ue 60(Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———-———— auf 1 Monat: 1 Tet.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 1—„ II— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— — eeee ereeei eeeeereee eee ee eeeeeeee 1 ———————— Aelles um ein Nichts. Roman von Georg Köberle. Zweiter Band. —V—ö4 4; Leipzig, Nem-hHork, L. W. Schmidt. Ernſt Julius Günther. 1871. 8 Dreizehntes Kapitel. Die Binde fällt von den Augen. „Nicht hoffe, wer des Drachen Zähne ſä't, Erfreuliches zu ärndten!“ Schiller, Wallenſtein. Noch war ſeit dem eben erzählten Ereigniß kein volles Jahr verfloſſen, als zwiſchen den zwei Neuver⸗ mählten ſchon düſtere Schatten aufſtiegen, die, gleich den Wetterwolken am fernen Horizonte, die Vorboten tragiſcher Stürme zu werden drohten. Julius, welcher ſich jetzt Sennore Giulio Dallmavi nannte und ſeine deutſche Herkunft gegen Jedermann in Puebla verheim⸗ lichte, hatte während der Flitterwochen trefflich ver⸗ ſtanden, durch aalglatte Schmiegſamkeit ſeiner jungen Frau deren ganze Baarſchaft abzulocken. Die eine Hälfte ihres Vermögens ſollte, wie zwiſchen dem jungen Ehepaar verabredet worden war, zur Gründung eines Köberle, Alles um ein Nichts. II. 1 2 ſie ehrlich nährenden Geſchäftes, und die andere Hälfte zum Loskaufe von Sklaven verwendet werden. Kaum aber ſah ſich Julius im Beſitze des Geldes, ſo war er auch plötzlich ein anderer Menſch geworden oder fand vielmehr unnöthig, ſeinen wahren Lharatten noch länger zu verbergen. Ein Monat nach dem andern verſtrich, und Ma⸗ thilde konnte immer noch nicht wahrnehmen, ob und welche Anſtalten ihr Gemahl zur Erfüllung der Ver⸗ ſprechen treffe, die er hinſichtlich der Verwendung ihrer Kapitalien gegeben. Er befand ſich jetzt wiederholt, manchmal ſogar Tage lang, außer dem Hauſe, und ſeine Laune bei der Rückkehr war manchmal ausgelaſſen heiter, manchmal auffallend trüb. Vergebens forſchte Mathilde nach der Urſache dieſes unſteten Schaukelns zwiſchen Freude und Verſtimmung. Sie erhielt auf all ihre Fragen nur ausweichende Antworten und mußte ſich allmählich an den Gedanken gewöhnen, daß ihre Ideale von der Innigkeit eines Herzensbundes nur ein ſchon während der Flitterwochen zu Grabe getragener Traum geweſen. Julius oder, wie wir ihn fortan nennen werden, Sennore Giulio Dallmavi zeigte ſich mit jedem Tage roher und roher, und fertigte endlich die zarten Bitten ſeiner noch immer liebeerfüllten Gat⸗ tin unter Beifügung von Flüchen mit der Erklärung —— ab, daß ein Weib blind zu gehorchen und ſich weder um die perſönlichen noch um die geſchäftlichen Verbin⸗ dungen ihres Mannes zu kümmern habe. Die ſo aus ihren Himmeln geſtürzte Frau begann bitter zu weinen. „Was ſoll das Gewinſel?“ herrſchte Dallmavi rauh.„Unter allem Verhaßten ſind Weiberthränen mir das Verhaßteſte.“ „Julius“, fiel Mathilde in flehendem Tone ein und wollte noch eine Bitte beifügen. Dallmavi ſchnitt ihr jedoch raſch das Wort ab, indem er kreiſchend fortfuhr: „Du weißt Dich weder in die Sitten des Landes hineinzufügen, noch trägſt Du den Geboten der Noth⸗ wendigkeit die geringſte Rechnung. Was ſoll der Aus⸗ druck„Julius“, mit dem Du nur meine Nationalität verräthſt! Willſt Du mir als einem Ausländer viel⸗ leicht daſſelbe Schickſal bereiten, das einſt in Eskobadi's Thal Deinen Vater ereilte? Wenn Du Dir Dein alber⸗ nes Deutſch nicht endlich abgewöhnſt, ſo werde ich Dich unſchädlich zu machen wiſſen.“ Mathilde brach auf den Divan zuſammen. Ohne ſich um die unglückliche Frau noch weiter zu bekümmern oder auch nur ein Wort des Abſchiedes beizufügen, kehrte ihr Dallmavi den Rücken und verließ das Zimmer. 4 Nach einiger Zeit trat Fiore mit dem kleinen Maurizio ein. „Mama weint!“ ſagte das Kind herzig und trip⸗ pelte an den Divan. Mathilde hob ihren Liebling zu ſich empor und überſchüttete ihn mit Küßen.„Wieder“, ſagte ſie,— „wieder, wie ſchon einmal, biſt Du mein Alles. Früher war ich arm und doch, wenn ich Dich ſah, dünkte ich mich reich. Jetzt beſitze ich was mir damals zu fehlen ſchien, und jetzt bin ich nur um ſo ſchlimmer dran. O Hoffnung, wo iſt Dein Syrenenlächeln? Dahin, auf immer dahin!“ Sie verhüllte ihr Geſicht und brach aufs Neue in einen Strom von Thränen aus. Fiore trat näher und begann mit faſt zärtlicher Theilnahme:„Sennore Dallmavi, ſcheint's, hat Dich wieder einmal bös gekränkt!“ „Hörteſt Du unſer Geſpräch?“ „Nein, Sennora, aber ich ſah ihn die Treppe hin⸗ unter eilen und las in ſeinem Geſichte mehr, als mir zu entdecken lieb war. Er muß Dich ſchwer beleidigt haben.“ „Er zeigte mir nur ſein wahres Geſicht und ich kann mich darüber nicht beklagen, denn ich war ge⸗ warnt, gewarnt von Dir und von einem treuen Freunde, 5 der weit, weit weg von hier wohnt im ſchönen Lande der Deutſchen.“ „Hätteſt Du ihn, als er noch Eskobadi's Gunſt beſaß, nur einen Tag lang beobachten können, ſo wäre er nie Dein Herr geworden.“ Mathilde ſeufzte.„Weißt Du, wohin er jetzt ging?“ fragte ſie nach einer Weile. „Ich kann es vermuthen“, entgegnete Fiore und fuhr fort:„Weil ich aber nicht weiß, ob meine Ver⸗ muthung wahr iſt, ſo wage ich nicht ſie auszuſprechen.“ „Warum nicht?“ „Es würde Dich nur unglücklich machen.“ „Kann man noch unglücklicher ſein, als ich's ſchon bin? Sprich offen!“ „Wozu? Du vermöchteſt doch nicht ihn zurückzu⸗ halten.“ „So will ich wenigſtens die Tiefe meines Elends ganz kennen lernen. Wohin ging Sennore Dallmavi?“ „Je nun, Sennora, zweimal in jeder Woche bleibt er den ganzen Tag aus, Dienſtags und Samſtags. An jedem Dienſtag und Samſtag aber iſt in Puebla Sklavenmarkt.“ „Du meinſt, mein Mann beſuche den Sklaven⸗ markt?“ „Ich meine nur, daß er ſchon ſeit Monaten juſt diejenigen Wochentage, an welchen Sklavenmarkt ge⸗ halten wird, ſich hier im Hauſe unſichtbar macht.“ „Wenn Du mir Gewißheit über Deine Befürch⸗ tungen verſchaffen könnteſt, ſo würde ich es Dir als neuen Freundſchaftsdienſt anrechnen.“ „Gewißheit wäre wohl nur auf dem Sklavenmarkte ſelbſt zu finden.“ „Wagſt Du dorthin zu gehen?“ „Das Herz würde mir gewaltig klopfen, aber Dir zu Lieb ſchrecke ich auch vor dieſem ſchweren Gange nicht zurück.“ „So eile, treue Seele, und bringe mir bald die Aufſchlüſſe, nach denen ich mich ebenſo ſehr ſehne, als ch ſie fürchte!“ Fiore küßte ſchweigend Mathildens Hand und ent⸗ fernte ſich wieder. Maurizio blieb bei der Mutter, welche bis zur Rückkehr der treuen Freundin Zeit ge⸗ nug fand, ihre traurige Lage zu erwägen und auf Mit⸗ tel zur Rettung zu denken. Doch wie ſie auch ſann und brütete, kam ſie nur immer mehr und mehr zu der furchtbaren Erkenntniß, daß ſie, die von ihrem eigenen Gatten ſchmachvoll Getäuſchte, ſich überdieß in einem Lande befinde, in welchem ihr keine Hoffnung auf irgend welchen Schutz lächelte. Dieſe Erkenntniß mußte ihre Seele um ſo ſchwerer belaſten, als ſie das Bewußtſein — der Selbſtverſchuldung ihrer Lage nicht von ſich weg⸗ zuwälzen vermochte. Oder hatte vielleicht der jetzige Sennore Giulio Dallmavi ſich anders entwickelt, als von ihm bei Julius' Abſchiede aus der ſchwäbiſchen Inſelſtadt zu erwarten geweſen war? Mußte nicht Ma⸗ thilde ſich ſelbſt vorwurfsvoll bekennen, daß nur eine Verblendete unter den obwaltenden Verhältniſſen den letzten mütterlichen Rath und die Abmahnungen des edeln Grotte verachten konnte? Die Schlußworte in den Geſtändniſſen der Verſtorbenen:„Vergiß Deinen Julius, denn Du wirſt“— dieſe abgebrochenen Worte waren jetzt durch die Alles bezwingende Sprache der Ereig⸗ niſſe haarſträubend ergänzt:„Denn Du wirſt an ſeiner Seite nur elend werden!“ Und auch der Vergleich, wel⸗ chen der aufrichtige Kaufherr aus Schwaben zwiſchen der Blutdürſtigkeit des Löwen und der unheilbaren Gier ſeines eigenen verabſchiedeten Dieners gezogen,— auch er ſtimmte aufs Haar mit den ſeitherigen Erfah⸗ rungen überein.. Unter dem Drucke der Wucht dieſer Rückerinne⸗ rungen, die wenig geeignet waren, einigen Troſt in das Leid der Gegenwart zu werfen, ſeufzte Mathilde ſchwer auf. Selbſt der ſchuldloſe Blick des kleinen Maurizio, welcher zu ihren Füßen mit dem Saum des Kleides ſpielte, ſchien ihr in dieſem Moment die vor⸗ wurfsvolle Frage vorzulegen:„Warum, o Mutter, die Du mich ſo ſehr zu lieben vorgiebſt, warum haſt Du unbedacht das Glück meiner Zukunft dem Manne ge⸗ opfert, welcher Dich ſchon in derſelben Stunde betrog, der ich meine Entſtehung danken muß?“ Die Wucht dieſer Frage drückte ſo ſchwer auf das Herz der Mut⸗ ter, daß ſie darüber gänzlich vergaß, zu ihrer theilwei⸗ ſen Beruhigung ſich auch wieder die edeln Motive zu vergegenwärtigen, aus welchen der Entſchluß zu ihrer Reiſe nach Tlaskala hervorgegangen war. Fiorens endliche Rückkehr unterbrach für den Au⸗ genblick dieſe traurigen Erwägungen, jedoch nur, um Mathildens ſchwere Sorgen bald durch einen neuen Kummer zu vermehren. „Sahſt Du meinen Mann?“ rief ſie der Eintre⸗ tenden entgegen. „Ich ſah ihn“, erwiderte Fiore langſam und wiſchte ſich den Angſtſchweiß von der Stirne.„Ich ſah, was ich ungern wieder erzähle.“ „Du kannſt nichts erzählen, was mich überraſchen würde“, warf Mathilde ſcheinbar ruhig ein und fuhr fort:„Auch mein Jammer kann durch Deine Mitthei⸗ lungen nicht mehr geſteigert werden. Ich ahne, nein, ich weiß, daß Sennore Dallmavi Sklavenhändler ge⸗ worden iſt. Alſo ſage immerhin: ja!“ — — „Du haſt es errathen, Sennora“, beſtätigte Fiore mit einem tiefen Seufzer.„Dein Herr treibt ſein Ge⸗ ſchäft noch weit ſchlimmer, als ich fürchtete. Ich ſah nie einen Händler, der habgieriger und gegen ſeine Leibeigenen grauſamer war, als Sennore Dallmavi es iſt.“ „Du konnteſt ihn alſo im Verkehr mit den Skla⸗ ven beobachten?“ „In mäßiger Entfernung ſrehend, ſ ſah ich ihn von einem Afrikaner fünfzig Stücke kaufen und bald nach⸗ her die Hälfte davon um die volle Kaufsſumme wieder an einen Plantagenbeſitzer nach Georgia verhandeln. „„Ein Glückspilz, dieſer Dallmavi““, flüſterte in mei⸗ ner Nähe ein Sklaventreiber ſeinem Nachbar ins Ohr. „„Er muß mit dem leibhaftigen Herrgottſeibeiuns im Bunde ſtehen, denn an jedem Markttage gewinnt er netto ſeine zehn⸗ bis dreißigtauſend Dollars.““ Der Nachbar ſchmunzelte drauf:„„Glaub's wohl! Dallmavi war hier in Puebla vordem Eskobadi's Agent. Jetzt gelang's ihm, der Teufel mag wiſſen mit welchen Mit⸗ teln, die hieſigen Geſchäftsverbündeten ſeines frühern Chefs an ſich herüber zu ziehen. Das iſt die Kund⸗ ſchaft, die für ihn arbeitet. Eskobadi iſt wüthend über dieſe Schmutzerei, und wenn Dallmavi einmal wagt, nur ſeine Naſenſpitze zur Hauptſtadt hinaus ins offne 10 Land zu ſtecken, ſo gebe ich keinen Penns um ſein Leben.““ 1 Mathilde ſchauerte und wir wollen nicht unter⸗ ſuchen, ob ihr Schauer durch die Angſt vor der ihrem Gatten drohenden Todesgefahr oder durch den Abſcheu vor dem häßlichen Gewerbe deſſelben veranlaßt worden ſei. Vielleicht wirkten beide Urſachen beſtimmend auf den in ihrem Innern ausgebrochenen Sturm, und es war wohl ihr ſelbſt noch nicht klar, nach welcher Rich⸗ tung ſich ihre Gefühle neigen würden. Plötzlich und Beiden unerwartet trat Dallmavi ſelbſt ein. Seine Rückkehr zu ſolch ungewohnter Tages⸗ ſtunde unterbrach vorläufig jeden weitern Gedanken⸗ austauſch zwiſchen Mathilde und ihrer treuen Dienerin. Schon im Eintreten warf Dallmavi Fioren einen finſtern Blick zu, deſſen Sinn von dieſer leicht errathen wurde. Bor Schreck am ganzen Leibe bebend, entfernte ſie ſich raſch aus dem Zimmer ihrer unglücklichen Ge⸗ bieterin und überließ ſchweigend das Feld dem Tyran⸗ nen des Hauſes. „Fiore ſcheint der Gnade, die wir ihr durch die Freilaſſung angedeihen ließen, ſich mehr und mehr un⸗ werth zu zeigen“, begann in mürriſchem Tone Dall⸗ mavi, indem er der Abgehenden nachſah. „Ich finde ſtündlich neue Beſtätigungen des Ge⸗ 11 gentheils“, erwiderte Mathilde beſtimmt.„Fiore iſt mir bereits eine liebe Freundin geworden und ich be⸗ greife nicht, wie Du ein ſo ungerechtes Vorurtheil ge⸗ gen ſie hegen kannſt.“ „So? hm! Deine liebe Freundin! Was hatte ſie vorhin auf dem Sklavenmarkte zu ſchaffen?“ „Sie war auf meinen Befehl hingegangen, um Aufſchluß über Vorfälle zu ſuchen, die zu ergründen ich wohl das Recht habe.“ „Das heißt mit andern Worten: Die Perſon, welche ich als Deine liebe Freundin ſchätzen ſoll, iſt Deine Spionin und zettelt auf Deinen Befehl Intriguen gegen mich an?“ Mathilde ſchaute ihrem Gatten ſcharf ins Geſicht und entgegnete nach einer Weile gelaſſen: „Was ich Dir antworten könnte, weißt Du. Be⸗ trachte Dein Bild im Spiegel der Wahrheit, wenn Du ſchon dreiſt genug biſt, nicht vor Dir ſelbſt erblaſſen zu müſſen. Ich will dieſen Spiegel Dir nicht vorhal⸗ ten, denn es wäre zwecklos. Seit heute habe ich die Hoffnung aufgegeben, Dich je beſſern zu können. Ich habe jetzt als Mutter nur noch die Pflicht, Sorge zu tragen, daß nicht unſer kleiner Maurizio und das Kind, welches ich von Dir neu unter dem Herzen trage, einſt verworfene Geſchöpfe werden, gleich ihrem Vater. So viel menſchliches Gefühl als nöthig iſt, mir die Er⸗ füllung dieſer Pflicht zu ermöglichen, wirſt Du viel⸗ leicht noch beſitzen. Ohnehin gedenke ich Dir die Sache leicht zu machen. Da Dein— Handel in Menſchen⸗ fleiſch Dir bereits große Gewinne eintrug, ſo kannſt Du die Summe, die ich zu andern Zwecken Dir anver⸗ traute, jetzt leicht entbehren. Erſtatte mir nur die Hälfte derſelben zurück, dann will ich fern— fern von Dir zu vergeſſen ſuchen, daß und wie ich den Vater meiner verwaiſten Kinder verlor!“ Mathilde ſank nach Beendigung dieſer Worte wei⸗ nend auf den Divan nieder. Dallmavi hatte während derſelben ſich ein paar Male entfärbt und begann jetzt kopfſchüttelnd: „Du biſt ein ſeltſam geartetes Weſen. Weil ich einen Beruf wählte, der hier zu Lande nicht bloß er⸗ laubt, ſondern ſogar die Lieblingsbeſchäftigung der Ariſtokratie iſt, deshalb nennſt Du mich ein verworfe⸗ nes Geſchöpf! Mathilde, ich bin Dir gut, obgleich Du meine Zuneigung durch Deine beſtändigen Vorwürfe ſchlecht erwiderſt. Dir zu Liebe werde ich, ſobald ſich unſer Vermögen hinreichend vergrößert hat, dieß para⸗ dieſiſche Land wieder verlaſſen und jenſeits des Oceans einen Hausſtand nach Deinem Geſchmacke gründen. Noch aber liegt die Stunde unſrer Rückreiſe fern. Du wirſt Dich alſo an mich und an das hieſige Leben gewöh⸗ nen müſſen, was Dir wohl um ſo weniger ſchwer fal⸗ len kann, als Du ja im Lande Deiner Geburt weilſt und die Neigungen, denen ich huldige, auch die Deines Vaters waren. Deinen Wunſch zu erfüllen bin ich nicht in der Lage. Ich ſelbſt will die Erziehung unſrer Kinder überwachen und gedenke meine Familie bald ſo zu verſorgen, daß kein Mitglied derſelben je in irgend Jemandes Abhängigkeit gerathen ſoll.“ Ohne die Antwort ſeiner noch heftig ſchluchzenden Gattin abzuwarten, begab Dallmavi ſich in ſein Arbeits⸗ zimmer und nahm dort an dem Secretär Platz, um an einen ſeiner Geſchäftsfreunde raſch einige Zeilen zu richten, die, wie es ſchien, ſehr wichtigen Inhalts waren. Vierzehntes Kapitel. Spurlos verſchwunden. „Ach! und Trennung von geliebten Freunden Iſt uns, wie des Todes dunkle Blindheit. Für die Krankheit giebt es keinen Arzt mehr. Herder. Die Zeilen lagen noch unverſiegelt auf dem Secre⸗ tär und faſt ſchien es, als ob Dallmavi ſelbſt ſich ſcheue, den Inhalt derſelben auf ſein Gewiſſen zu neh⸗ men. Den Kopf auf die Hand geſtützt, ſtarrte er ge⸗ dankenvoll das Blatt an: „Es iſt ein ſchlechter Streich“, ſagte er zu ſich ſelbſt.„Mathilde wird raſen vor Schmerz, wenn ich ihr auch dieß Letzte entziehe. Aber es muß dennoch geſchehen. So lang Fiore hier iſt, werde ich nie Ruhe, nie häuslichen Frieden bekommen, denn ſie hetzt an meiner Frau. Drum fort mit ihr!“ Er ergriff das Blatt und las: 15 „Die Ueberbringerin dieſer Zeilen beſitzt ausge⸗ zeichnete Eigenſchaften und ſteht daher im höchſten Preis. Nimm ſie feſt und ſpedire ſie mit der Sen⸗ dung, die wir heut abgehen laſſen, auf den Markt nach Charleston! Da ſie von dem ihr bevorſtehenden Schickſal noch keine Ahnung hat und ich unangenehme Auftritte vermeiden möchte, ſo empfehle ich Dir Vor⸗ ſicht. Schaffe die Waare geräuſchlos und unter zu⸗ verläſſiger Bedeckung ſogleich fort. Ich ſichere Dir zwanzig Procente vom Reingewinn, wenn Du das Geſchäft nach meinem Wunſch realiſirſt. Dein Giulio Dallmavi. Dann couvertirte er das Blatt, ſiegelte, ſchrieb als Adreſſe auf die Außenſeite den Namen eines ſeiner Agenten, und zog die Klingel. Fiore erſchien unter der Thüre des Zimmers und fragte mit zitternder Stimme, was der Sennore be⸗ fehle. „Hier iſt ein Brief“, entgegnete Dallmavi freund⸗ lich.„Beſtelle ihn ſelbſt an ſeine Adreſſe und warte auf Antwort. Der Inhalt iſt wichtig. Beeile Dich!“ Fiore machte eine ſtumme Verbeugung und ver⸗ ließ, nachdem ſie ſich noch bei Mathilden verabſchiedet hatte, arglos das Haus, um den erhaltenen Auftrag auszuführen. 46 Auch Dallmavi entfernte ſich bald darauf wieder und ſchlug die Richtung gegen den Sklavenmarkt ein. Er hatte nicht den Muth gehabt, vorher noch ſeine Frau zu begrüßen. Das Bewußtſein der eben verübten Unthat drückte ihn ſchwerer als irgend eines ſeiner bisher begangenen Verbrechen. War es die Neuheit des Betrugs oder die demſelben zu Grund liegende Bosheit, über die ſogar ſein an Laſter aller Art bereits gewöhntes Gewiſſen nicht leichten Sinnes hinwegglei⸗ ten konnte? Raubte vielleicht die Beſorgniß, daß er die gehoffte Frucht dieſer neuen Schandthat kaum pflücken werde, ihm die bisher ſo ſtoiſche Gemüthsruhe? Selbſt die barbariſche Beſchäftigung mit den Greueln des Sklavenmarktes gewährte ihm heute nicht mehr die ge⸗ wohnte Zerſtreuung und er begab ſich bald im höchſten Unmuthe über die Unwillfährigkeit ſeiner eigenen Stim⸗ mung in eine benachbarte Locanda, um ſeine wider⸗ ſpenſtigen Gedanken durch den Genuß geiſtiger Getränke zu betäuben. Erſt ſpät in der Nacht kehrte er von dort in ungewöhnlich erregtem Zuſtande nach Hauſe zurück. Mathilde ſaß bei ſeinem Eintreten leichenblaß und regungslos wie eine Statue auf dem Divan. Ihr ge⸗ röthetes Auge bewies, daß ſie während ſeiner Abweſen⸗ heit viel geweint hatte. Der kleine Maurizio lag ruhig ſchlafend neben ihr. 47 „Du noch nicht zu Bette?“ begann Dallmavi faſt betreten über dieſen Anblick. „Das Bett ſucht, wer Schlaf fühlt“, entgegnete Mathilde monoton.„Du haſt dafür geſorgt, daß auch dieſer einzige mir bisher noch treu gebliebene Freund mich flieht.“ „Ich und wieder ich!“ brummte Dallmavi und lenkte mit ſchwankendem Schritte gegen die Seite, um Hut und Gewehr an die Wand zu hängen.„Du biſt bei guter Laune, mein Täubchen!“ Er trat gegen den Divan und bemühte ſich, ſeine Gedanken unter die Heuchlerrolle des Zärtlichen zu ver⸗ bergen.„Was denn zum Henker lief heute über die Leber meines Engels? War doch gerade dieſer Tag beſonders ausgezeichnet! Ich gewann dreißigtauſend Dollars. Wenn das ſo fortgeht, ſo werden wir bald nach Deinem Wunſche in ein Land überſiedeln können, in welchem kein Anblick von Mohrengeſichtern mehr Deine Phantaſie erhitzt. Alſo luſtig, mein Liebchen!“ Mit dieſen Worten kniff Dallmavi ſeiner Frau Zärtlich in die Wange. Mathilde fuhr ſcheu zurück, als ob ein Baſilisk ſ ſie ſich mit Würde und heftete ihr Auge ſo durchboh⸗ rend auf ihn, daß er unwillkürlich einen Schritt zurück⸗ wich und betreten den Blick zu Boden ſenkte. Schnell Köberle, Alles um ein Nichts. II. 2 ie geſtochen hätte. Dann erhob ——— ———— 18 jedoch wußte er ſich wieder zu faſſen und, über ſeine eigene Anwandlung erröthend, fuhr er wild auf: „Was ſoll das?“ Wenn er gehofft hatte, durch ſein erkünſteltes Auf⸗ flammen eine einſchüchternde Wirkung zu erzielen, ſo mußte er bald erfahren, daß er ſich dießmal bitter ge⸗ täuſcht. Schon früher haben wir in Mathildens Cha⸗ rakter einen Zug mannhafter Feſtigkeit wahrgenommen, der gerade unter den ſchwierigſten Verhältniſſen beſon⸗ ders glänzend hervortrat. Auch jetzt ſiegte der Muth der Verzweiflung über die Größe ihres Schmerzes und ſie entgegnete mit imponirender Hoheit: „Mir ſteht das Fragen zu, nicht Dir, zehnfacher Betrüger, der ohne mich nichts wäre, als ein elender Sklave. Wo iſt meine Freundin? Wo iſt Fiore?“ Unter andern Verhältniſſen würde Dallmavi auf jeden, der ihn ſo anzureden gewagt hätte, mit der Wuth einer gereizten Hyäne losgefahren ſein. In dieſem Augenblicke aber beſaß er wirklich nicht den Muth, den ſo gerechten Zorn ſeiner Gattin zu überbieten. Theils die niederſchmetternde Wahrheit des vorgebrachten Ar⸗ guments, theils der vernichtende Blick des ſchmach⸗ voll getäuſchten Weibes brachten in ihm eine Ver⸗ wirrung hervor, der er ſich nicht ſoſort zu entwinden vermochte. 19 „Fiore?“ ſtotterte er verlegen.„Ich meinte, ſie ſei bei Dir.“ „Das lügſt Du, Heuchler!“ donnerte Mathilde, während in ihrem Auge eine unbeſchreibliche? Verachtung zu leſen war.„Geſtehe, in welcher Drachenhöhle ließeſt Du meine Freundin erwürgen?“ „Ich ſchwöre Dir bei allen Heiligen, daß ich Deine Entrüſtung nicht begreife“, betheuerte Dallmavi.„Wenn Fiore nicht hier im Hauſe iſt, ſo bin ich außer Stande, Auskunft über ihr Verbleiben zu geben.“ „Bringe ſie mir zurück“, fiel Mathilde ihm ge⸗ bieteriſch ins Wort.„Bringe ſie mir zurück und ich will thun, als glaubte ich Deinen Worten.“ „Sie iſt alſo wirklich verſchwunden?“ fragte Dall⸗ mavi und ſchnitt dabei ein nach Möglichkeit albernes Geſicht. „Wie kannſt Du dieſe Frage heucheln, da Du. ſelbſt mit einem Brief meine Freundin ins Verderben gelockt?“ herrſchte Mathilde, während ſich in ihrem Ge⸗ ſichte ein eigenthümliches Gemiſch von Abſcheu und 4 Schmerz über die von der Feigheit des ſchuldbeladenen Gewiſſens ihrem Gatten aufgezwungene Verſtellungskunſt ausdrückte. „Ah“, entgegnete Dallmavi und ſtrich wie ein eben Erwachender mit der Hand über ſeine Stirne.„Jetzt 9½ 20 endlich verſtehe ich! Fiore fehlt ſchon, ſeit ich ſie mit dem Briefe fortgeſendet? Ja, da muß freilich ohne Säumen nach ihr geſucht werden. Beruhige Dich, mein Täubchen! Ich ſelbſt will gehen, und gewiß, ich bringe Dir Dein Liebchen unverſehrt zurück.“ Mit dieſen Worten griff Dallmavi nach ſeinem Gewehr, und verſchwand raſch durch die Thüre in das Dunkel der Nacht hinaus. Ging er wirklich in der Abſicht, ſein neueſtes Ver⸗ brechen wieder gut zu machen, oder war es nur darauf abgeſehen, in den Augen ſeiner Gemahlin die Schuld von ſich abzuwälzen? Jedenfalls kam er, wenn ſein Agent den erhaltenen Auftrag pünktlich vollzogen hatte, jetzt zu ſpät, um das unglückliche Negermädchen ſofort zurückbringen zu können. Fiore befand ſich, wie wir fürchten müſſen, bereits außerhalb des Gebietes von Puebla bei dem Sklaventransport, welchen Dallmavi im Laufe des vorangegangenen Tages nach Charleston hatte expediren laſſen. Inzwiſchen verbrachte Mathilde die Nacht ſchlaf⸗ los und blickte bei jedem von der Straße herübertönen⸗ den Geräuſche erwartungsvoll durch das Fenſter. Schon tagte der Morgen, als ſie noch immer vergebens auf die Rückkehr ihrer Hausangehörigen wartete. Es wurde Mittag, es wurde wieder Abend, und Mathilde befand 21 ſich mit ihrem kleinen Maurizio immer noch allein in ihrer Wohnung, ohne irgend welche Nachricht von ihrem Gemahl oder von Fiore. Erſt ſpät in der darauffol⸗ genden Nacht kehrte Dallmavi, ſcheinbar ſehr ermüdet, endlich wieder zurück. „Meine Theure“, begann er bei ſeinem Eintritt und ſeufzte ſchwer auf,„meine Theure, um den Un⸗ glücksfall noch abzuwenden, habe ich Alles gethan, was zu thun mir möglich war. Leider bis jetzt ver⸗ gebens. Ich hoffe aber, daß die bewaffneten Boten, welche ich dem Räuber nachgeſendet, ihm ſeine Beute noch werden abjagen können.“ „Wie?“, jammerte Mathilde,„Fiore iſt geraubt? Wohl gar von einem Sklavenhändler geraubt?“ „Du haſt es errathen“, beſtätigte Dallmavi und machte dabei ein ſo klägliches Geſicht, als ob ihm ſelbſt ſein liebſtes Kleinod geſtohlen worden wäre.„Wäh⸗ rend Fiore nach Uebergabe meines Briefes wieder nach Hauſe zurückkehrte, wurde ſie auf offener Straße abge⸗ fangen und mit einem Transport Schwarzer nach dem Süden fortgeſchleppt.“ „Auf offener Straße wurde ſie abgefangen oder in der Behauſung Deines eigenen Agenten?“ fragte Mathilde und ihr flammendes Auge heftete ſich durch⸗ bohrend auf das Geſicht des Heuchlers. 22 Dallmavi fuhr wild auf. Krampfhaft riß ſeine Hand das Gewehr von der Wand und es ſchien, daß er ſich zu einer unſeligen That aufraffen wolle. Mathilde rührte ſich nicht in ihrer ſcharf beob⸗ achtenden Stellung.. „Drücke immerhin los“, ſagte ſie ruhig.„Du haſt mich ſo elend gemacht, daß ich den Tod als Befreier von Dir willkommen heiße.“ Dallmavi ließ die Mordwaffe zur Erde niederglei⸗ ten und ſetzte ſich ſchweigend auf einen Stuhl. Nach einer Pauſe begann er in gemäßigtem Tone: „Dein niedrer Argwohn würde die Strafe ver⸗ dienen, zu der ich mich faſt vergeſſen hätte. Wäre mir ſchon geſtern bekannt geweſen, wie tief ich in Deiner 6 Achtung ſtehe, ſo würde ich mir die Mühen der jüngſten vierundzwanzig Stunden erſpart haben,— Mühen, die, wenn ſie auch für den Augenblick erfolglos waren, dennoch Deine Freundin wahrſcheinlich in ein paar Wochen Dir zurückbringen werden.“ „Wären Deine Verſicherungen wahr“, entgegnete Mathilde,„ſo könnte das Niemanden willkommener ſein, als mir. Leider aber“, fügte ſie ſchwer athmend bei,„leider läßt Dein bisheriges Benehmen der Hoffnung auf ſolch eine freudige Ueberraſchung keinen Raum.“ 4 ö— —, 23 „Dennoch werde ich Dir beweiſen, daß Du Dich getäuſcht“, warf Dallmavi raſch ein und fuhr in einem Tone, der ſeiner plötzlichen Herzlichkeit wegen ſich dem Verdachte der Heuchelei nur ſchwer entzog, eifrig fort: „ unſre bisherige Entzweiung beruht auf einer Verſchie⸗ denheit unſerer Anſchauungen. Würdeſt Du das Leben ſo nehmen, wie es in Wahrheit iſt, ſo hätteſt Du längſt erkennen müſſen, daß wir beide eigentlich das gleiche Ziel anſtreben und daß wir Beide demgemäß entweder gleich gut oder gleich ſchlecht ſind. Du ſuchſt in der Beſchaffenheit des Charakters das Fundament für die irdiſche Glückſeligkeit, ich dagegen kann eine ſichere Grundlage nur im Gewichte der materiellen Stützen erkennen. Sobald ich ſo viel Geld, als nach meiner An⸗ ſicht hierzu erforderlich iſt, mir erworben habe, ſo wird ſich auch unſer Zwieſpalt in Harmonie auflöſen.“ Mathilde ſchüttelte ſchweigend den Kopf. Dall⸗ mavi fuhr, ohne darauf zu achten, langſam fort: „Und was Deinen geſtrigen Verluſt betrifft, ſo tröſte Dich mit dem unumſtößlichen Erfahrungsſatze, daß Alles auf der Welt ſich erſetzen läßt. Freilich iſt es fatal, daß Dir gerade jetzt eine zuverläſſige Dienerin fehlt. Das erfreuliche Ereigniß, welches unſere Fami⸗ lie demnächſt um ein menſchliches Weſen vermehren wird, läßt ſich nicht bis zu Fiorens Rückkehr verſchie⸗ ben. Eine Wärterin, wie die Entſchwundene war, iſt nicht ſo leicht zu finden. Du mußt aus der Noth eine Tugend machen und Dich einſtweilen mit dem Erſatze begnügen, den ich Dir zu gewähren vermag. Ich werde es am nächſten Markttag nicht an Geld fehlen laſſen, um Dir das Beſte zu bringen, das eben zu bekommen iſt. Sei alſo unbeſorgt! Morgen mehr davon! Es iſt ſpät und ich bin todtmüde. Gute Nacht!“ Mit dieſen Worten verbeugte ſich Dallmavi und verſchwand in ſein Schlafgemach. Mathilde ſtarrte noch eine Weile bewegungslos vor ſich hin, dann ſtand auch ſie kopfſchüttelnd auf und trat in das Zimmer, in welchem der kleine Mau⸗ rizio ſanft ſchlummerte. Drittes Buch. Das Weib des Meſtizen. Motto:„Verrath! Ein garſtig Wonz! die Engel wenden Ihr ſtrahlend Antlitz ab, wenn ſie's vernehmen; Die Erde bebt zurück vor ſeinem Klang.“ Halm, Adept. Fünfzehntes Kapitel. Auf dem Sklavenmarkte. „Geld und Gewalt, Gewalt und Geld, Daran kann man ſich freuen, Gerecht⸗ und Ungerechtigkeit Das ſind nur Lumpereien.“ Göthe, zahme Xenien. Am zweiten Tage nach den eben geſchilderten Er⸗ eigniſſen ging es auf dem Platze, welcher dem Men⸗ ſchenſchacher geweiht war, wieder ſehr lebhaft zu. Die afrikaniſchen Agenten hatten den Markt reichlich mit neuer Waare verſorgt und es wurde manches Geſchäft im Großen abgeſchloſſen. Namentlich Dallmavi feierte wieder einen jener abſcheulichen Triumphe, die ihm ohne Anſtrengung zweimal in jeder Woche tauſende von Dollars eintrugen. Als er ſeine Tagesſpekulationen abgeſchloſſen hatte und ſchon im Begriffe war den Platz zu verlaſſen, blieb er plötzlich ſtehen und fluchte für ſich hin: „Kreuzhageldonnerwetter! Bald hätte ich das be⸗ vorſtehende Wochenbett vergeſſen. Das wäre mir eine ſchöne Geſchichte, wenn mein Hausdrache ſein Junges würfe, bevor ich ein dienſtbares Individuum herbeige⸗ ſchafft hätte.“ Sein in Abſchätzung des Menſchenfleiſches gründ⸗ lich bewanderter Kennerblick fiel auf ein friſch impor⸗ tirtes Meſtizenpaar, das ſich unter einem Troß von Leidensgenoſſen zitternd und ängſtlich an einander kauerte. Er trat zu dem Beſitzer und fragte: „Iſt dieß weibliche Weſen zum Dienſt für eine Wöchnerin und zur Pflege eines Kindes brauchbar?“ „Vortrefflich“, lautete die Antwort. „Wie hoch im Preiſe?“ „Einzeln nicht feil.“ „Wie iſt das zu verſtehen?“ „Ich gebe nur das Pärchen zuſammen ab. Es bekennt ſich zum Chriſtenthum und iſt nach dem Ritus unſerer heiligen römiſchen Kirche getraut.“ „Wie hoch denn Beide?“ „Vierthalb tauſend Dollars.“ „Ich biete zweitauſend.“ „Geht nicht.“ 29 „Es muß gehen, Sennore Vespucci. Ihr wißt, daß ich Euch an jedem Markttage für zehn bis zwanzig tauſend Dollars Waare abkaufe. Wenn Ihr um dieſer Kleinigkeit willen Schwierigkeiten macht, ſo kündige ich Euch meine Kundſchaft.“ „Ihr ſeid hart, Sennore Dallmavi!“ „Und Ihr, Sennore Vespucci, habt heute ſchon ſo viel von mir eingenommen, daß mein Säckel leer iſt. Ich habe nur noch zweitauſend baar und mache keine Schulden. Thut was Ihr wollt! Scheitert der Handel, ſo iſt meine Kundſchaft für Euch auf immer verloren.“ „So zahlt denn Eure zweitauſend und nehmt das Pärchen hin!“ ſagte Vespucci ſeufzend. Dallmavi lachte hell auf.„Hier!“ entgegnete er grinſend und ließ zwei Rollen Gold in die Hand des Piraten gleiten.„Ich wußte wohl, daß Ihr meine Kundſchaft nicht fahren laſſen mögt, Sennoͤre Ves⸗ pucci. Eigentlich bot ich Euch um die Hälfte zu viel, und ſo gewinnt Ihr an dieſem Handel abermals baare tauſend Dollars netto. Doch mag das ſein! Ihr habt ſtets gute Waare und daher gönne ich Euch den Gewinn. Laßt das Pärchen zu meinem Transport hinüber ſchaffen!“ Mit dieſen Worten wendete Dallmavi ſich gegen eine andere Ecke des Marktplatzes, in welcher bereits ungefähr ſechzig Neger zur Weiterbeförderung an ihre Beſtimmungsorte theils auf Wagen verpackt und theils eng an einander gekettet waren. Das neugekaufte Pär⸗ chen wurde von einem Diener Vespucci's hinter ihm hergetrieben. „Dieß Exemplar“,— wendete Dallmavi, auf den Meſtizen zeigend, ſich an einen ſeiner Agenten,— „dieß Exemplar kommt zum Transport nach Charles⸗ ton. Preis zweitauſend Dollars. Keinen Penns weniger.“ Dann kehrte er ſich gegen die Meſtizin um: „Du folgſt mir in meine Wohnung! Wenn Du gefügig und brauchbar biſt, ſo ſollſt Du die Ehre haben, meine Sennora in ihrem bevorſtehenden Wo⸗ chenbett bedienen zu dürfen.“ Die Angeredete brach halb ohnmächtig in die Kniee zuſammen. Der Meſtize fing ſein jammerndes Weib mit beiden Armen auf und zog es zu ſich empor. „Sennore“, wendete er ſich ſodann in flehendem Tone an Dallmavi,„ſo grauſam könnt Ihr nicht, werdet Ihr nicht mit uns verfahren.“ „Was kann ich nicht, Du naſeweiſer Fant?“ herrſchte Dallmavi kalt. „Uns trennen, Sennore“, fiel der Sklave ein und 31 warf ſich demüthig zu Dallmavi's Füßen nieder.„Ein Band, das auch Euch heilig ſein muß, vereinigt uns Beide unzertrennlich für Zeit und Ewigkeit.“ „Willſt Du, elender Sklave, mir das Geſetz vor⸗ ſchreiben, nach dem ich Dich behandeln ſoll?“ lhnte Dallmavi und begann hellauf zu lachen. Die umſtehenden Agenten und Sklavenwäͤchter machten den Chorus zum Hohne ihres Herrn und bra⸗ chen einſtimmig in ein teufliſches Gelächter aus. Der Meſtize knirſchte mit den Zähnen und ſein aufflammendes Auge ſchoß wild im Kreiſe umher. Ein warnender Blick ſeines Weibes erinnerte ihn noch rechtzeitig, wie wenig unter dieſer herzloſen Geſellſchaft eine Aeußerung der entrüſteten Gefühle geeignet wäre, die Lage der Unglücklichen zu beſſern. „Dulden iſt das Loos der Sklaven“, begann das zitternde Weib mit ſichtlich großer Anſtrengung.„Mein lieber Penno, wenn wir den mächtigen Sennore de⸗ müthig bitten, ſo wird er erlauben, das wir beide wenigſtens unſer Elend in Gemeinſchaft tragen dürfen.“ Penno drückte ſein kluges Weib feurig an ſeine Bruſt. „Du haſt recht, meine theure Malva“, entgegnete er mit nicht minderer Selbſtüberwindung.„Gott ſieht dieſen Auftritt und ich flehe zu ihm, daß er den Hohn 32 unſerer Unterdrücker ihnen nicht zur Sünde anrechnen möge!“ Dann ſich gegen Dallmari wendend, fuhr Penno unterthänig fort: „Sennore, der Himmel weiß, wie weit ich im Ge⸗ fühle meiner Ohnmacht von dem Gedanken entfernt bin, Euch ein Geſetz vorſchreiben zu wollen. Meine Malva und ich wenden uns nur bittend an Euer menſchliches Gefühl. Wie Ihr ſchon an unſerer Sprache erkennen werdet, iſt keines von uns in der Sklaverei geboren worden. Wir beide genoſſen eine gute Er⸗ ziehung und lebten in ungeſtörter Freiheit und in glück⸗ lichem Wohlſtande auf unſerer Farm, bis wir— es ſind ſeither kaum zwei Monate verfloſſen— durch den Ueberfall einer Räuberbande Freiheit und Wohlſtand auf Einen Schlag verloren. Selbſt der Pirat Ves⸗ pueci, welchem wir bei der Theilung der Beute zufielen, empfand für unſern ſchrecklichen Schickſalswechſel einiges Mitleid und verſprach, uns nie zu trennen. Sennore, Ihr vernahmt das aus Vespucci's eigenem Munde. Die Zuſage, uns nicht zu trennen, war die eine von den zwei Bedingungen, unter welchen er uns käuflich an Euch abtrat. Verfahrt menſchlich, Sennore! Haltet Wort!“ „Du mahnſt mich an ein Wort, das ich nie ge⸗ geben, und biſt dennoch dreiſt genug zu behaupten, daß Du mir kein Geſetz vorſchreiben wolleſt 77 33 Dallmavi ſah, während er dieß ſprach, den Me⸗ ſtizen ſpöttiſch lächelnd an. Dieſer erhob ſeine zitternde Hand und fuhr in aufgeregtem Tone fort:„Bedenkt, Sennore, daß eine allwaltende Vorſehung beſteht und daß Eure Gewalt über uns keine ewige Dauer hat! Fügt nicht zum gräßlichen Unrecht noch den verächtlichen Hohn, indem Ihr dem Flehen des namenlos Elenden einen Sinn andichtet, der nicht in ſeiner Rede lag. Schaut auf mein ohnmächtig niedergeſunkenes Weib! Kann es auf Erden noch eine erbarmenswerthere Jammergeſtalt geben, als ſolch ein hülfloſes Geſchöpf, das gezwungen iſt, als einziges ihm noch gebliebenes Gut die gemein⸗ ſame Tragung der ſeinem Manne aufgeſchmiedeten Sklavenketten zu erbetteln und dem ſogar dieſe Bitte verweigert würde?“ „Und was thäteſt Du, wenn ich ſie wirklich ver⸗ weigere?“ warf Dallmavi leicht ein. Penno's Auge flammte wild auf. „Sennore“, entgegnete er raſch,„auch der Sklave weiß ſich manchmal zu rächen, wenn man ihn durch ein unerträgliches Uebermaß von Jammer zur Ver⸗ zweiflung treibt.“ „Das meinſt Du?“ erwiderte Dallmavi lachend. Köberle, Alles um ein Nichts. II. 3 34 „So! hm! Verſuche denn, wie weit Du mit Deiner Rache kommſt!“ Er zog ſeine Taſchenuhr hervor und fuhr fort: „Dein alberner Widerſtand hat mir zehn Minuten Zeit geraubt. Dafür erhältſt Du zehn Stockſchläge und folgſt ſodann Deiner Beſtimmung!“ Ein Schrei des Entſetzens drang aus Malva's Munde. Krampfhaft umklammerte ſie mit bebenden Händen ihren geliebten Mann und vief:„Nie, nie ſollen ſie Dich zerfleiſchen dürfen! Ich— ich decke Dich mit meinem eigenen Leibe und ehe Dir ein Leid geſchieht, müſſen ſie mich todt ſchlagen.“ „Reißt die Närrin von ihm hinweg!“ herrſchte Dallmavi gegen ſeine Sklavenhüter.„Sie mag Zeu⸗ gin der Strafe ſein, die ich über den Widerſpänn⸗ ſtigen verhängte. Dann ſchafft ſie in meine Wohnungl!“ Mit dieſen Worten kehrte Dallmavi der Gruppe den Rücken zu und verließ den Marktplatz. Während die Sklavenhüter die Vorbereitungen zum Vollzuge des grauſamen Actes trafen und nicht ſonder⸗ lich auf das Geſpräch der zwei Unglücklichen achteten, wechſelten dieſe in einer den Wächtern unbekannten Sprache einige Worte. Der Inhalt derſelben war ohne Zweifel von Wichtigkeit; denn Penno's Auge nahm plötzlich den Ausdruck einer trotzigen Energie an und 35 aus Malva's Augen blitzte mehr und mehr ein dia⸗ boliſches Feuer hervor. Hätten die Wächter aus den Mienen des Meſtizenpaars den Sinn der gewechſelten Worte errathen können, ſo würde ſich ihnen die Ge⸗ wißheit aufgedrängt haben, daß Beide über einen der teufliſchen Herzloſigkeit Dallmavi's ebenbürtigen Rache⸗ plan brüteten. So aber waren die Wächter gedanken⸗ loſe Individuen, welche nur auf die körperlichen Be⸗ wegungen achteten und keine Ahnung von der begin⸗ nenden Oppoſition zweier in ihrem Innerſten empörten Seelen erhielten. Wenn ſie gehofft hatten, daß Penno's Winſeln und Malva's Jammern ihnen ein ihrem grauſamen Sinne willkommenes Schauſpiel bereiten würden, ſo konnten ſie ſich bald vom Gegentheil überzeugen. Die zwei Leidensgefährten waren plötzlich wie verwandelt. Widerſtandslos ließ Penno ſich auf den Block binden und empfing ſeine Streiche, ohne das geringſte Zeichen des Schmerzes zu verrathen. Malva glich eher einer Statue als einem lebenden Menſchen. Nichts in ihrer Miene ließ den ungeheuern Schmerz ahnen, den auch ſie durch die ihrem Manne widerfahrende Mißhand⸗ lung erduldete. Nur am Schluſſe der Exekution erhob ſie die Hand zum Himmel und lispelte in eigenthüm⸗ lichem, faſt geiſterhaft farbloſem Tone: 00 36 „Gott ſah's!“ „Ja, Gott ſah's“, wiederholte Penno dumpf. „Aber nicht der Gott unſerer Peiniger, ſondern unſer Gott. Halte Du, was wir uns gelobten.“ „Ich hab's geſchworen“, entgegnete Malva feierlich. Beide drückten ſich nochmal herzlich die Hand und wechſelten einen ſtummen und dennoch vielberedten Blick. Dann wurden ſie von Dallmavi's Schergen aus⸗ einander geriſſen. Ruhig ließ ſich Penno an den Troß der Unglück⸗ lichen ketten, welche gleich ihm zum Verkaufe auf dem Sklavenmarkt nach Charleston beſtimmt waren. Und ebenſo ruhig trat Malva an der Seite ihres Wächters den Weg in Dallmavi's Wohnung an. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Sechszehntes Kapitel. Eine Stunde nach der Geburt. „Es ſä't der Menſch, doch ob den Saaten wacht Still eine dunkle, räthſelvolle Macht.“ A. Grün,(Cincinatus) Schutt. Malva bewegte ſich in ihrer neuen Stellung mit geſchickter Schmiegſamkeit, die ihr ſehr bald Mathil⸗ dens Sympathieen und ſogar Dallmavi's Wohlwollen gewann. Faſt ſchien es, als ob ſie die Trennung von ihrem geliebten Penno vollkommen vergeſſen und ſich in ihr hartes Loos, welches übrigens durch die Gut⸗ herzigkeit der Gemahlin des Sklavenhändlers nach Kräften gemildert wurde, behaglich hineingefunden hätte. Mathilde ihrerſeits, welche trotz vielfachen Bittens von Dallmavi keine Auskunft mehr von Fiore erhalten konnte, gab ſich nicht ohne den Anſchein von Berechti⸗ 38 gung der Hoffnung hin, daß ſie in der neuen Dienerin einigen Erſatz für die Verlorene gefunden habe. Malva wurde etwa vierzehn Tage nach ihrer An⸗ kunft unwohl und konnte ihr Gemach nicht verlaſſen. Niemand kümmerte ſich um ſie, da Mathilde ſelbſt leidend zu Bette lag und Dallmavi wieder ſeinen Lieb⸗ lingsſpeculationen nachging. In ihrer Einſamkeit ge⸗ bar ſie ein Mädchen, legte das neugeborne Kind ſorg⸗ fältig eingewickelt auf weiches Moos und raffte ſich dann wieder auf, um ihrer leidenden Herrin beizuſtehen, die, wie Malva wußte, ebenfalls unter Mutterwehen darniederlag. Noch an demſelben Tage wurde auch Mathilde von einem Töchterchen entbunden. Außer Malva be⸗ fand ſich im Momente der Geburt Niemand im Zimmer der Wöchnerin, da der Arzt, nach dem man geſchickt, ſich noch nicht hatte auffinden laſſen und auch der Diener, welcher ihn ſuchte, nicht zurückgekehrt war. Eine Stunde verging, bereits hüllte die Nacht den Erdkreis in düſtre Schatten ein und Malva befand ſich immer noch allein bei ihrer Herrin. Mathilde war vor Ermattung feſt eingeſchlafen und auch die kleine Weltbürgerin ſchien ſanft zu ſchlummern. In dem Zimmer herrſchte undurchdringliches Dunkel und lautloſe Stille. Man konnte jeden Athem⸗ 39 zug der Schlafenden und die leiſeſten Bewegungen Malva's hören. Da klang es, als ob ganz ſachte eine Thüre geöffnet und nach ungefähr zehn Minuten eben⸗ ſo ſachte wieder geſchloſſen würde. Wahrſcheinlich war Jemand auf den Zehenſpitzen aus⸗und eingeſchlichen. Ob es Malva oder irgend eine andere Perſon geweſen, das blieb im Schleier der Nacht begraben. Nur wie Geiſterflüſtern konnte man aus einer tief bewegten Bruſt kaum hörbar die Worte vernehmen:„Gebe der Gott der Rache, gebe der Gott der Mutterliebe, daß dieſe That gelinge!“ Aber es befand ſich Niemand in der Nähe, der das Flüſtern vernahm, Niemand außer — Malva! Wenige Minuten nach der eben geſchilderten Be⸗ gebenheit trat der Herr des Hauſes und zugleich mit ihm der Hausarzt ein. Mathilde ſchlief noch feſt. Malva machte Licht. Der Arzt warf einen prüfenden Blick auf die Wöchnerin und flüſterte dann gegen Dallmavi: „In beſter Ordnung. Ich gratulire!“ „Leuchte auf das Kind!“ gebot Dallmavi der Sklavin. Zitternd gehorchte Malva, während über ihre Stirne herab Tropfen des Angſtſchweißes rannen. Dallmavi war beim Anblick ſeiner neu angekom⸗ 40 menen Tochter vor Schrecken wie erſtarrt. Auch der Arzt neigte ſich lange forſchend über die Kleine hin. Und in der That ſchien jener Schrecken und dieſes Forſchen einen gewichtigen Grund zu haben. Das ruhig ſchlafende Kind ſah im Schein der Nachtlampe auffällig braun aus und glich eher einem neugebornen Zigeunermädchen, als einem Säugling von rein weißer Race. Endlich beugte der Arzt ſich gegen Dallmavi zu⸗ rück und flüſterte: „Ebenfalls in Ordnung!“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ fragte Dallmavi ungläubig. „Mein voller Ernſt“, betheuerte der Arzt.„Ich halte die Kleine für kerngeſund.“ „Das mag ſein, aber—“¹. Dallmavi hielt inne, als ſcheute er ſich, ſeinen Gedanken ungeſchminkten Ausdruck zu leihen. „Aber?“ wiederholte der Arzt fragend. Dallmavi warf einen eigenthümlichen, faſt ſcheuen Blick auf ſeine noch immer ſanft ſchlummernde Ge⸗ mahlin und antwortete dann: „Herr Doctor, begleiten Sie mich in mein Bureau!“ Beide verließen das Schlafgemach und traten in ein von Kiſten und Geldſchränken gefülltes Lokal. 41 Nachdem Dallmavi die eiſerne Thüre hinter ſich wieder geſchloſſen, fuhr er fort: „Herr Doctor, halten Sie es für möglich, daß ein derart gebräunter Balg mein Kind, wirklich mein eigenes leibhaftes Kind ſein könne?“ Der Arzt ſah ihn einige Augenblicke ſchweigend an, ehe er entgegnete: „Sennore Dallmavi, bevor ich Ihre Frage beant⸗ worte, müßen Sie mir eine Gegenfrage erlauben.“ „Sprechen Sie, Herr Doctor!“ „Halten Sie Ihre Gattin einer Treuloſigkeit fähig?“ „Bis heute hätte ich auf die mackelloſe Treue meiner Frau geſchworen“, verſicherte Dallmavi mit großer Beſtimmtheit.„Ich geſtehe offen, wenn dieſer zuverſichtliche Glaube an Frauenehre mich getäuſcht, ſo bin ich außer Stande, in Zukunft noch an irgend eine weibliche Tugend zu glauben.“ „Dann“,— entgegnete der Arzt beſchwichtigend, —„dann würde ich an Ihrer Stelle meine auf Er⸗ fahrung begründete Zuverſicht nicht durch ein Spiel der oft blind waltenden Natur erſchüttern laſſen.“ „Sie halten die Farbe des Kindes nur für ein blindes Naturſpiel?“ fragte Dallmavi erwartungsvoll. „Für nichts Anderes“, betheuerte der Arzt zuver⸗ 42 ſichtlich.„Die Lebensweiſe, die Speiſen und Getränke, die äußern Eindrücke und überhaupt die Gemüthser⸗ ſchütterungen der Mutter, welcher Art ſie auch ſein mögen, wirken manchmal auf das Ausſehen der Neu⸗ gebornen entſcheidender ein, als von den Laien der Wiſſenſchaft für möglich erachtet wird.“ „Auch auf die Farbe?“ fragte Dallmavi ungläubig. „Auf Farbe und Geſtalt“, entgegnete der Hausarzt. „Wie ich bemerkt zu haben glaube, beſitzt Ihre Frau Gemahlin ein weiches Gemüth, und nimmt in hierzu⸗ lande ſeltenem Grad Antheil am traurigen Loos der Sklaven. So kann ich mir denn die Veranlaſſung des allerdings ungewöhnlichen Naturſpiels leicht erklären. Wahrſcheinlich iſt Ihre Gemahlin in den erſten Mo⸗ naten ihrer Hoffnung plötzlich und unvorgeſehen Augen⸗ zeuge irgend welcher an einem Farbigen verübten Miß⸗ handlung geweſen. Der dadurch ihr verurſachte Schreck und Schmerz ſpiegelt ſich jetzt in dem Ausſehen des Kindes ab.“. „Iſt das nur Ihre unmaßgebliche Anſicht oder ein durch die Wiſſenſchaft beſtätigter Erfahrungsſatz?“* warf Dallmavi immer noch ungläubig ein. „Beides zugleich“, entgegnete der Arzt, der ſich ſichtlich Mühe gab, die ihm ſelbſt verdächtige Erſchei⸗ nung nach Möglichkeit harmlos zu deuten.„Ich bitte —y — 43 Sie, Sennore Dallmavi, um Ihrer Ruhe willen an den gegebenen⸗Aufſchlüſſen feſt zu halten!“ „Meinen Dank für dieſen Rath, den ich in Er⸗ wägung ziehen will,“ verſicherte Dallmavi freundlich, indem er durch eine verabſchiedende Handbewegung die Fortſetzung des Geſprächs abſchnitt.„Gute Nacht für heute, Herr Doctor!“ „Angenehme Ruhe, Sennore Dallmavi“, ſchloß der Arzt und entfernte ſich. Dallmavi blieb in ſeinem Bureau allein zurück. Er ſah dem Wegeilenden nach, bis dieſer das Haus verlaſſen. Dann ſchloß er die Thüre ſeines Bureau hinter ſich feſt ab und öffnete einen ſeiner Schränke, in welchen das von ihm gewonnene Gold bereits maſſenhaft aufgeſchichtet war. Augenſcheinlich wollte er durch dieſen Anblick ſein rebelliſches Gemüth wieder in eine behaglichere Stimmung hinein wiegen. Er überzählte die aufgeſchichteten Haufen, welche bereits den anſehnlichen Werth einer Million Dollars re⸗ präſentirten. Dennoch fand er nicht was er ſuchte. Mürriſch ſchlug er endlich den Schrank wieder zu und blieb, ſich mit der Hand auf ihn lehnend, ſtehen. Der Luftdruck, den das Fallen der Thüre veranlaßt hatte, blies das Licht aus und der Herr der Million ſtack plötzlich in undurchdringlicher Finſterniß. 4 Da war's ihm, als tauche die Geſtalt ſeines Ju⸗ gendfreundes Karl vor ihm aus der Finſterniß auf und riefe lachend:„Siehſt Du jetzt ein, daß es für den Menſchen Güter gibt, die nicht mit Haufen Goldes zu erkaufen ſind?“ Erſchreckt über dieſe Erſcheinung machte er raſch wieder Licht und durchſuchte alle Winkel und Ecken des Gemachs, um der Urſache des Spuckes nachzu⸗ ſpüren. Er fand nichts. Die Erſcheinung war nur eine Sinnentäuſchung geweſen. Unmuthig warf er ſich endlich aufs Sopha und ſtierte wild vor ſich hin. „Was iſt der Menſch“, ſagte er zu ſich ſelbſt, „wenn ſeine eigene Einbildung ihm Schreckgeſtalten vorſpiegeln darf, die nirgends beſtehen! Warum kann der bloße Verdacht in einer Sache, die mir ſelbſt bis heute ſo gleichgültig ſchien, meine Manneskraft nieder⸗ werfen? Pfui über meine eigene Schwachheit!“ Wüthend über ſich ſelbſt ſprang er wieder auf und ſchritt mit verſchränkten Armen in ſeinem Bureau hin und her. „Ich gab Mathilden Anlaß, mir ihr Herz zu ent⸗ ziehen“, begann er wieder.„Ihre Liebe und Anhäng⸗ lichkeit ſchienen mir gleichgültig zu ſein und ſie waren mir auch in Wahrheit gleichgültig. Warum ſind ſie 45 es nicht mehr, ſeit ich fürchten muß, Beides verloren zu haben?“ Er blieb wieder ſtehen und fuhr dann ſinnend fort: „ Aber iſt es denn gewiß, daß dieſes Kind die Frucht einer Treuloſigkeit ſei? Der Arzt nannte ſeine Farbe ein Spiel der blinden Natur! Warum erſchreckte mich dieſe Erklärung faſt mehr, als die Beſtätigung meines urſprünglichen Verdachtes mich hätte erſchrecken können? Warum ſpielte die Natur gerade mit mir ſo abſonderlich? Warum macht der Gedanke an die Mög⸗ lichkeit ſolch eines Naturſpiels mich beben vor einem unbekannten Etwas, deſſen Exiſtenz ich mir bis heute leugnete? Mein Kind trägt die Farbe der Race, die ich knechte, die Farbe der Race, aus deren Elend ich meine Reichthümer vreſſe! Iſt die Natur, die ſolche Spiele treibt, blind oder waltet hinter ihr jene all⸗ ſehende Macht, der ich trotzend geſpottet? Tauchte in der Farbe meines Kindes vielleicht eine erſte Andeu⸗ tung des Kainszeichens auf, mit dem jene höhere Ge⸗ rechtigkeit meine Thaten und Wege brandmarken will?“ Dallmavi ſchauerte bei dieſem Gedanken zuſammen. Zum Erſtenmale hatte an ſeinem Gewiſſen die erdrü⸗ ckende Angſt des ſchwer belaſteten Sünders leiſe ange⸗ pocht. Aber es war nur ein kurzer Moment, während deſſen er dem Drängen dieſes unheimlichen Gaſtes Gehör ſchenkte. „Narrenpoſſen!“ rief er plötzlich und diaboliſch auflachend aus.„Verfluchte Nachklänge der Ammen⸗ mährchen, die man im altersſchwachen Europa ſchon den Säuglingen in der Wiege vorleiert und noch den groß gewachſenen Kindern durch die Pfaffen von der Kanzel herab eintrichtern läßt! Es gibt keine vergeltende Gottheit über uns, und Strafe für die kühnen Com⸗ binationen ſeines Geiſtes erduldet nur der, der ſchwach genug denkt, um ſich durch den Glauben an das alte Ammenmährchen peinigen zu laſſen. Hinweg, hinweg mit dieſen Poſſen!“ Dallmavi ſetzte ſich an einen Tiſch und ſtützte den Kopf auf ſeine Rechte. Gedankenvoll und ſchweigend verharrte er wohl eine Viertelſtunde lang in dieſer Stellung. Nur einige Zuckungen und das krampfhafte Fibriren ſeiner Augen ließen noch auf die Heftigkeit ſeiner innern Aufregung ſchließen. Endlich lispelte er ſcheinbar ruhig vor ſich hin: „Immerhin bleibt die Farbe des Kindes eine für mich widrige Thatſache. Vielleicht aber iſt dieſe Farbe im Glanz der Sonne nicht ſo dunkel, als es beim düſtern Schein der Oellampe ſchien. Ich will nochmals 47 mit hellerem Lichte den unwillkommenen Sprößling meines Chebettes prüfen.“ Er erhob ſich und ſchlich in das Gemach ſeiner Frau zurück. Mathilde und der Säugling ſchliefen noch ruhig wie zuvor. Malva ſaß neben der Wiege des Kindes. Dallmavi zündete vier Lichter an und blieb dann lange ſchweigend vor der Wiege ſtehen. Das Reſultat ſeiner Beobachtungen ſchien kein günſti⸗ geres zu ſein, als es das Erſtemal geweſen war. End⸗ lich wendete er ſich gegen Malva: „Du zitterſt!“ „Ich bin ſehr leidend, Sennore“, entgegnete Malva mit ſchwacher Stimme.„Ich habe Fieber.“ „Das heuchelſt Du vielleicht, um des Nachtdienſtes bei meiner Frau enthoben zu werden!“ „Gewiß nicht, Sennore. Ich kenne meine Pflicht und der geſtrenge Sennore kann beruhigt zu Bette gehen. Ich werde den Nachtdienſt beſorgen.“ „Das erwarte ich“, brummte Dallmavi und ver⸗ ließ mit einem flüchtigen Blicke auf ſeine Frau das Gemach. In ſeinem Schlafzimmer angekommen, ging er noch lange auf und nieder, bis er ſich endlich gegen Mitternacht auf ſein Bett warf. Aber der Schlaf, dieſer erſehnte Freund aller Traurigen, floh dießmal ſein Lager. Unbehaglich, von tauſend widrigen Ge⸗ danken gequält und geängſtigt, wälzte er ſich hin und her, und verſank erſt gegen Morgen in einen ermü⸗ denden Schlummer. Da ſtiegen im Traume die Geiſter der Vergangen⸗ heit rings um ſein Bett empor und begannen einen hölliſchen Tanz. Zuerſt Fiorens todtbleiches Antlitz mit von Weinen erblindeten Augen, Grotte's und Karls verächtlich auf ihn hernieder ſtarrende Häupter! Dann ſprangen rings umher aus den Wänden die Sklaven von Eskobadi's Thal und die Legion der Märtyrer, durch deren Verkauf auf dem Markt von Puebla er dem Mammon ſchauerliche Opfer gebracht! Sie alle trugen ſchwere Goldſäcke und warfen ſie vor ſein Lager, ſo daß das blinkende Metall ſich zu Bergen an⸗ häufte. Hoch über der Gruppe des keuchend ihn um⸗ raſenden Sklaventroſſes ſchwebte in Geſtalt eines Engels Mathildens liebliches Bild. Sie winkte hinweg und ſtreckte die Hand nach ihm aus, um ihn zu ſich empor zu ziehen. Aber er konnte das liebliche Bild nicht erreichen und ſah es weinend im blauen Aether wieder verſchwinden. Da begannen die Goldſäcke zu rauſchen und zu praſſeln. Hohnlachend floh die Sklavenſchaar vom Schauplatze der beginnenden Zerſtörung. Der Goldberg verwandelte ſich in eine glühend ihn um⸗ 49 züngelnde Maſſe und mit verbrannten Gliedern wurde er endlich hinein geriſſen in den metallenen Feuerſtrom, der ihn zu verſchlingen drohte. Entſetzt und einen markerſchütternden Angſtſchrei ausſtoßend, ſprang der arme Millionär von ſeinem Nachtlager auf und ſank in der Mitte des Schlafge⸗ maches halb noch ſchlafend und halb ohnmächtig auf den koſtbaren Fußteppich nieder. Die eben heiter und ruhig aufgehende Morgen⸗ ſonne beleuchtete dieſe Scene. Dallmavi ſtarrte zur Königin des Tages verwirrt empor, ſo wie er ſchon früher einmal verwirrt die Welt angeſtarrt hatte, als am Weichbild von Puebla die ihn befreienden Engel Mathilde und Fiore die Binde von ſeinen Augen hin⸗ wegnahmen. Köberle, Alles um ein Nichts. II. 4 A „» Siebenzehntes Kapitel. Das Erwachen. „Du ſahſt die Schlang' einmal und Dein beſorgter Blick Sieht nun die Schlang' am Weg in jedem alten Strick.“ Rückert, Weisheit des Bramahnen. Es bedurfte einiger Zeit, ehe Dallmavi Traum und Wirklichkeit von einander zu ſcheiden vermochte. Die erbarmungsloſe Nemeſis hatte ihre Arbeit an ihm begonnen, das hohle Balkenwerk ſeines ſophiſtiſchen Baues war durch die Snragekattn des neckenden Morpheus erſchüttert und Dallmavi ſtrebte jetzt mühſam, den Nachhall dieſer Erſchütterung mit neuen Sophismen zu übertönen. Dennoch raffte er ſich allmählich auf, um fortan einen ungleichen Kampf nicht nur gegen die Außenwelt, ſondern auch gegen ſein eigenes rebelliſch gewordenes Gewiſſen zu verſuchen. 51 Er begann ſich anzukleiden und öffnete ſodann einen Secretär, um einige auf ſeine neueſten Geſchäfts⸗ abſchlüſſe bezüglichen Papiere zu ordnen. Je länger er in denſelben herumblätterte, deſto unkennbarer wur⸗ den die Eindrücke der Angſt, welche die Schreckgeſtalten des Traumes ſeinem Geſichte aufgeprägt hatten. Bald ließ kein Zug mehr die Stürme ahnen, von welchen ſeine Seele eben noch umhergeſchaukelt worden war. Er ſchien wieder ganz der frühere unempfindſame Spe⸗ culant zu ſein und berechnete wohlgefällig die Summe der Gewinne, die er während des laufenden Quartals bereits erzielt. Das Reſultat mochte über ſeine kühnen Erwartungen günſtig lauten, denn lächelnd begann er vor ſich hin zu klügeln: „Die erſten einmalhunderttauſend Dollars hatte ein günſtiger Zufall mir in die Hände gewürfelt, die erſte Million koſtete mir Schweiß und Mühen, die wei⸗ tern Millionen werde ich faſt ſpielend gewinnen, und wenn die Zahl zehn erreicht ſein wird, ſo muß mein Reichthum von ſelbſt durch Admaſſirung der Zinſen wachſen. Iſt das nicht Glück zu nennen? Was war ich für ein Thor, daß ich durch ein Alpdrücken mich ſchrecken ließ! Gäbe es eine allſehende Nemeſis für ge⸗ wiſſe Thaten, ſo würde ſie wohl zunächſt den Ertrag meiner Speculationen vernichten. Mir aber wächſt 4 52 das Gold unter den Händen, wie in den Gärten mei⸗ ner Nachbarn das Unkraut. Was ſoll gegenüber dieſer Thatſache mir ein Traum bedeuten? Thue ich etwas Anderes, als was auch die Natur ſelbſt an ihren Ge⸗ ſchöpfen vollzieht? Die Natur läßt die ſchwächeren Pflanzen vom üppigeren Strauchwerk überwuchern, daß ſie zu Grunde gehen; die Natur ſchuf die ſchwächeren Thiere zur Beute der ſtärkeren!— Und gab ſie den Menſchen ein Geſetz, das von jenem der Pflanzen⸗ und 3 Thierwelt ſich unterſchiede? Stammt nicht alles menſch⸗ liche Recht von der Gewalt des Stärkeren her? Wenn ich zurückblicke in die Geſchichte der alten Welt, ſo finde ich, daß oft die Gründung ſelbſt der glänzendſten Mo⸗ narchieen von dem betäubenden Fauſtſchlage eines Raub⸗ ritters abzuleiten iſt. Und fragt deßhalb Jemand nach dem Entſtehungsgrunde der Gewalt? Gilt ſie nicht, eben weil ſie die Macht hat, als Geſetz? Und was als Geſetz gilt, das iſt das wahre Recht.“ Der Eintritt ſeines Hauptagenten unterbrach vor⸗ läufig die Fortſetzung dieſer ſophiſtiſchen Troſtgründe. Der Agent überreichte den Rechnungsabſchluß vom letz⸗ ten Sklaventag in Charleston. „„Wie hoch mein Gewinn?“ fragte Dallmavi. „Fünfundſechzig tauſend Dollars netto“, lautete die Antwort. — 53 „Nicht übel“, ſchmunzelte Dallmavi und ſah flüch⸗ tig auf das überreichte Papier. Dabei fiel ſein Auge auf den Name Fiore, der unter der Zahl der Ver⸗ kauften die Summe von viertauſend Dollars repräſen⸗ tirte. Wie von einem Pfeile geſtochen, ließ er das Blatt auf den Secretär gleiten. Purpurröthe, die ſelbſt dem Agenten auffiel, überflog plötzlich ſein Geſicht und wich ebenſo plötzlich wieder einer Leichenbläſſe. Doch wußte er ſich ſchnell zu faſſen und ſtellte, indem er dem Agenten den Rücken zuwendete und in ſeinen Pa⸗ pieren blätterte, ſcheinbar gleichgiltig die Frage: „Giebt es zu dem Rechnungsabſchluſſe noch etwas von Wichtigkeit zu bemerken?“ „Nichts“, erwiderte der Agent,—„nichts als daß Sennore Eskobadi ein Exemplar, deſſen Ankauf ich ihm hier in Puebla abſchlug, durch eine dritte Perſon in Charleston für ſich erſteigern und auf ſeine Beſitzungen in unſerer Nähe zurückbringen ließ.“ „Dieß Exemplar heißt Fiore?“ fiel Dallmavi er⸗ ſchrocken ſich umwendend ein. „Nein“, fuhr der Agent berichtigend fort.„Fiore wurde von einem Kaufherrn ſerſtanden, der in Char⸗ leston wohnt.“ „Das iſt mir lieb“, warf Dallmavi ein und athmete wieder beruhigter auf.„An welchem Exem⸗ 54 plar aber nahm Eskobadi ein ſo auffälliges Inter⸗ eſſe?“ „An der männlichen Hälfte des Ehepärchens, deſ⸗ ſen weibliche Hälfte Sie vor vierzehn Tagen zur Be⸗ dienung Ihrer eigenen Gattin beſtimmt haben.“ Dalmavi zuckte, wie von Fieberfroſt befallen.„An Penno?“ fragte er leiſe. Der Agent verneigte ſich bejahend mit dem Kopfe und fuhr fort: „Eskobadi hatte aus der Ferne geſehen, mit wel⸗ cher Strenge von Ihnen Penno's Bitte abgefertigt worden war. Kaum hatten Sie damals den Markt⸗ platz verlaſſen, ſo trat er auf mich zu und bot für den verwaiſten Ehemann die volle Kaufſumme. Ich ſchlug den Antrag aus. Er verſprach mir ein Geſchenk von fünfhundert Dollars, wenn ich Penno an ihn ab⸗ träte. Ich widerſtand der Verlockung—“ „Aus welchem Grunde thatet Ihr das?“ warf Dallmavi ein und blickte forſchend ins Auge ſeines Dieners. „Weil Sie mich ſtets reichlich bezahlten, Sennore, und weil ich hinter dieſem Handel nichts Gutes für Sie witterte“, lautete die Antwort des Agenten.„Es⸗ kobadi iſt Ihnen gram und ſetzte ſich ohne Zweifel nicht eines Geldgewinnes wegen in den Beſitz gerade —— desjenigen Sklaven, deſſen Rachegefühl durch Ihre Strenge ſo lebhaft entflammt worden iſt.“ „War Euch bekannt, daß Eskobadi trotz Eurer Wei⸗ gerung den Sklaven in Charleston kaufen werde?“ fragte Dallmavi, indeß ſein Blick feſt auf den Agenten geheftet blieb. „Hätte ich“,— entgegnete dieſer,—„hätte ich davon auch nur die leiſeſte Ahnung gehabt, ſo wäre der Abſchluß des Handels von mir gewiß vereitelt worden. Wie ich bereits zu erwähnen die Ehre hatte, bediente ſich Eskobadi eines Zwiſchenhändlers, und ich entdeckte den wahren Namen des Käufers erſt, als Penno dem Bereiche meiner Macht ſchon entſchlüpft war.“ „Ihr ſeid klug und dient mir ehrlich“, bemerkte Dallmavi, indem er freundlich lächelnd ihm eine tauſend Dollarbanknote überreichte.„Nehmt dieß zum Dank, damit Eure Treue nicht Schaden leide!— Kennt Ihr kein Mittel, Penno Eskobadi's Klauen wieder zu entreißen?“ „Das wäre ein ſchweres Stück Arbeit“, erwiderte der Agent achſelzuckend.„Ohne Zweifel wird Penno vom ſchlauen Fuchs gut gehalten und läßt ſich nicht zur Flucht verlocken. Ein gewaltſamer Einfall in Es⸗ kobadi's Thal, deſſen Stärke und Beſatzung Ihnen ja bekannt iſt, würde ſchlimm für uns enden. Für jetzt kann ich nur zur größten Vorſicht rathen.“ „In welcher Abſicht, meint Ihr wohl, eignete Eskobadi ſich juſt den Penno an?“ „Offen geſagt, um Euch durch ihn ermorden zu laſſen.“ „Wißt Ihr das gewiß?“ „Ich ſchließe es aus den Thatſachen, welche dieſem Kaufe vorangingen. Sämmtliche Agenten, durch welche Eskobadi früher ungeheure Summen gewann, ſtehen jetzt in Ihrem Solde, Sennore Dallmavi. Sein Ge⸗ ſchäft iſt gleich Null, indeß das Gold in Ihre Kiſten zuſammenſtrömt.“ „Das iſt wahr“, warf Dallmavi ein.„Ich habe, als ich noch unter ſeinen Befehlen ſtand, die Kunſt des Sklavenvertriebs ihm gründlich abgelauſcht; und ich übe dieſe Kunſt aus Rache für ſeinen an mir verübten Betrug jetzt ſo eifrig, daß er längſt ruinirt ſein müßte, wäre er nicht ſchon vor meinem Emporkommen Milli⸗ onär geweſen.“ „Darum muß er Sie tödtlich haſſen“, fuhr der Agent eifrig fort,„und er haßt Sie tödtlich. Zwar weiß Niemand auf dem Sklavenmarkte ſich irgend einer auffälligen Drohung oder verdächtigen Handlung zu erinnern, und doch hält dort jeder Kaufmann den Es⸗ kobadi für Ihren erboſteſten Feind. Schon ſeit Mo⸗ naten geht das Gerücht, daß, wenn Sie auch nur ein — einziges Mal aus dem Weichbilde der Stadt heraus träten, Niemand Ihr Leben für einen Penns kaufen möchte. Bis jetzt fehlte Ihrem Todfeinde ein willfäh⸗ riges Werkzeug, das die Kühnheit gehabt hätte, ſich bis nach Puebla vorſchieben zu laſſen. In Penno aber, fürchte ich, fand Eskobadi nun den Wagehals, der Muth genug beſitzt, Ihr Leben auch innerhalb der Stadt zu bedrohen.“ „So werde ich den Waghals niederſtechen laſſen, ſobald er im Weichbild betroffen wird.“ „Das wäre allerdings ein Ausweg. Da Penno Sklave iſt, ſo gälte ſeine Tödtung vor unſerm Geſetze nicht als Menſchenmord und Sie könnten höchſtens auf Rückerſtattung des Kaufſchillings belangt werden.“ „Den würde ich in dieſem Falle gern verlieren.“ „Wie aber, wenn Penno in unkenntlicher Ent⸗ ſtellung ſich naht? Er iſt Meſtize und kann als ſolcher mit wenig Kunſt ſich das Ausſehen eines Indianers oder eines Mohren geben. Ich zweifle nicht, daß Es⸗ kobadi ſich dieſer Liſt bedienen wird. Wollen Sie zu Ihrer Sicherheit alle Indianer und Mohren ermorden laſſen, die ſich frei in der Stadt herumbewegen?“ Dallmavi bebte. „Ihr ſaht dießmal weiter als ich“, ſagte er nach einer Pauſe ſtummen Hinſtarrens.„Mich auf dieſe 58 Art ſichern wollen, hieße mich unrettbar verderben. Nehmt zum Danke hier noch eine tauſend Dollarbank⸗ note! Sucht ſogleich ſechs zuverläſſige Männer, die ich als meine Leibwache in Sold zu nehmen gedenke.“ „Wohl, Sennore Dallmavi!“ „Ich werde fürſtlich bezahlen.“ „Und ich gedenke Ihnen eine Bedeckung zu liefern, wie nie ein Fürſt ſie beſaß.— Giebt es ſonſt noch einen Auftrag für mich?“ „Nein, wenn Ihr nichts mehr zu melden habt.“ „Nur noch eine Kleinigkeit, die Ihnen vielleicht ſchon bekannt iſt.“ „Die wäre?“ „Penno's Weib, Ihre Sklavin Malva warf ein Junges.“ Dallmavi wendete ſich erſtaunt um.„Wann?“ fragte er haſtig. „Im Laufe des geſtrigen Tages.“ „Ein Knäblein oder ein Mädchen?“ „Ich glaube, ein Mädchen.“ Dallmavi's Auge blitzte hell auf. Ein plötzlich in ihm aufſteigender Verdacht ſchien ihn zu beſchäftigen. „Dieß Mädchen muß ich ſehen“,— rief er leiden⸗ ſchaftlich aus,—„ſogleich ſehen. Kommt!“ Er eilte in Malva's Gemach. 59 Der Agent, welcher die Urſache dieſer auffälligen Theilnahme für das neugeborne Sklavenkind nicht er⸗ rieth, folgte ihm kopfſchüttelnd nach. Vor dem Bettchen der Kleinen angekommen, warf Dallmavi nur einen flüchtigen Blick auf dieſelbe, und flüſterte dann ſchmerzhaft halb für ſich hin: „Noch brauner als der Balg drüben! Ich habe mich getäuſcht.“ „Worin?“ fragte der erſtaunte Agent. „In einer Kleinigkeit“, erwiderte Dallmavi aus⸗ weichend.„Es iſt nicht der Rede werth.— Beſorgt jetzt meine Leibwache! Ich aber will meine Frau be⸗ ſuchen, die mich geſtern ebenfalls mit einem Sprößling beſchenkt hat. Entſchuldigt! Ich ſprach ſeit zwei Tagen meine Frau nicht mehr.“ Er drückte freundlich die Hand ſeines Hauptagen⸗ ten und lenkte in den Corridor ein, auf welchem Ma⸗ thildens Schlafzimmer lag. Die Thüre war nur an⸗ gelehnt. Auf den Zehenſpitzen ſchlich er näher und be⸗ mühte ſich, einen Blick ins Innere zu gewinnen. Die Spalte öffnete ihm gerade die Ausſicht auf das Ruhe⸗ lager der Wöchnerin. Mathilde ſaß an die Wand ge⸗ lehnt in ihrem Bett. Der Säugling lag vor ihr auf der Decke. Schon wollte Dallmavi eintreten, da ver⸗ nahm er Mathildens Stimme, die in ein Selbſtgeſpräch 60( über ihr ſchlummerndes Töchterchen vertieft zu ſein ſchien. Unwillkürlich hielt er horchend inne und ver⸗ nahm die Worte: „Mein und ſein leibhaftes Kind trägt den Typus der geknechteten Race,— ja, das iſt ein ſprechendes Brandmahl auf meines Mannes Gewerbe. O, ich weiß wie es ſo kam, ſo kommen mußte! Nie, nie mehr, ſeit ich Julius' verächtliche Speculationen kenne, ſchwebte ſeine. Körpergeſtalt anders vor meinem Geiſte als in der Farbe, die ſeiner Seele anhaftet. Mit dieſem Gedan⸗ ken trug ich Dich, Du armes, ſchuldloſes Geſchöpf, neun Monate unter meinem Herzen; dieſer Gedanke trat jetzt mit Deiner Geburt leibhaft ans Tageslicht. Ach, was ſoll ich Dir antworten, wenn Du einmal fragen kannſt: Warum gleiche ich nicht meinen Eltern, warum habe ich das Ausſehen der Geſchöpfe, die mein Vater mit Füßen tritt?— Dir und durch Dich Deiner Familie drückte der Himmel das Wahrzeichen ſeines Zornes auf. Dennoch muß ich, will ich Dich als meine Tochter lieben. Ja, Du ſollſt es gut bei mir haben, zweifach gut, weil Du, ſchuldloſes Weſen, das Brand⸗ mahl tragen mußt von der ſchweren Schuld Deines Vaters.“ Mathilde ſank erſchöpft und ſchwer athmend auf das Kiſſen zurück. Dallmavi, der jedes ihrer Worte 61 deutlich verſtanden, hatte nicht mehr den Muth einzu⸗ treten. Der unverdächtige Beweis für die mackelloſe Reinheit ſeiner Frau, welcher ſich aus den eben ver⸗ nommenen Worten unwillkürlich ergab, erfüllte ihn für den Augenblick mit jener heiligen Scheu, die in der Regel den Schuldbeladenen beim Anblick des Reinen zu verfolgen und zu foltern pflegt. Leiſe wie er gekommen, ſchlich er auf den Zehen⸗ ſpitzen wieder hinweg und ſuchte unbemerkt ſein Kaſſa⸗ zimmer zu erreichen. Vor der eiſernen Eingangsthüre angekommen, ſchien es ihm, als verträte eine dunkle Geſtalt ſeinen Pfad. „Wer da?“ ſchrie er ängſtlich auf. Die Geſtalt gab keine Antwort und es kam ihm ſogar vor, als erhöbe ſie drohend ihre Hand gegen ihn. Entſetzt wich Dallmavi einige Schritte zurück. In demſelben Augenblick riß der Wind das von einem dunkeln Vorhange bedeckte Fenſter im Corridor auf. Der Vorhang flog hoch in die Luft und die Ge⸗ ſtalt verſchwand. Was ſich in Dallmavi's erregter Phantaſie als erſchreckendes Geſpenſt abgeſpiegelt hatte, war nur der auf der eiſernen Thüre ſpielende Schatten des Vorhangs geweſen. Dallmavi fuhr mit der Hand zitternd über ſeine Stirne. „Ich bin krank“, ſagte er ſeufzend zu ſich ſelbſt. „Ich muß wohl ſehr krank ſein, weil ſogar mein Augen⸗ licht mir den pünktlichen Dienſt verſagt. Die Nach⸗ richt von Eskobadi's Plänen hat meine Manneskraft erſchüttert. Weiter iſt's nichts, nein, nichts weiter. Es wird wieder beſſer gehen, wenn ich meine Leibwache beſitze und unter demſelben feſten Schirm einherſchreite, wie er, wie mein Todfeind Eskobadi einherſchreitet.“ Nachdem Dallmavi, noch öfter ſcheu um ſich blickend, die eiſerne Thüre geöffnet, trat er in das Kaſſazimmer, und ſchloß ſodann hinter ſich den Eingang ſorgfältig wieder ab. Achtzehntes Kapitel. Die Kinder des Hauſes. 5——— Wem böſe Werke, Die er geübt, vor ſeiner Seele ſchweben, Der wandelt in Paläſten nur auf Dornen; Am hellen Tag in Mitternacht; und fürchtend Geht er, von ſeinem Kind— die Schlange wehren.“ Schefer, Laienbrevier. Auf die in den vorigen Kapiteln geſchilderte Kataſtrophe folgte in Dallmavi's Haus ſcheinbar eine Ruhe, die für alle Einwohner faſt peinlicher war, als der raſendſte Sturm je hätte werden können. Sie glich der Gewitterſchwüle, welche dem verheerenden Donnerſchlage voran zu gehen pflegt. Alle fühlten das. Der ungelüftete Schleier der Zukunft lag drückend wie ein Alp auf ihren Seelen. Dallmavi wurde mit jedem Tage finſtrer und argwöhniſcher. Er ſtellte ſich bald, wie wir bereits wiſſen, unter den Schutz einer bis an die Zähne be⸗ waffneten Leibgarde, ohne welche man ihn nie mehr ausgehen oder mit irgend einem Menſchen in Berüh⸗ rung treten ſah. Ja ſelbſt in ſeiner Wohnung ſtanden fortan unabläſſig vier baumfeſte Männer Wache vor ſeiner Thüre, die außer ſeinen eigenen Agenten Nie⸗ manden zu ihm einlaſſen durften. Nie ſprach er mehr ein Wort, als wenn er Befehle zu ertheilen oder Fragen geſchäftlicher Natur an ſeine Untergebenen zu ſtellen hatte. Nie mehr ſah man ihn lächeln, nie mehr hörte man ihn ſcherzen. Eine eiſerne Kälte ſpiegelte ſich in ſeinem Geſichte, ſeine Miene blieb unbeweglich wie ein ſteinernes Bild. Niemand vermochte aus dieſen ſtereotypen Zügen heraus zu leſen, was in ſeinem Innern vorging. Selbſt ſeine Agenten und ſein Haus⸗ geſinde, die er jetzt zahlreicher hielt und faſt fürſtlich beſoldete, ſcheuten ſeine Nähe und freuten ſich der Tage, an welchen ſie nicht vor dem Unheimlichen er⸗ ſcheinen mußten, um Rechenſchaft über ihre Handlungen abzulegen oder Aufträge in Empfang zu nehmen. Den Sklavenmarkt beſuchte Dallmavi nach wie vor regelmäßig und trieb es dort noch toller als bis⸗ her. Seine Geſchäftsverbindungen dehnten ſich immer rieſiger aus und das Gold ſtrömte zu Millionen in ſeinen befeſtigten Gewölben zuſammen. Wegen ſeiner 65 bald unzählbaren Reichthümer von Tauſenden beneidet, galt er ſchon jetzt als der genialſte Handelsherr der ganzen Republik Mexiko und wurde deßhalb von ſeinen Standesgenoſſen ebenſo gehaßt, als vom vornehmen und niedern Pöbel angeſtaunt. Und doch beſaß dieſer beneidete und angeſtaunte Kröſus nichts, worüber er noch eine reine Lebensfreude hätte empfinden können. Seine Wächter, die er aus Furcht vor einem Ueberfalle nicht von ſich zu entfernen wagte, waren ihm ſelbſt zur Laſt und er fühlte ſich in ihrer Mitte faſt wie ein Gefangener. Den Genuß ſei⸗ ner Reichthümer vergällte ſein unerſättlicher Drang nach Vermehrung derſelben. Die Annehmlichkeiten eines geſelligen Umgangs hatte ſeine beſtändige Furcht ihm unzugänglich gemacht. Im Innern ſeines eigenen Hauſes fand ſich längſt keine Spur mehr von jenem Glücke, welches man mit dem Worte Familienleben zu bezeichnen pflegt. Er ſelbſt hatte ja Alles gethan, um die einſt ſo feurige Liebe und Anhänglichkeit ſeiner Frau gründlich zu erſticken. Unmöglich konnte er ſich des Gedankens erwehren, jetzt von ihr verachtet zu ſein. Und wenn wir erſt in die verborgenen Falten ſeiner Seele hineinblicken könnten, ſo würden wir vieleecht ſtille Leiden entdecken, gegen welche all dieſe äußern Anzeichen eines glänzenden Elends wie ein Nichts ver⸗ Köberle, Alles um ein Nichts. II. 5 66 ſchwänden. Wohl mochte dort ein grauſamer Wurm nagen, der den Beſitzer von Millionen mitten unter ſeinen Goldhaufen raſtlos folterte und allmählich auch die Geſundheit ſeines Körpers gefährden mußte. Inzwiſchen ging es in Mathildens nächſter Um⸗ gebung wohnlicher und traulicher zu. Dallmavi wurde ſelten in ihren Gemächern geſehen. Seit dem Morgen, an welchem er ihr Selbſtgeſpräch mit dem neugeborenen Kinde belauſcht, ſchien er eine unbeſiegliche Scheu vor jedem Conflicte mit ihr zu haben. Sie war in ihrer engen Häuslichkeit faſt unumſchränkte Herrin und be⸗ nützte dieſe Freiheit, um nach Kräften wohlthätig zu wirken. War auch das Feuer ihrer Liebe längſt er⸗ kaltet und ihre Achtung vor Dallmavi mehr als nur flüchtig getrübt, ſo empfand ſie jetzt nur um ſo leb⸗ hafter die Bürde ihrer Pflichten als Gattin und Mutter. hach Kräften war ſie bemüht, ihrem düſtern Gemahl keinen Grund zur Unzufriedenheit zu liefern. Mehr und mehr ſchlug ihr Gefühl der Verachtung, welches ſie gegen ſein Gewerbe hegte, in Mitleid über ſeine Gemüthsſtimmung um. Ja manchmal ließ ſie ſogar der Hoffnung Raum, daß er endlich doch noch in ſich kehren und einen Theil ſeiner Verbrechen ſühnen würde. Freilich, wenn ſie ihm perſönlich begegnete und in dieß wie verſteinert herzloſe Geſicht ſah, ſo mußte ſie ſelbſt ———— —— — 67 alle derartigen Hoffnungen wieder als bittere Selbſt⸗ täuſchungen erkennen. Am liebſten hielt ſich Mathilde im Kreiſe ihrer zwei Kinder auf. Hier konnte ſie für Augenblicke ihr Herzeleid vergeſſen, hier vermochte ſie noch Stunden ungetrübter Freude zu genießen und oft rief ſie, ihre Kleinen herzend und küſſend, aus: „Nichts geht doch über das Glück der Mutterliebe — nichts! Ach, wie arm wäre Dallmavi's Gattin ohne euch, meine herzigen Engel! Längſt wäre ich ihm ent⸗ laufen, feſſeltet nicht ihr mich an euern Vater, dürfte ich nicht bei eurem Anblicke manchmal von einer ſüßen Stunde träumen, in der auch er durch euch vielleicht noch für den ſtällen Frieden des Familienlebens ge⸗ wonnen und einer wüſten Laufbahn entfremdet werden kann.“ Der kleine Maurizio befand ſich jetzt eben in dem Alter, in welchem die Kinder mit herziger Drolligkeit den ihnen angebornen Drang äußern, Alles, was ſie ſehen, nachahmen zu wollen. Er konnte bereits ſprechen und überraſchte nicht ſelten durch die Klugheit ſeiner Einfälle und Antworten. Sein Aeußeres erinnerte lebhaft an ſeinen Vater, und ein ſcharfſinniger Pſycho⸗ loge hätte vielleicht ſchon jetzt die Beobachtung machen können, daß auch in ſeinem Geiſte die leidenſchaftlichen 5* 68 Triebe ſeines Vaters zu ſchlummern ſchienen. Der Be⸗ obachtungsgabe Mathildens entging jedoch dieſe letztere Wahrnehmung. Sie war, wie es zum Unglücke der Menſchheit ſo viele Mütter ſind, in der Erziehungs⸗ lehre viel zu wenig bewandert, um den ungeheuren Einfluß würdigen zu können, welchen eine richtige oder unrichtige Behandlung der Kinder während des erſten Erwachens ihrer Seelenkräfte auf die ſpätere Ent⸗ wicklung derſelben übt. Mathilde fand jeden Einfall ihres Maurizio allerliebſt; ſie überſchüttete ihn fort und fort mit Liebkoſungen, während der Kleine ſich mit jedem Tag wilder und unbändiger benahm. Maurizio's jüngeres Schweſterchen, das in der Taufe den Namen Ottilie erhalten haͤtte, ſchien dem Bruder an Geiſt und Gemüth ſo unähnlich werden zu wollen, als es ihm an Körpergeſtalt und Farbe un⸗ ähnlich war. Seine erſten Regungen ließen einen außerordentlich ſanften und duldſamen Charakter er⸗ warten, die Bräune der Haut aber widerſtand allen Anſtrengungen der angewendeten Kunſtmittel, und auch die etwas hoch aufgeſchwollenen Lippen wollten ſich nicht zurückdrängen laſſen. Mathilde betrachtete Ottilien als ihr Schmerzens⸗ kind. Sie fühlte für daſſelbe nicht mit ſo feuriger Mutterliebe, wie für ihren unbändigen Liebling. Gleich⸗ ——— 69 wohl ließ ſie in ihrer Pflege beider Kinder keine Ver⸗ ſchiedenheit obwalten und hielt redlich das Gelöbniß, das ſie während ihres Wochenbettes, ſich allein wäh⸗ nend, in eben dem Augenblicke laut ausgeſprochen, in welchem ihre Worte von Dallmavi belauſcht worden waren. In ihrer Sklavin Malva beſaß Mathilde eine eifrige Gehülfin, die ihr Tag und Nacht mit unver⸗ droſſenem Fleiße beiſtand und nicht zu fühlen ſchien, daß indeß ihr eigenes Kind in hülfloſer Einſamkeit ſich ſelbſt überlaſſen blieb. Nicht ſelten mußte Mathilde ihre Sklavin ſogar daran erinnern, daß es Zeit ſei, auch der verlaſſenen Kleinen wieder einige Augenblicke zu widmen. Sonſt hätte Malva im Uebermaße ihres Eifers für die Kinder des Hauſes den nach Nahrung ſchreienden Säugling vielleicht verhungern laſſen. Als Ottilie bereits ins dritte Jahr ging, traf Mathilde aus Mitleid für die Tochter der Sklavin die Anordnung, daß Malva dieſelbe in ihre Zimmer bringen und fortan mit ihren eigenen Kindern überwachen und pflegen dürfe. Malva zeigte ſich über dieſe Gunſt weniger erfreut, als Mathilde gehofft hatte. Jedoch gehorchte ſie ſchweigend und holte ihre Kleine, welche den Namen Alma trug, ſogleich herbei. Alma ſah noch brauner aus als Ottilie, aber ſie hatte keine aufge⸗ worfenen Lippen und beſaß ſo regelmäßige Geſichts⸗ züge, daß man ſie, wäre nur ihre Hautfarbe nicht ſo häßlich dunkel geweſen, für ein wahres Muſterbild von Schönheit hätte erklären müſſen. Ottilie und Alma fanden ſich gut zuſammen und waren bald vertraute Geſpielinnen. Hinſichtlich ihrer Farbe blieben ſie ſich noch längere Zeit ähnlich. Nach ein paar Jahren aber wurde eine auffällige Ungleich⸗ heit bemerkbar. Während Ottilie trotz aller ange⸗ wendeten Nachhülfe der Kosmetik den Typus eines Mädchens von gemiſchter Abkunft nicht aus ihrem Ge⸗ ſichte zu verwiſchen vermochte, entwickelte ſich Alma, an der die Kunſt nicht die geringſte Anſtrengung ver⸗ ſchwendete, allmählich zu einer Brünette von angenehm weißlicher Farbe. Die beiden Mädchen ſchienen dieſe Verſchiedenheit ihrer Entwicklung nicht zu beachten. Beide waren noch zu jung, um ſich nicht in vollſter Harmloſigkeit der Lebensluſt hinzugeben. Die kleinen Leiden ihrer kindlichen Welt beſtanden nur in den boshaften Neckereien des etwas ältern und ſtärkeren Maurizio, der nicht ſelten aus Uebermuth ihnen die niedlichen Geräthſchaften der Spielküche zerbrach oder den Puppen die Köpfe abſchnitt. Mathilde betrachtete im Stillen die ſo auffällig contraſtirende Entwicklung der beiden Mädchen mit —- ——— 71 einer eigenen Empfindung von Wehmuth. Wohl wünſchte ſie ſich, daß ihre Ottilie das freundliche Ausſehen Alma's haben möchte. Sie war aber weit entfernt dem ſchönen Kinde der Sklavin deßhalb gram zu ſein. Vielmehr fühlte ſie ſich ſympathiſch zu ihm hingezogen und ſah es gern in ihrer Nähe. Malva dagegen ſchien für die liebliche Alma weit weniger beſorgt zu ſein, als für die unſchöne Ottilie. Auch hierüber machte Mathilde ſich allerlei ſtille Gedanken, kam jedoch immer wieder auf den Satz zurück, daß dieſe wechſelſeitige Hinnei⸗ gung der zärtlichen Gefühle für das Kind der Andern ſich wohl aus der Verſchiedenheit der Farbe erklären laſſe. Ohne Zweifel, meinte ſie, ſieht jeder Menſch am liebſten das Colorit ſeiner eigenen Race. Es iſt daher natürlich, daß ich an Alma's, und daß Malva an Ottiliens Anblick das größere Vergnügen empfinden muß. Ohnehin erinnert Ottiliens Ausſehen mich un⸗ abläſſig an die ſchwere Schuld meines Mannes. Eines Tages befand ſich Malva mit den drei Kindern allein im Zimmer. Mathilde, welche in der Nähe war, konnte durch die offene Thüre die Vorgänge in demſelben überſchauen. Maurizio verübte eben wieder einen ſeiner loſen Streiche, indem er das Kleid⸗ chen, mit welchem Ottilie und Alma ihre Puppe ſchmücken wollten, in Fetzen zerrieß. Ottilie gerieth 72 darüber mit ihrem Brüderchen in Streit und Alma ergriff die Partei ihrer Geſpielin. Da wurde dieſe von ihrer Mutter Malva beim Schopſe gefaßt und empfindlich gezüchtigt. Ottilien aber that Malva kein Leid, und auch Maurizio erhielt von ihr nur die freundliche Mahnung, das Spiel ſeiner Schweſter nicht weiter zu ſtören. Mathilde hatte dieſem Auftritte erſtaunt zugeſehen und trat jetzt mit den Worten ein: „Du züchtigſt Deine Alma, indeß meine Kinder ungeſtraft bleiben, obgleich Ottilie dasſelbe beging und Maurizio der Schuldigere iſt! Warum verfährſt Du gegen Dein eigenes Kind härter, als ich Dich gegen die meinen verfahren laſſe?“ „Sennora, Alma iſt das Kind einer Sklavin“, entgegnete Malva bitter.„Sie wird ſpäter ihr Schick⸗ ſal leichter ertragen, wenn ich ſie früh gewöhne, die Mißhandlungen ihres künftigen Herrn geduldig über ſich ergehen zu laſſen.“ „Haſt Du die Erfahrung, daß Sklaven mißhandelt werden, bei mir gemacht?“ fragte Mathilde und ſah ihre Dienerin freundlich an. „Nein, Sennora. Ihr ſeid gut gegen mich und darum bin auch ich in Liebe Euch ergeben“, verſicherte —— 73 Malva, ohne Mathildens freundlichen Blick erwidern zu können. Mathilde ſchüttelte über Malva's Verlegenheit den Kopf und begann nach einer Weile wieder: „Liebe Malva, willſt Du mir eine Frage auf⸗ richtig beantworten, ganz aufrichtig?“ „Aufrichtigkeit gegen Euch, Sennora, iſt meine Pflicht“, betheuerte Malva, indem ſie, ſich verneigend, zur Erde blickte. „Wohl denn“, begann Mathilde,„aus welchem Grunde liebſt Du Ottilien, die mein Kind iſt, mehr als Deine eigene Tochter Alma?“ Die Angeredete ſchien über dieſe Wendung des Geſprächs am ganzen Leibe heftig zu zittern.„Sen⸗ nora“, begann ſie ſtotternd,„den Sprößling der geſtrengen Herrſchaft dem eigenen Kinde vorzuziehen, iſt Pflicht der Sklavin.“ „Dieſe Erklärung laſſe ich nicht gelten, ſie iſt gegen die Sprache der Natur“, fiel Mathilde ein. „Wohl mag eine Mutter aus Rückſichten auf ihre Stellung ſich äußerlich den Schein geben können, als zöge ſie das fremde Kind dem eigenen vor. Daß ſich aber auch ihr Herz innerlich dieſem Schein zu bequemen vermöge, kann ich nimmer glauben. Liebe Malva, ich habe Dich ſchon oft belauſcht, wenn Du, mein Kind 74 in Deinen Armen haltend, unbeachtet zu ſein wähnteſt. Du liebſt Ottilien in Wahrheit, liebſt ſie faſt mehr als ich, ihre Mutter, ſie zu lieben vermag. Und in eben demſelben Grade, in dem ſich Deine Liebe meinem Kinde zugewendet hat, ſcheinſt Du Dein eigenes Töchter⸗ chen zu haſſen. Geſtehe mir den wahren Grund jener Liebe und dieſes Haſſes!“ Malva's Beklommenheit ſtieg, dennoch wußte ſie ſo ſchlagfertig zu antworten, als ſei ſie längſt auf dieſe Frage vorbereitet geweſen: „ Sennora“— begann ſie—„als ich meine Alma noch unter dem Herzen trug, war ich freie Bürgerin und glückliche Gattin. Als ich ſie gebar, konnte ich ihr nur eine Sklavenkette in die Wiege legen und jammerte vergebens nach dem Vater. Mein Kind erinnert mich an die Verſchiedenheit meines Schickſals zwiſchen der Gegenwart und zwiſchen jenen ſchönen Tagen, in welchen es gezeugt ward. Zudem ähnelt ees nicht meinem Stamm, ſondern trägt das Profil eines Geſchlechtes, das ich im Allgemeinen zu lieben wohl keinen Grund habe. Darum, Sennora, wird es mir ſchwer, meinem eigenen Kind das volle Maaß der mütterlichen Zärtlichkeit zuzuwenden. Beim Anblick Eurer Ottilie dagegen kommt mir's immer vor, als ſtehe in der Farbe ſeines Geſichtes deutlich zu leſen, 75 daß, wenn alle Weißen, welche die Farbigen unter⸗ drücken, nur braune Kinder erhielten— daß dann die Sklaverei bald aufhören müßte zu beſtehen. Und deß⸗ halb, Sennora, liebe ich Ihr Kind, liebe es mehr, als ich meine Alma zu lieben vermag.“ Dieſe Antwort konnte ebenſo ſehr das Product einer raffinirten Klugheit als der Ausdruck von Malva's wahrer Geſinnung ſein. Mathilde ſetzte mit argloſer Gutmüthigkeit das Letztere voraus, ohne an die Mög⸗ lichkeit des Erſtern, die einem argwöhniſchen Gemüth Stoff genug zum Nachbrüten geliefert hätte, auch nur zu denken. „Meine gute Malva“— erwiderte ſie und athmete ſchwer auf—„Dich drückt der Verluſt der Freiheit und die Trennung von Deinem Manne ſchwerer, als Du mich bisher ahnen ließeſt. Ich glaube Deinen Worten, weil ſie mit Empfindungen übereinſtimmen, die auch mich ſchon lange ſchmerzhaft erregen. Was ich zur Erleichterung Deines Looſes zu thun vermochte, habe ich bisher redlich gethan—“. „Gewiß“, warf Malva verbindlich ein. Mathilde fuhr fort: „Daß ich Dir nicht ſofort Deine Freiheit ſchenken kann, weißt Du. Während Deines Aufenthaltes in unſerm Hauſe haſt Du wohl meinen Mann ſchon hin⸗ Bande auch ich in meinen Entſchlüſſen gehemmt bin.“ „Leider“, ſeufzte Malva.. „Aber ich verſpreche Dir, daß, wenn Dallmavi je einer mildern Empfindung zugänglich wird, meine erſte Bitte an ihn Deine und Deines Kindes Freilaſſung ſein ſoll. Auch Deinen Penno ſollſt Du dann zurück⸗ erhalten. Bis dahin harre in Geduld bei mir aus, fortan nicht mehr als meine Dienerin, ſondern als meine Freundin! Reiche mir die Hand!“ Malva küßte ſchweigend Mathildens dargebotene Rechte, und nahm übrigens dieſe Freudenbotſchaft ruhiger und zurückhaltender auf, als man wohl hätte erwarten ſollen. Offenbar lag zwiſchen ihr und ihrer bisherigen Herrin ein Etwas, das ihr den Uebergang in die dargebotene neue Stellung erſchwerte. Mathilde ſchien nicht darauf zu achten. Sie war in dieſem Augenblicke von dem Gedanken, die Unglück⸗ liche getröſtet zu haben, ſo ſehr erfüllt, daß ihr Malva's gänzliches Schweigen gar nicht auffiel. Und ſpäter, als ſie der Sklavin über ihr zurückhaltendes Benehmen freundſchaftliche Vorſtellungen zu machen begann, ent⸗ ſchuldigte dieſe, unter Hindeutungen auf Dallmavi's Charakter ſich mit der Furcht, ihre angenehme Stellung zu verlieren. länglich kennen gelernt, um einzuſehen, durch welche ——ℳ;ò;ℳᷣ—— — 766 Dieſe Entſchuldigung leuchtete Mathilden ein, denn ſie wurde dadurch wieder an Fiorens Schickſal gemahnt. Bekanntlich war Fiore aus ihrer Nähe ent⸗ fernt worden, ſobald Dallmavi in derſelben die Ver⸗ traute ſeiner Gattin erkannt hatte. Daher drang Mathilde nicht weiter in die einſilbige Meſtizin, er⸗ er achtete und behandelte ſie aber deſſen ungeachtet fortan als ihre Freundin. Vielleicht würde ſie anders ge⸗ handelt haben, hätte ſie das wahre Motiv von Malva's kalter Zurückhaltung geahnt. Dieſe geſchraubten Verhältniſſe beſtanden Jahre lang fort, ohne daß in denſelben eine weſentliche Ver⸗ änderung bemerkbar wurde. Indeß wuchſen und ge⸗ diehen die Kinder. Mathilde waltete unter denſelben als ſorglicher Engel und vergaß nur Maurizio's immer ungeſtümer werdendes Temperament zu dämmen. In Dallmavi's unheimliche Angewöhnungen hatte ſie ſich mit ſtummer Reſignation langſam hineingefunden. Die Furcht vor bevorſtehenden Schickſalsſchlägen war in den Gemüthern aller Hausbewohner allmählich erloſchen. Nur in einem einzigen Gemüthe, nur in Dallmavi's eigener Bruſt flackerte ſie noch lebendig fort und be⸗ wirkte eine mit den Jahren ſteigende Beängſtigung. Obgleich weder Penno jemals im Weichbilde von Puebla ſich blicken ließ, noch ſonſt irgend etwas vor⸗ 78 fiel, was den Gerüchten über Eskobadi's vorgebliche Rachepläne neue Nahrung hätte liefern können, zitterte er dennoch mehr und mehr vor dem Geſpenſt einer im Verborgenen gegen ihn angezettelten Verſchwörung. Ja ſeine innere Angſt ſtieg um ſo mehr, je weniger er im Laufe der Zeit den Fortbeſtand derſelben auf eine äußerlich noch thätige Veranlaſſung zurückzuleiten vermochte. 4 So lange ſeine Kinder in der Wiege lagen, war Dallmavi ſelten und ſtets nur auf Augenblicke in ihre Nähe gekommen. Jetzt fand er ſich im Kreiſe derſelben öfter ein und es gewann faſt den Anſchein, daß er ſich dort behaglich fühle oder doch ſeine peinigende Angſt weniger hart finde, als ſie ihn neben den aufgehäuften Goldfäſſern und Werthpapieren in ſeinen Arbeitszimmern zu drücken pflegte. Er konnte ſogar manchmal, wenn auch nur vorübergehend und faſt bitter, über die drolligen Einfälle der Kleinen wieder lächeln und ſchien insbeſondere von den loſen Streichen ſeines älteſten Söhnchens angenehm berührt zu werden. Mathilde freute ſich im Stillen über dieſe An⸗ zeichen einer in der Seele ihres Gemahls bevorſtehenden Kriſis und verſprach ſich davon, wenn auch keinen neuen Lebensfrühling, ſo doch einen erträglichen Lebens⸗ abend. 79 Bisher hatte Dallmavi die weiße Sklaventochter noch nie in Geſellſchaft ſeiner eigenen Kinder getroffen. Ja, er hatte dieſelbe, ſet ihr Teint weiß geworden, wohl nie mehr geſehen, da Malva ſeit ebenſo lange ſorgſam beſtrebt geweſen war zu verhüten, daß ihre Alma ihm vor Augen komme. Da ereignete es ſich eines Tages, daß er zu ungewohnter Stunde raſch in das Zimmer der Kinder trat. Malva hatte nicht mehr Zeit gefunden, vorher noch, wie ſie ſonſt zu thun pflegte, ihre Alma durch ein Hinterpförtchen entſchlüpfen zu laſſen. Ottilie und Alma koſten noch traulich mit ein⸗ ander, als er ſchon unter der Thüre ſtand. Alma ſtieß beim Anblicke des Unheimlichen, vor dem Malva ihr längſt eine unüberwindliche Scheu eingeprägt hatte, einen Angſtſchrei aus und wollte eilig entfliehen. „Bleib!“ gebot Dallmavi, der von der Lieblichkeit dieſer Erſcheinung ſichtlich betroffen war. Das Kind blieb zitternd ſtehen. „Wer biſt Du und wo kommſt Du her?“ fuhr Dallmavi fort, indem er die Kleine mit einem unbe⸗ ſchreiblich ſtieren Blick anglotzte. Alma floh vor Schreck hinter ihre Mutter und begann heftig zu weinen. Malva übernahm ſtatt ihrer die Antwort. „Verzeihung, geſtrenger Sennore“— begann ſie —„Verzeihung, daß ich es gewagt habe, meine Tochter in die Gemächer der Herrin zu bringen!“ Dallmavi wich einen Schritt zurück. „Wie?“, entgegnete er noch betroffener.„Dieß reizende Kind wäre Deinem Leibe entſproſſen? Un⸗ möglich! So widerſinnige Blaſen treibt die Natur nicht, daß ſie im Sprößling einer häßlichen Sklavin mein Ideal aus einer längſt begrabenen Zeit mir wieder vor Augen gaukeln könnte. Weib, Du lügſt!“ Malva fiel vor Schreck faſt in Ohnmacht und ſtützte ſich krampfhaft auf die Lehne eines Stuhls, um nicht umzuſinken. „Die Sklavin ſprach die reine Wahrheit“, nahm Mathilde jetzt das Wort.„Bis ins ſechſte Jahr war ihr Töchterchen Alma braun, wie ſie. Dann begann ſie ſich allmählich zu entfärben, und ſchon ſeit zwei Jahren iſt ſie die hübſche Brünette geworden. Auch mir fiel die einem Wunder gleichende Umwandlung auf und ſchon oft nahm ich mir vor, Dich von dem Vorfalle zu berichten. Allein die Furcht vor der Auf⸗ regung, in welche dieſe Entdeckung Dich verſetzen müßte, hielt mich von der Ausführung meines Vorhabens bis heute zurück. Darum geſtattete ich, daß Alma Deinem Anblick entzogen blieb.“ Dallmavi ſchwieg lange, und ſchaute verwirrt bald 8¹1 auf Mathilde, bald auf die Sklavin und ihr Kind. Endlich ſagte er ruhig: „Entferne Dich, Malva, und nimm Deine Tochter mit Dir hinweg! Auch Du, Ottilie, geh ins nächſte Zimmer! Ich habe ein Wort mit meiner Gattin allein zu reden.“ Er hatte dieſe Worte kaum zu Ende geſprochen, ſo waren die drei Genannten auch ſchon unſichtbar ge⸗ worden. Seiner innern Aufregung erliegend, ließ er ſich auf einen Lehnſtuhl niedergleiten und ſtützte den Kopf auf die flachen Hände. Mathilde betrachtete ihn ſchweigend mit theilnehmender Miene. Ihr Herz zitterte vor Erwartung, halb aus Furcht eine neue Täuſchung zu erleben, und halb in der Hoffnung, daß ſein harter Sinn durch dieſe Erſchütterung endlich er⸗ weicht worden ſei und nunmehr in ſeinem Innern eine Kriſis zum Beſſern eintreten werde. Nach einer Weile ſchlug er die Augen zu ihr auf und fragte: „Trat Alma's Umwandlung plötzlich oder nur allmählich ein?“ „Sie vollzog ſich langſam, im Laufe von etwa zwei Jahren und ſo unmerklich, daß mir ſelbſt die Häutung erſt auffiel, als ſie bereits vollzogen war“, entgegnete Mathilde. Köberle, Alles um ein Nichts. II. „Haſt Du das Kind während jenen zwei Jahren genau beobachtet?“ „Ich ſah es von ſeinem dritten Lebensjahre an täglich, denn ſeither war es die unzertrennliche Ge⸗ ſpielin unſerer Ottilie.“ „Und Du argwöhnſt keinen Betrug?“ „Nein. Bis in ihr ſechſtes Jahr behielt Alma die Farbe, mit der ſie zur Welt gekommen war. Dann wurde ſie allmählich bläßer und bläßer, bis ſich daraus der angenehme Teint einer Brünette unſerer Race ent⸗ wickelt hatte, bei deren Anblick Du vorhin Dich ſo be⸗ troffen fühlteſt. Ich vermuthete anfänglich, Alma ſei krank, obwohl ſie über kein Leid klagte.“ „Alſo ein natürliches und dennoch unerklärliches Ereigniß“, ſiel Dallmavi finſter für ſich hinbrütend ein.„Auch ich kann einen Betrug nicht vorausſetzen. Habe doch ich ſelbſt dieß Kind am Tage nach der Ge⸗ burt unterſucht und mit eigenen Augen alle Merkmale eines echten Meſtizenmädchens an ihm wahrgenommen. Wäre ein Betrug vorgefallen, ſo müßte ich ihn damals ſchon entdeckt haben; ſpäter war er nicht mehr möglich. Seltſam! Mein eigenes Weib mußte mir ein Kind ſchenken, dem in Farbe und Lippen die häßliche Sig⸗ natur der Sklavin aufgeprägt iſt! Und die Sklavin, welche ich zur Bedienung meines Weibes gekauft, 83 brachte einen Engel zur Welt, ſchöner, als er durch das Reich meiner Einbildung in jenen vergangenen Tagen ſchwebte, da ich noch thöricht genug war, an Hoffnungen zu glauben.“ „Wann waren jene Tage, lieber Giulio?“ fragte Mathilde ſanft und näherte ſich dem Stuhle, auf welchem Dallmavi ſaß. „In meinem Knabenalter“, entgegnete dieſer, indem ſeine Miene wieder den unheimlichen Ausdruck annahm, der ihm ſchon ſeit Jahren ein ſo abſtoßendes Ausſehen verlieh.„Als ich noch in meiner Heimath, an den Ufern des Bodenſees umherwandelte, begeg⸗ nete ich einem Kinde von wunderbarer Geſtalt. Das Kind wuchs unter meinen Augen zur Jungfrau auf und wurde ſpäter mein Weib. Vorhin, als ich in dieß Zimmer eintrat, war mir's, als tauche in Alma jenes Kind aus den Gräbern meiner vergangenen Hoffnungen leibhaft wieder auf.“ „Wie? Alma gliche mir?“ „So ſehr, wie Du Dir ſelbſt, wenn Du Dein Geſicht vor zwanzig Jahren neben Deine heutige Larve ſtellen könnteſt.“ „Ich vermag eine ſolche Aehnlichkeit nicht zu ent⸗ decken.“ „Dennoch beſteht ſie“, fiel Dallmavi leidenſchaft⸗ 6* 84 lich ein und fügte, ſich ſelbſt vergeſſend, hinzu:„O der Vorfall hat mich ſehr erſchreckt! Von jeher zeigte das Glück mir nur aus der Ferne ſein reizendes Geſicht und wenn ich ihm nachſprang, floh ſein Reiz hohn⸗ lachend weiter. Ich habe, was ich erjagen wollte— ich habe meine Millionen, und dennoch bin ich unbe⸗ friedigter als je.“ Er ſtützte den Kopf wieder auf die flachen Hände und ſchwieg. Faſt ſchien es, als ob er weine. Auf Mathildens Geſichte ſpiegelte ſich bei dieſem Anblick der Kampf zwiſchen Furcht und Hoffnung ab, der in ihrem Innern wüthete. Nach einer Weile fragte ſie in faſt zärtlichem Tone: „Glaubſt Du, je befriedigt und glücklich werden zu können?“ „Nein, jetzt nicht mehr“, gab er raſch und finſter zur Antwort. 1 „Du wärſt Beides, hätte nicht Deine unſelig Sucht nach Gewinn um jeden Preis Beides zerſtört“, wagte Mathilde ſchüchtern einzuwenden. „Ohne Reichthum wäre ich nur um ſo elender“, warf er bitter ein.„O, es ſind nicht die aufgehäuften Schätze, die mich drücken; es iſt—“ „Julius“, fiel Mathilde ihm ins Wort,„wenn 85 Du endlich Dich ſelbſt verſtehen, wenn Du mich ruhig anhören wollteſt, wenn Du—“. Dallmavi warf ihr plötzlich einen ſo diaboliſchen Blick zu, daß ſie erſchrocken inne hielt und den ange⸗ fangenen Satz nicht zu vollenden wagte. Es trat eine lange unheimliche Pauſe ein. Erſt nach einigen Minuten ermannte ſich Mathilde wieder.„Und dennoch“, begann ſie—„dennoch muß es ausgeſprochen ſein. Ein Ereigniß, welches ich als eine von der Vorſehung über uns verhängte Strafe in Demuth trage, hat auch Dich endlich tief erſchüttert. Ich habe dieſe Stunde längſt herbeigeſehnt, um noch einen letzten, verzweifelten Verſuch zu Deiner, zu unſerer Aller Rettung zu wagen.“ Dallmavi kehrte ihr mürriſch den Rücken zu. Mathilde ergriff ſeine Hand und fuhr fort: „Julius, Du fühlſt Dein Elend, fühlſt, daß der Pfad, auf dem Du wandelſt, ſchließlich nur in Ver⸗ zweiflung enden kann. Und doch lägen Ruhe und Zu⸗ friedenheit dir ſo nahe. Wenn Du meinen Bitten endlich Gehör ſchenken, wenn Du einen Theil des zer⸗ tretenen Menſchenglücks wieder aufbauen, wenn Du dem Sklavenhandel entſagen und Deinen Reichthum fortan im Dienſte humaner Zwecke verwenden wollteſt—“ „Nie!“ ſchrie Dallmavi aufflammend und rieß mit 86 Gewalt ſene Hand von der Mathildens los.„Nie, nie werde ich das. Meine Speculationen, wähnſt Du, ſeien die Urſache meines Zuſtandes? Thörichte Träu⸗ merin! Warum denn wären in dieſem Lande ſo viele Sklavenhändler vergnügt und führten ein Leben wie die Götter, wenn am Sklavenhandel der Fluch haftete? Ich habe viel darüber nachgedacht, ich kenne längſt den Sitz meiner Krankheit. Sie wurzelt in der Erziehung, die ich im altersmorſchen Europa erhielt. Die Er⸗ ziehung hatte mein Gewiſſen zum Krüppel verunſtaltet und meine Philoſophie vermochte ſpäter nicht mehr den Krüppel zu heilen.“ „Julius, mir graut Dich ſo ſprechen zu hören!“ „Warum grauen, wenn ich Vernunft rede? Was denn iſt das Gewiſſen Anderes als ein Ding, deſſen Thätigkeit das ganze Leben hindurch ſich nach den Be⸗ griffen von Gut und Schlecht richtet, die man ſchon dem Kinde beim erſten Erwachen ſeines Geiſtes ein⸗ trichtert? Bezeichne einem Knaben die Sklaverei als eine nützliche und gute Anordnung, ſo wird er ſpäter als Mann ſich in der Rolle des Sklavenzüchters be⸗ haglich fühlen! Schildere ſie ihm als eine verabſcheu⸗ enswerthe Einrichtung, ſo muß er ſein Leben lang die Geſpenſterfurcht in ſich herumtragen, an der ich kränkle.“ 87 Dallmavi ſchwieg. In ſeinem Geſichte trat wieder jener ſtarre Zug hervor, der im Verein mit einer un⸗ angenehm gelben Hautfarbe ihn als herzloſen Tyrannen charakteriſirte. Nach einer Weile fuhr er fort: „Und da wäre ich nun glücklich beim Thema an⸗ gelangt, das mich heute zu Dir führte. Mein Söhn⸗ chen Maurizio ſoll nicht verkrüppeln, wie ſein Vater. Er ſoll den ungetrübten Genuß der Schätze erben, die ich unter Qualen geſammelt und unter Todesfurcht zuſammen halte. Von morgen an werde ich ihn zu dieſem Zweck in meine Schule nehmen.“ „Julius!“ ſchrie Mathilde entſetzt auf.„Du wollteſt mein Kind, das Kind unſerer erſten Liebe, das ich Dir unter Todesgefahren dreitauſend Meilen weit über den Ocean bis hieher nachtrug, um Dich zu retten— Du wollteſt, Du könnteſt es dem verächt⸗ lichſten Untergange weihen? Julius, treibe mich nicht zur Raſerei! Du weißt noch nicht, was eine raſende Mutter vermag, wenn es gilt, ihr Kind vor Schand zu ſchützen.“ 3 Dallmavi lachte, ſo wie wir ihn ſchon öfter lachen hörten. Dann ſagte er kalt: „Du haſt mich nie verſtanden und ich bin der Sehnſucht, von Dir verſtanden ſein zu wollen, längſt entwöhnt. Ich weiß, daß Du mich verachteſt. Sei's! Meine Liebe gehört jener jüngern Seele, in deren lenk⸗ ſame Empfindung ſich mein Ebenbild einprägen läßt. Auf Maurtzio ſtehen meine Hoffnungen. Er ſoll für die Mißachtung, welche ſeine Mutter mir zollt, mich zweifach ehren lernen. In ſeiner Seele lebt ein Theil meines eigenen Geiſtes neu auf, darum will ich in ihm noch fortleben und fortwirken, wenn mein Körper längſt fault. Das iſt mein Wille und Du weißt, daß ich der Mann bin, ihn durchzuſetzen.“ „Julius, ſo handelſt Du nach einem Augenblicke, in welchem der Himmel Dir ein Zeichen, vielleicht das letzte, zu Deiner Warnung vorhielt?“ „Es war nur Unſchicklichkeit meines Nervenſyſtems, daß es beim Anblicke eines Spiels der blinden Natur in Zuckungen gerieth“, entgegnete Dallmavi ſich ſelbſt beſpöttelnd.„Ich haße Alma, weil ſie Dir Gelegen⸗ heit ſchuf, mich für einen Augenblick ſchwach zu ſehen. Nie mehr ſoll ſie mir vor Augen kommen. Ich werde Befehl geben, daß ſie fortan in jenem Theile meiner Gärten beſchäftigt werde, den mein Fußtritt meidet wie die Peſt, weil keine Mauer ihn umſchließt. Nie, nie mehr darf dieß verführeriſche Trugbild mir in den Weg treten, denn ich haße jede Aufregung.“ Dallmavi verließ das Zimmer. 89 Mathilde ſank weinend auf die Kniee und jam⸗ merte händeringend: „Mein Kind, mein theures Kind! Jetzt, o Himmel, ſende mir ein Mittel, mein Kind zu ſchützen,— zu ſchützen gegen ſeinen eigenen Vater!“ ——:::ñõm-õõᷓᷓ———————————— —— Neunzehntes Kapitel. Der Fluchtverſuch. „Sieh Alles an!—'s iſt Trug und Schein! Such', was Du willſt, Du findeſt Pein.“ W. Schütz, Lebensanſichten. Kaum eine Stunde nachdem Dallmavi das Zim⸗ mer ſeiner Gattin verlaſſen hatte, wurde Alma an den Aufſeher abgeliefert, unter deſſen Zuchtruthe die außerhalb der Umfaſſungsmauern beſchäftigten Sklaven ſtanden. Der Aufſeher erhielt ſtrengen Befehl darüber zu wachen, daß Alma in Dallmavi's Palaſte nie mehr ſichtbar werde. Malva zeigte über die Entfernung ihres Kindes aus ihrer unmittelbarer Nähe nur geringen Schmerz. Ihre innere Freude über den für ſie ſelbſt ungefährlichen 94 Verlauf des ſo drohend begonnenen Sturmes ließ ſie das Weinen und Klagen des armen Mädchens überhören. — Weit peinlicher war Mathilde berührt und hätte ihrem Gefühl für das harte Loos der Kleinen wohl lautern Ausdruck verliehen, wären nicht in dieſem Augenblicke ihre Sinne von der Angſt um Maurizio zu ſehr in Anſpruch genommen worden. Sie befand ſich in jener unerträglichen Stimmung, in welcher der Menſch zum Aeußerſten entſchloſſen und zugleich von dem Bewußtſein gelähmt iſt, daß er nichts zu erreichen vermöge. Wohin ſie blickte, ſah ſie nur unüberſteig⸗ liche Klippen vor ſich. Derſelbe Geiſt, von welchem Dallmavi's Schritte geleitet wurden, beherrſchte auch die Republik Puebla,— Mathilde hatte außerhalb des Hauſes ſo wenig auf Beiſtand zu hoffen, als inner⸗ halb der Mauern ihres Palaſtes. Je klarer ihr das Bewußtſein ihrer Ohnmacht vor Augen trat, deſto höher ſtieg ihr Jammer und ihre Verzweiflung. Am früheſten Morgen des nächſtfolgenden Tages wurde Maurizio vom Anführer der Leibgarde abge⸗ holt und erſt am ſpäten Abend wieder in Mathildens Gemächer zurückgebracht. So geſchah es von nun an jeden Tag und an jeden Abend kehrte der Knabe ent⸗ fittlicher und wilder zurück. Der Keim des Böſen entwickelte ſich in ihm unter Dallmavi's Leitung mit erſtaunlicher Schnelligkeit und erſtickte bald vollends die guten Eigenſchaften ſeines Charakters. Schon nach einer Woche war er entartet genug, den Ermah⸗ nungen der Mutter offenen Widerſtand entgegen zu ſetzen und über ihre Thränen zu ſpotten. Aber auch Mathilde hatte ſich inzwiſchen aus ihrer Rathloſigkeit aufgerafft und einen feſten Entſchluß gefaßt. Wir wiſſen, daß ſie ſchon früher einmal Puebla verlaſſen und fern von ihrem Gatten ein Aſyl für die Kinder ihrer unſeligen Ehe ſuchen wollte. Jener Ent⸗ ſchluß war damals theils am entſchiedenen Widerſpruch Dallmavi's und theils an der Erwartung geſcheitert, daß Mathilde vielleicht gerade durch ihre Kinder mit der Zeit noch wohlthätig auf Dallmavi einwirken könnte. Die Erwartung hatte ſich nunmehr in gräß⸗ lichſter Nacktheit als Trugbild gezeigt. Die Gefühle der Pflicht, von welchen das geängſtigte Weib des Millionärs bisher zum Ausharren beſtimmt worden war, waren nun gegenſtandslos geworden. Mathildens Einfluß als Gattin und Mutter war dahin und konnte nur fern dem Hauſe des unheimlichen Gold⸗ wühlers vielleicht wieder gewonnen worden. Alſo mußte, je tiefer Mathilde über ihre Lage nachdachte, der Entſchluß zur Flucht ſich ihr als der einzige noch mögliche Ausweg aufdrängen. 93 Jedoch war dieſer Entſchluß leichter zu faſſen, als auszuführen. Bei der ſtrengen Controle, die in den Beſitzungen Dallmavi's herrſchte, konnte Mathilde nicht hoffen, ohne vertraute Mitwiſſer ihrer Abſicht mit den Kindern glücklich zu entkommen. In ganz Puebla aber beſaß ſie nicht einen einzigen Freund; und auch unter den Dienern in ihrem eigenen Palaſte befand ſich Niemand, von dem ſie nicht hätte fürchten müſſen, vorzeitig an Dallmavi verrathen zu werden. Malva war das einzige Weſen in ihrer Umgebung, dem ſie einen ſolchen Verrath nicht zutraute. Malva aber war, wie ſie ſelbſt, nur ein ſchwaches Weib. Dennoch entſchloß ſich Mathilde, im Bunde mit ihr den Weg der Rettung zu betreten. Sie rief dieſelbe in ihr abgelegenſtes Gemach, ſchloß die Thüre des Vorzimmers ſorgfältig und be⸗ gann dann: „Liebe Malva, zu den vielen Zeichen der Freund⸗ ſchaft, welche Du von mir bereits erhalten, will ich Dir heute einen neuen Beweis geben, wie ſehr ich Dir vertraue.“ Malva ſah ihre Herrin erwartungsvoll an und ſchwieg. Dieſe fuhr fort: „Wie ich mit meinem Gatten ſtehe, weißt Du. Ich brauche Dir nicht erſt zu beſchreiben, daß meine 94 Kinder gleich ihm verworfene Geſchöpfe würden, wenn es mir nicht gelingt, ſie raſch ſeiner Macht zu ent⸗ reißen. Höre mich an, Malva, und mertke wohl auf meine Rede! Du und Deine Tochter Alma ſollen morgen frei ſein, wenn Du mir heute Nacht hilfſt, meine und meiner Kinder Freiheit zu erlangen.“ „Wie meint Sennora das?“ fragte Malva ein⸗ ſilbig. „Dieſe Nacht, ſobald in Dallmavi's Zimmer die Lichter ausgelöſcht ſind, will ich mit Ottilie und Mau⸗ rizio entfliehen“, erwiderte Mathilde.„Du und Deine Tochter Alma ſollen uns begleiten.“ „Maurizio hängt ſchon zu feſt an ſeinem Vater“, bemerkte Malva kopfſchüttelnd:„Er wird ſich weigern, der Sennora freiwillig zu folgen. Er wird Lärm machen und uns verrathen.“ „Ich werde das zu verhindern wiſſen“, verſicherte Mathilde.„Ich werde meinem Sohne ſagen, daß der Vater nach uns geſendet habe, daß Sennore Dall⸗ mavi mit einbrechender Nacht in das Schloß Carpi außerhalb Puebla's vorausgegangen ſei und uns dort erwarte.“ „Maurizio iſt ein verſchmitzter Junge“, wendete Malva ein.„Ich fürchte, daß er den Verſicherungen der Sennora nicht glauben und daß er ſelbſt in Dall⸗ 95 mavi's Schlafzimmer nachſehen wird, ob ſein Vater wirklich nicht zu Hauſe ſei.“ Mathilde ſchüttelte den Kopf. Malva fuhr ſort: „Wenn aber dieß auch nicht geſchähe, bleibt immer⸗ hin noch ein anderes Hinderniß. Meine Alma ſteht unter ſtrenger Aufſicht. Es wird nicht möglich ſein, ſie unbemerkt aus dem Kreiſe ihrer Wächter zu ent⸗ führen.“ „Auch dafür weiß ich Rath, meine kluge Malva,“ fiel Mathilde ein.„Der Aufſeher der Gärten iſt mir für manche empfangene Wohlthat verpflichtet und zeigt ſich gern erkenntlich. Sobald nach Einbruch der Nacht die Stunde geſchlagen hat, nach welcher Dallmavi ſeine Gemächer nicht mehr zu verlaſſen pflegt, ſchleichſt Du in meinem Auftrage zum Gartenaufſeher und er⸗ ſuchſt ihn, mir Alma, die ich ſehen wolle, auf ein paar Stunden zu ſenden. Er wird keinen Verdacht ſchöpfen und Dein Kind mit Dir ziehen laſſen.“ „Wie aber könnten wir unentdeckt ins Freie ge⸗ langen?“ begann Malva wieder„Der Palaſt iſt von * hohen Ringmauern eingeſchloſſen und die äußern Thore haben Wachtpoſten.“ „Zu einem der Ausgänge beſitze ich den Schlüſſel und ich weiß, daß der Wächter, welcher dort aufge⸗ ſtellt iſt, auf die Höhe und Stärke des Thores pocht“, 2 96 verſicherte Mathilde.„Er pflegt die ganze Nacht feſt zu ſchlafen. Wir können alſo ohne Furcht vor der Entdeckung leiſe öffnen und werden unbemerkt ent⸗ kommen.“ Malva machte keine Einwendung mehr. Auf Ihrem Geſichte aber ſtand deutlich zu leſen, daß die Mitthei⸗ lungen der Sennora ſich ihres Beifalls nicht zu er⸗ freuen hatten. Mathilde ſuchte aus den Zügen der Dienerin deren Gedanken zu enträthſeln, während Malva ihren Blicken auswich und die Augen zu Boden ſenkte. „Du ſcheinſt durch die Ausſicht, dieſe Nacht Deine Freiheit zu gewinnen, eher traurig als froh geſtimmt zu werden“, begann Mathilde nach einer Pauſe wie⸗ der.„Oder iſt es nur die Angſt vor dem Wagniß, die Dich ſo verwirrt?“ „Nichts Anderes, Sennora“, betheuerte Malva, „gewiß nichts Anderes. Wer würde nicht jauchzend das Sklavenkleid ablegen und der goldenen Freiheit ſich in die Arme werfen! Auch ich jauchzte, wenn nur nicht—“ Sie hielt, ſich ſelbſt unterbrechend, wieder inne. Vielleicht hatte ſie ſich noch rechtzeitig erinnert, daß ihren Lippen eben ein Gedanke entſchlüpfen wollte, den zu verbergen ſie guten Grund haben mochte. — — 97 „Wenn nur nicht—?“ wiederholte Mathilde unter Zeichen des Erſtaunens.„Wenn nur nicht— wenn was nicht wäre?“ „Die Angſt“, entgegnete Malva ausweichend und ſenkte den Blick wieder zur Erde.„Sennora laſſe ab von dem Gedanken an Flucht! Er täuſcht nur, wie in Dallmavi's Nähe Alles getäuſcht hat.“ „Du verbirgſt mir Etwas, Malva“, fiel Mathilde leidenſchaftlich ein.„Sei offen, Malva! Ich habe Aufrichtigkeit von Dir verdient.“ 3 „Und ich zolle der Sennora Aufrichtigkeit“, be⸗ theuerte Malva. „Nein! Gewiß, Du weißt mehr, als ich zu ahnen vermag.“ „Mein Wiſſen beruht nur auf Ahnungen. Sen⸗ nora, Dallmavi ſchläft nie und hat ein zu ſcharfes Gehör, um ſich auch nur den leiſeſten Fußtritt in ſeinem Palaſte entgehen zu laſſen. Nie, nie kann der Fluchtverſuch gelingen. Sennora gebe ein Wagniß auf, das ihr, den Kindern, mir, uns Allen nur neue Leiden bereiten wird!“ „Und müßte ich des Mißlingens ſchon jetzt verſichert ſein“, betheuerte Mathilde entſchieden, wich gäbe dennoch meinen Vorſatz nicht auf. Die Flucht iſt das einzige, das letzte, verzweifelte Mittel Köberle, Alles um ein Nichts. II. 7 4 98 — zur Rettung meiner Kinder. Könnte ich jetzt furchtſam zurückbeben, ſo könnte ich ſelbſt im Tod keine Ruhe mehr finden. Wenn Du Dich ſcheueſt, ſo magſt Du bleiben! Zwar habe ich ſehr auf Deinen Beiſtand für meine Kinder während der beſchwerlichen Reiſe gerech⸗ net, doch muß es auch geben ohne Dich. Ich will Dich nicht zwingen.“ „Kann ich bleiben und die Sennora ziehen laſſen?“ jammerte Malva.„Was wäre mein Loos, wenn Dall⸗ mavi nur mich allein noch hier fände? Sennora ſtellt mich vor einen entſetzlichen Scheideweg und ich darf meinem eigenen Willen nicht folgen. Ich werde blind denſelben Pfad wandern, auf dem die Sennora mir vorangeht.“ „Das habe ich von Deiner Anhänglichkeit er⸗ wartet“, ſchloß Mathilde erfreut.„Unſer Pfad ſoll Dir bequemer werden, als Du fürchteſt. Nimm Dich zuſammen und faſſe Muth, daß nicht Deine Aengſtlich⸗ keit bei irgend Jemanden im Hauſe Argwohn errege!“ Malva antwortete nur mit einem ſtummen Kopf⸗ nicken. Mathilde war im Laufe der nächſten Stunden zu ſehr mit den Vorbereitungen zur Flucht beſchäftigt, um über das ſeltſame Benehmen ihrer Dienerin tiefer nachzudenken. Da ſie überdieß die Treue derſelben für —y— 101 Mathilde aber ſah das nicht. Erſt nach Verlauf von einer Stunde kehrte Malva allein wieder zurück. „Du bringſt Dein Kind nicht mit Dir?“ redete Mathilde ſie beſtürzt an. „Der Aufſeher hat dieſe Nacht Urlaub“, entgeg⸗ nete Malva verlegen.„Ich habe überall vergebens nach ihm geſucht. Und da ich mich zuletzt an ſeinen Stellvertreter wendete, erhielt ich den Beſcheid, daß er nicht wage, ohne Dallmavi's ausdrückliche Erlaubniß dem Wunſche der Sennora zu willfahren., „Dann müſſen wir unſere Flucht auf die fol⸗ gende Nacht verſchieben“, entgegnete Mathilde ſeufzend. „Dazu kann ich der Sennora nicht rathen“, wen⸗ dete Malva beſorgt ein.„Ohne Zweifel wird Dall⸗ mavi morgen früh erfahren, daß Alma heute hierher geführt werden ſollte.“ „Und das müßte ſeinen Zorn gegen Dich reizen, Du arme, treue Seele“, jammerte Mathilde.„Es iſt ein fataler, ein höchſt fataler Zwiſchenfall. Könnteſt Du Dich entſchließen, mich ohne Dein Kind zu be⸗ gleiten?“ „Da es die Rettung der Kinder der Sennora gilt, ſo muß ich wohl“, verſicherte Malva unter⸗ würfig. 102 Mathilde umarmte die Meſtizin mit inniger Rüh⸗ rung. „Dieſen Dienſt“, ſagte ſie weinend,„dieſen Dienſt werde ich Dir nie vergeſſen. Ich werde Deine Alma aus der Sklaverei loskaufen laſſen, mußte ich auch meinen letzten Penns als Kaufſchilling opfern.— Treten wir denn unſern Weg jetzt an, und möge ein gütiger Engel uns gegen Verrath und Gefahr ſchir⸗ men!“ Malva belud ſich ſchweigend mit den Habſelig⸗ keiten, welche Mathilde während des Tages in Eile zuſammengerafft und als ihr unbeſtreitbares Eigenthum mit ſich zu nehmen beſchloſſen hatte. Indeß ging Mathilde in ein anſtoßendes Zimmer, um ihre Kin⸗ der auf den bevorſtehenden Ausflug vorzubereiten. Bald kehrte ſie, Ottilien an der einen und Maurizio an der andern Hand führend, wieder zurück und ver⸗ ſchwand, ohne ſich umzuſehen, ins Dunkel der Nacht hinaus. Malva folgte ihr leiſe nach. Im Garten herrſchte lautloſe Stille. Nirgends zeigte ſich ein Wachtpoſten und ſie gelangten unbe⸗ läſtigt an das äußere Thor. Auch dort war der Wächter, wie Mathilde vorausgeſagt, bereits feſt ein⸗ geſchlafen. Sie öffnete leiſe mit ihrem Schlüſſel und 8 103 trat ins Freie. Schon glaubte ſie ſich gerettet und begann neu aufzuathmen. Da kreiſchte ihr aus der Finſterniß plötzlich ein donnerndes„Halt“ entgegen. Mathilde fuhr mit einem Schrei des Schreckens entſetzt zurück. Trotz der Finſterniß hatte ſie die Ge⸗ ſtalt des Rufenden an ſeiner Stimme erkannt. Es war Dallmavi, der in Mitte ſeiner Leibwache vor ihr ſtand. „Da ich nun weiß“, begann er kalt und verächt⸗ lich,„da ich weiß, weſſen ich mich von Dir zu ver⸗ ſehen habe, ſo darfſt Du über Dein künftiges Loos nicht klagen.“ Dann wendete er ſich gegen ſeine Garde: „Fuhrt mein Weib in ſeine Gemächer zurück, und ſtellt die Wache nach meinen Befehlen auf!“ Mit dieſen Worten trat er, gefolgt von zwei ſeiner Schergen, durch das Thor und ſchritt dem Pa⸗ laſte zu. Mathilde wankte ihm halb ohnmächtig nach. Ihr Blick begegnete dem Geſichte der Meſtizin. „Malva!“ lispelte ſie vorwurfsvoll. Malva konnte den Zlick ihrer verrathenen Herrin nicht erwidern. Sie bedeckte mit beiden Händen ihr Geſicht und weinte. Zwanzigſtes Kapitel. Eine Ahnung. „In dunkeln Kreiſen wälzet nah und näher Sich die Erinn'rung lang vergang'ner Zeit; Die Ahnung iſt ein dräuendes Geſpenſt, Sie iſt der Tod, wenn ſie die Wahrheit iſt.“ 3 M. Beer, Paria. Seit dem mißglückten Fluchtverſuche ließ Dallmavi die Thore der Einfaſſungsmauer, die mehr als zwan⸗ zig Fuß hoch ſeinen Palaſt und einen Theil ſeiner Gär⸗ ten umgab, mit verdoppelter Strenge bewachen. Jeder der Wächter hatte die gemeſſenſten Befehle, Mathilden 3 nie und unter keinem Vorwande durchzulaſſen. Die Außenwelt war der unglücklichen Frau verſchloſſen, wie einer Gefangenen. Im Innern des Palaſtes und in dem ummauer⸗ ten Theile der Gärten durfte ſie ſich frei bewegen. Auch in ihrer Häuslichkeit trat keine Beſchränkung ein. Malva 105 blieb ihr als Sklavin zugetheilt und Dallmavi ſchien jeder weitern perſönlichen Berührung grundſätzlich aus⸗ zuweichen. Obwohl er ſeine Tochter Ottilie unter ihrer Obhut ließ, betrat er doch die Frauengemächer nie wieder. Maurizio war am Morgen nach jener verhängniß⸗ vollen Nacht, wie gewöhnlich, zu Dallmavi abgeholt worden, kam aber am Abend nicht mehr zurück. Auf die Erkundigungen, welche Mathilde durch Malva über ihn einziehen ließ, erhielt ſie zur Antwort, daß der Vater den Sohn ganz für ſich beanſpruche, und dagegen auch die Anſprüche der Mutter auf die Erziehung der Tochter nicht behelligen werde. Weiter konnte Mathilde nichts erfahren und ſah lange Zeit weder ihren Sohn, noch hörte ſie etwas über ſein Ergehen oder ſeinen Aufenthalt. Ihr Schmerz über dieſe Wendung läßt ſich beſſer fühlen als beſchreiben. Sie trug ihn für ſich allein, ohne in laute Klagen auszubrechen, ohne jene Erleich⸗ terung zu ſuchen, welche der von einem ſchweren Leid Gefolterte in der Mittheilung ſeiner Wehen findet. Die Aermſte hatte ja keine Seele mehr in ihrer Um⸗ gebung, der ſie ſich vertrauensvoll zuneigen durfte. Ihre Ottilie war noch zu jung, um von ihr verſtanden zu werden. In Malva aber konnte ſie ſeit jener ver⸗ —— 106 hängnißvollen Nacht nur noch die Verrätherin erblicken, die ihr im Tiefſten des Herzens zuwider war. Auch Malva ſah ſich durch die Nothwendigkeit, Mathilden täglich vor Augen treten zu müſſen, in eine peinliche Lage verſetzt. Sie fühlte, daß ſie von ihrer unglücklichen Gebieterin für ein blindes Werkzeug Dall⸗ mavi's gehalten und deßhalb von ihr verachtet werden müſſe. Dieſes Gefühl wurde ihr ſelbſt mit jedem Tage unerträglicher. Sie konnte ſich in ihrem Innern einer dankbaren Empfindung gegen Mathilden nicht entſchla⸗ gen und haßte und verachtete Dallmavi ebenſo tief, als ſie deſſen Gattin hoch zu ehren ſich gezwungen ſah. Wir wiſſen, daß ſie nicht aus Rückſicht auf den un⸗ heimlichen Millionär, ſondern aus einem auch für uns ſelbſt noch nicht aufgeklärten Motiv den Fluchtverſuch vereitelt hatte. Malva beſaß Ehrgefühl und einen ihr angeborenen Stolz, der durch ihre harten Lebensſchickſale noch nicht hatte erſtickt werden können. Der Drang, ſich eines ungerechten Verdachtes zu entlaſten und den Vorwurf der Undankbarkeit von ſich abzuwälzen, überwog bald die Rückſichten der Klugheit, und eines Tages redete ſie Mathilden mit den Worten an:. „Sennora hat ihr Benehmen gegen mich auffällig verändert!“ ——Jx———————V— V ⏑—:—— 107 „Ich hatte wohl Grund dazu“, entgegnete Mathilde kurz und kehrte ihr den Rücken. „Sennora thut mir ſchmählich unrecht“, fuhr Malva fort.„Ich verdiene die Verachtung nicht, der ich in ihren Augen verfiel.“ Mathilde warf ihr einen durchbohrenden Blick zu, ohne Etwas zu ſagen. Malva hatte den Muth dieſen Blick auszuhalten, und begann nach einer Weile wieder: .„Ich weiß, was Sennora von mir denkt. Weil ich ihre Flucht vereitelte, hält ſie mich für eine Crea⸗ tur Dallmavi's. Ich bin es nicht. Ich haſſe Dallmavi. Was ich gethan, lag in Niemandes Vortheil weniger, als in dem ſeinen.“ „Und dennoch mußteſt Du mich an ihn verrathen?“ warf Mathilde halb unwillig und halb neugierig ein. „Zu weſſen Vortheil thateſt Du das? Zu weſſen Vor⸗ theil hätteſt Du es thun können, wenn Du es nicht im Intereſſe meines Gatten gethan?“ Malva antwortete nicht ſogleich. Sie ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen, ob ſie auf die Frage eingehen oder ihr ausweichen wolle. Endlich hub ſie an: „Sennora glaubt mir nicht; und doch habe ich zur Erhärtung meiner Unſchuld nichts als die Verſiche⸗ rung einzuſetzen, daß ich die Flucht der Sennora weder in einer wohlwollenden Rückſicht gegen Dallmavi ver⸗ 108 hinderte, noch je etwas zu unternehmen fähig wäre, was einer ſolchen Rückſicht entſpränge. Ich wiederhole, daß ich Dallmavi gründlicher verabſcheue, als der Ge⸗ ſunde den Peſtkranken verabſcheut. Mehr zu ſagen hindert mich ein Schwur.“ „Ein Schwur? Das klingt wahrlich ſonderbar! Wem ſchwurſt Du?“ „Mir ſelbſt“, betheuerte Malva feierlich.„Ich bin der Sennora viel Dank ſchuldig. Als mein Dankge⸗ fühl in Zwieſpalt mit meinem Schwur gerieth, kämpfte meine Seele einen harten Kampf und es ſchmerzte mich tief, daß ich thun mußte, was ich nicht laſſen durfte. Gern möchte ich zeigen, daß ich keine Niederträchtige bin. Sennora ſtelle mich auf die Probe!“ „Willſt Du zum zweiten Male mein Vertrauen er⸗ ſchleichen, um mich noch elender zu machen, als ich's durch Dich ſchon geworden bin?“ warf Mathilde bitter ein. „Sennora vergaß, daß ſie ihr Vertrauen, welches ich früher nie geſucht, das erſte Mal mir aufgedrungen hat. Auch jetzt ſuche ich ihr Vertrauen nicht für mich, ſondern für die Sennora ſelbſt. Ich fühle, wie qual⸗ voll es für ſie ſein muß, zu ihrer einzigen Anſprache und Bedienung eine durch Dallmavi's Machtſpruch ihr beigegebene Sklavin zu haben, welche das wäre, wofür Sennora mich hält.“ ———— 109 Malva ſprach dieß in ſo bewegtem Tone und in ihrem Geſichte lag ein ſo überzeugender Ausdruck von Aufrichtigkeit, daß Mathilde bereute, ihr ſo hart be⸗ gegnet zu ſein. „Du würdeſt alſo“, fragte ſie einlenkend,„Du würdeſt mich nicht wieder an Dallmavi verrathen, wenn ſich mir nochmal Gelegenheit böte, mit meinen zwei Kindern Ottilie und Maurizio entfliehen zu können?“ „Die Sennora dürfte fliehen und ich wagte Alles, um ſie gegen Entdeckung zu ſchützen. Die Kinder aber müßten bleiben.“ „Auch Dein eigenes Kind?“ „Auch meine Alma“, bejahte Malva feſt. Auf Mathildens Geſichte ſtand der Ausdruck höch⸗ ſten Erſtaunens zu leſen. „Dein Denken und Handeln iſt mir räthſelhaft“, ſagte ſie.„Was kann Dich bewegen, meine Kinder und Dein eigenes Kind in den Händen eines Mannes zu laſſen, welchen Du nach Deinem eigenen Geſtänd⸗ niß tiefer als die Peſt verabſcheuen mußt?“ Malva ſchwieg, und wie ſehr auch Mathilde um Beantwortung dieſer Frage in ſie drang, war ihr doch nichts weiter zu entlocken, als nur erneute Verſiche⸗ rungen ihrer dankbaren Anhänglichkeit an die Sen⸗ nora. Sie mußte endlich den Verſuch aufgeben, über 110 das räthſelhafte Benehmen der Meſtizin ins Klare zu kommen. Aber dieſer Auftritt hatte ihr viel Stoff zum Nach⸗ denken geliefert. In der That brütete auch Mathilde fortan in ihrer Einſamkeit Stunden lang über den Vor⸗ fall nach und gerieth dabei auf allerlei düſtre Ver⸗ muthungen. Je näher ſie alle Umſtände erwog, deſto mehr kam ſie zu der Anſicht, daß hier irgend ein Myſte⸗ rium obwalte, zu deſſen Enthüllung der Schlüſſel ent⸗ weder ſchon in der Vergangenheit zu finden ſei oder erſt in den Ereigniſſen der Zukunft geſucht werden müſſe. „Malva's Herz ſchlägt feurig für die Freiheit“, ſagte Mathilde zu ſich ſelbſt.„Es knirſcht unter dem Drucke der Sklavenkette. Das hat ſie ſelbſt mir früher ſchon oft geſtanden. Dennoch wich ſie der Freiheit aus, als ich ihr die Gelegenheit zu deren leichter Er⸗ ringung ſchuf,— wich ihr in der Abſicht aus, meine Kinder dem Einfluſſe Dallmavi's nicht entſchlüpfen zu laſſen. Dieſer Einfluß gilt alſo in ihren Augen für ein ſchätzbareres Gut als die Freiheit ihrer eigenen Per⸗ ſon! Und warum ſchätzbarer? Das iſt die Frage, für die ich keine Löſung finde. Malva betheuert, meinen Gatten zu verabſcheuen. Dennoch will ſie ihm ſeine Kinder erhalten? Warum? Vielleicht weil ſie von ſei⸗ ner Einwirkung auf die Erziehung der Kinder eine —.——— —— 111 Frucht erwartet, die ihm ſelbſt endlich bittere Galle machen muß? Das wäre Etwas, es wäre ein Act der Rache. Aber geht irgend eines Menſchen Rachegefühl ſo weit, daß er, wenn ihm die goldene Freiheit ſchon für den nächſten Morgen lächelnd zuwinkt, ſich ſelbſt freiwillig auf unabſehbare Längen wieder mit der Skla⸗ venkette belaſtet, nur um ſeinen Durſt nach Rache ſtillen zu können? Kaum glaubhaft! Malva iſt klug und ſelbſt⸗ ſüchtig, und eine ſolche That wäre nur einer halb Ver⸗ rückten oder einer von teufliſcher Idealität entflammten Seele zuzumuthen, nicht einer Malva! Sie muß irgend einen Vortheil von der Zukunft hoffen, um deſſen willen ſich der Druck der Sklavenkette für jetzt noch verſchmer⸗ zen läßt,— einen Vortheil, der ſchwerer wiegt als das, was ich ihr zu bieten vermochte, ſchwerer als die kahle nackte Freiheit. Und wo läge für Malva wohl ein ſolcher Vortheil? Das iſt der dunkle Punkt, den mein Verſtand nicht aufzuhellen vermag.“ Mathilde ſchwieg und brütete wieder ſtumm vor ſich hin. Dann ſprang ſie plötzlich auf: „Licht“, rief ſie,„der dunkle Punkt wird licht! Sagte Malva nicht, daß auch ihr eigenes Kind, ihre Alma Dallmavi's Sklavin bleiben müſſe? Kann eine Mutter über ihr Kind ſo verfügen? Kann ſie, wenn ihr der freie Wiederbeſitz deſſelben angeboten 112 wird, es dennoch fern von ſich in der Sklaverei be⸗ laſſen? Nimmermehr! Das kann eine leibliche Mutter nimmermehr! Das kann nur die Herzloſe, welche fälſch⸗ lich ein Kind aus feindlicher Herkunft für die Frucht ihres Leibes ausgab. Alma iſt nicht Malva's Tochter.“ Mathilde verſank abermals in ſtumme Betrach⸗ tung. Nach einer Weile fuhr ſie mit ſich ſelbſt redend wieder fort: „Weſſen Tochter alſo iſt ſie? Wirklich die meine? Könnte, während ich ſchlief und Malva allein bei mir wachte,— könnte damals wirklich eine Verwechslung ſtattgefunden haben? Auch das iſt unmöglich. Hat doch Dallmavi ſelbſt am Tage nach der Geburt mit arg⸗ wöhniſchem Auge beide Kinder unterſucht und im Ge⸗ mache der Sklavin nur ein Meſtizen⸗Mädchen entdeckt! Muß doch ich ſelbſt bezeugen, daß Alma bis ins ſechſte Jahr den Typus einer Meſtizin beſaß und erſt dann die Natur ſelbſt allmählich ihr das jetzige Ausſehen ver⸗ lieh! Nein, Alma kann nicht mein Kind, und meine Ottilie kann nicht Malva's Kind ſein. Und dennoch läge hier die natürlichſte Erklärung der Liebe, die ich von jeher für Malva's Alma und der Liebe, die Malva von jeher für meine Ottilie empfand! Ach, was mir eben als heller Sonnenſtrahl entgegen zu leuchten ſchien, war nur ein Irrlicht, das raſch wieder erloſch und 113 mich in noch undurchdringlicheres Dunkel einhüllt! Mein Verſtand! o mein Verſtand— es iſt zum Raſend⸗ werden.“ So brütete und ſann Mathilde fortan Stunden, Tage, Wochen, Monate lang, und kam immer wieder auf denſelben chaotiſchen Gedanken zurück. Nur ſo viel glaubte ſie endlich als unzweifelhaft vorausſetzen zu können, daß Malva in Dallmavi's Palaſt eine noch undurchſchaubare, aber jedenfalls verdächtige und ge⸗ fährliche Rolle ſpiele. Daher benahm ſie ſich fortan gegen die Meſtizin, wenn auch ſehr zurückhaltend, doch nicht mehr ſo unfreundlich, als ſie ſeit dem mißglückten Fluchtverſuche gethan. Mehr und mehr begann ſie ſich vor der Sklavin zu fürchten, verbarg jedoch, ſo weit ſie vermochte, ihre Furcht ſorgfältig unter dem Schein der frühern Vertraulichkeit, um nicht den Haß oder gar die Rache der unentfernbaren und räthſelhaften Haus⸗ genoſſin gegen ſich zu reizen. Malva, die eine ſcharfe Beobachtungsgabe beſaß, merkte bald die ſchlimme Wirkung ihres Rechtfertigungs⸗ verſuches, hütete ſich aber, gegen dieſelbe noch weiter ankämpfen zu wollen. Vielmehr ſchien ſie froh zu ſein, daß Mathilde ihr keine Frage mehr ſtellte, auf welche eine Antwort ihr unmöglich war, weil ſie die Wahr⸗ heit nicht geſtehen durfte. So war denn der perſönliche Köberle, Alles um ein Nichts. II. 8 —õ ——ͦ—/—ęL.˖-—ʒ— —O·Oꝑñ⁊B—— 114 Verkehr Beider mit einander ein gegenſeitig peinlicher, obgleich jede äußerlich Altes vermied, wodurch ſich die andere hätte verletzt fühlen können. Dieß Verhältniß beſtand Jahre lang, während welcher Mathilde auch ihren Gatten und ihren Mau⸗ rizio nie mehr oder nur manchmal aus der Ferne ſah, wenn ſie durch den Garten gingen. Wir unterlaſſen, die ſtillen Leiden der vereinſamten Gattin und Mutter während dieſer Periode ihres Lebens zu ſchildern. Von allen einſt erträumten Gütern war ihr Nichts geblieben, als eine mißgeſtaltete Tochter, in deren Erziehung ſie jetzt, wenn auch nicht eine beſeligende Wonne, ſo doch diejenige innere Beruhigung ſuchte und fand, welche das Bewußtſein treu erfüllter Pflicht ſelbſt dem Un⸗ glücklichſten noch zu gewähren vermag. Die Einförmig⸗ keit ihres Lebens machte auch die Welt ihrer ſtillen Gedanken einförmig, in die nur manchmal ein raſch vorübergehender Wechſel eintrat, wenn ſie aus dem Fenſter über die Einfaſſungsmauern hinüberblickte in die äußern Abtheilungen der Dallmaviſchen Gärten. Da ſtieß ihr Auge auf eine niedliche Geſtalt, die neben rohen Sklaven fleißig die Felder bebaute. Es war Malva's Tochter Alma, welche trotz ihrer harten Arbeit zu einer täglich reizenderen Erſcheinung aufwuchs. Stets fühlte Mathilde bei dieſem Anblick ſich von 115 einem unbeſchreiblichen Gefühle niedergedrückt und zu⸗ gleich mächtig angezogen. „Dennoch“, wiederholte ſie jedesmal in ihren Ge⸗ danken,„dennoch beſteht etwas Sympathiſches zwi⸗ ſchen Dir und mir. Je weniger ich meine eigene Empfindung zu begreifen vermag, deſto deutlicher ſagt mir eine innere Ahnung, daß wir uns entweder nicht fremd ſind oder nicht auf ewig fremd bleiben werden.“ Die Kinder des Hauſes waren bereits groß ge⸗ wachſen, ohne daß ſich inzwiſchen irgend ein auffälliges Ereigniß zugetragen hätte. Da trat in Dallmavi's Leben eine Umwandlung ein, die allen Hausbewohnern unerwartet kam und bald zu einer Reihe von Kata⸗ ſtrophen führte. Viertes Buch. Die dunkle Hand der Uemeſis. Motto:„In der Verknüpfung der menſchlichen Schickſale ſteht der furchtbare Engel der Rache, und das dunkle Schwert der Vergeltung blitzt unter dem Schleier der Zukunft.“ Zſchokke, Stunden der Andacht. Einundzwanzigſtes Kapitcl. Ein großes Haus. „Einer zehret kühn mit hohem Muthe Von gepeitſchter tauſend Sklaven Gute, Die ihr letztes Bischen armes Leben Seiner Schwelgerei zur Beute geben.“ Senume. In der Zeit, während welcher der perſönliche Ver⸗ kehr zwiſchen Mathilde und ihrem Gatten unterbrochen war, hatte auch Dallmavi noch manchen innern Sturm mit ſich durchgekämpft, aus dem er bereits als Sieger hervorgegangen zu ſein wähnte. Sein teufliſcher Plan, in dem Herzen des eigenen Sohnes die Sprache des Gewiſſens zu erſticken und Maurizio zu einem gegen alle und jede humane Empfindung abgeſtumpften Men⸗ ſchen heranzubilden, war ihm geglückt. Triumphirend über dieß Meiſterſtück ſeiner Sophiſterei rief er oft aus: „Da ſeht ihr, daß die Furcht vor einer allwalten⸗ den Wiedervergeltung nur eine Thorheit iſt, an die man mich durch die Fehler meiner Erziehung gewöhnt hat. Mein Maurizio peitſcht ſeine Sklaven nach Herzens⸗ luſt, ohne dabei etwas Anderes als nur das wohl⸗ thuende Gefühl ſeiner Uebermacht zu empfinden. Mein Maurizio preßt mit Wohlluſt aus Menſchenfleiſch Gold⸗ körner heraus und erkennt in dieſem Geſchäfte nur ein angenehmes Mittel zur Vermehrung ſeiner Schätze. Ja, mein Sohn, Du biſt ein ganzer Kerl geworden, und das haſt Du mir zu danken. Dein Vater ließ Dich nicht in der Schule einer alterſchwachen Moraliſterei verknöchern. Das Ideal der Zeit, in welchem ſich das Ideal der Ewigkeit treu wiederſpiegelt, iſt in Dir Fleiſch und Blut geworden und darum wirſt Du glücklich ſein, ſo weit der Menſch je glücklich werden kann. In Deiner Seele lebt das wahre Evangelium, denn es gibt keinen andern Gott, als nur die eigene Menſchenkraft; es gibt keinen andern Glauben, als nur den an den Materia⸗ lismus! Und wer dem Gott des Materialismus huldigt mit all ſeinem Können, der huldigt der wahren Reli⸗ gion der Menſchheit.“ So ſprach Dallmavi und Maurizio war beſtrebt, der Lehre ſeines Vaters Ehre zu machen. Maurizio beſaß kein Gewiſſen mehr oder, richtiger geſagt, das 121 Gewiſſen in ihm hatte unter Dallmavi's einſchläfern⸗ den Syrenenklängen noch nicht erwachen können. Er kannte kein Geſetz, als die Befriedigung ſeiner eigenen Gelüſte. Dallmavi betrachtete mit infernalem Wohlbehagen die ſelbſtzufriedene Sorgloſigkeit des in Wohlluſt und Grauſamkeit ſchwelgenden Jünglings. Er blickte auf ihn wie auf ein nach den Regeln der wahren Philo⸗ ſophie vervollkommnetes Weſen. Wenn ihn ſelbſt manch⸗ mal noch ein unheimliches Zittern befiel, ſo vergegen⸗ wärtigte er ſich die übermüthig ſprudelnde Lebenskraft ſeines Sohnes, und ſog aus dieſem von ihm ſelbſt ge⸗ ſchaffenen Vorbild Muth und Kraft zu neuen Unthaten. Es war ihm wirklich gelungen, auf dieſe Art über den in ſeinem eigenen Innern wühlenden Rebellen zeitweilig hinweg zu voltigiren. Die Einbildungskraft malte ihm keine Schreckgeſtalten mehr vor und an die Stelle der verzweifelten Angſt war ein tollkühner Trotz getreten. Darum hing auch Dallmavi an ſeinem Maurizio jetzt faſt eben ſo ſehr, wie an ſeinen aufgehäuften Millionen. Ja es kam ihm allmählich vor, daß dieſe ohne jenen den magnetiſchen Reiz für ihn nicht beſäßen. Mehr und mehr culminirten alle ſeine Gedanken und Pläne in der Perſon des entarteten Jünglings,— Maurizio war die Krücke, auf der ſein kranker Geiſt 4122 einherhinkend ſich in den Traum einwiegen ließ, mit geſunden Flügeln hoch über dem Jammer des ſtaub⸗ geborenen Geſchlechtes in ſeliger Unangreifbarkeit hin⸗ zuſchweben. In dieſer erkünſtelten Stimmung begab ſich Dall⸗ mavi eines Tages, nach dem er mehr als ein Jahrzehend lang die Frauengemächer nie mehr betreten, in Mathil⸗ dens Wohnzimmer. Mathilde ſaß, wie ſie ſo oft zu thun pflegte, eben am Fenſter und ſchaute hinaus über die Gartenmauer auf ein ihr liebes Bild, welches wir bereits kennen. In ihre ſtillen Gedanken verſunken, bemerkte ſie den Eintretenden nicht ſogleich. Dallmavi blieb in der Mitte des Zimmers ſtehen und betrachtete eine Weile ſchweigend ſeine Gattin. Ein weniger ſteinhartes Gemüth hätte bei dieſem An⸗ blick Thränen der bitterſten Reue vergießen müſſen. Mathilde war, ſeit Dallmavi ſie nicht mehr geſehen, um mehr als dreißig Jahre gealtert. Sie, die kaum das vierzigſte Lebensjahr überſchritten hatte, glich einer zu Grabe wankenden Matrone von ſechszig Jahren. In dem hagern, von tiefen Furchen entſtellten Geſichte ſtand mit ehernen Zügen all das Leid eingegraben, welches ihr der Mann bereitet hatte, der jetzt wieder vor ihr ſtand. Nach einiger Zeit erhob ſie ſich von ihrem Stuhle 123 und fuhr, als ſie den unerwarteten Beſuch erblickte, unwillkürlich zurück. „Du hier?“ ſtotterte ſie in höchſter Gemüthsbewegung. „Dein grau gewordenes Haar verkündet, wie viele Jahre verfloſſen ſind, ſeitdem Du Dich nicht mehr er⸗ innerteſt, daß Deine Gattin noch lebt!“ „Ja“, begann Dallmavi, ohne ſich durch dieſe Anrede aus ſeiner Ruhe bringen zu laſſen,„ja, Mathilde, wir alterten, indeß unſre Kinder groß ge⸗ worden ſind. Darum bin ich heute hier. Entſchuldige! Meine Füße haben nicht mehr die frühere Tragkraft und mein Körper ſehnt ſich nach Bequemlichkeit.“ Er nahm auf dem Divan Platz und lud Mathilden durch eine Handbewegung ein, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Mathilde ſetzte ſich erwartungsvoll ihm gegenüber auf einen Stuhl. Dallmavi fuhr fort: „Du erinnerſt Dich vielleicht noch, daß ich Dir früher einmal ſagte, es werde noch eine Stunde kom⸗ men, in der unſere Lebensanſchauungen ſich in Har⸗ monie begegnen könnten. Dieſe Stunde hat jetzt ge⸗ ſchlagen. Ich bin der reichſte Mann von Mexiko und beginne die Luſt an der Arbeit zu verlieren. Daher gedenke ich mich von den Geſchäften zurückzuziehen und fortan einen Haushalt zu beginnen, der Deinem Ge⸗ ſchmacke beſſer zuſagen wird.“ „Wie?“ warf Mathilde, die noch nicht begriff, wie dieſe Worte zu deuten ſeien, überraſcht ein.„Du hätteſt Dich endlich, endlich entſchloſſen, dieſem Sumpfe der Sklaverei zu entfliehen und unter dem ſchönern Himmel Deiner lieben Heimat die errungenen Schätze nutzbar zu machen?“ „Ich möchte“, entgegnete Dallmavi ausweichend, „ich möchte Puebla nicht gern verlaſſen. Wozu wäre das auch nöthig? Ein behaglicher Hausſtand läßt ſich hier ſo gut wie anderswo errichten. Die Luft hier iſt geſund. Ein klimatiſcher Wechſel könnte uns Unan⸗ nehmlichkeiten bereiten. Ich kränkle manchmal, und auch Du, ſcheint es, biſt nicht mehr ſtark genug, ohne Nachtheile die Mühen und Entbehrungen einer langen Seereiſe ertragen zu können. Wir werden alſo hier bleiben. Ohnehin könnte ich mich zu einer Trennung von meinem Sohne nie entſchließen. Er wird mein Geſchäft übernehmen und bedarf manchmal vielleicht noch meines Rathes.“ „Maurizio Sklavenhändler?“ jammerte Mathilde händeringend.„Mein leiblicher Sohn Sklavenhändler! Und Du haſt die Stirne mir anzukünden, daß fortan ein Familienleben nach meinem Geſchmacke beginnen könne?“ 125 „Vielleicht findet Maurizio nur kurze Zeit Ver⸗ gnügen an meinem Geſchäfte“, entgegnete Dallmavi ruhig.„Dann kann er beginnen was er will. Ich werde ihn zu nichts zwingen. Ja, ich gebe ſogar Dir von heute an Deine mütterlichen Rechte auf ihn zurück und hebe die bisherigen Schranken Deines Einfluſſes wieder auf.“ „Nachdem Du mein Kind bereits unrettbar ver⸗ derbteſt“, warf Mathilde vorwurfsvoll ein. Dallmavi fuhr, ohne darauf zu achten, ruhig fort: „Maurizio iſt erwachſen. Ich erkläre ihn für mündig. Er ſoll ſich einen eigenen Herd gründen und Du wirſt bei Auswahl ſeiner Braut eine Stimme haben.“ „Dazu tauge ich nicht“, ſagte Mathilde kopfſchüt⸗ telnd.„Bewahre der Himmel mich vor der Sünde, irgend einem Weib auf dem ganzen Rund der Erde das Loos zu bereiten, das mich traf.“ Dallmavi's Stirne verfinſterte ſich. Dennoch be⸗ wahrte er ſeine ſtoiſche Ruhe und fuhr nach kurzer Pauſe fort: „Auch unſere Ottilie naht ſich dem Alter der Mannbarkeit. Wir haben an ihre Zukunft zu denken. Dabei wird uns freilich mein Gold weiter hinauf helfen müſſen, als das Geſicht des Mädchens beanſpruchen kann.“ 126 „Wie meinſt Du das?“ warf Mathilde erſchrocken ein. „Ich gedenke unſere Tochter in nächſter Zeit eben⸗ falls zu verheirathen“, entgegnete Dallmavi und fuhr fort:„Meine Liebe, Du haſt keinen Grund, darüber ängſtlich zu werden. Ich bin nicht dagegen, daß die Wahl des Bräutigams nur mit Deiner Zuſtimmung erfolgen ſoll. Du wirſt bald Gelegenheit finden, die jungen Cavaliere und Damen aus den angeſehenſten Familien des Landes kennen zu lernen. Aus ihren Reihen wollen wir ſodann in gemeinſchaftlicher Be⸗ rathung für Ottilien einen Bräutigam und für Mau⸗ rizio eine Braut herausſuchen. Ich hoffe, daß Du gegen dieſen Vorſchlag nichts einzuwenden habeſt.“ Mathilde ſah ihren Gatten mit großen Augen an und wußte nicht, was ſie ſagen ſollte. Dallmavi's jetziges Benehmen ſtand mit ſeiner bisher ſo abſtoßend trotzigen Rückſichtsloſigkeit in allzugrellem Widerſpruche, als daß ſie ſich ſogleich in die ihr noch ganz unerklär⸗ liche Umwandlung hätte hineinfinden können. Dallmavi ſchien nicht ohne Wohlbehagen dieß Staunen ſeiner Frau wahrzunehmen. Nach einer längern Pauſe, während welcher auch ſie mit forſchendem Blicke ihn ſchweigend beobachtet hatte, begann er wieder: „Du biſt durch mein Entgegenkommen überraſcht! Du wärſt es nicht, wenn Du von jeher meiner Natur Gerechtigkeit hätteſt widerfahren laſſen. Ich mußte, wollte ich nicht meinen Lebenszweck verfehlen, bisher ſtreng handeln, ſtreng auch gegen Dich. Jetzt habe ich erreicht, was ich erreichen wollte. Ich kann jetzt großmüthig handeln und beginne meine Großmuth zunächſt an Dir ſelbſt. Sie ſoll unſern Kindern zu gute kommen. Bis heute, liebe Mathilde, lebten wir zu einſam, zu ſehr geſchieden von allem Verkehr mit den Menſchen. Das ſoll anders werden. Wir haben gegen unſere Kinder die Pflicht, ſie in die große Welt einzuführen.“ Mathilde hörte mit ſteigendem Erſtaunen ſprachlos zu. Dallmavi fuhr fort: „Ich habe Dich heute beſucht, um mich über die künftige Erfüllung dieſer Pflicht mit Dir zu verſtändigen. Es gibt wenige Familien auf Erden, die ſich eines größeren Reichthums rühmen können, als ich beſitze. Dem entſprechend ſoll fortan auch unſer Haushalt ge⸗ regelt werden. Die Jahre des mühevollen Erwerbens und Sparens ſind durchgekämpft und die ſchöne Zeit des Genuſſes iſt endlich angebrochen. Wir werden fortan ein großes Haus machen, wir werden an Auf⸗ wand und Pracht die reichſten Familien des Landes überbieten, und Dir theile ich die Beſtimmung zu, unter den Herrlichkeiten, die in Dallmavi's gaſt⸗ —y — — —— ———— ———Y—Y—P——— — — 128 freien Palaſt bald einziehen werden, die Königin zu ſpielen.“„ „Ich die Königin?“ warf Mathilde befremdet ein. „Dallmavi, darf ich eine Zwiſchenfrage ſtellen?“ „Sprich!“ „Willſt Du meine Frage offen beantworten?“ „Gewiß.“ „Nun denn! Daß Du nmich nicht liebſt, weiß ich. Was kann Dich bewegen, mir die ſchon ſo lange vor⸗ enthaltenen Rechte einer Hausfrau jetzt dennoch zurück⸗ geben zu wollen?“ Dallmavi zuckte die Achſeln. „Du ſpielſt die Empfindlerin“, entgegnete er. „Doch ſei's. Wenn Du unſern künftigen Gäſten gegen⸗ über nur thuſt, was ich von Dir verlange, ſo magſt Du im Stillen darüber denken was Du willſt!“ „Das iſt keine Antwort auf meine Frage“, warf Mathilde ein. „Du willſt alſo den tiefen Grund meiner Ver⸗ ſöhnlichkeit kennen lernen?“ fuhr Dallmavi fort.„Auch das! Ich will, daß die Welt mich für glücklich halte, denn ich bin glücklich. Nach den alltäglichen Begriffen gehört zum vollkommenen Glücke eines Mannes, der zwei Kinder zu verheirathen hat, eine liebende Gattin und Mutter. Daß ich mit all meinen Schätzen Deine 129 Zuneigung mir nicht erhalten konnte, wußte ich zu verſchmerzen. Den Gedanken aber, daß auch meine künftigen Gäſte den Bankerott meines Familienlebens entdecken ſollen,— dieſen Gedanken könnte ich nicht ertragen. Ich brauche Dich alſo jetzt, gerade ſo wie ich Eſſ⸗ und Trinkgeſchirre von echtem Gold und Silber brauche, bloß zur Staffage. Und weil ich Dich ſo brauche, wirſt Du Deine Rolle pünktlich nach meiner Vorſchrift ſpielen.“ Dallmavi ſprach die letzten Worte mit ſo ent⸗ ſchiedener Betonung, daß Mathilde nicht zweifeln konnte, wie gefährlich es für ſie wäre, die Uebernahme der ihr zugemutheten Rolle zu verweigern. Ein gramvoller Zug ſpielte um ihre Lippen. Die erhaltene Antwort hatte ſie hinlänglich überzeugt, daß ſich aus der er⸗ künſtelten Freundlichkeit ihres Gemahls nur zu bald eine neue Art von Tyrannei entpuppen werde. Jedoch wagte ſie nicht, ihrer Befürchtung Ausdruck zu geben und entgegnete ablenkend: „Du willſt alſo Deinen Palaſt dem geſelligen Verkehr öffnen,— Du, der ſich ſeit Jahren gegen alle Welt hermetiſch abſchloß? Und fürchteſt Du vom Ein⸗ tritt fremder Perſonen keine Gefahr mehr für Dich?“ „Nein“, erwiderte Dallmavi feſt.„Meine Furcht war eine Krankheit. Ich bin geneſen. Ich zittere vor Köberle, Alles um ein Nichts. II. 9 nichts mehr und weiß jetzt, daß ich vor Niemanden zu zittern brauche. „Seit wann weißt Du das?“ „Seit ich geſehen, daß ein Menſch ohne Zittern noch weit Aergeres zu thun vermag, als ich je gethan.“ „Und ſeither fürchteſt Du auch die Dolche nicht mehr, die Eskobadi für Dich gedungen?“ „Sie ſind ſtumpf geworden“, verſicherte Dallmavi lachend.„Eskobadi's Haß gegen mich ertrank endlich in den Fluthen der Bewunderung meines Genie's, durch welches ich mich über ihn emporgeſchwungen. Du ſtaunſt über unſere⸗Verſöhnung? Und doch iſt ſie nur ein Ereigniß, das ſich, ſeit die Welt ſteht, alltäg⸗ lich wiederholt. Zuerſt fletſcht der Uebervortheilte mit ſeinen Zähnen, dann überkommt ihn das katzenjämmer⸗ liche Gefühl ſeiner Impotenz, und endlich bittet er ſelbſt den Klügern um Freundſchaft, damit ihn nicht der letzte Gnadenſtoß deſſelben treffe. Und wie der Einzelne, ſo handelt auch die Maſſe. Ganze Völker ſpringen wuthentbrannt auf einander los, die Erde wird mit Blut getränkt, und über den Leichen der jämmerlich Erſchlagenen umarmt der beſiegte Gewalt⸗ haber den glücklichern Sieger mit dem erhebenden Ge⸗ fühle einer aus Menſchenfett und aus geſtocktem Blute neu zuſammengekitteten Freundſchaft. Die Welt ſieht dem Schauſpiele ſtarr zu, und beklatſcht den Schluß. Das war, in der Freiheit wie in der Sklaverei, ſchon ſeit Adams Tagen der Verlauf der Menſchengeſchichte, die von jeher heute nur das wiederholte, was ſie geſtern ſchon vorgeleiert hat,— unter verändertem Namen ſtets dieſelbe Sache, ſtets nur ein Sieg des Genie's und des Goldes, welches Macht erzeugt, über die Schwäche und über die Dummheit der Mitmenſchen. Und ſeit ich dieß weiß, ſeither fühle ich mich rein, ſeither zittere ich weder vor Erdgeiſtern, noch vor Göttern oder Teufeln.“ Ohne auf die Beſtürzung ſeiner Frau zu achten, ſtand Dallmavi auf und fuhr ſarkaſtiſch fort: „Deine Rolle kennſt Du und wirſt ſie ſpielen. Sie wird Dir leicht werden, denn Dein Geſchlecht ver⸗ ſteht ſich ja auf die Künſte der Verſtellung. Jedes Weib iſt eine geborene Schauſpielerin. Und überdieß genoſſeſt gerade Du bei Deiner Mutter, die eine Künſt⸗ lerin erſten Ranges war, eine ganz unübertreffliche Schule. Alſo muß ich wohl auf Deine gewandte Schmiegſamkeit zählen können und ich zähle darauf. Merke Dir, daß Dallmavi jede Täuſchung ſeines Vertrauens unnach⸗ ſichtig rächt! Schon heute ſollen in meinem Palaſte die Vorbereitungen zum Uebergange aus der melancho⸗ liſchen Einſamkeit zur geſelligen Luſt beginnen. Arran⸗ 9* 132 gire unſere Salons mit Geſchmack und üppigem Lurxus! Der erſte Gaſt, den ich königlich zu bewirthen gedenke, wird Eskobadi ſein.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Dallmavi und überließ ſeine arme Frau ihren ſtillen Gedanken. Schon eine Stunde nach der eben geſchilderten Unterredung begann es im Palaſte und in deſſen Um⸗ gebungen lebendig zu werden. Hunderte von Arbeitern, Freie und Sklaven, waren beſchäftigt, an Stelle der bisherigen Unordnung Wohnplätze für die Grazien und die Götter der Ueppigkeit aufzubauen. Die ſchwer⸗ fälligen Thore in den Umfaſſungsmauern verſchwanden und wurden durch elegant aus Meſſing gearbeitete Pforten erſetzt, deren zierliche Spitzen aus echtem Golde beſtanden. Die verwilderten Geſträuche in den Garten⸗ anlagen mußten unter der Hand geſchickter Gärtner einem bezaubernden Pflanzenreichthum weichen, der auf Dallmavi'’s Befehl aus allen Theilen beider Indien bereits herbeigeſchafft worden war. Neben und zwiſchen dieſen neuen Herrlichkeiten tauchten Fontainen, kunſt⸗ reiche Waſſerwerke, ſchattige Gänge, kühle Lauben und reizende Verſtecke in zahlloſen Reihen auf. Die bis⸗ herigen Meubles und Geräthſchaften wanderten aus dem Palaſte in ein entfernt ſtehendes Nebengebäude, welches zur Aufnahme eines Theiles der künftigen Dienerſchaft 133 beſtimmt war. Und um die dadurch leer gewordenen Räume der Würde des reichſten Mannes von Mexiko entſprechend wieder auszufüllen, zog zum Thore herein Wagen auf Wagen, alle ſchwer bepackt mit jenen blen⸗ denden und koſtbaren Einrichtungen, die um ungeheure Summen nur in Paris und London aufzutreiben ge⸗ weſen waren. Nach etwa drei Monaten angeſtrengter Arbeit hatte ſich Dallmavi's bisher ſo düſtere Behauſung in einen wahren Feenſitz verwandelt. Ueberall herrſchte Grazie, Luxus und Glanz. Selbſt die Hausbewohner ſchienen ihre Geſichter umgetauſcht und der Harmonie des Ganzen angepaßt zu haben. Statt der mürriſchen Trabanten flogen jetzt ſchlanke Bediente in zierlicher Livree mit lächelnden Mienen Treppe auf Treppe nieder. Zwiſchen und neben ihnen bewegten ſich tändelnd und ſcherzend leichtfüßige Sklavinnen von üppigem Körper⸗ wuchs in verführeriſcher Bekleidung, die ſiegreich mit dem verlockenden Reize eines Harems wetteifern konnten. Ja ſogar dem widrigen Einfluſſe des Zeitenwechſels hatte Dallmavi Trotz zu bieten gewußt. Es gab keine Nacht mehr in ſeinem Palaſte. Sobald die Königin des Tages unterging, leuchtete von den Zinnen herab eine bengaliſche Sonne, die im Innern und über die Gärten ein blendendes Hell ergoß und ihre Strahlen ——— —— ———— ———— ——— — — 134 noch weit hinausſandte auf die Häuſerſpitzen und Thürme der entfernteren Stadttheile von Puebla. Wohlgefällig ſchaute der Schöpfer dieſes Glanzes auf ſeine Beſitzung und rief ſtolz aus: „Iſt das nicht die Verkörperung der alten Mythe:„„es werde und es ward?““ Habe ich nicht wie durch einen Zauberſchlag mir ein Paradies ge⸗ ſchaffen? Wird noch Jemand kommen und mir ſagen wollen, daß das Geheimniß der Allmacht nicht im Gold beſtehe?“ Dann erließ Dallmavi an die Geldariſtokratie von Puebla und an die großen Plantagenbeſitzer der Um⸗ gegend die feierliche Einladung zu einem Bankett und traf alle Vorbereitungen, um ſeinen Gäſten noch nie dageweſene Ueberraſchungen und Genüſſe bieten zu können. Die Eingeladenen ermangelten nicht, an dem beſtimmten Tage in ſeinem Palaſte zu erſcheinen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Das Verſöhnungsmahl. „Du treibſt mir's gar zu toll, Ich fürcht', es breche! Nicht jeden Wochenſchluß Macht Gott die Zeche.“ Goethe, Sprichwörtliches. Schon wogte in den Dallmavi'ſchen Salons und Gärten eine ſtattliche Geſellſchaft hin und her, und immer fuhr noch Caroſſe auf Caroſſe durch die Pforten herein und entlud ſich unter dem Hauptportale ihres Inhaltes. Mathilde machte in dem marmornen, mit Statuen und Bildern reich geſchmückten Vorſaale den Ankömmlingen die Honneurs. Ihr Geſicht war ernſt, ihr Benehmen würdevoll und graziös. Ottilie, welche an der Seite ihrer Mutter ſtand und jeden neu ein⸗ tretenden jungen Cavalier mit verſtohlenem Blick mu⸗ 136 ſterte, ſtrahlte vor Freude und nahm mit jungfräu⸗ lichem Erröthen die Complimente hin, welche der Eine oder der Andere im Vorübergehen der reichen Erbin ſpendete. Maurizio befand ſich in einem der innern Salons und unterhielt einige ſeiner Altersgenoſſen mit einer Nonchalance, welche bei ihm durch die Erziehung bereits zur zweiten Natur geworden war. Seine Derbheit fiel auf, wurde jedoch ignorirt. Unter dem betäubenden Eindrucke, welchen der majeſtätiſche Glanz und die unerhört luxuriöſe Aus⸗ ſtattung des Dallmavi'ſchen Palaſtes auf alle Eintreten⸗ den im erſten Augenblick machte, bemerkten nur ſehr wenige Perſonen, daß der Herr des Hauſes ſich mit auffallend finſtrer Miene unter ſeinen Gäſten bewegte und ſichtlich Mühe hatte, die Begrüßungen mit gezie⸗ mender Aufmerkſamkeit zu erwidern. So ſehr Dall⸗ mavi auch Meiſter in der Verſtellungskunſt war, be⸗ ſchäftigte ihn doch in dieſem Moment ein Gedanke, deſſen Wiederſpiegelung er nicht völlig aus ſeinem Ge⸗ ſichte zu bannen verſtand. Wiederholt eilte er, neu⸗ gierig die Reihen der bereits eingetretenen Gäſte mu⸗ ſternd, von Salon zu Salon. Dann trat er wieder in den Vorplatz und horchte mit geſpannter Erwartung auf die Stimme des Portier, ſo oft derſelbe über die Treppe herauf den Namen des Beſitzers einer eben 137 neu vorfahrenden Caroſſe ankündigte. Augenſcheinlich vermißte er unter ſeinen zahlreichen Gäſten noch eine Perſon, deren Fernbleiben ihm ſehr fatal geweſen wäre. Da ertönte vom Hauptportale her der Ruf:„Sen⸗ nore Ramon Eskobadi!“ „Endlich“, flüſterte Dallmavi halblaut vor ſich hin, indem die finſtere Wolke aus ſeinem Geſichte plötz⸗ lich verſchwand und ein diaboliſches Feuer aus ſeinem Auge blitzte.„Endlich! Mein heutiger Triumph könnte nur ein halber werden, wenn Du nicht gekommen wärſt.“ Er trat dem Ankömmling bis an den obern Rand der Treppe entgegen und begrüßte ihn, ſeine Hand ſchüt⸗ telnd, mit einem freundlich klingenden„Willkommen!“ „Da bin ich, der alte Knabe vom Thal“, ent⸗ gegnete Eskobadi in derb biederherzigem Tone und warf einen ſchelmiſchen Blick durch die weit geöffneten Thüren der Vorderſalons.„Bei Dir geht's ja präch⸗ tiger zu, als ich mir's im Elyſium träume. Sapper⸗ ment! Mein Caſtell iſt eine wahre Spelunke im Ver⸗ gleiche zu dieſer Herrlichkeit! Ja, ja, man ſagte mir nicht mit Unrecht, daß in Dallmavi zehn lebendige Teufel ſtäken.“ „Du haſt mir das bischen Erwerb ſauer genug gemacht“, warf Dallmavi ſelbſtgefällig ſcherzend ein und ſchüttelte nochmal die Hand ſeines Gaſtfreundes.„Da 138 konnte es denn ohne ein bischen Teufelei freilich nicht vorwärts gehen.“ Eskobadi verzog ſein Geſicht zu einem grinſenden Lachen, während er mit der Hand auf Dallmavi's Schulter klopfte und dann herausplatzte: „Kamerad, Du ſahſt Geſpenſter. Wahr iſt's, öffent⸗ lich habe ich Dich oft verwünſcht wegen Deiner Schlau⸗ heit. Dennoch mußte ich immer im Stillen mir ſelbſt geſtehen: Reſpect vor ſolchem Speculationsgeiſt Das Gerücht, ich habe Meuchelmörder gegen Dich gedungen, Kamerad, das war nur ein Mährchen. Irgend ein Schalk hatte es erfunden, um Dich zu foppen.“ „Hiermit giebſt Du einer Vergangenheit, die wir bereits auf ewig begraben haben, jedenfalls die ver⸗ ſöhnlichſte Deutung“, erwiderte Dallmavi nicht ohne einiges Erröthen und trat dann mit ſeinem ehemaligen Chef, dem ein Leibmohr in glänzender Livree auf dem Fuße nachfolgte, in den zunächſt liegenden Vorſaal ein. „Da wir nun verſöhnt ſind, ſo gibſt Du mir wohl Aufſchluß über ein Subject unter Deinen Sklaven, für das ich mich zu intereſſiren einigen Grund habe.“ Eskobadi's Leibmohr, der bisher mehr auf die Lokalitäten als auf das Geſpräch der Beiden geachtet zu haben ſchien, ſchlich hinter ihnen auf den Zehen leiſe näher und ſpitzte die Ohren. 139 Dallmavi fuhr fort: „Vor längerer Zeit, es mögen ſeither ſchon etwas über zwanzig Jahre ſein, erſtandeſt Du von einem meiner Agenten in Charleſton unter auffälligen Nebenumſtänden einen Meſtizen. Biſt Du noch im Be⸗ ſitze deſſelben?“ „Wie hieß der Meſtize?“ fragte Eskobadi ſcheinbar gleichgültig. „Wenn ich nicht irre, ſo nannte er ſich Penno.“ Eskobadi warf unwillkürlich einen Blick auf ſeinen Leibmohren zurück, der zu zittern ſchien und ſich raſch wegwendete, um bald darauf geräuſchlos aus dem Saale zu verſchwinden. Würde auch Dallmavi den Mohren genauer betrachtet haben, ſo hätte er in deſſen Geſichtszügen vielleicht einige Aehnlichkeit mit einer Perſon entdeckt, der er ſchon früher irgendwo begegnet ſein mußte. Dallmavi aber würdigte den Sklaven kei⸗ ner nähern Aufmerkſamkeit, und fuhr ohne Unter⸗ brechung fort: „Kannſt Du Dich an Penno noch erinnern?“ „Warum ſollte ich nicht?“ antwortete Eskobadi mit ſchalkhaftem Lächeln.„Ein Prachtexemplar, dieſer Penno! Er iſt mein Lieblingsſklave und ich vertraue ihm längſt mehr an, als vielleicht klug und gut iſt.“ „Man warnte mich früher vor Penno“, ſagte Dall⸗ 140 mavi und ſah forſchend ins Auge ſeines Gaſtfreundes. „Er ſoll mir den Tod geſchworen haben. Iſt Dir dieß bekannt?“ Eskobadi's Geſicht verzog ſich wieder zu einem grinſenden Lächeln, indeß er kopfnickend entgegnete: „Es war von Dir auch etwas zu derb gehandelt, als Du die demüthige Bitte des verzweifelten Ehemannes mit Stockſchlägen abfertigteſt. Indeß hat wohl die Länge der Zeit das Feuer ſeiner Rachſucht wieder aus⸗ gelöſcht. Mußte doch ich ſelbſt ſeither noch Aergeres verſchmerzen lernen! Kamerad, da wir zwei einig ſind, hat's mit Penno keine Gefahr. Parole q'honneurV! ich halte ihn im Zaum.“ Mit dieſen Worten miſchten ſich Beide unter die übrigen Gäſte und verſchwanden bald in der Menge. Auch wir wollen jetzt die anweſende Geſellſchaft, die aus mehr als tauſend Köpfen beſtand, genauer anſehen, um diejenigen Perſonen herauszufinden, welche auf die weitere Entwicklung unſerer Geſchichte einigen Einfluß gewinnen werden. 1 Noch wogte die Menge in den Sälen und Gärten bunt durch einander. Ihre Phyſiognomie glich noch der eines Publicums, welches zum erſten Male die Hallen einer Kunſtausſtellung betritt. Und in der That gab es hier des Schönen und Koſtbaren mehr zu ſchauen, 141 als man ſelbſt in den berühmteſten Muſentempeln ſo nahe beiſammen in harmoniſcher Verſchlingung auf⸗ finden kann. So war es denn auch nicht mehr und nicht weniger als nur ein berechtigtes Compliment für den Hauswirth, daß durch die Ausdrücke des Staunens und der Bewunderung faſt das Orcheſter übertönt wurde, welches von einer unſichtbaren Stelle aus mit ſanftem, geiſterartigem Säuſeln das Summen und Wogen der Menge accompagnirte. Mathilde hatte ſich, nachdem der letzte der erwar⸗ teten Gäſte angelangt und von ihr bewillkommnet wor⸗ den war, aus dem Marmorſaale vorläufig wieder in die innern Gemächer zurückgezogen. Ihre Tochter Ottilie aber verweilte noch dort, umgeben von einem Kreiſe junger Cavaliere, deren Mehrzahl, wie es ſchien, über das Ausſehen der reichen Erbin nicht ſonderlich ent⸗ zückt war. Die Unterhaltung litt an bedenklichen Kunſt⸗ pauſen, und hätte nicht einer der Anweſenden Geiſtes⸗ gegenwart genug beſeſſen, die ungalanten Cavaliere noch rechtzeitig durch einen derben Scherz zu verjagen, ſo wäre wohl eine allgemeine Siweluns und Verlegen⸗ heit eingetreten. „Die Herren fühlen wohl, daß ſie hier überflüſſig ſind, weil ich mit der ſchönen Sennorina ein Wort unter vier Augen zu wechſeln habe“, ſagte der derbe 142 Humoriſt und machte gegen die Cavaliere ein verab⸗ ſchiedendes Compliment. Der ſo ſprach, hieß Higaldo und war der Sohn eines mäßig begüterten Plantagenbeſitzers aus dem Süden der Republik Tlaskala. Sein gebräunter Teint und ſeine aufgeworfenen Lippen ſchienen anzudeuten, daß er ſeine Abſtammung von einer gemiſchten Race herzuleiten habe. Unter andern Umſtänden würde eine derartige Aurede Ausbrüche des Unwillens erzeugt und ein hal⸗ bes Dutzend von Zweikämpfen veranlaßt haben. Es ſchien jesoch nicht, daß einer der Anweſenden dem Sennore Higaldo ſein behauptetes Vorrecht auf die junge Dame beſtreiten wolle. Vielmehr ergriff der Gewandteſte von ihnen, Sohn des reichen Banquier Mancha und ein Jüngling von faſt poetiſch duftendem Ausſehen, unter allgemeinem Beifallslächeln das Wort, indem er entgegnete: „Unſer aufrichtiger Gaſtfreund aus dem Süden traf in der That den Nagel auf den Kopf, und wir wollen ihm die Nothwendigkeit erſparen, uns zum zwei⸗ ten Male verwarnen zu müſſen.“ Mit dieſen Worten verbeugte ſich Alberto Mancha gegen die Dame und ſchritt ernſt dem Hauptausgange zu. Die andern Cavaliere traten lächend ins Innere — des Palaſtes und verloren ſich dort bald unter der Menge. „Ich danke Ihnen“, begann Ottilie mit einem freundlichen Blicke auf Higaldo, ſobald ſie ihm allein gegenüberſtand.„Ich danke Ihnen aufrichtig, daß Sie mich aus der peinlichen Lage befreiten. Ach, ſelbſt die unzählbaren Schätze meines Vaters vermögen nicht, die Mängel meines Geſichtes zu vergolden. Und ſo mußte ſchon mein erſter Schritt ins geſellſchaftliche Leben mir den harten Beweis liefern, daß ich meine Zukunft nur in einer öden Einſamkeit zu ſuchen habe.“ „Ein falſcher Schluß“, fiel Higaldo ihr zuver⸗ ſichtlich ins Wort.„Was kann Ihnen am Beifall dieſer weißgeleckten Race liegen, ſo lange es noch Män⸗ ner giebt, welche in ſolchen Mängeln die wahre Schön⸗ heit erkennen! Schauen Sie mich an, Sennorina! Iſt mein Teint nicht ebenſo tadellos braun, wie der Ihrige? Beſitze ich nicht aufgeworfene Lippen wie Sie? Steht Ihre Naſe höher als die meine? Nein!— Nun hören Sie weiter! Ich bin ein guter Kerl und habe das Herz auf dem rechten Fleck. Mir fehlt ein Weib, und das Sprüchwort ſagt: nur Gleich und Gleich ſoll ſich paaren!“ Ottilie wurde, wo möglich, plötzlich noch brauner, als ſie bereits war. Wir laſſen vorläufig ununter⸗ 144 ſucht, ob dieſe abermalige Verdunkelung ihres Teint ebendaſſelbe zu bedeuten hatte, was bei den heiraths⸗ luſtigen Mädchen von weißer Hautfarbe ein jungfräu⸗ liches Erröthen bedeutet. Für jetzt dürfen wir den jungen Sennore Alberto Mancha, welchen wir durch das Hauptportal ins Freie hinaustreten ſahen, noch nicht aus dem Auge verlieren. Später wird uns wohl noch mitgetheilt werden, mit welchem Erfolge Higaldo die Fortſetzung und den Schluß ſeines humoriſtiſchen Hochzeitsantrages bei Dallmavi's Tochter vorbrachte. Alberto war durch einen der reich beſchatteten Laubgänge langſam bis ans äußerſte Ende der Dall⸗ mavi'ſchen Gärten gewandert und hatte ſich dort auf eine einſame Bank niedergeſetzt. Sein Geſicht glühte, ſein Herz pochte hörbar. Er befand ſich in einem Zuſtande ungewöhnlicher Aufregung und Niederge⸗ ſchlagenheit. „Verwünſchter Mamon“, ſagte er für ſich hin, „verwünſchter Mamon, der das Mark meiner Jugend ausſaugen will! Ich weiß, Dallmavi und mein Vater ſind handelseinig, ich bin verkuppelt— verkuppelt an die braune Erbin dieſes nimmerſatten Goldjägers. Man hat mich hierher geladen— nein!— man hat mich hierher zu gehen gezwungen, damit ich dieſe be⸗ neidenswerthe Partie mit eigenen Augen muſtern und 145 dann förmlich um Ottiliens Hand werben ſoll. Ich habe ſie nun gemuſtert und das Reſultat heißt: Abſcheu, ewiger, unüberwindlicher Abſcheu vor Dallmavi's miß⸗ geſtalteter Tochter.“ Er ſprang heftig auf. „Nein, nein, nein und abermals nein!“ ſchrie er „Ich werbe nicht, ich kann nicht werben, und wenn ſelbſt mein Vater, der zehnfache Millionär Mancha, mich wegen meiner Weigerung enterben würde. Lieber wollte ich mit meiner Hände Arbeit in Zukunft mir den Unterhalt erſtreiten, als der ſteinreiche, ja vielleicht der reichſte Mann der Welt werden um ſolchen Preis.“ Er ſchritt in Gedanken weiter. Dann blieb er plötzlich wieder ſtehen und ſtarrte wie verſteinert auf eine Geſtalt, die eben vor ihm aus dem dichten Ge⸗ ſträuche heraustrat. Die Erſcheinung glich an Lieb⸗ lichkeit und Anmuth faͤſt einem überirdiſchen Weſen und konnte wohl ſchon auf den erſten Zlick ein für wahre Schönheit empfängliches Gemüth bezaubern. „Ich habe den Sennore erſchreckt“, begann die Erſcheinung zart und ſchüchtern.„Ich wußte nicht, daß Jemand hier ſei. Verzeihung! Ich werde meinen Fehltritt ſogleich wieder gut machen.“ Sie wollte raſch durch das Gebüſch entſchlüpfen. Al⸗ berto aber hemmte ihre Eile, indem er ihr ſanft zuflüſterte: Köberle, Alles um ein Nichts. II. 10 146 „O verweile, wenn Du kein ſeliger Geiſt, ſondern wie ich ein Menſch von Fleiſch und Blut biſt! Nicht Schreck iſt's, was bei Deinem Anblick plötzlich meinen Fußtritt gelähmt! Es iſt ein Gefühl, mir ſelbſt uner⸗ klärlich und doch wonnevoller, als es vielleicht einſt der Gerechte an den Pforten des Paradieſes aus der Beſchauung ſeines Schutzengels zu ſchöpfen vermag.“ „Der Sennore ſpottet meiner“, entgegnete die Er⸗ ſcheinung tief erröthend. „Wer könnte bei Deinem Anblicke ſpotten!“ fuhr Alberto begeiſtert fort.„Wer könnte in dieß verklärte Antlitz ſchauen und müßte nicht fromm anbetend auf die Kniee niederſinken! Du trägſt das Gewand der Niedrigkeit, und doch biſt Du die wahre Königin dieſer Gärten.“ „Nun ſehe ich, daß der Sennore in Wahrheit ſeinen Scherz mit mir treiben will“, fiel die Erſcheinung bitter ein.„Ich eine Königin? Ich, die arme, gequälte Sklavin Alma!“ „Du eine Sklavin?“ entgegnete Alberto kopfſchüt⸗ telnd.„Du, das verjüngte Ideal der Donna, die man oben in den Prunkgemächern Dallmavi's Gattin nennt, Du wärſt eine Sklavin? Nimmermehr! Dein Geſicht verräth Deine Abkunft. Du biſt Dallmavi's Tochter., „Nein, Sennore“, verſicherte Alma wehmüthig. 147 „Mein Vater heißt Penno, und lebt als Sklave in Eskobadi's Thal. Meine Mutter wurde wenige Tage vor meiner Geburt auf dem Sklavenmarkte von Dall⸗ mavi gekauft nnd muß ſeither oben im Palaſte die Sennora bedienen. Mich ſelbſt verbannte man ſchon als Kind in dieſen Garten, wo ich das Unkraut aus⸗ roden und die Pflanzen begießen muß.“ „Dann trage die echte Hoheit das Sklavenkleid und die niedere Sklavenbrut den Herrenmantel“, fiel Alberto ein und fuhr mit ſanfter Stimme fort:„Und wäreſt Du noch niedriger geboren, als Deine Zunge mir verſichert, ſo gäbe es doch keine zweite Jungfrau neben Dir, aus deren Antlitz ein ſchönerer Seelenadel leuchtete. Höre mich an, Alma! Ich bin der Sohn eines Mannes, welchen man nach Dallmavi den reich⸗ ſten von Puebla nennt. Was ich habe und was ich von der Zukunft noch hoffen kann,— ich lege es Dir zu Füßen, wenn Du—“ Ein teufliſches Hohngelächter, welches in dieſem Augenblick hinter Alberto erklang, unterbrach plötzlich ſeine feurige Liebeserklärung. Alma ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und floh eilig hinweg. Als Alberto ſich umſah, erblickte er das grinſende Geſicht eines Mohren, der ihm eben verächtlich den Rücken zukehrte und dann ſo raſch verſchwand, als ob er in die Erde verſunken wäre. 10* Dieſer pechſchwarze Unhold, welchen Alma wahr⸗ ſcheinlich für den leibhaftigen Teufel und Alberto für das Werkzeug irgend einer Intrigue hielt, war niemand Anderer geweſen, als der Leibmohr des Sennore Eskobadi. „Das iſt, bei Gott, ſeltſam“, ſagte Alberto kopf⸗ ſchüttelnd und rief dann wiederholt laut aus:„Alma! Alma!“ Alma aber gab keine Antwort mehr und blieb un⸗ ſichtbar wie der Mohr. „Faſt vermuthe ich, was dahinter ſteckt“, fuhr Alberto mit ſich ſelbſt redend fort.„Oder ſähe es wohl der Schlauheit Dallmavi's unähnlich, daß er ſeine Tochter nicht bloß weil ſie Geld hat an den Mann gebracht wiſſen will? Könnte er nicht in der Abſicht, die Freier zu prüfen, für den heutigen Tag oben in den Salons eine Sklavin untergeſchoben und hier unten ſein eigenes Kind in die Sklavenjacke geſteckt haben? Das klingt mir um ſo wahrſcheinlicher, wenn ich zu⸗ gleich an das Drängen meines Vaters denke, der ſich doch kaum eine Schwiegertochter wünſchen kann, auf deren Geſichte der gemeine Stempel einer Meſtizin ſo deutlich ausgeprägt wäre, wie er auf dem Antlitze der vorgeblichen Erbin ſteht.“ Alberto ſtrahlte vor Freude über den Gedanken, —,— — — 149 daß die reizende Erſcheinung, welche im Sturm ſein Herz erobert hatte, vielleicht die von beiden Vätern ihm beſtimmte Braut ſein könnte. So mißmuthig er vorhin den Palaſt verlaſſen, ſo hoffnungsvoll kehrte er jetzt wieder dorthin zurück, entſchloſſen dem Bankett beizuwohnen und die weitere Entwicklung ſeines Liebes⸗ handels geduldig abzuwarten. Unter dem Hauptportale begegnete ihm die Skla⸗ vin Malva, Alma's vorgebliche Mutter. Da er ſie nicht kannte, ging er ſchweigend an ihr vorüber. Malva trat in den Garten hinaus. Sie war kaum einige hundert Schritte gegangen, als ſie wiederholt den Ruf„Malva“ zu hören glaubte. Malva blieb ſtehen und horchte. Es war keine Täuſchung. Nach einiger Zeit klang es wieder dumpf:„Malva! Malva!“ Malva wand ſich nach der Richtung, aus welcher der Ruf klang, durch dichtes Geſträuch in das Innere des Parkes und ſtand bald vor Eskobadi's Leibmohren. Erſchrocken hielt ſie inne. „Keine Furcht, Malva!“ begann der Mohr zu⸗ traulich.„Tritt näher zu mir her!“ „Du kennſt mich?“ fragte Malva zögernd. „Wie Du mich“, lautete die leiſe Antwort.„Tritt näher, damit Niemand unſer Geſpräch höre!“ „Ich kenne Dich nicht“, entgegnete Malva furchtſam. „Wie?“ fiel der Mohr ein und breitete ſeine Arme nach ihr aus.„Haſt Du Deinen Penno vergeſſen?“ „Du— Du wärſt Penno?“ flüſterte ſie vor Freude zitternd und ſtarrte forſchend in ſein Geſicht. Trotz der langen Trennung erkannte ſie jetzt unter der erkünſtelten Schwärze die theuren Züge ihres Man⸗ nes. Weinend flog ſie in ſeine Arme. „Liebes Weib“, begann Penno.„Es iſt nicht Zeit, unſern Gefühlen freien Lauf zu gönnen. Wir könnten belauſcht werden. Faſſen wir uns kurz!“ „Du haſt recht, guter Mann“, entgegnete Malva und trocknete mit der Schürze ihre Thränen ab, wäh⸗ rend ſie ſich ängſtlich nach allen Seiten umſah.„Wenn Dallmavi Dich bei mir erblickte, ſo wäre es um Dich geſchehen. Er weiß, was Du ihm geſchworen. Er zittert vor Deinem Dolche.“ „Keine Furcht, Malva!“ beruhigte Penno.„Dall⸗. mavi ſah mich bereits. Da er mit Eskobadi verſöhnt iſt, ſo hegt er keinen Argwohn, daß der Rächer ihm ſo nahe iſt.“ „Und Du wollteſt heute, hier im Palaſt, Deinen Rachedurſt ſättigen?“ fragte Malva ängſtlich. „Nein, liebes Weib“, entgegnete Penno.„Ich be⸗ nützte nur dieſe Gelegenheit, um endlich die Räumlich⸗ ——y——— 151 keiten der Höhle kennen zu lernen, in welcher der Drache wohnt. Wer weiß, wozu dieß ſpäter nützt! Unſern Todfeind in Mitte ſeiner Freunde erſchlagen, hieße nur uns ſelbſt vernichten. Der Strick, welchen ich für ihn winde, ſoll zugleich das Seil für unſere Rettung werden. Auch wäre es zu barmherzig gehan⸗ delt, würde ich ihm jetzt, im Augenblick ſeines höchſten Triumphes, das Lebenslicht durch einen Dolchſtoß raſch ausblaſen. Nein! Er ſoll vorher elend werden,— elend, wie noch kein Menſch es war, ſeit die Erde ſteht. Ich will an ihm ein Beiſpiel aufſtellen, wie ſelbſt der Nie⸗ drigſte und Schwächſte ſich am Höchſten und Mächtig⸗ ſten zu rächen weiß,— ein Beiſpiel, das alle Tyran⸗ nen der Welt, welche das menſchliche Geſchlecht knech⸗ ten, mit Schauer und Entſetzen erfüllen ſoll über die reifende Frucht ihrer eigenen Saaten.“ Aus Penno's Augen blitzte, während er dieß ſprach, ein teufliſches Feuer. Selbſt Malva, die doch ſeine Gefühle theilte und die Gehülfin ſeiner Pläne war, ſchrak vor dieſer diaboliſchen Geſtalt unwillkürlich zurück. Aeußerlich wieder ruhig, fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort: „Wie befindet ſich unſere Tochter?“ „Sie iſt geſund.“ „Und Dallmavi's Tochter?“ 152 „Ebenfalls geſund.“ „Ich ſah bereits beide. Du haſt ein Meiſterſtück gemacht, Malva. Höre! Unter den Gäſten im Palaſte oben befindet ſich ein Cavalier aus dem Süden, Na⸗ mens Higaldo. Er gehört unſerm Stamme an. Sollte er Muth genug beſitzen, unter den Bewerbern um die Hand der reichen Erbin aufzutreten, ſo ſuche Ottilien zu beſtimmen, ihm ihre Gunſt zuzuwenden. Dieſe Heirath paßt in meine Pläne.“ „Glaubſt Du nicht, lieber Mann“, warf Malva ängſtlich ein,„glaubſt Du nicht, daß dieß zu gewagt wäre? Ich bin mit Dallmavi's Tochter nicht vertraut genug, um mich ſo geradehin in ihre Herzensangelegen⸗ heiten miſchen zu dürfen.“ „Drum ſchaffe ihr Gelegenheit, daß ſie ſelbſt Dich zur Vertrauten machen muß“, entgegnete Penno. „Wie meinſt Du das?“ „Ich überlaſſe Deiner Klugheit die Ausführung. Sei wachſam! Benütze jeden Zufall! Die Ereigniſſe werden ſich bald überſtürzen. Auch wir müſſen jetzt handeln.“ Er ſah gegen den Palaſt um und zog dann raſch ſein Weib hinter eine dichte Hecke: „ Dort kommen Leute. Scheiden wir wieder! Wenn ich Dir noch etwas zu melden habe, erfährſt Du es — 153 durch unſern bisherigen Boten. Sei muthig, Malva! Unſer nächſtes Wiederſehen wird uns endlich die lange entbehrte Freiheit zurückbringen.“ Mit dieſen Worten drückte Penno einen feurigen Kuß auf Malva's Lippen und verſchwand dann eiliger als ein aufgeſcheuchter Hirſch, im Dickicht des Parkes. Malva kehrte langſam und nachdenkend in den Palaſt zurück. Auch wir wollen uns dort jetzt noch einmal näher umſchauen, entdecken jedoch ſchon auf den erſten Blick, daß uns, indeß wir die Aufmerkſamkeit den Ereig⸗ niſſen im Garten zuwendeten, die Genüſſe des Banketts faſt entgangen wären. Das luculliſche Mahl neigt be⸗ reits dem Ende zu, obgleich die Dienerſchaft, von Gaſt zu Gaſt duftende(Schüſſeln ſervirend, noch behen⸗ den Schrittes im Speiſeſaal hin⸗ und herfliegt. Sie erhält überall nur Körbe. Die Küche lieferte des Gu⸗ ten ſchon zu viel, und die gerötheten Geſichter der Ca⸗ valiere laſſen errathen, daß auch dem Bacchus über⸗ reichlich geopfert wurde. Die Damen verſchwinden allmählich in die anſtoßenden Frauengemächer, und die zurückbleibenden Cavaliere greifen zu den vollgeſtopften Tabakspfeifen oder parfümirten Cigarretten, welche ihnen von den nunmehr in primärem Gewande ſyl⸗ phidenartig durch die Tapeten hereintrippelnden Skla⸗ vinnen ſervirt werden. Der Saal hat dadurch plötzlich —— — ͦ— —— 154 eine andere Phyſiognomie erhalten. Es beginnen jene bei den Schwelgereien der Sklavenzüchter nie fehlenden Auftritte, die wir, ohne ſelbſt zu erröthen, unſern Le⸗ ſern unmöglich näher beſchreiben können. An einem der Tiſche ſaßen Dallmavi und Esko⸗ badi, ihnen gegenüber Alberto und Higaldo. Dall⸗ mavi war aufgeräumter, als wir ihn je geſehen. Sein Blick folgte gierig dem üppigen Schauſpiele, welches er durch ſeinen Harem den Gäſten ſo eben vorführen ließ. Alberto und Higaldo ſaßen ſtill in ſich gekehrt da; andere Gedanken, als die von der eben gebotenen Augenweide erzeugten, ſchienen ihre Herzen zu beſchäf⸗ tigen. Eskobadi blickte ſelbſtgefällig auf ſeinen Wirth, der ———— in dieſem Augenblick keine Ahnung davon zu haben ſchien, daß in nicht weiter Ferne ſchon die Pulverminen unter eine Brücke gelegt wurden, über die er ſelbſt in Bälde hinüberwandern mußte— keine Ahnung davon, daß viel⸗ leicht ſchon in der nächſten Sekunde eine längſt für überwunden gehaltene Schreckgeſtalt neu vor ſeinen Augen emporgaukeln könnte. „Das muß ich ſagen, Dallmavi“, begann Eskobadi und legte ſeine Hand auf die Schulter des Angeredeten, „Du weißt zu leben und Leben zu ſchaffen. Stoß an auf Revanche für dieſen Genuß,— auf Revanche bei Deinem Beſuche in Eskobadi's Caſtell!“ —— „Kamerad“, entgegnete Dallmavi,„ich bin über⸗ zeugt, bei Dir meinen Meiſter zu finden.“ Beide leerten ihre Gläſer und ſchenkten wieder ein. Jetzt erhob ſich auch Higaldo: „Ich trinke auf das Wohl der Sennorina, die, tadelloſem Blut entſproſſen, durch eine Laune der Na⸗ tur meine Geſichtsfarbe erhielt, auf das Wohl der Sennorina, als deren Ritter ich mich bekenne.“ Dallmavi runzelte bei dieſen Worten finſter ſeine Stirne. „Das heiße ich im Galopp reiten, Baſtard vom Süden“, wendete ſich Eskobadi lachend gegen Higaldo. „Nun, wenn Dein Gaul kein Kameel wäre, ſo könnte man Dich für den erſten Ritter der Welt halten.“ „Fehlgeſchoſſen“, fiel Alberto ein und erhob eben⸗ falls ſein Glas.„Die Braune werde des Braunen Weib! Sennore Dallmavi ſagt dazu wohl ja. Mein Toaſt gilt der Jungfrau, die, wie Lilien weiß und wie Madonna ſchön, ihre Reize heute unter die Sklavenjacke verbarg und mit ihrem eigenen Kleid die Häßlichkeit der Sklavin bedeckte. Ich trinke auf das Wohl der wahren Tochter des Sennore Dallmavi!“ Dallmavi war während dieſer Rede bleich wie Schnee geworden und ſtarrte regungslos auf Alberto, welcher jetzt auf ihn zutrat und dann vor Schrecken — 156 über ſolchen Anblick das Glas ſeiner Hand entgleiten ließ, daß es in Scherben zu Boden fiel. Alberto wollte Dallmavi's Hand ergreifen. Dieſer zog ſie jedoch pfeilſchnell zurück und ſtand langſam auf. „Junger Mann“, begann er,„es gibt Scherze, die ſelbſt ein künftiger Schwiegerſohn nicht ungezüchtigt ſich erlauben darf.“ „Sennore Dallmavi!“ ſtammelte Alberto in höch⸗ ſter Beſtürzung. „Kein Wort weiter!“ flüſterte Dallmavi mit einem ſcheuen Seitenblick auf die Geſellſchaft.„Sennore, fol⸗ gen Sie mir!“ Er trat in eine leer ſtehende Seitenniſche. Alberto wankte hinter ihm her. Eskobadi und Higaldo ſchau⸗ ten ihnen verwundert nach. Wir überlaſſen die letztern zwei ihrem Erſtaunen, um das Geſpräch der erſtern zwei belauſchen zu können. Nachdem Dallmavi den Vorhang hinter ſich ge⸗ ſchloſſen, begann er mit gedämpfter Stimme: „Sennore Alberto, ich muß Sie um Aufſchluß bitten, wie Sie zu dem Entſchluſſe kommen konnten, die Ihnen gewährte Gaſtfreundſchaft zu einer unerhör⸗ ten Beleidigung zu benützen?“ „Sennore“, entgegnete Alberto,„wenn ich den wahren Sachverhalt zu früh durchſchaute, ſo werden — 157 Sie für meine Kühnheit leicht eine Entſchuldigung in meiner Liebe finden können. Mein Vater und Sie haben mir Ihre Tochter zur Gattin beſtimmt. Die Meſtihin, welche in Ihrem Salon als Dallmavi's Erbin paradirt, kann unmöglich eine Frucht Ihres Ehebettes ſein. Sennore, Ihre echte Tochter gleicht zu ſehr der Mutter, um nicht auf den erſten Blick erkannt werden zu müſſen, obgleich ſie heute nur das Gewand einer Sklavin trägt.“ „Von wem ſprechen Sie, junger Mann?“ warf Dallmavi in faſt fieberhafter Aufregung ein. „Von der Jungfrau, die unten in Ihren Gärten herumwandelt und ſich Alma nennt“, entgegnete Al⸗ berto eben ſo beſtimmt als ruhig. Dallmavi knirſchte mit den Zähnen. „Almal und wieder Alma!“ flüſterte er mit müh⸗ ſam unterdrückter Wuth vor ſich hin.„Iſt dieß der Stein, über den ich im Momente meines höchſten Glan⸗ zes ſtolpern ſoll?“ Dann wendete er ſich wieder gegen Alberto: „Junger Mann, Ihre Sinne ſchwindeln, daß Sie ſo ſprechen können. Alma's Eltern ſind Sklaven. Alma ſelbſt war nie etwas Anderes.“ „Dann wähle ich die Sklavin zu meiner Gattin und nicht Ihre Tochter“, erwiderte Alberto feſt entſchieden. 158 Dallmavi ſtarrte den Jüngling ſprachlos an. Dieſer fuhr fort: „Alma iſt eine Weiße. Sennore, Sie kennen das Geſetz von Puebla. Wenn ein freier Mann eine Weiße zu ſeinem Weibe nimmt, ſo wird ſie dadurch frei, und ihr bisheriger Beſitzer muß ſie ohne Löſegeld ziehen laſſen, wäre ſie auch zehnfach ſeine Sklavin geweſen.“ „Das Geſetz kenne ich“, murmelte Dallmavi dumpf.„Junger Mann, Sie werden die Sache näher erwägen, ehe Sie eine Thorheit begehen, die unver⸗ beſſerlich wäre.“ „Es iſt mein unabänderlicher Entſchluß“, bemerkte Alberto in einem Tone, der jede weitere Unterhandlung abſchnitt. „Sei es denn!“ ſchloß Dallmavi mit eiſiger Kälte. „Das Geſetz, auf welches Sie ſich berufen, räumt dem Beſitzer der Sklavin das Recht ein, dieſelbe für den freien Mann auszuſtatten, wenn er will. Ich mache von dieſem Rechte Gebrauch, bin jedoch heute nicht ein⸗ gerichtet für eine ſo glänzende Mariage. Fragen Sie morgen nach! Für heute, gute Nacht!“ „Ich werde morgen kommen, Sennore Dallmavi. Gute Nacht!“ Mit dieſen Worten trat Alberto aus der Niſche und verſchwand durch den Hauptausgang ins Freie. — —— — ͦ—— 159 Dallmavi kehrte zu ſeiner Geſellſchaft zurück. So ſehr er ſich auch für den Angenblick zu beherrſchen wußte, entging doch ſeine tiefe Erſchütterung dem Scharfblicke Eskobadi's nicht, deſſen Auge ſich forſchend auf ſein Geſicht richtete. Er mochte wohl dieſen Blick bald un⸗ erträglich finden, denn augenſcheinlich in der Abſicht, die Aufmerkſamkeit ſeiner Umgebung auf ein anderes Thema zu lenken, wendete er ſich gegen Higaldo: „Was Ihren Toaſt betrifft, Sennore, ſo bin ich erfreut über das Compliment, das er der Geſichts⸗ bildung meiner Tochter zollt. Das Weitere mag ſpä⸗ ter zwiſchen uns beſprochen werden, da Sie ohnehin noch einige Tage in Puebla verweilen.“ „Wohl ein ſehr fataler Zwiſchenfall, Kamerad?“ flüſterte Eskobadi ſeinem Wirthe, den er nicht ſo leichten Kaufes der Verlegenheit entſchlüpfen laſſen wollte, leiſe ins Ohr. „Nichts von Bedeutung“, entgegnete Dallmavi eben ſo leiſe.„Der junge Mancha ſah nur etwas zu tief ins Glas und in die hübſchen Augen einer von meinen Sklavinnen. Ich ſandte ihn nach Hauſe, ſeinen Rauſch auszuſchlafen. Morgen wird er anders denken. Der Vorfall verdient nicht, ein Wort darüber zu ver⸗ lieren. Kamerad, trinken wir noch ein Glas vom Beſten, was mein Keller zu bieten vermag!“ 160 Er griff nach einer noch unberührten Flaſche und entwickelte fortan eine Munterkeit, die gerade durch ihre Uebertreibung bewies, daß ſie nur erzwungen war. Zum Glücke für ihn machte die einbrechende Dunkel⸗ heit dieſer Scene bald ein Ende, ſonſt hätte ſein ſelt⸗ ſames Benehmen allgemein auffallen müſſen. Auf ein vom Orcheſter gegebenes Zeichen erhoben ſich plötzlich alle Gäſte und eilten in den Garten hinaus, denn ſie erwarteten, daß dort nun ein in Puebla bisher noch nie geſehenes Schauſpiel beginne. Schon während des Banketts hatte ſich nämlich das Gerücht verbreitet, Dallmavi werde zum Schluſſe der Luſtbarkeiten noch eine Augenweide bieten, welche der den Beinamen„das Rom der Mexikaner“ führenden Stadt Puebla würdig ſein und einen echt römiſchen Charakter tragen werde. Alles harrte mit geſpannter Erwartung der Dinge, die nun kommen ſollten. In einem abgelegenen Theile der Gärten ſtand ein improviſirtes Caſtell, welches aus Papierſtreifen erbaut zu ſein ſchien. Es hatte die runde Geſtalt und Höhe der Engelsburg zu Rom. Auf den Zinnen er⸗ blickte man, ſtatt eines Thurmes, einen rieſigen Engel mit flammendem Schwerte. Ein Kanonenſchuß aus dem Innern dieſes Ca⸗ ſtells ſchien den Beginn des neuen Schauſpiels zu ver⸗ ———— 161 künden. Nach einer Minute folgte ein zweiter Schuß und dann fielen in immer kürzern Zwiſchenpauſen noch vierzig Schüſſe, bis endlich eine Salve aus mehr als hundert Feuerſchlünden die Luft erzittern machte und gleichzeitig das ganze Caſtell wie durch einen Zauber⸗ ſchlag ſich in ein Feuermeer verwandelte. Die unge⸗ ahnte Verſcheuchung der finſtern Nacht durch eine künſt⸗ liche Tageshelle wirkte feenhaft und machte auf die Zuſchauer einen überwältigenden Eindruck, von dem ſich nur diejenigen einen klaren Begriff werden machen können, welche je auf dem Caſtell St. Angelo in Rom die alljährlich zur Feier des Apoſtelfeſtes wiederkehrende Girandola geſehen haben. In der That war das be⸗ gonnene Schauſpiel eine mit wenigen Zuthaten ver⸗ mehrte Copie jenes römiſchen Sinnenſchmauſes. Nach wenigen Minuten zertheilte ſich das ungeheure Flam⸗ menmeer in einzelne Strahlen, aus welchen hunderte von Feuerrädern, Puffern und Raketen zu ſpielen be⸗ gannen. Dann verſank das Ganze für einen Augen⸗ blick in finſtere Nacht, um ſchon im nächſten Augenblick als große Moſchée von Konſtantinopel glanzvoll wie⸗ der zu erſtehen. In hunderttauſenden von Lichtern aller Farben gezeichnet, ſtand das treue Abbild des impoſanten Bethauſes der Moslemin vor der ſtau⸗ nenden Menge da. Und ſo tauchten in kurzen Zwi⸗ Köberle, Alles um ein Nichts. II. 11 16 4 ſchenpauſen nach einander aus dem.e Farben⸗ ſpiele der Tower in London, das Louvre in Paris, der Peterdom in Rom, die Kathedrale in Cordova, der Kaiſerpalaſt in Petersburg und ſchließlich, faſt wie eine Satire auf den despotiſchen Charakter des Feſt⸗ gebers, das Repräſentantenhaus von Waſhington in rieſigen Umrißen auf. Nach einer Stunde bunter Ab⸗ wechslungen ſchien die obere Hälfte des Caſtells ſich von der untern abzulöſen und flog auch bald darauf in Geſtalt einer Girandola, das heißt einer koloſſalen Korngarbe, wolkenhoch in die Luft, wo die einzelnen Aehren unter donnerähnlichem Krachen nach allen Welt⸗ 4 gegenden hin zerplatzten. Die Raketen erloſchen. Noch⸗ mals ſahen ſich die Zuſchauer plötzlich in undurchdring⸗ liches Dunkel gehüllt. Dann ſtieg über Dallmavi's Palaſt die bengaliſche Sonne auf. Majeſtätiſch, wie die Strahlen der Königin des Tages, leuchtete ihr Glanz über Puebla hin und ſchien laut verkünden zu wollen: Ehrt mich als einen Beweis für die Allmacht, mit welcher der König des Goldes ſogar die Elemente und die geheimen Kräfte der Natur beherrſcht! Dieß war das Ende der Feſtlichkeiten. Die Menge, von der Seltenheit und Fülle der Genüſſe betäubt und überwältigt, hielt Dallmavi faſt für einen Zauberer, dem Nichts unmöglich 5 —— ——— 1 von Fortuna mit metallenen Schätzen ſo reich bedachte Gpoldjäger ſtand auf dem Culminationspunkte ſeines Glanzes. Er hätte ſich in dieſem Augenblicke vielleicht wahrhaft glücklich gefühlt, wenn nicht vor ſeinen Augen durch all die äußerliche Pracht der Name „Alma“ wie ein garſtiger Schatten hin und her geflogen wäre. Cekroſſe auf Caroſſe fuhr am Hauptportale vor und entführte wieder einen Gaſt nach dem andern durch das zierlich moderniſirte Gitterthor. Auch Esko⸗ badi hatte ſich ſchon verabſchiedet und war mit ſeinem gefärbten Leibmohren bereits abgefahren. Dallmavi ſchien mit Ungeduld des Augenblickes zu harren, in welchem die Lobſprüche der Scheidenden enden würden. Endlich war das letzte Compliment in Empfang ge⸗ nommen, endlich verſtummte auch der letzte Hufſchlag der Pferde. Mathilde und Ottilie hatten ſich bereits in ihre Gemächer zurückgezogen und der Herr des Hau⸗ ſes befand ſich allein in Mitte ſeiner von den Stra⸗ pazen des Tages abgematteten Dienerſchaft, die augen⸗ ſcheinlich noch auf eine Anerkennung ihrer bewieſenen Geſchicklichkeit harrte. „Was ſteht Ihr da und gafft mich an?“ herrſchte Dallmavi gegen das ob ſolcher Anſprache ſcheu zurück⸗ weichende Geſinder„Löſcht alle Lichter aus! auch meine 4 114 ————Z—Z—Z—Z—Z— 164 Sonne! Nacht ſoll ſein, ſtockfinſtere Nacht! Geht ſchlafen! Ich will Ruhe haben— Ruhe!“ Die Diener ſtoben auseinander. Mit Blitzesſchnelle erloſchen Lichter und Sonne. Bald war im Palaſt und in den Gärten nichts mehr zu ſchauen als ein⸗ förmiges, undurchdringlich finſteres Dunkel. Eine Stunde ſpäter lag die geſammte Einwohnerſchaft in tiefem Schlafe. Nur Einer, nur Dallmavi, ſaß noch ſchlaflos auf dem Divan ſeines Arbeitszimmers und brütete über einer unſeligen That. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Zwei Morde. „Wehe, wehe dem Mörder, wehe, Der ſich geſä't die tödtliche Saat! Ein anderes Antlitz, eh' ſie geſchehen, Ein anderes zeigt die vollbrachte That.“ Schiller, Braut von Meſſina. „Nichts von all dem, was mit Gold erkauft werden kann, iſt mir unzugänglich,“ ſagte Dallmawi zu ſich ſelbſt.„Meine Schätze ſind unzählbar. Man beſtimme den Preis, man ſtelle ihn höher als der Werth einer Kaiſerkrone beträgt,— ich kann ihn zahlen und er⸗ ſchöpfe den unverſieglichen Born meines Reichthums nicht. Dennoch vertritt ein unbärtiger Junge jetzt meinen Pfad und raunt mir ins Ohr:„„Ich verachte den Flitterglanz deiner Koſtbarkeiten; das hübſche Ge⸗ 166 ſicht der Sklavin ſteht mir höher als deine häßliche Tochter ſammt ihrer Mitgift.““ Er ſtand vom Divan auf und ſchritt im Gemache hin und her. Dann blieb er wieder ſtehen: „Dallmavi's Erbin verdrängt durch ein Bettel⸗ kind!— Wie die Welt ſpottend auf mich zeigen würde, wenn er morgen ſein Schätzchen heimführen könnte! Da ſeht den Kröſus, höre ich ſchon rufen, den Krö⸗ ſus, der, um einen Schwiegerſohn zu gewinnen, noch geſtern Himmel und Erde in Bewegung geſetzt und ſich heute vor dem Triumphe einer Metze demüthig verkriechen muß!— Nein, nein! dieſe Schmach ertrüge ich nicht.“ Er warf ſich in einen Lehnſtuhl und ſtützte den Kopf auf ſeine Hand: „Und wieder iſt es Alma, die meine Allmacht mitten im Siegeslaufe hemmt,— Alma, dieſe räthſel⸗ hafte Frucht der geheimnißvoll neckenden Natur, deren Anblick mich ſchon früher einmal entmannte! Wieder Alma, die blendende Hexe, die, gleich einer Windroſe auf dem ſtürmiſchen Meere meines Lebens, mein Fahr⸗ zeug zu zerſchellen droht! Wie? die niedliche Larve dieſes Unholds ſollte eine Schätzung haben, die zu überbieten Dallmavi zu arm wäre? Hätte ich deßhalb mit allen Grundſätzen der Humanität gebrochen, deßhalb aus dem zertrümmerten Glücke Tauſender und aber⸗ & ᷣσ— mal Tauſender meine Tempel erbaut, deßhalb meine eigene rebelliſche Natur geknechtet und in ſchlafloſen Nächten die Geſundheit meines Körpers geopfert, daß jetzt die Zunge eines albernen Sklavenkindes mir hohn⸗ lachend zurufen dürfte:„„dein Mühen war Tantalus⸗ Arbeit; ein Stück tadelloſer Menſchenhaut muß dich belehren, daß all deine Schlauheit deinen Durſt nach Befriedigung ewig nie zu ſtillen vermag?““ Nein, nein, nein! dieſer Gedanke wäre der Bankerott meines Geiſtes; hinter ihm läge nur noch die Verzweiflung. Hinweg, hinweg mit ihm!“ Er ſprang wüthend auf. „Und ſtehe ich wirklich vor dem Abgrund, über welchen meine Philoſophie mir keine Brücke gezimmert Wie? Alberto ſah Alma geſtern zum Erſtenmale. Er kann nur flüchtig mit ihr verkehrt haben. Wenn die erſte Begegnung auch die letzte bliebe? Eindrücke, die ſo raſch entſtanden, ſind wohl ebenſo raſch wie⸗ der auszulöſchen! Alberto müßte ſeinen kindiſchen Traum bald vergeſſen und das Weitere vollzöge ſich durch den Einfluß ſeines Vaters, mit dem ich ja be⸗ reits einig bin!“ Er ſah lange unbeweglich und ſtarr vor ſich hin: „Das Leben einer Sklavin oder meine Schmachl! Kann ich zögern, die Wahl zu treffen?“ 168 Sein Auge flammte plötzlich in teufliſcher Gluth auf: „Was iſt ein Sklavenleben? Das Licht einer Kerze, die ich ausblaſe und wegwerfe! Niemand fragt darnach, Niemand verlangt von mir Rechenſchaft darüber. Es war mein, ich konnte nach Gutdünken darüber ver⸗ fügen!“ Er öffnete die Thüre eines Schreins, in welchem ſich Waffen verſchiedener Gattung befanden. Seine Hand zitterte. „Wollt Ihr immer noch nicht ruhen, zuckende Nerven? Ueberkommt Euch wieder die alte Schwäche? Bebt Ihr vor der ungewohnten Arbeit? Seht Ihr nicht, wie ich mit den Dolchſtichen meines Geiſtes ſchon Tauſende ermordet und Euch dennoch zum Schweigen gebracht? Nur raſch, raſch! Es wird bald geſchehen ſein.“— Er ſteckte mit bebender Hand einen Dolch in ſeinen Schlafrock und eilte zur Thüre hinaus durch den dunkeln Gang vor ein kleines Seitenpförtchen, welches er leiſe aufſchloß. Dann verſchwand er unter dem Buſchwerk des Gartens in der Richtung, die zu den Gewächshäuſern führte. Ringsum herrſchte Todesſtille. Nach etwa fünf Minuten hörte man aus der Ferne einen markerſchüt⸗ 169 ternden Schrei. Dann war wieder Alles ſtill. Ent⸗ weder hatten die Schläfer im Palaſte den Schrei nicht gehört oder ließen ihn unbeachtet, weil er aus jenem Theile des Gartens gekommen war, in welchem ſich nur Alma's abgelegene Schlafſtätte befand. Bald nachher kam Dallmavi auf den Zehenſpitzen wieder zurück. Der Mond trat eben aus den Wolken hervor und leuchtete auf ſeinen bluttriefenden Dolch. Entſetzt ſchleuderte er die verrätheriſche Mordwaffe in den Garten zurück und ſchloß eilig das Pförtchen. „Das Blut der Sklavin war roth, wie das meine“, murmelte er für ſich hin, während er leiſe die Treppe hinauf ſchlich. Als er oben in den Corridor zu ſeinen Gemächern einbog, flimmerte vor ihm ein Lämpchen, und eine weiße Geſtalt wankte ihm entgegen. „Wer da?“ ſtotterte Dallmavi mit vor Schreck ihm auf den Lippen erſtickender Stimme. „Ich bin's“, entgegnete die Geſtalt ſanft. „Du noch nicht zu Bett, Mathilde? Was ſuchſt Du?“ „Ich wollte eben zu Dir.“ „In dieſer ſpäten Stunde?“ „Ein Traum hat mich aus dem Schlafe wachge— 170 rüttelt und ich ſinde keine Ruhe, bis ich Dir das ſelt⸗ ſame Ereigniß mitgetheilt.“ „Das ſeltſame Ereigniß?“ „Ja. Höre! Mir kam es im Schlafe vor, als läge die liebliche Alma weinend zu meinen Füßen und flehte:„Rette mich, ich bin Deine und Dallmavi's leibliche Tochter!““ Da drang plötzlich ein Schrei an mein Ohr, ein Schrei, ſo kläglich, daß mir das Blut in den Adern ſtockte und ich entſetzt von meinem La⸗ ger aufſprang, um Dich zu ſuchen. Dallmavi, Alma ſchwebt in Gefahr, ſchütze ſie!“ „Du fiberſt, Kind. Ich hörte den Schrei eben⸗ falls und ſah bereits nach. Alles im Palaſt und Garten liegt in tiefem Schlafe. Der Schrei war nur der Unkenruf irgend eines Nachtpogel. Geh wieder zu Bette!“ 4 „Dallmavi, wenn Alma doch unſere Tochter wäre—.“ „Thorheit!“ warf Dallmavi aufflammend ein. „Du biſt wie alle Weiber, die hundertmal wieder auf das ſchon hundertmal Widerlegte zurückkommen. Unſre Tochter heißt Ottilie und Du weißt, daß ich von Alma nie wieder hören mag, nie, nie! Quäle mich nicht mit Träumereien, wenn Du meinem Zorn entrinnen willſt. Und nun geh!“ . —— 4 — —— — 171 Mathilde wankte, banger Ahnungen voll, in ihr Schlafgemach zurück. Auch Dallmavi verſchwand eilig aus dem Corridor. Wir folgen ihm unſichtbar nach, um ſeine wetern Schritte zu belauſchen. In voller Kleidung warf er ſich wieder auf den Divan und blieb dort wohl eine Stunde lang unbe⸗ weglich liegen. Faſt ſchien es, als ob er ſchlummere. Da aber ſprang er plötzlich auf und ſchrie: „Andere Gedanken! Zerſtreuung! Licht!“ Er zündete ſeine Nachtlampe an und griff nach einem Buche. Lange ſtarrte er unbeweglich in die auf⸗ geſchlagenen Blätter deſſelben. Es hatte den Anſchein, als ſei er in deren Inhalt bis zur Selbſtvergeſſenheit vertieft. Da ſchleuderte er plötzlich das Buch an die Wand und rief: „Verfluchte Widerſpänſtigkeit meiner Sinne, die dem Worte nicht folgen wollen, welches ihnen mein Auge zuträgt!“ Er ging im Zimmer auf und nieder und blieb dann ſinnend ſtehen: „Gibt es Vorzeichen und Ahnungen? Noch iſt das Reich der geheimen Naturkräfte nicht bis in ihre innerſten Tiefen ergründet. Doch weiß man, daß ſie nach beſtimmten Geſetzen wirken. Ihr ſcheinbares Chaos treibt nach einem unentwirrbaren Ziele vor⸗ 172 wärts. Regelmäßig wechſeln die Jahreszeiten, regel⸗ mäßig treibt und zeitigt die Erde Früchte, in regel⸗ mäßigen Bahnen bewegen ſich am Horizont die Ge⸗ ſtirne und Nichts vermag ſie in ihrem Kreislaufe zu hemmen. Die Körperwelt verkündet uns durch äußere Zeichen den Wechſel der Temperatur, den unſer Kopf nicht voraus zu berechnen vermag. Die Froſtbeule am Fuße ſchmerzt, ehe die Regenwolke am Himmel ſicht⸗ bar wird; der Froſch quackt, ehe der Donner des Un⸗ gewitters die Luft erſchüttert; die Schwalbe flieht, ehe der Froſt die Fluren verſengt! Wenn es auch im menſchlichen Geiſte Vaordauünngſen gäbe, die nicht trügen, ſo hätte ich— Er ſchauerte Rfeundt und brach, die Fäuſte vor ſeiner Stirne krampfhaft ballend, in ein Paraſiches Ge⸗ lächter aus: „Ich hätte dann, um meiner Tochter einen Mann zu ſchaffen, mein eigenes Kind erdolcht, und eine Skla⸗ vendirne harrte an ſeiner Stelle jetzt auf die Hälfte meines Reichthums!“ Er warf ſich zu Boden und verhüllte mit beiden Händen ſein Geſicht. Nach einer Weile fuhr er fort: „Ich muß Gewißheit haben! Gewißheit! und wo ſie finden? Wie? War nicht in der Stunde von Ottiliens Geburt Malva allein bei meiner Frau? Und 2— 173 hatte nicht auch Malva an demſelben Tage ein Kind geboren? Ja, ja, ſo war's. Malva, nur Malva alſo könnte den dunkeln Knäuel entwirren. Sie ſoll mir Rede ſtehen, ſie ſoll beeennen, was in jener Nacht ge⸗ ſchah! Und das ſogleich, müßte ich ihr auch das Ge⸗ ſtändniß durch die Qualen der Folter entreißen.“ Er ſprang auf und eilte gegen die Thüre. Dann hielt er plötzlich wieder inne: „Und wenn ſie mir nun ſagt:„Ja, Alma iſt Dein Kind““, was dann? Weckt das die Todté wie⸗ der auf? Hätte ich nicht dadurch nur mich ſelbſt zum Mörder meiner eigenen Tochter geſtempelt? Nein, nein, ich will nichts davon wiſſen! Es bleibe in Dunkel ge⸗ hüllt,— in ewig undurchdringliches Dunkel! Ottilie, die bis heute als mein Kind galt, ſei es auch in Zu⸗ kunft! Jetzt muß ſie es ſein, jetzt iſt ſie es, weil ich will, daß ſie es ſei.“ Er ſtreckte ſich wieder auf den Divan und ließ den Kopf auf ſeinen kreuzweiſe über einander gelegten Händen ruhen: „Geſchehen iſt geſchehen. Ach, die Hand, die über Millionen gebietet, vermag nicht, die Folgen eines einzigen übereilten Dolchſtoßes aufzuhalten!“ Wieder lachte er dämoniſch auf wie Jemand, an deſſen Hirn faſt ſchon der Wahnſinn rüttelt. 174 So zwiſchen Ausbrüchen der Verz zweiflung und zwiſchen Entſchlüſſen ſich umherſchaukelnd, verbrachte er ſchlaflos den Reſt der Nacht. Da wurden vom Corridor herüber feſte Männertritte gehört. Er ſprang auf und horchte. Es war bereits heller Tag. Die Tritte kamen näher und näher. „Oeffnet, Sennore Dallmavi!“ herrſchte vor der Thüre eine jugendliche Stimme mit wirſcher Betonung. „Wer verlangt Einlaß?“ fragte Dallmavi bebend. „Der Bräutigam Ihrer Tochter“, lautete die Ant⸗ wort. Dallmavi ſchob mehr mechaniſch als abſichtlich den Riegel zurück und trat heraus. Alberto Mancha ſtand vor ihm umgeben von einem halben Dutzend ſeiner Diener. In der Hand hielt er eben denſelben blutbefleckten Dolch, welchen Dall⸗ mavi einige Stunden früher am Gartenpförtchen von ſich geſchleudert hatte. „Ich komme von Alma“, begann Alberto und warf den Dolch zu Dallmavi's Füßen.„Lege ihn zu Deinen übrigen Schätzen! Der Dolch iſt aus echtem Golde und der Griff trägt Dein Wappen, alſo iſt er Dein!“ „Was ſoll dieß?“ ſtotterte Dalimapi und wich ſcheu zurück. 175 „Nichts, Ungeheuer“, erwiderte der Jüngling kalt, „nichts, als Dir kund thun, daß das geronnene Blut auf der Spitze des Dolches Deine That ver⸗ rieth.“ Und er wendete ſich gegen ſeine Begleiter: „Kehrt Euch und tragt den Leichnam in mein Haus! Ich will einen Trauerzug veranſtalten, wie noch keine Königin der Erde ihn erhielt. Ganz Puebla ſoll den ermordeten Engel ſehen und ſoll erfahren, daß Dallmavi heute Nacht ſeine eigene Tochter er⸗ dolchte.“ Mit dieſen Worten ſchritt Alberto wieder die Treppe hinunter und eilte laut weinend dem elenden Hüttchen zu, welches bisher Alma's Herberge geweſen war. Seine Diener folgten ihm ſchweigend nach. Dallmavi ſtand wie verſteinert da. Ehe er Zeit fand, ſich aus dieſer neuen Verlegenheit herauszuwickeln und das Vorhaben des Jünglings zu vereiteln, wurde ſeine grenzenloſe Verwirrung noch durch einen Lärm geſteigert, der jetzt plötzlich im Garten begann und ſich immer lauter und bedrohlicher vernehmen ließ. Dallmavi wankte an's Fenſter und ſchaute über die Treibhäuſer hinüber gegen die Negerwohnungen. Dort war Alles ſtill und Niemand zu ſehen als Alberto mit ſeinen Begleitern, die behenden Schrittes auf Alma's 176 Der Lärm drang aus einem andern Eben wollte Dallmavi über den um einen Blick über Hütte zueilten. Theile des Parkes. Corridor auf den Balkon eilen, die geſammten Gartenanlagen zu gewinnen, da trat ihm ſein Hausmeiſter leichenblaß mit dem Zurufe ent⸗ gegen: „Wenn die Nachricht wahr iſt, Sennore, ſo fliehen Sie, fliehen Sie raſch!“ „Wenn was wahr iſt?“ ſtotterte Dallmavi zu⸗ ſammenbrechend. „Wie Sennore? Sie wiſſen noch nicht—?“ „Was ſollte ich wiſſen?“ fiel Dallmavi ein.„Ich ſchlief die ganze Nacht und ſtand eben erſt auf.“ „Das rief auch ich dem aufgeregten Volkshaufen zu, der draußen vor dem Thore ſteht und laut Dall⸗ mavi dieſer That anklagt“, entgegnete der Hausmeiſter. „Die Menge glaubte mir nicht. Einzelne ſtießen Ver⸗ wünſchungen aus und brüllten: Dein Herr hat mit erheuchelten Vorſpiegelungen ihn in ſeine Höhle gelockt und dann auf dem Rückwege erſchlagen laſſen, Dein Herr iſt der Mörder.“ Dallmavi ſchaute ſeinen Diener, den er nicht ver⸗ ſtand, ſtarr an. Es brauchte einige Zeit, ehe er die Frage herausſtammeln konnte: 444 „Von wem ſprichſt Du? Wer— wer iſſt er⸗ mordet?“ „Sennore Ramon Eskobadi.“ „Eskobad i?“ „Halb Puebla iſt deßhalb in Aufruhr“, ſtammelte der Diener und fuhr fort:„Die That muß geſtern Abend, bald nach dem Schluſſe der Feſtlichkeiten und kaum einige hundert Schritte außerhalb unſers Parkes geſchehen ſein; denn Eskobadi's Leiche wurde heute früh außerhalb des neuen Gitterthors gefunden.“ „Und dieſer That werde ich angeklagt?“ fragte Dallmavi und richtete ſich ſtolz auf. Ton und Hal⸗ tung contraſtirten grell mit ſeiner bisherigen Unſicher⸗ heit. Augenſcheinlich war er an dieſem Morde nicht betheiligt geweſen und das Bewußtſein ſeiner Schuld⸗ loſigkeit verlieh ihm jetzt plötzlich jene Zuverſicht, welche vorübergehend ſelbſt den größten Verbrechern manch⸗ mal zu Gebote ſteht, wenn man ihnen eine unwahre Anſchuldigung vorhält. „Wirklich ich angeklagt?“ widerholte Dallmavi, als er ſah, daß ſein Diener nicht antworten wolle. „Wagt das Volk in Puebla, den Namen ſeines Kröſus zu beſudeln? Geh hinaus zu den Schreiern, melde ihnen: Dein Herr ſelbſt verlange ſtrenge Unterſuchung; Dein Herr ſetze eine Million als Preis für die Ent⸗ Köberle, Alles um ein Nichts II 12 deckung des Thäters aus; Dein Herr verſpreche über⸗ dieß noch dem Scharfrichter, welcher die Ehre haben werde, Eskobadi's Mörder zu hängen, ein Geſchenk von einmalhunderttauſend Dollars. Wer aber noch ferner wage, ihn ſelbſt dieſer Schandthat zu zeihen, den werde er ſeine Macht fühlen laſſen.“ Der Diener eilte ans Gitterthor zurück. Die Menge hörte ihn ruhig an. Dann klatſchten die Einen Beifall, während die Andern kopfſchüttelnd ſich entfernten. Die Nachricht von Eskobadi's Ermordung hatte in der That ſchon am frühen Morgen faſt die ge⸗ ſammte Einwohnerſchaft von Puebla in Beſtürzung und Schrecken verſetzt. Wir erinnern uns noch aus dem Anfang de zweiten Buches, daß Eskobadi unter ſeinen Landsleuten, namentlich unter den Mexi⸗ kanern ener Abkunft, als ein großer Patriot galt. Seit er durch die Verjagung der fremden Ein⸗ dringlinge aus Alimonti's Thal ſich den Dank der indiſchen Race geſichert und zugleich den Grundſtein zu ſeinem eigenen Emporkommen gelegt, hatte er trotz jeines Geizes und ſeiner bendeetees n Eigenſchaften wohl ver⸗ ſtanden, die Volksthümlichkeit ſeines Namens zu dwahren Sein Tod galt als ein National⸗Unglück. Da ſeine langjährige Feindſchaft mit Dallmavi ſtadtbekannt ge⸗ weſen und Dallmavi's plötzliche Verſöhnung mit ihm — den Meiſten unerklärlich geblieben war, ſo hatte es nicht fehlen können, daß im erſten Augenblicke der Verdacht, Urheber des Mordes zu ſein, ſich faſt ein⸗ ſtimmig gegen Dallmavi richtete. Dieſe mißliche Volksſtimmung wurde noch weſent⸗ lich durch den Trauerzug geſteigert, welchen der junge Alberto Mancha ſeiner unglücklichen Braut veranſtaltete. In offener Bahre ließ er die ermordete Alma durch die Straßen von Puebla tragen. eht hier“, rief er jammernd aus,„ſeht den Engel, walchen 1. walinmre in dieſer Nacht erſchlug!“ en und das noch im Tode faſt über⸗ Sein We 6 Alma's wirkten magiſch auf die Ge⸗ nauer Alles Volk ſtrömte herbei und geleitete den Büngling mit ſeiner traurigen Laſt auf den Friedhof von Puebla, wo Alberto unter Aſſiſtenz des geſammten Klerus der Kathedrale den Leichnam in eine neue Gruft einſenken und bald nachher über derſelben ein einfaches Grabmonument aus ſchwarzem Marmor er⸗ richten ließ, welches noch heutigen Tages dort zu ſehen iſt und die kurze Inſchrift„Alma“ trägt. Die ſo laute Klage des einzigen Sohnes aus einen der angeſehenſten Patriciergeſchlechter des Landes konnte von den Behörden nicht wohl ſchweigend über⸗ gangen werden. Eine gerichtliche Unterſuchung begann. 12*¾ 180 Da es jedoch Dallmavi glückte den Beweis herzuſtellen, daß Alma die Frucht der Sklavin Malva und ſeit ihrer Geburt bis zum Augenblicke ihres Todes ſelbſt Sklavin geweſen ſei, ſo fand der Criminalſenat keinen Anlaß, gegen den Mörder einzuſchreiten. Damals gab es in Puebla noch kein Geſetz, laut welchem die Töd⸗ tung eines Sklaven unter die Zahl der ſtrafwürdigen Verbrechen hätte gerechnet werden können. Deſſenun⸗ geachtet ließ ſich die öffentliche Meinung in ihrer Sympathie für Alma nicht beirren. Auch in Puebla begann damals die Idee, daß es allgemein geltende Menſchenrechte gebe, bereits Eingang zu finden. Ein reich begabter indianiſcher Jüngling, Namen Juarez, donnerte mit beredter Zunge gegen die barbariſche Sitke der Sklaverei, und fand zahlreiche Anhänger. Alberto's Schickſal wurde allgemein bedauert, Dall⸗ mavi's Unthat faſt ebenſo allgemein verurtheilt. Ernſtlicher, als mit dem Proceß über Malva's Tochter, nahm es der Criminalſenat mit der Unter⸗ ſuchung gegen Eskobadi's Mörder. Es wurden nach allen Seiten hin die ſtrengſten Nachforſchungen ge⸗ pflogen. Als Reſultat ſtellte ſich heraus, daß Esko⸗ badi's Begleiter, beſtehend aus ſeinem Leibmohren und ſeinem Kutſcher, noch während der verhängnißvollen Nacht mit der Caroſſe ohne ihren Herrn in Eskobadi's —— —— — —— 181 Caſtell angelangt waren. Dort hatten ſie unter dem Vorwande, daß Eskobadi in Puebla Geld brauche, eilig deſſen Kaſſe geöffnet und ſich dann reich mit Gold beladen wieder entfernt. Wohin ſie gegangen, wußte Niemand zu erforſchen. Sie ſchienen ſpurlos verſchwun⸗ den zu ſein. Daher mußte die Unterſuchung aus Mangel an Beweisgründen gegen irgend eine greifbare Perſon endlich wieder eingeſtellt werden. Dieſer reſultatloſe Ausgang genügte jedoch der öffentlichen Meinung ebenſo wenig, als er der Neu⸗ gierde unſerer Leſer entſprechen wird, die ohne Zweifel von uns noch andere Aufſchlüſſe erwarten. „Der Leibmohr und Kutſcher ſpurlos verſchwunden?“ ſchrie der Eine, ſeines Hand'verks ein Schuſter.„Wer die Beiden gedungen, der wird wohl wiſſen, wohin er ihnen geholfen!“ „Ja, wäre ich Unterſuchungsrichter“, entgegnete ein Schneider,„ſo wüßte ich ſchon, wo ich den Ver⸗ ſteckwinkel zu ſuchen hätte.“ „Du Narr“, fiel ein vagabundirender Korbmacher ein.„Lernſt Du erſt hier das Sprüchwort kennen: Schmieren und Salben hilft allenthalben? Wer auf die Entdeckung des Mörders eine Million als Preis ausſetzen kann, der hat wohl auch zwei Millionen für den Richter in Bereitſchaft, damit er Nichts entdecke.“ „Da liegt der Haſe im Pfeffer begraben“, ſchmun⸗ zelte kopfnickend ein Trödler.„Der ehrliche Mann geht zu Grunde und unſere Richter machen große Häuſer. Ich wüßte nicht, wie das mit rechten Dingen geſchehen könnte.“ Und ſo ging das Kritteln fort von den Pflaſter⸗ tretern auf der offenen Gaße bis hinauf in die Paläſte der Reichen. Nur drückte die vornehmere Geſellſchaft ſich mit mehr Zurückhaltung aus und meinte, das ſpurloſe Verſchwinden der zwei Diener, welche ohne Zweiſel den Mord verübt, öffne den Vermuthungen ein weites Feld und es ſtehe Jedermann frei, in Betreff des eigentlichen Urhebers ſeinen eigenen ſinen Ge⸗ danken zu glauben. Kurz, der Verdacht blieb an Dall⸗ mavi haften. Niemand von den Eingeborenen wagte mehr, in nähern Verkehr mit dem ohnehin ſchon wegen ſeines unbegreiflich raſchen Emporkommens theils be⸗ neideten und theils verhaßten Fremdling zu treten, deſſen Name auf ſo unvortheilhafte Art mit dem Unter⸗ gange eines Patrioten verflochten war. Kein Einziger von den Tauſenden, die Dallmavi's Bankett beigewohnt hatten, ließ eine Gegeneinladung an ihn ereehen. Selbſt der alte Banquier Mancha wollte von einer Verbindung zwiſchen ſeinem Sohne Alberto und Dall⸗ mavi's Tochter Ottilie nichts mehr hören und ließ dem Schmerze des trauernden Jünglings auf Alma's Grabe freien Lauf. Als die Acten über Eskobadi geſchloſſen waren, glaubte Dallmavi noch einen letzten Verſuch zur Wie⸗ derherſtellung ſeiner Ehre wagen zu müſſen. Noch ein⸗ nal lud er alle einflußreichen Männer von Puebla zu Bankett und verſprach ihnen Genüſſe, die alles am erſten Abend Gebotene weit übertreffen ſollten. Keiner der Geladenen ertheilte eine Rückantwort, und an dem beſtimmten Tage ließ ſich nicht ein ein⸗ ziger Gaſt in Dall lUmavi's Palaſte blicken. Der Mo⸗ narch über unzählbare Haufen Goldſtücke ſtand allein einem in Mitte ſeiner Herrlichkeiten, nur umgeben von einer ihn mit vorwurfsvollem Auge ſchweigend anſtarrenden Gattin, von einer durch Weinen noch häßlicher ge⸗ wordenen Tochter und von einem Troß ihm aus Furcht noch widerwillig gehorchender Sklaven. Rings um ihn war kein lebendes Auge, das Bewunderung oder Theilnahme verrieth,— keines, als nur noch das ſeines racheglühenden, mißrathenen Sohnes. „Es iſt eine Ver rewrng gegen uns im Werke, mein theurer Maurizio“, wendete Dallmavi ſich gegen ſeinen Sohn.„Sei's denn! Wir kön. ien die Hunde entbehren, die ohnehin nur von unſerm Fett ſchmauſen. Geld iſt Macht. Die Zeit der Abrechnung wird nicht ausbleiben und wir wollen jetzt lernen, wie dann zu rechnen iſt. Gehen wir ſogleich an die Arbeit!“ Mit dieſen Worten kehrte ſich Dallmavi um und trat, ohne Mathilde oder Ottilie eines Blickes zu würdigen, in ſein Caſſagewölbe. Maurizio folgte ihm. Dort ſchloſſen ſich Beide zu einer langen geheimen Unterredung ein. . 4 Ende des zweiten Bandes. 3 4 1 Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 8* 1 4 3 4 4 3 1 = 3 4 4 nſnſſſfiſ ſſnſſſffſſiſſſiſſſſniſ 7 8 9 10 11 12 13 14 1 6 17