Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — 8ℳ 4.. LCeih- und Jeſebedingungen. 1. Oifensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Schloß Allwind. Ob höh'rer Glanz und Schimmer Die Fremde gleich erhellt, Die Heimat bleibt doch immer Der ſchönſte Fleck der Welt. Vogl, deutſche Lieder, Kaum eine halbe Stunde weſtlich von der Stadt, die man ihrer Lage wegen ſchon oft das deutſche Venedig nannte, liegt Schachen, ein ſchon ſeit Jahr⸗ hunderten von den Sommergäſten des Bodenſees und von den Einwohnern der uralten Lindavia oft und zahlreich beſuchtes Dörflein. Das See⸗ und Quellenbad gleichen Namens bildet den ſüdlichſten Vorſprung des freundlichen Ortes und iſt zwiſchen zwei dreiſtern Nach⸗ barn, nämlich zwiſchen den Hügelvorſprung von All⸗ wind und der Inſelſtadt Lindau, reizend in die Tiefe 1* ——q·— der Bucht an das Seeufer hingelagert, ähnlich einer ſich ihrer Reize bewußten und dennoch verſchämt be⸗ ſcheidenen Jungfrau. Bad Schachen gewährt dem Be⸗ ſucher einen Anblick von feſſelnder Anmuth und Schön⸗ heit. Ueberſchaut man auch von der Terraſſe des länd⸗ lichen Gaſthauſes aus nicht, wie z. B. auf dem nahen Hoyer⸗ oder dem Gebhardsberge, das ganze Panorama des an Naturſchönheiten ſo reichen ſchwäbiſchen Meers, ſo bilden doch die zwei neugierig in das Gewäſſer vor⸗ ſpringenden Nachbarn, Lindau und Allwind, zu der Ausſicht vom Bad Schachen einen Rahmen, in welchem ſich die Breitenſeite des Sees und die romantiſche Alpenkette jenſeits desſelben nur um ſo lieblicher aus⸗ nehmen. Gegenwärtig gelangt man auf dem Wege von Lindau über Schachen nach Allwind an einer Kette von prächtigen Villen, ſchmucken Sommerhäuſern und üppigen Gärten vorbei. Zu der Zeit aber, in der unſere Erzählung beginnt, ſtreckten an Stelle dieſer neuen Herrlichkeiten nur behäbige Bauernhäuſer hier und dort ihre Holzgiebel beſcheiden aus den ſchattigen Obſtbaum⸗ wäldern und zwiſchen den Rebengeländern hervor. Selbſt auf der Höhe, welche jetzt durch das bewunderte Luſtſchloß Allwind geſchmückt iſt, ſtand damals nur ein zerfallendes Bauernhäuschen und ſchien dem vorüber⸗ 85 wandernden Naturfreunde laut zurufen zu wollen: Meine Häßlichkeit rivaliſirt mit der ſeltenen Schönheit des Hügels, auf dem zu ſtehen mir die unverdiente Ehre widerfuhr. An einem heitern Nachmittage des Mai 1813 wanderte über den Fußpfad, welcher von Schachen aus über den ſüdlichen Abhang dieſes Hügels nach der Halbinſel Waſſerburg führt, eine jugendliche Geſtalt, die ihrer äußern Erſcheinung nach das fünfundzwanzigſte Lebensjahr noch nicht überſchritten hatte. Der düſtere Ernſt in den Geſichtszügen des jungen Mannes con⸗ traſtirte auffällig mit dem Lächeln der ſo eben in ſchönſtem Frühlingskleide erwachten Natur. Gedanken⸗ voll ſchritt er dahin und blieb manchmal einige Sekunden lang mechaniſch ſtehen, manchmal ließ er den Zlick über die liebliche Landſchaft hingleiten. Jedoch be⸗ ſchäftigte ſich ſein Geiſt augenſcheinlich nicht mit den Bildern, die ſeinem phyſiſchen Auge begegneten. Ganz in ſein Inneres verſunken, ſetzte der junge Mann ſich endlich gerade an der Stelle auf ein Geländer, über welcher das zerfallende Bauernhäuschen damals noch hervorragte. Regungslos ſtarrte er hier lange in den Waſſerſpiegel hinab, auf deſſen vom Zephir ſanft an⸗ gefächelten Wellen die Sonne ſcherzend zu tanzen ſchien. Die Pracht des ſich vor ihm entfaltenden Naturſchau⸗ 6 ſpiels, die Großartigkeit dieſes landſchaftlichen Bildes, dieſe koloſſale gegen Süden bis zum Himmel empor⸗ ragende und gegen Weſten in ſanfte Anhöhen aus⸗ laufende Gebirgskette, dieſer unabſehbare Kranz von Städten, Dörfern, Schlöſſern und Gehöften, welche das majeſtätiſche Seeufer von Bregenz bis Conſtanz zieren, — ſie alle ſchienen für ihn nicht zu beſtehen. Selbſt die Ankunft eines Jünglings von ungefähr gleichem Alter, der in der Richtung von Waſſerburg her den Hügel langſam erſtiegen und hart neben ihm auf dem Geländer Platz genommen hatte, wurde von ihm nicht bemerkt. Der Neuankömmling blickte die regungslos da⸗ ſitzende Geſtalt einige Minuten lang ſchweigend an Dann klopfte er ihr ſanft auf die Achſel: „Biſt Du's noch leibhaft und lebendig? oder hat irgend ein Kobold Dich als Marmorſtatue hierher auf mein Lieblingsplätzchen gezaubert?“ Der Angeredete fuhr auf wie Jemand, der ſich auf einem unlautern Gedanken plötzlich ertappt wähnt und darüber erſchreckt. Als er jedoch dem Neuan⸗ kömmling näher ins Antlitz geſehen, ſchüttelte er herz⸗ lich deſſen Hand und begann: „Endlich Karl, endlich biſt Du da. Ich habe auf der Terraſſe des Schachenbades ſchon eine volle Stunde auf Dich gewartet—“ — „Und Dich ſodann entſchloſſen, mir noch ein Stückchen Weges bis hieher entgegen zu gehen. Mein lieber Julius, das iſt nicht mehr als billig. Allwind liegt zwiſchen Lindau und dem Dörflein, in welchem ich heute übernachtete, gerade in der Mitte; und gut Freunde ſollten ſich ſtets auf halbem Wege entgegen kommen.“ „Beginnſt Du ſo genau mit mir zu rechnen?“ „Warum nicht, wenn ich's zu Deinem Vortheil thun kann?“ 3 „Mir zum Vortheil? Zeit iſt Geld! Wer weiß⸗ was wir jetzt ſchon gewonnen hätten, wenn Du pünkt, lich zur verabredeten Stunde mit mir in Schachen zu⸗ ſammengetroffen wärſt!“ „ZJedenfalls nicht ſo viel, als Dein Herz durch einen Blick auf die wundervolle Landſchaft gewinnen kann, die hier entrollt vor uns liegt.“ Julius zuckte die Achſeln und warf blaſirt ein: „Die Welt wird vom Materialismus beherrſcht und da iſt's ein Unglück, dem Herzen Gehör zu ſchenken. Ich wenigſtens möchte mir wünſchen, gar kein Herz zu beſitzen.“ „Wenn Du dieſe Anſicht zur Maxime Deiner Handlungen erhebſt, ſo kannſt Du mit der Zeit viel⸗ leicht reich werden“, entgegnete Karl und fügte mit 8 einem mitleidigen Blick auf ſeinen Freund bei:„ob auch glücklich, wage ich nicht zu hoffen.“ „Laß mich nur erſt den Reichthum erjagen, für mein Glück weiß ich ſodann zu ſorgen“, ſchnurrte Julius, während in ſeinem Auge ein unheimliches Feuer aufblitzte. „Dann verſtehſt Du unter Glück jedenfalls etwas Anderes als ich“, wendete Karl ein und fuhr fort: „Nach meiner Anſicht gibt es für den Menſchen Güter, die nicht mit Haufen Goldes zu erkaufen ſind. Frei⸗ lich ſcheint in unſern Tagen Manchem gerade für die edelſten und höchſten Schätze des Lebens der wahre Sinn zu fehlen. Mindeſtens würde ich ſonſt unbe⸗ greiflich finden, daß mitunter die Beſitzer von Millionen, nur um noch größere Haufen Goldbarren und Werth⸗ papiere zuſammenzuſcharren, ſich Jahr aus Jahr ein in ihre dumpfen Bureaux einſargen. Solche Leute könnten ſchon auf Erden den Himmel genießen, und Vegethutn als Sklaven ihrer Geſchäfte.“ „Ich meinerſeits finde das aller Ehren werth. Wer nichts beſitzt, muß arbeiten; wer reich iſt, arbeitet freiwillig. Und nur eine Thätigkeit, der man ſich aus freiem Willen und eigenem Antriebe widmet, kann als ſubjectiv verdienſtlich gelten. Wie ſtände es wohl um Induſtrie, Handel und Gewerbe, ja ſogar um die — — 9 Civiliſation der Menſchheit, wenn Jederman nur ſo viel arbeiten wollte, als ihm durch die Sorge um ſeine Selbſterhaltung aufgebürdet wird?“ „Dein eigenes Bewußtſein kann Dir ſagen, daß Du meinen Worten einen Sinn unterſtellſt, der nicht darin liegt“, entgegnete Karl vorwurfsvoll.„Ich kenne ſo gut wie Du die Segnungen des Reichthums, ſofern das Geld neben den übrigen Gütern der Menſchheit nach dem richtigen Rangverhältniſſe abgeſchätzt und verwendet wird. Es ſollte ſtets nur ein Mittel zur Erreichung höherer Lebenszwecke ſein, nie aber der Endzweck der menſchlichen Beſtrebungen werden. Willſt Du behaupten, daß die Mehrzahl derjenigen Handels⸗, Induſtrie⸗ und Börſenmänner, auf welche ich vorhin anſpielte, in der Vergrößerung ihrer Metallhaufen nicht ihr einziges Lebensziel erkenne? Kannſt Du etwa nach⸗ weiſen, daß ſie dem Mammon in der edeln Abſicht nachjage, um durch denſelben die Civiliſation und all⸗ gemeinen Wohlſtand zu verbreiten?“ „Um die Unbedeutſamkeit Deiner Einwendungen darzuthun, brauchen wir nicht ſo weit auszuholen“, entgegnete Julius laut auflachend.„Ich ſtelle nur die Gegenfrage, ob es in dieſer Beziehung jemals anders geweſen ſei als jetzt?“ „Das wäre für Dich keine Frage, hätteſt Du je die Weltgeſchichte ſtudirt“, ſchloß Karl und wendete ſich ärgerlich ab. Julius lachte noch lauter auf. Beide ſchwiegen. Nach einiger Zeit jedoch nahm jener das Geſpräch wieder auf: „So ſeid Ihr Stubengelehrten, Einer wie der Andere! Wenn Ihr auf eine praktiſche Lebenswahrheit, die zu Eurem gelehrten Kram nicht paßt, keine Ant⸗ wort wißt, ſo verſchanzt Ihr Euch hochnaſig hinter Eure Gelahrtheit und werft unſer Einem Ignoranz vor. Ja, verſtändet Ihr aus dem Wirrwarr der Ge⸗ ſchichte in Wahrheit die Goldkörner herauszufiſchen und uns Laien des Wiſſens dieſelben vorzulegen, dann viel⸗ leicht hättet Ihr das Recht, Euch gegen uns materielle Goldwühler aufzublähen wie der Froſch in der Fabel. So aber hat die Routine der C Geſchäftsleute all Euren Bücherkram längſt überholt. Ich bin nicht, wie Du, anderthalb Jahrzehnte lang auf den Gymnaſial⸗ und Univerſitätsbänken herumgerutſcht; ich beſitze alſo kein Privilegium, mich für einen unfehlbaren Apoſtel der Weisheit auszugeben. Während an Deine höhere Ausbildung Tauſende verſchwendet wurden, mußte ich als Commis in einem Kramladen mir den Unterhalt mühſam erwerben. Dennoch könnte ich Dir über die Weltgeſchichte ein Licht anzünden, von welchem Du mit 11 all Deinen gelahrten Alfanzereien noch keine Ahnung zu haben ſcheinſt.“ „Haſt Du vielleicht bei Deinem Privatſtudium gar die Entdeckung gemacht, daß die Menſchheit von jeher im Materialismus verſunken war?“ warf Karl mehr geringſchätzend als neugierig ein. „Nenne den Abgott, dem unſer Geſchlecht ſeit Adams Tagen nachjagt, wie Du willſt! Ob es ſich in den Materialismus, ob in den Spiritualismus, ob in Religionsſchwärmereien oder in romantiſche Ritter⸗ fahrten verſenkte,— es ſtrebte ſtets nur diejenigen Eingebungen zu verwirklichen, welche ihm nach den Begriffen des Zeitalters die angenehmſten Empfindungen bereiteten.“ „Das alſo iſt Deine aus der Geſchichte gezogene Weisheit? Du hälſt die Menſchen im Allgemeinen für Geſchöpfe, die nur den angenehmen Empfindungen nachjagen und von jeher den einzigen oder mindeſtens den höchſten Zweck des Lebens in der Befriedigung ihrer ſubjectiven Neigungen erkannten?“ „Allerdings.“ „Worin unterſcheidet ſich denn nach Deiner Anſicht die Menſchheit von der Thierwelt 20 Julius zuckte die Achſeln und ſchwieg. „Worin?“ wiederholte Karl. „In Nichts“, antwortete Julius.„Denn daß der Menſch mit Selbſtbewußtſein und mit rafſinirter Klug⸗ heit demſelben Ziele nachjagt, welches vom Thiere in⸗ ſtinktmäßig angeſtrebt wird,— das iſt wohl ſo viel als Nichts.“ „Sprichſt Du im Ernſt ſo?“ „Wenn Du Menſchenkenner biſt, ſo wirſt Du ſelbſt dieſe Frage beantworten können.“ „Ich kann's“, entgegnete Karl und ſah dabei ſei⸗ nem Freund ſo feſt ins Auge, daß dieſer den Blick nicht zu erwidern vermochte.„Du haſt mich zu einer Unterredung hierher beſtellt, um, wie Du mir ſchriebſt, eine Angelegenheit zu beſprechen, von der unſer Beider Glück abhänge! Soll ich etwa glauben, daß Du, der materielle Speculant, jetzt in einer philoſophiſchen Unterſuchung über den Werth oder Unwerth der menſch⸗ lichen Natur unſer Glück ergründen wolleſt?“ „Nein“, entgegnete Julius nnd begann verlegen mit ſeinem Spazierſtöckchen Figuren in den Sand zu zeichnen. „So will ich Dir ſagen, warum Du Behauptungen aufſtellſt, die ebenſo unwahr als Deiner beſſern Er⸗ kenntniß zuwider ſind.“ „Nun?“ warf Julius mit ſteigender Verlegenheit ein und ſtarrte auf die von ihm in den Sand ge⸗ zeichnete Figur. Ach, da war überall nichts mehr zu ſehen, Und Alles hatte ſeinen Herrn.““ „Warum nennſt Du mich einen Poeten?“ warf Karl befremdet ein. „Weil Du Deine Zukunft in die Luft bau'ſt“, entgegnete Julius.„Du magſt das ganze Corpus juris auswendig gelernt haben, dennoch wirſt Du nie als Beamter Carrière machen.“ „Warum meinſt Du das?“ „Weil Du viel zu liberal denkſt, um Dich je in die Rolle eines gefügigen Werkzeugs der beſtehenden Gewalt hinein finden zu können. Europa wird vom Bonapartismus beherrſcht und aller Liberalismus iſt weiter nichts als eitle Phantaſterei.“ „Du ſprichſt wie Du's eben verſtehſt und ſiehſt nicht weiter in die Zukunft, als Deine Naſenſpitze peicht.“ „Schon Mancher, der ſich prophetiſcher Gaben rühmte, hat ſeine Naſenſpitze garſtig verbrannt. Guter Frennd, ändere ſofort entweder Dein Brodfach oder erſticke Deinen Freiheitsdrang! Beides zuſammen geht nicht. Es iſt ein Phantom. Ehe Du hieraus Dir auf Lebenszeit täglich eine warme Suppe ſicherſt, eher werde ich auf Dein Lieblingsplätzchen ein Schloß hin⸗ Köberle, Alles um ein Nichts. 2 18 geſtellt haben, um deſſen Pracht mich jeder Millionär und jeder Potentat der Welt beneiden ſoll.“ „Wie? auch Deine Wünſche knüpfen ſich an dieſen Hügel?“ „Wie Du hörſt!“ „Alſo weckt die Großartigkeit des hier ausgebreiteten Naturbildes in Dir eben dieſelben erhabenen Empfin⸗ dungen wie bei mir?“ „Nein“, erwiderte Julius noch unangenehmer grinſend.„In meinen Adern rollt kein einziger ſchwärmeriſcher Blutstropfen. Aber ich beſitze dennoch genug Schönheitsſinn, um den Werth dieſes Hügels begreifen zu können. Jetzt noch wäre er muthmaßlich um einen Spottpreis zu erwerben; gehörig herausge⸗ putzt, würde ſein natürlicher Reiz ſpäter zuverläſſig von reichen Schwärmern mit Gold aufgewogen.“ „Und deßhalb möchteſt Du die Scholle Erde, an die ſich ſchon ſeit Jahren mein Lebensideal knüpft, mir ſtreitig machen?“ „Warum nicht, wenn ich es vermag?“ antwortete Julius lachend.„Du haſt bereits vorhin von mir ge⸗ hört, daß ich die Menſchen für Geſchöpfe halte, die nur den angenehmen Empfindungen nachjagen. Ich ſelbſt mache davon keine Ausnahme und will mich auch nicht brüſten, beſſer zu ſein als mein Geſchlecht.“ —ÿꝛꝝz 19 „Gedenkſt Du den Hügel bald zu kaufen?“ Dieſe Frage verſcheuchte aus Julius' Geſichte plötzlich den Hohn, durch den ſeine Züge bisher ent⸗ ſtellt waren. Er wurde wieder ernſt und die Um⸗ wandlung ſtand ihm ſo wohl an, daß er in dieſem Augenblicke wirklich ſchön genannt werden konnte. „Gedenkſt Du den Hügel bald zu kaufen?“ wiederholte Karl. Nach längerm Zögern entgegnete Julius: „Du haſt recht mich daran zu erinnern daß ich, indem ich Deine Träumerei beſpöttelte, faſt Gefahr lief, Dich an Schwärmerei noch zu übertreffen. Zum Kaufen gehört vor Allem Geld und wir Beide ſind ja zur Zeit noch ſo arm wie zwei ausgehungerte Kirchenmäuſe. Du haſt Dein bischen älterliches Vermögen in Deine ſogenannte höhere Ausbildung hineingeſteckt und ich, der ich ein älterliches Erbtheil nie beſaß, konnte aus meinem Commis⸗Stand bis zur Stunde noch wenig mehr herauspreſſen als meine Exiſtenz. Drum heißt's: abwarten und verdienen! Komm, bei einem Glaſe Wein jetzt ein Geſchäft abzuwickeln, das Dir Gewinn verſpricht!“ Beide erhoben ſich und wanderten ſchweigend hinter einander über den Hügel hinab. In der Ebene ſchlugen ſie den ſchmalen Pfad ein, der längs des 24 20 Ufers an hölzernen Bauernhütten vorbei nach Schachen über die Gefilde führt, auf welchen jetzt der mit allem Luxus eines ſüdlichen Herrſchaftsſitzes ausgeſtattete Lindenhof prangt. Bei einer alten Ruine blieb Karl ſtehen und hub an: „Kennſt Du die Sage, welche, gleich dem wild verwachſenen Epheu, dieſe verfallenden Mauern um⸗ rankt?“ „Ich weiß nicht einmal, was dieſe alten Mauer⸗ ſteine ehemals waren“, entgegnete Julius kurz. „So höre! Zur Zeit als die Inſel Lindau noch eine freie Stadt war, beſaß ſie hier ein Grenzſchloß, der Tegelſtein genannt, auf dem ein eigenes Edelge⸗ ſchlecht hauſte. Eines Tages nun kam zur ſtolzen und hartherzigen Burgfrau Anna von Tegelſtein, welche mit drei im Reize der Jugend und Schönheit pran⸗ genden Töchtern hier herrſchte, eine arme Bäurin und bat, aus dem Schloßgarten einen Kranz weißer Roſen für ihr eben verſtorbenes Töchterlein pflücken zu dürfen. Die Freifrau ſchlug dieſe Bitte mit den ſchnöden Worten ab:„„Für ſolches Bettelvolk iſt ein Kranz von Brenneſſeln die paſſendſte Zierde.““ Da rief die empörte Mutter:„„Nun ſo mögen Eure Roſen zu Todtenkränzen für Eure Töchter werden!““ Der Fluch ging in Erfüllung. Ehe ein Jahr verfloſſen war, 21 folgten die drei Fräulein einander ins Grab und jede trug einen Kranz weißer Roſen in den Locken. Die hartherzige Burgfrau überlebte dieſen Schickſalsſchlag nicht lange; und ſeither bis zum Ausſterben des Tegel⸗ ſtein'ſchen Geſchlechtes ſah man, ſo oft ein weiblicher Sterbefall in der Familie bevorſtand, Frau Anna Nachts im Garten ſitzen und weinend einen Kranz von weißen Roſen flechten.“ „Warum erzählſt Du mir dieß Märchen?“ fragte Julius betroffen. „Dir zur Lehr' und Warnung“, lautete Karls mit einem durchbohrenden Blicke verſtärkte Antwort.„Hinter dem Märchen ſteckt ein tiefer Sinn, der vielleicht noch mehr Werth für Dich haben könnte, als vorhin Deine nagelneue Entdeckung auf Allwind.“ „Ich habe mich in ihm verrechnet“, ſagte Julius im Stillen zu ſich ſelbſt. Jedoch antwortete er nichts mehr. Die zwei jungen Männer gingen ſchweigend weiter und waren bald in Bad Schachen angelangt, wo be⸗ reits eine dritte Perſon ihrer harrte. Zweites Kapitel. Verſchiedene Lebenspfade. „Nicht die Meilen ſind es, welche die Gemüther trennen. Es ſind die fremden Gedanken, der Dunſt des Eiteln, die Geſchäftigeit des niedern Lebens.“ Koſegarten. Als die zwei jungen Männer in die Sommerloka⸗ litäten des Schachenbades eintraten, befanden ſich auf der Terraſſe, die an den See ausmündet, nur wenige Gäſte. Ein ältlicher Herr, unter deſſen breitkrämpigem Hut ein Geſicht voll Zufriedenheit und innerer Seelen⸗ ruhe hervorguckte, trank in der ſchattenreichen Garten⸗ laube ſo eben ſeinen Nachmittags⸗Kaffee und ſchmauchte dabei behäbig ein Pfeiſchen Tabak. Man konnte in ihm auf den erſten Blick einen Bürger der alten reichs⸗ ſtädtiſchen Inſel erkennen. — 23 Etliche jüngere Perſonen waren im Begriff, auf einem Kahn vom Ufer abzuſtoßen. Sie ſahen ſich nach den Eintretenden nur flüchtig um und ruderten dann munter in den See hinaus. Es waren dieß Kaufmannsſöhne von Lindau, und das Thema, über welches ſie ſich eben unterhielten, ſchien Julius zu ſein. Nahe an der Anlände an einem unbeſchatteten Punkt ſaß auf der Terraſſe ein Mann, deſſen Aeußeres deutlich verrieth, daß ſein Geburtsort nicht in Europa zu ſuchen ſei. Seine Geſichtsfarbe glich faſt der eines Indianers, die Stirne war nach oben ſchmal zugeſpitzt, die Backenknochen ſtachen hoch hervor, unter der ſcharf gebogenen Naſe ſchimmerten aus einem weiten Munde ſchneeweiße Zähne, und die kleinen lebhaften Augen ſtrahlten ſüdliche Gluth. Noch auffälliger wurde die Erſcheinung dieſes Fremdlings durch ſeine Körperhal⸗ tung. Gleich einem Wurm auf den Stuhl zuſammen⸗ gekauert, jagte er unabläſſig dicke Rauchwolken vor ſich her, als ob ihn trotz der brennend heißen Maiſonne fröſtle und er die Luft mit ſeiner glühenden Cigarre erwärmen wolle. Daneben vibrirte ſein Blick bald dahin und bald dorthin, lebhaft an das Lauern eines ſtets zum Sprunge auf ſein Opfer bereiten Tigers ge⸗ mahnend. Die ganze Erſcheinung hatte etwas Unheim⸗ liches und bildete zu der lieblichen Idylle des Ortes und zu dem harmloſen Ausſehen der andern anweſen⸗ den Perſonen einen widrigen Contraſt. Julius und Karl waren bis an die ſüdliche Spitze der Terraſſe vorgetreten und hatten dort hart neben der Anlände an einem leeren Tiſche Platz genommen, ohne die zwei Anweſenden zu grüßen oder von einem derſelben begrüßt zu werden. Jedoch glaubte Karl während des Eintretens bemerkt zu haben, daß ſein Begleiter mit dem ſeltſamen Fremdling im Vorbeigehen einen bedeutungsvollen Blick gewechſelt hatte. Welche Beziehungen mochten wohl zwiſchen dem armen Handlungscommis, der noch nie aus Deutſch⸗ land hinausgekommen war, und zwiſchen dem Halb⸗ indianer beſtehen? Ehe Karl Zeit fand, ſich eine klare Antwort auf dieſe Frage zu verſchaffen, ſtand der Kupferfarbige raſch auf und trat mit mehr Cle⸗ ganz, als man von ſeinem Aeußern hätte vermuthen mögen, zu ihm an den Tiſch heran. Julius war über dieſe Annäherung ſichtlich beſtürzt; das Blut ſchoß ihm ſo ſehr ins Geſicht, daß ſeine Hautfarbe faſt der des Fremdlings glich. Dieſer begann in geläufigem Franzöſiſch: „Mein Herr, Sie verzeihen eine kleine Störung!“ Und ſich an Julius wendend fuhr er fort:„Ich darf wohl um ein paar Worte unter vier Augen bitten.“ 25 Ohne etwas zu entgegnen, erhob ſich Julius mit einer Eile, die faſt der Willfährigkeit des gehorſamen Dieners gegen ſeinen Herrn glich. Der Kupferfarbige verbeugte ſich nochmals artig gegen Karl und verſchwand dann raſch hinter dem Hauſe. Julius folgte ihm ſchwei⸗ gend nach. Der ältliche Herr unter der Laube, welcher dieſen Auftritt beobachtet hatte und den Abgehenden befrem⸗ det nachſah, ſchüttelte unwillig den Kopf. Karl theilte deſſen Befremden. Ueberlaſſen wir jedoch dieſe vor⸗ läufig ihren Selbſtbetrachtungen, um das Rendezvous des Halbindianers mit dem deutſchen Commis zu be⸗ lauſchen. Der Farbige hatte behenden Schrittes den Pfad eingeſchlagen, welcher in das Dorf Schachen hinauf⸗ führt. Etwa auf der Mitte des Weges zwiſchen dem Bad und der längs des Seeufers ſich hinſchlängelnden Fahrſtraße hielt er unter einem Rebengelände inne und warf nach allen Seiten hin einen ſpionirenden Blick. Nachdem er ſich überzeugt zu haben ſchien, daß außer ſeinem Begleiter kein menſchliches Weſen in der Nähe war, hub er an: „Wenn ich Ihren Wink richtig deutete, ſo iſt Ihr Freund auf meinen Antrag noch nicht vorbereitet?“ „Noch nicht“, entgegnete Julius.„Karl hat ſich während der wenigen Jahre, die er fern von mir ver⸗ lebte, bis zur Unkenntlichkeit verändert. Ich fürchte, daß meine Rechnung auf ihn ohne Wirth gemacht war. Jedenfalls bedarf ich zum Sondiren noch einer längern Zeit, ehe ihm unſer Geheimniß ohne Gefahr anvertraut werden kann.“ „Ich habe ſo etwas vermuthet“, brummte der Kupferfarbige und ſetzte verſtimmt bei:„Eure euro⸗ päiſche Gelehrſamkeit, von der wir drüben, Dank un⸗ ſern Sitten, noch nicht angeſteckt ſind, muß ein wah⸗ res Gift ſein. Oft ſchon hörte ich ſagen, daß, wer ſich von ihm beflecken laſſe, für kein praktiſches Unter⸗ nehmen mehr tauge.“ „Dennoch erſchiene es mir als ein großer Verluſt, wenn uns Karl entginge“, wendete Julius ein.„Seine eminente Sprachenkenntniß wäre für das Unternehmen unbezahlbar. Auch ſeine gründliche Bekanntſchaft mit dem internationalen Recht könnte uns nach Umſtänden vielleicht nützlich werden.“ „Morbleu, verwickeln Sie mich in keine C Geſchich⸗ ten! Ihr ſollt hier gar dumme Geſetze haben und ich möchte um alle Welt nicht mit denſelben Bekanntſchaft machen.“. „Sans peur! Ich fühle eben ſo wenig Lüſt, mir auf unbeſtimmte Zeit einen Platz im Zuchthaus zu verdienen.“ 27 „So mag denn das Weitere Ihrer Klugheit an⸗ vertraut bleiben! Meine Anweſenheit in Schachenbad könnte eher ſtören als nützen. Daher kehre ich jetzt in mein Hötel zurück. Sie wiſſen, wo ich zu treffen bin. Adieu!“ 3 Der Kupferfarbige wendete ſich mit dieſen Worten um und wollte gehen. Nach wenigen Schritten jedoch rief er zurück: „Apropos! Wenn Gold nachhelfen kann,— meine Kaſſe hat noch Vorrath an blinkenden Dollars.“ „Ich werde nicht ermangeln“, erwiderte Julius kurz und lenkte dann auf den Weg ein, welchen ſie hergekommen waren. Der Kupferfarbige ſtieg die An⸗ höhe vollends hinan und verſchwand auf der nach Lindau führenden Straße.— Während dieſer Unterredung hatte auch in Bad Schachen ein intereſſantes Geſpräch ſtattgefunden, deſſen Inhalt wir ſogleich erfahren werden. Als Julius auf der Terraſſe wieder anlangte, waren die Luſtſchiffer auf leichtem Kahne bereits hinter dem Hügelvorſprung von Allwind verſchwunden. Der ältliche Herr unter der ſchattenreichen Gartenlaube hatte ſich eben von Karl freundlich verabſchiedet und warf, ehe er um die Ecke des Gaſthauſes bog, dem eintretenden Julius einen Blick zu, der dieſen zwang, ſein Auge auf den Boden zu ſenken. Die zwei jungen Männer befanden ſich jetzt allein auf der Terraſſe und konnten alſo ungeſtört die Angelegenheit beſprechen, wegen welcher ſie mitſammen hierher gekommen waren. Deſſenungeachtet ſaßen Beide im Anfange ſich ſtumm gegenüber. Karl ſchien ſeinem Jugendfreund die Ehre des erſten Wortes überlaſſen zu wollen, und Julius kämpfte in ſeinem Innern ſichtlich mit einer leicht begreiflichen Beklommenheit, die ihn nicht ſogleich den Schlüſſel zu einem Geſpräche finden ließ, bei wel⸗ chem es ſich für den zu Ueberredenden muthmaßlich um weit mehr handelte, als bloß um einen ehrlichen Wechſel ſeines bisherigen Standes und Berufes. End⸗ lich unterbrach Karl die peinliche Stille: „Warum haſt Du den ältlichen Herrn, als Du bei Deinem Eintreten ſo nahe an ihm vorüber gingſt, keines Grußes gewürdigt? Kannteſt Du ihn vielleicht nicht mehr?“ Julius wurde purpurroth und ſtotterte in höchſter Verlegenheit:„Du weißt alſo, daß dieſer Herr mein bisheriger Principal war?“ „Alles weiß ich“, ſagte Karl ſtreng.„Als er vor acht Tagen entdeckte, was Du ſchon ſeit Jahren in ſeinem Laden getrieben, gab er Dir einfach die Ent⸗ laſſung und Du dürfteſt ihm dafür wohl dankbar 29 ſein, denn ein minder nachſichtiger Principal würde Dich als Betrüger der Criminaljuſtiz überliefert haben.“ „Brandmarke meine Handlungsweiſe nicht mit einem Namen, den ſie nicht verdient“, entgegnete Ju⸗ lius aufflammend.„Ich habe nichts mehr und nichts weniger gethan, als was jeder andere kluge Kaufmann an meiner Stelle ſich ebenfalls erlaubt hätte. Mein Principal betreibt ſeine Speculationen nach allzu pa⸗ triarchaliſchen Grundſätzen und macht ſich ein Gewiſſen daraus, ſeine Waaren um mehr als fünf Procente Reingewinn zu verkaufen.“ „Drum ſchlugſt Du in ſeiner Abweſenheit regel⸗ mäßig noch zwanzig weitere Procente darauf und ließeſt dieſe Mehreinnahme in Deinen eigenen Säckel wan⸗ dern“, warf Karl in beißendem Tone ein und fügte warnend bei:„Julius, hüte Dich vor den Conſequen⸗ zen Deiner Sophiſterei, ſonſt endeſt Du einſt als be⸗ dauerliches Geſchöpf!“ Julius biß ſich in die Lippen und ſchwieg. Karl fuhr fort: 8 „Du biſt jetzt ohne Stellung, wahrſcheinlich auch ohne Ausſicht, Dich in Lindau je wieder placiren zu können.“ „Fragſt Du nicht, ob ich in dieſem langzopfigen Krämerneſt nochmal placirt ſein möchte?“ warf Julius 30 impertinent ein und fügte bei:„Zum Glück iſt die Welt größer, als die Naſe eines weiland reichsſtädti⸗ ſchen Lindaviers reicht.“ „Alſo zielen Deine Abſichten nach Außen?“ „Ja. Und ich habe bereits mein Ziel gefunden. Der rege Speculationsdrang, wegen deſſen mein bis⸗ heriger Principal in ſeiner Albernheit mich mit ſeiner Ungnade beehrte, erwarb mir die Gunſt eines Kauf⸗ manns von echtem Schrot und Korn. Der Grundſtein zu künftigem Wohlſtand iſt für mich gelegt, juſt durch die Handlungsweiſe gelegt, welche Du ſo gar abſcheu⸗ lich findeſt.“ „Sol⸗ „Ja noch mehr. Wenn ich nach Allem, was Du bereits ausgeſprochen, nicht fürchten müßte, von Dir einen Korb zu erhalten, ſo hätte ich gerade für Dich noch eine intereſſante Mittheilung. Ich wäre in der Lage, auch Dir Anerbietungen zu machen, welche Dich in den Stand ſetzen würden ſchon binnen wenigen Jahren Deinem Lieblingsideale, der Natur und den Wiſſenſchaften, in vollkommener Unabhängigkeit leben zu können.“ „Laß hören!“ „Ein Großhändler, deſſen Verbindungen durch alle fünf Welttheile reichen, ſucht in ſein Geſchäft 31 ſo eben einen Mann von ausgebreiteter Sprachen⸗ kenntniß.“ „Zu kaufmänniſchen Zwecken?“ „Als Dolmetſcher bei Unterhandlungen, die abwech⸗ ſelnd ſpaniſch, franzöſiſch und engliſch zu führen ſind.“ „Und welcher Art ſind die Geſchäfte, welche von dieſem Großhändler getrieben werden?“ „Sage mir vorerſt, ob Du— die glänzendſte Be⸗ zahlung vorausgeſetzt— einen ſolchen Poſten anneh⸗ men würdeſt?“ „Wie kann ich das, ehe ich meinen Wirkungskreis und insbeſondere die Zwecke, denen ich als Dolmetſcher dienen ſoll, genau kenne?“ „Die Zwecke, denke ich, ſollten Dich wenig küm⸗ mern, da Du ſie jedenfalls nicht zu verantworten haſt.“ „Mir gelten gerade die Zwecke als die Hauptſache, und erſt in zweiter Reihe kommt die Beſoldungsfrage.“ „Gefiel Dir der Mann, durch den ich vorhin bei Seite gerufen wurde?“ „So ausnehmend ſchlecht, daß ich um alle Schätze eines Kröſus mit ihm keine nähere Bekanntſchaft machen möchte, ſelbſt wenn ich nicht vermuthete, daß das Spiel, welches Du mit der Kaſſe und mit dem Rufe Deines bisherigen Principals getrieben, Dich bei ihm empfahl.“ 32 „Deine Abneigung gegen dieſen Herrn thut mir leid, denn er iſt's, der den Dolmetſcher ſucht.“ „Und der auch, wie Du vorhin angedeutet, den Grundſtein zu Deinem künftigen Wohlſtand legt?“ „I. „Julius!“ rief Karl entrüſtet und fuhr von ſeinem Stuhle auf.„Du könnteſt Dich mit— doch mir graut, Dein künftiges Gewerbe beim rechten Namen auch nur zu nennen. Du weißt, wofür Du engagirt biſt!“ „Du fabelſt“, entgegnete Julius und ſuchte ſeine Betroffenheit unter ein erzwungenes Lächeln zu ver⸗ bergen.“ „Wie? Du ſollteſt wirklich Dein künftiges Gewerbe noch nicht kennen?“ „Ich kenne es“, fiel Julius kalt ein.„Ein Krö⸗ ſus aus Mexiko, der in ſeinem Vaterland eine große Rolle ſpielt und dort hoch geachtet iſt, eröffnet uns armen Teufeln Ausſichten in eine glänzende Zukunft. Nur ein Thor, wie Du biſt, kann ſolch einem Lächeln Fortuna's ein griesgrämiges Geſicht zeigen. Nach Dei⸗ nem Aufbrauſen werde ich mich wohl hüten, über dieſe Angelegenheit noch weiter mit Dir zu verhandeln.“ Karl ſetzte ſich wieder, ſcheinbar ruhig und ohne ein Wort zu erwidern. Rings um ſie her herrſchte lautloſe Stille. Ueber der Waſſerfläche verglimmten 33 ſo eben die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, und auf den Spitzen der Alpenkette begann jenes rei⸗ zende Farbenſpiel, deſſen überraſchende Wechſel man auf deutſcher Erde vielleicht nirgends ſo vollkommen in ihrer ganzen Großartigkeit betrachten kann, wie am Ufer des Bodenſees. Keiner von Beiden aber hatte in dieſem Moment ein Auge für die Metamorphoſen der abendlichen See⸗ und Gebirgslandſchaft. Wohl mochten auch die Gefühle, denen ſich ein jeder hingab, wenig zur Harmonie des wundervollen Bildes ſtimmen, das ſich vor ihnen allmählich in Dämmerung und end⸗ lich in das romantiſche Halbdunkel der Mondnacht einhüllte. Nach langem Schweigen ergriff Karl wieder das Wort. „Ich weiß“, begann er mit halblauter, vor in⸗ nerer Aufregung zitternder Stimnie,„ich weiß, daß ich Deinen Vorſatz zu erſchüttern nicht vermag, und will daher unterlaſſen, noch mehr vergebliche Worte zu ſprechen. Möge Dich nicht ein Schickſal erreichen, das Deine künftigen Handlungen verdienen und das vielleicht bald von Tauſenden über Dich herabgeſchwo⸗ ren wird!“. Julius ſtarrte finſter vor ſich hin und ſchwieg. Nach einer Weile fuhr Karl fort: „Wir waren in der deutſchen Schule gute Kame⸗ Köberle, Alles um ein Nichts. I. 3 34 raden. Wir fanden in allen Knabenſpielen uns treff⸗ lich zuſammen und gelobten damals in kindlicher Ein⸗ falt, gegenſeitig Freunde zu bleiben für das ganze Leben. Die Macht der äußern Verhältniſſe führte uns bald auseinander, Dich zu einem Kaufmann in die Lehre und mich in eine Studienanſtalt. Unſer Brief⸗ wechſel, den wir auch in der Ferne regelmäßig unter⸗ hielten, drehte ſich nur um Oberflächlichkeiten und Jedem von uns blieb die radikale Verſchiedenheit der Geiſtes⸗ entwicklung des Andern verborgen. Nach jahrelanger Trennung eilten wir, in dem Wahn, noch die alte Freundſchaft zu finden, einander perſönlich wieder in die Arme. Unſre erſte Begegnung war ein Mißton, und dieſe Stunde vollends zeigte uns plötzlich eine zwiſchen mir und Dir berſtende Kluft, die ſich in Aeonen von Jahren nicht überbrücken läßt. Wir ſind von heute an geſchieden— geſchieden auf immer. Du wirſt mir einen Gefallen erweiſen, wenn Du in Zukunft gegen Niemanden äußerſt, daß wir uns je gekannt haben.“ „Sei weniger zurückſtoßend, Karl“, warf Julius nicht ganz ohne Gefühl ein.„Die Lebensanſchauungen, denen Du huldigſt, führten noch ſelten auf einen grünen Zweig. Wer weiß wann, wo und wie Du mich noch brauchen kannſt!“ „Und würde ich ſo bettelarm wie ein chriſtlicher 35 Lazarus und Du ſo ſteinreich wie ein indiſcher Nabob, ich nähme von Dir nie einen Heller Werthes an. Am Gold, das auf Wegen erworben wird, die Du in Zu⸗ kunft wandelſt, hängt der Fluch.“ „Wer auf goldbeladener Barke den Strom des Lebens durchrudert, kann mancher Flüche lachen“, ent⸗ gegnete Julius achſelzuckend und fügte ſpöttiſch bei: „Ich werde vielleicht bald um ſo vergnügter lachen, da ich in Zukunft nicht mehr die Ehre haben ſoll, von Deinen Moralpredigten gequält zu werden.“ Karl warf dem Spötter einen langen ſtrafenden Blick zu, den dieſer auszuhalten die Stirne hatte. Dann entgegnete er mit tief bewegter Stimme: „Du läßt mich in einen Abgrund blicken, vor dem mir ſchauert. Mein Entſetzen iſt um ſo größer, je näher mir einſt die Seele ſtand, die Deinen menſchlich ausſehenden Körper bewohnt. Der Grund unſers Schei⸗ dens bildet den erſten wahrhaft großen Schmerz meines Lebens und ſchlägt meinem Herzen eine Wunde, die lange— lange bluten wird. Blute ſie! Man ſagt, daß Männer, die berufen ſind, bildende Lehrer ihrer Mitmenſchheit zu werden, ihre höchſte Weihe durch einen klaren Blick in das Labyrinth menſchlicher Verworfen⸗ heit und durch ſelbſterlebte Kataſtrophen tragiſcher Schick⸗ ſalsſchläge erhalten müſſen. Vielleicht hatte eine ewig 3* 36 waltende Vorſehung deßhalb gerade Dich ſo innig mit dem früheſten Kindeserwachen meines Geiſtes verfloch⸗ ten, um durch den heutigen Riß mir den erſten Weihe⸗ grad zu dem Berufe zu gewähren, den ich mir erwählt und der ſo unendlich hoch über dem gemeinen Ziele liegt, welchem Du entgegen jagſt. Wenigſtens will ich die Erfahrungen dieſes Tages ſo deuten, um nicht dem Geſchicke zürnen zu müſſen, welches mich als Knaben in Freundſchaft mit Dir verband. Wenn Du auch nie mehr meine Stimme hörſt, ſo wirſt Du doch die Er⸗ innerung an mich nicht aus Deinem Bewußtſein her⸗ ausreißen können. Werde dieſe Erinnerung, der Du vielleicht jahrelang fluchſt,— werde ſie endlich noch Dein warnender Engel, ehe die Umkehr für Dich zu ſpät iſt! Und nun— lebewohl!“ Während Karl dieß ſprach, rollten Thränen über ſeine Wangen herab; und mit dem letzten Worte war er ſchon von der Terraſſe verſchwunden, ohne dem Zu⸗ rückbleibenden die Hand zu reichen oder nochmal gegen ihn umzuſehen. Es war ein Abſchied für lange ereignißreiche Jahre geweſen. Die zwei Männer, die in der erſten Blüthe ihrer Manneskraft hier ſo von einander gingen, begeg⸗ neten ſich erſt nach anderthalb Vierteljahrhunderten wieder. Wie werden ſie einander dann wohl gegenüber 37 treten? Welche Schickſale mögen wohl für Beide zwi⸗ ſchen dem heutigen Abſchiede und dem künftigen Wie⸗ derſehen liegen? Hatte Karl Grund, die Verbindung ſeines Jugendfreundes mit dem kupferfarbigen Mexi⸗ kaner als einen Scheidebrief zu betrachten, oder ſchauerte er vor einem Phantom, das nur in ſeiner Phantaſie lebte? Ging Julius an der Seite ſeines neuen über⸗ ſeeiſchen Geſchäftsfreundes wirklich einem verächtlichen Gewerbe entgegen oder trat er in Geſchäftsverbindun⸗ gen ein, die nur unter dem beſchränkten Geſichtskreiſe eines europäiſchen Stubengelehrten als unzuläſſig gel⸗ ten? Das ſind Fragen, für die wir erſt im weitern Verlauf der Ereigniſſe eine Antwort finden können. Karl hatte in mäßigem Schritt ſchon lange die Höhe von Allwind hinter ſich, als Julius noch immer auf der Terraſſe des Schachenbades ſaß und regungs⸗ los in das Kräuſeln des vom Zephir ſanft bewegten Sees hineinſtarrte. Was er in dieſer nächtlichen Stunde dachte oder empfand, hat Niemand erfahren. Nur der verſchwiegene Mond hörte ihn mehrmal leiſe zu ſich ſelbſt flüſtern: „Wie war das möglich? Ich geſtand ihm nichts und doch ſchien er Alles erfahren zu haben!“ Endlich erhob auch Julius ſich von ſeinem Stuhl und lief wie Jemand, der ſich plötzlich eines unheil⸗ drohenden Verſäumniſſes erinnert, in raſender Eile dem Hotel zu, welches der Mexikaner in einem der engſten Gäßchen Lindau's bewohnte. Der Inhalt der Unterredung, die dort zwiſchen den Zweien hinter verſchloſſener Thüre ſtattfand, iſt Geheimniß geblieben. Jedoch läßt ſich Einiges davon aus den Vorfällen des darauffolgenden Tages errathen. Schon am früheſten Morgen reiſte nämlich der Mexikaner ab, ohne im Fremdenbuch den Ort oder die Richtung ſeines Reiſezieles einzuzeichnen. Mit ihm verſchwand auch Julius ſpurlos, nachdem er vorher ſich noch wider Willen und Abſicht von einer Perſon verabſchiedet hatte, die wir erſt in den nächſten Kapiteln kennen lernen werden. Drittes Kapitel. Eine dunkle Exiſtenz. „—— unnatürlich ungeheure Ver⸗ brechen wecken unnatürliche Gewiſſensangſt, und die beladne Seele beichtet zdem tauben Kiſſen ihre Schuld—“ Schiller. In einem der kleinen Häuschen auf der Carolinen⸗ Baſtion zu Lindau lebte damals eine Frau, Namens Anna Waller, mit ihrer Tochter Mathilde, einer blühend ſchönen Brünette von etwa ſiebzehn Jahren. Niemand in der Nachbarſchaft wußte recht, woher Frau Waller eigentlich ſamme. Mutter und Tochter waren vor etlichen Jahren zum Sommeraufenthalt in die Nähe Lindau's gekommen, hatten ſich dann bei einbrechendem Spätherbſt auf die Carolinen⸗Baſtion zurückgezogen und ſeither ihre Wohnung nicht mehr gewechſelt. Frau Waller ſchien jede nähere Berührung mit 40 ihrer Nachbarſchaft grundſätzlich zu meiden. Deſto lieber machte ſie ſich mit Einkäufen von Kleinigkeiten in den Kaufläden und auf dem wöchentlichen Victua⸗ lienmarkte zu ſchaffen. Dort ſuchte ſie, obwohl ſie der deutſchen Sprache nicht vollkommen mächtig war, ſtets nach Möglichkeit lange Geſpräche, namentlich mit dem jüngern männlichen Perſonal anzuknüpfen. Da Frau Waller bei ihren Einkäufen faſt immer von ihrer Toch⸗ ter begleitet war, ſo galt ſie, oder vielmehr ihre Be⸗ gleiterin, bei manchem jungen Kaufmann und bei den Bauernſöhnen als eine hochwillkommene Erſcheinung. Uebrigens konnte Niemand über den Stand und Cha⸗ rakter der zwei Damen etwas Beſtimmtes ſagen, außer daß ſie ſtets volle Börſen mit ſich führten und Alles baar bezahlten. Frau Anna Waller, die bei ſolchen Gelegenheiten das Thema der Converſation leitete, ſchien weit in der Welt herumgekommen zu ſein und insbeſondere einen hohen Begriff von den Ausſichten zu haben, welche ſich allen kaufmänniſch gebildeten oder im Landbau erfahrenen Einwanderern in Südamerika erſchlöſſen. Fräulein Mathilde miſchte ſich ſelten mit Theilnahme ins Geſpräch. Nur manchmal warf ſie eine pikante Bemerkung ein. Daher galt ſie für eben ſo ſtolz und geiſtreich, als ſchön und zurückhaltend. Bekanntlich klügeln die Menſchen im Allgemeinen 4 41 über Perſonen, die ſich in ihrer Nähe häuslich nieder⸗ laſſen, gern nach und ziehen aus einzelnen Wahrnehmun⸗ gen Schlüſſe aufs Gerathewohl. Auch über das Waller⸗ ſche Frauenpaar waren bereits allerlei Muthmaßungen und Gerüchte aufgetaucht. Nach einem dieſer Gerüchte ſollte Frau Waller die geſchiedene Gattin eines begü⸗ terten Ruſſen ſein. Eine andere Muthmaßung bezeich⸗ nete ſie als die Wittwe eines Kaufmanns, dem einſt in Indien Fortuna hold zugelächelt habe. Ungläubige Grübler beſpöttelten zum großen Aerger von Mathildens ſtillen Verehrern die Redeſeligkeit der Frau Waller und meinten:„Junge Leute haben manch⸗ mal heißes Blut und das Töchterchen iſt hübſch, ſonſt weiß man Gewiſſes nicht zu ſagen.“ Darüber daß Fräulein Mathilde die einſtige Erbin eines nicht un⸗ beträchtlichen Vermögens ſein müſſe, waren jedoch die meiſten Handlungsbefliſſenen einig, namentlich ſeit ſie von einem geſchwätzigen Poſtexpedienten in Erfahrung gebracht hatten, daß Frau Waller regelmäßig am Schluſſe jedes Vierteljahres eine anſehnliche Geldſendung erhalte, auf deren Adreſſe unter den vielen andern Poſtſtempeln auch ein indiſches oder chineſiſches Siegel deutlich zu erkennen ſei. Der Umſtand, daß ſich ſpäter dieß indiſche oder chineſiſche Siegel als der Geſchäfts⸗ ſtempel eines Londoner Bankhauſes entpuppte, änderte 42 natürlich nichts an dieſer ſchmeichelhaften Voraus⸗ ſetzung. Unter allen Läden war während längerer Zeit derjenige, in welchem ſich Julius bisher befunden, am häufigſten beſucht worden. Etwa ſeit drei Wochen vor dem Beginn unſerer Erzählung hatte jedoch Frau Wal⸗ ler gerade dieſen Laden nicht mehr betreten, und ſeit eben ſo lange ſchon wollten einige ſich für Fräulein Mathilde intereſſirende Commis die Entdeckung gemacht haben, daß Herr Julius manchmal Abends auf der Carolinen⸗Baſtion durch eben daſſelbe Pförtchen ver⸗ ſchwinde, welches zur Wohnung der zwei Damen führte. Als es vierzehn Tage ſpäter gar hieß, in einem der Hötels ſei ein vom Staube der Goldminen gebräunter Herr abgeſtiegen, der ſich ſofort nach der Wohnung der Frau Anna Waller erkundigt habe und ſeit ſeiner Ankunft die Trinkgelder an die Dienerſchaft ſtatt in kleinen Scheidemünzen in gewichtigen amerikaniſchen Banknoten auszahle, da verwandelte ſich jene Entdeckung in glühende Eiferſucht. Die lebhafte Phantaſie der jungen Leute malte ſich den gebräunten Herrn als Mathildens ſteinreichen Onkel aus und begann Julius als künftigen Gemahl einer Millionärin zu beneiden. Ob derlei Vorausſetzungen auf Wahrheit beruhten oder ob zwiſchen den genannten drei Perſonen Verhältniſſe und Beziehungen ganz anderer Art obwalteten, dieß mit kaltem Blute näher zu unterſuchen, fiel den jungen Leuten nicht ein. Auch wir wollen das Geheimniß nicht voreilig entſchleiern und beſchränken uns auf die Bemerkung, daß der gebräunte Herr eben dieſelbe Per⸗ ſon iſt, welche wir bereits in Bad Schachen als kupfer⸗ farbigen Mexikaner kennen lernten. Vielleicht erzählen uns Karl oder Julius' bisheriger Principal gelegentlich noch Näheres über dieſe exotiſche Erſcheinung. Wenig⸗ ſtens dürfen wir vermuthen, daß der Principal über dieſelbe etwas Poſitives weiß und daß er auch an Karl ſchon in Bad Schachen hierüber Mittheilungen gemacht. Anders könnten wir uns den Abſcheu vor der einträglichen Erwerbsquelle, mit dem wir Karl von Julius ſcheiden ſahen, nicht wohl erklären. Und faſt ebenſo unerklärlich bliebe uns die am Schluſſe des vo⸗ rigen Kapitels erwähnte, einer Flucht ziemlich ähnliche Abreiſe der zwei neuen Geſchäftsverbündeten, die offen⸗ bar durch die Furcht beſchleunigt worden war, daß Karl die gefaßten Pläne der beiden Speculanten durch⸗ ſchaue und daß er vielleicht nicht lange darüber ſchwei⸗ gen werde. Am Abend deſſelben Tages, an welchem in All⸗ wind und Schachen die Unterredung zwiſchen den zwei geeeſenen Jugendfreunden Julius und Karl ſtattge⸗ 44 funden, ſaßen Anna und Mathilde im Erker ihres Wohnzimmers. Anna war, wie es ſchien zu ihrer Unterhaltung, mit einer Stickerei beſchäftigt. Mathilde hatte ſchon längere Zeit aufmerkſam in einem Buche geleſen und ſchaute jetzt gedankenvoll über daſſelbe hin⸗ aus in den blauen See, wobei ſie manchmal ſchwer athmete und einen ſchon auf den Lippen ſchwebenden Seufzer mühſam unterdrückte. Sonſt herrſchte in dem elegant nach neueſtem Geſchmacke eingerichteten Zimmer eine Grabesſtille, die endlich von Mutter Anna mit den Worten unterbrochen wurde: „War Deine Lectüre denn ſo traurigen Inhalts?“ „Warum fragſt Du das?“ entgegnete Mathilde faſt erſchrocken. „Weil Du ungewöhnlich ernſt geworden biſt.“ „Ich habe einigen Grund dazu, liebe Mutter. Die Geſchichte, welche ich las, behandelt das Schickſal einer verlaſſenen Waiſe, deren Abkunft mich lebhaft an all das erinnerte, was Du mir von meinem unglück⸗ lichen Vater erzählt haſt.“ „Du ſollteſt nicht ſo oft über die Vergangenheit nachgrübeln, mein liebes Kind. Du weißt, daß ich nicht gern davon rede. Als Dein Vater bei einem Negeraufſtande in Tlaskala*) das Opfer ſeines Dienſt⸗ *) Puebla. 45 eifers wurde, lagſt Du noch in der Wiege. Du empfan⸗ deſt nichts von jenen Schreckensſcenen und es wird beſ⸗ ſer für Dich ſein, wenn ich ſie Dir nie näher beſchreibe.“ „Eines aber ſollteſt Du mir doch endlich erklären, gute Mutter!“ „Und das wäre?“ „Früher ließeſt Du einmal ein Wort fallen, aus dem ich ſchließen muß, daß bei der Ermordung meines Vaters in Tlaskala unſer ganzes Vermögen zu Grunde ging. Woher nun kommen allvierteljährlich die Sen⸗ dungen Geldes, von dem wir ſeither leben?“ „Gutes Kind, quäle mich nicht mit Fragen, die ich Dir jetzt noch nicht beantworten darf. Wenn Du einſt hinlänglich klug geworden ſein wirſt mich verſtehen zu können, dann erſt kommt für Dich die Zeit, auch in das Geheimniß unſerer Exiſtenz eingeweiht zu werden.“ „So fertigſt Du, wie ein delphiſches Orakel, mich immer mit zweideutigen Redensarten ab. Und doch bin ich ſchon über ſiebzehn Jahre alt. Was ich jetzt noch nicht verſtehe, werde ich wohl nie begreifen lernen.“ „Gutes Kind, die Macht harter Lebensſchickſale erſchließt dem Menſchen im Lauf der Zeit die Sinne für ſo Manches, wofür der unerfahrenen Jugend trotz all ihrer Klugheit noch jede Empfänglichkeit fehlt.“ Frau Anna Waller hatte dieſe Worte in einem Ton geſprochen, der deutlich errathen ließ, wie ſchwer irgend ein finſteres Verhängniß ihre eigene Seele be⸗ laſte. Auch Mathilde ſchien das zu fühlen; ſie warf ſich laut weinend ihrer Mutter an die Bruſt. „Was haſt Du, Kind?“ rief Anna faſt entſetzt. „Du würdeſt Dein Verhängniß leichter tragen, wenn Du Dich offen Jemanden mittheilteſt“, entgeg⸗ nete Mathilde.„Und wer ſteht Dir näher als ich? Wem ſollteſt Du Dich anvertrauen, wenn Du Dich ſogar der eigenen Tochter verbirgſt?“ „Der Roman, den Du eben geleſen, hat Dich fie⸗ berhaft erregt“, fiel Anna, die plötzlich ihre Selbſtbe⸗ herrſchung wiedergefunden hatte, mit eiſiger Kälte ein. „Was für ein Geheimniß könnte ich haben, das ich nicht leicht für mich allein trüge! Man ſollte alle Schriftſteller, die ſo aufreizende Romane in die Welt ſenden, insgeſammt an den Galgen hängen.“ Mathilde wendete ſich ſchluchzend ab und nahm ihren vorigen Platz in der Ecke des Erkers wieder ein. Anna folgte ihrer Bewegung mit einem Blick, in dem etwas unbeſchreiblich Abſtoßendes lag. In ihren Zügen war nicht eine Spur von mütterlichem Gefühle zu er⸗ kennen. Vielmehr verriethen ſie das Lauern eines trocken berechnenden Verſtandes, der entweder alle Em⸗ pfindungen in ſich längſt abgeſtumpft hat oder bereits 47 jener ſelbſtſüchtigen Ueberreizung verfallen iſt, die den Menſchen manchmal mit den zarteſten Eindrücken ſeiner nächſten Umgebung ein herzloſes Spiel treiben läßt. „Deine vorige Lectüre muß in der That unge⸗ wöhnlich ſpannend geweſen ſein“, begann ſie nach einer Weile augenſcheinlich in der Abſicht, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben.„Möchteſt Du wohl die Gefälligkeit haben, mir in kurzen Worten den In⸗ halt des geleſenen Romans zu erzählen?“ „Der Inhalt würde Dich langweilen, Mutter, denn er ſchildert nur die ſtille Welt einer verlaſſenen Braut.“ Mathilde wiſchte ſich, indem ſie dieſe Worte ſprach, eine Thräne vom Auge. „So? hm! So tief, wie Dich ein Roman erſchüt⸗ tern kann, ergreifen uns in der Regel nur Schickſale, welche wir entweder ſchon ſelbſt erlebten oder noch zu erleben fürchten.“ Mathilde wurde plötzlich purpurroth. „Mutter!“ rief ſie aus und rang die Hände.„Du haſt es ja ſelbſt ſo gewollt.“ „Was hätte ich gewollt?“ „Du befahlſt mir, artig gegen ihn zu ſein. Kann ich dafür, daß dabei mein Herz verloren ging?“ „Alſo Julius ſteckt Dir im Kopf? Nun— dann wirſt Du Dich freilich tröſten müſſen. Julius reiſt nächſtens nach Amerika und wer weiß, wann Du ihn wieder ſiehſt!“ Das Purpurroth in Mathildens Geſicht wich plötz⸗ lich einer Leichenbläſſe. Wie verſteinert ſtarrte das ſchöne Mädchen lange vor ſich hin und brach dann unter einem Strom von Thränen in die Klage aus: „Mutter, das war nicht wohl gethan!“ „Faſſe Dich, mein Kind!“ tröſtete Frau Waller die Jammernde mit erzwungener Freundlichkeit.„Ich konnte nicht anders. Es war für mich eine Nothwen⸗ digkeit, Julius' Vertrauen zu gewinnen. Das iſt mir nur durch Dich möglich geworden; und nun vergiß ihn! Du biſt zu ganz anderen Zwecken beſtimmt.“ „Zu welchen Zwecken, Mutter?“ fragte Mathilde in ängſtlicher Erwartung. d. „Das wirſt Du erfahren, ſobald die rechte Stunde dazu geſchlagen hat“, entgegnete Frau Waller mit ei⸗ ſiger Ruhe.„Geh jetzt in die Küche! Mich verlangt nach einem Abendbrod.“ Mathilde, welche ihre Multer faſt noch mehr fürch⸗ tete als liebte, wußte aus frühern Vorfällen, daß ein Widerſpruch gegen dieſen Befehl nicht zu wagen war. Daher verließ ſie ſchweigend das Zimmer, um der Dienſtmagd die nöthigen Weiſungen zu ertheilen. Bald ſtand das Abendeſſen bereit. Mathilde trat 49 wieder ein, ſetzte ſich an ihre vorige Stelle in der Ecke des Erkers und weinte. Frau Waller nahm am Tiſche Platz und aß. Es ſchien, daß ſie das laute Schluchzen der Tochter entweder nicht höre oder es nicht hören wolle. Sie ſpeiſte ſcheinbar ſo vergnügt, als ob es ein Freudenfeſt zu feiern gälte. Erſt nach⸗ dem ſie bereits die Serviette wieder abgelegt, rief ſie der Schluchzenden zu: „Hälſt Du heute Abſtinenztag?“ „Ich kann nicht eſſen, Mutter, jetzt nicht“, erwi⸗ derte Mathilde mit vor Thränen erſtickter Stimme. „Wie Du willſt“, ſagte Frau Waller ruhig und ſtand auf.„Ohnehin iſt für Schmerzen, wie Du em⸗ pfindeſt, ein bischen Hunger der allerbeſte Arzt.“ „Wann wird ſich Julius bei uns verabſchieden?“ wagte Mathilde ſchüchtern zu fragen. „Ich hielt es für angezeigt, daß er ohne Abſchied reiſe. Ruhe wird Dir wohl thun. Gehen wir zu Bett. Gute Nacht!“ Mit dieſen Worten trat Frau Anna durch eine Seitenthüre in ihr Schlafgemach und ſchloß hinter ſich ab. Mathilde blieb in dem gemeinſamen Wohnzimmer allein zurück und konnte ſich jetzt ungeſtört der Be⸗ trachtung ihrer Lage hingeben. Köberle, Alles um ein Nichts. I. 50 Eine Stunde nach der andern verfloß, und Ma⸗ thilde ſaß immer noch auf ihrem Stuhl in der Ecke des Erkers. Der Untergang des Mondes zeigte an, daß Mitternacht längſt vorüber ſei, und Mathilde rührte ſich nicht. Da ließ ſich ein leiſes Stöhnen ver⸗ nehmen, das laut und lauter wurde und aus dem Schlafgemach der Mutter zu kommen ſchien. Mathilde ſchauerte empor und ſchlich auf den Spitzen der Zehen an die Seitenthüre. „Meine Mutter weint“, ſagte ſie ſtill zu ſich ſelbſt. „Alſo iſt ihre Hartherzigkeit nur Schein, ſie iſt ſo zu handeln gezwungen! Und wie qualerfüllt, wie herz⸗ zerreißend dieſe Töne klingen! Welch furchtbares Be⸗ gebniß muß auf ſie drücken, welches ſie ſogar dem ei⸗ genen Kinde zu enthüllen nicht wagen darf?“ Leiſe wie ſie gekommen ſchlich Mathilde auf den Spitzen der Zehen wieder von der Seitenthüre fort und ſuchte ihr Nachtlager auf. Dort angekommen, warf ſie ſich unentkleidet auf das Bett. Aber ſie konnte nicht ſchlafen. Als endlich der Morgen wieder anbrach, fiel der Sonne erſter Strahl auf eine noch Wachende und beſchien ein Geſicht, das von langem Weinen ge⸗ röthet war. Aber in den Zügen dieſes Geſichtes ſtan⸗ den jetzt deutlich die Spuren eines feſten Entſchluſſes eingegraben. Mathilde erhob ſich, warf einen Shawl 51 1 um ihre Schultern und eilte behenden Schrittes über die Treppe hinab ins Freie. Ihre Mutter ſchlief noch, als ſie ſchon die Oſt⸗ ſeite der Stadt erreicht hatte und ſich in eines der Sackgäßchen verlor, welche dort zu den Hintergebäuden der Häuſer führen. Viertes Kapitel. Licht und dennoch finſter. * „Vertilgen half er jedes Lichtgefunkel, Und war's um die Vernunft auch noch nicht ganz geſchehen, So war es doch ſchon ſattſam dunkel, Um recht magnetiſch hell zu ſehen.“ Tiedge. In dem Hintergebäude des engen Gäßchens, in welches Mathilde eingetreten war, wohnte Julius. Auch er hatte eine ſchlafloſe Nacht hinter ſich und war, als ihn ein ſo ungewohnter Beſuch überraſchte, eben mit dem Einpacken ſeiner wenigen Habſeligkeiten zur 4 bevorſtehenden Reiſe beſchäftigt. Auf dem Boden ſtand ein bereits zur Hälfte gefüllter Koffer, an den Wän⸗ den und auf den Stühlen hingen und lagen noch etliche Kleidungsſtücke in bunter Unordnung durch einander. Eine ältliche Perſon, die ihm eben ein Frühſtück auf⸗ 53 getiſcht zu haben ſchien, zog ſich bei Mathildens Ein⸗ tritt ſchmunzelnd zurück. „Ums Himmelswillen, Du hier?“ rief Julius der Eintretenden in einem Tone entgegen, als ob er ein ſchon begrabenes Geſpenſt plötzlich wieder vor ſich aus der Erde aufſteigen ſehe.„Du, und in ſo früher Mor⸗ genſtunde?“ „In ſo früher Morgenſtunde und dennoch viel zu ſpät“, entgegnete Mathilde mit unendlicher Weh⸗ muth und wiederholte:„So früh und doch zu ſpät, um noch rechtzeitig entdeckt zu haben, wie ſehr ich be⸗ trogen wurde,— betrogen um meine Ruhe, betrogen um mein Alles, um meine Tugend!“ „Mathilde!“ ſeufzte Julius und in ſeiner Stimme lag ein ſo tiefer Gefühlsausdruck, daß ſelbſt der kälteſte Beobachter nicht hätte unterſcheiden können, ob er das Mädchen in Wahrheit liebe oder eben ein Meiſterſtück der Verſtellungskunſt liefere.„Mathilde, Du Sonne meiner Gegenwart und Hoffnung meiner Zukunft, wer ſagt Dir, daß Du betrogen ſei'ſt?“ „Dieſer ſtumme und doch ſo beredte Zeuge“, ent⸗ gegnete Mathilde, auf den Reiſekoffer deutend.„Als Du mir ewige Treue ſchwurſt, gab ich Dir Alles, was Du als Gegenpfand meiner Liebe von mir verlangteſt. Damals ſpiegelteſt Du mir vor, daß Du Dich für immer in dieſer Stadt niederlaſſen und mich ſchon nach wenigen Wochen zum Traualtare führen würdeſt. Jetzt, da Du mir entwandeſt, wornach Dich gelüſtete, — jetzt flüchteſt Du nach Amerika, flüchteſt allein und überläßt mich meinem Jammer, wollteſt ohne Abſchied mir entfliehen, ſo wie man einer mißbrauchten Dirne entflieht.“ Julius trat ſchweigend an den Tiſch, ergriff ein beſchriebenes Blatt und reichte es ihr hin. „Was ſoll mir dieß?“ fragte Mathilde. „Lies!“ entgegnele er beſtimmte und kurz. Sie gehorchte. Die von ihm eigenhändig geſchrie⸗ benen Zeilen lauteten: „Meine Theure und unzertrennlich mir Verbun⸗ dene! Ich muß Dich auf einige Zeit verlaſſen. Mir iſt Stillſchweigen über meine Abreiſe zur Pflicht ge⸗ macht. Der Abſchied ward mir verboten. Wanke nicht in Deiner Treue! Forſche nicht weiter über mich nach! In wenigen Jahren kehre ich zurück, um dann ewig bei Dir zu weilen als Dein treuer Julius.“ Mathilde ließ das Blatt nachdenkend auf den Tiſch zurückgleiten. Dieſe Zeilen, ſo räthſelhaft ſie auch in vieler Beziehung lauteten, gaben doch den klarſten Aufſchluß über die Herzensangelegenheit, um welche ſich in dieſem Augenblicke Mathildens ganzes Denken und 3 3 — — 55 Fühlen drehte. Auch konnten die Zeilen wahr ſein. Sie ſtanden nicht im Widerſpruche mit dem, was Mathilde ſchon aus dem Munde ihrer eigenen Mutter vernommen. Hatte doch dieſe ſelbſt ihr geſagt, daß auf ihren Befehl der Abſchied unterbleiben werde! „Siehſt Du jetzt ein“, begann Julius nach einer Weile,—„ſiehſt Du ein, wie ſehr Du mir unrecht gethan?“ Mathilde heftete den Blick forſchend auf ihn und ſtellte die Gegenfrage: „Waren dieſe Zeilen wirklich für mich beſtimmt?“ „Für wen könnten ſie denn ſonſt beſtimmt geweſen ſein? Wäreſt Du heute nicht zu mir gekommen, ſo würdeſt Du ſie gleich nach meiner Abreiſe durch einen ſichern Boten erhalten haben. Den Gedanken, viel⸗ leicht auf die Dauer von Dir verkannt zu werden, hätte ich nie ertragen können.“ Julius ſprach dieß mit ſo bewegter Zärtlichkeit, daß an der Wahrheit ſeiner Worte kaum zu zweifeln war. Auch Mathilde zweifelte nicht mehr. Der niedrige Gedanke, daß Julius das Billet vielleicht nur zu dem Zwecke geſchrieben haben könnte, um eine Waffe gegen ihren leidenſchaftlichen Argwohn zu beſitzen, falls irgend ein widriger Zufall ihn noch vor erfolgter Abreiſe ver⸗ riethe,— dieſer Gedanke fiel ihr nicht bei. Ein liebendes Frauenherz glaubt ja ſo gern den Verſiche⸗ rungen des geliebten Mannes. Und Mathilde liebte ihren Julius mit dem vollen ſich ſelbſt vergeſſenden Feuer einer erſten Jugendliebe. Nicht aus Leichtſinn, ſondern in dem alle Schranken weiblicher Zurückhal⸗ tung durchbrechenden Uebermaß beſeligender Empfin⸗ dungen hatte ſie ſich ihm hingegeben. Auch jetzt ging in dem wiedergewonnenen Glauben, von ihrem Julius treu und wahr geliebt zu ſein, für einen Augenblick die Erinnerung an ihre Lage unter. ³ Sie ſchwelgte in ſeinen Armen wieder, wie ſie wenige Wochen zuvor, als ſein Liebesflüſtern zum Erſtenmale ihr Ohr berauſcht, in einer verhängnißſchweren Stunde geſchwelgt hatte. Indem ſie ihn mit tauſend heißen Küſſen überſchüttete, bemerkte ſie den ängſtlichen Blick nicht, den er manchmal nach der Uhr warf. Endlich entwand er ſich ſanft ihren Armen und wagte an die Stunde der Trennung zu mahnen. Mathildens bisher vor Freude ſtrahlendes Geſicht wurde plötzlich wieder von der früheren Grameswolke verfinſtert. Ihr Auge heftete ſich mit unnennbarer Wehmuth auf die Geſtalt des ſchönen Freundes und ihr Mund lispelte mit bebender Stimme: „Warum denn mußt Du allein gehen? Haben wir nicht genug Geld, die Koſten einer gemeinſamen — 57 Reiſe zu beſtreiten? Warum ſoll erſt nach Jahren harter Trennung unſer Glück beginnen dürfen?“ „Es iſt ſo der Wunſch Deiner Mutter, und der Befehl meines Chefs, des Sennore Ramon Eskobadi.“ „Wer iſt dieſer Sennore Eskobadi?“ „Du kennſt ihn ja.“ 5 „Nur ſo weit, um unterſcheiden zu können, daß ſeine Hautfarbe eher der des Kupfers als eines Men⸗ ſchen gleicht. Meine Mutter hielt während ſeines Hier⸗ ſeins öfter mit ihm lange Unterredungen, denen ich jedoch nicht beiwohnen durfte. Iſt Dir die Veran⸗ laſſung bekannt, die ihn aus dem fernen Tlaskala zu uns führte?“ „Bin ich recht berichtet, ſo war Eskobadi ein Freund Deines Vaters“, entgegnete Julius flüchtig. „Wahrſcheinlich hat ſeine weite Reiſe nur den Zweck, Europa kennen zu lernen. Der Zufall führte ihn über Lindau, wo er ſich eine vierzehntägige Raſt gönnte, weil er hier Deine Mutter fand.“ „Der Zufall, meinſt Du? Ich glaube das nicht.“ „Warum nicht, meine Liebe?“ „Weil— doch nein! ſage mir vorerſt, ob Du durch meine Mutter in Eskobadi's Dienſt gekommen?“ „Ja“, erwiderte Julius und ein argwöhniſcher Zuhörer hätte die Befangenheit bemerkt, mit der er 58 innerlich zu kämpfen begann:„Deine Mutter hatte die Gefälligkeit, mir dieſen Poſten zu verſchaffen, durch den ſich für mich Ausſichten auf unberechenbare Vor⸗ theile erſchließen.“ 1 „Biſt Du gewiß, daß Deine Ausſichten nicht täuſchen?“ „Wie kannſt Du zweifeln, da Deine eigene Mutter, welche ſo lange in Tlaskala lebte und den Sennore Eskobadi als Herrn unermeßlicher Reichthümer kennt, von meinem künftigen Glück vollkommen überzeugt iſt?“ Den Lippen Mathildens entſchlüpfte ein tiefer Seufzer.„In Tlaskala war's“,— ſagte ſie bedeutungs⸗ voll,„wo meine Mutter ihren Gatten, meinen Vater, durch eines Meuchlers Dolch fallen ſah; dort war's, wo der Wohlſtand meiner Familie in einem Negerauf⸗ ſtand zerſtob!“ „Und wo noch der Freund Deines Vaters lebt, durch deſſen Großmuth Ihr dennoch nicht verarmtet“, fiel Julius raſch ein.. Mathilde wechſelte plötzlich die Farbe.„Wie?“ fragte ſie leidenſchaftlich, während ſich in ihrem Geſicht eine ungewöhnliche Ueberraſchung abſpiegelte.„Wie? Die Geldſendungen, welche meine Mutter erhält, kämen aus Eskobadi'’s Kaſſe?“ Julius ſtand auf dieſe Frage einen Moment wie 2 —,.,— 59 verſteinert da. Augenſcheinlich erdrückte ihn faſt der Gedanke, zu viel geſagt zu haben. Doch wußte er ſich ſchnell wieder zu faſſen und entgegnete mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit: „Ich vermuthete nur, daß es ſo ſei. Du ſelbſt wirſt ja darüber die beſten Aufſchlüße geben können.“ „Daß ich es nicht kann“, bemerkte Mathilde traurig,„dieß gerade iſt's, was mir ſchon manchen Kummer bereitete. Meine Mutter hatte auf die Frage nach dem Abſender des Goldes noch nie eine Antwort für mich, und ſo weiß ich nicht einmal, von weſſen Gnade wir exiſtiren.“ „Wie kann dieß Dir Kummer bereiten, liebes Kind? Mußt Du doch überzeugt ſein, daß Deine Mutter es mit Dir wohlmeint!“ „Wenn ſie mir wohl will, kann ſie Dir nur übel wollen.“ „Warum vermutheſt Du das?“ „Weil es ihr unmöglich gemacht iſt, ſich gegen jedes von uns wohlmeinend zu benehmen.“ In Julius' Geſicht drückte ſich eine Spannung aus, die mehr als bloße Neugierde war. Mathilde fuhr fort: „Es iſt vielleicht ſchlecht von mir, daß ich ſo über meine Mutter rede. Aber ich bin Dir offene Wahrheit 60 ſchuldig, denn Du ſtehſt mir ja am nächſten. Höre denn! Seit geſtern weiß ich, daß meine Mutter unſere Heirath nie zugeben würde, daß ſie mich zu einem andern Zwecke beſtimmt hat, den ich ſelbſt noch nicht kenne.“ „Warum denn hat ſie meine Neigung zu Dir, die ihr nicht verborgen war, ſo auffallend begünſtigt?“ „Um ſich Dein Vertrauen zu erobern.“ „Was konnte ihr an meinem Vertrauen liegen?“ „Sie mußte Dich für Eskobadi gewinnen.“ „Sie mußte? Woher erfuhrſt Du dieß?““ „Ich folgere es aus den eigenen Worten meiner Mutter.“ „Mußte ſie mich, gerade mich gewinnen, oder überhaupt nur einen gewandten Kaufmann?“ „Das weiß ich nicht, aber ich weiß, daß an der Seele meiner Mutter ein tiefer Gram nagt. Es laſtet irgend ein ſchweres Verhängniß auf ihr. Dieſe Nacht, als ſie mich in tiefen Schlaf verſunken wähnte, ſaß ſie wachend auf ihrem Bett und weinte und ſtöhnte, daß über ihrem Jammer mir ſelbſt das Herz hätte brechen mögen.“ „Haſt Du dieſe Wahrnehmung in verfloſſener Nacht zum erſten Male gemacht?“ „Seit ich meine Mutter kenne, war ſie ernſt und —, 641 verſchloſſen. Ich habe ſie noch nie in heiterer Stim⸗ mung geſehen. Und ſo oft ich ſie auch um Mittheilung ihres verborgenen Leidens bat, erhielt ich ſtets nur die ausweichende Antwort, daß ich noch nicht im Stande ſei ſie zu verſtehen.“ „Alſo beſitzeſt Du gar keinen beſtimmten Anhalts⸗ punkt zur Erklärung ihres geheimen Grams?“ „Nein; doch fürchte ich ſeit geſtern, daß er die Folge von Opfern ſei, welche ſie wider Willen dem Eskobadi zu bringen habe.“ Man hätte vermuthen ſollen, daß dieſe Eröffnun⸗ gen geeignet geweſen wären, Julius ſehr nahe zu be⸗ rühren und die Hoffnungen, welche er ſelbſt auf Esko⸗ badi baute, gewaltig zu erſchüttern. Doch ſchien gerade das Gegentheil der Fall zu ſein.„Mein liebes Kind“, ſagte er mit einer Ruhe, in der ſich auch nicht die geringſte Spur von Erregtheit oder Beſorgniß wahr⸗ nehmen ließ,„jedenfalls iſt Deine Befürchtung unbe⸗ gründet. Ich glaube vorausſetzen zu können, daß Deine Mutter aus irgend einer andern Urſache trauert und daß ſie nur aus Liebe zu Dir Dich nicht zur Mit⸗ wiſſerin ihres Kummers macht.“ „Warum denn“, warf Mathilde ein,„warum, wenn ſie mich wahrhaft liebt, wäre ſie gegen unſere Heirath?“ „Gerade dieſe Apathie gegen eine ſofortige Ver⸗ bindung zwiſchen uns ſcheint mir ein Beweis ihrer wahren mütterlichen Liebe zu ſein“, erwiderte Ju⸗ lius mit einer Sicherheit, die, wenn ſie nicht der wirk⸗ liche Ausdruck ſeiner innerſten Ueberzeugung war, ſelbſt einem ſchon ergrauten Meiſter der Verſtellungskunſt Ehre gemacht hätte.„Das Herz einer Mutter ſchlägt immer ängſtlich; und die Geſchäftsreiſen, denen ich für die nächſten Jahre entgegen gehe, würden der lieben⸗ den Gattin viel Unannehmlichkeiten bereiten. Wahr⸗ ſcheinlich will Dir die Mutter dieſe Unannehmlichkeiten erſparen, damit Du die Empfänglichkeit für die Freuden unſerer künftigen Verbindung deſto ungetrübter be⸗ wahreſt.“ „Die Worte, mit welchen ſie mich von Dir los⸗ zureißen verſuchte, laſſen einer ſolchen Deutung keinen Raum“, bemerkte Mathilde kopfſchüttelnd.„Und wenn ich auch Deinen Troſt gelten ließe, ſo beſtände immer⸗ hin noch etwas Anderes, was meine Furcht recht⸗ fertigt.“ „Das wäre?“ „Eskobadi's, Deines jetzigen Chefs, Befehl, mich hier zurückzulaſſen. Jedenfalls hat dieſer Halbindianer für mich nicht das ängſtliche Herz einer Mutter. Was beſtimmt ihn, mir die Unannehmlichkeiten langer Reiſen 63 erſparen zu wollen, da ich ſelbſt mich vor dieſen Un⸗ annehmlichkeiten nicht ſcheue? Kann es eine wohl⸗ wollende Abſicht ſein, die ihn veranlaßt, Dir die Gründung eines eigenen Heerdes, einer Dich liebenden Familie zu verwehren?“ Dieſer Einwurf ſchien auf Julius einen uner⸗ wartet tiefen Eindruck zu machen. Er wurde plötzlich ernſt und nachdenkend. Mathildens Auge ſuchte fragend in ſeinem Auge zu leſen, er aber ſenkte den Blick zu Boden, ließ das Haupt auf die flache Hand nieder⸗ gleiten und ſchwieg. Was mochte er wohl in dieſem Augenblicke denken und empſinden? Hatte er ſich ſelbſt die Frage des Mädchens, die ihn jetzt aus aller Faſſung gebracht, früher nicht auch ſchon vorgelegt? Beſaß er eine Ant⸗ wort auf die Frage oder waren durch dieſelbe in ſeinem innern Ideengange Gedanken anderer Art ge⸗ ſpenſtig aufgetaucht, die mit ſeinem Liebeshandel nur durch ein wahlverwandtſchaftliches Band zuſammen⸗ hingen? Erinnerte er ſich vielleicht eben jetzt, da ſchon der einleitende Schritt zu ſeiner Jagd nach Reichthum ihm das Liebſte vom Herzen riß, an Karls warnende Abſchiedsworte? War er vielleicht zur Erkenntniß eines in ſeiner eigenen Bruſt wurzelnden Widerſpruches ge⸗ kommen, über den ſeine bisherige Sophiſtik ihn nicht ———V—::jjjj4—ᷣxxxxÿ4 64 mit Gleichmuth hinweg zu tragen vermochte? Brütete er vielleicht über einem neuen Plan zur Erringung deſſen, was nach ſeinen Begriffen von irdiſcher Selig⸗ 3 keit ihm noch abging? Wir wiſſen es nicht. Der menſchliche Geiſt, wenn er undurchſchaut bleiben will, iſt ſo unergründlich wie die Zukunft eines Embryo. Gar oft laſſen erſt Handlungen, die nach fernen Jahren vollzogen werden, uns einen Schluß zurück auf die Ge⸗ danken und Empfindungen machen, welche ſchon heute in der Bruſt erwachend den ſchweigſamen Geiſt be⸗ ſchäftigen. Augenſcheinlich war es nichts Gewöhn⸗ liches, was Julius' ſonſt ſo gepanzerten Sinn dießmal einſchneidend berührt hatte. Die Farbe ſeines Ge⸗ ſichtes wechſelte mehrmals in raſchen Uebergängen, und wenn man von dieſen äußern Zeichen auf einen innern Kampf ſeiner Seele ſchließen konnte, ſo ſchien das wiederholt dämoniſche Aufflammen ſeines Auges an⸗ zudeuten, daß aus dieſem Kampf ſchwerlich die beſſere Hälfte ſeines eigenen Selbſt als Sieger über die ſchlimmere hervorgehen werde. Mathilde, die, auf Antwort harrend, der Erregt⸗ heit ihres Freundes mit immer ſteigender Aengſtlichkeit gefolgt war, unterbrach endlich die beredte Stille, in⸗ dem ſie wieder begann: —— „Wenn Du betrogen wäreſt, Julius— noch iſt's 65 Zeit, der über Dich geworfenen Schlinge zu entgehen. Folge Deinem frühern Entſchluße und bleibe in der Heimat!“ „Nein, nein“, fiel ihr Julius heftig ins Wort. „Nicht das iſt's, was mich für einen Augenblick ſo ſeltſam anwandeln konnte. Ich ſehe ein, daß es für mich Thorheit wäre, Deine Furcht vor Eskobadi zu theilen. Befahl er doch Deine Zurücklaſſung nur deß⸗ halb, weil Du der Mutter jetzt noch hier unentbehr⸗ lich biſt!“ „Unentbehrlich? Wozu unentbehrlich?“ Mathildens marmorblaſſe Wangen überzog, indem ſie haſtig dieſe Frage einwarf, fieberhafte Purpurröthe. Ein wie der Blitz ſengend an ihr Herz anpochender Argwohn, den ſie bisher aus Achtung vor der Mutter noch nicht zu hegen gewagt, hatte ihr das Blut ins Ge⸗ ſicht getrieben. „Wozu?“ wiederholte Julius mit einer Frivoli⸗ tät, welche durch den ſcherzenden Ton, den er anzu⸗ ſchlagen ſich beſtrebte, nur ſchlecht verhüllt war.„Wo⸗ zu? Närrchen, das kannſt Du ja leicht errathen!“ „Julius!“ jammerte Mathilde und faßte heftig ſeine Hand.„Ihr Alle verbergt mir ein Geheimniß, — ein unheilſchweres, ein entſetzliches Geheimniß!“ „Und wenn es wäre, gutes Kind“, erwiderte Köberle, Alles um ein Nichts. I. 5 66 Julius und ſuchte ſeinen Worten das Colorit der Zärtlichkeit zu geben,—„wenn es wäre, was denn folgt daraus? Meine Theure, die beſten Handlungen einer Frau ſind die, welche ſie leiſtet ohne je nach einem Warum und Wofür zu fragen.“ Er wollte einen lüſternen Kuß auf ihre Lippen drücken, ſie aber entzog ſich dieſer Liebkoſung. In eben demſelben Augenblick hörte man von der Straße herauf die idylliſchen Klänge eines Poſthornes. Die ältliche Frau, welche bei Mathildens Eintreten ſich zurückgezogen hatte, wurde unter der Thüre wieder ſichtbar und rief: „Sennore Eskobadi iſt ſo eben vorgefahren.“ „Dann ſchnell, helfen Sie mir!“ erwiderte Ju⸗ lius, indem er ſich raſch vom Stuhle erhob und die noch umherliegenden Kleidungsſtücke in ſeinen Koffer hineinſchob. „Herr Julius, Sie haben ja das Frühſtück noch gar nicht berührt“, hub die Frau auf den Tiſch bli⸗ ckend an. „Zum Frühſtücken iſt es jetzt zu ſpät“, entgegnete er und ſchloß den Koffer.„Sennore Eskobadi wartet nicht gern und iſt ein abgeſagter Feind von ſentimen⸗ talen Trennungsſcenen. So! Frau Hedwig, öffnen Sie die Thüre! Und nun muthig vorwärts!“ 67 Mitt dieſen Worten ſchwang er den Koffer auf ſeine Schulter. Mathilde hatte bei Hedwigs Erſcheinen ſich in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen und folgte von dort aus mit ſtarrem Blick all ſeinen Bewegungen. Wäre er wohl ohne ein Wort des Abſchiedes von ihr hinweg gegangen, wenn kein äußeres Zeichen mehr ihn an ihre Nähe erinnert hätte? Ihren Lippen entſchlüpfte ein ſchwerer Seufzer. Raſch wendete er ſich noch einmal um und ſtand einer vor innerm Seelenſchmerz bebenden Geſtalt gegenüber, über deren Antlitz ſich eben Todesbläſſe verbreitete. „Für Dich, meine Theure“, ſagte er in farb⸗ loſem, mehr geſchäftlichem als herzlichem Ton,„für Dich iſt Alles in dem Billet enthalten, welches ich Dir vorhin gab. Und nun— lebewohl!“ Er hatte das letzte Wort noch nicht zu Ende ge⸗ ſprochen, als er auch ſchon durch die Thüre des Zim⸗ mers verſchwunden war. Bald darauf rollte ein Wagen durch die Straße, und die Klänge eines Poſthorns drangen herauf in das Zimmer, dumpf und dumpfer, bis ſie endlich ganz verſtummten. Mathilde hatte von all dem nichts mehr gehört. 5* Sie war ohnmächtig in Hedwigs Arme niederge⸗ ſunken. Als ſie wieder zum Bewußtſein erwachte, hatten Julius und Eskobadi die Inſelſtadt bereits im Rücken und wurden von den muthigen Pferden in raſchem Galopp ſchon auf der Landſtraße hingezogen, welche dem Fuße des Hoyerberges entlang der Landesgrenze zuführt. Sie erhob ſich und wankte, mehr einer Leiche als dem blühenden Mädchen von geſtern gleichend, ihrer Wohnung auf der Carolinen⸗Baſtion zu. Dort ange⸗ kommen, warf ſie ſich aufs Sopha und weinte bitter. „Woher kommſt Du?“ herrſchte ihr Frau Waller entgegen. Sie ſah ihre Mutter ſtarr an und ſchwieg. „Ich habe heute wichtige Einkäufe zu beſorgen“, fuhr jene fort.„Ordne hübſch Deine Toilette und be⸗ gleite mich!“ Mathilde ſchauerte.„Nie“, entgegnete ſie feſt, „nie mehr werde ich Dich auf ſolchen Gängen be⸗ gleiten.“ „Welche Sprache!“ „Seit einer Stunde, Mutter, ahne ich Dein Ge⸗ heimniß. Verſuche nicht ferner, mich zwingen zu wollen.“ „Ich errathe wo Du warſt“, engegnete Frau 2 „—— 69 Waller kalt und ſcheinbar ruhig.„Du irrſt, wenn Du an Ahnungen glaubſt. Und auch er irrt, wenn er wähnt, daß ſchon die Stunde geſchlagen habe, in wel⸗ cher Du oder er mir Trotz bieten könnte.“ Mit dieſen Worten ſetzte Frau Waller ſich an den Secretär und ſchrieb haſtig einige Zeilen, dann couvertirte ſie das Blatt und zog die Klingel. Das Dienſtmädchen trat ein und erhielt von ihr Befehl, den Brief ſogleich dem Sennore Eskobadi einzuhändigen. „Der Sennore iſt vor einer Stunde abgereiſt“, bemerkte Mathilde, als ſie dieſen Befehl ertheilen hörte. „Woher weißt Du das?“ „Er ließ ſeinen Wagen vor Julius' Wohnung halten; Julius ſtieg ſodann zu ihm und reiſte ebenfalls ab.“ „Alſo habe ich in der Vorausſetzung, daß Du bei ihm warſt, mich nicht getäuſcht“, ſchloß Frau Waller und warf ihrer Tochter einen zornesglühenden Blick zu.„Um ſo mehr verdient er dieſe Zeilen!“ Dann änderte ſie die Adreſſe des Briefes und reichte ihn wieder der Dienerin mit den Worten:„Nun denn, zur Poſt!“ Das Dienſtmädchen entfernte ſich, um den erhal⸗ tenen Auftrag zu vollziehen. 70 Auch Frau Waller verließ, ohne noch ein weiteres Wort an ihre Tochter zu richten, das Zimmer und riegelte die Thüre des Gemaches, in welches ſie ein⸗ trat, hinter ſich feſt zu. f Fünftes Kapitel. Die Schatulle. „Raſch tritt der Tod den Menſchen an; Es iſt ihm keine Friſt gegeben; Es ſtürzt ihn mitten in der Bahn; Es reißt ihn fort vom vollen Leben.“ Schiller. In der Wohnung auf der Carolinen⸗Baſtion war es ſeit dem eben erzählten Auftritt unheimlich ſtill ge⸗ worden. Frau Waller machte keinen weitern Verſuch, den ſo feſt erklärten Willen ihrer Tochter zu beugen. Sie ſprach ſelten mehr ein Wort und wich ſcheu den Blicken aus, welche Mathilde manchmal forſchend oder theilnahmsvoll auf ſie richtete. Ihre regelmäßigen Ausgänge und Einkäufe hatten aufgehört und ſie ſelbſt wurde ſelten, Mathilde aber nie mehr auf der Straße geſehen. 22 Das Verhältniß zwiſchen Mutter und Tochter, welches nie ein vertrautes geweſen, hatte ſich in eine gegenſeitig peinliche Apathie verwandelt. Frau Anna Waller, die früher von ihrer Umgebung ſtets blinden Gehorſam gefordert und durch ihren herrſchſüchtigen Charakter ertrotzt hatte, ließ jetzt ſchweigend ihre Toch⸗ ter in Allem gewähren. Es ſchien, als ob die Ver⸗ muthung, von der letztern vielleicht durchſchaut zu ſein, ihr alle Willenskraft gelähmt und ſie in jene verzagt und unſicher umhertaſtende Schwankung hineingeſchleu⸗ dert habe, deren ſich ſelbſt die größten Verbrecher nicht entſchlagen können, ſobald die Furcht, entdeckt zu wer⸗ den, einmal ernſtlich an ihrem ſchlummernden Gewiſſen rüttelt. Der Brief an Sennore Eskobadi, den ſie an jenem erregten Morgen in vielleicht übereilter Haſt durch das Dienſtmädchen zur Poſt tragen ließ, war ihre letzte thatkräftige Handlung geweſen. Seither war ſie einem innern Selbſtkampfe erlegen, der, ungeachtet ihrer ſchein⸗ baren Ruhe, nicht nur ihren Muth gebrochen, ſondern unverkennbar auch ihr eigenes Selbſtbewußtſein in eine Quelle ununterbrochen ſprudelnder Vorwürfe verwan⸗ delt hatte. Mathilde ihrerſeits fühlte zwar immer noch ein Bedürfniß, der Mutter mit Achtung und Liebe ent⸗ gegenzukommen. Aber das unenträthſelte Geheimniß, das ſcheidend zwiſchen Beiden lag, erlaubte ihr nicht 3 3 — 73 mehr, dieſem Bedürfniß zu genügen. Sie hielt ſich feſt überzeugt, daß irgend eine ſchwere Schuld auf der Mutter laſte, obgleich ſie ſich von der eigentlichen Na⸗ tur des begangenen Verbrechens keine Vorſtellung machen konnte. Neben dem peinigenden Gefühle, welches als Folge dieſes unſeligen Wechſelverhältniſſes entſtanden war, laſteten noch Sorgen anderer Art auf Mathildens em⸗ pfindſamer Seele. Julius war nicht geſchieden wie ein Bräutigam, auf deſſen Rückkehr eine liebende Braut die Himmel ihrer Zukunft bauen kann. Noch die letzte Stunde hatte ihn vor Mathildens Augen in Beziehun⸗ gen zu dem dunkeln Geheimniſſe gebracht, das als Scheidewand zwiſchen ihr und ihrer Mutter ſtand. Flog auch ihr Herz in Gedanken tauſendmal dem Ent⸗ ſchwundenen liebend nach über den weiten Ocean, ſo mußte es doch eben ſo oft wieder unbefriedigt zurück⸗ kehren und ſich ſelbſt bekennen, daß es dort ebenſo wenig als hier eine wohnliche Heimat zu hoffen habe. Dazu geſellten ſich noch materielle Sorgen über die Folgen der an ihr verübten Täuſchung, deren unverkennbare Vorzeichen täglich ſichtbarer hevortraten. Sie empfand das Bedürfniß, Jemanden zum Vertrauten ihres innern Zuſtandes zu machen und ihre beängſtigte Seele durch Mittheilung zu erleichtern. Aber ſie hatte weder den 74 Muth noch das Vertrauen, das nöthig geweſen wäre, um noch einmal ein offenes Wort an ihre Mutter zu wagen. Dem Scharfſinn der Frau Anna Waller war dieſe Umwandlung, die ſich ſchon ſehr frühe durch oftmaliges Unwohlſein und Appetitloſigkeit verrieth, gleich von An⸗ fang an nicht entgangen. Jedoch ſchwieg ſie und es ſchien, daß ſie die Abſicht hege, den Mund erſt dann zu öffnen, wenn die Tochter nach Verlauf von neun Monaten durch ein unausbleibliches Vorkommniß ge⸗ zwungen ſein würde, ſich ihr auf Gnade und Ungnade wieder in die Arme zu werfen. Ob dieß Schweigen einem ehrenwerthen Grunde entſprang oder ob Frau Anna die niedere Abſicht hegte, dann die Hülfloſigkeit ihrer Tochter zu Gunſten ihres von uns noch undurch⸗ ſchauten Geheimniſſes auszubeuten und Mathilden wie⸗ der zur Uebernahme der Rolle eines Lockvogels für junge Männer zu nöthigen,— dieß ließ ſich für jetzt noch nicht abſehen. Mathilde fürchtete im Stillen das Letz⸗ tere und zitterte ſchon vor dem unvermeidlichen Augen⸗ blick, der ihre Furcht beſtätigen würde. In der That konnten die forſchenden Blicke, welche Frau Anna in Momenten, in denen ſie ſich von ihrer Tochter unbe⸗ obachtet wähnte, verſtohlen auf dieſelbe warf,— dieſe Blicke konnten zur Erregung einer ſolchen Furcht wohl 75 geeignet ſein. Jedoch war es auch möglich, daß Frau Anna aus wahrhaft mütterlichem Gefühle und im Be⸗ wußtſein ihrer eigenen Mitſchuld ſchwieg, daß ſie ihre Tochter heimlich mit lauerndem Blicke in der ehrlichen Abſicht verfolgte, um ihr einen günſtigen Moment zu rückhaltloſem Gedankenaustauſche und zu aufrichtiger Ausſöhnung abzulauſchen. Monat nach Monat verging, ohne daß ein ſolcher Moment eintrat. Wie hätte er bei der tiefen Miß⸗ ſtimmung, von welcher beide Damen beherrſcht waren, auch je eintreten können? Das unſelige Verhältniß zwi⸗ ſchen Mutter und Tochter ließ nur der Ausſicht auf einen gewaltſamen Abbruch oder auf einen tragiſchen Ausgang noch Raum. Bereits waren ſeit dem Beginn unſerer Erzählung ſieben Monate verfloſſen, bereits hatte ſich die Natur in das melancholiſche Gelb des Herbſtgewandes einge⸗ hüllt, bereits ſchüttelte der rauhe Novemberwind grau⸗ ſam die welken Blätter von den Bäumen und Reben ab, da machte ein unerwarteter Zwiſchenfall allen wei⸗ tern Plänen der Frau Waller, mochten dieſelben nun guter oder ſchlechter Art geweſen ſein, plötzlich ein er⸗ ſchütterndes Ende. Schon im verfloſſenen Quartal war die regelmäßige Geldſendung, nach deren Urſprung Mathilde ihre Mut⸗ 76 ter oft vergebens gefragt hatte, nicht mehr eingetroffen. Frau Anna Waller ſchien deßhalb in große Beſorgniſſe gerathen zu ſein, die ſich bald zu einer ſolchen Höhe ſteigerten, daß ſie aus ihrer bisher ſo ſtummen Rolle herausfiel und eines Tages ihre Tochter mit den rauhen Worten anherrſchte: „Das habe ich Dir zu danken, aus der Art ge⸗ ſchlagenes Kind! Wenn meine Ahnung ſich beſtätigt, ſo kann ich im Alter verhungern und Du magſt für 40 den Balg, den Du unter'm Herzen trägſt, Brod auf der Straße betteln.“ 9. Endlich brachte die Poſt den Brief, welchen, wie es ſchien, Frau Waller längſt mit einem zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwankenden Gefühle erwartet hatte. Haſtig und vor innerer Aufregung an allen Gliedern fieberhaft zitternd, öffnete ſie das Couvert. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen und war weder von einer Geldſendung noch von einer Anweiſung begleitet. Frau Wallers Aufregung ſtieg, indem ſie zu leſen begann. Mathilde folgte mit halb neugierigem, halb ängſt⸗ 1 lichem Blicke allen Bewegungen der Mutter, in deren Mienen mehr und mehr ſich Spuren der Verzweiflung ausprägten. Jetzt ließ Frau Waller plötzlich das Blatt ihrer Hand entgleiten und ſtürzte mit einem marker⸗ ſchütternden Schrei zu Boden. „Mutter!“ jammerte Mathilde und ſprang hülfe⸗ leiſtend herbei. Frau Waller rührte ſich nicht mehr. Ein Herz⸗ ſchlag hatte ſie getroffen und ſchien ihr Leben raſch enden zu wollen. Schon glich ſie eher einer Leiche, als einer erſt Sterbenden. 5 Den Anſtrengungen der Tochter, die ſelbſt vor Entſetzen faſt ohnmächtig geworden war, gelang es nach einigen Minuten, die ſtarr hingeſtreckte Frau noch⸗ mal zum Bewußtſein zurückzurufen. Aber die Zunge war ihr gelähmt, ſie konnte keinen Laut mehr hervor⸗ bringen. Krampfhaft deutete ſie mit der Hand nach einem in der Ecke des Zimmers ſtehenden Schrein, den Mathilde noch niemals hatte öffnen dürfen und deſſen Inhalt ihr gänzlich unbekannt war. „Was ſoll ich dort?“ fragte Mathilde. Frau Waller öffnete weit den Mund und verſuchte mit allem Aufwande des letzten Reſtes ihrer Kraft zu ſprechen. Aber nur ein leiſes Stöhnen entwand ſich nochmal ihren verbleichten Lippen. Krampfhafter winkte ſie mit beiden Händen nach dem Schrein, dann ließ ſie die Arme ſchlaff niederſinken und brach wieder zu⸗ ſammen. Es war das letzte Aufflackern ihrer entfliehenden Seele geweſen. Starr, durch eine grauenerregende Ver⸗ 78 zerrung des Antlitzes bis zur Unkenntlichkeit entſtellt, lag ſie hingeſtreckt zu den Füßen ihrer Tochter da— nur noch eine Leiche! Sollen wir das Entſetzen ſchildern, das ſich bei dieſem Anblick aller Sinne Mathildens bemächtigte? Sollen wir zu beſchreiben verſuchen, was ſie unter dem betäubenden Eindrucke dieſes Auftritts im erſten Augen⸗ blicke gethan? Wir überlaſſen das wohl beſſer der Phan⸗ taſie unſerer Leſer und wollen nur flüchtig andeuten, daß Mathilde zart genug dachte und fühlte, um mit einem Strome von Thränen das Antlitz der ſo uner⸗ wartet Geſchiedenen zu begießen, die, wenn auch eine Mutter eigener Art, doch immerhin ihre leibliche Mutter geweſen war. Als Mathilde mit Hülfe des Dienſtmädchens die Todte auf ein Ruhebett gebracht, erinnerte ſie ſich wie⸗ der des Briefes, deſſen Inhalt die verhängnißvolle Ka⸗ taſtrophe herbeigeführt hatte. Sie hob das Blatt vom Boden auf. Es war von Ramon Eskobadi unterzeich⸗ net und lautete: „Deinen Brief erhielt ich. Julius wird bei mir Gelegenheit zur Buße für die Schwatzhaftigkeit finden, mit der er uns an Mathilde verrathen zu haben ſcheint. Was aber könnte ich mit Dir ſelbſt noch beginnen? Du verſorgteſt mich für ſchweres Geld mit — 79 leichter Waare, und da Du mir jetzt den Dienſt gänz⸗ lich verſagen willſt, ſo verſage auch ich die fernere Auszahlung des Gehaltes, bis Du mein Geſchäft beſſer handhaben lernſt.“ Mathilde las und las wieder, ohne aus den deut⸗ lichen Zeilen den Sinn deſſen zu finden, was dunkel zwiſchen den Zeilen lag. Nur ſo viel wurde ihr klar, daß Julius, muthmaßlich einem traurigen Schickſal ent⸗ gegen eilte und daß der Pfeil, den ihre eigene Mutter in Geſtalt eines Briefes ihm nachgeſendet hatte, jetzt vernichtend auch auf ſie ſelbſt zurückgeprallt war. Auch ſchien die ganze Faſſung der Zeilen kaum mehr dem kleinſten Zweifel Raum zu laſſen, daß die Quelle, aus welcher der Mutter bisher eine ſcheinbar ſorgenloſe Exiſtenz zugefloſſen war, wirklich verbrecheriſcher Natur ſei. Worin aber das Verbrechen eigentlich beſtehe, darüber konnte ſich das in überſeeiſchen Geſchäftsange⸗ legenheiten vollkommen unbewanderte Mädchen immer noch keine Vorſtellung machen. Angſterfüllt rang ſie die Hände und jammerte: „Mein Zuſtand iſt namenlos— namenlos elend, und mein Herz findet keinen Ruhepunkt, ob es ſich rückwärts wende in die Vergangenheit oder vorwärts in die Zukunft. Meine Vergangenheit war durch Ver⸗ brechen gefriſtet, die ich nicht ſühnen kann, weil ich ſie 80 nicht kenne. Und meine Zukunft— was kann meine Zukunft mir Armen noch bringen! Mir, der bis jetzt Alles in Täuſchungen zerfloß— Alles, ſelbſt die Liebe der eigenen Mutter, die nun ſtumm und kalt vor mir liegt, im erbleichten Antlitz ein Zeichen tragend, wel⸗ ches mir laut verkündet, daß ſie zu raſch abgerufen ward und ungeſühnt eine entſetzliche Schuld mit ſich nahm ins kalte dunkle Grab!“ Mathildens ſich von der Leiche ſcheu abwendender Blick fiel auf den Schrein, nach welchem Frau Anna noch im Todesröcheln krampfhaft die Hände ausgeſtreckt hatte. In der Hoffnung, dort vielleicht Aufſchluß über das Geheimniß zu finden, deſſen Enthüllung ſie ebenſo ſehr herbei ſehnte als ſie vor demſelben zitterte, öffnete ſie mit bebender Hand die Thüre. Der Schrein ent⸗ hielt nur eine kleine Schatulle, welche die Ueberſchrift trug:„Vermächtniß für meine Tochter Mathilde.“ Haſtig erbrach ſie den oberſten Deckel und ſtieß auf ein ſorgfältig verſiegeltes Käſtchen. An einem der Sie⸗ gel hing ein Zettel, und auf demſelben ſtanden die kur⸗ zen Worte:„Oeffne mich nicht eher, als bis Du in Noth und Hülfloſigkeit geräthſt. Wehe Dir, wenn ich früher erbrochen werde!“ Mathilde ſtand einen Augenblick wie verſteinert vor dem ſeltſamen Vermächtniß. Dann wagte ſie einen ——,— 8¹1 Blick auf die Leiche zu werfen und fuhr ſchauernd zurück. „Entſetzliche Mutter“, klagte ſie händeringend zu ſich ſelbſt,„entſetzliche Mutter, die noch im Tode ihr verlaſſenes Kind mit Räthſeln abſpeiſt!“ Sollte Mathilde das Käſtchen erbrechen? Könnte es nicht Aufſchlüſſe enthalten, die ihr bald unentbehr⸗ lich waren? Sie ergriff daſſelbe und wollte ſchon das Siegel löſen, da fiel ihr Auge wieder auf die Worte: „Wehe Dir, wenn ich früher erbrochen werde!“ „Nein!“ ſagte Mathilde und ſchob das Käſtchen in die Schatulle zurück.„Ich will die letzten Worte meiner Mutter dennoch heilig halten. Ohnehin kann ja die Zeit der Prüfung nicht lange dauern. Die Noth iſt ſchon vorhanden und die Hülfloſigkeit wird ihr bald nachfolgen.“ Köberle, Alles um ein Nichts. I. 6 Sechſtes Kapitel. Bekenntniſſe einer Todten. „—— Der Teufel iſt ein Egoiſt Und thut nicht leicht um Gottes Willen Was einem Andern nützlich iſt.“ Göthe. Einen Monat, nachdem Frau Waller begraben worden war, gebar Mathilde ein Söhnchen und gab ihm den Namen Maurizio. Es war dieß der Name, welchen, wie Mathilde ſich aus frühern Geſprächen mit der Verſtorbenen erinnerte, ihr Vater einſt getragen hatte. Der kleine Maurizio gedieh ſichtbar und wurde bald in Mathildens düſter vereinſamtem Daſein eine Quelle ſtiller Freuden, ſowie eine Urſache qualvoller Sorgen. „Du jetzt mein Alles“,— ſagte ſie oft zu dem Kinde, es herzend und koſend,—„was ſoll ich Dir — eeech e, 83 antworten, wenn Du einſt nach Deinem Vater, nach Deiner Familie fragſt?“ Und wenn dann der Säugling, der noch nichts von all dem verſtand, zu weinen und zu ſchreien be⸗ gann, drückte ſie ihn liebend an ihre Mutterbruſt und lispelte, ſich ſelbſt und ihre Lage vergeſſend: „Du fühlſt mit mir und wirſt dankbar ſein für ſo viel Liebe. Vielleicht bringſt Du mir einſt unſern Vater zurück. Nicht wahr, Du herzigſtes aller herzigen Kinder, Du mein Engel? Dich ſchläfert! Schlummre, ſchlummere ſanft! Ich wache an Deiner Wiege, wache Tag und Nacht und will ſorgen, daß das Schickſal Deiner Mutter Dir nie, nie eine trübe Stunde bereite. Liebling meiner Seele, werde ſo glücklich, als Deine Mutter elend iſt, die noch elender wäre, wenn ſie Dich nicht beſäße.“ 3 Inzwiſchen ſah Mathilde dieſe theils ideale, theils angſterfüllte Mutterfreude bald durch materielle Sorgen ſchwer getrübt. Die ihr von Frau Waller hinterlaſſene Baarſchaft war in wenigen Monaten verzehrt geweſen, und ſchon ſeit einiger Zeit lebte ſie kümmerlich von den Erträgniſſen des ihr aus dem mütterlichen Erbe außerdem noch zugefallenen Mobiliars, deſſen einzelne Stücke nach einander zum Trödler wandern mußten. Endlich war auf dieſe Art der letzte Werthgegenſtand 6 aus der Behauſung verſchwunden. Mathilde ſaß zwi⸗ ſchen den leeren vier Wänden ihres Zimmers und wußte nicht, wovon ſie am nächſten Morgen für ſich und ihr Kind Nahrung ſchaffen ſollte. Von ihrer Mut⸗ ter hatte ſie nichts erlernt, was ſie in den Stand ſetzen konnte, jetzt als Lehrerin oder Handarbeiterin ihr Brod zu erwerben. Bekannte, an die ſie ſich in ihrer Noth mit Ausſicht auf Abhülfe hätte wenden können, beſaß ſie ebenfalls nicht. So war denn ihre Lage eine in jeder Hinſicht verzweifelte geworden und es ſchien, daß ihr nur noch die Wahl belaſſen ſei zwiſchen offenem Straßenbetteln oder den abenteuerlichen Geheimpfaden des Demi⸗Monde. Mathilde ſchauerte vor dieſer Alternative. Die blauen Gewäſſer des Sees plätſcherten traulich an die Stadtmauer vor ihrer Wohnung und ſchienen leiſe zu ihr heraufzuflüſtern:„Ein Sprung herab in unſre Tie⸗ fen löſcht alle Sorgen aus, nur ein kurzer Sprung und Deine Noth hat ein Ende!“ Mathilde ſtarrte hinunter auf das Kräuſeln der Wellen, ſie horchte auf das Flüſtern, das leiſe herauf⸗ drang aus dem Murmeln der plätſchernden Wogen. Schon begannen ihre Sinne zu ſchwinden, da erwachte Maurizio, welcher in einer Ecke des Zimmers ſanft geſchlummert hatte. „ͤ— 5 „Mama!“ ſchrie der Kleine und weinte. Es war das erſte Mal, daß er das Wort„Mama“ über ſeine Lippen gebracht hatte. Mathilde ſprang auf ihn zu und herzte und küßte ihn. „Und Dich“, rief ſie mit aller Innigkeit ihrer wieder erwachten Mutterliebe, indem ein Strom von heißen Thränen aus ihrem Auge auf das Antlitz des Kindes herabfloß,—„Dich hätte ich verlaſſen können? Nein! ich muß leben, muß leben für Dich, und ſollte ich Dich auch in Zukunft mit meinem Blute nähren müſſen.“ Den Kleinen im Arme durchſtöberte Mathilde nochmals alle jene Gegenſtände aus der mütterlichen Verlaſſenſchaft, die ſie bereits als gänzlich werthlos bei Seite gelegt hatte. Die Durchſuchung fiel jedoch auch dießmal nicht günſtiger aus, als früher. Es fand ſich wirklich kein einziges Object mehr vor, von dem zu hoffen geweſen wäre, daß der Trödler es nicht als un⸗ brauchbar zurückweiſen werde. Der Augenblick, den Frau Waller ſelbſt zur Er⸗ öffnung ihres Vermächtniſſes bezeichnet hatte, war alſo gekommen. Mathilde durfte nicht mehr fürchten, daß ſie den letzten Willen ihrer Mutter verletze, wenn ſie das geheimnißvolle Käſtchen jetzt erbrach. Sie löſte 86 das Siegel ab und griff zitternd nach dem Deckel, um ihn wegzuſchieben. Ihr Herz pochte ſo laut, daß ſie deſſen Puls⸗ ſchläge hören konnte. Welche Ueberraſchung mochte ihr wohl bevorſtehen, wenn ſie den Deckel lüftete? Enthielt das Käſtchen Hülfe in der troſtloſen Verlaſſenheit? Gab es nur neue abermals unverſtändliche Räthſel zu löſen? Bot es endlich Aufſchlüſſe über diejenigen dunkeln Familien⸗ und andere Verhältniſſe, nach wel⸗ chen Mathilde früher ihre Mutter ſo oft gefragt hatte? Während ſie ſich dieſe Fragen ſtellte und von der Antwort ebenſo viel fürchtete als hoffte, war durch das unwillkürliche Beben ihrer Hand der Deckel hinwegge⸗ ſchoben worden. Der Inhalt des Käſtchens lag aus⸗ gebreitet vor ihren Augen da. Sie erblickte einige blinkende Goldſtücke, ein in ihr unverſtändlicher Sprache abgefaßtes Werthpapier, und ein von der Verſtorbenen eigenhändig geſchriebenes Memoire.. Mathilde griff nach dem letztern und begann zu leſen. Es lautete: „Meine liebe Tochter! Wenn dieſe Geſtändniſſe Dir zu Geſichte kommen, ſo hat der Grund, weßhalb ich Dir eine frühere Erbrechung des Siegels verbot, aufgehört noch länger zu beſtehen. Du wirſt die kleine —³ 87 Baarſchaft und was ich Dir ſonſt noch an Schmuck⸗ und Hauseinrichtungsgegenſtänden außer dieſem Käſt⸗ chen hinterließ, bereits aufgezehrt haben. Erfahre jetzt, daß Du unwiſſend bis heute vom Reſt der Erträg⸗ niſſe eines verbrecheriſchen Gewerbes Dein Daſein ge⸗ friſtet. Mache Dir darüber keine Vorwürfe,— ich, ich allein trage alle Schuld. Verzeihe Deiner unglück⸗ lichen Mutter, daß ſie Dich nicht aufklärte! Es ge⸗ ſchah aus Liebe zu Dir. Du würdeſt ſonſt meine Erbſchaft nicht angetreten und nur den Inhalt dieſes Käſtchens als Dein Eigenthum betrachtet haben. Ich aber wollte für ſo lange, als mir möglich war, Dich auch noch nach meinem Tode gegen die dringendſte Noth ſchützen. Beging ich dadurch vielleicht noch ſter⸗ bend eine Sünde, ſo flehe zum Himmel, daß er dieſen Irrthum Deiner Mutter gnädig richte! „Wenn Dich bis zu dieſer Stunde Drangſale mannigfacher Art verfolgten, ſo möge von heute an ein milder Stern des Glückes Dir leuchten! Enthält auch das Käſtchen wenig, ſo ändert es doch Deine Lage zum Beſſern. Der Nothpfennig, den Du hier findeſt, wurde von Deiner Mutter ehrlich durch ihrer Hände Arbeit erworben. Ich habe ihn von dem Er⸗ lös der Stickereien für Dich geſammelt, die ich in müßigen Stunden verfertigt. Du hörſt heute auf, fer⸗ 88 ner noch von einer Quelle zu zehren, welche die Welt mit Recht den dunkeln Exiſtenzen beizählt. Du trittſt rein unter die ehrliche Menſchheit zurück, denn was ich ohne Dein Wiſſen und ohne Deine Mitſchuld ver⸗ brach, kann nicht auch Dich beflecken. Wenn die all⸗ ſehende Gottheit das Flehen einer Mutter erhört, auf deren Seele ſolch eine ſchwere Schuld laſtet, ſo wird dieß Geld Dir Segen bringen. Das Werthpapier, welches Du bei den wenigen Goldſtücken findeſt, löſt Dir jedes Bankhaus für achtzig Thaler ein. Behalte es jedoch, ſo lange nicht die äußerſte Noth Dich zum Verkaufe deſſelben zwingt! Es iſt ein Staatslotterie⸗ loos. Vielleicht lenkt die gütige Allmacht Fortuna's blind taſtende Hand, daß Dir aus dem Glücksrade noch ein beſcheidener Treffer zufalle und Du nicht das Opfer eines dem Verhängniß Deiner Mutter ähnlichen Schickſals werdeſt. Ich ſah einſt Dich, mein theures Kind, winſelnd und ächzend faſt ſchon am Hunger⸗ typhus vor mir auf hartem Moos liegen und hatte Dir kein Brod mehr zu reichen. Da bot ein Satan mir Hülfe und ſeither mußte ich durch den Pfuhl der Sünde wandern bis zum Grab, in dem ich längſt ſchon modere, wenn Du dieſe Zeilen lieſt. „Höre jetzt die Lebensgeſchichte Deiner Mutter und zolle ihrem Schickſal Dein Mitleid, wenn auch —— 89 ihre Handlungen Dir nur zur Warnung dienen kön⸗ nen, daß Du nie Pfade betreteſt, auf welchen ſie wandelte! „Mein Geburtsland iſt Pennſylvanien. Ich ver⸗ lebte meine erſte Jugend glücklich und ſorgenlos im älterlichen Hauſe am Delaware. Ich war ſchön und es fehlte mir nicht an zahlreichen Verehrern. Gegen den Willen meines Vaters vermählte ich mich in mei⸗ nem achtzehnten Lebensjahre mit Maurizio Alimonti, einem Mexikaner ſpaniſcher Abkunft. Ich folgte mei⸗ nem Gemahl nach Puebla, der Hauptſtadt der mexika⸗ niſchen Provinz Tlaskala. Er ſpeculirte dort in einem Handelsartikel, durch welchen auf den Ruin von Tau⸗ ſenden das Glück Weniger begründet zu werden pflegt. Ich war ſchwach und habſüchtig genug ſeine Specula⸗ tionen zu billigen. Wir erwarben uns in kurzer Zeit große Reichthümer und ausgedehnte Beſitzungen in ei⸗ nem paradieſiſch ſchönen Thale unweit der Hauptſtadt. Die erſten Jahre war unſre Ehe kinderlos geblieben, dann kamſt Du, meine Mathilde, zur Welt. Jetzt ſtanden wir auf dem Gipfel unſers Glückes, aber nur, um durch den Sturm, der bald darauf über uns hereinbrauſte, deſto ſchauerlicher wieder herabgeſtürzt zu werden.. „In demſelben Jahre, in welchem Du geboren 90 wurdeſt, hatte Dein Vater einen ſeiner Diener, einen eingeborenen Mexikaner indianiſcher Abkunft, Namens Ramon Eskobadi, der ſein ganzes Vertrauen genoß und durch beſonders hervorragende Talente auch zu verdienen ſchien, zu ſeinem Geſchäftsführer erhoben und ihn in alle Geheimniſſe ſeines weitverzweigten Handels eingeweiht. Dieſe Wahl legte den Grund zu unſerm raſchen Verderben. Der Emporkömmling Ra⸗ mon Eskobadi benützte heimlich den Einfluß ſeiner Stellung, um namentlich den Haß aller Indianer und Neger der Umgegend gegen Deinen Vater und gegen alle Einheimiſchen ſpaniſcher Abkunft aufzuſtacheln. Es berei⸗ tete ſich im Stillen eine Verſchwörung vor, von der wir nicht die geringſte Ahnung hatten, als ſie ſchon in voller Wuth ausbrach. Dein Vater ſtarb eines ebenſo blutigen als grauſamen Todes. Ich und Du wurden verſchont, weil Eskobadi den Rebellen dieſe Schonung anbefohlen hatte. Oft habe ich ihm ſeither geflucht, weil er, der Urheber des an Deinem Vater begangenen Mordes, nicht auch uns dem gleichen Schick⸗ ſal weihte. Gegen das, was mir bevorſtand, wäre ein Dolchſtoß für Dich und mich Wohlthat geweſen. Es⸗ kobadi beraubte uns aller von Deinem Vater geſammel⸗ ten Schätze und warf mich aus unſerm Palaſte heraus in eine elende Negerhütte, wo ich mit Dir, mein Kind, 91 auf feuchtem Stroh lag. Vergebens ſah ich mich nach einem Beſchützer um, vergebens ſuchte ich nach einem Richter im anarchiſchen Land. Eskobadi behielt Recht und wurde von ſeinen Landsleuten als der Befreier Tlaskala's vom Uebergewichte der europäiſchen Ein⸗ dringlinge hoch gefeiert. Ein von den Rebellen gebil⸗ deter Gerichtshof drückte den Raub- und Mordſcenen, von denen außer uns noch eine große Anzahl ſpaniſcher Familien getroffen worden war, den Stempel der Ge⸗ ſetzmäßigkeit auf. Ich und Du, meine Tochter, die damals kaum achtzehn Monate zählte, wurden von dieſem Gerichtshof der Freiheit verluſtig erklärt und mit Leib und Leben dem ſiegreichen Mörder Deines Vaters zugeſprochen. „So ſah ich mich, die ſtolze Tochter des freien Pennſylvanien, plötzlich herabgeſtürzt zur Sklavin eines halbwilden Emporkömmlings. Nur wer, wie ich, Alles beſaß, um mit Einem Schlage Alles wieder zu verlieren, der nur vermag die Größe meines Schmerzes zu ver⸗ ſtehen. Meine Kräfte erlagen der Grenzenloſigkeit un⸗ ſers Elends. Eine Krankheit feſſelte mich auf das faule Stroh, wo ich lange bewußtlos lag, Dich, mein Kind, in meinen Armen. Dein Winſeln weckte mich manch⸗ mal für Augenblicke aus meiner Betäubung auf, und dann verſank ich wieder in bewußtloſen Schlaf. Als 92 endlich mein Geiſt die Oberhand über die Ermattung meines Körpers wieder erkämpfte, rangſt Du vor Hun⸗ ger faſt ſchon zwiſchen Leben und Tod. In meiner Hütte befand ſich keine Nahrung, als einige ſchimmelnde Maiskörner und ein Krug übel riechendes Waſſer. Uns mehr zukommen zu laſſen, war von Eskobadi ſtreng verboten. Einige ſeiner ihm blind ergebenen Diener ſtanden nahe bei der Hütte Wache und hatten Befehl, uns weder entfliehen zu laſſen, noch Jemanden den Zutritt zu uns zu geſtatten. Ich ſah für Dich, mein Kind, und für mich nichts vor mir, als den langſam daherſchleichenden qualvollen Hungertod. In dieſer namenlos elenden Lage hieß nach ſchwerem Kampf die Mutterliebe mich einen Schritt verſuchen, zu dem ich weder den Muth noch die Kraft und den Willen hätte finden können, wenn ich allein in der Welt ge⸗ ſtanden wäre. Ich beugte mich vor meinem Todfeind, indem ich Eskobadi fußfällig bat, von den Schätzen, welche durch das Glück der Waffen nun ſein Eigen⸗ thum geworden, mir nur ſo viel zurückzugeben, als zur kümmerlichen Friſtung des Lebens für Dich und mich ausreiche. Eskobadi, hoch erfreut über meinen Schritt, ſtreckte mir grinſend die Hand entgegen und ſchwur beim Gott der Sonne, weit mehr für uns zu thun, wenn ich die Bedingung erfüllen wolle, die er als —— Gegendienſt von mir fordere,— von mir, ſeiner Skla⸗ vin, über deren Leben und Tod er unumſchränkter Gebieter ſei. Ich erhielt aus ſeinem Munde einen Antrag, der mir vor Scham und Zorn das Blut ins Antlitz jagte. Schon wollte ich rufen:„Eher den Tod als ſolche Schmach!“ Da ſchrieſt Du, mein Kind, nach Brod und erſtickteſt mir das Wort auf der Zunge. Die Mutterliebe ſiegte und ich lispelte mit kaum hör⸗ barer Stimme den geforderten Schwur, durch den ich meiner Seele für alle Zeit das Brandmahl der Ver⸗ worfenheit aufdrückte. „Wenige Tage darauf ſchwammen ich und Du, zu einem Wohlleben auf einige Monate hinlänglich mit Gold verſehen, auf einem Schnellſegler über den Ocean nach Europa. Wir beſuchten zuerſt London, dann Paris. Meinem Schwure getreu, überredete ich kräftige Jünglinge unter glänzenden Verſprechungen zur Auswanderung nach Mexiko und ſendete ſie an meinen Gebieter Eskobadi nach Puebla, wo ihrer ein Loos harrte, nach dem ich nie gefragt, weil mir vor der Ant⸗ wort ſchauert. Die Summe Geldes, welche ich all⸗ vierteljährlich empfing, waren der Sündenlohn für ſolchen Menſchenhandel. „Als ich Eskobadi den Schwur geleiſtet, hatte ich noch die Abſicht gehabt, mich den Schlingen dieſes Sa⸗ 94 tans wieder zu entziehen, ſobald ich dem Bereiche ſeiner Macht glücklich entronnen ſein würde. Der betäubende Glanz von London und die ſinnverwirrende Ueppigkeit von Paris ließen mich jedoch die Ausführung dieſer Abſicht von Monat zu Monat verzögern. Man hatte mich von Jugend auf zu ſehr an ein von allen Exiſtenz⸗ ſorgen freies Leben gewöhnt und meine Neigung zu einer ſich nie leerenden Kaſſe war zu überwiegend, als daß die Bedenken meines Gewiſſens nicht endlich hätten darin erſticken müſſen. Daß ich es Dir, meine Tochter, offen geſtehe,— das Gewerbe, welches mich im An⸗ fang mit abſchreckendem Widerwillen erfüllt hatte, wurde nach einiger Zeit für mich zu einer Quelle dä⸗ moniſcher Freude. Ich fand Gefallen an dem Gedanken, die Thorheit gewinnſüchtiger Menſchen auszubeuten und, wie ich mir ſelbſt einzureden verſuchte, zur Rache für mein zertretenes Lebensglück dem Teufel Opfer in den Rachen zu liefern. „Der Schmerzensſchrei der von mir Bethörten, der im Lauf der Jahre aus Tlaskala über den Ocean herüberdrang bis in ihr Heimatland, lenkte die Auf⸗ merkſamkeit der Behörden auf mein Agenturgeſchäft. Noch rechtzeitig gewarnt, entkam ich mit genauer Noth aus Frankreich nach Deutſchland, wo ich unter dem Namen„Wittwe Waller“ auftrat und mein bisheriges 95 Gewerbe fortſetzte. Erfahrung hatte mich jedoch vor⸗ ſichtiger gemacht, und da Du bereits zur Jungfrau aufzublühen begannſt, ſo benützte ich fortan Dich, um junge Männer an mich zu locken. Dein argloſes Herz hatte keine Ahnung von den Dienſten, die mir Deine Schönheit faſt drei Jahre lang leiſten mußte. Du bliebſt gegen die ſchmachtenden Blicke Deiner Verehrer unem⸗ pfindlich, und ich wußte jeden uns Nahenden in mei⸗ nem Netze zu verſchlingen, ehe ſeine auflodernde Liebes⸗ flamme die Grenzen des Platonismus überſprang. Das ging bis Julius kam. Da lief der Pulsſchlag Deines Herzens unerwartet raſcher, als ich die Schlinge über ſeinen Kopf zu werfen verſtand. Du bekamſt durch ihn Argwohn und weigerteſt Dich, noch länger Deine bisherige Rolle für mich zu ſpielen. Deine Weigerung verſetzte mich in Wuth und unter den Ein⸗ drücken der erſten Aufwallung meines Zornes that ich, was mich bald nachher wieder reute, was aber von mir nicht mehr ungeſchehen zu machen war. Vergiß Deinen Julius, denn Du wirſt——“ Hier brach das Memoire mitten im Satze ab. Augenſcheinlich hatte Frau Waller's plötzlicher Tod die Fortſetzung und Beendigung deſſelben unmöglich ge⸗ macht. Daß es dennoch verſiegelt geweſen war, zeugt von der großen Vorſicht, mit welcher die Verſtorbene 96 alle auf ihre Stellung bezüglichen Schritte gegen die Gefahr einer verfrühten Entdeckung zu ſichern ſich be⸗ ſtrebt hatte. Uebrigens zeichnet ſich in der ganzen Faſſung des Memoires eine jener räthſelhaften Naturen, welchen der unvermeidliche Tod beſtändig vor Augen ſchwebt und welche dennoch auf dem betretenen Pfade des Verbrechens ſo dreiſt fortwandern, als ob die Erdenpilgerſchaft ewig fortdaure oder mit der unbe⸗ ſtechlichen Gerechtigkeit auch jenſeits des Grabes noch gnädig abzurechnen ſei! Mathilde war, während ſie las, oft durch einen Strom von Thränen unterbrochen worden. Das Me⸗ moire enthielt zu viel, was das Herz einer Tochter in ſeinen tiefſten Tiefen allgewaltig erſchüttern mußte. Es gab über ſo Manches, was bisher in undurchdring⸗ lichem Dunkel gelegen, die klarſten Aufſchlüſſe und ließ doch ſo Manches noch unklar. Ja es erſchloß ſogar eine reichliche Quelle zur Aufwerfung neuer Fragen, an die Mathilde bisher nie gedacht und deren Beant⸗ wortung erſt recht in Nacht und Nebel hineinzuführen ſchien. Hatten auch die Enthüllungen über das ebenſo romantiſche als tragiſche Geſchick der Mutter für den Augenblick die Sinne der Tochter zu ſehr betäubt, als daß ſie ſich ſogleich eine jener Fragen hätte vorlegen können, ſo tauchten doch ſchon jetzt aus dem Labyrinth 97 ihrer ſich überſtürzenden Gefühle zwei Erſcheinungen als zwei rothe Fäden vielleicht verhängnißſchwer auf. Sie kannte nun den Mörder ihres Vaters und wußte ihren Geliebten in deſſen Klauen. Namentlich der ab⸗ gebrochene Schlußſatz„vergiß Deinen Julius, denn Du wirſt,—“ dieſer abgebrochene Satz glich ſo recht einer Schlinge. Was wirſt Du? fragte ſich Mathilde. Wollte die Mutter hier von meinem oder von Julius' Ge⸗ ſchick ſprechen? Wollte ſie ergänzen: Du wirſt an ſeiner Seite elend werden, oder: Du wirſt ihn nie mehr finden können? Mathilde hatte keine Antwort, aber ſie hörte nicht auf zu klügeln und allmählich die Reihe der Fragen noch zu vermehren. Köberle, Alles um ein Nichts. I. Siebentes Kapitel. Der Anfang des künftigen Reichthums. „——— Frohlocke nicht! Denn eiferſüchtig ſind des Schickſals Mächte. Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte. Den Samen legen wir in ihre Hände, Ob Glück, ob Unglück aufgeht, lehrt das Ende.“ Schiller, Wallenſtein. Die Goldſtücke aus dem letzten Vermächtniſſe der Mutter waren nach wenigen Monaten auf⸗ gezehrt. Mathilde beſaß nur noch das Werthpapier, welches ſie nach dem mütterlichen Rathe erſt dann ver⸗ kaufen ſollte, wenn die äußerſte Noth ihr jeden andern Ausweg verrammelt hatte. Nach langem Hin⸗ und Herſinnen entſchloß ſie ſich, einen Verſuch zu wagen, ob nicht dieß Papier bei ei⸗ nem menſchenfreundlichen Kapitaliſten zu verpfänden ſei. Aber an wen ſich wenden, da es ihr, wie wir 99 bereits wiſſen, an nähern Bekannten fehlte? Von jenen Kaufleuten, welche ſie bei den frühern Rundwande⸗ rungen in Geſellſchaft ihrer Mutter hie und da geſehen oder wohl auch flüchtig geſprochen hatte, ſchwebte Julius' ehemaliger Principal, Kaufmann Grotte, ihr am lebhafteſten vor Augen. Auch unſere Leſer erinnern ſich wohl noch aus Bad Schachen her dieſes Greiſes, unter deſſen breitkrämpigem Hute ein Geſicht voll Zu⸗ friedenheit und innerer Seelenruhe hervorguckte, während er dort gemächlich ſeinen Nachmittagskaffee trank und kopfſchüttelnd Julius' Verkehr mit Sennore Ramon Eskobadi beobachtete. Vielleicht war er in jetziger Drangſal der rechte Mann! Vielleicht konnte bei dieſer Gelegenheit das Geſpräch nebenbei und ganz unſchein⸗ bar auch noch auf einen Gegenſtand hinübergeſpielt werden, welcher der Verlaſſenen nicht weniger als die Geldfrage ſchwer auf der Seele lag. Hauptſächlich letzterer Umſtand wirkte beſtimmend auf Mathildens Entſchluß, gerade Julius' geweſenen Principal um die Gefälligkeit anzuſprechen, die Verpfändung oder den eventuellen Verkauf ihres Werthpapiers zu vermitteln. Ihr Kind auf dem Arme, betrat ſie in ſchwarzem Trauergewande mit pochendem Herzen deſſen Lokalitäten. Ihre Erſcheinung hatte etwas ungemein Imponirendes und zugleich Mitleiderregendes. Die Stürme, von 74 100 welchen ſie während der letzten Monate umbrauſt war, hatten ſich mit ſo deutlichen Schriftzügen auf ihrem Antlitz eingeprägt, daß die Kunſt eines Rafael den Schmerz der hülf⸗ und gattenloſen Mutter nicht tref⸗ fender perſonificiren könnte. Auch Herr Grotte ſchien dieß zu empfinden. Mit einem weichen Ton, in dem faſt ſchon die Gewißheit der Gewährung ſich ankündigte, kam er dem Gruße der Eintretenden zuvor, indem er ſie anredete: „Womit kann ich Ihnen dienen, mein geehrtes Fräulein?“ Mathilde erröthete. Wohl mochte ihr eben bei⸗ fallen, wie wenig der Titel dieſer Anrede zu der Be⸗ gleitung paſſe, die ſie auf ihrem Arme trug. „Ich komme“, begann ſie nicht ohne Verlegenheit und warf dabei einen Seitenblick auf das bereits neu⸗ gierig lauſchende Dienſtperſonal des Kaufherrn,„ich komme, um mir unter vier Augen von Ihnen freund⸗ liche Auskunft über eine Angelegenheit zu erbitten, in der wohl Sie mir am beſten Rath ertheilen könnten.“ „Treten Sie gefälligſt ein“, entgegnete Grotte, indem er zuvorkommend eine Seitenthüre öffnete, die in ein leer ſtehendes Zimmer führte. Mathilde folgte dieſer Einladung. Nachdem er hinter ihnen wieder geſchloſſen und 8 101 Mathilde auf ſeine wiederholte Einladung Platz ge⸗ nommen, fuhr er fort: „Ich bin gern bereit, Ihnen gefällig zu ſein. Reden Sie ganz offen! Sie dürfen zu mir offen reden, denn ich kenne von Ihren Verhältniſſen bereits mehr, als Sie vielleicht vermuthen. Sie ſtehen mit Ihrem Kinde einſam und verlaſſen in der Welt, ohne Familie, ohne theilnehmende Bekannte. Es wird Ihnen daher nicht als Aufdringlichkeit erſcheinen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Ihr aufrichtiger Freund bin, daß ich mich freuen werde, Ihnen vielleicht einen Dienſt er⸗ weiſen zu können.“ Mathilde war über dieſe unerwartet herzliche An⸗ ſprache ſo gerührt, daß ſie zu weinen begann. Die Arme, die von jeher mit Menſchen wenig verkehrt, hatte ja von ihrer eigenen Mutter ſtets nur eine un⸗ ſanfte Behandlung erfahren. Daher mußte der Zart⸗ ſinn, mit dem jetzt ein Fremder ſeinem Mitgefühl für ihr hartes Schickſal Worte lieh, ſie doppelt tief er⸗ greifen. „Ich bitte um Entſchuldigung“, begann ſie nach einer Pauſe ſchluchzend und wiſchte mit dem Taſchentuch ſich die Thränen von ihren Wangen ab, „ich bitte um Entſchuldigung, Herr Grotte! Faſt könnte es ſcheinen, daß Ihre Freundlichkeit, die mir eine ſo 102 unverhoffte Freude bereitet, mich ſchmerze. Mir fehlen die Worte, um Ihnen die Innigkeit meines Dankes ſo paſſend auszuſprechen, wie ich es wohl möchte. Ihre Güte ermuntert mich, einige Fragen an Sie zu ſtellen. Doch davon nachher! Zunächſt die Angelegenheit, die mich zu Ihnen führte!“ Sie zog ihr Lotterielvos aus der Taſche und trug ihre Bitte vor. Ohne ein Wort zu entgegnen, warf Grotte einen prüfenden Blick auf das Loos und verſchwand dann raſch durch die Thüre, welche zu ſeinem Comptoir führte. Mathilde fand nicht Zeit, über die Veranlaſſung ſeines ſo plötzlichen Verſchwindens nachzudenken, denn faſt in demſelben Augenblicke kam er freudeſtrahlend mit einer Ziehungsliſte in der Hand wieder zurück und rief ihr ſchon unter der Thüre entgegen: „Kennen Sie den Werth Ihres Papiers? „Wie ich aus einer ſchriftlichen Bemerkung meiner Mutter erſah, ſteht es im Courſe von achtzig Thalern,“ entgegnete Mathilde. „Das war zur Zeit, als Ihre Frau Mutter noch lebte“, fiel ihr Grotte ins Wort und legte die Zieh⸗ ungsliſte auf den Tiſch.„Sehen Sie ſeinen jetzigen Cours! Ihr Loos gewann in der letzten Ziehung den großen Treffer und alle Noth hat für Sie ein Ende. — —,— Sie ſind die glückliche Beſitzerin von einmalhundert und dreißig tauſend Thalern geworden!“ Dieſer plötzliche Umſchwung vom Rande des Ver⸗ hungerns zur reichen Kapitaliſtin machte auf Mathilden einen betäubenden Eindruck. Sie wußte im erſten Augenblicke nicht, ob ſie wache oder träume. Nachdem ſie ſich überzeugt, daß ihre Phantaſie ihr wirklich kein Mährchen aus tauſend und Einer Nacht vorſpiegle, ließ ſie zwar den Aufwallungen einer leicht erklärlichen Freude über dieſe Umwandlung ihres Schickſals freien Lauf, wurde aber bald wieder auffallend ernſt.„Ich bin nun reich“, flüſterte ſie halb für ſich hin, indem wieder Thränen in ihre Augen traten und ſie den kleinen Maurizio herzend und küſſend an ihre Bruſt drückte.„Ich bin nun reich und dennoch arm,— ich habe keinen Vater für mein Kind!“ „Dieſe wehmüthige Erinnerung in einem Moment, der Ihnen plötzlich eine ſo ſorgenloſe Zukunft erſchloß, gereicht Ihrem Charakter zur Ehre“, bemerkte Grotte und fuhr ebenfalls ernſt fort:„Da der Kleine da nun einmal vorwitzig in die Welt hereingeſchlüpft iſt, ſo muß man ihn wohl als Weltbürger acceptiren. Was aber ſeinen Vater betrifft, ſo möchte ich faſt behaupten, daß Ihnen zu ſeinem Verluſte eher Glück zu wünſchen als Mitleid zu zollen ſein dürfte.“ 104 „Wie?“ fiel Mathilde faſt heftig ein und richtete ihr ſeelenvolles Auge forſchend auf den Kaufherrn. „Sie erklären meinen Julius für einen ſchlechten Menſchen?“ „Ich bedaure, kein tröſtliches Nein ausſprechen zu können“, entgegnete Grotte feſt.„Verzeihung, mein Fräulein, wenn ich die Gelegenheit ergreife, um von Thatſachen zu ſprechen, durch die für Ihre unerfahrne Jugend eine morſche Uebergangsbrücke aus den Träumen der Kindheit in die Ideale des gefährlichen Jungfrauen⸗ alters gezimmert wurde!“ Mathilde entfärbte ſich. Dieſe Worte konnten ebenſo gut auf ihren eigenen moraliſchen Sturz be⸗ zogen werden, als auf die verbrecheriſche Laufbahn ihrer Mutter, deren Geheimniſſe ſie in undurchdring⸗ liches Dunkel geborgen wähnte. Welches von beiden auch hier der Fall ſein mochte, fand ſie doch Anlaß genug, in eine grenzenloſe Verlegenheit zu gerathen, ſo daß ſie vor Scham in die Erde hätte verſinken mögen. Grotte fuhr fort: „Mein Fräulein, unerfahren, wie das bei Ihrer Jugend und bei Ihrem bisherigen Stillleben nicht anders ſein kann, ſtehen Sie mit einem noch unmün⸗ digen Kinde allein in der Welt. Sie ſind vermögend, und dennoch hängt Glück oder Unheil Ihrer Zukunft 105 von Ihrem eigenen Benehmen ab. Ich fürchte, daß Sie bald an einem Scheideweg anlangen und dann in Gefahr kommen werden, irre zu gehen. Daher denke ich, daß ein guter Rath, welchen ſo eben noch die arme Waiſe der Frau Anna Waller bei mir ſuchte, auch von der plötzlich wieder zu Vermögen gekommenen Tochter des ehemaligen Millionärs Maurizio Alimonti nicht verſchmäht werden ſollte.“ „Sie kennen ſogar den Namen meines ermordeten Vaters?“ ſtotterte Mathilde, die ſich aus ihrer Ver⸗ legenheit immer noch nicht erholen konnte. „Seit kurzem“, fuhr Grotte ruhig fort,„ſeit kurzem ſind mir die innern Zuſtände und Per⸗ ſönlichkeiten von Tlaskala bekannt geworden. Ich ließ nämlich durch ein Marſeiller Handlungshaus, deſſen Geſchäftsverbindungen in Amerika wurzeln, Erkundi⸗ gungen nach Julius einziehen. Unſer mexikaniſcher Correſpondent antwortete ausführlicher, als wir ver⸗ langt und erwartet hatten. „Und wie geht es Julius?“ fragte Mathilde auf⸗ flammend. Die Erinnerung an den Geliebten hatte die Urſachen ihrer bisherigen Verlegenheit plötzlich aus ihrem Gedächtniſſe wieder verdrängt.„Wie geht es Julius?“ wiederholte ſie nach einer Pauſe, während welcher Grotte ſchweigend und ſchmerzlich bewegt ihre 106 Aufregung beobachtete.„Wie geht es ihm?“ drängte ſie zum drittenmale, als immer noch keine Antwort kam. Grotte ſchüttelte den Kopf und blickte feſt auf Mathilden, ganz ſo wie wir ihn ſchon früher einmal, auf der Terraſſe des Schachenbades, kopfſchüttelnd Julius nachblicken ſahen, als dieſer in Begleitung des Kupferfarbigen ſich von dort entfernte. Dann ant⸗ wortete er: „Leider wußte der Correſpondent über unſere Hauptfrage keine genügenden Aufſchlüſſe zu ertheilen. Julius ſcheint die Gunſt Eskobadi's, ſeines Chefs, nicht zu beſitzen. Schwerlich werden die Verſprechungen, durch die er ſich über den Ocean locken ließ, für ihn ſchon jetzt in Erfüllung gegangen ſein.“ „Und welcher Art ſind die Geſchäfte des Hand⸗ lungshauſes Eskobadi?“ fragte Mathilde in fieberhafter Aufregung. „Wie? das wüßten Sie noch nicht, mein Srüiu⸗ lein?“ entgegnete Grotte erſtaunt. „Nein“, geſtand Mathilde offenherzig.„Ich habe darüber in einer hinterlaſſenen Schrift meiner Mutter nur Andeutungen erhalten, die ich jedoch nicht verſtand. Was betreibt Eskobadi?“ „Spekulationen in Menſchenfleiſch“, lautete die Antwort.„Er iſt Sklavenhändler.“ —— — — 1 * V 107 Mathilde bebte. „Und mein Vater?“wagte ſie kaum hörbar zu fragen. „Laſſen Sie die Todten ruhen!“ entgegnete Grotte ausweichend.„Warum, mein Fräulein, die Vergangen⸗ heit, die doch nicht mehr zu ändern iſt, ans Tages⸗ licht hervorwühlen?“ „Damit entgehen Sie mir nicht“, drängte Mathilde. „Ich will die traurige Geſchichte meiner Familie, über die meine Mutter nur unklare Geſtändniſſe hinterließ, — ich will dieſe Geſchichte ganz kennen lernen, auf daß die demüthigende Erinnerung an meine Herkunft mich im Wohlſtand vor Stolz bewahre. Wenn Sie mein Freund, mein wahrer Freund ſind, ſo antworten Sie auf meine Frage!“ „Nun denn“, erwiderte Grotte,„Ihr Vater Alimonti war Eskobadi's Vorgänger, war, was dieſer jetzt iſt, der vornehmſte Sklavenhändler von Mexiko.“ „Und meine Mutter?“ wagte Mathilde weiter zu fragen und verhüllte ihr Geſicht.„Wiſſen Sie auch, was meine Mutter war?“ „Sie warb für den Mörder ihres eigenen Gemahls kräftige Perſonen an, die ſämmtlich bei ihrer Ankunft in Tlaskala je nach ihrer Fügſamkeit und Befähigung gezwungen wurden, entweder Sklaven oder leibeigene Sklavenhüter zu werden.“ 108 Mathilde ſchauerte. Hatte ſie auch ſchon ſeit dem Abſchied von Julius eine dunkle Ahnung von den grauenhaften Vorgängen in ihrer Familie gehabt, war auch ſeit Eröffnung des mütterlichen Vermächtniſſes dieſe Ahnung bei ihr zur Gewißheit geworden, ſo ſtand doch das Verbrechen jetzt, da deſſen Name zum erſten Mal ohne beſchönigende Phraſe an ihr Ohr klang, in noch weit grauenerregenderer Geſtalt vor ihrer Seele da. Erſt jetzt war ihr vollkommen klar geworden, daß ſie, die Tochter eines Sklavenzüchters, bis noch vor wenigen Monaten unwiſſend vom Blute der bejammerns⸗ werthen Geſchöpfe gelebt hatte, die gleich uns Menſchen ſind und für die Luſt und für die Qual des Lebens dieſelben empfänglichen Saiten, wie wir ſelbſt, in ihrem Innern erklingen hören. Grotte beobachtete Mathildens heftige Erſchütterung, nicht ohne in ſich ein eigenthümliches Gemiſch von Be⸗ friedigung und Mitleid zu fühlen. Wohl mochte er hoffen, daß die ſchonungsloſe Enthüllung Mathildens noch immer feurig auflodernde Liebe zu Julius, von der er nichts Gutes abzuſehen vermochte, bald gründ⸗ lich dämmen werde. 3 Nach einer längern Pauſe, während welcher Mathilde heftig ſchluchzend mit verhülltem Geſichte da⸗ — 109 geſeſſen war, begann ſie mit ſchüchterner Stimme und zur Erde geſenkten Blicke: „Herr Grotte, vermuthen Sie, daß Julius, als er ſich in eine ſo verwerfliche Verbindung einließ, all dieſe Verhältniſſe ſchon gekannt habe?“ „Leider bleibt hierüber nicht der mindeſte Zweifel“, erwiderte der Kaufherr.„Hören Sie! Bevor Eskobadi durch unſere Stadt reiſte, hatte ich von meinem Marſeiller Correſpondenten ein Aviſo über deſſen Ge⸗ ſchäftsbranche erhalten. Ich ließ es unbeachtet, weil ich die Rolle, welche von Ihrer verſtorbenen Mutter geſpielt wurde, damals noch nicht ahnte und im vor⸗ übergehenden Aufenthalte eines Halbbarbaren keine Ge⸗ fahr für die hieſige Gegend wittern konnte. Zufällig befand ich mich am Nachmittage vor jener Nacht, nach welcher Julius von hier verſchwand, auf der Terraſſe des Schachenbades. Ich bemerkte dort Julius in Ge⸗ ſellſchaft mit einem andern jungen Herrn. Auch Esko⸗ badi war zugegen und zog bald Julius mit einer Ver⸗ traulichkeit bei Seite, die mir und dem jungen Herrn auffiel. Ich benützte dieſen Anlaß, um letztern unter vier Augen über Eskobadi's Charakter vollkommen auf⸗ zuklären.“ „Und ſind Sie überzeugt, daß Ihre Aufklärung auch meinem Julius noch rechtzeitig zu Ohren kam?“ 110 warf Mathilde ein und zitterte von Erwartung an allen Gliedern. „Ich bin es“, lautete die beſtimmte Antwort. „Der junge Herr war bis zu jener Stunde Julius' vertrauter Jugendfreund geweſen und machte ihm un⸗ mittelbar nach unſerer Unterredung die dringendſten Vorſtellungen, jedoch vergebens.“ Mathilde erblaßte. „Und der Name dieſes Jugendfreundes?“ fragte ſie mit jener erwartungsvollen Haſt, die bei bittern Enttäuſchungen noch ſo gern nach einer tröſtlichen Auslegung forſcht, wenn für den ruhigen Beobachter längſt aller Troſt entſchwunden iſt. „Er heißt Dr. Karl Balduin und iſt ein Mann von hervorragend wiſſenſchaftlicher Bildung“, ant⸗ wortete Grotte.„Ich habe ihn ſeither noch öfter ge⸗ ſprochen. Auch ſtellte ich die Nachforſchungen, durch welche ich einen Blick in die innern Zuſtände von Tlaskala gewann, auf ſeine Veranlaſſung an.“ „Könnten Sie mir wohl Gelegenheit ſchaffen, den Herrn Doctor zu ſprechen?“ „Das iſt unmöglich, mein Fräulein. Er reiſte unlängſt wieder von hier ab und ich beſitze ſeine Ad⸗ reſſe nicht. Wie ich vermuthe, will er für jetzt nicht gefunden werden können, um gewiſſen Unannehmlich⸗ ——— 111 keiten zu entgehen, von welchen er wegen Veröffent⸗ lichung einer Abhandlung über die Menſchenrechte ſich bedroht ſah. So verdienſtlich und wahr auch ſeine Abhandlung iſt, wurde ſie ihm doch gerade an ein⸗ klußreichſter Stelle ſehr ungnädig gedeutet. Die Napoleoniſche Herrſchaft, unter der— dem Himmel ſei's geklagt— wir Alle ſchmachten, kann eben ein kräftiges Manneswort nicht ertragen.“ Grotte ſchwieg und auch Mathilde überließ ſich einige Augenblicke ſchweigend den Eindrücken, welche ſie von dieſen Mittheilungen empfangen hatte.„Julius“ — dachte ſie im Stillen bei ſich ſelbſt—„war arm, als er Eskobadi's Verlockungen erlag. Wahrſcheinlich wußte er auch, daß ich ohne Vermögen ſei. Vielleicht hat gar die Hoffnung, ſich ſchnell für mich zu bereichern, ihn zu dem unſeligen Schritte verleitet! Vielleicht, wenn—“. Hier unterbrach Mathilde plötzlich ihre ſtille Er⸗ wägung, indem ſie ſich mit der Frage an den Kauf⸗ herrn wendete: „Glauben Sie wohl, Herr Grotte, daß Julius wieder in ſein Vaterland zurückkehren und ein ehrlicher Mann würde, wenn er erführe, daß ſeine Braut jetzt Geld beſitzt?“ Der Angeredete ſah ſie lange ernſt und ſtumm an, ehe er begann: 142 „Mein Fräulein, kennen Sie die Natur des Löwen? Man erzählt von ihm, daß er erſt recht unerſättlich nach Blut lechze, wenn er einmal Blut gerochen habe! — Es gibt Menſchen, die hinſichtlich ihrer Habſucht dem Löwen gleichen. Je mehr ſie erringen, deſto gieriger haſchen ſie nach allen Mitteln, von deren An⸗ wendung ſie ſich einen materiellen Gewinn verſprechen. Und würden ſie auch die Schätze beider Indien er⸗ rungen haben, ſie wären dennoch nicht befriedigt, weil ſie dann von dem Gedanken gequält würden, daß es ihnen noch nicht geglückt ſei, das ganze Weltall ſich dienſtbar zu machen. Julius gehört unter die Zahl dieſer bedauerlichen Geſchöpfe. Seine Sucht nach Ve⸗ ſitzthum um jeden Preis war, ſchon ehe ex Eskobadi's Bekanntſchaft machte, bei ihm in eine unheilbare Krank⸗ heit ausgeartet. Mein Fräulein, ich habe, als Julius noch bei mir in Dienſten ſtand, oft mit ihm darüber geſprochen. Was ich Ihnen ſage, beruht nicht auf bloßen Vermuthungen, ſondern iſt der Ausdruck einer Ueberzeugung, welche ſich mir durch die Beobachtung poſitiver Thatſachen aufdrängte. Ihr zartfühlender Charakter paßt nicht zu Julius' niederer Denkart. Ver⸗ geſſen Sie den Elenden, der Sie betrog, denn Sie ſelbſt würden an ſeiner Seite nur elend werden können!“ Mathilde erſchrak heftig, vielleicht weniger wegen 113 der Abmahnung, als vielmehr wegen der Wortein⸗ kleidung des Schlußſatzes. Unwillkürlich ſiel ihr die abgebrochene Phraſe aus dem mütterlichen Memoire: „vergiß den Julius, denn Du wirſt—“ wieder ein. War es ein blinder Zufall oder ein gütiger Wink der Vorſehung, daß Grotte's Schlußſatz ganz ſo klang, als ſollte durch ihn der unbeendet und deßhalb dunkel gebliebene mütterliche Rath ergänzt und commentirt werden? Dieſe Frage, welche ſich Mathilde im Stillen aufwarf, erzeugte für den Augenblick in ihrem Innern eine grenzenloſe Verwirrung und Niedergeſchlagenheit. Grotte ſeinerſeits betrachtete ihre auffällige Erſchütterung als den Beginn einer wohlthätigen Kriſis, und glaubte deß⸗ halb aus Schonung für die in ihren Jugendidealen Be⸗ trogene nicht ſofort noch tiefer auf dieſe Angelegen⸗ heit eingehen zu dürfen. Nachdem er ſich noch zurbaldigen Verſilberung des Ge⸗ winnloſes ſowie zur Vermittlung einer ſichern Anlage des Kapitals bereit erklärt und Mathilde dieſe Offerte dankend angenommen hatte, ſchieden für dießmal Beide von ein⸗ ander,— er mit dem Bewußtſein, eine gute That voll⸗ bracht zu haben, und ſie mit einem neuen Dolchſtoß im Herzen, der ihr für die nächſte Zukunft ſchlafloſe Nächte bereitete. 3 ——— Köberle, Alles um ein Nichts. I. 8 Achtes Kapitel. Ein gewagter Schritt. „Verſcherzt iſt dem Menſchen des Lebens Frucht, So lang er glaubt, daß das buhlende Glück Sich dem Edeln vereinigen werde; Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick, Nicht dem Guten gehöret die Erde.“ 4 Schiller, Gedichte. Etwa vierzehn Tage nach der im vorigen Kapitel erzählten Unterredung händigte Grotte ſeiner Clientin einmalhundert und dreißigtauſend Reichsthaler in ver⸗ zinslichen Papieren ein, die au porteur lauteten. Ma⸗ thilde war alſo jetzt die Beſitzerin einer geſicherten Jah⸗ resrente von faſt zwölftauſend Gulden geworden. Wohl die meiſten Perſonen würden unter ähn⸗ lichen Verhältniſſen nach dem Grundſatze handeln, daß Jeder ſich ſelbſt der Nächſte ſei, das heißt, ſie würden im Rauſche des jungen Glückes die alten Leiden begraben 415 und bald ihre traurige Vergangenheit ſelbſt bis auf einen kleinen Reſt von Erinnerung vergeſſen haben. Nicht ſo Mathilde. Sie gehörte nicht zu jener alltäg⸗ lichen Klaſſe von Menſchen, deren Denken und Handeln trotz aller ſchönen Phraſen ſich dennoch faſt immer nur um das eigene Ich dreht. Sie empfand lebhaft das Gefühl einer Schiffbrüchigen, welche ſich auf reich be⸗ frachtetem Kahne glücklich auf ein ſicheres Eiland ge⸗ rettet, während ihre Familie vom tückiſchen Element verſchlungen wurde, während eine theure Seele in un⸗ erreichbarer Entfernung vom Ufer mit ſchon erlahmen⸗ der Kraft noch gegen Wind und Wellen ankämpfte,— jeden Augenblick mehr und mehr der Gefahr des Ver⸗ ſinkens preisgegeben. So konnte denn der von For⸗ tuna Mathilden zugewürfelte Reichthum kein Sporn zu bequemem Leben ſein, ſondern wurde eine Aufforderung zu kräftigem Handeln. Sie kannte die Schuld der Eltern und glaubte an ein Fortleben nach dem Tode und an eine ewige Wiedervergeltung jenſeits des Gra⸗ bes. Aus jener Erkenntniß und aus dieſem Glauben folgerte ſie für ſich eine Verpflichtung, nach Kräften die Verbrechen derjenigen zu ſühnen, denen ſie ſelbſt ihr Leben zu danken hatte. Auf dieſer Idee fußend, betrachtete ſie bald das aus dem Glücksrade ihr zuge⸗ worfene Gold nur noch als ein von der Vorſehung 8. 116 geſpendetes Geſchenk, über deſſen Verwendung ſie einſt Rechenſchaft geben müſſe. Auch Julius' Handlungs⸗ weiſe erſchien von dieſem Standpunkte aus plötzlich vor ihren Augen in einem Licht, durch welches die wohlgemeinten Ermahnungen des Kaufmanns Grotte raſch verdunkelt wurden. Die Blindheit, mit der ihr Geliebter ſich in eine, nach ihrer Hoffnung ſchnell wie⸗ der zu löſende Verbindung mit Eskobadi verwickelt hatte,— ſie galt ihr nur mehr als eine von der Vor⸗ ſehung zu dem Zwecke zugelaſſene Verirrung, damit ſie ſelbſt jetzt den rechten Schauplatz für ihre künftigen Handlungen nicht verfehlen möge. Wie hätte ſie je den Muth oder die Kraft gefunden, Deutſchland zu ver⸗ laſſen, wenn Julius an die heimatliche Scholle gefeſſelt geweſen wäre? Und nicht am Ufer des ſchwäbiſchen Meeres, ſondern im Innern von Mexiko, in Tlaskala, galt es einen Theil der Wunden zu heilen, welche durch die verbrecheriſchen Hände ihrer Eltern geſchlagen wor⸗ den waren und noch fortbluteten. Wohl tauchten neben dieſer optimiſtiſchen Gedanken⸗ folge in Mathildens Kopfe manchmal auch abſchreckende Rückerinnerungen auf, die all ihre idealiſtiſchen Vor⸗ ſätze wieder zu vernichten drohten. Namentlich die Fri⸗ wolität, die Julius im Moment ſeiner Abreiſe gezeigt, warf einen garſtigen Fleck auf das Bild ihrer Hoff⸗ — „— 117 nungen herüber. War das ein Abſchied geweſen, der zu freudigem Wiederſehen berechtigen kann?— Mathilde fand auf dieſe Frage kein apodiktiſches Ja, aber eine mildernde Entſchuldigung, aus der ſich leicht ein be⸗ dingungsweiſes Ja herausklügeln ließ, denn was klü⸗ gelt der Drang der Liebe die, wie man verſichert, Berge verſetzen kann, nicht Alles aus! Sie ſpringt be⸗ flügelten Schrittes über Hinderniſſe hinweg, vor wel⸗ chen der kalt berechnende Verſtand hoffnungslos zurück⸗ weichen würde. Auch Mathilde ließ bald auf den Schwingen der Liebe ihre Phantaſie bis ins Innere von Tlaskala ſchweifen, ſie ſah dort im Geiſte ihren Geliebten unter Drangſal und Elend langſam hinſiechen, ſie malte ſich mit glühenden Farben das Entzücken aus, welches ſich ſeiner bemächtigen müßte, wenn ſie leibhaft als ſein rettender Engel plötzlich vor ihm erſcheinen könnte. Freilich war es nicht bloß der Drang wohlzuthun und die Macht der Liebe, welche ihre Blicke kühn und kühner nach dem fernen Weſten hinüberlockten. Ma⸗ thilde fühlte ſich trotz ihrer ſchönen Jahresrente in der ſchwäbiſchen Inſelſtadt fremd und einſam. Seit der Kampf gegen den Hunger und die Sorge um ihr Kind nicht mehr ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nah⸗ men, regte ſich in ihrem Innern das Bedürfniß, ein 118 Vaterland zu beſitzen. Deutſchland war, wie wir be⸗ reits wiſſen, nicht ihre Heimat. Ihr Geburtsort lag in Mexiko, ihr Großelternhaus in Pennſylvanien. Eine unnennbare Sehnſucht nach der Ferne bemächtigte ſich mehr und mehr ihrer Seele. Sie wollte hinaus, wollte mit eigenem Auge die Länder ſchauen, deren bloßer Name für Viele einen ſo mächtigen Reiz beſitzt und die für Mathilde mehr waren, als nur leere Namen. Sie durfte hoffen, dort vielleicht noch liebe Verwandte zu finden. Was ſollte ſie alſo noch länger am Ufer des ſchwäbiſchen Meeres, das, bei all ſeinen unverkennbaren Naturſchönheiten, doch für ſie und für ihre Mutter nichts hatte werden können, als nur das Aſyl der Ver⸗ bannten? Nichts kettete ſie mehr an die deutſche Erde, ſeit auch ihre Mutter im Reiche der Todten ſchlief, nichts mehr, ſelbſt nicht die großmüthige Freundſchaft, die ihr der Kaufmann Grotte ſo uneigennützig ange⸗ deihen ließ. Denn barg nicht gerade die Aufrichtigkeit dieſer Freundſchaft vielleicht den Keim zu widerlichen Betrübniſſen? Bisher hatte ſich Mathilde für überzeugt gehalten, daß Niemand auf deutſcher Erde die dunkle Laufbahn ihrer Mutter kenne. Grotte hatte ihr dieſen Wahn grauſam zerſtört. Ja noch mehr! War nicht zu beſorgen, daß der Kaufherr ſeine intereſſanten Auf⸗ ſchlüſſe über das Innere von Tlaskala vielleicht auch — 119 Andern mittheilen und ſo die allgemeine Mißachtung auf die ſchuldloſe Tochter des Sklavenhändlers lenken werde? Hatte doch er ſelbſt ihr bereits angedeutet, in weſſen Veranlaſſung er die Nachforſchungen gepflogen! So klügelte Mathilde in ſchlafloſen Nächten, und klügelte ſo lange, bis ihre anfänglich ſo dankbaren Em⸗ pfindungen für Grotte ſich in eine gründliche Abnei⸗ gung gegen denſelben verwandelt hatten. Er erſchien ihr nur mehr wie ein Aufdringlicher, der ſich anmaſſe, ihrem künftigen Schickſal tyranniſch diejenige Richtung geben zu wollen, welche ſeiner realiſtiſchen Denkart am meiſten zuſage. Sie nahm ſich vor, ihre noch ſchwanken⸗ den Pläne weder mit ihm zu berathen, noch ihre Ent⸗ ſchlüſſe, wenn ſie einmal gefaßt ſein würden, vor der Ausführung ihm mitzutheilen. Für den Augenblick noch wogte in ihrem Innern Alles chaotiſch durcheinander. Wo und wie ſollte die Ausführung ihrer Vorſätze begonnen werden? Die Liebe und die Pflicht der Sühne wieſen auf Tlaskala hin, die Spur zur Aufſuchung der Verwandten von müt⸗ terlicher Seite war in Nordamerika, die der Ver⸗ wandten des Vaters vielleicht im europäiſchen Spanien zu finden. Aber Mathilde kannte nicht einmal den Namen ihrer Großeltern von mütterlicher Seite, ſie beſaß überhaupt nur höchſt vage Anhaltspunkte, welche 120 dem Forſchen ins Blaue hinein ein weites Feld er⸗ öffneten. In der Hoffnung, daß in den Bekenntniſſen der Mutter vielleicht noch irgend ein bisher überſehener Wink zu entdecken ſei, zog Mathilde das Memoire wie⸗ der hervor und begann daſſelbe nochmals durchzuleſen. Sie fand jedoch nicht was ſie ſuchte. Nur die Stelle, welche von Eskobadi handelte, feſſelte dieß Mal ihre Auf⸗ merkſamkeit in erhöhtem Grade. Sie hielt inne und ſagte nachdenkend zu ſich ſelbſt: „Eskobadi iſt jetzt Herr meiner elterlichen Beſitzun⸗ gen, alſo auch Herr der Sklaven und Diener, welche mein Vater beſaß. Vielleicht lebt unter dieſen noch der eine oder der andere, der mir mittheilen kann, was zu wiſſen mir ſo noth thut. Ohnehin finde ich ja dort meinen Julius wieder, und in Geſellſchaft mit ihm werde ich gewiß mein vorgeſtrecktes Ziel erreichen.“ Sie las weiter. Als ſie beim Ende des Memoires anlangte, bemerkte ſie plötzlich, daß der Schlußſatz: „Vergiß Deinen Julius, denn Du wirſt“— daß die⸗ ſer abgebrochene Schlußſatz durchnäßt und bereits un⸗ leſerlich geworden war. Hatte vielleicht Nathilde wäh⸗ rend der Lectüre wieder geweint? oder ſtammte dieß Naß noch von einer mütterlichen Thräne her, die ſich im feuchten Schrein wieder aufgefriſcht und die omi⸗ n 121 nöſen Worte durchfreſſen hatte? Mathilde beſaß, wie die meiſten Südländerinnen, ein williges Ohr für aber⸗ gläubiſche Vorausſetzungen und für ſolche Zufälligkei⸗ uoon, in welche ſich leicht eine günſtige oder ungünſtige Vorbedeutung hineinklügeln läßt. So galt ihr denn auch nach kurzem Bedenken das Verſchwinden der müt⸗ terlichen Abmahnung, welches ſich aus der ohnehin blaſſen Tinte und der zufälligen Beimiſchung eines Tröpfchens Waſſer leicht erklären ließ, bald nicht mehr als ein natürliches Ereigniß, ſondern als ein höherer Wink der Gottheit.„Mein Entſchluß fand hier ſeine Weihe und nun ſoll nichts mehr auf Erden ihn er⸗ ſchüttern“, rief ſie hocherfreut aus, indem ſie das Me⸗ moire wieder einſchloß.„Auf, nach Tlaskala in mein Heimatland, zu meinem Julius!“ Die Vorbereitungen zur Reiſe waren bald getroffen, da Mathildens ganzes Vermögen, wie wir wiſſen, be⸗ reits wohlgeordnet in Papieren au porteur vorlag, die an jedem beliebigen Börſenplatze in klingende Münze umgeſetzt werden konnten. Sie packte ihre Garderobe und Werthſachen in einen Koffer, zahlte ihre Wohnungs⸗ miethe, und fuhr mit ihrem kleinen Maurizio aus dem „deutſchen Venedig“ durch das Landthor auf derſelben Straße fort, auf welcher mehr als zwei Jahre vorher Julius und Eskobadi der Landesgrenze zugeeilt waren. —— 122 Sie hatte ſich vor ihrer Abreiſe bei Niemanden verab⸗ ſchiedet, nicht einmal bei dem Kaufmann Grotte, was wir in hohem Grade ihr verargen müßten, wenn uns nicht bekannt wäre, daß dieſes Verſehen aus eben der⸗ ſelben Eigenſchaft ihrer Gemüthsanlagen hervorging, in welcher auch ihre Vorzüge wurzelten. Wieder, wie ſchon früher einmal in einer verhängnißſchweren Stunde, hatte der Gefühlsdrang in ihr die Verſtandes⸗ ſprache übertäubt. Es war ihr nicht einmal eingefallen zu erwägen, ob nicht ihre fluchtähnliche Entfernung eine ebenſo unverdiente als ſchwere Kränkung für den Mann ſei, der ſich ihr in der Noth als uneigennütziger Wohlthäter bewährt. Und ebenſo wenig hatte ſie be⸗ dacht, wie empfindlich ſie durch ihr Verſäumniß auch ſich ſelbſt beſchädige, indem Grotte ihr wahrſcheinlich durch ſeinen Marſeiller Correſpondenten Empfehlungs⸗ briefe nach Mexiko verſchafft hätte, die dort vielleicht von unberechenbarem Vortheile für ſie hätten ſein können. Die Reiſe auf europäiſchem Boden wurde ohne Störung zurückgelegt, und ſchon am zwölften Tage beſtieg Mathilde mit ihrem kleinen Liebling im Hafen von Cherbourg ein franzöſiſches Schiff, das eben die Anker lichtete, um nach Mexiko unter Segel zu gehen. Je mehr ſie ſich von der Küſte entfernte, deſto unheim⸗ licher und ſtiller begann es in ihrem Innern zu wer⸗ —— —— 123 den. Als ſie endlich draußen ſchwamm auf der offenen See, wo ringsum, wohin auch das Auge ſich wenden mochte, nichts mehr zu ſehen war als das endloſe unermeßlich tiefe Gewäſſer, das am fernſten Horizont in Eins zu verſchmelzen ſchien mit dem bläulichen Luft⸗ und Dunſtkreiſe,— da bemächtigte ſich ihrer Seele ein Gefühl der Verlaſſenheit und Oede, wie ſie es in ſo erdrückend hohem Grade ſelbſt während der letzten Mo⸗ nate an den Ufern des Bodenſee's nie empfunden. Wie verſchwunden waren plötzlich all die ſchönen Hoffnungs⸗ ſtrahlen, von denen ſie ſich aus einem ruhigen Aſyl und aus der Nähe eines erprobten Beſchützers hatte hinweg locken laſſen Und je weiter von Europa hin⸗ weg das ſchwankende Schiff forttrieb, auf dem ſie jetzt wie eine Gefangene willenlos mitgeſchleppt wurde, deſto heimiſcher erſchien ihr der Erdtheil, in welchem ſie ihre Jugend durchlebt hatte. Je näher das Fahrzeug der amerikaniſchen Küſte kam, deſto unwohnlicher malte ſie ſich das ihr noch fremde Geburts⸗ und Heimatland aus. All die Klippen und Gefahren, denen ſie vielleicht entgegen ſegelte und die ſich in der traulichen Wohnung auf der Carolinen⸗Baſtion ihr nie lebendig vor Augen geſtellt,— ſie tauchten jetzt vor den Augen ihrer Phan⸗ taſie aus den Meereswogen grinſend empor, wie auf Macbeths Stuhle die Geiſter der Ermordeten. Mathilde empfand mit zerſchmetternder Wucht das Gefühl, ſich in ein Unternehmen geſtürzt zu haben, dem ihre Kräfte nicht gewachſen waren. Was wollte oder konnte ein ſchwaches Weib in dem halbbarbariſchen, von Anarchie und von Revolutionen zerzauſten Tlaskala denn errin⸗ gen? Traf ſie nicht gerade dort unter den Gewaltigſten der Gewaltthätigen den Mörder ihres Vaters, der als ſolcher auch ihr geſchworner Todfeind entweder bereits ſein oder bald werden mußte? Beſtand nicht ſogar die Hoffnung auf Julius aus Vorſetzungen, deren reale Grundlage aus mehr als Einer Urſache ſtark zu be⸗ zweifeln war? Hatte Mathilde außer ihrem zweifelhaf⸗ ten Geliebten noch irgend eine befreundete Seele in dem Lande zu hoffen, das aus Racenhaß ihren eigenen Va⸗ ter als fremden Eindringling ermordet und ihre eigene Mutter moraliſch vernichtet hatte?— Dieß waren die Fragen, die jetzt der kühnen Tochter Alimonti's das Gefährliche ihrer Lage in ſeiner ganzen Naturwahrheit vor Augen ſtellten. Der Ruf„Land“, welcher nach einer ſechswöchentlichen Seefahrt endlich vom Haupt⸗ maſt herab ertönte und als Echo ein lautes Hurrah unter der Schiffsmannſchaft hervorrief,— er klang ihr faſt wie der Ton der Glocke, die dem Verurtheilten an⸗ kündigt, daß die Stunde zum letzten Gange geſchla⸗ gen habe. d — Mathilde befand, die Buchten, Häuf ——y— und ſelbſt der Kapitain gab Fahrzeug und Mannſchaft 125 Schon konnte man vom Schiff aus, auf dem ſich ſer und Bäume an der mexikaniſchen Küſte deutlich von einander unter⸗ ſcheiden, ſo nahe dem Ufer waren die Seefahrer. Da brach plötzlich ein gewaltiger Orkan los und trieb das Schiff mit Blitzeseile den Klippen zu. Das Brauſen der himmelhoch aufſchäumenden Wogen und das Krachen des Donners übertönten den Sturm in Mathildens Seele. Maſt und Steuer brachen, die verzweifelnden Matroſen ſchrieen und liefen beſinnungslos hin und her, bereits verloren. Dennoch landete man nach einigen Stunden glücklich im Hafen. Mathilde, die, wie bereits oben erwähnt worden, an Ahnungen und Vorbedeutungen glaubte, nahm dieß als ein Zeichen, daß ſie auch aus den Kämpfen, die ihrer ohne Zweifel harrten, bald ſiegreich hervorgehen müſſe. Kaum fühlte ſie unter ihrem Fußtritt wieder feſten Boden, ſo war auch die feſte Zuverſicht, mit wel⸗ cher ſie vor acht Wochen die Carolinen⸗Baſtion ver⸗ laſſen hatte, wieder in ihre Seele zurückgekehrt. Die Weiterreiſe durch das unwegſame Land bis ins Innere von Tlaskala ward nicht ohne drückende Entbehrungen und Mühſale, jedoch ohne nennenswerthe Unfälle zurückgelegt. Faſt bälder, als ſie gehofft, ſtand 126 Mathilde vor einem Thore, welches man ihr als den Eingang zu Eskobadi's Behauſung bezeichnete. Sie zitterte heftig bei dem Gedanken, jetzt wieder ſo nahe ihrem vielleicht als Sklave trauernden Gelieb⸗ ten und zugleich ſo nahe dem Mörder ihres Vaters zu ſein, der hier mit unumſchränkter Macht zu herrſchen ſchien. Dennoch trat ſie, ihren kleinen Maurizio auf dem Arme, feſten Schrittes durch das Thor ein. —,— Zweites Buch. Fiore. —aA Herz folget dem Liebenden nach.“ 1 E 8 5 5 ● 8 28 5 8 2 8 8 E 5 2 ₰ 2 2 F 1 2 5 3 8 * 2 5 5 S 5 8 8 5 8 3 3 5 ½ = ,S Motto: —— Herder, Gedichte. Neuntes Kapitel. Ein Blick in Eskobadi's Reich. „Betrügen und betrogen werden, Nichts iſt gewöhnlicher auf Erden.“ Seume. Wenige Meilen weſtlich von Puebla de los An⸗ gelos, der Hauptſtadt der Republik Tlaskala, liegt tief im Gebirge ein hochromantiſches Thal, über welches die üppige Vegetation des Südens all ihre Zauber aus⸗ gebreitet hat. Dieſes Thal war bis 1783 im Beſitze freier In⸗ dianer geweſen. Mit dem genannten Jahre jedoch be⸗ gannen daſelbſt große ſociale Umwälzungen. Der Spanier Maurizio Alimonti und ſeine damals in der erſten Jugendblüthe ſtehende Gattin Anna, Mathildens Eltern, hatten ſich hier häuslich niedergelaſſen und im Köberle, Alles um ein Nichts. I. 9 130 Laufe mehrerer Jahre theils durch Kauf, theils durch Gewalt allmählich die freien Indianer verdrängt. Ali⸗ monti war, wie wir aus Anna's hinterlaſſenen Me⸗ moiren und aus Grotte's Mittheilungen bereits wiſſen, hier als Sklavenhändler in kurzer Zeit zu großen Reichthümern gelangt und dann in einem Aufſtande gefallen, den ſein eigener Lieblingsdiener, der Indianer Ramon Eskobadi, gegen ihn angezettelt. Jener Auf⸗ ſtand hatte mit der Vertreibung der ſpaniſchen Ein⸗ dringlinge aus dem früheren Indianergebiete geendet. Da ſonach Eskobadi ſich in den Augen ſeiner Lands⸗ leute ein großes Verdienſt erworben, ſo hatten letztere aus Dankbarkeit ihm zur Belohnung für den an ſeinem Gebieter begangenen Verrath Alimonti's Hinterlaſſen⸗ ſchaft als Eigenthum zugeſprochen. Seither galt Ramon Eskobadi als der reichſte Mann unter Tlaskala's freien Indianern. Seine aus⸗ gedehnten Plantagen wurden von mehr als zweitauſend Negerſklaven bearbeitet. Beiläufig tauſend Weiße, welche er durch glänzende Verſprechungen aus Europa hatte an ſich locken laſſen, theilten Arbeit und Qual mit den Negern, über welche er durch herzloſe Aufſeher ein tyranniſches Regiment führen ließ. So war denn das romantiſche Thal, deſſen ſüdlich üppige Vegetation dem Auge des Durchreiſenden reizend wie ein Para⸗ 131 dies zulächelte, für die Mehrzahl ſeiner Bewohner eine Hölle. Es gab hier nur Leibeigene und einen ſie mit despotiſcher Willkür ausnützenden Tyrannen. Nichts, als etwa noch einige idylliſch aus den bewaldeten An⸗ höhen vorſpringende Ruinen, erinnerte mehr daran, daß hier einſt, unabhängig neben den alten Beherrſchern von Mexiko, ein patriarchaliſcher Freiſtaat beſtanden hatte, deſſen Bürger in glücklicher Abgeſchloſſenheit von den Stürmen des großen mexikaniſchen Reiches und von der dasſelbe beleckenden Cultur der Spanier ein zu— friedenes, wenn auch halb barbariſches Daſein geführt. Wie noch alle Parvenus, die über dem Nacken ihrer früheren Gebieter empor geſtiegen ſind, ſo hatte auch Ramon Eskobadi klüglich dafür geſorgt, daß ihn nicht ſo leicht daſſelbe Mißgeſchick treffen könne, welches er ſelbſt vor achtzehn Jahren ſeinem Herrn bereitet. Nicht, wie früher Sennore Maurizio Alimonti, be⸗ wohnte er ein offenes und von wenigen treuen Haus⸗ dienern bewachtes Landhaus, ſondern hatte in Mitte des Thals ein feſtes, mit tiefen Laufgräben und hohen Mauern umgebenes Caſtell erbaut. Außerhalb der Mauern in der Tiefe der durch eiſerne Thüren eben⸗ falls verſchließbaren Laufgräben befanden ſich die Stroh⸗ hütten der Negerſklaven und die elenden Bretterhäus⸗ chen der europäiſchen Arbeiter, deren Loos ſich faſt nur 95* 132 dem Namen nach von dem der Neger unterſchied. Die Ueberſiedlungskoſten waren ihnen ſo theuer ange⸗ rechnet worden, daß keine Ausſicht für ſie beſtand, von dem kärglichen Arbeitslohne jemals ihre an Eskobadi erwachſene Schuld abzuzahlen und dadurch die ver⸗ lorene Freiheit wieder zurückzukaufen. Nur Wenige von ihnen, welche ein beſonderes Verkaufstalent und bereits ein für jede humane Rückſicht abgeſtumpftes Gemüth beſaßen, wurden von Eskobadi beſſer geſtellt. Sie wohnten in bequemen Landhäuſern außerhalb der Feſtungswälle, genoſſen ihre volle Freiheit und bezogen von den Erträgniſſen der Sklavenkolonie ſo reichliche Procente, daß der materielle Vortheil ſie zu willfährigen und zuverläſſigen Werkzeugen ihres ſchlauen Gebieters machte. Alle Andern wurden am Tage während der harten Feldarbeit von berittenen Indianern bewacht, und Nachts hinter Schloß und Riegel gebettet. Im Innern des Caſtells ſelbſt hielt ſich Eskobadi, außer einer erprobten und fürſtlich bezahlten Dienerſchaft, zweihundert und fünfzig verwegene, bis an die Zähne bewaffnete nnd jederzeit kampfbereite Trabanten, die zugleich ſeine Geſellſchafter waren und in Saus und Braus ein ſchwelgeriſches Leben führen durften. Zu⸗ ſammengeſetzt aus landflüchtigen Verbrechern aller Art, die hier ein gegen weitere Verfolgung ſicherndes Aſyl 133 gefunden, war die Schaar dieſer Trabanten ſchon durch den Drang nach ihrer eigenen Selbſterhaltung aufs innigſte an Eskobadi gekettet und bewachte deſſen In⸗ tereſſen ſo eiferſüchtig, daß er ohne Furcht, etwas zu verlieren, ſeine mehrmonatliche Reiſe durch Europa hatte wagen können. 3 Wir müſſen, ehe wir die im erſten Buche ange⸗ knüpften Fäden unſerer Erzählung weiter fortſpinnen, hier kurz die Ereigniſſe berühren, welche ſich in Esko⸗ badi's Nähe ſeit deſſen Rückkehr aus Europa bis zu Mathildens Ankunft in Tlaskala zutrugen. Eskobadi hatte, wie wir bereits wiſſen, ein neues Opfer, Julius, mit ſich heimgebracht. Julius ſchien ſchon während der Fahrt über das Meer die volle Ge⸗ wogenheit ſeines Herrn erobert zu haben und wurde un⸗ mittelbar nach deſſen Rückkehr in einem Grade ausge⸗ zeichnet, der ſogar den Neid derjenigen Bevorzugten erregte, welche als wohlbezahlte Handelsagenten in ge⸗ müthlicher Freiheit die rings um das Caſtell liegenden Landhäuſer bewohnten. Er bekam das ſchönſte dieſer Häuſer zu ſeinem Wohnſitz angewieſen und erhielt als Wirkungskreis die Beſorgung der Geſchäfte ſeines Herrn auf dem Sklavenmarkte der nahe liegenden Hauptſtadt Puebla, während die Mehrzahl der übrigen Agenten manchmal hunderte von Meilen durch unwirthbare —————— ———— 134 Gegenden und Urwälder zu wandern hatte, bis ſie die ihnen zugetheilten Marktplätze erreichten. Julius fand ſich ſchon vom erſten Tage an vortrefflich in ſeine neue Stellung hinein. Der Einkauf und Verkauf von Sklaven bereitete ihm ein wahrhaft dämoniſches Ver⸗ gnügen. Wenn er in Europa noch einen Funken von Gefühl gehabt, ſo war derſelbe ſchon auf der Seefahrt durch den Umgang mit Eskobadi gründlich erſtickt wor⸗ den. Herzlos ließ er die armen Geſchöpfe, welche er nach Puebla oder von dort ins Thal zurückzubringen hatte, durch die ihm beigegebenen Wächter an Händen und Füßen binden und manchmal ſchichtenweiſe auf Bretterwagen verpacken, ſo daß dieſelben auf dem Trans⸗ vort vor Schmerzen ein markerſchütterndes Geheul aus⸗ ſtießen und nicht ſelten halbtodt an ihrem Beſtimmungs⸗ orte anlangten. Dieß Geheul nannte Julius ſeine Lieb⸗ lingsmuſik, bei der ſich am gemüthlichſten ausrechnen laſſe, wie viel Procente ein jeder ſeiner Führung anvertraute Sklave ihm abwerfe. Er fand, daß ſeine Rechnung über Erwarten hoch lief und er Aus⸗ ſicht habe, binnen Jahresfriſt mehr zu gewinnen, als mancher geſchäftige Lindavier ſich in einem Jahr⸗ zehnt erwirbt. Schon nach wenigen Wochen träumte er von dem Zeitpunkt, in dem er genug haben werde, um in Puebla ein Geſchäft auf eigene Fauſt zu be⸗ —— 135 ginnen und ſich dann raſch zum Millionär empor zu arbeiten. Aber Julius hatte dießmal die Rechnung ohne den Wirth gemacht oder wohl auch zu laut gerechnet. Sei es daß die auf ſeine Bevorzugung eiferſüchtigen Mitagenten ihn verſchwärzten, ſei es daß der Tyrann des Thales aus eigenem Antrieb Verdacht zu ſchöpfen begann,— kurz, Eskobadi's Vorliebe für Julius ver⸗ wandelte ſich plötzlich in Abneigung. Despotiſche Seelen ſind ſtets mißtrauiſch und laſſen ihre Creaturen ebenſo raſch wieder fallen, als ſie dieſelben aus dem Nichts zu ſich empor gehoben. Vielleicht erinnerte ſich Esko⸗ badi, daß auch er einſt Alimonti's Liebling geweſen und gerade durch die Zuneigung ſeines Herrn die Mittel erlangt habe, ſich ſpäter an deſſen Stelle ſetzen zu können. Julius war dem Verderben geweiht, ehe eer eine Ahnung von dem ſich über ſeinem Haupte ſammelnden Ungewitter erhielt. Eskobadi wartete nur noch auf einen Vorwand, um ihn ſodann mit Einem Schlage zu vernichten. Zwar bedurfte er eigentlich keines Vorwandes, denn über ihm ſtand kein Höherer im Thal, welchem er von ſeinen Handlungen Rechen⸗ ſchaft hätte ablegen müſſen. Aber auch die Höchſten haben gar oft mancherlei Rückſichten zu beachten, zu⸗ mal wenn ſie Tyrannen ſind. Eskobadi bedurfte ſeiner 136 Handelsagenten und es war zu beſorgen, daß, wenn er gerade denjenigen unter ihnen, welchen er vor Allen ſo auffallend begünſtigt hatte, jetzt ohne ſichtbaren Grund fallen ließ,— daß er dadurch das Mißtrauen aller andern gegen ſich rege machen könnte. Dieß mußte vermieden werden. Indeſſen braucht der, welcher Jemanden vernichten will, nicht lange nach einem Vor⸗ wand zu ſuchen, wenn ihm der Vortheil zur Seite ſteht, daß er in eigener Perſon Ankläger, Richter und Urtheilsvollſtrecker ſein kann. Auch Eskobadi fand bald, was er ſuchte. Schon im dritten Monat nach ſeiner Rückkehr aus Europa erhielt er nämlich den Brief, den wir im fünften Kapitel des erſten Buches von Frau Anna Waller an ihn abſenden ſahen und deſſen Beantwor⸗ tung auch für die Schreiberin ſelbſt ſo verhängnißvoll wurde. Der Brief lautete einfach: „Ich zeige Dir an, daß Julius noch vor ſeiner Abreiſe das Geheimniß meiner Agentur an meine Tochter verrathen zu haben ſcheint. In Folge deſſen weigert ſich Mathilde, ihre bisherige Function noch länger auszuüben. Auch mir beginnt der Dienſt im Hinblick auf die hierorts mich nun umſchwe⸗ benden Gefahren und auf mein hereinbrechendes Alter zu einer unerträglichen Laſt zu werden. Esko⸗ 137 badi, befreie mich endlich davon! Du haſt mir Alles geraubt und Dein Gewiſſen muß Dir ſagen, daß Du nur einen kleinen Theil abträgſt, wenn Du mich entweder mit einer hinreichenden Summe ein⸗ für alle Male abfindeſt oder meinen bisherigen Ge⸗ halt fortbezahlſt, ohne noch weitere Gegenleiſtungen von mir zu fordern oder zu erhalten. Anna Alimonti.“ Ramon Eskobadi rieb ſich, als er dieſe Zeilen ge⸗ leſen, vergnügt die Hände.„So erdrücke ich zwei widerwärtige Fliegen mit Einem Schlage,“ jauchzte er und rief dem Anführer ſeiner Trabanten zu: „Schleppe mir ſogleich das Subject Numero Neun an Händen und Füßen geknebelt herbei!“ Der Trabant entfernte ſich ſchweigend und eilte mit zwei Untergebenen dem Landhauſe zu, in welchem das gemeinte Subject hauste. Juſt in demſelben Augenblick langte Julius, der eben vom Markt aus Puebla zurückkehrte, auf einem ſtattlichen Mauleſel ebenfalls vor dem Landhauſe an. Auch er hatte ſich im Laufe des Tages vor Freude ſchon wiederholt die Hände gerieben. Sein Handel war gerade heute überaus gut gegangen und er berech⸗ nete eben, daß die dießmal auf ihn treffenden Procente die Höhe von zweihundert Dollars überſtiegen. Da ——————— — 138 riß ein feſter Handgriff, der ſeinen rechten Arm von rückwärts packte, ihn plötzlich aus allen Illuſionen her⸗ aus. Ehe er ſich's verſah, lag er ſchon geknebelt neben ſeinem getreuen Maulthier, das ſich über dieſe Be⸗ handlung ſeines Herrn zu verwundern ſchien. Ver⸗ gebens tobte Julius gegen ſeine Bande, vergebens be⸗ gehrte er Aufſchluß über die Urſache ſolch eines Em⸗ pfangs. Die Trabanten gaben keine Antwort auf ſeine Fragen, ſondern ſchleppten den Geknebelten ſchweigend dorthin, wohin ihn zu bringen ihr Gebieter befohlen hatte. Dort warfen ſie ihn zu Boden, ſo herzlos und unbarmherzig, wie Julius in der kurzen Zeit ſeines Aufenthaltes in Mexiko ſchon manches Opfer herzlos und unbarmherzig zu Boden hatte werfen laſſen. „Erbärmlicher Verräther“, herrſchte Eskobadi dem ſich gleich einem zertretenen Wurm unter dem Drucke ſeiner Bande Krümmenden entgegen,„erbärmlicher Verräther, lohnſt Du ſo die Auszeichnung, die ich Dir unwürdigem Geſchöpf habe angedeihen laſſen?“ Julius konnte vor Beſtürzung und Schreck kaum in abgebrochenen Sätzen eine Frage nach der Veran⸗ laſſung ſolch plötzlicher Ungnade herausſtammeln. Ohne darauf zu achten, donnerte der Despot des Thales fort: „Das wäre mir der rechte Wicht, der meine Ge⸗ heimniſſe an eine Metze verrieth! Wart' Bube, fünf 139 und zwanzig Jährchen Sklavenbrod ſollen Deine Zunge nach meinem Geſchmacke glätten!“ Julius wollte auffahren, aber er tobte nur gegen ſeine Bande und ſank dann, vor Schmerz ſtöhnend wie⸗ der zu Boden. „Das iſt gegen die Ehre“, wagte er aufzuſchreien. „Das iſt gegen meinen Contract. Ich bin ein freier Mann und werde den Sennore Ramon Eskobadi vor Gericht belangen.“ Eskobadi lachte grinſend auf. „Das werde ich“, wiederholte Julius.„Ich werde klagen, trotz Euch und allen Teufeln. Macht mich los!“ „So ſuche Dir den Gerichtshof!“ höhnte Eskobadi. „Suche ihn, wenn Deine Maſtochſen von Urtheils⸗ ſprechern jenſeits des Oceans Dir helfen können. Hier bin ich das Gericht.“ Und er wendete ſich gegen ſeine Trabanten: „Schleppt mir dieſen Klumpen Fleiſch zum Gra⸗ ben! Dort übergebt ihn dem pünktlichſten meiner Sklavenhüter in die Lehre!“ Die Angeredeten hoben ſchweigend den Gefangenen wieder auf ihre Schultern und ſpedirten denſelben nach ihres Herrn Befehle. Dieſer aber ſchrieb ſofort 440 den Brief, deſſen Inhalt wir aus dem ſechsten Kapitel des erſten Buches bereits kennen. Seither, alſo ſchon faſt zwei Jahre vor Mathil⸗ dens Abreiſe aus Europa, wurde Julius wie ein Sklave gehalten und mißhandelt. Er mußte mit den Schwarzen Eskobadi's Mais⸗ und Tabakfeder beſtellen und erhielt, ſtatt der Säcke voll Goldes, auf die er bei ſeiner Einwanderung gehofft, tüchtige Portionen Schläge. Aber dieß Unglück, weit entfernt ihn zu beſſern, verſtockte nur noch mehr ſeinen harten Sinn. Julius hoffte auf ein Entrinnen und ſchwur im Stillen, dann ſein Schickſal zu rächen, grimmig an Allem zu rächen, was mit Füßen treten zu können er noch die Macht erringen würde. Sein Ingrimm ſteigerte ſich mit der ſteigenden Unerträglichkeit ſeiner Arbeit und verleitete ihn manchmal ſogar zu Widerſetzlichkeiten gegen ſeine Wächter. Dadurch verſchlimmerte er ſein hartes Loos mit jedem Tage noch mehr und ſah ſich endlich den erniedrigendſten Züchtigungen preisgegeben. So ſtand es in Eskobadi's Reich, als Mathilde bereits die Grenzen von Tlaskala überſchritten hatte. Zehntes Kapitel. Vor der Höhle des Tigers. „Es liegt oft im gewöhnlichſten Ereigniß Des Lebens Schickſal, und in einen Zufall Verkleidet ſich des Menſchen guter Geiſt.“ Raupach, die Schule des Lebens. Wir haben am Schluſſe des erſten Buches Mathil⸗ den in dem Momente verlaſſen, in welchem ſie eben durch das Thor in Eskobadi's wüſte Behauſung ein⸗ getreten war. Sie hatte erſt wenige Schritte über den Vorhof des Caſtells zurückgelegt, als ſchon einer der Trabanten mit vorgehaltenem Spieß ihr entgegen trat und einige unfreundlich klingende Worte ausſtieß, die Mathilde nicht verſtand. Sie gab in franzöſiſcher Sprache Ant— wort, wurde jedoch von dem Trabanten ſo wenig be⸗ 142 griffen, als ſie deſſen indianiſche Anrede verſtändlich gefunden hatte. Eine junge Negerin, welche ſich gerade im Vor⸗ hof befand, trat vermittelnd dazwiſchen. Dieſe war des Franzöſiſchen kundig und begann in nicht unge⸗ wählten Ausdrücken: „Was ſuchen die Sennora hier in Eskobadi's — Schloß?“ „Unter dem Perſonal Deines Herrn befindet ſich ein Mann, den ich zu ſprechen wünſche“, antwortete Mathilde. „Das wird nicht gehen ohne die Erlaubniß des Sennore“, bemerkte die Negerin.„Eskobadi ſchläft noch und wird vor einer Stunde nicht ſichtbar werden.“ „So will ich warten“, entgegnete Mathilde.„Gutes Kind, thu' mir die Freundlichkeit und mache mein An⸗ liegen dem Wächter begreiflich!“ Die Schwarze wechſelte mit dem mürriſchen Wacht⸗ poſten einige Worte, worauf ſich dieſer zurückzog. 3 „Wollen Sennora im Schatten jener Platanen Platz nehmen“, wendete das Negermädchen ſich wieder an Mathilde.„Es iſt heiß und die Sonne kann dem Kleinen ſchaden.“ Mathilde fühlte ſich durch dieſe zarte Aufmerkſam⸗ keit auf ihren Maurizio höchſt angenehm berührt.„Du — ſcheinſt ein gutes Herz zu beſitzen“, entgegnete ſie freundlich, indem ihr Blick ſich zugleich mit mütter⸗ licher Beſorgniß ihrem Liebling zuwendete. „O Sennora, der liebe Sonnengott ließ uns auch Menſchen werden, obgleich er die Farbe unſerer Haut etwas dunkel gefärbt hat.“ Ein grämlicher Zug ſpielte um die aufgeworfenen Lippen des Mädchens, während es dieſe Worte ſprach. Mathilde fühlte, daß ihre Artigkeit mißdeutet worden war und entgegnete deßhalb raſch: „Daran habe ich nie gezweifelt, meine gute Seele. Ich bin überzeugt, daß es auch unter Deinem Volk edle Herzen gibt, denen gegenüber mancher Weiße trotz ſeiner tadelloſen Hautfarbe wie ein wahrer Teufel aus⸗ ſchaut.“ Das Geſicht der Negerin erheiterte ſich wieder. „Laſſen die Sennora mich zum Dank für dieſen Aus⸗ ſpruch ihre Hand küßen“, ſagte ſie und kniete vor Mathilden nieder.„Ich habe aus dem Volke der Sen⸗ nora eine ſolche Sprache noch nie gehört und wüßte nicht, was ich ihr abſchlagen könnte, wenn ſie einen Dienſt von mir verlangte.“ „Dann, liebes Kind“, fiel Mathilde faſt bittend ein,„dann wirſt Du mir gewiß einige Fragen erlauben, 144 deren aufrichtige Beantwortung ich in der That als einen ſehr großen Dienſt erachten würde.“ „Sennora frage!“ flüſterte das Mädchen leiſe und ſchaute ängſtlich um ſich, ob kein Lauſcher in der Nähe ſei.„Sennora trete mit mir hinter die Pla⸗ tanen, wo wir weniger gehört werden können. Ich will gern ſagen was ich weiß. Aber Sennora darf mich nicht verrathen.“ „Das werde ich gewiß nicht“, betheuerte Mathilde und ſtellte ſodann eine Reihe von Fragen, deren In⸗ halt unſere Leſer leicht werden errathen können. Nach einer Unterredung von etwa drei Viertelſtunden war ſie über Julius' trauriges Loos vollſtändig aufgeklärt, aber ſie hatte zu ihrem nicht geringen Schrecken auch erfahren, daß ihre eigene Situation durch den Eintritt in das Caſtell viel kritiſcher geworden war, als ſie ſich je vorgeſtellt. Das Mädchen ſchloß ſeine Mittheilungen mit den Worten: „Bekäme Eskobadi eine Ahnung, daß Sennora mit Julius Mitleid fühlte, ſo wäre ſein Geiz nicht ſtark genug, ſeine Grauſamkeit zu beſiegen. Er ver⸗ ſtände ſich dann zu keiner Freilaſſung, böte Sennora als Löſegeld ſo viel ſie wollte. Auch hat Sennora ſich in Acht zu nehmen, daß nichis über ihre Lippen komme, was ihn reizt. Eskobadi iſt ſeit einiger Zeit voller 145 Mißtrauen und wittert überall Verrath. Würde Sen⸗ nora ſeinen Argwohn wecken, ſo brächte das ihr den Tod oder noch Schlimmeres, als nur den Tod.“ Mathilde ſchauerte, und wer würde an ihrer Stelle wohl keinen unheimlichen Schauer empfunden haben! Sie befand ſich in der Höhle des Ungethüms, das ihren Vater erwürgt hatte. Auch konnte ſie aus dem letzten Briefe, den ihre Mutter erhalten, den Schluß folgern, daß Eskobadi der Tochter Alimonti's nichts weniger als wohlwollend gedenke. Schon ihr bloßer Anblick mußte ihm ohne Zweifel widerlich ſein. Das Alles war ihr zwar ſchon vor ihrem Eintritt in das Caſtell klar geweſen, aber ſie hatte nicht gewußt, daß nur durch Eskobadi ſelbſt in Julius' Nähe zu kommen ſei. Sie hatte nicht gewußt, daß ſie, um, ihr Ziel nicht zu verfehlen, ihre innerſten Gefühle ängſteich werde ver⸗ bergen müſſen. Und was ſollte ſie nun dem Beherrſcher des Thales als Grund ihres Beſuches bezeichnen, um nicht ſein gefährliches Mißtrauen zu wecken? Geſtand ſie die Wahrheit, ſo vernichtete ſie ſelbſt die Hoffnung, ihren Julius zu befreien. Geſtand ſie die Wahrheit nicht, ſo war zu befürchten, daß das mißtrauiſche Ge⸗ müth des Tyrannen Grund genug finden würde, um in der Annäherung der Tochter des Ermordeten ein Auf⸗ tauchen rächender Geſpenſter zu wittern. Köberle, Alles um ein Nichts. I. 10 146 Mathilde ſtarrte ſtumm und rathlos vor ſich hin. Ihr vor Schreck verwirrter Kopf ſah für den Augen⸗ blick keinen Ausweg mehr. Die Mittheilungen des Negermädchens hatten alle Pläne umgeworfen, die ſie auf ihrer Reiſe ſich ausgedacht. Sie brauchte Friſt, einen neuen Vorwand zu erſinnen, unter dem ſie viel⸗ leicht mit weniger Gefahr ſich in Eskobadi's Nähe wagen könnte. Schon wollte ſie ſich für dieß Mal wie⸗ der entfernen, aber es war zu ſpät. Gerade als ſie aufſtand, kam Eskobadi's Leibmohr eilig über die Treppe des Caſtells herabgerannt und brachte die Mel⸗ dung, daß Sennore Eskobadi die Fremde zu ſehen wünſche. „Sage Deinem Herrn, daß ich morgen komme“, erwiderte Mathilde und wendete ſich, ihren Maurizio auf den Arm nehmend, raſch gegen das Ausgangs⸗ thor. Der Leibmohr trat ihr in den Weg. „Es iſt Eskobadi's Befehl, daß ich die Fremde zu ihm führe“, ſagte er und ergriff ihre Hand. „Sennora iſt verloren, wenn ſie ſich weigert“, flüſterte auf der andern Seite das Negermädchen ihr eilig ins Ohr.„Sennora gehe und möge der Gott der Sonne ihr Beſchützer ſein!“ „Gutes Kind“, flüſterte Mathilde eben ſo raſch und 147 leiſe,„ich danke Dir, und gebe Dein und mein Gott, daß mein Dank nicht bloß in Worten beſtehen müße!“ Dann wankte ſie an der Hand des Leibmohren die Treppe hinauf, ihrem Schickſal entgegen. Das Gemach, in welches ſie geführt wurde, ſtand noch leer. Mathilde ſank, als der Mohr die Thüre hinter ihr wieder geſchloſſen, auf die Kniee nieder und betete: „Herr der Welten, um meines ſchuldloſen Kindes willen laß mich heute nicht untergehen und ich will Dir dafür danken alle Tage meines Lebens!“ Dann ſtand ſie wieder auf. Es war in ihrem Innern plötzlich Licht geworden und ruhig wendete ſich ihr Auge gegen die Seitenthüre, hinter welcher man die Schritte eines Nahenden vernahm.„Er kommt“, flüſterte ſie mit derſelben Zuverſicht, mit wel⸗ cher Nathan der Weiſe dem Eintritt des Sultans ent⸗ gegen ſah. „Er komme nur!“ ————— Elftes Kapitel. Das Wiederſehen. „Die Gefahr lehrt uns bereit ſein.“ Göthe. Eskobadi trat ein und war nicht wenig überraſcht, in der angemeldeten Fremden eine ihm bereits bekannte Dame zu finden. „Alimonti's Tochter hier?“ begann er mit einem mißtrauiſch forſchenden Blicke, der Mathilden deutlich zeigte, wie ſehr die Warnungen des Negermädchens begründet waren. „Sie irren, Sennore!“ entgegnete Mathilde feſt und verbeugte ſich zu artigem Gruße.„Mein Name iſt Mathilde Waller.“ „Und Sie haben nie einen anderen Namen ge⸗ führt?“ fragte Eskobadi und heftete den Blick ſo —— b 149 lauernd an Mathildens Antlitz, als ob er das Innerſte ihrer Seele durchſtechen wolle. Mathilde hatte den Muth, dieſen Blick ohne Zittern auszuhalten, und entgegnete feſt:„Nein.“ „Sie wiſſen auch nicht, ob Ihre Mutter früher an einen Herrn Alimonti verheirathet geweſen ſei?“ „Sennore, Ihrer Vermuthung liegt wahrſcheinlich irgend eine Verwechslung zu Grunde,“ antwortete Ma⸗ thilde, die ſich mit Erfolg Mühe gab, unbefangen harm⸗ los zu bleiben.„Ich habe meinen Vater nie gekannt, aber aus den Mittheilungen meiner Mutter weiß ich, daß er am Typhus ſtarb, als ich kaum neun Monate zählte. Er hieß Valère und hatte als Beamter in der Hauptſtadt Frankreichs gelebt. Meine früheſten Jugend⸗ erinnerungen knüpfen ſich an Paris. Später überſiedelte meine Mutter mit mir nach Deutſchland und änderte unſern franzöſiſchen Namen Valdre in das deutſch klingende Wort Waller um. „Hm!“ brummte Eskobadi und überließ ſich für einen Augenblick ſeinen eigenen Gedanken. Es ſchien ihm nicht unwahrſcheinlich zu klingen, daß Alimonti's Wittwe ihre Tochter wirklich in Unwiſſenheit über ihre wahre Herkunft und Abſtammung erzogen habe. Hatte doch er ſelbſt bei ſeinem flüchtigen Aufenthalte auf der Carolinen⸗Baſtion ſich überzeugen können, wie ängſtlich 150 die Mutter ſie von den Unterredungen fern hielt, welche dort zwiſchen ihm und ihr ſtattgefunden! War doch ſogar der letzte von Frau Anna Waller ſeither an ihn gelangte Brief faſt ein Beweis, daß Mathilde bis zu dem Augenblick, in welchem Julius ſich ſchwatzhaft be— nommen, von den wahren Lebensſchickſalen der Mutter kaum eine Ahnung gehabt haben konnte. Auch war nicht vorauszuſetzen, daß Julius zu viel geplaudert, da er ſelbſt bei ſeiner Abreiſe aus der Heimat die Ge⸗ heimniſſe des Hauſes Alimonti noch nicht gekannt. Nach einigen Augenblicken ſtummen Nachſinnens wendete Eskobadi ſich wieder fragend an Mathilde: „Sennora, erinnern Sie ſich, mich ſchon irgend wo geſehen zu haben?“ „Gewiß,“ erwiderte Mathilde raſch und unbe⸗ fangen.„Aber als Sie vor zwei Jahren auf der Caro⸗ linen⸗Baſtion meiner Mutter die Ehre Ihres Beſuches ſchenkten, da habe ich noch nicht gewußt, daß wir in Ihnen unſern größten Wohlthäter zu verehren haben.“ „Euren Wohlthäter?“ fiel Eskobadi mit ganz eigen⸗ thümlicher Betonung ein und der mißtrauiſche Zug, der ihn ſchon beim Eintreten gekennzeichnet hatte, trat mit verdoppelter Schärfe in ſeinem Geſichte wieder hervor. A⸗ A⸗ 151 Mathilde fühlte, daß jetzt Alles verloren ſei, wenn ſie ſich in Widerſprüche verwickle oder ihrer gewagten Behauptung keine plauſible Erklärung nachfolgen laſſen könne. Kaum vermochte ſie noch, mit dem Aufwand aller Kräfte die Angſt ihres Herzens zu verbergen. „Euren größten Wohlthäter?“ wiederholte Eskobadi noch finſterer und fügte bei:„Wie meinen Sie das, Sennora?“ „Es iſt edel,“ begann Mathilde und verſuchte ihrer ſteigenden Angſt das Colorit einer aus dem Ge⸗ fühle des Dankes entſpringenden Gemüthsaufregung zu geben,„es iſt edel von einem Millionär gedacht, wenn er von den Wittwen oder Waiſen, deren Thränen er getrocknet, nicht gekannt ſein will. Ich weiß aus dem Munde meiner Mutter, daß dieſelbe nach dem Tode meines Vaters ins tiefſte Elend verſunken war und Hülfe ſuchend auf den Straßen von Paris troſtlos umher irrte. Sie fand bei ihren Landsleuten keine Unterſtützung und ſank endlich, vom Hunger gebrochen, mit mir armen Säugling kraftlos am Wege nieder. Da nahte ſich uns ein Fremder. Es war ein Indi⸗ aner aus Mexiko, aber er beſaß ein vortreffliches Herz. Mit kaiſerlicher Großmuth überreichte er meiner Mutter nicht nur die reich gefüllte Börſe, die er eben bei ſich trug, ſondern ließ uns überdieß ſeither allvierteljährlich 152 durch ein Londoner Bankhaus als Geſchenk noch eine große Summe auszahlen, ſo daß wir ein faſt fürſtliches. Leben führen konnten.“ 3„Und das hat Ihnen Ihre Mutter erzählt?“ „Ja. Aber ſie weigerte ſich ſtets, mir auch den Namen unſers Wohlthäters zu nennen. Dieſen erfuhr ich erſt in ihrer Todesſtunde.“ „Frau Waller iſt todt?“ „Wenige Wochen, nachdem ſie noch durch Ihren Beſuch auf der Carolinen⸗Baſtion erfreut worden war, verlor ich meine Mutter. Ein Herzſchlag machte ihrem Leben ein raſches Ende. Ihre letzten Worte waren: „„Unſer Wohlthäter heißt Ramon Eskobadi, und—“1. Sie konnte den Satz nicht mehr enden und ſchloß ihre Augen, um nie mehr zu erwachen.“ „Hat Ihre Mutter nach meinem Beſuche noch einen Brief von mir erhalten, ehe ſie ſtarb?“ „Nein.“ „Fanden Sie in ihrer Hinterlaſſenſchaft Dokumente aus meiner Feder?“ „Nein.“ „Langte auch nach Anna Waller's Tod kein Brief von mir bei Ihnen an?“ „Nein.“ „Das iſt unmöglich, denn ich habe, etwa drei 153 Monate nach meiner Rückkehr aus Europa, noch an Ihre Mutter geſchrieben.“ „Dann muß der Brief entweder auf hoher See verloren gegangen oder von der europäiſchen Poſt als unbeſtellbar verbrannt worden ſein, da meine Mutter damals ſchon längſt begraben war.“ Eskobadi ſchwieg, aber ſein durchſtechender Blick blieb forſchend und fragend auf Mathilden haften, welche zu ihrem Glück wieder Faſſung genug errungen hatte, um trotz ihrer Seelenangſt den Schein völliger Unbe⸗ fangenheit zu wahren. Offenbar zweifelte der Mörder ihres Vaters noch, ob er von ihr die volle Wahrheit oder nur ein Gewebe von Erdichtungen empfangen. Je länger ſie jedoch ſeinen ſtechenden Blick kühn aus⸗ hielt, deſto mehr begannen die Furchen des Mißtrauens aus ſeinem Geſichte zu verſchwinden. Mehr und mehr kam es ihm unwahrſcheinlich vor, daß Jemand, der ihn zu täuſchen verſuche, mit dem Schein ſolcher Seelen⸗ ruhe und Harmloſigkeit dem Doppelfeuer ſeiner Augen ſtandzuhalten vermöchte. Auch ſprach gerade nichts gegen die Unmöglichkeit der von Mathilden aufgeſtellten Behauptungen. Nicht ſelten gehen ja Briefe auf langen Strecken verloren. Und daß Frau Waller gegenüber ihrer Tochter den Namen Alimonti nie ausgeſprochen, ſowie auch daß ſie alle auf ihr eigenes Schickſal be⸗ ———— — 154 züglichen Papiere vernichtet habe, klang ebenfalls glaub⸗ haft. Verbarg dieſelbe doch, wenn ſie das Unglück des Vaters verſchwieg, zugleich auch die Schande, von der ſie ſelbſt über dem Grabe des Ermordeten ſich hatte beflecken laſſen. Kurz: je tiefer Eskobadi alle Umſtände erwog, deſto näher kam er der Anſicht, daß Mathilde ihn in Wahrheit für den Retter ihrer Mutter halte und weder von dem begangenen Mord eine Ahnung, noch von dem Mörder eine Spur beſitze. Zuletzt be⸗ mächtigte ſich ſeiner ſogar eine gewiſſe Art von Be⸗ ſchämung über das ſtrenge Verhör, das er eben ange⸗ ſtellt. Denn lieferte nicht gerade dieß Verhör ein Zeichen ſeiner ewig regen Furcht? Und was hätte er vernünftiger Weiſe denn von den Beſuche eines ſchwachen Weibes fürchten können,— er, der in ſeinem feſten Caſtell unter dem Schutze von zweihundert und fünfzig Be⸗ waffneten und zudem in Mitte eines Landes ſaß, von deſſen Geſetzen oder vielmehr von deſſen anarchiſchen Zuſtänden all ſeinen Handlungen in Voraus volle Strafloſigkeit verbürgt zu werden ſchien? Mathilde empfand, daß für ihre Perſon vorläufig von Eskobadi nichts mehr zu fürchten ſei und daß ſie jetzt ihre ganze Aufmerkſamkeit der Rettung des Mannes zuwenden könne, wegen deſſen Schickſal ſie ſich hieher gewagt hatte. Auch war ſie entſchloſſen, die günſtige 155 Stimmung, in welche ſie ihren Gegner nun eingewiegt wähnte, nicht unbenützt entſchlüpfen zu laſſen nnd be⸗ gann daher wieder: „Sennore Esköobadi, ich bin hier, um den letzten Willen meiner Mutter zu vollziehen. Wahrſcheinlich wollte meine Mutter, als ein zu raſcher Tod dieſelbe an der Vollendung ihrer Rede hinderte, mir noch einen Auftrag an Sie übergeben. Ich glaube mich deſſelben nach den Abſichten der Verſtorbenen zu entledigen, in⸗ dem ich Ihnen, Sennore Eskobadi, diejenigen Gefühle des Dankes ausdrücke, die meine Mutter Ihnen nicht mehr zollen kann.“ Eskobadi ſchien die Doppeldeutung, deren dieſe Anrede fähig war, nicht zu bemerken. Mit einer ent⸗ gegenkommenden Freundlichkeit, die gegen ſein voriges Lauern und Zurückhalten draſtiſch abſtach, erwiderte er: „Und zugleich wollte die verſtorbene Sennora mich ohne Zweifel erſuchen laſſen, dieſelben Gefälligkeiten, welche ich ihr erwies, auch auf die Tochter zu über⸗ tragen.“ Mathilde erſchrak über dieſe Wendung des Ge⸗ ſpräches, zu der ſie ſelbſt Anlaß gegeben. Jedoch erin⸗ nerte ſie ſich noch rechtzeitig, daß ihr Schrecken nicht ſichtbar werden dürfe, wenn ſie nicht Gefahr laufen wolle, in die bedenkliche Situation, welcher ſie ſo eben 156 glücklich entſchlüpft war, wieder zurückgeſchleudert zu werden. Nach kurzem Bedenken entgegnete ſie: „Solche Großmuth war von Ihnen zu erwarten, Sennore Eskobadi. Es hieße jedoch Mißbrauch mit Ihrer Güte treiben, wenn ich nach dem Vielen, was meine Mutter aus Ihrer Hand empfing, noch länger von Ihrer Kaſſe zehren wollte. Auch bedarf ich ſolcher Unterſtützung nicht. Dennoch möchte ich eine Bitte an Sie wagen,— eine Bitte, die Sie leicht erfüllen könnten und deſſenungeachtet, wie ich fürchte, mir ab⸗ ſchlagen werden.“ „Warum fürchten Sie das, Sennora?“ „Weil Ihre Seele nur Liebe athmet und ich Ihre Beihülfe zu einer Handlung ſuche, die mir vom Haß eingegeben ward!“ Eskobadi, der ſich bequem in einen Lehnſtuhl nieder⸗ gelaſſen hatte, ſchoß mit dem Kopf und Oberkörper raſch vor wie eine hungrige Hyäne, die plötzlich Men⸗ ſchenfleiſch in ihrer Nähe wittert und ihre Geruchsor⸗ gane in Thätigkeit ſetzt. Dann wiederholte er: „Die vom Haß eingegeben ward?— Sennora, tragen Sie Ihr Anliegen vor!“ Mathilde begann: „Sennore Ramon Eskobadi, unter Ihrem Gefolge befindet ſich ein Mann, der meine Mutter beleidigte — 157 und mich betrog. Ich muß ihn heraushaben zu mei⸗ ner freien Verfügung,— muß ihn haben, damit ich ihn quäle, bis an ſeinen Tod quäle, wie vor ihm noch kein Menſch gequält wurde.“ „Der Name dieſes Elenden?“ warf Eskobadi ein. Mathilde fuhr fort: 3 „Ramon Eskobadi, ſehen Sie das ſchuldloſe Kind an meiner Seite! Ich bin ſeine Mutter. Das Kind kam durch einen Betrug zur Welt. Sein Vater iſt ein Schurke— ein Schurke, der mich entehrt und meiner Mutter Handlungen angedichtet hat, die, wenn ſie wahr wären, ihrem Namen nur noch im Buche der Henker Raum ließen.“ „Sie meinen den jungen Mann, den ich von mei⸗ nem Beſuche bei Frau Waller mit mir aus Europa hierher gebracht?“ entgegnete Eskobadi fragend. Mathilde neigte bejahend den Kopf. Eskobadi ſchwieg und ſchien zu überlegen, ob er die Bitte ge⸗ währen oder abſchlagen wolle. Im Grunde lag ihm wenig mehr an Julius. Als Handelsagenten konnte er ihn nach dem Vorgefallenen nicht mehr verwenden, und daß Julius in dem heißen Klima die Laſt der ungewohnten Arbeiten, ohne zu erkranken, nicht mehr lange werde tragen können, ließ ſich faſt mit Beſtimmt⸗ heit vorausſehen. Dann aber war aus ihm gar kein 158 Vortheil mehr herauszupreſſen. Eskobadi, ſo grauſam er auch handeln konnte, verfuhr doch nur dann aus Grundſatz barbariſch, wenn er davon einen Gewinn abſah. Dieß war hier nicht der Fall; und von dieſem Standpunkte aus erwogen, konnte er die Bitte wohl bewilligen. Dennoch kam ihm der Gedanke unerträglich vor, daß er ſein Opfer ſo ganz ohne Gegendienſt jetzt fahren laſſen ſollte. Einen ſolch großmüthigen Handel hatte er noch nie abgeſchloſſen, ſeit die Welt ihn als Tlaskala's erſten Sklavenhändler kannte. Auch jetzt wollte er nicht gegen ſeine Grundſätze verſtoßen und antwortete daher nach kurzem Bedenken: „Sennora, ich finde Ihr Begehren gerechtfertigt. Dennoch verbietet mir zu meinem aufrichtigen Bedauern ein kleines Hinderniß, ihm zu willfahren.“ „Dieß Hinderniß wäre?“ fragte Mathilde raſch und begann vor Erwartung an allen Gliedern fieber⸗ haft zu zittern. „In dem Subſfect ſteckt ein Kapital“, entgegnete Eskobadi mit der widerlichen Ruhe, die den Sklaven⸗ händlern eigen iſt,„ein Kapital, das ich verlieren müßte, wenn ich zu Ihrem Begehren Ja ſagte. Der Taugenichts hat mir Koſten verurſacht. Auf der Hie⸗ herreiſe ließ ich ihn zechen wie einen Prinzen. Hier konnte ich ihn zu nichts brauchen und habe ihn dennoch 4 4 159 ſeit zwei Jahren geſpeiſt, gekleidet und beherbergt. Seine Rechnung bei mir beträgt netto zweitauſend Dollars in amerikaniſchem Gold. Dieß ſoll er mir vor⸗ her noch in meinen Plantagen abverdienen, und dann will ich ihn in des Teufels Namen Ihrer Rache über⸗ laſſen.“ 3 „Wenn hierin das einzige Hinderniß beſteht“, entgegnete Mathilde mit ſchlecht verhehlter Freude, „dann werden wir leicht handelseinig. Die Befrie⸗ digung meiner Rache wiegt ſchwerer als zweitauſend Dollars. Ich bezahle die Rechnung des Elenden.“ „Baar?“ fragte Eskobadi erſtaunt. „In Wechſeln nach Sicht auf das Haus Mancha in Puebla de los Angelos.“ „Von Sennore Mancha acceptirt?“ „Acceptirt!“ „Dann zugeſchlagen! Gratulire zu dem ſchlechten Handel. Das Subject iſt nicht fünf Penns werth.“ „Auch meine Meinung“, ſtimmte Mathilde bei und zählte die Summe in vier Wechſeln zu je fünf⸗ hundert Dollars auf den Tiſch. „In Ordnung, Sennora“, ſchloß Eskobadi und legte die vier Wechſel ſorgfältig in eine große eiſerne Kiſte, in welcher das Gold in Maſſe aufgehäuft war. „Dann noch eine Bitte!“ begann nach einer Pauſe 160 Mathilde wieder, da ihr eben noch rechtzeitig einfiel, wie gefährlich für ſie ſelbſt und für ihren Julius der Augenblick des Wiederſehens werden könnte, wenn er in Eskobadi's Gegenwart einträte.„Die Verpackung der Waare, die ich eben gekauft, ſoll genau nach mei⸗ nen Angaben vollzogen werden. Man ſchließe ihr mit einem Tuch beide Augen und befeſtige ſie ſodann mit auf den Rücken gebundenen Händen am Sattel des Maulthiers, auf dem ich hierher gekommen bin.“ „Ein drolliger Einfall!“ ſchmunzelte Eskobadi, den dieſer vortheilhafte Handel in die heiterſte Laune ver⸗ ſetzt hatte.„Mit verbundenen Augen, geknebelt und hoch zu Eſel! Sennora, ich mache Ihnen das Compli⸗ ment, daß Sie ſich auf den Transport ſolcher Waare verſtehen.“ „Es iſt der Anfang meiner Rache“, entgegnete Mathilde und gab ſich Mühe, ihre Worte durch ein nach Möglichkeit grimmiges Geſicht zu accompagniren. „Der Kerl wird eine Angſt kriegen, wenn er in ſeiner Blindheit bemerkt, daß man ihn auf ein leben⸗ diges Untergeſtell befeſtigt!“ Eskobadi rieb ſich, indem er dieß ſagte, vor Ent⸗ zücken die Hände und fuhr fort: „Mein Leibmohr ſoll ihm vorher noch vom Ritt des Mazeppa erzählen. Dann muß er wähnen, es gehe 161 mit ihm auch unter die Beſtien der Urwälder. Noch⸗ mal mein Compliment, Sennora! Die Tortur iſt ori⸗ ginell und pikant.“ „So geben Sie jetzt Auftrag, dieſelbe auszuführen“, . bat Mathilde, welcher Eskobadi's infernaliſche Freuden⸗ bezeugungen ſelbſt eine moraliſche Tortur bereiteten,— der ſie ſobald als möglich zu entſchlüpfen ſtrebte. „Sogleich, Sennora. Und die Stricke, mit welchen ddeer Kerl feſtgeknüpft wird, betrachten Sie als mein Geſchenk zu dem Handel. Ich bin nie ſchmutzig, wenn es einem guten Werke gilt.“ Eskobadi ertheilte, nachdem er dieſe Worte ge⸗ ſprochen, dem Anführer der Trabanten Befehl, den Auftrag der Sennora zu vollziehen. Dann wendete er ſich wieder gegen Mathilden: „Für eine Sennora, die in Europa erzogen wurde, V haben Sie ſich raſch in unſere Handelsſitten eingelebt. Nochmal mein Compliment! Wenn Weiteres beliebt, ſtehe ich zu Dienſten.“ „Vielleicht, wenn Sennore Eskobadi mich nicht 1 allzu koſtſpielig bedienen will!“ entgegnete Mathilde, die ihren Abſcheu jetzt unter dem Schleier der Schalk⸗ haftigkeit zu verbergen ſuchte. „Wie die Waare, ſo der Preis, Alles prompt und ehrlich“, betheuerte Eskobadi und ſchnitt dabei eine Köberlo, Alles um ein Nichts. I. 11 — anwidernde Grimaſſe.„Ich habe eben ein ausgezeich⸗ netes Sortiment, theuer und billig, jung und alt, männ⸗ lich und weiblich, geſchickt zu feiner Arbeit und bloß zum Felddienſt brauchbar— kurz: von jeder Sorte, wie es gewünſcht wird.“ „Da ich einige Zeit in Puebla zu bleiben gedenke und dort noch nicht eingerichtet bin, ſo ſuche ich vor⸗ läufig eine Wärterin für mein Kind“, erwiderte Ma⸗ thilde und fuhr fort:„Bei meinem Eintritt bemerkte ich im Vorhof eine junge Negerin, die mir nicht übel gefiel. Wie hoch ſteht ſie im Preis?“ „Sie meinen die Schwarze da unten, die eben Gemüſe ſäubert, die Fiore?“ fragte Eskobadi und deu⸗ tete durch das Fenſter auf die artige Sklavin hinab, von welcher Mathilde die ihr ſo nützlich gemwordenen Aufſchlüſſe erhalten hatte. „Ich glaube, die war's“, entgegnete Mathilde mit ſcheinbarer Gleichgiltigkeit.„Iſt ſie brauchbar?“ „Ein Prachtexemplar“, ſchmunzelte Eskobadi und ſchnitt dazu eine wo möglich noch abſtoßendere Grimaſſe. „Juſt dieſe verliere ich ungern; aber was thut man nicht aus Großmuth, wenn es einem ſo hübſchen Balg gilt!“ Er wollte, während er dieß ſprach, die Wange des Kindes ſtreicheln, aber der kleine Maurizio flüchtete —— 163 ſich ängſtlich ſchreiend hinter ſeine Mutter. Ohne wei⸗ tere Notiz von dieſer Störung zu nehmen, fuhr er fort: „Die Schwarze iſt eine wahre Hexe. Weiß der Teufel, woher ſie all das Zeug von Bildung zuſammen⸗ gerafft hat. Sie rühmt ſich prinzlicher Abkunft und will, ehe ſie einem meiner afrikaniſchen Agenten ins Netz ging, von ſpaniſchen Nonnen erzogen worden ſein. Mag wohl etwas Wahrheit hinter der Geſchichte ſtecken. Der ſtrotzende Schwarzkopf mit ſeinen Luchsaugen weiß ſich zu benehmen wie eine Donna. Abermals mein Compliment für Ihre Waarenkunde, Sennoral! Aber dieß Exemplar verliere ich ungern. Es iſt theuer.“ „Wie hoch im Preis?“ „Nicht unter dreitauſend Dollars.“ „Sie werden handeln laſſen!“ „Ich bin Chriſt. Keinen Penns weniger.“ „Ich biete zweitauſend.“ „Faſt reut mich's ſchon, daß ich zu wenig verlangt.“ „Nun denn, abgemacht! Fiore iſt mein. Hier ſind die dreitauſend Dollars!“ Mathilde zählte dem Sklavenhändler die Kaufs⸗ ſumme in drei auf das Haus Mancha lautenden Wech⸗ ſeln zu je eintauſend Dollars auf den Tiſch, worau 7 dieſer ſofort die Schwarze herbeirief und an ihre neue Herrin ablieferte. 11* 164 Fiore ſank, ſobald ſie das Vorgefallene begriffen hatte, zu Mathildens Füßen nieder und küßte unter Freudenthränen deren Hand. „Steh auf und hoffe nicht mehr als Du ver ienſt“, redete Mathilde mit einem Blick auf Eskobadi die Weinende ernſt an.„Du ſcheideſt von einem guten Herrn und wer weiß, ob dieſer Schickſalswechſel Dich nicht vom Regen unter die Traufe führt!“ Fiore blickte erſchreckt zu ihrer neuen Gebieterin empor. Da warf Mathilde einen verſtohlenen Blick ſo milde auf ſie herab, daß ſie ſogleich den Grund der ſtrengen Anrede errieth und ſchweigend, aber innerlich beglückt, ſich erhob. „Sennore Eskobadi“, wendete ſich Mathilde wieder gegen den Sklavenhändler um,„ich hoffe zum Abſchied von Ihnen noch das Compliment zu hören, daß ſie nicht jeden Tag ſo gute Geſchäfte ma⸗ chen, wie heute mit mir.“ „Regnet's nicht, ſo träufelt's, viel aber ſpringt dabei nicht heraus“, entgegnete Eskobadi und rieb ſich mit ſichtlichem Wohlbehagen die Hände.„Ich handle billig, denn ich bin Chriſt, und reite jeden Sonntag früh nach Puebla, um den Gottesdienſt im dortigen Dom nicht zu verſäumen.“ Mathilde empfahl ſich raſch und hatte Mühe, im letzten Augenblick nicht aus ihrer Rolle zu fallen. Die Entdeckung, daß Eskobadi zu jener in Mexico noch ſo zahlreichen Sorte von chriſtlichen Frömmlern gehöre, die man heutzutage auf europäiſchem Boden glücklicher Weiſe nur ſelten mehr mit ſo ſcharf ausgeprägtem Typus findet,— dieſe Entdeckung hatte ihren Abſcheu vor dem Sklavenhändler jetzt plötzlich zu einem ſolchen Grade von Entrüſtung geſteigert, daß ihr ohnehin leicht überſprudelndes Herz bei längerem Verweilen in Ge⸗ fahr gerathen wäre, durch eine ebenſo wohlberechtigte als an dieſer Stelle übel angebrachte Zurechtweiſung ſich ſelbſt und die zwei Perſonen zu verderben, welche von ihr bereits gerettet zu ſein ſchienen. Als ſie zum innern Thore des Caſtells heraustrat, lag Julius, nach Vorſchrift am Kopfe verbunden und an das Thier gefeſſelt, bereits auf dem Rücken ihres Mauleſels, der unten an der Treppe ſtand. „Ergreife den Zügel!“ flüſterte Mathilde Fioren leiſe ins Ohr.„Eile mit der theuren Laſt über den Vorhof durch das äußere Thor hinaus und auf der Straße nach Puebla fort. Ich folge euch mit meinem Kleinen auf dem Fuße nach. Sprich kein Wort und ſieh Dich nicht um!“ Beide ſchritten die Treppe hinab. Fiore trieb das 166 Thier vorwärts, und Mathilde mit ihrem Kleinen auf dem Arm ſchritt hinten nach. So bewegte ſich die ſeltſame Carawane über die Zug⸗ brücke des Laufgrabens hinaus ins Freie, während hin⸗ ter ihnen das äußere Hofthor knarrend ſich wieder ſchloß. Julius weinte laut und ſtöhnte: „Seid barmherzig und ſchlagt mich todt, daß ich nicht im Urwald bei lebendigem Leibe langſam von den Hyänen aufgefreſſen werde!“ Mathilde, der über dieſe Klage faſt das Herz zer⸗ ſprang, warf ſcheu einen Blick auf das Caſtell zurück. Als ſie weit genug von der Mauerumfaſſung entfernt waren, um dort nicht mehr verſtanden zu werden, flüſterte ſie dem Weinenden raſch zu: „Vertrau auf Gott und Deinen guten Engel! Du biſt gerettet.“ „Welch wunderbare Stimme!“ rief Inlius ent⸗ zückt.„Biſt Du wirklich ein guter Engel, den der Him⸗ mel mir zum Troſt ſandte, oder biſt Du ein Menſch? O ſchweige nicht! Sprich weiter! Der Ton klang ſo heimiſch, als ob ich ihn ſchon früher einmal gehört ha⸗ ben müßte. Und dennoch kenne ich Dich nicht. Wer biſt Du? Sprich! o ſprich!“ Aber ſo ſehr auch Julius flehte und bat, Mathilde gab keine Antwort mehr. Sie glaubte bemerkt zu haben, 167 daß ihre Bewegungen von der Wache auf dem Thurme des Caſtells ſcharf beobachtet wurden. Daher ſchritt ſie wieder ſtumm und in gebieteriſcher Haltung der Straße entlang. So ging der Zug fort, bis das Thal des Sklaven⸗ händlers weit hinter ihnen lag und ſie bereits die Stelle erreicht hatten, auf welcher das Weichbild der Hauptſtadt Puebla beginnt und die Macht Eskobadi's endet. Zwölftes Kapitel. Ein himmliſcher Augenblick. „Der Wahn iſt kurz, die Reu' iſt lang.“ Schiller. „Die Gefahr iſt vorüber“, rief Mathilde und ath⸗ mete neu auf.„ZJetzt halt inne, Fiore! Wir dürfen endlich unſern Gefangenen von ſeinen Banden erlöſen.“ Beide wetteiferten in der Haſt, die Stricke auf⸗ zuknüpfen, mit welchen Julius an den Rücken des Thieres gefeſſelt war. Fiore ließ ihn ſanft zur Erde niedergleiten, während Mathilde die Binde von ſeinen Augen abnahm. 4 Julius blickte ſprachlos zu den zwei Frauengeſtal⸗ ten empor. Ihm fehlte noch das Verſtändniß für die⸗ ſen Auftritt. Er fand keinen Ausdruck für das, was in ſeiner Seele vor ſich ging. War es nur ein Traum 169 geweſen, daß er gefeſſelt und geblendet den Beſtien der Urwälder zur Speiſe überantwortet werden ſollte? Oder begann ſich an ihm eben der zweite Theil der Geſchichte Mazeppa's zu wiederholen, welchen, ehe er den Wölfen zur Beute fiel, mitleidige Menſchen wieder vom wilden Pferde losbanden und ſpäter ſogar zum Fürſten der Ukraine erhoben? Träumte er vielleicht nur von einem lieben Bilde aus vergangenen Tagen, das oft ſchon in ſeiner Phantaſie aufgetaucht war und ihm bald ein liebreiches, bald ein kummererfüllt vor⸗ wurfsvolles Antlitz gezeigt hatte? Oder ſtand das Ori⸗ ginal jenes Bildes jetzt wieder leibhaft und lebendig vor ihm? Er wußte nicht, wie ihm geſchah, und ſchaute faſt ſcheu zu Mathilden empor, die mit liebeſtrahlendem Auge ſanft auf ihn herabblickte. „Erkennſt Du mich nicht, mein Julius?“ begann Mathilde mit unbeſchreiblich weicher Stimme.„Er⸗ kennſt Du Deine Braut nicht mehr? Es iſt Wirklich⸗ keit, was Du ſiehſt!“ „Kein Traum?“ fiel Julius noch ungläubig ein und rieb mit der Hand ſeine Augen, als ob ein Flor über ſeine Sehkraft ausgebreitet läge.„Du, Mathilde, Du meine Befreierin?“ „Und hier unſer Kind!“ fuhr Mathilde mit Innig⸗ keit fort.„Julius, die Vorſehung leitete uns auf 170 anderm Wege, als wir erwartet, an das erſehnte Ziel. Du zogſt in die weite Welt hinaus, um die Bauſteine für unſern häuslichen Herd zu ſuchen, indeß ſie mich dieſelben in Deiner Heimath finden und Dir hierher nachtragen ließ.“ Julius blickte noch immer ſcheu auf ſie und fuhr dann wieder mit der Hand über ſeine Augen, wie wenn er dadurch das Dunkel wegwiſchen könnte, in welchem ſeine Seele noch befangen lag. Er brauchte lange, ehe er ſich aus den furchtbaren Eindrücken der unmittelbaren Vergangenheit wieder erholen und in den lächelnden Sonnenſchein der Gegenwart hineinfinden konnte. Mathilde mußte ihm vorher genau Alles er⸗ zählen, was ſich ſeit ſeiner Abreiſe aus der Heimat bis zum Moment ſeiner Befreiung mit ihr zugetragen. Sie that es mit einer Wärme und Schonung, deren nur die wahre Liebe fähig iſt. Endlich ſank er unter einem Strom von Freuden⸗ thränen in ihre Arme, und wenn wir in ſein Inneres hätten hineinſchauen können, ſo müßten wir vielleicht bezeugen, daß er unter der hinreißenden Gewalt des Augenblicks zugleich den ernſten Vorſatz faßte, fortan wieder ehrlich zu werden und an der Seite ſolch eines aufopfernden Weibes ein neues Leben zu beginnen. Mathilde war überſelig. ͤ 4 171 Fiore ſtand, den Zügel des Maulthiers haltend, in einiger Entfernung und ſchaute ernſt auf die Gruppe der zwei Liebenden. In ihren Geſichtszügen ſpiegelte ſich ein eigenthümliches Gemiſch von inniger Theilnahme und tiefer Betrübniß ab. Sei es, daß ſie eben ihre eigene Vereinſamung mit dem Liebesbund ihrer Her⸗ rin verglich, ſei es daß ſie Julius' edler Aufwallung keinen Beſtand zutraute und für Mathilden Schlimmes fürchtete,— ſichtlich ſtritten ſich in ihrer Seele Freude und Schmerz um den Vorrang. Mathilde war zu ſehr dem Drang ihrer Gefühle und den Aeußerungen des Geliebten hingegeben, um dieſe Anwandlung ihrer Dienerin wahrnehmen zu kön⸗ nen. Freudeſtrahlend wendete ſie ſich endlich auch ge⸗ gen die Negerin um und reichte ihr die Hand: „Fiore, Deinen Rathſchlägen habe ich es danken, daß ich mit meiner koſtbaren Beute der Höhle des Tigers glücklich entrann. Daher trug ich nur eine heilige Schuld ab, als ich auch Dir ein Gut wieder erwarb, welches das gemeinſame und unantaſtbare Eigenthum aller Menſchen ſein ſollte.“ „Wie, Sennora“, fiel die Negerin ein, indem ihr Auge hell zu glänzen begann,„wie darf ich dieſe Worte deuten?“ „Muß ich Dir erſt ſagen, daß ich Dich nicht zu meiner Sklavin gekauft, ſondern Dich aus der Skla⸗ verei erlöſt habe?“ fragte Mathilde mit unbeſchreiblich wohlthuender Sanftmuth und ſetzte hinzu:„Fiore, Du biſt frei!“ Die Negerin ſank zu Mathildens Füßen und be⸗ netzte küſſend mit ihren Thränen deren Hand. „Sennora“, begann ſie und ſah mit einem Blick, in dem ſich die innigſte Dankbarkeit abſpiegelte, zu ihrer Herrin empor,„Sennora, der Gott der Sonne S. möge Ihnen Ihre Großmuth lohnen, ich vermag es nicht. Aber laſſen Sie mich wenigſtens einen Theil meiner Schuld abtragen, indem Sie mir erlauben, Ihre Dienerin zu bleiben!“ „Liebes Kind“, entgegnete Mathilde,„Du haſt in Deiner Heimat vielleicht noch theure Eltern, Geſchwiſter und Freunde, die um Dich trauern, die ſich nach dem Tag Deiner Heimkehr als dem Tag ihrer höchſten Freude ſehnen. Ich will nicht, daß Du aus einem Gefühl der Dankbarkeit gegen mich, welches ich hoch ehre, Familie und Vaterland noch länger entbeh⸗ ren ſollſt. Du ſelbſt darfſt, kannſt und ſollſt Dein Schickſal beſtimmen. Verfüge ganz nach der Eingebung Deines Herzens darüber!“ „Theure Sennora“, entgegnete Fiore,„wohl beſaß ich einſt das, was Sie Familie nennen. Mein —— ——— — — 173 Vater war der Fürſt des Stammes. Er ließ uns Kindern eine ſpaniſche Erziehung geben. Wir lebten ſehr— ſehr glücklich. Jetzt liegt das Glück weit hin⸗ ter mir. Dieſelbe Nacht, welche mich in Sklaverei ſtürzte, bettete meine Eltern und Geſchwiſter ins Grab. Niemand in meinem Vaterland wartet auf mich, und wenn ich ſelbſt über meine Zukunft verfügen darf, ſo ſpreche ich den Wunſch aus, daß die Sennora mich bei ſich behalten möge.“ „Dann bleibe und werde mir eine Freundin“, antwortete Mathilde zart, indem ſie die Negerin an ſich zog und einen Kuß auf ihre Stirne drückte. „Vielleicht kann die Sennora, deren Freundſchaft ich zu verdienen ſtrebe, meine Dienſte noch brauchen“, bemerkte Fiore mit einem Seitenblick auf Julius, welcher dieſen ganzen Auftritt ſo verdächtig ſcharf beobachtet hatte, daß faſt zu vermuthen ſtand, er berechne eben die Größe des Verluſtes, welcher durch die Freilaſſung der Negerin der Kaſſe ſeiner Braut zugefügt worden war. Mathilde hatte weder das auffallende Kopfſchütteln ihres Bräutigams bemerkt, noch legte ſie jetzt der Be⸗ theurung ihrer ſchwarzen Freundin einen tiefern Sinn unter. Sie war von dem beſeligenden Gedanken, heute zwei Menſchen glücklich gemacht zu haben, noch zu ſehr erfüllt, als daß in dieſem Augenblicke irgend eine Be⸗ ſorgniß für die Zukunft in ihrer Seele Raum hätte finden können. Deſto beſſer hatte Julius die Anſpielung der Schwarzen verſtanden. Er biß ſich ärgerlich in die Lippen, ſchien aber den Moment für deutlichere Er⸗ klärungen nicht geeignet zu finden. Sich harmlos ſtel⸗ lend, deutete er auf die bereits ſinkende Sonne und gemahnte an die Nothwendigkeit, noch vor Einbruch der in dieſer Gegend raſch eintretenden Finſterniß ein Nachtquartier zu ſuchen. Seine Aufforderung brauchte nicht wiederholt zu werden. Mathilde reichte ihm den Arm und ſie wan⸗ derten nun ſchnellen Schrittes der Hauptſtadt zu. Die Vesperglocke des Doms lud eben zum Ave Maria, als die zwei Liebenden mit Fioren durch das äußere Thor in die Hauptſtraße einbogen und bald darauf in einem der bequemſten Gaſthäuſer von Puebla Herberge nahmen. Puebla iſt ein eigenthümlicher Ort. Wie noch vor Kurzem von der älteſten Welthauptſtadt Europa's, ja faſt in noch höherem Grade, läßt ſich auch von ihm ſagen: les extrèmes se touchent. Bigotterie und Unglaube, zügel⸗ loſe Ungebundenheit und drückende Sklaverei kreuzen ſich hier hart neben und durch einander. An Pracht und an Reichthum ſeiner ſechzig Kirchen und an Glanz der klerikalen Cermonien überragt Puebla vielleicht all 175 andern Städte der Chriſtenheit. Es iſt in Wahrheit ein mexikaniſches Rom und verdient in dieſer Beziehung den Beinamen de los Angelos oder Engelſtadt, obwohl es in ſeinen Mauern auch einen der berüchtigſten Skla⸗ venmärkte des amerikaniſchen Continents beherbergt. Vor Allem haben die Spanier, welche Puebla de los Angelos im Jahre 1533 nach europäiſcher Art erbau⸗ ten, den Dom mit verſchwenderiſchem Reichthum aus⸗ geſtattet. Dieſes majeſtätiſche Gotteshaus kann, wenn auch gerade nicht durch ſeine Größe oder durch die Reinheit ſeines Geſchmackes, ſo doch durch ſeine Ori⸗ ginalität und durch den materiellen Werth ſeiner Aus⸗ ſtattung mit den berühmteſten Kathedralen der alten Welt um den Vorrang wetteifern. Acht Tage nach Mathildens Einzug in Puebla de los Angelos wurde in einer Seitenkapelle des Doms eine ſtille und, wie es ſchien, zwei Seelen beglückende Feier begangen. Julius und Mathilde erhielten am Altare den prieſterlichen Segen zu ihrem Herzensbunde. Julius hatte vorher noch ſeiner Braut die heiligſten Betheurungen gemacht. Mathilde ſah jetzt den höchſten ihrer Wünſche erfüllt. Selbſt beſeligt, durfte ſie mit Recht hoffen, durch die Hand ihres Gemahls bald auch Andere beſeligen und ſo den Fluch ſühnen zu können, der auf ihrer Familie laſtete. — 2 — ——— 176 „Das war eine himmliſche Stunde“, flüſterte ſie beim Heraustreten aus der Kathedrale ihrem Gatten zu. Möge ſie in ihren Nachwirkungen uns als Sonne leuchten durch das ganze Leben!“ „Amen!“ entgegnete Julius mit frommer Miene. Und dennoch hatte gerade dieſer erſte ſcheinbar wolkenlos heitere Tag in Mathildens bewegtem Leben eine Saat gelegt, deren Drachenzähne nur allzubald groß wuchſen und die erträumten Paradieſe der Zu⸗ kunft auf immer zerſtörten. Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. , —— 2* G 3 — nnſn ſſſſſſſnſſſſiſnſſſ 6 12 1 ſnſſinſ 7 3 2 lto I 15 1 n 4 6 17 1 1 9 7 4 1 8— . 4 5 5 K 3 ³ 4 1 3 1 S 8———