterbenden dieſen letzten Troſt ſchuldig, nachdem er, wenn auch gegen ſeinen Willen, ihr Lebensglück vernichtet hatte. Mit ſchwerem, beklommenem Herzen trat er noch an demſelben Tage die Reiſe an. Er ſaß bereits im Eiſenbahncoupé, als ihm plötzlich einfiel, daß er nicht nach Frankreich zurückkehren durfte, wenn er ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, als franzöſiſcher Deſerteur verhaftet zu werden. Er erinnerte ſich der Kriegsgeſetze, die ihm damals vorgeleſen worden waren, er erinnerte ſich, wie ſtrenge die Deſertion beſtraft wurde. Aber er glaubte ſich auch damit beruhigen zu dürfen, daß man auf ihn nicht weiter fahnden werde, da er ja derzeit das Opfer einer Privatrache geweſen war. Zudem kannte ihn ja Niemand und den Wenigen, mit denen er früher verkehrt hatte, war ſein erzwungener Eintritt in die Fremdenlegion, wie auch ſeine Deſertion ein Geheimniß geblieben. Freilich tauchte im Hintergrunde die Möglichkeit auf, daß jener Feind, der derzeit ihn zu vernichten ſtrebte und den er nicht erforſchen konnte, auch jetzt ihm zufällig begegnen und ihn abermals mit ſeinen Machinationen verfolgen konnte. Aber durfte er durch dieſe Möglichkeit ſich abhalten laſſen, eine heilige Pflicht zu erfüllen? Das wäre ein Akt der Feigheit und Selbſtſucht geweſen, deſſen Otto ſich nicht ſchuldig machen wollte. Als er in Paris ankam, ſtieg er ſofort in einen Wagen und fuhr hinaus zum Etabliſſement Michelets. Es war Abend. Die Herbſtſonne warf ihren letzten falben Schein auf die Landſchaft, die Otto verlaſſen hatte, als ſie kaum aus dem Winterſchlafe erwacht war. Wie kurz war die Zeit, die dazwiſchen lag und doch, wie viel hatte in dieſen Tagen ſich ereignet! War es denn möglich, daß in dieſer kurzen Zeit der Gram verſchmähter Liebe ein junges, lebensfrohes Herz gebrochen haben ſollte? Otto konnte es kaum begreifen und doch mußte dem ſo ſein, er hatte es ja deutlich zwiſchen den Zeilen im Briefe Michelet's geleſen. Der Wagen hielt, Otto ſtieg aus. Das Thor war geſchloſſen, überall herrſchte Stille, jene drückende, beunruhigende Stille, die ein außergewöhnliches, erſchüt⸗ terndes Ereigniß ankündigt. Als Otto im Frühjahr durch dieſes Thor hinausging, arbeiteten die Maſchinen und die Hände, aus allen Schornſteinen ſtieg der Rauch empor und die weißen Dampfwolken lagerten ſich über die Dächer. Damals herrſchte hier ein bewegtes, geräuſchvolles Leben, heute war es überall ſtill und öde. Im Begriff, die Glocke zu ziehen, ſah Otto ſich plötzlich dem Arzte gegenüber, der als Hausarzt Michelets auch ihn damals behandelt hatte. Er wagte nicht, eine Frage an ihn zu richten, in ſeinem Blick, in ſeinen Zügen las er die Antwort, ohne daß er zu fragen nöthig hatte. beſtraft daß man s Opfer Niemand var ſein ch ſeine daß jener er nicht abermals n laſſen, ;, deſſen gen und nd. Die mndſchaft, terſchlafe wie viel er Gram en haben ſo ſein Nichelets le, jent erſchüt⸗ arbeiteten ſtieg der über die es Leben, glich den 1 damals en Bll em . frag Mit einem ernſten, faſt vorwurfsvollen Blick reichte der Arzt ihm die Hand. „Sie kommen zu ſpät,“ ſagte er bewegt,„vor einer Stunde iſt ſie hinübergeſchlummert.“ Otto ſenkte den Blick, er hatte dieſe Botſchaft erwartet, dennoch beſtürzte ſie ihn ſo ſehr, daß er im erſten Augenblick keine Worte fand. „Sie hat Sie ſehnſüchtig erwartet,“ fuhr der Arzt fort,„aber eine Schuld trifft Sie nicht, Sie konnten nicht früher als heute Abend eintreffen.“ Otto blickte dem Manne der Wiſſenſchaft ernſt in's Auge. „Und doch hatte ſie Gründe mir den Vorwurf zu machen, daß ich ihren Tod verſchuldet habe,“ ſagte er.„Glauben Sie das nicht auch?“ Der Arzt zuckte ablehnend die Achſeln. „Wer darf wagen, das zu behaupten?“ erwiderte er.„Valerie hat ſchwerlich daran gedacht und wenn es Sie beruhigt, ſo will ich Ihnen ſagen, daß nie auch nur ein leiſes Wort des Vorwurfs über ihre Lippen gekommen iſt und daß ſie den Todeskeim ſchon im Herzen trug, noch ehe die Liebe zu Ihnen in daſſelbe einzog. Sie war eine edle Natur, ein Engel an Güte, Sanftmuth und Mitleid, wir alle haben viel an ihr verloren.“ „Und wie trägt Herr Michelet den unerſetzlichen Verluſt?“ fragte Otto. „Denken Sie ſich an ſeine Stelle und dann fragen Sie ſich, wie Sie ihn tragen würden. Sanguiniſche Naturen empfinden die harten Schläge des Schickſals doppelt ſchwer, ſie beſitzen ſelten die Kraft—“ „Sie fürchten auch für ihn?“ „Noch nicht, aber gerade ſeine Ruhe flößt mir Beſorgniſſe ein. Ich ſähe es lieber, wenn der Schmerz in wilden Ausbrüchen ſich Luft machte.“ Der Arzt reichte noch einmal dem jungen Manne die Hand und ſchritt dann raſch von dannen; es ſchien faſt, als ob er weitere Fragen befürchte, als ob er ihnen arsweichen wolle. Otto trat in den Hofraum des Etabliſſements. Die Arbeiter ſtanden hier gruppenweiſe beiſammen, einige hatten ihre Frauen mitgebracht. Der Verluſt traf ſie ja Alle, ſie verloren an Valerie die Mutter, die mit aufopfernder Liebe an Allem, was ſie betraf, Theil genommen hatten. Einige von ihnen grüßten den jungen Mann, aber wohin auch Otto ſchauen mochte, überall begegnete er ernſten, faſt feindſeligen Blicken. Wollten ſie ihn verantwortlich machen für dieſen Verluſt? Die Thoren, ſie ſelbſt hatten ihn ja hinausgetrieben! Sie entſannen ſich deſſen wohl nicht mehr, einer von ihnen trat aus der Gruppe hinaus und näherte ſich raſch dem früheren Kameraden. In trotziger, herausfordernder Haltung ſtand er vor ihm. „Was wollen Sie hier?“ fragte er rauh.„Wollen Sie ſehen, was Sie angerichtet haben und ſich an unſerm Schmerz weiden? Gehen Sie, Ihr Anblick reißt die Wunden auf, die uns geſchlagen ſind, er erinnert uns an das, was wir verloren haben.“ „Und dafür wollt Ihr mich verantwortlich machen?“ fragte Otto ruhig.„Wer war es, der mich aus dieſem Etabliſſement vertrieb, nachdem ich mein Leben für die eingeſetzt hatte, deren Verluſt Ihr heute betrauert. Ich will nicht ſagen, daß es anders ſekommen wäre, wenn Ihr mir damals nicht ſo kategoriſch erklärt hättet, ich müſſe weichen, weil ich der Ruheſtörer hier ſei, aber nachdem Ihr das gethan habt, ſeid Ihr nicht mehr berechtigt, Rechenſchaft von mir zu fordern.“ Der Arbeiter ſchwieg, er konnte dagegen nichts einwenden. Otto ſetzte ſeinen Weg fort. Als er die Schwelle des Palaſtes überſchritt, den Michelet bewohnte, erinnerte er ſich unwillkürlich des Augenblicks, in welchem er ihn zum erſtenmale betreten hatte. Weelche Fülle von Glück, Frieden und Eintracht hatte er damals in dieſen Räumen gefunden,— und heute? Langſam ſtieg er die breite, elegante Treppe hinauf, die zu den Privatgemächern führte, die Diener, welche ihm begegneten, blickten ernſt und finſter ihm nach. Der Diener, welche ihn am Fuße der Treppe empfangen hatte, führte ihn in das Kabinet Michelet's. Otto erſchrak, als er ſich dem Fabrikanten gegenüber ſah. Der einſt ſo kräftige, lebensfrohe Mann war ein ſchwacher, gebeugter Greis geworden, der Gram hatte ſein Haar gebleicht und tiefe Furchen in das Antlitz gegraben. Der Blick, mit welchem Michelet den jungen Mann empfing, hatte etwas Geiſter⸗ haftes, etwas von dem Glanze aus dem Jenſeits, wie man's mit⸗ unter im letzten Blick eines Sterbenden findet. „Sie kommen zu ſpät,“ flüſterte er. Otto führte den tiefgebeugten Mann zum Fauteuil zurück und nahm vor ihm Platz. Er legte ſeine Hände auf die des Fabrikanten und blickte ihm mit warmer, herzlicher Theilnahme in die hohlen, tiefliegenden Augen. „Der Herr hat's gegeben, er hat's genommen, ſein Name ſei gelobt,“ ſagte er.„Ein Troſt bleibt Ihnen, ein Troſt, den erluſt? 1 von ihnen n früheren rihm. Sie ſehen, tz weiden? geſchlagen 12“ fragte abliſſement aatte, deren es anders iſch erklärt ſei, aber berechtigt, venden. Michelet in welchem er danlals ſtieg er die em führte rihm uach. mnaen hatte — 429— Niemand Ihnen rauben kann, die Hoffnung auf ein einſtiges Wiederſehen.“ Der alte Mann nickte, er ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken, zwei große Thränen rollten über ſeine Wangen. „Es iſt beſtimmt in Gottes Rath, daß man vom Heebſten, was man hat, muß ſcheiden,“ fuhr Otto tröſtend fort,„wer kann den Rathſchluß Gottes erforſchen, wer ſich ſeinem Willen wider⸗ ſetzen? Gott, der in mein Herz ſchaut, weiß, wie unſagbar ſchwer es mir damals geworden iſt—“ „Nichts davon,“ unterbrach Michelet ihn leiſe und man ſah es ihm an, wie ſchwer es ihm fiel, eine äußere Ruhe zu be⸗ wahren.„Valerie hat Ihnen keinen Groll nachgetragen, und ich — wie könnte ich Ihnen grollen! Was Sie gethan haben, jeder Ehrenmann hätte es gethan, Sie kann kein Vorwurf treffen. Ach, daß Sie nicht früher gekommen ſind!“ „Es war nicht möglich.“ „Ich weiß es, ich hätte früher ſchreiben ſollen. Aber es iſt ja ſo ſchwer für einen liebenden Vater, glauben zu können, daß das einzige Kind ſo bald ſchon ſterben ſoll! Sterben— o mein Gott, weshalb— aber ich will nicht murren, nicht klagen, ich will ſtill ſein, ſtill und ruhig wie ein Kind, das ſolchen Verluſt nicht begreift, ich will geduldig warten, bis die Stunde des Wiederſehens ſchlägt.“ So ruhig auch Michelet das ſagte, entging doch dem jungen Manne der gewaltige Sturm nicht, der die Seele des Fabrikanten durchtobte. Er fühlte, daß Worte hier nicht tröſten konnten, daß die Sprache zu ſchwach, zu arm war, um dieſen Sturm zu beſchwören. Ihn mußte die Zeit allmählich beſchwichtigen, die Zeit, die ja ſo manche Wunde heilte. Lange ſaßen die Beiden ſchweigend einander gegenüber, beide mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt, beide nicht fähig, dieſen Gedanken Worte zu leihen. Endlich erhob Michelet ſich; draußen war es ſchon tiefe Nacht. „Kommen Sie,“ ſagte er,„mit Ihrem Namen auf den Lippen iſt ſie eingeſchlummert, ſie fand noch im letzten Augenblick eine Beruhigung darin, daß Sie ihre irdiſche Hülle zum Grabe ge⸗ leiten würden.“ Schweigend folgte Otto dem alten Manne, der mit ſchwanken⸗ den Schritten die Korridore langſam durchwanderte und endlich eine Thüre öffnete, durch die ein Meer von Licht ſich über den Korridor ergoß. Da lag ſie im ſchwarz behangenen Zimmer auf der mit Blumen und Kränzen geſchmückten Bahre, noch im Tode ſchön, eine Blume unter den Blumen. ——— — 430— Nur etwas hagerer, ſpitzer, war das liebliche Geſicht, aber ein Himmelszug, ein Lächeln des Friedens lag über daſſelbe ge⸗ breitet. „Wie ſchön ſie iſt!“ flüſterte Otto unwillkürlich. Michelet ließ ſich neben dem Katafalk zu Häupten der Leiche nieder. Sein Blick ruhte ſtarr und unverwandt auf dem bleichen, lieblichen Geſicht, welches mit Camellien und Orangenblüthen um⸗ kränzt war. Auch Otto konnte den Blick von dieſem Antlitz nicht abwenden. Er gedachte der Zeit, in der dieſe nun für immer geſchloſſenen Augen ihn ſo ſeelenvoll angeſchaut, in der dieſe kleinen, feinen Händchen ihn gepflegt hatten. O, daß er nie in dieſes Haus getreten wäre, in welches er den Fluch hineingetragen hatte! Die Wachskerzen, welche den Katafalk umſtanden, brannten tiefer und tiefer, ſchon begann draußen die Dunkelheit der Nacht dem erſten Grauen des Tages zu weichen; noch immer ſaß Michelet vor der Leiche, noch immer blickte er mit ſeinen hohlen Augen ihr in's ſtarre Antlitz. War dieſer Mann noch immer beneidenswerth? O gewiß, der herzloſe Egoiſt würde ihn noch immer beneidet haben um ſeine Schätze, und doch war er trotz dieſen Schätzen ein armer, unglücklicher Mann. Das Theuerſte was er beſaß, war ihm geraubt worden und kein Reichthum konnte ihm dieſen Verluſt je erſetzen. „Sie müſſen nun bei mir bleiben,“ ſagte Michelet, als er endlich aus ſeiner Verſunkenheit erwachte.„Holen Sie Ihre Braut hierher und übernehmen Sie die Fabrik, ich will mich fortan nur noch der Erinnerung an mein armes Kind widmen. Wollen Sie das?“ Ueberraſcht, beſtürzt blickte Otto den Fabrikanten an. Daß es dieſem Ernſt mit ſeinem Anerbieten war, konnte er nicht bezweifeln, aber durfte er daſſelbe annehmen? That er es, ſo ging das Etabliſſement vielleicht zu Grunde, er kannte ja die Abneigung, den tief wurzelnden Groll der Arbeiter, die ſofort die Arbeit niederlegten, wenn er die Leitung des Etabliſſements übernahm. Das allein hätte ihn nicht zurückgehalten, noch andere Gründe riethen ihn davon ab. Michelet konnte nur in der Thätigkeit Troſt und Vergeſſenheit finden, legte er die Leitung ſeiner Fabrik in andere Hände, ſo mußte auch ihm der Gram bald das Herz brechen. Zudem lag es ja nahe, daß der Fabrikant ſeinen ſo plötzlich gefaßten Entſchluß 1 ct, aber ein daſſelbe ge⸗ n der Leiche em bleichen, bbluthen um⸗ ht abwenden. geſchoſſenen inen, feinen welches er n, brannten it der Nacht inmer ſeß einen hohlen mer beneide Schätzen ein worden und an e, konnte ei runde, 4 Munhr der Arbeite eitung des dere Grün Vergeſſenbe : Hände, 5 udemt 10 un Entſchluh — 431— bereute, wenn er nach einigen Wochen der Unthätigkeit eine drückende Langeweile empfand. Aber abgeſehen von alledem wollte Otto nicht an dem Orte ſeinen bleibenden Wohnſitz aufſchlagen, wo Alles ihn an Valerie erinnerte. Alle dieſe Gründe nannte er dem alten Manne am Tage nach der Beerdigung und ſo ſehr auch Michelet ſich bemühte, fie zu bekämpfen, mußte er ſchließlich zugeben, daß ſie triftig genug waren. So entſchloß er ſich denn, die Leitung ſeiner Fabrik wieder zu übernehmen, nicht weil er hoffte, in der Arbeit Vergeſſenheit zu finden, ſondern weil er ſeine Arbeiter nicht außer Brod brin⸗ gen wollte. Otto mußte ihm verſprechen, ihn von Zeit zu Zeit zu beſuchen und in ſtetem Briefwechſel mit ihm zu bleiben, das war zuletzt Alles, was der alte Mann verlangte, der, an Leib und Seele gebrochen, keine Freude mehr kannte, Bevor Otto abreiſte, führte Michelet ihn durch das Etab⸗ liſſement. Vor dem alten Herrn trat Jeder ſcheu und ehrerbietig zur Seite, Otto dagegen wurde von Allen mit finſtren mißtrauiſchen Blicken betrachtet. „Da ſteht auch Ihre Maſchine,“ ſagte Michelet, als die Bei⸗ den in den Maſchinenraum traten, ſie hat ſich vortrefflich bewährt.“ Abermals eine Erinnerung an jene Zeit, eine trübe, unange⸗ nehme Erinnerung! Eine drückende Laſt fiel dem jungen Manne von der Seele, als er Abſchied genommen und die Fabrik wieder verlaſſen hatte. Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Das Ende eines Schurken. Trotzdem Otto ſich in Paris nicht blicken ließ, trotzdem er ſofort in das Hotel gegangen war, in welchem er zu übernachten Vnacht⸗ war ihm dennoch die Gefahr, verhaftet zu werden, ſehr nahe. Franz Werner, der Elſäſſer Schloſſer und ſpätere Haus⸗ meiſter Marie Latour's, war in Paris zurückgeblieben, um das — 132— Mobiliar ſeiner Herrin zu verkaufen und ihre Angelegenheiten zu ordnen. Da er bei der Entdeckung des Complotts gegen die Regierung nicht compromittirt war, ſo konnte er frei in Paris ſich bewegen, wenngleich auch die Polizeibehörde ihn unausgeſetzt im Auge hielt und ihn ſehr ſcharf beobachten ließ. Nun war Franz Werner ein durchtriebener Schurke, ein liſtiger, ver ſchlagener Menſch, der ſtets berechnend in die Zukunft blickte und ſein eigenes Ich immer in den Vordergrund ſchob. Er hegte die Ueberzeugung, daß nach dieſem Sturze Marie Latour niemals wieder die frühere Höhe erreichen werde und dieſe Ueberzeugung ſtützte ſich auf ſehr triftige Gründe. Die junge Dame hatte bei ihren erſten Eroberungen Glück gehabt, aber es waren inzwiſchen auch neue Schönheiten aufgetaucht, die ihr den Rang ſtreitig machten. Von einer Rückkehr nach Paris konnte ohnehin in den erſten Jahren nicht mehr die Rede ſein und bei ihrer Lebensweiſe genügte ſchon eine kurze Zeit, die Friſche und den Zauber der äußeren Schönheit zu verlieren. Welche Rolle konnte ſie dann noch ſpielen? Keine von irgend welcher Bedeutung. Es lag in der Natur der Sache, daß ſie auf dem betretenen Wege immer tiefer und tiefer ſinken mußte, ſobald ſie von der mühſam erreichten Höhe hinuntergeſchleudert war. Franz Werner war erfahren genug, dies zu wiſſen, und von ſeiner Ueberzeugung durchdrungen, hielt er es für rathſam, aus dem Schiffbruch zu retten, was noch gerettet werden konnte. Nicht für ſeine Herrin, ſondern für ſich, was kümmerte ſie ihn, nachdem ihr Stern erloſchen war! Sie hatte ihm zwar mitgetheilt, daß ſie in London ein Spiel⸗ haus beſitze und mit dem Gewinn zufrieden ſein dürfe, aber die Stellung eines Dieners in einem ſolchen Hauſe behagte ihm nicht. Er verkaufte das Mobiliar und alle anderen zurückgelaſſenen Habſeligkeiten und ließ den Gläubigern ſeiner Herrin das Nach⸗ ſehen. Für die erſten Monate reichte der Raub zur Befriedigung ſeiner Bedürfniſſe hin, inzwiſchen ſah er ſich nach einem Poſten um, der ihn für die Dauer ſicher ſtellen konnte. Er hatte ſeine Dienſte ſchon verſchiedenen Herren und Damen, die auf großem Fuße lebten, angeboten, aber ohne Erfolg, Nie⸗ mand war auf dieſes Anerbieten eingegangen. Wüthend darüber beſchloß er, ſich an der Geſellſchaft zu rächen, er wollte ſich der Polizei verkaufen und als ihr geheimer Agent vorzugsweiſe ſein Augenmerk auf dieſelben Kreiſe richten, in denen er früher der Günſtling geweſen war. 8 433— enheiten zu Nun wollte der Zufall, daß er dieſen Entſchluß an demſelben Abend ausführte, an welchem Otto auf ſeiner Rückreiſe in Paris Regierung anlangte. bewegen, Dieſer Zufall wäre von keiner Bedeutung geweſen, wenn er Auge hielt nicht den Elſäſſer an dem Gaſthofe vorbeigeführt hätte, in welchen kurz vorher Otto eingekehrt war. hurke, ein Otto ſtand gerade am Fenſter, er blickte gedankenvoll auf das ie Zukuntt bunte Leben und Treiben hinaus und bemerkte das Gaunergeſicht d ſchob. I nicht, welches einen kurzen Augenblick ihn anſchaute und dann raſch rze Mane ſich abwandte. und dieſe Werner wußte nicht, daß es derzeit den beiden Deutſchen ge⸗ lungen war, in Marſeille die Flucht zu ergreifen; er wähnte ſie gen Glüc längſt in Algier angelangt. wfgetaubt, Um ſo mehr überraſchte ihn dieſe plötzliche Begegnung. Trotz ftehr nach der Dämmerung hatte er das Geſicht erkannt, aber er wollte ſicher die Rede gehen, es konnte ja möglich ſein, daß er ſich irrte, daß eine Aehn⸗ Zeit, die lichkeit ihn täuſchte. verlieren. Er mußte vorſichtig zu Werke gehen. Schöpfte der junge on irgend Mann Verdacht, ſo konnte er in dem großen Paris verſchwunden — ſein, ehe Werner die Polizei benachrichtigt hatte. betretenen Bei dem Gedanken an die Polizei erinnerte Werner ſich ſeines e von der Vorhabens. Wenn ſein Anerbieten angenommen wurde, ſo konnte er durch und von die Verhaftung dieſes Deſerteurs ſich einen Stein in's Brett hſam, aus werfen, alsdann aber mußte dieſe Verhaftung plötzlich erfolgen, ſe Riicht ſie durfte keinesfalls vorbereitet ſcheinen. mu atden Franz Werner dachte nach. Wenn er den Deſerteur in dem Augenblick verhaftete, in welchem derſelbe Paris verlaſſen wollte, ſo mußte dieſe Verhaftung für ſeinen Scharfblick, ſeine Tüchtigkeit ein Sh und Geſchicklichkeit ein glänzendes Zeugniß ablegen. 3 ober i Der Plan war gut, es galt nun, in der Ausführung deſſelben im m 2 nichts zu verſäumen, noch zu übereilen. koliſenn Franz Werner muſterte ſcharf alle Vorübergehenden, endlich das Nad⸗ hatte er die Perſon, die er ſuchte, gefunden. Dieſe Perſon war ein Schuſterlehrling, ein richtiger Pariſer ffriedigung Gamin, der einem Kunden ſeines Meiſters ein Paar neue Stiefel em Poſten brachte. er.„Franz Werner beſaß ſür ſolche Perſönlichkeiten einen ausge⸗ d Dame, zeichneten Scharfblick. folg, Nie Er beobachtete den Lehrling nur einen kurzen Augenblick, dann * wußte er auch ſchon, daß derſelbe ein ſehr gewandter, verſchlagener zu rüchen Burſche war, der ſich raſch in alle Verhältniſſe zu finden wußte. ner Agm Er rief ihn herbei und fragte ihn, ob er ein Zwanzigſous⸗ in denei ſtück verdienen wolle. „ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 28 —— Der Schuſterlehrling lächelte pfiffig und hielt die Hand hin. „Mit Vergnügen,“ ſagte er.„Soll ich dafür einen Sprung in die Seine wagen? Ich bin bereit.“ „Unſinn,“ erwiderte Werner.„Siehſt Du jenen Gaſthof?“ „Natürlich!“ „Blicke ſcharf hin, aber ohne Aufſehen zu erregen. Siehſt Du im oberen Stock am dritten Fenſter rechts einen Herrn?“ „Nein.“ „Ah, dann wird er zurückgetreten ſein,— meine Augen ſehen nicht mehr ſo ſcharf. Wirſt Du das Zimmer, zu welchen dieſes Fenſter gehört, finden können?“ Der Gamin nickte. „Gut, bringe mir den Namen dieſes Herrn und ſichere Aus⸗ kunſt, ob, wann und wohin er abzureiſen gedenkt. Verſtanden?“ „Sehr wohl. Ich erhalte alsdann das Fünfzigſousſtück?“ „Ja, aber nur dann, wenn Du mir eine genaue und voll⸗ ſtändige Auskunft bringſt.“ Der Gamin entfernte ſich pfeifend. Er trat keck in den Gaſthof und ſtieg mit einer Sicherheit und Dreiſtigkeit, als ob er jeden Winkel in demſelben kenne, die Treppe hinauf. Mit derſelben Sicherheit pochte er an die Thüre des Zimmers an, welches Otto bewohnte, er öffnete ſie, ohne die Erlaubniß dazu abzuwarten. Otto blickte befremdet den eintretenden Schuſterlehrling an, er erwartete, daß derſelbe ſich ſofort zurückziehen werde, aber der letztere ſtellte die Stiefel hin und fuhr mit dem Aermel ſeines Kittels über die Stirne. „So,“ ſagte er,„da ſind die Stiefel, ſie koſten zwanzig Francs.“ „Ich habe ſie nicht beſtellt,“ erwiderte Otto ruhig. „Was? Sie hätten ſie nicht beſtellt? fuhr der Lehrling fort, Ueberraſchung heuchelnd.„Sie waren ja ſelbſt bei meinem Meiſter.“ „Haſt Du mich dort geſehen?“ „Ganz gewiß.“ Otto ſchüttelte den Kopf.„Es iſt ein Mißverſtändniß, oder eine Verwechslung der Perſon,“ ſagte er. „Das beſtreite ich.“ „Ich bin ja erſt vor einer Stunde in Paris angekommen.“ „So? Sind Sie denn nicht Herr Latude? Sagten Sie denn nicht, der Meiſter müſſe die Stiefel noch heute Abend in dieſen Gaſthof, in dieſes Zimmer bringen. He— wer ſind Sie denn, wenn Sie nicht Herr Latude ſind? Ich weiß es ganz genau.“ Otto wußte nicht, was er dazu ſagen ſollte, er konnte nur dand hin. Sprung Haſthof“ dehſt Du N gen ſehen hen dieſes ere Aus⸗ ſtanden?“ lück?“ und volr⸗ Sicherheit enne, die uuns Ftlaubniß rling an, aber der el ſeines 9, — 435— vermuthen, daß dieſer Herr Latude in ſeiner äußeren Erſcheinung eine frappante Aehnlichkeit mit ihm haben mußte. „Ich heiße Schenk,“ erwiderte er,„dieſen Herrn Latude kenne ich nicht.“ Der Gamin ſtemmte die Hände in die Seiten und blickte den jungen Herrn trotzig an. „Sieh, ſieh,“ ſagte er höhnend,„jetzt wollen Sie Schenk heißen, heute Morgen hießen Sie Latude. Wenn Sie kein Geld haben, um die Stiefel zu bezahlen, hätten Sie ſie auch nicht beſtellen ſollen. Sagten Sie denn nicht, Sie wollten heute Abend noch abreiſen?“ Otto zuckte die Achſeln; er fühlte ſich verſucht, den unver⸗ ſchämten Burſchen hinauszuwerfen, aber er fürchtete den Lärm und die Berührung mit der Polizei aus nahe liegenden Gründen. „Sie wollten ja heute Abend nach England reiſen,“ fuhr der Lehrling fort,„da ſehen Sie, daß ich mich nicht geirrt habe, Sie können nicht leugnen, daß Sie das Alles geſagt haben.“ „Das kann ich nicht geſagt haben, aus dem einfachen Grunde, weil ich erſt morgen früh abreiſen werde,“ erwiderte Otto.„Uebri⸗ gens habe ich ja nicht nöthig, mich mit Dir deßhalb zu zanken, Dein Meiſter mag ſelbſt kommen, wenn ich der Beſteller ſein ſoll. Und jetzt hinaus oder ich laſſe Dich hinauswerfen.“ Der Gamin wußte genug, er nahm die Stiefel und verließ das Zimmer mit einer unverſchämten Bemerkung, die eine Ohr⸗ feige zur Folge gehabt haben würde, wenn er nicht ſchleunig ſich zurückgezogen hätte. Franz Werner war zufrieden mit der Nachricht, die der Lehr⸗ ling ihm brachte. Er wußte jetzt, daß er ſich in der Perſon nicht geirrt hatte und daß der Fang ihm ſicher war, wenn er am nächſten Tage ſich bei jedem abfahrenden Zuge am Bahnhofe befand. Er verfügt ſich jetzt unverzüglich in das Hotel des Polizei⸗ präfekten und bat um eine Audienz. Der Präfekt empfing ihn mit kühler Gemeſſenheit, er ſchien den Hausmeiſter ſeiner ehemaligen Geliebten ſchon vergeſſen zu haben.“ So unangenehm ihm dieſer froſtige Empfang auch war, ließ Franz Werner ſich doch durch denſelben nicht beirren. Er bot dem Präfekt ſeine Dienſte an und bat ihn um eine Anſtelbung bei der geheimen Polizei. Der ſtechende Blick des Beamten ruhte durchdringend auf dem Geſicht des Schurken. „Was bewegt Sie zu dieſer Bitte?“ fragte er kalt. „Die Noth,“ erwiderte Werner, auf dieſe Frage vorbereitet. „Ich will mein Brot ehrlich zu verdienen ſuchen.“. 28* 436— 1* „Nennen Sie es ein ehrliches Verdienſt, wenn man anver⸗ trautes Gut verkauft und den Erlös dem Eigenthümer vorent⸗ hält?“ Werner blickte betroffen auf, daß der Chef der Polizei das wiſſen könne, hatte er nicht im Entfernteſten geahnt.„Leugnen Sie nicht,“ fuhr der Präfekt mit ſcharfer Betonung fort,„Fräu⸗ lein Latour hat mich gebeten, Nachforſchungen anſtellen zu laſſen. Sie haben das Mobiliar, die Garderobe, kurz Alles, was Ihre Herrin bei der Flucht zurücklaſſen mußte, verſchleudert und das Geld in die eigne Taſche geſteckt. Iſt dem nicht ſo?“ „Ich habe das allerdings gethan,“ erwiderte Werner,„aber nur mit dem feſten Vorſatze, dieſes Geld ſpäter hinüberzuſchicken. Es i*ſt aber noch nicht alles beiſammen, einige Poſten, die noch aus⸗ ſtehen, wollte ich vorher einkaſſiren.“ Der Präfekt lächelte ungläubig. „Die Beweiſe für die Unterſchlagung liegen dort,“ ſagte er, auf einen Schrank zeigend,„ſie werden in Kraft treten, ſo bald es mir beliebt.— Sie wünſchen eine Anſtellung als geheimer Polizeiagent. Wir zahlen kein hohes Gehalt, aber Sie können Ihr Einkommen weſentlich erhöhen, wenn Sie ſich durch Gewandt⸗ heit und Geſchicklichkeit ſo auszeichnen, daß man Ihre Dienſte empfehlen kann. Sie erhalten als feſtes Gehalt monatlich fünf⸗ und ſiebenzig Frcans.“ „Ich bin damit zufrieden.“ „Sobald wir mit Ihnen nicht mehr zufrieden ſind, werden Sie ſofort entlaſſen.“ „Sehr wohl.“ „Wohin wir Sie auch ſchicken, welchen Auftrag wir Ihnen auch geben mögen, Sie dürfen keine Mühe, keine Strapaze, keine Gefahr ſcheuen.“ Franz Werner nickte zuſtimmend. „Sobald Sie irgend etwas gegen unſer Intereſſe unterneh⸗ men, ſobald Sie ſich uns gegenüber verdächtig machen, hole ich jene Papiere hervor und Sie werden deportirt. Das vergeſſen Sie nicht.— Sie wollten Ihr Amt ſofort antreten?“ r4 * Der Präfekt ſchrieb raſch einige Zeilen nieder und überreichte ſie dem Elſäſſer. „Heute Abend iſt es ſchon zu ſpät,“ ſagte er,„melden Sie ſich morgen früh in meinem Bureau, Sie werden dort auf dieſen Schein hin Ihre Legitimation erhalten.“ Ein beſchlender Wink verabſchiedete den nunmehrigen geheimen Agent, der mit dem Erfolge ſeines Schrittes ganz zufrieden war. Wenn er ſein neues Amt mit der Verhaftung eines Deſer⸗ — anver⸗ vorent⸗ ei das keugnen „Fräu⸗ laſſen. 8 Ihre ind das ber nur en. Es ch aus⸗ agte er, ſo bald eheimer können ewandt⸗ Dienſte ch fünf⸗ werden Ihnen VU7 e, keine nternel⸗ hole ich vergeſſen erreiche en Sie fj dieſen cheimel 4 wal⸗ Dfer 4 — 437 ₰ teurs begann, der ohne ihn jedenfalls den Händen der Polizei entſchlüpft wäre, ſo mußte ihm das in den Augen ſeiner Vorge⸗ ſetzten einen bedeutenden Grad von Geſchicklichkeit und Scharfblick verleihen. Allerdings mußte er die Legitimation beſitzen, bevor er zu einer Verhaſtung ſchreiten durfte; die Behörde ſah es nicht einmal gerne, wenn ein geheimer Agent eine Verhaftung unternahm. Nun fuhr der Zug, der in der Regel zur Reiſe nach England benutzt wurde, ſchon um neun Uhr ab, und das Bureau der Präfekten wurde erſt nach acht Uhr geöffnet. Wurde Werner ſofort abgefertigt, ſo hatte er Zeit genug, mußte er warten, ſo lag allerdings die Befürchtung nahe, daß der Zug bereits abgefahren war, wenn er den Bahnhof erreichte. Nichtsdeſtoweniger beharrte er bei ſeinem Entſchluß, allein den Fang zu machen, die Ehre deſſelben ſollte auf ihn allein fallen. Das Bureau war noch nicht geöffnet, als Franz Werner ſchon vor der Thüre deſſelben ſtand. Der Beamte erſchien heute ziemlich ſpät, die Urſache dieſer Verſpätung ließ die ſchwarz ſeidene Binde erratheu, die er um den Kopf trug. Werner bat ihn, er möge ihn raſch abfertigen, da er Wichtiges vorhabe, aber dem Beamten ſchien dieſe Abfertigung bei weitem nicht ſo wichtig zu ſein, wie die Geſchichte ſeines kranken Zahnes, der ihn nun ſchon ſeit acht Tagen peinigte. Der Elſäſſer mußte trotz ſeiner wachſender Ungeduld, die der Beamte gar nicht zu bemerken ſchien, dieſe Geſchichte anhören und zwar ihre Entſtehung, ihre Entwicklung und ihren muthmaßlichen Schluß; er mußte die Aufzählung aller Mittel, welche der Leidende angewendet hatte, ſowie derjenigen, die er noch anwenden wollte, anhören, er mußte ferner die Geſchichte eines anderen Zahnes mit in den Kauf nehmen und der Beamte ſchien ſehr geneigt zu ſein, ihn mit einer Geſchichte ſeines ganzes Gebiſſes zu beglücken. Da aber reißt dem Elſäſſer der Faden der Geduld, er ver⸗ langte ziemlich barſch ſeine Legitimation und der Beamte brach murrend ſeine intereſſanten Mittheilungen ab. Zehn Minuten ſpäter beſaß Werner die nöthigen Papiere, er war jetzt Agent der geheimen Polizei. Er blickte auf die Uhr, es war zehn Minuten vor neun. Punkt neun Uhr fuhr der Zug ab. Die Strecke vom Hotel des Polizeipräfekten bis zum Bahn⸗ hofe war eine ziemlich beträchtliche, ein Wagen im Augenblick nicht zu beſchaffen. Franz Werner bedachte ſich nicht lange, er lief ſo raſch er konnte, dem Bahnhofe zu. — 438— Mehrere, die ihm begegneten, blieben ſtehen und blickten ihm nach, er beachtete Niemanden, ſein ganzes Denken galt allein dem Fang, den er zu thun hoffte. Es war jetzt weniger der Haß gegen den jungen Deutſchen, als der Wunſch, ſeinen Vorgeſetzten einen Beweis ſeiner Gewandt⸗ heit zu geben, was ihn ſo ſehr auf dieſen Fang verſeſſen machte. Der Schweiß rieſelte ihm ſtromweiſe von der Stirne, die Knie drohten unter ihm zu brechen, er hielt nicht inne. Es ſchlug neun Uhr; Franz Werner hatte den Bahnhof erreicht. Die Glocke gab das Zeichen zur Abfahrt. Der Elſäſſer eilte durch den Warteſaal auf den Perron, die Lokomotive pfiff, der Zug ſetzte ſich in Bewegung. In dieſem Augenblick betrat der geheime Agent den Perron und faſt ſein erſter Blick fiel auf das Geſicht Ottos, der in einem Coupé dritter Klaſſe ſaß und gedankenvoll hinausblickte. Mit der Wuth eines gereizten Tigers ſtürzte Werner auf den Waggon zu. Die Wuth darüber, daß ſein Opfer ihm entrinnen ſollte, daß er ohnmächtig zuſehen mußte, während es ihm entwiſchte, ließ ihn jede Gefahr, jede Vorſicht vergeſſen. Ohne zu bemerken, daß der Zug ſchon bedeutend ſchneller fuhr, ſtürzte er hinzu. Die Bahnwärter wollten ihn zurückhalten, ſie erreichten ihn nicht mehr. Beſtürzt, entſetzt blieben ſie ſtehen, als ſie ſahen, wie dieſer tollkühne Mann ſtürzte und unter dem Zuge verſchwand. Ein gellender Schrei—— dann war Alles vorbei. Der Zug verſchwand in der Ferne, auf den Schienen lag eine unförmliche, blutige Maſſe. ) Niemand kannte den Mann, Niemand wußte, was er gewollt atte. Man trug ihn in die Morgue und überbrachte ſeine Papiere dem Polizeipräfekt, der den Namen eines geheimen Agenten in ſeinen Liſten ſtreichen ließ und ſeitdem dieſes Mannes nicht mehr gedachte. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Der Bettler von Breslau. Es gab zu jener Zeit in Breslau ein Subjelt, welches von jedem Kinde gekannt war. Ein großer hagerer Mann, der meiſt, ſelbſt im heißeſten —— kten ihm llein dem deutſchen, Fewandt⸗ n machte. irne, die f erreict. rron, die n Perron in einem mauf den ollte, daß ließ ihn ller fuhr, chten ihn ahen, wie hwand. tenen lag r gewollt Papiere Sommer, einen Pelzrock und dazu weiße Beinkleider trug, der ſtets mit einem Knotenſtock bewaffnet war und ſich auf allen Straßen und in allen Schenken umhertrieb. Man nannte ihn nur den Bettler von Breslau, es war ja eine erwieſene Thatſache, daß dieſer Mann einſt vermögend ge⸗ weſen und dann durch ſeinen liederlichen Lebenswandel gänzlich verarmt war, ſo daß er nun ſein Leben durch Betteln friſtete. Er bettelte freilich nicht in der gewohnten Weiſe, indem er von Thür zu Thür ging, auch ſprach er auf der Straße Niemand um ein Almoſen an, dazu war er noch immer zu ſtolz, aber er ließ es ſich gerne gefallen, wenn man ihm unaufgefordert ein Almoſen reichte, gleichviel worin dieſes Almoſen beſtand. Mehrere Familien hatten ſich ſeiner angenommen, im Hauſe der einen erhielt er heute, im Hauſe der andern morgen ſein Mittagbrod. Eine Wohnung beſaß er nicht, wozu auch? Im Sommer übernachtete er bei Mutter Grün, draußen vor der Stadt, im Winter ſuchte er an irgend einem geſchützten Orte einen Karren auf, in welchem er vielleicht ſchönere Träume fand, als mancher vornehme Herr in ſeinem Himmelbett unter den ſeidenen Decken. Es fiel ihm nie ein, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachzudenken, was er gethan hatte, bereute er nicht und was die Zukunft ihm vielleicht brachte, bereitete ihm keine Sorgen. So lebte er ſchlicht und recht von einem Tage zum andern, ohne Sorgen, ohne Reue, ohne die geringſten Beſchwerden. Er war mit Allem zufrieden, er aß trocknes Brod, oder Braten, je nachdem er es fand und beſaß er nichts, um ſeinen Hunger zu ſtillen, ſo kroch er in ſeinen Karren hinein und tröſtete ſich damit, daß am andern Tage das Glück ihn vielleicht entſchädigen werde. Das Gerücht wollte behaupten, er ſei oft nicht recht bei zroft und auf dieſes Gerücht ſich ſtützend, erlaubte nicht nur die Schu jugend, ſondern auch mancher Erwachſene ſich, ihn zur Zielſcheibe ihres Spottes zu ſtempeln. Daß er das ſich ruhig gefallen ließ, daß er ſich den Anſchein gab, als ob er weder die Spötter bemerke, noch den Spott ſelbſt verſtehe, mußte begreiflicherweiſe jenem Gerücht neue Nahrung geben. Indeß, wer den„Bettler“ kannte, der wußte ſehr genau, daß dieſer Mann ein Philoſoph war, der ſich ſo leicht nicht aus ſeinem gewohnten Geleiſe bringen ließ. Er hatte drei Namen:„Der Bettler von Breslau,“„der lange Chriſtian“ und„der liederliche Scherenberg,“ aber unter dieſen Dreien war der erſtere der bekannteſte und beliebteſte. 2 Um Politik kümmerte er ſich nicht, die Zeitungen waren ihm ein Greuel. Er war fuchswild geworden, als eines Abends ein Breslauer Advokat ihm im Wirthshauſe mittheilte, die neueſte Kölniſche Zeitung enthalte eine Aufforderung an ihn. Das konnte und wollte er nicht glauben, und als der Advokat nun die Zeitung ihm vorlegte, warf er ſie mit einer Verwünſchung vom Tiſche hinunter. Er wolle das nicht leſen, ſagte er barſch, in den Zeitungen finde man ja doch nur Lügen und er habe keine Luſt, ſich über Lügen zu ärgern. Der Advokat, der ſeinen Mann kannte, beſtellte ein Abendeſſen für zwei Perſonen und eine Flaſche Wein. Er lud den Bettler dazu ein und Scherenberg nahm die Ein⸗ ladung mit einer Miene an, als ob er dem Advokaten dadurch eine große Ehre erzeige. „Es iſt doch traurig, daß Ihr keine Stätte habt, wohin Ihr Euer Haupt legen könnt,“ nahm der Advokat das Wort, nachdem die Beiden abgeſpeiſt hatten,„Ihr werdet von Tag zu Tag älter und die Möglichkeit liegt ſehr nahe, daß Ihr einmal plötzlich erkrankt.“ 6 „Bah— habe eine eiſerne Geſundheit,“ warf Scherenberg gelaſſen ein.„Ich bin, wie man zu ſagen pflegt, im Feuer ver⸗ goldet.“ „Hm, wenn Euch einmal von Ungefähr ein Ziegelſtein auf die Naſe fällt hilft die Vergoldung Euch nichts. Habt Ihr denn gar keine Verwandten?“ „Verwandten?“ ſpottete der Bettler, während ein höhnendes Lächeln ſeine Lippen umſpielte.„Und wenn ich ſie hätte?“ „Dann könnte man von ihnen eine Unterſtützung für Euch verlangen.“ „Ah— iſt es darauf abgeſehen?“ fuhr Scherenberg beleidigt auf.„Fürchtet der hochweiſe Magiſtrat der Stadt Breslau ſchon, ich könne ihm einmal zur Laſt fallen? Ich danke für jede Unter⸗ ſtützung, Gott ſei Dank, ſo weit iſt es noch nicht gekommen, daß ich von Almoſen leben muß. Die guten Freunde werden mich V — — nicht im Stich laſſen, ſie ſind mir lieber, wie die Verwandten?“ „Ich will die Wahrheit dieſer Behauptung in der Hauptſache zugeben,“ fuhr der Advokat fort,„nichts deſto weniger thut Ihr wohl, Eure Verwandten im Gedächtniſſe und im Auge zu halten.“ „Wozu das?“ „Kann denn nicht einmal ein Todesfall eintreten, durch den Ihr Anſprüche auf eine Erbſchaft erhaltet?“ Scherenberg zuckte die Achſeln.„Das Geld hat für mich waren ihm Bre 50 75 Breslauer geitung er Advokat ünſchung Zeitungen ſich über Abendeſſen m die Ein⸗ n dadurch vohin Ihr , nachdem Tag älter llötlich cherenberg Feuer ver⸗ in auf die denn gat pöhnendes 7 i Euch beleidigt lau ſchon, ede Unter⸗ umen, do rden mc vandten? Hzauptſache ethut Ilr halten⸗ 1h d 9 durch del fir nic — 441— keinen Werth,“ ſagte er gleichmüthig,„gebt mir ein Vermögen, binnen einem Jahre iſt es verjubelt.“ Der Advokat ſchüttelte mißbilligend den Kopf. „Wäre es Euch denn nicht angenehm, ein kleines Häuschen zu beſitzen, in welchem Ihr nach Belieben ſchalten und walten könntet?“ 9, ja.“ „Ein jährliches Einkommen zu haben, welches zur Befriedigung Eurer Bedürfniſſe hinreicht, ſo daß Ihr nicht mehr nöthig habt, Eure guten Freunde in Anſpruch zu nehmen?“ „Freilich!“ „Das könntet Ihr durch eine Erbſchaft erhalten. Alſo, wenn Ihr Verwandte habt—“ „Nur einen Vetter.“ In den Augen des Advokaten leuchtete es auf. „Wo wohnt dieſer Vetter?“ fragte er. „In Köln. Sein Vater und der meinige waren Brüder. Er muß einige Jahre älter ſein wie ich.“ „Und heißt Peter Paul Scherenberg.“ „So iſt es.“ „Na, ich vermuthe—— hm, wüßt Ihr vielleicht, ob dieſer Vetter außer Euch noch andere und nähere Verwandte beſitzt?“ „Nein.“ „Nun wohl, in jener Zeitung werden die Verwandten Eures Vetters aufgefordert, ſich ungeſäumt zu melden, man verſpricht ihnen wichtige Mittheilungen und ich vermuthe, daß dieſe Mittheilungen ſich auf die Hinterlaſſenſchaft Scherenberg's be⸗ ziehen. Wollt Ihr mir überlaſſen, die nöthigen Erkundigungen einzuziehen und in Eurem Intereſſe dann weitere Schritte zu thun?“ Ein Zug der Geringſchätzung glitt über das hagere Geſicht des Bettlers. „Geben Sie ſich keine Mühe,“ ſagte er,„ſie wäre vergeblich.“ „Das könnt Ihr nicht wiſſen.“ „Ich weiß es, die Zeitungen haben nur den Zweck, die Leute zu prellen, mit all' den Annoncen iſt's reiner Schwindel.“ „Aber eine öffentliche Aufforderung—“ „Bezweckt nur, den Leuten, die ſich daraufhin melden, das Geld aus der Taſche zu locken, ich kenne das aus Erfahrung. Ich wüßte nicht, weshalb die Verwandten ſich melden ſollen. Wenn mein Vetter todt iſt, ſo wird er auch ein Teſtament hinterlaſſen haben, er war immer ſo vorſichtig, daß er das Gras wachſen hörte.“ „Mag dem nun ſein, wie ihm will,“ ſagte der Advokat, —— während er Anſtalten traf, ſich zu entfernen,„jedenfalls ſchreibe ich hin, um zu erfahren, wie die Sache liegt. Können wir etwas herausſchlagen, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb man darauf verzichten ſoll, iſt's dagegen nicht der Mühe werth, ſo laſſen wir's ruhen. Seid Ihr damit einverſtanden?“ „Ich muß wohl,“ erwiderte der Bettler,„aber das ſage ich Ihnen im Voraus, für Koſten vergüte ich Ihnen keinen Pfenning.“ „Ihr erſetzt mir nur dann die Koſten, wenn wir etwas er⸗ reicht haben. Gute Nacht.“ Chriſtian Scherenberg ſchlief in dieſer Nacht ſo feſt und ruhig wie in jeder vorhergehenden, die Worte des Advokaten hatten in ſeiner Seele durchaus keine Hoffnungen und Wünſche geweckt. Er dachte auch in den nächſten Tagen nicht mehr daran; ein Menſch, der ſo ſehr für das Leben abgeſtumpft iſt, daß er keine Bedürfniſſe mehr hat, der hofft und fürchtet nichts mehr. Einige Tage ſpäter begegnete der Advokat ihm auf der Straße. Er bat ihn, ſofort in ſein Bureau zu gehen und dort ihn zu er⸗ warten, binnen zehn Minuten werde er dort ſein, um ihm mitzu⸗ theilen, welche Nachrichten er von Köln erhalten habe. Scherenberg wollte Anfangs dieſer Aufforderung nicht Folge leiſten, erſt nach langem Zögern gab er den Bitten des Advokaten nach. „Die Sache iſt verwickelter wie ich glaubte,“ ſagte der Letztere, als er darauf in ſeinem Kabinet dem Bettler gegenüberſaß.„Euer Vetter iſt ein ſehr reicher Mann und ſein ganzes Vermögen fällt Euch zu, wenn, wie ſich vermuthen läßt, kein Teſtament vorge⸗ funden wird. Todt iſt der Mann noch nicht, er befindet ſich in London in einem Irrenhauſe und mein Kollege in Köln, der Euch vertreten will, hegt Vermuthungen, die man nicht ausſprechen darf, bevor man ſie nicht beweiſen kann. Er verlangt nichts weiter von Euch als eine Vollmacht, nicht einmal einen Koſten⸗ vorſchuß. Auf Grund dieſer Vollmacht wird er Euer Intereſſe vertreten und zwar gegen den Aſſocie Eures Vetters.“ „Ich verſtehe von der ganzen Geſchichte nichts,“ erwiderte Scherenberg ruhig,„und im Grunde iſt es mir auch gleichgültig, ob mein Vetter mir etwas hinterläßt oder nicht, aber wenn Sie glauben, daß ich mich Ihrem Collegen in Köln anvertrauen ſoll, ſo kann ich's ja thun. Von einem Koſtenvorſchuß kann ohnehin keine Rede ſein, ich habe nichts, und wo nichts iſt, hat der Kaiſer ſein Recht verloren.“ Der Advokat nickte. „Außer der Vollmacht bedürfen wir noch einiger Urkunden, zum Beiſpiel eines Geburtsatteſtes, des Taufſcheines und ſo weiter—“ — s ſchreibe vir etwoas verzichten s ruhen. s ſage ich gfenning.“ etwas er⸗ und wuhig hatten in weckt. aran; ein Fer keine ¹ r Straße. hn zu er⸗ im nitzu⸗ cht Folge Advokaten aß⸗„Luer nögen fäll ent vorge⸗ det ſichh in der Euch uspreche agt nichts g en Koſten⸗ Jutereſſ Urkunden, 3 Un!d ſo 5 2 1 * 1 — 443— „Wozu das?“ „Zur Legitimation. Geben Sie mir die nöthigen Notizen, ſo werde ich mich an die betreffenden Behörden wenden, um mir dieſe Papiere zu verſchaffen.“ Der Bettler kam dieſem Verlangen nach; er unterzeichnete die Vollmacht und lächelte ungläubig, als der Advokat die Hoffnung ausſprach, daß er nun bald ein reicher Mann ſein werde. Neunundfünfzigſtes Kapitel. Ueberliſtet! Otto fand bei ſeiner Rückkehr nach London einen Brief von ſeinem Freunde Nikolas, in welchem dieſer ihm ſeine Verlobung mit Helene anzeigte. So ſehr Otto ſich über dieſes Ereigniß freute, ſo tief betrübte ihn auf der anderen Seite der Unverſtand und der Eigendünkel ſeiner Mutter, während das energiſche Auftreten des Vaters ihn außevordentlich befriedigte. Es hatte ihn oft geärgert, daß ſein Vater, der biedere, gut⸗ herzige Mann, ſich ſo geduldig unter den Pantoffel fügte, jetzt durfte er hoffen, daß es im elterlichen Hauſe anders wurde. Unter anderen Nachrichten theilte Nikolas ihm auch mit, daß der alte Herr Scherenberg, der Aſſocie Heinrichs, während einer Reiſe nach England irrſinnig geworden und in einem Irrenhauſe in London untergebracht ſei. Es gingen darüber verſchiedene Ge⸗ rüchte, ſchloß er dieſe Mittheilung, Gerüchte, an deren Wahrheit er nicht glauben könne und die er deshalb auch nicht näher be⸗ zeichnen wolle. Dieſer Nachſatz erregte das Nachdenken Otto's in hohem Grade. Er erinnerte ſich erſt jetzt wieder, daß er im Gefängniſſe den alten Mann an einem Fenſter des gegenüberliegenden Hauſes bemerkt hatte und er machte ſich Vorwürfe darüber, daß er noch nicht hin⸗ gegangen war, um nähere Erkundigungen über ihn einzuziehen. Nun ſchrieb Nikolas ihm von Gerüchten, die ſich jedenfalls auf Heinrich beziehen mußten. Welcher Art waren dieſe Gerüchte? So ſehr er ſich auch den Kopf darüber zerbrach, gelang es ihm doch nicht, einiges Licht in dieſes Dunkel zu bringen. — 444— Es war doch nicht anzunehmen, daß Heinrich ſeinen Aſſocie gewaltſam in dieſe Anſtalt hatte ſchaffen laſſen, um ihn zu be⸗ ſeitigen und ſich ſeines Vermögens zu bemächtigen. So tief konnte Heinrich noch nicht geſunken ſein, daß er ein ſolches fluchwürdiges Verbrechen beging! Zudem konnte Otto nicht glauben, daß ein Beſitzer einer Irrenanſtalt ſich dazu hergeben ſollte, einen völlig vernünftigen Menſchen gleich einem Irrſinnigen zu behandeln. Er erinnerte ſich freilich, von derartigen Fällen ſchon früher gehört zu haben, aber er verwies ſie in das Reich der Fabel. Jetzt hielt er es allerdings für ſeine Pflicht, ſich darüber Ge⸗ wißheit zu verſchaffen, er wollte dieſe Pflicht gewiſſenhaft erfüllen. Mit dieſem Entſchluß betrat er am nächſten Sonntage die Anſtalt, mit deren Eigenthümer er zu reden wünſchte. Man ließ ihn lange in einem ſehr dürftig ausgeſtatteten Zimmer warten, wahrſcheinlich hoffte man, er werde die Geduld verlieren und auf die Unterredung verzichten. So glaubte Otto,— er ahnte nicht, daß er heimlich beobachtet wurde, daß Merville durch einige in der Decke des Zimmers an⸗ gebrachte Löcher ihn ſehr ſcharf fixirte. Durch dieſes Verfahren den Beſuchern ſeiner Anſtalt gegenüber gewann Merrville einen bedeutenden Vortheil. Er errieth dadurch ihren Stand, ihren Charakter und den Zweck ihres Beſuches, er wußte, wie er auf⸗ treten, wie er ſie behandeln mußte, um ſie ſofort einzuſchüchtern, oder ſich ihre Gunſt zu erwerben. Aber heute wußte er nicht, was er an dieſem jungen Manne hatte. Daß derſelbe einen Kranken beſuchen oder ſich nach dem Befinden deſſelben erkundigen wollte, unterlag für ihn keinem Zweifel, aber welchem Kranken dieſer Beſuch galt, konnte er nicht errathen. Und doch war gerade dies der wichtigſte Punkt für ihn. Als Otto nach langem Warten dieſem Manne gegenüberſtand und er in dieſes verſchmitzte Geſicht blickte, in welchem Habſucht, Tücke und Verſchlagenheit ſich ſpiegelten, da ſah er ſofort ein, daß er eine Unvorſichtigkeit begangen hatte, inſofern als er dieſem Manne gegenüber zu frei, zu offen aufgetreten war. Merville bot mit einer faſt kriechenden Höflichkeit dem jungen Manne einen Stuhl an und fragte ihn, womit er dienen könne. „Sie haben einen Deutſchen in Ihrer Anſtalt, mit dem ich bekannt bin,“ ſagte Otto, den Blick feſt auf das Antlitz Merville's gerichtet. „Ah— Sie meinen den alten Herrn?“ erwiderte Merville ruhig. „Herrn Scherenberg aus Köln.“ —ᷣᷣ 2 nen Aſſocie hn zu be⸗ aß er ein Otto nicht hergeben Irrſinnigen gen Fällen das Reich rüber Ge⸗ it erfüllen. nntage die geſtatteten ie Geduld beobachtet nmers an⸗ Verfahren rille einen ud, ihren je er auf⸗ itcm en Manne nach dem on keinemt te er nicht ihn. nüterſtnd Habſucht, Merile — 445— „Ganz recht; er wurde hier in London plötzlich irrſinnig, man vertraute mir die Pflege des Kranken an.“ „Wer gab Ihnen dieſen Auftrag, wenn ich fragen darf?“ „Die Familie.“ 5 „So viel ich weiß, hat Scherenberg keine—“ „Oder richtiger geſagt, ſein Aſſocie.“ „Heinrich Schenk?“ „Sie kennen ihn?“ „Er iſt mein Bruder.“ Ueberraſcht blickte Merville den jungen Mann an, er wußte im erſten Augenblick nicht, was er von ihm zu erwarten hatte. War er geſchickt, um das Teſtament zu holen, welches Merville von ſeinem Kranken erpreßt hatte, oder ſollte er ſich über die Behandlung und den Zuſtand des Patienten Aufſchluß verſchaffen. Otto bemerkte die Ueberraſchung, er errieth den Gedankengang dieſes Mannes und er beſchloß, durch Liſt das dunkle Geheimniß zu erforſchen. „Mein Bruder hat mich beauftragt, den Kranken zu beſuchen,“ nahm er nach einer Weile wieder das Wort,„und ich erfülle dieſen Auftrag um ſo lieber, als, wie bereits bemerkt, Scheren⸗ berg mit mir befreundet war.“ Merville nickte gedankenvoll, er fand dieſen Auftrag ganz natürlich. „Sie haben keine Aehnlichkeit mit Ihrem Herrn Bruder,“ ſagte er ausweichend.„Mein Prinzip iſt es, nicht Jedem die Einrichtung meiner Anſtalt zu zeigen, ich habe mir dadurch in der erſten Zeit viel geſchadet.“ „Sie fürchten, ich könnte ein Spion ſein?“ fragte Otto lächelnd.„Ich würde Ihnen unverzüglich Papiere zeigen, durch die ich mich legitimiren kann, wenn ich nicht vergeſſen hätte, mein Portefeuille mitzunehmen. Indeß kann ich Ihnen Mittheilungen machen, die Sie vollſtändig beruhigen werden. Ich kann Ihnen ſagen, daß ich die Gründe ſehr genau kenne, welche meinen Bruder bewogen haben, ſeinem Aſſocie hier ein Unterkommen zu ver⸗ ſchaffen.“ „So kommen Sie alſo nur deshalb, um ſich zu überzeugen, wie lange der Patient—“ „Allerdings, mein Bruder hofft, daß es bald mit ihm zu Ende gehen wird.“ Die Ruhe und der Gleichmuth Otto's lockten Merville in die Falle. „Sie können ihn darüber beruhigen,“ erwiderte er,„die Krank⸗ heit hat Fortſchritte gemacht, welche die baldige Auflöſung außer allem Zweifel ſtellen.“ — ————— 1 — 446— „Deſto beſſer,“ fuhr Otto fort,„je eher er von dieſem Aſſocie befreit wird—“ „Ich weiß das und habe danach gehandelt,“ unterbrach Mer⸗ ville ihn,„ſobald das Ende erfolgt iſt, werde ich perſönlich nach Köln kommen, um Ihrem Bruder die Nachricht zu bringen.“ „Gut, damit wird Heinrich zufrieden ſein. Sie haben wohl die Güte, mich zu dem Kranken hinzuführen?“ „Wozu das?“ „Ich möchte ihn gerne einmal ſehen.“ „Mißtrauen Sie mir?“ „Durchaus nicht. Sie werden meinen Wunſch begreiflich finden, er ſtützt ſich auf eine leicht verzeihliche Neugierde.“ Lange ruhte der Blick Merville's ſcharf forſchend auf dem jungen Mann, aber kein Zug in dem Antlitz desſelben bot ihm Grund zu einem Argwohn. Und wäre ein ſolcher in ſeiner Seele dennoch aufgetaucht, würde die gleichgültige Bemerkung Otto's, ſein Bruder habe ſich ſehr lobend, ſogar bewundernd über Herrn Merville ausgeſprochen, ihn raſch verſcheucht haben. „Kommen Sie,“ ſagte er,„ich will Sie zu ihm führen, ich erfülle Ihren Wunſch einzig und allein deshalb, um Ihnen zu beweiſen, daß ich meine Aufgabe vollſtändig erfüllt habe.“ Otto haßte und verabſcheute ſchon jetzt dieſen Mann, er konnte ja nicht mehr bezweifeln, daß hier ein entſetzliches Verbrechen ver⸗ übt worden war. Er war entſchloſſen, Scherenberg der Gewalt dieſes Menſchen zu entreißen, wenn er auch die Mittel, durch welche er dies er⸗ möglichen konnte, noch nicht gefunden hatte. Allein vermochte er es nicht, der einfachſte und ſicherſte Weg war der, die Polizei aufzufordern, ihm darin beizuſtehen. Wie aber konnte er das, ohne ſeinen Bruder zu kompromittiren? Es war vorauszuſehen, daß Merville, wenn er zur Verantwortung gezogen wurde, ſeinen Genoſſen bei dieſem Verbrechen verrieth, daß Heinrich ebenfalls verhaftet und zu einer entehrenden Strafe verurtheilt wurde. Dieſe Schmach aber wollte Otto ſeiner Eltern und ſeines eigenen Namens wegen von dem verbrecheriſchen Bruder ab⸗ wenden. 3 Merville führte ſeinen Begleiter durch mehrere dunkle Gänge und Otto fand während dieſer Wanderung hinreichend Gelegenheit, eine Unſauberheit zu bemerken, die ihn wahrhaft entſetzte. Verworrene Laute, lautes Schreien und Toben, Stöhnen und das Klirren von Ketten vernahm er, während er an den eiſernen Thüren vorbeiſchritt, in denen kleine, ſtark vergitterte Oeffnungen — On onn — 447— angebracht waren, durch welche man die Irren beobachten und überwachen konnte. Endlich blieb Merville vor einer ſolchen Thüre ſtehen. „Blicken Sie hinein,“ ſagte er,„es iſt nicht rathſam, die Thüre zu öffnen, da der Patient in ein Stadium getreten iſt, in welchem man den plötzlichen Ausbruch der Tobſucht erwarten muß.“ Otto trat vor die Oeffnung, nur mühſam konnte er einen Schrei des Entſetzens und der Entrüſtung unterdrücken. In dem engen, unſaubern Raume lag eine in Lumpen ge⸗ hüllte Geſtalt auf faulendem Stroh, eine Geſtalt, in der Otto nur nach langem Hinblicken den alten Mann erkannte. Was mußte dieſer Mann gelitten und erduldet haben, ehe er auf dieſe Stufe des entſetzlichſten Elendes hinuntergeſunken war! Die Hände und das Geſicht waren eingeſchrumpft, das ſchnee⸗ weiße Haar hing wirr über die gelbe, tiefgefurchte Stirne, unter der die hohlen, tiefliegenden Augen geiſterhaft hervorblickten. Und doch lag in dieſem Blick nichts Wirres, nichts, was den Wahnſinn erkennen ließ. Otto konnte ſich kaum noch bezwingen, gewaltig tobte es in ſeiner Seele, nur der Gedanke, daß er durch heftiges Aufbrauſen, durch ein leidenſchaftliches Aufwallen Alles verderben konnte, bewog ihn, äußerlich ruhig zu bleiben. Das fiel ihm ſchwer, zumal, als er bemerkte, daß dieſer elende ſieche Körper noch mit einer ſchweren Kette belaſtet war. Wozu dieſe Vorſicht? mußte er ſich unwillkürlich fragen. Sie war nicht allein überflüſſig, ſie war eine Grauſamkeit, die Merville ſelbſt ſeinem Genoſſen gegenüber nicht verantworten konnte. Es war gut, daß Merville den jungen Mann nicht beobachten konnte, Otto wäre verloren geweſen, wenn dieſer Mann Verdacht geſchöpft hätte. Er befand ſich ja ganz in der Gewalt dieſes entſetzlichen Men⸗ ſchen und feiner Knechte und welches Loos ihn traf, wenn Mer⸗ ville erfuhr, daß er überliſtet, entlarvt war, darüber konnte Otto nicht die leiſeſten Zweifel hegen. Als er ſich endlich umwandte, war der Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichts wieder ſo ruhig und gleichgültig, wie vorher.„Dieſer Mann kann nicht lange mehr leben,“ ſagte er gelaſſen,„binnen vier Wochen muß es mit ihm zu Ende ſein.“ „Vorausgeſetzt, daß die Kur keine Aenderung erleidet,“ er⸗ widerte Merville ruhig. „Welche Kur haben Sie angewandt?“ fragte Otto. Merville zuckte die Achſeln. „Eine ſehr einfache. Die Portionen ſind täglich verringert worden, der Patient ſtirbt an Entkräftung.“ 1448 „Er machte Ihnen in der erſten Zeit wohl viel zu ſchaffen?“ I. indeß die Peitſche hat ſchon Manchen zahm ge⸗ macht.“ Otto biß auf die Lippen, er hätte dieſen Menſchen zu Tode peitſchen mögen. „Aber fürchten Sie nicht, daß die Behörde Ihre Anſtalt con⸗ troliren kann?“ fragte er. Merville lächelte ſpöttiſch. „Dieſelbe Frage richtete auch Ihr Bruder an mich,“ entgegnete er,„ich hege dieſe Beſorgniß nicht. Wer kann mir beweiſen, daß jener Patient nicht wahnſinnig geweſen iſt? Ah— bah, meine Vorkehrungen ſind ſo gut getroffen, daß man hier nie etwas fin⸗ den wird, was zu einem gerichtlichen Einſchreiten gegen mich Ver⸗ anlaſſung geben könnte.“ Die Beiden hatten inzwiſchen das Thor erreicht. Merville blieb ſtehen und warf noch einmal einen forſchenden Blick auf das Geſicht Otto's. „Sie wiſſen nun, was Sie zu erfahren wünſchten,“ ſagte er, „im Intereſſe Ihres Bruders werden Sie geheim halten, was Sie hier geſehen und gehört haben.“ Bei den letzten in ſehr ernſtem, eindringlichem Tone geſproche⸗ nen Worten öffnete er das Thor und Otto athmete, wie von einem ſchweren Druck befreit, auf als er die Schwelle dieſes un⸗ heimlichen Hauſes wieder überſchritten hatte. In dieſem Hauſe aber ſtand, in dem Augenblick, in welchem Otto es verließ, am geöffneten Fenſter eine junge Dame, die be⸗ ſtürzt zurücktrat, als ihr Blick auf den jungen Mann fiel. Dieſe Dame war Maria Latour. Nach jener Moct, in der es ihr gelungen war, der Polizei zu entwiſchen, tte Maria ſich in einem kleinen, ſehr beſcheidenen Gaſthofe eingemiethet und hier mit ſich ſelbſt über ihre Zukunft Rath gepflogen. Sie konnte allerdings in London bleiben, die Stadt beſaß Schlupfwinkel genug, die ihr ein ſicheres Aſyl boten, aber ſie war aus dem Kreiſe ihrer Genoſſen herausgeriſſen, die Bande ſelbſt zerſprengt, da hielt ſie es für rathſamer, London zu verlaſſen und in einer andern großen Stadt ihr Glück zu verſuchen. Nun traf es ſich, daß Merville, der den Gaſthof, in welchem ſie abgeſtiegen war, häufig beſuchte, ihr eines Abends im Haus⸗ flur begegnete. Von der Schönheit der jungen Dame geblendet, verſuchte Mer⸗ ville ſich ihr zu nähern, ſie duldete es, und als er einige Tage ſpäter ihr eine Wohnung in ſeinem Hauſe anbot, nahm ſie das Anerbieten ohne Bedenken an. coll⸗ 2 un⸗ 24 Ihr gegenüber war Merville ſchwach, ein willenloſes Kind, ihrem Willen, ihren Anordnungen fügte er ſich ſchweigend und Maria verſtand es meiſterhaft, ihre Macht über dieſen Mann mit jedem Tage mehr zu befeſtigen. Es währte nicht lange, ſo hatte er vor ihr keine Geheimniſſe mehr, ſie kannte die Geſchichte aller Patienten, ſie wußte, daß er reich, ſehr reich war, wenn er auch bis jetzt noch immer allen Fragen über dieſen Punkt auswich.— Als Merville in ſein Wohnzimmer zurückkehrte, richtete Maria haſtig die Frage an ihn, welchen Zweck der Beſuch des jungen Mannes gehabt habe. Er nannte ihn und äußerte gleichzeitig ſein Befremden über die unbegründete Aufregung. „Unbegründet?“ erwiderte Maria.„Dieſer Otto Schenk wird Sie zu Grunde richten.“ „Sie kennen ihn?“ fragte Merville betroffen.„Er wohnt in Köln, ſein Bruder hat ihn geſchickt.“ „Das iſt entweder ein Irrthum, oder ein abſichtlicher Betrug,“ fuhr Maria mit wachſender Erregung fort.„Dieſer Mann iſt im vergangenen Jahre nach Frankreich geflüchtet, weil er ſich in ſeiner Heimath am Barrikadenkampfe betheiligt hatte; er war in Mülhauſen im Hauſe meines Vaters, dann in Lyon und ſpäter in Paris thätig. Von dort kam er hierher, er arbeitet hier in dem Etabliſſement eines Herrn Harriſon.“ „Ah— davon hat er mir nichts geſagt,“ verſetzte Merville beſtürzt.„Nichts deſtoweniger kann er von ſeinem Bruder den Auftrag erhalten haben, ſich von dem Befinden des Patienten zu überzeugen.“ „Und Sie haben ihm denſelben gezeigt?“ „Freilich.“ 3 „Dann kann ich Ihnen nur den guten Rath geben, ernſtlich an eine ſchleunige Abreiſe zu denken, die Polizei wird vielleicht ſchon heute hier ſein.“ Merville zuckte die Achſeln. „Sie ſehen zu ſchwarz,“ ſagte er und es gelang ihm nicht, ſeine Aufregung ganz zu verbergen.„Weshalb iſt es denn un⸗ wahrſcheinlſch, daß ſein Bruder—“ „Weshalb? Weil er mit ſeinem Bruder auf keinem freund⸗ ſchaftlichen Fuße ſteht. Die Beiden ſchreiben einander nie—“ „Wiſſen Sie das ſicher?“ „Otto Schenk hat es ſelbſt mir geſagt, er hat ſich damals bitter über das geſpannte Verhältniß beklagt.“ „Aber woher kann er denn wiſſen, daß der alte Mann in meiner Anſtalt iſt?“ 3 Fünfmalhunderttauſend Thaler. 29 — 450— „Kann er nicht aus Köln von Freunden darüber Mittheilungen erhalten haben?“ „Schwerlich die ſpecielle Mittheilung, daß der Patient ſich in meinem Hauſe befindet.“ „Warten Sie. Otto Schenk hat vor einigen Tagen in jenem Hauſe geſeſſen; er war angeklagt, falſche Banknoten angefertigt zu haben. Kann er da nicht zufällig den alten Mann an einem Fenſter dieſer Anſtalt geſehen haben?“ Merville konnte ſeine Unruhe nicht mehr bemeiſtern; er wan⸗ derte mit verſchränkten Armen haſtig auf und ab. „Möglich iſt es, aber nicht wahrſcheinlich,“ ſagte er.„Zudem war er ja ganz in die Sache eingeweiht. Er erklärte mir, daß er mit den Plänen und Abſichten ſeines Bruders ſehr genau ver⸗ traut ſei.“ Ein ſpöttiſches Lächeln glitt über das Geſicht der junge Dame. „Das war der Köder, der Sie in die Falle führte,“ entgeg⸗ nete ſie.„Er kennt ſeinen Bruder zu genau, um nicht zu wiſſen, daß derſelbe aus gewinnſüchtiger Abſicht ſeinen Aſſocie hat ein⸗ ſperren laſſen.“ Merville blieb ſtehen. „Wenn dem wirklich ſo wäre, dann bliebe mir allerdings nichts übrig, als mich aus dem Staube zu machen,“ knirſchte er, „ich habe dieſem Menſchen zu viel verrathen.“ „Eben das begreife ich nicht. Sie ſind doch ſonſt ſo über⸗ trieben vorſichtig—“ „Und ich ſage auch jetzt noch, es kann nicht ſein, Ihre Be⸗ ſorgniſſe ſind unbegründet.“ „Sie werden das glauben, bis es zu ſpät iſt.“ „Er würde ja ſeinen Bruder ebenfalls in's Gefängniß bringen, wenn er— ℳ „Er wird es thun, wenn er es nicht vermeiden kann.“ Merville blickte lange nachdenklich vor ſich hin. Ein wildes, verzehrendes Feuer loderte in ſeinen Augen, er begriff jetzt ſelbſt nicht, daß er ſo leichtſinnig geweſen war. „Glauben Sie das wirklich?“ fragte er endlich. „Ich bin durchdrungen von der Ueberzeugung, daß er ſich mit der Polizei in Verbindung ſetzen und hier ſofort Hausſuchung halten wird,“ erwiderte Marie in einem Tone, der Merville von der Richtigkeit ihrer Behauptung überzeugen mußte.„Viel⸗ leicht geſchieht das erſt morgen,“ fuhr ſie fort,„jedenfalls aber thun Sie klug, wenn Sie ſo raſch wie möglich abreiſen, morgen dürfte es ſchon zu ſpät ſein.“ „Und Sie?“ „Ich bleibe hier.“ „———— „Zudem mir, daß nau ver⸗ e Dame. entgeg⸗ wiſſen, hat ein⸗ ordinne Ulerdings rſche er, ſo über⸗ hre Be⸗ — —— — 451— „Sie dürfen es nicht.“ „Weshalb nicht? Mir kann die Behörde nichts anhaben, ich bin Ihre Haushälterin und kenne Ihre Patienten nicht. Ich werde Sie von dem, was ſich hier ereignet, benachrichtigen.“ „Ich werde nach Deutſchland gehen.“ „Sie theilen mir Ihre Adreſſe mit, ſobald Sie an Ort und Stelle angekommen ſind.“ „Das iſt nicht nöthig. Schicken Sie Ihre Briefe nach Cöln, Pariſer Hof, ſie werden mich dort treffen. Wenn Ihre Be⸗ fürchtungen ſich nicht beſtätigen, kehre ich zurück, im andern Falle muß ich ſuchen, aus der Ferne meine Habſeligkeiten zu verkaufen, daß Sie mir folgen werden, erwarte ich.“ „Es iſt ja bereits beſchloſſen, daß wir uns nach Deutſchland zurückziehen wollen,“ entgegnete Marie,„ich hoffe nur, ſie beſitzen hinreichende Mittel—“ „Seien Sie deshalb ohne Sorgen.“ „Gut, ſo werde ich Ihnen folgen. Jetzt ſäumen Sie nicht länger, bedenken Sie, was auf dem Spiele ſteht.“ Merville öffnete einen kleinen Schrank und holte aus demſelben eine kleine Flaſche, die er in ſeine Rocktaſche ſteckte. „Mögen ſie nun kommen, wann ſie wollen, ich werde meine Aufgabe gelöſt haben,“ ſagte er,„es hängt für mich zu viel davon. ab, als daß ich es unterlaſſen dürfte. Ich werde außer meinen Werthpapieren nur etwas Leibwäſche mitnehmen, haben Sie die Güte, mir meine Garderobe nachzuſchicken, ſobald Ihre Befürch⸗ tungen eingetroffen ſind.“ Merville zog die Glocke und befahl dem herbeieilenden Wärter, ihn zu begleiten. 2. Sechszigſtes Kapitel. Au ſpät! Otto ahnte nicht, daß ſein Plan bereits durchkreuzt war, er hegte die Vermuthung, daß Merville nicht weiter über den Be⸗ ſuch nachdenken werde. Derſelbe Agent, durch deſſen Bemühungen er aus dem Gefäng⸗ niſſe befreit worden war, ſollte auch in dieſer Angelegenheit ihm beiſtehen. 29 452 Er eilte zu ihm und theilte ihm ſeine Entdeckungen mit, ohne aber ſeinen Bruder zu erwähnen. Der geheime Agent war nicht im Mindeſten überraſcht. „Wir haben dieſen Merville ſchon lange im Verdacht gehabt,“ ſagte er, als Otto ſchwieg,„Wir wiſſen ſogar mit Beſtimmtheit, daß nicht nur in ſeiner Anſtalt, ſondern auch in den Anſtalten ſeiner Kollegen derartige Verbrechen verübt werden, aber bisher iſt es uns noch nicht gelungen, dieſe Schurken zu überführen.“ „Mervoille iſt überführt,“ warf Otto ein. „So glauben Sie. Können Sie einen Zeugen vorführen, der Ihre Ausſagen beſtätigt?“ „Nein, nein, aber— „Ah— Sie kennen die Gewandtheit dieſer Leute nicht. Sie ſind auf Alles gefaßt, man kann ſie nicht überraſchen.“ „So glauben Sie, daß es uns unmöglich ſein wird—“ „Das glaube ich nicht. Laſſen Sie mir Zeit, ich will mir die Sache überlegen.“ „Aber hier ſind die Augenblicke koſtbar,“ erwiderte Otto un⸗ geduldig.„Wir müſſen raſch vorgehen, jeder Augenblick Verzug kann—“ „Junger Herr, mit dieſer Ungeduld werden Sie nichts er⸗ reichen,“ unterbrach ihn der Beamte ruhig.„Wir können nicht ſo ohne Weiteres in ein fremdes Haus eindringen. Ich muß zuvor die Erlaubniß dazu einholen, ich muß ferner in dieſem Falle einen Richter und einen Arzt mitnehmen. Das Alles kann heute, an einem Sanntage, nicht geſchehen, wir werden uns alſo ohnehin bis morgen gedulden müſſen.“ Otto ſah die Triftigkeit dieſer Gründe ein; er entfernte ſich mit dem Verſprechen, am nächſten Tage wieder vorſprechen zu wollen. Je länger er über die Sache nachdachte, deſto mehr leuchtete es ihm ein, daß man mit äußerſter Vorſicht zu Werke gehen mußte. Merville hatte ja ſelbſt ihm geſagt, er fürchte eine Reviſion ſeiner Anſtalt nicht. † Nun hatte allerdings Merville ihm gegenüber einen ſchweren Stand, da er ſo unklug geweſen war, ihm ſeine Geheimniſſe zu verrathen, nichts deſto weniger konnten Vorkehrungen getroffen ſein, die auch in dieſem Falle den Schurken ſicher ſtellten. Als er am nächſten Tage den Agent beſuchte, richtete dieſer ſofort die Frage an ihn, wodurch er es ermöglicht habe, in die Geheimniſſe Mervllle's einzudringen. Otto wollte ausweichen, der Agent aber drang ſo lange in ihn, bis der junge Mann ihm die Lſſt, die er gebraucht hatte, geſtand. „Sie verſchweigen mir den Namen des Mannes, als deſſen Bevollmächtigter Sie ſich vorgeſtellt haben,“ ſagte der Beamte nach —— en mit, ohne ſßt ehabt,“ mtheit, n Anſtalten rte Otto un⸗ f Verzug nichts er⸗ önnen nicht Jt muij r in dieſem Alles kann en uss dlſ „ete ſich mit — 453— langem Nachdenken.„Sie mögen dafür Ihre Gründe haben, und da er, wie ich vermuthe, uicht in England wohnt, ſo kann es uns auch gleichgültig ſein, wer dieſer Genoſſe des Verbrechers iſt. Die nöthigen Schritte ſind gethan, heute Abend werden Sie in Begleitung eines Arztes die Anſtalt wieder beſuchen. Sie ver⸗ langen nochmals, den Patient zu ſehen, unter dem Vorwande, derjenige, der Sie bevollmächtigt habe, wünſche auch von einem zweiten engliſchen Arzte ein Atteſt über den Krankheitszuſtand des alten Mannes zu beſitzen, um allenfallſigen ſpäteren Gerüchten entgegentreten zu können. Fügen Sie hinzu, der Arzt, der Sie begleite, ſei beſtochen, er fordere nur, einen Blick auf den Kranken werfen zu dürfen, um das Atteſt der Wahrheit gemäß ausſtellen zu können.“ „Er wird das nicht zugeben.“ „Das hängt allein von Ihrem Auftreten ab. Der Arzt hat ſich bereit erklärt, die Rolle zu übernehmen, er wird ſie ſo ſpielen, daß Merville keinen Verdacht ſchöpfen kann. Jedenfalls aber beob⸗ achten Sie ſcharf jede Bewegung Merville's, weichen Sie ihm nicht von der Seite, eine Viertelſtunde ſpäter werden wir plötzlich erſcheinen, dann iſt es für uns von Wichtigkeit, zu erfahren, was vor unſerer Ankunft geſchehen iſt.“ Otto fand den Plan gut, er wußte wenigſtens keinen beſſeren. Das Herz pochte ihm gewaltig, als er am Abend in Beglei⸗ tung des Arztes den Gang antrat. Gelang der Plan nicht, ſo war Scherenberg verloren und das ruchloſe Verbrechen blieb unbeſtraft. Er zog die Glocke, das Thor wurde augenblicklich geöffnet. „Herr Merville iſt ſeit geſtern Abend verreiſt,“ lautete die Antwort, als Otto eine Unterredung mit ihm verlangte. „Das iſt wahrſcheinlich eine Finte,“ flüſterte der Arzt dem jungen Manne zu,„laſſen Sie ſich ſo leicht nicht abweiſen.“ Otto nannte ſeinen Namen und fügte hinzu, es ſei eine dringende Angelegenheit, die ihn in die Anſtalt führe, er habe ſchon geſtern mit Herrn Merville eine Unterredung gehabt und komme in Folge deſſen noch einmal. Der Wärter zuckte bedauernd die Achſeln. „Wann wird Ihr Herr zurückkehren?“ fragte der Arzt. „Er hat darüber nichts hinterlaſſen,“ erwiderte der Wärter kurz angebunden. „Hat er auch das Ziel ſeiner Reiſe nicht genannt?“ „Nein.“ „Wer vertritt ihn während ſeiner Abweſenheit?“ „Wir alle.“ — 454— „Aber einer muß doch die Oberaufſicht führen,“ ſagte Otto ungeduldig. „Das iſt nicht nöthig,“ entgegnete der Wärter trotzig. „Das Fräulein beſorgt den Haushalt und wir ſorgen für die Pflege des Kranken. Hier geht Alles ſeinen geregelten Gang.“ „uUnd es iſt kein Arzt da, der Euren Herrn vertritt?“ fragte der Doktor. „Das iſt nicht nöthig, wir haben nur unheilbare Patienten.“ „Nun gut,“ ſagte Otto,„wir wünſchen denſelben Kranken zu ſehen, den ich geſtern beſucht habe.“ „Das geht nicht an.“ „Euer Herr hat ſelbſt mich geſtern hingeführt.“ „Mag ſein, aber wir haben ſtrengen Befehl, während der Abweſenheit des Herrn Niemand einzulaſſen. Warten Sie bis Herr Merville zurück iſt.“ „Dazu haben wir weder Zeit noch Luſt,“ entgegnete der Arzt barſch. „Bedaure, aber ich muß Sie bitten, mich nicht länger aufzuhalten, ich habe andere Dinge zu thun, als hier Rede und Antwort zu ſtehen.“ Rathlos ſahen die Beiden einander an, die drohende Haltung des Wärters bewies, daß er entſchloſſen war, die unliebſamen Gäſte gewaltſam zu entfernen, wenn ſie nicht freiwillig gingen. In dieſem Augenblick wurde abermals die Glocke gezogen und die beiden athmeten erleichtert auf, als der Agent und der Richter eintraten. Der Wärter konnte ſeine Beſtürzung nicht verhehlen, er griff haſtig nach der Glockenſchnur, die neben der Hausthüre hing. Der Agent kam ihm zuvor, er umklammerte den Arm des Mannes und ſtieß ihn zurück. „Es iſt ganz und gar unnöthig, daß wir angemeldet werden,“ ſagte er,„wir wünſchen jedes Aufſehen zu vermeiden. Wo iſt Euer Herr?“ „Auf der Reiſe,“ ſagte Otto.„Wohin, weiß dieſer treue Ge⸗ noſſe ebenſowenig wie den Tag, wann er zurückkehren wird.“ Der Agent lächelte bedeutſam. Er griff in die Bruſttaſche und zog einen Revolver heraus, den er mit bewundernswerther Ruhe ſchußfertig machte. „Sie werden uns jetzt durch die Anſtalt führen,“ befahl er, „und zwar zuerſt zu dem Patienten, den dieſe beiden Herren zu ſehen verlangten. Sobald Sie Miene machen, irgend etwas zu unternehmen, was den Zweck unſeres Beſuches vereiteln könnte, werde ich von dieſer Waffe Gebrauch machen. Der erſte Schuß aber iſt das Signal, welches den draußen harrenden Beamten be⸗ —y — 455— fiehlt, unverzüglich hier einzudringen und Jeden, der ihnen be⸗ gegnet, zu verhaften.“ Der Wärter zuckte anſcheinend gleichgültig die Achſeln, aber der Ausdruck ſeines Geſichts verrieth, daß er innerlich vor Wuth bebte. „Ich muß mich der Gewalt fügen,“ erwiderte er,„aber ich proteſtire gegen dieſen Akt, zu welchem keine Berechtigung vorliegt.“ „Proteſtiren Sie, ſo lange es Ihnen beliebt,“ verſetzte der Richter kühl,„Sie werden dazu vielleicht ſpäter Zeit und Muße genug finden. Vorwärts!“ „Iſt das ganze Perſonal im Hauſe?“ fragte der Agent, während die vier Herren dem Wärter ſolgten, der mit unverkennbarem Wi⸗ derſtreben ihnen langſam vorausſchritt. Der Wärter nickte. „Wie ſtark iſt das Perſonal?“ „Drei Wärter und ein kleiner Junge, der die Ausgänge beſorgt.“ „Außerdem?“ „Niemand.“ „Wer beſorgt denn die Wäſche, die Küche—“ „Ja ſo. Außer der jungen Dame, unſerer Wirthſchafterin, haben wir zwei Mägde.“ „Und wer führt die Oberaufſicht während der Abweſenheit des Herrn Merville?“ „Ich.“ „So ſeid Ihr auch verantwortlich—“ „Nur meinem Herrn, ich vollziehe ſeine Befehle,“ ſagte der Wärter trotzig. Die kleine Geſellſchaft war inzwiſchen vor der Thüre der Zelle angelangt, welche Scherenberg bewohnte. „Hier ſind wir an Ort und Stelle,“ nahm Otto das Wort, indem er ſich raſch der Thüre näherte,„öffnen Sie.“ Der Wärter kam dieſem Befehl ohne Widerrede nach, ein Zug boshaften Hohnes glitt über ſein widerwärtiges Geſicht. Er öffnete die Thüre und trat zur Seite, um die Herren einzulaſſen. Ein Schrei des Entſetzens entrang ſich den Lippen Otto's, der zuerſt die Schwelle überſchritt, ſein Blick fiel auf die Leiche des alten Mannes. „Zu ſpät!“ ſagte der Agent mit gedämpfter Stimme.„Ah, jetzt errathe ich, weshalb der Fuchs ſeinen Bau ſo raſch verlaſſen hat.“ In der Mitte des noch immer unſaubern Gemachs ſtand ein oh gezimmerter Sarg auf vier Stühlen; in dieſem Sarge, mit — 456— einem alten Teppich halb verhüllt, lag die Leiche, deren Anblick auch dem, der dieſen Mann nie zuvor geſehen hatte, Entſetzen eingeflößt haben würde. Der Arzt beugte ſich über das hagere, ſtarre Antlitz, er be⸗ durfte nur eines einzigen kurzen Augenblicks, um die Urſache des Todes feſtzuſtellen. „Wann ſtarb dieſer Patient?“ fragte er. „Geſtern Abend,“ erwiderte der Wärter ruhig. a vor der Abreiſe Merville's?“ „Ja. „Wer hat die letzte Medizin ihm gereicht?“ „Herr Merville ſelbſt.“ „So hat er ihn vergiftet,“ wandte der Arzt ſich zu ſeinen Begleitern.„Daß die Wärter das nicht gewußt haben ſollen, beſtreite ich; der plötzliche Tod unter auffallenden Symptomen mußte ſie befremden.“ Der Agent ließ ſeine Hand ſchwer auf die Schulter des Wär⸗ ters fallen. „Im Namen des Geſetzes,“ ſagte er,„Sie ſind verhaftet.“ „Oho!“ fuhr der Wärter auf.„Ich bin nicht verantwortlich für das, was hier geſchehen iſt—“ „Das wird ſich finden,“ unterbrach der Richtex ihn ruhig, „ich trete der Anſicht des Herrn Doctors bei, daß den Wärtern dieſes Verbrechen kein Geheimniß ſein konnte. Welches Gift hat Merville angewandt?“ „Das kann erſt nach der Section der Leiche feſtgeſtellt wer⸗ den,“ entgegnete der Arzt,„ich vermuthe, wir werden Belladonna finden.“ Erſchüttert ſtand Otto vor der Leiche, er mußte ſich ja ſagen, daß ſein Bruder der eigentliche Mörder war. Wollte er dieſen Mord rächen, ſo mußte er den eigenen Bruder dem Henker überliefern, und das vermochte er nicht. Er mußte ſchweigen, das Geheimniß in ſeine Bruſt verſchließen und es der Vorſehung überlaſſen, ob ſie den Verbrecher richten wollte. Der Richter forderte jetzt den Wärter auf, ſämmtliche Zellen zu öffnen. Entſetzliche Dinge kamen jetzt zum Vorſchein, man fand aller⸗ dings einige Wahnſinnige, unter dieſen auch Tobſüchtige, aber der größere Theil der Patienten war nur ſtumpfſinnig,— eine Folge des Schmutzes, der Mißhandlungen, der ſchlechten und dürftigen Nahrung und der Medikamente, welche Meroille ihnen gereicht hatte. 7 7 Schmutz und Unrath fand man überall, man fand außerdem/ ——— eren Anblick Entſetzen itz, er be⸗ Urſache des zu ſeinen aben ſollen, Symptomen t des Wär⸗ —5 Iftet. 11 twertlich ihn ruhig, en Wärtern 8 Giſt hat verſchleßen zer richtel liche Zellen fand allel⸗ aber der ue ax d dürftigel gen gelei außelden — 457— Zwangsjacken, Ketten, Peitſchen und einige, bisher unbekannte, ſehr ſinnreiche Martergeräthſchaften, denen man beim erſten Blick anſah, daß ſie ſehr wohl geeignet waren, ihren gräßlichen Zweck zu erfüllen. Man fand ferner in dem Medizinſchranke Merville's die ver⸗ ſchiedenſten Gifte in großen Vorräthen, man fand in ſeinen Büchern ſogar Bemerkungen, die zur Evidenz bewieſen, daß in der Anſtalt ſich jetzt noch einige Patienten befanden, die ſchon ſeit Jahren beer⸗ digt ſein ſollten. Ueber das Alles wurde ein ſehr eingehendes Protokoll aufge⸗ nommen und darauf das geſammte Perſonal mit Ausnahme der Wirthſchafterin in's Gefängniß geführt. Man würde auch dieſe verhaftet haben, zumal einige Wärter erklärten, ſie ſei die vertraute Rathgeberin Merville's geweſen, aber ſie war im ganzen Hauſe nicht aufzufinden. Die Wärter behaupteten, ſie müſſe im Hauſe ſein, und die Beamten, welche während der Hausſuchung das Thor bewacht hatten, erklärten, Niemand habe während ihrer Anweſenheit die Anſtalt verlaſſen. Dennoch mußte die junge Dame, deren Namen die Wärter nicht kannten, Gelegenheit zur Flucht gefunden haben und gerade dieſe Flucht bewies, daß ſie die Mitſchuldige Merville's war. Die Aufſicht über die Anſtalt wurde noch an demſelben Abend einem tüchtigen Arzte anvertr ut, mit der Beſtimmung, daß die Irren dem großen allgemeinen Irrenhauſe überwieſen werden ſollten. Einundſechszigſtes Kapitel. Gefälſchte Wechſel. Der Hülferuf des Wucherers Herz hatte mehrere Nachbarn herbeigelockt, die, als ſie die Thüre verſchloſſen fanden, dieſelbe unverzüglich ſprengten, in der ſicheren Vorausſetzung, den alten Mann entweder ſchon ermordet oder in den Händen eines Raub⸗ mörders zu finden. In dieſer Vorausſetzung nun ſahen ſie ſich freilich getäuſcht, indeß entdeckten ſie doch, daß ſchleunige Hülfe Noth that, wenn⸗ dem Wucherer das Leben erhalten werden ſollte. Man erkannte ſofort die Krankheit, welche den alten Mann befallen hatte und wenn dies auch einigen Nachbarn Veranlaſſung gab, das Haus ſchleunig wieder zu verlaſſen, ſo ließen die Andern ſich doch weder durch die Lebensgefahr, noch durch ihren Abſcheu vor dem Wucherer ſelbſt abhalten, ihm beizuſtehen. Sie brachten ihn zu Bett und riefen einen Arzt, der nicht nur die ärztliche Behandlung übernahm, ſondern auch eine Nachbarin, eine arme Wittwe, durch Verſprechen bewog, den Kranken zu pflegen. Dieſe Frau erfüllte ihre Pflicht mit gewiſſenhafter, unermüd⸗ licher Sorgfalt, ihr hatte Jakob Herz hauptſächlich die Rettung ſeines Lebens zu verdanken, während einer ſeiner Gegner, der No⸗ tariatsſchreiber, der Seuche erlag. Aber wenn auch die Wezoftän recht gute Fortſchritte machte, es währte doch mehrere Wochem ⸗ ehe der Wucherer das Haus wie⸗ der verlaſſen korme und gerade in dieſe Zeit fiel der Verfalltag des Wechſels, den Karl Liebmann auf die Firma Otto Schirmer und Sohn ausgeſtellt und im Namen dieſer Firma acceptirt hatte. Am Abend vor dieſem V Berfaltade empfing Jakob Herz den Beſuch Heinrich's Der letztere wußte nicht, daß der Wucherer erkrankt war, und es ſchien ihm außerordentlich angenehm zu ſein, als er ihn im Bette fand. Er erſuchte die Wärterin, ſich zu entfernen und nahm an dem Bette Platz. „Sie werden errathen, weshalb ich komme,“ ſagte er,„der Wechſel iſt morgen fällig.“ „Und ich hoffe, daß er auch eingelöſt wird,“ erwiderte Herz, den Blick fragend auf das Antlitz des jungen Mannes richtend. Heinrich zog die Augenbrauen in die Höhe, er wollte durch dieſe ſtumme Geberde offenbar andeuten, daß er das bezweifelte. „Karl Liebmann, Ihr Schuldner, hat ſich heimlich entfernt,“ verſetzte er ausweichend,„Niemand weiß, wo er iſt.“ „So muß ſein Vater in den Riß treten!“ „Es fragt ſich ſehr, ob er es thut.“ „Aber Sie wnien doch früher—“. „Daß das Geld Ihnen ſicher ſei, allerdings. Inzwiſchen haben die Umſtände ſich weſentlich geändert.“ „Ich wüßte nicht, in wie fern,“ ſagte der Wucherer, der ſchon unruhig zu werden begann. „In ſo fern, als Sie jetzt Ihren Schuldner nicht mehr mit dem Kriminalgericht drohen können.“ „Das ändert nichts ſeinem Vater gegenüber. Der Fabrikant wird lieber ein Opfer bringen, als dieſe Schmach auf ſeinen Sohn kommen laſſen.“ „So denken Sie,“ erwiderte Heinrich gelaſſen,„Sie wiſſen nicht, was inzwiſchen vorgefallen iſt. Die Ehre Ihres Schuldners rch rc — 459— iſt bereits öffentlich ſo tief in den Staub getreten, daß die Fäl⸗ ſchung des Wechſels kaum—“ „He— dann werde ich Sie dafür belangen!“ rief der Wuche⸗ rer erregt.„Sie müſſen für die Deckung ſorgen, ohne Ihre Bürgſchaft würde ich dem Subject keinen Pfennig geborgt haben.“ „Wenn Sie glauben, Anſprüche an mich machen zu können, ſo müſſen Sie verſuchen, dieſelben geltend zu machen,“ erwiderte Heinrich mit einer Ruhe, die hinlänglich bewies, daß er dieſe Anſprüche nicht fürchtete.„Ich habe Ihnen nur einen Rath in dieſer Angelegenheit gegeben, von einer Bürgſchaft meinerſeits iſt niemals die Rede geweſen.“ Starr, mit dem Ausdruck der Beſtürzung ruhten die fieber⸗ haft glänzenden Augen des Wucherers auf dem jungen Manne. „Ich hätte mich beſſer vorſehen ſollen,“ ſagte er,„ich war ein Narr, daß ich Ihnen ſo großes Vertrauen ſchenkte. Nun bin ich betrogen um das Geld, betrogen durch Sie, auf deſſen Ehrlich⸗ keit ich baute.“ „Das iſt meine Schuld nicht,“ entgegnete Heinrich kühl,„Sie hätten früher gegen Ihren Schuldner einſchreiten ſollen, Sie muß⸗ ten doch wiſſen, daß bei dieſen Schuldnern eine allzulange Nachſicht immer verderblich iſt. So lange Liebmann noch hier war, ſo lange Sie ihm noch mit dem Zuchthauſe drohen konnten, waren alle Chancen für Sie, jetzt hat das ein Ende.“ „Aber die Familie—“ „Die Familie hat genug für ihn gethan.“ Bebend vor Wuth richtete der Kranke ſich empor, er ſchlug in wildem Jähzorne mit der Fauſt auf die Decke, daß der Staub emporwirbelte. „Ich laſſe ihn verfolgen, durch die Gensdarmen zurückholen,“ rief er,„ich verklage auch Sie, Sie ſollen mit in den Prozeß verwickelt werden. Der Brief, in welchem Sie mir rathen, ihn zur Wechſelfälſchung zu verleiten, iſt ein Beweis, der Ihnen den Hals brechen muß. Ah— ſo leicht laſſe ich mich doch nicht über den Löffel barbiren, ſechszehntauſend Thaler wirft man nicht ſo mir nichts, Dir nichts zum Fenſter hinaus!“ „Sie haben es gethan,“ ſagte Heinrich mit unerſchütterlicher Ruhe,„was hilft Ihnen nun der Aerger?“ „Ich habe es gethan, weil ich mich auf Sie verließ.“ „Und ich will thun, was ich kann, um Ihnen zu beweiſen, daß ich es ehrlich mit Ihnen meinte,“ fuhr Heinrich fort.„Ich werde heute Abend mit meinem Schwiegervater reden, wenn er ſich geneigt zeigt, die Schuld ſeines mißrathenen Sohnes zu decken, ſo erhalten Sie morgen oder übermorgen Nachricht. Zeigen Sie alſo den Wechſel nicht eher, als am letzten Reſpecttage vor, ich ———————]⅓ — 460— hoffe, Ihnen bis dahin mittheilen zu können, daß Liebmann den Wechſel decken wird.“ „Und wenn ich dieſe Nachricht nicht erhalte?“ fragte der Wucherer mit geſpannter Erwartung. „Dann kann ich Ihnen nicht übel nehmen, wenn Sie Ihre Rechte wahren, den Wechſel bei der Firma Otto Schirmer und Sohn vorzeigen und ſofort Proteſt erheben laſſen.“ „Alsdann iſt die Verfolgung Ihres Schwagers durch das Criminalgericht nicht mehr zu vermeiden.“ „Freilich nicht, aber vielleicht läßt mein Schwiegervater ſich noch in der letzten Stunde zur Zahlung bewegen, wenn er ſieht, daß Sie entſchloſſen ſind, die Sache zu verfolgen.“ Jakob Herz blickte, in Nachdenken verſunken, vor ſich hin. „Das ſind Hoffnungen, für die ich keinen rothen Heller gebe,“ grollte er,„aber ich ſage Ihnen noch einmal, Sie werden in den Prozeß verwickelt.“ Heinrich hatte ſich erhoben. „Sie werden dadurch kein anderes Reſultat erzielen, als daß ich unter allen Umſtänden die Deckung des Wechſels hintertreibe,“ ſagte er,„wenn Sie aber, wie ich ſchon früher Ihnen bemerkte, mich aus dem Spiele laſſen und die Fingerzeige, die ich Ihnen gebe, benutzen, ſo glaube ich, Ihnen die Zahlung garantiren zu können. Verſtehen Sie den Sinn dieſer Worte?“ „Nicht ganz.“ „So denken Sie darüber nach, ich habe Ihnen ja vorhin ſchon einige beherzigenswerthe Winke gegeben. Was ſich auch in den nächſten Tagen ereignen mag, handeln Sie, wie ich Ihnen geſagt habe, wenn Sie keine näheren Nachrichten von mir erhalten.“ Er entfernte ſich nach dieſen Worten, unbekümmert darum, ob Jakob Herz durch eigenes Nachdenken die Bedeutung ſeiner Finger⸗ zeige errieth, oder nicht.— Heinrich Schenk war nicht zufrieden mit dem Vermögen, welches er an der Börſe durch ſeine Speculationsgeſchäfte erworben hatte, trotzdem man daſſelbe ſchon jetzt bedeutend nennen konnte. Er wollte raſch reich und zwar ſehr reich werden, ihm genügte nicht einmal die halbe Million, die er vor einem Jahre als das Ziel ſeines Strebens bezeichnet hatte, er mußte ſie ganz beſitzen, dann erſt wollte er auf ſeinen Lorbeern ausruhen. Daß er dieſen Reichthum auf geraden Wegen ſo bald nicht erreichen konnte, ſah er ſehr wohl ein, deshalb zog er die Bahn des Verbrechens zu Hülfe. Das ganze Vermögen ſeines Aſſocie's glaubte er ſchon zu beſitzen, es galt jetzt noch, ſich das Vermögen ſeines Schwieger⸗ vaters anzueignen. —.— — bmann den roater ſich neer ſieht, tſich hin. Uler gebe, den in den —, als daß 11 — 461— Liebmann mußte ſeinen Sohn enterben, dann fiel ſein Ver⸗ mögen der Gattin Heinrichs zu. Freilich erſt nach ſeinem Tode, aber es gab ja Mittel genug, den alten Mann unter die Erde zu bringen. Das waren die Pläne Heinrichs, der, nachdem er die Bahn des Verbrechens einmal betreten hatte, von Verbrechen zu Ver⸗ brechen fortgetrieben wurde. Als er das Haus des Wucherers verlaſſen hatte, ſchlug er den Weg zur Wohnung ſeines Schwiegervaters ein. Er traf dort ſeine Gattin, Liebmann hatte die Beiden zum Abendeſſen eingeladen. Anfangs betraf die Unterhaltung geringfügige Dinge, Geſchäfts⸗ angelegenheiten, die für Bertha nur in ſofern Intereſſe hatten, als ſie ihr bewieſen, daß ihr Gemahl es liebte, in großartigem Maßſtabe Hazard zu ſpielen. Erſt beim Deſſert, als der Champäagner in den Gläſern perlte, brachte Heinrich das Geſpräch auf ſeinen Schwager. „Man will jetzt genau wiſſen, weshalb Karl ſich ſo heimlich entfernt hat,“ ſagte er mit einem Ernſt, der den alten Herrn aufmerkſam machen mußte.„Nicht des Verhältniſſes mit der Schneiderstochter wegen, denn, ſo ſagt man, nachdem der Schneider Wacker das große Loos gewonnen habe, ſei ſeine Tochter uns ja ebenbürtig.“ „Wer ſagt das?“ fragte Bertha ſpottend.„Dieſe Anſicht iſt ſo dumm und albern—“ „Nichts deſtoweniger urtheilt das Volk ſo,“ fuhr Heinrich fort. „Man behauptet ſogar, die Schneiderstochter werde—“ „Und welchen anderen Grund dieſer ſogenannten heimlichen Entfernung meines Sohnes will man gefunden haben?“ untesßoch der Fabrikant ihn.— „Es iſt beſſer, wenn Sie ihn nicht erfahren,“ erwiderte Heinrich ausweichend. „Weshalb? Ich bin über das Geſchwätz der müßigen Zungen erhaben.“ „Wenn es nur ein Geſchwätz wäre! Aber—“ „Aber?“ „Die Sache verhält ſich leider ſo, wie man behauptet.“ „Na, dann heraus mit der Sprache,“ ſagte Liebmann ungeduldig. „Man wird wahrſcheinlich den leichtfertigen Lebenswandel Karls—“ „Nicht ihn, ſondern die Folgen deſſelben.“— „Ah— er hat Schulden?“ „Allerdings.“ „Ich dachte es mir,“ murmelte der Fabrikant,„ich habe ſchon längſt befürchtet, dieſe Entdeckung machen zu müſſen.“ G — 462— „Und dieſe Schulden ſind ſehr beträchtlich,“ warf Bertha ein. „Ich begreife nicht, daß er ſie machen konnte, daß er einen Mann fand, der ihm eine ſo hohe Summe borgte.“ „Das iſt ſehr leicht zu begreifen,“ erwiderte Heinrich kühl, „der Wucherer weiß, daß das Geld ihm ſicher iſt und daß er hohe Zinſen fordern kann. Die Sache wäre nicht ſo ſchlimm, wenn Karl ſich nicht hätte verleiten laſſen, Wechſel auszu⸗ ſtellen.“ Mit dem Ausdruck fieberhafter Spannung ruhte der Blick des Fabrikanten auf dem gleichmüthigen Geſicht des jungen Mannes. „Wie hoch iſt die Summe?“ fragte er. „Man ſpricht von ſechszehntauſend Thaler.“ Liebmann ſchnellte von ſeinem Sitz empor. „Das iſt unmöglich,“ ſagte er mit bebender Stimme.„Wenn Karl auch in den jüngſten Jahren ſehr leichtfertig gelebt hat, eine ſolche Summe kann er nicht vergeudet haben.“ Heinrich ſetzte das Glas an die Lippen und blickte über den Rand deſſelben den alten Herrn gleichmüthig an. Aber trotz dieſem Gleichmuth lag etwas Tückiſches, Lauerndes in dieſem Blick, etwas, was deutlich bewies, daß jedes Wort, welches er ſprach, berechnet war. „Am grünen Tiſch kann man an einem Abende dieſe Summe verlieren,“ ſagte er gelaſſen.„Karl hat, wie ich nachträglich erfahren, ſehr ſtark geſpielt.“ „Sechszehntauſend Thaler!“ verſetzte Liebmann kopfſchüttelnd. „Man begreift kaum, daß ein Menſch ſo leichtſinnig ſein kann! Ich tilge dieſe Schuld nicht, der Gläubiger mag ſich an ſeinen Schuldner halten.“ Mag der Wucherer zuſehen, wer ihm das Geld zurücker⸗ ſt“¹ ſchaltete Bertha ein. „Das iſt Alles ſehr leicht geſagt,“ erwiderte Heinrich,„ich fürchte nur, daß wir für ihn in den Riß treten müſſen.“ „Wer kann mich dazu zwingen?“ fuhr Liebmann auf. „Natürlich Niemand, geſetzlich ſind wir nicht verpflichtet, die Schulden dieſes Verſchwenders zu decken. Aber ein Umſtand tritt hinzu, den wir nicht unbeachtet laſſen dürfen. Karl hat für die Summe einen Wechſel ausgeſtellt.“ „Was kümmert das mich?“ „Aber die Firma! Karl war Aſſocie der Firma und zur Unterſchrift berechtigt.“ „Ich kann mir denken, daß er den Wechſel auf die Firma ausgeſtellt und im Namen der Firma acceptirt hat,“ entgegnete der Fabrikant,„aber ehe ich das Accept anerkenne, laſſe ich's zum Prozeß kommen.“ — Bertha ein. inen Mann — 463— „Auch dann, wenn Karl eine Wechſelfälſchung begangen hat?“ fragte Heinrich. Beſtürzt blickte Liebmann den Fragenden an. „Der Wechſel iſt auf die Firma Otto Schirmer und Sohn gezogen und von dieſer acceptirt,“ fuhr Heinrich in gedehntem Tone fort.„Natürlich iſt das Accept falſch, Otto Schirmer und Sohn werden nicht ſo thöricht ſein, einen ſolchen Wiſch zu unter⸗ ſchreiben, zumal ſie mit Ihnen in keiner Geſchäftsverbindung ſtehen.“ Die Wirkung dieſer Worte war eine gewaltige. Eine fieberhafte Aufregung hat ſich des alten Mannes be⸗ mächtigt, ſprachlos vor Beſtürzung blickte er, in ſeinen Seſſel zurückgelehnt, ſtarr den Schwiegerſohn an, der es vortrefflich ver⸗ ſtand, ſeinen Zügen den Ausdruck inniger Theilnahme zu geben. „Das iſt ja entſetzlich!“ ſagte Bertha. „Ich kann es nicht glauben,“ flüſterte Liebmann mit bebender Stimme.„So tief kann Karl nicht geſunken ſein.“ „Leichtſinn,“ erwiderte Heinrich,„grenzenloſer Leichtſinn! Im Vertrauen darauf, daß er bis zum Verfalltage das Geld haben werde, hat er das Verbrechen begangen, deſſen Folgen er nicht bedachte.“ „Aber wiſſen Sie auch gewiß—“ „Ich habe den Wechſel geſehen.“ „In weſſen Händen iſt er?“ „Ich weiß das augenblicklich nicht.“ „Aber Sie ſahen ihn doch?“ „Allerdings.“ „Sie hätten ihn zurückhalten ſollen.“ „Würden Sie ihn eingelöſt haben?“ fragte Heinrich ruhig. „Dazu iſt es am Verfalltage noch immer Zeit. Wenn ich t irre, hat Jakob Herz ihn.“ „Dieſer Burſche müßte mit der Peitſche gezüchtigt werden,“ ſagte Liebmann, unfähig ſeine Wuth zu bemeiſtern.„So alſo vergilt er mir, was ich an ihm gethan habe!“ Heinrich zuckte gelaſſen die Achſeln. „Er ſelbſt ſieht es nicht ſo ſchlimm an,“ verſetzte er kalt,„er denkt, das Vermögen, welches er einſt erben wird, ſei ſchon jetzt gewiſſermaßen ſein Eigenthum. Wenn der Verfalltag verſtrichen iſt, wird er, vielleicht mit einigen Worten des Bedauerns anfra⸗ gen, ob der Wechſel eingelöſt ſei. Erhält er eine bejahende Ant⸗ wort, ſo kommt er zurück und thut, als ob nichts vorgefallen ſei. Möglicherweiſe werden wir dann im nächſten Jahre dieſelbe Geſchichte erleben.“ „Er ſoll ſich verrechnen!“ rief Liebmann, bebend vor Zorn. „Er ſoll erfahren, daß dieſes Vermögen noch nicht ſein Eigenthum iſt! Ich werde ihn enterben—“ „Sie können ihm den geſetzlichen Antheil nicht entziehen!“ warf Heinrich ein. „Zugegeben,“ fuhr der Fabrikant fort.„Aber hat er nicht ſchon mehr erhalten, als er geſetzlich fordern kann, wenn ich den Wechſel einlöſe?“ „Allerdings!“ „Alſo habe ich auch das Recht, ihn vollſtändig zu enterben.“ „Ich mag Ihnen in dieſer Sache nicht rathen und Bertha kann das auch nicht, weil wir beide intereſſirt ſind,“ ſagte Hein⸗ rich im Tone herzlichen Bedauerns.„Es muß Ihnen gewiß ſchwer fallen, dieſen Schritt zu thun, und doch können Sie von Ihrem Standpunkte aus kaum anders handeln. Gelangt dieſer Verſchwen⸗ der in den Beſitz ſeines Vermögens, ſo wird er nicht ruhen, bis der letzte Pfenning vergeudet iſt und dann bleibt ihm nur noch übrig, den ſiechen Körper in's Armenhaus zu ſchleppen, um dort zu ſterben. Ihm thäte eine harte Schule Noth, er müßte ge⸗ zwungen werden, zu arbeiten, damit er einſieht, wie ſchwer es iſt, Geld zu verdienen.“ „Das wäre vielleicht der einzige Weg, auf dem man Beſſe⸗ rung für ihn hoffen könnte,“ ſagte Bertha zuſtimmend.„Stelle ihn unter Vormundſchaft, entziehe ihm ſein Vermögen für eine beſtimmte Zeit.“ Liebmann blickte in Nachdenken verſunken ſchweigend vor ſich hin. „Ich will nach Ihrem Tode die Vormundſchaft übernehmen, vorausgeſetzt, daß bis dahin die Beſſerung noch nicht eingetreten iſt,“ ſagte Heinrich, dem der Vorſchlag ſeiner Gattin einzuleuchten ſchien. „Nichts da!“ fuhr der Fabrikant auf.„Er würde Reue und Beſſerung heucheln und——— wir, wir, er muß die Ueber⸗ zeugung gewinnen, daß es mir Ernſt mit der Enterbung iſt. Wenn er alsdann ſich beſſert, wenn er einen andern Weg betritt und verfolgt, ſo werden Sie ihm nach Ihrem Ermeſſen unter die Arme greifen, damit er die Möglichkeit erhält, ein Geſchäft zu gründen. Wollen Sie das übernehmen?“ „Herzlich gerne, obſchon ich vorausſehe, daß es zu Hader und Zwietracht zwiſchen ihm und mir führen wird. Er wird uns beide der Erbſchleicherei beſchuldigen—“ „Wie kann er's?“ unterbrach Liebmann ihn.„Die Wechſel⸗ fälſchung erklärt zur Genüge die Gründe, die mich zur Enterbung bewogen haben.— Ich wünſche nur vorher den Wechſel zu ſehen, damit ich mir ſpäter keine Vorwürfe mache.“ — 465— „Ich werde morgen zu dem Wucherer hingehen und ihn fragen, ob er ihn beſitze,“ ſagte Heinrich. „Ich werde Sie begleiten.“ „Thun Sie das nicht.“ „Weshalb nicht? Einlöſen muß ich den Wiſch.“ „Ganz recht, aber wenn Sie den Wucherer beſuchen, wird er von ſeiner Forderung keinen Pfenning ablaſſen, dagegen hoffe ich—“ „Nun wohl, wenn Sie glauben, die Schuld billiger tilgen zu können, ſo verſuchen Sie es. Sobald ich Gewißheit habe, gehe ich zu meinem Notar, um das Teſtament aufzuſetzen.“ Die jungen Leute erhoben ſich, um den Heimweg anzutreten und Liebmann hielt ſie nicht zurück, er bat nur noch ſeinen Schwiegerſohn, die Sache geheim zu halten und vor allen Dingen die Einmiſchung des Gerichts zu verhüten. Zu Hauſe angekommen, zog Bertha ſich ſofort in ihr Schlaf⸗ gemach zurück. Heinrich dagegen ging in ſein Kabinet und ſetzte ſich an den Schreibtiſch. Er ſchrieb zwei Briefe. Der erſte war an Karl Liebmann in Neapel gerichtet. Er theilte darin ſeinem Schwager mit, der Vater ſei ſehr entrüſtet, habe ſich aber endlich bereit erklärt, den Wechſel zu decken; Näheres werde er ihm in den erſten Tagen berichten. Der zweite Brief trug weder Datum noch Unterſchrift, es war ein anonymer Brief mit verſtellter Handſchrift, er trug die Adreſſe der Firma Otto Schirmer und Sohn. Dieſe beiden Briefe brachte Heinrich ſelbſt und zwar ohne Verzug zur Poſt, trotzdem Mitternacht längſt verſtrichen war. Zweiundſechszigſtes Kapitel. Ein anonymer Brief. Der Bankier Otto Schirmer pflegte die Briefe, welche die Poſt ihm Morgens brachte, beim Frühſtück zu leſen, der Lehrling mußte ſie ihm nebſt den Zeitungen hinaufbringen, und Eugenie ſowohl wie Tante Thereſe erfuhren bei dieſer Gelegenheit Manches aus dem Geſchäft, was ihnen unter andern Umſtänden unbekannt geblieben wäre. Fünfmalhunderttauſend Thaler. 30 ——j——— — — 466— Der alte Herr war ſehr mittheilſam, zumal, wenn er ſich bei guter Laune befand und es kam ſelten vor, daß er ſchlechte Laune hatte. So begann er denn auch heute, nachdem er ſeine Pfeife ange⸗ zündet und die Gläſer der Brille ſorgfältig geputzt hatte, die ein⸗ gelaufenen Briefe der erſten oberflächlichen Prüfung zu unter⸗ werfen. „Aus London, für Sie!“ ſagte er, indem er einen Brief der Tante Thereſe hinlegte,„Sie haben ja eine ſehr ausgebreitete Correſpondenz!— Wohl noch immer mit dem Herrn Maſchinen⸗ bauer— wie?“ Eugenie ſenkte verlegen die Wimpern, Tante Thereſe dagegen blickte den Fragenden frei und ohne Scheu an. „Und wenn dem ſo wäre?“ erwiderte ſie.„Würden Sie es ſo beſonders auffallend finden, daß ich mich für dieſen ſtrebſamen und talentvollen Jüngling ſo ſehr intereſſire?“ Otto Schirmer machte eine Geberde, die allerdings ein ſolches Befremden vermuthen ließ. „Ich kann freilich nicht wiſſen, welcher Art dieſes Intereſſe iſt,“ ſagte er,„es wäre ja möglich, daß Sie beabſichtigen, dereinſt dieſen ſtrebſamen und talentvollen Jüngling mit Ihrer Hand zu beglücken.“ Das klang wie ein harmloſer Scherz, aber Tante Thereſe ließ dieſen Scherz nicht gelten. „Wenn es in meinem Willen und meiner Abſicht gelegen hätte, einen eigenen Herd zu gründen, ſo würde ich dazu in mei⸗ nem Lebensfrühling Gelegenheit genug geſunden haben,“ entgegnete ſie pikirt.„Es iſt nicht ſchön von Ihnen, daß Sie mir ſolche Abſichten unterſchieben, da Sie doch wiſſen, daß ich damals nur Ihnen und Ihren Kindern zu Liebe—“ „Nun, nun, es war ja nicht Ernſt gemeint,“ begütigte der alte Herr,„man muß Spaß verſtehen können. Was ſchreibt denn der Herr Mechanikus?“ Die letzte Frage war offenbar nur in der Abſicht geſtellt, Tante Thereſe zu verführen, aber dieſe ehrenwerthe Dame ergriff die Gelegenheit, die nach langem, vergeblichem Warten ſich ſo plötzlich ihr bot, um das Lob ihres Schützlings recht ausführlich zu ſingen. 1 Sie entfaltete den Brief und begann, ihn vorzuleſen, ohne die Ungeduld des Bankiers zu beachten, der eine ſo eingehende Be⸗ antwortung ſeiner Frage nicht erwartet hatte. „Meine liebe, gute Freundin!“ las ſie.„Seitdem ich Ihnen den Tod des Fräuleins Valerie Michelet berichtete, habe ich noch keine Zeile von Ihnen erhalten. Ich muß geſtehen, daß ich ———————— ——,——,————— ſe dagegen en Sie es ſtrebſamen ein ſolches Iwereſſe , dereinſt Hand zl te Thereſe en ſich ſo — 467— eigentlich erſt jetzt dies bemerke, und ich hoffe, Sie werden mir nicht zürnen, wenn Sie erfahren, was Alles ich ſeitdem erlebt habe. Zuerſt alſo erfuhr ich hier die Verlobung meiner Schweſter Helene mit meinem Freunde Nikolas Schwarz, der damals gleich⸗ zeitig mit mir Köln verließ und mich bis hierher treu begleitete. Er hat eine ſehr vortheilhafte Stellung bei einem Bergwerke in Eſſen gefunden und da das einzige und letzte Ziel ſeiner Wünſche eine derartige Stellung war, ſo kann ich ihm nur Glück wünſchen und ihn darum beneiden, daß er ſein Ziel ſo raſch erreicht hat. Ich weiß nich, ob es Ihnen bekannt iſt, daß Herr Scherenberg, der Aſſocie meines Bruders, in einem hieſigen Irrenhauſe unter⸗ gebracht war. Ich erfuhr das erſt gleichzeitig mit jener Ver⸗ lobungsnachricht und Sie werden begreifen, daß ich es für meine Pflicht hielt, den alten Herrn zu beſuchen. Aber es hält ſehr ſchwer, in eine Privat⸗Irren⸗Anſtalt einzudringen, und als mir das endlich gelang, kam ich zu ſpät, Scherenberg war am Tage vorher geſtorben. Das Alles in Verbindung mit einem Problem, welches mich ſehr beſchäftigte, nahm mein ganzes Denken ſo ſehr in Anſpruch, daß ich kaum Zeit fand, mich hie und da einmal meiner Heimath zu erinnern. Sie werden fragen, welcher Art dieſes Problem geweſen ſei, ich kann Ihnen darauf nur erwidern, daß es eine neue Erfindung betrifft, die, wenn ſie mir gelingt, für mich eine Quelle des Wohlſtandes ſein wird. Und nicht allein für mich, ſondern für Tauſende, welche lohnende Arbeit dadurch finden werden. Ich hoffe, Ihnen das Alles ſpäter einmal münd⸗ lich berichten zu können; ſo Gott will, kehre ich bald nach Deutſch⸗ land zurück. Leben Sie wohl, viel tauſend herzliche Grüße von Ihrem unwandelbar treuen Otto Schenk.“ Es lag etwas Spöttiſches in dem Lächeln, welches die Lippen des alten Herrn umſpielte, aber es war kein verletzender, ſondern ein gutmüthig⸗harmloſer Scherz. „Wie viele Grüße geben Sie von dieſen Tauſenden ab?“ fragte er.„Ich kann mir nicht wohl denken, daß ſie alle für Sie beſtimmt ſind.“ Pupurgluth übergoß die Wangen Eugenie's; ſie ergriff haſtig eine Zeitung und barg hinter ihr das Antlitz, welches gar leicht an ihrem Herzen zum Verräther werden konnte. „Wenn Sie ein halbes Tauſend zu erhalten wünſchen, ſtehen ſie zur Verfügung,“ erwiderte Tante Thereſe ſchnippiſch.„Laſſen Sie den Dingen ihren Lauf, was geſchehen ſoll, können Sie ja doch nicht ändern.“— Der Bankier ſchwieg, er bereute ſchon, das Geſpräch auf dieſes Thema gebracht zu haben. „Scherenberg todt?“ nahm er nach einer Pauſe nachdenklich 30* —— — —j—— —————————— —— — ———— ———— 3 * — 468— wieder das Wort.„Wer wird nun das nicht unbedeutende Ver⸗ mögen erben?“ „Ohne Zweifel ſein Aſſocie,“ erwiderte Tante Thereſe. „Der alte Herr hinterläßt ja keine Familie.“ „Dann aber muß ein Teſtament zu Gunſten ſeines Aſſocie's vorliegen,“ fuhr Schirmer fort, den dieſe Angelegenheit ernſtlich zu beſchäftigen ſchien.„Ohne Teſtament wird Heinrich Schenk keinen rothen Deut erhalten.—— Ich weiß nicht, mir graut vor dieſem jungen Manne. Kaum iſt er in das Geſchäft einge⸗ treten, ſo ſterben beide Aſſocie's und zwar unter Verhältniſſen, die man außergewöhnlich, wenn nicht unnatürlich nennen muß.“ Tante Thereſe blickte beſtürzt auf, auch Eugenie ließ die Zeitung ſinken, um ihrem Vater ins Auge zu ſehen. „Zuerſt der junge Scherenberg, man ſagte damals, er habe Gift genommen, einer Wechſelſchuld wegen; dann der alte Herr im Irrenhauſe.“ „Sie glauben doch nicht—“ „Bewahre, ich werde mich hüten, irgend einen Verdacht aus⸗ zuſprechen, den ich nicht beweiſen kann. Ich ſage nur, es iſt auffallend, daß das Unglück ſich an die Ferſen dieſes Mannes heftet und alle diejenigen trifft, mit denen er in nahe Berührung kommt. Kaum hat er Fräulein Liebmann geheirathet, als der Bruder ſeiner jungen Gattin ſich heimlich entfernt. Niemand weiß, wo derſelbe jetzt weilt, die Familie bewahrt darüber ein unver⸗ brüchliches Schweigen, aber einem Jeden iſt es bekannt, daß er eine enorme Schuldenlaſt hier zurückgelaſſen hat.“ „Dafür kann man doch nicht ſeinen Schwager verantwortlich machen,“ ſagte Eugenie.— „Thue ich das? Man ſagt freilich, Herr Heinrich Schenk ſei früher der intime Freund dieſes Verſchwenders geweſen und er müſſe ſchon längſt gewußt haben, welches Ende die Lebensweiſe Liebmann's nehmen werde.— Na, was kümmert es mich, wir ſind beide fremd und namentlich für die Herren Liebmann habe ich nie etwas übrig gehabt. Sie ſind hochmüthige, eingebildete Leute, ich fürchte, daß auch bei ihnen das Ende die Laſt tragen wird.“ Otto Schirmer hatte, während er dieſes ſagte, die Briefe ſämmtlich geöffnet, er begann jetzt damit, ihren Inhalt zu leſen. Da, es war der ſechſte Brief, den er las, fuhr er plötzlich von ſeinem Sitz empor, der Ausdruck ſeines Blicks und ſeiner Züge verrieth, daß dieſer Brief eine Nachricht enthielt, die ihn beſtürzte. Die Damen blickten beſorgt zu ihm auf, ſie wagten nicht, ihn zu fragen, welche Hiobspoſt er erhalten habe, ſeine gewaltige Erregung ließ ſie erkennen, daß es eine ſehr ernſte, erſchütternde Nachricht war. tende Ver⸗ Aſſocie's ernſtlich h Schenk nir graut äft einge⸗ niſſen, die eß die d -, es iſt Mannes M witd/ leſen. — 469— „Da haben wir's,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme,„über die Liebmann's iſt der Stab gebrochen.“ „Dieſer Brief betrifft nur Liebmann's?“ fragte Eugenie. „Weshalb beſtürzt Dich ſein Inhalt ſo ſehr?“ Der Blick des Bankiers ruhte forſchend auf den Damen. „Könnt Ihr ſchweigen?“ fragte er ernſt. „Ich hoffe, wir haben Ihnen noch keine Veranlaſſung gegeben, das zu bezweifeln,“ erwiderte Tante Thereſe, die jede Gelegenheit zur Oppoſition benutzte. „Nun wohl— Karl Liebmann hat——— aber Ihr werdet das ja früh genug erfahren, wenn's an die große Glocke kommt. Adieu.“ Verblüfft blickten die Damen einander an. Der Bankier hatte die Briefe zuſammengerafft und war hinaus geeilt. Tante Thereſe ſchüttelte den Kopf. „Das begreife wer kann!“ ſagte ſie.„Karl Liebmann hat ——— Was hat er? Einen Mord begangen? Das iſt eine dumme Manier, ſo fortzulaufen und vorher die Neugier auf's Höchſte zu ſpannen. Jetzt können wir uns den Kopf zerbrechen und werden's doch nicht heraus bekommen.“ „Weshalb ſollen wir uns den Kopf zerbrechen?“ erwiderte Eugenie ruhig.„Wenn mein Vater noch im letzten Augenblick abgebrochen hat, ſo hatte er gewiß triftige Gründe dafür.“ „Na, dieſe Gründe waren doch wohl nur die Beſorgniß, wir würden plaudern,“ eiferte Tante Thereſe.„Er weiß doch, daß wir uns für den jungen Herrn Liebmann intereſſiren, ſchon aus dem Grunde, weil er damals ſich hier einen Korb geholt hatte. „Deshalb ſollen wir uns für ihn intereſſiren?“ „Natürlich. Ich werde dem Herrn Otto Schirmer nachher bei Tiſch gründlich die Leviten leſen.“ Der Bankier hätte ſich ſehr leicht denken können, daß die beiden Damen ihm dieſen Mangel an Vertrauen ſehr übel nah⸗ men, aber er fand keine Zeit, daran zu denken, ſeine Seele be⸗ ſchäftigten andere, wichtigere Dinge. Er eilte hinunter in ſein Kabinet und zog die Glocke. Der Buchhalter und Kaſſirer, der ſchon ſeit einer Reihe von Jahren in dem Geſchäfte Schirmers thätig war und ſeiner Recht⸗ lichkeit und Pünktlichkeit wegen das volle Vertrauen ſeines Prin⸗ zipals genoß, erſchien augenblicklich. Der Ton der Glocke verrieth ihm, daß etwas Außergewöhn⸗ liches ſich ereignet haben mußte. Otto Schirmer überreichte ihm mit ſichtbaren Zeichen einer gewaltigen Aufregung einen Brief. 1 1 1 ——, —— — —— — — ——— — 470— „Leſen Sie das,“ ſagte er haſtig,„aber laut, mir tanzen die Buchſtaben vor den Augen.“ Mit wachſendem Erſtaunen entfaltete der Buchhalter das Schreiben. „Ich halte es für meine Pflicht,“ las er,„Sie darauf auf⸗ merkſam zu machen, daß mehrere gefälſchte Wechſel auf Sie in Umlauf ſind. Dieſe Wechſel ſind auf Sie ausgeſtellt von der Firma Theodor Liebmann und in Ihrem Namen acceptirt. Die Unterſchrift der Firma Otto Schirmer und Sohn iſt ſo täuſchend nachgeahmt, daß es ſogar den Sachverſtändigen ſchwer fallen wird, dieſe gefälſchte Unterſchrift von der ächten zu unterſcheiden. Karl Liebmann hat dieſe Wechſel ausgeſtellt und die Fälſchung begangen, Sie werden nun wiſſen, weshalb er ſo ſpurlos verſchwunden iſt. Wie hoch der Geſammtbetrag der in Umlauf befindlichen Wechſel iſt, läßt ſich einſtweilen ſchwer ermitteln, Schreiber dieſes weiß aber mit Beſtimmtheit, daß ein ſolcher Wechſel im Betrage von ſechszehntauſend Thaler ſich in den Händen des Wucherers Jakob Herz befindet.—“ „Was ſagen Sie dazu?“ fragte der Bankier. Der Buchhalter ſchüttelte den Kopf. „Ich möchte faſt die Richtigkeit dieſer Behauptung bezweifeln,“ erwiderte er.„Jakob Herz muß doch wiſſen, daß wir—“ „Dieſe Ausrede laſſe ich nicht gelten,“ unterbrach Schirmer ihn.„Jakob Herz kann nicht wiſſen, ob wir mit der Firma Theodor Liebmann in Verbindung ſtehen, oder nicht. Er hält das Accept für ächt—“ „Aber ein ſo vorſichtiger Mann wie er würde ſich darüber Gewißheit verſchafft haben!“ „Wozu? Der Ausſteller ſowohl, wie der Acceptant, beide ſind ihm gut für die Summe, er wartet ruhig den Verfalltag ab.“ Nachdenklich blickte der Buchhalter auf das Schreiben. „Es iſt ein anonymer Brief,“ ſagte er. „Aber der Styl beweiſt mir, daß der Schreiber ein erfahrener Mann iſt, der die Handelsverhältniſſe kennt.“ „Wenn es wahr wäre—“ „Was würden Sie dann thun?“ Der Buchhalter zuckte rathlos die Achſeln. „Man müßte mit der Familie Rückſprache nehmen,“ fuhr Schirmer nach einer Pauſe fort,„aber dazu kann ich mich ſchwer entſchließen. Ich mag mit dieſen Leuten nichts zu thun haben und ſchwerlich wird Theodor Liebmann ſich geneigt zeigen, eine ſo enorme Schuldenlaſt zu decken.“ „Da wäre nur ein Weg möglich,“ erwiderte der Buchhalter, „der, daß wir die Wechſel einlöſen, nachdem Liebmann dafür die tanzen die halter das — 4171— nöthigen Summen bei uns deponirt hat. Weiſen wir die Wechſel zurück, ſo leidet unſer Credit darunter; wer weiß, ob Liebmann, um die Ehre ſeines Sohnes zu retten, nicht ausſtreut, wir hätten unſer Accept für gefälſcht erklärt, weil wir nicht im Stande ge⸗ weſen ſeien, ſie einzulöſen.“ Otto Schirmer nickte zuſtimmend. „Dazu halte ich dieſen hochmüthigen Menſchen fähig,“ ſagte er.„Ihn zu bitten, für ſeinen Sohn in den Riß zu treten, halte ich mich nicht verpflichtet, im Gegentheil, meine Pflicht iſt es, das Verbrechen ſofort zur Anzeige zu bringen, man kann ja nicht wiſſen, auf welche andere Firmen außer mir, derartige Wechſel laufen.“ „Aber es wird böſes Blut geben!“ „Meine Schuld iſt es nicht. Bedenken Sie doch, ſechszehn⸗ tauſend Thaler. Wenn ich das ſo ruhig hingehen ließe und dazu noch den Vermittler zwiſchen Vater und Sohn ſpielte, würden bald eine Anzahl gefälſchter Wechſel auf uns in Umlauf ſein und ich könnte—— nein, nein, daraus wird nichts. Finde ich die Behauptungen in dieſem Briefe beſtätigt, ſo fahre ich ſofort zum Oberprokurator, an dem Burſchen iſt ohnedies Hopfen und Malz verloren, es ſchadet nichts, wenn man ihm die Heimkehr unmög⸗ lich macht.“ „Um den Burſchen ſelbſt thut mir's nicht leid,“ warf der Buchhalter ein, während Schirmer ſeinen Hut ergriff,„aber der Vater! Der alte Mann—“ „Erlauben Sie, Theodor Liebmann iſt, ſeitdem er an der Börſe einige gewagte Geſchäfte glücklich abgewickelt hat, ſo hoch⸗ müthig geworden, daß er ſeine alten Bekannten nur noch über die Achſel anſieht, die Demüthigung kann ihm ſo wenig ſchaden, wie ſeinem Herrn Schwiegerſohn.“ Damit eilte der alte Herr hinaus. Er ſtieg in eine Droſchke und ließ ſich zur Wohnung des Wucherers Jakob Herz fahren. Herz lag noch zu Bett, ſeine Wärterin bat den Bankier, am Nachmittage wieder zu kommen, aber Schirmer ließ ſich nicht ab⸗ weiſen. Er liebte es, jede Angelegenheit raſch und vollſtändig zu ord⸗ nen, und die Angelegenheit, die ihn augenblicklich beſchäftigte, war zu ernſt, als daß er ſie gerne hinausgeſchoben hätte. Er folgte der Wärterin, als dieſe ihn anmelden wollte und trat faft gleichzeitig mit ihr in's Zimmer. „Ich bin der Chef des Hauſes Otto Schirmer und Sohn,“ ſagte er nach flüchtigem Gruß,„Sie werden entſchuldigen, daß ich gewiſſermaßen eigenmächtig hier eindringe, die Angelegenheit, welche ———⸗ÿ — — 472— min hierherführt, iſt zu dringend, als daß ich ſie verſchieben ürfte.“ Jakob Herz hatte ſich emporgerichtet, ſeine dürre, abgemagerte Hand lag auf dem Deckel der kleinen eiſernen Schatulle, die neben ſeinem Bett auf einem Stuhle ſtand. „Was verſchafft mir die Ehre?“ fragte er ruhig. „Ich höre, Sie beſitzen einen Wechſel auf mein Haus,“ fuhr Schirmer fort.„Dürfte ich Sie bitten, mir dieſen Wechſel zu zeigen?“ Betroffen blickte Herz den Bankier an. „Wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte er. „Soll es etwa ein Geheimniß bleiben?“ entgegnete Schirmer, deſſen Gereiztheit durch dieſe Frage keineswegs gemildert wurde. „Sie würden gut gethan haben, mir den Wechſel vorzuzeigen, bevor Sie ihn discontirten.“ Ein bedeutſames Lächeln glitt über das hagere Geſicht des Wucherers. „Wozu das?“ erwiderte er anſcheinend ruhig.„Sie haben den Wechſel acceptirt und ich weiß, daß Sie für die Summe gut ſind. Aber es wäre mir dennoch intereſſant, zu erfahren, wer Ihnen geſagt hat, daß der Wechſel ſich in meinen Händen befin⸗ det. Außer mir und dem Ausſteller weiß es Niemand.“ „Na, dann haben Sie wohl ſelbſt den anonymen Brief geſchrie⸗ ben,“ ſagte der Bankier.„Der Ausſteller hat ja ſchon vor meh⸗ reren Wochen ſich aus dem Staube gemacht.“ „Ein anonymer Brief?“ „Glauben ſie es nicht?“ 1 „O doch— weshalb nicht!“ 3⸗ „Ich würde Ihnen den Wiſch zeigen, wenn ich ihn nicht in der Eile mitzunehmen vergeſſen hätte, ſpäter ſteht er gerne zur Verfügung. Wie hoch iſt der Betrag des Wechſels?“ „Sechszehntauſend Thaler.“ „Fällig— wann?“ „Heute.“ „Ah— und Sie haben Ihren Commis oder Laufburſchen ſchon damit ausgeſchickt, um das Geld bei mir zu holen?“ „Nein. Solche Beträge kaſſire ich ſelbſt ein, ich würde heute Nachmittag oder morgen früh bei Ihnen vorgefahren ſein.“ „Sie hätten die Koſten für die Droſchle unnütz ausgegeben,“ ſagte Schirmer gelaſſen.„Wollen Sie nicht die Gewogenheit haben, mir den Wechſel zu zeigen?“ Jakob Herz öffnete die Schatulle und nahm mit zitternder Hand den Wechſel heraus. „Sie werden hoffentlich nicht behaupten, daß dieſer Wechſel Schirmer, rt unde eſicht des Lie haben umme gut wen, wer en befin⸗ f geſchrie⸗ vor meh⸗ — 473— nicht ächt ſei,“ verſetzte er,„die Firma Theodor Liebmann iſt ja ſehr ſolide.“ Der Bankier warf einen Blick auf das Papier, ein Zug kal⸗ ten Hohns umſpielte ſeine Mundwinkel. „Das Accept iſt allerdings ſehr täuſchend gefälſcht,“ ſagte er, „aber nichts deſtoweniger iſt dieſer Wiſch keine vier Pfenninge werth. Haben Sie derartige Papiere auf mein Haus noch mehr in Ihrem Portefeuille?“ „Nein.“ „Aber Sie wiſſen vielleicht, ob deren in Umlauf ſind?“ „Auch das nicht.“ „Na, es wird ſich bald herausſtellen. Wollen Sie mir den Wiſch überlaſſen?“ „Wenn Sie den Betrag zahlen.“ „Nicht einen Heller. Aber ich gebe Ihnen einen Revers dar⸗ über, daß ich das Dokument empfangen habe.“ „Zu welchem Zweck wünſchen Sie es zu beſitzen?“ fragte der Wucherer lauernd. „Nux, um dem Herrn Oberprokurator einen Beweis vorlegen zu können.“ Jakob Herz erſchrack ſichtbar. „Thun Sie das nicht,“ ſagte er.„Wenn der Wechſel wirklich falſch iſt, was ich jetzt kaum noch bezweifeln kann, wovon ich aber vordem keine Ahnung hatte, was ſchadet es Ihnen? Die Firma Theodor Liebmann wird ihn einlöſen, ich will ihn dieſer Firma vorzeigen—“ „Wer ihn einlöſt, kann mir ſehr gleichgültig ſein,“ ſiel der Bankier ihm kühl ins Wort,„meine Pflicht iſt es, die Fälſchung zur Anzeige zu bringen. Sie wollen mir alſo das Dokument nicht überlaſſen?“ „Nein!“ „So wird die Oberprokuratur es Ihnen abfordern und ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß eine Vernichtung desſelben ſehr unangeneyme Folgen für Sie haben wird,“ ſagte Schirmer. „Ich mache Sie ſpeziell dafür verantwortlich, daß das Dokument als Beweismittel erhalten bleibt.“ „Wenn nun einer der Ausſteller den Wechſel deckt?“ erwiderte der Wucherer.„In dieſem Falle bin ich verpflichtet, ihm den⸗ ſelben auszuhändigen und was er mit dem Dolkument beginnt, kann mir ſehr gleichgültig ſein.“ Der Bankier hatte ſich erhoben. „Ich glaube nicht, daß das geſchehen wird,“ verſetzte er ruhig. „Der Ausſteller hat ſich aus dem Staube gemacht und ſein Vater wird ſchwerlich etwas von der Exiſtenz dieſes Wechſels wiſſen. — 474— Sie aber wiſſen nun, daß es ein gefälſchtes Dokument iſt und nach dem Geſetz ſind Sie verpflichtet, die Beſtrafung des Fälſchers eher zu erleichtern als zu erſchweren.“ Otto Schirmer ging hinaus, bevor er in den Wagen ſtieg, gab er dem Kutſcher die Weiſung, zum Oberprocurator zu fahren. Dem Wucherer war es keineswegs wohl zu Muthe. Er fürchtete die Unterſuchung, die Möglichkeit lag ja nahe, daß in ihrem Verlauf ſeine Mitſchuld bewieſen wurde. Ein Mit⸗ ſchuldiger des Fälſchers war er inſofern, als er nicht allein gewußt. 1 hatte, daß der Wechſel gefälſcht war, ſondern ſogar auch den Aus⸗ ſteller verleitet hatte, die Fälſchung zu begehen. 8 Wurde Liebmann verfolgt und verhaftet, ſo lag es auf der Hand, daß dieſer, um die eigene Schuld zu mildern, ſeinen Gläu⸗ 1 biger der Verleitung zu dieſem Verbrechen anklagte und dann 4 mußte Herz nicht allein auf die Rückerſtattung des Betrags Ver⸗ 4 zicht leiſten, ſondern auch gewärtigen, daß ihn eine entehrende 11 Zuchthausſtrafe traf. Wer mochte den anonymen Brief geſchrieben haben? Sollte auch dies eine Machination Heinrich Schenk's ge⸗ ¹ weſen ſein? Jakob Herz glaubte den Zweck der Machinationen dieſes jungen Mannes zu durchſchauen, ſchon in der Angelegenheit mit dem Sohne Scherenbergs hatte er bewieſen, daß er es verſtand, auf dunklen Wegen ſein Ziel zu erreichen. So verſtrich eine Stunde, nie vorher war dieſer Zeitraum dem alten Manne ſo lang geworden wie heute. Er hatte Anfangs vorgehabt, den Fabrikant Liebmann von den Ereigniſſen und der drohenden Gefahr benachrichtigen zu laſſen, in der Hoffnung, Liebmann werde ſofort den Wechſel einlöſen und vernichten, aber er wagte nicht, gegen den Willen Schenk's zu handeln, deſſen Warnugen und Drohungen er nicht vergeſſen hatte. Da trat plötzlich Heinrich Schenk ein, ſorglos, heiter ſogar, entweder ahnte er nicht, was vorgefallen war, oder er wußte es und war mit dem Reſultat ſeiner Machinationen zufrieden. Er nahm auf dem Stuhle Platz, auf dem kurz zuvor Otto Schirmer geſeſſen hatte und blickte den alten Mann forſchend an. „Die Sache iſt in Ordnung,“ ſagte er,„Theodor Liebmann will den Wechſel decken. Ich habe geſtern Abend mit ihm lange darüber geſprochen und ihm ernſtlich zugeredet; Sie können denken, daß es einen harten Kampf koſtete, um ihn zu dem Opfer für die Rettung ſeines mißrathenen Sohnes zu bewegen.— Sie beſitzen doch den Wechſel noch?“ „Allerdings,“ erwiderte Herz verwirrt „Aber?“ aber—“ 7 71 — 475— nt iſt und„So eben war Herr Schirmer hier.“ s Fälſchers„Was wollte er?“ 8„Den Wechſel ſehen.“ agen ſtieg„Oh— Sie haben ihn ſchon vorzeigen laſſen? Sagte ich zu fahren. Ihnen denn nicht geſtern ausdrücklich—“ uthe„Woher Herr Schirmer die Exiſtenz dieſes Wechſels erfahren haben kann, iſt mir unbegreiflich,“ fuhr der Wucherer, mehr und mehr in Verlegenheit gerathend, fort,„er ſagt, ein anonymer Brief habe ihn davon in Kenntniß geſetzt.“ Ueberraſcht, beſtürzt blickte Heinrich den alten Mann an. „Fin anonymer Brief?“ fragte er.„Wer kann ihn geſchrie⸗ ben haben?“ „Ich wüßte nur Einen—“ „Wer?“ „Sie ſelbſt.“ „Sie glauben, ich habe dieſen Brief geſchrieben? Sind Sie wahnſinnig?“ 9 Der Wucherer ſchüttelte rathlos das Haupt. jents ge⸗„Außer mir und dem Ausſteller kannten nur Sie den That⸗ beſtand,“ ſagte er.„Ueber meine Lipvpen iſt nie ein Wort ge⸗ ſes jungen kommen, welches das Geheimniß verrathen haben könnte.“ ait dem Heinrich verſchränkte die Arme, ſein Blick ruhte ſtechend auf nuf dem Geſicht des Wucherers, ein Zug unbeſchreiblichen Hohnes um⸗ 13 ſpielte ſeine feſtgeſchloſſenen Lippen. aitraum„Wenn Sie das ſo genau wiſſen, ſo werden Sie wohl auch 38 herauskalkulirt haben, welchen Zweck ich dabei haben mußte,“ nahm m von den er nach einer peinlichen Pauſe wieder das Wort.„Wollen Sie 1 uuiſen mir das nicht näher erörtern? Ich bin wirklich neugierig, Ihre Jne und Anſicht darüber zu vernehmen?“ ens 3u„Wie kann ich wiſſen, welchen Zweck Sie dabei gehabt haben?“ 2en Satk entgegnete Herz ausweichend.„Vielleicht haben Sie es auf das ſ ogm Erbe Ihres Schwagers abgeſehen, ich weiß das nicht und es ⸗ kümmert mich ja auch nicht weiter.“ wußte e„Sie ſind ein Schwachkopf,“ fuhr Heinrich gelaſſen fort,„Ihre Schlußfolgerungen beweiſen, daß Sie alt werden. Mir iſt es nicht eingefallen, den Brief zu ſchreiben; hätte ich vorgehabt, meinen noor Otto ſchend a⸗ Schwager zu verderben, würde ich wahrhaftig nicht geſtern Abend iebmam meinem Schwiegervater ſo viele gute Worte gegeben haben. Wahr⸗ ihm lange ſcheinlich hat Ihr Schreiber Ihnen dieſen Dienſt erwieſen!“ n denlel,„Ich habe keinen Schreiber mehr.“ ſr für di„Aber zu der Zeit, als Sie den gefälſchten Wechſel discontirten, je beſtten hatten Sie noch einen Schreiber.“ „Er wußte nichts—“ „Bah— dieſe Leute erfahren Alles, ihnen bleibt nichts geheim. — — 476— Uebrigens iſt ja noch nichts verloren. Wenn mein Schwiegervater den Wechſel deckt, wird Schirmer ſich beruhigen.“ „Er verließ mich mit der Drohung, daß er die Sache ſofort dem Oberprocurator übergeben werde.“ Heinrich fuhr von ſeinem Sitz empor, die Ueberraſchung, die er heuchelte, war ſo natürlich, daß ſie den Wucherer irre führte. „Sie haben ihm den Wechſel ausgehändigt?“ fragte er. „Nein. Er forderte ihn allerdings, aber ich weigerte mich.“ „Gut, dann ſchicken Sie morgen früh zu meinem Schwieger⸗ vater, bis dahin wird er die Summe flüſſig haben.“ „Ich fürchte, dann iſt es ſchon zu ſpät.“ „Oh— ſo raſch wird das Gericht nicht vorgehen.“ „Schirmer ſagte mir—“ „Bah— was kennt er davon!“ „Geben Sie mir einen Schuldſchein, eine Bürgſchaft, oder einen von Ihnen auf Theodor Liebmann gezogenen Wechſel,“ ſagte der Wucherer haſtig,„Sie können alsdann das gefälſchte Document ſofort vernichten.“ Heinrich dachte nach. „Das iſt eine gefährliche Sache,“ erwiderte er nach einer geraumen Weile,„wenn der Oberprokurator die Unterſuchung ein⸗ geleitet hat, ſo wird die Vernichtung des Wechſels kein anderes Reſultat haben, als— nein, lieber Freund, ich mag mich der Gefahr nicht ausſetzen, auf der Anklagebank, der Theilnahme der Fälſchung beſchuldigt, Platz nehmen zu müſſen. Da muß ich doch zuvor mit einem Juriſten Rückſprache nehmen.“ „Und mein Geld?“ fragte der Wucherer mit ſteigender Angſt. „Fürchten Sie, daß Sie es nicht erhalten werden?“ „Ganz gewiß. Wenn's zum Prozeß kommt—“ „Mein Schwiegervater hat ſich bereit erklärt, die Schuld zu decken, er wird ſein Verſprechen einlöſen. Schicken Sie nur hin. Ich werde zu Herrn Schirmer gehen und ihn fragen, welche Schritte er bereits gethan hat. Es iſt ja möglich, daß die Sache noch unterdrückt werden kann. Alſo beunruhigen Sie ſich des Geldes wegen nicht, nur auf dies mache ich Sie aufmerkſam, laſ⸗ ſen Sie mich aus dem Spiele, ich bedaure ſehr, mich ſo ſehr ein⸗ gelaſſen zu haben, kann das aber jetzt nicht mehr ändern.“ Ohne dem mehr und mehr beunruhigten Manne weiter Rede zu ſtehen, eilte Heinrich hinaus. ——.,—, Dreiundſechszigſtes Kapitel. Meine Mittel erlanben mir das. Als Otto Schirmer von ſeinem Beſuch bei dem Wucherer und dem Oberprokurator heimkehrte, hatte ſeine Aufregung nach⸗ gelaſſen. „Die Sache iſt in guten Händen,“ ſagte er ſeinem Buchhalter, der ſofort ins Kabinet eilte, um Näheres zu hören,„dieſer Burſche wird unſre Stadt nicht mehr unſicher machen.“ „So hat alſo der Schreiber des anonymen Briefes die Wahr⸗ heit berichtet?“ fragte der Buchhalter. „Nackte Thatſachen, ich habe mit eigenen Augen das gefälſchte Accept geſehen. „Und der Herr Oberprokurator?“ „War entrüſtet, er erklärte mir, daß er mit der ganzen Strenge des Geſetzes gegen den Fälſcher vorgehen werde. Ich vermuthe, daß das Dokument jetzt ſchon in ſeinen Händen iſt, er wollte ſo⸗ fort zu dem Wucherer hinſchicken und den Wechſel ihm abfordern laſſen.“ Der Buchhalter ſchüttelte ſehr bedenklich das Haupt. „Im Prinzip mögen Sie Recht gethan haben,“ ſagte er,„aber es wäre doch beſſer geweſen, Sie hätten die Sache auf ſich be⸗ ruhen laſſen. Die Feindſchaft mit den Häuſern Theodor Liebmann und Peter Paul Scherenberg ſelige Wittwe kann uns ſehr unan⸗ genehm werden.“ „Herr Heinrich Schenk bittet um eine Unterredung,“ meldete in dieſem Augenblick der Lehrling. Fragend blickte der Buchhalter ſeinen Chef an, es lag in die⸗ ſem Blick eine Beſtätigung ſeiner Befürchtung. „Ich bitte ihn, einzutreten,“ ſagte Schirmer ruhig. Der Buchhalter und der Lehrling entfernten ſich. Otto Schirmer ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch und reinigte langſam und bedächtig die Gläſer ſeiner Brille. Heinrich trat raſch ein, er ſchloß hinter ſich die Thüre und näherte ſich dem Bankier mit einer Miene, als ob er mit dem Entſchluß gekommen ſei, ihm einen Kampf auf Leben und Tod anzubieten. „Sie waren vorhin bei dem Wucherer Jakob Herz,“ ſagte er, —————— verrathen hat. ——— — 478— „auch ich war dort eines Wechſels wegen, den ich im Auftrage meines Schwiegervaters einlöſen wollte.“ „Wußten Sie ſchon lange zuvor, daß dieſer Wechſel mit einem gefälſchten Accept verſehen iſt?“ fragte der Bankier kühl. „Mein Schwager hat es mir mitgetheilt.“ „Dann hätten Sie klug gethan, ſofort dieſen Wechſel einzu⸗ löſen und nicht damit bis zum letzten Augenblick zu warten.“ „Erlauben Sie, der Wechſel war noch nicht vorgezeigt, die Fälſchung Niemanden bekannt.“ „Das muß doch der Fall geweſen ſein,“ entgegnete Schirmer, deſſen kalte Ruhe ſcharf gegen die leidenſchaftliche Erregung des jungen Mannes abſtach.„Ich erhielt durch einen anonymen Brief Nachricht davon.“ „Wann?“ „Heute Morgen.“ „Kann ich vielleicht dieſen Brief—“ „Hier iſt er.“ Forſchend ruhte der Blick des Bankiers auf dem Geſicht des jungen Mannes, während dieſer aufmerkſam den Inhalt des Brie⸗ fes las, aber kein Zug in dieſem Antlitz gab ihm zu einem Arg⸗ wohn Anlaß.— „Das begreife ich nicht,“ ſagte Heinrich, indem er den Brief hinlegte.„Wahrſcheinlich iſt mein Schwager ſo unvorſichtig ge⸗ weſen, einem Freunde die Sache anzuvertrauen, der ihn dann Ich finde es begreiflich, daß Sie auf dieſen Brief hin zu dem Wucherer gingen, um ſich Gewißheit zu verſchaffen, aber Jakob Herz theilte mir mit, Sie hätten den Vorſatz ge⸗ äußert, dieſen Fall der Oberprokuratur anzuzeigen.“— „Das iſt bereits geſchehen.“ „Bereits geſchehen?“ fragte Heinrich beſtürzt. „Freilich! Es war meine Pflicht.“ „Ich wüßte nicht, inwiefern Ihre Pflicht Ihnen das geboten hätte!“ erwiderte Heinrich entrüſtet. „Inſofern, als ich mich und meine Geſchäftsfreunde vor Scha⸗ den ſicher ſtellen muß. Der anonyme Schreiber macht mich ja darauf aufmerkſam, daß dieſer Wechſel mehrere in Umlauf ſeien.“ „Können Sie wiſſen, ob das wahr oder erdichtet iſt?“ „Jedenfalls Wahrheit, der Mann ſcheint gut unterrichtet zu ſein.“ 8 „Und wenn es wahr wäre, mußten Sie nicht damit ſich be⸗ ruhigen, daß mein Schwiegervater die Wechſel einlöſen werde?“ Der Bankier zuckte gleichmüthig die Achſeln. „Die Frage, wer die Wechſel einlöſt, kommt meines Exachtens dabei durchaus nicht in Betracht,“ ſagte er ruhig.„Hier handelt —————— im Auftrage 1mit einem cſſel einzu⸗ gezeigt, die e Schirmer, ung d es ſich einfach um das Verbrechen ſelbſt. Wenn ich den Ver⸗ brecher unſchädlich zu machen ſuche, ſo—“ „Sie hätten das auf andexem Wege auch erreichen können,“ fiel Heinrich ihm erregt in's Lon.„Es ſtand Ihnen frei, mei⸗ nem Schwiegervater oder mir die Anzeige zu machen, wir würden Ihnen nicht zugemuthet haben, das Accept als ächt anzuerkennen. Wir hätten dieſen und die etwaigen ſpäteren Wechſel eingelöſt und Vorkehrungen getroffen, die meinem Schwager eine Wieder⸗ holung dieſer leichtſinnigen Handlung nicht ermöglicht haben würde.“ „Dann aber wäre der Verbrecher der verdienten Strafe ent⸗ gangen.“ „Was gewinnen Sie durch ſeine Beſtrafung?“ „Ich zeige wenigſtens den Subjekten ſeines Schlages, daß ich nicht geneigt bin, zwiſchen ihnen und ihren Eltern den Vermittler zu ſpielen.“ „Und der Schmerz der Eltern gilt Ihnen nichts?“ Der Bankiex blickte durch ſeine Brille den jungen Mann ſo ſcharf an, daß dieſer unwillkürlich die Wimpern ſenkte. „Sie geben ſelbſt zu, daß Ihr Herr Schwager ein ſauberes Bürſchchen iſt, an dem Hopfen und Malz verloren iſt,“ ſagte er mit ſcharfer Betonung.„Wer aber trägt, wenn wir der Sache auf den Grund gehen, die Schuld daran? In erſter Reihe der Vater, der ſich um die Erziehung ſeines Sohnes nicht bekümmert, ihm nur den Hochmuth und aufgeblaſenen Eigendünkel eingeimpft hat. In zweiter Reihe die guten Freunde, die ſeinem Stolz ge⸗ ſchmeichelt und ihn allmählich auf die Bahn des Leichtſinns und der Verſchwendung gelockt haben. Und man ſagt, daß Sie von jeher ſein intimſter Freund geweſen ſeien. Weshalb ſteuerten Sie nicht der Verſchwendung, ſo lange es Zeit war? Jetzt, nachdem der Burſche zum gemeinen Verbrecher hinabgeſunken iſt, wollen Sie mir einen Vorwurf darüber machen, daß ich ſeiner Laufbahn ein Ziel zu ſtecken ſuche? Mich trifft dieſer Vorwurf nicht, und ich beſtreite entſchieden, daß Sie berechtigt ſind, mir denſelben zu machen.“ In den Augen des jungen Mannes blitzte die Gluth des Zornes jäh auf. So hatte noch Niemand zu ihm geredet, in dieſer Weiſe hatte noch Keiner gewagt, ihm entgegen zu treten, ausgenommen der Advokat, der ſich gemüßigt geſehen hatte, zwiſchen ihn und ſeinen Aſſocie zu treten. Aber was konnte er auf dieſe Vorwürfe erwidern? Otto Schirmer hatte in der Hauptſache Recht, er war nicht berechtigt, ihm einen Vorwurf zu machen. ———jyy—— — 4 6 1 8 ———— — 480— Er verſuchte, den Proteſt zurückzuweiſen und als ihm dies nicht gelang, bat er den Bankier, die Anklage zurückzunehmen. Otto Schirmer zuckte bedauernd die Achſeln. „Sie wiſſen ſelbſt, daß das nicht möglich iſt,“ erwiderte er, „ſobald der Oberprokurator die Unterſuchung angeordnet hat, läßt ſie ſich nicht mehr niederſchlagen, es handelt ſich hier um ein Criminalverbrechen.“ „Dann thut mir der alte Mann in der Seele weh,“ ſagte Heinrich gedrückt,„er wird dieſen ſchweren Schlag vielleicht nicht überleben.“ „Daß er ihn traf, iſt ſeine eigene Schuld,“ verſetzte der Bankier gemeſſen,„hat er ſich nicht früher um ſeinen Sohn be⸗ kümmert, ſo wird er auch jetzt über—“ „Sein eigener Name iſt entehrt, geſchändet,“ warf Heinrich Schenk ein.„Die ganze Familie iſt gebrandmarkt, und das werden wir Ihnen nie vergeſſen.“— „Meinetwegen!“ murmelte der Bankier, als die Thüre ſich hinter dem jungen Manne geſchloſſen hatte.„Ich habe meine Pflicht gethan, jeder Andere an meiner Stelle würde eben ſo ge⸗ handelt haben.“ Er ſchloß ſeinen Sekretair und ging nachdenklich die Treppe hinauf. Daß ihn oben in ſeinem Wohnzimmer neue Gewitterwolken erwarteten, ahnte er nicht. Und doch hätte er es augenblicklich vermuthen können, als Tante Thereſe die Suppe auf den Tiſch brachte. Er konnte ja ſonſt immer in ihrem Geſicht leſen, wenn ſie mit ihm grollte, wenn ſie über irgend etwas, was ihr nicht ge⸗ fiel, mit ihm Rückſprache nehmen wollte. Weshalb ſah er es heute nicht? Der finſtere, faſt feindſelige Ausdruck ihres ſonſt ſo freundlichen, gutmüthigen Geſichts und die Einſilbigkeit ſeiner Tochter mußte ihn ja darauf aufmerkſam machen. Tante Thereſe ſchien von ſeiner Seite eine Frage über den Grund ihrer Verſtimmung erwartet zu haben, ſie rückte ungeduldig hin und her, ließ ſogar abſichtlich einen ſilbernen Löffel in den Teller fallen, ſo daß der Bankier erſchreckt aus ſeinem Brüten emporfuhr, aber das Alles ſchlug heute bei ihm nicht an. Eugenie bat die Tante durch einen Blick, ſich zu beruhigen und den alten Herrn nicht zu erzürnen, aber wenn Tante Thereſe ſich einmal etwas vorgenommen hatte, ſo führte ſie es auch aus, gleichviel, was daraus entſtehen mochte. „Das muß ja ein ſehr wichtiger Brief geweſen ſein,“ nahm ſie endlich das Wort, und der Ton ihrer Stimme klang ſcharf —————.— ihm dies nehmen. widerte er, hat, läßt r um ein wenn ſie ir nicht ge⸗ feindſelige und die ts und 9 aufmerfſam über den mgeduldig zel in den an Brüten n. 9 ruhigen ue Theriſ 481 und ſchneidend,„ich bin durchaus nicht neugierig und verlange nicht, ſeinen Inhalt kennen zu lernen, aber man könnte doch etwas mehr Rückſicht auf die Damen nehmen.“ Der Bankier blickte auf; erſt jetzt bemerkte er das entrüſtete Geſicht. „Wie ſod“ fragte er befremdet.„Ich verſtehe den Sinn Ihrer Worte nicht“ „So geht's immer,“ fuhr Tante Thereſe achſelzuckend fort, „die Herren ſind ſo ſehr von ihrem unſchätzbaren Ich eingenom⸗ men, daß ſie nach ihrer Anſicht niemals fehlen können.“ „Spielen Sie eigentlich auf mich an?“ „Natürlich.“ „Ah— da werde ich wohl erfahren—“ „Daß Sie ſehr rückſichtslos geweſen ſind,“ unterbrach Tante Thereſe ihn, ohne den halb warnenden, halb vorwurfsvollen Blick Eugenie's zu beachten.„Das hätte ich von Ihnen nicht erwartet.“ „Ja— aber was denn?“ fragte Schirmer mit wachſendem Erſtaunen „Was denn?“ erwiderte Tante Thereſe, während ſie dem Mädchen einen Blick zuwarf, in welchem Entrüſtung und Erſtaunen ſich ſpiegelten.„Das fragen Sie noch? Denken Sie doch an die Worte, mit denen Sie heute Morgen uns verließen.“ Otto Schirmer lachte hell auf, mancher Andere an ſeiner Stelle würde den Vorwurf zurückgewieſen und mit einigen aber nicht höflichen Worten der kleinen Dame bemerkt haben, daß er nicht verpflichtet ſei, ihr über ſeine Angelegenheiten Rede zu ſtehen, aber der Bankier war derartige Bemerkungen nicht nur gewohnt, er ſtand auch, ohne es ſelbſt zu wiſſen, unter dem Pantoffel der Tante Thereſe. „Alſo das iſt es?“ fragte er.„Weiß Gott, es iſt Unrecht, daß ich darüber lache—“ „Na, wenn Sie das einſehen.“ „Ich meine nicht, über dieſe ſogenannte Rückſichtsloſigkeit, ſon⸗ dern über den Inhalt jenes Briefes. Die Sache iſt zu ernſt, zu traurig. Ich kann mir lebhaft denken, wie ſehr Sie die Neugierde geplagt hat—“ „Durchaus nicht,“ unterbrach Tante Thereſe ihn,„ich bin nicht neugierig, aber zuerſt fragen Sie uns, ob wir ſchweigen können, dann ſagen Sie:„Karl Liebmann hat, Gedankenſtrich, das werdet Ihr ſpäter früh genug erfahren,“ und damit ſtürmen Sie hinaus, als ob die Koſacken mit der Knute hinter Ihnen ſeien.“ Der Bankier war ernſt geworden, eine düſtre Wolke lag üher ſeinem Antlitz. „Das mußte Ihnen beweiſen, daß es eine ſehr ernfte, ja er⸗ Fuünfmalhunderttauſend Thaler. 31 — 482— ſchütternde Angelegenheit war,“ ſagte er.„Ich kann Ihnen, wenn es Sie ſo ſehr intereſſirt, ſchon jetzt nähere Mittheilungen machen, morgen wird's bereits das Stadtgeſpräch bilden. Karl Liebmann hat Wechſel gefälſcht, die Sache iſt ſchon in den Händen des Herrn Oberprokurators.“ Eugenie blickte beſtürzt den Vater an, Tante Thereſe aber ſchien ein weit größeres Verbrechen erwartet zu haben. „Das iſt Alles?“ fragte ſie. „Iſt es nicht genug?“ erwiderte Schirmer.„Der junge Herr wird ſteckbrieflich verfolgt und, wenn man ſeiner habhaft wird, zu entehrender Zuchthausſtrafe verurtheilt werden.“ „Er hat's nicht beſſer verdient,“ warf Tante Thereſe ein Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht.“ In dieſem Augenblick trat die Magd in das Zimmer. Sie überreichte dem Bankier eine Karte, und bemerkte dabei, der Herr wünſche nur einen Augenblick Gehör. Es war eine feine, ſehr elegante Karte mit einem breiten Goldrande und Goldſchrift. Als Otto Schirmer den Namen: ‚Fritz Wacker, Rentner,“ las, glitt ein malitiöſes Lächeln über ſeine Lippen. „Der Tauſend,“ ſagte er,„dieſer Herr Schneidermeiſter tritt ja gewaltig großartig auf. Da wäre ich am Ende genöthigt, ihn im Frack und weißer Weſte zu empfangen! Sagen ſie ihm, ſein Beſuch ſei mir angenehm.“ Fritz Wacker trat ein. Er trug einen Anzug, den er ſchwerlich ſelbſt verfertigt hatte, der aus dem Atelier eines erſten Kleiderkünſtlers hervorgegangen ſein mußte. Aber ſo zuverſichtlich auch ſein Blick und ſeine Haltung war, in ſeinem Gange und in ſeinen Bwegungen konnte er den ehe⸗ maligen Schneider nicht verleugnen, es lag in ſeinem ganzen Weſen etwas erzwungenes Geziertes, was nahe an'’s Geckenhafte ſtreifte. Er trug in der Hand eine elegante Hutſchachtel und Otto Schirmer errieth, als ſein Blick auf dieſe Schachtel fiel, augen⸗ blicklich den Zweck dieſes Beſuchs. „Es thut mir leid, wenn ich ſtöre,“ ſagte Wacker in einem Tone, der eine gewiſſe Ueberlegenheit ausdrücken ſollte,„ich dachte aber, Sie würden erſt um ein Uhr diniren.“ „Wir ſetzen uns punkt zwölf zu Tiſche,“ erwiderte der Bankier, den das Benehmen des ehemaligen Schneiders ergötzte,„Sie der 7 11 diniren wohl ſpäter?“ „Um halb zwei,— allemal derjenige— es iſt das ſo Sitte bei uns. Ich habe ſchon daran gedacht, die franzöſiſche Sitte ein⸗ hnen, wenn gen machen, [ Liebmann des Herm ereſe aber junge Herr ft wird, zu ſe ein,„der ner. erkte dabei, em breiten mmer,“ las, neiſter tritt döthigt, ihn e iht, ſein ertigt hatte, vorgegangen Atung mn „den ehe⸗ em ganzen Geckenhafte und Otto jel, augen⸗ — 483— zuführen, um fünf Uhr zu diniren, meine Mittel erlauben es mir ja, aber ich bin mit den Einrichtungen in meinem neuen Hauſe noch nicht ſo weit fertig und ſo lange man noch von den Hand⸗ werkern abhängt,—“ „Ah, Sie haben ein neues Haus gekauft t?“ unterbrach Schirmer ihn.„Ich hörte es,— wenn ich nicht irre, am Sanct Gereon?“ „Allerdings, ein ſehr ſchönes, geräumiges Haus mit einem prachtvollen Garten.“ „Soll aber theuer ſein.“ „Wie heißt? theuer! Zwanzigtauſend Thaler ſind kein Gegen⸗ ſtand, meine Mittel erlauben mir das.“ „Und die innere Einrichtung—“ „Wird auch ſechstauſend Thaler koſten, Wagen und Pferde fünfzehnhundert—“ „So, ſo, Sie halten auch Equipage?“ „Wer würde ſie nicht halten, wenn die Mittel es ihm erlauben?“ „Da haben Sie Recht. Sie werden wohl auch eine Loge im Theater miethen?“ „Iſt bereits geſchehen. Vierte Loge rechts.“ „Himmel, da müſſen Sie ja entſetzlich reich geworden ſein,“ ſagte Tante Thereſe, die ſich eines ironiſchen Lächelns nicht er⸗ wehren konnte. Fritz Wacker bemerkte dieſes Lächeln nicht, er verbeugte ſich zuſtimmend. „Und was führt Sie zu mir, Meiſter—— Herr Wacker?“ fragte der Bankier. „Sie werden ſich erinnern, daß ich vor einigen Wochen ſo unglücklich war, Ihren Hut zu beſchädigen—“ „Es war nicht der Rede werth.“ „Einerlei, es war eine Beſchädigung, die Sie berechtigte, Er⸗ ſatz zu fordern. Ich aber will mir nicht nachſagen laſſen, daß ich ſolchen Erſatz ſchuldig geblieben ſei; deshalb erlaube ich mir, Ihnen dieſen neuen Hut anzubieten.“ „Ganz und gar unnöthig, Herr Wacker.“ „Durchaus nicht, ich würde längſt dieſe Schuld getilgt haben, wenn ich den Hut früher erhalten hätte. Derſelbe kam erſt heute Morgen von Paris an.“ „Und ich wiederhole Ihnen, daß ich die Sache längſt ver⸗ geſſen habe,“ erwiderte Schirmer,„ich werde dieſen Hut nicht annehmen.“ Fritz Wacker warf ſich in die Bruſt, das Haupt hoch empor⸗ gerichtet blickte er mit einer Miene der Herablaſſung den alten Herrn an, der den Speiſen mehr Aufmerkſamkeit widmete, als ſeinem Gaſte. 31⸗ 8½ — — 484—. „Glauben Sie, ich werde Ihr Schuldner bleiben?“ verſetzte er.„Meine Mittel erlauben es mir, den angerichteten Schaden zu erſetzen.“ „Mag ſein, aber ich möchte Ihnen den guten Rath geben, mit Ihren Mitteln etwas ſparſamer umzugehen,“ entgegnete der Bankier, der nun auch warm wurde. Der ehemalige Schneider zuckte mit einer ſehr geringſchätzenden Miene die Achſeln. „Ich werde ſelbſt wiſſen, was ich thun und laſſen darf,“ ſagte er ſtolz,„Vorſchriften laſſe ich mir in dieſer Beziehung nicht machen. Ich war bisher Ihr Schuldner, nun iſt die Schuld getilgt, wir ſind quitt.“ Er verbeugte ſich vor den Damen und ging, ohne den Bankier eines Blickes zu würdigen, hinaus.“ „Der fühlt ſich!“ ſagte Tante Thereſe. „Gönnen wir ihm das Vergnügen,“ erwiderte Schirmer ruhig, „ich fürchte, es wird nicht lange währen. Legen Sie dieſe Karte in den Hut und ſtellen Sie ihm denſelben ſammt der Schachtel zurück, es kommt vielleicht ein Tag, an welchem dieſer Herr Wacker für die Rückgabe deſſelben ſehr dankbar ſein wird.“ Vierundſechszigſtes Kapitel. Eine herzloſe Schweſter. Heinrich theilte nach ſeiner Heimkehr ſofort ſeiner Gattin die Schritte, welche Otto Schirmer in der Wechſelangelegenheit gethan hatte, mit. Bertha bezeigte nicht das leiſeſte Mitgefühl. „Das Ende hätte man vorausſehen können,“ ſagte ſie,„mich freut es, daß ich ihm das Geld nicht geliehen habe.“ Heinrich wußte allerdings, daß ſeine Gattin kein Herz für den Bruder hatte, aber daß ſie ſo kalt, ſo lieblos urtheilen würde, hatte er nicht erwartet. „Mit dem Gelde würde er vielleicht ſeine Ehre gerettet haben,“ warf er ein. „Für den Augenblick,“ fuhr Bertha achſelzuckend fort,„auf einen beſſeren Weg wäre er nicht gekommen. Es iſt beſſer, daß es ſo gekommen iſt, er darf nun nicht zurückkehren. Es iſt eine — 485— unangenehme Sache, einen Vagabund in der Familie zu haben, der Einem nicht nur das Haus, ſondern auch die Stadt verleidet.“ Heinrich nickte. Dieſe Uebereinſtimmung mit ſeinen Anſichten und Wünſchen war ihm ſehr angenehm. „Ich kann Deinem Vater nicht verdenken, wenn er ihn ent⸗ erben will,“ entgegnete er,„wenn dieſer Verſchwender ein be⸗ deutendes Vermögen erbt, wird er nicht mehr zu bändigen ſein. Nur fürchte ich, der alte Mann iſt zu ſchwach, es iſt ein harter Schritt, ein Kind enterben zu ſollen, Dein Vater wird—“ „Dieſen Schritt thun,“ fiel Bertha ihm gelaſſen in's Wort. „Er muß ihn thun.“ „Jreilich, freilich, aber wer will ihm das ſagen? Ich mag nicht den Schein auf mich laden, als ob ich den Erbſchleicher ſpielen wolle. Aber es muß geſchehn, das ſehe ich ein. Es iſt ja auch beſſer, wenn das Vermögen in dieſer Weiſe ihm reſervirt wird, hoffentlich gelangt er doch einmal zur Einſicht, und dann kann er mit dem Gelde ſeine Exiſtenz ſicher ſtellen.“ „Der?“ ſpottete Bertha kalt.„Niemals!“ „Aber es iſt ja möglich!“ „Nein— er wird niemals einen andern Weg betreten. Daß man ihm von Zeit zu Zeit ein Almoſen reicht, daß man ihm in irgend einer Anſtalt ein Unterkommen verſchafft, das laſſe ich hingehen, aber unter keiner Bedingung werde ich zugeben, daß er einen Theil ſeines Vermögens erhält.— Es wäre weggeworfenes Geld,“ fuhr die junge Dame nach einer kurzen Pauſe fort, während ſie nachläſſig mit ihrem goldenen Armband ſpielte,„ich kann's beſſer verwenden, wie er.“ Heinrich, der am Fenſter ſtand und gedankenvoll hinaus blickte, wandte ſich um. „Du?“ fragte er überraſcht. Bertha nickte. „Ich bin ja die Erbin,“ ſagte ſie ruhig,„das Teſtament wird auf meinen Namen lauten.“ „Nun ja, aber—“ „Aber—— ich begreife nicht, was dieſes„Aber“ bedeuten ſoll. Verlangſt Du, daß ich Dir das Erbe zur Verfügung ſtellen ſoll?“ „Ich bin Dein Gatte—“ „Ganz recht, aber Du weißt, wir haben Gütertrennung. Ich werde das Erbtheil bei einem Bankier deponiren, oder es einem Notar übergeben, damit er es in meinem Namen rentbar anlegt. Wenn ich wenig rechne, wird mein Vater ein Vermögen von zweimalhunderttauſend Thaler hinterlaſſen, das glaubſt Du doch auch?“ ——— — 486— „Ich bezweifle es nicht.“ „Mein gegenwärtiges Vermögen beträgt ſechszigtauſend Thaler, in Summa wären das ungefähr dreimalhunderttauſend Thaler, oder, zu fünf Prozent, jährlich fünfzehntauſend Thaler Zinſen.“ Erwartungsvoll blickte Heinrich ſeine Gattin an, er lernte heute eine Seite an ihr kennen, von der er bisher noch keine Ahnung gehabt hatte. „Dieſe fünfzehntauſend Thaler werden hinreichen, Pferde, Equipagen und Livreebedienten zu halten; ich werde den Sommer in den Bädern und den Winter theils hier, theils in der Reſi⸗ denz, in Berlin, Paris oder Wien verbringen.“ „Iſt das Dein Ernſt?“ fragte Heinrich überraſcht. „Ich begreife nicht, daß Du dieſe Frage ſtellen kannſt,“ fuhr Bertha gleichmüthig fort.„Ich habe mir längſt vorgenommen, das Leben zu genießen, ſobald ich im Beſitz meines Vermögens bin. Wenn Du daran Theil nehmen willſt, wird es mir Recht ſein.“ 3 Scharf und unverwandt blickte Heinrich ſein junges, ſchönes Weib an. Er hatte ſich bisher nicht die Mühe gegeben, in die Tiefen ihrer Seele einzudringen, jetzt mußte er erfahren, daß ſie liſtiger, energiſcher, hochmüthiger und herzloſer war, wie er glaubte. Er konnte nicht leugnen, daß ſie das Recht beſaß, von ihrem Vermögen jeden ihr beliebigen Gebrauch zu machen, aber er hatte nicht gedacht, daß ſie es thun würde. Sollte er nur deshalb ge⸗ ſündigt haben, um ihr die Mittel zu verſchaffen, das Leben ſo genießen zu können, wie ſie es wünſchte? Was hatte er davon, wenn ſie die Zinſen dieſes großen Kapitals für ihre Liebhabereien verwandte? Er konnte mit dieſem Kapital enorme Summen verdienen, er konnte es binnen wenigen Jahren verdoppeln und das war auch ſein Plan geweſen.— Jetzt zogen die Schlauheit, der Eigenſinn und die Genußſucht dieſer Frau einen Strich durch ſeine Rechnung und er hatte nicht die Macht, das zu verhindern. Eins allein tröſtete ihn, die Ge⸗ wißheit, daß dieſes Kapital dereinſt ihm doch zufallen mußte. Im Ehevertrag war ein Paragraph enthalten, dieſer Paragraph beſtimmte, daß das beiderſeitige Vermögen auf den Längſtlebenden übergehen ſolle. Aber dieſer Paragraph brachte ihm erſt ſpäter Vortheil, und wer konnte wiſſen, ob er nicht vor ſeiner Gattin ſtarb? „Du haſt allerdings ein Recht dazu, ſelbſt Dein Vermögen zu verwalten,“ nahin er nach einer Pauſe das Wort,„aber ich gebe Dir zu bedenken, daß Du Leuten in die Hände fallen kannſt, die Dich darum betrügen.“ end Thaler, nd Thaler, Zinſen.“ r lernte noch keine Pferde, n Sommer n der Reſi⸗ mnſt,“ fuhr rgenommen, Vermögens mir Recht s, ſchönes en, in die en, daß ſie r, wie er von ihrem der er hatte deshalb ge⸗ s Leben ſo ſes großen verdienen, das war Genußſucht hatte richt n die Ge⸗ muſte Baragra gſtlebendel arſt ſpätt ntin ſtarb! Bermöge aber llen unnſ „Ich werde die Augen offen halten,“ ſagte Bertha kühl. „Du kennſt nichts von dergleichen Dingen—“ „Mehr wie Du glaubſt.“ „Nun, wenn das iſt, ſo mußt Du auch wiſſen, daß Du nichts Beſſeres thun kannſt, als mir das Kapital anzuvertrauen, in meinen Händen wird es ſich verdoppeln und verdreifachen.“ „Dir?“ fragte die junge Frau mit ſcharfer Betonung, und in ihren großen, ſchönen Augen drückte ein unverholenes Mißtrauen ſich aus.„Du biſt ein Hazardſpieler, wenn das Glück Dich ein⸗ mal verläßt, wirſt Du bald ein Bettler ſein. Da ziehe ich doch vor, meine Zukunft für alle Fälle ſicher zu ſtellen, wer weiß, welches Ende—“ „Bertha!“ „Du kannſt das nicht leugnen und ich ſehe nicht ein, weshalb ich mit der Wahrheit hinter dem Berge halten ſoll. Du ſtehſt augenblicklich noch auf feſten Füßen, eine einzige verfehlte Spekula⸗ tion kann Dich zum Schwanken bringen.“, Der junge Mann biß auf die Lippe, daß ſie blutete. Er hatte, als er um die Hand Bertha's warb, nur an ihr Vermögen gedacht, Liebe kannte und forderte er nicht, die Gattin war ihm ſtets gleichgültig geblieben. Nun erfuhr er, daß er ſich verrechnet hatte, daß er über keinen Pfennig ihres Vermögens verfügen konnte. Und nicht das allein, ſeine Wünſche wurden ſogar mit herben, verletzenden Vorwürfen zurückgewieſen, mit Vorwürfen, die ihm beweiſen mußten, daß das Band zwiſchen ihm und ihr zerriß, ſobald das Glück ihn verließ. Das ärgerte ihn gewaltig, aber er ſah auch ein, daß er gute Miene zum böſen Spiel machen mußte, wenn er nicht ſchon jetzt das Band zerreißen und auf die möglichen ſpäteren Vortheile verzichten wollte. „So iſt es alſo Deine Privatangelegenheit, den Vater zu be⸗ wegen, das Teſtament lieber heute als morgen aufzuſetzen,“ ſagte er, mühſam die äußere Ruhe bewahrend,„ich an Deiner Stelle würde raſch meine Vorkehrungen treffen, man kann ja nicht wiſſen, wie Dein Vater den ſchweren Schlag, der in ſeinem Sohne auch ihn trifft—“ „Ich werde heute Nachmittag mit ihm reden,“ unterbrach Bertha ihn ruhig,„ich zweifle nicht, daß er meinen Wünſchen nachkommen wird. Weißt Du, wo Karl ſich befindet?“ „In Italien.“ „Italien iſt groß.“ „In Neapel, wenn Du es genau wiſſen willſt.“ „Dann ſchreibe ihm und theile ihm mit, wie die Sachen hier liegen. Er wird ſich natürlich hüten, hierher zu kommen, aber er ſoll ſich auch nicht unterſtehen, ſeine Familie mit langweiligen 1 5 7 1 1 4 1 1 . — ——— 1—— — — 488— Briefen zu beläſtigen, ich werde alle an mich gerichteten Briefe unerbrochen zurückgehen laſſen.“ Heinrich ſchüttelte den Kopf, dieſe Liebloſigkeit, ſo ſehr ſie auch ſeine Pläne begünſtigte, hatte er nicht erwartet, er war auf Klagen und Vorwürfe gefaßt geweſen, nicht aber auf dieſes herz⸗ loſe Verdammen. Bald nach Tiſch verließ Bertha in eleganter, faſt auffallender Toilette das Haus und von all' denen, die ihr begegneten, ahnte gewiß Keiner, daß dieſe ſchöne, elegante Dame ſich zu ihrem Vater verfügte, um ihn zur Enterbung ihres einzigen Bruders zu ihren eignen Gunſten zu bewegen. Heinrich war im Begriff zur Börſe zu gehen, als plötzlich ein Herr in das Kabinet trat, bei deſſen Anblick ihm das Blut aus den Wangen wich. Dieſer Herr war kein Andrer, als Merville, der Eigenthümer der Londoner Irrenanſtalt. Als der letztere die Beſtürzung des jungen Manncs, die ihm nicht verborgen bleiben konnte, bemerkte, glitt über ſein verſchmitz⸗ tes Gaunergeſicht ein ironiſches Lächeln. „Ich komme unvermuthet,“ ſagte er,„und zwar aus dem feeinfachen Grunde, weil ich keine Zeit fand, Ihnen zu ſchreiben.“ „Daraus muß ich ſchließen, daß Sie mir eine ſehr wichtige Botſchaft bringen,“ erwiderte Heinrich, der, raſch gefaßt, dem Eng⸗ länder einen Stuhl anbot.„Meine Zeit iſt zwar gemeſſen, aber—“ 3 „Gut, ſo werde ich warten, bis Sie—“ „Nein, nein, ich kann Ihnen immerhin noch eine Viertelſtunde widmen.“ „Das iſt zu knapp,“ ſagte Merville ruhig,„ich habe Manches mit Ihnen zu beſprechen, kommen Sie heute Abend zu mir in den Pariſer Hof, ich werde Sie erwarten.“ Er näherte ſich ſchon der Thüre, Heinrich trat ihm raſch in den Weg. „Eine Frage, ſagte er mit gedämpfter Stimme,„wie ſteht's mit dem Patienten?“ „Er iſt todt.“ „Seit wann?“ „Seit vorgeſtern.“. „Ah——— bringen Sie mir das Teſtament?“ „Ich ſagte Ihnen bereits, daß ich Sie heute Abend erwarte,“ erwiderte Merville ausweichend,„beſuchen Sie mich und Sie ſollen Alles erfahren. Aber bemerken Sie ſich gütigſt, daß ich auf dieſer Reiſe den Namen Louis Vernier führe, Gründe nöthi⸗ 2 gen mich dazu.“ Ehe Heinrich eine weitere Frage an ihn richten konnte, war teten Briefe o ſehr ſie er war auf als plötzlich m das Blut Eigenthümer die ihm n verſchmitz⸗ dem ſchreiben.“ Er wichtige t dem Eng⸗ r gemeſſen, giertelſtunde ze Manches zu mir in ſich ſchon wie ſteht s — 439— Merville ſchon verſchwunden, als der junge Mann das Haus verließ, ſah er ihn in einiger Entfernung raſch von dannen ſchreiten. Der Beſuch dieſes Mannes beunruhigte ihn, er hatte in ſei⸗ nem Blick, in ſeinen Mienen etwas geleſen, was ihm Mißtrauen einflößte. Weshalb war Merville ſelbſt gekommen? Glaubte er die Nachricht von dem Tode des alten Mannes der Poſt nicht anver⸗ trauen zu dürfen? Oder kam er nur, um die ihm für den Fall des Todes ver⸗ ſprochene Summe in Empfang zu nehmen? Das war die Vermuthung, welche am nächſten lag, brachte er das Teſtament, ſo wollte Heinrich ihm dieſe Summe unver⸗ kürzt zahlen. Es ſchien, als ob an dieſem Tage das Schickſal ſich wider ihn verſchworen habe. An der Börſe erfuhr er, daß ein noch ſchwebendes Spekula⸗ tionsgeſchäft gegen ſein Erwarten und ſeine Berechnungen ihm einen nicht unbedeutenden Verluſt ſtatt des gehofften Gewinns brachte und als er nun unmuthig die Börſe verließ, war der Erſte, der ihm begegnete, der Advokat Wimmer, deſſen Rechtsbei⸗ ſtand er damals ſo ſchnöde zurückgewieſen hatte. Er wollte raſch an ihm vorbeiſchreiten, aber der Rechtskon⸗ ſulent ſprach ihn an, und da gebot die Höflichkeit, daß er ihn wenigſtens anhörte. „Ihr Antrag auf Interdiction Ihres Aſſocies iſt vierzehn Tage ausgeſetzt,“ ſagte Wimmer,„ich habe das beantragt, weil inzwiſchen ſich ein Verwandter Ihres Aſſocies gefunden hat, der Sicherſtellung des Vermögens verlangt.“ „Wirklich?“ ſpottete Heinrich gelaſſen.„Sie halten ſich ge⸗ wiß für einen Erzpfiffikus, aber wenn Sie auch das Gras wachſen ſehen und die Flöhe huſten hören, in dieſer Angelegenheit werden Sie mit all' ihrer Schlauheit nichts ausrichten.“ „Wir werden ſehen.“ „Ich bedaure, daß Sie ſo viele Zeit dafür vergeuden, lieber Herr, der fette Haſe wird aber Ihren Händen entwiſchen. Wer iſt denn dieſer Verwandter?“ „Sie zweifeln an der Richtigkeit—“ „Durchaus nicht. Mein Aſſocie beſaß einen Vetter, ein ver⸗ bummeltes Subjekt, wie er ſelbſt ihn nannte, wenn dieſer Mann Ihr Klient iſt, dann wünſche ich Ihnen Glück, ich kann mir den⸗ ken, daß Sie ein ſolches Subjekt um den Finger wickeln können.“ Der Rechtsconſulent blickte den jungen Herrn mit weit geöff⸗ neten Augen an, er hatte geglaubt, ihm Furcht einjagen zu können — — — — —— 2öͤ — —— 5 — 490— und nun mußte er erfahren, daß Heinrich Schenk ſich nicht ein⸗ ſchüchtern ließ, ja daß er ſeines Erfolges vollſtändig ſicher war. Die Ruhe und Zuverſicht, mit der Heinrich auftrat, mußte ihm beweiſen, daß er Dokumente beſaß, auf deren Unfehlbarkeit er vertrauen durfte. „Sie ſpotten,“ ſagte er einigermaßen verwirrt,„es wird eine Zeit kommen—“ „In der ich lachen werde,“ unterbrach Heinrich ihn ruhig,„und wer zuletzt lacht, der lacht am Beſten. Adieu, ich habe Eile.“ Verblüfft blickte der Mann des Geſetzes dem jungen Herrn nach, der raſch ſich entfernte, er begriff, daß er keine Hoffnung hegen durfte, den Prozeß für ſeinen Klienten zu gewinnen. Demungeachtet wollte er dieſen Prozeß bis zur letzten Inſtanz verfolgen, die Koſten wurden ihm ja von ſeinem Kollegen in Breslau vergütet, und ſelbſt wenn er ihn verlor, ihm konnte er nur Gewinn bringen. Er blickte ſeinem Gegner nach, bis derſelbe hinter einer Straßenecke verſchwunden war, dann ſetzte er nachdenklich ſeinen Weg fort. Fünfundſechszigſtes Kapitel. Das Teſtament. Heinrich wartete nur die Heimkehr ſeiner Gattin ab, um ſich in den Pariſer Hof zu verfügen. Anſcheinend gleichgültig fragte er ſie, ob der Vater ihren Wunſch erfüllen werde, ihre Erwiderung, er habe ihr gelobt, am nächſten Tage bei ſeinem Notar das Dokument zu deponiren, befriedigte ihn. Er hatte inzwiſchen ſeinem Schwager geſchrieben, ihm das Vorgefallene mitgetheilt und dabei nicht unterlaſſen, ihm das harte Urtheil ſeiner Schweſter zu berichten. Wohl nur in der Abſicht, ſich den Anſchein zu geben, als hege er noch immer ein lebhaftes Intereſſe für Alles, was ſeinen Schwager betreffe, hatte er hinzugefügt, der Schneider Fritz Wacker habe die Hälfte des großen Looſes gewonnen unb ſei jetzt ein ſehr vermögender Mann. Er verſprach ihm zum Schluß, Alles aufzubieten, um den ——— p ſich nicht ein⸗ ſicher war. at, mußte ihm fehlbarkeit er nell. unte er nur binter einer denklich ſeinen — 491— Vater zu verſöhnen und ſchloß mit dem Wunſch, ihm bald erfreu⸗ lichere Nachrichten ſchicken zu können. Nachdem er nun durch ſeine Gattin erfahren hatte, daß der Entſchluß des Fabrikanten in Bezug auf das Teſtament feſtſtand, trat er den Weg zum Pariſer Hof an. Merville empfing ihn höflich, aber zurückhaltend, er bat ihn Platz zu nehmen und ließ durch den Kellner eine Flaſche Wein bringen. „Sie haben einen Bruder in London?“ begann er, ehe Hein⸗ rich Zeit fand, eine Frage an ihn zu richten. „Allerdings,“ erwiderte der junge Mann betroffen,„kennen Sie ihn?“ „Er ſelbſt ſtellte ſich mir vor, und ihm verdanke ich's, daß ich bei Nacht und Nebel London verlaſſen mußte,“ fuhr Merville fort, deſſen Stirne ſich drohend in Falten legte.„Woher er er⸗ fahren hatte, daß Ihr Aſſocie ſich in meiner Anſtalt befand, das iſt mir ein Räthſel, genug, er kam eines Tages, es war am ver⸗ gangenen Sonntage, und gab vor, von Ihnen geſchickt und beauf⸗ tragt zu ſein, ſich nach dem Befinden ſeines Patienten zu er⸗ kundigen.“ Mit dem Oberleib weit über den Tiſch gebeugt, den ſtarren Blick unverwandt auf das Geſicht Merville's gerichtet, ſaß Heinrich da, ein Bild des verſteinerten Entſetzens. Dieſe Wirkung ſeiner Mittheilungen ſchien ſelbſt Merville nicht erwartet zu haben, er erſchrak, als ſein Blick auf dieſes verſtörte Geſicht fiel. In demſelben Augenblick begriff er auch, daß er ſeinem Genoſſen nicht Alles mittheilen durfte, wenn er ſich ſeiner Vortheile nicht gänzlich berauben wollte. „Das war eine Lüge,“ ſtotterte Heinrich, dem es nicht gelang, ſeine Beſtürzung und ſeine Angſt zu verbergen.„Woher er er⸗ fahren hat, daß mein Aſſocie ſich in Ihrer Anſtalt befand, iſt mir leicht begreiflich, ich konnte und durfte ja hier kein Geheimniß daraus machen und da wird wohl ein Bekannter ihm es mitgetheilt haben.“ „Vielleicht zu dem Zwecke, den Sachverhalt zu erforſchen,“ ſchaltete Merville ein. „Glauben Sie?“ „Es iſt immerhin möglich. Jeder hat Feinde, Sie werden die Ihrigen auch haben.“ „Aber woraus ſchließen Sie—“ „Ich muß das ſchon daraus ſchließen, daß Ihr Bruder vor⸗ gab, von Ihnen geſchickt und bevollmächtigt zu ſein, er wollte offenbar mich auf's Glatteis führen.“ —— hieſigen Behörde von England aus die Anzeige gemacht wird, ſo — 492 „Was ihm hoffentlich nicht gelungen iſt?“ fragte Heinrich, deſſen Erregung noch immer eher zu⸗ als abnahm.. „Sie ſind doch gewiß ſo vorſichtig geweſen, ihn nicht in das Geheimniß einzuweihen?“ „Das bin ich allerdings; indeß, Verdacht muß er geſchöpft haben, denn er drohte mit einer gerichtlichen Reviſion meiner Anſtalt.“ Der junge Mann fuhr empor, eine wilde verzehrende Gluth loderte jäh in ſeinen Augen auf. „Das hat dieſer unverſchämte Menſch gewagt?“ rief er zornig. „Was kümmern ihn meine Angelegenheiten? Aber weshalb rege ich mich ſo ſehr auf! Sie konnten ja einer ſolchen Reviſion ruhig entgegenſehen.“ 1 „Unter den obwaltenden Umſtänden nicht. Ich erkannnte, daß ich es mit einem Gegner zu thun habe, der nicht nur ſehr energiſch, ſondern auch ſchlau und gewandt war, der für ſeinen Verdacht Anhaltspunkte beſaß und unter dem Beiſtande eines erfahrenen Polizei⸗Agenten Alles erfahren konnte, was er wiſſen wollte. Da zog ich denn vor, bei Nacht und Nebel mich zu ent⸗ fernen und hier das Reſultat der Reviſion ruhig abzuwarten.“ In fieberhafter Unruhe leerte Heinrich haſtig ſein Glas auf einen Zug.. „Sie ſagten mir, mein Aſſocie habe das Zeitliche geſegnet,“ nahm er nach einer Pauſe wieder das Wort,„iſt das die Wahr⸗ heit?“— „Welchen Grund könnte ich haben, Sie in dieſem Punkte zu belügen? Der alte Mann ſtarb am Sonntag Abend kurz nach dem Beſuch Ihres Bruders.“ „Und—— geſetzt— man findet die Leiche— was wird——— die Leichenjury ſagen?“ Merville zuckte die Achſeln. 1 „Ich hoffe, ſie entdeckt die wahre Urſache des Todes nicht,“ erwiderte er ausweichend. „Gift?“ „Ja“ Heinrich blickte lange, in düſtrem Brüten verſunken, vor ſich hin. „Es gibt nur einen Weg,“ ſagte er,„Sie müſſen ſpurlos verſchwinden—“ „Holla— Sie—“ „Verſtehen Sie mich recht. Sie müſſen Ihren bisherigen Namen fallen laſſen und jede Begegnung mit den engliſchen Be⸗ hörden zu vermeiden ſuchen. Auf Sie wird ja allein die Schuld fallen; ich habe mit der Sache nichts zu ſchaffen. Wenn der nicht in das er geſchöpft ſion meiner e Gluth fer zornig. weshalb rege den Reviſion erkannnte öt nur ſehr r ſeinen tande eines er wiſſen zu ent⸗ gich e geſegnet, die Wahr⸗ Puntte n d kurz nach 493— ſehe ich mich vielleicht genöthigt, gegen dieſen Merville aufzutreten, einen Preis auf ſeine Verhaftung auszuſetzen—“ „Sie haben ſich vortrefflich vorgeſehen,“ unterbrach Merville ihn ſpottend.„Ich ſoll alſo der Sündenbock ſein?“ „Haben Sie nicht damals allein die ganze Verantwortung übernommen?“ „Freilich, aber es war Ihr Bruder, der—“ „Ich kann für die Handlungen meines Bruders nicht verant⸗ wortlich ſein,“ fuhr Heinrich barſch fort.„Ihre Sache war es, ſich für alle Fälle vorzuſehen. Wie iſt's mit dem Teſtament? Ich hoffe, es iſt Ihnen gelungen, daſſelbe zu erhalten.“ „Ich beſitze deren zwei,“ entgegnete Merville, den die ſchroffen Bemerkungen ſeines Verbündeten erbitter zu haben ſchienen.„In dem erſten wird die Armenverwaltung der Stadt Köln zur Uni⸗ verſalerbin eingeſetzt, ich fand dieſes Dokument in ſeinem Porte⸗ feuille, er hat es offenbar während der Reiſe niedergeſchrieben.“ „Und das zweite?“ fragte Heinrich geſpannt. „Das zweite euthält die Beſtimmung, daß die geſammte Hintevlaſſenſchaft Ihr Eigenthum ſein ſoll.“ Der junge Mann athmete erleichtert auf, er bemerkte den boshaft tückiſchen Blick nicht, den Merville ihm zuwarf. „Was kümmert uns der erſte Wiſch!“ ſagte er.„In's Feuer mit ihm—“ „Nicht ſo raſch,“ fiel Merville ihm in's Wort.„Das Doku⸗ ment hat größeren Werth, wie Sie ihm beilegen wollen. Ich beſitze außer dieſen beiden Dokumenten noch ein drittes Schrift⸗ ſtück— „Ein drittes Teſtament?“ „Nein, eine Anweiſung auf die Firma Peter Paul Scheren⸗ berg ſeelige Wittwe, laut welcher dieſe Firma angewieſen wird, mir fünftauſend Pfund Sterling auszuzahlen.“ Das war abermals ein Blitzſtrahl aus heitrem Himmel, der Beſtürzung und Entſetzen, zugleich aber auch einen glühenden Haß hervorrufen mußte. Der ruhige, gedehnte Ton, in welchem Merville dieſe Mit⸗ theilung gemacht hatte, mußte dem jungen Manne beweiſen, daß dieſe Anweiſung ſich wirklich im Beſitze ſeines Genoſſen befand, und daß dieſer entſchloſſen war, alle Rechte, welche ihm daraus erwuchſen, energiſch zu verfolgen. „Dieſe Anweiſung ſtellte Ihr Aſſocie mir freiwillig aus,“ fuhr Merville fort,„ſie ſollte der Preis für ſeine Befreiung ſein. Ich zog aber vor, meinen Vortheil beſſer wahrzunehmen, zumal, als ſch hörte, daß Scherenberg ein Vermögen von über hunderttauſend Thaler beſaß.“ — — 494— „Wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte Heinrich, der die Ab⸗ ſichten Merville's durchſchaut, aber das Mittel, ſie zu durchkreuzen, noch nicht gefunden hatte. „Er ſelbſt.“ „Dann hat er Sie belogen.“ „Das glaube ich nicht.“ „Sein Vermögen beträgt kaum fünfzigtauſend Thaler.“ „Ich war darauf vorbereitet, daß Sie dieſe Behauptung auf⸗. ſtellen würden,“ erwiderte Merville gelaſſen.„Sie werden be⸗ greifen, daß ich, nachdem ich Alles eingebüßt habe, aus dem Schiff⸗ bruch zu retten ſuche, was noch gerettet werden kann. In meinen Händen ruht die Entſcheidung über die Hinterlaſſenſchaft Ihres Aſſocies, und von Ihnen hängt es ab, wie dieſe Entſcheidung ausfallen wird.“ Ein ſarkaſtiſches Lächeln glitt über das Geſicht des jungen Herrn, ein Lächeln, in welchem der Vorſatz ſich ſpiegelte, die Hoffnungen ſeines Genoſſen zu durchkreuzen. „Sie denken, ich werde die Anweiſung honoriren?“ fragte er. „Nicht allein das, Sie werden mich auch für meinen Verluſt ent⸗ ſchädigen, wenn Sie das zu Ihren Gunſten ausgefertigte Te⸗ ſtament erhalten wollen,“ erwiderte Merville mit einer Feſtigkeit, die von vorne herein jedem Widerſpruch vorbeugen zu wollen ſchien. „Erklären Sie mir das deutlicher.“ „Ich denke einer näheren Erklärung bedarf es nicht.“ „Sie ſind alſo entſchloſſen, mir nur gegen Zahlung einer hohen Summe das Teſtament zu überlaſſen?“ „Ja⸗ „Wohl— was hindert mich, Sie ſofort verhaften zu laſſen, Sie zu beſchuldigen, meinen Aſſocie—“ „Lieber Freund, verſuchen Sie es,“ unterbrach Merville höh⸗ nend den ſich mehr und mehr ereifernden Genoſſen. „Ich beſitze Gotttlob Briefe von Ihnen, die vollſtändig ge⸗ nügen, Sie mein Loos theilen zu laſſen. Glauben Sie, ich werde ſo thöricht ſein, mich Ihnen auf Gnade und Ungnade zu ergeben?“ „Und wenn ich Ihre Forderung nicht anerkenne?“ „So werde ich die Anweiſung einem Juriſten übergeben und das Teſtament zu Gunſten der Armenverwaltung in die geeigne⸗ ten Hände gelangen laſſen. Wenn Sie glauben, dabei beſſer fort⸗ zukommen, ſo—“ „Wie hoch iſt Ihre Forderung?“ „Zehntauſend Pfund Sterling.“ „Sind Sie toll?“ fuhr Heinrich fort.„Siebenzigtauſend Thaler? der die Ab⸗ durchkreuzen, zaler.“ e werden be⸗ 3 dem Schiff⸗ In meinen enſchaft Ihres Entſcheidung des jungen ſpiegelte, die ?u fragte er. Verluſt ent⸗ ffertigte Te⸗ net Feſtigeit wollen ſchien. icht. zahlung einer ten zu loſſe Rerville ho ſtändig ge⸗ en Sie, Unanade zu Ungnat dengten m die geiſn d beſſer fon dauptung auf⸗ — 495— „Nicht ganz, es werden ſechsundſechszigtauſend ſiebenhundert Thaler ſein. Das iſt vielleicht die Hälfte der Hinterlaſſenſchaft und ich meine, es ſei beſcheiden von mir, wenn ich nur die Hälfte fordere, da ich doch dafür ein ſicheres, gutes Einkommen geopfert habe. Ich gönne Ihnen drei Tage Bedenkzeit, mache Sie aber ſchon jetzt darauf aufmerkſam, daß ich keinen Schilling von dieſer Forderung nachlaſſen werde.“ Heinrich hatte ſich erhoben, an allen Gliedern bebend ſtand er vor ſeinem Verbündeten, der mit einem boshaften Grinſen zu ihm aufblickte. „Dieſe unverſchämte Forderung werde ich nie bewilligen,“ ſagte er, und ſein glühender Blick, wie ſeine heiſere Stimme bekundeten die gewaltige, leidenſchaftliche Erregung,„Sie dürfen nicht glau⸗ ben, daß Sie es mit einem furchtſamen Knaben zu thun haben.“ „Das weiß ich ſehr genau,“ erwiderte Merville mit kalter Ruhe,„ich zweifle indeß nicht, daß Sie nach ruhiger Ueberlegung vorziehen werden, ſich auf gütlichem Wege mit mir zu einigen. Wir haben beide Urſache, eine gerichtliche Unterſuchung zu fürchten. Sie mehr wie ich, denn ich werde von hier abreiſen, bevor ich die Klage gegen Sie anhängig mache; verliere ich den Prozeß, ſo werde ich dafür ſorgen, daß auch Sie Alles verlieren.“ Heinrich hatte ſeinen Hut ergriffen und ſich der Thüre genä⸗ hert, es war ihm nicht möglich, ſofort mit dieſem Manne zu unterhandeln, er mußte vor allen Dingen der Situation Herr zu werden ſuchen, um ſeine Pläne entwerfen zu können. Triumphiren ſollte Merville nicht über ihn, wenn auch dem Anſcheine nach die Vorkehrungen dieſes Mannes ſo gut ge⸗ troffen waren, daß der Triumph ihm nicht ausbleiben konnte, es mußte doch irgend ein Weg ſich finden laſſen, auf welchem es ihm möglich war, aus dieſem Kampfe als Sieger hervorzu⸗ gehen. Er verabſchiedete ſich mit kurzem, mürriſchem Gruß und Merville unterließ nicht, ihn noch einmal darauf aufmerkſam zu machen, daß er nach Ablauf der ihm bewilligten Bedenkzeit ſeine Maßregeln energiſch treffen werde. Am Fuße der Treppe ſah Heinrich ſich plötzlich einer ſehr elegant, faſt auffallend gekleideten jungen Dame gegenüber, deren blendende, verführeriſche Schönheit ſeinen Blick feſſelte. Sie mußte kurz vorher angekommen ſein, ein Kellner ging mit brennender Kerze ihr vorauf, während der Hausknecht mit einigen Koffern und Schachteln folgte. Auch ſie ſchien ſich für ihn zu interreſſiren, als Heinrich ihr nachblickte, bemerkte er, daß ſie ſich umwandte, und daß ihr Blick nur ihm gelten konnte, unterlag keinem Zweifel. —— — 496— Er verbeugte ſich, ſie nickte leicht und folgte dem Kellner, der nach kurzer Wanderung eine Thüre öffnete. Es war ein ſehr elegant eingerichtetes Zimmer, aber die Ein⸗ richtung ſchien die Dame nicht zu befriedigen. Die Oberlippe verächtlich aufwerfend, fragte ſie in franzöſiſcher Sprache den Kellner, ob ſie kein beſſeres Zimmer haben könne. Er verneinte es. „So werde ich wohl vorlieb nehmen müſſen,“ erwiderte die Dame, während ſie ſich prüfend umblickte.„Bringen Sie mir das Fremdenbuch uud eine Taſſe Thee.“. Der Kellner entfernte ſich, er kehrte ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten mit dem Fremdenbuch zurück. Lange ruhte der Blick der jungen Dame auf den Namen, welche auf der letzten Seite verzeichnet ſtanden, endlich ſchrieb auch ſie haſtig ihren Namen hin. „Amelie Leroi,“ las der Kellner, als er auf dem Korridor einen Blick in das Fremdenbuch warf.„Von Paris nach Berlin.“ „Ach ſo,“ ſagte er leiſe,„demi monde— man ſieht's doch gleich dieſen Damen an!“ Die junge Dame wanderte nachdenklich in ihrem Zimmer auf und ab, die Reiſe ſchien ſie nicht ermüdet zu haben. Als der Kellner den Thee gebracht hatte, ſchloß ſie geräuſch⸗ voll hinter ihm die Thüre. Bald daranf erloſch das Licht in ihrem Zimmer, man mußte annehmen, daß ſie ſich zur Ruhe begeben habe. Dem war indeß nicht ſo. Zehn Minuten ſpäter wurde die Thüre leiſe und ſehr vorſichtig geöffnet, die Dame blickte auf den Korridor hinaus und als ſie bemerkte, daß Niemand in der Nähe war, trat ſie raſch hinaus. Sie ſchloß die Thüre ebenſo geräuſchlos, wie ſie ſie geöffnet hatte und huſchte über den weichen Teppich, der den Schall ihrer Schritte dämpfte. 1 Gleich darauf war ſie in einem andern Zimmer verſchwunden. Dieſes Zimmer war das Gemach Merville's. Ueberraſcht, faſt beſtürzt erhob Merville ſich, als er ſo plötz⸗ lich die elegant gekleidete Dame eintreten ſah, kaum aber hatte er einen Blick auf ihr Geſicht geworfen, als er ihr raſch entgegen⸗ trat. „So iſt alſo Alles verloren, Marie?“ fragte er, während er der Dame beide Hände zum Gruß reichte. „Alles,“ erwiderte Marie Latour,„die Wärter ſind verhaftet, die Patienten andreren Anſtalten übergeben. Ich hatte meine Vor⸗ bereitungen rechtzeitig getroffen, meine Koffer lagen ſchon ſeit Miltag am Bahnhofe, dennoch gelang es mir nur mit genauer dem Kellner, aber die Ein⸗ franzöſiſcher kunn m konne — 497— Noth, den Häſchern zu entgehen, die außer den Kranken Alle verhafteten, die ſie im Hauſe fanden. Man hat ſpäter in dem Coupe, in welchem ich abreiſte, darüber geſprochen, es unterliegt keinem Zweifel, daß man Sie und auch mich verfolgen wird.“ „Sie?“ fragte Merville, der ſich inzwiſchen wieder niederge⸗ laſſen hatte. „Ja. Durch die Flucht habe ich den Verdacht der Mitſchuld auf mich geladen—“ „So hätten Sie noch einige Tage bleiben ſollen. Sie konnten mir dort vielleicht nützen.“ „Wodurch?“ „Hm, wenn Sie dies oder jenes von meinen Habſeligkeiten noch gerettet hätten—“ „Das hörte auf. Das Gericht hat die Siegel angelegt, zu⸗ dem wäre ich ja auch verhaftet worden, und ich habe gute Gründe, einer Begegnung mit der Londoner Polizei aus dem Wege zu gehen.— Es iſt gut, daß wir beide falſche Päſſe haben, ich halte es für dringend geboten, daß wir vor den Augen der Leute ein⸗ ander fremd bleiben, ſo lange, bis wir in Sicherheit ſind.“ Merrille nickte. „Wohin werden wir von hier aus reiſen?“ fuhr Marie nach einer Weile fort, während ſie aus der Flaſche die auf dem Tiſche ſtand, ein Glas füllte und dasſelbe haſtig leerte. „Sie ſagten damals, in der Schweiz werde ſich ein ſicheres Aſyl für uns finden, ich aber meine, wir thun beſſer, uns nicht in ein Verſteck zu verkriechen, ſondern—“ „Warten Sie es ab,“ unterbrach Merville ſie ruhig.„Ich habe ebenfalls keine Luſt, das Leben eines Einſiedlers zu führen, ich möchte nun auch das Leben genießen. Aber vorläufig müſſen wir hier bleiben, bis ich die Angelegenheit mit Schenk geovdnet habe.“ „War er nicht vorhin bei Ihnen?“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Als ich ankam, begegnete mir auf der Treppe ein junger Herr, der zwar keine frappante, aber doch eine nicht zu leugnende Aehnlichkeit mit Otto Schenk hatte,“ erwiderte Marie gleichgültig. „Ich dachte mir, es müſſe der Bruder des Mechanikers ſein.“ „Er war bei mir,“ ſagte Merville düſter,„ich fürchte, daß ich einen harten Stand mit ihm haben werde.“ „Bah, er muß ja Ihre Forderung bewilligen.“ „Wenn er's nicht thut, kann ich ihn dazu zwingen? Bin ich nicht ſelbſt vogelfrei, muß ich nicht jeden Tag meine Verhaf⸗ tung befürchten? Wenn es nicht anders iſt, werde ich meine Forderung ermäßigen, wir müſſen Geduld haben.“ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 32 — 498— Marie hatte ſich erhoben. „Vertrauen Sie ihm nicht zu ſehr,“ ſagte ſie,„in ſeinem Blick liegt etwas, was mir nicht gefällt. Gute Nacht, ich hoffe, morgen bei Tiſch findet ſich zu einer gegenſeitigen Annäherung Gelegenheit, ſehen wir uns aber vor, daß wir keinen Verdacht wecken.“ „Sie wollen ſchon fort?“ „Es iſt beſſer, wenn ich gehe; wer weiß, was Alles ſich er⸗ eignen kann, und da darf man mich nicht bei Ihnen finden. Gute Nacht“ Sechsundſechszigſtes Kapitel. Die Kindesmörderin. An demſelben Abend, an welchem dieſe wichtigen und ſehr verhängnißvollen Unterredungen im Pariſer Hofe ſtattfanden, gab Fritz Wacker, der ehemalige Schneidermeiſter, ſeinen Freunden ein kleines Feſt. Die Zahl dieſer Freunde beſchränkte ſich auf zwei, den Barbier Kaspar Melchior Gabel und den Wirth Bertram Schenk, beide hatten die Einladung angenommen. Die innere Einrichtung des Hauſes, welches Wacker gekauft und auch ſchon bezogen hatte, ließ freilich noch Manches zu wün⸗ ſchen übrig, die Schreiner, Anſtreicher, Schloſſer und Maurer wirthſchafteten noch in demſelben, aber welchen Raum man auch betreten mochte, man machte überall die Entdeckung, daß der ehe⸗ malige Flickſchneider entſchloſſen war, ſich mit der Pracht und dem Glanze eines Millionairs zu umgeben. In dieſe Räume paßten nun die beiden Gäſte ſo recht nicht hinein, Madame Wacker hatte das auch ihrem Gemahl mit dürren Worten geſagt, aber der Schneider glaubte ſeinen Freunden dieſe Aufmerkſamkeit ſchuldig zu ſein. Zudem wollte er ihnen auch zeigen, daß er jetzt ein reicher, vornehmer Mann war. In der Hauptſache aber, und das hatte er auch ſeiner Gattin zum Troſte und zur Beruhigung geſagt, ſollte dieſes Abendeſſen gewiſſermaſſen das Abſchiedsfeſt ſein, denn er ſah ſelbſt ein, daß es ſich jetzt nicht mehr für ihn ſchickte, mit einem Schenkwirth und einem Barbier zu verkehren. Die beiden Gäſte ahnten das freilich nicht, ſie hatten die Ein⸗ in ſeinem t, ich hoffe, Annäherung ten Verdacht Alles ſich er⸗ hnen finden. en und ſehr fanden, gab Jreunden ein den Barbier henl, beide acer gekauff bes zu wün⸗ Ind Maurer 1 man auch daß der ehe⸗ Pratht und — 499— ladung angenommen in dem guten Glauben, Fritz Wacker bewahre ihnen eine treue Anhänglichkeit. Und dieſer Glauben wurde nicht einmal durch die ſtolze Herab⸗ laſſung der Madame Wacker erſchüttert, die faſt auffallend ſich be⸗ mühte, die beiden Gäſte ihr Uebergewicht fühlen zu laſſen. Natürlich mußten die Gäſte zuvörderſt das Haus beſchauen und bewundern, Fritz Wacker führte ſie durch alle Räume, er kletterte mit ihnen die Speichertreppe hinauf und die Kellertreppe hinunter, er führte ſie trotz der Dunkelheit auf den Hof, in den Garten, in den Pferdeſtall und in die Remiſe, ſie bald auf dieſe, bald auf jene Einrichtung aufmerkſam machend. Mit einem Lächeln geſchmeichelter Eigenliebe auf den Lippen hörte er das Lob des Barbiers an. „Und was ſagt Ihr?“ fragte er den Wirth, der noch kein Wort über das Haus und die Einrichtung verloren hatte.„Ge⸗ fällt es Euch hier nicht?“ „O doch, doch,“ erwiderte Bertram Schenk ernſt,„nur meine ich, die Sache ſei zu großartig angelegt, ich fürchte, Ihr werdet es nicht vollhalten können.“ Der Blick, den Madame Wacker dem Schenkwirth zuwarf, der nach dieſer unmaßgeblichen Meinung ſehr nachdenklich eine Priſe nahm, war keineswegs freundſchaftlich, man konnte glauben, ein gewiſſes Mitleid mit der Geiſtesarmuth dieſes Mannes drücke ſich in demſelben aus. „Zu großartig angelegt?“ erwiderte der ehemalige Flickſchneider geringſchätzend.„Meine Mittel erlauben mir das und ich weiß ſehr gut, wie weit meine Mittel reichen.“ „Nun, mich ſoll's freuen,“ ſagte Schenk ruhig. „Aber wo iſt Eure Tochter?“ fragte der Barbier.„Ich dachte, Ihr hättet ſie längſt von Mülheim heimgeholt.“ „Hermine gebraucht noch die Rheinbäder,“ entgegnete Madame Wacker, ſich ſtolz in die Bruſt werfend,„wir wollen die Kur nicht unterbrechen.“ „Rheinbäder?“ fragte Schenk zweifelnd.„In dieſer rauhen Jahreszeit?“ „Glauben Sie es nicht?“ erwiderte Wacker gekränkt. „Es iſt in der That ſchwer zu glauben,“ ſagte der Barbier, ungläubig lächelnd. „Na, darum keine Feindſchaft nicht,“ fuhr Wacker achſelzuckend fort,„in China kann man im ſtrengſten Winter die ſchönſten Rheinbäder haben. Wer das nicht glauben will, muß hinreiſen, um ſich von der Wahrheit zu überzeugen, mehr kann ich nicht ſagen.“ Die beiden Gäſte blickten einander bedeutungsvoll an, es fiel ihnen ſchwer, das Lachen zu verbeißen. 32* 4 1 — 500— Man hatte ſich inzwiſchen zu Tiſch geſetzt, zwei Mägde, welche beide eine etwas auffallend gewählte Toilette und ſogar weiße Glacehandſchuhe trugen, hrachten die dampfenden Schüſſeln. Dem Barbier wäſſerte der Mund, als ſein Blick auf den ſaftigen Braten, auf das Geflügel und die Hechte fiel, die ſammt und ſonders auf Befehl der Madame Wacker zugleich aufgetragen waren. „Apropos, eine intereſſante Neuigkeit,“ ſagte er, indem er die Serviette über ſeine Kniee breitete.„Karl Liebmann wird wegen Wechſelfälſchung verfolgt.“ Madame Wacker ließ Meſſer und Gabel ſinken und blickte beſtürzt die wandernde Stadtchronik an. „Das iſt Verleumdung,“ erwiderte ſie entrüſtet. „Keineswegs, ich habe es aus guter Quelle,“ fuhr der Bar⸗ bier fort.„Wie hoch ſich der Geſammtbetrag beläuft, weiß man noch nicht, bis jetzt hat man erſt einen Wechſel entdeckt, der auf die Kleinigkeit von ſechszehntauſend Thaler ausgeſtellt iſt.“ „Herr meines Lebens!“ rief Wacker beſtürzt.„Und dieſer Wechſel iſt falſch?“ „Natürlich, Karl Liebmann hat den Wechſel auf Otto Schirmer und Sohn gezogen und das Accept dieſer Firma gefälſcht.“ „Accept? Was iſt Accept?“ fragte Madame Wacker. Der ehemalige Schneidermeiſter legte die Finger an die Naſe und blickte ſeine Ehehälfte ſehr verſtändnißreich an. „Ein Accept,“ ſagte er,„iſt ein Accept, ein, ein——— ein Accept,— du lieber Himmel, das weiß doch Jeder, was ein Accept iſt— ein Accept iſt ein falſcher Wechſel.“ Bertram Schenk klappte ſeine Doſe, aus der er ſo eben eine Priſe genommen hatte, ſehr energiſch zu. „Das Ende trägt die Laſt,“ verſetzte er,„und Hochmuth kommt vor dem Fall. Dieſe Liebmann's wußten nicht, wie ſie ſich drehen und wenden ſollten vor Stolz und Eigendünkel, jetzt—“ „Na, der junge Menſch iſt weniger durch ſeinen Hochmuth als durch ſeinen Leichtſinn und ſeine Verſchwendung hineingefallen,“ unterbrach der Barbier ihn.„Er mag gedacht haben, ſein Vater würde ein Auge zudrücken und den Wechſel einlöſen, und das wäre auch geſchehen, aber Herr Otto Schirmer hat die Sache an⸗ gezeigt und jetzt iſt die Unterſuchung ſchon in vollem Gange. Der Wucherer Herz ſoll auch hierin verwickelt ſein, es iſt ein Skandal, daß ſo etwas paſſiren kann!“ „Welches Glück, daß wir dieſem Menſchen unſer Kind nicht anvertraut haben!“ ſagte Fritz Wacker. Ein ironiſches Lächeln glitt über das Geſicht des Schenkwirths. „Er hat Euer Kind ja gar nicht gewollt!“ erwiderte er. Nägde, welche ſogar weiße hüſſeln. Zick auf den I, die ſaumt d aufgetragen indem er die n wird wegen ; und blicke ihr der Bar⸗ acker. ml — 501— „Weil er wußte, daß wir unſere Einwilligung nicht geben würden,“ verſetzte Madame Wacker achſelzuckend.„Wir kannten ihn ja damals ſchon.“ In dieſem Augenblick wurde die Hausglocke mit unverkennbaren Zeichen der Ungeduld gezogen. Fritz Wacker blickte fragend ſeine Frau an, die gleichgültig die Achſeln zuckte. „Vielleicht Jemand, der eine Unterſtützung wünſcht,“ ſagte ſie. „Werdet Ihr auch von ſolchen Leuten überlaufen?“ fragte Schenk. „Kann ich eben nicht behaupten,“ erwiderte der ehemalige Schneider leichthin.„Es ſind freilich einige Leute hier geweſen, aber es waren ehrliche, brave Leute, die ein kleines Darlehn wünſchten, um ſich wieder emporzuarbeiten.“ „Und Ihr habt es ihnen gegeben?“ „Weshalb ſollte ich es nicht thun? Meine Mittel erlauben es mir ja. Wenn Einer von Euch beiden vielleicht ein kleines Kapital wünſcht zu fünf Prozent Zinſen, ich habe noch Geld flüſſig.“ „Ich danke!“ ſagte der Wirth. Kaspar Melchior Gabel ſchien geneigt zu ſein, dieſes Anerbieten anzunehmen, wenigſtens drückte ſich dieſer Wunſch in dem Blicke aus, mit welchem er den Kapitaliſt anſah. „Ich hatte immer vor, einen Salon zum Friſiren und Haar⸗ ſchneiden nebſt einem kleinen Handel mit Toilettenbedürfniſſen zu eröffnen,“ verſetzte er,„es wird dabei viel verdient, aber bisher fehlte mir das nöthige Kapital,“ „Wie viel bedürft Ihr dazu?“ fragte Wacker. „Fünfhundert Thaler.“ „Kleinigkeit, Ihr ſollt ſie haben. Kommt morgen früh zu mir, ein einfacher Schuldſchein genügt.“ Bertram Schenk ſchüttelte den Kopf; wenn der ehemalige Schneider fortfuhr, mit ſeinem Gelde in dieſer Weiſe zu wirth⸗ ſchaften, ſo konnte es nicht ausbleiben, daß er ſehr bald wieder zu Scheere und Nadel greifen mußte. Der Schenkwirth fand keine Zeit, eine Bemerkung fallen zu laſſen, denn das letzte Wort war kaum über die Lippen Wackers, als eine ſchon ziemlich bejahrte Frau eintrat, bei deren Anblick Madame Wacker mehr entrüſtet, als beſtürzt ſich erhob. Auch dem Schneidermeiſter ſchien dieſer Beſuch ſehr unange⸗ nehm zu ſein, er warf der Frau einen Blick zu, der nichts weniger als freundſchaftlich war. „Was führt Euch hierher, Schwägerin?“ fragte er ziemlich barſch.„Ihr wüßt doch, daß ich Abends—“ ———— — 502— „Kehrt nur nicht gleich den vornehmen Herrn heraus,“ fiel die Frau ihm, entrüſtet über den unfreundlichen Empfang, in's Wort, ohne auf die Gäſte Rückſicht zu nehmen.„Vor einigen Monaten, als ich Eurer Tochter eine Zuflucht bieten ſollte, ward Ihr ſo freundlich wie ein Ohrwürmchen, jetzt, nachdem Ihr etwas in der Lotterie gewonnen habt, möchtet Ihr am liebſten Eure armen Verwandten verleugnen. Ich werde nicht hier bleiben, deshalb beruhigt Euch, ich wäre auch nicht gekommen, wenn nicht die Verhältniſſe mich dazu genöthigt hätten. Eure Tochter iſt vor einer Stunde geholt worden.“ „Hermine? Geholt?“ fragte Madame Wacker betroffen.„Was ſoll das heißen?“ „Die Polizei hat ſie geholt.“ Wacker fuhr von ſeinem Sitz empor, ſein ſtarrer Blick ſchien die Schwägerin durchbohren zu wollen. „Weshalb?“ fragte er.„Welchen Grund—“ „Der Grund iſt ſehr einfach,“ fuhr die Frau fort,„man be⸗ ſchuldigt Hermine der Ermordung ihres Kindes.“ „Herr mein Gott!“ ſchrie Madame Wacker entſetzt.„Iſt das Kind todt? Wer kann es wagen, Hermine—“ „Ruhig, Frau,“ fiel Bertram Schenk ihr ernſt in's Wort, „hören wir vorab, wie die Sache ſich zugetragen hat, mit dieſem leidenſchaftlichen Aufwallen erreichen wir nichts.“ Fritz Wacker glich einer aus Stein gehauenen Statue, ſprach⸗ los, unfähig ein Glied zu rühren, ſtand er ſtarr und ſtumm vor Entſetzen vor der Schwägerin, welche die Hiobspoſt gebracht hatte. „Alſo berichtet,“ fuhr der Schenkwirth fort.„Daß Hermine unſchuldig iſt und hier jedenfalls ein Irrthum, oder eine Ver⸗ läumdung zu Grunde liegen muß, glaube ich ſicher; es handelt ſich in erſter Reihe darum, dieſen Irrthum oder die Verläumdung zu erforſchen.“ Die Frau nickte zuſtimmend. „Das iſt auch meine Meinung,“ ſagte ſie.„Ich will das Mädchen nicht in Schutz nehmen, vor dem Fall war Hermine ein eitles, putzſüchtiges und ſtolzes Frauenzimmer, ich habe oft meine Betrachtungen darüber angeſtellt und gedacht, wohinaus das noch einmal ſolle. Aber nachher wurde ſie doch ernſter, ſtiller und beſcheidener und ich müßte lügen, wenn ich ſagen wollte, ſie habe ihr Kind nicht von Herzen lieb gehabt. Selbſt als ihr Vater plötzlich ein reicher Mann wurde blieb ſie ebenſo beſcheiden und einfach wie zuvor, ja ſie ſagte mir einmal ſogar, ſie könne ſich über dieſen Reichthum nicht freuen, weil ſie vorausſehe, daß der⸗ ſelbe nicht Stand halten werde.“ heraus“ fiel opfang, ins Vor einigen ſollte, ward n Ihr etwas liebſten Eure hier bleiben, 1, wenn nicht Tochter iſt offen.„Was r Blick ſchien t,„man be⸗ Iſt das '5 Wort, nit dieſem tue, ſprach⸗ 4 ſtumm vor voft gebracht „5 Hermine 6 ine Ver⸗ des handelt läumdung — 503— „Das war die trübe, erbitterte Stimmung,“ warf der Schneider ein,„ſie würde ſehr bald anderer Anſicht geworden ſein.“ „Sie wollte in's Elternhaus zurück,“ fuhr die Frau fort, gaber ihr Wunſch ſollte erſt dann erfüllt werden, wenn das Haus hier eingerichtet war.“ „Des Geredes wegen,“ ſagte Madame Wacker.„Je länger ſie in Mülheim bleibt, deſto beſſer iſt es ja für ſie.“ „Es konnte nicht ausbleiben, daß die nächſten Nachbarn er⸗ fuhren, weshalb Hermine bei mir ſo lange zu Beſuch war und ebenſo leicht begreiflich war es, daß die giftigen Zungen über ſie herfielen. Da entwickelte ſich denn nach und nach unter den Nachbarinnen eine Feindſchaft gegen das Mädchen, deren Grund wohl hauptſächlich darin lag, daß Hermine ſich ſtill für ſich hielt und keinen Verkehr anknüpfen wollte. Man nannte ſie ſtolz, hoch⸗ müthig, und als man erfuhr, daß ihr Vater, in der Lotterie ge⸗ wonnen hatte, daß Hermine nun die vornehme Dame ſpielen konnte, da überſtieg der Neid alle Grenzen. Das Kind kränkelte ſchon ſeit einigen Tagen, wir hatten keinen Arzt hinzugezogen, weil wir die Krankheit ſo ernſt nicht anſahen und auch dies gab Anlaß zu unnützem Gerede. Heute Mittag machte Hermine einen Spaziergang, das Kind ſchlief, ich mußte auch ausgehen, als ich zurückkehrte, kam ich eben noch früh genug, dem armen Wurme die brechenden Augen zuzudrücken.“ „Und Hermine?“ fragte Wacker erregt. „Sie kehrte erſt eine halbe Stunde ſpäter heim. Inzwiſchen aber wußten die Nachbarn ſchon, daß das Kind plötzlich geſtorben war, ich ſelbſt hatte es ihnen in der erſten Beſtürzung mitgetheilt und ſie ſäumten nicht, eine Urſache für dieſen plötzlichen Tod zu finden.“ „Natürlich!“ warf Bertram Schenk ein,„jedes Ding will ja ſeine Urſache haben. Ihr hättet ſofort einen Arzt rufen ſollen.“ „Hätte ich es gethan! Wenn man die Geiſtesgegenwart ver⸗ liert, hat man Alles verloren.“ „Und welche Urſache erfanden dieſe—— Nachbarn?“ fragte Madame Wacker gereizt. „Sie flüſterten einander zu, das habe nicht mit rechten Dingen zugegangen und es ſei ja auch ſehr begreiflich, daß die vornehme Dame ſich das Kind vom Halſe zu ſchaffen ſuche. Dafür aber habe man viele Mittel, namentlich, wenn man reich ſei und ſo weiter. Einer ſagte es dem Anderen und ehe eine Stunde ver⸗ ſtrichen war, hatten wir vor meiner Wohnung einen vollſtändigen Volksauflauf. Einige allezeit dienſtfertige Perſonen eilten zur Polizei, ſie kam, der Arzt warf flüchtig einen Blick auf die kleine Leiche, der Gerichtsbeamte nahm Hermine in's Verhör.“ — 504— „Schändlich!“ brummte der Barbier, in deſſen Augen die Gluth des Zornes loderte, während ſeine Naſe im dunkelſten Carmin glühte. „Hermine war verwirrt und die ſpitzfindigen Fragen verwirrten ſie immer mehr. Wir mußten zugeben, daß wir uns die Nach⸗ läſſigkeit zu Schulden hatten kommen laſſen, keinen Arzt hinzu⸗ gezogen zu haben, auch der Umſtand, daß das Kind während unſerer Abweſenheit geſtorben war, ſprach gegen Hermine. Aber das war noch nicht Alles. Einige Nachbarinnen verlangten, eben⸗ falls verhört zu werden, ſie ſagten, das Kind habe immer ge⸗ weint, oft in den Nächten gewimmert und geſtöhnt und nach ihrer Anſicht ſei die Behandlung und Pflege desſelben einer Raben⸗ mutter würdig geweſen. Dann auch habe man vor dem Tode des Kindes in meiner Wohnung ſtundenlang ein ſchmerzliches, klägliches Schreien und Wimmern gehört und daraus ſofort die Vermuthung gezogen, daß dem armen Wurme ein Kräutchen oder Tränkchen eingegeben worden ſei, an dem es ſterben müſſe. Das Alles war eitel Lüge, aber es wurde zu Protokoll genommen und der Polizeibeamte forderte Hermine auf, ihn in's Gefängniß zu begleiten. Der Pöbel heulte und jubelte, als das arme Kind hinausgeführt wurde und ich wußte nichts Beſſeres zu thun, als hierher zu eilen, um den Vorfall zu berichten.“ Fritz Wacker ſtand noch immer da, wo er zu Anfang des Berichts geſtanden hatte, ſein ganzer Körper zitterte convulſiviſch und in großen Tropfen perlte der Schweiß auf ſeiner Stirne. Auch Madame Wacker hatte ihre Faſſung vollſtändig verloren, in ihrer Seele war augenblicklich weniger das Mitleid mit ihrer Tochter, als der glühende Haß gegen jene Nachbarn überwiegend. Bertram Schenk war der Einzige, der ruhig blieb und ſich durch die Wucht dieſes ſchweren Schickſalsſchlages nicht verwirren ließ, während der Barbier, um ſeiner Aufregung Herr zu werden, mit großen Schritten ungeſtüm auf und abwanderte. „Ihr wüßt alſo ganz gewiß, daß der Tod des Kindes eine natürliche Folge der vorhergegangenen Krankheit war?“ fragte der Schenkwirth nach einer peinlichen Pauſe. Die Frau nickte bejahend. „So könnt Ihr nichts Beſſeres thun, als die Leiche durch einen Arzt unterſuchen zu laſſen, alsdann muß ſich die Unſchuld der Verhafteten herausſtellen.“ „Das iſt das Richtige,“ pflichtete der Barbier ſeinem Freunde bei,„und es muß ſofort geſchehen. Hermine iſt unſchuldig, dar⸗ auf will ich jeden Eid ſchwören. Ich bin nicht blind für ihre Fehler, aber ich weiß doch, daß ſie zu einem ſolchen Verbrechen nicht fähig iſt.“ i Augen die im dunkelſten en verwirrten us die Nach⸗ 4 Ant hinzu⸗ eind während rume. Aber langten, eben⸗ e inmer ge⸗ nd nach ihrer einer Rahen⸗ er dem Tode ſchmerzliches, as ſofort die räutchen oder müſſe. Das enommen und Gefängniß zu arme Kind au thun, als Anfang des cnvulſiviſch einer Stirne. 1 verloren, d mit ihret bberwiegend. liet und ſic tt verwirren . zu werden, — 505— „Sie hatte das Kind ſo lieb!“ warf die Frau ein. „Zerreißen möchte ich dieſes Geſindel!“ rief Madame Wacker wüthend.„Was hat mein armes Kind dieſem Pöbel gethan, daß 2₰ „Du lieber Gott, mir ſteht der Verſtand ſtill,“ jammerte der ehemalige Flickſchneider,„ich weiß nicht, wie ich's anfangen ſoll, ihr Hülfe zu bringen.“ Der Barbier blieb vor dem rath⸗ und troſtloſen Manne ſtehen, er legte ſeine Hände auf die Schultern deſſelben und blickte ihn mit treuherziger Theilnahme in's Auge. „Ich werde für Euch handeln,“ ſagte er,„überlaßt es mir, dem armen Mädchen die Freiheit wieder zu verſchaffen. Hermine kann nicht ſchuldig ſein, ihre Unſchuld muß ſich herausſtellen, wenn man nur energiſch die Sache in die Hand nimmt. Ich werde das thun, ſofort, ohne Verzug, vertraut auf mich. Kommt Frau Wacker, wir werden hinüberfahren, wir dürfen nicht zögern.“ Fritz Wacker griff in die Taſche, er öffnete ſein Portefeuille und überreichte dem Freunde einige Banknoten. „Um die Koſten zu beſtreiten,“ bemerkte er, als der Barbier das Geld zurückweiſen wollte.„Schwägerin, ſetzt Euch an den Tiſch und trinkt ein Glas Wein, langt zu, Ihr werdet müde und erſchöpft ſein.“ „Ihr wollt alſo ſofort hinüber?“ fragte der Wirth, während Frau Wacker der Aufforderung ihres Schwagers Folge leiſtete. „Ich fürchte, heute Abend werdet Ihr nichts ausrichten, es iſt zu ſpät, die Herren laſſen ſich nach der Bureauzeit nicht mehr ſprechen.“ „Wenn ſie nach der Bureauzeit eine Unſchuldige in's Ge⸗ fängniß ſchleppen können, ſo müſſen ſie ſich auch darein fügen, wenn man dieſelbe Zeit wählt, um ſie zu befreien,“ erwiderte Gabel entrüſtet.„Ich werde die Leiche ärztlich unterſuchen laſſen, dann wird das Weitere ſich finden.“ Sogar Madame Wacker ließ ſich herab, dem armen, biederen Barbier die Hand zu drücken, als dieſer bald darauf ſich verab⸗ ſchiedete. Der Barbier miethete einen Wagen und ließ ſich unterwegs von der Tante Hermine's die näheren Einzelheuen noch einmal berichten. In Mülheim angekommen, ſuchte er ſofort den Polizeibeamten auf, der das Mädchen verhaftet hatte. Er verlangte von ihm mit einer Entſchloſſenheit, die aller⸗ dings gerechtfertigt, aber auch ſehr unklug war, die ſofortige genaue Feſtſtellung der Todesurſache. —————9 — 506— Der Beamte perwies ihn an den Unterſuchungsrichter, Gabel ſuchte auch ihn auf. Er traf ihn im Weinhauſe und es koſtete ihm Mühe, ihn zu einer kurzen Unterredung unter vier Augen zu bewegen. Der Richter hörte ihn ruhig an und zuckte dann bedauernd die Achſeln. „Da iſt nichts mehr zu machen,“ ſagte er,„man muß der Unterſuchung ihren Gang laſſen. Wenn ſich im Laufe derſelben ihre Unſchuld herausſtellt, um ſo beſſer für ſie, einſtweilen liegt der Verdacht vor, daß das Kind beſeitigt worden iſt.“ „Der Verdacht, aber nicht die Gewißheit!“ warf der Barbier ein. „Die Unterſuchung iſt eingeleitet, warten Sie's ab!“ „Und wenn nach vier Wochen die Unſchuld des Mädchens ſich herausſtellt, wer entſchädigt ſie für die Angſt, den Gram und die verlorene Ehre?“ fragte Gabel, der ſich ſo raſch nicht ab⸗ weiſen ließ. „Wie kann hier noch von Ehre die Rede ſein?“ erwiderte der Richter wegwerfend.„Ich denke, ſie iſt längſt verloren—“ „O, nein,“ fiel Gabel ihm raſch in's Wort.„Daß das Mädchen gefallen iſt, gebe ich zu, aber auf wen fällt die Schuld? Doch wohl auf den Schuft, der ſie verführt hat.“ „Genug, die Unterſuchung muß die Schuld oder Unſchuld ergeben,“ ſagte der Richter ungeduldig,„Sie werden ſich gedulden müſſen.“ „Und wenn ich Ihnen den Beweis der Unſchuld bringe?“ „Können Sie es?“ 3 „Ich hoff: es.“ „Wodurch wollen Sie es ermöglichen?“ „Sie werden es erfahren, wenn ich den Beweis habe.“ „Suchen Sie ihn, wenn Sie ihn bringen, wird die Verhaftete natürlich auf freien Fuß geſetzt.“ Der Barbier eilte zu einem Arzte und theilte ihm den Fall mit. Nachdem er ihm das Honorar für die Sektion gezahlt hatte, erklärte der Arzt ſich bereit, dem an ihn gerichteten Wunſche Folge zu leiſten. Aber dazu mußten noch mehrere Vorbereitungen getroffen werden. Die Sektion ohne Zeugen und ohne Chemiker hatte keine geſetzliche Geltung, der Barbier mußte ſich bis zum nächſten Tage gedulden. Der Arzt, von einem Kollegen und einem Apotheker, der die chemiſche Unterſuchung vornehmen ſollte, begleitet, und gefolgt von dem Unterſuchungsrichter und ſeinem Schreiber, trat am Morgen des folgenden Tages in das Zimmer, in welchem die Leiche lag. Frichter, Gabel Mühe, ihn zu egen. in bedauernd man muß der aufe derſelben nſtweilen liegt warf der 151 Mädchens ſich en Gram und aſch nicht ab⸗ ?u erwiderte derl. wm — 507— Die beiden Aerzte waren mit ihrem Gutachten raſch fertig. „Die Brechruhr,“ ſagten ſie einſtimmig.„Es ſind nicht die geringſten Anzeichen vorhanden, daß das Kind vergiftet ſein könne.“ Dennoch beſtand der Richter darauf, daß die Leiche geöffnet werde. Auch jetzt fand man keine Spur von Gift, die chemiſche Analyſe ſtellte die Unſchuld Hermine's genügend feſt. Auch damit beruhigte der Richter ſich noch nicht, die Nachbarn wurden noch einmal verhört. Ihre Ausſagen wichen heute von den früheren ſo ſehr ab, daß man faſt mit Beſtimmtheit annehmen konnte, die früheren Aus⸗ ſagen hätten nur den Zweck gehabt, Hermine zu verderben. Jetzt ließ der Richter endlich die Unterſuchung fallen, Gabel eilte in's Gefängniß, um die unſchuldig Verhaftete zu holen und heimzuführen. Mit Thränen in den Augen dankte Hermine dem biedren Manne, deſſen treue, uneigennützige Liebe durch nichts erſchüttert werden konnte. Der Barbier lehnte beſcheiden den Dank ab, er meinte, was er gethan habe, ſei nicht der Rede werth. Hermine wollte bis zur Beerdigung ihres Kindes in Mülheim bleiben, aber Gabel rieth ihr davon ab, ſchon der Nachbarn wegen, deren Groll und Haß durch die Befreiung des Mädchens ſich eher geſteigert, als gemildert haben mußte. Frau Wacker hatte ver⸗ ſprochen, für die Beerdigung Sorge zu tragen und ſo ſchwer es dem Mädchen auch wurde, das Städtchen zu verlaſſen, ohne das Kind vorher noch einmal geſehen zu haben, mußte ſie doch zugeben, daß der Barbier Recht hatte, wenn er ihr rieth, ſich dem Hohn und den Beleidigungen der gereizten Nachbarn nicht mehr aus⸗ zuſetzen. Im Hauſe des ehemaligen Flickſchneiders war die Freude groß, als Hermine in daſſelbe zurückkehrte. Der Barbier mußte ſich die Umarmungen und Lobſprüche der Eltern gefallen laſſen und als er ſich unter dem Vorwande, daß er ſich bei ſeinen Kunden der Verſäumniß wegen entſchuldigen müſſe, zurückziehen wollte, bat Fritz Wacker ihn, ihm in ein be⸗ ſonoeres Zimmer zu folgen. „Euch verdanke ich die Rettung der Freiheit, der Ehre und vielleicht auch des Lebens meines Kindes,“ nahm er das Wort, „ich weiß wahrlich nicht, womit ich dieſe Schuld tilgen kann.“ „Laßt dies,“ unterbrach Gabel ihn ruhig,„des Dankes wegen habe ich's wahrhaftig nicht gethan.“ „Ich weiß das ſehr wohl, aber——— hier, nehmt dieſe tauſend Thaler und eröffnet Euren Salon, und wenn Ihr die ——⁴⁴⁴——= 508— Hoffnungen, die Ihr darauf ſetzt, nicht erfüllt ſeht, ſo thut das auch nichts, kommt nur zu mir, ich greife Euch unter die Arme, — meine Mittel erlauben mir das!“— „Aber wenn meine Mittel mir nicht erlauben, das bedeutende Darlehn zurückzugeben?“ fragte der Barbier überraſcht. „Ein Darlehn ſoll es nicht ſein.“ „Als Geſchenk nehme ich's nicht an.“ „Dann beleidigt Ihr mich, indem Ihr mir die Gelegenheit raubt, einen Theil meiner Schuld abtragen zu können.“ „Ihr thut's, wenn Ihr mir die Summe vorſtreckt, die ich nöthig habe— „Kein Wort weiter,“ ſagte Wacker erzürnt,„nehmt Ihr das Geld nicht, ſo ſind wir fortan geſchiedene Leute.“ Der Barbier ſah nicht ein, weshalb er das Geld nicht auf⸗ heben ſollte, welches ſein Freund zum Fenſter hinauszuwerfen entſchloſſen war, zumal er ja den redlichen Willen hegte, es als Darlehn zu betrachten und ſpäter zurückzuerſtatten. Alſo legte er die Banknoten in ſeine alte, fettige Brieftaſche mit dem Bemerken, daß er den Schuldſchein noch im Laufe des Tages ſeinem Gläubiger ſchicken werde. Siebenundſechszigſtes Kapitel. Das Schickſal bahnt die Wege. Die Stadt durchlief das Gerücht, der Fabrikant Theodor Lieb⸗ mann ſei plötzlich geſtorben. 3 Man hatte ihn am Morgen todt im Bette gefunden, und das Gutachten des ſofort hinzugerufenen Arztes lautete, ein Schlag⸗ fluß habe ihn getödtet. Heinrich wollte es nicht glauben, als der Buchhalter ſeines Schwiegervaters ihm kurz nach zehn Uhr die Nachricht brachte. Er war ja am Abende zuvor mit ſeiner Gattin noch bei dem alten Herrn geweſen, um mit ihm zu berathen, ob man in der Wechſelangelegenheit nichts thun könne, was die Fälſchung in milderem Lichte erſcheinen laſſe, und ſowohl er wie Bertha hatten ſich gewundert über die Ruhe und Faſſung des Vaters. Indeß, die Thatſache war richtig und es ließ ſich nur an⸗ t, ſo thut das ter die Arme, das bedeutende ſicht. die Gelegenheit ftreck, die ich ehmt Ihr das eld nicht auf inauszuwerfen hegte, es als ge Brieftaſche im Laufe des — 309— nehmen, daß der alte Mann hinter ſeiner äußeren Ruhe den ge⸗ waltigen inneren Seelenkampf verborgen hatte, dem er auch unter⸗ legen war. Am Abende vorher hatte die Zeitung den Steckbrief ſeines wegen Wechſelfälſchung zur Unterſuchung gezogenen Sohnes ge⸗ bracht und Jeder, der die Nachricht von ſeinem Tode vernahm, fand die Urſache dieſes Todes erklärlich. Heinrich traf unverzüglich die nöthigen Anordnungen zur Be⸗ erdigung. Weder auf ihn, noch auf ſeine Gattin machte dieſer Todesfall einen erſchütternden Eindruck und das war ebenfalls begreiflich. Bertha hatte den Vater nicht geliebt, weil er es nicht ver⸗ ſtanden hatte, die Liebe im Herzen ſeiner Kinder zu wecken, ſie war zu ſeinen Lebzeiten ſtets kalt und gleichgültig an ihm vorbei gegangen, mithin war ſein Tod auch kein Verluſt für ſie. Im Gegentheil, durch ſeinen Tod erhielt ſie die lang erſehnten Mittel, das Leben zu genießen, wie ſie es wünſchte, der Gedanke an die Erfüllung dieſes Wunſches mußte jeden andern verdrängen. Und Heinrich? Er frohlockte, daß das Schickſal ſelbſt ihm in die Hände arbeitete! Seine erſte Sorge war das Teſtament des Verſtorbenen, er ging zum Notar und holte dort die beruhigende Gewißheit, daß Theodor Liebmann am Tage vor ſeinem Tode das Dokument deponirt hatte. Darauf traf er die Vorbereitungen zur Beerdigung. Es ſollte eine Begräbnißſeier werden, wie ſie dem Stande und dem Reichthum des Verblichenen ziemte, die lachenden Erben lieben es ja, durch äußeren Pomp zu blenden und den Mangel an wahrem Gefühl zu verdecken. Dann auch gab ihm dieſer Vorfall eine willkommene Gelegen⸗ heit, die Friſt, welche Merville ihm geſtellt hatte, zu verlängern. Merville mußte trotz ſeinem inneren Widerſtreben und trotz ſeiner Angſt vor der Verfolgung dieſem Verlangen nachgeben; er that es nach langem Zögern, nachdem Heinrich ihm die Zuſage gegeben hatte, ſich binnen ſechs Tagen definitiv entſcheiden zu wollen. Er grübelte jetzt unausgeſetzt darüber nach, wodurch er es ermöglichen könne, Merville zu überliſten. Wenn es ihm nun gelang, ſich des Teſtamentes ſeines ver⸗ ſtorbenen Aſſocies zu bemächtigen, ſo konnte ſein Genoſſe ihm nichts mehr anhaben. Inzwiſchen verbreitete ſich die Nachricht von dem Tode Scheren⸗ borgs, auch der Advokat erfuhr ſie. Er trug beim Gericht auf Verſiegelung der Hinterlaſſenſchaft und Sicherſtellung des Ge⸗ — 510— ſchäftsvermögens an und das Gericht forderte Heinrich Schenk auf, jenes Gerücht entweder zu dementiren, oder zu beſtätigen. Heinrich berief ſich darauf, daß er über den Tod ſeines Aſſocies noch keine Nachricht erhalten habe und daß dieſe Nach⸗ richt von Seiten der Behörde in England erfolgen müſſe, ehe das Gericht berechtigt ſei, die Ordnung der Hinterlaſſenſchaft zu übernehmen. Dieſe Nachricht konnte nun freilich täglich eintreffen und für Heinrich war viel verloren, wenn er im entſcheidenden Augenblick den Gerichtsbeamten das Teſtament zu ſeinen Gunſten nicht vorlegen konnte. Er nahm mit Merville darüber Rückſprache und bat ihn, ihm das Teſtament zu überlaſſen. „Sie haben ja immer noch eine Waffe gegen mich in der Hand,“ ſagte er,„wenn Sie dem Gericht das zweite, vielleicht ſpäter datirte Teſtament überreichen, ſo iſt das meinige un⸗ gültig.“ Merville erkannte ſofort die Falle, er ſchlug die Bitte ab. „Sie könnten die Gültigkeit des zweiten Teſtamentes angreifen,“ erwiderte er,„der Vorwand dazu liegt ja ſo nahe, daß jedes Kind ihn finden muß. Wenn Sie behaupten, jenes Teſtament habe der Erblaſſer im Irrenhauſe niedergeſchrieben, ſo genügt das vollſtändig, daſſelbe umzuſtoßen, denn ein Irrſinniger kann keinen geſetzlich gültigen Akt verfaſſen.“ „Zudem haben Sie noch den Schuldſchein—“ „Ganz recht, aber er lautet nur auf fünftauſend Pfund Ster⸗ ling und meine Forderung beträgt das Doppelte. Zudem kann auch die Gültigkeit dieſes Scheines unter demſelben Vorwande angegriffen werden—— Sie ſehen, das einzig wichtige Doku⸗ ment für mich iſt das Teſtament zu Ihren Gunſten.“ Trotz allem Zureden und den beſten Verſprechungen beharrte Merville bei ſeiner Weigerung, Heinrich mußte unverrichteter Sache heimkehren. Das geſchah am Tage der Beerdigung des Fabrikanten, kurz vor der Begräbnißfeier. Heinrich eilte aus dem Pariſer Hofe in's Sterbehaus, man wartete dort ſchon auf ihn.— Es war ein langer, pompöſer Zug, der dem Sarge folgte, aber wer einen Blick in die Wagen hineinwarf, der begegnete nur gleichgültigen, mitunter auch ſehr heiteren Mienen, von all denen, die dem Fabrikant das letzte Geleit gaben, hatte ja keiner Urſache, den Tod dieſes Mannes zu bedauern, oder gar Trauer deshalb zu tragen. 3 Auch einige Gerichtsbeamte befanden ſich unter ihnen, die zu Lebzeiten des Verſtorbenen allwöchentlich einmal eine Whiſtparthie nrich Schenk beſtätigen. Tod ſeines dieſe Nach⸗ müſſe, ehe iſenſchaft zu ich eintreffen entſcheidenden inen Gunſten bat ihn, ihm mich in der ite, vielleicht meinige un⸗ Bitte ab. angreifen, daß jedes s Teſtament genügt das „jann keinen gfund Ster⸗ Zudem kann a Vorwande ichtige Dolu⸗ gen beharte verrichteter Akanten, turz — 511— mit ihm geſpielt hatten und deshalb zur Beerdigung eingeladen worden waren. Als nun der Sarg in die Gruft geſenkt war und die Nach⸗ barn und Bekannten den Heimweg antraten, näherte ſich einer dieſer Gerichtsbeamten dem Schwiegerſohne des Verſtorbenen, der im Begriff ſtand, den Friedhof zu verlaſſen. „Sie haben in der jüngſten Zeit manchen Schickſalsſchlag zu beklagen gehabt,“ ſagte er nach einigen Worten der Theilnahme. Der Tod Ihres Aſſocies Bertram Scherenberg, die gerichtliche Verfolgung Ihres Schwagers wegen eines entehrenden Verbrechens, nun das Ableben Ihres Schwiegervaters,— das Alles iſt ſo raſch aufeinander gefolgt, daß man glauben ſollte, Sie würden nun einmal Ruhe haben.“ Heinrich warf verſtohlen einen ſcharf forſchenden Blick auf das ernſte Geſicht des Beamten. „Ich hoffe, daß dies der Fall ſein wird,“ erwiderte er,„das Gerücht von dem Tode des alten Herrn Scherenberg ſcheint ſich einſtweilen noch nicht zu beſtätigen.“ „Das Gericht hat heute Nachmittag die Beſtätigung erhalten,“ der junge Mann konnte ſeine Ueberraſchung nicht verhehlen; es war gut, daß der Beamte ihm keine beſondere Aufmerkſamkei ſchenkte, er würde in den Zügen ſeines Begleiters vielleicht etwas gefunden haben, was ihm Verdacht eingeflößt, zum Mindeſten ihn befremdet hätte. „Von London aus?“ fragte Heinrich, mühſam ſeine Erregung verbergend. „Ja, und es liegen dabei Verhältniſſe vor, welche jedenfalls Gegenſtand einer ſehr ernſten Unterſuchung ſein werden.“ „Sie machen mich neugierig.“ „Der Beſitzer der Irrenanſtalt, in der Ihr Aſſocie ſich be⸗ fand, iſt geflüchtet, er hat gewiß triftige Gründe dafür gehabt.“ „Ah— was Sie ſagen!“ warf Heinrich mit wachſender Angſt ein. „Es liegt ſogar der Verdacht vor, daß Ihr Aſſocie durch Gift gemordet iſt,“ fuhr der Beamte fort, der nicht im Entfern⸗ teſten die Möglichkeit der Mitſchuld ſeines Begleiters zu ahnen ſchien.„Ja, ja, in dieſem London paſſiren Dinge, von denen wir hier keinen Begriff haben. Das Gericht wird Ihnen morgen früh die erhaltene Nachricht mittheilen und die Hinterlaſſenſchaft Ihres Aſſocies unter Siegel legen. Wenn ich nicht irre, ſind keine näheren Erben—“ „Sobald mir die Anzeige gemacht iſt, werde ich Dokumente vorlegen, welche die gerichtliche Verſiegelung unnöthig machen,“ unterbrach Heinrich den Beamten mit einer Ruhe, die er nachher —————— ſelbſt nicht begriff.„Verwandte hinterläßt mein Aſſocie nicht, außer einen Vetter, der aber ſchon ſeit Jahren ein vagabundiren⸗ der Trunkenbold iſt. 4 „So, ſo, da darf man vielleicht gratuliren?“ „Wozu?“ „Jenun, zu der Erbſchaft.“ „Erlauben Sie, daß ich einſtweilen noch jede Gratulation ab⸗ lehne. Der Tod des alten Mannes geht mir ſehr nahe, ich darf behaupten, daß er zu Lebzeiten mein beſter Freund war.“ Die Beiden hatten inzwiſchen die Stadt erreicht. Heinrich grüßte kurz und bog in eine Gaſſe eine, von der er vorausſeten durfte, daß der Beamte ſie nicht betreten würde. Was nun? das war die erſte Frage, welche der junge Mann ſich aufwarf. Am nächſten Tage ſollten die Siegel angelegt werden, konnte er alsdann ein Teſtament nicht vorlegen, ſo war es überhaupt zweifelhaft, ob dies ſpäter noch geſchehen durfte. Eine ſolche ſpätere Vorlage mußte zu peinlichen Fragen und mancherlei Vermuthungen Veranlaſſung geben, denen vorzubeugen und auszuweichen Heinrich triftige Gründe hatte. Aber er konnte ſich auch nicht dazu verſtehen, die Forderung Merville's ſo ohne Weiteres zu bewilligen. Zehntauſend Pfund Sterling verlor er nicht gerne, zudem hoffte er noch immer, ſeinen Genoſſen überliſten zu können. Er mußte das Dokument haben und zwar noch heute, das ſah er ein. Merville blickte erſtaunt auf, als am Abend Heinrich Schenk Aihn wiederum beſuchte. „Haben Sie einen Entſchluß gefaßt?“ fragte er. „Nein,“ erwiderte Heinrich rauh, faſt trotzig,„Ihre Forderung iſt zu übertrieben.“ „Dann ſehe ich nicht ein, weshalb Sie kommen,“ ſagte Mer⸗ ville achſelzuckend,„Sie müſſen doch wiſſen, daß ich entſchloſſen bin, keinen Schilling nachzulaſſen.“ „Inzwiſchen haben die Verhältniſſe ſich geändert,“ fuhr Heinrich, ſich auf einen Stuhl niederlaſſend, fort,„das Gericht iſt davon unterrichtet, daß Sie Ihrem Patienten Gift gegeben haben.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte Merville beſtürzt. „Ein Gerichtsbeamter, mit dem ich ſoeben ſprach.“ Merville wanderte, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, langſam auf und ab. Er hatte das erwartet, aber doch nicht gegkaubt, daß die Ver⸗ folgung gegen ihn ſo raſch eingeleitet Perdu könne. „Nun?“ fragte er nach einer Weile.„Und Sie?— Sie gehen wohl frei aus?“ lſſocie nicht, agabundiren⸗ tulation ab⸗ ahe, ich darf dar.“ ztt. Heinrich vorausſetzen junge Mann Forderung ( ſagte Mer⸗ entſchloſſen „Auf mich fällt kein Verdacht,“ entgegnete Heinrich anſcheinend gleichgültig.„Ich habe ja mit dem, was in Ihrer Anſtalt vor⸗ gefallen iſt, nichts zu ſchaffen. Aber gegen Sie wird man jetzt energiſch vorgehen—“ „Bah, man wird mich überall ſuchen, nur nicht hier.“ „Verloſſen Sie ſich nicht ſo feſt darauf.“ „Auch liegt es ja in Ihrem Intereſſe, ſo viel wie möglich dafür zu ſorgen, daß ich nicht verhaftet werde, denn geſchieht das letztere, ſo ſind Sie auch verloren.“ In den Augen Heinrichs blitzte der Haß auf. „Sie würden alſo in dieſem Falle mich mit in's Verderben ziehen?“ fragte er. „Gewiß, Sie allein tragen ja alsdann die Schuld, daß das Verderben mich ereilt. Sie hätten mir ſofort das Geld aus⸗ zahlen ſollen—“ „Ah.— Sie wollen mir Vorwürfe darüber machen, daß ich es nicht that? Eben ſo gut kann ich Ihnen vorwerfen, Sie ſeien in Ihrer Forderung unverſchämt geweſen.“ „Es bleibt Ihnen unbenommen, mir das vorzuwerfen, nach⸗ dem ich Ihretwegen Haus und Hof verlaſſen mußte,“ ſagte Mer⸗ ville kühl, während er den jungen Mann ſcharf anblickte,„ich wiederhole Ihnen nochmals, wenn man mich in's Gefängniß führt, ſo wird man eine Stunde ſpäter auch Sie verhaften. Der einzige Weg, auf welchem Sie ſich ſichern können, iſt der, daß Sie mir die zehntauſend Pfund zahlen, Sie erhalten dagegen die drei Dokumente und wenn Sie wollen auch Ihre Briefe an mich, ſo⸗ daß Sie alſo von meiner Seite nichts mehr zu befürchten haben.“ In düſtrem Brüten verſunken, blickte Heinrich lange vor ſich hin. Die Hoffnung, dieſen Mann überliſten zu können, war eine vergebliche, das ſah er wohl ein; Merville war ein geriebener Burſche, der ſich in keine Falle locken ließ. Sollte er abermals ein Verbrechen begehen, um ſich des Teſtamentes zu bemächtigen? Das war eine gefährliche Sache, in dem Hötel kannte ihn Jeder, der Verdacht mußte auf ihn fallen, ſelbſt, wenn es ihm gelang, die Sache geräuſchlos abzumachen. Merville errieth die Gedanken des jungen Mannes, ein ſpöt⸗ tiſches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „Geben Sie ſich keine Mühe, Pläne zu entwerfen,“ ſagte er, „mit mir werden Sie nicht ſo leicht fertig werden, wie Sie es mit Andern geworden ſind.“ „Was ſoll dieſe Bemerkung?“ fragte Heinrich aufblickend. „Ihnen nur beweiſen, daß ich weiß, worüber Sie nachdenken.“ Fünſmalhunderttauſend Thaler. 33 — 514— „So kann ich Ihnen darauf nur erwidern, daß Sie mich falſch beurtheilen, ich denke nicht daran, den Kampf mit Ihnen aufzu⸗ nehmen. Daß Sie in dieſer Beziehung mir Meiſter ſind, weiß ich, weshalb alſo ſoll ich Zeit und Mühe verſchwenden, um den unnützen Kampf zu verſuchen?“ „Wenn Sie das einſehen—“ „Ich ſehe es ein und denke eben darüber nach, wie ich es ermöglichen ſoll, Ihre Forderung zu befriedigen. Ich hege zwar die Hoffnung, daß Sie dieſelbe ermäßigen werden, aber ſelbſt in dieſem Falle kann ich vor übermorgen das Geld nicht ſchaffen.“ „Ich werde ſo lange warten.“ „Sie können es, ich nicht.“ „Weshalb nicht?“ „Weil das Gericht morgen früh die Hinterlaſſenſchaft des Verſtorbenen in Beſchlag nehmen wird, wenn ich nicht ein rechts⸗ gültiges Dokument vorlegen kann, in welchem derſelbe über ſein Vermögen verfügt.“ „So legen Sie es ſpäter vor.“ „Kann ich es, ohne Verdacht zu wecken? Man wird mich fragen, weshalb ich das Teſtament nicht ſofort vorgelegt habe, wie ich jetzt nachträglich zu demſelben komme und ſo weiter. Ich würde mich dadurch Weitläufigkeiten ausſetzen, die zu vermeiden in meinem eignen Intereſſe liegt.“ Merville nickte. „Ich ſehe das ſehr wohl ein,“ entgegnete er,„aber Sie erhalten das Teſtament nicht eher, bis ich befriedigt bin.“ „Und ich kann Ihnen heute das Geld nicht ſchaffen.“ „Bah— wer's glaubt!“ „Du lieber Himmel, glauben Sie denn, man habe eine ſolche Summe ſtets flüſſig?“ „So holen Sie ſie bei Ihrem Banqnier!“ „Das iſt auch raſch geſagt. Wenn ich das Geld übermorgen empfangen will, muß ich morgen meinen Banquier davon in Kenntniß ſetzen.“ „Bei uns in London—“ „Sind die Geldverhältniſſe ganz anders wie hier, das müſſen Sie berückſichtigen.“ „Dann kann ich Ihnen nicht helfen.“ „Ich will Ihnen einen Revers geben.“ Merville, der am Fenſter ſtand, wandte ſich raſch um, ein mißtrauiſcher Blick traf den jungen Mann, der ſo ruhig und gleichmüthig ihn anſchaute, als ob ihm die Annahme oder Zurück⸗ weiſung ſeines Vorſchlags vollſtändig gleichgültig ſei. er de mich falſch Iönen aufzu⸗ r ſind, weiß den, um den wie ich es Jcf hege werden, aber 8 Geld nicht ſeuſchaft des t ein rechts⸗ lbe über ſein wich mich gt habe, wie 82* 8 weuer. I vermeiden u iberworgen er dewon in d05 müſſen — 515— „Einen Revers?“ fragte er gedehnt.„Ich wüßte nicht, welchen Vortheil er mir bieten könnte.“ „Denſelben, den Ihnen das Teſtament bietet,“ entgegnete Heinrich gelaſſen.„Einigen wir uns vorerſt über die Summe, welche ich Ihnen zahlen ſoll.“ „Sie kennen ſie.“ „Aber Sie werden ſie ermäßigen?“— „Nicht um einen Schilling!“ „Wohlan, wenn ich nun einmal in den ſauren Apfel beißen muß, ſo will ich's auch ohne viele Worte thun, die ja doch ver⸗ ſchwendet wären,“ ſagte Heinrich nach kurzem Nachdenken.„Ich bereue zu ſpät, mich Ihnen ſo ganz in die Hände gegeben zu haben, die Folgen muß ich nunl tragen. Alſo zehntauſend Pfund?“ „So lautet meine Forderung.“ „Ich gebe Ihnen einen Schuldſchein, in welchem ich mich verpflichte, Ihnen dieſe Summe bis übermorgen zu zahlen, dagegen überliefern Sie mir die beiden Teſtamente und die Anweiſung meines Aſſocies.“ „Einen Schuldſchein,“ wiederholte Merville ſinnend. Sie ihn einlöſen?“ „Muß ich es nicht?“ fragte Heinrich, entrüſtet über dieſes Mißtrauen. „Freilich müſſen Sie, aber kann ich Sie gerichtlich dazu zwingen? Sie wiſſen, daß ich das nicht wagen darf, wenn ich mich nicht—— doch halt, ſchreiben Sie den Schuidſchein wie ich es verlange, ſo will ich auf Ihren Vorſchlag’ eingehen. Dort finden Sie Feder, Dinte und Payior, ſchreiben Sie.“ Dem jungen Manne war es ziemlich gleichgültig, in welcher Form der Schuldſchein abgefaßt werden ſollte, er war ja keineswegs geſonnen, ihn einzulöſen, nur Zeit wollte er gewinnen, um den Plan, den er bereits entworfen hatte, auszuführen. Er ergriff ohne ein Wort der Widerrede die Feder und blickte ſeinen Genoſſen fragend an. „Ich Endesunterzeichneter Heinrich Schenk,“ dictirte Merville, jedes Wort erwägend,„Chef der Firma Peter Paul Scherenberg ſeelige Wittwe, erkläre hiermit, den Herrn Merville in London beauftragt zu haben, ſich meines Aſſocies Peter Paul Scheren⸗ berg durch Liſt oder Gewalt zu bemächtigen, ihn in ſeiner An⸗ ſtalt zurückzuhalten und ihm ein raſches Ende zu bereiten. Ich erkläre ferner, daß das zu meinen Gunſten ausgeſtellte Teſtament Scherenberg's in meinem Auftrage durch Herrn Merville dem Ver⸗ ſtorbenen durch die raffinirteſten Gewaltakte abgezwungen worden iſt und daß ich das allein gültige Teſtament eigenhändig vernichter 33* um zwei oder dreitauſend Pfund „Werden ·—·— — ———;——— —— — — —— — — 516— habe. Das Als beſcheinige ich hiermit auf Verlangen des Herrn Merville, und ich gebe dem letzteren das Recht, von meiner Er⸗ klärung beliebigen Gebrauch zu machen im Falle ich mich weigere, ihm die für ſeinen Beiſtand ausbedungene Summe von zehntau⸗ ſend Pfund Sterling zu zahlen.“ „Iſt's nun genug?“ fragte Heinrich aufblickend.„Ich weiß nicht, was Sie mit dieſem Schriftſtück bezwecken, wenn Sie— „Das will ich Ihnen ſagen,“ unterbrach Merville ihn ge⸗ meſſen.„Ich ſpiele va banque, ein einfacher Schuldſchein kann mir nichts nutzen, da ich gerichtlich nicht gegen Sie auftreten darf; compromittirt bin ich ohnehin, zahlen Sie nicht, ſo ſchicke ich der Behörde dieſen Wiſch ein und darf mich als dann darauf verlaſſen, daß Sie der Vergeltung nicht entrinnen, während ich in der Ferne in Sicherheit bin. Ihre Briefe werde ich natürlich zurück⸗ behalten bis Sie Ihren Verpflichtungen nachgekommen ſind, ſie enthalten ja die Beweiſe für die Richtigkeit Ihres Selbſtbekennt⸗ niſſes. Hier ſind die Dokumente, die Waffe, die ich jetzt beſitze, iſt Ihnen eben ſo gefährlich.“ Heinrich las die Schriftſtücke aufmerkſam durch, die Warnun⸗ gen und Drohungen ſeines Genoſſen ſchienen durchaus keinen Eindruck auf ihn zu machen. „Es iſt gut,“ ſagte er, indem er die Dokumente in ſeine Brieftaſche legte,„ſobald ich das Geld beſitze, werde ich den Schein einlöſen.“ Als er das Hotel verließ, war ſeine Miene heiter und ſorg⸗ los, ein frohlockendes Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Achtundſechszigſtes Kapitel. Gewonnen. Heinrich hatte, noch während die Leiche ſeines Schwiegervaters über der Erde ſtand, die Geſchäfts⸗ und Geheimbücher desſelben einer ſtrengen Reviſion unterworfen und dabei die angenehme Ent⸗ deckung gemacht, daß das Vermögen desſelben weit über zwei⸗ malhundertfünfzigtauſend Thaler betrug. Auch das Teſtament war noch vor der Beerdigung eröffnet worden, es lautet zu Gunſten Berthas und Heinrich ſandte g 1 ngen des Herrn don meiner Er⸗ mich weigere, von zehntau⸗ „Ich weiß wenn Sie—“ ihn ge⸗ uldſchein kann auftreten darf; ſchicke ich der rrauf verlaſſen, d ich in der men ſind, ſie Selbſtbekennt⸗ ct jetzt beſitze, die Warnun⸗ erchaus keinen ente in ſeine 51, ſeinem Schwager ohne Verzug eine Abſchrift desſelben mit dem Bemerken, Bertha habe ſich mit Entſchiedenheit geweigert, auf einen einzigen Pfennig zu Gunſten ihres Bruders zu verzichten. Das Gericht fand keine Veranlaſſung, dieſes Teſtament anzu⸗ greifen, Bertha nahm ſofort die Werthpapiere, die Actien und das baare Geld in Beſitz und beauftragte den Buchhalter ihres Vaters, die Liquidation des Geſchäfts einzuleiten. „Ich werde nicht ſo lange warten können, bis die Angelegen⸗ heit ganz geordnet iſt,“ ſagte ſie am Tage nach der Beerdigung, als ſie mit ihrem Gatten beim Früſtück ſaß.„Die Abwickelung des Geſchäfts erfordert immerhin mehrere Monate und ich möchte den Winter in Paris verbringen, Du wirſt alſo während meiner Abweſenheit mein Intereſſe vertreten und die eingehenden Kapita⸗ lien zum Ankauf ſolider Werthpapiere benutzen.“ Heinrich verſuchte nochmals, ſeine Gattin zu bewegen, daß ſie das Geld ihm anvertrauen möge, ſie weigerte ſich ſtandhaft. „Zum Wenigſten wirſt Du erlauben, daß ich in das Haus des Verſtorbenen überſiedele,“ lenkte Heinrich nach einem lurzen Wortwechſel ein,„es gefällt mir in dieſer dumpfen Barrake nicht mehr.“ „Mir hat es nie in dieſem Hauſe gefallen,“ erwiderte Bertha, die Naſe rümpfend,„zudem haben wir hier weder eine Remiſe noch Stallung. Mir iſt es rechr, wenn wir den Umzug bald bewerkſtelligen—“ 12 „Morgen, wenn Du willſt—“ „Deſto beſſer. Ich habe bereits die erſten Schritte zur An⸗ ſchaffung der nöthigen Pferde und Equipagen gethan, auch iſt mir ein zuverläſſiger Kutſcher empfohlen, den ich heute noch en⸗ gagiren werde. Den Werth des Hauſes und des Mobilars wirſt Du abſchätzen laſſen und den Betrag mir auf Deinen Bankier anweiſen.“ „Wenn Du es verlangſt— „Natürlich, es iſt ja mein Eigenthum.“ „Du ſuchſt ſehr genau,“ warf Heinrich, einigermaßen erbittert, ein,„etwas könnteſt Du mir von der Erbſchaft zufließen laſſen. Was willſt Du mit all dem Gelde beginnen?“ „Ich habe es Dir ſchon geſagt,“ erwiderte die junge Dame ruhig,„ich will nun auch einmal das Leben genießen.“ „Und Karl?“ Bertha zuckte gleichgültig die Achſeln. „Meine Schuld iſt es nicht, daß er leer ausgeht,“ ſagte ſie gelaſſen,„ich fühle mich auch nicht verpflichtet, dem Verſchwender die Mittel zur Befriedigung ſeiner Leidenſchaft zu geben. Er mag bleiben, wo er iſt und arbeiten!“ 41 ————yö— — — — ——— Heinrich wollte eine Erwiderung geben, der Eintritt ſeines Vaters hinderte ihn daran. Der alte Mann ſchien ſich in ſehr gehobener Stimmung zu befinden, er nahm mit leuchtenden Augen auf dem Stuhle Platz, den Heinrich ihm mit unverkennbarem Widerſtreben anbot. Man ſah es dem letzteren an, daß der Beſuch ihm unangenehm war, aber Bertram Schenk ſchien das in ſeiner Herzensfreude nicht zu bemerken. „Otto hat geſchrieben,“ ſagte er,„ſein Brief wird Dich gewiß ſehr intereſſiren.“ Forſchend blickte Heinrich den Vater an, Furcht und Mißtrauen ſpiegelten ſich in ſeinem Blicke, er erinnerte ſich ſeiner Unterredung mit Merville, der ihm mitgetheilt hatte, Otto habe die Polizei veranlaßt, die Irrenanſtalt zu revidiren. „Er wird nun bald zurückkehren,“ fuhr der Schenkwirth fort, „die Erfindung, die er gemacht hat—“ „So, ſo, eine Erfindung?“ warf Heinrich ein und es drückte ſich ein verletzender Spott in dem Tone aus, in welchem er dieſe Frage aufwarf.„Da bin ich doch neugierig.“ „Ich auch,“ ſagte der alte Mann, während er gedankenvoll in ſeine Doſe griff.„Otto ſchreibt nichts Näheres darüber, er begauptet nur, dieſe Erfindung ſei eine Goldquelle, die ſeine Zu⸗ kunſt ſicher ſtellen werde.“ Sch gönne es ihm,“ entgegnete Heinrich gleichgültig.„Weshalb aber oleibt er nicht in England?“ 47 „Well er hier raſcher vorwärts zu kommen glaubt. Herr Harriſon hat ihm allerdings verſprochen, daß er ihn unterſtützen wolle, aber er hält es für beſſer, ſich auf ſeine eigenen Füße zu ſtellen.“ Bertha ſchenkte dieſer Unterhaltung nicht die geringſte Auf⸗ merkſamkeit, gleich beim Eintritt ihres Schwiegervaters hatte ſie ein Buch genommen, und ein Unbefangener mußte glauben, der Inhalt deſſelben intereſſire ſie ſo ſehr, daß ſie für nichts Anderes Sinn haben könne. „Das iſt Alles recht ſchön,“ ſagte Heinrich gelangweilt,„ich wünſche, daß er ſeine Hoffnungen erfüllt ſehen möge.“ Bertram Schenk nickte zuſtimmend, aber er konnte ſich doch nicht enthalten, ſeinem Sohne einen forſchenden Blick zuzuwerfen, der gleichgültige gemeſſene Ton deſſelben befremdete ihn. „Du haſt mir vor einigen Wochen bemerkt, Du nehmeſt an dem Geſchick Deines Bruders lebhaften Antheil,“ ſagte er. „Allerdings thue ich das, und es iſt mir ſehr lieb, daß Du mir dieſe Mittheilungen gemacht haſt.“ „Hm— ja— das heißt, der Hauptgrund meines Beſuchs iſt eigentlich eine Bitte.“ A8 519— Bertha blickte auf, raſch und verſtohlen ſtreifte ihr Blick die Züge des alten Mannes, in denen eine gewiſſe Verlegenheit ſich ſpiegelte. „Wenn ich Dir gefällig ſein kann, vorausgeſetzt, daß es in meinen Kräften liegt—“ „Gewiß, ich verlange nichts von Dir, was zu erfüllen Dir unmöglich ſein würde. Otto wünſcht ein kleines Kapital zur Er⸗ richtung eines Etabliſſements—“ „Von mir?“ „Das ſagt er eben nicht. Seine Erſparniſſe reichen allein nicht aus, er fragt mich, ob ich ihm nicht zur Erlangung eines Darlehns von vier bis fünftauſend Thaler behülflich ſein könne, er werde daſſelbe vielleicht ſchon bald zurückzahlen können.“ „Ah, und da ſoll ich—“ „Nun ich meine, Du ſtehſt ihm am nächſten und für Dich iſt dieſes Darlehn doch eine Bagatelle.“ Heinrich erhob ſich, ſeine Züge hatten ſich merklich verfinſtert. „Eine Bagatelle?“ erwiderte er.„Nun ja, freilich für den, der bis an den Elbogen—“ „Lieber Himmel, Du haſt ja neuerdings ein bedeutendes Ver⸗ mögen geerbt,“ unterbrach der Schenkwirth ihn ungeduldig.„Man ſagt ja, Dein Schwiegervater—“ „Erlauben Sie, die Hinterlaſſenſchaft meines Vaters iſt mein ausſchließliches Eigenthum,“ ſagte Bertha mit ſchneidenden Kälte, „Heinrich kann über dieſelbe nicht verfügen.“ Fragend blickte Bertram Schenk ſeinen Sohn an, der durch ein Kopfnicken dieſe Erklärung beſtätigte. „Wenn das auch iſt,“ meinte er,„Du haſt ja enormes Glück gehabt und—“ „Iunmer die alte, abgedroſchene Redensart!“ ermiderte der junge Mann unwirſch.„Nun ja, ich habe Glück gehabt, mir einige tauſend Thaler erworben,— verpflichtet mich das, Jedem ein Darlehn zu geben, der es verlangt?“ „Dein Bruder—“ „Mein Bruder möchte gerne in ein gemachtes Bett ſteigen und dazu ſoll ich ihm behülflich ſein, Ich habe von vorne an⸗ fangen müſſen und hatte auch nichts, äͤls ich anfing.“ Ein düſtrer Schatten glitt über das ehrliche, biedere Geſicht des alten Mannes. „Du haſt mit dem Gelde Deines damaligen Prinzipals ſpekulirt,“ ſagte er,„und wenn das Glück Dich nicht begünſtigt hätte, ſo wäre das Ende ein anderes geweſen. Das bringt Dir wenig Ruhm ein und am allerwenigſten berechtigt es Dich, auf Dein Verdienſt zu pochen. Ich meine doch, die Kenntniſſe, die — Solidität, der Ernſt und der Fleiß Deines Bruders müßten Dir genügende Bürgſchaft bieten für die verhältnißmäßig geringe Summe.“ „Was thue ich mit ſolcher Bürgſchaft,“ entgegnete Heinrich wegwerfend,„wenn ich ihm das Geld leihe, ſo ſchenke ich es ihn gewiſſermaßen, ich weiß ja ſehr gut, daß er es mir nicht zurüͤck⸗ geben kann. Aber, wenn ich das auch wollte, ich kann's nicht, meine Kapitalien liegen im Geſchäft feſt, zudem darf ich den Geſchäftsfonds nicht angreifen.“ „Das hätteſt Du ſofort ſagen ſollen,“ verfetzte Bertram Schenk erbittert,„wir würden uns manches unnöthige Wort er⸗ ſpart haben. Ich weiß jetzt, daß Du Deinem Bruder nicht helfen würdeſt, ſelbſt wenn ſein Leben bedroht wäre, Du biſt ein herz⸗ loſer Egoiſt, ein Menſch, der weder Charakter, noch Gemüth be⸗ ſitzt. Heinrich, Heinrich, ich fürchte, die Stunde kommt, in der Du Deine Herzloſigkeit und Deinen vornehmen Geldſtolz bereuen wirſt, dann biſt Du ärmer, wie ein Menſch je es werden kann. Ich weiß jetzt auch, wie ſehr begründet die Beſchwerden Deines Bruders über Dich ſind, und es thut mir leid, daß ich ſeinetwegen zu Dir gekommen bin. Die Vergeltung aber wird nicht aus⸗ bleiben, wenn ſie Dich trifft, dann gedenke dieſer Stundel“ Eine geraume Weile blickte der junge Mann ſchweigend auf die Thüre, hinter der ſein Vater verſchwunden war, dann lachte er höhniſch; aber dieſes Lachen klang erzwungen. „Man muß dem Alter etwas zu Gute halten,“ ſagte er achſelzuckend,„wenn die Leute alt werden, haben ſie ihre Grillen. Otto war immer ſein Herzblatt, jetzt möchte er gerne aus dem Schloſſergeſellen einen Meiſter machen und dazu ſoll ich das Geld hergeben.“ b „Du wirſt nicht ſo thöricht ſein,“ warf Bertha kalt ein. „Nein, wahrhaftig nicht, ich danke entſchieden für dieſes An⸗ ſinnen.“ Der Lehrling, der in dieſem Augenblick eintrat, meldete, daß mehrere Herren mit dem Chef der Firma zu reden wünſchten. einrich ahnte, wer dieſe Herren waren, und er ſah ſich in Vermuthung nicht galäuſcht. Der Friedensrichter nobſt dem Gerichtsſchgeiber, einem Ge⸗ richtsvollzieher und einigen Zeugen erwartetsſt im Kabinet den Chef der Firma Peter Paul Scherenberg ſeelige Wittwe, um ihm das Ableben ſeines Aſſocie's mitzutheilen und im Namen der noch unbekannten Erben des letzteren die Hinterlaſſenſchaft des Verſtorbenen in Beſchlag zu nehmen. Heinrich hörte die Mittheilungen des Friedensrichters ruhig an, ein ironiſches Lächeln glitt über ſeine Lippen. Er ſtand im müßten Dir big geringe zurück⸗ ſt ein herz⸗ Gemüth be⸗ in der ſagte er bre Grillen. ne aus delll oll ich das tein. ieſes An⸗ 6 — 521— Begriff ſeinen Schreibſecretair zu öffnen, als ein Wagen eilig vorfuhr und in der nächſten Minute der Rechtsconſulent Wimmer mit allen Zeichen einer fieberhaften Aufregung in's Kabinet ſtürzte. „Ich verlange im Namen meines Klienten genügende Sicher⸗ ſtellung der Hinterlaſſenſchaft!“ rief er ungeſtüm,„die Geſchäfts⸗ bücher müſſen verſiegelt werden, eine Commiſſion ſoll—“ „Mein Herr, bedenken Sie gefälligſt, daß Sie ſich in meinem Hauſe befinden,“ fiel Heinrich ihm mit ſcharfer Betonung in's Wort.„Dieſes flegelhafte Benehmen könnte mich nöthigen, von meinem Hausrecht Gebrauch zu machen, danken Sie es meiner Nachſicht, wenn dies nicht ſchon jetzt geſchieht.“ Verblüfft blickte der Rechtsconſulent den jungen Mann an, ein ſo entſchiedenes, feſtes und ruhiges Auftreten hatte er nicht erwartet, wenngleich er auch vermuthen durfte, daß ſein Gegner entſchloſſen ſein würde, das Feld nur nach hartem Kampfe zu räumen. „Ich bin hier in meinem Rechte, ſo gut wie Sie,“ fuhr er gereizt fort,„der einzig rechtmäßige Erbe des Verſtorbenen hat mich bevollmächtigt, ſeine Rechte zu wahren, wenn Sie die Voll⸗ macht prüfen wollen, Herr Richter, hier iſt ſie.“ „Der einzig rechtmäßige Erbe ſteht vor Ihnen,“ entgegnete Heinrich ruhig, während er eine Schieblade öffnete und dem Richte, ein Dokument überreichte,„es thut mir leid, daß Sie ſich ſo viele vergebliche Mühe gemacht haben.“ Der Richter entfaltete das Schriftſtück und las es aufmerkſam. Der Advokat war raſch näher getreten, er warf über die Schulter des Richters einen Blick auf das Teſtament, und ſein Geſicht verlängerte ſich zuſehends, je länger er las. „Das Teſtament iſt ungültig,“ſagte er—„wo iſt die Unterſchrift der Zeugen?“ „Es iſt ein eigenhändig niedergeſchriebenes Teſtament,“ er⸗ widerte der Richter ernſt,„Peter Paul Scherenberg ſetzt in dem⸗ ſelben ſeinen Aſſocie, den Herrn Heinrich Schenk, zum Univerſal⸗ erben ſeiner geſammten Hinterlaſſenſchaft ein—“ „Aber das Datum, das Datum—“ „Was thut es zur Sache? Haben Sie vielleicht auch ein derartiges Schriftſtück?“ „Nein, nein, aber wenn dieſes Dokument vielleicht im Irren⸗ hauſe ausgefertigt iſt, ſo iſt es ſchon deshalb ungültig.“ Heinrich zuckte geringſchätzend die Achſeln und warf dabei dem Mann des Geſetzes einen Blick zu, der ihn die Galle in's Blut treiben mußte. „Ich kann Ihnen den Beweis liefern, daß mein Aſſocie erſt nach der Ausfertigung dieſes Dokuments die Reiſe nach England — ————— — 4 —— — — 522— angetreten hat,“ ſagte er, eine unerſchütterliche Ruhe bewahrend, „und was die Zeugen betrifft, ſo erachteten wir es damals für unnöthig, ſolche hinzu zu ziehen.“ Der Gerichtsſchreiber nahm bereits das Protokoll auf. „So lange kein ſpäteres Teſtament, oder kein Codicill beige⸗ bracht wird, welches die Beſtimmungen dieſes Dokuments umſtößt, muß ich das gegenwärtig vorliegende Teſtament als rechtskräftig anerkennen,“ ſagte der Richter,„Beſchwerden gegen daſſelbe können nur auf gerichtlichem Wege vorgebracht werden.“ Heinrich triumphirte, der Rechtsconſulent tobte vor Wuth. „Es gehen mancherlei Gerüchte über die Urſache des Todes des Erblaſſers um,“ verſetzte Wimmer mit trockener, heiſerer Stimme, ‚dieſe Gerüchte ſollten berückſichtigt werden. Man kann nicht wiſſen, welches Reſultat die näheren Nachforſchungen ergeben, ſpäter aber dürfte es vielleicht zu ſpät ſein—“ „Welche Gerüchte gehen uin?“ fiel Heinrich ihm barſch in's Wort.„Erklären Sie ſich deutlicher, mein Herr, ich habe keine Gerüchte irgend welcher Art vernommen.“ „Dieſe Gerüchte betreffen nur den Beſitzer der Irrenanſtalt,“ ſagte der Richter, der kurz vorher das Protokoll unterzeichnet hatte.„Die Londoner Behörde beſchuldigt dieſen Mann, daß er ſeine Patienten unverantwortlich behandelt und ſich ſogar eines Giftmordes ſchuldig gemacht habe. Merville hat die Flucht er⸗ griffen, ſobald man ſeiner habhaft wird, ſoll er an England aus⸗ geliefert werden.“ „Und Sie wagen es, dieſe Gerüchte mit mir in Verbindung zu bringen?“ wandte Heinrich ſich entrüſtet zu dem Rechtsconſu⸗ lenten, der vor dem drohenden, glühenden Blick ſeines Gegners erſchreckt zurückwich.„Hüten Sie Ihre Zunge, mein Herr, ich werde jeden Angriff auf meine Ehre unnachſichtlich verfolgen.“ Die Gerichtsbeamten empfahlen ſich, ſie haten ihre Schul⸗ digkeit gethan, Heinrich war jetzt der rechtmäßige Univerſalerbe ſeines verſtorbenen Aſſocie's. Auch der Advokat nahm ſeinen Hut, er that es zögernd, mit ſichtbarem Wiederſtreben. „Einſtweilen ſiud Sie der Sieger,“ ſagte er grollend,„aber triumphiren Sie nicht, ich gebe die Sache noch nicht verloren.“ Sie jagen alſo noch immer den fetten Haſen nach?“ höhnte Heinrich.„Glück zu, ich beneide Sie nicht um dieſe hoffnungsloſe Jagd.“ „Wir werden ſehen; hoffentlich gelingt es, den Beſitzer der Irrenanſtalt“ „Scheeren Sie ſich zum Teufel, Herr!“ fuhr Heinrich zornig auf.„Wagen Sie noch einmal, meine Schwelle zu überſchreiten, ſo laſſ Nac der geß Me kon he bewahrend, damals für 523— ſo werde ich Ihnen zeigen, wo der Zimmermann das Loch ge⸗ laſſen hat.“ Der Advokat ging hinaus; Heinrich wanderte lange, in düſtrem Nachdenken verloren, auf und ab. Er hatte das Spiel gewonnen, aber es lag noch immer in der Möglichkeit, den Beweis zu liefern, daß er mit falſchen Karten geſpielt hatte.. Dieſer Beweis knüpfte ſich einzig und allein an das Daſein Merville's; war dieſer Mann beſeitigt, für immer beſeitigt, ſo konnte jener Beweis nicht mehr geſchafft werden. Neunundſechszigſtes Kapitel. Eine alte Firma erliſcht. Heinrich Schenk traf ohne Verzug ſeine Vorkehrungen zum Umzuge in das Haus ſeines Schwiegervaters. Derſelbe war ſehr raſch bewerkſtelligt, da das Mobilar einſt⸗ weilen noch in dem alten Scherenberg'ſchen Hauſe bleiben ſollte; man hatte alſo nur die Bücher und Briefe hinüberzuſchaffen und von dem Comtoire Liebmann's Beſitz zu nehmen. Waaren waren längſt nicht mehr vorräthig, Heinrich hatte ſie vor und nach verkauft und ſich einzig und allein auf ſeine Spe⸗ culations⸗ Unternehmungen in Oel, Getreide und Actien be⸗ ſchränkt. Auch die Fabrik Liebmann's war ſtille geſtellt, das noch vor⸗ handene Rohmaterial ſollte ſammt den fertigen Fabrikaten und den Fabrikgeräthſchaften demnächſt öffent lich verſteigert werden. Od dadurch mehrere Familien brodlos wurden, was gerade jetzt zu Anfang des Winters die Arbeiter hart treffen mußte, darum kümmerte Heinrich ſich nicht, er hatte ja keine Verpflich⸗ tungen ihnen gegenüber, ihr Wohl und Wehe war ihm gleich⸗ gültig. 1 Nur der alte Buchhalter Liebmann's blieb einſtweilen nach auf ſeinem Poſten, Heinrich konnte die Dienſte dieſes Mannes bei der Liquidation des Geſchäfts noch nicht entbehren. Der erſte, der ihn in dem neuen Hauſe beſuchte, war Jakob erz. 8 Der Wucherer kam, um den Betrag des Wechſels einzukaſſiren, — 1 ————— —— — — —-——— —— — —— — ☛ — 4 4 6 4 —j— und Heinrich ſchien nicht beſonders geneigt, dieſer Forderung nach⸗ zugeben. Er verſchanzte ſich dahinter, daß er nicht der Univerſalerbe ſeines Schwiegervaters ſei und Jakob Herz nicht verlangen könne, daß er aus eigenen Mitteln die Schulden ſeines Schwagers decken ſolle.. Indeß, der Wucherer ließ ſich weder abweiſen, noch ein⸗ ſchüchtern, er ſtützte ſich auf die Briefe, die Heinrich in dieſer Angelegenheit früher an ihn geſchrieben hatte und aus denen deutlich hervorging, daß er ſeinen Schwager gezwungen hatte, die Bahn des Verbrechens zu betreten. Heinrich hatte das Alles vorher bedacht, er wußte, daß er die Forderung des Wucherers befriedigen mußte, wenn er ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, durch die Veröffentlichung jener Briefe ſeine Machinationen dem allgemeinen Urtheil preis zu geben. Zudem war es ja auch nicht ſein Vermögen, ſondern das Vermögen ſeiner Frau, welches dadurch zu Schaden kam, ſomit konnte er ohne eigene Verluſte die Schuld tilgen. Er führte den Wucherer in das Boudoir Bertha's und theilte dieſer das Verlangen desſelben mit. Bertha weigerte ſich Anfangs entſchieden, dieſem Verlangen nachzugeben, ſelbſt die Bemerkung ihres Gatten, daß ihr ver⸗ ſtorbener Vater ihn beauftragt habe, den Wechſel einzulöſen, wollte ſie als bindende Verpflichtung nicht anerkennen. Sie ſei die Univerſalerbin und ihr Bruder habe kein Recht, auf einen einzigen Pfenning der Hinterlaſſenſchaft Anſpruch zu machen, behauptete ſie, ſomit exiſtire für ſie auch keine Verpflichtung, die Schulden des Enterbten zu decken. Jakob Herz drohte, das Teſtament auzugreifen, ſeine Be⸗ hauptung, Theodor Liebmann ſei geſetzlich nicht berechtigt, ſeinen Sohn ganz zu enterben, beſtätigte Heinrich mit dem Bemerken, daß, wenn Bertha den Wechſel einlöſe, ihr Bruder keinen Einwurf mehr gegen das Teſtament machen könne. Nach langem Zögern gab Bertha endlich ihre Zuſtimmung, der Wucherer ſchrieb, da der Wechſel bei den Gerichtsakten lag, eine Quittung, und Heinrich zahlte ihm den Betrag aus. „Sie ſind ein Glücksvogel,“ ſagte der Wucherer, während er die Banknoten einſtrich,„binnen Jahresfriſt haben Sie ſich vom armen Commis zum reichen Manne emporgeſchwungen.“ Heinrich zuckte die Achſeln. „Das Geld liegt auf der Straße,“ erwiderte er gleichmüthig, „man muß es nur verſtehen, ſich zu bücken und es aufzuheben.“ „Sie haben Ihre beiden Aſſocies und Ihren Schwiegervater beerbt—“ — derung nach⸗ aus denen n hatte, die daß er die t ſich nicht chung jener 3 zu geben. Verlangen 6 ihr ver⸗ einzulöſen, feein Recht, inſpruch zu erpflichtung, ſeine Be⸗ igt, ſeinen Bemerken, u Emwur ichmüthig, ifzul eden. negeroatel 525— „Ich ſagte Ihnen ſchon, daß meine Frau die Univerſalerbin ſei.“ „Ah— das Vermögen der Frau iſt ja auch das Eigenthum des Mannes.“ „Nicht immer!“ „Hier alſo nicht?“ „Nein.“ Es war ein bedeutſamer Blick, der aus den kleinen ſtechenden Augen des Wucherers den jungen Mann traf, ein Blick, in welchem Bosheit, Hinterliſt und Verſchlagenheit ſich ſpiegelten. „Na, Sie werden ſchon Mittel finden, ſich die Erbſchaft zu ſichern,“ ſagte er. „Wie meinen Sie das?“ fragte Heinrich ihn ziemlich unhöflich. „Hm——, die beiden Herren Scherenberg und Herr Lieb⸗ mann ſenior ſind zur richtigen Zeit abgetreten, Herr Liebmann junior—“ „Herr, ich erſuche Sie, Ihre Vermuthungen für ſich zu be⸗ halten,“ fiel Heinrich ihm barſch in's Wort,„Sie ſind für Ihre Forderungen befriedigt, wir beide haben nun nichts mehr mit einander gemein.“ * Der Wucherer verbeugte ſich, ein ſarkaſtiſcher Zug glitt über ſein dürres Geſicht. „Der Mohr hat ſeine Schuldigkeit gethan, er geht,“ ſagte er höhnend.„Uebrigens möchte ich mit Ihnen nichts mehr gemein haben, darauf können Sie ſich verlaſſen. Wenn alle Welt wüßte, was ich weiß, ſo würde vor Ihnen Niemand mehr den Hut ziehen. Adieu.“ Was war das? Betroffen ſtierte Heinrich auf die Thüre, hinter der Jakob Herz verſchwunden war. Sollte er wirklich mehr wiſſen, als Heinrich ahnen konnte? Ah— bah, er vermuthete nur; es waren leere, ungefährliche Vermuthungen, für die er Beweiſe nicht finden konnte. Lange wanderte der junge Herr in ſeinem Kabinet auf und ab, endlich trat er an's Fenſter, um in den Garten hinauszu⸗ ſchauen, der mit ſeinen kahlen Bäumen und Stauden einen troſt⸗ loſen Anblick gewährte.. Die Worte des Wucherers hatten in ſeiner Seele einen Ge⸗ danken geweckt, der ſchon früher aufgetaucht, dann aber wieder eingeſchlummert war. Nach einer geraumen Weile ſchellte Heinrich; der alte Buch⸗ halter, der noch vor wenigen Jahren ſein Vorgeſetzter geweſen war, trat ein. Er brachte zwei Briefe, die er auf den Schreibtiſch ſeines Prinzipals legte. „Entwerfen Sie ein Circulair,“ ſagte Heinrich kurz angebunden, * ——— ——— 2 ——— — 526— „theilen Sie in demſelben unſern Geſchäftsfreunden mit, daß die Firma Peter Paul Scherenberg ſeelige Wittwe erloſchen und mit allen Activen und Paſſiven auf die neue Firma:„Heinrich Schenk“ übergegangen iſt.“ Der Buchhalter konnte ſein Befremden über dieſe Aenderung nicht verhehlen. „Die alte Firma iſt ohnehin erloſchen, ſeitdem das Material⸗ waarengeſchäft eingegangen iſt,“ fuhr Heinrich fort,„alſo hat ſie auch keinen Werth und keine Bedeutung mehr.“ „Aber ich meine, die Pietät—“ „Lieber Freund, ich dulde keinen Widerſpruch, das bemerken Sie ſich gütigſt. Entwerfen Sie das Circulair und legen Sie es mir zur Reviſion vor, es ſoll noch heute in die Druckerei ge⸗ vracht werden. Wann ſind dieſe Vrioie gekommen?“ „Soeben.“ „Man hätte ſie mir ſofort bringen ſollen, es ſind ja Privat⸗ bviefe.“ „Ich ſtand im Begriff, es zu thun, als Sie ſchellten. Dann iſt auch der Herr Werkmeiſter der Fabrik draußen, er bittet um eine Unterredung.“ „Was will er?“ fragte Heinrich barſch.„Die Fabrik iſt ge⸗ ſchloſſen, die Arbeiter ſind entlaſſen—“ „Eben deshalb kommt er zu Ihnen.“ „Glaubt er, ihm zu Liebe—— ah, da iſt er ſelbſt.“ Ein großer, ſtark gebauter Mann war bei den letzten Worten eingetreten, ſeinem biedern, treuherzigen Geſicht hatte die Sorge ihren finſtern Stempel aufgedrückt. „Sie werden verzeihen, wenn ich mit einer Bitte mich Ihnen zu nahen wage,“ ſagte er ſchüchtern, aber dennoch mit einer Sicherheit, die bewies, daß er nicht zum erſten Male einem reichen Manne gegenüberſtand,„die Noth zwingt mich dazu.“ „Ich errathe dieſe Bitte,“ unterbra⸗) Heinrich ihn ungeduldig, „ich bedaure, Ihnen keine Unterſtützung gewähren zu können, thäte ich's, würde das geſammte Arbeiterperſonal meines Schwiegervaters mich beläſtigen,— ich liebe dieſe Betteleien nicht.“ Hoch und ſtolz richtete der Werkmeiſter ſich empor, Purpur⸗ gluth übergoß ſeine Wangen. „Nicht um zu betteln, ſondern um zu bitten, bin ich gekommen,“ ſagte er ernſt und eindringlich,„um Ihnen einen Vorſchlag zu machen, der nicht allein mein, ſondern auch Ihr Intereſſe betrifft. Ich will darüber, daß Sie die Fabrik geſchloſſen und uns Alle brodlos gemacht haben, nicht mit Ihnen rechten, Sie ſind ja der Erbe des verſtorbenen Fabrikherrn und als ſolcher nicht ver⸗ pflichtet—“ mit, daß die ſchen und mit inrich Schenk“ ee Aenderung das Material⸗ galſo hat ſie das bemerken nd legen Sie Druckerei ge⸗ nd ja Privat⸗ allten. Dann er bittet um 9 Fabril iſt g⸗ n ungeduld dig, tünnen, tiſkt bhwie Tan ter⸗ „Wenn Sie das einſehen, ſo bedarf es ja keiner Worte weiter, ich habe die Fabrick geſchloſſen und damit Baſta... „Ja, Sie haben ſie geſchloſſen,“ fuhr der Werkmeiſter erbittert fort,„die Frauen und Kinder derer, die ſie dadurch kurz vor dem Winter brodlos gemacht haben, ſegnen Sie wahrlich nicht dafür. Herr Liebmann würde das nie gethan haben, ſo ſtolz und kalt er auch war, er hätte ſo herzlos nicht handeln können. Aber das iſt es ja nicht, weshalb ich komme, ich kann und will Ihnen keine Vorwürfe machen, ich wollte Sie nur bitten, mir die Fabrik zu übertragen.“ Heinrich blickte befremdet auf, er konnte nicht glauben, daß dieſer Mann die Mittel beſaß, die dazu erforderlich waren. „Sehr gerne,“ erwiderte er,„indeß glaube ich kaum, daß Sie durch baare Mittel oder durch ſichere Bürgſchaft—“ „So meine ich das nicht. Meine Bitte geht dahin, daß Sie mir die Verarbeitung des noch vorräthigen Rohmaterials anver⸗ trauen, für Sie wird dabei ein nicht unbedeutender Gewinn ab⸗ fallen und ich habe nicht allein für meine Familie bis zum Früh⸗ jahre Brot, ich kann es auch den andern Familien verſchaffen, die jetzt nicht wiſſen, wovon ſie leben ſollen.“ Ein bitteres ſarkaſtiſches Lächeln glitt über das Geſicht des reichen Mannes. „Geſetzt, ich wollte dieſen Vorſchlag annehmen,“ ſagte er, „können Sie mir einen Bürgen bringen, der ſich verpflichtet, mir allen Schaden zu erſetzen, der mir höchſtwahrſcheinlich dadurch er⸗ wachſen wird?“ „Mei. „Bah— ſie ſind ein ſchlechte Bürgſchaft. Zudem habe ich auch keine Luſt, die Fabrik wieder für eigene Rechnung in Betrieb zu ſetzen, am allerwenigſten aber bin ich geneigt, die Geräthſchaften und das Material fremden Händen anzuvertrauen.“ „Sie dürfen ſich darauf verlaſſen—“ „Ich denke, wenn ich einmal„nein“ geſagt habe, ſo bleibt es dabei!“ erwiderte Heinrich barſch. „Aber Sie würden ein gutes Werk thun,“ wagte der Werk⸗ meiſter noch einmal einzuwerfen,„Sie würden die Thränen—“ „Was ſcheeren mich die Thränen und Klagen Anderer?“ fuhr der reiche Mann auf.„Ich kann ſie nicht alle trocknen, es wäre ein ſaures und undankbares Geſchäft, zu dem meine Mittel nicht einmal ausreichen. Können Sie die Fabrik kaufen, ſo thun Sie es, ſie wird demnächſt unter den Hammer kommen.“ Eine kurze, gebieteriſche Handbewegung forderte den Werk⸗ meiſter auf, ſich zu entfernen, und da der letztere wohl einſehen mochte, daß hier jedes weitere Wort verſchwendet war, ſo kam er der Aufforderung nach, ohne ſeinen Verſuch zu erneuern. — ——————— — ——— Heinrich öffnete jetzt die beiden Briefe. Der erſte war von ſeinem Schwager. Karl Liebmann be⸗ ſchwerte ſich bitter darüber, daß Heinrich den Wechſel nicht recht⸗ zeitig eingelöſt hatte, er bürdete ihm die ganze Schuld auf, ja er nannte ihn im Eifer ſeines Grolls offen den Mörder ſeines Vaters. Daß er nach Köln nicht zurückkehren dürfe, gab er zu, aber er hoffte daneben auch, ſpäter Gelegenheit zu finden, mit ſeinem Schwager und der herzloſen Schweſter abzurechnen. Ueber das Teſtament verlor er nur wenige Worte. Er habe voraus⸗ geſehen, daß es ſo kommen werde, ſchrieb er; Heinrich ſei ja nur darauf bedacht, ſein Vermögen zu vergrößern und um dieſen Zweck zu erreichen, benutze er jedes Mittel, ſo ſchlecht daſſelbe auch ſein möge. Er bedaure nur, ihm Vertrauen geſchenkt zu haben, es ſei ihm jetzt klar geworden, daß ſein Schwager ein boshafter, ver⸗ ſchlagener Gauner ſei, der vor einem Verbrechen nicht zurückſchrecke, wenn er ſeine Habſucht befriedigen könne. Er hoffe, Bertha werde ihm wenigſtens ſo viel ſenden, daß er die Reiſe nach Amerika beſtreiten könne, dort werde er ſchon vorwärts kommen, trotz ſeiner Armuth. Mit einem Lächeln der Verachtung und des Hohnes legte Heinrich den Brief wieder hin, um den zweiten zu öffnen. Der Inhalt dieſes Schreibens ſtimmte ihn ernſt, düſter; Merville mahnte ihn in demſelben an ſeine Schuld und zwar unter der Drohung, daß er am nächſten Tage von dem in ſeinen Händen befindlichen Scheine Gebrauch machen werde, wenn er nicht noch heute das Geld erhalte. Dieſen Brief warf Heinrich ſofort in's Feuer, er ſah nach⸗ denklich in die Flamme, die ihn raſch verzehrte. „Er muß beſeitigt werden,“ flüſterte er,„er iſt der Einzige, der mich verderben kann, und er wird es thun, wenn ich ſeine unverſchämte Forderung nicht befriedige. Und geſetzt, ich thue dies,— wird er nicht ſpäter immer und immer wieder auf mich zurückkommen, wenn er in Noth iſt?— Er muß fort, für immer. Aber wodurch kann ich ihn beſeitigen? Bin ich denn genöthigt, abermals ein Verbrechen zu begehen?“ Der junge Mann blickte ſich ſcheu um, als ob er fürchte, daß man ſein Selbſtgeſpräch belauſcht haben könne, dann durchwanderte er mit gekreuzten Armen langſam das Kabinet. „Es muß ſein,“ fuhr er nach einer langen Pauſe fort,„aber es ſoll das letzte ſein! Wenn er beſeitigt iſt, wer will mir etwas anhaben?“ Er ſetzte ſich hin und ſchrieb raſch einige Zeilen nieder, die er an„Louis Vernier aus Paris, zur Zeit im Pariſer Hofe“ adreſſirte. Liebmann be⸗ el nicht recht⸗ d auf, ja er Nörder ſeines gab er zu, u finden, mit chnen. Ueber habe voraus⸗ der Einzige venn ih ſeine ett, ich thue dder auf mi 8 für mmmer. enn genöthigt 1 fürchte, dij durchwandete t,„abet or forl, dar etwas U mite „riedet de e Hot rſer 9⁰ — 5²9— Unterdeß hatte der Werkmeiſter mit dem alten Buchhalter eine ſehr lange Unterredung auf dem Hausflur. Der Buchhalter bedauerte den Eigenſinn ſeines Herrn und rieth dem Werkmeiſter, ſeine Bitte der Frau Schenk vorzutragen, die ja die alleinige Erbin des Fabrikanten ſei. „Ich mache Ihnen keine großen Hoffnungen,“ ſagte er,„aber es iſt doch möglich, daß ſie der Arbeiter wegen Ihre Bitte erfüllt. Die Pietät für ihren Vater muß ihr ja ſagen, daß ſie—“ „Nein, nein,“ fiel der Werkmeiſter ihm in's Wort,„von ihr erwarte ich am wenigſten Hülfe für uns. Ich kenne dieſe Dame und weiß ſehr gut, daß ihr das Wohl und Wehe anderer Leute und ganz beſonders der Proletarier nichts gilt. Proletarier! Ich hörte, wie ſie das Wort verächtlich ſprach, als ich damals in der unruhigen Zeit in ihrem Beiſein ihrem Vater einige Wünſche unſerer Arbeiter berichtete.“ Der Buchhalter ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Dennoch ſollten Sie es verſuchen,“ ſagte er. „Nein,“ fuhr der Werkmeiſter entſchloſſen fort,„ſo arm ich auch bin, ich kann nicht betteln und kricchen, mir iſt das nicht gegeben. Ich habe das Meinige gethan, nun bleibt mir nichts übrig, als unſerm Herrgott das Uebrige anheim zu ſtellen. Ich habe zwei rüſtige Arme und meine Tochter hat auch etwas gelernt, ich denke, den Winter werden wir uns ſchon durcharbeiten.“ „Sie haben eine erwachſene Tochter?“ „Ja, mein Röschen iſt ſchön und tugendhaft, ich danke Gott, daß er mich an dieſem Kinde ſo viele Freude erleben läßt.“ „Sie iſt das einzige Kind?“ „Lieber Herr, ſie iſt die Aelteſte von ſieben, ſie näht und ſtickt außer⸗ ordentlich ſchön und hat damit ſchon manchen blanken Thaler verdient.“ „Aber die ganze Familie kann ſie doch damit nicht ernähren?“ fragte der Buchhalter. „Gewiß nicht und ich wäre keinen Schuß Pulver werth, wenn ich's verlangen wollte.“ „Da muß geholfen werden,— wiſſen Sie was, gehen Sie zu dem Vater meines Chefs, zu dem Wirth Bertram Schenk, und hberlegen Sie mit ihm.“ „Wird er mir helfen können?“ „Wer weiß! Er iſt ein biederer, liebenswürdiger Mann, er wird Ihnen jedenfalls mit Rath und That zur Seite ſtehen, wenn er nur eben kann.“ Der Werkmeiſter reichte dem alten Manne die Hand. „Dank Ihnen,“ ſagte er,„Sie haben mir wenigſtens eine herzliche und aufrichtige Theilnahme bewieſen, das iſt manchmal mehr werth, als eine Unterſtützung.“ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 34 — 530— „Dürfte ich Sie um Ihren Namen bitten?“ „Peter Klaas.“ „Und ich heiße Karl Tender, es freut mich recht ſehr, Sie kennen gelernt zu hahen.“ „Sie werden meinen Rath befolgen?“ „Gewiß— leben Sie wohl.“ Der Buchhalter wartete, bis der Werkmeiſter das Haus ver⸗ laſſen hatte, dann kehrte er in's Comptoir zurück, um das Circulair zu entwerfen. Siebenzigſtes Kapitel. Die Heimkehr. Vor dem Hauſe des Gaſtwirths Bertram Schenk hielt eine Droſchke, und das war ein Ereigniß, welches ſohr, ſehr ſelten vorkam. Bertram Schenk eilte hinaus und öffnete die Wagenthüre,— im nächſten Augenblick lag Otto in ſeinen Armen. Lange hielt der alte Mann den geliebten Sohn umſchlungen, was kümmerte ihn die Ungeduld des Kutſchers, der das Gepäck hinuntergeworfen hatte und nun ungeſtüm das Fahrgeld verlangte, um wieder abfahren zu können. Endlich entwand Otto ſich den Armen des Vaters, er befrie⸗ digte den Kutſcher und trat in’s Haus. Bertram Schenk hätte am liebſten den Sohn in die Gaſtſtube geführt, um ſich dort ungeſtört mit ihm zu unterhalten, aber er fürchtete doch zu ſehr die Vorwürfe ſeiner Ehehälfte, als daß er es wagte, dieſes Vorhaben auszuführen. „Komm mit zur Mutter,“ ſagte er leiſe,„ſie iſt noch die Alte; laſſ' Dich's nicht kümmern, wenn ſie Dich nicht ſo herzlich empfängt, wie Du es erwarten dürfteſt; wir finden wohl nachher ein Stündchen, welches wir allein und ungeſtört verplaudern können.“ Der Empfang von Seiten der Mutter war doch freundlich⸗ und herzlicher, als Bertram Schenk es erwartet hatte. „Wie breit und ſtark Du geworden biſt!“ ſagte der Sche wirth nach dem die Begrüßungen ſtattgefunden hatten, und es ht ſehr, Sie 3 Haus ver⸗ das Crreulair enk hielt eine c, ſehr ſelten zagenthüte,— unſchlungen, „ das gepã 12 deld verlangte, in dem Tone, den er anſchlug, eine ſtolze Bewunderung,„ja, ja, man ſieht, das Reiſen—“ „Du kommſt direct von London?“ fragte Frau Schenk, ihren Gatten unterbrechend. „Gerades Weges,“ erwiderte Otto,„Ihr werdet meinen Brief wohl ſchon geſtern erhalten haben?“ „Natürlich,“ fuhr der Schenkwirth fort, während er die Schnupf⸗ tabaksdoſe öffnete, um ſeinem Sohne eine Prieſe anzubieten.„Du ſchreibſt darin von einer Erfindung, die Du gemacht haſt, ich bin ſehr neugierig, zu erfahren, welche Erfindung das iſt.“ „Eine Erfindung, die von ſehr großem Werthe iſt,“ verſetzte Otto, der jetzt ſeinen Koffer öffnete, um die Geſchenke, die er mitgebracht hatte, auszupacken.„Sie betrifft eine weſentliche Verbeſſerung des Gußſtahls.“ „So, ſo, des Gußſtahls,“ ſagte Bertram Schenk nachdenklich und aus dem Tone, in welchem er das ſagte, ging hervor, daß er den Nutzen dieſer Erfindung nicht recht begriff. Frau Schenk zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Und dieſe Erfindung ſoll von ſo großem Werthe ſein?“ fragte ſie wegwerfend. „Gewiß, liebe Mutter.“ „Gußſtahl? Was iſt Gußſtahl?“ fragte Helene.„Den Stahl benutzt man doch nur zur Anfertigung von Meſſern und Scheeren.“ Otto überreichte die Geſchenke, die nicht ſehr werthyoll, aber doch immerhin des Dankes werth waren. „Das kannn ich Euch nicht auseinander ſetzen,“ ſagte er, „wenn ich Euch ſage, daß dieſe Erfindung einen ſo großen Werth hat, daß ich ſie ſehr geheim halten muß, ſo wird dies Euch genügen.“ Bertram Schenk nickte zuſtimmend. „Du mußt das ja beſſer kennen, wie wir,“ erwiderte er, „Gott gebe ſeinen Segen dazu.“ Die Mutter legte das für ſie beſtimmte Geſchenk beiſeite und nahm den Strickſtrumpf der vor ihr auf dem Tiſche lag. „Während Deiner Abweſenheit hat hier ſich Manches geän⸗ dert,“ ſagte ſie, dem Sohne einen Blick zuwerfend, der ebenſowohl bedauernd als vorwurfsvoll genannt werden konnte.„Du wirſt das ſchon wiſſen, Heinrich hat ſeine beiden Aſſocie's verloren und beerbt, ſeine Frau hat von ihrem Vater, dem Fabrikant Liebmann, zweimalhunderttauſend Thaler, oder gar dreimalhunderttauſend, ich weiß das ſo genau nicht, geerbt. Du wirſt erſtaunen, wenn Du ihn beſuchſt, er iſt eingerichtet wie ein Fürſt—“ „Und doch möchte ich ſein Geld nicht haben,“ warf Otto ein, deſſen Stirne ſich umdüſtert hatte.„Ich fürchte, es ruht kein 34* ——— — 532— Segen auf dieſem Gelde, man ſieht es ja ſchon jetzt, es hat ihn ſtolz und hochmüthig gemacht.“ Die Augenbrauen der Hausfrau zogen ſich drohend zu⸗ ſammen, die Stricknadeln begannen bereits ziemlich ungeſtüm zu klappern. „Ich weiß nicht, was Ihr alle ſo viel an ihm auszuſetzen habt,“ ſagte ſie unmuthig,„wenn man ihn in den Mund nimmt, wird auch ſofort über ihn geſchimpft, man ſollte ſich lieber freuen, daß es ihm ſo gut geht.“ Bei den letzten Worten traf ein zürnender Blick den Schenk⸗ wirth, der mit ſeinen klugen, treuherzigen Augen den Sohn be⸗ deutſam anſchaute. „Weshalb ſollen wir uns darüber ſtreiten?“ entgegnete Otto ruhig.„Ich gönne Jedem ſein Glück, und was dieſen ungerecht⸗ fertigten Stolz betrifft, ſo hat man ja nicht nöthig, ſich über ihn zu ärgern.“ „Heinrich iſt nicht ſo ſtolz, wie Ihr Alle glaubt,“ vertheidigte die Mutter den Liebling,„Ihr nennt ihn hochmüthig und herzlos, er wird Euch beweiſen, daß er es nicht iſt.“ „Wodurch wird er das beweiſen?“ fragte der Schenkwirth, der ſeinen Groll gegen Heinrich noch nicht überwunden hatte und trotz ſeinem Vorſatze, darüber zu ſchweigen, ſich nun doch von dieſem Groll hinreißen ließ. „Dadurch, daß er ſeinem Bruder das Kapital vorſtreckt zur Gründung der Fabrik.“ „Proſit die Mahlzeit!“ fiel Bertram Schenk ſeiner Ehehälfte gereizt in's Wort.„Nicht einen Pfenning rückt er heraus.“ „Weißt Du das ſchon ſo ſicher?“ ſpottete die Mutter. „Ja, ich weiß es!“ polterte der Hausherr, und er ſchlug die Tabakdoſe ſo heftig zu, daß Helene erſchreckt emporfuhr,„ich war geſtern bei ihm, um—“ „Ah— das hätteſt Du nicht thun ſollen, Vater,“ ſagte Otto vorwurfsvoll. „Na, ich hab's gethan, weil ich hoffte, Heinrich werde noch einen Funken Liebe für ſeine Familie im Leibe haben, aber ich ſah mich gewaltig getäuſcht. Ich weiß jetzt, was ich von ihm zu halten habe; und es ſoll mir Keiner kommen, der ihn vertheidigen will.“ „Wer weiß, wie Du dich benommen haſt!“ eiferte die Mutter. „Fordern konnteſt Du es nicht, wahrſcheinlich haſt Du es gethan, möglicherweiſe biſt Du grob geworden, es iſt ja Deine beliebte Manier.“ Bertram Schenk zuckte die Achſeln, der Ton, den ſeine Frau anſchlug, führte in der Regel zu einem erbitterten Wortwechſel, ₰—= E— —==— S——=58 — es hat ihn rohend zu⸗ ngeſtüm zu auszuſetzen tund nimmt, teber freuen, gegnete Otto a ungerech⸗ ich über ihn vertheidigte und herzlos, er Chehälfte erals. itter. 4 r ſchlug die r,„ich wart ſagte Otto verde noch ater ich * ihm zu vertheidigen due Mutter⸗ „ gethal, 1 es 37, ine beliebte „ſeile Fral 8 nwebſſl — 533— und dem wollte er heute vorbeugen, um ſich die Freude des Wiederſehens nicht trüben zu laſſen. Frau Schenk, die dieſes Schweigen als Unterwerfung deutete, begnügte ſich damit, noch einige lobende Aeußerungen über ihren Liebling fallen zu laſſen, dann erhob ſie ſich, um für das Abendbrod zu ſorgen. Sie hatte das Zimmer noch nicht verlaſſen, als nach kurzem Anklopfen ein Fremder eintrat, der mit Herrn Bertram Schenk einige Worte im Vertrauen zu reden wünſchte. „Mein Name iſt Karl Tender,“ ſetzte er hinzu,„ich war Werk⸗ führer in der Tabakfabrik des verſtorbenen Herrn Theodor Liebmann.“ Das Intereſſe der Hausfrau wurde durch die Worte geweckt, vielleicht bezog ſich die vertrauliche Unterredung auf die Erbſchaft, vielleicht erfuhr ſie jetzt endlich, wie hoch dieſelbe ſich belief, worüber ſie bisher noch keine Gewißheit erhalten konnte. Ob nun der Schenkwirth die Neugier ſeiner Gattin ahnte, oder ob er hoffte, durch dieſe Unterredung ſein Urtheil über Heinrich beſtätigt zu ſehen,— genug, er bot dem Werkmeiſter einen Stuhl an und erklärte ihm, daß er vor ſeiner Frau und ſeinen Kindern kein Geheimniß habe. „Wenn aber die Sache ein Geheimniß bleiben muß,“ ſagte er,„ſo—“ 3 „Durchaus nicht,“ unterbrach Tender ihn ruhig,„ich bitte nur um Entſchuldigung, daß ich Sie in einer Privatangelegenheit beläſtige. Man hat mir Ihr gutes edeldenkendes Herz gerühmt, deshalb wage ich es, zu Ihnen zu kommen, es iſt ja nicht mein Geſchick allein, ſondern das Wohl zahlreicher Familien, welches mich dazu bewegt.. „Wir hatten in der Fabrik des Herrn Liebmann unſer gutes Auskommen, wer fleißig arbeitete, konnte einen hübſchen Wochen⸗ lohn verdienen und es waren, ich darf es ſagen, nur ſolide Arbeiter und Arbeiterinnen in unſerer Fabrik beſchäftigt. Die meiſten von ihnen haben Familie, und wir Alle konnten beruhigt dem Winter entgegenſehen, denn das Geſchäft ging recht flott. Ich geſtehe, als der Soln unſeres Prinzipals ſich ſo plötzlich aus dem Staube machte und die Urſache dieſer Flucht ruchbar wurde, da dachte ich mit geheimer Angſt daran, daß Herr Liebmann plötzlich ſterben könne, in dieſer Cholerazeit iſt ja Niemand ſeines Lebens ſicher. Aber ich dachte auch, Herr Schenk werde in dieſem Falle die Fabrik übernehmen und uns das Brod nicht entziehen, es lag ja in ſeinem eigenen Intereſſe, denn wie geſagt, wir hatten mehr Aufträge, als wir ausführen konnten und es wurde viel Geld daran verdient. Das ſagte ich Ihrem Herrn Sohne, als Herr Liebmann ſo plötzlich verſchieden war, aber er befahl mir, die ———y 534— Fabrik zu ſchließen und ihm die Schlüſſel zu überliefern. Der Buchhalter mußte uns auslöhnen,— wir waren entlaſſen. Weniger die eignen Sorgen, als die Noth und die Niedergeſchlagenheit meiner Kameraden bewogen mich, heute Ihren Herrn Sohn noch einmal zu beſuchen. Ich hoffte, es werde mir gelingen, ſein Mitleid zu wecken, ich erbot mich, die Leitung der Fabrik zu über⸗ nehmen, ich bat ihn uns nur noch ſo lange zu beſchäftigen, bis die vorräthigen rohen Tabake aufgearbeitet ſeien, aber er wies mich ab, und es that mir in der Seele weh, als er, ſtatt mit mir vernünftig zu überlegen, mir ziemlich unfreundlich erwiderte, wenn ich Geld beſitze, könne ich die Fabrik kaufen, ſie werde nächſtens unter den Hammer kommen.“ In den Zügen des Schenkwirths ſpiegelte ſich die Entrüſtung, welche dieſe Mittheilung in der Seele eines jeden zartfühlenden Menſchen wecken mußte. Er warf ſeiner Ehehälfte einen Blick zu, der die ſtumme Frage enthielt, ob ſie auch jetzt noch wage, ihren Liebling in Schutz zu nehmen. Auch Otto und Helene konnten ihre Entrüſtung nicht verhehlen, nur die Mutter blieb kalt und gleichgültig. „Wenn Herr Schenk die Fabrik geſchloſſen hat, ſo wird er dazu ſeine triftigen Gründe haben,“ ſagte ſie gelaſſen,„man kann von dem Erben nicht verlangen, daß er den Arbeitern zu Liebe—“ „Madame, die Erbſchaft beträgt mehr als zweimalhundert⸗ fünfzigtauſend Thaler,“ fiel Tender ihr erbittert in’'s Wort.„Herr Schenk würde nicht nur keinen Pfenning verloren, ſondern Geld gewonnen haben.“ Bertram Schenk griff tief in ſeine Doſe hinein, er that das immer, wenn er über eine ernſte Sache nachdachte. „Lieber Mann, was kann ich für Euch thun?“ fragte er rathlos. „Soll ich mit meinem Sohne reden? Es wird nichts nützen, das ſage ich Euch im Voraus, was er will, das führt er durch.“ Der Werkmeiſter nickte, ein Zug ſchmerzlicher Wehmuth glitt über ſein biederes Geſicht. „Ich weiß das ſehr wohl,“ erwiderte er,„dennoch hoffte ich, Sie würden mir einen guten Rath geben können, es iſt keine Kleinigkeit, wenn zwanzig Perſonen, die für ihre Angehörigen ſorgen müſſen, ſo kurz vor dem Winter brodlos werden.“ „Wenn man die Fabrik kaufen könnte!“ warf Otto ein. „Lieber Herr, dazu ſind mindeſtens dreißigtauſend Thaler nöthig,“ fuhr Tender fort,„wer wird ſie hergeben? Ich will nicht ſagen, daß ein Kapitaliſt ſich fände, der die Hälfte der Summe auf erſte Hypotheke hergäbe, aber—“ „Warten Sie,“ unterbrach Bertram Schenk ihn und in ſeinen Augen leuchtete es freudig auf.„Da iſt ja mein Freund Wacker; jefem. Der ſen. Weniger geſchlagenheit Sohn noch gingen, ſein er, ſtatt wit ich erwiderte, n, ſie werde Entrüſtung, zartfühlenden einen Blick t noch wage, ft verhehleu e er rathlos. rüten, dos durch. Khwuth glit a heffte i „„ iſt keine Fritz Wacker, der nicht weiß wie er ſein Geld anlegen ſoll— ich werde mit ihm reden.“ „Glauben Sie, daß er die ganze Summe zahlen wird?“ fragte Tender zweifelnd. „Ja ſo,“ erwiderte der Schenkwirth,—„dreißigtauſen Thaler! Nein, das glaube ich nicht.“ „Dann müßten wir einen Kapitaliſten ſuchen—“ „Vielleicht nimmt Heinrich die erſte Hypothek.“ „Ich möchte ihn nicht darum anſprechen, nachdem er ſo barſch mich abgefertigt hat,“ ſagte der Werkmeiſter,„es gibt ja Leute genug, welche eine Gelegenheit, ihre Kapitalien ſicher anzulegen, gerne benutzen.“. „Vielleicht wäre Herr Schirmer dazu geneigt,“ warf Otto ein. „Herr Schirmer?“ verſetzte der Schenkwirth gedankenvoll, während er auf dem Deckel ſeiner Doſe einen luſtigen Marſch trommelte.„Willſt Du es übernehmen, ihn darum anzuſprechen?“ „Gewiß.“ „Wohlan, was geſchehen ſoll, das muß raſch geſchehen,“ ſagte Tender, indem er ſich erhob.„Für Ihre freundliche Bereitwillig⸗ keit, meine Herren, einſtweilen meinen herzlichſten Dank, ich hoffe, ihn durch die That beweiſen zu können.“ Bertram Schenk nahm Hut und Stock. „Wir werden ſofort zu Herrn Wacker hingehen,“ erwiderte er.„kommen Sie, mein Herr; wenn wir ihn geneigt finden, wird mein Sohn morgen früh mit dem Bankier reden.“ Die Beiden gingen hinaus, auch Frau Schenk verließ die Stube, nachdem ſie einige unliebſame Bemerkungen über Ein⸗ miſchung in die Angelegenheiten anderer Leute, über allzu eifrige Bereitwilligkeit und ſpäteren Undank gemacht hatte. Otto blieb mit Helene allein. Er redete mit ihr über ihren Verlobten, den er im Laufe der nächſten Tage beſuchen wollte, da er ſich ohnehin vorgenommen atte, vor ſeiner Etablirung das gewerbreiche Weſtphalen und das hheinland zu bereiſen. Bei dieſer Gelegenheit erfuhr er, daß die Mutter ſich noch immer weigerte, in die Verlobung einzuwilligen und zwar einzig und allein deshalb, weil ſie mit ihrer Tochter höher hinaus wollte. Inzwiſchen wanderten die Beiden zu dem ehemaligen Schneider⸗ meiſter, den ſie, im ſeidenen Schlafrock nachläſſig auf einer Ottomane liegend, antrafen. Fritz Wacker hörte die Wünſche des Werkmeiſters ſchweigend an, es ſchmeichelte ſeinem Stolze, daß man ihm den Vorſchlag machte, die Fabrik zu kaufen. — 536— „Dreißigtauſend Thaler?“ fragte er.„Bah, Kleinigkeit, ich werde die Fabrik kaufen, meine Mittel erlauben mir das. Das heißt, für eigene Rechnung,“ fuhr er fort,„wenn ich auch von der Cigarrendreherei nichts verſtehe, Sie, Herr Tender, werden die Sache leiten und mein Intereſſe wahrnehmen. Einen tüchtigen Commis für den Ein⸗ und Verkauf müſſen wir natürlich auch haben, na, ich werde mich danach umſehen und morgen Herrn Schenk beſuchen, um die Sache in's Reine zu bringen.“ Der Werkmeiſter fand keine Worte für ſeine Freude und ſeinen Dank, dieſe Bereitwilligkeit hatte er nicht erwartet, ſie überraſchte ihn zu ſehr. Aber auf der andern Seite weckte ſie auch in ſeiner Seele ernſte Bedenken, die Vermuthung, daß dieſer Mann durch ſeine Bereitwilligkeit, Andern gefällig zu ſein und durch ſein allzuraſches Vertrauen ſich ruiniren werde, lag ja nahe. Auch Bertram Schenk konnte ſich dieſer Vermuthung nicht erwehren. „Es iſt doch beſſer, wenn Sie vorher die Gebäude und Ge⸗ räthſchaften in Augenſchein nehmen,“ ſagte er ernſt.„Herr Schirmer wird vielleicht die Hälfte der Summe auf erſte Hypothek geben—“ 4 „Ganz und gar unnöthig,“ unterbrach Wacker ihn raſch.„Ich will von dieſem Herrn Schirmer nichts geliehen haben.“ „Aber haben Sie die Summe flüſſig?“ „Ich werde meine Actien verkaufen.“ „Thun Sie das nicht,“ warnte Tender.„Fünfzehntauſend Thaler genügen—“ „Na, wir können darüber morgen noch näher reden,“ meinte der ehemalige Schneidermeiſter,„holen Sie mich gegen elf Uhr ab, wir werden alsdann uns die Sache anſehn. Werde ich mit Herrn Schenk einig, ſo ſoll die Arbeit übermorgen wieder beginnen.“ Mit warmen Worten des Dankes nahm der Werkmeiſter Abſchied, er verſprach, ſich ſchon am nächſten Tage pünktlich einzufinden. „Ich fürchte, dieſer Herr iſt zu gut, zu leichtgläubig,“ ſagte er, als er an der Seite des Schenkwirths den Heimweg antrat. „Ich bin ihm gewiß ſehr, ſehr dankbar für die Bereitwilligkeit, mit der er uns von unſern drückenden Sorgen befreien will, und er darf ſich auch darauf verlaſſen, daß ich ſein Vertrauen nicht täuſchen werde, aber wie leicht kann er einem Schurken in die Hände fallen und dann iſt er bald ruinirt.“ „Dieſe Beſorgniß hege ich auch,“ entgegnete Schenk gedanken⸗ voll.„Er hat etwas über Siebenzigtauſend Thaler in der Lotterie lleinigkeit, ich ir das. Das ich auch von nder, werden inen tüchtigen natürlich auch norgen Herrn hen. de und ſeinen ſie überraſchte ſeiner Seele n durch ſeine m allzuraſches uthung nicht mſt.„Herr iſte Hypothek niſch.„Ic en. ffehntauſend Werkmeiſter age pünktlich — 537— gewonnen und nun glaubt er ſchon, der Welt Geſetze vorſchreiben zu können. Er hat ein Haus gekauft und es fürſtlich eingerichtet, er ſteht im Begriff. Wagen und Pferde anzuſchaffen, ich frage Sie, wo will das hinaus? Wenn er es ſo großartig anlegt, kann er von ſeinen Zinſen wahrhaftig nicht leben, alſo muß er das Kapital angreifen und dann—“ „Man muß ihn warnen.“ „wilft nichts, er hat behauptet, ſeine Mittel exlaubten es ihm, und wem nicht zu rathen iſt, dem iſt auch nicht zu helfen.“ Der Werkmeiſter blieb ſtehen. „Sie glauben alſo mit Sicherheit, daß er die Fabrik kaufen wird?“ fragte er. „Gewiß, ſein Stolz leidet nicht, das gegebene Wort zurück⸗ zunehmen.“ „Nun, ich hoffe, dieſes Unternehmen wird ihm reiche Früchte bringen. Wenn er nur ſelbſt kaufmänniſche Kenntniſſe hätte! Ich will ſein Intereſſe wahrnehmen, wo ich es nur kann.“ „Die Pflicht gebietet es Ihnen.“ „Verſteht ſich und ich werde dieſe Pflicht erfüllen. Nochmals meinen herzlichen Dank, ich verlaſſe Sie, um noch einige Kameraden zu beſuchen, denen ich gerne eine frohe Stunde bereiten möchte. Gute Nacht, morgen theile ich Ihnen das Nähere mit.“ Die beiden Biedermänner drückten einander die Hand und ſetzten dann in verſchiedenen Richtungen ihren Weg fort. Bertram Schenk aber war entſchloſſen, nicht zu dulden, daß Wacker die ganze Summe hergab. Einundſiebenzigſtes Kapitel. Der Fuchs fürchtet die Falle. Merville hatte den Brief ſeines Genoſſen erhalten. Als er den Inhalt deſſelben las, umdüſterte ſeine Miene ſich mehr und mehr, ſeine Stirne zeigte drohende Falten. Er las den Brief mehrere Male, dann verſank er in Nachdenken. 5 „Ich weiß nicht, was ich davon halten ſoll⸗” murmelte er, „es iſt möglich, daß er Recht hat, daß triftige Gründe vorliegen, — — die ihn und mich nöthigen, ſehr vorſichtig zu ſein, aber——— mir gefällt es nicht! Die Behörde kann nicht vermuthen, daß ich hier ſei, und ſelbſt, wenn ſie meine Spur entdeckt hätte—— ſeien wir vorſichtig!“ Er näherte ſich raſch der Thüre, öffnete ſie und blickte hinaus, dann ſchlich er ſich leiſe über den Korridor in das Zimmer, welches Maria Latour bewohnte. „Ich erhalte da ſoeben einen Brief von Schenk,“ ſagte er, nachdem er die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte,„Sie wiſſen ja, daß er heute Abend mir das Geld bringen und den Schein einlöſen wollte.“ „Nimmt er ſein Wort zurück?“ fragte Maria. 1 „Das eben nicht, aber er bemerkt— leſen Sie ſelbſt und dann ſagen Sie mir, was Sie von der Sache halten.“ Marie entfaltete das Blllet. „Mein Herr!“ las ſie.„Triftige Gründe, die ich Ihnen nur mündlich nennen kann, nöthigen mich, Sie zu erſuchen, ſich heute Abend zwiſchen acht und neun Uhr im Heidelberger Faß in Deutz einzufinden. Bringen Sie den bewußten Schein mit und tragen Sie Sorge, daß Sie morgen mit dem erſten Zuge abreiſen können.“ „Wiſſen Sie ſicher, daß dieſer Brief von Schenk kommt?“ „Es iſt ſeine Handſchrift,“ erwiderte Merville ungeduldig. „Dann kann ich Ihnen nur den Rath geben, ſich an dem bezeichneten Orte einzufinden.“ „Sie finden alſo nichts Verdächtiges in dieſen Zeilen?“ „Nein.“ „Es iſt wahr, die Möglichkeit iſt vorhanden, daß triftige Gründe ihn zwingen können, die Zuſammenkunft mit mir geheim zu halten,“ fuhr Merville nach einer Weile des Nachdenkens fort. „Wenn die Londoner Behörde ihre Verfolgung bis hierher aus⸗ gedehnt hat— aber ich kann das kaum glauben—“ „Weshalb ſollte es unmöglich ſein?“ erwiderte Marie gelaſſen. „Herr Schenk wird darüber Nachrichten erhalten haben, deren Richtigkeit er nicht bezweifeln kann. Wer weiß, ob nicht ſchon auf Sie der Verdacht gefallen iſt, die preußiſche Poltzei ſoll in derartigen Angelegenheiten ſehr geſchickt und erfahren ſein. Um⸗ ſonſt ſchreibt Schenk Ihnen gewiß nicht, Sie möchten morgen mit dem erſten Zuge abreiſen, er hat jedenfalls auch dafür ſeine Gründe.“ Merville ſchwieg; in düſtrem Brüten verſunken ſtierte er vor ſich hin. „Herr Schenk, weiß ſehr wohl, daß ihm das Meſſer an der Kehle ſitzt,“ fuhr Marie fort,„ihm liegt daran, die gefährlichen for 10 Aᷣ H ber——— ermuthen, daß kt hätte—— blickte hinauls, das Zimmet, ent,“ ſogte er, 2,„Sie wiſſen nd den Schein ich Ihnen nut den, ſich hellte ſ in Deutz aethei — 6839— Dokumente zurück zu erhalten, die ihn möglicherweiſe auf's Schaf⸗ fort bringen können.“ Merville fuhr erſchreckt empor. „Was faſeln Sie vom Schaffot!“ ſagte er rauh.„So weit ſind wir noch lange nicht. Sie rathen mir alſo, hinzugehn?“ „Natürlich!“ „Ich weiß nicht, ich habe dieſem Menſchen nie getraut,“ er⸗ widerte Merville zögernd,„ich halte ihn jedes Verbrechens fähig.“ „Bah, Sie ſehen Geſpenſter, Sie ſind furchtſam geworden.“ „Durchaus nicht,— ich—“ „Was haben Sie von ihm zu befürchten? Er wird in dem Wirthshauſe ſich nicht an Ihnen vergreifen.“ „Aber unterwegs—“ „Glauben Sie, er wird ſo unklug ſein, einen Meuchelmörder zu dingen? Er käme aus dem Regen in die Traufe. Gehen Sie ruhig hin, er wird Ihnen das Geld übergeben und Ihnen rathen, ſich raſch aus dem Staube zu machen.“ Merville ſchwankte noch immer. „Ich muß hingehen,“ ſagte er endlich,„aber ich bin nicht ge⸗ ſonnen, die Dokumente mitzunehmen. Ich weiß, ich ſpiele va banque, er weiß das auch, und zehntauſend Pfund Sterling ſind immerhin ein Gegenſtand, von dem man nicht gern ſcheidet. Ver⸗ liere ich das Spiel, ſo ſoll er drum doch nicht gewonnen haben, meine Rache muß ihn auch dann noch verfolgen, wenn ich das Wagniß mit meinem Leben bezahle.“ Erwartungsvoll ruhte der Blick der jungen Dame auf dem verfchmitzten Geſicht des Engländers; für ſie ſchien dieſe Angele⸗ genheit plötzlich eine andere Wendung erhalten zu haben, eine Wendung, die für ſie von großem Intereſſe war. „Da haben Sie recht,“ erwiderte ſie,„wenn es ihm gelingt, Sie zu überliſten, ſo darf er darum ſeinen Zweck dennoch nicht erreicht haben. Man muß Vorſorge treffen, daß in dieſem Falle die Rache ihn ſicher erreicht.“.— Merville blickte fragend die junge Dame an, er ſchien ihrer Vorſicht vollkommen beizupflichten. „Dieſe Ueberliſtung könnte doch nur durch eine Beraubung ſtattfinden,“ fuhr Maria fort.„Vielleicht liegt das in dem Plane des Herrn Schenk; es iſt ja möglich, daß er in der Hoffnung, leichtes Spiel mit Ihnen zu haben, es darauf abgeſehen hat, ſich Ihrer Brieftaſche zu bemächtigen. Gelänge es ihm, auf dieſem Wege in den Beſitz der Dokumente zu gelangen, ſo könnte er das Geld ſparen und Sie wären ihm gegenüber ohnmächtig.“ „Ganz recht, das iſt auch meine Meinung.“ „Für dieſen Fall müßten die Dokumente ſich in andern Hän⸗ 4* 2 4 1 —, — — 4 —— ———————— — —— — 540— den befinden. Wenn Schenk den Raubanfall verſucht, ſo dürfen Sie darauf rechnen, daß er unter keinen Umſtänden geſonnen iſt, die zehntauſend Pfund zu opfern; alsdam muß ſofort gegen ihn vorgegangen und der Verluſt verſchmerzt werden.“ Merville nickte. „Sie werden dann ſofort abreiſen; iſt es für heute Abend ſchon zu ſpät, ſo bleiben Sie in Deutz und reiſen morgen früh ab; mir ſchicken Sie einfach einen Brief, ein leeres Couvert, meinetwegen, damit ich weiß, was ich zu thun habe.“ „Und was werden Sie dann thun?“ „Den Schein der Behörde einſchicken, ohne dabei meinen Namen zu nennen. Auf mich kann kein Verdacht fallen, ich bleibe hier und warte ab, was geſchieht.“ „Und ich bin alsdann um meine zehntauſend Pfund betrogen.“ Marie zuckte die Achſeln. „Ich habe nie geglaubt, daß Schenk dieſe Summe Ihnen zahlen würde,“ ſagte ſie,„die Forderung war zu hoch. Zudem beſitzen wir genug, um dieſen Verluſt verſchmerzen zu können—“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte Merville raſch. „Ich weiß es. Wenn Sie es mir geheim halten wollten, hätten Sie mir Ihre Actien und Werthpapiere nicht zeigen ſollen.“ Merville ſchwieg; es ärgerte ihn, daß er früher nicht vorſich⸗ tiger geweſen war. „Aber geſetzt, er gibt mir das Geld?“ fragte er nach einer Pauſe.„Was ſoll ich ihm erwidern, wenn er die Dokumente verlangt?“ „Können Sie dieſelben nicht aus Verſehen hier liegen gelaſſen haben? Will er Sie nicht hierher begleiten, um ſie in Empfang zu nehmen, ſo holen Sie dieſelben.“ Merville wanderte gedankenvoll auf und ab, von Zeit zu Zeit warf er verſtohlen einen forſchenden Blick auf das Geſicht der jungen Dame, er fand in demſelben keinen Zug, der ihm Anlaß zu Mißtrauen gegeben hätte. „Sie rathen mir alſo, ohne die Dokumente hinzugehen und ſofort abzureiſen,“ ſagte er nach einer geraumen Weile, indem er ſich auf einen Stuhl niederließ.„Dann müßte ich meine Koffer mitnehmen, denn es würde auffallen, wenn Sie mir die⸗ ſelben nachſchicken wollten.“ „Allerdings, aber ich würde Ihnen rathen, Ihre Werthpapiere mir anzuvertrauen.“ „Weshalb das?“ „Weil, wenn man Sie berauben will—“ „Ah— ſie liegen in der Blechſchatulle in meinem Koffer. ich, ſo dürfen n geſonnen iſt ort gegen ihn r heute Abend worgen früh leeres Couvert, e. dabei meinen len, ich bleibe und betrogen.“ Summe Ihnen hoch. Zudem zu können—“ raſch. halten wollten, nicht zeigen rnicht vorſich⸗ er nach einer die Dokumente liegen gelaſſe ein Emnfang Zeit zu Zeit geſicht der — ihm Anlaß et — 541— Niemand kann vermuthen, daß dieſer unſcheinbare Koffer einen ſo großen Werth birgt.“ „Und doch iſt es oft vorgekommen, daß ein ſolcher Koffer geſtohlen wurde. Sie müſſen ihn doch am Bahnhofe zurücklaſſen, mitnehmen können Sie ihn nicht in das Wirthshaus. Wenn Sie mir die Actien nicht anvertrauen, dann bedaure ich, mein Geſchick an das Ihrige gekettet zu haben.“ Merville mußte an dem Tone, den Marie bei den letzten Worten anſchlug, erkennen, wie tief ſie ſich gekränkt fühlte, er beeilte ſich, mit ihr ſich wieder auszuſöhnen, wenn er ſie verlor, ſo hatte er Niemanden mehr, dem er ſeine Leiden und Freuden anvertrauen konnte. Merville war ein Menſch, der mit kaltem Blute das größte Verbrechen begehen konnte, daneben aber auch ein ſchwaches Kind denen gegenüber, die ihn zu leiten verſtanden. Maria hatte ihre Kunſt an ihm erproht und ihn ſo eng an ſich gekettet, daß er, auch wenn er es gekonnt hätte, die Feſſeln nicht zerbrochen haben würde. Er war ſtolz darauf, die junge, ſchöne, reizende Dame für ſich allein gewonnen zu haben, wenn Maria es verlangt hätte, wäre er ohne Bedenken mit ihr in den Eheſtand getreten, an eine Trennung von ihr wagte er nicht zu denken. Daß er unter ſolchen Umſtänden ihr ſein volles Vertrauen ſchenkte, war, wenn auch nicht gerechtfertigt, ſo doch erklärlich und wenn auch einmal in ſeiner Seele die Beſorgniß auftauchte, daß ſie ihn betrügen könne, ſo ſuchte er doch dieſen Gedanken wieder zu verbannen,— er hielt eine ſolche Treuloſigkeit für unmöglich. „Sie mißverſtehen mich,“ ſagte er, in dem Beſtreben, den begangenen Fehler wieder gut zu machen,„ich denke nicht daran, daß leiſeſte Mißtrauen gegen Sie zu hegen, ich fürchte nur, man könne auf Sie Verdacht werfen, hier Hausſuchung halten und dann die bedeutende Summe bei Ihnen finden, über deren Er⸗ werb Sie ſich nicht auszuweiſen vermögen.“ „Sagen Sie mir, wohin Sie zunächſt reiſen, ſo ſende ich Ihnen morgen die Schatulle nach,“ erwiderte Maria gleichgültig. „Unter meinem Namen?“ „Poste restante.“ Nach kurzem Zögern ging Merville hinaus, als er bald darauf zurückkehrte, trug er die Schatulle unter dem Arm. Er ſtellte ſie auf den Tiſch⸗und legte die Schriftſtücke, auf deren Beſitz Heinrich Schenk ſo großen Werth legte, neben ſie. „Hier iſt Alles,“ ſagte ex,„ich vertraue Ihnen Alles an, was ich beſitze. Für den Fall Schenk den Schein einlöſen will, ſende ich Ihnen ein Briefchen durch einen Boten—“ —— ——— —=— —— „Thun Sie das nicht,“ unterbrach Maria ihn, ohne der Schatulle und den Dokumenten mehr als einen flüchtigen Blick zu widmen,„kommen Sie lieber ſelbſt, es iſt beſſer, wenn Nie⸗ mand erfährt, daß wir einander nahe ſtehen.“ „Sie mögen Recht haben, vielleicht läßt Schenk ſich auch be⸗ wegen, mich hierher zu begleiten, um hier die Papiere in Empfang zu nehmen. Ich ſollte ſie eigentlich doch mitnehmen.“ „Thun Sie es, ich fürchte, Sie werden es bexeuen.“ „Ich könnte ſie ja irgendwo verſtecken, er wird ſie doch nur im Portefeuille vermuthen.“ Maria zuckte gleichmüthig die Achſeln, ſie ſchien nicht den mindeſten Werth darauf zu legen, ob Merville ihren Rath be⸗ folgte oder nicht. Und eben dieſe Ruhe, dieſe kalte Gleichgültigkeit täuſchte den ſonſt ſo mißtrauiſchen Mann, er ahnte nicht, daß ſie eine Maske war— die Maske einer ſchlauen Betrügexrin. „Ich will Ihren Rath folgen,“ ſagte er,„komme ich nicht ſelbſt im Laufe des Abends zurück, ſo erhalten Sie morgen früh einige Zeilen, damit Sie wiſſen, woran Sie ſind. Ich werde direkt bis Baſel durchfahren, ſchicken Sie alſo die Schatulle unter der Chiffre P. V. poste restante nach Baſel und kommen Sie recht bald nach. Glauben Sie auf jenen Schein hin ſich mit Schenk einigen zu können, ſo thun Sie es. Nur nicht zu billig, unter achttauſend Pfund Sterling nicht. Leben Sie wohl.“ Maria legte mit einem treuherzigen, theilnehmenden Blick ihre Hand in die Mervllle's. „Leben Sie wohl,“ erwiderte ſie,„auf baldiges Wiederſehen.“ Merville blickte die junge Dame lange an, es ſchien faſt, als ob dennoch ein Mißtrauen in ſeiner Seele erwacht ſei, als ob er nun die innerſten Gedanken Maria's erforſchen wolle, um ſich über ſeinen Argwohn Gewißheit zu verſchaffen. Endlich wandte er ſich um, noch einen Blick warf er zurück, dann ging er langſam, zögernd hinaus. Gleich darauf ertönte die Schelle. Der Kellner eilte in das Zimmer Merrvilles. „Ich werde ſogleich abreiſen,“ ſagte der letztere,„bringen Sie mir die Rechnung und laſſen Sie mein Gepäck durch den Haus⸗ knecht zum Bahnhofe ſchaffen.“ Maria ſtand in ihrem Zinnner am Fenſter, ſie blickte auf⸗ merkſam auf die Straße hinunter. Sie ſah den Hausknecht, welcher das Gepäck trug, ſie ſah auch Merville über den Minoritenplatz von dannen ſchreiten. Von ihren Lippen verſchwand das gleichmüthige Lächeln, ihre ſchönen Züge nahmen einen ernſten, faſt ſchroffen Ausdruck an. idn, ohne der flüchtigen Bii er, wenn Nie⸗ ſich guch be⸗ er in Empfang keuen. d ſie doch nur dien nicht den ihren Rath he⸗ eit täuſchte den ie eine Maske zmme ich nicht e worgen früͤh d. Ich werde Stzatule vuter kommen Sie hi ſih mit nicht zu billg ie wohl. wenden Biit „Wiederſehen. ſcien feſt, ils ſei, als 0 4 wolle um ſich aj er zurlt, Sie trat raſch an den Tiſch und öffnete die Blechſchatulle. Mit fieherhafter Haſt prüfte ſie ihren Inhalt, ſie zählte die Werthpapiere und durchlas das Verzeichniß, welches ſie unter ihnen fand. Dann legte ſie die Briefe und den Schuldſchein Heinrich Schenks ebenfalls hinein. Nachdem ſie die Schatulle wieder geſchloſſen hatte, barg ſie dieſelbe in ihrem Koffer. Wenige Minuten ſpäter ſchellte auch ſie. „Wann fährt der letzte Zug nach Bonn?“ fragte ſie ruhig, als der Kellner eintrat. „Um neun Uhr.“ Maria warf einen Blick auf die goldne, mit Edelſteinen be⸗ ſetzte Uhr, die, eine Erinnerung an die Pariſer Glanzperiode, an ihrer Seite hing. „So habe ich noch Zeit genug,“ ſagte ſie.„Bringen Sie mir die Rechnung und laſſen Sie eine Droſchke für mich be⸗ ſtellen.“ Der Kellner verbeugte ſich. Kaum hatte er ſich entfernt, als Maria haſtig ihr Gepäck fertig machte, ihre fieberhafte Erregung bildete einen ſcharfen Con⸗ traſt zu der Ruhe, mit der ſie kurz vorher dem Kellner gegen⸗ über getreten war. Dann warf ſie den Mantel um, als der Kellner mit der Rechnung zurückkehrte fand er die junge Dame ſchon reiſefertig. Sie zählte das Geld hin, gab dem Kellner, der dienſteifrig ſich ihres Koffers und der Reiſetaſche bemächtigte, ein Trinkgeld und ſtieg in den Wagen. „Zum Bonner Bahnhofe!“ rief ſie dem Kutſcher zu. Der Wagen fuhr ab. In dem Augenblicke, in welchem Maria auf dem Bahnhofe ankam, fuhr der letzte Zug von Bonn durch das Feſtungsthor ein. Die Paſſagiere ſtiegen aus,— die junge Dame verſchwand in dem Gedränge. Die wenigen Wagen, welche auf dem Bahnhofe hielten, waren raſch beſetzt. Als der letzte abgefahren war, ſchritt ein Gepäckträger mit Koffer und Reiſetaſche in die Stadt hinein; eine dicht verſchleierte Dame folgte ihm. Sie ſchien mit dem Zuge angekommen zu ſein, Niemand kannte ſie, und der Verſuch, den einige junge Herren machten, ihr in's Antlitz zu blicken, ſcheiterte an der Dichtigkeit des Spitzenſchleiers und der herrſchenden Finſterniß auf dem nur ſpärlich beleuchteten Wege. „Wohin, Madame?“ fragte der Gepäckträger, als ſie in der Stadt angelangt waren. „Zum Königlichen Hof,“ erwiderte die Dame ruhig. — 544— Am nächſten Tage konnte man im Fremdenbuche des„König⸗ lichen Hofes“ unter den neuangekommenen Gäſten den Namen „Amelie Leroi“ leſen. Zweiundſiebenzigſtes Kapitel. In den Deutzer Weiden. Merville hatte einem Bahnbeamten ſeinen Koffer übergeben mit dem Bemerken, er werde vor Abfahrt des letzten Zuges den⸗ ſelben wieder in Empfang nehmen. Für den Fall daß er heute Abend nicht zurückkehre, fügte er hinzu, werde er ſich am nächſten Morgen einfinden, man möge nur den Koffer bis zu ſeiner Rückkehr aufheben. Nachdem er dieſe Anordnung getroffen hatte, ſchlug er den Weg zum„Heidelberger Faß“ ein. Er hatte dieſes Wirthshaus noch nicht erreicht, als eine in einen langen Mantel gehüllte Geſtalt ſich ihm näherte. Unwillkürlich faßte Merville ſeinen ſpaniſchen Rohrſtock feſter, er blieb ſtehen, mit dem Entſchluß, ſich bis zum letzten Athem⸗ zuge zu vertheidigen, wenn dieſer Unbekannte einen Angriff be⸗ abſichtige. Dieſe Furcht war unnöthig, als der Mann näher kam, erkannte Merville ſeinen Genoſſen. „Danken Sie Gott, daß Sie nicht früher gekommen ſind,“ ſagte Heinrich.„Sie wären verloren geweſen.“ Merville ließ den Stock ſinken. „Was ſoll das heißen?“ fragte er beſtürzt. „Kommen Sie,“ fuhr Heinrich fort,„hier in Deutz ſind Sie nicht mehr ſicher, die Polizei weiß, daß Sie hier ſind, daß Sie heute Abend oder morgen früh abreiſen wollen. Im„Heidelberger Faß“ ſitzen vier Gensdarmen und ein Commiſſeir, ſie ſind beauf⸗ tragt, bei Abgang eines jeden Zuges am Bahnhofe auf Sie zu fahnden, Ihr Signalement hat man—“ „Aber woher wiſſen Sie das Alles?“ unterbrach Merville mit wachſender Beſtürzung ſeinen erregten Begleiter.). „Ich war in der Gaſtſtube, als der Commiſſair mit dem Wirth darüber ſprach. Ein geheimer Agent iſt von London angekommen, er hat Ihre Spur bis hierher verfolgt. Heute Abend ſi e des„König⸗ r den Namen ahel. 1 fer übergeben n Zuges den⸗ ehre, fügte er „, man möge ſchlug et den uls eine in e.. ohrſtock feſter, ten Atheln⸗ n Angrif be⸗ kam, erkannte 228 4 mmen ſind, iind Sik deutz ſind e, — ß Sie ſind, dcf 6 zaidelberget 3 find begif auf Sie A Nleriile nit ſoll in Köln in allen Gaſthöfen Reviſion gehalten werden, man hat damit ſchon um ſieben Uhr begonnen, und es iſt ein Glück für Sie, daß man nicht mit dem Pariſer Hof den Anfang gemacht hat. Ich kann Ihnen nicht ſagen, in welcher Angſt ich Ihretwegen geſchwebt habe, wenn man Sie verhaftet hätte, wäre ich ja auch verloren geweſen. Sie haben doch den Schein und die Briefe mitgebracht?“ Merville hatte ſeine Faſſung ſo ſehr verloren, daß er ſich deſſen, was zwiſchen ihm und Maria verabredet worden war, nicht mehr erinnerte, er glaubte in dieſem Augenblick ſelbſt, die Dokumente zu beſitzen. „Mein Gott, was nun?“ jammerte er.„Ich ſitze in der Falle, jeder Ausweg iſt verſperrt.“ „Nur noch einer iſt offen,“ entgegnete Heinrich.„Nach Köln dürfen Sie nicht zurück—“. „Das liegt auch nicht in meiner Abſicht.“ „Sie müſſen heute Abend den letzten Zug benutzen.“ „Kann ich es?“ „Von hier aus nicht. Sie ſteigen in Mülheim ein. Dort wird man heute auf Sie noch nicht fahnden, morgen dagegen dürften bereits alle Zwiſchenſtationen alarmirt ſein. Man wird heute Abend im Pariſer Hof erfahren, daß Sie Köln verlaſſen haben, man wird Ihnen nachforſchen, Ihre Spur verfolgen und hoffentlich finden, daß ſie hier abgebrochen iſt. Wir gehen un⸗ verzüglich nach Mülheim, wenn wir dort anlangen, warten wir, bis der Zug kommt, dann eilen Sie zum Bahnhofe, nehmen raſch ein Billet und ſteigen ein.“ „Aber mein Gepäck—“ „Wo iſt es?“ „Hier am Bahnhofe.“ „Das iſt fatal. Sie müſſen es im Stich laſſen. Befinden ſich Sachen von Werth darin?“ „Nein.“ „Nun ſo können Sie wohl den Verluſt verſchmerzen.“ „Vielleicht können Sie es mir nachſchicken,“ warf Merville ein, dem trotz der Kälte der Schweiß über die Wangen rann. „Ich werde mich hüten,“ erwiderte Heinrich,„dadurch würde ich mich verdächtig machen. Was haben Sie in dem Koffer?“ „Nur Wäſche und Kleidungsſtücke.“ „Weiter nichts?“ „Nein.“ „Es iſt ein geringer Verluſt, Sie müſſen ſich über ihn hin⸗ weg ſetzen. Kommen Sie.“ „Aber wohin führen Sie mich?“ fragte Merville, der bisher Fünfmalhunderttauſend Thaler. 35 willenlos dem jungen Manne gefolgt war, und jetzt zögernd ſtehen blieb.„Das iſt doch nicht der Weg, der nach Mülheim führt?“ „Allerdings,“ erwiderte Heinrich, deſſen Aufregung einer ruhi⸗ gen Beſonnenheit gewichen war.„Es führen zwei Wege dorthin, der eine, die Landſtraße, iſt zu gefährlich, die Steuerbeamten am Thore und der Poſten vor der Wache könnten uns bemerken und ſich ſpäter unſerer erinnern. Zu dem begegnet man auf dieſer Landſtraße ſehr oft einen Gensdarmen, ſie wird ſcharf bewacht, weil ſie in der jüngſten Zeit durch Straßenräuber unſicher gemacht wurde. Der zweite Weg führt am Rheine entlang durch die Weiden, es iſt ein Fußweg, der wenig begangen wird.“ Merville ſchwieg, er ſah, daß ſein Begleiter den Mantel ab⸗ nahm und über den Arm hing. „Es wird mir zu heiß,“ bemerkte Heinrich, und wir haben noch einen weiten Marſch zu machen.“ „Und wie iſt es mit dem Gelde?“ fragte Merville nach einer Weile. „Ich werde es Ihnen nachher einhändigen. Wir finden in Mülheim Zeit genug dazu.“ Heinrich ſagte das ſo ruhig und beſtimmt, daß Merville die Aufrichtigkeit dieſer Erklärung nicht bezweifeln konnte; er bereute jetzt, die Papiere nicht mitgenommen zu haben, da er ja voraus⸗ ſehen mußte, daß ſein Begleiter ihm ohne dieſe das Geld nicht auszahlen würde. Sollte er ihn an Maria verweiſen? Es war das Einzige, was er thun konnte, er ſelbſt durfte ja nach Köln nicht zurülgehren. Aber das mochte er ihm jetzt noch nicht ſagen, er fürchtete, Heinrich werde, wüthend über dieſes Mißtrauen, ihn ſofort ſeinem Schickſal überlaſſen und gerade jetzt bedurfte er der Hülfe eines Mannes, der ihn auf ſicherem Wege nach Mülheim führen konnte. „Sie haben doch die Dokumente bei ſich?“ fragte Heinrich nach längerem Schweigen. „Ja, ja,“ erwiderte Merville ungeduldig. Die Beiden waren jetzt in dem Weidenbuſch angelangt, welcher ſich auf dem Wege zwiſchen Deutz und Mülheim dicht am Ufer des Rheines befand. Die Nacht war finſter, aber ruhig, man hörte das Plätſchern und Spülen der Wellen des ziemlich hoch angeſchwollenen Stromes. Warf man einen Blick hinüber auf die Kölner Seite, ſo ſah man hie und da ein einzelnes Licht, auf der Deutzer Seite dagegen und namentlich in der einſamen Gegend, in der die Beiden ſich befanden, war Alles dunkel und ſtill. Ein ſchmaler Fußpfad führte durch das Gebüſch; Heinrich ließ ſeinen Begleiter vorangehen. zögernd ſtehen heim führt?“ i einer ruhi⸗ Wege dorthin, gerbeamten am demerken und im auf dieſer ſcharf bewacht, nſicher gemacht ung durch die en Mantel ab⸗ udd wit haben ſille nach einer wir finden in Merxoile die ue; er beteute er ja voraus⸗ das Geld richt r das Einzigk, 4 zurifhehren „er fürctete im ſcfott ſeinen blltine übren konnte⸗ fra gte Heinr Da plötzlich— was war das? Ein dumpfer Schlag— ein Fall——— die Spitzen der ſchlanken Weiden bogen ſich mit Blitzesſchnelle auseinander. Es war das Werk eines kurzen Augenblicks geweſen; in der nächſten Minute vernahm man nur noch das Rauſchen der Wellen. Und gleich darauf— horch— klang es nicht, als ob ein ſchwerer Körper in das Waſſer hinuntergeworfen worden wäre? Das Plätſchern und Rauſchen der Wellen wurde lauter, un⸗ geſtümer, am Ufer zog der Waſſerſpiegel große Kreiſe. Ein Mann ſtand dort und blickte in die Wellen hinunter und als es unten ruhig, ganz ruhig geworden war, hüllte er ſich in ſeinen Mantel und ſchritt raſch von dannen. Er ſchlug den Weg nach Deutz ein, dann wanderte er über die Brücke nach Köln.———— Es war elf Uhr, als Heinrich Schenk in ſein Haus zurückkehrte. Er legte ſeinen Mantel ab und ging in die Wohnſtube, um zu Nacht zu eſſen. Ruhig und ernſt, wie immer, bot er ſeiner Gattin, die noch wachte, guten Abend. Sie fragte ihn nicht, wo er geweſen ſei, es intereſſirte ſie ja nicht, das zu erfahren. Aber wenn ſie ihn aufmerkſam beobachtet hätte, würde ſie be⸗ merkt haben, daß ſeine Ruhe erzwungen war, daß die Hand, welche das Weinglas zum Munde führte, ſo heftig zitterte, daß ein Theil des Inhalts verſchüttet wurde. Bertha ſah es nicht, das Buch, in welchem ſie las, ſchien ihre ganze Puufmerkſamkeit zu feſſeln. „Ich werde morgen nach Paris abreiſen,“ ſagte ſie, nach einer geraumen Weile aufblickend,„wann ich zurückkehre, kann ich noch nicht beſtimmen.“ „Ganz nach Deinem Belieben,“ erwiderte Heinrich gleichgültig. „Lieber wäre es mir freilich, wenn Du auf die Reiſe verzichten wollteſt, ich habe vor, in dieſem Winter große Soireen zu geben.“ „Ihretwegen kann ich mich nicht entſchließen, hier zu bleiben, die Soireen können ja auch ohne mich gegeben werden.“ „Das würde den Leuten Stoff zu Gerüchten—“ „Wir ſtehen über dem Urtheile der öffentlichen Meinung, was kümmert es uns, wie die Leute über uns reden!“ Bertha hatte das Buch geſchloſſen, ſie erhob ſich und rauſchte hinaus. Offenbar hatte ſie die Rückkehr ihres Gatten nur erwartet, um ihm ihre bevorſtehende Abreiſe anzukündigen. Heinrich leerte haſtig das Glas, zündete eine Kerze an und ging hinunter in ſein Kabinet. Er holte ein Portefeuille aus ſeiner Taſche und öffnete es. 1 35* — — ——— ————————— 1—— ſſͤſſ 4 4 — —, ——ͤ — 18 Es enthielt mehrere Papiere, Briefe und Päſſe, einige Bank⸗ noten und verſchiedene Adreßkarten. Der junge Mann entfaltete jedes Papier, ſein Geſicht um⸗ düſterte ſich mehr und mehr, drohend zogen die Falten auf der Stirne ſich zuſammen. Abermals durchſuchte er das Portefeuille, zum dritten Male wühlte er mit fieberhafter Aufregung in den Papieren, während der Schweiß in großen Tropfen ihm vor die Stirne trat. Mit einem entſetzlichen Fluch warf er endlich das Portefeuille auf ſeinen Schreibtiſch. Sein Blick war ſtarr, glaſig, ſeine Lippen bebten, das krampf⸗ hafte Zucken der Geſichtsmuskeln zeugte von der gewaltigen Er⸗ ſchütterung des Nervenſyſtems. „Der Schuft hat mich betrogen,“ murmelte er,„er hatte das Dokument nicht bei ſich! Aber weshalb wäre er denn gekommen? Sollte es ſich in dem Koffer befinden?— Nein. Er hatte keinen Grund, mir zu mißtrauen, er wußte, daß er ohne die Papiere das Geld nicht erhielt.— Und doch— weshalb ſind ſie nicht in dieſem Portefeuille?“ In brütendem Sinnen verſunken, ſtierte der junge Mann lange vor ſich hin, er glich einem Verzweifelnden, der Alles verloren, der ſeine letzte Hoffnung zu Grabe getragen hat. „Bah— weshalb fürchte ich?“ fuhr er endlich in ſeinem Selbſtgeſpräch fort.„Sein Mund iſt ſtumm, er kann nicht mehr erwachen. Und die Papiere? Habe ich denn Urſache, ſie noch zu fürchten? Er war allein, er hatte hier Niemanden, dem er ſie anvertrauen konnte, und ſeine Habſucht würde ihm auch nicht erlaubt haben, ſich von ihnen zu trennen. In ſeinem Koffer waren ſie auch nicht, er würde größeren Werth auf ihn gelegt haben.— Hm, die Sache iſt klar; er hat befürchtet, daß ich ihn ſeines Portefeuille's berauben könne und deshalb die Papiere in eine andere Taſche getragen. Daß ich ſo thöricht war, dieſe Taſchen nicht zu durchſuchen! Aber was thut's? Das Waſſer wird binnen wenigen Stunden die wichtigen Dokumente zerſtört haben; ich kann ruhig ſein.“ So ganz ruhig war Heinrich aber nicht, ſein Blick, der Aus⸗ druck ſeines Geſichts, jede Bewegung, die er machte, verrieth die innere Angſt.— Wenn ihn auch die Ueberzeugung, daß das Waſſer die Schrift⸗ ſtücke zerſtören werde, einigermaßen beruhigte, ſicher fühlte er ſich nicht, ſein böſes Gewiſſen ließ ihm keine Ruhe, es flüſterte ihm mit teufliſchem Hohne zu, das Verbrechen ſei nutzlos verübt, der Zweck nicht erreicht. Lange wanderte der junge Mann in ſeinem Kabinet auf und e einige Bank. a Geſicht um⸗ Falten auf der drtten Male jeren, während ee trat. as Portefeuille das krampf⸗ tigen Er⸗ un ge in. Er hatte er ohne die zhalb ſind ſie — ge Mann lange Alles verloren, lich in ſeinem unn richt mehr ſache, ſie noch — 549— ab, er fand keine Ruhe, ſo viele Gründe er auch für die Thor⸗ heit ſeiner Beſorgniſſe hervorſuchen mochte. Es war nahe an drei Uhr, als er ſich endlich in ſein Schlaf⸗ gemach zurückzog. Am nächſten Morgen zeigte nur der trübe Blick die Spuren der ſchlaflos durchwachten Nacht. Aeußerlich ruhig, ja ſogar heiter ordnete Heinrich im Geſchäft die Beantwortung der eingelaufenen Briefe an; nachdem dies geſchehen war, fuhr er in einer Droſchke aus. Eine halbe Stunde ſpäter trat er in das Bureau des Ober⸗ prokurators. „Man hat mir geſagt, das Gerücht behaupte, mein Aſſocie Peter Paul Scherenberg ſei in der Londoner Irrenanſtalt keines natürlichen Todes geſtorben,“ nahm er das Wort, nachdem er ſich vorgeſtellt hatte.„Was an dieſem Gerücht wahr, oder erlogen iſt, kann ich natürlich nicht wiſſen, aber der Umſtand, daß der Beſitzer jener Irrenanſtalt geflüchtet und ſeitdem ſpurlos ver⸗ ſchwunden iſt, kann jenes Gerücht nur beſtätigen.“ Der Oberprokurator nickte. „Die Londoner Behörde hat die Verfolgung bereits eingeleitet,“ erwiderte er,„auch wir ſind beauftragt, auf den Verbrecher zu fahnden, da man vermuthet, daß er hierher kommen werde, um Sie zu beſuchen.“ Ein forſchender, durchdringender Blick begleitete die letzten Worte, ein Blick, der in die innerſten Tiefen der Seele Heinrichs eindringen zu wollen ſchien. Der junge Mann verlor die Geiſtesgegenwart nicht, er be⸗ gegnete dieſem Blick mit einem Gleichmuth, als ob er es für ein Ding der Unmöglichkeit halte, daß man auf ihn auch nur den leiſeſten Verdacht werfen könne. „Ich habe nichts mehr mit ihm zu ſchaffen,“ ſagte Heinrich ruhig,„ich wüßte alſo auch nicht, was ihn bewegen könnte, mich zu beſuchen. Sein Honorar hat er am erſten eines jeden Monats im Voraus erhalten, mithin kann er keine Anſprüche an mich machen. Aber ich wünſche nichts mehr, als daß er hierher kommen möge, ich würde ihn dann augenblicklich der Polizei überliefern. Es iſt mein Wunſch, daß die Verfolgung auf's Eifrigſte betrieben wird, nicht der albernen Gerüchte wegen, ſondern, um dieſen Verbrecher dem Arme der rächenden Gerechtigkeit zu überliefern.“ „Das iſt auch mein Wunſch,“ verſetzte der Oberprokurator, „indeß glaube ich kaum, daß er in Erfüllung gehen wird. Nach meiner Anſicht hat Mexrville längſt den Continent verlaſſen, er wird eher in Amerika als in Europa zu finden ſein.“ „Glauben Sie?“ ————— ——— 8*„— — „Ganz gewiß!“ „Nichts deſtoweniger ſetze ich für Denjenigen, dem es gelingt, ſich der Perſon dieſes Menſchen zu bemächtigen, eine Belohnung von tauſend Thaler aus, und ich wünſche, die Summe recht bald auszahlen zu können. Ich bitte Sie, das an geeigneter Stelle bekannt zu machen.“ Der Oberprokurator ſagte die Erfüllung dieſer Bitte zu, und Heinrich verließ ihn mit dem Bewußtſein, der Möglichkeit, daß ein Verdacht ihn treffen könne, energiſch und wirkſam vorgebeugt zu haben. Dreiundſiebenzigſtes Kapitel. Die Brüder. Seinem, dem Werkmeiſter Tender gegebenen Verſprechen zufolge, ging Otto zu dem Bankier Schirmer, um von ihm das Kapital zum Ankauf der Fabrik zu erbitten. Er wählte dazu die Stunde, in der Herr Otto Schirmer zu frühſtücken pflegte; mit den Gewohnheiten des alten Herrn ſo ziemlich vertraut, wußte er, daß er ihn alsdann in der Wohnſtube bei ſeiner Tochter und der Tante Thereſe antraf. 25 Er ließ ihm durch die Magd melden, daß er in einer Privat⸗ angelegenheit mit ihm zu reden wünſche und der Bankier, ver⸗ muthend, daß man ihn einer Kollekte wegen in Anſpruch nehmen wolle, ließ ihn eintreten. Tante Thereſe eilte, als ſie den Eintretenden erblickte, ihm freudig überraſcht entgegen, ſie reichte ihm beide Hände zum Gruß und fand kaum Worte, ihre Freude über dieſes unerwartete Wiederſehen auszudrücken. Eugenie erwiderte ſeinen Gruß mit höflicher Freundlichkeit, aber der Blick, der aus ihren tiefblauen Augen ihn traf, ſagte ihm mehr, als Worte es vermocht hätten. Auch der Bankier ließ den Blick mit Wohlgefallen auf dem ſtattlichen Jüngling ruhen. „Ich heiße Sie willkommen in der Heimath,“ ſagte er. „Sie waren lange draußen?“ „Etwas über ein Jahr,“ erwiderte Otto mit einer Beſcheiden⸗ — 551— heit, die einen außerordentlich guten Eindruck auf den alten Herrn em es geling, machte. ne Belohnung„Sie waren in Frankreich und England.“ ame recht hald„Ja.“ agneter Stelle„Und haben, wie ich höre, etwas Tüchtiges gelernt. Na, das 1 iſt die Hauptſache, wer etwas verſteht und fleißig iſt, kann ſchon Bitte zu, und vorwärts kommen. Wie iſt es mit der Erfindung, die Sie machen öglichkeit, daß wollten?“ am vorgebeugt„Sie iſt mir gelungen.“ 1 1„Ah— eine Erfindung von Werth?“ 6„Von ſehr bedeutendem Werth.“ „Da gratulire ich,“ ſagte der Bankier mit herzlicher Wärme, 1„ich wünſche Ihnen von Herzen, daß der Erfolg Ihren Hoffnungen 1 entſprechen möge. Sie wollen ſich nun hier niederlaſſen?“ „Ich weiß das noch nicht,“ erwiderte Otto, der inzwiſchen, 1 el einer ſtummen Einladung des alten Herrn folgend, auf einem . Stuhle Platz genommen hatte,„ich habe vor eine Maſchinenbauerei, 7 oder vielmehr eine Gußſtahlgießerei anzulegen und da ſchwanke 6 ich noch in der Wahl des Ortes.“ 1 „So, ſo— eine Gießerei?“ fragte Schirmer, in deſſen Achtung der junge Mann immer höher zu ſteigen ſchien.„Dazu bedürfen cen zufolge Sie aber einer nicht unbedeutenden Summe.“ Plehe⸗ Kapitl„Freilich,— meine Erſparniſſe werden nicht hinreichen. Aber I s ich denke, es wird ſich ein Kapitaliſt finden, dem meine Ideen Sicherheit bieten; ſobald ich einen definitiven Entſchluß gefaßt 4 habe, werde ich mich deßhalb bemühen.“ 1 Der Bankier hatte die Brille abgenommen, er putzte langſam unnd bedächtig die Gläſer derſelben mit ſeinem ſeidenen Taſchentuch „ Brival⸗ und warf dabei einen verſtohlenen Blick auf den jungen Mann, ¹ einer der ſeine Aufmerkſamkeit mehr der Tochter, als ihrem Vater widmete.— ¹ „ Schirmer zu tten Herrn o der Wohnſtube aenfier, ver⸗—.. Bankier, b„Aber ich vergeſſe ganz, was mich hauptſächlich zu Ihnen ehmen.— gppruch nehm führt,“ fuhr Otto fort.„Sie wiſſen, daß mein Bruder die Fabrik ſeines Schwiegervaters geſchloſſen hat—“ eblit, in„Das iſt mir noch unbekannt.“ 2 inde zum t—„Er hat es gethan und die Arbeiter ſind dadurch brodlos 3 unerwatte geworden. Ich maße mir kein Urtheil darüber an, da ich ja die 4 ület Gründe nicht kenne, die ihn dazu bewogen haben. Der Werk⸗ greundlic t meiſter des verſtorbenen Herrn Liebmann wünſcht die Fabrik zu 4 n traf, ſag 4 übernehmen, er hat bereits einen Kapitaliſten gefunden, der einen . Theil, vielleicht die Hälfte der Summe, dazu hergeben will. Nun ff jallen auf dn habe ich gedacht, ob Sie vielleicht die Güte haben würden, die 4 andere Hälfte auf erſte Hypothek—“ ſagte er⸗„Erlauben, Sie,“ unterbrach Schirmer ihn,„wie hoch iſt der , Kaufpreis?“ iner viſhe 4 „Dreißigtauſend Thaler.“ „Und wer iſt der Kapitaliſt, der fünfzehntauſend Thaler auf zweite Hypothek leihen will?“ „Herr Wacker.“ „Der ehemalige— „Schneidermeiſter,— derſelbe.“ Otto Schirmer ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Wenn er ſo fortfährt, wird er mit ſeinem Gelde ſehr raſch fertig ſein,“ ſagte er mißbilligend. „Er denkt an die Noth der Arbeiter, denen er durch dieſes Darlehn Brod verſchafft,“ entſchuldigte Otto ihn.„Zudem iſt der Werkmeiſter ein ſehr rechtlicher Mann—“ „Kennen Sie ihn?“ „Nein.“ „Ah— Sie gehen auf den Eindruck, den dieſer Mann auf Sie gemacht hat,“ ſagte der Bankier und Otto fühlte den Vor⸗ wurf, der in dieſen Worten log.„Zugegeben, daß er reell und ehrlich iſt, wer bürgt dafür, daß er die nöthige Umſicht und die Kenntniſſe beſitzt, eine ſolche Fabrik ſelbſtſtändig zu leiten? Wer kann wiſſen, ob nicht über Jahr und Tag die Arbeit eingeſtellt werden muß, weil die Gläubiger nicht befriedigt werden können? Was aber dann? Die Fabrik kommt unter den Hammer und der Beſitzer der zweiten Hypothek iſt der letzte, der ſeine Anſprüche geltend machen kann. Was dann für ihn heraus kommt, weiß Niemand.“ Otto mußte zugeben, daß der alte Herr Recht hatte, er ſelbſt hatte darüber ſo weit noch nicht nachgedacht. „Das iſt nun lediglich ſeine Sache,“ fuhr Schirmer nach einer Weile fort,„indeß geſtehe ich Ihnen offenherzig, daß ich keine Luſt habe, die erſte Hypothek zu übernehmen.“ „Aber Sie haben doch Sicherheit genug.“ „Ich gebe das zu und wenn ich ſie nicht zu haben glaubte, ſo würde ich ſie mir zu verſchaffen wiſſen. Aber ich bin Ge⸗ ſchäftsmann, ich kann mit dem Gelde mehr verdienen als fünf 44 Prozent, deshalb leihe ich nicht gerne Kapitalien aus. Wenn Herr Wacker ſich für die Sache ſo ſehr intereſſirt, dann kann ich ihm keinen beſſern Rath geben, als ſelbſt die Fabrik zu übernehmen, wenn er einen tüchtigen kaufmänniſchen Leiter engagirt, ſo—“ „Das hat er auch vor,“ unterbrach Otto ihn, den es ärgerte, daß ſeine Bitte ſo rundweg abgewieſen wurde,„aber ich weiß nicht, ob ich ihm dazu rathen kann. Er verſteht nichrs von der Sache, und es wird ſchwer halten, einen Mann zu finden, dem er die Leitung anvertrauen kann.“ Der Bankier hatte ſich erhoben, für Otto war dies ein Zeichen, daß exr die Unterredung beendet zu ſehen wünſchte. d Thaler auf dde ſehr vaſch r 162 r durch dieſes zudem iſt der r Mann auf lte den Vor⸗ er reell und ſicht und die leiten? Wer t eingeſtellt rden konnen? Hamumer und rne Anſprüche ij Niemand. nte, er ſelbſt ner nach einer daß ich keine —— — 553— „Ich bedaure, die Erfüllung der erſten Bitte, die Sie an mich richten, Ihnen verſagen zu müſſen,“ ſagte er und ſein treuherziger Blick ſöhnte Otto wieder mit ihm aus,„aber, wie ich bereits be⸗ merkte, ich leihe keine Kapitalien aus. Dazu finden ſich Kapitaliſten genug, es bedarf nur einer Annonce, ſo wird der Betreffende mehr Offerten erhalten, wie ihm lieb iſt.“ Ddtto nahm von den Damen Abſchied und folgte dem alten Herrn, der jetzt das Zimmer verließ. „Ein Anderes iſt es, wenn Sie ein Kapital zur Ausbeutung Ihrer Erfindung wünſchen,“ fuhr der Bankier fort, als die Beiden am Fuße der Treppe ſtanden und Otto ſich nun auch von ihm verabſchieden wollte.„Wenn ich Ihr Projekt kenne und daſſelbe praktiſch finde, ſo bin ich gerne bereit, Ihnen unter die Arme zu greifen.“ Freudig überraſcht blickte Otto den alten Herrn an, der ihm lächelnd die Hand bot. „Nehmen Sie meinen herzlichſten Dank für dieſes ſeltene An⸗ erbieten,“ ſagte er,„ob ich auf daſſelbe ſpäter zurückkommen werde, weiß ich jetzt noch nicht, aber nie werde ich dieſe zuvorkommende Freundlichkeit vergeſſen.“ Er wollte ſich entfernen, als er ſich umwandte, ſah er ſich dem Barbier Gabel gegenüber. Der Barbier erkannte den jungen Mann augenblicklich, er hieß ihn mit ſichtbaren Zeichen der Freude willkommen in der Heimath. Da nun der Bankier keine Zeit mehr hatte, und deshalb für heute überſchlagen zu wollen erklärte, ſo verließen die Beiden ge⸗ meinſchaftlich das Haus, und der Barbier ließ es ſich nicht nehmen, den jungen Mann eine Strecke zu begleiten, um mit ihm zu plaudern. Otto nannte ihm den Zweck ſeines Beſuches bei dem Bankier und dies gab dem Barbier Veranlaſſung, das Lob ſeines Freundes Wacker zu ſingen. „Ich habe jetzt alle Hände voll,“ ſagte er,„das Lokal iſt be⸗ reits gemiethet, binnen acht Tagen hoffe ich, meinen Salon er⸗ öffnen zu können. Ich denke, es wird gut gehen, meine bisherigen Kunden haben mir verſprochen, mich unterſtützen zu wollen, und der Gehülfe, den ich geſtern engagirte, ſcheint ſein Fach vortrefflich zu verſtehen.“ „Aber Eins fehlt Ihnen noch, eine Frau!“ erwiderte Otto lächelnd. „Ach ja,“ ſeufzte der Barbier,„ich weiß das ſehr wohl. Aber laſſen wir begrabene Hoffnungen ruhen.“ „Weshalb? Sie ſind noch jung, ein, rüſtiger, thätiger Mann, der ein gutes Einkommen—“ — — — — „Lieber Herr, beſehen Sie meine Naſe. Wenn ich dieſen feuerrothen Paradiesapfel nicht im Geſicht hätte—“ 3„Es gibt häßlichere Männer, die ſchöne Frauen gefunden aben.“ „Ja, ja, aber ich kann nicht einmal eine häßliche finden, die ſich meiner erbarmen möchte.“ „Sie hatten ja früher ein Auge auf Hermine Wacker geworfen,“ ſagte Otto,„wenn Sie über den Schaden, den dieſes Mädchen an ſeiner Ehre erlitten hat, hinwegſehen wollen—“ „Iſt ja Alles ſchon geſchehen,“ unterbrach der Barbier ihn wehmüthig,„ſie will mich nicht.“ „Freilich, ſie iſt jetzt reich geworden.“ Der Barbier blieb ſtehen. „Thun Sie ihr nicht Unrecht,“ ſagte er,„Hermine iſt nicht ſtolz geworden. Im Gegentheil ſie iſt ſeit jenem Fehltritt ganz umgewandelt. Mich wundert das ſelbſt, die Mutter weiß nicht, wie hoch ſie die Naſe tragen ſoll, der Vater, trotz all' ſeinen guten Eigenſchaften, ſpreizt ſich wie ein Pfauhahn, und Hermine bleibt ſchlicht und beſcheiden, ich glaube faſt, ſie ahnt ſchon, daß nach dieſer Zeit eine andere kommen wird, die mit der früheren Ver⸗ gangenheit große Aehnlichkeit hat. Daß ſie mich nicht heirathen will, verdenke ich ihr nicht.— Aber ich muß mich beeilen, meine Kunden warten. Wo wollen Sie hin?“ „Zu meinem Bruder.“ Eine düſtere Wolke breitete ſich über das Geſicht des Barbiers. „Er iſt reich, ſehr reich geworden,“ verſetzte er,„aber mit dieſem Reichthum iſt auch der Hochmuth und die Selbſtſucht in ſein Haus eingezogen. Ich fürchte, Sie werden keinen freund⸗ lichen Empfang bei ihm finden.“ „Ich weiß es.“ „Und dennoch wollen Sie hin?“ „Ja, wäre es auch nur, um ihm zu ſagen, was ich von ihm und ſeinem Reichthum halte“ Der Barbier blickte den jungen Mann forſchend an. „Sie waren in London, haben Sie dort nie den Verſuch ge⸗ macht, den Aſſocie Ihres Bruders zu beſuchen?“ fragte er,„Sie mußten doch wiſſen, daß er ſich dort im Irrenhauſe befand?“ „Man hatte es mir geſchrieben, und ich habe den Verſuch ge⸗ macht, aber—“ „Sie wurden nicht zu ihm gelaſſen?“ „Nein.“ Der Barbier nickte gedankenvoll. „Er iſt todt,“ ſagte ex,„und es laufen unheimliche Gerüchte um über die Behandlung, die ihm in der Anſtalt zu Theil wurde.“ benn ich dieſen auen gefunden he finden, die ℳ oworſon“ acer geworfen,“ es Mädchen an Barbier ihn mmine iſt nict Fehltritt ganz ter weiß nicht ſeinen guten Hermine bleibt don, daß nach früheren Ver⸗ nicht heirathen beeilen, meine des Barbiers. er,„aber mit Salbſtjucht u keinen freund⸗ Otto zuckte die Achſeln. „Ich kann Ihnen darüber nichts ſagen,“ entgegnete er,„welche Gerüchte auch umlaufen mögen, warten Sie die Beſtätigung der⸗ ſelben ab, ehe Sie ein Urtheil fällen.“ Damit entfernte Otto ſich, dem Barbier konnte es nicht ent⸗ haher daß das Thema den jungen Mann unangenehm berührt atte. Weder Bertram Schenk, noch deſſen Gattin wußte, daß Otto den Bruder beſuchen wollte, er hatte es ihnen nicht geſagt, um ſpäteren Fragen vorzubeugen. Er wußte, welcher Empfang ihn erwartete und er ſah ſich darin nicht getäuſcht. Anfangs überraſcht, beſtürzt, dann kalt und ruhig trat Heinrich ihm entgegen. Es war kein freundliches, vielmehr ein recht ſpöttiſches Lächeln, welches ſeine Lippen umſpielte, während in den Augen eine ver⸗ ſteckte Hinterliſt lauerte. „Schon wieder zurück?“ fragte er, und es lag etwas Kaltes, Vornehmes in dem Tone, etwas, was verletzen und kränken mußte. „Wie Du ſiehſt,“ erwiderte Otto, denſelben gemeſſenen, kühlen Ton anſchlagend. „Und Du wirſt jetzt für immer hier bleiben? Vater ſagte mir geſtern, Du beabſichtigeſt, ein Etabliſſement—“ „Projekte!“ fiel Otto dem Bruder in's Wort.„Wann und wo ich ſie verwirklichen werde, kann ich heute noch nicht ſagen.“ „Das heißt, es hängt noch davon ab, wer Dir das nöthige Kapital vorſtrecken wird,“ ſagte Heinrich, indem er dem Bruder einen malitiöſen Blick zu warf.„Vater hat mich darum gebeten, aber ich habe leider—“ „Er hat das ohne und ſogar gegen meinen Willen gethan,“ unterbrach Otto ihn ruhig.„Selbſt, wenn Du das Kapital mir vorſtrecken wollteſt, würde ich es nicht annehmen.“ „In der That nicht?“ „Nein, ich möchte Dir keinen Dank ſchulden. Du wirſt Dich erinnern, was ich Dir in Paris geſagt habe.“ Heinrich hatte dieſes ſtolze, feſte Auftreten nicht erwartet, es ſchien ihm faſt unmöglich, daß ein Menſch, der im Range und in ſeinen Vermögensverhältniſſen ſo tief unter ihm ſtand, es wagen konnte, ſo ſtolz und ſelbſtbewußt aufzutreten. „Du zürnſt mir deshalb und haſt doch nicht das mindeſte Recht dazu,“ entgegnete er.„Als vernünftiger Mann mußt Du den Standpunkt berückſichtigen, den wir Beide einnehmen. Du biſt ein Handwerker* „Freilich und Du ein angeſehener, reicher Kaufmann.“ „Ganz recht und Du wirſt auch wiſſen, daß vor dem Gelde ſich Alles beugen muß. Ich erinnere Dich an die Unterredung, die wir vor Deiner Abreiſe hatten, Du prahlteſt damit, durch die Arbeit könne man ſich zu einer angeſehenen Stellung empor⸗ ſchwingen, Du verwarfſt den Weg, auf welchem ich mir ein Ver⸗ mögen zu erwerben trachtete. Was ſagſt Du nun? Du haſt nichts und wirſt niemals auf einen grünen Zweig kommen, ich dagegen bin ein Mann geworden, der, wenn es ſein muß, über eine halbe Million verfügen kann.“ Stolz und ruhig ſtand Otto dem Bruder gegenüber, nicht den geringſten Eindruck ſchienen die Worte deſſelben auf ihn zu machen. Und doch hatte der Letztere mit Sicherheit darauf gerechnet, durch ſeinen Reichthum dem armen Handwerker imponiren, ihn niederſchmettern zu können. „Auf welchem Wege haſt Du das Geld erworben?“ fragte Otto, dem Bruder feſt in's Auge ſchauend. „Theils durch Spekulation, theils—“ „Halt,— durch Spekulation! Du haſt in Aktien, in Oel und Getreide ſpekulirt?“ „Ja.“ „Wohl!, aber ſicherlich haſt Du nicht bedacht, daß durch dieſe Spekulationsgeſchäfte die Lebensmittel vertheuert werden, daß der Arbeiterſtand es iſt, der mit ſeinem Schweiß und Blut Deine Kaſſen füllt!“ „Bah, was kümmert mich das!“ warf Heinrich achſelzuckend ein.„Die Geſchäfte, welche wir an der Börſe machen, ſind Scheingeſchäfte, es fällt keinem von uns ein, Oel und Getreide in bedeutenden Quantitäten aufzuſpeichern.“ n. „Aber durch dieſe Scheingeſchäfte ſchraubt Ihr die Preiſe immer höher, und der Bauer, der ſein Getreide auf den Markt bringt, richtet ſich nach den Notirungen der Börſe.“ „So„hat er denn den Nutzen davon.“ „Und der Arbeiter?“ „Wenn der Pöbel mit ſeinem Tagelohn nicht ausreicht, zwingt er den Arbeitgeber, ihn zu erhöhen, ſo gleicht Eins das Andere aus.“ „Und ſchließlich werdet Ihr den Sack lappen müſſen,“ ent⸗ gegnete Otto ernſt,„das Volk erkennt mehr und mehr, wo es die Fäulniß der ſocialen Zuſtände zu ſuchen hat. Die Induſtrie iſt es nicht, welche es erdrückt, ſeitdem die Maſchinen die Menſchen⸗ hände erſetzen, hat der Wohlſtand ſich gehoben, aber der Wucher⸗ handel, der Spekulationsſchwindel zehrt an ſeinem Fleiſch und Mark, er mäſtet die großen Herren und ſaugt den Arbeiter aus.“ * mann.“ or dem Gelde e Unterredung, damit, durch ellung empor⸗ mit ein Ver⸗ un? Du haſt kommen, ich ein muß, über über, nicht den auf ihn zu gerechnet, 9 poniren, ihn ben?“ fragte Iß durch dieſe den, daß der Blut Deine achſelzuckend machen, ſind machen, und Getreide die Preiſe en Markt F — Sorh Wieder zuckte Heinrich die Achſeln. „Das ſind Anſichten, deren Vertretung ich gerne denen über⸗ laſſe, die vor Neid berſten möchten, wenn ſie eine Equipage ſehen,“ ſagte er kühl. „Wenn Du glaubſt, ich beneide Dich, ſo biſt Du in einem Jrrthume befangen, den ich mit den Umſtänden entſchuldigen will,“ entgegnete Otto mit ſcharfer Betonung.„Habe ich auch nichts mit heimgebracht, als—“ Er brach ab, er vernahm hinter ſich das Rauſchen eines ſeide⸗ nen Kleides. Alrs er ſich umwandte, ſah er ſich der ſtolzen, ſchönen Gat⸗ tin ſeines Bruders gegenüber.. Nur ein einziger, kurzer Blick traf ihn aus ihren großen dunkeln Augen, es war ein Blick der Geringſchätzung und der Verachtung. Nicht einmal eines Grußes würdigte ſie den Bruder ihres Mannes. „Ich reiſe ab,“ ſagte ſie,„Du wirſt ſo gut ſein und meine Zimmer von Zeit zu Zeit lüften laſſen. Ich habe das zwar unſrer Wirthſchafterin befohlen, aber die Leute ſind ſo ſehr nach⸗ läſſig. Gib auch Acht darauf, daß die Pferde häufig hinaus kommen, wenn Du ſie benutzen willſt, ſteht der engliſche Wagen Dir zur Verfügung, den Pariſer Wagen wünſche ich allein zu benutzen. Adieu, laſſ' dann und wann etwas hören, meine Adreſſe in Paris werde ich Dir mittheilen.“ Verdutzt blickte Otto ſeinen Bruder an, er begriff nicht, daß er zu dieſer Behandlung von Seiten ſeiner Gattin ſchwieg. Heinrich erwiderte den Abſchiedsgruß ebenſo kühl und theil⸗ nahmlos, er gab ſeiner Frau nicht einmal das Geleite bis zur Thüre.* „Wir ſind in dem intereſſanten Thema geſtört worden,“ ſagte er, nicht ohne einen Anflug von Spott, als Bertha das Kabinet verlaſſen hatte,„ich glaube, Du wollteſt mir der liebenswürdigen Worte noch mehr ſagen. Bitte, faſſe Dich kurz, meine Zeit iſt koſtbar.“ „ Ich wollte Dir nur ſagen, daß ich mir wenigſtens ein gutes Gewiſſen bewahrt habe,“ entgegnete Otto, durch den Spott ge⸗ reizt.„Du könnteſt mir Deinen ganzen Reichthum dafür bieten—“ „Ah, Du ſpielſt auf die Gerüchte an, welche der Tod Sche⸗ renberg's veranlaßt hat?“ „Durchaus nicht. Für mich bedarf es keiner Gerüchte, was ich mit meinen eigenen Augen geſehen und mit meinen Ohren gehört habe, genügt mir vollſtändig.“ ——— — 558— Heinrich erſchrack; weniger der Worte, als der Art und Weiſe wegen, in der ſie geſprochen wurden. Sollte Otto mehr wiſſen, als er vermuthen konnte? Mer⸗ ville hatte ihm doch geſagt, der junge Mann habe durchaus nichts erfahren, was ihn beunruhigen könne. Aber Otto trat ſo zuverſichtlich auf, in ſeinem Blick, in ſeiner Miene lag etwas, was der Vermuthung, daß er das Geheim⸗ niß erforſcht haben müſſe, eine Stütze gab. Wenn das der Fall wäre! „Es ſind alberne Gerüchte,“ ſagte Heinrich, ſeine äußere Ruhe bewahrend.„Und ſelbſt, wenn Scherenberg in der Anſtalt nicht die Pflege und Behandlung erfahren hat, auf die er Anſpruch machen durfte, kann mich deshalb eine Schuld treffen? Ich habe, nachdem ich geſtern Abend das Gerücht erfuhr, heute Morgen einen Preis von tauſend Thaler auf die Verhaftung Merville's ausgeſetzt, und ich denke, das muß mich in den Augen der öffent⸗ lichen Meinung von jeder Verleumdung rein waſchen.“ „Wenn Du dieſen Preis ausgeſetzt haſt, ſo wirſt Du die Gewißheit hegen dürfen, daß Niemand ihn gewinnen kann,“ er⸗ widerte Otto, den Bruder ſcharf anſehend.„Die Verhaftung Merville's würde Dir das Zuchthaus öffnen.“ Heinrich zuckte zuſammen, ſo ſehr er fich auch bemühte, ſeine Erregung und innere Angſt zu verbergen, gelang es ihm doch nicht, den Blick des Bruders zu täuſchen, Otto durchſchaute die Maske, ihm graute vor dem, was er hinter ihr entdeckte. „Ich war in jener Anſtalt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während Heinrich ans Fenſter trat und in den Garten hinaus⸗ ſchaute,„ich durchſchaute Deine Pläne und es gelang mir durch Liſt Deinen Genoſſen in die Falle zu locken. Wie ſehr es gelang, ſein Vertrauen mir zu erwerben, magſt Du daraus er⸗ meſſen, daß er ſelbſt mich einen Blick in das Loch werfen ließ, in welchem das unglückliche Opfer Deiner Habſucht langſam ver⸗ hungerte und verfaulte. Hätte ich den Schuft niedergehauen. Leider ließ ich mich von meiner Rückficht auf unſere Familie leiten, leider kam ich am andern Tage zu ſpät, um den Mord zu verhüten.— Du haſt das Alles gewußt, Du haſt den Mörder gedungen—“ „Beweiſe!“ rief Heinrich mit heiſerer Stimme, und Otto erſchrack vor dem verzerrten Antlitz und dem irren, unſtäten Blick des Bruders. Kannſt Du die Beweiſe bringen?“ „Vielleicht könnte ich's, wenn ich ſie ſuchen wollte,“ fuhr Otto mit erſchütterndem Ernſt fort.„Sei ruhig, von mir haſt Du nichts zu befürchten. Nicht Deinetwegen ſchone ich Dich, ſondern unſers braven Vaters wegen, der die Schande an ſeinem Kinde t und Weiſe das Geheim⸗ It hbe, kränll daraus er⸗ — 559— nicht üherleben würde. Ich könnte jetzt Dich zwingen, mein Schweigen zu erkaufen, ich könnte Dir täglich mit dem Zucht⸗ hauſe und dem Schaffot drohen, um Dir etwas von Deinem Ueberfluß abzuzapfen, aber ſelbſt, wenn Du freiwillig es mir an⸗ böteſt, ich mag Dein Sündengeld nicht, an welchem das Blut eines Ermordeten klebt. Willſt Du auch nun noch behaupten, daß zwiſchen mir und Dir eine ſo gewaltige Kluſt ſei? Wohl iſt es eine Kluft, aber in einem andern Sinne und dieſe Kluft vermagſt Du mit allen Schätzen der Erde nicht auszufüllen. Wir ſind fortan geſchieden, verderben will ich Dich nicht, obſchon die Pflicht mir gebietet, Dich dem Richter zu überliefern, aber mein Bruder biſt Du nicht mehr. Hüte Dich vor einem neuen Ver⸗ brechen, jede Rückſicht würde ich fallen laſſen, wenn ich ſehe, daß Du auf dieſer Bahn weiter wanderſt. Jetzt weißt Du genug, und wenn Dein Hochmuth mir gegenüber noch nicht gebrochen iſt, ſo weißt Du doch, daß ich auf Dich mitſammt Deinem Mam⸗ mon und Deinem Hochmuth mit tiefſter Verachtung hinabſehe.“ Betäubt, gleich einem Verurtheilten, der es nicht zu faſſen vermag, daß der Stab über ihn gebrochen iſt, ſtierte Heinrich auf die Thüre, die hinter ſeinem Bruder geräuſchlos in's Schloß ge⸗ fallen war. Das war ein Schlag aus heitrem Himmel, der ihn jäh und unerwartet traf, der das ſo mühſam aufgerichtete, mit Blut ge⸗ kittete Gebäude zu zertrümmern drohte. „Das iſt der Fluch der böſen That, daß ſie, fortſchreitend, Böſes muß gebären!“ Sollte nun auch noch das Blut des Bruders ſeine Hände beflecken?— Heinrich fuhr aus dem ſtarren Entſetzen empor, das Chaos ſeiner Gedanken begann wieder ſich zu ordnen. Otto hatte geſagt, er wolle ihn nicht verderben— wohl, man konnte ja abwarten, ob er dieſes Verſprechen hielt! Und ſelbſt, wenn er es brach, welche Beweiſe hatte er, um die ſchwere Anklage zu begründen? Keine! Merville war todt, die Dokumente vernichtet. Was lag ihm daran, ob ſein Bruder ihn verachtete? Ihm that es keinen Schaden und ſein Anſehn ſank drum um keinen Zoll tiefer. Aber ein glühender Haß gegen den Bruder war in ſeiner Seele erwacht, und dieſer Haß ſollte getilgt warden, ſobald die Gelegenheit dazu ſich ihm bot. 4 1 1 4 3 14 3 1 42 — Vierundſiebenzigſtes Kapitel. Gold und Ehre! Otto hatte ſich kaum entfernt, und Heinrich ſtand eben im Begriff, die unterbrochene Geſchäftsarbeit wieder aufzunehmen, als ein junges, ſchönes Mädchen eintrat, welches ſich als die Tochter des Werkmeiſters Tender vorſtellte. Roſa war keine blendende, aber eine recht üppige Schönheit, eine volle, ſchwellende Knospe, deren Reize den lüſternen Blick feſſeln mußten. Heinrich war für ſolche Reize ſehr empfänglich, wenn man ihm vorwerfen konnte, daß er eine Leidenſchaft habe, der er zu Zeiten unterthan ſei, ſo war es dieſe. Er bereute ſchon im Stillen, dem Werkmeiſter gegenüber ſo ſchroff aufgetreten zu ſein, hätte er gewußt, daß er dieſe ſchöne Tochter beſaß, würde er es nicht gethan haben. „Was wünſchen Sie, ſchönes Kind?“ fragte er mit einer⸗ Höflichkeit, hinter der jeder Erfahrene den Wolf im Schafspelz entdeckt haben würde.„Bitte, nehmen Sie Platz. Womit kann ich dienen? Ich wußte nicht, daß Herr Tender eine erwachſene Tochter beſitzt.“ „Mein Vater ſchickt mich zu Ihnen,“ ſagte Roſa ruhig und es ſchien, als ob die Höflichkeit und Schmeichelei des reichen Herrn nicht den mindeſten Eindruck auf ſie mache. „Oh— wohl der Fabrik wegen?“ fuhr Heinrich, ihr in's Wort fallend, fort.„Hätte er mir geſtern dieſe ſchöne Fürſprecherin geſchickt, würde ich jedenfalls ernſtlich mit mir zu Rathe gegangen ſein, ob es denn nicht möglich ſei, ſeinen Wunſch zu erfüllen. Er wünſcht, ich ſoll die Fabrik wieder eröffnen, das vorhandene Roh⸗ material aufarbeiten zu laſſen—“ „Nichts von alledem,“ erwiderte Roſa,„er beabſichtigt die Fabrik zu kaufen und da läßt er fragen, wann er Sie ſicher zu Hauſe antreffe, damit er mit Ihnen die Angelegenheit in’s Reine bringen könne.“ „Zu kaufen?“ fragte Heinrich erſtaunt, der augenblicklich be⸗ griff, daß dieſe Abſicht ſeinen Plan durchkreuzen mußte.„Ah, das iſt unnöthig,— wenn Sie es wünſchen, mein Fräulein, laſſe ich die Arbeit ſofort für meine Rechnung wieder beginnen?“ — Ehr ip unte emmg des verl mit dem ob Kan Toc nöt Zei ehe Si tiſc übe ern laſ der and eben im zunehmen, als s die Tochter ige Schönheit, ſternen Blick wenn man der er zu gegenüber ſo dieſe ſchöne er mit einer n Soafspelz Womit kann ne erwachſene ſ rohig und michen Herrn ac, ihr ins Järſprecherin kte gegangen erfüllen. andene Ruſ rr-ur nu 561— Roſa blickte überraſcht den reichen Herrn an, eine dunkle Ahnung ſagte ihr, daß dieſer Wunſch ſich nur an den Verluſt ihrer Ehre knüpfen würde. „Wenn ich es wünſche?“ erwiderte ſie betroffen. „Gewiß, mein Fräulein, ein Wunſch von dieſen ſchönen Lippen—“. „Bitte, ſagen Sie mir, wann mein Vater kommen darf,“ unterbrach das Mädchen ihn raſch,„wenn Sie ihn vielleicht jetzt empfangen können, er hat mich hierher begleitet.“ „Sehr gerne,“ entgegnete Heinrich, den die Sprödigkeit des Mädchens einigermaßen verwirrte,„ich bedauere nur, daß—“ Roſa hörte ihn nicht mehr, ſie hatte das Kabinet bereits verlaſſen. „Sollte ſie wirklich ſo tugendhaft ſein?“ fuhr der junge Mann, mit ſich ſelbſt redend, fort.—„üUnſinn, ich werde ſie beſuchen, dem Golde kann die Tugend nicht widerſtehn. Ich will doch ſehen, ob ſie es kann. Sie muß mein werden— koſte es, was es will! Kaufen will er die Fabrike Gut, er ſoll ſie haben, aber ſeine Tochter muß er in den Kauf geben.“ Der Eintritt des Werkmeiſters, den Fritz Wacker begleitete, nöthigte ihn, ſein Selbſtgeſpräch abzubrechen. 4 „Sie wollen die Fabrik kaufen?“ fragte er, noch ehe Tender Zeit fand, ein Wort an ihn zu richten. „Vielmehr ich bin der Mann, der ſie kaufen wird,“ nahm der ehemalige Schneidermeiſter für ſeinen Begleiter das Wort.„Nennen Sie uns Ihre Forderung.“ Heinrich öffnete ein Buch, welches vor ihm auf dem Schreib⸗ tiſche lag und blätterte einen Augenblick in demſelben. „Wollen Sie auch die Geräthſchaften und das Rohmaterial übernehmen?“ fragte er. „Wenn die Fordexung den Werth nicht überſteigt, freilich,“ rwiderte Tender. „Ich habe die Gebäude, wie auch die Geräthſchaften abſchätzen laſſen, die Taxe beträgt achtundzwanzigtauſend dreihundert Thaler.“ „Laſſen Sie die dreihunderr Thaler fallen,“ ſagte Wacker. Heinrich blickte die Beiden eine geraume Weile forſchend an. „Ich weiß bis jetzt noch nicht, wer von Ihnen der Käufer iſt,“ verſetzte er. „Ich,“ erwiderte Wacker.— „Das heißt, Sie geben das Kapital her.“ „Ganz recht.“ „Aber die Fabrik ſelbſt werden Sie Herrn Tender übertragen.“ „Nur die techniſche Leitung.“ „So, ſo, Sie wollen alſo ſelbſt—“ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 1 1 4 1 4 48 3 4⅝ 4 4 8 —— — „Ich werde für eigene Rechnung fabriziren laſſen, meine Mittel erlauben mir das.“. Ein ſarkaſtiſches Lächeln glitt über die Lippen des jungen Mannes. „Dann werden Ihre Mittel Ihnen wohl auch erlauben, die volle Summe zu zahlen,“ meinte er. „Wenn Sie nicht anders wollen—“ „Ich? Es iſt die Erbſchaft meiner Gattin, wenn ich unter dem Preiſe verkaufen will, muß ich zuvor nach Paris ſchreiben und die Erlaubniß der Erbin einholen.“ 3 „Wozu die Umſtände?“ unterbrach Wacker ihn, ſich(ſtolz in die Bruſt werfend.„Ich bin all' mein Leben nicht gewohnt ge⸗ weſen, zu knickern,— ſchließen wir den Handel ab.“ „Wollen Sie nicht vorher die Gebäude anſehn?“ „Unnöthig, Herr Tender kennt ſie, ich kaufe alſo keine Katze im Sack, zumal eine gerichtliche Taxe vorliegt.“ „Aber es wäre doch gut, wenn wir zuvor hingingen,“ meinte der Werkmeiſter. 3 „Nun, wie Sie wollen,“ fuhr Wacker fort.„Wann können wir den notariellen Akt anfertigen?“ „Wann es Ihnen beliebt,“ erwiderte Heinrich.„Nennen Sie mir nur Tag und Stunde, ſo werde ich mich bei dem betreffenden Notar einfinden.— Sie haben ja ſchon eine erwachſene Tochter?“ uhr er, ſich zu dem Werkmeiſter wendend, fort.„Das wußte ich nicht, ſind Sie denn ſchon ſo lange verheirathet?“ „Ich hoffe, im nächſten Jahre die filberne Hochzeit zu feiern,“ ſagte Tender ruhig,„mein älteſter Sohn iſt leider vor einigen Jahren geſtorben.“ „Hm— das thut mir leid— alſo— ja ſo, Sie wollten die Fabrik beſichtigen. Hier ſind die Schlüſſel, Herr Tender weiß ja Beſcheid, haben Sie die Güte, mir ſie nachher zurückzubringen.“ Die Beiden entfernten ſich, Heinrich ſetzte die unterbrochene Arbeit fort.— Nach einer Stunde kehrte Tender zurück. „Herr Wacker wird die Fabrik kaufen,“ ſagte er,„er hat mich gebeten, Ihnen mitzutheilen, daß er ſchon morgen den Kauf notariell abzuſchließen wünſche. „Sehr wohl,“ erwiderte Heinxich,„bitte, ſetzen Sie ſich. Glauben Sie, daß dieſer Herr Wacker bei dieſem Kauf Seide ſpinnen wird?“ Tender blickte befremdet den reichen Herrn an, er konnte ſich nicht erklären, weshalb derſelbe plötzlich ſo herablaſſend mit ihm ſprach. „Ich glaube das nicht,“ fuhr Heinrich fort.„Wacker hat nicht die Kentniſſe, eine ſolche Fabrik zu leiten—“ —, 2 8 — 563— wline Mittel„Er wird dazu einen tüchtigen Kaufmann engagiren.“ „Ganz gut, aber wird dieſer Kaufmann ſein Intereſſe ſo des jungin warm vertreten und ſpo aufmerkſam wahrnehmen; wie wenn es ſein eignes wäre? Sie ſind eben nur der techniſche Leiter, Sie rlauden, die erhalten Ihr Gehalt zund damit Baſta, wenn Sie eine Aenderung, eine Verbeſſerung vokſchlagen, iſt es noch ſehr die Frage, ob man Ihren Rath befolgen wird. Etwas Anderes wäre es, wenn Sie an ich mmter einen Geſellſchaftsvertrag mit dem Käufer der Fabrik machten, crreiben und dergeſtalt, daß Ihnen ein Theil des Reingewinns zufiele, alsdann hätten Sie das Recht, mitzüſprechen, wenn Ihnen irgend etwas ſch ſttlz in nicht geffllt.“ „Dazu wird Herr Wacker ſich ſchwerlich verſtehen,“ entgegnete Tender nachdenklich,„und ich kann das auch nicht verlangen.“ „Reden Sie mit ihm darüber. Wann treffen Sie heute mit keine Katze ihm zuſammen?“ „Er hat mich auf heute Abend eingeladen.“ „Sie allein?“ en, menn Dem Werrkmeiſter entging der lauernde Blick des reichen Herrn, unn können aber auch wenn er ihn bemerkt hatte, würde er ſchwerlich den W Zweck desſelben durchſchaut haben, der Gedanke, daß dieſer ſtolze danen Sir Mann Abſichten auf Roſa haben könne, mußte ihm ja fern liegen. ceffeenden„Meine Frau und mich,“ erwiderte er. 1Tadter 2„So, ſo— na, dann ſpielen Sie einmal darauf an. Wären 29 uußt Sie minder eilig geweſen, ſo würde ich Ihnen vielleicht einen Das Vorſchlag gemgcht haben— aber dazu iſt es nun wohl zu ſpät. 1, Verſuchen Sie, ob et Ihnen gelingt, auf meinen Beiſtand dürfen t zu fun Sie vertrauen.“ t emige Der Werkmeiſter entfernte ſich gedankenvoll; der Rath des d de reichen Herrn gefiel ihm, aber er konnte ſich auch nicht verhehlen, wollten daß Wacker auf dieſen Vorſchlag nicht eingehen werde. Tader weiß Heinrich aber hatte ſeinen Zweck erreicht, er wußte, daß er tzubringen. an dieſem Abend Moſa allein zu Hauſe traf, die Gelegenheit nterbrochene wollte er benutzen. Kaum hatte das Geſchäftsperſonal ſich entfernt, als Heinrich üat Schenk ebenfalls ſein Haus verließ. r,„et Ht Er trat in den Laden eines Juweliers und kaufte ein werth⸗ a den Kalf volles Armband, welches er ſofort baar bezahlte, dann ſchlug er . den Weg zu dem Stadtviertel ein, in welchem der Werkmeiſter Sie ſch wohnte. 5 aaif Sede Dieſe Wohnung lag in einer engen, dunklen Straße, ſie be⸗ . fand ſich im dritten Stockwerk eines großen, kaſernenartig gebau⸗ 1 „₰ ſih rich ten Hauſes und beſtand aus drei Stuben, die zwar ärmlich, aber M n ſprac⸗ ſehr ſauber eingerichtet waren. BSatt 5 Als Heinrich eintrat, fand er Roſa mit einer Handarbeit em⸗ 36* — ———— ——-——⁴ſ—— —— , — —— — 564— ſig beſchäftigt. Sie war allein, ihre Geſchwiſter waren ſchon zur Ruhe gegangen. Ueberraſcht erhob ſie ſich, und ihre Ueberraſchung wuchs, als ſie den jungen, reichen Herrn erkannte. 5 „Laſſen Sie ſich nicht ſtören,“ ſagte Heinrich, einen freund⸗ lichen zutraulichen Ton anſchlagend,„ich möchte einige Worte mit Ihrem Vater reden.— Ah, er iſt ausgegangen,“ fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten, während er raſch den Mantel abwarf und einen Stuhl an den Tiſch rückte,„das thut mir leid, indeß, ich kann Ihnen ja auch ſagen, was mich hierherführt. Der Zweck meines Beſuches betrifft ja eigentlich Sie.“ Das Mädchen ließ die Nadel ruhen, verwirrt, befremdet blickte ſie den reichen Herrn an, in deſſen Nähe es ihr ſchon jetzt un⸗ heimlich wurde. „Ich wüßte nicht, welches Intereſſe Sie an mir nehmen könnten,“ ſagte ſie perlegen,„da thun Sie doch beſſer, wenn Sie morgen— oder wenn mein Vater morgen zu Ihnen kommt—“ „So hören Sie mich wenigſtens an,“ unterbrach Heinrich ſie freundlich,„Sie haben doch auch eine Stimme im Familienrath. Ich weiß, Sie arbeiten unermüdlich, um Ihren Theil zur Beſtrei⸗ tung des Haushalts beizutragen, aber dieſe Arbeit wird Ihre Ge⸗ ſundheit untergraben. Zudem bleibt Ihnen kein freier Nach⸗ mittag, um das Leben zu genießen, deſſen Freuden Sie niemals kennen lernen.“ „Ich ſehne mich durchans nicht darnach,“ entgegnete Roſa, deren Unruhe mehr und mehr zunahm. „Weil Sie ſie nicht kennen, mein Fräulein. Doch, das iſt Ihre Sache, mich dauert es nur, daß der Lebensfrühling Ihnen keine Blüthen bietet.“ „Kommen Sie zur Sache, Herr Schenk, wenn ich bitten darf—“ „Sehr gerne. Alſo, wären Sie geneigt, den Poſten einer Haushälterin anzunehmen? Verſtehen Sie mich recht, ſchönes Kind, ich würde Ihnen in meinem Hauſe eine durchaus ſelbſtſtän⸗ dige Stellung anweiſen, Sie würden über das geſammte Geſinde die Oberaufſicht führen, die Schlüſſel zu den Leinwand⸗ und Sil⸗ berſchränken haben und—“ „Aber Ihre Frau Gemahlin,“ warf Roſa überraſcht über dieſes unerwartete Anerbieten ein. „Weilt gegenwärtig in Paris.“ „Sie wird zurückkehren.“ „In den erſten Monaten nicht. Und ſelbſt wenn ſie zurück⸗ kehrt, wird ſie Ihnen nichts in den Weg legen, ſie kümmert ſich um das Hausweſen nicht.“ mir nehmen r, wenn Sie kommt— Heinrich ſie mmillienrath. am — 565— Das Anerbieten war verlockend, Roſa hatte ſchon längſt im Stillen den Wunſch gehegt, einmal in die Welt hinaustreten zu dürfen. „Ich würde Ihnen jährlich ein Gehalt von hundertundfünfzig Thaler zahlen,“ fuhr Heinrich fort, dem der günſtige Eindruck ſeiner Worte nicht entging,„abgeſehen von den Geſchenken.“ Hundertundfünfzig Thaler! So viel konnte Roſa mit ihren Handarbeiten nicht verdienen. „Je nachdem die Verhältniſſe ſich geſtalten, würde ich mich ſogar dazu verſtehen, Ihrem Vater eine beſſere, ſelbſtſtändigere Stellung zu verſchaffen, und wenn Sie ſpäter heirathen wollen, ſoll's an einer vortrefflichen Ausſteuer von meiner Seite nicht fehlen.“ „Aber iſt denn das wirklich Ihr Ernſt?“ fragte Roſa, die für ihre Ueberraſchung kaum Worte finden konnte. „Mein voller Ernſt.“ „Und dafür hätte ich weiter nichts zu thun, als—“ „Die Aufſicht über das Dienſtperſonal zu führen.“ „Ich fürchte, ich bin zu jung dazu.“ „Dieſe Furcht iſt unbegründet, mein Fräulein, wer ſich Ihren Anordnungen nicht fügen will, wird entlaſſen. Sie ſind die Herrin in meinem Hauſe, auch dann, wenn meine Frau zurückgekehrt iſt, und ich will Niemanden rathen, an Ihrer Autorität zu rütteln.“ In Nachdenken verſunken blickte Roſa ſchweigend auf die Stickerei, die vor ihr lag. Mit ihrem frommen Gemüth und ihrer reinen tugendhaften Seele ſah ſie den Abgrund nicht, an den dieſer reiche, ſelbſtſüchtige Mann ſie führen wollte. „Aber werden die Leute nicht darüber ſprechen, wenn ich, das arme Mädchen aus dem Volke, ſo plötzlich zu dieſem Vertrauens⸗ poſten erhoben werde?“ fragte ſie. „Mögen die Leute reden, was kümmert es uns!“ entgegnete Heinrich achſelzuckend.„Neid und Mißgunſt werden allerdings mit ihrer giftigen Zunge über Sie herfallen, wenn Sie einmal Sammt und Seide tragen, aber—“ „Sammt und Seide?“ unterbrach Roſa ihn raſch.„Das würde ich nie thun, ich würde ſchlicht und beſcheiden bleiben, wie bisher.“ Heinrich lächelte ironiſch; er holte das Etui aus ſeiner Taſche, öffnete es und ſtellte es auf die Stickerei. „Ich bitte, nehmen Sie dieſes kleine Geſchenk,“ ſagte er,„es möge Ihnen beweiſen, wie glücklich es mich macht, meinen Vor⸗ ſchlag angenommen zu ſehen.“ Beſtürzt blickte Roſa bald das funkelnde Armband, bald den reichen Herrn an. . —— — —= 8 — 566— Sah ſie denn nicht in ſeinem Blick, in ſeiner Miene die un⸗ lautere Leidenſchaft, die ihn beſeelte? Fand ſie denn nicht in dem Lächeln, welches ſeine Lippen umſpielte, den Zug der Wolluſt, welche allein die Triebfeder dieſer Freigebigkeit war? Etwas davon mußte ſie wohl bemerken, denn eine düſtere Wolke breitete ſich über ihr ſchönes Antlitz. Gedankenvoll nahm ſie ohne eine beſtimmte Abſicht das Arm⸗ band aus dem Etui, um es zu betrachten. „Das darf ich nicht annehmen,“ ſagte ſie,„ich habe nichts gethan, um ein ſolches Geſchenk zu verdienen.“ Heinrich hatte ſeinen Stuhl zur Seite gerückt, er ſaß jetzt neben dem Mädchen, ſein heißer Athem ſtreifte ihre Wange. „Betrachten Sie es als eine Abſchlagszahlung auf die Ge⸗ ſchenke, die ich Ihnen ſpäter machen werde,“ flüſterte er. „Was würden meine Eltern dazu ſagen?“ „Müſſen ſie es denn erfahren?“ „Ich habe vor ihnen keine Geheimniſſe.“ Heinrich ſah das Mädchen zögern, ſchwanken, er glaubte, das Spiel ſchon gewonnen zu haben. Er ſchlang ſeinen Arm um ihre Taille und verſuchte, ſie an ſich zu drücken. Jetzt ward dem Mädchen Alles klar. Wie Schuppen fiel es ihr von den Augen, ſie durchſchaute die Abſicht des reichen Wüſtlings und ihre Achtung vor ihm verwandelte ſich in Abſcheu und Entſetzen. Haſtig erhob ſie ſich, das Armband rollte hinunter und fiel klirrend auf den Fußboden. „Mein Herr, jetzt weiß ich, was ich von Ihrem Anerbieten zu halten habe,“ ſagte ſie mit bebender Stimme, während ihr zornglühender Blick den jungen Mann durchbohren zu wollen ſchien,„das alſo war Ihre Abſicht? Dafür ſollte ich das be⸗ deutende Gehalt und die Geſchenke empfangen? Ah— Sie haben geglaubt, mit dem armen Mädchen leichtes Spiel zu haben, Sie dachten, dem Glanze Ihres Goldes könne meine Armuth nicht widerſtehen. Sie haben ſich geirrt, meine Ehre iſt mir lieber, als Ihre Schätze!“ „Aber ich bitte Sie,“ unterbrach Heinrich ſie, beſtürzt über dieſes leidenſchaftliche Aufwallen.„Sie werden doch eines Scherzes wegen—“ „Ich weiß, was man von ſolchen Scherzen zu halten hat!“ fuhr Roſa mit ſteigender Entrüſtung fort.„Wenn ich auch in dieſer Beziehung, Gottlob, noch keine Erfahrungen gemacht habe, ſo viel weiß ich doch— „Was geht hier vor?“ fragte in dieſem Augenblick eine tiefe männliche Stimme. — 567— diene die un⸗ Heinrich blickte ſich um, auf der Schwelle des Zimmers ſtand nicht in den der Werkmeiſter, den die Abſicht, einige auf die Fabrik bezügliche der Wolluſt, Liſten zu holen, um ſie ſeinem neuen Prinzipal vorzulegen, heim⸗ geführt hatte. änne düſtere Mit wenigen Worten theilte Roſa ihm das Vorgefallene mit, das Armband, welches noch auf dem Boden lag, beſtätigte ihre dt das Arm⸗ Mittheilungen genügend. „Fräulein Roſa ſchiebt meinem Anerbieten Abſichten unter, habe nichts aaan die ich im Traume nicht gedacht habe,“ ſagte Heinrich mit frecher Stirne,„ich halte noch immer meinen Vorſchlag aufrecht, ihr eigener Schaden iſt es, wenn ſie ihn nicht annimmt.“ Mühſam bezwang der Werkmeiſter ſeine gewaltige Aufregung. „Suchen Sie ſich nicht zu entſchuldigen,“ erwiderte er,„dieſes Armband ſtraft jede Entſchuldigung Lüge. Reden Sie kein Wort mehr, das Blut kocht in meinen Adern, ich würde vielleicht ſpäter bedauern—“ „Sie drohen mir?“ fiel Heinrich ihm höhnend in's Wort. „Bedenken Sie, vor wem Sie ſtehen, ich habe die Macht, Sie zu vernichten, Sie ſammt Ihrer Familie. Wer ſind Sie denn? 5 Ein Bettler, ein Tagelöhner, der wahrlich keine Berechtigung hat, u, auf ſeine Ehre ſo ſehr zu pochen.“ nill es ihr Das war zu viel, der Werkmeiſter hatte in ſeinem bewegten 6 mfän 68 Leben gelernt, manches Unrecht ſchweigend zu ertragen, aber ſeine en Wü 6 Ehre hielt er hoch, Niemand durſfte ſie antaſten. Entesn Bebend vor Wuth ſtand er dem jungen Manne gegenüber, und ſein Blick mußte dieſem deutlich ſagen, was in der Seele des ſo tief gekränkten Mannes vorging, aber Heinrich glaubte 1 Anerbiat⸗ nicht, daß ein ſolcher Menſch, ein Wurm, den er zertreten konnte, wätrend ihr den Muth haben ſollte, ſeine Ehre zu vertheidigen. zu wollen„Und was wäre es denn ſo Ungeheures, wenn ich wirklich c da⸗ b den Vorſatz gehegt hätte, Eure Tochter zu meiner Geliebten zu Sil haben erheben?“ fuhr er mit ſchneidendem Hohn fort.„Mußten Sie daben, Sie ſich nicht geehrt dadurch fühlen? Fräulein Roſa würde für jeden Lrmuth nit ihrer Wünſche Befriedigung gefunden haben und wenn ſie ſpäter mir lieber heirathen wollte, ſo hätte ich ihr eine Ausſteuer gegeben, wie Sie * ſie niemals Ihrer Tochter geben können.“ ſtürzt über Roſa hatte ſich raſch dem Vater genähert, daß er dieſen nes Scherzes Schimpf nicht ſchweigend hinnehmen durfte, fühlte ſie ſelbſt, aber 3 9 ſie fürchtete, daß der Ausbruch ſeiner Wuth alle ſeine Wünſche zalten hat! und Hoffnungen vernichten könne. c auch il Sie wollte dieſen Ausbruch verhindern, aber es war ſchon mahft hobe, zu ſpät. . Ohne ein Wort zu erwidern, hatte der Werkmeiſter den Arm ige tieft des jungen Herrn umfaßt, er hielt ihn ſo feſt, ſo heftig umklam⸗ 68— mert, daß Heinrich auf die Zähne beißen mußte, um den Schmerz zu überwinden. „Wer mir das in meinem eigenen Hauſe und im Beiſein meines Kindes ſagen kann, der iſt ein niederträchtiger Schurke und wäre er auch der Erſte im ganzen Staate,“ knirſchte er. „Mit einem ſolchen Lump mache ich kurzen Prozeß!“ Gewaltſam ſchleppte er ihn hinaus und was hier auf dem Gange vorfiel, konnte Roſa nur ahnen; ſie ſah es nicht, denn draußen herrſchte eine dichte Finſterniß, aber ſie hörte zweimal ein Schallen, wie wenn eine nervige Manneshand mit der Wange eines Andern in innige Berührung kommt und dann ein Poltern und Lärmen, als ob einer der Beiden die Treppe hinunterge⸗ fallen ſei. 3 Gleich darauf trat der Werkmeiſter wieder in die Stube. Er war blaß, ſein Haar und ſeine Kleidung in Unordnung und er zitterte ſo heftig, daß er ſich hinſetzen mußte, weil die Kniee unter ihm zu brechen drohten. „Mein Gott, was haſt Du gethan?“ fragte Roſa beſorgt. „Du hätteſt Dich nicht ſo ſehr hinreißen laſſen ſollen—“ 3„Ich habe den Buben gezüächtigt,“ fiel Tender ihr in's Wort, während er die naſſe Stirne trocknete,„er wird nun wiſſen, daß der Arme ungeſtraft ſeine Ehre nicht angreifen läßt.“ „Aber die Fabrik, er wird—“ „Bah— ich hege keine Beſorgniſſe deshalb. Ich kenne dieſen Menſchenſchlag, habe oft genug mit ihm zu zhun gehabt. Er wird das Maul halten, Zeugen hat er ohnehin nicht, um ſich rächen zu können. Er wird fürchten, ich könne den ihm widerfahrenen Schimpf weiter erzählen und deshalb—“ „Ich dagegen fürchte, er wird jetzt Schwierigkeiten machen, den Preis erhöhen—“ „Das kann er nicht.“ „Oder von dem Verkauf nichts mehr wiſſen wollen.“ „Herr Wacker hat zugeſchlagen, wir würden ihn auf einen Eid fordern.“ Der Werrkmeiſter erhob ſich. „Wir wollen einſtweilen über das Vorgefallene ſchweigen,“ fuhr er fort,„die Mutter würde ſich beunruhigen, zudem iſt es auch beſſer, wenn's nicht unter die Leute kommt, ſie nehmen in ſolchen Fällen zu gerne für den Reichen Parthei. Schließ' die Thüre zu und hänge keinen Beſorgniſſen weiter nach, die Sache iſt nicht ſo ſchlimm, wie ſie ſich anſieht.“ Er holte die Papiere, derentwegen er gekommen war und ging hinaus, nachdem er zuvor nochmals ſeine Tochter über die Folgen beruhigt hatte. den Schmerz d im Beiſein tiger Schurke inirichte er. ier auf dem nicht, denn zweimal ein t der Wange ein Poltern e dinunterge⸗ Stube. 1 Unordnung te, weil die — Heinrich kehrte mit einem glühenden Haß gegen den Werk⸗ meiſter in der Seele heim. Er begriff nicht, daß dieſer Mann ſo verwegen geweſen war, ſich an ſeiner Perſon zu vergreifen, er wollte es für einen Traum halten, und doch konnte er die Wirklichkeit nicht bezweifeln. Auch er dachte im erſten Augenblick daran, ſich dadurch zu rächen, daß er den Verkauf der Fabrik verweigerte, aber nach kurzem Ueberlegen ſah er ein, daß das der richtige Weg nicht war. Er mußte in dieſem Falle erwarten, daß Tender ſich öffentlich rühmte, den reichen Wüſtling geohrfeigt zu haben, der Schande durfte er ſich nicht ausſetzen. Es gab ja Wege genug, den Werkmeiſter zu verderben, man mußte nur Geduld haben, und wenn der ehemalige Schneider⸗ meiſter Wacker dabei mit zu Grunde ging,— was lag daran! Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. Im tiefen Schacht. Otto und deſſen Schweſter traten am nächſten Morgen in der Frühe ihre Reiſe nach Eſſen an, um Nikolas zu beſuchen, der von dieſem angenehmen, unerwarteten Beſuch keine Ahnung hatte. Und als ſie ſpät am Abend ankamen und den Freund in ſeiner Werkſtätte überraſchten, wollte dieſer ſeinen Augen nicht trauen, er wußte nicht beſſer, als daß Otto ſich noch in London bei Harriſon befand. Die Freude über dieſes Wiederſehen war auf beiden Seiten groß, wenn auch die vorhergegangene Trennung nur kurz ge⸗ weſen war. Nikolas begleitete die Beiden in den Gaſthof, in welchem ſie abgeſtiegen waren und hier, bei einer Flaſche Wein, thauten Mund und Herz raſch auf. Nikolas war mit ſeiner Stellung ſehr zufrieden, man hatte— ihm Ausſicht gemacht, daß er binnen Kurzem in ſeinem Ein⸗ kommen ſich verbeſſern werde; geſchah dies, ſo konnte er den eignen Herd gründen. „Wenn nur meine Mutter uns keinen Stein in den Weg legt,“ wandte Helene beſorgt ein. —J—ͤööſ — 3—.— ☛ 1 1 — —— — 570— „Die alte Frau wird nachgeben, wenn ſie ſieht, daß ſie es nicht ändern kann,“ entgegnete Otto ruhig,„dafür laß nur mich und den Vater ſorgen.“ „Ihr werdet einen ſchweren Stand haben,“ ſagte Nikolas be⸗ denklich,„die Frau hat ſich einmal in den Kopf geſetzt, ihr Töchterchen müſſe einen Mann haben, der mit ihrem Sohne Heinrich im Range gleich ſtehe. Du lieber Gott, es kann doch nicht Jeder ein reicher Kaufmann ſein!“ „Geduld,“ ermuthigte Otto,„kommt Zeit, kommt Rath, wer ſtandhaft ausharrt, erreicht ſtets ſein Ziel.“ Im Laufe des Geſpräches äußerte Otto den Wunſch, das Bergwerk zu ſehen, er war noch nie in einen Schacht hinab⸗ geſtiegen. Nikolas erklärte ſich bereit, dieſen Wunſch am nächſten Tage zu erfüllen, er forderte auch Helene auf, die Gelegenheit zu be⸗ nutzen, aber als am andern Morgen das Mädchen vor dem dunklen Schacht ſtand, konnte es ſeine Furcht vor dieſer Fahrt in die Unterwelt nicht überwinden. Die beiden Freunde zogen den Grubenkittel an und ſtiegen, begleitet von einem Bergmanne mit ſilbergrauen Haaren, in den Korb, in welchem ſie hinuntergelaſſen werden ſollten. Tiefe Nacht umgab ſie, der matte Schimmer der Gruben⸗ lichter vermochte die Finſterniß nicht zu durchdringen. Der Bergmann machte Otto während der Fahrt auf die verſchiedenen Vorrichtungen aufmerkſam, er unterrichtete ihn über den Zweck dieſer und jener Maſchinerie, und als nun der junge Mann ſein Erſtaunen und ſeine Bewunderung über das nach ſeiner Anſicht vortrefflich angelegte Werk äußerte, überraſchte es ihn, daß der Bergmann in dieſes Lob nicht einſtimmte. „Die Leiter dieſes Werkes müſſen tüchtige, erfahrene Fach⸗ männer ſein,“ ſagte er,„aber ſie allein können nicht Alles thun, ein ſolches Werk erfordert ein exactes Ineinandergreifen aller, auch der kleinſten Kräfte.“ „Gewiß,“ erwiderte der Bergmann,„und ich verſichere Sie, dieſe Grube würde bedeutend mehr abwerfen, wenn die Herren an der Spitze öfter hierher kommen und ſich etwas mehr um die Leitung des Ganzen bekümmern wollten.“ Darin lag ein harter Vorwurf, und dieſer Vorwurf mußte gerecht ſein, denn der Bergmann ſprach ihn mit einer Sicherheit aus, die einen überzeugenden Eindruck machte. Aber allen Fragen wich er aus, eine beſtimmte Erklärung wollte er nicht geben. Man war in dem Hauptſtollen angekommen, überall ſah Otto die Bergleute beſchäftigt.„ dt, daß ſie es laß nur nich e Nikolas be⸗ ej geſetzt, ihr ihrem Sohne es kann doch mt Rath, wer Wunſch, das Schacht hinab⸗ nächſten Tage — 571— Es war ein recht lebendiges, buntes Leben, aber auch eine ſchwere, mühſame Arbeit. Auf den Knien, auf dem Rücken lagen die Hauer ſtundenlang an dem Geſtein pochend, während Andere die Karren beluden und wieder Andere dieſe ſchweren Karren fortſchafften bis zum Ausgang des Schachtes, wo die Maſchine ſie hinaufwand. Ueberall empfing ein herzliches„Glückauf“ den Fremden, der zu ihnen hinuntergekommen war, heiter und raſtlos arbeiteten die kräftigen Männer weiter, wenn Otto vorbeigeſchritten war. Der alte Bergmann nickte wohlgefällig, als Otto ſich über den Fleiß, den Muth und die Heiterkeit der Leute lobend aus⸗ drückte. „Sie finden in wenigen Ständen ſo viel Eintracht, Liebe und Herzlichkeit, wie in unſerm,“ ſagte er,„das thut die gemein⸗ ſame Gefahr, der wir ſtündlich ausgeſetzt ſind. Sie verbindet uns eng, wer gewohnt iſt, täglich dem Tode in's Auge ſchauen zu müſſen, der begeht ſelten etwas, was ihn ſpäter gereuen könnte. Natürlich keine Regel ohne Ausnahme, wir haben in unſerm Stande auch manchen rüden Geſellen, gewiß, aber er wird in der Gewerkſchaft nicht lange geduldet, ſobald eine Ge⸗ legenheit ſich bietet, ihn zu entfernen, wird ſie benutzt.“ „Und bei dieſer ſteten Gefahr wundert mich die heitere Ge⸗ müthsſtimmung um ſo mehr,“ erwiderte Otto,„ich fände es natürlicher, wenn die Leute ernſt und ſchweigſam wären.“ „Durchaus nicht,“ fuhr der alte Mann fort,„liebt nicht auch der Soldat, ſingend in den Kugelregen hineinzumarſchiren? Dann auch bedenken Sie, daß der Bergmann ein Freund der Natur ſein muß, wenn er ein tüchtiger Bergmann werden will. Dieſe ſtete Beſchäftigung mit den Gebilden der Schöpfung—“ Er brach ab, ein dumpfes, donnerähnliches Krachen hatte ſich plötzlich in der Ferne vernehmen laſſen. „Was war das?“ fragte Nikolas beſtürzt. Aufhorchend ſtand der Bergmann da, ernſte Beſorgniſſe ſpiegelten ſich in ſeinem biedern Geſicht. Das Krachen und Rollen wiederholte ſich, jetzt lauter wie uvor. 4„Mein Gott, wir ſind verloren,“ ſagte der alte Mann ent⸗ ſetzt.„Kommen Sie, folgen Sie mir ohne Zögern.“ Beſtürzt folgten die beiden Freunde dem Bergmann, der mit fieberhafter Haſt voranſchritt und ſie nach kurzer Wanderung auf⸗ forderte, ſtehen zu bleiben. Von allen Seiten eilten die Bergleute mit ihren Grubenlichtern herbei, und in dem Geſicht eines Jeden konnte man den Ausdruck des Entſetzens finden. — — 4 —y ,“ — — — 272— „Der Hauptſchacht iſt eingeſtürzt,“ ſagte einer von ihnen, „wir ſind verſchüttet.“ „Weiß denn Niemand, ob die Waſſermaſchine noch arbeitet?“ fragte der Alte. „Sie arbeitet noch,“ erwiderte ein Anderer,„gebe Gott, daß ſie nicht beſcädigt worden iſt.“ „Wäre das der Fall, ſo könnten wir uns Alle auf den Tod gefaßt machen,“ ſagte Nikolas,„die Gewäſſer würden durchbrechen und—“ „Wer weiß, ob wir nicht ohnehin dem Tode verfallen ſind,“ unterbrach ein Bergmann ihn mit dumpfer Stimme.„Iſt der Schacht eingeſtürzt, wer kann uns befreien?“ „Drum hinaufgeſchaut und auf Gott vertraut,“ entgegnete der alte Mann mit ergreifendem Ernſt,„unſer Aller Leben liegt ja in ſeiner Hand.“ Otto hatte noch immer keine Ahnung von dem Unglück in ſeinem ganzen Umfange, erſt, als einige Arbeiter hinausgegangen waren, um ſich Gewißheit zu verſchaffen und dieſe nun mit der Nachricht zurückkehrten, der Schacht ſei vollſtändig eingeſtürzt und ſchwere, dichte Maſſen verſperrten den Ausweg, als ſie hinzu⸗ fügten, daß einige ihrer Kameraden zerſchmettert worden ſeien von dem herabſtürzenden Geſtein, da begriff er, daß nur ein Wunder ſie vom Tode erretten konnte. Der alte Bergmann, der das Amt eines Steigers verſah, fragte, wie viele verſammelt ſeien, ihrer waren vierundzwanzig. „Sämmtliche Grubenlichter bis auf zwei werden ausgelöſcht,“ befahl er,„wir müſſen dafür ſorgen, daß wir Licht haben, ſo lange noch Einer von uns lebt. Wer hat Nahrungsmittel?“ Es fand ſich, daß Jeder noch etwas hatte, der Steiger nahm den kleinen Vorrath in Empfang, um ihn ſpäter in Rationen zu vertheilen. Die vielen Perſonen ware auf einen engbegrenzten, kleinen Raum angewieſen; es blieb ihnen nichts übrig, als ſich hinzu⸗ lagern und in Geduld abzuwarten, ob von Außen ihnen Hülfe gebracht werden konnte. Sie alle hätten gerne gearbeitet, um das Rettungswerk zu fördern, aber dieſe Arbeit wäre nutzlos geweſen, da Niemand wiſſen konnte, wo man draußen dieſes Rettungswerk begann. „In Gottes Namen,“ ſagte der Steiger,„laßt uns auf ihn vertrauen, in ſeinen Willen müſſen wir u s fügen.“ Die Mehrzahl der Verſchütteten faltete die Hände und betete, Einige weinten wie die Kinder, einige Wenige dagegen blickten finſter, zornig. jet ¹ „Das haben wir davon!“ nahm einer von den Letzteren nach — 576 en ihnen. einer langen Weile des Schweigens das Wort.„Wie oft iſt es ſchon ausgeſprochen worden, daß von der Verwaltung nichts geſchehe! G arbeitet⸗ Jeder hat geſehen, daß die Stützen mit der Zeit zu ſchwach gewor⸗ dden waren, daß andere, beſſere Maſchinen angeſchafft werden Hott, da mußten, daß—“ „Und was hilft es uns, ob wir jetzt raiſonniren?“ fiel der if d T Steiger ihm ruhig in's Wort.„Wir wiſſen Alle, daß die Repara⸗ n durkbreden turen nöthig waren, wir haben die Betriebsdirection aufgefordert, 37 ſie vorzunehmen, wir haben gedroht die Arbeit einzuſtellen, ja wir len ſi haben es fertig gebracht, daß ein Berggeſchworener die Grube 9 dr befahren und die Direction gewarnt hat, aber es iſt dennoch nicht 5 geſchehen.“ eett de„Wenn ich nur wieder hinaufkomme!“ fuhr der Bergmann lige Jeat 1 fort.„Ich werde nicht ruhen, bis dieſe Herren zur Verant⸗ 2 e) wortung gezogen ſind. Sie ſollen erklären, wo ſie das Geld „ nulht i gelaſſen haben, welches die Actionaire ihnen für Reparaturen „ hngi gezahlt haben. Ich weiß, daß ſie enorme Summen berechnet lueaunge haben, aber die werden wohl für Champagner d'rauf gegangen nun Mil 9 ſein.“ ingeſtürzt 8„Sieht es hier ſo aus?“ fragte Otto überraſcht und empört. ſie hmzua„Leider,“ entgegnete der Steiger.„Die Grube iſt gut und ſeuen von die Eigenthümer haben Geld genug, um die nöthige Zubuße zu 4 rein Wunder leiſten, bis die Ausbeute ſie entſchädigen wird. Aber die techniſche 4 — Leitung iſt in den Händen einiger Schwindler, die ſich ſelbſt be⸗ 1 gers verſah, reichern und an die Eigenthümer und uns zuletzt denken.“ 1 undzwanjig.„Ihr wußtet das und duldetet es?“ ausgelöſchkh„Wir wußten es und haben uns oft darüber beſchwert. Dann ht haben, ſo kam wohl eines Tages ein Herr mit Glacehandſchuhen, um nach⸗ smittel? zuſehen, aber die Grube zu befahren, war er zu ängſtlich und die r nahm Direktion wußte ihm begreiflich zu machen, daß wir mit unſerer 1 Rationen Beſchwerde nichts weiter bezweckten, als eine Erhöhung des Lohnes. Die Maſchinen waren in vollem Gange, Alles klappte, äußerlich n, kleinen betrachtet, ganz prächtig, wie es in der Grube ausſah, darum z ſich hinzu⸗ kümmerte ſich Niemand.“ Ränen Hülff„Aber die Berggeſchworenen—“ 4„Ja, ja, dann und wann kam einer von ihnen, um nachzu⸗ „aswerk zu ſehen. Sie haben inſofern ihre Schuldigkeit gethan, als ſie auf „e Niemand alle Mängel aufmerkſam machten und Abänderung derſelben for⸗ un derten, aber dieſe Abänderungen wurden entweder gar nicht oder es auf ihr nur theilweiſe getroffen, die Reparaturen hinausgeſchoben und ſo 1 weiter, die liederliche Wirthſchaft wurde fortgeſetzt. Daß der „d betete Schacht ſo bald einſtürzen könne, haben wir nicht vermuthet, erſt m blicten jetzt erkennen wir, daß die Gefahr näher war, als wir glaubten.“ Otto ſchüttelte den Kopf, er begriff das nicht. —— 2 42 — 574— Die Unterhaltung ſtockte, Niemand ſchien Luſt zu haben, den abgeriſſenen Faden wieder anzuknüpfen. Das war ſehr leicht begreiflich, Jeder dachte an ſeine Ange⸗ hörigen, an das Loos, welches ihn und ſie erwartete. Hie und da entfuhr den Lippen eines Bergmannes ein ſchmerz⸗ licher Ausruf; die Worte:„mein armes Weib,“„meine armen Eltern,“„meine unglücklichen Kinder!“ vernahm Otto oft. Dieſes Schweigen, dieſe düſtere Ruhe war unheimlich, ſie er⸗ höhte den Schrecken des Augenblicks. „Seid Ihr alle verheirathet?“ fragte Otto endlich, nur, um dieſes Schweigen zu brechen. „Bis auf zwei,“ lautete die Antwort,„aber dieſe Beiden er⸗ nährten bisher ihre Eltern.“ „Das iſt entſetzlich,“ flüſterte Nikolas.„Wenn auch die Unter⸗ ſtützungskaſſe—“ „Redet mir nicht von der Kaſſe!“ fiel ein Bergmann grollend ihm ins Wort.„Wo das Geld für die Reparaturen geblieben iſt, da wird auch wohl die Kaſſe geblieben ſein, hat man unſer Leben nicht geachtet, ſo wird man wahrhaftig kein Bedenken getragen haben, unſere ſauer verdienten Groſchen zu verpraſſen.“ Alle dieſe Vorwürfe waren nur zu gerecht. Nicht allein die techniſche, auch die kaufmänniſche Leitung dieſes Unternehmens befand ſich in den Händen von Männern, die nur ihre eigene Bereicherung bezweckten und kein Mittel unbenutzt ließen, durch welches ſie dieſen Zweck erreichen konnten. Das Werk war von vorne herein großartig angelegt worden. Die Actionäre hatten bedeutende Einzahlungen gemacht und mußten noch immer namhafte Zuſchüſſe machen, trotzdem die Ausbeute die Betriebskoſten nahezu deckten. Durch lügenhafte Berichte wurden die Actien in die Höhe getrieben und die Actionäre ſelbſt beruhigt, während das ganze Bergwerk, wie die Leiter deſſelben ſehr wohl wußten, kaum den Betrag der Einzahlungen deckte. Nicht zufrieden damit, ſuchte die Direktion auch an den Be⸗ triebskoſten zu ſparen, ſie ſah ja voraus, daß der Tag kommen mußte, an welchem den Actionären die Augen geöffnet wurden, bis dahin wollte man jeden Vortheil wahrnehmen. Was fruchteten gegen dieſen niederträchtigen Vorſatz die Be⸗ ſchwerden und Proteſte der Arbeiterr Sie ſtanden einer Coalition gegenüber, gegen die ſie nichts ausrichten konnten, zudem konnten ſie ja auch nicht wiſſen, daß die kaufmänniſchen Leiter mit der techniſchen Direktion ſtreng ver⸗ bündet waren.. Die unteren Beamten ſchwiegen, ſie waren gewiſſenlos genug, zu haben, den n ſeine Ange⸗ s ein ſchmerz⸗ meme armen in gft imlich, ſie er⸗ ich, nur, um e Beiden er⸗ n Bergmann Reparaturen ſein, hat ahrhaftig kein Hroſchen zu itung dieſes nern, die nur tel unbenutht Aeat worden. . nd mußten . 1ust ute die „ue, wutden dbſt beruhigt, ehr wohl an den Be⸗ Tan kommen mnet wurden, —— — 575— im Trüben zu fiſchen und daß dabei wiederum die Arbeiter zu kurz kamen, lag in der Natur der Sache. Die Nachricht von dem Einſturz des Schachtes verbreitete ſich raſch, Frauen, Kinder und Greiſe eilten zur Unglücksſtätte, um ſich zu überzeugen, ob einer von ihren Angehörigen unter den Verſchütteten ſich befand. Die Bergleute nicht allein von dieſer Grube, auch von den benachbarten Gruben eilten herbei, um zu helfen und zu retten, mehrere Bergwerksbeamte beſichtigten den Schauplatz, um Vor⸗ ſchläge zu machen und mitten in dieſem Wirrwarr fanden die Hauptſchuldigen Zeit, ihre Verbündeten durch den Telegraph zu warnen und ſich ſelbſt heimlich aus dem Staube zu machen. Als man ſpäter die Urſache des Unglücks entdeckte und nun der Groll ſich gegen die Hauptſchuldigen wandte, waren dieſe ver⸗ ſchwunden. Raſtlos und unermüdlich arbeiteten die wackeren Bergleute an dem Rettungswerk. Es war eine mühſame Arbeit, deren Gelingen ſehr in Frage ſtand, aber die Pflicht gebot, Alles zu verſuchen, das eigne Leben nicht zu achten, um die Verſchütteten zu retten. Enorme Schutt⸗ und Geſtein⸗Maſſen mußten weggeräumt werden, und wie dicht dieſe Maſſen waren, konnte man erſt dann erforſchen, wenn man ſich hindurch gearbeitet hatte. Der Director einer benachbarten Grube leitete, unterſtützt von einigen Oberſteigern das Rieſenwerk; ſelbſt die Frauen griffen mit an, es galt ja das Leben ihrer Gatten, der Ernährer ihrer Kinder.. Helene war auch auf der Unglücksſtätte, gleich einer Verzwei⸗ felten irrte ſie umher, bald dieſen, bald jenen Fachmann fragend, ob denn die Rettung der Unglücklichen ganz und gar unmög⸗ lich ſei. u) Man arbeitete Tag und Nacht hindurch, am nächſten Morgen hatte man ſchon ein tüchtiges Stück gefördert. Aber großen Hoffnungen durfte man ſich noch nicht hingeben, die Geſtein⸗Maſſen waren noch ſo feſt und dicht, daß man nicht einmal annähernd beſtimmen konnte, wann man bei der angeſtreng⸗ teſten Arbeit zu den Verſchütteten hindurch gedrungen ſein werde. Abermals verſtrich ein Tag und eine Nacht, mehrere Arbeiter hatten erſchöpft, völlig unfähig die Hacke noch ferner zu hand⸗ haben, ſich zurückgezogen, Andere waren mit friſcher Kraft für ſie eingetreten. Man hatte ſich nun ſo tief in den Schacht hineingearbeitet, daß man hoffen durfte, bald zum Durchbruch zu kommen. Der Bohrer wurde in Thätigkeit geſetzt, durch ihn konnte man ſich vielleicht jetzt von der Dicke des noch wegzuräumenden Geſteins überzeugen. Hinter dieſem Geſtein ſaßen und lagen die Verſchütteten in dumpfem Schweigen auf dem feuchten Boden. Der Hunger, die ſchlechte, verdorbene Luft und die Gewißheit, daß nichts ſie von dem Tode zu retten vermochte, hatten ſie ſtumpf und gleichgültig gemacht. Zwei Tage und zwei Nächte, für ſie eine einzige furchtbare Nacht, hatten ſie vergeblich auf jedes Geräuſch gehorcht, ſie hatten einander Muth und Troſt zugeſprochen und an ihren Hoffnungen feſtgehalten, nun aber, als mehr denn acht und vierzig Stunden verſtrichen waren und noch immer kein Zeichen der nahenden Rettung ſich zeigte, ergaben ſie ſich mit ſtumpfer Apathie in ihr Schickſal. Einige unter ihnen fühlten ſchon den Tod im Herzen, für ſie war die Stunde der Erlöſung bereits nahe. Otto und Nikolas ſaßen Arm in Arm und Hand in Hand beiſammen. Sie hatten Beide ſich beſtrebt, ihre Unglücksgefährten zu er⸗ muthigen und die erlöſchende Hoffnung immer und immer wieder neu anzufachen, aber auch ihre Kräfte waren geſchwunden. Da plötzlich richtete der alte Steiger ſich empor, ſein ſcharfes Gehör hatte ein dumpfes Knirſchen vernommen. „Glück auf, Jungens!“ rief er, ſeine letzte Kraft zuſammen⸗ raffend.„Die Rettung naht!“ Nur Wenige erhoben ſich, die Meiſten waren zu ſchwach dazu. „Der Bohrer arbeitet ganz in unſrer Nähe,“ fuhr der Alte fort, und die zitternde Stimme bekundete die gewaltige, innere Erregung,„hätten wir nur noch Kräfte, um—“ „Das geht nicht mehr,“ ſagte eine dumpfe, tonloſe Stimme, „von uns kann Niemand mehr Hand anlegen.“ Das Knirſchen und Pochen ließ ſich immer deutlicher verneh⸗ men, drang der Bohrer durch, ſo waren die Verſchütteten gerettet. Und er drang durch, eine Stunde ſpäter fiel ein ſchwacher 1 Lichtſtrahl in den dunklen Raum. Die friſche Luft, welche durch die Oeffnung einſtrömte, wirkte ſofort belebend und als nun die kräftige Fleiſchbrühe auch die phyſiſchen Kräfte wieder gehoben hatte, da gab man ſich ganz und ungetheilt der Freude über die Rettung hin. b Da wurde geweint, gelacht, gejubelt und gebetet, man hätte glauben können, ſich unter Irrſinnigen zu befinden, ſo verſchieden⸗ artig äußerte die Freude ſich. Auch Otto wurde von ſeinen Schickſalsgenoſſen umarmt und — 577— Buräumenden geküßt, er fand das natürlich, die gemeinſame Gefahr hatte ihn 6 ja mit dieſen ſchlichten biederen Männern verbrüdert. mamgeten i Er begriff jetzt, welch' ſtarkes Band ſie alle umſchlungen hielt, Bewißbet der Sinn der Worte, welche der alte Steiger ihm über die Ein⸗ e Gewißheit, 1 tracht und Liebe unter den Bergleuten geſagt hatte, ward ihm datten ſie nun klar. Die Verſchütteten griffen jetzt auch mit an, ſo gut ſie es ver⸗ mochten, auch Otto blieb nicht müßig, trotzdem man ihm bedeutete, daß er ja doch nichts ausrichten könne. Man läutete zu Mittag, als die Verſchütteten den Schacht verließen. Es war eine ergreifende Scene, als ihre Angehörigen ſie um⸗ ringten, eine Scene, die zu beſchreiben Worte nicht ausreichen. Die beiden Freunde gingen dabei nicht leer aus. derzen, für ſie Jeder wollte ihnen die Hand drücken, jeder ihnen Glück zu 3 der Rettung wünſchen, und Helene, die ebenfalls anweſend war, in Hand die den Platz nur dann und wann auf kurze Zeit verlaſſen hatte, wenn Schlaf oder Hunger ihre Rechte geltend machten, konnte nur mit Mühe ſich zu dem Bräutigam und dem Bruder hin⸗ durchdrängen. unden. Sie begleiteten das Mädchen in den Gaſthof, fühlten ſich aber in ſcharfes hier ſo ſehr erſchöpft, daß ſie ſich ſofort in's Bett legen mußten. Am nächſten Morgen ging Nikolas zum Bergwerk hinaus, zuſammen⸗ überzeugt, daß rer dort in ſeiner Werkſtätte Arbeit vollauf finden werde. u ſchwach ſAber ſchon nach einer Stunde kehrte er ſehr niedergeſchlagen urück. „ der Alte 4„Alles aus,“ ſagte er,„die ſchönen Hoffnungen ſind vernichtet.“ innere Betroffen blickten Helene und ihr Bruder ihn an, ſie verſtanden den Sinn dieſer Worte nicht. Stimme,„Die Hauptbetheiligten ſind geſtern angekommen, um den 7 Stand der Dinge zu unterſuchen,“ fuhr Nikolas fort.„Da ſind „er verneh⸗ denn Dinge an's Licht gekommen, die faſt unglaublich klingen. dcee Das Bergwerk war in den beſten Tagen nicht das Geld werth, ulete nacher was die Actionäre dafür bezahlt haben und die Direktion hat a ſc ſich ſammt der Kaſſe aus dem Staube gemacht. Gearbeitet wird chte einſtweilen nicht mehr, eine Generalverſammlung der Actionäre 4. ſoll darüber entſcheiden, ob man das Werk wieder in Betrieb ſetzen rül auch ul oder ſo gut wie möglich verkaufen wird. Wahrſcheinlich geſchieht ſih gan das letztere, die Herren haben erklärt, ſie ſeien nicht geneigt, noch tt mehr Geld hinauszuwerfen.“ m jun„Die armen Arbeiter!“ ſagte Helene mitleidig. 4 ciene„Ah— ſie haben zum größten Theil bei den benachbarten 1d Gewerkſchaften ein neues Unterkommen gefunden,“ erwiderte Nikolas Imr 1 Füͤnfmalhunderttauſend Thaler. 37 —— 3—— —— —— 578 verſtimmt,„für ſie wird ſchon geſorgt werden. Wer aber ſorgt nun für mich?“ „Du ſelbſt,“ ſagte Otto ernſt.„So raſch darf man den Muth nicht verlieren, es wird ſich auch für Dich ſchon ein Plätzchen finden.“ 4 „Und die Heirath?“ „Muß ſo lange verſchsben werden—“ „Schöne Ausſichten!“ „Lieber Freund, wenn Du auf Deine bisherige Stellung hin den eigenen Herd gegründet hätteſt und der Schwindel wäre dann ſpäter an's Licht gekommen, was dann? Für Dich iſt es gradezu ein Glück, daß die Sache ſo gekommen iſt, ſo lange Du noch nur für Dich allein zu ſorgen haſt, wirſt Du Dein Brod ſchon finden.“ „Aber Helene—“ „Sie wird ſich gedulden.“ „Das iſt alles ſehr ſchön geſagt—“ „Kannſt Du die Erfüllung Deiner Wünſche erzwingen?“ „Freilich nicht.“ „Ich will Dir einen Vorſchlag machen. Hier iſt jetzt nichts mehr für Dich zu holen, das ſiehſt Du ein.“ „Gewiß.“ „Und ob Du anderwärts ſo raſch ein neues Unterkommen findeſt, iſt auch fraglich, alſo verſäumſt Du nichts, wenn Du mich begleiteſt. Helene kehrt nach Hauſe zurück und wir beide machen eine Wanderung.“ „Wohin?“ „Nach Mülheim, nach Solingen, Remſcheid, überall hin, wo wir in unſerm Fach etwas Neues ſehen und lernen können. Ich werde mich auf dieſer Reiſe entſchließen, wo ich mich anſiedeln will und wenn ich dann mein kleines Etabliſſement gründe, ſollſt Du Werkmeiſter werden.“ Nikolas ſchüttelte den Kopf, ſeinen Wünſchen entſprach dieſer Vorſchlag ſchon deshalb nicht, weil er vorausſah, daß derſelbe ihn nicht raſch genug an das gewünſchte Ziel bringen werde. Aber Helene begriff ſofort, daß ihrem Verlobten kaum etwas anderes übrig blieb, als dieſen Vorſchlag anzunehmen, ſie ſuchte ſeine Bedenken zu beſeitigen und ſo ging denn Nikolas nach langem Zögern auf das Anerbieten ein. Helene reiſte noch an demſelben Tage ab, und am Morgen darauf traten auch die beiden Freunde ihre Wanderſchaft an. er aber ſorgt uf man den ein Plätchen Stellung hin el wäre dann ſt es gradezu Du noch nur ſchon finden. eingen? ſt jetzt nichts Unterkommen venn Du mi bedde machen erall hin, wo lönnen.* nich mmſiedeln rnde, ſolt wotah dieſer 14 derſelbe ihn erde. 2 ¹uut etwa⸗ 1 laum 3 te den ſie uch 2 langel 3 nach lang an Morge ſäaft al. Sechsundſiebenzigſtes Kapitel. Ein Solinger Waffenſchmied. Otto war ernſtlich entſchloſſen, ein eigenes Etabliſſement 3u gründen, und Nikolas konnte dieſen Entſchluß nur billigen. Aber woher das Geld dazu nehmen? Otto Schirmer hatte allerdings ſeinen Beiſtand in dieſer Bezichung dem jungen Manne angeboten, aber Otto nahm dieſes Anerbieten nicht gerne an, weil er befürchtete, der vorſichtige Bankier werde durch ſeine ſcharfe Controlle ihm Unannehmlichkeiten bereiten. Zudem wollte er auch nicht gerne dem Vater ſeiner Geliebten verpflichtet ſein, für ihn wäre das ein drückendes Gefühl geweſen, ein Gefühl der Abhängigkeit, welches ihm nicht erlaubt hätte, mit dem nöthigen Selbſtbewußtſein um die Hand Eugenie's zu werben. Nikolas theilte dieſe Bedenken nicht, er fand im Gegentheil einen Vortheil darin, wenn Eugenie's Vater das Kapital vor⸗ ſtreckte und er vertheidigte dieſe Anſicht ſo hartnäckig, daß Otto ihm ernſtlich zürnte. So kamen die beiden Freunde eines Abends verſtimmt in Mülheim am Rhein an, ſie hatten kurz zuvor einen erbitterten Wortwechſel geführt, in welchem keiner nachgeben wollte. Nikolas verlangte, Otto ſolle einen Abſtecher nach Köln machen und mit dem Bankier die Angelegenheit in's Reine bringen, er meinte, wenn man das Kapital habe, ſei alles Andere Nebenſache. Otto dagegen weigerte ſich entſchieden, dieſen Schritt zu thun, er wollte zuvor den Ort ſeiner Niederlaſſung gewählt und die erſten Vorbereitungen zum Bau des Etabliſſements getroffen haben. Von Mülheim aus ſollte die Reiſe nach Solingen fortgeſetzt werden, Otto wollte dort die Werkſtätten der Waffenſchmiede und die Schleifkotten beſuchen. Die beiden jungen Leute kehrten in einem beſcheidenen Gaſt⸗ hauſe ein, ſie forderten Bier und ein Abendbrod und vertrieben ſich die Zeit damit, daß ſie die auf dem Tiſche liegenden Zeitungen durchſtöberten.. Da fiel der Blick Otto's zufällig auf eine Anzeige, die ihn zwar nicht intereſſirte, aber doch ſeinen Blick gefeſſelt hielt. Der Staatsprokurator machte darin bekannt, daß in verwichener 37* ———— 4 2— — — —— — 580— Nacht die Leiche eines ſchon ziemlich bejahrten Mannes gelandet fei, die mindeſtens ſechs bis acht Tage im Waſſer gelegen haben müſſe. Das Signalement, ſo weit es feſtzuſtellen war, ſowie die Beſchreibung des Anzuges waren beigefügt. Otto hatte eben dieſe Anzeige geleſen, als eine ihm bekannte Stimme ſein Ohr traf. Erinnerte er ſich ihrer auch nur dunkel, ſo unterlag es doch für ihn keinem Zweifel, daß er ſie ſchon oft gehört hatte. Er erhob ſich unwillkürlich,— es war die Stimme eines Frauenzimmers. Die Gaſtſtube ſtand mit dem Hausflur durch ein kleines Fenſter in Merbinduna⸗ Otto ſchob die hellgelbe Gardine zurück und blickte hinaus. Eine hohe ſchlanke, elegant gekleidete Dame ſtand vor dem Wirth, ein dichter, ſchwarzer Schleier verhüllte ihr Geſicht. „Können Sie mir nicht ſagen, wo ich die Leiche finde, die man hier aus dem Rheine gezogen hat?“ fragte ſie, und der Accent, mit dem ſie einzelne Worte ausſprach, bewies ſofort, daß ſie keine Deutſche war. „Das weiß ich nicht,“ erwiderte der Wirth, der raſch mit einem neugierigen Blick die Fremde gemuſtert hatte,„auch glaube ich, Ihnen vor dem Anblick derſelben abrathen zu müſſen. Wenn es Sie intereſſirt, zu erforſchen, ob—“ „Ich vermuthe, daß dieſer Unglückliche mein Onkel iſt, der oft an Schwermuth litt.“ „So bemühen Sie ſich nur zum Unterſuchungsamt, man wird Ihnen dort die Kleider und was man in den Taſchen gefunden hat, zeigen.“ Die Dame nickte dankend und bat um einen Führer, da ſie ſelbſt in Mülheim unbekannt ſei. Der Wirth erfüllte dieſe Bitte, er beauftragte eine Magd, die Dame zu begleiten. Sichtbar erregt ließ Otto die Gardine fallen. „Weißt Du, wer draußen iſt?“ flüſterte er ſeinem Freunde zu, der leſend am Tiſche ſitzen geblieben war. Nikolas blickte fragend auf. „Wie kann ich's wiſſen?“ entgegnete er ruhig. „Es wird Dich überraſchen—“ „Na, ſo ſprich!“ „Marie Latour!“ „Die Tochter unſeres früheren Meiſters—“ „Dieſelbe.“ 1 „Ah— mach' keinen ſchlechten Scherz.“. „Ich denke nicht daran,“ erwiderte Otto ernſt, während —— s gelandet gen haben ſowie die bekannte — 581— ſeine Mütze vom Nagel nahm,„ich habe ſie an ihrem Wuchs, ihrer Haltung, ihrem Gange und ihrer Stimme erkannt.“ „Unmöglich!“ ſagte Nikolas mit wachſendem Erſtaunen.„Was hat ſie hier zu ſuchen?“ „Das weiß Gott, aber daß ſie es iſt, darauf ſchwöre ich jeden Eid.“ „Du willſt ihr nach?“ „Ja.“ „Nimm mich mit.“ „Nein, es iſt beſſer, Du bleibſt hier, Du weißt ja, wie ſehr ſie Dich haßt, es iſt nicht gut, wenn Du dieſem Haß neue Nahrung gibſt. Ich hoffe, bald zurück zu ſein.“ Er eilte hinaus, in der Ferne ſah er die Dame, welche eine Dienſtmagd begleitete. Er folgte den Beiden, ohne ſich einer beſtimmten Abſicht be⸗ wußt zu ſein. Was lag ihm denn daran, ob Marie Latour die Leiche des Verunglückten erkannte? Was konnte ihm überhaupt daran liegen, weshalb dieſe Dame nach Mülheim gekommen war? Seinetwegen konnte es nicht geſchehen ſein, ſie wußte ja nicht, daß er ſich in Mülheim befand und ſo ſehr hatte ſie ſich auch überhaupt nie für ihn intereſſirt. Er erinnerte ſich, daß Marie Latour ihn in London um eine bedeutende Summe betrogen hatte, daß er durch ſie der Gefahr, deportirt zu werden, nahe geweſen war— ſollte er ſich jetzt dafür rächen? Er hätte es vielleicht gekonnt, auf ſeine Anklage hin wäre dieſe Dame wahrſcheinlich verhaftet und der engliſchen Behörde überliefert worden, aber was gewann er dadurch? Er mußte alsdann vielleicht die Reiſe nach London noch ein⸗ mal antreten, um wider ſie zu zeugen, dadurch verlor er nur Zeit und Geld, die er beide beſſer benutzen konnte. Die Dame trat in ein Haus, in demſelben Augenblick verließ daſſelbe ein Herr, den die Droſchke, die in der Nähe wartete, gebracht zu haben ſchien. Otto konnte dieſem Herrn, der ſich in ſeinen Mantel feſt eingehüllt hatte, nur einen flüchtigen Blick widmen, aber dieſer Blick traf gerade in demſelben Moment das Geſicht deſſelben, in welchem das Licht der Straßenlaterne voll auf daſſelbe fiel. Otto konnte nur mühſam einen Ruf des Erſtaunens unter⸗ drücken, er hatte ſeinen Bruder erkannt. Was hatte der in jenem Hauſe zu ſchaffen gehabt? Wie kam es, daß er ſich für dieſelbe Perſon intereſſirte, mit der auch Marie Latour in näher Berührung geſtanden haben mußte? — — 582— Das war ein Riüthſel, welches Otto nicht zu erforſchen ver⸗ mochte. Er blieb ſtehen, um ſeinem Bruder nachzublicken, er ſah, daß 4 derſelbe in den Wagen ſtieg und dieſer den Weg nach Deutz einſchlug. In dem Korridor, an den das Zimmer lag, in welchem die Kleidungsſtücke auſbewahrt wurden, begegnete ihm die Dame wieder; ſie ſchritt raſch an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Jetzt trat auch Otto in das Zimmer. 4 Der Beamte führte ihn in ein anſtoßendes Kabinet und zeigte auf den Tiſch, auf welchem die Habſeligkeiten des Verunglückten lagen. Otto trat hinzu, er mußte ſich ſelbſt fragen, was er denn 1 eigentlich hier wolle. Was wollte und konnte er durch die Beſichtigung dieſer Klei⸗ Da fiel ſein Blick auf eine Uhr— er ſiutzte. —— 1 dungsſtücke erforſchen, die ihm vollſtändig unbekannt waren? Es war eine große, ziemlich unförmliche, goldene Taſchenuhr, die man ſo leicht nicht wieder vergaß, wenn man ſie einmal geſehen hatte.— * Und Otto erinnerte ſich, ſie geſehen zu haben; Merville, der Beſitzer der Irrenanſtalt, hatte ſie einigemal aus der Taſche ge⸗ zogen, als er ſich damals mit ihm unterhielt. Wenn dieſer Todte Merville war und ſein Bruder— Otto wehrte den Gedanken, der in ſeiner Seele emportauchte, ab, er konnte nicht glauben, daß Heinrich auch dieſes Verbrechen be⸗ 1 gangen haben ſollte. „Sind Ihnen die Sachen bekannt?“ fragte der Beamte. Otto fuhr aus ſeinem Sinnen empor. „Ja und nein,“ ſagte er,„ich meine, dieſe Uhr früher einmal geſehen zu haben, aber ich erinnere mich der Perſon nicht mehr, 4 die ſie beſaß. Iſt die Leiche ſehr entſtellt?“ „Was das Geſicht betrifft, ſo glaube ich, daß ein Bekannter 3 die Züge noch zu erkennen vermag.“ 3„Dann wiünſche ich, ſie zu ſehen,“ entgegnete Otto.„Oder iſt die Identität vielleicht ſchon durch Andere feſtgeſtellt?“ „Nein. Vor Ihnen waren ein Herr und eine Dame hier, keine dieſer beiden Perſonen äußerte den Wunſch, die Leiche zu ſehen.“ „Sie kannten alſo auch dieſe Sachen nicht?“ Der Beamte beauftragte einen Kanzleidiener, den jungen Herrn hinunter zu führen, er bat den letzteren, ihm das Reſultat der 4 Beſichtigung mitzutheilen. Beim erſten Blick, den Otto auf die Leiche warf, erkannte er, nſchen ver⸗ r ſah, daß ach Deutz lchem die die Dame achten. und zeigte runglückten s er denn ieſer Klei⸗ ten? Toſchenuhr, ſie einmal rwille, der Tuſche ge⸗ r— Otto te, ab, et rechen be⸗ mnte. her einmal icht mehr, Bekannter Oder — — 583— trotz der entſtellenden Veränderung in den Zügen, den Beſitzer der Irrenanſtalt. 5 Manche Frage drängte bei dieſer ihn beſtürzenden Entdeckung ſich ihm auf. 3 Und an dieſe Fragen knüpften ſich Ahnungen und Vermuthungen, vor denen ihm graute. War es denn nicht ſehr wahrſcheinlich, daß Merville mit dem Entſchluſſe, ſeinen verbrecheriſchen Genoſſen zur Zahlung einer bedeutenden Summe zu zwingen, nach Köln gekommen war? Und wenn dieſer Genoſſe ſich einmal ſchon bei einem Morde betheiligt hatte, war denn der Schritt vom erſten zum zweiten Verbrechen ſo ſehr groß? Gewiß nicht— und dennoch konnte Otto an das Entſetzliche nicht glauben. „Iſt die Leiche bereits gerichtlich unterſucht?“ fragte er den Kanzleidiener. „Heute Morgen,“ lautete die Antwort.. „Und hat man keine Spuren eines Verbrechens an ihr entdeckt?“ „Darüber ſind die Anſichten noch verſchieden. Der Schädel zeigt an einer Stelle eine Verletzung, die ebenſo wohl vor, wie nach dem Tode erfolgt ſein kann.“ „Iſt dieſe Verletzung erheblich?“ „Das gerade nicht, indeß, wenn ſie vor dem Tode erfolgt iſt, kann ſie nur von einem Schlage herrühren, der das Opfer des Verbrechens betäubt hat.— Kennen Sie den Mann?“ „Nein,“ erwiderte Otto feſt und ruhig,„die Züge ſind mir völlig unbekannt.“ 5 Dieſelbe Antwort gab er den Beamten, dann kehrte er gedankenvoll in das Gaſthaus zurück. Wenn er dem Unterſuchungsrichter mitgetheilt hätte, was er wußte, und was er auf Grund dieſes Wiſſens vermuthete! Es wäre ſeine Pflicht geweſen, das zu thun, aber er konnte dieſe Pflicht nicht erfüllen. 8 Nicht ſeines Bruders wegen ließ er ſich davon abhalten, ihn zu ſchonen hatte er ja keine Urſache, er dachte an ſeinen Vater, dem dieſe Schmach, dieſe Entehrung ſeines ehrlichen Namens das Herz gebrochen haben würde. Im Gaſthauſe fand er den Freund im eifrigen Geſpräch mit einem Manne, der, ziemlich altmodiſch gekleidet, das Ausſehen eines wohlhabenden Pächters hatte. In den Zügen dieſes Mannes lag Kraft, Energie und Intelligenz, es war ein biederes, echt männliches Geſicht, zu welchem man Vertrauen faſſen konnte. 1 ————— —— 2— ——. — 584— „Herr Becker, Waffenſchmied aus Solingen,“ ſtellte Nikolas dieſen Mann ſeinem Freunde vor.„Ich habe mich mit ihm über unſer Vorhaben unterhalten.“ Das war dem jungen Manne unangenehm, aber im Laufe der Unterhaltung fand er bei dem Waſſenſchmied ſo viel geſunde Anſchauung, Erfahrung und Kenntniſſe, daß es ihm nur lieb ſein konnte, dem Rathe des verſtändigen Mannes zuzuhören. „Klein anfangen und groß aufhören,“ ſagte der Waffenſchmied, als Otto davon ſprach, daß er ein bedeutendes Kapital aufzunehmen gedenke.„Borgen macht Sorgen, und man kann auch ohne da vorwärts kommen, wenn man einige Erſparniſſe im Rücken hat.“ „Aber dieſe Erſparniſſe ſind zu unbedeutend,“ warf Otto ein. „Erlauben Sie, wie viel betragen ſie?“ „Neunhundert Thaler.“ „Das iſt für den Anfang genug, es muß ja nicht ſofort ein großes, koſtſpieliges Etabliſſement ſein. Wollen Sie ſich mit mir aſſociren?“ Otto blickte betroffen den Fragenden an, der bedeutſam lächelnd das Glas zum Munde führte., „Sie denken vielleicht, ein Solinger Waffenſchmied könne kaum ſo viel verdienen, als er bedürfe, um ſein Leben zu friſten?“ fuhr Becker fort.„Ich werde fünftauſend Thaler einſchießen. Wer bei Zeiten ſpart, hat ſpäter etwas.“ „Fünftauſend Thaler?“ fragte Otto überraſcht. „In baarem Gelde.“ „Aber ich kann nur neunhundert—“ „Thut nichts, dafür haben Sie die Kenntniſſe, die vielleicht mehr werth ſind, als mein Geld. Ihr Freund ſprach von einer Erfindung—“ „Sie betrifft den Gußſtahl.“ „Können Sie dieſes Metall ſtärker, dichter herſtellen, wie es bisher war?“ „Bedeutend!“ „Sehen Sie, das eröffnet unſrer Thätigkeit ein weites ſegensreiches Feld. Wenn wir zum Beiſpiel Kanonen aus Guß⸗ ſtahl anfertigen könnten—“ „Wir werden es können—“ „Wollen ſehen. Es iſt früher ſchon oft verſucht worden; das, bisherige Geſchützmetall entſpricht den Anforderungen nicht mehr; wir müſſen Metall haben, aus welchem wir Geſchütze herſtellen können, die in Bezug auf Dauerhaftigkeit, Sicherheit des Schuſſes und Weite des Zieles alles bisherige überbieten. Erreichen wir das, ſo ſind wir gemachte Leute.“ „Und ich glaube, daß wir es erreichen,“ ſagte Otto mit über⸗ Nikolas nit ihm n Laufe geſunde ieb ſein ſchmied, unehmen hne da en hat.“ tto ein. fort ein ſich mit lächelnd kaum riſten? ſchießen. viellecht en einer wie es weites 6 Guß⸗ en; das, mehr; erſtelen Scuſſes hen wir it über⸗ 4 — 5385— zeugender Sicherheit.„Aber auch wenn dies nicht der Fall iſt, können wir mit unſerm Gußſtahl ein großes Geſchäft machen.“ „Gewiß, gewiß. Wohlan, reiſen Sie mit mir nach Solingen, wir werden dort das Nähere verabreden. Reichen wir mit unſerm Gelde nicht aus, ſo nehme ich ein Kapital auf mein Haus und meine Ländereien auf.“ „Und wo glauben Sie, werden wir uns am Beſten nieder⸗ laſſen?“ „Vielleicht bei Dortmund, wir müſſen uns das ernſtlich über⸗ legen. Warten Sie, es wurde ja vor einigen Tagen eine Ma⸗ ſchinenfabrik zum Verkauf ausgeboten, eine kleine Fabrik, die nicht viel koſten kann. Ich werde mich danach erkundigen, je raſcher wir beginnen, deſto beſſer iſt es.“ „Und wo bleibe ich?“ fragte Nikolas. „Du übernimmſt die Leitung der Schloſſerwerkſtätte,“ er⸗ widerte Otto.. „Und ſo lange wir noch nicht anfangen können, arbeiten Sie bei mir,“ ſagte der Waffenſchmied,„Sie werden in meiner Werk⸗ ſtätte Manches lernen.“ Nikolas nahm das Anerbieten an; am nächſten Morgen reiſten die Drei ab. Kurz vor der Abreiſe erinnerte Nikolas ſich der Franzöſin, er befragte ſeinen Freund deshalb, aber Otto, der auf dieſes Thema nicht näher eingehen mochte, erwiderte ihm, er habe ſich in der Perſon geirrt, jene Dame ſei nicht Maria Latour geweſen. Siebenundſiebenzigſtes Kapitel. Aus dem KRegen in die Traufe. Heinrich hatte, ſobald er die Nachricht von der Auffindung der Leiche erfuhr, ſich in Mülheim die Gewißheit geholt, daß in den Taſchen des Ertrunkenen keine Papiere gefunden worden waren. So war denn die letzte Befürchtung geſchwunden, er konnte frei aufathmen, die Furcht, daß ſein Verbrechen entdeckt und be⸗ wieſen werden könne, war jetzt nicht mehr vorhanden. —— — 586— Wenn auch ſein Bruder von dieſem Verbrechen Kenntniß hatte, ſo ſtützte dieſe Kenntniß ſich doch nur auf Vermuthungen, deren Richtigkeit er unmöglich beweiſen konnte. Und ſo lange ihm die Beweiſe fehlten, durfte er ja nicht wagen, gegen ihn aufzutreten, abgeſehen davon, daß er dies ohnehin der Eltern wegen nicht that, wie er ſelbſt erklärt hatte. Heeinrich Schenk war jetzt an ſeinem Ziele angelangt. Er konnte, wenn er das Vermögen ſeiner Frau hinzurechnete, über eine halbe Million gebieten, er war ein reicher, angeſehener Mann, er beſaß einen Palaſt, Pferde und Equipagen, und da er noch jung war, konnte er darauf rechnen, daß er dieſes Vermögen noch verdoppeln und verdreifachen würde. Auf welchem Wege er ſeinen Reichthum erworben hatte, wußte Niemand, wer wollte ihn eines Verbrechens zeihen? Sein Schwager hatte ihn zwar der Erbſchleicherei beſchuldigt, aber dieſe Beſchuldigung wurde dadurch widerlegt, daß nicht Heinrich, ſondern Bertha die Hinterlaſſenſchaft des Fabrikanten geerbt hatte. Auch von dieſer Seite war nichts zu befürchten, Liebmann durfte nicht in ſeine Heimath zurückkehren. Nur Eins bereitete ihm noch Verdruß, daß er nicht über das Vermögen ſeiner Gattin verfügen konnte, daß Bertha ſo eigenſinnig ſich weigerte, ihm dieſes Vermögen anzuvertrauen. Wenn er es beſaß, konnte er ſeine Operationen an der Börſe verdoppeln, jetzt durfte er es nicht. Dann auch lag die Gefahr nahe, daß das Vermögen ſelbſt ihm verloren ging. Er wußte ſehr wohl, daß er ſeiner Gattin gleichgültig war, bei der Lebensweiſe, die fortan zu führen ſie ſich vorgenommen hatte, konnte es fehr leicht der Fall ſein, daß ſie einen Herrn kennen lernte, für den ſie ſich intereſſirte, dem ſie ihre volle Gunſt ſchenkte und dann war es ſehr wahrſcheinlich, daß ſie einen Grund ſuchte, um ſich von ihrem Gatten ſcheiden zu laſſen. Und ſelbſt, wenn ſie das letztere nicht that, konnte ſie durch Schenkungen oder durch ein Teſtament ihr ganzes Vermögen einen Andern zuwenden, ohne daß Heinrich dagegen Einſpruch erheben durfte. Gab es denn keinen Weg, ſich dieſes Vermögen zu ſichern? Heinrich Schenk grübelte eben über dieſe Frage nach, als ihm eine junge Dame angemeldet wurde, die in einer wichtigen An⸗ gelegenheit mit ihm zu reden wünſchte. Gleich darauf trat dieſe Dame ein. Als ſie den Schleier zurückſchlug, erkannte Heinrich ſofort dieſelbe Dame, die ihm damals im Pariſer Hofe begegnet war. ß hatte, deren da nicht er dies hatte. rechnete, eſehener d da er ermögen „wußte huldigt, ß nicht rikanten ebmann ht über Bertha rauen. r Börſe löſt ihm ig war, nommen Herrn 3 volle daß ſie laſſen. ie durch ermögen inſpruch hern als ihmt gen An⸗ dieſelbe „Sie ſind Herr Heinrich Schenk?“ fragte ſie und der Wohl⸗ klang ihrer ſympathiſchen Stimme erhöhte den Reiz, den ihre Schönheit ausübte. „Zu befehlen,“ erwiderte Heinrich, während er dienſteifrig einen Seſſel hinſchob,„mit wem habe ich die Ehre?“ „Marie Latour iſt mein Name, triftige Gründe bewegen mich, hier unter dem Namen Amalie Leroi aufzutreten.“ Heinrich blickte befremdet die Dame an, welche Gründe konnte ſie haben, einen falſchen Namen zu führen, und welches Intereſſe knüpfte ſich für ihn daran, daß ſie es ſo vertrauensvoll ihm ſagte? „Sie ſtanden mit Herrn Merville in näherer Beziehung,“ fuhr Marie fort, die großen, dunklen Augen feſt und forſchend auf das plötzlich erbleichende Antlitz des jungen Herrn richtend,„Herr Merville nahm Ihren Aſſocie in ſeine Irrenanſtalt auf.“ Heinrich nickte— ihm ahnte ſchon, daß dieſe Unterredung ein unangenehmes Ende nehmen werde. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„mein Aſſocie wurde plötzlich in London irrſinnig und—“ „Mir iſt das Alles bekannt,“ unterbrach Marie ihn, ihre Worte ſcharf betonend,„ich war damals im Hauſe des Herrn Merville. Erſchrecken Sie nicht,“ fügte ſie lächelnd hinzu,„nicht als Patientin, ſondern als Wirthſchafterin. Herr Merville hatte vor mir keine Geheimniſſe.“ Den Nachdruck, den Maria auf das vorletzte Wort legte, machte in den Adern Heinrich's das Blut ſtocken. Aber wenn dem auch ſo war, ſie hatte ja ebenfalls keine Be⸗ weiſe gegen ihn, wenn ſie ſich erkühnte, ihm zu drohen, konnte er ihr die Thüre zeigen. Dieſer Gedanke ermuthigte ihn. „Ich will das gerne glauben,“ ſagte er ruhig,„aber—“ „Sie wollen fragen, was Sie damit zu ſchaffen hätten?“ „Allerdings. Mein Aſſocie iſt leider geſtorben, Herr Merville hat die Kur⸗ und Verpflegungskoſten erhalten—“ „Ganz recht, um die Belohnung aber, die er nach dem Tode Ihres Aſſocie's erhalten ſollte, wurde er betrogen.“ Die Beſtürzung Heinrich's wuchs, er mußte nun doch bald einſehen, daß dieſe Dame mehr wußte, wie er ahnte und wie ihm lieb ſein konnte. „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte er, noch immer ſeine äußere Ruhe bewahrend. Der Blick Marias ſchien in die innerſten Falten ſeiner Seele dringen zu wollen. „Sie wollen mich nicht verſtehen,“ erwiderte ſie,„aber ich — 588— zweifle nicht, daß wir uns verſtändigen werden. Sie wiſſen, daß Ihr Aſſocie vor ſeinem Tode Herrn Merville eine Schuldver⸗ ſchreibung, lautend auf fünftauſend Pfund Sterling ausfertigte, daß Herr Merville zwei Teſtamente beſaß, von denen das eine zu Ihren Gunſten, das andere zu Gunſten der Armen dieſer Stadt lautete. Sie wiſſen ferner, daß Herr Merville flüchten mußte, weil eine gerichtliche Reviſion ſeiner Anſtalt bevorſtand, bei der Dinge zu Tage kamen, die ihn an den Galgen gebracht haben würden, wenn er nicht geflohen wäre. Sie wiſſen ferner, daß Herr Merville hierher kam, daß er Ihnen im Pariſer Hofe ſämmt⸗ liche Papiere zu dem Preiſe von zehntauſend Pfund Sterling anbot.“ Sprachlos vor Beſtürzung ſtand Heinrich vor der jungen Dame, die das Alles ihm mit kühlem, gemeſſenen Ernſt, vor⸗ gehalten hatte. War dies Alles, was ſie wußte, oder wußte ſie noch mehr? Maria ließ ihn darüber nicht lange in Zweifel. „Sie weigerten ſich, dieſe Summe zu zahlen,“ fuhr ſie fort, „Sie erbaten ſich Bedenkzeit und hielten ihn von Tag zu Tag hin. Vor mehreren Tagen verſprachen Sie ihm, das Geld am nächſten Tage zu zahlen, Herr Merollle ließ ſich verleiten, Ihnen ſämmtliche Papiere zu übergeben, wohingegen Sie ihm einen Revers ausſtellten, in welchem Sie ſich ſchuldig bekannten—“ „Woher wiſſen Sie das Alles?“ rief Heinrich entſetzt.„War Merville ſo unvorſichtig, dieſes Geheimniß preiszugeben?“ „Er wußte, wem er es preis gab, mein Herr! Ich ſagte Ihnen ſchon, daß er vor mir keine Geheimniſſe hatte. Am anderen Tage ſchrieben Sie ihm, er möge nach Deutz kommen, um das Geld in Empfang zu nehmen, er ging hin und kehrte nicht zurück.“ „Hatte er Ihnen verſprochen, zurückzukehren?“ fragte Heinrich, der ſich noch immer nicht verloren gab, trotzdem in ſeiner Seele ſchon die Ahnung erwacht war, daß dieſe Dame im Beſitz ſeines Scheines ſein könne.„Mir ſagte er, daß er ſofort abreiſen wolle, daraus ſcheint mir hervorzugehen, daß ſeine Freundſchaft zu Ihnen doch ziemlich locker war.“ „Ich werde Ihnen den Beweis liefern, daß er mir ſein volles Vertrauen ſchenkte,“ erwiderte Maria.„Haben Sie ihm das Geld vielleicht ausgezahlt?“ „Weshalb wünſchen Sie es zu wiſſen?“ fragte der junge Mann trotzig. „Weil ich Sie Lügen ſtrafen würde, wenn Sie meine Frage bejahten. Sie würden ihm das Geld nur gegen Rückgabe Ihres Scheines eingehändigt haben, und Merville war ſo klug, dieſen Schein ſammt Ihren Briefen in meinen Händen zurückzulaſſen.“ ſen, daß huldver⸗ fertigte, eine zu Stadt mußte, bei der t haben er, daß ſämmt⸗ Sterling jungen iſt vor⸗ mehr? ſie fort, zu Tag zeld am Ihnen Revers „Bn 2 Ihnen en Tage Geld in 14 Heinrich, r Seele z ſeines 1 wolle, 1 Ihnen n volles hm das —,.,— — 589— Vernichtet ſank Heinrich in ſeinen Seſſel zurück, krampfhaft umklammerte ſeine Hand die Armlehne, während in ſeinen Augen die Gluth des Haſſes jäh aufloderte. „Daran erkenne ich den Schuft,“ ſagte er mit dumpfer, heiſerer Stimme,„mir erklärte er, ſämmtliche Papiere bei ſich zu führen.“ „Und Sie glaubten ihm,“ fuhr Maria gelaſſen fort.„Natürlich, es lag für Sie ja kein Grund zu einem Mißtrauen vor. Da war es denn der kürzeſte Weg, ihn ſeiner Brieftaſche zu berauben und ihm ein Grab in den Wellen zu bereiten.“ „Madame!“ fuhr Heinrich auf. „Entſchuldigen Sie, ich bin noch Fräulein. Wenn Sie glauben, mich in meinen Combinationen verwirren, oder durch Drohungen mich einſchüchtern zu können, ſo irren Sie, ich habe Zeit genug gehabt, über die Sache nachzudenken. Man hat die Leiche in Mülheim aufgefiſcht, Uhr und Börſe fand man, das Portefeuille fehlte, das Gericht mag auf dieſes letztere keinen Werth gelegt haben, es war ja möglich, daß der Verunglückte kein Portefeuille beſeſſen hatte.“ Der ſtarre, glühende Blick Heinrich's ruhte unverwandt auf dem Antlitz der jungen Dame, es war der Blick eines Tigers, der im Begriff ſteht, ſich auf ſein Opfer zu ſtürzen. „Wiſſen Sie ſo genau, daß das Portefeuille fehlt?“ fragte er. „Ich war geſtern Abend in Mülheim, Sie hatten kurz vorher die Sachen des Ertrunkenen beſichtigt.“ Heinrich fuhr von ſeinem Seſſel empor— alſo auch das wußte ſie! Noch vor einer halben Stunde hatte er ſich in Sicherheit gewiegt, darauf gepocht, daß Niemand ihm etwas anhaben könne und nun mußte er ſich ſchon den Bedingungen eines Weibes fügen, wenn er dem rächenden Arme der Gerechtigkeit ſich entziehen wollte. Er ſah ein, daß er verloren war, wenn er es nicht that, die Sicherheit, mit der dieſe Dame auftrat, die Ruhe, mit der ſie ihm ſeine Verbrechen vorhielt und der Ernſt, mit dem ſie ſeine Einwürfe ſo energiſch zurückwies, ſie mußten ihm beweiſen, daß ſie entſchloſſen war, ihre Vortheile zu verfolgen und ihn zu vernichten, wenn er ihre Anſprüche nicht befriedigte. Und es war vorauszuſehen, daß ſie dieſelben Anſprüche erhob, welche Merville an ihn geſtellt hatte. „Sie werden nun begreifen, daß Sie das Verbrechen nutzlos verübt haben,“ fuhr Maria nach einer kurzen Pauſe fort, während ſie mit den ſeidnen Quäſtchen ihrer eleganten Handſchuhe ſpielte. „Glauben Sie mit mir leichteres Spiel zu haben, ſo täuſchen Sie ſich, für den Fall meines plötzlichen Todes werden die Papiere in andere Hände übergehen, und es fragt ſich, ob—“ — 590— „Der langen Rede kurzen Sinn iſt jedenfalls der, daß Sie entſchloſſen ſind, in die Rechte, die Merville gegen mich zu haben glaubte, einzutreten,“ unterbrach Heinrich ſie, zitternd vor Wuth, „aber glauben Sie nicht, daß es Ihnen gelingen wird, mich zur Anerkennung einer Schuld von zehntauſend Pfund Sterling zu zwingen. Ich habe keine Verpflichtungen gegen Sie, durchaus keine, waren Sie die intime Freundin Merville's, ſo waren Sie auch die Mitſchuldige an ſeinen Verbrechen—“ „Ereifern Sie ſich nicht ſo ſehr, mein Herr!“ fiel Maria ihm mit kühler Ruhe in die Rede.„Ich habe noch keine Forderung geſtellt, warten Sie ab, bis ich es thue. Sie verſuchen ſchon jetzt, mich einzuſchüchtern; wer eine Waffe beſitzt, wie ich ſie habe, der hat wahrlich keine Urſache, den Muth und die Beſonnenheit zu verlieren.“ Sie hatte ſich erhoben und trotzdem Heinrich einen glühenden Haß gegen ſie in ſeiner Seele fühlte, mußte er ſich doch geſtehen, daß er ſelten eine ſo vollendete, bezaubernde und zugleich verführeriſche Schönheit geſehen hatte. „Wohlan, welche Forderung knüpfen Sie an die Papiere?“ fragte er.„Vorausgeſetzt, daß Sie wirklich dieſe Papiere beſitzen?“ „Ah— Sie wünſchen zuvor ſich darüber Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen?“ erwiderte Marie, und es lag in dem Tone, in welchem ſie die Frage an ihn richtete, ein beißender Spott.„Ich ziehe, durch Erfahrungen gewitzigt, vor, ſolche Dokumente an einem ſichern Ort aufzubewahren, in der Taſche trage ich ſie nicht mit.“ Heinrich biß auf die Lippe, er fühlte den Stich. „Was ich dafür fordere?“ fuhr Maria achſelzuckend fort. „Eine Kleinigkeit— Ihre Hand!“ Ueberraſcht blickte Heinrich das ſchöne Mädchen an, deſſen Lippen ein verführeriſches Lächeln umſpielte. „Meine Hand?“ fragte er verwirrt. „Ja, mein Herr!“ „Aber—“ „Fürchten Sie, ich werde Ihnen keine Ausſteuer mitbringen? Zuerſt die zehntauſend Pfund Sterling, welche ich von Ihnen fordern kann, zum Zweiten das Vermögen Merrville's, welches zwanzigtauſend Pfund Sterling beträgt. Ich könnte von den Zinſen dieſes Vermögens leben, wie es mir gefällt, aber ich würde, wenn ich die große Dame ſpielen wollte, Jedem das Recht geben, mich zu fragen, woher ich die Mittel dazu nehme und wodurch ich mir das Vermögen erworben habe. Dem beuge ich durch die Heirath mit einem reichen, angeſehenen Manne vor. Verſtehen Sie das?“ „Vollkommen, nur bedaure ich, Ihrem Wunſche nicht willfahren daß Sie zu haben r Wuth, nich zur ling zu durchaus ren Sie ria ihm orderung en ſchon ſie habe, onnenheit lühenden geſtehen, lhreriſche apiere?“ beſizen?“ zu ver⸗ welchelt zu können, aus dem einfachen Grunde, weil ich bereits verheirathet bin.“ Ein höhnendes Lächeln glitt über das Geſicht Maria's, aus ihren großen Augen traf ein Blick der Geringſchätzung den jungen Mann. „Sie haben ſo manches Hinderniß zu beſeitigen gewußt, daß ich nicht bezweifle, Sie werden auch ein Mittel finden, dieſes zu beſeitigen,“ erwiderte ſie kühl.„Das Mittel ſelbſt iſt mir gleichgültig, ich verlange aber Ihre Entſcheidung binnen acht Tagen. Verſuchen Sie nicht, mich zu bewegen, dieſe Forderung fallen zu laſſen, wenn Sie dieſelbe nicht befriedigen wollen oder können, ſo mache ich Gebrauch von meiner Waffe und ſchwerlich werden Sie dann den Streich pariren, den ich gegen Sie führe! Binnen acht Tagen— ich logire im Königlichen Hof, Zimmer Nummer Zwei. Wollen Sie mich dort beſuchen, wird es mir angenehm ſein, nur nicht nach acht Uhr Abends,— als Ihre zukünftige Gemahlin muß ich meinen guten Ruf wahren.“ Sie entfernte ſich nach einer graziöſen Verbeugung ohne eine Erwiderung abzuwarten und Heinrich vergaß in ſeiner Beſtürzung ganz, ihr das Geleite zu geben, wie es die Höflichkeit doch erforderte. Das war ſehr deutlich geſprochen! Seine Frau wollte ſie werden,— nur für dieſen Preis ließ ſie den Schleier ruhen, der das Verbrechen bedeckte! Verwirrt, unfähig, ſeinen Gedanken ein beſtimmtes Ziel zu geben, durchmaß Heinrich mit großen Schritten ſein Kabinet. Alſo das Hinderniß ſollte er wegräumen, ſie wollte es! Und was gewann er durch den Tauſch? Im Grunde genommen blieben die Vermögensverhältniſſe ſich gleich, wenn er zu der Mitgift Maria's die zehntauſend Pfund Sterling hinzurechnete, die er ſich Merville gegenüber zu zahlen verpflichtet hatte. Aber um die Eheſcheidung zu bewirken, mußte Bertha frei⸗ willig ihre Einwilligung dazu geben und ſelbſt nach der Scheidung konnte er eine zweite Ehe nicht eingehen, wenn der Papſt nicht ſeinen Conſens gab. Daß Maria von ihrer Forderung nicht abſtehen werde, war vorauszuſehen, und ſo ſehr Heinrich auch ihre Schönheit bewunderte, war es ihm doch unangenehm, dieſe Dame heirathen zu ſollen, deren Vergangenheit gewiß manchen Flecken zeigte. Er hatte vorhin in ſeinem Uebermuth gefragt, wer ihm etwas anhaben könne, jetzt bemerkte er, daß er aus dem Regen in die Traufe gerathen war. Achtundſiebenzigſtes Kapitel. Kette und Einſchlag. Chriſtian Scherenberg, der Bettler von Breslau, oder der lange Chriſtian, hatte auf die ihm in Ausſicht geſtellte Erbſchaft nicht den mindeſten Werth gelegt. Wenn der Advokat, der ihn darauf aufmerkſam gemacht hatte, die Sache betreiben wollte, ſo mochte er das immerhin thun, dem langen Chriſtian war es vollſtändig gleichgültig, ob dabei etwas herauskam oder nicht. Er war an dieſes vagabundirende, obdachloſe Leben ſo ſehr gewöhnt, daß er durchaus kein Verlangen danach trug, es mit einer andern, beſſeren Lebensweiſe zu vertauſchen, ja er fürchtete ſogar, in ſeinen früheren liederlichen Lebenswandel zurückzufallen, wenn ihm die Glücksgöttin wieder ihre goldenen Gaben in den Schooß warf. Und was hätte er dann gewonnen? Nach kurzem Rauſch abermals Eckel, Ueberdruß, Armuth und Elend! Da war es beſſer, wenn er ruhig in ſeinem Geleiſe blieb. Er wich dem Advokaten aus, er wußte, daß dieſer ihn ſuchte, um über die Erbſchaftsangelegenheit mit ihm zu reden, wozu konnte dieſe Unterredung nutzen? Es waren Worte genug ver⸗ loren worden. Aber der Advokat hatte ſein eigenes Geld dazu hergegeben, um dieſe Angelegenheit zu betreiben, es lag alſo in ſeinem eignen Intereſſe, ſie zum Austrag zu bringen und für ſeine Koſten und Mühe ſich bezahlt zu machen. Er kannte die Abneigung des langen Chriſtian gegen dieſe Sache, aber ſie konnte und durfte ihn nicht abhalten, ſein eigenes Intereſſe zu wahren. Und dieſes Intereſſe war ſehr gefährdet, ſeitdem der Rechts⸗ konſulent Wimmer ihm den Ausgang der Erbſchaftsangelegenheit mitgetheilt hatte... Er ſuchte den Bettler ſo lange, bis er ihn eines Tages in der Abenddämmerung in einer Schenke hinter dem Bierglaſe antraf. Nothgedrungen mußte Scherenberg ihm jetzt Rede ſtehen, wenn er einen öffentlichen Scandal vermeiden wollte. „Ihr ſeid ein ſchöner Held,“ ſagte der Advokat unwirſch, nachdem er ihm gegenüber Platz genommen hatte,„zunächſt be⸗ — 593— voltmächtigt Ihr mich, Eure Sache zu vertreten und nachher weicht Ihr mir aus, wenn ich Enrer bedarf.“ „Ich habe Sie nicht bevollmächtigt,“ erwiderte Scherenberg phlegmatiſch, während er den Dampf ſeiner Cigarre dem Mann des Geſetzes unter die Naſe blies,„Sie wollten es für eigne Rechnung unternehmen und dagegen konnte ich nichts einwenden. Was habe ich nun noch dabei zu thun? Laſſen Sie mich in Ruhe mit der ganzen Sache, es kommt ohnehin nichts heraus.“ „Aber es muß etwas heraus kommen,“ fuhr der Advokat oder der ungeduldig fort„„ſo verwickelt der Fall auch iſt—“ 1 Erhſchaft„So— alſo auch das noch? Ich ſagte es Ihnen ja gleich, mein Herr Vetter werde mich nicht bedacht haben!“ act hatte„Das Teſtament muß angegriffen, umgeſtoßen werden!“ thun, dem„Alſo hat ſich ein Teſtament vorgefunden?“ bei etwas„Natürlich; Euer Vetter hat ſeinen Aſſocie zum Univerſal⸗ ohdachluſe erben eingeſetzt und die Erbſchaft ſoll über hundertfünfzigtauſend en danach Thaler betragen.“ 85 nſcen, i Das hatte der lange Chriſtian nicht erwartet; er wußte wohl, enzwandel daß ſein Vetter in Köln einiges Vermögen beſaß, aber daß dieſes uldenen Vermögen ſo bedeutend ſein könne, vermuthete er nicht. zuunn„Dann hat er außer ſeinem Vermögen einen lachenden Erben bu blend hinterlaſſen,“ ſagte er. 4„Aber es wäre beſſer, wenn Ihr der lachende Erbe wäret!“ u ſuchte„Man muß zufrieden ſein mit dem, was man hat; Hoffen inn ſung und Harren macht Manchen zum Narren. Mein Vetter iſt mir deng h⸗ nie grün geweſen, ich konnte von ihm nichts erwarten.“ 3 Der Advokat konnte ſeine Aufregung kaum noch bemeiſtern; eben, dieſer ſtoiſche Gleichmuth erbitterte ihn, zumal es ſich ja auch um hergeg ren die Rückerſtattung ſeiner Vorſchüffe handelte. nn alun„Mein Kollege in Köln ſchreibt mir, daß das Teſtament doſ allerdings vorliege, daß man aber mit einiger Energie die Nich⸗ die tigkeitserklärung desſelben erreichen könne,“ erwiderte er.„In egen — dieſem Falle würdet Ihr als der einzige Verwandte des Erblaſ⸗ ein eig ſers der Univerſalerbe ſein.“ f8⸗„Und wodurch glaubt er das zu erreichen?“ fragte Scheren⸗ der Re heit berg, deſſen Intereſſe allmählich rege ward, ſeitdem er die Summe qeltgen kannte, um welche es ſich handelte.„Durch einen langen, ver⸗ 4 wickelten Prozeß, der vielleicht erſt nach fünfzig Jahren ſein s Ende erreichen wird?“ Biergla„Nein,“ fuhr der Advokat fort,„zu einem ſolchen Prozeß würde ich weder die Genehmigung noch die Mittel geben. Man then, wem ſpricht davon, Euer Vetter ſei durch Liſt oder Gewalt in eine 76 Irrenanſtalt gebracht und dort ermordet worden. Das letztere moin 3 ſteht feſt als eine erwieſene Thatſache, und der Beſitzer jener nächſ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 38 Anſtalt wird ſteckbrieflich verfolgt. Nun ſchreibt mein College ferner, der Aſſocie Eures Vetters habe mit dem Mörder unter einer Decke gelegen, wenigſtens vermuthe man es, wenn man auch nicht wage, es auszuſprechen. Iſt dieſe Vermuthung wahr und können wir Beweiſe für ſie ſchaffen, ſo iſt das Teſtament nichtig.“ 1 „Dazu wäre eine feine Spürnaſe nöthig,“ ſagte Scherenberg, „ich gebe für derartige Hoffnungen und Ausſichten keinen rothen Heller.“ Jetzt riß dem Advokaten die Geduld.— „Mann, Ihr ſeid es mir ſchuldig, daß Ihr die Sache verfolgt,“ erwiderte er zornig,„ganz abgeſehen davon, daß Eure Pflicht Euch gebietet, den Mord Eures Verwandten zu rächen! Wenn Ihr keinen Werth auf das Geld legt, wenn Ihr lieber in dem Schlamm bleibt, in dem Ihr ſteckt, meinetwegen, gebt das Geld den Armen. Ihr könnt wenigſtens ein gutes Werk verrichten, nach dem Ihr ſo lange die Menſchheit geärgert habt. Aber Ihr ſeid es mir ſchuldig—“ „Ich habe Sie nicht gebeten, ſich der faulen Sache anzuneh⸗ mln,“ warf der lange Chriſtian trotzig ein,„wenn Sie Ihr Geld dafür zum Fenſter hinaus werfen wollten, konnte es mir gleich⸗ gültig ſein. Verfolgen Sie ſelbſt die Sache, ich habe die Naſe nicht, geheimnißvolle Verbrechen aufzuſpüren.“ „Das iſt ja auch ganz unnöthig, Andre werden es beſorgen,“ rief der Advokat, aber Scherenberg hörte ihn nicht mehr, er war hinausgegangen. Ohne irgend eine beſtimmte Abſicht wanderte der lange Chri⸗ ſtian die Straße hinunter. Er konnte nicht leugnen, die Worte des Advokaten hatten doch ihn ſo ganz gleichgültig nicht gelaſſen, wie er ſich den Anſchein geben wollte. Hundertfünfzigtauſend Thaler bildeten ein Vermögen, welches ihm geſtattete, ſein Alter in ſorgloſer Ruhe zu verleben und auf die bisherigen Almoſen ſeiner Bekannten zu verzichten. Dann auch galt es, ein entſetzliches Verbrechen zu enthüllen, und Chriſtian Scherenberg war von jeher ein entſchiedener Feind jedes Verbrechens geweſen. Aber dieſe Aufgabe zu löſen, mußte man Geld und Energie haben und beides beſaß der lange Chri⸗ ſtian nicht. Da war es denn beſſer, wenn der Advokat ſich an der harten Nuß die Zähne ausbiß, Scherenberg fühlte nicht die mindeſte Luſt dazu. Aus ſeinem Sinnen und Grübeln weckte ihn eine ſonore Baß⸗ ſtimme. — 595— in College Er blickte auf, vor ihm ſtand ein kleiner, unterſetzter Weber, rder unter der auf ſeiner Schulter ein Stück Leinwand trug. venn man„Grüß' Gott, Herr Scherenberg,“ ſagte dieſer Mann und ein ung wahr freundliches Lächeln glitt über ſein gutmüthiges Geſicht,„Ihr Teſtament kennt mich wohl nicht mehr?“ „Wüßte wirklich nicht, wann und wo—“ ſcherenberg,„Kunibert Scharf, Leineweber, wir haben in der„Sonne“ nen rothen manches Glas— „Ach ja, Ihr ſeid ja der luſtige, fidele Weber, der die Kunſt einen Porzellanteller zu bemalen, ſo vortrefflich verſteht,“ ſagte verfolgt Scherenberg, ſich erinnernd.„Wie geht's? Habe Euch lange nicht ure Pflicht geſehen.“.— en! Wem„Mag wohl ſein,“ fuhr Scharf redſelig fort,„ich war ſeit⸗ er in dem dem auf der Wanderſchaft. Habe mir Deutſchland und Frank⸗ das Geld reich angeſehen und bin nun vor einigen Wochen zurückgekehrt.“ verrichen,„So, ſo— na, und die Geſchäfte?“. Aber Ihr„Schlecht, lieber Herr! Ich will nicht klagen, wenn ich auch manchmal nicht weiß, woher ich Brot nehmen ſoll für meine alte e anzuneh⸗ Wurter und meine Schweſter, es gibt Andre genug, die Hungers „oyt Geld terben.“ 13 d„Oho!“ warf Scherenberg ein.„Ihr übertreibt, lieber Mann!“ nnr da„Wollte Gott, dem wäre ſo,“ entgegnete der Weber kopf⸗ he ſchüttelnd,„wenn Ihr's nicht glauben wollt, könnt Ihr Euch ja beſorgen, mit eigenen Augen davon überzeugen.“ ſer er wu„Und wohin wollt Ihr jetzt?“ i„In die Spinnerei drüben, Geld und neue Arbeit holen. „Ehr⸗ Wenn nur die Fabrikanten in dieſer ſchweren Zeit nicht ſo ſelbſt⸗ lange ſüchtig wären! Sie können ja in Gottes Namen ruhig fort ten doc arbeiten laſſen; was in dieſem Jahre nicht verkauft wird, das hattel bein findet im nächſten Jahre ſeinen Käufer, Leinewand iſt ja ein en Liſch Artikel, der nie aus der Mode kommt, die Jeder kaufen muß. elches Aber dieſe Herren ſchnuren auch den Geldbeutel zu, was ſie ein⸗ gen, We uf mal haben, das halten ſie feſt, lieber ſchließen ſie die Fabrik, als ben und al daß ſie auf Lager arbeiten laſſen. Und doch iſt es unſer Schweiß i. Gülleu, und Blut, was ſie reich gemacht hat!“ zu ehüin Der lange Chriſtian ſtieß mit ſeinem Knotenſtock unwillig auf edener ö ſte das Pflaſter. öſen, ulg„So ſieht es aus?“ fragte er.„Jetzt haben ſie kein Herz lange Ch für ihre Arbeiter! Da ſoll ja doch“ tten„Aendert es, wenn Ihr's vermögt,“ fiel Scharf ihm in's Wort. he„Viele von ihnen haben Haus und Fabrik geſchloſſen und ſind mit Kind und Kegel abgezogen. Da heißt es, ſie machen eine Geſchäftsreiſe und wenn ſie wiederkommen, bringen ſie Arbeit für den ganzen Winter mit! Jawohl— in der Reſidenz ſitzen ſie, 38* ————— - 596— dort wird herrlich und in Freuden gelebt, während hier der Plebs verhungert!“ Die Bitterkeit, mit der Scharf das ſagte, machte auf den langen Chriſtian einen tiefen Eindruck. „Gott ſei Dank, ſie ſind nicht alle ſo,“ fuhr der Weber fort, während er langſam an der Seite ſeines Begleiters der Spinnerei zuſchritt,„aber unter den Wenigen, die noch arbeiten laſſen, ſind die Meiſten keinen Schuß Pulver werth. Sie benutzen die Noth und das Elend, um den Arbeitslohn zu erniedrigen, Abzüge wegen leichter, faſt unvermeidlicher Webefehler zu machen, die der Arbeiter ſich zu anderen Zeiten nicht gefallen laſſen würde, und was der⸗ gleichen Blutſaugereien mehr ſind. Wir müſſen es jetzt dulden, der Hunger thut weh und ſeine Angehörigen kann Niemand dar⸗ ben ſehen, der ein Herz im Leibe hat. Der da, für den ich arbeite, iſt auch keiner der Beſten, wenn Ihr ihn in ſeiner Gloria ſehen wollt, ſo kommt mit hinein.“ „Darf ich?“ ſagte der lange Chriſtian. „Weshalb nicht? Wenn Ihr gefragt werdet, ſo ſagt, Ihr ſuchtet Arbeit, die Ausrede genügt.“ Zögernd folgte Scherenberg dem Weber, der einen langen dunklen Gang durchſchritt und dann in ein ſchmales enges Zim⸗ mer trat, in welchem ein langer Tiſch und mehrere Bänke ſtanden. Auf dieſen Bänken ſaßen mehrere Perſonen, Männer und Weiber, welche, ihre Leinwand auf dem Schooß, geduldig warteten, bis die Reihe der Ablieferung an ſie kam. In den abgehärmten Zügen Aller las der lange Chriſtian den Druck der Nahrungsſorgen.— Als die Beiden eintraten, ſtand ein alter Mann mit ſchnee⸗ weißem Haar vor dem Tiſche, auf welchem der Werkmeiſter des Fabrikanten die abgelieferte Arbeit zählte. Neben dieſem Werk⸗ meiſter ſtand der Fabrikant ſelbſt und wenn man nur einen ein⸗ zigen flüchtigen Blick auf das wohlgenährte, aufgedunſene Geſicht dieſes Herrn warf, ſo wußte man ſofort, daß man bei ihm kein Mitgefühl, keine Nachſicht ſuchen durfte. „Schlechte Arbeit!“ ſagte der Werkmeiſter und„Miſerable Arbeit!“ wiederholte der Fabrikant geringſchätzend. „Herr, das hat mir noch Niemand geſagt,“ erwiderte der Greis, vor innerer Erregung zitternd.„Ich ſitze nun ſchon ſeit vierzig Jahren am Webſtuhl und noch nie hat ein Fabrikant mir geſagt, daß meine Arbeit ſchlecht ſei.“ „So ſage ich's Euch!“ verſetzte der Fabrikani trocken. „Die Kette iſt Millionenmal geknüpft, zerriſſen und wieder geknüpft, der Einſchlag ſo locker wie ein Haarſieb,“ bemerkte der er der f den fort, nnerei „ſind Noth wegen kbeiter der⸗ lden, dar⸗ bbeite, ſehen Ih ungen Zim⸗ Bänke und teten, t den hnee⸗ des Ver⸗ ein⸗ eſicht kein rable der ſeit kant eder der — 597— Werkmeiſter, der trotz ſeiner Jugend mit einer Unverſchämtheit auftrat, als ob er allein hier zu gebieten habe. „Das liegt am Garn, nicht an mir,“ erwiderte der Weber. „Aus ſchlechtem, faulem Garn kann man keine gute Waare ver⸗ fertigen.“ Der Blick des Fabrikanten ruhte ſtechend auf dem ſorgen⸗ vollen Geſicht des alten Mannes. „Die alte Ausrede,“ verſetzte er mit ſchneidender Kälte. „Am Garne wird Alles geſucht, die Arbeit iſt immer untadelhaft. Menſch, wie dürft Ihr Euch anmaßen, über mein Garn ein Ur⸗ theil zu fällen? Wollt Ihr meine Waare ſchlecht machen? Schlecht macht Ihr ſie durch Eure miſerable Arbeit, Ihr ſeid zu alt zum Weben geworden. Weshalb die Kette ſo oft zerriſſen iſt? Ich will's Euch ſagen. Weil Ihr die Gedanken nicht bei der Arbeit haht! Da wird in den Tag hineingewebt, mit den Nachbarn geſchwätzt und auf die Arbeit nicht geachtet und nachher heißt es das Garn iſt faul!“ „Aber lieber Herr—“ „So, jetzt bin ich wieder Euer lieber Herr? Der Teufel mag Euer lieber Herr ſein, ich habe keine Luſt, das Geld zum Fenſter hinauszuwerfen.— Ziehen Sie dem Manne von ſeinem Arbeitslohn einen Thaler ab, ich habe größeren Schaden an dem Stück—“ „Das können und dürfen Sie nicht,“ ſiel der Weber ihm beſtürzt in's Wort.„Der Arbeitslohn iſt ja ſo knapp, daß ich und meine arme gichtbrüchige Frau—“ „de— wenn Euch der Lohn zu gering iſt, ſo ſucht ander⸗ wärts Arbeit. Vorwärts— zahlen Sie dem Manne, was er zu fordern hat und laſſen Sie ihn laufen, Arbeit gibts bei mir nicht mehr.“ Vergeblich bat und proteſtirte der Greis, umſonſt beſchwor er den herzloſen Fabrikanten, ihm das karge Brod nicht zu entziehen, vergebens erklärte er, den Abzug gutheißen zu wollen, der reiche Mann ſchüttelte den Kopf und weinend ging der Alte hinaus. Der lange Chriſtian hielt ſeinen Stock feſt umklammert, er hätte dem herzloſen Menſchen gerne einen Denkzettel gegeben, aber er bezwang ſich. Ein junger Mann war trotzig an den Tiſch getreten, mit finſtrem unmuthigem Blick legte er ſein Stück Leinwand hin. Auch hier fand der Werkmeiſter Vieles auszuſetzen, auch an dieſem Stück waren die Fäden der Kette häufig geknotet. „Was der alte Tlann Ihnen darüber ſagte, das kann ich Ihnen nur wiederholen,“ erwiderte der Weber unwirſch.„Wenn wir für—“ 7 — 598— „Ruhig Blut!“ fiel der Fabrikant ihm raſch in's Wort. „Hier wird nicht raiſonnirt, das merkt Euch. Merkwürdig, wie unverſchämt und trotzig dieſes Volk iſt! Ihr ſolltet mir Dank wiſſen, daß ich noch arbeiten laſſe!“ „Wüßten Sie nicht Geld dadurch zu verdienen, würden Sie's wahrhaftig nicht thun,“ ſagte der junge Mann, in deſſen Adern das elun zu kochen ſchien.„Unſertwegen thun Sie's wahrhaftig nicht!“ „Ein Thaler Abzug!“ wandte der Fabrikant ſich kalt zu ſeinem Werkmeiſter, der hämiſch lächelnd das Stück aufrollte.— „Iſt das Ihr Ernſt?“ fragte der Weber mit jener dumpfen, ſchwielen Ruhe, die dem Gewitter vorangeht.„Meine Frau iſt in voriger Woche im Wochenbett geſtorben, ich mußte ſie und das Kind beerdigen laſſen—“ „Was kümmert das mich!“ unterbrach der Fabrikant ihn ge⸗ fühllos.„Weshalb habt Ihr geheirathet?“ „Herr des Himmels, dieſer Menſch iſt im Stande, uns zu fragen, weshalb wir unſre Angehörigen nicht ermorden, damit wir nicht mehr nöthig haben, für ſie zu ſorgen!“ rief der Weber aufbrauſend.„Herr, Sie müſſen mir meinen Lohn voll aus⸗ zahlen, oder—“ „Oder?“ höhnte der Fabrikant.„Scheeren Sie ſich hinaus, heute Abend erhalten Sie keinen Pfennig, morgen können Sie wiederkommen und abrechnen!“ Ohne ein Wort zu erwidern, entfernte der Weber ſich, als er an dem langen Chriſtian vorbei ging, erſchrack dieſer unwillkührlich vor der wilden, verzehrenden Gluth, die in den Augen des ſchwer gekränkten Mannes loderte. Andere traten an den Tiſch und faſt Alle mußten ſich die ſcharfe Kritik und den Abzug gefallen laſſen, nur ein junges, hübſches Mädchen blieb verſchont. Zwar wollte auch bei ihr der Werkmeiſter verſchiedene rädelide Bemerkungen machen, aber der Fabrikant ließ ſie nicht gelten. Eben wollte Kunibert Scharf an den Tiſch treten, als plötzlich der Ruf„Feuer!“ erſcholl. In der Spinnerei erhob ſich ein gewaltiger Lärm, durch das Geſchwirre und Geraſſel der Maſchinen vernahm man das Kreiſchen der Arbeiterinnen, die befehlenden Rufe der Arbeiter. Der Fabrikant eilte hinaus, Rauchwolken quollen ihm ent⸗ gegen. Der Werkmeiſter beſann ſich nicht lange, er folgte ſeinem Herrn, aber der lange Chriſtian konnte ſich trotz der Verwirrung und Beſtürzung nicht enthalten, dem jugendlichen Kritiker einen derben Hieb mit auf die Reiſe zu geben. 4 — 1 —————— —— Grey Soritrof Shart Se⸗ Green vellow Hed Magenta —— 2 — 8 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnayme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei d n Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 f. 2 Mt.— Pf. „ 3 2— 3„=„ 4„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr jſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte cher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8CH=NR. —--—y——— 1 1 3 11.554.903 4 wahre Erzählung aus der Gegenwart von Oberhauſen. Verlagshandlung von Ad. Spaa Neunundſiebenzigſtes Kapitel. Der Brand in der Spinnerei. An vier Ecken zugleich ſchlugen Rauch⸗ nnd Flammenſäulen empor. Es unterlag keinem Zweifel, das Feuer war angelegt worden und der es angelegt hatte, kannte die Stellen ſehr genau, an denen es ſofort mit raſender Wuth um ſich greifen mußte. Von allen Seiten ſtrömte das Volk herbei, theils um zu löſchen und zu retten, theils um ſeine Neugier zu befriedigen, die Brandſpritzen wurden in Thätigkeit geſetzt, das Militair und die Löſchmannſchaften begannen ihre Arbeit. „Da iſt nichts zu machen,“ ſagte Scherenberg,„höchſtens können einige Menſchen das Leben verlieren, wenn ſie etwas zu retten verſuchen.“ „Das Feuer iſt angelegt,“ hört man überall, es wurde ſogar die Anſicht laut, der Brandſtifter müſſe ſich noch im Hauſe be⸗ finden und dieſe Anſicht fand darin, daß plötzlich auch in den unteren Stockwerken die Flammen durch die Fenſter ſchlugen, einiger⸗ maßen ihre Beſtätigung. Die Wuth des Volkes gegen den unbekannten Brandſtifter wuchs in demſelben Grade, in welchem das verheerende Element um ſich griff. Da rief plötzlich eine Stimme aus dem Haufen:„Der Schuft hat es ſelbſt gethan, der habſüchtige Menſchenſchinder will ein Geſchäft dabei machen!“ Dieſer Ruf war der Funken, der in's Pulverfaß fiel; die ganze Volkswuth richtete ſich gegen der Fabrikanten, der unter den Löſchmannſchaften ſtand und ſie beſchwor, wenigſtens ſeine Ge⸗ ſchäftsbücher zu retten. Wer wollte, wer konnte in dieſem Augenblick unterſuchen, ob der Angeklagte ſchuldig oder unſchuldig war? Die öffentliche Meinung hatte ihn ja längſt als einen herzloſen, brutalen, habſüchtigen Egoiſten gebrandmarkt; der Verdacht allein genügte, um den Stab über ihn zu brechen! Im Nu war der Fabrikant von der tobenden Menge umringt, und der Stock des langen Chriſtian gab ihm den erſten Beweis d 4 — 600— von der Verachtung und dem Haß, die er ſich durch ſeine Hand⸗ lungen zugezogen hatte. Vergeblich ſtrengte er ſeine Stimme an, um ſeinen Gegnern zu erkläcen, daß er ein ruinirter Mann ſei, daß das Feuer den größten Theil ſeines Vermögens verzehre, da er verſäumt habe, die abgelaufene Verſicherung zu erneuern, Niemand achtete auf ſeine Worte, immer enger zog der Kreis ſich um ihn zuſammen. „Nieder mit ihm!“ brüllte eine Baßſtimme.„Er iſt den Strick nicht werth, an dem er hängen müßte, dieſer Leuteſchinder und Blutſauger! He— Mann Gottes, erinnert Ihr Euch noch, daß Ihr mir einmal eine falſche Banknote in Zahlung gabt, und als ich ſie Euch zurückbrachte, behauptetet Ihr, ſie ſei nie in Euren Händen geweſen? Als ob ein armer Arbeiter ſo viele Banknoten einzunehmen habe! Schlagt ihn nieder!“ Schon erhoben ſich einige Arme, um der Aufforderung Folge zu leiſten, als ein Infanteriepiket zu ſeinem Schutze herbeieilte. Mit den Kolben mußten die Soldaten ſich durch die murrend zurückweichende Menge eine Bahn brechen, als ſie endlich den halb ohnmächtigen Mann erreichten, hatte dieſer ſchon manchen derben Hieb, manchen ſchmerzhaften Stoß erhalten. Seiner eigenen Sicherheit wegen wurde er fortgeführt, ein Theil der Menge folgte ihm ſchreiend und tobend. Die brennende Spinnerei gewährte einen furchtbar ſchönen Anblick. Oben wogte das Flammenmeer und dichte Funkengarben ſtiegen aus ihm empor zum geſtirnten Nachthimmel, im Innern ſah man die Flammen an den Maſchinen züngeln, die noch immer in vollem Gange waren. „Wenn das Keſſelhaus dem Feuer nicht widerſteht, gibts eine Exploſion, die das ganze Viertel in die Luft ſprengen kann,“ ſagte Kunibert Scharf, der ſich dicht bei dem langen Chriſtian gehalten hate. „Das verhüte Gott,“ erwiderte Scherenberg.„Glaubt auch Ihr, daß der Fabrikant ſelbſt das Feuer angelegt hat?“ „Unſinn!“ verſetzte der Weber.„Wenn er es gethan hätte, würde er zuvor ſeine Bücher und ſeine Kaſſe gerettet haben.“ „So hat's ein Andrer gethan, um ihn zu verderben.“ „Gewiß, er hatte Feinde genug und ſo entſchieden ich auch dieſe Rache verwerfe, kann ich doch nicht behaupten, daß ſie un⸗ gerecht ihn trifft. Aber ſeht dort, am letzten Fenſter links im oberſten Stock, ein Menſch— Herrgott— er iſt unrettbar verloren⸗“ Nicht der Weber allein, auch Andre bemerkten ihn, Aller Blicke richteten ſich auf ihn. —— — 601— Die Löſchmannſchaft ſetzte die Rettungsleitern an, man rief den Unglücklichen zu, man forderte ihn durch Geberden auf, hinunter zu ſpringen, er ſchien dieſe Winke nicht zu verſtehen. Er erſchien bald an dieſem, bald an jenem Fenſter, hinter ihm, um ihn herum loderten die Flammen. „Ich kenne ihn,“ flüſterte Scharf ſeinem Begleiter zu,„es iſt der junge Burſche, der vorhin den Wortwechſel mit dem Fabrikanten hatte.“ „Wüßt Ihr es gewiß?“ fragte Scheerenberg entſetzt. „Ich erkenne ihn ganz genau.“ „Dann iſt er auch der Brandſtifter.“ „Ich glaube es auch. Er hatte Niemanden mehr auf der Welt, ſeine Frau war todt, er ſelbſt ohne Arbeit.“ „Und der Fabrikant hatte ihn tief gekränkt.“ „Ja, ja, es war ſeine Rache,“ ſagte der Weber,„aber dieſe Rache bereitet ihm einen entſetzlichen Tod!“ Mit ängſtlicher, fieberhafter Spannung beobachtete Jeder die Vorkehrungen, welche die Löſchmannſchaften trafen, um den Un⸗ glücklichen zu retten. Es war zu ſpät; als man die zuſammengebundenen Leitern anſetzen wollte, ſtürzte das Dach krachend und praſſelnd zuſammen. Eine himmelhoch aufſteigende Garbe von Millionen Funken bezeichnete das Grab des Rächers, der das Opfer ſeiner eignen Rache geworden war. Das Feuer griff noch immer mit raſender Wuth um ſich, aber es blieb auf die Spinnerei ſelbſt beſchränkt, den angeſtrengten Bemühungen der Löſchmannſchaft gelang es, die benachbarten Häuſer zu ſchützen. „Hier iſt nichts mehr zu machen,“ ſagte der lange Chriſtian, „kommt, wir wollen einen hinter die Binde gießen.“ „Glaubt Ihr, daß ich dazu Luſt haben könne?“ erwiderte der Weber.„Ohne Geld, ohne Arbeit kehre ich heim—“ „Beſſert Ihr es dadurch, daß Ihr meinen Vorſchlag zurückweiſ't?“ unterbrach Scherenberg ihn.„Kommt, den Muth darf man nicht ſinken laſſen, unſer Herrgott verläßt keinen braven Schleſier. Was ſollen wir hier noch? In's Feuer ſtieren, wie die Katze in'’s Gewitter? Ich habe keine Luſt dazu.“ Mechaniſch folgte Kunibert Scharf dem langen Chriſtian, der ſich durch die Menge eine Bahn brach. „Gott ſei Dank, daß wir aus dem Gewühl heraus ſind,“ ſagte Scherenberg,„man kann doch einmal wieder Athem ſchöpfen.— Seht dort, iſt das nicht Euer liebenswürdiger Werkmeiſter?“ Der Weber blickte auf; kaum zehn Schritte von ihnen entfernt ſtanden zwei Perſonen wie es ſchien in der eifrigſten Unterhaltung. „Richtig,“ erwiderte er,„und das Mädchen, welches bei ihm ſteht, iſt dasſelbe, deſſen Arbeit voll bezahlt wurde.“ „Möchte doch gerne wiſſen, was der Leuteſchinder ſo angelegentlich mit ihr zu verhandeln hat,“ ſagte der lange Chriſtian leiſe.„Ich traue dem Fuchsgeſicht nicht, wenn wir dort hinter den Mauer⸗ vorſprung treten, können wir—“ „Spioniren?“ fragte der Weber vorwurfsvoll. „Na, die Spionage iſt manchmal ſehr rathſam, kommt.“ Behutſam ſchlichen die Beiden ſich hinter den Vorſprung, weder der Werkmeiſter, noch das Mädchen bemerkte ſie. „Was wollt Ihr?“ ſagte der Werkmeiſter.„Arbeit findet Ihr ſobald nicht und ehe die Spinnerei wieder aufgebaut iſt, kann ein ganzes Jahr verſtreichen. Der Hunger thut auch weh — alſo—“ „Dennoch ſehe ich nicht ein, daß die Noth mich zwingen könnte, meine Unſchuld und meine Ehre preiszugeben,“ fiel das Mädchen ihm unwillig in's Wort. „Aber wer erfährt es denn? Niemand. Seid doch nicht ſo ſpröde, ich kann ihrer ein Dutzend finden—“ 3 „So geht doch zu ihnen, Ihr hört ja, daß ich nicht will.“ „Ah— bah, Ihr wollt nicht, weil Ihr das Gerede fürchtet, ich bin verſchwiegen—“ „Ich will nicht, weil mir meine Ehre—“ „Was ſchwätzt Ihr doch nur von Ehre! Geehrt iſt der, der Geld in der Taſche hat, wenn ich Euch dazu verhelfe, könnt Ihr Jeden auslachen, der—“ „Laßt mich gehen!“ „So ſträubt Euch doch nicht, kommt, meine Wohnung iſt nahe hierbei, kein Menſch ſoll es erfahren.“ „Den Arm fort!“ rief das Mädchen gereizt.„Ich mag weder von Euch, noch von Euren ſchamloſen Anträgen etwas wiſſen.“ „Seid doch nicht ſo ſpröde, heute oder morgen, einmal zwingt Dich doch die Noth—“ Weiter kam der Schuft nicht. Ein gewaltiger Schlag von Oben trieb ihm den hohen Cylinderhut über das Haupt bis auf die Schultern hinunter. Hageldicht fielen die Schläge, der lange Chriſtian und Kunibert Scharf ſchienen das ganz vortrefflich zu verſtehen. Das Müädchen warf den Beiden einen dankbaren Blick zu und eilte von dannen „So, Burſche, jetzt wirſt Du wohl Zeitlebens an dieſen Abend denken,“ ſagte Scherenberg endlich, indem er ſeinem Opfer einen Stoß gab, daß es mit der Naſe auf das Pflaſter fiel.„Wenn Dich Einer fragt, wer Dir den Denkzettel gegeben habe, ſo ſage — 603— ihm nur, der lange Chriſtian habe es gethan und Du könneſt ihm bezeugen, daß er es aus dem F F. verſtehe.“ Als der Werkmeiſter ſich erhoben und von dem Hute befreit hatte, waren die Beiden verſchwunden. „Laßt mich heimgehen,“ ſagte der Weber,„wenn Ihr mich morgen einmal beſuchen wollt, ſollt Ihr willkommen ſein.“ „Herzlich gern,“ erwiderte Scherenberg,„wo wohnt Ihr?“ „Dort in jener Straße, das vierte Haus rechts, vier Treppen hinauf, zweite Thüre links.“ „Werde mir's merken. Noch Eins, kennt Ihr das Mädchen?“ „Ja, ſie wohnt in demſelben Hauſe.“ „Na, dann könnt Ihr ein gutes Werk thun, wenn Ihr es recht herzlich warnt. Die armen Geſchöpfe halten ſo lange Stand, wie ſie können, aber der Schufte gibt es genug, die nicht nachlaſſen, bis ſie durch glänzende Verſprechungen ihren Zweck erreicht haben. Gute Nacht.“ Kunibert Scharf blickte lange dem alten Manne nach, dann ſetzte er langſam ſeinen Weg fort. Der lange Chriſtian aber hatte an dieſem Abend Erfahrungen gemacht, die ihn ſehr bitter ſtimmten. So tief hatte er in das ſociale Elend der arbeitenden Klaſſe noch nicht hineingeblickt. Was waren dieſe Menſchen mehr, als Sklaven, die ſich jeder Laune ihres Herrn fügen, für jeden Fußtritt ihm danken mußten! Wie gerne hätte er geholfen, wie gerne die Lage dieſer armen Geſchöpfe verbeſſert! Zum erſtenmale in ſeinem Leben gereute es ihm, daß er ſein früheres Vermögen ſo leichtſinnig vergeudet und verpraßt hatte! Wenn er es noch beſäße, könnte er doch verſuchen, die Noth zu lindern, ſo viel ſeine Mittel es erlaubten. Aber da war ja die Hinterlaſſenſchaft ſeines Vetters— hundertfünfzigtauſend Thaler;— wenn es ihm nun doch gelang, ſie zu gewinnen? Chriſtian Scherenberg dachte lange, lange nach, es war am Ende doch Unrecht, wenn er nicht verſuchte, ſeinen Anſprüchen auf die Erbſchaft Geltung zu verſchaffen, er konnte ja mit dem Gelde ſo manche Familie glücklich machen! Das mußte recht reiflich überlegt werden, Scherenberg wollte am nächſten Tage mit dem Advokaten noch einmal Rückſprache darüber nehmen. — Achtzigſtes Kapitel. Die Leineweber. Das Haus, welches Kunibert Scharf dem langen Chriſtian als ſeine Wohnung bezeichnet hatte, glich eher einer Kaſerne, als einem Wohnhauſe. Es war ein langes, hohes Gebäude mit vielen Fenſtern, einer ſchmalen, ſchlüpfrigen Treppe, engen, dunklen Gängen und niedrigen Zimmern. In guten Zeiten konnte man glauben, ein recht heitres glückliches Völkchen müſſe in dieſem Hauſe wohnen, durch das einförmige Geräuſch der Webeſtühle hindurch vernahm man Lachen und Singen vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein.— Jetzt war das anders. Viele Webeſtühle ſtanden ſtill, gleich Schatten ſchlichen die Menſchen in den Gängen umher, ſelten hörte man ein lautes Wort. Von Lachen und Geſang war keine Rede mehr— wer hätte dazu auch den Muth gehabt! Die Wenigen, welche noch Arbeit hatten, blickten düſter und ſorgenvoll in die Zukunft, wie bald konnte das Elend auch ihre Schwelle überſchreiten! Der lange Chriſtian erkannte ſofort dieſes Elend in ſeiner ganzen Größe, dennoch mußte er recht herzlich lachen, als ein altes Weib ihm entſetzt auswich und hinter ſeinem Rücken die Bemerkung fallen ließ, es fehle noch, daß nun auch noch der Bettler von Breslau hier ſein Quartier aufſchlage. Er konnte nicht anders, er mußte lachen, ſo wenig Urſache dazu auch vorhanden war, ſeine überreizte Stimmung trieb ihn dazu. Er trat in das Zimmer, welches Kunibert Scharf bewohnte und ſein erſter Blick fiel auf das Mädchen, deſſen Ehre er am Abend zuvor ſo wacker beſchützt hatte. Mit leuchtendem Blick führte Scharf ſie ihm zu. „Meine Braut,“ ſagte er,„Ihr könnt jetzt ihretwegen ruhig ſein, die Ehre meiner Marie hat einen guten Vertheidiger gefunden.“ Ueberraſcht blickte der lange Chriſtian das Brautpaar an, er —— — 695— muſterte die kleine, enge Stube mit der ärmlichen Einrichtung, er ſah die alte Mutter und die gebrechliche Schweſter des Webers, — er wußte nicht, ſollte er zu dieſer Verlobung Glück wünſchen, oder nicht. „Ihr begreift nicht, daß man in ſolchen Zeiten an Heirathen denken kann,“ fuhr der Weber lächelnd fort,„na, ja, ich hab' auch nicht daran gedacht, aber das macht ſich manchmal, ohne daß man es will und wenn man einmal A geſagt hat, dann muß man auch durch buchſtabiren, wenn man kein Schuft ſein will. Mit der Heirath hat's ja noch Zeit, Marie iſt eine Waiſe, ſie kann arbeiten, ſie wird in dieſer ſchweren Zeit mir gerne beiſtehen, meine Mutter und die Schweſter zu ernähren.“ „Das will ich,“ fügte das Mädchen hinzu,„und wenn's nicht am Webſtuhl geht, dann arbeite ich im Tagelohn, ich bin ſtark und geſund und werde ſchon Arbeit finden.“ „Wenn das iſt, dann gratulire ich von Herzen,“ ſagte Scheren⸗ berg.„Aber damit iſt noch nicht geholfen, hier muß berathen und Hand angelegt werden, ſo, wie es jetzt iſt, kann es nicht fortgehen. Iſt denn kein Fabrikannt in der Stadt, der es ehrlich mit den Arbeitern meint?“ „O doch,“ erwiderte Scharf,„aber ſie ſind dünn geſäet und der Arbeiter ſind viele.“ „So muß die Arbeit vertheilt werden!“ „Geſchieht auch, aber die Fabrikanten halten's auf die Dauer nicht aus.“ „So muß die Stadt—“ „Redet mir davon nicht. Ein Comité hat ſich gebildet, Gelder ſind eingekommen, aber—“ „Ihr erhaltet ſie nicht?“ „Doch. Aber was nutzen uns dieſe Almoſen? Wir wollen Arbeit. Almoſen verführen gar leicht zum Müßiggang, zu einem ſorgloſen, unthätigen Leben.“ Das war auch für den langen Chriſtian ein Stich, ohne daß der Weber es wußte. 5 „Ja, ja, Arbeit,“ ſagte Scherenberg nachdenklich.„Wie kann man ſie Euch verſchaffen? Wenn man Geld hätte, daß man Garn kaufen könnte——— ſagt einmal, ſeid Ihr ein ſchlauer Kopf?“ „Wie meint Ihr das?“ „Na, ich meine, wenn es ſich zum Beiſpiel um die Erforſchung irgend eines dunklen Verbrechens handelte, würdet Ihr das über⸗ nehmen können?“ „Jenachdem, ich weiß ja nicht—“. „Noch Eins. Könntet Ihr auf Koſten eines Andern eine Reiſe unternehmen?“ V — — 606— „Wohin?“ „Zuerſt nach Köln, ſpäter vielleicht nach England.“ „Aber, du lieber Gott, was ſoll ich da?“ fragte der Weber mit wachſendem Erſtaunen.„Ich ſpreche zwar etwas franzöſiſch—“ „Na, dann kommt einmal mit,“ unterbrach der lange Chriſtian ihn haſtig,„wir wollen ſehen, was ſich machen läßt, es handelt ſich um eine ganze enorme Summe.“ Zögernd folgte Kunibert Scharf dem alten Manne, der raſch hinausgeeilt war. Er verſuchte, nähere Aufklärungen zu erhalten. aber Scheren⸗ berg wich ſeinen Fragen aus, er mußte ſich mit der Bemerkung begnügen, daß es ſich um eine Erbſchaft handle, um die er betrogen worden ſei. Der lange Chriſtian führte ſeinen Begleiter in die Schreib⸗ ſtube des Advokaten, der überraſcht aufblickte, als er ſeinen Klienten ſo unerwartet eintreten ſah. „Ich hab' mir die Sache überlegt,“ ſagte Scherenberg,„wenn es nicht mit gar zu großen Schwierigkeiten verknüpft iſt, möchte ich mir doch das Geld in Köln holen.“ Der Advokat ſchob die Feder hinter's Ohr und nahm bedächtig eine Priſe. „Das ließ ſich erwarten,“ erwiderte er ruhig,„hundert fünfzig⸗ tauſend Thaler nimmt man gerne mit, wenn man ſie haben kann. Weshalb wart Ihr denn geſtern Abend ſo ſtörrig?“ „Ich wußte geſtern Abend noch nicht, was ich heute weiß.“ „So, und was wüßt Ihr heute?“ „Daß ich Fabrikant werden will,“ ſagte der lange Chriſtian ruhig. Der Mann des Geſetzes blickte ſeinen Klienten an, als ob er ihn fragen wollte, ob er plötzlich irrſinnig geworden ſei. „Ich will den Leinewebern unter die Arme greifen,“ fuhr Scherenberg fort,„mit dem Gelde kann ich das. Ich verſtehe etwas von der Sache und für gute Waare wird hier mein Werk⸗ meiſter ſchon ſorgen.“ Der Advokat ſchüttelte den Kopf. „Na, meinetwegen könnt Ihr mit dem Gelde beginnen, was Ihr wollt,“ entgegnete er,„mich kümmert das ja nicht. Weshalb aber habt Ihr dieſen Mann mitgebracht?“ „Er ſoll die Reiſe für mich machen.“ „Er?“ „Jawohl, ich bin zu alt dazu.“ Der Advokat lachte laut auf. „Mann, Ihr ſeid mitunter gar zu drollig,“ ſagte er,„mit dem da werdet Ihr nichts ausrichten. Ihr müßt ſelbſt hin, als mit *, 3 — 607— einziger Verwandter und muthmaßlicher betrogener Erbe des Verſtorbenen müßt Ihr ſelbſt die Gerichte auffordern, Euch in Euren Nachforſchungen zu unterſtützen, ein Fremder kann das nicht. Zu alt ſeid Ihr nicht dazu und Erfahrungen habt Ihr auch genug geſammelt, alſo macht die Reiſe. Ihr wüßt, wie die Sachen liegen, mein Kollege in Köln wird Euch noch genauer unterrichten und die Wege Euch angeben, die Ihr einſchlagen müßt. Hier, leſ't dieſen Brief, ich theilte Euch den Inhalt deſſelben ſchon geſtern Abend mit.“ Der lange Chriſtian nahm den Brief und las ihn ſehr auf⸗ merkſam. „Ich hatte mir das Alles anders gedacht,“ verſetzte er.„Ich hoffte, es würde ſich Jemand finden, der mir eine Summe vor⸗ ſtreckte, dann hätte ich dieſen Mann auf die Jagd nach der Erb⸗ ſchaft ausgeſandt und inzwiſchen hier die Weber beſchäftigt. Wenn er dann mit dem Gelde zurückgekehrt wäre, würde ich die Fabri⸗ kation ausgedehnt haben—“ „Luftſchlöſſer!“ fiel der Advokat ihm kühl in's Wort.„Wer wird ſo thöricht ſein, Euch eine Summe vorzuſtrecken? Und wovon wolltet Ihr die Weber beſchäftigen?“ „Ich hätte Garn gekauft—“ „Ach, ſeid doch kein Narr, Ihr könntet im günſtigſten Falle ja doch nur einen einzigen Arbeiter beſchäftigen. Wenn Ihr einmal die Erbſchaft habt, iſt's eine andere Sache.“ „Und ich muß ſelbſt reiſen?“ „Ja.“ Der lange Chriſtian ſah ſeine Luftſchlöſſer in Trümmer fallen, jetzt lag ihm auch an der Erbſchaft nichts mehr. „Dann reiſe, wer Luſt hat,“ ſagte er mürriſch,„ich thue es nicht.“ Der Advokat zuckte die Achſeln. Kunibert Scharf hatte mit Erſtaunen zugehört. „So viel Geld dürft Ihr nicht fortwerfen,“ mengte er ſich jetzt in das Geſpräch,„es wäre eine Sünde und Schande. Wenn Euch nichts daran liegt, ſo—“ „Ich weiß das Alles ſehr gut,“ entgegnete Scherenberg,„aber wenn ich der Noth jetzt nicht ſteuern kann—“ „Wollt Ihr auch nicht die Mittel haben, es ſpäter zu können!“ unterbrach der Advokat ihn mit ſcharfer Betonung.„Das iſt eine ganz beſondere Philoſophie!“ „Du lieber Gott, ich habe ja ſo wie ſo kein Reiſegeld,“ warf der lange Chriſtian unwillig ein. „Jetzt ſind wir auf dem Punkte, über den ich mit Euch reden wollte,“ fuhr der Advokat ruhig fort.„Kann ich mich auf die Verſchwiegenheit dieſes Mannes verlaſſen?“ — 608— „Ich werde mich entfernen,“ ſagte der Weber. „Wenn Ihr ſchweigen könnt, bleibt. Alſo was das Geld betrifft, will ich Euch einen Vorſchlag machen. Ich habe nun ſchon vierzig Thaler für die Geſchichte ausgegeben, aber ich lege noch dreihundert dazu unter folgenden Bedingungen. Erſtens gelobt Ihr, Euch meinen Anordnungen, wie den Anordnungen meines Collegen zu fügen und mit raſtloſem Eifer die Sache zu betreiben. Zweitens erhält Jeder von uns, ſobald Ihr in den Beſitz der Erbſchaft gekommen ſeid, zehn Prozent, alſo fünfzehn⸗ tauſend Thaler für ſeine Auslagen und Bemühungen. Dafür werden wir beide Euch unterſtützen, ſo lange nur noch ein Schim⸗ mer von Hoffnung vorhanden iſt. Ihr könnt dieſes Honorar nicht zu hoch finden, wenn Ihr bedenkt, daß wir Gefahr laufen, unſer verausgabtes Geld zu verlieren, während Ihr nichts dabei zu verlieren habt.“ „Das könnt Ihr annehmen,“ ſagte Scharf,„Ihr gewinnt noch immer hundertundzwanzigtauſend Thaler.“ „Energie fordern wir vor allen Dingen,“ fuhr der Advokat fort,„Ihr dürft nicht vergeſſen, daß es fremdes anvertrautes Geld iſt, mit dem Ihr unterſtützt werdet.“ „Wenn ich mich einmal der Sache annehme, dann nehme ich mich ihrer auch energiſch an,“ entgegnete Scherenberg nachdenklich. „Aber inzwiſchen wird mein Freund ſammt ſeiner Familie ver⸗ hungern, nicht zu gedenken der Andern, die—“ „Ihr ſeid Weber?“ fragte der Advokat. „Ja, Herr Doktor.“ „Und ein fleißiger, tüchtiger Arbeiter,“ fügte der lange Chriſtian hinzu. „Schön, ſo werde ich ſorgen, daß er Arbeit erhält. Mein Schwager ſtellt ſeine Fabrik nicht ſtill, ich will mit ihm reden, er ſoll dieſem Manne Arbeit geben.“ „Wenn man ſich darauf verlaſſen könnte!“ ſagte Scherenberg zweifelnd.„Der Herr Schwager—“ „Wird mir den Gefallen erzeigen, verlaßt Euch darauf. Haltet Ihr Euer Verſprechen, ſo halte ich auch das Meinige, ich rede mit meinem Schwager noch heute Abend.“ „Nun, wenn das iſt, in Gottes Namen!“ ſagte der lange Chriſtian, dem eine Laſt von der Seele fiel.„Aber ich möchte auch einen guten Anzug zur Reiſe haben. Was ich beſitze, trage ich Alles auf dem Leibe— „Ihr ſollt's haben,“ unterbrach der Juriſt ihn ruhig, während er raſch einige Zeilen niederſchrieb.„Was Ihr bedürft, erhaltet Ihr, die Mittel, Eure Nachforſchungen zu betreiben, ſollen Euch — 609— nicht fehlen. Jetzt unterſchreibt dieſen Schein, er enthält die Be⸗ dingungen, die ich vorhin Euch nannte.“ Der lange Chriſtian ergriff die Feder und ſchrieb ohne Zö⸗ gern ſeinen Namen unter das Dokument. „So, das wäre abgemacht,“ fuhr der Advokat fort,„für den Paß ſorge ich. Hier ſind hundert Thaler, geht in ein Magazin und kauft, was Ihr nöthig habt. Heute Abend punkt neun Uhr erwarte ich Euch am Bahnhofe, ich werde dort ein Billet für Euch löſen und eine gefüllte Börſe Euch übergeben. Macht mir nur keine Seitenſprünge, wir halten Euch ſcharf im Auge. Hier iſt die Adreſſe meines Kollegen in Köln, Ihr werdet ihn ſofort be⸗ ſuchen und Euch ganz nach ſeinen Anordnungen richten.“ Der lange Chriſtian ſteckte die Banknote und die Karte vor⸗ ſichtig in ſeine Weſtentaſche und verſprach, die Bedingungen ge⸗ treulich zu erfüllen. „Na, ich wünſche glückliche Reiſe,“ ſagte Kunibert Scharf, als die Beiden das Haus verlaſſen hatten,„wenn Ihr zurückkehrt, werdet Ihr wohl ein reicher Mann ſein.“ „Wenn ich's bin, ſollt Ihr und Eure Kollegen den Nutzen davon haben,“ erwiderte Scherenberg treuherzig,„ich werde das Geld jetzt beſſer anwenden, wie damals. Ich laſſe fabriciren und Ihr werdet mein Werkmeiſter, vielleicht kann ich in meinen alten Tagen noch etwas Gutes ſtiften.“ „Gott gebe, daß es ſo kommt,“ verſetzte der Weber, indem er dem alten Manne die Hand reichte.„Gehabt Euch wohl, und wenn Ihr Zeit und Luſt habt, dann ſchreibt mir einmal, wie die Sachen ſtehen, ich werde Euch auch mittheilen, wie es mir geht.“ Das verſprach der lange Chriſtian und die Beiden nahmen nun Abſchied von einander. Einundachtzigſtes Kapitel. Eine Ueberraſchung. Bertram Schenk hatte zwei Briefe erhalten, und das war für ihn, der ſelten Briefe empfing, ein Ereigniß. Er reinigte be⸗ dächtig die Gläſer ſeiner Brille, nahm eine Priſe und ſtellte die Tabaksdoſe neben ſich auf den Tiſch. Fünfmalhunderttauſend Thaler. 39 — 610— Dann erbrach er das Siegel des erſten Briefes. Otto hatte ihn geſchrieben. Er theilte dem Vater mit, daß er ſich mit einem vermögenden Solinger Waffenſchmied aſſocirt habe und im Begriff ſtehe, eine Fabrik bei Hagen anzukaufen, die ihm angeboten worden ſei. Zu dem Zwecke werde er mit ſeinem Aſſocie nach Hagen reiſen, um das Etabliſſement zu beſichtigen, entſpreche es ſeinen Anforderungen, ſo wolle er den Kauf abſchließen und ſofort mit der Arbeit beginnen. Einige tüchtige Arbeiter ſeien ſchon enga⸗ girt, auch ein Reiſender gewonnen, und ſo hoffe er, mit Ver⸗ trauen in die Zukunft blicken zu können. Nikolas hatte ein Briefchen eingelegt für Helene, auch er fühlte ſich wohl in ſeinem neuen Wirkungskreiſe bei dem Waffenſchmied, auch ihn ermuthigte die Hoffnung, nun bald in dem neuen Etabliſſement einen Poſten zu erhalten, der ihm erlaubte, die Braut heimzuführen. Bertram Schenk lächelte ſtill vergnügt für ſich hin. Ihm gefiel die Art Otto's, ſich empor zu ſchwingen, beſſer, als die Heinrichs. Wenn er ernſtlich über die beiden Söhne, ihre Stellung und ihre Verhältniſſe nachdachte, ſo graute ihm oft vor dem Reich⸗ thume Heinrich's, der ſo raſch, ſo plötzlich erworben worden war. Dann tauchten manchmal düſtre Ahnungen in ſeiner Seele auf und es wollte ihm nicht gelingen, ſie ganz zu verdrängen. Er hatte ja auch manchmal die Gerüchte vernommen, die darüber auftauchten; wenn er ſie auch als gehäſſige Verleumdungen betrachtete, es kamen doch Stunden, in denen er ſich ernſtlich mit der Frage beſchäftigte, ob es denn unmöglich ſei, daß dieſe Ge⸗ rüchte ſich auf Thatſachen ſtützen könnten. Seine Frau hatte geringſchätzend die Achſeln gezuckt, wenn er mit ihr darüber ſprach, in ihren Augen war ihr Liebling unfehlbar. Bertram Schenk öffnete den zweiten Brief. Es war die Antwort des Konſuls in Rio de Janeiro auf ſeine Anfrage, bezüglich der Erbſchaft. Der Konſul äußerte ſich in hohem Grade überraſcht darüber, daß Bertram Schenk das Geld nicht empfangen haben wolle, da er doch damals einen Bevollmächtigten zum Empfang desſelben ihm zugeſchickt und ſpäter ihn beauftragt habe, den ganzen Betrag in guten Wechſeln an Jakob Herz einzuſenden. Die Ueberraſchung des Konſuls war nichts im Vergleich zu der des Schenkwirths, der, nachdem er den Brief zum drittenmale geleſen hatte, noch immer nicht wußte, was er von der Sache halten ſollte. Es war ihm allerdings jetzt klar, daß man ihn um die Erb⸗ ſchaft betrogen hatte, aber wer hatte dieſen Betrug verübt und tt, daß aſſocirt kaufen, Hagen ſeinen orrt mit tenga⸗ t Ver⸗ te ein ſeinem uthigte Poſten beſſer, ng und Räͤch⸗ en war. Seele gen. n, die dungen ich mit ſe Ge⸗ wenn er fehlbar. ro auf arüber, olle, da esſelben Betrag leich zu tenmale Sache e Erb⸗ bt und — 611— durch welche Mittel war es ihm gelungen, ſeinen Zweck zu erreichen? Bertram Schenk nahm unzählige Priſen, er ſchüttelte zu verſchiedenen Malen ſein Haupt, wanderte eine geraume Weile auf und ab und füllte endlich ein Glas mit ſchäumendem Gerſten⸗ ſaft, welches er auf einen Zug leerte. Jakob Herz alſo hatte den Betrag der Erbſchaft, der die Kleinigkeit von achtzigtauſend Dollars repräſentirte, erhalten? Jakob Herz? Sollte er der Betrüger ſein? Richtig— Jakob Herz hatte ja damals ihm den Brief des Konſuls gebracht mit der Bemerkung, derſelbe ſei irrthümlich ſeinem Schreiber Bernhard Schenk übergeben worden! Wie aber hing das Alles zuſammen? Der Schenkwirth konnte keine Klarheit hineinbringen, er mußte den Rath und die Anſichten Anderer hören, um danach ſein Urtheil zu bilden. Wen aber ſollte er zu Rathe ziehen? Der Barbier Gabel verſtand davon nichts, Fritz Wacker konnte ihm auch nicht rathen. Wenn nur Otto dageweſen wäre, er würde ſchon der Geſchichte auf den Grund gekommen ſein! So blieb nur noch Heinrich, und Bertram Schenk ging höchſt ungern zu ihm. Indeß, er mußte ſich doch dazu entſchließen, man konnte ja nicht wiſſen, ob der Betrüger nicht ſeine Spione drüben hatte, die ihm von dem, was im Konſulat vorfiel, unterrichteten, in dieſem Falle mußte raſch gehandelt werden, wenn man nicht Ge⸗ fahr laufen wollte, den Betrüger ſammt dem Gelde entwiſchen zu laſſen. So trat denn Bertram Schenk den Weg zu dem Hauſe ſeines Sohnes an, er war über die Schritte, die er thun wollte, nach⸗ dem er den Rath desſelben vernommen hatte, mit ſich im Reinen. Heinrich konnte ſeine Ueberraſchung nicht verhehlen, als er ſo plötzlich ſeinen Vater eintreten ſah, und dieſe Ueberraſchung be⸗ rührte den alten Biedermann unangenehm, weil ſie ihm bewies, daß ſein Beſuch nicht willkommen war. „Ich bitte um Entſchuldigung, wenn ich ſtöre,“ ſagte er, indem er ſich in einen Seſſel niederließ,„ich habe da ſoeben einen ſehr wichtigen Brief erhalten, über den ich gerne Deine Anſicht hören möchte. Sei ſo gut und lies das Schreiben und ſage mir dann, was Du von der Sache hältſt.“ Mechaniſch entfaltete Heinrich den Brief, daß der Inhalt des⸗ ſelben auch für ihn Intereſſe haben könne, ahnte er nicht. Aber je länger er las, deſto aufmerkſamer wurde er, mit 39* — 612— Spannung und Ungeduld durchflog er die Zeilen und als er nun am Schluſſe angelangt war, las er das Schriftſtück noch einmal. „Kein Zweifel, wir ſind um die Erbſchaft betrogen worden!“ rief er. „Ja, ja, aber wer iſt der Betrüger?“ fragte der Schenkwirth. „Wer? Jakob Herz!“ „Du glaubſt das alſo auch?“ „Natürlich. Ich meine mich zu erinnern, Du habeſt damals im vorigen Jahre einen Brief erhalten, in welchem der Konſul Dir anzeigte, ſtatt der gehofften Gelder ſeien nur Schulden vor⸗ handen.“ „Ganz recht.“ „Brachte die Poſt den Brief?“ „Nein. Jakob Herz übergab ihn mir mit der Bemerkung, ſein Schreiber Bernhard Schenk habe dieſen Brief erhalten, da er indeß aus Rio de Janeiro nichts zu erwarten habe, ſo—“ „Ah— und das Siegel war unverletzt?“ „Ja.“ Heinrich ſchüttelte den Kopf, er begriff das nicht. „Hier iſt der Brief,“ fuhr Bertram Schenk fort,„ich habe ihn mitgenomen, weil ich dachte, er könne von Bedeutung ſein.“ Heinrich prüfte das Schreiben ſehr ſorgfältig. „Der Brief iſt falſch,“ ſagte er.„Davon, daß die Hand⸗ ſchrift des Schreibers nicht dieſelbe iſt, ſehe ich ab, der Konſul beſchäftigt vielleicht mehrere Schreiber. Aber ſchon die Unterſchrift des Konſuls weicht ab. Ferner iſt das Originalſchreiben ab⸗ getrennt worden und der Schreiber des Wucherers hat die un⸗ beſchriebene Hälfte des Bogens benutzt. Das Siegel ſelbſt iſt ſehr künſtlich abgelöſt und ſpäter wieder aufgeklebt worden.“ „So hältſt Du den Betrug für erwieſen?“ „Ganz gewiß.“ „Aber Jakob Herz wird ihn leugnen.“ „Vorausſichtlich und der Konſul würde klug gehandelt haben, wenn er Deine Vollmachten und die Briefe des Wucherers mitgeſchickt hätte. Bevor dieſe Beweiſe in unſere Hände gelangen, kann der Betrüger längſt über alle Berge ſein.“ „Ich laſſe ihn einſtecken.“ „So raſch geht das nicht. Ueberlaß mir die Geſchichte, ich werde ſuchen, ſie zu ordnen.“ „Ich hoffe, das ſelbſt zu können,“ entgegnete der Schenkwirth ſehr entſchieden, während er die Schriftſtücke wieder in ſein Portefeuille legte. In den Augen Heinrich's blitzte es auf, dieſe Weigerung, die er nicht erwartet hatte, ſchien ihn ſehr unangenehm zu berühren. h habe ſein.“ Hand⸗ onſul ſchrift n ab e un⸗ ſt iſt — 613— „Ich habe in dieſer Beziehung mehr Erfahrungen,“ warf er ein, „dann auch gilt meine Drohung mehr, der Wucherer weiß, daß— „Jakob Herz wird nicht auf die Perſon des Anklägers, ſondern auf die Beweiſe ſehen,“ unterbrach Bertram Schenk ihn ruhig, ver weiß, daß ich der berechtigte Erbe, alſo auch der Betrogene bin, ich ſehe nicht ein, weshalb ich meine Anſprüche nicht ſelbſt vertreten ſoll!“ „Das heißt mit dürren Worten, Du vertrauſt mir nicht,“ fuhr Heinrich erbittert auf. „Ereifere Dich nicht deshalb; ich weiß, daß, wenn das Geld in Deine Hände kommt, ich einſtweilen keinen rothen Heller davon erhalte.“ „Iſt es vielleicht nicht ſicher bei mir aufgehoben?“ Der alte Mann zuckte die Achſeln. „Ehrlich geſtanden hege ich in dieſem Punkte einige ſehr ernſte Bedenken,“ erwiderte er gemeſſen.„Einem Spekulanten vertraue ich nicht gerne eine Summe an, man weiß, wie die Herren das Geld verſchleudern können.“ „So ſag' doch die Wahrheit,“ fuhr Heinrich mit wachſender Gereiztheit fort,„in Deiner Abſicht liegt es, daß Otto das Geld erhalten ſoll.“ „Nicht mehr, wie ihm zu kommt.“ „Alſo der dritte Theil?“ „Ja und wenn ich an Deiner Stelle wäre, ſo würde ich auf meinen Antheil zu ſeinen Gunſten verzichten, er kann's gebrauchen und—“ „Sieh da, wie großmüthig!“ ſpottete Heinrich.„Vierzigtauſend Thaler ſoll ich meinem Bruder ſchenken, damit er von ſeinen Zinſen leben kann, als penſionirter Schloſſergeſelle! Ich weiß, weshalb man immer auf mir reiten will! Wenn ich reich geworden bin, ſo bin ich's durch meine Kenntniſſe, meinen Fleiß geworden, geſtohlen habe ich das Geld nicht.“ Bertram Schenk ſchwieg, aber ſein Blick ruhte ſo feſt, ſo durchdringend auf dem Antlitz des Sohnes, daß dieſer unwillkürlich die Wimpern ſenkte. „Du ſollſt nicht zu kurz kommen,“ ſagte er ernſt,„beruhige Dich deshalb, aber Deinetwegen werde ich mich nicht eher ausziehen, bis ich zu Bett gehe. Ueber Deinen Reichthum mag ich nicht mit Dir reden, dieſes Kapitel hat mir ſchon manche Sorge, manchen Aerger bereitet, gebe Gott, daß——— wir wollen darüber ſchweigen. Uebrigens freut es mich, Dir mittheilen zu können, daß Dein Bruder im Begriff ſteht, ein großes Etabliſſement zu kaufen, Du haſt alſo nicht mehr nöthig, Dich des Schloſſergeſellen zu ſchämen.— Guten Morgen.“ — 614— Verblüfft blickte Heinrich dem Vater nach, faſt wollte es ihm bedünken, als ob ſchon jetzt der Boden unter ſeinen Füßen wanke. Der alte Mann ging zu einem Advokaten, ihm wollte er die Ordnung dieſer Angelegenheit lieber anvertrauen, als ſeinem Sohne. Der Mann des Geſetzes hörte ſeine Mittheilungen an, er prüfte die Schriftſtücke, fragte nach Dieſem und Jenem und dachte dann lange nach. „Hätten wir die gefälſchte Vollmacht und die Briefe des Betrügers an den Konſul in Händen, ſo könnten wir den Mann ſofort verhaften laſſen,“ ſagte er endlich.„Auf dieſe beiden Schriftſtücke hin können wir höchſtens den Prozeß gegen ihn einleiten, er wird leugnen, vielleicht ſeinem Schreiber den Betrug in die Schuhe ſchieben, möglicherweiſe ſich durch einen falſchen Eid reinigen, dann ſind wir mit unſerer Klage abgewieſen, und Jakob Herz kann inzwiſchen mit Sack und Pack die Stadt verlaſſen haben.“ „Wenn die Sachen ſo ſtehen—“ „Geduld, verloren iſt noch nichts, ſo lange wir nicht ſelbſt uns die Suppe verſalzen. Schreiben Sie ſofort an den Konſul und bitten Sie ihn, die betreffenden Papiere einzuſenden. Inzwiſchen halten wir den Wucherer im Auge.“ „Weiter können wir nichts thun?“ fragte der Schenkwirth enttäuſcht. „Nein.“ „Das würde abermals ein halbes Jahr dauern.“ „Und wenn's ein ganzes Jahr währt, wir müſſen warten,“ ſagte der Advokat in kühlem Geſchäftstone. Bertram Schenk ging hinaus. Ihm gefiel dieſer Rath nicht, er konnte auch nicht einſehen, daß derſelbe maßgebend ſein ſollte. Nach ſeiner Anſicht reichten die beiden Schriftſtücke hin, den Wucherer zu überführen, der Konſul ſchrieb ja ſelbſt, Jakob Herz habe das Geld empfangen. Wenn er verſuchte, den Schreiber auszuhorchen? Mit Verſprechungen und Drohungen konnte er dieſen Mann vielleicht einſchüchtern, der Schreiber des Wucherers mußte ja mit ſeiner Stellung, die ihm vorausſichtlich nur das trockene Brod ein⸗ brachte, ſehr unzufrieden ſein. Aber wo fand er ihn? In der Nachrarſchaft des Wucherers wohnte ein Küpermeiſter, der dem Schenkwirth ſchon manches Faß geliefert hatte, der wußte vielleicht, wo der Schreiber Bernhard Schenk wohnte und wo man ihn antreffen konnte. Ohne Verzug ging der alte Mann hin. un es ihm wanke. er die ſeinem an, er dachte efe des Mann beiden lleiten, in die inigen, Herz ben.“ ſelbſt Konſul wiſchen lwirth arten,“ inſehen, in, den Herz Mann ja mit od ein⸗ meiſter, rwußte ind wo — 615— Um nicht genöthigt zu ſein, mit der Thüre in's Haus zu fallen, beſtellte er dem Meiſter einige neue Fäſſer, dann bot er ihm eine Prieſe an, die dankend angenommen wurde. „Ihr habt eine dunkle Werkſtätte,“ ſagte er,„müßtet Euch beſſeres Licht und mehr Raum anſchaffen.“ Der Meiſter nickte gedankenvoll und nieſte kräftig. „Alles leicht geſagt,“ erwiderte er,„aber woher ſoll das Licht kommen in dieſer engen Gaſſe?“ „Na, es liegt weniger an der Gaſſe, als an Eurem Hauſe ſelbſt,“ erwiderte Schenk.„Kauſt den alten Kaſten nebenan, er kann doch nicht viel koſten.“ „Glaubt Ihr? So lange Jakob Herz den Kaſten ſein Eigen⸗ thum nennt, wird kein Anderer ihn erhalten. Wißt Ihr, der Wucherer kann ja auch nicht in jedem Hauſe wohnen, er muß feuerfeſte Gewölbe und geheime Verſtecke für ſeine Schätze haben.“ „Ach geht, ſo reich iſt der Mann nicht!“ „Wenn wir beide ſein Vermögen hätten, könnten wir von unſern Renten leben.“ „Bah— Alles wird vergrößert!“ „Na, ich ſage Euch, Jakob Herz iſt reicher wie man glaubt, aber dieſer geizige Filz führt ein Leben, als ob er jeden Pfennig im Schweiße ſeines Angeſichts ſauer verdienen müſſe.“ „Und er wohnt ganz allein in dem Hauſe?“ „Ganz allein!“ „Aber er muß doch Jemanden haben, der für ihn kocht?“ „Das Eſſen wird ihm aus einer Garküche geſchickt, täglich für zwei Silbergroſchen Gemüſe und Fleiſch.“ „Wer reinigt denn die Stuben?“ „Er ſelbſt.“ „So hat er Niemanden zur Bedienung?“ „Nein. Vor einigen Monaten lag er an der Cholera krank, eine Frau aus der Nachbarſchaft, eine arme Wittwe, übernahm die Pflege, ſie hoffte, dabei einige Thaler zu verdienen. Na ja, wenn die ganze Nachbarſchaft nicht für ſie eingetreten wäre, hätte ſie gar nichts erhalten, denn kaum war der alte Schuft wieder geſund, als er ihr die Thüre zeigte und ſie beſchuldigte, ihn beſtohlen zu haben. Da ſind wir ihm denn in die Bude hineingerückt und er mußte mit dem Gelde herausrücken.“ „Hat er keinen Schreiber?“ „Gehabt. Den armen Teufel hatte er eines ſchönen Morgens vor die Thüre geſetzt, an dem Tage vorher war ein Heidenlärm in dem Hauſe, die Beiden müſſen einander herrliche Grobheiten in's Geſicht geworfen haben.“ „Hieß der Schreiber nicht Bernhard Schenk?“ forſchte der Schenkwirth. „Ganz recht.“ „Na, er wird eine andere Stelle gefunden haben.“ Der Küpermeiſter ſchüttelte den Kopf und nahm eine zweite Priſe. „Wer bei dem in Dienſt geſtanden hat, der kommt bei ehr⸗ lichen Leuten nicht mehr unter,“ ſagte er. „Das iſt traurig für den armen Teufel,“ erwiderte Bertram Schenk,„unter ſolchen Verhältniſſen wird er natürlich immer tiefer ſinken.“ „Verſteht ſich, er treibt ſich jetzt in den Schenken umher.“ „In den Schnapskneipen?“ „Natürlich.“ „Hm, hm— habt Ihr ihn vielleicht ſchon getroffen?“ „Im Schnapskaſino mehrmals, weshalb fragt Ihr?“ „Na, ich meine nur,“ ſagte der Schenkwirth ausweichend, „vielleicht könnte man etwas für ihn thun.“ „Für den?“ erwiderte der Küpermeiſter geringſchätzend.„Das Geld wäre weggeworfen.“ „Na, wenn das iſt, ſo denken wir nicht weiter daran, alſo ſorgt, daß ich die Fäſſer erhalte.“ Bertram Schenk war mit dem Reſultate dieſes erſten Schritts ſehr zufrieden. Er wußte, daß der Schreiber nicht mehr im Dienſte des Wucherers ſtand, das erleichterte nach ſeiner Anſicht ihm die Sache. War der Schreiber mitſchuldig, ſo mußte er durch Drohungen eingeſchüchtert werden, war er nur ein willenloſes Werkzeug ge⸗ weſen, ſo konnte man ihn durch Verſprechungen gewinnen. Aber es war noch ſehr fraglich, ob er den Schreiber heute Abend fand, mehrere Tage konnten verſtreichen, ehe ihm dies ge⸗ lang, und wer bürgte dafür, daß Jakob Herz nicht ſchon jetzt durch ſeine Spione unterrichtet war? Der Advokat hatte dieſe Beſorgniß nicht beachtet, und doch erſchien es faſt unzweifelhaft, daß der Wucherer drüben in Braſilien einen Verbündeten gehabt hatte, der wahrſcheinlich ſich noch dort befand. Da war es unter allen Umſtänden rathſam, wenn man raſch zu Werke ging, der Brief des Konſuls mußte ja dem Verbrecher gegenüber als Beweis genügen. Bertram Schenk blieb ſtehen, um zu überlegen. Er war noch zu keinem Entſchluß gekommen, als er ſeinen Namen nennen hörte, er blickte ſich um und bemerkte, daß er vor der Thüre eines Haarſchneide⸗Salons ſtand. 8 Barbi Glaet Salol T ſtände er ih einme Eure komm Haar — 617— „Salon pour la coupe des cheveux. Kaspar Melchior Gabel, Barbier und Friſeur für Damen und Herren,“ las er auf der Glasthüre. Und hinter dieſer Thüre ſtand der Beſitzer dieſes Salons mit ſeiner purpurrothen Naſe. Der Schenkwirth trat ein. Mit einem Selbſtbewußtſein und einem Stolze, den die Um⸗ ſtände rechtfertigten, zeigte Gabel dem Freunde ſein Lokal, während er ihm gleichzeitig Vorwürfe machte, daß er nicht früher ſchon einmal gekommen ſei. „Du lieber Gott, ſo ſeht doch meinen Schädel an, ob an ihm Eure Kunſt noch etwas vermag,“ entſchuldigte Schenk ſich.„Ich komme nicht mehr in Verlegenheit, wann und wo ich mir das Haar ſchneiden laſſen ſoll—“ „Aber eine Perrücke—“ „Nimmermehr!“ „Nichts für ungut, alter Freund. Deshalb braucht Ihr ja auch nicht zu kommen, Ihr müßt doch wiſſen, daß es mich freut, wenn Ihr Antheil an mir nehmt.“ „Gewiß, gewiß,“ ſagte der Schenkwirth,„wie läßt es ſich denn an?“ „Danke, ich bin zufrieden. Auffallend, daß ſo viele Gym⸗ naſiaſten mich beſuchen! Sie kommen in der Regel zu dreien oder vieren, möglicherweiſe meiner Naſe wegen, an der ſie viel⸗ leicht Anatomie oder was weiß ich ſtudiren wollen. Mir iſt das gleichgültig, ich laſſe ſie kichern und kaſſire nachher die Groſchen ein, das Vergnügen gönne ich ihnen.“ „Alſo, es geht gut?“ „O ja, es könnte natürlich beſſer gehen.“ „Ihr ſeid allein? Habt Ihr denn keinen Gehülfen?“ „Ich hatte ihn, er iſt auf und davon gegangen, weil ihm das Eſſen nicht ſchmeckte. Ich kann meinen Gehülfen nicht mit Faſanen und Schildkrötenſuppe füttern, das Eſſen aus der Gar⸗ küche behagte ihm nicht und dann—“ „Und dann?“ „Na, ich kann nicht dafür, wenn meine Naſe ſich bei jedem Löffel Suppe badet, er meinte, das ſei unanſtändig, ich ſolle die Naſe über den Löffel halten. Da habe ich ihm denn eines Mittags mit dem Suppenlöffel Eins auf den Schädel gegeben und ihn zum Teufel gejagt. Ich kann mir doch von ſolchem miſerablen Geſellen keine Vorſchriften machen laſſen!“ Der Barbier ſagte das ſo ſchmerzlich wehmüthig, daß Bertram Schenk auf die Lippen beißen mußte, um nicht dem bekümmerten Freunde in's Geſicht zu lachen, was dieſer als eine Beleidigung hätte deuten können. Um ctun dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, theilte — 618— der Schenkwirth ihm die Ereisniſſe dieſes Vormittags mit und bat ihn um ſeinen Rath. „Das dürft Ihr nicht auf die lange Bank ſchieben,“ ſagte Gabel, als ſein Freund ſchwieg.„Friſche Fiſche, gute Fiſche.“ „Ihr ſeid alſo auch der Meinung, daß ich direkt dem Wucherer zu Leibe gehen müſſe?“ „Sofort!“ „Er wird leugnen.“ „Laßt Euch dadurch nicht zurückſchrecken, droht ihm mit ſo⸗ fortiger Verhaftung, er wird ſchon klein beigeben. Ich wollte, ich könnte Euch begleiten.“ „Thut es. „Ich kann doch meinen Salon nicht ſchließen.“ „Ich vergüte Euch den Schaden,— wie hoch ſchätzt Ihr ihn?“ „Na, einen Thaler—“ „Ich, gebe Euch zwei, kommt mit, Ihr könnt beſſer reden, wie ich.“ Der Barbier nahm den Vorſchlag an. Er ſchloß die Thüre und folgte ſeinem Freunde, der den Weg zum Hauſe des Wucherers einſchlug. Bertram Schenk fühlte jetzt eine Armee in ſeiner Fauſt, er war überzeugt, daß der Barbier im geeigneten Augenblick das Wort ergreifen und den Wucherer niederſchmettern würde. Zweiundachtzigſtes Kapitel. Abgetrumpft! Jakob Herz war entſchloſſen, die Stadt Köln für immer zu verlaſſen, und er würde dieſen Entſchluß längſt ausgeführt haben, wenn ſeine Habſucht ſich mit dem Verluſt ſeiner unbedeutenden Forderungen hätte befreunden können. Der Wunſch, dieſe Forderungen vorher einzukaſſiren, der Vorſatz keinen Pfenning ſeines meiſt unredlich erworbenen Geldes in Stich zulaſſen, hielt ihn noch immer zurück, trotzdem er ſich ſagen mußte, daß jeder Tag ihm die Entdeckung ſeiner Verbrechen bringen konnte. Aber er dachte nicht einmal an dieſe Gefahr; wenn eine Gefahr ihm drohte, ſo glaubte er ſie anders wo ſuchen zu müſſen. ſo⸗ ih — ——— — ————;—ʒ——ʒ⅓ꝛ——— — 619— Sein früherer Schreiber und deſſen Genoſſe, der ehemalige Schloſſermeiſter, waren oft in der Nähe ſeiner Wohnung geweſen, er hatte ſie von Zeit zu Zeit geſehen und in ihren Blicken gele⸗ ſen, daß ihr Haß gegen ihn eher gewachſen als getilgt war. Indeß, auch das beunruhigte ihn ſo ſehr nicht, er hielt ſein Haus verſchloſſen und ging nur am Tage aus, ſie konnten ihm alſo nichts anhaben. So wiegte der Wucherer ſich noch immer in Sicherheit, die plötzlich durch den Beſuch des Schenkwirths den erſten Stoß erhielt. Als Jakob Herz die Hausthüre öffnete und ſich nun dem Schenkwirth gegenüber ſah, bereute er ſofort, nicht ſchon längſt ſeinen Vorſatz ausgeführt zu haben. Die Reue kam nun zu ſpät, der Wucherer begriff, daß er jetzt der Gefahr eine kühne, freche Stirne bieten mußte, um wenigſtens Zeit zu gewinnen. Bertram Schenk und der Barbier traten in die Schreibſtube des Wucherers, und der Schenkwirth kam ohne Umſchweife zur Sache. „Ich habe heute Morgen einen Brief aus Rio de Janniro er⸗ halten,“ ſagte er, und ſeinem forſchenden Blick entging es nicht, daß Jakob Herz ſich zwang, äußerlich ruhig zu ſcheinen.„In dieſem Briefe ſchreibt mir der Konſul, daß er die Hinterlaſſen⸗ ſchaft meines in Braſilien verſtorbenen Bruders Ihnen zuge⸗ ſchickt habe.“ „Davon iſt mir nichts bekannt,“ entgegnete der Wucherer gleichgültig.„Wie ſollte der Konſul dazu kommen, mir etwas zu ſchicken, worauf ich keinen Anſpruch habe?“ „Ah— Sie glauben mich täuſchen zu können?“ ſuhr Bertram Schenk fort.„Geben ſie ſich keine Mühe, es wird Ihnen nicht gelingen. Sie werden ſich erinnern, daß Sie im vergangenen Jahre mir einen Brief aus Braſilien brachten, mit dem Bemer⸗ ken, der Poſtbote habe denſelben irrthümlich Ihrem Schreiber übergeben—“ „Da werden Sie meinen früheren Schreiber fragen müſſen,“ warf Herz gelaſſen ein. „Ohol“ rief der Barbier.„Ich kann bezeugen, daß Sie damals den Brief gebracht haben.“ „Wenn Sie das ſo genau wiſſen—“ „Sie wollen es beſtreiten?“ fuhr Schenk entrüſtet auf. „Durchaus nicht, aber ich entſinne mich deſſen nicht mehr. Wenn ich derartige Kleinigkeiten im Gedächtniß behalten wollte, müßte ich ein Rieſengedächtniß beſitzen.“ „Sie haben natürlich Ihre Gründe, ſich deſſen nicht mehr 2 — 620 erinnern zu wollen,“ erwiderte der Schenkwirth, der dieſe kalt⸗ blütige Ruhe, dieſe eiſerne Frechheit nicht erwartet hatte.„Sie haben mir den Brief gebracht, und dieſer Brief war geöffnet, ge⸗ fälſcht und ſehr kunſtreich wieder geſchloſſen.“ „Was Sie ſagen!“ „Alſo auch das wollen Sie nicht wiſſen?“ fragte der Barbier entrüſtet. „Wollen Sie mich etwa beſchuldigen, daß ich den Brief ge⸗ öffnet oder gefälſcht habe?“ erwiderte der Wucherer ſcharf.„Ich warne Sie, Ihre Zunge zu hüten!“ „Da hört Alles auf!“ rief Bertram Schenk, während er ſo tief in ſeine Doſe hineingriff, daß der Tabak verſchüttet wurde. „Hören Sie weiter! In dieſem gefälſchten Briefe wurde ich be⸗ nachrichtigt, mein Bruder habe nur Schulden hinterlaſſen, man rathe mir, die Erbſchaft nicht anzunehmen, da ich dann auch die Verpflichtung übernehmen müſſe, dieſe Schulden zu tilgen. In⸗ zwiſchen wurde ein Bevollmächtiger, mit einer Vollmacht von mir ausgerüſtet, hingeſchickt. Dieſe Vollmacht war gefälſcht. Der Konſul wurde beauftragt, das Geld Ihnen in guten Wechſeln zu⸗ zuſenden und er hat das gethan in dem guten Glauben, daß die Vollmacht ächt ſei.“ Jakob Herz ſchüttelte den Kopf. „Davon iſt mir nichts bekannt,“ ſagte er gleichgültig.„War die Summe bedeutend?“ Bertram Schenk blickte ſeinen Begleiter an, als ob er ihn fragen wolle, ob ihm je ein ſo verſtockter Verbrecher vorgekommen ſei. „Zum Henker, das werden Sie ſelbſt genauer wiſſen, wie wir,“ nahm Gabel das Wort.„Sie haben ja das Geld erhalten! Oder wollen Sie vielleicht den Konſul beſchuldigen, er ſei ein Verläumder, er habe ſelbſt das Geld in die Taſche geſteckt?“ Jakob Herz zuckte die Achſeln. Je mehr die Erregung und Erbitterung der Beiden wuchs, deſto ruhiger und gleichgültiger ward er und durch dieſe Ruhe gewann er einen Vortheil, gegen den ſeine Gegner auf die Dauer nichts auszurichten vermochten. „Mir iſt das Alles noch ein Räthſel,“ ſagte er,„nur ſo viel glaube ich zu verſtehen, daß man mich des Betruges, der Fälſchung und der Unterſchlagung beſchuldigen will. Na, meinetwegen, der Gerechte muß viel leiden, aber vor Gericht wird es ſich zeigen, wer hier der Betrogene und wer der Betrüger iſt.“ „So ſchlage doch das Gewitter hinein!“ rief Bertram Schenk, unfähig, ſich länger zu bemeiſtern.„Hier ſteht es ſchwarz auf weiß, daß Sie die achtzigtauſend Dollars erhalten haben.“ „Iſt das ein vollgültiger Beweis? Das Papier iſt geduldig, ich kann jede Lüge—“ e — 621— „Nennen Sie den Konſul einen Lügner—“ „Weshalb ſoll er es nicht ſein können? Beweiſen Sie mir, daß ich das Geld wirklich erhalten habe und dann klagen Sie mich an.“ 3 „Da ſteht mir der Verſtand ſtill,“ wandte der Schenkwirth ſich zu ſeinem Freunde, der heftig ſeine Naſe rieb.„Bin ich denn toll oder will dieſer Menſch mich raſend machen?“ 7 Der Barbier näherte ſich langſam dem Wucherer, der trotz ſeiner anſcheinenden Gleichgültigkeit jede Bewegung ſeines Gogner ſcharf beobachtete. „Wir wollen jetzt einmal gut deutſch miteinander reden,“ ſagte er ernſt und eindringlich.„Jedermann weiß, daß Ihr ein durch⸗ triebener Schuft ſeid, der ſich kein Gewiſſen daraus macht, die Wittwen und Waiſen zu betrügen, der ſein Geld auf die unred⸗ lichſte Weiſe erworben hat. Das weiß Jeder, alter Freund, und ſo nehme ich keinen Anſtand, Euch in's Geſicht zu ſagen, daß Ihr dieſen Mann um die Erbſchaft betrogen und das Geld eingeſteckt habt. Wir laſſen Euch nun zwei Wege. Entweder, Ihr gebt die Summe heraus und wir verzichten darauf, die Sache dem Oberprokurator anzuzeigen, oder—“ „Seid Ihr auch bei der Erbſchaft betheiligt?“ ſpottete Herz. „Oder führt Ihr nur für dieſen einfältigen Mann das große Wort?“ „Laßt den Spott beiſeite,“ fuhr Gabel fort,„wir ſind nicht aufgelegt, zu ſpaſſen. Wollt Ihr das Geld herausgeben?“ p„Herzlich gern, wenn Ihr mir beweiſt, daß ich es erhalten abe.“ „Iſt dieſer Beweis nicht genügend?“ „Wenn Ihr geſunden Menſchenverſtand hättet, würdet Ihr die Frage nicht an mich richten. Ich weiß von der ganzen Geſchichte nichts und finde es höchſt ſonderbar, daß Ihr mir damit in's Haus hineinfallt. Faſt möchte ich glauben, daß Ihr nur darauf ausgeht, mich um eine bedeutende Summe zu prellen, aber wenn Ihr gehofft habt, mich ſo leicht verwirren und einſchüchtern zu können, ſo werdet Ihr jetzt wiſſen, daß Eure Spekulation fehl⸗ geſchlagen iſt.“ „Auch das noch!“ ſeufzte der Schenkwirth, der vollſtändig ver⸗ wirrt nur Eins begriff, nämlich, daß er ſich übereilt und durch dieſe Uebereilung viel verloren hatte. „Die Worte, die Ihr mir in's Geſicht zu werfen beliebtet, berechtigen mich, Euch vor die Thüre zu werfen,“ fuhr Jakob Herz fort,„indeß, ich verzeihe ſie Euch Eures geringen Biloungsgrades wegen.“ „Meines geringen Bildungsgrades wegen!“ wiederholte der Barbier empört.„Menſch, ich habe vielleicht mehr Bildung ge⸗ noſſen, wie Ihr, es fragt ſich, ob Ihr die Elementarſchule beſucht habt. Wartet nur, wir werden Euch ſchon zeigen, wo Barthel den Moſt holt, die Poſt muß doch wiſſen, ob Ihr aus Rio de Janeiro die Summe erhalten habt. Wenn das feſtſteht, dann—“ „Dann habt Ihr noch immer keine Beweiſe gegen mich,“ unterbrach Herz ihn gemeſſen.„Wer den Brief und die Vollmacht gefälſcht hat, vorausgeſetzt, daß dies wirklich geſchehen iſt, der kann auch das Geld in Empfang genommen und in meinem Namen darüber quittirt haben.“ „Das wird ſich finden!“ „Natürlich. Geht nur hin zur Poſt, wenn der Beamte Euch den Schein vorlegt, könnt Ihr mich ja ſofort einklagen.“. Es lag ein beißender Spott in dem Tone, in welchem der Wucherer das ſagte, ein Spott, der die Beiden verletzen und er⸗ bittern mußte, gleichzeitig aber auch ihnen bewies, daß Jakob Herz ſeiner Sache ſehr ſicher war. „Sie wollen ſich alſo auf nichts einlaſſen?“ fragte der Schenkwirth. „Bewahre; ich wüßte nicht, worauf ich mich einlaſſen ſollte! Ich habe keine Luſt, mich um fünf Silbergroſchen prellen zu laſſen und nun verlangen Sie gar die Kleinigkeit von achtzigtauſend Dollars.“ „So werden wir unſre Maßregeln treffen,“ erwiderte Gabel. „Wundern Sie ſich nicht, wenn Sie morgen hinter Schloß und Riegel ſitzen.“ Statt der Antwort öffnete der Wucherer die Thüre. „Hinaus!“ rief er zornig.„In meinem eigenen Hauſe laſſe ich mir ſolche Grobheiten nicht ſagen, ſcheeren Sie ſich zum Henker!“ Die Beiden mußten einſehen, daß ein längeres Verweilen in dem Hauſe des Wucherers zu nichts dienen konnte, daß eine Fort⸗ ſetzung dieſes Wortwechſels kein Reſultat ergeben würde. Sie gingen hinaus, Bertram Schenk verſtört, unfähig, einen klaren Gedanken zu faſſen, der Barbier zitternd vor Wuth und mit der feſten Ueberzeugung, daß Jakob Herz ein raffinirter, ver⸗ ſtockter Verbrecher ſei. „Was nun?“ fragte der Schenkwirth rathlos, als die Beiden vor der Thüre ſtanden.„Glaubt Ihr, daß dieſer Mann wirllich das Verbrechen begangen hat?“ „Natürlich glaube ich das,“ erwiderte Gabel mit bekräftigendem Kopfnicken,„wer ſoll es verübt haben, wenn er es nicht gethan hat?“ „Vielleicht ſein Schreiber— 44 laſſe zum en in Fort⸗ einen und ver⸗ Beiden virlich gendem — 623— „Bah— das Geld iſt ja dem Wucherer geſchickt worden! Würde der Schreiber es an die Adreſſe dieſes Mannes gerichtet haben, wenn er ſelbſt den Betrug verübt hättel Kommt, wir gehen zur Poſt, dort werden wir erfahren, ob er das Geld in Empfang genommen hat.“ „Aber er ſagte ja ſelbſt, das ſei kein Beweis—“ „Ihr habt den Kopf verloren,“ unterbrach Gabel den Schenk⸗ wirt,„der Mann hat Euch vollſtändig dupirt. Ich ſehe jetzt auch ein, daß der Rath, den der Advokat Euch gab, gut war und daß Ihr beſſer gethan hättet, ihn zu befolgen, aber geſchehene Dinge laſſen ſich nicht ändern, wir müſſen nun durchgreifen, ſtehen blei⸗ ben dürfen wir nicht.“ „Achtzigtauſend Dollars!“ „Ja ja, lieber Freund, es iſt eine ſchöne Summe, und es wäre bitter, ſie verlieren zu müſſen. Hättet Ihr damals dem Konſul geſchrieben und Euch mit dem Briefe nicht zufrieden gege⸗ hen, wäre es dem Schuft auch nicht ſo leicht geworden. Du lieber Gott, mir geringen Bildungsgrad vorzuwerfen! Ich habe mehr gelernt wie er und Manches vergeſſen, was er nie lernen konnte. Dieſer Gauner! Dem Oberprokurator muß die Sache übergeben werden, damit der Schurke eingeſteckt wird!“ „Halt, halt, nur nicht ſo voreilig,“ ſagte Schenk haſtig.„Wir müſſen zuvor Beweiſe haben.“ „Beweiſe? Der Verdacht allein muß genügen, dieſe Peſtbeule der Menſchheit in ſichern Gewahrſam zu bringen.“ Der Schenkwirth ſchwieg, mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, achtete er nicht mehr auf die Worte ſeines Begleiters, der nicht müde ward, den Wucherer aller erdenklichen Verbrechen und Miſſe⸗ thaten zu zeihen. So kamen die Beiden im Poſtbureau an, der Schenkwirth ernſt, ſchweigſam, Gabel erregt, dann und wann eine Verwünſchung vor ſich hin brummend. Der Sekretair zuckte als Antwort auf den Wunſch des Schenk⸗ wirths bedauernd die Achſeln. „Wenn darüber ſchon ſechs Monate verſtrichen ſind, ſo wird es ſchwer fallen, den betreffenden Poſtſchein herbeizuſchaffen,“ ſagte er,„nach ſechs Monaten werden dieſe Scheine der Oberpoſtdirektion abgeliefert und vernichtet.“ „He— das wäre eine ſaubere Sache!“ platzte der Barbier heraus.„So leichtſinnig wird man doch wohl mit wichtigen Dokumenten—“ „Mein Herr, ich erſuche Sie, ſich kein Urtheil über die Poſt⸗ geſetze in Gegenwart eines Königlichen Beamten anzumaßen,“ unterbrach der Secretair ihn drohend.„Theilen Sie der Ober⸗ — 8 untern gefälſch kann da⸗ — 624— poſtdirection ſchriftlich Ihren Wunſch mit und warten Sie die Antwort ab.“ „Aber es iſt eine ſehr dringliche Sache,“ warf Gabel, einge⸗ ſchüchtert, ein,„es handelt ſich vielleicht—“ „Kann mich nicht kümmern, ich kann Ihnen den Schein nicht ſchaffen.“ Damit wandte der Sekretair den Beiden den Rücken und ließ ſtehen 1„Bei dem könnte man mit Fug und Recht von einem geringen ildungzgrade ſprechen,“ brummte der Barbier,„aber leider Gottes 7darf man nicht wagen, ihm das in's Geſicht zu ſagen.“ „Ich weiß jetzt, was ich thue,“ ſagte der Schenkwirth.„Ich werde heute Abend den früheren Schreiber des Wucherers auf⸗ ſuchen, vielleicht gewinne ich ihn, wenn ich eine kleine Summe opfere.“ „Wenn Euch das gelingt, es wäre der kürzeſte Weg.“ „Ich will es wenigſtens verſuchen. Einſtweilen meinen beſten Dank, ich bitte Euch, ſprecht mit Niemanden darüber, an die große Glocke möchte ich's nicht hängen, ſo lange es nicht nöthig iſt.“ „Verſchwiegen wie das Grab! Wollt Ihr allein den Schreiber aufſuchen, oder ſoll ich es thun? Ich glaube, es iſt beſſer, wenn ich mit dem Manne ſpreche, der wahrſcheinlich ein ebenſo großer Schuft iſt, wie ſein ehemaliger Herr. Ich bin bei der Sache unbetheiligt. Ihr verliert zu raſch den Kopf.“ Bertram Schenk dachte nach, der Vorſchlag des Freundes erſchien ihm annehmbar. „Wenn Ihr das thun wollt,“ ſagte er. „Gewiß. Wo finde ich den Schuft?“ „Im Schnapscaſino vielleicht, Ihr müßt ihn ſuchen.“ „Und ich werde ihn finden.“ Die Beiden trennten ſich, Gabel kehrte in ſeinen Salon, Bertram Schenk in ſeine Wirthſchaft zurück. Dreiundachtzigſtes Kapitel. Das liederliche Kleeblatt. Bernhard Schenk und Peter Braun waren noch immer unzertrenn⸗ liche Freunde.. Der Notariatsſchreiber hatte in jener Nacht das Zeitliche geſegnet, e die einge⸗ tricht nd ließ eringen Gottes hreiber wenn großer Sache eundes Salon, trenn⸗ ſegnet — 625— er war von der Seuche hinweggerafft worden und die Menſchheit hatte an ihm nichts verloren. Was die Beiden trieben, wußte Niemand, es kümmerte ſich auch Niemand darum. Sie bewohnten gemeinſchaftlich eine Dachſtube, ſie gingen gemeinſchaftlich aus, und wenn man den Einen in der Branntwein⸗ ſchenke fand, ſo konnte man auch darauf rechnen, daß der Andere neben ihm ſaß. Woher ſie das Geld nahmen, um ihr Leben zu friſten, das zu erforſchen, wäre vielleicht ſchwer, wenn nicht unmöglich geweſen, ſie hatten einen ganz beſonderen Erwerbszweig gefunden, an den damals Niemand dachte. Der Hauseigenthümer, wie auch die Beſitzer der benachbarten Häuſer entdeckten ihn erſt, als die Beiden das Dachzimmer längſt verlaſſen hatten, er beſtand ganz einfach in der Entwendung der bleiernen Dachrinnen und Dachbekleidungen. Dieſer Erwerbszweig war ſehr einfach und mit Auslagen nicht im Geringſten verbunden. —2 halben Metallwerth ihnen voll auszahlte, in der Regel reichte der Erlös für einige Tage aus. So hatten ſie's ſchon mehrere Wochen getrieben, als ein dritter Gauner und Müßiggänger ſich zu ihnen geſellte, der ſich ihre Freundſchaft raſch zu erwerben wußte. Dieſer Dritte war kein Anderer als der Gehülfe, den der Friſeur Gabel vor die Thüre geſetzt hatte. Er hieß Gottlieb Luſtig und man mußte ihm zugeſtehen, daß er ſeinem Namen alle Ehre machte. Er lebte luſtig und liederlich in den Tag hinein, die Arbeit haßte er, aber wenn er auf unredlichem Wege ſich Geld verſchaffen konnte, ſo ſcheute er keine Mühe, keine Gefahr, um dieſen Zweck zu erreichen. Dieſe Drei bildeten ein Kleeblatt, welches längſt für das Zuchthaus reif war, aber bisher noch keine Anfechtung in dieſer Beziehung gehabt hatte. Den Plan, Jakob Herz zu berauben, ihn zu zwingen, den damals verſprochenen Lohn ihnen zu geben, hatte weder Braun noch Schenk aufgegeben, ſie warteten nur auf eine günſtige Gelegenheit, ihn auszuführen und trafen im Stillen Vorbereitungen, von denen der Wucherer nichts ahnte. Gottlieb Luſtig war in dieſen Plan eingeweiht, er hatte ſeinen Beiſtand im entſcheidenden Augenblick zugeſagt. Dieſes Kleeblatt ſaß am Abend deſſelben Tages, an welchem Fünfmalhunderttauſend Thaler. 40 — — — ————— ——— — — —— —— — — 3625— Bertram Schenk den Brief aus Brafilien erhalten hatte, im Schnapscaſino und zwar in einem beſonderen Zimmer beim Kartenſpiel. „Die Sache iſt nun bald reif,“ ſagte der ehemalige Schloſſer⸗ meiſter, während er nachdenklich die Karten miſchte,„wir müſſen endlich einmal ein Ende machen, wenn der Kerl uns entwiſcht, haben wir das Nachſehen.“ „Er wird uns ſobald nicht entwiſchen,“ erwiderte Schenk gelaſſen,„der Schuft hat ſeine Forderungen noch nicht alle eingetrieben.“ „Wißt Ihr das ſo genau?“ „Verſteht ſich, ich kümmere mich angelegentlich darum. Ein Hauptmann ſchuldet ihm noch fünfhundert Thaler, er kann das Sad nicht ſchaffen, und der Wucherer wird es nicht im Stich aaſſen.“ „Aber deshalb brauchen wir doch nicht zu warten!“ meinte der Friſeurgehülfe. „Wenn wir warten, ſo geſchieht es nur aus Noth,“ entgegnete Braun,„gern thun wir's gewiß nicht. Aber es ſoll nun doch bald vorangehn, ich habe heute den letzten Schlüſſel angefertigt, ſobald wir wiſſen, daß unſere Schlüſſel ihren Zweck erfüllen, gehen wir an's Werk. Der Schuft wird wohl morgen einmal ſein Haus verlaſſen—“ „Ihr war't ja heute d'rin,“ warf Schenk ein. „Ja, ja, aber ich hatte vergeſſen, die Schlüſſel alle mitzunehmen. Der zur Hofthüre ſchließt ausgezeichnet.“ „Na, und die Riegel an dieſer Thüre?“ „Alles beſorgt, ein kräftiger Druck gegen die Thüre und die Klammern müſſen aus den Pfoſten herausfahren, daß es eine Freude iſt.“ „Dann wollen wir auch nicht lange mehr warten,“ ſagte Schenk,„mit dem Bleihandel nimmt's ohnehin bald ein Ende.“ Peter Braun nickte. „Wie iſt's mit dem Schneider Wacker?“ fragte er.„War't Ihr dort?“ „Heute Morgen,“ erwiderte Schenk.„Der Kerl hat eine Cigarrenfabrik gekauft. Arbeit wollte er mir geben, aber kein Geld.“ „Er mag ſich vorſehn,“ fuhr Braun fort,„ich habe auch noch ein Hühnchen mit ihm zu pflücken. Die Worte, die er damals mir geſagt hat, ſind ihm nicht vergeſſen. Habt Ihr Euch umge⸗ ſehen bei ihm?“ „So gut es ging.“ „Nun?“ lege ordne t der erſch er g „dra ül en. 2— 627— „Er iſt prachtvoll eingerichtet und h hege die Vermuthung, daß er den größeren Theil ſeines Geldes dazu verwandt hat, ein ſchönes Haus und koſtbare Möbel zu kaufen, alle Kiſten und Käſten zu füllen. Ob er baares Geld oder Actien beſitzt, weiß ich nicht, ich möchte es bezweifeln, er mußte das Geld ja für die Fabrik hergeben.“ „Ihr wißt auch nicht, ob das Haus verſichert iſt?“ „Nein.“ „Danach müßte man ſich erkundigen, Freund Luſtig kann es üͤbernehmen, indem er ſich für den Agenten einer Feuerverſicherungs⸗ Geſellſchaft ausgibt.“ „Was habt Ihr vor?“ fragte Luſtig befremdet. „Ein Rachewerk,“ entgegnete Braun gemeſſen.„Dieſer ein⸗ fältige hochmüthige Schneider muß vernichtet werden.“ „Brandſtiftung?“ „Redet doch nicht ſo laut! Derartige Worte ſpricht man nicht aus in einem Wirthshauſe. An Euren Herrn Prinzipal kommt auch noch die Reihe, er iſt mir bisher noch zu unbedeutend geweſen.“ „Was hat er Euch gethan?“ fragte Luſtig. „Er hat ſich früher einmal unterfangen, Hand an mich zu legen, er und der Schneider, ich werde die Rechnung mit Beiden ordnen.“ In dieſem Augenblick wurde die Gardine, welche das Fenſter der Glasthüre bedeckte, bei Seite geſchoben, hinter dem Glaſe erſchien eine ſeuerrothe Naſe. Gleich darauf trat der Wirth in das Zimmer. „Wenn einer von Ihnen Herr Bernhard Schenk iſt, ſo wird er gebeten, auf einen Augenblick heraus zu kommen,“ ſagte er, „draußen iſt ein Herr, der mit ihm zu reden wünſcht.“ Der Schreiber warf ſeinen Genoſſen einen fragenden Blick zu und erhob ſich. „Nehmt Euch in Acht,“ flüſterte Braun ihm haſtig zu,„wenn man Euch eine Falle ſtellt, ſo lauft nicht blindlings hinein.“ Schenk nickte und ging hinaus. Sein Erſtaunen wuchs, als er ſich dem Barbier gegenüberſah, mit dem er nie in irgend welche Berührung gekommen war. Gabel forderte ihn durch eine Har idbewegung auf, ihm zu folgen und führte ihn in ein Zimmer, deſſen Thüre er hinter ihm ſchloß. „Dieſe Vorſichtsmaßregel möge Euch nicht befremden,“ ſagte er,„was wir miteinander zu reden haben, muß einſtweilen unter uns bleiben. Nehmt Platz und bedient Euch, dort in der Flaſche finder Ihr einen vortrefflichen Wachholder.“ 40* Bernhard Schenk kam dieſer Aufforderung nach, er machte ſofort von der erhaltenen Erlaubniß Gebrauch und füllte ein Glas, welches er auf einen Zug leerte. „Alſo zur Sache,“ verſetzte er. „Ihr wart früher Schreiber bei dem Wucherer Jakob Herz. Erinnert Ihr Euch, daß der Poſtbote Euch eines Tages einen Brief aus Braſilien brachte, der irrthümlich in Eure Hände kam, da er für Euch nicht beſtimmt war?“ Der ſtechende Blick des Schreibers ruhte durchdringend auf dem Geſicht des Barbiers. Die Frage überraſchte ihn, er hatte ſie nicht erwartet, er mußte Zeit gewinnen, um mit ſich zu Rathe gehen zu können. „Der Brief war für Bertram Schenk beſtimmt,“ fuhr Gabel fort,„Ihr werdet Euch deſſen gewiß noch erinnern.“ „Bevor ich dieſe Frage beantworte—“ „Wollt Ihr wiſſen, woran Ihr ſeid. Das finde ich in der Ordnung. Was mit jenem Briefe geſchehen iſt, wer den Bevoll⸗ mächtigten nach Rio Janeiro geſchickt und die Erbſchaft in Empfang genommen hat, werdet Ihr beſſer wiſſen, wie ich, es iſt alſo unnöthig, dieſe ganze Angelegenheit näher zu erörtern. Berträm Schenk iſt durch einen Brief des Konſuls in Rio Janeiro be⸗ nachrichtigt, daß er um die Erbſchaft betrogen wurde, er hat den Wucherer Herz erſucht, ihm das Geld zurück zu erſtatten.“ „So, ſo,— nun?“ „Herz leugnet, den Betrug verübt und das Geld erhalten zu haben, er will von der ganzen Sache nichts wiſſen.“ „Hm— aber was habe ich damit zu ſchaffen?“ fragte der Schreiber, und ſeine Hand, welche das Glas zum Munde führte, zitterte ſo heftig, daß der Branntwein überfloß. „Jakob Herz behauptet, er könne ſich weder des Briefes, noch überhaupt irgend eines Punktes entfinnen, der auf dieſe Ange⸗ legenheit Bezug habe; wenn jener Brief in Eure Hände gelangt wäre, ſo würdet Ihr wohl auch wiſſen, ob derſelbe gefälſcht worden ſei. Er wiſſe von der ganzen Sache nicht das Geringſte.“ „Er beſchuldigt mich der Fälſchung?“ erwiderte der Schreiber, unfähig ſeine Aufregung zu bemeiſtern. „Und der Unterſchlagung!“ So, alſo ſoll ich auch die Erbſchaft in Empfang genommen „Wie hoch, wenn ich fragen darf, war die Summe?“ „Achtzigtauſend Dollars.“ „Na, wenn ich ſie erhalten hätte, würde ich alsdann dieſes Hundeleben führen?“ ieſes — 629— „Ich bezweifle es, und eben deshalb glaube ich auch nicht an die Behauptungen des Wucherers.“ „Wenn das iſt, weshalb nehmt Ihr mich in's Gebet?“ fragte Schenk, der wieder Boden gewann.„Wollt Ihr mich verant⸗ wortlich machen—“ „Davon iſt keine Rede,“ unterbrach Gabel ihn ruhig.„Ihr wart damals der Schreiber dieſes Mannes und ſo ganz hinter Eurem Rücken kann er die Sache nicht betrieben haben. Alſo müßt Ihr auch etwas davon wiſſen und Euer Zeugniß—“ „Ich weiß nichts davon,“ warf Schenk trotzig ein.„Daß ich damals den Brief erhalten habe, leugne ich nicht, ich gab ihn meinem Prinzipal, und er erbot ſich, ihn an ſeine richtige Adreſſe zu befördern. Was er damit gemacht hat, weiß ich nicht.“ „Leugnet nicht,“ ſagte der Barbier erregt,„Ihr müßt es wiſſen, Ihr wart ja damals das Factotum des Wucherers.“ „Niemals!“ „Na, das weiß die ganze Stadt; daß Ihr es nicht geſagt haben wollt, finde ich begreiflich. Bertram Schenk will gerne ein Opfer bringen, wenn Ihr ihn unterſtützen wollt, auf einige hundert Thaler kommt es ihm nicht an.“ „Er kann doch nicht verlangen, daß ich ein falſches Zeugniß ablegen ſoll?“ „Er verlangt nur, daß Ihr die Wahrheit ſagt. Bedenkt wohl, er hat Beweiſe in der Hand, die ihn ermächtigen, den Wucherer verhaften zu laſſen, geſchieht das, ſo werdet Ihr auch verhaftet als ſein muthmaßlicher Mitſchuldiger und es hängt dann vom Ergebniß der Unterſuchung ab, ob man Euch ſchuldig findet oder nicht. Ihr habt alſo die Wahl zwiſchen dem Zuchthauſe und einer guten Belohnung.“ Der Schreiber füllte zum drittenmale das Glas, er ſchien nachzudenken. Die Drohung des Barbiers mußte ihn einſchüchtern, wurde er verhaftet, kam die Sache in die Hand des Unterſuchungs⸗ richters, ſo war ihm das Zuchthaus ſicher. „Wie viel würde Bertram Schenk für das Zeugniß zahlen?“ fragte er nach einer langen Pauſe. Gabel athmete erleichtert auf, dieſe Frage bewies ihm, daß er auf dem beſten Wege war, ſeinen Zweck zu erreichen. „Einige hundert Thaler,“ erwiderte er.„Nennt ſelbſt die Forderung, ich hoffe, wir werden uns einigen.“ „ai Ihr ermächtigt, die Bedingungen feſtzuſtellen?“ /* a.“ „Wohlan, ſo gebt mir fünfzehnhundert Thaler.“ — 630— Beſtürzt blickte Gabel den Schreiber an. „Dieſe Forderung iſt doch gar zu hoch,“ ſagte er. „Durchaus nicht, Ihr dürft nicht vergeſſen, daß Bertram Schenk dadurch achtzigtauſend—“ „Er wird ſie ohne Euer Zeugniß erhalten.“ „Na, weshalb beläſtigt Ihr dann mich?“ fuhr der Schreiber unwirſch fort, indem er ſich erhob.„Laßt meinetwegen den Wucherer und mich verhaften, ich werde mich darauf ſtützen, daß ich nichts von der Sache weiß.“ „Das könnte der Unterſuchungsrichter ſchon erforſchen, lieber Freund,“ drohte Gabel.„Es fragt ſich ſehr, ob Ihr die Stirne haben werdet, auch im Verhör dieſe trotzige Sprache zu führen. Gebt Euch mit tauſend Thaler zufrieden.“ Der Schreiber ſchüttelte zuerſt ablehnend das Haupt, dann dachte er nach. „Gut,“ ſagte er,„ich will mich damit begnügen, unter der Bedingung, daß ich das Geld ſofort erhalte. Ich werde morgen früh hinkommen und dem Schenkwirth die nöthigen Mittheilungen machen.“ „Vor Zeugen natürlich.“ „Wenn es ſein muß, auch das. Sobald das geſchehen iſt, er⸗ halte ich mein Geld.“ „Vorausgeſetzt, daß dieſes Zeugniß ſo bündig iſt— „Es wird genügen.“ „Damit bin ich zufrieden,“ ſagte der Barbier, indem er dem Schreiber die Hand bot.„Schlagt ein, ein Mann ein Wort, wir erwarten Euch morgen früh.“ „Zwiſchen zehn und elf Uhr,“ bekräftigte Schenk,„ſorgt nur, daß das Geld nicht fehlt.“ Der Barbier entfernte ſich, ſehr zufrieden mit dem Reſultat dieſer Unterredung, er eilte zu ſeinem Freunde, um ihm daſſelbe mitzutheilen. Der Schreiber kehrte zu ſeinem Genoſſen zurück. Braun erſchrack, als er erfuhr, was ſein Genoſſe mit dem Barbier verabredet hatte. „Jetzt iſt Alles verloren,“ ſagte er beſtürzt,„Ihr hättet dabei beharren ſollen—“ „Denkt einmal ruhig nach, ſo werdet Ihr finden, daß ich meine Sache vortrefflich gemacht habe,“ unterbrach Schenk ihn ruhig.„Jakob Herz wird nun ſeinen Vorſatz, Köln zu verlaſſen, ſo raſch wie möglich ausführen, das Meſſer ſitzt ihm ja an der Kehle. Möglicherweiſe reiſt er ſchon morgen früh mit dem erſten Zuge ab, er muß ja gewärtigen, daß Bertram Schenk zum Ober⸗ prokurator geht und dieſer ihn ſofort verhaften läßt. 44 631— „Abreiſen darf er nicht,“ warf Braun ein, indem er zur Be⸗ kräftigung dieſer Erklärung ſo heftig anf den Tiſch ſchlug, daß die Gläſer klirrend in die Höhe fuhren.„Wenn er abreiſt, iſt unſer Gewinn zum Teufel—“ „Eben deshalb müſſen wir noch heute Abend die Sache mit ihm in Ordnung bringen,“ fuhr der Schreiber mit entſchloſſener Ruhe fort.„Geht er auf unſere Forderung ein, ſo mag er morgen früh abreiſen, thut er's nicht, dann—— na, ich denke was dann geſchieht, darüber ſind wir einig.“ „Verſteht ſich!“ „In jedem Falle kann uns dieſer Mann nicht mehr ſchaden, er wird ſchon ſorgen, daß er die Grenze ungefährdet erreicht und iſt er einmal drüben, wird er ſobald nicht wiederkommen. Alſo ſehe ich nicht ein, weshalb ich nicht die tauſend Thaler außerdem mitnehmen ſoll. Ich werde die ganze Schuld auf den Wucherer ſchieben—“ „Und wenn Ihr Euch verplaudert, ſind wir Alle verloren,“ ſchaltete Gottlieb Luſtig ein.„Laßt die Hände davon, Schenk, es kann ein ſchlimmes Ende nehmen.“ Der Schreiber zuckte geringſchätzend die Achſeln. „Das iſt meine Sache,“ ſagte er,„ich bin nicht ängſtlich, Euch ſteht es ja frei, noch in dieſer Nacht die Stadt zu ver⸗ laſſen.“ „Wird auch geſchehen, je nachdem unſere Unterredung mit dem Wucherer ausfällt,“ erwiderte Braun lakoniſch.„Entwerfen wir jetzt unſern Plan. Ich hole die Schlüſſel und die Strickleiter und rufe Euch hier ab,— wie viel Uhr iſt es jetzt?“ „Halb zehn,“ ſagte Gottlieb Luſtig. „Dann haben wir keinen Augenblick zu verlieren. Wir ſchleichen uns durch das Nachbarhaus in den Hof, überſteigen die Mauer und dringen durch die Hofthüre ein. Nehmt Euch nur in Acht vor Geräuſch, der Schuft hat ein ſcharfes Gehör.“ „Und geſetzt, die Geſchichte geht fehl, oder wir werden geſtört?“ fragte Luſtig. „Das wollen wir nicht hoffen.“ „Aber es iſt doch möglich. Wo werden wir uns dann treffen?“. „Zwiſchen Deutz und Mülheim—“ „Na, hört einmal, wir werden doch wohl einen näheren Ort finden können.“ „Keinen, an welchem wir ſo ſicher ſind. In den Weiden zwiſchen Deutz und Mülheim finden wir uns wieder zuſammen, dort können wir ungeſtört berathen.“ — Peter Braun ging nach dieſer Erklärung hinaus, ſeine beiden Genoſſen griffen wieder zu den Karten, um ſich den Anſchein völliger Unbefangenheit und Gleichgültigkeit gegen ihre Umgebung zu geben. Vierundachtzigſtes Kapitel. In den Netzen einer Buhlerin. Heinrich Schenk hatte über die Drohungen und Bedingungen Maria Latour's ſehr ernſtlich nachgedacht. Wenn er nur einen einzigen Weg gefunden hätte, dieſe Be⸗ dingungen zu umgehen, würde er gewiß nicht gezögert haben, ihn einzuſchlagen. Auf der einen Seite widerſtrebte es ſeinem Stolze, ſich ſo bald ſchon von ſeiner ſchönen, reichen Gattin ſcheiden laſſen zu müſſen, um eine Dame heirathen zu können, deren Vergangenheit vorausſichtlich nicht makellos war, auf der anderen Seite ſträubte ſich ſeine Habſucht dagegen, auf das bedeutende Vermögen Bertha's verzichten zu ſollen. Aber die Entſchloſſenheit und Sicherheit, mit der die Fremde ihm entgegengetreten war, ließen ihn auch nicht bezweifeln, daß er nur durch dieſes Opfer dem Zuchthauſe entgehen konnte. Und nun bereitete auch noch ſein Schwager ihm Unannehmlich⸗ keiten. Karl Liebmann hatte gedroht, er werde zurückkehren, ſich dem Gericht ſtellen und das Urtheil über ſich ergehen laſſen, aber wenn er dies thue, ſo werde er auch in öffentlicher Gerichtsſitzung ſeinen Schwager und den Wucherer an den Pranger ſtellen. Ob Liebmann den Muth beſaß, dieſe Drohung auszuführen, war allerdings ſehr zweifehaft, er hatte bisher noch keinen Muth bewieſen, aber wozu war nicht ein Verzweifelnder fähig? Hunger und Noth konnten ihn zwingen, ſich auf dieſem Wege ein Unterkommen zu verſchaffen, zur Arbeit beſaß er weder Luſt, noch Kenntniſſe, noch Talent. So leichtfertig durfte Heinrich alſo über dieſe Drohung nicht hinweggehen. ung ken, ege uſt, — 633— Der Zweck der Drohung lag klar am Tage, Liebmann wollte ſeinen Schwager zwingen, ihn zu unterſtützen und dazu beſaß Heinrich keine Luſt. Aber etwas mußte geſchehen, und ſo bequemte Heinrich ſich denn endlich dazu, von dem Gelde, welches er von dem ehemaligen Schneider Wacker für die Fabrik erhalten hatte, eine kleine Summe ſeinem Schwager zu ſchicken mit dem Bemerken, wenn er auf fernere Unterſtützung rechne, möge er ſich an ſeine Schweſter wenden, die jetzt in Paris die vornehme Dame ſpiele. An deunſelben Abend, an welchem er dieſen Brief zur Poſt brachte, ſaß Maria Latour in ihrem Zimmer im Königlichen Hofe, mit der angenehmen Arbeit beſchäftigt, ihre Actien und Werthpapiere zu zählen. „Er muß kommen,“ ſagte ſie leiſe und ein dämoniſcher Strahl blitzte in ihren dunklen Augen auf,„ſeine Ehre, ſeine Exiſtenz iſt mit meiner Bedingung zu innig verknüpft.—— Und wenn er auch mich betrügt, wie er alle Anderen betrogen hat?— Ah, er hat es mit einer Frau zu thun, er ſoll erfahren, daß er ihrer Liſt nicht gewachſen iſt.— Ich halte ihn mit eiſerner Kette, er *mag verſuchen, ob er ſie zerbrechen kann! Mein muß er werden, nicht ſeiner Perſon, ſeines Namens, ſeiner Stellung wegen, das iſt das Ziel, welches ich erſtrebe. Und wenn ich dieſes Ziel er⸗ reicht habe, dann—— dann hüte Dich, herzloſer Egoiſt, ich lege Deinem ſtolzen Nacken ein Joch auf, welches Dich tief nieder⸗ drücken ſoll!“— Sie erhob ſich und trat an's Fenſter, um in die dunkle Nacht hinauszuſchauen. „Es gab eine Zeit, in der ich glaubte, das Leben habe fürder für mich nur duftende Blüthen und hellen Sonnenſchein,“ fuhr ſie nach einer Weile fort.„Gewiß, ich wäre glücklich geworden, wenn damals,—— doch, das iſt vorbei! Das Schickſal hat mich auf andere Bahnen geſchleudert, was nutzt es, ob ich deshalb mit ihm hadre! Mein iſt die Schuld nicht, wenn ich die Mit⸗ ſchuldige eines Mörders werde, mag der es verantworten, der auf dem Sterbebette den Fluch auf mein Haupt geſchleudert hat!— Die Mitſchuldige eines Mörders!— Bah, wir trachten und ringen alle danach, uns über den Pöbel emporzuheben, weshalb ſollen wir Bedenken tragen, über den hinwegzuſchreiten, der uns in den Weg tritt? Nieder mit ihm, ſeine, nicht unſre Schuld iſt es, wenn er zertreten wird.“ Ein leiſes Pochen unterbrach dieſes Selbſtgeſpräch. Maria wandte ſich raſch um, den Blick feſt auf die Thüre gerichtet, rief ſie„Herein!“ Im nächſten Augenblick ſtand Heinrich Schenk vor ihr. — 634— Sein Blick war ernſt, faſt feindſelig, ein düſtrer Schatten des Unmuths lag über ſein Antlitz gebreitet. „So ſpät?“ fragte Maria mit ſcharfer Betonung.„Ich bat Sie, nicht nach acht Uhr—“ „Entſchuldigen Sie, ich finde in dieſem Beſuche nichts, was Ihren Ruf gefährden könnte,“ unterbrach Heinrich ſie ziemlich un⸗ freundlich.„Mein eigener Ruf gebietet mir, dieſen Beſuch geheim zu halten, die Kellner werden nicht ahnen, daß mein Beſuch Ihnen gilt.“ Maria näherte ſich langſam dem Tiſche und legte die Actien, die noch auf demſelben lagen, in die Schatulle. Sie that dies mit einer gewiſſen Oſtenſation, juſt, als ob ſie den jungen Herrn darauf aufmerkſam machen wolle, daß die An⸗ gaben über ihre Mitgift nicht übertrieben ſeien. „Bitte, nehmen Sie Platz,“ ſagte ſie, während ſie auf den Seſſel zeigte, der neben dem Sopha am Tiſche ſtand,„ich bin bereit, zu hören, wozu Sie ſich entſchloſſen haben.“ „Als ob dieſer Entſchluß ſo leicht ſei!“ erwiderte Heinrich mit verbiſſenem Groll. Marie zuckte die Achſeln, ihr Blick ruhte unverwandt auf den Zügen des reichen Kaufmanns, der finſter vor ſich hinſah. „Sie haben ſchon andre Entſchlüſſe gefaßt und ausgeführt,“ verſetzte ſie ruhig,„weshalb ſollte dieſer Ihnen ſo ſchwer fallen?“ „Sie verlangen Unmögliches,“ fuhr Heinrich fort,„ſtehen Sie davon ab, ſtellen Sie eine andere Bedingung. Sie müſſen ja ſelbſt einſehen, daß ich dieſe nicht erfüllen kann.“ „Und wenn es mir nun beliebt, das nicht einzuſehen?“ „Ich bin erſt feit einigen Monaten mit meiner Gattin ver⸗ bunden, welchen Grund könnte ich haben, die Eheſcheidung von ihr zu fordern? Und geſetzt, ich ermögliche dieſe Scheidung, ver⸗ bietet nicht die Kirche dem Geſchiedenen—“ „Dafür läßt ſich Rath ſchaffen, ein reicher Mann kann den Conſens erhalten, wenn er ſich an die rechte Quelle wendet.“ „Bedenken Sie ferner, daß mein Kredit darunter leiden wird. Man weiß, daß meine Gattin reich iſt, eine Scheidung von ihr würde zu dem Gerücht Veranlaſſung geben, mein Geſchäftsfond ſei geſchwächt, und es bedarf nur eines ſolchen Gerüchts, um das ſolideſte Geſchäft zu untergraben.“ „Habe ich nicht auch ein bedeutendes Vermögen?“ warf Maria ein.„Ich glaube, es wird ſich gegenſeitig ſo ziemlich ausgleichen, Merville hat mir eine hübſche Summe hinterlaſſen.“ „Wer weiß das?“ erwiderte Heinrich.„Niemand, und ich kann's nicht an die große Glocke hängen, wenn ich mich nicht der Gefahr ausſetzen will, als Schwindler verſchrieen zu werden.“ —,—2 à . G — 635— In den Augen der jungen Dame blitzte es auf, ein ver⸗ nichtender Blick traf den Kaufmann, der verwirrt, verlegen die Wimpern ſenkte. „Wozu dieſes unnütze Gerede?“ ſagte ſie kurz angebunden. „Wenn Sie meine Bedingung nicht eingehen wollen, ſo ſagen Sie es offen und ehrlich, ich weiß dann, was ich zu thun habe.“ Heinrich ſchüttelte den Kopf. „Ich begreife Sie nicht,“ erwiderte er.„Perſönliche Rachſucht kann Sie nicht leiten, denn ich habe Ihnen nie ein Leides gethan, weshalb laſſen Sie mir nur dieſe eine Wahl zwiſchen dem Ver⸗ derben und einer Bedingung, die zu erfüllen mir unmöglich iſt? Es gibt ja ſo manche andere Bedingung, die—“ „Sie kennen meinen Vorſatz, ich habe Sie darüber unterrichtet,“ fiel Maria ihm mit ſchneidender Kälte in's Wort.„Entweder— oder!“ 4 „Aber mein Gott, weshalh denn gerade dies?“ „Weshalb? Weil ich Geld genug beſitze, um die Rolle einer vornehmen Dame zu ſpielen, und weil ich, um das letztere zu können, eine andere Stellung einnehmen muß als die bisherige. „Ich habe Ihnen das Alles klar und deutlich auseinandergeſetzt, ich finde es überflüſſig, jetzt noch einmal darauf zurückzukommen. Hegen Sie vielleicht ſo große Bedenken, mir Ihre Hand zu geben? Wie auch meine Vergangenheit beſchaffen ſein mag, ziehen Sie den Schleier von ihr hinweg und vergleichen Sie ſolche mit Ihrer Vergangenheit, Ihre Ehre kann wahrlich durch dieſe Heirath keinen Schaden leiden.“ „Davon ſpreche ich nicht—“ „Sie ſchützen die Unmöglichkeit der Erfüllung meiner Bedingung vor,“ fuhr Marie mit beißendem Hohne fort.„Was iſt Ihnen unmöglich? Sie ſchreiten über alle Hinderniſſe hinweg, ein Menſchenleben gilt Ihnen nichts!“ „Mein Fräulein, dieſe Bemerkung—“ „Soll Ihnen zeigen, daß ich an dieſe Unmöglichkeit nicht glaube. Ich kenne Ihre Vergangenheit ſo wenig, wie Sie die meinige kennen, aber was ich von Ihnen weiß, das genügt, jeden Zweifel daran, daß Sie meine Bedingung erfüllen können, ſchwinden zu laſſen.“ Heinrich hatte ſich erhoben, dieſe Energie, dieſe Entſchloſſenheit zeigten ihm, daß er die Wahl treffen mußte, daß nur dieſe Wahl ihm blieb. Gedankenvoll ſtand er vor der jungen Dame, die ihn ver⸗ ſtohlen beobachtete. „Meine Frau wird nicht in die Eheſcheidung einwilligen,“ ſagte er ausweichend. — 636— „Hat Ihr Aſſocie eingewilligt, als Merville ihn in ſeine Anſtalt brachte?“ erwiderte Maria kalt. „Das war eine andere Sache—“ „Durchaus nicht. Muß denn eine Eheſcheidung das Hinderniß hinwegräumen? Gibt's nicht ein anderes Mittel—“ „Welches?“ „Ein Mittel, welches nicht nur die Ehe löſ't, ſondern auch dem Ueberlebenden die Hinterlaſſenſchaft ſichert?“ Heinrich zuckte zuſammen. Derſelbe Gedanke war auch in ſeiner Seele ſchon aufgetaucht, er hatte ihn entſetzt zurückgewieſen. Der glühende Blick Maria's ſchien in die innerſten Tiefen ſeiner Seele eindringen zu wollen, es lag in dieſem Blick etwas Dämoniſches und doch auch zugleich etwas Berauſchendes, Ver⸗ führeriſches, etwas, was ihn feſſelte und wieder zurückſtieß. „Das iſt ein entſetzlicher Gedanke,“ brach Heinrich nach einer langen Pauſe das unheimliche Schweigen. „Denken Sie an Scherenberg und Merville und dann ſagen Sie mir, ob Ihr Gewiſſen noch ſchwerer belaſtet werden kann, als es bereits iſt,“ entgegnete Maria mit einer Ruhe, die ſcharf gegen die gewaltige Erregung des jungen Herrn abſtach.„Was iſt Ihnen dieſe Frau? Nichts, ſie verwaltet ſelbſt ihr Vermögen, ſie lebt allein, ſie betrügt Sie und—“ „Das Alles gebe ich zu, aber es rechtfertigt nicht die That, zu der Sie mich zwingen wollen.“ „Zwingen?“ fuhr Maria geringſchätzend fort.„Sie haben ja die Wahl, Sie können handeln, wie es Ihnen beliebt. Daß Sie meine Bedingung wählen werden, bezweifle ich nicht, aber wer zwingt Sie, dieſe Bedingung auf dem Wege zu. erfüllen, den ich Ihnen gezeigt habe? Die Lebensweiſe Ihrer Frau berechtigt Sie, die Scheidung zu fordern, wenn dieſer Weg Ihnen beſſer dünkr, ſo wählen Sie ihn. Das Vermögen wird Ihnen dann freilich entgehen, aber was thut's, Sie ſind ja reich genug, Sie können darauf verzichten!“ Ein ſchwerer, bitterer Kampf tobte in der Seele des jungen Mannes, er fühlte den Spott und den Hohn, die weniger in den Worten ſelbſt, als in dem Tone lagen, in welchem ſie geſprochen wurden, er ſah die Schlange, die ihn immer enger und enger umſtrickte, die ihm die Bruſt zuſchnürte und ihn zu erwürgen drohte. Ein Blitz des Haſſes traf aus ſeinen Augen die Verführerin, er vernichtete ſie nicht, mit einem gleichmüthigen Lächeln auf den Lippen ſchaute ſie zu ihm auf, und in ihrem Blick glaubte er die Frage zu leſen, ob er den Muth und die Macht habe, ſich aus ihren Netzen zu befreien. — 637— Er hatte gewähnt, ſich in Sicherheit wiegen zu können, end⸗ lich an dem erſehnten Ziele angelangt zu ſein. Jetzt ſah er ſich noch weit, weit von demſelben entfernt und nur ein neues Ver⸗ brechen konnte ihn näher bringen. Ein Verbrechen? Es war allerdings richtig, er hatte einen Grund zur Scheidung, wenn er ſie ernſtlich betreiben wollte. Aber die Habſucht, dieſer finſtere, unerbittliche Dämon in ſeiner Seele zeigte ihm die Schätze, die durch die Scheidung ihm verloren gingen, und er horchte der Stimme dieſes Dämons, die für ihn zu viel Verlockendes hatte. „Wenn ich Ihre Bedingung eingehe, ſo kann ich ſie doch nicht ſofort erfüllen,“ nahm Heinrich nach langem Brüten wieder das Wort,„ich muß Zeit haben.“ „Die ich Ihnen bewilligen werde,“ entgegnete Maria ruhig. „Ich muß die Klage einleiten—“ „Gut, ich ſetze den erſten Mai des nächſten Jahres als letzten und äußerſten Termin feſt, bis dahin können Sie alle Vorkehrun⸗ gen getroffen, alle Hinderniſſe beſeitigt haben. Ich bleibe hier, ich werde hier eine Wohnung miethen und Sie ſcharf im Auge halten. Vergeſſen Sie das nicht, ſobald ich bemerke, daß Sie mich betrügen wollen, übergebe ich dem Gericht Ihr Bekenntniß und Ihre Briefe an Merville. Ich thue das vielleicht, ohne Sie vorher zu warnen, je nachdem die Umſtände es erfordern, alſo hüten Sie ſich.“ Heinrich nahm ſeinen Hut. „Wenn ich einmal die Bedingung angenommen habe, ſo werde ich ſie auch erfüllen,“ ſagte er in gereiztem Tone,„Ihre Dro⸗ hungen ſind überflüſſig.“. „Deſto beſſer,“ erwiderte Maria gelaſſen.„Ich werde Ihnen mittheilen, wo ich wohne, ſobald ich eine Wohnung gemiethet habe, ich erlaube Ihnen, mich zu beſuchen, ſo oft es Ihnen gefällt, und Sie dürfen ſich darauf verlaſſen, daß ich in allen Stücken mit Rath und That Ihnen zur Seite ſtehen werde.“ Heinrich verbeugte ſich und ging hinaus. Er hatte noch immer die freilich ſchwache Hoffnung gehegt, der Sache eine andere Wendung geben zu können, aber nach dieſer Unterredung ſah er ein, daß es eine vergebliche Hoffnung war, daß Maria ihn zu feſt umſteickt hielt. Sollte er verſuchen, ſich auf demſelben Wege von ihr zu befreien, auf welchem er ſich von Merville befreit hatte? Auch daran dachte er, aber er ſah voraus, daß dieſer Verſuch ſcheitern würde, er war der Energie und der Schlauheit dieſes Weibes nicht gewachſen. Selbſt wenn es ihm gelang, ſich ihrer zu entledigen, wer ¹ 4 1 4 —õ—:—— — 638— bürgte ihm dafür, daß die gefährlichen Dokumente ſich nicht ſchon in andren Händen befanden, daß der Tod dieſer Dame nicht der kürzeſte Weg war, ihn dem Gerichte zu überliefern? Marie hatte gewiß ihre Maßregeln für dieſen Fall getroffen, ſie wußte ja, weſſen ihr Gegner fähig war. In ſeiner Wohnung angekommen, ging Heinrich, trotzdem es ſchon ſehr ſpät war, ſofort in ſein Kabinet. Er ſchloß die Thüre hinter ſich und wer ihn beobachtet hätte, würde bemerkt haben, daß er lange raſtlos auf⸗ und abwanderte, daß er oft ſtehen blieb, um finſter vor ſich hinzuſchauen und daß er dann wieder ſeine Wanderung fortſetzte. Das währte bis zum Morgengrauen, dann war der Kampf entſchieden. Der Dämon hatte geſiegt, auf der Fahne, die er triumphirend ſchwang, ſtand mit blutrothen Lettern das Wort:„Mord!“ Fünfundachtzigſtes Kapitel. In ſtiller Mitternacht. Jakob Herz hatte ſeine Vorbereitungen getroffen. Sein Koffer war gepackt, in der Morgenfrühe ſollte das Dampfroß ihn für immer dem rächenden Arme der weltlichen Gerechtigkeit entführen. Etwas mußte der Wucherer zurücklaſſen, er konnte es nicht verhindern. Aber er hatte doch dafür geſorgt, daß dieſes„Etwas“ den Betrag von tauſend Thaler nicht überſtieg, und es blieb ihm ja auch in der Ferne noch immer das Recht an dieſe Forderungen, die ſich vielleicht ſpäter einmal einziehen ließen. Das Haus war ebenfalls verkauft, derſelbe Küpermeiſter, den Bertram Schenk am Morgen befragt hatte, war der Käufer. Jakob Herz hatte ihn am Nachmittag rufen laſſen und mit Bezug darauf, daß er ja früher ſchon auf das Haus reflektirt habe, ihm das Gebäude zu einem ſo niedrigen Preiſe angeboten, daß der Küpermeiſter es in ſeinem Intereſſe finden mußte, den Kauf ſofort abzuſchließen. Freilich hatte der Käufer das Geld im Augenblick nicht und 639— es blieb auch keine Zeit, über den Kauf einen notariellen Akt an⸗ fertigen zu laſſen, aber der Wucherer ſtieß ſich an dieſe Kleinig⸗ keiten nicht. Er ſetzte einen ſchriftlichen Vertrag auf, in welchem alle Be⸗ dingungen kurz, bündig und geſetzlich bindend enthalten waren, und der Küpermeiſter verpflichtete ſich, die Kaufſumme in den feſt⸗ geſetzten Raten dem Verkäufer prompt einzuſenden. Jakob Herz ſagte ihm ganz offen, daß er ſeinen Wohnſitz verlegen wolle, aber er nannte nicht Amerika, ſondern Berlin als ſeinen künftigen Wohnort mit dem Bemerken, daß er dort den Reſt ſeiner Tage verleben wolle. Somit konnte der Küpermeiſter keinen Verdacht ſchöpfen, wenn es ihm auch auffiel, daß der Wucherer ſo haſtig den Verkauf abſchloß. Die wenigen Möbel und das übrige Hausgeräthe, welches Jakob Herz zurückließ, repräſentirten keinen nennenswerthen Werth, es war Alles zum größten Theile werthloſes Gerümpel, für welches kein Trödler etwas gezahlt hätte. Der Wucherer ſchloß ſeine Rechnung ab und fand, daß er eine Summe von einmalhundertfünfundvierzigtauſend und fünfhundert Thaler, theils in ſicheren Aktien und Werthpapieren, theils in Banknoten beſaß. Weit entfernt, nun auf ſeinen Lorbeeren ausruhen zu wollen, hatte Jakob Herz ſich entſchloſſen, drüben in Amerika von Neuem zu beginnen. Nicht in New⸗York oder einer anderen großen Stadt, tief im Innern wollte er ſich anſiedeln und dort ſein Netz ausbreiten, gleichſam eine Spinne, welche ruhig in ihrem Netz die Fliegen erwartet. Die Fliegen, auf welche der Wucherer warten wollte, waren die Auswanderer, dieſe gutmüthigen, unbeholfenen Leute, die ſich ſo leicht über den Löffel barbiren laſſen und nachher dazu ſchweigen müſſen, weil das Geſetz ſie nicht ſchützt, wenn der Betrüger die Kunſt verſtanden hat, den Buchſtaben des Geſetzes zu umgehen. Jakob Herz hatte an Alles gedacht. Er ſah ein, daß er drüben nicht unter ſeinem eignen Namen auftreten durfte, man konnte ja von Braſilien und von Köln aus auf ihn fahnden, wenn ſein Verbrechen an's Tageslicht kam und es gab Polizeibeamte genug, die es gerne übernahmen, einen Ver⸗ brecher aus Amerika zurückzuholen. Da war es unter allen Umſtänden rathſam, jede Spur hinter ſich zu verwiſchen, er mußte für die Behörden verſchollen ſein. Der Wucherer hatte ſich zu dieſem Zweck einen falſchen Paß zu verſchaffen gewußt, einen Paß, der ſein Signalement ganz genau aber einen andern Namen enthielt. — 640— Mit dieſem Paß wollte er drüben das Bürgerrecht nachſuchen. Außerdem war er entſchloſſen, die Perrücke abzulegen, ſobald er den amerikaniſchen Boden betreten hatte, der völlig kahle Schädel mußte jeden früheren Bekannten, der ihm drüben vielleicht zufällig begegnete, irre führen. Der Küpermeiſter war angewieſen, das Geld nach Berlin zu ſchicken, an einen Mann, der mit dem Wucherer befreundet war und auf deſſen Verſchwiegenheit er ſich verlaſſen durfte. Jakob Herz hatte ſeine Vorkehrungen ganz vortrefflich getrof⸗ fen, dennoch fühlte er ſich beunruhigt. Er fürchtete noch immer das Scheitern ſeines Planes, trotz⸗ dem die Ausführung desſelben ſchon ſo nahe lag. Hätte er nur erſt Köln einmal im Rücken gehabt! Wie leicht war es möglich, daß er auf dem Bahnhofe verhaftet wurde, daß ſchon jetzt der Oberprokurator die Polizeibehörde angewieſen hatte, ein ſcharfes Auge auf ihn gerichtet zu halten und im Falle eines Fluchtverſuchs ihn zu verhaften! Der Wucherer zitterte, wenn er an die Möglichkit dieſer Verhaftung dachte. Da war es vielleicht beſſer, wenn er in einer Droſchke nach Mülheim fuhr und von dort aus die Bahn benutzte. Die Köln⸗Mindener Bahn brachte ihn freilich nicht nach Bel⸗ gien oder Frankreich, er wollte es auch nicht, weil er vorausſah, daß man ihn in dieſer Richtung zuerſt verfolgen würde, in ſeinem Plane lag es, ſich in Hamburg oder Bremen einzuſchiffen. Er fand keine Ruhe, die Furcht vor der Verhaftung folterte ihn. In ſeinem Eckſchrank ſtand noch eine halbgefüllte Rumflaſche, vielleicht fand er in ihr den Muth, der ihm fehlte. Er leerte das Glas haſtig zweimal nacheinander und beſchäftigte ſich dann damit, in ſeinem Notizbuch zu blättern, ſeine Notizen und Pa⸗ piere durchzuſehen, neue Notizen zu machen und Pläne für die Zukunft zu ſchmieden. Er wollte ſich zerſtreuen, ſeinen Gedanken eine andre Richtung geben. Es ſchlug Mitternacht, Jakob Herz dachte nicht daran, zur Ruhe zu gehn, er wollte wachen, er fürchtete den Schlaf, in dem er unvorbereitet von den Häſchern überraſcht werden konnte. Hätte er ſeine Aufmerkſamkeit nicht ſo ausſchließlich ſeinem Notizbuche gewidmet, hätte er einen Blick auf das dunke Fenſter geworfen, ſo würde er bemerkt haben, daß zwei glühende Augen unverwandt auf ihn gerichtet waren, zwei Augen die ihn auf den Stuhl, auf dem er ſaß, feſſeln zu wollen ſchienen. Ein leiſes Geräuſch berührte plötzlich ſein Ohr, erſchreckt fuhr er empor. ——— 641— Es war ihm, als ob ein Schlüſſel langſam und vorſichtig in ein Schloß geſtoßen worden ſei. Er horchte, alles blieb ſtill, nur das Pfeifen de der an den Fenſterladen rüttelte, ließ ſich vernehmen. Jakob Herz bemerkte, daß er vergeſſen hatte, dieſe Laden zuſchließen, er erhob ſich und näherte ſich zögernd dem Fenſter. Er blieb ſtehen. Weshalb fürchtete er, das Fenſter zu öffnen? Der Hof war ja mit einer hohen Mauer umſchloſſen, von dieſer Seite konnte Niemand ihn überfallen. Er legte die ſchmale, dürre Hand auf den Riegel und ſah hinaus. Nichts ließ draußen ſich erblicken, was Verdacht erregen konnte, es war da ſo einſam, ſo öde und ſtill, wie an allen Tagen zuvor. Jakob Herz öffnete das Fenſter und beugte ſich hinaus, um die Laden los zu haken. Da, in demſelben Augenblick umklammerte eine ſehnige Fauſt ſein Genick, eine zweite Hand legte ſich feſt auf ſeinen Mund. Wie in einem eiſernen Schraubſtock war er gefangen, vergeb⸗ lich machte er mit der Kraft der Verzweiflung und der Todesangſt den Verſuch, ſich zu befreien., Er fühlte, daß ein Mann ſich über ihn hinüber in das Zim⸗ mer ſchwang, daß dieſer Mann ſich ſeiner Arme bemächtigte und ſie hinter dem Rücken feſſelte. Der Strick ſchnitt ihm tief in die Handgelenke ein, er fühlte den Schmerz nicht, die Angſt hatte ſeine Nerven betäubt. Darauf wurde ein Tuch über den Mund gelegt und hinten feſt zugeknotet, ſo feſt, daß der alte Mann meinte, die Blutge⸗ fäße müßten in ſeinem gemarteten Kopfe zerſpringen. Als dies Alles geſchehen war, erhielt er einen Stoß, daß er zurücktaummelte und niederſtürzte. Im nächſten Augenblick wurde das Fenſter geſchloſſen, Jakob Herz ſah ſich drei Männern gegenüber, von denen er zwei als ſeine erbitterten Feinde kannte. „Jetzt, alter Sünder, wollen wir Abrechnung halten,“ ſagte Peter Braun, während er die Rumflaſche ergriff und das Glas füllte„damals ſeid Ihr uns entwiſcht, heute entrinnt Ihr uns nicht.“ „Machen wir kurzen Prozeß,“ ſchaltete der Schreiber ein, „gutwillig gibt er uns das Geld nicht.“ „Glaubis auch nicht,“ fuhr der Schloſſermeiſter fort;„fünf⸗ undvierzigtauſend Thaler rückt er gewiß nicht heraus. Aber ich ſehe auch nicht ein, weshalb wir uns jetzt noch mit der Hälfte begnügen ſollen, nachdem wir ſo viele Mühe und Umſtände gehabt haben.“ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 41 Windes, — 642— „Wenn wir das Ganze nehmen können, wollen wir nicht ſo zhözict ſein, nur die Hälfte zu nehmen,“ meinte Gottlieb -uſtig. Der Wucherer machte eine bittende Geberde, der kalte Schweiß bedeckte ſeine Stirne, die Augen traten ſtier aus ihren Höhlen hervor. „Athmet durch die Naſe, alter Burſche,“ ſpottete Braun,„Ihr habt ſo Manchem die Kehle zugehalten, jetzt werdet Ihr wiſſen, wie dem zu Muthe iſt, dem die Luft entzogen wird. Vorwärts, wir haben nicht lange Zeit. Glaubt Ihr, daß der Haken dort oben ſeſt genug iſt, Schenk?“ Der Schreiber blickte zur Zimmerdecke empor. „Ich glaube es,“ erwiderte er,„das Haus iſt maſſiv und ſolide gebaut, in früheren Zeiten wird an dieſem Haken wahr⸗ ſcheinlich ein ſchwerer Kronleuchter gehangen haben.“ „Aber muß es denn ſein?“ fragte Gottlieb Luſtig, der dieſen in der That kurzen Prozeß nicht erwartet hatte.„Nehmen wir das Geld und—“ „Es muß ſein,“ unterbrach Braun ihn feſt,„wenn man einmal eine Rechnung ordnet, muß man ſie auch glatt ordnen.“ „Aber es iſt ein Mord—“ „Von dem kein Menſch, außer uns, etwas erfahren wird. Laßt mich nur machen.“ Der Wucherer raffte alle ſeine Kräfte zuſammen, es war ver⸗ geblich, er vermochte ſich weder von dem Strick noch von der Binde zu befreien. Er warf ſich auf den Boden, er rannte zur Thüre und führte einen Tritt gegen ſie, daß die Wand zitterte, wohl in der Hoff⸗ nung, durch dieſen Lärm ſich Hülfe zu verſchaffen, oder wenigſtens die Raubmörder einzuſchüchtern. Aber Peter Braun lachte über dieſe ohnmächtigen Anſtrengungen und als der Wucherer zum zweiten Tritt ausholte, ſtieß der Wucherer ihn rauh zurück. „Entweder haltet den Schuft oder bindet ihm auch die Füße zuſammen,“ ſagte er,„dieſer Lärm iſt unnöthig, ein Spektakelſtück wollen wir hier nicht aufführen.“ Er ſchob einen Tiſch unter den Haken, ſtellte auf dieſen einen Stuhl und ſtieg hinauf. „Der Haken iſt feſt,“ fuhr er gleichmüthig fort,„werft dem Kerl die Schlinge um den Hals und reicht ihn mir herauf.“ Ein entſetzlicher Kampf entſpann ſich zwiſchen dem alten Manne und ſeinen Mördern. Er vertheidigte ſein Leben mit allen Mitteln, über die er ge⸗ bieten konnte, er ſtieß mit der Bruſt, mit den Beinen und den Schultern die Angreifer zurück, er entſchlüpfte ihnen wie ein Aal, — 643— er räannte aus einer Ecke in die andere, bis er endlich überwältigt auf dem Boden lag. Die Mörder feſſelten jetzt auch die Füße ihres Opfers, dann warfen ſie die Schlinge ihm um den Hals. Und als ſie nun ihn emporhoben und ihn zuerſt auf den Tiſch warfen, dann ihn wieder in die Höhe richteten und ihn ſo lange hielten, bis Peter Braun den Strick an dem Haken be⸗ feſtigt hatte, da erſchrack ſogar der gegen ſolchen Anblick abgehär⸗ tete Schloſſermeiſter vor dem ſtieren, entſetzlichen Blick ſeines Opfers.— Es war geſchehen, der Todeskampf beendet. Von den Feſſeln und der Binde befreit hing die Leiche oben unter der Decke über dem Tiſch und dem umgeſtürzten Stuhl. „Bah, da ſtehen wir wie die Schulbuben, die ihre Strafe erwarten,“ brach Peter Braun endlich das unheimliche Schweigen. „Geſchehene Dinge laſſen ſich nicht ändern und im Grunde ge⸗ nommen haben wir doch ein gutes Werk gethan.“ „Na, ja, dem Schuft wird Niemand nachtrauern,“ erwiderte Schenk,„aber es iſt doch ein eignes Ding, wenn man einem Menſchen das Leben—“ „Unſinn, ſich deshalb Sorgen zu machen,“ fiel Braun ihm ſpottend in's Wort.„Der Kerl hängt ſo kunſtgerecht da, daß Jeder ſagen wird, er müſſe ſelbſt ſich das Leben genommen haben. Ein triftiger Grund liegt ja für dieſe Vermuthung vor, die Drohungen des Schenkwirths, den er betrogen hat.“ Dieſe Erklärung ſchien die Beiden vollſtändig zu beruhigen, der Schreiber nahm das Licht und trat in die anſtoßende Schreibſtube. Seine Genoſſen folgten ihm und der Anblick, der ſich ihnen hier bot, ließ ſie ſofort erkennen, daß ſie den richtigen Augen⸗ blick benutzt hatten. Auf dem Tiſche in der Mitte des Zimmers ſtand ein kleines Handköfferchen, neben demſelben lag ein Mantel, eine Reiſetaſche und ein grauer Filzhut. Dieſe Vorbereitungen bewieſen, daß Jakob Herz abzureiſen beabſichtigte. „Na, da ſeht Ihr, daß wir nicht länger zögern durften,“ ſagte der Schreiber,„morgen früh wäre der Schuft uns entwiſcht.“* „Bon, ſuchen wir das Geld,“ erwiderte Braun,„ich vermuthe, es befindet ſich in dem Koffer.“ Sofort fielen die Raubmörder über den Koffer her, er war binnen wenigen Minuten geöffnet. Peter Braun nahm die Leibwäſche heraus, unter ihr fand er die Banknoten und Werthpapiere, ſorgſältig in Papier eingewickelt und jedes Päckchen mit einer Notiz über den Inhalt verſehen. 41* — 644 Schon wollte Gottlieb Luſtig hineingreifen, als der Schloſſer⸗ meiſter raſch die Wäſche wieder hineinwarf und darauf den Koffer ſchloß. „Hier zu theilen haben wir keine Zeit,“ ſagte er haſtig,„wir wollen das in unſerer Wohnung beſorgen. Es wäre überhaupt gut, wenn wir dieſe Reiſeeffekten entfernten, ſie paſſen nicht recht zu dem Selbſtmord.“ Die Beiden ſahen die Richtigkeit dieſer Behauptung ein, der Mantel und der Hut wurden in einen Schrank geworfen, den Koffer hob Braun auf ſeine Schulter. Noch einmal kehrten die Verbrecher in das anſtoßende Zimmer zurück, um ſich zu überzeugen, daß dort Alles ſich in Ordnung befand, dann verließen ſie das Haus durch die vordere Thüre, zu der Braun ebenfalls einen Schlüſſel beſaß. Niemand bemerkte ſie, ungeſährdet erreichten ſie ihre Wohnung. Gottlieb Luſtig wollte fofort die Theilung vornehmen, er fand keine Ruhe, in ſeinem Plane lag es, Köln noch vor Tagesanbruch zu verlaſſen. Aber Braun wies den Vorſchlag zurück. Er ſei jetzt zu müde, zu abgeſpannt, ſagte er, Gefahr drohe ihnen nicht, man könne nun ruhig warten bis morgen. Der Schreiber pflichtete dieſer Anſicht bei, es erging ihm, wie es ſo Vielen ergeht, wenn ſie plötzlich ſich in den Beſitz einer großen Summe gebracht ſehen, die Habſucht war erwacht, er wollte noch mehr gewinnen. Zwar rieth der Schloſſermeiſter ihm ab, zu dem Schenkwirth zu gehen, aber als Schenk bei dieſem Vorhaben beharrte, weil er die tauſend Thaler nicht im Stich laſſen wollte, redete er ihm nicht weiter zu. Gottlieb Luſtig mußte ſich endlich in den Willen ſeiner Genoſſen fügen, er that es mit Widerſtreben, ſo ſehr auch die Beiden ſich bemühten, ihm zu beweiſen, daß ſeine Beſorgniſſe jedes Grundes entbehrten. Daß Peter Braun ſchon jetzt darüber nachdachte, wie er ſeine Genoſſen um ihren Antheil an dem Raube betrügen könne, daß er feſt entſchloſſen war, dies wenigſtens zu verſuchen, ahnten ſie nicht. ——— —— — Sechsundachtzigſtes Kapitel. In der Schlinge. Bertram Schenk hielt es für nöthig, ſeinen Advokat von den Schritten, die er gethan hatte, zu unterrichten. Er eilte gleich nach dem Frühſtück hin, um ihn um Rath zu fragen, wie er ſich dem Schreiber gegenüber verhalten ſolle. Der Advokat ließ es an Vorwürfen nicht fehlen, und der Schenkwirth nahm dieſe Vorwürfe ohne Widerrede geduldig hin. „Aber ich meine doch, wir ſeien jetzt auf dem richtigen Wege,“ wagte er einzuſchalten,„wenn der Schreiber uns Beweiſe liefert—“ „Kann er es?“ unterbrach der Advokat ihn ſchärf.„Sein Zeugniß iſt keine vier Pfennige wert), wenn—— aber wir werden ſehen. Gehen Sie heim und beginnen Sie das Verhör nicht eher, bis ich komme, ich werde zum Unterſuchungsrichter gehen und ihn bitten, dieſem Verhör beizuwohnen.“ Bertram Schenk nahm ſich vor, diesmal nicht ſeiner eigenen Anſicht, ſondern dem Rathe des Juriſten zu folgen, er kehrte in ſeine Wohnung zurück. Der Barbier war der Erſte, der ſich einfand, dann kam der Advokat in Begleitung des Unterſuchungsrichters und eines Schreibers und gleich darauf erſchien auch ein Polizeicommiſſair. Alle dieſe Herren nahmen in dem Hinterſtübchen, in welchem die Stammgäſte zu ſitzen pflegten, Platz. „Wo iſt das Gold, welches Sie dem Schreiber für ſein Zeugniß verſprochen haben?“ fragte der Unterſuchungsrichter, nachdem er den Rothwein, den Bertram Schenk den Herren vorſetzte, gekoſtet hatte.„Ich glaube nicht, daß Sie in die Verlegenheit kommen werden, es dem Zeugen zahlen zu müſſen, denn wenn der Schreiber Beweiſe liefern kann, ſo trifft ihn auch der Verdacht der Mitſchuld und in dieſem Falle iſt ihm die Verhaftung ſicher. Aber es wäre gut, wenn man durch die Vorzeigung des Geldes ihn in Sicherheit wiegte.“ „Ich fürchte, dieſe Sicherheit wird er verlieren, wenn er Sie, meine Herren, hier findet,“ erwiderte der Schenkwirth bedenklich, während er mit ſeinen klugen Augen bedeutſam den Polizeicommiſſair anblickte.„Für das Geld habe ich geſorgt.“ „Der Herr Commiſſair wird die Güte haben, in ein beſonderes — 646— Zimmer zu treten,“ fuhr der Unterſuchungsrichter fort,„wir Uebrigen ſind Privatperſonen, die er ſchwerlich kennt.“ Der Polizeibeamte entfernte ſich. Bertram Schenk führte ihn in ein Zimmer und befahl ſeinem Burſchen, dem Herrn Commiſſair eine Flaſche Rothwein und ein Frühſtück zu bringen. Gleich darauf trat Bernhard Schenk ein. Er ſtutzte, als er die Herren ſah, ſo viele Zeugen hatte er nicht erwartet und wenn er dieſe Herren auch nicht kannte, ſo ſagte ihm doch eine Ahnung, daß ſie Gerichtsperſonen waren. Was ſollte er thun? Zurückziehen konnte er ſich nicht mehr, das hätte ſofort Verdacht erregt, leugnen konnte er auch nicht, ſein Kommen bewies ja, daß er im S.ande war, das Verbrechen zu enthüllen. Es blieb ihm alſo nichts Anderes übrig, als die verſprochenen Aufklärungen zu geben, er konnte das ja um ſo eher, als der Mund, der allein ihn der Mitſchuld zeihen durfte, für immer ge⸗ ſchloſſen war. Die Freundlichkeit des Schenkwirths, der ihn einlud, Platz zu nehmen und ein Glas mit zu trinken, verſcheuchte ſeine Beſorgniſſe, und die Banknoten, welche er vor ſich auf dem Tiſche liegen ſah, trugen weſentlich dazu bei, ihn zu beruhigen. Er begann mit der Erklärung, daß Jakob Herz den Brief aus Braſilien an ſich genommen und geöffnet habe, fügte aber ſofort hinzu, daß ihm der Inhalt deſſelben geheim geblieben ſei. Was der Wucherer mit dem Briefe gemacht habe, wollte er nicht wiſſen, er wiſſe nur, daß Jakob Herz ſpäter einige Briefe an den Konſul in Rio Janeiro geſchrieben und einige Monate darauf eine bedeutende Summe in Wechſeln aus Braſilien erhalten habe. „Weiter haben Sie dieſer Erklärung nichts hinzuzufügen?“ fragte der Richter, als Bernhard Schenk ſchwieg. „Nein,“ erwiderte der Schreiber.„Nach meinem Dafürhalten genügt dieſe Erklärung—“ „Durchaus nicht,“ fuhr der Richter ihn unterbrechend fort, „Sie wiſſen mehr, Sie müſſen mehr wiſſen. Wer hat dieſen Brief an Herrn Bertram Schenk geſchrieben? Die Handſchriſt Ihres frühern Prinzipals iſt es nicht, von ihm rührt nur die Unterſchrift her.“ Anf ein ſo ſcharfes Verhör war der Schreiber nicht vorbereitet, er erkannte jetzt die Gefahr, die ihn bedrohte und er würde gerne auf die Belohnung verzichtet haben, wenn er nur wieder draußen geweſen wäre. „Sie haben den Brief geſchrieben,“ ſagte der Advokat mit ſcharfer Betonung,„weshalb wollen Sie es leugnen? Sie werden auch wiſſen, wer die falſche Vollmacht ausgefertigt hat und wer — 647— der Bevollmächtigte war, den Jakob Herz nach Rio Janeiro ſchickte, um die Erbſchaft in Empfang zu nehmen.“ Bernhard Schenk zwang ſich, ruhig zu ſcheinen. „Jakob Herz konnte Hände genug finden, die zu ſolchen Fälſchungen ſich hergaben,“ erwiderte er,„daß ich es nicht that, wußte er. Wer der Bevollmächtigte war, weiß ich nicht, die ganze Angelegenheit iſt hinter meinem Rücken betrieben worden, ich er⸗ fuhr nichts.“ „Aber Sie waren doch der Vertraute dieſes Mannes,“ warf der Schenkwirth ein. „So hat man geſagt, es iſt kein wahres Wort geweſen.“ Der Unterſuchungsrichter erhob ſich. „Laſſen Sie einen Wagen holen,“ wandte er ſich zu dem Schenkwirth,„oder beſſer zwei, es kann nicht ſchaden, wenn wir alle hinfahren.“ Der Schreiber erblaßte, er ahnte, zu welchem Zweck der Wagen dienen ſollte. „Ich bitte, mir den bedungenen Lohn zu geben und mich zu entlaſſen,“ verſetzte er,„dringende Geſchäfte nöthigen mich—“ „Dringende Geſchäfte?“ unterbrach der Advokat ihn.„Welche Geſchäfte könnten Sie haben?“ „Agenturen—“ „Ach ſo! Freund, augenblicklich gibt es für Sie kein dringenderes und wichtigeres Geſchäft, als die Erledigung dieſer Angelegenheit.“ „Sie werden uns zu Ihrem früheren Prinzipal begleiten,“ fügte der Richter den Worten des Advokaten hinzu,„daß uns die Erklärung, die Sie gegeben haben, nicht genügen kann, müſſen Sie doch ſelbſt einſehen.“ Mechaniſch erhob der Schreiber ſich, er leerte haſtig das Glas und warf dem Barbier, der ihm gegenüberſtand, einen vorwurfs⸗ vollen Blick zu. „Das iſt gegen die Verabredung,“ ſagte er grollend,„davon war geſtern Abend keine Rede.“ „Und wenn Sie es gewußt hätten, würden Sie wohl nicht gekommen ſein?“ fragte der Richter, anſcheinend gleichgültig, aber die Abſicht, die hinter dieſer Frage barg, entging dem Schreiber nicht. „O doch,“ erwiderte Schenk, ſich gewaltſam bezwingend,„aber ich hätte andere Bedingungen geſtellt. Angenehm kann es mir nicht ſein, als Ankläger meinem frühern Prinzipal gegenüber zu treten, da ich ja die Beſorgniß hegen muß, daß—“ Er ſtockte, ſein erſter Blick fiel auf den Polizeicommiſſar, der in dieſem Moment eintrat. Der Richter warf dem Advokaten einen bedeutſamen Blick zu und wechſelte leiſe einige Worte mit dem Beamten. — 648— Daß dieſe Worte ſich auf ihn bezogen, ahnte Bernhard Schenk; der Boden brannte ihm unter den Füßen, er ſah jetzt ein, daß er beſſer gethan hätte, die Warnung ſeines Genoſſen nicht in den Wind zu ſchlagen. Aber zur Reue war es jetzt zu ſpät, er ſteckte nun einmal in der Schlinge, die immer enger angezogen wurde, er mußte nun ſuchen, ſich von ihr zu befreien. Und im Grunde genommen, war es ja auch gar nicht ſo gefährlich, wie es den Anſchein hatte. Jakob Herz war todt, was alſo hatte er zu befürchten? Freilich graute ihm vor der Rückkehr in das Haus, vor dem Anblick der Leiche, aber dieſes Grauen mußte überwunden werden. Die Wagen fuhren vor, in den erſten ſtiegen der Richter, der Advokat, der Commiſſair und Bernhard Schenk, Gabel, der Schenk⸗ wirth und der Gerichtsſchreiber folgten in dem zweiten. Während der Fahrt hielt der Richter ſeinen Blick unausgeſetzt auf das Antlitz des Schreibers gerichtet, und dieſen ſtrengen, for⸗ ſchenden Blick vermochte Bernhard Schenk auf die Dauer nicht zu ertragen. Der Wagen hielt, der Advokat ſtieg aus und zog die Glocke. Nichts regte ſich in dem alten, unheimlichen Hauſe, dumpf hallte der Schall der Glocke wieder. Zum zweiten und drittenmale zog der Advokat die Glocke, dann fragte er den Küpermeiſter, der, durch das Rollen der Räder aufmerkſam gemacht, neugierig hinzugetreten war, ob er geſehen habe, daß Jakob Herz ausgegangen ſei. „Ausgegangen?“ erwiderte der Meiſter.„Na ich denke, er wird wohl ſchon längſt über alle Berge ſein, er wollte heute Morgen mit dem erſten Zuge abreiſen.“ Außer dem Commiſſair und dem Schreiber waren jetzt alle ausgeſtiegen, und nach wenigen Minuten hatten ſich auch ſchon die Nachbarn und einige Müßiggänger eingefunden, um zu er⸗ forſchen, was hier vorging. Bernhard Schenk warf einen Blick hinaus, er bemerkte unter den Umſtehenden ſeinen Genoſſen Gottlieb Luſtig. Er begriff nicht, was dieſen hierher führte, der doch wahrlich Urſache hatte, den Schauplatz des entſetzlichen Verbrechens zu meiden. „Hat er Ihnen geſagt, daß er eine Reiſe machen wolle?“ fragte der Richter den Küpermeiſter. „Verſteht ſich, ich habe ihm ja geſtern Nachmittag das Haus abgekauft.“ „Das Haus?“ „Na, ja, mitnehmen konnte er es ja nicht.“ „Alſo iſt er abgereiſt, um nie wiederzukehren?“ in — 649— „Natürlich.“ „Herr des Himmels,“ jammerte der Schenkwirth,„jetzt iſt die Erbſchaft zum—“ „ Da haben Sie die Folgen Ihrer Uebereilung,“ unterbrach der Advokat ihn,„weshalb auch mußten Sie ihn warnen?“ „Wohin wollte er reiſen?“ fragte der Richter. „Nach Berlin.“ „Das iſt eine Finte,“ ſagte der Advokat,„er wird ſich hüten, in Deutſchland zu bleiben.“ Der Richter nickte beiſtimmend. „Da iſt weiter nichts zu machen, als daß wir ihn durch den Telegraph verfolgen laſſen,“ verſetzte er,„damit wir ein Recht dazu haben, müſſen wir vor allen Dingen zuſehen, ob wir in dieſem Hauſe Papiere finden, die uns Beweiſe für den Betrug liefern. Haben Sie einen Schlüſſel?“ „Ja,“ erwiderte der Küpermeiſter,„ſobald ich den Kaſten ge⸗ kauft hatte, habe ich mir den Schlüſſel ausgebeten.“ „Bitte, dann öffnen Sie.“ Es wird nichts nutzen,“ erwiderte der Advokat achſelzuckend, 7 „der Mann war ſchlau genug, vor der Abreiſe Alles zu ver⸗ nichten, was—“ „Ja nun, man kann nicht wiſſen,“ unterbrach der Richter ihn, „ich habe die Erfahrung oft gemacht, daß gerade die ſchlaueſten Verbrecher in dieſer Beziehung die nöthige Vorſicht manchmal außer Acht laſſen.“ Der Küpermeiſter öffnete, die Herren, unter ihnen auch der Schreiber und der Commiſſair, gingen hinein. „Hier iſt die Schreibſtube,“ ſagte Bernhard Schenk, eine Thüre öffnend,„wenn Papiere oder Bücher zurückgeblieben ſind, können ſie ſich nur in dieſem Zimmer befinden.“ Der Richter näherte ſich raſch dem großen Schreibpult, welches in der Mitte des Zimmers ſtand. 4 Es war unverſchloſſen und vollſtändig ausgeleert. Auch in den Schränken fand man weder Papiere noch Geſchäftsbücher. „Ich dachte es mir,“ ſagte der Advokat,„er hat ſich vorge⸗ ſehen. Bevor wir nun uns aus Braſilien vollgültige Beweiſe verſchafft haben, kann er— Ein gellender, Mark und Bein durchdringender Schrei unter⸗ brach ihn.. Mit dem Ruf„Jeſus, Maria, Joſeph!“ taumelte der Küper⸗ meiſter, der die Thüre zur Wohnſtube geöffnet hatte, zurück. Entſetzen ergriff die Anweſenden, als ſie in das Wohnzimmer traten und nun die Leiche bemerkten. „Die Thüren zul!“ rief der Richter.„Herr Commiſſair, — 650— ſchicken Sie Jemand zu einem Arzte und tragen Sie Sorge, daß Niemand dieſes Haus verlaſſen kann.“ Noch hatte Keiner an ein Verbrechen gedacht, der ſcharfe Blick des Richters bemerkte ſofort Einzelnheiten, die ſeinen Verdacht erregten. „Selbſtmord!“ ſagte der Advokat leiſe.„Der alte Schuft wird den Verſtand verloren haben.“ „Ich urtheile anders,“ erwiderte der Richter, deſſen Blick forſchend, durchdringend die Anweſenden ſtreifte und dann wie ge⸗ bannt auf dem Schreiber haften blieb. „Sehen Sie zuvörderſt die geſchwollenen Hände der Leiche und den blauen Strich um die Handgelenke, bedenken Sie ferner, daß, wenn der Gehenkte ſelbſt, ſei es abſichtlich oder im Todes⸗ kampfe, den Stuhl umgeſtoßen hätte, dieſer jedenfalls vom Tiſche hinuntergeſtürzt wäre. Dann mache ich Sie auf das Tuch auf⸗ merkſam, welches unter dem Tiſche liegt, betrachten Sie die Form, in der es da liegt, kann da noch ein Zweifel obwalten, daß es benutzt worden iſt zum Feſſeln der Hände oder Füße?“ Dem Advokat leuchteten alle dieſe Verdachtsgründe ein. „Aber weshalb laſſen Sie die Thüren ſchließen?“ fragte er. „Weil es möglich iſt, daß der Mörder ſich unter uns befindet, um ſich Gewißheit darüber zu verſchaffen, ob das Gericht in die Falle gehen wird, die er ihm ſo plump geſtellt hat. Sehen Sie ſich um, Sie finden da manche Phyſiognomie, die, wie man zu ſagen pflegt, einen polizeiwidrigen Anſtrich hat.“ „Darauf kann man auch nicht immer gehen,“ meinte Gabel, der neben den beiden Herren ſtand und ihre Unterhaltung angehört hatte,„meine Naſe—“ „Hat durchaus nichts Polizeiwidriges, guter Freund,“ unter⸗ brach der Richter ihn,„alſo dürft Ihr Euch beruhigen. Aber da kommt der Doktor, jetzt werden wir bald wiſſen; ob meine Ver⸗ muthungen richtig ſind.“ Der Arzt ließ die Leiche herunternehmen und auf den Tiſch niederlegen. „Dieſer Mann iſt ermordet worden,“ ſagte er mit erſchüttern⸗ dem Ernſt,„und nicht Einer, Mehrere haben die That vollbracht. Die Mörder haben ihn von hinten überfallen, die Flecken im Genick beweiſen, daß es eine ſtarke, ſehnige Hand war, die ihn niederhielt, bis man ſeine Arme und Beine gefeſſelt hatte. Auch den Mund hat man ihm verbunden, an dieſer Stelle befand ſich der Knoten des Tuches.“ Der Friedensrichter trat näher und warf einen Blick auf den Punkt, auf den der Arzt deutete, dann glitt ſein Blick noch ein⸗ mal über die im Hintergrunde ſtehenden Perſonen. — 651— Und wieder blieb dieſer Blick auf dem Schreiber haften, der vergeblich ſich bemühte, ſeine Ruhe zu bewahren. Eine gewaltige Veränderung war mit dieſem Manne vorgegangen. Sein erdfahles Antlitz mit der ſchweißtriefenden Stirne und den ſtieren, hervorquellenden Augen trug den Ausdruck der Ver⸗ zweiflung und der Todesangſt, die krampfhaft zuckenden Lippen und das Zittern des ganzen Körpers verriethen eine das ganze Nerven⸗ ſyſtem erſchütternde Erregung. Sein ſtierer Blick hing wie gebannt an den Lippen des Arztes, er ſchien auf ihnen die Worte leſen zu wollen, noch ehe ſie aus⸗ geſprochen wurden. Der Richter ließ die Taſchen des Ermordeten durchſuchen, man fand in ihnen ein umfangreiches Notizbuch, welches der Advokat ſofort einer Durchſicht unterwarf. „So ſteht es alſo feſt, daß dieſer Mann ermordet wurde?“ fragte der Richter den Arzt. „So feſt, daß Niemand daran zu rütteln vermag,“ lautete die Antwort. „Was ſagen Sie dazu?“ wandte der Richter ſich zu dem Schreiber, der erſchreckt, wie von einer Tarantel geſtochen, aus ſeinem Hinſtarren emporfuhr. Es war mehr der mechaniſche Trieb der Selbſterhaltung, als ſchlaue Ueberlegung, was den Schreiber in rauhem Tone erwidern ließ, er wiſſe davon nichts, er habe ja nicht einmal gewußt, daß Jakob Herz geſonnen geweſen ſei, die Stadt zu verlaſſen. „Nur ein mit der Einrichtung dieſes Hauſes Vertrauter kann die That begangen haben,“ ſagte der Richter.„Auf welchem Wege er gekommen iſt, auf welchem er ſich wieder entfernt hat, kann ich in dieſem Augenblick ſo raſch nicht ermitteln, die Unterſuchung wird das feſtſtellen, aber daß der Mörder hier ſehr genau Beſcheid wußte, unterliegt keinem Zweifel.“ „Und deshalb muß ich die That begangen haben?“ fragte der Schreiber trotzig. „Aus dieſen Notizen geht hervor, daß Jakob Herz ſein ganzes Vermögen zuſammengeſcharrt hatte, um mit demſelben zu ent⸗ weichen,“ ſagte der Advokat, ehe der Richter auf jene freche Frage eine Erwiderung geben konnte.„Dieſes Vermögen betrug vier⸗ malhundertfünfundvierzigtauſend fünfhundert Thaler in Banknoten und Actien, die insgeſammt hier näher verzeichnet ſtehen. Ferner liefert dieſes Buch den Beweis, daß die Forderung meines Klienten Bertram Schenk begründet iſt, es enthält Notizen über die an den Konſul in Rio de Janeiro geſchriebenen Briefe, über den Empfang der Summe und den Verkauf der Wechſel, welche der Konſul ihm geſchickt hat.“ ——— — — —— 652 „Gott ſei Dank!“ athmete der Barbier auf. „Was hilft mir das jetzt?“ ſeufzte der Schenkwirth.„Das ganze Vermögen iſt wahrſcheinlich geſtohlen!“ „Wenn die Actien und Werthparpiere näher verzeichnet ſind, ſo werden wir ihre Spur wohl entdecken,“ beruhigte der Advokat. „Aus dieſen Notizen erhellt ferner, daß Jakob Herz heute Morgen in aller Frühe abreiſen wollte,“ fuhr er fort,„es iſt alſo mit Sicherheit anzunehmen, daß die Werthpapiere eingepackt waren nnd man müßte nun conſtatiren—“ „Daß ſie geraubt worden ſind?“ unterbrach ihn der Richter, der noch immer den Blick unverwandt auf den Schreiber gerichtet hielt.„Die Sache iſt für mich ziemlich klar. Nachdem dieſer Mann der frühere Schreiber und Vertraute des Ermordeten, ſein Mitſchuldiger in der Erbſchafts⸗Unterſchlagung erfahren hatte, daß der Betrug entdeckt ſei, mußte er ſich ſagen, daß Jakob Herz nun den einzigen Weg, der ihm zu ſeiner Rettung bleibe, ein⸗ ſchlagen und fliehen werde. Er mußte ſich ferner ſagen, daß der Tod dieſes Mannes auch ihn vor der Anllage ſchützte und einige Geſinnungsgenoſſen, Leute, die man hinter der Schnapsflaſche dutzendweiſe findet, mögen ihn darin beſtärkt haben. Man wußte, daß Jakob Herz ein alter gebrechlicher Mann wax, daß er viel Geld beſaß, der Plan war raſch entworfen, er wurde eben ſo raſch ausgeführt, Sehen Sie den Menſchen an, leſen Sie nicht auf ſeiner Stirne das Wort:„Mörder“? „Man könnte mir erwidern, wenn meine Behauptungen richtig ſeien, ſo würde der Mörder nicht gewagt haben, noch einmal und zwar in unſrer Begleitung dieſes Haus zu betreten. Dieſe Schlußfolgerung wäre falſch, es kommt oft vor, daß der Mörder, der ſich vor Entdeckung geſichert zu haben glaubt, zum Schau⸗ platz ſeines Verbrechens zurückkehrt, um jeden etwa aufkeimenden Verdacht durch ſeine Anweſenheit zu beſeitigen. Dann auch dürfen wir nicht vergeſſen, daß dieſer Mann gewiſſermaßen gezwungen worden iſt, hierher zurückzukehren.“ Die Wucht dieſer Beweiſe erdrückte den Schreiber, er richtete noch einmal das Haupt empor, er verſuchte, den Richter anzu⸗ blicken, aber vor dieſem ernſten drohenden Blick entſank ihm der Muth, es war ihm, als ob ein höheres Weſen ihn gerichtet habe. Das Haupt auf die Bruſt geſenkt, ließ er willenlos Alles mit ſich geſchehen, er fühlte die kalte, eiſerne Kette, die ſich um ſeine Handgelenke ſchlang, er hörte die Ausrufe des Entſetzens und des Abſcheus der Umſtehenden, dann wurde es plötzlich dunkel vor ſeinen Augen, lautlos brach er zuſammen. Als er wieder zum Bewußtſein erwachte, fiel ſein erſter Blick auf das entſetzliche, verzerrte Antlitz des Ermordeten, ein — 653— Schrei entrang ſich ſeinen Lippen, ein Schrei der Verzweiflung, in welchem das Selbſtbekenntniß der Schuld ſich ausdrückte. „Nennen Sie Ihre Mitſchuldigen,“ ſagte der Richter,„nur ein offenes Bekenntniß kann die Strafe mildern, Sie haben die That nicht allein verübt.“ Lange blieb der Schreiber in Brüten verſunken. Wohl ſträubte der Reſt ſeines Ehrgefühls ſich dagegen, die Genoſſen zu verrathen, aber der Trieb der Selbſterhaltung war ſtärker. Wenn er ſie verrieth, ſo zeugte er von Reue und das Gericht ließ dieſe vielleicht als Milderungsgrund gelten. An das Alles dachte Bernhard Schenk und dem Richter, der die Gedanken des Verbrechers auf der Stirne desſelben las, konnte es nicht ſchwer fallen, ihn zu einem offnen Geſtändniß zu be⸗ wegen. Das Protokoll wurde geſchloſſen, Bernhard Schenk in's Ge⸗ fängniß geführt. Die Polizeibehörde traf ſofort ihre Maßregeln zur Verhaftung der Genoſſen des Raubmörders, und der Schenkwirth durfte ſich nun der Hoffnung hingeben, in den Beſitz ſeines Geldes zu ge⸗ langen. Siebenundachtzigſtes Kapitel. Das Teſtament. Bei ſeiner Heimkehr fand Bertram Schenk einen Brief aus Frankreich, den der Poſtbote kurz vor Mittag gebracht hatte. Dieſer Brief war an Otto adreſſirt, Frau Schenk hatte ſich erlaubt, ihn zu öffnen. Sie ſah ſich für ihre Neugier beſtraft, der Brief war in franzöſiſcher Sprache geſchrieben und weder die Mutter, noch He⸗ lene kannten dieſe Sprache genugſam, um das ziemlich umfang⸗ reiche Schreiben überſetzen zu können. Der Schenkwirth, der ſich ohnehin nicht in der roſenfarben⸗ ſten Stimmung befand, machte, die unberechtigte Eröffnung des Briefes zum Vorwand nehmend, ſeinem Unmuth. in ſehr derben Worten Luft, urd nachdem er dies gethan und ſein gereiztes, er⸗ bittertes Gemüth einigermaßen wieder beruhigt hatte, ging er — 654— ſelbſt an das Studium des Briefes, der für ihn ebenſowohl ein böhmiſches Dorf war, wie für ſeine Frau und ſeine Tochter. Frau Schenk hatte ihre Freude daran, wie der Gatte, der ſich doch ſonſt ſo klug dünkte, den Brief anglotzte und endlich un⸗ muthig das Schreiben auf den Tiſch warf, um ſeine Tabaksdoſe hervorzuholen. „Gelt? das verſtehſt Du auch nicht?“ ſpottete ſie.„So ge⸗ ſcheidt biſt Du auch noch nicht, daß—“ „Verſtehſt Du es vielleicht?“ unterbrach Bertram Schenk ſie gereizt.„Wenn ich Zeit und Luſt dazu hätte, wollte ich's ſchon leſen.“ „Ach ſo,“ nickte die Hausfrau, und ein malitiöſes Lächeln glitt über ihr hageres Geſicht,„es geht Dir auch, wie dem Manne, der immer ſeine Brille vergeſſen hatte, wenn er etwas leſen ſollte. In Wahrheit konnte er nicht leſen.“ Bertram Schenk ſtand im Begriff, eine Antwort zu geben, die ohne Zweifel dieſen kleinen Zwiſt entweder zum definitiven Abſchluß gebracht, oder zu einem ſehr erbitterten Wortwechſel ge⸗ führt haben würde, aber er ſah ſich daran durch den Eintritt ſeines Sohnes Heinrich gehindert. „Da kommt der Richtige,“ ſagte Frau Schenk, während ſie den Strickſtrumpf auf den Tiſch legte und erwartungsvoll den Eintretenden anblickte,„er wird uns ſchon ſagen, was der Brief enthält.“ Der Schenkwirth ſchüttelte den Kopf, den Eintretenden beach⸗ tete er kaum, es war zu viel Groll und Bitterkeit gegen dieſen herzloſen, ſelbſtſüchtigen Sohn in ſeiner Seele, als daß der Beſuch deſſelben ihm eine Freude hätte bereiten können. „Mich verlangt gar nicht danach, den Inhalt des Briefes kennen zu lernen,“ entgegnete er,„uns geht's ja auch nichts an, der Brief iſt an Otto adreſſirt.“ Statt der Antwort überreichte Frau Schenk den Brief ihrem Sohne. „Sei doch ſo gut und überſetze das,“ ſagte ſie,„wenn's eine Sache von Wichtigkeit iſt, ſo geht's uns auch an, Otto kann das nicht übel nehmen.“ Heinrich durchflog haſtig das Schreiben, man ſah ihm an, daß die Bitte ihm unangenehm war. „Es iſt die Abſchrift eines Teſtaments,“ ſagte er kalt, indem er den Brief wieder hinlegte. „Eines Teſtaments?“ fragte der Schenkwirth überraſcht.„Zu Gunſten Otto's?“ „Ja.—— Du haſt ja den Wucherer zum Selbſtmord ge⸗ trieben? Sonderbare Gerüchte ſind an der Börſe verbreitet;— wie iſt es mit der Erbſchaft?“ — 655— Das alſo war der Grund des Beſuches! Bertram Schenk hatte ſofort vermuthet, daß ein beſonderer Zweck ihm zu Grunde liegen müſſe. „Ich fürchte, Du haſt eine Dummheit gemacht,“ fuhr der junge Mann in einem Tone fort, der die wachſende Erregnng verrieth,„Du hätteſt es mir überlaſſen ſollen, die Angelegenheit zu ordnen.“ Dummheit? Madame Schenk ſpitzte die Ohren, das war Waſſer auf ihre Mühle. „So, und was hat er wieder gemacht?“ fragte ſie ſcharf. „Kümmere Dich nicht darum,“ erwiderte Bertram Schenk, in hohem Grade entrüſtet über dieſe Einmiſchung in eine An⸗ gelegenheit, die an und für ſich ſchon ihm Aerger genug bereitete. „Es iſt eine Sache, die uns alle betrifft,“ ſagte Heinrich, der eine boshafte Schadenfreude empfand, ſeinem Vater dieſe De⸗ müthigung bereiten zu können, nachdem derſelbe kurz zuvor ihn ſo ſchnöde zurückgewieſen hatte,„es handelt ſich hier keineswegs um eine Kleinigkeit, ſondern um den Verluſt eines Vermögens von achtzigtauſend Dollars, die unſer in Braſilien verſtorbener Onkel hinterlaſſen hat. Jakob Herz hat ſich dahinter gemacht, Briefe und Vollmachten gefälſcht und das Geld erhoben. Nun wird geſtern dieſer Betrug entdeckt und der Vater hat nichts Eiligeres zu thun, als den Betrüger zu warnen und ihm zu drohen. Ich wollte die Angelegenheit übernehmen, ich würde den Schuft ſofort dem Gericht überliefert und ſein Vermögen mit Beſchlag belegt haben, aber mir wird ja kein Vertrauen geſchenkt!“ Der Eindruck dieſer Worte war ein ſehr verſchiedener. Ber⸗ tram Schenk lief in gewaltiger Erregung durch das Zimmer, un⸗ geduldig den Augenblick erwartend, der ihm erlaubte, die unge⸗ rechten Vorwürfe energiſch zurückzuweiſen; Helene blickte erftaunt bald den Vater, bald den Bruder an, Frau Schenk hingegen ſah ſofort klar in dieſer Sache, für ſie unterlag es keinem Zweifel, daß ihr Herr Gemahl die Vorwürfe verdiente. „Sol' ſagte ſie, noch ehe der Schenkwirth das Wort ergreifen konnte, während ſie mit ihren dünnen ſpitzen Fingern auf den Tiſch einen Sturmmarſch trommelte.„Das wird alſo heimlich, hinter meinem Rücken betrieben? Es ſcheint wohl, ich habe keine Stimme mehr—“ „Du haſt mich mit dieſer braſilianiſchen Erbſchaft ſo oft ge⸗ ärgert, daß ich keine Luſt fühlen konnte, mich abermals Deinen ſpöttiſchen Bemerkungen auszuſetzen,“ fiel Bertram Schenk ihr in's Wort.„Und was die Sache ſelbſt betrifft, ſo liegt ſie ganz anders, wie dieſer junge Herr ſie darzuſtellen beliebt. Jakob Herz iſt in verwichener Nacht ermordet und ſeines geſammten Vermögens beraubt worden. Soll ich dafür vielleicht auch ver⸗ antwortlich gemacht werden?“ Heinrich ſchwieg,— darauf war er nicht vorbereitet. „Na, dann iſt die Erbſchaft abermals verloren und zwar wieder durch Deine Schuld,“ entgegnete Frau Schenk grollend, „hätte Heinrich die Sache übernommen, ſo wäre der Wucherer geſtern verhaftet worden und—“ „Ihr ſchwätzt in den Tag hinein,“ fuhr der Schenkwirth auf. „Geht doch zum Oberprokurator, oder zu meinem Advokaten und fragt ſie, ob eine Verhaftung möglich geweſen wäre! Uebrigens iſt einer der Raubmörder ſchon verhaftet und das Vermögen wird man auch wiederfinden.“ „Was für Otto außerordentlich zu wünſchen wäre,“ warf Heinrich mit verletzendem Hohne ein.„Für ihn iſt ja doch die ganze Summe beſtimmt. Für ihn und Helene, ſie kann dann den Schloſſergeſellen heirathen, und die ganze Handwerkergeſell⸗ ſchaft—“ „Jetzt noch ein einziges derartiges Wort, Junge, und ich vergeſſe, daß Du eigentlich ſchon zu alt zu einer Ohrfeige geworden biſt!“ rief Berträm Schenk in drohendem Tone.„Wer biſt Du, daß Du Dich über dieſe Handwerkergeſellſchaft erheben darfſt? Otto und Nikolas ſind ehrliche, ſtrebſame Leute, ihre Ehre hat noch keinen Flecken und ich prophezeihe Dir, ihre Namen werden einſt mit Hochachtung genannt werden. Was dann aus Dir ge⸗ worden iſt, das weiß Gott, aber ich fürchte, mit Dir nimmt's einmal ein Ende mit Schrecken, trotz Deinem Reichthum und Deinem maßloſen Stolze. Dich ärgert's, daß ich Dir das Geld nicht geben will, Du biſt unerſättlich.“ „Ich gönne ihnen das Geld,“ erwiderte Heinrich gelaſſen, indem er ſeinen Hut nahm,„ſie werden es raſch verjubelt haben. Etwas Solides kommt bei der ganzen Geſchichte doch nicht heraus.“ Ohne eine Erwiderung abzuwarten, ſtürmte er hinaus, er ſchien ſich im Kreiſe ſeiner Familie nicht mehr wohl zu fühlen. Und wie konnte er es auch,— ſein Vater hatte ihm ja oft genug zu verſtehen gegeben, daß er ihn durchſchaue und daß ſein Beſuch ihm keine Freude bereite. „Da ſiehſt Du, wie er iſt!“ ſagte der Schenkwirth, ſich zu ſeiner Frau wendend, welche mit wachſendem Groll ihre Trommel⸗ ſtudien noch immerffortſetzte.„Herzlos, ohne Gefühl, voll Hochmuth und Eigendünkel—“ „Na, ja, Dein Liebling iſt er nie geweſen,“ unterbrach Frau Schenk ihn,„er hat manches Unrecht ſchweigend hinnehmen müſſen. Auch jetzt wieder ſoll er zurückſtehen, ſeines Bruders wegen, ſeine eer⸗ —- 657— Schuld iſt es doch nicht, daß Otto auf keinen grünen Zweig kommen kann.“ Bertram Schenk ſchwieg, es war ja verlorene Mühe, dieſe Frau in Bezug auf ihre Anſichten über Heinrich eines Beſſern belehren zu wollen. „Zu der Heirath gebe ich meine Einwilligung niemals,“ fuhr die Hausfrau nach einer kurzen Pauſe fort,„wenn ich am Ende auch nicht verhindern kann, daß Otto aus der braſilianiſchen Erb⸗ ſchaft unterſtützt wird, ſo werde ich doch nie zugeben, daß Helene mit einer ſolchen Mitgift einen Schloſſergeſellen—“ „Hat Dich der Hochmuthsteufel wieder am Schopf?“ fiel der Schenkwirth ihr in's Wort.„Der Schloſſergeſelle iſt Dir nicht gut genug? Dir iſt auch ein vornehmer Schuft lieber, als ein ehrlicher armer Teufel! Man kann ſich aber doch mit ſeiner Familie brüſten, die Nachbarinnen, die nicht das Glück haben, ſich damit dick thun zu können, über die Achſel anſehn und——— wahr⸗ haftig, Deinetwegen möchte ich wünſchen, daß das Geld für uns verloren wäre.“ „Hm, mir iſt es gleichgültig,“ ſpottete Frau Schenk,„aber Otto, Dein Liebling—“ „Er wird ſich ſchon eine Bahn brechen. Halt,— da iſt ja der Brief— was ſagte Heinrich? Es ſei die Abſchrift eines Teſtaments?“ Die Hausfrau nickte. „Na, er hätte wohl die Güte haben können, uns den Inhalt des Briefes klar zu machen, aber ſo iſt er, was ihn nicht perſönlich betrifft, das hat auch kein Intereſſe für ihn.“ Der Schenkwirth ſchob den Brief in die Taſche und näherte ſich der Thüre. „Ich muß das wiſſen,“ fuhr er fort,„Herr Schirmer wird mir die Bitte nicht abſchlagen, wenn es wirklich ein Teſtament iſt, ſo—— Geduld, wir werden es ja erfahren.“ Er ging hinaus und ohne Zögern zu dem Bankier, den er in ſeinem Kabinet antraf. Otto Schirmer war ſofort bereit, die Bitte des Nachbars zu erfüllen. Er las den Brief und Bertram Schenk bemerkte, daß das Antlitz des Bankiers ſich mehr und mehr erheiterte, bis er zum Schluß gelangte, dann aber verſchwand das Lächeln von ſeinen Lippen und ein düſtrer Schatten breitete ſich über ſein Geſicht. „Geben Sie Acht,“ ſagte er,„ich werde Ihnen das Schreiben vorleſen.“ „Mein Herr! Ich benachrichtige Sie hierdurch, daß bei der Eröffnung des Teſtamentes des vor einigen Tagen hier ver⸗ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 42 — 658— ſtorbenen Fabrikanten Herrn Michelet, es ſich herausgeſtellt hat, daß genannter Herr Michelet Sie zum Univerſalerben ſeiner Hinterlaſſenſchaft eingeſetzt hat. Dieſe Hinterlaſſenſchaft beſteht aus einem großen Etabliſſement in der Nähe von Paris, welches Sie, als früherer Arbeiter in demſelben, kennen werden, dem geſammten Inventar, den vorhandenen Rohſtoffen und fertigen Waaren, ſowie dem Wohnhauſe mit Allem, was es enthält. Ferner gehen die ausgeliehenen Kapitalien des Erblaſſers, ſeine Forderungen und Werthpapiere auf Sie als den alleinigen Erben über, wohingegen Sie auch die Verpflichtung übernehmen, etwaige noch ſchwebende Schulden des Verſtorbenen zu decken. Herr Michelet hat an die Annahme dieſer Erbſchaft, die einen Werth von zwölf Millionen Franken repräſentirt, einige Bedingungen geknüpft, welche Sie ohne Zweifel eingehen werden.“ „Zwölf Millionen Franken?“ rief Schenk überraſcht, während er raſch ſeine Doſe hervorholte.„Der Tauſend! Iſt das denn wirklich Wahrheit und keine Täuſchung? Da wäre ja Otto plötzlich ein ſteinreicher Mann geworden!“ „Hören Sie die Bedingungen.“ „Sehr wohl, einige Legate vielleicht, möglicherweiſe die Verpflichtung, die Fabrik in Betrieb zu halten,“ fuhr der Schenkwirth redſelig fort, „er wird dieſe Bedingungen ſchon erfüllen.“ „Glauben Sie das ſo ſicher?“ „Ah— er wäre ja ein Narr— „Urtheilen Sie nicht zu raſch, hören Sie. Herr Otto Schenk verpflichtet ſich, die Leitung der Fabrik ſofort zu übernehmen und für das Wohl ihrer Arbeiter unausgeſetzt zu orgen.“ „Sehen Sie wohl?“ triumphirte Schenk.„Weiter!“ „Herr Bertram Schenk hat ferner der Nichte des Erblaſſers, Fräulein Margot Michelet ein Jahresgehalt von fünfzigtauſend Franken bis zu ihrem Tode auszuzahlen.“ „Na, das iſt eine hübſche Summe, indeß zwölf Millionen müſſen ja den zwölffachen Betrag an Zinſen abwerfen.“ „Drittens verpflichtet Herr Otto Schenk ſich, dem Andenken des verſtorbenen Fräulein Valerie Michelet zu Ehren, nie in den Eheſtand eintreten zu wollen, es ſei denn, daß es ihm gelänge, Fräulein Margot Michelet für ſich zu gewinnen, in dieſem Falle ſoll ihm die Heirath mit dieſer jungen, liebenswürdigen Dame geſtattet ſein.“ Den Fingern des Schenkwirths entfiel die Priſe, die er eben zur Naſe führen wollte; mit offenem Munde blickte er ſtier den Bankier an, der durch ein Kopfnicken die Wahrheit deſſen, was er ſoeben geleſen hatte, beſtätigte. 74 ———— — — hat, iner ſteht ches dem igen hält. ſeine rben aige inen gen rend denn tlich tung, fort, — 659— „Steht das wirklich da?“ fragte er beſtürzt. „Natürlich, würde ich es im anderen Falle Ihnen vorleſen können?“ Bertram Schenk ſchüttelte mit einer Miene ernſter Mißbilligung das Haupt. „Das heißt man, die Leute zum Narren halten,“ ſagte er entrüſtet.„Herr Michelet kannte Otto, er wußte ſehr genau, daß mein Sohn dieſe Bedingung nimmer eingehen würde.“ „Und weshalb nicht?“ fragte Otto Schirmer ruhig.„Ein Vermögen von zwölf Millionen—“ „Und wenn's hundert Millionen wären, er würde es nicht thun!“ „Fräulein Margot ſoll jung, ſchön und liebenswürdig ſein.“ „Mag ſein, aber ich hege nicht den leiſeſten Zweifel, daß Otto Alles zurückweiſen wird, und wenn Ihnen der Grund, der ihn dazu bewegt, nicht bekannt iſt, ſo wird er Ihnen einſt bekannt werden.“ „Ich kenne ihn,“ entgegnete Schirmer mit einem feinen Lächeln, „ich habe ihn längſt gekannt und wenn ich Ihnen ſage, daß es mir angenehm ſein wird, ja daß ich erwarte, daß Ihr Sohn ſich dieſer Bedingung nicht fügt, ſo werden Sie wiſſen, wie ich über dieſen Punkt denke. Ich habe nie mit ängſtlicher Sorgfalt an den Vorurtheilen meines Standes gehangen, ich achte und ehre den Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hat, höher als den, der nichts Beſſeres aufzuweiſen hat, als ſeine Stellung und ſein Vermögen. Das ſage ich Ihnen unter vier Augen und es muß unter uns bleiben; wenn Ihr Sohn glaubt, die Garantieen zu beſitzen, die er mir bieten muß, ſo mag er kommen, er wird hier eine offene Thüre und offene Arme finden. Unter dieſen Garantieen verſtehe ich nicht Vermögen, ſondern den Beweis, daß ſeine Kenntniſſe, ſeine Erfahrungen und ſein Fleiß Früchte getragen haben. Nun hören Sie den letzten Paragraphen. Sollte Herr Otto Schenk dieſe Bedingungen nicht annehmen wollen, ſo erhält Fräulein Margot Michelet als Univerſalerbin mein ganzes Vermögen mit der Verpflichtung, Herrn Otto Schenk ein für allemal die Summe von einer Million Franken aus zu zahlen.“ „Na, Gottlob, ſo kommt doch etwas dabei heraus,“ ſagte der Schenkwirth, dem eine ſchwere Laſt von der Seele fiel,„damit hat er für den Anfang mehr wie genug Eine ganze Million—“ 3 „Franken, lieber Herr, nicht Thaler. Na, es ſind doch beinahe zweimalhundert ſiebenzigtauſend Thaler. Ich werde es ihm ſofort mittheilen, hei, wie er ſich freuen wird!“ — 660— „Und ich wünſche ihm von Herzen Glück dazu,“ erwiderte der Bankier lächelnd, indem er dem alten Manne die Hand reichte. „Schicken Sie ihm den Brief ein und überlaſſen Sie ihm, was er thun will, in ſolchen Dingen ſoll man nicht rathen, um keinen Haltpunkt zu ſpäteren Vorwürfen zu bieten.“ Bertram Schenk kehrte freudetrunken heim, aber ſeine Freude ſollte ihm bald verbittert werden. Kaum hatte Frau Schenk den Wortlaut des Teſtaments erfahren, als ſie auch ſofort die Anſicht äußerte, Otto müſſe die Bedingungen eingehen und Margot Michelet heirathen. Was half es dem Schenkwirth, daß er dieje Anſicht mit allen Gründen bekämpfte, die er dagegen anführen konnte, Frau Schenk ließ keinen derſelben gelten und es entſpann ſich darüber ein Wortwechſel, der dem alten Manne die Galle in's Blut trieb. Sie ließ ihm nicht einmal Ruhe, um an Otto zu ſchreiben, ſo oft er die Feder anſetzen wollte, ließ ſie eine neue beißende Bemerkung fallen, ſo daß Bertram Schenk ſich endlich genöthigt ſah, ſeine Tochter damit zu beauftragen. Achtundachtzigſtes Kapitel. Geraubtes Gut! Peter Braun war ernſtlich entſchloſſen, ſeine beiden Genoſſen um ihren Antheil zu betrügen, aber er wußte noch nicht, wie er es anfangen ſollte, um dieſen Zweck zu erreichen. Er hatte mit ihnen verabredet, ſobald der Schreiber zurück⸗ gekehrt ſei, ſolle die Theilung vorgenommen werden und ein Jeder alsdann auf eigne Fauſt ſich aus dem Staube machen. Gottlieb Luſtig fand keine Ruhe in dem engen Zimmer, er mußte hinaus, eine geheime Macht zog ihn zum Schauplatze des Verbrechens, er wollte ſich Gewißheit verſchaffen, ob das alte Haus noch geſchloſſen, das Verbrechen noch nicht entdeckt war. Peter Braun ließ ihn gehen, ihm war es ganz recht, daß ſein Genoſſe dieſen Schritt that, deſſen Reſultat ja auch ihn beruhigen konnte, außerdem kam ihm dieſe Gelegenheit zur Ausführung ſeines Vorhabens ſehr willkommen. Kaum hatte der ehemalige Friſeurgehülfe ſich entfernt, als bende thigt — 661— Braun den Koffer auspackte, die Werthpapiere in ein Packet zuſammenſchnürte und das Haus verließ. Er wanderte über die Brücke nach Deutz und kehrte hier in einer abgelegenen Schenke ein. Er wagte nicht, ſofort abzureiſen; wenn er auch eine äußere Ruhe zeigte, innerlich war er nichts weniger als ruhig. Er hatte nicht vermocht, einem Polizeibeamten offen in's Geſicht zu blicken, ſo ſehr war er noch nicht abgehärtet, wenn gleich er eine bedeutende Doſis Muth und Frechheit beſaß. Am Abend, meinte er, werde man die Reiſenden nicht ſo ſcharf beobachten, alsdann könne er ſich verſtohlen unter dem Mantel der Dämmerung in einen Eiſenbahnwaggon hineinſchleichen, ohne bemerkt zu werden. Deshalb wollte er in der Schenke die Abenddämmerung ab⸗ warten und dann den Weg nach Mülheim durch die Weiden antreten. Daß ſeine Genoſſen ihn finden könnten, befürchtete er nicht, obſchon es in der Möglichkeit lag; wenn ſie ihn wirklich fanden, ſo konnte er ſeine Flucht unter dem Vorwande entſchuldigen, die Angſt habe ihn herausgetrieben. Er hatte dann auch einen guten Grund, die Theilung abermals hinauszuſchieben, da dieſelbe ja weder in der Schenke noch im Waggon vorgenommen werden durfte und— mit der Zeit kam Rath. Peter Braun aß in der Schenke zu Mittag und erklärte dem Wirth, er erwarte einen Viehhändler, der in dieſem Hauſe mit ihm zuſammen treffen wolle. Das konnte keinen Verdacht erregen, umſoweniger, als der Wartende eine wachſende Ungeduld an den Tag legte, die in Wahrheit die Aufregung der Angſt war. Am Nachmittage kehrte ein zweiter Gaſt ein, der die Uniform eines Bahnbeamten trug. Peter Braun erſchrak, als er die Uniform erblickte, er beru⸗ higte ſich erſt, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß es nicht die Uniform eines Polizeibeamten war. „Das iſt ja ganz entſetzlich,“ wandte der Beamte ſich zu dem Wirth, ohne den Gaſt zu beachten,„habt Ihr den Wucherer Herz in Köln gekannt?“ Der Wirth verneinte, Peter Braun fuhr zuſammen, als ob der Schlag ihn getroffen habe. „Na, den alten Mann haben ſie in der vorigen Nacht ermor⸗ det, und um der Sache den Anſtrich eines Selbſtmordes zu geben, die Leiche an einen Haken aufgehangen,“ fuhr der Beamte fort, „es ſoll ein gräßlicher Anblick geweſen ſein.“ „Nicht möglich!“ ſagte der Wirth ungläubig.„Dazu müßten die Leute ja mehr Zeit nöthig gehabt haben—“ —— P— ——- ——— — — — — „Das ſage ich auch,“ wagte Braun einzuſchalten, der durch die Theilnahme an der Unterhaltung einem etwaigen Verdacht am beſten vorbeugen zu können glaubte.„Weiß man denn gewiß, daß ein Mord vorliegt?“ „Na verſteht ſich, einer dieſer Mörder iſt ja ſchon verhaftet, ein früherer Schreiber des Wucherers.“ Das war der zweite Schlag, der den ehemaligen Schloſſermeiſter traf, aber jetzt mußte er auch ausharren, er wollte Gewißheit haben. „Ein früherer Schreiber?“ fragte er, mühſam ſeine Faſſung behauptend.„Das wird doch wohl nur Vermuthung ſein, oder liegen Gründe gegen ihn vor?“ „Jedenfalls,“ erwiderte der Beamte,„er iſt am Schauplatz des Verbrechens verhaftet worden.“ „Aber er muß doch Mitſchuldige haben?“ „Allerdings; wie man hört, ſoll er Alles geſtanden haben.“ „Er hat ſeine Genoſſen verrathen?“ Der Beamte blickte den Fragenden befremdet an, der Ton, in welchem dieſe Frage geſtellt worden war, ſchien ſeinen Verdacht zu wecken. Aber er fand in dem Geſicht dieſes Mannes nichts, was jenem Verdacht eine Stütze hätte geben können. „Was wollen Sie?“ ſagte er.„Solche Leute ſind immer feige, wenn ſie ſehen, daß man ſie gefangen hat. Da ſuchen ſie vor allen Dingen das Leben zu retten und das glauben ſie durch ein reumüthiges Geſtändniß erreichen zu können.“ Na, dann wird man wohl die Genoſſen dieſes Mörders auch erwiſchen,“ meinte der Wirth. „Es wäre wünſchenswerth,“ fuhr der Beamte fort,„denn es handelt ſich nicht allein um einen Mord, ſondern auch um einen Raub. Das Geſindel hat das geſammte Vermögen des Ermor⸗ deten mitgenommen.“ „War wohl eine ſchöne Summe?“ fragte Braun, der ſich erhoben hatte. „Man ſpricht von einer Million.“ „Oho!“ fuhr der Wirth ungläubig auf.„So leicht trägt man keine Million fort!“ „In Banknoten und Actien?“* „Wenn auch, es gibt immerhin ein anſtändiges Packet. Und dann es iſt ja noch ſehr die Frage, ob der Wucherer ein ſo großes Vermögen beſaß.“ „Das meine ich auch,“ ſagte Braun,„die Leute machen immer aus einer Mücke gleich einen Elephanten.“. Er berichtigte nach dieſen Worten ſeine Zeche, ohne zu bemerken, daß der Beamte ihn ſcharf beobachtete. aber ihm, auch — 663— „Der Mann bleibt mir zu lange,“ fuhr er in gleichgültigem Tone fort,„er wird jetzt auch nicht mehr kommen. Sollte er ſich aber noch einfinden und nach mir fragen, ſo ſeid ſo gut und ſagt ihm, ich würde ihm ſchreiben, die Angelegenheit könne am Ende ja auch ſchriftlich abgemacht werden.“ Der Wirth nickte, Peter Braun grüßte und ging hinaus. „Dem Manne traue ich nicht,“ ſagte der Beamte, der raſch an's Fenſter getreten war,„er hat kein gutes Gewiſſen.“ „Bah, Ihr ſeht Geſpenſter,“ erwiderte der Wirth geringſchätzend, —„haltet ihn am Ende für einen der Raubmörder,— he?“ „Spottet nicht, ich ſage Euch, dieſer Mann iſt nicht der, welcher er zu ſein ſcheinen will. Das habe ich in ſeinen Augen, in ſeinem Geſicht geleſen, es wollte ihm nicht gelingen, ſeine Un⸗ ruhe und Erregung ſo ganz zu verbergen.“ Der Wirth ſchüttelte den Kopf und blickte ſpottend dem Be⸗ amten nach, der raſch die Schenke verließ. Der ehemalige Schloſſermeiſter begriff, daß Alles für ihn verloren war, wenn es ihm nicht gelang, ein ſicheres Verſteck zu finden. Hatte Schenk geplaudert, ſo hatte er auch jedenfalls ſeine Ge⸗ noſſen genannt und ihr Signalement angegeben, und es unter⸗ lag keinem Zweifel, daß die Polizeibeamten die beiden Raub⸗ mörder raſtlos ſuchten. Wie leicht konnte er einem Beamten begegnen, dieſer ihn er⸗ kennen und verhaften, ja er war jetzt auch dann noch nicht in Sicherheit, wenn es ihm wirklich gelungen war, unbemerkt in den Eiſenbahnzug einzuſteigen. Auf jeder Station konnte der Zug revidirt werden, in dem Augenblick, in welchem er ausſtieg, konnte die Fauſt eines Gens⸗ darmen ihn ergreifen. Jetzt war guter Rath theuer. Sollte er es wagen, ſeinen erſten Plan auszuführen, in Mülheim den Zug benutzen und an irgend einer kleinen Zwiſchen⸗ ſtation ausſteigen, um von dort aus ſeine Flucht fortzuſetzen? Oder that er beſſer, wenn er auf einſamen Feldwegen zu Fuß die Grenze zu erreichen ſuchte? Beides war mit Gefahren verknüpft, hier wie dort, konnte er ergriffen werden. Und doch, je länger er darüber nachdachte, deſto rathſamer ſchien es ihm, an ſeinem erſten Plan feſtzuhalten. Vor allen Dingen mußte er ſuchen, ſich aus der Nähe des Ortes, an welchem er das Verbrechen begangen hatte, zu entfer⸗ nen, es war ja vorauszuſehen, daß gerade hier die Beamten ihn am eifrigſten ſuchten. ——— — — 664— In der Ferne beſaß man ſein Signalement vielleicht noch nicht, oder nur unvollſtändig, dort durfte er eher wagen, ſich zu zeigen, ein ſicheres, ſelbſtbewußtes Auftreten genügte vielleicht, jeden Verdacht, der ihn treffen konnte, im Keime zu erſticken. In Nachdenken verſunken, von Unruhe, Sorgen, Angſt und Zweifel gequält, ſchlug Peter Braun den Weg durch die Weiden nach Mülheim ein. Er bereute ſeine That nicht,— das wäre eine Schwäche ge⸗ weſen, deren er ſich geſchämt haben würde. Wenn er nur erſt in Sicherheit, drüben in Amerika, war, mit ſeinem Gewiſſen wollte er ſchon fertig werden.— Die Nacht war angebrochen, ein heftiger Wind hatte ſich er⸗ hoben, er trieb die dichten, ſchwarzen Wolkenmaſſen vor ſich her. Kein Stern glänzte an dem dunklen Firmament, die Weiden⸗ gruppen erſchienen in der Dunkelheit gleich verhüllten Geſtalten aus dem Schattenreich, die ihre Arme nach dem flüchtigen Ver⸗ brecher ausſtreckten. Peter Braun eilte wie ein gehetztes Wild weiter. Er erſchrack, ſo oft ſein Blick zufällig auf eine Weidengruppe fiel, ſeine überreizte Phantaſie ließ ihn hinter jedem Strauch die Häſcher vermuthen. Er ſah nicht, daß in kurzer Entſernung hinter ihm ein Mann ihm folgte. Wie hätte er es auch bemerken können! Die ſtets wachſende Angſt, und der Wunſch, vorwärts zu kommen, den rettenden Bahnzug zu erreichen, verboten ihm zurückzuſchauen. Da plötzlich ſchlug der Ton einer Stimme an ſein Ohr, ent⸗ ſetzt blieb er ſtehen. In ſeinem Gehirn arbeitete es gewaltig, ein ganzes Chaos von Gedanken, von Angſt, Schrecken, Hoffnungen und Befürch⸗ tungen wogte in ſeiner Seele. Sollte er umkehren, davonlaufen, oder ſtehen bleiben? Er wußte es nicht, zu Keinem konnte er ſich entſchließen. Die Stimme klang ihm bekannt, hätte nicht dieſe entſetzliche Angſt ihn verwirrt, er würde ſie ſofort erkannt haben. „Gott ſei Dank,“ hörte er,„ich dachte mir wohl, daß Ihr dieſen Weg gehen würdet.“ Peter Braun athmete wieder auf, es war ja Go ttlieb Luſtig, ſein Genoſſe, der vor ihm ſtand. „Teufel, Ihr habt mich in Angſt geſetzt,“ ſagte er unwirſch. „Das iſt Eure eigne Schuld,“ erwiderte der Friſeurgehülfe, weshalb ſeid Ihr heute Morgen ausgekniffen 24 „Weshalb?“ fuhr Peter Braun trotzig fort.„Sollte ich vielleicht warten, bis die Herrn Gensdarmen mich in unſrer Wohnung aufſuchen?“ — 665— „So wißt Ihr, was ſich ereignet hat?“— „Ich weiß es. Es wäre beſſer geweſen, wenn wir ſtatt des Einen, Zwei—“ „Still, ſtill, redet nicht davon, mir graut, wenn ich daran denke.“ „Ihr ſeid eine Memme,“ entgegnete Braun ſpottend,„was geſchehen iſt, kann man nicht ändern, was alſo nutzt es, ob man darüber nachdenkt.“— „Aber die Folgen!“ „Ja, die Folgen! Weshalb habt Ihr Euch nicht längſt aus dem Staube gemacht? Wir werden uns ohnehin trennen müſſen, einzeln gelingt uns die Flucht eher, als wenn wir beiſammen bleiben.“ Die Beiden hatten während dieſer Unterredung ihren Weg fortgeſetzt. „Das ſehe ich ein,“ ſagte Luſtig nach einer Pauſe,„aber das Geld will ich doch nicht im Stich laſſen.“ „Welches Geld?“ „Na, das Geld des—— meinen Antheil.“ „Glaubt Ihr, ich führe es bei mir?“ fragte Braun, der jetzt nur daran dachte, ſeinen Genoſſen zu betrügen.„Es liegt noch in dem Koffer—“ „Ihr lügt,— der Koffer ſteht in unſrer Wohnung, das Geld iſt daraus verſchwunden.“ „Dann weiß ich nicht, wo es iſt, Ihr werdet es wohl ſelbſt herausgenommen haben.“ „Ich ſelbſt?“ fuhr der Friſeurgehülfe erregt fort.„Ah— ich hätte ja vorausſehen können, daß Ihr den Raub behalten würdet. Als Ihr unſre Wohnung verließet, konntet Ihr noch nicht wiſſen, daß das Verbrechen ſchon entdeckt und Schenk ver⸗ haftet war, ich brachte ja zuerſt die Nachricht. In Eurer Abſicht lag es, Euch mit dem Gelde aus dem Staube zu machen und uns das Nachſehen zu laſſen.“ „Wißt Ihr das ſo beſtimmt?“ höhnte Braun. „Die Thatſachen beweiſen es.“ „Und ich wiederhole Euch, daß ich das Geld nicht habe.“ „Ihr habt es, wäre es noch in Köln, ſo würdet Ihr die Gefahr nicht ſcheuen, um es zu holen. Ich verlange, daß Ihr mit mir theilt.“ „Ohol“ fuhr Braun auf und ſeine Hand fuhr unwillkürlich in die Bruſttaſche.„Ihr habt nichts zu verlangen. Und ſelbſt, wenn ich das Geld hätte, ſelbſt wenn ich Euch einen kleinen Theil davon geben wollte, hier, an dieſem Orte und zu dieſer Stunde kann davon keine Rede ſein.“ — 666— „Weshalb nicht? die Banknoten waren in Packetchen ein⸗ gewickelt—“ „Und wenn Ihr mir die beſten Worte gebt, ich thue es nicht.“ Gottlieb Luſtig bebte vor Wuth, er ſah ein, daß er betrogen war, daß er durch die Berufung auf ſein Recht nichts erreichte. Er wollte es jetzt mit Drohungen verſuchen. „Gut,“ ſagte er mit heiſerer Stimme,„ich weiche Euch nicht von der Seite, bis Ihr meine gerechte Forderung erfüllt habt. Ohne Geld kann ich nicht reiſen und wenn ich drüben bin, muß ich auch ſo viel haben, um leben zu können.“ „Arbeitet!“ „Ihr ſeid ein Schuft durch und durch, aber ganz ſollt Ihr den Raub nicht haben. Es iſt wahr, wenn wir beide beiſammen bleiben, laufen wir Gefahr, in der nächſten Stunde verhaftet zu werden, aber dieſer Gefahr will ich mich eher ausſetzen, als daß ich Euch entwiſchen laſſe.“ „So, ſo,“ warf der Schloſſermeiſter höhnend ein,„na, wie hr wollt, wenn Euch die Verhaftung ſo angenehm iſt—“ „Die Verhaftung blüht mir ſo ſicher, wie das Amen in der Kirche, wenn ich nicht die Mittel beſitze, die Grenze erreichen zu können, Ihr habt die Mittel und wollt mir nicht geben, was mir gebührt, nun gut, ſo ſollt Ihr auch mein Schickſal theilen. Nehmt Ihr in Mülheim ein Billet, ſo werde ich neben Euch ſtehen, weigert Ihr Euch auch dann noch, meine Forderung zu erfüllen, ſo koſtet es mich nur ein Wort und wir wandern beide in's Ge⸗ fängniß. Euch droht die Gulllotine, mir das Zuchthaus, denn ich habe mich direkt an dem Raubmord nicht betheiligt.“ „Mitgefangen, mitgehangen,“ ſagte Braun,„Ihr werdet Euch zweimal bedenken, ehe Ihr Euch den Gensdarmen überliefert.“ „Euch und mich! Ich thue es, wenn Ihr darauf ausgeht, mich in's Verderben zu ſtürzen.“ Peter Braun blieb ſtehen, ſeine Augen ſprühten Blitze. Seine Habſucht ließ es nicht zu, daß er einen Theil ſeines Raubes opferte, um dem Genoſſen den Mund zu ſchließen. Wozu auch das Opfer? Es gab ja ein leichteres, ſicheres Mittel, welches jedes Opfer überflüſſig machte. „Wohlan, ich will Euch einige tauſend Thaler geben,“ ſagte er, „dann aber verlaßt mich. Später, wenn wir Beide in Sicherheit ſind, können wir abrechnen.“ Er griff in die Bruſttaſche, der Friſeurgehülfe ſah in der Hand ſeines Genoſſen etwas Weißes ſchimmern. Gottlieb Luſtig trat näher, um die Banknoten in Empfang zu nehmen. In demſelben Augenblick umklammerte eine Hand ſeine Kehle, — 667— er fühlte einen ſtechenden Schmerz in der Bruſt, dann ſank er röchelnd zuſammen. „Armſeliger Tropf,“ ſagte der Schloſſermeiſter,„Du haſt an mir Deinen Mann gefunden.“ Er beugte ſich nieder zu dem Sterbenden, um den Dolch aus der Wunde zu ziehen. Da erhob hinter ihm ſich eine Geſtalt aus dem Weidenge⸗ büſch, in der nächſten Sekunde ſtürzte Braun mit einem gellenden Angſtſchrei auf ſein Opfer nieder. Eine eiſenfeſte Fauſt hielt ſein Genick umklammert, der Ruf: „Zu Hülfe! Zu Hülfe!“ tönte gellend in ſeine Ohren. Vergeblich ſuchte er von dieſer Fauſt ſich zu befreien, enger und feſter umklammerte ſie ihn. „Laßt mich los,“ ſtöhnte er,„fordert, was Ihr haben wollt, ich zahle es.“ „Von einem Mörder nehme ich kein Geld,“ lautete die Ant⸗ wort.„Ihr wolltet in der Schenke Euch den Anſchein geben, als ob Euch gar nichts von dem Raubmorde bekannt ſei, mich konntet Ihr nicht täuſchen, ich las in Eurem Geſicht, welche Schuld—“ „Ihr ſeid ein armer Beamter, laßt mich los und ich gebe Euch Geld genug, daß Ihr—“ „Zu Hülfe!“ „Seid vernünftig, Mann—“ „Zu Hülfe! Mörder!“ „Verflucht mögt Ihr ſein!“ knirſchte Braun in ohnmächtiger Wuth.„Könnte ich Euch nur an den Leib, ich wollte Euch zu⸗ richten, daß die Sonne morgen durch Euch hindurch ſcheinen ſollte.“ Der wiederholte Hülferuf war nicht ungehört verklungen; einige Schiffer hatten ihn vernommen. Sie eilten herbei, noch einmal rief der Beamte, der ſeine Kräfte ſchon ſchwinden fühlte, und dieſer letzte Ruf führte ſie auf den Schauplatz. Peter Braun wurde überwältigt, in Ermangelung der Stricke feſſelte man ihn mit einigen Taſchentüchern. Ein Schiffer lief nach Mülheim, um die Behörde zu benachrichtigen. Nach Verlauf einer Stunde erſchienen mehrere Gensdarmen, von einem Arzt und einem Gerichtsbeamten begleitet. Gottlieb Luſtig war todt, ihm konnte der Arzt keine Hülfe mehr bringen, Peter Braun mußte die Gendarmen nach Köln begleiten. Neunundachtzigſtes Kapitel. Ein unerwarteter Beſuch. Heinrich Schenk war wieder der Alte, ſeitdem er ſeinen Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte. Freilich war es ein neues, ein entſetzliches Verbrechen, welches er begehen wollte, aber dieſes Verbrechen war auch der Schleier, der die ganze Vergangenheit für immer undurchdringlich bedeckte. Wenn Marie Latour ſeine Gattin war, wenn er die Dokumente vernichtet hatte, die allein ſeine Schuld beweiſen konnten, wer wollte ihm dann noch etwas anhaben? Er ſtand auf der Höhe, ſein Vermögen war abermals um eine bedeutende Summe vergrößert, und dem äußeren Anſcheine nach hatte er dieſes Vermögen auf dem rechtlichſten Wege er⸗ worben. Die Verachtung ſeines Bruders, des Einzigen, der mehr ahnte und wußte, wie ihm lieb ſein konnte, kümmerte ihn nichk, weil er keine Beweiſe zur Begründung ſeiner Anklage beſaß. Es kamen nun allerdings Stunden, in denen er die Erinnerung an die Vergangenheit nicht zurückdrängen konnte, Stunden, in denen ihm ſogar vor der Zukunft bangte, in denen er am letzten Ende ſeiner Laufbahn das Schaffot ſah, aber dieſe Stunden waren doch vorübergehend, und alle Eindrücke, welche ſie hinterlaſſen hatten, wurden durch die angeſtrengte Thätigkeit im Geſchäft wieder verwiſcht. Das Geſchäft ſelbſt bereitete jetzt dem jungen Herrn manche Sorge. Spekulationsunternehmungen waren fehlgeſchlagen, ſtatt des ſicher erwarteten Gewinnſtes hatten ſie Verluſte und zwar keines⸗ wegs unbedeutende Verluſte gebracht, es ſchien faſt, als ob das alte Glück die Firma„Heinrich Schenk“ verlaſſen habe. Aber das durfte nicht ſein, das Glück mußte gezwungen werden, ihm wieder zu lächeln, neue Unternehmungen wurden begonnen. Auch die Geſchichte mit dem Wucherer Herz ärgerte ihn; er hätte gerne geſehen, wenn der Vater auf ſeinen Vorſchlag ein⸗ gegangen wäre, mit dem Gelde konnte er ja auch wieder ſpekuliren, während der alte Mann es vorausſichtlich gegen niedrige Zinſen auslieh.— 4 — 669— Und der Aerger darüber wuchs, als er vernahm, daß die Mörder des Wucherers verhaftet und das ganze Vermögen des Ermordeten in Sicherheit ſei. Jetzt war ja die Zurückerſtattung der achtzigtauſend Dollars keinem Zweifel mehr unterworfen, und das Geld würde in ſeine Hände gekommen ſein, wenn der eigenſinnige, mißtrauiſche Schenk⸗ wirth ihm nur Vertrauen geſchenkt hätte. Es war zum Verzweifeln! Wenn er auch des Geldes nicht uot wendig bedurfte, wie raſch hätte er durch glückliche Spekulationen die Summe verdoppeln können! Gerade darüber dachte Heinrich nach, als ſein Diener ihm den Beſuch zweier fremder Herren meldete, die mit ihm zu reden verlangten. Heinrich erſchrack, als er in dem einen dieſer Herren den Rechtskonſulent Wimmer erkannte. Was wollte dieſer Mann jetzt noch von ihm? Hatte er viel⸗ leicht dennoch in der längſt geordneten Erbſchaftsangelegenheit einen Haken gefunden, an den er ſich anklammern konnte? Und wer war der Fremde, der ihn begleitete? Er ſollte darüber nicht lange in Ungewißheit bleiben. „Ich habe das Vergnügen, Ihnen hier den Herrn Chriſtian Scherenberg, Vetter Ihres verſtorbenen Aſſocie's, vorzuſtellen,“ ſagte Wimmer und ein recht malitiöſes Lächeln glitt über ſein Geſicht.„Sie werden ſich erinnern, daß von dieſem Herrn ſeiner Zeit öfter die Rede war—“ „So?“ unterbrach Heinrich ihn ruhig,„Sie alſo ſind Herr Chriſtian Scherenberg?“ „Zu Befehl,“ erwiderte Scherenberg, und ſeine Stimme klang feſt und ſcharf,„in Breslau bekannt unter den Namen:„Der lange Chriſtian“ und„der Bettler von Breslau.“ Heinrich ließ ſich auf ſeinen Seſſel wieder nieder, er überſah es ganz, den Beiden Stühle anzubieten. „Mein Aſſocie hat ſelten oder nie Ihrer Erwähnung gethan,“ ſagte er, während er nachläſſig mit ſeiner ſchweren goldenen Uhrkette ſpielte,„ſelbſt damals nicht, als von ſeinem Teſtament die Rede war.“ „Das habe ich gehört,“ fuhr Scherenberg fort,„und eben deshalb komme ich zu Ihnen. Wenn ich auch nicht leugnen will, daß ich meinem Vetter ein Dorn im Auge war, ſo kann ich dennoch nicht glauben, daß er mich ganz vergeſſen haben ſoll.“ „Leſen Sie das Teſtament, ſo—“ „Ich habe dies bereits gethan und bin noch immer nicht klüger, als zuvor. Ich kann nicht begreifen, weshalb der Verſtorbene Sie zu ſeinem Univerſalerben eingeſetzt haben ſoll—“ „Mein Herr, ob Sie das begreifen, oder nicht, es iſt eine Thatſache,“ fiel Heinrich ihm in's Wort. „Die indeß nicht ſo feſt ſteht, daß man nicht an ihr rütteln könnte,“ warf Wimmer ein, der in ſeinen Zügen, ſeiner Haltung und ſeinem Auftreten ein ſehr ſtarkes Selbſtbewußtſein verrieth. „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Heinrich gering⸗ ſchätzend. „Daß ich das Teſtament anfechten werde,“ entgegnete der lange Chriſtian raſch.„Ja, mein Herr, ich werde das thun, nicht meinet⸗ wegen, ſondern um die Mittel zu gewinnen, den armen Webern in Schleſien unter die Arme greifen zu können.“ Heinrich zuckte die Achſeln, in dem Blick, den er dem alten Manne zuwarf, drückte ſich ſo viel Spott und Verachtung aus, daß dem langen Chriſtian die Galle in's Blut ſtieg. „Wie es Ihnen beliebt,“ ſagte er gleichgültig,„wenn Sie Geld zu verlieren haben, ſo jagen Sie es den Advokaten in die Küche, mir kann's recht ſein. Was wollen Sie anfechten? Das Teſtament? Was einmal ſchwarz auf weiß ſteht, können Sie nicht umſtoßen, aber wenn Ihnen der Verſuch Vergnügen macht—“ „Es wäre da weniger das Teſtament, als ein anderer Punkt zu berückſichtigen,“ unterbrach Wimmer ihn ruhig. „Welcher Punkt, wenn ich fragen darf?“ „Ob der Verſtorbene als Irrſinniger oder als—“ „Mein Herr, über dieſen Punkt disputire ich nicht mit Ihnen, thun Sie, was Sie wollen, ich ſehe Ihren Schritten mit der größten Gemüthsruhe entgegen.“ „Es dürfte eine Zeit kommen—“ „Sparen Sie dieſe alte abgedroſchene Redensart, ſie langweilt mich. Wenn Sie vielleicht die Hoffnung hegen, mich durch War⸗ nungen, Bitten oder Drohungen Ihren Wünſchen geneigt machen zu können, ſo bedaure ich Ihnen ſagen zu müſſen, daß Sie dadurch die koſtbare Zeit nutzlos vergeuden. Zu einem Almoſen werden Sie mich bereit finden, ich bin es ja dem Andenken, an den Erblaſſer ſchuldig, daß ich ſeinem Verwandten ein ſolches Almoſen nicht verſage, aber—“ „Donner und Doria, das wagen Sie mir in's Geſicht zu ſagen?“ fuhr der lange Chriſtian erboſt auf.„Ich verlange von keinem Menſchen ein Almoſen, am allerwenigſten würde ich es von Ihnen annehmen, denn, wenn ich auch nichts Poſitives weiß, ſo ſteht es doch bei mir feſt, daß Sie auf rechtlichem Wege das Geld meines Vetters nicht erworben haben. Wollen Sie mir dieſer Worte wegen einen Injurienprozeß anhängen, meinetwegen, Herr Doctor Wimmer wird Ihnen bezeugen, daß ich die Worte geſprochen habe.“ ——, — 671— Heinrich hatte ſich erhoben, ſtatt der Antwort öffnete er die Thüre. „Wenn Sie nicht wollen, daß ich meine Diener beauftrage, Ihnen den Weg zu zeigen, ſo ſorgen Sie, daß Sie hinauskommen,“ ſagte er,„das iſt die einzige Antwort, die ich Ihnen auf Ihre Grobheiten geben kann.“ Der lange Chriſtian blickte ſeinen Begleiter fragend an, er ſchien ſehr geneigt zu ſein, von ſeinem Stock Gebrauch zu machen. Aber Wimmer bedeutete ihn durch einen Blick, daß dies der richtige Weg nicht ſei, und ſo gingen denn die Beiden hinaus, nachdem ſie dem reichen Herrn erklärt hatten, daß ſie nicht ruhen würden, bis es ihnen gelungen ſei, das Dunkel zu lichten, welches über dem erſchlichenen, oder erzwungenen Teſtament ruhe. Heinrich legte auf dieſe Drohung nicht das mindeſte Gewicht. Unangenehm war ihm der Beſuch allerdings, aber daß er ernſte Folgen haben werde, glaubte er nicht. „Es war ja ganz unmöglich, daß ſie dieſes Dunkel lichten konnten. Die Beiden hatten ſich kaum entfernt, als der Buchhalter eintrat. Es war noch immer der alte Buchhalter, der ſchon der Fir Peter Paul Scherenberg ſelige Wittwe ſeine Dienſte gel hatte. Heinrich blickte ihn fragend an, es lag etwas in dem Aus⸗ druck des Geſichts dieſes alten Mannes, was ihn beunruhigte. „Was bringen Sie?“ fragte er. „Nur Unangenehmes,“ erwiderte der Buchhalter, bedenklich das graue Haupt ſchüttelnd. „Heraus mit der Hiobspoſt, die langen Vorreden liebe ich nicht. Alſo?“ „Der Cours unſerer amerikaniſchen Papiere iſt abermals gefallen—“ „Thut nichts, er wird ſchon wieder ſteigen.“ „Aber wir müſſen verkaufen.“ „Weshalb?“ „Um die Differenzen zu decken, die unſere jüngſte Getreide⸗ ſpeculation uns aufgebürdet hat.“ „Wie viel betragen ſie?“ „Zehntauſend Thaler ungefähr.“ „Bah— eine Bagatelle, ſchicken Sie zu meinem Bankier. Ich begreife nicht, daß dieſe Kleinigkeit Sie beunruhigen kann,“ fuhr Heinrich gelaſſen fort,„wegen eines ſolchen Waſſertropfens gebe ich mir nicht einmal die Mühe, nachzurechnen.“ „Aber dieſem Tropfen folgen andere, und viele Tropfen können—“ — 672— „Erlauben Sie, drücken Sie ſich deutlicher aus.“ „Wir haben noch verſchiedene Verluſte zu decken.“ „Schicken Sie zu meinem Bankier.“ „Sehr wohl, aber ich fürchte, daß unſer Bankier ängſtlich wird.“ „Aengſtlich?“ brauſte Heinrich auf.„Wie kann er ſich unter⸗ ſtehen, mir gegenüber—“ „Wir haben unſern Kredit ſchon überſchritten,“ wandte der Buchhalter ein,„unſere Fonds liegen feſt, theils in Actien, theils in anderen Werthpapieren, Bergwerksgeſchichten und ſo weiter. Die meiſten dieſer Papiere können wir nur mit Verluſt verkaufen.“ „Wer ſpricht von Verkaufen?“ rief Heinrich zornig.„Und wenn der Bankier eine halbe Million zu fordern hat, hier ſtehe ich, ich bin der Mann, der dieſe Forderung decken kann! Ach— ich habe mich in der letzten Zeit nicht ſo ſehr um mein Geſchäft bekümmert, wie es nöthig geweſen wäre, wenn die Seele fehlt, feiern die Glieder! Nichts wird verkauft, wenn der Bankier den Kredit verweigert, brechen wir mit ihm. Sie haben ihn ſofort aufzufordern, uns ſeinen Rechnungsauszug einzuſenden, er ſoll ſein Geld unverzüglich erhalten. Sie ſagen, unſere Activa lägen in Actien feſt?“ „Allerdings—“ „Aber das Vermögen meiner Gemahlin? Liegt es nicht bei der Königlichen Bank?“ „Hundertundfünfzigtauſend Thaler, der Reſt—“ „Sie gknügen, ich werde den dritten Theil zurückfordern; ſchreiben Sie den Brief.“ Der Buchhalter zögerte. „Dieſes Geld iſt auf den Namen Ihrer Frau Gemahlin deponirt,“ ſagte er,„ich zweifle, daß die Bank es Ihnen aus⸗ zahlen wird.“ „Das werden wir ſehen.“ „Dann auch iſt dieſes Vermögen ausſchließliches Eigenthum Ihrer Frau Ge—“ „Was ſoll das? Wollen Sie mir vielleicht vorſchreiben, was ich thun und laſſen darf?“ „Durchaus nicht, aber— „Nun wohl, ſo thun Sie, was ich Ihnen ſage und überlaſſen Sie mir die Verantwortung. Wie ſteht es mit der Tabakange⸗ legenheit? Sind die Briefe an die verſchiedenen Häuſer abge⸗ gangen?“ Der Buchhalter nickte. „Heute iſt abermals eine Bitte um Auskunft über die Ver⸗ hältniſſe der Firma Fritz Wacker und Kompagnie eingelaufen,“ erwiderte er. 44 — 673— „Beantworten Sie die Anfrage ganz, ſo wie die früheren,“ fuhr Heinrich fort,„daß ich nicht rathen könne, mit der Firma in Verbindung zu treten, oder ihr irgend welchen Kredit zu geben, da ſie unbemittelt ſei und ihr Chef nicht die geringſten kauf⸗ männiſchen oder techniſchen Kenntniſſe beſitze.“ „Aber Herr Wacker hat doch Geld,“ warf der alte Mann ein. „Was hat er?“ erwiderte Heinrich geringſchätzend.„Ich kenne die Verhältniſſe beſſer. Er hat ein elegantes Haus und eine Fabrik gekauft und beide Gebäude baar bezahlt. Von ſeinem ganzen Vermögen ſind ihm keine zehntauſend Thaler übrig geblieben und dabei hält der Mann Wagen und Pferde!“ „Er hat keine Schulden, die Fabrik—“ „Die Fabrik koſtet ihm mehr als verdient wird; es mußte ja Alles von vorneherein großartig angelegt werden! Madame Wacker verbraucht für ihre Toilette allein mehr, als die Fabrik ſelbſt beim größten Abſatz verdienen kann, und in der Haushaltung ſoll es auch nicht ſparſam zugehen. Ich kann dieſen Mann nicht empfehlen.“ Der Buchhalter entfernte ſich kopfſchüttelnd, er ſah voraus, daß unter dieſen Umſtänden der ehrliche Wacker mit ſeiner Fabrik nicht durchkommen konnte.— Wimmer und der lange Chriſtian hatten keinen beſſeren Erfolg von ihrem Beſuch erwartet, und dieſer Beſuch war auch ganz gegen den Rath und die Pläne des Rechtsconſulenten erfolgt. „Da haben Sie's,“ ſagte er, als ſie in ſeinem Kabinet an⸗ gelangt waren,„nun iſt er gewarnt und ſeine Vorkehrungen werden unſere Nachforſchungen erſchweren.“ Der lange Chriſtian war ganz umgewandelt, ſein früheres Phlegma war einer energiſchen Thatſache gewichen. „Er iſt ein Schuft,“ erwiderte er,„das iſt mir jetzt klar geworden. Mir ein Almoſen anzubieten! Wenn ich ihn in's Zuchthaus bringen könnte—“ „Geduld,“ fiel Wimmer ihm in's Wort,„nur nicht gleich mit der Thüre in's Haus hineinfallen. Wir müſſen jetzt ſpekuliren—“ „Das iſt meine Sache nicht, ich gehe am liebſten gerade aus.“ „Ja, ja, aber wenn die geraden Wege nicht zum Ziele führen, muß man die krummen Wege wählen. Wir reiſen heute Abend ab.“ Nlach London?“ 7.— „Und was ſollen wir dort?“ fragte Scherenberg ungeduldig. „Merville, der treue Bundesgenoſſe, iſt flüchtig—“ „Freilich, freilich, aber ich denke, unter ſeinen Wärtern wird ſich Einer finden, der etwas von der Sache weiß.“ Der lange Chriſtian zuckte die Achſeln. Fünfmalhunderttauſend Thaler. 43 ꝗf — 624— „Das iſt eine langwierige Geſchichte,“ ſagte er,„aber wenn’'s nicht anders iſt, muß man ſich mit Geduld und Ausdauer waffnen und an's Werk ſchreiten. Ich bin bereit.“ „Gut, wir reiſen heute Abend; mein Kollege in Breslau hat mir eine kleine Summe geſchickt, ich hoffe, wir werden damit aus⸗ reichen.“ „Und Ihre Klienten?“ „Bah— ihretwegen genire ich mich nicht; ſie liefern mir kaum das trockene Brod.“ Die Vorbereitungen zur Reiſe waren raſch getroffen, Wimmer packte einige Wäſche ein und ſchloß ſeine Wohnung zu. Mit dem letzten Zuge fuhren die Beiden ab. Neunzigſtes Kapitel. Der Stolz der Arbeit. Otto hatte das Etabliſſement gekauft, die früheren Beſitzer hatten wohl die Mittel, aber nicht die Kenntniſſe beſeſſen, die zu einem gewinnbringenden Betriebe nöthig waren. Otto, der Solinger Waffenſchmied und Nikolas legten ſofort Hand an. Mit dem Gelde, welches ſie, nach Abtragung der Kaufſumme, noch beſaßen, begannen ſie das Unternehmen, und einige Tage ſpäter dampften ſchon die Schornſteine, arbeiteten die Maſchinen, daß es eine Freude war, das rüſtige Leben und Treiben anzuſehen Otto war das Haupt, ſein Aſſocie hatte ihm das ſtillſchweigend eingeräumt; er überwachte das Ganze, er ſorgte für den Einkauf und den Verkauf, er ſtellte die Arbeiter an und ſchrieb die Arbeit vor, während Becker die Arbeit ſelbſt beaufſichtigte und Nikolas die Schloſſerarbeiten verrichtete.. Aller Anfang iſt ſchwer, Otto ſah ſehr wohl ein, daß er mit eiſerner Ausdauer und unveränderlicher Geduld ſich waffnen mußte, wenn er die ſchwere Aufgabe, die er ſich geſtellt hatte, löſen wollte. Was in Köln vorging, erfuhr er durch ſeinen Vater und durch Helene, die mit ihrem Verlobten in regem Briefwechſel ſtand. Es war nichts Intereſſantes und noch weniger Erfreuliches, was er von dort vernahm, die Vaterſtadt war ihm verleidet durch den Stolz und den Hochmuth ſeines Bruders, den er verachten enn3 mußte, weil er einen Blick hinter den Schleier geworfen hatte, fffnen mit dem Heinrich ſeine Vergangenheit ſo ſorgſam zu verhüllen ſtrebte. u hat Da traf eines Morgens der Brief aus Paris ein, deſſen als⸗ Inhalt wohl geeignet war, den jungen Mann in Erſtaunen zu ſetzen. Darüber, ob er die Bedingungen des Erblaſſers eingehen ſolle oder nicht, war er ſofort mit ſich im Reinen. mir„Michelet hätte ſich die Mühe erſparen können, dieſes complicirte 3 Teſtament ausfertigen zu laſſen,“ ſagte er zu Nikolas, als er mmer dieſem den Inhalt des Briefes mitgetheilt hatte,„er mußte ja wiſſen, daß ich ſie nicht eingehen würde.“ Nikolas nickte gedankenvoll. „Und doch iſt es eine ſtarke Verſuchung,“ erwiderte Nikolas, „eine Klippe, an der mancher weniger charakterfeſte Mann ſcheitern würde. Bedenke nur, zwölf Millionen—“ „Und eine junge, hübſche, liebenswürdige Frau dazu!“ unter⸗ brach Otto ihn ſpottend.„Denn darauf iſt es doch abgeſehen, daß Fräulein Margot Michelet unter die Haube kommen ſoll!“ „Der Spott verletzt mich,“ ſagte Nikolas,„Michelet hat es ehrlich gemeint.“ „Ehrlich? Sagte er damals nicht ſelbſt, an meiner Stelle würde er ebenſo handeln wie ich?“ „Mag ſein, aber kannſt Du wiſſen, ob er Dir nicht eine fi Falle ſtellen wollte?“ aez„Inwiefern?“ ſͤr„Om— mir ſcheint das ziemlich klar. Nahmſt Du die Be⸗ dingungen an, ſo war Valerie gerächt, Du warſt ihrer Liebe nicht fun werth und wer weiß, welche Antwort Dir Fräulein Margot Michelet geben würde, wenn Du auf Grund dieſes Teſtamentes Tage um ihre Hand werben wollteſt. Die Antwort würde Dir die hinen, Achtung vor dem eigenen Ich rauben und dann— ſehen„Hätte ich Frankreich verlaſſen und die Schöpfung Michelets igend V wäre zu Grunde gegangen. Nein, Nikolas, das konnte Michelet, intauf 1 der ſolches Ende ja auch vorausſehen mußte, nicht gewollt haben.“ Arbeit Auf ſeinen ſchweren Schmiedehammer geſtützt blickte Nikolas dkolas nachdenklich vor ſich hin. .„Wer weiß, ob nicht auch für dieſen Fall Vorkehrungen ge⸗ er nit troffen waren,“ ſagte er,„Michelet war ein ſehr ernſter, vernünf⸗ mußte, tiger Mann.“ wollt.„Mag dem nun ſein, wie ihm will, ich weiſe das Teſtament durch zurück,“ entgegnete Otto. nd.„Sehr wohl, ich würde es auch thun. Und doch iſt es ein lliches Schritt, der reiflich überlegt werden muß. Wie nun, wenn Eugenie durch Schirmer Deine Werbung zurückweiſ't?“ rachten 43* — 676— „Ah— das fürchte ich nicht.“ „Wenn Herr Schirmer die Hand ſeiner Tochter dem Hand⸗ werker verweigert?“ „Herr Schirmer hat mir ſo viel Wohlwollen gezeigt, daß ich—“ „Lieber Freund, er hat Dir unter gewiſſen Umſtänden halb und halb ein Darlehn verſprochen. Es fragt ſich, ob er ſein Verſprechen einlöſen wird, wenn Du ihn daran erinnerft.“ „Du thuſt ihm Unrecht,“ ſagte Otto unwillig. „Nun ja, jetzt, nachdem Dir eine Million Franken in den Schooß gefallen iſt, wird er vielleicht denken, Du ſeiſt nun ein Fabrikant, und der Titel klingt beſſer als:„Handwerker“. Nimm's mir nicht übel, die Menſchen ſind nicht immer, wie ſie ſcheinen wollen, auf Titel, Rang und Vermögen ſehen ſie alle, vor dem Reichen zieht man den Hut, den Armen beobachtet man nicht. Wir ſind ja doch nur die weißen Sklaven der Reichen, wenn man uns nicht die Peitſche fühlen läßt, ſo hat man andre, ſchärfere Strafen, die—“ „Nikolas! Wie kommſt Du zu dieſen trüben Gedanken?“ fiel Otto beſtürzt dem Freunde in's Wort.„Iſt Dir irgend etwas Unangenehmes begegnet, vertraue Dich mir an, wenn ich die Sorgen verſcheuchen kann, ſo ſoll es geſchehen, ſelbſt wenn es mit großen Opfern verknüpft wäre.“ Nikolas reichte dem Freunde die ſchwielige Hand. „Ich weiß das,“ fuhr er treuherzig fort,„aber helfen kannſt Du ſchwerlich.“ 3 „Sage mir nur. was Dich drückt.“ „Kannſt Du noch fragen? Verweigert nicht Deine Mutter uns noch immer ihr Jawert? Und habe ich die geringſten Aus⸗ ſichten, in den näͤchſten Jahren das erſehnte Ziel erreichen zu können?“ „Geduld,“ erwiderte Otto,„welche Träume das Menſchenherz auch hegen mag, wie es ſich auch ſeine Zukunft zurecht legen mag, es kommt in der Regel immer anders, wie man denkt. Das Leben iſt ja nur eine Kette von Enttäuſchungen.— Ich werde heute nach Kiln reiſen,“ fuhr er nach einer Weile fort,„ich muß nun auch einmal Gewißheit haben, auch Deine Angelegenheit werde ich in Ordnung bringen.“ „Es wird Dir nicht gelingen!“ „Warten wir's ab, einem ernſten, vernünftigen Wort kann meine Mutter das Ohr nicht verſchließen.“ Damit entfernte Otto ſich, und ſeinem Vorſatze getreu reiſte er einige Stunden ſpäter ab, nachdem er zuvor mit ſeinem Aſſocie über die Arbeiten, die in den nächſten Tagen vorgenommen werden ſollten, geſprochen hatte. — annſt ſrutter Aus⸗ en zu enherz mag, Das werde muß werde kann reiſte lſſocie erden Er wollte ohne Scheu mit dem Vater Eugenie's reden, er fühlte, daß die Verlobung mit Eugenie für ihn ein mächtiger Sporn ſein würde.— Otto Schirmer empfing den jungen Mann mit zuvorkommender Liebenswürd digkeit. Otto wußte bereits, daß der Bankier den Inhalt des Teſtaments kannte, ſein Vater hatte es ihm mitgetheilt, er ſchrieb dieſen freundlichen Empfang jener Erbſchaft zu, und deshalb berührte er ihn unangenehm. Er mußte unwillkürlich der Worte ſeines Freundes gedenken, es ärgerte ihn, daß der Bankier die Erbſchaft höher ſchätzte, wie ihn ſelbſt. Und doch täuſchte er ſich. „Ich wünſche Ihnen Glück zu der Erbſchaft,“ ſagte der alte Herr, und es lag etwas Herzgewinnendes in dem Tone ſeiner Stimme,„es iſt in der That ein überraſchender Glücksfall.“ „Ein Glücksfall, den ich nicht acceptiren kann,“ erwiderte Otto ruhig und feſt.„Er iſt mit Bedingungen verknüpft, die anzu⸗ zunehmen mir meine Ehre verbieten.“ Der Bankier blickte auf, dieſe Antwort ſchien ihn zu überraſchen. „Das verſtehe ich nicht,“ ſagte er. „Aber Sie kennen die Bedingungen?“ „Al lerdings.“ „Nun wohl ſie enthalten Beſtimmungen, die ic nicht eingehen kann. Entweder nie, oder eine Dame, die ich nicht liebe, nicht kenne zu heirathen—“ „Sie werden ſie kennen lernen— „Möglich, aber wenn ich der, die ich liebe, deren Bild ich treu im Herzen bewahre, untreu werden wollte, ſo hätte ich's ja ſchon früher gethan, damals, als die Tochter Michelets mir Herz und Hand anbot. Meine Ehre, meine Selbſtachtung ſtehen mir höher, als der Reichthum, und wenn ich auch jetzt nur noch ein ſchlichter Arbeiter bin, ich darf dennoch ſtolz darauf ſein, daß meine Ehre keinen Makel hat.— Ich habe das To ſunent bereits zurückgewieſen.“ „So bleibt Ihnen noch eine Million, die Fräulein Margot Michelet Ihnen auszahlen muß,“ ſagte der alte Herr, während er bedächtig die Gläſer ſeiner Brille reinigte und dabei von Zeit zu Zeit einen verſtohlenen Blick auf ſeinen Gaſt warf.„Damit können Sie— „Erlauben Sie, ich habe über dieſe Summe meine Verfügung ſchon getroffen,“ unterbrach Otto ihn ruhig.„Ich kann dieſes Geld, welches mir ſo plützlich aus den Wolken gefallen iſt, wohl nicht beſſer verwenden, als wenn ich die Perſonen, die mir nahe 71 1 6 — ſtehen, glücklich zu machen ſuche. Mein Vater wird alt, ſeine Wirthſchaft hat in den letzten Jahren abgenommen, ich will ſeine Zukunft ſicher ſtellen.“ „Aber wiſſen Sie denn nicht, daß er aus der Hinterlaſſenſchaft des ermordeten Wucherers Jakob Herz achtzigtauſend Dollars er⸗ halten wird?“ „Er hat's mir geſagt, aber ich ſchenke der Sache kein Ver⸗ trauen. Wer weiß, wie lange der Prozeß währen kann, der vor⸗ ausſichtlich deshalb eingeleitet werden muß!“ „Dann wäre ja auch Ihr Bruder— 1 „Nichts von ihm! Er iſt ein Egoiſt, wenn von ſeiner Gnade mein Vater je einmal abhängen müßte, ſo—— reden wir nicht von ihm, Sie kennen ihn nicht, wie ich ihn kennen gelernt habe. Einen andern Theil des Geldes beſtimme ich zur Mitgift meiner Schweſter. Sie iſt mit meinem Freunde verlobt und die Armuth des letzteren würde die Hochzeit noch lange hinausſchieben. Dieſe Mitgift wird das Hinderniß beſeitigen.“ „Und Sie?“ fragte der Bankier.„Was wird Ihnen bleiben?“ „Kaum mehr, als die Summe, welche mein Aſſocie eingelegt hat,“ entgegnete Otto lächelnd.„Das genügt. Meine Erfahrun⸗ gen und Kenntniſſe, mein Fleiß und mein ernſtes Streben ſichern mir meine Zukunft,— Gott ſei Dank, unſer Etabliſſement hat ſchon jetzt die beſten Ausſichten. Der Gußſtahl, den wir fabri⸗ ciren, hat jede Probe beſtanden, die Aufträge beginnen ſchon ein⸗ zulaufen—“ „Aber Sie würden ſofort ein großes Geſchäft machen können, wenn Sie die Erbſchaft als Betriebskapital benutzten.“ „Das gebe ich zu, aber liegt eine Ehre darin? Mein Stolz iſt es, einſt ſagen zu können, daß ich durch meiner Hände Arbeit mich aus dem Staube emporgeſchwungen habe, und will's Gott, wird das dereinſt der Fall ſein. Mit einem großen Kapital kann am Ende Jeder auf einen grünen Zweig kommen, ich ſetze eine Ehre darein, es ohne Kapital fertig zu bringen.“ Der Bankier ſchüttelte das Haupt, aber es lag doch etwas in dem Vorhaben des jungen Mannes, dem er ſeine Zuſtimmung und Bewunderung nicht verſagen konnte. „Ich will meinen Kollegen durch die That beweiſen, daß ſie auch ohne Geld durch Fleiß und Kenntniſſe ſelbſtſtändig werden können,“ fuhr Otto fort,„freilich, wer nichts gelernt hat und nichts lernen will, wer nicht den Muth beſitzt, die Löſung dieſer Aufgabe zu verſuchen, der muß in dem Staube bleiben und das Joch, welches Andere ihm auferlegen, tragen. Das iſt mein Vorhaben und meine Anſicht, Herr Schirmer, und wenn Sie in meinem Charakter und meiner Thatkraft die Garantie dafür finde ————, D ſeine ſeine ſchaft s er⸗ Ver⸗ vor⸗ Hnade nicht habe. einer rmuth Dieſe ben?“ gelegt ahrun⸗ ſichern nt hat fabri⸗ tein⸗ önnen, Stolz Arbeit Gott, kann e eine das in nmung daß ſie werden at und dieſer nd das mein Sie in finde — 679— daß es mir gelingen wird, das vorgeſteckte Ziel zu erreichen, dann glaube ich auch an Sie die Bitte richten zu dürfen, die heute mich zu Ihnen führt.“ Der Bankier ſchwieg, er ahnte dieſe Bitte, aber er wollte nicht vorgreifen. „Es dürfte in den Augen der öffentlichen Meinung als ein Act der Arroganz und Unverſchämtheit ſcheinen, daß ich, ein ſchlichter Arbeiter, wage, um die Hand einer Dame aus den erſten Ständen zu werben,“ fuhr Otto, ermuthigt durch das Schweigen des alten Herrn, fort,„Sie aber, der Sie mich von Kindesbeinen an kennen, der Sie wiſſen, wie eng befreundet ich ſtets mit Ihrem Sohne war und wie ſchon frühe eine innige Zueignung mich an Eugenie feſſelte, Sie werden mir deshalb nicht zürnen, Sie wer⸗ den ohne Groll und Bitterkeit meine Bitte zurückweiſen, wenn Sie dieſelbe nicht erfüllen zu können glauben.“ Feſt und voll blickte Otto Schirmer den jungen Mann an, aber es lag in dieſem Blick nichts, was in der Seele Otto's Befürchtungen wecken konnte. „Iſt das der erſte Schritt, den Sie in dieſer Angelegenheit thun?“ fragte er. „Der erſte.“ „Und wiſſen Sie, ob Eugenie die Werbung gutheißen wird?“ „Wie kann ich es wiſſen? Ich kann nur hoffen, daß mein Herz mich nicht betrügt, daß das wahr iſt, was es mir ſagt.“ „Und was ſagt es Ihnen?“ „Daß Eugenie meine Liebe erwidert, daß ſie die Treue und Innigkeit meiner Gefühle zu ſchätzen weiß.“ Der alte Herr blieb lange in Nachdenken verſunken. „Und wenn ich Ihnen nun erwidere, daß Gründe mir verbie⸗ ten, Ihre Bitte zu erfüllen, was werden Sie dann thun?“ fragte er. „Dann werde ich Sie bitten, mir dieſe Gründe zu nennen,“ ſagte Otto und ſeine Stimme bebte,„das können Sie mir nicht verweigern.“ „Und wenn dieſe Gründe Ihnen einleuchten?“ „So will ich ſuchen, dem ſchönſten Wunſche meines Lebens zu entſagen, ich will denken, im Rathe des Schickſals ſei es beſchloſſen, daß ich allein das Leben durchwandern ſolle.“ Otto Schirmer hatte ſich erhoben, noch immer ruhte ſein Blick auf dem Antlitz des jungen Mannes, der ſeine Erregung mühſam bezwang. „Aber Sie würden auch verſuchen, die Erfüllung Ihres Wunſches ohne meine Zuſtimmung zu erreichen,“ ſagte er,„Sie würden Eugenie beſtürmen, Ihnen zu folgen, das Haus des Vaters zu verlaſſen, dem ſie keinen Dank mehr ſchulde.“ „Nein, ich würde das nicht thun,“ entgegnete Otto feſt,„ich ehre und achte den Willen der Eltern und weiß, daß man ſich ihm unterwerfen muß, ich liebe die krummen Wege nicht, ich denke mir, was man auf ihnen erreicht, das kann Einem auf die Dauer keine Freude bereiten.“ „Dieſe Antwort hatte ich erwartet,“ ſagte der alte Herr, und ein freundliches Lächeln glitt über ſeine wohlwollenden Züge. „Hier, meine Hand, einen beſſeren Schwiegerſohn kann ich mir t wünſchen.“ Ueberraſcht, nicht fähig, ſeine Freude in Worte zu kleiden, legte Otto ſeine Hand in die des alten Herrn. „Sie ſind mein Mann,“ fuhr der Bankier fort,„Ihr Cha⸗ rakter, Ihr Gemüth, Ihr ernſtes Streben und Ihre Kenntniſſe gelten mir mehr als Rang und Reichthum. Verſuchen Sie nun Ihr Glück bei Eugenie, ich denke mir, Tante Thereſe, die Ihnen ſo großes Wohlwollen ſchenkt, wird ſchon küchtig vorgearbeitet haben. Und nun noch Eins. Es wäre mir lieb, wenn die Ver⸗ lobung einſtweilen geheim bliebe—“ „Und wozu das?“ fragte Otto ruhig.„Wer an dieſer Ver⸗ lobung Anſtoß nehwen uill, der mag es thun, was kann es uns kümmern, wir wiſſen ja was wir von dem albernen Gerede zu halten haben.“ „Aber dieſes Gerede iſt unangenehm—“ „Nun, wie Sie wollen, Sie werden ſehen, binnen wenigen Tagen bildet dieſe geheime Verlobung das Stadtgeſpräch und dann haben, des Geheinmiſſes dee die böſen Zungen eine willkommene Gelegenheit, ihren Stachel zu gebrauchen.“ Der Bankier öffn 85 die Thüre und lud den jungen Mann durch einen Wink ein, ihm zu folgen.. „Ich kann nicht leugnen, daß Sie in gewiſſer Be ziehung Recht haben,“ ſagte er, während die Beiden die Tre eppe hinaufſtie gen, die zu den Familienzimmern führte,„ich will's uüir überlegen, es iſt vielleicht dennoch beſſer, wenn wir's ſofort an die große Glocke hängen.“ Ueberraſcht erhob Eugenie ſich, als die Beiden in ihr Boudoir traten. Las ſie ſchon in dem Blick Otto's, in dem Lächeln ihres Vaters, was zwiſchen den Beiden vorgefallen war? Purpurgluth übergoß ihh Wangen, mit geſenkten Wimpern erwartete ſie die Ding 2 da kommen ſollten. „Ich habe das Vraraen, Dir hier einen Herrn vorzuſtellen, der mich gerne Schwiegervater nennen möchte,“ ſagte der Bankier. „Na, ich habe nichts dageg en, wenn Du glaubſt, in ihm für mich Erſatz zu finden und der Tauſch Dir angenehm iſt, ſo mag es in Gottes Namen ſein.“ 8 — 681— Otto ſtand neben dem bebenden Mädchen, ſie wagte nicht, zu ihm aufzublicken, ſie hatte oft an dieſen Augenblick gedacht, ſie hatte ſich die Worte eingeprägt, die ſie ihm erwidern wollte, wenn er die verhängnißvolle Frage an ſie richtete, aber ihr Gedächtniß ließ ſie im Stich, und ihre Verwirrung wuchs, je länger der Blick des Geliebten auf ihr ruhte. Der alte Herr fühlte, daß er hier überflüſſig war, er ging hinaus, aber er konnte ſich nicht überwinden, an der Küche vorbei zu gehen, ohne hinein zu blicken und mit der Tante Thereſe einige Worte im Vertrauen zu wechſeln, welche dieſe würdige Dame bewogen, im erſten Augenblick der Ueberraſchung die Suppe voll⸗ ſtändig zu verſalzen. Das war ihr noch nie geſchehen und nun es geſchehen war, ließ ſich nichts mehr daran ändern. Was aber kümmerte dieſes Unglück die Beiden, die ſich feſt umſchlungen hielten und nicht müde wurden, einander zu erzählen, wie oft und wie lange ſchon ſie auf dieſen Augenblick gehafft hatten, und wie innig ſie ſtets von der Zuverſicht beſeelt, geweſen waren, daß dieſer Augenblick einmal eintreten müſſe. Tante Thereſe fand ſich nun auch ein, um Glück zu wünſchen und den Dank für ihre heimliche Unterſtützung in Empfang zu nehmen. Otto Schirmer erfreute ſich an dem Glück, welches er ge⸗ ſchaffen hatte, er gab die Veröffentlichung der Verlobung zu und verſprach, ſeinem künftigen Schwiegerſohne nun in allen Stücken mit Rath und That zur Seite zu ſtehen. Otto war an dieſem Tage der Gaſt der kleinen Familie, Eugenie und Tante Thereſe gaben nicht zu, daß er vor Abend heimkehrte. Und als er nun endlich aufbrach, um ſeinen Eltern die Nach⸗ richt ſeiner Verlobung mitzutheilen, da mußte er verſprechen, auch den nächſten Tag ſeiner Braut zu widmen. Bertram Schenk nickte ſeelenvergnügt, als Otto im Kreiſe ſeiner Familie das glückliche Ereigniß, welches ihn betroffen hatte, berichtete. Er hatte dieſen Ausgang der Werbung erwartet, er mußte ihn ja erwarten, wenn er ſich an die Worte erinnerte, welche der Bankier vor wenigen Tagen über dieſen Punkt fallen gelaſſen hatte. Während er und Helene ihm Glück wünſchten, verſchaffte die Mutter ihren Unmuth dadurch Luft, daß ſie ihre beliebten Trom⸗ melſtudien auf dem Tiſche begann. „Und Du ſagſt mir nichts?“ fragte Otto beſtürzt. „Was ſoll ich Dir ſagen?“ erwiderte Frau Schenk, die Naſe rümpfend.„Glückwünſche?. Ich finde keine Urſache dazu, wenn — 682— man ein Goldſtück weggibt, um es gegen einen Groſchen umzu⸗ tauſchen, ſo kann ich das höchſtens Thorheit, aber wahrlich keinen Glücksfall nennen.“ Mit wachſendem Erſtaunen blickten die Drei die polternde Frau an. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte der Schenkwirth.„Iſt etwa plötzlich eine Schraube in Deinem Gehirnkaſten locker ge⸗ worden, oder—“ „Das frage Dich ſelbſt und andere Leute, nicht mich,“ fiel Frau Schenk, ſich mehr und mehr ereifernd, ihm in's Wort. „Zwölf Millionen konnte er haben, wenn er nur die Hand aus⸗ ſtrecken wollte—“ „Mutter, ſoll das ein Vorwurf ſein?“ rief Otto, in deſſen Seele nun auch der Groll erwachte. „Nimm es, wie Du willſt, jedenfalls war es eine Thorheit, das Teſtament der leicht erfüllbaren Bedingungen wegen zurück⸗ zuweiſen.“ „Bedingungen, die ich als Mann von Ehre und Gewiſſen nicht erfüllen durfte!“ „Ehre und Gewiſſen! Eugenie Schirmer war Deine Braut noch nicht—“ „Da haben wir wieder das unnütze Raiſonnement,“ ſagte der Schenkwirth unwirſch.„Nur immer recht hoch hinaus, ſo hoch wie möglich, was thut's, ob Ehre und Gewiſſen zum Teufel gehen. Man könnte in Verſuchung kommen, Dich für eine herzloſe Mutter zu halten, aber ich weiß beſſer, was es iſt. Der Hochmuth hat Dich verblendet, ſeitdem Dein Liebling ſo raſch emporgeſtiegen iſt, nun meinſt Du, müſſe es auch Deinen andern Kindern leicht ſein—“ „Laß mich mit ihr reden, Vater,“ bat Otto,„ich habe es meinem Freunde verſprochen, er ſoll nun endlich einmal wiſſen, woran er iſt. Ueber das, was ich gethan habe, kann nur der ein Urtheil fällen, dem die Ehre höher ſteht, als Reichthum, wer mich einen Thor ſchelten will, daß ich den Reichthum zurückge⸗ wieſen habe, weil ich mein Lebensglück nicht verſcherzen wollte, der mag es thun, mich kümmert es weiter nicht.— Aber Nikolas hat ſich bitter bei mir über Deinen Stolz beklagt, und er hat Recht, wenn er ſagt, nichts berechtige Dich, ihm ſeines Standes wegen das Jawort zu verweigern, nachdem Helene und der Vater es ihm gegeben haben.“ „Mag er ſagen, was er will, mit meiner Zuſtimmung heirathet Helene dieſen Schloſſergeſellen nicht,“ erwiderte Frau Schenk trotzig. „Das Gehäſſige, was in dieſen Worten liegt, will ich nicht — — 683— näher erörtern,“ fuhr Otto fort,„ich bedaure nur, daß Du Dich über dieſen Standpunkt nicht zu erheben vermagſt. Nikolas hat die Einwilligung des Vaters und das Jawort Helene's, beharrſt Du bei Deinem Eigenſinn, ſo wird das Gericht Deine Antwort zu Protokoll nehmen und Nikolas nach Erfüllung der vorgeſchrie⸗ benen Förmlichkeiten ſeine Braut heimführen.“ „Meinetwegen, aber ſie ſollen ſich nicht an mich um Unter⸗ ſtützung wenden, wenn ſie kein Brod im Hauſe haben.“ „Das ertrage ich nicht Mutter,“ ſagte Helene, ſich erhebend, „Du biſt nicht nur ungerecht, ſondern herzlos und grauſam.“ „Ich zeige Euch nur die Zukunft, wenn ſie Dir nicht gefällt, wer zwingt Dich, ihr entgegen zu gehen?“ erwiderte die Mutter achſelzuckend.„Was iſt Dein ſogenannter Verlobter? Was hat er? Nichts! Aus Nichts wird Nichts und die Liebe allein macht nicht ſatt.“ „Nikolas hat ein Vermögen von zwanzigtauſend Thaler,“ ſagte Otto ruhig,„er wird es benutzen, um ſeine Selbſtſtändigkeit zu begründen, beſäße er die nöthigen Kenntniſſe und Erfahrungen, könnte er ſich an unſerm Etabliſſement betheiligen.“ „Zwanzigtauſend Thaler?“ fragte Bertram Schenk erſtaunt. „Woher hat er ſie?“ „Ich gebe ſie ihm, um meine Schweſter— Otto mußte abbrechen, jubelnd hatte Helene ſich an ſeine Bruſt geworfen. „Na, ja, wer zum Bettler geboren iſt, dem bleibt der Bettelſack an der Ferſe hangen,“ ſagte Frau Schenk mit ſchneidender Kälte. „Die Million wird bald verjubelt ſein.“ „Laß Dich das Geſchwätz nicht kümmern, Herzensjunge,“ nahm der Schenkwirth das Wort,„die gute Frau hat kein Verſtändniß für ſolche edle Handlungen. Heinrich würde freilich keine fünf Groſchen für ſolche Zwecke opfern, aber er iſt nun einmal ihr Liebling, ihr—“ „Wollt Ihr nun wieder über ihn herfallen?“ unterbrach die Hausfrau ihn.„Der Neid läßt Euch keine Ruhe, Ihr gönnt ihm ſein Glück nicht.“ „Hier ſind alle vernünftigen Worte in den Wind geſprochen,“ fuhr Bertram Schenk achſelzuckend fort,„die Zukunft allein kann durch ihre Thatſachen ſie belehren. Gebe Gott, daß nicht die Thatſachen eintreffen, die ich befürchte.“ „Die Du befürchteſt, werden wohl nicht eintreffen,“ erwiderte Frau Schenk ſpitzig,„aber Du wirſt es erleben, daß Deine beiden Lieblinge in Jammer und Elend ſchmachten.“ Damit ging ſie hinaus, um in der Küche eine Gelegenheit zu ſuchen, die ihr erlaubte, ihrem Groll Luft zu⸗ machen. 44 „ — 684— Bertram Schenk blieb noch eine geraume Weile bei ſeinen Kindern, um mit ihnen über die Pläne Otto's zu berathen. Wie ganz anders geartet war dieſer Sohn im Vergleich zu Heinrich, der doch dieſelbe Liebe, dieſelbe Erziehung im Elternhauſe genoſſen hatte! Der alte, biedere Mann konnte einen ſchmerzlichen Seufzer nicht unterdrücken, als er im Geiſte dieſen Vergleich zog, der ihm ſchon manche ſchlafloſe Nacht bereitet hatte. Einundneunzigſtes Kapitel. Karneval in Köln. Wochen, Monate waren verſtrichen, ohne daß ein beſonderes Ereigniß ſich zugetragen hätte. Heinrich Schenk hatte allerdings in der letzten Zeit bedeutende Verluſte an der Börſe gehabt, aber ſein Credit ſtand noch ſo feſt wie vordem, noch wagte Niemand, an ihm zu rütteln. Von dem langen Chriſtian aus Breslau hatte er ſeitdem nichts gehört, wahrſcheinlich war dieſer Gegner für immer beſeitigt, nachdem er zu der Einſicht gelangt war, daß das Teſtament ſeines Vetters nicht angegriffen werden konnte. Bertha weilte noch in Paris, man behauptete, ſie habe ſich dort in den Strudel hineingeſtürzt und es werde wohl nicht lange mehr dauern, bis ihr ererbtes Vermögen vergeudet ſei. Von ſeinem Schwager Liebmann hatte Heinrich auch nichts mehr vernommen, deſto mehr dagegen von ſeinem Bruder, der ſich wacker empor arbeitete und deſſen Name ſchon jetzt mit Achtung genannt wurde. Das ärgerte ihn ganz gewaltig, er hätte lieber geſehen, wenn Otto zu Grunde gegangen wäre, er konnte ihm nicht vergeſſen, daß der ehemalige Schloſſergeſelle ihm damals ſo manches herbe, aber wahre Wort geſagt hatte. In Bezug auf den Nachlaß des Wucherers und die braſiliauiſche Erbſchaft ſchwebte der Prozeß noch, das Gericht wartete nur auf die Dokumente, welche der Konſul in Rio JIaneiro einzuſchicken gebeten war, um dem Schenkwirth ſein Recht angedeihen zu laſſen. Mit dem Vermögen des ehemaligen Schneidermeiſters und — 685— nunmehrigen Cigarrenfabrikanten Fritz Wacker ſollte es auch nicht mehr ſo breit ſtehen. Man munkelte viel darüber, daß er ſeinen Verbindlichkeiten nicht nachkommen könne, daß er bereits auf ſein Haus und ſeine Fabrik große Kapitalien aufgenommen habe, aber ganz genau konnte Niemand ſagen, wie die Sachen ſtanden. Daß Madame Wacker einen übertriebenen Staat machte und gerne zweiſpännig fuhr, daß der ehemalige Flickſchneider ſich von jedem Schuft betrügen ließ und betrogen wurde, das waren Thatſachen, die Niemand beſtreiten konnte Man wußte auch, daß er in ſeinem Hauſe offene Tafel hielt, daß er alte Gemälde für den Betrag von ſechstauſend Thaler angekauft hatte, die insgeſammt keine hundert werth waren, daß er ein großes Lager in Cigarren beſaß und oft mit Schaden verkaufte, um baares Geld zu erhalten. Das Alles wußte man, aber Fritz Wacker hatte ja noch vor Kurzem das große Loos gewonnen, ſo raſch konnten ſeine bedeutenden Mittel nicht erſchöpft werden.— Die beiden Raubmörder hatten ſchon vor dem Schwurgericht geſtanden, ſie waren zum Tode verurtheilt, das Urtheil bedurfte zu ſeiner Vollſtreckung nur noch der Beſtätigung des Landesherrn. Man hatte kurzen Prozeß mit ihnen gemacht, das Geſtändniß Schenk's überhob den Unterſuchungsrichter der Nothwendigkeit, langwierige und verwickelte Nachforſchungen anſtellen zu laſſen, und Peter Braun war ja nicht allein auf der That ertappt worden, man hatte auch die geraubten Werthpapiere des ermordeten Wucherers bei ihm gefunden. So ſtanden die Sachen im Karneval des Jahres achtzehn⸗ hundertfünfzig. Der Faſching war diesmal nicht ſo glänzend und lebhaft wie in früheren Jahren. Der große Maskenzug beſchränkte ſich auf einige wenige Wagen und Reiter, es ſchien faſt, als ob das alte Volksfeſt allmählich einſchlummern und verſchwinden ſolle. Die guten Kölner hatten kein Geld und keine Luſt, und die Freiheiten des Faſchings waren von der Regierung eingeſchränkt. Nichts deſtoweniger gab der Mummenſcherz in den Straßen und den öffentlichen Lokalen in Bezug auf Lebendigkeit und Viel⸗ ſeitigkeit dem der früheren Jahre nur wenig nach. Namentlich war das Leben und Treiben im Gürzenichſaale ein recht buntes. Die Masken durchwanderten einzeln oder paarweiſe die Säle und manche Intrigue wurde hier angeſponnen, deren Folgen ſich nicht vorausſehen ließen. — 686— In einem Nebenſaale ſaß eine türkiſche Familie hinter den vollen Flaſchen und dem mit Muzen und Mandeln gefüllten Lorbe. Das Haupt dieſer Familie war ein kleiner hagerer Herr, deſſen hellblondes, etwas röthliches Haar mit dem hochgelben Turban nicht recht in Einklang ſtand. Da dieſer Herr keine Geſichtsmaske trug, ſo war es nicht ſchwer, in ihm den ehemaligen Schneidermeiſter Fritz Wacker zu erkennen und wenn man einmal dies wußte, ſo konnte man auch mit Sicherheit errathen, daß die beiden Damen, die ihn begleiteten, ſeine Gattin und ſeine Tochter waren. Es war ganz und gar überflüſſig, daß die beiden Türkinnen Halbmasken trugen, wer den Schneidermeiſter kannte, der wußte auch, welche Phyſiognomien ſich hinter dieſen ſeidenen Domino⸗ masken bargen. Dieſer Familie gegenüber ſaß ein Engländer, gekleidet in einen Frack von grober Sackleinwand und desgleichen Bein⸗ kleidern, geſchmückt mit einem aufrecht ſtehenden Hemdkragen, deſſen vordere Spitzen weit über die Naſe hinausragten, einem Hut aus grauem Pappdeckel und einer Lorgnette aus demſelben Stoff, die aus der Hinterlaſſenſchaft des Rieſen Goliath herzu⸗ rühren ſchien. Dieſer Engländer hielt es ebenfalls für nöthig, eine Geſichts⸗ maske zu tragen, und wenn wir dem geneigten Leſer verrathen, daß dieſe Maske die Naſe Kaspar Melchior Gabel's bedeckte, ſo wird er wiſſen, weshalb der Barbier ſie trotz der unerträglichen Hitze nicht ablegte. Fritz Wacker ſchien ſehr vergnügt zu ſein, die Gerüchte, die über ihn in Umlauf waren, mußten alſo doch nicht ſo ſehr be⸗ gründet ſein. „Seht Ihr, der kölniſche Karneval mag wunderſchön ſein,“ ſagte er, nachdem er durch einen kräftigen Zug aus der Flaſche die trockene Kehle angefeuchtet hatte,„ich will das nicht beſtreiten, aber dem Karneval in China kann er nicht das Waſſer reichen.“ „In China feiert man auch Faſtnacht?“ fragte der Barbier, der, ſeitdem der ehemalige Schneider ſein Gläubiger geworden war, nicht mehr wagte, ihn einer Lüge zu zeihen. „Natürlich,“ fuhr Wacker fort,„aber ſie nennen's da anders. Hong— Kong— Pinke— Pank glaube ich, na es iſt einerlei, aber Ihr könnt mir glauben, es iſt ein famoſes Feſt, wer's nicht geſehen hat—“ „Der glaubt's nicht,“ ſchaltete Madame Wacker ein,„die alte Redensart. Fritz, ſei vernünftig, bedenke, daß Du Fabrikant biſt.“ „Ich werde doch ſagen dürfen, daß ich in China geweſen bin,“ — — 687— erwiderte der ehemalige Schneider ärgerlich,„das macht doch wohl keinem Menſchen Schande. Jener chineſiſche Karneval in China — aber wer mag in dem ſchwarzen Domino ſtecken? Gabel ſeht Euch einmal um, der Kerl genirt mich er ſteht nun ſchon ſeit einer Viertelſtunde da und ſieht uns mit ſeinen glühenden Augen an, als ob er uns durchbohren wolle.“ Der Barbier zuckte die Achſeln. „Vielleicht ein alter Bekannter, der ſich einen Scherz mit Euch erlauben will,“ ſagte er. „Ich danke für ſolche Scherze,“ erwiderte Wacker unwirſch, „ich komme wahrhaftig nicht hierher, um mich anglotzen zu laſſen.“ „Na, wenn's ihm Freude macht,“ meinte Madame Wacker, „mir iſt's ziemlich gleichgültig.“ Sie ergriff eine Flaſche und forderte den Domino durch einen Wink auf, näher zu treten. „Zur Geſundheit,“ ſagte ſie, indem ſie der Maske die Flaſche reichte,„genire Dir nicht, wir ſind gut verſehen.“ Der Domino nahm die Flaſche und wandte, während er trank, der Familie den Rücken, dann, nachdem er die Flaſche zurück⸗ gegeben hatte, nahm er ſeinen früheren Platz wieder ein. In dieſem Augenblick ſchritt ein reich in Sammet und Seide gekleideter Kavalier an dem Tiſche vorbei. Er trug keine Maske, ſein Haar und ſein Bart waren gepudert. „Herr Heinrich Schenk,“ ſagte der Barbier,„wird wohl auf galante Abenteuer ausgehn.“ „Daß er auf dem Blocksberge wäre,“ murrte Wacker,„ich mag ihn nicht leiden.“ „Ich glaube, Du thuſt ihm Unrecht,“ erwiderte Madame Wacker,„weshalb ſollte er darauf ausgehen, Dir zu ruiniren?“ „Weshalb?“ fuhr Wacker, ſich ereifernd, fort.„Ich weiß das nicht, aber daß er es thut, weiß ich ſicher. Mein Werkmeiſter Tender glaubt es auch.“ „Na, ja, der kann's ihm nicht vergeſſen, daß er ſeine Tochter hat verführen wollen, deshalb wirft er fortwährend Steine auf ihn. Alte Geſchichten ſoll man ruhen laſſen, Herr Heinrich Schenk denkt gewiß nicht mehr daran.“ Der Domino hatte ebenfalls den Kavalier mit ſeinem Blick verfolgt, bis er im Gedränge verſchwunden war, auch er ſchien ihm Groll oder Haß nachzutragen, denn ſeine Augen funkelten und ſchleuderten Blitze. Fritz Wacker hatte ſich erhoben. „Kommt,“ wandte er ſich zu dem Barbier,„mir wird dieſes Anglotzen unerträglich, wir wollen einen Gang durch den Saal machen.“ — 688 „Und die Damen?“ fragte Gabel. „Na, ſie werden uns nicht davonlaufen.“ „Aber wer beſchützt ſie, wenn—“ Seien Sie unbeſorgt, meine Frau kann ſich ſchon beſchützen, wenn's Noth thut, zudem ſind ja Menſchen genug in der Nähe.“ Ohne abzuwarten, ob Madame Wacker vielleicht etwas dagegen einzuwenden fand, ſchob der ehemalige Schneider ſeinen Arm in den des Barbiers und der letztere mußte, wenn auch mit innerem Widerſtreben, ſich fügen. Gabel hatte die Gerüchte, welche über die Vermögensverhältniſſe ſeines Freundes in Umlauf waren, vernommen, aber noch nicht gewagt ſich über dieſelben Gewißheit zu verſchaffen. Er fürchtete, dem Freunde durch ſeine Fragen wehe zu thun, oder aber eine unhöfliche Antwort zu erhalten, beides wollte er vermeiden. Nun aber brachte Wacker ſelbſt die Rede auf dieſes Thema und dem Barbier fiel ein Stein vom Herzen, als er erfuhr, daß dieſe Gerüchte theilweiſe übertrieben, theilweiſe erlogen waren. „Das iſt der Neid, der blaſſe Neid,“ ſagte Wacker,„ſie gönnen mir nicht, daß ich, der frühere, armſelige Flickſchneider, nun Kapitaliſt und Fabrikant bin, ſie möchten mich wieder gerne auf dem Schneidertiſch ſehen. Aber das wird ihnen nicht gelingen, ich bleibe allemal derjenige, welcher!“ „Ihr nehmt mir eine ſchwere Laſt von der Seele,“ erwiderte Gabel,„ich habe ſo viel gehört, aber ich mochte mit Euch nicht darüber reden. Dachte mir aber gleich, daß die Läſterzungen Euch etwas am Zeuge flicken wollten.“ „So? Und was habt Ihr vernommen? „Ihr hättet große Kapitalien aufgenommen.“— „Große Kapitalien? Nur zwanzigtauſend Thaler, ſie liegen in Cigarren verwandelt auf meinem Lager.“ „Dann, Ihr verkauftet mit Schaden, um baares Geld zu erhalten.“ „Das iſt abermals eine ſchändliche Lüge. Uebrigens kümmere ich mich um den Ein⸗ und Verkauf nicht, mein Geſchäftsführer beſorgt das.“ „Tender?“ „Nein, der Commis— Müller, er hat mir eine Bilanz vorgelegt, die mich ſehr befriedigte.“ „Deſto beſſer. Dieſer Commis iſt doch ein ehrlicher Mann?“ „Treu wie Gold. Man muß die Leute ſchwätzen laſſen, wenn man Jedem das Maul ſtopfen wollte, hätte man viel zu thun. Man fällt ja auch über mein Hausweſen her, aber darum keine Feindſchaft nicht!“ 9 — N „ en. zönnen nun ne auf lingen, iiderte nicht Cuch liegen d zu umere führer Bilanz 3 un?“ wenn thun. — keine — 689— „Auch das noch?“ „Natürlich, man ſagt, meine Frau mache einen enormen Auf⸗ wand und meine Pferde und Equipage— na, was weiß ich, was Alles geſchwätzt wird!“— Während die Beiden den Saal durchwanderten und ſich über dieſes intereſſante Thema miteinander unterhielten, gab der ſchwarze Domino ſich den Damen zu erkennen. Er ſchien nur den Augenblick erwartet zu haben, der ihm Gelegenheit bot, ſich mit ihnen allein zu unterhalten, denn kaum hatten die beiden Herren ſich entfernt, als er an dem Tiſche Platz nahm. „Worüber denken Sie nach, ſchönes Fräulein?“ wandte er ſich zu Hermine, die bei dem Klange dieſer Stimme beſtürzt aus ihrem Sinnen emporfuhr.„Gedenken Sie der Vergangenheit und finden Sie, daß ſie ſchöner war, als die Gegenwart? Hermine — ich habe ſchwer gefehlt, aber ich bin entſchloſſen, die Schuld zu ſühnen, wieder gut zu machen, was ich verbrochen habe.“ „Die Schuld zu ſühnen?“ erwiderte Hermine, die raſch ihre Faſſung wiedergefunden hatte.„Wie könnten Sie das? Und ſelbſt, wenn Sie es könnten, wenn Sie die Macht beſäßen, das Unmögliche möglich zu machen, ich verlange dieſe Sühne nicht, ich habe Ihnen vergeben.“ „Ach, Herr Liebmann!“ ſagte Madame Wacker, und ihre Stimme klang ſcharf, ſchneidend.„Freut mich, Sie wiederzuſehen, aber die Verhältniſſe haben ſich inzwiſchen geändert. Jetzt möchten Sie wohl, aber wir wollen nicht, und wenn Sie eine Million beſäßen, würden Sie mein Schwiegerſohn nicht.“ „Wozu dieſe harten, verletzenden Worte?“ unterbrach Hermine die Mutter ruhig.„Nach alledem, was vorgefallen iſt, muß Herr Liebmann ja wiſſen, daß ich ihn nur verachten kann.“ „Natürlich— den Wechſelfälſcher—“ „Davon will ich nicht reden, mir genügt die Ehrloſigkeit, die er mir gegenüber bewieſen hat. Die Fälſchung mag er begangen haben, ohne die Folgen zu bedenken, aber was er mir angethan hat, das—“ „Hermine, habe ich nicht ſchwer genug dafür gebüßt? Mein Wille war es ja nicht, Dich zu verlaſſen, der Stolz meines Vaters—“ „Erinnern Sie ſich der Worte, die Sie damals mir geſagt haben und dann behaupten Sie auch ferner noch, daß es Ihr Wille nicht geweſen ſei! Gehen Sie, mein Herr, ich trage Ihnen keinen Haß mehr nach, aber achten kann ich Sie nicht.“ „Dann iſt Alles verloren,“ murmelte Liebmann, und es ſchien, als ob er durch dieſen Stoßſeufzer der Verzweiflung verſuchen Fünfmalhunderttauſend Thaler. 44 — 690— wolle, das Herz des Mädchens zu rühren, aber wenn er dieſe Abſicht hegte, ſo ſollte er erfahren, daß er ſeinen Zweck weder auf dieſem noch einem anderen Wege erreichen konnte. „War es Ihr letzter Rettungsanker, an den Sie ſich klammer⸗ ten, ſo bedaure ich, Ihnen denſelben rauben zu müſſen,“ erwiderte Hermine kühl,„von einer Erfüllung Ihrer Hoffnung kann nie die Rede ſein.“ „Und nun machen Sie, daß Sie fortkommen,“ fügte Madame Wacker hinzu,„wir können Ihren Anblick ſehr gut entbehren. Oder wollen Sie vielleicht warten, bis Herr Wacker zurückkehrt? Sehen Sie dorthin, die beiden Polizeiſergeanten werden ſehr ver⸗ gnügt ſein, wenn der ſteckbrieflich verfolgte Fälſcher ihnen in die Hände fällt—“ „Keine Beleidigung, Madame!“ fuhr Liebmann erbittert auf. „Sie haben nicht das Recht dazu.“ „Na, das möchte ich doch ſehen,“ erwiderte Frau Wacker ge⸗ reizt,„wenn Sie auch jetzt noch den Hochmüthigen herauskehren.“ „Was geht hier vor?“ fragte hinter dem Domino eine Stimme.„Wer ſind Sie, mein Herr, und was wünſchen Sie?“ Liebmann blickte ſich um und ſah ſich dem Vater Hermine's gegenüber. „Weshalb beläſtigen Sie die Damen?“ fragte der Barbier, ohne dem Domino zu einer Antwort Zeit zu laſſen.„Demas⸗ kiren Sie ſich—“ „Ich beläſtige dieſe Damen nicht,“ fiel Liebmann ihm ſcharf in's Wort.„Jedem iſt es erlaubt, hier Platz zu nehmen, wo es ihm beliebt.“ „Aber Sie hatten einen beſonderen Grund, gerade hier Platz zu nehmen, und den Grund will ich wiſſen,“ ſagte Wacker. „Es iſt Herr Liebmann, Fritz,“ nahm Madame Wacker das Wort,„er möchte jetzt gerne unſer Schwiegerſohn werden!“ „Sieh, ſieh, der Herr Liebmann!“ höhnte Gabel.„Sie ſind ja ſteckbrieflich verfolgt, Liebwertheſter; ſind Sie ſchon ſo ſehr auf den Hund gekommen, daß Sie hier freie Koſt und Logis hinter Schloß und Riegel ſuchen wollen? Herr— wie dürfen Sie es wagen, ſich der noch einmal zu nähern, die Sie beſchimpft und betrogen haben? Das beweiſt Ihre flegelhafte Unverſchämtheit, die den früheren Hochmuth noch nicht verloren hat!“ Liebmann hatte vergeblich verſucht, ſich zu entfernen, vor ihm ſtand der Barbier, zu beiden Seiten ſtanden Stühle, die er nicht bei Seite ſchieben konnte, und die Masken, welche auf dieſen Stühlen ſaßen, begannen ſchon aufmerkſam zu werden. Da entſchloß er ſich denn kurz, ein anderes Mittel blieb ihm ja nicht, und der Polizei mochte er auch nicht in die Hände fallen. 691— Er trieb mit einem wuchtigen Hieb dem Barbier den grauen Pappdeckel⸗Hut über das Geſicht, ſchob den verblüfften Türken bei Seite und war gleich darauf im Gedränge verſchwunden. Kaspar Melchior Gabel hätte vor Wuth brüllen mögen, aber — Athem fehlte ihm, ſein Haupt ſteckte bis an die Kehle in dem ute. Er mußte beide, Hut und Maske opfern und es gewährte einen überaus komiſchen Anblick, als durch den Riß, den er ent⸗ ſchloſſen machte, die feuerrothe Naſe zuerſt hervorquoll. Wer den Schaden hat, braucht fär den Spott nicht zu ſorgen, die Umſtehenden lachten und kümmerten ſich nicht um den, der den Schlag geführt hatte; dadurch gewann Liebmann Zeit, ſeine Vorkehrungen zu treffen. Er verließ den Saal, aber eine Viertelſtunde ſpäter trat er wieder ein, und weder Gabel noch deſſen Freund, die beide den Entflohenen ſuchten, konnten vermuthen, daß der, den ſie verfolgten, jetzt einen weißen Domino trug. Zweiundneunzigſtes Kapitel. Die Warnung. Heinrich Schenk beſuchte den Maskenball, um ſich zu zerſtreuen, um galante Abenteuer, wie der Barbier vermuthete, war es ihm nicht zu thun. Und es ſchien, als ob er gerade das, was er nicht ſuchte, finden ſollte. Er hatte die Säle mehrmals durchwandert und ſtand ſchon 8 Begriff, den Ball wieder zu verlaſſen, weil er ſich gelangweilt fühlte. Da bemerkte er, daß eine als Jungfrau von Orleans maskirte Dame ihm auf Schritt und Tritt folgte. Er blieb ſtehen, die Maske wanderte an ihm vorbei, er ſah deutlich, daß ſie ihn durch einen verſtohlenen Wink aufforderte, ihr zu folgen. Es war eine hohe, ſchlanke Geſtalt, die graziöſe Haltung und der ſchwebende Gang verriethen, daß die Dame noch im Anfange ihres Lebensfrühlings ſtand, die ſchwarzen Locken, die unter dem 44* — 692— goldenen Helme hervorquollen und in reicher Fülle auf die Schultern hinunterfielen, rechtfertigten den Wunſch, auch das Antlitz zu ſehen. Heinrich folgte dem erhaltenen Wink, begierig, zu erfahren, wer dieſe Maske war. Die Jungfrau trat in einen Nebenſaal, und ließ ſich an einem Tiſche nieder, der noch unbeſetzt war. „Schöne Maske, ich ſchätze mich glücklich,“ begann Heinrich, aber die Inngfrau ſchnitt ihm ſofort das Wort ab. „Laſſen wir das,“ ſagte ſie kalt,„zu ſolchen Tändeleien ſind Zeit und Ort ſchlecht gewählt.“ Sie nahm die ſeidene Maske ab und blickte dem beſtürzten Manne ernſt und feſt ins Auge. „Sie haben vielleicht gehofft, ich werde unſere Uebereinkunft vergeſſen,“ fuhr Marie Latour fort,„Sie würden ſehr irren, wenn Sie dieſe Hoffnung hegten.“ „Iſt die Friſt ſchon abgelaufen?“ erwiderte Heinrich, verſtimmt über die Enttäuſchung. „Das nicht, aber ihr Ende rückt mit jedem Tage näher und noch iſt nichts von Ihrer Seite geſchehen—“ „Mit welchem Recht können Sie das behaupten? Sie wiſſen nicht, welche Schritte ich ſchon gethan habe.“ „Glauben Sie, ich kümmere mich ſo wenig um Sie? Ich weiß, daß Sie mehrmals nach Paris geſchrieben haben, daß Ihre Gemahlin ſich weigert, heimzukehren.“ Betroffen blickte Heinrich die junge Dame an. Woher konnte ſie das wiſſen? Er hatte darüber nie geſprochen und die Briefe Bertha's lagen in ſeinem Schreibtiſche. „Für Geld kann man Alles haben,“ fügte Marie lächelnd hinzu,„und daß ich Gold nicht ſpare, wenn es gilt, einen ſehr wichtigen Zweck zu erreichen, werden Sie begreiflich finden.“ „Nun wohl, wenn Sie das wiſſen, weshalb machen Sie mir Vorwürfe?“ erwiderte Heinrich gereizt. „Ich mache Ihnen Vorwürfe darüber, daß Sie nicht energiſch 1 genug vorgehen. Nur noch zwei Monate bleiben Ihnen, ich ver⸗ ſichere Sie, daß ich die Friſt nicht verlängern werde.“ 44„Habe ich Sie darum gebeten?“ „Ich ſehe voraus, daß Sie es thun werden.“ „So warten Sie, bis es geſchieht.“ 8 „Alsdann dürfte es für Sie zu ſpät ſein, deshalb warne ich Sie ſchon jetzt. Ich hatte Ihnen erlaubt, mich zu beſuchen, ich habe Ihnen meine Adreſſe geſchickt und Sie an jedem Tage erwartet,— weshalb kamen Sie nicht?“ „Ich hatte keine Zeit—“ f die unli ihren, einem mnrich, ſind irzten kunft wenn timmt r und wiſſen b Ich Ihre konnte Briefe ſchlnd ſehr e mir ergiſch h ver⸗ rne ich en, ich Tage — 693— „Ausflüchte, am Abend ſind Sie von Ihren Geſchäften nicht in Anſprch genommen.“ „Dann auch halte ich es für rathſam, daß wir den Schein meiden.“ „Das gebe ich zu, aber es wäre Ihnen doch leicht geweſen, mich zu beſuchen, ohne daß Jemand es bemerkte.“ „Und wozu könnten dieſe Beſuche nutzen?“ „Ah— das iſt's! Sie wollen an Ihre Verpflichtung nicht gerne erinnert ſein, Sie denken noch immer darüber nach, ob es denn kein Mitel gebe, mich zu betrügen, Sie haſſen und ver⸗ abſcheuen mich—“ „Sie gehen zu weit, mein Fräulein!“ „Ich ſage Ihnen nur die Wahrheit. Wären Sie geſonnen, Hand in Hand mit mir zu gehen, ſo würden Sie mich beſucht haben, um mit mir zu berathen, die Aufgabe, welche ſie löſen ſollen, iſt ſo leicht nicht, ich könnte Ihnen manchen Fingerzeig geben, mit Rath und That Ihnen beiſtehen, aber Sie wollen das nicht, Sie denken im Ernſte nicht daran—“ „Das ſind Vermuthungen, die jeder Stütze entbehren,“ unter⸗ brach Heinrich ſie ruhig,„wenn ich Sie nicht beſucht habe, ſo geſchah es nur aus dem Grunde, weil ich keine Zeit dazu fand, und weil ich es auch für beſſer hielt, vor den Augen der Leute Ihnen fern zu bleiben. Das iſt Alles.“ „Sie haſſen mich nicht?“ „Weshalb ſollte ich Sie haſſen?“ „Des Zwanges wegen, den ich auf Sie ausübe.“ „Sie nehmen Ihren Vortheil wahr, ich würde es auch thun.“ „Wohlan, ſo beweiſen Sie mir, daß Sie mich nicht haſſen.“ „Wodurch?“ „Dadurch, daß Sie mich in meine Wohnung begleiten,“ er⸗ widerte Maria, ſich erhebend, und der Blick, den ſie bei dieſen Worten dem jungen Manne zuwarf, ließ das Blut in ſeinen Adern raſcher wallen.„Es iſt noch früh, wir werden bei mir zu Nacht ſpeiſen und über die Angelegenheit berathen. Kommen Sie.“ Willenlos folgte Heinrich dem ſchönen, verführeriſchen Weibe, die einen neuen Sieg über ihn errungen hatte, die immer enger und enger ihn umſtrickte. Weder Taarie noch Heinrich hatten bemerkt, daß, während ſie ſich ſo angelegentlich mit einander unterhielten, zwei Domino's ſie ſcharf beobachteten. Dieſe Beiden waren Otto und Nikolas, die, um ihre Verlobten zu beſuchen, nach Köln gekommen waren und ebenfalls den Gürzenichball beſucht hatten. — 694— Die Säle durchwandernd, um Bekannte aufzuſuchen, hatten ſie die beiden ihnen wohlbekannten Perſonen bemerkt. „Das iſt merkwürdig,“ ſagte Nikolas, als die Beiden ſich entfernt hatten,„ſcheint es nicht, als ob das Schickſal dieſes ge⸗ fährliche Weib auserſehen habe, uns zu verfolgen? In Paris, in London, hier—“ „Ich finde das weniger merkwürdig und auffallend, als ihre Liaiſon mit meinem Bruder,“ unterbrach Otto ihn nachdenklich, „und doch kann ich auch hierfür mir einen Grund denken.“ „Welchen?“ 4 „Reden wir nicht darüber, es würde mich aufregen. Ich habe weder Zeit, noch Luſt, Nachforſchungen deshalb anzuſtellen, und es iſt auch beſſer, wenn ich den Schleier ruhen laſſe, unter dem ich nichts Erfreuliches finden würde.— Sitzt dort nicht der Schneider Wacker?“ „Wacker und ſein Freund, der Barbier mit der rothen Naſe.“ „Setzen wir uns zu ihnen.“ „Du willſt den Beiden nicht folgen?“ „Nein, wozu auch?“ „Hm— man könnte vielleicht erfahren, was ſie vorhaben.“ „Mir iſt es gleichgültig, ich mag ihre Geheimniſſe nicht kennen lernen.“ „Aber wenn dieſe Geheimniſſe uns betreffen?“ fragte Nikolas beſorgt. „Uns? Wie kommſt Du zu dieſer Vermuthung?“ „Erinnere Dich der Verfolgungen in Frankreich, das Mädchen haßt mich glühend—“ „Bah, der Haß iſt längſt verraucht. Aber geſetzt auch, auch Maria wäre noch immer geſonnen, Rache an Dir zu nehmen, ſie würde jetzt auf dieſen Entſchluß verzichten müſſen, denn ich habe eine Waffe gegen ſie, welche Dich ſchützen, ſie vernichten kann.“ Nach einer flüchtigen Begrüßung der Familie Wackers kehrten die beiden Freunde zu ihren Verlobten zurück, die unter dem Schutze Alfred's, des Bruders Eugenie's und der Tante Thereſe in einem andern Saale ſaßen. Sie fanden hier, daß während ihrer Abweſenheit ein weißer Domino ſich ihrer Geſellſchaft angeſchloſſen hatte, der ſich eifrig um die Gunſt der Tante Thereſe zu bewerben ſchien. Da ſowohl die Damen, wie die Herren Masken trugen, ſo mußte man das Recht der Maskenfreiheit reſpectiren und ſich die Geſellſchaft des Domino's gefallen laſſen. Tante Thereſe ſchien zudem mit beſonderer Freude auf den Scherz einzugehen, und da die gewählte Sprache des Domino's verrieth, daß er, mochte er nun ſein, wer er wollte, wenigſtens hereſe weißer eifrig en, ſo ich die f den nino gſtens 4 695— zu den gebildeten Ständen zählte, ſo waren die Freunde nicht berechtigt, ihm unhöflich entgegenzutreten. „Die Maske gefällt mir nicht,“ flüſterte Alfred ihnen zu, „die Stimme klingt mir bekannt, ich meine, ſie ſchon früher einmal gehört zu haben.“ „Und weshalb auch nicht?“ erwiderte Otto ruhig,„kann er nicht ein alter Bekannter Deiner Familie ſein?“ „Freilich, freilich, aber dieſe Stimme weckt dunkle Erinnerungen, die mich unangenehm berühren.“ „Das iſt etwas Anderes— wohl, halten wir ihn im Auge, nach zwölf muß er ſich demaskiren.“ Die Maske ſchien indeß zur Demaskirung keine Luſt zu haben, kurz vor Mitternacht erhob ſie ſich. „Du wilſt mir entfliehen?“ fragte Tante Thereſe, die eben⸗ falls zu wiſſen wünſchte, mit wem ſie ſo lange ſich unterhalten hatte. „Pflichten rufen mich,“ erwiderte der Domino,„ich werde zurückkehren.“ „Ich traue Dir nicht.“ „Du darſſt es.“ „So laß mich einen Blick hinter die Maske werfen.“ „Was hätteſt Du dadurch gewonnen?“ erwiderte der Domino. „Ich würde in Deinem Geſicht leſen, ob ich Dir vertrauen darf,“ ſagte Tante Thereſe, indem ſie ſich raſch erhob und Miene machte, ihm die Maske abzunehmen. Der Domino trat zurück. „Halt,“ verſetzte er,„ſo haben wir nicht gewettet, noch iſt es nicht Mitternacht.“ „So geht Deine Uhr nach,“ fuhr Tante Thereſe fort, die immer ungeduldiger wurde,„ich laſſe Dich nicht entwiſchen“ Der Domino ſah ſich in die Enge getrieben, zurückweichen konnte er nicht mehr, er mußte ſich entweder die Demaskirung gefallen laſſen oder ſich gewaltſam ihr widerſetzen. Tante Thereſe ſtreckte ſchon die Hand aus, mit geſpannter Erwartung ruhten die Blicke der Freunde auf der Maske, die nun fallen mußte. In dieſer Noth ließ der Domino ſich verleiten, die immer zudringlicher werdende Maske durch eine Beleidigung zurückzu⸗ ſcheuchen. „Ich hoffe, man wird einen Scherz zu verſtehen wiſſen,“ ſagte er in rauhem, barſchem Tone,„wenn man den Scherz zu weit treibt, ſo nimmt er ein Ende. Ich habe keine Luſt, einer alten Schachtel wegen die Maske fallen zu laſſen.“ Wie verſtummt ſtand Tante Thereſe vor ihrem Beleidiger, der ihre augenblickliche Verwirrung benutzend, ſie ziemlich unſanft beiſeite ſchob und ſich darauf ſchleunigſt entfernte. — 696— Otto und Alfred folgten ihm, der letztere war entſchloſſen, für den Schimpf Genugthuung zu fordern.— Der Domino ſtand im Begriff, den Saal zu verlaſſen, als die Beiden ihn erreichten. „Ein Wort, mein Herr,“ ſagte Alfred, die Hand ſchwer auf ſeine Schulter legend,„Sie haben eine Dame beleidigt, die mir nahe ſteht, Sie werden mir dafür Genugthuung geben.“ „Genugthuung?“ höhnte die Maske.„Ich bin zu dieſer Be⸗ leidigung gezwungen worden, wenn die Dame Ihnen wirklich ſo nahe ſteht, ſo ſtellen Sie ſie dafür zur Rede.“ „Das iſt eine neue Beleidigung,“ fuhr Alfred auf,„ich ver⸗ lange, daß Sie ſich demaskiren.“ „Mit welchem Recht?“ „Sie hören es. Wenn Sie ein Mann von Bildung und Ehre ſind, ſo werden Sie meinem Verlangen nachkommen.“ „Und wenn ich mich weigere?“ „So erkläre ich Sie für einen Schuft, gleichviel wer Sie auch ſein mögen.“ Der Domino zuckte die Achſeln, aber daß dieſe Worte ihn nicht gleichgültig ließen, wie er ſich den Anſchein geben wollte, bewies der zornfunkelnde Blick, der den jungen Mann traf. „Ich irre wohl nicht, wenn ich vermuthe, daß ein heißblütiger Student vor mir ſteht,“ entgegnete er.„Suchen Sie einen Andern, der Ihnen ſeine Haut überlaſſen will, um Riemen daraus zu⸗ ſchneiden, ich thue es nicht.“ „Sie wollen ſich nicht demaskiren?“ fragte Alfred bebend vor Wuth. „Nein!“ „Sie weigern ſich auch, die Dame um Verzeihung zu bitten?“ „Das möchte mir einfallen,“ ſpottete der Domino,„Damen, die ſich dem erſten Beſten in dieſer Weiſe an den Hals werfen, müſſen ſich darauf gefaßt machen—“ „Herr, Sie fügen neue Beleidigungen zu der alten, Sie wer⸗ den dieſe Stelle nicht verlaſſen, bevor ich weiß, wer Sie ſind!“ Bei den letzten Worten hatte Alfred die eigne Maske abge⸗ nommen. Der Domino trat unwillkürlich einen Schritt zurück, dann aber warf er ſich mit einem Wuthſchrei auf den jungen Mann, der, auf dieſen Angriff nicht vorbereitet, ſtrauchelte und nieder⸗ gefallen wäre, wenn Otto ihn nicht gehalten hätte. Dieſen Augenblick der Verwirrung wollte der Domino be⸗ nutzen, um zu entfliehen, Otto erhaſchte den weißen Mantel, er fiel und mit ihm fiel die Maske. 3 Ueberraſcht, beſtürzt blickten die drei einander an. ———— — 697— „Sie ſind Herr Liebmann,“ ſagte Alfred endlich mit dumpfer Stimme,„folgen Sie mir. Weigern Sie ſich, ſo laſſe ich Sie ſofort verhaften.“ Liebmann war gezwungen, dieſer Aufforderung Folge zu leiſten, that er es nicht, ſo mußte er gewärtigen, daß ſein Gegner ſeine Drohung ausführte. Er band die Maske wieder vor und folgte den Beiden in ein Garderobezimmer. „Sie haben nicht nur eine mir nahe ſtehende Dame beſchimpft, ſondern auch mich beleidigt,“ nahm Alfred hier das Wort,„ich könnte dafür eine billige Rache nehmen und Sie der Polizei über⸗ liefern. Aber eine ſolche Rache wäre eines Ehrenmannes un⸗ würdig und ſo ſehr auch mein Ehrgefühl ſich dagegen ſträubt, mit einem gemeinen Verbrecher die Klinge zu kreuzen, ziehe ich doch dieſen Weg vor.“ „Oho!“ fuhr Liebmann mit beißendem Spott auf.„Die Ohrfeige, die ich Ihnen gab, war ich Ihnen von früher noch ſchuldig, Sie werden ſich deſſen erinnern und mir zugeben, daß ich berechtigt war, dieſe alte Rechnung auszugleichen. Was die Dame betrifft, ſo habe ich Ihnen meine Meinung über dieſen Punkt mitgetheilt—“ „Keine Flauſen, mein Herr,“ fiel Alfred gereizt ihm in's Wort,„Sie geben mir die Genugthuung, die ich verlange, oder—“ „Oder?“ „Es bedarf nur eines Winkes—“ „Sparen Sie dieſe Drohung, ſie iſt ebenſo kindiſch, wie Ihre Herausforderung. Daß ich nicht fechten kann, müſſen Sie voraus⸗ ſetzen, nichts deſto weniger verlangen Sie, daß ich—“ „Die Wahl der Waffen überlaſſe ich Ihnen.“ „Danke, ich habe keine Luſt.“ Alfred näherte ſich der Thüre. „Man ſoll dann wenigſtens erfahren, daß ich von einem Menſchen beſchimpft worden bin, der ſelbſt zu ehrlos iſt, als daß er eines Andern Ehre antaſten könnte,“ ſagte er. Schon hatte er die Thüre geöffnet, Liebmann konnte nicht mehr bezweifeln, daß ſein Gegnrr entſchloſſen war, es bei der Drohung allein nicht bewenden zu laſſen. Unter dieſen Umſtänden zog er das Duell vor, er gewann wenigſtens Zeit. „Wenn Sie nicht anders wollen, ſo muß ich,“ ſagte er,„be⸗ ſtimmen Sie Ort und Stunde.“ „Endlich!“ erwiderte Alfred.„Die Angſt vor dem Zuchthauſe iſt alſo ſtärker, wie der Reſt Ihres Ehrgefühls! Ich erwarte Sie morgen Nachmittag im Glacis vor dem Weiherthor, punkt vier Uhr werden Sie mich dort finden. Für die Waffen ſorge ich, — 698— Piſtolen, fünfzehn Schritte Diſtance. Vielleicht hegen Sie die Hoffnung, mir zu entwiſchen, ich rathe Ihnen, dieſen Weg nicht zu verſuchen. Uebrigens befürchte ich das auch nicht, Sie werden bedenken, daß ich die Polizei ſofort von Ihrer Anweſenheit in Kenntniß ſetze, wenn Sie ſich zur feſtgeſetzten Stunde nicht ein⸗ finden.“ Liebmann hörte die letzten Worte nicht mehr, er hatte das Zimmer verlaſſen. Das Alles war ſo raſch verhandelt und beſchloſſen worden, daß Otto keine Zeit gefunden hatte, zu vermitteln oder ſeinen Freund zurückzuhalten. Erſt jetzt, als Liebmann ſich entfernt hatte, konnte er zu Wort kommen. Er erklärte dem Freunde ohne Hehl, daß er ſein Vorhaben nicht billige und daß er wünſche, Liebmann möge ſich nicht ein⸗ finden, mit einem ſolchen Menſchen würde er nie ein Duell eingehen, ein entehrter Verbrecher könne ihn nicht beleidigen. Alfred hörte ihn ſchweigend an, dann erwiderte er, daß nach ſeinen Anſichten und Begriffen nur das Blut des Beleidigers den Schimpf tilgen könne, der ihm zugefügt worden ſei. Otto mußte ihm geloben, über den Vorfall zu ſchweigen, er that es in der Hoffnung, daß Liebmann die Flucht dem Zweikampf vorziehen werde. Dreiundneunzigſtes Kapitel. Die Schwäger. Am Tage nach dem Maskenball empfing Heinrich in ſeiner Privatwohnung den Beſuch einer jungen Dame. Für das Geſchäftsperſonal war das ein ſeltenes Ereigniß, die Commis und die Lehrlinge ſteckten die Köpfe zuſammen und ergingen ſich in Vermuthungen über dieſen Beſuch, von denen einige gewiſſermaßen den Nagel auf den Kopf trafen. Dieſe Dame war Maria Latour. Seitdem Heinrich ſie in ihrer Wohnung beſucht hatte, war er entzückt und bezaubert, er würde jetzt, ſelbſt wenn er es vermocht hätte, nicht mehr den Verſuch gemacht haben, ſich von den Feſſeln zu befreien, die ihn an ſie ketteten. —p zu — 699— Marie verſtand dieſe Kunſt vortrefflich, ſie wußte jetzt, daß ſie ihn ganz in ihrer Gewalt hatte. Heinrich führte ſie durch die ganze Wohnung, er zeigte ihr die Salons, die Wohnzimmer und die Schlafgemächer und Marie fand überall etwas, was ſie ſpäter geändert zu ſehen wünſchte. „Die Räume entſprechen ganz unſerm Plane,“ ſagte ſie, als die Beiden in die Wohnſtube zurückgekehrt, waren,„ſorgen Sie nur, daß ſie zurückkehrt und treffen Sie dann Ihre Anord⸗ nungen.“ „Und Sie werden die Rolle übernehmen, die Sie ſelbſt ſich zugedacht haben?“ fragte Heinrich. „Gewiß, aber ſeien wir vor allen Dingen vorſichtig. Nicht der Schein eines Verdachts darf auf Sie oder mich fallen— „Ganz recht, das ſagte ich Ihnen ja auch geſtern Abend, als Sie mir Gleichgültigkeit und Saumſeligkeit vorwarfen.“ „Zu dieſen Vorwürfen war ich berechtigt, ich durfte erwarten, daß Sie die Sache längſt in's Werk geſetzt haben würden.“ „Ich habe gethan, was ich konnte—“ „Das laſſe ich nicht gelten, Sie mußten Ihre Fran zwingen, zurückzukehren.“ „Zwingen? Ach, Sie kennen ſie nicht.“ „Man hat verſchiedene Mittel, durch welche man das erreichen ann.“ „Ich bin begierig, ſie kennen zu lernen.“ „Ihre Frau liebt das Geld—“ „Allerdings, inſofern, als fie durch daſſelbe die Erfüllung ihrer Wünſche erreichen kann.“ „Das iſt die ſchwache Seite, an der Sie ſie faſſen müſſen. Schreiben Sie ihr, ſie laufe Gefahr, einen großen Theil ihres Vermögens zu verlieren, nur durch eine perſönliche Hierherkunft könne ſie vielleicht dem Verluſt vorbeugen. An dieſen Köder wird ſie anbeißen.“ In Nachdenken verſunken blickte Heinrich lange vor ſich hin. „Der Weg, den Sie mir zeigen, ſcheint in der That der ein⸗ fachſte und kürzeſte zu ſein,“ ſagte er nach einer Weile.„Indeß läßt ſich vorausſehen, daß ſie ſofort wieder abreiſen wird, wenn ſie erfährt, daß es nur eine Myſtifikation war.“ „Müſſen Sie ihr das ſofort ſagen?“ „Sie wird es erfahren, wenn—“ „Ah— Sie werden ſchon ein Märchen erfinden, welches ſie ſo raſch nicht durchſchauen kann. Uebrigens genügt ja eine einzige Nacht, ſie an der Abreiſe zu hindern.“ „Es iſt wahr, ſie wird ſich am nächſten Morgen zu unwohl fühlen.“ — 700— „Nun wohl, alsdann geht die Sache ihren Gang und binnen vier Wochen iſt ſie beendet.“ Heinrich hatte ſeinen Sitz verlaſſen, er wanderte gedankenvoll auf und ab. „Wenn man einen andern Weg wüßte!“ ſagte er.„Ich würde ihn dennoch vorziehen.“ „Und auf das Vermögen Ihrer Frau verzichten?“ „Hm— rüber dieſen Punkt kann ich auch ſchlecht himoeg⸗ kommen.“ „Entweder— oder! Sie ſagen ja ſelbſt, einen andern Weg gebe es nicht,“ fuhr Maria in eindringlichem Tone fort.„Die Heirath erlaſſe ich Ihnen nicht. Apropos, wo befindet ſich Ihr Bruder?“ Heinrich blickte betroffen die Dame an, der Ausdruck ſeines Geſichts ließ eine Anwandlung von Eiferſucht vermuthen. Giese viel ich weiß, in Hagen,“ erwiderte er.„Weshalb fragen „Sind Sie eiferſüchtig?“ „Glauben Sie, daß ich es werden könnte?“ „Gewiß.“ „Nun, dann hüten Sie ſich, dieſe Leidenſchaft zu wecken.“ Ein triumphirendes Lächeln glitt über das ſchöne Geſicht des Mädchens, dieſe Worte bewieſen ihr, daß Heinrich ihrem Netze nicht mehr entrann. „Fürchten Sie das nicht,“ erwiderte ſie ruhig,„ſo lange Sie mir keine Gelegenheit zur Unzufriedenheit geben, werde ich Sie nicht betrügen.“ „Aber Sie kennen meinen Bruder?“ „Ja, er weiß mehr aus meinem früheren Leben, als mir lieb iſt.“ „Ah— zum Beiſpiel?“ „Das zu erörtern, habe ich jetzt keine Luſt. Kommt er oſt in dieſes Haus?“ „Nein.“ „Sie werden ihn, wenn ich in dieſem Hauſe wohne, den Räumen, in denen ich weile, fern halten.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiderte Heinrich raſch,„wir ſtehen auf keinem freundſchaftlichen Fuße miteinander, er betritt nur mein Kabinet, in meine Privatwohnung iſt er noch nie gekommen.“ „Dennoch müſſen wir grade ihm gegenüber die größte Vor⸗ ſicht beobachten,“ ſagte Marie,„er hat ein ſcharfes Auge, das hat er in London bewieſen, als er Merville überliſtete.“ „Merville war trotz ſeiner Schlauheit ein Strohkopf, ich hätte mich nicht in die Falle locken laſſen.“ .———— — 701— „Sagen Sie das nicht,“ erwiderte Marie ernſt,„hüten Sie ſich vor Ihrem Bruder. Wann werden Sie Ihrer Frau ſchreiben?“ „Heute.“ „Und bis wann kann ſie eintreffen?“ „Ich denke, in nächſter Woche.“ „Das iſt der äußerſte Termin, empfehlen Sie ihr Eile an.“ Mit dieſen Worten reichte Maria ihrem Verbündeten die Hand zum Abſchied. Heinrich begleitete ſie bis zur Hausthüre und kehrte dann in ſein Kabinet zurück. Er wollte unverzüglich den Brief ſchreiben und abſenden; ſeit⸗ dem er das Verbrechen feſt beſchloſſen hatte, hegte er nur noch den Wunſch, es ſo raſch wie möglich auszuführen, um vor dem finſtren Dämon in ſeiner Seele Ruhe zu haben. Er hatte noch keine zwei Zeilen geſchrieben, als er durch einen Beſuch geſtört wurde, und zwar durch den Beſuch eines Mannes, deſſen unerwartetes Erſcheinen ihn in Beſtürzung ſetzte. Dem Eintretenden entging der Eindruck nicht, den ſein Beſuch auf den geldſtolzen Herrn machte. Ein Zug unbeſchreiblichen Hohns glitt über ſein Geſicht, als er ſich, nachdem er die Thüre geſchloſſen hatte, dem reichen Mann näherte. „Daß ich es mir einfallen laſſen könne, perſönlich Dich zu beſuchen, hatteſt Du wohl nicht vermuthet,“ ſagte er,„Du dachteſt, ich werde nicht den Muth haben, dem Steckbrief zu trotzen? Bah, die Polizei hat mehr zu thun, als ſtets nur an mich zu denken.“ „Und was führt Dich hierher?“ fragte Heinrich, indem er ſich den Anſchein einer gleichgültigen Ruhe zu geben ſuchte.„Wohl der Wunſch, Dich perſönlich zu überzeugen, daß aus der Hinter⸗ laſſenſchaft Deines Vaters kein rother Pfenning—“ „Erlaube, wir wollen nicht mit der Thüre in’s Haus hinein fallen,“ unterbrach Liebmann ihn.„Wir können ja damit begin⸗ nen, daß wir uns über unſer perſönliches Befinden und unſre Verhältniſſe mit einander unterhalten.“ „Ueber dieſen Punkt bedarf es wohl keiner langen Unterhaltung,“ erwiderte Heinrich ſpottend,„wie es mit Deinen Verhältniſſen ſteht, kann ich mir ſehr wohl denken.“ „Ich glaube, Dir es auch brieflich mitgetheilt zu haben.“ „Allerdings.“ „Und Du haſt darauf geſchwiegen.“ „Was ſollte ich Dir antworten? Dich bedauern, Dich meiner Theilnahme verſichern?“ 702— „Das erwartete ich nicht, Du wußeeſt ja ſelbſt, daß ich dieſe handgreifliche Lüge nicht glauben würde.“ „Nun, alſo—“ „Alſo ſchwiegſt Du und von Deinem Standpunkte aus war es das Beſte, was Du thun konnteſt.“ „Nun wohl, wenn Du das einſiehſt—“ „Ich ſage, von Deinem Standpunkte aus!“ „Du hatteſt wohl erwartet, ich werde Dir ſofort mit einer bedeutenden Summe unter die Arme greifen?“ erwiderte Heinrich ſpottend. „Das nicht,“ fuhr Liebmann, mühſam an ſich haltend, fort,„ich hatte nur erwartet, Du werdeſt mir wenigſtens ſo viel ſchicken, daß ich die Reiſe nach Amerika antreten konnte.“ Heinrich zuckte die Achſeln. „Du weißt, daß Dein Vater nicht mich, ſondern Deine Schweſter zum Univerſalerben eingeſetzt hat, Bertha verwaltet ſelbſt ihr Vermögen—“ „Das ſind die Hinterthüren, die Ihr Euch offen gelaſſen habt, 7 unterbrach Liebmann ihn erbittert.„Aber wenn dem auch ſo wäre, Du haſt mich in dieſes Elend hineingeſtürzt, Du haſt dafür geſorgt, daß der Vater mich enterbte, Dir verdanke ich meine Entehrung, die gerichtliche Verfolgung, das Wenigſte, was ich von Dir verlangen könnte als Sühne für dieſe„Schurken⸗ ſtreiche, nachdem Du Deinen Zweck erreicht hatteſt— „Ich mache Dich darauf aufmerkſam, daß wir uns in meinem Hauſe befinden!“ „Wenn es Dir Vergnügen macht, rufe Deine Diener, es wäre für die Vorübergehenden ein intereſſantes Schauſpiel, wenn der reiche, ſtolze Herr Schenk ſeinen Schwager vor die Thüre ſetzen ließe. Willſt Du etwa leugnen, daß ich Deinen elenden Machinationen mein Unglück, meine Schmach verdanke? Du lagſt mit dem Wucherer unter einer Decke, Dein Plan war es, durch dieſen Mann mich zu vernichten, mich wundert nur, daß Du mein Leben geſchont haſt! Mir gegenüber haſt Du nicht nöthig, Dich auf's hohe Pferd zu ſetzen, ich weiß, durch welche Mittel Du Deinen Reichthum erworben haſt, mir fehlen nur die Beweiſe—“ „Wenn Du glaubſt, ſie finden zu können, ſo ſuche ſie,“ fiel Heinrich ihm gelaſſen in's Wort.„Hätte es in meiner Abſicht gelegen, Dein väterliches Erbtheil zu erſchleichen, ſo würde es mir und nicht Deiner Schweſter zugefallen ſein, an ſie mußt Du Dich wenden, wenn Du glaubſt, daß Dir Unrecht geſchehen ſei. Bertha iſt in Paris, Du hätteſt ſie dort aufſuchen können, ohne Dich den Gefahren auszuſetzen, die hier Dich bedrohen.“ Gü⸗ — 703— „Ich war bei ihr,“ erwiderte Liebmann,„ſie hat mir die Thüre gezeigt.“ „Und nun glaubſt Du, ich werde—“. „Ich habe nicht die Erwartung gehegt, daß Du mir freiwillig entgegen kommen würdeſt, ich kenne Dich ja, aber ich hoffe, Du wirſt ein kleines Opfer bringen, um das Gerede zu vermeiden, welches meine Verhaftung zur Folge haben muß. Mir bleibt nichts übrig, als Europa zu verlaſſen, vielleicht finde ich drüben Gelegenheit, etwas zu erwerben, hier werde ich ſtets ein Vagabund bleiben.“ „Und drüben wirſt Du es erſt recht werden.“ „Mag ſein, dann aber habe ich wenigſtens nicht zu befürchten, daß ein Bekannter aus früherer Zeit mir begegnet und mich ſeine Verachtung fühlen läßt. Ich denke, Dir kann es nur angenehm ſein, wenn ich ſo weit, wie möglich mich entferne, dieſer Wunſch wird erfüllt, wenn Du mir die Mittel gibſt.“ Ein Zug verachtender Geringſchätzung glitt über das Geſicht Heinrichs. „Das hätteſt Du Deiner Schweſter ſagen ſollen,“ entgegnete er,„ſie hat ein größeres Intereſſe daran, daß Du für immer verſchwindeſt.“ „Sie hat mich an Dich gewieſen und erklärt, wenn Du etwas thun wolleſt, ſei es ihr recht, auf eine kleine Summe ſolle es ihr nicht ankommen. Sie hat das Geld ſelbſt nöthig,“ fügte er mit bitterem Hohne hinzu,„bei der Lebensweiſe, die Sie führt, wird das Erbe bald verſchlungen ſein. Ich würde mich an Deiner Stelle etwas mehr um ſie bekümmern.“ „Bah— ich habe weder Zeit, noch Luſt dazu,“ erwiderte Heinrich wegwerfend,„wenn ſie ihr Vermögen vergeudet hat, muß ſie ſich einſchränken und mit dem vorlieb nehmen, was ich ihr zu geben gut finde, wir haben beide getrennte Kaſſen.“ Liebmann hatte ſich erhoben. „Mir iſt das gleichgültig,“ ſagte er,„in Euer eheliches Verhältniß mag ich nicht eindringen. Willſt Du mir tauſend Thaler zahlen? Die Hälfte wird Bertha Dir zurückgeben.“ Heinrich dachte nach. „Wann biſt Du angekommen?“ fragte er. „Geſtern.“ „Und dies iſt Dein erſter Ausgang?“ „Nein, Ich war geſtern Abend auf dem Maskenball im Gürzenich.“ „Weshalb das? Du haſt doch triftige Gründe—“ Ich wollte mit der Tochter Wackers wieder anknüpfen.“ /aA Ueeberraſcht blickte Heinrich ſeinen Schwager an. 17014— „Was bewog Dich zu dieſem Vorhaben?“ fragte er. „Wacker iſt ein reicher Mann geworden.“ „Geweſen,— er iſt es nicht mehr.“ „Ah, das wußte ich nicht.“ „Nun? Hat man Dich erkannt?“ „Freilich!“ „Wer ſah Dich?“ „Wacker und deſſen Familie; ſpäter Dein Bruder und Alfred Schirmer.“ Liebmann bemerkte das dämoniſche Aufblitzen in den Augen ſeines Schwagers nicht. „Das war ſehr, ſehr unklug,“ ſagte Heinrich nach einer Pauſe, „wenn ein Polizeibeamter Dich geſehen hätte, würde er Dich verhaftet haben. Wer bürgt dafür, daß Wacker Dich nicht denuncirt? Der Mann hat mit Dir noch ein Hühnchen zu pflücken—“ „Er wird es nicht thun, aber von anderer Seite droht mir Gefahr,“ erwiderte Liebmann raſch.„Alfred Schirmer hat mich einiger Worte wegen, die ich einer Dame ſagte, gefordert und mir gedroht, die Polizei auf mich aufmerkſam zu machen, wenn ich mich zur beſtimmten Stunde nicht einfinde, um mir von ihm eine Kugel durch das Gehirn jagen zu laſſen. Ich muß die wenigen Stunden, die mir noch bleiben, benutzen, gib mir das Geld, damit ich abreiſen kann.“ „Schirmer hat Dich gefordert?“ fragte Heinrich ſinnend. „Bah, ſo ernſt wird das nicht gemeint ſein.“ „Er iſt Student und ich habe mich verleiten laſſen, ihm eine Ohrfeige zu geben.“ „Ah— dann allerdings—“ „Gib mir das Geld,“ drängte Liebmann,„die Zeit verſtreicht, und jeder Augenblick iſt für mich koſtbar.“ „Wann ſoll das Duell ſtattfinden?“ „Um vier Uhr.“ „Wo?“ „Vor dem Weiherthore.“ Heinrich ſah auf die Uhr. „Du kannſt jetzt nicht mehr abreiſen,“ ſagte er,„es iſt zu ſpät.“ „Um vier Uhr fährt ein Zug.“ „Du willſt ihn benutzen?“ 2 „Ja, wenn mein Gegner ſich auf dem Duellplatze einfindet—“ „Es iſt wahr,“ unterbrach Heinrich ihn,„er wird nicht ver⸗ muthen, daß Du in derſelben Stunde abfährſt. Aber augenblicklich kann ich Dir kein Geld geben, ich bin nicht bei Kaſſe.“ „Schicke zu Deinem Bankier.“ — 705— „Das iſt leicht geſagt, durch einige ſehr bedeutende Unter⸗ nehmungen habe ich meinen Credit erſchöpft und mit öſterreichiſchen, oder ſpaniſchen Werthpapieren kannſt Du nichts anfangen.“ „Du hintergehſt mich,“ erwiderte Liebmann ungeduldig,„Du kannſt das Geld ſchaffen, wenn Du nur willſt.“ „Nicht mehr, wie hundert Thaler, ich darf meine Kaſſe ſo ſehr nicht erſchöpfen, morgen werden Wechſel vorgezeigt, für welche ich die Deckung noch nicht zu beſchaffen weiß. Aber ich will Dir das Geld nach Bremen ſchicken, mit hundert Thaler kommſt Du hin, im engliſchen Hof wird mein Brief Dich treffen.“ Liebmann ſchüttelte den Kopf, während ſein Schwager einige Banknoten auf den Schreibtiſch legte. „Ich vertraue Deinen Verſprechungen nicht mehr,“ ſagte er, „Du haſt mich ſo oft hintergangen—“ „Ich kann Dich nicht zwingen, mir zu vertrauen,“ unterbrach Heinrich ihn kalt,„hier iſt das Geld, mehr zu geben, iſt mir augenblicklich unmöglich.“ Liebmann ſteckte die Banknoten ein. „Wenn Du nicht Wort hältſt, kehre ich von Bremen zurück,“ fuhr er fort,„ich hefte mich ſo lange an Deine Ferſen, bis Du mir die Mittel gibſt, die ich zur Ausführung meines Vorhabens bedarf. Wenn Dir das unangenehm iſt, ſo halte Wort und ich werde Dich nicht weiter behelligen. Adieu.“ Ein Zug teufliſchen Hohnes glitt über das Geſicht Heinrichs, hätte Liebmann den Blick geſehen, den ſein Schwager ihm nach⸗ ſandte, ſo würde er gewußt haben, daß das Ende für ihn gekom⸗ men war. Eine halbe Stunde ſpäter verließ Heinrich Schenk das Haus, er ſchlug den Weg zur Wohnung des Bankiers Schirmer ein. Der alte Herr ſchien über den Beſuch nicht ſehr erfreut zu ſein, aber die Höflichkeit gebot ihm, den Gaſt freundlich zu empfangen. „Ich komme in einer Familienangelegenheit zu Ihnen,“ nahm Heinrich das Wort, ohne den Stuhl anzunehmen, den Schirmer ihm anbot.„Seitdem Ihre Fräulein Tochter mit meinem Bruder verlobt iſt, ſind unſere beiden Familien in ein verwandtſchaftliches Verhältniß getreten und—“ „Aber, mein Herr, wozu die lange Einleitung?“ unterbrach Schirmer ihn betroffen,„kommen Sie ohne Umſchweife zur Sache. Um was handelt es ſich?“ „Um die Wechſelfälſchung meines Schwagers Liebmann. Sie haben damals den Antrag auf gerichtliche Verfolgung geſtellt.“ „Allerdings. Nun?“ „Liebmann iſt hier, mehrere Perſonen haben ihn geſehen, die Fünfmalhunderttauſend Thaler. 45 — 706— Gefahr, verhaftet zu werden, droht ihm. Wenn dies geſchieht, ſo wird das öffentliche Gerede kein Glied unſerer Familie ſchonen und deshalb—“ „Ich fürchte dieſes Gerede nicht,“ erwiderte der Bankier ruhig, „ob und in wiefern Sie Grund zu Beſorgniſſen haben, weiß ich nicht, ich bin über das Geklatſche erhaben.“ „Aber Sie könnten ihm vorbeugen.“ „Wodurch?“ „Wenn Sie die Klage zurücknehmen und dem Gericht mit⸗ theilen, daß die Sache erledigt ſei und Sie nun wünſchen, die Verfolgung aufgehoben zu ſehen—“ „Mein Herr, das Geſetz läßt das nicht zu. Wechſelfälſchung iſt keine Privatangelegenheit, ſondern Kriminalſache, und dieſe läßt ſich nicht niederſchlagen.“ „Wenn das der Fall iſt, dann wird meinem Schwager freilich nichts übrig bleiben, als die Stadt ſo raſch wie möglich wieder zu verlaſſen,“ entgegnete Heinrich, eine Theilnahme heuchelnd, der ſeine Seele fremd war.„Er ſagte mir ſchon, daß er heute Nachmittag um vier Uhr abzureiſen gedenke, aber ich dachte, es ließe ſich durch Ihre Vermittlung vielleicht ein Weg finden, der ihm erlaubte, hier zu bleiben.“ „Ich bedauere—“ „Dann bitte ich die Störung zu entſchuldigen. Noch Eins, mein Schwager bat mich, Ihrem Herrn Sohne einige Worte mitzutheilen.“ „Was hat er mit Alfred?“ „So genau weiß ich es nicht, mir ſcheint, daß er ihn gekränkt hat und daß er das bereut.“ Der Bankier ſchellte und beauftragte ſeinen Diener den jungen Herrn zu rufen. „Mein Schwager Liebmann hat mir heute Morgen geſagt, er habe Sie beleidigt,“ nahm Heinrich das Wort, als der Student eintrat,„er bedauert es und bittet Sie, die Sache einſtweilen auf ſich beruhen zu laſſen. Gründe, die Sie wahrſcheinlich kennen, nöthigen ihn, die Stadt noch heute zu verlaſſen, er wird ſpäter Ihnen jede Aufklärung, die Sie wünſchen, geben.“ Seines Vaters wegen mußte Alfred an ſich halten, der alte Herr durfte ja nicht wiſſen, daß es ſich um ein Duell handelte, auch ließ die Ruhe und Gleichgültigkeit Schenk's ihn vermuthen, daß Liebmann ſeinen Schwager nicht tiefer eingeweiht hatte, als er es für nöthig hielt. „Wann gedenkt Herr Liebmann abzureiſen?“ fragte er. „Heute Nachmittag um vier Uhr.“ „Ah— wiſſen Sie das ſicher?“ α☛ ☛ — 707— „Allerdings, der Zug fährt um vier Uhr von Deutz ab. Ich kenne weder die Urſache, noch die Art jener Beleidigung, intereſſire mich auch nicht dafür, ſie zu erfahren, ich wünſche nur, daß mein Schwager unbehelligt abreiſen möge.“ Heinrich verabſchiedete ſich nach dieſen Worten, keiner der bei⸗ den Herren machte einen Verſuch, ihn zurückzuhalten. Vierundneunzigſtes Kapitel. Das Duell. Wie Heinrich Schenk vorausgeſehen hatte, fand Alfred Schir⸗ mer ſich ſchon eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges auf dem Bahnhofe ein. Otto und Nikolas begleiteten ihn, ſie billigten beide ſein Vor⸗ haben nicht, aber ſie fanden ihn ſo feſt entſchloſſen, daß ihnen nur die Wahl blieb zwiſchen unthätigem Zuſchauen oder der Ein⸗ miſchung durch die Behörde. Das letztere wäre der einfachſte Weg geweſen, das Duell zu verhindern, aber verſchiedene Bedenken konnte dagegen geltend ge⸗ macht werden. Liebmann wäre natürlich bei dieſer Gelegenheit verhaftet worden, es ließ ſich voraus ſehen, daß er alsdann Alfred beſchul⸗ digte, ihn denuncirt zu haben, um ſich der Unannehnlichkeit, ſein eigenes Leben einer Gefahr ausſetzen zu müſſen, zu ent⸗ ziehen. Auf der andern Seite würde Alfred ſeinen Freunden dieſe Denunciation, die ihn hinderte, ſeiner gekränkten Ehre Genug⸗ thuung zu verſchaffen, ſehr übel genommen haben. Alfred ſchien zu befürchten, daß ſeine Freunde dieſes Mittel wählen könnten, er beobachtete ſie ſcharf und drang darauf, daß ſie ihn als Zeugen begleiten ſollten. Kurz vor ihnen hatte Heinrich Schenk ſich auf dem Bahnhofe eingefunden und zwar in Begleitung eines Polizeibeamten. Er war mit dieſem in das Zimmer des Inſpectors getreten, durch deſſen Glasthüre man den Perron überblicken konnte. „Sie werden gütigſt entſchuldigen,“ wandte er ſich zu dem Inſpector,„es handelt ſich um die Verhaftung eines Menſchen, der im Begriff ſteht, einen betrügeriſchen Bankerott zu machen 45* — 708— und mit ſämmtlichen Aktien eine Reiſe auf Nimmerwiederkehr an⸗ zutreten. Man hat mir geſagt, daß er um vier Uhr abzureiſen gedenke und da ich eine ſehr bedeutende Forderung an ihn habe, ſo fordert mein Intereſſe, daß ich ihn nicht entwiſchen laſſe.“ Der Inſpector verbeugte ſich. „Laſſe ich mich auf dem Perron blicken, ſo wird er Verdacht ſchöpfen und ſich zurückziehen, möglicherweiſe auf einem andern Wege mir entwiſchen, während ich hier vergeblich ihn erwarte,“ fuhr Heinrich fort,„deshalb erlaube ich mir, Sie um Benutzung Ihres Zimmers zu bitten—“ „Mit Vergnügen,“ erwiderte der Inſpector,„wenn Sie den Betreffenden entdecken, brauchen Sie nur dieſe Thüre zu öffnen und Sie befinden ſich auf dem Perron.“ Heinrich trat an das Fenſter, er ſtellte ſich ſo, daß der Poli⸗ zeibeamte nicht hinausſehen konnte. „Apropos,“ wandte er ſich nach einer Weile zu dem letzteren, „ſchwebt die Sache gegen Liebmann noch immer?“ „Gegen Liebmann?“ fragte der Commiſſar nachdenkend.„Ach ſo, Sie meinen die Wechſelfälſchung? Natürlich, der Steckbrief iſt noch nicht erledigt.“ Heinrich ſchüttelte den Kopf. „Ich begreife dieſen Leichtſinn nicht,“ ſagte er,„der arme Schelm thut mir leid, aber helfen kann man ihm nicht. Ich habe ſchon mehrmals Schritte gethan, die Sache niederzuſchlagen—“ „Das geht nicht,“ fiel der Commiſſar ihm in's Wort,„nur nach Ablauf der Verjährungsfriſt könnte vielliicht dieſe Sache als erledigt betrachtet werden.“ „Wenn alſo mein Schwager ſich hier blicken ließe würde er verhaftet?“ „Gewiß!“ „Jenun, er wird ſo klug ſein, zu bleiben wo er iſt.“ Die Thüren der Warteſäle wurden geöffnet, die Leute ſtiegen ein. Heinrich blickte aufmerkſam hinaus, er fand in der Menge nicht, welchen er ſuchte. Alfred dagegen war glücklicher geweſen. Am Eingang des Bahnhofsgebäudes hatte er Wache gehalten und als Liebmann ſich nun ſo plötzlich und unerwartet ſeinem gefürchteten Gegner gegenüberſah, war in ſeiner Seele ſofort der Verdacht aufgetaucht, daß er das einzig und allein ſeinem Schwager zu verdanken habe. Kein Andrer hatte gewußt, daß er um dieſe Stunde abreiſen wollte. „Der Weg zum Weiherthore führt nicht hierher,“ ſagte Al⸗ — — 709— fred zornig aufwallend,„aber wenn Sie das Zuchthaus vorziehen, ſo kann freilich auch dieſer Weg dahin führen.“ „Das hat mein Schwager Ihnen verrathen,“ entgegnete Lieb⸗ mann verwirrt,„ohne dieſen Verrath—“ „Wären Sie mir vielleicht entwiſcht,“ fuhr Alfred fort,„das gebe ich zu. Weshalb ſprechen Sie mit Ihrem Schwager über derartige Angelegenheiten? Er wollte Ihre Flucht decken, er ſuchte Sie zu entſchuldigen und bat mich, Sie ruhig abreiſen zu laſſen! Mein Herr, Sie ſind eine ehrloſe Memme, nichts deſto⸗ weniger beſtehe ich darauf, daß Sie mir mit der Waffe in der Hand Genugthuung geben.“ Liebmann ſtand auf glühenden Kohlen. Was ſollte er thun? Der Forderung ſeines Gegners nachgeben oder ſich ſelbſt der Polizei überliefern? In beiden Fällen war er verloren, aber ihn graute vor dem Zuchthauſe mehr als vor einer Verwundung, die ihn auf ein langes Schmerzenslager werfen konnte. „Kommen Sie, wir werden in der Nähe noch einen Ort finden, an welchem wir die Angelegenheit ordnen können,“ nahm Alfred nach einer Weile wieder das Wort,„wenn Sie ſich wei⸗ gern, ſo rufe ich die Polizeibeamten.“ „Und wenn ich Ihrer Forderung nachkomme, werden Sie dann unter allen Umſtänden mein Incognito reſpectiren?“ fragte Liebmann. „Ja, wie der Zweikampf auch enden mag, ich verſpreche Ihnen auf Ehrenwort, daß über meine Lippen Ihr Namen nicht kommen ſoll. Sie mögen alsdann Ihre Reiſe antreten, wann es Ihnen beliebt, ich werde Sie nicht verrathen.“ „So kommen Sie,“ ſagte Liebmann,„ich füge mich unter dieſen Bedingungen. Ich vertraue darauf, daß, wenn Ihre Kugel mich ſchwer verwundet, Sie mich mcht hülflos liegen laſſen werden—“ „Ich werde alsdann dafür ſorgen, daß Sie in meinem Hauſe die nöthige Pflege erhalten, in welchem Sie vor Verfolgungen geſichert ſind.“ Otto blieb ſtehen. „Du wirſt mir erlauben, daß ich Dich verlaſſe,“ ſagte er, „ſo ungern ich es auch thue, ſehe ich mich doch dazu genöthigt, nachdem dieſer Herr erklärt hat, daß mein Bruder ihn verrathen habe. Ich geſtehe ohne Hehl, daß es mir lieber geweſen wäre, wenn Dein Gegner ſich durch die Flucht dieſem Duell entzogen hätte und ich bitte Dich noch jetzt, die Sache auf ſich beruhen zu laſſen—“ „Lieber Junge, Du kennſt meine Anſichten.“ — 710— „Und Dein Vater? Iſt es denn unmöglich, daß Du fällſt oder die Flucht ergreifen mußt?“ „Unmöglich nicht,“ erwiderte Alfred entſchloſſen,„im erſteren Falle habe ich das Leben für meine Ehre eingeſetzt, im letzteren werde ich mich ſchon durchſchlagen.“ „Nimm dieſen Brief, gib ihn meinem Vater, wenn ich heute Abend nicht zurückgekehrt bin und ſuche den alten Mann zu be⸗ ruhigen. Wenn Du mich nicht begleiten willſt, ſo muß das Duell ohne Zeugen ſtattfinden—“ „Nicolas wird mitgehen.“ „Ich kann das nicht verlangen, das Geſetz beſtraft auch die Sekundanten. Aber wenn Sie wollen, ſo verſprechen wir Ihnen beide, daß Ihre Betheiligung ein Geheimniß bleiben ſoll.“ „Ich gehe mit,“ erwiderte Nicolas ruhig,„wäre es auch nur, um meinem Freunde ſpäter mittheilen zu können, wie die Sache abgelaufen iſt.“— Der Abend dämmerte ſchon, als die drei in einem kleinen Gebüſch hinter Deutz Halt machten. Die Diſtance wurde abgemeſſen, fünfzehn Schritt, mit fünf Schritt Vorrücken. Alfred zog das Piſtolenkäſtchen aus der Taſche und beauftragte Nikolas, die Waffen zu laden. In fieberhafter Aufregung ſah Liebmann dieſen Vorbereitungen zu. „Wegen einer ſolchen Geringfügigkeit Blut zu vergießen, finde ich ebenſo thöricht, als lächerlich,“ ſagte er und ſeine zitternde Stimme verrieth die Seelenangſt. „Daß ich der Dame geſagt habe, ſie ſei eine alte Schachtel, muß Jeder durch das Benehmen dieſer Dame gerechtfertigt finden, und ich bin ſogar bereit, wenn dies verlangt wird, deshalb die Dame um E Entſchuldigung zu bitten.“ „Dieſe Beleidigung ließe ſich ausgleichen,“ erwiderte Alfred gemeſſen,„aber der Schimpf, den Sie mir zugefügt haben, kann nur durch Blut geſühnt werden.“ „Haben Sie nicht auch mir—“ „Mein Herr, dieſe Züchtigung hatten Sie verdient, durch Ihr rohes Benehmen gegenüber meiner Schweſter. Dennoch würde ich Ihnen die Genugthuung nicht verweigert haben, wenn Sie ſie ge⸗ fordert hätten. Nehmen Sie die Waffe und treten Sie an Ihren Platz.“ Mit zitternder Hand ergriff Liebmann das Piſtol, zögernd folgte er der an ihn ergangenen Aufforderung. „Laſſen Sie's genug ſein, Herr Doctor,“ nahm Nikolas das Wort,„die Angſt, welche Sie dieſem Manne eingeflößt haben—“ „Kann die Beleidigung, die er mir zugefügt hat, nicht tilgen,“ — — 711— unterbrach Alfred ihn gemeſſen.„Vorwärts, Sie haben den erſten Schuß.“ „Das iſt Meuchelmord!“ rief Liebmann in wilder Verzweiflung. „Schießen Sie, oder ich drücke ab.“ Mechaniſch erhob Liebmann die Waffe. „Ich bitte Sie noch einmal, begnügen Sie ſich mit der Er⸗ klärung, daß ich—“ „Nein!“ Liebmann ſah ein, daß die Entſcheidung für ihn jetzt nur noch allein von ſeiner Kugel abhing.— Der Schuß fiel. Als die Rauchwolke ſich-zertheilte, war der Hut Alfred's von ſeinem Kopfe verſchwunden. Einige Zoll tiefer, und die Kugel hätte die Stirne durchbohrt. Alfred rückte vor. Vor den Augen Liebmann's ward es dunkel, er ſah nichts, weder ſeinen Gegner, noch die Mündung der Waffe, die drohend auf ihn gerichtet war. Wieder fiel ein Schuß. Nikolas eilte hinzu, röchelnd war Liebmann niedergeſunken. Auch Alfred beugte ſich zu ſeinem Gegner nieder. „Das Ende lag nicht in meiner Abſicht,“ ſagte er entſetzt,„auf das Leben hatte ich's nicht abgeſehen.“ „Das ſollte man bedenken, ſo lange die Kugel noch im Lauf iſt,“ erwiderte Nikolas ernſt.„Sie ſind Mediziner, legen Sie einen Verband an, dann wollen wir ſehen, wohin wir ihn transportiren.“ Erſchüttert ſtand Alfred vor dem Gegner, ſein ſtierer Blick ruhte lange mit dem Ausdruck des Entſetzens auf den ſtarren Zügen. „Hier iſt alle Hülfe umſonſt,“ ſagte er leiſe,„die Kugel muß das Herz getroffen haben. Gehen Sie, eilen Sie von dieſem Orte hinweg, ſo raſch Ihre Füße Sie zu tragen vermögen, die Verantwortung für dieſe That trifft mich allein.“ „Glauben Sie, daß ich Sie verlaſſen werde, ehe ich Sie in Sicherheit weiß,“ entgegnete Nikolas.„Vor allen Dingen, haben Sie Geld?“ „Hundert Thaler.“ „Sie müſſen augenblicklich abreiſen, in den erſten Tagen wird kein Verdacht auf Sie fallen.“ „Ich werde, bevor ich mich einſchiffe, dem Gericht den That⸗ beſtand mittheilen.“ „Warten Sie damit, bis Sie drüben ſind, nun aber kommen Sie.“ „Und die Leiche?“ fragte Alfred. „Die Leiche?“ erwiderte Nikolas nachdenklich.„Es iſt wahr, unſre Pflicht wäre es, ſie unter ein ſchützendes Dach zu bringen, aber wir haben dazu keine Zeit. Sie dürfen keinen Augenblick verlieren, er Zug fährt um ſieben Uhr, Sie müſſen ihn benutzen. Vor morgen wird man die Leiche nicht finden und dann kann man noch lange nachforſchen, ehe man über die Perſon des— ſes— „Nennen Sie das Kind nur beim richtigen Namen, die Perſon des Mörders!“ „Du lieber Himmel, Sie ſind ja plötzlich ganz umgewandelt. Ein Mörder ſind Sie nicht, Liebmann iſt im ehrlichen Zweikampf gefallen—“ „Ja, ja, aber die öffentliche Meinung—“ „Ihr können wir entgegentreten, wenn es ſein muß, ich habe ja dem Duell als Zeuge beigewohnt.“ „Aber das darf Niemand erfahren!“ „Wenn der Verdacht eines Mordes auf Sie fällt, ſo werde ich ohne Scheu und Furcht Zeugniß für Sie ablegen,“ ſagte Nikolas entſchloſſen. Die Beiden hatten während dieſer Unterredung den Schauplatz verlaſſen. Sie erreichten Deutz frühzeitig genug; als Alfred am Bahn⸗ hofe Abſchied nahm von ſeinem Begleiter, bat der letztere ihn noch einmal, nicht eher an die Behörde zu ſchreiben, bis er von ihm, oder Otto aufgefordert werde. Weshalb er dieſe Bitte an ihn richtete, wußte Nikolas eigentlich ſelbſt nicht, es war in der Hauptſache wohl der Wunſch, den jungen Mann zu beſchützen und ihn vor der Gefahr der Ver⸗ haftung zu retten, was ihn dazu bewog. Auch diesmal ſtand Heinrich Schenk im Zimmer des Inſpectors hinter der Glasthüre. Er ſah die beiden jungen Leute und ein triumphirendes Lächeln glitt über ſein Geſicht, als er bemerkte, daß Alfred in den Waggon ſtieg. „Die Mühe war umſonſt,“ wandte er ſich zu dem Polizei⸗ beamten,„mein Schuldner ſcheint gewarnt zu ſein.“ „Warten wir bis morgen,“ meinte der Commiſſair. „Ich werde mich heute Abend näher erkundigen,“ fuhr Heinrich fort,„einſtweilen meinen beſten Dank. Sollte ich erfahren, daß der betreffende Mann noch immer die Abſicht hegt, ſich aus dem Staube zu machen, ſo werde ich mir erlauben, Ihre Gefälligkeit noch einmal in Anſpruch zu nehmen.“— Die Glocke läutete, ein ſchrilles Pfeifen— dann fuhr der Zug ab. — 713— Als Nikolas das Bahnhofsgebäude verließ, fiel ſein Blick auf Heinrich, der im Begriff ſtand, in den Wagen zu ſteigen. Er legte kein Gewicht auf dieſe Entdeckung, es war ja möglich, daß Heinrich einen auswärtigen Geſchäftsfreund zum Bahnhofe begleitet hatte. Aber als er im Laufe ſeines Berichts über das Duell und die Flucht ſeinem Freunde gegenüber dieſe Begegnung erwähnte, ahnte Otto ſofort den Zuſammenhang. Heinrich hatte dem Gegner ſeines Schwagers verrathen, daß Liebmann beabſichtige, abzureiſen, und zwar ohne Zweifel nur zu dem Zwecke, um dieſe Flucht unmöglich zu machen. Heinrich mußte ja vorausſetzen, daß der heißblütige Studioſus ſich am Bahnhofe einfand, um ſeinen Gegner zum Zweikampf zu zwingen. Daß einer der beiden Duellanten den nächſten Zug zur Flucht benutzte, ließ ſich ebenfalls vorausſehen, für den Fall Liebmann derjenige war, für den das Duell einen glücklichen Ausgang ge⸗ nommen hatte, konnte er am Bahnhofe noch verhaftet werden, wenn die Polizei ihn erkannte. Dieſe Vermuthungen wurden zur Gewißheit, je länger Otto darüber nachdachte, es mußte ja im Intereſſe ſeines Bruders lie⸗ gen, einen Menſchen zu beſeitigen, der ihm mit vollem Rechte Erbſchleicherei und Betrug vorwerfen konnte. Ein ſchwerer Gang ſtand dem jungen Manne noch bevor, eine Aufgabe, die ihm einen harten Kampf koſtete. Aber er mußte ſie löſen, er mußte dem Banlier die Nachricht von der Flucht ſeines Sohnes bringen. Otto Schirmer war Anfangs untröſtlich, bittre Klagen und herbe Vorwürfe trafen den Sohn, der ihm dieſen Kummer ver⸗ urſachte. Aber allmählich ward er ruhiger, der Brief Alfred's und die Entſchuldigungen Otto's beſchwichtigten den Sturm in ſeiner Seele. „Daß er ſeiner tief gekränkten Ehre dieſe Genugthuung ſchul⸗ dig war, will ich gelten laſſen,“ ſagte er,„aber er hätte ſein Leben höher ſchätzen ſollen, als es gegen das Leben eines Ver⸗ brechers einzuſetzen.“— Am nächſten Tage durchlief die Stadt das Gerücht, in der Nähe von Deutz ſei eine Leiche gefunden worden, man vermuthe, daß es die Leiche eines Selbſtmörders ſei. An der Börſe wußte man ſchon, daß es der wegen Wechſel⸗ fälſchung ſteckbrieflich verfolgte Sohn des verſtorbenen Fabrikanten Liebmann war, deſſen Leiche man in dem Gehölz gefunden hatte. Otto erfuhr dieſes Gerücht ebenfalls, er eilte zu Otto Schir⸗ mer, um mit ihm Rückſprache zu nehmen. — 714— Der Bankier hatte bereits Genaueres erfahren. „Das Gericht hat den Selbſtmord angenommen,“ ſagte er, „die Lage der Leiche, der Schuß ſelbſt und die Waffe, welche neben der Hand Liebmann's lag, laſſen dieſe Annahme als ge⸗ rechtfertigt erſcheinen.“ „Deſto beſſer,“ erwiderte Otto, erleichtert aufathmend,„Al⸗ fred muß nun ſo raſch wie möglich benachrichtigt werden, damit er nicht ſelbſt ſich denuncirt.“ „Es tiegen ja auch noch andere Gründe für dieſe Annahme vor,“ fuhr Schirmer fort,„wenn alſo Alfred ſchweigt, wenn nicht durch einen Andern der Schleier aufgehoben wird, ſo können wir über die Folgen beruhigt ſein.“ „Durch einen Andern!“ Dieſe Worte riefen dem jungen Manne die Begegnung ſeines Freundes mit Heinrich am Bahnhofe in's Gedächtniß zurück. Außer Nikolas wußte nur dieſer den Thatbeſtand, in ſeiner Macht lag es, Alfred anzuklagen. So ungern Otto auch ſeinen Bruder beſuchte, mußte er ſich doch dazu entſchließen, er wollte ſich die Ueberzeugung verſchaffen, ob Heinrich geſonnen war, den Schleier ruhen zu laſſen, oder nicht.— Heinrich empfing den Bruder kalt und zurückhaltend. „Ich komme Deines Schwagers wegen zu Dir,“ nahm Otto das Wort,„Du weißt, wie er geendet hat.“ „Ja, ich weiß es,“ erwiderte Heinrich gemeſſen,„ein anderes Ende ließ ſich kaum erwarten.“ „Du denkſt an den Selbſtmord—“ „Und Du?“ „An das Duell.“ Heinrich ſenkte unwillkürlich die Wimpern vor dem ſcharfen, durchdringenden Blick des Bruders. „Ein Duell?“ erwiderte er, anſcheinend gleichgültig. „Davon iſt mir nichts bekannt.“ „Erinnere Dich Deines geſtrigen Beſuches bei Herrn Schirmer,“ fuhr Otto fort,„Du warnteſt Alfred—“ „Ah— wenn Du das weißt, weshalb kommſt Du zu mir?“ unterbrach Heinrich ihn raſch.„Wahrſcheinlich nur, um mir zu ſagen, daß Du auch dieſem Schritt Beweggründe unterſchiebſt, die mir ganz und gar fremd waren. Liebmann war geſtern Morgen bei mir, er ſprach von dem Duell, er bat mich, ihn mit ſeinem Gegner auszuſöhnen und dazu konnte ich keine beſondere Luſt haben. Dennoch ließ ich mich bewegen, zu dieſem Gegner hinzu⸗ gehen und ihn zu bitten, meinem Schwager kein Hinderniß in den Weg zu legen und einſtweilen auf die Genugthuung zu verzichten. — 715— Ich bat ſogar den Bankier, die Klage gegen meinen Schwager niederzuſchlagen. Ob dennoch das Duell ſtattgefunden hat, weiß ich nicht.“ „Du wußteſt es, noch ehe die Schüſſe gefallen waren,“ ent⸗ gegnete Otto mit überzeugender Sicherheit,„die Schritte, die Du anſcheinend zur Verhinderung des Zweikampfes thateſt, hatten nur den Zweck, Liebmann vor das Piſtol ſeines Gegners zu führen. Was beabſichtigteſt Du durch Deine Anweſenheit am Bahnhofe? Doch wohl nur der Wunſch, Gewißheit zu erhalten, für wen das Duell unglücklich ausgefallen war; hätte Liebmann die Flucht ergreifen wollen, wäre er am Bahnhofe der Polizei in die Hände gefallen.“ Heinrich biß auf die Lippen, er hätte dieſen Spion, der in alle ſeine Geheimniſſe eindrang, niederſchlagen mögen. „Das ſind Vermuthungen, auf die ich nicht näher eingehen mag, weil ſie vollſtändig aus der Luft gegriffen ſind,“ ſagte er, „wie es Dir denn überhaupt gefällt, allen meinen Handlungen ſchlimme Abſichten unterzulegen.“ „Nur den Handlungen, von denen ich weiß, daß ihnen wirklich böſe Abſichten unterliegen. Ich will darüber nicht mit Dir ſtreiten, was Du thuſt, magſt Du vor Deinem eigenen Gewiſſen ver⸗ antworten, ich kümmere mich nicht mehr darum. Das Gericht hat angenommen, Liebmann habe ſelbſt ſich entleibt, Gründe für den Selbſtmord waren ja leicht zu finden.“ „Und dieſe Annahme halte ich für die einzig richtige,“ ſchaltete Heinrich ein. „Du wirſt ihr alſo nicht entgegentreten?“ „Nein.“ „Gut, dann iſt der Zweck meines Beſuchs erfüllt.“ „Ah— Du fürchteſt für Alfred?“ ſpottete Heinrich. „Gewiß, ich konnte ja nicht wiſſen, ob es nicht in Deinem Intereſſe lag—“ „Du kannſt Dich beruhigen, meine Intereſſen berührt dieſer Fall nicht,“ unterbrach Heinrich ihn. „Inwiefern er Dich berührt, oder nicht, kümmert mich nicht, ich wünſche nur zu wiſſen, ob Du nichts gegen Alfred Schirmer unternehmen wirſt, wenn er vielleicht hierher zurückkehrt.“ „Durchaus nichts.“ „Nun wohl, das iſt Alles, was ich zu erfahren wünſche. Es liegt ja auch in Deinem Intereſſe zu ſchweigen, denn die Rolle, die Du in dieſer Sache geſpielt haſt, iſt eine ſehr Zweideutige.“ Otto verabſchiedete ſich nach dieſen Worten, er hatte keine Luſt, ſich länger, als eben nöthig, mit ſeinem Bruder zu unter⸗ halten. — 716— Heinrich bebte vor Wuth. Konnte er denn keinen Schritt thun, ohne daß dieſer Spion ihn erfuhr? Maria hatte Recht, wenn ſie ſagte, daß man vor dieſem Manne auf ſeiner Hut ſein müſſe, das erfuhr Heinrich jetzt abermals. Fünfundneunzigſtes Kapitel. Auf mühſamen Wegen. Der lange Chriſtian und der Rechtsconſulent Wimmer hatten, ohne vor der Schwierigkeit ihrer Aufgabe zurückzuſchrecken, alles Mögliche aufgeboten, um ihren Zweck zu erreichen. Sie hatten ſich mit der Behörde in Verbindung geſetzt und einen ſehr geſchickten Polizeiagenten engagirt. Aber alle ihre Bemühungen blieben fruchtlos, die Wärter, welche damals in Merville's Dienſten geſtanden hatten und bei der Durchſuchung der Anſtalt verhaftet worden waren, gaben ſich entweder den Anſchein, nichts zu wiſſen, oder ſie wußten in der That nichts. Die Beiden hatten ſehr oft Grobheiten geerntet, wenn ſie, durchdrungen von der Ueberzeugung, daß dieſer oder jener Wärter ihnen die gewünſchte Auskunft geben könne, den Betreffenden energiſch zu Leibe rückten und dieſe Grobheiten waren natürlich keineswegs geeignet geweſen, ſie zu ermuthigen. Darüber waren Wochen, Monate verſtrichen, der lange Chriſtian hatte die Geduld verloren und auch Wimmer hielt es für rathſam, die Sache fallen zu laſſen, die ohnehin ſchon genug Koſten ver⸗ urſacht hatte. Nun aber harrten die Beiden ſchon ſeit mehreren Tagen auf eine Geldſendung aus Breslau, um ihre Schulden im Gaſthofe tilgen und die Rückreiſe antreten zu können. Dieſe Sendung blieb aus, es ſchien faſt, als ob der Advokat in Breslau den Muth verloren habe, noch einen einzigen Groſchen an die Sache zu wenden. Der lange Chriſtian wüthete, er ſehnte ſich heim nach Schleſien, der Rechtsconſulent Wimmer behauptete eine phlegmatiſche Ruhe. Wimmer hatte für ſich einen Nothpfennig zurückgelegt, ohne ſeinem Begleiter ein Wort davon zu ſagen, er war ſo ſchlau it — 717— geweſen, den möglichen Fall, daß ſein Kollege ihn im Stich laſſen könne, in's Auge zu faſſen und ſich auf denſelben vorzubereiten. Chriſtian Scherenberg hatte davon ebenſowenig eine Ahnung, als von dem Vorhaben ſeines Begleiters, der entſchloſſen war, die Heimreiſe allein anzutreten und den Bettler von Breslau ſeinem Schickſale zu überlaſſen. Am Abend des Tages, an welchem Wimmer dieſen Entſchluß faßte, ſaßen die Beiden noch einmüthiglich in ihrem Zimmer bei⸗ ſammen. 4 „Da bleibt uns nichts anderes übrig, als bei Nacht und Nebel uns aus dem Staube zu machen,“ meinte Scherenberg, nachdem er ſeinem Groll gegen den Advokaten in Breslau in derben Worten Luft gemacht hatte.„Wir können hier nicht bis an unſer Lebensende warten, morgen oder übermorgen wird der Wirth uns die Rechnung vorlegen, und dann—“ „Dann iſt es noch immer Zeit, durchzubrennen,“ erwiderte Wimmer gelaſſen,„man muß den Muth nicht verlieren!“ „Ihr hofft alſo noch immer auf die Geldſendung?“ „Gewiß!“ „Na ja, eine Krähe hackt der andern kein Auge aus, aber ehe ich mich noch einmal mit einem Advokaten einlaſſe—“ „Geberdet Euch doch nicht ſo unvernünftig! Die Advokaten haben ihr gutes Geld an Eure faule Sache gelegt, ſie allein haben den Schaden davon.“ „Sie mußten vorausſehen, daß es eine faule Sache war,“ grollte der lange Chriſtian, der in fieberhafter Erregung auf⸗ und abwanderte,„dafür ſind ſie Advokaten und Rechtsverdreher. Hol’ mich der Geier, wenn ich je noch einmal nach Breslau zurück⸗ komme, werde ich dieſem Manne Grobheiten ſagen, an die er Zeitlebens denken ſoll!“ Der Rechtsconſulent zuckte gleichmüthig die Achſeln. „Das könnte für Euch höchſtens die Folge haben, daß mein Kollege Euch hinaus werfen ließe,“ ſagte er,„ärgern würde er ſich über Eure Grobheiten nicht. Geht zu Bett und verſchlaft den Aerger, morgen wird das Geld ſchon ankommen.“ „Ihr wollt noch ausgehen?“ fragte Scherenberg erſtaunt, als er bemerkte, daß Wimmer ſich der Thüre näherte. „Ja, ich meine noch immer, ich müſſe etwas entdecken, einen Haltpunkt, der—“ „Bah— auf der Straße und bei Nacht findet Ihr ihn wahrlich nicht.“ „Wer weiß! Ich will einen kleinen Spaziergang machen, es iſt ja möglich, daß ſich zufällig eine Gelegenheit bietet, etwas zu verdienen, und wir können's gut gebrauchen.“ — 718— Scherenberg ſchüttelte den Kopf, aber er war weit entfernt, auch nur das leiſeſte Mißtrauen zu hegen. Er blieb eine geraume Weile am Fenſter ſtehen und traf dann Anſtalten, ſich zur Ruhe zu begeben. Er begriff die Ruhe ſeines Gefährten nicht, es war ihm unmöglich, ruhig zu bleiben, wenn er an die muthmaßlichen Ereigniſſe der kommenden Tage dachte, denn daß die erwartete Geldſendung nicht eintreffen werde, unterlag für ihn keinem Zweifel mehr, nachdem man ſo lange vergeblich auf ſie gewartet hatte. Was aber dann, wenn der Wirth ſie vor die Thüre ſetzte? Arbeiten konnte der lange Chriſtian nicht und Betteln hatte er nicht gelernt. Wenn er nur irgend etwas von Werth beſeſſen hätte, er würde es gern verkauft haben, um die Mittel zur Rückreiſe zu erhalten, aber außer den Kleidungsſtücken, die er auf dem Leibe trug, beſaß er nichts, als ſeinen Rock und der war keinen Schilling werth. Der lange Chriſtian ſtand im Begriff, das Licht zu löſchen, als plötzlich ungeſtüm angepocht wurde. Dieſes Pochen wiederholte ſich, noch ehe der lange Chriſtian Zeit gefunden hatte, zu fragen, wer ſo ſpät noch Einlaß begehre. „Oeffnet,“ befahl eine rauhe Stimme, deren Ton keiuneswegs freundlich klang,„ich habe nothwendig mit Euch zu reden.“ „Wartet bis morgen,“ erwiderte Scherenberg, der ſofort die Stimme des Wirthes erkannt hatte,„ich bin bereits entkleidet.“ „So legt die Kleider wieder an,“ lautete die kurze Antwort. Der alte Mann zitterte vor Aufregung, er ahnte den Zweck dieſes Beſuchs. „Wenn nur Wimmer noch rechtzeitig zurückkehrte.“ Der Rechtsconſulent konnte beſſer mit dieſem Manne fertig werden, der Alle, denen Scherenberg in ſeinem vielbewegten Leben begegnet war, an Grobheit überbot. „Beeilt Euch,“ ließ die Stimme ſich wieder vernehmen,„ich habe nicht lange Zeit.“ „Dann wartet doch bis morgen,“ erwiderte Scherenberg,„ich finde es ohnehin ſonderbar, daß Ihr Eure Gäſte ſo ſpät noch beläſtigt.“ „Ihr ſeid mir ein herrlicher Burſche,“ höhnte der Wirth, „na, wartet nur.“ Dieſe letzten Worte ließen den langen Chriſtian erkennen, daß ſeine Befürchtungen ihn nicht täuſchten, verwirrt von Angſt öffnete er endlich die Thüre. „So,“ ſagte der Wirth eintretend,„hier iſt die Rechnung, jetzt zahlt.“. „He— glaubt Ihr denn, das laſſe ſich ſo raſch und glatt — 719— abmachen?“ fuhr Scherenberg, in ſeiner Verzweiflung ebenfalls zur Grobheit ſeine Zuflucht nehmend, auf.„Mein Freund iſt ausgegangen, wir müſſen doch zuvor die Rechnung durchſehen, es wäre ja möglich, daß ſich ein Irrthum darin befindet.“ „Thut nichts, lieber Mann,“ erwiderte der Wirth mit einer Ruhe, die nichts Gutes verhieß,„ich werde immer noch zufrieden ſein, wenn Ihr ſpäter reclamiren wollt. Zahlt nur den Betrag—“ „Aber eilt das denn ſo furchtbar?“ unterbrach der lange Chriſtian ihn.„Mein Freund führt die Kaſſe, da werdet Ihr jedenfalls warten müſſen, bis er zurückgekehrt iſt.“ Und glücklich, dieſen Ausweg gefunden zu haben, der ihm wenigſtens noch eine kurze Friſt verſchaffte, ließ der Bettler von Breslau ſich auf den Rand ſeines Bettes nieder. Der Wirth hatte die Rechnung auf den Tiſch gelegt, mit verſchränkten Armen ſtand er dem langen Chriſtian gegenüber, den er mit ſeinem glühenden, zornfunkelnden Blick vernichten zu wollen ſchien. „Ich hab' mir's gedacht,“ ſagte er mit eiſiger Kälte,„dieſelbe Ausrede, die Euer ſaubrer Freund gebraucht hat, erhalte ich auch von Euch ſtatt der Zahlung. So geht's, wenn man vagabundirendes Geſindel aufnimmt!“ Das war zuviel! Der lange Chriſtian beſaß doch auch ſein Ehrgefühl, zum Geſindel zählte er ſich noch lange nicht. „Was ſoll das heißen?“ fragte er zornig.„Wartet, bis mein Freund kommt und—“ d„Da könnte ich lange warten, der ſaubre Burſche iſt auf und avon.“ Beſtürzt blickte Scherenberg auf. „Das iſt nicht wahr,“ ſtotterte er verwirrt,„das kann nicht wahr ſein.“ „Ihr ſpielt Eure Rolle vortrefflich,“ fuhr der Wirth mit ſchneidendem Hohne fort,„aber Ihr wüßt ebenſo gut wie ich, daß dieſer Freund den Nachtzug benutzt hat, wahrſcheinlich, um ſich morgen einzuſchiffen. Gibt mich Wunder, daß Ihr's nicht Beide zugleich verſucht habt! Oder wußtet Ihr, daß ich meine Leute habe, um verdächtige Gäſte überwachen zu laſſen? Sie haben Euren Freund natürlich angehalten und vor der Abreiſe Zahlung verlangt, daß er nichts hatte, konnte man ihm anſehen und es wäre am Ende doch beſſer geweſen, wenn man ihn hierher zurück⸗ gebracht hätte, denn Ihr habt wahrſcheinlich gar nichts— he?“ „Nichts!“ erwiderte Scherenberg vernichtet,„ich erwarte mit jedem Tage Geld—“ „Natürlich, derartige Lumpen zerwarten immer Geld, wenn ſie gemahnt werden, beſſer geſagt, warten ſie nur anf eine Gelegenheit, — 720— um durchzukommen. Dieſe ſchuftigen Vagabunden gehen nur darauf aus, ehrliche Leute um ihr ſaures Verdienſt zu betrügen, und wenn es ihnen ſchließlich gelingt, ſich ohne Zahlung aus dem Staube zu machen, nehmen ſie auch noch mit, was nicht niet⸗ und nagelfeſt iſt.“ Chriſtian Scherenberg hatte ſich erhoben, kreidebleich mit zitternden Knieen ſtand er vor dem corpulenten Manne. Er dachte jetzt nicht mehr an die Rechnung, die er berichtigen ſollte, nicht an die Flucht ſeines Gefährten, der ihn ſo feige im Stich gelaſſen hatte, er dachte nur noch an den Schimpf, der ihm widerfahren war. Seine Hand umklammerte den maſſiven, meſſingnen Leuchter, der auf dem Tiſche ſtand. „Mein Herr, ich bin ein ehrlicher Mann,“ ſagte er, mühſam an ſich haltend,„wenn ich das Geld hätte, würde ich augen⸗ blicklich—“ „Ja, wenn Ihr es hättet!“ höhnte der Wirth.„Zur Reiſe habt Ihr's ſo gut wie Euer Kamerad auch, wer mit der Zeche durchbrennen kann, der nimmt auch gerne einen ſilbernen Löffel mit, ohne Gewiſſensbiſſe zu empfinden. Zu der Sorte gehört Ihr auch, ich taxire meine Burſchen—“ Weiter kam er nicht, der maſſive Leuchter flog ihm an den Kopf, daß er meinte, eine ſchwere Keule habe ſeinen Schädel getroffen. Das Licht war erloſchen, der Wirth brüllte, wie ein ſchlecht getroffener Ochſe, und der lange Chriſtian machte keinen Verſuch, dieſe vielleicht günſtige Gelegenheit zur Flucht zu benutzen. Starr vor Schrecken über die Folgen ſeiner übereilten Hand⸗ lung, zu der er ſich durch ſeinen Zorn hatte hinreißen laſſen, ſtand er an dem Tiſche, den Blick ſtier auf die Thüre gerichtet, durch welche ſchon nach wenigen Minuten das geſammte Dienſt⸗ erſouol, mit allen erdenklichen Geräthſchaften bewaffnet, ein⸗ ang. Der Wirth blutete aus einer tiefen Wunde, einige ſeiner Leute eilten hinaus, um die Conſtabler zu holen. Eine Viertelſtunde ſpäter war der lange Chriſtian verhaſtet. Vergeblich hatte er in ſeiner gebrochenen engliſchen Sprache dem Beamten die Sachlage begreiflich zu machen verſucht, umſonſt ſich darauf berufen, daß er gereizt worden ſei, er mußte in's Gefängniß wandern, und es war keine Ausſicht für ihn vorhanden, daß der Richter ihm die Strafe erlaſſen würde. Ja, es war ſogar die Möglichkeit vorhanden, daß man die Klage auf beabſichtigten Mord gegen ihn erhob und er beſaß nicht die Mittel, ſich einen Vertheidiger zu ſtellen. — 721— Aber der lange Chriſtian ſollte erfahren, daß das, was er für ein Unglück hielt, zu ſeinem Glücke ausſchlug. Die engliſche Juſtiz iſt ſehr raſch; ſchon am nächſten Morgen wurde Chriſtian Scherenberg dem Richter vorgeführt. Der Fall war klar, Scherenberg leugnete nicht, er führte nur die impertinente Grobheit des Wirths als Entſchuldigungsgrund für ſein Vergehen an. Freilich wmar dieſer Grund kein ſehr triftiger, denn der Wirth war in ſeinem vollen Rechte dem zahlungsunfähigen Gaſte gegen⸗ über geweſen, aber der Richter ließ ihn dennoch gelten, und der lange Chriſtian mußte ſich Glück wünſchen, daß er mit einer ſechs⸗ wöchentlichen Haft davon kam. Die Haft war allerdings bitter, aber als denkender Philoſoph ſah der lange Chriſtian ein, daß er für die Dauer dieſer Haft allen Nahrungsſorgen überhoben blieb, urd dieſer Troſt ſöhnte ihn mit der Entziehung der Freiheit aus. Zudem war die Haft eine ſehr gelinde, der Gefangene durfte mehrere Stunden des Tages im Hofraume ſich ergehen, es war ihm ſogar geſtattet, mit anderen Gefangenen in Umgang zu treten. Unter ſeinen Leidensgefährten befand ſich ein noch junger Mann, der ſein Intereſſe erregte. Es war ein ſtiller, beſcheidener Menſch, ein Deutſcher, der mit Geduld ſeine Strafe verbüßte, bei der Arbeit ſtets willig und fleißig war und niemals ein rohes Wort oder gar einen Fluch ausſtieß. Scherenberg benutzte die erſte Gelegenheit, die ſich ihm bot, um dieſen Mann anzureden; durch die Aufſeher hatte er bereits erfahren, daß derſelbe zu einer halbjährigen Gefängnißſtrafe ver⸗ urtheilt war. Der Gefangene war ſichtbar erfreut, als der deutſche Leidens⸗ gefährte ihn anredete, ſeine Augen leuchteten, die Lippen zitterten, er hatte vielleicht ſchon lange nicht mehr ſeine Mutterſprache gehört. Die Beiden waren raſch miteinander vertraut, Scherenberg berichtete dem jungen Manne die Urſache ſeiner Beſtrafung und bat ihn um daſſekbe Vertrauen. Der Gefangene ſchüttelte mißmuthig das blonde Haupt. „Ich bin hier für einen Andern,“ ſagte er, und eine finſtere Wolke glitt üver ſein Geſicht,„hätte ich nicht den Troſt, daß ich unſchuldig leide, ſo—— akber Sie denken vielleicht, das ſei die alte Redensart, mit der die Verurtheilten faſt alle den Makel von ihrer Ehre zu tilgen ſuchen.“ „Weshalb ſoll ich das vermuthen?“ erwiderte der lange Chriſtian ruhig.„Ich finde noch keinen Grund zum Mißtrauen gegen Sie.“ Fünfmalhunderttauſend Thaler. 46 72² „Und Sie werden auch keinen finden, wenn ich Ihnen die Urſachen meiner Verurtheilung berichte.““ „Ich bitte darum.“ „Mein Name iſt Paul Müller, meine Eltern wohnen in Thüringen. Ich kam vor einem Jahre nach London, um etwas Tüchtiges zu lernen, ich dachte mir, in einer ſo großen Stadt müſſe es leicht ſein, ein Unterkommen zu finden, zumal, wenn man rüſtige Hände und einen guten Willen mitbringt. Na, ich wurde enttäuſcht, der erſte Meiſter, bei dem ich arbeitete, benutzte mich ſo lange, bis ich fühlte, daß ich es auf die Dauer nicht ertragen konnte, ich verließ ihn und ſuchte einen Andern. Aber damit hatte es gute Wege, Niemand wollte mich beſchäftigen, die Arbeit lag ziemlich ſtill, die Meiſter waren zu ängſtlich, neue Arbeiter anzunehmen. Ich hatte kein Geld mehr, heimreiſen konnte ich auch nicht, alſo war ich genöthigt, mich nach einer andern Beſchäftigung umzuſehen, die mir wenigſtens das Leben friſtete. Da las ich eines Tages eine Annonce, in welcher der Beſitzer einer Irrenanſtalt einen tüchtigen Gehülfen ſuchte, der neben der engliſchen auch die deutſche Sprache verſtehe.“ „Wie hieß der Mann?“ fragte Scherenberg raſch. „Merville.“ „Ah „Kennen Sie ihn?“ „Nein—“ „Aber Sie haben von ihm gehört?“ „Ja „Dann werden Sie vielleicht wiſſen, daß er ein Erzſchurke war. Ich kannte ihn nicht, ich ging zu ihm und wurde unter Be⸗ dingungen engagirt, die mir ſehr vortheilhaft ſchienen.“ „Sie waren Wärter in ſeiner Anſtalt?“ unterbrach der lange Chriſtian ihn in fieberhafter Erregung. „Ja, ich hatte Koſt und Logis und außerdem einen Wochenlohn, mit dem ich unter den obwaltenden Umſtänden zufrieden ſein konnte. Mir lag hauptſächlich die Pflege der deutſchen Patienten ob.“ „Beſaß er deren mehrere?“ „Zwei, einer ſtarb kurz nachdem ich mein Amt übernommen hatte.“ „Hieß dieſer Patient Scherenberg?“ „Nein, der Andere hieß ſo. Intereſſirt es Sie.“ „Fahren Sie nur fort, ich werde Ihnen ſpäter ſagen, weshalb ich dieſe Frage an Sie richtete.“ Müller ſchüttelte den Kopf, er begriff offenbar nicht, weshalb der alte Mann ſich für den Patienten intereſſiren konnte. „Ich bemerkte bald, daß in der Anſtalt nicht Alles ſo war, die 1 in was Sbtadt venn ich dutzte richt Aber die neue nnte detn ſtete. ſitzer n der war. Be⸗ lange lohn, unte. 1 nmen ghalb ahalb war, wie es ſein ſollte,“ nahm er nach einer Pauſe wieder das Wort, „ich erlaubte mir, Herrn Merville Vorſchläge und Andeutungen zu machen und ſollte nun erfahren, daß dieſer Mann ein Schuft war. Er wies meine Vorſchläge zurück und erklärte mir, wenn es mir in ſeinem Hauſe nicht gefalle, ſo möge ich meinen Bündel ſchnüren, er dulde keine Leute um ſich, die Alles beſſer wiſſen wollten, wie er ſelbſt. Ich durchſchaute ihn, zudem waren mir auch Zweifel aufgeſtiegen, ob der Patient, den ich bewachte, wirklich irrſinnig ſei. Dieſer Patient wurde überhaupt ſehr ſchlecht behandelt, es ſchien mir faſt, als ob Merville beabſichtige, ihn verkommen und langſam hinſiechen zu laſſen.“ 8 „Dieſer Patient war Scherenberg?“ „Hatte er lichte Augenblicke?“ „Ich möchte einen Eid darauf ablegen, daß ſein Verſtand ſo wenig zerrüttet war, wie der meinige. Es war mir ſtreng ver⸗ boten, mich allein in die Zelle zu verfügen; mußte ich hinein, ſo begleitete mich ein anderer Wärter und ich bemerkte ſehr wohl, daß dieſer mich ſcharf bewachte. Indeß gelang es mir doch einmal, einen nnbewachten Augenblick zu finden, ich benutzte ihn, um den alten Mann anzureden. Ich wollte mir Gewißheit verſchaffen und erhielt ſie. Scherenberg war an Mervoille verkauft, ich weiß nicht, wer ihn beſeitigen wollte, genug, er hatte einen Feind und war von dieſem dem Beſitzer der Anſtalt überliefert worden.“ „Sagte er das ſelbſt?“ fragte Scherenberg mühſam ſeine Erregung bemeiſternd. „Natürlich, er hätte mir wahrſcheinlich noch mehr geſagt, wenn wir nicht überraſcht worden wären. Aber eins flüſterte er mir zu, ehe ich von meinem Collegen gezwungen wurde, die Zelle zu verlaſſen.“ „Und was war das?“ „Wenn er todt ſei, möge ich unter den Dielen ſeiner Zelle die Beweiſe ſuchen.“ „Ah— und Sie thaten es?“ „Hören Sie weiter. Eine Stunde ſpäter ließ Merville mich rufen, ich ahnte, daß mein College ihm meine Ueberſchreitung ſeiner Gebote hinterbracht hatte. So war es auch. Merville machte mir Vorwürfe, drohte mit ſofortiger Entlaſſung und ging, nachdem er dies Kapitel beendet hatte, dazu über, mich auszuhorchen. Da kam er aber an den Rechten. Ich war feſt entſchloſſen, mich in der Anſtalt zu behaupten, Beweiſe gegen Merville zu ſuchen und der Behörde die nöthigen Mittheilungen zu machen, ſobald ich genügende Beweiſe beſaß. Alſo mußte ich mich zuſammen nehmen. Es gelang mir auch, Merville zu beruhigen, ich erwiderte 46* — 724— ihm, Scherenberg habe nur den Wunſch geäußert, kräftigere Speiſen zu erhalten, das ſei Alles, mit einem Irren mich zu unterhalten, ſei meine Paſſion nicht. Er ſah mich ſcharf an, und da ich ſeinen Blick aushielt, glaubte er mir— aber ich plauderte da in den Tag hinein und—“ „Ich bitte Sie, fahren Sie fort,“ unterbrach Scherenberg ihn. „Wenn ich Ihnen ſage, daß ich Scherenberg heiße, daß jener Patient mein Vetter war und daß ich nur deshalb nach London kam, um das zu erforſchen, was Sie mir jetzt mittheilen, ſo werden Sie das Intereſſe, welches Ihre Mittheilungen mir ein⸗ flößen, begreiflich finden.“ Betroffen blickte Müller den alten Mann an. „Wäre es möglich!“ ſagte er.„Ja, ja, Sie haben einige Aehnlichkeit mit ihm, das fiel mir ſofort auf. Aber was nutzt es ihm und Ihnen, daß Sie dieſe Einzelheiten erfahren? Er iſt todt und Merville verſchollen. Wären Sie früher gekommen!“ „Würde es mir gelungen ſein, ihn zu retten? Ich glaube es nicht, nach dem zu urtheilen, was ich über die Anſtalt und die Perſon Merville's vernommen habe.“ „Sie mögen Recht haben, Merville war ein durchtriebener Schurke, den Niemand ſo leicht überliſten konnte. Es waren in ſeinem Hauſe ſogar Vorkehrungen getroffen, für den Fall die Behörde die Anſtalt revidiren wollte. Alſo, ich blieb, Merville ſchien mir Vertrauen zu ſchenken, ja er hielt mich deſſelben ſo würdig, daß er mir erlaubte, einen Blick hinter den Schleier zu werfen. Er ſagte mir ohne Hehl, es ſeien Patienten in ſeinem Hauſe, die er ihrer Familie wegen nicht entlaſſen dürfe, obſchon ſie vollſtändig hergeſtellt ſeien, von Seiten der Familie werde das Verſchwinden dieſer Leute gewünſcht, er ſelbſt könne das nicht ändern, denn er ſei durch einen Kontrakt verpflichtet, die Patienten bis zu ihrem Ableben zu verpflegen. Meroille ſtellte mir ſogar den Antrag, ganz und für immer in ſeinen Dienſt zu treten. Seine Verſprechungen waren verlockend, ich ging auf das Anerbieten ein, nur, um den Schurken ganz ſicher zu machen. Im Laufe der nächſten Tage wurde ich in Manches eingeweiht, was ich noch nicht kannte, ich entdeckte, daß faſt alle Patienten langſam und ſyſtematiſch durch verſchiedene Mittel zu Tode gemartert wurden, der eine durch Hunger, der andere durch Mißhandlungen, der dritte durch ein langſam wirkendes Gift und ſo weiter. Aber ſobald ich in dieſe Geheimniſſe eingeweiht war, hatte es auch mit meiner Freiheit ein Ende. Ich wurde ſcharf beobachtet, ich durfte die Anſtalt nicht mehr verlaſſen, jeder Verkehr mit der Außenwelt wurde mir abgeſchnitten, ich war ein Gefangener und ich ahnte, daß das Loos der unglücklichen Opfer Merville's mir zu Theil peiſen alten, einen den ihn. jener ondon n, ſo ein⸗ inige nutzt tr iſt l he es d die bener en in 1 die rville n ſo er zu nem ſſchon e das nicht enten ſogar reten. zieten ſe der noch und erden, der Aber ˖mit urfte uwelt ainte, Theil — 725— ward, wenn ich über einem Verrath mich ertappen ließ. Selbſt einige unſchuldige Briefe, die ich an meine Eltern geſchrieben hatte, gelangteu nicht an ihre Adreſſe, ſie waren durch den Portier meinem Herrn übergeben und unterſchlagen worden. Ich war entſchloſſen, die Flucht zu verſuchen, Beweiſe hatte ich nun genug, ich konnte meine Anklage gegen Merville begründen. Schon waren alle Vorbereitungen getroffen, als plötzlich die Polizei eindrang und Hausſuchung hielt. Merville war überliſtet worden, er hatte die Flucht ergriffen ſammt ſeiner Haushälterin. Die Wärter wurden ſämmtlich verhaftet, auch ich befand mich unter den Ge⸗ fangenen. Scherenberg war am Tage vorher geſtorben, die Leichen⸗ jury ſtellte den Mord durch Gift feſt. Im Verhör ſagte ich Alles, was mir bekannt war, meine Kollegen dagegen leugneten, ſie wollten von den Verbrechen Merville's keine Ahnung gehabt haben. Sie beharrten hartnäckig bei dieſer Ausſage, die ſie früher verabredet haben mußten, denn obwohl ſie einzeln vernommen wurden, ſagten ſie Alle einmüthig daſſelbe aus. Was war die Folge? Sie wurden in Freiheit geſetzt, weil man ihnen die Mitſchuld nicht beweiſen konnte, mich verurtheilten die Richter zu einer Gefängnißſtrafe von einem halben Jahre, weil ich wiſſentlich den Verbrecher unterſtützt hatte.“ Der lange Chriſtian ſah lange ſchweigend vor ſich hin. Das düſtere Gemälde, welches vor ſeinen Augen entrollt worden war, hatte ihn erſchüttert. „Das war nach meiner Anſicht ein ungerechtes Urtheil,“ ſagte er nach einer Weile,„aber der Buchſtaben des Geſetzes ſpricht oft dem geſunden Menſchenverſtande Hohn. Sind Sie bereit, dieſe Mittheilungen Jedem zu widerholen?“ „Weshalb nicht?“ „Wollen Sie mir beiſtehen, den Mord meines Vetters zu rächen?“ „An wem?“ „An dem, der ihn jenem Schickſal überliefert hat.“ „Gewiß, wenn Sie die betreffende Perſon kennen— „Ich kenne ſie. Aber wir müßten zuvor uns die Beweiſe zu verſchaffen ſuchen, von denen mein Vetter geſprochen hat.“ „Wann ſchlägt für Sie die Stunde der Freiheit?“ fragte Müller. „Nach ſechs Wochen, von ihnen ſind bereits vier Tage ver⸗ ſtrichen.“ „So warten Sie, bis ich ebenfalls wieder in Freiheit bin, Ende April werde ich entlaſſen. Wir werden dann Schritte zur Erlangung jener Beweiſe thun.“ „Glauben Sie, daß ſie noch immer unter den Dielen der Zelle liegen?“ 4* —— — — 726— „Wer ſollte ſie dort geſucht und gefunden haben? Wenn das Haus keiner großartigen Reparatur unterworfen worden iſt, was ich nicht glaube, ſo werden wir die Beweiſe finden.“ Der lange Chriſtian war jetzt mit ſeinem Unglück ausgeſöhnt, er dankte im Stillen der Vorſehung, die ihn an das Ziel geführt hatte, wenn auch auf mühſamen und wunderlichen Wegen. Noch an demſelben Tage ſchrieb er an den Advokat in Breslau. Er theilte ihm mit, daß er Beweiſe gefunden habe und daß er Anfangs Mai London zu verlaſſen gedenke, bis dahin erwarte er Geld zur Beſtreitung der Reiſekoſten für ſich und einen ſehr wichtigen Zeugen. Dem Rechtsconſulenten in Köln ſchrieb er nicht, er wollte mit dieſem treuloſen, ſelbſtſüchtigen Manne nichts mehr gemein haben, trotzdem er zugeben mußte, daß er ohne die Flucht deſſelben ſein Ziel nicht erreicht haben würde. Er unterhielt ſich jetzt oft mit Müller, der ihm über die Anſtalt Merville's noch manche Entſetzen erregende Mittheilung machte. Sechsundneunzigſtes Kapitel. Ein gefährlicher Uebenbuhler. Während in London ſich der Sturm gegen Heinrich Schenk vorbereitete, zogen ſich auch in Paris Wolken zuſammen, aus deren Schooße ihn einſt der Blitz vernichtend treffen ſollte. Bertha machte in Paris ein großes Haus, ſie verkehrte mit den höchſten Ständen und dieſen Ständen waren auch ihre Salons geöffnet. Die junge, ſchöne, üppige Frau war bald umſchwärmt von alten und jungen Herren und ſie nahm die Huldigungen derſelben als einen Tribut hin, den man ihrer Schönheit ſchuldete. Sie vergab ihrer Ehre, ihrem guten Rufe nichts, nicht einer von allen Denen, die ihren Triumphwagen zogen, konnte ſich der kleinſten Gunſtbezeugung rühmen. Ein freundliches Lächeln, einen ermunternden Blick und liebens⸗ würdige Worte hatte ſie für Jeden, dabei blieb es, jeder Verſuch, zu einer vertrauten Annäherung wurde entſchieden zurückgewieſen. das was ühnt, fühn t in daß varte ſehr mit ben, ſein die llung — 7272— Sie war auch jetzt noch die ſtolze, marmorkalte Schönheit, die ſie vordem geweſen war, eine Schönheit, die man bewundern, aber nicht berauſchend finden konnte. Unter den Bewerbern um ihre Gunſt befand ſich ein Chevalier Henri de Chateaurouge, ein bildſchöner, geiſtreicher Mann, der überall willkommen, die Zierde des Salons bildete. Dieſer Chevalier war in allen Künſten bewandert, er ritt und tanzte vortrefflich, er focht vorzüglich und ſeine Kenntniſſe in Muſik und Malerei beſchämten manchen Künſtler, der auf ſeine eigenen Kenntniſſe pochend, ſich mit ihm in einen Disput einließ. Er verſtand es ausgezeichnet, eine Geſellſchaft zu unterhalten, Spiele zu arrangiren und kleine Kunſtſtücke à la Bosco zu machen. Auch in der Pflanzenkunde war er bewandert, er kannte die Bereitung aller heilſamen Dekokte und aller Gifte, man wollte ſogar behaupten, er ſei eingeweiht in die Geheimniſſe der berühmten Giftmiſcherin Brinvilliers, die ein Jahrhundert früher hingerichtet worden war. Kurz der Chevalier war nicht nur ein ſehr ſchöner und ſehr liebenswürdiger, ſondern auch ein kenntnißreicher Mann, einer jener Herren, die dem ſchönen Geſchlecht ſo leicht gefährlich werden. Dieſer Herr hatte niemals den Verſuch zu einer vertraulichen Annäherung gemacht, aber einem ſcharfen, aufmerkſamen Beobachter wäre es nicht entgangeu, daß er nichtsdeſtoweniger die Abſicht hegte, dieſe Annäherung allmählich herbeizuführen. Für dieſen Beobachter würde mancher verſtohlene Blick, man⸗ cher halbunterdrückter Seufzer, manches Lächeln und manches an⸗ ſcheinend leicht hingeworfene Wort eine Bedeutung gehabt haben, die der Unbefangene nicht ahnte. Aber trotz alledem ſchien der Chevalier ſeinen Zweck nicht er⸗ reichen zu ſollen. Auch ihm gegenüber blieb Bertha kalt und zurückhaltend, eine Marmorſtatue, an der Alles abglitt, ohne einen Eindruck zu hinterlaſſen. Demungeachtet fehlte der Chevalier nie in den Salons dieſer ſpröden Schönheit, er blieb derſelbe, liebenswürdige, lebhafte, auf⸗ merkſame Geſellſchafter und manchmal ſchien es, als ob er nur komme, um ſich in ſeinem eignen Strahlenglanze zu ſonnen. Es war kurz nach Faſtnacht, als Bertha in ihren Salons eine kleine Soiree veranſtaltete, zu der ſie ihre Freunde und alle Fa⸗ milien, mit denen ſie verkehrt hatte, einlud. Da der Faſtenzeit wegen weder muſicirt noch getanzt werden durfte, ſo hatte Bertha einen ihrer Räume in eine Orangerie umwandeln laſſen. Dieſer kleine Wintergarten war in der That reizend. Die — 728— blühenden Orangenbäume mit ihrem herrlichen, berauſchenden Duft, die breitblättrigen exotiſchen Stauden und Gewächſe mit ihrer Farbenpracht, die Palmen, deren breite gezackte Blätter auf die Orangenblüthen ſich hinunterſenkten und die buſchigen Schilfpflanzen, die aus den Farrengruppen emporragten, alle dieſe Pflanzen in ihrer ſinnigen Zuſammenſtellung und im Verein mit dem Duft, der die Luft ſchwängerte, machten den Eindruck, als ob man plötz⸗ lich in die Tropenzone verſetzt ſei. Das Licht fiel durch mattgeſchliffene Kryſtallkugeln gedämpft von oben auf die Kronen der Bäume, ſo daß jenes trauliche Halb⸗ dunkel herrſchte, in welchem man ſo gerne ſitzt um zu träumen von vergangenen Dingen oder um Luftſchlöſſer zu bauen für die Zukuuft. Da war mancher verſteckte Sitz, manche improviſirte Laube, wo man ungeſtört und ungeſehen vertraulich miteinander flüſtern konnte. „Sehr ſchön und ſehr geſchmackooll,“ ſagte der Chevalier, als er an der Seite Bertha's langſam unter den Blüthenzweigen ein⸗ herwandelte,„aber Eins fehlt, ſchöne Frau, und dieſes Eine würde die köſtlichſte Blüthe in dieſem Garten ſein.“ Ueberraſcht blickte Bertha den Redenden an, ſie bemerkte den bittern Zug nicht, der plötzlich ſtatt des bisherigen Lächelus ſeine Mundwinkel umſpielte. „Und dieſes Eine?“ fragte ſie. „Iſt die Liebe, Madame,“ erwiderte der Chevalier mit unge⸗ wöhnlichem Ernſt. Betroffen blieb Bertha ſtehen, ihr Blick ruhte auf einer prachtvollen Roſe, die kaum aufgeblüht war. „Wo die Liebe fehlt, da fehlt der Zauber der Poeſie und ohne Poeſie iſt das Leben nichts, als eine Wanderung durch eine troſt⸗ loſe Oede,“ fuhr der Chevalier fort.„Würden dieſe Blumen uns entzücken, wenn nicht ein geheimer Zauber der Poeſie ſie umwehte? Nehmen Sie dem Auge die Leidenſchaft, die den Blick belebt und Sie erſchrecken vor ſeiner Starrheit.“ „Das Thema iſt mir zu hoch,“ erwiderte Bertha, indem ſie, wohl um ihre Verwirrung zu verbergen, ihren Fächer ſo auf⸗ merkſam betrachtete, als ob ſie ihn heute erſt erhalten habe. „Wenn Sie in der That die Anſicht hegen, daß das Leben ohne Liebe eine troſtloſe Wanderung ſei, ſo beklagen Sie mich, denn ich habe ihren Zauber nie kennen gelernt.“— „Sie ſcherzen, ſchöne Frau!“ „Nein, nein—“ „Nun wohl, ſo haben Sie nie Liebe geſucht, denn ich wüßte nicht, was Ihnen verbieten könnte, ſie zu finden, wenn Sie nur—“ — 729— „Laſſen Sie uns dieſes Thema nicht weiter verfolgen,“ fiel Bertha ihm in's Wort, und es lag ſo viel Leichtfertigkeit und kalte Gleichgültigkeit in dem Tone, in welchem ſie das ſagte, daß es dem Chevalier war, als ob eine eiſige Hand ſich plötzlich auf ſein glühendes Herz gelegt habe.„Ich bin ohnedies heute nicht aufgelegt, mich mit ernſten Dingen zu beſchäftigen, laſſen Sie uns ſcherzen und lachen, wer weiß, wie bald das ſchöne Karten⸗ haus zuſammenſtürzt und uns unter ſeinen Trümmern begräbt.“ Der Chevalier blickte befremdet die ſchöne Frau an, es ver⸗ ſteckte ſich ein bitterer Ernſt hinter dieſen anſcheinend leichtfertig hingeworfenen Worten, er las es in ihren dunklen Augen; in ihren Zügen, über die ein Schleier gebreitet lag, den das er⸗ zwungene Lächeln nicht beſeitigen konnte. „Sie haben Kummer gehabt, Madame?“ ſagte er.„Was könnte den reinen Sonnenſchein Ihres Glückes trüben?“ In den dunklen Augen Bertha's blitzte es auf. „Kummer?“ erwiderte ſie.„Reden wir nicht davon, Chevalier. Ich werde vielleicht morgen in meine Heimath zurückreiſen,“ fuhr ſie gleichgültig fort,„das Feſt, welches ich heute gebe, iſt ein Abſchiedsfeſt. Sprechen Sie nicht davon, ich liebe das Fragen, Bedauern und Abſchiednehmen nicht.“ Ueberraſcht, beſtürzt trat der Chevalier näher. „Und das ſagen Sie ſo ruhig, ſo kalt?“ flüſterte er.„Laſſen Sie denn gar keine Erinnerung hier zurück, die Ihnen angenehm iſt, von der zu trennen Ihnen ſchwer fällt?“ Groß und voll ruhte der Blick Bertha's auf dem Fragenden. Sie mußte in ſeinen Augen leſen, welches Intereſſe für ihn ſich an dieſe Frage knüpfte, ſie mußte aus dieſer Frage ſelbſt erkennen, daß der Chevalier ſie liebte. „Ich werde vielleicht zurückkehren, ſagte ſie nach einer Pauſe. „Vielleicht! Ah— in dieſem Worte liegt für mich der Be⸗ weis, daß Nichts Sie hierher zurückziehen wird, daß Sie kalt und gleichmüthig von hier ſcheiden.“ „Chevalier, Sie ſind ungerecht,“ fuhr Bertha erregt fort. „Glauben Sie mir, daß es nicht in meinem Willen liegt, wenn ich nicht zurückkehren werde.“ „Wer kann Sie zwingen, ſich dem tyranniſchen Befehl eines herzloſen Gatten zu unterwerfen 20 „Niemand, aber Verhältniſſe, die ich Ihnen verſchweigen bchte, weil ſie nur mich allein betreffen—“ „Nur Sie allein? Und Sie glauben, daß kein Anderer ſich dafür intereſſiren könne? Womit habe ich dieſen Mangel an Ver⸗ trauen verdient?“ — 730— „Laſſen Sie uns in den Saal zurückgehen,“ ſagte Bertha ausweichend,„man könnte aufmerkſam auf uns werden.“ „Das iſt die einzige Antwort, die Sie für mich haben?“ fragte der Chevalier gekränkt. Bertha brach die Roſe ab und überreichte ſie dem Fragenden. „Nein,“ erwiderte ſie,„für heute möge dieſe Blume Ihnen die Antwort geben, morgen früh bin ich bereit, Ihnen zu be⸗ weiſen, daß Sie mein Vertrauen beſitzen.“ Ehe der Chevalier ſich von ſeiner freudigen Ueberraſchung er⸗ holt hatte, war Bertha verſchwunden. Auch er kehrte nach einer Weile in den Saal zurück, der Blick, der bei ſeinem Eintritt aus ihren ſchönen Augen ihn traf, ſagte ihm, daß das Geheimniß, welches nun zwiſchen ihnen beſtand, ein feſſelndes Band um ihre Seele geſchlungen hatte. Am nächſten Tage fand der Chevalier ſich ein. Er fand Bertha in ihrem Boudoir beſchäftigt, die Vorberei⸗ tungen zur Abreiſe zu treffen. „So iſt es alſo doch Wahrheit,“ ſagte er,„Sie wollen wirklich abreiſen?“— „Ich muß, Chevalier,“ erwiderte die junge Frau mit einem trüben Lächeln. „Sie müſſen?“ „Ja. Chevalier, Sie ſind der Einzige, den ich meines Ver⸗ trauens würdig halte, wohl, ich will Ihnen beweiſen, daß Sie es genießen, leſen Sie dieſe Zeilen, die mein Gatte mir geſtern ge⸗ ſandt hat und dann verdammen Sie mich.“ Mit wachſender Beſtürzung hatte der Chevalier das Billet entfaltet, lange ruhte ſein Blick auf den wenigen Zeilen, die es enthielt. „Wie kalt und nüchtern!“ ſagte er, und ſeine Augenbraunen zogen ſich drohend zuſammen.„Ich würde dieſem Befehl nicht Folge leiſten!“ „Aber mein Gott, Sie leſen doch, daß es ſich um den Verluſt meines Vermögens handelt,“ warf Bertha ungeduldig ein.„Meine perſönliche Anweſenheit iſt dringend geboten, um aus dem Schiff⸗ bruch zu retten, was noch gerettet werden kann.“ „So ſchreibt er, es ſind ſeine Worte. Wiſſen Sie, ob es Wahrheit iſt? Ah— dieſe Ehemänner benutzen jedes Mittel, ſie greifen zur Lüge, wenn—“ „Sie glauben, daß es nur ein Vorwand ſei, um mich zur Rückkehr zu bewegen?“ „Ja, ich glaube es,“ fuhr der Chevalier mit überzeugender Sicherheit fort.„Dieſer Mann liebt Sie nicht, Sie haben ihm die Verwaltung Ihres Vermögens übertragen, er als erfahrener — 731— Kaufmann würde nicht warten, bis der Schiffbruch nahe iſt, er würde rechtzeitig—“ „Ich habe daran auch ſchon gedacht,“ fiel Bertha ihm raſch in's Wort,„aber welchen Zweck könnte er mit dieſer Machination verbinden? Ihm iſt es gleichgültig, wo ich weile, nicht ſein, mein Vermögen iſt es, was mir die Mittel gibt.“— „Halt, das iſt der Punkt, den wir feſthalten müſſen,“ ſagte der Chevalier.„Ihr Gatte iſt ein Egoiſt, ein ſelbſtſüchtiger Menſch, der nur Ihres Vermögens wegen damals um Ihre Hand geworben hat.“ „Woher wiſſen Sie es?“ „Entſchuldigen Sie, daß ich mir erlaubte, in Ihrer Heimath Erkundigungen über ihn einzuziehen, ich habe eine Charakteriſtik über ihn erhalten, die mich befähigt, dieſen Mann nach ſeinem Werthe zu taxiren. Er iſt Börſenſpeculant und ich verſichere Sie, daß mir von dieſer Sorte noch Keiner begegnet iſt, der nicht ein herzloſer Egoiſt geweſen wäre. Nun wohl, wenn Ihr Gemahl nur Ihre Mitgift im Auge hatte, wie ſehr mußte das Teſtament Ihres verſtorbenen Vaters ihn enttäuſchen!“ „Auch das wiſſen Sie?“ „Sie hören es, verzeihen Sie, daß ich ſo kühn war, in dieſe Familienverhältniſſe einzudringeu. Ich that es nur aus dem Grunde, um Ihnen im geeigneten Augenblick meinen Rath und Schutz anbieten zu können. Ihr Gemahl mußte die Beſtimmungen dieſes Teſtaments anerkennen, und Sie thaten wohl, dieſe Aner⸗ kennung von ihm zu fordern. Aber das hinderte ihn nicht, noch immer die Hoffnung zu hegen, daß das ganze Vermögen ihm ſpäter zufallen werde.“ „Dann aber mußte er doch die Ueberzeugung hegen, daß ich vor ihm ſterben werde.“ „Sehen wir davon ab, ſchöne Frau, wer kann wiſſen, welche Pläne er zur Erlangung dieſes bedeutenden Kapitals entworfen hat! Dieſe Pläne konnten durch Ihren Aufenthalt hier durchkreuzt werden.“ Bertha blickte lange in Gedanken verſunken vor ſich hin. „Sie mögen Recht haben,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„aber wird mein Gemahl mich zwingen können, ſeinen Befehlen mich zu fügen? Niemals, das muß er ſelbſt wiſſen.“ Der Chevalier zuckte die Achſeln. „Zürnen Sie mir nicht, wenn ich tiefer in die Sache ein⸗ dringe,“ fuhr er fort,„ich halte es in Ihrem Intereſſe geboten, Ihnen zu zeigen, worauf Sie ſich vorbereiten müſſen. Ihre Geſetze geben dem Ehemann volle Gewalt über ſeine Gattin, Ihr Gemahl kann, wenn Sie darauf beſtehen, getrennt von ihm zu leben, die Scheidung beantragen.“ 1 „Er würde mir damit einen Gefallen erzeigen.“ „Das weiß er, und deshalb wird er es nicht thun. Er kann Sie unter Vormundſchaft ſtellen laſſen, indem er Sie der Ver⸗ ſchwendung beſchuldigt.“ „Herr Chevalier!“ fuhr Bertha empört auf. „Ich bat Sie, mir nicht zu zürnen, ſchöne Frau, ich zeige Ihnen ja nur—“ „Er ſoll es wagen, dieſen Schritt zu thun!“ rief Bertha mit wachſender Entrüſtung.„Ich werde mit meinem Eigenthum ſchalten und walten können, wie es mir beliebt—“ „Das Geſetz—“ „Was kümmert mich das Geſetz? Auf meine Privatangelegen⸗ heiten kann es keinen Einfluß üben. Aber er wird das auch nicht wagen,“ fuhr Bertha ruhiger fort,„dieſer Schritt würde ſeinen Kredit untergraben, abgeſehen von dem Eclat, den er hervorriefe. Nein, Herr Chevalier, das fürchte ich nicht, ich glaube noch immer, daß der Grund, den er mir geſchrieben hat, der einzig richtige iſt.“ „Sie werden alſo reiſen?“ „Ja.“ Der Chevalier ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Ich werde bald wiſſen, ob es Wahrheit oder Lüge iſt, was er mir geſchrieben hat,“ nahm Bertha nach einer Weile wieder das Wort,„verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich binnen wenigen Tagen zurückkehren werde.“ „Gott gebe es!“ erwiderte der Chevalier, und es lag in dem Tone, in welchem er dies ſagte, eine ſolche Niedergeſchlagenheit und Wehmuth, daß Bertha über die Gluth und Tiefe ſeiner Leidenſchaft, die ſich in dieſen Worten offenbarte, erſchrack.„Mir ſagt eine innere Stimme, daß Sie Gefahren entgegengehen, die—“ „Chevalier, weshalb dieſe trüben Gedanken?“ unterbrach Bertha ihn lächelnd.„Ich finde keinen Grund für dieſelben—“ „Weil Sie noch nie für das Leben einer Ihnen theuern Perſon gezittert haben, weil—— aber weshalb ſage ich Ihnen a Sie begreifen meinen Schmerz nicht, Sie ſcheiden gleich⸗ gültig—“ „Haben Sie die Roſe vergeſſen, die ich geſtern Abend Ihnen gab? Chevalier, Sie ſind ungerecht.“ Der Chevalier hatte ſich raſch der jungen Frau genähert, ſie trat lächelnd zurück.*. „Ei, ei, Sie fallen aus einem Extrem in's andere,“ ſagte ſie ſcherzend,„aus der Verzagtheit gehen Sie zu Sturm über. Jedes ——=— d— — 47338— Ding will ſeine Zeit haben, Chevalier, ſo gedulden Sie ſich denn und— hoffen Sie! Hier iſt meine Hand, bei ihrem Druck ver⸗ ſpreche ich Ihnen, daß ich auch in der Ferne Ihrer gedenken will, daß ich das Gefühl, welches für Sie meine Seele hegt—“ „Bertha!“ „Nicht weiter, Chevalier! Noch liegt eine Grenze zwiſchen uns, die wir nicht überſchreiten dürfen.“ Der Chevalier, der ſich bereits an ſeinem Ziele geglaubt hatte, blickte befremdet die junge Frau an. „Eine Grenze?“ fragte er.„Ich reiße jede Schranke nieder.“— „Sie können es nicht, Chevalier,“ erwiderte Bertha ernſt. „Wollen Sie, daß Sie die Frau, welche Sie jetzt lieben, ſpäter verachten? Das duͤrfen und werden Sie nicht wollen, deshalb achten Sie die Grenze und warten Sie in Geduld und Hoffnung bis die Schranke gefallen iſt. So lange ich die Gattin eines Andern bin, ſind mir die Pflichten, welche das heilige Sakrament der Ehe mir auferlegt, heilig, ich gleiche darin nicht den franzöſiſchen Frauen, die darüber ſich leicht hinwegſetzen. Wenn ich Ihnen ſage, daß ich für Sie empfinde, daß Ihr Bild mich begleiten wird, ſo muß Ihnen das genügen, Henri, nun dringen Sie nicht weiter in mich, ich möchte gerne Ihnen gegenüber ſtark bleiben.“ Das war eine Sprache, wie ſie der Chevalier, gewohnt, über die Frauen ſo raſch und leicht zu triumphiren, noch nicht ver⸗ nommen hatte. Aber unwillkürlich mußte er ſich vor ihrer Hoheit, ihrer Würde beugen und die Gluth ſeiner Leidenſchaft loderte nur um ſo heftiger, je begehrenswerther er den Beſitz dieſer ſchönen Frau fand. „Sei es denn,“ ſagte er,„ich will mich begnügen mit dem, was ich errungen habe und auf die Erfüllung meiner Wünſche hoffen. Aber geſtatten Sie mir, daß ich Sie begleite.“ „Weshalb das?“ „Um Sie zu beſchützen.“ „Vor wem?“ fragte Bertha lächelnd.„Vor meinem Gatten? Ich verſichere Sie, daß Ihre Befürchtungen jeder Begründung entbehren, mein Gatte wird mir kein Leid zufügen.“ „Eine Ahnung—“ „Ah— glauben Sie an Ahnungen? Ich nicht.“— „Sie ſpotten, ſchöne Frau und dieſer Spott—“ „Verzeihen Sie, wenn er Sie verletzt hat, das lag nicht in meiner Abſicht. Ahnungen ſind Hirngeſpenſte, Chevalier, wer ſich von ihnen bethören läßt, der verliert den klaren Blick und die Thatkraft. Ich wünſche Ihre Begleitung nicht, ſie würde Aufſehn — 734— erregen und zum böſen Gerede Anlaß geben. Bleiben Sie hier, ich will Ihnen nach meiner Ankunft ſchreiben, wie ich's in meinem Hauſe gefunden habe. Und nun leben Sie wohl, Sie ſehen, ich bin mit meinen Vorbereitungen für die Reiſe beſchäftigt, ich bedaure, die Ehre und das Vergnügen Ihres Beſuches nicht länger genießen zu können.“ „Und ich bitte um Entſchuldigung, daß ich ſo lange Sie auf⸗ gehalten habe,“ ſagte der Chevalier, indem er ſeinen Hut ergriff. „Reiſen Sie glücklich, Bertha, und vertrauen Sie darauf, daß mein Schutz Ihnen nahe ſein wird, wenn Sie ihn bedürfen.“ Der Chevalier entfernte ſich, er eilte in ſeine Wohnung und befahl ſeinem Diener, unverzüglich die nöthige Garderobe für eine kleine Reiſe einzupacken. Die Frage des Dieners, ob er ihn begleiten werde, verneinte er, auch ſagte er ihm nicht, wohin er zu reiſen gedachte. Aber daraus, daß der Chevalier ein ganzes Packet Banknoten in ſein Portefeuille legte und darauf ſeinen Paß auſmerkſam prüfte, glaubte der Diener ſchließen zu können, daß ſein Herr im Begriff ſtehe, eine ziemlich weite Reiſe anzutreten. Und kaum waren die nöthigſten Vorkehrungen getroffen, als der Chevalier in einen Wagen ſtieg und dem Kutſcher die Weiſung gab, ihn zum Bahnhofe zu fahren. Siebenundneunzigſtes Kapitel. Ein Handwerkerfeſt. Im Hauſe des ehemaligen Schneidermeiſters Fritz Wacker ging es hoch und luſtig her. Alle Fenſtern waren beleuchtet, die Diener, mit weißen Hand⸗ ſchuhen bekleidet, empfingen mit ſehr vornehmer herablaſſender Miene die ankommenden Gäſte, über welche ſie ſich in ihrer Stellung weit erhaben fühlten. „Eine ſonderbare Marotte!“ ſagte der Kammerdiener der „gnädigen“ Frau Wacker zu ſeinem Kollegen, dem Portier, während er einem eben nicht ſehr modern gekleideten Ehepaar nachblickte, welches langſam und ſich nach allen Seiten umſchauend, die Treppe hinaufſtieg,„die geſammte Schneiderkleriſei einzuladen! Wenn nur ein einziger Gaſt von einigem Rang darunter wäre! — 735— Aber Schneider, Schneider und wieder Schneider, Herrgott, ich meine—“ „Na, was kümmert uns das!“ unterbrach der Portier ihn ruhig, deſſen rothe Naſe mit dem Riechorgan des Friſeurs Kaspar Melchior Gabel wetteifern konnte.„Uns kann es ziemlich gleich⸗ gültig ſein, wen wir hier empfangen, wenn unſer Herr ſich blamiren will, was geht es uns an?“ Der Kammerdiener ſchüttelte mit einer Miene ernſter Miß⸗ billigung ſein zierlich friſirtes Haupt. „Was das uns angeht?“ fuhr er grollend fort.„Ich meine denn doch, daß wir doch auch unſer Point d'honneur haben und daß es uns wahrhaftig nicht gleichgültig ſein kann, ob wir uns vor der Tochter eines Bankiers oder einer Schneidermamſell ver⸗ beugen!“ „Ganz recht, aber—“ „Und dann denken Sie an's Trinkgeld! Was wird bei der ganzen Geſchichte herauskommen? Ich ſage Ihnen, wenn unſer Herr derartige Zumuthungen mir öfter macht, werde ich ſeinen Rock an den Nagel hängen.“ „Ganz recht,“ wiederholte der Portier noch einmal, der in⸗ zwiſchen ſein purpurrothes Riechorgan reichlich mit Schnupftabak verſehen hatte,„aber dann hätten Sie überhaupt dieſen Rock nicht anziehen ſollen! Sie wußten doch, daß Herr Wacker in früheren Jahren ſelbſt Schneider war.“ „Früher— mag ſein. Jetzt aber iſt er Fabrikant, er hat Wagen und Pferde, Diener in Livree, dazu paſſen ſolche Gäſte nicht.“ „Werden aber noch öfter kommen,“ bemerkte der Portier trocken. „Glauben Sie?“ „Ganz gewiß. Wiſſen Sie, dieſes Feſt iſt eigentlich nur eine Brücke, die Herr Wacker ſich bauen will, um von ſeinem hohen Standpunkte mit Ehren wieder in's Thal hinunterſteigen zu können.“ „Das verſtehe ich nicht.“ „Will's Ihnen klar machen. Sehen Sie, der Mann hat vor einiger Zeit einen ſchönen Poſten in der Lotterie gewonnen und da wußte er nichts Eiligeres zu thun, als ein großes Haus zu machen. Ein Palais mit koſtbarer Einrichtung, Wagen und Pferde, das iſt doch das Geringſte, was ein ſolcher Mann bedarf, alſo wurde es angeſchafft und direct baar bezahlt. Gute Freunde fanden ſich auch, die dann und wann einen Griff in ſeine Börſe thaten und hier ſtets offene Tafel fanden,— na, Sie wiſſen's ja „Freilich, freilich,“ ſagte der Kammerdiener,„es ſind Vaga⸗ — 736— bunden in Frack und Glacehandſchuhen hier aus⸗ und eingegangen, von denen ich ſehr wohl wußte, daß ſie nur kamen, um etwas zu holen.“ „So iſt es. Nun hat der Herr noch die unglückſelige Idee gehabt, Fabrikant werden zu wollen.“ „Na, die Fabrik bringt doch ein hübſches Geld ein.“ „J, bewahre,“ flüſterte der Portier,„er ſelbſt verſteht ſoviel von der Fabrikation und dem Geſchäftsbetrieb, wie die Kuh vom Sonntage und in der Fabrik wird er beſtohlen, daß ihm die Haare zu Berge ſtehn.“ „Nehmen Sie mir das nicht übel, das glaube ich nicht. Tender iſt ein ehrlicher Mann.“ „Gewiß, aber der Werkmeiſter kann ſeine Augen auch nicht überall haben. Der Herr Buchhalter— na, ich will nichts geſagt haben, aber die Cigarren werden nicht ſtückweiſe, ſondern kiſten⸗ weiſe hinausgeſchafft. Geben Sie Acht, wenn das Lager revidirt wird, finden ſich mehr leere, als volle Hiſten vor.“ „Sie ſcheinen das ſehr genau zu wiſſen,“ ſagte der Kammer⸗ diener überraſcht, und in ſeinem Blick drückte ſich ein ſehr ge⸗ rechtfertigtes Mißtrauen aus.„Woher erfahren Sie das Alles?“ Der Portier zuckte die Achſeln. „Wenn man die Ohren offen hält, hört man Manches,“ erwiderte er gelaſſen.„Bin nur neugierig, wie lange es noch dauern und welches Ende es nehmen wird.“ „Aber da wären Sie doch verpflichtet, unſerm Herrn die Augen zu öffnen!“ „Bah, das bringt niemals Dank ein, man thut beſſer, wenn man die Naſe nicht in Dinge ſteckt, die Einem nichts an⸗ ehen.“ 3 Der Portier nahm nach dieſen Worten ſehr gravitätiſch eine Priſe und ſchloß dann die Doſe mit einem Aufwand von Geräuſch, welches ganz und gar überflüſſig war. „Man muß nur zuſehen, daß man ſelbſt nicht zu Schaden kommt,“ ſagte er gelaſſen,„wenn der Konkurs ausbricht, hat die ganze Herrlichkeit ein Ende.“ „Und dafür werden Sie natürlich geſorgt haben,“ ſpottete der Kammerdiener,„ich kann mir's lebhaft denken.“ „Na thun Sie doch nicht, als ob ſie ſo rein im Kamiſol wären,“ fuhr der Portier mit gedämpfter Stimme fort.„Ich will Ihnen nur einen guten Rath geben, nehmen Sie mir's nicht übel, laſſen Sie nicht ſo oft ein Goldſtück wechſeln, am Ende könnte es doch einmal auffallen.“ Der Kammerdiener erſchrack, er verſuchte vergeblich, ſeine Beſtürzung zu verbergen. d gangen, etwas Idee ſoviel ih vom jm die Tender ) nicht geſagt büten⸗ reodirtt ammer⸗ ehr ge⸗ Alles?“ mches,“ es noch orn die wenn ts an⸗ ſch eine eräuſch, Schaden hat die 737— In dieſem Augenblick wurde die Glocke gezogen, der Portier, deſſen Lippen ein Lächeln triumphirenden Hohns umſpielte, öffnete. Kaspar Melchior Gabel ſtand auf der Schwelle. „Ich werde wohl der Letzte ſein,“ ſagte er, während er mit einer graziöſen Verbeugung dem Kammerdiener ſeinen Mantel zuwarf.„Na machen Sie kein böſes Geſicht, Jean, heute Nach⸗ mittag habe ich Sie friſirt und bedient, jetzt bedienen Sie mich, das liegt nun einmal in den Verhältniſſen.“ Der Kammerdiener biß auf die Lippe, er hätte gerne eine beißende Antwort gegeben, aber er durſte es nicht wagen, ſeines Herrn wegen. „Ob Sie der Letzte ſind, das weiß ich nicht,“ erwiderte der Portier,„übrigens kann's Ihnen auch ziemlich gleichgültig ſein, es iſt keine ſehr gewählte Geſellſchaft oben.“ „Nicht? Ich meine, es ſei ein großes Feſt, eine Soiree—“ „Ja, ja, eine Sauerei,“ murmelte Jean ergrimmt,„die ganze Schneiderſippe der Stadt Köln!“ „So iſt es,“ beſtätigte der Portier auf einen fragenden Blick des Friſeurs,„Herr Walker hat wenigſtens dreißig Schneider⸗ familien eingeladen.“ Kopfſchüttelnd ſtieg der Friſeur die Treppe hinauf. Als er in den Saal trat, überraſchte ihn der Kontraſt, der ſofort ſeinem Blick ſich bot. Wenn auch die anweſenden Gäſte ſich alle ſo gut wie möglich herausgeputzt, ja mitunter ein Uebriges gethan und eigens für dieſes Feſt neue Anſchaffungen gemacht hatten, ihre Toiletten ſtanden doch in zu grellem Widerſpruch mit dem Lichtmeer, welches ſie umfloß, mit der Pracht, die ſie umgab. Aber ſie ſchienen trotz alledem ſich auf dem ſpiegelglatten Boden dieſer eleganten Räume recht heimiſch zu fühlen, wenigſtens ſah der Barbier ſelten ein verlegenes Geſicht, oder eine ſchüchterne, befangene Miene. Und er erkannte auch ſehr bald die Urſache dieſer Unbefangen⸗ heit und Gemüthlichkeit; Hermine und ihr Vater wanderten von einer Gruppe zur andern, ſie plauderten beide ſo freundlich und uarreulic mit ihren Gäſten, daß dieſe ſich raſch heimiſch fühlen mußten. Gabel war kaum eingetreten, als das Souper begann, er fand keine Zeit, mit dem Freunde zu plaudern und ihn um eine Er⸗ lärung dieſes ihm noch immer räthſelhaften Feſtes zu bitten, denn Fritz Wacker hatte ihn kaum flächtig begrüßt, als er auch wieder forteilte, um ſeinen Gäſten die Plätze anzuweiſen. Das Souper war ſehr reichhaltig und vorzüglich, der feurige Wein löſte allmählig die Zungen und mehrere Gäſte fanden ſich Fünfmalhunderttauſend Thaler. 47 — 738— bewogen, auf den liebenswürdigen Wirth einen Toaſt auszu⸗ bringen. Fritz Wacker dankte für dieſe ihn ehrende Anerkennung und ſprach ſein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß es ſeiner Frau, einer ſchweren Erkältung wegen, unmöglich ſei, an der Freude Theil zu nehmen. Der Barbier hatte ſeine beſonderen Gedanken über dieſe Erkältung, aber er ſprach ſie nicht aus. Nach und nach wurde die Stimmung immer belebter und heiterer, es bildeten ſich an der Tafel Gruppen, die miteinander ſcherzten und Kurzweil trieben. Da wurden unter den Mandeln die Doppelkerne herausgeſucht, um ein„Vielliebchen“ zu gewinnen oder zu verlieren, je nachdem die Verhältniſſe das Eine oder Andere wünſchenswerth erſcheinen ließen, von den Bonbons wurden die Reimzettelchen abgewickelt, um ſie aus einer Hand in die andere wandern zu laſſen,— und was dergleichen Kurzweil mehr war. Als die Sache ſo weit gediehen und Jeder mit ſich ſelbſt und ſeinen nächſten Nachbarn beſchäftigt war, erhob Fritz Wacker ſich. Er ging an der Tafel vorbei, wechſelte mit Dieſem und Jenem einige Worte und verließ dann den Saal. Der Friſeur benutzte dieſe Gelegenheit, er folgte ihm und es ſchien, als ob Wacker dies vorausgeſehen habe, denn er orwartete den Freund auf dem Korridor. „Ihr zerbrecht Euch wohl den Kopf darüber, was mich be⸗ wogen haben könne, dieſe Gäſte zu laden?“ fragte er. „Allerdings, mir iſt es ein Räthſel—“ „Welches ich Euch löſen werde; kommt, in jenem Zimmer können wir ungeſtört plaudern und meine Gäſte werden mich in der erſten halben Stunde nicht vermiſſen.“ Der Friſeur folgte ſeinem Freunde in das halbdunkle Gemach und ließ ſich, nachdem er die ihm angebotene Cigarre angezündet hatte, in einen Seſſel nieder.— „Ihr kennt meine Vergangenheit,“ nahm Wacker das Wort, „alſo kann ich offen mit Euch reden. Es war ein Fehler, den ich beging, daß ich nicht, nachdem ich das große Loos gewonnen hatte, im Rechnen Unterricht nahm. Ich ſehe das jetzt zu ſpät ein und habe nun keine Luſt mehr, das Verſäumte nachzuholen. Ihr habt mich früher einmal gewarnt und ich würde vielleicht Euxe Warnung beachtet haben, wenn meine Frau nicht ſo ſehr ihrer Sache ſicher geweſem wäre. Sie war der Meinung, mit dem gewonnenen Gelde könne man die ganze Welt auskaufen und ich—— ma, ich dachte auch nicht, daß es ein ſolches Ende nehmen werde.“ auszu⸗ g und Frau Freude dieſe r und nander pejucht ohdem jeinen Acelt, — und ſt und er ſich. Jenem und es vartete ch be⸗ immer nicch in zemach zündet Wort, r. den vonnen u pät uholen. elleicht ſehr - mit en und Ende — 739— „Aber, Du lieber Himmel, ſteht es denn ſo ſchlimm?“ fragte der Barbier beſtürzt. Fritz Wacker nickte. „Die Sache iſt die, will ich meine Gläubiger insgeſammt befriedigen, ſo bleibt mir nichts, als ein kleines Kapital von fünf bis ſechstauſend Thaler und befriedigt ſollen ſie werden, ſo wahr ich Fritz Wacker heiße!“ „Aber das begreife ich nicht!“ „Glaub's gerne, hab's Anfangs auch nicht begreifen können, aber Zahlen beweiſen, ſagt man.“ „Dann müßt Ihr ſchändlich betrogen worden ſein, ſiebenzig⸗ tauſend Thaler—“ „Betrogen und beſtohlen, Du lieber Gott, ja, man kann keinem Menſchen in's Herz ſehen. In China herrſcht die ſchöne Sitte, daß diejenigen, denen man nicht beſonders vertraut, ein Glasfenſter in der Bruſt tragen— aber davon wollte ich ja nicht reden! Es ſind ihrer ſo viele gekommen, die an meine Gutherzigkeit appellirten und man weiß ja ſelbſt, wie Einem zu Muthe iſt, wenn man in Nahrungsſorgen ſitzt. Da habe ich denn geholfen, wo ich es konnte und es iſt Mancher unter dieſen Hülfsbedürftigen geweſen, der das Darlehen ſofort in's Wirthshaus getragen hat. Das war es nicht allein. Meine Diener ſind ſammt und ſonders Spitzbuben, ich weiß es, kann es aber nicht ändern. Soll ich die Leute im Winter zum Teufel jagen? Das kann ich nicht und unglücklich will ich ſie auch nicht machen—“ „Aber Ihr habt den Schaden!“ warf der Barbier ein. „Ich gebe es zu, aber kann ich's ändern? Ich mag engagiren, wen ich will, die Leute werden mich alle betrügen und beſtehlen, unſere ganze Haushaltung iſt ja darauf eingerichtet. Hermine kann die Augen nicht überall haben, meine Frau kümmert ſich nicht um die Wirthſchaft und ich habe auch keine Zeit, eine ſtrenge Kontrolle zu üben. So geht's, wenn man plötzlich reich wird und mit dem Gelde nicht umzugehen weiß.“ „Na, ſo ſchlimm wird's doch nicht ſein,“ tröſtete Gabel. „Wenn Ihr auch einige Verluſte gehabt habt, es wird Euch doch noch genug bleiben.“ „Sechstauſend Thaler höchſtens und damit gedenke ich, ein Magazin fertiger Herrenkleider zu eröffnen,“ erwiderte Wacker gelaſſen.„Ich habe mich in das Unvermeidliche gefunden und hoffe, daß meine Frau ſich auch hineinfinden wird, ſie muß ja einſehen, daß ſie mit ihrem Kopfe die Mauern nicht einrennen kann. Die erſten Schritte ſind ſchon geſchehen, das Geſchäft wird liquidirt, ich befriedige meine ſämmtlichen Gläubiger und verkaufe die Fabrik.“ 47* 740— „Das iſt ein ſchwerer, ſchwerer Schritt—“ „Durchaus nicht, man muß nur Philoſoph genug ſein, um ſich in den Wechſel mit Gleichmuty finden zu können. Ich habe das Leben einige Monate hindurch, wie man zu ſagen pflegt, genoſſen, aber ich verſichere Euch, viel Genuß habe ich nicht davon gehabt. Ich habe mich früher, als ich noch in meiner beſcheidenen Häuslichkeit von meiner Hände Arbeit lebte, wohler und glücklicher gefühlt, ich hatte damals nicht ſo viele Sorgen, wie ſpäter. Na, das hat jetzt Alles ein Ende, ich hoffe, daß ich in meinem Geſchäft vorwärts kommen werde. Freilich, die Leute werden es an Spott und beißenden Bemerkungen nicht fehlen laſſen, aber alles Gerede nimmt einmal ein Ende.“ „Und Eure Frau?“ fragte der Barbier theilnehmend. „Lieber Freund, ich kann ihr nicht helfen. Man ſagt, Hoch⸗ muth kommt vor dem Fall, ſie hat das jetzt auch erfahren. Ich habe ihr vor einigen Tagen unſere Verhältniſſe klar gemacht und natürlich die bitterſten Vorwürfe hören müſſen; daß ſie auch ihr Theil zum Ruin beigetragen habe, wollte ſie nicht zugeben. Jetzt iſt ſie krank, das heißt unter uns geſagt, weil ich die Schneider, meine früheren Kollegen eingeladen habe. Du lieber Gott, es iſt ja beſſer, wenn ich mich mit dieſen Leuten auf einen freundſchaft⸗ lichen Fuß ſtelle, dann haben ſie nachher nicht ſo viel am Munde. Wer unter den Wölfen iſt, muß mit ihnen heulen.“ Der Barbier nickte. „Ich habe mir halb und halb gedacht, daß das der Grund ſei,“ ſagte er,„aber ich konnte nicht glauben, daß es wirklich der Fall ſein ſolle. Es beruhigt mich, daß Ihr ſo gefaßt ſeid—“ „Du lieber Gott, was will ich machen? In China würde ich In dieſem Augenblick wurde angepocht, gleich darauf trat der Werkführer Wackers mit unverkennbaren Zeichen der Aufregung ein. Der Barbier erhob ſich, er ahnte, daß dieſer Mann eine Hiobspoſt brachte, ſein Zartgefühl gebot ihm, ſich zu entfernen. „Bleibt,“ ſagte Wacker,„vor Euch habe ich jetzt keine Geheim⸗ niſſe mehr. Was bringt Ihr, Tender?“ „Nichts Angenehmes,“ erwiderte der Werkführer,„ich würde die Nachricht gerne bis morgen verſchoben haben, aber—“ „Nur heraus mit der Sprache, heute, oder morgen,— wenn's einmal ſein muß, dann lieber früher, als ſpäter. Setzt Euch und trinkt ein Glas Wein.“ Der Werkführer ergriff das Glas, welches Wacker gefüllt hatte und leerte es auf einen Zug.— „Unſer Buchhalter iſt durchgebrannt,“ ſagte er,„das Uebrige können Sie ſich denken.“ in, um h habe pflegt, davon eidenen ücklicher -. Na, Geſchäft Spott Gerede Hoch⸗ . Xf ht und uch ihr . Jetzt hneider, des iſt dſchaft⸗ Munde. Uebrige —-— 741— „Unmöglich!“ rief Wacker.„Er war ein ehrlicher Mann!“ „Er gab ſich den Anſchein eines ehrlichen Mannes,“ fuhr Tender, mühſam ſeine Faſſung behauptend fort,„jetzt aber bin ich hinter ſeine Schliche gekommen.“ „Aber wie iſt das möglich?“ fragte Gabel beſtürzt.„Und geſetzt, er iſt wirklich durchgebrannt, weiß man denn ſchon, ob und welche Unterſchleife er gemacht hat?“ „Etwas Genaues weiß man noch nicht,“ erwiderte der Werk⸗ führer.„Der Buchhalter meldete ſich vor drei Tagen krank, Niemand ahnte, daß dieſe Krankheit nur ein Vorwand ſein könne, hinter dem ſchlimme Abſichten ſich verſteckten. Nun aber wurden heute Nachmittag Wechſel vorgezeigt im Betrage von zweitauſend Thaler—“ „He— das kann ich auch nicht glauben,“ unterbrach Wacker ihn mit wachſender Beſtürzung,„ich weiß von dieſen Wechſeln nichts, in meinem Notizbuche ſind ſie nicht verzeichnet.“ „Deſto ſchlimmer,“ fuhr Tender fort,„wer weiß, wie dieſer Mann gewirthſchaftet hat. Ich befand mich gerade im Comptoir und konnte dem Manne, der die Woͤchel präſentirte, weiter nichts ſagen, als ich wolle mit Ihnen reden und die Wechſel morgen einlöſen laſſen. Vorher aber gedachte ich mit unſerm Buchhalter Rückſprache zu nehmen, er konnte mir vielleicht ſagen, woher ich das Geld zur Deckung nehmen ſollte. In der Wohnung des Buchhalters aber erfuhr ich, der ſaubere Herr ſei ſchon ſeit drei Tagen auf ſeiner Reiſe begriffen, von der er ſchwerlich zurückkehren werde, da er zahtreiche Schulden hinterlaſſen habe. Ich wollte das Anfangs nicht glauben, aber als ich mich nach der Lebensweiſe dieſes Herrn näher erkundigte, erfuhr ich ſo viel, daß ich die Wahrheit der Hiobspoſt nicht mehr bezweifeln konnte. Der Schurke hat nicht allein unſer Lager beraubt, ich fürchte, er hat auch Wechſel gefälſcht—“ „Das iſt ſeine Sache,“ fiel Wacker ihm erregt in’'s Wort, „ich bin nicht verpflichtet, dieſe Wechſel einzulöſen.“ Der Werkführer ſchüttelte den Kopf. „Ich erinnere mich, einmal geſehen zu haben, daß Sie im Comptoire ein Wechſelformular unterſchrieben, welches noch nicht ausgefüllt war,“ ſagte er,„ſchon damals wollte ich Sie warnen, aber ich vergaß es, legte auch weiter kein Gewicht darauf, weil ich den Buchhalter für einen Ehrenmann hielt. Mit dieſen For⸗ mularen kam er—“. „Mir bangt, Wacker, Ihr ſeid ein ruinirter Mann,“ nahm der Friſeur das Wort,„Ihr habt den Leuten zu viel Vertrauen geſchenkt.“ Der ehemalige Schneidermeiſter blickte, in düſterem Brüten verſunken, lange ſchweigend vor ſich hin. 742— „In Gottes Namen,“ ſagte er endlich mit dumpfer Stimme, „man kann mir nicht mehr nehmen, als ich habe. Mir thut es nur leid, um Euch, Tender, Ihr verliert wieder Euer Brod.“ „Sagen Sie das nicht,“ erwiderte der Werkführer,„ich habe Sie ja in die Dinte geritten, dadurch, daß ich Sie bewog, die Fabrik zu kaufen. Vielleicht gelingt es uns noch, einen Accord mit den Gläubigern zu ſchließen, verſuchen können wir es wenigſtens. 4 „Nein,“ verſetzte Wacker entſchloſſen,„ſo lange ich die Mittel habe, meine Gläubiger voll zu befriedigen, ſoll keiner um einen Heller zu kurz kommen, ich mag vom Accord nichts wiſſen. Wer hat die Wechſel?“ „Heinrich Schenk.“ „Na, dann dürfen wir uns darauf verlaſſen, daß der Konkurs ausbrechen wird, dieſer Mann hat immer daraufhin gearbeitet, nun iſt das Schwert in ſeinen Händen, er wird den vernichtenden Schlag führen.“ „Was habt Ihr ihm denn zu Leide gethan?“ fragte der Friſeur. „Meine Tochter hat ſeine ſchamloſen Anträge zurückgewieſen,“ erwiderte Tender,„und ich—— na, ja ich, habe ihn die Treppe hinuntergeworfen, weil er freiwillig nicht gehen wollte.“ Der Friſeur ſchüttelte den Kopf, er begriff jetzt, daß für ſeinen Freund alles vexloren war. Aber Fritz Wacker verlor den Muth noch immer nicht.„Wir können das erſt morgen unterſuchen,“ ſagte er,„heute iſt es ſchon zu ſpät. Und dann erfahren wir noch immer früh genug, wie die Sachen liegen.“ „Aber der Buchhalter müßte noch heute verfolgt werden,“ warf Tender ein. „Wozu könnte es uns nutzen?“ erwiderte Wacker achſelzuckend. „Erſtens hat der Lump einen ſo großen Vorſprung, daß wir ihn nicht mehr einholen werden, zweitens wird er dafür geſorgt haben, daß wir keinen Pfennig bei ihm finden, wenn wir ihn wirklich erreichen. Des bloßen Vergnügens wegen aber mag ich einen Menſchen nicht in's Zuchthaus bringen.“ „Das ſind Grundſätze mit denen Ihr noch zehnmal das große Loos gewinnen könnt, ohne jemals auf einen grünen Zweig zu kommen,“ ſagte der Barbier. „Mag ſein,“ fuhr Wacker fort,„für manche Menſchen iſt es ſogar ein Unglück, wenn ſie plötzlich reich werden. Ich muß zu meinen Gäſten zurückkehren, wir werden morgen näher darüber reden.“ Er ging nach dieſen Worten raſch hinaus, und weder in ſeinem Gang, noch in ſeiner Haltung, noch in ſeinem Geſicht konnte man bemerken, daß kurz vorher ein ſchwerer Schickſals⸗ ſchlag ihn grtroffen hatte. Tender blickte ihm kopfſchüttelnd nach. timme, hut es d.“ habe 3, die ad mit ſtens.“ Mittel einen Wer nkurs veitet, tenden riſeur. leſen,“ Treppe für „Wir ſchon wie 1 warf uckend. ir ihn haben, tirklich einen — 743— „Es wäre beſſer für ihn, wenn er weniger Herz und Gemüth und mehr Verſchlagenheit hätte,“ ſagte er, indem er ſich von dem Friſeur verabſchiedete. „Mich freut es nur, daß er ſo ruhig und gefaßt iſt, ich fürchtete, er werde den Schlag nicht überwinden. Gute Nacht.“ Auch der Barbier entfernte ſich bald darauf, er that es un⸗ bemerkt, weil er fürchtete, Wacker werde ihn zurückzuhalten ſuchen, und weil es ihm widerſtrebte, länger in dieſem heitern Kreiſe zu weilen. Der Champagner floß in Strömen, die Tafel war mit dem feinſten Backwerk beladen, Pracht und Eleganz überall, wohin das Auge fiel und doch ſtand vor der Thüre das Elend und blickte aus ſeinen hohlen Augen düſter in die Prunkgemächer hinein. In ernſten Gedanken verſunken, durchwanderte Gabel die ſtillen, einſamen Straßen. „Um Verzeihung, dürfte ich Sie vielleicht um eine Gefälligkeit bitten?“ Gabel fuhr erſchreckt aus ſeinem Sinnen empor, er hatte die hohe in einen Mantel gehüllte Geſtalt nicht bemerkt, die jetzt ſo plötzlich vor ihm ſtand. Die Reiſetaſche, die der Herr trug, bewies, daß es ein Fremder war, der höchſtwahrſcheinlich mit dem letzten Bahnzuge ſich ein⸗ gefunden hatte. „Ich wünſche, in einem Gaſthofe abzuſteigen, in welchem ich ganz ungenirt bin,“ fuhr der Fremde fort,„auf Bequemlichkeit rechne ich nicht ſo ſehr, als auf—“ „Ah, ich verſtehe,“ unterbrach der Friſeur ihn, der ſofort den Schluß zog, daß er einen armen Teufel vor ſich habe, der auf den Pfennig ſehen müſſe.„Derartige Gaſthäuſer ſind hier viele.“ „Am liebſten wäre mir ein Privatlogis, ein einfach möblirtes Zimmer, ich könnte dann ſpeiſen, wo es mir beliebte.“ „Sie gedenken alſo, lange hier zu bleiben?“ fragte Gabel, der an das Zimmer dachte, welches ſein Gehülfe bewohnt hatte. „Lange?“ erwiderte der Fremde.„Ich weiß das noch nicht. Vielleicht mehrere Wochen, vielleicht auch nur einige Tage, ich würde aber für jeden Fall gut zahlen.“ Das klang verdächtig, der Friſeur muſterte ſeinen Begleiter ſehr ſcharf, dem die Bedeutung dieſes Blicks nicht entgehen konnte. „Sie mißtrauen mir?“ fragte er lächelnd. „Verzeihen Sie, man kann heutzutage ſehr leicht in Ungelegen⸗ heiten kommen, die Polizei—“ „Wird meine Papiere in Ordnung finden,“ unterbrach der Fremde ihn ruhig,„deshalb dürfen Sie ſich beruhigen.“ — 744— „Hm, wenn das wäre und Sie mit einem freilich ſehr be⸗ beſcheidenen Zimmer zufrieden ſein wollten—“ „So würden Sie mir ein ſolches anbieten können?“ „Ja.“¹ Jetzt blickte der Fremde ſeinem Begleiter forſchend in's Geſicht, er ſchien in der Phyſiognomie deſſelben nichts zu finden, was ihn beunruhigen konnte. „Sehen wir uns das Zimmer an,“ ſagte er ruhig. Als der Barbier in ſeiner Wohnung Licht angezündet und der Fremde nun ſeinen Hut und Mantei abgeworfen hatte, konnte Gabel kaum einen Ausruf der Ueberraſchung unterdrücken. Die elegante Kleidung, die imponirende Haltung und das intelligente Geſicht dieſes Herrn ließ ihn erkennen, daß derſelbe zu den höheren Ständen zählte. „Ich bedaure ſehr,“ ſagte er nach einer höflichen Verbeugung, „das Zimmer wird Ihren Wünſchen nicht entſprechen.“ „Zeigen Sie es mir,“ erwiderte der Fremde kurz. Mit einer an Ehrfurcht grenzenden Scheu führte der Friſeur ſeinen Gaſt in das enge, niedrige Zimmer, welches vordem ſein Gehülfe bewohnt hatte. Der Fremde blickte ſich um, er trat an das kleine Fenſter und ſah auf die Dächer hinaus, dann ließ er ſich auf einen Stuhl nieder. „Das Zimmer genügt,“ ſagte er,„es fragt ſich nur, ob Sie die Bedingungen eingehen werden, die ich an den Miethvertrag knüpfe.“ Gabel verbeugte ſich. „Erſtens will ich niemals weder durch Sie, noch durch irgend einen Andern hier behelligt werden, zweitens verlange ich, daß während meiner Abweſenheit Niemand dieſes Zimmer betritt, aus⸗ genommen die Perſon, welche daſſelbe reinigen muß und drittens fordere ich von Ihrer Seite das ſtrengſte Stillſchweigen über meine Perſon, wie über Alles, was mich betrifft. Gehen Sie dieſe Bedingungen ein und erfüllen Sie dieſelben gewiſſenhaft, ſo zahle ich Ihnen am Schluß einer jeden Woche einen Louisd'or, abgeſehen von den Auslagen, die Sie vielleicht für mich haben werden und die ich Ihnen außerdem vergüte. Ich mache Sie ſchon jetzt darauf aufmerkſam, daß es mir einfallen könnte, die Rolle Ihres Gehülfen zu ſpielen. Sie werden dagegen nichts einwenden und ſchweigen, wie Sie überhaupt Alles geheim halten müſſen, was mich betrifft. Sollte die Polizei ſich bewogen ſehen, meinetwegen Unruhe zu empfinden, ſo ſchicken Sie mir die Be⸗ amten nur zu, ich habe keinen Grund, die Behörde zu fürchten.“ Der Preis war verlockend, Gabel griff mit beiden Händen zu, er verſprach, die Bedingungen gewiſſenhaft zu erfüllen. ni ic — 745— „Für das Frühſtück ſorgen Sie,“ fuhr der Fremde fort,„eine Taſſe Kaffe mit Zucker und etwas Weißbrod, mehr verlange ich nicht, Mittags und Abends werde ich außer dem Hauſe ſpeiſen.“ Der Friſeur verbeugte ſich abermals. „Ihr werther Name?“ fragte er. „Henri Chateaurouge. Nun bitte ich Sie, mich zu verlaſſen, ich bin müde.“ Gabel kam dieſer Weiſung unverzüglich nach; auch er ging zur Ruhe, aber der Schlaf floh ſeine Augen, vergeblich ſuchte er das dunkle Räthſel zu löſen, welches offenbar dieſen neuen Miether umſchwebte.— Achtundneunzigſtes Kapitel. Bergabl Im Kabinet Heinrich's ſtand der alte Buchhalter, um Bericht zu erſtatten über einige ſehr wichtige Geſchäftsangelegenheiten. Dieſer Bericht lautete nichts weniger, als erfreulich. Die jüngſten Speculationsgeſchäfte waren insgeſammt ungünſtig ausgefallen und Heinrich hatte gerade bei dieſen Unternehmungen bedentende Summen gewagt, um frühere Verluſte durch den erwarteten Gewinn zu decken. Er hatte mehrere tauſend Malter Getreide verkauft, die er nun liefern ſollte. Aber der Preis war heute fünf Thaler höher, als an dem Tage, an welchem er verkauft hatte, und er mußte zu dieſem Preiſe kaufen, um liefern zu können. Das war es nicht allein. Auch in Bergwerks⸗Actien hatte er ſpeculirt, er hatte eine namhafte Summe im Vertrauen auf einen bedeutenden Gewinn gewagt, und dieſe Summe war ganz verloren, weil die Actien⸗ geſellſchaft Bankerott gemacht hatte. Dann waren ſpaniſche und amerikaniſche Papiere angekauft worden und auch dieſe hatten von ihrem Werth ſehr viel verloren. Heinrich wußte das Alles ſehe genau, aber er verlor den Kopf nicht, ſein Credit ſtand ja noch feſt und mit dieſem Credit konnte er das Verlorene wieder zurückerhalten. Nun aber brachte der Buchhalter eine Hiobspoſt nach der anderen. — 746— Mehrere Geſchäftshäuſer, denen die Firma Heinrich Schenk bedeutende Summen ſchuldete, hatten im Stillen Nachforſchung gehalten und Erkundigungen eingezogen und es konnte nicht aus⸗ bleiben, daß dieſe Vorſichtsmaßregeln nach und nach an die Oeffent⸗ lichkeit gelangten und auch die übrigen Gläubiger aufmerkſam machten, und es ſtand zu befürchten, daß über kurz oder lang, vielleicht ſchon heute, ſämmtliche Gläubiger Zahlung verlangten. Traf dieſer Fall ein, ſo war guter Rath theuer, denn die Bankier's hatten mit dürren Worten erklärt, ſie zahlten keinen Groſchen mehr, bevor ſie nicht ſicher geſtellt ſeien. „So weit ſind wir ſchon gekommen,“ ſagte der Buchhalter ſeufzend,„das Vertrauen iſt erſchüttert, der Credit verloren.“ „Sie machen es ſchlimmer, wie es in Wirklichkeit iſt,“ ent⸗ gegnete Heinrich, der raſch ſeinen Plan entworfen hatte.„Laſſen Sie hören, wie viel haben wir zu decken?“ Der Buchhalter legte ein Blatt Papier auf den Schreibtiſch ſeines Chefs „Sie finden in dieſer Notiz eine genaue Ueberſicht,“ ſagte er,„ruinirt iſt unſer Haus noch nicht, wenn man uns Zeit zur Abwickelung läßt.“ Heinrich zuckte gleichmüthig die Achſeln. „In Summa nur achtzigtauſend Thaler, die wir docken müſſen,“ verſetzte er,„ich glaubte, die Summe ſei größer.“ „Es ſind die Verluſte der jüngſten Monate, wir haben vorher faſt dieſelbe Summe zahlen müſſen.“ „Ich weiß es, aber die Activa müſſen doch noch immer dieſe Summe um das Doppelte überſteigen.“ „Durchaus nicht. Die Activa betragen hundert und zwanzig⸗ tauſend Thaler ungefähr—“ „Das heißt, außer den Gebäuden und den feſtliegenden Kapitalien.“ „Die Gebäude und die feſiliegenden Kapitalien ſind Privat⸗ eigenthum Ihrer Frau Gemahlin.“ „Alſo auch mein Eigenthum,“ ſagte Heinrich ſo entſchieden, daß der alte Mann überraſcht aufblickte.„Wohlan, wir werden die Verluſte decken und neue Unternehmungen eingehen, die das Verlorene wieder einbringen müſſen.“ Der Buchhalter ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Das Glück hat uns verlaſſen,“ erwiderte er,„ich fürchte, wir werden Schiffbruch leiden, wenn—“ „Sie fürchten immer,“ unterbrach Heinrich ihn rauh,„wer nichts wagt, gewinnt nichts. Schicken Sie zur Bank und laſſen Sie das nöthige Geld holen, ich will dieſen kleinlichen Krämer⸗ ſeelen, die für ihr Geld fürchten, beweiſen, daß ich noch immer der Mann bin, der ſeinen Verpflichtungen nachkommen kann. Das — Schenk rſchung ht aus⸗ Deffent⸗ nerkſam lang, gten. enn die keinen hhalter t. 7 ent⸗ Laſſen walbtiſch ſagte eit zur iſſen vorher dieſe zanzig⸗ alien.“ rivat⸗ jieden, verden ie das krdi, „wer laſſen ämer⸗ immer Das — 747— wird meinen Kredit befeſtigen und auch den Herren Bankier's über meine ihnen unbekannten Hülfsquellen die Augen öffnen.“ „Aber es iſt das Privatvermögen Ihrer Frau Gemahlin, welches Sie angreifen wollen,“ wagte der Buchhalter einzu⸗ ſchalten. Ein durchbohrender Blick traf aus den Augen Heinrich's den alten Mann. „Was kümmert Sie das?“ fragte er barſch.„Ich verbitte mir derartige Bemerkungen.“ „Aber wenn die Bank Schwierigkeiten macht?“ „Hat ſie es damals gethan, als wir die erſten Verluſte decken mußten?“ „Freilich nicht, indeß hatten wir damals dieſelbe Summe zurück, die wir kurz vorher dahin geſchickt hatten. Sie mußte dieſe Summe verabfolgen laſſen, weil ſie auf Ihren Namen deponirt worden war.“ „Sie wird auch das Uebrige verabfolgen laſſen. Ich erwarte meine Gemahlin ſtündlich, ſollte die Bank eine Quittung von ihr fordern, ſo können wir ſie ihr mit leichter Mühe verſchaffen.— Was haben Sie außerdem?“ „Die Wechſel auf Fritz Wacker ſind geſtern eingelöſt worden.“ „Ich dachte es mir.“ „Es heißt, der Buchhalter habe ſich heimlich ſchon vor mehreren Tagen aus dem Staube gemacht.“ „Deſto beſſer. Wie hoch beläuft ſich unſere Forderung?“ „Die Wechſelforderung beträgt zweitauſend Thaler.“ „Ah, und fünfzehntauſend Thaler haben wir als erſte Hypothek auf die Fabrikgebäude geliehen.“ „So iſt es. Die Zinſen für dieſes Kapital ſind bisher pünktlich gezahlt worden.“ „Na ja, ſo lange iſt's ja noch nicht her, es kann höchſtens ein Zinstermin ſeitdem geweſen ſein. Laſſen Sie Proteſt erheben und ſofort die Klage einleiten.“ Der Buchhalter zögerte, dem verabſchiedenden Winke Folge zu eiſten. 1 „Der Werkführer hat verſprochen, die Wechſel heute einzu⸗ löſen,“ ſagte er. „Wird nicht geſchehen,“ erwiderte Heinrich kühl,„ich kenne die Verhältniſſe des ehemaligen Flickſchneiders, er iſt mit ſeinem Gelde längſt fertig. Der Werkführer hat ſelbſt nichts, wovon will er die Summe zahlen? Laſſen Sie die Wechſel proteſtiren und übergeben Sie die Angelegenheit meinem Rechtsconſulent mit dem Auftrage, ungeſäumt gegen den Schuldner vorzugehen.“ Der Buchhalter ging kopfſchüttelnd hinaus, ihm gefiel dieſes — 748— Verfahren nicht, welches offenbar keinen andern Zweck hatte, als den völligen Ruin Wacker's. Aber er mußte gehorchen, er durfte ſeinem Chef nicht ent⸗ gegentreten, wenn er ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, ſofort entlaſſen zu werden. Daß es mit ſeinem Chef bergab ging, daß die Firma„Heinrich Schenk“ vielleicht ſchon bald ein Ende mit Schrecken nehmen mußte, das war ihm Alles bekannt und er blickte ſchon jetzt ſehr ſorgenvoll in die Zukunft, die für ihn wenig Erfreuliches hatte. Es war ein alter Mann, erſpart hatte er nichts; wenn ſein Chef fallirte, blieb ihm nur die Wahl zwiſchen dem Armenhauſe und der elenden Stellung eines Kopiſten. War er auch ein tüchtiger, kenntnißreicher Buchhalter, die Kaufleute zogen für dieſen Poſten jüngere Leute vor, das hatte er bei ſeinen früheren Bewerbungen um erledigte Stellen oft hören müſſen. Als er in's Comptoir zurückkehrte, fand er hier den ehemaligen Schneidermeiſter und nunmehrigen Cigarrenfabrikant Fritz Wacker, der mit ihm über die Wechſel Rückſprache zu nehmen wünſchte. Er brachte kein Geld, er verlangte Ausſtand, und der Buch⸗ halter, nicht ermächtigt, denſelben zu bewilligen, konnte ihm keinen anderen Rath geben, als den, mit dem Chef zu reden und zu verſuchen, ob es ihm gelinge, denſelben zur Erfüllung dieſes Wunſches zu bewegen. Mit ſchwerem Herzen trat Wacker in das Kabinet des reichen, ſtolzen Mannes, von deſſen Feindſchaft er bereits ſo viele Beweiſe erhalten hatte, daß er kaum die Hoffnung auf Erreichung ſeines Zweckes hegen konnte. Heinrich empfing ihn mit kühler Höfllichkeit, für ihn war es ein Triumph, den als Bittenden kommen zu ſehen, vor dem er damals beim Verkauf der Fabrik gedemüthigt worden war. „Sie haben eine Forderung an mich,“ begann Wacker, den Stuhl verſchmähend, den Heinrich ihm durch einen herablaſſenden Wink anbot.„Eine Wechſelforderung im Betrage von zwei⸗ tauſend Thaler.“ „Ganz recht, ich erinnere mich,“ erwiderte Heinrich, indem er ſich den Anſchein gab, als lege er nur einen ſehr geringen Werth auf dieſe Forderung.„Mein Buchhalter ſprach geſtern davon. Wenn Sie die Wechſel vielleicht einlöſen wollen, ſo wenden Sie ſich an meinen Kaſſirer—“ „Verzeihen Sie, ich wünſche eine kurze Friſt,“ unterbrach Wacker ihn,„ich bin augenblicklich nicht bei Kaſſe.“ „Das bedaure ich, Sie werden wiſſen, daß im Nichtzahlungs⸗ tte, als icht ent⸗ ſofort Heinrich nehmen oon jetzt reuliches enn ſein tenhauſe er, die s hatte Uen oft maligen Wacker, iſchte. Buch⸗ keinen Und zu dieſes reichen, Beweiſe ſeines war es dem er er, den ſſenden 1 zwei⸗ dem er Werth davon. en Sie erbrach glungs⸗ — 749— falle Proteſt erhoben werden muß, wenn die Wechſel ihre Gültig⸗ keit nicht verlieren ſollen.“ „Ich weiß das,“ fuhr Wacker fort,„aber der Proteſt ließe ſich umgehen. Wenn Sie mir erlaubten, Ihnen für den Betrag andere Wechſel einhändigen zu dürfen, die erſt nach vier Wochen fällig werden, ſo wäre mir damit geholfen.“ Wacker hatte, während er dies ſagte, ſeine Brieftaſche hervor⸗ geholt und geöffnet, er nahm aus derſelben die bereits ausgefer⸗ tigten Wechſel und legte ſie auf den Schreibtiſch. „Die Zinſen werde ich Ihnen ſofort baar vergüten,“ fügte er hinzu,„ich bitte Sie nur, mir zu ſagen, wieviel dieſelben betragen.“ Ein Lächeln der Verachtung und Geringſchätzung glitt über das Geſicht Heinrich's. „Halten Sie mich für einen Wucherer?“ fragte er.„Ich mache derartige Geldgeſchäfte nicht.“ „Aber—“ „Mein Herr, entweder Sie zahlen, oder ich laſſe die Wechſel proteſtiren, auf eine Prolongation laſſe ich mich nicht ein.“ Eine ſo kategoriſche Zurückweiſung hatte Wacker, trotz ſeinen ſehr geringen Hoffnungen, doch nicht erwartet, ſie empörte ihn, zumal er ohnehin dem ſtolzen Manne nicht gewogen war. „Von meiner Seite iſt das nur eine Bitte, die wenigſtens einer höflichen Antwort werth wäre,“ ſagte er, mühſam an ſich haltend.„Daß das Geld Ihnen nicht verloren iſt, müſſen Sie wiſſen, mithin können Sie ohne Beſorgniſſe dieſe Bitte erfüllen, wollen Sie das nicht, nun wohl, ſo muß ich mir das Geld, wenn auch mit ſchweren Opfern, zu verſchaffen ſuchen.“ Heinrich zuckte die Achſeln. „Es iſt einmal Prinzip in meinem Geſchäft, alle Zahlungs⸗ termine pünktlich einzuhalten,“ erwiderte er,„von dieſem Prinzip gehe ich nicht ab.“ „So mag ich Ihnen wünſchen, daß Sie dieſes Prinzip ſtets voll halten können,“ fuhr Wacker mit wachſender Erbitterung fort. „Im Uebrigen bin ich moraliſch nicht einmal verpflichtet, die Wechſel einzulöſen, weil ſie gefälſcht ſind.“ Heinrich blickte fragend auf. „Mein Buchhalter, der vor einigen Tagen ſich heimlich aus dem Staube gemacht hat, muß mehrere falſche Wechſel in Cours geſetzt haben—“ „Erlauben Sie,“ unterbrach Heinrich ihn, während er die Schelle zog,„ich kann das nicht wohl glauben. Man ſoll mir die Wechſel auf Herrn Fritz Wacker bringen,“ wandte er ſich zu dem eintretenden Lehrling,„ſie waren geſtern fällig.“ „Es iſt ſo, wie ich Ihnen ſagte,“ nahm Wacker wieder das Wort,„die Wechſel ſind gefälſcht.— Das enthebt mich der Ver⸗ pflichtung, ſie einzulöſen, und wenn ich's auf einen Prozeß ankommen laſſen will, ſo werde ich gewinnen.“ In dieſem Augenblick wurden die Wechſel gebracht. Heinrich verglich die Unterſchrift mit der auf den andern Wechſeln, die Wacker ſelbſt ihm hingelegt hatte. „Es iſt ganz genau dieſelbe Unterſchrift,“ ſagte er beruhigt. „Ich wußte das, wir ſind bei der Annahme ſolcher Papiere ſehr vorſichtig.“ „Die Unterſchrift iſt allerdings ächt,“ erwiderte der ehemalige Schneider,„aber die Summe iſt gefälſcht.“ „Auch davon bemerke ich nichts.“ „Natürlich können Sie nichts davon bemerken, mein Buchhalter hat höhere Summen hineingeſchrieben, als—“ „Ah, Sie haben die Wechſel unterzeichnet, bevor ſie ausgefüllt waren?“ „Ja.“ „Na, dann haben Sie einen dummen Streich gemacht, für den Sie nun büßen müſſen. Das Geſetz entbindet Sie von der Zahlung nicht.“ „Aber dieſer Umſtand müßte Sie doch bewegen, mir den erbetenen Ausſtand zu bewilligen.“ „Im Gegentheil,“ erwiderte Heinrich mit ſchneidender Kälte, „gerade dieſer Umſtand bewegt mich, auf ſofortige Zahlung zu dringen. Sie ſagen ſelbſt, Ihr Buchhalter habe dieſer Wechſel mehrere in Cours geſetzt, daraus kann ich nur den Schluß ziehen, daß Sie Ihr Geſchäft ſehr leichtſinnig betrieben haben. Und einem ſolchen Manne ſchenken wir weder Kredit noch Vertrauen. Ich bedaure, Ihnen das ſagen zu müſſen, aber Sie werden ſelbſt einſehen, daß unter ſolchen Umſtänden es in meinem Intereſſe liegt, mich vor Verluſten zu ſichern.“ Dieſe Worte trieben dem ehemaligen Schneider die Galle in’s Blut. „Ah, ich weiß wohl, daß ich bei Ihnen keine Nachſicht finden werde,“ ſagte er mit bebender Stimme,„Sie haben ja alles Mögliche verſucht, um mich zu ruiniren. Sie haben meine Ge⸗ ſchäftsfreunde vor mir gewarnt, Sie haben meine Waare ſchlecht gemacht, Sie haben heimlich die Schurkereien meines Buchhalters begünſtigt. Das Alles iſt mir bekannt, aber Sie wußten Ihre Machinationen ſo ſchlau zu betreiben, daß ich Ihnen nichts anhaben konnte. Weshalb Sie das Alles gethan haben, weiß ich ſehr wohl, Ihr Haß gilt weniger mir, als meinem Werkführer, der Sie für Ihr ſchamloſes Auftreten ſeiner Tochter gegenüber züchtigte. Wohlan, vollenden Sie Ihr Werk, damit Sie Ihren Wunſch der Ver⸗ Prozeß Heinrich ſeln, die beruhigt. jere ſehr hemalige ichhalter asgefüllt für den von der mir den r Kälte, lung zu Wechſel ziehen, d einem Intereſſe e Galle t finden ja alles eine Ge⸗ eſchlct chalters en Ihre anhaben hr wohl Sie für üchtige Punſch erfüllt ſehen, aber ich ſage Ihnen, auch für Sie wird die Stunde der Vergeltung ſchlagen. So feſt ſtehen Sie auch nicht, daß Sie nicht fallen können und bei Ihnen nimmt's ein Ende mit Schrecken, während ich als Ehrenmann mich zurückziehe. Laſſen Sie pro⸗ teſtiren und Klage erheben, ich ſehe Allem ruhig entgegen, und wenn es ſein muß, kehre ich zu Nadel und Elle zurück, aber ver⸗ geſſen werde ich Ihnen Ihre ſchuftige Handlungsweiſe niemals!“ Purpurgluth hatte das Geſicht des jungen Mannes übergoſſen; ſein zornglühender Blick ruhte durchdringend auf den ehrlichen Zügen Wackers. „Dort iſt die Thüre!“ ſagte er, vor Wuth bebend.„Wenn Sie ſich nicht augenblicklich entfernen—“ „Ich werde gehen,“ unterbrach Wacker ihn, der für den Augen⸗ blick ſeine Seele erleichtert fühlte,„den Triumph ſollen Sie nicht erleben, mich hinausgeworfen zu haben. Mir thut es nur leid um ihren ehrlichen biederen Vater, deſſen grane Haare Sie mit Schanden in die Grube bringen werden.“ Fritz Wacker entfernte ſich nach dieſen Worten ſo raſch, als es ſeine Beine ihm erlaubten, und es war ein Glück für ihn, daß er das Haus ſchon verlaſſen hatte, als die Diener durch das ungeſtüme Läuten ihres Herrn herbeigerufen, in's Kabinet ſtürzten; ſie würden vorausſichtlich nicht glimpflich mit ihm umgegangen ſein. Der ehemalige Schneidermeiſter aber verfügte ſich ohne Verzug zu dem Vater ſeines Gläubigers, um dieſem ſeine Noth zu klagen. Bertram Schenk war entrüſtet über das Benehmen ſeines Sohnes, er erbot ſich ſofort, dem Freunde die nöthige Summe zur Deckung der Wechſel zu leihen. Aber er konnte auch nicht unterlaſſen, ihm ernſte Vorwürfe über ſeinen Leichtſinn und ſeine grenzenloſe Gutmüthigkeit zu machen und Wacker mußte dieſe Vorwürfe ſchweigend hinnehmen. „Was wollt Ihr nun beginnen?“ fragte der Schenkwirth, nachdem er dem Freunde derb den Kopf gewaſchen hatte.„Ruinirt ſeid Ihr, das bedarf keiner Frage, von Eurem Reichthum wird Euch vielleicht nicht einmal ſo viel bleiben, daß Ihr einen beſchei⸗ denen Haushalt einrichten könnt.“ Fritz Wacker nickte, ein finſterer Schatten lagerte ſich über ſein Antlitz. „Meine Frau dauert mich,“ erwiderte er,„ſie wird den Schlag nicht überleben. Seitdem ſie unſere Verhältniſſe kennt, fühlt ſie ſich krank, und ich fürchte, daß ein Nervenfieber im Anzuge iſt, wenn auch der Arzt die Krankheit nicht beſonders anſchlägt.“ Der Schenkwirth nahm eine Priſe und ſchüttelte dann mit einer Miene ernſter Mißbilligung das Haupt. „Sie muß ſich doch ſagen, daß ſie ſelbſt Euch in die Dinte geritten hat,“ verſetzte er,„freilich, Ihr wart der Mann und hättet als ſolcher die Verſchwendung nicht zugeben ſollen. Und am Ende iſt es beſſer, wenn ſie ſtirbt, ſie wird ſich ſchwerlich in dieſen Sturz finden können. Verzeiht mir, wenn dieſe Worte Euch wehe thun, als vernünftiger Mann müßt Ihr mir Recht geben. Was wollt Ihr nun beginnen? Ich habe zwar die beſten Aus⸗ ſichten, daß ich das Geld aus der Erbſchaft binnen einigen Tagen erhalten werde und ich würde ſehr gerne bereit ſein, Euch eine kleine Summe vorzuſtrecken, wenn Euch damit geholfen wäre, aber ich wüßte wirklich nicht, was Ihr—“ „Reden wir nicht davon,“ fiel Wacker ihm raſch in's Wort, „ich bin Euch für dieſes Anerbieten ſehr dankbar, aber ich kann und werde es nicht annehmen. Ich will zu retten ſuchen, was ich noch retten kann und wieder flickſchneidern, das iſt ja das Einzige, was mir übrig bleibt.“ „Und Hermine?“ „Sie iſt ein vernünftiges Mädchen, ſie wird ihrem Vater keine Vorwürfe machen, trotzdem ſie das größte Recht dazu hätte.“ „Aber Ihr habt ja Eurem Freunde Gabel tauſend Thaler vorgeſtreckt.“ „Geſchenkt, nicht geliehen. Er wollte zwar das Geſchenk nicht annehmen, aber ich werde es auch nicht zurücknehmen.“ Bertram Schenk ging hinaus, als er nach wenigen Minuten zurückkehrte, überreichte er ſeinem Freunde ein kleines Packetchen. „Nehmt das,“ ſagte er,„es ſind zweitauſend Thaler, die Otto für die Mitgift ſeiner Schweſter beſtimmt hat.“ „Aber darf ich das? Ich weiß ſelbſt nicht, wie es mit meinem Vermögen ausſieht, wenn ich nun am Ende das Geld nicht einmal zurückzahlen könnte?“ „Dann in Gottes Namen erſetze ich es aus der Erbſchaft,“ entgegnete der Schenkwirth ruhig,„Euch laſſe ich deshalb nicht im Stich.“ „Und Ihr dürft Euch darauf verlaſſen, daß Ihr es binnen einigen Tagen zurückerhaltet, Ihr ſeid der Erſte, deſſen Forderung getilgt wird.“ Bertram Schenk nickte, er blickte ſeinem Freunde mit einiger Theilnahme nach, als dieſer ſich entfernte, um ohne Verzug die Wechſel zu decken. ann und n. Und erlich in tte Euch t geben. en Aus⸗ n Tagen uch eine i wäre, 3 Wort, ich kann n, was ja das m Vater u hätte.“ Thaler enk nicht Minuten acketchen. die Otto tmeinem t einmal rlſchft, ulb nicht 3 binnen orderung t einige erzug die Neunundneunzigſtes Kapitel. Eine Ehe ohne Liebe. Die Befürchtung des Buchhalters war ſehr begründet, die Bank weigerte ſich die verlangte Summe zu zahlen. In dem Briefe, den Heinrich eine halbe Stunde ſpäter erhielt, theilte die Direction ihm mit, daß das bei ihr deponirte Kapital Privateigenthum der Frau Bertha Schenk, geborene Liebmann ſei und nur gegen eine von dieſer Dame ausgefertigte Quittung ganz oder theilweiſe zurückgefordert werden könne. Das hatte Heinrich nicht erwartet, es verdroß ihn gewaltig, daß ſeine Quittung zurückgewieſen worden war und er eilte ſelbſt zur Bank, um ſich darüber zu befchweren und den Beamten klar zu machen, daß das Vermögen ſciner Frau auch ſein Eigenthum ſei. Aber er ſollte erfahren, daß Bertha, durch ihr Mißtrauen gegen den Gatten bewogen, ihre Maßregeln ſo vorzüglich getroffen hatte, daß es ihm nicht möglich war, ohne ihre Einwilligung über einen einzigen Groſchen der bedeutenden Summe zu verfügen. Der Bankdirector zuckte kühl die Achſeln und erwiderte, Frau Schenk habe die Bank ſpeciell beauftragt, ohne ihre Quittung keinen Pfennig von dem ihr anvertrauten Kapital auszuzahlen, ſie ſelbſt werde ſpäter über dasſelbe verfügen. Heinrich zitterte vor Aerger, aber er änderte dadurch nichts. Nun mußte er auch noch bei ſeiner Heimkunft erfahren, daß Fritz Wacker die Wechſel eingelöſt hatte. „Gut,“ ſagte er in überwallendem Zorne, als der Buchhalter ihm dieſe Mittheilung machte,„kündigen Sie dem ehemaligen Flickſchneider ſofort das Kapital, welches wir ihm auf ſeine Fabrik⸗ gebäude geliehen haben, die Kündigungsfriſt iſt drei Monate, wir werden uns ſo lange gedulden müſſen, wenn es nicht vorher zum Konkurs kommt.“ „Und die Bank?“ fragte der Buchhalter. „Weigert ſich, die Summe zu zahlen, wir werden auch ohne ſie fertig. Verlauſen Sie heute Mittag an der Börſe unſere ſpa⸗ niſchen Papiere, der Betrag genügt, die dringendſten Verbindlich⸗ keiten“— „Aber die Papiere ſtehen augenblicklich ſehr niedrig.“ 48 — 754— „Einerlei, ſie werden ohnehin ſobald nicht wieder ſteigen, ſuchen Sie nur ſo hoch wie möglich zu verkaufen.“ Nachdem Heinrich dieſe Anordnungen getroffen hatte, verließ er ſein Kabinet, um ſich in ſeine Privatwohnung zurückzuziehen. Er konnte ſich ſelbſt nicht verhehlen, daß es bergab mit ihm ging, und er bereute jetzt, ſo viel gewagt zu haben. Aber trotz alledem verlor er den Muth nicht. Durch die Heirath mit Maria Latour gewann er nicht allein das Vermögen dieſer Dame, ſondern auch das ſeiner Frau, und mit dieſen Kapitalien konnte er, wenn er wollte, ſich in's Privat⸗ leben zurückziehen. Freilich, freilich, ſo weit war er noch nicht, aber der Weg, der zu dieſem Ziele führte, ſchien ihm geebnet, es galt nur, rüſtig vorwärts zu ſchreiten und ſich nicht zurückſchrecken zu laſſen. In der Abenddämmerung kam Bertha an. Sie hätte ſchon früher eintreffen können, aber ſie war in Brüſſel über Nacht geblieben, ihr eilte es mit der Heimkehr ſo ſehr nicht. So kalt und froſtig, wie der Abſchied geweſen war, ſo kalt und froſtig war auch der Empfang. Heinrich ging ſeiner Gattin nicht einmal entgegen, er wartete im Wohnzimmer, bis ſie in ihrem Gemach Toilette gemacht hatte. „So hat man endlich wieder einmal das Vergnügen, Dich hier zu ſehen,“ ſagte er, während er ihr gleichmüthig die Hand bot,„es hat mir Mühe gekoſtet, Dich zur Reiſe hieher zu bewegen.“ Bertha warf trotzig die Oberlippe auf, aus ihren dunklen Augen traf ein kalter geringſchätzender Blick den Gatten, der ſich in einem Seſſel niedergelaſſen hatte und in Ermangelung anderer Beſchäftigung die Spitzen ſeiner feinen Lackſtiefel betrachtete. „Ich habe Dir wohl geſchrieben, welches Ende inzwiſchen Dein Bruder genommen hat,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „ein anderes Ende ließ ſich kaum erwarten.“ „Er war bei mir in Paris,“ erwiderte Bertha, während ſie die Falten ihrer ſeidenen Robe ordnete,„ich würde ihn unterſtützt haben, wenn er weniger unverſchämt aufgetreten wäre. Aber ich habe durch ihn Manches erfahren, was mir vordem unbekannt war, und ich kann mir nun erklären, weshalb er dieſes Ende nehmen mußte.“ Heinrich blickte betroffen auf, trotz der Ruhe und Gleich⸗ gültigkeit, mit der Bertha das geſagt hatte, fühlte er doch den Stachel durch, der ihn treffen ſollte. „Ich kann mir denken, daß er alle denkbaren und undenkbaren Gründe hervorgeſucht hat, um ſeine Vergangenheit zu beſchönigen,“ ſteigen, verließ zuziehen. mit ihm ber trot cht allein au, und Privat⸗ er Weg, r rüſtig n. war in mkehr ſo ſo kalt wartete ſht hatte en, Dich die Hand jeher zu dunklen der ſich anderer tte. zwiſchen uſe fort, — 755— ſagte er gelaſſen,„er hat ja auch mich der Erbſchleicherei und der Verführung angeklagt.“ „Und dieſe Anklage war gerecht,“ fuhr Bertha fort.„Du haſt ihn nicht nur zum Hazardſpiel verleitet, ſondern ihn auch dem Wucherer in die Arme geführt.“ „Sagte er das?“ „Noch mehr, als dies.“ „Da bin ich begierig, zu hören, welche Verleumdungen er außerdem noch erſonnen hat, um ſich rein zu waſchen,“ verſetzte Heinrich mit ſchneidendem Hohne. Bertha zuckte die Achſeln. „Es iſt ein unerquickliches Thema, welches ich lieber nicht weiter erörtern möchte,“ entgegnete ſie. „Das heißt mit anderen Worten, Du ſtellſt Dich auf ſeine Seite und nimmſt Parthei gegen mich.“ „Wenn Du das in meinen Worten finden willſt, ſo kann ich es nicht verwehren. Uebrigens hege ich die Ueberzeugung, daß die Mittheilungen meines Bruders auf Wahrheit beruhen, Du ſelbſt haſt den Wucherer, Gott weiß, durch welche Mittel, gezwungen—“ „Das alte, alberne Mährchen!“ fiel Heinrich ſpottend ihr in's Wort.„Er hat's mir auch vorgeworfen, aber ich bewies ihm, daß es eine Verleumdung war, ein albernes Hirngeſpinnſt, deſſen Zweck er nicht erreichen konnte. Hätte er die Wahrheit ſeiner Behauptung beweiſen können, ſo würde er mich nicht geſchont haben.“ „Ich kann und will das nicht unterſuchen,“ ſagte Bertha kühl. „Weshalb mußte ich hierher zurückkehren? Du ſchriebſt mir, mein Vermögen ſei in Gefahr, es bedürfe meiner perſönlichen Hierher⸗ kunft, um zu retten, was noch gerettet werven könne.“ „Ich werde Dir das morgen erklären.“ „Weshalb nicht heute?“ „Du biſt ermüdet, angegriffen von der Reiſe—“ „Durchaus nicht, im Gegentheil, ich fühle mich dazu auf⸗ gelegt, über dieſen Punkt Deine Mittheilungen anzuhören.“ „Du fürchteſt—“ „Das nicht, ich wünſche nur, die Angelegenheit ſo raſch wie möglich gordnet zu ſehen.“ Heinrich blickte ſeine Gattin forſchend an, er glaubte den Grund dieſes Wunſches errathen zu tönnen. „Aber weshalb dieſe Eile?“ fragte er. „Weil ich nach Paris zurückzukehren wünſche,“ erwiderte Bertha kalt. Der junge Mann biß auf die Lippe, er hatte dieſe Antwort erwartet, ſie ließ ihn faſt mit Gewißheit vermuthen, daß ſchon ein Nebenbuhler zwiſchen ihm und ſeiner Gattin ſtand. 48* ——— — 756— „Ich wünſche dagegen, daß Du hier bleibſt,“ ſagte er, und es lag eine leiſe Drohung in dem Tone, in welchem er dieſen Wunſch ausſprach.„Hier iſt Deine Heimath, hier iſt der Ort, den das Geſetz Dir angewieſen hat. Ich will nicht von den Pflichten reden, die von Dir zu fordern ich geſetzlich berechtigt bin, aber—“ „Was bezweckt dieſe Sprache?“ unterbrach Bertha ihn ſtreng. „Liegt eine Drohung in ihr, ſo ſprich ſie nur aus, ich fürchte ſie nicht.“ „Eine Drohung inſofern, als ich nicht zugeben werde, daß Du Dein Vermögen vergeudeſt.“ Ein ſpöttiſches Lächeln glitt über die Lippen der jungen Frau. „Ich denke, mit meinem Vermögen ſchalten und walten zu können, wie es mir beliebt,“ ſagte ſie.„Oder hegſt Du vielleicht den kühnen Vorſatz, mich unter Vormundſſchaft ſtellen zu laſſen?“ „Und wenn ich das thäte?“ brauſte Heinrich auf, erbittert rurch den verletzenden Spott.„Wenn ich wirklich dieſen Vorſatz hegte, Deine Lebensweiſe gäbe mir das Recht, ihn auszuführen.“ „So verſuche es.“ Heinrich hatte ſich erhoben, das Blut kochte in ſeinen Adern, eine ſo offene und entſchiedene Oppoſition hatte er nicht er⸗ wartet. Und doch fühlte er, daß er ſich bezwingen mußte, er wollte zuerſt den Weg der Güte verſuchen, es lag ihm viel daran, die Verfügung über das bei der Bank deponirte Kapital zu erhalten. „Wenn ich den Eclat nicht fürchtete, ſo würde ich, wenn auch mit ſchwerem Herzen jenen Schritt thun,“ nahm er nach einer Weile wieder das Wort,„mir kann es ja nicht gleichgültig ſein, wie Du mit Deinem Vermögen wirthſchafteſt. Zudem muß ich befürchten, daß Du als unerfahrene, leichtgläubige Frau, Betrügern in die Hände fällſt, die—“ „Das ſei meine Sorge,“ bemerkte Bertha ſpitz.„Im Noth⸗ falle habe ich in Paris Freunde, die mir mit ihrem Rathe zur Seite ſtehen.“ „Ich bezweifle das nicht,“ fuhr Heinrich mit beißendem Sar⸗ kasmus fort,„nachdem Du hier Deinen guten Ruf in den Staub getreten haſt, wird es Dir nicht darauf ankommen, in Paris den guten Freunden auch Deine Ehre zu opfern.“ „Mein Herr!“ „Widerlege das, wenn Du kannſt. Deine Lebensweiſe iſt zum Mindeſten ſehr zweideutig und ich, als Dein Gatte, fühle mich verpflichtet, eine Umkehr energiſch zu fordern. Ich hätte das Recht, Dir einen Vormund zu ſtellen, ſogar die Scheidungsklage anhängig zu machen—“ er, und er dieſen er Ott, don den erechtigt ſtreng. H fürchte tde, daß n Frau. lten zu dielleicht laſſen?“ erbittert Vorſatz führen.“ n Adern, nicht er⸗ er wollte ran, die erhalten. enn auch ach einer tig ſe muß ich zetrügern m Noth⸗ tathe zur em Sar⸗ en Staub zaris den iſt zum igle mic hätte das ungsklage — 757— „Wie es Ihnen beliebt, ich werde mit Vergnügen in die Scheidung einwilligen.“ „Ich werde Keins von Beiden thun, wenn es mir gelingt, die Uebereinkunft mit Dir zu treffen, die allein mir eine Bürg⸗ ſchaft für die Sicherſtellung Deines Vermögens gibt. In dieſem Falle magſt Du nach Paris zurückkehren, ich werde Dir in allen Stücken freie Hand laſſen und mich in Deine Privatangelegen⸗ heiten nicht mehr einmiſchen. Willſt Du das nicht, ſo ſehe ich mich leider genöthigt, Dir einen Vormund zur Seite zu ſtellen.“ Die dunklen Augen der jungen Frau ſprühten Blitze, ihre Lippen bebten vor innerer Erregung. „Welche Uebereinkunft haben Sie mir vorzuſchlagen?“ fragte ſie. „Die, daß Sie mir das Recht einräumen, Ihr Vermögen zu verwalten.“ „Ah, ich dachte es mir!“ „Ich werde Dir die Zinſen deſſelben voll und unverkürzt auszahlen laſſen, das Kapital indeß darf nicht angegriffen werden.“ „Und wozu das Alles? Hoffen Sie ſchon jetzt, ſpäter in den alleinigen Beſitz dieſes Kapitals zu kommen? Mein Herr, dieſe Hoffnung könnte eine vergebliche ſein, ich kann über mein Vermögen zu Gunſten eines Anderen verfügen, wenn es mir beliebt und ich erkläre Ihnen unverholen, daß ich es thun werde. Sie wollen mich zwingen, Ihnen die Verwaltung dieſes Vermögens zu übertragen? Ich errathe die Urſache dieſes Vorhabens, Sie wollen das Geld benutzen, um Verpflichtungen einzulöſen, zu denen Ihre Mittel nicht mehr ausreichen, Sie wollen ſich durch daſſelbe vor dem Bankerott retten. Glauben Sie nicht, daß ich ſo unwiſſend und beſchränkt ſei, ich durchſchaue Ihre Abſicht.“ Wenn Bertha nur noch den leiſeſten Zweifel in die Richtigkeit ihrer Vermuthungen geſetzt hättte, ſo würden die Beſtürzung und der Aerger, die ſich in dem Geſicht ihres Gatten ſpiegelten, ihn gehoben haben. Der Ausdruck ſeiner Züge bewies ihr, daß ſie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. „Deshalb mußte ich hierher kommen,“ fuhr ſie mit ſteigender Erbitterung fort,„deshalb wurde mir die Lüge geſchrieben, daß mein Vermögen von Gefahren bedroht ſei, die meine perſönliche Hierherkunft dringend erforderten.“ „Und wenn es der Fall wäre?“ fuhr Heinrich gereizt auf. „Wenn ich Dich bäte, mir einen Theil Deines Geldes anzuver⸗ trauen, um mich vor dem Sturz zu retten, der ja auch Dich treffen würde—“ „So würde ich Sie darauf aufmerkſam machen, daß mein Vater, in richtiger Erkennung und Würdigung Ihres Charakters, ſehr vernünftig handelte, als er mich zur Univerſalerbin beſtimmte.“ — 758— „Sie würden alſo meine Bitte nicht erfüllen?“ „Nein.“ Der junge Mann preßte die Lippen feſt aufeinander, ſein glühender Blick ruhte finſter, ſtechend auf dem Antlitz Bertha's, in welchem eine unerſchütterliche Entſchloſſenheit ſich ausprägte. „Jetzt erſt habe ich Dich ganz kennen gelernt,“ ſagte er mit dumpfer, tonloſer Stimme,„jetzt weiß ich auch, was ich von Dir zu erwarten habe, wenn einmal das Schickſal den vernichtenden Schlag führt. Gott ſei Dank, ſo weit iſt es noch nicht gekommen, wenn ich auch in der jüngſten Zeit Verluſte gehabt habe.“ Wieder zuckte Bertha die Achſeln, als ob ſie ſagen wolle, ihr ſei es gleichgültig, wann dieſer Schickſalsſchlag ihren Gatten treffe. „Ich werde mich morgen bei der Bank nach dem Stande meines Vermögens erkundigen,“ ſagte fie.„Zwar habe ich die betreffenden Beamten ſchon beauftragt, ohne meine Quittung nichts verabfolgen zu laſſen, aber es iſt vielleicht rathſam, den Herren das noch einmal einzuſchärfen. Wenn das geſchehen iſt, reiſe ich nach Paris zurück.“ Hätte Bertha das teufliſche Lächeln bemerkt, welches in dieſem Augenblick die Lippen ihres Gatten umſpielte, ſo würde ihr daſſelbe vielleicht die Pläne Heinrich's verrathen, oder doch in ihrer Seele den Verdacht geweckt haben, daß ihr Gatte entſchloſſen war, unter allen Umſtänden und ſelbſt durch ein Verbrechen ſeinen Zweck zu erreichen. Sie ſah dieſes Lächeln nicht. „Ich hätte das vorauswiſſen können,“ ſagte Heinrich, während er langſam auf dem weichen Teppich auf⸗ und abwanderte,„aber ich hoffe noch immer, Sie würden ſich erinnern, was Sie Ihrem Gatten ſchuldig ſind. Dieſe Unterredung hat das letzte Band zerriſſen, welches mich noch an Sie feſſelte, ich werde fortan mit unnachſichtlicher Strenge Ihre Schritte überwachen und keine Ueber⸗ ſchreitung Ihrer Rechte und Befugniſſe dulden. Das, was ich vorhin Ihnen geſagt habe, waren nur Worte, die Sie auf die Probe ſtellen ſollten, wie Sie dieſe Probe beſtanden haben—“ „Geben Sie ſich keine Mühe, mir dieſes alberne Mährchen aufzubinden,“ unterbrach Bertha ihn kühl,„ich weiß Wahrheit von Dichtung zu unterſcheiden. Jetzt aber bitte ich Sie, ſich zu ent⸗ fernen, ich bin ermüdet und habe außerdem noch meine Vor⸗ kehrungen für die Rückreiſe nach Paris zu treffen.“ Heinrich würdigte dieſe Aufforderung keiner Antwort, er kam ihr ſchweigend nach, nachdem er ſich mit einer gemeſſenen Ver⸗ beugung verabſchiedet hatte. Er ging in ſein Gemach und zog die Schelle. „Bringen Sie meiner Gemahlin dieſes Bouquet,“ wandte er t, ſein a's, in er wit on Dir htenden ommen, 1 lle, ihr treffe. Stande ich die richts Herren iſe ich dieſem de ihr doch in ſchloſſen ſeinen ährend „aber — 759— ſich zu dem eintretenden Diener,„ich vergaß vorhin, es mitzu⸗ nehmen.“ Dieſes prachtvolle, ſinnreich arrangirte Blumenbouquet hatte Marie Latour kurz vorher geſchickt, Bertha liebte die Blumen, die Aufmerkſamkeit ihres Gatten überraſchte ſie. Sie ahnte nicht, daß ſie mit dem Duft dieſer herrlichen Blüthen den Todeskeim einſog. Hundertſtes Kapitel. Der Friſeurgehülfe. Kaspar Melchior Gabel zerbrach ſich vergeblich den Kopf über den Stand und die Abſichten ſeines neuen Miethers. Er beobachtete ihn verſtohlen, er konnte das nicht unterlaſſen, trotzdem er gelobt hatte, ſich um das Thun und Laſſen des räth⸗ ſelhaften Fremden nicht zu bekümmern. Chateaurouge hatte ſich ausbedungen, daß während ſeiner Abweſenheit nur diejenige Perſon ſein Zimmer betreten dürfe, der die Reinigung deſſelben obliege, und da der Friſeur in eigener Perſon dies beſorgte, um den Lohn für einen Dienſtboten zu ſparen, ſo war er nach dem Wortlaut des Vertrags ermächtigt, in das Zimmer einzutreten, nachdem der Bewohner deſſelben ſich entfernt hatte. Da ſiel ihm denn zuerſt ein aromatiſcher Duft auf, der die Luft würzte, ein Wohlgeruch, wie er ihn nie zuvor gekannt hatte. Schon das beſtätigte ſeine Vermuthung, daß ſein Miether den höchſten Ständen angehören müſſe, er ſollte für dieſe Vermuthung noch weitere Beweiſe finden. Der räthſelhafte Fremde hatte die Unvorſichtigkeit begangen, ſein Koffer nicht feſt zu ſchließen, und der Friſeur konnte, als er dies wußte, ſeiner Neugier auf die Dauer nicht widerſtehen. Es war ein kleines Handköfferchen, viel konnte es nicht ent⸗ halten, aber jedenfalls enthielt es genug, um dem Forſcher Gewiß⸗ heit zu verſchaffen. Zwar ſträubte das Ehrgefühl Gabel's ſich Anfangs gegen die Befriedigung ſeiner Neugier, er ging einigemal an dem Koffer vorbei mit dem feſten Vorſatz, den Sieg über dieſe Untugend zu behaupten, aber die Gelegenheit war gar zu verlockend, und Ge⸗ wißheit mußte er doch haben. Er ſagte ſich, es ſei ja möglich, daß dieſer Miether ſehr triftige Gründe habe, ſich vor der Polizei zu verſtecken und daß ihm dies große Unannehmlichkeiten bereiten könne, zumal das Geſetz ihn verpflichte, jeden Gaſt, der länger als vierundzwanzig Stunden unter ſeinem Dache, weile, der Behörde anzumelden. Und dann erfuhr ja auch der Fremde dieſe Verletzung des Miethsvertrages nicht, denn Gabel war ſich bewußt, daß er das Geheimniß, welches er möglicherweiſe entdeckte, ſtreng bewahren werde. Alſo faßte der Friſeur ſich ein Herz, er vergaß für einen Augenblick ſeine guten Vorſätze und öffnete raſch den Koffer. Da fand er denn freilich nichts, was ihn über ſeinen Miether ſo aufklären konnte, wie er es wünſchte, aber die feine Wäſche, die elegante Toiletteſchachtel und das Petſchaft mit dem eingravirten Wappen legten ihm die Schlußfolgerung nahe, daß der räthſelhafte Herr ein Edelmann ſein müſſe. In Folge dieſer Entdeckung wuchs der Reſpekt Gabel's vor ſeinem Miether, der erſt am ſpäten Abend heimkehrte. Der Friſeur war verſtimmt. Er hatte im Laufe des Tages den Schenkwirth beſucht und von dieſem die Verlegenheit Wacker's erfahren. Dieſe Verlegenheit legte ihm die Verpflichtung auf, dem Freunde das Darlehn zurückzuerſtatten, welches er nicht als Ge⸗ ſchenk ſondern nur als ein Darlehn betrachten konnte. Die Frage aber, woher er die Mittel zur Tilgung dieſer Schuld, die für ihn eine Ehrenſchuld war, nehmen ſolle, machte ihm viel zu ſchaffen. Er hatte zwar einige Thaler erſpart und er durfte auch auf Grund der bisherigen Erfahrungen die Hoffnung hegen, daß er binnen einigen Jahren im Stande ſein werde, die Schuld wenigſtens theilweiſe decken zu können. Aber damit war dem Freunde nicht geholfen, er mußte das Geld ſofort haben. Der Chevalier von Chateaurouge bemerkte bei ſeiner Heimkehr ſofort die Verſtimmung ſeines Hauswirths und da ihm viel daran lag, ſich mit dieſem Manne auf einen vertrauten Fuß zu ſtellen, ſo benutzte er dieſe Gelegenheit, um ſich durch eine herzliche Theil⸗ nahme das Vertrauen deſſelben zu erwerben. „Wenn es Ihnen nicht ungelegen iſt, möchte ich gerne einige Worte mit Ihnen plaudern,“ ſagte er, nachdem er in ſeinem Zimmer Hut und Mantel abgelegt hatte.„Ich habe eine Flaſche Bordeaux mitgebracht, aber der Wein ſchmeckt mir nicht, wenn ich ihn allein trinken ſoll.“ Der Friſeur fühlte durch dieſen Beweis von Vertrauen und Wohlwollen ſich ſo ſehr geſchmeichelt, daß er im erſten Augenblick triftige m dies eſetz ihn Stunden nd dam vertrages welches ür einen fer. Miether Wäſche, ravirten hſelhafte el's vor s Tages Wacker's uf, dem als Ge⸗ g dieſer machte auch auf daß er zenigſtens ußte das Heimkehr iel daran zu ſtellen, he Teei⸗ ne einige n ſeinem n Flich wenn i d nen un Augenblik — 761— keine paſſende Antwort auf dieſe ihn ehrende Einladung finden konnte. „Sie ſind verſtimmt,“ fuhr der Chevalier fort, während er durch einen Wink ſeinen Hauswirth einlud, Platz zu nehmen, „Sie haben Sorgen, oder einen geheimen Gram, für ſolche Krank⸗ heiten iſt der Wein die beſte Medizin. Alſo—“ „Sie ſind außerordentlich gütig,“ ſtotterte Gabel, während er in ſeiner Verlegenheit ſein intereſſantes Riechorgan rieb. „Keine Complimente, lieber Herr—“ „Ah— ich weiß wirklich nicht, ob ich die Ehre annehmen darf, ich bin nur ein ſchlichter Barbier und Sie—“ „Und ich?“ fragte der Chevalier ſo haſtig und zugleich ſo ſcharf, daß der Friſeur erſchreckt zuſammenfuhr.„Wer bin ich?“ „Ich weiß es nicht.“ 3 „Ah, ich dachte, Sie hätten ſpionirt.“ „Du lieber Gott, wie könnte ich das? Und ſelbſt, wenn ich Gelegenheit dazu finde, unſer Vertrag verbietet es mir.“ „Ganz recht, und ich hoffe, Sie werden die einzelnen Be⸗ dingungen dieſes Vertrages nicht vergeſſen.“ „Nein, nein, ich habe nur vermuthet— „Auch das iſt mir unangenehm.“ „So werde ich ſortan mich auch der Vermuthung enthalten.“ „Es wird nur Ihr eigner Nutzen ſein.“ Der Chevalier hatte jetzt die Flaſche entkorkt, er füllte die Gläſer, die der Friſeur während der Unterredung aus dem Neben⸗ zimmer geholt hatte und forderte ſeinen Hauswirth auf, mit ihm anzuſtoßen. Einen ſo feinen, feurigen Wein hatte der Friſeur nie vordem getrunken, er fühlte, wie derſelbe ſeinen ganzen inneren Organis⸗ mus erwärmte und belebte. „Sie haben alſo Sorgen?“ begann der Chevalier wieder, nachdem er eine Cigarre angezündet hatte.„Geht das Geſchäft ſo ſchlecht—“ „Ach nein, ich bin zufrieden, und ich kann nur⸗ wünſchen, daß es immer ſo bleibt, aber—“ „Aber? Reden Sie ohne Scheu.“ „Ich habe Schulden.“ „So, ſo— „Mißverſtehen Sie mich nicht, es ſind keine unehrenhafte Schulden, wenngleich auch meine Naſe—“ „Entſchuldigen Sie, ich dachte in der That daran.“ „Daß ich dem Gotte Bachus huldige?“ 74 „Ja.. Ein ſchmerzlicher Seufzer entrang ſich den Lippen des Friſeurs. 3 8 4 — — 762— „Ich weiß wirklich nicht, womit ich es verdient habe, daß unſer Schöpfer mich mit dieſem mißgeſtalteten Riechorgan ausge⸗ ſtattet hat,“ fuhr er wehmüthig fort,„ich habe nie die geiſtigen Getränke geliebt—“ „So iſt es nach meiner Anſicht eine Hautkrankheit, für die ich Ihnen ein vortreffliches Heilmittel geben werde.“ „Sie?“ fragte der Barbier erſtaunt. „Sie glauben nicht, daß ich das könne?“ erwiderte der Che⸗ valier lächelnd.„Ich bin kein Charlatan, kein Fabrikant ge⸗ prieſener Geheimmittel, aber ich habe durch meine botaniſchen und chemiſchen Studien Manches gelernt, was den Herren Aerzten noch ein Buch mit ſieben Siegeln iſt. Ich werde das Mittel bereiten und Ihnen die nöthige Anweiſung geben, kann ich auch die Form der Naſe nicht ändern, ſo kann ich doch die Röthe ver⸗ treiben. Aber wir wollten ja von Ihren Schulden reden. Wie hoch belaufen ſie ſich?“ „Auf tauſend Thaler.“ „Das iſt viel für Ihre Verhältniſſe.“ „Gewiß. Ein Freund hat mir das Geld geliehen zur Etablirung meines Geſchäfts. Ich wollte ein ſo großes Darlehn nicht, aber er drang mir die Summe auf mit dem Bemerken, daß ſie ein Geſchenk ſei.“ „Und jetzt fordert er dieſes Geſchenk zurück?“ „Nein. Damals war er reich, heute ſteht er vor dem Bankerott. Da meine ich denn, es ſei eine Ehrenſchuld, die ich abtragen müſſe und daß ich dies augenblicklich nicht kann, das bereitet mir große Sorgen.“ Der Chevalier blickte ſeinen Hauswirth forſchend an, es lag in dem Geſicht des letzteren nichts, was die ehrliche Abſicht des⸗ ſelben hätte Lüge ſtrafen können. „Sie ſind ein ehrlicher Mann,“ ſagte er,„und es freut mich, daß ich Sie als ſolchen kennen lerne. Uebrigens erzeigen Sie Ihrem Freunde einen größeren Gefallen, wenn Sie mit der Rück⸗ erſtattung des Geldes bis nach dem Ausbruch des Falliments warten.“ „Glauben Sie?“ „Natürlich. Geben Sie es ihm jetzt, ſo fließt es in die Maſſe, geben Sie es ihm ſpäter, ſo iſt es ſein Privateigenthum. Sie haben alſo noch Zeit, wir werden ſpäter darauf zurückkommen.“ „Heute, oder ſpäter, das Geld muß doch geſchafft werden und ich weiß wahrlich nicht—“ „Geduld, kommt Zeit, kommt Rath. Wir wollen unſere Intereſſen miteinander vereinigen, ich helfe Ihnen und Sie helfen mir. Was meinen Sie dazu?“ abe, daß n ausge geiſtigen für die der Che⸗ kant ge⸗ ſchen und Aerzten MNMittel ich auch the ver⸗ n. Wie hen zur Darlehn ken, daß or dem die ich n, das wes lag icht des⸗ ut mich, en Sie er Rück⸗ lliments — 763— Ueberraſcht blickte Gabel den Chevalier fragend an, dann ſchüttelte er zweifelnd das Haupt. „Das verſtehe ich nicht,“ ſagte er. „Sie werden es ſpäter verſtehen, einſtweilen weihe ich Sie nur ſo weit ein, als ich es für nöthig und zweckmäßig erachte. Kennen Sie einen Herrn Heinrich Schenk 244 Das Erſtaunen des Friſeurs wuchs. Gewiß kannte er ihn, aber er war ſchlau genug, ſeine Antwort reiflich zu erwägen, um deſto tiefer in die Geheimniſſe des Fremden eindringen zu können. „Dem Namen nach,“ ſagte er. „Er ſoll ſehr reich ſein.“ „So ſagt man.“ „Ich habe heute vernommen, daß er in der jüngſten Zeit viele Verluſte gehabt habe.“ „Darüber kann ich Ihnen nichts ſagen,“ erwiderte der Friſeur, „Herr Schenk macht Spekulationsgeſchäfte und man weiß ja, die Spekulanten gewinnen heute und verlieren morgen.“ „Sie wiſſen alſo nichts Genaues über ſeine Verhältniſſe?“ „Om— ſpeziell nicht,“ ſagte Gabel ausweichend, der die Be⸗ fürchtung hegen mußte, daß ſein Miether die Unterhaltung ab⸗ brach, wenn er mit einem entſchiedenen„Nein“ antwortete. „Sie kennen auch nicht ſeine Vergangenheit?“ forſchte der Chevalier, der bereits ungeduldig wurde. Der Friſeur ſah eine Weile dem Fragenden prüfend in's Auge. „Sagen Sie mir aufrichtig, weshalb Sie dieſe Fragen an mich richten,“ verſetzte er,„was es auch ſein mag, Sie dürfen mir vertrauen.“ „Das eben weiß ich ſo beſtimmt noch nicht,“ erwiderte der Chevalier.„Sie weichen mir aus, Sie geben nur eine halbe Antwort, trotzdem Sie—“ „Nun wohl, ich will offen ſein,“ unterbrach Gabel ihn,„wenn Sie dagegen mir verſprechen, mir auch vertrauen zu wollen.“ „Das hängt einzig und allein von Ihnen ab. Sie kennen die Vergangenheit dieſes Herrn?“ „Ja. Er iſt der Sohn eines hieſigen Schenkwirths, eines braven, biederen Bürgers, der ihn, um ihn etwas Tüchtiges ler⸗ nen zu laſſen, zu einem Kaufmanne in die Lehre gab. Er wußte ſich das Vertrauen ſeines Prinzipals in ſo hohem Grade zu er⸗ werben, daß dieſer ihn ſpäter als Aſſocie in ſein Geſchäft auf⸗ nahm. Kurz darauf entleibte der einzige, Sohn jenes Kaufmanns ſich ſelbſt, man ſagte, wegen Spiel und Wechſelſchulden. Einige Monate ſpäter ſtarb der Vater des Selbſtmörders in einem Irrenhauſe in London und man wollte wiſſen, der Beſitzer dieſer Anſtalt habe den alten Mann, der durchaus nicht irrſinnig ge⸗ —— — 764— weſen ſei, ermordet. Wie dem auch ſein mag, die Geſchichte iſt niemals aufgeklärt worden, Herr Schenk war Üniverſalerbe beider Aſſocies. Einige Zeit vorher hatte Herr Schenk die Tochter eines reichen Fabrikanten geheirathet. Außer dieſer Tochter beſaß der letztere noch einen Sohn, der wegen Wechſelfälſchung fliehen mußte und ſteckbrieflich verfolgt wurde. Der Fabrikant ſtarb plötzlich, nach ſeinem Tode erfuhr man, daß er ſeinen Sohn gänzlich ent⸗ erbt und ſeine Tochter als Univerſalerbin eingeſetzt hatte. Vor einiger Zeit, es war im diesjährigen Karneval, wagte der Schwa⸗ ger des Herrn Schenk, trotzdem er ſteckbrieflich verfolgt wurde, hierher zurückzukehren, Niemand wußte es, man erfuhr es erſt, als man in einem Gehöoͤlz bei Deutz ſeine Leiche fand.“. „Seine Leiche?“ fragte der Chevalier überraſcht, der bisher mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört hatte. Der Friſeur nickte. „Er ſoll ſich erſchoſſen haben und das klingt glaublich, denn was blieb ihm, dem Bettler und verfolgten Verbrecher, anders übrig?“ Der Chevalier blieb lange in Nachdenken verſunken. „Alle dieſe raſchen und plötzlichen Todesfälle haben den Mann bereichert,“ ſagte er nach einer geraumen Weile,„ſollte man nicht glauben, er ſtehe mit dem Tode im Bunde?“ „Wie meinen Sie das?“ fragte Gabel entſetzt.„Wollen Sie damit ſagen—“ „Es iſt nur eine Redensart, guter Freund, aber Sie werden mir zugeben, daß die Vergangenheit dieſes Herrn Furcht und Grauen vor ihm einflößen kann, zumal, wenn man abergläubig iſt.“ „Sind Sie es?“ „Nein, aber ich habe meine eigenen Gedanken.“ „Und nun werden Sie mir wohl ſagen, weshalb Sie ſich ſo ſehr für dieſen Herrn intereſſiren.“ Noch immer zögerte der Chevalier, ſein forſchender Blick ſchien in die Seele des Friſeurs eindringen zu wollen. „Gut,“ ſagte er endlich,„ich will Ihnen vertrauen, ich will Ihnen Alles enthüllen, aber ich mache Sie vorher darauf auf⸗ merkſam, daß ich Sie ohne Erbarmen niederſchießen werde, wenn Sie mein Vertrauen mißbrauchen und meine Geheimniſſe offen⸗ baren, oder meine Pläne zu durchkreuzen ſuchen. Alſo haben Sie die Wahl, wollen Sie mir in allen Dingen treu und ehrlich bei⸗ ſtehen, oder ziehen Sie vor, nicht in meine Geheimniſſe eingeweiht zu werden?“ „Ich verſpreche Ihnen Verſckwiegenheit, Treue und Beiſtand, vorausgeſetzt, daß ich es mit meinem Gewiſſen und meiner Ehre vereinbaren kann, gemeinſchaftliche Sache mit Ihnen zu machen,“ erwiderte Gabel entſchloſſen. ſchicte iſt cbe beider hter eines deſaß der ſen mußte plöhlich zzlich ent⸗ tte. Vor 35 Schwa⸗ gt wurde, tes erſt, er bisher lich, denn übrig?“ den Mann man nicht ſollen Sie e werden rccht und zubig iſt. zie ſich ſo lick ſchien ich will wauf auf⸗ de, wenn iſe offen⸗ zaben Sie dii b eingeweiht Beiſtond, iner hre mmochen, — 765— „Ihr Gewiſſen und Ihre Ehre erlauben es Ihnen, aber ich erinnere Sie nochmals an meine Warnung, ich verſichere Sie, daß ich—“ „Ich werde dieſe Warnung nicht vergeſſen.“ „Nun wohl, Sie wiſſen wohl, daß Madame Schenk von ihrem Gatten getrennt lebt?“ „Sie ſoll in Paris wohnen.“ „So iſt es, ich lernte ſie dort kennen. Was zwiſchen ihr und mir vorgefallen iſt, kann Sie wenig intereſſiren, es genüge Ihnen, wenn ich Ihnen die Verſicherung gebe, daß Madame Schenk eine ſehr tugendhafte Dame iſt. Sie erhielt zu verſchiedenen Malen von ihrem Gatten die Aufforderung, zurückzukehren, ſie kam erſt vor wenigen Tagen dieſer Aufforderung nach, als ihr Gemahl ihr ſchrieb, ihrem Vermögen drohe ein Verluſt, dem nur ihre perſön⸗ liche Hierherkunft vorbeugen könne. Ich aber ahne, welche Abſicht dieſer Mann hegt und wenn ich auch nicht wage, ſie auszuſprechen, ſo werden Sie dennoch meine Ahnung errathen können, wenn Sie ſich der Vergangenheit dieſes Herrn, der mir bereits bekannt war, erinnern. Das bewog mich, die Dame zu begleiten, ohne daß ſie es wußte. Sie hatte meine Begleitung abgelehnt, ihres guten Rufes wegen, ich mußte dieſen Grund achten. Meine Befürchtun⸗ gen aber ließen mich nicht ruhen, ich werde hier bleiben, bis die junge Frau wieder abgereiſt iſt, und wenn dieſe Abreiſe ſich zu lange hinausſchiebt, ſo halte ich an Ort und Stelle meine Nach⸗ forſchungen, um den Grund der Verzögerung zu entdecken. Jetzt wiſſen Sie, was mich hierhergeführt hat und Sie müſſen nun als mein Verbündeter mir mit Rath und That zur Seite ſtehen, wenn ich es verlange.“ Der Friſeur ſchüttelte gedankenvoll ſein Haupt. „Ich errathe Ihre Beſorgniſſe, aber ich kann nicht glauben, daß ſie begründet ſein ſollen,“ erwiderte er.„Mag man dem ſtolzen Manne auch Manches nachſagen, Manches vorwerfen, daß er ein Verbrecher ſein ſoll, glaube ich nicht.“ „Die Zeit wird es lehren. Einſtweilen handelt es ſich für mich darum, mich mit Madame Schenk in Rapport zu ſetzen, ohne daß ihr Gemahl Verdacht ſchöpft. Dazu müſſen Sie mir behülflich ſein.“ „Ich helfe alſo einen Ehemann betrügen—“ „Ah. Sie weichen aus?“ „Nein, ich weiß ſehr wohl, daß dieſe Ehe nicht auf Liebe ge⸗ gründet iſt und weil ich das weiß, macht es mir keine Scrupel, Ihnen beizuſtehen. Aber wie wollen Sie das ermöglichen? Be⸗ ſuchen können Sie die Dame nicht, ohne Argwohn zu erregen und ſchreiben iſt auch eine mißliche Sache, wenn ein Billet in die Hände des Gemahls fiele—“ — 766— „Ich habe meinen Plan ſchon entworfen, ich werde als Ihr Gehülfe die Dame beſuchen.“ „Als mein Gehülfe?“ fragte der Friſeur überraſcht.„Das iſt eine kühne Idee, die nahezu—“ „An Wahnſinn grenzt, wollen Sie ſagen? Ich habe das Vertrauen, daß ich meine Rolle vortrefflich ſpielen werde.“ „Dieſes Vertrauen theile ich nicht,“ fuhr Gabel kopfſchüttelnd fort,„Ihr Gang, Ihr Geſicht, Ihre Hände müſſen Sie verrathen. Und außerdem, können Sie eine Dame friſiren?“ „Sie werden mich morgen früh in den erſten Regeln dieſer Kunſt unterrichten, für das Uebrige laſſen Sie mich ſorgen. Ich habe einen Anzug bereits gekauft, er läßt nichts zu wünſchen, meinen Gang und meine Bewegungen werde ich der Rolle an⸗ paſſen und was das Geſicht betrifft, ſo verſtehe ich die Kunſt, mit einigen Strichen die Züge zu entſtellen. Ich werde hingehen, für den ungünſtigen und immerhin möglichen Fall, daß man mir begegnet und Verdacht ſchöpft, müſſen Sie meine Behauptung, daß ich Ihr Gehülfe ſei, beſtätigen.“ „Und wenn der Herr Gemahl Sie vor die Thüre wirft?“ „Das fürchte ich nicht.“ „Aber es wäre möglich, er iſt mitunter ſehr kurz angebunden.“ Der Chevalier zuckte die Achſeln. 1 „Ich muß mir auch das gefallen laſſen,“ ſagte er,„aus meiner Rolle darf ich nicht fallen.“ Damit war die Unterredung beendet, der Chevalier erhob ſich und bedeutete dadurch den Friſeur, daß er allein zu ſein wünſche. Gabel wußte nun allerdings Manches, aber ganz konnte er das Räthſel noch immer nicht löſen. Vorzüglich waren es die Vermuthungen ſeines Miethers in Bezug auf den Charakter und die dunklen Handlungen Heinrich Schenk's, die ihm viel zu ſchaffen machten. Auch er hatte oft im Stillen darüber nachgedacht, ob die vielen, plötzlichen Todesfälle mit Schenk in näherer Verbindung ſtehen könnten und das damals auftauchende Gerücht über die Behandlung Scherenberg's im Irren⸗ hauſe war ſehr wohl geeignet geweſen, einem dunklen Verdacht Raum zu geben, aber Gabel hatte den Gedanken, daß jenes Ge⸗ rücht ſich auf Thatſachen ſtützen könne, energiſch zurückgewieſen und er theilte auch jetzt noch nicht die Befürchtungen des Fremden. e als Ihr „Das iſt habe das 6.” pfſchüttelnd verrathen. geln dieſer gen. Ich wünſchen, Rolle an⸗ die Kunſt, hingehen, man mir ptung, daß wirft?“ gebunden. zus meiner erhob ſich n wünſche. konnte er liethers in 1 Heinrich tte oft im Todesſülle as damals im Irren⸗ n Verdacht jenes Ge⸗ wieſen und grenden. — 767— Hundertunderſtes Kapitel. Ein gefährliches Bouquet. Bertha war am Abend ihrer Ankunft mit dem feſten Vorſatz zur Ruhe gegangen, ſchon am nächſten Tage wieder abzureiſen. Sie wollte zuvor nur noch im Bureau der Königlichen Bank ſich nach dem Stande ihres deponirten Kapitals erkundigen und bei dieſer Gelegenheit noch einmal dem Beamten einſchärfen, von dieſem Gelde keinen Pfenning verabfolgen zu laſſen, es ſei denn gegen ihre eigenhändig ge⸗ und unterſchriebene Quittung. Sie wußte jetzt, weshalb ihr Gatte ſie von Paris fortgelockt hatte, ſie hegte nicht den leiſeſten Zweifel, daß er bereits ruinirt war, daß ihr Vermögen ihn retten ſollte. Und dazu fühlte ſie ſich nicht verpflichtet. Sie hatte dieſem Manne die Hand gereicht, ohne etwas für ihn zu empfinden, nur, weil der Vater es wünſchte und weil fie ſich darnach ſehnte, ſelbſtſtändiger auftreten zu können. Ihr Gatte aber hatte nichts gethan, um ſich ihre Gunſt, oder ihre Liebe zu erwerben, er war gleichgültig an ihr vorbeigegangen, er konnte ſich nicht beklagen, wenn ſie ihm jetzt dieſelbe kalte Gleichgültigkeit zeigte. Sie fühlte nicht nur keine Liebe, ſie fühlte nicht einmal Achtung für ihn, er war ein Emporkömmling, nur einem fabelhaften Glück verdankte er ſeine Stellung und ſeinen Reichthum, und daß er dieſem Glück ſehr oft durch verabſcheuenswerthe Mittel nachgeholfen hatte, bewieſen ihr die Mittheilungen ihres Bruders, denen ſie vollen Glauben ſchenkte. Daß unter dieſen Umſtänden die junge Frau ſich danach ſehnte, das Haus ihres Gatten wieder zu verlaſſen und nach Paris zurückzukehren, war leicht erklärlich. Aber ſo raſch ſollte dieſer Wunſch nicht erfüllt werden. Als Bertha am andern Morgen erwachte, fühlte ſie einen ſtechenden Schmerz im Kopfe und in allen Gliedern eine Müdigkeit, die ſie nicht zu überwältigen vermochte. Sie verſuchte, ſich zu erheben, ſie ſchellte ihrer Dienerin und begann, ſich anzukleiden. Aber die Müdigkeit wich nicht, ſie nahm eher zu als ab und die Schmerzen ſteigerten ſich auch von Stunde zu Stunde. „Es wird eine Migräne ſein,“ ſagte die Dienerin und Bertha pflichtete dieſer Anſicht bei. An die Reiſe war unter dieſen Umſtänden nicht zu denken, ſie mußte einſtweilen verſchoben werden. Heinrich beſuchte im Laufe des Vormittags ſeine Gemahlin, er bewies ihr eine Theilnahme, welche den Mantel der Heuchelei zu offen zur Schau trug, als daß Bertha, die ohnehin an eine ſolche Theilnahme von Seiten ihres Gatten nicht gewohnt war, die Maske nicht durchſchauen mußte. Heinrich wollte zum Arzt ſchicken, Bertha erwiderte mit ge⸗ meſſener Kälte, ſie wünſche die Hülfe eines Arztes nicht. Auf dieſe wenigen Worte beſchränkte ſich die ganze Unterhaltung der beiden Gatten, Heinrich fühlte, daß es überflüſſig war, er entfernte ſich wieder, nachdem er zuvor noch einige Worte des Bedauerns fallen gelaſſen hatte. Als er die Treppe hinunterſtieg, begegnete ihm ein junger, ziemlich fadenſcheinig gekleideter Mann, der mit einer erſtaunens⸗ werthen Behendigkeit an ihm vorbei ſteigen wollte. Da dieſer Menſch ihm völlig fremd war, ſo hielt er es für rathſam, ſich nach dem Zweck ſeiner Anweſenheit in dieſem Hauſe zu erkundigen, und der junge Mann erwiderte ihm ohne Zögern, daß er der Gehülfe des Friſeur Gabel und beauftragt ſei, Madame Schenk zu friſiren. In der Seele Heinrichs tauchte ein Argwohn auf, deſſen Grund er ſelbſt ſich nicht erklären konnte, an dem er indeß feſt hielt, weil er überhaupt ſehr mißtrauiſch war. „Wer hat Sie geſchickt?“ fragte er ſcharf.„So viel ich weiß, hat Madame nicht den Wunſch geäußert, friſirt zu werden.“ „Davon weiß ich nichts,“ erwiderte der Chevalier achſelzuckend, und es gelang ihm vortrefflich, ſich den Anſchein eines gleichmüthigen Phflegma's zu geben,„mein Herr hat mich hiehergeſchickt, um das Weitere habe ich mich nicht zu kümmern.“ „Aber ich, mein Herr!“ fuhr Heinrich auf.„Madame iſt erſt geſtern Abend von ihrer Reiſe zurückgekehrt, ſie fühlt ſich ſehr leidend, ich kann nicht glauben, daß ſie in dem Zuſtande, in welchem ſie ſich befindet, den Wunſch hegen ſoll—“ „Erlauben Sie, das wird ſich aufklären, wenn Sie die Güte haben wollen, Madame zu fragen,“ ſiel der Chevalier ihm trocken in's Wort.„Was mich anbetrifft, ſo—“ „Was Sie anbetrifft, ſo ſcheeren Sie ſich hinaus,“ donnerte Heinrich, erbittert über die Hartnäckigkeit dieſes Menſchen, der ihm in ſeinem eigenen Hauſe Vorſchriften zu machen wagte. „Wenn Madame einen Friſeur wünſcht, ſo werde ich Ihrem Prinzipal darüber Mittheilung machen.“ md Bertha zu denken, Gemahlin, tHeuchelei. jin an eine vohnt war, tte mit ge⸗ ht. nterhaltung g war, er Worte des ein junger, erſtaunens⸗ ter es für eſem Hauſe jne Zögern, ei, Madame ſſen Grund feſt hielt, ich weiß, erden.“ ocſelzucend, eichmüthigen ct, um das ame iſt erſ —— ztt ſih ſeht in welch ie die Güt ihm trocken — 769— Der Chevalier ſah ein, daß er Gefahr lief, aus ſeiner Rolle zu fallen, wenn er dieſen Wortwechſel fortſetzte; ſein erſter Verſuch war freilich geſcheitert, aber das ſchloß die Möglichkeit nicht aus, daß er bei dem zweiten ſeinen Zweck erreichte. Er entfernre ſich, ohne ein Wort zu erwidern. Dem Hauſe Heinrichs ſchräg gegenüber lag eine Reſtauration, aus deren Fenſtern man jenes Haus beobachten konnte. In dieſe Reſtauration trat der Chevalier. E nahm an einem Tiſchchen, welches unmittelbar am Fenſter ſtand, Platz und forderte eine halbe Flaſche Wein. Schenk hatte ihm geſagt, ſeine Frau ſei ſehr leidend, das ben ruhigte den Chevalier, weil es ſeine Beſorgniſſe beſtätigte, und er wünſchte, über dieſen Punkt näheren Aufſchluß zu erhalten. War ſie wirklich erkrankt, ſo mußte im Laufe des Vormittags ein Arzt ſie beſuchen und vorausſichtlich auch eine Magd zur Apotheke gehen. Nun konnte der Chevalier in ſeiner Rolle als Friſeurgehülfe immerhin wagen, ſich einer Magd zu nähern und ſich den Anſchein zu geben, als ob er geneigt ſei, ein vertrauliches Verhältniß mit ihr anzuknüpfen, vornehmlich, wenn dieſe Magd jung und gerade nicht häßlich war. Gelang es ihm, ihr Vertrauen und ihre Gunſt zu gewinnen, ſo hatte er einen bedeutenden Schritt vorwärts gethan. Aber der Arzt erſchien nicht; es gingen nicht viele Leute in dem Hauſe ein und aus und die Wenigen, welche die Schwelle deſſelben überſchritten, waren Börſenagenten oder Handwerker. Der Chevalier wandte keinen Blick von dem Hauſe, aber es erſchien auch keine Magd und mit dem Lehrling, der einigemale aus⸗ und einging, konnte er doch nicht anknüpfen. Da plötzlich fuhr ein Wagen vor, es war freilich keine Equi⸗ page ſondern nur eine ſchlichte Droſchke, aber es war ja möglich, daß ſie den Arzt brachte. Der Chevalier ſah ſich in ſeiner Erwartung getäuſcht. Statt des Arztes ſtieg eine ſehr elegant gekleidete Dame aus, eine junge, ſchöne Dame, wie der Chevalier bemerkte, als ſie dem Kutſcher den Fahrlohn zahlte. Wo hatte er dieſes Geſicht doch ſchon geſehen? Es war ihm bekannt, aber er erinnerte ſich der Zeit, und des Ortes der früheren Begegnung nicht. Wem galt ihr Beſuch? Dem Kaufmanne, oder ſeiner Gattin? Was war der Zweck ihres Beſuchs? War ſie die Verbündete des Kaufmanns, oder eine Jugendfreundin Bertha's? Alle dieſe Fragen beſchäftigten den Chevalier, nachdem die Dame hinter der Hausthüre verſchwunden war und er würde über 49 — 770— dieſelben noch lange nachgegrübelt haben, wenn nicht ein anderes Ereigniß ſeine Aufmerkſamkeit in höherem Grade in Anſpruch genommen hätte. Kaum war die Dame in das Haus getreten, als im oberen Stock ein Fenſter geöffnet und ein Blumenſtrauß hinuntergeworfen wurde. Die Blumen waren friſch, noch nicht verblüht, es war ein ſchönes koſtbares Bouquet, welches man ohne Grund gewiß nicht in den Schmutz warf. Der Chevalier eilte hinaus. Er hob das Bouquet auf und ging in ſeine Wohnung. War es nicht möglich, daß Bertha, während er mit ihrem Gatten ſprach, ſeine Stimme gehört und erkannt hatte? Gewiß, und wenn dies der Fall geweſen war, ſo lag auch die Möglichkeit nahe, daß Bertha von ihrem Fenſter aus ihn beobachtet hatte. Sie ſah ihn in die Reſtauration eintreten, ſie ſann auf Mittel, ihm durch irgend ein Zeichen die Gewißheit zu geben, daß ſeine Anweſenheit ihr bekannt war, und der Blumenſtrauß ſollte als dieſes Zeichen gelten. Dieſe Illuſionen, denen der Chevalier ſich auf dem Heimwege hingab, hatten allerdings Vieles für ſich, aber der Chevalier würde dennoch ihre Unhaltbarkeit eingeſehen haben, wenn er ernſtlich über ſie nachgedacht hätte. Er mußte ſich ja ſagen, daß Bertha ſchwerlich ſo unklug ſein würde, ihr Geheimniß auf dieſem Wege dem Zufall preiszugeben, während ſie doch nur nöthig hatte, zum Friſeur Gabel zu ſchicken und ihn zu erſuchen, ihr ſeinen Gehülfen zu ſenden. Aber an dies Alles dachte der Chevalier nicht, er glaubte, was er hoffte, ihm galt das Bouquet als ein Zeichen, ja als ein Pfand, welches ihn an die Roſe erinnern ſollte, die er vor der Abreiſe Bertha's als Antwort auf ſeine Frage erhalten hatte. Gabel empfing ſeinen Miether mit einem ſchlauen Lächeln auf den Lippen. „Sie haben ja raſch reuſſirt,“ ſagte er,„es freut mich, Ihnen Glück wünſchen zu können.“ „Wozu?“ erwiderte der Chevalier derſtimmt.„Dazu, daß mir die Thüre gezeigt worden iſt?“ „Ah— und dieſes Bouquet?“ „Lieber Freund, die Damen ſind ſchlauer, wie die Herren der Schöpfung, der Gatte hat mich mit Grobheiten regalirt und er würde mich hinausgeworfen haben, wenn ich nicht freiwillig gegangen wäre, nichts deſtoweniger gelang es mir, mich mit der Dame des Hauſes in Rapport zu ſetzen.“ Der Friſeur hatte das Bouquet, welches auf dem Tiſche lag, ein anderes n Anſpruc im oberen tergeworfen es war ein gewiß nicht nung. War em Gatten und wenn nahe, daß 2. Sie ſah ihm durch Anweſenheit eſes Zeichen Heinwege r Chevalier , wenn er unklug ſein reiszugeben, lzu ſchicken er glaubte, „jn als ei er vor der n hatte. Lächeln auf nich Ihnen „Dazu, di erren der lirt und e gig gegenget r Dann de Lſſe lu ergriffen, er ſteckte ſeine rothe Naſe recht tief hinein zum Verdruß des Chevaliers, der dieſe Behandlung des Liebespfandes als eine Entweihung deſſelben betrachtete. Gabel ſog den Duft voll ein. „Zum Henker,“ ſagte er endlich,„dieſer Duft macht Kopfweh.“ „Er eignet ſich eben nicht für jede Naſe,“ ſpottete der Chevalier. „Mag ſein, aber ich ſage Ihnen, dieſer Duft iſt betäubend, mir ſchwindelt's vor den Augen, erlauben Sie, daß ich mich nieder⸗ laſſe.— Iſt es mir doch, als ob plötzlich eine centnerſchwere Laſt ſich auf mich niederſenke, ich kann dieſes Gefühl gar nicht beſchreiben, dieſes Stechen und Pochen im Kopfe, dieſer Schwindel, dieſe Mattigkeit— verſuchen Sie es einmal, es wäre doch intereſſant, zu erfahren, ob der Blumenduft dieſe Wirkung hat.“ Mit dem unverkennbaren Ausdruck der Beſtürzung ruhte der Blick des Chevaliers auf dem Redenden, ein ungewöhnlicher Ernſt prägte ſich in ſeinen Zügen aus. „Spüren Sie wirklich dieſe Wirkung?“ fragte er. „Ja, ja verſuchen Sie's nur.“ „Ich danke.“ Der Chevalier öffnete ſein Koffer, er nahm aus derſelben eine kleine, elegante Schatulle, die eine große Menge winzig kleiner Fläſchchen enthielt. Er entkorkte eins dieſer Fläſchchen, welches er mit vieler Sorgfalt ausgewählt hatte und hielt es unter die Naſe des Friſeur's, deſſen Kopf mit einem Ruck zurückſchnellte, während ihm die Thränen über die Wangen liefen. „Wie fühlen Sie ſich jetzt?“ fragte der Chevalier nach einer Pauſe. „Bedeutend wohler.“ „Riechen Sie noch einmal.“ Der Friſeur kam der Aufforderung nach und erklärte, daß er nun von der räthſelhaften Wirkung des Blumenduftes nichts mehr empfinde. Der Chevalier nickte, er ſchien das erwartet zu haben. Aber er ſchien auch eine ernſte, ihn tief betrübende Entdeckung gemacht zu haben, denn eine finſtere Wolke lag über ſeinem Antlitz gebreitet. „Sie werden mir erlauben müſſen, daß ich hier ein kleines, chemiſches Laboratorium einrichte,“ ſagte er,„indeß dürfen Sie ſich beruhigen, es wird weder feuergefährlich, noch Ihnen beſonders läſtig werden, wenn Sie nur Ihre Thüre zuhalten, ſo lange ich hier beſchäftigt bin.“ Befremdet blickte Gabel ſeinen Miether an. „Das iſt mir durchaus nicht angenehm,“ erwiderte er,„aber, wenn es ſein muß—“ 3 492 ,— 772— „Es muß ſein.“ 4 „Dann in Gottes Namen.“ 1 „Würden Sie vielleicht die Güte haben, mir aus der Apotheke einige Medicamente zu holen, die ich Ihnen verzeichnen werde?“ „Wenn Sie es wünſchen, ſehr gerne.“ Der Chevalier ſchrieb raſch eine kleine Liſte nieder. „So,“ ſagte er, indem er ſie dem Friſeur überreichte,„auf dieſer Liſte iſt auch das Mittel verzeichnet, durch welches ich Ihr Riechorgan zu bleichen gedenke.“ Als der Friſeur ſich entfernt hatte, band der Chevalier lang⸗ ſam den Strauß auseinander. Er beſichtigte faſt jede Blume, er betrachtete jedes einzelne Blättchen, auf denen hie und da ein dünner, weißer Staub ſich zeigte, den man mit unbewaffnetem Auge kaum bemerken konnte. Darauf band er den Strauß ſehr vorſichtig und behutſam wieder zuſammen. „Sonderbar,“ murmelte er,„es iſt eins jener Gifte, die nur ſehr wenigen Eingeweihten bekannt ſind. Woher kann er es kennen? Sollte auch er mit dieſem Studium ſich befaßt haben? Das iſt nicht denkbar, er hatte keine Zeit und wohl auch kein Talent und keine Luſt dazu! Hm— ich habe es mit einem ſehr gefährlichen Feind zu thun, einem Gegner, der mir gewachſen iſt. Und doch— ich kann nicht glauben, daß dieſer Kaufmann allein mein Gegner ſein ſoll. Wer war die Dame, die ich in das Haus treten ſah? Ihr Geſicht ſchien mir bekannt, dieſer Gang, dieſe Haltung, dieſe Züge—— ich kenne ſie und weiß doch nicht— — eine Deutſche war ſie nicht, in Paris muß ich ſie geſehen haben—— halt, vor meinen Augen taucht ein dunkles Bild empor— ich hab's, Marie, die reizende Marie, die plötzlich ſo ſpurlos verſchwand!“ Der Chevalier hatte ſich erhoben, er trat an das kleine Fenſter und blickte lange nachdenklich hinaus. „Ja, ja, ich entſinne mich ihrer,“ fuhr er nach einer Weile fort,„in ihren Salons habe ich manche Stunde angenehm ver⸗ bracht. Sie war damals mit dem Polizeipräfekt eng liirt und es hieß ſpäter, in ihrem Salon habe man gegen die Republik con⸗ ſpirirt. Ganz recht, das war der Grund, weshalb ſie Paris ſo plötzlich verließ, ſeitdem war ſie verſchollen. Sieh, ſieh, die Kleine iſt nach Deutſchland gekommen und hat hier ihre Netze wieder ausgeworfen. Kein Zweifel, ſie iſt die Verbündete jenes Mannes, ſie hat das Giſt ihm gegeben und ſie wird auch nicht ruhen, bis ſie ihren Zweck erreicht hat.“ 1 Der Chevalier wanderte, die Arme auf dem Rücken verſchränkt, gedankenvoll auf und ab. finden ſan, daß Gel lang⸗ me, er da ein netem utſam fie nur er es haben? ch kein m ſehr ſen iſt. allein Haus dieſe t— geſehen 3 Bild lich ſo Fenſter Weile m ber⸗ Und es ik con⸗ aris ſo Kleine wiedet „Was thun?“ nahm er wieder das Wort.„Ich könnte die Behörde aufmerkſam machen—— könnte ich es wirklich?— Nein, mir fehlen die Beweiſe, dieſes Bouquet genügt als Beweis nicht. Zudem unterliegt es keinem Zweifel, daß die Beiden ihre Maßregeln ſo vorſichtig getroffen haben, daß ſie nicht überführt werden können. Ich kann nichts Anderes thun, als im Geheimen gegen ſie wirken.— Gar, wenn ich Bertha veranlaßte, ſofort abzureiſen, trotzdem ſie ſich leidend fühlt?“ Der Chevalier dachte lange nach. „Nein,“ beantwortete er dieſe Frage endlich, und in ſeinen Augen loderte ein düſtres Feuer,„der kürzeſte Weg wäre es, aber nicht der richtige. Entrinnt Bertha den Händen dieſer Gift⸗ miſcher, ſo werden die letzteren einen anderen Weg ſuchen und finden, um ſie zu beſeitigen, und dann dürfte es mir unmöglich ſein, Beweiſe gegen die Schuldigen zu finden, abgeſehen davon, daß es zu ſpät wäre, Bertha zu retten. Nein, ich will dieſe Falegeühei wahrnehmen, Bertha von einem Scheuſal zu befreien, ich will—“ Er brach ab, Gabel trat in dieſem Augenblick ein. Nachdem der Chevalier die verſchiedenen Schachteln und Fläſchchen in Empfang genommen hatte, forderte er den Friſeur auf, ſich niederzulaſſen. „Ich bedarf jetzt Ihres Beiſtandes mehr, als ich ſelbſt zuvor dachte,“ ſagte er,„wenn Sie treu und gewiſſenhaft ſich mir gegen⸗ über beweiſen, ſo können Sie Ihrer Schuld wegen ohne Sorgen ſein, ich übernehme ſie.“ „Die ganze Schuld?“ fragte Gabel überraſcht. „Ja, die tauſend Thaler, welche Sie Ihrem Freunde ſchulden. Ich werde ſie Ihnen auszahlen an dem Tage, an welchem ich meine ſchwere Aufgabe gelöſt habe, aber ich verlange dafür nicht allein Ihren thätigen Beiſtand, ſondern auch die ſtrengſte Ver⸗ ſchwiegenheit. Nicht ein Wort, nicht eine Silbe darf über Ihre Lippen kommen, was auch geſchehen möge,— verſtehen Sie?“ „Sehr wohl.“ „Wohlan, geben Sie mir jetzt einen Rath. Wodurch kann ich es ermöglichen, in das Boudoir der Dame zu gelangen, ohne von ihrem Gatten bemerkt zu werden, oder Argwohn zu erregen?“ Der Barbier rieb gedankenvoll die Naſe. „Das wird ſchwer zu ermöglichen ſein,“ ſagte er. „Aber es muß ermöglicht werden.“ „Wollen Sie Ihre Rolle als mein Gehülfe beibehalten?“ „Ich muß wohl, nachdem Herr Schenk mich in dieſer Rolle kennen lernte, kann ich ſie mit einer andern nicht mehr ver⸗ tauſchen.“ — 774— „Es iſt wahr. Sie könnten ſich vielleicht in das Haus hin⸗ einſtehlen, wenn Herr Schenk ausgegangen iſt, aber ich weiß nicht, ob das allein Ihnen genügt.“ „Es kann mir nicht genügen.“ „Sie wünſchen, in dem Hauſe frei aus⸗ und eingehen zu⸗ dürfen?“ „Ja.“ Der Friſeur ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Wenn Madame verlangt, daß der Friſeur ſie beſuche, ſo kann Herr Schenk dem nicht widerſprechen,“ fuhr der Chevalier fort,„es käme alſo nur darauf an, dieſen Befehl zu erwirken. Sie haben Madame früher nicht friſirt?“ „Nein.“ „Aber ſie könnten nichtsdeſtoweniger ſich erlauben, Sie zu beſuchen.“ „Unter welchem Vorwande?“ „Hm— ſagen Sie ihr, Sie hätten einen Gehülfen engagirt, der vortrefflich friſire, Sie erlaubten ſich, ihn den Damen zu empfehlen.“ „Und dann?“ „Na, laſſen Sie nur den Namen des Gehülfen im Laufe des Geſprächs fallen, nennen Sie mich ſchlichtweg Henri, das wird genügen.“ „Und wenn ihr Gatte—“ „Du lieber Himmel, er kann Ihnen doch nicht wehren, ſich den Damen zu empfehlen?“ „Das nicht, aber es wird ſeinen Argwohn wecken, nachdem der zu empfehlende Gehülfe ihm ſchon vorher erklärt hat, Madame habe ihn beſtellt.“ „Kann das nicht von Seiten Ihres Gehülfen eine Eigen⸗ mächtigkeit geweſen ſein?“ erwiderte der Chevalier ungeduldig. „Ich ſage Ihnen, dieſes Haus muß mir geöffnet werden, alſo ſorgen Sie dafür. Ich erwarte, daß Sie mir nach Tiſch mit⸗ theilen können, Madame Schenk wünſche mich zu ſehen, wie Sie das nun ermöglichen wollen, iſt Ihre Sache, denken Sie an den Lohn, den ich Ihnen verſprochen habe und vergeſſen Sie zugleich nicht, was ich Ihnen bezüglich der Verhältniſſe dieſer Dame zu ihrem Gatten ſagte. Ich habe keine Zeit mehr, mit Ihnen darüber zu berathen, Mittag iſt ſchon nahe und ich muß vorher noch einige Einkäufe für mein Laboratorium machen.“ „Wenn es mir nun aber nicht gelingt?“ fragte der Friſeur, den die Entſchiedenheit des Chevaliers ganz verwirrte,„ich bin in ſolchen Dingen durchaus nicht bewandert.“ Der Chevalier zuckte die Achſeln. — F rict, hen zu te, ſ hevalier wirken. ie zu ngagirt, men zu ufe des s wird n, ſich em der ſadaute Eigen⸗ eduldig. , alſo h mi⸗ e Sie —- 775— „Verſuchen Sie es wenigſtens,“ erwiderte er,„ich traue Ihnen ſo viel Grütze zu, daß es Ihnen gelingen wird.“ Er hatte ſeinen Hut ergriffen, ehe der Friſeur einen weiteren Einwand erheben konnte, war der Chevalier ſchon verſchwunden. So ſchwer war die Aufgabe freilich nicht, aber Gabel zweifelte dennoch, daß es ihm gelingen werde, ſie zu löſen. Jedenfalls mußte er den Augenblick benutzen, in welchem Heinrich Schenk nicht zu Hauſe war, ihm durfte er nicht begegnen, denn er ſah voraus, daß derſelbe ihn barſch zurückweiſen würde; geſchah dies, ſo war dem Chevalier das Haus für immer ver⸗ ſchloſſen. Der Friſeur trat mit ſchwer bedrücktem Herzen den Weg an, er bereute faſt, in die Geheimniſſe ſeines Miethers eingeweiht zu ſein, wenn er auch auf der andern Seite wünſchte, den ihm ver⸗ ſprochenen Lohn zu gewinnen. Der Zufall ſchien ihn zu begünſtigen, als er in die Straße einbog, in der Heinrich Schenk wohnte, bemerkte er, daß der letztere ſein Haus verließ.— Hundertundzweites Kapitel. Die Gräfin. Die Dame, welche der Chevalier geſehen hatte, war, wie er ſich deſſen ſpäter auch entſann, Maria Latour, und wenn er die Ueberzeugung hegte, daß dieſe Dame die Verbündete Schenk's ſei, ſo ſtützte dieſe Ueberzeugung ſich auf Gründe, die ſehr nahe lagen. Marie ging ohne Verzug in das Kabinet Heinrich's, Niemand bemerkte ſie. Der junge Mann erwartete ſie bereits, er wußte, daß ſie zu dieſer Stunde kommen wollte. Er bot ihr einen Seſſel an und ſchloß dann geräuſchlos die Thüre, um einer möglichen Ueberraſchung vorzubeugen. „Sie iſt da?“ fragte Marie. Heinrich nickte bejahend. „Geſtern Nachmittag,“ erwiderte er. „Nun?“ „Ich ſah mich in meinen Erwartungen nicht getäuſcht, ſie war ſo kalt, ſo herzlos—“ — 776— „Das verlange ich nicht zu wiſſen,“ fiel Marie ihm raſch in's Wort,„ich kann mir denken, daß es kein herzliches Wieder⸗ ſehen Wur Sie haben ihr das Bouquet gegeben?“ „ a.*¹ „Schon geſtern Abend? Sie wollte ja warten bis heute orgen?“ Heinrich ſchüttelte den Kopf.. „Ich durfte das nicht,“ fuhr er fort,„ſie ſprach die feſte Ab⸗ ſicht aus, heute wieder abreiſen zu wollen. Sobald ſie erfuhr, daß ich ſie durch eine Lüge hierhergelockt hatte, erklärte ſie mir, daß ſie ſo raſch wie möglich zurückreiſen werde. Da erachtete ich es für nöthig, ihr das Bouquet noch geſtern Abend zu überreichen.“ „Und die Wirkung?“ „Ganz genau dieſelbe, welche Sie vorausſagten.“ „Fühlt ſie ſich ſehr leidend?“ „Ich glaube, auf meine Erkundigung nach ihrem Befinden erhielt ich kaum eine Antwort.“ Marie blickte den jungen Mann forſchend an. „Der erſte Schritt iſt geſchehen,“ ſagte ſie ernſt,„ich hoffe, Sie werden nun auch den Muth haben, den betretenen Weg zu verfolgen. Binnen vierzehn Tagen ſind Sie frei, ſuchen Sie während dieſer Zeit dahin zu wirken, daß Sie ein Teſtament zu Ihren Gunſten erlangen.“ „Das wird ſchwer, wenn nicht unmöglich ſein,“ erwiderte Heinrich finſter,„die Abneigung, ja, der Haß dieſer Frau iſt ſo ſtark, daß es mir niemals gelingen wird, ihn ganz zu beſiegen. Wir müſſen ſuchen, ſie an der Ausfertigung eines ſolchen Dokuments zu verhindern—“ „Verlaſſen wir uns nicht darauf,“ erwiderte Marie kühl. „Wenn ſie einen Notar verlangt, ſo müſſen Sie die Forderung bewilligen, und ein notarielles Teſtament läßt ſich ſpäter nicht unterdrücken.“ „Der Tod muß raſch erfolgen.“ „Nein, das würde zu unnützem Gerede Anlaß geben, es könnte ſogar Verdacht erregen. Um ganz ſicher zu gehen, wünſche ich, daß ein Arzt ſchon jetzt hinzugezogen wird, wir erſparen uns da⸗ durch ſpäter die gerichtliche Leichenſchau.“ „Aber der Arzt lann Verdacht ſchöpfen—“ „Dafür laſſen Sie mich ſorgen. Auch die Teſtaments⸗ angelegenheit überlaſſen Sie mir, ich werde Ihr Intereſſe ver⸗ treten. Im Nothfalle übernehme ich es, das Teſtament nieder zu ſchreiben. Nur Vorſicht und Geduld, wir dürfen nichts übereilen und müſſen auch den leiſeſten Schein meiden. Sobald ich mit ihr bekannt bin, werde ich für Sie eine Fremde ſein, vergeſſen Sie u uſß Wieder⸗ s heute eſte Ab⸗ erfuhr, ſie mir, htete ich reichen.“ Befinden c hoffe, Weg zu hen Sie ment zu rwiderte u iſt ſo veſiegen. kuments ie kühl. zorderung er nicht lönnte ſche ih, uns da⸗ amtents⸗ ˖ſſe ver⸗ ieder zu hereilen mit ihr ſen Sie — 777— das nicht und richten Sie Ihr Benehmen mir gegenüber ſo ein, daß auch ein mißtrauiſches Auge nichts Auffallendes oder Befrem⸗ dendes darin finden kann. Und nun melden Sie mich an, hier iſt meine Karte.“ Heinrich erhob ſich zögernd. „Ich weiß nicht, ob ich dieſen Plan billigen ſoll,“ ſagte er zweifelnd,„die Möglichkeit liegt nahe, daß Sie abgewieſen werden und dann—“ „Dann iſt noch nichts verloren, ich kehre in einer andern Rolle zurück.“ „Bertha iſt mißtrauiſch—“ „Ich werde ihr Vertrauen einzuflößen wiſſen, beunruhigen Sie ſich deshalb nicht.“ Heinrich ging hinaus, er ſtieg langſam, gedankenvoll die Treppe hinauf und trat in das Boudoir ſeiner Gattin. Sie lag mit verbundenem Kopfe auf dem Fauteuil und wür⸗ digte den Eintretenden kaum eines Blickes. „Eine Dame hat mich gebeten, Dir ihren Beſuch anzumelden,“ ſagte Heinrich ſo kühl und gleichgültig, daß es faſt klang, als ob ihm dieſer Beſuch nicht angenehm ſei.„Woher ſie erfahren hat, daß Du hier biſt, weiß ich nicht, ſie will Dich in Paris kennen gelernt haben.“ Bertha nahm die Karte, welche ihr Gatte auf den Tiſch gelegt hatte und warf flüchtig einen Blick darauf. „Comteſſe de Laroche,“ las ſie.„Ich kenne dieſe Dame nicht.“ „Ah— dann werde ich ihr ſagen, Du ſeiſt verhindert—“ „Das wäre unartig.“ „Oder Du bedauerteſt, ſie nicht empfangen zu können, weil Du leidend ſeiſt. Sie behauptet zwar, ſehr oft mit Dir zuſammen gekommen zu ſein.“ Bertha war in Nachdenken verſunken, ihr Blick ruhte noch immer auf der Karte. Wenn ſie auch dieſe Dame nicht kannte, ſie war eine Gräfin und es ſchmeichelte dem Stolze und der Eigenliebe der jungen Frau, von einer ſolchen Dame beſucht zu werden. Darauf hate Marie gerechnet und in dieſem Vertrauen ſah ſie ſich nicht getäuſcht. „Es mag ſein, daß ich die Comteſſe kenne,“ ſagte ſie nach einer Weile,„der Name iſt mir freilich unbekannt. Ich bitte Sie, ihr zu ſagen, daß ich es mir zur Ehre rechne, ihren Beſuch zu empfangen.“ „Aber Du fühlſt Dich leidend—“ „Und gelangweilt, bitte, laſſen ſie die Gräfin eintreten.“ Heinrich zögerte. 4 „[ 1 2 5 ℳ 1 4 4 4 1 s 1 9* 8 1 — 778— „Ich werde zu unſerm Arzte ſchicken,“ ſagte er. „Durchaus unnöthig,“ fiel Bertha ihm in's Wort,„ich bedarf ſeines Beiſtandes nicht.“ Mit einem triumphirenden Lächeln auf den Lippen kehrte Heinrich zu ſeiner Verbündeten zurück. „Angenommen,“ flüſterte er,„jetzt ſuchen Sie, ſich zu be⸗ haupten.“ Das Köpfchen ſtolz empor geworfen, trat Marie Latour in das Boudoir; in ihrer Haltung, ihrem Gange, ihrem ganzen Weſen lag etwas Imponirendes, Ariſtokratiſches, welches den beab⸗ ſichtigten Eindruck nicht verfehlte. Bertha hatte ſich erhoben, ſie wollte der Gräfin entgegengehen, aber die letztere eilte, ehe ſie dieſes Vorhaben ausführen konnte, auf ſie zu und ſchloß ſie in ihre Arme. „Wie glücklich ich bin, Sie wiederzuſehen!“ ſagte ſie.„Ach, meine Liebe, erinnern Sie ſich auch noch der ſchönen Stunden, die wir im Salon der Fürſtin Radziwill, der Gräfin von Pour⸗ tales und der Madame Fould verbracht haben? Und nun ſehen wir uns hier in dem kalten, nüchternen Deutſchland wieder, in dieſem Deutſchland, welches keinen Comfort, keine Freude, keine Liebe kennt!“ Bertha blickte die redſelige Dame erſtaunt an, ſie erinnerte ſich nicht, dieſes Geſicht je geſehen zu haben. Aber es war ein ſchönes, geiſtreiches Geſicht, ein Antlitz, wie ſie es liebte und die Dame zählte zu den höchſten Ständen, das genügte ihr, die ihr aufgedrungene Freundſchaft anzunehmen. „Ich muß in der That um Verzeihung bitten. daß ich Sie ſo lange draußen warten ließ,“ ſagte ſie zögernd,„aber ich erinnerte mich wirklich Ihrer nicht—“ „Ah— ich könnte Ihnen zürnen deshalb,“ unterbrach Marie ſie, die ihre Rolle ſo vortrefflich ſpielte, daß in der Seele Bertha's unmöglich ein Mißtrauen erwachen konnte!„Haben wir denn nicht ſchon früher miteinander geplaudert? Ja, ja, auf dem Balle bei der Fürſtin Radziwill— erinnern Sie ſich deſſen nicht mehr? — Nicht? Meine Liebe, das bedaure ich. Aber Sie ſind leidend, erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe—“ „Nein, nein,“ erwiderte Bertha raſch, die ſich bereits ganz für die Gräfin eingenommen fühlte,„ich verzichte auf dieſe Ehre nicht, vorausgeſetzt, daß nicht ein anderer Grund Sie nöthigt, mich zu verlaſſen. Ich leide an Kopfweh— „Migraine?“ „Ich weiß nicht. Ich kam geſtern Abend von der Reiſe an⸗ mein Gemahl überreichte mir ein wundervolles Bouquet, ich war ſo unklug, es über Nacht in meinem Schlafgemach zu halten, dielleid angegtt M ſchöne viellen h bedarf n kehrte zu be⸗ atour in ganzen een heab⸗ gengehen, konnte, „Ach, Stunden, n Pour⸗ un ſehen ieder, in de, keine erinnerte llitz, wie den, das en. Sie ſo erinnerte h Marie Berthas vPir denn im Balle t mehr? leidend, — 770— vielleicht hat der ſtarke, betäubende Duft meine Nerven ſo ſehr angegriffen.“ Maria blickte ſuchend ſich um. „Ich liebe die Blumen ſo ſehr,“ ſagte ſie. „Es iſt auch meine ſchwache Seite,“ fuhr Bertha fort,„aber der Duft zwang mich, das Bouquet entfernen zu laſſen, meine Dienerin hat die Blumen hinausgeworfen.“ Hätte Bertha in dieſem Augenblick das Geſicht der Gräfin beobachtet, ſo würde die Beſtürzung, die ſich plötzlich in dieſen ſchönen Zügen ausdrückte, aber ebenſo raſch auch wieder verſchwand, vielleicht dennoch ein leiſes Mißtrauen in ihrer Seele geweckt haben. „Die armen Blumen!“ ſagte Marie im Tone des Bedauerns. „Was hat Sie bewogen, Paris zu verlaſſen? Sie werden doch dahin zurückkehren?“ „Familienangelegenheiten,“ erwiderte Bertha,„mein Gatte hätte ſie ebenſowohl ordnen können, aber die Herren—“ „Ja, ja, die Herren Ehemänner!“ unterbrach Marie ſie ſeufzend.„Glauben Sie, daß mein Gemahl mir nicht erlauben wollte, allein in Paris zucückzubleiben, während er in Staats⸗ angelegenheiten nach Berlin reiſen mußte?“ „Nicht möglich!“ „Es iſt ſo. Er nöthigte mich, ihn bis hierher zu begleiten, hier darf ich ſeine Rückkehr erwarten, die vielleicht erſt nach vier⸗ zehn Tagen erfolgen wird. O, man möchte verzweifeln, die Tyrannei der Männer grenzt oft an's Unglaubliche.“ „Weshalb ertragen Sie dieſe Tyrannei?“ erwiderte Bertha, trotzig die Oberlippe aufwerfend.„Ich habe bereits meinem Ge⸗ mahl erklärt, daß ich zurückreiſen werde, ſobald ich mich wieder wohl fühle.“ „Und er?“ „Er zuckt die Achſeln und wagt nicht, dagegen zu proteſtiren!“ „Sie Glückliche! Ich habe es leider nicht verſtanden, den richtigen Augenblick zu benutzen, nun muß ich dafür büßen.“ Marie erhob ſich nach dieſen Worten. „Ich kann es wirklich nicht verantworten, daß ich Sie durch meinen Beſuch ſo ſehr aufrege,“ ſagte ſie,„aber die Freude, Sie wiederzuſehen, mit einem befreundeten Herzen über die ſchönen vergangenen Tage plaudern zu können, ließ mich ſogar die erſten Regeln der Höflichkeit vergeſſen, bitte, verzeihen Sie es mir.“ „Wenn ich Ihnen verzeihen ſoll, dann müſſen Sie mir das Vergnügen und die Ehre ſchenken, noch länger zu bleiben,“ er⸗ widerte Bertha, die ſich immer enger zu der ſchönen jungen Dame hingezogen fühlte,„wir werden hier diniren, ſoupiren—“ — 780— „Ach, das wäre köſtlich, aber—“ dovo „Sie lehnen es ab?“ Bet „Wenn Sie erlauben, nur das Diner. Sie werden es er⸗ Freu klärlich finden, daß ich meiner Dienerſchaft im Gaſthofe gewiſſer⸗ maßen Rechenſchaft über meine Schritte ablegen muß, der Herr drut Graf iſt ſo ſehr eiferſüchtig, und ich weiß, daß alle meine Diener nüt und Dienerinnen ſeine Spione ſind.“ ſce Bertha fühlte eine herzliche Theilnahme mit der neuen Freundin, die ſo jung, ſo ſchön, ſo liebenswürdig und doch ſo ſehr geknechtet war. kur „Aber dann werden Sie mir nicht nur heute Abend, ſondern lrd auch morgen den ganzen Tag hindurch das Vergnügen ſchenken,“ ſagte ſie.„Wir ſind ja beide hier auf uns allein angewieſen, Hau was alſo können wir Beſſeres thun, als einander die Stunden 4 zu veckürzen ſuchen? Ich kann leider das Haus nicht verlaſſen, a wie gerne würde ich ſonſt die Ehre Ihres Beſuches erwidern.“ 1 „Ich rathe Ihnen, zum Arzte zu ſchicken.“ d „Ach nein—“ K „Ich bitte Sie darum.“ H „Er kann mir nicht helfen.“ 4 „Er kann lindern, vorbeugen, verſäumen Sie es nicht, meine di Theure, ich habe Fälle erlebt, die ganz ſo wie der Ihrige be⸗ A gannen und mit dem Tode endeten.“ Erſchreckt blickte Bertha die Freundin an. ch „Ich ſage Ihnen die Wahrheit,“ fuhr Maria in eindringlichem n Tone fort,„bitte, befolgen Sie meinen Rath, erklären Sie dem G Arzte alle Symptome und hören Sie ſeine Anſicht.“ „Wenn Sie glauben—“ 1 „Gewiß— ich wünſche recht ſehr, Sie bald wieder hergeſtellt zu ſehen, vielleicht können wir dann gemeinſchaftlich zurückreiſen.“ 3 „Ich hoffe, daß meine Abreiſe ſich nicht ſo lange verzögern 1 wird,“ erwiderte Bertha lächelnd.„Aber, wodurch erfuhren Sie, daß ich Paris verlaſſen hatte und hierher gereiſt war?“ V „Ich erhielt heute Morgen die Nachricht von einer Freundin, ſie theilte mir mit, daß Ihre Salons zum lebhaften Bedauern aller Kreiſe geſchloſſen ſeien. Und nun meine Liebe, wünſche ich Ihnen von Herzen eine baldige Geneſung, hoffentlich finde ich Sie ſchon heute Abend wohler.“ Bertha griff zur Schelle. „Bitte, ohne Ceremonien,“ fuhr Maria raſch fort,„ich liebe ſie nicht. Mir iſt es angenehmer, wenn ich unbemerkt und un⸗ genirt kommen und gehen kann, die Begleitung der Diener iſt mir unangenehm. Auf Wiederſehen!“ Sie rauſchte hinaus, und Bertha hatte nicht die leiſeſte Ahnung n es er⸗ gewiſſer⸗ der Herr e Diener Jreundin, geknechtet ſondern chenken,“ gewieſen, Stunden eerlaſſen, dern. t, meine zrige be⸗ nglichem Hie dem zergeſtellt ſkreiſen.“ verzögern ren Sie, reundin Bedauern inſch ih finde ic ich liebe und un⸗ iener ift Ahnung — 781— davon, daß dieſe liebenswürdige, theilnehmende Dame eine gemeine Betrügerin war, die unter dem Mantel der herzgewinnendſten Freundſchaft ihr nach dem Leben trachtete. Auf ſie hatte dieſe Gräfin einen außerordentlich günſtigen Ein⸗ druck gemacht, ſie betrachtete ſie ſchon jetzt als eine treue uneigen⸗ nützige Freundin, der ſie in allen Dingen volles Vertrauen ge⸗ ſchenkt haben würde. Marie Latour verließ das Haus nicht ſofort. Als ſie die Treppe hinunterſtieg, huſtete ſie und ſo leiſe und kurz auch der Ton war, Heinrich hörte das ſchon früher verab⸗ redete Zeichen. Er verließ ſein Kabinet und begegnete der jungen Dame im Hausflur. „Gewonnen!“ flüſterte Marie, indem ſie an ihm vorbeirauſchte, „Ich erwarte Sie.—— Zehn Minuten ſpäter verließ auch Heinrich das Haus, und das geſchah in demſelben Augenblick, in welchem der Friſeur Kaspar Melchior Gabel ſich mit ſchwer bedrücktem Herzen dieſem Hauſe näherte. Bald darauf ſtand der Friſeur vor einem Diener, der ihm auf die Frage, ob er mit der gnädigen Frau reden könne, die barſche Antwort gab, Leute ſeines Schlages empfange die gnädige Frau nicht. Dieſe Grobheit empörte den biederen Friſeur ſo ſehr, daß er ohne auf die Verhältniſſe Rückſicht zu nehmen und ohne die möglichen Folgen zu bedenken, dem Diener erwiderte, ein ſolcher Grobian ſei ihm noch nicht begegnet, er werde nicht unterlaſſen, Herrn Schenk auf das flegelhafte Benehmen ſeiner Diener auf⸗ merkſam zu machen. Mancher Andere würde darauf hin kurzen Prozeß gemacht und den Friſeur ohne Weiteres hinausgeworfen haben, aber von alledem geſchah nichts. Im Gegentheil, der Diener fragte ziemlich ſchüchtern, weshalb er mit der gnädigen Frau zu reden wünſche, und dieſe Frage gab dem Friſeur einen werthvollen Fingerzeig in Bezug auf die Be⸗ handlung dieſes Grobians. „Das kann Sie wenig kümmern,“ ſagte er barſch,„Ihre Sache iſt es, mich anzumelden, wollen Sie das nicht, nun wohl, ſo werde ich wiſſen, was ich zu thun habe.“ „Aber ich muß der gnädigen Frau doch einen Namen nennen,“ bemerkte der Diener, den die Sicherheit, mit welcher der Friſeur auftrat, imponirte. „Friſeur Gabel, das genügt.“ „Und wenn die gnädige Frau fragt, was Sie wünſchen?“ „Darauf werde ich ſelbſt ihr die Antwort geben.“ 7 6 38 1 1 A 4* 1 G 8 3 3 6 4 4 4 5 — 782— Der Diener entfernte ſich, Gabel war ſo klug, ihm auf dem Fuße zu folgen. Ohne daß der Diener es verhindern konnte, trat der Friſeur faſt gleichzeitig mit dieſem in's Boudoir. „Sie werden entſchuldigen, gnädige Frau, wenn ich mir die Freiheit nehme,“ ſagte er, indem er dem horchenden Diener durch einen ſehr unzweideutigen Wink befahl, ſich zu entfernen,„mein Geſchäft als Friſeur nöthigt mich leider ſehr oft, den geehrten Damen beſchwerlich zu fallen, wenn, das heißt— in Bezug auf— aber ich glaube, der Schlingel, der mich ſo grob anfuhr, ſteht noch immer hinter mir. Gnädige Frau, haben Sie die Güte, ihm zu ſagen, daß er hier ſehr überflüſſig ſei.“ Bertha blickte bald den verwirrten Mann mit der purpurrothen Naſe, bald den beſtürzten Diener an, endlich befahl ſie dem letzteren, das Zimmer zu verlaſſen. „Und nun,“ ſagte ſie,„was wünſchen Sie? Faſſen Sie ſich kurz; daß die Art und Weiſe Ihres Eindringens von den all⸗ gemeinen Regeln des Anſtandes ſehr abweicht—“ „Sehe ich ein, gnädige Frau,“ unterbrach der Friſeur ſie. „Ich bin der Friſeur Kaspar Melchior Gabel und habe einen Gehülfen.“ „Lieber Gott, was kümmert das mich?“ erwiderte Bertha mit wachſendem Erſtaunen. „Henri iſt ein Pariſer, er verſteht ſein Fach ausgezeichnet.“ „Beſtreite ich es?“ „Verzeihen Sie, ich habe ihn erſt geſtern engagirt.“ Jetzt verlor Bertha die Geduld. „Ich erſuche Sie, mich mit dieſen confuſen Reden zu ver⸗ ſchonen,“ ſagte ſie mit gemeſſenem Ernſt,„wünſchen Sie etwas von mir, ſo ſagen Sie es ohne Umſchweife und ſo deutlich, daß ich ſie verſtehen kann.“ Der Friſeur gerieth immer mehr in die Verwirrung hinein. „Er heißt Henri,“ fuhr er fort,„und iſt ein ſehr ſchöner, feingebildeter Herr.“ Bertha griff zur Schelle. „Iſt das Alles, was Sie mir zu ſagen haben?“ fragte ſie kalt. „Ach nein, Henri verſteht auch vortrefflich die Kunſt, Kopfweh zu vertreiben, wenn dieſes Kopfweh die Wirkung eines betäubenden Blumendufts iſt.“ Ueberraſcht, beſtürzt blickte Bertha den verwirrten Mann an, ſeine Worte waren ihr ein Räthſel, aber dieſes Räthſel erregte ihre Aufmerkſamkeit in hohem Grade. „Erklären Sie mir das deutlicher,“ ſagte ſie. Jetzt gewann der Friſeur ſeine verlorene Faſſung wieder, er —— it auf dem der Friſeun ih mir de dener durc nen,„mein en geehrten zug auf— „ſteht noch ite, ihm zu rpurrothen mletzteren, en Sie ſich n den all⸗ Friſeur ſie habe einen Bertha mit zeichnet. 1 ent z ver⸗ Sie etwat eutlich, dai ung hinein ehr ſchünen ge ſe ſt, Koyfw betänbende M ann al thſel erregt wieder, d — 783— erſchrack, als er einſah, daß er im Begriff geweſen war, Alles zu verderben. „Mein Gehülfe wünſcht, Sie friſiren zu dürfen,“ erwiderte er, „Henri iſt in ſeiner Kunſt ſehr geübt, aber er fürchtet, trotzdem hier keinen Boden zu gewinnen, wenn er nicht von einer Dame empfohlen wird, deren Urtheil in den höheren Kreiſen maß⸗ gebend iſt.“ „Das iſt Alles?“ fragte Bertha. „Ja. Ich erlaubte mir ſchon, zu bemerken, daß mein Gehülfe Henri heißt, und daß—“ „Es iſt gut, mir ſcheint, Sie werden wieder confuſe. Schicken Sie mir Ihren Gehülfen.“ Ein herablaſſendes Kopfnicken verabſchiedete den Friſeur, aber Gabel zögerte, dieſem Wink Folge zu leiſten. „Wenn ich mir erlauben dürfte, die gnädige Frau noch auf Eins aufmerkſam zu machen—“ „Reden Sie, aber raſch und ohne lange Einleitung.“ „Henri war bereits heute Morgen ſo frei, die Schwelle dieſes Hauſes zu überſchreiten, aber ihr Herr Gemahl zeigte ihm die Thüre.“ In den Augen Bertha's blitzte es auf. „Das iſt nicht meine Schuld,“ ſagte ſie, an ſich haltend,„ich hatte keinen darauf bezüglichen Auftrag gegeben.“ „Und wann darf Henri ſich erlauben—“ „Heute Nachmittag, er ſoll mich zum Souper friſiren.“ Der Friſeur entfernte ſich, er hatte ſeine Aufgabe gelöſt und der Chevalier war mit ihm zufrieden. Hundertunddrittes Kapitel. Ein franzöſiſcher Kammerdiener. Mit kecker Zuverſicht betrat der Chevalier am Nachmittag dieſes Tages das Haus, aus welchem er am Vormittag hinaus⸗ gewieſen worden war. Er fürchtete jetzt eine Begegnung mit dem Hausherrn nicht mehr, wußte er doch, daß dieſer nun nicht mehr wagen durfte, ihm die Thüre zu zeigen. — 784— Er wurde durch den Diener angemeldet und ſofort vorgelaſſen. Als der Blick Bertha's auf den Friſeurgehülfen fiel, erſchrack ſie; trotz der entſtellenden Schminke und der ärmlichen Kleidung erkannte ſie augenblicklich den Chevalier. Die Situation war für Beide eine höchſt peinliche, weil die Dienerin Bertha's ſich im Gemach befand. Dieſe Dienerin hatte Bertha erſt kurz vor ihrer Abreiſe von Paris engagirt, ſie kannte den Chevalier von Chateaurouge ſo genau noch nicht, um ihn in dieſer Verkleidung wieder erkennen zu können. Aber wie nahe lag die Möglichkeit, daß ſie Verdacht ſchöpfte! Es war voraus zu ſehen, daß der Chevalier von der edeln Kunſt des Friſirens kaum die Anfangsgründe kannte, hier lag alſo die Klippe, an der er ſofort ſcheitern mußte, wenn die Dienerin zugegen blieb. Auf der andern Seite aber durfte Bertha ſie auch nicht hinaus⸗ ſchicken, es vertrug ſich mit ihrer Ehre nicht, mit dem jungen Manne gallein zu bleiben. Das Alles erkannte Bertha ſofort, eines langen Nachdenkens bedurfte es deshalb nicht und nachdem ſie mit ſeltener Geiſtes⸗ gegenwart ſich zur Herrin der Situation erhoben hatte, war auch für ſie der Weg ſchon vorgezeichnet den ſie gehen mußte. Auch der Chevalier erkannte die Gefahr, die ihn und ſie bedrohte, er begnügte ſich einſtweilen damit, eine ſtumme Rolle zu ſpielen, und um dies zu können, ohne Argwohn zu erregen, be⸗ ſchäftigte er ſich damit, ſeine Bürſten und Kämme auszupacken und ſeine Anſtalten ganz ſo zu treffen, als ob er wirklich derjenige ſei, für den er ſich ausgab. „Ihr Prinzipal hat mir Sie ſo ſehr empfohlen, daß ich lebhaft bedaure, heute Ihre Kunſt noch nicht auf die Probe ſtellen zu können,“ nahm Bertha nach einer Weile das Wort, und ſie ſchlug dabei einen ſo kühlen, vornehm herablaſſenden Ton an, daß die Dienerin unmöglich vermuthen konnte, daß dieſer kalte Gleichmuth nur eine Maske ſei.„Sie werden ſich gedulden müſſen bis morgen.“ „Ganz nach Ihrem Belieben, gnädige Frau,“ erwiderte der Chevalier ſich verbeugend.„Auch ich bedaure dies, da—“ „Ich weiß, Sie wünſchen, daß ich Sie empfehle. Aber Sie ſehen, ich bin leidend, da wird's mit der Empfehlung ohnehin—“ „Dürfte ich mir erlauben, die Urſache Ihres Leidens zu erforſchen? Ich war vordem Kammerdiener der Fürſtin Radziwill und habe im Dienſte dieſer Dame manches vortreffliche Mittel kennen gelernt—“ „Migräne mein Herr!“ „Vielleicht in Folge ermüdender Strapazen?“ urglcſn l, erſchrat A leidun weil die nerin hatte ſie kannte um ihn in ht ſchöpftel der edeln er lag alſo Dienerin cht hinaus⸗ eerm jungen Nachdenkens er Geiſtes⸗ „war auch e in und ſie ie Rolle zu rregen, be⸗ ruszupacken jhderjenige ich lebhaft deln 1” d ſie ſchlug n, daß de leichmut nüſſen bis wderte de 71 Äber Ei hnehin— Leidens ſu 1 Rrdziwi ihe Mit — 785— „Das nicht, ich glaube Blumenduft— „Ah, da könnte ich Ihnen ein vtt ſices Mittel nennen.“ Bertha blickte auf, ſie verſtand die Bedeutung des Blickes, den der Chevalier verſtohlen auf die Dienerin warf. „In der That?“ fragte ſie ungläubig. „Der Fürſtin hat es ſtets geholfen.“ „Bitte, nennen Sie es.“ „Es wird aus mehreren Eſſenzen bereitet und auf die Be⸗ reitung kommt es hauptſächlich an. Wenn Sie die Güte haben wollen, in die nächſte Apotheke zu ſenden, um die betreffenden Eſſenzen holen zu laſſen, ſo—“ „Jeanette, ſehen Sie, ob ein Diener ſofort den Auftrag aus⸗ führen kann.“ „Inzwiſchen werde ich die Eſſenzen aufſchreiben.“ Die Dienerin entfernte ſich, der Chevalier näherte ſich raſch der jungen Dame. „Mein Gott, wie unvorſichtig!“ flüſterte Bertha vorwurfsvoll. „Sie gefährden meine Ehre, meinen guten Ruf, Chevalier—“ „Durchaus nicht,“ erwiderte der Chevalier leiſe,„vertrauen Sie auf mich. Leſen Sie dieſe Zeilen und befolgen Sie meinen Rath. Dieſes Fläſchchen wird Sie ſofort von Ihrem Leiden be⸗ freien, aber hüten Sie ſich, mehr wie zweimal zu riechen, die Eſſenz könnte Sie tödten. Vorſicht, Bertha, gehen Sie auf meine Ideen ein und befürchten Sie nichts, ich werde Ihr Schutzengel ſein.“ Er nahm nach dieſen Worten raſch ſein Portefeuille aus der Taſche und ſchrieb einige Worte nieder. „Aber was bedeutet das Alles?“ fragte Bertha mit wachſen⸗ dem Erſtaunen.„Wozu dieſe Komödie? Ich ſagte Ihnen ja, daß ich bald zurückkehren würde; meine Abreiſe wird erfolgen, obald ich wieder hergeſtellt bin.“ „Sie müſſen bleiben, Bertha, es gilt jetzt, Sie von einer läſtigen Feſſel zu befreien und einen Verbrecher zu entlarven. Fragen Sie nicht, ich bin ſelbſt ſo tief in die Sache noch nicht eingedrungen, daß ſie mir ganz klar ſein könnte, aber— ſtill, Jeanette kommt.“ Die Dienerin kehrte in dieſem Augenblick zurück. „Franz iſt bereit,“ ſagte ſie. „So geben Sie ihm dieſen Zettel,“ verſetzte der Chevalier, „er ſoll unverzüglich zur Apotheke gehen und ſich beeilen.“ „Weshalb verließen Sie das Haus der Fürſtin Radziwill?“ fragte Bertha. „Weil ich die Hoffnung hegte, bald eine ſelbſtſtändige Exiſtenz mir verſchaffen zu können,“ erwiderte der Chevalier.„Ich habe mich in dieſer Hoffnung getäuſcht.“ 50 — 786— „Verlieren Sie ſo raſch den Muth?“ „O nein, aber ich ſehe ein, daß ich ein Thor war, das Sichere mit dem Unſichern zu vertauſchen.“ „Gewiß und wenn es mir möglich iſt, wieder eine Stelle zu erhalten, ſo werde ich ſie ohne Bedenken annehmen.“ Der Diener brachte die Eſſenzen; während der Chevalier ſie miſchte und ſchüttelte, öffnete Bertha verſtohlen das Flacon. Der ſcharfe, durchdringende Duft der Eſſenz betäubte ſie für einige Sekunden, dann aber fühlte ſie ſich bedeutend wohler. Die Kammerdienerin bemerkte davon nichts, ſie ſah aufmerk⸗ ſam dem Beginnen des Chevaliers zu, der nach langem Miſchen und Schütteln der jungen Frau das Flacon überreichte. „Es iſt eine ganz unſchuldige Eſſenz,“ ſagte er und Bertha verſtand den Sinn dieſer Worte. „Es iſt in der That ein vortreffliches Mittel,“ erwiderte ſie, nachdem ſie etwas von der Flüſſigkeit auf ein Tuch geträufelt und Stirne und Schläfen damit benetzt hatte,„ich danke Ihnen. Erlauben Sie, daß ich—“ „Bitte, gnädige Frau, Sie würden mich beleidigen, ich bin kein Arzt.“ „Aber—“ „Nein, nein, ich werde mich hinlänglich belohnt fühlen, wenn Sie die Güte haben wollen, mich in Ihren Kreiſen zu empfehlen. Vielleicht können Sie, wenn Sie nach Paris zurückgekehrt ſind, bei der Frau Fürſtin ein gutes Wort für mich einlegen, ſie war ſtets ſehr zufrieden mit mir.“ Bertha nickte herablaſſend, der Chevalier verbeugte ſich und ging hinaus. „Dieſer junge Mann gefällt mir,“ ſagte Bertha,„er ſcheint alle Tugenden eines guten Kammerdieners zu beſitzen.“ Jeanette ſeufzte. „Er ſcheint auch auf Dich einen guten Eindruck gemacht zu haben,“ fuhr die junge Dame lächelnd fort,„ich rathe Dir, laſſe Dich nicht zu tief mit ihm ein, bevor Du ſeinen Charakter geprüft haſt. Jetzt geh, ich wünſche allein zu ſein, die Eſſenz hat mich wunderbar belebt und erfriſcht.“ Kaum hatte Jeanette ſich entfernt, als Bertha haſtig das Billet des Chevaliers öffnete. Es enthielt mehrere eng beſchriebene Seiten, und je länger Bertha las, deſto ernſter und düſterer wurden ihre Züge. Endlich ließ ſie die Hand, welche den Brief hielt, ſinken, gedankenvoll blickte ſie vor ſich hin. Die ſchönen Augenbrauen zogen ſich drohend zuſammen, in den dunklen Augen loderte eine verzehrende Gluth. Sichere Stelle zu volier ſie n. te ſie für Fler. aufmerk⸗ Miſchen d Bertha derte ſie, geträufelt te Ihnen. „ich bin len, wenn empfehlen. ehrt ſind, „ſie war ſich und er ſcheint — 787— Dann zuckte es plötzlich um ihre Mundwinkel, die kleinen zarten Hände ballten ſich, ſie zerknitterten das Billet, welches dieſe heftige, leidenſchaftliche Erregung hervorgerufen hatte. „Es iſt unmöglich,“ flüſterte ſie.„Und doch— liegen nicht ſchon triftige Gründe für den Verdacht vor?“ Sie glättete den Brief und ließ ihren Blick lange auf dem⸗ ſelben ruhen. „Das Bouquet, welches ein glücklicher Zufall mir in die ände ſpielte, war präparirt mit einem ſehr feinen, Wenigen bekannten Giftſtoff,“ las ſie leiſe,„es ſollte Ihre Abreiſe ver⸗ hindern. Daß man, nachdem man zu ſolchen Mitteln gegriffen hat, hierbei allein nicht bleiben wird, unterliegt wohl keinem Zweifel und Ihr Leben iſt verloren, wenn nicht ein Freund es beſchützt, der Kenntniſſe genug beſitzt, um jenen Machinationen entgegenwirken zu können. Die Luſt, welche Sie athmen, kann vergiftet ſein, Sie ahnen es nicht und ſelbſt, wenn Sie ſich dieſer Luft entziehen, wenn Sie es ermöglichen, dieſes Haus zu ver⸗ laſſen, der unſichtbare Pfeil kann Sie auch in der Ferne treffen, und er wird Sie treffen, wenn der, welcher ihn abſendet, nicht unſchädlich gemacht wird. Nur zwei Wege ſtehen Ihnen offen, entweder müſſen Sie Ihr Vermögen abtreten, oder Sie müſſen den Kampf aufnehmen und zu Ende führen. Die Entfernung ſchützt Sie nicht, weil es ein unſichtbarer Pfeil iſt, der über die ganze Erde reicht; das Geſetz ſchützt Sie nicht, weil Ihnen Be⸗ weiſe fehlen. Der geſchickteſte Chemiker wird das Gift nicht ent⸗ decken, und die Krankheit, welche daſſelbe hervorruft, nimmt einen ſo natürlichen Verlauf, daß der erfahrenſte Arzt keinen Verdacht ſchöpfen kann. Verkennen Sie die Macht des furchtbaren Gegners nicht, in deſſen Gewalt Sie ſich ſchon befinden, hören Sie meinen Rath und vertrauen Sie ſich ganz mir an. Was ich dann aber auch thun mag, zeigen Sie weder Befremden noch Mißtrauen, vergeſſen Sie nicht, daß ich vor den Augen Anderer nur Ihr Diener bin und daß die kleinſte Unvorſichtigkeit nicht allein unſere Pläne durchkreuzen, ſondern auch Ihr Leben gefährden kann.“ Wieder ließ Bertha den Brief ſinken, wieder blickte ſie lange ſinnend vor ſich hin. Dann erhob ſie ſich, ſie warf das Billet in's Feuer und ſah zu, wie die Flammen es vernichteten. „Sei es denn,“ flüſterte ſie,„wenn er glaubt, daß ich den Kampf aufnehmen ſoll, wohlan, ich will ihn wagen!“ Sie zog die Schelle. „Ich wünſche mit meinem Gemahl einige Worte zu reden,“ wandte ſie ſich zu dem eintretenden Diener,„bitten Sie ihn, daß er ſich zu mir bemühe.“ -50 8 2 3 1 1 321 3 4 1 4 1 1 1 1 . H 1 2 1 6 1 41 ℳ 5 8 „ 1 — 3 — 788— Gleich darauf trat Heinrich ein. Bertha hatte den Kopf noch immer verbunden, aber ihr Leiden war jetzt nur noch eine Maske, die ſie für nöthig hielt, wenn die Pläne des Chevaliers gelingen ſollten. „Ich wünſche, einen Kammerdiener für mich zu engagiren,“ ſagte ſie, und der Ton, den ſie anſchlug, ſchien jedem Widerſpruch von vorne herein begegnen zu wollen.„Sie werden die Güte haben, mir ein Zimmer für ihn anzuweiſen und daſſelbe mit Allem zu verſehen, was ein an Comfort und Luxus gewöhuter Diener bedarf.“ Heinrich war erſtaunt, befremdet, dieſer Wunſch beunruhigte ihn, weil er ſich den Grund deſſelben nicht zu enträthſeln ver⸗ mochte und gleichwohl ahnte, daß demſelben eine beſtimmte Abſicht zu Grunde liegen müſſe. „Der Zufall hat mir einen Mann zugeführt, der ſich zu dieſem Poſten vortrefflich eignet,“ fuhr Bertha fort, ohne es nur der Mühe werth zu halten, einen Blick auf das Antlitz ihres Gatten zu werfen,„dieſer Mann war vordem Kammerdiener der Frau Fürſtin Radziwill in Paris und— ah mein Kopf— er iſt augenblicklich ohne Stelle.“ Heinrich ſchüttelte den Kopf. „Ich denke, wir haben Diener genug,“ ſagte er,„Du haſt außerdem eine Dienerin, ich ſehe alſo nicht ein—“ „Mein Herr, ich will es!“ fiel Bertha ihm ſtreng in's Wort. „Ah— ich glaube, Sie ſind eiferſüchtig? Das wäre kindiſch— „Ich liebe eine große Dienerſchaft nicht, Bertha, ſei vernünftig, Du haſt einen Kutſcher, zwei Diener, Jeanette—“ „Bemühen Sie ſich nicht, ich weiß das Alles ſelbſt. Ich will meinen eigenen Diener haben und da der vormalige Kammer⸗ diener der Fürſtin Radziwill meinen Wünſchen und Anforderungen entſpricht, ſo werde ich ihn engagiren.“ „Aber—“ „Mein Herr, ich laſſe mir keine Vorſchriften in meinem Hauſe machen. Sobald dieſer Diener engagirt iſt, ſteht er unter meinem Schutze, und ich gebe Ihnen den guten Rath, nicht feindſelig ihm entgegenzutreten, Sie haben dazu ohne dies kein Recht, da die Koſten ſeines„Engagements aus meinem Vermögen beſtritten werden.“ Heinrich zitterte vor Wuth, nur der Gedanke, daß dieſe ſchroffe, beleidigende Oppoſition bald ihr Ende erreicht haben werde, gab ihm die Kraft, dieſe Wuth zu bemeiſtern. „Wenn ich auch nicht leugnen kann, daß Sie Herrin Ihres Vermögens ſind, ſo könnte ich doch erwarten und fordern, daß Sie weniger ſchroff Ihrem Gatten entgegenträten,“ ſagte er mit hr Leiden wenn die gagiren,“ derſpruch die Güte ſelbe mit gewöhuter unruhigte ſeln ver⸗ te Abſicht ſch zu e es nur litz ihres iener der pf— er Du haſt *s Wort. iſch—“ rnünftig, Ich will Kammer⸗ derungen m Hauſe meinem ſelig ihm M da die beſtritten ́ſchroff, rde, göh 1 Ihtes ern, daß er mit — 789— bebender Stimme.„Nichts berechtigt Sie zu dieſer mich kränkenden Oppoſition—“ „Genug,“ unterbrach Bertha ihn kalt,„ich habe keine Luſt, noch einmal auf dieſes Thema einzugehen. Ich werde den Kam⸗ merdiener engagiren und erwarte, daß Sie meinem ausgeſprochenen Wunſche nachkommen.“ „Aber Sie werden mir erlauben, daß ich bei dieſem Engagement zugegen bin,“ warf Heinrich ein. 4 „Obſchon ich das für unnöthig erachte, will ich es Ihnen dennoch geſtatten,“ entgegnete Bertha ruhig,„wenn ich es Ihnen verweigerte, würden Sie vielleicht fürchten, ich wollte Sie hinter⸗ gehen. Ich mache die Erfahrung, daß Sie in allen Stücken ſehr kleinlich ſind, mein Herr.“ Heinrich erwiderte darauf nichts, dieſe kalte, ſchnöde Behand⸗ lung empörte ihn um ſo mehr, weil er am Abend vorher als ein Bittender vor ſeiner Frau geſtanden und ſtatt der Gewährung ſeiner Bitte nur eine kränkende Demüthigung erhalten hatte. Er verließ das Boudoir mit verbiſſenem Ingrimm, ſchon jetzt entſchloſſen, das Leben dem neuen Kammerdiener in ſeinem Hauſe ſauer zu machen und ihn dadurch zu nöthigen, ſich ſchleunigſt wieder aus dem Staube zu machen. Bertha ſchickte ſofort einen Diener zu dem Friſeur Gabel und ließ den Gehülfen des letzteren erſuchen, ſich unverzüglich zu ihr zu verfügen. Der Chevalier wußte genug. „Ich werde wahrſcheinlich nicht zurücktehren,“ ſagte er zu dem Friſeur, der mit bepflaſterter und verbundener Naſe in ſeinem Salon ſaß,„beunruhigen Sie ſich deshalb nicht, ich bin gut aufgehoben.“ Gabel nickte, ein verſtändnißreiches Lächeln umſpielte ſeine Mundwinkel. „Gratulire von Herzen,“ erwiderte er,„aber hüten Sie ſich, mit dieſem Herrn Schenk läßt ſich ſchlecht Kirſchen eſſen.“ „Er wird an mir ſeinen Mann finden,“ fuhr der Chevalier fort.„Das Zimmer bei Ihnen bleibt natürlich zu meiner Ver⸗ fügung, nehmen Sie dieſe zehn Napoleonsd'ors einſtweilen als Abſchlagszahlung auf den Miethzins, ſpäter rechnen wir ab. Ich werde ohnehin Ihres Beiſtandes vorausſichtlich noch bedürfen, vor allen Dingen ſchweigen Sie und vergeſſen Sie nicht, was wir geſtern und heute beſprochen haben. Adieu, ich werde Sie dann und wann beſuchen.“ Der Friſeur blickte kopfſchüttelud ſeinem Verbündeten nach, er hegte kein beſonderes Vertrauen däzu, daß der junge Mann ſein ihm unbekanntes Ziel erreichen werde. 790— Bertha empfing den Chevalier wiederum in Gegenwart ihrer Dienerin, ſie wollte Alles vermeiden, was zu einem Argwohn Veranlaſſung geben konnte. „Sie äußerten den Wunſch, in Ihre frühere Carrière zurück⸗ zutreten,“ ſagte ſie kühl,„würden Sie eine Stelle in meinem Hauſe annehmen?“ Jeanette warf dem Chevalier einen Blick zu, in welchem der Wunſch ſich ſpiegelte, daß er das Engagement annehmen möge, und dieſer Blick erleichterte ihm die Rolle, deren Durchführung erſt jetzt ſchwierig zu werden begann. „Ich würde es mir zur beſonderen Ehre rechnen, wenn die gnädige Frau mich mit ihrem Vertrauen beehren wollten,“ erwiderte er ſich verbeugend. „Ohne Complimente, hören Sie meine Bedingungen. Sie erhalten monatlich hundert Francs, und ich verſpreche Ihnen eine Erhöhung des Gehalts, ſobald ich nach Paris zurückgekehrt bin.“ „Ich bin damit zufrieden.“ „Rber Ihre Pflichten und Rechte habe ich Worte zu verlieren wohl nicht nöthig, Sie werden im Hauſe der Frau Fürſtin Radziwill darüber genau unterrichtet worden ſein.“ „Allerdings.“ „So wäre das auch in Ordnung. Sie können ſofort bleiben, wenn Sie nicht durch Privatverhältniſſe ſich genöthigt ſehen, erſt morgen—“ „Durchaus nicht.“ „Gut. Wünſchen Sie Livree?“ „Nein.“ „Sie haben eigene Garderobe?“ „Im Hauſe der Frau Fürſtin trug ich nur meine eigene Garderobe.“ „Mir iſt das um ſo lieber, ich werde die Rechnungen Ihres Schneiders berichtigen. Jeanette, bitten Sie meinen Gemahl, er möge ſich hierher bemühen, der Kammerdiener ſei bereits engagirt.“ „Er weiß es ſchon?“ fragte der Chevalier leiſe, als die Dienerin ſich entfernt hatte. „Ja, und ich fürchte, Sie werden ihm gegenüber einen ſchweren Stand haben.“ „Ueberlaſſen Sie das mir. Meinen Brief haben Sie doch vernichtet?“ 1 „Freilich, aber fragen Sie mich jetzt nicht, was ich von ſeinem Inhalte halte, wir reden ſpäter darüber. Ich kann noch nicht glauben, daß Ihre Mittheilungen ſich auf Wahrheit ſtützen ſollen.“ „Denken Sie an das Bouquet.“ „Ich zweifle ſchon deshalb, weil— ſtill.“ wart ihrer Argwohn dre zurüc⸗ in meinem delchem der men möge, urchfüßrung wenn die werwiderte gen. Sie Ihnen eine kehrt bin.” au verlieren u Fürſtin ort bleiben, ſehen, erſt eine eigene gen Ihres jemahl, er engagirt. als die en ſchweren —- 791— Heinrich trat ein, er muſterte mit einem ſcharf prüfenden Blick den Kammerdiener vom Scheitel bis zur Sohle. „Ich müßte mich ſehr täuſchen, oder—— ganz recht, Sie ſind ja der Friſeurgehülfe, der heute Morgen ſich ſo verſtohlen die Treppe hinaufſchlich!“ ſagte er.„Und jetzt Kammerdiener?“ „Wie Sie ſehen,“ erwiderte der Chevalier ruhig.„Befremdet Sie das ſo ſehr?“ „Henri hat verſucht, ſich als Friſeur eine ſelbſtſtändige Exiſtenz zu verſchaffen,“ ſagte Bertha, ohne ihren Gatten eines Blickes zu würdigen,„ich denke, ein ſolcher Verſuch iſt Jedem geſtattet und erinnere Sie dabei nur an Ihren Bruder.“ Heinrich biß auf die Lippe, er fühlte den beabſichtigten Hieb. „Ich finde es nur merkwürdig, daß Sie ſich ſo raſch ent⸗ ſchloſſen haben, den Friſeurgehülfen zu Ihrem ſpeciellen Kammer⸗ diener zu erheben,“ erwiderte er mit leiſem Hohn,„indeß, Jeder nach ſeinem Geſchmack. Was Sie betrifft,“ wandte er ſich zu dem Chevalier,„ſo würden Sie wohl thun, nicht zu vergeſſen, daß Sie ſich in meinem Hauſe befinden, wenn Sie auch nur von der gnädigen Frau Befehle zu empfangen haben. Sie werden ſich der Hausordnung fügen und meinen ſpeciellen Anordnungen, die zu treffen ich vielleicht nöthig finde, ſich unterwerfen.“ Der Chevalier ſchwieg, er mußte ſich dieſe Bemerkungen ge⸗ fallen laſſen. „Alſo wird es von Ihrem Benehmen allein abhangen, auf welchem Fuße wir beide miteinander ſtehen werden,“ fuhr Heinrich nach einer kurzen Pauſe mit ſcharfer Betonung fort,„das iſt Alles, was ich gegenwärtig Ihnen zu ſagen habe.“ „Und ich weiß darauf nichts Anderes zu erwidern, als daß ich bisher noch in keinem Hauſe geweſen bin, in welchem man mir im Augenblick meines Eintritts ſo ſchroff entgegengetreten wäre,“ ſagte der Chevalier ruhig,„ich hoffe aber, Sie werden mit mir zufrieden ſein.“ Noch einmal warf Heinrich einen forſchenden Blick auf den Kammerdiener, dann forderte er ihn auf, ihm zu folgen. „Ich werde Ihnen Ihr Zimmer anweiſen,“ ſagte er mit ge⸗ meſſener Würde. Bertha nahm an der ganzen Unterredung anſcheinend nicht den geringſten Antheil, ſie blickte nicht einmal auf von dem Buche, in welchem ſie las. „Sie kannten die gnädige Frau ſchon früher?“ fragte Heinrich, während die Beiden über den Korridor ſchritten. „Ich ſah ſie nur einmal im Salon der Fürſtin Radziwill,“ erwiderte der Chevalier, der die Falle gar zu plump fand,„das war kurz vordem ich den Dienſt der Frau Fürſtin verließ.“ — 792— „Sie verließen ihn, um Friſeurgehülfe zu werden?“ „Das nicht, ich wollte einen eignen Salon eröffnen, aber die guten Freunde, welche mir die Mittel dazu geben wollten, zogen ſich zurück.“ „Und von dort kamen Sie hierher?“ „Nicht ſofort. Ich durchwanderte Holland, Belgien und ein Stück von Weſtphalen, aber ich fühlte mich nirgend heimiſch, mein Wunſch iſt es, nach Paris zurückzukehren.“ „Was hindert Sie, dieſen Wunſch erfüllt zu ſehen?“ „Meine Armuth.“ „Ah— und wenn nun Jemand Ihnen die Mittel gäbe, die Reiſe nach Paris ſofort anzutreten—“ „Mein Herr, ich befinde mich augenblicklich im Dienſte der gnädigen Frau,“ unterbrach der Chevalier ihn mit einer Ent⸗ ſchloſſenheit, die ein weiteres Eingehen auf dieſen Punkt nicht erlaubte.„Erſt wenn dieſes Engagement gelöſt iſt, kann ich an die Erfüllung meines Wunſches denken.“ Heinrich ſchwieg, er mußte befürchten, daß er ſich zu viel ver⸗ geben würde, wenn er auf dem eingeſchlagenen Wege fortfuhr. Er öffnete eine Thüre und bemerkte dem Kammerdiener, daß dieſes Gemach ſein Zimmer ſei, für alles Uebrige werde Madame Sorge tragen. Darauf entfernte er ſich und der Chevalier warf hinter ihm die Thüre ziemlich unſanft in's Schloß. Er hatte dieſen Mann bereits durchſchaut, er wußte, wie er ihn behandeln mußte, und er verhehlte ſich nicht, daß er dieſem Manne gegenüber einen ſehr ſchwierigen Stand haben werde. Nachdem er in ſeinem Gemach einige ihm nöthig ſcheinenden Anordnungen getroffen und einen Diener zum Friſeur Gabel ge⸗ ſandt hatte, um ſein Gepäck in die neue Wohnung zu ſchaffen, trat er eine Wanderung durch das Haus an, um ſich die nöthigſten Lokalkenntniſſe zu verſchaffen. Hundertundviertes Kapitel. Wie gewonnen, ſo zerronnen. Fritz Wacker mochte addiren, ſubtrahiren und dividiren, ſo viel er wollte, zum Multipliciren kam er nicht mehr. 7 ,, aber die ten, zogen en und ein niſch, mein 14 gäbe, die dienſte der iner Ent⸗ unkt nicht nn ich an viel ver⸗ ortfuhr. ener, daß 2 Madame zinter ihm e, wie er er dieſem verde. ſcheinenden Gabel ge⸗ 1 ſchaffen nöthigſten 7, ſo viel Er war ruinirt, das ſah er ein, und es bedurfte wahrlich keines beſonderen Scharfblicks, dies einzuſehen. Der Buchhalter hatte heillos gewirthſchaftet, Waaren unter dem Preiſe verkauft, ausſtehende Forderungen für ſeinen Privat⸗ gebrauch einkaſſirt, Wechſel in Umlauf geſetzt, von denen ſein Prinzipal nichts wußte, die aber der Letztere einlöſen mußte, weil ſie ſeine Unterſchrift trugen. Den ganzen Tag hindurch hatte Wacker, unterſtützt von ſeinem Werkführer, gerechnet und geſchrieben, und als der Abend dämmerte, da wußte er, daß ihm von ſeinem ganzen Vermögen nicht ein rother Heller blieb, wenn er alle Gläubiger befriedigen wollte. Und das wollte er, als ein ehrlicher Mann wollte er aus dieſem Schiffbruch hervorgehen, Niemand ſollte ihm den Vorwurf machen können, daß er durch ſeinen Leichtſinn auch Andere um ihr Vermögen betrogen habe. Tender war zwar nicht dieſer Anſicht, er meinte, man müſſe ſuchen, mit den Gläubigern einen Accord abzuſchließen und als⸗ dann mit neuem Muthe wieder beginnen, aber dazu war Fritz Wacker nicht zu bewegen. Spät am Abend ging er heim mit dem feſten Vorſatz, ſchon am nächſten Tage ſeine geſammten Habſeligkeiten, ſeine Gebäude, Wagen, Pferde und Mobilien zum Verkauf auszubieten und als⸗ dann ſeine Schulden vor und nach zu tilgen. Mit dieſem Entſchluß trat er in ſeine Wohnung, und wenn er ſich vordem an der Pracht und Eleganz dieſer Wohnung erfreug hatte, ſo verdroß es ihn jetzt, ſo vieles Geld dafür ausgegeben zu haben. Und wie es in ſolchen Fällen ſtets zu gehen pflegt, ſuchte auch. Wacker einen Theil der Schuld von ſich ab auf Andere zu wälzen. Mißmuthig trat er in das Wohnzimmer, in welchem ſeine Frau und Hermine ihn ſchon ſeit mehreren Stunden mit wachſender Beſorgniß erwarteten, mißmuthig legte er Hut und Mantel ab und mit ſteigendem Unmuth nahm er neben ſeiner Frau an dem bereits gedeckten Tiſche Platz. Daß ſeine Frau, die am Morgen noch erkrankt zu Bett ge⸗ legen hatte, ſo plötzlich wieder geneſen war, befremdete ihn nicht, ſeine Gedanken waren mit anderen Dingen beſchäftigt, er fühlte ſich nicht in der Stimmung, ſeiner Familie irgend welche Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken. Hermine errieth, was in der Seele des Vaters vorging, ſie fürchtete den Ausbruch des Gewitters, welches auf ſeiner düſter umwölkten Stirne ſich bereits ankündigte, ſie ahnte, daß ein un⸗ beſonnenes Wort der Mutter die Entladung herbeiführen mußte. — 794— Sie wußte auch, daß die Mutter nicht ſo ſtark war, wie ſie ſcheinen wollte, daß ſie vielmehr den Keim einer ernſten Krankheit in ſich trug und daß nur die augenblickliche Aufregung, die fieber⸗ hafte Spannung des Gemüths ihr die Kraft gab, das Bett zu verlaſſen. Sie wollte vermitteln, dem Sturme vorbeugen, aber es war ſchon zu ſpät. Durch die etwas beißende Bemerkung, der Hausherr könne wenigſtens ſo viele Rückſicht auf ſeine Angehörigen nehmen, daß er ihnen ſagen laſſe, weshalb er verhindert ſei, zum Mittageſſen heimzukehren, hatte die Mutter den Sturm entfeſſelt. „Dieſe Rückſichten werden wohl ſehr bald unnöthig ſein,“ erwiderte Wacker in demſelben ſarkaſtiſchen, beißenden Tone,„wenn man keinen Pfennig mehr in der Taſche hat, kann man auch nicht mehr auf dem hohen Fuße leben.“ Madame Wacker blickte beſtürzt auf, darauf war ſie nicht gefaßt geweſen. „So kehren wir in unſre beſcheidene Wohnung zurück,“ ſagte Hermine beruhigend. „Na, das fehlte noch!“ fuhr die Mutter auf.„Nachdem man Wagen und Pferde gehalten hat, ſoll man wieder Flick⸗ ſchneider ſpielen?“ „Wer hat darauf gedrungen, daß man Wagen und Pferde halten mußte?“ erwiderte Wacker gereizt.„Wer mußte ſofort— „He, ich glaube, Du willſt mir Vorwürfe machen?“ unterbrach Madame Wacker ihn erbittert.„Kehre vor Deiner eignen Thüre, Fritz, es iſt nicht Jedem gegeben, Fabrikant zu ſpielen, was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans wahrhaftig nicht.“ „Aber, mein Gott, weshalb ereifert Ihr Euch denn ſo ſehr?“ fragte Hermine.„Könnt Ihr durch gegenſeitige Vorwürfe das Geſchehene ändern?“ „Aendern nicht,“ fuhr die Mutter fort,„aber ich proteſtire dagegen, daß man mir die Schuld aufbürden will! Wir hätten ein ſchönes, ruhiges Leben führen können, wenn wir das Unſrige nur zuſammen gehalten—“ „Allerdings, wenn wir beſcheiden und anſpruchslos geblieben wären,“ fiel Wacker ihr in's Wort,„aber wenn man ein großes Haus machen, immer in Gala ſein und zweiſpännig ausfahren will, muß man ungezählte Mittel haben.“ „Bleibt denn nichts übrig?“ fragte Hermine. „Kein rother Heller!“ „Da haben wir's!“ ſeufzte die Mutter.„Das ſchöne, ſchöne Geld! Mit vollen Händen iſt es den Lumpen gegeben worden, die ihn darum anſprachen, nachher—“ ar, wie ſie n Kranihet die fieber⸗ 8 Bett zu ber es wi herr lönne hmen, dih Mittageſſen thig ſein,“ de,„wenn auch nicht jſie nicht rück,“ ſagte „Nachdem ieder Fiit⸗ und Pferde ſofort— unterbrach nen Thüre, elen, was t. rſo ſehr? rwürfe das proteſtir Wir hättn as Unſtige z geblieba tin großes ausfahten üne, ſchin en wot den, —- 795— „Das hat mich nicht ruinirt,“ erwiderte Wacker,„die kleinen Verluſte hätte ich verſchmerzen können. Wer kann jedem in's Herz ſehen? Ich habe einigen armen Teufeln geholfen, die nicht mehr aus, noch ein wußten und das reut mich auch jetzt noch nicht.“ „Zum Beiſpiel, dem Bartkratzer Gabel wurden mir nichts, dir nichts tauſend Thaler geſchenkt,“ warf die Mutter in wachſender Erregung ein. In den Augen Wackers blitzte es unwillig auf. „Erinnere Dich, daß Gabel uns einen Dienſt erzeigt hat, den kein Andrer uns erzeigt haben würde,“ entgegnete er,„ich möchte jetzt wünſchen, ich hätte ihm damals fünftauſend Thaler gegeben, damit wäre ihm beſſer geholfen geweſen.“ „Natürlich, dann hätte er von ſeinen Zinſen leben können!“ „Ich will darüber keine Worte weiter hören, was geſchehen iſt, das läßt ſich nicht ändern, und wenn es ſein muß, kann ich es vor dem ſtrengſten Richter verantworten. Wir müſſen jetzt an unſre Zukunft denken. Wenn ich Alles verkaufe, werde ich ſo viel erhalten, daß ich meine Gläubiger befriedigen kann, es iſt möglich, daß noch einige hundert Thaler übrig bleiben, aber ich glaube es kaum. Wir werden eine beſcheidene Wohnung miethen dnd ich hänge mein Schild wieder hinaus, Arbeit ſoll ich ſchon nden.“ „Das überlebe ich nicht!“ rief Frau Wacker. Fritz Wacker zuckte die Achſeln, er hatte ſeine philoſophiſche Ruhe wieder gefunden. „Das iſt eine alltägliche Redensart,“ fuhr er fort,„der Menſch kann mehr vertragen, als er glaubt. Wir haben ja vordem ganz vergnügt und zufrieden gelebt, weshalb ſollen wir es jetzt nicht können? Weil wir an den Luxus gewohnt ſind? Du lieber Himmel, das läßt ſich raſch überwinden, wenn man nur ſich in die Verhältniſſe zu finden weiß! Es wird allerdings im Anfang etwas ſauer werden, aber nimm Dir ein Beiſpiel an Hermine, das arme Kind verliert wahrhaftig ebenſoviel, ja noch mehr, wie Du und macht mir trotzdem keine Vorwürfe.“ „Das wird die Mutter auch nicht thun,“ ſagte Hermine,„wenn ſie auch jetzt ungeduldig iſt. Laß' ihr Zeit—“ „Liebes Kind, das kann ich nicht, wir müſſen raſch handeln, das jetzige Leben koſtet zu viel. Ich werde morgen die Faullenzer, die ſich in unſerm Hauſe umhertreiben und nur darüber nach⸗ denken, wie ſie uns am beſten beſtehlen können, insgeſammt zum Teufel jagen—“ „Das kannſt Du nicht,“ fiel Frau Wacker ihm in's Wort. „Sie haben alle dreimonatliche Kündigung.“ — — 796— „Na, das wollen wir ſehen. Ich glaube, ſie werden gern gehen, wenn ich einige Worte von Polizei und Durchſuchung ihrer Kiſten und Kaſten fallen laſſe. Ferner werde ich mit einem Häuſermakler ſprechen, er ſoll einen Käufer für dieſes Haus und die Fabrik ſuchen, für den Wagen und die Pferde habe ich ſchon einen Käufer gefunden.“ „Na, dann verkaufe mich doch auch!“ rief Frau Wacker zornig, indem ſie ſich erhob.„Verkaufe Alles was Du haſt und wirf den Bettelſack über die Schultern, ich kann's ja doch nicht ändern.“ Sie ging nach dieſen Worten in unbeſchreiblicher Aufregung hinaus und zog ſich in ihr Schlafzimmer zurück, deſſen Thüre ſie geräuſchvoll hinter ſich ſchloß. „Sie iſt krank, Vater,“ entſchuldigte Hermine die Mutter, „der Schlag hat ſie zu jäh getroffen.“ Wacker Kickte, er begriff das. „Könnte ich's ändern, wie gerne thäte ich's, nicht meinetwegen, ſondern Euretwillen,“ verſetzte er,„aber nun es einmal nicht anders iſt, muß man ſich in die Verhältniſſe ſchicken. Geh' zu ihr, Kind, beruhige ſie, ſo gut Du es vermagſt, es iſt ja einmal nicht zu ändern.“ Hermine entfernte ſich, und auch Wacker begab ſich, von den Anſtrengungen des Tages ermüdet, bald darauf zur Ruhe. Am nächſten Morgen begann er ſofort mit der Ausführung der ihm nöthig und unvermeidlich dünkenden Schritte. Er rief das Dienſtperſonal zuſammen und entließ ſie ins⸗ geſammt mit Ausnahme des Kutſchers und einer Magd. Die Eutlaſſenen verſuchten allerdings, ſich auf ihre Kontrakte zu ſtützen und den vollen Lohn für das laufende Vierteljahr zu beanſpruchen, aber Wacker ließ ihnen die Wahl zwiſchen der Ver⸗ zichtleiſtung auf dieſen Anſpruch und der ſtrengen polizeilichen Durchſuchung ihrer Effekten, und wie er erwartet hatte, zogen ſie das Erſtere vor, indem ſie ſich ſchleunigſt entfernten, ohne ihres Anſpruchs noch einmal zu erwähnen. Nachdem dies geordnet war, ging Wacker aus, um ſeine Wagen, ſeine Pferde und ſeine Mobilien zu verkaufen. Er ſprach bei dieſer Gelegenheit bei ſeinem Freunde Bertram Schenk vor, um ihn hinſichtlich der ihm vorgeſtreckten Summe zu beruhigen, und der Schenkwirth bewog ihn, mit ihm zum Bankier Otto Schirmer zu gehen, um dieſen erfahrenen, umſichtigen Mann um Rath zu fragen. Dazu konnte der ehemalige Schneidermeiſter ſich ſehr ſchwer entſchließen, er gedachte ſeines früheren hochmüthigen Benehmens gegen dieſen Mann und fürchtete mit Recht, daß der Bankier dieſe Gelegenheit benutzen werde, um ihm eine Demüthigung zu bereiten. verden gern ichung ihre mit einem Haus und be ich ſchon ncer zornig und wirj ht ändern.“ Aufregung n Thüre ſie ie Mutter, teinetwegen, inmal nicht 1. Geh' zu t ja einmal c,, von den uhe. Ausführung ß ſie ins⸗ 9. e Kontralte erteljahr zu n der Ver⸗ polizeilicen „ zogen ſie ohne ihres ine Wagen de Bertram Summe N um Bantiet igen Mam ſehr ſchwe Benehmmels antier die zu bereiten 797— Aber Bertram Schenk wußte dieſe Bedenken und Beſorgniſſe zu beſeitigen, indem er den Bankier als einen ſehr liebenswür⸗ digen, gutherzigen Herrn ſchilderte und ſeinem Freunde die beru⸗ higende Zuſicherung gab, daß er ihn vertheidigen werde, wenn Schirmer ſich zu einer ſcharfen Kritik verleiten laſſe. Otto Schirmer hätte allerdings dem ruinirten Fabrikanten eine ſehr demüthigende Niederlage bereiten können, aber er begnügte ſich damit, ihn zu fragen, ob er vielleicht den Hut wieder holen wolle, der in ſeinem Hauſe noch immer für ihn aufbewahrt werde. Nachdem Fritz Wacker einmal ſo tief in den ſauren Apfel hineingebiſſen hatte, daß er mit Faſſung und Geiſtesgegenwart die Stücke hinunterwürgen konnte, ließ er ſich auch durch dieſe Frage nicht mehr in Verlegenheit ſetzen. Er gab zu, daß er damals ein hochmüthiger Thor geweſen ſei und bat, man möge ihm ſein derzeitiges Benehmen verzeihen. Bertram Schenk berichtete dem Bankier die Verhältniſſe ſeines Freundes und bat ihn um ſeinen Rath. „Von Herzen gern,“ erwiderte Schirmer, der inzwiſchen die* Beiden eingeladen hatte, Platz zu nehmen, um dies aber zu können, müßte ich vorher etwas tiefer in die Sachlage eingeweiht verden. Wenn Sie mich einen Blick in die Bilanz werfen laſſen wollen, ſo werde ich ſehen, was zu machen iſt 24 Fritz Wacker öffnete ſein Portefeuille und holte aus demſelben mehrere Papiere. „Von einer kaufmänniſchen Bilanz habe ich keinen Verſtand,“ aber hier ſind die Notizen, die ich mir geſtern aus meinen Büchern und nach gewiſſenhaften Prüfungen gemacht habe. Sie werden darin meine Schulden und meine Forderungen, den Werth meines Lagers und Angaben über mein Privatvermögen finden.“ „Das genügt,“ entgegnete Schirmer, indem er die Papiere entfaltete.„Dieſe Notizen ſind alſo ganz genau?“ „Ja.“ „Auch der Werth des Lagers, der Gebäude und des Mobilars?“ „Es iſt nichts zu hoch angegeben, und doch, wenn es zur Verſteigerung kommen ſollte?“ Würde weniger herauskommen?“ „So glaube ich.“ Otto Schirmer prüfte die Notizen ſehr aufmerkſam. Befinden ſich unter dieſen Gläubigern einige, welche auf ſofortige Zahlung dringen?“ fragte er nach einer Weile. „Nein,“ erwiderte Wacker.„Herr Schenk hat allerdings das Kapital zurückverlangt, welches als erſte Hypothek auf meiner Fabrik ſteht, und ich erfuhr erſt durch die Kündigung, daß er es — 798— war, der damals das Kapital hergegeben hat, aber er muß ſich bis zum Ablauf des Kündigungstermin's gedulden.“ „Sechs Monate?“ „Nur drei.“ „Und wann verfallen die Wechſel, die auf Sie noch in Um⸗ lauf ſind?“ „Nach den Notizen meines Buchhalters binnen vier Wochen.“ „Und die Waarenpoſten?“ „Sind zum größeren Theile noch nicht verfallen.“ „Wollen Sie mir unbeſchränkte Vollmacht geben, die Angele⸗ heit in Ihrem Namen zu ordnen, ſo wie ich es für gut finde?“ fragte er. „Gewiß,“ erwiderte Wacker, dem eine Laſt von der Seele fiel,„ich wünſche nur, daß keiner meiner Gläubiger zu kurz kommen möge—“ „Das liegt auch nicht in meiner Abſicht, obſchon der Verſuch, einen Accord zu Stande zu bringen gemacht werden könnte. Sie werden ſich natürlich darauf gefaßt machen müſſen, der bisherigen Stellung zu entſagen, aber ſo ſchlimm ſieht es doch nicht aus, daß Sie, wie man zu ſagen pflegt, zum Bettelſtab greifen müßten. Es kommt hauptſächlich darauf an, nichts zu überſtürzen, das Geſchäft allmählig zu liquidiren und die Gläubiger zu beruhigen, damit ſie nicht ungeduldig werden. Zur Fortführung der Fabrik werden Sie keine Luſt haben?“ „Nein.“ „Es iſt auch beſſer, daß Sie die Sache fallen laſſen, wenn man ſich auf fremde Leute verlaſſen muß und nicht ſelbſt die nöthigen Kenntniſſe hat, iſt man ſtets dem Betrug ausgeſetzt. Was gedenken Sie nun zu beginnen?“ „Ich will zu meinem Handwerk zurückkehren,“ erwiderte Wacker, wenn auch die Leute darüber die Naſe rümpfen, darum keine Feindſchaft nicht. In China iſt das etwas Alltägliches—“ „Wacker!“ warnte der Schenkwirth.„Bedenkt, wo Ihr ſeid.“ Der Bankier lächelte gutmüthig, es lag nichts in dieſem Lächeln, was den ehemaligen Schneider hätte verletzen können. „Ich würde Ihnen rathen, ein Magazin fertiger Herrenllei⸗ der zu etabliren,“ ſagte er. „Wenn ich die Mittel hätte—“ „Dafür laſſen Sie mich ſorgen, ich hoffe ſo viel, als Sie bedürfen, für Sie zu retten.“ Freudig leuchtete es in den Augen Wackers auf, und Bertram Schenk nickte ihm zu, als ob er ſagen wolle:„Da ſiehſt Du, wie gut und vortrefflich mein Rath war.“ „Ich weiß nicht, wodurch ich es ermöglichen könnte, Ihnen er muß ſic toch in Um⸗ er Wochen.“ die Angele⸗ gut finde?“ der Seele er zu kurz der Verſuch, önnte. Sie r bisherigen richt aus, ifen müßten. ſtürzen, das u beruhigen, der Fabrit ſſen, wenn t ſelbſt de Hausgeſett. " erwiderte fen- darum. igliches 7 Ibr ſeid, in dieſem können. herreulli⸗ d, als Sie mn nd Bertua rſücſt D unte, Ihna -— 799— meinen Dank zu beweiſen, wenn Ihnen das gelänge,“ ſagte Wacker, freudeſtrahlend.„Aber ich bitte Sie, wecken Sie leine Hoffnungen, die ſich nicht verwirklichen können, ich habe mich nun einmal in mein Schickſal ergeben—“ „Ueberlaßt das vertrauensvoll dem Herrn Schirmer,“ unter⸗ brach der Schenkwirth ihn, während er in ſeiner Freude über das Entzücken ſeines Freundes tief in ſeine Tabacksdoſe hineingriff, „er wird's ſchon gut machen.“ Otto Schirmer legte die Notizen auf ſein Pult und den Brief⸗ deſchwerer darauf. „Sehen ſie ſich nach einem geeigneten Lokale um,“ ſagte er, „ſobald Sie es gefunden haben, kommen Sie zu mir, wir werden dann das Nähere überlegen. Aber vor allen Dingen überlaſſen Sie mir ganz allein die Liquidation, weiſen Sie Jeden, der Geld von Ihnen verlangt, an mich, und laſſen Sie ſich auf keinen Vorſchlag ein, ſo annehmbar er Ihnen auch ſcheinen mag. Ich werde Ihre Bücher und Papiere holen laſſen, um mir einen genaueren Einblick zu verſchaffen, morgen früh erwarte ich Sie hier, um über das Eine oder Andere mit Ihnen Rückſprache zu nehmen, alsdann können Sie auch die Vollmacht unterzeichnen, die ich heute niederſchreiben werde.—“ Fritz Wacker wußte für ſeine Freude und ſein Lob über die Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit Schirmer's kaum Worte zu finden, als er ſich mit den Schenkwirth wieder allein ſah. Bertram Schenk aber unterließ nicht, ihm noch einmal ſtrenge Erfüllung der Bedingungen des Bankiers einzuſchärfen. Sofort machte Wacker ſich auf den Weg, um ein geeignetes Lokal zu ſuchen, er durchwanderte faſt die ganze Stadt, fragte hier und dort an und vergaß dabei ganz, daß er abermals nicht zum Mittageſſen heimkehrte. Endlich hatte er gefunden, was er ſuchte, der Miethpreis war nicht zu hoch, die Lage günſtig und das Lokal ſofort zu beziehen. Mit freudigem Herzen kehrte er heute heim, er brachte wenigſtens Hoffnung. Und heute ſollte ihm die Freude nicht getrübt werden. Madame Wacker hatte ſich allmählich in das Unvermeidliche gefunden, Hermine war bemüht geweſen, ihr die Urſachen und Folgen klar zu machen und die Zukunft in minder grellen Farben zu ſchildern. Frau Wacker hatte denn auch eingeſehen, daß ſie nicht frei von Schuld war und daß ſie ihrem Gatten keine Vorwürfe machen durfte, wenn dieſe Vorwürfe nicht zum größeren Theil auf ſie zurückfallen ſollten. Sie fühlte auch, daß es ihre Pflicht war, nun mit dem Gatten das Ungemach gemeinſam zu tragen, nachdem ſie ſich in ſeiner Glanzperiode geſonnt hatte. — 800— Und mit dieſer Erkenntniß ward es auch ruhiger in ihrer Seele, ſie hoffte nur, daß ſoviel aus dem Schiffbruch gerettet wurde, als man zur Einrichtung der neuen, beſcheidenen Häus⸗ lichkeit bedurfte. Das ſagte ſie ihrem Manne bei ſeiner Heimkehr, noch ehe er zu Wort kommen konnte und daß ſie ſogar ſich ſo tief demüthigte, ihn wegen ihres ungerechtfertigten Benehmens am Abende vorher um Verzeihung zu bitten, das verdankte Wacker der Liebe, die ſeine Gattin trotz alledem noch immer für ihn fühlte. Hermine hatte die Mutter darauf aufmerkſam gemacht, daß dieſes feindſelige Entgegentreten den ohnehin ſchwer gebeugten Mann der Verzweiflung in die Arme führen könne und der Rhein dicht an Köln vorbeiſtröme. Und nun erſtattete Wacker mit deſto leichterem Herzen Bericht über ſeine Unterredung mit dem Bankier und die Schritte, die er bereits gethan hatte. . Er war damit noch nicht zu Ende, als die Thüre geöffnet Vwurde und der Barbier Gabel eintrat. Wenn dieſer Freund des ehemaligen Schneidermeiſters ſich jemals in einer gedrückten Stimmung befunden hatte, ſo war dies heute der Fall. „Ich komme, um eine alte Schuld abzutragen,“ ſagte er, noch ehe einer der Familie ein Wort an ihn richten konnte.„Ihr habt mir damals tauſend Thaler geliehen und wenn ich auch die ganze Summe Euch augenhlicklich noch nicht zurückgeben kann—“ „Von einer Rückerſtattung kann doch wohl keine Rede ſein,“ fiel Wacker ihm in's Wort, während er ſeiner Frau einen be⸗ deutſamen Blick zuwarf,„ich habe Euch derzeit dieſe Summe ge⸗ ſchenkt, nicht geliehen.“ „Erlaubt—“ „Lieber Freund, Ihr habt allerdings mir einen Schuldſchein geſchickt, aber er iſt vernichtet.“ Der Friſeur ſchüttelte unmuthig das Haupt. „Ein ſolches Geſchenk kann und darf ich nicht annehmen,“ ſagte er.„Zumal jetzt nicht, nachdem das Schickſal Euch ſo ſchwer getroffen hat, daß jene Summe—“ „Da ſeid Ihr wieder im Irrthum,“ unterbrach Wacker ihn ruhig, indem er dem Freunde einen Stuhl hinrückte,„ſo ſchwer hat es mich nicht getroffen, daß ich dieſe Summe nicht entbehren könnte. Aber ſelbſt wenn dies auch der Fall wäxe, ein Geſchenk würde ich nicht zurücknehmen, in China betrachtet man das als eine Beleidigung, die nur der Tod ſühnen kann. Weshalb denn auch dort Jeder ſich hütet, ein Geſchenk zu geben oder anzu⸗ nehmen—“ er in ihrer uch gerette enen Häls⸗ noch ehe en dom emacht, daß r gebeugten d der Rhein zen Bericht ritte, de er de ſein, u einen be Summe ge⸗ Schuldſchein annehwen, ich ſo ſchwel Wacker ihn ſo ſchwet öt entbehren 9! d-, ein Geſchen an das dls balb dem — 801— „Ihr könnt noch ſcherzen,“ unterbrach Gabel ihn wehmüthig, „das freut mich für Euch, aber meine Anſicht wird es nicht ändern. Hier ſind zwanzig Napoleonsd'ors, ich hoffe, binnen Kurzem den Reſt tilgen zu können.“ Erſtaunt blickte Wacker den Friſeur an. „Das Alles habt Ihr ſchon in den wenigen Monaten ſeit Eröffnung Eures Geſchäfts erſpart?“ fragte er. „Theilweiſe, nicht Alles.“ „Und woher habt Ihr das Uebrige genommen?“ „Verzeiht, vorläufig iſt daß noch ein Geheimniß.“ „Ah— ich errathe es, Ihr habr Schulden gemacht, um mir nach Eurer Weiſe unter die Arme greifen zu können. He— habe ich Recht?“ „Nein.“ „Nun wohl, dann verkauft Ihr unter dem Preiſe.“ „Auch das nicht, aber ich werde es thun. wenn ich nicht auf anderem Wege die Mittel finde, meine Schuld zu tilgen. Ich werde ausverkaufen, meine ganze Geſchäftseinrichtung an den Meiſtbietenden verſteigern—“ „Und dann?“ fragte Madame Wacker, die jetzt einſah, wie ſehr ſie dieſem Manne Unrecht gethan hatte. „Dann?“ fuhr der Friſeur fort.„Na, dann werde ich wieder wie früher meine Kunden beſuchen und habe ich damals mein genügendes Einkommen gehabt, weshalb ſollte ich es heute nicht mehr finden. Ich ſtehe allein, ich habe nicht nöthig, ſorgenvoll in die Zukunft zu blicken, und es wird ja auch ſchwerlich mich das Glück treffen, welches jeder andere Menſch mit leichter Mühe erreichen kann.“ Während er dies mit einer ſchlecht verhehlten Bitterkeit ſagte, bedeckte er ſein bepflaſtertes Riechorgan mit der Hand, gleichſam, als ob er damit ausdrücken wolle, das habe er ganz allein ſeiner Naſe zu verdanken. Fritz Wacker aber ſchüttelte mit einer Miene ernſter Miß⸗ billigung das Haupt. „So ſchlimm iſt's denn doch nicht,“ ſagte er,„Ihr verliert zu raſch den Muth. Es gibt andere Leute, wie Ihr ſeid, die eine Frau heimgeführt haben, in der Hauptſache kommt es ja doch nur auf Herz und Gemüth an.“ Der Friſeur ſeufzte tief auf. „Iſt das auch Ihre Anſicht, Fräulein Hermine?“ fragte ex. „Sie werden mir Recht geben, wenn ich behaupte, daß auch die äußere Erſcheinung ſchwer in die Wagſchale fällt, und da wüßte ich nicht, welche Vorzüge eine ſolche Vogelſcheuche, wie ich, in die Wagſchale legen konnte.“ — 802— Auch Hermine ſchüttelte das Köpfchen, aber ſie erhob den Blick nicht. „Ich habe Ihnen damals wehe gethan, Sie tief und ſchwer gekränkt,“ erwiderte ſie verlegen,„aber Ihre äußere Erſcheinung war es wahrlich nicht, oder doch nicht allein, was mich bewog, Ihre Werbung abzulehnen. Sie wiſſen ja ſelbſt, weshalb ich dies damals auch dann gethan haben würde, wenn Sie ein Adonis geweſen wären.“ Der Friſeur nickte. „Ich weiß es,“ ſagte er leiſe.„Aber auch nach dieſer Zeit fand ich keine Gnade vor Ihren Augen—“ „O, doch, ich lernte Ihr gutes Herz und Ihr vortreffliches Gemüth kennen und ich gewann Sie lieb. Aber ich würde mich eines Unrechts ſchuldig gemacht haben, hätte ich damals Ihren Worten Gehör gegeben und mein Geſchick mit dem Ihrigen ver⸗ knüpft, der Fluch, der auf mir ruhte, hätte ja auch Sie getroffen.“ „Und das war der einzige Grund?“ ſragte Gabel überraſcht. „Der einzige!“ „O, wie gerne wollte ich dieſen Fluch tragen, wie gerne— aber davon kann ja keine Rede mehr ſein! Ein armer, ſchlichter Barbier, der von Haus zu Haus wandert, und die einzige Tochter eines Mannes, der—“ „Na, jetzt werdet Ihr anzäglich!“ fiel Wacker ihm raſch in's Wort.„Ich bin ein Schneider geweſen und werde ein Schneider wieder werden, das Handwerk ſchändet Niemanden, wenn man nur ehrlich und fleißig iſt. Und das ſeid Ihr, Ihr ſeid ein braver, ehrlicher Mann, vor dem man Reſpect haben muß.“ Madame Wacker gab durch ein Kopfnicken zu erkennen, daß ſie mit dieſer Anſicht einverſtanden ſei. „Wenn alſo Hermine Euch das Jawort geben will, ſo werden wir beide nichts dagegen einzuwenden finden,“ fuhr Wacker fort, „denn wir wiſſen, daß wir die Zukunft unſeres Kindes vertrauens⸗ voll in Eure Hände legen dürfen. Und was dieſes Geld an⸗ betrifft, ſo nehmt es nur zurück, Ihr habt uns damals einen großen Dienſt geleiſtet, und außer Bertram Schenk ſeid Ihr der einzige von unſern Bekannten und Freunden, der im Unglück uns treu geblieben iſt und uns Theilnahme bezeigt. Herr Otto Schirmer hat ſich erboten, meine Angelegenheit zu ordnen, er meint, mir werde ſo viel übrig bleiben, daß ich ein Magazin fertiger Garderobe eröffnen könne, alſo dürft Ihr Euch auch über dieſen Punkt beruhigen. Und nun habe ich geſprochen!“ Der Friſeur war wie aus den Wolken gefallen, er glaubte im erſten Augenblick, daß das Alles nur ein Traum ſei, dem ein unangenehmes Erwachen folgen müſſe, aber das herzgewinnende rhob den nd ſchwer Lchei nung ch h n J decog, ich dies n Adonis m= clichter e Tochter raſch ins Schneider man nur „ Brap tbraber, nor. nen, daß o werden ker fort, rtrauens⸗ Held an⸗ As einen Ihr der glüft uns Ir Otto dnen, er Magazin auch über talaubte dem ein winnende — 803— Lächetn der Frau Wacker und der verſtohlene, ermunternde Blick Hermine's ließ ihn erkennen, daß er auf die Beſtändigkeit dieſes ihm ſo plötzlich aufgegangenen Glücksſternes vertrauen durfte. Wie es kam, wußte er ſelbſt nicht, aber er fühlte plötzlich die Hand Hermine's in der ſeinigen und ihre großen, blauen Augen blickten ihn ſo treu und ehrlich an, daß er, die Form und Farbe ſeines Riechorgans ganz und gar vergeſſend, ſich ein Herz faßte und das erröthende Mächen fragte, ob ſie dieſen Worten ihres Vaters beipflichten und ſich wirklich entſchließen könne, den ſchönſten Traum ſeines Lebens zu erfüllen. Und als Hermine dieſe Frage bejahte, als ſie erwiderte, daß ſie das Opfer, welches er ihr bringe, ſehr zu ſchätzen wiſſe, daß ſie ihm eine treue, ſorgſame Hausfrau und eine liebevolle Gattin ſein wollte, da fand der Friſeur für ſeine Freude und ſein Entzücken keine Worte mehr, aber zwei große Thränen rollten über ſeine Wangen dicht an der bepflaſterten Naſe vorbei. So hatten denn in dieſem Augenblick zwei Menſchenherzen den Hafen der Ruhe und eines ſtillen beſcheidenen Glücks gefunden, in den ſie erſt nach vielen ſchweren Stürmen einlaufen ſollten. Und der frühere Stolz der Mutter war auch gedemüthigt, die Einſicht, daß es außer dem irdiſchen Gut noch andere Dinge gibt, die ein dauerndes Glück begründen können, war über ſie gekommen und dieſe Einſicht zertrümmerte manches Vorurtheil, manchen hochfliegenden Plan, der ja doch nur eine Chimäre bleiben konnte. Noch einmal wurde in den eleganten Räumen Fritz Wackers ein Feſt an dieſem Abend gefeiert, aber es war ein ſtilles, beſchei⸗ denes Feſt, ein Feſt, welches einen ſchöneren, herrlicheren Hinter⸗ grund hatte, als die äußere Pracht ihn verleihen konnte. Und Hermine? Sie hatte bittere Erfahrungen gemacht, ſie blickte nüchterner in das Leben hinein und all' der Flittertand, an dem früher ihr Herz gehangen hatte, war ihr ſchon längſt zu⸗ wider geweſen. Sie war zufrieden. Liebte ſie auch den künftigen Gatten nicht mit der heißen, inbrünſtigen Gluth einer jungen ſich ganz den Reizen des Lebensfrühlings hingebenden Seele, ſo achtete und ahnte ſie doch ſein gutes, reines Herz, ſein vortreffliches, weiches Gemüth und ſeinen biederen Charakter und auf dieſe Achtung durfte ſie getroſt das Glück ihrer Ehe bauen! 51* Hundertundfünftes Kapitel. Ein rheiniſcher Maſchinenbauer. In den wenigen Monaten ſeit der Eröffnung ſeines Etabliſſements hatte Otto Schenk ſchon Erſtaunliches geleiſtet. Er hatte begonnen mit ſehr geringen Mitteln aber mit redlichem Fleiß und tüchtigen Kenntniſſen, und jetzt war er bereits ein angeſehener Fabrikant, ein Mann, der die Achtung und das Vertrauen ſeiner Mitbürger in hohem Grade genoß. In ſeiner Fabrik herrſchte eine Thätigkeit, die gegenüber den anderen Etabliſſements auffallen und befremden mußte, aber ſehr wohl zu erklären war. Otto Schenk lieferte nicht allein den beſten Gußſtahl, ſein Fabrikat war unerreichbar und ſo ſehr auch die übrigen Fabritanten ſich anſtrengten, das Geheimniß ſeiner Fabrikation zu entdecken, blieben doch alle ihre Anſtrengungen fruchtlos. Die Aufträge liefen ſo zahlreich ein, daß ſogar die Nacht zum Tage gemacht werden mußte, um ſie zur feſtgeſetzten Zeit aus⸗ führen zu können und es war ſchon jetzt vorauszuſehen, daß die Räumlichkeiten des Etabliſſements auf die Dauer nicht genügen würden. Ein ſolches glänzendes Reſultat hatte ſogar Otto nicht erwartet, trotz ſeiner Zuverſicht auf die Wichtigkeit und den Werth ſeiner Erfindung, aber er war auch der Mann, die Rieſenarbeit zu bewältigen und das mehr und mehr ſich ausdehnende Unternehmen zu überblicken und zu leiten. Auf ſeinen Aſſocie konnte er wenig rechnen, der Solinger Waffenſchmied war in ſeinem Fache ein tüchtiger, erfahrener Mann, aber er hatte weder die Umſicht, noch die Energie um den Poſten, der ihm zufiel, zu verwalten. Im Anfange hatte er mit Luſt und Liebe und gutem Vertrauen dieſen Poſten verſehen, als aber das Werk mehr und mehr ſich ausdehnte und die Arbeit in ſo großem Maßſtabe zunahm, verzagte Becker, von dieſem Augenblick an hegte er nur noch die Befürchtung, daß das Unternehmen ihnen über den Kopf wachſen und ſie erdrücken werde. Und dieſe Beſorgniß vermochte weder die Ruhe und Sicherheit Ottos noch das Vertrauen ſeines Freundes Nikolas zu beſeitigen, — 805— der Waffenſchmied ſehnte ſich in ſeine beſcheidene Werkſtätte zurück und äußerte zu wiederholten Malen die Befürchtung, daß ſein eingelegtes Kapital verloren ſei, ſobald der Fall eintrete, den er als unausbleiblich vorausſehe. Seine Beſorgniſſe wuchſen, als er vernahm, daß Otto eine bedeutende Summe geerbt und ſich geweigert hatte, mehr, als das Kapital ſeines Aſſocies betrug, einzulegen. Es kam darüber zwiſchen den Beiden zu einem ſehr unangenehmen Wortwechſel, der damit endete, daß Otto ſeinem Aſſocie den ſofortigen ſſements Austritt freiſtellte. d Der Solinger Waffenſchmied war nicht der Mann, der ſich tedlichem einem großen Geſichtskreiſe anpaſſen konnte, er mußte in ſeinen its ein altgewohnten, beſcheidenen Verhältniſſen bleiben, wenn er ſich zu⸗ ind das frieden und glücklich fühlen ſollte. Alſo nahm er den Vorſchlag ſofort an, ohne zu bedenken, dder den welche Vortheile er dadurch verlieren konnte. dder ſehr Otto zahlte ihm das eingelegte Kapital zurück und leitete fortan allein das große Etabliſſement. Aber auf die Dauer ging das auch nicht, die Laſt war zu groß für ihn, ſie war zu ſchwer für die Schultern eines einzigen Mannes. Otto ſah das ein und begann mit einer ebenſo verſtändigen, als nothwendigen Organiſation. acht zum Er gab jeder Werkſtätte einen fleißigen, erprobten Arbeiter eit aus⸗ zum Vorſteher, bildete aus mehreren Werkſtätten eine Abtheilung, daß die die wiederum einen Vorſteher erhielt und betraute ſeinen Freund genügen Rikolas mit der Oberaufſicht über das Ganze, während er ſich ſelbſt die Reviſion zu jeder Zeit vorbehielt. erwartet, Für das Bureau engagirte er erfahrene Geſchäftsleute, deren th ſeiner Thätigkeit ſeiner Kontrolle unterzogen war, und er wußte es ſo rbeit zu einzurichten, daß jeder Zweig der Verwaltung, des Verſandts, des rnehmen Ein⸗ und Verkaufs in den Händen eines nur für dieſen Poſten engagirten Mannes ruhte. Solinger„Er ſelbſt war unermüdlich thätig, er ordnete überall das r Mann, Nöthigſte an und nichts entging ſeinem ſcharfen Blick, wie denn tplu auch Alles, was geſchah, durch ſeine Hände gehen mußte und ſeiner „ Genehmignng bedurfte, bevor es in Angriff genommen werden trauen konnte. So griff Einé in das Andere ein und mancher Vortheil Leür ſih wurde durch dieſe Organiſation gewahrt, der unter anderen Ver⸗ urie we hältniſſen nicht beachtet worden wäre. Auch für das materielle 1* Wohl ſeiner Arbeiter trug Otto Sorge. fnch f Er nahm ſich die Kolonie Michelets zum Muſter und verſuchte, und ſtö dieſelbe Kolonie in der Nähe ſeines Etabliſſements anzulegen. 3 Das war Anfangs mit großen Schwierigkeiten verbunden, die Sicherhen Arbeiter fügten ſich ungerne den Neuerungen und den ziemlich — 806— ſtrengen Geſetzen, wenngleich auch die letztern nur ihr Wohl be⸗ zweckten. Aber mit ſeiner Energie und ſeiner Umſicht wußte Otto auch dieſe Hinderniſſe zu beſeitigen. Er kaufte mehrere Grundſtücke und begann mit dem Bau iniger Arbeiterwohnungen, die er ſpäter ſeinen Arbeitern an⸗ weiſen wollte. Dieſe Wohnungen verſprachen nicht nur ſehr bequem und luftig zu werden, ſie waren auch um die Hälfte billiger als die, welche die Arbeiter bisher bewohnt hatten. Man mußte nun abwarten, bis die Häuſer fertig waren, Otto zweifelte nicht daran, daß ſeine Arbeiter die ihnen gebotenen Vor⸗ theile einſehen würden, hatte er doch die Genugthuung, daß ſchon jetzt mehrere Familien ihn um ſpätere Ueberlaſſung einer ſolchen Wohnung baten. Das Alles war binnen wenigen Monaten in's Werk geſetzt worden, und man ſprach allgemein mit Achtung und Bewunderung über den jungen Mann, der ſo energiſch durchgriff und ſeine Kenntniſſe und Erfahrungen ſo vortrefflich zu henutzen wußte. Manche Familie, und vorzugsweiſe ſolche, die ſich heiraths⸗ fähiger Töchter erfreute, verſuchte eine Annäherung, Otto wurde mit Einladungen förmlich überſchüttet und in vielen Fällen gebot ihm die Höflichkeit, ſie anzunehmen. Aber er fühlte ſich in dieſen Kreiſen nur gelangweilt, oft auch zurückgeſtoßen durch die gar zu auffallend hervortretenden Be⸗ mühungen, ihm die Vorzüge dieſer oder jener Dame anzupreiſen. Er wußte ſehr wohl weshalb man ihn einlud, welche Abſichten dieſen Einladungen zu Grunde lagen, und es war ihm nicht möglich, in dieſen Kreiſen ſich wohl und heimiſch zu fühlen. Eines Abends hatte man es ihm zu toll gemacht. Er war verurtheilt geweſen, die heirathsluſtige Tochter eines Kaufmanns, mit dem er in Geſchäfts⸗Verbindung ſtand, länger denn eine Stunde wegen ihrer Fertigkeit im Klavierſpiel zu bewundern, er hatte darauf noch ihren Geſang anhören und dabei ſehr viel dünnen Thee trinken müſſen, er war ſchließlich gezwungen worden, ihre Stickereien, ihre Zeichnungen und ihren vortrefflichen Geſchmack zu bewundern, trotzdem ſein Gewiſſen ſich gegen das ihm ab⸗ genöthigte Lob ſträubte und als er nun endlich erlöſt zu ſein glaubte und ſeinen Hut nahm, um Abſchied zu nehmen, rückte der Vater dieſer ausgezeichneten Künſtlerin mit der offenen Erklärung heraus, ſeine Tochter rede und träume nur von ihm und es müſſe nach ſeiner Anſicht im Buche des Schickſals geſchrieben ſtehen, daß ſie für einander beſtimmt ſeien. Otto würdigte dieſe Exklärung keiner Antwort, er eilte hinaus Lerk geſetzt ewunderung jund ſeine wußte. ich heiraths⸗ Otto wurde Hällen gebot t, oft auch tenden Be⸗ arzupreiſen. he Abſichten ihm richt ühlen. t. Er wat Kaufmanns, denn eile e Geſchmat s ihm cb⸗ ſliſt zu ſei rückte der r Erllärun nd es müſſ ſtehen, da iile hinats — 807— und leiſtete, draußen erleichtert aufathmend, einen feierlichen Schwur, nie mehr die Schwelle dieſes Hauſes überſchreiten zu wollen. Am nächſten Morgen rief Otto den Freund in ſein Kabinet, um ihm den Entſchluß, den er in der verwichenen ſchlafloſen Nacht gefaßt hatte, mitzutheilen. Aber ehe er dazu kam, wurde ihm der Beſuch einer jungen Dame angemeldet, er mußte die Unterredung verſchieben. Otto war überraſcht, faſt beſtürzt, als die Dame eintrat, er glaubte im erſten Augenblick Valerie Michelet zu ſehen, ſo ſehr glichen ihr Antlitz, ihr Wuchs und ihr ganzes Weſen der Todten. Die Fremde bemerkte den Eindruck, den ihre Erſcheinung machte, ein triumphirendes Lächeln glitt flüchtis über ihre Lippen. „Ich glaube, es iſt unnöthig, daß ich Ihnen meinen Namen nenne,“ ſagte ſie und ſogar der Klang ihrer Stimme erinnerte Otto an Valerie,„ich bin Margot Michelet.“ Otto verbeugte ſich, er bot der Dame einen Seſſel an und erwartete mit fieberhafter Spannung ihre Eröffnungen. „Sie haben auf die Vortheile, die das Teſtament meines Oheims Ihnen boten, verzichtet,“ fuhr Margot nach einer kurzen Pauſe fort,„ich hatte das nicht erwartet. Sie nöthigten mich da⸗ dudurch, die Leitung einer Fabrik zu übernehmen, von der ich keinen Verſtand beſitze.“ „Ich bedaure das, mein Fräulein,“ erwiderte Otto zurück⸗ haltend,„indeß die Verhältniſſe zwangen mich dazu.“ „Ich muß das glauben, da Sie ja ſonſt die Erbſchaft nicht zurück⸗ gewieſen haben würden, Aber ich gerieth dadurch in eine ſehr unangenehme Lage. Ich mußte die Fabrik fremden Händen anver⸗ trauen, und Sie werden wiſſen, daß das eine mißliche Sache iſt, vorzüglich für eine Dame, die unmöglich Alles revidiren und beaufſichtigen kann. Ich habe denn auch bereits ſehr trübe Er⸗ fahrungen gemacht und wünſche nichts ſehnlicher, als dieſer Laſt enthoben zu werden.“ „Könnte Ihnen die Erfüllung dieſes Wunſches ſo ſchwer fallen?“ fragte Otto.„Verkaufen Sie das Etabliſſement—“ „Das iſt leicht geſagt, mein Herr. Ich ziehe einen andern Weg vor und ich meine, derſelbe müſſe auch in Ihrem Intereſſe liegen, veshalb komme ich zu Ihnen. Uebernehmen Sie die Erb⸗ ſchaft und zahlen Sie mir das Legat aus, welches mein Oheim für mich ausgeworfen hat. Sie gewinnen zwölf Millionen—“ „Mein Fräulein, ich bedaure, die Gründe, welche vor einigen Monaten mich nöthigten, auf die Erbſchaft zu verzichten, beſtehen auch heute noch.“ Margot Michelet war keine blendende Schönheit, aber ſie konnte durch ihre Blicke und ihr Lächeln bezaubern und feſſeln. — 808— „Sind denn die Bedingungen, welche ſich für Sie an dieſe Erbſchaft knüpfen, ſo ſehr hart?“ fragte ſie.„Ich denke nicht; es ſteht in Ihrem Belieben, die eine, oder andere zu wählen und was mich betrifft, ſo werde ich Ihnen wahrlich kein Hinderniß in den Weg legen, wenn es Ihnen gefallen ſollte, eine endgültige Wahl zu treffen.“ Otto verſtand den Sinn dieſer Worte, die ſein Zartgefühl verletzten. „Mein Fräulein, Sie werden wiſſen, daß mir ſchon zu Leb⸗ zeiten Michelets dieſes Vermögen angeboten wurde,“ ſagte er höflich aber feſt,„Sie werden ferner wiſſen, daß ich es ausſchlug, weil mein Herz und meine Hand nicht mehr frei waren. Was könnte mich heute bewegen, jenen Entſchluß zu widerrufen und meine Ehre in den Staub zu treten? Ich werde gerne bereit ſein, Ihnen zu rathen, Sie zu unterſtützen, wenn Sie die Fabrik ver⸗ kaufen wollen, aber nie werde ich mich zur Erfüllung einer einzigen jener Bedingungen verpflichten, die nach meiner Anſicht—“ „Bedenken Sie die Vortheile.“ „Und wären ſie zehnmal bedeutender, ſie könnten mich nicht bewegen, meine Ehre in den Staub zu treten.“ Margot erhob ſich. „So war dieſe Reiſe vergeblich,“ ſagte ſie,„ich hatte erwartet, daß Sie mir entgegen kommen würden, wenn ich perſönlich mich Ihnen vorſtellte.“ „Ich bedaure es.“ „Aber Sie wollen es nicht ändern.“ „Ich kann nicht.“ „Denken Sie darüber nach, ich laſſe Ihnen Zeit bis morgen.“ „Mein Fräulein, dieſe Friſt iſt eine unnütze Zeitverſchwendung,“ erklärte Otto gemeſſen,„ich werde dieſer Angelegenheit nicht eine einzige Minute, geſchweige denn einen ganzen Tag widmen.“ Margot preßte die Lippen feſt auf einander, ihre dunkeln Augen warfen einen unwilligen, zornglühenden Blick auf den jungen Mann, in deſſen Zügen eine feſte Entſchloſſenheit ſich ausdrückte. „Ich habe mich getäuſcht,“ erwiderte ſie,„in Frankreich würde ich geneigtes Gehör gefunden haben, hier in Deutſchland ſind die Naturen anders. Leben Sie wohl, möge es Sie nicht gereuen, dieſe Wahl getroffen zu haben, die Reue würde zu ſpät kommen.“ Sie ſchritt raſch hinaus, die Begleitung Otto's, der ihr bis zum Wagen das Geleit geben wollte, wies ſie durch eine haſtige, ungeduldige Handbewegung zurück. 2 Gleich darauf trat Nikolas in das Kabinet. „Sahſt Du die Dame, die ſo eben hinausging?“ fragte Otto. Nikolaus verneinte. ie an diee nke nicht; 6 wählen und Hinderniß in e endgültigt zZartgefühl hon zu Leb⸗ ſagte er 4 ausſchlug, nen. Was rrufen und bereit ſein, Fabrik ver⸗ einzigen nihh nicht te erwartet ſönlich mich 3 morgen. hwendung, nicht eine men.“ re dunkeln den jungen ausdrückte reich würde a ſind die ͤt gereuen, kommen⸗ er ihr b ine haſtige 4 agte Otc⸗ — 809— „Es war Margot Michelet, die mir mit unverblümten Worten ihre Hand und das Erbe ihres Oheims anbot. Meine Weigerung hat ſie verletzt, das iſt nicht meine Schuld, ſie mußte ſie erwarten. Geſtern Abend wurde mir die Hand einer andern jungen Dame angeboten, ich will dem ein Ende machen.“ Nikolas nickte zuſtimmend. „Du haſt Recht,“ erwiderte er, der Brautſtand mag ſeine ſchönen Seiten haben, er hat auch viel Unangenehmes.“ „Auch für Dich?“ fragte Otto lächelnd. „Glaubſt Du, dieſes ewige Hangen und Bangen ſei mir angenehm? Deine Mutter hat nun endlich nothgedrungen ihre Einwilligung gegeben, aber Ruhe werde ich doch nicht eher finden, bis ich die Braut heimgeführt habe. Zudem ſehne ich mich auch nach einer Häuslichkeit, und wodurch ſoll ich ſie mir verſchaffen?“ „Wodurch?“ erwiderte Otto erſtaunt. „Ja. Daß ich an Deinem Etabliſſement einen Antheil haben ſoll, kann ich nicht verlangen und Du wärſt ein Thor, wollteſt Du ihn mir geben, alſo—“ „Lieber Junge, ich begreife Dich nicht. Es iſt allerdings richtig, daß es weder in meinem Intereſſe noch in meinen Ver⸗ pflichtungen liegt, Dir einen Antheil einzuräumen ung Du kannſt das ja auch nicht verlangen. Aber wenn Du Dir eine Selbſt⸗ ſtändigkeit erringen willſt, fehlen Dir die Mittel dazu? Ich denke nein, die zwanzigtauſend Thaler, welche ich meiner Schweſter als Mitgift gegeben habe, genügen hinlänglich, eine Schloſſerei zu gründen, abgeſehen von dem Vermögen, welches Helene aus der braſilianiſchen Erbſchaft Dir mitbringt. Indeß Du biſt nicht der Mann dazu, Nikolas, es ergeht Dir, wie dem Waffenſchmied Becker, nur mit dem Unterſchiede, daß Du ein tüchtiger Leiter biſt, wenn nicht die Sorge für das Ganze auf Dir ruht. Des⸗ halb meine ich, Du thuſt beſſer, in Deiner bisherigen Stellung bei mir zu bleiben, Du biſt unabhängig und nächſt mir der Erſte hier. Ich erhöhe Dein Gehalt, Du erhältſt fortan tauſend Thaler jährlich, ſo lange, bis die größere Ausdehnung des Etabliſſements eine weitere Erhöhung nöthig macht. Rechne dazu die Zinſen der Mitgift mit tauſend Thaler jährlich, ſo meine ich, dieſes Einkommen müſſe für Deine Bedürfniſſe vollſtändig hinreichen.“ „So hatte ich das noch nicht berechnet,“ ſagte Nikolas über⸗ raſcht,„ich dachte nur an mein bisheriges Gehalt, welches mir nicht ausreichend ſchien.“ „Run mit ſechshundert Thaler hältſt Du auch—“ „Ganz recht, aber als Dein Schwager kann ich doch nicht in ärmlichen Verhältniſſen leben.“ „Ah— lieber Freund laß' Dich nicht vom Glücke verleiten,“ — 810— ſagte Otto ernſt,„es iſt beſſer, wenn wir ſchlicht und beſcheiden bleiben, als wenn wir uns überheben. Hochmuth kommt vor dem Fall, ich meine, der Schneider Wacker müſſe Dir die Wahr⸗ heit dieſes Sprichworts klar gemacht haben. Aber wir kommen von unſerm Thema ab. Ich habe Dir geſagt, daß ich dieſen verſteckten und offenen Liebäugeleien ein Ende machen wolle, wohlan, ich gedenke im Mai die Hochzeit zu feiern, und es wird mich ſehr freuen, wenn wir alsdann ein Doppelfeſt begehen.“ Ueberraſcht blickte Nikolas den Freund an. „Wenn bis dahin Alles georduet ſein kann!“ ſagte er. „Und weshalb nicht?“ fuhr Otto fort.„Es handelt ſich nur um die Anſchaffung der nöthigen Möbel, denn unſre Wohnungen ſind einſtweilen geräumig genug. Ich werde morgen nach Köln reiſen, um die nöthigen Schritte zu thun,— Du biſt alſo mit mir einverſtanden?“ „Gewiß.“ „So werde ich dafür ſorgen, daß wir im Monat Mai zur Ruhe kommen.“ Nikolas war mit dem Vorſchlage ſehr einverſtanden, er hatte ſich wie er auch ſagte, längſt nach einer gemüthlichen Häuslichkeit geſehnt, zudem folterten ihn, ſo lange er am Ziele ſeiner Wünſche nicht angekommen war, noch immer Zweifel und Beſorgniſſe, die ihre Begründung theils in den Verhältniſſen, theils in der noch oft hervortretenden Feindſeligkeit der Muttege Helene's fanden. Auch Otto wünſchte in dieſem Punkte endlich in Ruhe zu kommen, abgeſehen von den Unannehmlichkeiten, die der Jungge⸗ ſellenſtand für ihn hatte, ſehnte er ſich danach, am eignen trau⸗ lichen Heerd von des Tages Laſt und Mühen ausruhen zu können. Hundertundſechsſtes Kapitel. Das Souper. Der Chevglier hatte ſeine neue Stellung mit eben ſo viel Geſchick als Schlauheit angetreter. Nachdem er ſich durch eine anſcheinend ganz abſichtsloſe Wan⸗ derung durch alle ihm zugänglichen Räume des Hauſes die nöthige Lokalkenntniß verſchafft hatte, ſuchte er ſich vor allen Dingen dem Kammermädchen zu nähern. t und beſhed kommt ur ir die Vi wir komne daß ich die n wolle, wohla d es wird un gehen. 8 E agte er. handelt ſich uu ſre Wohnunge gen nach Kül biſt alſo m Beſorgniſſe, d ils in der noc es fanden. in Ruhe z te der Jungg n eignen trau chen zu könne l. eben ſo d ictsloſe Wm es die vöthi Dingen d — 811— Das fiel ihm nicht ſchwer, Jeanette nahm unter dem Dienſt⸗ perſonal des Hausherrn eine Stelle ein, welche ihr die Annäher⸗ ung des neuen Kammerdieners nur wünſchenswerth machen konnte. Zudem war der Chevalier ein hübſcher Mann, der die Kunſt verſtand, die Herzen für ſich zu gewinnen, wenn er dies beab⸗ ſichtigte. Nach einer kurzen Unterredung waren die Beiden ſchon ſehr vertraut miteinander, und der Chevalier durfte bereits jetzt wagen, Fragen an das Mädchen zu richten, welche unter anderen Verhält⸗ niſſen ihr Befremden und Mißtrauen rege gemacht haben würden. „Wie mir ſcheint, harmoniren die beiden Ehegatten nicht mit einander,“ ſagte er im Laufe der Unterredung, wenigſtens glaube ich das aus der feindſeligen Weiſe, in der dieſer Herr Schenk mich empfing, entnehmen zu müſſen.“ Jeanette ſchüttelte das Köpfchen. „Was dabei zu Grunde liegt, weiß ich nicht,“ erwiderte ſie,„das aber ſteht feſt, das kurz nach der Ankunft die Beiden einen ſehr heftigen Wortwechſel mit einander gehabt haben.“ „So, ſo und worauf bezog ſich dieſer Wortwechſel?“ fragte der Chevalier. „Wenn ich nicht irze, handelte es ſich um das Vermögen der gnädigen Frau. Herr Schenk verlangte freie Verfügung über dasſelbe, er ſprach von Vormundſchaft und Eheſcheidung.“ „Ah— Sie das gehört?“ „Ja. Glücklichlweiſe ſprach Madame, als der Wortſtreit heftiger wurde, nur noch franzöſiſch mit ihrem Gemahl, wohl der Diener wegen, die hier an allen Thüren horchen, dadurch zwang ſie ihn, ebenfalls ſich der franzöſiſchen Sprache zu bedienen. Nachher ſandte er ihr das Blumenbouquet. „Beſuche empfängt Madame nicht?“ „Nein. Eine Gräfin von Laroche, die augenblicklich hier weilt, hat ſie heute Morgen beſucht, ſie wird heute Abend zum Souper erſcheinen.“ „Gräfin Laroche?“ „Aus Paris.“ „Ich kenne dieſe Dame nicht.“ „Sie werdeu ſie heute Abend ſehen. Mit der Fürſtin Radi⸗ ziwill ſcheint ſie ſehr befreundet zu ſein.“ Der Chevalier nickte, er durfte nicht verrathen, wie ſehr ihn alle dieſe Mittheilungen intereſſirten. „Es mag ſein,“ ſagte er gleichgültig,„die Fürſtin Radiziwill verkehrt mit ſehr vielen Damen, die mir unbekannt blieben, trotzdem ich ihnen häufig in den Salons der Frau Fürſtin be⸗ gegnete.“ — 812— In dieſem Augenblick ertönte im Gemach Bertha's die Schelle. Der Chevalier ging hinein, ihn hatte die Glocke gerufen. „Sind Sie mit Ihrem Zimmer zufrieden?“ fragte Berthe leiſe.„Ich bedaure ſehr, daß ich Ihnen nicht den Comfort ſchaf⸗ fen kann, den Sie gewiß ſehr entbehren werden, aber nach dem Sie dieſe Rolle aus eignem Antrieb übernomwen haben, bleibt mir nichts übrig, als Sie in der Durchführung derſelben zu unterſtützen.“ „Und das iſt Alles, was ich wünſche,“ entgegnete der Chevalier. „Mein Gemahl hat Sie unfreundlich empfangen—“ „Ich war darauf vorbereitet. Er wollte mich auf's Glatteis führen, offenbar mißtraut er mir, aber die Falle, die er mir ſtellte war zu plump.“ Bertha ſchüttelte bedenklich das Köpſchen. „Wenn er Ihnen ſchon jetzt mißtraut, ſo halten Sie die Augen offen,“ ſagte ſie,„er wird uns mit Spionen umgeben und dafür ſorgen, daß jedes Wort ihm hinterbracht wird.“ „Ich bezweifle das nicht, wir müſſen vorſichtig ſein.“ „Heute Abend wird die Gräfin Laroche bei mir ſoupiren wenn Sie dieſe Dame kennen, ſo rathe ich Ihnen, die Begegnung mit ihr zu vermeiden. Ich weiß noch nicht, wie weit ich ihr vertrauen darf.“ „Sie kennt mich nicht,“ erwiderte der Chevalier ruhig,„ich aber wünſche, dieſe Dame beobachten zu dürfen.“ „Weshalb das?“ „Verzeihen Sie, wenn ich dieſe Frage jetzt noch nicht beantworte.“ „Ah— Chevalier, ich fürchte, Sie ſehen überall Geſpenſter, Ihre Beſorgniſſe gehen zu weit.“ „Es mag ſein; aber nach den bereits gemachten Entdeckungen glaube ich, nicht vorſichtig genug ſein zu dürfen.“ „Sie halten doch nicht etwa die Gräfin für eine Verbündete meines Gemahls?“ Der Chevalier zuckte die Achſeln. „Ich wiederhole noch einmal meine Bitte, kümmern Sie ſich nicht um das, was ich thue, nur dann, wenn ich Anordnungen treffe, die Sie ſpeciell berühren, unterwerfen Sie ſich ihnen. Das iſt Alles, was ich wünſche, Bertha, das Ende wird zeigen, oh meine Befürchtungen und Vermuthungen begründet waren oder nicht.“. „Nun gut, ich werde Ihren Rath befolgen,“ ſere die junge Frau nach einer kurzen Pauſe.„Jetzt habe ich eine Bitte an Sie. Mein Vermögen iſt wei der Königlichen Bank deponirt, Bertho oce gerufen ſragte Berz e Comfort ſt ader nath a en haben, hlt ng derſelben te der Chevale aufs Glatt ie er mir ſtelln Sie die Aug geben und dafr g ſein.“ mir ſoupin die Begegnu vie weit ichi lier ruhig,, tt noch ni rall Geſpenf n Entdeckun, ine Verbin mmer Eie 6 Anordumt ich ihnen. 1 wird zeizen et waren die ju eine Bitt l — ponc Bank depo = 813— nein Gemahl hat mich aufgefordert, ihm die Verfügung über ſuſſelbe zu überlaſſen. Ich fürchte, daß er, nachdem ich dieſes Geſuch entſchieden zurückgewieſen habe, bei der Bank Schritte thun würd, um ohne mein Vorwiſſen ſich dieſe Verfügung zu erſchleichen, und dies zu verhindern, muß meine vorzüglichſte Sorge ſein. Ich jabe dem Herrn Director geſchrieben und ihn nochmals gebeten, arüber zu wachen, daß er aus dieſem Depoſitum nichts ohne neine ſpecielle Vollmacht oder Quittung verabfolgen läßt. Wollen Sie nun die Güte haben, dieſen Brief hinzubringen?“ „Sehr gerne.“ „Sie werden vielleicht Gelegenheit finden, ſich zu erkundigen, oH und welche Schritte mein Gatte in dieſer Angelegenheit ſchon zethan hat.“ „Ich werde es erforſchen.“ „Gut— nur ſeien Sie behutſam.“ Der Chevalier nahm den Brief und trat den Weg an. Nachdem er den Brief abgegeben hatte, ließ er ſich mit dem Kaſſirer in eine Unterredung über das Depoſitum ein und dieſer fund keinen Grund, ihm zu verhehlen, daß Heinrich Schenk ſchon vor einigen Tagen den Verſuch gemacht habe, ſich eines bedeuten⸗ den Theils dieſes Depoſitums zu bemächtigen, welcher Verſuch indeß geſcheitert ſei. Der Chevalier erfuhr ferner, daß Heinrich Schenk eine nach⸗ träglich eingezahlte Summe bald darauf wieder zurückgefordert hahe. Dieſe Summe war der von Wacker für die Fabrik gezahlte Kaufpreis geweſen. Mit dieſen Nachrichten kehrte der Chevalier heim, und Bertha war über ſeine Mittheilungen keineswegs entzückt. Sie wollte ſofort von ihrem Gatten Rechenſchaft über die Verwendung der zurückerhaltenen Summe fordern, und ſie würde trotz dem Abrathen des Chevaliers ihren Vorſatz ausgeführt haben, 25 nicht die Ankunft der Gräfin Laroche ſie daran verhindert ſätte. Marie Latour warf einen raſchen, prüfenden Blick auf den neuen Kammerdiener, und es entging dem letztern nicht, daß ein funſterer Schatten ſich über ihr ſchönes Geſicht breitete, als Bertha ihr ſagte, Henri ſei früher Kammerdiener der Fürſtin Radziwill geweſen. Aber wenn ein Argwohn in ihrer Seele erwacht war, ſo mußte die kalte Gleichgültigkeit des Kammerdieners, die Ruhe, mit er er ihrem forſchenden Blick begegnete, denſelben erſticken. „Ich kann mich nicht erinnern, Sie in den Salons der Frau Fürſtin geſehen zu haben,“ ſagte ſie mit einer ſo ſtolzen, gering⸗ chätzenden Herablaſſung, als ob ſie von vorne herein den Diener a·„——— —=Z 5. —————— — 814— recht tief demüthigen und ihm den Abſtand zwiſchen ihr und ihm klar machen wolle. „Die Frau Fürſtin hatte viele Diener,“ entgegnete der Cha⸗ valier ruhig,„und von meiner Seite wäre es eine unverzeihliche Arroganz, wenn ich verlangen wollte, daß alle die Damen, welche—“ „Meine Liebe, ich hoffe, Sie befinden ſich wohler,“ wandte die Gräfin ſich zu Bertha, ohne dem Chevalier die Zeit zu gönnen, ſeinen Satz zu beenden.„Bitte, nehmen Sie dieſes Flacon, es enthält eine Eſſenz, welche jedes Kopfweh beſeitigt.“ „Ich danke Ihnen,“ erwiderte Bertha, indem ſie das Flacon öffnete,„der Schmerz hat bereits nachgelaſſen, ich hoffe, er wird morgen früh ganz verſchwunden ſein.“ Sie ſtellte das Flacon auf den Tiſch und gab dem Chevalier einen Wink, daß er ſich entfernen möge. „Kennen Sie dieſen Mann von früher?“ fragte die Gräfin raſch. Nein.“ „Sie haben ihn erſt heute engagirt? Ich ſah ihn heute Morgen nicht.“ „So iſt es. Mein Friſeur ſchickte ihn mir zu, er war Ge⸗ hülfe bei ihm.“ „Bei Ihrem Friſeur?“ „Ah— Kammerdiener der Fürſtin Radziwill und Friſeur⸗ gehülfe— „Das befremdet Sie?“ „Gewiß.“ „Und doch iſt es die einfachſte Sache von der Welt. Henri wollte ſelbſtſtändig werden, es gelang ihm nicht, nach Paris konnte er nicht zurückkehren, weil ihm die Mittel zur Reiſe fehlen.“ Marie Latour ſchüttelte den Kopf, ihr Blick ruhte durchdringend auf den Zügen Bertha's. Sie vermochte ein leiſes Mißtrauen nicht zu beſeitigen und ſelbſt, wenn ſie es gekonnt hätte, mußte ihr dennoch dieſes Engagement unangenehm ſein, weil es ihren Plan durchkreuzen konnte. „Beſitzt er gute Zeugniſſe?“ fragte ſie. „Ich habe ſie nicht zu ſehen verlangt,“ erwiderte Bertha gleichgültig. „Ah— meine Liebe, das begreife ich nicht.“ „Aber mein Gott, weshalb—“ „Iſt in Ihrer Seele noch nicht der Argwohn erwacht, daß dieſer Diener ein Spion Ihres Gemahls ſein könne?“ „Nein. Mein Gemahl war mit dieſem Engagement durchaus nicht einverſtanden“ deuer ſo Bert i welche ,Jc Jhtes T zudem t wirk väte. Sie veshalb igen S velde frieden Trauen⸗ D hnehit de nd ihm er Ci⸗ zeihliche lche— wandte gönnen, acon, es Flacon er wird hevalier in raſch. n heute dar Ge⸗ Friſeur⸗ ringend en und dieſes kreuzen Berthe 815— „Eben deshalb!“ „Nein, der Verdacht wäre unbegründet.“ „Glauben Sie das ſo ſicher?“ fragte die Gräfin.„Sie wiſſen nicht, wozu dieſe Ehemänner fähig ſind. Ich würde den Kammer⸗ diener ſofort wieder entlaſſen.“ Bertha erhob ſich und führte die Freundin in ihren Salon, in welchem die Tafel bereits gedeckt war. „Ich geſtehe Ihnen ohne Hehl, daß mir die Phyſiognomie Ihres Dieners kein Vertrauen einflößt,“ ſuhr die Gräſin fort, „zudem müßte ich ihn ja auch früher ſchon geſehen haben, wenn er wirklich der Kammerdiener der Fürſtin Radziwill geweſen wäre.“ „Sie glauben auch das nicht?“ fragte Bertha, die nicht begriff, weshalb die Grüfin ſich ſo angelegentlich mit dieſer höchſt unwich⸗ iigen Sache beſchäftigte.„Mag dem auch ſein, wie ihm will, ich werde Henri erſt dann entlaſſen, wenn er mir Urſache zur Unzu⸗ friedenheit gibt, oder ich ihn auf einem Mißbrauch meines Ver⸗ trauens ertappe.“ Damit war die Unterredung über dieſen Punkt beendet, die ohnehin abgebrochen werden mußte, weil der Chevalier eintrat. Der Letztere wußte zwar nicht, daß dieſe Gräfin Laroche ihm mißtraute, aber er ahnte es, er glaubte es in dem Blick, mit dem ſie verſtohlen ihn beobachtete, leſen zu müſſen. Und wie konnte dies auch anders ſein, es war ja ein gegen⸗ ſeitiges Mißtrauen. Der Chevalier war nur in den Salon getreten, um die Gräfin zu beobachten, Jeanette wartete auf. Aber Marie Latour war zu ſchlau, zu gewandt, als daß ſie durch ein Wort oder einen Blick ihrem Gegner irgend einen Haltepunkt für ſeinen Argwohn gegeben hätte, ſie unterhielt ſich mit ihrer Freundin über gleichgültige Dinge, über das Leben in Paris, ihre früheren Beziehungen zum Hofe, über die Feſtlichkeiten des vergangenen Winters und die Pläne, die ſie ſchen jetzt jür den nächſten Winter entworfen hatte. Der Chevalier gab ſich den Anſchein, als ob ihn das Alles nicht im Entfernteſten intereſſire, aber ihm entging kein Wort und er fand in den Mittheilungen der angeblichen Gräfin manches, was ſein Mißtrauen beſtätigte. Das Souper war noch nicht beendet, als er den Salon wieder verließ, er that es mit der Ueberzeugung, daß dieſe Dame die Berbündete Schenk's war. Er erinnerte ſich des Flacous, welches die Gräfin ihrer Freundin iwergeben hatte, deſſen Inhalt jedes Kopfweh beſeitigen ſolite. Dieſes Flacon ſtand noch auf dem Tiſchchen im Bondoir, es — 816— war möglich, daß es eine Eſſenz enthielt, welche gerade das Gegentheil bewirkte. Nach einigem Zögern ging der Chevalier in das Boudoir, er wollte ſich darüber Gewißheit verſchaffen. Aber in demſelben Augenblick, in welchem er das Flacon öffnete, hörte er das Rauſchen eines ſeidenen Kleides, und da er fürchtete, überraſcht zu werden, ſchob er das Fläſchchen raſch in ſeine Bruſttaſche. Faſt in derſelben Sekunde traten die beiden Damen ein. „Es wäre unverantwortlich, wenn ich noch länger bleiben wollte,“ ſagte die Gräfin,„ich bitte Sie, gehen Sie zu Ruhe, dieſes Leiden kann nur durch Ruhe gehoben werden.“ Bertha ſah in der That bleich und leidend aus, der Chevalier erſchrack, als er es bemerkte. „Ich fühle mich in der That leidender, wie vorhin,“ erwiderte Bertha,„es iſt derſelbe dumpfe, ſtechende Schmerz, den ich in vergangener Nacht ſo plötzlich empfand.“ „Denken Sie an mein Flacon, ich kann Sie verſichern, daß die Eſſenz vortrefflich iſt.“ Bertha näherte ſich dem Tiſchchen, offenbar in der Abſicht, den Rath der Freundin zu befolgen. Sie war erſtaunt, als ſie Fläſchchen nicht fand und dieſes Erſtaunen entging der Gräfin nicht. „Sie haben das Flacon doch nicht verloren?“ fragte ſie, und der Chevalier, den dieſe unerwartete Wendung in Verlegenheit ſetzte, bemerkte, daß ihr Blick mit dem Ausdruck unverholenen Mißtrauens ihn ſtreifte.„Das würde ich ſehr bedauern.“ „Ich weiß nicht,“ erwiderte Bertha verwirrt,„ich meine, mich zu erinnern, daß ich's hierher auf das Tiſchchen geſtellt habe—“ „Ein kleines, vergoldetes Flacon?“ fragte der Chevalier ruhig, der ſeine Geiſtesgegenwart raſch wieder gefunden hatte.„Wenn ich nicht irre, bemerkte ich's im Salon, die gnädige Frau brachte es mit dorthin und ſtellte es neben ihr Couvert.“ Er eilte hinaus. „Was ſagen Sie dazu?“ flüſterte die Gräfin boshaft. „Er iſt nicht redlich.“ „Sie thun ihm Unrecht,“ erwiderte Bertha ruhig,„ich entſinne mich jetzt, daß ich das Flacon mitgenommen habe.“ Der Chevalier kehrte in dieſem Augenblick zurück; als Bertha das Fläſchchen aus ſeiner Hand nehmen wollte, ließ er es, anſcheinend aus Unvorſichtigkeit fallen, der kryſtallene Stöpfel glitt hineus und die Eſſenz ergoß ſich über den Teppich. „Wie ungeſchickt!“ ſagte die Gräfin unmuthig. ral — =— S= —— =G& G? — „Verzeihen Sie,“ ſtotterte der Chevalier,„ich weiß in der That nicht,—“ „Ach, es iſt nicht der vielen Worte werth,“ unterbrach Bertha ihn,„das Kopfweh wird wohl über Nacht ſchwinden.“ „Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen noch heute Abend Erſatz ſchicke,“ erwiderte die Gräfin,„es würde mir ein großes Vergnügen bereiten, wenn—“ „Ich darf das nicht verlangen.“ „Sie würden mich erzürnen, wenn Sie mir dieſes Vergnügen rauben wollten.“ Jeanette begleitete die Gräfin hinaus. „Gebrauchen Sie meine Eſſenz,“ flüſterte der Chevalier raſch, „ich ließ abſichtlich das Flacon fallen.“ Beſtürzt blickte Bertha den Redenden an. „Erinnern Sie ſich, daß dieſer ſtechende Schmerz zurückkehrte, nachdem Sie jenes Flacon geöffnet hatten,“ fuhr der Chevalier fort, „bemerken Sie den ſcharfen durchdringenden Duft, der jetzt aus der verſchütteten Eſſenz aufſteigt. Das Alles ſind nur die erſten Vorbereitungen, die Hauptſache wird erſt ſpäter kommen. Laſſen Sie den Fleck auswaſchen und beobachten Sie die Dienerin, welche Sie damit beauftragt haben, Sie werden entdecken, daß auch dieſe von jener auffallenden Wirkung nicht verſchont bleibt.“ Die Beſtürzung Bertha's wuchs. „Dann wäre ja dieſe Gräfin—“ „Still, welche Vermuthungen Sie auch hegen mögen, ſeien Sie dieſer Dame gegenüber vorſichtig. Zeigen Sie ihr ſcheinbar Vertrauen und Freundſchaft, ich werde für Sie wachen.“ Der Chevalier ging raſch hinaus, er wollte offenbar jeder Frage vorbeugen. Als er in's Garderobezimmer trat, hatte die Gräfin daſſelbe ſoeben verlaſſen; der Chevalier folgte ihr die Treppe hinunter. Er erreichte die Dame, als ſie im Begriff ſtand, die Schwelle des Hauſes zu überſchreiten, raſch ſprang er hinzu, um die Wagenthüre zu öffnen. Dieſer Wagen war eine einfache Droſchke, der Chevalier las deutlich auf der Thüre die Nummer Achtundzwanzig. Das war es, was er wiſſen wollte, er hatte ſeine Gründe dabei. Der Wagen rollte davon, der Chevalier trat in's Haus zurück. Es war kaum neun Uhr, im Kabinet Heinrich's brannte noch Licht. Als der Chevalier an der Thüre dieſes Kabinets vorbeiſchreiten wollte, wurde dieſe plötzlich geöffnet, Heinrich Schenk erſchien auf der Schwelle. „Wer fuhr da ab?“ fragte er ſcharf. — 818— „Gräfin Laroche,“ erwiderte der Chevalier in demſelben, kurz angebundenen Tone. „Treten Sie ein.“ Der Chevalier kam dieſer Aufforderung nach. „Kennen Sie dieſe Gräfin Laroche?“ fragte er.„Wie ich höre, hat ſie viel mit der Fürſtin Radziwill verkehrt.“ Welchen Zweck hatte dieſe Frage? Der Chevalier errieth ihn ſofort; Heinrich Schenk wollte dem Kammerdiener gegenüber dieſelbe zweideutige Rolle ſpielen, welche die Gräfin bei Bertha ſpielte, er wollte ſich den Anſchein geben, als ob dieſe Gräfin ihm nicht allein eine unbekannte, ſondern auch unbequeme Perſon ſei und zugleich ſich die Gewißheit verſchaffen, ob ſeine Verbündete ihre Rolle gut gewählt hatte. Der Chevalier aber dachte nicht allein hieran, er dachte noch weiter. Wenn es ihm gelang, ſich das Vertrauen des Hausherrn zu erwerben, ſo hatte er leichteres Spiel, ohne daß er ſich dadurch etwas vergab. „Dem Namen nach iſt dieſe Dame mir bekannt,“ ſagte er, „aber ich erinnere mich nicht, ſie in den Salons der Frau Fürſtin geſehen zu haben.“ „Weshalb entſernte ſie ſich ſchon ſo bald?“ fragte Heinrich, den dieſe Antwort befriedigte.„Iſt das Souper ſchon beendet, oder—“ „Die gnädige Frau fühlte ſich leidend.“ „Ach ſo— es iſt gut.“ Ein Handwink verabſchiedete den Kammerdiener, der gleich darauf durch Jeanette die gnädige Frau bitten ließ, ihn für den Reſt des Abends zu beurlauben, da er mit ſeinem früheren Herrn noch über verſchiedene Angelegenheiten reden müſſe. Der Chevalier dachte nicht daran, den Friſeur zu beſuchen, ſein Ausgang galt der Droſchke, welche die Gräfin benutzt hatte. Exr verkannte nicht, daß es ihm ſchwer fallen werde, ſie zu finden, aber verſuchen wollte er es unter allen Umſtänden. Daß der Wagen während den ganzen Abend vor dem Hauſe geſtanden hatte, bezweifelte er, die Annahme, daß er durch einen Diener kurz vor dem Aufbruch der Gräfin geholt worden war, lag näher. In dieſem Falle unterlag es wiederum keinem Zweifel, ßad der Diener die Droſchke auf der nächſten Halteſtelle geſucht hatte und es war möglich, ja wahrſcheinlich, daß ſie dorthin zurück⸗ kehrte. Dieſe Halteſtelle war dem Chevalier bekannt, ſie lag nicht weit von dem Hauſe entfernt. ſein en, kurz Wie ich lte dem t welche n geben, ern auch rſchaffen, hte noch herrn zu dadurch ſagte er, Fürſtin Fürf Heiurich beendet, gleich für den n Hern beſuchen tt hatte , ſie 3 n. m Hauſ rch einen den wal ffdl ſod cht hatte zrüͤl ag nicht — 819— Und richtig, als er ſie erreichte, ſah er von der entgegengeſetzten Seite eine Droſchke langſam anfahren. Er näherte ſich ihr, ſie trug die Nummer achtundzwanzig. „Ihr habt ſoeben eine Dame gefahren,“ wandte er ſich zu dem Kutſcher, als der Wagen hielt,„wollt Ihr mich zu demſelben Hauſe fahren?“ „Weshalb nicht?“ erwiderte der Kutſcher phlegmatiſch. „Steigen Sie ein.“ Der Wagen fuhr ab. Der Chevalier wußte ſehr wohl, daß es ein gewagter Schritt war, den er unternahm, aber er verließ ſich auf ſeine Kühnheit, ſeine Geiſtesgegenwart und ſeine Gewandheit in ſolchen Dingen. Als der Wagen hielt, ſtieg er aus. „Iſt dieſes das Haus?“ fragte er den Kutſcher. „Ja, mein Herr.“ „Und wie heißt dieſe Straße?“ „Es iſt die Gereonsſtraße.“ „Ich danke Ihnen.“ Der Chevalier zog die Glocke, eine Dienſtmagd öffnete. „Ich wünſche die gnädige Frau zu ſprechen,“ ſagte der Chevalier. Das Mädchen zuckte die Achſeln. .„Die gnädige Frau nimmt ſo ſpät keinen Beſuch an,“ er⸗ widerte ſie. „Sagen Sie ihr, der Kammerdiener der Madame Schenk wünſche ein Flacon zu holen.“ Das Mädchen öffnete ein Zinmer und bat den Chevalier zu warten. Dieſes Zimmer lag zu ebener Erde, es war äußerſt elegant, aber mit einer gediegenen Eleganz ausgeſtattet. Dem Chevalier fiel es auf, daß in dieſem Zimmer ein kleiner Tiſch für zwei Perſonen gedeckt war, die brennende Lampe, die gemüthliche Wärme, kurz Alles bewies ihm, daß die Dame einen Gaſt erwartete. Wer konnte dieſer Gaſt ſein? Dem Chevalier drängte ſich kieſe Frage auf, und er fand keine andre Antwort darauf, als daß nur Heinrich Schenk dieſer Gaſt ſein könne. Das Zimmer, in welchem er ſich befand, ſtand mit einem andern Gemach in Verbindung, ſtatt der Thüre trennte ein ſchwerer Vorhang aus rothem Sammet dieſe beiden Räume. Der Chevalier ſchob behutſam den Vorhang zurück, er blickte in einen dunklen Raum, deſſen Fenſter auf die Straße hinaus⸗ führen mußten. Mit Blitzesſchnelle durchzuckte die Seele des Chevaliers ein 52* — 820— Gedanke, den er am liebſten ſchon heute ausgeführt hätte, deſſen Ausführung aber zu vieler Vorbereitungen bedurfte. Auch fand er keine Zeit, den nöthigen Plan zu entwerfen, denn kaum hatte er den Vorhang wieder zugezogen, als die Magd zurückkehrte. „Die gnädige Frau kennt keine Madame Schenk,“ ſagte ſie, „hier muß wohl ein Irrthum vorwalten.“ Das hatte der Chevalier am wenigſten erwartet, er wußte ja nicht, daß die Gräfin Laroche ihrer Freundin geſagt hatte, ſie wohne in einem Gaſthofe. „Ein Irrthum?“ fragte er verwirrt.„Aber hier wohnt doch die Gräfin von Laroche?“ „Nein, mein Herr, hier wohnt Madame Amelie Leroi,“ er⸗ widerte die Magd mit einer ſo ſicheren Ruhe, daß ſie jeden Andern überzeugt haben würde. Was wollte der Chevalier machen? Ging er auf die Myſtifikation nicht ein, ſo mußte er den Weg nennen, auf welchem er die Wohnung der angeblichen Gräfin entdeckt hatte und dadurch beſchuldigte er ſich ſelbſt der Spionage die er nicht rechtfertigen konnte. „Dann hat man mich falſch berichtet,“ ſagte er nach einer Pauſe,„aber vielleicht weiß Madame Lerni, wo die Frau Gräfin wohnt.“ „Ich glaube kaum.“ „Haben Sie die Güte, ſie zu fragen.“ Die Magd ging wieder hinaus, der Chevalier dachte wieder über ſeinen Plan nach und es ärgerte ihn, daß er ihn augenblick⸗ lich unausführbar fand. „Madame meint, ſie habe den Namen der Gräfin Laroche vorgeſtern, oder geſtern in der Fremdenliſte gefunden,“ unterbrach die eintretende Magd das Grübeln des Chevaliers,„aber ſie könnte ſich nicht erinnern, in welchem Gaſthof—“ „Ich danke Ihnen,“ unterbrach der Chevalier ſie,„ich ſehe wohl ein, daß ich mich getäuſcht habe. Die Frau Gräfin hat meiner gnädigen Frau verſprochen, ihr noch heute Abend eine ſchmerzſtillende Eſſenz zu ſchicken und da die Schmerzen ſich ſtei⸗ gerten, ſo ſuchte ich auf's Gerathewohl die mir unbekannte Wohnung dieſer Dame zu erforſchen. Ein Droſchkenkutſcher meinte, er kenne die Frau Gräfin, er habe ſie oft gefahren, da habe ich mich denn ſeiner Leitung anvertraut. Bitten Sie die gnädige Frau recht ſehr um Entſchuldigung und ſagen Sie ihr, daß ich bedaure, ſie geſtört zu haben.“ Der Chevalier ſchritt raſch die Straße hinunter, er mußte wiſſen, wen dieſe Madame Leroi zum Souper erwartete. er den Gräfin pionage h einer Gräfin wieder enblick⸗ Laroche terbrach her ſie ch ſehe fin hat d eine ch ſtei⸗ ekannte meinte, abe ich rädige dß ic mußte Daß ſie und die Gräfin Laroche eine und dieſelbe Perſon waren, bezweifelte er nicht, der Kutſcher konnte ſich ſo ſehr nicht geirrt haben. Befürchtend, daß man ihn beobachten könne, bog der Chevalier um die nächſte Ecke, dann blieb er ſtehen, um nach einigen Mi⸗ nuten wieder umzukehren und in der Nähe des Hauſes ein Ver⸗ ſteck zu ſuchen. Er fand dieſes Verſteck unter einer Thorwölbung, hier wollte er warten, bis der erwartete Gaſt erſchien. Eine Viertelſtunde mochte verſtrichen ſein, als ein Herr raſch an ihm vorbeiſchritt, in welchem der Chevalier ſofort Heinrich Schenk erkannte. Wuchs, Haltung und Gang dieſes Herrn lieferten ihm die Ueberzeugung, daß er ſich nicht täuſchte. Vor dem Hauſe der Madame Leroi blieb dieſer Herr ſtehen, er holte einen Schlüſſel aus der Taſche, öffnete die Thür und trat hinein. Der Chevalier wußte genug, er wartete noch einen Augenblick, dann trat er raſch den Heimweg an.— Heinrich Schenk fand in dem Zimmer, in welchem kurz vorher der Kammerdiener ſeiner Frau gewartet hatte, Marie Latour in unbeſchreiblicher Aufregung. Beſtürzt, ahnend daß ein Ereigniß eingetreten ſein müſſe, welches auch ihn berühre, bat er ſie, ihm die Urſache dieſer ihn beunruhigenden Erregung mitzutheilen. Aber ſo raſch konnte Marie dieſer Bitte nicht willfahren, ſie mußte zuvor dieſe leidenſchaftliche Aufregung bewältigt haben. „Dieſer Kammerdiener iſt ein Spion, ein gefährlicher Spion,“ ſagte ſie mit bebender Stimme,„er wird unſere Rechnung durch⸗ kreuzen, wir ſind verloren, wenn wir ihn nicht beſeitigen.“ „Du lieber Gott, das iſt die ganze Urſache dieſer Erregung?“ fragte Heinrich ruhig.„Ich habe den Mann auf die Probe geſtellt, er iſt, wenn auch kein Dummkopf, doch ein beſchränkter Menſch, von dem wir nichts zu fürchten haben.“ „Ja, ja, wenn Sie ſich auf Ihre Anſichten und Menſchen⸗ konntniß allein verlaſſen müßten, würden Sie bald vom Pferde auf den Eſel gekommen ſein,“ erwiderte Marie und es lag ein verletzender Hohn in dem Tone, in welchem ſie das ſagte.„Auf Ihre Probe lege ich nicht den geringſten Werth, ich habe jenen Mann beſſer durchſchaut.“ Sie berichtete ihm nach kurzen Worten Alles, was ſich in dem Salon Bertha's erreignet hatte, das Verſchwinden des Flacons, das ſcheinbar abſichtsloſe Verſchütten der Eſſenz und die Spionage des Chevaliers, und dieſe Mittheilungen ließen Heinrich nur zu — 822— deutlich erkennen, daß ſeine Verbündete Recht und er ſich getäuſcht hatte. Jetzt bemächtigte ſich auch ſeiner eine fieberhafte Unruhe, eine Angſt, die nur zu ſehrbegründet war. „Wie leicht war es möglich, daß er, als er in dieſes Haus trat, mich bemerkte!“ ſagte Marie.„Ich habe, ſo gut ich es ver⸗ mochte, mein Geheimniß gewahrt, aber ich fürchte, daß er nichts⸗ deſtoweniger es durchſchauet. Dieſer Mann iſt nicht, was er ſcheinen will, er hat für einen Kammerdiener zu vornehme Ma⸗ nieren, ich vermuthe, er iſt ein franzöſiſcher Edelmann, der Ihre Frau hieher begleitet hat—“ „Wenn ich das wüßte!“ fuhr Heinrich auf. „Was wollen Sie dagegen machen?“ fuhr Marie ſpottend fort. „Ihm die Thüre zeigen? Dazu müßten Sie triftige Gründe haben.“ „Ah— ich werde doch wohl nicht nöthig haben, einen Neben⸗ buhler in meinem Hauſe zu dulden?“ „Beweiſen Sie ihm, daß er Ihr Nebenbuhler iſt!“ „Er ſoll ſich legitimiren.“ 1 „Zweifeln Sie daran, daß er ſich mit den nöthigen Papieren verſehen hat?“ „Wenn auch— ich werde—“ „Sie werden nichts derartiges thun,“ fiel Marie ihm gebie⸗ teriſch in's Wort.„Ein ſolcher Schritt würde einen Eclat herbei⸗ führen, den wir vor allen Dingen vermeiden müſſen. Die öffentliche Meinung wird ſich ohnehin in der nächſten Zeit mehr mit uns beſchäftigen, als uns lieb ſein kann, da iſt es wahrlich geboten, daß wir jedes Aufſehen vermeiden.“ Heinrich blickte düſter vor ſich hin. „Ich kann das noch immer nicht glauben,“ ſagte er nach einer Weile,„wenn dieſer Menſch ein franzöſiſcher Edelmann wäre, würde er offen auftreten, Bertha ſchaltet ja in allen Stücken nach ihrem Belieben. Oder fürchten Sie vielleicht, daß er unſern Plan bereits errathen hat, daß er—“— „Ich weiß nicht, was ich davon halten ſoll, jedenfalls muß er entfernt werden.“ „Das kann nur auf dem bezeichneten Wege ermöglicht werden.“ Mit flammenden Augen ſtand Marie vor ihrem Verbündeten, der rathlos zu ihr aufblickte. „Gibt's denn gar keine anderen Wege?“ fragte ſie.„Können Sie dieſen Menſchen nicht einer Untreue beſchuldigen, können Sie nicht einen andern triftigen Grund finden, der Ihnen erlaubt, ihm die Thüre zu zeigen?— Und doch,“ führ ſie nach einer Weile fort,„wir dürfen auch das nicht thun. Wir dürfen nicht getäuſcht he, eine 3 Haus es ver⸗ 1 nichts⸗ was er ne Ma⸗ er Ihre nd fort. Gründe Neben⸗ aapieren gebie⸗ herbei⸗ entliche t uns eboten, einer wäre, nach Plan nuß er den. ndeten, önnen 1 Sit laubt, einel nicht einmal verrathen, daß wir dieſen Mann durchſchaut haben, daß er uns beunruhigt, die Möglichkeit liegt ſogar nahe, daß, wenn er entlaſſen wird, Bertha ſofort abreiſt.“ „In der Hauptſache fragt es ſich, ob Sie Ihrer Sache ganz ſicher ſind,“ meinte Heinrich, während er gedankenvoll eine gebratene Taube zerlegte,„das heißt, ob Sie mit Sicherheit wiſſen, daß die Wiſſenſchaft uns nichts beweiſen kann. Iſt das der Fall, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb wir uns wegen dieſes Kammerdieners ſo große Sorgen bereiten ſollen, nach der Beerkigung wird er ohnehin entlaſſen.“ „Ich bin maner Sache ſicher,“ erwiderte Marie,„aber ich fürchte das ſpätere Gerede.“ „Können wir ihm nicht entgegentreten, ſo laſſen wir es über uns ergehen, nach wenigen Wochen wird es verſtummen. Wir halten ein ſcharfes Auge auf den Kammerdiener und benutzen den erſten triftigen Grund, um ihn zu entfernen, vom Zaune dürfen wir den Grund nicht brechen.“ „Das iſt auch meine Meinung.“ „Wohlan, weshalb beunruhigen wir uns denn ſo ſehr?“ „Der Vorfall mit dem Flacon—“ „Wiſſen Sie denn ſo genau, daß die Eſſenz abſichtlich ver⸗ ſchüttet wurde?“ „Das nicht, aber ich vermuthe es.“ „Man kann in ſeinen Vermuthungen zu weit gehen, Marie.“ „Das habe ich mir auch geſagt,“ fuhr Marie fort,„und ich würde nicht weiter darüber nachgedacht haben, wenn nicht die Spionage—“ „Auch ſie kann eine ſehr unſchuldige Urſache haben. Möglicher⸗ weiſe hat Bertha ihren Diener ausgeſchickt, um die verſprochene Eſſenz zu holen und bei ſeinen Erkundigungen nach Ihrer Wohnung hat er zufällig den Kutſcher angetroffen, der Sie kurz vorher hierhin fuhr. Was ſeine vornehmen Manieren betrifft, ſo müſſen Sie bedenken, daß ein Kammerdiener die hohe Schule ſtudirt hat, Sie werden ſchwerlich einen Diener finden, der ſie nicht hätte.“ Marie ſchüttelte bedenklich das Köpfchen, aber die Gründe machten doch einen beruhigenden Eindruck auf ſie. Sie brachte noch manches Bedenken vor, aber Heinrich, der ihre Beſorgniſſe nicht theilte, ſuchte ſie zu entkräften, und als die Beiden gegen Mitternacht von einander ſchieden, dachten ſie nur noch vorübergehend an den Kammerdiener, der ihnen jetzt ſchon nicht mehr ſo geſährlich ſchien. Hundertundſiebentes Kapitel. Unter dem Mantel der Nacht. Der Chevalier erwähnte von ſeinem Beſuch in der Wohnung der Gräfin Laroche nichts, es war ja natürlich, daß auch die Gräfin deshalb ihre Freundin nicht befragte. Er wollte Bertha nicht reizen, er mußte fürchten, daß ſie, wenn ſie ernſtes Mißtrauen gegen die Gräfin hegte, dieſes Miß⸗ trauen offen an den Tag legte und dadurch den Plan ihres Freundes durchkreuzte. Der Chevalier kannte das leidenſchaftliche Temperament der in allen andern Dingen ſo ſtolzen und kalten Frau, er ſagte ſich, daß die Möglichkeit ihrer plötzlichen Abreiſe nahe liege, ſobald ſie die Abſichten ihres Gatten und ſeiner Verbündeten ganz durch⸗ ſchaute. Das aber wollte er vermeiden, Bertha mußte bleiben, damit er gegen ihre Gegner den vernichtenden Schlag führen und ſie von ihren Feſſeln befreien konnte. Er kannte jetzt die Macht und die Gewandheit dieſer Gegner, er wußte, daß ſie die Mittel beſaßen, ihr Opfer auch in der Ferne zu erreichen und daß ſie dieſe Mittel anwenden würden, ſobald Bertha abgereiſt war. Er wachte von jetzt ab mit doppelter Sorgfalt über die Frau, die er liebte, wenngleich er noch immer nicht wußte, ob ſie je ſeine Wünſche erhören würde. Die Augenblicke in denen er ſich mit ihr allein ſah, waren ſelten und dann immer ſehr kurz, entweder ſtörte ihn Jeanette, oder die Gräfin, oder Heinrich Schenk; zudem entging es ihm nicht, daß er von Spionen umgeben war. Die Diener ſuchten ſich ihm zu nähern, er wich dieſer An⸗ näherung höflich und freundlich, aber auch mit einer Entſchiedenheit aus, an der jeder Verſuch abprallen mußte. Nur Jeanette, die, weil ſie der deutſchen Sprache unkundig war, unter dem Perſonal allein ſtand, wurde mit jedem Tage vertrauter mit dem Kammerdiener, der indeß nur über gleich⸗ gültige Dinge mit dem Mädchen redete und ſo oft das Geſpräch auf die Gräfin kam, jedesmal kurz abbrach. Die Gräfin beobachtete ihn ebenfalls ſehr ſcharf, ſo verſtohlen ſie dies auch that, der Chevalier bemerkte es dennoch, und er gab ſich in ihrer Gegenwart abſichtlich den Anſchein der Un⸗ befangenheit und Sorgloſigkeit, um ſie zu täuſchen. Dieſe Täuſchung gelang ihm, er erfuhr durch Bertha, daß das Mißtrauen der Gräfin gegen ihn geſchwunden war. Nichts deſtoweniger dauerte die Spionage im Hauſe fort, ſelbſt an Verläumdungen fehlte es nicht, und es kam ſogar ſo weit, daß Heinrich Schenk ihn ernſtlich warnte und ihm mit ſofortiger Entlaſſung drohte, wenn er ſeine Lebensweiſe nicht ändere. Man hatte ihn der Trunkſucht und des liederlichen Lebens⸗ wandels beſchuldigt, und dieſe Verläumdung war ſo erbärmlich, daß es nur des Zeugniſſes einiger Diener bedurfte, um ihre Unhaltbarkeit zu beweiſen. Der Chevalier aber wollte dem Gerede über dieſen Punkt ein Ende machen, er beklagte ſich bei Bertha und die letztere zögerte nicht, ihrem Gatten mit ſehr ſcharf betonten Worten zu erklären, daß die Entlaſſung ihres Kammerdieners nur von ihr ausgehen könne und ſie jeder Feindſeligkeit energiſch entgegentreten werde. Bei dieſer Gelegenheit kam Bertha auf ihr Vermögen und den Verſuch, ſich desſelben zu bemächtigen, zurück. Es fielen auf beiden Seiten Drohungen und verletzende Worte und Heinrich bebte vor Wuth, als er nach dieſer Unterredung in ſein Kabinet zurückkehrte. Wie es mit den finanziellen Verhältniſſen dieſes Mannes ſtand, wußte der Chevalier ziemlich genau, theils durch ſeine Erkundigungen, theils durch eigne Beobachtung. Um in dieſe Verhältniſſe ſo tief als möglich einzudringen, hatte er den Buchhalter in der Weinſchenke aufgeſucht, und es war ihm gelungen, den alten Mann für ſich einzunehmen, und deſſen Vertrauen zu gewinnen. Durch ihn erfuhr er mehr, als er erwartet hatte, trotzdem der Buchhalter es vorzog, ſtatt ſich offen auszuſprechen, nur halbe verſteckte Andeutungen zu machen. Mit dem Friſeur kam der Chevalier ſelten in Berührung, er beſuchte ihn nur dann, wenn er ſein Laboratorium zur An⸗ fertigung eines Präparats oder zur Unterſuchung eins der vielen Mittel der Gräfin benutzen wollte. Die Gräfin brachte faſt jeden Tag ein Geſchenk, bald ein köſtliches Parfum, bald ein Stückchen der feinſten Tolletteſeife, oder eine ſeltene Delicateſſe, oder ſonſt etwas, und der Chevalier konnte nicht immer verhindern, daß Bertha ein ſolches Geſchenk benutzte. — Die chemiſche Unterſuchung dieſer Dinge war ſehr ſchwierig, weil die Gräfin ſich keines metalliſchen, ſondern eines ſehr feinen, nur wenigen eingeweihten Perſonen bekannten, Pflanzengiftes bediente, aber der Chevalier fand, Dank ſeinen Kenntniſſen, ſtets das Gift vor und es war ihm alsdann ein Leichtes, auch ein Gegenmittel zu finden, welches die Wirkung des Giftes aufhob. Es konnte freilich nicht ausbleiben, daß die Geſundheit Berthas dadurch angegriffen wurde, aber lange konnte es ſo ja nicht fortgehn, der eutſcheidende Augenblick mußte nun bald eintreten und dann wollte der Chevalier ſchon dafür ſorgen, daß die angegriffene Geſundheit wieder befeſtigt wurde. Von alledem wußte Bertha nichts, ſie ahnte nur, daß die Dinge in der Entwicklung begriffen waren. An die Gräfin, gegen die ſie keinen Argwohn mehr hegte, weil der Chevalier ganz über ſie ſchwieg, hatte ſie ſich eng an⸗ geſchloſſen, ſo, daß ſie ſich gelangweilt fühlte, wenn die Freundin nicht bei ihr war. Dieſes ſtete Beiſammenſein bereitete dem Chevalier um ſo größere Sorge, weil er zu entdecken glaubte, daß ſeiner Wachſam⸗ keit Manches entging. Die Geſundheit Bertha's war mehr und mehr angegriffen, ſie klagte jetzt häufiger denn zuvor über Kopfweh und Ermüdung, über Schwindel und Uebelkeit und die Gräfin beeiferte ſich, ihr hald dieſes, bald jenes Mittel anzurathen. Auf ihre Veranlaſſung hin hatte Bertha ſich entſchloſſen, einen Arzt rufen zu laſſen, und der Chevalier trug Sorge, daß er das Gutachten dieſes Arztes, wie auch die Unterredung der Damen mit ihm vernahm. Der Arzt hielt die Krankheit Bertha's Anfangs für ein ner⸗ vöſes Leiden, welches eine Reiſe, eine Luftveränderung raſch be⸗ ſcitigen werde, aber die Gräfin nahm es ernſter. Sie machte den Arzt auf Symptome aufmerkſam, die ſich noch nicht gezeigt hatten und äußerte die Befürchtung, daß ihre Freundin den Keim einer ſehr bedenklichen Krankheit in ſi trage. Der Arzt ſchwieg, er beſtritt weder dieſe Anſicht, noch be⸗ ſtätigte er ſie, er ſchien ſelbſt in Zweifel zu ſein über dieſe Krankheit, deren Urſache der Chevalier ſehr genau kannte. Am nächſten Tage fand der Arzt, daß die Krankheit ernſte Fortſchritte gemacht hatte, ſeine Miene wurde beſorgt, er zuckte, als Heinrich im Vorzimmer und zwar im Beiſein des Chevaliers ihn um ſeine Anſicht bat, ausweichend die Achſeln und erwiderte, man müſſe warten, einſtweilen könne er wohl keine ſichere Dia⸗ gnoſe ſtellen. wierig. feinen, ngiftes „ſtets uch ein fhob. undheit ſo ja a bald n, daß p die hegte, ng an⸗ eundin um ſo chſam⸗ riffen, üdung, 5, ihr einen aß er amen ner⸗ ſch be⸗ e ſich ihre ſcch h be⸗ dieſe erſte zuckte, dliers derte, di — 827— Der Chevalier erſchrack, als er bald darauf in das Boudoir trat, in welchem Bertha auf ihrem Fauteuil lag. Er erkannte ſofort, daß hier raſche Hülfe Noth that, und da er die nöthigen Medicamente ſtets bei ſich führte, ſo zögerte er nicht, der Kranken das betreffende Mittel zu geben. „Sie ſind verloren, wenn Sie jetzt nicht mit äußerſter Vor⸗ ſicht zu Werke gehen,“ flüſterte er.„Ich kenne den Grund Ihrer Krankheit, nehmen Sie dieſe Tropfen ſtreng nach der Vorſchrift, die Sie auf dem beigefügten Zettel finden und ver⸗ trauen Sie auf die Wirkung; Sie werden ſich allmählich wohler fühlen, aber verrathen Sie es nicht, in ihrem Intereſſe liegt es nicht; in Ihrem Intereſſe liegt es jetzt vor allen Dingen, eine ernſte Krankheit zu ſimuliren, ſogar auch dann noch, wenn Sie ſich ganz geſund fühlen.“ Bertha konnte ihre Beſtürzung nicht verhehlen. „Halten Sie denn noch immer an Ihrem Verdacht feſt?“ fragte ſie.„Ich habe durchaus nichts entdeckt, was ihn beſtätigen könnte—“ „Fragen Sie nicht,“ drängte der Chevalier,„ich habe jetzt keine Zeit, Ihnen darüber ausführlich Mittheilungen zu machen.“ „Von wem geht es aus, wenn—“ „Auch das kann ich Ihnen jetzt noch nicht ſagen. Mißtrauen Sie Allen, ohne dieſes Mißtrauen zu zeigen, nehmen Sie jedes Geſchenk mit Worten des Dankes an, aber benutzen Sie keins von dieſen Geſchenken.“ „Sie denken an die Gräfin, Chevalier—“ „St.— ich höre ihre Stimme im Vorzimmer, ſeien Sie vorſichtig.“ Als die Gräfin eintrat, warf ſie einen raſchen, ſtechenden Blick auf den Chevalier, der reſch die Waſſerkaraffe ergriffen hatte und ſich den Anſchein gab, als ob er die junge Frau bedient habe. „Meine Leebbe, Ihr Zuſtand flößt mir ernſte Beſorgniſſe ein,“ ſagte ſie, indem ſie neben Bertha Platz nahm und mit ihrer Hand leiſe über die brennende Stirne der Kranken fuhr.„Der Arzt nimmt die Sache zu leicht und auch meine ſchwachen Hülfs⸗ mittel haben keine Wirkung. Ich denke, es iſt das Beſte, wir reiſen, ſobald Ihr Zuſtand es erlaubt, ab und conſultiren unſere Aerzte in Paris.“ Bertha nickte. „Dem ſtimme ich bei,“ erwiderte ſie,„ich glaube, die Luft, die mich hier umweht, iſt mir nicht zuträglich, das Athmen fällt mir ſchwer.“ „Ja, ja, die Luft!“ ſeufzte die Gräfin,„dieſe ſchwere, deutſche Luft Wann glauben Sie, die Reiſe antreten zu können?“ — 828— „Augenblicklich iſt es mir nicht möglich.“ „Ich weiß das, aber ich werde Sie jetzt nicht mehr verlaſſen, bis wir gemeinſchaftlich abreiſen können. Wenn Sie erlauben theile ich ſo lange Ihre Wohnung mit Ihnen.“ „Das Opfer kann ich nicht verlangen,“ ſagte Bertha und eine freudige Ueberraſchung leuchtete in ihren Augen,„nein, nein, es iſt zu groß.“ „Nennen Sie es kein Opfer, ich bitte Sie,“ fuhr die Gräfin in herzgewinnendem Tone fort,„mich macht es glücklich, wenn ich bei Ihnen ſein darf. Ich werde mit Ihnen ſpeiſen, Ihnen vor⸗ leſen, mit Ihnen plaudern über unſer ſchönes Paris und Ihnen die langen, einſamen Stunden der Nacht verkürzen, wenn der Schlummer Sie flieht.“ Der Chevalier, der ſich noch immer in dem Gemach befand, mußte ſeine ganze Geiſtesgegenwart aufbieten, um ſeine Beſtürzung nicht zu verrathen. „Wenn Sie das wirklich thun wollten, ich würde Ihnen unendlich dankbar ſein,“ flüſterte Bertha.„Aber es iſt ein großes Opfer—“ „Meine Liebe, Sie kränken mich.“ „Und was würde Ihr Gemahl dazu ſagen—“ „Ah— er iſt bereits nach Paris zurückgekehrt.“ „Ohne Sie?“ „Ja. Er fand nichts dagegen einzuwenden, daß ich noch einige Tage hier weilen wollte. Nicht wahr, Sie gewähren mir meine Bitte?“ „Darf ich?“ „Sie weiſen mich zurück?“ „Nein, gewiß nicht, ich—“„ „Wohlan, ſo bleibe ich. Vielleicht können wir ſchon übermorgen die Rückreiſe antreten.“ „Befehlen die gnädige Frau, daß ich die Vorbereitungen ſchon treffe?“ fragte der Chevalier. „Thun Sie das,“ erwiderte die Gräfin, ohne den Kammer⸗ diener eines Blickes zu würdigen,„jedenfalls reiſen wir noch in dieſer Woche.“ Der Chevalier ging hinaus, er that es ungern, aber er durfte nicht bleiben, weil er keinen Grund dazu hatte und er es ver⸗ meiden mußte, das kaum eingeſchlummerte Mißtrauen wieder zu wecken. Was aber nun? Der Cheralier ſah ein, daß ſeine Aufgabe immer ſchwieriger wurde. Daß die Gräfin die Abſicht hegte, jetzt den letzten entſcheiden⸗ 1 rlaſſen, lauben, nd eine em, es Gräfin enn ich en vor⸗ Ihnen in der defand, ürzung Ihnen großes noch uI mir — 829— den Schlag zu führen, unterlag keinem Zweifel, alle Vorkehrungen waren ja getroffen. Weshalb wollte ſie über Nacht bleiben? Um zu verhüten, daß ein Anderer Zeuge des Todeskampfes war? Wenn es je zuvor einer ſcharfen, unausgeſetzten Ueberwachung der Handlungen dieſes Weibes bedurft hatte, ſo war dies heute der Fall, das ſah der Chevalier ein. Aber er allein konnte das nicht, er mußte Jeanette in das Geheimniß einweihen. So ſehr er ſich auch gegen dieſen Schritt ſträubte, blieb ihm doch kein anderes Mittel, um Bertha zu retten und auf der anderen Seite konnte Jeanette im ſchlimmſten Falle Zeugniß gegen die Giftmiſcherin ablegen. Der Chevalier dachte ſogar daran, Bertha zu warnen, ſie zu bewegen, das Anerbieten der Gräfin zurückzuweiſen. Aber konnte er dies jetzt noch,— abgeſehen davon, daß er in dieſem Falle auf ſeinen früheren Plan ganz verzichten mußte? Es war vorauszuſehen, daß Bertha, ſelbſt, wenn es ihm ge⸗ lang, mit ihr allein zu reden, ihm keinen Glauben ſchenkte, daß ſie ſein Mißtrauen als unbegründet zurückwies und ſich entſchieden weigerte, ſeine Bitte zu erfüllen, zumal ſie ja das Anerbieten ihrer Freundin bereits angenommen hatte.— Der Chevalier konnte auch den Gatten Bertha's und die an⸗ gebliche Gräfin warnen, er konnte ihnen beweiſen, daß er ihren Plan kannte und ihnen für den Fall der Ausführung mit dem Gericht drohen, aber auch das wollte er nicht, weil es das Leben Berthas nur für den Augenblick rettete und ſeinen Schutz für die Folge ganz wirkungslos machte. Einen Entſchluß mußte er faſſen, und ſo wählte er denn die Hülfe des Kammermädchens. Er wußte, daß Jeanette ihrer Herrin treu ergeben war, das erleichterte ihm den Schritt, zu dem er nur mit innerem Wider⸗ ſtreben ſich entſchloß. Er ſuchte das Mädchen auf und traf es im Schlafgemach Bertha's. Das war ihm um ſo lieber, als er bei dieſer Gelegenheit einen Blick in dieſes Zimmer werfen konnte, deſſen innere Ein⸗ richtung ihm noch unbekannt war. Er bat Jeanette, ihm zu folgen und führte ſie in das Vor⸗ zimmer, in welchem er vor den Spionen des Hausherrn am meiſten geſichert war. „Jeanette,“ ſagte er,„vor allen Dingen ſchärfe ich Ihnen ein, daß das, was ich Ihnen anvertraue, ſtreng unter uns bleiben — 830— muß. Kein Laut davon darf über Ihre Lippen kommen, ſchwören Sie mir das bei Allem was Ihnen heilig iſt.“ Erſchreckt blickte das Mädchen den Chevalier fragend an, jedes Wort, welches er ſprach, vermehrte ihre Beſtürzung. „Sie ſind unſerer Herrin ergeben, das ſetze ich voraus,“ fuhr der Chevalier fort,„wüßte ich das nicht, würde ich Sie nicht in ein Geheimniß einweihen, deſſen Veröffentlichung die gnädige Frau verderben kann, indem ſie ihr Leben gefährdet.“ „Mein Gott, iſt dieſes Geheimniß ſo entſetzlich?“ fragte das Mädchen verwirrt. „Allerdings, deshalb prüfen Sie ſich, ob Sie Kraft und Muth genug beſitzen, es zu hören.“ „Reden Sie.“ „Und Sie geloben zu ſchweigen?“ „Ich gelobe es.“ „Wohlan, Sie wiſſen, daß die gnädige Frau ſeit ihrer Hier⸗ herkunft leidend iſt, und daß ihr Leiden ſich mit jedem Tage ver⸗ ſchlimmert. Dieſes Leiden iſt nichts Geringeres, als die Folge einer Vergiftung.“ Entſetzt ſank das Mädchen auf einen Stuhl. „Das iſt nicht möglich,“ ſagte ſie. „Still,“ fuhr der Chevalier in eindringlichem Tone fort, „vergeſſen Sie nicht, daß in dieſem Hauſe die Wände Ohren haben. Ich wiederhole Ihnen, das Leben der jungen Frau iſt ernſtlich gefährdet, die Kranke wird ſterben, wenn wir ſie nicht ſchützen. Nur dies Eine iſt mir klar, über die Art der Vergiftung und die Perſon desjenigen, der den Mord beabſichtigt, hege ich vor⸗ läufig nur noch Vermuthungen. Erinnern Sie ſich des Blumen⸗ bouquets, deſſen Duft ſo betäubend war, daß er Kopfweh ver⸗ urſachte, erinnern ſie ſich der Eſſenz, welche Sie einen ganzen Tag außer Stande ſetzte, Ihren Poſten zu verſehen, nachdem Sie den Flecken im Teppich ausgewaſchen hatten.“ „Aber das ſind doch auch nur Vermuthungen!“ warf Jeanette zweifelnd ein. „Erinnern Sie ſich zugleich auch, daß ich Ihnen ein Mittel gab, welches Sie ſofort von Ihrem Leiden befreite. Würde es ſo raſch und unfehlbar gewirkt haben, wenn ich nicht die Urſache des Leidens erkannt hätte?“ Das Mädchen ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken, die Wucht dieſer Eröffnungen drückte ſie nieder. „Wenn es Wahrheit iſt, dann iſt es eine entſetzliche Wahr⸗ heit. flüſterte ſie. „Darüber zu grübeln haben wir jetzt keine Zeit,“ erwiderte der Chevalier,„wir müſſen handeln.“ —29 X ͤ— —— hwören jedes wfuhr nicht in 1 g Frau gte das Muth Hier⸗ ge ver⸗ Folge e fort, haben. rnſtlich hützen. g und h vor⸗ lumen⸗ h ver⸗ ganzen m Sie eanette Mittel rde es Urſache Wucht Wahr⸗ iderte 831 7 „Ja, Sie müſſen mir beiſtehen.“ „Mein Gott, es iſt ja ſo einfach. Warnen wir die gnädige Frau!“ „Vor wem? Sagte ich Ihnen nicht, daß mir über die Perſon des Mörders noch jeder Beweis fehle? Und abgeſehen davon, würde ſie der Warnung Glauben ſchenken? Das iſt der richtige Weg nicht, wir können nicht anklagen, ehe wir die Beweiſe haben.“ „Aber was wollen Sie denn, daß ich thun ſoll?“ fragte Jeanette verwirrt. „Es iſt ſehr einfach; aber Sie müſſen Muth, Ausdauer und Geiſtesgegenwart haben. Die Gräfin Laroche will der gnädigen Frau hier bis zu ihrer gemeinſchaftlichen Abreiſe Geſellſchaft leiſten, und die gnädige Frau hat dieſes Anerbieten angenommen. Die Gräfin wird alſo hier wohnen und ſchlafen.“ „Beunruhigt Sie das?“ „Ja „Herr des Himmels,— Sie—“ „Ruhig, ſage ich Ihnen! Wollen Sie Alles verderben? Ich ſpreche keinen Verdacht aus, aber ich bin auch weit entfernt, ein unbegrenztes Vertrauen in die Gräfin zu ſetzen. Sie werden die Gräfin beobachten, Sie werden namentlich bei Tiſche ſcharf darauf achten, ob die Gräfin irgend etwas unternimmt, was Verdacht erregen könnte. Verſtehen Sie?“ 7 a.“ „Sollte dieſer Fall eintreten, ſo werden Sie unter allen Um⸗ ſtänden zu verhindern ſuchen, daß die gnädige Frau von den Speiſen und Getränken etwas genießt.“ „Aber wie kann ich das?“ „Sehr leicht. Stoßen Sie aus Unvorſichtigkeit das Glas um, ſtürzen Sie meinetwegen, wenn es ſein muß, den ganzen Tiſch um, ohne ſich wegen der Folgen Sorgen zu machen, ich werde Sie in Schutz nehmen und—“ „Madame wird mich ſofort entlaſſen.“ „So erhalten Sie von mir die Mittel, Ihren Unterhalt zu beſtreiten, bis ich Madame verſöhnt habe.“ „Aber mein Gott, wer ſind Sie denn?“ fragte das Mädchen überraſcht. „Ein Kammerdiener, wie Sie ſehen,“ erwiderte der Chevalier lächelnd.„Wollen Sie dieſe Aufgabe übernehmen?“ „Wenn Sie glauben, daß es unbedingt nöthig iſt, ja, aber ich begreife noch immer nicht—“ „Gedulden Sie ſich, Sie werden ſpäter Alles erfahren. Ihr Schlafkabinet liegt neben dem der gnädigen Frau?“ — 832— 71 „Ja. „Bleibt die Thüre während der Nacht offen?“ „Welche Thüre?“ „Die zwiſchen den beiden Zimmern.“ „Nicht immer.“ „Sie muß in der nächſten Nacht offen bleiben. Wie ich be⸗ merkt habe, ſteht das Bett der gnädigen Frau dieſer Thüre gegen⸗ über, Sie können alſo aus Ihrem Zimmer ſehr gut beobachten, was in der Nacht geſchehen wird.“ „Aber—“ „Kein Aber! Jeanette. Nachdem ich Sie in das Geheimniß eingeweiht habe, verlange ich Gehorſam und ſtrenge Befolgung meiner Anordnungen. Ich ſage Ihnen, Sie werden beobachten, und damit der Schlaf Sie nicht übermannt, nehmen Sie von zwei zu zwei Stunden ſechs bis acht Tropfen von dieſer Eſſenz. Die Gräfin wird, ſo vermuthe ich, bei ihrer Freundin wachen, geben Sie genau Acht auf Alles, was geſchieht.“ Jeanette nickte gedankenvoll. Sie übergehen manche Schwierigkeit,“ entgegnete ſie nach = einer Pauſe.„Wenn die Gräfin Böſes im Schilde führt, wird ſie ſich überzeugen müſſen, ob ich ſchlafe.“ „Gewiß; rücken Sie Ihr Bett ſo, daß Sie auch dann Ihre Beobachtungen anſtellen können, wenn Sie in dem Kiſſen liegen. Tritt die Gräfin in Ihr Zimmer, ſo ſchließen Sie die Augen.“ „Gut, aber wird die Gräfin die Verbindungsthüre nicht ſchließen?“ „Möglich, ſorgen Sie dafür, daß der Schlüſſel fehlt.“ „Das ändert nichts, durch ein Brett kann Niemand ſehen,“ ſagte Jeanette. „Da haben Sie Recht,“ erwiderte der Chevalier.„Aber wenn ich nicht irre, iſt die Wand, welche Ihr Kabinet von dem Zimmer der gnädigen Frau trennt, nur eine dünne Tapetenwand.“ „Sie haben Recht.“ „Gut, ich werde in der Dämmerung hingehen und ein Loch in die Thüre bohren. Sobald alſo die Gräfin ſie geſchloſſen hat, erheben Sie ſich, Sie werden durch die, wenn auch kleine, Oeffnung das ganze Zimmer überblicken könneun.“ „Aber wird man die Oeffnung nicht entdecken?“ „Dafür laſſen Sie mich ſorgen. Und nun frage ich Sie noch einmal, wollen Sie in dieſer Weiſe mir beiſtehen, Madame zu beſchützen? Ich werde in Ihrer Nähe ſein, auch in dieſer Nacht; wenn meine Hülfe unbedingt nöthig iſt, aber auch nur in dieſem Falle rufen Sie um Hülfe. Verſtehen Sie wohl. Jeanette, wenn Sie es eben vermeiden können, ſich zu zeigen, oder meine Nähe ich he⸗ te gegen⸗ obachten, eheimniß efolgung obachten, Sie von Eſſenz. wachen, ſie nach zrt, wird un Ihre n liegen. Augen.“ ire nicht d ſehen, lber wenn Zimmer ein Loch geſclefſen ih lleine, Sie noch adame zu er Nacht; in dieſem tte, went ane Rühe — 833— zu verrathen, ſo thun Sie es, von der Bewahrung unſeres Ge⸗ heimniſſes hängt viel ab.“ Jeanette hatte noch manches Bedenken, aber ſie kam nicht dazu, es zu äußern, der Chevalier verließ das Zimmer. Je länger das Mädchen über die Einzeiheiten dieſer entſetzlichen Mittheilungen nachdachte, deſto mehr ſchwanden die Zweifel, welche ſie Anfangs gehegt hatte. Jeanette mißtraute jetzt auch dieſer Gräfin, und in dem Grade, in welchem dieſes Mißtrauen ſtieg, wuchs auch ihr Muth und ihre Energie. Sie wollte ihre Herrin beſchützen, wenn auch ihr eigenes Leben dabei in Gefahr kam. Getreu den Anordnungen des Chevaliers beobachtete ſie un⸗ ausgeſetzt die Gräfin, ohne irgend etwas zu entdecken, was einen Argwohn erregen konute. Nur einmal glaubte Jeanette, ſie überraſcht zu haben. Es war am Abend, Bertha hatte das Boudoir verlaſſen, die Gräfin befand ſich allein in demſelben, als Jeanette plötzlich eintrat. Sie ſah, daß die Gräfin ein kleines Flacon in der Hand hielt, welches ſie raſch und ohne eine leiſe Beſtürzung ganz ver⸗ bergen zu können, in ihren Buſen gleiten ließ. Hatte ſie von dem Inhalt dieſes Fläſchchens Gebrauch gemacht? Jeanette ſah auf dem Tiſchchen nur die Medizinflaſche und ein Waſſerglas, ſie konnte wohl nicht annehmen, daß die Medizin vergiftet worden ſei. Gleich darauf trat Bertha wieder ein, auf einen Wink von ihr mußte Jeanette ſich entfernen. Auch beim Souper erreignete ſich nichts Auffallendes, die Damen aßen und tranken wenig und begaben ſich nach kurzem Geplauder ziemlich früh in ihr Schlafgemach. Nachdem Jeanette ihre Herrin entkleidet hatte, zog auch ſie ſich in ihr Kabinet zurück, deſſen Thüre ſie, wie ſie es ſtets zu thun pflegte, offen ließ. Die Gräfin bemerkte es. „Meine Liebe, ſollen wir dieſe Thüre nicht ſchließen?“ fragte ſie. „Nein, nein,“ erwiderte Bertha,„das arme Kind würde keine Luft haben.“ „Ah— das Kabinet hat keine Fenſter?“ „Nein.“ „Wie mangelhaft doch dieſe deutſchen Wohnungen ſind! In Paris-findet man ſolche Alkoven nicht.“ „Bitte, in meiner Wohnung in Paris ſchlief Jeanette auch in einem ſolchen Alkoven.— Oh— mein armer Kopf, ich meine, er müſſe zerſpringen.“. 53 „Sie leiden ſo ſehr?“ fragte die Gräfin theilnehmend. „Ich kann den Schmerz nicht beſchreiben.“ „Hoffen wir, daß die Ruhe ihn lindert. Die Luft tödtet Sie, wir müſſen es zu ermöglichen ſuchen, daß wir ſchon morgen ab⸗ reiſen können.“ Bertha lag bereits unter der Decke, die Gräfin hatte ſich nur ihrer ſeidenen Robe entledigt und eine feine, mit Spitzen reich garnirte Jacke angelegt. „Sie wollen noch nicht ſchlafen?“ fragte Bertha nach einer Pauſe. „Nein,“ erwiderte die Gräfin ruhig, während ſie in einem Buche blätterte,„ich bin nicht gewohnt, ſo früh ſchon zur Ruhe zu gehen.“ „Sehen Sie, ich ſagte Ihnen ja, Sie würden mir ein ſchweres Opfer—“ „Meine Liebe, iſt es denn nicht einerlei, ob ich hier oder in meiner Wohnung ſitze?“ „Sie werden ſich langweilen.“ „Durchaus nicht. Aber ſollen wir nicht jene Thüre ſchließen? Ich ſitze ungern bei offenen Thüren.“ Wemn Sie es ſo ſehr wünſchen— ich fürchte nur, Jeanette wird—“ „Ach ja, es iſt wahr,“ fuhr die Gräfir gelaſſen fort, und ihr forſchender Blick ſtreifte raſch den Alkoven, in welchem das Licht ſchon erloſchen war.„Schlafen Sie, meine Liebe, wenn Sie er⸗ wachen ſollten, werde ich Ihnen die Medizin reichen.“ „Sie wollten doch nicht die ganze Nacht hindurch wachen?“ „Nein. Gegen Mitternacht werde ich mich auch niederlegen.“ „Ich fürchte, Sie werden auf dem Fauteuil ein unbequemes Lager finden.“ „O nein, die Kiſſen liegen vortrefflich, ich habe oft ein ſchlechteres Lager gehabt.“ „Sie?“ „Ja, während der Revolution. Wir fürchteten die Herrſchaft des Pöbels und flüchteten— ich erzähle Ihnen das ſpäter einmal, jetzt bitte ich Sie, ſchlafen Sie.“ Jeanette hatte die Tropfen des Chevaliers genommen, ſie fühlte nicht das geringſte Bedürfniß zum Schlaf. Mit halbgeſchloſſenen Augen lag ſie in ihrem Bette, den Blick unverwandt auf die Gräfin gerichtet, die im Seſſel vor dem Nacht⸗ tiſchchen ſaß, auf welchem neben der Nachtlampe die Medizinflaſche und eine Waſſerkaraffe ſtanden. Die Gräfin las, Bertha war eingeſchlummert. Von Zeit zu Zeit warf Marie Latour einen Blick auf ihr tet Sie gen ab⸗ ſich nur en reich ch einer hließen? Jeanette und ihr das Licht Sie er⸗ chen?“ erlegen. bequemes oſt ein Hzerrſchaft . enmul, amen, ſie den Bli em Nacht⸗ izinflaſche aif ihr argloſes Opfer und Jeanette bemerkte in dieſen Blick etwas, was ihr Entſetzen einflößte. So verſtrich eine Stunde, dann erhob die Gräfin ſich ge⸗ räuſchlos. Sie ſchritt leicht über den weichen Teppich zum Alkoven, Jeanette fühlte, daß der glühende, ſtechende Blick forſchend auf ihr ruhte. Gleich darauf wurde die Thüre leiſe geſchloſſen. Jetzt war der Augenblick gekommen. Jeanette erhob ſich. Der Alkoven war ſo eng und die Oeff⸗ nung in der Tapetenthüre ſo genau berechnet, daß das Mädchen im Bette bleiben und dennoch das anſtoßende Zimmer überſchauen konnte. Die Gräfin kehrte zu dem Nachttiſche zurück und entkorkte die Medizinflaſche. Sie holte daſſelbe Flacon, welches Jeanette ſchon einmal ge⸗ ſehen hatte, aus dem Buſen und goß einen Theil des Inhalts in die Medizinflaſche. Darauf nahm ſie in dem Seſſel wieder Platz. Das Alles war das Werk weniger Augenblicke geweſen. Jetzt konnten in der Seele des Mädchens keine Zweifel mehr aufſteigen. Was aber nun? Es war vorauszuſehen, daß Bertha nach einiger Zeit erwachen und von der Medizin nehmen werde, geſchah das, ſo kam die Rettung vielleicht ſchon zu ſpät. Jeanette betrachtete die Giftmiſcherin unverwandt, während ſie einen ebenſo kühnen, als gewagten Plan entwarf. Der Warnung des Chevaliers eingedenk, der ſie darauf auf⸗ merkſam gemacht hatte, daß das Geheimniß bewahrt bleiben müſſe, entſchloß ſie ſich, die Rolle einer Nachtwandlerin zu ſpielen. Sie hatte früher einmal bei einer Freundin geſchlafen, die mit dieſer Krankheit behaftet war, ſie wußte, wie ſie dieſe Rolle durchführen mußte. Die Gräfin ſchloß jetzt das Buch, ſie erhob ſich und machte eine Bewegung, die ihre Abſicht, die Schlafende zu wecken, kundgab. In dieſem Augenblick wurde die Thüre des Alkovens leiſe ge⸗ öffnet, mit der brennenden Kerze in der Hand trat Jeanette ein. „Was ſuchen Sie hier?“ fragte die Gräfin beſtürzt. Das Mädchen gab keine Antwort, es ſchritt mit geſchloſſenen Augen aber ſicheren Schritten auf das Nachttiſchchen zu. Bertha war erwacht, mit dem Ausdruck des Entſetzens zeigte die Gräfin auf Jeanette. „Eine Nachtwandlerin,“ ſagte Bertha ruhig,„es iſt das erſte 1 53* — 336— Mal, daß ich dieſe Krankheit an ihr entdecke. Rufen Sie nicht, wir wollen ſehen, was ſie beginnen wird.“ Jeanette vernahm jedes Wort, ſie fürchtete, daß man ihren Namen nennen würde, alsdann mußte ſie, wenn ſie ihrer Rolle treu bleiben wollte, erſchreckt zuſammen fahren und ſich nieder⸗ fallen laſſen. Sie beeilte ſich, dem Nachttiſchchen ſo nahe zu kommen, daß ſie es im Fallen umſtürzen konnte. Aber Bertha ſchwieg und die Gräfin hatte ihre Geiſtes⸗ gegenwart noch nicht wiedergefunden. Jeanette ſtellte das Licht auf den Tiſch und ſetzte ſich in den Seſſel, den die Gräfin kurz vorher verlaſſen hatte. Sie blätterte in dem Buche und ergriff darauf die Medizinflaſche. Marie Latour befand ſich in einer unbeſchreiblichen Ver⸗ wirrung, dieſer unerwartete Zwiſchenfall in demſelben Augenblick, in welchem ſie ihr Verbrechen ausführen wollte, raubte ihr die Faſſung.— Sie glaubte ſelbſt, daß Jeanette eine Nachtwandlerin ſei, ein Argwohn ſtieg jetzt in ihrer Seele noch nicht auf, aber die Ent⸗ deckung, daß das Mädchen ſich der Medizinflaſche bemächtigte, erhöhte ihre Verwirrung. „Das geht zu weit!“ rief ſie, jede Vorſicht vergeſſend. „Jeanette!“ Das Mädchen fuhr erſchreckt zuſammen, wie von einem elek⸗ triſchen Schlag getroffen, erhob ſie die Arme, die Flaſche entſank ihrer Hand, ſie fiel auf den Tiſch, zerbrach und ihr Inhalt ergoß ſich über Tiſch und Teppich. Bebend vor Wuth wollte Marie Latour ſich auf das Mädchen ſtürzen, welches, an allen Gliedern zitternd, den ſtieren Blick auf ſie gerichtet, im Seſſel lag. „Was thun Sie?“ fragte Bertha und dieſe Frage brachte das wüthende Weib zur Beſinnung.„Dem armen Geſchöpf darf man das nicht entgelten laſſen.“ „Verzeihen Sie,“ ſagte die Gräfin, ſich mühſam faſſend,„ein ſolches Betragen empört mich.“ „Mein Gott, was iſt vorgefallen?“ fragte das Mädchen entſetzt. „Gnädige Frau, ich—“ „Gehen Sie zu Bett,“ erwiderte Bertha ſanft,„ich werde morgen mit Ihnen reden.“ „Wußten Sie, daß Sie mit dieſer Krankheit behaftet ſind?“ fragte die Gräfin ſcharf. „Krankheit? Ich verſtehe Sie nicht.“ „Sie weiß es ſelbſt nicht,“ ſagte Bertha,„quälen Sie das arme Kind nicht.“ „ſo men, daß hin den inflaſche. n Ver⸗ agenblick, ihr die mn elek⸗ entſank lt ergoß Mädchen Blick auf nhte das arf man end,„ein mentſetz. ch werde 2 0 et ſund Sie das — 837— Marie Latour ſchüttelte den Kopf. „Es iſt beſſer, wenn ſie es erfährt,“ erwiderte ſie grollend, „ſolche Perſonen dürfen kein Engagement annehmen.“ „Das können wir ihr ja morzen ſagen.“ „Aber die Medizin!“ „Ich werde ſie morgen erneuern laſſen.“ Die Gräfin ſah auf die Uhr. „Es iſt kaum Mitternacht,“ ſagte ſie,„wir wollen Henri zur Apotheke ſchicken.“ Jeanette gab ſich den Anſchein, als begriffe ſie jetzt, was ſie angerichtet hatte, ſie weinte und beſänftigte durch dieſes Zeichen der Reue den Zorn der Gräſin, die trotz den Vorſtellungen Bertha's ihr heftige Vorwürfe machte. Sie erklärte ſich zu Allem bereit, ſie wollte ſelbſt zur Apotheke gehen, wenn es verlangt wurde, die Gräfin befahl ihr, ſich an⸗ zukleiden, die Scherben aufzuleſen und Henri zu beauftragen, das Recept in der Apotheke erneuern zu laſſen. Der Chevalier hatte das Klirren des Glaſes und die zornigen Worte der Gräfin vernommen, er ahnte, daß ſeine Befürchtung eingetroffen und Jeanette auf ihrem Poſten geweſen war. Mit fieberhafter Spannung erwartete er die näheren Aufſchlüſſe. Jeanette führte ohne Verzug den erhaltenen Befehl aus, der ihr willkommen war, weil er ihr Gelegenheit gab, mit dem Chevalier zu reden und ihm um weitere Verhaltungsregeln zu bitten. Der Chevalier hielt es für rathſam, ſich in ſein Zimmer zu verfügen und hier Jeanette zu erwarten, nachdem er hörte, daß ſie geſchickt wurde, ihn zu wecken. Es war möglich, daß die Gräfin, durch ihr Mißtrauen dazu bewogen, dem Mädchen folgte, um es zu beohachten. In fliegender Haſt theilte Jeanette ihm das Vorgefallene utit. „Ich danke Ihnen,“ ſagte der Chevalier,„Sie haben Ihre ſchwierige Aufgabe vortrefflich gelöſt. Sie werden nun wiſſen, wie ſehr meine Befürchtungen begründet waren und mir auch ferner in meinen Bemühungen, der gnädigen Frau das Leben zu retten, beiſtehen.“ „Gewiß, aber auf mich allein angewieſen, bin ich rathlos, Sie müſſen—“ „Befolgen Sie nur meine Anordnungen. Für dieſe Nacht i*ſt die Gefahr beſeitigt, ich werde Ihnen bei meiner Rückkehr ein Medicament übergeben, welches jeden Vergiftungsverſuch wirkungslos macht, indeß wäre es mir trotzdem lieb, wenn Sie Ihſe Beyb⸗ achtungen fortſetzen wollten.“ „Und morgen?“ fragte Jeanette. 5 1 1„Ich habe meinen Plan entworfen, aber er muß mein Ge⸗ heimniß bleiben. Für den Fall ich keine Zeit oder Gelegenheit finden ſollte, mit Ihnen darüber zu reden, will ich Sie ſchon jetzt darauf aufmerkſam machen, daß es in unſerm Intereſſe liegt, 8 zu ſchweigen, mag auch geſchehen, was will. Das vergeſſen Sie nicht, ſelbſt wenn die gnädige Frau ſterben ſollte, hüten Sie Ihre Zunge, richten Sie ſich genau nach dem, was ich thun werde und 3 35 erwarten Sie meine Anordnungen.“ Der Chevalier verließ nach dieſen in ſehr ernſtem, eindring⸗ lichem Tone geſprochenen Worten das Haus. Als er eine halbe Stunde ſpäter zurückkehrte, händigte er dem Mädchen eine gefüllte Medizinflaſche ein, welche Jeanette ſofort in das Schlafzimmer brachte. Bertha war wieder eingeſchlummert, die Gräfin erlaubte dem Mädchen, ſich in den Alkoven zurückzuziehen. Jeanette war feſt entſchloſſen, die Nacht zu durchwachen und die Gräfin zu beobachten, aber ſie hatte nicht mehr an die Tropfen des Chevaliers gedacht,— der Schlaf übermannte ſie. Als ſie am nächſten Morgen erwachte, fand ſie ihre Herrin 1 noch im Bette, vor demſelben ſaß die Gräfin, welche bereits Toilette gemacht hatte. Bertha befand ſich heute leidender als am Tage vorher. Hundertundachtes Kapitel. * Der letzte Trumpf. Die Verluſte Heinrich's mehrten ſich von Tag zu Tag. Hatte 4 das Glück ſich wider ihn verſchworen, oder ließen ſeine Kenntniſſe und Erfahrungen ihn im Stich, genug, Alles, was er unternahm, 4 mißglückte. Der alte Buchhalter brachte täglich neue Hiobspoſten, die um ſo ſchwerer wogen, weil Heinrich ſich nur in bedeutende Unter⸗ nehmungen einließ. An dem Morgen, der jener ereignißreichen Nacht folgte, waren 6 abermals unangenehme Nachrichten eingetroffen, und der Buchhalter wagte jetzt unverholen zu äußern, daß der Concurs bereits bevorſtehe. „Concurs?“ fuhr Heinrich, über dieſe Aeußerung empört, in — 839— nein G⸗ gereiztem Tone auf, während er den alten Mann mit einem Blick degenheit der Verachtung maß.„Das Wort ſteht nicht in meinem Lexikon, die ſchon ich kenne es nicht.“ ſe liegt Der Buchhalter zuckte rathlos die Achſeln. Nen Sie„Wir haben zu viel verlo en,“ ſagte er,„die Bilanz weiſt ein Deſicit von dreißigtauſend Thaler nach. Wenn die Gläubiger uns drängen, müſſen wir die Zahlungen einſtellen.“ Wer darf es wagen, mich zu drängen?“ erwiderte Heinrich f gen, 3 g eindring⸗ erbittert.„Noch ſteht mein Credit feſt, ich werde Jeden hinaus⸗ werfen laſſen, der ſoſortige Zahlung ſeines Guthabens verlangt.“ eer den„Damit machen wir die Sachlage nur noch ſchlimmer, mit ſofort in Grobheit kommen wir nicht mehr durch.“ „Scheeren Sie ſich zum Henker, Ihr Eulengekrächze macht ubte dem mich nur konfuſe! Wenn Sie nichts Beſſeres wiſſen, als Jere⸗ miaden zu ſingen, ſo thun Sie es für ſich allein, ich habe keine achen und Luſt, ſie anzuhören.“ ran die Seufzend näherte der alte Mann ſich der Thüre. tte ſie.„Wenn Jemand ſo unverſchämt ſein ſollte, hierher zu kommen, t Herrin um zu mahnen, ſo ſchicken Sie ihn nur zu mir,“ rief Heinrich e bereits ihm nach,„ich werde ihm ſchon den Kopf zurechtſetzen.“ Lange ſchritt Heinrich in ſeinem Kabinet auf und nieder, nach⸗ her. dem der Buchhalter ſich entfernt hatte, endlich blieb er vor ſeinern Schreibtiſche ſtehen, um die Notizen zu prüfen, die auf demſelben lagen. „Dreißigtauſend!“ ſagte er mit gedämpfter Stimme.„Ihr Vermögen beträgt hundertundzwanzigtauſend, eher mehr als weniger, es bleiben alſo noch neunzigtauſend übrig, mit denen man wieder operiren könnte. Ich begreife nicht, weshalb die Sache ſo ſehr in die Länge gezogen wird.— Wenn ich nur mit ihr reden könnte, aber ſie weicht dort oben nicht von der Stelle— bah, es war eine Dummheit, daß ſie ſich ganz hier einquartierte.“ Er wurde in dieſem Augeublick durch ein leiſes Pochen in ſeinem Selbſtgeſpräch geſtört. 3 8iſ Als er die Thüre öffnete, ſah er ſich dem Kammerdiener ſeiner Ateegalan Frau gegenüber. 3 nternaha,„Die Frau Gräfin läßt Sie bitten, die gnädige Frau zu beſrchen,“ ſagte der Chevalier,„ſie meint, es ſei nothwendig, daß n, die 83 man unverzüglich den Arzt holen laſſe.“ de Unter⸗„Hat denn der Zuſtand ſich ſo ſehr verſchlimmert?“ fragte Heinrich, anſcheinend beſorgt. te, waren Der Chevalier zuckte die Achſeln. uchhalte„Ich weiß das nicht,“ erwiderte er,„aber es ſcheint der Fall z bereits zu ſein.“ 1 8 Heinrich dachte nach, ſein Blick ruhte forſchend auf den Zügen mpört, 340— des Kammerdieners, in denen er nichts entdeckte, was ihn beunruhigen konnte. In den Zimmern ſeiner Frau konnte er mit Marie Latour nicht reden, es würde Argwohn erregt haben, wenn er es gethan hätte, und doch mußte er ſich mit ſeiner Verbündeten berathen. „Sagen Sie der Frau Gräfin, ich könne augenblicklich unmöglich abkommen,“ verſetzte er,„aber ſie würde mich zu großem Danke verpflichten, wenn ſie die Güte haben wolle, ſich zu mir zu bemühen, um mir nähere Mittheilungen zu machen. Und wenn die Frau Gräfin es für nothwendig oder erwünſcht hält, ſo ſoll ſofort zum Arzt geſchickt werden.“ Der Chevalier verbeugte ſich und ſtieg langſam die Treppe hinauf. Jeanette erwartete ihn im Vorzimmer. „Sehen Sie, auch dieſe Vermuthung trifft ein,“ ſagte er leiſe, „die Gräfin wird die Kranke verlaſſen, um mit dem Herrn eine Zuſammenkunft zu haben. Die Unterredung wird einige Zeit in Anſpruch nehmen und mir liegt viel daran, ſie zu belauſchen; alſo müſſen Sie für mich handeln. Geben Sie der gnädigen Frau dieſes Packetchen, und wenn Sie über die Ereigniſſe der verwichenen Nacht befragt werden ſollen, ſo ſagen Sie die Wahrheit.“ „Das heißt, Sie erlauben mir, unſer Geheimniß zu ver⸗ rathen?“ „Ja, aber nur der gnädigen Frau, und nur dann, wenn ſie es verlangt. Im Uebrigen ſeien Sie vorſichtig.“ Er ging in das Boudoir, und die Gräfin erklärte ſich, wie er es erwartet hatte, augenblicklich bereit, den Wunſch des Herrn Schenk zu erfüllen. Der Chevalier hatte ſich inzwiſchen auch von der Einrichtung des Erdgeſchoſſes die nöthigſte Kenntniß verſchafft. Er war in den jüngſten Tagen zu verſchiedenen Malen in den Geſchäftsräumen geweſen, in der Abſicht, ſich mit deren Lage und Einrichtung vertraut zu machen, er wußte, daß das Kabinet neben dem Comptoire lag und daß die Dicke der Mauern jeden Verſuch, eine im Kabinet ſtattfindende Unterredung zu belauſchen, ſcheitern ließ. Aber es gab eine andere Gelegenheit, welche man benutzen konnte, eine Gelegenheit, die der ſcharfe Blick des Chevaliers bemerkt hatte. Das Haus, welches früher der Fabrikant Liebmann bewohnt hatte, ſtammte noch aus der alten Zeit, es war allerdings hie und da Vieles geändert worden, aber auch Manches geblieben. In früheren Zeiten war die Ofenröhre aus dem Kabinet — 841— enruhigen durch den über demſelben liegenden Raum geleitet geweſen, wahr⸗ t Marie ſcheinlich aus Sparſamkeitsrückſichten. un er es Das Loch für dieſe Röhre befand ſich noch im Plafond des dündeten Kabinets. 2. Der Chevalier, der ſchon früher ſein Augenmerk auf den mügli möglichen Fall gerichtet hatte, daß es ihm erwünſcht ſein könne, i Danke eine derartige Gelegenheit zu benutzen, war nach dieſer Entdeckung ir zu ſo klug geweſen, ſich ſofort genau über den Verſchluß dieſer ind wenn Oeffnung zu unterrichten. t, ſo ſoll Er fand, daß der Raum über dem Kabinet gegenwärtig als Beſuchzimmer benutzt wurde und daß jene Oeffnung durch eine 2 Treppe einfache Klappe aus Eiſenblech geſchloſſen war. Ein geſtickter Fußteppich, der loſe auf dem Fußboden lag, bedeckte dieſe Klappe, die ein Kind öffnen konnte. et leiſe, Daß man dieſe Klappe im Laufe der Zeit nicht entfernt und eren eine die Oeffnung nicht auf beiden Seiten geſchloſſen hatte, ließ ſich Zeit in aus verſchiedenen Gründen erklären, unter denen der wahrſcheinlichſte llauſchen,; wohl der war, daß man glaubte, die Oeffnung ſpäter noch einmal gädigen benutzen zu können. giſſe der Heute ermöglichte ſie dem Chevalier die Erfüllung eines Wunſches, Sie die der für ihn von hoher Wichtigkeit war. Er ging unverzüglich in das Zimmer, deſſen Thüre er hinter a ver⸗ ſich ſchloß, um nicht überraſcht zu werden und öffnete die Klappe.— Marie Latour wünſchte ebenfalls eine Unterredung mit ihrem enn ſie Verbündeten, ſie zögerte deshalb nicht, ſeine Bitte zu erfüllen. „Wir müſſen ein Ende machen,“ ſagte Heinrich in ſranzöſiſcher Sprache, nachdem die Thüre hinter der Giftmiſcherin kaum in's Schloß gefallen war,„die Sache zieht ſich zu lange hinaus.“ „Je länger ſie ſich hinauszieht, deſto beſſer für uns,“ erwiderte rrichtung Marie gemeſſen.„Weshalb wünſchen Sie die Beſchleunigung?“ „Des Vermögens wegen.“ „Sind Sie ruinirt?“ h, wie s Herm jalen in maiag„Welche Vermuthung!“ fuhr Heinrich unwillig auf.„Ich habe abintt nie ſo feſt geſtanden, wie heute.“ 1. 4 jeden.„Nun wohl, ſo gedulden Sie ſich, wir dürfen dieſe Angelegenheit — ſchen, nicht über's Knie brechen.“ 1 a.„Aber ich habe mich im Vertrauen auf unſere Uebereinkunft rutzen in Unternehmungen eingelaſſen, die bedeutende Summen erfordern.“ Hucjürs„Das hätten Sie nicht thun ſollen,“ ſagte Marie, deren kalte 6 Ruhe ſcharf mit der leidenſchaftlichen Erregung Heinrich's kontraſtirte. bexohut„Es iſt geſchehen, und ich muß nun auch die eingegangenen L Verpflichtungen erfüllen. Alſo entweder— oder!“ auas hie... n,„Wie verſtehe ich das?“ renn f„Entweder ſorgen Sie, daß ich in den erſten Tagen in den Kab — 842— p 11 Beſitz jener Summen gelange, oder vertrauen Sie mir ſchon jetzt Ihren Brautſchatz an.“ Der Blick Marie's ruhte mit dem Ausdruck eines unbeſchreib⸗ lichen Hohns auf den Zügen des jungen Mannes. 9„Was das entweder betrifft, ſo werde ich mein Möglichſtes thun, um Ihren Wunſch zu erfüllen,“ ſagte ſie kühl,„auf das oder laſſe ich mich nicht ein.“ „Aber Sie verſprachen mir damals—“ „Daß ich Ihnen am Tage der Hochzeit mein Vermögen über⸗ geben wolle, das wird geſchehen, aber keine Stunde früher.“ *„Sie vertrauen mir noch immer nicht?“ „Können Sie es Mißtrauen nennen? Wiſſen Sie vielleicht ſo ſicher, daß Alles glatt ablaufen wird? Wie nun, wenn wir flüchten müſſen? Wird es uns dann nicht angenehm ſein, die Mittel zur Rettung zu beſitzen?“ Heinrich hörte dieſe Worte kaum, er ſchritt in fieberhafter Erregung vor ſeiner Verbündeten auf und ab. „Ich laſſe dieſe Gründe gelten,“ ſagte cr,„aber Sie waren doch vorher Ihrer Sache ſo ſicher.“ „Ich wäre es auch noch, wenn ich nicht gerechte Gründe zu Befürchtungen hätte“ Heinrich blieb ſtehen, ſein Blick ruhte fragend auf der Ver⸗ A bündeten. f„Die Mittel, die ich angewandt habe, müßten uns unſrem Ziele bedeutend näher gerückt haben,“ fuhr Marie fort,„faſt möchte ich glauben, daß man im Geheimen mir entgegenarbeitet.“ „Auf wen könnte dieſer Verdacht fallen?“ „Ich weiß es nicht.“ „Gibt Ihnen der Kammerdiener Anlaß zu ſolchen Beſorg⸗ niſſen?“ „Jetzt nicht mehr.“ „Oder Jeanette?“ „Auch ſie nicht, obſchon ich mir den Vorfall in vergangener Nacht noch immer nicht erklären kann.“ „Ich kenne ihn.“ „Ah— wer—“ „Henri hat ihn meinen Dienern berichtet, durch ſie erfuhr ich's heute Morgen.“ „Und was halten Sie davon?“ „Nichts. Ich ſinde den Vorfall, ſo unangenehm er auch ſein mag, erklärlich.“ Marie Latour ſchüttelte den Kopf. „Ich ſage mir das auch,“ erwiderte ſie,„aber nichtsdeſto⸗ weniger kann ich ein leiſes Mißtrauen nicht unterdrücken.“ ——— — 843— ſchon 3. ſes„So beobachten Sie Jeanette und wenn Sie eine Beſtätigung bſchret Ihres Mißtrauens finden, werde ich das Mädchen entfernen. Aber ich möchte nun definitiv wiſſen, wann dieſe Angelegenheit beendet ſein wird.“ „Morgen früh.“ Der kalte, eiſige Ton, in welchem Marie Latour dieſes Todes⸗ urtheil ausſprach, ſchien den jungen Mann unangenehm zu be⸗ rühren, er erſchrack ſichtbar, in ſeinem ſtarren Blick lag der Aus⸗ gen übder⸗ druck des Entſetzens. Por4 böglichſtes „auf das ber.„Die Sache iſt ſo weit gefördert, daß der Arzt den Tod natürlich finden wird,“ fuhr Maria fort.„Er äußerte ſchon vor ellict ſo einigen Tagen ernſte Bedenken, und geſtern, als er bemerkte, daß rflüchten alle ſeine Medikamente keine Beſſerung bewirkt hatten, zuckte er lütel zur die Achſeln mit einer Miene, als ob er ſagen wolle, er hege keine Hoffnung mehr.“ teberhafter„Ich werde nachher mir ihm reden.“ 3„Thun Sie das, es kann nur von Vortheil ſein. Ich werde Lie waren Jeanette für die Nacht in einem andern Zimmer unterzubringen .. ſuchen, den Vorwand dazu gibt mir ihre abſcheuliche Krankheit, Pründe zu ſomit bin ich allein bei dem letzten Kampfe zugegen.“ „Haben Sie wegen ihres letzten Willens—“ der Ver⸗„Ich habe ſcherzweiſe mit ihr darüber geredet. Sie iſt feſt b entſchloſſen, Ihnen keinen rothen Heller zu hinterlaſſen, aber ſie 3 unſrem hat noch nichts gethan, Ihnen das Vermögen zu entziehen.“ rrt,„faſt„Wiſſen Sie das beſtimmt?“ arbeitet. Ja.“— “ „Deſto beſſer, ſo werde ich, da Verwandte in aufſteigender Linie nicht mehr da ſind, das ganze Vermögen erben.“ n Beſorg⸗„Treffen wir nun unſere Anordnungen,“ ſagte Marie,„es iſt nöthig, daß wir auch über dieſen Punkt einig ſind. Ich werde, ſobald Alles beendet iſt, Lärm machen, dann muß ſofort der Arzt gerufen werden.“ rgangener„Das heißt, Sie werden zuerſt Alles entfernen, was Verdacht erregen könnte,“ warf Heinrich ein. „Natürlich. Der Arzt wird durchaus kein Mißtrauen hegen, er hat den Verlauf der Krankheit beobachtet, und ſelbſt wenn ein ſe erfuhr Argwohn in ſeiner Seele erwachen ſollte, ich übernehme es, ihn zu beſeitigen. Aber es wäre wünſchenswerth, wenn die Leiche ſehr raſch entfernt würde.“ auch ſein„Weshalb?“ 4„Es könnten ſich ſpäter verdächtige Syrnptome zeigen, und ich traue den beiden Franzoſen nicht, die jedenfalls bis zur Be⸗ ictsdeſt⸗ erdigung hier im Hauſe bleiben werden. Wir müſſen alſo die 1 Erlaubniß zu einer früheren, als der geſetzmäßigen Beerdigung — 844— auswirken, ich werde deshalb mit dem Arzte reden. Beſitzen Sie eine gemauerte Gruft?“ „Ja,— die Familiengruft Liebmann's.“ „So werden wir die Erlaubniß deſto leichter erhalten. Im Uebrigen darf bei der Ceremonie ſelbſt nichts geſpart werden.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Gut, ſetzen wir die Beerdigung auf übermorgen Abend feſt. Wir laſſen den Sarg ſchon morgen Abend ſchließen.“ „Das dürfen wir nicht.“ „Weshalb nicht? Wenn der Schieber geöffnet bleibt, iſt den geſetzlichen Beſtimmungen hinreichend Genüge gethan. Nach der Beerdigung reden wir über den Zeitpunkt unſrer Hochzeit, es wird am Beſten ſein, daß wir uns im Auslande trauen laſſen, wir vermeiden das unnütze Gerede. Sie treten kurz nach der Be⸗ erdigung eine Reiſe an—“ „Das iſt mit zu vielen Schwierigkeiten verknüpft,“ unterbrach Heinrich ſie,„die Trauung muß hier in aller Stille vollzogen werden. Sie reiſen nach der Beerdigung ab, das heißt, Sie ziehen ſich für einige Zeit in Ihre Wohnung zurück und kehren dann in Trauer zurück. Wir ſtreuen aus, Ihr Gemahl ſei plötzlich geſtorben—“ „Auch das iſt der richtige Weg nicht. Dieſe beiden Todes⸗ fälle in Verbindung mit unſrer kurz darauf erfolgenden Heirath müßten Verdacht erregen. Ich wiederhole Ihnen, wir müſſen im Auslande die Ceremonie vornehmen laſſen.“ „Zerbrechen wir uns darüber den Kopf jetzt noch nicht,“ unterbrach Heinrich ſie,„wir finden ja ſpäter Zeit genug, darüber zu ſprechen.“ Damit war die Unterredung beendet, Marie Latour kehrte zu ihrem Opfer zurück. Inzwiſchen aber hatte Jeanette den Auftrag den Chevaliers ausgeführt. Bertha las den Brief, der das Packet begleitete, ſehr auf⸗ merkſam, dann heſtete ſie ihren Blick ſo feſt auf das Mädchen, als ob ſie verſuchen wolle, in die Seele deſſelben einzudringen. „Wer gab Ihnen dieſes Packet?“ fragte ſie. „Henri.“ „Wiſſen Sie, was es enthält?“ „Ich ahne es.“ „Ah— ſagen Sie mir aufrichtig, ſind Sie wirklich eine Nachtwandlerin?“ „Nein, gnädige Frau.“ „Sie haben alſo abſichtlich die Flaſche zerbrochen?“ „Nachdem ich geſehen hatte, daß die Gräfin—“ ———O— ſigen Sie„Ich weiß, dieſe Zeilen enthalten Aufſchlüſſe, die mich ent⸗ ſetzen. Sie haben Ihre Rolle meiſterhaft geſpielt,— ich danke Ihnen. Hat der— hat Henri Ihnen weitere Aufſchlüſſe ge⸗ een. Im macht?“ erden.“„Er ſagte mir nur, ich möge Sie dringend bitten, ſeine Anordnungen zu befolgen.“ bend feſt. Bertha blickte ſinnend vor ſich hin, man las in ihren Zügen, daß die Mittheilungen des Chevaliers ſie erſchütterten. Aber ſie ſchien noch immer zu zweifeln, ſie richtete den forſchenden Blick t, iſt den bald auf Jeanette, bald auf den Brief und von Zeit zu Zeit Nach der ſchüttelte ſie den Kopf, als ob ſie ſagen wollte, es könne nicht es wird möglich ſein, daß ſie ſo ſehr ſich in dieſer Freundin getäuſcht haben ſen, wir ſolle. der Be⸗ Sie hatte eben das Packetchen unter ihr Kiſſen geſchoben, als der Arzt eintrat. nterbrach Der Chevalier begleitete ihn, er gab Jeanette einen Zettel vollzogen mit der Bitte, ihn der Kranken zu überreichen. Dieſer Zettel tßt, Sie enthielt nur die Worte:„Bewegen Sie die Gräfin, den Arzt, nd kehren wenn er ſich entfernt, zu begleiten, ich muß mit Ihnen reden.“ mahl ſei Der Arzt zuckte die Achſeln, er äußerte die Anſicht, es ſei ein hartnäckiges rheumatiſches Leiden, welches er aber zu beſeitigen n Todes⸗ hoffe, indeß drückten ſeine Züge aus, daß er ſelbſt an die Erfüllung Heirath dieſer Hoffnung nicht glaubte. ſſen im Auch die Gräfin war inzwiſchen zurückgekehrt, ſie ſtand mit veſorgter, theilnehmender Miene neben dem Fauteuil auf welchem nicht,“ Bertha lag und ſprach ihr Troſt und Geduld zu. darüber Sie fragte den Arzt, ob eine Luftveränderung nicht anzurathen ſei, ob man die Reiſe nach Paris oder an einen andern Ort kehrte zu antreten dürfe. 5 Der Mann der Wiſſenſchaft verneinte dieſe Frage mit dem zevoliers Bemerken, daß daran nicht zu denken ſei. 4) Er war offenbar nicht im Stande, ein ſicheres Urtheil über ſehr auf⸗ dieſe Krankheit zu fällen, wenn er ſich auch den Anſchein gab, als Mcen, ob er ſeiner Sache ganz gewiß ſei; nachdem er ein Rezept ge⸗ ſchrieben und verſchiedene Anordnungen getroffen hatte, entfernte er ringen ſich mit dem Verſprechen, am Abend noch einmal vorſprechen zu wollen. Bertha bat die Freundin ihn zu begleiten und ihn um ſeine offene Meinung zu befragen, und die Gräfin kam dieſem Wunſche läh ei um ſo lieber nach, als es auch ihr Wunſch war, bei der Unter⸗ 1' redung Heinrich's mit dem Arzte zugegen zu ſein. Kaum aber hatte ſie das Zimmer verlaſſen, als der Chevalier raſch eintrat. „Es bleiben uns nur wenige Minuten,“ ſagte er haſtig,„fragen — 846— und forſchen Sie nicht, hören Sie meine Anordnungen. Vor Allem befolgen Sie die Vorſchriften, die ich Ihnen zu geben mir erlaubte, ganz pünktlich, nehmen Sie die Mixtur, die Sie in der Schachtel finden werden, gleich nachdem der Arzt hier geweſen iſt, und dann legen Sie ſich nieder. Zeigen Sie der Gräfin kein Mißtrauen, im Gegentheil plaudern Sie freundlich und herzlich mit ihr—“ „Wie kann ich es, wenn das wahr iſt, was Sie mir mit⸗ getheilt haben?“ „Sie müſſen es können, bedenken Sie, daß es gilt, Ihr Leben zu retten—“ „Wenn Sie das Alles voraus wußten, weshalb ließen Sie mich nicht am erſten Tage abreiſen?“ unterbrach Bertha ihn unmuthig.„Damals hätte ich es noch vermocht und durch die Abreiſe wäre alle Gefahr beſeitigt geweſen.“ „Wäre ſie dadurch beſeitigt worden, ſo würde ich ſelbſt Ihnen dazu gerathen haben,“ erwidert der Chevalier, ‚ich verſichere Sie, Ihre Feinde würden Sie auch in Paris erreicht haben, und dort hätte ich Sie nicht beſchützen können. Man bereitet ſich zum letzten Schlage gegen Sie vor—“ „Aber mein Gott, weshalb ſchützen Sie mich nicht auf dem einfachſten und ſicherſten Wege? Wenn Sie Ihrer Sache ſo ſicher ſind, weshalb laſſen Sie dieſes Weib nicht verhaften?“ „Weil ich das nicht kann! Vertrauen Sie mir und nehmen Sie die Mixtur. Und noch Eins. Schreiben Sie an die Bank, Sie hätten ein Teſtament gemacht, welches erſt vier Wochen nach Ihrem Tode entſiegelt werden ſolle, bis dahin ſei die Bank für die Aufbewahrung Ihres Vermögens verantwortlich.“ „Aber wozu das?“ fragte Bertha beſtürzt. „Es iſt nichts weiter, als eine Sicherſtellung, ich erwarte das Billet heute Nachmittag, vergeſſen Sie es nicht.“ „Ich begreife nicht—“ „Still, ich höre die Stimme der Gräfin, ſeien Sie vorſichtig und bedenken Sie, was auf dem Spiele ſteht.“ Marie Latour trat raſch ein, ihr mißtrauiſcher Blick fiel ſofort auf den Chevalier, der mit den Worten:„Ihre Befehle ſollen pünktlich vollzogen werden, gnädige Frau!“ das Zimmer verließ. Bertha bemerkte dieſen Blick, ſie fand in ihm eine Beſtätigung, der entſetzlichen Anklage, welche der Chevalier gegen ſie erhoben hatte und ſie hielt es nun auch für rathſam, die Anordnungen ihres Freundes zu befolgen. in der weſen iſt räfin kein ad herzlich wir mie⸗ Ihr Leben ließen Sie hertha ihn durch die lbſt Ihnen ſihere Sie und dort zunt letzten t auf dem he ſo ſicher nd nehmen die Bank ochen nach „Bamk füt malk e vorſichtig t fiel ſofon fehle ſollen er verlie⸗ Beſtätigung ſie erhohel (nordnungen Hundertundueuntes Kapitel Die Kataſtrophe. Heinrich hatte den Arzt beſchworen, das Leben ſeiner Frau zu retten, er hatte eine Trauer gezeigt, die der Mann der Wiſ⸗ ſenſchaft für oufrichtig hielt und die deshalb dem letzteren das Geſtändniß erſchwerte, daß er ſehr geringe Hoffnungen hege. Kaum hatte der Arzt ſich entfernt, als Otto in das Kabinet ſeines über dieſen unerwarteten und ſehr unwillkommenen Beſuch beſtürzten Bruders trat. Otto wor in demſelben Augenblick in das Haus eingetreten, in welchem Maria Latour die Treppe hinaufſtiegen wollte, um zu ihrem Opfer zurückzukehren. Der Zufall wollte, daß ſie ſich umwandte, und Otto glaubte im erſten Augenblick ſeinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er in dieſer Dame die Tochter des Schloſſers in Mülhauſen erkannte. Auch ſie mußte ihn erkannt haben, das leichte Zucken ihrer Lippen, und die Bläſſe, die plötzlich ihre Wangen überzog, be⸗ wieſen dies, aber ſie verſtand es vortrefflich, ihre wahren Gefühle hinter einer undurchdringlichen Maske zu verbergen. Sie erwiderte den Gruß des jungen Mannes durch ein ſtolzes herablaſſendes Kopfnicken und ſtieg dann ſo ruhig und ſicher die die Treppe hinauf, daß Otto ſich die Frage vorlegte, ob es denn nicht möglich ſei, daß er ſich geirrt habe. Verwirrt trat er in das Kabinet, die Beſtürzung ſeines Bruders, die ihm eine Beſtätigung hätte geben können, entging ihm. „Wer iſt die fremde Dame?“ fragte er, ohne zu bedenken, daß ſeine Erregung den Bruder aufmerkſam machen mußte. „Intereſſirt ſie Dich?“ erwiderte Heinrich gleichgültig.„Es iſt eine Freundin meiner Frau, eine Gräfin Laroche, der ich zu hohem Danke verpflichtet bin, weil ſie ſo liebevoll und unermüd⸗ lich meine kranke Gattin pflegt.“ „Das iſt Alles, was Du von ihr weißt?“ ſragte Otto, den durchdringenden Blick feſt auf das Antlitz des Bruders richtend. „Was könnte ich mehr wiſſen? Sie mtereſſirt mich nicht.“ Otto ſchüttelte den Kopf, er konnte nicht wohl glauben, daß dies Alles Verſtellung ſei— und wenn er dies nicht annahm, ſo war auch dieſe Cräfin nicht Marie Latour. „Deine Frau iſt ja ſehr bedenklich erkrankt?“ nahm er nach Weile wieder das Wort.„Der Vater ſagte es mir, er bat mich, hierher zu gehen, um mich nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen.“ „Der Arzt gibt keine Hoffnung,“ erwiderte Heiurich mit erheuchelter Niedergeſchlagenheit,„mich greift dieſer ſchwere Schickſalsſchlag furchtbar an.„Es iſt wahr, wir ſind einander ſtets fremd geblieben, aber die Schuld lag an uns Beiden, in der letzten Tagen—“ „Alle dieſe Verſicherungen kannſt Du Dir erſparen,“ fiel Otto, den dieſe Verſtellung anwiderte, ihm in's Wort.„Ich weiß, was ich von dieſen ſchönen Redensarten zu halten habe. Heinrich, Heinrich, ich warne Dich, der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht! Ueber Deine Vergangenheit habe ich geſchwiegen, um unſre Eltern nicht zu betüben—“ „Was ſollen dieſe Worte!“ fuhr Heinrich zornig auf.„Weshalb willſt Du ſtets Front gegen mich machen? Früher bewog Dich der Neid dazu, der Grund iſt jetzt gefallen, nachdem Du, wie ich höre, Glück gehabt haſt mit deiner Fabrik. Ich danke für Deine Warnungen und Ermahnungen, ſie kümmern mich wenig, weil Deine Anklagen mich nicht treffen.“ „Wie bald wird dieſer Trotz gebrochen ſein! Der finanzielle Ruin ſteht Dir ſchon nahe, gebe Gott, daß ich Dich nicht auch auf der Verbrecherbank ſehen muß.“ „Scheer' Dich zum Henker!“ brauſte Heinrich wüthend auf „Ich erkenne Dich weder als meinen Freund, noch als Richter ͤber mich an. Was ich thue, das kann ich vor Jedem verant⸗ worten und was den finanziellen Ruin betrifft, ſo macht mir dieſes boshafte Gerede meiner Neider keine Sorgen, ich werde Allen beweiſen, daß ich—“ „Gut für Dich, wenn Du dieſes Gerede Lügen ſtrafen kannſt,“ erwiderte Otto,„aber hüte Dich vor einem Verbrechen. Ich werde unerbittlich ſein, wenn Du des elenden Geldes wegen einen Mord begehſt. Denke an Scherenberg, Vater und Sohn, an Merville, an Deinen Schwager, von dem Blute aller dieſer haftet etwas an Deinen Händen, wenn auch ein direkter Beweis, Dank Deiner Schlauheit, nicht gegen Dich geführt werden kann. Ich verachte und verabſcheue Dich in tiefſter Seele und dennoch treibt es mich zu Dir, um Dich zu warnen. Nicht um Deinet⸗ willen, ſondern unſrer Eltern, unfres ehrlichen Namens wegen! Wenn Du dieſe Warnungen verſchmähſt, ſo beklage Dich ſpäter nicht, wenn die Folgen auf Dich zurückfallen.“ Innerlich vor Wuth bebend, äußerlich ſich zur Ruhe zwingend, wies Heinrich noch einmal ſtolz und kalt die Warnung zurück. m er nach bat mich, tranken zu unrich mit r ſchwere d einander Beiden, in reen,“ fiel ort.„Ich alten habe. lange zu habe ich Weshalb dewog Dich n Du, wie danke füt nich wenig, finanzielle nicht auch thend auf ls Richter em verant⸗ macht mir ich werde fen kannſt,“ echen. Ich des wegen und Sohn, aller dieſet er Beweis, erden kann. nd dennoch un Deint⸗ s wegen! dich ppätet zwingend xrrũt. ‿—— — 849— „Du wirſt mich niemals überzeugen können, daß Du an jenen Verbrechen keinen Theil gehabt habeſt,“ fuhr Otto fort,„ich weiß es beſſer. Ich weiß auch, daß Du heute zu einem neuen Ver⸗ brechen entſchloſſen biſt, die Anweſenheit dieſes Weibes in Deinem Hauſe beweiſt es mir.“ Heinrich zuckte die Achſeln. „Wenn es Dich ſo ſehr intereſſirt, über dieſe Dame Aufſchluß zu erhalten, ſo will ich den Kammerdiener meiner Frau rufen laſſen,“ ſagte er,„er war der Diener der Fürſtin Radziwlli, mit der dieſe Gräfin Laroche ſehr befreundet iſt.“ „Laß' das,“ erwiderte Otto,„ich mag nicht tiefer in dieſe Komödie eindringen, ſo lange ich es vermeiden kann.“ Heinrich hatte bereits die Glocke gezogen. „Es liegt mir ſelbſt daran, Deinen Verdacht zu entkräften,“ ſagte er.„Ich laſſe Henri erſuchen, ſich hierher zu bemühen,“ wandte er ſich zu dem eintretenden Diener. „Es iſt unnöthig,“ erwiderte Otto. „Durchaus nicht. Ich weiß nicht, was Du gegen dieſe Dame haſt, aber ich denke mir, daß Du ſie mit einer andern Perſon verwechſelſt.— Du willſt heirathen, wie ich höre?“ „Ja.“ „Schon bald?“ „In der nächſten Woche. Ich dachte, es bis zum Mai hinaus zu ſchieben, aber wir ſind mit unſern Vorkehrungen früher fertig geworden.“ Heinrich nickte, er ſchien dieſem Thema kaum die Aufmerkſamkeit zu ſchenken, welche die Höflichkeit ihm gebot. „Unſre Schweſter Helene wird an demſelben Tage heirathen,“ fügte Otto nach einer Pauſe hinzu. „Ich weiß,“ erwiderte Heinrich gleichgültig,„ſie heirathet Deinen Werkführer.“ 1 „Du ſagſt das in einem Tone, als ob es Dir unangenehm wäre—“ „Mir? Bertha! Was kümmert mich dieſe Angelegenheit? Ich werde mit dieſen Leuten nicht verkehren.“ „Nikolas Schwarz iſt ein ehrlicher, ſtrebſamer Menſch, hat er auch nicht die Kenntniſſe, um ſich emporſchwingen zu können, ſo beſitzt er doch einen vortrefflichen Charakter.“ „Eine Eigenſchaft, die—“ „Die in Deinen Augen nichts gilt. Mag ſein, mir iſt er als Schwager lieber, wie ein Mann, der—“ Er brach ab, der Eintritt des Chevaliers nöthigte ihn dazu. Es bedurfte ſowohl für Otto, wie für den Chevalier nur eines Blickes, um zu erkennen, daß ſie einander vertauen durften, daß 54 — — 850— ſie beide den Mann verachteten, in deſſen Kabinet ſie ſich be⸗ fanden. „Dieſer Herr will nicht glauben, daß die Freundin der gnädigen Frau die Gräfin Laroche ſei,“ ſagte Heinrich in dem Tone der Geringſchätzung.„Wollen Sie nicht die Güte haben, ihm zu erklären, daß dieſe Dame wirklich die Gräfin Laroche iſt?“ „Das kann ich nicht,“ erwiderte der Chevalier ruhig. „Aber Sie ſagten mir doch—“. „Daß die Gräfin Laroche mir dem Namen nach bekannt ſei, — allerdings. Dürfte ich mir erlauben, dieſen Herrn zu fragen—“ „Wozu das?“ fuhr Heinrich auf.„Ihre Antwort genügt.“ „Durchaus nicht,“ ſagte Otto gemeſſen,„ſie widerlegt meine Behauptung nicht. Aber ich ſagte Dir ſchon, reden wir nicht darüber, ich will warten, bis der Augenblick kommt, der mich nöthigt, zu handeln.“ Der Chevalier erſchrack. Der drohende Ton, in welchem dieſer ihm unbekannte Herr ſprach, ließ ihn fürchten, daß derſelbe zu früh handeln und durch ſein Einſchreiten alle ſeine Pläne durchkreuzen könne. Er befolgte zwar die Aufforderung Heinrich's, ſich zu entfernen, aber er war entſchloſſen, ſich darüber, was dieſer Herr zu thun gedachte, Aufſchluß zu verſchaffen. Er wollte ihn prüfen und wenn er fand, daß er ihm ver⸗ trauen dürfte, ſo war er nicht abgeneigt, ihn in ſeinen Plan einzuweihen, nur, um ihn von jedem Schritt abzuhalten, der die Ausführung dieſes Planes vielleicht unmöglich machen konnte. Er holte ſeinen Hut und verließ das Haus, draußen konnte er beſſer, ungeſtörter mit ihm reden. Otto blieb nicht lange mehr bei ſeinem Bruder, nachdem er ihm noch einige ſehr ernſte Worte geſagt hatte, entfernte er ſich. Er ſah den Kammerdiener nicht, der in einiger Entfernung ihm folgte, ſchon hatte er mehrere Straßen, in Gedanken verſunken, durchſchritten, als er plötzlich eine Hand auf ſeiner Schulter fühlte. Beſtürzt wandte er ſich um, er ſah ſich dem Manne gegenüber, mit dem gerade in dieſem Augenblick ſeine Gedanken ſich be⸗ ſchäftigten. „Verzeihen Sie,“ ſagte der Chevalier,„Umſtände nöthigen mich, eine offene Frage an Sie zu richten. In welchem Ver⸗ hältniſſe ſtehen Sie zu dem Herrn Heinrich Schenk?“ „Ich bin ſein Bruder,“ erwiderte Otto, ſowohl über die Frage ſelbſt, wie auch über die vornehme Haltung des Dieners, die den Mann von Erziehung und Rang verrieth, befremdet. „Sie kennen ſeine ganze Vergangenheit?“ g ſich be⸗ mädigen Tone der ihm zu 2 hannt ſei, Herrn zu henügt. gt meine wir nicht der wich ante Herr und durch entfernen, zu thun ihm ver⸗ nen Plan , der die unte. zen konnte achdem er er ſich. entfernung verſunken, ter fühlte gegenüber, n ſich be⸗ nöthign hem Ver⸗ die Frage A „Jo. „Und billigen Sie?“ Das Erſtaunen Otto's wuchs. „Welchen Zweck hat dieſe Frage?“ erwiderte er.„Vertrauen gegen Vertrauen,— wer ſind Sie?“ „Kann ich darauf vertrauen, daß ich einem Ehrenmann gegen⸗ über ſtehe?“ „Gewiß.“ „Sie werden alſo von meinen Mittheilungen keinen Gebrauch machen, ſelbſt in dem Falle nicht, daß Sie meine Anſichten und Pläne nicht billigen könnten?“ „Nein.“ „Wohlan, ich bin nicht der, welcher ich zu ſein ſcheine, ich bin ein Freund der Gattin jenes Mannes und habe ſie gegen ihren Willen begleitet, um ihr Leben zu beſchützen.“ Erſchreckt blickte Otto den Redenden an, er ahnte, daß derſelbe ſchon tief in das düſtere Geheimniß geblickt hatte, das er die Macht beſaß, den Gatten ſeiner Freundin zu vernichten. „Das können wir hier auf offener Straße nicht verhandeln,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe, mühſam ſeine Faſſung behaup⸗ tend,„darf ich Sie bitten, mich in meine Wohnung zu begleiten?“ Der Chevalier war dazu bereit. „Und nun, mein Herr, reden Sie,“ ſagte Otto, nachdem er den Chevalier im Hauſe ſeines Vaters in ein Zimmer geführt hatte,„ich bitte Sie, ſeien Sie ganz offen und aufrichtig, ich werde es auch ſein. Haben Sie Entdeckungen gemacht, welche Ihnen den Beweis liefern, daß die Begleitung meiner Schwägerin nothwendig war?“ „Ich werde Ihnen darüber Aufſchluß geben, wenn Sie mir geſagt haben, wie Sie über die Vergangenheit Ihres Bruders denken,“ erwiderte der Chevalier ruhig. „Er iſt mein Bruder.“ „Dieſe Erklärung genügt mir nicht.“ „Nun wohl, meiner alten Eltern wegen möchte ich ihn nicht auf der Anklagebank ſehen.“ „Werden Sie dies auch dann noch ſagen, wenn er ſich des Verbrechens ſchuldig macht, deſſen Sie ſowohl, wie ich ihn fähig halten?“ „Nein,“ ſagte Otto ernſt,„wenn das geſchieht, ſo laſſe ich jede Rückſicht fallen.“ 3 „Uns für wenn halten Sie dieſe Gräfin Laroche?“ „Für eine Dame der demi-monde, die im vergangenen Jahre in Paris eine ziemlich bedeutende Rolle ſpielte, dann nach England flüchtete und ſich dort mit Falſchmünzern in Verbindung ſetzte.“ 54* — 852— „Dieſes Letztere iſt mir unbekannt, ich kannte ſie in Paris unter dem Namen Marie Latour.“ „Ganz recht.“ „Wiſſen Sie, ſeit wann und wodurch ſie mit Ihrem Bruder ſo vertraut geworden iſt?“ „Nein.“ „Es thut auch nichts zur Sache, mir genügt es zu wiſſen, daß ſie ſeine Rathgeberin und treue Verbündete iſt.“ „Sie haben alſo Beweiſe?“ fragte Otto in fieberhafter Spannung. „Allerdings.“ „Und was wollen Sie thun?“ „Das Opfer retten.“ „Wodurch? Gedenken Sie Hülfe der Polizei in Anſpruch zu nehmen?“ „Einſtweilen noch nicht“ „Einſtweilen!“ ſagte Otto ungeduldig.„Wie können Sie wiſſen, wann der Schlag geführt wird—t „Erlauben Sie, ich weiß ſogar ſehr genau, daß dies in der nächſten Nacht geſchehen ſoll.“ Otto ſprang von ſeinem Sitz empor. „Und da wollen Sie noch warten?“ fragte er. „Ereifern Sie ſich nicht,“ erwiderte der Chevalier mit uner⸗ ſchütterlicher Ruhe,„meine Vorbereitungen ſind ſo gut getroffen, daß die Rettung nicht fehlſchlagen kann. Ich muß darüber jetzt noch ſchweigen, ich würde Ihnen überhaupt keine Silbe davon geſagt haben, wenn ich nicht Ihr Einſchreiten nach der Kataſtrophe fürchtete. Ich werde vielleicht Ihres Beiſtandes bedürfen, vielleicht auch nicht, in jedem Falle zähle ich auf Sie, auf Ihre Hülfe ſowohl, wie auf Ihre Verſchwiegenheit. Auf die Letztere unbedingt, ſogar in dem Falle, daß Sie dem äußeren Schein mehr vertrauen ſollten, als meinen Worten. Prägen Sie dieſen Satz Ihrem Gedächtniſſe ein und erinnern Sie ſich deſſelben, wenn die Kata⸗ ſtrophe, auf welche ich Sie ſchon jetzt vorbereite, eintritt.— Ich könnte allerdings augenblicklich einſchreiten und die Gefahr beſeitigen, aber ich will ergründen, was dieſe Menſchen vorhaben und ich will auch das Leben meiner Freundin für die Zukunft ſichern.“ Otto ſchüttelte mehrmals den Kopf, er begriff offenbar die ganze Bedeutung und den Zuſammenhang dieſer Worte nicht. „Ich weiß nicht, was Sie vorhaben,“ ſagte er nach einer langen Pauſe,„aber ich will Ihnen vertrauen und ſchweigen.“ „Die Verſuchung, zu reden, wird ſtark ſein—“ „Wenn Sie mir ſagen, daß ich ruhig ſein dürfe, ſo will ich es ſein.“ — 853— in Paris„Gut. Eins darf ich Ihnen noch ſagen. So erfahren dieſe angebliche Gräfin auch ſein mag in der Zubereitung ihrer Mittel, mit meinen Kenntniſſen in der Pflanzenkunde und der Chemie kann Bruder dieſe Erfahrung ſich nicht meſſen. Das mag Sie beruhigen, außerdem mache ich Sie darauf aufmerkſam, daß es einen Zuſtand gibt, der zwiſchen Schlaf und Tod die Mitte hält und den man mit dem Namen Scheintod zu bezeichnen pflegt. Und nun laſſen 1 wiſſ ſen, Sie mich gehen, ich darf meinen Poſten nicht verlaſſen.“ berhafer Der Chevalier wartete nicht ab, ob Otto es für nöthig hielt, noch eine Frage an ihn zu richten, er eilte auf dem kürzeſten Wege auf ſeinen Poſten zurück. Der Nachmittag verſtrich ohne bemerkenswerthe Ereigniſſe. Jeanette entdeckte wenigſtens nichts, was ihr Anlaß gab, den uu z Chevalier davon zu benachrichtigen, die beiden Damen plauderten 6 miteinander über die gleichgültigſten Dinge. Es fiel ihr nur auf, daß Madame Schenk ſtiller und ein⸗ gn h filbiger war, wie am Tage vorher, aber das ließ ſich durch ihren 3 leidenden Zuſtand erklären. in der Am Abend bat die Gräfin in Gegenwart Jeanette's die 1 Freundin, dem Kammermädchen ein anderes Schlafzimmer anzu⸗ I weiſen; ſie ſchätzte vor, daß ſie ſich fürchte, in einem und demſelben Raume mit einer Nachtwandlerin zu ſchlafen. Bertha errieth den Grund dieſer Bitte, die Mittheilungen des 1 Uner Chevaliers ließen darüber keinen Zweifel obwalten. etroſſen, Sie weigerte ſich Anfangs, den anſcheinend ſehr gerechtfertigten er jett Wunſch zu erfüllen, als aber auch Jeanette, die ja im Einver⸗ dadon ſtändniß mit dem Chevalier handelte, darum bat, gab ſie ihre ſluophe Einwilligung. delleicht Bald darauf erſchien der Arzt. e Hülft Er fand keine weſentliche Aenderung in dem Zuſtande der bedingt, Kranken, und als die Gräfin unter vier Augen mit ihm, die ertrauen Befürchtung ausſprach, daß dieſe Krankheit eine raſche, plötzliche Ihrem Wendung nehmen könne, begnügte er ſich damit, die Achſeln zu e Katga zucken und zu erwidern, daß er dies zwar nicht glaube, aber auch — Jc nicht beſtreiten wolle. ſeitigen, Er ſagte ihr ſogar offenherzig, daß er noch immer nicht im und ich Stande ſei, ein ſicheres Urtheil zu fällen, daß er eine Kriſis ern.“ abwarten müſſe und daß er nichts weiter thun könne, als auf die bar dide Linderung der Schmerzen hinzuwirken. cht. Nach der Vorſchrift des Chevaliers hätte Bertha jetzt die langen Mixtur nehmen müſſen, aber ſie zögerte— ſie kannte die Wirkung derſelben nicht und fürchtete ſie dennoch. Auf der auderen Seite konnte und wollte Bertha noch immer vill ic nicht glauben, daß die Gräfin Laroche, dieſe liebenswürdige, fein⸗ gebildete Dame eine Giftmiſcherin ſein ſollte, ſie meinte, ſich darüber vorher Gewißheit verſchaffen zu müſſen. Aber war es nicht zu ſpät, wenn ſie dieſe Gewißheit erhielt? Bertha hatte darüber den ganzen Tag hindurch nachgedacht, Pläne geſchmiedet und wieder verworfen— aber es ſtand feſt bei ihr, ſie wollte es wagen. Sie duldete an dieſem Abend nicht, daß die Gräfin den Fau⸗ teuil benutzte, ſie wies der Freundin ihr eignes Bett an und beſtand hartnäckig darauf, im Bette Jeanette's ſchlafen zu wollen. Alle Bitten und Vorſtellungen der Gräfin waren vergeblich, nichts vermochte den Eigenſinn Bertha's zu beugen, und ſchon drohte dieſer Wettſtreit in einen ſehr heftigen Wortwechſel auszu⸗ arten, als Maria Latour endlich nachgab. Die Ausführung dieſes Vorſatzes lag in dem Plane Bertha's. Sie duldete außerdem nicht, daß das Licht in den Alkoven gebracht wurde, indem ſie vorſchützte, die Dunkelheit thue ihr wohl und Marie Latour wußte auch dieſem Wunſche ſich zu fügen. Der entſcheidende Augenblick rückte immer näher, Bertha gab ſich den Anſchein, als ob ſie ſchliefe, aber ſie beobachtete ſehr ſcharf jede Bewegung der Gräfin. Sie war auch darüber mit ſich zu Rathe gegangen, ob ſie in dem entſcheidenden Augenblick die vermeintliche Freundin der Gift⸗ miſcherei beſchuldigen und Lärm machen ſollte, oder ob ſie beſſer thue, zu ſchweigen und den Rath des Chevaliers zu befolgen. Nach langem Nachdenken war ſie zu dem Entſchluß gekommen, das Letztere zu wählen, ſie ſagte ſich, daß der Chevalier ſelbſt die Entlarvung vorgezogen hätte, wenn er die Gewißheit hegen dürfte, dadurch die Gefahr ganz und für immer zu beſeitigen. Sie ſah, daß die Gräfin ſich kurz vor Mitternacht erhob und ein Flacon aus dem Buſen zog, ſie ſah ferner, daß der größere Theil des Inhalts aus dieſem Flacon mit der vom Arzte verord⸗ neten Medizin vermiſcht wurde. Die Mixtur des Chevaliers lag unter dem Kiſſen. Gleich darauf machte die Gräfin abſichtlich Geräuſch, Bertha gab ſich den Anſchein, als ob dieſes Geräuſch ſie geweckt habe. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihren Schlummer unterbrochen habe,“ ſagte die Gräfin mit ihrer ſanften, einſchmeichelnden Stimme, „ich mache mir bittere Vorwürfe darüber, Sie bedürfen den Schlaf ſo ſehr.“ „Beunruhigen Sie ſich deshalb nicht,“ erwiderte Bertha,„ich möchte eher vermuthen, daß dieſes unerträgliche Kopfweh mich geweckt hat.“ „Nun Sie einmal wach ſind, müſſen Sie auch einnehmen, ich verſpreche mir von dieſer Medizin eine vortreffliche Wirkung.“ — 855— Ante, ſich„Bitte verſchonen Sie mich.“ „Nein, der Arzt hat es mir ſtreng anbefohlen.“ Jahil„Nun, wenn das iſt—“ aügedacht„Es iſt ſo meine Liebe,“ fuhr die Gräfin fort, während ſie d feſt bei die Flaſche ſchüttelte und den ſilbernen Löffel füllte,„denken Sie, 2 wie ſchön wäre es, wenn wir in den erſten Tagen unſere Reiſe den Fau⸗ antreten könnten.“ an und Bertha nahm den Löffel. u wollen.„Bitte, meine theure Freudin, bringen Sie mir doch den Fuß⸗ vergeblih ſchemel, ich fühle mich ſo ſchwach—“ nnd ſchon„Ah, ich werde Sie halten.“ el auszu⸗„Nein, nein, den Schemel!“ ,„Sie ſind gar zu ungeduldig,“ ſagte die Gräfin,„Ihre Nerven Dercha s. müſſen furchtbar gereizt ſein.“ Alloven Kaum hatte die Gräfin den Rücken gewandt, um im Neben⸗ ihr wohl zimmer den Schemel zu holen, als Bertha raſch den Inhalt des Löffels hinter das Bett goß und in derſelben Sekunde auch das Flacon leerte, welches die Mixtur des Chevaliers enthielt. „Ah— wie bitter!“ ſagte ſie, während ſie in die Kiſſen zurück⸗ ſinkend, das Flacon zwiſchen die Matrazen gleiten ließ. ob ſie i„Bitter?“ fragte die Gräfin.„Die bittern Medikamente ſind der Gif-⸗- ſehr oft die wirkſamſten.“ ſie beſer„Ich liebe ſie nücht,“ erwiderte Bertha, während Marie Latour lgen. den Löffel wieder in das Waſſerglas ſtellte.„Ich biu müde, laſſen kommen, Sie mich ruhen.“ elbſt die Die Mixtur wirkte raſch, Bertha fühlte in allen Gliedern mdürfte, eine plötzliche Lähmung. Sie machte inſtinktmäßig eine Anſtrengung, dieſe Lähmung zu hob und bekämpfen, aber ſie vermochte es nicht, ſie war nicht im Stande gößere einen Finger zu bewegen. veror⸗ Die Augenlider ſenkten ſich, ein convulſiviſches Zittern durchlief den ganzen Körper. Marie Latour beugte ſich über ſie, ihr glühender Blick hing Bertha unverwandt an den Zügen der Kranken, deren Ausdruck mit jeder habe⸗ Sekunde mehr erſtarrte. rbrochn„Sonderbar,“ murmelte ſie,„es iſt nicht die Wirkung, die ich Stimme erwartet hatte. Wie ſanft und ruhig iſt dieſes Ableben, ich hatte Schlaf gefürchtet,—— aber deſto beſſer, der Zweck iſt ja erreicht.“ . Eine Stunde verſtrich, unausgeſetzt hatte Marie Latour den dc, ich Todeskampf beobachtet.— 3 un Nun war er längſt beendet,— eine ſtarre Leiche lag die Freundin vor ihr. Marie Latour entfernte raſch Alles, was irgend einen Arg⸗ nen,ich wohn hätte erregen können, ſie goß die Medizin aus, trocknete „ ¹ mg. — —— ——— — 856— B Ibeinen Löffel ſorgfältig ab und zog dann ſtürmiſch die ocke. Und als ob ſie alle nur auf dieſes Zeichen gewartet hätten, eilten ſchon in den nächſten Minuten Heinrich Schenk, der Chevalier und Jeanette herbei. Die Gräfin in Ohnmacht— Madame Schenk eine Leiche! Ein einziger Blick genügte, dieſe Thatſachen erkennen zu laſſen. Heinrich Schenk war untröſtlich, er befahl dem Kammermädchen, ihre ganze Aufmerkſamkeit der Gräfin zu widmen und beſtürmte dieſe, als ſie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, mit Fragen über dieſes ihn erſchütternde Ereigniß. Der Chevalier beobachtete die Beiden verſtohlen, er mußte jetzt die Gelegenheit ſofort benutzen, um das Recht der Bewachung der Todten ſich zu verſchaffen. „Die gnädige Frau ahnte ſchon heute Morgen, daß ſie ſterben mußte,“ ſagte er, nachdem der erſte Akt der widerlichen Komödie beendet war,„ſie hat mir erklärt, daß ſie wünſche, ich möge nach ihrem Tode die Anordnungen für ihre Beerdigung übernehmen.“ „Einen Arzt!“ ſchrie Heinrich Schenk.„Einen Arzt!“ „Das hat ſie Ihnen geſagt?“ fragte Marie Latour miß⸗ trauiſch. „Sie bezeichnete es als ihren letzten Wunſch,“ erwiderte der Chevalier mit einer Ruhe, die jeden Argwohn im Keime erſticken mußte,„vielleicht that ſie es, um ihren Hinterhliebenen die Sorge dafür abzunehmen, oder auch deshalb, weil ſie wußte, daß ich damals bei einer Verwandten der Frau Fürſtin—“ „Ihr Wunſch ſoll erfüllt werden,“ fiel Heinrich ihm in's Wort,„treffen Sie Ihre Anordnungen und verfügen Sie über meine Kaſſe. Aber vor allen Dingen rufen Sie einen Arzt.“ Der Chevalier kam dieſer Aufforderung nach, aber ehe er hinausging, gab er dem Kammermädchen durch einen verſtohlenen Wink zu verſtehen, daß ſie wachſam ſein möge. Jeanette verſtand dieſen Wink, ſie wich nicht von dem Lager ihrer Herrin, und wenn ſie ſich auch den Anſchein gab, als trauere ſie über den Verluſt, ſo beobachtete ſie doch heimlich die Beiden, die noch immer einen tiefen Schmerz heuchelten. Die Gräfin lag in einem Seſſel und führte oft das feine Battiſttuch an die Augen, während Heinrich mit verſchränkten Armen, düſter vor ſich hinſchauend, auf⸗ und abwanderte. Es währte lange, bis der Arzt erſchien, um die Komödie vollſtändig zu machen, beſtürmten die Beiden ihn in einem Tone, wie nur der Schmerz der Verzweiflung ihn gebären kann, die Todte wieder zum Leben zu erwecken. Der Chevalier wußte ſehr wohl, daß ſie durch dieſe Verzweiflung niſch die hätten, evalier 1 Kchel laſſen. mädchen, heſtürmte gen über mußte wachung 90 ſterben Komüdie ige nach ehmen.“ r miß⸗ erte der erſticken Sorge daß ich — 857— nur bezweckten, die Aufmerkſamkeit des Arztes abzulenken, und dieſen Zweck erreichten ſie vollſtändig. Der Mann der Wiſſenſchaft hegte nicht den leiſeſten Argwohn, es befremdete ihn allerdings, daß die Krankheit ein ſo plötzliches und raſches Ende genommen hatte, aber er ließ es bei einigen Worten der Theilnahme und des Bedauerns bewenden. Das Spiel war gewonnen, hatte die Beerdigung ſtattgefunden, ſo ſtand den Beiden zur Erreichung ihres Ziels kein Hinderniß mehr im Wege. Hundertundzehntes Kapitel. Auf dem Friedhofe. Dem Chevalier waren die Anordnung zur Beerdigung über⸗ laſſen worden. Weder Heinrich Schenk, noch Marie Latour fanden Anlaß zu einem Mißtrauen gegen dieſen Kammerdiener, der weder Theilnahme noch ein tieferes Intereſſe verrieth. Die Erlaubniß zur Beſchleunigung der Beerdigung war ebenfalls ausgewirkt, die Gräfin hatte den Kammerdiener darauf aufmerkſam gemacht, daß er ſich mit ſeinen Anordnungen danach einzurichten habe. Der erſte Gang des Chevaliers galt dem Beſitzer eines Sarg⸗ magazins. Er wählte unter den theuerſten, reichverzierten Särgen einen aus und beauftragte den Verkäufer, in demſelben mehrere Schieber anzubringen. Nach ſeinen Anordnungen mußten dieſe letzteren ſo angebracht werden, daß ſie durch die Verzierungen faſt ganz verdeckt wurden, ſo daß nur ein ſcharfes Auge bei genauer Prüfung ſie entdecken konnte, wenn ſie geſchloſſen waren. Der Inhaber des Magazins ſchüttelte zwar den Kopf, er erlaubte ſich auch die Bemerkung, daß ihm dies Alles höchſt über⸗ flüſſig ſcheine, da ja eine Leiche weder Licht noch Luft bedürfe und ſogar eine Scheintodte durch den einzigen üblichen Schieber Luft genug erhalte, aber der Chevalier beſtand darauf, daß dieſe Anordnungen ausgeführt werden müßten. Er beſtimmte dem Manne die Zeit genau, zu der der Sarg abgeliefert werden — 858— müſſe und traf, bevor er ſich entfernte, noch die Anordnung, daß der Deckel nicht durch Schrauben ſondern durch ſtarke Klammern befeſtigt werden ſollte. Von da ging er zum Friedhofe. Er ließ ſich die Familiengruft des verſtorbenen Fabrikanten Theodor Liebmann bezeichnen und ſtieg in Begleitung des Todten⸗ gräbers hinunter. Trotz der Ventilation herrſchte eine dumpfe, unangenehme Luft in dem en gen Raume; der Chevalier gab dem Todtengräber ein Goldſtück und bat ihn, die Lucken zu öffnen und ſie bis zum Augenblick der Beerdigung offen zu laſſen. „Sie werden ferner dafür ſorgen, daß die Stätte mit Kränzen und Guirlanden geſchmückt wird,“ fuhr er fort, indem er dem alten Manne ein zweites Goldſtück übergab,„außerdem wünſche ich, daß ſofort nach der Beerdigung nicht allein die Luken, ſondern auch dieſe eiſerne Fallthüre wieder geöffnet wird.“ Der Todtengräber blickte befremdet den jungen Mann an. „Wozu das Alles?“ fragte er.„Ich denke, einer Leiche kann es gleichgültig ſein—“ „Erlaubt— habt Ihr noch nie von Fällen gehört, in denen Scheintodte im Grabe wieder erwacht ſind?“ unterbrach der Chevalier ihn ruhig.„Bedenkt wie entſetzlich ein ſolches Erwachen ſein muß. Iſt es denn unmöglich, daß dieſer Fall auch hier eintreten kann? Die junge Frau iſt plötzlich geſtorben, wer bürgt dafür, daß ſie nicht in einem Starrkrampfe liegt, aus dem ſie wieder erwachen kann?“ „Das müßte doch der Arzt—“ „Lieber Mann, wenn die Herren Aerzte Alles ſo genau wüßten, könnte es nie vorkommen, daß ein Scheintodter beerdigt würde, und doch iſt es bewieſen, daß ſolche Fälle vorgekommen ſind. Nun wohl, ſetzen wir den Fall, dieſe junge, ſchöne Frau erwacht plötzlich aus ihrem todesähnlichen Zuſtande, ſie ſieht ſich ein⸗ geſchloſſen in einer Gruft, umgeben von modernden Gerippen, umweht von einer Luft, die den Tod bringen muß und— „Herr, das wäre entſetzlich!“ „Ah— ſeht Ihr, es leuchtet Euch ein! Und geſetzt auch, jener Fall tritt nicht ein, ſchadet es der Todten, wenn die Fall⸗ thüre geöffnet bleibt und eine Leiter in der Gruft ſteht?“ „Freilich nicht.“ „Nun wohl, mir hat die Todte vor ihrem Scheiden auf die Seele gebunden, alle dieſe Anordnungen zu treffen, haltet Ihr es nicht für meine Pflicht dieſen letzten Wunſch zu erfüllen?“ Der Todtengräber nickte. „Daß ich das allein nicht kann, ſondern Eurer Hülſe dazu dnung, daß ſabrikanten s Todten⸗ angenehme dtengräber 2 bis zum 1 Kränzen ter dem m wünſche ſondern in denen Chevalier chen ſein eintreten gt dafür, e wieder wüßten, würde, een ſind. erwacht ich ein⸗ erippen, t auch, ie Fal⸗ auf die Iht es ſe dazu bedarf, ſeht Ihr natürlich auch ein, aber ich ver Ihr es umſonſt thut.“ berzeugt, die Goldſtücke, welche er in der Börſe des Chevaliers ſchimmern — 859— lange nicht, daß Der alte Mann war ü ſah, beſeitigten ſeine letzten Zweifel. „Sagen Sie mir, was ich thun ſoll,“ erwiderte er,„ich werde mich Ihren Anordnungen gerne fügen.“ ch miteinander „Schön, auf dieſem Wege werden wir uns raſ verſtändigen. Sobald alſo der Sarg beigeſetzt iſt und die Leute ſich entfernt haben, ſteigt Ihr in die Gruft hinunter. Ihr werdet in dem Deckel des Sarges vier Schieber finden, ſucht nur neben und unter den Verzierungen, dieſe müſſen ſämmtlich geöffnet werden. Alsdann wünſche ich, daß neben dem Sarge eine bren⸗ nende Laterne ſteht, daß eine Leiter in die Gruft hinunterführt und daß die Fallthüre zur Hälfte geöffnet bleibt.“ „Das iſt Alles?“ „Ja. „Ich werde es beſorgen.“ „Hört weiter. Es iſt möglich, daß ich in der Nacht nach der Beerdigung komme, um mich zu überzeugen, ob meine An⸗ ordnungen getroffen ſind, ich wünſche alsdann nicht geſtört zu werden.“ „Es iſt gut. Ich ſetze voraus, daß Sie nicht beabſichtigen, die Leiche zu rauben, Herr—“ „Sehe ich vielleicht aus, wie ein Leichenräuber?“ „Hm— man kann nicht wiſſen— die Herren Studioſen haben manchmal—“ „Ah, bah, dieſe Beſorgniß iſt thöricht. Nach drei Tagen können Sie die Gruft ſchließen, ich werde vorher noch einmal kommen, um etwaigen ſpäteren Gewiſſensbiſſen vorzubeugen und alsdann die Schieber ſchließen. Das iſt Alles— wollt Ihr dieſe Anordnungen püuktlich ausführen?“ „Ja. „So nehmt dieſe vier Louisdor's und ſchweigt gegen Jeder⸗ mann, es iſt ja nicht nöthig, daß man's an die große Glocke hängt.“ Der Todtengräber war auch mit dieſer Anſicht einverſtanden, Stadt zurück. und der Chevalier kehrte nun zur Sein nächſter Beſuch galt dem Barbier Gabel, bei dem er Otto Schenk und einen andren ihm unbekannten Herrn antraf, der ihm als Herr Fritz Wacker, Beſitzer eines Magazins fertiger Herren⸗Garderobe, vorgeſtellt wurde. Der Chevalier erinnerte ſich, daß dieſer Herr der Gläubiger des Friſeurs war, aber er mochte in ſeiner Gegenwart die Maske nicht fallen laſſen. — — 860— Schon ſtand er im Begriff, ſich wieder zu entfernen, als Wacker die Abſicht äußerte, heimzugehen, und da er dieſe Abſicht auch gleich darauf ausführte, ſo konnte der Chevalier bleiben. „Ich habe vor Ihnen beiden keine Geheimniſſe,“ ſagte er, „wir können alſo gemeinſchaftlich über den Vorfall reden, der uns Alle intereſſirt.“ „Ja, ja,“ erwiderte der Friſeur haſtig,„und es iſt gut, daß Sie kommen, denn ich ſtand im Begriff, Sie aufzuſuchen.“ „Weshalb?“ fragte der Chevalier ruhig. „Weshalb?“ entgegnete Otto erregt.„Um von Ihnen Auf⸗ klärung zu verlangen—“ „Halt,“ fiel der Chevalier ibm ernſt in's Wort,„bis hieher und nicht weiter! Ich habe Ihnen beiden geſagt, was auch vorfallen möge, für Sie ſei kein Grund vor handen, deshab an meinen Worten zu zweifeln. Das muß Ihnen einſtweilen ge⸗ nügen. Ich bitte Sie, vertrauen Sie mir auch ferner, unter⸗ nehmen Sie nichts, durchaus nichts, jeder Schritt, den Sie thun würden, könnte meine Pläne durchkreuzen.“ „Und Sie glauben, daß uns das beunruhigen kann?“ fragte Otto ſcharf.„Wer ſind Sie, mein Herr—“ „Erlauben Sie mir eine Frage. Wünſchen Sie, Ihren Bruder als Giftmiſcher auf der Anklagebank zu ſehen?“ „Ich ſagte Ihnen ſchon—“ „Daß Sie alle Rückſichten gegen ihn ſchwinden laſſen würden, aber ich habe mir einen andern Weg vorgezeichnet, auf dem ich ihn vernichten werde, ohne ſeinen Namen und ſeine bürgerliche Ehre anzutaſten., Deshalb bitte ich Sie noch einmal, ſchweigen Sie, gedulden Sie ſich nur vier Wochen, binnen dieſer Zeit werden Sie eine Aufklärung erhalten, die Ihnen genügt. Wollen Sie das? Wenn es Ihre Abſicht iſt, jenen Mann des Gatten⸗ mordes zu überführen, können Sie das nicht auch nach vier Wochen noch? Es bedarf ja nur einer Ausgrabung der Leiche — alſo gedulden Sie ſich.“ „Sei es denn,“ ſagte Otto nach langem Zögern,„ich weiß nicht, was mir ſo großes Vertrauen zu Ihnen einflößt, aber ich meine, ich könne Ihnen nicht mißtrauen.“ „Und Sie?“ fragte der Chevalier, ſich zu dem Friſeur wendend. „Wenn Herr Schenk ſich geduldet, weshalb ſoll ich es nicht thun?“ erwiderte Gabel. „So wären wir alſo darüber einig. Ich hatte Ihnen ver⸗ ſprochen, Ihre Schuld übernehmen zu wollen, ich werde mein Verſprechen nach vier Wochen erfüllen—“ „Ich danke Ihnen für dieſen Beweis Ihrer Güte,“ unter⸗ brach Gabel ihu,„aber ich kann Gottlob auf ihn verzichten. würden, dem ich irgerliche cweigen ſer Zeit Wollen Gatten⸗ ach vier er Leiche h weiß aber ich vendend. es nicht ien ver⸗ e mein unter⸗ tzichten 8' — 861— Mein Gläubiger hat aus ſeinem Schiffbruch mehr gerettet, als er hoffen durfte und es geht ihm in ſeinem neuen Geſchäft recht gut.“ „Aber das entbindet Sie nicht von der Verpflichtung, die Schuld zu tilgen.“ „Seine Tochter iſt meine Braut und wir werden ſchon ſehr bald die Hochzeit feiern.“ „Ah, da gratulire ich! Ihre Naſe hat ja inzwiſchen auch eine unſchuldigere Farbe angenommen—“ „Gott ſei Dank ja,“ ſagte der Friſeur, indem er ſein Riech⸗ organ angriff,„wenn ſie nur auch in der Ferne ſich etwas ver⸗ edeln wolle.“ Der Chevalier nahm ſeinen Hut. „Sie werden das mir vermiethete Zimmer nun ſelbſt benuszn müſſen,“ verſetzte er,„ich erlaube Ihnen, über dasſelbe zu ver⸗ fügen und das chemiſche Laboratorium zu verwerthen, ſo gut Sie können. In Ihrer Schuld bleibe ich, verlaſſen Sie ſich ſich darauf, daß ich ſie abtragen werde.“ Er verließ in Otto's Begleitung das Haus, aber der letztere verfuchte vergeblich, in die Geheimniſſe ſeines Begleiters einzu⸗ ringen. Der Chevalier wich allen Fragen aus; als er Abſchied von ihm nahm, wiederholte er, daß der gewünſchte Aufſchluß nach vier Wochen erfolgen werde. „Sollten wir uns morgen bei der Beerdigung ſehen, ſo ſind wir einander fremd,“ ſagte er,„wir müſſen auch jetzt noch Alles vermeiden, was Mißtrauen erregen könnte.“ „Ich werde nicht zugegen ſein,“ erwiderte Otto mit düſtrem Ernſt,„ich kann keine Theilnahme zeigen.“ „Es wird Anſtoß erregen, wen Sie fehlen.“ „Mag ſein, aber ich reiſe heute Abend wieder ab. Meine Geſchäfte erlauben eine lange Abweſenheit nicht, nachdem ich hier die nöthigſten Anordnungen zur Hochzeit getroffen habe, gebietet mir meine Pflicht, mich wieder meinem Etabliſſement zu widmen. — Es wird kein heitres Feſt ſein, wie ich es gehofft und ge⸗ wünſcht hatte. Leben Sie wohl und täuſchen Sie mein Ver⸗ trauen nicht.—— Der Chevalier kehrte jetzt in das Sterbehaus zurück. Es war ſtill in demſelben, ſtill und dunkel in allen Räumen. Jeanette begegnete ihm im Vorzimmer. „Die Gräfin hat das Haus verlaſſen,“ ſagte ſie,„der Herr iſt unten in ſeinem Kabinet.“ „Und die Todte?“ fragte der Chevalier. „Ich habe Ihre Vorſchrift befolgt.“ 2 3 „Sie iſt alſo recht warm gekleidet?“ „Ja.“ „Gut, ich hoffe, der Sarg wird ſogleich gebracht werden, es liegt mir viel daran, daß ſie ſich im Sarge befindet, wenn die Gräfin zurückkehrt.“ „Und Sie wollen nichts gegen dieſes Weib unternehmen?“ „Nein. Wir werden in dieſer Nacht gemeinſchaftlich an dem Sarge wachen und dann näher darüber reden.“ Der Wunſch des Chevaliers wurde erfüllt. Der Sarg wurde gebracht, ehe die Gräfin zurückgekehrt war, als die letztere kam, lag Bertha ſchon auf der letzten Ruheſtätte. Marie Latour erklärte ſich mit allen Anordnungen, die der Chevalier getroffen hatte, einverſtanden, ſie ging noch einmal in das Zimmer, um die Leiche zu ſehen und begab ſich darauf in das Kabinet. Gleich darauf wurde auch Henri in das Kabinet gerufen. „Der Tod löſt jeden Vertrag,“ ſagte Heinrich, als der Chevalier ihm gegenüberſtand,„ich könnte Ihnen alſo erklären, daß auch Ihr Vertrag gelöſt ſei und Sie das Haus nun zu verlaſſen hätten. Aber in Anbetracht der treuen Dienſte, die Sie der Heimgegangenen geleiſtet haben, will ich Ihnen geſtatten, bis morgen Abend zu bleiben, nach der Beerdigung kommen Sie zu mir, damit ich Ihnen das Gehalt für das laufende Vierteljahr zahle.“ Der Chevalier verbeugte ſich, er hatte das erwartet. „Jeanette trifft daſſelbe Schickſal,“ fuhr Heinrich fort,„die Frau Gräfin würde ſie engagirt haben, wenn Jeanette nicht mit jener Krankheit behaftet wäre, von der Sie gehört haben werden.“ „Ich werde es ihr mittheilen,“ erwiderte der Chevalier gelaſſen. „Thun Sie das. Ich werde Ihnen beiden die Mittel geben, nach Paris zurückzureiſen, vielleicht entſpricht das auch Ihren Wünſchen.“ Der Chevalier verbeugte ſich abermals und ging hinaus. Die Gräfin verließ bald darauf das Haus wieder, und der Chevalier, der noch immer das Thun und Treiben dieſer beiden Perſonen ſcharf beobachtete, bemerkte, daß auch Heinrich Schenk am Abend ſich entfernte. Wohin dieſer Mann ging, wußze er, er ließ ihn gehen, es intereſſirte ihn augenblicklich nicht, tiefer in die Pläne deſſelben einzudringen, die ihm ja ſchon bekannt waren. Als der Abend dämmerte, wurden die beiden Kerzen, die zu Häupten des Sarges auf hohen Kandelabern ſtanden, angezündet. Die Schieber waren geöffnet, der Chevalier und Jeanette ſaßen im Vorzimmer. erden, es wenn die wen?“ h an dem ehrt war, tuheſtätte. die der inmal in f in das ufen. Chevalier auch Ihr n hätten. gangenen Abend zu c Ihnen rt,„die tte nicht t haben gelaſſen. el geben, Ihren us. und der er beiden Schenk ehen, es deſſelben die zu te ſaßen Als Heinrich Schenk zurückgekehrt war, zog er ſich ſogleich in ſein Schlafzimmer zurück, eine halbe Stunde ſpäter löſchte der Chevalier die Kerzen. „Es iſt beſſer ſo,“ ſagte er, als Jeanette ihn darauf auf⸗ merkſam machte, daß es geweihte Kerzen ſeien, die man bei einer Leiche brennen laſſen müſſe.„Im Uebrigen rathe ich Ihnen, ſich auf's Sopha zu legen, wenn Sie ſchlafen können, die Ruhe thut Ihnen Noth.“ Jeanette hatte ſchon ſeit einer Stunde den Schlaf bekämpft, ſie zögerte auch jetzt noch, von der Erlaubniß Gebrauch zu machen. „Sie ſagten heute Mittag, Sie würden in dieſer Nacht mir näheren Aufſchluß geben,“ erwiderte ſie,„dürfte ich Sie nun darum bitten?“ „Eilt das ſo ſehr?“ fragte der Chevalier lächelnd.„Es iſt beſſer, Sie gedulden ſich—“ „Aber mein Gott, die Geduld hat auch ein Ende! Ich ſtehe vor einem dunklen Räthſel, welches ich nicht löſen kann—“ „Und da meinen Sie, wenn Sie die Auflöſung erhielten, würden Sie ruhig ſein? Liebes Kind, die Auflöſung machte Ihnen mehr zu ſchaffen, als das Räthſel ſelbſt, glauben Sie mir.“ „Wenn auch, die Gewißheit—“ „Kann auch nicht Jeder ertragen. Schlafen Sie jetzt und faſſen Sie ſich in Geduld.“ „Wie lange noch?“ „Bis morgen Abend.“ „Ich fürchte, daß ich es nicht kann.“ „ÜUnſinn— verſuchen Sie es nur. Haben Sie zwei dunkle Mäntel?“ „Nein.“ „Aber einen.“ „Nur einen Long⸗Shawl.“ „Gut, er thut dieſelben Dienſte. Aber es wäre gut, wenn Sie deren zwei beſäßen.“. „Wenn Sie das glauben, verehren Sie mir den zweiten, ich nehme ihn gern an.“ „Sehen Sie, Sie können noch ſcherzen, ſo außerordentlich ſcheint das Räthſel Sie doch nicht zu beſchäftigen. Haben Sie wirklich keinen zweiten Shawl?“ „Einen ſehr dünnen—“ „Einerlei, ſo kalt iſt es ja jetzt nicht mehr.“ „Aber weshalb fragen Sie?“ „Hm— Sie werden es erſt morgen erfahren. Sorgen Sie nur, daß Ihre geſammte Garderobe vor der Beerdigung hinaus gebracht wird.“ 1 4 864 „Wohin?“ „Das ſage ich Ihnen morgen. Sie haben ein Koffer?“ „Zwei.“ „Deſto beſſer. Vertrauen Sie mir Ihre Sachen an, Jeanette, ich werde ſie mit den meinen zugleich morgen an einen ſichern Ort bringen laſſen.“ „Wünſchen Sie es?“ „Ja, auch in Ihrem Intereſſe.“ ‚So ſei es.“ ‚Und nun ſchlafen Sie, Jeanette, Sie können ja die Augen nicht mehr offen halten.“ Das war die Wahrheit, das Mädchen ſchlief bereits, und der Chevalier ſtörte ſie in ihrem Schlummer nicht. Er ſelbſt wachte die ganze Nacht hindurch, aufmerkſam auf jedes Geräuſch horchend, fuhr er oft von ſeinem Stuhl empor, wenn er draußen auf dem Korridor ein Geräuſch zu vernehmen glaubte. Erſt als der Tag angebrochen war, weckte er Jeanette, um nun ſelbſt eine kurze Ruhe zu genießen. 1 1 Hundertundelftes Kapitel. Das Ende mit Schrecken. Bertram Schenk theilte die Vermuthungen unb Anſchauungen Otto's. Auch er hatte ſich geweigert, an der Beerdigung Theil zu nehmen, auch er hegte in Bezug auf das Hinſcheiden Bertha's einen Argwohn, den er nicht auszuſprechen wagte. Vergeblich machte ſeine Frau ihm die ernſteſten Vorwürfe über dieſen Mangel an Theilnahme, dieſe ſchroffe Feindſeligkeit, wie ſie es nannte, Bertram Schenk beharrte bei ſeiner Weigerung, ohne ſeine Gründe zu nennen. War es nun dies, oder die Abſicht, ſich auch die Theilnahme ſeiner Eltern zu ſichern und möglicherweiſe dadurch den Aeußerungen, die Otto im Familienkreiſe vielleicht fallen ließ, entgegen zu treten, genug, am Morgen des zur Beerdigung feſtgeſetzten Tages trat Heinrich in das Haus ſeiner Eltern, um perſönlich noch einmal den Vater zur Beerdigung einzuladen. — 865— Bertram Schenk hörte ſchweigend mit düſtrer Miene die Klagen ffer?” ſeines Sohnes an, kein Zug der Theilnahme und des Bedauerns zeigte ſich in ſeinem ernſten Antlitz. n. Jannette,„Ich werde nicht kommen,“ ſagte er, als Heinrich ſchwieg,„ſo ien ſichern ſehr ich ſelbſt auch bedaure, Deiner Gattin das letzte Geleite nicht geben zu können, iſt es mir doch unmöglich, Deinen Wunſch zu erfüllen.“ „Daran erkenne ich die Einflüſterungen Otto's,“ erwiderte Heinrich mit verbiſſenem Groll,„Ihr Beide ſeid ſtets—“ de Augen„Laſſen wir das,“ unterbrach der Schenkwirth ihn ernſt,„ich habe mit Otto, der geſtern Abend wieder abgereiſt iſt, kaum 8, und der darüber geſprochen.“ „Nun wohl, welche Gründe haſt Du—“ ecſem auf„Ich mag ſie nicht nennen, ich denke mit Entſetzen daran, daß uhl enper ſie—— wie geſagt, ich kann nicht mitgehen, es iſt mir ernehwen nicht möglich, eine Theilnahme zu heucheln, die ich nicht empfinde.“ „Das heißt die Feindſeligkeit zu weit getrieben,“ ſagte Frau ennette um. Schenk auffahrend,„wenn Du Deine Gründe nicht nennen willſt, ſo kann man nur annehmen, daß Du keine Gründe nennen kannſt, die Dein Benehmen entſchuldigen.“ „Denkt darüber, wie Ihr wollt,“ entgegnete Bertram Schenk achſelzuckend, während er ſich der Thüre näherte,„ich kann nur wünſchen, daß die Wahrheit meiner Vermuthungen——— aber wir werden das ja mit der Zeit erfahren.“ Er ging hinaus, ohne Heinrich, deſſen Wangen eine erdfahle Bläſſe überzog, eines Blickes zu würdigen. Frau Schenk ſuchte ihren Sohn zu beruhigen, ſie erging ſich in heftigen Vorrwürfen gegen ihren Gatten und verſprach, noch — einmal den Verſuch zu machen, ihn zu einer Aenderung ſeines Entſchluſſes zu bewegen. nſchauungen Damit beruhigte Heinrich ſich nicht. Er ſuchte den Vater auf, den er allein in der Schenkſtube 3 Theil 5 traf und erſuchte ihn in einem Tone, der trotzig herausfordernd a Bertha klang, ihm ſeine Gründe zu nennen. 4 Bertram Schenk ließ ſeinen Blick mit durchdringender Schärfe voroltf auf dem Sohne ruhen. einſeliglit„Wenn Du ein reines Gewiſſen haſt, ſo kannſt Du Dich Weigerung, über ſie hinwegſetzen,“ ſagte er ernſt,„aber ſchon der Ton, den Du anſchlägſt, beweiſt mir, daß Deine Seele nicht frei von Schuld Theilnahmt iſt. Schon damals, als Dein früherer Prinzipal im Irrenhauſe ußerungen, geſtorben war, liefen Gerüchte um, denen ich, Gott ſei's geklagt, n zu treten nicht entgegentreten konnte, ich fürchte, daß auch diesmal wieder Tages tuu Gerüchte auftauchen werden—“ noch einma„Kann ich dieſes alberne Gewäſch unterdrücken?“ fuhr Hein⸗ 55 866— rich auf.„Es iſt ſchlimm genug, daß meine Neider und Feinde über mich herfallen, aber es kümmert mich nicht, ich kann ja Allem, was auch kommen mag, ruhig entgegenſehen.“ „Kannſt Du das wirklich?“ „Ja. Wenn dieſes Lumpengeſindel mir die Theilnahme an einem Verbrechen aufbürden will, ſo ſteht es ihm ja frei, durch das Gericht eine Unterſuchung anſtellen zu laſſen. Ich fürchte dieſe Unterſuchung nicht, aber wehe dem, der ſie anregt! Ich werde dieſen Verläumder verfolgen und ruiniren. Ich weiß ſehr wohl, wie Ihr Beide, Du und Otto, über mich denkt, Ihr habt Euch Beide bethören laſſen, und daß es dieſem Schurken ſo leicht geworden iſt, die Familienbande zu ſprengen, das ſchmerzt mich tief. Statt der Theilnahme, die ich verlangen darf, finde ich eine verletzende Kälte, ja noch mehr, ich finde einen Argwohn, der mich tödtlich beleidigen muß.“ Der Schenkwirth blickte gedankenvoll vor ſich hin. Wenn er nun dennoch dem Sohne Unrecht that? Es lag etwas in dem Tone, in welchem Heinrich ſeine Vertheidigung führte, was ſogar den in ſeinem Urtheile Befangenen überzeugen konnte. „Du haſt nie Anhänglichkeit an Deine Familie bewieſen,“ ſagte er nach einer Weile,„Du haſt ſtets mit Geringſchätzung auf Deinen Bruder herabgeſehen, wie kannſt Du Dich nun be⸗ ſchweren—“ „Ich beſchwere mich nicht über Eure Kälte, ſondern über Euer feſtes Zuſammenhalten mit meinen Feinden,“ unterbrach Heinrich ihn raſch.„Ich darf von Euch verlangen, daß Ihr dieſen Feinden entgegentretet, daß Ihr die Ehre des Sohnes und des Bruders in Schutz nehmt—“ „Das iſt auch geſchehen, aber—“ „Es iſt nicht geſchehen, Du haſt Otto ſtets vorgezogen und Otto war mir nie zugethan.“ „Das hat mit den Gerüchten keine Gemeinſchaft. Die vielen Todesfälle—“ „Wollt Ihr mir ſie vorwerfen? Scherenberg und Liebmann haben ſelbſt ſich das Leben genommen, der Vater meiner Frau iſt am Schlage geſtorben—“ „Aber man ſagt, daß Du auch dabei Deine Hand im Spiele gehabt habeſt.“ „Wer wagt es, das zu behaupten?“ fuhr Heinrich gereizt auf. „Ich weiß es nicht, aber man ſagt es.“ „Man ſchwätzt viel, wer ſich frei von Schuld weiß, kann die Leute ſchwätzen laſſen.“ „Du haſt alſo ein reines Gewiſſen?“ fragte der Schenkwirth noch einmal. ind Fende ja Allem, nahme an rei, durch nch fürchte regt! Ich weiß ſehr Ihr habt en ſo leicht nerzt mich de ich eine , der mich 2 Es lag ttheidigung ggen lonnte. bewieſen, hätzung auf nun be⸗ 1 über Euer c Heinrich en Feinden 3 Bruders ſezogen und Die vielen Lebmann reiner Fral in Spile gereißt aif 5, kumn de Sthentwirt „Ja,— ich habe es.“ „Und der Tod Deiner Frau?“ „Frage meinen Hausarzt, er wird Dir ſagen, daß er von Anfang an keine Hoffnung auf Beſſerung gehegt habe.“ Lange blickte Bertram Schenk ſeinen Sohn forſchend an, er zweifelte noch immer. Aber ſeine Zweifel waren ſchwächer ge⸗ worden, es lag ja in der Möglichkeit, daß das Alles nur leere, verleumderiſche Gerüchte waren. „Ich will Dir glauben,“ ſagte er endlich,„Gott allein, der in Dein Herz ſieht, kann wiſſen, ob Du mich hintergehſt. Ich werde kommen, Heinrich.“ Der Eintritt Gabels brach das Geſpräch ab. Der Friſeur war erregt, man ſah ihm an, daß er eine wichtige Nachricht brachte. „Daß man das nicht früher gewußt hat!“ ſagte er.„Ich würde das nicht verſäumt haben.“ „Wenn Ihr was gewußt hättet?“ fragte Bertram Schenk. „Daß die heiden Raubmörder heute Morgen hingerichtet worden ſind,“ fuhr der Friſeur fort.„Ich hörte es ſoeben von einem Beamten, der der Exekution beiwohnte.“ „Und Ihr würdet derſelben auch beigewohnt haben?“ „Gewiß, es iſt ein intereſſantes Schauſpiel—“ „Für mich nicht, guter Freund, ich begreife nicht, daß man etwas Intereſſantes daran finden kann.“ „O doch, doch,“ ſagte der Friſeur,„auf dem Schaffot lernt man die menſchliche Natur kennen.“ „Da ſeid Ihr im Irrthum,“ ſagte Heinrich gelaſſen.„Der Verurtheilte iſt in der Regel, durch die vorher gegangenen Auf⸗ regungen und durch die entſetzliche Angſt vor dem Tode, halb erſtorben, und für mich iſt es ein widerwärtiges Schauſpiel, den letzten Kampf der Verzweiflung zu beachten.“ „Peter Braun ſoll ſehr ruhig und wie gefaßt geweſen ſein; der Beamte ſagte, er ſei ſogar mit einem gewiſſen Trotz hinauf⸗ geſtiegen, während Bernhard Schenk, der frühere Schreiber, faſt hinaufgetragen werden mußte.“ „Die Hinrichtung war nicht öffentlich?“ fragte der Schenk⸗ wirth. „Nein, im Gefängnißhofe iſt die Exekution vollzogen worden.“ Heinrich ſchritt langſam auf die Thüre zu. „Ich ſehe Dich alſo heute Nachmittag?“ fragte er. Bertram Schenk nickte bejahend. Der junge Mann wollte eben, die Thüre öffnen, als mehrere Herren eintraten; unter denen ſich auch der Advokat des Schenk⸗ wirths befand. 55* — 4 — — ——— — — — 868— „Der Prozeß iſt gewonnen,“ ſagte der Advokat,„ich wünſche Ihnen Glück.“ „Ganz ſicher— gewonnen?“ fragte Schenk, freudig überraſcht. „Wir bringen Ihnen ſchon das Geld,“ nahm ein Andrer Herr das Wort.„Peter Braun hat geſtern Abend ein offenes Geſtändniß abgelegt, und der Schreiber hat die Ausſagen dieſes Mannes ergänzt. Danach iſt Erſterer der Bevollmächtigte des Wucherers Herz in Braſilien geweſen und ein Notariatsſchreiber hat die Vollmachten gefälſcht. Aus Wuth darüber, daß Jakob Herz ſpäter ſich weigerte, den bedungenen Sündenlohn zu zahlen, haben dieſe Drei den Raubmord begangen, der Zwei von ihnen auf's Schaffot brachte, während der Dritte von ſeinem Genoſſen ermordet wurde.“ „Das iſt der Thatbeſtand,“ fügte der Advokat hinzu,„wenn es Sie intereſſirt, die näheren Einzelheiten zu erfahren, ſo werden Sie dieſelben in dem betreffenden Protokoll finden, welches geſtern aufgenommen wurde. Auf Grund dieſes Protokolls hat das Ge⸗ richt Ihnen heute Morgen die Summe zuerkannt, und die ſofor⸗ tige Auszahlung derſelben angeordnet.“ Bertram Schenk öffnete mit zitternder Hand das Packet, wel⸗ ches der Beamte ihm überreicht hatte. Es enthielt Actien und andere Werthpapiere. „Hier finden Sie das Verzeichniß,“ ſagte der Beamte,„Sie werden die Aufſtellung mit dem Inhalt des Packets überein⸗ ſtimmend finden.“ Heinrich und Gabel wünſchten dem alten Manne Glück, der ſich plötzlich im Beſitz einer Summe ſah, die ihn für die Zukunft aller Sorgen enthob. Die Quittung war bereits ausgefertigt, nachdem der Schenk⸗ wirth ſie unterzeichnet hatte, entfernten die Herren ſich wieder und Bertram Schenk vergaß in ſeiner Freude ganz, ſie auf ein Frühſtück einzuladen. Auch Heinrich verließ bald darauf das Haus, nachdem er ſeinem Vater den vergeblichen Vorſchlag gemacht hatte, die Actien für ihn verkaufen zu wollen. Bertram Schenk wies dieſes Anerbieten mit dem Bemerken zurück, daß er die Actien einſtweilen nicht zu verkaufen gedenke, da er ſein Vermögen nicht beſſer anzulegen wiſſe. „Ihr habt wohl daran gethan, daß Ihr ihm das Geld nicht anvertrautet,“ ſagte der Fiſeur, nachdem Heinrich ſich entfernt hatte. „Weshalb?“ erwiderte Schenk.„Fürchtet Ihr, er würde es zurückgehalten haben?“ „Man ſagt, er—“ — — vünſhe berraſch. n Andrer n offenes en dieſes tigte des Jſchreiber 6 Jakob u zahlen, on ihnen Genoſſen „„wenn o werden s geſtern das Ge⸗ ie ſofor⸗ ket, wel⸗ e,„Sie überein⸗ ück, der Zukunft Schenk⸗ wieder auf ein dem er Actien emerken gedende ſd nicht entfernt irde es — 3269— „Man ſagt viel, ich glaube nicht—“ „Habt Ihr ſo raſch Eure Anſicht geändert? Ihr habt ja ſelbſt oft genug geäußert, es werde einmal ein Ende mit Schrecken nehmen.“ „Hm— ja, aber—“ „Und ich ſage Euch, dieſes Ende iſt vor der Thüre.“ „Woher könnt Ihr das wiſſen?“ „Na, Ihr wißt doch, daß Euer Sohn auf der Fabrik unſres Freundes Wacker ein Kapital von fünfzehntauſend Thaler ſtehen hatte?“ „Freilich.“ „Gut, auf dieſes Kapital hat ein Gläubiger Arreſt gelegt, es darf ihm nicht ausgezahlt werden, bevor der Arreſt nicht auf⸗ gehoben iſt.“ Bertram Schenk nahm gedankenvoll eine Priſe. „Wer weiß, wie die Sache ſich verhält,“ erwiderte er,„viel⸗ kaich hat Heinrich Gründe, dieſen Gläubiger nicht zu befrie⸗ igen—“ „Gründe? Allerdings ſehr triftige, er kann nicht.“ „Das ſagt Ihr ſo beſtimmt—“ „Ich weiß es. Sein Bankier hat ihm den Credit ſchon längſt gekündigt, er ſoll enorme Summen in den jüngſten Monaten ver⸗ loren haben.“ „Nun gut,“ ſagte der Schenkwirth, während er ſeine Actien wieder zuſammenſchnürte,„geſetzt, das Alles ſei wahr, der Tod ſeiner Frau gibt ihm die Mittel, alle Verpflichtungen einzulöſen, man ſchätzt das Vermögen auf zweihunderttauſend Thaler.“ Der Friſeur ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Wenn ſich nur kein Teſtament vorfindet, welche durch ſeine Rechnung einen Strich zieht!“ erwiderte er.„Ich traue der Sache nicht.“ „Wir müſſen's abwarten,“ fuhr Bertram Schenk fort,„wenn das Unglück über ihn hereinbricht, ſo hat er's durch ſeine gewagten Spekulationen ſelbſt verſchuldet, aber ein armer Mann iſt er darum doch nicht. Er ſoll ſein redliches Theil von dieſer Erbſchaft haben, aber nur dann, wenn er mit ſeinen Gläubigern in Ordnung iſt und wenn er verſpricht, ſich auf ſolche Geſchäfte nicht mehr einlaſſen zu wollen.“ „Ihr werdet ihm alſo vorher nicht unter die Arme greifen?“ „Nein, unter keiner Bedingung.“ „Daran thut Ihr wohl,“ ſagte der Friſeur,„ich fürchte nur, Ihr werdet mit dieſem Sohne noch Erfahrungen machen, die—“ „Still, redet mir nicht mehr davon, ich mag darüber nicht mehr nachdenken.“ — — 870— Der Friſeur verabſchiedete ſich, es ärgerte ihn, daß er nicht ſagen durfte, was er wußte, aber er erinnerte ſich des Verſprechens, welches er dem Chevalier gegeben hatte und er fürchtete, in die Verſuchung zu kommen, es zu brechen, wenn er länger blieb. Hundertundzwölftes Kapitel. In der Gruft. Die Beerdigung Bertha's wurde mit einem Pomp in's Werk geſetzt, der die ganze Nachbarſchaft und ſogar die Bewohner der angrenzenden Straßen aunf die Beine brachte. Der Leichenwagen war mit Blumen und Kränzen überſchüttet, eine unüberſehbare Reihe eleganter Equipagen folgte ihm. Und nicht ein Einziger in der Menge, die gaffend vor dem Sterbehauſe ſtand, würde geglaubt haben, daß die tiefe Trauer des reichen Herrn Schenk nur eine heuchleriſche Maske ſei, man bedauerte allgemein dieſen Mann, der ſo ſchwer vom Schickſal heimgeſucht wurde. Wenn auch Einzelne dieſe Schickſalsſchläge als eine Vergeltung für frühere ihnen freilich unbekannte Sünden betrachten wollten, wenn Viele ſogar ſich die Aeußerung erlaubten, ſie ſeien eine Strafe dafür, daß dieſer Mann mit den Nahrungsmitteln des Volkes Wucher getrieben habe, ſo thaten dieſe Anſichten doch der allgemeinen Theilnahme keinen Abbruch und ein aufmerkſamer Beobachter würde in manchem Auge in dem Augenblick, in welchem der reich verzierte und blumengeſchmückte Sarg heransgetragen wurde, Thränen entdeckt haben. Nur Einer von denen, die der Leiche das Ehrengeleite gaben, durchſchaute dieſen Mann ganz, der Chevalier von Chateaurouge, der als Kammerdiener der Verſtorbenen in einem der letzten Wagen ſich dem Zuge anſchloß. Er war in dieſem Augenblick für Diejenigen, welche nicht aus Theilnahme, ſondern aus Convenienz und anderen Rückſichten der Beerdigung beiwohnten, eine intereſſante Perſönlichkeit, die über die Krankhei“ und den ſo raſch erfolgten Tod der jungen, ſchönen Frau nähere Mittheilungen machen konnte, und man unterließ nicht, Fragen an ihn zu richten, deren Beantwortung ihm oft ganz unmöglich war. ß er nicht erſprechens, tete, in die blieb. in's Werk wohner der berſchüttet n Hvor dem efe Trauer ſei, man r Schickſal gergeltung wollten, ſeien eine itteln des doch der merkſamer nwelchem ;sgetragen ite gaben, keaurouge, er letzten nicht aus ſchten der dee über „ ſchönan unterlief oft gm) — 871— Faſt Jedem fiel es auf, daß die Geiſtlichkeit den Zug nicht begleitete uud daß keine Glocke geläutet wurde. Das geſchah doch immer, wenn die Koſten nur eben beſtritten werden konnten, umſomehr mußte es hier auffallen, da ja der Koſtenpunkt nicht in Betracht kam. An den trauernden Gatten durfte man ſich um Aufſchluß darüber nicht wenden, Bertram Schenk zuckte die Achſeln und er⸗ klärte, daß es ihm ſelbſt unerklärlich ſei, der Chevalier hingegen erwiderte denen, die ihn deshalb befragten, die Verſtorbene habe ſich dieſe Ceremonien ausdrücklich verbeten. So langte der Zug auf dem Friedhofe an und jetzt bemerkte auch Heinrich, daß kein Prieſter anweſend war, um den Sarg einzuſegnen. Cr ſchleuderte dem Chevalier einen Blick zu, der mit ſeiner Trauer nicht in Einklang ſtand, aber das Verſäumte konnte jetzt nicht mehr nachgeholt werden, die Todtengräber mußten den Sarg ohne Segen und ohne Gebet hinunterſenken. Das machte auf Alle einen ſehr unangenehmen Eindruck und es war vorauszuſehen, daß man ſich einige Tage hindurch in Ver⸗ muthungen darüber ergehen würde. Die Gruft wurde geſchloſſen, die Leidtragenden entfernten ſich. Der Chevalier ſtieg ſofort in einen Wagen und ſuhr in die Stadt zurück. Dieſer Wagen kam faſt gleichzeitig mit der Equipage Heinrich's vor dem Sterbehauſe an. Der Chevalier ging ohne Verzug in das Kabinet, wie es ihm am Tage vorher befohlen worden war. „Was wollen Sie hier?“ herrſchte Heinrich ihn an.„Ich begreife nicht, daß Sie es noch wagen, dieſe Sthwelle zu über⸗ ſchreiten, nachdem Sie mich ſo ſehr compromittirt haben.“ „Dieſer Vorwurf überraſcht mich,“ erwiderte der Chevalier ruhig.„Sie wiſſen doch, daß Sie gleich nach der Beerdigung mit mir abrechnen wollten—“ „Allerdings,“ fuhr Heinrich in einem Tone fort, der die ge⸗ waltige innere Erregung verrieth.„Wie aber kamen Sie dazu, weder die Glocken läuten zu laſſen, noch die Geiſtlichkeit—“ „Die Verſtorbene wünſchte dies nicht,“ unterbrach der Chevalier ihn gelaſſen,„ſie hatte ſich jede kirchliche Ceremonie ausdrücklich verbeten.“ „Das iſt eine Lüge!“ fuhr Heinrich gereizt auf.„Wenn meine Gemahlin derartige Anordnungen getroffen hätte, würde ſie mit mir und nicht mit ihrem Kammerdiener darüber geredet haben.“ Der Chevalier, der bisher eine demüthige Haltung angenommen hatte, richtete ſich ſtolz empor. — 872— „Mäßigen Sie ſich, mein Herr,“ ſagte er mit der imponiren⸗ den Ruhe eines Mannes, der ſich über ſeinen Gegner erhaben dünkt,„ich werde jede Beleidigung meiner Ehre energiſch zurück⸗ weiſen. Das Verhältniß, in welchem die Verſtorbene zu ihrem Gemahl ſtand, wollen wir unerörtert laſſen, wäre es ein freund⸗ ſchaftliches geweſen, ſo würde die gnädige Frau nicht vorgezogen haben, mich mit der Erfüllung ihres letzten Wunſches zu beauf⸗ tragen.“ „Das geht zu weit!“ „Durchaus nicht. Nachdem Sie ſich ſo weit vergeſſen haben, mich der Lüge zu zeihen, iſt jede Schranke zwiſchen uns gefallen.“ Heinrich ſah ein, daß er dieſen heißblütigen Franzoſen nicht noch mehr reizen durfte, wenn er ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, zu einem Zweikampf gezwungen zu werden; zudem konnte es ihm auch nicht angenehm ſein, wenn er ſich mit einem Manne verfeindete, der vielleicht im Stande war, die öffentliche Meinung mit Einzelnheiten zu beſchäftigen, die beſſer verſchwiegen blieben. „Sie hätten trotzdem die Kirche nicht übergehen oder wenigſtens mich um Rath fragen ſollen,“ ſagte er.„Es hat gerechtes Auf⸗ ſehen erregt, daß kein Prieſter zugegen war—“ „Es erregt Manches Aufſehen, was der Worte, die man darüber verliert, nicht werth iſt,“ erwiderte der Chevalier mit unerſchütterlicher Ruhe.„Nachdem Sie erklärt hatten, daß der letzte Wunſch der Verſtorbenen erfüllt werden ſolle, konnte es meine Aufgabe nur ſein, mich dieſer Erfüllung zu unterziehen. Zahlen Sie mir mein Gehalt, ſo ſcheiden wir in Frieden, ich habe keine Luſt, dieſen Wortwechſel weiter zu ſpinnen.“ Heinrich warf einige Banknoten auf den Schreibtiſch und forderte den Kammerdiener durch einen Wink auf, ſie in Empfang zu nehmen. „Die Rechnung Jeanette's iſt bereits geordnet,“ ſagte er, „Sie haben alſo beide in dieſem Hauſe nichts mehr zu ſuchen.“ „Was uns Beiden nur angenehm ſein kann,“ erwiderte der Chevalier.„Wir werden heute Abend nach Paris zurückreiſen.“ „Ich wünſche Ihnen glückliche Reiſe.“ „Danke beſtens, vielleicht begegnen wir einander ſpäter noch einmal.“ Der Ton, in welchem der Chevalier dieſe letzten Worte ſprach, klang ſo eigenthümlich, es lag ſo viel Hohn und daneben auch ſo viel Sicheres und Drohendes in ihm, daß Heinrich beſtürzt den Kammerdiener anblickte, der, ohne von dieſem Blick die geringſte Notiz zu nehmen, nach einer höflichen Verbeugung hinausging. Hätte er in die Seele dieſes Mannes blicken können, er würde vor der nächſten Zukunft gezittert haben. — 873- d duni Der Chevalier durchwanderte raſch einige Straßen und trat ü kaben dann in ein beſcheidenes Gaſthaus. urülf Hier erwartete ihn Jeanette mit wachſender Ungeduld. i düln Sdie eilte dem Eintretenden entgegen, und in ihrem Blick, mm ſreund⸗ ihren Zügen konnte der Chevalier unzählige Fragen leſen, mit vorgegogen denen das Mädchen ihn zu beſtürmen gedachte. zu bexuf⸗„Geduld,“ ſagte er,„nur noch einen kurzen Augenblick Ge⸗ duld, dann wird das Räthſel für Sie gelöſt ſein. Haben Sie alle meine Anordnungen ausgeführt?“ ſen haben,„Ja, ja— aber—“ geſellen.„Iſt der Wagen beſtellt?“ vſen nicht„Auf zehn Uhr.“ ausſetzen„Haben Sie für die Bouillon Sorge getragen?“ im konnte„Auch das.“ n Manne„Gut. Nun geben Sie Acht. Wir fahren um zehn Uhr zum Meinung Bahnhofe, punkt halb elf Uhr kommt der Zug an. Sie werden a blieben. ſich in meiner Nähe halten, ſobald der Zug hält, miſchen wir venigſtens uns unter die ausſteigenden Paſſagiere. Während ich unſre Koffer, htes Auf⸗ die wir natürlich nicht in die Packkammer ſchaffen laſſen, bewache, ſorgen Sie für eine Droſchke. Das iſt einſtweilen Alles, geben die man Sie nur Acht, daß es nicht derſelbe Wagen iſt, der uns hin⸗ alier mit gebracht hat.“ daß der„So werde ich ſtückweiſe in den Plan eingeweiht,“ grollte onnte es Jeanette,„ich dürfte jetzt doch wohl verlangen, meine Verſchwiegen⸗ terziehen. heit und meine Geduld belohnt zu ſehen.“ eden, ich Der Chevalier wanderte eine Weile nachdenklich auf und ab, dann ließ er ſich an dem Tiſche nieder, auf welchem neben einer iſch und Weinflaſche ein frugales Abendbrod ſtand. Empfang„Wenn Sie einigermaßen Scharfſinn beſäßen, würden Sie längſt meinen Plan errathen und durchſchaut haben,“ ſagte er, während er das Glas füllte.„Bis hierher iſt Alles vortrefflich te er, hen. gelungen, aber eine einzige kleine Unvorſichtigkeit kann auch Alles erte der wieder verderben.“ creiſen.„Und Sie fürchten, dieſe Unvorſichtigkeit zu begehen, wenn Sie mir Vertrauen ſchenken?“ fragte Jeanette vorwurfsvoll. ter noch„Das nicht, wohl aber fürchte ich, daß Sie vor der Aufgabe, e die unſrer noch harrt, zurückſchrecken werden.“ e prad,„Zweifeln Sie an meinem Muth?“ auch ſ„Ja. u ſ„So verſichere ich Sie, daß dieſer Zweifel jeder Begründung ürgt it entbehrt.“ gering„Würden Sie zum Beiſpiel um Mitternacht in eine Todten⸗ ging. gruft hinunterſteigen?“ r wür„Wenn es ſein müßte—“ — — — 874— „Jawohl, mit Zittern und Zagen, Sie würden aufſchreien, wenn ein Sandkorn unter Ihren Füßen knirſchte. Jeanette, ich will Sie einweihen, aber ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß der Muth ein Haupterforderniß iſt.“ „Ich werde muthig ſein.“ „Ich vertraue darauf. Wir werden alſo zum Friedhof fahren.“ „Vom Bahnhof aus?“ a.“ „. „Das iſt—“ „Eine ſonderbare Fahrt, wollen Sie ſagen, überlaſſen Sie es mir, dafür zu ſorgen, daß der Kutſcher nichts Sonderbares darin findet. Der Wagen wird in einiger Entfernung vom Friedhofe halten, wir ſteigen aus und gehen hin.“ „Finden wir ihn offen?“ „Ich hoffe es, im Nothfalle überſteigen wir die Mauer, die ſehr niedrig iſt.“ „Und dann?“ „Dann ſteigen wir in die Gruft hinunter.“ „Ich dachte es mir.“ „Und es graut Ihnen bei dem Gedanken?“ „Nein.“. „Dann ſind Sie muthiger, wie ich glaubte. Wir werden die gnädige Frau aus ihrem tiefen Schlafe erwecken—“ „So war es alſo ein Schlaftrunk?“ „Fürchteten Sie, ich habe ihr Gift gereicht? Unterbrechen Sie mich nicht ſo oft, die Augenblicke ſind zu koſtbar. Da der Kutſcher weiß, daß mich nur eine Dame auf den Friedhof begleitet hat, ſo darf auch nur eine Dame mit mir zurückkehren. Sie werden alſo zurückbleiben müſſen.“ „Auf dem Friedhofe?“ „Haben Sie Furcht?“ „Wieder die alberne Frage!“ ſagte Jeanette unwillig.„Sie werden doch zugeben, daß es mir gerade nicht angenehm ſein kann, mitten in der Nacht allein an einem ſolchen Orte—“ „Liebes Kind, Sie dürfen dieſen Ort verlaſſen, ſobald der Wagen abgefahren iſt. Es bleibt Ihrem Scharfſinn überlaſſen, den kürzeſten Weg zur Stadt zu finden, ich hoffe, daß Ihnen das gelingen wird. Wir kehren im Hof von Holland ein und werden dafür Sorge tragen, daß—“ „Du lieber Gott, ich ſpreche kein deutſches Wort, wie ſoll ich in der Nacht dieſen Gaſthof finden?“ „Das iſt allerdings fatal, aber ich kann Ihnen dieſe Unannehm⸗ lichkeit nicht erſparen. Alſo gelingt es Ihnen nicht, den Gaſthof zu finden, ſo kehren Sie in jedem anderen beliebigen Hauſe ein a auſſcreien, Jeanette, ih merlſam, doß dhof fahren.“ aſſen Sie es erbares darin im Friedhofe Mauer, die werden die kbrechen Sie der Kutſcher egleitet hat, Sie werden lig.„Se n ſein kann, ſobald de überlaſſen, Ihnen das und werden wie ſoll it Unannehm⸗ en Gaftſe Hanſe en — 875— und nehmen Sie morgen früh eine Droſchke. Im Hof von Holland finden Sie die Kammerzofe der Schweſter des Chevalier von Chateaurouge,— vergeſſen Sie das nicht.“ Jeanette war überraſcht, wenn ſie auch längſt errathen hatte, daß Henri kein gewöhnlicher Kammerdiener war, für einen Edel⸗ mann würde ſie ihn doch nicht gehalten haben. Der Chevalier erhob ſich und ſah auf die Uhr. „Es iſt Zeit,“ ſagte er,„der Wagen wird gleich hier ſein.“ In der That fuhr nach wenigen Minuten der Wagen vor. Die Beiden ließen das Gepäck hinunterbringen und ſtiegen ein. Als ſie auf dem Bahnhofe angelangt waren, ging Jeanette in den Warteſaal, der Chevalier verſügte ſich auf den Perron. Die Eiſenbahnbeamten, welche ſich ſeines Gepäcks annehmen wollten, wies er zurück mit dem Bemerken, daß er noch unent⸗ ſchloſſen ſei, ob er den Zug benutzen werde. Jeanette erſtaunte, als er bald darauf durch den Warteſaal ſchritt. Das war nicht mehr der höfliche, dienſteifrige Kammer⸗ diener, es war in Gang und Haltung der Edelmann, der mit vornehmer Geringſchätzung auf die bürgerliche Umgebung hinunter⸗ blickte. Der Zug kam an. Jeanette trat hinaus, um einen Wagen zu engagiren. Gleich darauf erſchien auch der Chevalier; ein Beamter trug ſein Gepäck. Er ſtieg in den Wagen, nachdem er Jeanette, die in der Dunkelheit für eine Dame aus den höheren Ständen gehalten werden konnte, hineingehoben hatte. „Zum Hof von Holland,“ ſagte er. Der Kutſcher ſtieg auf den Bock, der Wagen fuhr ab. Als derſelbe eine kurze Strecke gefahren war, ließ der Chevalier halten. „Guter Freund,“ ſagte er, als der Kutſcher vor der Wagen⸗ thüre ſtand,„meine Schweſter hat einen ſonderbaren Wunſch, der Ihnen, wenn Sie ihn erfüllen wollen, ein gutes Trinkgeld ein⸗ bringen wird. Sie will den Friedhof beſuchen.“ „Jetzt?“ fragte der Kutſcher erſtaunt. „Ja. Wir wollen morgen in aller Frühe wieder abreiſen.“ „Hm— ich will Sie hinfahren, aber—, „Sie glauben, der Friedhof wird verſchloſſen ſein? Wenn er es iſt, wecke ich den Todtengräber.“ Der Kutſcher ſchüttelte den Kopf, er begriff offenbar dieſen ſonderbaren Wunſch nicht. „Es iſt dort ein Grab, welches meine Schweſter gerne be⸗ ſuchen möchte,“ fügte der Chevalier hinzu, während er dem Kutſcher 1 1 4 1 5 t 6 5 1 4 — 876— ein Goldſtück gab.„Fahren Sie uns hin und warten Sie mit dem Wagen in einiger Entfernung, bis wir zurückkehren.“ Nachdem der Kutſcher ſich bei dem Scheine ſeiner Laterne überzeugt hatte, daß er ein wirkliches Goldſtück in der Hand hielt, ſchwanden ſeine letzten Bedenken, es war ja nicht ſeine Sache, ſondern Sache der Fremden, den Eingang zum Friedhofe ſich zu öffnen. Der Wagen rollte weiter, als er nach einer ziemlich langen Fahrt hielt, ſtiegen die Beiden aus. „Verlieren Sie nicht die Geduld,“ ſagte der Chevalier, „Madame wird ſich vielleicht länger an dem Grabe ihres Kindes aufhalten, als uns lieb iſt.“ „Werde ſchon warten,“ erwiderte der Kutſcher,„das Fahrgeld wird nach der Stunde berechnet, und wir haben in der Nacht doppelte Taxe.“ Der Chevalier und Jeanette ſchritten raſch auf das Thor zu,— es war nicht geſchloſſen. „Vortrefflich,“ flüſterte der Chevalier,„der Mann hat Wort gehalten.“ Nach einer kurzen Wanderung langten ſie vor der Gruft an. Die Fallthüre war halb geöffnet, die Leiter angelehnt. „Steigen Sie hinunter,“ ſagte der Chevalier,„ich werde Ihnen folgen.“ Jeanette zögerte; als ſie den ſchwachen Schein der Laterne bemerkte, kam ſie mit muthiger Entſchloſſenheit der Aufforderung nach. Die Schieber waren geöffnet, das Licht der Laterne fiel auf das ſchöne Antlitz, deſſen Wangen— war es Schein oder Wirk⸗ lichkeit— leicht geröthet waren. Der Chevalier öffnete ein Flacon und beſprengte mit dem Inhalt deſſelben die Mauern und die Särge. Ein köſtlicher Blumenduft erfüllte ſofort den ganzen Raum. Jetzt öffnete der Chevalier ein zweites Flacon, er bat Jeanette, die Schläfen, die Augen und die Lippen ihrer Herrin mit der ſcharf duftenden Eſſenz zu benetzen. Fünf Minuten ſpäter öffneten ſich die Augen, ein leichter Seufzer entfuhr den Lippen. Das Erwachen hatte durchaus nichts Entſetzliches, nichts, was Angſt oder Grauen einflößen konnte, vergaß man die Umgebung, ſo konnte man denken, Bertha ſei in ihrem Schlafgemach aus einem erquickenden Schlummer erwacht. „Still,“ flüſterte der Chevalier,„Ihre Freunde ſind bei Ihnen, Sie ſind gerettet. Sprechen Sie keinen Laut, vergeſſen Sie nicht, daß noch immer Gefahr droht, wenn wir nicht ſehr vorſichtig ſind. Friert Sie?“ — 877— t Sie mit„Nein,“ erwiderte Bertha verwirrt,„ich fühle mich ſo wohl, ſen“ ſo ſriſch—" einer Laterne„Sehr gut. Erheben Sie ſich und verlaſſen Sie dieſe ſonder⸗ t Hand hielt bare Lagerſtätte. Erſchrecken Sie nicht, Sie befinden ſich in Ihrer ſeine Sahe, Familiengruft. Muth und Vorſicht!“ dhoſe ſich zu Bertha begriff augenblicklich die Nothwendigkeit dieſer Vorſicht, ſie erinnerte ſich, wenn auch dunkel, der Ereigniffe, die ihrem mlich lmgen. Schlaf vorhergegangen waren. Die Bouillon und der Wein, den die Beiden mitgebracht hatten, mundeten ihr vortrefflich, ihr war, als ſei ſie zu einem neuen Leben erwacht, ſo wohl und munter, ſo leicht und friſch fühlte ſie ſich. 3s Fahrgeld Der Chevalier ſchloß inzwiſchen den Sarg, er ſchloß ſämmt⸗ n der Nacht liche Schieber. „Jetzt verlaſſen Sie zuerſt die Gruft,“ wandte er ſich zu das Thor Jeanette.„Verbergen Sie ſich oben hinter dem Geſträuch, bis Sdie hören, daß der Wagen abfährt.“ r Chevalier ihres Kindes in hat Wort Jeanette gehorchte, ohne eine Einwendung zu machen, ſeitdem ſie wußte, daß der frühere Kammerdiener ein Edelmann war, r Grüft n wagte ſie nicht, ſeine Anordnungen zu bekritteln. ehnt. Der Chevalier und Bertha folgten dem Mädchen. ſich werde Bertha ſtützte ſich auf den Arm ihres Begleiters, ſie hatte ihr Wohlbefinden zu früh gerühmt, ſie fühlte jetzt, daß ſie ſchwach und ermattet war. „Ah— das hat ja ſo ſehr lange nicht gedauert,“ ſagte der Kutſcher,„ich hatte nicht gegloubt, daß Sie ſo bald zurückkehren der Laterne derung nach. ne fiel auf„ oder Wirk würden. „Deſto beſſer für mich und für Sie,“ erwiderte der Chevalier e nit dem ruhig.„Ich wünſche, daß Sie über dieſe Fahrt nicht mit Ihren k Kollegen ſprechen.“ Raum.„Bewahre, ich kann ſchweigen.“ u Jeanet 5 s ird mir lieb ſein. Fahren Sie uns jetzt zum Hof von olland.“ in mit der Während der Wagen über die Landſtraße rollte, theilte der 1 Litter Chevalier der jungen Frau mit, was ihr zu wiſſen nöthig war, ein lächt er weihte ſie ein in ſeinen Plan und bat ſie, ihn zu unterſtützen. Bertha war entſetzt über den Blick, den der Chevalier ſie in nichts, wo die Seele ihres Gatten werfen ließ, ſie wollte unverzüglich ihn Umgebung dem Gericht überliefern, aber ihr Begleiter bewies ihr, daß dies emach adi der richtige Weg nicht war. Daraufhin genehmigte Bertha das Vorhaben des Chevaliers, e ſind ba der ihren Dank beſcheiden zurückwies. „vergeſſen Der Chevalier forderte im Hof von Holland drei Zimmer nicht ſehr und verlangte ſofort das Fremdenbuch, in welches er mit feſter — 878— Hand„Chevalier von Chateaurouge nebſt Schweſter und Diener⸗ ſchaft“ einſchrieb. Dann bat er den Kellner, den Hausknecht zum Bahnhofe zu ſchicken, um ſich zu erkundigen, ob die Kammerzofe ſeiner Schweſter vielleicht noch dort ſei.„Das arme Mädchen ſpricht nur fran⸗ zöſiſch,“ fügte er hinzu,„und ich ſürchte, ſie hat den Bahnhof ver⸗ laſſen und ſich verirrt.“ Der Knecht wurde ausgeſchickt, er kehrte mit dem Beſcheid zurück, daß er von der Zofe keine Spur entdeckt habe. Wie Jeanette befürchtet hatte, ſo traf es auch ein. Sie konnte ſich in der großen Stadt nicht zurechtfinden, und Mitter⸗ nacht war bereits nahe, als ſie dieſelbe erreichte. Unter dieſen Umſtänden hielt ſie es für rathſam, in das erſte Gaſthaus, welches ſie noch offen fand, einzukehren und am andern Morgen ſich durch eine Droſchke zum Hof von Holland bringen zu laſſen. Hundertunddreizehntes Kapitel. Der Sünde Lohn. Vierzehn Tage waren ſeit der Beerdigung Bertha's ver⸗ ſtrichen. Bertram Schenk hatte ſein Haus feſtlich geſchmückt, heute ſollte das Feſt, nach welchem Otto und Nikolas ſich längſt geſehnt hatten, gefeiert werden. Es war darüber, in welchem Hauſe dies geſchehen ſollte, zwiſchen dem Bankier Schirmer und Bertram Schenk lange be⸗ rathen worden. Otto Schirmer und Tante Thereſe wollten ſich die Be⸗ wirthung der Hochzeitsgäſte nicht nehmen laſſen und Bertram Schenk weigerte ſich auch, darauf zu verzichten. Ihm ſtand inſofern ein beſſerer Grund zur Seite, als er ſich darauf ſtützte, daß er doppelt intereſſirt ſei, da ja zwei ſeiner Kinder an dieſem Tage das Feſt ihrer Hochzeit begingen, wohin⸗ gegen Otto Schirmer nicht nur ſeine größeren Räume hervorhob, ſondern auch ſich auf den Trauerfall in der Familie Schenk's be⸗ rief, der ja eigentlich dem Schenkwirth nicht erlaube, in ſeinem Hauſe ein Feſt zu feiern. ——jjj——— und Diener⸗ Bahndofe zu er Schweſter t nur fran⸗ Bahnhof ver⸗ em Beſcheb ein. Sie und Mitter⸗ in das erſte am andern and bringen rtha's ver⸗ heute ſollt ehnt hatten, ehen ſollte lange be⸗ h die Bo d Bertrm als er ſih zwei ſeine en, wohin⸗ hervotzut Scenk's be in ſeumn — 879— Dieſer Wettſtreit, an welchem nicht allein Tante Thereſe, ſondern auch Frau Schenk Theil nahm, währte ſo lange, bis man ſich dahin einigte, daß das Loos entſcheiden ſolle, und nun ging der Schenkwirth als Sieger aus dieſem Streite hervor. Die Trauung wurde am Vormittag in der Pfarrkirche vor einigen Zeugen vollzogen, die Gäſte waren auf den Mittag ge⸗ laden, und Bertram Schenk beabſichtigte, ſie vor Mitternacht nicht zu entlaſſen. Das ſtand allerdings nicht recht im Einklang mit dem Trauerfall, auf den der Bankier ſich berufen hatte, aber der Schenkwirth geſtand ganz offenherzig, daß dieſer Trauerfall in ſeine Familie nicht tief eingegriffen habe, da ja die Verſtorbene ihr ſtets fremd geblieben ſei. Ueber dieſen Todesfall hatte man in der Stadt gar nicht ge⸗ ſprochen, man war mit einigen Worten der Theilnahme für den ſchwer geprüften Gatten der Verſtorbenen darüber hinweggegangen und man mußte es begreiflich finden, daß die Geſchwiſter des Hinterbliebenen deshalb ihre Hochzeit nicht verſchieben wollten. Die Gäſte bildeten, wie man zu ſagen pflegt, eine ſehr ge⸗ miſchte Geſellſchaft. Der Friſeur Gabel mit ſeiner Braut, der Marchand⸗Tailleur Wacker mit ſeiner Gattin und einige andere Bekannte des Schenk⸗ wirths mit ihren Frauen und Töchtern konnten ſich nicht wohl mit den Freundinnen Eugenie’'s und den ſpeziellen Freunden Schirmer's vereinigen und ſo war es denn eine ganz natürliche Folge, daß die Geſellſchaft ſich in zwei Kreiſe trennte und zwiſchen dieſen beiden ſich eine Schranke bildete, die Niemand gerne überſtieg. Aber trotz alledem herrſchte in dem Kreiſe eine heitere gemüth⸗ liche Stimmung, die mit der ſteifen, förmlichen Etikette am Hoch⸗ zeitstage Bertha's nichts gemein hatte. Und Bertram Schenk war ganz dazu geſchaffen, die fremden Elemente einander näher zu führen, ſeine ungezwungene Liebens⸗ würdigkeit, ſeine Offenherzigkeit und ſein Humor ruttelten mehr und mehr an der Schranke, bis ſie endlich, wenn auch nur theil⸗ weiſe, fiel. Es fehlte auch hier nicht an Trinkſprüchen und theils ernſten, theils launigen Reden; ſogar der Friſeur Gabel wagte es, ſein oratoriſches Talent zu verſuchen und nicht allein ſich, ſondern auch die Gäſte durch die kühnen Wendungen und Seitenſprünge, die er hineinflocht, in Verzweiflung zu bringen. Auch Fritz Wacker erlaubte ſich, eine Rede zu halten und ihr gebührte die Krone des Abends. Der Schneidermeiſter hatte nie vorher ſeine Lügen über China, „das himmliſche Reich,“ ſo ſtark aufgetragen, wie er es heute — 880— that; er verſicherte mit dem ernſteſten Geſichte Dinge, die an's Fabelhafte grenzten, und es kümmerte ihn durchaus nicht, daß ſeine Gattin ſich bemühte, durch energiſches Ziehen an den Flügeln ſeines Fracks, ihn auf ſeine Untugenden aufmerkſam zu machen. Fritz Wacker erreichte ſeinen Zweck, er beluſtigte die Geſell⸗ ſchaft und gab ſich, wenigſtens nach ſeiner Ueberzeugung, in den Augen aller Anweſenden den Anſchein eines weitgereiſten, kennt⸗ nißreichen Mannes.. Nur Einer fehlte bei dieſem Doppelfeſte, Heinrich, er hatte die Einladung nicht angenommen, unter dem Vorwande, daß es fich für ihn nicht zieme, ſchon ſo bald nach dem Tode ſeiner Gattin an einem Feſte Theil zu nehmen. Man mußte dieſen Vorwand gelten laſſen, und außer Madame Schenk war Niemand betrübt darüber, daß dieſes Familien⸗ glied fehlte. Aber Niemand ahnte auch, welche ſchweren Sorgen an dieſem Tage die Seele dieſes Mannes drückten. Es ſchien faſt, als ob ſeine ſämmtlichen Gläubiger ſich ver⸗ abredet hätten, ihn zu ſtürzen und zu vernichten, ſo hartnäckig und ungeſtüm drangen ſie auf ihn. Schon am Tage nach der Beerdigung kamen drohende Mahn⸗ briefe, ſie wurden bei Seite gelegt. Am Tage darauf erſchienen einige Gläubiger perſönlich, um Zahlung zu verlangen, mit einer faſt verachtenden Geringſchätzung machte Heinrich ſie darauf aufmerkſam, daß er durch den Tod ſeiner Frau in den Beſitz eines Vermögens gelangt ſei, welches ſein eignes bedeutendes Vermögen weit überſteige. Er hatte ihnen mit derben Worten erklärt, daß er ſie ſammt und ſonders auf Heller und Pfenning befriedigen werde, ſobald er einige ausſtehende Kapitalien flüſſig gemacht habe, daß er aber fortan mit Keinem von ihnen je wieder in Geſchäftsverbindung treten werde. Sein ſtolzes, ſicheres Auftreten imponirte den Gläubigern, ſie geduldeten ſich, in der Hoffnung, daß die Zahlung in den erſten Tagen erfolgen werde. Heinrich ſchickte nun zur Bank, er berief ſich in ſeinem Briefe, den er an die Direktion ſchrieb, darauf, daß er durch den Tod ſeiner Frau der Univerſalerbe ihrer Hinterlaſſenſchaft geworden ſei und erſuchte um ſofortige Zahlung der Hälfte des deponirten Geldes. Er rechnete mit Sicherheit auf den Empfang dieſer Summe, die ihm nach ſeiner Auſicht nicht vorenthalten werden konnte, da er ja der einzige berechtigte Erbe war. Um ſo größer war ſeine Beſtürzung, als der ausgeſandte Bote mit der Nachricht zurückkehrte, die Bank habe die Aushändigung des Geldes verweigert. — 881— 8 9 Er eilte nun perſönlich hin, noch immer hoffend, daß hier de 1 nur ein Mißverſtändniß obwalten könne, welches zu beſeitigen ihm 6 aiehen mit leichter Mühe gelingen werde. laen Das Billet Bertha's, welches das Datum des Todestages edie Geſel trug, und welches der Banldirektor ihm vorlegte, gab ſeinen Hoff⸗ ung, in den nungen den Todesſtoß.: iſten, kenm⸗ Vier Wochen ſollte er warten und dann erfahren, welche 6 Beſtimmungen Bertha über ihre Hinterlaſſenſchaft getroffen h. er hatte hatte? nde, daß es Welcher Art waren dieſe Beſtimmungen? Tode ſeiner Hatte Bertha zu Gunſten eines Andern, als ihres Gatten über ihr Vermögen verfügt? jer Madame Und wer war dieſer Andere? Familien⸗ Heinrich glaubte wahnſinnig zu werden über alle die Fragen, Vermuthungen und Zweiſel, die auf ihn einſtürmten, er fühlte ſich n an dieſem nicht im Stande, zu Fuß zurückzukehren, er mußte einen Wagen miethen und ſich heimfahren laſſen. ger ſich ver⸗ Das war ein vernichtender Schlag, der ihn um ſo härter traf, rrtnäckig und als er ihn nicht erwartet, ihn nicht in ſeine Pläne und Be⸗ rechnungen hineingezogen hatte. ende Mahn⸗ Es war ihm unmöglich, einen klaren Gedanken zu faſſen, er ſah voraus, daß das Haus über ihm einſtürzte und ihn unter rfönlich, um ſeinen Trümmern begrub. ringſchätung Dafür alſo hatte er ſo ſchwer geſündigt, dafür ſo viele Ver⸗ h den Tod brechen begangen, um zuletzt als Bettler von der Gnade ſeiner ſei, welches Familie leben zu müſſen?. hatte ihnen Der Gedanke war ihm unerträglich. fonders auf Er eilte zu Marie Latour, ſie wußte nichts von jenem Billet, ausſtehendt von den auch ihr unbekannten Beſtimmungnn. mit Keinem Zum erſten Male ahnten die Beiden, daß die Verſtorbene ſie hintergangen hatte, trotz ihrer Liſt und Schlauheit, daß ſie mit dem Kammerdiener hinter dem Rücken ihrer Umgebung conſpirirt hatte. Marie Latour entſann ſich jetzt aller Verdachtsgründe, die nem Brief damals ſie vor dieſem Kammerdiener gewarnt hatten, ſie machte uum 3 ihrem Verbündeten Vorwürfe, weil er derzeit ſo thöricht geweſen r ner ſi war, den Menſchen in ſeinem Hauſe zu dulden, und zu dieſen — Vorwürfen geſellte ſich bald auch die Befürchtung, daß Henri und erten Gei Jeanette, ſei es durch Zufall oder ſcharfe Beobachtung mehr wiſſen erde. zubigem, fe u den erſte ſer Lum könnten, als ihnen, den Verbrechern, lieb ſei. bonnte, Dieſe Befürchtung verlor zwar ihren Haltpunkt durch den get Umſtand, daß die Beiden abgereiſ't waren, ohne eine Drohung eſandte De ausgeſprochen, oder einen andern feindſeligen Schritt gethan zu ushändigung haben, aber ſo ganz ließ ſie ſich dennoch nicht beſeitigen, das 56 ſchuldbeladene Gewiſſen konnte, nachdem der Argwohn und die Angſt hineingezogen waren, nicht mehr beſchwichtigt werden. Man kam endlich dahin überein, die Stadt zu verlaſſen, ſobald das Nöthigſte geordnet war. Heinrich ſollte ſein Geſchäft liquidiren, ſeine Ausſtände ein⸗ ziehen und die Gläubiger befriedigen, er ſollte ferner ſeinen Vater zur Auszahlung des Antheils an der Erbſchaft, der Heinrich zufiel, zu bewegen ſuchen und außerdem die Beſtimmungen Bertha's über ihre Hinterlaſſenſchaft abwarten. Man beſaß dann, wenn man das Vermögen Marie's hinzu rechnete, ſo viel, daß man die bisherige Lebensweiſe fortſetzen konnte, ohne das Ende befürchten zu müſſen. Selbſt für den Fall Bertha zu Gunſten eines Andern über ihr Vermögen verfügt hatte, war es dennoch möglich, daß auch Heinrich mit einer nicht unbedeutenden Summe bedacht war, die man nicht gerne verlieren wollte. War dies Alles geſchehen, ſo wollte man Köln verlaſſen und fortan in Paris oder London ſeinen Wohnſitz nehmen, in dieſen großen Städten konnte man immer Summen gewinnen, wenn man nur die Quellen auszubeuten wußte. Der Plan war vortrefflich, je länger Heinrich über ihn nach⸗ dachte, deſto mehr leuchtete ihm die Vortrefflichkeit deſſelben ein. Er zog eine genaue Bilanz ſeines Geſchäfts und fand, daß ihm nach vollſtändiger Befriedigung ſeiner ſämmtlichen Gläubiger noch eine kleine Summe übrig blieb. Er dachte auch daran, ſeinen Gläubigern einen Accord vor⸗ zuſchlagen, aber ſein Stolz ſträubte ſich dagegen, er konnte dieſen Vorſchlag nicht mehr machen, nachdem er ſich jenen Leuten gegen⸗ über ſo trotzig auf's hohe Pferd geſetzt hatte. Aber dieſer Plan war eng mit einer Bedingung verknüpft, der nämlich, daß er nicht gedrängt wurde, daß es ihm überlaſſen bleiben mußte, allmählich ſeine Angelegenheiten zu ordnen. Nun hing die Erfüllung dieſer Bedingung nicht von ihm, ſondern von ſeinen Gläubigern ab, und dieſer Umſtand zog den Strich durch die Rechnung. Die Gläubiger hatten ſich geduldet und gehofft, ihr Schuldner werde die Erbſchaft ſeiner Frau antreten und alsdann ohne Verzug ſeinen Verpflichtungen nachkommen. Statt deſſen erfuhren einige von ihnen, daß die Bank ſich ge⸗ weigert hatte, die deponirten Gelder der Hinterlaſſenſchaft aus⸗ zuzahlen, daß über dieſe Hinterlaſſenſchaft ſelbſt Beſtimmungen getroffen waren, die man noch nicht kannte, die aber keinesfalls dem Gatten der Erblaſſerin günſtig ſein konnten. Dieſes Gerücht verbreitete ſich raſch an der Börſe, es flößte den zahlreichen — jn und die erden. sſtände ein⸗ ſeinen Vater inrich zufiel en Vertha's rriès hinzu iſe fortſetzen Indern über ), daß auch ht war, die erlaſſen und , indieſen , wenn man er ihn nach⸗ ſelben ein. d fand, daß n Gläubiger Accord vor⸗ onnte dieſen euten gegen⸗ erknüpft, der a überlaſſen mnen. t von ihm, mnd zog den r Schuldner ohne Verzug aſſen, ſobald — 883— Gläubigern Angſt und ein gerechtes Mißtrauen ein, und jeder unter ihnen hielt es für einen unverantwortlichen Fehler, jetzt noch länger Geduld zu zeigen. So ſtürmte denn wenige Tage ſpäter wieder Alles auf Heinrich ein und vorzugsweiſe an dem Tage, an welchem ſeine Geſchwiſter das Feſt ihrer Hochzeit begingen, ſah er ſich ſo ſehr bedrängt, daß er endlich Befehl gab, Jeden abzuweiſen unter dem Vorwande, der Chef der Firma ſei nicht zu Hauſe. Aber auch dieſer Schild ſchützte ihn nicht mehr. Mehrere, die abgewieſen worden waren, entfernten ſich mit der Drohung, ſofort die gerichtliche Klage einleiten zu wollen, Andere verſuchten trotz der Zurückweiſung in das Kabinet einzu⸗ dringen. Der alte Buchhalter war in Verzweiflung, er ſuchte die Mahner zu beruhigen, er verſprach ihnen Alles, was ſie nur wollten, aber ſeine Verſprechungen hatten kein Gewicht, ſo lange der Klang des Geldes ſie nicht begleitete. Am Nachmittage zur Zeit der Börſe glaubte Heinrich einmal aufathmen zu können. Er horchte an der Thüre, im Comptoir war Alles ſtill. Er wollte mit ſeinem, Buchhalter über einen Plan reden, den er ent⸗ worfen hatte, demzufolge eine bedeutende Summe auf das Wohn⸗ haus aufgenommen werden ſollte. Mit dieſer Summe gedachte er die ungeſtümſten Gläubiger zu befriedigen. Der Plan war ſo einfach, daß er nicht begriff, weshalb er nicht früher ſchon an denſelben gedacht hatte. Als er die Thüre öffnete, fiel ſein erſter Blick auf den Kauf⸗ mann Levinſohn, der im Comptoir auf einem Stuhle ſaß und ſchon ſeit einer Stunde ſtill und geduldig auf den Augenblick wartete, in welchem es ihm vergönnt ſein würde, ſeinem Schuldner in's Antlitz ſchauen zu können. Dieſer Mann hatte eine Forderung von vierzigtauſend Thaler und wenn es auch rein gewonnenes Geld war, er wollte es doch nicht verlieren. Heinrich wollte erſchreckt die Thüre wieder ſchließen, aber der Sohn Iſraels kam ihm zuvor. Er ſtand im Kabinet ſeinem Schuldner gegenüber, ehe Heinrich ſich von ſeiner erſten Beſtürzung erholt hatte. „Alſo ſo weit ſind wir ſchon gekommen, daß wir uns ver⸗ leugnen laſſen?“ nahm Levin ſchon das Wort und es lag ein ſchneidender Hohn in ſeiner Stimme.„Hab's mir wohl gedacht, daß man mich hat wollen hinter das Licht führen, aber Levi Levinſohn iſt ein geſcheidter Mann, er läßt ſich nicht leicht betrügen von den Chriſten.“ 56* 2 —— — 884— „Was berechtigt Sie zu dieſer Sprache?“ fuhr Heinrich gereizt auf.„Sie haben noch keine Urſache, zu glauben, daß ich Sie betrügen will.“— Ein eigenthümliches Lächeln breitete ſich über das pockennarbige Geſicht des Sohnes Iſraels. In dieſem Lächeln lag Alles, was man darin finden wollte, Spott, Hohn, Verachtung, beſſere Ueber⸗ zeugung und Angſt. „Wenn Sie das nicht wollen, ſo zahlen Sie, was Sie mir ſchuldig ſind,“ fuhr Levinſohn fort,„ich habe gehabt Geduld, ſo ange—“ „Und Sie werden ſich noch länger gedulden müſſen,“ fiel Heinrich ihm in's Wort.„Ich weiß nicht, welcher Umſtand dieſe allgemeine Angſt ſo plötzlich hervorgerufen hat. Glaubt man denn, ich ſei ſchon bankerott?“ Levinſohn zuckte die Achſeln. „Meine Ausſtände decken die Schulden vollſtändig—“ „Wenn das iſt, ſo tilgen Sie die Schulden—“ „Das Vermögen meiner verſtorbenen Gattin—“ „Schwindel, lieber Freund! Die Bank zahlt es nicht aus, es iſt ein Teſtament im Hintergrunde, wenn Sie der Erbe wäre, bedürfte es keines Teſtamentes.“ „Das wiſſen Sie alſo auch ſchon?“ fragte Heinrich, der trotz der Beſtürzung ſeine Faſſung nicht verlor. „Natürlich weiß ich es,“ fuhr Levinſohn fort,„ich werde mich doch nach den Verhältniſſen meiner Schuldner crkundigen! Machen Sie mir keine Flauſen, ich verlange Geld.“ „Nun wohl, Geld habe ich augenblicklich nicht, die ausſtehen⸗ den Kapitalien ſind gekündigt, aber es vergehen noch Monate, ehe ich ſie flüſſig machen kann. Meine Geſchäftsforderungen gehen ebenfalls ſehr langſam ein, womit alſo ſoll ich die Schulden tilgen? Ich mache Ihnen aber einen annehmbaren Vorſchlag. Dieſes Haus iſt noch nicht belaſtet, zahlen Sie mir zwanzigtauſend Thaler, ſo gebe ich Ihnen eine notarielle Verſchreibung, in welchem ich Ihnen dieſes Haus mit ganzen Einrichtung mit Equipagen und Pferden verpfände. Sie werden den Werth zu taxiren wiſſen, wenn ich ihn gering anſchlage, ſo beträgt er fünfzigtauſend Thaler, Sie ſind alſo durch die Verpfändung für Ihre Forderung gedeckt.“ „Gott Abrahams— wie ſchlau!“ ſpottete der Sohn Iſraels. „Sie wollen verpfänden, was nicht iſt Ihr Eigenthum?“ „Herr Levinſohn!“ „Ereifern Sie ſich nicht, guter Freund, die Sache iſt ſehr klar. Dieſes Haus ſammt der Einrichtung iſt geweſen das Eigen⸗ thum Ihres Schwiegervaters und übergegangen nach ſeinem Tode auf Ihre Frau. Wenn nun das Teſtament Ihrer Frau beſtimmt, nrich gereizt daß ich Sie pockennarbige Alles, was deſſere Ueber⸗ vas Sie mir t Geduld, ſo müſſen,“ fiel lUmſtand dieſe Glaubt man 74 9— nicht aus, es Erbe wäte, ich, der trot werde mich gen! Machen ie ausſtehen⸗ Monate, ehe rungen gehen die Schulden n Vorſchlag vanzigtauſend „in welchem varen wiſſe na gedeckt daß dieſes Haus nicht ſein ſoll Ihr Eigenthum, ſo iſt die Ver⸗ pfändung geworden ein werthloſer Wiſch und Sie haben betrogen Levi Levinſohn um ſechszigtauſend Thaler Preußiſch Courant. Ich habe geſagt: betrogen— ehrlich iſt es nicht, wenn man ſich einläßt in Speculationsgeſchäftchen und kann nachher nicht bezahlen die Differenzen.“ Die Wucht dieſer in ſcharfem, ſtrengem Tone geſprochenen Worte wirkte niederdrückend auf Heinrich, der ſelbſt noch nicht daran gedacht hatte, daß ſein Plan an dieſem gerechten Einwurf ſcheitern könne. „So ſtehen die Sachen,“ fuhr Levinſohn fort,„es wird Keiner ſo thöricht ſein, Ihnen zugeben Geld auf eine Sache, die nicht iſt Ihr Eigenthum. Ich laſſe Ihnen Zeit bis morgen Mittag und ich will mich begnügen vorläufig mit zwanzigtauſend Thaler, wenn ich aber nicht habe das Geld morgen Mittag um zwölf Uhr, laſſe ich Sie fallit erklären. Sie ſollen kennen lernen Levi Levinſohn, vor dem Sie ſich verleugnen ließen.“ Heinrich zitterte vor Entrüſtung und Wuth, aber er wußte auch, daß dieſer Gläubiger Wort hielt, wenn er nicht befriedigt wurde. Sollte er ihn zurückrufen, nochmals Bitten und gute Worte an ihn verſchwenden? Sein Stolz litt es nicht, und es war ja auch mit Sicherheit vorauszuſehen, daß die Bitten kein Gehör fanden. Aber was nun? Es war in der That richtig, über das Haus, über die Ein⸗ richtung, die Equipagen und die Pferde konnte er nicht verfügen, ſo lange das Teſtament ſie ihm nicht als Eigenthum zuerkannte. Die Bank zahlte nicht aus, Credit und Werthpapiere, die er verſilbern konnte, beſaß er auch nicht mehr, und wenn Bertha ihn enterbt hatte, ſo war er nicht allein ein Bettler, ſondern auch ein Bankerotteur, den Jeder verachtete. Lange grübelte Heinrich über die Mittel, die ſeine Ehre retten konnten, nach, er fand nur ein einziges und er hegte gerechte Zweifel, daß es ihm müglich ſein werde, durch daſſelbe ſeinen Zweck zu erreichen. Aber der Verſuch konnte wenigſtens gemacht werden. Heinrich zögerte nicht mehr, nachdem er über ſeinen Vorſatz mit ſich im Reinen war. Er eilte in die Wohnung ſeines Vaters und in ſeiner ge⸗ drückten, düſtern Stimmung berührte der Jubel, der dort ihm entgegenſchallte, ihn unangenehm. Er ließ den Schenkwirth in's Schlafzimmer rufen, hier hoffte er, ungeſtört mit ihm reden zu können. Es währte eine geraume Weile, ehe Bertram Schenk erſchien und während dieſer Zeit fand Heinrich Muße genug, über den Schritt, den er thun wollte, nachzudenken. Er ſagte ſich, daß der Augenblick ſehr gut gewählt ſei, voraus⸗ ſichtlich werde der alte Mann ſchon einen kleinen Spitz haben und in dieſer Verfaſſung war er, wie Heinrich aus Erfahrung wußte, bis zum Leichtſinn gutmüthig. Aber auch in dieſer Hoffnung ſah er ſich betrogen. Bertram Schenk hatte allerdings ſchon recht wacker der Flaſche zugeſprochen, aber ſein Verſtand war noch immer klar genug, um die Sachlage durchſchauen zu können. Er hörte den Sohn ſchweigend an und erwiderte dann mit einer Feſtigkeit, die ſich ſo leicht nicht erſchüttern ließ, daß er dieſe Bitte nicht erfüllen werde. „Wie man's treibt, ſo geht's,“ ſagte er,„ich habe Dich früh genug gewarnt. Damals haſt Du meine Warnungen verſpottet und heute verlangſt Du, daß ich den Kopf für Dich in's Loch halten ſoll.“ „Aber ich verlange ja nicht mehr, als den Antheil, der mir gebührt,“ warf Heinrich ein. „Gebührt er Dir?“ fuhr der alte Mann fort.„Doch wohl erſt dann, wenn ich die Augen geſchloſſen und in meinem Teſtament keine andere Verfügungen getroffen habe.“ „Ah— iſt es das? Du gehſt ſchon jetzt mit der Abſicht um, mich zu enterben?“ „Keineswegs, ich will nur nicht mein Geld zum Fenſter hin⸗ aus werfen. Arrangire Dich mit Deinen Gläubigern, ſo gut Du kannſt, es iſt ja doch Alles Sündengeld, was Du gewonnen und wieder verloren haſt, gib ihnen Alles, wos Du haſt und über⸗ laſſe es ihnen, ſich darin zu theilen. Wenn das geſchehen iſt und Du mir verſprichſt, fortan Dich in derartige Spekulationen nicht mehr einlaſſen zu wollen, ſo bin ich bereit, Dir wenigſtens einen Theil Deines Vermögens ſofort auszuzahlen, früher erhältſt Du keinen rothen Heller.“ Heinrich biß auf die Lippe, um ſich zu beherrſchen, er nahm ſeinen Hut, und ſchoß einen Blick auf den alten Mann, in dem ein glühender Haß ſich kund gab. „Iſt das Dein letztes Wort?“ fragte er mit dumpfer, heiſerer Stimme. „Ich kann nicht anders,“ lautete die Antwort.„Später wirſt Du ſelbſt einſehen, daß ich nur Dein Beſtes gewollt habe.“ „Mein Beſtes!“ höhnte Heinrich.. „Allerdings! Gebe ich Dir jetzt das Geld, ſo fließt es in die Taſchen Deiner Gläubiger und Du haſt nachher nichts mehr, == 182—— enk erſchien über den ei, voraus⸗ Ppitz haben Erfährung der Flaſche genug, um dann mit daß er dieſe Dich früh verſpottet h in' Loch eif, der mir Doch wohl n Teſtament Abſicht um denſter hiu⸗ ſo gut Du wonnen und ſt und üher⸗ eben iſt! tionen richt gſtens einen erhälſſt A en, er nahm n, in dem fet, heiſete Spüuet vi habe⸗ nitts met — 887— ſo aber rette ich Dir wenigſtens ſo viel, daß Du Dir eine be⸗ ſcheidene Exiſtenz ſichern kannſt.“ Heinrich hörte die letzten Worte nicht mehr, er eilte hinaus, zurück in ſeine Wohnung, in der zu den alten neue Sorgen ihn erwarteten. Er hatte ſein Kabinet kaum betreten, als ihm der Beſuch zweier Herren gemeldet wurde, die dringend mit ihm zu reden verlangten und ſchon ſeit einer halben Stunde ſeine Rückkehr er⸗ warteten. Abgewieſen konnten ſie nicht werden, denn ſie hatten geſehen, daß er zurückgekehrt war. Und trotzdem würde Heinrich ihren Beſuch nicht angenommen haben, wenn er gewußt hätte, wer dieſe Beiden waren. „Auch das noch!“ murmelte er, als er in dem erſten Eintre⸗ tenden den Vetter ſeines ehemaligen Principals, den Bettler von Breslau, erkannte. „Sie werden die leicht begreifliche Hoffnung gehegt haben, daß ich in meine Heimath zurückgekehrt ſei und nicht mehr daran denke, einen Anſpruch auf die Hinterlaſſenſchaft meines Vetters zu machen,“ nahn der lange Chriſtian das Wort, der auf ſeinen Stock geſtützt in ſehr entſchiedener, faſt herausfordernder Haltung vor dem jungen Manne ſtand.„Das iſt nun, wie Sie ſehen, nicht der Fall, ich bin heute feſter denn vorher entſchloſſen, dieſe Anſprüche geltend zu machen.“ „Wie es Ihnen beliebt!“ erwiderte Heinrich, kurz angebunden. „Thun Sie es am geeigneten Orte, es iſt überflüſſig, daß Sie hierher kommen, um mir zu drohen.“ „Sie ſtützen ſich noch immer darauf, daß der Schleier, der Ihr Verbrechen bedeckt, nicht gehoben werden könne, fuhr Scherenberg fort.„Ich ſage Ihnen, er iſt gehoben, die Beweiſe find in meiner Hand.“ „Wirklich?“ ſpottete Heinrich, der die feſte Ueberzeugung hegte, daß das nur ein Schreckſchuß, eine Falle ſei. „Sie zweifeln daran?“ fragte der Begleiter Scherenbergs. „Ich war Wärter in der Anſtalt Merville's, und ich weiß mehr, als Ihnen lieb ſein kann.“. „So ſo,“ fuhr Heinrich fort, eine Gleichgültigkeit heuchelnd, die ſeiner Seele fremd war,„ich habe mit dem Schuft Merville nichts gemein gehabt!“ „Werden Sie das auch dann noch behaupten, wenn wir Ihnen beweiſen, daß mein Vetter ſehr genau Ihre Beziehungen zu Merville kannte?“ fragte der lange Chriſtian.„Sie haben ſich vortrefflich vorgeſehen, aber dabei vergeſſen, daß es einen Richter über uns gibt, dem nichts verborgen bleibt. Herr Müller, wollen — 888— Sie nicht die Güte haben, dieſem Spießgeſellen des Giftmiſchers die Einzelheiten zu berichten—“ „Bedenken Sie Ihre Worte!“ rief Heinrich aufbrauſend. „Ich werde Sie hinauswerfen laſſen und die Polizei erſuchen, Sie mit Zwangspaß in Ihre Heimath zurückzuſchaffen! Hinaus, ſage ich, oder—“ „Wenn Sie in Ihrem Arſenal dieſer Drohungen noch mehr haben, ſo rücken Sie nur damit heraus,“ unterbrach Scherenberg ihn kalt,„uns werden ſie weder vernichten, noch einſchüchtern, wir haben zu ſtarke Waffen gegen Sie! Sie hätten das Spiel gewonnen gehabt, wenn nicht meine Armuth mich in London in's Gefängniß gebracht hätte. Dort lernte ich dieſen Mann kennen, der Zufall brachte die Rede auf Merville, und da erfuhr ich denn, was zu erforſchen ich mich lange vergeblich bemüht hatte.“ „Alſo im Geſängniß ward der Plan ausgeheckt, mich durch Drohungen um eine Summe zu prellen?“ „Von einer Prellerei kann hier kein Rede ſein,“ entgegnete Scherenberg ruhig.„Ich verlange, was mir gebührt und gedenke daneben die ſchmähliche Ermordung meines Vetters zu rächen. Sie könnten mich fragen, weshalb, wenn dies meine Abſicht ſei, ich Sie zuvor warne, ehe ich den vernichtenden Schlag führe. Ich würde Ihnen darauf erwidern, daß—“ „Beenden wir dieſen unerquicklichen Streit,“ nahm Müller das Wort.„Sie müſſen ja nun einſehen, daß wir es mit einem hartgeſottenen Sünder zu thun haben, der keine Schonung ver⸗ dient.“ Scherenberg nickte beiſtimmend. „Die Bekenntniſſe meines Vetters, die jetzt in meinen Händen ſind, genügen hinreichend,“ ſagte er,„auch das war ein Werk der Vorſehung, daß dieſe mit Blut beſchriebenen Blätter der Wachſamkeit Merville's entgingen, daß ſie in unſre Hände fallen mußten.“ Heinrich erbleichte, er mußte ſich auf die Lehne eines Stuhles ſtützen, um nicht durch das Zittern ſeines Körpers zu verrathen, in welche Beſtürzung dieſe Worte ihn ſetzten. „Thut, was Ihr wollt!“ rief er, ſeine letzte Kraft aufbietend. „Aber ich ſage Euch, als Sieger werdet Ihr aus dieſem Kampfe nicht hervorgehen. Es iſt möglich, daß Ihr Briefe gefälſcht, daß Ihr falſche Dokumente ausgefertigt habt, daß Ihr bereit ſeid, einen Meineid za liſten, um Euren Ausſagen den Schein der Wahrheit zu geben. Aber die Wahrheit wird ſiegen, ich werde dieſen Prozeß nicht verlieren.“ „Er iſt für Sie ſchon verloren,“ ſagte der lange Chriſtian ernſt, während er die Thüre öffnete, um das Kabinet zu verlaſſe, — 889— Giftmiſer gſobald dieſe Blätter in den Händen des Gerichts ſind, wird der aiſer Lohn für Ihre Verbrechen Sie ereilen.“ auſbrauſend. Stier blickte Heinrich auf die Thüre der kalte Schweiß trat erſuchen, Sie vor ſeine Stirne, krampfhaft ballten ſich die Hände, während die Dinaus, ſage Knie unter ihm zu brechen drohten. „Sollte es wirklich die Wahrheit ſein?“ ſagte er mit bebender noch mehr Stimme.„Wenn der alte Narr ſchriftliche Mittheilungen hinter⸗ Süherenberg laſſen hat und dieſe Mittheilungen in die Hände meiner Feinde einſhüchtern, gefallen ſind, dann—— Bah, ſoweit ſind wir noch nicht. Jetzt n das Spiel gilt es zu handeln, ich fühle meine alte Energie wieder, ich war London inars ein Thor, daß ich mich einſchüchtern ließ.— Habe ich das gethan? ann kennen, Nein, ich trotzte ihren Drohungen, an meiner eiſernen Stirne erfuhr ich prallten ſie ab.— Aber was nun? Die Augenblicke ſind koſt⸗ nüht hatte.“ bar, jede verlorene Minute erhöht die Gefahr. Beſitzen ſie die mich durch Blätter, auf welche ſie ihre Drohungen ſtützten, ſo werden ſie nicht zögern, ihre Drohungen auszuführen, zumal, wenn ſie über "entgegnete meine Verhältniſſe Erkundigungen einziehen und erfahren, wie und gedenke nahe der Schiffbruch iſt. Was bleibt mir alſo übrig? Nur die 3 zu rächen. Flucht, wird der Schleier hinweggezogen, ſo folgert man aus e Abſicht ſei einem Verbrechen das andere und wer kann wiſſen, ob im Kerker chlag führe. mich der Muth nicht verläßt!— Aber welche Zukunft liegt nun vor mir?“ ahm Mäller Der junge Mann wanderte, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, 3 mit einem langſam auf und ab. honung ver⸗ Es lag etwas Trotziges in ſeinen Zügen, in ſeiner Haltung, in ſeinem ganzen Weſen, der Ausdruck der Entſchloſſenheit, dem Schickſal die Stirne zu bieten und den Kampf mit ihm aufzu⸗ enen Händen nehmen. 1 ar ein Werk„Es iſt die Zukunft eines Abenteurers,“ fuhc er nach einer Blätter der Weile fort,„eines Mannes, der durch Fälſchung, Hazardſpiel und Hinde falle Betrug ſeine Exiſtenz friſtet. Das alſo iſt das Ende einer Lauf⸗ bahn, die ſo glänzend begann? Und ich bin noch ſo jung, ſo ſehr nes Stuhles jung!— Bah, ſo jung ich auch bin, ich bin dennoch zu alt, um zu bereuen! Vorwärts denn auf dieſer Bahn, gleichviel, welches zu verrathen,. 4.— Ende ſie beſchließt. Rechnen wir, wie viel uns bleibt. Der t apfbiete Schmuck meiner Frau, der Baarbeſtand meiner Kaſſe und die ven Kampft Actien, die ich noch beſitze, repräſentiren in Summa einen Werth eſt dc von zehntauſend Thaler. Der Alte wird nichts herausgeben und Ffüſni das Geld, welches die Bank erhalten hat, iſt auch für mich ver⸗ beren loren. Darauf iſt alſo keine Rechnung zu machen. Es bleibt Stein erde mithin nur das Vermögen Marie Latours, ſie wird mir die a, ih b Verfügung über dasſelbe nicht einräumen, ſo muß ſie dazu ge⸗ zwungen werden. Sie ſoll mich begleiten und ſobald wir die ige Ghuff Grenze hinter uns haben, mag ſie zuſehen, wie ſie ſich durchſchlägt, t zu 1 — 890— ihre Schatulle wird mit mir gehen. In Amerika wird ſie meine Spur nicht entdecken, ich trete dort unter einem andern Namen auf und—— ja, ja, ſo wird's am Beſten ſein, treffen wir nun unſre Vorbereitungen.“ Er war vor ſeinem Schreibtiſch ſtehen geblieben, jetzt ſetzte er ſich hin, um einige Zeilen niederzuſchreiben. Es war eine Vollmacht für ſeinen Buchhalter, das Geſchäft zu liquidiren und den etwa ſich ergebenden Ueberſchuß aufzube⸗ wahren, bis er Nachricht erhalte, wohin er denſelben ſenden ſolle. Nachdem dies geſchehen war, beſchäftigte er ſich damit, ſeine Papiere zu ordnen und den Inhalt ſeiner Kaſſe einzupacken. Der Chevalier war inzwiſchen nicht müßig geweſen. Da es ihn intereſſirte, Alles, was im Hauſe Heinrich's vor⸗ fiel, zu erfahren, ſo hatte er nicht allein einen Diener dieſes Mannes, ſondern auch die Magd der angeblichen Gräfin Laroche zu beſtechen verſucht und nach Beſeitigung vieler Schwierigkeiten war ihm dies, wenn auch durch bedeutende Opfer, ſo vollſtändig gelungen, daß er ſich auf die Treue und Dienſteifrigkeit dieſer Spione verlaſſen durfte. Der Diener Heinrich's war namentlich auf die Klappe im Beſuchzimmer aufmerkſam gemacht worden und der Spion ver⸗ ſäumte nicht, ſie zu benutzen, ſo oft die Gelegenheit dazu ſich ihm bot. Was er auf dieſem Wege erfuhr, konnte ſeine Dienſteifrigkeit für den Chevalier nur befeſtigen, denn dieſer lohnte ihm jede einigermaßen wichtige Nachricht mit Gold, während auf der anderen Seite es ſich vorausſehen ließ, daß die Herrlichkeit im Hauſe Heinrich's bald ein Ende nehmen mußte. Nun war dieſer Diener heute ſich ſelbſt überlaſſen geweſen und da er bemerkte, daß ſehr viele Herren aus⸗ und eingingen, ſo hielt er es für zweckmäßig, ſich durch die Jagd auf eine intereſſante Neuigkeit die Langeweile fern zu halten. Er vernahm die Unterredung zwiſchen ſeinem Herrn und Scherenberg, ſowie auch das Selbſtgeſpräch des Erſteren und was er durch dieſe Geſpräche erfuhr, däuchte ihm wichtig genug, um es dem Chevalier ſofort zu berichten. Der Chevalier war überraſcht, er eilte zu Bertha, die nie ihr Zimmer verließ und nur durch Jeanette dedient wurde, um der Möglichkeit der Erkennung durch einen Kellner vorzubeugen. „Die beiden Verbrecher wollen noch heute die Stadt für immer verlaſſen,“ ſagte er erregt,„das ändert meinen Plan. Wir können jetzt nicht mehr warten, bis ſie vor dem Traualtar ſtehn, wir müſſen ſie ſchon jetzt entlarven.“ „Mir iſt das um ſo lieber,“ erwiderte Bertha,„ich habe ja — 891— ſie meine 1 1 3 Namen immer geſagt, daß ich mit Ihrem Plane mich nicht ſo recht ein wir nun verſtanden erklären könne, weil die Ausführung deſſelben zu lange hinausgeſchoben würde. Ich will nicht, daß er geſchont werde, ſette e ſeine Verbrechen verlangen Sühne—“ „Sie ſoll ihm werden,“ fuhr der Chevalier fort,„halten Sie Geſchiſ ſih bereit, ſabal ic den ganzen Plan deſcn Beiden kenne, lehre aufjube⸗ ich purüe„ um Sie zu holen, in Ihrer Gegenwart will ich ſie den ſole dem Gericht überliefern. 4 it, ſen Er eilte hinaus, eine Viertelſtunde ſpäter ſtand er vor der t0 Thüre des Hauſes, welches Marie Latour bewohnte. den Er zog die Schelle, die Magd öffnete. „„Der Augenblick iſt gekommen,“ flüſterte er raſch,„ich verlaſſe ·ichs Uot mich auf Sie.“ eet diſes Ohne ein Wort zu erwidern, führte die Magd ihn in das Lrroch Zimmer, welches durch den Sammetvorhang von der Empfangſtube erigleitn getrennt war. olſtändig Der Abend dämmerte ſchon, es war in dem Raume, in eit dieſer welchem der Chevalier ſich befand, bereits dunkel. 1 Er trat hinter den Vorhang, ſo daß, wenn derſelbe zurück⸗ lappe im geſchlagen wurde, die ſchweren Falten ihn verbergen mußten. don ver⸗ Es war allerdings ein gewagtes Unternehmen, die Möglichkeit dazu ſich lag ja nahe, daß Heinrich oder Marie in das Zimmer trat und 1 den Lauſcher entdeckte. ſtteifrigkeit Aber für dieſen Fall hatte der Chevalier ſich vorgeſehen; er ihm jede war entſchloſſen, ſich mit dem Revolver in der Hand den Rückzug wanderen zu ſichern. n Halſſe Eine halbe Stunde mochte verſtrichen ſein, als abermals die Schelle gezogen wurde. geweſeu Der Chevalier hörte die Stimme Heinrich's, er lauſchte mit eingingen, verhaltenem Athem und entdeckte, daß ſein Gegner in das Neben⸗ auf eine zimmer trat. Gleich darauf trat auch Marie ein. errn und„Schon ſo frühe?“ fragte ſie.„Ich hatte Sie erſt ſpäter erwartet.“ und was„Wir müſſen fliehen, heute Abend noch,“ erwiderte Heinrich, enug, um und der Chevalier bemerkte ſofort, daß die Ruhe dieſes Mannes eine erzwungene Ruhe, eine Maske war, hinter der eine gewaltige ie nie ihr Aufregung ſich barg.„Der Vetter des Mannes, der im Hauſe um der Merville's ſtarb, iſt in London geweſen und hat dort einen früheren ugen. 4 Wärter Merville's gefunden, dieſer Wärter iſt im Beſitz ſchrift⸗ hant fir licher Mittheilungen des Todten und man hat mir gedroht, dieſe D üt Mittheilungen dem Gericht überliefern zu wollen. Ich habe lan. triftige Gründe, zu fürchten, daß dies hinreichen würde, die Polizei ſtehn 1 tir ſeehy, zu meiner ſofortigen Verhaftung zu veranlaſſen und daß alsdann H tie für uns Beide Alles verloren iſt, werden Sie einſehen.“ yſ — 892— „Für Sie allerdings, nicht für mich,“ warf Maria, ohne eine beſondere Erregung zu verrathen, ein. „Auch für Sie,“ fuhr Heinrich fort.„Das Gericht wird ſich veranlaßt ſehen, Nachforſchungen anzuſtellen, man wird den plötz⸗ lichen Tod meiner Frau zum Tagesgeſpräch machen und ich kann für meinen Muth und meine Standhaftigkeit nicht mehr bürgen, wenn ich in einer einſamen Zelle hinter Schloß und Riegel ſitze. Morgen früh wird Scherenberg ſeine Drohung ausführen, heute Abend kann er's nicht mehr, alſo bleibt uns nur noch die Nacht.“ Maria ſchwieg eine Weile, ſie ſchien zu überlegen. „Gut, fliehen wir,“ ſagte ſie endlich,„ich bin bereit, wenn ich auch Manches hier im Stich laſſen muß. Wie iſt es mit den Mitteln zur Reiſe?“ „Ich habe zehntauſend Thaler.“ „Nicht mehr?“ „Nein, aber Sie beſitzen—“ „Auf das, was ich beſitze, dürfen Sie keine Rechnung machen, erſt nach der Hochzeit werde ich Ihnen erlauben, darüber zu ver⸗ fügen. Wir laſſen hier zu viel zurück, was nach Ihrer Abreiſe für Sie verloren iſt.“ „Durchaus nichts. Mein Geſchäft iſt bankerott, das Vermögen meiner Frau wird ſchwerlich mir zufallen und ſollte ein Theil davon auf mich fallen, ſo werden meine Gläubiger nicht verſäumen, ſich deſſelben zu bemächtigen.“ „Aber das Vermögen Ihres Vaters?“ „Er hat ſich noch heute Nachmittag geweigert, mir unter die Arme zu greifen.“ „Warten Sie, wir müſſen es, wenn auch nur theilweiſe, mit⸗ zunehmen ſuchen, er hat das Geld in Aktien liegen, alſo kann er es jeden Augenblick herausgeben. Wann fährt der letzte Zug?“ „Um elf Uhr.“ „Jetzt iſt es acht, wir haben alſo keine Zeit zu verlieren. Sind Ihre Vorkehrungen getroffen?“ „Ja. Meine Koffer werden zur rechten Zeit am Bahnhofe ſein.“ „So werde ich dafür ſorgen, daß auch mein Gepäck dort iſt. Wir müſſen eine Komödie aufführen. Ihr Vater kennt mich nur dem Namen nach, wir fahren beide zu ihm, Sie ſagen ihm, ich ſei die Gräſin Laroche, die Ihre Gattin ſo treu gepflegt habe und befinde mich auf dem Wege nach Berlin, um die Leiche meines Gemahls zu holen, der dort plötzlich verſchieden ſei. Sie fügen hinzu, ich habe Sie um Ihre Begleitung und um ein Darlehn von zehntauſend Thaler gebeten, wofür ich als Pfand einen Brillantſchmuck zurücklaſſen wolle. Dann ſtützen Sie ſich darauf, ohne eine t wird ſich den plög⸗ d ich kam ehr bürgen, Riegel ſitze. hren, heute die Nacht.“ rreit, wenn es mit den mg machen, ber zu ver⸗ rer Abreiſe Vermögen ein Theil verſäumen, unter die weiſe, mit⸗ lſo kann et te Zug? t verlieren. Bahnhoft ic dort iſ. — 893— daß Sie das Geld nicht hätten und deshalb ihn bitten müßten, mich meiner Verlegenheit zu entziehen. Für das Andere laſſen Sie mich ſorgen, wenn der alte Mann ſo gutmüthig iſt, wie Sie behaupten, werde ich ihn ſchon meinen Wünſchen geneigt machen. Der Schmuck iſt freilich keine hundert Thaler werth, aber das kann nur ein Sachkenner entdecken.“ „Om— der Plan könnte gelingen,“ erwiderte Heinrich nach⸗ denklich,„aber Sie vergeſſen das Hochzeitsfeſt, wir werden meinen Bruder und deſſen Freund, die beide Sie kennen, dort finden.“ „Das müſſen wir vermeiden, es wird doch ein Zimmer in dem Hauſe ſein, in welchem wir allein mit ihm reden können. Gehen Sie jetzt und kehren Sie punkt neun Uhr mit einem Wagen zurück, ich ſetze auf das Gelingen meines Planes großes Vertrauen.“ Heinrich zögerte, er machte noch verſchiedene Einwendungen, die Marie indeß alle zu entkräften und zu beſeitigen wußte. Nachdem Heinrich ſich entfernt hatte, eilte Marie hinauf, und der Chevalier verließ ebenfalls das Haus, ſobald er es konnte, ohne eine Entdeckung befürchten zu müſſen. Im Hof von Holland fand er Bertha, ungeduldig ſeiner Rückkehr harrend. „Halten Sie ſich bereit, ſagte er,„um neun Uhr werden wir ausfahren, der Wagen iſt beſtellt, wir fahren zur Kataſtrophe.“ „Und die Polizei?“ fragte Bertha.„Iſt ſie benachrichtigt?“ „Ja. Ich habe mit einem höheren Beamten geredet, er wird ſich einfinden. Was mich betrifft, ſo hätte ich's lieber mit den Waffen ausgefochten, aber mit einem gemeinen Verbrecher, mit einem Mörder darf ich den Degen nicht kreuzen.“ „Und wenn Sie es dürften, ſo würde ich es Ihnen verbieten,“ ſagte Bertha mit einem Blick, der dem Chevalier verrieth, daß eer dem Ziel ſeiner Wünſche nahe war. Hundertunddreizehntes Kapitel. Die Kataſtrophe. Die Hochzeitsgäſte waren alle noch in dem Hauſe Bertram Schenk's verſammelt.. 3 Noch dachte Keiner an die Heimkehr, ſaßen doch auch noch die — 894— 1 jungen Ehepaare an der Tafel, die mit dem letzten Zuge um elf Uhr eine kurze, nur dreitägige Reiſe antreten wollten. 1 Die Stunde war gekommen, in der die Luſt die letzten 6 3 Schranken niederreißt, um in ungebundener Freiheit auszutoben 1 und der Schenkwirth, weit entfernt, dem lauten Jubel eine ernſte Mißbilligung entgegenzuſetzen, war unter den Fröhlichen wohl der Fröhlichſte. 6 Da fuhr plötzlich kurz nach neun Uhr ein Wagen vor, die Gäſte bemerkten es nicht, nur das ſcharfe Ohr des Schenkwirths hatte das Geräuſch der Räder vernommen. Gleich darauf wurde er abgerufen. Herr Heinrich Schenk und eine fremde Dame erwarteten ihn in ſeinem Schlafzimmer, ſagte die Magd. Dem alten Manne war die Störung unangenehm, er hatte ja heute ſchon einmal eine unerquickliche Unterredung mit ſeinem Sohne gehabt, was wollte Heinrich nun noch von ihm? Abweiſen konnte er ihn nicht, ſo ging er in das Zimmer, in welchem die Beiden ihn erwarteten. Heinrich ſtellte ihm die Dame als die Gräfin von Laroche vor, die ſeine Gattin ſo liebevoll und aufopfernd während ihrer Krankheit gepflegt habe, und Bertram Schenk empfand ſofort eine 4 Abneigung gegen dieſe Dame, deren Grund er ſich ſelbſt nicht erklären konnte. „Die Frau Gräfin befindet ſich auf der Reiſe nach Berlin, um die Leiche ihres Gatten zu holen, der dort plötzlich geſtorben iſt,“ ſagte Heinrich,„ſie will mit dem Zuge um elf Uhr abreiſen.“ Das Mißtrauen und die Abneigung des alten Mannes waren durch dieſe Bemerkung eher befeſtigt, als beſeitigt. 4 Was kümmerte denn ihn das Vorhaben dieſer Gräfin, die ihm 8 ganz unbekannt war? 7 Und auf der andern Seite war es doch ein ganz ſonderbares Zuſammentrefſen, daß die Gattin Heinrich's und der Gemahl dieſer ihm befreundeten Dame ſo zuſagen gleichzeitig ſtarben, ein Zuſammentreffen, welches manchem Argwohn Raum geben konnte. Bertram Schenk ſchwieg, er wußte ja nicht, was Heinrich mit dieſen Mittheilungen bezweckte, und ſo lange ex dies nicht wußte, 2 mußte er auch in Zweifel darüber ſein, welchen Standpunkt er einnehmen und behaupten mußte. 3„Die Frau Gräfin hat mich gebeten, ſie zu begleiten,“ fuhr Heinrich nach einer kurzen, peinlichen Pauſe fort,„ich würde dieſe 8 5 Bitte gerne erfüllen, wenn mein Geſchäft eine Abweſenheit von mehreren Tagen erlaubte.“ „Ich ſehe das ein,“ ſagte Marie Latour mit ihrer weichen, einſchmeichelnden Stimme,„und ſo ſehr ich auch die Begleitung — 895— uge um eff eines Herrn wünſchte, habe ich mich doch ſchon darin gefügt, auf 1 ſie zu verzichten. Bitte, machen Sie's kurz, die Zeit drängt, Sie die letten wiſſen ja, weshalb wir hieher gekommen ſind.“ auszutoben„Es handelt ſich um ein kleines Darlehn gegen ſichere Bürg⸗ eine ermſte ſchaft,“ wandte Heinrich ſich zu ſeinem Vater, der jetzt die dritte en wohl der Priſe nahm,„die Frau Gräfin iſt auf der Reiſe hieher beſtohlen 1 worden und befindet ſich nun in Verlegenheit, umſomehr, weil en vor, die ſie in der Reſidenz bedeutende Ausgaben machen muß. Sie Schenkwirths hat mich um dieſes Darlehn gebeten, aber ich habe leider nicht arauf wurde die Mittel—“ „Ich auch nicht,“ unterbrach der alte Mann ihn kurz an⸗ varteten ihn gebunden. Dieſe Worten waren ſeinen Lippen entſchlüpft, ohne daß er n, er hatte es wollte und wußte, ſein mehr und mehr zunehmendes Mißtrauen mit ſeinem hatte ſie ihm auf die Zunge gelegt. n?„Dann iſt die Hoffnung eine vergebliche geweſen,“ ſagte Zimmer, in Marie ſeufzend,„ich werde nach Paris zurückkehren, oder hier warten müſſen, bis mein Verwalter mir das Geld geſchickt hat.“ von Larohe„Die Frau Gräfin wird Dir einen Brillantſchmuck verpfänden, ührend ihrer der Dir doppelte Sicherheit bietet,“ nahm Heinrich das Wort, ſofort eine„Du haſt das Geld liegen—“ felbſt nich„Ich verſtehe nichts von Brillanten,“ entgegnete der Schenkwirth. In dieſem Augenblick trat Madame Schenk, von ihrer Tochter nach Berli begleitet, ein. ih geſtorben Heinrich wandte ſich ohne Verzug mit ſeiner Bitte an ſie und r abreiſen. Maria Latour unterſtützte dieſe Bitte dadurch, daß ſie vor den unes waren überraſchten, entzückten Damen den Schmuck ausbreitete. Sogar Bertram Schenk mußte geſtehen, daß es ein koſtbarer, werthvoller Schmuck zu ſein ſchiene, der ihm hinreichende Sicher⸗ heit bieten könne, wenn es ſich nicht um ein gar zu hohes Darlehn handle. „Der Schmuck hat zwanzigtauſend Thaler gekoſtet,“ ſagte die angebliche Gräfin,„ich wünſche nur zehntauſend Thaler zu er⸗ halten, binnen vier Wochen wird das Darlehn ſammt den Zinſen ffin, die ihn ſonderbares der Gemahl ſtarben, em dien un zurückgezahlt.. Heinrt fte„Und ſollte wirklich Dir ein Verluſt erwachſen, was aber nit wue G nicht denkbar iſt, ſo magſt Du ihn mir auf mein Erbtheil an⸗ tmdpent A rechnen,“ fügte Heinrich hinzu. zenu juh Bertram Schenk ſchüttelte ablehnend das Haupt. leiten,„Ich liebe ſolche Geſchäfte nicht,“ verſetzte er ausweichend. h würde dieſe„Aber, mein Gott, hier handelt es ſich nicht um ein Geſchäft, reſenheit vun ſondern um eine Gefälligkeit, die ich dieſer Dame ſchuldig bin,“ lim erwiderte Heinrich vorwurfsvoll. hrer weie„So iſt es,“ bekräftigte Madame Schenk,„ich begreife nicht, e Begeimg 1 1 50 4 . 1 A 4 1 4 4 9 1 1 1 4 4 1 1 1 1 1 8⁵ 82 G 8 94 8„ 4 4 — 896— das Du ſo eigenſinnig biſt, das Geld iſt Dir ja nicht ver⸗ oren.“ Der Schenkwirth warf ſeiner Frau einen Blick zu, der alles Andere, nur keine Uebereinſtimmung mit dieſer Anſicht ausdrückte. „Weun die Brillanten wirklich das Doppelte werth ſind, ſo wird ja jeder Juwelier gegen angemeſſene Zinsvergütung das Darlehn gerne geben,“ ſagte er,„ich bin kein Wucherer, kein Pfandleiher, ſolche Geſchäfte ſind mir zuwider.“ „Ihr Herr Vater ſcheint nicht allein ein ſehr vorſichtiger ſondern auch ein ſehr engherziger Mann zu ſein,“ wandte Marie ſich zu ihrem Verbündeten und der verletzende Hohn, der in ihren Worten lag, trieb dem alten Manne die Galle in's Blut.„Ich hatte von Ihrer Familie mehr Dankbarkeit erwartet, aber ich ſehe nun—“ „Madame, ich habe Ihnen die Gründe genannt, die mich nöthigen, die Erfüllung Ihrer Bitte zu verweigern,“ unterbrach Bertram Schenk ſie gereizt,„wenn Sie dieſe Gründe nicht an⸗ erkennen wollen, ſo kann mich deshalb keine Schuld treffen. Dennoch bin ich bereit, die gewünſchte Summe Ihnen zu leihen, wenn Sie mir erlauben, dieſen Schmuck vorher abſchätzen zu aſſen—“ „Du beleidigſt die Frau Gräfin!“ rief Heinrich erbittert.„Ich habe Dir ja geſagt, daß ich für jeden Verluſt einſtehe, der Dir erwachſen könnte!“ „Kommen Sie,“ ſagte Marie entrüſtet,„wir wollen zu einem Wucherer gehen, auf die Dankbarkeit dieſes Mannes mache ich keinen Anſpruch.“ Schon wollte ſie den Schmuck in das Etui legen, als die Thüre geöffnet wurde, Otto und Nikolas ſtanden auf der Schwelle. „Maria Latour!“ riefen die Beiden wie aus einem Munde. Marie blickte ſie feſt und ruhig an. „Wer ſind dieſe Herren?“ fragte ſie gleichgültig. „Bruder und Schwager,“ erwiderte Heinrich, den die Geiſtes⸗ gegenwart ſeiner Verbündeten in dieſem kritiſchen Augenblick beruhigte. „Sie ſind's, Marie Latour,“ ſagte Otto, raſch vortretend, „was wollen Sie in dieſem Hauſe?“ „Reſpekt!“ rief Heinrich.„Die Gräfin von Laroche ſteht unter meinem Schutz.“ „Gräfin von Laroche?“ höhnte Otto.„Seit wann iſt ſie es? Wohl ſeit dem Tage erſt, an welchem ſie den Giftmiſcher Merville verließ, um ſelbſt eine Giftmiſcherin zu werden? Der Beſuch dieſer Verhrecherin entehrt unſer Haus, wie die Verbindung mit ihr Dich entehrt hat!“ — 897— nicht ver⸗ Mitten in dieſem Tumult, gegenüber dieſen furchtbaren An⸗ klagen blieb Marie ruhig und kalt. 3 der alls„Ich kenne Sie nicht,“ ſagte ſie,„ich weiß nicht, was Sie von ausdrückte. mir wollen, nur ſo viel begreife ich, daß man mich mit einer ſind, ſo andern Dame verwechſelt und daß man auf Grund dieſer Ver⸗ ütung daa wechſelung mir Beleidigungen in's Geſicht wirft, die—“ herer ken Sie hielt inne, mit dem Ausdruck des Entſetzens ruhte ihr Blick ſtier auf der geöffneten Thüre, in deren Rahmen die Gattin vorſſichiger Heinrich's ſtand. dte Marie Und nicht allein ihr Biick, auch die Blicke des Schenkwirths riin ihren und ſeiner Angehörigen drückten Beſtürzung und Entſetzen aus, dut.„IWh als ihnen ſo Plötzlich die erſchien, die ſie ſchon ſeit Wochen im er ich ſeee Grabe wähnten. Mit Bertha traten der Chevalier, Jeanette und ein Polizei⸗ die mich beamter ein. unterörrh Und nicht allein dieſe, ein großer Theil ver Hochzeitsgäſte, nicht W unter ihnen Gabel und Wacker, folgten, ſo daß das geräumige d treffn Zimmer ſte kawm alle faſſen konnte. zu leihen„Blendwerk der Hölle!“ ſchrie Heinrich, ſeine Faſſung ver⸗ ſhäzen lierend.„Was ſoll dieſe Komödie— „Keine Komödie, mein Herr,“ fiel der Chevalier ihm ernſt tett. Ih in's Woͤrt,„die Stunde iſt gekommen, in der Sie Rechenſchaft , der dir ablegen müſſen.“ 1 b„Heinrich, ich bin's,“ ſagte Bertha, und der Ton ihrer Stimme klang dem Verbrecher wie der Poſaunenſchall des jüngſten Gerichts, ufaui ic klage Dich an, Dich und dieſe hier, ich klage Euch an der Giftmiſchung, des beabſichtigten Mordes.“ n, als d Weder Bertram Schenk, noch einer der Anweſenden vermochten t Shwlle dieſes Räthſel zu löſen, nur Otto und der Friſeur Gabel ahnten n Munde. den Zuſammenhang. 1*. „Sie haben geglaubt, das Verbrechen ſei Ihnen gelungen, die gemordete Gattin für immer beſeitigt,“ nahm der Chevalier mit erſchütterndem Ernſt das Wort,„ich aber wachte über ſie und die deſn rettete ihr Leben, indem ich dem Gifte, welches Sie ihr durch die Augendit Hand dieſes Weibes reichten, entgegen wirkte und durch einen Schlaf⸗ K trunk ſie dem Bereiche ihrer Mörder entzog. Wie und wodurch vortretal, ſh ich das Alles ermöglicht habe, werde ich Ihnen ſpäter vor den 4 I nken ich d auch di rrcche ſuäitiw Beweiſe für Ihre Schuld vortegen. Der Blumenſtrauß und die 8 Schvanken des Gerichts mittheilen, ich werde alsdann auch die . * 5 8.„ Flacons mit den verſchiedenen Eſſenzen ſind in meinen Händen und was der Chemiker in ihnen nicht entdecken kann, das werde Mervill 1+% 44 her Me ich— Der Riju„Wer ſind Sie und mit welchem Recht dürfen Sie es wagen, indung u in dieſem Tone mit min zu reden?“ unterbrach Heinrich ihn mit 57 —— — — — 898— dem Muth und der Verwegenheit der Verzweiflung.„Sie haben ſich unter der Maske eines Kammerdieners in mein Haus ein⸗ geſchlichen—“ 1„Ich bin der Chevalier von Chateaurouge, der Freund dieſer ame.“ Marie Latour ſtieß einen halb unterdrückten Schrei aus, ſie wußte jetzt, daß ſie verloren war, während ihrem Aufenthalt in Paris hatte ſie über die Gewandtheit, die Energie und die Kennt⸗ niſſe dieſes Edelmannes Manches vernommen. „Ich klage Sie nicht allein der Abſicht, Ihre Gattin durch Gift tödten zu wollen, an, ich beſchuldige Sie auch der Ermordung Ihres früheren Aſſocie's und des Beſitzers der Irrenanſtalt, in welcher Jener ſtarb. In welcher Beziehung Sie zu den übrigen plötzlichen Sterbefällen, zu dem Tode Ihres Schwiegervaters und Ihres Schwagers ſtehen, wird die Unterſuchung ergeben.“ Bertram Schenk war auf einen Stuhl niedergeſunken, er be⸗ deckte das Antlitz mit den Händen. Er hatte dieſe Kataſtrophe befürchtet, aber ſich noch immer an die Hoffnung geklammert, daß ſeine Befürchtung unbegründet ſei, jetzt traf ſie ihn unvorbereitet und ihre Wucht drückte ihn nieder. Frau Schenk hingegen war noch immer geneigt, ihrem Sohne zu vertrauen, die entſetzliche Anklage für böswillige Verleumdung zu halten, während Otto und Nikolas nur noch daran dachten, dem Verbrecher einen Weg zur Flucht zu öffnen, damit ihnen allen die Schande ſeiner Verurtheilung erſpart werde. Auch Heinrich ſann bereits darüber nach, er gab ſeine Genoſſin Preis, wenn es ihm nur gelang, ſich ihres Vermögens zu be⸗ mächtigen, war ihr Schickſal ihm gleichgültig. Feige und ſelbſtſüchtig, wie alle Verbrecher, dachte er nur noch an ſich. Marie Latour gab Alles verloren, ſie fand nur darin einen Troſt, daß ihr Genoſſe ihr Schickſal theilte. Stumm und ſtarr vor Entſetzen wohnten die Hochzeitsgäſte dieſem erſchütternden Drama bei. „Herr Commiſſar, thun Sie Ihre Pflicht,“ wandte der Che⸗ valier ſich zu dem Polizeibeamten,„der Schmuck, den Sie hier ſehen, der zum Vorwande dienen ſollte, um Herrn Bertram Schenk zu betrügen, iſt ein falſcher Schmuck, die Steine ſind kaum zwanzig Thaler werth.“ „Auch das noch!“ murmelte der Schenkwirth. „Das iſt eine Lüge!“ rief Marie Latour.„Sie ſind ein Verleumder, ein infamer—“ „Sie treten mir entgegen, weil Sie glauben, unter den An⸗ —— — 899— e haben us ein weſenden befinde ſich Keiner, der dieſen Schmuck ſchätzen könne,“ 9 ⸗ fuhr der Chevalier mit gemeſſenem Ernſt fort.„Soll ich Ihnen die Unterredung wiederholen, welche Sie heute Abend mit dieſem Manne gepflogen haben? Ihr Leugnen hilft nichts mehr, die Maske iſt gefallen, Ihre Rolle zu Endr.“ ddieſer als, ſie Der Commiſſar ſtand an der Thüre, als der Chevalier den thalt in Schmuck erwähnte, näherte er ſich dem Tiſche, um ihn in Beſchlag Kennt⸗ zu nehmen. Dieſen Augenblick glaubte Otto benutzen zu müſſen. n durch„Fliehe,“ flüſterte er ſeinem Bruder zu,„noch kannſt Du dem notdung gebrochenen Vaterherzen den Schmerz erſparen, Dich auf dem talt in Schaffot zu ſehen. Eile, der Fluch Deiner Angehörigen wird übrigen Dich hegleiten.“ ers und Heinrich warf ſeinem Bruder einen Blick zu, in welchem Haß und Verachtung ſich ſpiegelten,— was galt es ihm, ob der Fluch her be⸗ oder die Liebe Derer ihn begleiteten, für die er nie ein tiefes Gefühl gehegt hatte, die ihm ſtets gleichgültig geweſen waren! jimmer Mit einem raſchen, verſtohlenen Blick überſchaute er die egründet Situation. ückte ihn Der Chevalier, Marie Latour, Frau Schenk und der Com⸗ miſſar ſtanden an dem Tiſche, auf welchem der Schmuck lag, die 1 Sohne Hochzeitsgäſte bildeten einen Kreis um ſie, Otto und Nikolas be⸗ eumdung fanden ſich in der Nähe der Thüre.. dachten, Mit einem raſchen Sprunge hatte Heinrich die Thüre erreicht, it ihnen er beſaß ſo viel Geiſtesgegenwart, ſie hinter ſich zu ſchließen und den Schlüſſel, der außen im Schloß ſteckte, umzudrehen, dann Genoſſtu eilte er hinunter, in den Wagen, der unverzüglich mit raſender 3 zu be⸗ Eile von dannen fuhr.. Der Chevalier wollte ihm nacheilen, er konnte es nicht, es nur uch führte nur eine Thüre hinaus, und dieſe war verſchloſſen. Marie Latour ſtürzte zum Fenſter mit dem gellenden Ruf: rn einen„Mein Geld, er nimmt mein ganzes Vermögen mit!“ während alle Uebrigen aufathmeten, als ob eine ſchwere Laſt von ihnen ſeisgiſe genommen ſei.„. „Das haben Sie vollbracht,“ wandte der Chevalier ſich zornig der Che⸗ zu Otto,„Sie haben ſeine Fiucht begünſtigt, ihn dem Arme der Sie her Gerechtigkeit entzogen! Ele. 7„Und wenn ich es gethan hätte?“ erwiderte Otto ruhig. m Ecj„Würden Sie es nicht natürlich finden? Blicken Sie auf den N zwanc alten Mann, der dort ſitzt, ein Bild des Elends und der Ver⸗ zweiflung und dann fragen Sie ſich, ob Sie an meiner Stelle , anders gehandelt haben würden?“ find din„Er wird uns nicht entfliehen,“ ſagte der Commiſſar,„der 1 Telegraph überholt ihn ſchon in der nächſten Stunde. Herr den Al⸗ 57* — 900— Schenk, laſſen Sie dieſe Thüre öffnen und ſchicken Sie einen Boten zur nächſten Polizeiwache.“ Der Schenkwirth erhob ſich, aus dem lebensfrohen, kräftigen Manne war binnen wenigen Minuten ein ſchwacher, hinfälliger Greis geworden. Die Thüre konnte von Innen nicht geöffnet werden, man mußte Lärm ſchlagen, um die Gäſte, die ſich noch an der Tafel befanden, herbeizurufen. Das gelang raſcher, als man hoffte, der Bankier Schirmer war der Erſte, der erſchien, er öffnete die Thüre und fuhr erſchreckt zurück, als ſein Blick auf das verſtörte Geſicht des Schenkwirths fiel. Der Friſeur Gabel übernahm es, die Kunde von den Ereig⸗ niſſen in die feſtlich geſchmückten Räume zu bringen und die Hoch⸗ zeitsgäſte, einſehend, daß von einer Fortſetzung des Feſtes nun nicht mehr die Rede ſein konnte, entfernten ſich einer nach dem andern, ſtill und ohne Abſchied zu nehmen. Auch für die jungen Ehepaare hatte die Stunde der Abreiſe geſchlagen. Otto bat ſeinen Schwiegervater und die beiden Freunde Wacker und Gabel, ſeinem Vater zur Seite zu ſtehen, ihn auf⸗ zurichten und zu tröſten, und nachdem er von ihnen das Ver⸗ ſprechen erhalten hatte, trat er die Hochzeitsreiſe mit ſchwerem Herzen und erſchüttertem Gemüth an. Marie Latour proteſtirte, nachdem ihr Verbündeter ſich ge⸗ flüchtet hatte, energiſch gegen die Verhaftung. Sie erinnerte ſich, daß die Beweiſe für die Schuld Heinrich's in der Schatulle lagen, mit der ihr Verbündeter entwichen war, welche Beweiſe konnte man nun noch gegen ſie vorbringen? Sie berief ſich darauf, daß ſie eine Bürgerin Frankreichs ſei und der franzöſiſche Konſul ebenfalls gegen ihre Verhaftung pro⸗ teſtiren werde, aber dieſer Proteſt wurde nicht berückſichtigt. Der Commiſſair gab den beiden, inzwiſchen eingetroffenen Beamten Befehl, die Dame in's Gefängniß zu führen, und wenn auch für ihre frühere Verbrechen keine Beweiſe gegen ſie vorlagen, der falſche Schmuck, deſſen ſie ſich bedient hatte, um Bertram Schenk zu betrügen, rechtfertigte allein ihre Verhaftung. Der Chevalier von Chateaurouge wollte die Flucht des Ver⸗ brechers verhindern, er eilte ihm nach zum Bahnhofe, aber als er den letztern erreichte, war der Zug bereits abgefahren. Die Polizei ließ freilich den Telegraph ſpielen, aber dem Chevalier genügte dies nicht, das Band, welches Bertha noch an jenen Menſchen feſſelte, mußte zerriſſen werden, und das konnte nur durch den Tod, oder ein entehrendes Urtheil geſchehen. ie einen bäftigen finfälliger een, man der Tafel Schirmer erſchreckt enkwirths en Ereig⸗ die Hoch⸗ eſtes nun nach dem er Abreiſe Ireunde ihn af⸗ das Ver⸗ ſchwerem ſich ge⸗ Heinrich gtigt. derffeu und wenn evorlagen, n Bettraln — 901— Er brachte Bertha in den Gaſthof zurück und bat ſie, nachdem ſie ihre Angelegenheit geordnet hatten, nach Paris zurückzureiſen, dort wollte er wieder mit ihr zuſammentreffen. Am nächſten Morgen reiſte er mit dem erſten Zuge ab, ein ſehr gewandter, erfahrener Polizeiagent begleitete ihn. Sein ganzes Sinnen und Trachten war nur darauf gerichtet, des Flüchtigen habhaft zu werden. Hundertundvierzehntes Kapitel. Das Ende des Verbrechers. Dem Arme der weltlichen Gerechtigkeit war Heinrich glücklich entronnen,— ſo glaubte er wenigſtens, nachdem der Zug ſich in Bewegung geſetzt hatte. Daß man ihn durch den Telegraph verfolgen werde, ſah er voraus, es beunruhigte ihn nicht, er hatte früher oft über die Nothwendigkeit, die Flucht ergreifen zu müſſen, nachgedacht und ſchon damals ſich ſeinen Plan zurecht gelegt, der nach ſeiner An⸗ ſicht nicht fehlſchlagen konnte. In der Schatulle, die er mitnahm, befand ſich das ganze Vermögen ſeiner Genoſſin, es reichte hin, ihm drüben eine ge⸗ ſicherte Exiſtenz zu verſchaffen und daß man ihn über den Ocean verfolgen werde, hielt er für ſehr unwahrſcheinlich. Es galt jetzt nur noch, das Meer zwiſchen ſich und ſeine Ver⸗ folger zu bringen, war ihm dies gelungen, ſo war er geborgen. Mit raſender Eile fuhr der Schnellzug in die Nacht hinaus. Mochte auch auf dem elektriſchen Draht die Behörde ihn überholen, ihr Befehl, den Verbrecher zu verhaften, erreichte doch nur gewiſſe Punkte, und dieſe ließen ſich ja varmeiden. Weder Furcht noch Beſorgniſſe, ſondern Groll und Haß er⸗ füllten ſeine Seele. Groll gegen Otto und ſeine ganze Familie, die im Augenblick der Kataſtrophe ſich von ihm zurückgezogen hatten, Haß gegen Bertha und den Chevalier, gegen Scherenberg und den Wärter aus London. Die Abſichten und Hoffnungen des Chevaliers durchſchaute er, und er empfand eine boshafte Freude bei dem Gedanken, daß — 902— Bertha noch immer gefeſſelt blieb und der Chevalier die Früchte ſeiner heroiſchen Aufopferung nicht ernten konnte. Hätte er nur damals den Warnungen und dem Rache ſeiner Genoſſin nachgegeben und dieſem Chevalier die Thüre gezeigt! Wie ganz anders wäre es gekommen, wenn er es gethan hätte! Nach den Behauptungen Maria's konnte der Giftmord nicht bewieſen werden, die Bank hätte die Hinterlaſſenſchaft ohne Weigerung ausgezahlt und Scherenberg wäre vielleicht durch ein, wenn auch nicht unbedeutendes Opfer zum Schweigen bewogen worden. Der Chevalier allein hatte Alles verdorben, das verzieh Heinrich ihm nicht. Das Schickſal Maria's bereitete ihm keine Sorgen, nur der Rauſch ſeiner ſinnlichen Leidenſchaft und das Verbrechen hatten ihn an ſie gefeſſelt, jetzt waren dieſe Feſſeln zerriſſen, und die Genoſſin galt ihm nicht mehr wie jede andere fremde Perſon. Mochte ſie zuſehen, wie ſie der Gefahr entrann, er hatte genug mit ſich ſelbſt zu ſchaffen. Nachdem er all die Laſten und Sorgen, die vordem ihn nieder⸗ drückten, abgeſchüttelt hatte, war er wieder der kühne, entſchloſſene und umſichtige Mann, der jeder Gefahr eine eiſerne Stirne bot, der keinen Blick zurückwarf in ſeine Vergangenheit, ſondern nur vorwärts ſchaute und vorwärts ſtrebte. Der Zug hielt— Heinrich nahm die Schatulle und ſeine Reiſetaſche und ſtieg aus. Er war noch lange nicht an ſeinem Ziele angelangt, aber er mußte befürchten, daß die Verfolgung ſchon begonnen hatte, und da zog er vor, nicht abzuwarten, ob vielleicht das bärtige Geſicht eines Gensd'armen, ſeinen Paß fordernd, in das Coupe plötzlich hineinſchauen würde. So weit war die Grenze nicht mehr entfernt, er konnte ſie zu Fuß erreichen und es war beſſer, wenn er ſie auf dieſem Wege heimlich, unbemerkt überſchritt, weil ſeine Spur dadurch unter⸗ brochen wurde. Er ſah die Gensdarmen, die auf dem Perron ſtanden, vielleicht fahndeten ſie ſchon auf ihn, er ſchlich an ihnen vorbei und ſchlug einen Fußpfad ein, der ihn an der Stadt vorbei auf die Landſtraße brachte, die nach ſeiner Berechnung zur Grenze führte. Es war der richtige Weg und für ihn war dies ein Glück, denn der Telegraph hatte die Behörden ſchon alarmirt. Er erreichte gleich nach Tagesanbruch die Grenze, und erſt jetzt als er ſie überſchritten hatte, fühlte er, daß er zu ſehr erſchöpft war, um ſofort ſeine Wanderung fortſetzen zu können. Er kehrte im erſten Dorfe ein und forderte in der Schenke ein beſonderes Zimmer. —————— ——— — 903— e Früchte Dieſes Begehren des fein gekleideten Gaſtes, der nach ſeinen Stiefeln zu ſchließen, einen weiten Nachtmarſch gemacht haben he ſeiner mußte, weckte den Argwohn des Wirths, aber der Herr legte ein geigt! Goldſtück auf den Tiſch und der Glanz des Goldes blendete den an hältel Dorfwirth ſo ſehr, daß er nicht daran dachte, ſeinem Bürgermeiſter odd richt die ſchuldige Anzeige zu machen. aft ohne Nachdem der Gaſt ſich ausgeruht, erfriſcht und geſtärkt hatte, urch ein, ſetzte er ſeinen Weg fort, aber er miethete jetzt einen Wagen und bewogen gab dem Kutſcher Befehl, ihn zur nächſten Eiſenbahnſtation zu s verzieh bringen. Er konnte jetzt freier auftreten, er hatte ja die Grenze hinter ſich. nur der Und an der Station auf dem Bahnhofe trat er ſo keck und n hatten zuverſichtlich auf, daß Niemand den Verdacht ſchöpfen konnte, dieſer und die feine, vornehme Herr ſei ein Flüchtling, ein geächteter Verbrecher. rſon. So gelang es ihm, Havre zu erreichen, hier wollte er ſich te genug einſchiffen nach Newyork. Schon jetzt triumphirte er, das Schiff fuhr ja am Abend des ider⸗ nächſten Tages ab, er hatte das Billet gelöſt und ſeine Päſſe und ſcloſſene Papiere waren in Ordnung gefunden. irne bot,— Wer konnte jetzt noch ihm etwas anhaben? dern nur Daß man perſönlich ihn verfolgen werde, glaubte er nicht, wer auch hätte ſich dazu hergeben ſollen? nd ſeine So wichtig war ja am Ende ſeine Verhaftung nicht, das 3 einzige Verbrechen, welches man ihm vorwerfen und vielleicht auch aber er beweiſen konnte, war ja nicht einmal gelungen. b e Id Die Steckbriefe und telegraphiſchen Depeſchen aber reichten te 94 nicht über die Grenze hinaus, und ſo durfte er die Gewißheit e Geſtht anbert erreich d plätlthß hegen, daß er Amerika ungehin dert erreichen werde. 2† Der Chevalier von Chateaurouge ließ ſich ſo raſch nicht irre „ ühren. eunte ſe ün Verlor er auch ſchon an der erſten Station die Spur, er ver⸗ ſem Wege zweifelte darum noch nicht.. t utee Dennoch würde er vielleicht eine falſche Fährte eingeſchlagen haben, wenn nicht der Polizeiagent ihn begleitet hätte. rilleiht Der letztere war ſo vorſichtig geweſen, vor der Abreiſe von ind ſchug Köln mit Marie Latour eine kurze Unterredung zu pflegen. andſttafe Er entdeckte raſch, daß die Gefangene mehr den Verluſt ihres Vermögens, als ihre Verhaftung beklagte, und ihren Unwillen in Glät, über den Flüchtling wußte der Beamte ſehr geſchickt zu benutzen. irt. E Er machte ſie darauf aufmerkſam, daß eine energiſche Verfolgung jetzt ls ihr den Beſitz ihres Vermögens retten könne, daß dieſe Verfolgung üpft wal, aber reſultatlos ſein werde, wenn man nicht wiſſe, welche Richtung man wählen müſſe. Sctente Er ſagte ihr außerdem, daß, wenn nur die Anklage auf beab⸗ — 904— ſichtigten Betrug gegen ſie vorliege, nur eine kurze Gefängnißſtrafe ſie treffen werde und nach Verbüßung der Haft der Verluſt ihres Vermögens ihr doppelt ſchmerzlich ſein müſſe, daß ſie aber niemals auf eine freiwillige Rückerſtattung von Seiten des Flüchtlings hoffen dürfe, da man ja den Charakter dieſes habſüchtigen Mannes nun kenne. Dieſe Worte verfehlten die beabſichtigte Wirkung nicht. Marie Latour erwiderte, ihr Genoſſe habe Havre als den Ort der Ein⸗ ſchiffung bezeichnet, für den Fall die Umſtände die Auswanderung gebieten ſollten. Der Beamte beſtimmte darauf hin, dieſen Ort als das Ziel der Reiſe, trotzdem der Chevalier durch verſchiedene Gründe beweiſen wollte, daß der Flüchtling ſich jedenfalls nach Bremen oder Ham⸗ vurg gewandt habe. So erreichten ſie denn Haore an domſelben Tage, an welchem Heinrich dort eintraf, und es galt nun, den Gaſthof zu ſuchen, in welchem er abgeſtiegen war. Daß er unter falſchem Name reiſte, war vorauszuſehen, und daß er ſeine Vorſichtsmaßregeln getroffen hatie, um ſich nicht hinter die Maske blicken zu laſſen, konnte ebenfalls nicht bezweifelt werden. Unter ſolchen Umſtänden war es ſchwierig, in den verſchiedenen Gaſthöfen den Flüchtling zu entdecken, aber der Beamte hatte ſchon unter ſchwierigeren Verhältniſſen ſeinen Zweck erreicht. Er ging in's Schiffsbureau und ließ ſich die Liſte der Paſſagiere vorlegen, und ſofort fiel ihm der Name„Otto Liebmann“ auf. Liebmann war ja der Familienname der Gattin des Flüchtlings, es lag nahe, daß der Verbrecher dieſen gewählt und ſich einen Paß auf denſelben verſchafft hatte. Nachdem man dieſe Spur entdeckt hatte, war es nicht ſchwer, ſie zu verfolgen. Der Beamte ließ ſich in den Gaſtböfen die Fremdenbücher vorlegen und ging, nachdem er den, welchen er ſuchte, gefunden hatte, zur Behörde, um ſich die Unterſtützung derſalben zu ſichern. Und hier wurde ihm eine Depeſche vorgelegt, die am Morgen dieſes Tages für ihn von Köln abgeſaudt worden war. Dieſe Depeſche befahl ihm, ſich unter allen Umſtänden des Flüchtlings zu bemächtigen, ihn zu verhaften und nach Köln abzu⸗ führen, da die Beweiſe wegen Theilnahme an einem Giftmord gegen ihn vorlägen. Dieſe Beweiſe ſtützten ſich auf die Blätter, welche Scherenberg in der Irrenanſtalt beſchrieben und deſſen Vetter von London mitgebracht hatte. Heinrich Schenk ahnte nicht, daß die Gefahr, der er entronnen zu ſein glaubte, ihm ſo nahe war. ſ hvae ſt thres omels niemals Ichtlinge ſchings Manne Marie er Ein⸗ nderung as Ziel beweiſen r Ham⸗ mſelben un, den en, und ch richt tzweifelt hiedenen ie hatte jt. Er aſſagiere 4“ alf. ütlings, h einen ſchwer, enbüchet gefunden ſichern. Morgen den des u abzu⸗ itmud erenberg London tronnen Er beauftragte den Kellner, ihm das Abendeſſen und eine Flaſche Champagner zu bringen und ſpeiſte ſo ruhig zur Nacht, als ob er ſich in ſeinem eigenen Hauſe befinde. . Dann öffnete er die Schatulle, um ihren Inhalt zu unter⸗ ſuchen. Er hatte dazu bisher noch keine Zeit gefunden, jetzt wollte er es in aller Gemüthsruhe thun. Zuerſt fielen ihm die Briefe und der Schein in die Hände, die er damals Merville gegeben hatte, um dagegen das Teſtament Scherenberg's zu erhalten. Er legte ſie zur Seite mit dem Vorſatz, ſie ſpäter zu ver⸗ nichten. Außer verſchiedenen werthvollen Schmuckſachen enthielt die Schatulle das ganze Vermögen Maria Latour's in Actien und Werthpapieren, die auf den Inhaber lauteten. Ein Verzeichniß dieſer Dokumente lag dabei, es gewährte eine ſehr raſche und ſichere Ueberſicht. Ueber das Geſicht Heinrich's glitt ein triumphirendes Lächeln, als er dieſes Verzeichniß prüfte. Er war wieder reich, ſein Raub geſtattete ihm, wieder da zu beginnen, wo er geendet hatte. Er wollte drüben ein neues Geſchäft gründen, aber vorſichtiger in ſeinen Unternehmungen ſein, er wollte wieder reich werden, mit dem Reichthum erhielt er ja auch Macht und Anſehen. Mit der Vergangenheit hatte er nun gebrochen, eine neue Zukunft lag vor ihm, auf dieſe Zukunft baute er goldne Luft⸗ ſchlöſſer. In Sinnen verſunken ſaß er vor der offenen Schatulle, ſein Blick ruhte träumend auf den Werthpapieren, die vor ihm lagen. Da wurde die Thüre geöffnet, der Kopf des Chevaliers blickte vorſichtig durch die Spalte. Heinrich ſah es nicht, ſeine Seele war ſo ſehr mit ihren hoch⸗ fliegenden Träumen beſchäftigt, daß ſie ganz vergaß, wo ſie ſich befand. Der Chevalier öffnete jetzt die Thüre, er trat ein, begleitet von dem Beamten und einigen franzöſiſchen Gensdarmen. Erſchreckt fuhr Heinrich von ſeinem Sitz empor, ſtier blickte er die Eintretenden an, er glaubte im erſten Augenblick, daß dies Alles nur ein wirrer Traum ſei, aber gar bald erkannte er, daß es Wirklichkeit war, daß er vor dem Ende ſeiner Laufbahn ſtand. „Er iſt es,“ ſagte der Chevalier mit gemeſſenem Ernſt,„thun Sie Ihre Pflicht, Herr Commiſſair.“ „Was will man von mir?“ rief Heinrich, in deſſen Seele Haß und Wuth jäh aufloderten.„Was bezweckt dieſe Störung?“ „Mein Herr, ich verhafte Sie im Namen des Geſetzes,“ erwiderte der Beamte ruhig.„Sie ſehen, Widerſtand wäre ver⸗ geblich, bei dem erſten Verſuche dazu würden Sie mich nöthigen, Ihnen die Handſchellen anzulegen.“ Die Hand Heinrich's fuhr blitzſchnell in die Bruſttaſche. „Ich kenne Sie nicht,“ ſagte er,„was berechtigt Sie, dieſe Sprache zu führen?“ „Ihr Verbrechen, Herr Heinrich Schenk, Sie ſind der Mit⸗ ſchuld an einem Giftmorde angeklagt und dieſe Anklage wird durch vollgültige Beweiſe unterſtützt. Genügt Ihnen das nicht, meine Berechtigung zu beweiſen, ſo leſen Sie dieſe Depeſche, die Behörde Ihrer Heimath beauftragt mich darin, Sie zu verhaften.“ Heinrich war raſch zurückgetreten, ſein Blick ſchweifte flüchtig, prüfend über ſeine Gegner. Die Gensdarmen ſtanden an der Thüre, der Beamte ſeitwärts neben dem Tiſche, der Chevalier wenige Schritte vor ihm. „Das Alles ſind die Machinationen dieſes Ehebrechers,“ ſagte er, mit der kinken Hand auf den Chevalier zeigend,„mag er nun auch den Lohn für ſeine Schurkerei erhalten!“ In der rechten Hand Heinrich's blitzte der Lauf eines Piſtols,— er Schuß krachte, pfeifend fuhr die Kugel dicht an der Schläfe des Chevaliers vorbei, ohne weitern Schaden anzurichten, als daß ſie ein Bild zertrümmerte, welches an der Wand hing. Und noch ehe der Chevalier und die Beamten ſich von ihrer Beſtürzung und ihrem Entſetzen erholt hatten, fiel ſchon der zweite Schuß. Die blauen Dampfwölkchen verzogen ſich, die geballte Hand auf dem Herzen lag Heinrich Schenk auf dem Teppich. Er lebte noch, aber lange konnte es nicht mehr mit ihm währen. Die Gensdarmen hoben ihn auf und legten ihn auf das Bett, der Chevalier ſchickte zum Arzte. Inzwiſchen ſah der Beamte die Papiere durch, welche auf dem Tiſche lagen. Wenn es noch eines Beweiſes gegen den Verbrecher bedurft hätte, der Schein, der neben den Werthpapieren bei den Briefen an Merville lag, würde ihn geliefert haben. er Chevalier drang in den Sterbenden, ein offnes Geſtänd⸗ niß abzulegen, er verſprach ihm, ſeinen letzten Willen zu erfüllen, wenn er noch einen Wunſch hege,— Heinrich ſchüttelte den Kopf, das einzige, was er ſprach, war eine Verwünſchung darüber, daß er das erſehnte Ziel nicht erreicht hatte. So ſtarb er ohne Reue, ohne Buße, ein hartgeſottener, ver⸗ ſtockter Sünder, ein Egoiſt noch in der Todesſtunde. Er entzog —— zeſetzes“ aäre ver⸗ nüthigen, he. ie, dieſe der Mit⸗ id durch t, meine Behörde flüchtig, ſeitwärts 3“ ſagte er nun ſtols,— Schläfe als daß on ihrer r zweite te Hand wit ihm as Bett, auf dert „bedurft Brieſen Geſtänd⸗ erfüllen, elte den darüber, Ft entzog — 907— ſich durch den Selbſtmord dem Arme der weltlichen Gerechtigkeit, an die Vorſehung und eine ewige Vergeltung hatte er nie geglaubt. In dem Geſchick, welches ihn betroffen hatte, in der Strafe, die ſeinen Verbrechen auf dem Fuße folgte, wollte er den Finger der Vorſehung nicht erkennen, er glaubte, mit dem Schuß ſei Alles zu Ende, was kümmerte es ihn, was nun folgte! Als der Arzt kam, fand er eine Leiche. Sie wurde am nächſten Tage in der Dämmerſtunde an der Mauer des Friedhofes in's Grab geſenkt und kein Stein, kein Baum bezeichnete das Grab, in der die Hülle des einſt ſo reichen und ſtolzen Mannes ruhte. Hundertundfünfzehntes Kapitel. Fünßzehn Jahre ſpäter. Fünfzehn Jahre waren ſeit dem Tode Heinrich's verſtrichen. Eine lange, lange Zeit für die, auf denen die Hand des Schickſals ſchwer ruht und ein kurzer Zeitraum für die, denen der Sonnenſchein des Glücks lächelt! Als nach der Flucht Heinrich's der lange Chriſtian von Breslau mit ſeiner Anklage und ſeinen Beweiſen hervortrat, und nun das Gericht öffentlich den Entflohenen als einen Mörder brandmarkte, da brach die letzte Kraft des Schenkwirths, der das Alles vorausgeſehen und befürchtet und dennoch gehofft hatte, er werde in dieſen Befürchtungen ſich täuſchen. Und nun folgte Schlag auf Schlag. Die Nachricht von dem Selbſtmorde Heinrich's, der aus⸗ brechende Concurs, der die zerrütteten Verhältniſſe an's Tages⸗ licht brachte, die Gerüchte, die jetzt allenthalben auftauchten, die ihn auch der Ermordung ſeines jüngern Aſſocie's und ſeines Schwagers beſchuldigten, das Alles lag drückend auf den Eltern des Selbſtmörders, die jetzt nach der Hochzeit ihrer übrigen Kinder ganz allein ſtanden. Bertram Schenk wäre jetzt berechtigt geweſen, ſeiner Gattin herbe Vorwürfe zu machen, auch ſie hatte ja Vieles dazu beige⸗ tragen, den Hochmuth und Eigennutz in der Seele ihres Sohnes zu nähren, aber er verzichtete auf dieſe Genugthuung, er ſah, wie 5 — 908— ſehr ſeine Frau litt und ihr Kummer entwaffnete den Zorn, der oft in ſeiner Seele auftauchte, wenn er ſich erinnerte, wie oft er Heinrich gewarnt und ſich über ihn beſchwert hatte, ohne ein anderes Reſultat als ſpöttiſche, beißende Bemerkungen von Seiten ſeiner Frau zu erzielen. Otto Schirmer nahm ſich der Hinterlaſſenſchaft des Selbſt⸗ mörders an. Wie es ihm gelungen war, die Angelegenheiten Fritz Wackers zu ordnen, ſo daß dieſem ein kleines Kapital blieb, welches ihn in den Stand ſetzte, ſein Geſchäft zu eröffnen und zu betreiben, ſo gelang es ihm auch, in die finanziellen Verhältniſſe Heinrich Schenk's Klarheit zu bringen. Blieb auch durchaus nichts übrig, ſo wurden doch die Gläubiger vollauf befriedigt, mit Ausnahme Scherenberg's, der die Hinterlaſſenſchaft ſeines Vetters beanſpruchte. Er hatte ein Recht, dieſen Anſpruch zu erheben, und er wäre der Erſte geweſen, deſſen Forderung befriedigt werden mußte, aber der lange Chriſtian verzichtete freiwillig auf das Sündengeld, welches ſo viel Unheil angerichtet hatte. Wimmer und der Breslauer Advokat erkannten dieſe Verzicht⸗ leiſtung nicht an, ſie waren ja auch an der Forderung betheiligt, ihr Intereſſe gebot ihnen, ſie zu vertheidigen. Sie nöthigten ihren Klienten, ſeine Forderung geltend zu machen und der Bankier Schirmer erklärte, daß er in dieſem Falle den Konkurs nicht verhüten könne. Da trat Bertram Schenk mit der Erklärung hervor, er wolle ſich mit Scherenberg einigen und aus ſeinent eignen Vermögen die Anſprüche deſſelben befriedigen, wenn ſie ermäßigt würden. Nach langem Zögern, und nachdem ſie ſich überzeugt hatten, daß dies der beſte und ſicherſte Weg war, wenigſtens einen Theil ihrer Forderung zu erhalten, gingen die Advokaten auf den Vor⸗ ſchlag ein.— Der Schenkwirth opferte dreißigtauſend Thaler, mit denen der lange Chriſtian nach Breslau zurückkehrte. Er ſtiftete manches Gute mit dieſem Gelde, welches er ſeinem Verſprechen getreu dazu beuutzte, den armen Webern Arbeit zu verſchaffen und dem Eigennutz der Fabrikanten entgegen zu treten. Fritz Wacker hatte Glück mit ſeinem Geſchäft, er war fleißig und ſtrebſam, aber in der Lotterie ſpielte er ſeitdem nicht mehr. Er ſprach nicht gerne über ſeine kurze Glanzperiode, weil er noch immer den Spott der öffentlichen Meinung fürchtete. Auch Madame Wacker war beſcheidener geworden, mit dem Glückswechſel hatten auch ihre Anſichten ſich geändert, ſie ſtand jetzt ihrem Gatten mit Fleiß, Treue und Sparſamkeit redlich zur Seite. — — 909— e der Kaspar Melchior Gabel ſchritt ebenfalls auf der neuen Bahn dr oſt er rüſtig voran. he it Sein Salon wurde gfleißig beſucht, und die hübſche, muntere i Selten Frau des Friſeuen fond für ihre Seifen, Parfümerien und andre Toilette⸗Bedürfniſſe zahlreiche Käufer, ſo daß Gabel ſich bald Säͤlbſt. genöthigt ſah, das Geſchäft zu erweitern. Otto Schirmer und Tante Thereſe hielten treu zuſammen; Taceers man ſprach einmal davon, daß ſie vor hätten, einen Bund für iches ihn das ganze Leben zu ſchließen, aber daran war ſicherlich nichts betreiden, Wahres, Tante Thereſe ſowohl, wie der Bankier lachten gering⸗ Heinrich ſchätzend über dieſes Gerede. ts übrig, Die Cigarrenfabrik Wacker's blühte unter der Leitung Tender's nahme neu empor. ruchte. Otto Schirmer hatte ihm und dem früheren Buchhalter Heinrich wäre der Schenk's das nöthige Kapital vorgeſtreckt, welches den Beiden reiche Zinſen trug. Nur in dem Hauſe des Schenkwirths wollten Glück und Friede nicht wieder einkehren. Verzicht⸗ Nachdem der erſte Sturm vorüber war, ſuchte Frau Schenk betheiligt, allmählich wieder die Schuld an den Ereigniſſen der jüngſten 3 Vergangenheit ihrem Gatten aufzubürden. zu machen Die alten Vorwürfe über Herz⸗ und Liebloſigkeit tauchten Falle den wieder auf und Bertram Schenk mußte oſt hören, daß Heinrich an allen ihm zur Laſt gelegten Verbrechen unſchuldig ſei, daß man ihm dieſe Verbrechen nur aufgebürdet habe, um ihn von ſeiner Höhe hinunter zu ſtürzen. Vergeblich bewies Bertram Schenk das Gegentheil, umſonſt wies er auf die Anklage Scherenberg's, auf die Mittheilungen des Chevalier's und den Ruin des Geſchäfts hin, Madame Schenk ließ keinen dieſer Beweiſe gelten, in ihren Augen war und blieb ihr Liebling das unſchuldige Opfer elender Machinationen, an denen ſeine eigene Familie ſich betheiligt hatte. Das gab zu mancher bittern Bemerkung Anlaß und es konnte nicht ausbleiben, daß die ſich ſchroff einander entgegenſtehenden Anſichten die Verſtimmung und den wachſenden Unfrieden ver⸗ mehrten, zumal die beiden alten Leute jetzt ganz auf ſich allein angewieſen waren und kein Wort der Liebe fiel, welches eine Brücke über die ſie trennende Kluft bilden konnte. Dennoch zitterte Bertram Schenk für das Leben ſeiner Gattin, als der im Stillen an ihrem Herzen nagende Gram ſie auf das Krankenlager warf. ni den Er beſchwor die Aerzte, ſie ihm zu erdalten, aber was ver⸗ ſie lmn mochte ihre Kunſt gegen die Krankheit der Seele, die ſie langſam dlich z tödtete, indem ſie alle Lebensgeiſter aufrieb? . — 910— Lange und ſchmerzlich litt die Kranke, und ihr Gatte pflegte ſie mit aller Liebe und Sorgfalt, er wich nicht von ihrem Bette und hoffte bis zur letzten Stunde, daß ihm erhalten bliebe. Umſonſt— ihre Stunde war gekommen und der Tod kennt kein Erbarmen. Sie ſtarb verſöhnt mit ihrem Gatten und ihren Kindern, auf dem langen Schmerzenslager war ſie zur Einſicht gekommen. Sie hatte Zeit gefunden, über die Vergangenheit ernſt und reiflich nachzudenken und es war ihr nun doch Manches klar ge⸗ worden, was ſie früher in einem andern Licht betrachtet hatte. Sie ſah ein, daß der größere Theil der Schuld auf ſie fiel, daß ſie auf demſelben Wege gewandert war, der ihren Liebling auf die Bahn des Verbrechens geführt hatte. Sie bat in der Todesſtunde den Gatten um Verzeihung für ſo manchen Aerger, den ſie ihm bereitet hatte, ſie ſagte ihm, daß ſie zu ſeinen Anſichten bekehrt ſei und daß ſie bedaure, der Stimme der Vornunft nicht früher Gehör geſchenkt zu haben. Davon wollte Bertram Schenk jetzt nichts mehr wiſſen, aber es gewährte ihm doch eine Genugthuung, daß er ſchließlich dennoch Recht behielt. Er trug die Gattin zu Grabe und folgte der Einladung ſeiner Kinder, die ihm in ihrem Familienkreiſe eine neue Heimath be⸗ reiteten, eine Heimath, in welcher der alte Mann wieder auflebte, in der er, von ſeinen Enkeln umringt, allmählich die Vergangenheit mit ihren düſtern Bildern vergaß. Bertha war bald nach der Flucht ihres Gatten abgereiſt. Das Haus, das Mobiliar, die Wagen und Pferde wurden verkauft, und ein Jahr ſpäter brachten die Zeitungen die Nach⸗ richt ihrer ehelichen Verbindung mit dem Chevalier Henri von Chateaurouge. 4 Ob ſie in dieſer neuen Verbindung das Glück fand, welches ſie in der früheren vergeblich geſucht hatte, darüber erfuhr die Familie Schent nichts, Bertha blieb ihr fern, wie ſie ihr ſtets fern geſtanden hatte. Aber man durfte annehmen, daß dem doch alſo war, gegen⸗ ſeitige Liebe hatte ja das Band geknüpft. So waren fünfzehn Jahre verſtrichen, und Otto hatte in dieſer Zeit ſein Ziel erreicht. Sein Etabliſſement iſt heute berühmt in allen Welttheilen und ſein Vermögen ſchätzt man nicht mehr nach Hunderttauſenden ſondern nach Millionen. Seine gezogenen Kanonen haben das preußiſche Heer auf ſeinem Siegeszuge begleitet und hohe Orden ſchmücken die Bruſt ihres intelligeneen Fabrikanten. te pflegte em Bette bliebe. Tod keunt Kindern, ekommen. enſt und klar ge⸗ hatte. fſie fiel, Liebling hung für ihm, daß Stimme ſen, aber dennoch ng ſeiner mat) be⸗ auflebte, angenheit feiſt. wurden die Nach⸗ denri von , welches rfuhr die ihr ſtets r, gegen⸗ in dieſer eilen und aſt ihns —-— — 911— Aber trotz ſeinem Reichthum und ſeinen Ehren iſt er ſchlicht und beſcheiden geblieben, ſeiner Familie ein liebevolles Haupt, ſeinen Arbeitern ein ſorgſamer Freund und Vater. Nikolas leitet noch immer einen Theil des ungeheuren Eta⸗ bliſſements und die Familien der beiden Freunde bilden in Ge⸗ meinſchaft mit Alfred Schirmer, dem Arzte des Etabliſſements, ein durch die Bande der Liebe und Freundſchaft eng verbundenes Ganzes, deſſen Mittelpunkt Bertram Schenk, der von Allen ge⸗ liebte Großvater, iſt. Druck ven Ad. Spaarmann(Jul. Schill) in Oberhauſen. — —— — —y— ——— Solour& Grey Control Chart Blue Qyan Green Vellow Hed Magenta Stey Grey 2. Grey 3— Grey 4 1 Black