Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, ] Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 orgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von k jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 4 ſe 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 9 7 8 „ 7„„=„„=,„ 5 v..„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5 Sehadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf i4 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 Veiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— à4 ——— Alles um ein Nichts. „ 7 Roman von 85 Georg Köberle. 3 8 3 Dritter Band. 2 71 1————— 1 Leipzig, New-Vork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1 — Vierundzwanzigſtes Kapitel. Eine Enthüllung. „Unſre Thaten ſind nur Würfe In des Zufalls blinde Nacht; Ob ſie frommen, ob ſie tödten, Wer weiß das in ſeinem Schlaf? Meinen Wurf will ich vertreten, Aber das nicht, was er traf!“ Grillparzer, Ahnfrau. „Nehme die Sennorina das nicht ſo zu Herzen“, ſagte Malva zu Ottilie am Abend des mißglückten Banketts, als ſie ſich eben allein bei ihr im Zimmer befand.„Für die Sennorina wird Alles noch beſſer gehen, als es heute den Anſchein hat.“ „Ich weine nicht um mich“, entgegnete Ottilie. „Ich weine über die verlorne Ehre meines Vaters und über das Schickſal meiner Mutter. Du, Malva, Du verſtehſt meine Thränen nicht. Was ſollteſt Du auch Köberle, Alles um ein Nichts. III. 1 2. Gefühl für fremde Leiden haben, hatteſt Du doch keines für Dein eigenes Kind!“ „Ich kein Gefühl für mein Kind?“ warf Malva mit Innigkeit ein.„Wenn die Sennorina ahnen könnte, wie tief mich's ſchmerzt, aus Ihrem Munde dieſen Vor⸗ wurf hören zu müſſen!“ Ottilie blickte einige Zeit ſchweigend auf Malva, ehe ſie wieder begann: „Du biſt ein ſeltſam geartetes Weſen, Malva! Oft glaubte ich früher, daß ich Dich lieben könnte; ja ich habe Dich wohl heimlich geliebt, manchmal recht innig geliebt. Du warſt ſtets gegen mich ſo gut, Du ſchienſt meine Liebe zu verdienen. Auch jetzt noch biſt Du gegen mich ſo gut wie früher; und doch befällt mich ſeit jener unſeligen Mordnacht in Deiner Nähe faſt ein Grauen.“ „Die Sennorina hat doch nicht mich im Verdachte, an einem von jenen zwei Morden betheiligt geweſen zu ſein?“ fragte Malva erſchrocken. „Nein“, verſicherte Ottilie,„aber als jener Doope⸗ mord ruchbar wurde und alle Welt mit Entſetzen erfüllte, bliebſt Du marmorkalt, und auf Deinem Geſichte ſtand eher ein Ausdruck der Freude zu leſen, als der Trauer. Meine Mutter gerieth über Alma's Schickſal faſt in Verzweiflung und rang weinend die 5 Hände. Ja, halb Puebla trauerte um das ermordete Mädchen. Nur Du, ſeine Mutter, hatteſt kein Zeichen des Schmerzes für Deine unglückliche Tochter, keine Thräne auf ihr frühes Grab! Malva, Du biſt mir ein unheimliches Räthſel geworden, und wenn Du Deine unbegreifliche Kälte über Alma's Verluſt vor mir nicht zu rechtfertigen vermagſt, ſo muß ich mich zwingen, Dich in Zukunft nicht zu haſſen.“ Ottilie ſchwieg und ließ ihr Auge forſchend auf Malva's Geſichte ruhen. Malva blickte ſinnend vor ſich hin, und ſchien einen ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt zu kämpfen. Endlich begann ſie: „Erlaubt die Sennorina, daß ich die Thüre ver⸗ ſchließe?“ „Warum das, Malva?“ „Ich habe der Sennorina ein Geheimniß mitzu⸗ theilen,— ein Geheimniß, das für Sie und für mich von höchſter Wichtigkeit iſt.“ „So ſchließe“, entgegnete Ottilie erwartungsvoll. Nachdem Malva die Thüre feſt verriegelt hatte und dann wieder näher getreten war, flüſterte ſie leiſe: „Alma war nicht meine Tochter.“ „Und weſſen Tochter war ſie denn?“ ſiel Ottilie im Tone höchſter Ueberraſchung ein. „Die Tochter unſers ärgſten Todfeindes“, ver⸗ 1* 4 8 ſicherte Malva und fuhr fort:„Höre die Sennorina mich ruhig an! Wenige Stunden ehe Sennora Dall⸗ mavi von einem Kinde entbunden worden war, hatte auch ich ein Töchterchen geboren. Ich mußte es auf hartem Lager ſich ſelbſt überlaſſen, um die Sennora zu bedienen, die ſich allein in ihrem Schlafgemach be⸗ fand und kläglich um Hilfe rief. Als ſie geboren hatte, ſchlief ſie vor Ermattung ein. Noch war mein und ihr Kind von Niemanden geſehen worden. Haß und Liebe, Haß gegen Dallmavi und Liebe für mein Töch⸗ terchen, trieben mich an, daſſelbe vor dem harten Looſe der Sklaverei zu retten. Ich benutzte den Augenblick, — ich verwechſelte die Kinder.“ „Alma alſo war—? „Die Tochter des Dallmavi. Sennor Dallmavi hat ſein eignes Kind erſchlagen und mein Herz jubelte, als ich die ungeheure That vernahm.„Endlich, endlich“, — konnte ich mir ſagen,—„endlich beginnt dieſer Teufel auch ſein eigenes Fleiſch zu zerfetzen und ich werde noch den Tag erleben, an dem ich ihn ſein letztes Haar von eigenem Haupte veißen ſehe und ihn heulen höre über das, was er gethan.“ Malva glich, während ſie dieß ſprach, einer Dämonin. Ottilie zitterte.„Und ich wäre?“ wagte ſie kaum hörbar zu flüſtern. 5 „Meine Tochter“, entgegnete Malva und breitete die Arme nach ihr aus. „Deine— Deine Tochter? Und Dallmavi, dieſer mißtrauiſche, ſchlaue Kopf, hätte die Verwechslung nicht entdeckt?“ 4 „O, die Liebe iſt erfinderiſch, und noch weit erfin⸗ deriſcher iſt die Rache. Ich hatte aus Kräutern einen braunen Saft gebraut und wuſch damit ſein Kind. Es ward braun, braun wie ich. Und ſo wuſch ich es täglich bis in ſein ſechstes Jahr. Dann überließ ich es ſeinem Schickſal, und dann kam allmählich ſeine natürliche Farbe zum Vorſchein, es wurde wieder weiß, — weiß zum Schrecken dieſes Satans. Dallmavi bebte, als er das Wunder bemerkte. Ich ſah's und mein Herz ſchlug vor Freude. War ſchon die lebende Alma ſein Schrecken, ſo ſoll jetzt die todte ſeine Ver⸗ zweiflung werden.“ „Und an das Schickſal, das Du der ſchuldloſen Alma ſchufſt, arme Mutter,— daran haſt du nicht gedacht?“ „O Tochter, es giebt Verhältniſſe, unter denen ſelbſt der Allerbarmer dort oben einer Familie verzeiht, daß ſie in der Namenloſigkeit ihres Jammers über das Daſein einer ſchuldloſen Seele hinüberſprang. Als Dallmavi an mir und an Deinem Vater das Unmenſchliche verübt, ſchlieft Du noch unter meinem Herzen. Es war auf dem Sklavenmarkte, hier in Puebla. Wir beide wurden unter der Bedingung, daß wir nie getrennt werden dürften, an Dallmavi ver⸗ kauft. Kaum waren wir in ſeinem Beſitze, ſo rieß er uns auseinander. Dein Vater wagte fußfällig an ihn die ſchüchterne Bitte, uns das harte Sklavenloos gemeinſam tragen zu laſſen. Höhniſch, mit ſeiner Taſchenuhr ſpielend, hörte Dallmavi zu und rief dann lachend:„„Schergen herbei! ſo viele Stockſtreiche auf den Leib dieſes Buben, als ſeine Widerſpänſtigkeit mir koſtbare Sekunden geraubt.““ So geſchah es. Ich mußte Zeugin der Schmach ſein, ich mußte zuſehen, wie ſie Deinen Vater jammervoll zerfleiſchten. Dann trennte man uns. Doch ehe wir ſchieden, thaten wir einen Schwur, den nur Gott gehört,— einen Schwur, der erſt halb erfüllt iſt.“ Ottilie war auf das Sopha niedergeſunken. Malva's Enthüllungen hatten ſo erſchütternd auf ihre Nerven gewirkt, daß ſie in dieſem Augenblicke keinen Ausdruck für ihre Gefühle fand. Stumm und regungs⸗ los ſtarrte ſie ihre Mutter an. Nach einer längeren Pauſe fuhr Malva fort: „Tochter, haſt Du keinen Willkomm für die Arme, ₰ — 7 die Dich einſt unter ihrem Herzen getragen und, obwohl ſie ſelbſt Sklavin bleiben mußte, Dir die goldene Frei⸗ heit zu ſichern verſtand? Findeſt Du keinen Ausdruck der Freude, daß Deine Zukunft nicht für immer an den verworfenen Namen Dallmavi gekettet bleiben muß?“ Ottilie reichte der Mutter die Hand und ſah mit unausſprechbar wehmüthigem Blicke zu Ihr auf. „Ach ja“, begann ſie, während ihr Auge ſich mit Thränen netzte.„Von jeher konnte ich die Sennora Dallmavi nur ſcheu verehren; meine Liebe zog mich mehr zu Dir hin als zu derjenigen, welche ich bisher meine Mutter nennen mußte. Von jeher habe ich den Sennor Dall⸗ mavi gefürchtet und kann mich nur freuen, in ihm nicht länger meinen Vater erkennen zu müſſen. Und dennoch—“. „Was haſt Du, Tochter?“ begann Malva ängſt⸗ lich und ſchlang ihren Arm koſend um Ottiliens Nacken. „Mutter!“ jammerte das Mädchen.„Das kann nimmer, nimmer gut enden. Ich danke meine Freiheit einem Betruge.“ „Die Strafe über mich, wenn meine That ſtraf⸗ bar war“, fiel Malva zärtlich ein.„Du, mein theures Kind, du biſt rein. Nimmer wird der Himmel Dir entgelten, was Deine Mutter verbrach.“ 8 „Ach!“ jammerte Ottilie troſtlos fort.„Meine Zukunft ſchwebt über einem entſetzlichen büntbeſpridten Grab. O wäre ich nie geboren!“ „Gott der Gerechte wird Alma dort oben für das reichlich entſchädigen, was ihr hier entriſſen ward,“ tröſtete Malva.„Du, mein Kind, kannſt noch glück⸗ lich werden; Du wirſt glücklich werden, wenn Du meinem Rathe folgſt.“ Ottilie ſah ihre Mutter ungläubig fragend an. Dieſe fuhr fort: „Faſſe Dich, Ottilie! Noch darf vom Inhalt unſers Geſpräches Niemand im Palaſt eine Ahnung erhalten. Noch mußt Du fortfahren, Dallmavi's Tochter zu ſcheinen.“ „Das wird mir ſchwer werden“, erwiderte das Mädchen, während es mit dem Taſchentuche die Thrä⸗ nen vom Geſicht abwiſchte.„Und doch muß ich wohl den Schein wahren, wenn ich nicht Dich vernichten will, ohne Dallmavi's wahre Tochter vom Tode wieder erwecken zu können.“ „Du wirſt nicht mehr lange in Dallmavi's Nähe bleiben müſſen“, begann Malva wieder,„nicht mehr lange, wenn Du thuſt, was Dir Dein Vater durch mich befehlen läßt.“ 4 9 Ottilie blickte erwartungsvoll auf ihre Mutter, die ohne Unterbrechung fortfuhr: „Auf dem großen Bankett ſah'ſt Du einen jungen Mann, Namens Higaldo. Er iſt aus unſerm Stamm und liebt dich. Ich glaube hemerkt zu haben, daß auch Du ihm wohl gut ſein könnteſt. Bisher wies Dallmavi ſeine Bewerbung um Deine Hand ab, weil er Dich zu einer Sennora Mancha erheben zu können wähnte. Der heutige Tag hat ſeine Hoffnungen ohne Zweifel gründlich zerſtört. Er wird in Zukunft für Higaldo's Anträge vielleicht zugänglicher ſein. Mache Du keine Schwierigkeiten. Higaldo iſt ein edler Mann.“ „Das läßt mir mein Vater ſagen?“ Ja. „Alſo lebt er noch? und wo iſt er?“ „Er iſt— nein, bis noch vor Kurzem war er Sklave bei Sennor Eskobadi.“ „Und jetzt?“ „Iſt er frei. Du wirſt ihn ſpäter bei Higaldo treffen.“ „Und Dich?“ „Hoffe auch mich dort wieder zu finden. Wenn Alles glücklich ſo geht, wie ich und Dein Vater be⸗ ſchloſſen, ſo wird derſelbe Tag, der Dich zum Trau⸗ 10 altare führt, auch mich aus den Banden der Sklaverei wieder erlöſen.“ „Und kennt Higaldo meine wahre Abkunft?“ „Nein. Auch muß ſie ihm noch Geheimniß blei⸗ ben, bis Dein Vater Dir erlauben wird, ihn aufzu⸗ klären.“ Ottilie fand nicht Zeit, noch eine weitere Frage zu ſtellen, denn in demſelben Augenblicke erklang von Außen der Ruf: „Ottilie, öffne Dein Zimmer!“ „Dallmavi ſelbſt!“ flüſterte Malva heftig er⸗ ſchrocken.„Es muß etwas Wichtiges ſein, das ihn ſo ſpät noch hierher führt. Nimm Dich zuſammen, Kind! Wenn er Argwohn ſchöpfte, ſo wären wir Beide verloren.“ Ottilie ſchloß mit zitternder Hand die Thür auf. Dallmavi trat ein. „Entferne Dich, Malva!“ herrſchte er gegen die Sklavin, die in demüthig gebeugter Stellung ſich bereits an eine Seitenwand zurückgezogen hatte. Malva verließ haſtig das Zimmer. „Deine Augen ſind verweint“, fuhr Dallmavi gegen Ottilie, ſie ſcharf anblickend, fort:„Warum haſt Du geweint?“ „Welche Tochter vermöchte ſich der Thränen zu PT/ 11 7 enthalten, ſieht ſie der Gaſtfreundſchaft ihres Vaters ſo unwürdig begegnet, wie heute dem Sennor Dallmavi begegnet wurde!“ Ottilie verhüllte, während ſie dieß ſprach, ſchluch⸗ zend ihr Geſicht mit dem Taſchentuche. „Sie fühlt den Schimpf“, dachte Dallmavi im Stillen für ſich hin.„Sie nimmt Partei für mich, das iſt die Stimme der Natur. Sie muß doch meine wahre leibliche Tochter ſein und Mathildens Traum war nichts, als die Ausgeburt einer kranken Phantaſie.“ Er ergriff Ottiliens Hand: „Du biſt ein gutes Kind und ſollſt dafür belohnt werden. Sieh, Dein Vater kommt noch ſo ſpät, um Dir eine frohe Nachricht zu bringen. Ich weiß, Du liebſt den Sennor Higaldo. Bis heute widerſtand ich Deiner Neigung, weil ich Dich höher ſtellen wollte. Jetzt gab ich meine Pläne auf. Morgen erhält Higaldo mein Jawort zu Eurem Herzensbunde.“ „Dieſe unerwartete Güte, Sennore“, ſtammelte Ottilie. „Entſprang der Abſicht Deines Vaters, ſein Kind glücklich zu wiſſen,“ fiel Dallmavi ein und fuhr fort: „Theile meine Sinnesänderung Deiner Mutter noch heute mit! Die Vorbereitungen ſollen raſch getroffen 12 3 4 werden. Ich will, daß eure Hochzeit ſchon in zwei Wochen ſtattfinde. Und dann—“ Er hielt plötzlich inne. „Dann?“ wiederholte Ottilie geſpannt. „Dann“, fuhr Dallmavi ausweichend fort,— „dann werden wir beſprechen, was weiter geſchehen ſoll. Für heute: gute Nacht!“ „Gute Nacht, Vater!“ Dallmavi entfernte ſich raſch. Ottilie ſank auf das Sopha und ſuchte jetzt vor Allem zuerſt die Ver⸗ wirrung zu bewältigen, in welche ihr Köpfchen durch Mal⸗ va's ſo ungeahnte Enthüllungen geſchleudert worden war. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Der Beſuch. „—— Ein Abſchiedswort zu ſagen, Ziemt dem, der noch ein Herz im Buſen trägt.“ Tiedge. Am Morgen nach den eben geſchilderten Begeben⸗ heiten verließ Dallmavi mit ſeinem Sohne in aller Stille und für die Dauer einer Woche Puebla, um, wie er dunkel andeutete, ein Geſchäft für Maurizio abzuſchließen. Mathilde hatte vorher noch von ihm den Auftrag erhalten, in ſeiner Abweſenheit die Aus⸗ ſtattung für Ottilie zu beſorgen, deren Vermählung mit Higaldo unmittelbar nach ſeiner Rückkehr ſtattfinden ſollte. Sie war eben mit Ausführung dieſes Auftrags vollauf beſchäftigt, als ſich ein Fremder bei ihr an⸗ melden ließ, der aus den Vereinigten Staaten komme 14 und die Sennora in dringenden Familienangelegen⸗ heiten zu ſprechen habe. „Aus den Vereinigten Staaten? Und in Fami⸗ lienangelegenheiten?“ rief Mathilde in freudiger Ueber⸗ raſchung aus.„Malva, führe den Herrn in meinen Sa⸗ lon! Ich werde ſogleich erſcheinen.“ Haſtig ordnete Mathilde ihre Toilette. Ihr Herz klopfte faſt hörbar. Welche Neuigkeit ſollte ſie wohl von dem unbekannten Gaſte erfahren, der in Familienange⸗ legenheiten zu ihr nach Puebla kam? Mathildens Mut⸗ ter ſtammte, wie wir uns noch aus dem erſten Buche dieſer Erzählung erinnern, aus den Vereinigten Staa⸗ ten. Mathilde ſelbſt war aber, namentlich da Dall⸗ mavi ſich dieſer Angelegenheit nie ernſtlich angenom⸗ men, bisher außer Stande geweſen, über ihre Groß⸗ eltern und über deren etwa noch lebende Nachkom⸗ men erfolgreiche Erkundigungen einzuziehen. Sollte ihr jetzt vielleicht der angemeldete Gaſt alle die Fragen löſen können, die wir ſie ſchon früher einmal aufwer⸗ fen hörten und die ſie ſich ſeither in troſtloſer Einſam⸗ keit noch oft wiederholt hatte? Sollte ſie in ihm viel⸗ leicht gar einen lieben Verwandten finden, gegen den ſie ſich offen über ihre Lage ausſprechen konnte? Ihr Herz wallte höher und höher vor freudiger Erwartung. Die arme Frau des hundertfachen Millionärs 15 hatte ja, ſeit Fiore aus ihrer Nähe geriſſen worden war, keine wahrhaft befreundete Seele mehr um ſich gehabt, kein theilnehmendes Herz mehr, dem ſie all das unnennbare Leid, das ſie drückte, hätte mittheilen kön⸗ nen. Seit mehr als zwanzig Jahren war dieſer ſo unerhoffte Beſuch der erſte wirklich dunſtloſe Lichtſtrahl in ihr ſo traurig vereinſamtes Daſein, und ſo trat ſie denn froher Hoffnungen voll zum Empfange ihres Gaſtes in den Salon ein. Sie traf dort einen ſtattlichen Mann, der unge⸗ fähr in Dallmavi's Alter ſtehen mochte. Sein blühen⸗ des Ausſehen ließ ihn jedoch um viele Jahre jünger erſcheinen und ſchon ſeine erſten Worte verriethen, daß er Bildung und gefällige Manieren beſitze. Nachdem die gegenſeitige Begrüßung vorüber war und der Gaſt auf Mathildens Einladung ſich geſetzt hatte, begann dieſer: „Ich bin im Beſitze wichtiger Nachrichten für eine Dame, deren Mutter aus der Farm Milfers am De⸗ laware ſtammt. Wenn ich mich nicht irre, ſo darf ich mich der Hoffnung hingeben, in Ihnen, Sennora, dieſe Dame gefunden zu haben.“ „Meine Mutter ſtammte allerdings von den Ufern des Delaware her“, entgegnete Mathilde. „Aus Milfers?“ 16 „Den Ort wo ſie geboren war, konnte ich nie er⸗ fahren, und ebenſo wenig den Familiennamen meiner Großeltern. Leider beſitze ich über meine Abſtammung überhaupt nur fragmentariſche, mir ſelbſt unklare An⸗ deutungen.“ „Um alſo die zweifelloſe Identität Ihrer Perſon mit der von mir geſuchten Dame zu ermitteln, bitte ich um die Erlaubniß, noch einige Fragen an Sie rich⸗ ten zu dürfen.“ „Mit Vergnügen, mein verehrter Gaſt, werde ich Ihre Fragen beantworten.“ „Nun denn, wie war der Name Ihres Vaters?“ „Maurizio Alimonti.“ „Das trifft. Der Vorname Ihrer Mutter?“ „Anna.“ „Das trifft ebenfalls. Und in welchem Jahre ver⸗ mählte ſich Anna mit dem Sennore Maurizio Alimonti?“ „Im Jahre 1783.“ „Auch das trifft. Und ſo hätte ich denn endlich nach langem, mühevollem Suchen die Dame gefunden, der ich meine Nachrichten zu eröffnen habe. Hören Sie! Ich bin kein Einwohner dieſes Erdtheils. Meine Heimat liegt jenſeits des Oceans, in Schwaben. Vor etwa achtzig Jahren, in der Mitte des vorigen Jahr⸗ hunderts, wanderte ein Bruder meines Großvaters nach 17 Nordamerika aus. Die letzte Nachricht, die ſeine Fa⸗ milie von ihm erhielt, datirt aus dem Jahre 1786, und lautete, daß es ihm auf ſeiner Farm Milfers am Delaware gut ergehe, daß aber ſeine einzige Tochter Anna gegen ſeinen Willen einen Spanier, Namens Maurizio Alimonti, geheirathet und ſich mit ihrem Gatten im Innern von Mexiko unweit der tlaskaliſchen Hauptſtadt Puebla angeſiedelt habe.“ „Alſo ſind Sie mein Verwandter?“ fiel Mathilde freudig ein und reichte ihm die Hand entgegen. „Unter Ihren noch lebenden Verwandten von mütterlicher Seite bin ich der nächſte“, entgegnete der Fremde, den Handſchlag herzlich erwidernd. Dann fuhr er, ohne ſich weiter unterbrechen zu laſſen, in ſei⸗ ner Erzählung eifrig fort:„Obwohl meine Familie noch einige Male an den Großonkel ſchrieb, erhielten wir doch nie mehr eine Antwort. In dieſem Jahre nun führte eine zu wiſſenſchaftlichen Zwecken unternommene Reiſe mich durch die Freiſtaaten von Nordamerika und ich verſäumte nicht, bei dieſer Gelegenheit auch die Farm Milfers am Delaware aufzuſuchen. Mein Groß⸗ onkel, Ihr Großvater, iſt dort vor ſechszehn Jahren in hohem Alter geſtorben. Er hinterließ ein Vermögen von zweimalhunderttauſend Dollars und ein Teſtament, in welchem die Nachkommen ſeiner einzigen Tochter Köberle. Alles um ein Nichts. III. 2 18 Anna in Mexiko oder, falls dieſe ohne Nachkommen⸗ ſchaft geblieben ſein ſollte, die Nachkommen ſeines Bru⸗ ders in Schwaben zu Univerſalerben eingeſetzt ſind.“ „Mein Gott“, fiel Mathilde tief gerührt ihm ins Wort,„Geld und Teſtament ſind Nebenſache. Wenn Sie wollen, ſo nehmen Sie die Erbſchaft meines Groß⸗ vaters und bleiben Sie mir dafür ein lieber Ver⸗ wandter! Ich bin reich an Geld, aber arm an Freunden.“ „Sie ſcheinen nicht glücklich zu ſein, Sennora“, entgegnete der Fremde beſtürzt. Mathilde ſeufzte und ſchwieg. Während der dadurch entſtandenen Pauſe fiel das Auge des Fremden zufällig auf ein an der Wand hän⸗ gendes Bild. Er ſtarrte daſſelbe mit dem Ausdrucke höchſter Ueberraſchung an und flüſterte dann unwill⸗ kürlich halb für ſich hin: „Welch auffallende Aehnlichkeit!“ „Es iſt das Portrait meines Gemahls“, bemerkte Mathilde erklärend.„So ſah er aus, als ich vor fünfundzwanzig Jahren mich von ihm zum Traualtare führen ließ.“ „Das Portrait Ihres Gemahls?“ wiederholte der Fremde im Tone noch größerer Ueberraſchung.„Und führte Ihr Herr Gemahl von jeher den Namen Dall⸗ mavi?“ ſ„fß 19 „Erſt ſeit er ſich in Puebla naturaliſiren ließ.“ „Er iſt alſo kein eingeborner Mexikaner? Wohl gar ein Landsmann von mir und hieß in ſeiner Hei⸗ mat Julius— Julius Dallmer?“ „Das iſt in der That ſein urfprünglicher Name. Sie lenu ihn?“ „O, jetzt verſtehe ich Ihren vorigen Seufzer auf meine Frage nach dem Glücke Ihrer Che. Arme Frau! Jetzt kenne ich auch Sie ſelbſt und Ihre Vergangen⸗ heit, obgleich wir uns heute zum erſten Mal perſönlich begegnen. Seit Sie die Inſelſtadt im ſchönen ſchwä⸗ biſchen Meer verließen, haben Sie wohl die Aufſchlüſſe ſchwer beſtätigt gefunden, die Ihnen unter Verflechtung meines Namens dort von einem edeln Freunde ertheilt, aber von Ihnen nicht geglaubt worden waren!“ „Aufſchlüſſe unter Verflechtung Ihres Namens? Ihr Name lautet?“ „Ganz ſo, wie der Ihres Großvaters.“ „Den Sie mir noch nicht genannt haben!“ „Ja ſo! Ihr Großvater hieß Karl Balduin.“ Mathilde ſah ihren Vetter mit einem Ausdrucke an, in welchem zugleich Freude und Beſchämung zu leſen waren. „Sie ſind alſo“, ſtotterte ſie und ließ den Blick verlegen zu Boden ſenken,„Sie ſind ein Jugendfreund 2* —— 20 meines Gatten, ſind eben derſelbe Doctor Karl Bal⸗ duin, der ſich in Bad Schachen von Julius Dallmer losſagte, als dieſer mit Eskobadi abſchloß?“ „Eben derſelbe, mein unglückliches Bäschen. Hät⸗ ten wir uns ſchon damals gefunden, ſo wäre Ihre Zu⸗ kunft anders geworden.“ „Ach, warum ſuchten Sie mich nicht ſchon damals auf, warum gaben Sie ſich mir nicht ſchon damals als Vetter zu erkennen?“ „Wie hätte ich damals ahnen können, daß unter dem Namen Frau Waller, den Ihre Mutter führte, Alimonti'’s Wittwe verborgen ſei? Wie hätte ich da⸗ mals in der Tochter einer Frau Waller die Enkelin meines Großoheims entdecken können?“ Mathilde ſeufzte. „Sie haben recht“, ſagte ſie wehmüthig.„Vergebe der Himmel meiner Mutter, daß der Betrug, den ſie ſogar an ihrem eigenen Namen verübte, ſo verhäng⸗ nißvoll für ihre Tochter werden mußte!“ Sie ergriff Balduin's Hand und fuhr fort: „Der Schmerz um mein verlorenes Daſein riß mich zu ungerechten Vorwürfen gegen den theuern Verwand⸗ ten hin, deſſen Gegenwart mein Herz in ſeinen inner⸗ ſten Falten mit Jubel begrüßt. Balduin, ach, wenn Sie ganz in die Tiefe meines Jammers hineinſchauen 21 könnten, ſo würde mein Elend mir Ihre Verzeihung für mein Vergehen erwirken.“ „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, liebe Baſe, denn ich verſtehe und fühle Ihren Schmerz“, tröſtete Bal⸗ duin in einem Ton, in welchem ſich die ganze Innig⸗ keit und Theilnahme eines wahren Freundes ſpiegelte. Heiße Thränen rannen über Mathildens erbleichte Wangen herab, während ſie fortfuhr:„Als ich bald nach dem Tode meiner Mutter zu einigem Vermögen gekommen war, eilte ich dem Geliebten in der Hoff⸗ nung nach, ihn von unſeligen Entſchlüſſen abzubringen, die Sünden meiner Eltern zu ſühnen, mein Vaterland und meine Familie aufzuſuchen. Es waren vier ſchöne Hoffnungen, die allein mir den Muth leihen konnten, ohne Begleitung, einen unmündigen Säugling im Arm, die Reiſe über den Ocean herüber und durch ein weg⸗ loſes barbariſches Land hierher zu wagen. Ich fand in Eskobadi’s Thal Dallmer als Sklaven wieder. Mit Gefahr meines Lebens, aus welcher die treue Hilfe einer Sklavin mich rettete, die mir ſpäter eine theure Freun⸗ din wurde, kämpfte ich ihn frei. Er ſchien geheilt und für ein beſſeres Leben gewonnen zu ſein. Ich glaubte ſeinen Schwüren, ich vertraute ihm mein Vermögen an, ich reichte ihm vor dem Altare die Hand zum ewi⸗ gen Herzensbunde. Da—“ 22 Die Thränen erſtickten ihre Stimme. Erſt nach längerer Pauſe, während welcher Balduin den Blick mit ſchmerzlicher Theilnahme ſchweigend auf ihr ruhen ließ, fuhr ſie wieder fort: „Da ſah ich durch Dallmer eine meiner Hoffnungen nach der andern geknickt, bis mir endlich nichts mehr blieb,— nichts, als ein Gefängniß.“ „Ein Gefängniß?“ „Ja, ein Gefängniß! Die Freundin ward mir auf noch unaufgeklärte Art geſtohlen. Ich beſaß nur noch den kleinen Maurizio und ein Mädchen, welches vor der Welt für mein Kind gilt. Die zwei Kleinen dem anſteckenden Beiſpiele des Vaters zu entziehen, entſchloß ich mich zur Flucht. Mein Vorhaben wurde durch Ver⸗ rath zu früh entdeckt. Dallmer ſchleppte mich mit den Kindern in ſeinen Palaſt zurück, entriß Maurizio meiner mütterlichen Pflege, und hielt mich lange, lange Jahre hindurch unter ſtrenger Bewachung als Gefangene feſt.“ „Und Sie ſuchten gegen ſolche Behandlung nicht Schutz bei den Gerichten?“ „Schutz des Unterdrückten gegen den Unterdrücker in Puebla? Vetter, Sie kennen den Boden nicht, auf dem Tlaskala's republikaniſche Verfaſſung wurzelt.“ Ein bitteres Lächeln ſpielte um Mathildens bleiche Lippen, während ſie dieß ſprach. Sie fuhr fort: 23 „O das war noch nicht das Aergſte. Nach mehr als zehnjähriger Gefangenſchaft änderte Dallmer plötz⸗ lich ſeinen Sinn. Er begann jetzt ungeheuern Auf⸗ wand zu machen und zwang mich unter fürchterlichen Drohungen, vor ſeinen wüſten Gäſten die Rolle der glücklichen Gattin zu ſpielen. Ich durfte jetzt auch mei⸗ nen Maurizio wiederſehen, der inzwiſchen zum Manne herangewachſen und unter Dallmers Anleitung noch entmenſchter als ſein Vater geworden war. Ich ſah ihn und meine Tochter—“ Abermals erſtickte ein Strom von Thränen ihre Stimme. „Ihre Tochter?“ fragte Balduin nach einer Weile, als er ſah, daß Mathilde ſich wieder erholt hatte und dennoch in ihrer Erzählung nicht fortfuhr. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das klar machen ſoll“, begann ſie langſam wieder.„Iſt es mir ſelbſt doch nie klar geworden! Ein Mädchen, das alle äußern Seichen einer Meſtizin an ſich trägt, geht im Palaſte als meine Tochter herum; und eine Jungfrau, welche vielleicht meine Tochter war, wurde vor wenigen Wochen von Dallmer erdolcht.“ „Grauenvoll!“ ſtöhnte Balduin aus tiefer Bruſt. „Ihr Gatte ein Ungeheuer, Ihr Sohn nichts Beſſeres, 24 Ihre Tochter ermordet! Arme, arme Mathilde! Und Sie vermögen dieß Loos zu ertragen?“ „Längſt ſchon flehte ich den Himmel um meinen Tod, aber er ließ mich leben. Längſt graut mir vor Dallmer's Nähe und dennoch fand ich nicht den Muth, nochmal an den Banden zu rütteln, die mich an ihn feſſeln. Zu ſchwer trafen mich die Folgen meines erſten Fluchtverſuches. Mein Sinn iſt geſchwächt, meine Kraft gebrochen. Vetter, rathen Sie mir, wenn noch Rath zu fin⸗ den iſt! Helfen Sie mir, wenn es für mich noch Hilfe gibt!“ „Das will ich, ſo wahr ich ein ehrliches deutſches Herz beſitze“, verſicherte Balduin und ergriff Mathil⸗ dens Hand.„Sie müſſen fort aus Puebla, fort aus der Luft, die Ihr Gatte athmet! Und das noch heute!“ „So ſchnell?“ „Dallmer iſt, wie ich höre, auf einige Tage ver⸗ reiſt, die Gelegenheit alſo günſtig. Ehe er Ihre Flucht erfährt, können wir ſchon über der Grenze ſein. Oder erſchreckt Sie mein Vorſchlag? Hält irgend eine Pflicht Sie noch in Puebla zurück?“ „Keine.“ „Nun, dann treten wir ohne Säumen die Reiſe an.“ „Es ſei! Gehe ich auch keinem neuen Lebensfrüh⸗ ling entgegen, ſo doch vielleicht einem ruhigen Lebens⸗ herbſte. Sogleich werde ich reiſefertig ſein.“ 25 Mit dieſen Worten wollte Mathilde ſich durch eine Seitenthüre eilig entfernen. „Wohin noch, Baſe?“ fragte Balduin. „Raſch in mein Boudoir und an die Kaſſe, um mich mit dem Nothwendigſten zu verſehen“, entgegnete Mathilde.. „Das könnte vielleicht unſere Flucht erſchweren und würde kaum zur Ruhe Ihrer Zukunft beitragen. An Gütern, die hier erworben wurden, haftet kein Se⸗ gen. Nehmen Sie aus dieſem Palaſte nichts mit ſich, nichts als das Kleid, das Sie auf Ihrem Leibe tragen! Das Erbe von Ihrem Großvater, das ehrlich erworben ward, wird für Ihre Bedürfniſſe genügen.“ „Dieß Erbe ſchenkte ich ja Ihnen.“ „Ich aber nehme es nicht an. Sie bedürfen des⸗ ſelben dringender, als ich.“ „Sind Sie ſo reich?“ Balduin zuckte die Achſeln. „Ich habe ein Brodfach erlernt“, ſagte er.„In meiner Heimat nennt man mich einen Gelehrten.“ „Das heißt: Sie ſind arm. Nun wohl, wir wer⸗ den uns über die Verlaſſenſchaft einigen. Sie ſind ein edler Mann, ich folge Ihnen blind.“ Beide wendeten ſich gegen die Thüre. Unter der⸗ ſelben hielt Mathilde nochmal inne: „Sollte ich nicht an Dallmer einige Abſchiedszei⸗ len zurücklaſſen?“ „Das mögen Sie thun, wenn Ihr Herz Sie dazu drängt“, erwiderte Balduin. Mathilde ſetzte ſich an einen Tiſch und ſchrieb die kurzen Worte: „Julius! Wir treffen uns einſt zur Abrechnung vor Gottes ewigem Richterſtuhle. Nütze die Dir noch übrige Spanne Leben, daß Du dort beſtehen mögeſt. Hier auf Erden ſehen wir uns nie wieder. Mathilde.“ Sie couvertirte das Blatt, ſiegelte und adreſſirte: „Sennore Dallmavi, Puebla.“ Dann ſtützte ſie den Kopf auf die Hand und ſtarrte auf den geſchloſſenen Brief. „Julius“, lispelten ihre Lippen kaum hörbar vor ſich hin,„Dein Name iſt unter dieſem Blatt begraben und komme nie mehr über meine Lippen. Wir ſchei⸗ den nicht erſt heute, wir waren längſt geſchieden. Du zerſtörteſt die Ideale meiner Jugend, Du vergifteteſt mein Leben und die Seele meines Sohnes, Du erſtachſt — nein!l ich will Dir deßhalb nicht fluchen, ich über⸗ laſſe Dich dem Arm des höhern Richters.“ Dann ließ ſie den Brief auf den Tiſch zurückglei⸗ ten und wendete ſich gegen Balduin: 27 „Er mag mein Abſchiedswort hier finden, wenn er zurückkehrt. Ach, Vetter, mir iſt ſo ſeltſam zu Muthe. Ich ſollte mich freuen, und doch iſt mein Herz ſo voll Wehmuth, daß es zerſpringen möchte.“ „Mathilde!“ „O, ich gehe gern mit Ihnen; aber das verlorene Daſein, das hinter mir liegt, werde ich nie, nie ver⸗ geſſen können. Seit mehr als zwanzig Jahren iſt es heute das erſte Mal, daß ich wieder einem Menſchen gegenüberſtehe, mit dem ich offen ſprechen darf, das erſte Mal, ſeit Fiore mir entriſſen ward—“ „Fiore?“ fiel Balduin ein.„Iſt das der Name Ihrer Freundin, von der Sie vorhin ſprachen? War ſie eine Negerin?“ „Ich hatte ſie“, erwiderte Mathilde und neigte be⸗ jahend den Kopf,„ich hatte ſie aus der Sklaverei los⸗ gekauft, weil ich und Dallmer durch ihre Klugheit aus Eskobadi's Klauen befreit worden waren. Eines Tages ſendete Dallmer ſie mit einem Briefe in die Stadt. Sie kehrte nicht wieder zurück und man ſagte mir, daß ſie Räubern in die Hände gefallen und mit ihnen ſpur⸗ los verſchwunden ſei.“ „Mit Räubern ſpurlos verſchwunden? Nein, Ma⸗ thilde! Dallmer ſelbſt hatte ſie in Charleston auf offenem Markte durch einen ſeiner Agenten verkauft. Kürzlich kam ich durch jene Stadt. Ich erkrankte dort im Hauſe eines Kaufmanns, dem ich empfohlen war. Man theilte mir zur Bedienung eine Schwarze zu, deren ſorglicher Pflege ich's zu danken habe, daß ich dem Fieber nicht erlag.“ „Und jene Schwarze wäre meine Fiore geweſen?“ fiel Mathilde aufflammend ein. „Ihr Name hieß Fiore“, verſicherte Balduin.„Sie erzählte mir ihr Schickſal, und obgleich ich ihre Aus⸗ ſprache der mexikaniſchen Namen nicht verſtand, ſo ſtimmen doch die Thatſachen mit dem, was Sie eben erzählten ſo genau überein, daß kaum eine Verwechs⸗ lung möglich iſt.“ Mathilde ſprang von ihrem Stuhle auf. „Fiore lebt?“ ſagte ſie und ihr Herz wallte hoch auf vor Freude.„Fort, fort nach Charleston zu ihr! Ich erlöſe ſie zum zweiten Male aus ihren Banden und nie, nie mehr ſoll ſie von mir ſcheiden. An ihrer Seeite kann ich vielleicht mich nochmal meines Lebens freuen, denn ſie, ſie wird mein Herz verſtehen.“ Beide verließen eilig und ohne von der Diener⸗ ſchaft bemerkt zu werden, den Dallmavi'ſchen Palaſt, um die Reiſe ſogleich anzutreten. Wir begleiten ſie mit unſern beſten Wünſchen, daß dieſe zweite Flucht glücklicher enden möge, als die erſte geendet hatte. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Bezahlt! „Bös iſt die Feugt der böſen Saat. Nicht eint ſich mehr, was ſo zerriß! Wer Pflicht und Recht mit Füßen trat, Den faßt die Nemeſis.“ Eberhard, vermiſchte Gedichte. Die zwei Flüchtlinge hatten Puebla ſchon einige Meilen weit hinter ſich, ehe der Dienerſchaft im Dall⸗ mavi'ſchen Palaſte Mathildens Abweſenheit auffiel. Erſt als die Nacht hereinbrach und die Sennora immer noch nicht zurückkehrte, begann das Geſinde um ſeine Herrin beſorgt zu werden. Es durchſuchte zuerſt alle Gänge und Verſtecke des Parkes und dann die Straßen von Puebla, ohne eine Spur der Verſchwundenen ent⸗ decken zu können. 30 Da herrſchte unter der Dienerſchaft große Be⸗ ſtürzung, die ſich noch durch die Furcht vor Dallmavi ſteigerte, als Ottilie im Salon Mathildens hinter⸗ laſſenen Brief fand und Malva beim Anblicke deſſelben erſchrocken ausrief: „Jetzt errathe ich Alles. Unſere Herrin iſt ent⸗ flohen und nimmt in dieſem Briefe Abſchied von ihrem Gatten.“ Die Angſt vor dem bevorſtehenden Ungewitter ließ Niemanden im Palaſte ſchlafen. Jedes zitterte bei dem Gedanken, vielleicht das Erſte zu ſein, über welches der verlaſſene Ehemann ſeine Wuth ergießen werde. Am zweitfolgenden Tage kehrten Dallmavi und Maurizio von ihrer Reiſe wieder zurück. Die Be⸗ ſtürzung, mit der ſie vom Geſinde empfangen wurden, konnte ihnen ſchen aus der Ferne nicht entgehen. „Was iſt in meiner Abweſenheit vorgefallen?“ fragte Dallmavi, als er näher getreten war und die niedergeſchlagenen Geſichter ſah.„Was iſt ſo Unge⸗ heuerliches vorgefallen, daß Ihr Alle wie ſchlotternde Gebeine mich umſteht?“ Ottilie, welche eben zur Begrüßung über die Treppe herabeilte, ergriff für die Zitternden das Wort: . Ach Vater, die Sennora Madre iſt verſchwunden.“ 8 1 34 „Meine Frau verſchwunden?“ entgegnete Dallmavi in farbloſem Tone. Ottilie fuhr fort: „Vorgeſtern empfing ſie einen fremden Sennore und verweilte einige Zeit bei ihm im Salon. Als ſich die Unterredung für meine Geduld allzuſehr in die Länge zu ziehen ſchien, ſchlich ich an die Thüre und horchte. Alles war ſtill. Ich öffnete den Salon und fand ihn leer. Auf einem der Tiſche lag ein Brief, den die Sennora vor ihrer Entfernung geſchrieben zu haben ſcheint.“ „Wo iſt der Brief?“ „Hier!“ Dallmavi erbrach haſtig das Cottvert und las ſtill den uns bereits bekannten Inhalt, ohne daß ſich auf ſeinem Geſicht die geringſte Betroffenheit oder Auf⸗ regung verrieth. Dann faltete er ruhig den Brief wieder zuſammen und ſteckte ihn zu ſich. „Es iſt gut“, ſagte er kalt.„Meine Frau mußte in dringenden Geſchäften verreiſen, und ſie that wohl daran, daß ſie ging, ohne Euch etwas davon zu ſagen.“ Das Geſinde, welches eine ganz andere Wendung erwartet hatte, begann wieder neu aufzuathmen. Dall⸗ mavi wendete ſich gegen Ottilie und fuhr fort: „Ich bringe Dir frohe Nachricht. Deine Ver⸗ mählung mit Higaldo wird noch früher ſtattfinden, 1 *☛ ☛ 32 als ich Dir vor meiner Abreiſe verſprach. Schon morgen begeben wir uns nach Silar, das nur drei Stunden von hier entfernt iſt. Dort erwartet uns Higaldo. Die Ceremonie ſoll in aller Stille vor ſich gehen. Bereite Dich vor, indeß ich und Maurizio den Reſt des Tages benützen wollen, Dein Heirathsgut zu ordnen.“ Ottilie und die Dienerſchaft zogen ſich zurück. „Wohin begab ſich meine Mutter?“ fragte Mau⸗ rizio, als er dem Vater allein gegenüber ſtand. „Wohin zuletzt alle Weiber gehen, wenn ihnen die Männer zu viel freie Luft gönnen“, erwiderte Dall⸗ mavi bitter.„Sie ging mir durch.“ „Durch?“ wiederholte Maurizio mehr erfreut als ſchmerzlich. „Du haſt recht, Junge, daß Du darüber lachſt. Eigentlich bin auch ich froh, ihrer los zu ſein. Und doch ärgert mich die Geſchichte. Es hätte mir beſſer behagt ſie fortzujagen, als mir von ihrem ausgemergel⸗ ten Knochengerippe noch Hörner drehen zu laſſen.“ „Weißt Du, Vater, was für mich daraus folgt?“ „Sprich, Tauſendsjunge!“ „Daß ich mein Weib, wenn ich mir einmal eines heimhole, nicht länger behalte, als bis ſie mir einen Buben zur Welt gebracht, der ſo wird, wie ich bin.“ 33 „Das thue, mein Augapfel, und dann ſtütze Dich auf Deinen Buben, wie ich mich auf Dich ſtütze. Sieh, die Alte iſt glücklich fort; morgen werden wir mit Manier auch die Junge los. Dann wird Friede ſein im Haus. Zum Teufel mit dem Weiberpack, das mir ſo oft Alpdrücken machte! Herzensjunge, wenn Du ein⸗ mal eine Frau heimholſt, ſo laß Deine Liebe beim Vater zurück und denke: Die Weiber ſind nur da, um das Embryo der Männer auszubrüten. Dann weg mit ihnen! Hätte unſer Genie nur erſt das Räthſel gelöſt, wie ſich's in einem Tiegel hecken ließe, ſo ſollte man der ganzen Race thun, was ich der Hexe im Garten that.“ In dieſem Ton docirte Dallmavi noch lange fort, und es wäre ſchwer zu entſcheiden geweſen, ob er da⸗ mit ſeinem Sohne Weisheitslehren ertheilen oder den Geiſt Alma's bannen wollte, der, trotz aller Sophismen, beſtändig durch ſein Hirn ſpuckte. Während die Beiden ſo ſprachen, ſchlich Malva, auf ein von auswärts erhaltenes und nur ihr ver⸗ ſtändliches Zeichen unbemerkt durch den Park an ein abgelegenes Pförtchen, und nahm dort ein Billet in Empfang. Es lautete: „Wenn Du morgen unſere Tochter zur Trauung begleiteſt, ſo wird es auf der Hinfahrt Lärm geben. Köberle, Alles um ein Nichts. III. 3 34 Erſchrick nicht und ſuche im Getümmel aus Deiner Caroſſe zu entſpringen. Du findet Deine Befreier. Penno.“ Malva's Auge ſtrahlte vor Freude, als ſie dieſe Zeilen geleſen.„Endlich“, ſagte ſie leiſe zu ſich ſelbſt,„endlich naht die langerſehnte Stunde.“ Dann ſchlich ſie unbemerkt wieder in den Palaſt zurück und eilte ins Zimmer ihrer Tochter: „Ottilie, Dein Vater läßt Dir melden, daß Du nicht zittern mögeſt, wenn es morgen auf der Fahrt nach Silar nicht geheuer ſcheine. Auch ſollſt Du nichts Arges vermuthen, wenn ich im Getümmel verſchwinde. Wir werden uns ſpäter auf Higaldo's Plantage wieder finden.“. Der Reſt des Tages verging mit Hochzeitsvor⸗ bereitungen. Ottilie und Malva ordneten den Braut⸗ ſchmuck. Dallmavi hatte ſich in ſeine Goldgewölbe zurückgezogen, um die Mitgift eigenhändig in Kiſten zu verpacken. Am nächſten Morgen fuhr eine ſchwer mit Gold und mit Menſchen beladene Caroſſe durch die Dallma⸗ vi'ſchen Gärten zum Thore hinaus gegen Silar. Auf den Rückplätzen der Caroſſe ſaßen Ottilie und Dallmavi. Beiden gegenüber hatte Maurizio Platz genommen. Hinter ihnen auf dem Sklavenplätzchen blinzelte Malva's 35 ſchelmiſches Geſicht hervor, und der Kutſcher auf dem vordern Bocke hieb muthig auf die Pferde los, daß ſie im Galopp die Straße entlang trabten. Schon hatte man die Hälfte des Weges zurück⸗ gelegt, und bog eben in den Wald ein, welcher in der Mitte zwiſchen Puebla und Silar liegt. Da ertönte es plötzlich von beiden Seiten aus dem dichten Ge⸗ büſche:„Halt! halt!“ Malva ſtand raſch von ihrem Sitze auf und rief, ſich über die Brüſtung vorlehnend:„Gehorche, Kutſcher!“ In demſelben Augenblicke fiel vor den Pferden ein Schuß. Die Kugel ſauſte am Ohre des Kutſchers vorbei und traf Malva mitten in die Bruſt. Sie taumelte und fiel rücklings über die Caroſſe hinunter auf die Straße. Ein Schrei des Entſetzens erklang vom Gebüſche herüber, als Malva fiel. Dann war dort Alles ſtill. In der Caroſſe hatte unter dem Einfluß des erſten Schreckens Niemand bemerkt, daß die Kugel getroffen. Der Kutſcher peitſchte unbarmherzig auf die Pferde los, von welchen das Fuhrwerk mit Windeseile dem Schauplatze der blutigen That entrückt wurde. Auch wir laſſen es vorläufig weiter rollen, um noch einen Augenblick bei der gefallenen Malva zurückzubleiben. Von der Kugel ſchwer verwundet und durch den 3 36 Sturz tödtlich am Kopfe verletzt, lag Malva regungslos am Boden. Sechs mehr oder weniger gebräunte Roth⸗ häute, Indianer und Meſtizen, ſtürzten aus dem Ge⸗ büſche hervor und umringten trauernd die Sterbende. Der Anführer davon, Penno, geberdete ſich vor Schmerz wie ein Raſender. Die unglückliche Kugel war aus dem Laufe ſeiner Büchſe gekommen und hatte dem Kutſcher gegolten. Aber in demſelben Augenblicke, in welchem Penno abgedrückt, hatte jener plötzlich eine Wendung nach unten gemacht, um die ſich ſträubenden Pferde vorwärts zu treiben. Dadurch war er der Gefahr ent⸗ ronnen. Und da in eben demſelben Augenblicke Malva ſich plötzlich über die Brüſtung emporgehoben, ſo war ſie, die bisher dem Angreifer unſichtbare Gebliebene, ver⸗ hängnißvollerweiſe in die Schußlinie gerathen. Penno warf ſich heulend zu den Füßen der Sterben⸗ den nieder. „Mein Weib, mein theures Weib“, ſchrie er und zerraufte ſeine Haare.„Ich wollte Dir die Freiheit erringen und ſchleuderte Dich ins Grab!“ „Was zum Teufel mußtet Ihr auch auf den Kutſcher zielen!“ unterbrach ihn einer ſeiner Begleiter. „Ein Schuß auf die Pferde hätte das Fuhrwerk ſicher zum Stillſtand gebracht und Eurem Weibe Zeit ver⸗ ſchafft, während des erſten Schreckens gefahrlos vom 37 Bock herabſteigen und mit uns im Dickicht des Waldes verſchwinden zu können. Wir wollten ja doch nur Eure Malva befreien, und nicht auf Mord ausgehen. Ein alter Volksglaube bei uns ſagt:„„Wer unnöthig eines Menſchen Leben bedroht, dem raubt der Himmel ſein Liebſtes!““ Ihr erfahrt das nun!“ Penno ſchwieg und weinte wie ein Kind. Malva ſchlug die ſchon halb gebrochenen Augen noch einmal auf. „Penno“, begann ſie mit ſchwacher Stimme und ſtreckte die Hand nach ihrem Manne aus,„unſer Heiland lehrt:„„Die Rache ſei dem Himmel!““ Wir haben uns ſelbſt gerächt und büßen nun dafür. Steh ab von Deinen weitern Plänen! Du biſt frei, unſre Ottilie iſt frei, vergiß alles Andere, vergiß die Vergangenheit und ſei glücklich bei unſerer Tochter! Grüße ſie— denke—.“ Ohne den Satz zu vollenden, ſank ſie auf die kalte Erde zurück. Noch ein kurzes Zucken, noch ein Athemzug, dann war ſie eine Leiche. Penno beugte ſich über die Geſtorbene hin und drückte einen langen heißen Kuß auf ihre Lippen. Dann ſtand er auf und wendete ſich gegen ſeine Be⸗ gleiter: „Tragt den theuern Leichnam tiefer hinein in 38 des Waldes Dunkel! Wir wollen ihn unter dem Schatten ewig grünender Bäume begraben.“ So geſchah es. Nachdem die Erde ſich über Malva's Hülle ge— ſchloſſen, wälzte Penno, um den Ort ſpäter wieder zu erkennen, einen ſchweren Stein auf das Grab. Dann kniete er auf den Stein nieder und ſprach in einem Tone, daß es ſelbſt ſeinen wilden Geſellen kalt wie Eis über den Nacken herabrieſelte: „Meine Kugel hat Dich getroffen. Die Schuld auf den, der mich zum Ungeheuer machte! Hier, auf dieſem Todeshügel, ſchwöre ich aufs Neue, daß ich nicht raſten noch ruhen will, bis ich ihn als zerfleiſchte Jammergeſtalt durch den ganzen Erdball gejagt, bis ich ihn einem langſamen und dennoch widernatürlichen Tod in die Arme gehetzt. Scheuſal, Du ſollſt unter meinen Händen bluten, wie ſeit Adams Tagen Niemand geblutet, den ein Weib gebar,— bluten, wie der den Abgründen der Finſterniß entſprungene Teufel bluten wird, wenn einſt der Zeiger auf dem Zifferblatte ſeiner Lebensuhr zu ſtocken beginnt und das vorwärtsrollende Rad der Gerechtigkeit ihn zermalmend wieder hinunter⸗ ſchleudert ins ewige Chaos.“ Dann ſtand er auf und wendete ſſich gegen den Einen von ſeinen Begleitern: 39 „Chiallo, begib Dich nach Silar und erforſche, was dort geſchieht. Den Ort, wo wir uns wieder treffen, kennſt Du!“ „Willſt Du nicht die letzte Bitte Deiner ſterbenden Malva ehren?“ entgegnete der Angeredete in faſt bitten⸗ dem Tone.„Penno, wir Alle ſind keine Memmen. Dennoch hat der Schwur, den wir ſo eben aus Deinem Munde vernommen, das Blut in unſern Adern in Stockung gebracht. Achte die Mahnung der Sterben⸗ den und löſche über dem Grabe der Ermordeten jeden weitern Gedanken an Rache in Deiner Seele aus!“ „Eben weil ich gemordet, konnte ich nicht ſchwören wie Du willſt“, fiel Penno ein und ſein Auge flammte dämoniſch auf.„Sterbende faſeln im Fieberwahn, die That gehört den Lebenden. Dieſe Hand iſt mit Blut beſpritzt, und ein dunkles Verhängniß treibt ſie vor⸗ wärts. Könnte ich, vor mir ſelbſt ſchaudernd, ſtille ſtehen, ſo wäre ich verdammt, wie er es iſt und wie Ihr Alle es würdet, wenn Ihr mich auf halbem Wege verlaſſen könntet. Du kennſt mein Herz und meine Abſicht. Es gilt ein Exempel für alle Tyrannen. Der Kampf gegen ſie erheiſcht Blut, und Blutvergießen bringt den Tod, aber aus ſolchem Tode erſteht auch erſt das wahre Leben. Eile nach Silar und bringe mir bald die Botſchaft, die ich von Dir erwarte.“ 40 Chiallo ſchlug ſchweigend den Weg nach Silar ein. Penno und ſeine übrigen Begleiter brachen ſich durch das Dickicht Bahn und verſchwanden im Dunkel des Urwaldes. Während dieß geſchah, hatte die Caroſſe, in welcher ſich Dallmavi, Maurizio und Ottilie befanden, Silar bereits glücklich erreicht. Erſt dort wurde von ihnen Malva'’s Abweſenheit entdeckt. Dallmavi und Maurizio dachten jedoch viel zu gefühllos, um ſich wegen des wahrſcheinlichen Untergangs einer Sklavin großen Kummer zu machen. Ottilie ihrerſeits aber war froh, daß dem Vorfall keine ernſtliche Beachtung geſchenkt wurde. Hatte ſie doch Grund vorauszuſetzen, ihre Mutter ſei glücklich entkommen und befinde ſich wohl⸗ behalten beim Vater. So konnte denn die Trauung ohne ſtörenden Mißton vollzogen werden. Das Mahl, welches der kirchlichen Feier nachfolgte, war kurz. Higaldo, der für Dallmavi und Maurizio nie ſym⸗ pathiſch empfunden, ſehnte ſich mit ſeiner jungen Frau nach dem Süden auf ſeine Plantage. Und Dallmavi, in deſſen Seele kein hochzeitlichfroher Gedanke aufkam, hielt den ihm gleichgültigen Schwiegerſohn nicht auf. So reiſte denn das glückliche Chepaar noch an dem⸗ ſelben Tage ab. „Maurizio“,— begann Dallmavi, als Vater und 41 Sohn ſich wieder allein gegenüber ſtanden,—„es iſt in Puebla für uns nicht mehr geheuer. Die Kugel, die heute in unſern Wagen geſendet wurde, galt ſchwer⸗ lich dem, auf welchen ſie gezielt zu ſein ſchien. Ich habe mich daher entſchloſſen, unſere Ueberſiedelung zu beſchleunigen. Du kehrſt nicht mit mir nach Puebla zurück, ſondern begiebſt Dich unmittelbar von hier nach Orizaba, um dort in Eile das Geſchäft vollends abzu⸗ wickeln, das wir in voriger Woche eingeleitet. Bis Du damit zu Ende kommſt, werde auch ich unſere Angelegenheiten in Puebla geordnet haben. Nach Deiner Rückkehr reiſen wir dann ohne Säumen weiter. Nie⸗ mand in Puebla ſoll erfahren, wohin wir gehen.“ „Wie Du willſt, Vater“, erwiderte Maurizio.„Du weißt, daß wir in Allem Eines Herzens ſind.“ „Und ſtets bleiben werden“, fiel Dallmavi grinſend ein.„Ich weiß das, Junge. Drum biſt Du mein Augapfel und mein Krückenſtab. Unſer hieſiger Gaſt⸗ freund, den ich bereits darüber geſprochen, wird Dir einige von ſeinen zuverläſſigſten Leuten zur Begleitung geben. Halte ſie auf der Reiſe gut, damit ſie feſt zu Dir halten“ „Sei ohne Sorge, Vater! Mir kommt Niemand zu nah. Du weißt, daß ich mich vor allen Teufeln der Welt nicht fürchte.“ —— 42 Nachdem die Beiden noch einige auf das abzu⸗ ſchließende Geſchäft bezügliche Fragen erledigt, ſchieden ſie von einander. Maurizio reiſte ſogleich nach Orizaba ab, und Dallmavi kehrte nach Puebla zurück. Es war das erſte Mal in ſeinem ganzen Leben geweſen, daß Dallmavi bei dieſem Abſchied Etwas ver⸗ ſpürt hatte, das einer tiefinnerſten Herzensempfindung glich. Das ganze Menſchengeſchlecht war ihm, wie wir wiſſen, von jeher gleichgültig und er ſah im einzelnen Menſchen nie etwas Anderes, als bloß ein zur Ver⸗ mehrung ſeines Reichthums oder ſeines Einfluſſes brauch⸗ bares Werkzeug, das er erbarmungslos zerbrach, ſo oft deſſen Vernichtung ſeinen Zwecken frommte. Nur ſein mißrathener Sohn bildete hievon eine Ausnahme. In ihm verehrte Dallmavi die Perſonification ſeiner eigenen an die Stelle der Religion geſetzten Sophiſtik des graſſeſten Egoismus. Maurizio war ſein Glaube, und darum auch war Maurizio ihm unentbehrlich ge⸗ worden; denn jeder Staubgeborene, und wäre er auch der ungläubigſte, muß ſich irgend einen Glauben zu⸗ rechtlegen; und hätte er ſich auch tauſendmal abge⸗ müht, das religiöſe Bewußtſein aus ſeiner Bruſt her⸗ auszureißen, ſo zwänge ihn doch ſeine eigene Natur, an deſſen Stelle tauſendmal wieder etwas Anderes aufzupflanzen. So war es auch Dallmavi ergangen. 43 Er, der die Geſetze der ewigen Weltordnung mit Füßen getreten und verwegen ſich ſelbſt als höchſtes Geſetz hingeſtellt, verſchanzte ſich jetzt gegen ſein ſtets wieder erwachendes Gewiſſen hinter eine abgöttiſche Verehrung der Laſter ſeines Sohnes, den er deßhalb als unent⸗ behrliches Alterego faſt mehr lieben mußte, als er ſich ſelbſt lieben konnte. Die Zeit der Trennung von Maurizio ſchuf für Dallmavi Momente, in denen er zum erſten Male im Leben die Qualen einer ungeſtillten Sehnſucht in un⸗ erträglichem Maße zu fühlen begann. Er wandelte in ſeinen Gewölben auf und ab wie Jemand, der lahme Füße hat und die Krücke verlor, auf welcher einher⸗ zuhinken er gewohnt war. Wieder begannen in ſeiner Phantaſie Bilder aus der Vergangenheit aufzutauchen, die er längſt begraben wähnte,— Bilder aus jenen Tagen, da Mathilde ihm ein braunes Kind geboren, da er zum erſten Mal die weiße Alma im Zimmer ſeiner Gattin getroffen. Eine Woche nach Maurizio's Abreiſe brachte die Poſt ihm eine ſchwere Kiſte, als Gold deklarirt und adreſſirt:„Maurizio, Sohn.“ Die Handſchrift ſchien die Maurizio's zu ſein. „Ein Teufelskerl, mein Junge“, rief Dallmavi bei dieſem Anblick und lebte wieder neu auf.„Macht 44 Geſchäfte, gegen die ſein Vater nur Stümperarbeit trieb. Tragt den Schatz in mein Gewölbe! Dort ſoll er unberührt ſtehen bis Maurizio kommt. Die Kiſte iſt geſiegelt und ich gönne übm die Freude, ſelbſt zu öffnen.“ Es verſtrich noch eine Woche. Die für Mauri⸗ zio's Rückkehr beſtimmte Friſt war längſt vorüber, Maurizio aber kam immer noch nicht. Auch langte ſtatt ſeiner keine Nachricht aus Orizaba an, welche Aufſchluß über die Gründe der Verſpätung gebracht hätte. Inzwiſchen hatte Dallmavi bereits ſein geſammtes Perſonal entlaſſen, bis auf zwei von ihm längſt als zuverläßig erprobte Diener, Alonzo und Domangi, welche er auf die bevorſtehende Reiſe mit ſich zu nehmen gedachte. Seine Werthpapiere und ſein Gold waren verpackt, und auch ſein bisheriger Rechtsanwalt Ves⸗ pucci hatte von ihm bereits Auftrag und Vollmacht erhalten, ſofort nach ſeiner Abreiſe die Dallmavi'ſchen Liegenſchaften in Puebla zu verkaufen und den Erlös unter einer noch zu beſtimmenden Adreſſe ihm nachzu⸗ ſenden. Als auch nach Ablauf der zweiten Woche weder Maurizio noch eine Nachricht von ihm anlangte, ſen⸗ dete Dallmavi ſeine zwei Diener als Eilboten dem 45 Säumenden entgegen, den Alonzo nach Silar und den Domangi nach Orizaba. Er befand ſich jetzt allein in den ausgedehnten Räumen ſeines Palaſtes. Mehr und mehr erfaßte ihn ein mit Ausbrüchen der Raſerei abwechſeln⸗ des Gefühl der Verödung, mehr und mehr umgaukelten ihn geſpenſterartige Erſcheinungen, wie er ſelbſt in den Nächten nach der Geburt des braunen Kindes und nach dem Auftauchen der weißen Alma in ſo erſchreckender Geſtalt nie geſehen hatte. Die Minuten des Harrens wurden ihm zu Tagen, die Tage zu Jahren. Selbſt die Luft im Palaſte ſchien ſich mehr und mehr mit peſtartigen Dünſten zu ſchwängern und entwickelte namentlich in den Kaſſagewölben einen ihm unerträg⸗ lich widrigen Geruch, der trotz aller angewendeten Mittel ſtündlich zunahm und ihm bald nicht nur jeden Athemzug zur Qual machte, ſondern auch den Speiſen und Getränken, nach welchen er griff, einen eckelhaft abſtoßenden Geſchmack verlieh.. Endlich kam der eine von den ausgeſendeten Eil⸗ boten, Alonzo, wieder zurück. Er hatte vom Gaſt⸗ freunde in Silar über Maurizio's Schickſal nichts erfahren können. Die dem Sohne von dort beigegebenen Begleiter waren nicht zurückgekehrt, und die weiter an⸗ geſtellten Erkundigungen hatten nur das Reſultat ergeben, daß ſich die Spur der Reiſenden ſchon auf 46 der Mitte des Weges zwiſchen Silar und Orizaba in einen Wald verlor. Bald nachher langte auch der zweite Eilbote, Do⸗ mangi, mit einer nicht minder troſtloſen Nachricht wieder an.. Maurizio war in Orizaba nicht eingetroffen und Niemand hatte dort auch nur die geringſte Auskunft über ihn ertheilen können. Dallmavi ſtand, als er dieſe Botſchaft vernahm, wie Lot's verſteinerte Salzſäule vor Sodom und Gomorrha da. Selbſt der verpeſtete Geruch, der ihn bisher ruhe⸗ los von Zimmer zu Zimmer gejagt, um einen friſchen Athemzug zu erhaſchen,— ſelbſt er war nicht mehr vermögend, Bewegung in ſeinen Körper zu bringen. Vertrieben von der Unerträglichkeit des Geſtankes eilten beide Diener hinweg, um die Urſache dieſer ſelt⸗ ſamen Erſcheinung zu erforſchen. Bald kehrten ſie mit der Botſchaft zurück: „Sennor, der Peſtgeruch dringt aus der Kiſte, welche Ihnen vor zehn Tagen zuging. Die Kiſte ent⸗ hält kein Gold.“. Auf beide Diener geſtützt, wankte Dallmavi ins Kaſſagewölbe vor das unheimliche Frachtſtück. „Oeffnet!“ gebot er mit erſtickender Stimme. . 47 Die Diener löſten das Siegel ab und erbrachen den Deckel. Beim Anblick des Inhalts ſiel Dallmavi mit einem viehiſchen Schrei bewußtlos zu Boden. Wir überlaſſen den Niedergeſunkenen vorläufig ſeinem Schickſal, um jetzt den Inhalt der Kiſte zu durchſuchen. Obenan grinſte ein menſchlicher Kopf, der trotz ſeiner bereits weit vorgeſchrittenen Fäulniß noch auf den erſten Blick als der Kopf Maurizio's zu er⸗ kennen war. Unter ihm befand ſich, zwiſchen ſchwere Steine eingezwängt, ein zerſtückelter Leichnam. Und auf demſelben lag ein Blatt Papier, welches die Worte enthielt: „Scheuſal, empfange den Reſt der Natter, welche Du geboren und großgeſäugt. Dein Stamm iſt vertilgt auf Erden; und die Hand, welche Dir hier im ſtinkenden Fleiſche Deines Sohnes Dein wahres Bild ſendet, wird auch Dich erreichen, ſo⸗ bald Deine Stunde ſchlägt.“ In der Nacht nach dieſer grauenhaften Kataſtrophe hörte man zwei ſchwer bepackte Wagen zum Thore des Dallmavi'ſchen Palaſtes hinausfahren. Niemand küm⸗ merte ſich darum, wer die Wagen führte und welchen Weg ſie einſchlugen. Am darauf folgenden Tage herrſchte im Palaſt 48 Todesſtille. Kein Fenſter wurde geöffnet. Niemand ging durch die Thüren aus oder ein. Als vierzehn Tage ſpäter der Rechtsanwalt Ves⸗ pucci an den Thoren anklopfte, fand er Alles ver⸗ ſchloſſen. Niemand öffnete. Auf ſeine Anzeige wurde der Palaſt von den Behörden erbrochen. Man fand im Kaſſengewölbe nur noch die Kiſte mit ihrem ſchauer⸗ lichen Inhalt. Dallmavi ſelbſt mit ſeinen metallenen Schätzen war verſchwunden und im ganzen Gebäude nicht mehr ein einziges lebendes Weſen zu entdecken. Das Entſetzen über den Anblick der verpeſteten Sohnes⸗ leiche hatte den gezeichneten Verbrecher hinausgejagt in die weite Welt. Unter den Eindrücken der Furcht, von ſeinem unſichtbaren Feinde entdeckt und erreicht zu werden, war es ihm ſogar unmöglich geweſen, auch nur in tiefſtem Vertrauen ſeinem eigenen Rechtsvertreter irgend eine Adreſſe zu hinterlaſſen. Er hatte den millionenfachen Werth an Mobiliar und liegenden Gütern, die er nicht bei Nacht und Nebel mit ſich ſchleppen konnte, hinweggeſchleudert, um nicht durch das ſchweißtreibende Bewußtſein gefoltert zu werden, daß hinter ihm noch irgend ein menſchliches Weſen lebe, welches die Weltgegend kenne, nach der ſein flüchtiger Fußtritt ſich verlor. Das Ereigniß machte in ganz Tlaskala ungeheures 49 Aufſehen. Die Dallmaviſchen Beſitzungen wurden öffent⸗ lich verſteigert und, da der Eigenthümer auf wieder⸗ holte Ausſchreibungen ſich nicht meldete, zog endlich der Staat den Erlös als herrenloſes Gut ein. Viele, viele Jahre vergingen, und der Name Dall⸗ mavi tauchte nirgends in den fünf Erdtheilen wieder auf. Der Träger deſſelben ſchien ſpurlos verſchwunden zu ſein. Deſſen ungeachtet aber hoffen wir, ſowohl ihm, als auch den andern Hauptperſonen dieſer Er⸗ zählung, welche ſich vorläufig unſerm Geſichtskreiſe ebenfalls entzogen haben, im nächſten Buche noch einmal zu begegnen. Köberle, Alles um ein Nichts. III. 4 Motto: Fünftes Buch. Zucognito. —-——— O Tag des Entſetzens! Riefen ſie auch:„Verſchling' uns Erd', und Ihr Berge bedeckt uns!“ Sie riefen umſonſt! J. L. Pyrker, Perlen der Vorzeit. ———ͤͤͤͤͤͤͤͤ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Das Gewiſſen vor den Schranken der Juſtiz. „Du trageſt bei Dir Tag und Nacht Den Zeugen, der Dich ſchuldig macht.“ M Zeiler, Epigramme. Im Jahre 1853 ſpielte vor dem Criminalgerichte der berüchtigſten Welthauptſtadt Europa's ein wunder⸗ licher Proceß, der die ganze geheime Polizei des Reiches Monate lang in athemloſe Thätigkeit verſetzte und ſo⸗ gar der Diplomatie Anlaß zu mancherlei Recherchen gab. Um was es ſich eigentlich handelte, wurde damals nicht bekannt. Die Journale brachten nur dunkle Andeutungen über eine ſchon im Keime erſtickte Ver⸗ ſchwörung, welche einem on dit zufolge gegen einen gewiſſen Monatstag und gegen die Eriſtenz der geſell⸗ ſchaftlichen Ordnung angezettelt worden ſein ſollte. Man munckelte von einem wichtigen Dokument, welches den Sicherheitsbehörden in die Hände gefallen ſei und unzweideutige Aufſchlüſſe über ein ungeheuerliches Ver⸗ brechen gebe. Man forſchte in den Hotels der vor⸗ nehmen Reiſenden und in den Schlupfwinkeln des Pöbels nach dem Autor jenes Dokuments, man ſetzte hinter Schloß und Riegel eine größere Anzahl von Perſonen höhern und niedern Standes feſt, welche das Unglück hatten von der hundertarmigen Polizeimaſchine in irgend eine nähere oder entferntere Verbindung mit jenem Dokument gebracht zu werden. Der Proceß verlief ſich, wie ſeither ſchon ſo manche ſeltſame Hiſtorie im modernen Babel ſich ver⸗ laufen hat. Andere pikante Ereigniſſe neueren Datums traten in den Vordergrund und das blaſirte Publicum vergaß darüber, nach dem weiteren Verlaufe und Aus⸗ gange der älteren Geſchichten zu fragen. Die officielle Preſſe des Hofes aber hatte keinen Grund, nachträg⸗ lich noch auf jenes wichtige Dokument zurückzukommen, das anfänglich von der Sicherheitspolizei für das myſte⸗ riöſe Programm einer ſtaatsgefährlichen Geſellſchaft gehalten worden und dann unter den Händen der inquiri⸗ renden Richter allmählich zum Tagebuch irgend eines mit ſich ſelbſt zerfallenen und unauffindbaren Indivi⸗ duums zuſammengeſchrumpft war. Deſſenungeachtet hatte der Inhalt des Dokuments —,— 55 der Art gelautet, daß er allerdings einer öffentlichen Staatsgewalt, die mit ihrem eigenen Gewiſſen nicht auf gutem Fuße lebt, einigen Schwindel verurſachen mochte. Wir müſſen, um die am Schluſſe des vorigen Buches abgebrochenen Fäden unſerer Erzählung wieder aufzuſuchen, uns in den Acten jenes Rieſen⸗Proceſſes aus dem Jahre 1853 ein wenig umſehen. Nach denſelben war zu Anfang des genannten Jahres ein berüchtigter Taſchendieb ergriffen und in deſſen Beſitze unter Anderm ein Portefeuille von ſeltener Pracht gefunden worden. Der Einband des Porte⸗ feuille ſtrahlte von Diamanten und echten Perlen, und repräſentirte einen Werth von mehr als einmal⸗ hunderttauſend Franken. Weniger jedoch wegen dieſes materiellen Werthes, als vielmehr wegen ſeines übrigen Inhalts nahm das Portefeuille die Aufmerkſamkeit der Criminaliſten und Sicherheitswächter in einem unge⸗ wöhnlich hohen Grade in Anſpruch. Der Inhalt be⸗ ſtand nämlich aus Notizen, die mit Bleiſtift auf loſe Blätter geſchrieben waren und trotz ihrer vielfachen Un⸗ klarheit über die entſchieden feindſelige Stimmung, von welcher der Verfaſſer derſelben gegen das damalige Staatsoberhaupt beſeelt war, nicht dem kleinſten Zwei⸗ fel Raum zu laſſen ſchienen. Der Taſchendieb, bei welchem die Polizei dieſen 1 56 Schatz gefunden, gab vor, weder den wahren Eigen⸗ thümer des Portefeuille, noch deſſen Wohn⸗ oder Aufenthaltsort zu kennen. Obwohl der Unterſuchungs⸗ richter ihm für ein Geſtändniß, das zur Ermittlung des Eigenthümers führe, volle Strafloſigkeit zuſicherte, blieb der Dieb doch feſt bei ſeiner urſprünglichen Aus⸗ ſage, laut welcher er das Portefeuille auf der Straße einem fein gekleideten Herrn entwendet haben wollte, deſſen Perſonalbeſchreibung er nicht zu entwerfen ver⸗ möge. Da ließen die Behörden das Portefeuille unter den gefundenen Gegenſtänden ausſchreiben und den Eigenthümer deſſelben zur Empfangnahme öffentlich auffordern. Aber der Schreiber der verfänglichen No⸗ tizen ging in dieſe Falle nicht ein. Niemand reclamirte das werthvolle Kunſtſtück, Niemand erlaubte ſich auch nur von ferne die leiſeſte Anfrage nach demſelben. Das war für die eriminaliſtiſche Logik Motiv ge⸗ nug, dem ohnehin verfänglichen Inhalt des Porte⸗ feuille die ſchwärzeſte Deutung zu geben. Die Unter⸗ ſuchung wurde nach allen Richtungen ins Blaue hinein angeſtrengt. Je weiter man aber im Stillen forſchte, deſto mehr kam man zu der Ueberzeugung, daß Nichts zu finden ſei. Endlich mußte man ſich mit Abſtrafung 7 des Taſchendiebes begnügen, und den intereſſanteren ——— 6 Theil des Proceſſes gänzlich fallen laſſen, weil ſich bis zur Evidenz herausgeſtellt hatte, daß die vereinte Kraft der Diplomatie, Polizei und Criminaljuſtiz nicht im Stande ſei, dem wahren Eigenthümer des Portefeuille auf die Spur zu kommen. Wir laſſen hier einige von den Notizen folgen, welche für die Sicherheitswächter einer großen Nation der Anlaß zu ſolch umfaſſenden Anſtrengungen geweſen waren. Sie lauten: „Der erſte Verſuch trieb Dich aus Deiner Hei⸗ mat, der zweite raubte Dir die Freiheit, beim dritten opferteſt Du Schlaf und Geſundheit! Ein kühner Coup— Tauſende und Abertauſende in un⸗ wirthbaren Sumpfgegenden zum Plantagenbau ge⸗ liefert— das brachte Dich empor———— ————————— Du ſtandeſt auf dem höchſten Gipfel des Glanzes. Dein leiſeſter Wink war den Sklaven Befehl und ſie Alle tanzten nach Deiner Pfeife— Alle, bis auf Eine, die von Deinen Trabanten im Zaum gehalten ward. Vom Himmel ſtahlſt Du die Sonne, den Eingeweiden der Erde entriſſeſt Du ihre Schätze und machteſt Beides Deinem Willen unterthan————— —---——— Die Welt, der Du nie geſehene Schauſpiele gabſt, ſtaunte Dich . Seerr als Halbgott an. Dich umgab der Nimbus, daß nichts Deiner Allmacht unerreichbar ſei— nichts mehr———————————— ——— Es war ein Traum————— — eine Nacht, eine kurze Nacht, ein Donnerſchlag, der Dich erſchreckt, und da Du erwachſt, iſt der Traum dahin, Dein Nimbus verſchwunden!—— —--——————— Scheuſal,— hallt es fort und fort nach in Deinem Ohr,— Dein Stamm iſt vertilgt auf Erden, und der Fuß, welcher die von 1 Dir geborene Natter zertrat, wird auch Dich erreichen, ſobald Deine Stunde ſchlägt Deine Hand riecht nach verweſendem Menſchen⸗ fleiſch, und wie Du ſie auch gewaſchen und fort⸗ fährſt zu waſchen, der eckle Geruch will nimmer von Dir weichen————————— ———— Erdolchteſt Du wirklich Deine Tochter, ehe man Dir den eigenen Sohn in Stücken vor die Füße warf?———— ——————— Namenlos denn Dein Name würde Dein Verräther— namenlos jagſt Du, wie der ewige Jude im Volksmund, von Land zu Land, von Ort zu Ort. Die Schnelligkeit der Dampfroſſe vermag nicht, Dich raſe ch genug vom 59 Platze zu bringen; denn wohin ſie Dich auch jagen, Du kannſt Deinem eigenen Selbſt nicht entwiſchen. So gleicht denn jeder Ort dem andern, und jeder treibt Dich wieder weiter, ohne Raſt und Ruhe ziellos weiter. Fünf Welttheile, deren Schätze für Deiner Wünſche Ziel nicht zu groß ſchienen,— ſie ſind jetzt zu klein geworden, um Dich das glück⸗ liche Verſteck finden zu laſſen, in das die Angſt keinen Zutritt hätte— 41 Das waren die Notizen, durch welche die Zeitge⸗ ſchichte um das Gerücht von einer unentdeckbaren Ver⸗ ſchwörung bereichert worden iſt. Hätten wir unſere Erzählung ſchon vor 1853 veröffentlicht, ſo würde man das, was gewiß ein jeder unſerer Leſer ſogleich errieth, auch im neuen Babel ſchon damals ohne Schwierig⸗ keit herausgefunden haben. Der Verfaſſer der ſo an⸗ rüchig ſcheinenden Zeilen hatte bei deren Abfaſſung ohne Zweifel an alles Andere eher gedacht, als an die politiſchen Zuſtände eines Staates oder gar an ein Progamm zur Umänderung derſelben. Es hatte ihn einfach gedrängt, die Folter ſeines eigenen Gewiſſens durch Mittheilung zu erleichtern. Und weil er auf dem ganzen Rund der Erde kein lebendes Weſen be⸗ ſaß, das er in ſein Inneres ſchauen laſſen konnte, ſo 60 hatte er in ſeiner Schreibmappe, die ihm ſpäter geſtoh⸗ len worden war, ſich ſelbſt als eine zweite gleichſam von ſeinem eigenen Ich verſchiedene Perſon angeredet und ihr ſein unvertilgbares Leid geklagt. Daß er da⸗ durch und durch die aus Diamanten und Perlen ge⸗ formte Hülle, in welche er die Stoßſeufzer ſeiner angſt⸗ erfüllten Seele gewickelt, dieſer letztern einige Beruhi⸗ gung verſchafft habe, iſt wohl kaum anzunehmen. Wir aber wollen, nachdem wir vorläuſig wieder eiin Lebenszeichen von dem ſpurlos verſchwundenen Haupt⸗ helden unſerer Erzählnng und einen der Orte, die er in⸗ zwiſchen beſucht, glücklich entdeckt haben, jetzt unſeerr Forſchung nach ihm ſelbſt weiter fortſetzen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Gaſt im„bairiſchen Hof.“ Fauſt. „So iſt mir das Daſein eine Laſt, Der TD.d erwünſcht, das Leben mir verhaßt. Mephistopheles. Und doch iſt nie der Tod ein ganz willkomm'ner Gaſt.“ Göthe. Der Gang der Erzählung führt uns nunmehr auf den Schauplatz zurück, von welchem wir anfänglich ausgingen. Wieder ſtehen wir am lieblichen Geſtade des ſchwäbiſchen Meers und ſchauen von den Höhen des Hoyerberges oder vom Hügelvorſprung von Allwind über das„deutſche Venedig“ hinüber auf die reizende Alpenkette und auf den reichen Kranz von Städten, Dörfern, Weilern, Schlöſſern, Villen und Bauernhöfen, welche den koloſſalen Waſſerſpiegel von Bregenz bis Conſtanz maleriſch umranken. Die herrliche Natur iſt, ſeit wir dieſen paradie⸗ ſiſchen Fleck unſrer deutſchen Erde nicht mehr betraten, ſich gleich geblieben. Noch prangen, wie damals, die Bergrieſen in ihrem grünen Waldesſchmuck; noch badet ſich, wie damals, Vater Rhein in dem Becken des Sees; noch knospt und blüht, wie damals, auf den anmuthigen Hügelabhängen die Rebe neben ſchattigen Obſtgärten, üppigen Kornfeldern und triftenreichen Wieſen. Dennoch hat ſich während der vierzig Jahre, die inzwiſchen vergangen ſind, auch hier erſtaunlich viel geändert. Die Generation, welche damals in faſt pa⸗ triarchaliſcher Einfachheit auf dieſen Gefilden umher⸗ wandelte, iſt größerntheils ausgeſtorben. Die Jugend von damals hat ſich bereits in Greiſe und Matronen verwandelt; und ein Geſchlecht, welches damals noch nicht geboren war, ringt als tüchtiges Mitglied der großen deutſchen Völkerfamilie muthig und lebensluſtig um den Beſitz derjenigen Güter, welche durch einen langen Frieden und durch die ſtets voranſchreitende Civiliſation der Neuzeit allmählich auch für unſer ſchönes Vaterland der Reife entgegen getrieben zu werden ſcheinen. 3 Der rege Verkehr, von welchem Waſſer und Land belebt wird, ſchleppt ſich nicht mehr, wie damals, auf langſamer Achſe und einfachen Ruderſchiffen fort. Gleich der ſtolzen Lagunenſtadt im adriatiſchen Meere, von welcher es ſeinen Beinamen entlehnte, iſt jetzt auch Lindau durch einen langen Eiſenbahndamm mit dem Feſtlande verbunden und ſieht aus ſeinem ſchönen Hafen täglich dutzende von Dampfſchiffen nach und von allen größern Landungsplätzen des Sees aus⸗ und einlaufen. Der Hafen, welcher damals noch eine aus Pfählen eingerankte Schiffsanlände geweſen war, iſt jetzt ein wahrer Golf im Kleinen geworden. An ſeinem Ein⸗ gang erhebt ſich, an die Spitze des ſüdlichen Molo auf einen aus Nagelfluhquadern errichteten Unterbau geſtellt, ein eleganter Leuchtthurm hundert Fuß hoch in die Lüfte. Ihm gegenüber am Ende des ſüdöſtlichen Molo prangt, auf einem dreißig Fuß hohen Stylobat ruhend, das majeſtätiſche Landeszeichen in koloſſaler Größe, der bairiſche Löwe, der, ein gewaltiger ſchützen⸗ der Wächter, über die Fläche des Sees ſchaut und den nahenden Schiffen ſeinen ernſten Blick entgegen wirft. Dicht am Hafen und nur wenige Schritte vom Bahnhofe entfernt wird ſoder vielmehr wurde in der Zeit, von der wir jetzt ſprechen] eben am architekto⸗ niſchen Unterbau zu dem impoſanten Königsmonument gearbeitet, welches zwanzig an der Südnordbahn lie⸗ 250 gende Städte hier auf dem Punkte, wo Eiſenbahn und Schifffahrt ſich die Hände bietend vereinigen, durch freiwillige Spenden dem Gründer dieſer Wohlfahrt, dem unvergeßlichen Könige Maximilian II. von Baiern, als ein bleibendes Zeichen ihrer Dankbarkeit zu ſetzen beabſichtigten. Und dicht neben dieſem ſeither nach Meiſter Halbig's genialem Modelle längſt vollendeten Monumente befindet ſich ein ebenfalls in neuerer Zeit entſtandenes Gebäude, deſſen geſchmackvolles Aeußere den fremden Antömmling ſchon auf den erſten Blick anheimelt. Es iſt dieß das Hôtel zum„bairiſchen Hof“, das wohl ohne Widerrede jetzt als der erſte Gaſthof an den Ufern des Bodenſees gilt. Wer einmal da wohnte, der wird nicht ſo leicht Lindau vorbeireiſen, ohne ſich wenigſtens eine kurze Raſt in dieſen Räumen zu gönnen, wo ihm ſchon das Erſtemal neben der ſonſt trefflichen Bedienung auch die Reize der Natur gleichſam als Deſſert ſervirt wurden, ohne nachträglich auf die Rech⸗ nung geſchlagen worden zu ſein. Die Ausſicht von der mit duentanne n gezierten Terraſſe, aus den Salons und Zimmern iſt außerordentlich feſſelnd und anmuthig. Der Hnen mit ſeinen Baudenkmalen und Schiffen, das maleriſch an die Gebirgsausläufer hin⸗ geſtreckte Bregenz, das ſchön bewaldete — ergebirge, 2 65 das pitoreske Rheinthal und die Hochalpen Vorarl⸗ bergs und der Schweiz bieten ſich hier in weiter Aus⸗ dehnung den Blicken dar. An einem heitern Morgen des Mai 1855 hielten vor dieſem Hôtel zwei Reiſewagen, deren Aeußeres vermuthen ließ, daß ſie einen vornehmen Beſuch brach⸗ ten. Als der raſch herbeieilende Oberkellner den Schlag des erſtens Wagens öffnete, kroch ein nur aus Haut und Knochen beſtehendes Gerippe in eleganter franzöſiſcher Tracht langſam aus demſelben hervor. Es war ein Greis von unbeſtimmbarem Alter. Sein Kopf ließ ahnen, daß geheime Qualen faſt mehr noch als die Wucht der Jahre gewaltig an der Conſtitution ſeines Körpers gerüttelt haben moch en. Das Innere des Wagens, dem er eben entſtiegen, n, enthielt alle jene Bequemlichkeiten, deren nur Reiſende aus den aller⸗ höchſten Ständen ſich zu bedienen pflegen. Aus dem zweiten Wagen ſprangen behend zwei noch jugendliche Diener hervor, die in einem engen Coupé hart hinter dem Poſtillon geſeſſen waren. Der übrige Theil dieſes Wagens ſchien ſchwer mit Gepãck belaſtet zu ſein. „Schafft meine Koffer und Reiſeeffecten ſogleich auf meine Zimmer“ herrſchte das elegant gekleidete Beingeriſ ppe den zwei Bedienten entgegen und wankte Köberle, Alles um ein Nichts. III. 5 66 dann die paar Stufen hinauf unter das Portal, wo es von dem inzwiſchen vorgetretenen Hötelbeſitzer mit artigſtem Compliment empfangen wurde. „Giebt es Platz für einen Mann, der etwas viel Raum braucht und einige Zeit hier auszuruhen gedenkt?“ begann der Fremde gegen den Wirth. „Wie viele Salons und Zimmer ſind gefällig?“ entgegnete der Gaſtwirth. „Eine ganze Etage, wenn es ſein kann“, antwor⸗ tete die hagere Geſtalt.„Die geräumigſte und ſchönſte Ihres Hötels.“ „Da der Fremdenzug für dieſe Saiſon noch nicht begonnen hat, ſo kann ich Ihrem Befehle entſprechen“, verſicherte der Wirth und ſetzte ſogleich das Perſonal in Thätigkeit. Er ſelbſt geleitete den vornehmen Gaſt über die Treppe hinauf in die erſte Etage, wo derſelbe in einen der eleganten Salons auf der Südoſtſeite des Gaſthofs eintrat und dann durch eine verabſchiedende Handbewegung zu verſtehen gab, daß er allein zu ſein wünſche. Bald war auch das ſchwere Gepäck des Reiſenden in der erſten Etage untergebracht und die Kellner ſpa⸗ zierten, leiſe mit einander flüſternd und weitere Befehle erwartend, in der Vorflur hin und her. Ihre Neu⸗ 67 gierde nach dem Stand und Namen des vornehmen Unbekannten ließ ihnen keine Ruhe. „Habt Ihr in den Reiſewagen hineingeblickt?“ ſagte der Eine.„Solche Einrichtung ſah ich nur Ein Mal im Leben, als ich noch in Nürnberg ſervirte und 6 der Kaiſer von Rußland dort bei uns Nachtquartier nahm.“ „Und eine ganze Etage“, entgegnete der An⸗ dere.„Das thut nur eine Durchlaucht oder Hoheit. Privatperſonen treiben's nicht ſo nobel.“ „Ich habe das ja gleich geſagt“, bemerkte ein Dritter.„Es iſt ein Incognito. Und dahinter ſteckt 3 immer etwas Großes.“ Inzwiſchen wurde auch einer von den zwei Dienern des großen Unbekannten in der Vorflur ſichtbar. Der Oberkellner trat ihm artig mit der Frage entgegen: „Wollen Sie uns nicht gefälligſt mittheilen, mit woelcher Titulatur wir Ihren gnädigen Herrn anzure⸗ den haben?“ „Der Sennore liebt das einfache Sie und flinke 2 Füße“, entgegnete der Diener kurz. „Ah, Seine Gnaden wollen das Incognito nicht lüften?“ fuhr der Oberkellner fort. „Meine Gnaden reist unter dem Namen Annibal de Aſtorga, Grand von Spanien“, ergänzte jener. 5* 3 68 „Und unter dieſem Namen verbirgt ſich wohl noch ein höherer Titel?“ drängte der Oberkellner. „Das mag wohl ſein“, geſtand der Diener gut⸗ müthig.„Ich bin noch nicht lange genug im Dienſt des Sennore, um ſchon alle ſeine Titel zu wiſſen. Nicht einmal ſeine Heimath iſt mir bekannt.“ „Sie ſcherzen wohl“, fiel der Oberkellner ver⸗ dutzt ein. „Gewiß nicht“, verſicherte jener in unverkennbar aufrichtigem Tone.„Ich wurde vom Sennore auf der Reiſe engagirt, und ſeit ich ihn kenne, iſt er ſtets auf Reiſen. Er bleibt nirgends lange. Auch erhält er weder Briefe, noch läßt er Briefe abgehen. Ich weiß nur, daß er in ſeinen Koffern einen unerſchöpflichen Reichthum mit ſich in der Welt herumführen muß, denn ſo viel Geld er auch ausgiebt, bleibt doch der Haufe Banknoten und Staatspapiere, von welchen die Koffer überfüllt ſind, ſtets gleich groß.“ Der Herr Oberkellner blickte dem Diener, welcher nach dieſer Erklärung wieder in die innern Gemächer der erſten Etage verſchwand, mit verwundertem Ge⸗ ſichte ſprachlos nach. Und nicht weniger verblüfft ſchauten ſich die an⸗ dern Kellner gegenſeitig an, als er ihnen von dem eben Gehörten Mittheilung machte. Wir laſſen jedoch —— ——— 69 dieſe Neugierigen, zu welchen ſich bald auch der gerade unbeſchäftigte Theil des weiblichen Dienſtperſonals ge⸗ ſellte, in ihrer allgemeinen Verblüffung ſtehen, um jetzt vor Allem einen Blick in das Innere der erſten Etage zu werfen. Dort ſaß der ſeltſame Unbekannte, oder wie wir ihn fortan nennen werden, Sennore Aſtorga, noch auf eben demſelben Lehnſtuhl, in welchem er bei ſeinem Eintritt Platz genommen. Er war allein im Salon und ſtarrte unbeweglich hinunter auf das eben im Bau begriffene Königsmonument und auf das rege Treiben im Hafen. „Nur das Waſſer und die Berge ſind noch die alten, ſonſt hat die Cultur hier Alles umgewandelt“, begann er mit ſich ſelbſt zu reden.„Da unten wogt 1 ein Leben, als ob ich aus der Vogelperſpective die Bai von Vera Cruz Nueva im Kleinen vor mir erblickte! Und doch iſt's kein Treiben wie in jener Bai. Dort mühen ſich Sklaven ab, denen die Angſt vor der Peitſche ihres Herrn ſchnelle Füße macht. Hier ſieht 5 man den Leuten an, daß ſie, ein Jeder für ſeinen eige⸗ nen Vortheil, mit Luſt und frohem Muthe arbeiten.“ Er ließ den Kopf auf die Lehne des Stuhles zurück⸗ gleiten, indeß ſein Auge ſich in den Anblick der Hoch⸗ alpen verſenkte. Nach einiger Zeit hub er wieder an: — 70 „Nie habe ich die Heimath vermißt, nie ſeit mei⸗ nen Jugendtagen. Und jetzt, da ich ſie endlich wieder⸗ ſehe, jetzt iſt mir's, als ob jene Bergesſpitzen mir zu⸗ riefen:„„Du wärſt weniger elend, wenn du dich unſerm Geſichtskreiſe nie entzogen hätteſt.““ Es iſt doch etwas Eigenes um das Vaterland!— Seltſam! Als ich dieſen Erdtheil verließ, knirſchte er unter den eiſernen Fauſtſchlägen eines Bonaparte und ich wähnte, daß der narkotiſche Druck die ſelbſtſtändige Entwicke⸗ lung der Menſchheit unrettbar zerſtören müßte. Auch jetzt lebt Bonaparte's Geſchlecht im Erdtheil wieder neu auf, und dennoch ſehe ich den Bonapartismus am Gegendrucke einer Atmosphäre kränkeln, die mehr Freiheitsſtoff enthält, als ſich mit meiner Philoſophie verträgt,— mehr Freiheitsſtoff, als der Bonapar⸗ tismus auf die Dauer vertragen kann. Du hatteſt recht, Karl, mich damals einen Menſchen zu ſchelten, deſſen politiſcher Fernblick nicht über die Spitze ſeiner Naſe hinausreiche.“ Er erhob ſich unwillig und wankte einige Schritte im Salon auf und nieder. Dann fuhr er fort: „Und doch hatteſt Du nicht recht! Es iſt ja das Alles Zufall und nur ein Thor klügelt aus einer Reihe von Zufällen ſich ein Syſtem zurecht. Oder iſt es nicht bloßer Zufall, wenn ein Genie auftaucht und ———— ——2— 71 durch die Kraft ſeines Geiſtes das Schickſal von Millionen beſtimmt? Iſt es nicht Zufall, daß der Sohn, der mir ermordet wurde, einen reichen Vater hatte? Iſt es nicht Zufall, daß die neckende Natur ſich bei zwei Mädchen im Farbeſtoffe vergriff und das eine davon an die Spitze meines Dolches ſchleuderte? Wer ſucht für eine Kette unſeliger Zufälle Anlaß und Gründe? So wäre denn der Quell meiner Leiden nicht in meiner eigenen Lebensbahn zu finden! Ich hätte nur verſäumt, über die Zufälle des Lebens mit kunſtfertigem Sprunge hinweg zu balanciren.“ Er lehnte ſich über ſeine gefüllten Koffer und ſtützte den Kopf auf die hagern Hände: „Ob Karl mit ſeinen Grundſätzen ſich wohl be⸗ haglicher zu betten verſtand als ich? Ich möchte unbe⸗ merkt ihn beobachten können. Sähe ich ihn, der, mich verfluchend, ſich ſelbſt als Apoſtel eines höhern Weſens träumte,— ſähe ich ihn im Elend, ſo wäre ſein An⸗ blick Balſam für die Wunden meiner Seele. Ich will ihn ſehen, wenn ich es kann, ohne mich vor ihm zu verrathen. Vielleicht ſpielt einer der Zufälle, an denen mein Leben ſo reich iſt, ihn mir bald unter die Augen Ich will in der Nähe der Heimath bleiben, will endlich einmal ausruhen von den Mühen einer zwanzigjährigen Flucht. Mein unſichtbarer Feind, der in ſo vielen 72 Jahren mich nicht zu finden vermocht, wird wohl des Suchens endlich überdrüſſig geworden ſein. Und wenn nicht,— ſo ſind ja hinter mir die Fäden längſt ſo abgebrochen, daß er die rechte Spur unmöglich noch jetzt entdeckt. Was alſo ſollte mich noch länger abhal⸗ ten zu verſuchen, ob ſich meine Krankheit nicht durch Verwirklichung des Entſchluſſes heilen laſſe, den ich einſt am Hügelvorſprung von Allwind gefaßt?“ Ehe Sennore Aſtorga ſich dieſe Frage beantworten konnte, wurde er durch ein wiederholtes Anklopfen in ſeinem Selbſtgeſpräche unterbrochen. Es war der Ober⸗ kellner, der die Befehle des gnädigen Herrn für die Mittagstafel in Empfang zu nehmen wünſchte. „Zwei Couverts“, gab Aſtorga kurz zur Antwort. „Unten im Speiſeſaal?“ fragte der Oberkellner. „Oben in meiner Etage“, erwiderte Aſtorga. „Wenn aufgetragen ſein wird, ſo ſagen Sie es meinen zwei Dienern, nicht mir.“ „Befehlen der gnädige Herr ſonſt noch Etwas?“ „Nach Tiſch eine Equipage, zu einer Spazierfahrt nach Bad Schachen und Allwind.“ Der Oberkellner verbeugte ſich und ging. Zehn Minuten ſpäter war die Tafel in einem Zimmer der erſten Etage gedeckt und die zwei Diener ——— v ——— 73 Aſtorga's erhielten dem ertheilten Befehle gemäß Anzeige, daß jeden Augenblick ſervirt werden könne. Der Oberkellner ſtand an der Thüre des impro⸗ viſirten Speiſezimmers, um die Bedienung in eigener Perſon zu leiten. Wie ſehr erſtaunte er, als ſtatt des Sennore Aſtorga ſeine zwei Diener an der gedeckten Tafel Platz nahmen und tüchtig zu eſſen und zu trinken be⸗ gannen, ohne ſich um den Sennore zu kümmern! „Sie wundern ſich“, redete ihn der ältere von den zwei Dienern an,„Sie wundern ſich, daß der Sennore faſtet und wir die Mahlzeit verzehren, die er beſtellte! Das gehört zu den Pflichten unſers Dienſtes.“ Der Oberkellner hörte ſtarr zu und wußte nicht, was er ſagen ſollte. Jener ſah ſich unwillkürlich um, ehe er in leiſerm Tone fortfuhr: „Treten Sie näher! Ich will Ihnen die Sache erklären. Der Sennore leidet an einer gar eigenthüm⸗ lichen Krankheit. Er kann nichts Gekochtes riechen und nichts Geiſtiges vertragen.“ „Wovon lebt er denn?“ „Von Thran, mit etwas Mehl und Waſſer ver⸗ miſcht.“ „Das muß ja ein abſcheulich ekelhaftes Gericht ſein.“ „Dennoch iſt es das Einzige, wovon er noch ſo 74 viel genießen kann, um nicht verhungern zu müſſen. Alles Andere ſtößt er ſchauernd von ſich, als ob ihm ver⸗ peſtetes Menſchenfleiſch gereicht würde. Der bloße Geruch einer Speiſe, ſelbſt der feinſten, macht ihn ohn⸗ mächtig, der Duft der köſtlichſten Getränke verurſacht ihm Krämpfe. Kurz, Alles, wonach ſich der Gaumen anderer Menſchen ſehnt, iſt für die Geſchmacksorgane ſeines Körpers mit Leichengeruch verpeſtet. Nur der eckelhafte Thran kommt ihm noch erträglich vor und er ſchlürft von der aus Fiſchfett, Waſſer und Rohmehl ſelbſtbereiteten Brühe, ſo wie der ſich unter Schmerzen windende Kranke den bittern Arzneitropfen hinunter⸗ ſchlürft, von dem er Linderung hofft, das heißt, er greift nur dann nach der eklen Thranſpeiſe, wenn die Qual des Hungers das Sträuben der Geruchsorgane in ihm überſchreit. Und weil er in den Hötels doch Etwas aufgehen laſſen muß, ſo haben wir von ihm Befehl, friſch drauf los zu eſſen und zu trinken, was und ſo viel uns mundet. Das thun wir denn auch redlich. Iſt's doch ohnehin das Einzige, was den Dienſt bei ſolch eigenem Herrn erträglich macht.“ „Befindet ſich der Sennore ſchon lang in dieſem Zuſtande?“ fragte der Oberkellner neugierig. „Seit ich Ihn kenne“, fuhr jener fort.„Es mögen wohl ſchon etwas über zwölf Jahre ſein. Damals “ d 79 wohnte er vorübergehend in einem Hôtel zu Calcutta, wo ich als Kellner in Dienſten ſtand. Ich erinnere mich nicht mehr des Namens, unter welchem er damals reiſte. Mein Benehmen gefiel ihm und er ließ mir keine Ruhe, bis ich meinen Poſten aufgab und Hand⸗ geld von ihm nahm. Das Dienſtperſonal, mit welchem er in Calcutta angekommen war, ließ er reich beſchenkt dort zurück und reiste mit mir allein ab. Sobald wir Hindoſtan im Rücken hatten, veränderte er auch ſeinen Namen, was ſeither noch öfter geſchah.“ „Und ſeither bliebt Ihr immer auf Reiſen?“ „Seither, und wer weiß, wie lange vorher ſchon der Sennore ruhelos umhergewandert iſt! Er hält es nirgends lange aus. Kaum glauben wir die Zimmer nach ſeinem Geſchmacke eingerichtet zu haben, ſo heißt's wieder, eingepackt und morgen weiter! So kam ich mit ihm ſchon durch. drei Erdtheile. Auch hier wird er zum Abmarſch commandiren, ehe die Sitze unter uns warm geworden ſind.“ „Und kennt keiner von Ihnen ſeine urſprüngliche Herkunft?“ „Mein Kamerad da weiß noch weniger als ich, denn er iſt kürzere Zeit beim Sennore“, fuhr der Diener fort.„Wir grübeln auch nicht weiter nach Sehen wir doch, daß ſein Reichthum unerſchöpflich 76 und folglich wir bei ihm geborgen ſind. Manchmal freilich befällt uns ein Grauen, beſonders zur Nacht⸗ zeit.“ „Zur Nachtzeit?“ fragte der Oberkellner haſtig. „Warum gerade zur Nachtzeit?“ „Weil ſeine Krankheit bei Nacht in ein eigenthüm⸗ liches Fieber umſchlägt, das auch uns ſchlafloſe Stunden bereitet. Sobald die Finſterniß hereinbricht, fühlt der Sennore Athmungsbeſchwerden und ſchreit nach Luft und Licht. Er ſchleicht dann ängſtlich aus einem Zimmer ins andere und wähnt in jedem dunkeln Win⸗ kel eine nach ihm greifende Hand zu ſehen. Kalter Angſtſchweiß rieſelt über ſeine Stirn herab und er führt gar ſeltſame Reden mit Geſtalten, die Keiner von uns zu ſehen vermag. So geht es oft halbe Nächte lang fort, bis er endlich ohnmächtig zuſammenbricht und die Ermattung ihn in einen von ängſtlichen Träumen gequälten Schlaf einwiegt.“ Der Ton einer Klingel unterbrach die Fortſetzung des Geſprächs. Der Oberkellner und beide Diener ſprangen raſch auf und eilten nach der Thüre des Salon, um die Befehle des gnädigen Herrn in Em⸗ pfang zu nehmen. Sennore Aſtorga kam ihnen, in einen grauen Mantel gehüllt, entgegen. „Iſt eingeſpannt?“ fragte er kurz. 7 Ja, Sennore“, entgegnete der Oberkellner. Schon eine halbe Stunde ſpäter ſtieg Sennore Aſtorga vor dem Bade Schachen wieder aus und wankte, auf ſeinen Stab geſtützt, an der Seeſeite des Gaſthauſes über die Terraſſe hin. „Hier iſt noch die alte patriarchaliſche Einfachheit“, ſagte er zu ſich ſelbſt.„Sogar der Tiſch, über welchen Eskobadi wie eine Eidechſe hingekauert lag, und die Bank, auf der Poſa Karl ſeinen Philipp abfahren ließ, ſcheinen noch dieſelben zu ſein. Sie ſind morſch vor Alter. Von dort herüber warf Grotte ſeinen ſtrafenden Blick,— Grotte, der ſeither wohl längſt in den Hafen des großen Nichts einlief. Was iſt doch der Menſch! Ein Stück Holz, das Jahr aus Jahr ein dem zerſtörenden Einfluß der Elemente preisgegeben wird, lebt länger als er. Weg mit dieſen Bildern aus längſt begrabenen Tagen!“ Er wendete ſich nach der weſtlichen Seite, um den Pfad aufzuſuchen, der längs des Strandes an elenden Bauernhütten vorüber nach dem Hügelvorſprung von Allwind führt. Wie ſehr ſtaunte er, als er ſchon nach ein paar hundert Schritten durch ein unſchein⸗ bares Pförtchen hart am Ufer in einen Park gelangte, deſſen geſchmackvolle Anlage und üppige Vegetation ihn plötzlich um mehr als hundert Stunden ſüdlich unter den Himmel Italiens gezaubert zu haben ſchien. An Stelle der ihm noch wohlbekannten Idylle erhob ſich vor ſeinen Augen ein wahrer Feenſitz und nichts ließ mehr die ländliche Einfachheit von ehedem erken⸗ nen, die hier den veredelnden Gebilden der Grazien hatte weichen müſſen. Er blieb nicht lange ſtehen, denn das Ziel ſeines Ausflugs war Allwind. Auf der Weſtſeite des Parkes ſtreifte er zufällig die einzige Stelle, die von den Grazien für würdig befunden worden war, als Denkzeichen eines unterge⸗ gangenen Jahrhunderts der Zukunft erhalten zu bleiben. Es war dieß die Ruine des alten Tegelſtein. „Dir zur Lehr' und Warnung“, flüſterte er für ſich hin.„Dir zur Lehr' und Warnung, ſagte Karl, als er auf dieſem Platze das Märchen von der ſtolzen Edelfrau erzählte, die hier auf hartem Geſtein allnächt⸗ lich ſitzt und weinend Kränze für das Reich der Tod⸗ ten windet.“ Ein Vogel flatterte eben hart neben ihm im Ge⸗ büſche auf und flog dann kreiſchend ins Dickicht hinein. Aſtorga blickte erſchrocken um ſich und eilte weiter. Bald hatte er das Ende des Parkes erreicht und trat auf den reich mit Fruchtbäumen beſchatteten Wie⸗ ſengrund heraus, der noch zwiſchen ihm und dem Ziele ſeines Ausflugs lag. Kaum traute er ſeinen Augen, als er ſtatt der bekannten Bauernhütte von ehedem oben auf dem paradieſiſchen Hügel ebenfalls ein ſtatt⸗ liches Schloß gewahrte, das wie eine Königin auf ihrem erhabenen Throne, ſtolz und majeſtätiſch von ſeinem rebenumrankten Piedeſtal herab Land und Waſſer zu beherrſchen ſchien. „Wie?“ rief er aus und begann heftig zu zittern. „Wäre das vielleicht gar Karls Werk? Unmöglich! So kann mich am Abend meines Lebens der neckiſche Zufall nicht äffen, daß ein Träumer erreicht hätte, was der genialſte Spekulant des Jahrhunderts mit all ſeinen Millionen vergebens angeſtrebt.“ Er eilte vorwärts und kam faſt athemlos auf der Höhe an. Ehe er durch das niedere Gitterthor in den Schloßgarten eintrat, lehnte er ſich an die Mauer und warf einen Zlick auf die Umgegend. „Ein majeſtätiſches Rundgemälde!“ geſtand er ſich ſelbſt.„Der Punkt liegt hoch über der Gegend und doch nicht hoch genug, um ſchwachen Nerven Schwindelanfälle zu bereiten. Hier mag eine kranke Seele wohl geneſen können.“ Er trat durch das Pförtchen in den Park ein und ließ ſein Auge flüchtig über die Facade des Schloſſes und über die Anlagen gleiten: 80 „Nicht ſo koſtbar, als die Dallmavi'ſchen Gärten zu Puebla, und dennoch reizender als Dallmaviis Gärten! Die Beſitzung muß mein werden, wenn ſie um Gold zu haben iſt.“ Noch unentſchloſſen, was er zunächſt beginnen wolle, wanderte er an der Nordſeite des Schloſſes vorüber auf den weſtlichen Hügelvorſprung. Dort be⸗ gegnete er einem mit Reinigen der Kieswege beſchäf⸗ tigten Diener und ſtellte an ihn die Frage: „Der Beſitzer heißt wohl Karl Balduin?“ Der Angeredete ſchaute den unheimlich hagern Fremdling mit großen Augen an und entgegnete dann kopfſchüttelnd: „Wie käme der Doctor Balduin zu ſolchem Glanze!“ „Du kennſt den Doctor alſo?“ fuhr Aſtorga fort. „Wer ſollte ihn bei uns nicht kennen! erwiderte jener feurig.„Das wäre eine wahre Schande. Iſt er doch nicht weit von hier geboren und zählt jetzt zu unſern beliebteſten Volksſchriftſtellern. Die Bauern in ſeiner Heimat, alberne Leute ohne Bildung, die meinen freilich, er ſei nur ein verſtickter Student, weil er Nichts von alledem geworden iſt, was in ihren Bauernbegriff hineinpaßt. Hier aber wiſſen wir das beſſer. Ich werde nie vergeſſen, was mein Herr über ihn urtheilte.“ 81 „Und was urtheilte Dein Herr?“ „Daß Balduin ein Mann ſei, welcher der ganzen Gegend Ehre mache.“ „Wohnt er in der Nähe?“ „Nein. Der Doctor wurde früher oft verfolgt und zog ſich ſchon vor langer Zeit in die Schweiz zurück.“ „In welche Stadt?“ „Das weiß ich nicht.“ „Und wer hat dieß Schloß erbaut?“ „Es gefällt Ihnen wohl?“ „Wem gehört es? „Der Wittwe des Mannes, der es bauen ließ.“ „Und dieſer Mann war?“ —„Der Bruder und Aſſocié des Kaufmanns, welcher den prachtvollen Lindenhof da unten baute, aus dem Sie eben heraufgekommen ſind.“ „Alſo ſind die Gründer zwei Fremde?“ „Nein, Herr. Zwei Lindauer Kaufmannsſöhne, auf welche unſer ganzer Bürgerſtand mit Recht ſtolz ſein kann. Von Hauſe aus nicht vermögend, wanderten ſie nach Genua aus und kehrten nach einem Jahr⸗ zehnt wieder als gemachte Leute zurück, die ihr Ver⸗ mögen nach Millionen zählen.“ „Und waren die zwei Brüder glücklich?“ Köberle, Alles um ein Nichts. III. 6 „Gewiß, ſo lange ſie lebten. Nur dauerte das nicht ewig. Keiner wurde alt.“ „Alſo ſind die Gründer todt? Folglich iſt wohl Schloß Allwind zu kaufen? „So fragte ſchon einmal Jemand, der mehr war als Sie.“ „Wer fragte ſo?“ „Ein König. Er wurde abſchlägig beſchieden. Da bot er eine Million. Wieder hieß es: nein! Er bot zwei, drei Millionen. Um keinen Preis, lautete die Antwort. Die Beſitzerin hat ohnehin ſchon mehr Geld als ſie braucht, drum iſt ihr dieß Paradies nicht feil.“ Aſtorga warf noch einen mürriſchen Blick auf die Beſitzung und ſchritt dann langſam wieder den Hügel hinab, der Straße zu, auf welcher ihn ſeine Equipage erwartete. Er hatte mehr Stoff zum Nachdenken er⸗ halten, als ihm lieb war. Sobald er in ſeinem Höôtel wieder anlangte, gab er Befehl, ohne Säumen einzupacken. „Wohin?“ fragten beide Diener. „Mit dem nächſten Dampfboot in die Schweiz.“ engegnete er barſch, und warf ſich ſeufzend auf das Sopha. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Häusliches Stillleben. „Luſtig ſei und leuchtend des Menſchen Stirne! Nur dem Fröhlichen blüht der Baum des Lebens, Dem Unſchulsigen rinnt der Born der Jugend Auch noch im Alter.“ Arndt, Gedichte. Zwanzig Jahre nach der am Schluſſe des vorigen Buches erzählten Kataſtrophe lebte am Ufer eines rei⸗ zenden Gebirgsſees in der Schweiz eine Familie, der man auf den erſten Blick anſehen konnte, daß ſie, wenn „ auch nicht reich, doch wahrhaft glücklich war. Das Haupt dieſer Familie mochte ein Mann von etwas über ſechszig Jahren ſein. Seine tief gefurchte Stirne verrieth den Denker und erfahrenen Weltmann, ſein friſches Ausſehen ließ auf zufriedenen Sinn und noch . G 84 jugendlich ſprudelnde Lebenskraft ſchließen. Die Frau des Hauſes war bedeutend jünger als der Mann. Sie konnte ihrem Aeußern nach das fünfundvierzigſte Lebens⸗ jahr kaum überſchritten haben. Im Ausdruck ihres feinen Geſichtes ſpiegelte ſich ein ſanfter Charakter und eine ausnehmend wohlthuende weibliche Anmuth ab. Zwei wohlerzogene Kinder, ein Mädchen von zwölf und ein Knabe von vierzehn Jahren erhöhten und vollendeten das beſcheidene Glück des mit ſeinem Schick⸗ ſal zufriedenen Ehepaars. Das Landhaus, welches dieſe Familie als ihr Eigenthum bewohnte, lag unmittelbar am Geſtade des Sees. Es war weder groß noch beſonders werthvoll. Im Innern aber herrſchte muſterhafte Ordnung und Reinlichkeit. Ein reich beſchattetes Gärtchen und eine erhöhte Laube vor demſelben, eine Badehütte am Ge⸗ ſtade und ein im Waſſer ſchaukelnder Kahn, die har⸗ moniſch zum Ganzen paßten, gaben der kleinen Be⸗ ſitzung ein äußerſt freundliches Ausſehen. An einem ſchönen Sommernachmittage des Jahres 1855 ſaß Frau Annette, die Mutter des Hauſes, in der Gartenlaube und arbeitete emſig an einer Stickerei, mit der ſie ihren Gatten an ſeinem bevorſtehenden Ge⸗ burtstage überraſchen wollte. Ihr Töchterchen Ulrike gätete in ihrer Nähe das Unkraut aus einem Blumen⸗ — —,— kalt. Soll ich nicht den Vater rufen?“ 85 beet. Otto, das Söhnchen, ließ ſich im Kahn vom Tanze der Wellen ſchaukeln und ſchien daneben eifrig in einem Buche zu ſtudiren, aus dem er nur ſelten aufſah und ſeinen Blick dann flüchtig über den See hinüber oder auf die pitoreske Gebirgslandſchaft gleiten ließ. „Mutter“, begann Ulricke,„erlaubſt Du, daß ich mir aus dieſen Blumen ein Bouquet pflücke?“ „Thu das, mein liebes Kind, wenn es Dir Freude macht“, entgegnete Frau Annette freundlich, ohne ſich in ihrer Arbeit ſtören zu laſſen. Das Mädchen wand aus Blumen ein mit Ge⸗ ſchmack zuſammengeſetztes Sträußchen und trat dann in die Laube: „Weißt Du, liebe Mutter, für wen ich dieß beſtimmte?“ Frau Annette lächelte und gab dem Kinde einen Kuß. „Recht ſo, Ulrikchen“, ſagte ſie,„recht, daß Du nie vergißt, dem Vater friſche Blumen auf den Arbeitstiſch zu beſorgen, wenn die alten welk ſind. Er liebt das und Deine Aufmerkſamkeit macht ihm Freude.“ „Mutter“, begann das Mädchen wieder,„es hat vorhin drei Uhr geſchlagen und auch das Feuer im Herd iſt längſt ausgegangen. Unſer Kaffee wird 86 „Der Vater hat eine wichtige Arbeit, die noch heute fertig werden ſoll“, entgegnete Mutter Annette. „Wir müſſen alſo warten. Er wird ungerufen kommen, ſobald er kann.“ Jetzt ſprang auch Otto aus dem Kahne fröhlich in die Laube herein: „Endlich, Mutter, endlich ſitzt das Gedicht in mei⸗ nem Kopfe feſt. Ich werde es an Vaters Geburtstage vortragen, daß er an meinem Glückswunſch ſeine Freude haben ſoll.“ Mutter Annette wollte ihrem Söhnchen etwas Verbindliches über dieſe Mittheilung ſagen, da öffnete ſich die Thüre des Wohnhauſes und unterbraih vor⸗ läufig das Geſpräch. „Papa kommt!“ flüſterte Ulrikchen der Mutter zu. Dieſe verbarg raſch ihre Stickerei unter der Schürze. Der Papa trat lächelnd näher und ſchmauchte da⸗ neben gemächlich ſein Pfeifchen. „Ich habe ſchon bemerkt“, begann er neckend, „daß Ihr Geheimniſſe vor mir zu verbergen habt!“ „Ei freilich“, entgegnete Mutter Annette in demſelben Tone,„es iſt eine großartige Verſchwö⸗ rung gegen Dich im Anzuge.“ „Nun denn— ich laſſe ſie ausbrechen und biete nicht einmal meine Polizei auf.“ ——— 4 87 Der Papa ſchüttelte, während er dieß ſagte, die Aſche aus ſeinem Pfeifchen und begann neu zu ſtopfen. Dann fuhr er fort: „Ei, Kinder, Ihr habt ja Euern unvermeidlichen Nachmittagskaffee nicht getrunken, wie ich merke. Die Taſſen ſtehen noch ſo ſauber auf dem Tiſch, als ob ſie eben erſt vom Töpfer gekommen wären.“ „Das kommt daher, weil Papa ſich zur Partie nicht eingefunden hat“, ſiel Ulrikchen ein. „Und Du weißt, daß es Allen am beſten mundet, wenn der Papa in unſerer Mitte ſitzt“, ergänzte Mutter Annette. „Ueberdieß“, ergriff Otto das Wort,„über⸗ dieß war auch meine Wenigkeit durch wichtige Ge⸗ ſchäfte bis jetzt abgehalten, ganz wie der Papa.“ „Du?“ wendete der muntre Alte ſich gegen ſeinen Liebling um und faßte ihn ſcherzend beim Ohr.„Du auch wichtige Geſchäfte? Geſteh ſogleich, was Du ge⸗ trieben haſt!“ „Ei, Vater“, entgegnete Otto und entzog ſich durch eine ſchalkhafte Verbeugung deſſen Handgriffe, „mein Geſchäft gehört zur großartigen Verſchwörung, und da Deine Polizei nichts davon entdeckt, ſo werde auch ich nichts plaudern.“ „Alſo allgemeine Rebellion gegen das Oberhaupt 88 unſerer häuslichen Republik?“ lächelte der Papa.„Nun — meinetwegen! Ich bin keiner von den Thoren, welche da wähnen, daß ſie den Strom des friſchen Zeitgeiſtes zurückdämmen könnten in ſeine unſcheinbare Quelle. Macht Ihr's aber klüger als weiland meine Lands⸗ leute Anno acht und vierzig! Sonſt kommt Ihr dennoch gegen mich nicht auf.“ Er ſetzte ſich an den Tiſch und zündete ſein friſch geſtopftes Pfeifchen wieder an. Dann dampfte er be⸗ haglich Rauchwolken vor ſich hin und fuhr fort: „So ſchleppt denn jetzt unſere Kannen herbei, weil ich doch einmal verurtheilt bin, bei Euerm Kaffee die Stelle des Zuckerbrods zu vertreten, das Euch gewöhn⸗ lich fehlt.“ Mutter Annette eilte in die Küche und Ulrikchen hüpfte ihr händeklatſchend nach. Bald ſtand der Kaffee auf dem Tiſche. Mutter Annette mit den beiden Kin⸗ dern ſetzte ſich neben den Papa und ſchenkte die Taſſen voll. Nun ging das Geſpräch in der bisherigen Trau⸗ lichkeit wieder fort und dehnte ſich bald ſcherzend bald ernſt über verſchiedene Angelegenheiten der kleinen häuslichen Freuden und Leiden aus. Als die leeren Kannen und Taſſen wieder in die Küche zurückgetragen waren, begann der Papa: „Jetzt habe ich Euch noch einen Vorſchlag zu —— —— machen, liebe Kinder. Das Buch, an dem ich über ein halbes Jahr lang geſchrieben, iſt heute endlich fertig geworden. Es wird mir ein hübſches Sümmchen tragen und ſo darf ich mir wohl erlauben, den Reſt des Tages zu feiern. Das Wetter iſt ſo ſchön, iſt zu einem klei⸗ nen Ausflug ins Freie ſo einladend. Wir wollen auf unſerm Kahn über den See hinüberfahren. Dort laſſen wir im Gaſthof zum Hecht eine tüchtige Portion Fiſche zum Nachteſſen braten und thun uns gütlich vom ſelbſt⸗ gebauten Bergwein des Wirthes. Dann, bei Mond⸗ ſchein, geht's ſingend und muſicirend wieder in unſer ſtilles Aſyl zurück. Du, Otto, nimmſt Deine Zither mit Dir. Heute iſt gerade Windſtille, und ſo können wir uns einmal an dem wundervollen Echo ergötzen, das in der Nähe des jenſeitigen Ufers jeden Ton vier⸗ mal wieder zurückſchallen läßt.“ „Und Vollmond iſt auch“, rief Otto klatſchend. „Das muß auf der Rückfahrt ein prächtiger Anblick ſein.“ „Und dazu das vierfache Echo“, ergänzte Ulrik⸗ chen und klatſchte ebenfalls. Beide Kinder hüpften vor Freude. „Nun, ſo macht Euch reiſefertig!“ ſchloß der Papa.„Die Toilette ſoll uns nicht lange aufhalten, wir ſind ja auf dem Land. Nehmt zur Vorſicht für 90 die Nacht vier Shawls in den Kahn und dann ſoll ſogleich in die hohe See geſtochen werden.“ „Lieber Karl, Du vergaßeſt, daß wir heute noch Beſuch erwarten“, fiel jetzt Mutter Annette ein.„Unſere Baſe hat ſich angeſagt.“ „Das weiß ich, mein Engel“, entgegnete der Papa. „Schau nur dort hinauf. Bäschen Mathilde ſteigt mit ihrer rabenſchwarzen Freundin ſchon über den nächſten Hügel herab und wird hier ſein, ehe unſer Fahrzeug zum Auslaufen parat iſt. Sie ſoll die Partie mit⸗ machen. Ein Bischen Abwechſlung in ihrer Einſam⸗ keit wird der guten Frau ſo wohl bekommen, wie uns ſelbſt.“ Der Leſer hat wohl längſt errathen, daß er ſich hier im Familienkreiſe des Doctor Karl Balduin be⸗ findet. Während die Geſellſchaft ſich zur idylliſchen Seefahrt anſchickt, wollen wir einen Blick auf die Er⸗ eigniſſe zurückwerfen, welche zwiſchen Mathildens Flucht aus Dallmer's Palaſt in Puebla und zwiſchen der heutigen Wiederbegegnung liegen. Wir können uns kurz faſſen. Nachdem Balduin und Mathilde. i., Charleston die unglückliche Fiore losgekauft und dann in Milfers am Delaware nicht ohne Schwierigkeit die großälter⸗ liche Erbſchaft in Empfang genommen, waren ſie nach 4 6 8. Deutſchland zurückgekehrt. Bald nachher hatte Balduin einen Herzensbund geſchloſſen, der, wie wir bereits ſahen, nichts zu wünſchen übrig ließ. Bäschen Ma⸗ thilde ſchloß ſich den Neuvermählten aufs innigſte an und ward von denſelben als ein liebes Glied der Familie gehalten. Auch Fiore, Mathildens unzertrenn⸗ liche Geſellſchäfterin, fand in ihrem Hauſe ſtets eine freundliche Aufnahme. Die Erſchütterungen des Jahres 1848, in welchen Balduin eine hervorragende und ehrenvolle Rolle geſpielt, veranlaßten ihn, nach der Schweiz auszuwandern. Mit tiefer Wehmuth, die nur die Zeit heilen konnte, gab er ſein engeres Vaterland und den unſern Leſern aus dem Anfang dieſer Erzäh⸗ lung wohl noch erinnerlichen Entſchluß auf, ſich in oder bei Allwind anzuſiedeln. Er wählte zu ſeinem Aſyl ein Plätzchen, welches mit der Lage jenes Hügels einige Aehnlichkeit hatte und ihm im Laufe der Zeit zur zweiten Heimat wurde. Mathilde wollte nicht allein zurückbleiben. Sie folgte mit ihrer Fiore dem ihr be⸗ reits unentbehrlich gewordenen Ehepaar nach und kaufte in der Nähe von Balduin's idylliſcher Beſitzung eine beſcheidene Villa, in der ſie nach ſo vielen durchkämpften Stürmen ſeither ein zufriedenes und durch die Würze wahrer Freundſchaft geadeltes Leben führte. Balduin's Kinder, die ſie aufs zärtlichſte liebte, boten ihr Erſatz 92 für den Verluſt ihrer eigenen Familie, und es war in dem ſtillen Kreiſe längſt ein öffentliches Geheimniß, daß Bäschen Mathilde zum Danke für ihre Erlöſung aus Dallmers Klauen das großälterliche Vermögen auf die Nachkommenſchaft ihres Befreiers übererben werde. Kehren wir nach dieſer Abſchweifung jetzt wieder zu unſerer Geſellſchaft zurück, die inzwiſchen über den kleinen See hinüber ruderte und ſich bereits im kühlen Walde verlor. Die Flüchtlinge müſſen auf der Fahrt ihren Reiſeplan geändert haben, denn ſo lange wir auch im Gaſthofe zum Hecht auf ſie warten, bleiben wir doch dort allein ſitzen. Erſt am ſpäten Abend be⸗ gegnen wir ihnen endlich in dem Augenblicke wieder, wo ſie in heiterſter Laune den Kahn beſteigen, um die Heimfahrt anzutreten. Der Vollmond ſtieg eben über die Spitzen der Hochalpen empor und betrachtete neugierig ſein eigenes Bild in dem von keinem Windhauche gekräuſelten Spiegel des Sees. Von den Sennen herab ertönte das Glockengeläute der weidenden Heerden, hie und da durch einen übermüthigen Jodler oder durch den Klang einer Schalmeie unterbrochen. Es war eine herrliche Sommernacht. Balduin ſtieß den Kahn vom Ufer ab und trieb 93 ihn mit einigen kräftigen Ruderſchlägen auf die Höhe des Sees hinaus. Dann zog er die Ruder ein und überließ das Fahrzeug für einen Augenblick ſeinem Schickſal. „Die Natur bleibt doch der größte Künſtler“, be⸗ gann er und verſenkte ſich in die Betrachtung der lieb⸗ lichen Landſchaft, deren Colorit im Halblicht des Mondes einen feenhaften Zauber entfaltete.„Oder wo wäre der Maler, welcher die Reize dieſes Bildes zu über⸗ bieten vermöchte?“ „Und wo das Kunſtwerk, dem in ſo hohem Maße die anregende Kraft inne wohnte, welche wir aus dem Anblicke der ewig jungen Natur für uns ſelbſt ſchöpfen?“ bemerkte Mathilde. „Ja die Natur iſt eben kein Menſchenwerk“, er⸗ gänzte Annette.„Sie iſt ein Spiegelbild des ewig waltenden Gottes, iſt das aufgeſchlagene Buch der Offenbarung ſeiner Herrlichkeiten.“ „Du triffſt den Nagel immer auf den Kopf, Mutter“, wendete Balduin ſich gegen ſeine Gattin und drückte herzlich deren Hand.„Was aber ſagen unſere Kinder dazu?“ „Wir können nur ſtumm bewundern“, antwortete Otto fromm. „Werden wir heute auch noch das Echo hören, 94 das uns der liebe Papa verſprach?“ wagte die kleine Ulrike ſchüchtern zu fragen. 1„Freilich, mein liebes Kind“, verſicherte Balduin. „Wir ſind hier eben zur Stelle. Ruf', ſo laut Du kannſt, und dann höre!“ Das Mädchen ſchrie aus voller Bruſt:„Laß Dich hören!“ „Hören“, klang es augenblicklich vom nächſten Berge zurück.„Dich hören“, wiederholte es gleich da⸗ rauf dumpfer aus einer Waldſchlucht.„Laß Dich hören“, rief es nach einer halben Sekunde von einer vorſpringenden Felswand herab.„Laß Dich hören“, tönte es nach einer Seknnde gleichzeitig von mehreren Seiten herüber. Die kleine Ulrike erſchrack faſt über dieſe Verviel⸗ fältigung ihrer eigenen Stimme. „Stehen da drüben Leute, die mich ausſpotten?“ fragte ſie ängſtlich und ſchmiegte ſich an ihre Mutter. „Das ſind die Kobolde des Berges“, antwortete Otto neckend.„Sie fuhren erzürnt auf, weil ſie durch Dein Geſchrei aus dem Schlafe geriſſen wurden.“ „Nicht doch, mein Sohn!“ berichtigte Balduin in freundlich verweiſendem Tone.„Belehre Dein Schweſterchen!“ 95 Er griff wieder nach dem Ruder und trieb den Kahn vorwärts. Otto begann: „Liebes Ulrikchen, Kobolde oder Erd⸗ und Berg⸗ geiſter exiſtiren nur im Buche der Fabeln. Es kann alſo nicht ihre Stimme ſein, was Du eben vernahmſt. Auch befinden ſich an den ſteilen Felſenwänden da drüben keine Menſchen, die Dich etwa nachgeäfft hätten. Vielmehr vernahmſt Du viermal nach einander nur Deine eigene Stimme wieder.“ „Wie kann man ſeine eigene Stimme viermal hören, wenn man nur Einmal ſpricht?“ fragte Ulrike naiv. „Es gibt ſogar einen Ort, wo man ſie vierzig⸗ mal hört“, verſicherte Otto.„Das iſt in der Villa Vimourtia unweit Mailand.“ „Wie aber geht das zu, lieber Bruder?“ „Das will ich Dir ja eben erklären, mein theures Schweſterchen. Merke jetzt wohl auf! Der Schall aus Deinem Munde wird von der Schwingung der Luft nach allen Seiten hin fortgetragen. Schlägt er in eine entfernte feſte Wölbung an, dann prallt er wieder zurück, ſtatt noch weiter vorwärts zu laufen. Und ſo oft er in einer nähern oder entferntern Wölbung zu⸗ rückprallt, ſo oft ſchlägt er auch in kürzern oder längern Zwiſchenpauſen nochmal an Dein Ohr. Haſt Du mich verſtanden?“ 96 Ulrike nickte. „Es iſt alſo“, ſagte ſie,„es iſt mit dem Echo un⸗ gefähr, wie wenn ich einen Stein ins Waſſer werfe. Der Stein ſchlägt einen Ring. Der Ring wird immer größer, und wenn er auf einer unterhöhlten Uferſtelle anſchlägt, ſo läuft eine Welle wieder zurück bis an den Punkt, wo der Stein ins Waſſer fiel.“ „Ungefähr ſo“, bejahte Otto.„Auch kannſt Du das Echo mit der Bewegung eines Gummiballs ver⸗ gleichen, den man in gerader Richtung an eine Wand wirft. Er prallt wieder auf die Stelle zurück, von der aus er geworfen wurde.“ Vater Balduin und Mutter Annette hörten dieſem Zweigeſpräche ihrer Kinder mit älterlichem Wohlbe⸗ hagen zu. Fiore und Mathilde theilten die Freude der Aeltern. „Das verdient eine Belohnung“, wendete ſich die Letztere gegen Balduin.„Vetter, ich ſehe hier eine Zither, und die guten Kinder haben heute Deine Stimme noch nicht gehört.“ „Bäschen Mathilde weiß mich auf zarte Art an mein Verſprechen zu erinnern“, antwortete Balduin. „An ein Verſprechen, das Du mir gabſt?“ fragte Mathilde überraſcht. „Ja, liebes Bäschen“, verſicherte Balduin.„Ich 97 verſprach, das Lied, welches ich in meiner neueſten Erzählung der harrenden Braut in den Mund gelegt, Dir vorzuſingen, ſobald ich mit der Erzählung fertig ſein werde. Heute habe ich das letzte Kapitel geſchrieben.“ „Das iſt herrlich“, fiel Mathilde ein und klatſchte in die Hände.„Werde ich Dich zum zweiten Mal bitten müſſen?“ „Nein, Bäschen“, entgegnete Balduin mit einer ſchelmiſchen Verbeugung.„Ich will artig und gehorſam ſein. Otto, nimm Du einſtweilen die Ruder zur Hand!“ Er griff nach der Zither, präludirte und ſang: Mir iſt ſo wunderſam hier innen, So weh und doch von Freud' ſo voll! Sag' an, mein Herz, wie in Dir drinnen Ich dieſen Zwieſpalt deuten ſoll? Wie gleich? Ja ſo! Es iſt der Drang, Von dem ſchon Mutter Eva ſang: Verlangen Und Bangen In harrender Bruſt, Das webet durch Schmerzen Dem Herzen Die minnige Luſt. Es ringen Hoffnung ſich und Zagen In meiner Seele tiefſtem Grund, Doch hallt des Pulſes feurig Schlagen Als frohes Lied mir aus dem Mund! Köberle, Alles um ein Nichts. III. 3 98 Wie das? Ja ſo! Ich ſchweb' am Band, Das Adam ſchon um Eva wand: Erzielen Und fühlen Das werdende Glück, Das bringet heut Sorgen Und morgen Die Ruhe zurück. Ein ſtilles Sehnen und ein Schauern Dringt mir zur Seele tief hinein, Doch mag mein Herz nicht klagend trauern! Sag' an, Verſtand, was ſoll das ſein? Was wohl? Ja ſo! Im Paradies Die Pſyche Hymen ſchon verhieß: Im Triebe Der Liebe Entſchwebe bald ſchön Aus flüchtigem Leide Zur Freude In wonnige Höh'n! Balduin hatte das Lied mit großer Kunſtfertig⸗ keit vorgetragen und mehr noch durch den Wohlklang ſeiner Stimme und die gefühlvolle Betonung, als durch den ſchlichten Inhalt der Worte, einen tiefen Eindruck auf den Kreis ſeiner Familie gemacht. Als er geendet, trat eine feierliche Pauſe ein. An die Stelle der bis⸗ herigen Heiterkeit war ein würdevoller Ernſt getreten. Nach einer längern Pauſe unterbrach Mathilde zuerſt das allgemeine Schweigen. „Dein Vortrag“, begann ſie,„Dein ebenſo inhalt⸗ reicher als anmuthiger Vortrag hat mich um vierzig Jahre zurück in die Zeit verſetzt, in der ich über den Ocean hinüber ſegelte. Du faßteſt in wohlklingenden Verſen einen Theil jener Gefühle zuſammen, von denen ich mich damals in eine Laufbahn voller Enttäuſchungen fortreißen ließ.“ „Mein Lied drückt nur allgemeine Gefühle aus, die mehr oder weniger jede Braut empfindet“, ent⸗ gegnete Balduin.„Dennoch mußte auch ich, als ich Dich während meines Geſanges plötzlich ſo ernſt werden ſah, unwillkürlich an Dein Schickſal denken. Schon ſeit Monaten beſchäftigte mich die Geſchichte Deines Gatten mehr, als Du vermutheſt.“ „Aus welchem Grunde?“ „Wir hielten ihn bisher für todt, weil er ſchon ſeit zwanzig Jahren ſpurlos verſchollen war. Vor ei⸗ niger Zeit nun fiel mir in den Zeitungen die Perſonal⸗ beſchreibung eines Reiſenden auf, der mich lebhaft an Dallmer mahnte.“ „Eines Reiſenden, der Dallmer heißt?“ „Nein, aber die Beſchreibung ſeiner Eigenheiten und ſeines Ausſehens paßt ganz zu dem Bilde, welches 7* 100 mir in meiner Phantaſie von Dallmers jetziger Er⸗ ſcheinung vorſchwebt, wenn ich mir ihn als noch lebend denke. Ueber die Vergangenheit des Reiſenden, der unermeßliche Reichthümer mit ſich ſchleppt, ſchwebt ein noch unenthülltes Dunkel. Er kommt vorgeblich aus Hindoſtan, gibt ſich für einen Grand von Spanien aus und führt den Namen Annibal de Aſtorga.“ „Aſtorga?“ wiederholte Mathilde, heftig erſchreckend. „Annibal de Aſtorga?“ „Wie, Baſe? fiel Balduin überraſcht ein.„Dieſer Name wäre Dir ſchon bekannt?“ „Ich hörte ihn heute früh zum erſten Mal aus⸗ ſprechen“, verſicherte Mathilde.„Mein Gärtner näm⸗ lich brachte mir die Nachricht, daß ein Grand von Spanien, Namens Annibal de Aſtorga, geſtern das Schloß Hochalm gekauft habe. Wenn alſo Deine Ver⸗ muthung ſich beſtätigen würde, ſo wäre der Elende unſer nächſter Nachbar geworden.“ „Dieſer Kauf beſtärkt meine Vermuthung“, fiel Balduin ein.„Die Lage von Hochalm gleicht der von Allwind, für welches wir beide in unſerer Jugend ſchwärmten.“— Auf allen Geſichtern war der Ausdruck des Schre⸗ ckens und der Beſtürzung über dieſe unerwartete Nach⸗ 101 barſchaft zu leſen. Nur Balduins Miene blieb ruhig und ſein Auge blitzte leuchtend auf. „Was fürchtet Ihr?“ begann er feierlich.„Sind etwa wir die Schuldbeladenen und er der Reine? Ueberlaßt die Furcht dem, der Grund zu zittern hat! Würde Dallmer ſeine künftige Nachbarſchaft ahnen, ſo, glaube ich, wäre er eher nach China gezogen, als in das ſtattliche Herrenſchloß Hochalm.“ „Du haſt recht, Vater“, ſekundirte Annette.„Frauen ſind eben ängſtlicher, als ihr Männer. Und daß dieſe Begegnung angenehm ſei, wird Niemand behaupten wollen.“ „Je nach Umſtänden“, entgegnete Balduin.„Ueb⸗ rigens wird Dallmer uns ſchwerlich aufſuchen und froh ſein, wenn wir ihn nicht wieder erkennen wollen.“ Während dieſes Geſpräches hatten ſie das Land erreicht. Balduin und ſeine Familie gaben der Baſe noch das Geleite bis ans Gartenpförtchen ihrer Villa, dann ſuchten auch ſie ihr idylliſches Häuschen auf und ließen ſich von Morpheus in ſanfte Träume wiegen Dreißigſtes Kapitel. Die Begegnung. „Freund! Unrecht thun, und Unraßt leiden, Was wählteſt Du Dir wohl von Beiden? Ich? Keins! Denn Herz und Ehre ſpricht: Laß jenes! Dulde dieſes nicht!“ 4 C. F. Kretzſchmann, Epigramme. Balduin war ein raſtlos ſtrebſamer Geiſt. Die Arbeit galt ihm als ein Vergnügen und er zählte die Stunden, in denen er ſchreibend und dichtend am Pulte ſeines einſamen Cabinets ſtand, zu den ſchönſten ſeines Lebens. Er ſchriftſtellerte nicht aus CEhrgeiz, ſondern aus innerm Drang. Lob und Anerkennung machten ihn nicht ſtolz, Tadel und Anfeindung entmuthigten ihn nicht. Den höchſten Lohn für ſeine Mühen ſuchte und fand er im eigenen Schaffen. Was nach Vollen⸗ dung eines Werkes nachhinkt, der Erfolg, galt ihm nur 103 als Mühſal und Enttäuſchung, um die ſich zu ängſti⸗ gen eines Volkslehrers unwerth iſt. Hatte er eine Schöpfung in die Welt hinausgeſendet, ſo vertiefte er ſich ohne Zeitverluſt ſchon wieder in eine neue Idee und ſtrebte, ihr klaren Ausdruck und ſchöne Form zu geben. Darum gehörte er auch zu den wenigen bevor⸗ zugten Geiſtern, die unberührt von der Laſt der Jahre und vom Stachel anderer Lebensſchickſale, ſich einer ewigen Jugend zu erfreuen ſcheinen. Schon am früheſten Morgen nach der eben geſchil⸗ derten Fahrt ſtand er, ſeiner Gewohnheit gemäß, wie⸗ der an ſeinem einſamen Pult und ſfizzirte die erſten Grundlinien zu einem neuen Werke. Nach ein paar Tagen war die Skizze fertig und die Ausarbeitung begann mit ſolchem Eifer, als ob er verſäumte Jahre nachzuholen hätte. Seine Familie wußte, daß ſie ihn im Momente des Schaffens nicht ſtören durfte. Deſſen⸗ ungeachtet trat Annette eines Vormittags zu ungelege⸗ ner Zeit in ſein ſtilles Arbeitszimmerchen. Es mußte etwas Dringendes ſein, was ſie bewegen konnte, ſelbſt die Hausordnung zu ſtören, deren treue Wächterin ſie ſonſt zu ſein pflegte. „Was gibt's, mein Engel?“ fragte Balduin freund⸗ lich und ſteckte ſeine Feder hinter's Ohr. „Eine Einladung, die ich nicht zu beantworten 104 weiß“, erwiderte Mutter Annette.„Ein Diener des neuen Herrn von Hochalm, des Sennore Annibal de Aſtorga, ſteht draußen. Aſtorga bittet um Deinen Be⸗ ſuch. Der Diener will Antwort haben, ob man Dich heute Nachmittag im Schloß erwarten dürfe.“ „Aſtorga wünſcht meine Bekanntſchaft zu machen?“ entgegnete Balduin verwundert.„Gut, ich werde kommen.“ Annette ging, um dieſen Beſcheid an ſeine Adreſſe zu befördern. Balduin verſuchte wieder fortzuarbeiten. Aber es wollte nicht mehr gehen. Die Gedanken entwiſchten ſeinem Kopfe, ehe die Feder ſie auf dem Papiere feſt⸗ bannen konnte. Die eben erhaltene Einladung beſchäf⸗ tigte ſeine Sinne und gab ihm Anlaß, ſich ſelbſt aller⸗ lei Fragen vorzulegen. Sollte Aſtorga wirklich, wie Balduin längſt vermuthet hatte, nur ein fingirter Name ſein, hinter dem ſich der ehemalige Jugendfreund Ju⸗ lius verbarg? Und wenn das wäre,— was konnte ihn zu dieſer Einladung beſtimmen? Erinnerte er ſich vielleicht nicht mehr, daß der Jugendgenoſſe Karl ihn längſt auf ewig zu den Todten geworfen? Hatte er vielleicht ſcon Kunde, wie nahe Mathilde und Fiore ſich bei ihm befanden? Wollte er im Gefühl der Reue vielleicht Verzeihung erflehen, oder trieb ihn die Furcht, einen Compromiß vorzuſchlagen?“ 105 Balduin hatte keine Antwort auf dieſe Fragen, aber er bedurfte auch der Antwort nicht, denn es wal⸗ tete vom erſten Augenblicke an in ſeinem Innern kein Zweifel über den Ton, welchen er dem Sklavenhändler gegenüber anzuſchlagen habe. Nach kurzem Bedenken griff er nach Hut und Stock und begab ſich zu ſeiner Nachbarin, der Baſe Mathilde. Den Inhalt der Un⸗ terredung, welcher zwiſchen Beiden unter vier Augen ſtattfand, werden wir aus dem weitern Verlaufe der Ereigniſſe dieſes Tages ſpäter leicht errathen. Sobald die zweite Nachmittagsſtunde geſchlagen hatte, trat Balduin feſten Schrittes und in ſtolzer Hal⸗ tung den Weg nach Schloß Hochalm an, welches nur zehn Minuten von ſeinem Tusculum entfernt, gleich Allwind auf einem in den See vorſpringenden Hügel lag und Waſſer und Land in weitem Umkreiſe be⸗ herrſchte. Der neue Beſitzer des Schloſſes ſaß eben in einem Erker des obern Stockes und ſchien in das vor ſeinen Augen ausgebreitete Panorama oder ſonſt in Gedanken vertieft zu ſein. Er ſtand, als Balduin an⸗ gemeldet wurde, ſogleich auf und ging dem Eintreten⸗ den bis an die Thüre entgegen. Nachdem er ihn artig bewillkommt und zum Sitzen genöthigt hatte, nahm er ihm gegenüber Platz und begann: „Vor Allem muß ich wegen meines Verſtoßes ge⸗ 106 gen die Convenienz um Ihre freundliche Nachſicht bit⸗ ten. Es wäre meine Schuldigkeit geweſen, Ihnen zu⸗ erſt meinen Beſuch abzuſtatten. Leider aber feſſelt ein hartnäckiges Unwohlſein mich vorläufig an mein Zim⸗ mer, und ſo blieb mir zur Anknüpfung einer angeneh⸗ men Bekanntſchaft kein anderer Ausweg als der, welchen ich wählte.“ Balduin machte eine kleine Verbeugung und ſchwieg. Sein Auge aber haftete feſt auf dem unheimlich zu⸗ ſammengeſchrumpften Antlitz ſeines Wirthes, in deſſen finſtern Zügen er vergebens nach irgend einem Zeichen forſchte, das ſeinen Verdacht hätte beſtätigen können. Es war ganz unmöglich, in dieſem pergamentartigen Kopfe, der eher einer Mumie als einem noch lebenden Menſchen anzugehören ſchien, irgend eine Aehnlichkeit mit Julius herauszufinden. Aſtorga ſchien den durch⸗ dringenden Blick ſeines Gaſtes entweder nicht zu be— merken oder nicht bemerken zu wollen. Er fuhr ohne Unterbrechung und ſcheinbar ganz unbefangen fort: „Ehe ich dieß Schloß kaufte, bereiſte ich Deutſch⸗ land. Ich hörte dort überall den Namen Balduin mit Liebe und Verehrung ausſprechen. Ich ſchätze mich glücklich, daß der Zufall mich zum Nachbar eines Man⸗ nes machte, deſſen Geiſt in ſeinem Vaterland ſo ſchöne Triumphe feiert.“ 107 Balduin machte abermals eine kurze Verbeugung, verharrte jedoch in ſeinem Schweigen. Augenſcheinlich lag entweder dieſer Empfang außer ſeiner Berechnung, oder er harrte noch auf den rechten Moment, um eine Forſchung, zu welcher das Ausſehen und bisherige Be⸗ nehmen ſeines Wirthes ihm keine Anhaltspunkte liefer⸗ ten, in deſſen Seele hinein zu ſpielen. Auch Aſtorga ließ ſich durch Balduins ſteife Ruhe in ſeiner ſcheinbaren Unbefangenheit nicht ſtören und fuhr in harmloſem Tone fort:. „Ich bin ein großer Verehrer des menſchlichen Geiſtes und habe längſt ein Genie Ihres Ranges in meine Nähe gewünſcht. Ich verſpreche mir vom Um⸗ gang mit Ihnen anregende Stunden für meinen Lebens⸗ abend. Und auch Ihnen iſt vielleicht mit einem Freunde gedient, welcher ſich in der Lage befindet, der Förde⸗ rung literariſcher Zwecke materielle Opfer bringen zu können und bringen zu wollen. Wir paſſen alſo zu⸗ ſammen. Schlagen Sie ein auf gute Nachbarſchaft!“ Balduin zögerte, die hagere Hand zu ergreifen, die Aſtorga ihm entgegenſtreckte. „So ſchmeichelhaft auch Ihr Antrag lautet“, be⸗ gann er langſam,„muß ich dennoch bitten, einige Fra⸗ gen ſtellen zu dürfen, ehe ich mich erklären kann.“ Ueber Aſtorga's Antlitz flog eine finſtere Wolke. —₰ 108 3 „Sie find vorſichtig“, warf er ſchmerzlich lä⸗ chelnd ein.. „Vorſicht iſt die Mutter der Weisheit“, erwiderte Balduin ruhig.„Ich wäre nicht der Geiſt, für den Sie mich halten, wenn ich ſchon bei einer erſten flüch⸗ tigen Begegnung meine Freundſchaft verpfändete, ohne auch nur nach dem Werthe des gebotenen Gegenpfan⸗ des zu fragen. Oder ſollten wir uns vielleicht nicht ſo fremd ſein, als es auf den erſten Blick ſcheint? Hätten wir uns ſchon früher einmal geſehen? Wären wir gar in der Jugend uns gegenſeitig näher geſtan⸗ den?“ Kein Zug in Aſtorga's Geſichte verrieth, daß dieſe Frage ihn überraſche. Der erſte Angriff auf ſein In⸗ neres, ſo gut der Pfeil auch gezielt war, ſchien ſpur⸗ los abgeprallt zu ſein. Aſtorga ſchaute mit anſcheinend aufrichtiger Verwunderung unverwandt in das Geſicht ſeines Gaſtes, und entgegnete nach einer Weile, in feſtem, faſt ſtolz klingendem Tone: „Ich bin Spanier. Meine Jugendzeit und die Jahre meiner Manneskraft ſind in Hindoſtan begraben. Erſt vor Kurzem betrat ich zum erſten Mal den euro⸗ päiſchen Boden. Woher alſo Ihre mir unerklärliche Vermuthung?“ „Der Grund liegt ſehr nahe“, erwiderte Balduin — ———— ebenſo beſtimmt.„Ich bin Deutſcher. Mein Haupt⸗ verdienſt beſteht in meiner Wahrheitsliebe und in mei⸗ ner derben Offenherzigkeit. Ich kann mich nicht zu jenen kosmopolitiſchen Genie's zählen, welche die Welt auch über die Grenze ihrer engeren Heimat hinaus in Staunen und Bewunderung verſetzen. Meine Feder war von jeher nur den lokalen Fragen meines Vater⸗ landes und den Stoffen aus meiner heimatlichen Ge⸗ ſchichte gewidmet. Wie käme ein Fremder aus Hind⸗ oſtan dazu, in meiner Behandlung deutſcher Leidensge⸗ ſchichten einen Genuß für ſeinen Lebensabend zu ſuchen? Wie könnte er in Förderung meiner literariſchen Zwecke ein Vergnügen für ſich ſelbſt hoffen? Ohnehin betraten Sie ja nach Ihrer eigenen Verſicherung erſt vor Kur⸗ zem zum erſten Mal europäiſches Land. Folglich ſind Ihnen wohl unſere Sitten noch fremd und Sie werden erlauben, daß ich sans façon über meine beſcheidenen Zweifel mir nach dießländiſchem Gebrauche Gewißheit verſchaffe.“ Ehe Aſtorga die Verwirrung bemeiſterte, in welche dieſe unerwartete Wendung des Geſpräches ihn geſchleu⸗ dert, hatte Balduin mit flinker Hand ſchon den Shawl hinweggezogen, der deſſen Nacken und Schultern loſe umſchloß. Ein Blick auf den bloßen Hals genügte, ſeine Zweifel zu löſen. 110 „Was ſoll das?“ fuhr Aſtorga auf. „Es iſt ſchon vorüber“, erwiderte Balduin ruhig. Die Narbe von der Wunde, welche der Arzt vor mehr als fünfzig Jahren dem ſkrophelkranken Knaben unter dem linken Ohre ſchnitt, ſitzt noch am alten Flecke; und weiter unten auf dem rechten Arm fände ſich wohl auch noch das Muttermahl, über welches wir als Knaben oft im Bade gelacht. Ziehe immerhin Deine Wolldecke wieder zuſammen, wenn Dich mitten im Sommer bei uns friert, wie einſt auf der Terraſſe des Schachenbades den Indianer Eskobadi, dem Du gleichſt!“ „Dieſe Behandlung, mein Herr—“ „Gefällt Dir nicht?“ fiel Balduin ſarkaſtiſch ihm in's Wort.„So ſind wir in gleicher Lage. Was lock⸗ teſt Du unter falſchem Namen mich hierher zu Dir? Was wollteſt Du mich verleiten, durch Annahme Deines Blutgeldes mein Gewiſſen zu beſudeln? Wähnteſt Du Dich vielleicht für gerechtfertigt, wenn es Dir gelungen wäre, durch die beabſichtigte Täuſchung mich unwiſſend zur Verletzung des Ausſpruches zu beſchwatzen, den ich vor vierzig Jahren in Bad Schachen über Dich fällte? Doch— wozu Dir Vorwürfe machen! Deine Namens⸗ fälſchung beweiſt, daß Du die Wucht des Fluches fühlſt, den ich Dir ſchon damals prophezeite.“ — 114 „Mein Herr, ich verſtehe eben ſo wenig Ihre Worte, als ich Ihr Benehmen begreife“, entgegnete Aſtorga frech. Ohne ſich durch dieſe dreiſte Behauptung beirren zu laſſen, fuhr Balduin ruhig fort: „Die Unterhaltung, die ich Dir zu bieten vermag, dürfte Deinem Geſchmacke kaum zuſagen. Und ebenſo wenig behagt mir etwas von dem Gelde, welches Du mit Menſchenhandel erwarbſt. Dennoch ſoll unſere Wie⸗ dererkennung nicht zwecklos vorübergehen. Du beſtahlſt vor vierzig Jahren meine nächſte Anverwandte um eine beträchtliche Summe, und ich ergreife jetzt dieſe von Dir ſelbſt geſchaffene Gelegenheit, im Namen der Be⸗ trogenen jene Summe zu reclamiren.“ Mit dieſen Worten zog er ein Blatt aus der Taſche: „Lies!“ „Ich leſe nichts“, entgegnete Aſtorga, barſch ab⸗ lehnend. „Und ich rathe Dir wohlmeinend, weniger trotzig zu ſein, wenn Du nicht willſt, daß ich Dein Incognito vor aller Welt lüfte“, bemerkte Balduin in entſchiede⸗ nem Tone und hielt ihm das Blatt vor Augen. Aſtorga warf dem Unerbittlichen einen grimmigen Blick zu und las dann. — — flüchtige Giulio Dallmavi aus Puebla endlich zu fin⸗ den iſt.“ Aſtorga ſchauerte zuſammen. „Werdet Ihr ſchweigen, wenn ich zahle?“ fragte er nach einer Weile mit bebender Stimme. „Ja, unter zwei Bedingungen.“ „Die lauten?“ „Du wirſt uns nie kennen. Sollten wir uns zu⸗ fällig irgendwo begegnen, ſo ſind wir uns fremd.“ „Zugeſtanden.— Die zweite Bedingung?“ „Du wirſt weder gegen mich, noch gegen Mathilde oder Fiore, die bei ihr lebt, auf Rache brüten. Wider⸗ führe Einem von uns oder meiner Familie ein Unfall, ſo wüßte Tags darauf die ganze Welt, wie der wahre Name des neuen Herrn von Hochalm lautet.“ Aſtorga warf ſeinem ehemaligen Jugendfreunde einen faſt verächtlichen Blick zu, ehe er das Wort her⸗ ausſtammelte: „Zugeſtanden!“ Dann zog er aus einem Pult einen Pack Staats⸗ papiere hervor und zählte die Summe von einmalhun⸗ dert und dreißigtauſend Thalern auf den Tiſch. „Hier iſt das Kapital, welches Mathilde mir zu⸗ gebracht!“ Köberle, Alles um ein Nichts. III Der Inhalt der Schrift lautete: „Ich bevollmächtige hierdurch meinen Vetter, Herrn Doctor Karl Balduin, meine Rechtsanſprüche zu ver⸗ treten gegen meinen weiland Gatten Julius Dallmer, vulgo Dallmavi, welcher kürzlich unter dem erdichte⸗ ten Namen Aſtorga das Schloß Hochalm käuflich erworben hat. Mathilde Dallmer, geb. Alimonti“ Aſtorga wendete ſich, nachdem er dieſe Zeilen ge⸗ leſen, wieder gegen Balduin: „Mathilde alſo lebt noch?“ „Sie iſt unſre nächſte Nachbarin.“ „Und was begehrt ſie von mir?“ „Rückerſtattung jener Kapitalien, welche ſie mit ſich nach Mexiko brachte und Du ihr dort unter er⸗ heuchelten Vorſpiegelungen abgeſchwindelt haſt.“ „Mathilde iſt mir treulos entflohen und hat da⸗ durch jeden Anſpruch an mich verwirkt. Ich werde mich zu Nichts verſtehen.“ „Dann wirſt Du mehr verlieren, als dieſe Summe, die für Dich eine Kleinigkeit iſt. Wir leben hier nicht im rechtsloſen Tlaskala. Mathilde iſt Bürgerin der Schweiz geworden und ſteht unter deren Schutz. Der Proceß wird Aufſehen machen und in wenigen Wo⸗ chen werden Deine Gegner erfahren haben, wo der ——————— Er zählte weiter, nochmal eine Summe von zwei⸗ malhundert und ſechszigtauſend Thalern: „Und hier ſind auch die Zinſen für die vierzig Jahre, während welcher das Kapital in meinem Ge⸗ ſchäft ſpielte.“ „Das Kapital nehme ich für meine Clientin, die Zinſen behalte!“ ſagte Balduin und ſchob die Summe von zweimalhundert und ſechzigtauſend Thalern wieder zurück. „Ich will kein Geſchenk von dem Weibe, das mich treulos verließ“, fiel Aſtorga finſter ein und ſetzte iro⸗ niſch bei:„Mathilde und Du, der ſich gegen meine Rache verſchanzen zu müſſen wähnt, Ihr ſollt mir nicht nachſagen können, daß ich ſchmutzig abgerechnet habe.“ „Um nobel abrechnen zu können, biſt Du mit all Deinem Reichthum ein viel zu armer Teufel“, erwi⸗ derte Balduin bitter.„Das Geld, welches Du durch Deinen Handel mit Menſchenfleiſch erwarbſt, verachten wir. Und Selbſterworbenes, das redliches Gut wäre, beſitzeſt Du nicht einen Heller. Wollteſt Du alle Deine Schulden auszahlen, ſo wärſt Du der bedürftigſte Bett⸗ ler, der je auf Gottes Erdboden nackt und bloß einher gewandelt iſt.“ Mit dieſen Worten ſteckte Balduin Mathildens Kapital zu ſich und wollte gehen. —— „Noch ein Wort!“ rief Aſtorga ihm nach. „Was ſoll's?“ entgegnete Balduin und hielt inne. „Du überhobſt Dich ſtolz“, fuhr jener fort,„und doch biſt Du um nichts beſſer, als Dein verachteter Julius! Oder was denn iſt der Unterſchied zwiſchen Dir und mir? Ich handelte in ſchwarzen Sklaven, die in ihrer Unwiſſenheit ihr Loos nicht fühlen, weil ſie die Güter des Lebens, nach denen wir uns ſehnen, nie kennen lernten. Du predigteſt den weißen Sklaven das Evangelium einer Freiheit, die ihnen nur Kummer bereitet, weil ſie dennoch nie aufhören können Sklaven zu bleiben. Worin alſo unterſcheiden wir uns? Ich machte Unglückliche nicht unglücklicher, und Du ver⸗ drehteſt den Unglücklichen die Köpfe, daß ſie ihre Arm⸗ ſeligkeit erſt recht fühlen lernten! Ich ließ der Menſch⸗ heit ihren herkommlichen Gang und nahm nur meinen Antheil für mich zum Voraus; Du griffſt in das Rad der Geſchichte und quetſchteſt Deine Hand, ohne die Richtung ſeines Laufes ändern zu können! Oder was trug das Jahr achtundvierzig dem Erdtheil für Früchte? Hat es Deutſchland freier und einiger gemacht? Herrſcht Bonaparte's Neffe gelinder als Louis Philipp? Iſt der Mann des zweiten December mit ſeinem Cayenne, der Mann, vor dem ſich der Erdtheil beugt wie weiland der Grieche vor dem Orakel zu Delphi, iſt er weniger 8* 116 als ich ein Sklavenhändler, weil er ſein Geſchäft in größerem Maßſtabe betreibt? Kann es überhaupt auf Erden etwas Anderes geben als drei Menſchenklaſſen, nämlich: Sklavenhalter, Sklaven, und Thoren, die da wähnen, mit ihren Reden dieß Verhältniß ändern zu können?“ Balduin ſchaute den verwegenen Sprecher lange mit durchbohrenden Blicke an, ehe er entgegnete: „Sieh in mein Geſicht und dann betrachte im Spiegel Deinen mit Pergament überzogenen Schädel! So viel ſtrotzende Geſundheit Du hier erblickſt, ſo viel ekliger Verweſungsſtoff glotzt Dir dort entgegen. Ich will Dein Arzt nicht werden. Radotire fort, radotire, bis Du ſelbſt Dich vollends in Deinen Sarg hinein radotirt haben wirſt.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, entfernte ſich Bal⸗ duin. Aſtorga ſah dem Scheidenden nicht nach. Seine Kräfte hatten ihn verlaſſen und auf den Boden zuſam⸗ menbrechend ſtöhnte er: „Vierzig Jahre der Trennung und zwanzig Jahre der Flucht waren noch zu kurz, um meine Spur ver⸗ wiſchen zu können. Entdeckt, ſchon im erſten Augen⸗ blick, in dem ich mir endlich Ruhe gönnen und ein neues Leben beginnen wollte, entdeckt und entlarvt!“ Die Erſchütterung dieſes Auftritts warf ihn auf's 117⁷ Krankenlager. Er ſiberte heftig und erholte ſich nur langſam. „Fort“, ſchrie er in ſeinen Träumen auf,„fort, wieder fort von hier! Einen andern Namen und einen andern Erdtheil für mich!“ Einunddreißigſtes Kapitel. 4 Ein ſeltſamer Gaſt. Offene Feindſchaft hat wohl keine Noth; Aber falſche Freundſchaft iſt der Tod. J. Riſt, Epigramme. Aſtorga war noch nicht vollkommen geneſen, als ſich ein Fremder anmelden ließ und trotz der erfolgten Abweiſung bis ins Krankenzimmer des neuen Herrn von Hochalm vordrang. „Man muß den Patienten zwingen, wider Willen die rechte Arznei zu nehmen“, rief der Fremde, indeß er den Diener, welcher ihm den Eingang vertrat, mit ſtarkem Arme bei Seite ſchleuderte, ſo daß dieſer faſt die Treppe hinunterpurzelte und dem unhöflichen Gaſt gern das Feld räumte.„Sennor Aſtorga, ich kenne den Sitz Euers Uebels und ſchwöre bei allen Teufeln Euch zu, daß Ihr unter meiner Behandlung geſunden ſollt, ehe der Mond ſich zweimal um ſeine Achſe dreht.“ Aſtorga verkroch ſich vor Schreck über den frechen Eindringling unter die Decke ſeines Bettes. „Nur keine Angſt!“ fuhr dieſer fort und näherte ſich dem Kranken.„Ihr beſitzt hier zu Lande keinen beſſern Freund als mich, obgleich ich nicht behaupten will, daß wir uns ſchon geſehen hätten.“ „Wer ſeid Ihr, der ſo den Frieden meines Hauſes ſtört?“ klang Aſtorga's zitternde Stimme unter der Decke hervor. Der Fremde lachte und in dem Ton ſeiner Stimme lag etwas ſo unausſprechbar Boshaftes, als ob alle Dämonen des Abgrunds ihm ſekundirten. „Wer ich ſei?“ ſagte er.„Holms, Lord Holms von England, ungefähr ſo wie Ihr, Sennor Aſtorga, Grand von Spanien zu ſein ſcheint. Eigentlich habe ich mein Geſchäft im Stillen gemacht und ſpreche nicht gern davon.“ Aſtorga ſtreckte ſeinen Kopf zur Decke hervor. „Ihr ſeid alſo Sklavenhändler?“ fragte er. „Ja, Kamerad“, lautete die Antwort.„Das Geſchäft ging nicht ſchlecht und ich habe mein Schäf⸗ chen im Trocknen, wie Du das Deine.“ Lord Holms, der ſich auf ſo eigenthümliche Art bei dem neuen Herrn von Hochalm einführte, mochte ein Mann von etwa ſechszig Jahren ſein. Seine Kleidung war die eines Gentlemans. Seine Geſichts⸗ farbe, an welcher augenſcheinlich die Kunſt viel nach⸗ geholfen, ſchien den Vermuthungen über ſeine Abſtam⸗ mung einen weiten Spielraum zu öffnen. Er war weder roth noch braun, und dennoch ließ ſich mit Be⸗ ſtimmtheit behaupten, daß er unmöglich der weißen Race angehören könne. Aſtorga betrachtete ſeinen Gaſt, deſſen Auge unheimlich wie der Blick einer auf der Lauer liegenden Klapperſchlange glitzerte, mit einem von Furcht und Neugierde gemiſchten Gefühle. Nach einer Weile begann er: „Woher kennſt Du mich und wie kommſt Du hieher?“ „Woher ich Dich kenne?“ wiederholte Holms. „Vielleicht wäre ich nicht hier, wenn ich Dich ſchon früher gekannt hätte. Wie ich hieher komme? Auf meinen Füßen und in der Abſicht, Deine nähere Be⸗ kanntſchaft zu machen. Wir werden uns vielleicht mit⸗ ſammen vertragen können. Ich treibe mich allein in der Welt umher. Das iſt langweilig. Durch Zufall hörte ich Deinen Namen, und was man noch nebenbei von Dir erzählt, ließ mich gleich vermuthen, daß Du wohl von meinem Metier ſein könnteſt. Da dachte ich mir: zum Henker mit allen Bekanntſchaften in dieſem Schlaraffenland! Es läßt ſich ja doch mit keinem euro⸗ päiſchen Republikaner ein vernünftiges Wort ſprechen. Und wenn man ſeine beſten Gedanken immer für ſich allein behalten ſoll, ſo wird man vor lauter Gedanken⸗ reichthum zuletzt krauk, und die Krankheiten erzeugen im Gehirn allerlei wunderliche Grillen. Sieh, Kame⸗ rad, darum beſuche ich Dich. Ich will Dir die Grillen vertreiben, dann wirſt Du wieder geſund, denn Deine ganze Krankheit beſteht nur aus Grillen.“ „Aus Grillen“, ſeufzte Aſtorga.„Hatteſt Du auch ſchon Gedanken, die Du nimmer los werden konnteſt?“ „Ja, wenn ich zu viel Wein trank und mit Kopf⸗ weh erwachte“, ſpottete Holms lachend.„Tolles Zeug! Ich habe ſo viel gethan, als ein Menſch vermag. Den⸗ noch reut mich nur Eines.“ „Dieß Eine?“ „Daß ich aus einer Anwandlung von alberner Schwachheit gegen die ſchwarzen Hunde, über die ich gebot, manchmal Peitſche, Strick und Dolch zu ſehr geſchont habe.“ In dieſem Tone ging das Geſpräch weiter fort. Holms entwickelte dabei eine noch immer ſteigende Fri⸗ volität der Geſinnung und eine ſo barbariſch rohe Ge⸗ fühlloſigkeit, daß wohl jeder andere Zuhörer vor dieſem unheimlichen Böſewicht zurückgeſchauert wäre. Aſtor⸗ ga aber fühlte ſich mehr und mehr zu ſeinem Gaſte hingezogen. Es war ſeit zwanzig Jahren das Erſte⸗ mal, daß er wieder Jemanden von dem ſchwärmen hörte, was auch das Element ſeiner eigenen Vergan⸗ genheit geweſen. Ja, der Cynismus, mit welchem Holms Alles, was der Menſchheit als heilig gilt, höhniſch in den Staub trat, erinnerte ihn lebhaft an den frivolen Geiſt ſeines Lieblingsſohnes und er ließ ſeinen geſprächigen Gaſt nicht ſcheiden, ohne denſelben zu baldiger Wiederholung des Beſuches aufzufordern. Holms kam fortan ſehr oft und ſchien ſchon nach acht Tagen Aſtorga's unentbehrlicher Geſellſchafter ge⸗ worden zu ſein. Wie einſt auf Maurizio, ſo begann Aſtorga ſich jetzt auf ſeinen neuen Freund zu ſtützen. Nochmal flackerte an dieſer Krücke ſein kranker Geiſt auf und wiegte ſich für kurze Stunden in den Traum ein, daß er mit geſunden Flügeln hoch über dem Jam⸗ mer des ſtaubgeborenen Geſchlechtes in ſeliger Unan⸗ greifbarkeit dahinſchwebe. Holms, der unentbehrliche Grillenvertreiber, mußte endlich ganz zu ihm auf's Schloß ziehen. Er kam mit Sack und Pack, und das war nicht wenig, denn unter ſeinen Koffern befand ſich einer, welcher voll von Gold und Staatspapieren ſtack. Wie hätte ſolch ein Koffer den letzten Reſt von Mißtrauen in Aſtorga's Seele, falls irgend eine ver⸗ borgene Falte derſelben noch Raum dazu bot, nicht gründlich beſeitigen müßen? Schien es doch ſein Schickſal zu ſein, daß er ſelbſt das unheimliche Glitzern in Holmt's Auge erſt dann zu deuten begann, als die Deutung ihn nicht mehr retten, ſondern nur die Schrecken ſeines Untergangs verdoppeln konnte! Eines Abends ſaßen die zwei neuen Freunde in eifrigem Geſpräche beiſammen. Die Sonne war bereits untergegangen. Die aus dem Weſten aufſteigenden Wolken und die ſchwüle Luft ſchienen das Nahen eines Ungewitters anzukünden. Bald brach ein heftiger Orkan los, ſo daß die Zinnen des Schloßes wankten. Das Zucken der Blitze leuchtete geſpenſtig durch das Dunkel, und das Krachen des Donners vermochte kaum mehr die brauſenden Wogen des in ſeinen Tiefen aufgerüt⸗ telten See's zu übertönen. Es war eine ſchauerliche Scene der in raſende Empörung gerathenen Elemente. Auch Oreſt Aſtorga ſchauerte, und klammerte ſich ängſtlich an ſeinen neuen Pylades. „Bah, Kamerad“, begann Holms und zog ſeinen Freund ans Fenſter.„Dieß iſt juſt die Nacht, die Dich durch einen kühnen Kaiſerſchnitt von aller Furcht gründlich heilen will.“. „Mich, Holms?“ 124 „Ja, Freundchen. Ich habe einen Plan, der in dieſer Nacht ausgeführt werden ſoll. So lange außer mir Je⸗ mand weiß, daß Du lebſt, verfolgt Dich Herzeleid. Drum mußt Du Schloß Hochalm in Deinen Sarkophag verwan⸗ deln und Dich noch heute für alle Welt begraben laſſen.“ „Holms!“ ſtöhnte Aſtorga, ſich in Verzweiflungs⸗ angſt mit letzter Kraftanſtrengung von dem unheim⸗ lichen Gaſte loswindend. Holms packte mit feſter Hand ſein Opfer wieder und fuhr fort:„Treib' keine Narrenpoſſen, Kamerad! Seit der geſtrenge Doctor am See drunten Dich an Deiner Narbe erkannte und das Weib Deiner Jugend⸗ thorheit Dir wieder nahe kam, biſt Du krank. Mit Recht! Wenn die rachſüchtige Xantippe oder Balduin Deinen Wohnort an den Schlächter Deines Sohnes verriethen, ſo wäre es um Dich geſchehen.“ „Wahr!“ ſeufzte Aſtorga.„Und ſie werden kaum ſchweigen.“ „Ich vermuthe, daß ſie bereits geplaudert“, ent⸗ gegnete Holms, der ſich mit teufliſchem Wohlgefallen an der Angſt ſeines Opfers ergötzte. Aſtorga warf ſich dem Unheimlichen in die Arme.„So denke für mich! rette mich!“ bat er mit erſtickender Stimme. „Höre denn! Ich ließ Werthpapiere, Diamanten und Gold bereits in den Reiſewagen verpacken. Auch 125 die Pferde ſtehen ſchon geſattelt unten im Hofe. Wirf den Feuerbrand ins Schloß und flieh mit mir, ehe die auflodernde Flamme Leute herbeilockt. Dann wird es morgen heißen, wir beide lägen verbrannt unter Hochalm's Ruinen! So wirſt Du endlich Deiner Ver⸗ gangenheit los ſein und ein neues Leben beginnen können.“ „Werden meine Diener unſere Flucht nicht ver⸗ rathen?“ warf Aſtorga ein. „Ich habe ſie hinweg geſendet“, erwiderte Holms grinſend.„Außer uns Beiden befindet ſich kein menſch⸗ liches Weſen mehr im Schloſſe.“ „Ach, ich beſitze weder Willen noch Kraft“, flüſterte Aſtorga kaum hörbar.„Handle für mich!“ Holms antwortete ihm nicht mehr. Wie ein heiß⸗ hungriger Wolf ſich auf ſeine Beute ſtürzt, ſo faßte er mit beiden Armen den ohnmächtig hingeſunkenen Aſtorga und ſchleppte ihn hinunter in den bereit ſtehen⸗ den Reiſewagen. Dann ſteckte er das im Erdgeſchoß reichlich aufgeſpeicherte Brennmaterial in Flammen, ſchwang ſich als Kutſcher auf den Vorderſitz des Wagens und trieb die Pferde an, daß ſie in raſender Eile durch das Thor hinausjagten.⸗ Niemand ſah oder hörte dieſen Vorfall. Die Finſterniß bedeckte die Flüchtlinge. Das Rollen 126 Wagens wurde vom Brauſen der Wellen und vom Toben des Sturmes übertönt. 3 Holms hatte mit ſeinem Opfer ſchon das nächſte Thal erreicht und war ſpurlos durch einen Hohlweg verſchwunden, als die Flammen zu den Fenſtern des Schloßes herausſchlugen. Vom heulenden Sturme an⸗ gefacht, ergriff das Feuer mit rieſiger Schnelle das ganze Gebäude. Bald glich Hochalm einem himmel⸗ anſtrebenden Flammenmeer, das unter dem Drucke des Orkans ſich wie eine mit tauſend Zungen glitzernde Rieſenſchlange auf den See hinabbog und Land und Gewäſſer gräßlich beleuchtete. Erſchrocken eilten die Bewohner der benachbarten Dörfer herbei und ſtarrten das ſchauerliche Schauſpiel an. An Rettung war nicht mehr zu denken. Die Wuth des Orkans trotzte allen menſchlichen Anſtren⸗. gungen. Als der nächſte Morgen graute, war das ſtatt⸗ liche Luſtſchloß nur noch eine rauchende Ruine. Allge⸗ mein nahm man an, der Blitz habe dort eingeſchlagen und der Grand von Spanien ſammt ſeinem Gaſte aus England ſeien durch dieſen Zufall verunglückt. Das Schloß wurde nicht wieder aufgebaut und ſeine Ueberreſte ſtehen noch am heutigen Tage unbe⸗ rührt auf dem Hügel am Ufer des romantiſchen Alp⸗ 127 ſee's. Ein nicht ganz ausgebrannter Thurm, welchen das Feuer ſchwärzte, iſt ſeltſamer Weiſe ſo zuſammen⸗ geſtürzt, daß die noch ſtehenden Mauern aus der Ferne einem rieſigen Mohren gleichen. So oft ein Sturm über die Gegend hinwüthet, erzeugt die ſich in den Ruinen verfangende Luft ein eigenthümliches Seufzen und Stöhnen. Daher hat ſich in den wenigen Jahren, welche ſeit jener Kataſtrophe verfloſſen ſind, im Munde des Volkes mit der Ruine Hochalm eine Sage ver⸗ pflochten. Der letzte Beſitzer des Schloſſes, heißt es, brenne noch unter dem Schutte fort und laſſe zur Geiſterſtunde ſeine klagende Stimme vernehmen. Niemand trauerte um Aſtorga's Fall. Mathilde und Balduin wähnten im Brand des Schloſſes die Hand der ſtrafenden Gerechtigkeit des Himmels zu er⸗ kennen, die endlich jeden Frevler ſicher zu treffen weiß. Sie ahnten weder, daß Dallmer entronnen ſei, noch fiel ihnen ein, hinter ſeinem Begleiter etwas Anderes als einen in den überſeeiſchen Beſitzungen halb ver⸗ wilderten Lord aus England zu vermuthen. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Der Held der Commune. „Bereitet oder nicht zu gehen, 8 Er muß vor ſeinen Richter ſtehen.“ Schiller, W. Tell. * Abermals waren mehrere Jahre verſtrichen, Jahre voll ungeheurer Ereigniſſe. Die Phyſiognomie Enropa's hatte ſich inzwiſchen umgeſtaltet. Der tauſendjährige Kampf des Romanismus gegen den Germanismus war durch den furchtbaren Krieg von eintauſend achthun⸗ dert ſiebenzig auf einundſiebenzig dem Abſchluſſe näher gerückt. Entkräftet ließ der galliſche Hahn endlich ſeine Flügel ſinken, der deutſche Aar ſtieg triumphirend auf, plötzlich eine ungeahnte Kraft entfaltend und dem ſiber⸗ haft durchbebten Erdtheil eine neue Aera des Friedens verheißend. Erſtaunt blickten die Völker ſelbſt der entfernteſten Zonen auf den im Herzen Europa's ent⸗ brannten Kampf; die Segenswünſche aller Guten be⸗ gleiteten die Helden des neu erſtandenen Reiches deut⸗ ſcher Nation auf ihrem Triumphzuge gegen das mo⸗ derne Babel. Schon hatte die Treue über den Verrath, die Freiheit über die Völkerknechtung, das Recht über die Willkür geſiegt. Der Friede zwiſchen Deutſchland und Frankreich war abgeſchloſſen. Von den eroberten Zwingburgen herab betrachteten die Retter der Civil⸗ liſation mit ſtolzer Ruhe das Chaos, in welchem die Ausgeburt und Kehrſeite der gefallenen Tyrannei, ſich ſelbſt aufreibend, für den unter Pulverdampf und Blut⸗ ſtrömen fortgeſchwemmten Abgott zweier Jahrzehnte den Sarkophag meißelten. Die Commune feierte in Babel's Stadthauſe eben ihre Orgien. Der Auswurf der Galeeren und der Zuchthäuſer hatte dort das Scepter ergriffen und die⸗ tirte der Metropole des Luxus, welche in ihrer mora⸗ liſchen Verkommenheit ſich ſo oft für die„heilige Ilios“ und für den unantaſtbaren„Arm der Vorſehung“. erklärt hatte, ſeine vandaliſchen Geſetze. Unter den vielen zweifelhaften Trabanten dieſer ephemeren„Volksbeglücker“ bemerkte man in den Köberle, Alles um ein Nichts. III. 9 130 Schlupfwinken der Faubourg St. Antonie auch zwei Geſtalten von unbeſtimmbarer Herkunft: ein den Mu⸗ mien gleichendes Beingerippe mit pergamentgelber Haut, und einen Greis, in deſſen aſchgrauem Geſichte zwei unſtete Augen dämoniſch glitzerten. Beiden warfen Gold, ſchwere Haufen Gold unter die tobende Menge Der zahnloſen Mundhöhle des pergamentgelben Ge⸗ rippes entſchlüpſte dabei manchmal ein ſtiller Seufzer, indeß der Greis mit dem dämoniſch glitzernden Augen⸗ paar ſich unter den Wüthenden als einer der Wüthend⸗ ſten geberdete und mit teuflicher Luſt den Pöbel zum Werke der Zerſtörung reizte. „Die Welt geht unter“, flüſterte das Beingerippe zu ſeinem Begleiter, als Beide für einen Augenblick un⸗ beachtet waren.„Ja unter, Holms! Und wir, die Verehrer und Nachahmer Napoleon’'s, wir füttern die Ungeheuer noch, welche allen Beſitz vernichten.“ „Thorheit,“ hohnlachte Holms.„Mit den Hunden muß man heulen. Das iſt in ſolcher Zeit der einzige Weg zur Rettung. Gib acht, wie bald dieſe Beſtien ſich unter ſich ſelbſt aufgefreſſen haben werden. Dann kommt der Umſchwung und die Welt fällt uns, wie im Herbſt der reife Apfel vom Baum, aufs neue in den Schooß. Drum juble und ſchüre mit mir den all⸗ gemeinen Brand! Je toller, deſto beſſer. Ich ſage Dir: ehe zwei Monate vergehen, kannſt Du Dich ohne Furcht wieder Aſtorga, Grand von Spanien, oder, wenn Du willſt, ſogar Dallmer nennen. Man wird dann ſagen: Die Menſchheit braucht ſolche Käuze, und Sklavenzüchterei iſt die einzig weiſe Philoſophie unter der Sonne... Dallmavi ſchüttelte ungläubig ſeinen haarloſen Schädel. Der Schmerz über die rieſigen Geldopfer überwog in ihm die unſichern Hoffnungen des Beglei⸗ ters, vor deſſen Sophiſtik ihm ſchon längſt graute, ob⸗ wohl er ſich ſeinen Banden nicht mehr zu entziehen vermochte. Indeß verſtrich Woche auf Woche in wüſtem Rauſch. Schwer und ſchwerer ſank die Hand der rächenden Vergelterin auf das leichtfertige Paris nieder. Tag und Nacht erbebte die Erde vom Donner der Ka⸗ nonen, durchſchwirrten mörderiſche Geſchoſſe die Luft, hier Tod, dort Brand auf Schuldloſe wie auf Schuld⸗ beladene ſchleudernd. Mehr und mehr verwandelten ſich die Luſthallen der modernen Sybariten in Todten⸗ gewölbe oder in Schutthaufen. Kein Stand war mehr des Lebens, keine Geſinnungstüchtigkeit vor Verfol⸗ gung ſicher; keine Mauer ſchien mehr ſtark genug zu ſein, um den Kugeln zu trotzen, welche von Freund und Feind mit gleicher Wuth gegen ſie abgeſchoſſen 9⸗ 132 wurden. Der Unſinn führte den Feldherrnſtab; die Verzweiflung gehorchte ſeinem Commando. Selbſt den Muthigſten ſank das Herz; Entſetzen ſtand auf allen Geſichtern. Endlich ſchien die Stunde der Erlöſung zu nahen. Auf leichenbeſätem Pfad hatte ſich die Armee der ge⸗ ſetzlichen Gewalt den Eintritt in die geängſtigte Stadt erſtritten. Um ſo furchtbarer wüthete das letzte Ge⸗ metzel jetzt in den Straßen. Je näher der unvermeid⸗ liche Tod an die Rebellen heranrückte, deſto teufliſcher wurden ſie in Wahl der Waffen. War ihre Fahne nicht beſtimmt zu ſiegen, ſo ſollte das verführeriſche Babel zugleich mit ihnen untergehen und ihr Leichen⸗ ſtein aus einer Trümmerwüſte beſtehen, vor welcher das Jahrhundert zurückbebt, trauernd über die ver⸗ ſunkene Herrlichkeit und ſchaudernd vor der Tücke des verworfenen Geſchlechtes. Plötzlich verpeſtete ekler Schwefeldunſt die Luft. Die Schaar der Mordbrenner hatte ihr trauriges Hand⸗ werk begonnen. Schon züngelte aus mehr als hundert Paläſten und Häuſern die vernichtende Flamme her⸗ vor und thürmte ſich bald zu Feuerbergen auf, die wilden Kämpfer auf den Straßen gräßlich beleuchtend, — eine ſchaudervolle Todtenfackel für die Tauſende, die noch unbegraben auf dem Pflaſter lagen oder eben ihren letzten Seufzer ausſtöhnten. Niemand that der Wuth des entfeſſelten Elementes Einhalt. Wer löſchen wollte, fiel unter den Streichen der Mordbrenner oder durch die Kugeln der ſiegreich vorrückenden Befreiungsarmee. Die letzte Stunde der Commune ſchien auch die letzte werden zu wollen für das leichtfertige Babel, das ſich zum Schauplatze ihrer Thaten hergegeben hatte. Noch ſtand der Kaiſerpalaſt, der herrliche Koloß der Tuilerien, unverſehrt da. Von ſeinen urſprüng⸗ lichen Bewohnern längſt verlaſſen und unter den Männern der Schreckensherrſchaft ſpottweiſe als„Haus zum Vermiethen“ angezeichnet, herrſchte in ſeinem Innern eine Oede und Stille, die zum betäubenden Lärm der brennenden Stadt ſeltſam contraſtirte. Nur zwei Geſtalten irrten in den weiten Räumen hin und her, die eine ſcheu und furchtſam um ſich blickend, die andere mit verächtlicher Miene die verlaſſene Herrlich⸗ keit betrachtend. Es war, als ob ſie etwas ſuchten und nicht finden könnten. Wer die zwei Wanderer be⸗ obachtet hätte und nicht frei von Aberglauben geweſen wäre, der hätte wohl wähnen mögen, daß hier der Geiſt der Napoleoniden und ihr rächender Dämon in unnatürlichem Freundſchaftsbunde umherirrten. Beide —— 134 hatten menſchenähnliches Ausſehen, und waren doch furchtbar anzuſchauen wie zwei Weſen aus dem Todten⸗ reiche, die ſich nicht mehr in die Körperumhüllung hin⸗ einzufinden vermögen. Auf Beiden prägte ſich eine Leidenſchaft aus, welche das Maaß des Gewöhnlichen überſtieg: das Geſicht des Einen war durch Angſt, das des Andern durch Hohn bis zur Fratze verzerrt. Im Pavillon Marſan bleiben die beiden unheim⸗ lichen Geſtalten vor einer geöffneten Thüre ſtehen. „Endlich gefunden“, begann die eine Geſtalt, in welcher der Leſer den Lord Holms bereits erkannt haben wird.„In dieß Gemach pflegte ſich Napoleon zurückzuziehen, wenn ſein Hirn irgend einen von den mannigfachen Plänen ausbrütete, mit welchen er ſpäter die erſchreckte Menſchheit zu überraſchen gedachte. Tritt ein! Verſuchen auch wir, ob nicht ſein hier nacht⸗ wandelndes Genie uns einen Ausweg zur Rettung ſinden läßt!“ „Mich fröſtelt“, entgegnete die andere Geſtalt, die keine geringere als Dallmer war.„Der Weg über dieſe Schwelle kommt mir vor wie der letzte Schritt zum Galgen! Denn hier entſtand auch der Plan, welcher zum Bankerott von Sedan führte.“ „Narrenpoſſen!“ herrſchte Holms und ſchob ſeinen Gefährten mit kräftiger Hand in das Gemach hinein. Die Räumlichkeit glich keinem kaiſerlichen Buen Retiro. Auf dem Parquetboden herum zerſtreut lagen die Scherben des herabgeſtürzten Kronleuchters. Sopha und Stühle waren zum Theil zertrümmert. In einer Ecke befand ſich ein Ruhebett in vollſter Unordnung. Neben demſelben bemerkte man ein Bündel Garnge⸗ ſpinnſt, das eine Art von Strickleiter zu ſein ſchien. In der Mitte lagen zwei Fäſſer, welche einen widrigen Petroleumgeruch verbreiteten. Die Feuerſäulen der brennenden Stadt warfen durch die hohen Fenſter her⸗ ein auf dieſe Gegenſtände ein unſtetes Halblicht, durch welches das Gemach ein noch beängſtigenderes Colorit erhielt, als die undurchdringlichſte Finſterniß je zu er⸗ zeugen vermocht hätte. Draußen rückte der Straßenkampf näher und näher. Schon hörte man neben dem immer furcht⸗ barer dröhnenden Donner der Kanonen das Geſchrei der Flüchtigen und das Stöhnen der Verwundeten. Dallmer ſchauerte und klammerte ſich krampfhaft an ſeinen Begleiter. „Bah!“ begann Holms und ſchob ſeinen Freund auf das Ruhebett.„Nur jetzt keine Komödie! Jedes Uebel läßt ſich durch ſich ſelbſt bannen, namentlich die Furcht.“ „Wenn Du mich von meiner Furcht erlöſen könnteſt, — Holms!“ ſtotterte Dallmavi und ſteckte ſeinen Kopf in die Kiſſen des Ruhebettes hinein.„Solch ein Aufruhr der Menſchheit wirft alle Grundſätze über den Haufen. Oder iſt's Dir nicht auch, als ob aus dieſer mit dem Toben der Elemente verbündeten Empörung heraus ein unſichtbarer Lenker zürnend flüſtere: Ihr müßt doch zuletzt mir Rechenſchaft geben von all Euern Thaten?“ Holms lachte, und wieder klang ſein Ton ſo un⸗ ausſprechbar boshaft, als ob alle Dämonen des Ab⸗ grunds ihm ſekundirten. „Ammenmährchen!“ höhnte er.„Biſt Du nicht wie der Vogel Strauß, welcher der Kugel des Jägers ent⸗ ſchlüpft zu ſein wähnt, wenn er nur den Schnabel in ſeine eignen Federn ſteckt? Laufe außer Schußweite, dann biſt Du ſicher!“ „Du verſpotteſt mich, Holms!“ „Ja, um Dich zu kuriren, Freundchen. Faße den Gegenſtand Deiner Angſt feſt ins Auge, dann ver⸗ bleicht er und Du biſt geneſen.“ „Wie kann man das, Holms?“ „Es iſt freilich nicht Jedermanns Sache, aber Du mußt es verſuchen. Sieh, ſo oft mich der Teufel der Dummheit plagen will, male ich mir die ſchauer⸗ lichſte Geſchichte vor, die je ein phantaſtiſches Hirn auszubrüten vermochte. Dann läßt der Contraſt plötz⸗ 137 lich vor meinem Zlicke die Wirklichkeit lichthell er⸗ ſcheinen und der Humoriſt in mir gewinnt die Ober⸗ hand. Ich will Dir eine Geſchichte erzählen, die mir noch ſtets durch dick und dünn geholfen.“ „Ums Himmelswillen, Holms, jetzt keine Ge⸗ ſchichte!“ „Du mußt hören, Freundchen, Du mußt! Ich bin Dein Arzt und laſſe Dich nicht aus. Die Ge⸗ ſchichte ſpielt in Bengalen und begann vor etwas mehr als vierzig Jahren. Kanut, ein Genie, dem weder Gott noch Teufel etwas galt, kaufte ein Sklavenpärchen, Hingo und Manga. Das Pärchen war, ich weiß nicht nach welchem Ritus, getraut. Seine Ehe galt nach bengaliſchem Geſetz für unauflösbar und Kanut hatte, als er das Pärchen erhandelt, die Pflicht übernommen dieß Ehegeſetz zu achten. Noch am Tage des Kaufes aber brach Kanut ſeine Pflicht, und das mit Recht, denn er wollte nur die Manga als Wärterin für ſein eigenes Weib Kanubia behalten und Hingo's Wieder⸗ verkauf trug ihm die volle Summe ein, die er eben für Beide bezahlt hatte. Es war alſo ein vernünftiges Geſchäft. Hingo ſah jedoch dieß nicht ein und war ſo unvernünftig, den klugen Kanut um ſein Recht zu bitten. Kanut hörte ihn ruhig an und fällte dann, wie ſich's für ein Genie ziemt, den ſalomoniſchen Ur⸗ ·. 138 theilsſpruch:„„So viele Stockſtreiche auf Deinen Leib, als Dein übermüthiger Vortrag mir koſtbare Sekunden geraubt!““ So geſchah es. Bald lag Hingo mit zer⸗ fleichtem Rücken halbtodt am Boden. Ehe ſein jam⸗ merndes Weib von ihm geriſſen wurde, thaten Beide heimlich ich weiß nicht was für einen Schwur. Dann kam Manga als Wärterin zu Kanut's Weib Kanubia, und Mingo gerieth, ich weiß nicht durch welchen Zu⸗ fall, in den Beſitz eines gewiſſen Sabbido, welcher damals als Kanut's grimmigſter Todfeind galt.“ „Die Geſchichte iſt alltäglich und beginnt mich zu langweilen“, fiel Dallmer ein. „Das iſt ſchon der Anfang Deiner Kriſis“, ent⸗ gegnete Holms grinſend und ſein Auge glitzerte un⸗ heimlich auf.„Höre nur weiter! Nach vielen Jahren verſöhnte ſich Kanut plötzlich mit ſeinem Todfeind Sa⸗ biddo und empfing ihn als Gaſt in ſeinem Hauſe. In derſelben Nacht aber, da dieß geſchah, wurde Sabbido ermordet und ſeine auf Millionen geſchätzte Kaſſe ent⸗ wendet. Der Verdacht des Raubmordes fiel auf Kanut und um deſſen Glücksſtern war es fortan geſchehen. Niemand dachte daran, daß Mingo aus Rache gerade in dieſem Moment das doppelte Verbrechen begangen haben könnte, und ſo entrann der muthige Sklave den Verfolgern. Er änderte ſein Kleid und ſeine Farbe, 139 und war fortan ein gemachter Mann, denn ein Dolch⸗ ſtoß hatte ihm über Nacht Freiheit und Reichthum eingetragen.“ Dallmer ſah den Erzähler ängſtlich an und ſchien mit jedem Augenblick unruhiger zu werden. Dieſer fuhr fort: „Nicht war, die Geſchichte bekommt Schliff und Humor? Höre nur ruhig zu Ende! Während Mingo ſich ſo rettete, hatte auch ſein Weib Manga nicht ge⸗ feiert. Blicken wir nochmal zurück in die Zeit, da Manga in Kanut's Haus eintrat! Wenige Wochen nachher hatte ſie ein Mädchen geboren, juſt an demſelben Tage, an welchem auch Kanut's Weib Kanubia ein Töchterchen zur Welt brachte. Manga verwechſelte die Säuglinge und Kanut merkte den Betrug nicht. So wuchs Kanut's Kind als Sklavin, und die Tochter des Sklaven als Kanut's Erbin auf. Jenes wurde weiß, dieſe blieb braun. Kanut ärgerte ſich über die ſchöne Farbe der Sklavin, und in einem Anfalle von Wuth erdolchte er ſie,— erdolchte ſein eigenes Kind und gab, mit einer Mitgift von zehn Millionen, das Kind des Sklaven als ſeine eigene Tochter einem Pflanzer aus dem Süden zur Frau!“ Dallmer ſtarrte mit einem Blick, in dem ein un⸗ 140 beſchreibbarer Ausdruck hölliſcher Folterqualen lag, regungslos auf den Erzähler. „Und dieſe Geſchichte“, wagte er kaum hörbar zu flüſtern,„ſie ereignete ſich— wo?“ „In Bengalen“, antwortete Holms kalt.„Seit der Vermählung des Sklavenkindes mit den reichen Pflanzer mögen wohl etwas über fünfundzwanzig Jahre verfloſſen ſein. Beide leben noch und ſind glück⸗ lich. Aber höre mich ohne Unterbrechung weiter an! — Kanut führte in eigener Perſon die Braut dem Bräutigam zu. In dem Zuge befand ſich auch die Sklavin Manga, Hingo's kluges Weib. Hingo wollte dieſe Gelegenheit zu Manga's Befreiung benützen. Ein Schuß ſollte den Brautzug in Verwirrung bringen und die Flucht ermöglichen. Die Kugel aber traf ſo un⸗ glücklich, daß ſie Hingo's Weib todt zu Boden ſtreckte. Der Schmerz des Gatten, der ſo wider Willen der Mörder ſeines eigenen Weibes geworden war, entzieht ſich jeder Beſchreibung. Mingo weihte ſich im Blute der Erſchlagenen zum letzten Acte ſeiner Sendung, denn noch war die Rache nicht vollendet, noch war Kanut nicht elend genug geworden, noch beſaß er einen Sohn, der ihm über Alles im Himmel und auf Erden galt. Mingo lockte den Sohn in ſeine Schlingen, und ſendete dann deſſen in Stücke zerriſſenen Körper dem Vater zu: „Ungeheuer, Dein Stamm iſt vertilgt auf Erden, und die Hand, die dieß vollbracht, wird auch Dich erreichen, ſobald Deine Stunde ſchägt.““ Dallmer ſank mit einem markerſchütternden Schrei auf das Ruhebett zurück und verhüllte ſtöhnend ſein Geſicht. Holms fuhr fort: „Armenſünders Angſt erdrückte den Vater, als er dieß ſah und las. Die Qualen einer zehnfachen Hölle in der eigenen Bruſt mit ſich fortſchleppend, keuchte er bei Nacht und Nebel hinaus in die weite Welt, warf Stand und Namen von ſich und jagte ruhelos von Land zu Land, um ſeinen unſichtbaren Rächern zu entfliehen. Doch umſonſt! Mingo folgte ihm auf den Ferſen nach. Kanut wechſelte Nationalität und Dienerſchaft. Mingo aber ſpielte ihm eine ſeiner eigenen Creaturen als Leiblakai zu und hielt ihn ſo am Stricke feſt, den er jeden Augenblick zuſchnüren konnte. Endlich, nach zwanzigjähriger Flucht ohne Raſt und Ruhe, wähnte Kanut der Spur ſeines Verfolgers entronnen zu ſein. Er machte Halt in einem romantiſchen Thal und kaufte ſich ein Schloß, um darin neu aufzuathmen. Doch ehe er durch die Pforte eintrat, ſtand auch Mingo als unſichtbarer Wächter ſchon unter derſelben. Kanut erkrankte. Da beſorgte Mingo, ein ſanfter To⸗ desengel könnte ihm ſein Opfer entführen. Daher 142 erſchien er jetzt unter erdichtetem Namen als Kamerad endlich in ſichtbarer Geſtalt am Lager des Kranken, heuchelte die dämoniſch herzloſe Rolle des Sohnes und gewann dadurch Kanut's Freundſchaft. Kanut, der Feigling, klammerte ſich an ihn, wie der Krüppel ſich an die Krücke klammert, auf der er noch mühſam vor⸗ wärts keucht. Wirklich erholte ſein Geiſt ſich ſcheinbar an dieſer Krücke. Er verbrannte auf Mingo's Rath ſein eignes Lieblingsſchloß und ließ ſich unter neuen Qualen nochmal zehn Jahre lang ruhelos von Land zu Land ſchleppen. Da, in einer ſchauerlichen Mord⸗ nacht, ging plötzlich die Krücke in Trümmer. Mingo ſtreifte die Maske ab und packte ſein Opfer an der Kehle: Scheuſal, Dein Stündchen hat geſchlagen!“ „Penno!“ heulte Dallmer und die Verzweiflungs⸗ angſt trieb ſeine beiden Augen weit aus ihren tiefen Höhlen hervor, daß ſie faſt wie zwei glotzende Thränen über die gelben Wangen herabhingen. „Ja, Penno“, lachte Holms dämoniſch auf,„Penno, der armſelige Sklave, der ſein Geſchlecht an Dir rächte! Penno, der Dir auch die letzte Wohlthat, die Wohlthat eines natürlichen Todes raubt, indem er Dich noch heute bei lebendigem Leib verbrennen wird.“ „Teufel!“ fuhr Dallmer auf und wollte ſeinen Gegner zu Boden werfen. Penno aber ſchleuderte ihn mit wuchtigem Arm zurück, daß er wie ein weggebla⸗ ſener Flaum durch das Zimmer flog und ſtöhnend in einer Ecke niederſank. „Wagſt Du Dich an meine Kraft, erbärmliches Knochengerippe?“ „Zu Hülfe!“ ſchrie Dallmer mit kläglich ſtöhnendem Organ.„Mörder! Zu Hülfe, Diener der Gerechtigkeit! Zu Hülfe!“ „Schrei ſo laut Du willſt!“ höhnte Penno. „Dein Kreiſchen übertönt die Sprache der rächenden Gottheit nicht.“ Er band Dallmer, der ſich vergebens ſträubte, mit dem neben ihm liegenden Garngeſpinnſt an Händen und Füßen und zog ſein Opfer durch den Ring, welcher für den Kronleuchter an der Decke befeſtigt war, in die Höhe, ſo daß er mitten im Gemach zappelnd in der Luft ſchwebte. Dann faltete er ſeine beiden Hände und ſtand dem Sklavenhändler, der ſich unter Schmerzen in den Lüften krümmte, ruhig gegenüber, ein betender Teufel: „Unſichtbarer, ewiger Geiſt des Weltalls, der Du das Unbegreifliche geſchehen läßt unter Deinen Ge⸗ ſchöpfen! Wenn Du das e Nahen eines blutbefleckten Räubers erhören magſt, ſo ſende jedem Tyrannen des Erdballs einen Rächer wie E nnß Dann wird endlich 8 8 8 5 8 * 8 2 8 8 144 Ruhe und Glück einkehren können unter der armen geknechteten Menſchheit.“ Nachdem Penno dieß Gebet geſprochen, ſtieß er den mit Petroleum gefüllten Fäſſern die Zapfen aus und ſteckte ſie in Brand. Dann eilte er in den Corri⸗ dor zurück, um raſch in's Freie zu entrinnen. Es war zu ſpät! Seine Helfershelfer hatten in⸗ zwiſchen nicht gefeiert. Alle Ausgänge nach unten glichen bereits einem undurchdringlichen Feuerherd. Schon von Flammen umzingelt, eilte Penno die Treppen hinan, um auf den Zinnen des Pavillons einen Ausweg ins Hauptgebäude zu ſuchen. Auch dieß war zu ſpät! Er ſah bald vor und hin⸗ ter ſich nur noch ein undurchdringliches Flammenmeer und wurde ſammt ſeinem Opfer endlich von demſelben verſchlungen. Der Brand der Tutllerien leuchtete zu den letzten Stunden des Kampfes, welchen die Rebellion gegen die geſetzliche Gewalt führte. Noch kreuzten ſich in den Lüften die Wurfgeſchoſſe wie losgelaſſene Höllengeiſter, noch erſchütterten die Donnerſchläge aufliegender Minen, weithin Verderben ausſpeiend, die Erde, noch bildete das Geheul der ſchreckerfüllten Menge und das Knattern der Gewehre eine ſchauerliche Trauermuſik zu der Tragödie, in — welcher die entmenſchten Verbrecher eben in buntem Gemiſch mit ſchuldloſen Opfern der Verhältniſſe die Qualen eines unnatürlichen Todes erlitten. Dann wurde es allmählich ſtill und ſtiller. Die Tobſucht der Raſenden war durch den Mißbrauch ihrer eigenen Macht endlich gebrochen. Als der nächſte Morgen graute, zählte man im Kalender den 26. Mai 1871. Die Herrſchaft der Commune war zu Ende. Selbſt der Himmel hatte ſich aus Entrüſtung über die Greuel, welche verübt worden waren, in düſtere Wolken gehüllt und ſchüttete jetzt gnädig ſein Regenbäche hernieder auf die glimmenden Brandſtätten, um den noch unzerſtörten Theil von Paris entweder für ein beſſeres Geſchlecht zu retten oder das moderne Babel durch langſameren Tod enden zu laſſen. Die Welt aber ſchritt, nachdem ſie ihren Abſcheu über die ungeheuerlichen Verbrechen ausgedrückt, wieder zur Tagesordnung vor, und überließ den Geſetzgebern von Verſailles ſowohl die Bewunderung der verübten Heldenthaten als auch die Sorge um Frankreichs künf⸗ tiges Loos. Wenden wir, um mit einem erfreulichen Bilde abzuſchließen, unſern Blick noch einmal auf die Perſonen, die wir am Ufer des romantiſchen Alpſees zurückge⸗ laſſen haben. Köberle, Alles um ein Nichts. III 10 146 Balduin und Mathilde leben noch. Daher muß es einer ſpätern Zeit überlaſſen bleiben, ihre wahren Namen, ſowie den Dallmer's, ans Tageslicht her⸗ vorzuziehen. Balduin, jetzt ein Greis von mehr als achtzig Jahren, hat ſich endlich in Ruheſtand geſetzt und verläßt nur ſelten mehr den bequemen Lehnſtuhl. Sein Geiſt aber blieb friſch und lebendig und er ſchil⸗ dert noch heute den ihn bereits munter umkreiſenden Enkeln die Segnungen einer nahenden Zukunft, die als gereifte Früchte aus dem letzten großen Kriege hervor⸗ wachſen und ſchöner ſein werden, als die Vergangen⸗ heit war, in welcher er gelebt und gewirkt. Mathilde, jetzt ebenfalls eine hochbetagte Matrone, macht ſich in der Umgegend durch ihren Wohlthätigkeitsſinn bei 5 merklich und gilt als eine Mutter der Armen. Die Villa, die ſie am Ufer des Alpſees neben dem rieſigen Mohren noch heutigen Tages bewohnt, heißt im Munde des Volkes ſchlechtweg„der reizende Wittwenſitz.“ Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig Ueue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Nomaden. Roman von Robert Byr. 5 Bände. 80. Elegant geheftet. Einzelpreis 4 Thlr.— Verfloſſene Stunden. Novelle von S. Junghans. 1 Band. 8o. Elegant geheftet. Einzelpreis 22 ½ Ngr. BDer nene Abälar. Roman Julius Groſſe. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Einzelpreis 1 Thlr. 15 Ngr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Inlius Günther in Leipzig. Geheimniſſe. Novellen Kark Irenzel. 2 Bände. 8 Eleg. geheftet. Preis 2 Thlr.— 3 5 König Auguſt und ſein Goldſchmied. Roman von Franz Carion. 3 Bände. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Der große Baron. Eine Geſchichte von Edmund Höfer. Zwei Bände. 160. Geheftet. 1 Thlr. 10 Ngr. . Neue Romane . aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Neipzig Non possumus. Roman von Fr. Hilarius. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Des Hauſes Eckſtein Roman von J. von Oben. 3 Bände. 80. Eleg nt geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Deutſche Kämpfe. Roman von 4 3 Levin Schücking. 2 Bände. 80 Eleg. geheftet. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Im Pann der Leid Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 5 3 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Leben um Leben. Von der Verfaſſerin von„John Halifax.“ Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr 15 Ngr. Die Rheiderburg. 3 Erzählung von Tevin Schücking. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Neue Romane Eine Erzählung aus dem Elſaß von Auguſt Becker. 4 Bände. 80. Elegant geheftet Preis Thlr. 4— 3 9 2 — Lleauor's Bieg Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſtrte Zusgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Aurann Kland. Roman von M. E. Braddon Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig Das Thurmkätherlein. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Neue Romane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig: Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Modelle. Humoriſtiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Neue Romane 33 aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Armadale. V Roman von Wilkie Collins. 1 Aus dem Engliſchen von Marie Seott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. . 2 2 4 2 2 — Ein tiefes Geheimniß. 3 Roman 1 von * Wilkie Collins. 9 Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 1— ʃ MNann und Weih. — Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis 5 Thlr.— Verlag von Ernſt Zulius Günther in eipzig. El paso de las animas. Roman von E. von Bibra. 2 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Das Vermächtniß der Millionärin. Roman 4 von E. Waldmüller-Duboc. A 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Slandes Vorurieile Roman von Alfred Steffens. 4 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Verlag von Ernſt Zulius Günther in eipzig. — Ein muthiges Weib. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 8 ⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Grurg Vnukerkung'n Teſtument. Roman Frau Henry Wood. 4 Bände. 80. Geheftet. Preis 3 Thlr. Hirell, die Tochter des Calviniſten. Roman 3 von John Saunders. Verfaſſer von„Abel Drake's wife“. 3 Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 8 3 Bände. 8o. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Neue Romane aus dem Verlage von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Mütze und Krone. Roman von Herman Schmid. 5 Bände. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr. In der Welt verloren. Eine Erzählung von Edmund Hoefer. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. — Michel. Geſchichte eines Deutſchen unſeree Zeit. Von Johannes Scherr. Zweite Auflage. 4 Bände. 80. Geheftet. Preis 3 Thlr. ¹ uruurürüuunüunuuu ſſſſſiiſſiſſiſiſe im 18 ſ 7 9 11 12 13 14 6 17