X 4—= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur .. von.. 5 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme interlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ꝗo--———— e 4 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 8 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 3 87„.„„ 2 2, 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloörene und 4 —defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ] Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſſl lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt e der Leſer ſunn Erſatz des Ganzen verp flichtet.—. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird I beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Leiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ d ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. N ———=— 1 1 — —j— Eroberung Granada's, aus den Papieren Bruders Antonio Agapida, von Waſhington Irving. 3 3 Aus dem Engliſchen überſetzt von K. Meurer. — 2 2———2·„4 yͤ̈—— Frankfurt am Main, 1829. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer. Vorrede. Wenn auch die hier folgende Chronik den Namen des ehrwürdigen Bruders Antonio Agapida an der Stirne traͤgt, ſo iſt ſie doch eigentlich eine Ueber⸗ arbeitung der Bruchſtücke, welche von ſeinem Werke noch übrig ſind. Man könnte fragen, wer iſt die⸗ ſer Agapida, der mit ſo großer Ehrerbietung ange⸗ führt wird, und deſſen Name doch in keinem der Verzeichniſſe ſpaniſcher Schriftſteller zu finden iſt? Die Beantwortung dieſer Frage iſt ſchwierig; er ſcheint einer der vielen unermüdlichen Schreiber ge⸗ weſen zu ſeyn, welche die Bibliotheken der Klöſter und Cathedralen Spaniens mit ihren Bänden ange⸗ füllt haben, ohne je ſich beikommen zu laſſen, ihre Arbeiten unter die Preſſe zu bringen. Er war offenbar tief und genau in die Einzelnheiten der Kriege zwiſchen ſeinen Landsleuten und den Mau⸗ ren eingeweiht,— ein Stück aus der Geſchichte, das nur zu ſehr mit den Diſteln der Fabel über⸗ wachſen iſt. Auch berechtigt ihn ſein warmer Eifer für die Sache des katholiſchen Glaubens zu einer Stelle unter den guten alten orthodoxen Chroni⸗ ſten, welche mit ſo frommer Herzenserhebung die vereinten Triumphe des Kreuzes und Schwertes beſchrieben. Es iſt daher ſehr zu beklagen, daß ſeine, in die Bibliotheken verſchiedener Klöſter nie⸗ dergelegten Handſchriften, während der letzten Krämpfe in Spanien, zerſtreut worden ſind, ſo daß ſich jetzt von ihnen nur noch abgeriſſene Bruchſtücke finden. Doch ſind dieſe zu koſtbar, um ſie in Vergeſſenheit gerathen zu laſſen, da ſte viele ſeltſame Thatſachen enthalten, welche bei keinem andern Geſchichtſchrei⸗ ber zu finden ſind. So werden denn in das bhier folgende Werk die Handſchriften des würdigen Bru⸗ ders Antonio aufgenommen werden, ſo oft ſie noch vollſtändig da ſind, oder man wird ſie durch Citate aus verſchiedenen Schriftſtellern, ſpaniſchen und ara⸗ biſchen, die dieſen Gegenſtand behandelt haben, er⸗ gänzen, erweitern, erklären und erweiſen. Die ☛ Handſchriften ſelbſt werden ſorgfaͤltig in der Biblio⸗ thek des Eskurial aufbewahrt. Ehe wir zur Geſchichte ſelbſt uͤbergehen, möchte es dienlich ſeyn, die Anſichten einiger der gelehrte⸗ ſten und frömmſten Geſchichtſchreiber früͤherer Zeiten von dieſem Krieg anzuführen. Marinus Siculus, Hiſtoriograph Karls V, nennt ihn einen Krieg der Rache für die den Chriſten von den Mauren ſeit uralter Zeit zugefügte Schmach; einen Krieg zur Wiedererwerbung des Königreichs Granada; zur Verbreitung des Namens und Ruhmes des chriſt⸗ lichen Glaubsns.(Lucio Marino Siculo, Cosas Mem. de Espafa, lib. XX.) Eſtevan de Garibay, einer der ausgezeichnetſten unter den ſpaniſchen Geſchichtſchreibern, ſieht in die⸗ ſem Krieg einen ganz beſondern Akt der göttlichen Gnade gegen die Mauren, damit nämlich dieſe Bar⸗ baren und Ungläubigen, welche ſo viele Jahrhunderte unter dem teufliſchen Druck der tollen Sekte Muha⸗ med's hingelebt, endlich zum chriſtlichen Glauben zurückgeführt werden möchten.(Garibay, Com- pend. Hist. Espana, lib. XVIII, c. 22.) Auch Pader Mariana, ein ehrwürdiger Jeſuit und der berühmteſte ſpaniſche Geſchichtſchreiber, be⸗ trachtet die früͤhere Herrſchaft der Mauren als eine der ſpaniſchen Nation ihrer Ungerechtigkeit wegen auferlegte Plage, aber den triumphvollen Krieg mit Granada als die Belohnung des Himmels für den großen Sühnakt, die Errichtung des glorreichen Tribunals der Inguiſition!«Nicht ſobald,⸗ ſagt der würdige Pader, awar das heilige Offizium in Spa⸗ nien eröffnet, als plötzlich erſchien ein glänzendes Licht. Da wachs durch göttliche Huld die Nation an Macht, und ward kraͤftig, umzuſtoßen und zu zer⸗ treten die Herrſchaft der Mauren.(Mariana, Hist. Espana, lib. XXV, c. 1.) Nachdem wir ſo hohe und ehrwürdige Autoritä⸗ ten angeführt, die dieſen Krieg aus dem Geſichts⸗ punkte jener frommen Unternehmungen betrachten, welche man Kreuzzüge nennt, glauben wir genug geſagt zu haben, um den chriſtlichen Leſer aufzu⸗ muntern, uns in's Feld zu folgen und bei uns aus⸗ zuharren bis zum Ausgange des Kampfs. Erſtes Kapitel. Von dem Königreich Grauada, und dem Tribut, den es der Caſtiliſchen Krone bezahlte. — Die Geſchichte jener verzweifelten, blutigen Kriege, be⸗ merkt Bruder Antonio Agapida, welche die Welt mit Lärm und Staunen erfüllt, und das Schickſal mächtiger Reiche beſtimmt haben, iſt immer als ein würdiger Stoff für die Feder des Philoſophen und das Studium des Weiſen angeſehen werden. Wie vielmehr muß dieß bei der Geſchichte eines heiligen Kriegs oder beſſer eines from⸗ men Kreuzzugs der Fall ſeyn, der von dem katholiſchſten aller Monarchen für die Wiederherſtellung des Lichtes des wahren Glaubens in einer der ſchönſten, aber von Nacht umfangenen Gegend des Erdkreiſes unternommen ward? Hört denn, aus der Einſamkeit meiner Zelle erzähl' ich die Begebenheiten der Eroberung Grana⸗ da's, wo chriſtliche Ritter und beturbante Ungläubige, Mann gegen Mann ſich jeden Fuß breit von dem ſchönen Lande Andaluſien ſtreitig machten, bis der Halbmond, ie⸗ — 10— nes Symbol heidniſchen Greuels, in den Staub getreten ward, und das geſegnete Kreuz, der Baum unſrer Erlö⸗ ſung, an ſeiner Statt ſich erhob. Mehr als achthundert Jahre waren vergangen und vorüber, ſeit die arabiſchen Eroberer den Untergang Spa⸗ wiens durch die Niederlage Don Rodericks, des letzten ſeiner gothiſchen Könige, beſiegelten. Seit dieſer unſeli⸗ gen Begebenheit war Königreich nach Königreich allmäh⸗ lig von den chriſtlichen Fürſten wiedererworben worden, bis das einzige aber mächtige Gebiet von Granada allein noch der Herrſchaft der Mauren übrig blieb. Dieſes berühmte Reich war in dem ſüdlichen Theil Spaniens gelegen, vom mittelländiſchen Meer begrenzt, und von der Landſeite durch hochragende, ſteile Berge vertheidigt, welche in ihren Armen tiefe, reiche, grünende Thäler einſchloſſen, wo die Dürre der umgebenden An⸗ höhen durch üppige Fruchtbarkeit vergolten w»d. Die Stadt Granada lag is dem Mittelpunkte des Reichs, geborgen gleichſam in dem Schooße der Sierra Nevada, oder Schnee⸗Gebirgskette. Sie bedeckte zwei hohe Hügel, und ein tiefes Thal, das dieſe trennt, und von dem Darro durchſtrömt wird. Einer dieſer Hügel wurde von dem königlichen Pallaſte und der Feſte Alham⸗ bra begrenzt, die wohl vierzig Tauſende in ihren Wällen und Thürmen zu faſſen vermag. Es geht eine Mauriſche Sage, daß der König, der dieſe mächtigen Maſſen baute, erfahren war in verborgener Wiſſenſchaft, und durch Alchymie ſich das Gold und Silber dazu verſchaffte, ——— — 11— (Zurita, fib. XX, c. 42.) Sicher ward nie ein Gebäude in höherem Styl roher Pracht vollendet, und der Fremde, welcher noch heut zu Tage durch ſeine ſchweigenden, ver⸗ laſſenen Höfe und verfallenen Hallen wandelt, ſchaut mit Verwunderung auf ſeine vergoldeten, gerieften Kuppeln, ſeinen verſchwenderiſchen Schmuck, der noch Glanz und Schönheit, den Verwüſtungen der Zeit zum Trotz, zu⸗ rückbehalten hat. Dem Hügel, worauf Alhambra ſtand, gegenüber war der andere, verbrüderte Hügel, auf deſſen Gipfel eine ge⸗ räumige Ebene war, mit Häuſern bedeckt, mit Wohnern gefüllt. Er ward von einer Feſte, Alcazaba, beherrſcht. Die Abhänge und Ränder dieſer Hügel waren mit Häu⸗ ſer, an der Zahl ſiebzigtauſend, beſetzt, die durch enge Straßen und kleine Plätze, nach der Sitte mauriſcher Städte, getrennt wurden. Die Häuſer hatten im Innern Höfe und Gärten, von Springbrunnen und rieſelnden Bächen erfriſcht, mit Orangen, Citronen und Granat⸗ äpfeln beſetzt, ſo daß, da die Gebäude der Stadt an den Seiten des Hügels eins über das andere hinausrag⸗ ten, ſie einen Anblick, halb Stadt, halb Hain darboten, lieblich anzuſehen. Das Ganze war mit hohen Mauern umgeben, drei Meilen im Umkreis, mit zwölf Thoren, und geſchirmt durch tauſend und dreißig Thürme. Die hohe Lage der Stadt und die Nähe der Sierra Ne⸗ vada, die beſtändiger Schnee krönte, mäßigte die flam⸗ menden Strahlen der Sonne, und ſo, während andere Städte unter der ſchwülen, ſtechenden Hitze der Hunds⸗ — 12— tage bangten, ſpielten die heilſamſten Weſte durch die Marmorhallen Granada's. Der Stolz der Stadt indeß war ihre Vega, oder Ebene, die auf ſieben und dreißig Meilen im Umkreis ſich ausdehnte, von hohen Bergen umgeben. Es war ein weiter Luſtgarten, erfriſcht von zablreichen Quellen und den Silberwindungen des Tenil. Die Arbeit und Ge⸗ ſchicklichkeit der Mauren hatte die Waſſer des Fluſſes in tauſend Flüßchen und Bäche abgelenkt, und ſie über die ganze Ebene verbreitet. Wirklich, ſie hatten dieſe glück⸗ liche Gegend zu einer Höhe wunderbarer Glückſeligkeit hinaufgeſteigert, und fanden ihren Stolz darin, ſie zu ſchmücken, als wär's eine begünſtigte Geliebte. Die Ki⸗ gel waren mit Obſtgärten und Weinbergen bekleidet, die Thäler mit Anlagen eingefaßt, und die weiten Ebenen bedeckt mit fluthendem Korn. Hier ſah man in Fülle die Orange, Citrone, die Feige und Apfelſine, mit weiten Plantagen von Maulbeerbäumen, von denen man die feinſte Seide gewann. Die Rebe klimmte von Baum zu Baum, die Trauben hingen in reichen Büſcheln um des Land⸗ manns Hütte, und die Haine wurden von dem beſtändi⸗ gen Geſang der Nachtigall ergötzt. Kurz, ſo ſchön war die Erde, ſo rein die Luft, ſo heiter der Himmel dieſes anmuthigen Landes, daß die Mauren ſich das Paradies ihres Propheten in dem Theil der Himmelswölbung dach⸗ ten, welcher über dem Königreich Granada hing.(Juan Botero Benes, Relaciones Universales del Mundo.) Dieß reiche, beyölkerte Gebiet war im ruhigen Beſitz — 13— der Ungläubigen unter der Bedingung gelaſſen worden, daß dem Beherrſcher von Caſtilien und Leon ein jähr⸗ licher Tribut von zwei tauſend Doblas oder Goldpiſto⸗ len bezahlt, und ſechszehn hundert chriſtliche Gefangene oder in deren Ermangelung eine gleiche Anzahl Mauren als Sklaven übergeben würden, welches alles in Cordova abgeliefert werden ſollte.(Garibay, Compenqd. lib. IV, c. 25.) Zur Zeit, wo dieſe Chronik beginnt, herrſchten Fer⸗ dinand und Jſabella, glorreichen und glücklichen Anden⸗ kens, über das vereinigte Königreich Caſtilten, Leon und Arragonien, und Muley Aben Haſſan ſaß auf dem Throne von Granada. Dieſer Muley Aben Haſſan war ſeinem Vater Iſmael 1465 nachgefolgt, während Heinrich IV, der Bruder und unmittelbare Vorgänger der Königin Iſabelle, König von Caſtilien und Leon war. Er ſtammte aus dem hohen Ge⸗ ſchlechte Muhameds Aben Alamar, des erſten Mauriſchen Königs von Granada, und war der mächtigſte ſeiner Linie. Er hatte ſeine Macht durch den Fall anderer Mauriſchen Reiche vermehrt, die von den Chriſten erobert worden. Viele Städte und feſte Plätze der Reiche, welche Granada nahe lagen, hatten ſich geweigert, chriſt⸗ lichen Lehnsherrn ſich zu unterwerfen, und ſich unter den Schutz Muley Aben Haſſan's geflüchtet. Sein Gebiet hatte ſo an Reichthum, Ausdehnung und Bevölkerung beiſpiellos gewonnen und enthielt vierzesn Städte und ſieben und neunzig Feſten, die zahlreichen, mit Wällen — 14— umgebenen Flecken und durch furchtbare Burgen verthei⸗ digte Dörfer nicht gerechnet. Muley Aben Haſſan's Stolz ſchwoll mit ſeinen Beſitzungen. Der Tribut an Geld und Gefangenen war von ſei⸗ nem Vater Iſmael regelmäßig bezahlt worden, und Mu⸗ ley Aben Haſſan war ein Mal perſönlich in Cordova bei der Bezahlung zugegen geweſen. Er war Zeuge von dem Trotz und Hohn der hochfahrenden Caſtilianer, und ſo ſehr ward der ſtolze Sohn Afrik's über das, was er als Erniedrigung ſeines Geſchlechts betrachtete, mit Unwillen erfüllt, daß ſein Blut kochte, ſo oft er ſich des demüthigenden Auftritts erinnerte. Als er zum Thron gelangte, ſtellte er alle Tributzah⸗ lungen ein, und ſchon die Erwähnung derſelben verſetzte ihn in einen Anfall von Wuth.«Er war ein ſtolzer, kriegeriſcher Ungläubiger,» ſagt der katholiſche Bruder Antonio Agapida,«ſein Haß gegen den heiligen chriſt⸗ lichen Glauben hatte ſich in Schlachten zu Lebzeiten ſei⸗ nes Vaters kundgethan, und derſelbe teufliſche, feindſelige Geiſt ward ſichtbar, als er jenen ſo ſehr rechtmäßigen Tribut nicht ferner bezahlte.“» 4₰ 4‿₰„ — 15— Zweites Kapitel. Wie die katholiſchen Fürſten ſchickten, um den rückſtändigen Tribut vom Mauren zu verlangen, und was der Maure entgegnete. Im Jahr 1478 langte ein Spaniſcher Ritter von mäch⸗ tiger Geſtalt und ſtolzer Haltung vor den Thoren Gra⸗ nada's als Geſandter von den katholiſchen Monarchen an, um den rückſtändigen Tribut zu fordern. Sein Name war Don Juan de Vera, ein eifriger und from⸗ mer Ritter, voll Eifer für den Glauben, und Anhaͤng⸗ lichkeit an die Krone. Er war ſtattlich beritten, an al⸗ len Enden bewaffnet und von einem mäßigen aber wohl⸗ geordneten Gefolge geleitet. Die Mauriſchen Einwohner ſahen mit eiferſüchtigen Blicken auf dieſen kleinen aber ſtolzen Trupp Spaniſcher Ritter, als er mit jener nur den Spaniſchen Cavalieren eigenen Stattlichkeit durch das berühmte Thor von El⸗ vira durchſchritt. Sie ſtaunten über das ernſte, ſtolze Benehmen Don Inan's de Vera, und über ſeinen ner⸗ vichten Bau, der für ſchwere Waffenthaten geſchaffen ſchign. Sie glaubten, er ſey gekommen, um durch Herausforde⸗. rung der Mauriſchen Ritter im offenen Turnier oder in dem bekannten Lanzenbrechen, worin ſie ſo berühmt wa⸗ ren, Auszeichnung zu ſuchen., Denn es war noch bei — 16— den Rittern beider Nationen Sitte, in dieſen edlen, rit⸗ terlichen Kämpfen während der Zwiſchenräume des Kriegs, ſich zu verſuchen. Als ſie aber hörten, er ſey gekommen, jenen den Ohren ihres ſtolzen Monarchen ſo widerlichen Tribut zu fordern, bemerkten ſie, es brauche einen Krie⸗ ger von ſeiner augenſcheinlichen Stärke, um ſich ſolch ei⸗ ner Botſchaft zu entledigen. Muley Aben Haſſan empfing den Ritter mit Gepränge; er ſaß auf einem koſtbaren Divan, umgeben von den Dienern ſeines Hofs, in der Geſandtenhalle, einem der prachtvollſten Gemächern des Alhambra. Als de Vera ſeine Botſchaft eröffnet, kräuſelte ein vornehmes, bitte⸗ res Lächeln die Lippe des ſtolzen Herrſchers.«Sagt eu⸗ ren Herren,» begann er,«daß die Könige von Granada, die der Caſtiliſchen Krone Tribut in Geld zu bezahlen pflegten, verſtorben ſind. Unſere Münze gegenwärtig prägt nur Säbelklingen und Lanzenſpitzen.) Garibay, Compend. XI, 29. Conde, Hist. de los Arabes, IV, 34. Die in dieſer kühnen Antwort liegende Herausforde⸗ rung wurde von Don Juan de Vera mit ernſter, hoher Ritterlichkeit angehört; denn er war ein tapfrer Soldat und erklärter Haſſer der Ungläubigen. Er ſah eiſernen Krieg in den Worten des Mauriſchen Herrſchers. Er verließ mit ſtattlicher, ceremoniöſer Gravität das Audienz⸗ zimmer, da er Meiſter war in allen Punkten der Eti⸗ kette. Als er durch den Löwenhof ſchritt, und ſtehen blieb, deſſen geprieſene Fontaine zu betrachten, gerieth er in eine Unterredung mit den Mauriſchen Höflingen — 17— über gewiſſe Geheimniſſe des chriſtlichen Glaubens. Die von dieſen Ungläubigen vorgebrachten Beweiſe, ſagt Bru⸗ der Antonio Agapida, erregten den frommen Unwillen dieſes ſehr chriſtlichen Ritters und klugen Geſandten, aber dennoch hielt er ſich in den Grenzen ſeines hohen Ern⸗ ſtes, indem er ſich auf ſeinen Degenknopf lehnte, und mit unausſprechlicher Verachtung auf die ſchwachen Ca⸗ ſuiſten um ihn herabſah. Die ſchnellen, feinen Arabiſchen Witzlinge verdoppelten ihre leichten Angriffe auf dieſen ſtattlichen Spanier, und meinten, ſie hätten ihn gänzlich im Streit darnieder gemacht; aber der ernſte Juan de Vera hatte einen Beweis im Rückhalt, auf den ſie we⸗ nig vorbereitet waren; denn an einem von ihnen, aus dem Stamm der Abencerragen, der mit einem Naſerüm⸗ pfen die unbefleckte Empfängniß der gebenedeiten Jung⸗ frau in Zweifel zog, konnte der katholiſche Ritter nicht länger ſeinen Zorn zurückhalten; plötzlich ſeine Stimme erhebend, ſagte er dem Ungläubigen, er lüge, und zu gleicher Zeit mit dem Arm ausholend, ſchlug er ihm das Haupt mit dem unentblößten Schwerte. 4 In einem Augenblick erglitzerte der Löwenhof von dem Blitz der Waffen, und ſeine Brunnen würden mit Blut gefärbt worden ſeyn, hätte nicht Muley Aben Haſſan den Lärm gehört, und alle Gewaltthätigkeit verboten, indem er die Perſon des Geſandten für heilig erklärte, ſo lange er in ſeinem Gebiet ſich befände. Der Aben⸗ cerrage ſparte die Erinnerung an die Beleidigung auf, bis die Stunde der Rache käme, und der Geſandte bat Irving's Granada, 1— 3, 3 2 — 18— zu unſrer gebenedeiten Frauen, ihm eine Gelegenheit zu verleihen, ihre unbefleckte Empfängniß auf dem Haupte dieſes beturbanten Ungläubigen zu erweiſen.* Trotz dieſes Vorfalls wurde Don Juan de Vera mit großer Auszeichnung von Muley Aben Haſſan behandelt, aber nichts konnte ihn ſeiner ernſten, ſtattlichen Zurückge⸗ haltenheit abtrünnig machen. Vor ſeiner Abreiſe ward ihm von dem König ein Säbel geſchickt; die Klinge vom feinſten Damaſcener Stahl, der Griff von Agat, mit Edelſteinen beſetzt und das Gehänge von Gold. De Vera zog ihn, und lächelte bitter, als er die bewunde⸗ rungswürdige Härtung der Klinge gewahrte. Se Ma⸗ jeſtät hat mir eine ſchneidende Waffe gegeben,nv ſagte er, aich hoffe, eine Zeit wird kommen, wo ich zeigen kann, daß ich das königliche Geſchenk zu gebrauchen weiß.» Dieſe Worte wurden als eine Artigkeit ausgelegt, die Umſtehenden merkten wenig von der bittern Feindſchaft, die darin lag. Don Juan de Vera und ſeine Begleiter erforſchten während ihres kurzen Aufenthalts zu Granada als er⸗ fahrne Kriegsleute die Stärke und Lage des Mauren⸗ *) Der Aufſeher über die Palläſte gedenkt auch dieſer Anek⸗ dote, aber er erwähnt ihrer, als wenn ſie bei einer ſpä⸗ tern Getegenheit vorgefalten, als Don Juan de Vera wegen Unterhandlung über gewiſſe chriſtliche Gefangene geſandt ward. Wir haben jedoch allen Grund, Bruder Antonio Agavida, in Hinſicht der Zeit, wohin er ſie ſetzt, zu folgen. Sie ſahen, daß er auf Feindſeligkeiten wohl vorbereitet war. Seine Wälle und Thürme waren von großer Fe⸗ ſtigkeit, in vollkommnem Zuſtand, und mit Donnerbüch⸗ ſen und anderm ſchweren Geſchütz verſehen. Seine Von rathshäuſer waren wohl ausgeſtattet mit allem Kriegsbe darf, er hatte ein mächtiges Heer Fußvolk nebſt Reutey geſchwader, bereit das Land zu durchziehen, und abweh⸗ renden oder Raub⸗Krieg zu führen. Die chriſtlichen Krie⸗ ger bemerkten dieß ohne Beſorgniß, ihre Herzen wurden dielmehr von Nacheiferung bei dem Gedanken entflammt, auf einen ſo würdigen Feind zu treffen. Als ſie bei ih⸗ rer Abreiſe langſam durch die Straßen Granada's hin⸗ ritten, ſahen ſie eifrig ringsum auf ſeine ſtattlichen Pab⸗ läſte und prachtvolle Moſcheen, auf ſeine Alcayceria oder Bazars, die mit Seide und ſilbernen und goldnen Tir chern, mit Juwelen und Edelſteinen, und andern reichen Waaren, den Ueppigkeiten aller Climate, angefüllt waren; ſie verlangten nach der Zeit, wo all dieſer Reichthum die Beute der Krieger des Glaubens werden, und die Hufe ihrer Roſſe im Blut und Mord der Un⸗ gläubigen ſich baden ſollten. Don Juan de Vera und ſein kleiner Haufe ſetzten ihren Weg langſam durch das Land nach der chriſtlichen Grenze fort. Jede Stadt war ſtark befeſtigt; das platte Land mit Zufluchtsthürmen für die Landleute überſäet, jeder Bergpaß hatte ſein Vertheidigungsſchloß, jede luf⸗ tige Anhöhe ihre Warthe. Wenn die chriſtlichen Ritter unter den Wäͤllen der Feſten hinſchritten, blitzten Bas 2* 3 — 20— und Säaͤbel von den Zinnen, und die bekurbanten Wachen ſchienen aus ihren ſchwarzen Augen Blicke des Haſſes und der Herausforderung zu ſchießen. Es war offenbar, ein Krieg mit dieſem Reich mußte ein Krieg hoher Ge⸗ fahr und kühner Thaten werden; ein Poſtenkrieg, wo je der Schritt mit Müh' und Blut gewonnen und mit der äußerſten Schwierigkeit behauptet werden mußte. Dery Kriegergeiſt der Ritter belebte ſich bei dieſem Gedanken⸗ und ſie verlangten nach dem Beginn der Feindſeligkeiten, anicht,“ ſagt Antonio Agapida,«aus Durſt nach Raub und Rache, ſondern aus jenem reinen, heiligen Unwillen, welchen jeder ſpaniſche Ritter fühlte, wenn er dieß ſchöne Beſitzthum ſeiner Vorfahren durch die Fußtapfen ungläu⸗ biger Eroberer entweiht ſah. Es war unmöglich„ fährtk er fort,«dieſes anmuthige Land zu betrachten, und nicht nach ſeiner Wiedervereinigung mit dem Gebiet des wah⸗ ren Glaubens und des chriſtlichen Scepters zu verlangen.⸗ Drittes Kapikel. Wie der Maure beſchloß, den erſten Streich im Kriege zu führen. Die den Caſtiliſchen Königen von dem ſtolzen Mau⸗ ren⸗Fürſt ſo barſch hingeworfene Herausforderung hätte alsbald der Donner ihres Geſchützes beantwortet, wenn — 27— ſie nicht zu dieſer Zeit in einen Krieg mit Portugal und in Zwiſt mit ihren eignen rebelliſchen Baronen verwickelt worden. Deßwegen ließ man den Waffenſtillſtand, wel⸗ cher ſo viele Jahre zwiſchen den Nationen beſtanden hatte, noch fortdauern, und der kluge Ferdinand behielt ſich die Weigerung, den Tribut zu bezahlen, als einen guten Vorwand zum Krieg, bis zu dem Augenblick vor, wo er ihn mit Vortheil beginnen könnte. Nach drei Jahren war der Krieg mit Portugal been⸗ det und die Faktionen unter den ſpaniſchen Baronen größ⸗ tentheils unterdrückt. Die Caſtilianiſchen Könige wand⸗ ten nun ihre Gedanken auf das, was ſeit der Vereini⸗ gung ihrer Kronen das große Ziel ihres Ehrgeizes gewe⸗ ſen, auf die Eroberung Granada's und die vollſtändige Vernichtung der Mauriſchen Macht in Spanien. Ferdi⸗ nand, deſſen frommer Eifer durch Beweggründe weltlicher Klugheit angefeuert wurde, ſah mit verlangendem Auge auf das reiche Gebiet des Mauren, das mit zahlloſen Feſten und Städten überſäet war. Er beſchloß den Krieg mit vorſichtiger, ausdauernder Geduld zu führen, eine Stadt, eine Feſte nach der andern zu nehmen und all⸗ mählig alle Stützen wegzuräumen, ehe er die Mauriſche Hauptſtadt angteife. Ich will die Kerne dieſes Granat⸗ apfels, einen nach dem andern herauspicken„ ſagte der liſtige Ferdinand.(Granada iſt das ſpaniſche Wort für Granatapfel.) Muley Aben Haſſan ahnte die feindlichen Abſichten des katholiſchen Herrſchers, aber er vertraute auf ſeine — 22— Vertheidigungsmittel. Er hatte während einer ruhigen Regierung große Schätze aufgehäuft, die Schutzwehren ſeines Reichs verſtärkt, und große Hülfsmacht aus der Barbarei gezogen, außerdem aber Verträge mit den Afri⸗ kaniſchen Fürſten gemacht, ihn im Fall der Noth zu unterſtützen. Seine Unterthanen waren voll kühnen Muths, beherzt und tapfer. In den Uebungen des Kriegs erzo⸗ gen, konnten ſie geſchickt zu Fuß fechten, aber vor allem waren ſie behende Reiter, ſchwer bewaffnet und in voller Rüſtung ſowohl, als leicht beritten, a la geneta, mit bloſer Lanze und Tartſche. Sie litten geduldig Ermü⸗ dung, Hunger, Durſt und Blöße, waren bereit zum Krieg beim erſten Aufruf ihres Königs, und hartnäckig in Ver⸗ theidigung ihrer Städte und Beſitzungen. So reichlich auf den Krieg vorgeſehen, beſchloß Ma⸗ ley Aben Haſſan, dem klugen Ferdinand zuvorzukommen und zuerſt den Streich zu führen. In dem Waffenſtill⸗ ſtand, der zwiſchen beiden beſtand, fand ſich eine ſeltſame Clanſel, welche jedem Theil erlaubte, plötzliche Anfälle und Angriffe auf Städte und Feſten zu machen, voraus⸗ geſetzt, daß ſie heimlich und mit Kriegsliſt, ohne Aus⸗ breitung der Fahnen oder Trompetenklang und regelmäßi⸗ ger Lagerung geſchähen, und nicht über drei Tage dauer⸗ ten.(Zurita, Annles de Arragon, XX, 41. Mariana, Hist. de Espana, XXV, 1.) Dieß gab Veranlaſſung zu häufigen Unternehmungen ſchwieriger, kühner Art, wo⸗ rin Feſten und Schutzwehren durch Ueberraſchung genom⸗ men, und mit dem Schwert in der Hand behauptet wur⸗ den. Doch war ange Zeit ohne eine Gebietsverletzung dieſer Art von Seiten der Mauren vorübergegangen, und die chriſtlichen Grenzſtädte waren daher alle in einen Zu⸗ ſtand der nachläßigſten Sorgloſigkeit verfallen. Muley Aben Haſſan warf ſeine Blicke um ſich, ſich den Gegenſtand ſeines Angriffs auszuleſen, da erhielt er Nachricht, die Feſte Zahara ſey nur ſchwach beſetzt, und dürftig verſehen, und ihr Alcayde ſorglos in ſeiner Auf⸗ ſicht. Dieſer wichtige Poſten lag auf der Grenze, zwi⸗ ſchen Ronda und Medina Sidonia, und war auf dem Kamm eines Felsgebirgs erbaut. Ein feſtes Schloß ragte auf einer Klippe ſo hoch darüber hin, daß man behaup⸗ kete, es ſey über den Flug der Vögel, den Zug der Wol⸗ ken hinaus. Die Straßen und viele Häuſer waren bloſe, in den lebendigen Felſen eingehauene Aushöhlungen. Die Stadt hatte nur ein Thor nach Weſten zu, das verthei⸗ digt ward von Thürmen und Bollwerken. Der einzige Weg zu dieſer zackigen Feſte hinauf ging auf in die Fel⸗ ſen gehauenen Stufen, ſo ſteil, daß ſie an manchen Or⸗ ten zerbrochenen Stiegen glichen. Dieß war die Lage der Bergfeſte Zahara, die ſo ſehr jedem Angriff zu trotzen ſchien, daß es durch ganz Spanien zum Sprichwort ge⸗ worden, eine Frau von abſchlagender, unzugänglicher Tu⸗ gend eine Zaharena zu nennen. Aber die ſtärkſten Feſtun⸗ gen und ſtrengſten Tugenden haben ihre ſchwachen Seiten und verlangen unabläßige Wachſamkeit, ſie zu bewahren; mögen Krieger und Damen an dem Schickſal Zaharg's ein Exyempel nehmen! —— Viertes Kapitel. Zug Muley's Aben Haſſan gegen die Feſte Zahara. Es war im Jahr unſers Herrn Ein Tauſend Vier Hundert Ein und Achtzig und nur eine oder zwei Nächte nach dem Feſte der ſegensreichen Geburt, als Muley Aben Haſſan ſeinen berühmten Angriff auf Zahara machte. Die Einwohner des Orts waren in tiefen Schlaf verſenkt, ſelbſt die Wachen hatten ihren Poſten verlaſſen, und ſuch⸗ ten Schutz vor einem Sturm, der drei Nächte nach ein⸗ ander gewüthet; denn es ſchien nicht ſehr wahrſcheinlich, daß ein Feind während eines ſolchen Aufruhrs der Ele⸗ mente aus ſeyn würde. Aber böfe Geiſter wirken um— beſten im Unwetter, bemerkt der würdige Antonio Agͤa⸗ pida, und Muley Aben Haſſan fand ſolch eine Zeit für die paſſendſte zu ſeinen teufliſchen Anſchlägen. Mitten in der Nacht entſtand in den Mauern Zahara's ein ſchreck⸗ licherer Aufruhr als ſelbſt das Wüthen des Sturms. Ein furchtbares Lärmgeſchrei: der Maure! der Maure! er⸗ 6 ſchallte durch die Straßen, miſchte ſich mit dem Klang⸗ der Waffen, dem Gerufe der Augſt, dem Jauchzen des 4 Siegs. Muley Aben Haſſan war an der Spitze einer großen Macht von Granada aufgebrochen, und hatte un⸗ bemerkt die Berge in der Dunkelheit des Sturms über⸗ — 25— ſchritten. Als das Ungewitter die Wache don ihrem Poſten ſtieß, und um Thurm und Zinne heulte, hatten die Mauren ihre Sturmleitern aufgepflanzt, und waren ruhig in Stadt und Feſte geſtiegen. Die Beſatzung ahnte keine Gefahr, bis Kampf und Mord in den Maueru ſelbſt losbrach. Es ſchien den erſchrocknen Einwohnern, als wenn die Geiſter der Luft auf den Flügeln des Win⸗ des gekommen und ſich in Beſitz geſetzt von Thurm und Zinne. Das Kriegsgeſchrei ertönte auf jeder Seite, Ruf folgte auf Ruf, oben, unten, auf den Bollwerken des Ca⸗ ſtells, in den Straßen der Stadt. Der Feind war überall, in Dunkel gekleidet, aber mit Huͤlfe übereinge⸗ kommener Zeichen in Uebereinſtimmung handelnd. Auf⸗ ſchreckend vom Schlaf wurden die Soldaten aufgefangen und niedergehauen, wie ſie aus ihren Wohnungen her⸗ ausſtürzten, oder wenn ſie entkamen, wußten ſie nicht, wo ſich zu ſammeln, wohin ihre Streiche zu führen. Wo Licht ſich zeigte, war der blitzende Säbel an ſeinem töd⸗ tenden Werk, und alle, welche Widerſtand verſuchten, ſielen unter ſeiner Schärfe. Bald hatte das Ringen ein Ende. Was nicht er⸗ ſchlagen wurde, floh in das Innerſte der Häuſer oder gab ſich gefangen. Das Waffengeklirr hörte auf, doch das Unwetter ſetzte ſein Heulen fort, in das ſich zu Zeiten das Jauchzen der Mauriſchen Soldateſke miſchte, die Beute ſuchend herumſchwärmte. Während die Einwohner fuͤr ihr Leben zitterten, ertönte eine Trompete durch die Straßen, welche ſie alle unbewaſſnet ſich auf dem öffent⸗ — 26— lichen Platze zu verſammeln hieß. Hier wurden ſie don Soldaten umgeben, und ſtreng bis zu Tagesanbruch be⸗ wacht. Als der Tag dämmerte, bot dieſe einſt glückliche Gemeinde einen traurigen Anblick dar; ſie hatten ſich in friedlicher Sicherheit zur Ruhe niedergelegt, nun waren ſie zuſammengetrieben, ohne Unterſchied des Alters, Stan⸗ des oder Geſchlechts, und faſt ohne Hülle bei der Strenge eines winterlichen Sturms. Der ſtolze Muley Aben Haſſan war taub für all ihre Bitten und Vorſtellungen, und hieß ſie gefangen nach Granada abführen. Nachdem er eine ſtarke Beſatzung in Stadt und Feſte mit dem Befehl zurückgelaſſen, ſie in vollkommnen Vertheidigungs⸗ zuſtand zu ſetzen, kehrte er ſiegestrunken in ſeine Haupt⸗ ſtadt zurück. Er hielt ſeinen Einzug an der Spitze ſei⸗ ner mit Beute beladenen Truppen, und führte triumphi⸗ rend die zu Zahara genommenen Standarten und Fahnen mit ſich fort. Während Vorkehrungen zu Tourniren und andern Feſtlichkeiten zu Ehren dieſes Siegs über die Chriſten getroffen wurden, langten die Gefangenen von Zahara an; ein unglücklicher Zug Männer, Weiber und Kinder, erſchöpft vor Müdigkeit und voll wilder Verzweiflung. Wie Vieh trieb eine Abtheilung mauriſcher Soldaten ſie in die Stadtthore. Tief war der Gram und Unwille des Volks von Granada über dieſen greuelvollen Aufzug. Greiſe, welche die Noth des Kriegs erfahren, ſahen kommende Verwir⸗ rung voraus. Mütter drückten ihre Säuglinge an die — 27— Bruſt, als ſie die unberathenen Frauen von Zahara mit ihren Kindern, die in ihren Armen ſtarben, erblickten. Ueberall miſchten ſich Klagtöne über die Leidenden mit Verwünſchungen über die Rohheit des Königs. Die Vor⸗ kehrungen zu Feſtlichkeiten wurden vernachläßigt, und die Speiſen, welche die Sieger hatten erquicken ſollen, unter die Gefangenen vertheilt. Die Vornehmen und Fakis aber eilten nach Alham⸗ bra, dem König Glück zu wünſchen; denn welche Stürme auch immer in den niedern Regionen der Geſellſchaft wü⸗ then mögen, ſelten ſteigen Wolken, wenn nicht etwa Weih⸗ rauch⸗Wolken, zu der hehren Höhe des Throns. In dieſem Augenblick aber erhob ſich eine Stimme mitten aus dem unterthänigen Haufen, und ſchlug, wie Donner, an die Ohren Aben Haſſan's.« Weh, Weh, Wehe Gra⸗ nada,» rief die Stimme, aſeine Stunde der Vernich⸗ kung naht! Zahara's Trümmer werden auf unſre Häup⸗ ter fallen; mein Geiſt ſagt's mir, das Ende unſers Reichs iſt dal» Alle bebten entſetzt zurück, und ließen den Ver⸗ künder des Unglücks allein in der Mitte der Halle. Es war ein alter, grauer Mann, in dem groben Anzug ei⸗ nes Derwiſches. Das Alter hatte ſeine Geſtalt zerſtört, ohne das Feuer ſeines Geiſtes zu tilgen, das in trauren⸗ dem Glanze aus ſeinen Augen ſprühte. Er war, ſagen die Arabiſchen Geſchichtſchreiber, einer jener heiligen Män⸗ ner, die man Santon nennt, welche ihr Leben in Ein⸗ ſideleien mit Faſten, Betrachtungen und Gebet zubringen, bis ſie zur Reinheit der Heiligen zum Sehergeiſt der Pro⸗ — 29— pheten gelangt.«Er war,» ſagt der nnwillige Bruder Antonio Agapida,«ein Sohn Belials, einer jener ſchwäͤr⸗ meriſchen Ungläubigen, denen, vom Teufel beſeſſen, manch⸗ mal vergönnt iſt, ihren Anhängern die Wahrheit voraus⸗ zuſagen, aber mit der Beſchränkung, daß ihre Verküu⸗ digungen ihnen von keinem Werth ſind.» Die Stimme des Santon ertönte durch die hohe Halle Alhambra's, und ſchlug mit Schweigen und Furcht den Haufen der höfiſchen Schmeichler. Muley Aben Haſ⸗ ſan allein blieb unbewegt. Er blickte auf den grauen Ein⸗ ſiedler mit Verachtung, als er furchtlos vor ihm ſtand, und behandelte ſeine Weiſagungen als aberwitzige Träu⸗ mereien. Der Santon ſtürzte vom König weg, eilte in die Stadt und durchlief ihre Straßen und Plätze mit ra⸗ ſendem Gebehrden. Seine Stimme ward überall, furcht⸗ bgres verkündend, vernommen.„Der Friede iſt gebrochen, der Vertilgungskrieg begonnen. Weh, Weh, Wehe Gra⸗ uada, ſein Fall iſt nah; Zerſtörung wird wohnen in ſeinen Palläſten, ſeine Starken werden unter dem Schwert fallen, ſeine Kinder und Jungfrauen in die Knechtſchaft geführt werden. Zahara iſt nur Vorbild Granada's.- Schrecken ergriff das Volk; ſie betrachteten dieſe Ra⸗ ſerei als Eingebung des Sehergeiſts. Sie bargen ſich in ihren Wohnungen, wie zur Zeit allgemeiner Trauer, oder wenn ſie hervorkamen, war's, um ſich in Haufen auf den Straßen und Plätzen zu ſammeln, um einander mit düſtern Ahnungen zu beunruhigen, und der Raſchheit und Grauſamkeit des ſtolzen Aben Haſſan zu fuuchen. Den Mauriſchen Fürſten kuͤmmerte nicht ihr Murren. In der Vorausſicht, ſeine That müſſe die Rache der Chri⸗ ſten gegen ihn wenden, legte er nun alle Rückhaltung ab, und machte Verſuche, Caſtellar und Olvera, obwohl ohne Erfolg, zu überfallen. Er ſandte auch Fakis an die Mächte der Barbarei, ſie benachrichtigend, daß das Schwert gezogen worden, und ſie zur Unterſtützung auf⸗ fordernd, um das Königreich Granada und Muhameds Religion aufrecht zu erhalten gegen die Gewaltthäͤtigkeit der Ungläubigen. d Fuͤnftes Kapitel. Zug des Marquis von Cadix gegen Albama. Groß war der Unwille Koͤnigs Ferdinand, als er die Erſtürmung Zahara's vernahm, um ſo mehr, weil da⸗ durch ſeinem Plan, den erſten Streich in dieſem thaten⸗ reichen Krieg zu führen, zuvorgekommen ward. Er rühmte ſich ſeiner tiefen, klugen Politik, und nichts koͤnnen poli⸗ tiſche Monarchen weniger vergeben, als ſo von einem Geg⸗ ner überliſtet zu werden. Er erließ ſogleich Beſehle an alle Adelantado und Alkayde der Grenzen, die größte Wachſamkeit auf den verſchiednen Poſten zu beohachten, und ſich fertig zu halten, Feuer und Schwert in das Ge⸗ . biet der Mauren zu tragen; während er Moͤnche verſchied⸗ ner Orden abſandte, um das Ritterthum der Chriſtenheit aufzufordern, Theil an dieſem heiligen Kreuzzug gegen die Ungläubigen zu nehmen. Unter den vielen tapfern Rittern, welche ſich um Fer⸗ dinand und Jſabellens Thron vereinigten, war einer der aausgezeichnetſten an Rang und Tapferkeit, Don Roderigo Ponce de Leon, Marquis von Cadix. Da er der erſte Ritter in dieſem heiligen Krieg war, und bei den meiſten Unternehmungen und Schlachten befehligte, iſt es paſſend, hier eine etwas weitläuftigere Nachricht von ihm zu ge⸗ ben. Er war 1443 geboren, gehörte zum tapferen Ge⸗ ſchlechte der Ponce, und hatte ſich von früher Jugend an im Felde ausgezeichnet. Er war mittlerer Größe, von muſkulöſem, kräftigem Bau, fähig zu großer Anſtrengung und Ermüdung. Sein Haar und Bart war roth und kraus, ſein Antlitz offen und edel, röthlich, und leicht von den Blattern markirt. Er war beſonnen, keuſch, kräftig, wachſam, ein gerechter und großmüthiger Herr gegen ſeine Vaſallen, frei und edel gegen ſeines Gleichen, anhänglich und treu ſeinen Freunden, kühn und furcht⸗ bar, doch hochherzig, gegen ſeine Feinde. Er ward als der Spiegel des Ritterthums ſeiner Zeiten angeſehen, und von gleichzeitigen Geſchichtsſchreibern mit dem unſterb⸗ 2 lichen Cid verglichen. Der Marquis von Cadir hatte weitläuftige Beſitzun⸗ gen in den fruchtbarſten Theilen Andaluſiens, welche viele Städte und Burgeu einſchloſſen; er konnte aus ſeinen — 31— eignen Vaſallen und Abhängigen ein Heer in's Feld ſtel⸗ len. Als er die Befehle des Königs empfing, brannte er vor Verlangen, ſich durch einen plötzlichen Einfall in das Königreich Granada auszuzeichnen; was ein glänzender Anfang des Kriegs ſeyn, und die Fürſten für die bei Ero⸗ berung Zahara's empfangne Beleidigung tröſten ſollte. Da ſeine Staaten nahe an den Mauriſchen Grenzen la⸗ gen, und plötllichen Einfällen unterworfen waren, hatte er immer eine Menge Adalide, oder Kundſchafter und Führer, mehrere von ihnen bekehrte Mauren, in ſeinem Solde. Dieſe ſandte er in allen Richtungen aus, die Bewegungen des Feindes zu beobachten, und ſich alle Art zur Sicherung der Grenze dienlicher Nachrichten zu verſchaffen. Einer dieſer Spione kam eines Tages zu ihm in ſeine Stadt Marchena, und benachrichtigte ihn, daß die Mauriſche Stadt Alhama eine geringe Beſatzung habe, und nachläßig bewacht würde, alſo leicht durch Ue⸗ berraſchung genommen werden könne. Es war dieß ein großer, reicher, bevölkerter Ort, wenige Meilen von Gra⸗ nada. Er lag auf einer felſigen Anhöhe, ganz nah von einem Fluß umgeben, und von einer Feſte vertheidigt, zu der nur durch einen ſteilen, klippenvollen Weg ein Zu⸗ gang möglich war. Die Feſtigkeit ſeiner Lage mitten im Reich hatte die ſorgloſe Sicherheit veranlaßt, welche jetzt zum Angriff einlud. Den Zuſtand der Feſte völlig zu erforſchen, ſchickte der Marquis heimlich einen alten Soldaten dahin ab, welcher ſein ganzes Vertrauen beſaß, Sein Name war Ortega de Prado, ein Mann von großer Thäͤtigkeit, Ver⸗ ſchlagenheit und Kraft, der zugleich Capitain der Esca⸗ ladores war, derjenigen, welche zum Erſteigen der Fe⸗ ſtungsmauern bei'm Angriff gebraucht werden. Ortega näherte ſich Alhama in einer mondloſen Nacht, und ſchritt auf den Wällen leiſe hin, manchmal das Ohr auf den Boden oder an den Wall legend. Immer vernahm er den gemeſſenen Schritt der Schildwache, und manchmal auch den Ruf der Runde. Da er die Stadt ſo bewacht fand, klimmte er zur Feſte hinauf. Dort war alles ſtill. Als er die hohen Bollwerke durchſchweifte, ſah er zwi⸗ ſchen ſich und der Luft keine Wache auf ihrem Poſten. Er erſpähte gewiſſe Stellen, wo der Wall mit Sturm⸗ leitern erſtiegen werden könnte, merkte noch die Stunde der Ablöſung, und zog ſich dann, nachdem er alle noth⸗ wendigen Bemerkungen gemacht, ohne entdeckt zu wer⸗ den, zurück. Ortega kam nach Marchena, und verſicherte den Mar⸗ qnis von Cadix von der Möglichkeit, das Caſtell Alhama zu erſteigen, und es durch Ueberraſchung zu nehmen. Der Marquis hielt eine geheime Unterredung mit Don Pedro Heuriquez, Adelantado von Andaluſien, Don Diego de Merlo, Kommandant von Sevilla und Sancho de Avila, Alcayde von Harmona, welche alle verſprachen, ihn mit ihren Streitkräften zu unterſtützen. An einem beſtimmten Tag verſammelten ſich die verſchiednen Befehls⸗ haber mit ihren Truppen und ihrem Gefolge zu Marchena. Nur die Anführer wußten den Zweck und die Beſtimmung 4 der Expedition, aber es war ſchon hinlänglich, um den Andaluſiſchen Muth zu begeiſtern, wenn er nur wußte, daß ein Einfall in das Land ihrer alten Feinde, der Mauren, bezweckt ward. Verſchwiegenheit und Schuelle waren zum Gelingen nothwendig. Sie zogen eilig mit dreitauſend Geneten, leichter Reiterei, und viertanſend Mann Fußvolk aus. Sie wählten einen nur wenig be⸗ gangenen Weg über Antiquera, ſich mit großer Mühe durch die felſtgen und einſamen Deſfilee'n der Sierra Al⸗ zerifa durchwindend. All ihr Gepäck ließen ſie am Fluſſe Yegugs, von wo es ihnen nachgebracht werden ſollte. Ihr Marſch ging vorzüglich bei Nacht vor ſich; den gan⸗ zen Tag blieben ſie ruhig, kein Geräuſch ward im Lager gelitten, keine Feuer angezündet, damit der Rauch ſie nicht verrathe. Am dritten Tag begaben fie ſich wieder auf den Weg, als der Abend dunkelte, und ſchnell, ſo⸗ weit es die rauhen, gefährlichen Bergſteigen erlauben woll⸗ ten, vorſchreitend, ſtiegen ſie gegen Mitternacht in ein kleines tiefes Thal, nur eine halbe Meile von Alhama. Hier machten ſie Halt, ermüdet von dem angeſtrengten Marſch während eines langen finſtern Abends gegen Ende Februars. Der Marquis von Cadix theilte jetzt den Truppen den Zweck der Unternehmung mit. Er ſagte ihnen, es ge⸗ ſchähe zur Verherrlichung ihres heiligſten Glaubens„ zur Rache für die Leiden ihrer Landsleute von Zahara. Die reiche Stadt Alhama ſey voll koſtbarer Beute, ſie ſey der anzugreifende Ort. Die Truppen wurden durch dieſe Irving's Granada. 1— 3. 3 — 34— Worte von neuem Eifer begeiſtert, und verlangten zum Sturm geführt zu werden. Sie kamen zwei Stunden vor Tagesanbruch dicht vor Alhama. Hier blieb das Heer im Hinterhalt, während drei hundert Mann zur Erſteigung der Mauern und Einnahme des Caſtells ab⸗ geordnet wurden. Dieß waren kluge Leute, viele von ih⸗ nen Alcayde und Offiziere, Leute, die den Tod der Schande vorzogen. Dieſe ſtattliche Truppe ward von dem Escalador Ortega de Prado geführt, der an der Spitze von dreißig Mann mit Sturmleitern ſtand. Sie klimmten mit der größten Stille den ſteilen Weg zur Feſte hinan, und kamen bis unter den dunkeln Schatten ihrer Thürme, ohne bemerkt worden zu ſeyn. Kein Licht ſah man, kein Laut ward gehört, der ganze Ort war in die tiefſte Ruhe verſenkt. Sie ſtellten ihre Leitern, und ſtiegen vorſichtig, mit geräuſchloſem Tritt. Ortega erreichte zuerſt die Zinnen, ihm folgte ein gewiſſer Martin Galindo, ein jugendlicher Herr, voll Muth und Eifer nach Auszeichnung. Ver⸗ ſtohlen längſt dem Vorſprung zu dem Portal der Cita⸗ delle hinſchleichend, überraſchten ſie die Wache; Ortega ergriff dieſe bei der Kehle, zuckte einen Dolch vor ihren Augen, und befahl ihr den Weg nach dem Wachtzimmer zu führen. Der Ungläubige gehorchte, und ward alsbald darauf niedergemacht, ſeinem Lärmruf zuvorzukommen. Das Wachtzimmer war die Schaubühne mehr eines Hin⸗ ſchlachtens als eines Kampfes. Einige Soldaten wurden im Schlafe getödtet, andre, betäubt über ſo unerwarteten. — 35— Angriff, faſt ohue Widerſtand niedergehauen. Alle wur⸗ den niedergemacht, denn der heraufgeſtiegne Haufe war zu klein, um Gefangene zu machen oder Pardon zu ge⸗ ben. Der Lärm verbreitete ſich über die ganze Feſte, aber jetzt hatten auch die drei hundert Kühnen die Boll⸗ werke erſtiegen. Die aus dem Schlaf aufgeſchreckte Be⸗ ſatzung fand den Feind ſchon Herrn der Thürme. Einige Mauren wurden ſogleich niedergehauen, andre fochten ver⸗ zweifelt von Zimmer zu Zimmer, und das ganze Caſtell ertönte vom Klang der Waffen, vom Geſchrei der Käm⸗ pfenden, vom Geſtöhn der Verwundeten. Das Heer im Hinterhalt, als es durch den Lärm vernahm, die Feſte ſey genommen, ſtürzte aus ihrem Verſteck hervor, und näherte ſich den Wällen mit lautem Geſchrei und Pau⸗ ken und Trompeten⸗Schall, um Verwirren und Schrek⸗ ken der Beſatzung zu vermehren. Ein heftiges Ringen entſtand im Hof des Caſtells, wo mehrere von dem hin⸗ aufgeſtiegenen Trupp die Thore aufreißen wollten, um ihre Landsleute einzulaſſen. Hier fielen zwei tapfre Al⸗ cayden, Nikolas de Roja und Sancho de Avila, aber ſle fielen ehrenvoll auf einem Haufen Erſchlagener. Endlich gelang es Ortega de Prado, einen Flügel aufzuſchlagen, durch den der Marquis von Cadix, der Adelantado von Andaluſien, und Don Diego de Merlo mit einem Hau⸗ fen Gefolge in die Citadelle eindrangen, welche im Beſitz der Chriſten blieb. Als die Spaniſchen Ritter alle Gemächer durchforſch⸗ ten, erblickte der Marquis von Cadix bei'm Eintritt in 3* — 36— ein ganz beſonders reiches Zimmer bei'm Schein einer ſilbernen Lampe ein reizendes Mauriſches Weib, die Ge⸗ mahlin des Alcayden der Feſtung, welcher auf einer Hoch⸗ zeit zu Velez Malaga ſich befand. Sie würde bei'm An⸗ blick eines chriſtlichen Kriegers in ihrem Gemach entflo⸗ hen ſeyn, aber in die Decken des Betts ſich verwicklend, fiel ſie, Gnade flehend, zu den Füßen des Marquis nie⸗ der. Der chriſtliche Ritter, deſſen Seele voll Ehrerbie⸗ tung und Höflichkeit gegen das andre Geſchlecht war, hob ſie auf, und bemühte ſich ihre Furcht zu mindern; aber dieſe wurde noch vermehrt, als ſte ihre weibliche Diener⸗ ſchaft bis in ihr Zimmer von den Spaniſchen Soldaten verfolgt ſah. Der Marquis verwieß dieſen ihr unmänn⸗ liches Benehmen, und erinnerte ſie, daß ſie Männer, nicht wehrloſe Weiber verfolgten. Nachdem er den Schrecken der Frauen durch das Verſprechen, ehrenvollen Schutzes gelindert, ordnete er eine verläßige Wache zur Verthei⸗ digung des Zimmers an. Die Feſte war nun genommen, aber die Stadt unten in Waffen. Es war heller Tag, und das Volk vom pa⸗ niſchen Schrecken ſich erholend, konnte dis Stärke des Feinds bemerken und ſchätzen. Die Einwohner waren hauptſächlich Kaufleute und Krämer; aber alle Mauren kennen den Gebrauch der Waffen und ſind tapfer und kriegeriſch. Sie vertrauten auf die Feſtigkeit ihrer Mauern und die Sicherheit ſchnellen Eutſatzes von Granada her, das nur acht Meilen entfernt war. Die Zinnen und Thürme bemannend, goſſen ſie Schauer von Steinen und — 37— Pfeilen herab, ſo oft das chriſtliche Heer außerhalb der Walle ſich zu nähern ſuchte. Sie verſchanzten auch die Eingaͤnge ihrer Straßen, welche nach dem Caſtell hinführ⸗ ten, und ſtellten erfahrne Männer an die Armbruſt und Donnerbüchſen. Dieſe unterhielten ein beſtändiges Feuer auf das Thor des Caſtells, ſo, daß niemand hervorkom⸗ men konnte, ohne alsbald verwundet oder getödtet zu werden. Zwei tapfre Ritter, welche dieſem furchtbaren Widerſtand trotzend, einen Trupp vorführen wollten, wur⸗ den an dem Portal ſelbſt erſchoſſen. Die Chriſten befanden ſich nun in einer ſehr gefähr⸗ lichen Lage. Dem Feinde mußte bald Verſtärkung von Granada kommen. Wenn ſie ſich alſo nicht im Lauf des Tags in Beſitz der Stadt ſetzten, wurden ſie wahrſchein⸗ lich umzingelt und belagert, und zwar ohne allen Unter⸗ halt im Caſtell. Einige bemerkten, daß ſelbſt, wenn ſie die Stadt nähmen, ſie ſich nicht würden in ihrem Beſitz erhalten können. Sie ſchlugen alſo vor, alles Werthvolle zur Beute zu machen, die Feſte zu zerſtören, zu verbren⸗ nen, und den Rückzug nach Sevilla anzutreten. Der Marquis von Cadix war verſchiedner Meinung. „Gott hat die Feſte in die Hände der Chriſten gegeben,⸗ ſagte er, er wird ſie ſicher ſtärken, ſie zu behaupten; wir haben mit Gefahr und Blut den Ort gewonnen, es wäre ein Flecken für unſre Ehre, ihn aus Furcht vor ein⸗ gebildeten Gefahren zu verlaſſen. Der Adelantado und Don Diego de Merlo ſtimmten ihm bei, aber ohne ihre eruſtlichen und vereinten Vorſtellungen wäre der Platz — 38— verlaſſen worden, ſo erſchöpft waren die Truppen durch angeſtrengte Märſche und harte Gefechte, ſo ſehr fürchte⸗ ten ſie die Ankunft der Mauren aus Granada. Die Stärke, der Muth der Truppen in der Feſte wurde einigermaßen durch die aufgefundnen Vorräthe er⸗ höht, und da das chriſtliche Heer vor der Stadt auch durch ein Morgeneſſen erfriſcht worden, drangen ſie kräf⸗ tig zum Angriff der Wälle vor. Sie ſtellten die Sturm⸗ leitern, und aufſteigend fochten ſie tapfer mit der mauri⸗ ſchen Beſatzung auf den Wällen. Als mittlerweile der Marquis don Cadir ſah, daß das Thor des Caſtells, welches nach der Stadt zuging, vollſtändig vom Geſchütz des Feindes. beherrſcht wurde, ließ er eine große Breſche in die Mauer machen, durch welche er ſeine Truppen zum Angriff führen könnte, in⸗ dem er ſie in dieſem gefährlichen Augenblick durch die Verſicherung ermuthigte, er werde die Stadt der Plün⸗ derung Preis geben, und ihre Einwohner zu Gefangene machen. Als die Breſche gemacht war, ſtellte ſich der Marqnis an die Spitze ſeiner Truppen und trat, das Schwert in der Hand, ein. Ein plötzlicher Angriff ward von den Chriſten auf allen Seiten gemacht, von den Wällen, dem Thor, den Dächern und Mauern, welche die Feſte mit der Stadt verbanden. Die Mauren fochten tapfer in ih⸗ ren Straßen, aus ihren Fenſtern, von den Giebeln ihrer Häuſer. Sie waren den Chriſten in Körperſtärke nicht gewachſen; denn es waren größtentheils friedliche Män⸗ — 39— ner, Gewerbsleute, entnervt durch den häufigen Gebrauch warmer Bäder; aber ſie waren ſtärker an Zahl, und un⸗ überwindlich an Muth. Junge und Alte, Starke und Schwache fochten mit derſelben Verzweiflung. Sie foch⸗ ten für Eigenthum, Freiheit und Leben; ſie fochten an ihrer Schwelle, ihrem Herd; das Geſchrei der Weiber und Kinder drang in ihre Ohren, ſie hofften, jeder Au⸗ genblick werde von Granada Hülfe bringen. Sie beach⸗ teten weder ihre eignen Wunden, noch den Tod ihrer Ge⸗ fährten, ſondern fochten fort, bis ſie fielen. Es ſchien, als wollten ſie, wenn ſie nicht länger kämpfen konnten, die Schwellen ihrer geliebten Heimath mit ihren verſtüm⸗ melten Leichen verſperren. Die Chriſten fochten für den Ruhm, die Rache, den heiligen Glauben, für die Plün⸗ derung dieſer reichen Ungläubigen. Crfolg ſollte eine reiche Stadt ihnen übergeben, Mißlingen ſie in die Hände des Tyrannen von Granada liefern. Der Kampf dauerte vom Morgen bis in die Nacht, da begannen die Mauren zu wanken. Sie zogen ſich in eine große Moſchee an den Mauern zurück, und unter⸗ hielten von da mit Lanzen, Armbruſt und Donnerbüchſen einen ſo lebhaften Kampf, daß die Chriſten erſt ſich nicht zu nahen wagten. Dann aber bedeckt von Schilden und Plankendach gegen den Tod bringenden Schauer drangen ſie zur Moſchee vor, und ſetzten die Thore in Flammen. Als Rauch und Feuer ihnen entgegenqualmte, gaben die Mauren alles verloren. Einige ſtürzten verzweiflend auf den Feind, wurden aber erſchlagen, der Reſt ergab ſich. — 420— Der Kampf war nun zu Ende; die Stadt verblieb den Chriſten, und die Einwohner, Männer und Weiber, wurden Sklaven derer, die ſie fingen. Einige wenige entkamen durch eine Mine oder unterirdiſchen Weg, der zum Fluß führte, und bargen ſich, ihre Weiber und Kin⸗ der in Höhlen und verborgnen Orten, aber in drei oder vier Tagen wurden ſle durch Hunger gezwungen, ſich zu ergeben. Die Stadt wurde geplündert, die Beute war unermeßlich. Man fand eine außerordentliche Menge Gold, Silber und Juwelen, reiche Seiden und koſtbare Stoffe aller Art, nebſt Pferden und Maulthieren; ſehr viel Korn, Oel, Honig und alle andre Produkte dieſes frucht⸗ baren Reichs. Denn in Alhama wurden die königlichen Zehnten und Einkünfte des umliegenden Landes aufbe⸗ wahrt. Es war die reichſte Stadt im mauriſchen Gebiet, und ihrer großen Feſtigkeit und Lage wegen ward ſie der Schlüſſel von Granada genannt. Große Verwirrung und Verwüſtung ward von der ſpaniſchen Soldateſke angerichtet; denn in der Voraus⸗ ſicht, es würde ihnen unmöglich ſeyn, ſich an dem Orte zu behaupten, begannen ſie zu zerſtören, was ſie nicht mit fortſchleppen konnten. Ungeheure Krüge Oel wurden vernichtet, koſtbarer Hausrath in Stücken zerſchlagen, Kornmagazine aufgebrochen, und ihr Inhalt in alle Winde zerſtreut. Viele Chriſten⸗Gefangene fand man noch von der Eroberung Zahara's her in einem Mauriſchen Kerker vergraben; triumphirend gab man ſie dem Licht, der Frei⸗ heit wieder, aber ein Spaniſcher Renegat, der oft den — 21— Mauren bei ihren Einfällen in das chriſtliche Gebiet zum Fübrer gedient hatte, ward zur Erbauung des Heers am höchſten Punkt der Feſtungswerke aufgehängt. Sechſtes Kapitel. Wie das Volk von Granada bei der Nachricht von der Ero, berung Alhama's ſich benahm, und wie der Mauren⸗Kö⸗ nig zur Wiedereroberung forteilte. Ein Mauriſcher Reiter war über die Vega geſprengt, und hielt ſeine dampfende Stute nicht an, als bis er am Thor von Alhambra abſprang. Er brachte Muley Aben Haſſan Botſchaft von dem Angriff auf Alhama. Die Chriſten,» ſagte er,«ſind im Land. Sie kamen uͤber uns, wir wiſſen nicht, woher noch wie. Sie erſtiegen die Mauern der Burg in der Nacht. Furchtbarer Krieg und Mord war auf ihren Thürmen und Höfen, und als ich meine Stute durch das Thor von Alhama ſpornte, war die Burg im Beſtitz der Ungläubigen.» Muley Aben Haſſan dachte einen Augenblick, Vergel⸗ tung ſey für die Leiden über ihn gekommen, die er Za⸗ hara zugefügt. Doch ſchmeichelte er ſich noch, es ſey dieß nur ein vorübergehender Einfall eines Haufens auf Raub bedachter Herumzügler geweſen, und eine geringe, in die Stadt geworfene Hülfsmacht würde hinreichen, ſie aus der — 42— 4 Burg zu verjagen, und aus dem Lande zu treiben. Er beorderte alſo ein Tauſend ſeiner auserleſenen Reiterei, und ſandte ſie eilig zum Beiſtand Alhama's; ſie kamen am Morgen nach deſſen Einnahme vor den Mauern an. Die chriſtlichen Fahnen flatterten auf den Thürmen und ein Corps Reiterei brach aus den Thoren heraus und kam, ſich ſchwenkend, in die Ebene herab, ſie zu em⸗ pfangen. Die Mauriſchen Reiter wandten die Zügel ihrer Roſſe, und gallopirten nach Granada zurück. In lärmender Ver⸗ wirrung ſtürzten ſie durch die Thore, Schrecken und Klage durch ihre Botſchaft verbreitend. Alhama iſt ge⸗ fallen, Alhama iſt gefallen, ſchrie'n ſie.„Die Chriſten ſtehen auf ſeinen Mauern, der Schlüſſel Granada's iſt in der Hand des Feinds!“ Als das Volk dieſe Worte hörte, erinnerte es ſich des Ausſpruchs des Santon; ſeine Verkündung ſchien noch in jedem Ohr widerzuhallen, und ihre Erfüllung nahe zu ſeyn. Nichts ward durch die ganze Stadt gehört als Seufzer und Klagen.„Schmerz fühl' ich, Alhama!*) war in jedes Munde, und dieſer Ausruf tiefen Kummers und ſchmerzlicher Ahnung ward der Inhalt einer klagen⸗ den Balade, die ſich noch jetzt vorfindet. *⁶) Die klagende kleine ſpaniſche Romanze Ay de mi, Al- hama! hält man für mauriſchen Urſprungs, und ſoll den Schmerz des Volks von Granada bei dieſer Gelegen⸗ heit ausdrücken. — 43— Viele Greiſe, die ſich aus andern Mauriſchen Beſih⸗ ungen, welche in die Gewalt der Chriſten gefallen, nach Granada geflüchtet hatten, ſeufzten nun verzweiflend bei dem Gedanken, daß der Krieg ihnen in dieſen letzten Zu⸗ fluchtsort folgen ſolle, um dieß anmuthige Land zur Wüſte zu machen, um Angſt und Kummer über ihre zum Grabe eilenden Jahre zu bringen. Die Wei⸗ ber waren lauter und heftiger in ihrem Schmerz, denn ſie ſahen die Uebel, welche über ihre Kinder hereinbra⸗ chen, und was kann den Todesſchmerz eines Mutterher⸗ zens zurückhalten? Viele von ihnen richteten ihre Schritte durch die Hallen Alhambra's zum König, weinend, kla⸗ gend, die Haare raufend.«Verflucht ſey der Tag,» ſchrie'n ſie,«wo die Flamme des Kriegs durch dich in unſerm Land angefacht ward! Möge der heilige Prophet Zeugniß ablegen vor Allah, daß wir und unſre Kinder unſchuldig ſind an dieſer That! Auf deinem Haupt und auf den Häuptern deiner Nachkommenſchaft bis an's Ende der Welt ruhe die Sunde der Verhehrung Zahara's.⸗ (Garibay XI, 29.) Muley Aben Haſſan blieb mitten in dieſem Sturm unbewegt.«Sein Herz war verſtockt,» bemerkt Bruder Antonio Agapida,«wie das Herz Pharav's, damit durch ſeine blinde Gewaltthätigkeit und Wuth er die Befreiung des Landes von ſeiner heidniſchen Knechtſchaft herbeiführe.⸗ In der That, er war ein kühner, furchtloſer Krieger, welcher hoffte, bald dieſen Schlag auf des Feindes Haupt zurückfallen zu laſſen. Er hatte ſich verſichert, daß die — 44— Eroberer Alhama's nur eine Handvoll Leute ſeyen; ſie waren mitten in ſeinen Beſitzungen, in geringer Entfer⸗ nung von ſeiner Hauptſtadt. Es fehlte ihnen an Kriegs⸗ vorrath und Lebensmittel, um eine Belagerung auszuhal⸗ ten. Durch eine ſchnelle Bewegung konnte er ſie mit ei⸗ nem mächtigen Heer umzingeln, ihnen alle Hülfe von ih⸗ ren Landsleuten abſchneiden, und ſie in der Feſte ſangen, die ſie erobert hatten. Denken war Handeln bei Muley Aben Haſſan, aber er war geneigt, mit zuviel Uebereilung zu handeln. Er rückte ſogleich in Perſon mit drei Tauſend Pferden und fünfzig Tauſend Fußvolk aus, und wollte in ſeinem Eifer, auf dem Schauplatz der Handlung anzukommen, ſelbſt nicht warten, um ſich Geſchütz und die verſchiednen zu einer Belagerung erforderlichen Werkzeuge zu verſchaffen. „Die Menge meiner Streitkräfte,» ſagte er ſelbſt ver⸗ trauend,«wird hinreichen, den Feind zu erdrücken.⸗ Der Marquis von Cadir, welcher ſo Alhama inne hatte, hatte einen vertrauten Freund und treuen Waffen⸗ gefährten unter den ausgezeichnetſten der chriſtlichen Rit⸗ terſchaft. Dieß war Don Alonzo von Cordova, Aelte⸗ ſter und Herr des Hauſes Aguilar und Bruder Gonſal⸗ vo’'s von Cordova, ſpäter berühmt als der große Capi⸗ tain von Spanien. Bis jetzt war Alonzo von Aguilar der Ruhm ſeines Namens und Geſchlechts, denn ſein Bruder war noch jung im Krieg. Er war einer der kühnſten, tapferſten und unternehmendſten Spaniſchen Ritter, und der vorderſte in jedem Dienſt gefährlicher, — 45— kühner Art. Er war nicht zugegen geweſen, um ſeinen Freund Ponce de Leon, Marquis von Cadir auf ſeinen Einfall in's mauriſche Gebiet zu begleiten. Aber er ſam⸗ melte ſchnell eine Anzahl Gefolge, Pferde und Fußgän⸗ ger, und eilte ihn in ſeinem Unternehmen zu unterſtützen. Bei ſeiner Ankunft am Fluß Feguas fand er das Gepäck der Armee noch an deſſen Ufern und trug Sorge es nach Alhama zu geleiten. Der Marquis von Cadix hörte von der Annäherung ſeines Freundes, deſſen Zug langſam ging, weil er mit dem Gepäck beläſtigt war. Er war nur noch wenige Meilen don Alhama, als Kundſchafter mit der Nachricht in die Stadt eilten, der Mauren⸗Kö⸗ nig nahe mit einem mächtigen Heer. Der Marquis von Cadix war mit Beſorgniß erfüllt, De Aquilar könnte dem Feind in die Hände fallen. Seine eigne Gefahr ver⸗ geſſend, nur an die ſeines Freundes denkend, ſchickte er einen wohlberittenen Boten ab, der eilen und ihn war⸗ nen ſollte, nicht zu nahen. Anfangs hatte Alonzo de Aguilar, als er hörte, der Mauren⸗König nahe, den Entſchluß gefaßt, eine feſte Stellung in den Bergen einzunehmen, und ſeine Ankunft zu erwarten. Die Tollheit eines Plans, mit einer Hand⸗ voll Leute ſich einem unermeßlichen Heer entgegenzuſtellen, ward ihm aber mit ſolcher Gewalt dargelegt, daß er die⸗ ſen Gedanken aufgab. Er gedachte dann ſich nach Alha⸗ ma zu werfen, um das Schickſal ſeines Freundes zu thei⸗ len; aber es war nun zu ſpät. Der Maure hätte ihn ſicher aufgefangen, und er nur dem Marquis noch den — 46— Kuenmer gemacht, ihn gefangen unter feinen Mauern zu ſehen. Es ward ihm ſelbſt eindringlich vorgeſtellt, daß er keine Zeit zu zögern habe, wenn er für ſeine eigne Sicherheit ſorgen wolle, deren er nur durch einen unver⸗ züglichen Rückzug in's chriſtliche Gebiet gewiß ſeyn könne. Dieſe letzte Anſicht ward durch die Rückkehr von Spio⸗ nen bekräftigt, welche die Nachricht brachten, Muley Aben Haſſan hätte Kunde von ſeinen Bewegungen erhal⸗ ten, und nahe eiligſt, ihn aufzuſuchen. Mit großem Wi⸗ derſtreben gab Don Alonzo de Aguilar dieſen vereinten, mächtigen Gründen nach. Barſch und finſter führte er ſeine Streitkräfte beladen mit dem Gepãck des Heers ab, und nahm unwillig ſeinen Rückzug nach Antequera. Muley Aben Haſſan verfolgte ihn eine Zeit lang durch die Gebirge, aber bald gab er es auf, und kehrte mit ſeiner Macht auf Alhama zurück. Als das Heer ſich der Stadt näherte, ſah es das Feld mit den Leichen ſeiner Landsleute beſtreut, welche in Vertheidigung des Orts gefallen waren, und von den Chriſten hingeworfen und unbeerdigt gelaſſen worden. Da lagen ſie, verſtümmelt und jeder Schmach ausgeſetzt, wäh⸗ rend Heerden halbverhungerter Hunde ſich von ihnen mä⸗ ſteten, und um ihr greuliches Mahl fochten und heulten. (Pulgar, Cronica) Wüthend bei dieſem Anblick griffen die Mauren in den erſten Anfällen ihrer Wuth dieſe räu⸗ beriſchen Thiere an, und dann ließ ſich ihre Wuth gegen die Chriſten aus. Sie ſtürzten wie toll an die Mauern, legten Sturmleitern an allen Seiten an, ohne nur die — 47— nothwendigen Sturmdächer und andre Schutmittel abzu⸗ warten, und gedachten durch plötzlichen Angriff auf ver⸗ ſchiednen Punkten die Aufmerkſamkeit des Feindes zu theilen, und ihn durch die Uebermacht zu beſiegen. Der Marquis von Cadix und ſeine Mitbefehlshaber theilten ſich längſt der Mauern hin ein, um ihre Leute in der Vertheidigung zu lenken und zu ermuthigen. Die Mauren griffen oft in ihrer blinden Wuth die ſchwierig⸗ ſten und gefährlichſten Stellen an. Wurſſpieße, Steine und alle Art von Geſchoſſen wurden auf ihre ungeſchütz⸗ ten Häupter herabgeſchleudert. So ſchnell, wie ſie her⸗ aufſtiegen, wurden ſie niedergehauen, oder von den Wäl⸗ len herabgeſtürzt, ihre Leitern umgeworfen, und alle, welche darauf ſtanden, kopfüber hinabgeſchmettert. Muley Ahen Haſſan ſtürmte vor Wuth bei dieſem Anblick; er ordnete Abtheilung nach Abtheilung ab, die Mauern zu erſteigen, aber vergebens. Sie waren gleich Wellen, die auf einen Felſen, nur um zu zerſchellen zu⸗ ſtürmen. Die Mauren lagen in Haufen unter dem Wall, und mit ihnen viele der tapferſten Ritter Granada's. Die Chriſten thaten auch öftere Ausfälle aus den Tho⸗ ren, und brachten große Verwirrung unter die ungere⸗ gelte Menge der Angreifenden. Bei einer dieſer Gelegen⸗ heiten ward die Truppe von Don Juan de Vera, dem⸗ ſelben frommen, tapfern Ritter befehligt, welcher als Ge⸗ ſandter an Muley Aben Haſſan geſchickt worden, um Tri⸗ but zu verlangen. Als dieſer beherzte Cavalier nach ei⸗ nem mördriſchen Gefecht ſich langſam gegen das Thor — 48— zuruͤckzog, hoͤrte er eine Stimme, welche ihm in wildem Tone zurief: Kehr um, kehr um» ſchrie die Stimme, „du, der in der Halle beleidigen kann, zeige, daß du im Feld zu fechten vermagſt!) Don Juan de Vera wandte um, und ſah denſelben Abencerragen, den er in Alham⸗ bra mit dem Schwert geſchlagen hatte, weil er über die unbefleckte Empfängniß der gebenedeiten Jungfrau geſpot⸗ tet. Sein ganzer heiliger Eifer, und frommer Unwille entflammte ſich bei dieſem Anblick; er legte die Lanze ein, und ſpornte ſein Roß, um dieſen Lehrſtreit zu enden. Don Juan war mit ſeiner Waffe ein mächtiger und un⸗ widerſtehlicher Beweisführer, und ward, ſagt Bruder An⸗ tonio Agapida, durch die beſondre Gerechtſame ſeiner Sache unterſtützt. Gleich bei'm erſten Anrennen drang ſeine Lanze in den Mund des Mauren und ſchmetterte ihn zu Boden, daß er nie mehr vorbrachte Wort oder Athem. So, fährt der würdige Bruder fort, empfing dieſer ſchmähende Ungläubige eine wohlverdiente Strafe an eben dem Organ, mit welchem er geſündigt hatte, und ſo ward die unbefleckte Empfängniß wunderbar gerächt an ſeinen ſchändlichen Beſchimpfungen. Der kräftige, erfolgreiche Widerſtand der Chriſten ließ jetzt Muley Aben Haſſan ſeinen Irrthum einſehen, als. er von Granada ohne die zu einer Belagerung geeigne⸗ ten Werkzeuge wegeilte. Entblößt, wie er war, von al⸗ len Hülfsmitteln, die Befeſtigungen einzuſtoßen, blieb die Stadt unverletzt, trotzte der mächtigen Macht, die perge⸗ bens vor ihr wüthete. Voll Wuth, ſo gehöhnt zu werden, * — 49— gab Muley Aben Haſſan Befeyl, die Wälle zu unter⸗ graben. Die Mauren gingen mit Jauchzen an die Un⸗ ternehmung. Sie wurden von einem verderblichen Feuer von den Wäͤllen her empfangen, das ſie von ihren Arbeiten vertrieb. Wiederholt wurden ſie zurückgeſchlagen, und wiederholt gingen ſie an ihr Geſchäft zurück. Die Chri⸗ ſten beunruhigten ſie nicht nur von den Vertheidigungs⸗ werken, ſondern machten auch Ausfälle und hieben ſie in den Aushöhlungen nieder, welche ſie zu machen verſuch⸗ ten. Der Kampf dauerte einen ganzen Tag, und am Abend waren zweitauſend Mauren entweder getödtet oder verwundet. Muley Aben Haſſan gab jetzt alle Hoffnung auf, den Platz durch Sturm wegzunehmen, und verſuchte ihn zur Capitulation zu zwingen, indem er den Kanal des Fluſ⸗ ſes, welcher an ſeinen Mauern hinfließt, abgrub. Dieſer Strom gab den Einwohnern das Waſſer, da der Ort der Quellen und Ciſternen entbehrte, weßwegen er auch Al⸗ „hama la ſeca, das trockne Alhama heißt. Ein verzweifelter Kampf erfolgte an den Ufern des Fluſſes, da die Mauren ſich bemühten, Palliſaden in ſein Bett zu treiben, um den Strom abzulenken, und die Chriſten ſie zu verhindern ſuchten. Die Spaniſchen Be⸗ fehlshaber ſetzten ſich der höchſten Gefahr aus, um ihre Leute zu ermuthigen, die wiederholt in die Stadt zu⸗ rückgetrieben wurden. Der Marquis von Cadix war oft bis an die Kniee im Fluß, und focht in der Nähe mit den Mauren. Das Waſſer floß roth von Blut, und war Irving's Granada. 1— 3. 4 ——— — 50— von Leichen geſtaucht. Endlich gab die überfluthende An⸗ zahl den Mauren das Uebergewicht, es gelang ihnen, den größeren Theil des Waſſers abzulenken. Die Chri⸗ ſten hatten hart zu kämpfen, um ſich aus dem ſchwachen Bach zu verſehen, welcher übrig blieb. Sie machten durch einen unterirdiſchen Weg einen Ausfall nach dem Fluß, aber die Mauriſchen Bogenſchützen ſtellten ſich an dem Ufer gegenüber auf, und unterhielten ein heftiges Schießen auf die Chriſten, ſo oft ſie ihre Gefäße aus dem dürftigen, geteübten Bache füllen wollten. Ein Theil der Chriſten mußte daher fechten, während der andre Waſſer holte; zu allen Stunden des Tags und der Nacht ward dieſer blutige Kampf fortgeſetzt, bis es den Anſchein erhielt, jeder Tropfen Waſſer ſey mit einem Tropfen Blut erkauft. Mittlerweile wurden die Leiden in der Stadt groß. Nur den Soldaten und ihren Pferden vergönnte man den ſo theuer erkauften, koſtbaren Trank, und auch ihnen in einem Maße, das ihr Bedürfniß nur zur Tantalus⸗ qual machte. Die Verwundeten, die nicht hervorbrechen konnten, ſich ihn zu verſchaffen, entbehrten ihn faſt ganz, während die Unglücklichen, in die Moſchee'n eingeſperrten Geſangenen zur furchtbarſten Noth gebracht wurden. Viele kamen im Wahnſinn um, glaubten in unbegrenzten See'n zu ſchwimmen, und doch nicht im Stande zu ſeyn ihren Durſt zu löſchen. Viele Soldaten lagen brennend und ſchmachtend auf den Schanzen, nicht ferner fähig, die Sehne zu ziehen oder einen Stein zu ſchleudern, während — 51— über fünftauſend Mauren auf eine felſige Anhöhe, welche ei⸗ nen Theil der Stadt überſah, aufgeſtellt waren, und ein leb⸗ haftes Feuer mit Schleuder und Armbruſt unterhielten; der Marquis von Cadix war genöthigt, die Bollwerke durch die Thüren zu erhöhen, welche er von den Privat⸗ wohnungen wegnahm. Die chriſtlichen Ritter, dieſer außerordentlichen Ge⸗ fahr ausgeſetzt, und nahe daran, in die Hände des Fein⸗ des zu fallen, ſchickten Eilboten nach Sevilla und Cor⸗ dova, um die Andaluſiſche Ritterſchaft aufzufordern, zu ihrem Beiſtand herbeizueilen. Auch bei dem König und der Königin, die damals ihren Hof zu Medina del Campo hielten, ließen ſie um Hülfe flehen. Mitten in ihrer Noth ward ein Becken, eine Ciſterne glücklicher Weiſe in der Stadt entdeckt, was ihren Leiden auf einige Zeit abhalf. Siebentes Kapitel. Wie der Herzog von Medina Sidonia und die andaluſiſche Ritterſchaft zur Entſetzung Alhama's herbeieilte. Die gefaͤhrliche Lage der chriſtlichen Ritter, die in den Mauern Alhama's eingeſperrt und belagert waren, verbreitete Schrecken unter ihren Freunden und Angſt durch ganz Andaluſien. Nichts jedoch konnte den Be⸗ 4* — 52— ſorgniſſen der Markgräfin von Cadix, der Gemahlin des tapfern Roderigo Ponce de Leon gleichkommen. In ih⸗ rem tiefen Kummer ſah ſie um ſich nach einem mächtigen Edlen, der die Mittel hätte, das Land zum Beiſtand ihres Gemahls aufzurufen. Niemand ſchien geeigneter dazu als Don Juan de Guzman, der Herzog von Me⸗ dina Sidonia. Er war der reichſte und mächtigſte Grand von Spanien. Seine Beſitzungen dehnten ſich über einige der fruchtbarſten Theile Andaluſiens aus, und enthielten Städte und Seehäfen und zahlreiche Dorfſchaften. Hier regierte er nach den Lehngeſetzen gleich einem kleinen Für⸗ ſten, und konnte zu jeder Zeit eine unermeßliche Macht von Vaſallen und Gefolge in's Feld ſtellen. Der Her⸗ zog von Medina Sidonia und der Marquis von Cadir aber waren damals Todfeinde. Ein angeerbter Hader beſtand zwiſchen ihnen, der oft in Mord und Krieg aus⸗ gebrochen; denn bis jetzt waren die ſtolzen Zwiſte zwi⸗ ſchen den kühnen, mächtigen Spaniſchen Edlen noch nicht völlig durch die Macht der Krone unterdrückt worden, und in dieſer Hinſicht übten ſie ein Recht der Oberherr⸗ ſchaft aus, indem ſie ihre Vaſallen gegen einander in's Feld führten. Der Herzog von Medina Sidonia hätte manchen ge⸗ rade der allerletzte ſcheinen mögen, an welchen man ſich zur Unterſtützung des Marquis von Cadix hätte wenden können; aber die Markgräfin beurtheilte ihn nach ihrem eignen großen, hochherzigen Gemüthe. Sie kannte ihn als tapfern, höflichen Ritter, und hatte ſchon ſeinen Edel⸗ — 53— muth erfahren, da ſie von ihm befreit wurde, als ſie von den Mauren in ihres Gemahls Feſte Arkos belagert war. Sie wandte ſich alſo in dieſem Augenblick plötzlicher Noth an den Herzog, und flehte ihn, ihrem Gemahl Hülfe zu leiſten. Der Erfolg zeigte, wie ſehr edte Gemüther ſich verſtehen. Nicht ſobald empfing der Herzog dieß Geſuch von dem Weibe ſeines Feindes, als er edelmüthig alle Gefühle der Feindſchaft vergaß, und ſich entſchloß, in eigner Perſon zu ſeiner Hülfe zu eilen. Er ſandte ſo⸗ gleich ein höfliches Schreiben, an die Markgräftn, worin er ſie verſicherte, daß in Betracht der Aufforderung von einer ſo ehrbaren, ſchätzenswerthen Dame und um einen ſo tapfern Ritter wie ihren Gemahl, deſſen Verluſt groß ſeyn würde nicht allein für Spanien, ſondern für die ganze Chriſtenheit, aus der Gefahr zu befreien, er jede Rückerinnerung an die vergangene Uneinigkeit unterdrük⸗ ken, und mit allen Streitkräften, die er aufbieten könne, zu ſeiner Befreiung eilen würde. Der Herzog ſchrieb zu gleicher Zeit an die Alcayden ſeiner Städte und Feſten, und befahl ihnen, ihn vor Se⸗ villa mit allen Truppen, die ſie von ihren Beſatzungen entbehren könnten, zu treffen. Er rief die ganze anda⸗ luſiſche Ritterſchaft auf, mit ihm in Befreiung jener chriſtlichen Ritter gemeinſchaftliche Sache zu machen, und bot allen Freiwilligen, welche ſich mit ihm mit Pferden, Waffen und Mundvorrath vereinigen wollten, hohen Sold an. So wurden alle, die durch Ehre, Religion, Pa⸗ triotismus oder Durſt nach Gewinn aufgereizt werden — 54— konnten, vermocht, unter ſeine Fahne zu eilen; und er zog in's Feld mit einem Heer von fünftauſend Pferden und fünfzigtauſend Fußvölkern.(Cronica de los Duques de Medina Sidonia por Pedro de Medina; Ms.) Viele Ritter von ausgezeichnetem Namen begleiteten ihn auf dieſem edlen Zug. Unter dieſen war der furchtbare Alonzo de Aquilar, der Buſenfreund des Marquis von Cadix, und mit ihm ſein jüngerer Bruder, Gonſalvo Fernandez de Cordova, ſpäter berühmt als der große Capitain; auch Don Rodrigo Givon, Hochmeiſter des Calatravenordens, nebſt Martin Alonzo de Montemayor, und der Marquis von Villena, den man für die beſte Lanze in Spanien hielt. Es war ein tapfres, glänzen⸗ des Heer, enthaltend die Blüthe der Spaniſchen Ritter⸗ ſchaft; in herrlichem Prunk zog es aus Sevilla's Tho⸗ ren, unter der großen Standarte jener alten, berühmten Stadt. Ferdinand und Iſabelle waren zu Medina del Campo, als die Botſchaft von Alhama's Einnahme kam. Der König war in der Meſſe, als er es erſuhr, und ließ ein Te Deum für dieſen ausgezeichneten Triumph des heili⸗ gen Glaubens ſingen. Als die erſte Freude des Siegs vorüber war, und der König die drohende Gefahr des 4 kräftigen Ponce de Leon und ſeiner Gefährten und die 3 Möglichkeit erfuhr, es könne ihm dieſes Bollwerk wieder entriſſen werden, beſchloß er in eigner Perſon auf den Schauplatz der Handlung zu eilen. So drängend erſchienen ihm die Umſtände, daß er ſich kaum Zeit ließ, eilig ein* — 55— Mahl zu ſich zu nehmen, während die Pferde verſorgt wurden, und dann reiſte er mit wüthiger Schnelligkeit nach Andaluſten ab, für die Königin die Aufforderung zu⸗ rücklaſſend, ihm zu folgen.(IIlescas, hist. pontiſical.) Er ward geleitet von Don Beltran de la Cueva, Her⸗ zog von Albuquerque, Don Inigo Lopez de Mendoza, Graf von Tendilla und Don Pedro Manriquez, Graf von Trevino, und noch von einigen andern Rittern von Muth und Auszeichnung. Er zog in beeilten Tagreiſen, wechſelte oft die ermatteten Pferde und war begierig, noch zu rechter Zeit anzulangen, um den Oberbeſehl über die Andaluſiſche Ritterſchaft zu übernehmen. Als er ſich auf wenige Meilen Cordova genähert hatte, machte ihm der Herzog von Albuquerque Vorſtellungen, daß er in ſo unvorſichtiger Haſt in Feindes Land eindringe. Er zeigte ihm, es ſeyen Truppen genug verſammelt„ um Alhama zu Hülfe zu kommen, und es ſchicke ſich nicht für ihn, ſeine königliche Perſon zu gefährden, indem er thue, was von ſeinen Unterthanen geſchehen könne, beſonders da er ſo tapfre, erfahrne Feldherrn habe.«Auſſerdem, Sire,⸗ fuhr der Herzog fort,«ſollten Eure Majeſtät bedenken, daß die Truppen, die im Begriff ſind in's Feld zu rücken, bloße Andaluſier ſind, während ihre hohen Vorfahren nie einen Einfall in das Mauriſche Gebiet machten, ohne von einer ſtarken Macht aus den feſten, eiſernen Krie⸗ gern Alt⸗Caſtiliens begleitet zu ſeyn.⸗ B5 „Herzog,» entgegnete der König,«Euer Rath hätte gut ſeyn mögen, wär' ich nicht von Medina mit dem — 56— lant geaͤußerten Vorſatz abgegangen, dieſe Cavaliere in Perſon zu unterſtützen. Ich bin nun nahe dem Ende meiner Reiſe, und es würde unter meiner Würde ſeyn, meinen Plan zu ändern, eh' ich auch nur einem Hinder⸗ niß begegnet. Ich werde die Truppen dieſes Landes, welche verſammelt ſind, nehmen, ohne auf die aus Caſti⸗ lien zu warten, und mit Gottes Hülfe meine Reiſe fort⸗ ſetzen.»(Pulgar Cronica III. 3.) Als König Ferdinand ſich Cordova näherte, kamen die vornehmſten Einwohner heraus, ihn zu empfangen. Als er aber vernahm, der Herzog von Medina Sidonia ſey ſchon auf dem Marſch, und dringe eilig vor in das Gebiet der Mauren, war der König voller Eifer, ihn einzuholen, und in Perſon die Hülfe nach Alhama zu führen. Ohne daher in Cordova einzuziehn, wechſelte er ſeine müden Pferde gegen die der Einwohner, welche ihm entgegengekommen, und eilte fort zu dem Heer. Er ord⸗ nete Eilboten voraus, um den Herzog von Medina Si⸗ donia zu erſuchen, ſeine Ankunſt abzuwarten, damit er den Befehl über die Truppen übernehmen könne. Doch fühlten ſich weder der Herzog noch ſeine Gefähr⸗ ten geneigt, in ihrem edlen Beginnen einzuhalten und dem Wunſch des Königs zu genügen. Sie ſchickten Ge⸗ ſandte zurück, und ſtellten vor, ſie ſeyen weit im feind⸗ lichen Gebiet, und es wäre gefährlich, ſtehen zu bleiben oder umzuwenden. Auch hätten ſie dringende Aufforde⸗ rungen von den Belagerten erhalten, alle mögliche Eile zu gebrauchen; dieſe hätten ihnen ihre große Noth vor⸗ — 57— geſtellt, die ſtündliche Gefahr, von dem Feinde üͤberwun⸗ den zu werden. Der König war zu Ponton del Maeſtre, als er dieſe Boten empfing. Er war ſo voll Eifer für das Gelingen dieſer Unternehmung, daß er mit der Handvoll Ritter, die ihn begleiteten, in das Königreich Granada einge⸗ drungen wäre, hätten ſie ihan nicht die Raſchheit eines ſolchen Zugs durch die bergichten Defileen eines feindlichen, dicht mit Städten und Feſten beſetzten Landes, vorgeſtellt. Es hielt daher etwas ſchwer, ihn von ſeiner Neigung ab⸗ zubringen, und zu bewegen, Nachricht von dem Heer in der Grenzſtadt Antequera abzuwarten. Achtes Kapitel. Folge der Begebenheiten zu Alhama. ℳ Während ſo ganz Andaluſien in den Waffen ſtand, und ſeine Ritter durch die Bergpäſſe der Mauriſchen Grenze ausſchickte, war die Beſatzung zu Alhama in die äußerſte Noth verſetzt, und in Gefahr, unter ihren Lei⸗ den zu erliegen, ehe die verſprochene Hülfe ankommen könnte. Der unerträgliche Durſt, welcher in Folge des Waſſermangels herrſchte, das beſtändige Wachen über die großen feindlichen Streitkräfte außen und die Menge der Gefangenen innen, dann die Wunden, welche faſt jeder — 58— Soldat in den Scharmützeln und immerwährenden Anfaͤl⸗ len erhalten, all dieß hatte Geiſt und Köͤrper ſchrecklich geſchwaͤcht. Der edle Ponce de Leon, Marquis von Ca⸗ dir, ermuthigte jedoch noch die Soldaten mit Wort und Beiſpiel, theilte jede Beſchwerde mit ihnen, und war voran bei jeder Gefahr, dadurch heweiſend, daß ein gu⸗ ter Befehlshaber der Lebensgeiſt eines Heeres iſt. Als Muley Aben Haſſan von den großen Streitkräͤf⸗ ten höͤrte, welche unter dem Befehl des Herzogs von Me⸗ dina Sidonia herankämen, und daß Ferdinand ſelbſt er⸗ ſcheinen würde, und noch mehr Truppen herbeiführte, ſah er ein, es ſey keine Zeit zu verlieren; Alhama mußte durch einen kräftigen Sturm weggenommen, oder gänz⸗ lich den Chriſten überlaſſen werden. Eine Anzahl Mau⸗ riſcher Ritter, einige von den tapferſten Jünglingen Gra⸗ nada's, welche die Wünſche des Königs kannten, ſchlu⸗ gen vor, einen gewagten Streich zu unternehmen, wel⸗ cher, wenn er glückte, Alhama in ſeine Gewalt bringen mußte. Eines Morgens früh, als kaum das Grau der Dämmerung ſich zeigte, um die Zeit des Wechſels der Wache, näherten ſich dieſe Ritter der Stadt an einer wegen der Steilheit der Felſen, worauf die Mauer ruhte, für unzugänglich gehaltenen Stelle. Man glaubte, hier ſeyen die Schanzen über den Bereich der längſten Sturm⸗ leitern hinaus. Die Mauriſchen Helden, unterſtützt von einer Anzahl der ſtärkſten und eifrigſten Eſcaladoren, er⸗ ſtiegen dieſe Felſen und banden die Leitern an, ohne ent⸗ deckt zu werden; denn um die Aufmerkſamkeit von ihnen 56. — 59— abzulenken, machte Muley Aben Haſſan einen verſtellten Angriff auf die Stadt an einem andern Theile. Der Steiger⸗Trupp ſtieg mit großer Schwierigkeit und in kleiner Anzahl; die Wache ward auf ihrem Poſten ge⸗ tödet, und ſiebzig Mauren nahmen ihren Weg in die Straßen der Stadt, ehe Lärm gemacht wurde; dann aber ſtürzten die Wachen auf die Wälle, um dem feind⸗ lichen Drang Einhalt zu thun, welcher noch hereinfluthete. Ein heftiges Gefecht, Hand an Hand, Mann gegen Mann, erhob ſich auf den Verſchanzungen, und viele fielen auf beiden Seiten. Die Mauren, verwundet oder erſchlagen, wurden Kopf über unter die Wälle geworfen, die Sturm⸗ leitern umgeſtoßen, und die, welche heraufſtiegen, auf den Felſen zerſchmettert, von wo ſie auf die Ebene herab⸗ rollten. So wurden in kurzer Zeit die Schanzen durch chriſtliche Tapferkeit unter der Anführung des gewaltigen Ritters Don Alonzo Ponce, des Onkels und jenes ſtatt⸗ lichen Eſquires Pedro Pinedo, des Neffen des Marquis von Cadix, von den Feinden gereinigt. Darauf eilten dieſe zwei verwandten Ritter mit ihren Streitkräften zur Verfolgung der ſiebzig Mauren, welche in die Stadt ge⸗ kommen waren. Da der Haupttheil der Beſatzung in einiger Entfernung beſchäftigt war, um dem verſtellten Angriff des Mauren⸗Königs zu widerſtehen, ſo hatte dieſe ſtolze Bande Ungläubiger die Straßen faſt ohne Wi⸗ derſtand durchzogen, und nahmen ihren Weg nach den Thoren, um ſie dem Heere zu öffnen.(Zurita XX. 43.) Es waren erleſene Männer, einige von ihnen ſtattliche .— 60— NRitter der vornehmſten Familien Granada's. Ihre Schritte durch die Stadt wurden mit Blut bezeich⸗ net, ſie wurden bezeichnet durch die Leichen derer, die ſie getödet und verwundet. Sie hatten das Thor er⸗ reicht; der größte Theil der Wache war unter ihren Sä⸗ beln gefallen, noch einen Augenblick und Alhama wäre dem Feind geöffnet worden. Gerade da erreichten Don Alonzo Ponce und Pedro de Pineda dieſe Stelle mit ihrer Streitmacht. Die Mauren hatten den Feind im Angeſicht und Rücken; ſie ſtellten ſich mit ihrer Fahne in der Mitte rückwärts aneinander. So fochten ſie mit ver⸗ zweifelter, dem Tod ergebener Entſchloſſenheit, und bil⸗ deten um ſich einen Wall von Erſchlagenen. Noch mehr chriſtliche Truppen kamen an und engten ſie ein, aber noch fochten ſie, ohne Quartier zu verlangen. Als ihre Zahl ſchmolz, machten ſie den Kreis noch enger, verthei⸗ digten ihr Banner vor jedem Anfall und der letzte Maure ſtarb auf ſeinem Poſten, die Fahne des Propheten krampf⸗ haft haltend. Dieſe Standarte ward auf den Wällen aufgepflanzt, und die beturbanten Häupter der Mauren den Belagerern herabgeworfen.*) Muley Aben Haſſan zerzauſte ſich den Bart voll Wuth über das Mißlingen dieſes Verſuchs und über den Tod ſo vieler auserleſenen Ritter. Er ſah, alle fernere An⸗ *) Pedro Pineda erhielt den Ritterſchlag von der Hand Kö⸗ nigs Ferdinand für ſeine Tapferkeit bei dieſer Gelegen⸗ heit. Alonzo Ponce war ſchon Ritter; ſ. Zuniga An⸗ nalen von Sevilla. Lib. XII. Jahrg, 1482. — 61— ſtrengung wuͤrde vergebens ſeyn. Seine Kundſchafter ſag⸗ ten aus, ſie hätten von den Höhen die langen Reihen und flatternden Banner des über die Gebirge heranzie⸗ henden chriſtlichen Heeres geſehen; zaudern hieße ſich zwi⸗ ſchen zwei feindliche Maſſen ſetzen. Er brach daher in al⸗ ler Eil ſein Lager ab, gab die Belagerung Alhama's auf, und eilte⸗ nach Granada zurück. Der letzte Laut ſeiner Cimbeln war kaum von den fernen Hügeln her im Ohr erſtorben, als man die Fahne des Herzogs von Medina Sidonia in einer andern Richtung aus den Klüften der Berge hervortauchen ſah. Als die Chriſten in Alhama auf der einen Seite ihre Feinde abziehen, und ihre Freunde auf der andern heran⸗ kommen ſahen, brachen ſie in Freudenruf und Dankgebet aus, denn es war plötzliche Erlöſung von nahem Tod. Erſchöpft durch mehrere Wochen beſtändigen Wachens und Fechtens, leidend von Mangel an Nahrung und faſt be⸗ ſtändigem Durſt, glichen ſie mehr Gerippen als Lebendi⸗ gen. Es war ein herrlicher, lieblicher Anblick, die Zu⸗ ſammenkunft dieſer zwei alten Feinde, des Herzogs von Medina Sidonia und des Marquis von Cadix. Als der Marquis ſeinen hochherzigen Befreier herankommen ſah, zerſchmolz er in Thränen; alle vorige Feindſeligkeiten ga⸗ ben den jetzigen Gefühlen der Dankbarkeit und Bewund⸗ rung nur größere Innigkeit; ſie ſchloſſen ſich in die Arme, und waren von jener Zeit an treue, herzliche Freunde. Während dieſer edle Auftritt zwiſchen den Befehlsha⸗ bern ſtatt fand, erhob ſich ein ſchmutziger Streit unter ih⸗ — 62— ren Truppen. Die Soldaten, welche zum Entſatz herbei⸗ geeilt, verlangten einen Theil der Beute aus Alhama, und der Zank war ſo heftig, daß beide Partheien zu den Waffen griffen. Der Herzog von Medina Sidonia ſchlug ſich in's Mittel, und ſchlichtete die Frage mit ſeiner ge⸗ wohnten Großmuth. Er erklärte, die Beute gehöre de⸗ nen, welche die Stadt erobert.«Wir ſind in's Feld ge⸗ zogen,» ſagte er,«um unſre Landsleute und Mitchriſten zu befreien, für die Ehre, für die Religion allein; das Gelingen unſrer Unternehmung iſt hinreichender, ruhm⸗ voller Lohn. Wenn wir nach Beute verlangen, ſo ſind noch genug Mauriſche Städte zu nehmen, um uns alle zu bereichern.“ Die Soldaten wurden durch die freie, ritterliche Sprache des Herzogs üverzeugt; ſie antworte⸗ ten ihm durch Zujauchzen, und der vorübergehende Auf⸗ ruhr ward glücklerh gedämpft. Die Markgräfin von Cadir hatte mit der Vorſorge eines liebenden Weibes dem Heer ihren Hausmeier mit vielem Mundvorrath beigegeben. Tiſche wurden alsbald unter die Zelte aufgeſtellt, und der Marquis gab dem Herzog und den Rittern, die ihn begleitet, ein glänzen⸗ des Feſt; nur Heiterkeit ertönte, wo eben noch Leiden und Mord geherrſcht hatten. Man ließ friſche Truppen als Beſatzung in Alhama, und die Veteranen, die es ſo tapfer erobert und behaup⸗ tet hatten, kehrten mit koſtbarer Beute beladen nach Hauſe zurück. Der Marquis und Herzog erſchienen mit ihren vereinten Rittern in Antequera, wo ſie von dem — 63— Koͤnig mit großer Auszeichnung empfangen wurden; be⸗ ſonders erhielt der Marquis von Cadix ungewöhnliche Zei⸗ chen ſeiner Gunſt. Der Herzog begleitete dann ſeinen früheren Feind, der jetzt ſein eifrigſter, dankbarſter Freund geworden, den Marquis von Cadix nach Marchena, wo er den Lohn ſeines edlen Benehmens in dem Dank und Segen der Markgräfin fand. Der Marquis gab zu Eh⸗ ren ſeines Gaſtes prächtige Feſte, einen Tag und eine Nacht war ſein Pallaſt allen geöffnet, und der Schau⸗ platz beſtaͤndiger Luſt und Freude. Als der Herzog in ſeine Beſitzungen von St. Lucar zurückkehrte, begleitete ihn der Marquis bis in eine gewiſſe Entfernung, und als ſie ſchieden, war's die Abſchiedsſcene zwiſchen Brü⸗ dern. Dieß war das edle Beiſpiel, welches die beiden mächtigen Nebenbuhler der Spaniſchen Ritterſchaft ga⸗ ben. Jeder erndtete weitverbreiteten Ruhm von der Rolle, die er in dem Feldzug geſpielt; der Marquis, daß er eine der wichtigſten und furchtbarſten Feſten im Königreich Granada überfallen und genommen, der Her⸗ zog, daß er ſeinen tödlichſten Feind durch einen großen Akt des Edelmuths bezwungen. — 64— Neuntes Kapitel. Vorfälle zu Granada, Empörung des Mauren⸗Königs Boabdi! El Chico. Der Mauren⸗König Aben Haſſan zog ſich beſchämt und in ſeinen Hoffnungen betrogen von den Wällen Al⸗ hama's zurück, und ward mit Geſtöhn und unterdrückten Verwünſchungen von dem Volk zu Granada empfangen. Die Weiſagung des Santon war in jedes Munde, und ſchien ſich ſchnell zu erfüllen; denn der Feind hatte ſich ſchon mit Macht in Alhama, dem Herzen des Reichs feſt⸗ geſetzt. Der Unwille, der unter dem gemeinen Volk in Murren ausbrach, gährte geheimer und gefährlicher unter den Edlen. Muley Aben Haſſan war von ſtolzer, grau⸗ ſamer Gemüthsart; ſeine Regierung von Tyrannei und Mord bezeichnet, und viele Häupter der Familie der Abencerragen, des edelſten Geſchlechts unter den Mau⸗ ren, waren als Opfer ſeiner Politik oder ſeiner Rache gefallen. Eine tief verborgene Verſchwörung bildete ſich jetzt, ſeinen Bedrückungen ein Ende zu machen, und ihn vom Thron zu ſtoßen. Die Lage der königlichen Familie begünſtigte die Umtriebe. Muley Aben Haſſan, obwohl grauſam, war doch den Frauen ergeben, das heißt, er hatte mehrere Weiber und — 65— ließ ſich manchmal von ihnen lenken. Er hatte beſonders zwei Königinnen, die er ſich aus Zuneigung gewählt. Eine, Namens Ayra, war eine Maunriſche Frau, ſie hieß auch im Arabiſchen La Horra, d. h. die Reine, von der fleckenloſen Unbeſcholtenheit ihres Charakters. Als noch in der Blüthe ihrer Schönheit, gebar ſie Aben Haſſan einen Sohn, den erſehnten Erben ſeines Throns. Der Name dieſes Prinzen war Muhamed Abdalla, oder, wie er allgemeiner von den Geſchichtſchreibern genannt wird, Boabdil. Bei ſeiner Geburt ſtellten die Sterndeuter, der Sitte gemäß, ſein Horoſkop; ſie wurden von Furcht und Zittern ergriffen, als ſie die verhängnißvollen Zeichen erſchauten, die ſich ihrer Wiſſenſchaft offenbarten.«Alla Achbar, Gott iſt groß,» riefen ſie aus,«er allein lenkt das Geſchick der Reiche; es ſteht in den Geſtirnen ge⸗ ſchrieben, daß dieſer Fürſt ſitzen wird auf dem Thron von Granada, aber daß der Fall des Reichs ſich vollendet un⸗ ter ſeiner Regierung.) Von dieſer Zeit an ward der Prinz immer mit Abſcheu von ſeinem Vater angeſehen, und die Kette von Verfolgungen, die er litt, die finſtre Weiſagung, die über ihm hing von ſeiner Kindheit an, gaben ihm den Zunamen El Zogoybi, oder der Unglück⸗ liche. Er iſt bekannter unter der Benennung El Chico, der jüngere, um ihn von einem Uſurpator, ſeinem Oheim, zu unterſcheiden. Die andre Favorite Aben Haſſan's nannte ſich Fati⸗ me, welchem Namen die Mauren noch die Benennung La Zoroya, Licht des anbrechenden Tags, wegen ihrer Irving's Granada, 1— 3. 5 — 66— ſtrahlenden Schönheit hinzufügten. Sie war eine Chri⸗ ſtin von Geburt, die Tochter des Befehlshabers Sancho Pimenes de Solis, und in ihrer zarten Jugend zur Ge⸗ ſangenen gemacht worden.(Cronica del Gran Carde- nal, c. LXXI.) Der König, der damals in den Jahren ſchon vorge⸗ rückt war, verliebte ſich in das blühende Chriſtenmädchen. Er machte ſie zu ſeiner Sultane, und wie die meiſten Alten, die in ihrer Narrheit heirathen, überließ er ſich ganz ihrer Leitung. Zoroya wurde Mutter von zwei Prinzen, und ihre ängſtliche Beſorgniß für ihr Empor⸗ kommen ſchien jedes andre natürliche Gefühl in ihrer Bruſt zu tilgen. Sie war ſo ehrgeizig als ſchön; und ihre herrſchende Begierde ward, einen ihrer Söhne auf dem Thron von Granada zu ſehen. Zu dieſem Zweck machte ſie von all ihrer Liſt Ge⸗ brauch, und wandte die ganze Herrſchaft an, die ſie über das Herz ihres grauſamen Gemahls ausübte, um ſeine anderen Kinder in ſeiner Liebe herabzubringen und ihn mit Argwohn gegen ihre Plane zu erfüllen. Muley Aben Haſſan wurde durch ihre Ränke ſo aufgereizt, daß er öffentlich mehrere ſeiner Söhne an der berühmten Löwen⸗ quelle in dem Hof von Alhambra, einem Ort, der in der Mauriſchen Geſchichte als der Schauplatz vieler blutigen Thaten gebrandmarkt iſt, hinrichten ließ. Die nächſte That Zoroya's war gegen ihre Mitſul⸗ tane, die tugendhafte Ayra gerichtet. Die Blüthe ihrer Schönheit war vorüber, ſie hatte nichts anziehendes mehr —-— 67— für ihren Gemahl. Er ließ ſich leicht überreden, ſte zu verſtoßen, und mit ihrem Sohn in den Thurm Coma⸗ res, einen der Hauptthürme Alhambra's einzuſchließen. Als Boabdil heranwuchs, ſah Zoroya in ihm ein furcht⸗ bares Hinderniß für die Anſprüche ihrer Söhne; denn er wurde allgemein als der künftige Thronerbe anerkannt. Die Eiferſucht, der Argwohn, die Furcht ſeines grauſamen Vaters wurden von neuem erregt; man erinnerte ihn auch an die Weiſagung, die den Sturz des Reichs unter die Regierung dieſes Fürſten ſetzte. Muley Aben Haſſan forderte gottlos die Sterne heraus.«Das Schwert des Henkers,» ſagte er, aſoll die Falſchheit dieſer Lügenho⸗ roſkope zeigen, und Boabdil's Ehrgeiz zur Ruhe brin⸗ gen, da er anmaßend iſt wie ſeine Brüder., Die Sultane Ayra wurde insgeheim von dem gran⸗ ſamen Plane des alten Herrſchers benachrichtigt. Sie war ein Weib voll Geiſt und Muth und traf mit Hülfe ihrer weiblichen Dienerſchaft Anſtalten zur Flucht ihres Sohns. Ein treuer Diener ward beordert, am Alham⸗ bra, in der Stille der Nacht nahe den Ufern des Darro⸗ mit einem flüchtigen Arabiſchen Renner zu warten. Die Sultane band, als das Schloß in tiefer Ruhe lag, ihre und ihrer weiblichen Dienerſchaft Shawls und Schleier zuſammen, und ließ den jungen Prinzen vom Thurm Comares hinunter.(Salazar, Cronica del Gran Carde- nal, LXXI.) Er gelang glücklich den ſteilen, felſigen Hügel herab, an die Ufer des Darro, warf ſich auf den Arabiſchen Renner, und wurde ſo pfeilſchnell vach Guadi 5 — 68— in den Alpurarres davongetragen. Hier lag er einige Zeit verborgen, bis, Anhang gewinnend, er ſich feſtge⸗ ſetzt, und den Ränken ſeines tyranniſchen Vaters trotzen konnte. So ſtanden die Sachen in der königlichen Fa⸗ milie, als Muley Aben Haſſan beſtegt von ſeinem Zug nach Alhama zurückkehrte. Die Faktion, welche ſich heim⸗ lich unter den Edlen gebildet hatte, beſchloß den alten König Aben Haſſan abzuſetzen, und ſeinen Sohn Boab⸗ dil auf den Thron zu erheben. Sie beſprachen ſich dar⸗ hüber mit dieſem, und eine Gelegenheit zeigte ſich bald ihre Maßregeln in Ausführung zu bringen. Muley Aben Haſſan hatte einen königlichen Landſitz, Alexares genannt, in der Nähe von Granada. Er ging öfters dahin, wäh⸗ rend der Zeit des Kummers ſein Herz dort zu erheitern. Einen Tag hatte er unter ſeinen Lauben zugebracht, als nach der Hauptſtadt zurückkehrend er ihre Thore ver⸗ ſchloſſen und ſeinen Sohn Muhamed Abdallah, ſonſt auch Boabdil geheißen, zum König ausgerufen fand.«Allah Achbar, Gott iſt groß,» rief der greiſe Muley Aben Haſſan;«vergebens kämpfſt du gegen das, was geſchrie⸗ ben ſteht im Buch des Schickſals. Es war vorausbe⸗ ſtimmt, mein Sohn ſolle auf dem Throne ſitzen. Allah verhüte das Uebrige der Verheißung.“» Der alte Mo⸗ narch kannte den leicht reizbaren Charakter der Mauren, er kannte die Unmöglichkeit, einen plötzlichen Ausbruch der Volkswuth zu dämpfen.«Eine Weile,» ſagte er, aund dieſe raſche Flamme wird ſich ſelbſt verzehren, und das Volk, wenn es nüchtern geworden, auf Vernunſt — 69— hören.“ So wandte er ſein Roß von dem Thor ab, und begab ſich nach Baza, wo er mit großer Unterwerfung empfangen wurde. Er war nicht der Mann, der ſeinem Thron ohne Kampf entſagte. Ein großer Theil des Kö⸗ nigreichs blieb ihm noch getreu; er hoffte, die Verſchwö⸗ rung in der Hauptſtadt werde nur vorübergehend und theilweiſe ſeyn; wenn er plötzlich an der Spitze einer mäßigen Macht in ihren Straßen erſchiene, glaubte er das Volk wieder in den alten Gehorſam zurückſchrecken zu können. Er nahm ſeine Maßregeln mit jener geſchick⸗ ten, kühnen Berechnung, welche ihm eigenthümlich war, und langte in einer Nacht mit fünfhundert Auserwählten un⸗ ter den Mauern Granada's an. Nachdem er die Wälle des Alhambra erſtiegen, ſtürzte er ſich mit blutgieriger Wuth in deſſen Höfe; die ſchlafenden Einwohner wurden nur von ihrer Ruhe aufgeſchreckt, um unter dem vertil⸗ genden Säbel zu fallen. Aben Haſſan's Wuth ſchonte nicht Alter, nicht Rang, nicht Geſchlecht; die Hallen gell⸗ ten von Geſchrei und Geſtöhn, die Brunnen rannen roth von Blut. Der Alcayde, Aben Canixer, zog ſich mit ge⸗ ringer Beſatzung und wenigen Einwohnern in einen feſten Thurm zurück. Der wüthende Aben Haſſan verlor keine Zeit mit ſeiner Verfolgung; er trug Sorge, ſich der Stadt zu verſichern, und ſeine Rache an ihren empöreriſchen Einwohnern zu kühlen. Er ſtieg mit ſeiner blutigen Bande in die Straßen hinab, und hieb die vertheidi⸗ gungsloſen Einwohner nieder, als von ihrem Schlaf aut⸗ ſchreckend ſie hervorſtürzten, die Urſache des Lärms zu „ 70— vernehmen. Die Stadt war bald vollſtändig aufgeregk, das Volk flog zu den Waffen, Lichter ſprühten in allen Straßen und zeigten die geringe Zahl der Bande, die ſo farchtbare Rache im Dunklen geübt. Muley Aben Haſſan hatte ſich in ſeinen Berechnungen geirrt. Die große Maſſe des Volks, durch ſeine Tyrannei aufgereizt, war voll Ei⸗ fer für ſeinen Sohn. Ein heftiger aber bald beendigter Kampf entſtand in den Straßen und auf den Plätzen. Viele vom Gefolge Aben Haſſan's wurden erſchlagen; die übrigen aus der Stadt getrieben, und der alte Herr⸗ ſcher zog ſich mit dem Reſt ſeines Haufens nach ſeiner er⸗ gebnen Stadt Malaga. Dieß war der Anfang jener großen innern Fehden und Trennungen, die Granada's Fall beſchleunigten. Die Mauren trennten ſich in zwei feindliche Partheien, die vom Vater und Sohn angeführt wurden, und ſich meh⸗ rere blutige Treffen lieferten. Doch verfehlten ſie nie, mit ihren getrennten Streitkräften, ſo oft eine Gelegen⸗ heit ſich darbot, gegen die Chriſten als den gemeinſamen Feind zu wirken. Zehntes Kapitel. Des Königs Zug gegen Loxa. König Ferdinand hielt zu Cordova einen Kriegsrath, worin berathſchlagt wurde, was mit Alhama geſchehen ſolle. Die meiſten in der Verſammlung riethen, man müſſe es zerſtören, da es, im Mittelpunkt des Mauri⸗ ſchen Reiches gelegen, beſtändig feindlichen Angriffen aus⸗ geſetzt ſeyn würde, und nur durch eine ſtarke Beſatzung und mit vielen Unkoſten behauptet werden könne. Die Königin Iſabelle kam gerade unter dieſen Berathſchla⸗ gungen nach Cordova, und hörte ſie mit Staunen und Ungeduld an.«Was,» ſagte ſie,«ſollen wir die erſten Früchte unſrer Siege vernichten, ſollen wir den erſten Ort verlaſſen, den wir den Mauren entriſſen ha⸗ ben? Nie laßt ſolch einen Gedanken in unſre Herzen kommen; er würde Muth dem Feind verleihen, Furcht und Schwäche in unſern Beſchlüſſen verrathen. Ihr ſprecht von den Beſchwerden und Koſten der Behauptung Alhama's. Zweilfelten wir, als wir dieſen Krieg unter⸗ nahmen, es werde ein Krieg ſeyn voll unendlicher Aus⸗ gaben, Mühen und Todesgefahren; und ſollen wir jetzt, ſobald wir einen Sieg errungen, vor den Koſten zurück⸗ ſchrecken, jetzt, da die Frage nur iſt, eine ruhmvolle Tro⸗ — 72— phäe zu wahren oder aufzugeben? Laßt uns nichts weiter von Alhama's Zerſtörung hören; laßt uns ſeine geheilig⸗ ten Wälle als ein vom Himmel verliehenes Bollwerk mit⸗ ten in Feindes Land behaupten! Unſre einzige Betrach⸗ tung laßt ſeyn, wie wir unſre Eroberung ausdehnen und die umliegenden Städte bezwingen!“ Dieſe Worte der Königin flößten dem königlichen Rath einen kühnern, rit⸗ terlicheren Geiſt ein. Vorkehrungen wurden ſogleich ge⸗ troffen, Alhama auf jede Gefahr, auf alle Koſten zu be⸗ haupten und König Ferdinand berief zum Alcayde Luis Fernandez Puerto Carrero, Aelteſter des Hauſes Palma, dem zur Unterſtützung beigegeben wurden: Diego Lopez de Ayola, Pero Reiz de Alarcon und Alonzo Ortiz, mit vierhundert Lanzen und einer Abtheilung von tauſend Mann zu Fuß, die mit Mundvorrath für drei Monate verſehen waren. Ferdinand beſchloß auch Loxa zu bela⸗ gern, eine Stadt von großer Feſtigkeit, nicht weit von Alhama. Zu dieſem Zweck rief er auf alle Städte und Feſten von Andaluſien und Eſtremadura, die Beſitzungen der Orden von St. Jago, Calatrava und Alcantara und der Priorei von St. Juan, dann das Königreich Toledo, und weiter die Städte Salamaca, Toro und Valadolid, auf, daß ſie nach ihren Theilen und Looſen Brod, Wein und Vieh lieferten, was alles gebracht werden ſollte in das königliche Lager von Loxa, die eine Hälfte zu Ende Juni, die andre im Juli. Dieſen Ländern wurde auch nebſt Biſcaya und Guipuzcoa geboten, Verſtärkungen zu ſenden an Mann und Roß, jede Stadt liefernd ihren — 72— Antheil. Mit großer Sorgfalt verſah man ſich mit Don⸗ nerbüchſen, Pulver und anderm Kriegsvorrath. Die Mauren waren nicht weniger thätig in ihren Rüſtungen, und ſchickten Boten nach Afrika, um Vor⸗ ſchub flehend, und forderten die Fürſten der Barbarei auf, ihnen in dieſem Glaubenskrieg zu helfen. Allen Zu⸗ zug aufzufangen, ſtellten die Caſtiliſchen Fürſten ein Ge⸗ ſchwader von Schiffen und Galleeren in die Meerenge don Gibraltar, unter dem Oberbefehl Martin Diaz de Mena und Carlos de Valera, mit dem Gebot die Kü⸗ ſten der Barbarei zu durchſuchen und jedes Mauriſche Se⸗ gel von der See zu entfernen. Während dieſer Vorkehrungen machte Ferdinand an der Spitze ſeines Heers einen Einfall in das Königreich Granada und verwüſtete die Vega. Er zerſtörte ihre Weiler und Dörfer, zertrat die Kornfelder, trieb weg das Vieh. Gegen Ende Juni's zog Ferdinand von Cordova aus, um vor Lora's Wällen zu lagern. Er war des Erfolgs ſo ſicher, daß er einen großen Theil des Heers zu Ecija ließ, und nur mit fünftauſend Reitern und achttauſend zu Fuß vorrückte. Der Marquis von Cadir, ein eben ſo weiſer als tapfrer Krieger, machte Vorſtellungen gegen die Anwendung einer ſo geringen Macht, und war eigentlich gegen das ganze Unternehmen, weil es übereilt und nicht mit den nöthigen Vorkehrungen unternommen worden. Aber König Ferdinand ward von den Eingebungen Don Diego's de Merlo geleitet, und war begierig einen glän⸗ — 74— zenden, entſcheidenden Streich zu führen. Es herrſchte da⸗ mals ein eitles, ruhmrediges Vertrauen unter den Spa⸗ niſchen Rittern, ſie überſchätzten ihre eigne Tapferkeit, oder vielmehr verkannten und verachteten ihren Feind. Viele von ihnen glaubten, die Mauren würden kaum in ihrer Stadt bleiben, wenn ſie die chriſtlichen Truppen heranrücken ſähen, ſie anzugreifen. Die Spaniſche Ritter⸗ ſchaft marſchirte deßwegen kühn und furchtlos, ja faſt ſorglos über die Grenze, ſpärlich mit dem verſehen, was einem Belagerungsheer mitten in Feindes Land nöthig iſt. Auf dieſelbe nachläßige, vertrauende Weiſe nahmen ſie ihre Stellung vor Loxa ein. Das Land umher war brüchig und voll Hügel, ſo daß es außerordentlich ſchwie⸗ rig war, ein zuſammenhängendes Lager zu bilden. Der Fluß Xenil, der an der Stadt hinfließt, ward durch hohe Ufer zuſammengedrängt, und war ſo tief, daß er nur ſehr ſchwierig zu durchſchreiten war; die Mauren waren im Beſitz der Brücke. Der König ſchlug ſein Zelt in ei⸗ ner Oelplantage an den Ufern des Fluſſes auf; die Trup⸗ pen waren in verſchiedne Lager auf die Höhen vertheilt, aber durch tiefe, felſige Abgründe von einander getrennt, ſo daß es unmöglich war, ſich gegenſeitig ſchnelle Hülfe zu leiſten, auch war kein Raum für die Entwicklung der Reiterei. Das Geſchütz aber war ſo unpaſſend aufge⸗ ſtellt, daß es faſt ganz nutzlos wurde. Alonzo von Ar⸗ ragon, Herzog von Villahermoſa, und unehlicher Bru⸗ der des Königs, war bei der Belagerung zugegen, und mißbilligte die ganze Anordnung. Er war einer der ge⸗ ſchickteſten Generäle ſeiner Zeit, und beſonders wegen ſei⸗ ner Erfahrung in Eroberung befeſtigter Plätze berühmt. Er rieth die ganze Stellung des Lagers zu ändern, und mehrere Brücken über den Fluß zu ſchlagen. Sein Rath ward angenommen aber langſam und nachläßig befolgt, ſo daß er werthlos wurde. Unter andern Nachläßigkeiten auf dieſem haſtigen, ſorgloſen Zug, zeigte ſich in dem Heer auch Mangel an gebacknem Brod, und in der Eile der Lagerung hatte man keine Zeit, Oefen zu errichten. Deßwegen wurden ſchnell Kuchen gemacht, auf Kohlen ge⸗ backen, und damit das Heer unordentlich zwei Tage derſehen. König Ferdinand fühlte zu ſpät die Unſicherheit ſei⸗ ner Lage, und bemühte ſich, einſtweilen ein Mittel dage⸗ gen aufzufinden. Es war eine Anhöhe nahe der Stadt, don den Mauren Santo Albohacen genannt, gerade im Angeſicht der Brücke. Er beorderte mehrere ſeiner tapfer⸗ ſten Ritter, ſich in Beſitz der Anhöhe zu ſetzen, und ſle als einen Zaum gegen den Feind und Schutz des Lagers zu behaupten. Die zu dieſem auszeichnenden und gefährlichen Unter⸗ nehmen erwählten Ritter waren: Der Marquis von Ca⸗ dir, der Marquis von Villena, Don Roderigo Tellez Giron, Hochmeiſter des Calatravenordens, ſein Bruder, der Graf von Urena und Don Alonzo de Aquilar. Dieſe kapferen Krieger und erprobten Waffengenoſſen führten ihre Truppen freudig gegen die Anhöhe, welche bald von der Waffenpracht glizzerte, und von mehreren der furcht⸗ — 76— barſten Standarten des kriegeriſchen Spaniens geſchmückt ward. Loxa wurde damals von einem alten Mauriſchen Al⸗ cayden befehligt, deſſen Tochter die begünſtigte Gemahlin Boabdils Elchico war. Der Maure hieß Ibrahim Ali Atar, aber unter den Spaniern war er allgemein unter dem Namen Alatar bekannt. Er war in dem Grenzkrieg grau geworden, zeigte ſich den Chriſten als unverſöhnli⸗ chen Feind, und ſein Name war lange der Schrecken der Grenze geweſen. Er war im neunzigſten Jahr ſeines Al⸗ ters, aber ungebeugt an Muth, wild in ſeinen Leiden⸗ ſchaften, nervicht und kräftig an Geſtalt, tief eingeweiht in Kriegsliſt, und wurde für die beſte Lanze in ganz Mauretanien gehalten. Er hatte dreitauſend Reiter un⸗ ter ſeinem Befehl, alte Truppen, mit denen er oft die Grenze durchſtrichen hatte, und außerdem erwartete er täglich den alten Mauren⸗König mit Verſtärkungen. Der greiſe Ali Atar hatte von ſeiner Feſte aus jede Bewegung im chriſtlichen Heer beobachtet, und über die Fehler ſeiner Befehlshaber frohlockt. Als er die Blüthe der Spaniſchen Ritterſchaft der Höhe von Albohacen her⸗ aufglänzen ſah, glänzte ſein Auge vor Luſt.«Mit Al⸗ lah's Hülfe,» ſagte er,«will ich dieſen aufgeputzten Rit⸗ tern einen Stoß verſetzen.» Ali Atar ſchickte heimlich und bei Nacht eine ſtarke Abtheilung ſeiner auserleſenſten Truppen aus, um ſich nahe dem Fuße von Albohacen in den Hinterhalt zu le⸗ gen. Am vierten Tag der Belagerung that er über die Brücke einen Ausfall und machte einen verſtellten Angriff auf die Höhe. Die Ritter ſtürzten ihm ſogleich entgegen, und ließen ihr Lager faſt ohne Schutz. Ali Atar ſchwenkte und floh, und ward haſtig verfolgt. Als die chriſtlichen Ritter ziemlich weit von ihrem Lager weggelockt worden, hörten ſie ein lautes Geſchrei hinter ſich; ſie ſahen ſich um, und gewahrten, wie ihr Lager von der Mauriſchen Streitkraft angegriffen wurde„ welche im Hinterhalt ge⸗ legen und auf einer andern Seite den Hügel erſtiegen hatte. Die Ritter ließen von der Verfolgung ab, und eil⸗ ken, die Plünderung ihrer Zelte zu hindern. Ali Atar aber wandte ſich jetzt um, und verfolgte ſie ſeiner Seits. So wurden ſie auf der Anhöhe im Angeſicht und im Rük⸗ ken angegriffen. Der Kampf dauerte eine Stunde; die Höhe Albohacen war von Blut geröthet, viele tapfre Rit⸗ ter fielen und ſtarben unter Haufen feindlicher Leichen. Der ſtolze Ali Atar focht mit der Wuth eines Löwen, bis die Ankunft größrer chriſtlichen Streitkräfte ihn zum Rückzug in die Stadt zwang. Der ſchmerzlichſte Verluſt für die Chriſten in dieſem Scharmützel war der Tod Ro⸗ derigo Tellez Giron's, Hochmeiſter des Calatraven⸗Or⸗ dens. Als er den Arm zu einem Streich erhob, durch⸗ drang ihn ein Pfeil gerade unter der Schulter, an dem offnen Theil ſeines Panzers. Er fiel ſogleich vom Pferde, ward aber von Pedro Gaſca, einem Ritter aus Avila, aufgehoben, der ihn in ſein Zelt brachte, wo er ſtarb. Der König und die Königin und das ganze Reich trauer⸗ — 278— ten über ſeinen Tod; denn er war in der Blüthe der Ju⸗ gend, nur vierundzwanzig Jahre alt, und hatte ſich im⸗ mer als tapfrer, hochherzigen Ritter gezeigt. Eine trau⸗ ernde Gruppe bildete ſich um ſeine Leiche auf der bluti⸗ gen Höhe Albohacen; die Ritter, die auf dem Hügel la⸗ gerten, beweinten ihn als ihren Waffengefährten in einer Unternehmung voll Gefahr, während der Graf von Urena ſich über den Verluſt härmte mit der zarten Liebe eines Bruders. Der König Ferdinand erkannte nun die Weisheit der Anſicht des Marquis von Cadix; er ſah ein, daß ſeine Macht für die Unternehmung ganz unzulänglich ſey. Sein Lager in ſeiner gegenwärtigen unglücklichen Stellung ferner zu be⸗ haupten, hätte ihn das Leben ſeiner tapferſten Ritter ge⸗ koſtet, wenn es ihm nicht bei einer Verſtärkung des Fein⸗ des eine gänzliche Niederlage beigebracht. Er berief ei⸗ nen Kriegsrath ſpät am Abend des Samſtags, und es ward beſchloſſen, das Heer früh am folgenden Morgen nach Rio Frio, wenig von der Stadt entfernt, zurück⸗ zuziehn, und dort Verſtärkungstruppen aus Cordova zu erwarten. Am nächſten Morgen früh begannen die Rit⸗ ter auf der Höhe Albohacen ihre Zelte abzubrechen. Kaum gewahrte dieß Ali Atar, als er einen Ausfall machte, um ſie anzugreifen. Viele der chriſtlichen Truppen, die nichts von der Abſicht gehört hatten, das Lager zu än⸗ dern, meinten, als ſie die Zelte abbrechen und die Mau⸗ ren hervordringen ſahen, der Feind ſey in der Nacht ver⸗ ſtäͤrkt worden, und das Heer auf dem Punkt, ſich zu⸗ — 79— rückzuziehn. Ohne einzuhalten, um die Wahrheit zu er⸗ fahren oder Befehle zu erhalten, flohen ſie voll Entſetzen und verbreiteten Verwirrung durch das Lager; auch hiel⸗ ten ſie nicht eher, als bis ſie den Felſen der Liebenden erreicht hatten, etwa ſieben Meilen von Loxa.(Pulgar, Cronica.) Der König und ſeine Befehlshaber ſahen die drän⸗ gende Gefahr des Augenblicks und ſtellten ſich den Mau⸗ ren entgegen; jeder Befehlshaber behauptete ſeine Stelle und wieß allen Angriff zurück, während die Zelte abge⸗ brochen und Geſchütz und Munition weggeführt wurden. Der König ritt mit einigen Reitern auf eine Anhöhe, die dem Feuer des Feindes ausgeſetzt war, rief den fliehen⸗ den Truppen zu, und bemühte ſich vergebens, ſie aufzu⸗ halten. Dann ſich gegen die Mauren wendend, griff er und ſeine Reiter ſie ſo heftig an, daß ſie ein Geſchwader in die Flucht trieben, viele mit ihren Lanzen und Schwer⸗ tern tödeten, und andere in den Fluß ſtürzten, wo ſie ertranken. Die Mauren jedoch wurden bald verſtärkt, und kehr⸗ ten in größrer Anzahl zurück. Der König war in Ge⸗ fahr umzingelt zu werden, die Mauren griffen ihn wuͤ⸗ thend an, und zwei Mal verdankte er ſeine Rettung der Kraft Don Juan's de Ribera, des Seniors von Mon⸗ temayor. Der Marquis von Cadir ſah aus der Ferne die Ge⸗ fahr ſeines Fürſten. Er rief ungefähr ſiebzig Reiter auf, ihm zu folgen, ritt ſchnell zur Stelle, warf ſich zwiſchen — 80— den König und den Feind, legte ſeine Lanze aus, und durchbohrte einen der kühnſten der Mauren. Einige Zeit hatte er keine andre Waffe als ſein Schwert. Sein Roß war durch einen Pfeil verwundet, viele ſeines Gefolges waren erſchlagen; aber es gelang ihm, die Mauren zu⸗ rückzudrängen, und den König aus drohender Todesge⸗ fahr zu befreien, welchen er dann bewog, ſich auf eine weniger gefährliche Stelle zurückzuziehn. Der Marquis fuhr fort, ſich während des ganzen Tags den wiederholten Anfällen des Feindes auszuſetzen. Er ward immer an der Stelle der größten Gefahr ange⸗ troffen, und rettete durch ſeine Tapferkeit den größten Theil des Heers und Lagers aus drohender Vernichtung⸗ (Cura de los Palacios, cap. 58.) Es war für die Befehlshaber ein gefährlicher Tag, denn bei einem Rückzug der Art ſetzen ſich die edelſten Ritter am meiſten aus, um ihr Volk zu retten. Der Herzog von Medina Celi wurde zu Boden geworfen, aber von ſeinen Truppen geſchützt. Der Graf von Tendilla, deſſen Zelte der Stadt am nächſten waren, empfing meh⸗ rere Wunden, und mehrere andre Ritter von dem aus⸗ gezeichnetſten Rang waren den ſchrecklichſten Unfällen aus⸗ geſetzt. Der ganze Tag verging unter blutigen Schar⸗ mützeln, worin die Hidalgos und Ritter des königlichen Haushalts ſich durch ihre Tapferkeit auszeichneten. Als. endlich das ganze Lager abgebrochen, und der größte Theil des Geſchützes und Gepäcks weggeführt worden war, verließ man die blutige Höhe Albohacen, und — 87— räumte die Gegend um Lora. Einige Zelte, viel Provi⸗ ſion und etliche Geſchützſtücke wurden aus Maugel an Pferden und Maulthieren, ſie wegzuſchaffen, zurückge⸗ laſſen. Ali Atar hing ſich an die Ferſen des zurückgehenden Heeres, und beunruhigte es, bis es Rio Frio erreichte. Von da kehrte Ferdinand tief gedemüthigt, jedoch ſehr gewitzigt durch die ſtrenge, empfangene Lehre nach Cor⸗ dova zurück. Es machte ihn dieß vorſichtiger in ſeinen Feldzügen, und weniger vertrauensvoll auf's Glück. Er ſandte nach allen Seiten Schreiben, um ſeinen Rückzug zu entſchuldigen, und ihn der geringen Anzahl ſeiner Streitkräfte beizumeſſen; beſonders dem Umſtand, daß der größte Theil von ihnen aus mancherlei Städten zuſammengeſchickt worden, und nicht im königlichen Sold geſtanden. Indeß um ſeine Truppen für die getäuſchten Hoffnungen zu entſchädigen, und ihren Muth aufrecht zu erhalten, führte er ſie zu einem neuen Einfall in die Vega von Granada, die er verwüſtete. Eilftes Kapitel. Wie Muley Aben Haſſan in die Lande von Medina Sidonia einbrach, und wie er empfangen ward. — Der alte Muley Aben Haſſan hatte ein Heer zuſam⸗ mengezogen und war zu Loxa's Entſetzung herbeigeeilt, Irving's Granada. 1— 3. 6 — 82— aber zu ſpaͤt gekommen. Die letzte Abtheilung Ferdinands war ſchon über die Grenze gezogen.«Sie ſind gekom⸗ men und gegangen,» ſagte er,«wie eine Sommerwolke, und all ihr Prahlen iſt regenloſer Donner geweſen.“» Er wandte ſich um, einen neuen Verſuch auf Alhama zu machen, deſſen Beſatzung über den Rückzug Ferdi⸗ nands in der äußerſten Beſtürzung war, und den Platz verlaſſen hätte, wäre Luis Fernandez Puerto Carrero's, des Alcayden, Muth und Ausdauer nicht geweſen. Je⸗ ner edle ergebene Befehlshaber machte der Beſatzung Muth, und hielt den alten Mauren⸗König im Zaum, bis die Annäherung Ferdinands bei ſeinem zweiten Ein⸗ fall in die Vega ihn zwang, ſich zum Rückzug nach Ma⸗ laga zu verſtehn. Muley Aben Haſſan ſah, es würde vergebens ſeyn, ſich mit ſeiner geringen Macht dem ſtarken Heer des chriſt⸗ lichen Königs zu widerſetzen; aber müßig zu bleiben, wäh⸗ rend ſein Gebiet verwüſtet wurde, hätte ihn in der Ach⸗ tung ſeines Volkes vernichtet. Wenn wir die Streiche nicht auffangen können,» ſagte er, ⸗können wir deren doch ver⸗ ſehen; wenn wir unſere eignen Länder nicht vor Verwüſtung ſchützen koͤnnen, können wir doch des Feindes Land ver⸗ wüſten.“ Er forſchte, und erfuhr, der größte Theil der Andaluſiſchen Ritter ſey, in ſeiner Gier nach einem Streif⸗ zug, mit dem König gezogen, und habe das eigne Land faſt ohne alle Vertheidigung gelaſſen. Das Gebiet des Herzogs von Medina Sidonia war beſouders ohne Schutz. Hier waren ausgedehnte Weiden, mit Schafen und Heer⸗ — 83— den bedeckt; es war ganz das Land für einen ſchnellen Einbruch. Der alte Herrſcher hatte einen bittern Groll gegen den Herzog, weil er ihn vor Alhama beſtegt; aich will dieſem Ritter eine Lehre geben,» ſagte er prahlend, edie ihn von ſeiner Liebe zu Feldzügen heilen ſoll.“ So rüſtete er ſich in aller Eile zu einem Einfall in das Land um Medina Sidonia. Muley Aben Haſſan brach aus Malaga mit fünfzehn hundert Pferden und ſechs tauſend Fußgängern hervor; er nahm ſeinen Weg an der Seeküſte hin, zog durch Eſte⸗ ponia, und trat in das chriſtliche Land zwiſchen Gibral⸗ tar und Caſtellar. Der einzige, der ihn vielleicht auf dem Zug beläſtigen konnte, war ein gewiſſer Pedro de Vargas, ein liſtiger, kühner, tapfrer Soldat, der Al⸗ cayde von Gibraltar, der in ſeinem alten Heldenfels ver⸗ graben lag, wie in einer Citadelle. Muley Aben Haſſan kannte den wachſamen, kühnen Charakter des Mannes; aber er hatte ſich verſichert, ſeine Beſatzung ſey zu ge⸗ ring, um ihn in den Stand zu ſetzen, einen Ausfall zu machen, oder dabei auf Erfolg rechnen zu können. Dennoch ſetzte er ſeinen Zug mit großer Stille und Vorſicht fort, ſchickte einige Haufen voraus, um jeden Paß auszuforſchen, wo ein Feind im Hinterhalt liegen könnte, warf manchen ängſtlichen Blick auf den alten Fel⸗ fen Gibraltar, als er deſſen wolkengekrönte Spitze in der Entfernung zur Linken emporragen ſah, und fühlte ſich erſt ganz ruhig, als er durch das brüchige, bergige Land Caſtellar durch war, und in die Ebenen hinabſtieg. 6 — 84— Hier lagerte er an den Ufern des Celemin, und ſchickte vierhundert Corredor oder leichte Reiter, mit Lanzen be⸗ waffnet, ab, um bei Algeziras Poſto zu faſſen und ge⸗ naue Wache über die Bay auf die gegenüberliegenden Feſte Gibraltar zu halten. Wenn der Alcayde einen Ausfall verſuchte, ſollten ſie ihm einen Hinterhalt legen und ihn angreifen, da ſie faſt vier Mal ſtärker ſeyen als er; be⸗ ſonders ſollten ſie ſchnell Nachricht in's Lager ſchicken. Mittlerweile wurden zweihundert Corredor ausgeſandt, jene weite Ebene, welche Campina de Tarifa heißt, und mit Schafen und Heerden angefüllt war, zu durchſtrei⸗ chen, und zweihundert andre ſollten die Länder um Me⸗ dina Sidonia verheeren. Muley Aben Haſſan blieb mit der Hauptmacht als ein Vereinigungspunkt an den Ufern des Celemin. Die Streiſpartheien durchzogen das Land mit ſo viel Erfolg, daß ſie bald vor ſich her eine große Menge Schafe und Heerden trieben, mehr als genug, um als Entſchä⸗ digung für die auf der Vega von Granada gemachte Beute zu dienen. Die Truppen, welche den Felſen von Gibraltar bewacht hatten, kamen mit der Ausſage zu⸗ rück, ſie hätten auch nicht einen chriſtlichen Helm ſich er⸗ heben ſehen. Der alte König wünſchte ſich zu der Ver⸗ ſtecktheit und Schnelligkeit Glück, womit er ſeinen Streif⸗ zug ausgeführt, und frohlockte über die hintergangene Wachſamkeit Pedro's de Vargas. Aber Muley Aben Haſſan war nicht ſo heimlich ge⸗ weſen, als er dachte. Der wachſame Pedro de Vargas hatte von ſeinen Bewegungen Kunde erlangt. Seine Be⸗ ſatzung war nur hinlänglich zur Vertheidigung des Orts, und er fürchtete, in's Feld zu rücken, und ſeine Feſte un⸗ bewacht zu laſſen. Aber zum Glück kam in dieſer Lage in dem Hafen von Gibraltar ein Geſchwader von bewaff⸗ neten Galeeren an, das in der Meerenge ſtationirte, und von Carlos de Valera befehligt ward. Der Alcayde bewog ihn ſogleich, den Platz während ſeiner Abweſenheit zu bewachen, und zog um Mitternacht mit ſiebzig Pferden aus. Er wandte ſich nach Caſtellar, welches ſehr feſt auf einer ſteilen Anhöhe liegt; denn er wußte, daß der Mauren⸗König auf ſeinem Rückzug an dieſer Stadt vorbeikommen würde. Er ließ Lärmfeuer auf den Bergen anzünden, um zu verkündigen, die Mau⸗ ren ſeyen auf einem Streifzug, damit die Bauern ihre Schafe und Heerden an die Zufluchtsörter treiben könn⸗ ten. Zugleich ſchickte er Eilboten aus, die mit aller Schnelligkeit nach allen Richtungen reiten mußten, um die waffenfähige Mannſchaft zu ihm in die Nähe von Ca⸗ ſtellar zu beordern. Muley Aben Haſſan ſah an den auf den Bergen ſprühenden Feuern, daß die Landſchaft ſich er⸗ hebe. Er brach ſeine Zelte ab, und trieb ſo ſchnell als möglich nach der Grenze zu; aber er war mit Beute be⸗ laden, und durch das viele Vieh gehindert, das er von den Weiden der Campina von Tarifa geraubt hatte. Seine Kundſchafter brachten ihm die Nachricht, es wä⸗ ren Truppen im Feld, aber er nahm dieſe Botſchaft leicht, da er wußte, es könnten nur die des Alcayden von Gi⸗ — 36— braltar ſeyn, der nicht mehr als hundert Pferde unter ſeiner! Beſatzung haben könne. Er ſchickte zweihundert und fünfzig ſeiner tapferſten Truppen unter den Alcayden von Marabilla und Caſares voraus; hinter dieſer Avant⸗ garde war eine große Menge Vieh und den Nachtrab bildete der König mit der Hauptmacht. Es war um die Mitte eines ſchwülen Sommertags, als ſie ſich Caſtellar näherten. De Vargas war auf der Wache; er gewahrte durch eine unendliche Staubwolke, daß ſie einer der Anhöhen jenes wilden, brüchigen Lan⸗ des herabſtiegen. Die Vor⸗ und Nachhuth war über eine halbe Meile von einander, mit dem Vieh, und ei⸗ nem langen, dichten Wald, der ſie einander verbarg, zwiſchen ſich. De Vargas ſah, ſie würden ſich im Fall eines plötz⸗ lichen Angriffs nur wenig Beiſtand leiſten, und leicht in Verwirrung gebracht werden können. Er wählte fünfzig ſeiner tapferſten Reiter, machte einen Umweg und nahm ſeine Stellung heimlich in einer engen Schlucht, die in einen Engpaß zwiſchen zwei felſigen Anhöhen ging, wo⸗ durch die Mauren durchziehn mußten. Er hatte den Plan, die Vorhuth und das Vieh durchzulaſſen, und auf die Nachhuth zu fallen.. Während er ſo verſtohlen dalag, kamen ſechs mauri⸗ ſche Kundſchafter, wohl beritten und bewaffnet in die Schlucht, und durchſuchten jede Stelle, die einen Feind verbergen möchte. Einige der Chriſten riethen ihm, dieſe ſechs Mann zu erſchlagen, und nach Gibraltar zurückzu⸗ — 87— gehn. Nein,» ſagte de Vargas, Lich bin auf beſſeres Wild ausgegangen, und hoffe mit Hülfe Gottes und St. Jakobs heute gute Arbeit zu machen. Ich kenne dieſe Mauren ſehr gut, und zweifele nicht, ſie leicht in Verwirrung zu bringen.» Um dieſe Zeit kamen die ſechs Kundſchafter ſo nah, daß ſie auf dem Punkt waren, den Hinterhalt der Chri⸗ ſten zu entdecken. De Vargas rief das Wort und zehn Retter ſtürzten hervor auf ſie zu. In einem Augenblick roll⸗ ten vier Mauren in dem Staub; die andern zwei gaben ihren Roſſen die Sporn, und flohen zu ihrem Heer, von den zehn Chriſten verfolgt. Gegen achtzig von der Mau⸗ riſchen Vorhuth eilten ihren Gefährten zu Hülfe, die Chriſten wandten um und flohen nach ihrem Hinterhalt. De Vargas hielt ſeine Leute verſteckt, bis die Flücht⸗ linge und ihre Verfolger durch einander in die Schlucht hereinſaußten. Da gab die Trompete das Signal und ſeine Mannſchaft ſtürzte mit großer Hitze und in geſchloſ⸗ ſenen Reihen heran. Die Mauren ſielen faſt in ihre Waf⸗ ſen, ehe ſie ſie bemerkten. Vierzig der Ungläubigen wur⸗ den niedergeworfen, die übrigen wandten den Rücken. Vorwärts!“» rief de Vargas,«laßt uns der Vorhuth einen Stoß verſetzen, ehe ſie ſich mit dem Nachtrab ver⸗ einigt.“ So ſagend, verfolgte er die fliehenden Mauren den Hügel hinab, und kam mit ſolcher Kraft und Wuth auf die Avantgarde, daß er viele von ihnen bei'm erſten Zuſammentreffen niederwarf. Als er ſich mit ſeinen Leu⸗ ten wegſchwenkte, legten die Mauren ihre Lanzen ein, — 38— worauf er zum Angriff zurückkehrte, und ein großes Schlachten begann. Die Mauren fochten kurze Zeit tapfer, bis die Al⸗ cayden von Marabilla und Caſares erſchlagen wurden, worauf ſie wichen und ſich auf die Nachhuth zurückzogen. Auf ihrer Flucht durcheilten ſie die Viehherden, brachten das Ganze in Verwirrung und erhoben eine ſblche Staub⸗ wolke, daß die Chriſten die Dinge nicht mehr unterſchei⸗ den konnten. In der Furcht, der König und die Haupt⸗ macht möchten nahe ſeyn, und da ſie De Vargas gefähr⸗ lich verwundet ſahen, begnügten ſie ſich mit der Berau⸗ bung der Erſchlagenen, mit der Wegnahme von mehr als acht und zwanzig Pferden, und kehrten dann nach Ca⸗ ſtellar zurück. Als die geſchlagenen Mauren auf die Nachhuth flie⸗ hend zurückkamen, fürchtete Muley Aben Haſſan das Volk von Reres möchte unter den Waffen ſeyn. Meh⸗ rere von ſeinem Gefolge riethen ihm, das Vieh aufzuge⸗ ben und ſich aufeinem andern Weg zurückzuziehn. Nein,⸗ ſagte der greiſe König, der iſt kein wahrer Soldat, der ſeine Beute ohne Gefecht aufgibt.“ Er gab ſeinem Roſſe die Sporen, und ſtürzte vorwärts mitten durch die Her⸗ den, das Vieh zur Rechten und Linken treibend. Als er das Schlachtfeld erreichte, fand er es mit den Leichen von mehr als hundert Mauren bedeckt, unter de⸗ nen die der beiden Alcayden waren. Wüthend bei dem Anblick, rief er alle ſeine Bogenſchützen und Reiter auf, — 1 — 89— drang bis an die Thore von Caſtellar, und legte Feuer an zwei Häuſer dicht an den Wällen. Pedro de Vargas war durch ſeine Wunde außer Stand geſetzt, in Perſon auszurücken, aber er ſandte ſeine Truppen hinaus und lebhafte Scharmützel entſtan⸗ den unter den Wällen, bis der König aufbrach, und auf den Schauplatz des vorigen Treffens zurückkehrte. Hier ließ er die Leichen der Hauptkrieger auf Maulthiere la⸗ den, um ſie ehrenvoll in Malaga zu begraben. Die Ue⸗ brigen der Erſchlagenen wurden auf dem Schlachtfeld beerdigt. Nun wurden die zerſtreuten Herden zuſammen⸗ getrieben, mit welchen er langſam in einer unabſehbaren Reihe an den Wällen Caſtellars vorüberprangte, um den Feind zu höhnen. Bei all ſeinem Stolze hatte der alte Muley Aben Haſſan doch einen Funken kriegeriſcher Ritterlichkeit. Er bewunderte den kühnen Heldencharakter Pedro's de Var⸗ gas. Deßwegen berief er zwei Chriſtengefangene und fragte, welches die Einkünfte eines Alcayden von Gibral⸗ tar wären. Sie ſagten ihm, unter andern hätte er ein Recht auf ein Stück von jeder Viehherde, das durch ſein Gebiet ging.«Allah verhüte,» rief der alte Fürſt, daß ein ſo tapfrer Ritter um ſein Recht ſollte betrogen wer⸗ den.“ Sogleich wählte er zwölf der ſchönſten Kühe aus den zwölf Herden, welche den Zug bildeten, aus, und gab ſie einem Faki, um ſie Pedro de Vargaß zu überbringen. Sagt ihm,» trug er ihnen auf, a daß ich ihn um Ver⸗ zeihung bitte, dieß Vieh nicht eher veſckitt zu haben, — 90— aber eben erſt hätte ich die nähere Beſchaffenheit ſeiner Rechte erfahren, und ich beeilte mich, ihnen mit der ei⸗ nem ſo würdigen Ritter gebührenden Pünktlichkeit Ge⸗ nüge zu thun. Sagt ihm zugleich, ich hätte nicht ge⸗ dacht, daß der Alcayde von Gibraltar ſo thätig und wachſam in Beitreibung ſeines Zolles ſey. Der tapfre Alcayde ließ ſich den barſchen, ſoldatiſchen Scherz des alten Mauren⸗SFürſten gefallen und antwortete in demſelben Ton.„Sagt ſeiner Majeſtät„ erciederte er,«ich küßte ſeine Hand für die mir angethane Ehre, und bedauerte, daß meine dürftige Macht mir nicht er⸗ laubt, ihm einen ausgezeichneteren Empfang bei ſeiner Ankunft in dieſe Gegenden zu bereiten. Wären dreihun⸗ dert Reiter, die man mir von Keres verſprochen, zu rech⸗ ter Zeit angelangt, ſo hätte ich wohl mit einem für ei⸗ nen ſolchen Fürſt paſſenderen Banquet aufwarten können. Ich hoffte jedoch, ſie würden im Lauf dieſer Nacht an⸗ langen, in welchem Fall ſeine Majeſtät eines königlichen Feſtes bei der Morgendämmerung ſich verſichert halten könnte.» Er hieß dann dem Faki ein reiches Seidenkleid und einen Scharlachmantel geben, und entließ ihn mit großer Höflichkeit. Muley Aben Haſſan ſchüttelte den Kopf, als er die Antwort de Vargas vernahm.«Allah behüt uns, ſagte er, evor einem Beſuch dieſer harten Reiter von Peres! . Eine Handvoll Truppen, die mit den wilden Paͤſſen die⸗ — 9— ſer Berge vertraut ſind, könnten ein mit Beute belade⸗ nes Heer wie unſres vernichten.» Es war jedoch ein Troſt für den König, zu verneh⸗ meu, daß der kühne Alcayde von Gibraltar zu ſchwer verwundet war, um ſelbſt im Feld zu erſcheinen. Er ließ ſogleich mit aller Eile zum Rückzug ſchlagen, und ging mit ſolcher Beſtürzung fort, daß die Herden häufig getrennt und in die rauhen Bergſchluchten zerſtreut wur⸗ den; mehr als fünftauſend Stück Vieh gingen zurück, und wurden von den Chriſten wiedergewonnen. Muley Aben Haſſan zog triumphirend mit dem Reſte nach Ma⸗ laga, und rühmte ſich der vom Herzog von Medina Si⸗ donia gewonnenen Beute.. König Ferdinand war erboßt, als er ſo ſeinen Einfall in die Vega von Granada durch dieſen Einbruch in ſein eignes Gebiet ausgeglichen fand, als er ſah, das Spiel des Kriegs, wie jedes andre Spiel, habe ſeine zwei Sei⸗ ten. Der einzige, der wahren Ruhm in dieſer Reihe von Einbrüchen und Scharmützeln gewann, war Pedro de Vargas, der ſtattliche Alcayde von Gibraltar.(Alonzo de Palencia, XXVII, 3.) Zwoͤlftes Kapitel. Einbruch der Spaniſchen Ritter in die Gebirge von Malaga. Der Einfall des alten Muley Aben Haſſan hatte den Stolz der Andaluſiſchen Ritterſchaft gereizt, und ſie ent⸗ ſchloſſen ſich zur Vergeltung. Zu dieſem Zweck verſam⸗ melte ſich eine Anzahl der ausgezeichnetſten Ritter zu Antequera, im Märzmonat 1483. Die Führer der Un⸗ ternehmung waren der tapfre Marquis von Cadir, Don Pedro Henriquez, Adelantado von Andaluſien, Don Juan de Silva, Graf von Cifuentes, und Träger des könig⸗ lichen Banners; er befehligte in⸗ Sevilla; ferner Don Alonzo de Cardenas, Großmeiſter des geiſtlichen und mi⸗ litäriſchen Ordens von St. Jago, und Don Alonzo de Aquilar. Mehrere andre Ritter von Bedeutung eilten an der Unternehmung Theil zu nehmen, und in kurzer Zeit waren gegen ſieben und zwanzighundert Pferde und mehrere Compagnie'n Fußvolk in der alten kriegeriſchen Stadt Antequera verſammelt. Die Blüthe der Anda⸗ luſiſchen Ritterſchaft befand ſich darunter. Ein Kriegsrath warder von den Häuptern gehalten, um zu entſcheiden, uach. welcher Seite ſie ihre Streiche kehren ſollten. Die Mauriſchen Gegenkönige führten in der Nähe von Granada Bürgerkrieg gegen einander und — 93— das ganze Land lag den Einfällen offen. Verſchiedne Pläne wurden von den einzelnen Rittern vorgeſchlagen; der Marquis von Cadir wünſchte, daß man die Wälle von Zahara erſteige und ſich in Beſitz dieſer wichtigen Feſtung ſetze. Der Ordensmeiſter von St. Jago aber gab einen weiteren Zug und einen noch wichtigeren Ge⸗ genſtand an. Er hatte von ſeinen Adaliden, welche bekehrte Mau⸗ ren waren, die Nachricht erhalten, man könne mit Sicher⸗ beit einen Einfall in eine bergige Gegend bei Malaga, die Ararquia hieß, machen. Hier wären Thäler mit Weideland, wohlverſehen mit Schafen und Herden, dort zahlreiche Dörfer und Weiler, die ein leichter Raub ſeyn würden. Die Stadt Malaga ſelbſt wäre zu ſchwach be⸗ ſetzt, und hätte zu wenig Reiterei, um einige Macht ih⸗ nen entgegen zu ſenden. Auch könnten ſie, ſagte er, ihre Verheerungen bis an die Stadtthore ausdehnen, und viel⸗ leicht jenen reichen Ort durch einen plötzlichen Angriff erobern. Der unternehmende Geiſt der Ritter ward durch dieſe Angaben entflammt; in ihrem ſanguiniſchen Vertrauen ſahen ſie ſchon Malaga in ihrer Gerwalt, und verlangten eifrig nach der Unternehmung. Der Marquis von Ca⸗ dir bemühte ſich, ein wenig kühle Ueberlegung⸗ ihnen ein⸗ zuflößen; er hatte auch bekehrte Adaliden, die verſtändig⸗ ſten und erfahrenſten auf der Grenze; unter dieſen ſetzte er am meiſten Vertranen in einen, Namens Luis Amar, der all die Berge und Thäler des Landes kannte. Er — 94— hatte von ihm eine ſehr weitläuftige Nachricht über dieſe Berge von Ararquia erhalten.**) «Die wilde und brüchige Beſchaffenheit dieſer Gegen⸗ den,» ſagte er,«wäre ein hinlänglicher Schutz füͤr das tapfre Volk, das ſie bewohnte; durch Beſetzung ihrer Felſen, und furchtbaren Bergſchlünde, welche oft nichts weiter wären als das tiefe, trockne Bett von Bergſtrö⸗ men, könnten ſie ganzen Heeren trotzen. Selbſt wenn beſiegt, würden ſie dem Sieger keine Beute bieten, ihre Häuſer wären wenig beſſer als kahle Wände, und ihre dürftigen Heerden und Schafe würden ſie in die Berg⸗ feſten treiben.. Der nüchterne Rath des Marquis wurde überſtimmt. Die Ritter, an Bergkrieg gewöhnt, hielten ſich und ihre Pferde für jeden wilden, rauhen Zug gewachſen, und wurden von dem Gedanken eines glänzenden Angriffs auf Malaga gehoben. Sie ließen alles ſchwere Gepäck und alle die, welche für dieſen Bergzug zu ſchwache Pferde hatten, in Antequera und zogen aus voll Muth und Ver⸗ trauen. Don Alonzo de Aguilar und der Adelantado von An⸗ daluſten führte den Vortrab, der Graf von Cifuentes folgte mit einigen von der Ritterſchaft zu Sevilla; dann *) Pulgar in ſeiner Chronik dreht die Sache herum, und . läßt den Marquis von Cadix den Zug in die Axarquia anempfehlen; aber Bruder Antonio Agapida wird in ſei⸗ ner Nachricht durch den treuen und gleichzeitigen Chro⸗ niſten Andres Bernaldo, Aufſeher der Palläͤſte, unterſtützt. — 95— kam die Abtheilung des mächtigen Roderigo Ponce de Leon, des Marquis von Cadix; er ward von mehreren ſeiner Brüder und Neffen und einigen Rittern begleitet, welche unter ſeinem Banner Auszeichnung ſuchten. Als dieſe Kriegerfamilie im Waffenglanz durch die Straßen von Antequera durchſchritt, zog ſie die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit und Bewunderung auf ſich. Die Nachhuth wurde von Don Alonzo Cardenas, Großmeiſter von St. Jago geführt; ſie beſtand aus Rittern ſeines Ordens und aus Reitern von Ecija, mit gewiſſen Mannen von der heiligen Brüderſchaft, die der König unter ſeinen Ober⸗ befehl geſtellt. Das Heer wurde von einem großen Zug Maulthieren begleitet, welche mit Vorrath für einige Tage beladen waren, bis ſie in den mauriſchen Dörfern auf Feindes Koſten leben könnten. Nie zog ein ſtattlicheres, muthigeres Heer aus. Es beſtand aus Männern voll Geſundheit und Kraft, denen Krieg Luſt und Zeitvertreib war. Sie hatten keine Ko⸗ ſten zu ihrer Ausrüſtung geſcheut, denn nie wurde das Gepränge des Kriegs weiter getrieben als unter der ſtol⸗ zen Spaniſchen Ritterſchaft. Eingehüllt in reich einge⸗ legte Waffen von erhobener Arbeit, bedeckt mit reichen Oberröcken und wallenden Federbüſchen, und ſtolz berit⸗ ten auf ihren Andaluſiſchen Roſſen, zogen ſie mit flat⸗ ternden Fahnen und ihren prahleriſch entfalteten mancher⸗ lei Deviſen und Wappen aus Antequera aus, und ver⸗ ſprachen in ihren vertrauenden Hoffnungen den Einwoh⸗ nern, ſie mit der Beute Malaga's zu bereichern. — 96— Im Nachzug dieſes kriegeriſchen Geprängs folgte eine friedliche Bande, gierig von den voraus vermutheten Siegen Vortheil zu ziehen. Es waren dieß nicht von je⸗ nen gewöhnlichen Wichten, welche die Heere umſchwär⸗ men, um die Todten zu plündern und zu berauben; ſon⸗ dern gutmüthige, wohlhabende Krämer aus Sevilla, Cor⸗ dova und andern Handelsſtädten. Sie ritten auf wohl⸗ geſtriegelten Maulthieren und waren gut gekleidet; lange lederne Börſen, mit Piſtolen und andern Goldmünzen angefüllt, hingen an ihren Gürteln. Sie hatten von der Beute gehört, welche bei Alhama's Eroberung von den Soldaten zerſtört worden, und waren jetzt mit Geld ver⸗ ſehen, um die Juwelen und Edelſteine, die goldnen und ſilbernen Gefäße und die reichen Seiden und Tücher aufzukaufen, welche ſich unter der Beute aus Malaga finden würden. Die ſtolzen Ritter ſahen mit großer Verachtung auf dieſe Söhne des Handels herab, ließen ſie aber aus Rückſicht für die Truppen, welche ſich ſouſt mit Raub überladen würden, nachfolgen. Man hatte die Abſicht gehabt, dieſen Zug mit großer Schnelligkeit und Stille auszuführen, aber der Lärm ih⸗ rer Zurüſtungen war ſchon bis in die Stadt Malaga ge⸗ drungen. Die Beſatzung freilich war ſchwach, aber der Befehlshaber für ſich allein ein ganzes Heer. Er hieß Muley Abdallah, gewöhnlich El Zagal oder der Tapfre genannt, und war der jüngere Bruder Muley Aben Haſſan's, und Oberbefehlshaber der geringen Streitkräfte, welche dem alten Fürſten treu geblieben. Er beſaß gleichen —— —— — 97— Stolz wie ſein Bruder und übertraf ihn an Liſt und Wachſamkeit. Sein Name allein ſchon war ein Auf⸗ ruf zum Krieg unter ſeinen Soldaten, die die größte Meinung von ſeiner Tapferkeit hatten. El Zagal vermuthete, Malaga moöͤge der Gegenſtand dieſer geräͤuſchvollen Unternehmung ſeyn. Er beſprach ſich mit dem greiſen Bexir, einem alten Mauren, der die Stadt beherrſchte.«Wenn dieß Heer von Nachzüglern Malaga erreichte,» ſagte er,«würden wir kaum im Stande ſeyn, ſie außerhalb ſeiner Wälle zu halten. Ich werde mich mit einer geringen Macht in die Gebirge werfen, das Landvolk aufbieten, die Schluchten beſetzen, und verſuchen, ob ich dieſe Spaniſchen Ritter gehörig auf ihrem Zug unterhalten kann.» Es war ein Mittwoch, als das prangende Heer hoch⸗ gerüſteter Krieger aus den alten Thoren Antequera's auszog. Sie gingen Tag und Nacht und hielten, wie ſie meinten, ihren Weg durch die Bergpäſſe geheim. Da der Landſtrich, den ſie zu plündern gedachten, weit in dem Mauriſchen Gebiet, nahe der mittelländiſchen Küſte lag, ſo langten ſie erſt ſpät den folgenden Tag an. Auf ihrem Zuge durch dieſe wilden, ſteilen Bergrei⸗ hen, ging ihr Pfad oft an dem Rand einer Barranka, eines tiefen Felſenthals hin, wodurch unter den loſen Fel⸗ ſen und Steinen, die er zur Zeit ſeines herbſtlichen An⸗ ſchwellens abgeriſſen und hinunter gerollt hatte, ein ſeich⸗ ter Gießbach rieſelte. Oft war ihr Weg nur eine bloſe Rambla, das trockne Bett eines Bachs, das tief in die Irving's Granada. 1— 3. 7 —-— 98— Berge eingeſchnitten und mit ihren zerbröckelten Bruch⸗ ſtücken angefüllt war. Dieſe Barranka und Rambla wur⸗ den von ungeheuren Klippen und Bergſpitzen überhangen, welche während der Kriege zwiſchen den Mauren und Spaniern Warthen für den Hinterhalt bildeten, ſowie ſie in ſpätrer Zeit Lieblingshöhlen für Räuber geworden ſind, um dem unglücklichen Wandrer aufzulauern. Als die Sonne unterging, kamen die Ritter zu einem hohen Gebirgsſtrich, welcher zu ihrer Rechten eine ferne Ausſicht auf einen Theil der ſchönen Vega von Malaga, mit dem blauen mittelländiſchen Meer daneben, darbot; ſie grüßten dieſe Ausſicht mit Frohlocken, als ob ſie ih⸗ nen einen Blick in das gelobte Land verliehen. Als die Nacht hereinbrach, erreichten ſie die Kette der kleinen Thäler und Weiler, welche unter dieſe felſigen Höhen ver⸗ ſchloſſen und bei den Mauren unter dem Namen Arar⸗ quia bekannt waren. Hier ſollten ihre glänzenden Hoff⸗ nungen zuerſt getäuſcht werden.. Die Einwohner hatten von ihrer Annäherung gehört, ſie hatten ihr Vieh und Beſitzthum weggebracht, und ſich mit Weib und Kind in die Thürme und Feſten der Berge geflüchtet. Erboßt über dieſe Täuſchung ihrer Erwartung legten die Truppen Feuer an die verlaſſenen Häuſer und trieben vorwärts, in der Hoffnung beſſeren Erfolgs bei dem Weiterſchreiten. Don Alonzo de Aguilar und die andern Ritter im Vordertrab dehnten ihre Streitkräfte aus, um das Land zu verwüſten; ſie fingen einige ſäumende Viehherden auf 4 — 99— und machten die Mauriſchen Bauern, die ſie nach einem Sicherheitsort trieben, zu Gefangenen. Während dieſer plündernde Haufe Feuer und Schwert vorantrug, daß die Bergſpitzen von den Flammen der Weiler erglänzten, ſah der Ordeusmeiſter von St. Jago, der die Nachhuth führte, auf ſtrenge Ordnung, und hielt ſeine Ritter in feſten Reihen zuſammen, bereit zum Angriff und zur Vertheidigung, ſollte ein Feind ſich zeigen. Die Mannen der heiligen Brüderſchaft wollten nach Beute herum⸗ ſchwärmen, aber er rief ſie zurück und tadelte ſie ſtreng. Endlich kamen ſie an eine Seite des Gebirgs, die gänzlich durch Barranka und Rambla von ungeheurer Tiefe abgeſchnitten, und mit Felſen und Abhängen um⸗ geben war. Man konnte unmöglich in geſchloſſenen Rei⸗ hen ziehen, die Pferde hatten nicht Raum, ſich zu bewe⸗ gen, und waren kaum zu lenken, da ſie von Fels zu Fels und furchtbare Abhänge auf und ab zu klimmen hat⸗ ten, wo kaum eine Berggeis fußen konnte. Bei ihrem Durchgang durch ein brennendes Dorf verrieth das Licht der Flammen ihre gefährliche Lage.. Die Manren, welche in einem Wachtthurm auf ei⸗ ner anliegenden Höhe Schutz geſucht, frohlockten vor Freude, als ſie auf dieſe glitzernden Ritter herabſahen, welche zwiſchen den Felſen ſtrauchelten und ſchwankten. Sie machten aus ihrem Thurm einen Ausfall, und ſetzten ſich in Beſitz der Klippen, welche über den Abhang hinaus⸗ ragten, und ſchleuderten Steine und Wurfſpieße auf den Feind. Mit dem äußerſten Schmerz ſah der edle Groß⸗ 7*½ — 100— meiſter von St. Jago ſeine Tapferen gleich hülfloſen Opferthieren um ſich fallen, ohne Mittel zur Vertheidi⸗ gung und Rache. Die Verwirrung ſeines Gefolgs ward noch durch das Geſchrei der Mauren vergrößert, das von dem Wider⸗ hall an jeder Klippe und Bergſpitze vervielfältigt wurde, ſo daß ſie von unzählbaren Feinden umgeben ſchienen. Da ſie ferner mit der Gegend ganz unbekannt waren, ſtürzten ſie in ihren Bemühungen, ſich ihnen zu entwin⸗ den, in immer neue Schlünde und Abgründe, wo ſie noch größrer Gefahr ausgeſetzt waren. In dieſer Noth ſandte der Ordensmeiſter von St. Jago Boten um Hülfe. Der Marquis von Cadix eilte, ein treuer Waffengefährke, mit ſeiner Reiterei herbei. Seine Ankunft hielt die feind⸗ lichen Anfälle im Zaum, und der Ordensmeiſter ver⸗ mochte endlich ſeine Truppen aus dem Engpaß heraus⸗ zuziehn. Mittlerweile hatten Alonzo de Agnilar und ſeine Ge⸗ fährten ſich ebenfalls in ihrem eifrigen Vordringen in tiefe Schluchten verwickelt, in die trocknen Bette der Bergſtröme, wo ſie von den höhnenden Angriffen einer Handvoll Mauriſchen Bauern, die ſich auf die überhan⸗ genden Bergſpitzen geſtellt, ſehr beläſtigt wurden. Der ſtolze Geiſt De Aguilar's ward gereizt, als er das Spiel des Kriegs ſo gegen ſich gewendet und ſeine ſtattlichen Streitkräfte von Bergbauern bezwungen ſah, die er, wie ihr eignes Vieh nach Antequera zu treiben, gedacht hatte. Weeil er jedoch hörte, der Marquis von Cadir und der — 101— Großmeiſter von St. Jago ſeien mit dem Feind im Kampf, achtete er ſeiner eignen Gefahr nicht, ſondern rief ſeine Truppen zuſammen, und kehrte um, ihnen beizuſtehen oder vielmehr ihre Noth zu theilen. Nachdem ſie ſo wieder zuſammen waren, hielten die Ritter ſchnell Rath, während Steine auf ſie herabſchoſ⸗ ſen, und Pfeile vorbeiziſchten. Ihre Berathungen wur⸗ den von Zeit zu Zeit durch den Anblick eines tapfren Ge⸗ fährten beſchleunigt, der in ſeiner Rüſtung zu Boden ſank. Sie ſahen ein, es finde ſich in dieſem Landſtrich keine Beute, die der außerordentlichen Gefahr werth wäre, und es ſey beſſer, die ſchon genommenen Herden zurückzulaſſen, welche nur ihren Zug aufhielten; mit al⸗ ler möglichen Eile müſſe man weniger gefährlichen Boden gewinnen. Die Adaliden oder Führer wurden beordert, aus die⸗ ſen Stellen des Mords herauszuführen. Dieſe, in der Meinung, den ſicherſten Weg einzuſchlagen, leiteten ſle durch einen ſteilen, felſigen Paß, der für Fußſoldaten ſchwierig, aber für Reiter faſt ganz ungangbar war. Er war von Bergſpitzen überhangen, von wo Schauer von Steinen und Pfeilen auf ſie herabregneten, die von wil⸗ den Tönen begleitet wurden„ welche den größten Muth erſchreckten. An einigen Orten konnten ſie nur einer nach dem andern durchkommen und wurden oft, Roß und Mann, von den Mauriſchen Wurſſpießen durchbohrt, die Schritte der Gefährten aber durch ihre Todeszuckungen aufgehal⸗ ten. Die umgebenden Ueberhänge waren von tauſend — 102— Lärmfeuer erleuchtet; jeder Zacken, jede Klippe hatte ihre Flamme, bei deren Licht ſie ihre Feinde von Fels zu Fels ſpringen ſahen, die mehr den Anſchein von Geſpenſtern als Sterblichen hatten. Entweder aus Schreck und Verwirrung oder aus wirk⸗ licher Unbekanntſchaft mit der Gegend, leiteten ihre Füh⸗ rer, ſtatt ſie aus den Bergen herauszubringen, immer tie⸗ fer in deren verhängnißvolle Wüſteneien. Der Morgen dämmerte über ihnen, als ſie ſich in einem engen Fluß⸗ bett befanden, deſſen Boden mit zerſtörten Felſen ange⸗ füllt war, die einſt der wilde Bergſtrom mit fortgeriſſen. Oben ragten hohe, dürre Klippen empor, auf deren Spitzen ſie die beturbanten Häupter ihrer ſtolzen, froh⸗ lockenden Feinde gewahrten. Welch einen verſchiednen Anblick boten die unglück⸗ lichen Ritter jetzt dar, wie ſehr verſchieden waren ſie jetzt von dem ſtattlichen Trupp, der ſo prangend aus An⸗ tequera gezogen. Mit Staub, Blut und Wunden be⸗ deckt, erſchöpft von Angſt und Ermüdung, ſahen ſie Opfer⸗ thieren ähnlicher als Kriegern. Viele von ihren Fahnen waren verloren, und nicht eine Trompete hörte man, ih⸗ ren ſinkenden Muth zu erheben. Die Leute wandten ſich mit bittendem Auge an ihre Befehlshaber, während die Herzen der Ritter vor Wuth und Gram brechen woll⸗ ten, als ſie das erbarmenloſe Schlachten unter ihrem ge⸗ treuen Gefolge gewahrten. Den ganzen Tag machten ſie vergebliche Verſuche, ſich aus den Bergen herauszuwinden. Rauchſäulen erhoben — 103— ſich von den Höhen, wo in der vorhergegangenen Nacht Lärmfeuer geſprüht hatten. Die Bergbewohner ſammel⸗ ten ſich von allen Seiten, ſie ſchwärmten in jedem Berg⸗ paß, kamen den Chriſten vor, und beſetzten die Klippen wie eben ſo viele Thürme und Bollwerke. Die Nacht kam nochmals über die Chriſten, als ſie in einem engen Thal eingeſchloſſen waren, das von einem tiefen Bach durchſchnitten ward, und von Berghöhen um⸗ geben war, welche bis in die Wolken zu reichen ſchienen, und auf denen Lärmfeuer ſprühten und flammten. Plötzlich hörte man ein neues Geſchrei durch das Thal erſchallen.«El Zagal, El Zagal,» hallte es von Klippe zu Klippe. Welch Geſchrei iſt das?» ſagte der Ordensmeiſter von St. Jago. Es iſt das Kriegsge⸗ ſchrei El Zagal's, des Mauriſchen Generals,» ſagte ein alter Caſtilianiſcher Soldat;«er muß ſelbſt kommen mit den Truppen von Malaga.» Der würdige Ordensmeiſter wandte ſich zu ſeinen Rit⸗ tern;«αlaßt uns ſterben,» ſagte er,«einen Weg uns mit unſerm Leben bereiten, da wir es nicht mit dem Schwerte vermögen. Laßt uns den Berg erſteigen, und unſer Blut theuer verkaufen, ſtatt hier zu ſtehen, und unthätig gemordet zu werden!» So ſagend wandte er ſein Roß gegen den Berg und ſpornte es deſſen ſteinichter Seite hinauf. Reiter und Fuß⸗ gänger folgten ſeinem Beiſpiel, begierig, wenn ſie nicht entrinnen könnten, wenigſtens im Sterben dem Feind noch einen Streich zu verſetzen. Als ſie der Höhe hinauf⸗ — 104— klimmten, fiel ein furchtbarer Hagel von Steinen und Wurfſpießen auf ſie herab. Manchmal kam ein Felſen⸗ ſtück hüpfend und donnernd über ſie, und ſchnitt ſich ei⸗ nen Weg durch den Mittelpunkt ihres Trupps. Die Fußſoldaten, erſchöpft vor Ermüdung und Hunger oder verſtümmelt durch Wunden, hielten ſich an die Schweife und Mähnen der Pferde, um ſich ihr Steigen zu erleich⸗ tern, aber die Pferde verloren unter dem loſen Geſtein ihren Anhalt, empfingen plötzlich eine Wunde, und hin⸗ unter ſtürzten den jähen Abhang Roß, Reiter, Krieger, rollten von Zacke zu Zacke, bis ſie in Stücke zerriſſen im Thal ankamen. In dieſem verzweifelten Ringen verlor man den Al⸗ farez oder Fahnenträger des Ordensmeiſters nebſt dem Banner, ſowie viele von deſſen Anverwandten und theuer⸗ ſten Freunden. Endlich gelang es ihm, den Kamm des Gebirgs zu erreichen, aber nur um in neue Schwierig⸗ keiten geſtürzt zu werden. Eine Wildniß voll Felſen und zackiger Schlünde lag vor ihm, von erbitterten Feinden beſetzt. Ohne Fahne und Trompete, wodurch er ſeine Truppen hätte zuſammenrufen können, mußte er zugeben, daß jeder allein ging, jeder nur darauf bedacht war, ſich vor den Bergabhängen und den Wurfſſpießen des Feindes zu bewahren. Als der fromme Ordensmeiſter von St. Jago die zer⸗ ſtreuten Ueberreſte ſeiner einſt ſtattlichen Macht betrach⸗ tete, konnte er ſeinen Gram nicht zurückhalten. O Gott,⸗ rief er,«dein Grimm iſt groß heute gegen deine Die⸗ 1 ner. Du haſt die Feigheit dieſer Ungläubigen in verzwet⸗ felten Muth umgewandelt, haſt Bauern und Bergvolk ſiegreich gemacht über bewaffnete Streitmänner!⸗» Er würde ſich gern zu ſeinen Fußſoldaten gehalten, und ſie ſammelnd, dem Feind die Spitze geboten haben; aber ſeine nächſte Umgebung drang in ihn, nur an ſeine eigne Rettung zu denken. Bleiben hieße umkommen, ohne einen Streich zu thun, entkommen, ein Leben er⸗ halten, das der Rache an den Mauren gewidmet werden könnte. Der Ordensmeiſter gab mit Widerſtreben ihrem Rath nach. O Herr der Heerſchaaren,v rief er wieder,«vor deinem Zorn flieh ich, nicht vor dieſen Ungläubigen; ſie ſind nur die Werkzeuge in deiner Hand, uns für unſre Sünden zu beſtrafen.“ So ſagend, ſchickte er die Füh⸗ rer voraus, drückte ſeinem Pferde die Spornen ein, und flog durch einen Bergpaß, ehe die Mauren ihn auffan⸗ gen konnten. In dem Augenblick, wo der Ordensmeiſter ſein Pferd zur Flucht antrieb, zerſtreuten ſich ſeine Truppen nach allen Richtungen. Einige verſuchten ſeiner Spur zu fol⸗ gen, wurden aber durch die Windungen der Berge irre geführt. Sie flohen hierhin, dorthin, viele kamen in den Abgründen um, andre wurden von den Mauren er⸗ ſchlagen, andre zu Gefangnen gemacht. Der tapfre Marquis von Cadix, von ſeinem treuen Adaliden, Luis Amar, geführt, hatte einen andern Theil des Bergs erſtiegen. Ihm folgte ſein Freund, Don — 106— Alonzo de Aquilar, der Adalantado, und der Graf von Eifuentes; aber in der Finſterniß der Nacht und der Ver⸗ wirrung wurden die Truppen dieſer Befehlshaber getrennt. Als der Marquis den Gipfel erreichte, ſah er ſich nach ſeinen Waffengefährten um, aber ſie folgten ihm nicht mehr, und keine Trompete war da, ſie zu rufen. Es war jedoch ein Troſt für den Marquis, daß ſeine Brü⸗ der und mehrere ſeiner Verwandten mit einer Menge ſei⸗ ner Anhänger noch bei ihm blieben. Er rief ſeine Brü⸗ der beim Namen, und ihre Antwort gab ſeinem Her⸗ zen Troſt.— Sein Führer ging nun in ein andres Thal voran, wo er weniger Gefahr ausgeſetzt ſeyn würde. Als er hinab war, wartete der Marquis, ſein zerſtreutes Gefolg zu ſammeln, und ſeinen Mitbefehlshabern Zeit zu laſſen, zu ihm zu ſtoßen. Hier wurde er plötzlich von den Truppen El Zagal's, die von den Bergbewohnern auf den Klippen unterſtützt wurden, angegriffen. Die Chriſten, erſchöpft und erſchreckt, verloren alle Gegenwart des Geiſtes, viele von ihnen flohen, und wurden entweder erſchlagen oder gefangen genommen. Der Marquis und ſeine tapferen Brüder mit einigen erprobten Freunden leiſteten hartnäckig Widerſtand. Sein Pferd wurde unter ihm getödet; ſeine Brüder Don Diego und Don Lope mit ſeinen zwei Neffen Don Lorenzo und Don Manuel wurden einer nach dem andern von ſeiner Seite geriſſen, entweder von den Wurfſpießen und Lan⸗ zen der Soldaten El Zagal's durchbohrt, oder durch — N — 107— Steine von den Anhöhen zerquetſcht. Der Marquis war ein alter Krieger und hatte mancher blutigen Schlacht beigewohnt, aber nie vorher hatte der Tod ſo gräßlich und dicht um ihn gewüthet. Als er ſeinen noch übrigen Bruder, Don Beltran, durch ein Felsſtück aus dem Sat⸗ tel gehoben, und deſſen Pferd wild ohne ſeinen Reiter herumtoben ſah, ſtieß er ein Angſtgeſchrei aus und ſtand entſetzt und ſtarr. Einige treue Begleiter umgaben ihn, und baten, ſein Leben durch die Flucht zu retten. Er würde noch geblieben ſeyn, um das Schickſal ſei⸗ nes Freundes Don Alonzo de Aquilar und ſeiner andern Gefährten zu theilen, aber die Streitkräfte El Zagal's waren zwiſchen ihm und ihnen, und Tod rauſchte von jeder Seite herbei. Mit Widerſtreben entſchloß er ſich daher zu fliehen. Ein andres Pferd ward herbeigebracht; ſein treuer Adalide führte ihn auf einem der ſteilſten Pfa⸗ den, der vier Meilen ging; immer noch war der Feind auf den Ferſen, und lichtete die ſpärlichen Reihen ſeines Gefolgs. Endlich erreichte der Marquis die Grenze der Bergpäſſe, und entrann mit einem ermatteten Reſt von Mannſchaft eiligſt nach Antequera. Der Graf von Cifuentes kam, als er mit wenigem Gefolge dem Marquis von Cadix nachzueilen verſuchte, in einen Engpaß, wo ſie vollſtändig von El Zagal's Mannſchaft umzingelt wurden. Als er alle Anſtrengung zu entkommen unmöglich, und Widerſtand vergeblich fand, gab ſich der würdige Graf wie auch ſein Bruder Don — 168— Pedro de Silva und die wenigen ſeiner Anhaͤnger, welche noch lebten, gefangen. Die Morgendämmrung fand Don Alonzo de Aaquilar mit wenigen ſeiner Anhänger noch im Gebirge. Sie hat⸗ ten verſucht, dem Marquis von Cadix zu folgen, waren aber genöthigt worden zu halten, und ſich gegen die drängenden Streitkräfte des Feindes zu vertheidigen. End⸗ lich kamen ſie über den Berg, und erreichten daſſelbe Thal, wo der Maraquis ſeinen letzten, unglücklichen Halt gemacht hatte. Müde und wirr flüchteten ſie ſich in eine natürliche Grotte, unter einem überhangenden Felſen, welcher die Speere des Feindes auffing, während eine rieſlende Quelle ihnen die Mittel darbot, ihren brennen⸗ den Durſt zu ſtillen, und ihre erſchöpften Roſſe zu er⸗ friſchen. Als der Tag anbrach, entfaltete der Wahlplat ſeine Schrecken. Da lagen die edlen Brüder und Neffen des tapfren Marquis, von Speeren durchbohrt, oder von ent⸗ ſtellenden Wunden zerriſſen und zermalmt, während viele andre ſtattliche Ritter todt oder ſterbend ringsum ausge⸗ ſtreckt waren, einige von ihnen theilweiſe von den Mau⸗ ren entkleidet und beraubt. De Aauilar war ein from⸗ mer Ritter, aber ſeine Frömmigkeit war nicht demüthig und voll Ergebung wie die des würdigen Ordensmeiſters von St. Jago. Er rief heilige Flüche auf die Ungläubi⸗ gen herab, daß ſie ſo die Blüthe der chriſtlichen Ritter⸗ ſchaft zu Boden geworfen, und er ſchwor in ſeinem Her⸗ 3 zen bittre Rache dem umliegenden Lande. „— — 109— Nach und nach mehrte ſich die geringe Macht de Aqui⸗ lar's durch eine Menge Flüchtlinge, welche aus Höhlen und Schlünden, wo ſie ſich in der Nacht hingeflüchtet, hervorkamen. Ein kleiner Trupp berittener Ritter ward allmählig gebildet, und da die Mauren die Höhen ver⸗ laſſen hatten, um Beute an den Erſchlagnen zu machen, ſo vermochte dieſe ſtattliche aber verlorne Abtheilung ih⸗ ren Rückzug nach Antequera zu bewerkſtelligen. Dieſer unſelige Kampf dauerte von Donnerſtag Abend den ganzen Freitag hindurch, welches der einundzwan⸗ zigſte März, das Feſt des h. Benedikt war. Er iſt noch in ſpaniſchen Kalendern als der Tag der Niederlage auf den Gebirgen von Malaga angemerkt, und die Stelle, wo das größte Gemetel ſtatt fand, iſt bis auf den heu⸗ tigen Tag ausgezeichnet und wird La Cueſta de la Ma⸗ tanza, der Hügel des Schlachtens genannt. Die Hauptanführer, welche dieſen Tag überlebten, kehrten nach Antequera zurück; viele Ritter flüchteten ſich nach Alhama, und andere irrten noch acht Tage in den Gebirgen, nährten ſich von Wurzeln und Kräutern, verbargen ſich am Tage und ſchwärmten in der Nacht herum. So geſchwächt und entmuthigt waren ſie, daß ſte, wenn angegriffen, keinen Widerſtand leiſteten. Drei, ſelbſt vier Soldaten übergaben ſich wohl einem Mauri⸗ ſchen Bauern, und ſelbſt die Weiber von Malaga thaten Ausfälle und machten Gefangne. Einige wurden in die Kerker der Grenzſtädte geworfen, andre gefangen nach Granada gefüͤhrt; aber bei weitem der größre Theil kam nach Malaga, in die Stadt, die ſie mit einem Angriff bedroht hatten. Zweihundert und fünfzig ausgezeichnete Ritter, Al⸗ cayden, Befehlshaber, Hidalgo's von edlem Geſchlecht, wurden in die Alcazaba, die Citadelle von Malaga, ein⸗ geſchloſſen, ihre Auslöſung zu erwarten, und Fünfhun⸗ dert und Siebzig der gemeinen Soldaten in einen Ver⸗ ſchluß oder Hof der Alcazaba geworfen, um als Sklaven verkauft zu werden.(Cura de los Palacios.) Große Beute ward gemacht; glänzende Rüſtungen und Waffen, den Erſchlagenen abgenommen oder von ihnen ſelbſt auf der Flucht weggeworfen, wurden überall zuſam⸗ mengebracht; auch viele prächtig aufgezäumte Pferde und unzählige Fahnen. Alles ward im Triumph durch die Mauriſchen Städte getragen. 4 Auch die Handelsleute, die mit dem Heer gekommen waren, und die von den Mauren gewonnene Beute an ſich bringen wollten, wurden nun ſelbſt Gegenſtände des Handels. Mehrere von ihnen wurden wie Vieh von Mau⸗ riſchen Mannweibern auf den Markt von Malaga getrie⸗ ben, und trotz all ihrer Geſchicklichkeit im Handel und ihrer Bemühungen, ſich ſelbſt mit geringem Löſegeld frei zu kaufen, waren ſie doch nicht im Stande, ihre Freiheit zu erwerben, ohne ſo tief in ihren Geldſäcken zu Hauſe zu ſchöpfen, daß ſie ſie faſt gänzlich erſchöpften. —; ⏑—— — 111— 3 Dreizehntes Kapitel. 8 Folgen der Anfälle auf den Gebirgen von Malaga. Das Volk von Antequera war kaum von der auf⸗ gereizten Stimmung und Bewunderung, welche durch den Auszug des ſtattlichen Ritterheers veranlaßt worden, * wieder zu ſich gekommen, als ſie ſchon die zerſtreuten Trümmer, Rettung ſuchend, in ihre Mauern zurückfliehen ſahen. Ein Tag nach dem andern, jede Stunde brachte einen unglücklichen Flüchtling, in deſſen zerſchlagenem . Aeußren, abgematteten, erbärmlichen Weſen ſie faſt gar nicht den Krieger wieder erkennen konnten, den ſie eben noch ſo fröhlich und ruhmredig aus ihren Thoren ausziehn geſehen hatten. Die Ankunft des Marquis von Cadix, faſt ohne alle Begleitung, mit Staub und Blut bedeckt, ſeine Rüſtung zerbrochen und entſtellt, ſein Geſicht das Gemälde der Verzweiflung, erfüllte jedes Herz mit Trauep, denn er war bei'm Volke ſehr beliebt. Die Menge fragte, wo ſeine Brüder wären, die ſich um ihn verſammelt, als er in's Feld zog., und als ſie vernahmen, ſie ſeyen einer nach dem andern an ſeiner Seite hingeſchlachtet worden, verſtummten ſie, oder ſprachen nur lisplend amit einander, wenn er vorüberging, und ſtaunten ihn an in ſchweigendem — Mitgefühl. Niemand verſuchte in ſo großem Leid ihn zu — 112— tröſten, auch ſprach der edle Marquis nichts, ſondern ſchloß ſich ein, und brütete in einſamem Kummer über ſeinem Unglück. Nur die Ankunft Don Alonzo de Aauilar's gab ihm einigen Troſt, denn bei den Geſchoſſen des Todes, die ſo ſtreng über ſeine Familie hereingebrochen, freute er ſich, daß ſein erprobter Freund und Waffenbruder un⸗ verletzt entronnen. Mehrere Tage war jedes Auge in ſchmerzlichem Er⸗ warten nach der mauriſchen Grenze gewandt, ängſtlich in jedem Flüchtling aus dem Gebirge die Züge eines Freundes und Verwandten ſuchend, deſſen Schickſal noch ein Geheimniß war. Endlich hörte aller Zweifel in der Gewißheit auf, die ganze Ausdehnung ihres großen Un⸗ glücks wurde offenbar, und verbreitete Gram und Beſtuͤr⸗ zung durch das ganze Land; ließ verlaſſen den Stolz und die Hoffnung der Palläſte. Es war ein Kummer, der in die Marmorhalle drang, der das Seidenkiſſen umſchwebte. Vornehme Damen trauerten über den Ver⸗ luſt ihrer Söhne, die Freude, der Stolz ihres Alters, manche reizende Wange bleichte in Weh, die eben noch in geheimer Bewunderung ſich geröthet hatte. Ganz Andaluſien,v ſagt ein damaliger Geſchichtſchreiber,«ward von einer großen Betrübniß übertäubt, nicht trockneten die Augen, die im Lande weinten.“(Cura de los Palacios.) Furcht und Zittern herrſchte einige Zeit auf der Grenze; ihr Speer ſchien gebrochen, ihr Schild in Stücke zer⸗ ſpalten. Jede Grenzſtadt fürchtete einen Angriff, und — 113— die Mutter druͤckte den Säugling an die Bruſt, wenn der Wachthund in der Nacht bellte, und glaubte des Mauren Kriegsgeſchrei zu vernehmen. Alles ſchien eine Zeit lang verloren, und Muthloſigkeit fand ſelbſt ihren Weg in die königliche Bruſt Ferdinand's und Iſabellens, mitten unter dem Glanze ihres Hofes. Groß dagegen war die Freude der Mauren, als ſie ganze Schaaren chriſtlicher Krieger von dem rohen Berg⸗ volke gefangen in ihre Städte einbringen ſahen. Sie hielten's für das Werk Allah's zu Gunſten der Gläubi⸗ gen. Aber als ſie unter den ſo niedergeſchlagenen und wie vernichteten Gefangenen mehrere der ſtolzeſten chriſt⸗ lichen Ritter erkannten, als ſie viele Fahnen und Abzei⸗ chen der edelſten Häuſer Spaniens ſahen, welche ſie ge⸗ wohnt waren voran in der Schlacht zu erſchauen, die aber nun ſchimpflich durch ihre Straßen geſchleppt wurden, als ſie, mit einem Wort, von der Vorführung des Grafen von Cifuentes, des königlichen Fahnenträgers von Spa⸗ nien, und ſeines tapfren Bruders, Don Pedro de Silva, Zeugen waren, welche als Gefangene in die Thore Gra⸗ nada's eingebracht wurden,— da hatte ihr Jauchzen keine Grenzen mehr. Sie meinten, nun würden die Tage ihres alten Ruhms zurückkehren, ſie würden von neuem die Bahn des Siegs über die Ungläubigen betreten. Die chriſtlichen Geſchichtſchreiber der damaligen Zeit ſind in peinlicher Verlegenheit, über dieſes Unglück eine Erklärung zu geben; ſie wiſſen ſich nicht zu deuten, wa⸗ rum ſo viele chriſtliche Ritter im Kampfe für die heilige Irving's Granada. 1— 3, 8 — 114— Sache des Glaubens wie durch ein Wunder in die Hand weniger ungläubigen Bauern gegeben werden konnten; denn man verſichert, daß dieſe ganze Niederlage und Ver⸗ nichtung das Werk von fünfhundert Fußgängern und fünf⸗ zig Reitern war, welche noch überdieß bloſe Bergwoh⸗ ner ohne Wiſſenſchaft und Kriegszucht geweſen.(Cura de los Palacios.) «Es ſollte» bemerkt ein Geſchi chtsſchreiber, a ihrem Vertrauen und eitler Ruhmredigkeit zur Lehre dienen, da ſie ihre eigne Tapferkeit überſchätzten, und meinten, ein ſo auserleſener Trupp von Rittern brauche nur in dem feindlichen Land zu erſcheinen und es zu erobern. Es geſchah, um ſie zu lehren, daß die Rennbahn nicht dem Schnellen, die Schlacht nicht dem Starken iſt, ſon⸗ dern daß Gott allein den Sieg verleiht.⸗» Der würdige Vater, Bruder Antonio Agapida aber verſichert, es ſey eine Beſtrafung der Habſucht der Spa⸗ niſchen Krieger. Sie fielen nicht mit jenem reinen Geiſt chriſtlicher Ritter, die nur eifrig ſind für den Ruhm des Glaubens, ſondern vielmehr als gierige Handelsleute, die ſich durch den Verkauf der von den Ungläubigen gemach⸗ ten Beute bereichern wollten, in das Reich der Mauren ein. Statt ſich durch Beichte und Communion dazu vor⸗ zubereiten, ſtatt ihre Teſtamente aufzuſetzen und Schen⸗ kungen an Kirchen und Klöſter zu machen, dachten ſie nur daran, den Handel und Verkauf ihrer im Voraus verſchlungenen Beute abzuſchließen. Statt heilige Mönche mit ſich zu nehmen, die ſie durch ihre Gebete unterſtütz⸗ — 115—* ten, wurden ſie von einem Haufen Weltkeute begleitet, um ihre irdiſchen und ſchmutzigen Gedanken wach zu er⸗ halten, und was heilige Triumphzuͤge ſeyn ſollten, in Auf⸗ tritte des lärmendſten Schachers umzuwandeln.⸗ Dieß iſt die Anſicht des trefflichen Agapida, in der ihm der würdigſte und treuſte der Chroniſten, der Auf⸗ ſeher der Palläͤſte, beiſtimmt. Agapida tröſtet ſich jedoch mit der Betrachtung, daß dieſe Heimſuchung gütig ge⸗ meint geweſen, um das Herz der Chriſten zu prüfen und aus ſeiner gegenwärtigen Erniedrigung die Anfänge künf⸗ tiger Erfolge hervorzulocken, ſo wie das Gold mitten aus den Unreinigkeiten der Erde gewonnen wird. Und in dieſer Betrachtung wird ihm beigepflichtet von dem ehr⸗ würdigen Geſchichtsforſcher, Pedro Abarca, von der Ge⸗ ſellſchaft der Jeſuiten.(Abarca Annales de Aragon. Reg. 30. Cap. 2. sec. 7.) Vierzehntes Kapitel. Wie König Boabdil El Chico über die Grenze zog. Die Niederlage der chriſtlichen Ritter anf den Bergen von Malaga und der erfolgreiche Einfall Muley Aben Haſſan's in die Landſchaft von Medina Sidonia hatte eine günſtige Wirkung auf das Schickſal des alten Für⸗ ſten geäußert. Das wankelmüthige Volk begann ſeinen Namen auf den Straßen auszurufen, und üͤber die Un⸗ 8* —— 116— thätigkeit ſeines Sohns, Boabdil El Chiko, zu ſpotten. Dieſer, obgleich in der Blüthe ſeines Alters, und ausge⸗ zeichnet durch Kraft und Geſchicklichkeit im Lanzenbrechen und Turniren, hatte bis jetzt noch nie ſeine Waffen auf dem Schlachtfelde geröthet, und man murmelte, er ziehe die ſeidne Ruhe in den kühlen Hallen des Alhambra der Ermüdung und Gefahr des Feldzugs und dem harten La⸗ gern auf den Bergen vor. Die Anhänuglichkeit an dieſe Gegenkönige hing von ihrem Glück gegen die Chriſten ab, und Boabdil El Chiko fand es für nöthig, einen ausgezeichneten Streich zu thun, um dem neuerlichen Triumph ſeines Vaters etwas entge⸗ gen zu ſetzen. Er wurde noch mehr dazu durch den ſtol⸗ zen alten Mauren, ſeinen Schwiegervater, Ali Atar, Alcayden von Lora, angefeuert, bei dem die Gluth des Grimm's gegen die Chriſten noch unter der Aſche des Al⸗ ters glimmte, und kürzlich erſt durch den von Ferdinand auf die Stadt unter ſeinem Commando gemachten An⸗ griff zu hellen Flammen aufgeblaſen worden war. Ali Atar benachrichtigte Boabdil, der letzte Unfall, der den chriſtlichen Rittern begegnet, hätte Andaluſien der Blüthe ſeiner Ritterſchaft beraubt und den Muth des Landes gebrochen. Die ganze Grenze von Cordova und Ecija läge jetzt einem Einfall offen, aber er deutete be⸗ ſonders auf die Stadt Lucena als einen Gegenſtand des Angriffs hin, da ſie ſchwach beſetzt und in einem an Weiden reichen Lande liege, das Ueberfluß habe an Vieh und Korn, an Oel und Wein. — 117— Der kühne, alte Maure ſprach mit genauer Kennt⸗ niß, denn er hatte ſelbſt manchen Einfall in dieſe Theile gemacht, und ſein Name ſchon war ein Schreck durch das Land. Es war zum Sprichwort unter der Beſatzung von Loxra geworden, Lucena den Garten Ali Atars zu nennen, denn er war gewohnt ihr fruchtbares Gebiet bei jedem Bedürfniß plündernd zu durchziehen. Boabdil El Chiko hörte auf die Ueberredungskünſte dieſes Alten unter den Grenzmaͤnnern. Er verſammelte eine Macht von neuntauſend Fußgängern und ſiebenhun⸗ dert Pferden; die meiſten von ihnen ſeine eignen Anhän⸗ ger, viele aber auch Partheigänger ſeines Vaters, denn beide Faktionen, wenn ſie ſich auch wohl unter ſich ſelbſt Kämpfe lieferten, waren doch immer bereit, ſich zu jedem Zug gegen die Chriſten zu vereinigen. Viele der berühm⸗ teſten und tapferſten Mauriſchen Edlen eilten unter ſeine Fahne, prächtig aufgeputzt in koſtbarer Rüſtung und rei⸗ cher Verbrämung, als ging's zu einem Feſt, zu einem Lanzenbrechen vielmehr als zu einer Unternehmung des eiſernen Kriegs. Boabdil's Mutter, die Sultane Ayra la Horra, be⸗ waffnete ihn für's Feld, und gab ihm ihren Segen, als ſie ihm ſein Schwert um die Lenden gürtete. Seine Fa⸗ vorite, Morayma, weinte, als ſie der Uebel gedachte, die ihn befallen möchten. Warum weinſt du, Tochter Ali Atar's?« ſagte die hochherzige Ayxa, edieſe Thränen ge⸗ ziemen nicht der Tochter eines Kriegers, nicht dem Weib eines Königs. Glaube mir, größere Gefahr lauert auf A.— 118— den Fürſten innerhalb der feſten Mauern ſeines Pallaſtes, als unter den flatternden Tüchern eines Zeltes. Durch Gefahren im Feld muß dein Gemahl Sicherheit auf ſei⸗ nem Thron erkaufen.» Aber Morayma hing noch mit Thränen und finſtern Ahnungen an ſeinem Nacken, und als er aus dem Alham⸗ bra zog, begab ſie ſich auf ihren Söller, der nach der Vega zu gerichtet war. Hier beobachtete ſie das Heer, wie es in glänzenden Reihen auf dem Weg hinzog, der nach Loxa führt, und jeder Nachhall des Kriegsgeſangs, der auf den Lüften getragen zu ihr herüberkam, ward mit Thränen des Kummers beantwortet. Als die königliche Truppe aus dem Pallaſte hervorkam und durch Granada's Straßen hinabzog, grüßte das Volk ſeinen jugendlichen Fürſten mit Freudengeſchrei, und ſah Erfolgen entgegen, die ſeines Vaters Lorbeeren beſchä⸗ men ſollten. Aber bei'm Durchgang durch das Thor von Elvira brach der König zufällig ſeine Lanze an der Wöl⸗ bung. Da erbleichten gewiſſe Edle und drangen in ihn, nicht weiter zu gehn; ſie betrachteten dieß als eine böſe Vorbedeutung. Boabdil ſpottete ihrer Furcht, denn er hielt ſie für eitle Einbildungen, oder vielmehr, ſagt Bru⸗ der Antonio Agapida, er war ein ungläubiger Heide, aufgeblaſen von Vertrauen und eitler Ruhmſucht. Er wollte keinen andern Speer nehmen, ſondern zog den Säbel, und ſetzte ſich an ihre Spitze, ſagt Agapida, ſtolz und übermüthig, als wolle er Himmel und Erde heraus⸗ fordern.. — 1419— Eine andre böſe Vorbedeutung wurde ihm geſchickt, ihn von ſeiner Unternehmung zurückzuſchrecken. Als er an die Rambla, den trocknen Bruch von Beyro ankam, welcher kaum einen Bogenſchuß von der Stadt entfernt iſt, lief ein Fuchs durch das ganze Heer und dicht an dem König vorbei; aber obgleich tauſend Bolzen auf ihn abgeſchoſſen wurden, entrann er unverletzt auf die Gebirge. Die vornehmſten Höflinge um Boaldil erueuerten jetzt ihre Vorſtellungen gegen alles weitre Vordringen, denn ſie ſahen in dieſen Vorfällen geheimnißvolle Anzeichen von Unheil für ihr Heer. Der König aber war nicht zu er⸗ ſchrecken, ſondern ſetzte den Zug fort.(Marmol. Rebel. de los Moros. lib. I. c. 12. fol. 14. In Lora wurde das königliche Heer durch Ali Atar verſtärkt, der ihm erleſene Reiter aus ſeiner Beſatzung und viele der tapferſten Krieger aus den Grenzſtädten zu⸗ führte. Das Volk von Lora ſchrie vor Freuden auf, als es Ali Atar an allen Enden bewaffnet, und nochmals auf ſeinem Berberroß ſah, das ihn ſo oft über die Grenze getragen hatte. Der alte Krieger, mit faſt einem Jahrhundert auf ſeinem Haupt, hatte noch das ganze Feuer, die ganze Gluth eines Jünglings, wenn's auf einen Einbruch ging; er flog von Rotte zu Rotte mit der Schnelligkeit eines Arabers der Wüſte. Das Volk beobachtete das Heer, als es über die Brücke prangte, und ſich in die Berg⸗ päſſe wand; aber immer waren ſeine Augen auf Ali Atar's Banner gerichtet, als wenn ſichrer Sieg ſich daran knüpfte. 4 — 120— Das Maunriſche Heer überſchritt in beeilten Zügen die chriſtliche Grenze; ſchnell ward das Land verwüſtet, Schafe und Heerden weggetrieben und die Einwohner zu Gefan⸗ genen gemacht. Sie drangen raſch vor und machten den letzten Theil ihres Weges in der Nacht, um nicht bemerkt zu werden, und Lucena plötzlich zu überfallen. Boabdil war im Kriegswerk unerfahren, aber er hatte einen greiſen Rath in ſeinem Schwiegervater. Denn Ali Atar kannte jedes Verſteck der Gegend, und als er ſie durchzog, ſchweifte ſein Auge über das Land, in ſeinem Funklen die Liſt des Fuchſes mit der blutigen Wildheit des Wolfes paarend. Er hatte ſich geſchmeichelt, ihr Zug wäre ſo ſchnell ge⸗ weſen, daß er aller Wahrnehmung entgangen, und Lu⸗ cena ein leichter Fang ſeyn würde. Da gewahrte er plötzlich Lärmfeuer, die auf den Bergen ſprühten;«wir ſind entdeckt,» ſagte er zu Boabdil El Chico, adas Land wird gegen uns aufſtehen; uns bleibt nichts übrig, als kühn uns nach Lucena zu wenden. Es iſt nur ſchwach beſetzt, und wir können es vielleicht durch Sturm neh⸗ men, ehe es Hülfe erlangt.“ Der König billigte ſeine Anſicht, und ſie machten ſich eilig nach dem Thor von Lucena auf. Fuͤnfzehntes Kapitel. Wie der Graf von Cabra aus ſeiner Feſte hervorbrach, um den König Boabdil aufzuſuchen. Don Diego von Cordova, Graf von Cabra, war in der Feſte Vaena, welche mit der Stadt gleiches Namens auf einem hohen, ſonnverbrannten Hügel, auf der Grenze des Königreichs Cordova, nur wenige Meilen von Lucena liegt. Die Bergreihe Horquera erſtreckt ſich zwiſchen ih⸗ nen hin. Die Feſte Vaena war ſtark und mit Waffen wohl verſehen. Auch hatte der Graf eine zahlreiche Menge von Vaſallen und Gefolge; denn es geziemte den Edlen auf der Grenze in jenen Zeiten mit Mann und Roß, mit Speer und Schild wohl ausgerüſtet zu ſeyn, um den plötzlichen Einfällen der Mauren zu widerſtehen. Der Graf von Cabra war ein kühner, erfahrner Krie⸗ ger, klug im Rath, ſchnell in That, ungeſtümm, furcht⸗ los im Feld. Er war einer der tapferſten Ritter für ei⸗ nen Einbruch, und in Gedanken und Werken durch ſein Leben an der Grenze ſchnell und ſcharfſinnig geworden. Am Abend des 20. Aprils 1483, woltte ſich der Graf eben zur Ruhe begeben, als der Wächter vom Thurm ihm die Kunde brachte, es ſeyen Lärmfeuer auf den Gebirgen — 122— von Horquera, ſie befänden ſich auf dem Signalthurm, der über die Bergengen hinüberragte, durch welche der Weg nach Cabra und Lucena ging. Der Graf ſtieg auf die Bollwerke und gewahrte fünf Lichter auf dem Thurm glänzen; ein Zeichen, daß ein Mauren⸗Heer einen Grenzort angreife. Der Graf ließ ſogleich die Lärmglocken ziehen, und ſandte Eilboten aus, die Befehlshaber der benachbarten Städte aufzubieten. Er berief all ſein Gefolge, ſich fertig zu halten zum Werk und ſchickte einen Trompeter durch die Stadt, der die Mannſchaft beriefe, ſich bei Tagesanbruch an dem Schloßthore zu ſammeln, bewaffnet und gerüſtet für's Feld. Den Reſt der Nacht über ertöoͤnte die Feſte vom Lärm der Rüſtung. Jedes Haus der Stadt war in gleichem Getöſe; denn in dieſen Grenzſtädten hatte jedes Haus ſeinen Krieger, und Speer und Schild hing immer an der Wand, bereit zum drängenden Dienſt heruntergeriſ⸗ ſen zu werden. Nichts ward gehört als das Geräuſch der Waffenſchmiede, der Huſſchlag der Roſſe und das Scheuern der Waſſen, und die ganze Nacht ſprühten die Lärmfeuer auf der Höhe. Als der Morgen dämmerte, brach der Graf von Ca⸗ bra an der Spitze von zweihundert und fünfzig Rittern aus den erſten Familien Vaena's auf; ſie waren alle wohl gerüſtet, in den Waffen geübt, erfahren in dem Kriegs⸗ werk der Grenze. Außerdem ſah man zwoͤlfhundert Fuß⸗ ſoldaten, alles tapfre, erprobte Leute aus derſelben Stadt. — 123— Der ⸗ Graf hieß ſie, ſo ſchnell nur immer möglich, auf dem Weg nach Cabra forteilen, das nur drei Meilen entfernt war. Damit Niemand ſäume auf dem Weg, ließ ſie der Graf keine Speiſe zu ſich nehmen, bevor ſie nicht an die⸗ ſem Ort angekommen. Der vorſichtige Graf ſchickte Eil⸗ boten voraus und als das kleine Heer Cabra erreichte, fand es Tiſche mit Nahrung und Erfriſchungen an den Thoren der Stadt aufgeſtellt. Dort traf auch Don Alonzo von Cordova, Senior von Zuheros, bei ihnen ein. Als ſie ein gehöriges Mahl zu ſich genommen, und im Begriff waren, ihren Zug fortzuſetzen, bemerkte der Graf, daß in der Eile des Aufbruchs von Hauſe er vergeſſen hatte, das Banner von Vaena mit ſich zu nehmen, ein Banner, das länger als achtzig Jahre ſchon von ſeinem Geſchlecht in die Schlacht getragen worden. Es war jetzt Mittag und keine Zeit zur Rückkehr. Er nahm alſo die Fahne von Cabra, deren Sinnbild eine Geis iſt, und die das letzte Halbjahrhundert über in den Kriegen nicht war geſehen worden. Als er eben aufbrechen wollte, ſprengte ein Bote in voller Eile herbei und brachte dem Grafen ein Schreiben von deſſen Neffen Don Diego Hernandez von Cordova, Senior von Lucena und Alcayde der Donzelen, welcher ihn erſuchte, zu ſeiner Hülfe herbeizueilen, da ſeine Stadt von dem Mauren⸗König, Boaldil El Chico mit einem maͤchtigen Heer berennt würde, das ſchon wirklich Feuer an die Thore legte. — 124— Der Graf ſetzte alsbald ſein kleines Heer nach Lu⸗ eena in Bewegung, welches nur eine Meile von Cabra liegt. Er ward von dem Gedanken entflammt, den Mau⸗ ren⸗König in Perſon ſich gegenüber zu haben. Als er Lucena erreichte, hatten die Mauren ſchon vom Angriff abgelaſſen, und verwüſteten das umliegende Land. Er ritt mit einigen von ſeinem Gefolge in die Stadt, und wurde mit Freuden von ſeinem Neffen empfangen, deſſen ganze Macht nur aus achtzig Pferden und dreihundert Fußgängern beſtand. Don Diego Hernandez von Cordova war ein junger Mann; aber ein kluger, ſorgſamer, tüchtiger Offtzier. Da er den Abend vorher gehört hatte, die Mauren hät⸗ ten die Greuzen überſchritten, hatte er alle Weiber und Kinder aus der Umgegend in ſeine Wälle aufgenommen, die Mannſchaft bewaffnet, Eilboten nach allen Richtun⸗ gen um Hülfe ausgeſchickt und Lärmfeuer auf den Bergen angezündet. Boabdil war mit ſeinem Heer um Tagesanbruch an⸗ gekommen, und hatte einen Boten geſendet, welcher drohte, die Beſatzung ſolle durch's Schwert umkommen, wenn der Ort nicht alsbald würde übergeben. Der Bote war ein Maure aus Granada, Namens Hamet, den Don Diego früher gekannt hatte. Er ſuchte ihn hinzuhalten mit Unterhandlungen, um Zeit zu gewinnen, damit der Zuzug ankäme. Der ſtolze, greiſe Ali Atar hatte alle Geduld verloren, hatte einen Angriff auf die Stadt ge⸗ macht, und war auf das Thor losgeſtürmt gleich einer — 125— Furie; aber er war zurückgeſchlagen worden. Ein ande⸗ rer, ernſthafterer Anfall wurde im Lauf der Nacht er⸗ wartet. Als der Graf von Cabra dieſe Nachricht über die Lage der Dinge gehört, wandte er ſich zu ſeinem Neffen mit ſeiner gewohnten fröhlichen Weiſe und ſchlug vor, ohne weitres einen Ausfall zu machen und den Feind auf⸗ zuſuchen. Der vorſichtige Don Diego machte ihm Vor⸗ ſtellungen wegen dieſer Raſchheit, womit er ſo große Streitkräfte angreifen wolle, er, nur eine Handvoll Käm⸗ pfer. Neffe,» ſagte der Graf,« ich kam von Vaena mit dem Entſchluß, dieſen Mauren⸗König zu bekämpfen, und ich will nicht getäuſcht werden in meiner Erwartung.» „Auf jeden Fall„ entgegnete Don Diego, alaßt uns nur zwei Stunden warten, und wir werden die Verſtär⸗ kung haben, die mir verheißen ward von Rambla, San⸗ taella, Montilla und andern Orten in der Nachbarſchaft.⸗ „Wenn wir dieſe erwarten,p ſagte der kühne Graf, swer⸗ den die Mauren davon ſeyn, und all unſre Bemühung war vergebens. Ihr mögt ſle erwarten, wenn's euch ge⸗ faͤllt; ich bin entſchloſſen zu fechten. Der Graf wartete nicht auf eine Entgegnung, ſondern nach ſeiner ſchnellen, eiligen Weiſe ſtürzte er fort zu ſei⸗ nen Leuten. Der junge Alcayde der Donzelen, wenn auch vorſichtiger als ſein feur'ger Oheim, war doch eben ſo tapfer. Er entſchloß ſich, in deſſen raſcher Unterneh⸗ mung ihm zur Seite zu ſtehen; und aufbietend ſeine kleine Streitmacht, zog er aus, ſich mit dem Grafen zu — 126— vereinen, der ſchon auf und davon war; zuſammen zogen ſie dann fort, dem Feinde entgegen. Das Maurenheer hatte abgelaſſen von der Verwüſtung des Landes, und war nicht mehr zu ſehen, weil die Um⸗ gegend ſehr hüglig war, und brüchig von tiefen Schlün⸗ den. Der Graf ſandte ſechs Kundſchafter zu Pferde aus, um den Feind zu erſpaͤhen. Er befahl ihnen, mit aller Eile umzukehren, ſobald ſie ihn entdeckt hätten, und kei⸗ nes Falls ſich in Scharmützeln einzulaſſen mit den Streif⸗ züglern. Die Kundſchafter gewahrten, als ſie einen ho⸗ hen Hügel erſtiegen, das Maurenheer in einem Thale dahinter; die Reiterei, in fünf Schlachtreihen geordnet, hielt Wache, während die Fußſoldaten im Gras ſaßen und ihr Mahl verzehrten. Sie kehrten alsbald um mit der erlangten Kunde. Nun hieß der Graf die Truppen auf den Feind hin⸗ ziehn. Er und ſein Neffe erſtiegen den Hügel, und ſa⸗ hen, daß die fünf Schlachtreihen der mauriſchen Reiterei ſich zu zwei gebildet hatten; die eine von etwa neunhun⸗ dert Lanzen, die andre von ſechshundert. Die ganze Streitmacht ſchien gerüſtet ſich nach der Grenze hin zu⸗ rückzuziehn. Die Fußſoldaten waren ſchon mit vielen Gefangenen und einem großen Zug Maul⸗ und Laſtthie⸗ ren, mit Beute beladen, in Bewegung. In einiger Ent⸗ fernung war Boabdil El Chico. Sie konnten ſeine Per⸗ ſon nicht unterſcheiden, aber ſie erkannten ihn an ſeinem ſtolzen, prächtig aufgezäumten, weißen Renner, und an der reich geſchmückten und bewaffneten, zahlreichen Wache, 1 — 127— die ihn umgab. Der greiſe Ali Atar tummelte ſich mit ſeiner gewohnten Ungeduld im Thal herum, und trieb die ſäumenden Truppen zum eiligen Zug an. Die Augen des Grafen von Cabra erglaͤnzten von eif⸗ riger Freude, als er den königlichen Fang in ſeinem Be⸗ reich ſah. Das ungeheure Mißverhältniß in der Menge ihrer Streitkräfte kam ihm nie in den Sinn.«Bei St. Jago,p ſagte er ſeinem Neffen, als er den Hügel hinab⸗ eilte,«hätten wir größre Streitkräfte erwartet, der Mauren⸗König und ſein Heer wären uns entronnen.⸗ Der Graf redete jetzt zu ſeiner Mannſchaft, ſie anzu⸗ feuern zu dem gewagten Unternehmen. Er ſagte ihnen, ſich nicht zu entſetzen ob der Mauren großen Menge; denn Gott vergönne oft den wenigen die vielen zu über⸗ winden, und er habe groß Vertrauen, daß durch Got⸗ tes Hülfe ſie dieſen Tag einen ausgezeichneten Sieg er⸗ langten, der ihnen verſchaffen würde, beides, Reichthum und Ruhm. Er befahl, niemand ſolle ſeine Lanze auf den Feind ſchleudern, ſondern ſie in der Hand behalten, und damit ſo viele Wunden verſetzen, als er vermöchte. Er rieth ihnen auch, nur zu ſchreien, wenn die Mauren es thä⸗ ten, denn wenn beide Heere zugleich ſchrie'n, könne man nicht bemerken, wer den größten Lärm machte, und wer der ſtärkſte ſey. Er wünſchte, ſein Oheim Lope de Men⸗ doza und Diego Cabrera, Alcayde von Menica, möchten abſteigen, und zu Fuß in die Schlachtreihe der Fußvöl⸗ ker treten, um ſie im Kampf zu ermuthigen. Er be⸗ 1 ſtimmte auch, der Alcayde von Vaena und Diego de Clavijo, ein Ritter ſeines Haushalts, ſollten im Nach⸗ zug bleiben, und nicht erlauben, daß jemand hinten nach⸗ ſchlendre, um die Todten zu berauben, oder aus andrer Abſicht. Solche Befehle gab dieſer geſchickte, thätige und un⸗ erſchrockne Ritter ſeinem kleinen Heer, und erſetzte durch bewunderungswürdigen Scharfſinn und feine Anordnung den Mangel einer zahlreicheren Streitmacht. Nachdem ſeine Befehle gegeben und alle Einrichtungen getroffen waren, warf er ſeinen Speer bei Seite, zog ſein Schwert und hieß ſein Banner in den Feind tragen. Sechszehntes Kapitel. Schlacht bei Luceng. Der Mauren⸗König hatte die Spaniſchen Streitkräfte in der Entfernung erforſcht, obgleich ein leichter Nebel ihn hinderte, ſie genau zu ſehen und über ihre Zahl ſich zu vergewiſſern. Sein greiſer Schwiegervater, Ali Atar, ſtand ihm zur Seite; dieſer, ein alter Partheigänger, war mit allen Fahnen und Wappenzügen der Grenze bekannt. Als der König das alte und lange nicht gebrauchte Ban⸗ ner von Cabra aus dem Duft hervortauchen ſah, wandte er ſich zu Ali Atar, und fragte, weſſen Zeichen es waͤre. — 129— Der alte Grenzmann war erſt in Verlegenheit, denn das Banner war zu ſeiner Zeit nie in der Schlacht entfaltet worden. «Sire,» antwortete er nach einer Pauſe, aich hab⸗ dieſe Fahne betrachtet, aber kenne ſie nicht. Es ſcheint ein Hund, das Sinnbild der Städte Baeza und Übeda. Wenn dieß iſt, dann iſt ganz Andaluſien im Aufſtand gegen euch; denn es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ein ein⸗ zelner Befehlshaber oder eine Gemeinde wagen ſollte, euch anzugreifen. Ich würde euch deßwegen rathen, euch zurückzuziehn.„ Der Graf von Cabra fand ſich, als er den Hügel hinab auf die Mauren zuſchwenkte, auf einem viel nie⸗ dren Standpunkt, als der des Feindes war; er befahl daher in aller Eile, ſeine Fahne ſollte zurückgetragen wer⸗ den, um eine vortheilhaftere Stellung zu gewinnen. Die Mauren, die dieß für einen Rückzug hielten, ſtürzten ſtürmiſch gegen die Chriſten heran. Dieſe, als ſie die gewünſchte Höhe erreicht, ſtießen in demſelben Augenblick mit dem Schlachtgeſchrei St. Jago auf ſie, und ſtreck⸗ ten, den erſten Stoß verſetzend, viele der Mauriſchen Ritter in den Staub. Die Mauren, ſo in ihrem ungeordneten Angriff zurück⸗ gewieſen, wurden in Verwirrung gebracht, und begannen zu weichen. Die Chriſten verfolgten ſie eifrig, Boabdil El Chico ſuchte ſie aufzuhalten.«Halt, halt, o der Schande,» ſchrie er,«laßt uns nicht fliehen, wenigſtens nicht, bevor wir nicht unſern Feind erkannt! Irving's Granada, 1— 3. 9 — 130— Die Manriſche Ritterſchaft wurde durch dieſen Vor⸗ wurf beſchämt, und wandte um, mit der Tapferkeit von Leuten die Spitze zu bieten, welche unter ihres Fürſten Augen kämpfen. In dieſem Augenblick langte Lorenzo de Pores, Al⸗ cayde von Luque, mit fünfzig Pferden und hundert Fuß⸗ gängern an. Eine Italiäniſche Trompete erſchallte aus einem Eichengehölz her, welches ſeine geringe Streitmacht verbarg. Das ſchnelle Ohr des alten Ali Atar ſing die Töne auf. Das iſt eine Italitäniſche Trompete,» ſagte er zum König,«die ganze Welt ſcheint unter den Waf⸗ fen gegen Eure Majeſtät!) Die Trompete Lorenzo's de Pores wurde von der des Grafen de Cabra in einer andern Richtung beantwortet, und ſo ſchien es den Mauren, als wenn ſie ſich zwiſchen zwei Heeren befänden. Don Lorenzo unter den Eichen hervorbrechend, ſtieß nun auf den Feind. Dieſer wartete nicht, um ſich über die Stärke des neuen Heers zu ver⸗ gewiſſern. Die Verwirrung, die Mannigfaltigkeit des Kriegsgetön's, die Angriffe von verſchiednen Seiten, die Düſtre des Nebels, lles verband ſich, ſie über die Zahl nhrer Gegner zu tä er Durchbrochen und geſchreckt, zogen ſie ſich fechtend zurück, und nur die Gegenwart und die Vorſtellungen des Königs verhinderten, daß ihr Rüc⸗ zug nicht zur wirren Flucht ward. Dieſer ſcharmutzirende Rückzug dauerte drei Meilen— fort. Viel waren der Thaten perſönlicher Tapferkeit un- ter den chriſtlichen und mauriſchen Rittern, und der Weg — 131— war mit der Blüthe der königlichen Garden und des Hof⸗ ſtaats beſtreut. Endlich langten ſie an den Bach Min⸗ gonzales an, deſſen grünende Ufer mit Weiden und Ta⸗ mariſken bedeckt waren. Er war durch den neuerlichen Regen angeſchwollen, und jetzt ein tiefer, ſtürmender Gießbach. Hier machte der König mit einem geringen Haufen Ritter Halt, während ſein Gepäck über den Strom ſetzte. Nur die erprobteſten und ergebenſten ſeiner Wachen ſtan⸗ den dem Fürſten zur Seite in dieſer Stunde der Noth. Das Fußvolk ergriff die Flucht, ſo bald es durch die Furth war, viele der Reiter, den allgemeinen paniſchen Schrecken theilend, ließen ihren Roſſen die Zügel ſchießen, und ſtürzten fort nach der Grenze. Der kleine Trupp ergebener Ritter ſchloß jetzt ſeine Reihen vor dem Fürſten enger zuſammen, um ſeinen Rück⸗ zug zu decken. Sie fochten Mann gegen Mann mit den chriſtlichen Kriegern, verſchmähten zu weichen, verſchmäh⸗ ten um Quartier zu bitten. Der Boden war bedeckt mit Todten und Sterbenden. Da der König ſich längſt den Flußufern zurückgezogen und ſich von dem Kampfplatz et⸗ was entfernt hatte, ſah er ſich um, und gewahrte, wie der königliche Trupp endlich wich. Sie überſchritten die Furth, in wirrer Miſchung von dem Feind verfolgt. Meh⸗ rere von ihnen wurden in dem Strom niedergehauen. Jetzt ſtieg der König vom weißen Renner, deſſen Farbe und reiche Aufzäumung ihn zu kenntlich gemacht hätte, und ſuchte ſich im Gebüſch zu bergen, das den 9* — 132— Bach einſäumte. Ein Soldat von Lucena, namens Mar⸗ tin Hurtado, erkannte ihn und griff ihn mit einer Pike an. Der König vertheidigte ſich mit Säbel und Tart⸗ ſche, bis ein andrer Soldat ihn angriff, und er einen dritten herankommen ſah. Da überzeugte er ſich, ferne⸗ rer Widerſtand würde vergebens ſeyn, er kam hervor, und rief ihnen zu, abzulaſſen, ihnen großes Löſegeld verhei⸗ ßend. Einer der Soldaten drang ein, ihn zu ergreifen, aber der König ſchlug ihn mit einem Säbelhieb zu Boden. Don Diego Fernandez de Cordova kam in dieſem Au⸗ genblick heran, und die Leute ſagten zu ihm:«Senhor, hier iſt ein Maure, den wir ergrifſen, der ein Mann von Rang zu ſeyn ſcheint und großes Löſegeld bietet.» „Sklaven,» rief König Boabdil,«ihr habt mich nicht ergriffen; ich ergeb' mich dieſem Ritter.» Don Diego empfing ihn mit ritterlicher Höflichkeit; er ſah, daß es eine Perſon von hohem Rang ſey; aber der König verbarg ſeinen Stand und gab ſich für den Sohn Aben Aleyzers, eines Edlen vom königlichen Hof⸗ ſtaat aus.(Garibay XL, 31.) Don Diego übergab ihn fünf Soldaten, um ihn in die Feſte Lucena zu bringen, dann drückte er ſeinem Roſſe die Spornen ein und eilte, den Grafen de Cabra einzuholen, der lebhaft den Feind verfolgte. Er traf ihn an einem Bach, Riancal genannt, und ſie fuhren nun fort, den übrigen Theil des Tags ſich dem fliehenden Heer an die Ferſen zu hängen. Die Verfol⸗ gung war beinahe eben ſo gefährlich, als die Schlacht; — 133— denn hätte ſich der Feind je von ſeinem paniſchen Schrek⸗ ken erholt, er hätte durch eine plötzliche Gegenwirkung die geringe Macht ſeiner Verfolger erdrücken können. Sich gegen dieſe Gefahr zu bewahren, hielt der vorſichtige Graf ſeine Schlachtreihe in feſter Ordnung, und hatte eine Mannſchaft von hundert erwählten Lanzen an der Spitze. Die Mauren flohen in parthiſcher Flucht. Oftmals wandten ſie ſich um, zu kämpfen, aber ſie erblickten jene feſte Maſſe geſtählter Krieger, die auf ſie eindrang, und wieder gedachten ſie nur des Rückzugs. Die Flucht des⸗ Hauptheeres ging durch das vom enil bewäſſerte Thal, welches durch die Gebirge von Algaringo nach der Stadt Loxa ſich hinzog. Die Lärmfeuer der vergangnen Nacht hatten das Land aufgeboten. Jeder riß Schwert und Schild von der Wand, und die Städte und Dörfer er⸗ goſſen ihre Krieger, den fliehenden Feind zu beunruhigen. Ali Atar hielt die Hauptmacht zuſammen, und wandte ſich ſtolz von Zeit zu Zeit gegen ſeine Verfolger. Er glich dem in eben der Landſchaft gejagten Wolf, die oft von ihm raubend verheert worden. Das Gerücht von dieſem Einfall hatte die Stadt Antequera erreicht, wo mehrere der Ritter waren, welche dem Mord in Mala⸗ ga's Gebirgen entgangen. Ihr hoher Muth härmte ſich ob des früheren Unglücks, und ihr einziges Gebet war um Rache an den Ungläubigen. Kaum hatten ſie gehört, die Mauren ſeyen über der Grenze, als ſie bewaffnet und beritten waren zum Kampf. Don Alonzo de Aquilar führte ſie aus. Es war ein — 134— kleiner Trupp von nur vierzig Reitern, aber alle tapfre Helden, durſtig nach Rache. Sie trafen an den Ufern des Xenil, wo er ſich durch Cordova's Thäler windet, auf den Feind. Der Fluß, angeſchwollen vom letzten Re⸗ gen, war tief und reißend und nur an gewiſſen Stellen zu durchwaten. Die Hauptmacht ſammelte ſich in Ver⸗ wirrung auf den Uferu, und ſuchte, unter dem Schutz von Ali Atar's Reiterei, durch den Strom zu kommen. Kaum bekam der kleine Haufe Alonzo's de Aquilar die Mauren zu Geſicht, als Wuth blitzte aus den Augen ſeiner Helden.«Gedenkt der Gebirge Malaga's! rie⸗ fen ſie einander zu, als ſie in den Kampf eilten. Ihr Stoß war furchtbar, wurde aber tapfer beſtanden. Ein Ringen und blutiges Fechten folgte, Hand an Hand, Schwert an Schwert, manchmal zu Land, manchmal im Waſſer. Viele wurden auf den Ufern durchbohrt; andre ſtürzten ſich in den Fluß, ſanken unter der Laſt ihrer Rüſtung und kamen um. Manche umklammerten ſich, ßeelen von ihren Pferden, aber ſetzten ihr Ringen in den Wellen fort, und Helm und Turban floſſen zuſammen den Fluß dahin. Die Mauren waren bei weitem an Zahl überlegen, und unter ihnen befanden ſich viele Krieger von Rang; aber ſie waren entmuthigt durch die Niederlage, während die Chriſten ſelbſt bis zur Wuth aufgereizt wurden. Ali Atar allein behauptete ſeinen ganzen Muth und ſeine Thatkraft mitten in allen Unfällen. Er war er⸗ zürnt geweſen über die Niederlage des Heers, über die Gefangennehmung des Königs, über die ſchimpſliche Flucht, die er durch ein Land zu nehmen gezwungen worden, das ſo oft ſeiner Kriegsthaten Schauplatz geweſen,— aber ſo in ſeiner Flucht gehindert, ſo von einer bloßen Hand⸗ voll Krieger beunruhigt und geneckt zu werden, das ſtei⸗ gerte des greiſen Mauren heftige Leidenſchaft zum voll⸗ ſtändigen Wahnſinn. Er hatte Don Alonzo de Aquilar ſeine Streiche, wie Agapida ſagt, mit der frommen Heftigkeit eines wackren Ritters austheilen ſehen, welcher weiß, daß mit jeder den Ungläubigen beigebrachten Wunde er Gott einen Dienſt thut. Ali Atar ſpornte ſein Roß längſt dem Ufer des Fluſſes, um unverſehens Don Alonzo zu überfallen. Der Krieger wandte ihm den Rücken;— ſo all ſeine Kraft zuſammennehmend, ſchleuderte der Maure ſeine Lanze, ihn an den Boden zu heften. Die Lanze war nicht mit Ali Atar's gewohnter Sicherheit geworfen. Sie riß Don Alonzo einen Theil des Panzers weg, aber brachte keine Wunde bei. Der Maure ſtürzte mit dem Säbel auf Don Alonzo, aber dieſer war auf ſeiner Huth, und fing den Streich auf. Sie fochten erbittert an den Ufern des Fluſſes; jeder drängte den andern abwechſelnd in die Fluthen, und jeder focht ſich wieder heraus an das Ufer. Ali Atar wurde wiederholt verwundet, und Don Alonzo, ſeines Alters ſich erbarmend, würde ſein Leben geſchont haben. Er rief ihm, ſich zu ergeben. Nie, ſchrie Ali Atar,«einem Chriſtenhund!“ Dieſe Worte — 136.— waren kaum ſeinem Mund entfahren, als Don Alonzo's Schwert ſein beturbantes Haupt ſpaltete und tief ihm in's Gehirn ſank. Er ſiel ohne einen Seufzer; ſeine Leiche rollte in den Penil, ward nicht mehr gefunden, nicht wieder erkannt.(Cura de los Palacios.) So ſtarb Ali Atar, der lange der Schrecken Andaluſtens geweſen. Wie er ſein ganzes Leben die Chriſten gehaßt und be⸗ kriegt, ſo ſtarb er im Augenblick, wo er bittre Feind⸗ ſchaft gegen ſie übte. Ali Atar's Fall machte dem vorübergehenden Wider⸗ ſtand der Reiterei ein Ende. Pferde und Fußvolk wirr⸗ ten ſich bei'm gefährlichen Durchkämpfen durch den Nenil in einander und viele wurden niedergetreten und kamen in den Wellen um. Don Alonzo und ſein Trupp fuhren ſtets fort, ſie zu necken, bis ſie über die Grenze waren. Jeder den Mauren mit nach Haus gegebene Streich ſchien die Laſt der Erniedrigung und des Kummers zu erleich⸗ tern, die ſo ſchwer auf ihnen gelaſtet hatte. Auf dieſem unſeligen Zug verloren die Mauren mehr als fünftauſend an Todten und Gefangnen, von denen viele aus den edelſten Geſchlechtern Granada's waren. Eine große Anzahl floh auf Felſen und Berge, wo ſie hernach gefangen wurden. Die Schlacht ward von eini⸗ gen Schlacht von Lucena, von andern Schlacht des Mau⸗ ren⸗Königs genannt, wegen Boabdils Gefangennehmung, Zwei und zwanzig Fahnen fielen den Chriſten in die Hände; ſie wurden nach Vaena gebracht und in der Kirche aufgehängt, wo, ſagt ein Geſchichtſchreiber ſpäterer Zei⸗ — — 137— ten, ſie blieben bis auf den heutigen Tag. Ein Mal im Jahr, am Tage des heiligen Georg's, werden ſie von den Einwohnern im Umzug herumgetragen, die dann Gott für dieſen, ihren Vätern verliehenen, ausgezeichneten Sieg danken. Groß war des Grafen de Cabra Triumph, als von der Verfolgung des Feindes heimkehrend, er fand, daß der Mauren⸗König ihm in die Hände gefallen. Als aber der unglückliche Boabdil vor ihn gevracht wurde, als er ihn ſah, einen niedergeſchlagnen Gefangnen, ihn, den er eben noch im Königsglanze, von ſeinem Heer umgeben, erſchaut hatte, da ward des Grafen edles Herz von Mit⸗ leid gerührt, er ſagte ihm alles, was ihn zu tröſten, ein höflicher, chriſtlicher Ritter ſagen konnte. Er bemerkte ihm, wie dieſelbe Veränderlichkeit der Dinge, welche plötzlich ſein neues Glück zerſtört, auch ſein jetziges Leid eben ſo ſchnell an ihm vorüberfuhren könnte, da in die⸗ ſer Welt nichts beſtändig ſey, und ſelbſt der Gram ſeine feſte Grenze habe. So ihn tröſtend mit liebevollen, ſänftigenden Worten, alle Auszeichnung und Ehrerbietung, die ſeine Würde und ſein Unglück einflößten, gegen ihn beobachtend, führte er ihn gefangen nach ſeinem feſten Schloß Vaena. — 138— Siebenzehntes Kapitel. Klagen der Mauren über die Schlacht von Lucena. Die Wachen ſpähten von den Wachtthürmen Loxa's längſt dem Thal des Kenil hin, das ſich durch die Gebirge von Algaringo durchzieht. Sie ſpähten, um den König im Triumph an der Spitze ſeines glänzenden Heeres, mit der Beute der Ungläubigen beladen, heimkehren zu ſehen. Sie ſpähten, um das Banner ihres kriegeriſchen Abgotts, des ſtolzen Ali Atar's, zu erſchauen, das von der Ritterſchaft Loxa's immer vorangetragen wurde in den Kriegen der Grenze. Am Abend des 21. Aprils erſpähten ſie einen einzel⸗ nen Reiter, der ſein ſtrauchelndes Roß längſt der Ufer des Fluſſes hintrieb. Als er näher kam, bemerkten ſie an dem Glanze der Waffen, daß es ein Krieger war, und als er ſich noch mehr näherte, ſahen ſie an dem Reich⸗ thum ſeiner Rüſtung, an der Aufzäumung ſeines Roſſes, daß es ein Krieger war von Rang. Er erreichte Loxa müde und matt; ſein arabiſcher Renner war mit Schaum, Staub und Blut bedeckt, er keichte, und ſtrauchelte vor Ermattung, er war zerriſſen von Wunden. Nachdem er ſeinen Herrn in Sicherheit gebracht, ſank er nieder und ſtarb vor dem Thore der Stadt. Die Soldaten am Thor ſammelten ſich um den Ritter; als er ſtumm und traurig neben dem — 139— ſterbenden Roß ſtand. Sie erkannten in ihm den tapfren Cidi Caleb, den Neffen des erſten Faki's bei dem Alcuy⸗ den von Granada. Als das Volk von Lora dieſen edlen Ritter ſo allein, ermattet und niedergeſchlagen ſah, wurden ihre Herzen von furchtbaren Ahnungen erfüllt. «Ritter,» ſagten ſie,«wie geht's mit dem Koͤnig und dem Heer?2» Er richtete ſeine Hand trauernd nach dem Land der Chriſten;«dort liegen ſie!» rief er aus, a der Himmel iſt über ſie hereingebrochen, alle ſind ver⸗ loren, alle todt!“(Cura de los Palacios.) Da war großes Geſchrei der Beſtürzung unter dem Volk, und lautes Wehklagen unter den Weibern; denn die Blüthe der Jünglinge von Lora war mit dem Heer. Ein greiſer mauriſcher Soldat, voll Narben von manchem Grenzgefecht her, ſtand auf ſeine Lanze gelehnt am Thor⸗ weg.«Wo iſt Ali Atar?“ fragte er eifrig,«lebt er noch, dann kann das Heer nicht verloren ſeyn!» „Ich ſah ſeinen Turban geſpalten vom Chriſtenſchwert,⸗ entgegnete Cidi Caleb,«ſeine Leiche fluthet im enil.» Als der Soldat dieſe Worte hörte, zerſchlug er ſeine Bruſt, und ſtreute Staub auf ſein Haupt, denn er war ein alter Genoſſe Ali Atar's. Der edle Cidi Caleb gönnte ſich keine Ruhe; er be⸗ ſtieg ein andres Roß, und eilte, die unſelige Kunde nach Granada zu bringen. Bei ſeinem Durchflug durch die Dörfer und Weiler verbreitete er Trauer rings um; denn ihre Auserwählten waren dem Koͤnig in die Kriege gefolgt. — 140— Als er in die Thore Granada's einritt, und den Verluſt des Königs und Heer's verkündete, durchdrang ein Laut des Schreckens die ganze Stadt. Jeder dachte nur ſeines eignen Antheils an der allgemeinen Noth, und drängte ſich um den Unglücksboten. Der eine fragte nach dem Vater, der andre nach dem Bruder, einige nach dem Geliebten und manche Mutter nach ihrem Sohn. Seine Antworten lauteten von Wunden und Tod. Dem einen erwiederte er: Ich ſah deinen Vater von einer Lanze durchbohrt, als er den König ſchützte.) Dem andren:«Dein Bruder fiel verwundet unter die Hufe der Roſſe, aber wir hatten nicht Zeit, ihm zu helfen; die chriſtliche Reiterei drängte.“ Einem Dritten:«ich ſah das Roß deines Geliebten mit Blut bedeckt, und ohne ſeinen Reiter herumſprengen.“ Einem Vierten: «Dein Sohn focht an den Ufern des Xenil an meiner Seite; wir wurden vom Feinde umringt und in den Strom getrieben. Ich hört' ihn laut mitten in den Waſ⸗ ſern zu Allah rufen; als ich das andre Ufer erreichte, war er nicht mehr bei mir.» Der edle Citi Caleb ritt weiter und ließ Granada in Jammer. Er trieb ſein Roß dem ſteilen Zugang voll Bäumen und Fontainen hinauf, der nach Alhambra führt, und hielt nicht, bevor er nicht an dem Thore der Gerech⸗ tigkeit angelangt. Ayxa, Boabdil's Mutter und Morayma, ſein gelieb⸗ tes, zärtliches Weib, hatten den ganzen Tag über von dem Thurm Gomeres herabgeſehen, um ſeinen triumphi⸗ — 141— renden Rückzug zu erſchauen. Wer könnte ihre Trauer beſchreiben, als ſie Cidi Caleb's Botſchaft vernahmen? Die Sultane Ayra ſprach nicht viel; ſie ſaß wie in ihrem Leid verloren; manchmal brach ſie in einen tiefen Seuf⸗ zer aus, aber ſie eryob ihre Augen zum Himmel, und «Allah's Wille ſey gelobt» ſchien den Todeskampf eines Mutterherzens ſchlichten zu ſollen. Die zarte Morayma warf ſich zur Erde, und ließ den ganzen Sturm ihrer Gefühle freien Lauf. Sie beweinte ihren Gemahl und ihren Vater. Die hochherzige Ayxa verwieß ihr das Uebermaaß ihres Schmerzes.«Maͤßige dieſe Ausbrüche, meine Tochter,» ſagte ſie,«bedenk', Hochherzigkeit ſollte der Fürſten Theil ſeyn; ihnen gebührt nicht, ſchreiendem Leid, gleich gewöhnlichen, gemeinen Gemüthern, ſich hinzugeben.“ Aber Morayma konnte ihren Verluſt nur mit der Angſt eines zartliebenden Wei⸗ bes beklagen. Sie verſchloß ſich in ihren Söller, und ſchaute den ganzen Tag mit thränenden Augen auf die Vega. Jeder Gegenſtand vor ihr rief ihr die Urſachen ihrer Trauer zurück Der Fluß Kenil, welcher lauter unter Hainen und Gärten hinfloß, war er nicht derſelbe, an deſſen Ufern ihr Vater, Ali Atar, umgekommen? Vor ihr lag die Straße nach Lora, auf welcher Boabdil im Krieges⸗ zuge, von Granada's Ritterſchaft begleitet, ausgezogen. Immer brach ſie in einen neuen Krampf von Leid aus. O, mein Vater!) rief ſie.«Der Strom rinnt lä⸗ chelnd vor mir hin, der deine verſtümmelten Reſte bedeckt. — 142— Wer wird ſie im Land der Ungläubigen in ein ehrendes Grabmal ſammeln? Und du, o Boabcdil, Licht meinen Augen, Freude meinem Herzen! Du Leben meines Le⸗ bens! Wehe dem Tag, wehe der Stunde, da ich dich ausziehen ſah, aus dieſen Mauern! Der Weg, den dnu gezogen, liegt einſam, nie mehr wird er erfreut durch deine Rückkehr! Der Berg, den du überſchritten, wie ein Gewölk liegt er in der Ferne, und alles dahinter iſt Dunkelheit.» Die Sänger des Königs wurden entboten, ihren Kum⸗ mer zu lindern; ſie ſtimmten die Saiten zu fröhlichen Klängen, aber bald ſiegte der Gram ihrer Herzen, und ihre Lieder wandten ſich zur Klage. «Reizende Granada!» begannen ſie,«wie iſt deine Herrlichkeit geſchcwunden! Der Waffenplatz ertönet fer⸗ ner nicht vom Huf der Roſſe, von der Trompeten Schall, nicht ferner füllt er ſich mit deiner edlen Jugend, voll Eifer, ihre Tapferkeit im Turnier, und feſtlichen Lan⸗ zenbrechen zu beweiſen. Ach, die Blüthe deiner Ritter⸗ ſchaft liegt erſchlagen im fremden Lande! Das ſanfte Getön der Laute wird in deinen trauernden Straßen ferner nicht gehört! Die lebenvollen Caſtagnetten ſchwei⸗ gen auf deinen Hügeln, und der reizende Zambratanz wird unter deinen Lauben nicht mehr erſchaut. Siehe, Alhambra liegt darnieder, iſt wüſte; umſonſt athmen Orangen und Myrthen ihren Duft in ſeinen ſeidnen Ge⸗ mächern, umſonſt ſingt die Nachtigall in ſeinen Hainen, umſonſt erfriſcht ſeine Marmorhallen das Getön der Brun⸗ ————————:’—— — 143— nen, das Rieſeln klarer Bäche! Ach, des Königs Antlitz leuchtet länger nicht in dieſen Hallen, das Licht Alham⸗ bra's ging auf immer unter!» So überließ ſich, ſagen arabiſche Chroniſten, ganz Granada den Klagen; nichts als die Stimme des Schmer⸗ zes hörte man vom Pallaſte bis zur Hütte. Alle ver⸗ einten ſich, ihren Fürſten zu beweinen, der hingeſchlach⸗ tet worden in der Friſche, in der verheißenden Blüthe der Jugend. Viele fürchteten, die Weiſagung der Stern⸗ deuter werde ſich jetzt erfüllen, und der Fall des Reichs dem Tode Boabdil's folgen; während alle erklärten, hätte er gelebt, ſo hätte er allein das Reich in ſein altes Glück und ſeine Herrlichkeit wieder herſtellen mögen. Achtzehntes Kapitel. Wie Muley Aben Haſſan das unglück ſeines Sohnes für ſich benutzte. Ein unglücklicher Tod gleicht bei der Welt eine Menge Verirrungen aus. So lange die Volksmaſſe glaubte, ihr jugendlicher Fürſt ſey im Feld umgekommen, konnte nichts ihren Gram über ſeinen Verluſt und ihre Liebe für ſein Andenken erreichen; als ſie aber hörten, er ſey noch am Leben, und hätte ſich den Chriſten als Gefangenen über⸗ laſſen, erlitten ihre Gefühle eine plötzliche Veränderung. Sie ſetzten ſeine Anlagen als Feldherr, ſeinen Muth als — 144— Soldat herunter. Sie ſpotteten über ſeinen Zug, als raſch und übel geleitet, und tadelten ihn, daß er nicht vielmehr auf dem Schlachtfeld zu ſterben gewagt, als ſich dem Feinde zu ergeben. Die Fakis miſchten ſich, wie gewöhnlich, unter den Pöbel, und lenkten liſtig ſeine Unzufriedenheit.«Seht,» riefen ſie,«die Verheißung iſt erfüllt, die bei Boabdil's Geburt ausgeſprochen ward! Er wurde auf den Thron erhoben, und das Reich hat durch ſeine Niederlage und Gefangennehmung Schande und Schaden erlitten. Trö⸗ ſtet euch, ihr Moslims! Der Unglückstag iſt vorüber, das Geſchick befriedigt, das Scepter, unter Boabcbdil's ſchwachen Fingern zerbrochen, iſt in Aben Haſſans kräf⸗ tiger Hand beſtimmt, ſeine frühere Macht und Herrlich⸗ keit wieder zu erlangen.» Das Volk wurde von der Weisheit dieſer Worte er⸗ griffen. Sie freuten ſich, daß die furchtbare Verheißung, die ſo lange über ihnen gehangen, nun vorüber war, und erklärten, nur Muley Aben Haſſan habe die nöthige Kraft und Geſchicklichkeit, um das Reich in dieſen un⸗ ruhigen Zeiten zu ſchützen. Je länger Boabdil's Gefangenſchaft währte, deſto mehr wurde ſein Vater bei'm Volke beliebt. Eine Stadt nach der andern unterwarf ſich ihm von neuem; denn Macht zieht Macht herbei und Glück gebiert Glück. End⸗ lich ward er in den Stand geſetzt, nach Granada zu⸗ rückzukehren und ſich nochmals in dem Alhambra feſtzu⸗ ſetzen. — 145— Bei ſeiner Ankunft ſammelte ſeine verſtoßne Gemah⸗ lin, die Sultane Ayra, die Familie und die Schätze ihres gefangenen Sohnes, und zog ſich mit einigen Edlen in den Albaycen, das andre Viertel der Stadt, zurück. Hier waren die Einwohner Boabdil noch treu geblieben. Sie ſetzte ſich hier feſt und bildete ſich eine Art Hof im Namen ihres Sohnes. Der ſtolze Muley Aben Haſſan hätte gern Feuer und Schwert in dieſen aufrühreriſchen Theil ſeiner Hauptſtadt getragen, aber er durfte ſeiner neuen, ungewiſſen Volks⸗ gunſt noch nicht vertrauen. Viele der Edlen verabſcheu⸗ ten ihn ſeiner früheren Grauſamkeit wegen, und ein gro⸗ ßer Theil der Soldaten, nebſt vielen vom Volk ſeiner eignen Parthei achteten die Tugenden Ayras La Horra, und erbarmten ſich des unglücklichen Boabdil. So bot denn Granada das ſonderbare Schauſpiel zwei verſchiedner Herrſchaften in derſelben Stadt dar. Der alte König befeſtigte ſich in den hohen Thürmen der Alhambra eben ſo ſehr gegen ſeine eignen Unterthanen, als gegen die Chriſten; während Ayra mit dem Eifer müt⸗ terlicher Liebe, die wärmer und wärmer gegen ihre Kin⸗ der wird, wenn dieſe ſich im Unglück befinden, immer noch Boabdil's Fahne auf den widerſtrebenden Thürmen der Alcazaba aufrecht erhielt, und ſeine mächtige Parthei innerhalb der Mauern des Albaycen ermuthigte. Irving's Granada, 1— 3. 10 — 146— Neunzehntes Kapitel. Gefangenſchaft Boabdil's El Chieo, Der unglückliche Boabdil blieb in enger Haft in der Feſte Vaena. Von den Thürmen ſeines Gefängniſſes ſah er die Stadt unten mit Bewaffneten erfüllt, und den hohen Hügel, worauf er ſtand, mit dicken Mauern und Wällen umgeben, worauf Tag und Nacht eine ſtrenge Wache unterhalten wurde. Die Berge umher waren mit Wachtthürmen beſetzt, welche die einſamen Straßen be⸗ herrſchten, die nach Granada führten; ſo daß kein Tur⸗ ban ſich über die Grenze wagen konnte, ohne daß Lärm gemacht und das ganze Land aufgereizt wurde. Boabdil ſah, es ſey keine Hoffnung der Flucht aus ſolcher Feſte; und jeder Verſuch, ſich zu befreien, würde gleich vergebens ſeyn. Sein Herz wurde mit Gram er⸗ füllt, als er an die Verwirrung und die Nachtheile dachte, die ſeine Gefangenſchaft in ſeinen Angelegenheiten her⸗ vorbringen müßte; während Sorgen ſanfterer Art ſeinen Muth niederſchlugen, wenn er der Uebel ſich erinnerte, welche ſie über ſeine Familie bringen könnte. Obgleich der Graf de Cabra die aufmerkſamſte Wa⸗ che über ſeinen königlichen Gefangenen hielt, ſo behan⸗ delte er ihn doch mit tiefer Ehrerbietung. Er hatte ihm die ſchönſten Gemächer in der Feſte zur Wohnung ange⸗ — 147— wieſen, und ſuchte auf jede Weiſe, ihn während ſeiner Gefangenſchaft zu vergnügen. Wenige Tage waren kaum verfloſſen, als Botſchaft von den Caſtiliſchen Fürſten eintraf. Ferdinand war ſehr erfreut geweſen, als er von der Gefangennehmung des Mauriſchen Fürſten hörte; denn er ſah die hohen politiſchen Vortheile ein, die man aus ei⸗ ner ſolchen Begebenheit ziehen könnte. Aber Iſabellens hochherziges Gemüth ward mit Mitleid für den unglück⸗ lichen Geſangenen erfüllt. Ihre Schreiben an Boabdil waren voll Mitgefühl und Tröſtung, ſie athmeten jene hohe, zarte Höflichkeit, welche in edlen Gemüthern wohnt. Dieſe Großmuth in ſeinem Feind erfreute den nieder⸗ geſchlagnen Geiſt des gefangnen Fürſten. Sagt den Mo⸗ narchen, dem König und der Königin,» trug er dem Bo⸗ ten auf,«daß ich nicht unglücklich ſeyn kann, wenn ich in der Gewalt ſo hoher, maͤchtiger Fürſten bin; beſon⸗ ders da ſie ſo viel von jener Gnade und Güte haben, welche Allah den Herrſchern verleiht, die er ausgezeich⸗ net liebt. Sagt ihnen ferner, ich hätte ſchon ſeit langem gedacht, mich ihrem Scepter zu unterwerfen, und das Königreich Granada aus ihren Händen zu empfangen, ſo wie mein Großvater es empfing von König Jo⸗ hann II, dem Vater der gnädigen Königin. Mein größ⸗ ter Kummer in dieſer Gefangenſchaft iſt, daß ich aus Zwang zu thun ſcheinen muß, was ich gern aus Neigung würde gethan haben.» Mittlerweile wollte Muley Aben Haſſan, der die Par⸗ 10* — 148— thei ſeines Sohnes in Granada noch furchtbar fand, ſeine Macht gern dadurch befeſtigen, daß er ſich Bvabdil's Per⸗ ſon bemächtigte. Zu dieſem Zweck ſchickte er eine Ge⸗ ſandtſchaft an die katholiſchen Fürſten, und bot vortheil⸗ hafte Bedingungen für die Auslöſung oder vielmehr den Ankauf ſeines Sohnes. Er ſchlug unter anderm vor, den Graf von Eifuentes und neun andre ſeiner ausge⸗ zeichnetſten Gefangenen loszugeben und in einen Bund mit den Fürſten zu treten. Auch nahm der unverſöhnliche Vater gar keinen Anſtand, ſeine Gleichgültigkeit darüber auszudrücken, ob ſein Sohn lebendig oder todt ihm aus⸗ geliefert würde, wenn nur deſſen Perſon ſicher in ſeine Gewalt käme. Das menſchliche Herz Iſabellens empörte ſich bei dem Gedanken, den unglücklichen Fürſten in die Hände ſeines unnatürlichſten und alten Feindes zu geben. Eine Wei⸗ gerung voll Entrüſtung ward daher dem alten Fürſten zur Antwort, deſſen Botſchaft ſehr hochfahrend abgefaßt geweſen. Es wurde ihm kund gethan, die Caſtiliſchen Fürſten würden nie auf Friedensvorſchläge von Muley Aben Haſſan hören, wenn er nicht vorher die Waffen niedergelegt und ſie ihnen in aller Demuth überreicht. Eröffnungen in verſchiednem Sinne wurden von Boab⸗ dibs Mutter, der Sultane Ayra la Horra mit Beiſtim⸗ mung der Parthei gemacht, welche ihm noch treu geblie⸗ ben. Von hieraus wurde vorgeſchlagen, Muhamed Ab⸗ dalla, ſonſt auch Boab!dil genannt, ſollte ſeine Krone als Lehnsmann der Caſtiliſchen Fürſten beſitzen; einen jähr⸗ lichen Tribut bezahlen und ſieben Jahre lang jedes Jahr ſtebzig chriſtliche Gefangene frei geben; auſſerdem ſolle er ſogleich große Summen für ſein Löſegeld erlegen und zu gleicher Zeit vierhundert Chriſten, die der König ausle⸗ ſen würde, die Freiheit geben. Er ſolle ſich auch verbind⸗ lich machen, zum Kriegszuzug immer bereit zu ſeyn, und in den Cortes, der Verſammlung von Edlen und ausge⸗ zeichneten Kronslehnträgern erſcheinen, ſooft er dazu auf⸗ gefordert würde. Sein einziger Sohn und die Söhne aus zwölf ausgezeichneten Mauriſchen Häuſern ſollten als Geiſeln geſtellt werden. König Ferdinand war zu Cordova, als er dieſe Vor⸗ ſchläge empfing, die Königin Iſabelle aber damals ab⸗ weſend. Er wollte ſie gern bei einer ſo wichtigen Ange⸗ legenheit um Rath fragen, oder vielmehr, er fürchtete, zu eilig zu ſeyn, und aus dieſem glücklichen Vorfall nicht allen Vortheil zu ziehen, den er darbot. Ohne daher auf die Botſchaft eine Antwort zu geben, ſchickte er Befehl in die Feſte Vaena, wo Boabdil von dem tapfren Grafen de Cabra in ehrenvoller Haft gehal⸗ ten wurde, und hieß den gefangnen Fürſten nach Cordova bringen. Der Graf de Cabra machte ſich mit ſeinem vornehmen Gefangenen auf den Weg; aber als er in Cordova an⸗ kam, wollte König Ferdinand den Mauriſchen Fürſten nicht ſehen. Er war noch unentſchloſſen, welchen Weg er einſchla⸗ gen ſolle, ob er ihn als Gefangenen zurückbehalte, ob er — 150— ihn gegen Löſegeld in Freiheit ſetzen, oder ihn mit poli⸗ tiſcher Großmuth behandlen ſolle. Jede dieſer Verfah⸗ rungsweiſen verlangte eine verſchiedne Art des Empfangs. Bis daher dieſer Punkt feſtgeſetzt worden, übergab er ihn der Aufſicht Martin's de Alarcon, des Alcayden der al⸗ ten Feſte Porcuna, mit der Weiſung, ihn ſtreng zu be⸗ wachen, aber ihn mit der einem Fürſten gebührenden Auszeichnung und Ehrerbietung zu behandlen. Dieſe Befehle wurden genau befolgt; und nur daß er en ſeiner Freiheit eingeſchränkt war, wurde der Fürſt eben ſo edel behandelt, als dieß in ſeinem königlichen Pallaſt zu Granada hätte der Fall ſeyn können. Mittlerweile benutzte Ferdinand den kritiſchen Augen⸗ blick, wo Granada in Partheiungen und Trennungen ge⸗ theilt war, und bevor er einen Bertrag mit Boabdil ab⸗ geſchloſſen, dazu, einen kräftigen und prahleriſchen Ein⸗ fall an der Spitze ſeiner ausgezeichnetſten Edlen in das Herz des Reichs zu machen. Er verwüſtete und zerſtörte mehrere Feſten und Städte, und trieb ſeine Verheerun⸗ gen bis vor die Thore Granada's. Der alte Muley Aben Haſſan wagte nicht, ſich ihm zu widerſetzen. Seine Stadt war mit Truppen gefüllt, aber er war ihrer Anhänglichkeit nicht gewiß. Er fürch⸗ tete, wenn er einen Ausfall machte, möchten Granada's Thore von der Parthei des Albaycin hinter ihm ver⸗ ſchloſſen werden. „Der alte Maure ſtand auf dem hohen Thurm des Alhambra,» ſagt Antonio Agapida, ennd knirſchte mit — 151— den Zähnen und ſchäumte vor Wuth, gleich einem in ei⸗ nen Käfig verſchloſſenen Tiger, als er die glitzernden Schlachtreihen der Chriſten in der Vega herumſtreichen und die Fahne des Kreuzes aus dem Rauch der Dörfer und Weiler der Ungläubigen hervorſtrahlen ſah.“» «Der aller katholiſchſte König,v»v fährt Agapida fort, zhaͤtte ſehr gern dieſe rechtmäßige Verwüſtung weiter ausgeübt, aber ſein⸗Kriegsvorrath ging auf die Neige. So kehrte er denn, zufrieden, das Land des Feindes ver⸗ wüſtet und den alten Muley Aben Haſſan in ſeiner eig⸗ nen Hauptſtadt beunruhigt zu haben, nach Cordova zu⸗ rück, er, mit Lorbern bedeckt, ſein Heer aber, beladen mit Beute; und jetzt dünkte es ihm Zeit, in Hinſicht ſeines königlichen Gefangenen zu einer endlichen Entſchei⸗ dung zu kommen.⸗ Zwanzigſtes Kapitel. Von der Aufnahme Boabdil's bei den Caſtiliſchen Fürſten. — Eine glänzende Unterredung wurde von Koͤnig Ferdi⸗ nand in der alten Stadt Cordova gehalten. Sie beſtand aus mehreren der verehrungswürdigſten Prälaten und be⸗ — 152— rühmteſten Rittern des Reichs, und ſollte über das Loos des unglücklichen Boabdil entſcheiden. Don Alonzo de Cardenas, der würdige Ordensmeiſter von St. Jago, war einer der erſten, die ihre Meinung ausſprachen. Es war ein frommer, eifriger Ritter, ſtreng in ſeiner Anhänglichkeit an den Glauben. Sein heiliger Eifer war ſeit ſeinem unſeligen Kreuzzug auf die Gebirge von Malaga zu ganz beſonderer Heftigkeit entflammt worden. Er ſtemmte ſich mit Wärme gegen jeden mit den Un⸗ gläubigen einzugehenden Vertrag, gegen jede Verpflich⸗ tung. Der Zweck dieſes Kriegs, bemerkte er, ſey nicht die Unterwerfung der Mauren, ſondern ihre gänzliche Ver⸗ treibung aus dem Land; ſo daß nicht der geringſte Greued von Muhamediſmus länger im chriſtlichen Spanien zu⸗ rückbliebe. Er ſprach alſo ſeine Anſicht dahin aus, man dürfe den gefangenen König nicht in Freiheit ſetzen. Rodrigo Ponce de Leon, der kräftige Marquis von Cadix, dagegen ſprach warm für Boabdil's Auslöſung. Er ſtellte ſie als eine Maßregel der höchſten Staatsklug⸗ heit dar, ſelbſt wenn ſie ohne Bedingungen geſchähe. Sie würde den Bürgerkrieg in Granada nähren, der wie ein verzehrendes Feuer in den Eingeweiden des Feindes wü⸗ the, und Spanien ohne Koſten größre Vortheile gewähre, als alle Eroberungen ſeiner Waffen. Der Großkardinal von Spanien, Don Pedro Gon⸗ zalez de Mendoza, ſtimmte des Marquis von Cadix Mei⸗ nung bei. Ja,» fuhr jener fromme Prälat und kluge — 153— Staatsmann fort,«es würde große Weisheit ſeyn, den Mauren mit Geld und Mannſchaft, und allen andern Bedürfniſſen zu verſehen, um den Bürgerkrieg in Gra⸗ nada fortzuſetzen; dadurch würde Gott ein großer Dienſt geleiſtet werden, da wir in ſeinem untrüglichen Wort ver⸗ ſichert wurden, ein Reich, gegen ſich ſelbſt in Zwietracht, könne nicht beſtehn.“(Salazar, Cronica del Gran Car- denal, p. 188.) Ferdinand erwog dieſe Rathſchläge in ſeinem Ge⸗ müthe, kam aber nur langſam zu einer Entſcheidung. «Er war emſig auf ſeinen eignen Vortheil bedacht,» be⸗ merkt Bruder Antonio Agapida,«da er wußte, er ſey nur das Werkzeug der Vorſehung in dieſem heiligen Krieg; daß er daher, indem er ſeinen eignen Vortheil befragte, das Wohl des Glaubens befördere.⸗ Die Meinung der Königin Jſabelle entriß ihn ſeinen Zweifeln. Dieſe hochherzige Fürſtin war eifrig für die Verbreitung des Glaubeus, doch nicht für die Vertil⸗ gung der Ungläubigen. Die Mauriſchen Könige hatten ihre Thronen als Lehnsleute der Vorfahren Jſabellens beſeſſen; ſie war für jetzt damit zufrieden, ihnen daſſelbe zuzugeſtehn, und wollte den königlichen Gefangenen un⸗ ter der Bedingung befreit wiſſen, daß er ein Vaſall der Krone würde. Dadurch könne man die Befreiung vieler Chriſtengefangenen bewirken, die in Mauriſchen Ketten ſchmachteten. König Ferdinand genehmigte die von der Königin an⸗ empfohlene hochherzige Maßregel, aber er verſah ſie mit — 154— mehreren liſtigen Bedingungen; er forderte Tribut, Kriegs⸗ hülfe, ſichren Durchgang und Unterhaltung der chriſtlichen Truppen in all den Orten, welche Boabdil anhängen würden. Der gefangene Koͤnig unterwarf ſich gern dieſen Be⸗ ſtimmungen, und ſchwur nach der Weiſe ſeiner Religion, ſie genau zu halten. Ein Waffenſtillſtand wurde für zwei Jahre feſtgeſetzt, während welcher Zeit die Caſtiliſchen Könige ſich verbindlich machten, ihn auf ſeinem Thron zu erhalten, und ihn in Wiedereroberung aller Orte zu un⸗ terſtützen, welche er während ſeiner Gefangenſchaft ver⸗ loren. Nachdem Boaldil El Chico in der Feſte Porcuna die⸗ ſen Beſtimmungen feierlichſt ſeine Einwilligung gegeben, wurden Vorkehrungen getroffen, ihn auf königliche Weiſe in Cordova zu empfangen. Prächtige, reich aufgezäumte Roſſe, Decken von Brokad und Seide und die koſtbar⸗ ſten Gewänder, mit allen andern Arten hohen Schmucks wurden ihm und fünfzig Mauriſchen Rittern, die gekom⸗ men waren, über ſeine Auslöſung zu unterhandlen, ge⸗ liefert, damit er in einem Aufzug erſcheinen möge, wie es ſich für den König von Granada und den ausgezeich⸗ netſten Lehnsmann der chriſtlichen Könige ſchickte. Auch Geld wurde ihm vorgeſtreckt, um während ſei⸗ nes Aufenthalts am Caſtiliſchen Hof und bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr in ſeine Beſitzungen mit dem gehörigen Glanze auf⸗ treten zu können. Endlich ward noch von den Fürſten angeordnet, daß, wenn er nach Cordova käme, alle Edle — 155— und Wuͤrdeträger des Hofs zu ſeinem Empfang ihm ent⸗ gegen gehen ſollten. Nun aber erhob ſich eine ſchwere Frage unter jenen alten, erfahrenen Leuten, welche am Hofe im tiefen Studium der Formen und Ceremonien grau werden; bei denen ein kleinlicher Ehrenpunkt wie ein großes politiſches Recht betrachtet wird, und die ſich eine hohe, erhebende Idee von der äuſſern Würde eines Throns machen. Ei⸗ nige dieſer Hofweiſen legten die wichtige Frage vor, ob der Mauren⸗Fürſt, da er als Lehnsmann zur Huldigung erſcheine, nicht niederknie'n und des Königs Hand küſſen müßte. «Dieß ward alsbald von einer großen Menge alter Ritter mit Ja entſchieden, da ſie,» ſagt Antonio Aga⸗ pida,«an das hohe Ceremoniel unſeres würdigſten und erhabenſten Hofes gewöhnt waren.» So wurde denn der König von denen, welche die Ceremonien anordneten, be⸗ nachrichtigt, man erwarte, wenn der Mauren⸗Fürſt vor ihm erſchiene, daß er ſeine königliche Hand ausrecke, um den Huldigungskuß zu empfangen.⸗ «Ich würde es ſicher thun,» entgegnete Koͤnig Ferdi⸗ nand,«wenn er frei und in ſeinem eignen Reiche wäre, aber es wird gewiß nicht geſchehen, ſo lange ich ihn ge⸗ fangen in meinem Lande erblicke.» Die Hoͤflinge prieſen laut die Großmuth dieſer Ant⸗ wort; obgleich manche im Stillen ſie tadelten, weil ſie nach zu großem Edelmuth gegen einen Ungläubigen ſchmecke; — 156— und der würdige Jeſuit Bruder Antonio Agapida pftich⸗ tet ihrer Meinung völlig bei. Der Mauren⸗König zog mit ſeinem kleinen Gefolge von treuen Rittern, und von dem ganzen Adel und der Ritterſchaft des Caſtiliſchen Hofes begleitet, in Cordova ein. Er wurde mit großem Pomp und Ceremoniel nach dem königlichen Pallaſt geführt. Als er vor Ferdinand kam, kniete er nieder und wollte ſeine Hand küſſen, nicht blos zum Zeichen der Huldigung eines Unterthans, ſondern auch aus Dankbarkeit für ſeine Freiheit. Ferdi⸗ nand wieß das Zeichen der Oberlehnsherrſchaft zurück, und hob ihn ſehr gnädig vom Boden auf. Nun begann ein Dollmetſcher in Boabdil's Namen den Edelmuth des Caſtiliſchen Königs zu preiſen und die unbeſchränkteſte Unterwerfung zu geloben. Genug,» ſagte König Ferdinand, und unterbrach den Dollmetſcher mitten in ſeiner Rede:«es braucht nicht dieſer ſchoͤnen Worte. Ich vertraue auf ſeine Rechtlichkeit, daß er alles thun wird, was einem tüchtigen Mann, einem tüchtigen König geziemt.“ Mit dieſen Worten nahm er Boabdil El Chico in ſeine königliche Freundſchaft und ſeinen Schutz auf. Ein und zwanzigſtes Kapitel. Boabdil's Rückkehr aus der Gefangenſchaft. Im Auguſtmonat langte ein edler Maure aus dem Geſchlecht der Abencerragen mit einer glänzenden Umge⸗ bung in Cordova an. Er führte mit ſich Boabdil's El Chico Sohn, und noch viele andre Jünglinge Granada's, welche als Geiſeln für die Erfüllung der Bedingungen der Auslöſung zurückbleiben ſollten. Als der Mauren⸗König ſeinen Sohn, ſein einziges Kind ſah, welches er für ſich wie einen Gefangnen im feindlichen Land zurücklaſſen ſollte, drückte er es in die Arme und weinte über ihm.«Unglücklicher Tag, wo ich geboren ward!» rief er,«unglücklich das Geſtirn, das über meiner Geburt ſtand! Mit Recht ward ich El Zo⸗ goybi, der Unglückliche genannt, denn Leid ward über mich gehäuft von meinem Vater her, und Leid vererb⸗ ich meinem Sohn!» Doch ward das betrübte Herz Boabdil's durch die Güte der chriſtlichen Fürſten erleichtert. Sie empfingen die fürſtliche Geiſel mit der ſeinem Alter angepaßten Zäͤrt⸗ lichkeit, und mit der Auszeichnung, die ſeinem Range gebührte. Sie übergaben ihn der Aufſicht des würdigen Alcay⸗ den Martin de Alarcon, welcher den Vater während ſei⸗ * — 158— ner Haft in der Feſte Porcuna mit ſo viel Höflichkeit be⸗ handelt hatte, und verordneten, daß nach der Abreiſe dieſes ſein Sohn mit großer Ehrerbietung und der einem Prinzen gebührenden Aufmerkſamkeit in eben dieſer Feſte gehalten werden ſollte Am 2. September ſammelte ſich eine Ehrenwache an dem Thor von Boabddil's Reſidenz, um ihn bis zur Grenze ſeines Reichs zu geleiten. Er drückte bei'm Schei⸗ den ſein Kind an's Herz, aber er ſprach kein Wort, denn viele Chriſtenaugen bewachten ſeine Bewegung. Er ſtieg auf ſein Roß, und wandte nicht mehr das Haupt, um nochmals auf den Knaben zu ſehen, aber die, welche ihm nahe waren, bemerkten die heftige Erſchütterung, die ihn durchdrang, und worin die Beſorgniß des Vaters bei⸗ nahe den angenommenen Gleichmuth des Königs über⸗ wältigt hätte. Boabdil El Chico und König Ferdinand ritten neben einander unter dem Zuruf einer ungeheuren Menge von Cordova aus. Als ſie in einiger Entfernung von der Stadt waren, trennten ſie ſich unter vielen gnädigen Aus⸗ drücken von Seiten des Caſtiliſchen Königs, und manchen dankbaren Aeußerungen von Seiten ſeines früheren Ge⸗ fangnen, deſſen Herz durch Widerwärtigkeit gebeugt worden. Ferdinand ging nach Guadelonpe und Boabdil nach Granada. Dieſer wurde von einer Ehrenwache geleitet. Auch die Vicekönige von Andaluſten und die Generale auf der Grenze erhielten den Befehl, ihn mit Geleit zu verſehen, und ihm alle mögliche Ehre auf ſeiner Reiſe zu — 159— erweiſen. So wurde er mit königlichem Pomp durch das Land geführt, das er, um es zu verwüſten, betreten hatte, und wurde ſicher auf ſein Gebiet gebracht. Auf der Grenze empfingen ihn die vornehmſten Edlen und Cavaliere ſeines Hofs, die heimlich von ſeiner Mut⸗ ter, der Sultane Ayrxa, abgeſchickt worden, um ihn in die Hauptſtadt zu geleiten. Boabdil's Herz ward für einen Augenblick erfreut, als er ſich in ſeinem eignen Gebiete befand, umgeben von Muſelmänniſchen Rittern und das Haupt umflattert von ſeinen eignen Fahnen. Er begann die düſtern Verheißun⸗ gen der Sterndeuter zu bezweiflen. Doch fand er bald Urſache, ſeine Freude zu mäßigen. Dceer königliche Aufzug, der gekommen war, ihn zu bewillkommnen, war nur gering an Zahl, und er ver⸗ mißte viele ſeiner eifrigſten und ergebenſten Höflinge. Er war freilich in ſein Reich zurückgekehrt, aber es war nicht länger das ergebene Reich, das er verlaſſen. Die Geſchichte von ſeiner Lehnbarkeit unter den chriſtlichen Königen hatte ſich ſein Vater zu Nutz gemacht, ihn bei'm Volk zu verderben. Er war als ein Verräther an ſei⸗ nem Land, als ein Abtrünniger an ſeinem Glauben, als Verbündeter der Feinde des einen und des andern dar⸗ geſtellt worden, als wolle er die Moflim Spaniens dem Joche der Chriſtenherrſchaft unterwerfen. Auf dieſe Weiſe war das Herz des Volks von ihm gewandt worden. Der größre Theil des Adels drängte ſich um den Thron ſeines Vaters in der Alhambra, und — 160— ſeine Mutter, die entſchloſſene Sultane Ayra, hielt mit großer Noth ihre Parthei in den gegenüberliegenden Thür⸗ men der Alcazaba aufrecht. Dieß war das traurige Gemälde, welches die ihm entgegengekommenen Höflinge Boabdil von ſeinen Angele⸗ genheiten entwarfen. Sie ſagten ihm ſogar, es würde ein Unternehmen voll Gefahr und Schwierigkeiten ſeyn, ihren Zug nach der Hauptſtadt zu bewerkſtelligen, und an den kleinen Hof wieder zu gelangen, welcher ihm noch mitten in der Stadt treu geblieben. Der alte Tieger Muley Aben Haſſan läge in der Alhambra, und die Wälle und Thore der Stadt wären ſtark von ſeinen Truppen beſetzt. Boabdil ſchüttelte bei dieſen Nachrichten den Kopf. Er erinnerte ſich der böſen Vorbedeutung, der an dem Thor von Elvira zerbrochenen Lanze, als er ſo eitelruhm⸗ redig mit ſeinem Heer auszog. Er ſah jetzt, daß dieß 1 ihm deutlich die Vernichtung jener Streitmacht vorher⸗ verkündet, der er ſo feſt vertraut hatte.«Künftig,v ſagte er,«ſpotte mir niemand gottloſer Weiſe über Vorbedeu⸗ tungen!» Boabdil naͤherte ſich heimlich ſeiner Hauptſtadt, in der Nacht ſchweifte er um ihre Wälle herum, mehr wie ein Feind, der zu zerſtören ſucht, als wie ein Fürſt, der auf ſeinen Thron zurückkehrt. Endlich gewahrte er ein Pförtchen an dem Albaycin, dem Theil der Stadt, der ihm immer günſtig geblieben. Er ſchritt ſchnell durch die — 161— Straßen, ehe das Volk aus dem Schlaf erwachte, und erreichte ſicher die Feſte Alcazaba. Hier ward er von den Umarmungen ſeiner unerſchrock⸗ nen Mutter und ſeines begünſtigten Weibes Morayma empfangen. Die Freude der letztern über die glückliche Rückkehr ihres Gemahls miſchte ſich mit Thränen, denn ſie gedachte ihres Vaters, Ali Atar, der für ſeine Sache gefallen, und ihres einzigen Sohnes, der als Geiſel ge⸗ läſſen worden in den Händen der Chriſten. Boabdil's Herz, von ſeinen Leiden geſänftigt, wurde durch die Veränderungen gerührt, die er überall um ſich gewahrte; aber ſeine Mutter rief ihm Muth ein.« Hier iſt nicht Zeit,» ſagte ſie,«zu Thränen und Zärtlichkeit; ein König muß ſeines Scepters, ſeines Thrones geden⸗ ken, und ſich nicht, gewöhnlichen Menſchen gleich, der Rührung überlaſſen. Du thateſt wohl, mein Sohn, dich entſchloſſen nach Granada zu werfen; es muß von dir allein abhängen, ob du hier König oder Gefangner ſeyn wirſt.» Der alte Fürſt Muley Aben Haſſan hatte ſich jene Nacht in einem der feſteſten Thürme der Alhambra zur Ruhe begeben, aber ſeine raſtloſe Beſorgniß entriß ihn dem Schlaf. Um die erſte Nachtwache hörte er ein Ge⸗ ſchrei ſich leiſe an dem Albayein erheben, welcher an der entgegengeſetzten Seite des tiefen Darrothales liegt. Kurz darauf ſprengten Reiter den Hügel herauf, welcher an das Hauptthor der Alhambra führt, und verbreiteten die Irving's Granada. 1— 3. 11 Larmbotſchaft, Boabdil ſey in die Stadt eingezogen und habe ſich in Beſitz der Alcazaba geſetzt. In dem erſten Ausbruch ſeiner Wuth hätte der greiſe König beinahe den Boten niedergehauen. Er rief ſchnell ſeine Räthe und Befehlshaber, und ermahnte ſie, in die⸗ ſem kritiſchen Augenblick bei ihm auszuharren; und wäh⸗ rend der Nacht traf ex alle Vorkehrungen, am Morgen mit dem Schwert in der Hand in den Albayein einzu⸗ dringen. Mittlerweile hatte die Sultane Ayra ſchnelle und kraͤf⸗ tige Maßregeln ergriffen, um ihre Parthei zu verſtärken. Der Albayein war der Theil der Stadt, welcher mit den niedern Claſſen angefüllt war. Die Rückkehr Boab!ddil's wurde durch alle Straßen ausgerufen, und große Sum⸗ men Geldes unter den Pöbel vertheilt. Den in der Al⸗ cazaba verſammelten Edlen verſprach man von Seiten Boabdil's Ehrenſtellen und Belohnungen, ſobald dieſer feſt auf dem Thron ſäße. Dieſe wohlberechneten Maßre⸗ geln hatten die gewöhnliche Wirkung und mit Tagesan⸗ bruch war die ganze niedre Volksklaſſe unter den Waffen. Ein ſchmerzenreicher Tag folgte. Ganz Granada war der Schauplatz der Verwirrung und des Schreckens. Trom⸗ meln und Trompeten erſchallten aller Orten, jedes Ge⸗ ſchäft war unterbrochen, die Läden verſchloſſen, die Thü⸗ ren verrammt. Bewaffnete Banden zogen durch die Stra⸗ ßen; die einen ſchrie'n Boabdil, die andern Muley Aben Haſſan. So oft ſie auf einander trafen, fochten ſie voll —,—⏑ʒ:—˖:— ——ä'f— — 163— Wuth und ohne Schonung; jeder öffentliche Platz wurbe zum Schlachtfeld. Die große Menge der niedern Claſſen waren zu Gun⸗ ſten Boabdil's, aber es war eine Menge ohne Zucht, ohne hohen Muth. Ein Theil des Volks war regelmäßig be⸗ waffnet, aber die größre Anzahl war mit den Werkzeu⸗ gen ihres Gewerbes hervorgeſtürzt. Die Truppen des alten Königs, unter denen viele ſtolze, mächtige Ritter waren, trieben bald das Volk von den freien Plätzen weg. Dieß aber ſetzte ſich in den Straßen und Gäßchen ſeſt und verrammte ſie. Sie machten Feſten aus ihren Häuſern, und fochten verzweifelt von den Fenſtern und Dächern; und mancher Krieger aus Granada's höchſtem Geſchlecht ward in dieſem Bürgerzwiſt von plebejiſchen Händen, von plebejiſchen Waffen zu Boden geſchlagen. Solche heftige Kämpfe konnten unmöglich lange in dem Herzen einer Stadt dauern. Das Volk verlangte nach Ruhe, verlangte zu ſeinen friedlichen Beſchäftigungen zurückzukehren; und die Ritter verabſcheuten dieſe Kämpfe mit der Menge, worin alle Schrecken des Kriegs, nur nicht ſeine Lorbeern, zu finden waren. Durch Vermittlung der Fakis kam endlich ein Waf⸗ fenſtillſtand zu Stande. Boabdil überzengte ſich, es ſey kein Verlaß auf der Menge wankelmüthige Gunſt; er ward vermocht, die Hauptſtadt zu verlaſſen, wo er durch beſtändiges und blutiges Ringen nur einen unſichern Sitz auf dem Thron erlangen konnte. Er ſchlug ſeinen Hof in Almeria auf, das ihm ganz ergeben war, und um 11* — 164— dieſe Zeit mit Granada an Glanz und Wichtigkeit wett⸗ eiferte. Dieß Verzichten auf Größe um der Ruhe willen war aber ſehr gegen die Anſichten ſeiner ſtolzbeherzten Mut⸗ ter, der Sultane Ayra. Granada erſchien ihr als der einzige gebührende Sitz der Herrſchaft, und ſie bemerkte mit einem unwilligen Lächeln, der ſey nicht würdig Fürſt genannt zu werden, welcher nicht Herr ſey von ſeiner Hauptſtadt. Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Einbruch der Mauriſchen Alcayden, Schlacht am Lopera. Obgleich Muley Aben Haſſan ungetheilte Herrſchaft über Granada erlangt, und die Fakis auf ſeinen Befehl ſeinen Sohn für einen Abtrünnigen, für einen vom Him⸗ mel zum Unglück Beſtimmten erklärt hatten, zählte dieſer doch noch viele Anhänger unter dem gemeinen Volke. So oft daher eine Handlung des alten Monarchen der unru⸗ higen Menge mißfiel, war ſie gar geneigt, ihm über die ſchlüpfrige Beſchaffenheit ſeines Standes einen Wink zu geben, indem ſie Boabdil's El Chiko Namen rief. Lange Erfahrung hatte Muley Aben Haſſan über den Charakter des unbeſtändigen Volks, worüber er herrſchte, belehrt.«Allah Achbar,» rief er,«Gott iſt groß, aber ein glücklicher Einfall in das Land der Ungläubigen wird —— — 165— meiner Sache mehr Anhänger gewinnen, als tauſend Sprüche aus dem Koran, von zehntauſend Fakis erklärt.» Um dieſe Zeit war König Ferdinand mit vielen ſeiner Truppen auf einem fernen Zug von Andaluſien abweſend. Der Augenblick war zu einem Einbruch günſtig, und Muley Aben Haſſan dachte auf einen Führer, ihn zu loiten. Ali Atar, der Schrecken der Grenze, die Gei⸗ ßel Andaluſtens, war todt; aber es fand ſich ein andrer alter Führer, der ihm kaum im Raubkriege nachſtand. Dieß war der greiſe Bexir, der alte liſtige Alkayde von Malaga, und das Volk unter ſeinem Befehl war reif zu einem Zug dieſer Art. Die ausgezeichnete Niederlage und Niedermetzelung der Spaniſchen Ritter in den nahen Gebirgen, hatte das Volk von Malaga mit Citelkeit und Selbſtvertrauen er⸗ füllt; ſie hatten ihrer eignen Kraft die Niederlage beige⸗ meſſen, welche durch die natürliche Beſchaffenheit der Ge⸗ gend veranlaßt worden. Viele von ihnen trugen die Rü⸗ ſtungen und prangten öffentlich auf den Roſſen der bei dieſer Gelegenheit erſchlagenen unglücklichen Ritter; ſie bingen die Beute ſelbſtgefällig, wie Trophäen ihres ge⸗ rühmten Sieges, aus. Sie hatten ſich in eine Verach⸗ tung der andaluſiſchen Ritterſchaft hineingeſchwätzt, und waren begierig nach einer Gelegenheit, um ein von ſol⸗ chen Truppen vertheidigtes Land zu überſchwemmen. Dieß betrachtete Muley Aben Haſſan als eine gün⸗ ſtige Stimmung zum Gelingen eines kühnen Einfalls; er ſchickte dem alten Bexir Befehle, ſein Volk und die — 166— ausgewählteſten Krieger der Grenze zu verſammeln, und Feuer und Schwert in das Herz Andaluſiens zu tragen. Der ſchlaue alte Bexir ſandte alsbald ſeine Boten unter die Alcayden der Grenzſtädte und hieß ſie ſich mit ihren Truppen, bei der Stadt Ronda, dicht an der chriſtlichen Grenze, ſammeln. Ronda war das verderblichſte Neſt mauriſcher Räu⸗ ber in dem ganzen Grenzland. Es lag mitten in der wilden Serrania, einer Reihe von Bergen, die unge⸗ wöhnlich hoch, abſchüſſig und voll Abgründen ſind. Es ſtand auf einem faſt ganz iſolirten Fels, der von einem tiefen Thal oder vielmehr Abgrund umgeben war, durch den der reizende Rio Verde durchfloß. Die Mauren dieſer Stadt waren die thätigſten, ſtärkſten, kriegeriſche⸗ ſten unter dem ganzen Bergvolk, und ihre Kinder ſchoſ⸗ ſen ſchon die Armbruſt nach nie verfehltem Ziel ab. Sie durchſtöberten ohne Unterlaß die reichen andalu⸗ ſiſchen Ebenen; ihre Stadt war voll von Chriſtenbeute, und ihre tiefen Kerker mit Gefangenen angefüllt, die vergebens nach Erlößung aus dieſer unerſteiglichen Feſte ſeufzen mochten. So war Ronda zur Zeit der Mauren; und es hat immer, ſelbſt bis auf den heutigen Tag, etwas von die⸗ ſer Beſchaffenheit beibehalten. Seine Bewohner gehören immer noch zu den kühnſten, ſtolzeſten und muthigſten unter dem andaluſiſchen Bergvolk, und die Serrania de Ronda iſt berüchtigt als der gefährlichſte Verſteck der Banditen und Schleichhändler. ◻ 4 — 167— Hamet Zeli, genannt El Zegri war der Befehlsha⸗ ber dieſer kriegeriſchen Stadt und ihrer muthigen Be⸗ wohner. Er war aus dem Stamme der Zegri, und einer der ſtolzeſten und kühnſten aus dieſem Kriegergeſchlecht. Auſſer den Einwohnern von Ronda hatte er eine Legion Afrikaniſcher Mauren unter ſeinem unmittelbaren Befehl. Sie waren aus dem Stamm der Gomeren, Miethstrup⸗ pen, deren heißes Afrikauiſches Blut durch das mildere Leben in Spanien noch nicht geſänftigt worden, deren ganzes Geſchäft der Kampf war. Dieſe hielt er immer wohl bewaffnet und wohl ausgerüſtet. Die reichen Weiden im Thal Ronda nährten eine Pferderaſſe, die ihrer Stärke und Schnelligkeit wegen berühmt war; daher ſah man keine Reiterei beſſer berit⸗ ten als die Truppe der Gomeren. Schnell auf dem Zug, wild im Angriff, kam ſie über die Andaluſiſchen Ebenen her, einem plötzlichen Windſtoß von den Gebirgen ver⸗ gleichbar, und war wieder davon, alle Verfolgung ver⸗ höhnend. Nichts ſtührte den Muth der Mauren an der Grenze ſo vollkommen auf, als die Ausſicht auf einen Einfall. Den Aufſorderungen Bexir's wurde freudig von den Al⸗ cayden der Grenzſtädte entſprochen, und in kurzer Zeit war eine Macht von fünfzehn hundert Pferden und vier⸗ tauſend Fußgänger, die wahre Blüthe, der Kern des um⸗ liegenden Landes, in Rondas Mauern verſammelt. Das Volk dieſes Orts ſah ſchon gierig die reiche Beute An⸗ daluſtens voraus, die bald ihre Thore ſchmücken ſollte. — 168— Den ganzen Tag uͤber ertönte die Stadt vom Ge⸗ räuſch der Pauken und Trompeten, die prächtig geſchmück⸗ ten Roſſe ſtampften und wieherten in den Ställen, als theilten ſie die ungeduldige Erwartung des Einfalls; wäh⸗ rend die gefangenen Chriſten ſeufzten, als das mannig⸗ fache Getön der Zurüſtungen ihre Felſenkerker erreichte, und andeutete, ein neuer Angriff werde gegen ihre Lands⸗ leute vorbereitet. Das Heer der Ungläubigen brach auf voll Muth und ſah leichte Verheerung, reichliche Beute voraus. Sie reizten einer den andern zur Verachtung der Tapferkeit des Feindes. Viele der Krieger aus Malaga und einige aus den Bergſtädten hatten ſich höhnend in die glänzende Rüſtung der chriſtlichen Ritter gekleidet, die in der be⸗ rühmten Schlacht erſchlagen oder gefangen genommen wor⸗ den, und mehrere ritten die Andaluſiſchen Roſſe, welche ſie damals erbeutet hatten. Der vorſichtige Bexir hatte ſeine Plane ſo geheim und mit ſo viel Schnelligkeit getroffen, daß die Chriſtenſtädte Andaluſien's nicht die geringſte Ahnung von dem Unwet⸗ ter hatten, das ſich auf den Bergen ſammelte. Die un⸗ geheure, felſige Kette der Serrania de Ronda dehnte ſich gleich einem Vorhang aus, welcher alle ihre Bewegungen der Beobachtung entzog. Das Heer zog ſo ſchnell, als es die rauhe Beſchaffen⸗ heit der Gebirge erlauben wollte. Es ward von Hamet El Zegri, dem kühnen Alcayden von Ronda, der jeden Bergpaß, jede Schlucht kannte, geführt. Nicht eine —— — 169— Trommel, nicht ein Klingen der Zimbeln, nicht ein Trom⸗ petenſchall durfte gehͤrt werden. Die Kriegsmaſſe wälzte ſich ruhig heran, gleich der Wolke, die ſich an der Berge Stirn ſammelt, um wie der Strahl des Donners auf die Ebene herabzubrechen. Nie darf der ſchlauſte Befehlshaber ſich vor Entdek⸗ kung geſichert halten; denn Felſen haben Augen und Bäume Ohren und die Vögel in der Luft haben Zungen, das ge⸗ heimſte Unternehmen zu verrathen. Es durchſchweiften damals zufaͤllig ſechs chriſtliche Kundſchafter die wilden Höhen der Serrania de Ronda. Es waren von jenen geſetzloſen Räubern, welche die Gren⸗ zen kriegführender Länder unſicher machen, und zu jeder Zeit bereit ſind, um Sold zu fechten oder um Raub her⸗ umzuſtreichen. Die wilden Bergſchluchten von Spanien ſind immer mit jenen liederlichen, herumſchweifenden Land⸗ ſtreichern erfüllt geweſen; Soldaten im Krieg, Räuber im Frieden; Führer, Wächter, Schmuggler und Kehlen⸗ abſchneider je nach den Umſtänden. „Dieſe ſechs Herumzügler,» ſagt Bruder Antonio Agapida,«waren bei dieſer Gelegenheit erwählte Werk⸗ zeuge, welche geheiligt wurden durch die Gerechtigkeit ih⸗ rer Sache. Sie ſahen ſich auf den Bergen um, um Mau⸗ riſches Vieh oder Mauriſche Gefangene aufzuſchnappen, beides gleich verkaufbare Gegenſtaͤnde auf den Märkten der Chriſten.⸗ Sie hatten eine der höchſten Klippen erklommen, und ſahen ſich gleich Raubvögeln um, bereit auf alles herabe — 170— zuſchießen, was ſich im Thal darbieten wuͤrde; da ent⸗ deckten ſie das Maurenheer aus einer Bergſchlucht her⸗ vorkommen. Sie beobachteten es ſchweigend, wie es ſich unter ih⸗ nen durchwand, merkten ſich die Fahnen der verſchiednen Städte und die Abzeichen der Befehlshaber. Sie um⸗ ſchwärmten es auf ſeinem Zug, ſprangen von Klippe zu Klippe, bis ſie den Weg gewahrten, auf dem es in das Land der Chriſten einzudringen gedachte. Dann zerſtreu⸗ ten ſie ſich, jeder nahm ſeinen Weg durch die verſteckten Bergengen nach einem andern Alcayden, damit ſie die Lärmbotſchaft weit und breit verkündeten und jeder eine beſondre Belohnung erhielte. Einer eilte zu Luis Fernandez Puerto Carrero, dem⸗ ſelben kräftigen Alcayden, welcher Muley Aben Haſſan von Alhama's Wällen zurückgetrieben, und jetzt in Abwe⸗ ſenheit des Ordensmeiſters von St. Jago zu Eecija be⸗ fehligte. Andre regten die Stadt Utrera und die Orte in der Nachbarſchaft auf, indem ſie ſie alle unter die Waffen brachten. Puerto Carrero war ein Ritter von großer Kraft und Thätigkeit. Er ſandte alsbald Eilboten an die Al⸗ cayden der benachbarten Feſten, an Hermann Carrello, Capitain einer Abtheilung Mannen von der heiligen Brü⸗ derſchaft, und an einige Ritter vom Orden Alcantara. Puerto Carrero war der erſte im Feld. Da er den ſchwie⸗ rigen, hungervollen Dienſt in dieſen Grenzzügen kannte, hieß er jeden ein gehöriges Mahl zu ſich nehmen, und. 3 — 171— Acht haben, daß ſein Pferd wohl beſchlagen und vollkom⸗ men gerüſtet ſey. Hernach, als alle erquickt waren, und Herz und Muth bekommen, rückte er aus, die Mauren aufzuſuchen. Er hatte nur wenige Mannſchaft, das Geſolge ſeines Haushalts und Truppen von ſeiner Capitainſchaft; aber ſie waren wohl bewaffnet und wohl beritten, gewöhnt an die plötzlichen Aufbrüche der Grenze, Leute, bei denen der Ruf«zur Waffe und hinaus! zu Roß und in's Feld!» zu jeder Zeit hinlänglich war, um ihnen fieber⸗ hafte Erregung beizubringen. Während der nördliche Theil von Andaluſien auf dieſe Weiſe im Aufſtand ſich befand, war einer der Kundſchaf⸗ ter ſüdwärts nach Xeres geeilt und hatte den kräftigen Marquis von Cadix aufgeregt. Als dieſer hörte, der Maure ſey über der Grenze und die Fahne von Malaga ziehe voran, jauchzte ſein Herz in plötzlicher Freude auf; denn er gedachte des Mordens auf den Bergen, wo ſeine tapferen Brüder vor ſeinen Augen niedergemacht worden. Die Urheber dieſes Unglücks nahten nun ſelbſt, und er ſchmeichelte ſich, der Tag der Rache ſey gekommen. Er rief eilig ſein Gefolge und die waffenfähigen Leute aus Neres auf, und eilte mit dreihundert Pferden und zweihundert Fußgängern, alles entſchloſſene Männer, die nach Rache verlangten, davon und in's Feld. Mittlerweile hatte der greiſe Bexir, wie er meinte unentdeckt ſeinen Zug vollendet. Von einer Oeffnung in den zackigen Bergengen deutete er auf Andaluſien's frucht⸗ — 172— bare Gefilde herab, und weidete die Augen ſeiner Sol⸗ dateſte an dem reichen Land, das ſie jetzt verheeren ſollten. Die wilden Gomeren ans Ronda erglühten dor Freude bei dem Anblick, und ſelbſt ihre Roſſe ſchienen die Ohren zu ſpitzen und mit den Rüſtern gierig die Balſamlüfte einzuſchnaufen, als ſie den Schauplatz ihrer häuſigen Ein⸗ fälle gewahrten. Als ſie dahin kamen, wo die Bergenge ſich in das Niederland eröffnete, theilte Bexir ſeine Streitmacht in drei Haufen. Einen, aus Fußſoldaten und den ſchlecht⸗ berittenen beſtehend, ließ er zurück, den Paß zu bewachen, denn er war ein zu erſahrener Greis, um nicht die Wich⸗ tigkeit eines geſicherten Rückzugs zu kennen. Eine zweite Abtheilung legte er in einen Hinterhalt unter die Haine und Gebüſche auf den Ufern des Lo⸗ pera; die dritte, die aus leichter Reiterei beſtand, ſandte er aus, die Campina oder große Ebene von Utrera zu verheeren. Der groͤßte Theil dieſer letztern Streitmacht beſtand aus den ſtolzen Gomeren von Ronda, welche auf den in den Gebirgen erzogenen flüchtigen Roſſen ritten. Sie wurde von dem kühnen Alcayden Hamet El Zegri ge⸗ führt, welcher immer der Erſte in jedem Einfall ſeyn wollte.. Gar nicht argwoͤhnend, daß das Land auf beiden Sei⸗ ten in Aufruhr ſey, und von allen Richtungen her herbei⸗ ſtroͤme, um ſie beiem Rückzug zu überfallen, eilte dieſe —— „ — 173— ſtolze Truppe vorwärts, bis ſie nur noch zwei Meilen von Utrera war. Hier zerſtreuten ſie ſich in die Ebene, ſchweiften um die großen Heerden von Vieh und Schafen herum, trieben ſie in Haufen zuſammen, um dann mit ihnen nach den Gebirgen zu eilen. Während ſie ſo nach jeder Richtung hin zerſtreut wa⸗ ren, kam plötzlich ein Trupp Reiter und eine Abtheilung Fusvolk von Utrera her uͤber ſie. Die Mauren zogen ſich in kleine Haufen zuſammen, und verſuchten ſich zu vertheidigen, aber ſte waren ohne Füͤhrer, denn Hamet El Zegri befand ſich in einiger Entfernung, da er wie ein Habicht einen weiten Umflug gemacht, um ſeine Beute aufzuſuchen. Die Herumſtreicher wichen bald und flohen nach dem Hinterhalt an den Ufern des Lopera, von den Leuten aus Utrera heiß verfolgt. Als ſie den Lopera erreichten, brachen die Mauren im Verſteck mit wüthigem Geſchrei hervor, und die Fluͤcht⸗ linge, die bei dieſer Verſtärkung neuen Muth bekamen, ſammelten ſich und kehrten ſich gegen ihre Verfolger. Die Chriſten behaupteten ihren Stand, obwohl ſie an Zahl viel geringer waren. Ihre Lanzen waren bald zerbrochen, und nun ging's mit Säbel und Degen heißer an's Werk. Die Chriſten fochten tapfer, aber ſie waren in Gefahr überwältigt zu werden. Der kühne Hamet hatte einige ſeiner zerſtreuten Go⸗ meren geſammelt, und war mit Zurücklaſſung ſeiner Beute auf den Kampfplatz geeilt. Seine kleine Truppe Reiter erreichten eben den Kamm einer Anhöhe in nicht großer — 174— Entfernung, als man Trompeten in einer andern Nich⸗ tung vernahm, und Luis Fernandez Puerto Carrero und ſein Gefolge in das Feld heranſprengte, und die Ungläu⸗ bigen von der Seite angriff. Die Mauren ſtaunten, als ſie ſo von allen Seiten einer Gegend, die ſie ganz unbeſchützt zu finden erwartet hatten, Krieg auf ſich losbrechen ſahen. Sie fochten kurze Zeit voll Verzweiflung, und hielten einen heftigen Angriff von den Rittern von Alcantara und den Man⸗ nen der heiligen Brüderſchaft aus. Endlich wurde der greiſe Bexir von Puerto Carrero von dem Pferd gewor⸗ fen und gefangen genommen; da wich die ganze Streit⸗ macht und floh. Auf ihrer Flucht trennten ſie ſich und ſchlugen zwei Wege nach den Gebirgen ein; ſie meinten, durch Zer⸗ ſplitterung ihrer Streitkräfte die Aufmerkſamkeit des Feindes zu theilen. Der Chriſten waren zu wenige, um ſich zu trennen. Puerto Carrero hielt ſie zuſammen, und verfolgte eine Abtheilung des Feindes mit großem Blut⸗ vergießen.. Dieſe Schlacht fand an der Quelle des Feigenbaums nahe am Lopera ſtatt. Sechshundert Mauriſche Ritter wurden erſchlagen und viele gefangen genommen. Große Beute wurde auf dem Felde aufgefunden, und von den Chriſten im Triumph mit ſich in die Heimath geführt. Der größre Theil des Feindes hatte ſich auf dem Weg zurückgezogen, welcher an den Ufern des Guadelete mehr nach Süden führt. Als ſie dieſen Fluß erreichten, war —— —— 4⁴ — 175— der Lärm der Verfolgung erſtorben, und ſie ſammelten ſich, um aufzuathmen und ſich am Rand des Fluſſes zu erfriſchen. Ihre Streitmacht war auf etwa tauſend Pferde und eine wirre Menge zu Fuß herabgeſunken. Während ſie ſo an den Ufern des Guadalete zerſtreut und theilweiſe abgeſtiegen waren, brach ein neuer Kriegs⸗ ſturm von einer entgegengeſetzten Seite gegen ſie aus. Es war der Marquis von Cadir, welcher ſeine Haustruppen und die Mannſchaft von Xeres herbeiführte. Als die chriſtlichen Krieger die Mauren anſichtig wurden, und viele von dieſen in der Rüſtung der auf den Gebirgen von Malaga erſchlagenen Ritter prangen ſahen, wurden ſie in Wuth verſetzt; beſonders da einige, welche bei der Nie⸗ derlage zugegen geweſen, ihre eigne Waffenrüſtung er⸗ blickten, welche ſie bei ihrer Flucht weggeworfen hatten, um beſſer die Berge erklimmen zu können. Gereizt bei dieſem Anblick, ſtürzten ſie mehr mit der Wildheit eines Tiegers, als mit dem gemäßigten Muth von Rittern auf den Feind. Jeder fühlte ſich als räche er den Tod eines Verwandten oder löſche ſeine eigne Schande aus. Der gute Marquis von Cadix ſelbſt ge⸗ wahrte einen mächtigen Mauren, der ſeines Bruders Beltram Roß herumtummelte. Er brach bei dieſem An⸗ blick in einen Ausruf der Wuth und des Schmerzes aus, und ſtürzte durch das dichteſte Getümmel des Feindes; er griff den Mauren mit unwiderſtehlicher Wuth an, und nach kurzem Gefecht warf er ihn entſeelt zu Boden. Die Mauren, deren Muth ſchon gebrochen war, konn⸗ — 176— ten dem Angriff ſolcher, bis zum Wahnſinn erregten Käm⸗ pfer nicht widerſtehen. Sie wichen bald und flohen nach dem Engpaß Serrania de Ronda, wo die Truppenabthei⸗ lung aufgeſtellt worden, um den Rückzug zu ſichern. Dieſe ſahen die wilde Flucht auf den Engpaß zu, ge⸗ wahrten die chriſtlichen Banner auf den Ferſen der Ge⸗ ſchlagenen und erblickten das Blitzen der Waffen, die an ihrem zerſtörenden Werk waren,— da dachten ſie, ganz Andaluſien ſey gegen ſie auf und flohen, ohne einen An⸗ griff zu erwarten. Die Verfolgung wurde durch Schluch⸗ ten und Bergengen fortgeſetzt; denn die chriſtlichen Krie⸗ ger, gierig nach Rache, hatten kein Erbarmen mit dem Feind. Als der Kampf vorüber war, ruhte der Marquis von Cadix und ſein Gefolge an den Ufern des Guadalete, wo ſie auch die Beute vertheilten. Man fand da viele reiche Gewänder, Helme und Waffen, die Mauriſchen Tro⸗ phaͤen von der Niederlage auf den Gebirgen von Malaga. Mehrere wurden von ihren Eigenthümern zurückverlangt, von andern wußte man, daß ſie edlen Rittern gehört, welche erſchlagen oder gefangen genommen worden. Auch viele reich aufgezäumte Roſſe fanden ſich, welche ſtolz von den unglücklichen Kriegern getummelt worden, als ſie von Antequera auf die verderbliche Unternehmung ausgezogen. So wurde das Jauchzen der Sieger von Schwermuth übertäubt, und manchen Ritter ſah man uͤber dem Helm, über dem Gewand eines geliebten Waf⸗ fengefährten weinen und klagen. — — 177— Der gute Marquis von Cadix ruhte unter einem Baum an den Ufern des Guadalete, als das Roß, welches ſei⸗ nem erſchlagnen Bruder Beltram gehört hatte, vor ihn gebracht wurde. Er legte ſeine Hand auf die Mähne und ſah gedankenvoll auf den leeren Sattel. Seine Bruſt hob ſich von heftiger Erregung, ſeine Lippe zuckte und war blaß. Ay de mi, mi hermano! Schmerz durchdringt mich, mein Bruder, war alles, was er ſagte, denn die Trauer eines Kriegers hat nicht viele Worte. Er ſah um ſich auf das mit feindlichen Leichen bedeckte Schlachtfeld und fühlte ſich in der Bitterkeit ſeines Leids durch den Ge⸗ danken getröſtet, daß ſein Bruder nicht ungerächt ge⸗ blieben. — Drei und zwanzigſtes Kapitel. Rückzug Hamet's El Zegri, des Alcayden von Ronda. Der kühne Alcayde von Ronda„ Hamet El Zegri, hatte ſich weit über die Campina von Utrera hingewagt, und Heerden und Schafe umzingelt, als er den Lärm des Kriegs in einiger Entfernung vernahm. Es waren mit ihm nur wenige Gomeren. Er ſah das Ringen und die Verfolgung weithin, und bemerkte, wie die chriſtlichen Reiter wild nach dem Hinterhalt an den Ufern des Lo⸗ pera hinſprengten. Irving's Granada. 1— 3. 12 — 178— Hamet winkte triumphirend mit der Hand und hieß ſeine Leute folgen, Die Chriſtenhunde ſind unſer!» ſagte er, während er ſeinem Roſſe die Sporn gab, um den Feind im Rücken anzugreifen. Der kleine Haufe, welcher Hamet folgte, belief ſich kaum auf dreißig Reiter. Sie jagten über die Ebene und erreichten eine Anhöhe, gerade als Puerto Carrero's Streitmacht mit Trompetenſchall dem Haufen im Hinter⸗ halt in die Seite gefallen war. Hamet ſah die übereilte Flucht des Heers mit Wuth und Beſtürzung. Sie fan⸗ den, daß das Land ſeine Legionen von jeder Seite her ausſtrömte, und ſahen ein, es ſey nur Rettung im ſchleu⸗ nigen Rückzug. Aber wohin fliehn? Ein Heer war zwi⸗ ſchen ihm und dem Bergpaß; alle Streitkräfte der Nach⸗ barſchaft brachen nach der Grenze zu auf, die ganze Straße, auf der er gekommen, war um dieſe Zeit vom Feinde beſetzt. Er hielt ſein Roß an, erhob ſich in den Steigbügeln, und warf einen finſtern, gedankenvollen Blick über das Land; dann auf ſeinen Sattel zurückfallend, ſchien er ei⸗ nen Augenblick mit ſich zu Rathe zu gehn. Dann ſchnell zu ſeiner Truppe gewandt, bezeichnete er ihnen einen ab⸗ trünnigen Chriſten, einen Verräther an ſeiner Religion und an ſeinem König. «Komm hierher,» ſagte Hamet,«du kennſt alle ver⸗ borgenen Bergengen dieſer Gegend?«Ja,» erwiederte der Abtrünnige. Kennſt du einen umgehenden, einſa⸗ men, unbetretenen Weg, auf welchem wir weit von die⸗ — — 179— ſen Truppen weg vordringen und die Serrania erreichen können?» Der Abtrünnige ſchwieg.«Solch einen Weg kenn“⸗ ich, aber er iſt voller Gefahr, denn er führt mitten durch's Chriſtenland.»«Gut,» ſagte Hamet, aje ge⸗ fährlicher dem Anſchein nach, deſto weniger wird man ihn beargwöhnen. Nun höre. Reit an meiner Seite. Du ſiehſt dieſe Goldbörſe und dieſen Säbel. Bring uns auf den Weg, den du erwähnt, ſicher in den Engpaß von der Serrania und dieſe Börſe ſoll deine Belohnung ſeyn; verrath' uns, und dieſer Säbel nagelt dich an den Sat⸗ tel an.“(Cura de los Palacios.) Der Abtrünnige gehorchte zitternd. Sie wandten ſich von der geraden Straße nach den Gebirgen ab, und eil⸗ ten ſüdwärts nach Lebrixa, zogen die einſamſten Wege und an jenen tiefen Abgründen und Schluchten hin, von denen das Land durchſchnitten iſt. Es war in der That ein kühner Zug. Immer hörten ſie den fernen Schall der Trompeten und die Lärmglocken der Städte und Doͤrfer und vernah⸗ men, daß der Krieg noch auf der Grenze wüthe. Sie bargen ſich in Gebüſchen, in die trocknen Flußbette, bis die Gefahr vorüber war und ſetzten dann ihren Zug wie⸗ der fort. Hamet El Zegri ritt ſchweigend, die Hand am Säbel und das Auge auf dem Führer, dem Abtrünnigen, bereit, ihn bei dem geringſten Zeichen von Verrätherei hinzuſchlachten. Sein geringer Haufe folgte, biß ſich die Lippen vor Wuth, daß ſie ſich ſo durch ein Land durch⸗ 1²* · — 180— ſtehlen mußten, das ſie zu verwüſten hereingebrochen waren. Als die Nacht herankam, betraten ſie gangbarere Wege, hielten ſich aber immer weit von Dörfern und Weilern weg, damit die Haushunde ſie nicht verriethen. Auf dieſe Weiſe kamen ſie in tiefer Mitternacht an Arkos vorbei, ſetzten über den Guadalete und bewirkten ihren Rückzug nach den Gebirgen. Der Tag dämmerte, als ſie ſich durch die wilden Bergengen durchwanden. Ihre Gefährten waren eben dieſe Schlünde von dem Feind hinaufgetrieben worden. Immer kamen ſie an Stellen, wo ein beſondres Gefecht oder eine Niedermetzelung der Flüchtlinge ſtatt gefunden. Die Felſen waren roth von Blut, und mit verſtümmel⸗ ten Leichen bedeckt. Der Alcayde von Ronda war faſt wahnſinnig vor Wuth, als er viele ſeiner tapferſten Krieger ſteif und ſtarr, ein Raub der Habichte und Berggeyer da liegen ſah. Manchmal kroch ein unglücklicher Maure aus einer Höhle oder Schlucht hervor, wohin er ſich geflüchtet hatte, denn bei'm Rückzug hatten viele Reiter ihre Pferde ver⸗ laſſen, ihre Rüſtung weggeworfen und die Klippen er⸗ klommen, wohin ſie von der chriſtlichen Reiterei nicht verfolgt werden konnten. Das Maurenheer war unter Geſchrei und Zuruf aus Ronda ausgezogen, aber Seufzen ward in der Stadt vernommen, als der Alcayde und ſein zerſchlagener Hauſe ohne Fahne und Trompete, abgehärmt vor Hunger und —O———QZOCO—·AyA— — 181— Ermüdung in ihre Mauern zurückkehrte. Die Kunde ih⸗ res Unſterns war ihnen vorausgeeilt, wurde von den Flüchtlingen des Heers überbracht. Niemand wagte zum ernſten Hamet El Zegri zu ſprechen, als er einzog, denn ſte ſahen eine finſtr)e Wolke auf ſeiner Stirn gelagert. „Es ſchien,» ſagt der fromme Antonio Agapida, aals wenn der Himmel zur gerechten Vergeltung für die den chriſtlichen Kriegern auf den Höhen von Malaga zugefüg⸗ ten Uebeln, dieſe Niederlage geſchickt.) Sie war eben ſo groß und unglücksvoll. Von dem glänzenden Zuge der Mauriſchen Ritterſchaft, welcher ſo vertrauensvoll nach Andaluſien hinabgeeilt, entrannen nicht mehr als zwei⸗ hundert. Die auserleſenſten Truppen der Grenze wurden entweder gefangen oder vernichtet; die Mauriſchen Be⸗ ſatzungen geſchwächt, und viele Alcayden und Ritter von edler Abkunft in die Gefangenſchaft geführt, aus der ſie ſich hernach mit ſchwerem Löſegeld loskaufen mußten. Dieß wurde die Schlacht am Lopera genannt. Sie ward geſchlagen am 17. September 1483. Ferdinand und Iſabelle waren zu Vittoria in Altcaſtilien, als ſie die Nachricht von dem Sieg erhielten, und die dem Feind genommenen Fahnen ihnen vorgetragen wurden. Sie feierten den Vorfall durch fromme Umzüge, durch Stadterleuchtungen und andere Feſtlichkeiten. Ferdinand ſandte dem Marquis von Cadix das königliche Kleid, welches er an dieſem Tage getragen, und verlieh ihm und allen, auf welche ſein Titel kommen würde, das Vor⸗ — 182— 1 recht, königliche Kleider an Unſerer Frauen Tag im Sep⸗ tember zum Gedächtniß dieſes Siegs zu tragen. Die Königin Iſabelle war ebenfalls ſehr erkenntlich für die großen Dienſte Don Luis Fernandez Puerto Car⸗ rero's. Auſſer großen Lobeserhebungen und Gunſtbezeu⸗ gungen ſchickte ſie ſeiner Gemahlin die königlichen Kleider und das Brokadgewand, womit ſie an demſelben Tag be⸗ kleidet geweſen, und das von ihr, ſo lange ſie lebte, am Jahresbegänguiß jener Schlacht getragen werden ſollte. (Blariana. Abarca. Zurita. Pulgar. etc.) Vier und zwanzigſtes Kapitel. Von dem hohen und feierlichen Empfang des Grafen de Cabra und des Alcayden der Donzelen am Hof. Mitten in dem Lärm kriegeriſcher Vorfälle macht der würdige Chroniſt, Bruder Antonio Agapida, eine Pauſe, um mit ſeltſamer Genauigkeit den ausgezeichneten Em⸗ pfang zu beſchreiben, der dem Grafen de Cabra und ſei⸗ nem Neffen, dem Alcayden der Donzelen an dem ſtatt⸗ lichen und ceremoniöſen Hofe von Caſtilien, zum Lohn für die Gefangennehmung des Mauren⸗Königs Boabdil zu Theil ward. «Der Hof,» bemerkte er,«ward zu der Zeit in dem alten Mauriſchen Pallaſte der Stadt Cordova gehalten; — 183— und die Feierlichkeiten wurden von jenem ehrwürdigen Prälaten, Don Pedro Gonzalez de Mendoza, Biſchof von Toledo und Großcardinal von Spanien, angeordnet. «An einem Mittwoch, dem 14. October,» fährt der genaue Antonio Agapida fort, Kerſchien der edle Graf von Cabra, der Anordnung gemäß, an dem Thor von Cordova. Hier wurde er von dem Großcardinal und dem Herzog von Villahermoſa, Halbbruder des Königs, mit vielen andern der erſten Granden und Prälaten des Reichs empfangen. Von dieſem hohen Geleite wurde er unter dem Triumphſchall kriegeriſcher Muſik und dem Zuruf einer ungeheuren Menge in den Pallaſt geführt.“» «Als der Graf vor die Könige kam, die in großem Pomp unter einem Thronhimmel aufeiner erhöhten Stelle der Audienzhalle ſaßen, ſtanden beide auf. Der König trat genau fünf Schritte dem Grafen entgegen, welcher niederkniete und Sr. Majeſtät Hand küßte; aber der König wollte ihn nicht als bloßen Lehnsmann empfan⸗ gen, ſondern umarmte ihn mit herzlicher Freundſchaft.» «Auch die Königin trat zwei Schritte vor, und em⸗ pfing den Grafen mit einem Antlitz voll Huld und Milde. Nachdem er ihre Hand geküßt, kehrten der König und die Königin auf ihre Thronen zurück. Es wurden Kiſſen gebracht, und der würdige Graf ſollte ſich in ihrer Ge⸗ genwart niederſetzen.» Dieſer letztre Umſtand iſt mit großen Buchſtaben ge⸗ ſchrieben, und dann folgen viele Zeichen der Verwun⸗ derung in dem Manuſcript des würdigen Bruders An⸗ — 184— tonio Agapida, der das auſſerordentliche Vorrecht, in Gegenwart der katholiſchen Fürſten niederzuſitzen, als eine Ehre anſieht, die des Kampfes wohl werth iſt. «Der Graf nahm ſeinen Sitz in geringer Entfernung vom König und neben ihm ſaß der Herzog von Najera, dann der Biſchof von Valencia, dann der Graf von Aguilar, der Graf Luna und Don Gutiere de Cardenas, älteſter Befehlshaber von Leon.» «An der Seite der Königin ſaßen der Großcardinal von Spanien, der Herzog von Villahermoſa, der Graf von Monte Rey und die Biſchöfe von Jaen und Cuenca, jeder in der Ordnung, wie ſie hier genannt ſind. Die Infantin Iſabella wurde durch Unpäßlichkeit verhindert, der Feierlichkeit beizuwohnen.“» «Und nun ertönte feſtliche Muſik durch die prächtige Halle, und ſiehe! zwanzig Jungfrauen aus dem Gefolge der Königin traten herrlich geſchmückt herein, worauf zwanzig jugendliche Cavaliere, ſehr fröhlich und ſtattlich in ihrer Bewegung, vortraten. Jeder erfaßte ſeine Schöne gegenüber, und ein reizender Tanz begann. Der Hof ſah indeß,» bemerkt Bruder Antonio Agapida,«mit hohem, gebührendem Ernſte vor ſich hin.» «Als der Tanz beendet war, erhob ſich der König und die Königin, um ſich zur Tafel zu begeben, und ent⸗ entließen den Grafen mit vielen gnädigen Ausdrücken. Er wurde dann von allen gegenwärtigen Granden in den Pallaſt des Großcardinals begleitet, wo ſie ein präch⸗ tiges Mahl erwartete.» 3 — 185— «Am folgenden Samſtag wurde der Alcayde der Don⸗ zelen gleichfalls mit großen Ehren empfangen„ aber die Feierlichkeiten waren ſo angeordnet, daß ſie um einen Grad geringer, als die ſeinem Oheim erwieſenen, aus⸗ fielen, da dieſer als die Hauptperſon bei jener Kriegsthat angeſehen wurde. So z. B. kam der Großcardinal und der Herzog von Villahermoſa ihm am Thor der Stadt nicht entgegen, ſondern empfing ihn in dem Pallaſt und unterhielt ſich mit ihm, bis er vor die Könige beſchie⸗ den ward.» « Als der Alcayde der Donzelen in das Audienzzim⸗ mer trat, erhob der König und die Königin ſich von ihren Sitzen, aber ohne ihm entgegenzugehn. Sie em⸗ pfingen ihn gnädig, und hießen ihn ſich nächſt dem Gra⸗ fen de Cabra niederſetzen.» «Die Infantin Iſabella erſchien bei dieſer Gelegen⸗ beit und nahm ihren Sitz an der Seite der Königin. Als der ganze Hof ſich niedergelaſſen, tönte die Muſik wieder durch die Halle und die zwanzig Damen traten dor, wie das erſte Mal, reich geſchmückt, aber in andern Gewändern. Sie tanzten wie das erſte Mal, und die Infantin Iſabella nahm ein junges Portugieſiſches Mäd⸗ chen, und miſchte ſich unter die Tanzenden.» «Als dieß beendigt war, entließ der König und die Königin den Alcayden der Donzelen mit großer Gnade und der Hof brach auf. Der würdige Bruder Antonio Agapida überläßt ſich dier großen Lobeserhebungen wegen der genauen Unter⸗ — 186— ſcheidung, welche der Caſtilianiſche Hof in ſeinen Ehren⸗ bezeugungen und Belohnungen machte. Dadurch bekam jedes Lächeln, jede Gebehrde, jedes Wort der Könige ſeinen beſtimmten Werth und erfüllte das Herz des Em⸗ pfängers mit der verhältnißmäßigen Freude;«eine Sa⸗ che,v ſagt er,«wohl werth des Studiums aller Mo⸗ narchen, welche nur zu geneigt ſind, Ehren bezeugungen mit gedankenloſer Laune zu vertheilen, die dadurch allen Werth verlieren.» «Am folgenden Sonntag wurde der Graf de Cabra und der Alcayde der Donzelen zur Tafel von den Köni⸗ gen eingeladen. Der Hof war dieſen Abend von dem höchſten Adel geſchmückt, welcher in jener Pracht und Herrlichkeit glänzte, die den Spaniſchen Adel der dama⸗ ligen Zeit auszeichnete. «Vor dem Eſſen ward ein hoher, feierlicher Tanz aufgeführt, wie er ſich für die Würde eines ſo hehren Ho⸗ ſes paßte. Der König führte die Königin in abgemeſſe⸗ nem, anmuthsvollem Schritt, der Graf de Cabra wurde mit der Hand der Infantin Iſabella beehrt, und der Alcayde der Donzelen tanzte mit einer Tochter des Mar⸗ quis von Aſtorga.» «Nach Beendigung des Tanzes ſetzte ſich die könig⸗ liche Verſammlung zur Tafel, die auf einer erhöhten Stelle des Saales ſtand. Hier, vor den Augen des gan⸗ zen Hofs ſpeißte der Graf de Cabra und der Alcayde der Donzelen an derſelben Tafel mit dem König, der — 187— Königin und der Infantin. Die königliche Familie wurde von dem Marquis von Villena bedient. Der Mundſchenk des Königs war ſein Neffe, Fa⸗ brique de Toledo, Sohn des Herzogs von Alva. Don Alonzo de Eſtaniga hatte die Ehre, dieſes Amt bei der Königin zu verſehen, und Tello de Aguilar bei der In⸗ fantin. Andre Cavaliere von Rang und Auszeichnung warteten dem Grafen und dem Alcayden der Donzelen auf. Um ein Uhr wurden die beiden ausgezeichneten Gäſte mit vielen gnädigen Ausdrücken von den Königen entlaſſen.*) «Dieß,» ſagt Bruder Antonio Agapida,«waren die großen an unſerm hohen, feierlichen Hofe dieſen beiden berühmten Rittern erwieſenen Ehrenbezeugungen. Aber die Dankbarkeit der Könige war hiermit noch nicht zu⸗ frieden. Einige Tage nachher überwieſen ſie ihnen große Einkünfte auf lebenslänglich, und andere, die auf ihre Erben übergehn ſollten; auch erhielten ſie und ihre Nach⸗ kommen das Recht, ihrem Namen den Titel Don vor⸗ zuſetzen.» «Sie gaben ihnen ferner zum Wappen ein gekröntes Maurenhaupt, mit einer goldnen Kette um den Nacken, in einem blutigen Feld und zwei und zwanzig Fahnen *) Die von Bruder Antonio Algavida von dieſer, für den alten ſpaniſchen Hof ſo charakteriſtiſchen, Feierlichkeit gegebene Nachricht ſtimmt in beinahe allen Einzelheiten mit einer alten Handſchrift überein, welche aus den Chroniken des Aufſehers der Palläſte und andern alten ſpaniſchen Schriftſtellern zuſammengeſetzt iſt, — 188— an dem Rand rings um den Schild. Ihre Nachkommen aus den Häuſern Cabra und Cordova führen noch dieſe Zeichen bis auf den heutigen Tag, zum Andenken an den Sieg bei Lucena und die Gefangennehmung Boabdil's El Chiko,„ Fuͤnf und zwanzigſtes Capitel. Wie der Marquis von Cadix den Plan faßte, Zahara zu überfallen, und wie ſeine Unternehmung gelang. Der tapfere Roderigo Ponce de Lern, Marquis von Cadix, war einer der eifrigſten unter den Befehlshabern. Er hatte in ſeinem Solde eine Menge bekehrter Mauren, die ihm zu Adaliden oder bewaffneten Kundſchaftern dien⸗ ten. Dieſe Halbchriſten waren ſehr geeignet, um ſich Nachrichten zu verſchaffen. Indem ſie ſich ihren mauri⸗ ſchen Charakter und ihre Sprache zu Nutze machten, drangen ſie in das feindliche Land, ſchweiften um Schlöſ⸗ ſer und Feſten herum und verſchafften ſich Nachrichten über den Zuſtand der Wälle, Thore und Thürmen, über die Stärke der Beſatzungen, über die Wachſamkeit oder Nachläſſigkeit der Befehlshaber. All dieß hinterbrachten ſle umſtändlich dem Marquis, welcher auf dieſe Weiſe die Lage jeder Feſte auf der Grenze und die Zeit erfuhr, wo ſte am vortheilhafteſten angegriffen werden könnten. — 189— Auſſer den mancherlei Städten und Feſten, über die er eine Lehnsherrſchaft ausübte, hatte er immer eine be⸗ waffnete Macht um ſich, die bereit war, in's Feld zu rücken; ein Gefolge, das in ſeiner Halle unterhalten ward und fertig war, ihm in Gefahr und Tod ſelbſt zu folgen, ohne zu fragen, mit wem und warum ſie fochten. Die Waf⸗ fenkammern ſeiner Schlöſſer waren mit Helmen, Panzern und Waffen aller Art verſehen, alles bereit zum Ge⸗ brauch, und ſeine Ställe waren mit ſtolzen Roſſen gefüllt, die einen Bergzug auszuhalten vermochten. Der Marquis ſah ein, daß die letzte Niederlage der Nauren an den Ufern des Lopera ihre ganze Grenzbeſatzung geſchwächt haben müſſe; denn viele Schlöſſer und Feſten hatten ihre Alcayden und ihre erleſenſten Truppen verlo⸗ ren. Er ſandte deßwegen ſeine Kriegsſpührer auf's Su⸗ chen aus, um zu erforſchen, wo ein erfolgreicher Streich gethan werden könnte; und dieſe kamen bald mit der Nachricht zurück, Zahara ſey ſchwach beſetzt und arm an Mundvorrath. Dieß war gerade die Feſte, welche etwa zwei Jahre vorher von Muley Aben Haſſan erſtürmt worden; ihre Einnahme war der erſte Streich in dieſem thatenreichen Krieg geweſen. Seitdem war ſie immer ein Stachel in der Seite von Andaluſien. Alle Chriſten waren als Gefangne weggeführt und keine andre Bürger⸗Bevölkerung an ihre Stelle geſetzt worden. Es waren weder Weiber noch Kinder in dem Platz. Er ward nur als ein Militärpoſten behauptet, — 190— der einen der wichtigſten Berg⸗Päſſe beherrſchte, und ein Bollwerk war für die Mauriſchen Herumſtreifer. Der Marquis fühlte ſich bei dem Gedanken begeiſtert, dieſe Feſte ſeinen Königen wirder zu gewinnen, und dem alten Mauren⸗Fürſten die geprieſene Trophäe ſeiner Tap⸗ ferkeit zu entreißen. Er ſandte daher Botſchaft an den tapfren Luis Fer⸗ nandez Puerto Carrero, der ſich bei dem letzten Sieg ausgezeichnet hatte, und an Juan Almaraz, Befehlsha⸗ ber der Mannen der heiligen Brüderſchaft, und ſetzte ſie von ſeinem Plane in Kenntniß, mit der Aufforderung, ihn mit ihren Streitkräften an den Ufern des Guadalete zu treffen. «Es war,» ſagt Bruder Antonio Agapida,«am Tag der glorreichen Apoſteln St. Simon und Judas, den 28. Oktober, im Jahr der Gnade 1483, als dieſer auserle⸗ ſene Trupp chriſtlicher Soldaten plötzlich und heimlich ſich an der bezeichneten Stelle ſammelte. Ihre Streitkräfte beliefen ſich, wenn ſie vereinigt waren, auf ſechshundert Pferde und fünfzehnhundert Fußgänger. Ihr Sammel⸗ platz war am Eingang der Bergenge, die nach Zahara führt.) Dieſe alte, in den Mauriſchen Kriegen berühmte Stadt, liegt in einem der rauhſten Bergpäſſe der Ser⸗ rania de Ronda. Sie iſt um den zackigen Kegel eines Hügels gebaut, auf deſſen höchſter Spitze ein feſtes Schloß ſteht. Das Land umher iſt durchſchnitten von tiefen Bar⸗ — 191— ranca oder Schlünden, von denen einige bis an die Wälle der Stadt gehen. «Bis ganz kürzlich hatte man den Ort für unnehmbar gehalten, aber„ bemerkt der wurdige Bruder Antonio Agapida,«die Wälle unerſteiglicher Feſten haben wie die Tugend ſelbſtvertrauender Heiligen ihre ſchwachen An⸗ griffspunkte. Der Marquis von Cadix näherte ſich mit ſeiner klei⸗ nen Truppe in der Stille der Nacht. Er zog ſchweigend den tiefen, dunklen Bergengen hinauf und ſtahl ſich durch die Schlünde, welche ſich bis zur Stadtmauer erſtreckten. Ihre Annäherung war ſo geräuſchlos, daß die Mauriſchen Wachen auf den Wällen keinen Laut, keinen Tritt ver⸗ nahmen. Der Marquis war von ſeinem alten Eſcalador, Ortega de Prado, begleitet, welcher ſich bei Alhama's Erſteigung ausgezeichnet hatte. Dieſer kühne Veteran ſtand mit zehen, mit Strick⸗ leitern verſehenen Kriegern in einer Höhlung in den Fel⸗ ſen, ganz nahe den Wällen. In einer geringen Entfer⸗ nung waren ſiebzig Mann in einem Bergſchlund verſteckt, um fertig zu ſeyn, ihn zu unterſtützen, wenn er ſeine Lei⸗ tern aufgeſtellt haben würde. Der übrige Theil der Trup⸗ pen war in einer andern Vertiefung verborgen, die einen günſtigen Zugang zum Thor der Feſtung darbot. Ein kluger, vorſichtiger Adalide, der mit dem Platze wohl bekannt war, wurde aufgeſtellt, die Zeichen zu ge⸗ ben; er konnte von den einzelnen Truppenabtheilungen emn Hinterhalt geſehen werden, war aber der Beſatzung verborgen. Der Reſt der Nacht wurde in tiefer Stille zugebracht. Man konnte die Mauriſchen Wachen ruhig auf den Wäl⸗ len, in vollkommner Sicherheit herumſchreiten hören. Der Tag dämmerte und die aufgehende Sonne begann die ho⸗ hen Bergſpitzen der Serrania de Ronda zu erleuchten. Die Wachen ſahen von ihren Feſtungswerken über ein wildes aber ruhiges Bergland hin, wo kein menſchliches Weſen ſich regte. Sie ahneten wenig das Unheil, welches in jeder Schlucht, in jedem Felsſpalt um ſie wartend dalag. Da ſie keinen Ueberfall am hellen Tag erwarte⸗ ten, verließ der größre Theil der Soldaten die Wälle und Thürme, und begab ſich in die Stadt hinab. Auf Befehl des Marquis ſchritt eine kleine Abtheilung leichter Reiterei längſt der Abgründe hin, bog um eine Felsſpitze herum und zeigte ſich vor der Stadt. Sie durchſchweiften das Feld faſt bis an die Thore, als ge⸗ ſchähe es aus Uebermuth, um die Beſatzung zu einem Scharmützel heraus zu fordern. Die Mauren ließen nicht lange auf ſich warten. Etwa ſiebzig Pferde und eine Anzahl Fußgänger, die die Wälle bewacht, eilten wild heraus und gedachten dieſe unverſchämten Herum⸗ ſtreicher leicht wegzufangen. Die chriſtlichen Reiter flohen nach den Bergſchluch⸗ ten; die Mauren verfolgten ſie den Hügel hinab, bis ſie ein großes Schreien und Lärmen in ihrem Rücken ver⸗ nahmen. Sie ſchauten um und gewahrten ihre Stadt — 193— angegriffen, und einen Steigertrupp auf dem Punkt, mit dem Schwert in der Hand die Mauern zu erſtürmen. Sie ſchwenkten um, und ſprengten wüthend nach dem Thor zu. Der Marquis von Cadix und Luis Fernandez Puerto Carrero ſtürzten zu gleicher Zeit aus dem Hinterhalt vor, und verſuchten ſie abzuſchneiden, aber den Mauren gelang's, ſich in die Wälle zu werfen. Während Puerto Carrero am Thor ſtürmte, gab der Marquis ſeinem Pferde die Sporn, und eilte zur Unter⸗ ſtützung Ortega's de Prado und ſeines Steigertrupps. Er kam in einem Augenblick drohender Gefahr, als die Abtheilung von fünfzig, mit Panzern und Lanzen bewaff⸗ neten Mauren angegriffen ward, die auf dem Punkte ſtan⸗ den, ſie den Wällen hinunterzuwerfen. Deer Marquts ſprang vom Pferde, erſtieg, das Schwert in der Hand, von einer Anzahl ſeiner Truppen unter⸗ ſtützt, eine Leiter, und griff den Feind heftig an.(Cura de los Palacios, c. 68.) Dieſer wurde bald von den Wällen getrieben und die Thore und Thürme blieben im Beſitz der Chriſten. Die Mauren vertheidigten ſich kurze Zeit in den Straßen, aber endlich flohen ſie in das Ca⸗ ſtell zurück, deſſen Wälle ſehr feſt waren, und ſich hal⸗ ten konnten, bis Entſatz käme. Der Marquis wollte keine Belagerung beginnen, und hatte für viele Gefangene nicht hinlänglichen Mundvor⸗ rath; er gewährte ihnen daher günſtige Bedingungen. Sie durften nach Zurücklaſſung ihrer Waffen bei ihrem Irving's Granada. 1— 3. 13 — 194— Auszug ſo viel von ihrem Eigenthum mitnehmen, als ſie tragen konnten, und es wurde feſtgeſetzt, ſie ſollten in die Berberei überſchiffen. Der Marquis blieb an dem Orte, bis Stadt und Feſte in vollkommnen Vertheidi⸗ gungszuſtand geſetzt war und eine ſtarke Beſatzung einge⸗ nommen hatte. So kam Zahara wieder in den Beſitz der Chriſten, zur großen Beſtürzung des alten Muley Aben Haſſan, der die Strafe ſeiner unzeitigen Gewaltthätigkeit bezahlt hatte, und nun auch der geprieſenen Früchte derſelben beraubt wurde. Die Caſtiliſchen Könige waren über dieſe Kriegsthat des tapfern Ponce de Leon ſo erfreut, daß ſie ihm das Recht gaben, ſich künftig Herzog von Cadix und Marquis von Zahara zu nennen. Doch war der Held ſo ſtolz auf ſeinen früheren Titel, unter dem er ſich ſo oft ausge⸗ zeichnet hatte, daß er ihm den Vorzug gab, und ſich immer Marquis Herzog von Cadix unterzeichnete. Da der Leſer wohl dieſelbe Vorliebe für dieſen Namen ge⸗ wonnen hat, ſo werden wir ſortfahren, ihn nach ſeinem alten Titel zu nennen. Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Von der Feſte Alhama, und wie weiſe ſte von dem Grafen de Tendilla befehligt ward. An dieſer Stelle ſeiner Chronik überläßt ſich der wuͤr⸗ dige Bruder Antonio Agapida jauchzendem Frohlocken über den Fall Zahara's. Die Himmel,» ſagte er, aſpre⸗ chen manchmal durch den Mund falſcher Propheten, zur Verwirrung der Verworfenen. Durch den Fall der Feſte wurde des Santon von Granada Verheißung, daß Za⸗ hara's Trümmer auf die Häupter der Ungläubigen zu⸗ rückfallen würden, gewiſſermaßen erfüllt. Unſer eifriger Chroniſt ſpottet über den Mauriſchen Alcayden, der ſeine Feſte am hellen Tage durch Ueberra⸗ ſchung verloren, und ſtellt ihm die Wachſamkeit des chriſt⸗ lichen Befehlshabers von Alhama entgegen, des Befehls⸗ habers in eben der Stadt, die zur Vergeltung wegen des erſtürmten Zahara weggenommen worden. Der wichtige Poſten Alhama war damals von König Ferdinand dem Grafen von Tendilla, Don Diego Lopez de Mendoza, einem Ritter von edlem Geblüt und Bru⸗ der des Großcardinals von Spanien, anvertraut worden. Ihm war von dem König nicht allein aufgetragen, ſeinen 13* — 196— Poſten blos zu behaupten, ſondern auch Ausfälle zu ma⸗ chen und das umliegende Land zu verheeren. Seine Feſte war gefährlich gelegen. Sie lag ſieben Meilen von Granada und nicht weit von der kriegeriſchen Stadt Lora. Sie war in dem Schooß der Berge ver⸗ ſteckt und beherrſchte die Heerſtraße von Malaga und eine weite Ausſicht auf die ausgedehnte Vega. So in dem Herzen des feindlichen Landes von Kriegern umgeben, die immer fertig waren ihn zu berennen, und andrer Seits eine reiche Landſchaft beherrſchend, die zur Verwüſtung einlud, mußte dieſer Ritter beſtändig aufgeregt und auf der Huth ſeyn. Er war in der That ein erfahrener Ve⸗ teran, ein liſtiger, kluger Offizier, und ein wunderbar ſchneller, an Hülfsmittel fruchtbarer Befehlshaber. Als er den Oberbefehl übernahm, fand er die Be⸗ ſatzung nur aus tauſend Mann, Reiter und Fußgänger, be⸗ ſtehend. Es waren abgehärtete Truppen, gewöhnt an die rauhen Bergfeldzüge, aber zuchtlos und unordentlich, wie Soldaten zu ſeyn pflegen, wenn ſie in plündernden Kriegs⸗ zügen gebraucht werden. Sie fochten emſig um Beute, und verſchleuderten ſie dann ſorglos oder verpraßten ſie in üppiger Schwelgerei. Alhama war reich an Hökern, Gaunern, müßigen Trödlern, welche eifrig darauf bedacht waren, von den Laſtern und Thorheiten der Beſatzung Nutzen zu ziehn. Die Soldaten ſchlenderten und tanzten häufiger um die Mauern herum, als daß ſie auf den Schanzen Wache hielten; und nichts wurde von Morgen bis in die ſpäte — 192— Nacht vernommen, als der lärmende Streit bei Karten und Würfeln, in den ſich das Getön des Fandango und Bolero, das weichliche Geräuſch der Guitarre und das Schallen der Caſtagnetten miſchten, bis dann oft das Ganze von dem lauten Wüthen und von dem heißen, blutigen Streit unterbrochen ward. Der Graf von Tendilla machte ſich kräftig daran, dieſen Unordnungen zu ſteuern. Er wußte, daß leichtfer⸗ tige Sitten gemeiniglich mit Vernachläßigung der Pflich⸗ ten verbunden ſind, und daß das geringſte Vergehen ge⸗ gen die Kriegszucht bei der von Gefahren umringten Lage der Feſte verderblich werden könnte.«Wir haben hier nur eine Handvoll Lente,» ſagte er, cjeder muß alſo ein Held ſeyn.» Er ſuchte eine geeignete Ehrliebe in den Gemüthern der Soldaten zu erregen und ihnen die hohen Grund⸗ ſätze des Ritterweſens einzuflößen.«Ein gerechter Krieg,⸗ bemerkte er,«wird oft durch die Weiſe, wie er geführt wird, zum ſchlechten, unſeligen Krieg gemacht; denn die Gerechtigkeit der Sache reicht nicht hin, die Verdorben⸗ heit der Mittel zu heiligen, und der Mangel an Ord⸗ nung und Gehorſam, unter den Truppen kann Unglück und Noth über die am beſten entworfenen Plane ver⸗ breiten.⸗» Aber wir können den Charakter und das Beuehmen dieſes berühmten Befehlshabers nicht mit kräftigeren Aus⸗ drücken beſchreiben, als dieß Bruder Antonio Agapida — 198— thut, nur daß dieſer fromme Vater in den Vordergrund ſeiner Tugenden ſeinen Haß gegen die Mauren ſetzt. „Der Graf von Tendilla,» ſagt er, ⸗war ein Spie⸗ gel der chriſtlichen Ritterſchaft; wachſam, enthaltſam, keuſch, fromm und ganz erfüllt von Liebe zu ſeiner Sache. Er arbeitete unaufhörlich und ernſt für den Ruhm des Glaubens, und das Glück Ihrer katholiſchen Maje⸗ ſtäten; und vor allem haßte er die Mauren mit lautrem heiligen Haß.» „Dieſer würdige Ritter vertrieb alle Trägheit, Zän⸗ kerei, Herumſtreicherei und Unzucht unter ſeinen Solda⸗ ten. Er hielt ſie beſtändig zu Waſſenübungen, machte ſie geſchickt im Gebrauch ihrer Speere und Lenkung ih⸗ rer Roſſe, und fertig in's Feld zu rücken bei der erſten Nachricht.» «Er ließ kein Getön der Laute, Harfe, kein Sin⸗ gen oder loſe Meiſterſängerei in ſeiner Feſte zu, da ſie das Ohr beſtechen, und die Kraft des Soldaten ſänftigen. Keine andre Muſik wurde erlaubt als das heilſame Wirbeln der Trommeln und das Schmettern der Trompeten, und andre dergleichen ermuthigenden Inſtru⸗ mente, welche das Gemüth mit Gedanken des eiſernen Kriegs erfüllen. Alle wandernde Minſtrels, die herum⸗ ſtreichenden Müßiggänger, die liederlichen Dirnen und alles andre Lagergeſindel erhielt den Befehl, ſein Bündel zu machen, und wurde den Thoren Alhama's hinaus ge⸗ trommelt.» «Statt ſolchen Gezüchts brachte er einen Zug heili⸗ — 199— ger Moͤnche herein, um ſein Volk durch Vermahnungen, Gebet und Choralgeſang zu begeiſtern und ſie zum Kampf, zum guten Kampf des Glaubens anzuſpornen.⸗ „Alle Hazardſpiele wurden verboten; nur das Spiel des Kriegs ausgenommen, und dieſes bearbeitete er durch Wachſamkeit und Kraft dergeſtalt, daß er es aus einem Hazardſpiel zu einem ſichren Spiel erhob.» «Der Himmel lächelte den Bemühungen dieſes gerech⸗ ten Ritters; ſeine Leute wurden Soldaten in jeder Hin⸗ ſicht, ſte wurden der Schrecken der Mauren. Der gute Graf zog nie zur Verheerung aus, ohne vorher die Ge⸗ bräuche der Beichte beobachtet zu haben; eben ſo gingen immer Abſolution und Communion vorher, und er nö⸗ thigte ſeine Untergebnen, ſeinem Beiſpiel zu folgen.» «Ihre Fahnen wurden von den heiligen Mönchen ge⸗ weiht, die er in Alhama hatte, und ſo war der Erfolg ſeinem Banner geſichert, und er in den Stand geſetzt, das Land der Heiden zu verwüſten.» «Die Feſte Alhama,» fährt Bruder Antonio Agapida fort,«überſah von ihrer hohen Lage einen großen Theil der fruchtbaren Vega, welche vom Cazin und Xenil be⸗ wäſſert wird. Von hier machte er häufige Ausfälle, trieb die Heerden und Schafe von der Weide, den Arbeiter vom Feld und die Zufuhr von der Straße wea, ſo daß die Mauren ſagten, ein Käfer könne nicht über die Vega kriechen, ohne von Graf Tendilla geſehn zu werden.⸗ „Die Bauern waren daher froh, ſich in die Wacht⸗ thürme zu verſtecken und in die befeſtigten Weiler zu⸗ — 200— rückzuziehn, wo ſie ihr Vieh verſchloſſen, ihr Korn auf⸗ ſpeicherten und ihre Weiber und Kinder bargen. Selbſt dort waren ſie nicht ſicher; der Graf ſtürmte wohl dieſe bäuriſchen Feſten mit Feuer und Schwert, machte die Einwohner zu Gefangnen, nahm das Getreide weg, er⸗ beutete das Oel, die Seiden, das Vieh, und ließ die Trüm⸗ mer ſprühend und rauchend im Angeſicht von Granada.» «Es war ein angenehmer, ergötzlicher Anblick,» fährt der gute Vater fort,«den frommen Ritter und ſeinen Zug von ſolchen Kreuzzügen heimkehren zu ſehen, nach⸗ dem ſie das reiche Land der Unglänubigen in rauchender Verwüſtung hinter ſich gelaſſen. Sie zu ſehen mit der langen Reihe von Maulthieren und Eſeln, die mit dem Raub der Heiden beladen waren: die Heerden gefangner Mauren, Männer, Weiber, Kinder, die Züge von ſtö⸗ ßigem Horuvieh, brüllenden Kühen und blökenden Scha⸗ fen, alle dem ſteilen Abhang zu den Thoren des Alhama hinaufklimmend, und von den rechtgläubigen, katholi⸗ ſchen Soldaten getrieben.» «So nährte ſich ſeine Beſatzung vom Fett des Landes und der Beute der Ungläubigen; auch vergaß er nicht der frommen Väter, deren Segnungen ſeine Unterneh⸗ mungen mit Erfolg krönten. Ein reichlicher Antheil der Beute wurde immer der Kirche geweiht, und die guten Mönche waren ſtets an den Thoren gewärtig, ihn bei ſeiner Rückkehr zu begrüßen und den ihnen beſtimmten Theil in Empfang zu nehmen.⸗ «Außer dieſen Zuweiſungen gelobte er viele Weihge⸗ — 201— ſchenke, theils zur Zeit der Gefahr, theils am Vorabende eines Ausfalls; und ſo erglänzten denn die Kapellen von Alhama von Kelchen, Kreuzen und andern koſtbaren Ga⸗ ben, die dieſer rechtgläubige, katholiſche Ritter ihnen verehrt hatte.» So beredt verbreitet ſich der ehrwürdige Bruder An⸗ tonio Agapida über die preiswürdigen Eigenſchaften des guten Grafen von Tendilla; und andre Geſchichtſchreiber von gleicher Wahrhaftigkeit, aber von geringerer Sal⸗ bung, ſtimmen darin überein, ihn als einen der geſchick⸗ teſten Spaniſchen Generale darzuſtellen. Er wurde auch in der That dem Lande ſo furchtbar, daß ſich die Mauriſchen Bauern nicht eine Meile von Granada oder Lora zu entfernen wagten, um die Felder zu bebanen, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, in die Ge⸗ fangenſchaft geführt zu werden. Das Volk von Granada ſchrie gegen Muley Aben Haſſan, daß er ſo ſeine Lande verletzen und beſchädigen laſſe, und verlangten, dieſer kühne Streifzügler ſolle in ſeine Feſte eingeſchloſſen werden. Der greiſe Monarch wurde durch dieſe Vorſtellungen aufgeregt; er ſandte ſtarke Truppenabtheilungen von Rei⸗ terei, um das Land während der Jahrszeit, wo die Bauern im Felde wären, zu ſchützen. Dieſe Streitkräfte ritten in furchtbaren Geſchwadern in der Nähe von Al⸗ hama herum, und hielten ſtrenge Wache über ſeine Thore, ſo daß es den Chriſten unmöglich war, einen Ausfall zu machen, ohne geſehen und abgeſchnitten zu werden. Während Alhama ſo von einer herumſchweifenden Streit⸗ macht Mauriſcher Reiterei eingeſchloſſen war, wurden die Einwohner in einer Nacht durch einen furchtbaren Schlag aufgeweckt, der die Feſte in ihrem tieſſten Grunde erſchütterte. Die Beſatzung flog zu den Waffen, in der Meinung, es ſey ein feindlicher Angriff. Allein bald zeigte es ſich, daß der Lärm durch das Einfallen eines Theils der Mauer hervorgebracht worden, die durch häu⸗ figen Regen untergraben, plötzlich gewichen war, und eine weite Spalte gelaſſen hatte, welche nach der Ebne hin ſich gähnend aufthat. Der Graf von Tendilla war eine Zeit lang in großer Angſt. Wurde dieſe Breſche von den blokirenden Rei⸗ tern entdeckt, dann riefen dieſe das ganze Land auf; Granada und Lora goſſen überwältigende Streitkräfte aus, die ſeine Wälle hinlänglich untergraben fanden, um einen Sturm zu unternehmen. In dieſer ſchrecklichen Lage zeigte der Graf ſein be⸗ kanntes Talent, ſchnelle Hülfsmittel auszufinden. Er ließ ein großes Stück linnen Tuch vor die Breſche aus⸗ breiten, das aber ſo bemalt war, daß es die Steine täu⸗ ſchend nachahmte. Es war durch die Färbung mit den⸗ ſelben Einkerbungen verſehen, welche man an den Ver⸗ ſchanzungen wahrnimmt, und glich dadurch in einiger Ent⸗ fernung den übrigen Theilen der Wälle. Hinter dieſen Vorhang ſtellte er Werkleute, welche Tag und Nacht an der Ausbeſſerung des eingeſtürzten Stückes arbeiten mußten. Niemand durfte die Feſte ver⸗ laſſen, damit keine Kunde von ihrem vertheidigungsloſen — 203— Zuſtand zu den Maunren gelange. Leichte Geſchwader von der feindlichen Reiterei ſchwärmten über die Ebene herum, aber keins näherte ſich hinlänglich, um die Täu⸗ ſchung zu entdecken; und ſo ward im Lauf von wenigen Tagen der Wall feſter wieder hergeſtellt, als er je zuvor geweſen. Ein andres klug ausgefundenes Hülfsmittel erregt in noch höherem Grade die Verwundrung des ehrlichen Aga⸗ pida. Es begab ſich» bemerkt er,«daß dieſer recht⸗ gläubige, katholiſche Ritter einſt Mangel hatte an Gold und Silber, um den Sold ſeiner Truppen zu bezahlen, und die Soldaten murrten ſehr, als ſie ſahen, daß ſie keine Mittel hatten, ſich ihre Bedürfniſſe von dem Volk der Stadt zu kaufen.» «Was thut in dieſer Verlegenheit unſer ſcharfſinniger Befehlshaber? Er nimmt eine Anzahl kleiner Stückchen Papier, worauf er verſchiedne Summen, kleine und große, je nach den Umſtänden, hinſchreibt, und ſie mit ſeinem Namen und ſeiner Handſchrift verſieht. Dieſe gab er den Soldaten ſtatt des Soldes. Wie! wird man fragen, kann man Soldaten mit Papierſtückchen bezahlen? Frei⸗ lich, antwort' ich, und ſehr gut, wie ich gleich zeigen werde; der gute Graf erließ nämlich eine Proklamation, worin er den Einwohnern von Alhama befahl, dieſe Pa⸗ pierchen für den vollen darauf beſchriebenen Werth anzu⸗ nehmen, und zugleich verſprach, er werde ſie, ſeiner Zeit, mit Silber und Gold wieder auslöſen. Schwere Strafe drohte er allen, die ſich weigern würden.⸗ — — 204— Das Volk hatte volles Vertrauen in ſeine Worte, und war überzeugt, er werde das Verſprechen eben ſo — gerne halten, als er ſicher im Stande ſeyn könnte, die Drohung zu erfüllen. Sie nahmen alſo dieſe ſonderbaren Stückchen Papier ohne Zögerung und Beſinnen an.» „So verwandelte dieſer rechtgläubige Ritter durch eine geſchickte und ſehr wunderbare Alchymie werthloſes Papier in koſtbares Gold, und überſchüttete ſeine eben noch dürftige Beſatzung mit Geld.» Es iſt nicht mehr als billig, nun auch noch zu bemer⸗ ken, daß der Graf de Tendilla als ein ehrlicher Ritter ſeinen Verſprechungen nachkam; dieß Wunder aber, denn ſo erſchien der Vorfall dem ehrlichen Bruder Antonio Agapida, iſt das erſte Beiſpiel, wo des Papiergeldes er⸗ wähnt wird, welches ſpäterhin die civiliſirte Welt mit unbegränztem Reichthum überſchwemmt hat. —— Sieben und zwanzigſtes Kapitel. . Einfall der chriſtlichen Ritter in das Gebiet der Mauren.„ Die Spaniſchen Ritter, welche die merkwürdige Nie⸗ derlage auf den Gebirgen von Malaga überlebt, hatten ſie auch zu wiederholten Malen den Tod ihrer Waffen⸗ genoſſen gerächt, konnten doch den Greuel und die De⸗ müthigung dieſes Hinſchlachtens nicht vergeſſen. Nichts konnte ihnen genügen, als einen zweiten Zug der Art zu übernehmen, Feuer und Schwert über eine große Strecke des Maurengebiets hinzutragen, und alle jene Gegenden, welche über ihre Noth triumphirt hatten, zum rauchigen, brennenden Denkmal ihrer Rache zu machen. Ihre Wünſche kamen der Politik des Königs entge⸗ gen. Ihn verlangte nach der Verwüſtung dieſes Landes, nach der Zerſtörung der Hülfsmittel des Feindes. Jeder Beiſtand wurde daher geleiſtet, um ihr Unternehmen zu begünſtigen und zu Stande zu bringen. Im Frühjahr 1484 ertönte die alte Stadt Antequera nochmals wider vom Geräuſch der Waffen. Eine Menge der nämlichen Ritter, welche ſich dort das vorige Jahr ſo freudig verſammelt hatten, ſtrömte wieder ſeinen Thoren herein, ihre Krieger in Stahl und glänzenden Waffen; doch war ihre Stirn finſtrer und ernſter, als bei jenem verhängnißvollen Vorgange, denn die Erinn⸗ rung an ihre erſchlagnen Freunde war ihren Gemüthern gegenwärtig, und ihren Tod wollten ſie jetzt rächen. In kurzer Zeit war eine auserleſene Streitmacht von ſechstauſend Pferden und zwölftauſend Fußgängern in An⸗ tequera verſammelt, die Blüthe der Spaniſchen Ritter⸗ ſchaft, Truppen der beſtehenden militäriſchen und religib⸗ ſen Orden und der heiligen Bruderſchaft. Jede Vorkehrung war getroffen worden, um dieſe Heeresmacht mit allem zu einem ſo weiten und gefähr⸗ lichen Einfall Nöthigem zu verſehen. Zahlreiche Wund⸗ arzte begleiteten ſie, welche alle Kranke und Verwundete — 206— umſonſt bedienen ſollten, da ſie für ihre Dienſte von der Königin belohnt wurden. Iſabelle ſorgte auch in ihrer großen Menſchenliebe für ſechs geräumige Zelte, welche mit Betten verſehen und mit allem ausgerüſtet waren, was Verwundete und Kranke bedürfen. Dieſe wurden hernach bei allen großen Zügen während des ganzen Kriegs gebraucht und der Königin Hoſpital genannt. Der würdige Vater, Bruder Antonio Agapida, preißt dieſe gütige Vorſorge der Königin als die erſte Einführung eines regelmäßigen Lagerhoſpitals in den Feldzügen. So mit allem reichlich verſehen, zogen die Ritter in glänzenden, ſchreckbaren Reihen aus Antequera aus, doch war ihr Vertrauen weniger frohlockend und ihr Prangen weniger prahleriſch, als bei ihrem früheren Ausfall; dieß aber war die Ordnung des Heers: Don Alonzo de Aauilar führte die Vorhuth und ward von Don Diego Fernandez de Cordova, Alcayden der Donzelen, und Luis Fernandez Puerto Carrero, Grafen von Palma, nebſt ihren Haustruppen begleitet. Ihnen folgten Juan de Merle, Juan de Almara und Earlos de Biezman, von der heiligen Brüderſchaft mit den Mannen ihrer Capitainſchaften. Die zweite Schlachtreihe wurde von dem Marquis von Cadix und dem Ordensmeiſter von St. Jago befeh⸗ ligt. Ihnen folgten die Ritter von St. Jago und die Truppen des Hauſes Ponce Leon. Zugleich mit ihnen zogen auch der älteſte Befehlshaber von Calatrava und — 207— die Ritter dieſes Ordens„ auſſer mehreren andern Cava⸗ lieren und ihrem Gefolge. Der rechte Flügel dieſer zweiten Schlachtreihe wurde von Gonſalvo de Cordova, hernach berühmt als der große Capitain von Spanien; der linke Flügel von Diego Lopez de Avila geführt. Sie wurden von verſchieduen Rittern und Hauptleuten der heiligen Brüderſchaft mit ihren Mannen begleitet. Der Herzog von Medina Sidonia und der Graf de Cabra befehligten die dritte Schlachtreihe, mit den Trup⸗ pen ihrer Häuſer. Sie wurden von andern Befehlsha⸗ bern von Rang mit deren Streitkräfte unterſtützt. Die Nachhuth folgte unter dem älteſten Befehlshaber von Alcantara und den Rittern dieſes Ordens, nebſt ei⸗ ner Anzayl Andaluſiſcher Streiter aus Peres, Ecija und Carmona. Dieß war das Heer, welches aus den Thoren Ante⸗ quera's auf eine der ausgedehnteſten Tala oder verwüſten⸗ den Unternehmungen, die je das Königreich Granada ver⸗ heert haben, ausrückte. Die Streiter betraten das Mauriſche Gebiet auf dem Weg von Alora, und zerſtörten alle Kornfelder, Wein⸗ gärten und Obſtwälder; alle Plantagen und Olivenhaine rings um die Stadt. Dann ſchritten ſie durch die rei⸗ chen Ebenen und fruchtbaren Berghöhen von Coin, Ca⸗ zaraboncla, Almexia und Cartama; und in zehen Tagen waren alle dieſe blühenden Gefilde eine rauchende, furcht⸗ bare Wüſte. — 208— Von hier ſetzte das Heer ſeinen langſamen, verwüſten⸗ den Lauf gleich einem Lavaſtrom durch die Ebenen von Pupiana und Alhendin bis auf die Vega von Malaga fort, verheerte die Olivenwälder und Mandelbäume, ver⸗ wüſtete die Getreidefelder, vernichtete alles, was grünte und blühte. Die Mauren einiger dieſer Orte verwandten ſich ver⸗ gebens für ihre Haine und Felder, boten vergebens die Auslieferung all ihrer Chriſtengeſangnen. Ein Theil des Heers bewachte die Städte, der andre verwüſtete das umliegende Land. Oft brachen die Mauren verzweiflend hervor, ihr Eigenthum zu ſchützen, aber mit blutigen Häuptern wurden ſie zurückgetrieben in ihre Thore und ihre Vorſtädte geplündert und verbrannt. Es war ein furchtbar großes Schauſpiel, wenn zur Nachtzeit der qualmende ſchwarze Rauch, mit getrübten Flammen vermiſcht, aus den brennenden Vorſtädten ſich erhob, und die Weiber auf den Wällen der Stadt die Hände rangen, und über die Zerſtörung ihrer Wohnun⸗ gen laut aufſchrie'n und klagten. Als das Rächerheer an der Seeküſte anlangte, fand es Schiffe am Ufer, die mit allen Arten Mundvorrath und Kriegsbedarf zu ſeinem Gebrauch beladen waren; man hatte ſie von Sevilla und Peres geſandt. Dadurch wurden ſie in Stand geſetzt, ihren verödenden Zug wei⸗ ter anzutreten. Bei ihrer Annaͤherung auf Malaga zu wurden ſie von den Einwohnern dieſer Stadt kräftig angegriſſen, und — — 209— ein Scharmützel entſpann ſich, das den ganzen Tag dauerte. Aber während die Hauptmacht dem Feind die Spitze bot, verwüſtete der übrige Theil die ganze Vega und zerſtörte alle Mühlen. Da der Zweck des Zugs nicht Einnahme der Städte war, ſondern nur Brennen, Verwüſten, Zer⸗ ſtören, begnügte ſich das Heer mit dem Schaden, den es angerichtet, wandte Malaga den Rücken und zog ſich wie⸗ der in die Gebirge. Sie gingen durch Coin und über die Gefilde von Allagagna, Gatero und Alhamin, wel⸗ ches alles ebenfalls verheert ward. So durchſchritten ſie die Kette reicher, grünender Thäler, welche der Stolz ſind jener Berge und der Ruhm und die Luſt der Mauren. Vierzig Tage fuhren ſie ſo fort; gleich einem verzehrenden Feuer ließen ſte eine rau⸗ chende, öde Wüſte hinter ſich, um ihren Weg zu bezeich⸗ nen, bis müde des Werks der Zerſtoͤrung, und ihre Rache für die Niedermetzelung bei Ararquia völlig ge⸗ ſättigt, ſie im Triumph zurückkehrten auf Antequera's Gefilde. Im Monat Juni übernahm König Ferdinand in eig⸗ ner Perſon den Oberbefehl über dieſen verwüſtenden Hau⸗ fen. Er vermehrte deſſen Anzahl und fügte ſeinen Ver⸗ heerungsmitteln mehrere Donnerbüchſen und andres ſchwe⸗ re Geſchütz hinzu, das zur Berennung der Staͤdte be⸗ ſtimmt und von Kunſtmeiſtern aus Frankreich und Deutſch⸗ land bedient wurde. Mit dieſen, verſicherte der Marquis von Cadix den Koͤnig, werde er bald im Stande ſeyn, die Mauriſchen Irvinz's Granada. 1— 3. 14 3 Feſten einzunehmen. Dieſe wären blos auf Vertheidi⸗ gung gegen die ſonſt im Krieg gebrauchten Maſchinen be⸗ rechnet. Ihre Wälle und Thürme wären hoch und dünn, und vertrauten auf ihre ſteile, felſige Lage; aber die Stein⸗ und Eiſenkugeln, die von den Donnerbüchſen herabſchöſſen, würden ſie bald zu Trümmern über den Häuptern ihrer Vertheidiger zuſammenſchlagen. Alora's Schickſal zeigte bald die Richtigkeit dieſer An⸗ ſicht. Dieſe Feſte lag auf einem von einem Fluß benetz⸗ ten Felſen. Das Geſchütz ſchlug bald zwei Thürme und einen Theil des Walls ein. Die Mauren wurden durch die Heftigkeit des Angriffs in Staunen verſetzt; ſie wa⸗ ren wie vernichtet, als ſie die Wirkungen jener furchtba⸗ ren Maſchinen auf ihre geprieſenen Bollwerke gewahrten. Das Brüllen der Geſchütze, das Niederfallen der Schan⸗ zen erſchreckte die Weiber, welche mit ſchreienden Bitten in den Alcayden drangen, ſich zu ergeben. Der Platz wurde den 20. Juni unter der Bedingung geräumt, daß die Einwohner mit ihren Habſeligkeiten freien Abzug erhielten; aber das Volk in Malaga, das mit der Kraft dieſer niederſchmetternden Geſchütze noch unbekannt war, zeigte ſich ſo erbittert gegen die armen aus Alora Vertriebenen, daß ſie ſie nicht in ihre Stadt aufnehmen wollten, weil ſie ſich, wie ſie meinten, auf eine feige Weiſe übergeben hätten. Ein ähnliches Schickſal erwartete die Stadt Setenil, die auf einem hohen Felſen erbaut war und für unerſteig⸗ lich gehalten wurde. Mehrmals war ſie unter früheren — 211— chriſtlichen Konigen belagert, aber nie eingenommen wor⸗ den. Selbſt jetzt wurde viele Tage lang das Geſchůtz ohne Wirkung gegen ſie gerichtet, und manche Ritter murrten gegen den Marquis von Cadir, daß er dem Kö⸗ nig gerathen, dieſe unangreifliche Feſte zu berennen.(Cura de los Palacios.) Gerade in der Nacht, wo dieſe Vorwürfe ausgeſpro⸗ chen wurden, leitete der Marquis das Geſchütz ſelbſt. Er richtete die Donnerbüchſen an den Fuß der Wälle und an die Thore. In kurzer Zeit waren die Thore in Stücke zerſchlagen, eine große Breſche in die Mauern gemacht, und die Einwohner zur Uebergabe geneigt. Vier und zwanzig gefangene Chriſten, die bei der Niederlage auf den Gebirgen von Malaga dem Feind in die Hände ge⸗ fallen, wurden aus den Gefängniſſen der Feſte befreit, und prieſen den Marquis von Cadir ihren Erlöſer. Es iſt unnöthig, der Eroberung verſchiedner andren Orte zu erwähnen, die ſich ergaben, ohne einen Angriff abzuwarten. Die Mauren hatten immer große Tapfer⸗ keit und Ausdauer in der Vertheidigung ihrer Städte gezeigt; ſie waren furchtbar in ihren Ausfällen und Ge⸗ fechten, und geduldig in Ertragung von Hunger und Durſt, wenn ſie belagert wurden, aber dieß furchtbare Geſchütz, welches ihre Wälle mit ſo viel Leichtigkeit und Schnelle vernichtete, ſchlug ſie mit Verwirrung und Entſetzen und machte allen Widerſtand vergeblich. 14* — 212— König Ferdinand war ſo erſtaunt über die Wirkungen dieſes Geſchützes, daß er Befehl gab, die Zahl der Don⸗ nerbüchſen zu vermebren, und dieſe mächtigen Maſchinen hatten von nun an einen großen Einfluß auf den Ausgang des Kriegs. 3 Die letzte Unternehmung in dieſem, für die Mauren ſo unglücklichen Jahr, war ein Einfall, den König Fer⸗ dinand in dem letztern Theile des Sommers in die Vega machte. Er verhehrte das Land, verbrannte zwei Dör⸗ fer bei Granada und vernichtete die Mühlen ganz nabe an den Thoren der Stadt. Der greiſe Muley Aben Haſſan war von Schmerz erfüllt bei dieſer Verwüſtung, die das ganze Jahr hin⸗ durch durch ſein Gebiet gewüthet und jetzt die Thore der Hauptſtadt erreicht hatte. Sein ſtolzer Geiſt war von Unglück und Kränklichkeit gebrochen, er erbot ſich, den Frieden zu erkaufen, und ſeine Krone als ein Lehn von den chriſtlichen Königen zu nehmen. Ferdinand wollte von keinen Vorſchlägen hoͤren; die vollſtändige Eroberung Granada's war das hohe Ziel des Kriegs, und er war entſchloſſen, nie als nach deſſen gänzlicher Erreichung ſich zufrieden zu geben. Nachdem er die Beſatzungen der in dem Herzen des Mauriſchen Gebiets eroberten Plätze verſtärkt und ver⸗ mehrt hatte, trug er ihren Befehlshabern auf, dem jun⸗ gen Mauren⸗König in dem Bürgerkrieg gegen ſeinen Va⸗ ter allen Beiſtand zu leiſten, und kehrte in großem Triumph — 213— mit ſeinem Heer nach Cordova zuruͤck. So ſchloß ſich eine Reihe verheerender Züge, welche das Reich Gra⸗ nada mit Schmerz und Beſtürzung erfüllt hatten. Acht und zwanzigſtes Kapitel. El Zagal's Verſuch Boabdil in Almerig zu überfallen. [— Während dieſes Jahrs, das voll Kummer und Noth für die Mauren war, hielt der jüngere König Boabdil, nur zu wahr der Unglückliche genannt, ſeinen geſchwun⸗ denen ſchwachen Hof in der Seeſtadt Almerig. Er be⸗ hielt wenig mehr als den Namen eines Königs, und wurde ſelbſt in dieſer Schattenregierung nur durch das Anſehn und die Schätze der chriſtlichen Könige gehalten. Noch hoffte er, es werde bei der Wandelbarkeit der Ereigniſſe das unbeſtändige Volk nochmals zu ſeiner Fahne zurückkehren, und ihn wieder aunf den Thron im Alham⸗ bra ſetzen. Seine Mutter, die hochherzige Sultane Ayra La Horra, bemühte ſich, ihn aus dieſem Zuſtand leidender Unthätigkeit aufzureizen.„Das iſt eine ſchwache Seele, ſagte ſie, ⸗die auf das Umwenden von Fortunens Rad wartet. Ein hoher Geiſt greift muthig hinein und wen⸗ det es nach ſeinem Wunſche. Zieh in's Feld, und du — 214— kannſt die Gefahr vor dir hertreiben, ſitz' verſteckt da⸗ heim, und ſie belagert dich in deiner Wohnung. Durch ein kühnes Unternehmen vermagſt du deinen glänzenden Thron von Granada wieder zu gewinnen, durch leidendes Dulden, wirſt du ſelbſt dieſen elenden Sitz in Almeria verlieren. Boabdil hatte nicht die Seelenſtärke, dieſem kühnen Rath zu folgen, und in kurzer Zeit brachen die Uebel, die ſeine Mutter vorausgeſagt, über ihn herein. Der alte Muley Aben Haſſan war faſt todt vor Al⸗ ter und Gebrechlichkeit; er hatte beinahe ſein Geſicht ver⸗ loren, und mußte beſtändig das Lager hüten. Sein Bruder Abdalla, El Zagal oder der Kräftige genannt, derſelbe, welcher bei Niedermetzlung der Spaniſchen Rit⸗ terſchaft auf den Gebirgen von Malaga mitgewirkt hatte, war Oberbefehlshaber der Mauriſchen Streitkräfte und nahm allmählig faſt alle Sorgen der Regierung auf ſich. Unter anderm war er ganz beſonders in Betreibung des Kriegs zwiſchen ſeinem Bruder und deſſen Sohn eifrig, und ſetzte ihn mit ſolcher Heftigkeit fort, daß viele ver⸗ ſicherten, es ſtecke etwas mehr als brüderliche Zuneigung hinter ſeinen ungewöhnlichen Anſtrengungen. Das Unglück und die Noth, welche durch die Chriſten in dieſem Jahr über das Land gekommen, hatten das Nationalgefühl des Volkes von Almeria verwundet, und viele hielten es für unwürdig, daß Boabdil zu einer ſol⸗ chen Zeit unthätig bleibe, oder vielmehr, daß er mit dem Feind gemeinſame Sache zu machen ſcheine. Sein Oheim Abdalla naͤhrte dieſe Stimmung eifrig durch ſeine Unter⸗ häͤndler. Dieſelben Künſte, welche in Granada von Erfolg ge⸗ weſen, wurden auch hier angewandt. Boabdil wurde heimlich aber ernſtlich von den Fakis als Abtrünniger dargeſtellt, der ſich mit den Chriſten gegen ſein Land und ſeinen früheren Glauben verbunden. Die Liebe des Volks und der Soldaten wurde allmählig von ihm abgewendet, und eine geheime Verſchwörung zu ſeinem Untergang an⸗ gezettelt. Im Monat Februar 1485 erſchien El Zagal plötzlich an der Spitze eines Reitertrupps vor Almeri a's Thoren. Die Fakis waren auf ſeine Ankunft vorbereitet und die Thore wurden ihm geöffnet. Er zog mit ſeiner Bande ein, und ſprengte nach dem Schloß. Der Alcayde wollte Widerſtand leiſten aber die Beſatzung tödete ihn und em⸗ pfing El Zagal mit lautem Zuruf. El Zagal ſtürzte durch die Gemächer des Alcazar, aber er ſuchte Boabdil vergebens. Er fand die Sultane Ayxa La Horra in einem der Salons mit Ben Ahagete, einem jüngeren Bruder des Fürſten, mit einem kräftigen Abencerragen und mehreren Dienern, die ſich um ſie ſtell⸗ ten, um ſie zu vertheidigen. „Wo iſt der Verräther Boabdil,» rief El Zagal. „Ich kenne keinen treuloſeren Verräther als dich ſelbſt,⸗ erwiederte die unerſchrockne Sultane,«und ich hoffe, mein Sohn iſt in Sicherheit, um Rache zu nehmen an deiner Verrätherei.⸗ — 216— El Zagal's Wuth war ohne Grenzen, als er ver⸗ nahm, das auserſehene Opfer ſey ihm entgangen. In ſeinem Wahnſinn erſchlug er den Prinzen, Ben Ahagete, und ſeine Begleiter fielen auf den Abencerragen und ſein Gefolge, und mordeten ſie. Die ſtolze Sultane wurde als Gefangene wegge⸗ ſchleppt und mit Schmähungen überladen, weil ſie ihren Sohn in ſeiner Empörung beſtärkt und den Bürgerkrieg genährt habe. Der unglückliche Boabdil war von der ihm drohenden Gefahr gerade noch zu rechter Zeit, um zu entrinnen, von einem treuen Soldaten benachrichtigt worden. Er warf ſich auf eins der flüchtigſten Roſſe in ſeinen Stäl⸗ len, und ſprengte von einigen Begleitern umgeben in der Verwirrung aus Almeria's Thoren. Einige von El Za⸗ gal's Reitern, welche auſſerhalb der Wälle aufgeſtellt waren, bemerkten ſeine Flucht, und verſuchten ihn zu verfolgen. Ihre Pferde aber waren von dem Zug ſchon ermüdet, und ſo ließ er ſie bald weit hinter ſich. Aber wohin ſollte er fliehn? Jede Feſte, jede Burg in dem Reich war ihm verſchloſſen. Er wußte nicht, wel⸗ chem Mauren er ſich vertrauen ſollte; denn man hatte alle gelehrt, ihn als einen Verräther und Abtrünnigen zu verabſcheuen. Er hatte keinen andern Entſchluß zu ergreifen, als bei den Chriſten, ſeinen Erbfeinden eine Zuflucht zu ſuchen. Mit ſchwerem Herzen wandte er ſein Roß auf Cor⸗ dova zu. Er mußte ſich gleich einem Flüchtling durch einen — 217— Theil ſeiner Beſitzungen durchſchleichen, und fühlte ſich nicht eher ſicher, als bis er die Grenze überſchritten, und die Bergſchranke ſeines Landes hinter ſich ſich erheben ſah. Da ward er ſeines erniedrigenden Zuſtands ſich be⸗ wußt; ein Flüchtling von einem Thron, ein Ausgeſtoßner aus ſeinem Volk, ein König ohne ein Reich. Er ſchlug ſich im wilden Kampf mit dem Schmerz die Bruſt;«ẽn⸗ heil, ja gewiß,„ rief er,«Unheil war der Tag meiner Geburt, und mit Recht werd“ ich El Zogoybi, der Un⸗ glückliche, genannt!» Er trat in Cordova's Thore mit niedergeſchlagenem Antlitz, mit einem Gefolge von nur vierzig Begleitern. Die Könige waren abweſend, aber die Andaluſiſchen Rit⸗ ter bewieſen dem Unglück des Fürſten jenes Mitgefühl, das edlen, ritterlichen Gemüthern geziemt. Sie empfin⸗ gen ihn mit großer Auszeichnung, erwieſen ihm alle Eh⸗ ren und die Civil⸗ und Militärbefehlshaber in jener al⸗ ten Stadt, unterhielten ihn auf die ehrenvollſte Weiſe. Mittlerweile ſetzte El Zagal einen nenen Alcayden in Almeria ein, der es in ſeines Bruders Namen verwal⸗ ten ſollte, und nachdem er den Platz mit einer ſtarken Beſatzung verſehen, eilte er nach Malaga, wo man einen Angriff der Chriſten befürchtete. Da der junge Fürſt aus ſeinem Lande vertrieben und der alte König blind und ſchwächlich war, ſo war El Za⸗ gal, an der Spitze der Heere, eigentlich der That nach Herrſcher von Granada. Das Volk gefiel ſich, einen — 218— neuen Götzen zum anſtaunen, einen neuen Namen zum ausſchreien zu haben, und ſo wurde El Zagal mit Zu⸗ ruf als die einzige Hoffnung der Nation beehrt. Neun und zwanzigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand einen neuen Zug gegen die Mauren unternahm und Coin und Cartama belagerte. Die auſſerordentlichen Wirkungen, welche im vorigen Jahr das Belagerungsgeſchütz bei Zerſtörung der Mauri⸗ ſchen Feſten hervorgebracht hatte, veranlaßten König Fer⸗ dinand für den Feldzug von 1485 ſich einen großen Zug ſolchen Geſchützes zu verſchaffen, worauf er beſchloß, eins der furchtbarſten Bollwerke des Feindes anzugreifen. Ein Heer von neun tauſend Reitern und zwanzig tauſend Fußvölkern verſammelte ſich früh im Frühling zu Cor⸗ dova, und der König rückte am fünften April in's Feld. Man hatte in einer geheimen Rathsverſammlung be⸗ ſchloſſen, die Stadt Malaga, jenen alten, wichtigen See⸗ hafen, woher Granada fremde Hülfe und Zufuhr erhielt, mit Macht anzugreifen. Man hielt es jedoch für geeig⸗ neter, ſich vorher in Beſitz mehrerer Städte und Feſten in den Thälern Santa Maria und Cartama zu ſetzen, da durch dieſe der Weg nach Malaga führt. — 219— Der erſte Platz, der berennt wurde, war die Stadt Benamaquex. Sie hatte ſich das vorige Jahr den ka⸗ tholiſchen Fürſten unterworfen, aber ſich ſeitdem wieder losgeſagt. König Ferdinand war voll Wuth über die Empörung der Einwohner.„Ich will ihre Strafe,» agte er, azum Schrecken für andre machen; ſie ſollen durch Gewalt, wenn nicht durch Treue, unterwürfig bleiben.» Der Ort wurde durch Sturm genommen, hundert und acht der angeſehenſten Einwohner kamen entweder durch's Schwert um, oder wurden auf den Schanzen auf⸗ gehängt; die Uebrigen aber in Gefangenſchaft geführt. (Pulgar. Garibay. Cura de los Palacios.) Die Städte Coin und Cartama wurden an demſelben Tag belagert; die erſtre durch eine Heeresabtheilung, welche von dem Marquis von Cadix geführt ward, die andre von einem Corps unter dem Oberbefehl von Don Alonzo de Aquilar und Luis Fernandez Puerto Carrero, dem tapfren Aelteſten von Palma. Der König blieb mit den übrigen Truppen zwiſchen den beiden Orten, um jeder Abtheilung Beiſtand leiſten zu können. Die Geſchützreihen eröffneten auf beide Orte zu gleicher Zeit ihr Feuer; und das Brüllen der Don⸗ nerbüchſen ward gegenſeitig in beiden Lagern gehört. Die Mauren machten häufige Ausfälle und leiſteten tapfern Widerſtand. Aber ſie wurden beſtürzt durch den furchtbaren Aufruhr der Feuerſchlünde, durch das Zu⸗ ſammenſtürzen ihrer Wälle. Indeß riefen die Lärmfeuer das Mauriſche Bergvolk von der Serrania zuſammen; ₰ — 220— es ſammelte ſich in großer Anzahl in der Stadt Monda, etwa eine Meile von Coin. Sie machten verſchiedne Verſuche, in die belagerte Stadt einzudringen, aber vergebens. Sie wurden jedes⸗ mal von den Chriſten aufgefangen und zurückgetrieben. In der Entfernung waren ſie genöthigt voll Verzwei⸗ flung die Zerſtörung des Ortes mit anzuſehen. In dieſer Lage ritt eines Tags ein wilder, ſtolzer Mauriſcher Häuptling an der Spitze einer Bande ſchwar⸗ zer, Afrikaniſcher Reiter in Monda ein. Es war Ha⸗ met El Zegri, der hochbeherzte Alcayde von Ronda mit ſeinem Haufen Gomeren. Er hatte ſich noch nicht von der Wuth und Demüthigung erholt, womit ihn ſeine Niederlage an den Ufern des Lopera bei dem unſeligen Ausfall des greiſen Bexir überhäuft hatte, als er, nach⸗ dem er ſein tapferſtes Gefolge verloren, gezwungen wor⸗ den, ſich heimlich in ſeine Berge zurückzuſtehlen. Immer ſeitdem hatte er nach Rache gedürſtet. Jetzt ritt er unter die zu Monda verſammelten Hau⸗ fen von Kriegern. Wer unter euch,» rief er,«wer fühlt Erbarmen mit den Weibern und Kindern von Coin, die der Gefangenſchaft, dem Tod ausgeſetzt ſind. Wer es ſey, er folge mir, mir, der bereit iſt, als ein Mos⸗ lim für die Befreiung der Moslim zu ſterben.» So ſagend ergriff er ein weißes Banner, ſchwenkte es über ſein Haupt und ritt aus der Stadt von den Gomeren begleitet. Viele Krieger, durch ſein Wort und Beiſpiel erregt, ſprengten entſchloſſen ſeiner Fahne — 221— nach. Das Volk von Coin, das auf dieſen Anſchlag vorbereitet worden, ſtürzte heraus, als es die weiße Fahne gewahrte, und machte einen Angriff auf das chriſtliche Lager. In dieſem Augenblick der Verwirrung ſtürzten Hamet und ſein Gefolge in die Thore. Dieſe Verſtärkung gab den Belagerten neuen Muth und Hamet ermahnte ſie, hartnäckig auszuhalten in der Vertheidigung ihres Lebens, ihrer Stadt. Die Gomeren waren abgehärtete Krieger, je mehr ſie angegriffen wur⸗ den, deſto tapfrer fochten ſie. 3 Endlich wurde eine große Breſche in die Mauern ge⸗ macht, und Ferdinand, der ungeduldig über den Wider⸗ ſtand des Ortes ward, hieß den Herzog von Narera und den Grafen von Benavente mit ihren Truppen eindrin⸗ gen, und da ihre Streitkraͤfte nicht hinlänglich waren, ſandte er dem Herzoge von Medina Celi, Luis de Cerda, Befehl, einen Theil ſeines Volks ihnen zum Beiſtand zu ſchicken. Der Lehnſtolz des Herzogs wurde durch dieß Ver⸗ langen erregt.„Sagt meinem Herrn, dem König,» erwiederte der ſtolze Grande, adaß ich gekommen bin, ihn mit meinen Haustruppen zu unterſtützen; wenn mein Volk irgend wohin entboten wird, gehe ich mit ihm, aber wenn ich im Lager bleiben ſoll, müſſen ſie bei mir bleiben; denn Truppen können nicht dienen ohne ihren Befehlshaber, noch ihr Befehlshaber ohne ſeine Truppen.⸗ Die Entgegnung des hochmüthigen Granden ſetzte den klugen Ferdinand in Verlegenheit, da er den eiferſichti⸗ — —— 2 —y— —— —— —ÿ— — 222— gen Stolz ſeiner mächtigen Edlen kannte. Indeß war das Volk im Lager, nachdem alle Vorkehrungen zum Sturm getroffen worden, ungeduldig gegen den Feind geführt zu werden. Da ſetzte ſich Pero Ruiz de Alarcon an ihre Spihe, und ihre Manta oder tragbare Bollwerke und ihre an⸗ dren Schutzmittel ergreifend, machten ſie einen heftigen Angriff und fochten ſich bis an die Breſche durch. Die Mauren wurden durch die Wuth ihres Anfalls überraſcht, ſie zogen ſich kämpfend bis auf den Stadtplatz zurück. Pero Ruiz de Alarcon glaubte nun ſchon, der Ort ſey weggenommen, als plötzlich Hamet und ſeine Gome⸗ ren mit wildem Kriegsgeſchrei durch die Straßen ſauß⸗ ten, und wüthend über die Chriſten herfielen. Dieſe wurden nun ihrer Seits zurückgeſchlagen, und, während ſie im Antlitz von den Gomeren angegriffen wurden, von den Einwohnern mit allen Arten Geſchoſſen von den Dächern und Fenſtern aus beunruhigt. Endlich wi⸗ chen ſie, und zogen ſich durch die Breſche zurück. Pero Ruyz de Alarcon hielt noch in einer der Haupt⸗ ſtraßen Stand. Die wenigen Ritter, die um ihn waren, drangen in ihn, zu fliehen.«Nein,» ſagte er,«ich kam hierher um zu fechten, nicht um zu fliehen.“ Er wurde alsbald von den Gomeren umringt. Seine Gefährten flohen, das Leben zu retten; vorher ſchauten ſie ſichnach ihm um, und ſahen ihn mit Wunden bedeckt, aber noch verzwei⸗ flend fechtend für den Ruhm eines wackern Ritters. (Pulgar. part, III. cap. 42.) — 223— Der Widerſtand der Einwohner, wenn auch von der Kraft der Gomeren unterſtützt, war von keinem Erfolg. Das Belagerungsgeſchütz der Chriſten zerſtörte ihre Wälle, brennbare Stoffe wurden in ihre Stadt geworſen, wel⸗ che an verſchiednen Orten in Feuer aufging, und ſte ſelbſt ſahen ſich endlich zum Unterhandeln gezwungen. Es wurde ihnen vergönnt, mit ihren Habſeligkeiten, und den Gomeren mit ihren Waffen auszuziehn. Hamet El Zegri und ſein Afrikaniſches Volk brach hervor und ritt ſtolz durch das chriſtliche Lager, auch konnten die Spaniſchen Ritter ſich nicht enthalten, jenen kühnen Krieger und ſeine getreuen, furchtloſen Begleiter mit Bewunderung anzuſtaunen. Der Eroberung von Coin folgte die von Cartama. Die Befeſtigungen der letztren Stadt wurden hergeſtellt und gehörig bemannt; aber Coin, das zu ausgedehnt war, um von einer mäßigen Streitmacht vertheidigt zu werden, ſah ſeine Wälle abtragen. Die Belagerung dieſer Orte brachte ſolches Schrecken über das umliegende Land, daß die Mauren in vielen der benachbarten Städte ihre Heimath verließen, und mit ihren Habſeligkeiten, ſo weit ſie ſie fortſchaffen konnten, davon flohen. Daher gab denn der König Befehl ihre Wälle und Thürme zu zerſtören. König Ferdinand ließ jetzt ſein Lager und ſein ſchwe⸗ res Geſchütz bei Cartama und hegab ſich mit ſeinen leich⸗ teren Truppen auf einen Streifzug nach Malaga. Um dieſe Zeit war der geheime Angriffsplan, den man im ——— 1 1 — 224— Kriegsrath zu Cordova entworfen hatte, aller Welt be⸗ kannt geworden. Der thätige Kriegsmann, El Zagal, hatte ſich in den Platz geworfen. Er hatte alle Feſtungswerke, welche von auſſerordentlicher Feſtigkeit waren, in Vertheidi⸗ gungszuſtand geſetzt, und den Alcayden der Bergſtädte den Beſehl geſandt, mit ihrer Streitmacht zu ſeiner Un⸗ terſtützung herbeizueilen. An demſelben Tag, wo Ferdinand vor dem Orte er⸗ ſchien, machte El Zagal einen Ausfall, ihn an der Spitze von tauſend Reitern der auserleſenſten Krieger Grana⸗ da's zu empfangen. Ein heißes Geſecht entſpann ſich in den Gärten und Olivenhainen nahe bei der Stadt. Viele wurden auf beiden Seiten getödtet, welches den Chriſten einen ſcharfen Vorſchmack von dem gab, was ſie zu er⸗ warten haben dürften, wenn ſie die Belagerung des Platzes unternähmen. Als das Gefecht vorüber war, hatte der Marquis von Cadix eine beſondre Unterredung mit dem König. Er ſtellte die Schwierigkeit vor, welche die Belagerung Malaga's mit ihrer gegenwärtigen Streitmacht darbot, beſonders da ihre Plane entdeckt und ihnen zuvorgekommen worden, und das ganze Land über die Gebirge herüber⸗ ziehe, um ſich zu widerſetzen. Der Marquis, welcher geheime Nachrichten von allen Seiten empfing, hatte von Juceph Perife, einem Mau⸗ ren aus Ronda, aber von chriſtlicher Abkunft, ein Schrei⸗ ben erhalten, welches ihn mit der Lage jenes wichtigen Platzes und ſeiner Beſatzung bekannt machte, und ihm verrieth, daß der Augenblick zu einem Angriff günſtig ſey. Deßwegen drang der Marquis in den. König, die⸗ ſen kritiſchen Zeitpunkt zu ergreifen, und ſich eines Or⸗ tes zu bemächtigen, der eine der ſtärkſten mauriſchen Feſten auf der Grenze wäre, und in den Händen Ha⸗ met's El Zegri die Geißel von ganz Andaluſſen geweſen. Der gute Marquis hatte noch einen andern Beweg⸗ grund bei ſeinem Rath, welcher aber einem wahren, ed⸗ len Ritter ſehr anſtändig war. In den tiefen Kerkern von Ronda ſeufzten mehrere ſeiner Waffengefährten, wel⸗ che bei der Niederlage in der Ararquia gefangen genommen worden. Ihre Feſſeln zu brechen, und ſie der Freiheit und dem Lichte zurückzugeben, hielt er für beſondre Pflicht, da er einer von denen geweſen, welche dieſe un⸗ ſelige Unternehmung am meiſten gefördert hatten. König Ferdinand hörte auf den Rath des Marquis. Er wußte, von welcher Wichtigkeit Ronda war, da es als der Schlüſſel vom Königreich Granada angeſehen wurde; auch wollte er die Einwohner für die Hülfelei⸗ ſtung beſtrafen, die ſie der Beſatzung in Coin hatten widerfahren laſſen.. Die Belagerung von Malaga wurde daher für jetzt aufgegeben, und Vorkehrungen zu einer raſchen, gehei⸗ men Bewegung gegen die Stadt Ronda getroffen. Irving's Granada. 1— 3. Dreißigſtes Kapitel. Belagerung von Ronda. — Der kühne Hamet El Zegri, der Alcayde von Ronda war finſter nach der Uebergabe von Coin in ſeine Feſte zurückgekehrt. Er hatte ſein Schwert mit Chriſtenblut geröthet, aber ſein Rachedurſt war noch nicht geſtillt. Hamet rühmte ſich der Stärke ſeiner Feſte, der Kraft ſeines Volks. Eine muthige, kühne Bevölkerung war zu ſeinem Befehl, ſeine Lärmfeuer konnten alle Krieger der Serrania aufbieten, ſeine Gomeren lebten faſt nur von der aus Andaluſien gewonnenen Beute, und in dem Felſen, auf welchem ſeine Feſte gebaut war, befanden ſich hoffnungsleere Kerker, die mit gefangnen Chriſten erfüllt waren, welche von dieſen Kriegsadlern auf den Bergen weggeführt worden. Ronda wurde als unerſteiglich betrachtet. Es lag in dem Herzen wilder, rauher Gebirge und hing an einem einzeln ſtehenden Felſen, der von einem feſten Schloß mit dreifachen Mauern und Thürmen begrenzt war. Eine tiefe Schlucht oder vielmehr ein ſenkrechter Felsſpalt von furchtbarer Tiefe umgab drei Theile der Stadt, durch dieſen fluthete der Rio Verde oder der grüne Strom. Ddie Stadt hatte auch zwei Vorſtädte, mit Wällen und Thürmen umgeben und wegen der natürlichen Steile —ö— — 227— der Felſen faſt unzugänglich. Rings um dieſe klippenum⸗ gebene Stadt waren tiefe, reiche Thäler, von Bergen geſchützt, von beſtändigen Strömen erfriſcht, mit Korn und den lieblichſten Früchten überladen, und grüne Auen dem Auge ausbreitend; auf ihnen weidete eine weithin berühmte Zucht von Pferden, den beſten im ganzen Kö⸗ nigreich zu einem Streifzug. Hamet El Zegri war kaum nach Ronda zurückgekehrt, als er die Nachricht erhielt, das Chriſtenheer ziehe zur Belagerung Malaga's heran; zu gleicher Zeit kamen Be⸗ fehle von El Zagal, ihm Truppen zur Unterſtützung zu ſchicken. Hamet ſandte zu dieſem Zweck einen Theil der Beſatzung; er ſelbſt aber ſann indeß auf eine Unterneh⸗ mung, zu der er von Stolz und Rache getrieben wurde. Ganz Andaluſten war jetzt von Truͤppen entblößt, und ſo bot ſich eine Gelegenheit zu einem Einfall dar, durch den er die Schande ſeiner Niederlage in der Schlacht bei Lopera auslöſchen könnte. Da er für ſeine Berg⸗ ſtadt keine Gefahr fürchtete, jetzt da der Sturm des Kriegs ſich hinunter in die Vega von Malaga gezogen hatte, ließ er nur ſehr wenig von ſeiner Beſatzung zu⸗ rück, um die Wälle zu bewachen, ſetzte ſich an die Spitze ſeiner Gomeren⸗Bande und ſaußte plötzlich hinunter in die Ebenen von Andaluſten. Er durchſtreifte faſt ohne Widerſtand jene ausgedehn⸗ ten Campina oder Weideländer, welche einen Theil des Gebiets des Herzogs von Medina Sidonia bilden. Ver. gebens wurden die Glocken gezogen, die Laͤrmfeuer ange⸗ 15* — 228— zündet, Hamet's Haufe war ſchon vorüber, ehe die ge⸗ ringſte Streitmacht ſich zu ſammeln vermochte, und man konnte ſie nur, gleich einem Orkan an der Verwuͤſtung ver⸗ folgen, die ſie verheerend und plündernd hervorgebracht. Hamet gelangte ſicher in die Serrania de Ronda zu⸗ luck, frohlockend über ſeinen erfolgreichen Streifzug. Die Bergſchluchten wurden mit langen Viehheerden und Scha⸗ fen aus den Campina der Medina Sidonia erfüllt. Auch ſah man Maulthiere mit dem Raub aus den Dörfern beladen und jeder Krieger hatte irgend eine koſtbare Beute von Juwelen für ſeine begünſtigte Herrin. Als El Zegri ſich Ronda näherte, ward er aus ſei⸗ nem geträumten Triumph durch das Getös des ſchweren Geſchützes aufgeſchreckt, welches durch die Bergengen brüllte. Es ahnte ihm nichts Gutes, er drückte ſeinem Roſſe die Sporn ein, und ſprengte der ſäumenden Beu⸗ teheerde voran. Je mehr er ſich näherte, deſto heftiger ward das Ge⸗ töſe des Geſchützes, welches von Klippe zu Klippe wi⸗ derhallte. Er ſpornte ſein Roß einer zackigen Anhöhe hinauf, welche eine weite Ausſicht gewährte, und erſchaute zu ſeiner Beſtürzung das Land weiß von den Zelten eines Belagerungsheers. Die königliche Fahne, welche vor einem prächtigen Zelt entfaltet war, zeigte, daß Ferdinand ſelbſt gegenwärtig ſey, während das immerwährende Blitzen und Donnern der Geſchütze und die Maſſen des über⸗ hangenden Rauchs verrieth, daß das Werk der Zerſtö⸗ rung in vollem Gange ſey. Dem königlichen Heer war's gelungen, Ronda wäh⸗ rend der Abweſenheit ſeines Alcayden und des größ⸗ ten Theils ſeiner Beſatzung plötzlich zu überfallen, aber ſeine Einwohner waren kriegeriſch und vertheidigten ſich tapfer, vertrauend, daß Hamet und ſeine Gomeren bald zu ihrer Unterſtützung zurückkehren würden. Die geprieſene Feſtigkeit ihrer Bollwerke war von geringem Nutzen gegen die geſchützreichen Belagerer ge⸗ weſen. In einem Zeitraum von vier Tagen wurdeu drei Thürme und große Stücke von den Wällen, welche die Vorſtädte ſchützten, niedergeſchoſſen, und die Vorſtädte weggenommen und geplündert. Donnerbüchſen und andres ſchwere Geſchütz wurden nun auf die Wälle der Stadt gerichtet, und Steine und Geſchoſſe aller Art in die Straßen geſchleudert. Der Fels ſogar, worauf die Stadt ſtand, erbebte vom Don⸗ ner des Geſchützes, und die gefangnen Chriſten, tief in ſeinen Kerkern, prießen das Getös als den Vorboten der Befreiung. Als Hamet El Zegri ſo ſeine Stadt umgeben und angegriffen ſah, rief er ſeiner Mannſchaft ihm zu folgen und machte einen verzweifelten Angriff, um ſich einen Weg zur Befreiung der Stadt durchzuhauen. Sie ſchlichen ſich heimlich durch die Gebirge, bis ſle an die Anhöhen kamen, welche, dem chriſtlichen Lager am nächſten, über es hinhingen. Als die Nacht hereingebro⸗ chen, und ein Theil des Heers in Schlaf verſunken war, ſtiegen ſie den Felſen herab, und ſtürzten plötzlich auf — 230— den ſchwächſten Theil des Lagers her, um zu verſuchen durchzubrechen und die Stadt zu gewinnen. Das Lager war zu feſt, um geſprengt zu werden; ſie wurden auf die Klippen der Berge zurückgetrieben, von wo ſie ſich durch Schauer von Steinen und Wurſſpießen, die ſie auf ihre Verfolger herabſchleuderten, zu vertheidi⸗ gen vermochten. Jetzt zündete Hamet Lärmfeuer auf den Höhen rings um an; zu ſeiner Fahne eilten die umwohnenden Berg⸗ völker und Truppen aus Malaga. So verſtärkt, machte er wiederholte Anfälle auf die Chriſten, und ſchnitt alles ab, was ſich vom Lager entfernte. All ſeine Bemühun⸗ gen jedoch, ſich einen Weg in die Stadt zu erzwingen, waren fruchtlos. Viele ſeiner Tapferſten wurden erſchla⸗ gen, und er genöthigt, ſich in die Feſten der Berge zu⸗ rückzuziehn. Mittlerweile nahm die Noth in Ronda mit jeder Stunde zu. Nachdem ſich der Marquis von Cadix in Beſitz der Vorſtädte geſetzt, konnte er ſich bis an den Fuß des ſenkrechten Abhangs nähern, welcher ſich aus dem Strome erhob, und auf deſſen Gipfel die Stadt er⸗ baut iſt. Am Fuß dieſes Felſen iſt eine lebendige Quelle klaren Waſſers, das in ein großes, natürliches Becken, hinein⸗ fällt. Ein geheimer, unterirdiſcher Gang fuͤhrte von der Stadt her mehrere hundert in den Felſen gehauene Stu⸗ fen hinunter zu dieſer Quelle. Von hieraus erhielt die Stadt hauptſächlich ihr Waſſer, und die Stufen waren 8 — 231— tief ausgetreten von den müden Füßen der Chriſtenge⸗ fangnen, welche zu dieſem beſchwerlichen Dienſt gebraucht wurden.—. Der Marquis von Cadix entdeckte dieſen unterirdiſchen Durchgang und wieß ſeine Schanzgräber an, ſich durch die feſte Felſenmaſſe zu ihm hinzugraben. Sie drangen bis zu dem Schacht vor, verſtopften ihn und beraubten die Stadt der Wohlthat dieſer koſtbaren Quelle. Während der Marquis von Cadirx auf dieſe Art die Belagerung mit Eifer betrieb, und von der edlen Abſicht durchglüht war, ſeine Waffengefährten bald aus den Mau⸗ riſchen Kerkern zu befreien, war Hamet El Zegri, der Alcayde, von ganz andern Gefühlen bewegt. Er zer⸗ ſchlug ſich die Bruſt, er biß ſich die Zähne in ohnmäch⸗ tiger Wuth, wenn er von den Bergklippen aus die Ver⸗ heerung der Stadt mit anſah. Jeder Donner aus dem chriſtlichen Geſchütz ſchien gegen ſein Herz zu treffen. Er ſah am Tage Thurm nach Thurm einſtürzen und bei Nacht ſprühte die Stadt gleich einem Vulkan. »Sie feuerten nicht nur Steine aus ihrem Geſchütze, ſagt ein Chroniſt jener Zeit,«ſondern auch große Eiſen⸗ kugeln, welche in irdenen Formen gegoſſen waren und alles zerſtörten, worauf ſie trafen.“ Sie ſchoſſen auch Wergkugeln ab, welche mit Pech, Oel und Schießpulver gefüllt waren, und einmal entzündet, nicht wieder ausge⸗ löſcht werden konnten, ſondern die Häuſer in Flammen ſetzten. Der Schrecken der Einwohner war groß. Sie wuß⸗ — 232— ten nicht, wo ſie ſich zu ſchützen hinfliehen ſollten. Ihre Häuſer waren in Gluth oder vom Geſchütz zertrümmert. Die Straßen waren voll Gefahr wegen der einſtürzenden Trümmer und der Kugeln, die in großen Bogen herein⸗ ſaußten, und alles in Stücke ſchlugen, was ihnen entge⸗ genſtand. Bei Nacht war die Stadt einem ſprühenden Ofen gleich, das Schreien und Wehklagen der Weiber hörte man unter dem Donner des Geſchützes, es erreichte ſelbſt die Ohren der Mauren auf den gegenüberliegenden Ber⸗ gen, die es mit Tönen der Wuth und Verzweiflung er⸗ wiederten. Da alle Hoffnung auf Hülfe von Auſſen verſchwunden war, wurden die Einwohner von Ronda endlich gezwun⸗ gen, zu unterhandlen. Ferdinand wurde leicht vermocht, ihnen günſtige Bedingungen zuzugeſtehn. Der Platz war längeren Widerſtandes fähig, und er fürchtete für die Sicherheit ſeines Lagers, da die Streitkräfte auf den Bergen ſich täglich mehrten, und häufige Anfälle machten. Den Einwohnern wurde vergönnt, mit ihrer Habe entweder nach der Berberei oder ſonſt wohin zu ziehn, und die, welche vorzögen in Spanien zu wohnen, erhiel⸗ ten Land angewieſen und wurden in der Uebung ihrer Religion geſchützt. Kaum hatte ſich der Ort übergeben, ſo wurden ſchon Abtheilungen ausgeſandt, um die Mauren anzugreifen, welche auf den nahen Bergen herumſchwärmten. Doch blieb nicht Hamet El Zegri, um eine fruchtloſe Schlacht — —— zu verſuchen. Er gab das Spiel verloren, und zog ſich mit ſeinen Gomeren, von Gram und Wuth erfüllt, zu⸗ rück, doch vertraute er dem Geſchick, es werde ihm künf⸗ tig noch Rache vergönnen. Die erſte Sorge des guten Marquis von Cadir, als er in Ronda einzog, war, ſeine unglücklichen Waffenbrü⸗ der aus den Kerkern der Feſte zu befreien. Welche Ver⸗ änderung in ihren Zügen ſeit der Zeit, wo ſie von Ge⸗ ſundheit und Hoffnung glühend und in kriegeriſchem Ge⸗ pränge zu dem Bergzug ausgerückt waren. Viele waren faſt nackt; Eiſen an den Knöcheln, Bärte, die ihnen über die Bruſt herabfielen. Ihr Zuſammentreffen mit dem Marquis war freudig, doch hatte es den Anſtrich des Jammers, denn ihre Freude war gemiſcht mit mancher bitteren Rückerinnerung. Es fand ſich auch noch eine ſehr große Menge andrer Ge⸗ fangenen, unter denen man mehrere Jünglinge aus den vornehmſten Geſchlechtern bemerkte, welche aus kindlicher Liebe ſich an die Stelle ihrer Väter zu Gefangnen über⸗ geben hatten. Dieſe Eingekerkerten wurden alle mit Maulthieren verſehen, und zur Königin nach Cordova geſchickt. Das menſchenfreundliche Herz Iſabellens zerſchmolz bei dem Anblick dieſes traurigen Zugs. Sie wurden alle von ihr mit Nahrung und Kleidern verſehen, und ihnen Geld ausbezahlt, um die Koſten auf ihrer Heimreiſe beſtreiten zu können. Ihre Ketten hing man als fromme Trophäen auſſen — 234— an die Kirche St. Juan de los Reyes in Toledo auf, wo der chriſtliche Reiſende noch auf den heutigen Tag ſeine Augen an ihrem Anblick weiden kann. 4 Unter den Mauriſchen Gefangnen befand ſich ein jun⸗ ges, ungläubiges Mädchen von hoher Schönheit, das Chriſtin zu werden und in Spanien zu bleiben begehrte. Sie war von dem Licht des wahren Glaubens durch die Bemühungen eines Jünglings erfüllt worden, der in Ronda geſangen geweſen. Er wollte ſeinem guten Werke, dadurch daß er ſie heirathete, die Krone aufſetzen. Die Königin billigte ihre frommen Wünſche, doch erſt nach⸗ dem ſie Sorge getragen, daß das junge Mädchen durch das heilige Sakrament der Taufe gehörig gereinigt worden. «So wurde dieſes peſthafte Neſt des Kriegs und der Untreue, die Stadt Ronda,» ſagt der würdige Bruder Antonio Agapida, zum wahren Glauben durch den Donner unſres Geſchützes bekehrt. Ein Beiſpiel, dem bald das von Caſanbonelas, Alarbella und andern Städ⸗ ten in dieſen Gegenden folgte; ſo daß im Laufe dieſes Zugs nicht weniger als zwei und ſiebzig Orte von der verruchten Sekte Muhamed's erlößt, und unter die ſe⸗ gensreiche Herrſchaft des Kreuzes geſtellt wurden. Inhalt. Vorrede..*.. 4 4. Erſtes Kapitel. Von dem Königreich Granada, und dem Tribut, den es der Caſtiliſchen Krone bezahlte....... Zweites Kapitel. Wie die katholiſchen Fürſten ſchickten, um den rückſtändigen Tribut vom Mau⸗ ren zu verlangen, und was der Maure ent⸗ gegnete.. Jrittes Kapitel. Wie der Maure beſchloß, den erſten Streich im Kriege zu führen Ziertes Kapitel. Zug Muley“s Aben Haſſan gegen die Feſte Zahara.... Fünftes Kapitel. Zug des Marquis von Ca⸗ dir gegen Alhaa..... Sechſtes Kapitel. Wie das Volk von Gra⸗ nada bei der Nachricht von der Eroberung Al⸗ hama's ſich benahm, und wie der Mauren⸗König zur Wiedereroberung forteilte. 2—. Siebentes Kapitel. Wie der Herzog von Medina Sidonia und die andaluſiſche Ritter⸗ ſchaft zur Entſetzung Alhama's herbeieilte. Achtes Kapitel. Folge der Begebenheiten zu Alhama... Neuntes Kapitel. Vorfälle zu Granada, Em⸗ pörung des Mauren⸗Königs Boabdil El Chico Zehntes Kapitel. Des Königs Zug gegen Lora . 15 24 Eilftes Kapitel. Wie Muley Aben Haſſan in die Lande von Medina Sidonia einbrach, und wie er empfangen ward.... Zwölftes Kapitel. Einbruch der Spaniſchen Ritter in die Gebirge von Malaga. Dreizehntes Kapitel. Folgen der Anfälle auf den Gebirgen von Malaga. Vierzehntes Kapitel. Wie König Boabdil El Chico über die Grenze zog Fünfzehntes Kapitel. Wie der Graf von Cabra aus ſeiner Feſte hervorbrach, um den Kö⸗ nig Boabdil aufzuſuchen.. Sechszehntes Kapitel. Schlacht ber Lnrena Siebenzehntes Kapitel. Klagen der Mau⸗ ren über die Schlacht bei Lucena. Achtzehntes Kapitel. Wie Muley Aben Haſſan das Unglück ſeines Sohnes für ſich benutzte Neunzehntes Kapitel. Gefangenſchaft Boab⸗ dil's El Chico...... Zwanzigſtes Kapitel. Von der Aufnahme Boabdil's bei den Caſtiliſchen Fürſten. Ein und zwanzigſtes Kapitel. Boacdil's Rückkehr aus der Gefangenſchaft Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Einbruch der Mauriſchen Alcayden, Schlacht am Lopera Drei und zwanzigſtes Kapitel. Rückzug Hamet's El Zegri, des Alcayden von Ronda. Vier und zwanzigſtes Kapitel. Von dem 12 146 15¹1 157 164 177 hohen und feierlichen Empfang des Grafen de Cabra und des Alcayden der Donzelen am Hof Fünf und zwanzigſtes Kapitel. Wie der Marquis von Cadix den Plau faßte, Zahara zu überfallen, und wie ſeine Unternehmung gelang Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Von der Feſte Alhama, und wie weiſe ſie von dem Gra⸗ fen de Tendilla befehligt ward... Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Einfall der chriſtlichen Ritter in das Gebiet der Mauren Acht und zwanzigſtes Kapitel. El Zagal's Verſuch Boabdil in Almeria zu überfallen Neun und zwanzigſtes Kapitel. Wie Kö⸗ nig Ferdinand einen neuen Zug gegen die Mau⸗ ren unternahm und Coin und Cartama belagerte Dreißigſtes Kapitel. Belagerung von Ronda Ein und dreißigſtes Kapitel. Wie das Volk von Granada El Zagal auf den Thron rief, und dieſer nach der Hauptſtadt zog.. Zwei und dreißigſtes Kapitel. Wie der Graf de Cabra einen zweiten König zu fangen ver⸗ ſuchte, und wie ſein Plan ihm gelang. Drei und dreißigſtes Kapitel. Zug gegen die Feſten Cambil und Albahar.. Vier und dreißigſtes Kapitel. Unterneh⸗ mung der Calatraven Ritter gegen Zalea. Fünf und dreißigſtes Kapitel. Tod des greiſen Muley Aben Haſſan's. * Seite 182 188 Sechs und dreißigſtes Kapitel. Von dem Chriſtenheer, welches ſich in Cordova ſammelte Sieben und dreißigſtes Kapitel. Wie neue Unruhen in Granada udtrachen und das Volk ſie zu dämpfen ſuchte Acht und dreißigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand einen K Tiegsralh am Fels der Lieben⸗ den hieit.. Neun und dreißigſtes Kapiter. Wie das königliche Heer vor der Stadt Lora erſchien, und wie es empfangen wurde, und von den tapſern Thaten des Engliſchen Grafen.. Vierzigſtes K Kapitet. Gchluß der Velagerund von Loxa. Ein und ierzigſtes Kapitel. Eiunaßun von Illora. Zwei und vierzigſtes Kapitel. Von der Ankunft der Königin Iſabelle im Lager vor Moeclin, und von den keinan Reden des eial ſchen Grafen.. Drei und vierzigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand Moclin angriff und von den ſeltſamen Begebenheiten, die deſſen Eroberung begleiteten Vier und vierzigſtes Kgpitel. Wie König Ferdinand die Vega durchſtreifte, und von dem Schickſal der zwei Mauriſchen Brüder. Fünf und vierzigſtes Kapitel. El Zagal's Anſchlag auf Boabdil's Leben, und wie dieſer wieder zur Thätigkeit gebracht wurde.. Sechs und vierzigſtes Kapitel. Wie Boab⸗ dil heimlich nach Granada zurückkehrte, und wie er empfangen ward...... ———yy — 8 8 —. ſſſſſſfffffſfffffff 15 16 1 bliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ 3 v on 3. + Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„—„ 3„—=„„—„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſumn Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 —— Eroberung Granada's, aus den * Papieren Bruders Antonio Agapida, v D n Waſhington Jrving. 4 Aus dem Engliſchen überſetzt von K. Meurer. Troeder a.,. Frankfurt am Main, 1829. d Gedruckt und verlegt bei Johann David Sanerländer. — Ein und dreißigſtes Kapitel. Wie das Volk von Granada El Zagal auf den Thron rief, und dieſer nach der Hauptſtadt zog⸗ Das Volk von Granada war ein wetterwend'ſcher, unbeſtändiger Haufe, außerordentlich geneigt, Könige zu ſetzen und abzuſetzen. Sie hatteng lange Zeit zwiſchen dem alten Muley Aben Haſſan und ſeinem Sohn Boabdil El Chico hin und her geſchwankt, bald den einen, bald den andern, und manchmal beide zugleich, je nach der Höhe und dem Drängen der äußeren Uebel, auf den Thron geſetzt. Dennoch fanden ſie, daß jeder Veränderung zum Trotz die Uebel ſε immer mehrten, und waren ſo mit ihrem Verſtand zu Ende; wußten keine neue Einrichtung und Anordnung auszuſinnen, wodurch eine kräftige Regierung unter den beiden ſchlechten Königen zu Stande gebracht werden möchte. Als die Kunde von Ronda's Fall, der die Grenze in die größte Gefahr brachte, anlangte, fand eine ſtürmiſche Verſammlung auf einem der öffentlichen Platze ſtatt. Wie gewöhnlich gab das Volk das Unglück des Landes aus⸗ ſchließlich den Fehlern ſeiner Fürſten Schuld; denn der gemeine Haufe kann ſich niemals denken, daß ein Theil ſeines Elends von ihm ſelbſt herrühren könnte. 1 8 — 236— Ein liſtiger Faki, namens Alyme Mazer, der den Lauf ihres Unwillens beobachtet hatte, erhob ſich jetzt und ſprach ſo zu ihnen: «Ihr habt gewählt und verändert,» ſagte er,«habt euch von einem zum andern Fürſten gewandt, und wer und was ſind ſie? Muley Aben Haſſan, der eine, ein von Alter und Gebrechlichkeiten erſchöpfter Mann, nicht im Stande, gegen den Feind auszuziehn, ſelbſt wenn er bis an die Thore der Stadt ſeine Verwüſtungen ausbrei⸗ tet; und Boabdil El Chico, der andre, ein Abtrünniger, ein Verräther, ein ſeinem Thron Entlaufener, ein bei den Feinden ſeines Volks um Hülfe flehender Flüchtling, ein Mann, von ſeinem Geſchick zum Leiden beſtimmt, und ſprüchwörtlich der Unglückliche genannt.“ «In einer Zeit drängender Kriegsnoth, wie die gegen⸗ wärtige, iſt nur der geſchickt ein Scepter zu halten, der auch ein Schwert zu führen vermag. Wollt ihr einen ſolchen Mann euch auserſehen? Ihr braucht nicht weit zu ſuchen. Allah hat ſolch einen in dieſer Zeit der Noth euch geſandt, um das Geſchick Granada's zu erhöhen.» «Ihr wißt ſchon, wen ich meine; ihr wißt, es kann niemand anders ſeyn, als euer General, der unüberwind⸗ liche Abdallah, deſſen Beiname El Zagal das Loſungswort in der Schlacht geworden, welches den Muth der Gläu⸗ bigen aufregt, und mit Schrecken ihre Feinde erfüllt.» Die Menge nahm des Faki Worte mit Beifall auf; ſie wurden von dem Gedanken geſchmeichelt, einen dritten König über Granada herrſchen zu ſehen, und da Abdal⸗ lah El Zagal vom königlichen Geblüte war, und auch jetzt ſchon im eigentlichen Beſitz der oberſten Herrſchaft ſich befand, ſo lag in dieſem Schritte nichts, was raſch oder gewaltſam hätte erſcheinen mögen. So wurde denn eine Geſandtſchaft an El Zagal nach Malaga geſchickt, welche ihn einlud, in Granada zu erſcheinen, um ſich die Krone aufzuſetzen. El Zagal zeigte großes Erſtaunen und Widerwillen, als die Geſandtſchaft ihm angekündigt wurde, und nur ſein patriotiſcher Eifer für die öffentliche Sicherheit, und ſeine brüderliche Liebe, die ihn trieb, den bejahrten Aben Haſſan den Sorgen der Regierung zu überheben, ver⸗ mochte ihn, die gebotene Krone anzunehmen. Er überließ alſo Rodovan de Vanegas, einem der tapferſten Mauriſchen Generale den Oberbefehl über Ma⸗ laga, und eilte nach Granada, von dreihundert treuen Rittern geleitet. Der greiſe Muley Aben Haſſan wartete die Ankunft ſeines Bruders nicht ab. Nicht im Stande, länger den Stürmen der Zeiten zu trotzen, war ſeine einzige Sorge, einen ſichern, ruhigen Hafen der Ruhe aufzuſuchen. In einem der tiefſten Thäler, welche die mittelländiſche Kü⸗ ſten umſäumen, und die auf der Landſeite von ungeheuren Gebirgen verſchloſſen ſind, ſtand die kleine Stadt Almu⸗ necar. Das Thal wurde von dem Frio durchſchnitten, und hatte, von ſeinen Fluthen benetzt, Ueberfluß an Obſt, Korn und Getreideland. Die Stadt war ſtark befeſtigt, und der Alcayde und die Beſatzung dem alten Fürſten ſehr ergeben. Dieß war der Ort, welchen ſich Muley Aben Haſſan zur Freiſtätte erkohren. Seine erſte Sorge war, alle ſeine Schätze dahin zu ſchicken, ſeine nächſte, dort ſelbſt hinzufliehen, ſeine dritte, den Befehl zu geben, ſeine Sultane Zorayna mit ihren zwei Söhnen ſolle ihm folgen. Mittlerweile ſetzte Muley Abdallah El Zagal ſeinen Zug, von ſeinen dreihundert Reitern begleitet, nach der Hauptſtadt fort. Die Straße von Malaga nach Gra⸗ nada windet ſich dicht an Alhama vorbei, und wird von jener Feſte beherrſcht. Dieß war, ſo lange Alhama von dem Grafen de Tendilla befehligt ward, ein ſehr gefährlicher Paß für die Mauren geweſen. Nicht ein Wandrer konnte ſeinem Adlerblick entgehen; und ſeine Beſatzung war immer zu einem Ausfall bereit. Der Graf de Tendilla war aber von ſeinem gefährlichen Poſten entſetzt, und dieſer dem Clavero oder Schatzmeiſter des Calatraven⸗Ordens Don Gutiere de Padilla übergeben worden. Dieß war ein ruhiger, ſtiller Mann, der dreihundert tapfre Ritter ſeines Ordens und noch viele Lohnſoldaten unter ſeinem Befehle hatte. Die Beſatzung war in ihrer Kriegszucht heruntergekommen, die Ritter waren tapfer im Gefecht und kühn auf dem Streifzug, aber vertrau⸗ ten ſich zu ſehr, und waren nachläßig in den Vorſichts⸗ maßregeln. Kurz vor El Zagal's Zug war eine Anzahl dieſer 1n 4 — 239— Ritter mit mehreren Solsaten von Handwerk, aus der Beſatzung, in allem hundert und ſiebzig Mann, ausgezo⸗ gen, um das Mauriſche Land, während ſeiner gegenwär⸗ tigen verwirrten Lage zu beunruhigen. Sie verwüſteten die Thäler der Sierra Nevada oder der Schneegebirge, und wollten eben fröhlichen Muthes und mit Beute be⸗ laden zurückgehn. Als El Zagal die Nähe Alhama's durchzog, gedachte er der alten Gefahren der Straße, und ſandte leichte Reiterei voraus, um jeden Felſen, jede Schlucht zu un⸗ terſuchen, wo ein Feind im Hinterhalt liegen könnte. Einer dieſer Kundſchafter entdeckte, als er über ein enges Thal hinſah, welches ſich nach der Straße zu öff⸗ nete, einen Reitertrupp an den ufern eines kleinen Fluſ⸗ ſes. Sie waren abgeſtiegen, und hatten ihren Pferden die Zäume abgenommen, damit ſie das friſche Gras an den Ufern des Fluſſes abweiden möchten. Die Reiter waren überall hin zerſtreut; einige ruh⸗ ten im Schatten der Felſen und Bäume, andre ſpielten um die Beute, die ſie gemacht hatten. Nicht eine Wache war ausgeſtellt, um Acht zu haben, alles verrieth die vollkommenſte Sorgloſigkeit von Leuten, die ſich über den Bereich jeder Gefahr hinaus glauben. Dieſe ſorgloſen Reiter waren wirklich Ritter des Ca⸗ latravenordens, welche mit einem Theil ihrer Waffenge⸗ fährten von ihrem Streifzug zurückkehrten. Ein Theil ihrer Streitkräfte war mit dem geraubten Vieh voraus⸗ — 240— gegangen, neunzig der angeſehenſten Ritter hatten Halt gemacht, und ruhten und erfriſchten ſich in dieſem Thal. El Zagal lächelte voll wilder Freude, als er von ih⸗ rer nachläßigen Sorgloſigkeit hörte. Hier gibt's Tro⸗ phäen,» ſagte er,«unſern Einzug in den Alhama zu ſchmücken.» Er näherte ſich dem Thal mit vorſichtiger Stille, ſchwenkte mit aller Eile in es hinein, und griff an der Spitze ſeiner Truppe die Chriſten ſo plötzlich und wuͤthend an, daß ſie nicht Zeit hatten, ihren Roſſen die Zäume anzulegen, oder auch nur in die Sättel zu ſpringen. Sie vertheidigten ſich ohne Ordnung aber mit Tapferkeit, fochten unter den Felſen und in dem ſteinichten Bette des Fluſſes. Ihr Widerſtand war unnütz, neun und ſiebzig wurden erſchlagen, die übrigen eilf gefangen genommen. Ein Theil der Mauren ſprengte der Viehheerde nach, und holte ſie bald ein, als ſie ſich langſam um einen Hü⸗ gel herumwand. Die Reiter, welche ſie geleiteten, nah⸗ men, als ſie den Feind in einiger Entfernung bemerkten, die Flucht, und ließen ſich die Beute von den Mauren wieder abnehmen. El Zagal ſammelte ſeine Gefangenen und die Beute, und zog, ſtolz auf den Erfolg, weiter nach Granada. Er wartete vor dem Thor von Eloira, denn bis jetzt war er noch nicht zum Könige ausgerufen worden. Dieſe Förm⸗ lichkeit wurde ſogleich vorgenommen, denn der Ruf von ſeiner eben vollbrachten Waffenthat war ihm zuvorgeeilt, und hatte die Gemüther des thörichten Volks beſtochen. — 241— Er zog in Granada wie im Triumph ein. Die eilf gefangenen Calatraven⸗Ritter gingen voran; dann prang⸗ ten die neunzig erbeuteten Roſſe vorüber, und trugen die Rüſtung und die Waffen ihrer früheren Eigenthümer; auf ihnen ritten jetzt Mauren. Dann kamen ſiebzig Mau⸗ riſche Reiter, an deren Sattelknöpfen eben ſo viele Chri⸗ ſtenhäupter hingen. Muley Abdallah El Zagal folgte auf ſie, umgeben von einer Anzahl ausgezeichneter, reich geſchmückter Ritter, und der Prunkzug wurde von einem langen Zug Heerden und Schafe und andrer von den Chriſten wiedereroberten Beute geſchloſſen.(Zurita lib. XX,. 62. Mariana, Hist. Espana. Abarca, Anales de Aragon.) Der Pöbel ſtaunte mit beinahe wildem Triumph auf dieſe gefangenen Ritter und auf die bluttriefenden Häup⸗ ter von deren Waffengefährten, da ſie wußten, daß ſie ein Theil von der furchtbaren Beſatzung von Alhama geweſen, welche ſo lange die Geißel Granada's und der Schrecken der Vega war. Sie jauchzten dieſem geringen Triumph, als einem pielverheißenden Anfang der Regierung des neuen Fürſten entgegen. Mehrere Tage lang wurden die Namen Mu⸗ ley Aben Haſſan und Boabdil El Chico nur mit Ver⸗ achtung genannt, und die ganze Stadt hallte von dem Preis El Zagal's d. h. des Tapfern wider. Irving's Granada, 1— 3. Zwei und dreißigſtes Kapitel. Wie der Graf de Cabra einen zweiten König zu fangen ver⸗ ſuchte, und wie ſein. Plan ihm gelang⸗ Die Erhebung des kühnen, thätigen Kriegsmannes auf den Thron von Granada an die Stelle des früheren ge⸗ brechlichen Königs, brachte eine große Veränderung in dem Kriegsſtand hervor und⸗ forderte einen Streich, der das Vertrauen der Mauren auf ihren neuen Fürſten nie derſchlagen, und die Chriſten zu neuen Anſtrengungen zu ermuthigen vermöchte. Don Diego de Cordova, der tapfre Graf de Cabra, war damals in ſeiner Feſte Vaena, wo er vorſichtige Wache über die Grenze hielt. Es war jetzt Ende Au⸗ guſt, und er grämte ſich, daß der Sommer ohne einen Einfall in das feindliche Land vorüber gehn ſollte. Er ſandte ſeine Kundſchafter auf's Suchen aus, und dieſe brachten ihm die Nachricht, daß der wichtige Po⸗ ſten Moclin nur ſchwach beſetzt ſey. Dieß war eine be⸗ feſtigte Stadt, welche ſehr ſteil auf einem hohen Berg tag, der theils von dicken Wäldern umgeben, theils von einem Fluſſe umzogen war. Sie beherrſchte einen der rauhen, einſamen Bergyäſſe, durch welche die Chriſten ihre Einfälle zu machen pfleg⸗ —. ) — 243— ten, ſo daß die Mauren in ihrer bilderreichen Weiſe ſte den Schild von Granada nannten. Der Graf de Cabra benachrichtigte die Fürſten von dem ſchwachen Vertheidigungszuſtand der Beſatzung, und äußerte ſeine Hoffnung, daß durch einen geheimen ſchnek⸗ len Zug der Ort überfallen werden könnte. König Fer⸗ dinand befragte ſeine Räthe. Einige warnten ihn vor dem hoffnungsreichen Gemüthe des Grafen und vor ſei⸗ ner Unbekümmertheit um jede Gefahr. Moclin, bemerkten ſie, ſey nahe bei Granada, und könnte ſchnell verſtärkt werden, doch ſiegte des Grafen Anſicht, da der König ihn, ſeitdem er Boabdil El Chico gefangen genommen, für untrüglich in Sachen des Grenz⸗ kriegswerks anſah.. Der König zog alſo von Cordova aus, und nahm ſeine Stellung bei Alcala la Real, um Moclin nahe zu ſeyn. Die Königin begab ſich auch weiter an die Grenze nach Vaena und wurde dahin von ihren Kindern, dem Prinzen Juan und der Prinzeſſin Jſabelle begleitet, ſo⸗ wie auch von ihrem oberſten Rath in allen Angelegenhei⸗ ten, in öffentlichen und beſondern, in geiſtlichen und welt⸗ lichen, von dem ehrwürdigen Großcardinal von Spanien nämlich. Nichts konnte dem Stolze und der Zufriedenheit des treuen Grafen de Cabra gleich kommen, als er dieſen vor⸗ nehmen Zug ſich längs der öden Bergſtraßen hinwinden und in Vaena's Thore einziehen ſah. Er empfing ſeine königlichen Gaͤſte mit aller geziemenden Feierlichkeit, und . 16* — 244— führte ſie in die beſten Gemächer ein, welche das Krie⸗ gerſchloß darbot; es waren dieſelben, die früher von dem königlichen Gefangenen, Boabdil, eingenommen worden. König Ferdinand hatte einen klugen Plan entworfen, welcher den Erfolg des Unternehmens ſichern mußte. Der Graf de Cabra und Don Martin Alonzo de Montemayor ſollten ſich mit ihren Truppen ſo auf den Weg begeben, daß ſie Moclin zu einer beſtimmten Stunde erreichten, und alle auffingen, welche ſich hineinzuwerfen oder einen Aus⸗ fall aus der Stadt zu machen verſuchen ſollten. Der Ordensmeiſter von Calatrava, die Truppen des Großcardinals unter dem Oberbefehl des Grafen von Buendia und die Streitkräfte des Biſchofs von Jaen, welche von eben dieſem kriegeriſchen Prälaten angeführt wurden,— was in allem ſich auf viertauſend Pferde und ſechstauſend Fußgänger belief,— dieſe ſollten zu rechter Zeit aufbrechen, um dem Grafen de Cabra die Hand zu bie⸗ ten, und ſo die Stadt zu umzingeln. Der König wollte mit ſeiner ganzen Streitmacht ſol⸗ gen, und vor dem Orte ſich lagern. Hier bricht der würdige Vater, Bruder Antonio Aga⸗ pida, in ein triumphirendes Lob der frommen Prälaten aus, welche ſich auf dieſe Art perſönlich in jene kriege⸗ riſche Auftritte einmiſchten. «Da dieß,» ſagt er, cein heiliger Kreuzzug war, welcher zur Beförderung des Glaubens, zum Ruhm der Kirche unternommen wurde, ſo ward er immer von hei⸗ ligen Männern angefeuert und begünſtigt. Denn den — 245— Siegen ihrer Katholiſchen Majeſtäten folgten nicht, wie den der weltlichen Fürſten, Errichtung von Schlöſſern und Feſten, und Einſetzung von Alcayden und Soldaten, ſondern Gründung von Kirchen und Cathedralen, und Anordnung reicher Biſchofsſitze.“» «So waren denn Ihre Majeſtäten immer am Hof und im Lager, im Cabinet und im Feld von einer Menge geiſtlicher Rathgeber umringt, welche ſie zur Verfolgung des ſo ſehr rechtmäßigen Krieges antrieben. Ja die hei⸗ ligen Männer der Kirche nahmen ſelbſt keinen Anſtand, zu Zeiten den Panzer über den Prieſterrock zu ſchnallen, den Biſchoffſtab mit einer Lanze zu vertauſchen, und ſo mit fleiſchlichen Händen und geiſtigen Waffen den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen.» Doch wir müſſen von dieſer glänzenden Rapſodie des würdigen Bruders zu unſerm eigentlichen Gegenſtand zu⸗ rückkehren. Nachdem der Graf de Cabra in die ver⸗ wickelten Anordnungen des Königs eingeweiht worden, zog er um Mitternacht aus, um ſie genau zu vollziehen. Er führte ſeine Truppen an dem kleinen Fluſſe hin, welcher ſich unterhalb Vaena vorbeiwindet, und erſtieg dann die wilden Bergengen. Er zog die ganze Nacht hindurch, und machte erſt während der größten Hitze des folgenden Tages Halt, um unter den ſchattigen Klip⸗ pen eines tiefen Gebirgſchlund's auszuruhen, da er be⸗ rechnet hatte, er werde gerade zur rechten Zeit ankom⸗ men, um mit den übrigen Streitkräften vereint zu handeln. Die Truppen hatten ſich kaum auf den Boden aus⸗ — 246— geſtreckt, um ſich der Ruhe hinzugeben, als ein Kund⸗ ſchafter anlangte und die Nachricht brachte, El Zagal ſey püötzlich mit einer ſtarken Streitmacht aus Granada aus⸗ gezogen, und habe ſich in der Nähe Moclin's gelagert. Es war offenbar, der vorſichtige Maure hatte von dem beabſichtigten Angriff Kunde erlangt. Dennoch war dieß nicht der Gedanke, welcher ſich dem Grafen de Cabra gleich anfangs aufdrang. Er hatte einen König gefangen, hier bot ſich eine günſtige Gelegenheit dar, einen zweiten in Sicherheit zu bringen. Welcher Triumph, einen zweis⸗ ten gefangenen König in ſeine Feſte Vaena einzulogiren! Welch ein Gefangner, ihn den Händen ſeiner königlichen Gebieterin zu überliefern! Von dieſem Gedanken durchglüht, vergaß der gute Graf alle Anordnungen des Königs; oder vielmehr, von früherem Glück geblendet, vertraute er alles ſeinem Muth und Geſchick, und gedachte durch einen kühnen Griff noch⸗ 3 mals den königlichen Preis davon zu führen, und ſeine Lorbeern ohne fremde Mithülfe ſich um's Haupt zu winden. Seine einzige Furcht war, der Ordensmeiſter von Calatrava und der kriegeriſche Biſchof möchten noch zur rechten Zeit anlangen, den Ruhm ſeines Sieges zu thei⸗ len. So rief denn dieſer heißmuthige Ritter alles auf und zu Roß und brach hervor nach Moclin, ohne ſeinen Truppen die nöthige Zeit zur Ruhe zu vergönnen.(Ma⸗ riana, lib. XXV, 17. Abarca. Zurita. etc.) 3 Der Abend brach heran, als der Graf in der Nähe von Moelin anlangte. Es war Vollmond und die Nacht — 247— hell und wolkenlos. Der Graf zog durch eins jener tiefen Thäler oder Bergengen, welche in die Spaniſchen Gebirge von den ſchnell verſchwindenden aber furchtbaren Gießbächen, die beſonders während der Herbſtregen häu⸗ fig ſind, eingeſchnitten werden. Die Schlucht war auf bei⸗ den Seiten von hohen und faſt ſenkrechten Felszacken um⸗ mauert, aber die hellen Blicke des Mondlichts, die bis auf den Grund der Tiefe hinabdrangen, glizzerten an der Rüſtung der Rotten, als ſie ſchweigend hindurchſchritten. Plötzlich erhob ſich das mauriſche Kriegsgeſchrei:«El Zagal! El Zagal!» von verſchiedenen Seiten des Thals; El Zagall ſchallte es von jeder Klippe, und jeder Ruf war von einem Schauer von Geſchoſſen begleitet, das jedesmal mehrere chriſtliche Krieger niederſtreckte. Der Graf erhob die Augen und gewahrte bei dem hellen. Mondlicht, wie jeder Bergzacken von mauriſchen Soldaten erglänzte. Der todbringende Schauer von Ge⸗ ſchoſſen fiel dicht herab rings um ihn, und die ſcheinende Rüſtung feiner Krieger machte dieſe zu bequemen Ge⸗ genſtänden, um ſie den Feind als Ziel hinzuſtellen. Der Graf ſah ſeinen Bruder Gonzala neben ſich todt hinge⸗ ſchmettert, ſein eignes Pferd ſiel unter ihm, von vier mauriſchen Speeren durchbort, auch erhielt er eine Wunde in die Hand von einer Musquete. Da gedachte er des ſchrecklichen Mordens auf den Bergen von Malaga und fürchtete ein ähnliches Unglück. Es war keine Zeit zu verlieren. Seines Bruders Pferd, von ſeinem erſchlagenen Reiter befreit, ſprengte in der 248 Weite herum; er ergriff deſſen Zügel, hob ſich in den Sattel, hieß ſeine Leute ihm folgen, ſchwenkte ſich um, und zog ſich aus dem unheilvollen Thal. Die Mauren ſtürzten von den Höhen herab und ver⸗ folgten die fliehenden Chriſten. Dieſes Nachſetzen dauerte eine Meile, aber es war eine Meile rauhen, brüchigen Bodens, wo die Chriſten faſt bei jedem Schritt, ſich umzuwenden und zu fechten hatten. In dieſen kurzen, aber heißen Kämpfen verlor der Feind viele Ritter von Rang, aber der Verluſt der Chri⸗ ſten war weit ſchmerzlicher, da er eine Menge der edel⸗ ſten Krieger aus Vaena und ſeiner Nachbarſchaft in ſich begriff. Viele Chriſten, von Wunden gelähmt oder Er⸗ müdung erſchöpft, wandten ſich ſeitwärts, und verſuchten, ſich unter Felſen und Gebüſchen zu verſtecken, aber nie mehr erreichten ſie die Gefährten; ſie wurden erſchlagen, von den Mauren gefangen oder kamen um in ihren trau⸗ rigen Zufluchtsörtern. Die Ankunft der von dem Ordensmeiſter von Cala⸗ trava und dem Biſchoff von Jaen geführten Streitkräfte ſetzten der Verfolgung ein Ziel. El Zagal begnügte ſich mit den errungenen Lorbeern, hieß die Trompeten ſeine Leute vom Nachſetzen zurückrufen, und wandte ſich in großem Triumph nach Moclin.(Zurita XX, 4. Pulgar, Cronica.) Die Königin Iſabella war zu Vaena, in großer Un⸗ geduld des Ausgangs der Unternehmung harrend. Sie befand ſich in einem koſtbaren Gemach der Feſte, welches — 249— nach der Straße zuging, die ſich durch die Gebirge von Moclin her durchwindet. Iſabella ſah nach den Wacht⸗ thürmen, welche die nahen Anhöhen krönten, und hoffte auf günſtige Zeichen. Der Prinz und die Prinzeſſin, ihre Kinder, waren bei ihr, ſowie auch ihr ehrwürdiger Rath, der Großcardinal. Alle theilten die Erwartung des Augenblicks. Endlich ſah man Eilboten auf die Stadt zu ſprengen. Sie ſtürzten in die Thore, aber ehe ſie die Feſte erreich⸗ ten, ward der Gehalt ihrer Botſchaft der Königin ſchon durch das Geſchrei und Wehklagen kund, das ſich von unten her aus den Straßen erhob. Den Boten folgten bald verwundete Flüchtlinge, welche zur Heimath eilten, um ſich zu erholen, oder unter ihren Freunden, in ihren Familien zu ſterben. Die ganze Stadt ertönte von Klagen, denn ſie hatte die Blüthe ihrer Jünglinge, ihre tapferſten Krieger ver⸗ loren. Iſabella war ein Weib von hohem Muth, aber ihr Gefühl wurde von dem Anblick des Weh's überwäl⸗ tigt, das ſich ihr überall darſtellte. Ihr Mutterherz trauerte über den Tod ſo vieler getreuen Unterthanen, welche noch eben ſich mit hingebender Liebe um ſie geſam⸗ melt hatten; ſie verlor ihre gewohnte Selbſtbeherrſchung, und verſank in tiefes, verzweiflendes Hinbrüten. In dieſem düſteren Gemüthszuſtande drängten ſich tauſend Beſorgniſſe ihr auf. Sie fürchtete das Ver⸗ trauen, welches dieſer Erfolg den Mauren von neuem einflößen würde; ſie war auch für die wichtige Feſte Al⸗ hama beſorgk, deren Beſatzung, ſeit ihr Streifzug von eben dieſem El Zagal abgeſchnitten worden, man nicht verſtärkt hatte. Ueberall ſah die Königin Gefahr und Unheil, und fürchtete, eine allgemeine Niederlage möchte die Caſtiliſchen Waffen treffen. Der Großcardinal tröſtete ſie mit geiſtlichem und welt⸗ lichem Rath. Er ſtellte ihr vor, ſich zu erinnern, daß kein Land je erobert worden, ohne daß gelegentliche Un⸗ fälle die Eroberer betroffen; daß die Mauren ein kriege⸗ riſches Volk ſeyen, welches ſich in einem rauhen Berg⸗ land feſtgeſetzt, wo von ihren Vorfahren ſie nie hätten beſiegt werden können, und daß ja in der That binnen drei Jahren ihre Heere ſchon mehr Städte weggenommen, als die Streitmacht irgend eines ihrer Ahnen in zwölf zu erobern vermocht hätte. Er ſchloß mit dem Anerbieten, ſelbſt mit dreitauſend Reitern aus ſeinem eignen Gefolge, die von ihm bezahlt und erhalten würden, in's Feld zu rücken, und entweder zum Schutz Alhama's zu eilen, oder jeder andern Um ternehmung ſich zu unterziehn, die Ihre Majeſtät ihm befehlen würde. Dieſe verſtändigen Worte des Cardinals beſänftigten das Gemüth der Königin, die ſich immer an ihn um Troſt wandte, und bald erlangte ſie ihren gewöhnlichen Gleichmuth wieder. Einige von Iſabellens Räthen, Leute von jener poli⸗ tiſchen Claſſe, die ſich immer durch die Fehler andrer em⸗ porſchwingen will, waren ſehr laut in ihrem Tadel, womit — 251— ſte des Graſen allzugroße Raſchheit überhäuften. Die Königin vertheidigte ihn mit gewandter Großmuth. a Die Unternehmung,» ſagte ſie,«war raſch, aber nicht raſcher, als die von Lucena, welche mit Erfolg ge⸗ krönt ward, und die wir alle als die höchſte Heldenthat prießen. Wärs es dem Grafen gelungen, den Oheim zu fangen, wie er den Neffen fing, wer iſt unter uns, der nicht ſein Lob bis in alle Lüfte erhoben?» Dieſe edlen Worte der Königin thaten allen hämi⸗ ſchen Bemerkungen in ihrer Gegenwart Einhalt, aber gewiſſe Höflinge, welche dem Grafen den Ruhm beneidet hatten, den er durch ſeine früheren Kriegsthaten gewon⸗ nen, fuhren noch fort, unter ſich ſeine jetzige Unvorſich⸗ tigkeit herauszuſtreichen, und Bruder Antonio Agapida ſagt uns, daß ſie dem würdigen Ritter höhnend den Na⸗ men«Graf de Cabra, der Königfänger,» beilegten. Ferdinand hatte den Grenzort, Königsquell genannt, drei Meilen von Moclin erreicht, als er von dem eben dorgefallenen Unglück hörte. Er beklagte die Uebereilung des Grafen gar ſehr, hüthete ſich aber, in ſeinen Aus⸗ drücken ſtreng und bitter zu werden, denn er kannte den Werth dieſes treuen, kräftigen Ritters.(Abarca, An- nales de Aragon.) Er hielt einen Kriegsrath um zu entſcheiden, welchen Weg man jetzt einſchlagen ſolle. Einige ſeiner Cavaliere riethen ihm, den Anſchlag auf Moclin aufzugeben, da der Ort ſehr verſtärkt worden, und der Feind durch ſei⸗ nen neuen Sieg voll Muth ſey. Einige alte Spaniſche — 252.— Hidalgo erinnerten ihn, er habe nur wenige Caſtiliſche Truppen in ſeinem Heer, ohne dieſe ſtattlichen Soldaten hätten aber ſeine Vorgänger nie ſich angemaßt, das Mau⸗ riſche Gebiet zu betreten. Aber Andre ſtellten ihm vor, es ſey unter der Würde eines Königs, ſich wegen der Niederlage eines einzigen Ritters und ſeines Gefolges von einem Zug zurückzuziehn. So ward der König durch die Menge der Rathgeber nach allen Seiten hin bewegt, als glücklicher Weiſe ein Schrei⸗ ben von der Königin ſeiner Ungewißheit ein Ende machte. Verweißen wir in das nächſte Kapitel die Nachricht von dem Inhalt dieſes Briefs. Drei und dreißigſtes Kapitel. Zug gegen die Feſten Cambil und Albahar⸗ «Glücklich ſind die Fürſten,» ruft der würdige Vater Bruder Antonio Agapida, aus,«welche Weiber und Prieſter haben, ihnen zu rathen, denn in ihnen wohnt der Geiſt der Weisheit.» Während Ferdinand und ſeine Hauptleute ſich einan⸗ der am Königsquell in ihren Berathungen verwirrten, wurde ein ſtiller, aber tiefgehender kleiner Kriegsrath in dem Staatszimmer der alten Feſte Vaena zw ſchen der Königin Iſabella, dem ehrwürdigen Pedro Gonzalez de Mendoza, Großcardinal von Spanien, und Don Garcia Oſorio, dem kriegeriſchen Biſchoff von Jaen, gehalten. Dieſer letztre würdige Prälat, der ſeine Mitra mit dem Helm vertauſcht hatte, gewahrte nicht ſobald das Mißlingen der Unternehmung gegen Moclin, als er ſein ſchlankes, ſtallgezogenes Roß umwandte, und voll von einem Plane, der das Heer beſchäftigen, den Glauben verbreiten und dem Vortheile ſeines eignen Sprengels ſehr dienlich ſeyn ſollte, nach Vaena zurückeilte. Er wußte, daß die Königin einigen Einfluß auf die Anſich⸗ ten des Gemahls ausübte, und daß ſie immer dem Rath heiliger Männer ein günſtiges Ohr leihe. Er legte alſo ſeinen Plan mit der gewohnten Wels⸗ heit, die an den Prieſterrock gebunden zu ſeyn ſcheint, an, um die Ideen der Königin auf den geeigneten Weg zu bringen; und der Inhalt von des würdigen Biſchofs Eingebungen lautete nun folgendermaßen. Das Biſchofthum Jaen war lange Zeit von zwei Man⸗ riſchen Feſten, die der Schrecken und die Geißel des gan⸗ zen Landes waren, bennruhigt worden. Sie lagen auf der Grenze des Königreichs Granada, etwa vier Meilen von Jaen, in einem tiefen, engen, rauhen Thale, umge⸗ ben von hohen Bergen. Durch dieß Thal fließt der Rio Frio, oder kalte Fluß, in einem tiefen Bette zwiſchen hohen, abſchüſſigen Felſen hin. An jeder Seite des Stroms erheben ſich zwei unge⸗ heure Felſen, die faſt ſenkrecht ſind, und nur etwa einen — 254— Steinwurf von einander ſtehen. Dadurch verrammen ſie gleichſam den engen Thalſchlund. Auf der Spitze dieſer Felſen ſtanden die zwei furcht⸗ baren Feſten Cambil und Albahar, die noch durch Schan⸗ zen und Thürme von großer Höhe und Dicke befeſtigt waren. Eine Brücke verband ſie mit einander, welche von einem Felſen zum andern über den Fluß ging. Die Straße durch das Thal lief über dieſe Brücke, und wurde vollkommen von den Feſten beherrſcht. Sie ſtanden wie zwei Rieſen aus der Fabelwelt, bewachten den Bergpaß und beherrſchten das Thal. Die Könige von Granada, welche die Wichtigkeit die⸗ ſer Feſten erkannten, hielten ſie immer wohl bemannt und gehörig mit Mundvorrath verſehen, ſo daß ſie eine Be⸗ lagerung aushalten konnten; auch fehlte es ihnen nicht an flüchtigen Roſſen und kühnen Reitern, um das Land der Chriſten zu durchſchweifen. Das kriegeriſche Geſchlecht der Abencerragen, die Truppen des königlichen Haushalts und andere der aus⸗ erleſenſten Ritter von Granada hatten ſie ſich zu ihren Bollwerken auserſehen, von wo ſie auf jene Raub⸗ und Streifzüge hervorbrachen, welche die Luſt der Mauriſchen Ritter waren. Da der reiche Biſchofſitz von Jaen un⸗ mittelbar an ihnen lag, ſo litt er vorzüglich von dieſen Herumzüglern. Sie trieben die fetten Ochſen weg, ent⸗ führten die Schafheerden von den Weiden und beraubten das Feld ſeiner Anbauer. Sie durchſtrichen das Land bis vor die Thore von Jaen, ſo daß ſich die Bürger — 255— nicht aus ihren Mauern hervorwagen konnten, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, gefangen in die Kerker dieſer Feſten abgeführt zu werden. Der würdige Biſchof ſah als ein guter Hirte mit gro⸗ ßem Herzenskummer ſeinen fetten Biſchofſitz täglich ſchma⸗ ler und ſchmaler, ärmer und ärmer werden, ſein heiliger Eifer entflammte ſich bei dem Gedanken, daß die Be⸗ ſitzungen der Kirche ſo der Gnade eines Haufen von Un⸗ gläubigen anheim geſtellt ſeyn ſollten. Daher war es des Biſchofs drängender Rath, man ſolle die wie von der Vorſehung in der Nachbarſchaft ver⸗ ſammelten Streitkräfte, da ſie offenbar in ihrem Verſuch auf Moeclin nicht glücklich geweſen, jetzt gegen dieſe un⸗ verſchämten Burgen wenden, und das Land von ihrem Drucke befreien. Der Großceardinal unterſtützte den Antrag des Bi⸗ ſchofs, und verſicherte, er habe lange über die Räthlich⸗ keit einer ſolchen Maßregel nachgedacht. Ihre vereinten Anſichten fanden Gunſt bei der Königin, ſie ſchickte deß⸗ wegen ein Schreiben an den König ab. Dieß kam ge⸗ rade zu rechter Zeit, um ihn der Rathloſigkeit zu entrei⸗ ßen, worin ihn die Menge der Rathgeber verſetzt hatte. Er unternahm alsbald die Bezwingung der Feſten. Der Marquis von Cadix wurde demgemäß mit zwei⸗ kauſend Pferden vorausgeſchickt, um auf die Beſatzungen Wache zu halten, und jeden Zuzug oder Ausfall zu ver⸗ hindern, bis der König mit der Hauptmacht und dem ſchweren Geſchütze ankäme, — 256— Die Königin, um im Fall der Noth in der Nähe zu ſeyn, verlegte ihre Reſidenz nach Jaen, wo ſie von dei kriegeriſchen Biſchof, der ſeinen Panzer umgeſchnallt und das Schwert um die Lenden gegürtet hatte, mit kriege⸗ riſchen Ehren empfangen ward. Indeß kam der Marquis von Cadix in dem Thal an, und ſchloß die Mauren vollſtändig in ihre Wälle ein. Die Schlöſſer ſtanden unter dem Befehl Muhamed's Len⸗ tin Ben Uſef, eines Abencerragen und eines der tapfer⸗ ſten Ritter von Granada. Unter ſeiner Beſatzung befan⸗ den ſich viele Truppen von dem ſtolzen Afrikaniſchen Stamme der Gomeren. Muhamed Lentin, voll Vertrauen auf die Feſtigkeit ſeiner Schlöſſer, lächelte, als er von ſeinen Schanzen auf die chriſtliche Reiterei herabſah, welche ſich in dem rau⸗ hen, engen Thale verwickelte. Er ſandte Streifhaufen aus, ſie zu beunruhigen, und heiße Kämpfe entſpannen ſich zwiſchen kleinen Abtheilungen und einzelnen Rittern; aber die Mauren wurden in ihre Feſten zurückgetrieben, und alle Verſuche, Nachricht von ihrer Lage nach Gra⸗ nada zu ſenden, waren, weil des Marquis von Cadix Wachſamkeit die Boten auffing, von keinem Erfolg. Endlich ergoſſen ſich die Reihen des königlichen Heers mit flatternden Fahnen und Trompetenſchall längs der Bergengen hin. Sie hielten vor den Feſten, aber der König konnte in dem engen, klippenvollen Thal nicht Raum zu einem Lager finden; er mußte ſeine Streit⸗ macht in drei Haufen theilen, die auf verſchiedene Anhö⸗ hen geſtellt wurden, und von deren Zelten die Abhänge der nahen Berge erglänzten. Als das Lager gebildet war, ſtaunte das Heer unthä⸗ tig auf die Schlöſſer hin, das Geſchütz war noch mehr als vier Meilen zurück, und ohne dieſes zeigte ſich jeder Angriff als vergeblich. Der Alcayde Muhamed Lentin kannte die Beſchaffen⸗ heit der Straße, auf der das Geſchütz herbeigeführt wer⸗ den mußte. Es war ein bloßer Felſenpfad, der manch⸗ mal faſt ſenkrechten Klippen und Abhängen hinaufging, und für Fuhrwerke ganz und gar unzugänglich war; auch überſtieg es die Kräfte von Menſchen und Vieh, die Donnerbüchſen und andres gewichtige Geſchütz hinaufzu⸗ ziehn. Er war daher ſicher, ſie würden nie in das La⸗ ger gebracht werden können, und was konnten ohne ihre Mitwirkung die Chriſten gegen ſeine Felſenwälle aus⸗ richten? 3 Er ſpottete uber ſie, als er am Tage ihre Zelte, bei Nacht ihre Feuer die umliegenden Höhen bedecken ſah. «Laßt ſie hier noch ein wenig länger zögern,» ſagte er, «und die Herbſtſtröme werden ſie von den Bergen weg⸗ ſpülen.⸗» Waͤhrend der Alcayde ſo eng in ſeine Waͤlle einge⸗ ſperrt war, und die Chriſten unthaͤtig in ihrem Lager ſtanden, hörte er an einem ruhigen Herbſttag das Getös der Arbeitsleute in den Bergen widerhallen, manchmal den Sturz eines fallenden Baumes und dann wieder ei⸗ Irving's Granada. 1— 3. 17 — 258 uen donnernden Schlag, als wenn ein Fels aus ſeinen Lager gehoben und in das Thal hinunter gerollt worden. Der Alcayde ſtand auf den Zinnen ſeiner Feſte, von ſeinen Rittern umgeben. Mich dünkt,» ſagte er, cdiefe Chriſten führen gegen Felſen und Bergwälder Krieg, da ſie unfre Feſten unangreifbar finden.» Die Töne ließen ſelbſt während der Nacht nicht nach. Immer hörte die Mauriſche Wache, während ſie auf den Schanzen hinſchritt, ein Toſen auf den Bergen widerhal⸗ len. Die Rückkehr des Tags enthüllte das Geheimniß. Kaum ſchien die Sonne gegen die Berggipfel, als Freudengeſchrei von den der Feſte gegenüberliegenden Fels⸗ zacken hervorbrach, und aus dem Lager von dem fröhli⸗ chen Getön der Pauken und Trompeten beantwortet wurde. Die erſtaunten Mauren erhoben die Augen, und ge⸗ wahrten gleichſam einen Strom von Krieg aus einem engen Bergpaß hervorbrechen. Es waren eine Menge Leute mit Pickel, Spaten und Eiſenſtangen, welche jedes⸗ Hinderniß aus dem Weg räumten, während kangſam hin⸗ ter ihnen lange Züge von Ochſen folgten, welche ſchweres Geſchütz und alle Arten von Kriegsvorrath zu einer Be häfedde herbeizogen. Was können Weiber und Prieſter nicht vollbringen, wenn ſie ſich zu einem Zweck vereinen!» ruft wieder der würdige Antonio Agapida aus. Die Königin hatte eine zweite Berathung mit dem Großceardinal und dem kriege⸗ riſchen Biſchof von Jaen gehabt. Es war klar, das ſchwere Geſchätz konnte nie auf dem gewöhnlichen Land⸗ — 259— weg hinaufgebracht werden, und dennoch beruhte darauf jede Hoffnung des Erfolgs. Daher ſchlug der eifrige Bi⸗ ſchof vor, man ſolle eine andere Straße durch einen gang⸗ bareren Theil des Gebirgs eröffnuen. Dieß würde ein un⸗ geheures und bei gewöhnlichen Mitteln abentheuerliches Unternehmen ſeyn, und daher dem Feind unerwartet kom⸗ men; aber was vermoͤchten Könige nicht, welche über Schätze und Heere geböten? Der Plan gefiel dem unternehmenden Geiſt der Köni⸗ gin. Sechstauſend Mann mit Pickelhaken, Brechſtangen und allen andern nöthigen Werkzeugen wurden Tag und Nacht an die Arbeit geſtellt, und brachen eine Straße mitten durch das Gebirge. Es war keine Zeit zu verlie⸗ ren; denn das Gerücht ging, El Zagal ſey im Begriff, mit einem mächtigen Heere den Feſten zu Hülfe zu komnien. Der unruhige Biſchof von Jaen übernahm die Rolle eines Schanzgräbers, bezeichnete die Richtung und beauf⸗ ſichtigte die Arbeiter; der Großcardinal aber trug Sorge, daß die Arbeit nie ſtocke aus Mangel an Geld.(Zurita Anales de Aragon. Lib. XX. ⁴, 64. Pulgar. III. c. 51.) «Wenn der Könige Schätze,» ſagt Bruder Antonip Agapida,«von Prieſterhänden ausgegeben werden, dann nehmen ſie kein Ende, wie die glorreichen Jahrbücher Spaniens bezeugen.“ Unter der Leitung dieſer geiſtlichen Männer ſchienen Wunder bewirkt zu werden. Faſt ein ganzer Berg ward geebnet, Thäler ausgefüllt, Bäume niedergehauen, Felſen durchbrochen und umgeſtürzt; kurz 11* alle Hinderniſſe, welche die Natur ringsum aufgehäuft hatte, wurden gänzlich und ſchnell beſiegt. In wenig mehr als zwölf Tagen war dieß Rieſenwerk vollendet, und das Geſchütz zum großen Triumph der Chriſten und auſſerordentlichen Leidweſen der Mauren in's Lager gebracht.(Llbid.) Nicht ſobald waren dieſe Belagerungswerkzeuge ange⸗ kommen, als ſie in aller Eile auf den nahen Höhen auf⸗ geſtellt wurden. Franciſco Ramirez de Madrid, der erſte Werkmeiſter von Spanien hatte die Oberleitung über die Geſchützreihen und eröffnete bald ein zerſtörendes Feuer auf die Schlöſſer. Als der tapfre Alcayde Muhamed Lentin ſeine Thürme um ihn zuſammenſtürzen, und ſeine tapferſten Männer von den Wällen wegreißen ſah, ohne auch nur Gelegen⸗ heit zu haben, dem Feind eine Wunde beizubringen, ward ſein hoher Sinn ſehr gereizt. Was nützt,» ſagte er, alle Tapferkeit der Ritterſchaft gegen dieſe feigen Werk⸗ zeuge, die aus der Ferne morden?» Einen ganzen Tag lang ergoß ſich ſchallend ein furcht⸗ bar Feuer auf die Burg Albahar. Die Donnerbüchſen entluden ungeheure Steine, welche zwei Thürme und alle Schauzen vernichteten, die das Portal ſchützten. Ver⸗ ſuchte ein Maure die Bollwerke zu ſchirmen oder die Breſchen auszufüllen, der wurde von Feldſchlangen und andern kleinen Geſchützſtücken niedergeſchoſſen. Die chriſtlichen Soldaten machten unter dem Schutz dieſer Geſchoſſe Ausfälle aus dem Lager, näherten ſich — 261— den Burgen und ſchickten ganze Schichten von Pfeilen und Steinen durch die Oeffnungen, welche das Geſchütz hervorgebracht hatte. Um endlich die Belagerung zu einem entſcheidenden Schluß zu bringen, errichtete Franciſco Ramirez einige der ſchwerſten Geſchützſtücke auf einem Berge, welcher in Kegel⸗ oder Pyramidengeſtalt auf der Seite des Fluſſes bei Albahar ſich erhob, und beide Schlöſſer beherrſchte. Dieß war eine Unternehmung, welche große Geſchicklich⸗ keit und außerordentliche Anſtrengung verlangte, aber ſie wurde vom vollſtändigſten Erfolg gekrönt; denn die Mau⸗ ren wagten nicht abzuwarten„ bis dieſe furchtbare Ge⸗ ſchuͤgreihe ihrer Wuth ſich entlüde. Ueberzeugt, aller fer⸗ nere Widerſtand ſey vergebens, gab der tapfre Alcayde die Zeichen zu einer Unterhandlung. Die einzelnen Sätze der Uebergabe waren bald feſtge⸗ ſtellt. Dem Alcayden und ſeiner Beſatzung wurde ver⸗ gönnt, ungefährdet ſich nach Granada zurück zu begeben; die Schlöſſer wurden König Ferdinand am Feſt des heili⸗ gen Matthäus im September überliefert. Sie wurden alsbald wiederhergeſtellt, mit ſtarker Beſatzung verſehen und der Stadt Jaen in Obhuth übergeben. Die Wirkungen dieſes Triumphs zeigten ſich bald. Ruhe und Sicherheit kehrten nun wieder in das Biſchof⸗ thum zurück; die Landleute bebauten in Frieden ihre Fel⸗ der, die Heerden und Schafe gediehen ungefährdet auf den Weiden und die Weinberge boten mächtige Schläuche roſigen Weins. 4 — 262— Der gute Biſchof erfreute ſich in der Dankbarkeit ſei⸗ nes Volks, in der Billigung ſeines Gewiſſens, in der Vermehrung ſeiner Einkünfte und in einer reichlichen Tafel eines großen Lohus für alle ſeine Mühen und Gefahren. «Dieſer glorreiche Sieg,» ruft Bruder Antonio Aga⸗ pida aus, ader durch ſo außerordentliche Anordnungen, durch ſo unendliche Mühen errungen wurde, iſt ein glän⸗ zendes Beiſpiel von dem, was ein Biſchof für die Ver⸗ breitung des Glaubens und das Wohl ſeines Sprengels auszuführen vermag.» Vier und dreißigſtes Kapitel. unternehmung der Calatraven⸗Ritter gegen Zalea. Während dieſe Vorgänge ſich auf der nördlichen Grenze des Königreichs Granada ereigneten, wurde die wichtige Feſte Alhama vernachläßigt und ihr Befehlshaber Don Gutiere de Padilla, Schlüſſelträger*) von Calatrava in die größte Gefahr verſetzt. *) Schlüſſelträger von Calatrava heißt der, welchen die Schlüſſel der Feſten, Klöſter und Archive dieſes Ordens in Verwahrung hat. Es iſt eine ſehr ehrenvolle, ausgezeich⸗ nete Würde. — 263— Der Reſt des Streifzugs, welcher von dem kühnen El Zagal überfallen und gemordet worden war, als die⸗ ſer ſeinen Zug nach Granada unternahm, um die Krone zu empfangen, war in Verwirrung und Schrecken in die Feſte zurückgekehrt. Sie konnten nur von ihrem eignen Unglück Kunde geben, daß ſie genöthigt worden, ihre ge⸗ raubten Heerden fahren zu laſſen, und von überlegner Macht verfolgt, in der Flucht ihr Heil zu verſuchen. Von der Hauvtmacht ihres Zugs, von den tapfren Calatraven⸗ Rittern, die ſie im Thal zurückgelaſſen, wußten ſie nichts. In wenigen Tagen klärte ſich das Dunkel auf, man hörte, wie ihre Roſſe im Triumph nach Granada einge⸗ bracht worden, und die blutigen Häupter der Ritter an den Sattelknöpfen der Krieger El Zagal's herabgehan⸗ gen. Ihre Ordensbrüder, welche einen Theil der Be⸗ ſatzung bildeten, wurden von Entſetzen übermannt, als ſie dieſe troſtloſe Nachricht vernahmen, und durſteten nach Rache fuͤr ihren Tod. Ihre Anzahl war jedoch durch dieſen Verluſt zu ſehr verringert, um in's Feld zu rücken; denn die Vega war voll von El Zagal's Streitmacht. Sie konnten ſelbſt nicht wagen, nach Vorräthen herumzuſtreifen, und da die Niederlage des Grafen de Cabra ihre gewöhnlichen Zufuhren unterbrochen hatte, kamen ſie in ſolche Noth, daß ſie mehrere ihrer Roſſe des Fleiſches wegen tödten mußten. Don Gutiere de Padilla, Schlüſſelbewahrer von Ca⸗ latrava, der Befehlshaber der Feſte, brütete eines Tags — 264— über der trüben Lage ſeiner Angelegenheiten, als ein Maure vor ihn gebracht wurde, der am Thore eine Un⸗ terredung mit ihm begehrt hatte. Er trug eine Reit⸗ taſche, und ſchien einer jener wandernden Kaufleute, die in dieſen Tagen das Land durchzogen, ſich an die Ferſen der Heere hingen, um von den Soldaten die Beute zu erkaufen, und welche wohl Amulete, Flitter und Rauch⸗ werk zum Handel anboten, oft aber auch aus ihren Quer⸗ ſäcken Gegenſtände von großer Seltenheit und hohem Werth, reiche Shawls, goldne Ketten, Halsſchnüre von Perlen und Diamanten, und koſtbare Edelſteine hervor⸗ brachten, alles Dinge, die in Lagern und Städten ge⸗ raubt worden. Der Maure näherte ſich dem Schlüſſelbewahrer mit ſehr geheimnißvollem Blick.«Senhor,» ſagte er,« ich möchte mit euch allein reden; ich habs über einen koſtba⸗ ren Juwel zu verſügen.“—«Ich brauche keine Juwele,“ ſagte der Schlüſſelträger barſch, c«bring deine Waaren den Soldaten.)— Beiem Blut deſſen, der am Kreuz ſtarb,» rief der Maure, mit ernſter Feierlichkeit, aver⸗ ſchließt nicht meinem Anerbieten euer Ohr; der Juwel, den ich zu verkaufen habe, würde für euch von unſchätz⸗ barem Werthe ſeyn, und ihr allein könnt ihn kaufen.“— Der Schlüſſelbewahrer wurde durch den Ernſt des Mauren bewegt, und merkte, daß er unter der ſeinen Landsleuten gewöhnlichen Bilderſprache einen wichtigen Sinn verſtecke. Er gab daher den Umſtehenden ein Zei⸗ chen, ſich zu entfernen. * Der Maure ſah ihnen nach, bis ſich die Thüre ſchloß, dann näherte er ſich vorſichtig, und ſagte,«was wollt ihr mir geben, wenn ich euch die Feſte Zalea in die Haäͤnde ſp⸗ 2 5 Zalea war eine feſte Stadt, etwa zwei Meilen ent⸗ fernt, und hatte ſich lange als eine feindliche, gefährliche Nachbarſchaft von Alhama bewieſen; ihre Krieger legten häufigen Hinterhalt, die Ritter von Calatrava zu über⸗ fallen, wenn ſte auf einem Streifzug auswaren, fingen ih⸗ nen die Zufuhr und die geraubten Heerden auf, und ſchnit⸗ ten ſie ab. Der Schlüſſelbewahrer ſah auf dieſen wandernden Krä⸗ mer, der ihm ſo einen Handel um eine kriegeriſche Stadt antrug, mit einem Blick, worin ſich Erſtaunen mit Miß⸗ trauen miſchte. „Du ſprichſt mit mir,» ſagte er,«von einem Handel um Zalea, welche Mittel haſt du, mir den Ankauf zu ſichern??—«Ich hab' einen Bruder unter der Be⸗ ſatzung„» erwiederte der Maure, welcher für eine ange⸗ meſſene, ihm auszubezahlende Summe eine Truppenab⸗ theilung bei Nacht in die Feſte einlaſſen wird.⸗» «Und um eine Summe Geldes alſo,» ſagte der Schlüͤſ⸗ ſelträger, und warf einen ſtrengen, forſchenden Blick auf ihn,«um eine Summe Geldes alſo biſt du geneigt, dein Volk und deinen Glauben zu verrathen 25 aIch ſage mich von ihnen los und von ihrem Glau⸗ ben,» erwiederte der Maure; ameine Mutter war eine 266— Chriſtengefangene; ihr Volk ſoll mein Volt, ihre Reli⸗ gion meine Religion ſeyn.» Der vorſichtige Schlüſſelbewahrer ſetzte immer noch in die Aufrichtigkeit des Halbmauren und künftigen Chr.nen einigen Zweifel. «Welche Sicherheit,v fuhr er fort,«hab' ich, daß du treuer an mir handeln wirſt, als an dem Alcayden der Feſte, den du verrathen willſt? An mich knüpft dich kein Band der Treue, ihm biſt du deine Dienſte ſchuldig.» «Ich bin ihm nichts ſchuldig„ rief der Maure und Feuer blitzte aus ſeinen Augen;«der Alcayde iſt ein Ty⸗ rann, ein Hund; er hat mir meine Waaren geraubt, mir meine rechtmäßige Beute entzogen und noch mit Schlaͤ⸗ gen mich mißhandelt, weil ich mich zu beklagen wagte. Möge Gottes Fluch auf mir laſten, wenn ich mich zufrie⸗ den gebe, ehe ich volle Rache erlangt!⸗ «Genng,p ſagte der Schlüſſelbewahrer, aich will dei⸗ ner Rache vertrauen, eher noch als deinem Chriſten⸗ thum.» Don Gutiere berief jetzt ſeine vorzüglichſten Ritter zu einer Rathsverſammlung. Sie waren alle eifrig für die Unternehmung, da ſie ein Mittel bot, den Tod ihrer Gefährten zu rächen, und den Flecken auszuwaſchen, der durch die neuliche Niederlage über den Orden gekommen. Es wurden Kundſchafter ausgeſandt, die Lage Zalea's zu erforſchen, und ſich mit dem Bruder des Mauren zu beſprechen. Die als Belohnung zu bezahlende Summe —. 267— 1 2 wurde feſtgeſetzt, und jede Vorkehrung zu dem Zug ge⸗ troffen. In der feſtbeſtimmten Nacht zog eine Abtheilung Rit⸗ ter unter der Führung des Mauren aus. Als ſie ſich Zalea näherten, band ihr Befehlshaber dem Führer die Haͤnde auf den Rücken, und gab ihm ſein Ritterwort, ihn bei dem geringſten Zeichen von Verrath niederzu⸗ hauen; er hieß ihn dann vorangehn. Es war Mitter⸗ nacht, als ſie in tiefem Schweigen unter den Wällen der Feſte ankamen. Auf ein leiſes Zeichen wurde eine Strickleiter herab⸗ gelaſſen. Gutiere Munoz und Pedrv de Alvarado wa⸗ ren die erſten, welche hinaufſtiegen ihnen folgte ein hal⸗ bes Dutzend andrer. Sie überfielen die Wachen, hieben ſie nieder, warfen ſie über den Wall und ſetzten ſich in den Beſitz des Thurms.. Es ward Lärm; die ganze Feſte war in Verwirrung, aber ſchon waren die Calatraven⸗Ritter auf allen Punk⸗ ten. Sie riefen einander zu, ihrer in dem Thal der Vega getödeten Brüder zu gedenken, ſich der blutigen Häupter zu erinnern, die nach Granada im Triumph getragen worden. Sie fochten mit blutgieriger Wuth; die meiſten der halbbewaffneten und erſchreckten Krieger der Beſatzung kamen durch's Schwert um, die übrigen wurden zu Ge⸗ fangenen gemacht; in einer Stunde waren ſie Herren der Burg und bald ergab ſich nun auch die Stadt. Sie fan⸗ den die Vorrathshäuſer mit allen Arten von Nahrungs⸗ — 268— mitteln verſehen, womit ſie einen großen Zug Laſtthiere beluden, um die hungernde Beſatzung von Alhama zu erquicken. So gewannen die tapfern Ritter von Calatrava die feſte Stadt Zalea faſt ohne den geringſten Verluſt, und ſühnten die ſchimpfliche Niederlage ihrer Ordensbruder. Da bald nachher ſtarke Verſtärkungen und Zufuhren von den Königen ankamen, ſo erhielten ſie in ihrer eignen Feſte mehr Macht und konnten ſich auch im Beſit ihrer neuen Eroberung halten. Dieſe kühne That fand faſt um dieſelbe Zeit Statt, wo auch Cambil und Alachar erobert wurden, und dieſe beiden Züge ſchloſſen auf eine glückliche Weiſe die verſchie⸗ denartigen Vorfälle dieſes wichtigen Jahrs. Ferdinand und Jſabelle zogen ſich für den Winter nach Alcala de Henarez zurück, wo die Königin am 16. Dezember die Infantin Katharina, nachherige Gemahlin Heinrichs VIII. von England gebar. —;— Fuͤnf und dreißigſtes Kapitel. Tod des greiſen Muley Aben Haſſan's. Die eigenen Kriegsthaten, womit El Zagal ſeine Re⸗ gierung begonnen, als er die Calatraven⸗Ritter überfiel, und den Graf de Cabra ſchlug, hatten ihm eine vorüber⸗ — 269— gehende Liebe bei'm Volk zugezogen„ die er noch durch Feſtlichkeiten und Turnieren und andere öffentliche Volks⸗ beluſtigungen, woran die Mauren ſich ergötzten, vermehrt hatte. Da er jedoch den unbeſtändigen Charakter der Nation kannte, worüber er herrſchte, ſo fürchtete er eine launenhafte Empörung zu Gunſten ſeines abgeſatzten Bru⸗ ders, Muley Aben Haſſan. Dieſer einſt wilde greiſe Fürſt war jetzt blind und ab⸗ gezehrt und lebte in einem leidenvollen Zuſtande in der Stadt Almunecar. Jedoch wurde er mit Ehrerbietung und Aufmerkſamkeit behandelt, denn die Beſatzung war urſprünglich von ihm ſelbſt hierhin beordert worden. El Zagal, der jetzt in der Zwiſchenzeit zwiſchen den Feldzügen einige Muße hatte, ward auf einmal ängſtlich, ſein Bruder möge ſterben, und ließ ihn nach Salobrena führen, der reineren und geſünderen Luft wegen. Die kleine Stadt Salobrena lag auf einem luftigen Hägel, welcher ſich mitten aus einem reizenden, fruchtba⸗ ren Thal erhob, das ſich an der mittelländiſchen Küſte hindehnte. Sie war durch ein feſtes Schloß geſchützt, das von den Mauriſchen Königen als Aufbewahrungsort ih⸗ rer Schätze erbaut worden. Sie ſchickten auch ihre Söhne und Brüder dahin, welche die Sicherheit ihrer Regierung hätten gefährden können. Dieſe lebten hier als Gefangene im Freien in einem Zuſtand wollüſtiger Ruhe, unter einem heitern Himmel, in einem milden Klima, in einem lippigen Thale. Der Pallaſt war mit Springbrunnen, reizenden Gärten, und — 270— wohkriechenden Bädern geſchmückt; ein Harem, mit Schön⸗ heit und Reiz gefüllt, ſtand dem königlichen Gefangnen zu Gebot, und Muſik und Tanz beſchwingten die zögern⸗ den Stunden. Nichts war ihnen verſagt, als die Frei⸗ heit, den Ort zu verlaſſen; dieß allein noch fehlte, um ihn zu einem vollkommnen Paradies zu machen. Trotz der auſſerordentlichen Geſundbeit der Luft und aller emſigen Aufmerkſamkeit von Seiten des Befehlsha⸗ bers, der El Zagal ſehr anhing, und von ihm ganz be⸗ ſonders beauftragt war, über die Geſundheit ſeines Bru⸗ ders zu wachen, war doch der greiſe Fürſt kaum einige Tage an dieſem Ort geweſen, als er ſtarb. Es war an dieſem Vorfall nichts zu verwundern; denn das Leben. hatte lange nur noch in ihm in einem Fünkchen geglüht, aber die unmittelbar hernach von El Zagal ergriſſenen 4 Maßregeln erregten den Verdacht des Volks. Mit unſchicklicher Eile ließ er die Schätze des Verſtor⸗ benen auf Maulthiere packen und nach Granada bringen, wo er ſich mit Ausſchließung von ſeines Bruders Kindern in ihren Beſitz ſetzte. Die Sultane Zorayna und ihre beiden Söhne wurden in den Alhambra, in den Thurm Comares eingeſperrt, an demſelben Ort, wo auf ihren Betrieb die tugendhafte Ayra la Horra und ihr Sohn Boabdil einſt eingekerkert worden. Hier hatte ſie Muße, über die Täuſchung aller ihrer Plane zu brüten, welche ſie treulos zur Erhebung der Söhne entworfen hatte, die jetzt ihre Mitgefangnen waren. Die Leiche des alten Muley Aben Haſſan wurde auch 4 ⸗ 5 9 — 271— nach Granada gebracht, jedoch nicht in Pomp wie die Reſte eines ehemals mächtigen Fürſten, ſondern ſchimpf⸗ lich auf ein Maulthier geladen. Er empfing nicht die letzten Ehrenerweiſungen am Grabe; er ward unbemerkt von zwei Chriſtengefangnen in die Gruft getragen, und in dem königlichen Oſario oder Beinhauſe beigeſetzt.(Cura de los Palacios. LXXVII.) Kaum hatte ſich das Volk verſichert, der alte Muley Aben Haſſan ſey wirklich todt und begraben, als ſie alle einſtimmig ſeinen Verluſt zu beklagen und ſein Andenken zu erheben begannen. Sie gaben zu, er ſey ſtolz und grauſam geweſen, aber ſie prießen ihn auch als tapfer; freilich er hatte dieſen Krieg über ſie gebracht, aber er war ſelbſt auch von ihm niedergeſchmettert worden. Mit einem Wort, er war todt, und ſein Tod glich jeden Feh⸗ ler aus; denn ein eben verſtorbener König iſt entweder ein Held oder ein Heiliger. In dem Maße, als ſie aufhörten, Muley Aben Haſ⸗ fan zu verabſcheuen, begann ihr Haß gegen ſeinen Bru⸗ der El Zagal ſich zu erhöhen. Die Art, wie der alte König geſtorben, die Eile, mit der man ſich ſeiner Schätze bemächtigt, die anſtößige Vernachläſſigung ſeiner Leiche, dann die Einkerkerung ſeiner Sultane und ſeiner Kinder, alles füllte die Gemüther des Volks mit ſchwarzem Ver⸗ dacht, und der Name, El Zagal, wurde oft mit dem Beinamen des Brudermörders in dem leiſen Murren des Volks verbunden. Da dieſes immer eine Hauptperſon haben muß„ um 4 1 4 A= ſie zu lieben oder zu haſſen, ſo ſuchte es nochmals Boab⸗ dil El Chico hervor. Dieſer unglückliche Fürſt lebte zu Cordova unter dem Schutz der kalten Freundſchaft Ferdi⸗ nand's, der ihn nicht mehr mit beſondrer Aufmerkſamkeit behandelte, ſeit er aufgehört hatte, ſeinen Intereſſen Vor⸗ theil zu bringen. Doch kaum neigte ſich ihm die Volksgunſt nochmals zu, als auch ſogleich die Güte des katholiſchen Furſten wieder erwachte. Er verſah ihn mit Geld und Mitteln, um ſein Banner nochmals aufzurichten, und eine Spal⸗ tung der Mauriſchen Gewalt zu bewirken. Durch dieſe unterſtützungen richtete Boabdil einen Schatten von Hof in Velez El Blanco, einer feſten Stadt auf der Grenze von Murcien wieder auf, wo er gleichſam mit einem Fuß aͤber der Grenzſcheide blieb, und immer fertig war, ihn auf angenblickliche Warnung wieder zurückzuziehn. Doch gab ſeine Gegenwart ſeiner Faktion in Granada wieder neues Leben. Freilich die Höflinge und reichen Einwohner des Stadtviertels um den Alhambra dräng⸗ ten ſich noch um den Thron El Zagals, als den großen Sitz der Gewalt, aber dagegen waren die Einwohner des Albaycin, der ärmſte Theil der Bevölkerung, welche nichts zu wagen und nichts zu verlieren hatten, faſt ein⸗ ſtimmig dem bedrängten Boabdil günſtig. So geſchiehts in dem wunderlichen Gang der menſch⸗ lichen Angelegenheiten; die Reichen befreunden ſich den Reichen, die Mächtigen ſtehen auf der Seite der Mäch⸗ tigen, während die Armen ſich des unfruchtbaren Ver⸗ — — — n ,— ſuchs freuen, ihres Gleichen zu unterſtützen. So wird, indem jeder ſeinen Stand ſucht, die wunderbare Ord⸗ nung der Dinge aufrecht erhalten, und die allgemeine Harmonie beſteht. Sechs und dreißigſtes Kapitel. Von dem Chriſtenheer, welches ſich in Cordova ſammelte. In großem, erhabenem Styl eröffneten die katholi⸗ ſchen Könige den Feldzug eines neuen Jahres in dieſem thatenreichen Krieg. Es war, als wenn ein neuer Auf⸗ zug eines prächtigen Heldendrama's begönne, wo der Vor⸗ hang unter Tönen kriegeriſcher Muſik ſich erhebt, und von der Pracht der Krieger, dem Leuchten der Waffen die ganze Bühne wiederſcheint. Die alte Stadt Cordova war der Ort, welchen die Koͤnige zur Sammlung der Truppen auserſehen. Früh im Lenz 1486 ertönte das ſchöne Thal am Quadalquivir von den ſchmetternden Klängen der Trompete, von dem ungeduldigen Wiehern des Streitroſſes. In dieſer glanz⸗ vollen Aere der Spaniſchen Ritterſchaft zeigte ſich ein Buhlen unter den Edlen, wer am meiſten ſich auszeichne durch die Pracht ſeines Aeußern, durch die Anzahl und Ausrüſtung ſeines Lehngefolges. Jeder Tag brachte einige Ritter von Anſehen, die Irving's Granada. 1— 3. 18 — 274— Abgeordneten eines ſtolzen, mächtigen Hauſes, jeder Tag ſah ihrer neue in Cordova's Thore unter Trompetenſchall einziehen, ſah entfaltet Fahnen und Wappen, welche in manchem Kampf ſich Ruhm erworben. Sie erſchienen in prächtigem Geleite, umgeben von Pagen und Dienern, die nicht weniger verſchwendriſch aufgeputzt waren, und an der Spitze einer Truppe von Lehnsträgern und Ge⸗ folge von Roß und Mann, welche alle bewundrungs⸗ würdig verſehen waren mit funkelnder Rüſtung. Solcher Art war das Gepränge Don Inigo's Lopez de Mendoza, des Herzogs von Infantado, welcher als ein Muſter eines kriegeriſchen Edlen jener Zeit angeführt werden mag. Ihm folgten fünfhundert von ſeinen Haus⸗ truppen, die gerüſtet und beritten waren a la geneta und a la guisa(leicht und ſchwer bewaffnete Truppen 2). Die Ritter um ihn waren prächtig bewaffnet und geſchmückt. Das Pferdezeug von fünfzig ſeiner Roſſe beſtand aus reichen Decken, die mit Gold verbrämt waren, und noch andre waren von Brocad. Die Maulthiere für das Gepäck hatten eben ſolchen Pferdeſchmuck mit ſeidnen Halftern; während die Zäume, Kopfbedeckungen und al⸗ les übrige Geſchirr von Silber glänzte. 8 Ddie Lagergeräthſchaften dieſer edlen, prachtliebenden Krieger waren gleich koſtbar. Ihre Zelte waren reizende Pavillons, von verſchiedner Farbe, mit ſeidnem Gehänge eingefaßt und mit flatternden Fähnchen verziert. Sie hatten Gefäße von Gold und Silber zum Gebrauch bei der Tafel, als wollten ſie eine Reihe ſtattlicher Gaſtmäh⸗ ler und Hoffeſte feiern, und ſich nicht den ernſten Unfäl⸗ len des rauhen Bergkriegs ausſetzen. Oftmals zogen ſie zur Nachtzeit in glänzendem Auf⸗ zuge durch die Straßen Cordova's. Der Schein der großen Menge brennender Fackeln fiel auf die geglättete Rüſtung, die nickenden Federbüſche, die ſeidnen Schär⸗ pen, und die Trappirungen der Goldverbrämung und füllte mit Staunen alle Zuſchauer.(Pulgar part. III. cap. 41. 56.) Aber nicht allein die Spaniſche Ritterſchaft drängte ſich in Cordova's Straßen. Das Gerücht von dieſem Krieg hatte ſich durch die ganze Chriſtenheit verbreitet. Er ward als eine Art Kreuzzug angeſehen, und katholi⸗ ſche Ritter eilten von allen Seiten herbei, ſich in einer ſo heiligen Sache auszuzeichnen. Da ſah man viele tapfre Ritter aus Frankreich, un⸗ ter welchen der ausgezeichnetſte war Gaſton de Leon, Seneſchal von Toulouſe. Mit ihm kam ein ſtattlicher Trupp, wohl bewaffnet und beritten und geſchmückt mit reichen Obergewändern und Federbüſchen. Dieſe Ritter verdunkelten, ſagt man, alle andre bei den leichtfertigen Feſtlichkeiten des Hofs. Sie waren den Schönen ergeben, aber nicht in der feierlichen, tief füh⸗ lenden Weiſe der Spaniſchen Verliebten, ſondern ſie wa⸗ ren vergnügt, behend, freudig in ihrer Liebe, und mach⸗ ten Eroberungen durch die Lebhaftigkeit ihres Angriffs. Sie wurden anfangs von den ernſten, feierlichen Spani⸗ ſchen Rittern nur gering geachtet, bis ſie ſich durch ihre 3 18 — 276— wunderbare Tapferkeit im Feld bei ihnen in Anſehen ſetzten. Der angeſehenſte aber unter den Freiwilligen, welche bei dieſer Gelegenheit in Cordova erſchienen, war ein Engliſcher Ritter von königlichem Geblüte. Es war der Lord Scales, Graf von Rivers, verwandt mit der Kö⸗ nigin von England, Gemahlin Heinrichs VII. Er hatte ſich im vorigen Jahre in der Schlacht bei Boſworth⸗Field ausgezeichnet, wo Heinrich Tudor, da⸗ mals Graf von Richmond, Richard III. überwand. Da dieſe entſcheidende Schlacht dem Land den Frieden wieder geſchenkt, zog der Graf von Rivers, der zu kriegeriſchen Auftritten Neigung gefaßt, an den Caſtiliſchen Hof, um ſeine Waffen in einem Feldzug gegen die Mauren in Ue⸗ bung zu erhalten, Er brachte mit ſich hundert Bogenſchützen, alle ge⸗ ſchickt in der Armbruſt und im Abſchießen der langen Pfeile, ferner zweihundert Neomen, bewaffnet von Kopf bis zu Fuß. Sie fochten mit Piken und Schlachtäxten, und waren Leute von feſtem Bau und wunderbarer Stärke. Der würdige Vater, Bruder Antonio Agapida, be⸗ ſchreibt dieſen fremden Ritter und ſein Gefolge mit ſei⸗ ner gewöhnlichen, in's Einzelne gehenden Genauigkeit. «Dieſer Ritter,» bemerkt er,«war von der Inſel England, und brachte mit ſich einen Haufen Lehnsleute, welche in gewiſſen bürgerlichen Kriegen, die in ihrem Lande gewüthet hatten, abgehärtet worden waren. Sie waren eine einnehmende Menſchenraſſe, aber zu ſchön und — 277— friſch füͤr Krieger. Sie hatten nicht die ſonnverbrannte Heldenfarbe unſerer Caſtiliſchen Truppen.“» 4 *Sie waren ſtarke Eſſer und unbändige Trinker; ſie konnten ſich nicht zur nüchternen Lebensart unſrer Solda⸗ ten bequemen, ſondern liebten gar ſehr zu ſpeiſen und zu zechen nach der Weiſe ihres eignen Landes. Sie waren auch oft geräuſchvoll und ungeregelt in ihrer Kriegszucht, und ihr Lagerviertel ward gar leicht zum Sitz der lauten Luſtigkeit und des plötzlichen Streits.„ aVorzüglich aber beſaßen ſie großen Stolz; doch glich er nicht unſerm leicht entzündbaren Spaniſchen Stolze; ſte hielten nicht viel auf den Pundonor, oder die klein⸗ lichen Ehrenpunkte, und zogen ſelten in ihren Zwiſtigkei⸗ ten das Stilett; ihr Stolz war vielmehr ruhig und ver⸗ achtend.» »In ihrem großen Stolz und Selbſtvertrauen ſuchten ſte ſich immer an die Spitze zu drängen, und die gefahr⸗ vollſten Poſten zu beſetzen, um es unſrer Spaniſchen Rit⸗ terſchaft zuvorzuthun. Sie ſtürzten nicht wild hervor, und machten nicht glänzende Angriffe, wie die Mauriſchen und Spaniſcheu Truppen, ſondern ſie rückten bedächtig —-— 278— in's Feld, und ſtanden hartnäckig, begaben ſich aber auch langſam auf die Flucht, wenn ſie geſchlagen waren.» «So waren ſie denn ſehr geachtet aber wenig geliebt bei unſern Soldaten; dieſe betrachteten ſie als feſte Ge⸗ fährten im Feld, ſuchten aber im Lager ihre Freundſchaft und Genoſſenſchaft wenig.» «Ihr Befehlshaber, der Lord Scales, war ein vollen⸗ deter Ritter, ſtellte ſich auf eine einnehmende, edle Weiſe vor, und war fein in Reden. Es war zu verwundern, daß man ſo viel Anſtand bei einem Ritter traf, der doch ſo fern von einem Caſtiliſchen Hofe erzogen worden. Er wurde von dem König und der Königin ſehr geehrt, und fand große Gunſt bei den ſchönen Damen am Hof, welche aber auch wirklich faſt zu geneigt ſind, ſich mit fremden NRittern zu gefallen.“» «Er ging immer in großem Gepränge, von Pagen und Vaſallen umgeben und von edlen jungen Rittern ſei⸗ nes Landes begleitet, die ſich unter ſeine Fahne geſtellt hatten, um den edlen Gebrauch der Waffen zu lernen.» «Bei allen Aufzügen und Feſtlichkeiten zog die eigne Haltung und der reiche Schmuck des Engliſchen Grafen und ſeines Gefolges, die ſich immer gefielen, in der Tracht und Weiſe ihres Landes zu erſcheinen, die Augen des Volf auf ſich; auch waren ſie in der That manchmal gar prächtig, ergötzlich und ſeltſam anzuſchauen.» Der würdige Chroniſt iſt nicht weniger ausführlich in den Beſchreibungen, die er von den Ordensmeiſtern von St. Jago, Calatrava und Alcantara und ihren ſtattlichen xVr 27.—— Rittern giebt, welche überall bewaffnet und mit den Zei⸗ chen ihrer verſchiednen Orden geſchmückt waren. «Sie waren,“» verſichert er,«die Blüthe der chriſt⸗ lichen Ritterſchaft. Da ſie ſich beſtändig im Dienſt be⸗ fanden, wurden ſie feſter und vollendeter in der Kriegs⸗ zucht, als die ungeregelten, vorübergehenden Aushebun⸗ gen unter dem Lehnsadel.“) «Ruhig, ernſt und ſtattlich ſaßen ſie wie Thürme auf ihren mächtigen Rennern. Bei Prunkzügen zeigten ſie nichts von der Schau und dem Gepränge der andern Truppen; auch in der Schlacht ſuchten ſie ſich durch keine wilde Lebhaftigkeit oder durch verzweifelte, eitel ruhmre⸗ dige Kriegsthaten hervorzuthun; alles bei ihnen war ge⸗ mäßigt und ruhig, doch bemerkte man, daß niemand krie⸗ geriſcher in den Lagervorkehrungen erſchien, noch furcht⸗ barer war in ſeinen Schlachtthaten.“» Die verſchwenderiſche Pracht der Spaniſchen Edlen wurde von den Königen nur wenig begünſtigt. Sie ſa⸗ hen, daß dieſes einen Wettſtreit in den Ausgaben hervor⸗ brachte, welcher für Ritter von mäßigem Vermögen ver⸗ derblich wurde, und fürchteten, es könne eine Bequem⸗ lichkeit und Weichlichkeit eingeführt werden, die mit dem ernſten Kriegsweſen unverträglich wäre. Sie bezeigten daher mehreren der vorzüglichſten Edlen ihre Mißbilligung, und empfahlen eine nüchternere, krie⸗ geriſchere Haltung, ſo lange ſie im Dienſt wären. «Dieß ſind herrliche Truppen zu einem Tournier, Senhor,» ſagte Ferdinand zum Herzog von Infantado, — 280—— als er ſein Gefolge in Gold und Verbrämungen glänzen ſah;«aber Gold, wenn auch koſtbar, iſt doch weich und haltlos; Eiſen iſt das Metall des Kriegs.» «Sire,» entgegnete der Herzog,«wenn meine Leute in Gold prangen, werden doch Eure Majeſtät ſinden, daß ſie mit Stahl fechten.» Der König lächelte, ſchüttelte aber den Kopf und der Herzog gedachte der Rede und verwahrte ſie in der in⸗ nerſten Bruſt. Es bleibt uns jetzt noch übrig, den unmittelbaren Zweck dieſer großen kriegeriſchen Vorkehrung anzugeben, der in der That die Befriedigung eines königlichen Grolls zu Grunde lag. Die ſchwere Lection, die der alte Ali Atar dem Könige Ferdinand vor Loxa's Mauern gegeben, wenn ſie ihm auch ſehr dienlich geweſen war, indem ſie ihn vor⸗ ſichtig bei Angriffen auf befeſtigte Städte machte, wurmte ihn doch noch ſehr, und er hatte ſeitdem immer einen ganz beſondern Haß gegen Loxa gehabt. Es war in der That eine der kriegeriſchſten und un⸗ ruhigſten Städte auf der Grenze, die beſtändig Andalu⸗ ſlen durch ihre Einfälle beunruhigte. Sie lag zwiſchen dem chriſtlichen Gebiet und Alhama und andern in dem Königreich Granada eroberten Orten. Alle dieſe Gründe beſtimmten Ferdinand, einen zweiten Verſuch auf dieſe kriegeriſche Stadt zu machen, und zu dieſem Zweck hatte er ſeine vorzüglichſten Ritter in's Feld gerufen. Im Monat Mai zog der König an der Spitze ſeines Heeres aus Cordova aus. Er hatte zwölftauſend Reiter — 2814— und vierzigtauſend Fußſoldaten mit Armbruſt, Speeren, und Muſqueten. Ferner ſah man ſechstauſend Schanzgräber mit Beilen, Pickeläxten und Brecheiſen, um die Wege zu bahnen. Er nahm auch einen großen Zug Geſchütz, Donner⸗ büchſen und dergleichen mit ſich, auch ein Corps Deut⸗ ſche, welche erfahren waren in der Bedienung der Ge⸗ ſchütze und im Niederſchießen der Wälle. «Es war ein glorreicher Anblick,» ſagt Bruder An⸗ tonio Agapida,«als dieſer prangende Zug aus Cordova ausrückte, als die Fahnen und Banner der ſtolzeſten Häu⸗ ſer Spaniens, vereint mit denen tapferer fremder Ritter, über einem Meer von Helmbüſchen und Federn flatterten, als er ſich mit blitzenden Schilden, Panzern und Helmen über die alte Brücke bewegte, und ſich in den Waſſern des Quadalquivir abſpiegelte; während das Wiehern der Roſſe, die Klänge der Trompeten in der Luft ſich hin⸗ wiegten, und an den fernen Bergen wiederhallten.» «Aber vor allem,» ſchließt der gute Vater mit ſei⸗ nem gewohnten Eifer,«war es erhebend, das Banner des Glaubens überall entfaltet zu ſehen, und ſich zu er⸗ innern, daß es nicht ein weltlich geſinntes Heer ſey, das einen irdiſchen Plan des Ehrgeizes und der Rache beab⸗ ſichtige, ſondern eine Chriſtenſchaar, auf einem Kreuzzug begriffen, der austilgen ſollte von dem Land den verruch⸗ ten Samen Muhamed's, um die reine Herrſchaft der Kirche zu verbreiten.⸗ — Sieben und dreißigſtes Kapitel. Wie neue Unruhen in Granada ausbrachen und das Volk ſie zu dämpfen ſuchte. Während vollkommne Eintracht über das Ziel und Uebereinſtimmung in den Anſtrengungen den chriſtlichen Waffen Kraft gab, war immer noch das dem Unglück ge⸗ weihte Königreich Granada ein Raub innerer Zwiſtigkei⸗ ten. Die vorübergehende Liebe bei'm Volk, deren ſich El Zagal erfreut, hatte immer ſeit ſeines Bruders Tod abgenommen, und Boabdil's El Chico Parthei täglich neue Stärke erlangt. Der Albaycin und Alhambra tra⸗ ten wieder zum erbittertſten Kampfe gegen einander auf, und die Straßen des unglücklichen Granada rötheten ſich täglich von dem Blut ſeiner Kinder. Mitten in dieſen Zwiſtigkeiten langten Nachrichten von dem furchtbaren Heere, das ſich in Cordova ſammelte, in der unruhigen Stadt ein. Die ſtreitenden Partheien unterbrachen ihre wahnſinnigen Kämpfe, und wurden zu einer vorübergehenden Einſicht in die gemeinſame Gefahr aufgeregt. Sie griffen wieder zu ihrem alten Mittel, ihre Regierung umzumodeln, oder vielmehr, Könige an⸗ und abzuſetzen. Die Erhebung El Zagal's auf den Thron hatte nicht die gewünſchte Wirkung gehabt; was war alſo v = 8 zu thun? Man mußte Boabdil El Chico zurückrufen und ihn wieder als König anerkennen. Während ſie in einem Volksauflauf darüber beriethen, ſtand plötzlich Hamet Aben Zarrax, El Santo genannt, unter ihnen auf. Dieß war derſelbe wilde, trübblickende Mann, welcher Granada's Leiden vorausgeſagt hatte. Er kam aus einer der Höhlen in der anliegenden Anhöhe hervor, welche über den Darro herüberhängt, und ſpäter der heilige Berg genannt worden iſt. Sein Aeußeres war verfallener als je, denn der unberückſichtigte Seher⸗ geiſt ſchien ſich nach innen geworfen und die Lebenskräfte verzehrt zu haben. «Hütet euch, Moſtims,» rief er,«hütet euch vor Leuten, welche begierig ſind zu herrſchen, aber unfähig zu ſchützen! Warum euch einander morden um El Chico oder El Zagal? Zwingt eure Könige, ihren Zwiſt auf⸗ zugeben, und ſich für Granada's Rettung zu vereinen, oder ſtoßt ſie vom Thron!». Hamet Aben Zarrar war lange als ein Heiliger ver⸗ ehrt worden, er ward jetzt als ein Or l betrachtet. Die Greiſe und Edlen beriethen ſich alsbald zuſammen, wie die zwei Nebenkönige zur Eintracht gebracht werden möchten. Sie hatten ſehr viele Mittel verſucht, jetzt ent⸗ ſchloß man ſich, das Reich unter ſie zu theilen, und Gra⸗ nada, Malaga, Velez Malaga, Almeria, Almunecar und ihr Zubehör El Zagal, und das übrige Boabdil El Chico zu geben. Unter den dem letztern überlaſſenen Städten wurde h — 284— Lora ganz beſonders genannt, und die Bedingung hinzu⸗ gefügt, er ſolle alsbald den Oberbefehl darüber in Perſon übernehmen, denn die Rathsverſammlung meinte, die Gunſt, der er ſich bei den katholiſchen Königen erfreute, koͤnnte den drohenden Angriff abwenden. El Zagal trat dieſen Anordnungen bereitwillig bei. Er war ſchnell durch eine Aufwallung unter dem Volk auf den Thron erhoben worden, und konnte eben ſo ſchnell wieder hinuntergeſtoßen werden. Dieſe Vorkehrung ſicherte ihm die Hälfte eines Reichs, worauf er kein Erb⸗ recht hatte, und er vertraute, durch Gewalt oder Liſt die andre Haͤlfte ſpäter zu gewinnen. Der hinterliſtige alte Fürſt ſchickte ſelbſt eine Geſandt⸗ ſchaft an ſeinen Neffen ab, und machte ſich ein Verdienſt daraus, ihm die Hälfte in Güte anzubieten, die er ihm doch zu überlaſſen mit Gewalt gezwungen worden, und lud ihn ein, mit ihm in ein freundſchaftliches Bündniß zum Beſten des Landes zu treten.. Boabdil's Herz entſetzte ſich vor einer Verbindung mit einem Manne Hs. ihm lange nach dem Leben geſtrebt, und in dem er den Mörder ſeiner Verwandten verab⸗ ſcheuen mußte. Er nahm die eine Hälfte des Reichs als ein Anerbieten von ſeinem Volke an, das von einem Fürſten nicht zurückgewieſen werden konnte, welcher kaum im Beſitz des Bodens war, worauf er ſtand. Er ver⸗ wahrte ſich indeß ſein anerkanntes Recht auf das ganze Reich, und fügte ſich einer Theilung, nur aus Ruͤckſicht — 285— anf die gegenwärtige Lage ſeines Volks, deſſen Beſtes er im Auge behalten mußte, Er verſammelte ſeine wenigen Anfaͤnger, und wollte eben nach Loxa eilen. Als er ſein Roß, um abzureiſen beſtieg, ſtand plötzlich Hamet Aben Zarrax, vor ihm. « Sey deinem Lande, deinem Glauben getreu,“ ſagte er, ehabe keine fernere Gemeinſchaft mit dieſen Chri⸗ ſtenhunden. Trau“ nicht der hohlherzigen Freundſchaft des Caſtiliſchen Königs. Er untergräbt dir den Boden unter den Füßen. Wähl' zwiſchen zweien, ſey König oder Sklav; du kannſt nicht beides ſeyn!» Boabdil brütete über dieſen Worten; er ergriff man⸗ che weiſe Entſchlüſſe, aber er war immer geneigt, dem Antrieb des Augenblicks zu folgen, und pflegte unglüuck⸗ licher Weiſe in ſeiner Politik zu zögern. Er ſchrieb an Ferdinand, er benachrichtigte ihn, Loxa und gewiſſe andre Städte wären zu ihrer Unterwürfig⸗ keit zurückgekehrt, er beſitze ſie, ihrem Vertrag gemäß, als Lehnsmann der Caſtiliſchen Krone. Er beſchwor ihn daher, jeden bezweckten Angriff aufzugeben, und bot dem Spaniſchen Heer freien Durchgang nach Malaga oder nach jedem andern Orr unter der Herrſchaft ſeines Oheims. (Zurita XX, 68.) Lerdinand verſchloß ſein Ohr dieſem Anſuchen, und allen Verſicherungen von Freundſchaft und Vaſallenthum. Boabdil war ihm nichts weiter, als ein Werkzeug die Flammen des Bürgerzwiſts zu nähren. Er beſtand jetzt darauf, er ſey gegen ihn mit ſeinem Oheim in einen feind⸗ — 286— lichen Bund getreten, und habe folglich alle Anſprüche auf ſeine Nachſicht verloren. So verfolgte er denn mit noch größrem Eifer ſeinen Feldzug gegen Lora.. «Auf dieſe Art,» bemerkt der würdige Bruder An⸗ tonio Agapida,«handelte denn dieſer ſcharfſinnige König nach dem Spruch im eilften Kapitel des Evangeliſten St. Lucas, daß ein in ſich ſelbſt getheiltes Reich nicht beſtehen kann.» Er hatte dieſe Ungläubigen veranlaßt, ſich ſelbſt durch innere Zwiſtigkeiten zu ſchwächen und zu vernichten, und endlich den Ueberlebenden zu Boden geworfen. Die Mau⸗ riſchen Fürſten aber bewieſen durch ihre verderblichen Kämpfe die Wahrheit des guten alten Caſtiliſchen Sprich⸗ worts, das auf Bürgerkriege ſehr anwendbar iſt, und welches heißt: Der Beſtiegte wird beſiegt und der Sie⸗ ger vernichtet. El vencido vencido, y el vencidor perdido(Garibay. XL, 33.) — Acht und dreißigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand einen Kriegsrath am Fels der Lie⸗ benden hielt. 4 Das königliche Heer lagerte auf ſeinem Zug gegen Lora an einem ſchönen Maiabende auf einer Wieſe an den Ufern des Neguas, am Fuß einer hohen Bergſpitze, 4 1 — 287— die der Fels der Liebenden hieß. Die Lagerviertel eines jeden Edlen bildeten gleichſam wieder ein kleines Lager. Das ſtattliche Feldherrn Zelt, von dem eignen Banner geſchmückt, erhob ſich über die es umgebenden Zelte der Lehnsträger und des Gefolges. Etwas entfernt von den andern, gleichſam in ſtolzer Abgeſchiedenheit, war das Lager des engliſchen Grafen. Es war koſtbar in ſeiner Ausſchmückung und vollſtändig in ſeinem Kriegsweſen. Bogenſchützen und Soldaten mit Streitärten bewaffnet, hielten ringsum Wache; während hoch oben die Fahne von England ihre weiten Falten warf, und im Abendwinde flatterte. Die vermiſchten Töne der mancherlei Zungen und Völker drangen von den Soldaten her herüber, während ſie ihre Roſſe im Fluß tränkten, oder um die Feuer be⸗ ſchäftigt waren, welche hier und da im Zwielicht aufzu⸗ ſprühen begannen; man vernahm das fröhliche Lied des Franzoſen, der von ſeiner Geliebten an den reizenden Ufern der Loire oder in den ſonnigen Gefilden der Ga⸗ ronne ſang; man hörte die breiten Kehltöne des Deut⸗ ſchen, der ein muthiges Kriegslied anſtimmte, oder die Reben am Rhein erhob; die wilde Romanze des Spa⸗ niers, die des Cid Heldenthaten herzählte und manche andre ruhmvolle Begebenheit der mauriſchen Kriege feierte, und den langen, traurigen Sang des Engländers, der von einem Helden der Lehnsherrſchaft oder von einem gefürchteten Geächteten dieſes fernen Eilandes handelte. Auf einer Erhöhung, die eine Ausſicht auf das ganze 9„ 8 — 288— Lager darbot, ſtand das geraͤumige, prächtige Zelt des Königs und vor ihm war aufgerichtet das Banner von Caſtilien und Arragonien und die heilige Fahne des Kreuzes. In dieſem Zelt waren die erſten Befehlshaber des Heers verſammelt; Ferdinand hatte ſie zu einem Kriegs⸗ rath entboten, als er die Nachricht erhalten, Boabdil habe ſich mit einer anſehnlichen Verſtärkung nach Lora geworfen. Nach einigen Berathungen wurde beſchloſſen, Lora von beiden Seiten anzugreifen; der eine Theil des Heers ſollte ſich der gefährlichen, aber die Gegend be⸗ herrſchenden Höhe von Santo Albohacin, im Angeſicht der Stadt, bemächtigen, während der übrige Theil, einen Umweg nehmend, ſich auf der entgegengeſetzten Seite lagerte, Nicht ſo bald war man darüber einig, als der Mar⸗ quis von Cadix ſich erhob, und theils um ſeiner ſelbſt willen, theils wegen derjenigen Ritter, ſeiner Waffenge⸗ fährten, die dieſe Anhöhe in dem allgemeinen Rückzug des Heers bei der früheren Belagerung zu verlaſſen ge⸗ nöthigt worden, den gefährlichen Poſten in Anſpruch nahm. Der Feind hatte über ſie geſpottet, als wären ſie ſchimpflich da weggetrieben worden; ihre Ehre verlangte alſo, daß ſie die gefahrvolle Höhe wieder gewönnen, ihre Zelte darauf aufſchlügen, und das Blut ihres tapfren Genoſſen, des Ordensmeiſters vo latrava, der hier gefallen, rächten. Daher wollte der Marquis, man ſolle ihnen auftragen, die Vorhuth zu führen und ſich der Höhe zu verſichern; zugleich verſprach er, er wolle den 8— —— —x — 289— Feind beſchäftigen, bis das Hauptheer ſeine Stellung auf der andern Seite der Stadt eingenommen. König Ferdinand gab gern ſeine Einwilligung, worauf der Graf de Cabra bat, auch die Gefahren dieſer Un⸗ ternehmung theilen zu dürfen. Er pflegte immer im Vor⸗ trab zu dienen, und jetzt da Boabdil im Feld und ein Kö⸗ nig zu fangen war, konnte er es nicht über ſich gewin⸗ nen, in der Nachhuth zu bleiben. Ferdinand ließ es zu, denn er wünſchte dem guten Grafen jede Gelegenheit zu verſchaffen, ſein neuliches Unglück vergeſſen zu machen. Der engliſche Graf wollte auch, ſobald er hörte, es ſey eine gefährliche Unternehmung im Werk, daran Theil nehmen, aber Ferdinand zügelte ſeinen Muth. «Dieſe Ritter,» ſagte er, aglauben eine Rechnung mit ihrem Stolze abzuſchließen zu haben; laßt ihnen, Lord, ihre Unternehmung allein; wenn ihr dieſe Mauri⸗ ſchen Kriege lange verfolgt, wird es euch nicht an gefah⸗ renreichen Zügen ſehlen.» Der Marquis von Cadir und ſeine Waffengefährten brachen ihre Zelte vor Tagesanbruch ab. Es waren fünf tauſend Pferde und zwölf tauſend Fußgänger, und ſie zogen eiligſt längſt der Bergengen hin, da die Ritter wünſchten, den Streich zu führen, und ſich in Beſitz der Höhe Albohacin zu ſetzen, ehe der König mit dem Haupt⸗ heer zu ihrem Beiſtand herangekommen. Die Stadt Lorf ſteht auf einem hohen Hügel, zwi⸗ ſchen zwei Bergen an den Ufern des Xenil. Um die ge⸗ nannte Höhe zu erreichen, hatten die Truppen einen rau⸗ Jrving's Granada. 1— 3. 19 — 290— hen, brüchigen Landſtrich zu durchſchreiten und gauſſerdem noch ein tiefes Thal, das von Kanälen und kleineren Gewäſſern durchſchnitten war, womit die Mauren ihre Länder zu befruchten pflegten. Sie wurden auſſerordent⸗ lich in dieſem Theil ihres Zugs behindert, und waren in großer Gefahr, einzeln aufgefangen zu werden, ehe ſie die Höhe erreichen könnten. Der Graf de Cabra ſuchte mit ſeinem gewohnten Ei⸗ fer trotz jedes Hinderniſſes gerade durch das Thal durch⸗ zudringen. So verwickelte er ſich denn bald mit ſeiner Reiterei zwiſchen den Kanälen, aber ſeine Ungeduld ließ ihn nicht zurückgehn, um einen gangbareren aber weitren Weg einzuſchlagen. Andre kamen langſam durch einen andern Theil des Thals vermittelſt ihrer Brücken, während der Marquis von Cadir, Don Alonzo de Aguilar und der Graf de Urena, die mit dem Boden von ihrem früheren Feldzug her bekannter waren, einen Umweg an den Fuß der An⸗ höhe hin machten, und ſo aufſteigend, ihre Geſchwader zu entwickeln und ihre Banner auf einem gefürchteten Poſten aufzupflanzen begannen, welchen bei der früheren Belagerung ſie ſo ungern verlaſſen hatten. 2 — 291— Neun und dreißigſtes Kapitel. Wie das königliche Heer vor der Stadt Loxa erſchien, und wie es empfangen wurde, und von den tapfern Thaten des Engliſchen Grafen. Das Vorrücken des chriſtlichen Heers auf Loxa zu, verſetzte den wankenden Boabdil El Chieo in ſeine ge⸗ wöhnliche Verlegenheit; er ſchwankte zwiſchen ſeinem Un⸗ terwürfigkeitseide, den er den Spaniſchen Fürſten ge⸗ ſchworen, und der Treue, die er ſeinen Unterthanen ſchul⸗ dig war, hin und her.. Seinen Zweifeln wurde durch den Anblick des Feindes ein Ende gemacht, der von der Anhöhe Albohacin her⸗ überglänzte, ſowie auch durch das Geſchrei ſeines Volkes, welches in die Schlacht geführt zu werden verlangte. «Allah!» rief er,«du kennſt mein Herz, du weißt, daß ich treu geblieben meinem Schwur gegen dieſen chriſt⸗ lichen Fürſten! Ich hab' mich erboten, Lora als ſein Lehnsmann zu beſitzen, aber er hat es vorgezogen, als Feind heranzurücken; auf ſeinem Haupt laſte der Bruch des Vertrags!» Boabdil'n gebrach es nicht an Muth, es fehlte ihm nur Entſchloſſenheit. Wenn er einmal mit ſich einig war, handelte er mit Kraft. Das Unglück war nur, daß er nie oder zu ſpät mit ſich einig wurde. Wer ſich lang⸗ ſam entſcheidet, handelt gewöhnlich raſch, da er durch 19*½ übereiltes Thun ſeine Langſamkeit im Berathen ausglei⸗ chen will. Boabhdil ſchnallte ſchnell die Rüſtung an, und ſtürzte von ſeiner Garde umgeben und an der Spitze von fünf⸗ hundert Pferden und viertauſend Fußgängern, der Blü⸗ the ſeines Heeres, hervor. Einige ſandte er ab, um mit den Chriſten zu ſcharmutziren, welche im Thal zerſtreut und in Verwirrung waren, und um ſie zu hindern, ihre Streitkräfte zu ſammeln; er ſelbſt aber rückte mit der Hauptmacht heran, um den Feind von der Höhe Albo⸗ haein zu vertreiben, ehe er Zeit hätte, ſich dort in gro⸗ ßen Maſſen zu ſammeln und in der wichtigen Stellung zu befeſtigen.— Der würdige Graf de Cabra war noch mit ſeiner Rei⸗ terei zwiſchen den Waſſern des Thals in Verwirrung und verwickelt, als er das Kriegsgeſchrei der Mauren ver⸗ nahm, und ihr Heer über die Brücke ſtürzen ſah. Er erkannte Boabdil'n ſelbſt an ſeiner glänzenden Rüſtung, an der reichen Aufzäumung ſeines Roſſes und der prächtigen Garde, die ihn umgab. Das königliche Heer flog nach der Anhöhe, ein da⸗ zwiſchenliegender Hügel verbarg es ſeinen Blicken, aber das laute Gerufe und Geſchrei, der Lärm der Trommeln und Trompeten und das Geknall der Muſketen, verrieth, daß die Schlacht begonnen. Da war ein königlicher Fang im Feld, und der Graf de Cabra nicht im Stande, an der Jagd Theil zu neh⸗ men. Der gute Ritter war ganz auſſer ſich vor Unge⸗ — duld. Jede Bemühung, ſich einen Weg durch das Thal zu bahnen, ſtürzte ihn nur in neue Schwierigkeiten. Endlich nach manchen eifrigen, aber erfolgloſen An⸗ ſtrengungen, ſah er ſich genöthigt, ſeine Truppen abſtei⸗ gen zu laſſen, und ihnen zu befehlen, langſam und be⸗ dächtig ihre Pferde auf ſchlüpfrigen Wegen, zwiſchen Stellen voll Moraſt und Waſſer, wo ſie oft kaum einen Halt für ihre Fußſpitzen hatten, zurückzuführen. Der gute Graf ſeufzte aus innerſter Bruſt, und war aus bloſer Ungeduld voll Angſt und Schweiß, als er dieſe Bewegung machte, weil er immer fürchtete, die Schlacht möchte ausgefochten und der Preis gewonnen oder verlo⸗ ren ſeyn, ehe er das Feld erreichen könnte. Als er ſich endlich mühſam durch die Irrſale des Thals durchgewun⸗ den hatte und auf feſterem Boden angelangt war, hieß er ſeine Truppen aufſitzen, und führte ſie im ſtärkſten Ren⸗ nen nach der Höhe zu. Ein Theil von den Wünſchen des guten Grafen wurde erfüllt, aber der eifrigſte ihm getäuſcht. Er kam gerade noch zur rechten Zeit, um am Gefecht, als es am heiße⸗ ſten war, Theil zu nehmen, aber der königliche Fang be⸗ fand ſich nicht mehr im Feld. Boab!dil hatte ſeine Leute mit ungeſtümer Tapferkeit oder vielmehr mit übereilter Schnelle in den Streit ge⸗ führt. Da er ſich unbedachtſam in der vorderſten Reihe der Schlachtordnung allen Gefahren ausſetzte, erhielt er gleich bei dem erſten Zuſammentreffen zwei Wanden. Seine Wachen ſtellten ſich um ihn, vertheidigten ihn mit — 294— ungewöhnlicher Kraft, und trugen ihn blutend aus dem Treffen. Der Graf de Cabra kam gerade zur rechten Zeit, um die königlichen Geſchwader über die Brücke ziehen und langſam ihren verwundeten Fürſten nach dem Stadtthor hintragen zu ſehen. 3 Die Ahweſenheit Boabdil's machte in der Heftigkeit des Streits keinen Unterſchied. Ein Mauriſcher Krieger, finſtern, furchtbaren Blicks, der einen ſchwarzen Renner ritt und an der Spitze eines Haufens wilder Gomeren ſtand, ſtürzte vor, den Oberbefehl zu übernehmen. Es war Hamet El Zegri, der wilde Alcayde von Ronda, mit den Reſten ſeiner einſt furchtbaren Beſatzung. Durch ſein Beiſpiel angefeuert, erneuerten die Mauren ihre Angriffe auf die Höhe. Sie wurde tapfer verthei⸗ digt auf der einen Seite von dem Marquis von Cadix, auf der anderen von Don Alonzo de Aguilar und ſo ſchnell die Mauren heraufſtiegen, eben ſo ſchnell wurden ſie zu⸗ rückgetrieben und die Abhänge hinuntergeſtürzt. Der Graf de Urena nahm ſeinen Stand auf der ver⸗ hängnißvollen Stelle, wo ſein Bruder gefallen wa. Seine Begleiter entſprachen mit Eifer den Gefühlen ih⸗ res Befehlshabers, und Haufen der Feinde ſielen von ih⸗ ren Waffen, als Opfer, dargebracht den Manen des be⸗ klagten Ordensmeiſters von Calatrava. Die Schlacht wüthete fort mit unglaublicher Hart⸗ näckigkeit. Die Mauren wußten, von welcher Wichtig⸗ keit die Höhe für die Sicherheit der Stadt war; die 17 7 — 295— Ritter aber fühlten, daß ihre Ehre daran hänge, ſich dar⸗ auf zu behaupten. Friſche Truppenverſtärkungen ſtröm⸗ ten aus der Stadt; einige kämpften auf der Höhe, wäh⸗ rend andere die Chriſten angriffen, welche noch im Thal und in den Obſtwäldern und Gärten waren, um die Ver⸗ einigung der Streitkräfte zu hindern.. Die Truppen im Thal wurden allmählig zurückgetrie⸗ ben und das ganze Heer der Mauren ſammelte ſich um die Anhöhe. Die Lage des Marquis von Cadix war äu⸗ ßerſt gefahrvoll; er hatte nur eine Handvoll Krieger, und während dieſe Hand in Hand mit den Mauren fochten, die die Höhe angriffen, wurden ſie aus der Entfernung von der Armbruſt und Muſkete eines Feindes beunruhigt, deſſen Anzahl ſich mit jedem Augenblick mehrte. In dieſer kritiſchen Lage kam König Ferdinand aus dem Gebirg mit der Hauptmacht hervor und zog nach einer Anhöhe, die einen Ueberblick über das ganze Schlacht⸗ feld darbot. An ſeiner Seite war der edle Engliſche Rit⸗ ter, der Graf von Rivers. Dieß war das erſte Mal, daß er Zeuge war einer Secene aus dem Mauriſchen Krieg. Er ſah mit großem Antheil auf dieſes mörderiſche Gefecht vor ihm, auf das wilde Hin⸗ und Herrennen der Reiterei, das ungeregelte, wirre Andringen des Fußvolks, und das Ringen der chriſtlichen Helme und Mauriſchen Turbane in tödtlichem Kampfe. Sein edles Blut ſtieg ihm zu Geſicht und ſeine Seele freute ſich im Innerſten an dem wirren Kriegsgeſchrei, dem Getöne der Trommeln und Trompeten und dem Ge⸗ — 296— tös der Muſketen, die an den Bergen widerhallten. Als er ſah, daß der König eine Verſtärkung in die Schlacht ſchickte, bat er um Erlaubniß, ſich in das Gedränge mi⸗ ſchen und nach der Weiſe ſeines Landes kämpfen zu dür⸗ ſen. Nachdem ſeine Bitte ihm gewährt worden, ſprang er von ſeinem Roß. Er war blos en blanco bewaffnet, das heißt, mit Sturmhaube, Rückſchild und Bruſtplatte; ſein Schwert hing ihm an der Seite und in ſeiner Hand ſchwang er eine mächtige Streitaxt. Ihm folgte eine Abtheilung Yeomen, die auf gleiche Weiſe bewaffnet waren, und ein Haufe Schützen, deren Bogen von dem zähen Engliſchen Eibenholz gemacht wa⸗ ren. Der Graf wandte ſich zu ſeinen Truppen und re⸗ dete ſie kurz und barſch, nach der Weiſe ſeines Lan⸗ des an. «Erinnert euch,» ſagte er,«all ihr, meine wackern Leute, daß die Augen der Fremden auf euch gerichtet ſind; ihr ſeyd fern vom Vaterland, aber ihr kämpft für die Ehre Gottes und den Ruhm des fröhlichen, alten England!» Ein lauter Zuruf war die Antwort. Der Graf ſchwang ſeine Streitart um's Haupt;«St. Georg für England!“» rief er, und bei dem ermuthigenden Schall dieſes alten Engliſchen Kriegsgeſchreies eilte er und ſein Gefolge, männlichen, hohen Muthes, hinunter in die Schlacht.(Cura de los Palacios.) Bald waren ſie mitten im Feind, aber als ſie im heiße⸗ ſten Kampf begriffen waren, ſtießen ſie keinen Ruf, kein —— — 297— Schlachtgeſchrei aus. Sie drangen feſt vorwärts, ver⸗ theilten ihre Streiche zur Rechten und zur Linken, hie⸗ ben die Mauren nieder, und bahnten ſich einen Weg mit ihren Streitäxten, gleich den Waldleuten, die ſich in ein Gehölz einhauen. Die Schützen aber drängten ſich in die von jenen gemachten Oeffnungen, ſpannten kräftig ihre Bogen und verbreiteten Tod nach allen Seiten. Als die Caſtiliſchen Bergwohner die Kraft der Engli⸗ ſchen Soldaten mitanſahen, wollten ſie in Tapferkeit nicht übertroffen werden. Sie konnten mit ihnen nicht an Ge⸗ wicht und Maſſe ſtreiten, aber in Stärke und Behend⸗ heit wurden ſie von niemand übertroffen. Sie hielten alſo in Muth und Tapferkeit gleichen Schritt mit ihnen, und leiſteten den wackern Inſelbewohnern großen Beiſtand. Die Mauren wurden durch die Wuth dieſer Anfälle beſtürzt, und entmuthigt durch den Verluſt Hamets El Zegri, welcher verwundet vom Schlachtfeld weggebracht wurde. Sie zogen ſich allmählig auf die Brücke zurück, die Chriſten verfolgten ihre Vortheile und trieben ſie in Verwirrung darüber hin. Die Mauren wichen in die Vorſtadt und Lord Rivers und ſeine Truppen drangen mit ihnen zugleich hinein, fochten in den Straßen und in den Häuſern. König Ferdinand kam mit ſeiner königlichen Garde auf das Wahlfeld, und die Ungläubigen wurden alle in die Stadtmauern hineingetrieben. So wurden die Vor⸗ ſtädte durch die Kühnheit des Engliſchen Lords gewon⸗ — 298— nen, ohne daß ſolch ein Plan vorher beabſichtigt worden. (Cura de los Palacios. Ms.) Der Graf von Rivers drang trotz der erhaltenen Wunde noch vor in den Feind. Er gelangte faſt, unbe⸗ kümmert um einen Schauer von Geſchoſſen, der viele aus ſeinem Gefolge niederſtreckte, bis an das Stadtthor. Ein von den Verſchanzungen herabgewälzter Stein hemmte ſeinen Siegerlauf. Er traf ihn in's Geſicht, ſchlug ihm zwei der Vorderzähne aus, und ſtreckte ihn beſinnungs⸗ los zur Erde. Er wurde von ſeinen Lenten in einige Entfernung ge⸗ bracht, aber als er ſeine Sinne wieder erlangte, wollte er nicht zugeben, daß er aus der Vorſtadt herausgetra⸗ gen würde. Als der Kampf vorüber war, boten die Straßen ei⸗ nen erbarmenswerthen Anblick dar, eine ſolche Menge von ihren Einwohnern waren in Vertheidigung ihrer Hei⸗ math gefallen, oder ohne Widerſtand niedergemacht wor⸗ den. Unter den Opfern befand ſich ein armer Weber, der in ſeiner Wohnung während dieſes unruhigen Auftritts an der Arbeit geweſen. Sein Weib drang in ihn, in die Stadt zu fliehen.«Warum ſollte ich fliehen„ ſagte der Maure,«um dem Hunger und der Sklaverei aufgeſpart zu werden? Ich ſage dir, Weib, ich werde hier bleiben; denn beſſer iſt es, ſchnell durch das Schwert umzukom⸗ men, als ſtückweiſe hinzuſchmachten in Ketten und Ker⸗ kern.⸗» Er ſagte nichts weiter; er nahm ſein Webergeſchäͤft wieder vor, und wurde in der rückſichtsloſen Wuth des Angriffs auf ſeiner Werkſtätte hingeſchlachtet.(Pulgar, part. III, cap. 58.) Die Chriſten blieben im Beſitz des Schlachtfelds, und trafen Vorkehrungen, drei Lager zur Fortſetzung der Be⸗ lagerung aufzuſchlagen. Der König mit der Hauptmacht ſeines Heeres nahm eine Stellung auf der Seite der Stadt, gegen Granada zu, ein. Der Marquis von Ca⸗ dir und ſeine tapferen Gefährten ſchlugen nochmals ihre Zelte auf der Höhe Albohacin auf, aber der Engliſche Graf errichtete kühn ſein Banner innerhalb der Vorſtädte der Stadt. Vierzigſtes Kapitel. Schluß der Belagerung von Loxa. Da die Chriſten jetzt im Beſitz der Höhen des Albo⸗ hacin und der Vorſtadt von Loxa waren, ſo konnten ſie ſich die günſtigſten Orte für ihre Geſchützreihen ausſuchen. Sie zerſtörten alsbald die ſteinerne Brücke, auf welcher die Beſatzung ihre Ausfälle gemacht hatte, und warfen zwei hölzerne Brücken über den Strom; noch andre bau⸗ 3 ten ſie über die Kanäle und Bäche, ſo daß zwiſchen den — 300— verſchiednen Lagern eine leichte Verbindung hergeſtellt wurde. Als alles angeordnet war, wurde ein ſchweres Feuer von verſchiednen Seiten auf die Stadt eröffnet. Sie ſchoſſen nicht allein Stein⸗ und Eiſen⸗Kugeln ab, ſon⸗ dern auch große Maſſen von Feuer, welche gleich Meteo⸗ ren auf den Häuſern zerplatzten, und ſie ſogleich in Eine Gluth einhüllten.. Die Wälle wurden eingeriſſen und die Thürme durch furchtbare Ladungen aus den Donnerbüchſen niederge⸗ ſchmettert. Durch die auf ſolche Weiſe gemachten Oeff⸗ nungen konnten ſie das Innre der Stadt erſchauen; Häu⸗ ſer ſtürzten ein oder waren in Flammen; Männer, Wei⸗ ber, Kinder flohen entſetzt durch die Straßen und wur⸗ den von dem Schauer von Geſchoſſen, der durch eben dieſe Oeffunngen aus geringerem Geſchütz hineingeworfen wurde, und von Armbruſt und Muſketen hingeſtreckt. Die Mauren verſuchten die Breſchen auszubeſſern, aber neue Ladungen aus den Donnerbüchſen begruben ſie neben den Trümmern der Wälle, die ſie herſtellen woll⸗ ten. In ihrer Verzweiflung ſtürzten viele der Einwoh⸗ ner in die engen Straßen der Vorſtadt hervor, und grif⸗ fen die Chriſten mit Speeren, Säbeln und Dolchen an, ſie ſuchten zu vernichten, nicht ſich zu vertheidigen, küm⸗ merten ſich nicht um den Tod, da ſie die Ueberzeugung hatten, im Gefecht mit einem Ungläubigen ſterben, heiße mit einem Male in das Paradies verſetzt werden. Zwei Nächte und ein Tag dauerten dieſe furchtbaren — 301— Auftritte fort; da dachten einige der vornehmſten Ein⸗ wohner an die Hoffnungsloſigkeit alles Widerſtandes. Ihr König war dem Kampf entzogen, ihre vorzüglichſten Führer getödtet oder verwundet, ihre Feſtungswerke we⸗ nig mehr als Trümmerhaufen. Sie hatten den unglück⸗ lichen Boabdil zum Treffen getrieben, jetzt verlangten ſie nach Uebergabe. Eine Unterredung ward von dem chriſtlichen Fürſten erlangt, und bald kam man über die Bedingungen der Uebergabe überein. Sie ſollten die Stadt unverzüglich mit all ihren Chriſtengefangenen ausliefern, und mit ſo viel von ihrer Habe ausziehen, als ſie mit ſich nehmen könnten. Der Marquis von Cadir, deſſen Ehre und Menſchlich⸗ keit ſie ſehr vertrauten, ſollte ſie nach Granada geleiten, um ſie vor Angriff und Beraubung zu ſchützen. Die, welche in Spanien zurückbleiben wollten, denen wurde in Caſtilien, Arragonien oder Valencia zu wohnen vergönnt. Boabdil El Chico ſollte dem König Ferdinand als Lehnsmann huldigen, aber es fand keine Anklage gegen ihn ſtatt, daß er ſeinen früheren Unterwürfigkeitseid ge⸗ brochen. Gäbe er alle Anſprüche auf Granada auf, dann ſolle er den Titel Herzog von Guadix und das dazu ge⸗ hörige Gebiet erhalten, vorausgeſetzt jedoch, daß es El Zagal'n innerhalb ſechs Monaten abgenommen worden. Nachdem die Bedingungen der Uebergabe feſtgeſetzt waren, ſtellten ſie den Alcayden der Stadt und die vor⸗ — 302— nehmſten Offiziere nebſt den Söhnen ihres früheren Häupt⸗ lings, des greiſen Ali Atar, als Geiſeln. 1 Hierauf rückten die Krieger von Loxa, gedemüthigt und niedergeſchlagen, aus; ſie fühlten Scham, daß ſie jene Wälle zu übergeben gezwungen worden, welche ſie ſo lange mit Kraft und Ruhm vertheidigt hatten, die Weiber und Kinder aber erfüllten die Luft mit Ktagge⸗ ſchrei, als ſie ſo aus ihrer Heimath vertrieben wurden. Zuletzt, nach allen kam Boabdil, mit ſo großem Recht El Zogoybi, der Unglückliche genannt. Gewohnt, wie er war, gekrönt und entkrönt, ausgelöſt und wie eine Sache des Handels betrachtet zu werden, war er leicht der Uebergabe beigetreten. Er war durch ſeine Wunden ge⸗ ſchwächt, und hatte ein niedergeſchlagenes Aeußre. Doch, ſagt man, ſprach ihn ſein Gewiſſen von einem Treubruch gegen die Caſtiliſchen Könige frei, und die eigene Tapfere keit, die er bewieſen, hatte ein Mitgefühl für ihn in vie⸗ len chriſtlichen Rittern erregt. Er kniete, den Gebräu⸗ chen des Lehnsverbandes gemäß, vor Ferdinand nieder, und ging dann, traurigen Gemüths, nach Priego ab, einer Stadt, die nur gegen drei Meilen entfernt liegt. Ferdinand befahl unverzüglich Loxa wieder herzuſtel⸗ len, und mit ſtarker Beſatzung zu verſehen. Er war ſehr ſtolz auf die Eroberung dieſes Ortes, da er früher vor deſſen Wällen eine Niederlage erlitten. Er überhäufte mit großen Lobeserhebungen die Befehlshaber, die ſich da⸗ bei ausgezeichnet; und die Geſchichtsſchreiber verbreiten — 303— ſich ganz beſonders über den Beſuch, den er dem Engli⸗ ſchen Grafen in ſeinem Zelt machte. Seine Majeſtät tröſteten ihn über den Verluſt ſeiner Zähne mit der Bemerkung, daß er ſich ihrer ja auch auf andre Weiſe durch das natürliche Schadhaftwerden hätte beraubt ſehen können, während jetzt ihr Mangel eher wie eine Schönheit, als wie Entſtellung betrachtet werden würde, da er ihm gleichſam ein Siegszeichen abgebe, aus der glorreichen Sache, für die er gekämpft. Der Graf entgegnete:«Er danke Gott und der hei⸗ ligen Jungfrau, daß er ſo durch einen Beſuch von dem mächtigſten König in der Chriſtenheit geehrt würde; er empfange mit dankbarer Rührung ſeine gnädigſte Trö⸗ ſtung für den erlittenen Verluſt, obgleich er es für et⸗ was Geringes halte, zwei Zähne in dem Dienſt Gottes zu verlieren, der ſie ihm alle gegeben.» «Eine Rede,» ſagt Bruder Antonio Agapida,«voll des höflichſten Witzes und der höchſten chriſtlichen Fröm⸗ migkeit; man wundert ſich nur, daß ſolche Reden von einem Manne geführt werden, der auf einer, Caſtilien ſo fernen Inſel geboren worden. Ein und vierzigſtes Kapitel. Einnahme von Illora. * König Ferdinand verfolgte ſeinen Sieg bei Loxa durch Belagerung der feſten Stadt Illora. Dieſe furchtbare Feſtung hing an einem hohen Felſen mitten in einem wei⸗ ten Thal. Sie war nur vier Meilen von der Mauriſchen Hauptſtadt entfernt, und ihr ſteiles Schloß, das weit über das umliegende Land hinſchaute, ward Granada's rechtes Auge genannt. Der Aleayde von Illora war einer der tapferſten Mau⸗ riſchen Befehlshaber, und traf jede Vorkehrung, ſeine Seſte bis auf's Aeußerſte zu vertheidigen. Er ſandte Wei⸗ ber und Kinder, Alte und Gebrechliche in die Haupt⸗ ſtadt. Er errichtete Bollwerke in den Vorſtädten, brach Vereinigungsthüren von einem Haus in's andere, und verſah die Wälle mit Schießlöchern, zum Abfeuern der Armbruſt, der Muſkete und andrer Schießwerkzeuge. König Ferdinand kam mit all ſeinen Streitkräften vor dem Orte an. Er nahm ſeine Stellung auf dem Hügel Encinilla, und vertheilte die andern Lager auf verſchie⸗ dene Seiten, ſo daß ſie die Feſte beengten. 3 Er kannte den kräftigen Charakter des Alcayden und den verzweifelten Muth der Mauren, und ließ daher die —2W Lager mit Verhaue und Palliſaden feſtigen, die Wachen verdoppeln und Wächter ſelbſt auf die Warten der anlie⸗ genden Höhen ſtellen. Als alles bereit war, verlangte der Herzog von In⸗ fantado den Sturm. Es war ſein erſter Feldzug, und ihn reizte es ſehr, die königlichen Vermuthungen gegen die Tapferkeit ſeiner mit Verbrämungen bedeckten Ritter zu Schanden zu machen. König Ferdinand gewährte ſein Geſuch, und ſagte ihm zugleich viel Artiges über ſeinen Muth. Er hieß den Grafen de Cabra zu gleicher Zeit einen Angriff auf eine andere Seite machen. Beide Häuptlinge führten ihre Truppen aus. Die des Herzogs glänzten in friſcher, glizzernder Waffenrü⸗ „ſtung, waren reich geſchmückt und noch unbeſchädigt vom Dienſt im Feld. Die des Grafen waren vom Wetter ge⸗ bräunte alte Krieger, deren Rüſtungen in mancher heiß durchfochtenen Schlacht zerdrückt und zerſchlagen worden. Der jugendliche Herzog erröthete bei dieſem Gegenſatz. „Ritter,» rief er,«man hat uns die Pracht unſerer Waffen vorgeworfen, laßt uns zeigen, daß eine ſchnei⸗ dende Klinge in einer vergoldeten Scheide ruhen kann. Vorwärts in den Feind! Ich vertraue zu Gott, daß, wie wir in dieſen Streit als wohlgerüſtete Ritter ziehen, ſo wir aus ihm herausgehen werden als wohlerprobte Kämpfer.»— Seine Leute antworteten mit eifrigem Zuruf, und der Herzog führte ſie vorwärts zum Angriff. Er ſchritt un⸗ ter einem furchtbaren Schauer von Steinen, Speeren, Irving's Granada. 1— 3. 20 I — 306— Kugeln und Pfeilen vor, und nichts vermochte ſeinen An⸗ drang zu hemmen. Er brach, das Schwert in der Hand, in die Vorſtädte ein, ſeine Mannſchaft focht wüthend, obgleich mit großem Verluſt; denn jede Wohnung war in eine Feſte verwandelt worden. Nach einem ſchweren Kampf gelang es ihnen, die Mauren in die Stadt zurückzutreiben, gerade in dem Augenblick, wo die andere Vorſtadt von dem Grafen de Cabra und ſeinem Gefolge weggenommen wurde. Die Streitkräfte des Herzogs von Infantado kamen aus dem Streit, geſchwächt an Zahl, bedeckt mit Blut, Staub und Wunden. Sie erhielten das größte Lob vom König, und nie mehr hörte man einigen Spott über ihre Ver⸗ brämung. Nachdem die Vorſtädte genommen waren, wurden drei Geſchützreihen, jede aus acht großen Donnerbüchſen beſtehend, auf die Feſte eröffnet. Der Schade, die Ver⸗ wüſtung war furchtbar; denn die Feſtungswerke waren nicht erbaut worden, um ſolchen Maſchinen zu widerſte⸗ hen. Die Thürme wurden niedergeſchmettert, die Wälle in Stücke zerſchlagen, das Innere des Ortes ganz ent⸗ blößt, die Häuſer zertrümmert, viele Menſchen getödtet. Die Mauren entſetzten ſich über die einſtürzenden Trüm⸗ mer und das furchtbare Getöſe. Der Alcayde war ent⸗ ſchloſſen, den Ort bis auf's Aeußerſte zu vertheidigen. Er ſah, daß er zum Schutthaufen geworden; es war keine Ausſicht auf Hülfe von Granada, ſein Volk hatte — 307— allen Muth zu fechten verloren und ſchrie laut nach der Uebergabe. Mit zögerndem Herzen unterhandelte er. Den Ein wohnern ward vergönnt, mit all ihrer Habe, ihre Waf⸗ fen ausgenommen, auszuziehn; ſie wurden von dem Her⸗ zog von Infantado und dem Grafen de Cabra bis auf die Brücke von Pinos, zwei Meilen von Granada, ſicher geleitet. König Ferdinand traf Anordnungen zur Ausbeſſerung der Feſtungswerke von Illora, und hieß die Stadt in ſtarken Vertheidigungszuſtand ſetzen. Er ließ als Alcay⸗ den der Stadt und Feſtung Gonſalvo de Cordova, den jüngeren Bruder Don Alonzv's de Aguilar zurück. Dieſer tapfre Ritter war Capitain in den königlichen Garden Ferdinand's und Ifabellens, und gab ſchon jetzt Proben jener Tapferkeit, die ihm ſpäter ſo großen Ruhm verſchaffte. Zwei und vierzigſtes Kapitel. Von der Ankunft der Königin Iſabelle im Lager vor Moelin, und von den feinen Reden des Engliſchen Grafen. Der Krieg in Granada, ſo ſehr ihn auch immer Dich⸗ ter mit den Blüthen ihrer Phantaſte umſäumen mögen, war ſicher einer der eernſteſten jener eiſernen Kämpfe, welche unter dem Namen heilige Kriege gefeiert worden ſind. Der würdige Bruder Antonio Agapida verweilt 20 2 —y———;—;—ꝛxxx:P—— — — 308— mit unerſättlicher Luſt über der langen Reihe rauher Bergzüge, blutiger Schlachten, erbarmungsloſer Zerſtö⸗ rungen und Verwüſtungen, welche dieſen Krieg auszeich⸗ nen; doch finden wir ihn bei einer Gelegenheit in der Erzählung dieſer ununterbrochenen Siegreihe über die Un⸗ gläubigen eine Pauſe machen, um über einen prächtigen Aufzug der katholiſchen Fürſten in's Einzelne zu gehen. Gleich nach der Eroberung Loxa's hatte Ferdinand Iſabellen geſchrieben, und ſie erſucht, das Lager mit ih⸗ rer Gegenwart zu beehren, damit er ſich mit ihr über die Anordnung ihrer neu erlangten Beſitzungen berathen könnte. Im erſten Theil des Juni⸗Monats ging die Königin mit der Prinzeſſin Iſabelle und einer großen Menge Da⸗ men ihres Hofs von Cordova ab. Sie hatte ein glän⸗ zendes Gefolge von Rittern und Pagen mit rielen Wachen und Dienern. Vierzig Maulthiere waren zum Gebrauch der Königin, der Prinzeſſin und ihres Gefolges beſtimmt. Als dieſer Hofzug ſich dem Fels der Liebenden an den Ufern des Yeguas näherte, ſahen ſie einen glänzenden Zug Ritter ihnen entgegenkommen. An ſeiner Spitze be⸗ fand ſich jener vorzügliche Ritter, der Marquis, Herzog von Cadix, von dem Adelantado von Andaluſien beglei⸗ tet. Er hatte das Lager den Tag nach der Einnahme von Illora verlaſſen und kam ſo weit, um die Königin zu empfangen, und ſie über die Grenze zu geleiten. Die Königin empfing den Marquis mit ausgezeichne⸗ ten Ehren, denn er ward als der Spiegel der Ritter ſchaft angeſehen. Seine Thaten in dieſem Krieg waren in jedes Munde, und viele nahmen keinen Anſtand, ihn in Tapferkeit mit dem unſterblichen Cid zu vergleichen. (Cura de los Palacios.) In ſo herrlichem Geleite ſchritt die Königin über Gra⸗ nada's eroberte Gränze, und zog ruhig längs den rei⸗ zenden Ufern des Penil hin, die eben noch den Raubzü⸗ gen der Mauren ausgeſetzt geweſen. Sie hielt zu Lorg, wo ſie Troſt und Hülfe den Verwundeten reichte, und nach ihrem Rang zu ihrer Unterſtützung Geld unter ſle vertheilte. 3 Der König hatte, nach Illora's Eroberung, ſein La⸗ ger vor die Feſte Moclin, in der Abſicht, ſie zu belagern, aufgeſchlagen. Dorthin ging die Königin, immer noch durch die Bergſtraßen von dem Marquis von Cadix geleitet. Als Iſabelle dem Lager nahe kam, rückte der Herzog von Infantado, prächtig geſchmückt und von all ſeinen Rit⸗ tern in prangender Rüſtung begleitet, eine und eine halbe Meile vor, ſie zu empfangen. Mit ihm kam das Banner von Sevilla, von den Gewaffneten dieſer berühmten Stadt und dem Prior von St. Juan und ſeinem Gefolge um⸗ geben. Sie ſtellten ſich links der Straße, welche die Kö⸗ nigin einſchlagen mußte, in Schlachtordnung auf. Der würdige Agapida iſt als ein getreuer Unterthan ſehr weitläuftig in ſeiner Beſchreibung von dem Pomp und der Größe der katholiſchen Fürſten. Die Königin ritt ein wallnußfarbiges Maulthier und ſaß in einem koſt⸗ baren Sattelſtuhl, der mit vergoldetem Silber verziert — 310— war. Die Aufzäumung des Maulthiers war von feinem Scharlachtuch, deſſen Enden mit Gold verbrämt waren; die Zügel und die Kopfſtücke beſtanden aus Atlas, der mit Stickereien von Seide durchwirkt und mit goldnen Buchſtaben verſehen war. Die Königin trug ein Gewand von Sammt, unter welchem ſich andere von Brocad befanden, ferner einen Scharlachmantel, auf Mauriſche Weiſe verziert, und ei⸗ nen ſchwarzen Hut, der an der Krone und am Rand ver⸗ brämt waor. Die Infantin ritt ebenfalls auf einem wallnußfarbi⸗ gen, reichaufgezänmten Maulthier. Sie trug ein Ge⸗ wand von ſchwarzem Brocad und einen ſchwarzen Man⸗ tel, welcher wie der der Königin verziert war. Als der königliche Zug an der in Schlachtordnung aufgeſtellten Ritterſchaft des Herzogs von Infantado vor⸗ beiging, machte die Königin dem Banner von Sevilla eine Verbeugung, und hieß es ihr zur Rechten ſtellen. Als ſie ſich dem Lager näherte, ſtürzte die Menge mit großen Freudenbezeugungen ihr entgegen, denn ſie war allgemein beliebt bei ihren Unterthanen. Alle Heerab⸗ theilungen rückten in kriegeriſcher Haltung mit den ver⸗ ſchiednen Fahnen und Lagerbannern vor, und ſenkten ſle ihr zur Begrüßung, als ſie vorüberging. Der König erſchien jetzt in fürſtlichem Staat; er ritt auf einem prächtigen wallnußfarbigen Roſſe und war von vielen Caſtiliſchen Granden begleitet. Er trug ein Ju⸗ bon oder enges Kleid von Scharlachtuch, mit kurzen — 311— Streifen von gelbem Atlas; ein weites Obergewand von Brocad, einen reichen Maurenſäbel und einen Hut mit Federn. Die Granden, welche ihn geleiteten, waren mit wun⸗ derbarer Pracht aufgeputzt, jeder nach ſeinem Geſchmack und eigner Erfindungsgabe. 5 „Dieſe hohen, mächtigen Fürſten,» ſagt Antonio Aga⸗ pida,«behandelten einander mit großer Ehrerbietung als verbundene Herrſcher, nicht mit ehelicher Vertraulich⸗ keit wie bloſe Ehegatten, als ſie ſich einander näherten; daher machten ſie ſich vor der Umarmung drei tiefe Ver⸗ bengungen, die Königin nahm den Hut ab, und blieb in einem ſeidnen Netzchen oder Häubchen, das Geſicht un⸗ verſchleiert.» «Der König trat dann vor, umarmte ſie, und küßte ſte ehrerbietig auf die Wange. Auch umarmte er ſeine Tochter, die Prinzeſſinn, machte das Zeichen des Kreu⸗ zes, ſegnete ſie und küßte ſie auf die Lippen.“(Cura de los Palacios.) Der gute Agapida ſcheint kaum mehr über die Er⸗ ſcheinung der Könige, als über die des Engliſchen Gra⸗ fen erſtaunt geweſen zu ſeyn.«Er folgte, ſagt er,«un⸗ mittelbar nach dem König mit großer Pracht und auf eine ungewöhnliche Weiſe, da er den Vortritt vor allen Uebrigen erhielt.» «Er ritt à la guisa oder mit langen Steigbüglen auf einem prächtigen wallnußfarbigen Roſſe, mit Decken von azurblauer Seide, die bis auf den Boden reichten. Das — 312— Pferdegeſchirr war mit Muſcheln verziert und mit Gold⸗ ſternen überſäet. Er war vollſtändig bewaffnet und trug über ſeiner Rüſtung einen kurzen franzöſiſchen Mantel von ſchwarzem Brocad.» «Er hatte einen weißen franzöſiſchen Hut mit Federn, und führte am linken Arm einen kleinen runden Schild, der mit Gold umgeben war. Fünf Pagen, in Seide und Brocad gekleidet und auf koſtbar aufgezäumten Roſſen, umgaben ihn. Er hatte auch einen Theil von ſeinen Kriegern mit ſich, die nach der Weiſe ſeines Landes ge⸗ ſchmuͤckt waren.» Er trat auf eine ritterliche, höfliche Weiſe vor und machte ſeine Verbeugungen erſt vor der Königin und vor der Infantin, hernach aber vor dem Könige. Iſabelle em⸗ pfing ihn ſehr gnädig, ſagte ihm viel ſchönes über ſein muthiges Benehmen bei Loxa und tröſtete ihn wegen des Verluſts ſeiner Zähne. Der Graf aber nahm ſeine ent⸗ ſtellende Wunde ſehr leicht,«unſer Herr,» ſagte er, wel⸗ cher dieß ganze Haus gebaut hätte, hätte ſich ein Fenſter hineinbrechen wollen, damit er leichter ſehen könne, was darin vorgehe.“(Pietro Martyr. Epist. 61.) Bei dieſer Gelegenheit erſtaunt der würdige Bruder Antonio Agapida mehr als je über den ſprudelnden Witz dieſes Inſelcavaliers. Der Graf aber ritt noch eine kurze Strecke an der Seite der königlichen Familie, bekompli⸗ mentirte ſle alle mit höflichen Reden, ließ ſein Roß ſich bäumen und ſpringen, lenkte es aber mit ſo viel Anmuth und Geſchicklichkeit, daß er die Granden und das Volk — 313— überhaupt eben ſo ſehr mit Staunen über ſeine auſſeror⸗ dentliche Erfahrenheit im Pferdebändigen, als mit Ver⸗ wunderung über die Fremdartigkeit und Verſchwendung ſeines Aufzugs erfüllte. Als Anerkenntniß der Tapferkeit und der Dienſte dieſes edeln Ritters, der ſo weit hergekommen, um ih⸗ uen in ihren Kriegen beizuſtehen, ſchickte ihm die Köni⸗ gin am folgenden Tag ein Geſchenk von zwölf Pferden mit herrlichen Zelten, feinem Linnen, zwei Betten mit Decken von Goldbrocad und viele andre Dinge von gro⸗ ßem Werth.(Cura de los Palacios.) Nachdem er ſich gleichſam durch die Beſchreibung von dieſem Zug der Königin Iſabelle in's Lager und der gro⸗ ßen Pracht der katholiſchen Fürſten erfriſcht hat, kehrt der würdige Antonio Agapida mit neuen Kräften zu ſeinem frommen Werk der Bezwingung der Mauren zurück.*) *) Die Beſchreibung dieſes könialichen Prunkzugs und die Einzelnheiten über den Engliſchen Grafen ſtimmen ganz genau mit der Chronik des Pallaſtaufſehers Andres Vernaldes überein. Der Engliſche Graf tritt nun ia dieſem Krieg nicht mehr auf. Es erhellt aus verſchied⸗ nen Geſchichtsbüchern, daß er im Lauf dieſes Jahrs nach England zurückkehrte. Im folgenden Jahr trieb ihn ſeine Leidenſchaft für die Kämpfe an der Spitze von vierhundert Abentheurern auf das feſte Land, um dem Herzog von Bretagne gegen Ludwig XI. von Frankreich beizuſtehen. Er ward in demſelben Jahr(1488) in der Schlacht von St. Alban's, die zwiſchen den Bretag⸗ — nern und Franzoſen ſtattfand, getödtet, 3 — 314— 9 Drei und vierzigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand Moelin angriff und von den ſeltſamen Begebenheiten, die deſſen Eroberung begleiteten. — „Die katholiſchen Fürſten, ſagt Bruder Antonio Aga⸗ pida,-hatten um dieſe Zeit den rechten Flügel des Mau⸗ riſchen Geiers ſehr beſchnitten.» Mit andern Worten, die meiſten der ſtärkſten Feſtungen auf der Weſtgrenze von Granada waren unter dem chriſtlichen Geſchütz ge⸗ fallen. Das Heer lagerte jetzt vor der Stadt Moclin, nahe dem Gebiet von Jaen, vor einer der haltbarſten Feſten auf der Grenze. Sie ſtand auf einem hohen, felſigen Hu⸗ gel, deſſen Fuß faſt ganz von einem Fluß umgürtet wurde. Ein dichter Wald ſchützte nach dem Gebirg die Stadt im Rücken. So in ihrer feſten Lage beherrſchte ſie mit den drohenden Verſchanzungen und ſtarken Thürmen all die Bergpäſſe in jenem Theil des Landes und ward der Schild Granada's genannt. Es hatten die Chriſten einen zwiefachen Rückſtand von Blut mit der Stadt auszugleichen. Zweihundert Jahre vorher war ein Ordensmeiſter von St. Jago mit allen ſeinen Rittern vor ihren Thoren von den Mauren nie⸗ dergemacht worden; und kürzlich erſt hatte ſie eine furcht⸗ — 315— bare Niedermetzlung unter den Truppen des guten Grafen de Cabra angerichtet, als dieſer ſeinen übereilten Ver⸗ ſuch machte, den alten Mauren⸗Fürſten wegzufangen. Ferdinands Stolz war beleidigt worden, als er da⸗ mals genöthigt ward, von ſeinem Plan abzugehen und ſeinen beabſichtigten Angriff auf dieſen Ort aufzugeben. Er traf jetzt Vorkehrungen, vollſtändige Rache zu nehmen. El Zagal, der alte, kriegeriſche König von Granada hatte, da er einen zweiten Verſuch vorausſah, den Ort mit reichlichem Kriegsbedarf und Mundvorrath verſehen; er hatte Verhaue graben und weitere Bollwerke aufwer⸗ fen laſſen; allen Greiſen, Weibern und Kindern aber in die Hauptſtadt ſich zu begeben geboten. So groß war die Stärke der Feſte und die Schwie⸗ rigkeiten, die ihre Lage darbot, zeigten ſich ſo auſſeror⸗ dentlich, daß Ferdinand viele Mühe bei ihrer Eroberung vorausſah, und jede Vorkehrung zu einer regelmäßigen Belagerung traf. Mitten in ſeinem Lager befanden ſich zwei große Hau⸗ fen, der eine aus Säcken voll Waizen, der andre aus Getreide beſtehend. Man nannte dieß das königliche Vor⸗ rathshaus. Drei Reihen ſchweren Geſchützes wurden ge⸗ gen die Citadelle und Hauptthürme gerichtet, während kleinere Schießwerkzeuge, Maſchinen, die Wurfgeſchoſſe ſchleuderten, Muſketen und Armbrüſte an verſchiedene Stellen vertheilt wurden, um alsbald ein Feuer in jede Breſche zu eröffnen, die gemacht werden würde, ſowie ☛ — 316— auch um auf die Beſatzung zu ſchießen, die ſich auf den Schanzen zeigen möchte. Die Donnerbüchſen wirkten bald auf die Vertheidi⸗ gungswerke, ſie zerſtörten einen Theil des Walls und ſchmetterten mehrere jener hohen Thürme nieder, die we⸗ gen ihrer Höhe vor der Erfindung des Schießpulvers für unerſteiglich gehalten worden. Die Mauren ſtellten, ſo gut ſie es vermochten, ihre Wälle wieder her, und im⸗ mer noch der Stärke ihrer Lage vertrauend, leiſteten ſie entſchloſſenen Widerſtand und feuerten von ihren hohen Schanzen und Thürmen auf das chriſtliche Lager hinab. Zwei Nächte und einen Tag wurde ein ununterbro⸗ chenes Feuer unterhalten, ſo daß es nicht einen Augen⸗ blick gab, wo man das Dröhnen des Geſchützes nicht vernahm, oder die Chriſten oder Mauren nicht Schaden litten. Es war jedoch mehr ein Kampf der Kunſtmeiſter und Geſchützrichter, als ein Treffen zwiſchen tapfern Rittern... Dieſe ſtanden mit müßigen Waffen als bloſe Zuſchauer da, und warteten, bis ſie eine Gelegenheit haben wür⸗ den, ihren Muth durch Erſteigung der Wälle oder Er⸗ ſtürmung der Breſchen zu beweiſen. Da aber der Ort nur an einer Stelle anzugreifen war, ſo war jede Aus⸗ ſicht auf einen langen, hartnäckigen Widerſtand vor⸗ handen. Die Werkzeuge warfen, wie gewöhnlich, nicht nur Stein⸗ und Eiſenkugeln, um die Wälle zu zerſtören, ſon⸗ dern auch Feuermaſſen, aus unauslöſchlichen Brennſtoffen — 317— beſtehend, die die Häuſer in Brand ſetzen ſollten. Eine dieſer Feuerkugeln, welche gleich einem Meteor hoch durch die Luft ging, und Funken ſprühte, und auf ihrem Weg praſſelte, fuhr in das Fenſter eines Thurms, der als Pulvermagazin diente. Der Thurm flog mit einem furchtbaren Getöſe in die Luft; die Mauren, welche ſich auf ſeinen Zinnen befan⸗ den, wurden mit ihm in die Höhe geſprengt, und fielen zerſtückelt in verſchiednen Theilen der Stadt nieder; die Hänſer in der Nähe wurden zerriſſen und umgeſtoßen wie von einem Erdbeben. Die Mauren, welche nie von einem ſolchen Aufſpren⸗ gen Zeuge geweſen, ſchrieben die Vernichtung des Thurms einem Wunder zu. Einige, welche das Herabfahren der Flammenkugel mitangeſehn, meinten, das Feuer ſey vom Himmel gefallen, um ſte für ihre Hartnäckigkeit zu be⸗ ſtrafen. Der fromme Agapida ſelbſt vermeint, dieß Feuerge⸗ ſchoß ſey von Gottes Hand geleitet worden, die Ungläu⸗ bigen zu ſchlagen; eine Meinung, worin ihm von andern katholiſchen Geſchichtsſchreibern beigepflichtet wird.(Pul- gar. Garibay, Lucio Marino Siculo, Cosas Memorab. de Hispan. lib. XX.) Da ſie ſo gleichſam Himmel und Erde gegen ſich ver⸗ ſchworen ſahen, verloren die Mauren allen Muth und unterhandelten; es wurde ihnen vergönnt, mit ihrer Habe, jedoch mit Zurücklaſſung aller Waffen und Kriegsbedürf⸗ niſſe auszuziehn. — 318— „Das katholiſche Heer,v ſagt Antonio Agapida, azog in feierlichem Staat in Moclin ein, nicht als eine über⸗ müthige Rotte, die nur auf Plünderung und Zerſtörung be⸗ dacht iſt, ſondern als eine Schaar chriſtlicher Krieger, die da kommen, das Land zu reinigen und umzugeſtalten.» Die Fahne des Kreuzes, jenes Zeichen des heiligen Kreuzzugs, wurde vorausgetragen, ihm folgten andre Banner des Heers. Dann kamen der König und die Königin, an der Spitze einer großen Menge gewaffneter Ritter; ſie wurden von einem Haufen Prieſter und Mönche begleitet, ſowie auch von dem Chor der könig⸗ lichen Kapelle, welcher das Lied Te Deum laudamus anſtimmte. Als ſie durch die Straßen auf dieſe feierliche Weiſe zogen und jeder Laut ſchwieg, nur des Chors Geſang vernommen ward, da hörten ſie plötzlich, wie wenn er aus der innerſten Erde hervorkäme, einen Chor von Stimmen, welcher die feierliche Antwort ſang benedie- tum, qui venit in nomine Domini.(Marino Siculo.) Der Feſtzug ſtand verwundert ſtill. Die Töne rühr⸗ ten von Chriſtengefangenen her, unter denen auch einige Prieſter waren, welche mit ihnen in unterirdiſche Ge⸗ fängniſſe eingekerkert worden. Iſabelle wurde ſehr gerührt; ſie befahl die Gefange⸗ nen aus ihren Kerkern hervorzuziehn, und ward noch mehr von Mitleid erfüllt, als ſie an ihrem abgezehrten, farbloſen, magern Aeußern ſah, wie viel ſie geduldet hatten. Haar und Bart war übermäßig gewachſen — 319— und fiel ihnen wirr und zottig bis auf die Bruſt herab; ſie waren von Hunger verzehrt, halb nackt und in Ket⸗ ten. Sie hieß ſie kleiden und erqnicken, mit Geld ver⸗ ſehen, und in ihre Heimath bringen.(IIlescas, hist. pontif. lib. VI, c. 20. sect. I.) Mehrere der Gefangenen waren tapfre Ritter, welche bei der Niederlage des Grafen von Cabra, die dieſem von El Zagal im vorigen Jahr beigebracht worden, ver⸗ wundet und gefangen worden waren. Es fanden ſich auch noch andre Spuren, die auf traurige Weiſe jenen unſe⸗ ligen Vorfall in's Andenken zurückriefen.„ Als man den Engpaß beſuchte, wo die Niederlage Statt gefunden, ſah man noch die Ueberreſte mehrerer Krieger, welche in Dickichten oder hinter Felſen oder in Bergſpalten verſteckt geſunden wurden. Es waren einige darunter, die von ihren Pferden heruntergeriſſen und zu gefährlich verwundet worden, um zu fliehen. Dieſe wa⸗ ren vom Wahlplatz weggekrochen und hatten ſich verbor⸗ gen, um nicht dem Feind in die Hände zu fallen; waren aber in ihrem Verſteck ohne Hülfe und elendiglich umge⸗ kommen. Die Ueberreſte derer von Rang erkannte man an ih⸗ ren Rüſtungen und Abzeichen; ihre Gefährten, die das Unglück jenes Tags getheilt hatten, trauerten um ſle. (Pulgar, part. III. cap. 61.) Die Königin ließ dieſe Ueberreſte mit Sorgfalt und frommem Sinn, als eben ſo viele Reliquien von Märty⸗ rern, die in der Sache des Glaubens gefallen waren, — 320— ſammeln. Sie wurden mit großer Feierlichkeit in den Moſchee'n Moclin's, welche gereinigt und dem chriſtlichen Gpottesdienſt geweiht worden, beigeſetzt. «Dort,» ſagt Antonio Agapida,«ruhen die Gebelne dieſer wahrhaft katholiſchen, rechtgläubigen Ritter in dem geweihten Boden, welcher, ſo zu ſagen, durch ihr Blut geweiht worden, und alle Pilger, die durch dieſe Gebirge kommen, weihen Gebete und Meſſen für die Ruhe ihrer Seelen.» Die Königin blieb einige Zeit in Moclin; ſie brachte Troſt den Verwundeten und Gefangenen, führte Ordnung in das neu eroberte Land ein, und ſtiftete Kirchen, Klü⸗ ſter und andre fromme Häuſer. «Während der König an der Spitze des Heeres zog und das Land der Philiſter verheerte,» ſagt der in bibliſchen Bil⸗ dern ſprechende Antonio Agapida,«folgte die Königin ſeinen Schritten, wie die Aehrenleſerin dem Schnitter folgt, und die reiche Erndte zuſammenbindet, die unter ſeiner Sibet gefallen.» „Darin ward ſie ſehr durch den Rath jenes Hofs von Biſchöfen, Mönchen und Geiſtlichen, und noch vieler an⸗ dern heiligen Männer unterſtützt, welche ſie beſtändig um⸗ gaben, und die Erſtlinge von dem ungläubigen Land in die Scheunen der Kirche einſammelten.“». In ſo frommen Beſchäftigungen ließ ſie der König zurück, und verfolgte ſeinen Siegerlauf, entſchloſſen die Vega zu verheeren, und Feuer und Schwert bis vor tie Thore Granada's 5 tragen. — 321— Vier und vierzigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand die Bega durchſtreifte, und von dem Schickſal der zwei Mauriſchen Brüder. Muley Abdallah El Zagal hatte ſich wie unter einem Zauber von Ungemach ſeit dem verdächtigen Hinſterben des greiſen Königs, ſeines Bruders, befunden. Das Glück hatte ſeine Fahne verlaſſen und bei ſeinen wetterwend⸗⸗ ſchen Unterthanen war Mangel an Erfolg eins der größ⸗ ten Verbrechen an einem Fürſten. Er ſah ſeine Liebe beĩ ſeinen Unterthanen abnehmen und verlor alles Vertrauen in ſein Volk. Das chriſtliche Heer zog in offner Herausforderung durch ſein Gebiet, und umlagerte mit Muße ſeine Feſten, dennoch wagte er nicht, ſeine Schlachtreihen, ſich ihnen zu widerſetzen, herauszuführen, damit nicht die Einwoh⸗ ner im Albayein, die immer zur Empörung reif waren, aufſtünden und ihm bei ſeiner Rückkehr die Thore Gra⸗ nada's verſchlöſſen.. In kurzen Zwiſchenraͤumen zogen immer neue trau⸗ ernde Haufen in die Hauptſtadt ein; es waren die Ein⸗ wohner irgend einer eroberten Stadt, welche die geringe Habe, die man ihnen gelaſſen, mit ſich ſchleppten, und die Verwüſtung ihrer Heimath beweinten und beklagten. Als die Zeitung ankam, Illora und Moclin ſeyen⸗ fallen, da überfiel das Volk tiefe Beſtürzung. Irving's Granada. 1— 3. 21 * „Das Auge Granada's iſt erloſchen,“ riefen ſie,«zer⸗ brochen ward Granada's Schild! Was ſoll uns ſchützen vor dem Andrang des Feindes?. Als die Ueberlebenden von den Beſatzungen jener Städte, niedergeſchlagnen Blicks, die Zeichen der Schlacht an ſich tragend, ihrer Waffen und Fahnen beraubt, ein⸗ trafen, ſchmähete ſie das Volk in ſeiner Wuth, aber ſie antworteten:«Wir fochten, ſo lange wir Kraft hatten zu fechten, und Wälle, uns zu ſchirmen, aber die Chriſten legten unſre Thürme und Schanzen in Truͤmmer, und wir ſpähten umſonſt nach Hülfe von Granada. Die Alcayden von Illora und Moclin waren Brü⸗ der; ſie waren ſich gleich an Tapferkeic und die muthig⸗ ſten unter den Mauriſchen Rittern. Sie waren die aus⸗ gezeichnetſten geweſen in jedem Lanzenbrechen, in jedem Turnier, welche die glücklicheren Tage Granada's ſchmück⸗ ten, und hatten ſich hervorgethan, in den ernſteren Käm⸗ pfen des Kriegs. Zujauchzen war immer ihrem Banner gefolgt, ſie waren die Luſt des Volks geweſen. Jetzt, als ſie zurückkehrten nach der Einnahme ihrer Feſten, wurden ſie von dem unbeſtändigen Volke mit Verwünſchungen empfangen. 4 Dieß erfüllte die Herzen der Alcayden mit Unwillen; ſie fanden den Undank ihrer Mitbürger noch unerträg⸗ licher als die Feindſeligkeit der Chriſten. Nachrichten ka⸗ men, der Feind rücke mit ſeinen ſiegreichen Schlachtrei⸗ hen heran, das Land um Granada zu verwüſten. Den⸗ noch wagte El Zagal nicht, in's Feld zu ziehen. Da — 323— traten die beiden Alcayden von Illora und Moelin vor ihn: «Wir haben deine Feſten vertheidigt,⸗ ſagten ſie,«bis wir beinahe unter ihren Trümmern begraben wurden, und zum Lohn erhalten wir Hohn und Spott; gib uns, o König, eine Gelegenheit, worin ritterliche Kraft ſich zeigen mag, verſchließ uns nicht hinter ſteinerne Mauern, laß uns kämpfen den offnen Kampf der Feldſchlacht! Der Feind naht, unſer Land zu verheeren; gib uns Mann⸗ ſchaft, ihnen entgegen zu rücken, und laß Schande ruhen auf unſern Häuptern, wenn wir ſchwach in der Schlacht erfunden werden!“ Die beiden Brüder wurden mit einer ſtarken Streit⸗ macht von Reitern und Fußgängern ausgeſchickt. El Za⸗ gal beabſichtigte, wenn ſie glücklich ſeyn ſollten, mit allen ſeinen Streitkräften hervorzubrechen, und durch einen entſcheidenden Sieg den erlittenen Verluſt wieder gut zu machen. Als das Volk die wohlbekannten Fahnen der Brüder ſah, welche in die Schlacht rückten, erhob ſich ein ſchwacher Zuruf; aber die Alcayden zogen mit ernſten Blicken fort, ſie wußten, dieſelben Stimmen würden ihnen fluchen, kehr⸗ ten ſie beſiegt zurück. Sie warfen einen Abſchiedsblick auf die reizende Granada, auf die herrlichen Gefilde ih⸗ rer Jugend, als wären für ſie ſie bereit, ihr Leben hin⸗ zugeben, doch nicht für ein undankbares Volk. Ferdinands Heer hatte ſich Granada auf zwei Meilen genähert, war bis zur Brücke von Pinos, einem in den . 21* 4 — 324— Kriegen der Manren und Chriſten durch manchen bluti⸗ gen Kampf berühmten Bergpaß vorgedrungen. Es war dieß die Bergenge, durch welche die Caſtiliſchen Fürſten gewöhnlich ihre Einfälle machten, und die durch die Rauh⸗ heit des Landes und den ſchwierigen Durchgang über die Brücke große Vertheidigungsmittel darbot. Der König mit der Hauptmacht hatte die Spitze eir⸗ nes Hügels erreicht, als man die Vorhuth unter dem Marquis von Cadir und dem Ordensmeiſter von St. Jago wüthend in der Nähe der Bruͤcke vom Feind ange⸗ griffen gewahrte. Die Mauren ſtürzten mit ihrem ge⸗ wöhnlichen Geſchrei in die Schlacht, aber man bemerkte mehr als gewöhnliches Ungeſtümm. Es fand ein hartes Ringen an der Brücke Statt, da beide Theile die Wichtigkeit des Paſſes kannten. Der König unterſchied vorzüglich die Tapferkeit zweier Man⸗ riſchen Ritter, die ſich ganz gleich waren an Waffen und Abzeichen, und welche er an ihrer Haltung und Umge⸗ bung für die Befehlshaber des Feindes erkannte. Dieß waren die beiden Brüder, die Alcayden von Illora und Moclin. Wo immer ſie ſich hinwandten, brachten ſie Tod und Verwirrung in die⸗Reihen der Chriſten, aber fie fochten mehr verzweifelnd als muthig. Der Graf de Cabra und ſein Bruder, Don Martin de Cordova, ſprengten eifrig hervor, gegen ſie; aber da ſie ſich zu übereilt genähert, wurden ſie vom Feind um⸗ ringt und befanden ſich in großer Gefahr. Ein junger chriſtlicher Ritter ſah ihre Noth und eilte mit ſeinem — 325— Gefolge zu ihrem Beiſtand. Der Koͤnig erkannte in ihm Don Juan de Arragon, den Grafen von Ribargoza, ſei⸗ nen eignen Neffen; denn dieſer war ein natürlicher Sohn des Herzogs von Villahermofa, des Halbbruders von Kö⸗ nig Ferdinand. Die glänzende Waffenrüſtung Don Juan's und die prächtige Aufzäumung ſeines Roſſes machten ihn zu ei⸗ nem vorleuchtenden Ziel jedes Angriffs. Er ward von allen Seiten beſtürmt und ſein herrliches Roß unter ihm erſchlagen; doch focht er noch tapfer, hielt eine Zeit lang die Gluth des Kampfs auf und gab den erſchöpften Streitkräften des Grafen de Cabra Zeit, Athem zu ſchöͤpfen. Bei'm Anblick der Gefahr dieſer Truppen, bei'm An⸗ blick der Hartnäckigkeit des Kampfs auf allen Seiten, hieß der König das königliche Banner vortragen und eilte mit allen ſeinen Streitkräften dem Grafen de Ca⸗ bra zu Hülfe. Bei ſeiner Annäherung wich der Feind, und zog ſich nach der Brücke zurück. Die beiden Mauriſchen Anführer bemühten ſich, ihre Truppen zu ſammeln, und ſie anzufeuern, dieſen Paß auf das Aeußerſte zu vertheidigen. Sie wandten Bitten, Vorſtellungen, Drohungen an, aber faſt ohne allen Er⸗ folg. Sie konnten nur eine ſchwache Anzahl Ritter zu⸗ ſammenbringen. Mit dieſen ſtellten ſie ſich an den Brük⸗ kenkopf auf, und machten jeden Fußbreit Land ſtreitig. Das Gefecht war heiß und hartnäckig; nur wenige konnten Maun gegen Mann kämpfen, aber viele ſchoſſen — 226— von den ufern die Armbrüſte und Muſketen ab. Der Fluß bedeckte ſich mit den fluthenden Leichen der Erſchla⸗ genen. Der Haufe Mauriſcher Ritter wurde beinahe gänzlich in Stücke gehauen; die beiden Brüder fielen mit Wunden bedeckt auf der Brücke, welche ſie ſo entſchloſſen vertheidigt. Sie hatten die Schlacht wohl für verloren gegeben, aber ſie waren entſchloſſen, nicht lebendig in das undankbare Granada zurückzukehren. Als das Volk in der Hauptſtadt hörte, mit welcher Hingebung ſie gefallen waren, beklagte es laut ihren Tod und erhob ihr Andenken. Eine Säule wurde ihnen zu Ehren in der Nähe der Brücke errichtet, welche lange unter dem Namen Grabmahl der Brüder» bekannt war. Das Heer Ferdinands rückte nun weiter und ſchlug ſein Lager in der Nähe Granada's auf. Der würdige Agapida gibt viele glorreiche Nachrichten von den auf der Vega angerichteten Verheerungen; das Korn, die Früchte und andre Produkte wurden vernichtet und dieß irdiſche Paradis zu einer traurigen Wüſte gemacht. Er erzählt mehrere heftige, aber ohne Folgen gebliebene Ausfälle und Scharmützel der Mauren zur Vertheidigung ihrer ge⸗ liebten Ebene. Unter dieſen verdient eine Unternehmung erwähnt zu werden, da die Kriegsthaten eines der heiligen, geiſtlichen Helden dieſes Kriegs in ihr hervorleuchteten. Bei einem der Züge des chriſtlichen Heers, die vor den Wällen Granada's Statt fanden, war eine Streit⸗ macht von fünſzehnhundert Mann Reitern und einer gro⸗ ßen Menge Fußvolk aus der Stadt gezogen, und hatte — — — 327— ſich nahe an einigen Gärten aufgeſtellt, welche von einem Kanal umgeben und von Teichen, der Bewäſſerung we⸗ gen, durchſchnitten waren. Die Mauren ſahen den Herzog von Infantado mit ſeinen zwei nur zu glänzenden Schlachtreihen vorüberzie⸗ hen; die eine beſtand aus Gewappneten, die andre aus leichter Reiterei, welche nur à la geneta bewaffnet war. Mit ihm, aber in der Nachhuth, befand ſich Don Garcia Oſorio, der kriegeriſche Biſchof von Jaen, beglei⸗ tet von Franciſco Bovadillo, dem Corregidor ſeiner Stadt, dem zwei Schwadronen Gewappneter aus Jaen, Andujar, Ubeda und Baza folgten.(Pulgar, part. III. cap. 62.) Die Erfolge in dem Feldzug vom vorigen Jahr hat⸗ ten dem guten Biſchof eine Neigung zu kriegeriſchen Be⸗ ſchäftigungen beigebracht, ſo daß er nochmals den Panzer umſchnallte. Die Mauren legten ſich in ihren Kriegen ſehr auf die Liſt. Sie ſchauten verlangend nach den prachtvollen Schlachtreihen des Herzogs von Infantado, aber ihre Kriegsdiſciplin verdrängte in ihnen jeden Gedanken an einen Angriff. Der gute Biſchof dagegen ſchien ihnen einen leichteren Fang zu verſprechen. Sie ließen den Herzog und ſeine Truppen unbehindert vorübergehn, aber ſie machten ſich an die Schwadron des Biſchofs. Sie ſtellten ſich, als wollten ſie ihn angreifen, machten ein leichtes Scharmützel und flohen in ſcheinba⸗ rer Verwirrung. Der Biſchof betrachtete den Tag als — 328— den ſeinen, und verfolgte ſie, von ſeinem Corregidor Bo⸗ vadillo unterſtützt, mit muthiger Uebereilung. Die Manren flohen in die Huerta del Rey, den Obſt⸗ garten des Königs. Die Truppen des Biſchofs verfolg⸗ ten ſie hitzig. Als die Mauren ihre Verfolger gehörig in den Irrgängen des Gartens verwickelt ſahen, wandten ſle ſich voll Wuth gegen ſie, während einige von ihnen die Schleußen des Xenil aufzogen. In einem Augenblick füllten ſich die Teiche, welche den Garten durchſchnitten, und der Kanal, der ihn umgab, mit Waſſer, ſo daß ſich der tapfre Biſchof und ſein Gefolge von einer Sündfluth überſchwemmt ſah.(Pulgar.) Ein Auftritt großer Verwirrung folgte. Einige von der Mannſchaft aus Jaen, die kräftigſten an Muth und Körper, fochten mit den Mauren im Garten, während andere mit dem Waſſer kämpften, und über den Kanal zu entkommen ſich bemühten, bei welchem Verſuch viele Pferde ertranken. Glücklicher Weiſe bemerkte der Herzog von Infantado die Falle, in welche ſeine Gefährten ſich verſtrickt hatten, und ſchickte ſeine leichte Reiterei zu ihrer Unterſtützung herbei. Die Mauren wurden genötbigt zu fliehen, und auf dem Weg nach Elvira auf die Thore Granada's zugetrieben. Mehrere chriſtliche Ritter fielen in dieſer Schlacht; der Biſchof ſelbſt entkam nur mit Noth; da er bei'm Ueberſetzen über den Kanal aus dem Sattel geglitten war, und ſich nur gerettet hatte, indem er ſich an dem Schweif ſeines Renners feſthielt. Dieſer gefährliche — Kriegshandel ſcheint des guten Biſchof Schlachtenhaug hinlänglich befriedigt zu haben.«Er zog ſich mit ſeinen Lorbeern,» ſagt Agapida,«in die Stadt Jaen zurück, wo im Genuß aller Güter der Erde er nach und nach zu korpulent ward, um ſein Kriegsgewand umzugürten, das in der Halle ſeines biſchöflichen Pallaſts aufgehängt wurde. Von nun an hören wir nichts mehr von ſeinen Kriegs⸗ thaten während des ganzen übrigen Theils des heiligen Kriegs in Granada.»*) Nachdem König Ferdinand die Verheerung der Vega vollbracht, und El Zagal in ſeine Hauptſtadt eingeſchloſ⸗ ſen hatte, führte er ſein Heer durch die Bergenge von Lope zurück, um ſich mit der Königin Iſabelle zu Moclin zu vereinigen. Die eben genommenen Feſten ließ er wohl mit Be⸗ ſatzung und Hülfsmitteln verſehen, und gab den Oberbe⸗ fehl über die Grenze ſeinem Neffen Don Fadrique de To⸗ ledo, der ſpäterhin in den Niederlanden als Herzog von Alba ſo berüchtigt ward. So war denn der Feldzug glorreich beendigt und mit dem vollſtändigſten Erfola gekrönt, und die Fürſten zogen triumphirend in ihre Stadt Cordova ein. *) Don Luis Oſorio war Biſchof von Jaen vom Jahr 1483 an, und regierte in dieſem Kirchſprengel bis zum Jahr 1496, wo er in Flandern ſtarb. Er hatte dahin die Prinzeſſin Donna Juana, die Braut des Erzherzogs Don Philipp, geleitet.—(Espana Sagrada, por Fr. M. Risco, tom. XLI. trat. 77. cap. 4.) — 330— Fuͤnf und vierzigſtes Kapitel. El Zagar's Anſchlag auf Boabdil's Leben, und wie dieſer wieder zur Thätigkeit gebracht wurde. Nicht ſobald war die letzte Rotte der chriſtlichen Rei⸗ terei hinter dem Gebirg von Elvira verſchwunden und der Klang ihrer Trompeten im Ohr erſtorben, als die lang unterdrückte Wuth des greiſen Muley El Zagal los⸗ brach. Er beſchloß, nicht länger ein halber König zu ſeyn, der über ein getheiltes Reich in einer getheilten Hauptſtadt herrſchte; nein, er wollte durch alle Mitel, gute und ſchlimme, ſeinen Neffen Boabdil und deſſen An⸗ hang vernichten.. Er wandte ſich voll Wuth gegen die, deren empöreri⸗ 3 ſches Benehmen ihn von einem Angriff gegen den Feind abgehalten hatte; einige beſtrafte er mit Einziehung ihrer Güter, andere mit Verbannung, andere mit dem Tod. Einſt unbeſtrittener Herr des ganzen Reichs, vertraute er ſeiner Geſchicklichkeit im Krieg, und hoffte das Glück nochmals auf ſeine Seite zu bringen, und die Chriſten über die Grenze zu jagen. Boabdil hatte ſich indeß wieder nach Velez El Blanco, auf die Grenze von Murcia zurückgezogen, wo im Fall der Noth er alles Beiſtands und Schutzes verſichert ſeyn konnte, den ihm die ſchlaue Staatsklugheit Ferdinand's bot. Seine Niederlage hatte ſein Geſchick, das ſich in — — — 331— etwas gebeſſert, wieder vollſtaͤndig getrübt; denn das Volk betrachtete ihn nun als unvermeidlich dem Unglück geweiht. Doch wußte El Zagal, daß, ſo lange er lebte, er ein Vereinigungspunkt der Faktionen ſeyn würde, und in jedem Augenblick von der launenvollen Menge zur höchſten Macht erhoben werden könnte. Er nahm daher jettt ſeine Zuflucht zu den treuloſeſten Mitteln, um ſeine Vernichtung herbeizuführen. Er ſandte Abgeordnete an ihn, welche ihm die Nothwendigkeit der Eintracht für das Wohl des Reichs vorſtellten, und durch die er ſich ſelbſt erbot, den Titel König abzulegen und ſich ſeinem Scepter zu unterwerfen, vorausgeſetzt, daß er einige Ländereien erhielte, auf denen er in ruhiger Zu⸗ rückgezogenheit leben könnte. Aber während die Geſandte dieſe Friedensworte vor⸗ trugen, ſollten ſie Boabdil'n heimlich gewiſſe giftige Kräu⸗ ter beibringen, mit welchen ſie verſehen worden, und wenn ihnen dieſer Plan fehlſchlüge, hatten ſie ſich ver⸗ bindlich gemacht, ihn offen, während er ſich mit ihnen unterredete, niederzumachen. Sie wurden zu dieſer Ver⸗ rätherei durch das Verſprechen großer Belohnungen und durch die Verſicherung der Faki vermocht, Boabdil ſey ein Abtrünniger, deſſen Tod dem Himmel angenehm ſeyn würde. Der junge Fürſt wurde insgeheim von der angezettel⸗ ten Verrätherei benachrichtigt, und verweigerte den Ge⸗ ſandten Gehör. Er nannte ſeinen Oheim den Mörder ſeines Vaters und ſeiner Verwandten, er nannte ihn — 332— Thronräuber, und ſchwur, nie in Feindſeligkeit gegen ihn abzulaſſen, bevor er nicht ſein Haupt auf den Wällen des Alhambra aufgepflanzt. Offener Krieg brach nochmals zwiſchen den beiden Für⸗ ſten aus; er wurde jedoch in Betracht ihrer gegenſeitigen Verlegenheiten ſchwach geführt. Ferdinand ließ wieder Boab!dil'n ſeinen Schutz widerfahren, indem er den Be⸗ fehlshabern der Feſten gebot, ihn in allen Unternehmun⸗ 3 gen gegen ſeinen Oheim und gegen ſolche Orte zu unter⸗ ſtützen, die ſich weigern würden, ihn als König anzuer⸗ kennen. Don Juan de Benavides, der in Lorxa befehligte, machte ſelbſt in ſeinem Namen Einfälle in das Gebiet von Almeria, Baza und Guadir, welche Städte El Za⸗ gal'n anhingen. Der unglückliche Boabdil hatte mit drei großen Uebel⸗ ſtänden zu kämpfen, mit der Unbeſtändigkeit ſeiner Un⸗ terthanen, mit der Feindſchaft ſeines Oheims und der Freundſchaft Ferdinand's. Das letztere war bei weitem das verderblichſte, ſein Glück erblich unter dieſer Freund⸗ ſchaft. Er ward als der Feind ſeines Glaubens und ſei⸗ nes Landes angeſehen, die Städte verſchloſſen ihm ihre Thore, das Volk fluchte ihm. Selbſt der geringe Haufe von Rittern, welche bisher ſeinem Banner voll Unſtern gefolgt waren, begannen ihn zu verlaſſen; er hatte ja gar nichts mehr, ſie zu beloh⸗ nen oder zu unterhalten. Sein Muth ſank mit ſeinem Glück; er mußte fürchten, er werde in kurzer Zeit ſelbſt — 333— nicht einmal Land genng haben, ſeine Fahne aufzupflan⸗ zen oder ſeine Anhänger unter ſie zu ſammeln. Mitten in ſeiner Niedergeſchlagenheit erhielt er eine Botſchaft von ſeiner hochherzigen Mutter, der Sultane Ayxa la Horra. O der Schande,» ſagte ſie,«hinzu⸗ kümmern an den Grenzen deines Reichs, während der Thronräuber in deiner Hauptſtadt prangt. Wozu ſpähen nach Auſſen nach treuloſer Hülfe; da du ergebene Herzen haſt, die treu für dich in Granada ſchlagen? Der Al⸗ bayein iſt bereit, ſeine Thore zu deinem Empfange zu öff⸗ nen. Zieh' mit Kraft nach der Heimath! Ein plötzlicher Streich kann alles beſſern oder Allem mit Einem Male ein Ende machen. Der Thron oder die Gruft! Für ei⸗ nen König giebt's kein Drittes, das ihm geziemte!» Boabdil war unentſchloſſenen Charakters, aber es giebt Verhältniſſe, welche ſelbſt die Schwankendſten zu einer Entſcheidung bringen, und wenn ſie ſich einmal be⸗ ſtimmt haben, dann ſind ſie wohl im Stande, mit küh⸗ ner Schnelligkeit, die ſelbſt größerem Urtheil fremd iſt, zu handeln. Die Botſchaft der Sultane entriß ihn ſei⸗ nem Hinbrüten. Granada, die reizende Granada, mit ihrem herrlichen Alhambra, ihren anmuthigen Gärten, ihren ſprudelnden, lautern Brunnen, die unter Hainen von Orangen, Ci⸗ tronen und Myrthen hinrieſelten, erhob ſich vor ſeinen Blicken.«Was hab' ich gethan,» rief er,«daß ich ein Verbannter ſeyn ſoll aus dieſem Paradies meiner Väter, ein Pilger und Flüchtling in meinem eignen Reich, waͤh⸗ — 334— rend ein grauſamer Verräther ſtolz auf meinem Thron ſitzt? Sicher, Allah wird die gerechte Sache begünſti⸗ gen, Ein Streich und alles kann noch mein Eigenthum werden.» Er berief ſeinen geringen Rittertrupp. Wer iſt be⸗ reit, ſeinem Monarchen in den Tod zu folgen?“» ſagte er, und jeder legte die Hand an den Säbel.«Genug!“ begann er wieder,«jeder möge ſich bewaffnen und ſein Roß insgeheim bereit halten zu einer Unternehmung voll Müh' und Gefahr; gelingt es uns, ſo iſt die Herrſchaft unſer Lohn.⸗ Sechs und vierzigſtes Kapitel. Wie Boaddil heimlich nach Granada zurückkehrte und wie er empfangen ward. In der Hand Gottes,» ſagt ein alter Arabiſcher Chroniſt,«liegt das Geſchick der Fürſten; er allein giebt Herrſchaft. Ein einzelner Mauriſcher Reiter durchflog ei⸗ nes Tags auf flüchtigem, Arabiſchen Roſſe die Berge, welche ſich zwiſchen Granada und den Grenzen Murcia's hindehnen. Er ſprengte ſchnell durch die Thäler, aber ſtand oft und ſah behutſam ſich um auf dem Gipfel jeg⸗ licher Höhe. Ein Geſchwader von Rittern ſolgte bedacht⸗ ſam in der Entfernung. Es waren fünfzig Lanzen. Die — 335— reiche Rüſtung, der koſtbare Anzug zeigte, daß es Rei⸗ ter waren von hohem Rang, und ihr Führer hatte eine edle, königliche Haltung.» Das ſo beſchriebene Reitergeſchwader des Arabiſchen Chroniſten war der Maurenkönig Boabhdil und ſein erge⸗ benes Gefolge. Zwei Nächte und einen Tag verfolgten ſie ihre aben⸗ theuerliche Reiſe, vermieden alle bevölkerten Striche des Landes und wählten die einſamſten Bergpaͤſſe. Sie lit⸗ ten große Noth und Ermüdung, aber ſie duldeten ohne Murren. Sie waren an die rauhen Züge gewöhnt, und ihre Roſſe von edler ausdauernder Raſſe. Es war Mitternacht und alles dunkel und ſchweigend, als ſie von den Bergen herabſtiegen, und ſich der Stadt Granada näherten. Sie ſchritten leiſe unter dem Schat⸗ ten ihrer Wälle dahin, bis ſie dem Thor des Albayein nahe gekommen. Hier befahl Boabdil ſeinem Gefolge Halt zu machen und ſich zu verſtecken. Er ſelbſt nahm nur vier oder fünf von ihnen mit ſich, näherte ſich ent⸗ ſchloſſen dem Thor und klopfte mit dem Heft ſeines Säbels. 3 Die Wachen fragten, wer Einlaß begehre zu ſo unge⸗ wöhnlicher Stunde.«Euer König,p» rief Boabdil, aöff⸗ net das Thor und laßt ihn ein.» Die Wachen hielten eine Leuchte vor und maßen mit den Blicken den jugendlichen Fürſten. Sie wurden von plötzlicher Ehrerbietung ergriffen, riſſen die Thore auf und Boabdil und ſein Gefolge trat ungefährdet ein. Sie — 336— ſprengten an die Wohnungen der vorzüglichſten Einwoh⸗ ner des Albaycin, lärmten an ihren Thüren und riefen ſie auf, ſich zu erheben und die Waffen für ihren recht⸗ mäßigen Fürſten zu ergreifen. Dem Aufruf wurde alsbald gehorſamt; Trompeten ſchallten durch die Straßen, der Schein der Fackeln und das Leuchten der Waffen zeigte, wie die Mauren zu ih⸗ ren Verſammlungsörtern eilten, und mit Tagesanbruch waren alle Streitkräfte des Albaycin unter Boabdil's Fahne vereinigt. Dieß war der Erfolg des plötzlichen und verzweiſelken Zugs des jungen Fürſten; denn gleichzeitige Geſchicht⸗ ſchreiber verſichern uns, es habe kein vorgängiges Be⸗ ſprechen oder Anordnen Statt gefunden.„Wie die Wa⸗ chen das Thor der Stadt öffneten, ihn einzulaſſen, be⸗ merkt ein frommer Chronikſchreiber,«ſo öffnete Gott die Herzen der Mauren, daß ſi ihn als ihren König annäh⸗ men.“(Pulgar.) Früh des Morgens regte die Kunde von dieſem Vor⸗ fall El Zagal'n aus ſeinem Schlummer in Alhambra auf. Der feurige, greiſe Krieger verſammelte in Haſt ſeine Garde, und drang, das Schwert in der Hand, in den Albaycin ein, hoffend ſeinen Neffen unerwartet zu über⸗ fallen. Ihm trat kräftig Boabdil und ſein Gefolge entgegen; ſie trieben ihn zurück in das Stadtviertel des Alhambra. Ein Gefecht entſpann ſich zwiſchen den beiden Königen auf dem Platz vor der Hauptmoſchee. Hier kämpften ſte — 337— Mann gegen Mann mit unverſöhnlicher Wuth, als wä⸗ ren ſie übereingekommen, ihr Recht auf die Krone durch den Zweikampf zu entſcheiden. Doch wurden ſie in der Verwirrung des Handgemengs getrennt, und die Parthei El Zagal's mußte endlich den Platz räumen. Die Schlacht wüthete einige Zeit in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt, aber da ſie ihre Kräfte, ſich zu ſchaden, in zu enge Grenzen eingeengt ſahen, zogen beide Partheien heraus in's Feld, und fochten unter den Wällen bis an den Abend. Eine große Menge fiel auf beiden Seiten und gegen die Nacht zog jede Parthei in ihr Stadtviertel zurück, bis der Morgen ihnen Licht gäbe, das unnatürliche Ringen zu erneuen. Mehrere Tage lang blieben die beiden Abtheilungen der Stadt, gleich feindlichen Mächten, gegen einander in Schlachtordnung. Die Parthei des Alhambra war zahl⸗ reicher, als die des Albaycin, und enthielt den größten Theil des Adels und der Ritter, aber Boabdil's Anhän⸗ ger waren abgehärtete und durch Arbeit gekräftigte Män⸗ ner, durch Gewöhnung erfahren im Gebrauch der Waffen. Der Albayein erlitt eine Art Belagerung von der Streitmacht El Zagab's. Sie machten Breſchen in die Wälle, und verſuchten mehrmals, ihn mit dem Schwert wegzunehmen, wurden aber immer zurückgetrieben. Boab⸗ dil's Truppen dagegen machten häufige Ausfälle, und in den Kämpfen, die ſich entſpannen, erreichte der Haß der Streiter eine ſolche Höhe der Wuth, daß auf keiner Seite Quartier gegeben wurde. Irving's Granada. 1— 3. 22 *„ — 338— Boabdil erkannte die Schwäche ſeiner Streitmacht; er fürchtete auch, ſeine Anhänger, die größtentheils Han⸗ delsleute und Künſtler waren, möchten dieſer Unterbre⸗ chung ihrer gewerbreichen Beſchäftigungen überdrüſſig wer⸗ den, und durch die beſtändigen blutigen Auftritte den Muth verlieren. Er ſandte daher in aller Eile Boten an Don Fadrique de Toledo, welcher die chriſtliche Streit⸗ macht auf der Grenze befehligte, und bat um Hülfe. Don Fadrique hatte von dem ſtaatsklugen Ferdinand Be⸗ fehl erhalten, dem jungen Fürſten in all ſeinen Kämpfen mit ſeinem Ohelm beizuſtehn. Er näherte ſich alſo Gra⸗ nada mit einem Haufen Truppen, aber beſorgt, es möge eine Verrätherei im Spiel ſeyn, wartete er eine Weile und beobachtete die Bewegungen der Partheien. Die wilden, blutigen Kämpfe, welche das unglückliche Gra⸗ nada zerfleiſchten, überzeugten ihn bald, daß kein Ein⸗ verſtändniß zwiſchen den Fürſten ſtatt finde. Er ſandte alſo Boabdil'n eine Verſtärkung von chriſtlichen Fußſol⸗ daten und Muſketiren unter Fernan Alvarez de Soto⸗ mayor, dem Alcayden von Colomara; dieß war gleichſam ein Feuerbrand, der in die Stadt geworfen wurde, um die Flammen des Kriegs auf's Neue anzufachen, der zwi⸗ ſchen den Mauriſchen Einwohnern fünfzig Tage fortwüthete. Erſtes Kapitel. Wie König Ferdinand Veles Malaga belagerte. K Bis jetzt waren die Begebenheiten dieſes merkwürdi⸗ gen Kriegs wenig mehr als eine Reihe glänzender aber ſchnell vollführter Waffenthaten geweſen, plötzliche Streif⸗ züge, wilde Scharmützel auf den Gebirgen, oder Ueber⸗ fälle von Burgen, Feſten und Grenzſtädten. Wir kommen jetzt zu wichtigeren, langwierigeren Un⸗ ternehmungen, in welchen alte und mäͤchtige Städte, die Bollwerke Granada's, von zahlreichen Heeren berennt, und durch lange, regelmäßige Belagerungen unterworfen wurden, ſo daß endlich die Hauptſtadt entblößt und al⸗ lein daſtand. 3 Die glorreichen Triumphe der katholiſchen Könige, ſagt Bruder Antonio Agapida, hatten den ganzen Oſten durchſchollen, und das ganze Heidenthum mit Schrecken erfüllt. Der Großtürk, Bajazet II. und ſein Todfeind, der Großſultan von Aegypten, verſchoben für einige Zeit ihre blutigen Zwiſte, und traten in einen Bund zum Schutz der Religion Muhamed's und des Königreichs Granada gegen die Feindſeligkeiten der Chriſten. Sie kamen überein, Bajazet ſolle eine ſtarke Flotte gegen Sicilien ſenden, das damals der Spaniſchen Krone gehörte, um die Aufmerkſamkeit der Caſtiliſchen Könige zu theilen, während zu gleicher Zeit große Streitkräfte von der gegenüberliegenden Afrikaniſchen Küſte ſich über Granada ergießen ſollten. Ferdinand und Jſeabelle erhielten zeitig Nachricht von dieſen Plänen. Sie beſchloſſen, alsbald den Krieg auf Granada's Seeküſten zu ſpielen, ſich in Beſitz ihrer See⸗ häfen zu ſetzen, und ſo gleichſam dem Königreich gegen alle Hülfe von Auſſen die Thore zu verriegeln. Malaga ſollte das Hauptziel des Angriffs ſeyn; es war der vorzüglichſte Seehafen des Reichs, und ihm faſt zu ſeinem Beſtehen unentbehrlich. Lange war es der Sitz eines reichen Handels geweſen, und ſchickte viele Schiffe an die Syriſchen und Aegyptiſchen Küſten. Es war auch der große Verbindungspunkt mit Afrika, durch welchen Zufuhren an Geld, Truppen, Waffen und Pfer⸗ den von Tunis, Tripolis, Fez, Tremezan und aus an⸗ dern Beſitzungen der Berberei eingebracht wurden. Es ward daher bildlich Granada's Hand und Mund ge⸗ nannt.— Ehe ſie jedoch dieſe mächtige Stadt belagerten, hiel⸗ ten ſie es für nothwendig, ſich der nahe gelegnen Stadt Velez Malaga zu bemächtigen, ſowie auch der ihr unter⸗ worfenen Orte, welche ſonſt das Belagerungsheer hätten beunruhigen mögen. Zu dieſem wichtigen Feldzug wurden die Edlen des Reichs nochmals aufgeboten, im Frühling 1487 mit ihren Streitkräften auszurücken. Der gedrohte Einbruch der ungläubigen Mächte des Oſtens hatte neuen Eifer in den Herzen aller wahren chriſtlichen Ritter erregt, und ſie entſprachen mit ſolcher Bereitwilligkeit dem Aufgebot der Könige, daß ein Heer von zwanzigtauſend Reitern und fünfzigtauſend Fußvölkern, die Blüthe der Spaniſchen Krieger, geführt von den tapferſten Spaniſchen Rittern, zur beſtimmten Zeit ſich in die berühmte Stadt Cordova zuſammendrängte. In der Nacht, die dem Auszug dieſes mächtigen Heers vorausging, erſchütterte ein Erdbeben die Stadt. Die Einwohner durch das Zittern der Wände und Wan⸗ ken der Thürme aufgeweckt, flohen in der Furcht von den Trümmern ihrer Wohnungen verſchüttet zu werden, in die Höfe und auf die freien Plätze. Das Erdbeben war im Stadtviertel der königlichen Reſidenz, die ſonſt der Pallaſt der Mauriſchen Könige geweſen, am aller hef⸗ tigſten. Viele ſahen hierin die Vorbedeutung eines drohenden Uebels, aber Bruder Antonio Agapida lieſ't in dieſem Vorfall, mit jenem untrüglichen Geiſt der Weiſſagung, welchen man, nachdem die Vorfälle ſich ereignet haben, erhält, klar und deutlich eine Verkündigung, daß das Reich der Mauren in ſeinem innerſten Innern erſchüttert werden ſolle. An einem Samſtag, dem Vorabend vor dem Palm⸗ ſonntag, ſagt ein würdiger und gutgeſinnter Chroniſt je⸗ ner Zeiten, zog der allerkatholiſchſte König mit ſeinem Heer aus, dem Himmel zu dienen und die Mauren zu bekriegen.(Pulgar, Cronica de los Reges Catholicos.) Häufige Regengüſſe hatten alle Ströme angeſchwellt, und die Wege ſchlüpfrig und ſchwierig gemacht, deßwegen theilte der König ſein Heer in zwei Theile; in den einen brachte er alles Geſchütz unter der Huth einer ſtarken Reiterabtheilung und dem Oberbefehl des Ordensmeiſters von Alcantara und des Seniors von Montemayor, Mar⸗ tin Alonzo. Dieſe ſollten auf dem Weg durch die Thä⸗ ler vorrücken, weil da für die Ochſen, welche das Ge⸗ ſchütz zogen, reiches Weideland ſich vorfand. Die Hauptmacht wollte der König ſelbſt führen. Sie war in zahlreiche Schlachtreihen eingetheilt, jede von ei⸗ nem ausgezeichneten Ritter befehligt. Der König ſchlug die rauhe, gefährliche Straße über die Gebirge ein, denn wenige Berge ſind ſo ſteil und ſchwierig, wie die Anda⸗ luſiſchen. Die Wege ſind bloße Maulthierpfade, welche ſich unter Felſen und am Rand von Abgründen hindurch⸗ ſchlänglen, und ungeheure, zackige Höhen erklimmen, dann aber in furchtbare Felsſpalten und Schlünde hinab⸗ ſteigen, wo der Fuß von Roß und Mann nur ſpärlichen und unſichern Anhalt findet. Viertauſend Schanzgräber wurden unter dem Alcay⸗ den der Donzelen vorausgeſchickt, um auf irgend eine Weiſe die Steilheiten der Straße zu bezwingen. Einige hatten Pickelärte und Eiſen, die Felſen zu durchbrechen, andre führten die Geräthſchaften mit ſich, um Brücken über Bergſtröme zu ſchlagen, während noch andre das Amt hatten, Steine zum Ueberſchreiten in die kleineren Bäche zu werfen. Da das Land von kühnen Mauriſchen Bergwohnern beſetzt war, ward Don Diego de Caſtrillo mit einer Ab⸗ theilung Reiter und Fußgänger abgeſandt, um ſich in den Beſitz der Höhen und Bergpäſſe zu ſetzen. Trotz allen Vorkehrungen aber litt das königliche Heer außerordent⸗ lich auf ſeinem Zug. Einſt war auf fünf Meilen weit in dem mühſeligen bergigen Land nicht Raum, um ein La⸗ ger aufzuſchlagen, ſo daß viele der Laſtthiere auf dem Weg niederſielen und umkamen. Mit der größten Freude wurde daher das königliche Heer erfüllt, als es endlich aus dieſen wilden, furchtba⸗ ren Engpäſſen hervortauchte, und an eine Stelle kam, wo es auf die Vega von Velez Malaga herabblickte. Das Land vor ihnen war eins der reizendſten, welche je von einem Heer verwüſtet wurden. Vor jedem rauhen Windſtoß durch einen Kranz von Bergen geſchirmt, und nach Süden ſich abdachend und hindehnend, wurde dieß liebliche Thal von dem anmuthig⸗ ſten Sonnenſchein erquickt, von den Silberkrümmungen des Velez benetzt und durch kühle Weſte vom mittellän⸗ diſchen Meer her erfriſcht. Die in's Thal ſich verlieren⸗ den Hügel waren mit Weinbergen und Oelbäumen be⸗ deckt, die fernen Felder wogten von Getreide oder waren grün von Weideland, während rund um die Stadt rei⸗ zende Gärten ſich erſtreckten, liebe Landſitze den Mau⸗ ren, wo ihre weißen Zelten unter Hainen von Orangen, — 10— Citronen und Granatäpfeln durchſchienen und von ſtatt⸗ lichen Palmen überſtiegen wurden, von jenen Gewächſen eines ſüdlichen Klimas, die eine milde Luft und einen wolkenloſen Himmel andeuten. In dem oberen Theil dieſes anmuthigen Thals erhob die Stadt Velez Malaga ihre kriegeriſchen Verſchanzun⸗ gen in finſterem Abſtich mit der Landſchaft. Sie war an den Abhang eines ſteilen, iſolirten Hügels gebaut, und ſtark mit Wällen und Thürmen befeſtigt. Der Kamm des Hügels erhob ſich hoch über die Stadt in einer blo⸗ ßen, auf jeder Seite unzugänglichen Felszacke, die von ei⸗ ner mächtigen Burg bekränzt wurde, welche das umlie⸗ gende Land beherrſchte. Zwei Vorſtädte ſtreckten ſich vom Saum der Stadt aus in's Thal hinab und wurden von Bollwerken und tiefen Teichen vertheidigt. Die ungeheuern Reihen grauer Berge, oft von Wolken umlagert, welche ſich nach Nor⸗ den erhoben, wurden von einem kühnen, kriegeriſchen Volke bewohnt, deſſen ſtarke Feſten Comares, Camillas, Competa und Benemarhorga finſter von zackigen Höhen herabſahen. Zu eben der Zeit, als das chriſtliche Heer dieſes Thal anſichtig wurde, befuhr ein Geſchwader die ruhige See, die es beſpülte. Es hatte das Banner von Caſtilien ent⸗ faltet und ſtand unter dem Oberbefehl des Grafen von Trevento. Es waren vier bewaffnete Galeeren, welche eine Anzahl Caravelen, mit Vorrath für das Heer bela⸗ den, herbeiführten. — 11— Nachdem er den Boden unterſucht hatte, lagerte ſich König Ferdinand an der Seite eines Bergs, der bis nahe an die Stadt ging und der letzte Punkt einer ſteilen Sierra oder Bergkette war, die ſich ſelbſt nach Granada erſtreckte.. Auf der Spitze dieſes Bergs und das Lager beherr⸗ ſchend war eine Mauriſche, ſtark befeſtigte Stadt, Ben⸗ komiz genannt, welche man ihrer Nähe wegen für geeig⸗ net hielt, Velez Malaga großen Beiſtand zu leiſten. Meh⸗ rere Feldherrn machten dem Könige Vorſtellungen, daß er einen den Angriffen der Bewohner ſo ſehr blos geſtell⸗ ten Poſten gewählt, aber Ferdinand entgegnete, er werde ſo alle Verbindung zwiſchen den beiden Städten abſchnei⸗ den, und was die Gefahr beträfe, ſo müßten ſeine Sol⸗ daten um ſo mehr gegen jeden Ueberfall auf ihrer Huth ſeyn. 1. König Ferdinand ritt, von einigen Reitern und einer kleinen Anzahl Küraſſtre begleitet, aus, um die verſchied⸗ nen Stellungen im Lager anzuweiſen. Während eine Abtheilung Fußſoldaten als eine Vorhuth eine wichtige Anhöhe beſetzten, welche die Stadt überſah, zog ſich der König in ein Zelt zurück, um einige Erfriſchungen ein⸗ zunehmen. Während er an Tafel war, wurde er durch einen plötzlichen Lärm aufgeſchreckt, er ſah hin und gewahrte ſeine Soldaten auf der Flucht vor einer überlegenen Menge von Feinden. Der König hatte keine andre Waf⸗ fenrüſtung als einen Küraß. Er ergriff aber eine Lanze, — 12— ſprang auf ſein Roß und eilte mit ſeinen wenigen Rit⸗ tern und Küraſſiren zum Schutz der Flüchtlinge. Als die Spauier den König zu ihrer Unterſtützung herbei⸗ ſprengen ſahen, wandten ſie ſich gegen ihre Verfolger. Ferdinand ſtürzte ſich in ſeinem Eifer mitten in den Feind; einer ſeiner Stallknechte ward neben ihm getödet, aber ehe der Maure, der ihn erſchlagen, entrinnen konnte, durchbohrte ihn der König mit ſeiner Lanze. Er ſuchte dann ſein Schwert zu ziehn, welches an ſeinem Sattel⸗ knopf hing, aber vergebens. Niemals war er ſolcher Ge⸗ fahr ausgeſetzt geweſen, er ſah ſich vom Feind umringt, ohne eine Waffe zu haben, um ſich zu vertheidigen. In dieſem Augenblick furchtbarer Gefahr kamen der Marquis von Cadir, der Graf de Cabra, der Adelantado von Murcien, mit zwei andern Rittern, namens Gar⸗ cilaſſo de la Vega und Diego de Atayde, auf das Schlacht⸗ feld geſprengt; ſie umgaben den König und bildeten als getreue Unterthanen mit ihren Leibern ihrem Fürſten ei⸗ nen Wall gegen die Anfälle der Mauren. Das Pferd des Marquis ward von einem Pfeil durch⸗ bohrt, und der tapfre Ritter der drohendſten Gefahr aus⸗ geſetzt; aber mit dem Beiſtand ſeiner kräftigen Gefährten ſchlug er bald den Feind in die Flucht, und verfolgte ihn mit großem Verluſt bis an die Thore der Stadt. Als dieſe treuen Kämpfer von der Verfolgung zurück⸗ kehrten, machten ſie dem Könige Vorſtellungen, daß er ſo ſein Leben, in eigner Perſon kämpfend, der Gefahr ausſetze, während er doch ſo viele wackre Führer habe, — 13— deren Geſchaft der Kampf wäre. Sie erinnerten ihn, daß das Leben des Fürſten das Leben ſeines Volks ſey, und daß manches tapfre Heer durch den Verluſt ſeines Befehlshabers zu Grunde gerichtet worden. Sie baten ihn alſo, in's Künftige ſie vielmehr mit der Kraft ſeines Geiſtes im Berathungszimmer, als mit ſeinem eignen Arm im Feld zu ſchützen. Ferdinand erkannte die Weisheit ihres Raths an, er⸗ klärte aber, er könne ſein Volk nicht in Gefahr ſehen, ohne ſein eignes Leben zu ſeinem Beiſtand zu wagen; eine Entgegnung, ſagen die alten Chroniſten, welche das ganze Heer erfreute, da ſie daraus ſahen, daß er ſie nicht nur als ein guter König regiere, ſondern auch als kräf⸗ tiger Feldherr beſchütze. Ferdinand aber fühlte die Größe der Gefahr, der er ausgeſetzt geweſen, und gelobte, nie mehr in die Schlacht ſich zu wagen, ohne ſein Schwert umgegürtet zu haben. (IIlescas, hist. Pontis. lib. VI, cap, 20. Vedmar, hist. Velez Malaga.) Als man dieſe That des Königs der Königin erzählte, zitterte ſte, während ſie ſich über ſeine Rettung freute, und verlieh ſpäter zum Andenken an den Vorfall der Stadt Velez Malaga als Wappen einen König zu Pferde, mit einem Stallknecht, der todt zu ſeinen Füßen liegt, und mit Mauren, welche fliehen.(Idem.) Das Lager war gebildet, aber das Geſchütz befand ſich noch auf dem Weg, und legte mit unſäglicher Mühe nur eine Meile taͤglich zurück; denn häufige Regen hat⸗ ten die Bäche der Thäler in reißende Ströme verwandelt und alle Straßen vollſtändig unterbrochen. Mittlerweile ließ König Ferdinand einen Sturm auf die Vorſtädte machen. Sie wurden nach einem blutigen, ſechsſtündigen Kampf weggenommen, aber viele chriſtliche Ritter dabei getödet oder verwundet; unter den letztern befand ſich auch Don Alvaro von Portugal, der Sohn des Herzogs von Braganza. Die Vorſtädte wurden hierauf gegen die Stadt mit Verhaue und Palliſaden geſchützt, und von einer erleſe⸗ nen Streitmacht unter Don Fadrique de Toledo beſetzt. Andre Verhaue grub man rund um die Stadt und von den Vorſtädten zum königlichen Lager, ſo daß aller Ver⸗ kehr mit dem umliegenden Land abgeſchnitten wurde. Truppenabtheilungen wurden auch abgeſchickt, um die Bergpäſſe zu beſetzen, durch welche die Zufuhren dem Heer zukommen mußten. Doch waren die Berge ſo ſteil und rauh, ſo voll von Schluchten und Verſtecken, daß die Mauren Ausfälle machen und ſich in vollkommner Sicherheit zurückziehen konnten; ſo daß ſie häufig auf die chriſtlichen Proviantzüge herabſtürzten, und Beute und Gefangene in ihre Feſten einbrachten. Manchmal zündeten wohl die Mauren zur Nachtzeit auf den Seiten der Berge Feuer an, welche von andern auf den Warten und Feſten beantwortet wurden. Durch dieſe Zeichen verabredeten ſie Angriffe auf das chriſtliche Lager, welches daher beſtändig auf ſeiner Huth und be⸗ reit ſeyn mußte, zu den Waffen zu eilen. — 415—/ König Ferdinand ſchmeichelte ſich, die Entwicklung ſei⸗ ner Streitkräfte habe ſchon hinlänglich die Stadt in Schrecken geſetzt, und durch angebotene Gnade möchte ſte vielleicht zur Uebergabe veranlaßt werden. Er ſchickte daher ein Schreiben an die Befehlshaber, worin er im Fall einer unverzüglichen Uebergabe verſprach, allen Ein⸗ wohnern ſolle vergönnt werden, mit ihrer Habe abzu⸗ ziehn, zugleich aber drohte er mit Feuer und Schwert, wenn ſie in ihrem Widerſtand beharrten. Dieſer Brief ward durch einen Ritter, Namens Car⸗ vayal, abgeſchickt, der ihn an die Spitze einer Lanze ſteckte, und ihn ſo den Mauren übergab, welche ſich auf den Wällen der Stadt befanden. Die Befehlshaber ent⸗ gegneten, der König ſey zu edel und hochherzig, um ſolch eine Drohung in Ausführung zu bringen, und ſie würden ſich nicht ergeben, da ſie wüßten, das Geſchütz könne m in's Lager gebracht werden; auch ſey ihnen Hülfe vom König von Granada verheißen worden. Zur nämlichen Zeit, als er dieſe Antwort erhielt, er⸗ fuhr der König, vor der feſten Stadt Comares, auf ei⸗ ner ungefähr zwei Meilen vom Lager entfernten Höhe, habe ſich eine große Anzahl Krieger aus der Arxarquia Caus denſelben Bergen, auf welchen die chriſtlichen Krie⸗ ger im Anfang des Kriegs niedergemetzelt worden) ver⸗ ſammelt, und andre würden täglich erwartet; denn dieſe ſteile Gebirgskette vermöge fünfzehntauſend Kämpfer zu liefern. König Ferdinand fühlte nun, daß ſein Heer, ſo ge⸗ — 16— trennt und in feindliches Land eingeſchloſſen, ſich in einer gefährlichen Lage befände, und daß die größte Kriegszucht und Wachſamkeit nöthig ſey. Er führte im Lager die ſtrengſten Verordnungen ein; er verbot alle Spiele, alle Gottesläſterung, allen Streit; er vertrieb die liederlichen Weiber und ihren zänkiſchen Anhang, die gewöhnlichen Urheber und Begünſtiger von Zank und Streit unter den Soldaten. Er befahl, nie⸗ mand ſolle ſich hinaus auf's Herumſtreifen ohne Erlaub⸗ niß der Befehlshaber begeben; niemand ſolle auf den be⸗ nachbarten Bergen Feuer in den Wäldern anlegen, und jedes den Manriſchen Orten oder einzelnen Mauriſchen Individuen gegebene Verſprechen, ſolle unverletzlich gehal⸗ ten werden. Dieſe Vorſchriften wurden durch ſtrenge Strafen ein⸗ Lschärft, und hatten ſo heilſame Wirkungen, daß, ob⸗ gleich ein großes Heer mancherlei Volks beiſammen war, doch kein Schimpfwort gehört, keine Waffe zum Streit gezogen ward. Mittlerweile ſammelten ſich die Wolken des Kriegs auf den Gipfeln der Berge; eine Menge kühner Krieger aus der Sierra ſtiegen auf die niedrigeren Höhen von Bentomiz, welche über das Lager hinausgingen, herab, und verſuchten ſich in die Stadt durchzuſchlagen. Eine Abtheilung wurde gegen ſie geſandt, welche ſie nach einem hitzigen Gefecht auf die höheren Bergzacken trieb, wo es unmöglich war, ſie zu verfolgen. Zehn Tage waren ſeit der erſten Belagerung verfloſſen, — 17— und noch war das Geſchütz nicht bei dem Heer angelangt. Die Donnerbüchſen und andre ſchwere Stücke ließ man ver⸗ zweifelnd in Antequera zurück, der übrige Theil kam keu⸗ chend langſam durch die engen Thäler, welche vollgepfropft waren von langen Zügen Artillerie und mit Kriegsvor⸗ rath beladenen Karren. Endlich kam ein Theil der kleineren Geſchützſtücke auf eine halbe Meile dem Lager nahe, und die Chriſten heg⸗ ten die Hoffnung, bald im Stande zu ſeyn, einen regel⸗ mäßigen Angriff auf die Feſtungswerke der Stadt zu machen. Zweites Kapitel. Wie König Ferdinand und ſein Heer ſich großer Gefahr vor Velez Malaga ausſetzten. Während die Fahne des Kreuzes auf den Hügeln von Velez Malaga flatterte, und jede Höhe und Zacke von ſeindlichen Waffen ertönte, zerriß der Bürgerkrieg zwi⸗ ſchen den Partheien des Alhambra und Albaycin, oder vielmehr zwiſchen El Zagal und El Chico immer noch die Stadt Granada. Endlich machte die Kunde von der Belagerung von Velez Malaga die Aufmerkſamkeit der Greiſe und Fakis rege, da ihre Köpfe nicht von dem täglichen Zwiſt erhitzt Irving's Granada. 4— 6. 2 4 . . — 18— waren. Sie verbreiteten ſich durch die Stadt und ver⸗ ſuchten das Volk zur Einſicht in die gemeinſame Gefahr zu bringen. «Warum,» ſagten ſte,«beſtehen fort dieſe Kämpfe zwiſchen Brüdern und Verwandten? Was für Schlach⸗ ten ſind dieß, wo ſelbſt der Triumph ſchändlich iſt und der Sieger erröthet und ſeine Narben verbirgt?“ «Seht, die Chriſten verwüſten das Land, das durch die Tapferkeit, durch das Blut eurer Vorfahren gewon⸗ nen ward; ſie wohnen in den Häuſern, die ſie gebaut, ſthen unter den Bäumen, die ſie gepflanzt, während eure Brüder herumwandern, obdachlos und verlaſſen!» «Wollt ihr euren wahren Feind aufſuchen? Er la⸗ gert auf dem Berge Bentomitz! Braucht ihr ein Feld, zur Darlegung eurer Tapferkeit? Ihr werdet es vor den Wällen von Velez Malaga finden!⸗ Als ſle den Geiſt des Volks aufgeregt, traten ſie vor die ſtreitenden Könige, und richteten gleiche Vorſtellun⸗ gen an ſie. Hamet Aben Zarrax, der begeiſterte San⸗ ton, tadelte El Zagal's blinden, gefühlloſgt Ehrgeiz «Du ſtrebſt König zu ſeyn,» ſagte er bitter„aund läßt das Reich zu Grunde gehen.» 8 El Zagal befand ſich in einer peinlichen Verlegenheit. Er hatte einen zwiefachen Krieg zu führen, mit dem Feind auſſen und mit dem Feind innen. Setzten ſich die Chriſten in den Beſitz der Seeküſte, ſy war dieß verderb⸗ lich für das Reich; verließ er Granada, ſich ihnen ent⸗ — 190— gegenzuſtellen, ſo konnte ſein lediger Thron von ſeinem Neffen beſetzt werden. Er machte aus der Noth eine Tugend; er that, als folge er den Vorſtellungen der Fakis, und bemühte ſich, mit Boabdil einen Vertrag abzuſchließen. Er bezeugte ſeinen tiefen Kummer über die täglichen Nachtheile, welche dem Land durch die Zwiſte der Hauptſtadt zugefügt wür⸗ den; jetzt ſey eine Gelegenheit da, alles mit einem Streich wieder gut zu machen. Die Chriſten hätten ſich, ſo zu ſagen, in ein Grabmahl zwiſchen den Gebirgen be⸗ geben; es ſey nur noch nöthig, Erde auf ſie zu werfen. Er erbot ſich, den Titel König aufzugeben, ſich der Herrſchaft ſeines Neffen zu unterwerfen und unter ſeiner Fahne zu fechten. Er wünſchte nichts weiter, als ſchnell Velez Malaga zu Hülfe eilen zu dürfen, und volle Rache an den Chriſten zu nehmen. Boabdil verwarf ſeine Vorſchläge als die liſtigen Künſte eines Heuchlers und Verräthers.«Wie ſoll ich einem Manne trauen,n ſagte er,«der meinen Vater und meine Verwandten hinterliſtig ermordet hat, und wiederholt meinem eignen Leben nachſtellte, beides durch Gewalt und Trug?2„ El Zagal ſchäumte vor Wuth und Unwillen, aber es war keine Zeit zu verlieren. Er war von den Fakis und Edlen ſeines Hofs belagert, die jugendlichen Ritter ver⸗ langten nach Thaten, das gemeine Volk ſchrie laut, daß die reichſten Städte dem Feinde überlaſſen würden. Der alte Krieger liebte von jeher den Kampf; er ſah d 22 — 20— auch, daß unthätig zu bleiben beides, Krone und Reich, gefährden würde; während ein glücklicher Streich ihm die Lieve des Volks in Granada ſicherte. Er hatte weit größre Macht als ſein Neffe, da er kürzlich erſt Verſtär⸗ kungen aus Baza, Guadix und Almeria erhalten; er konnte daher mit größern Streitkräften ausrücken und doch eine ſtarke Beſatzung im Alhambra zurücklaſſen. Er traf demgemäß ſeine Anſtalten, und zog plötzlich in der Nacht an der Spitze von tauſend Pferden und zwanzigtauſend Fußvölkern aus. Er nahm die unbegan⸗ genſten Wege längs der Bergkette hin, die ſich von Gra⸗ nada bis zur Höhe Bentomiz ausdehnt, und ging mit ſolcher Schnelle, daß er dort anlangte, ehe König Ferdi⸗ nand Kunde von ſeiner Annäherung erhalten. Die Chriſten wurden eines Abends durch das plötz⸗ liche Aufſprühen großer Feuer auf dem Gebirg um die Feſte Bentomiz erſchreckt. Bei dem röthlichen Lichte ge⸗ wahrten ſie das Blitzen der Waffen und die Truppenrei⸗ hen, ſie hörten das ferne Getön der Mauriſchen Trom⸗ meln und Trompeten. Die Feuer von Bentomiz wurden durch andre auf den Thürmen von Velez Malaga beantwortet; das Geſchrei El Zagal! El Zagal! hallte längs den Bergzacken hin, und ertönte aus der Stadt; es merkten die Chriſten, der alte Krieger⸗König von Granada ſey auf dem Gebirg uͤber ihrem Lager. 2 Die Gemüther der Mauren wurden plötzlich zur Höhe des größten Frohlockens erhoben, während die Chriſten —* —— — 21— ſtaunten, als ſie den Kriegsſturm gewahrten, der bereit war, über ihren Häuptern hereinzubrechen. Der Graf de Cabra hätte bei ſeinem gewohnten Ei⸗ fer, wenn ein König im Feld ihm gegenüber ſtand, gar gern die Höhen erklommen, und El Zagal angegriffen, ehe er Zeit hatte, ſein Lager zu ordnen; aber Ferdinand, der kälter und vorſichtiger war, hielt ihn zurück. Ein Angriff auf die Höhe wäre mit dem Aufheben der Bela⸗ gerung gleichbedeutend geweſen. Er befahl daher, jeder ſolle genaue Wache auf ſeinem Poſten halten, und bereit ſeyn, ihn auf's Aeuſſerſte zu vertheidigen; aber in keinem Fall ſolle er vorrücken, und den Feind angreifen. Die ganze Nacht wurden die Signalfeuer ſprühend er⸗ halten, und erregten und belebten die ganze Landſchaft. Die Morgen⸗Sonne erhob ſich auf dem hohen Gipfel des Bentomiz über ein Schauſpiel kriegeriſcher Herrlich⸗ keit. Als ihre Strahlen dem Gebirg hinabglänzten, be⸗ leuchteten ſie die weißen Zelte der chriſtlichen Ritter, welche die niederen Erhöhungen bekränzten, und deren Fahnen und Banner im Morgenwind flatterten. Das koſtbare Zelt des Königs mit der heiligen Stan⸗ darte des Kreuzes und den königlichen Bannern von Ca⸗ ſtilien und Arragon beherrſchte das Lager. Daneben lag die Stadt, ihre ſteile Burg, und die von Waffen ſtrah⸗ lenden Thürme, während höher als alles und gerade an der Seite der Höhe, im vollen Glanze der aufgehenden Sonne, ſich die Zelte des Mauren darſtellten, ſeine be⸗ — 22— turbanten Truppen um ſie herumzehäuft, und die ungläu⸗ bigen Fahnen zum Himmel aufwehend. Rauchſäulen ſtiegen auf, wo die Nachtfeuer geſprüht hatten, und das Getön der Mauriſchen Cimbeln, der Schall der Trompeten und das Wiehern der Roſſe wurde deutlich von jenen luftigen Höhen her gehört. Der Luft⸗ kreis in dieſer Landſchaft iſt ſo rein und klar, daß alles in großer Entfernung genau unterſchieden werden kann, und ſo vermochten denn die Chriſten die furchtbaren Hau⸗ fen von Feinden wohl zu erſchauen, die ſich auf den Gip⸗ feln der umliegenden Berge aufthürmten. Eine der erſten Maßregeln des Maurenkönigs war, eine ſtarke Streitmacht unter Rodovan de Vanegas, dem Alcayden von Granada, abzuſenden, welcher den Ge⸗ ſchützzug, der ſich auf eine große Strecke hin durch die Gebirgpäſſe durchwinden mußte, überfallen ſollte. Ferdi⸗ nand hatte dieſen Plan vorausgeſehn, und ſandte den Befehlshaber von Leon mit einer Abtheilung von Mann und Roß dem Ordensmeiſter von Alcantara zur Verſtär⸗ kung zu. El Zagal ſah von ſeiner Berghöhe den Haufen aus dem Lager ausziehen, und rief ſogleich Rodovan de Va⸗ 3 negas zurück. Die Heere blieben nun für einige Zeit V ruhig; der Maure ſah gierig auf das Chriſtenlager her⸗ ab, gleich einem Tieger, der über einem Sprung auf ſeine Beute brütet; die Chriſten waren in furchtbarer Gefahr, eine feindliche Stadt unter ihnen, ein mächtiges Heer — 23— über ihrem Haupte und auf jeder Seite Berge mit un⸗ verſöhnlichen Feinden gefüllt. Nachdem El Zagal den Stand des chriſtlichen Lagers reiflich unterſucht, und ſich über alle Bergpäſſe hinläng⸗ liche Kunde verſchafft hatte, entwarf er einen Plan zum Ueberfall des Feindes, welcher, wie er ſich ſchmeichelte, ſeinen gänzlichen Untergang und vielleicht die Gefangen⸗ nehmung Ferdinand's herbeiführen würde. Er ſchrieb einen Brief an den Alcayden der Stadt, worin er ihn, in der Stille der Nacht auf ein Signal⸗ feuer auf dem Gebirg, mit all ſeinen Truppen einen Aus⸗ fall machen, und wüthend über das Lager herfallen hieß. Der König wollte zu gleicher Zeit mit ſeinem Heer von dem Gebirg herabſtürzen, und es auf der entgegengeſetz⸗ ten Seite angreifen, ſo es erdrückend zur Stunde des tiefſten Schlafs. Dieſes Schreiben ſchickte er durch einen abtrünnigen Chriſten ab, welcher alle geheime Wege des Landes kannte, und wenn er ergriffen wurde, ſich für einen Chriſten ausgeben konnte, der der Gefangenſchaft ent⸗ ronnen. Der ſtolze El Zagal, voll Vertrauen auf den Erfolg ſeiner Kriegsliſt, ſah auf die Chriſten als auf ſeine, ihm ganz in die Hand gegebenen, Opfer herab. Als die Sonne ſich dem Untergange zuneigte, und die Berge lange Schat⸗ ten über die Vega warfen, deutete er jauchzend auf das Lager unter ihm, das ſcheinbar keine Ahnung hatte von der drohend über ihm hängenden Gefahr. — 24— Allah Achbar» rief er, Gott iſt groß! Seht, die Ungläubigen ſind in unſre Hand gegeben, ihr König und ſeine erleſenen Ritter werden bald in unſrer Gewalt ſen. Nun iſt's Zeit, männlichen Muth zu beweiſen, und durch Einen herrlichen Sieg alles wieder zu erhalten, was wir verloren.» «Glücklich, wer fechtend fällt für die Sache des Pro⸗-⸗ pheten, er iſt mit Einem Mal verſetzt in das Paradies der Gläubigen und von unſterblichen Houri'n umgeben! Glücklich, wer ſiegreich überlebt, er erſchaut Granada, das irdiſche Paradies, Granada, dann befreit von ſei⸗ nen Feinden und zurückgegeben all ſeiner Herrlichkeit!» El Zagal's Worte wurden mit Zujauchzen von ſeinen Truppen empfangen; ſie warteten ungeduldig der beſtimme ten Stunde, um auf die Chriſten loszubrechen aus ihren Gebirgslagern. Drittes Kapitel. Folgen des Verſuchs El Zagal's, den König Ferdinand zu überfallen. — Die Königin Iſabella und ihr Hof waren zu Cordova gehlieben, ängſtlich harrend des Ausgangs der königlichen Unternehmung. Jeder Tag brachte Kunde von neuen Schwierigkeiten, welche ſich dem Fortſchaffen des Ge⸗ — 25— ſchützes und des Kriegsvorraths entgegenſtellten, ſowie auch von der gefährlichen Lage des Heers. Wäͤhrend ſie ſich in dieſem Zuſtand ängſtlicher Erwar⸗ tung befanden, kamen in aller Eile Reitboten von den Grenzen an, und brachten die Nachricht von dem plötz⸗ lichen Aufbruch El Zagal's aus Granada, um das chriſt⸗ liche Lager zu überfallen. Ganz Cordova war in Beſtürzung. Die Vernichtung der Andaluſiſchen Ritter auf den Gebirgen gerade in der Nachbarſchaft drängte ſich ihrer Erinnerung wieder auf; man fürchtete, eine ähnliche Niederlage möge aus Felſen und Abgründen hervor über Ferdinand und ſein Heer hereinbrechen. Die Königin Jſabella theilte die allgemeine Beſorg⸗ niß; aber dieß diente nur dazu, alle Kraft ihres hochher⸗ zigen Sinnes aufzuregen. Statt müßige Befürchtungen auszuſprechen, ſuchte ſie, wie ſie die Gefahr abwenden möge. Sie rief die ganze Mannſchaft von Andaluſien unter ſiebzig Jahren auf, und hieß ſie ſich waffnen und ihrem Fürſten zu Hülfe eilen; ſie ſelbſt machte ſich fertig, mit den erſten Truppen auszuziehn. Der Großcardinal von Spanien, der alte Pedro Gon⸗ zalez de Mendoza, welcher die Frömmigkeit des Heiligen und die Weisheit des Rathgebers mit dem Muth des Ritters vereinte, bot allen Reitern hohen Sold an, die ihm folgen würden, um ihren König und die Sache der Chriſten zu vertheidigen; er ſelbſt bereitete ſich, die Rü⸗ ſtung umzuſchnallen und ſie auf den Schauplatz der Ge⸗ fahr zu leiten. Der Aufruf der Königin regte den ſchnellen Muth der Andaluſier an; Krieger, die längſt die Kämpfe auf⸗ gegeben, und ihre Söhne in die Schlacht geſchickt hat⸗ ten, ergriffen jetzt das Schwert und die Lanze wieder, die an der Wand roſteten, und führten ihre grau gelock⸗ ten Diener und die Enkel hinaus in das Feld. Die einzige Furcht war nur, alle Hülfe möchte zu ſpät kommen. El Zagal und ſein Heer waren gleich ei⸗ nem Sturm durch die Gebirge geſchritten, und man be⸗ ſorgte, das Unwetter möchte ſchon über das chriſtliche Lager hereingebrochen ſeyn. Mittlerweile war die Nacht herangekommen, die El Za⸗ gal zur Ausführung ſeines Plaues beſtimmt hatte. Er hatte den letzten Blick des Tags dahinſchwinden und das ganze Spaniſche Lager ruhig bleiben ſehen. Wie die Stunden hineilten, erloſchen allmählig die Lagerfeuer. Keine Trompete, keine Trommel ſchallte von unten herauf; kein Laut ward vernommen, als dann und wann der ſchwere Tritt der Truppen oder der wiederhal⸗ lende Hufſchlag der Pferde, der gewöhnliche Wachtruf des Lagers und das Ablöſen der Poſten. El Zagal zügelte ſeine eigene und die Ungeduld ſeiner Truppen, bis die Nacht weiter vorgerückt und das Lager in jenen tiefen Schlaf verſunken, aus welchem man ſchwer erwacht, und aus dem aufgeweckt man wirr und be⸗ täubt iſt. — 227— Endlich kam die bezeichnete Stunde. Auf Befehl des Maurenkönigs ſprang eine glänzende Flamme von der Höhe Bentomiz auf, aber El Zagal ſpähte vergebens nach dem erwiedernden Licht aus der Stadt. Seine Un⸗ geduld konnte nicht längeren Verzug ertragen; er hieß die Vorhuth des Heers den Bergpaß hinunterſteigen und das Lager angreifen. Der Bergſchlund war eng und von Felſen überhangen. Als die Truppen vorſchritten, trafen ſie plötzlich in einer dunklen Schlucht auf eine dichte Maſſe chriſtlicher Krieger. Ein lautes Geſchrei brach hervor und die Chriſten ſtürzten heraus, ſie anzu⸗ greiſen. Die Mauren, erſtaunt und beſtürzt, zogen ſich in Ver⸗ wirrung auf die Höhe zurück. Als El Zagal von einer in dem Engpaß aufgeſtellten chriſtlichen Streitmacht hörte, ahnte er einen Gegenplan des Feindes. Er gab Befehl, die Bergfeuner anzuzünden. Auf ein Zeichen ſprühten glänzende Flammen aus großen zu dieſem Zweck vorge⸗ richteten Holzhaufen auf jeder Höhe auf. Zacke nach Zacke entzündete ſich, bis der ganze Luftkreis in der Gluth einer brennenden Eſſe daſtand. Der röthliche Schein erleuchtete die Schluchten und Bergpäſſe und fiel hell auf das chriſtliche Lager, ſeine Zel⸗ ten, jeden Poſten, jedes Bollwerk in ihm enthüllend. Wohin auch El Zagal die Augen wandte, er ſah den Glanz ſeiner Feuer zurückſtrahlen von Panzern, Helmen und funkelnden Lanzen, er ſah einen Wald von Speeren in jedem Paß hervorgeſchoſſen, jeden Angriffspunkt von — 28— Waffen ertönen und Rotten von Roß und Mann in Schlachtordnung ſeinen Angriff erwarten. Wirklich war das Schreiben El Zagal's an den Al⸗ cayden von Velez Malaga durch den wachſamen Ferdi⸗ nand aufgefangen worden; man hing den abtrünnigen Bo⸗ ten auf, und traf geheime Maßregeln, wenn die Nacht eingebrochen, den Feind warm zu empfangen. El Zagal ſah, ſein Ueberraſchungsplan ſey entdeckt und vereitelt; wüthend über dieſe Täuſchung ſeiner Erwartung, berief er ſeine Streitkräfte vorwärts zum Angriff. Sie ſtürzten mit lautem Geſchrei den Bergengen hinunter, wurden aber wieder von den Haufen chriſtlicher Krieger empfangen, welche die Vorhuth des Heers unter dem Be⸗ fehl Don Hurtado's de Mendoza, des Bruders des Groß⸗ eardinals, bildeten. Die Mauren wurden nochmals zurückgetrieben, und zogen ſich auf die Höhen. Don Hurtado würde ſie verfolgt haben, aber der Weg hinauf war ſteil und zackig, und ward leicht von den Mauren vertheidigt. Ein ſcharfes Gefecht wurde die Nacht hindurch mit Armbrü⸗ ſten, Speeren und Muſketen unterhalten; die Bergzacken ertönten von dem betäubenden Aufruhr, während die Feuer, die auf den Bergen ſprühten, ein dunkelrothes, unſicheres Licht über den Schauplatz verbreiteten. Als der Morgen tagte, und die Mauren bemerkten, ſie würden von der Stadt aus nicht unterſtützt, began⸗ nen ſie in ihrem Eifer nachzulaſſen. Auch ſahen ſie jeden Bergpaß mit chriſtlichen Truppen angefüllt und fingen an, — 29— der Furcht Raum zu geben, ſie möchten ſelbſt ihrer Seits angegriffen werden. Gerade damals ſandte König Ferdi⸗ nand den Marquis von Cadix mit Reitern und Fußvolk ab, um ſich einer Höhe zu bemächtigen, die von einem Streithaufen des Feindes beſetzt war. Der Marquis griff die Mauren mit ſeiner gewohnten Unerſchrockenheit an, und trieb ſie bald in die Flucht. Die andern, die weiter oben ſtanden, wurden, als ſle ihre Waffengefährten fliehen ſahen, von einem plötzlichen Schreck ergriffen. Sie warfen die Waffen weg, und eil⸗ ten davon. Einer jener unerklärlichen paniſchen Schrecken, welche manchmal große Truppenmaſſen überfallen, und deeuen die leichtgeſinnten Mauren ſehr ausgeſetzt waren, verbreitete ſich jetzt durch das Lager. Sie waren voll Furcht, ſie wußten nicht warum und vor wem. Sie war⸗ fen Schwerter, Lanzen, Bruſtplatten, Armbrüſte, alles weg, was ihre Flucht aufhalten oder hindern könnte; ſie zerſtreuten ſich wild über die Gebirge, und flohen hals⸗ 2 überkopf den Bergengen hinab. Sie flohen ohne Verfol⸗ ger, vor dem Glanz der Waffen ihres Nebenmanns, vor dem Geräuſch der Fußtritte ihrer Waffengefährten. Rodovan de Vanegas, der tapfre Alcayde von Gra⸗ nada, brachte es allein dahin, einen Trupp Flüchtlinge zu ſammeln; mit ihnen machte er einen Umweg durch die Bergpäſſe, ſchlug ſich durch eine ſchwache Abtheilung chriſtlicher Schlachtlinien, und ſprengte auf Velez Ma⸗ laga zu. Der übrige Theil des Maurenheers wurde voll⸗ kommen zerſtreut. Vergebens bemühten ſich El Zagal 4— 30— und ſeine Ritter, ſie um ſich zu vereinigen, ſie wurden faſt allein gelaſſen, und mußten ſelbſt ihr Heil in der Flucht ſuchen. Der Marquis von Cadix, der keinen Widerſtand mehr fand, ſtieg, vorſichtig forſchend und immer eine Kriegsliſt oder einen Hinterhalt befürchtend, von Höhe zu Höhe. Aber alles blieb ruhig. Er erreichte mit ſeinem Heer die Stelle, welche die Mauriſchen Truppen eingenommen hat⸗ ten; die Höhen waren verlaſſen, mit Panzern, Säbeln, Armbrüſten und andern Waffen beſtreut. Seine Streit⸗ macht war zu gering, den Feind zu verfolgen, und ſo kehrte er mit Beute beladen in das königliche Lager zurück. Ferdinand konnte anfangs einer ſo ausgezeichneten, wunderbaren Niederlage keinen Glauben beimeſſen. Er vermuthete eine nachſtelleriſche Kriegsliſt, deßwegen befahl er, ſtrenge Wache ſolle im ganzen Lager gehalten werden, und jeder zu augenblicklichem Kampfe bereit ſeyn. Die folgende Nacht umſtanden tauſend Ritter und Hidalgos das königliche Zelt, wie dieß ſchon mehrere Nächte voryer geſchehen war; und in dieſer Wachſamkeit ließ der König erſt nach, als er die ſichere Nachricht er⸗ hielt, das Heer ſey vollkommen zerſtreut, und El Zagal fliehe in großer Verwirrung. Die Nachrichten von dieſer Niederlage und der Ret⸗ tung des chriſtlichen Heeres trafen zu Cordova gerade ein, als die Truppenzuſendungen im Begriff waren, auszu⸗ rücken. Die Angſt und Furcht der Königin und des Volks verwandelten ſich in Ausbrüche der Freude und — — 31— Dankbarkeit; die geſammelten Streitkräfte wurden ent⸗ laſſen, feierliche Umgänge angeordnet, und Te Deum für einen ſo ausgezeichneten Sieg in den Kirchen geſungen. Viertes Kapitel. Wie das Volk in Granada die Tapferkeit El⸗ Zagal's belohnte. Der kühne Muth des greiſen Kriegers, Muley Ab⸗ dallah El Zagal, als er auszog, ſein Gebiet zu verthei⸗ digen, während ein bewaffneter Nebenbuhler in ſeiner Hauptſtadt zurückblieb, hatte das Volk von Granada mit Bewunderung erfüllt. Sie erinnerten ſich ſeiner frü⸗ heren Waffenthaten, und erwarteten wieder großen Er⸗ folg von ſeiner ungeſtümen Tapferkeit. Reitboten vom Heer hatten von ſeiner furchtbaren Stellung auf der Höhe Bentomiz Kunde gebracht. Eine Zeitlang trat eine Pauſe in den blutigen Bewegungen der Stadt ein, alle Auf⸗ merkſamkeit war auf den Streich gerichtet, der das chriſt⸗ liche Lager treffen ſollte. Dieſelben Betrachtungen, welche Angſt und Schrecken in Cordova verbreiteten, erhoben jede Bruſt mit froh⸗ lockendem Vertrauen in Granada. Die Mauren erwar⸗ teten, von einer zweiten Niedermetzlung, gleich der in den Gebirgen von Malaga, zu vernehmen. — — 32— «El Zagal hat wieder den Feind umſtrickt!» war der Ruf.„Die Macht der Ungläubigen wird einen Todes⸗ ſtoß bekommen, und wir werden bald den chriſtlichen Koͤ⸗ nig gefangen in die Hauptſtadt einbringen ſehen!» So war El Zagal's Name in jedes Munde. Er ward erhoben als der Retter des Landes, als der einzige Würdige, die Mauriſche Krone zu tragen. Boabdil wurde verſpottet, daß er unthätig zurückgeblieben, wäh⸗ rend ſein Land vom Feind überzogen wurde; und ſo hef⸗ tig wurde das Geſchrei des Volks, daß ſeinen Anhän⸗ gern für ſeine Sicherheit bangte. Während das Volk von Granada ungeduldig auf Nachrichten von dem vorausvermutheten Sieg harrte, ka⸗ men zerſtreute Reiter über die Vega geſprengt. Es wa⸗ ren Flüchtlinge von dem Maurenheer; ſie brachten die erſten unzuſammenhängenden Berichte von der Nieder⸗ lage. Jeder, der die Geſchichte dieſes unerklärlichen pa⸗ niſchen Schrecken und Rückzugs entwerfen wollte, war wie von den abgeriſſenen Rückerinnerungen eines furcht⸗ baren Traumes verwirrt. Er wußte nicht, wie oder warum dieß ſo gekommen; er ſprach von einer Schlacht in der Nacht unter Felſen und Abhängen, von dem Glanz der Feuerkugeln, von der Menge der bewaffneten Feinde in jedem Paß, die er bei'm Leuchten und Blitzen geſehen, von dem plötzlichen Ent⸗ ſetzen, welches das Heer bei Tagesanbruch ergriffen, von deſſen eiliger Flucht und gänzlicher Zerſtreuung. Mit je⸗ — — 33— der Stunde bekräftigte die Ankunft anderer Flüchtlinge die Geſchichte von der Niederlage und Noth. Die Niedergeſchlagenheit, welche das Volk von Granada überfiel, ſtand im Verhältniß zu ſeinen früheren prahle⸗ riſchen Erwartungen. Ueberall vernahm man Ausbrüche, nicht des Schmerzes, ſondern des Unwillens. Sie verwrechſelten den Führer mit dem Heer, den Verlaſſenen mit denen, welche ihn aufgegeben, und ſo wurde El Zagal, der eben noch ihr Abgott geweſen, der Gegenſtand ihres Fluchs. Er hatte das Heer aufgeopfert, er hatte der Nation Schande gebracht, er hatte das Land verrathen. Er war ein Feiger, ein Verräther, er war unwürdig zu regieren. Plötzlich rief einer unter der Menge aus:«Lang lebe Boabdil El Chico!“ Der Ruf wurde von allen Seiten wiederholt, und jeder rief:«Lang lebe Boabdil El Chico! lang lebe der rechtmäßige König von Granada, Tod al⸗ len Thronräubern!⸗ In der Aufregung des Augenblicks drängten ſie ſich nach dem Albaycin, und die, welche eben noch Boabdil'n mit den Waffen in der Hand belagert hatten, umgaben jetzt ſeinen Pallaſt mit Zujauchzen. Die Schlüſſel der Stadt und aller Feſten wurden zu ſeinen Füßen gelegt; er ward mit Gepränge in den Alhambra geleitet, und nochmals mit aller gebührenden Zeierlichkeit auf den Thron ſeiner Vorfahren geſetzt. Boabdil hatte ſich um dieſe Zeit ſo daran gewöhnt, von der Menge gekrönt und entkrönt zu werden, daß er Irving's Granada. 4— 6. 3 — 34— in die Dauer ſeines Königreichs kein großes Vertrauen hatte. Er wußte, daß er von hohlen Herzen umgeben war, daß die meiſten der Höflinge des Alhambra ſeinem B Oheim anhingen. Er beſtieg den Thron als der rechtmä⸗ ßige Fürſt, der durch Verrath von ihm heruntergeſtoßen worden, und ließ vier der vornehmſten Edlen, die am eifrigſten den Thronräuber unterſtützt hatten, enthaupten. Hinrichtungen dieſer Art waren bei jedem Wechſel in der Mauriſchen Regierung gewöhnliche Vorfälle, und Boabdil ward noch ſeiner Mäßigung und Menſchlich⸗ keit wegen geprießen, da er ſich mit einem ſo kleinen Opfer begnügt hatte. Die Empörer wurden zum Gehor⸗ ſam zurückgeſchreckt; das Volk, über jeden Wechſel ver⸗ gnügt, erhob Boabdil bis in die Wolken, und Muley 4 Abdallah El Zagal war für einige Zeit ein Name der 3 Verhöhnung und Schande durch die ganze Stadt. Nie ward ein Befehkshaber mehr erſtaunt und ver⸗ wirrt über einen plötzlichen Unfall als El Zagal. Der Abend hatte ihn an der Spitze eines mächtigen Heers ge⸗ 3 ſehen, der Feind war in ſeiner Hand und der Sieg ſollte ihn mit Ruhm bedecken und ſeine Macht befeſtigen. Da traf der Morgen ihn, einen Flüchtling auf den Gebirgen, ſein Heer, ſein Glück, ſeine Macht, alles zerſtoben, er wußte nicht wie, vorübergegangen gleich einem Traum der Nacht. Vergebens hatte er verſucht, der eiligen Flucht der Soldaten ſich entgegenzuſtemmen; er ſah ihre Reihen ge⸗ brochen und zerſtreut auf den Berghöhen, bis von all ſei⸗ — 35— ner Macht kaum ein Trupp Reiter ihm treu blieb. Mit dieſem trat er finſter ſeinen Rückzug nach Granada an, das Herz voll banger Ahnungen. Als er ſich der Stadt näherte, hielt er an den Ufern des Penil, und ſandte Kundſchafter aus, Nachrichten ein⸗ zuziehn. Sie kehrten niedergeſchlagnen Blicks zurück. «Die Thore Granada's,» ſagten ſie,«ſind dir verſchloſ⸗ ſen; das Banner Boal!dil's flattert auf Alhambra's Thurm.» El Zagal wandte das Roß und zog ſchweigend ab. Er begab ſich nach Almunecar und von da nach Almeria, Orte, welche ihm noch treu geblieben. Ruhelos und ge⸗ ängſtigt, ſo fern von der Hauptſtadt zu ſeyn, änderte er nochmals ſeinen Wohnort und ging nach Guadix, we⸗ nige Meilen von Granada. Hier blieb er, bemüht ſeiue Streitkräfte zu ſammeln, und bereit, ſich jede Verände⸗ rung in den unbeſtändigen Verhältniſſen der Hauptſtadt zu Nutze zu machen. Fuͤnftes Kapitel. Rebergabe von Velez Malaga und von andern Orten. Das Volk von Velez Malaga hatte das Lager Mu⸗ ley's Abdallah El Zagal den Gipfel von Bentomiz be⸗ decken und in den letzten Strahlen der untergehenden 3* — 36— Sonne erglänzen ſehen. Während der Nacht waren ſie durch Signalfeuer auf den Bergen und das ferne Getoͤſe der Schlacht erſchreckt und beunruhigt worden. Als der Morgen anbrach, war das Maurenheer ver⸗ ſchwunden wie durch einen Zauber. Während die Ein⸗ wohner ſich in Staunen und Vermuthungen erſchöpften, kam ein Haufen Reiter, der von Rodovan de Vanegas, dem tapfern Alcayden von Granada, gerettete Reſt des Heeres, auf die Thore zugeſprengt. Die Kunde von der ſeltſamen Niederlage des Heeres erfüllte die Stadt mit Beſtürzung, aber Rodovan er⸗ mahnte das Volk ſeinen Widerſtand fortzuſetzen. Er war El Zagabn ergeben und vertraute deſſen Geſchicklichkeit und Muth; er war ſicher, er würde bald ſeine zerſtreu⸗ ten Streitkräfte ſammeln, und mit friſchen Truppen von Granada zurückkehren. Das Volk tröſtete ſich bei dieſen Worten, und bekam durch Rodovan's Gegenwart neuen Muth; auch hoffte es noch, es werde das ſchwere Ge⸗ ſchütz der Chriſten in den unzugänglichen Bergpäſſen auf⸗ gehalten werden. Dieſe Erwartung hatte bald ein Ende. Gleich am folgenden Tag bemerkten ſie lange, mühe⸗ volle Züge von Geſchütz ſich langſam nach dem ſpaniſchen Lager hinbewegen; ſie gewahrten Donnerbüchſen, Feld⸗ ſchlangen, Catapulten und Karren von Kriegsvorrath, ſie ſahen, wie die Bedeckung des Zugs unter dem tapfern Ordensmeiſter von Alcantara in weiten Schlachtreihen in das Lager ſchwenkte, die Streitmacht der Belagerer zu vermehren. 3 Die Nachricht, Granada habe El Zagal'n ſeine Thore verſchloſſen und es ſey keine Hülfe von da zu erwarten, vollendete die Verzweiflung der Einwohner, ſelbſt Rodo⸗ van verlor alles Vertrauen und rieth zur Uebergabe. Die Bedingungen wurden zwiſchen dem Alcayden und dem edlen Grafen de Cifuentes feſtgeſtellt. Dieſer war Rodovan's Gefangener zu Granada geweſen, und hatte ſich einer ritterlich⸗höflichen Behandlung bei ihm erfreut. Beide hatten eine gegenſeitige Achtung für einander ge⸗ wonnen und unterhandelten als alte Freunde. Ferdinand gewährte günſtige Bedingungen, denn ihn verlangte ſehr gegen Malaga vorzurücken. Er vergönnte den Einwohnern, mit ihrer Habe, die Waffen ausgenom⸗ men, auszuziehn, und wenn ſie wollten, in Spanien in jedem von der See entfernten Ort zu wohnen. Hundert und zwanzig Chriſten, Männer und Weiber, wurden durch Velez Malaga's Uebergabe aus der Ge⸗ fangenſchaft befreit, und nach Cordova geſchickt, wo ſie mit großer Güte von der Königin und ihrer Tochter, der Infantin Ifabelle, in der Cathedrale, mitten unter dem Jauchzen und Frohlocken des Volks über den Sieg, em⸗ pfangen wurden. Der Einnahme von Velez Malaga folgte die Ueber⸗ gabe von Bentomiz, Comares und aller Städte und Fe⸗ ſten der Ararquia. Sie wurden mit ſtarker Beſatzung 8 verſehen, und kluge, tapfere Ritter zu ihren Alcayden gemacht. Die Einwohner von beinahe vierzig Städten in den — 385— Alpuxarra⸗Gebirgen ſchickten ebenfalls Geſandtſchaften an die Caſtiliſchen Könige, und leiſteten den Eid der Treue als Mudcharen oder unterwürfige Moſlims. Um dieſelbe Zeit kamen Schreiben von Boabdil El Chico, welche den Königen von der zu ſeinen Gunſten zu Granada vorgefallenen Staatsumwälzung Nachricht gaben. Er bat um Freundſchaft und Schutz für die Ein⸗ wohner, die zu ihrer Pflicht zurückgekehrt, ſowie für die Bewohner aller andern Orten, welche ſich von ſeinem Oheim losſagen würden. Auf dieſe Weiſe, bemerkte er, würde das ganze Königreich Granada bald dahin ge⸗ bracht werden, ſich ſeinem Scepter zu unterwerfen, und er es dann beherrſchen in treuer Lehnsabhängigkeit von der chriſtlichen Krone. Die katholiſchen Könige gewährten ſein Geſuch. Ihr Schutz wurde alsbald auf die Einwohner von Granada ausgedehnt, es ward ihnen vergönnt, ihre Felder in Frie⸗ den zu bebauen, und mit dem chriſtlichen Gebiete in al⸗ lem, nur Waffen ausgenommen, Handel zu treiben, doch müßten ſie ſich mit einem Sicherheitsbrief von einem chriſt⸗ lichen Beſehlshaber oder Alcayden verſehen. Dieſelbe Vergünſtigung wurde allen andern Orten ver⸗ ſprochen, welche ſich binnen ſechs Monaten von El Zagal losſagten, und ſich dem jüngeren König unterwürfen. Thäten ſie dieß nicht während der feſtgeſetzten Zeit, dann droheten ihnen die Könige ſie zu bekriegen und für ſich ſelbſt zu erobern. Dieſe Maßregel hatte große Folgen, und vermochte viele, zu Boabdil's Fahne zurückzukehren. Nachdem er alle nöthige Anordnungen zur Verwal⸗ tung und Sicherung des neu eroberten Gebiets getroffen, wandte Ferdinand ſeine Gedanken auf den großen Zweck des Feldzugs, die Bezwingung Malaga's. Sechſtes Kapitel. Von der Stadt Malaga und ihren Bewohnern. . Die Stadt Malaga liegt im Schoos eines fruchtbaren Thales, das von Bergen umgeben iſt, mit Ausnahme der Seite, welche dem Meer ſich öffnet. Wie es eine der wichtigſten Städte war, ſo war es auch eine der feſteſten im Mauriſchen Königreich. Sie wurde durch Wälle von ungeheurer Stärke geſchützt, und prangte mit einer gro⸗ ßen Menge hoher Thürme. Auf der Landſeite ward ſie durch ein natürliches Bollwerk von Bergen vertheidigt, auf der andern ſchlugen die Wellen des Mittländiſchen Meeres an die Grundſäulen ihrer maſſiven Befeſtigungen. An einem Ende der Stadt, nahe dem Meer, auf ei⸗ nem hohen Wall ſtand die Alcazaba oder Citadelle, eine Feſte von großer Stärke. Unmittelbar darüber erhob ſich eine ſteile, felſige Höhe, auf deren Gipfel in alten Zeiten ein Leuchtthurm oder Pharus geſtanden hatte, wo⸗ von der Berg ſeinen Namen Gibralfaro*˙) erhielt. *) Eine Verfälſchung des Worts Gibelfano, Hügel des Leuchtthurms. — 140— Jetzt krönte ihn ein furchtbares Schloß, das wegen ſeiner hohen, ſteilen Lage, ſeiner mächtigen Wälle und ungehenern Thürme für unerſteiglich gehalten wurde. Es hing mit der Alcazaba durch einen verdeckten Weg zu⸗ ſammen, welcher ſechs Schritte breit zwiſchen zwei Mauern längſt der Firſte des Felſens hinabführte. Das Schloß von Gibralfaro beherrſchte Burg und Stadt, und war im Stande, wenn beide genommen worden, allein noch eine Belagerung auszuhalten. Zwei große Vorſtädte reihten ſich an die Stadt an; in der einen gegen die See zu befanden ſich die Wohn⸗ häuſer der begütertſten Einwohner, die mit hängenden Gärten geſchmückt waren; die andere auf der Landſeite wear vollgepfropft von Volk, und mit feſten Wällen und Thürmen umgeben. Malaga hatte eine tapfre, zahlreiche Beſatzung, und das gemeine Volk war thätig, kühn und entſchloſſen; aber die Stadt war ein reicher Handelsplatz und ſtand immer unter der Herrſchaft zahlreicher, begüterter Kauf⸗ leute, welche die verderblichen Folgen einer Belagerung fürchteten. Sie zeigten wenig Eifer für den Kriegsruhm ihrer Stadt und verlangten mehr danach, an der nei⸗ denswerthen Sicherheit des Eigenthums und den einträg⸗ lichen Vorrechten eines geſchützten Handels mit dem chriſt⸗ lichen Gebiet Theil zu aehen⸗ wie dieß allen Orten vergönnt war, die ſich für Boabdil erklärten. An der Spitze dieſer gewinnbegierigen Bürger ſtand Ali Dordur, ein einflußreicher Handelsmann, von unberechenbarem — 41— Reichthum, deſſen Schiffe nach jedem Hafen in der Le⸗ vante Handel trieben, und deſſen Wort in Malaga Ge⸗ ſetz war.. Ali Dordur verſammelte die reichſten und gewichtig⸗ ſten von ſeinen Handelsbrüdern, und zog mit ihnen in geordnetem Zug nach der Alcazaba, wo ſie von dem Al⸗ cayden Albozen Connexa mit jener Ehrfurcht empfangen wurden, wie man ſie gemeiniglich Leuten von ihrer gro⸗ ßen Localwichtigkeit und Börſenmacht erweiſ't. Ali Dordur war ſtattlich und kräftig von Geſtalt, ſeine Rede fließend und voll. Daher machte ſeine Bered⸗ ſamkeit auf den Alcayden einigen Eindruck, als er die Vergeblichkeit aller Maßregeln zur Vertheidigung Mala⸗ ga's darlegte, und ſich über das Elend, das eine Bela⸗ gerung mit ſich führen, über die Zerſtörung ausließ, die auf eine Eroberung durch Sturm erfolgen müßte. Auf der andern Seite ſtellte er die gnädige Verzeihung dar, die man von den Caſtiliſchen Königen durch eine ſchnelle und freiwillige Anerkennung Boabdil's erlangen könnte; er ſprach von dem ruhigen Beſitz ihres Eigenthums, von dem gewinnreichen Handel mit den chriſtlichen Häfen, die man ihnen öffnen würde. Seine einflußreichen, angeſehenen Gefährten unterſtätz⸗ ten ihn, und der Alcayde, gewohnt, ſie als die Richter der Angelegenheiten der Stadt zu betrachten, gab ihren vereinten Rathſchlägen nach. Er ging alſo mit aller mög⸗ lichen Eile in das chriſtliche Lager, mit Vollmachten ver⸗ ſehen, die Bedingungen der Uebergabe mit dem Caſtili⸗ ſchen Fürſten feſtzuſetzen. Während ſeiner Abweſenheit befehligte ſein Bruder die Alcazaba. Damals befand ſich als Alcayde in der alten, ſelſen⸗ gebauten Burg Gibralfaro ein kriegeriſcher, kühner Maure, ein unverſöhnlicher Feind der Chriſten. Es war niemand anders als Hamet Zeli, El Zegri zubenannt, der einſt furchtbare Alcayde von Ronda und der Schrecken ſeiner Berge. Er hatte nie die Eroberung ſeiner geliebten Feſte vergeben, und ſeufzte nach Rache an den Chriſten. Trotz ſeiner Unfälle hatte er die Gunſt El Zagal's behauptet, welcher einen kühnen Krieger ſeiner Art zu würdigen wußte, und ſo war er von ihm als Befehlsha⸗ ber in dieſe wichtige Feſte Gibralfaro geſetzt worden. Hamet El Zegri hatte die Reſte ſeiner Gomerenbande nebſt andern aus demſelben Stamme um ſich geſammelt. Dieſe wilden Streiter horſteten wie eben ſo viele Kriegs⸗ geyer um ihre hohe Bergzacke herum. Sie ſahen mit kriegeriſcher Verachtung auf die Handelsſtadt Malaga herab, die unter ihren Schutz geſtellt worden; ſie ſchätz⸗ ten ſie nur, inſoweit ſie von Wichtigkeit im Krieg war und einen Gegenſtand der ſchützenden Vertheidigung darbot. Sie hielten keine Gemeinſchaft mit ihren ſchachernden, gewinnſüchtigen Einwohnern, und betrachteten ſelbſt die Beſatzung der Alcazaba als weit unter ihnen ſtehend. Krieg war ihr Gewerb, ihre Leidenſchaft; ſie freuten ſich ſeiner wilden, gefährlichen Auftritte, und voll Vertrauen auf die Feſtigkeit der Stadt und vor allem ihres Schloſ⸗ ſes boten ſie den Drohungen eines chriſtlichen Einfalls — 23— kalten, verachtenden Trotz. Es fanden ſich auch unter ihnen viele abtrünnige Mauren, welche früher das Chri⸗ ſtenthum angenommen, aber hernach wieder zurückgegan⸗ gen und vor der Rache der Inquiſition geflohen waren. Es waren verzweifelnde Waghälſe, die keine Gnade zu erwarten hatten, wenn ſie nochmals in die Hände des Feindes fielen. Dieß waren die trotzigen Beſtandtheile der Beſatzung von Gibralfaro, und man kann ſich leicht die Wuth den⸗ ken, die ſich ihrer bemächtigte, als ſie hörten, Malaga ſolle aufgegeben werden, ohne daß ein Streich darum ge⸗ ſchähe, als man ihnen ſagte, ſie ſollten zu chriſtlichen Lehnsträgern ſich herabwürdigen, mittelbar aber unter der Herrſchaft Boabdil's El Chico ſtehen, der Alcayde der Alcazaba ſey ſchon abgegangen, die Bedingungen der Uebergabe feſtzuſtellen. Hamet El Zegri beſchloß durch verzweifelte Mittel die drohende Erniedrigung abzuwenden. Er wußte, eine große Parthei in der Stadt hänge El Zagal'n an; ſie beſtand aus den kriegeriſchen Männern, welche aus den mancherlei Bergſtädten, die erobert worden, in Malaga eine Zuflucht gefunden. Ihr Muth war verzweifelt, wie ihre Angelegenheiten, und gleich Hamet dürſteten ſie nach Rache an den Chriſten. Mit dieſen hatte er eine geheime Zuſammenkunft und empflng die Verſicherung ihres Beiſtands in allen Ver⸗ theidigungsmaßregeln, die er treffen würde. Die Mei⸗ nung der friedlichen Bürger beachtete er nicht, er hielt . ſie für unwürdig der Aufmerkſamkeit eines Soldaten, und Wuth übermannte ihn, wenn er an die Einmiſchung des reichen Handelsmanns, Ali Dordurx in Gachen des Kriegs erinnert ward. «Doch,» ſagte Hamet El Zegri,«dennoch laßt uns regelmäßig zu Werke gehn.“ So ſtieg er mit ſeinen Go⸗ meren zur Citadelle hinab, drang plötllich hinein, tödete den Bruder des Alcayden und alle diejenigen von der Beſatzung, die ſich rührten, und berief dann die vor⸗ nehmſten Einwohner, ſich mit ihm über die Maßregeln zur Rettung der Stadt zu berathen. Die reichen Kaufleute begaben ſich nochmals in die Citadelle, nur Ali Dordux ausgenommen, der ſich wei⸗ gerte, dem Gebot zu willfahren. Sie traten, Schrecken und Angſt im Herzen, ein, denn ſie fanden Hamet von ſeiner grimmen, afrikaniſchen Garde und dem ganzen Auf⸗ zug kriegeriſcher Gewalt umgeben, und gewahrten noch die blutigen Spuren von der eben vorgenommenen Hin⸗ richtung. Hamet El Zegri warf einen finſtern, forſchenden Blick auf die Verſammelten.«Wer, ſagte er,«wer iſt ge⸗ treu und ergeben dem König Muley Abdallah El Zagal?⸗ Alle Gegenwärtige verſicherten ihre Anhänglichkeit.«Gut,⸗ ſagte Hamet,«uud wer iſt bereit, ſeinem Fürſten ſeine Treue dadurch zu beweiſen, daß er dieſe ſeine wichtige Stadt bis auf's Aeußerſte vertheidigt?“ Jeder Gegen⸗ wärtige äußerte ſeine Bereitwilligkeit. Genug!» be⸗ merkte Hamet;«der Alcayde Albozen Connera hat ſich als Verräther an ſeinem Fürſten und an euch allen er⸗ wieſen, denn er hat Ränke angeſponnen, dieſen Ort den Chriſten zu überliefern. Es kommt euch zu, einen an⸗ dern Beſehlshaber zu wählen, der im Stande iſt, eure Stadt gegen den anrückenden Feind zu vertheidigen.“» Die Verſammlung erklärte einmüthig, niemand könne des Oberbefehls ſo würdig ſeyn als er ſelbſt. So ward denn Hamet El Zegri zum Alcayden von Malaga ge⸗ macht, der nun unverzuglich ſich anſchickte, die Feſten und Burgen mit ſeinen Anhängern zu bemannen, und jede Vorkehrung zu einem verzweifelten Widerſtand zu treffen. Die Kunde von dieſen Vorgängen machten den Unter⸗ handlungen zwiſchen König Ferdinand und dem abgeſetzten Alcayden, Albozen Connexa, ein Ende, und man nahm an, es ſey kein anderes Mittel mehr übrig, als den Ort zu belagern. Doch fand der Marquis von Cadir zu Velez Malaga einen Ritter von einigem Rang, einen Eingebornen von Malaga, der vorſchlug, mit Hamet El Zegri über die Uebergabe der Stadt zu unterhandeln, oder wenigſtens die Burg Gibralfaro ausgeliefert zu erhalten. Der Mar⸗ guis theilte es dem Könige mit; Lich lege dieß Geſchäft und den Schlüſſel meines Schatzes in eure Hände,» ſagte Ferdinand,«handelt, verordnet, gebt aus in meinem Na⸗ men, wie es euch gut dünkt.» Der Marquis bewaffnete den Mauren mit ſeiner eig⸗ nen Lanze, ſeinem Harniſch und ſeiner Tartſche, und gab — 46— ihm eins von ſeinen eignen Pferden. Er rüſtete auch auf dieſelbe Weiſe noch einen andern Mauren, ſeinen Gefähr⸗ ten und Verwandten aus. Dieſe hatten geheime Briefe von dem Marquis an Hamet, worin er ihm zum beſtän⸗ digen Beſitz die Stadt Coin und viertauſend Doblas in Gold bot, wenn er Gibralfaro ausliefern wollte; auſſer⸗ dem ſollten große Summen unter ſeine Offiziere und Sol⸗ daten vertheilt werden. Für die Uebergabe der Stadt aber ließ er ihm unbegrenzte Belohnungen bieten. Hamet bewunderte als ein Krieger den Marquis von Cadix, und empfing ſeine Boten höflich in der Feſte Gi⸗ bralfaro. Er hörte ſelbſt geduldig ihre Vorſchläge an, und entließ ſie ſicher, aber mit einer unbedingt abſchlägi⸗ gen Antwort. Der Marquis hielt ſeine Entgegnung nicht für ſo ab⸗ weiſend, daß ſie jeden weitern Verſuch entmuthigen könnte. Die Abgeſandten wurden daher nochmals hingeſchickt, mit weitern Anträgen verſehen. Sie näherten ſich Malaga in der Nacht, fanden aber die Wachen verdoppelt, Streif⸗ parthie'n auſſen und den ganzen Ort auf ſeiner Huth. Sie wurden entdeckt, verfolgt und retteten ſich nur durch die Flüchtigkeit ihrer Roſſe und ihre Kenntniſſe der Bergpäſſe. Da König Ferdinand alle Verſuche mit der Treue Ha⸗ met's El Zegri zu handeln vergeblich erfunden, bot er öffentlich die Stadt auf, ſich zu ergeben. Er verſprach die günſtigſten Bedingungen im Fall einer unverzüglichen Uebergabe, drohte aber allen Einwohnern Gefangenſchaft, wenn ſie widerſtünden. — 47— Die Botſchaft wurde in Gegenwart der vornehmſten Einwohner übergeben; dieſe waren aber viel zu ſehr in Furcht vor dem finſtern Alcayden, um ein Wort vorzu⸗ bringen. Da erhob ſich denn ſtolz Hamet El Zegri, und entgegnete, die Stadt Malaga ſey ihm nicht anvertraut worden, um ſie zu übergeben, ſondern zu vertheidigen, und der König ſolle ſelbſt Zeuge ſeyn, wie er ſich ſeines Auftrags entledige. Die Boten kehrten mit furchterregenden Nachrichten über die Stärke der Beſatzung, die Feſtigkeit der Ver⸗ theidigungswerke und den entſchloſſenen Geiſt des Be⸗ fehlshabers und ſeiner Leute zurück. Der König erließ ſogleich Befehl, das ſchwere Geſchütz von Antequera her⸗ beizuſchaffen, und am ſiebten Mai zog er ſelbſt mit ſei⸗ nem Heer gegen Malaga. Siebentes Kapitel. Zug Königs Ferdinand gegen Malaga. Das Heer Ferdinands rückte in gedehnten Reihen, mit glänzenden Waffen am Fuß der Berge vor, welche das Mittländiſche Meer begränzen, während eine Flotte, mit ſchwerem Geſchütz und Kriegsvorrath befrachtet, mit ihm in geringer Entfernung vom Land gleichen Schritt hielt, und mit tauſend glänzenden Segeln die See be⸗ deckte. Als Hamet El Zegri dieſe Kriegsmacht heranrücken ſah, legte er Feuer an die Häuſer, welche an die Wälle ſtießen, und ſandte drei Schlachtabtheilungen aus, der Vorhuth des Feindes entgegen. Das chriſtliche Heer näherte ſich der Stadt von jener Seite, wo das Schloß und die felſige Höhe von Gibral⸗ faro die Seeküſte vertheidigte. Unmittelbar dem Schloß gegenüber, und etwa zwei Büchſenſchüſſe entfernt, zwi⸗ ſchen ihm und der hohen Bergkette war ein ſteiler, fel⸗ ſiger Hügel, der einen Paß beherrſchte, durch welchen die Chriſten ziehen mußten, um auf die Vega zu gelangen und die Stadt zu umzingeln. Hamet El Zegri hieß die drei Schlachtabtheilungen eine auf dem Hügel, die andere in dem Paß nahe dem Schloß und die dritte an der Seite des Berges an der See ihre Stellungen einnehmen. 5 Eine Abtheilung Spaniſcher Fußſoldaten der Vorhuth, trotzige Galliziſche Bergwohner, ſprang vor, die Seite der Höhe nächſt der See zu erklimmen; zur ſelben Zeit griff eine Anzahl Ritter und Hidalgos von den könig⸗ lichen Haustruppen die Mauren an, welche den Paß un⸗ ten bewachten. Die Mauren vertheidigten ihre Stellun⸗ gen mit hartnäckiger Tapferkeit. Die Gallizier wurden wiederholt überwältigt und dem Hügel hinabgetrieben, ſammelten ſich aber eben ſo oft wieder, und kehrten, von den Hidalgos und Rittern verſtärkt, zum Angriff zurück. Dieſes hartnäckige Ringen dauerte ſechs Stunden lang. Der Kampf war tödtlich⸗feindlicher Art; nicht — 49— nur mit Armbrüſten und Nuſketen; Mann gegen Mann, mit Schwert und Dolch auch wurde geſtritten; Gnade ward auf keiner Seite weder gegeben noch verlangt; ſie fochten nicht, Gefangene zu machen, ſondern zu ſchlachten. Nur die Vorhuth des chriſtlichen Heers war im Kampf; der Paß längs der Küſte war ſo eng, daß das Heer nur Mann nach Mann vorrücken konnte. Pferde und Fußgänger und Laſtthiere, alles war auf einander ge⸗ drängt, hinderte einander, und ſperrte den engen, rau⸗ hen Bergweg. Die Soldaten hörten den Aufruhr der Schlacht, hörten den Klang der Trompeten und das Kriegsgeſchrei der Mauren, aber vergebens mühten ſie ſich vorwärts zu drängen zum Beiſtand ihrer Gefaͤhrten. Endlich erklomm ein Haufe Fußſoldaten von der hei⸗ ligen Brüderſchaft, mit großer Schwierigkeit die ſteile Firſte des Bergs, welcher über den Paß herüberging, und ſchritt, ſieben Fahnen entfaltet, muthig vor. Die Mau⸗ ren verließen, bei„m Anblick dieſer Streitmacht über ih⸗ nen, verzweifelnd den Engpaß. Die Schlacht wüthete noch auf der Höhe. Die Gal⸗ lizier, obgleich von Caſtiliſchen Truppen unter Don Hur⸗ tado de Mendoza und Garzilaſſo de la Vega unterſtützt, wurden hart bedrängt und von den Mauren wild ange⸗ griffen. Endlich ſtürzte ſich ein tapfrer Fahnenträger, Luyz Macedo genannt, mitten in den Feind, und pflanzte ſein Banner auf dem Gipfel auf. Die Gallizier und Caſti⸗ lier, angefeuert durch dieſe Selbſtaufopferung, folgten ihm, Srving's Granada. 4— 6. 4 — 50— verzweifelnd fechtend, und ſo wurden die Mauren zuletzt in ihr Schloß Gibralfaro zurückgetrieben. Nach der Wegnahme dieſer wichtigen Höhe, lag der Paß dem Heere offen; aber jetzt nahte der Abend heran und die Truppen waren zu müde und erſchöpft, um noch geeignete Stellungen für ein Lager aufzuſuchen. Daher machte der König, von mehreren Granden und Rittern begleitet, zur Nachtzeit die Runde, ſtellte Po⸗ ſten gegen die Stadt aus und Wachen und Streifhau⸗ fen, um Lärm zu machen, ſobald der Feind die geringſte Bewegung vornähme. Die ganze Nacht über ſchliefen die Chriſten unter den Waffen, fürchtend, es möge ein Aus⸗ fall und Angriff auf ſie verſucht werden. Als der Morgen dämmerte, ſtaunte der König voll Bewunderung auf dieſe Stadt, die er bald ſeinen Be⸗ ſitzungen beizufügen gedachte. Sie war auf einer Seite von Weinbergen, Gärten und Obſthainen umgeben, welche die Hügel mit Grün bekleideten, auf der andern Seite wurden ihre Wälle von dem dampfenden, ruhigen Meere beſpült. Ihre geräumigen, hohen Thürme und ungeheuern Bur⸗ gen zeigten die Anſtrengungen hochherziger Männer frü⸗ herer Zeiten, ihren Lieblingsaufenthalt zu ſchützen. Hän⸗ gende Gärten, Orangen⸗, Citronen⸗ und Granatenwäl⸗ der, mit ſchlanken Cedern und ſtattlichen Palmen miſch⸗ ten ſich unter die finſtern Vertheidigungswerke und Thür⸗ me, und verriethen den Reichthum und die Ueppigkeit, welche im Innern herrſchte. — 51— Mittlerweile ergoß ſich das Chriſtenheer durch den Paß; ſtrömte ſeine Schlachthaufen aus, und dehnte die Reihen, um Beſitz zu nehmen von jedem begünſtigenden Vordergrund rings um die Stadt. König Ferdinand unterſuchte die Gegend und wieß den verſchiednen Be⸗ fehlshabern die Stellungen an. Der wichtige Berg, welcher ein ſo heftiges Ringen ge⸗ koſtet hatte, und der der mächtigen Feſte Gibralfaro ge⸗ rade gegenüberlag, ward dem Marquis von Cadix, Ponce Roderigo de Leon, der bei allen Belagerungen den Po⸗ ſten der Gefahr für ſich in Anſpruch nahm, zur Obhuth übergeben. Er hatte mehrere edle Ritter mit ihrem Ge⸗ folge in ſeiner Lagerſtätte, die fünfzehnhundert Pferde und vierzehntauſend Fußgänger begriff; ſie dehnte ſich von dem Gipfel des Berges bis zum Rand des Meeres hinab, und verſperrte vollſtändig von dieſer Seite allen Zugang zu der Stadt. Von dieſer Stellung aus dehnte ſich eine Reihe von Lagerungen rund um den Ort, bis zum Meeresſtrand und war durch Bollwerke und tiefe Gräben geſchützt, während eine Flotte bewaffneter Schiffe und Galeeren vor dem Hafen hielt, ſo daß der Ort zu Meer und Land vollſtändig berennt war. Die verſchiednen Seiten des Thals ertönten nun von dem Lärm der Vorkehrung, und füllten ſich mit Werk⸗ lenten, welche Kriegsmaſchinen und Kriegsvorrath vor⸗ bereiteten; Waffenſchmiede und andre Feuerarbeiter, mit glühenden Eſſen und betäubenden Hämmern; Zimmerleute 4 B — 52— und Kunſtmeiſter, die Werke zur Stürmung der Wälle erbauten; Steinſchneider, die Kugeln für die Geſchütze ründeten und Kohlenbrenner, welche Brennſtoff für die Oefen und Schmieden zurichteten. Als das Lager geordnet war, wurde das ſchwere Ge⸗ ſchütz von den Schiſſen an's Land gebracht und in ver⸗ ſchiednen Theilen des Lagers aufgeſtellt. Fünf große Don⸗ nerbüchſen ſtanden auf dem Berg, den der Marquis von Cadix beherrſchte, und waren gerade auf das Schleß Gibralfaro gerichtet. Die Mauren machten eruſte Anſtrengungen, dieſe Von kehrung zu hindern. Ein heftiges Feuer wurde von ih⸗ rem Geſchütz auf die Mannſchaft unterhalten, welche mit Graben der Verhaue oder Errichtung der Batterie'n be⸗ ſchäftigt war; ſo daß dieſe beſonders zur Nachtzeit zu arbeiten genöthigt waren. Die königlichen Zelte waren offen und in dem Bereich des Mauriſchen Geſchützes auf⸗ geſtellt worden, ſahen ſich aber ſo heftig beſchoſſen, daß ſie hinter einen Hügel zurückgebracht werden mußten. Als die Werke vollendet waren, eröffneten die chriſt⸗ lichen Geſchützreihen nun auch ihrer Seits ihr Feuer, und unterhielten ein furchtbares Schießen, während die Flotte ſich dem Land näherte, und die Stadt kräftig von der andern Seite angriff. Es war ein glorreicher, ergötzlicher Anblick, bemerkt Bruder Antonio Agapida, als dieſe ungläubige Stadt ſp zu Meer und Land von einer ſtarken chriſtlichen Streit⸗ macht umgeben war. Jede Frhöhung im Umkreis war — 33— gleichſam eine kleine Stadt von Zeltey, welche die Fahne eines berühmten katholiſchen Ritters ausgeſteckt hatte. Auſſer den Kriegsſchiffen und Galeeren, welche vor dem Orte lagen, war die See mit unzähligen Segeln bedeckt, welche kamen und gingen, erſchienen und ver⸗ ſchwanden, ſtets beſchäftigt, Zufuhren zum Unterhalt des Heers herbeizubringen. Man hätte es für ein großes Schauſpiel halten mögen, das erfunden worden, das Auge zu vergnügen, doch Flammen und einhüllende Rauchwol⸗ ken brachen aus den Schiffen hervor, die wie eingeſchla⸗ fen auf der ruhigen See ruhten, aus Stadt uldd Lager, von Thurin und Schanze erſcholl der Donner der Ge⸗ ſchütze, und verkündete das Wüthen des tödtlichen Kriegs⸗ werks. Bei Nacht war der Schauplatz weit greuelvoller als am Tage. Das freundliche Licht der Sonne war geſchio⸗ den, nichts gewahrte man als die Blitze aus den Ge⸗ ſchützreihen, oder das ſchreckhafte Glänzen der Brenn⸗ ſtoffe, die in die Stadt geworfen wurden, oder die Feuers⸗ brunſt der Straßen. Das Schießen aus den chriſtlichen Geſchützreihen dauerte unaufhörlich fort; beſonders thaten ſieben große Donnerbüchſen, die ſieben Schweſtern von Pimenes ge⸗ nannt, durch ihre furchtbaren Entladungen großen Scha⸗ den. Die Mauriſchen Stücke gaben donnernd von den Wällen Antwort, Gibralfaro war eingehüllt in Rauch⸗ maſſen, die um ſeine Grundfeſten ſich lagerten und Ha⸗ met El Zegri und ſeine Gomeren ſahen frohlockend — 54— heraus auf das Unwetter des Kriegs, das ſie erregt hatten. «Sicher, ſie waren eben ſo viele eingefleiſchte Teufel,“ ſagt der fromme Bruder Antonio Agapida, adenen der Himmel vergönnt hatte, in dieſe ungläubige Stadt ſich einzuſchleichen, und ſie in Beſitz zu nehmen, ihrer Ver⸗ dorbenheit wegen.». Achtes Kapitel. Belagerung Malaga's. Der Angriff auf Malaga zu Meer und Land wurde mehrere Tage mit furchtbarer Wuth fortgeſetzt; aber ohne daß er beſondere Folgen hatte, ſo feſt waren die alten Bollwerke der Stadt. Der Graf de Cifuentes war der erſte, welcher ſich durch eine bedeutendere Waffenthat aus⸗ zeichnete. Ein Hauptthurm in den Vorſtädten war durch das Geſchütz erſchüttert und die Zinnen zerſtört worden, ſo daß er ſeinen Vertheidigern keinen Schutz mehr gewäh⸗ ren konnte. Als dieß der Graf bemerkte, verſammelte er einen tapfern Trupp Reiter von den königlichen Haus⸗ ſoldaten, und rückte vor, ihn zu erſtürmen. Sie legten die Strickleitern an, und ſtiegen, das Schwert in der — — 55— Hand, hinauf. Da die Mauren keine Bruſtwehr mehr hatten, ſich zu ſchützen, ſtiegen ſie in ein niederes Stock⸗ werk hinab, und leiſteten wüthenden Widerſtand aus den Fenſtern und Schießlöchern. Sie goſſen kochendes Pech und Harz herab, und überſchütteten die Angreifer mit Steinen, Speeren und Pfeilen. 3 Viele der Chriſten wurden erſchlagen, ihre Leitern durch flammende Brennſtoffe zerſtört und der Graf ſah ſich genöthigt, ſich von dem Thurm zurückzuziehn. Am folgenden Tag erneuerte er den Angriff mit größeren Streitkräften, und brachte es nach einem ſchweren Kampfe dahin, ſein ſiegreiches Banner auf den Thurm aufzu⸗ pflanzen. Nun griffen ihrer Seits die Mauren den Thurm an; ſie untergruben den Theil gegen die Stadt zu, brachten Holzblöcke unter ſeine Grundfeſten, legten Feuer daran und zogen ſich dann in einige Entfernung zurück. In kurzer Zeit wichen die Blöcke, die Grundſäulen ſtürzten ein, der Thurm ward zerriſſen, ein Theil ſeiner Mauer fiel mit furchtbarem Getöſe ein, viele der Chriſten wur⸗ den kopfüber herausgeworfen, und die übrigen den feind⸗ lichen Geſchoſſen blosgeſtellt. Doch war um dieſe Zeit eine Breſche in die an den Thurm ſtoßende Mauer gemacht worden, und Truppen flutheten herbei zur Unterſtützung ihrer Waffengefährten. Ein ununterbrochener Kampf ward zwei Tage und eine Nacht von den Verſtärkungen aus dem Lager und der Stadt durchgefochten. Beide Theile kämpften ſich zurück — — 56— und vorwärts durch die Breſche der Mauer mit abwech⸗ ſelndem Erfolg, und die Nähe des Thurms war mit Todten und Verwundeten bedeckt. Endlich wichen allmählig die Mauren, machten aber noch jeden Fußbreit Land ſtreitig, bis ſie in die Stadt getrieben wurden; die Chriſten aber blieben Herren vom größten Theil der Vorſtadt. Dieſer theilweiſe Erfolg, wenn auch durch großen Kampf und Blutvergießen errungen, gab doch den Chri⸗ ſten wieder neuen Muth. Dennoch fanden ſie bald, der Angriff auf die Hauptwerke der Stadt werde ein weit ſchwierigeres Unternehmen ſeyn. Die Beſatzung beſtand aus abgeharteten Kriegern, die ſchon in manchen von den Chriſten eroberten Feſten ge⸗ dient hatten; ſie wurden nicht mehr von dem Belage⸗ rungsgeſchütz und andern ſeltſamen Werkzeugen fremder Erfindung in Schrecken und Verwirrung geſetzt, ſie hat⸗ ten die Geſchicklichkeit erlangt, ihren Wirkungen zu be⸗ gegnen, die Breſchen auszubeſſern und Gegenwerke zu errichten. Die Chriſten, ſeit kurzer Zeit an ſchnelle Eroberung der Mauriſchen Feſten gewöhnt, wurden ungeduldig über den langſamen Fortgang der Belagerung. Manche fürch⸗ teten Mangel an Mundvorrath, und waren voll Beſorgniſſe über die Schwierigkeiten, die mit der Unterhaltung eines ſo zahlreichen Heers mitten in Feindes Land verbunden ſeyn mußten, wo man die Zufuhren über rauhe, gefähr⸗ — 57— liche Berge herüberzuſchaffen, oder der Unſicherheit der Meeresfluthen zu vertrauen ſich genöthigt ſah. Viele auch waren in Angſt wegen der Peſt, die in den nahegelegenen Ortſchaften ausgebrochen war; ja ei nige ließen ſich durch dieſe Befürchtungen ſo einnehmen, daß ſie das Lager verließen und in ihre Heimath zurück⸗ gingen. Mehrere jener liederlichen, unnützen Nachzügler, die alle große Heere beläſtigen, hörten dieſes Murren; ſie dachten, die Belagerung würde bald aufgehoben werden, und liefen daher, in der Hoffnung, ihr Glück zu machen, zum Feinde über. Sie gaben übertriebene Berichte von der Beſorgniß und Unzufriedenheit des Heers, und ſtell⸗ ten den Geiſt der Truppen ſo geſunken dar, daß ſie täg⸗ lich in ganzen Haufen nach Hauſe zurückeilten. Vor allem verſicherten ſie, ſey das Schießpulver faſt gänzlich verbraucht, ſo daß die Geſchütze bald ganz nutz⸗ los ſeyn würden. Sie überredeten daher die Mauren, wenn ſie nur noch kurze Zeit in ihrer Vertheidigung be⸗ harrten, würde der König genöthigt werden, ſeine Streit⸗ kräfte wegzuführen, und die Belagerung aufzugeben. Die Nachrichten dieſer Abtrünnigen gaben der Be⸗ ſatzung friſchen Muth. Sie machten heftige Ausfälle auf das Lager, beunruhigten es Tag und Nacht, und nöthig⸗ ten daher zur größten Wachſamkeit und peinlichſten Auf⸗ ſicht in allen Theilen des Kriegsdienſtes. Sie gaben dem ſchwächeren Theile ihrer Wälle durch Gräben und Palli⸗ — 58— ſaden groͤßere Feſtigkeit und zeigten in allem Merkmale eines entſchloſſenen, ungebeugten Muths. Ferdinand erhielt bald Nachricht von den Berichten, die man den Mauren gegeben hatte. Er hörte auch, man habe ihnen geſagt, die Königin ſey wegen der Sicherheit des Lagers beſorgt, und habe wiederholt geſchrieben und ihn aufgefordert, die Belagerung aufzugeben. Als das beſte Mittel, die Falſchheit dieſer Nachrich⸗ ten darzuthun und die eitlen Hoffnungen des Feindes zu vernichten, ſchrieb Ferdinand einen Brief an die Koͤni⸗ gin, worin er ſie erſuchte, zu kommen und ihre Woh⸗ nung im Lager zu nehmen. Neuntes Kapitel. / Fortſetzung der Belagerung Malaga's. Hartnäckiger Wider⸗ ſtand Hamet's El Zegri. — Groß war die Freude des Heeres, als es ſeine hoch⸗ herzige Königin mit Gepränge herankommen ſah, um die Mühen und Gefahren ihres Volkes zu theilen. Iſabelle zog in das Lager ein, geleitet von den Großwürdeträ⸗ gern und dem ganzen Gefolge ihres Hofs, zum Zeichen, daß dieß kein vorübergehender Beſuch ſey. Auf ihrer einen Seite ſah man ihre Tochter, die In⸗ fantin, auf der andern den Großcardinal von Spanien, — 59— und Hernando de Talavera, den Prior von Praxo, und Beichtvater der Königin, mit einem großen Gefolge von Prälaten, Hofleuten, Rittern und Damen von hoher Abkunft. Der Zug bewegte ſich in ruhiger, feierlicher Ordnung durch das Lager und milderte den eiſernen Anblick des Kriegs durch dieſe Darlegung von Hofanmuth und Frauen⸗ ſchönheit. Iſabelle hatte befohlen, bei ihrer Ankunft in das La⸗ ger ſollten die Schrecken des Kriegs unterbrochen und dem Feinde neue Friedensanerbietungen gemacht werden. Daher war ſogleich bei ihrem Eintritt in das Lager eine Unterbrechung des Schießens auf allen Seiten eingetreten. Ein Bote ward zu gleicher Zeit an die Belagerten abgeſandt, welcher ihnen die Nachricht von der Ankunft der Königin überbrachte, und ſie zugleich mit dem Ent⸗ ſchluß der Fürſten bekannt machte, hier ihre gewöhnliche Wohnung aufzuſchlagen, bis die Stadt eingenommen worden. Dieſelben Bedingungen wurden für den Fall einer un⸗ verzüglichen Uebergabe angeboten, welche man Velez Ma⸗ laga zugeſtanden hatte, man drohte aber den Einwohnern mit Gefangenſchaft und Tod, wenn ſie in ihrem Wider⸗ ſtand beharrten. Hamet El Zegri empfing dieſe Botſchaft mit ſtolzer Verachtung, und entließ den Geſandten ohne ihn einer Antwort zu würdigen. «Die chriſtlichen Könige,» ſagte er,«haben uns die⸗ — 60— ſes Auerbieten in Folge ihrer verzweiſelten Lage gemacht. Das Schweigen ihrer Geſchützreihen beweiſ't die Wahr⸗ heit deſſen, was uns berichtet worden, beweiſet, daß ihr Pulvervorrath erſchöpft iſt. Sie haben jetzt keine Mittel mehr, unſre Wälle zu vernichten, und wenn ſie noch viel länger bleiben, werden die Herbſtregen ihnen die Zufuhren unterbrechen, und ihr Lager mit Hunger und Krankheit füllen.» «Der erſte Sturm wird ihre Flotte zerſtreuen, da ſte keinen Hafen in der Nähe hat, ſie zu ſchützen. Afrika wird ſich dann uns öffnen, uns Verſtärkungen und Zu⸗ fuhren ſchicken.» Hamet's El Zegri Worte wurden als Orakelſprüche von ſeinem Anhang geprieſen. Viele des friedlicheren Theils der Stadt wagten jedoch, Vorſtellungen zu ma⸗ chen, und ihn anzuflehen, die gebot'ne Gnade anzuneh⸗ men. Der finſtre Hamet ſchreckte ſie durch eine furcht⸗ bare Drohung in's Schweigen zurück. Er erklärte, daß, wer immer von Uebergabe ſprechen, oder Gemeinſchaft mit den Chriſten halten würde, mit dem Tod beſtraft werden ſollte. Seine wilden Gomeren handelten, als wahre Leute des Schwerts, nach jeder Drohung ihres Häuptlings, wie nach geſchriebenem Geſetz, und als ſie einige der Ein⸗ wohner in geheimer Unterhandlung mit dem Feind ent⸗ deckten, nahmen ſie ſie feſt, erſchlugen ſte und zogen dann ihre Beſitzungen ein. Dieß brachte ſölchen Schrecken über die Bürger, daß die, welche eben noch die lauteſten in ———— — 61— ihrem Murren geweſen, jetzt plötzlich ſtumm wurden, und in Vertheidigung der Stadt die größte Anſtrengung und Thätigkeit bewieſen. Als der Bote in's Lager zurückkam, und von dem verächtlichen Empfang der königlichen Geſandtſchaft Nach⸗ richt gab, ward König Ferdinand ſehr unwillig. Da er fand, daß die Einſtellung des Feuers bei der Königin An⸗ kunft den Feind in dem Glauben beſtärkt hatte, es ſey Mangel an Pulver im Lager, befahl er ein allgemeines Feuern aus allen Geſchützreihen. Dieſer plötzliche Ausbruch des Kriegs auf jeder Seire überzeugte bald die Mauren von ihrem Irrthum, und machte die Noth und Verwirrung der Bürger vollkom⸗ men, welche nicht mehr wußten, was ſie am meiſten zu fürchten hatten, ihre Feinde oder ihre Vertheidiger, die Chriſten oder die Gomeren. An jenem Abend beſuchten die Könige die Lagerung des Marquis von Cadir, die eine weite Ausſicht über ei⸗ nen großen Theil von Stadt und Lager darbot. Das Helt des Marquis war von großer Ausdehnung, mit Vor⸗ hängen von reichem Brocad und franzöſiſchem Tuch von den ſeltenſten Geweben verſehen. Es war in Morgenlän⸗ diſchem Geſchmack, und wie es ſo mit den gleichfalls ſehr prächtig ausgeſchmückten Zelten andrer Ritter, die um es herumſtanden, auf der Höhe prangte, machte es einen freundlichen, ſeidnen Abſtich mit den gegenüberliegenden Thürmen von Gibralfaro. 8 In dieſem Zelt wurde den Königen ein herrliches Mahl — 62— aufgetragen, und die Hoffeſtlichkeit in dieſer Ritterlage⸗ rung, der Glanz des Gepränges und die Töne der Feſt⸗ muſik machten das düſtre Schweigen, das über dem dunk⸗ len Maurenſchloß hing, noch auffallender. Der Marquis von Cadir führte ſeine königlichen Gäſte, ſo lang es noch Tag wor, an alle Punkte, wo man eine Ausſicht auf den kriegeriſchen Schauplatz unten hatte. Er ließ auch die ſchweren Donnerbüchſen losbrennen, damit die Königin und die Damen vom Hof Zeugen von den Wirkungen dieſer furchtbaren Werkzeuge ſeyn möchten. Die ſchönen Frauen wurden von Entſetzen und Be⸗ wundrung erfüllt, als der Berg unter ihren Füßen er⸗ bebte, und ſie große Stücke von den Mauriſchen Wällen den Felſen und Abhängen hinunterſtürzen ſahen. Während der gute Marquis dieſe Dinge ſeinen könig⸗ lichen Gäſten darlegte, richtete er die Augen auf und ge⸗ wahrte zu ſeinem größten Erſtaunen, wie ſein eigenes Banner auf dem nächſten Thurm von Gibralfaro aufge⸗ ſteckt war. Das Blut ſtieg in ſeine Wangen, denn es war ein Banner, welches er bei der merkwürdigen Nie⸗ derlage auf den Höhen von Malaga verloren hatte. Dieſe Vexhöhnung noch deutlicher zu machen, zeigten ſich meh⸗ rers der Gomeren auf den Zinnen, geſchmückt mit den Helmen und Harniſchen einiger der Ritter, die bei dieſech Gelegenheit erſchlagen oder gefangen genommen worden. Der Marquis von Cadir beherrſchte ſeinen Unwillen und blieb ruhig; aber mehrere ſeiner Ritter gelobten laut, — 63— dieſen ſchweren Hohn an der wilden Beſatzung von Gibral⸗ faro zu rächen. Zehntes Kapitel. Angriff des Marquis von Cadix auf Gibralfaro. Der Marquis von Cadix war kein Ritter, der leicht eine Beſchimpfung oder Verhöhnung vergab. Am Mor⸗ gen nach dem königlichen Mahl eröffneten ſeine Geſchütz⸗ reihen ein furchtbares Feuer auf Gibralfaro. Den gan⸗ zen Tag über war ſeine Lagerung in Wolken von Pulver⸗ dampf eingehüllt, auch hörte das Schießen nicht mit dem Tag auf, ſondern auch die Nacht hindurch dauerte ein unaufhörliches Blitzen und Donnern aus den Geſchütz⸗ ſtücken fort, und den folgenden Morgen erhöhte ſich eher der Angriff in ſeiner Wuth, als daß er ſich minderte. Die Mauriſchen Bollwerke hielten nicht Stand im Kampf gegen dieſe furchtbaren Werkzeuge. In wenig Tagen war der hohe Thurm, auf welchem das höhnende Banner aufgeſtellt worden, niedergeſchoſſen, ein kleinerer Thurm in ſeiner Nähe lag in Trümmern, und eine große „Breſche befand ſich in den dazwiſchen liegenden Wällen. Mehrere der heißmuthigen Ritter verlangten die Bre⸗ ſche mit dem Schwert in der Hand zu erſtürmen, andre, kälter und vorſichtiger, machten auf die Uebereilung eines — 64— ſolchen Verſuchs aufmerkſam, denn die Mauren hatten durch unermüdliche Arbeit während der Nacht einen tie⸗ fen Graben innerhalb der Breſche zu Stande gebracht, und ihn mit Palliſaden und hohen Bruſtwerken befeſtigt. Aber dennoch waren alle der Meinung, das Lager könne ohne Gefahr den niedergeſchoͤſſenen Wällen ganz genähert werden, und man müſſe es ſo ſtellen, zur Ver⸗ geltung der kühnen Herausforderung des Feindes. Der Marquis von Cadix fühlte die Verwegenheit der Maßregel, aber er wollte nicht den Eifer dieſer muthigen Ritter dämpfen, und da er den gefährlichen Poſten im Lager für ſich in Anſpruch genommen, ſchickte es ſich nicht für ihn, eine Unternehmung zurückzuweiſen, nur weil ſie gewagt erſcheinen möchte. So befahl er denn, man ſolle ſeine Auſſenpoſten auf einen Steinwurf der Breſche nähern, ermahnte aber die Soldaten, die äußerſte Wachſamkeit zu beobachten. Der Donner der Geſchütze hatte aufgehört; die Trup⸗ pen, erſchöpft von zwei Naͤchten voll Anſtrengung und Wachſamkeit, und keine Gefahr von den zertrümmerten Wällen befürchtend, lagen zum Theil im Schlaf, die übrigen hatten ſich in nachlaſſiger Zuverſichtlichkeit überal hin zerſtreut. Plötzlich machten mehr als zweitauſend Mauren, von Abraham Zenete, dem Hauptanführer unter Hamet, einen Ausfall aus dem Schloß. Sie fielen mit ſchrecklichem Lärm über die Vorhuth her, erſchlugen viele, die noch — 65— im Schlaf begriffen waren und trieben die übrigen in wirre Flucht. Der Marquis war in ſeinem Zelt, etwa einen Bogen⸗ ſchuß entfernt, als er den Lärm des Angriffs vernahm und ſeine Leute in wilder Flucht gewahrte. Er ſtürzte herbei, von ſeinen Fahnenträgern begleitet;«wendet um, Ritter!» rief er,«wendet um! ich bin hier, ich, Ponce de Leon! In den Feind! In den Feind!“ Die fliehen⸗ den Truppen ſtanden, als ſie ſeine wohlbekannte Stimme vernahmen, ſammelten ſich unter ſein Banner, und wand⸗ ten um gegen den Feind. Das Lager wurde indeß aufgeregt; einige Ritter aus den benachbarten Stellungen eilten auf den Kampfplatz, auſſerdem eine Anzahl Gallizier, und Soldaten von der heiligen Brüderſchaft. Ein hartnäckiges, blutiges Gefecht entſpann ſich. Die Unebenheit des Bodens, die Felſen, Klüfte, und Abhänge trennten es in zahlloſe Kämpfe. Chriſten und Mauren fochten Mann gegen Mann mit Schwertern und Dolchen, und rollten oft zuſammen rin⸗ gend und ſtrauchlend, den Abhängen hinab. Das Banner des Marquis war in Gefahr erobert zu werden. Er eilte zu ſeiner Rettung, in Begleitung meh⸗ rerer ſeiner tapferſten Ritter. Sie wurden von den Fein⸗ den umringt und mehrere von ihnen niedergehauen. Don Diego Ponce de Leon, der Bruder des Marquis, ward durch einen Pfeil verwundet, ſowie auch ſein Schwieger⸗ ſohn Luis Ponce, doch gelang es ihnen das Banner zu befreien und es in Sicherheit zu bringen. Irving's Granada, 4— 6. 5 — 66— Die Schlacht dauerte eine Stunde; die Höhe war mit Todten und Verwundeten bedeckt, und das Blut floß in Strömen den Felſen hinab. Endlich als Abra⸗ ham Zenete durch einen Lanzenſtoß der Schlacht entzo⸗ gen worden, wichen die Mauren und zogen ſich in die Burg zurück. 8 Von ihren Schanzen und Thürmen, die den Breſchen nahe lagen, eröffneten ſie nun ein heftiges Feuer, ſo daß ſie ihre Armbrüſte und Muſketen gerade in die Vorhuth des Lagers abſchoſſen. Der Marquis ward beſonders zum Ziel genommen, die Pfeile ſielen dick um ihn und einer ging durch ſeinen Schild und traf ſeinen Harniſch, aber ohne ihn zu verletzen. Jedermann ſah jetzt das Gefährliche und Unnütze einer ſolchen Annäherung des Lagers an die Burg, und die, welche es gerathen, drangen jetzt am meiſten darauf, man ſolle wieder zurückgehen. So brachte man denn das Lager an ſeine urſprüngliche Stelle, aus welcher es der Marquis nur mit großem Widerſtreben vorgerückt hatte. Nur ſeine Tapferkeit und Hülfe zur rechten Zeit hatte verhindert, daß der Angriff mit einer gänzlichen Nieder⸗ lage jener ganzen Heersabtheilung endete. Viele ausgezeichnete Ritter ſielen in dieſem Kampf; aber der Verluſt keines ward tiefer gefühlt als der Or⸗ tega's de Prado, des Hauptmanns der Eſcaladoren. Er war einer der tapferſten Männer in Erſteigung der Wälle, er war derſelbe, welcher den erſten erfolgreichen Streich in dieſem Krieg angegeben, nämlich die Stürmung Alha⸗ — 67— ma's, wo er zuerſt die Sturmleitern aufgepflanzt und beſtiegen hatte. Er hatte immer bei dem edlen Ponce de Leon in hoher Gunſt und großem Vertrauen geſtanden, denn dieſer wußte die Verdienſte aller tüchtigen, tapfern Männer zu würdigen und ſich ihrer zu bedienen. Fortſetzung der Belagerung Malaga's. Kriegsliſten verſchied⸗ ner Art. 3 Große Anſtrengungen wurden nun von beiden Seiten, von den Belagerern und Belagerten, gemacht, und der Streit ging mit der äußerſten Wuth fort. Hamet El Zegri ging die Runde auf den Wällen und Thürmen, verdoppelte die Wachen und ſetzte alles in den beſten Vertheidigungszuſtand. Die Beſatzung ward in Hunderte getheilt, und jedem Hundert ein Hauptmann zugewieſen. Einige ſollten die Umgänge machen, andre Ausfälle thun und mit dem Feind anbinden, noch andre ſich bewaffnet und bereit halten, und eine Nachhuth bilden. Sechs Albatoza, oder ſchwimmende Geſchützreihen wurden bemannt und mit Feuerſchlünden verſehen, um die Flotte anzugreifen. 5* 1— 68— Andrer Seits unterhielten die Caſtiliſchen Könige Ver⸗ bindungen zur See mit verſchiednen Theilen von Spa⸗ nien, von wo ſie Vorräthe aller Art erhielten. Sie lie⸗ ßen auch Zufuhren von Pulver aus Valencia, Barcel⸗ lona, Sicilien und Portugal kommen. Große Zurüſtungen zu einem Sturm auf die Stadt wurden gemacht. Man erbaute hölzerne Thürme, die man auf Rädern fortbewegen konnte, und von denen je⸗ der tauſend Mann zu faſſen vermochte. Sie waren mit Leitern verſehen, um ſie von den Gipfeln der Thuͤrme zu den Spitzen der Wälle zu richten, und an dieſen Leitern waren wieder andre, die man herablaſſen konnte, wenn die Soldaten in die Stadt ſteigen ſollten. Man ſah auch Gallipago oder Schirmdächer; dieß waren große, hölzerne, mit Häuten bedeckte Schilde zum Schutz der Stürmenden und derer, welche die Wälle un⸗ tergruben. Verdeckte Minen wurden an verſchiednen Stellen an⸗ gefangen. Einige ſollten bis zu den Grundſäulen der Wälle gehen; man wollte ſie mit Holz füllen, und dann in Flammen ſetzen; andre ſollten unter den Wällen durch⸗ führen, jeder Zeit durchbrochen werden können, und ſo den Belagerern Eingang in die Stadt gewähren. An dieſen Minen arbeitete das Heer Tag und Nacht, und während dieſer geheimen Vorkehrungen unterhielten die Geſchütze ein heftiges Feuer auf die Stadt, um die Aufmerkſamkeit der Belagerten abzulenken. Mittlerweile entfaltete Hamet El Zegri wunderbare ———⸗—;—xx—x—x—x—xʒͤů— — 60— Kraft und Geſchicklichkeit in Vertheidigung der Stadt und in Herſtellung oder Befeſtigung der vom Feind zer⸗ ſtörten Wälle, indem er dahinter tiefe Gräben grub. Er bemerkte ſich außerdem jede Stelle, wo das Lager mit Vortheil angegriffen werden mochte, und ließ dem Be⸗ lagerungsheer keine Ruhe, weder bei Tag noch bei Nacht. Während ſeine Streitkräfte zu Land Ausfälle mach⸗ ten, griffen ſeine ſchwimmenden Geſchützreihen die Bela⸗ gerer zur See an; ſo daß ein beſtändiges Plänklen un⸗ terhalten wurde. Die Zelte, denen man den Namen ader Königin Ho⸗ ſpitaly gegeben, waren von Verwundeten vollgepfropft, und das ganze Heer litt durch das immerwährende Wa⸗ chen und Anſtrengen. Sich gegen die plötzlichen Anfälle der Mauren zu ſichern, wurden die Laufgräben vertieft, und Palliſaden vor dem Lager errichtet, ſowie auch auf der Seite, welche vor Gibralfaro lag, und wo die felſi⸗ gen Höhen keine andre Vertheidigungsmittel zuließen, ein hoher Damm von Erde aufgeworfen ward. Die Ritter Garcilaſſo de la Vega, Juan de Zuniga und Diego de Atayde wurden auserſehen, die Runde zu machen, und ſtrenge darauf zu ſehen, daß dieſe Feſtungs⸗ werke in gutem Stand erhalten würden. In kurzer Zeit entdeckte Hamet die heimlich von den Chriſten angefangenen Minen. Er verordnete alsbald Gegenminen. Die Soldaten arbeiteten jeder von ſeiner Seite, bis ſie auf einander trafen und fochten dann Mann gegen Mann in dieſen unterirdiſchen Gängen. — 20— Die Chriſten wurden aus einer ihrer Minen vertrie⸗ ben, Feuer ward an das hölzerne Stützwerk gelegt, und die Höhlungen zerſtört. Ermuthigt durch dieſen Erfolg ver⸗ ſuchten die Mauren einen allgemeinen Angriff auf die Minen und die Belagerungsflotte. Die Schlacht dauerte ſechs Stunden zu Waſſer und Land, über und unter der Erde, auf den Bollwerken, in den Gräben und in den unterirdiſchen Gängen. Die Mauren zeigten wunderbare Unerſchrockenheit, aber zuletzt wurden ſie auf allen Punkten geworfen, und genöthigt, ſich in die Stadt zurückzuziehn, wo ſie eng berennt wurden, ohne die Mittel zu haben, ſich Beiſtand von Auſſen zu verſchaffen. Die Schrecken der Hungersnoth kamen nun noch zu den andern Plagen Malaga's hinzu. Hamet El Zegri, als ein für den Krieg geborner und erzogner Held, be⸗ trachtete alles als dienſtbar den Bedürfniſſen des Krie⸗ gers, und befahl alles Getreide in der Stadt zu ſam⸗ meln und für den alleinigen Gebrauch derer, welche zu fechten im Stande waren, aufzuſpeichern. Selbſt dieſen wurde ſpärlich zugemeſſen, und jeder Soldat erhielt zum täglichen Unterhalt vier Unzen Brod des Morgens und zwei am Abend. Die reichen Einwohner und alle friedlich Geſinnten trauerten über einen Widerſtand, der Verheerung über ihre Häuſer, Tod in ihre Familien brachte, und welcher, wie ſie vorausſahen, zuletzt mit Untergang und Gefan⸗ genſchaft enden mußte. Doch wagte noch keiner von ihnen ———-—.— — 2— offen von Uebergabe zu ſprechen, oder auch nur ſeine Be⸗ trübniß zu äußern, aus Furcht, die Wuth ihrer wilden Vertheidiger zu erregen. Sie umringten ihren bürgerlichen Vorkämpfer, Ali Dordur, den großen und reichen Kaufmann, der Schild und Harniſch umgeſchnallt und den Speer zur Verthei⸗ digung ſeiner Vaterſtadt in die Hand genommen hatte. Mit einer ſtarken Streitmacht, die aus den beherzteren Bürgern beſtand, war ihm die Vertheidigung eines der Thore nebſt einem beträchtlichen Theil der Wälle aufge⸗ tragen worden. Sie nahmen Ali Dordux bei Seite, und ſchütteten insgeheim ihren Jammer bei ihm aus. Warum„» ſag⸗ ten ſie,«ſollten wir zugeben, daß unſre Vaterſtadt zum bloßen Bollwerk und Fechtplatz für fremde Horden und verzweifelnde Menſchen gemacht wird? Sie haben für keine Familie zu ſorgen, kein Eigenthum zu verlieren; ſie fühlen keine Liebe zu dem Boden, keine Werthſchäz⸗ zung ihres Lebens. Sie fechten, ihren Durſt nach Blut zu ſtillen, oder ihr Verlangen nach Rache zu befriedigen, und werden fortfechten, bis Malaga zu Trümmer und ſeine Bewohner zu Sklaven gemacht ſind. Laßt uns für uns ſelbſt denken und handeln, für unſre Weiber und Kin⸗ der ſorgen! Laßt uns beſondre Bedingungen mit den Chriſten eingehen, bevor es zu ſpät iſt, und uns ſelbſt vor der Vernichtung bewahren!“ Ali Dordux fühlte wie ſeine Mitbürger. Auch ihn verlangte es nach der ſüßen Ruhe des Friedens und den — 22— unblutigen und doch ſo reizenden Triumphen eines ge⸗ winnvollen Handels. Auch bei ihm war der Gedanke ei⸗ ner geheimen Unterredung, eines Handels mit den Caſti⸗ liſchen Königen für die Erlöſung ſeiner Vaterſtadt ſeinen gewohnten Verhältniſſen angemeſſener, als dieſer gewalt⸗ ſame Aufruf zu den Waffen; denn wenn er auch für ei⸗ nige Zeit den Krieger angezogen, hatte er doch nicht den Kaufmann vergeſſen. Ali Dordur ſprach nun hiervon mit den Bürgerſolda⸗ ten unter ſeinem Oberbefehl, und ſie traten alsbald ſeiner Meinung bei. Sie beredeten ſich, und ſetzten den Caſti⸗ liſchen Königen Vorſchläge auf, worin ſie ſich erboten, das Heer in den ihrer Obhuth anvertrauten Theil der Stadt einzulaſſen, wenn ſie die Verſicherung erhielten, daß das Leben und Eigenthum der Einwohner geſchützt werden würde. Sie übergaben dieß Schreiben einem verläſſigen Bo⸗ ten, es in's chriſtliche Lager zu bringen, nachdem ſie vor⸗ her noch die Stunde und Stelle ſeiner Rückkehr beſtimmt hatten, damit ſie vorbereitet wären, ihn unbemerkt ein⸗ zulaſſen. Der Maure kam ſicher in's Lager und ward von den Königen vorgelaſſen. Dieſe, in dem Wunſch, die Stadt ohne weitere Verſchwendung von Menſchenleben und Geld zu gewinnen, gaben ſchriftlich das Verſprechen, die Be⸗ dingungen zu gewähren; und der Maure machte ſich voll Freude auf den Rückweg. Als er ſich den Wällen näherte, wo Ali Dordux und — 73— ſeine Verbündeten warteten, um ihn zu empfangen, ward er von einem Streifhaufen Gomeren entdeckt, und für einen Kundſchafter gehalten, der aus dem Lager der Feinde komme. Sie ſprengten heraus, und ergriffen ihn vor den Augen ſeiner Bevollmächtiger, die ſich ſchon für verloren hielten. Die Gomeren hatten ihn beinahe bis zum Thor ge⸗ bracht, als er ihren Händen entſchlüpfte und floh. Sie verſuchten, ihn einzuholen, wurden aber durch ihre Waf⸗ fenrüſtung beläſtigt und aufgehalten; er dagegen war nur leicht gekleidet, und bei ihm galt es Flucht auf Leben und Tod. Einer der Gomeren blieb ſtehen, legte ſeine Armbruſt an, und ſchoß einen Bolzen ab, welcher den Flüchtling zwiſchen den Schultern durchbohrte; er fiel, und war faſt eingeholt und in ihren Händen, als er ſich nochmals er⸗ hob und in verzweifelter Anſtrengung das chriſtliche Lager erreichte. Die Gomeren gaben die Verfolgung auf, und die Bürger dankten Allah, der ſie aus dieſer furchtbaren Ge⸗ kahr erlößt hatte. Der treue Bote aber ſtarb an ſeiner Wunde, kurz nachdem er das Lager erreicht, getröſtet von dem Gedanken, daß er das Geheimniß bewahrt und das Leben ſeiner Bevollmächtiger nicht verrathen hatte. — 72— Zwoͤlftes Kapitel. Leiden der Einwohner von Malaga⸗ Die Leiden Malaga's verbreiteten Kummer und Angſt uͤber die Mauren; ſie gaben jetzt der Beſorgniß Raum, es möge dieſe reizende Stadt, einſt das Bollwerk des Reichs, in die Hände der Ungläubigen fallen. Der alte Krieger⸗König Abdallah El Zagal befand ſich noch in Guadix, wo er langſam ſeine zerſtreuten Streitkräfte ſammelte. Als das Volk dieſer Stadt von der Gefahr und Noth Malaga's hörte, drang es in ihn, er möge ſie den Belagerten zum Beiſtand führen, und die Faki ermahnten El Zagal, eine ſo treue und anhängliche Stadt in ihrem Unglück nicht zu verlaſſen. Sein eigner kriege⸗ riſcher Charakter brachte ihm Mitgefühl für einen Ort bei, der ſo kräftigen Widerſtand leiſtete, und ſo ſchickte er eine ſo ſtarke Heeresabtheilung, als er nur entbehren konnte, unter dem Oberbefehl eines ausgezeichneten Füh⸗ rers ab, um ſich in die Stadt zu werfen. Die Nachricht von dieſer Truppenzuſendung erreichte Boabdil'n El Chico in ſeinem königlichen Pallaſt im Al⸗ hambra. Gegen ſeinen Oheim mit Feindſchaft erfüllt, und begierig, den Caſtiliſchen Fürſten ſeine Unterwürfig⸗ keit zu beweiſen, ſandte er unverzüglich eine überlegene Streitmacht von Roß und Mann aus, dieſe Heeresab⸗ theilung aufzufangen. Ein hitziges Gefecht erfolgte; El Zagal's Truppen wurden mit großem Verluſt geſchlagen, und flohen in Verwirrung nach Guadirx zurück. Boabdil, an Siege nicht gewöhnt, erhob ſich dieſes traurigen Triumphs. Er ſandte die Kunde davon den katholiſchen Königen, und fügte reiche Seidenzeuge, Kiſten voll Arabiſchen Rauchwerks, einen reich gearbeiteten gold⸗ nen Becher und eine Gefangne aus Rebeda als Geſchenke für die Königin hinzu; für den König aber ſchickte er vier Arabiſche herrlich aufgezäumte Roſſe, einen reichbe⸗ ſetzten Degen und Dolch, und verſchiedne Albornozes und andre prächtig verbrämte Gewänder. Er bat ſie zugleich, immer gnädig auf ihn, ihren unterworfenen Lehnsträger herabzuſehn. Boabdil war vom Schickſal beſtimmt, unglücklich zu ſeyn ſelbſt in ſeinen Siegen. Die Niederlage, welche er den zur Unterſtützung des bedrängten Malaga beſtimmten Streitkräften ſeines Oheims beigebracht, empörte das Gefühl vieler ſeiner eifrigſten Anhänger und ſchwächte ihre Liebe zu ihm. Die bloßen Handelsleute mochten ſich dieſer goldnen Zwiſchenzeit des Friedens freuen, aber die ritterlichen Gemüther Granada's verachteten eine Sicher⸗ heit, die ihr Stolz und ihre Zuneigungen mit ſo großen Opfern erkaufen mußten. Das Volk im Allgemeinen ſelbſt, welches ſeine Luſt zur Veränderung befriedigt hatte, begann ſich zu fragen, — 76— ob es edel gehandelt an ſeinem greiſen, kämpfenden Für⸗ ſten.«El Zagal,“ ſagten ſie,«war wild und blutgierig, aber treu ſeinem Lande, er war ein Thronräuber, aber er wahrte die Würde der Krone, die er ſich widerrecht⸗ 1 lich angemaßt. Wenn ſein Scepter als eiſerne Ruthe auf ſeinen Unterthanen laſtete, ſo war es doch auch ein ſtählern Schwert gegen ihre Feinde. Dieſer Boabdil opfert Religion, Freunde, Vaterland, alles einem bloßen Schatten von Herrſchaft auf, und begnügt ſich, ein Rohr ſtatt eines Scepters zu halten. Dieſes empöreriſche Murren kam bald zu Boabdil's Ohren, ſo daß er eine ſeiner gewöhnlichen Glückswand⸗ lungen fürchtete. Er ſchickte in aller Eile zu den Caſtili⸗ ſchen Königen und bat um Truppenſendung, ihn auf dem Thron zu erhalten.. Ferdinand willfahrte gnädigſt einem Geſuch, das mit ſeiner Politik ſo ſehr im Einklang ſtand. Eine Abthei⸗ lung von tauſend Reitern und zweitauſend Fußgängern ward unter dem Oberbeſehl des, ſpäterhin als der große Feldherr berühmten, Don Fernandez Gonſalez de Cordova abgeſchickt. Mit dieſem Truppenbeiſtand vertrieb Boabdil alle die aus der Stadt, welche gegen ihn feindlich geſinnt waren und ſeinen Oheim begünſtigten. Er glaubte dieſer Streit⸗ macht ſicher zu ſeyn, da ſie in Sitte, Sprache und Re⸗ ligion von ſeinen Unterthanen abgeſondert war; und mit ſeinem Stolz verglich er ſich leicht, daß er ſo das unna⸗ türliche und erniedrigende Schauſpiel eines Königs gab⸗ ——ÿ—ÿ—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗—V— 4— 77— der durch fremde Waffen, durch ſeinem Volk feindliche Söldner auf dem Thron erhalten wurde. Auch war Boabdil El Chico nicht der einzige Mau⸗ riſche Fürſt, der bei Ferdinand und Iſabellen Schutz ſuchte. Eine glänzende Galeere, mit vollen Segeln und 1 mehreren Ruderbänken fuhr eines Tags in dem Hafen von Malaga ein; die Fahne des Halbmonds war aufgeſteckt, Arobiſchen Rennern, mit Gebiſſen, Steigbügeln und an⸗ derm Pferdeſchmuck von Gold, nebſt koſtbaren Mauri⸗ ſchen Mänteln; für die Königin fanden ſich vor reiche Shawls, Gewänder und Seidenſtoffe, goldner Schmuck und ausgeſuchtes Morgenländeſches Rauchwerk. Der König von Tremezan war über die reißenden Eroberungen der Spaniſchen Waffen unruhig geworden, und entſetzte ſich bei der Ankunft mehrerer Spaniſcher 8 Kreuzer an der Küſte von Afrika. Er bat, die Caſtlli⸗ ſchen Könige möchten ihn als ihren Lehnsmann betrach⸗ ten, und ihre Gunſt und Schutz auf ſeine Schiffe und Unterthanen ausdehnen, wie ſie dieß andern Mauren ge⸗ währt, die ſich ihrem Scepter unterworfen hätten. Er erſuchte ſie um eine Abbildung ihrer Wappen, damit er und.. ſeine Unterthanen ihre Fahne erkennen möchten und ihr alle Ehrfurcht erwieſen, ſo oft ſie ihr begegneten. Zu gleicher aber zugleich auch eine weiße Flagge zum Zeichen des 3 Friedens.. 3 Ein Geſandter landete innerhalb der chriſtlichen Schlacht⸗ linien. Er kam vom König von Tremezan, und brachte Geſchenke, denen Boabdil's ähnlich; ſie beſtanden aus — 78— Zeit flehte er ihre Gnade für das unglückliche Malaga an, und bat, ſeinen Einwohnern möchte dieſelbe Begün⸗ ſtigung wiederfahren, die man den Mauren andrer erober⸗ ten Städte zugeſtanden. Dieſe Geſandtſchaft wurde von den Caſtiliſchen Für⸗ ſten gnädig empfangen. Sie gewährten den erbetenen Schutz, und befahlen ihren Befehlshabern, die Flagge von Tremezan zu achten, ſo lange ſie nicht erführen, daß ſie dem Feinde Beiſtand leiſte. Sie ſchickten auch dem Barbarenfürſten ihr königliches Wappen, abgedrückt in goldne, eine Hand breite Schilder. Während ſo die Ausſichten auf Beiſtand von Auſſen ſich täglich minderten, wüthete Hungersnoth in der Stadt. Die Einwohner ſahen ſich genöthigt, Pferdefleiſch zu eſſen, und viele ſtarben Hungers. Was die Leiden der Bürger noch unerträglicher machte, war, daß ſie ſehen mußten, wie die See mit Schiffen bedeckt war, welche täglich mit Vorräthen für die Bela⸗ gerer ankamen. Auch gewahrten ſie Tag für Tag Heer⸗ den fetten Viehs und Schaafe in das Lager einziehn; Weizen und Korn war in großen Haufen in der Mitte der Zelte aufgeſpeichert, und erglänzte im Sonnenſchein und plagte mit Tantalus Qual die armen Bürger, welche, während ſie und ihre Kinder vor Hunger umkamen, den reichen Ueberfluß erſchauten, der, einen Bogenſchuß von ihren Wällen entfernt, im Lande herrſchte. Dreizehntes Kapitel. Wie ein Mauriſcher Santon die Stadt Malaga aus der Ge⸗ walt ihrer Feinde zu befreien unternahm. — Es lebte um dieſe Zeit in einem Weiler in der Nähe von Guadir ein alter Maure, Namens Abraham Algerbi. Er war zu Guerba im Königreich Tunis geboren, und hatte mehrere Jahre das Leben eines Santon oder Ein⸗ ſiedlers geführt. Die heiße Sonne Afrika's hatte ſein Blut ausgetrocknet, und ſein Gemüth reizbar, doch trau⸗ rig gemacht. Er brachte die meiſte Zeit in Betrachtun⸗ gen, Gebeten und ſtrenger Enthaltſamkeit zu, bis ſein Leib zerrüttet, ſeine Seele umwölkt war, und er ſich göttlicher Offenbarungen gewürdigt glaubte. Die Mauren, welche für alle Schwärmer der Art große Ehrerbietung haben, betrachteten ihn als begeiſtert, börten auf alle feine wirre Reden als auf wahre Weiſſa⸗ gungen und nannten ihn Er Santo oder den Heiligen. Die Leiden des Königreichs Granada hatten lange den finſtern Geiſt dieſes Mannes aufgereizt; er hatte mit Unwillen dieſes ſchöne Land der Herrſchaft der Gläubigen entreißen und ein Raub der Feinde werden ſehen. Er hatte den Segen Allahs auf die Truppen herabgefleht, welche aus Guadix zur Unterſtützung Malaga's auszo⸗ — 80— gen, aber als er ſie zurückkehren ſah, geſchlagen und zer⸗ ſtreut von ihren eignen Landsleuten, zog er ſich in ſeine Zelle, ſchloß ſich ab von der Welt, und war einige Zeit lang in das ſchwärzeſte Hinbrüten verſenkt. Plötzlich erſchien er wieder in den Straßen von Gua⸗ dir; ſein Antlitz abgezehrt, ſeine Geſtalt verfallen, aber ſein Auge ſprühend von Feuer. Er ſagte, Allah habe ihm in die Einſamkeit ſeiner Zelle einen Engel geſandt, und ihm einen Weg geoffenbart, Malaga aus ſeinen Gefah⸗ ren zu befreien und mit Verwirrung und Entſetzen das Lager der Ungläubigen zu ſchlagen. Die Mauren hörten mit eifriger Leichtgläubigkeit auf ſeine Worte, vierhundert von ihnen erboten ſich, ihm ſelbſt bis in den Tod zu folgen, und ohne Widerrede ſei⸗ nen Befehlen zu gehorchen. Zu dieſen gehörten viele Go⸗ meren, welche begierig waren, ihre Landsleute zu befreien, die einen Theil der Beſatzung von Malaga bildeten. Sie durchzogen das Königreich auf wilden, einſamen Bergpfaden, verbargen ſich bei Tage und gingen nur wäh⸗ rend der Nacht, die chriſtlichen Kundſchafter zu vermei⸗ den. Endlich langten ſie auf den Bergen an, welche über Malaga hereinhängen, und gewahrten, als ſie hin⸗ abblickten, die Stadt vollkommen berennt, eine Kette von Zelten ſich ringsherum ausdehnen von Küſte zu Küſte und eine Reihe von Schiffen ſie einſchließen zur See, n a rend der immerwährende Donner der Geſchütze und der auf verſchiednen Seiten aufſteigende Rauch bewieß, daß die Belagerung mit großer Thätigkeit betrieben würde. ——— ——— — 81— Der Einſiedler erforſchte aufmerkſam das Lager von ſeiner luftigen Höhe. Er ſah, daß der Theil der Zelte des Marquis von Cadix, welcher am Fuß der Anhöhe und am Rand des Meeres ſtand, am leichteſten anzugrei⸗ fen ſey, da der ſelſige Boden keine Gräben und Palliſa⸗ den zugelaſſen. 3 Er hielt ſich den ganzen Tag verborgen und ſtieg zur Nachtzeit mit ſeinem Gefolge an die Seeküſte hinab, ſchweigend ſich den Auſſenwerken nähernd. Er hatte ih⸗ nen ihre Verhaltungsregeln gegeben; ſie ſollten ſich plötz⸗ 4 lich über das Lager herſtürzen, ſich einen Weg durchfech⸗ ten und in die Stadt werfen. Gerade bei'm erſten Grauen des Tages, wo die Ge⸗ genſtände nur dunkel ſichtbar werden, machten ſie ihren verzweifelten Verſuch. Einige ſprangen plötzlich auf die Wachen zu, andre ſtürzten ſich in's Meer, andre gingen um die Feſtungswerke, und noch andre erſtiegen die Schan⸗ zen. Es entſpann ſich ein heftiger Kampf, ein großer 5 Theil der Mauren wurde in Stücken gehauen, aber gegen zwei Hunderten gelang es, in Malaga's Thore einzu⸗ dringen.— Der Santon nahm am Kampf keinen Antheil, auch bemühte er ſich nicht in die Stadt zu kommen. Seine Pläne waren ganz andrer Art. Sich wegwendend von— der Schlacht, warf er ſich auf einer Anhöhe auf die Knie, und die Hände zum Himmel erhöben, ſchien er in Ge⸗ bete verſunken. 2 Die Ehriſten fanden ihn, als ſſe nach Flüchtlingen in Irving's Granada, 4— 6. 6 — 82— den Felsſpalten ſuchten, immer noch in ſeiner Andacht. Er regte ſich nicht bei ihrer Ankunft, ſondern blieb ſtarr wie eine Bildſäule, ohne die Farbe zu wechſeln oder eine Muſkel zu bewegen. Mit Erſtaunen, das nicht frei von Furcht war, erfüllt, ſchleppten ſie ihn vor den Marquis von Cadix. Er war in einen groben Albornoz oder Mauriſchen Mantel eingehüllt; ſein Bart war lang und grau, und etwas Wildes und Trauriges lag in ſeinem Blick, das Neugier und Theilnahme einflößte. Als er gefragt ward, gab er ſich für einen Heiligen aus, welchem Allah die Ereigniſſe geoffenbart, die ein⸗ treten würden bei dieſer Belagerung. Der Marquis fragte, wann und wie Malaga eingenommen werden würde. Er antwortete, er wiſſe es ſehr wohl, aber es ſey ihm verboten, dieſe wichtigen Geheimniſſe jemanden anders zu offenbaren, als dem König und der Königin. Der gute Marquis war abergläubiſchen Einbildungen nicht mehr ergeben, als andre Befehlshaber ſeiner Zeit; doch ſchien etwas Seltſames und Geheimnißvolles an dem Manne; er konnte eine wichtige Nachricht mitzutheilen haben; daher entſchloß er ſich, ihn an den König und die Königin zu ſenden. 5 Er ward in das fürſtliche Zelt geführt, eine neugie⸗ rige Menge umgab ihn, und ſchrie:«der heilige Maurel) denn die Nachricht hatte ſich durch das Lager verbreitet, man habe einen Mauriſchen Propheten gefangen. 1 Der König hatte eben zu Mittag geſpeiſt und hielt — ————ÿ—ÿ—x—x—⸗⸗⸗—ꝛ—ꝛ—ꝛ——.— — 33— ſeine Sieſta oder ſeinen Nachmittagsſchlaf in ſeinem Zelt, die Königin aber, obgleich neugierig, dieß ſeltſame We⸗ ſen zu ſehen, verſchob es doch aus natürlichem Zartge⸗ fühl und aus Zurückhaltung, bis der König zugegen ſeyn würde. Der Santon ward alſo in ein anſtoßendes Zelt ge⸗ bracht, worin Donna Beatrix de Bovadilla, Markgräfin von Moya und Don Alvaro von Portugal, Sohn des Herzogs von Braganza, mit zwei oder drei Begleitern ſich befanden. Der Maure, der Spaniſchen Sprache un⸗ kundig, hatte die Unterredung der Wachen nicht verſtan⸗ den, und ſchloß aus der Pracht des Hausgeräths und der ſeidnen Vorhänge, er ſey in dem königlichen Zelt. Auch aus der Ehrfurcht, die von den Gegenwärtigen Don Alvarv und der Markgräfin erwieſen wurde, glaubte er vermuthen zu können, es ſeyen dieß der König und die Königin. Er bat jetzt um einen Trunk Waſſer. Ein Krug ward⸗ ihm gebracht und die Wache machte ſeinen Arm frei, um ihn in den Stand zu ſetzen zu trinken. Die Markgräfin bemerkte eine plötzliche Veränderung in ſeinen Mienen und etwas Unglückdrohendes in dem Ausdruck ſeines Au⸗ ges, und nahm daher ihren Siß in einem entfernteren Cnheil des Zeltes. Indem der Maure nun das Waſſer an ſeine Lippen bringen zu wollen ſchien, ſchob er ſeinen Albornoz weg, und ergriff einen Säbel, den er unter ihm verborgen hatte. Dann den Krug zu Boden werfend, zog er ſeine 6* — 84— Wafe und gab Don Alvaro einen Schlag auf das Haupt, der ihn zu Boden ſtreckte und faſt des Lebens beraubte, Hierauf gegen die Markgräfin gewandt, richtete er einen heftigen Streich gegen ſie, aber in ſeinem Eifer und ſeiner Erregung verwickelte ſich ſein Säbel in die Tücher des Zeltes, die Kraft des Schlags ward gebrochen, und die Waffe fiel unſchädlich auf den goldnen Schmuck ihres Kopfputzes. Ruy Lopez de Toledo, der Schatzmeiſter der Königin, und Juan de Belalcazar, ein ſtattlicher Mönch, die ge⸗ genwärtig waren„ ergriffen und bekämpften den kühnen Wüthenden, und alsbald fielen die Wachen, die ihn vom Marquis von Cadir herbeigebracht hatten, über ihn her, und hieben ihn in Stücken. Der König und die Königin, durch den Lärm aus ihren Zelten herbeigeſchreckt, wurden mit Entſetzen erfüllt, als ſie von der drohenden Gefahr hörten, der ſie ent⸗ ronnen. Die zerfleiſchte Leiche des Mauren wurde von dem Volk des Lagers weggenommen, und durch eine Wurf⸗ maſchine in die Stadt geſchleudert. Die Gomeren ſam⸗ melten die zerfleiſchten Glieder mit tiefer Ehrfurcht als die Ueberreſte eines Heiligen. Sie wuſchen und ſalbten ſle, und begruben ſie mit großen Ehren und lauten Kla⸗ gen. Seinen Tod zu rächen, erſchlugen ſie einen ihrer vornehmſten Chriſtengefangnen, banden ſeine Leiche auf einen Eſel, und trieben dann das Thier hinaus in's Lager. Von dieſer Zeit an ward noch eine Wache um die 2 — 385— Zelte des Königs und der Königin aufgeſtellt, die aus zwölfhundert Rittern von Rang aus den Königreichen Caſtilien und Arragonien beſtand. Niemand ward be⸗ waffnet vor die Könige gelaſſen; kein Maure durfte das Lager betreten, ohne daß man vorher Kenntniß von ſei⸗ nem Charakter und ſeinem Begehr genommen, und in keinem Fall durfte ein Maure vor die Könige gebracht werden. Eine verrätheriſche Handlung ſo wilder Art rief eine Reihe finſtrer Befürchtungen auf. Es befanden ſich viele Buden und Verſchläge rings um das Lager, die aus Baumzweigen errichtet worden, welche trocken und brenn⸗ bar waren. Nun fürchtete man, es möchte Feuer von den Mudiraren oder Mauriſchen Vaſallen an ſie gelegt werden, da dieſe oft in's Lager kamen. Einige gaben ſelbſt der Beſorgniß Raum, man könnte Verſuche machen, die Brunnen und Quellen zu vergiften. Dieſe beängſtigenden Beſorgniſſe zu entfernen, gebot man allen Mudixaren, das Lager zu verlaſſen, und alle liederliche, müßige Herumſtreicher, die keine gehörige Aus⸗ kunft über ſich geben konnten, wurden in Gewahrſam genommen. Vierzehntes Kapitel. Wie Hamet El Zegri in ſeinem hartnäckigen Widerſtand durch die Künſte eines Mauriſchen Sterndeuters beſtärkt ward. Unter jenem Gefolge des Santon, das ſeinen Ein⸗ drang in die Stadt bewerkſtelligt hatte, befand ſich auch ein ſchwarzer Afrikaner, aus dem Stamm der Gomeren, der ebenfalls ein Einſiedler oder Derwiſch war und unter den Mauren für ein heiliger, begeiſterter Mann galt. Nicht ſobald waren die zerfleiſchten Ueberreſte ſeines Vorgängers mit den Ehren des Märtyrerthums begra⸗ ben worden, als dieſer Derwiſch ſich an ſeine Stelle er⸗ hob und ſich rühmte mit dem Geiſt der Weiſſagung be⸗ gabt zu ſeyn. Er entfaltete eine weiße Fahne, welche, wie er die Mauren verſicherte, geweiht war; er hatte ſie ſchon ſeit zwanzig Jahren zu einem beſondern Zweck auf⸗ bewahrt und Allah ihm offenbart, unter dieſem Banner ſollten die Einwohner von Malaga einen Ausfall auf das Lager der Ungläubigen machen, es in gänzliche Flucht ſchlagen, und die Vorräthe verpraſſen, an denen es reich war. 4— Die hungrigen, leichtgläubigen Mauren bekamen bei dieſer Verheißung Muth, und ſchrie'n laut, alsbald zum Anrgriff geführt zu werden; aber der Derwiſch ſagte ih⸗ *— 8— nen, die Zeit ſey noch nicht gekommen, denn jedes Er⸗ eigniß habe ſeinen beſtimmten Tag in den Beſchlüſſen des Schickſals. Sie müßten daher in Geduld abwarten, bis die feſtgeſetzte Zeit ihm vom Himmel geoffenbart worden. Hamet El Zegri hörte auf den Derwiſch mit großer Ehrerbietung, und ſein Beiſpiel trug viel dazu bei, die Furcht und Achtung der Anhänger gegen den Einſiedler zu vermehren. Er nahm den heiligen Mann in ſeine Feſte Gibralfaro auf, beſfragte ihn bei allen Gelegenhei⸗ ten und hing deſſen weiße Fahne an dem höchſten Thurm als ein Ermuthigungszeichen für das Volk der Stadt aus. Mittlerweile verſammelte ſich allmählig die Blüthe der Ritterſchaft von Spanien vor Malaga's Wällen. Das Heer, welches die Belagerung begonnen hatte, war durch die ungeheuren Mühſeligkeiten erſchöpft worden, da es ausgedehnte Werke hatte aufwerfen, Verhaue und Mi⸗ nen graben, zu See und Land Wache halten, die Berge durchziehen und außerdem noch unaufhörliche Kämpfe hatte aushalten müſſen. Die Könige ſahen ſich daher genöthigt, verſchiedene ferne Städte um Verſtärkungen an Mann und Roß an⸗ zugehen; auch viele Edle verſammelten ihre Lehnsleute, und erſchienen auf eignen Antrieb im königlichen Lager. Faſt jeden Augenblick hielt eine ſtattliche Galeere oder prächtige Caravele im Hafen, entfaltete das wohlbekannte Banner eines Spaniſchen Ritters und donnerte aus ſei⸗ — 88— nen Geſchützreihen den Königen einen Gruß, den Mau⸗ ren eine Herausforderung entgegen. Auf der Landſeite auch konnte man Verſtärkungen anlangen ſehen, wie ſie mit Trommel und Trompeten⸗ klang ſich den Bergen hinabſchwenkten, und mit glizzern⸗ den Waffen, noch unbeſudelt von der Arbeit des Kriegs⸗ werks, in das Lager einzogen. Eines Morgens erglänzte die ganze See von Segeln und rauſchte unter dem Ruderſchlag der Schiffe und Ga⸗ leeren, welche ſich auf den Hafen zu wandten. Hundert Schiffe von verſchiedner Art und Größe kamen an; ei⸗ nige bewaffnet für den Kriegsdienſt, andre ſchwer befrach⸗ tet mit Vorräthen. Zu gleicher Zeit bewieß der Schall der Trommeln und Trompeten, daß eine mächtige Streitmacht zu Land herannahe, die ſich vald in gedehnten Rotten in das La⸗ Ver ergoß. Dieſe mächtige Verſtärkung kam vom Herzog von Medina Sidonia, der gleich einem kleinen Fürſten über ſeine ausgedehnten Beſitzungen herrſchte. Er zog mit die⸗ ſer fürſtlichen Streitmacht als Freiwilliger unter das kö⸗ nigliche Banner herbei, denn er war von den Herrſchern nicht aufgeboten worden und brachte außerdem eine Summe von zwanzigtauſend Dobla in Gold mit, die er den Kö⸗ nigen lieh. Als das Lager auf dieſe Weiſe mächtig verſtärkt wor⸗ den, rieth Iſabelle, man ſolle den Einwohnern neue An⸗ erbietungen voll Nachſicht machen; denn ſie wünſchte ſehr, — 89— die Leiden einer langwierigen Belagerung und das Blut⸗ vergießen zu vermeiden, welches mit einem allgemeinen Sturm verbunden ſeyn mußte. So ward denn eine wiederholte Aufforderung an die Stadt, ſich zu übergeben, geſandt, und das Verſprechen beigefügt, Leben, Freiheit und Eigenthum ſolle im Fall einer unverzüglichen Uebergabe ihnen nicht gefährdet wer⸗ den, würde aber die Vertheidigung hartnäckig fortgeführt, dann drohte man mit allen Schrecken des Kriegs. Hamet El Zegri verwarf nochmals das Anerbieten 3 mit Unwillen. Seine Hauptwerke waren bis jetzt nur wenig beſchädigt, und im Stande noch lange auszuhal⸗ ten; er vertraute auf die taufend Uebel und Unfälle, die ein Belagerungsheer überfallen, und auf die Unwetter der herannahenden Jahreszeit; auch ſagt man, er und ſeine Anhänger hätten blinden Glauben an die Verhei⸗ ßungen des Derwiſches gehabt. Der würdige Bruder Antonio Agapida nimmt keinen Anſtand zu verſichern, der vorgebliche Prophet der Stadt ſey ein Erznekromant, ein Todtenbeſchwörer und Mauri⸗ ſcher Zaubrer geweſen;«deren es,» ſagt er, ain der ſchmutzigen Sekte Muhameds eine zahlloſe Menge gibt; er behauptet, er habe im Bund geſtanden mit dem Für⸗ ſten der Geiſter der Luft, und ſey eifrigſt bemüht gewe⸗ ſen, Verwirrung und Niederlage auf das chriſtliche Heer zu bringen. Der würdige Vater verſichert ferner, Hamet habe ihn in einem hohen Thurm des Gibralfaro, der eine weite Ausſicht über Meer und Land beherrſchte, zu ſeinen feind⸗ ſeligen Abſichten gebraucht; dort ſeyen von ihm durch Aſtrolabien und andre teufliſche Inſtrumente Zauber und Beſchwörungen gewirkt worden, um die chriſtlichen Schiffe und Streitkräfte zu vernichten, ſo oft ſie ſich mit den Mauren in Streit eingelaſſen. Dem mächtigen Zauber des Beſchwörers mißt er die Gefahren und den Verluſt bei, welche einen Theil der Ritter von den Haustruppen in einem verzweifelten Kampf um zwei Thürme der Vorſtadt nahe dem Thor Puerta de Granada, befielen. Die Chriſten, geführt von Ruy Lopez de Toledo, dem tapfern Schatzmeiſter der Kö⸗ nigin, eroberten und verloren und eroberten wieder die Thürme, welche endlich von den Mauren in Brand ge⸗ ſetzt und von beiden Theilen den Flammen überlaſſen wurden. Demſelben böſen Einfluſſe ſchreibt er den Schaden zu, welche die chriſtliche Flotte erlitt, als ſie ſo kräftig von den Albatoza, oder ſchwimmenden Geſchützreihen der Mauren angegriffen ward, daß ein Schiff des Herzogs von Medina Sidonia in Grund gebohrt wurde und die übrigen ſich genöthigt ſahen, zu fliehen. «Hamet El Zegri„» ſagt Bruder Antonio Agapida, cſtand auf der Spitze des hohen Thurms im Gibralfaro, und ſah, wie dieſe Niederlage auf die chriſtliche Streit⸗ macht hereinbrach und ſein ſtolzes Herz ſchwoll vor Freu⸗ den.» «Ihm zur Seite aber hielt ſich der Mauriſche Nekro⸗ — 91— mant, und er wieß ihm mit dem Finger unten das chriſt⸗ liche Heer, wie es auf jeder Anhöhe rings um die Stadt lagerte, und ihr fruchtbares Thal bedeckte, und wie die vie⸗ len Schiffe auf der ruhigen See ſchwammen; aber er hieß ihn guten Muths ſeyn, denn in wenig Tagen würde dieſe ganze mächtige Flotte von den Winden des Himmels zer⸗ ſtreut werden; er ſolle nur vorbrechen unter der Leitung des heiligen Banners, dieſen Feind angreifen, ihn gänz⸗ lich ſchlagen, und jene koſtbaren Zelte als Beute heim⸗ führen. So würde Malaga glorreich gerächt werden an⸗ ſeinen Belagerern.» «Hamet's Herz ward verſtockt gleich Pharav's Herz, und er fuhr fort den katholiſchen Königen und ihrer Schaar heiliger Krieger zu trotzen.“» Fuͤnfzehntes Kapitel. Fortſetzung der Belagerung Malaga's. Zerſtörung eines Thurms durch Franziſco Ramirez de Madrid. . Nachdem ſich die Chriſten von der verſtockten Hart⸗ näckigkeit der Belagerten überzeugt hatten, näherten ſie jetzt ihre Werke den Wällen, gewannen eine Stellung nach der andern und bereiteten ſich ſo zu einem allgemei⸗ nen Sturm vor. Nahe dem Stadtthor war eine Brücke von vier Bo⸗ gen, die an jedem Ende von einem feſten hohen Thurm vertheidigt ward. Dieſe hatte ein Theil des Heers bei einem allgemeinen Sturm zu überſchreiten. Der Ober⸗ befehlshaber der Geſchütze, Franciſco Ramirez de Ma⸗ drid, erhielt Befehl ſich in Beſitz der Brücke zu ſetzen. Der Zugang zu ihr war außerordentlich gefährlich, da die Angreifer ſehr blos geſtellt waren, und die Thürme eine zahlreiche Mauriſche Beſatzung hatten. Franciſco Ramirez grub daher insgeheim eine Mine, die bis unter den erſten Thurm führte, und ſtellte ein Geſchützſtück, die Mündung nach oben, gerade unter die Grundfeſten, außerdem aber breitete er eine Lage Pulver ſo in der Mine aus, daß ſie im rechten Augenblick eine vollſtän⸗ dige Sprengung bewirkte. Als dieß vorbereitet war, zog er langſam mit ſeinen Streitkräften gerade auf die Thürme los, errichtete auf jedem Schritt Schanzen und gewann allmählig Grund, bis er der Brücke ganz nahe kam. Nun führte er meh⸗ rere Stücke Geſchütz in ſeinen Vertheidigungswerken auf, und begann den Thurm zu beſchießen. Die Mauren er⸗ wiederten dieß tapfer von ihren Zinnen, aber in der Hitze 3 des Kampfs entlud ſich das Geſchütz unter der Grund⸗ feſte des Thurms. Die Erde riß auf, ein Theil des Thurms ward um⸗ geworfen, und mehrere der Mauren in Stücke zerfleiſcht; die übrigen ergriffen die Flucht, mit Entſetzen erfüllt, als dieſer donnernde Ausbruch unter ihren Füßen losbrannte und die Erde Feuer und Rauch ausſpie, denn nie vorher 1 — 93— waren ſie von einer ſolchen Kriegsliſt in allen ihren Kämpfen Zeuge geweſen. Die Chriſten ſtürzten vor und nahmen Beſitz von dem verlaſſenen Poſten; begannen aber ſogleich einen An⸗ griff auf den andern Thurm am entgegengeſetzten Ende der Brücke, wohin ſich die Mauren zurückgezogen. Ein unaufhörliches Schießen aus Armbrüſten und Muſketen ward zwiſchen den beiden kämpfenden Thürmen unterhal⸗ ten; Schichten von Steine wurden hinabgeworfen, und niemand wagte ſich auf die dazwiſchen liegende Brücke. Franciſco de Ramirez nahm endlich ſeine frühere Weiſe des Angriffs wieder vor. Er warf Schanzen auf, wie er vorrückte, während die Mauren am andern Ende die Brücke mit ihren Geſchützen beſtrichen. Der Kampf war langwierig und blutig; wild von Seiten der Mauren, geduldig und ausdauernd von Sei⸗ ten der Chriſten. Durch allmähliges Vorſchreiten gelang dieſen ihr Vordringen über die Brücke; ſie trieben den Feind vor ſich her und blieben Meiſter dieſes wichtigen Paſſes. Für dieſe kühne, geſchickt ausgeführte Kriegsthat ver⸗ lieh König Ferdinand nach der Uebergabe der Stadt Franciſcv'n Ramirez die Ritterwürde in demſelben Thurm, den er ſo ruhmvoll gewonnen hatte. Bruder Antonio Agapida verwendet mehr als eine Seite zu weitläuftigen Anpreißungen dieſer Erfindung, die Grundfeſten der Thürme durch Geſchützſtücke in die — 92— Luft zu ſprengen. Er verſichert, daß dieß der erſte Fall ſey, wo von Schießpulver geſprochen werde, das bei ei⸗ ner Mine angewendet worden. Sechszehntes Kapitel. Wie das Volk von Malaga Hamet El Zegri Vorſtellungen machte. Während der Derwiſch die Beſatzung von Malaga mit eitlen Hoffnungen hinhielt, erreichte die Hungersnoth eine furchtbare Höhe. Die Gomeren ſtreiften in der Stadt herum, als wäre ſie ein eroberter Ort geweſen; ſie nahmen mit Gewalt, was ſie eßbares in den Häuſern der friedlichen Bürger fanden, und brachen Gewölbe und Keller auf, und zerſtörten Mauern, wo ſie glaubten, Nah⸗ rungsmittel ſeyen verborgen. Die unglücklichen Einwohner hatten kein Brod mehr zu eſſen; auch das Pferdefleiſch begann ihnen zu mangeln, ſo daß ſie froh waren, Felle und Häute, die am Feuer geröſtet worden, zu verſchlingen, oder den Hun⸗ ger mit Rebenblätter zu ſtillen, die abgepflückt und in Oel gekocht worden. Viele ſtarben vor Hunger oder an der ungeſunden Nahrung, mit dem ſie ihn zu ſtillen verſucht hatten; und eine große Menge flüchtete ſich in das chriſtliche La⸗ ger, Gefangenſchaft den ſie umgebenden Schrecken vor⸗ ziehend. Endlich wurden die Leiden der Einwohner ſo groß, daß ſie ſelbſt ihre Furcht vor Hamet und ſeinen Gome⸗ ren beſiegten. Sie ſammelten ſich vor dem Hauſe Ali Dordur, des reichen Kaufmanns, deſſen ſtattliches Wohn⸗ haus an dem Fuß des Alcazabahügels ſtand, und drangen in ihn, ſich an ihre Spitze zu ſtellen, und von Hamet El Zegri die Uebergabe zu erflehen. Ali Dordux war ein Mann von eben ſo großem Muth als Klugheit; er ſah auch, daß der Hunger die Bürger kühn gemacht, während er hoffte, er habe zugleich auch die Wildheit der Soldaten gebändigt. Er bewaffnete ſich daher von Kopf bis zu Fuß, und unterzog ſich dieſer gefährlichen Unterredung mit dem Al⸗ cayden. Er nahm mit ſich einen Faki, Namens Abrahen Alharis, und einen einflußreichen Einwohner, Namens Amarben Amar, und dieſe zogen nun in die Feſte Gibral⸗ faro hinauf, in Begleitung mehrerer zitternder Kaufleute. Sie fanden Hamet El Zegri nicht wie vorher von wilden Garden umgeben, und umringt mit allen Werk⸗ zeugen des Kriegs; er befand ſich in einer Kammer auf einem der höchſten Thürme vor einem ſteinernen Tiſche, der mit Pergamentrollen bedeckt und beſchrieben war mit ſeltſamen Zeichen und myſtiſchen Zirkeln und Figuren, während Inſtrumente von ſonderbarer, unbekannter Ge⸗ ſtalt überall im Zimmer herumlagen.. Hamet El Zegri zur Seite ſtand der weiſſagende Der⸗ — 96— wiſch, der ihm die geheimnißvollen Inſchriften der Rol⸗ len erklärt zu haben ſchien. Seine Gegenwart erfüllte die Bürger mit Entſetzen; denn ſelbſt Ali Dordux be⸗ trachtete ihn als einen begeiſterten Mann. Der Faki, Abrahen Alharis, deſſen heiliger, geweihter Charakter ihm Muth machte zu ſprechen, erhob jetzt ſeine Stimme und redete Hamet El Zegri alſo an: «Wir erflehen von euch„ſagte er feierlich,«im Na⸗ men des allmächtigen Gottes, nicht länger zu beharren in eitlem Widerſtand, der mit unſerem Untergang enden muß, ſondern die Stadt zu übergeben, während Gnade noch erlangt werden kann. Bedenkt, wie viele unſrer Krieger durch's Schwert gefallen ſind, laßt die Ueberle⸗ benden nicht durch Hunger umkommen. Unſre Weiber und Kinder ſchreien zu uns nach Brod, und wir haben keins ihnen zu geben. Wir ſehen ſie in langſamem To⸗ deskampf vor unſren Augen ſterben, während der Feind durch Ausbreitung des Ueberfluſſes ſeines Lagers unſrer Noth ſpottet.⸗ «Von welchem Nutzen iſt unſer Widerſtand? Sind unſre Wälle vielleicht feſter als die Wälle Ronda's? ſind unſre Krieger tapfrer als Loxa's Vertheidiger? Ronda's Wälle wurden niedergeworfen, Loxg's Krieger mußten ſich ergeben!⸗ „Hofft ihr auf Entſatz? Woher ſoll der uns kommen? Die Zeit der Hoffnungen iſt vorüber. Granada hat ſeine Macht verloren; es beſitzt nichts mehr, nicht Ritter, nicht Befehlshaber, ſelbſt nicht mehr einen König. Boabdil ſitzt ein Lehnsträger in den entwürdigten Mauern Alham⸗ bra's, El Zagal iſt flüchtig, iſt eingeſchloſſen in Guadir Wällen!⸗“ „Das Reich iſt in ſich ſelbſt getheilt, ſeine Macht iſt vergangen, ſein Stolz geſunken, ſein Daſeyn ſelbſt naht ſich ſeinem Ende. Im Namen Allah's beſchwören wir dich, der du unſer Führer biſt, ſey nicht unſer ſchreck⸗ lichſter Feind; übergib dieſe Trümmer der einſt glück⸗ lichen Malaga und befreie uns von dieſen erdrückenden Schrecken!“" Dieß waren die Bitten, welche das Uebermaaß ihrer Leiden den Einwohnern erpreßte. Hamet El Zegri hörte auf den Faki ohne Groll, denn er achtete die Heiligkeit ſeines Amtes. Auch war ſein Herz in dieſem Augenblick erfüllt von leerem Vertrauen. „Noch wenige Tage Geduld,» ſagte er,«uẽnd alle dieſe Uebel werden ſchnell ein Ende haben. Ich hab' mich mit dieſem heiligen Manne beſprochen, und finde, daß die Zeit unſrer Erlöſung herannaht. Die Beſchlüſſe des Schickſals ſind unvermeidlich; es ſteht geſchrieben im Buche des Geſchicks, daß wir hervorbrechen, das Lager der Ungläubigen zerſtören, und genießen ſollen jene Berge von Getreide, die in ſeiner Mitte aufgehäuft ſind. «So hat es Allah verheißen durch den Mund dieſes ſeines Propheten. Allah achbar! Gott iſt groß! Daß Niemand ſich widerſetze den Beſchlüſſen des Himmels!“ Die Bürger hörten mit tiefer Ehrerbietung, denn Irving's Granada. 4— 6. 7 — 98— kein wahrer Moflim unterfängt ſich zu widerſtreben dem, was geſchrieben ſteht im Buche des Schickſals. Ali Dordur, der gerüſtet gekommen war, die Stadt zu vertreten, und Hamet's Wuth zu trotzen, demüthigte ſich vor dieſem heiligen Manne, und ſchenkte ſeinen Weiſ⸗ ſagungen als Offenbarungen Allah's Glauben. So kehrten denn die Abgeordneten zu den Bürgern zurück, und ermahnten ſie, guten Muths zu ſeyn. Noch einige Tage länger,» ſagten ſte,«und unſre Leiden wer⸗ den enden. Wenn das weiße Banner vom Thurm ge⸗ nommen wird, dann ſpäht nach Erlöſung, denn dann iſt die Stunde des Ausfalls gekommen.“» Das Volk ging mit gramerfülltem Gemüth nach Hauſe; ſie verſuchten vergebens, das Geſchrei ihrer hun⸗ gernden Kinder zu ſtillen, und jeden Tag, jede Stunde war ihr angſterfülltes Auge nach dem heiligen Banner gerichtet, das immer noch auf dem Thurm von Gibral⸗ faro flatterte. Siebenzehntes Kapitel. Wie Hamet El Zegri mit dem heiligen Banner einen Ausfall machte, das chriſtliche Lager anzugreifen, «Der Mauriſche Nekromant,» bemerkt Bruder An⸗ tonio, blieb immer noch in dem Thurm von Gibralfaro eingeſchloſſen; teuftiſche Mittel erſinnend, um Unglück und ——õ— ———y 1 — 99.— Niederlage über die Chriſten zu bringen. Er ward täg⸗ lich von Hamet El Zegri befragt, der großen Glauben an die ſchwarzen Zauberkünſte hatte, welche dieſer mit ſich gebracht aus dem Innern des heidniſchen Afrika.» Aus den Nachrichten die uns der würdige Bruder von dieſem Derwiſch und ſeinen Beſchwörungen gibt, möochte hervorgehen, daß er ein Aſtrolog geweſen, der die Sterne er⸗ forſchte, und Tag und Stunden zu berechnen ſich bemühte, wo ein erfolgreicher Angriff auf das chriſtliche Lager ge⸗ macht werden konnte. Die Hungersnoth war nun bis auf eine ſolche Höhe geſtiegen, daß ſie ſelbſt der Beſatzung von Gibralfaro läſtig ward, obgleich die Gomeren alle Vorräthe wegge⸗ nommen, die ſie in der Stadt hatten finden können. Ihre Leidenſchaft ward durch Hunger noch erhöht; ſie wurden unruhig und wild und ungeduldig zu handeln. Hamet El Zegri war eines Tags in der Berathung mit ſeinen Hauptleuten durch das Drängen der Vorfälle ſehr in Verlegenheit, als mit einem Male der Derwiſch unter ſie trat. 4 «Die Stunde des Siegs,» rief er; ciſt gekommen! Allah hat befohlen, daß morgen in der Frühe ihr aus⸗ ziehen ſollt in den Kampf. Ich will vor euch hertragen das heilige Banner und eure Feinde in eure Hand ge⸗ ben. Erinnert euch aber, daß ihr nur Werkzeuge ſeyd in den Händen Allah's, Rache zu nehmen an den Fein⸗ den des Glaubens.» „Geht alſo in die Schlacht mit reinen Herzen, ver⸗ 7* — 100— gebt einander alle frühere Beleidigungen, denn die, welche nachſichtig ſind gegen einander, werden ſiegreich ſein über den Feind.⸗. Die Worte des Derwiſches wurden mit Begeiſterung vernommen. Ganz Gibralfaro und die Alcazaba hallten alsbald wider von dem Getös der Waffen, und Hamet ſchickte in die Thürme und auf die Feſtungswerke der Stadt, und erlas ſich die gewählteſten Truppen und aus⸗ gezeichnetſten Hauptleute für dieſen folgenreichen Kampf. Früh am Morgen durchlief das Gerücht die ganze Stadt, das heilige Banner ſey von der Burg Gibral⸗ faro verſchwunden, und ganz Malaga machte ſich auf, Zeuge zu ſeyn von dem Ausfall, der die Ungläubigen ver⸗ nichten ſollte. Hamet ſtieg aus ſeinem Bollwerk herab, begleitet von ſeinem Hauptanführer Abrahen Zenete, und ihm folgten ſeine Gomeren. Der Derwiſch ging voran, das weiße Banner, das heilige Pfand des Siegs entfaltend. Die Menge ſchrie Allah achbar! und warf ſich nieder vor der Fahne, wie ſie vorüberging. Selbſt der gefürchtete Hamet ward mit Preis und Lobeserhebungen empfangen, denn in ihrer Erwartung baldiger Erlöſung durch die Tapferkeit ſeiner Waffen ver⸗ gaß das Volk alles, nur nicht ſeinen Muth. Jede Bruſt in Malaga hob ſich voll Hoffnung und Furcht, Greiſe, Weiber und Kinder und alle, welche nicht mit in die Schlacht zogen, ſtiegen auf die Thürme, die Schanzen, — 1⁰1— die Dächer, einem Gefecht mit zuzuſehn, das ihr Schick⸗ ſal entſcheiden ſollte. Ehe ſie den Ausfall machten, wandte ſich der Derwiſch an die Truppen; er erinnerte ſie an die Heiligkeit dieſer Unternehmung, und warnte, des Schutzes des geweih⸗ ten Banners durch keine unwürdige That verluſtig zu werden. Sie ſollten ſchnell vorwärts dringen, tapfer fech⸗ ten und keine Gnade geben. Hierauf ward das Thor aufgethan und der Derwiſch ſtürzte heraus, ihm folgte das Heer. Sie richteten ihren Angriff auf die Lagerungen des Ordensmeiſters von St. Jago und des Ordensmeiſters von Calatrava, und kamen ſo plötzlich über ſie, daß ſie mehrere von der Wache tö⸗ deten und verwundeten. Abraham Zenete nahm ſeinen Weg in eines der Zelte, wo er mehrere chriſtliche Jünglinge gewahrte, die eben aus ihrem Schlummer aufſchraken. Das Herz des Mau⸗ ren erfüllte ſich plötzlich mit Mitleid über ihre Jugend, oder vielleicht verachtete er die Schwäche des Feindes. Er ſchlug ſie mit dem flachen Schwerte, ſtatt die Schärfe zu gebrauchen. Fort, ihr Geſchmeiß,» rief er,«fort zu euren Müttern.“ Der fanatiſche Derwiſch machte ihm Vorſtellungen über ſein Mitleid, aber Zenete entgegnete: aich tödete ſie nicht, weil ich keine Bärte ſah.» Jetzt ward Lärm im Lager und die Chriſten ſtürzten von allen Seiten herbei, die Thore ihrer Verſchanzung zu vertheidigen. Don Pedro Puertocarrero, Senior von Moguer, und ſein Bruder, Don Alonzo Pacheco, ſtell⸗ — 102— ten ſich mit ihrem Geſolg in den Thorweg der Lagerung des Ordensmeiſters von St. Jago auf, und trugen die ganze Gluth des Kampfs, bis ſie verſtärkt wurden. Das Thor der Lagerung des Ordensmeiſters von Ca⸗ latrava ward auf ähnliche Weiſe von Lorenzo Saurez de Mendoza vertheidigt. Hamet El Zegri war wüthend, als er ſich ſo aufgehalten ſah, wo er einen wunderbaren Sieg erwartet hatte. Er führte ſeine Truppen zu wiederholten Malen zum Angriff, in der Hoffnung, die Thore zu er⸗ ſtürmen, ehe Hülfe ankäme. Sie fochten mit wilder Tapferkeit, wurden aber immer zurückgetrieben, und ſo oft ſie zum Angriff zurückkehrten, fanden ſie die Zahl ih⸗ rer Feinde verdoppelt. Die Chriſten eröffneten ein kreuzweiſes Schießen mit allen Arten von Geſchoſſen aus ihren Schanzen; die Mauren konnten einem ſo hinter ſeinen Werken geſchütz⸗ ten Feind nur wenig Schaden thun, während ſie ſelbſt von Kopf bis zu Fuß blosgeſtellt waren. Die Chriſten laſen ſich die angeſehenſten Ritter aus und erſchlugen oder verwundeten den größten Theil von ihnen. Noch fochten die Mauren, durch die Weiſſagungen des Zauberers bethört, verzweifelt und mit großer Aufopfe⸗ rung; ſie waren wüthend, Rache zu nehmen für das Hin⸗ ſchlachten ihrer Führer. Sie ſtürzten ſich in gewiſſen Tod, und ſuchten wahnſinnig die Schanzen zu erſteigen oder die Thore zu erſtürmen; da fielen ſie denn unter Schauern von Pfeilen und Lanzen, und erfüllten die Gräben mit ihren zerfleiſchten Leichen. — 103— Hamet El Zegri wüthete vor den Schanzen hin, eine Oeffnung zum Angriff ſuchend. Er knirſchte vor Wuth mit den Zähnen, als er ſo viele ſeiner erleſenſten Ritter um ſich erſchlagen ſah. Es ſchien ſein Leben durch Zau⸗ ber geſichert, denn obgleich er ſich beſtändig in dem hei⸗ ßeſten Gefecht, in Schauern von Geſchoſſen herumgetrie⸗ ben hatte, war er bis jetzt unverletzt geblieben. Blind der Verheißung des Siegs vertrauend, fuhr er fort, ſeine ergebenen Truppen in den Kampf zu drängen. Auch der Derwiſch rann gleich einem Raſenden durch die Reihen, ſein weißes Banner ſchwenkend und die Mau⸗ ren mehr durch Geheul als Zuruf antreibend. Mitten in ſeiner Wuth traf ihn ein Stein aus einer Wurfmaſchine an das Haupt und verſchüttete ſein wirres, zerrüttetes Gehirn. Als die Mauren ihren Propheten erſchlagen ſahen, als ſein Banner in Staub vor ihnen lag, da überfiel ſie Ver⸗ zweiflung; ſie flohen in Verwirrung auf die Stadt zu. Hamet El Zegri machte einige Verſuche ſie zu ſammeln, aber auch er war beſtürzt über des Derwiſches Fall. Er deckte die Flucht ſeiner gebrochenen Streitmacht, wandte ſich wiederholt gegen ſeine Verfolger und zog ſich langſam in die Stadt zurück. Malaga's Einwohner hatten mit zitternder Angſt von ihren Wällen das Ganze dieſes unſeligen Kampfs mit an⸗ geſehen. Bei'm erſten Einbruch, als ſie die Wachen des Lagers in die Flucht geſchlagen ſahen, hatten ſie ausge⸗ rufen: Allah hat uns den Sieg gegeben!“ und waren — 104— in Triumphgeſchrei ausgebrochen. Doch wandelte ſich ihre Freude bald in Zweifel, als ſte in wiederholten An⸗ griffen ihre Truppen zurückgetrieben gewahrten. Sie konn⸗ ten von Zeit zu Zeit bemerken, wie ein ausgezeichneter Krieger zu Boden geſchlagen ward und andre blutend in die Stadt zurückgebracht wurden. Als zuletzt das heilige Banuer fiel, und die geſchla⸗ genen Truppen fliehend auf die Thore zukamen, verfolgt und gedrängt vom Feind, da ergriff Entſetzen und Ver⸗ zweiflung den Volkshaufen. Hamet El Zegri wurde bei ſeinem Einzug mit lauten Klagen begrüßt. Mütter, deren Söhne erſchlagen wor⸗ den, ſandten ihm Verwünſchungen nach, als er vorüber⸗ ging. Einige warfen in der Angſt ihrer Herzen ihre hun⸗ gernden Kinder vor ihn hin, und riefen:«Zertritt ſie mit den Hufen deines Roſſes, denn wir haben keine Speiſe ihnen zu geben, und können ihr Geſchrei nicht ertragen!“ Alle häuften Flüche auf ſein Haupt, weil er die Urſache geweſen von den Leiden Malaga's. Auch der kriegeriſche Theil der Bürger, und viele Soldaten, welche mit ihren Weibern und Kindern von den Bergfeſten eine Zuflucht in Malaga gefunden, verei⸗ nigten ſich jetzt mit dem ſchreienden Volke, denn ihr Herz war gebrochen von den Leiden ihrer Familien. Hamet El Zegri fand es unmöglich, dieſem Andrang von Klagen, Verwünſchungen und Vorwürfen zu wider⸗ ſtehen. Sein kriegeriſches Uebergewicht war zu Ende, die — — — 105— meiſten ſeiner Offiziere und die erſten Krieger ſeiner Afri⸗ kaniſchen Bande waren gefallen in dieſem unſeligen Kampfe. So wandte er der Stadt den Rücken, überließ ſie ih⸗ ren eignen Hülfsmitteln und zog ſich mit den Reſten ſei⸗ ner Gomeren in ſein Bollwerk, den Gibralfaro zurück. — Achtzehntes Kapitel. Wie ſich die Stadt Malaga übergab. Das Volk von Malaga, das jetzt nicht länger von Hamet El Zegri in Furcht gehalten wurde, wandte ſich an Ali Dordux, den hochherzigen Kaufmann, und legte das Schickſal der Stadt in ſeine Hände. Er hatte ſchon die Alcayden von der Burg Genoeſe und der Citadelle für ſeine Parthei gewonnen, und während der letzten Ver⸗ wirrung die Herrſchaft über dieſe wichtigen Feſtungen er⸗ langt.. Er verband ſich jetzt mit dem Faki, Abrahen Alhariz und vieren der vornehmſten Einwohner; ſie bildeten eine proviſoriſche Junta, und ſandten Herolde an die chriſt⸗ lichen Könige, durch welche ſie ihnen die Uebergabe der Stadt auf gewiſſe Bedingungen anbieten ließen, wenn nämlich Perſon und Eigenthum der Einwohner geſchützt und ihnen vergönnt würde, als Mudcharen oder zinsbare Lehnsträger in Malaga oder ſonſt wo zu wohnen. — 106— Als dieſe Herolde am Lager ankamen, und ihre Sen⸗ dung kund thaten, ereiferte ſich Ferdinand ſehr. Kehrt zu euren Mitbürgern zurück,» ſagte er,«und benachrich⸗ tigt ſte, daß der Tag der Gnade vorüber iſt. Sie haben in fruchtloſem Widerſtande beharrt, bis ſie durch die Noth zu unterhandlen gezwungen wurden; ſie müſſen ſich unbe⸗ dingt übergeben und das Loos der Beſiegten erwarten. Die, welche den Tod verdienen, ſollen den Tod erleiden, die, welche Gefangenſchaft verwirkt haben, Gefangne werden.» Dieſe ſtrenge Entgegnung verbreitete Beſtürzung über das Volk von Malaga, aber Ali Dordur tröſtete ſie, und nahm es auf ſich, ſelbſt zu gehn und günſtige Be⸗ dingungen zu erbitten. Als das Volk dieſen großen Kaufmann, der ſo ange⸗ ſehen in der Stadt war, mit ſeinen Gefährten zu dieſer Sendung abreiſen ſah, faßten ſie wieder Muth; denn ſie ſagten: aſicher wird der chriſtliche König einem Manne, wie Ali Dordur, ſein Ohr nicht verſchließen.» Aber Ferdinand wollte die Geſandten ſelbſt nicht vor ſich laſſen.«Laßt ſie zum Teufel gehen,» ſagte er in großer Aufregung zum Befehlshaber von Leon.„Ich will ſie nicht ſehen, ſie mögen ſich zurück nach ihrer Stadt begeben. Sie ſollen ſich alle als beſtegte Feinde meiner Gnade überlieſern.» Dieſer Autwort Nachdruck zu geben, befahl er ein allgemeines Abbrennen aller Geſchützreihen, und im gan⸗ zen Lager verbreitete ſich ein großes Getös, alle Don⸗ 1 —. —. — — 107— nerbüchſen, Wurfmaſchinen und andre Kriegswerkzeuge entluden ſich toſend über die Stadt und thaten großen Schaden. Ali Dordur und ſeine Gefährten kehrten niederge⸗ ſchlagnen Blicks zurück, und konnten kaum die Entgeg⸗ nung der chriſtlichen Könige vor dem Brüllen des Ge⸗ ſchützes, dem Einſtürzen der Mauern und dem Geſchrei der Weiber und Kinder vernehmbar vorbringen. Die Bürger waren ſehr erſtaunt und erſchreckt, als ſie ſahen, wie wenig Achtung ihrem ausgezeichnetſten Für⸗ ſprecher widerfahren; aber die in der Stadt befindlichen Krieger ſchrieen: Was hat dieſer Handelsmann mit Dingen zu ſchaſſen, die zwiſchen Lenten des Kampfs vor⸗ fallen? Laßt uns nicht den Feind angehn als niedrige Flehende, die keine Kraft zu ſchaden mehr haben, ſondern als tapfre Männer, die die Waffen noch in den Händen führen.» So ſchickten ſie eine andre Geſandtſchaft an die chriſt⸗ lichen Könige ab, und erboten ſich, die Stadt und alle ihre Habe unter der Bedingung zu überliefern, daß man ihnen perſönliche Freiheit zuſichere. Würde dieſe verwei⸗ gert, dann erklärten ſie, ſollten fünfzehnhundert Chriſten⸗ gefangene, Männer und Weiber, auf den Schanzen auf⸗ gehängt werden, ſie würden ihre Greiſe, Weiber und Kinder in die Citadelle bringen, Feuer an die Stadt le⸗ gen, und mit dem Schwert in der Hand einen Ausfall machen, um bis zum letzten Athemzug zu fechten. «Auf dieſe Art,» ſagten ſie,«werden die Spaniſchen — 108— Könige einen blutigen Sieg gewinnen, und Malaga's Fall berühmt ſeyn, ſo lange die Welt ſteht!⸗ Nun traten im chriſtlichen Lager mancherlei Bera⸗ thungen ein. Viele Ritter waren gegen Malaga, ſeines langen Widerſtandes wegen, aufgebracht, da dieſer viele ihrer Freunde und Verwandten hingerafft. Es war lange ein Schlupfwinkel für Mauriſche Räuber und der Markt geweſen, wo die meiſten der in der Ararquia gefangnen Krieger im Triumph aufgeſtellt und als Sklaven ver⸗ kauft worden. Sie ſtellten auſſerdem vor, es ſeyen noch viele Mau⸗ riſche Städte zu belagern, und man müſſe an Malaga ein Beiſpiel geben, um in's Künftige allem hartnäckigen Widerſtand zuvorzukommen. Sie riethen daher, man ſolle alle Einwohner durch's Schwert hinwürgen. Iſabellen's menſchliches Herz empörte ſich über ſo blut⸗ gierige Rathſchläge. Sie beſtand darauf, ihre Triumphe ſollten nicht durch Grauſamkeiten geſchändet werden. Fer⸗ dinand aber war unbeugſam in ſeinem Verweigern aller vorgängigen Bedingungen, und beſtand auf unmittelbarer Uebergabe. Das Volk von Malaga überließ ſich jetzt der äuſſer⸗ ſten Verzweiflung. Auf der einen Seite ſahen ſie Hun⸗ gersnoth und Tod, auf der andern Sklaverei und Ketten. Die Krieger, die nur ihr Schwert hatten, und keine Fa⸗ milien zu vertheidigen brauchten, ſprachen laut davon, wie ſie ihren Fall durch eine große That bezeichnen wollten. «Laßt uns unſre Chriſtenſklaven opfern und dann uns —— — 109— ſelbſt vernichten!» riefen die einen. Laßt uns alle Wei⸗ ber und Kinder töden, die Stadt in Flammen ſetzen, über das chriſtliche Lager herfallen und mit dem Schwert in der Hand ſterben!“» ſchrie'n die andern. Ali Dordur brachte es allmählig dahin, ſich bei dem allgemeinen GeſchreiGehör zu verſchaffen. Er wandte ſich an die vornehmſten Einwohner und an die, welche Kinder hatten. „Mögen die, welche durch's Schwert leben,» rief er, «durch's Schwert umkommen; aber laßt uns nicht ihren verzweifelten Rathſchlägen folgen. Wer weiß, ob nicht ein Funken des Mitleids in der Bruſt der chriſtlichen Kö⸗ nige erglühen wird, wenn ſie unſre unſchuldigen Weiber und Töchter und unſre hülfloſen Kleinen gewahren. Die chriſtliche Königin, ſagt man, iſt voll Mild' und Güte.⸗ Bei dieſen Worten zerſchmolzen die Herzen des un⸗ glücklichen Volks von Malaga vor Trauer über ihre Fa⸗ milien, und ſie bevollmächtigten Ali Dordux, die Stadt der Gnade der chriſtlichen Könige zu überliefern. Der Kaufmann ging nun hin und her, und hatte meh⸗ rere Unterredungen mit Ferdinand und Jſabellen; auch 7 gewann er viele der vornehmſten Ritter für ſeine Sache. Er ſandte dem König und der Königin reiche Geſchenke an Morgenländiſchen Waaren, Seiden und Goldſtoffe, Juwelen, Edelſteine, Specereien und Rauchwerk, und viele andre ſeltne, koſtbare Dinge, die er in ſeinem Han⸗ del mit dem Oſten aufgeſpeichert hatte; und er fand all⸗ mählig Gnade in den Augen der Könige. — 110— Da er ſah, er würde nichts für die Stadt erlangen können, begann er jetzt als ein kluger Mann und geſchick⸗ ter Handelsherr für ſich ſelbſt und ſeine Freunde zu un⸗ terhandeln. Er ſtellte vor, wie gleich vom Anfang an ſie eifrigſt bemüht geweſen, die Stadt zu überliefern, wie ſie aber von kriegeriſchen und gewaltthätigen Menſchen, die ihr Leben bedroht, daran verhindert worden. Er flehte da⸗ her, man möge ihnen gnädig ſeyn und ſie nicht mit den Schuldigen vermengen. Die Könige hatten Ali Dordur Geſchenke angenom⸗ men, wie konnten ſie ſeinen Bitten ihr Ohr verſchließen? So verhießen ſie denn ihm und vierzig Familien, die er nannte, Gnade, und man kam überein, ihr Leben und Eigenthum zu ſchützen, und ihnen zu vergönnen, als Mudcharen oder moſlemitiſche Vaſallen in Malaga zu wohnen und ihre gewöhnlichen Beſchäftigungen fort zu treiben. Nachdem alles dieß in Ordnung gebracht worden, lie⸗ ferte Ali Dordux zwanzig der Haupteinwohner aus, um als Geiſeln zurückzubleiben, bis die ganze Stadt den Chriſten übergeben worden. Don Gutiere de Cardenas, älteſter Befehlshaber von Leon, rückte jetzt vollſtändig bewaffnet und zu Pferde in die Stadt ein und nahm davon im Namen der Caſtili⸗ ſchen Könige Beſitz. Ihm folgten ſeine Lehnsträger und die Hauptleute und Ritter des Heers; und in kurzer Zeit murden das Banner des Kreuzes und das des gebenedeie⸗ — 111— ten St. Jago, ſowie die Fahnen der katholiſchen Koͤnige auf dem Hauptthurm der Alcazaba aufgeſteckt. Als man dieſe Standarten vom Lager aus ſah, knie⸗ ten die Königin, die Prinzeſſin und die Damen des Hofs, ſowie das ganze königliche Gefolge nieder, und dankte und prieß die heilige Jungfrau und St. Jago für den großen Triumph des Glaubens, und die Biſchöfe und die übrige Geiſtlichkeit, die zugegen war, und die Chorſänger der königlichen Kapelle ſtimmten Te Deum laudamus nnd Gloria in excelsis an. Neunzehntes Kapitel. Erfültung der Verheißung des Derwiſches. Schickſal Hamet's El Zegri. Nicht ſobald war die Stadt übergeben, als die un⸗ glücklichen Einwohner die Erlaubniß erflehten, von den Getreidehaufen, die ſie ſo oft verlangend von ihren Wäl⸗ len herab angeſchaut hatten, Brod fär ſich und ihre Kin⸗ der kaufen zu dürfen. Ihre Bitte ward gewährt, und ſie ſtürzten hinaus mit der hungernden Eile verſchmachten⸗ der Menſchen. Es war traurig, die Kämpfe dieſes unglücklichen Volks mit anzuſehen, als ſie ſtritten, wer zuerſt ſeinen drän⸗ genden Bedürſfniſſen abhelfen ſollte. tadelle erſetzen ſah. — 112— «So,» ſagt der fromme Bruder Antonio Agapida, « ſo wird die Erfüllung der Verheißungen falſcher Prophe⸗ ten manchmal zugelaſſen, aber immer zur Verwirrung derer, welche ihnen vertrauen; denn die Worte des Mau⸗ riſchen Nekromanten, daß ſie von dieſen Haufen Brod eſſen ſollten, trafen ein, aber ſie aßen davon in Ernie⸗ drigung und als Beſiegte, mit Kummer und Herzensbit⸗ terkeit.» Finſter und wild waren die Gefühle Hamet's El Ze⸗ gri, als er von ſeinem Schloß Gibralfaro herabſchaute und die chriſtlichen Schlachtreihen in die Stadt fluthen und das Banner des Kreuzes den Halbmond auf der Ci⸗ «Das Volk von Malaga,» ſagte er,«hat ſich einem Krämer anvertraut, und der hat ſie verhandelt; aber wir, wir wollen uns nicht Hände und Füße binden laſ⸗ ſen, und uns als Zugabe des Kaufs ausliefern ſehen. Wir haben noch feſte Wälle um uns und treue Waffen in den Händen. Laßt uns fechten, bis der letzte einſtür⸗ zende Thurm von Gibralfaro uns unter ſeinen Trümmern begräbt, oder hinunterſtürzen aus dieſen Schutthaufen, und Verwirrung und Tod unter dieſe Ungläubigen tra⸗ gen, während ſie ſich in Malaga's Straßen drängen!“ Doch die Kraft, die Wildheit der Gomeren war ge⸗ brochen. Sie hätten in der Breſche ſterben mögen, wäre ihre Burg angegriffen worden, aber die leiſen Fortſchritte der Hungersnoth beſiegten ihre Stärke ohne ihre Leiden⸗ — 113— ſchaft aufzuregen, und untergruben die Kräfte von Seele und Leib. Sie waren faſt einſtimmig für die Uebergabe. Hart widerſtrebte es dem kühnen, ſtolzen Geiſt Ha⸗ met's, ſich ſo zu erniedrigen und Unterhandlungen zur Uebergabe anzuknüpfen. Noch vertraute er, die kräftige Vertheidigung möchte ihm Achtung gewonnen haben in den Augen eines hochherzigen Feindes. «Ali,» ſagte er,«hat wie ein Krämer unterhandelt, ich will mich ergeben als ein Soldat.“ Er ſandte daher einen Herold an Ferdinand, und erbot ſich, das Schloß zu überliefern, verlangte aber einen beſondern Vertrag. Die Caſtiliſchen Könige gaben die lakoniſche, ſtrenge Antwort:«Er ſoll keine andre Zugeſtändniſſe erhalten, als dem Volk von Malaga bewilligt worden ſind.» Zwei Tage blieb noch Hamet El Zegri brütend in ſeinem Schloß, nachdem die Stadt ſchon im Beſitz der Chriſten war. Endlich nöthigte ihn das Geſchrei ſeines Gefolges zur Uebergabe. Als die gebrochenen Ueberreſte dieſer ſtolzen Afrika⸗ niſchen Beſatzung aus ihrer Felſenfeſte herabſtiegen, wa⸗ ren ſie abgezehrt durch Wachſamkeit, Hungersnoth und Kämpfe, hatten aber noch eine wilde Wuth in ihren Au⸗ gen, die ihnen mehr das Anſehn von hölliſchen Geiſtern als von Menſchen gab. Sie wurden alle zur Sklaverei verurtheilt, Abrahen Zenete ausgenommen. Der Zug von Barmherzigkeit, den er gegeben, als er die Spaniſchen unbärtigen Jünglinge bei dem letzten Ausfall von Malaga nicht tödten wollte, gewann ihm Irving's Granada. 4— 6. 8 — 114— günſtige Bedingungen. Er ward als ein hochherziger Zug von den Spaniſchen Rittern geprießen, und alle gaben zu, daß, obgleich ein Maure der Geburt nach, er doch das chriſtliche Herz eines Caſtiliſchen Hidalgo beſitze. Als man Hamet El Zegri fragte, was ihn zu ſolchem hartnäckigen Widerſtand bewogen, entgegnete er: Wie ich den Oberbefehl übernahm, machte ich mich verbind⸗ lich zur Vertheidigung meines Glaubens, meiner Stadt, meines Königs zu fechten, bis ich erſchlagen oder gefan⸗ gen genommen worden; und glaubet mir, hätte ich Leute gehabt, die mir beigeſtanden, ich wäre fechtend geſtorben, ſtatt mich ſo geduldig, ohne eine Waffe in der Hand, zu übergeben.» «Dieß„ ſagt der fromme Bruder Antonio Agapida, «war der teufliſche Haß, die hartnäckige Widerſtrebung dieſes Ungläubigen gegen unſre heilige Sache. Aber ihm widerfuhr Gerechtigkeit von unſrem allerkatholiſchſten und hochherzigen Könige für ſeine halsſtarrige Vertheidigung der Stadt, denn Ferdinand ließ ihn mit Ketten beladen und in einen Kerker werfen. 3 4—— g — A** 4. Bennmr ee e 1 8 2* * * „ 4 1 3 8 —— ————— Leihbibliothek deutſcher,engliſcher und franzöſiſcher Literatur G von„. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſe pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. d 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und d beträgt:— der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ fr wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büicher: 4——————— 3à. auf 1 Monat: P Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „ 3„„=„ 3„—.,„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 4 4 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 3 der Leſer fum Erſatz des Ganzen verp flichtet.—. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ö„poeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ N K ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— Waſhington Irving's ſaͤmmtliche Werke. 1 Die Eroberung Granada's. * Sruᷣe RAen 8 Frankfurt am Main, 1829. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerlaͤnder. ¹ 4 1 4 4—. ——-—— 4 4 Zwanzighes Kapitel. Wie die Caſtiliſchen Fürſten Beſitz von Malaga nahmen, und der König Ferdinand ſich durch ſein geſchicktes Handeln mit den Einwohnern bei Beſtimmung ihres Löſegelds auszeichnete⸗ Eine der erſten Sorgen der Eroberer nach ihrem Ein⸗ zug in Malaga war, nach Chriſtengefangenen zu ſuchen. Beinahe ſechszehnhundert, Männer und Weiber, fanden ſich, und unter ihnen waren Leute von Anſehn. Einige von ihnen waren zehn, fünfzehn und zwanzig Jahre in der Gefangenſchaft geweſen. Viele hatten den Manren als Sklaven gedient, andre an öffentlichen Bauten gear⸗ beitet, und manche ihre Zeit in Ketten und Kerkern zu⸗ gebracht. Man machte Vorkehrungen, ihre Befreiung als einen chriſtlichen Triumph zu feiern. Ein Zelt ward nicht weit von der Stadt errichtet, und mit einem Altar und allem feierlichen Schmuck einer Kapelle verſehen. Hier warte⸗ ten der König und die Königin, die chriſtlichen Gefang⸗ nen vorzulaſſen. Sie ſammelten ſich in der Stadt und ſchritten in rührendem Zuge aus. Viele von ihnen hatten noch die Ketten und Schellen an ihren Gliedern. Sie waren abgezehrt von Hunger, ihr Haar und Bart gewachſen und wirre, ihr Antlitz — 116— Als ſie ſich der Freiheit wiedergegeben und von ihren Landsleuten umringt ſahen, ſtarrten einige wild um ſich, wie in einem Traum, andre überließen ſich raſenden Freudenanfällen, aber die meiſten von ihnen weinten vor Luſt. Alle gegenwärtige wurden durch ein ſo trauriges Schauſpiel zu Thränen gerührt. Als der Zug bei dem ſogenannten Thor von Granada anlangte, kam ihm ein großer Haufe aus dem Lager mit Kreuzen und Fahnen entgegen, der ſich alsdann um⸗ wandte, und den Gefangenen folgte, Hymnen des Prei⸗ ſes und Dankes ſingend. Bei ihrem Erſcheinen vor dem König und der Königin warfen ſie ſich auf die Knie, und würden die Füße der Herrſcher, als ihrer Retter und Be⸗ freier, geküßt haben, aber die Könige verhinderten eine ſolche Demüthigung und reichten ihnen gnädigſt ihre Hände. Alsdann fielen ſie vor dem Altar hin, und alle Gegenwärtige vereinigten ſich mit ihnen in ihrem Dank⸗ gebet gegen Gott, der ſie aus dieſer traurigen Einker⸗ kerung erlößt hatte. Auf Befehl des Königs und der Königin wurden ih⸗ nen die Ketten abgenommen, geziemende Kleidung ihnen gegeben, und Speiſe vorgeſetzt. Nachdem ſie gegeſſen und getrunken, und ſich erfriſcht und geſtärkt hatten, verſah man ſie mit Geld und allem zur Reiſe nöthigen, und ſandte ſie getröſtet und voll Freude nach Hanſe. Wenn die alten Chronikſchreiber mit gebührendem Frohlocken bei dieſem reinen, rührenden Triumph der Menſchheit verweilen, gehen ſie mit gleich preiſendem Lobe — 117— auch an die Beſchreibung eines Schauſpiels ganz ver⸗ ſchiedner Art. Es traf ſich, daß man in der Stadt zwölf von jenen abtrünnigen Chriſten fand, welche zu den Mau⸗ ren übergegangen waren und falſche Nachrichten während der Belagerung ausgeſprengt hatten. Eine rohe, unmenſchliche Art der Strafe, die, wie man ſagt, von den Mauren erborgt worden, und dieſen Kriegen eigenthümlich war, ward über ſie verhängt. Sie wurden auf einem öffentlichen Platzs an Pfähle gebun⸗ den und Reiter übten ihre Geſchicklichkeit, indem ſie ſie mit geſpitzten Lanzen durchbohrten, die auf ſie im ſchnell⸗ ſten Umritt geſchleudert wurden, bis die unglücklichen Opfer ihren Wunden unterlagen und ſtarben. Auch wurden mehrere abtrünnige Mauren, welche nach Annahme des Chriſtenthums wieder in ihren früheren Glauben zurückverfallen waren, und in Malaga eine Frei⸗ ſtätte vor der Rache der Inquiſttion geſucht hatten, öf⸗ fentlich verbrannt.«Dieſes,» ſagt frohlockend ein alter jeſuiliſcher Geſchichtſchreiber, ⸗dieſes waren Lanzenbrechen und Stadterleuchtungen, die am beſten jenes Siegesfeſt verherrlichten, und am geziemendſten waren der Frömmig⸗ keit unſrer Könige.)(Abarca Anales de Aragon. II. 30. 3.) Nachdem die Stadt von den Unreinigkeiten und läſti⸗ gen Gerüchen geſäubert worden, womit die Belagerung ſte erfüllt hatte, zogen die Biſchöfe und die übrige Geiſt⸗ lichkeit, welche den Hof begleitete, und der Chor der königlichen Kapelle in feierlichem Gepränge in die Haupt⸗ — 4118— moſchee, welche geweiht ward, und den Namen Santa Maria de la Incarnacion erhielt. Nachdem dieß geſchehen, betraten der König und die Königin, in Begleitung des Großcardinals von Spanien und der vornehmſten Edlen und Ritter des Heers, die Stadt und hörten eine feierliche Meſſe. Die Kirche wurde dann zu einer Kathedrale erhoben, und Malaga zu einem Biſchofthum gemacht, das viele der benachbar⸗ ten Städte in ſeinen Sprengel begriff. Die Königin nahm ihre Wohnung in der Alcazaba, in den Gemächern des wackern Schatzmeiſters Ruy Lopez, von wo ſie eine Ausſicht auf die ganze Stadt hatte; der König aber ſchlug ſeinen Sitz in der Kriegerburg Gibralfaro auf. Nun aber mußte man die künftige Lage der Mauri⸗ ſchen Gefangenen in Betracht ziehn. Alle die, welche fremd in der Stadt waren, und darin entweder eine Zu⸗ flucht geſucht, oder ſie betreten hatten, um ſie zu verthei⸗ digen, alle dieſe wurden ſammt und ſonders als Sklaven angeſehen. Sie wurden in drei Haufen getheilt. Der eine ward zum Dienſte Gottes ausgeſondert, man wollte durch ſie Gefangene theils im Königreich Gra⸗ nada, theils in Afrika aus dem Kerker befreien; der an⸗ dre Haufe wurde unter die, welche im Feld oder im Rath bei der Belagerung mitgewirkt, nach ihrem Range ver⸗ theilt, der dritte Theil ward dazu angewandt, um durch ihren Verkauf die großen, zur Eroberung des Platzes gemachten Ausgaben zu beſtreiten. Hundert Gomeren wurden dem Pabſt Innocenz VIII. — 119— zum Geſchenk geſandt, im Triumph durch Rom's Stra⸗ ßen geführt, und ſpäterhin zum Chriſtenthum bekehrt. Fünfzig Mauriſche Mädchen erhielt die Königin Johanne von Neapel, die Schweſter Königs Ferdinand, und drei⸗ ßig die Königin von Portugal. Andre machte Jſabelle den Damen ihres Hauſes und den edeln Familien von Spanien zum Geſchenk. Unter den Bewohnern Malaga's waren vierhundert und fünfzig Mauriſche Juden, größtentheils Weiber, die Arabiſch ſprachen und auf Mauriſche Weiſe gekleidet wa⸗ ren. Alle dieſe kaufte ein reicher Caſtiliſcher Jude los, welcher Generalpächter der von den Spaniſchen Juden beigetriebenen königlichen Einkünften war. Er verſprach, binnen einer gewiſſen Zeit die Summe von zwanzigtau⸗ ſend Dobla, oder Geldpiſtolen zu bezahlen, wobei man alles Geld und alle Juwelen der Gefangenen an Zahlungs Statt annahm. Sie wurden auf zwei bewaffneten Ga⸗ leeren nach Caſtilien geſchickt. Die große Maſſe der Mauriſchen Einwohner bat, man möge ſie nicht zerſtreuen und als Sklaven verkaufen, ſon⸗ dern ihnen vergönnen, ſich durch eine binnen einer ge⸗ wiſſen Zeit bezahlte Summe loszukaufen. Darüber hörte Ferdinand den Rath einiger ſeiner ge⸗ ſchickteſten Beamten an. Sie ſagten ihm, wenn Ihr ih⸗ nen nur die Ausſicht auf hoffnungsloſe Gefangenſchaft laßt, werden die Ungläubigen all ihr Gold und ihre Ju⸗ welen in Brunnen und Gräben werfen, und Ihr verliert ſo den größern Theil der Beute; aber wenn Ihr eine be⸗ — 120— ſtimmte Loskaufungsſumme feſtſetzet, und ihr Geld und ihre Juwelen an Zahlungs Statt annehmet, dann wird nichts verloren gehen. Dem König geſiel dieſer Rath ſehr, und es ward be⸗ ſtimmt, alle Einwohner ſollten ſich mit der allgemeinen Löſungsſumme von dreißig Dobla oder Goldpiſtolen je⸗ der, Männer und Weiber, klein und groß, loskaufen, und all ihr Gold, alle ihre Juwelen und andre Koſtbarkeiten ſollten ſogleich, als einſtweilige, theilweiſe Zahlung der Hauptſumme, angenommen werden; der übrige Theil aber ſey binnen acht Monaten zu bezahlen; ferner, wenn je⸗ mand von den gegenwärtig noch Lebenden in der Zwi⸗ ſchenzeit ſtürbe, werde ſein Löſegeld nichts deſtoweniger verlangt werden; wenn aber das Ganze des Belaufs nicht nach Verfluß von den acht Monaten abgetragen wäre, dann ſollten ſie alle als Sklaven angeſehen und be⸗ handelt werden. Die unglücklichen Mauren haſchten eifrig nach dem letzten Hoffnungsſtrahl künftiger Freiheit, und fügten ſich dieſen harten Bedingungen. Die ſtrengſten Vorſichts⸗ maßregeln wurden getroffen, ihre Erfüllung bis auf's Aeußerſte zu erzwingen. Die Einwohner wurden nach Häuſer und Familien gezählt, und ihre Namen aufge⸗ nommen. Ihre koſtbarſten Beſitzthümer wurden in Bün⸗ del zuſammengebracht, verſiegelt und mit dem Namen der Eigenthümer bezeichnet. Mit dieſen Päcken hieß man ſie ſich in beſtimmte Corrales oder Verſchläge ſammeln, die — 121— an die Alcazaba ſtießen, und von hohen Mauern umge⸗ ben, von Wachtthürmen überſchaut wurden. Hier waren gewöhnlich die Haufen von Chriſtengefange⸗ nen zuſammengetrieben, und wie das Vieh auf einem Markte, bis zur Zeit des Verkaufs eingeſperrt worden. Jetzt ſahen ſich die Mauren genöthigt, einer nach dem andern, ihre Heimath zu verlaſſen, all ihr Geld, ihre Halsbänder, ihre Armſpangen, ihre Reife von Gold, Perlen, Korallen und Edelſteinen wurden ihnen an der Thürſchwelle abgenommen, und ſie ſelbſt ſo ſtreng durch⸗ ſucht, daß ſie nichts unbemerkt fortbringen konnten. Da ſah man Greiſe und hülfloſe Weiber und zarte Jungfrauen, einige von hoher Geburt und vornehmem Stande durch die Straßen ſchwer beladen ihren Weg nach der Alcazaba nehmen. Als ſie ihre Heimath verlie⸗ ßen, zerſchlugen ſle ſich die Bruſt, rangen die Hände, und erhoben ihre weinenden Augen voll Schmerz zum Himmel und ſo ertönte ihre Klage: O Malaga, verherrlichte, reizende Stadt. Wo iſt nun die Stärke deiner Schlöſſer, wo die Größe deiner Thürme? Wozu frommten dir deine mächtigen Wälle bei Vertheidigung deiner Kinder? Siehe, ſie ſind getrie⸗ ben aus ihrer geliebten Wohnung, beſtimmt, ein Leben der Abhängigkeit im fremden Lande hinzuleben, und fern von der Heimath ihrer Kindheit zu ſterben!⸗ »Was wird aus deinen Greiſen und Frauen werden, wenn ihre grauen Häupter ferner nicht mehr geehrt ſind, was deine Jungfrauen, ſo ſorglich erzogen, ſo zart — 122— geliebt, wenn ſie genöthigt ſind zu harter, zu fröhnender Kuechtſchaft? Sieh, deine einſt glücklichen Familien ſind zerſtreut, nie ſich mehr zu vereinigen! Söhne von ihren Vätern getrennt, der Mann vom Weibe und zarte Kin⸗ der von ihren Müttern! Sie werden einander beklagen in fremdem Lande, aber ihre Wehklage wird der Spott ſein der Fremden!» 0 Malaga, Stadt unſrer Geburt! Wer kann deine Verlaſſenheit ſchauen, und nicht Thränen vergießen des bitterſten Schmerzes 25 Nachdem man ſich Malaga's vollkommen verſichert hatte, ward eine Truppenabtheilung gegen zwei Feſten an der See, Mexas und Oſuna, abgeſandt, die das chriſtliche Lager häufig beunruhigt hatten. Man drohte den Einwohnern mit dem Schwert, wenn ſie ſich nicht alsbald ergäben. Sie forderten dieſelben Bedingungen, die man Granada zugeſtanden, in der Meinung, es ſey dieſen Freiheit der Perſon und Sicherheit des Eigenthums verheißen worden. Man gewährte ihnen ihr Geſuch. Sie wurden mit all ihren Reichthümern nach Ma⸗ laga gebracht; und waren bei ihrer Ankunft daſelbſt vor Erſtaunen wie vernichtet, als ſie ſich gefangen ſahen. «Ferdinand,» bemerkt Bruder Antonio Agapida,«war ein Mann von Wort; ſie wurden mit dem Volk von Malaga in die Alcazaba eingeſchloſſen, und theilten ihr Loos.» So blieben die unglücklichen Gefangenen in den Vor⸗ höfen der Alcazaba auf einander gehäuft, wie Schafe in — 123— einer Hürde, bis man ſie zu See und Land nach Sevilla bringen konnte. Dort wurden ſie alsdann in Stadt und Land vertheilt, jede chriſtliche Familie erhielt einen oder mehrere in Dienſt, um ſie zu unterhalten und zu näh⸗ ren, bis die Zeit der Bezahlung des noch rückſtändigen Löſegelds vorübergegangen. Die Gefangenen hatten Erlaubniß erhalten, mehrere aus ihrer Mitte in die Mauriſchen Städte des König⸗ reichs Granada herumzuſchicken, um Beiträge zu ſam⸗ meln, und ihnen den Erkauf ihrer Freiheit zu erleichtern; aber dieſe Städte waren durch den Krieg zu ſehr ver⸗ armt, und durch ihre eigne Noth gebeugt, um ihnen ge⸗ neigtes Gehör zu vergönnen. So ging die Zeit vorüber, ohne daß das rückſtändige Löſegeld bezahlt worden, und alle Gefangene aus Malaga, nach einigen eilf, nach an⸗ dern fünfzehn tauſend, wurden Sklaven! «Nie,„ ruft der würdige Bruder Antonio Agapida in einem ſeiner gewöhnlichen Ausbrüche von Eifer und Treue gegen die Könige aus, anie hat man von einer geſchickteren und klügeren Handlungsweiſe gehört, als die war, welche der katholiſche Fürſt befolgte, durch die er nicht nur alles Eigenthum und die Hälfte der Löſungs⸗ ſumme dieſer Ungläubigen an ſich zog, ſondern zuletzt auch noch ſie ſelbſt in den Handel mit darein bekam. Dieß kann man in Wahrheit als einen der größeſten Triumphe des frommen und ſtaatsklugen Ferdinand betrachten, als eine Handlung, die ihn weit über die gewöhnliche Klaſſe der Eroberer erhebt, welche nur die Tapferkeit haben, — 124— Siege zu gewinnen, aber der Klugheit und nöthigen Geſchicklichkeit entbehren, um ſie zu ihrem Vortheil zu wenden.» Ein und zwanzigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand ſich rüſtete, den Krieg in einen andern Theil des Mauriſchen Gebiers zu ſpielen. Der weſtliche Theil des Königreichs Granada war jetzt durch die chriſtlichen Waffen erobert worden. Der Seehafen von Malaga war genommen; die wilden, krie⸗ geriſchen Einwohner der Serrania de Ronda und der andern Bergfeſten der Grenze waren alle entwaffnet und zu friedlicher, arbeitsluſtiger Abhängigkeit gebracht. Ihre mächtigen Burgen, die ſo lange voll Schrecken über Andaluſtens Thäler herübergehangen, wurden jetzt von der Fahne Caſtiliens und Arragoniens umflattert; die Warten, welche jede Höhe bekränzten, und aus denen die Unglänbigen ihre Geierblicke auf das chriſtliche Ge⸗ biet herabgeſchoſſen, waren jetzt entweder abgetragen oder von katholiſchen Truppen beſetzt. «Was dieſen großen Triumph noch mehr auszeichnete und gleichſam heiligte,“ fügt Bruder Antonio hinzu, awaren die Zeichen geiſtlicher Herrſchaft, welche überall ſich zeigten. Nach allen Richtungen hin erhoben ſich — 125— ſtattliche Klöſter und Stifte, jene Feſten des Glaubens, bemannt mit ihren geiſtlichen Heerſchaaren von heiligen Mönchen und Brüdern. Die geweihte Melodie der chriſt⸗ lichen Glocken ward wieder auf den Gebirgen gehört, wie ſie zu frühen Metten riefen, oder das Angelus anſchlugen in der feierlichen Stunde des Abends.» Während auf die Weiſe dieſer Theil des Reichs durch das chriſtliche Schwert unterworfen ward, beherrſchte den Mittelpunkt, Granada und ſeine Umgebung, das Herz des Maurengebiets, Boabdil, El Chico zubenannt, als Lehnsträger des Caſtiliſchen Königs. Der unglückliche Fürſt verlor keine Gelegenheit, durch huldigende Akte, durch Verſicherungen, die ihm nicht von Herzen kommen konnten, die Eroberer ſeines Landes zu ſänftigen und ſich geneigt zu machen. Kaum hatte er von Malaga's Wegnahme gehört, als er ſchon ſeine Glück⸗ wünſche den katholiſchen Königen abſtatten ließ und ſeine Geſandten mit Geſchenken an reich aufgezäumten Pfer⸗ den für den König verſah, der Königin aber koſtbare Zeuge von Gold und morgenländiſches Rauchwerk über⸗ ſchickte. Seine Glückwünſche und Geſchenke wurden mit großer, huldvoller Gnade aufgenommen, und der kurzſichtige Fürſt, eingelullt durch die vorübergehende, ſtaatskluge Mäßi⸗ gung Ferdinands, ſchmeichelte ſich, er erwerbe die danernde Freundſchaft jenes Fürſten. Boabdil's Politik hatte ihre unſichern, oberflächlichen Vortheile. Der Theil des Mauriſchen Gebiets, der un⸗ — 126— mittelbar unter ſeinem Scepter ſtand, hatte eine geringe Erholung von den Leiden des Kriegs. Die Landleute bebauten in Sicherheit ihre üppigen Felder und Grana⸗ da's Vega blühte nochmals gleich der Roſe. Die Kauf⸗ leute trieben wieder einen gewinnvollen Handel, und die Thore der Stadt ſtopften ſich von Laſtthieren, welche die reichen Produkte jeden Clima's herbeibrachten. 4 Doch verachtete das Volk von Granada, während es ſich ſeiner herrlichen Fluren und vollen Märkte erfreute, heimlich die Politik, die ihm dieſe Vortheile verſchafft, und hielt Boabdil'n für wenig beſſer als einen Abtrünni⸗ gen und Ungläubigen. Muley Abdallah El Zagal war jetzt die Hoffnung des noch uneroberten Theils des Reichs, und jeder Maure, deſſen Geiſt nicht ganz von ſeinen Vermögensverhältniſ⸗ ſen beherrſcht wurde, prieß die Kraft des alten Fürſten und ſeine Anhänglichkeit an den Glauben und wünſchte ſeiner Fahne Glück. Obgleich El Zagal ferner nicht im Alhambra auf dem Thron ſaß, ſo herrſchte er doch über beträchtlichere Land⸗ ſtrecken als ſein Neffe. Sein Gebiet dehnte ſich von der Gränze Jaen's aus, längſt der Provinz Murcia bis an's Mittländiſche Meer und reichte bis in den Mittelpunkt des Reichs. Im Nordoſten hatte er die Städte Baza und Gua⸗ dir, die in der Mitte fruchtbarer Gefilde lagen. Er hatte den wichtigen Seehafen Almeria, der einſt an Reich⸗ thum und Bevölkerung ſelbſt mit Granada wetteiferte. — 127— Auſſerdem begriff ſein Gebiet einen großen Theil der Al⸗ puxarra⸗Gebirge, welche ſich durch das Reich dehnen und Zweige nach der Seeküſte zu ausſchicken. Dieſe bergige Landſchaft war ein Bollwerk voll Reich⸗ thum und Macht. Ihre finſtre, felſige Höhe, die ſich bis zu den Wolken erhob, ſchien jedem Einfall Trotz zu bie⸗ ten; doch lagen in der rauhen Umarmung geſchützt, an⸗ muthige Thäler, von dem glücklichſten Himmelsſtrich, von der reicheſten Fruchtbarkeit. Die kühlen Quellen und lau⸗ tern Bäche, welche auf allen Seiten der Gebirge hervor⸗ ſprudelten, und die waſſerreichen Bergſtröme, welche ei⸗ nen großen Theil des Jahrs hindurch von der Sierra Nevada verſehen wurden, verbreiteten ein beſtändiges Grün über die Firſten und Abhänge der Hügel, und wanden ſich, in den Thälern in Silberſtröme geſammelt, unter Plantagen von Maulbeerbäumen und Wäldern von Orangen, Citronen, Mandeln, Feigen und Granat⸗ äpfeln hin. Hier wurde die ſeinſte Seide von Spanien gezogen, die Tauſenden von Arbeitern Beſchäftigung gab. Die ſonngebrannten Seiten der Hügel waren mit Weinbergen bedeckt; das reichliche Gras der Bergſchluchten und die fetten Weiden der Thäler ernährten ungeheure Heerden von Schafen und Vieh, und ſelbſt der trockne, felſige Schoos der Höhen barg ungeheuren Reichthum, Minen von mancherlei Erz, womit ſie geſchwängert waren. Mit einem Wort die Alpuxarra⸗Gebirge waren immer eine reiche Quelle der Einkünfte der Fürſten von Granada geweſen. ——— 2 ———— — 128— Auch ihre Einwohner waren kühn und kriegeriſch; und ein plötzliches Aufgebot des Mauren⸗ Königs konnte zu jeder Zeit fünfzigtauſend Streiter aus ihren Felſenfe⸗ ſten hervorrufen. Dieß war der Zuſtand des fruchtbaren, aber felſigen Bruchſtücks vom Reich, das noch unter dem Scepter des alten Kriegerfürſten El Zagal blieb. Die Bergſchranken, die es verſchloſſen, hatten es vor den Verwüſtungen größ⸗ tentheils geſchützt, und El Zagal bereitete ſich, durch Ver⸗ ſtärkung jeder Feſte, kräftig für ſeine Erhaltung zu ſtreiten. Die katholiſchen Könige ſahen, neue Anſtrengungen und Mühen erwarteten ſie. Der Krieg mußte in einen neuen Landſtrich geſpielt werden, und erforderte unge⸗ wöhnliche Aufopferungen und Ausgaben; man mußte neue Mittel und Wege entdecken, um die erſchöpften Schatz⸗ kammern zu füllen. «Da dieß jedoch ein heiliger Krieg war,» ſagt Bru⸗ der Antonio Agapida,„der ganz beſonders zum Heil der Kirche beitrug, war die Geiſtlichkeit voll Eifer und ſchoß große Summen Geldes zu, und lieferte ſtarke Streitkräfte. Ein heiliger Fonds ſammelte ſich auch aus dem Erſtlings⸗ ertrag des glorreichen Inſtituts der Inquiſition.“ «Es traf ſich, daß gerade damals viele Familien von Reichthum und Anſehen ſich in den Königreichen Arrago⸗ nien und Valencia und in dem Fürſtenthum Catalonien befanden, deren Vorfahren Juden geweſen waren, die ſich aber ſelbſt zum Chriſtenthum bekehrt hatten. Trotz der äußern Frömmigkeit dieſer Familien, nahm man an und — — 129— hatte bald ſehr ſtarken Verdacht, es möchten wiele von ihnen eine geheime Hinneigung zum Indenthum haben, ja man flüſterte ſich ſogar in's Ohr, einige von ihnen übten daheim jüdiſche Gebräuche. „Der katholiſche Monarch,» fährt Agapida fort, ahatte einen heiligen Abſcheu vor jeder Art Ketzerei, und einen glühenden Eifer für den Glauben. Er verordnete daher eine ſtrenge Unterſuchung des Benehmens dieſer Pſeudochriſten. Inquiſitoren wurden zu dem Ende in dieſe Provinzen geſchickt, und ſie gingen mit dem gewohn⸗ ten Feuer an's Werk.⸗ « Die Folge davon war, daß viele Familien der Ab⸗ trünnigkeit vom chriſtlichen Glauben und der geheimen Uebung des Indenthums überwieſen wurden. Einige, die Geſchicklichkeit und Klugheit genug beſaßen, ſich bei Zei⸗ ten zu bekehren, wurden wieder in den chriſtlichen Schaß ſtall aufgenommen, nachdem ſie ſtreng beſtraft und zu har⸗ ten Geldbuſen verurtheilt worden; andre wurden bei Autodafe's zur Erbauung des Volks verbrannt, und ihr Eigenthum zog man zum Beſten des Staats ein.» „Da dieſe Hebräer großen Reichthum beſaßen, und eine angeerbte Leidenſchaft für Juwelen hatten, fand man bei ihnen reiche Vorräthe von Gold und Silber, von Ringen und Halsketten, von Perlen⸗ und Korallenſchnü⸗ ren und von Edelſteinen; Schätze, leicht fortzuſchaffen, und wunderbar geeignet zu den Bedürfniſſen des Kriegs.⸗ «Auf dieſe Weiſe,» ſchließt der fromme Agapida, ewurden dieſe Rückfälligen durch die alles ſehende Ver⸗ Irving's Granada. 4— 6. 9 anſtaltung der Vorſehung genöthigt, der guten Sache zu dienen, die ſie ſo verrätheriſch verlaſſen hatten; und ihr Apoſtatenreichthum ward geheiligt, indem er in dieſem frommen Kreuzzug gegen die Ungläubigen dem Dienſt des Himmels und der Krone geweiht wurde.» Doch muß man bemerken, daß dieſen frommen Finanz⸗ plänen durch die Einſchreitung der Königin Iſabelle eini⸗ ger Einhalt geſchah. Ihr Scharfblick entdeckte bald, daß viele empörende Ungerechtigkeiten unter dem Schein reli⸗ giöſen Eifers verübt worden, daß man viele Unſchuldige mit erdichteten Beweiſen entweder aus Bosheit oder in der Hoffnung, ihre Reichthümer zu erlangen, des Abfalls angeklagt hatte. Sie ließ daher die ſtattgehabten Urtheilsſprüche noch⸗ mals genau unterſuchen; viele wurden für nichtig erklärt und die Betrüger nach Verhältniß ihrer Schuld hart be⸗ ſtraft. Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand in den Oſten des Königreichs Granada eindrang, und wie er von El Zagal empfangen wurde. «Muley Abdallah El Zagal,» ſagt der ehrwürdige Jeſuit Pater Pedro Abarca,«war der giftigſte Muha⸗ medaner im ganzen Maurenland;“» und der edle Bruder — 434— Antonio Agapida pflichtet deſſen Anſicht in aller Demuth bei.«Sicher,» fügt noch der letztere hinzu,«ſicher ſetzte niemand je eine mehr heidniſche und teufliſchere Hartnäckig⸗ keit den heiligen Einfällen des chriſtlichen Kreuzes und Schwertes entgegen.» El Zagal fühlte, er müſſe etwas thun, um ſeine Liebe bei'm Volk einigermaßen wieder anzuregen; und er wußte, nichts ſey dazu wirkſamer, als ein gelungener Einfall in das chriſtliche Gebiet. Die Mauren liebten den aufregenden Ruf zu den Waf⸗ fen; ſie ergötzte ein wildes Herumſtreichen auf den Gebir⸗ gen; ſchnell erworbene Beute, durch ein hartes Gefecht den Chriſten entriſſen, gefiel ihnen mehr, als all der be⸗ ſändige und ſichere Gewinn, den ihnen ein friedlicher Handel ſicherte. Es herrſchte um dieſe Zeit eine ſorgloſe Sicherheit längs der Grenze von Jaen. Die Alcayden der chriſtli⸗ chen Feſten vertrauten der Freundſchaft Boabdil's El Chico; ſie gkanbten deſſen Oheim zu weit entfernt und zu ſehr mit ſeinen eignen Verlegenheiten beſchäftigt, um daran denken zu können, ſie zu beläſtigen. Plötzlich rückte El Zagal mit einem erleſenen Hauſen aus Guadix aus, ſchritt ſchnell über die Gebirge, die ſich hinter Granada hinziehen, und ſtel gleich einem Donner⸗ ſchlag über das Gebiet in der Nähe von Alcala la Real her. Ehe ſich die Lärmbotſchaft hiervon verbreiten, und die Grenze ſich erheben konnte, hatte er einen weiten, ver⸗ heerenden Streifzug durch das Land gemacht; er plün⸗ 9* derte, er verbrannte Dörfer, trieb Vieh⸗ und Schafheer⸗ den weg, und ſchleppte Gefangene mit ſich fort. Die Kriezer der Grenze ſammelten ſich, aber El Zagal war ſchon weit auf dem Rückweg durch die Gebirge, und zog im Triumph in Guadix Thore ein, ſein Heer mit Chri⸗ ſtenbeute beladen, und einen langen Zug von Heerden mit ſich führend. Dieß war eine von des ſtolzen El Zagal Vorkehrun⸗ gen gegen den erwarteten Einbruch des chriſtlichen Kö⸗ nigs; er regte dadurch den kriegeriſchen Geiſt ſeines Vol⸗ kes auf, und gewann für ſich eine vorübergehende Liebe bei'm Volk. König Ferdinand ſammelte ſein Heer bei Murcia im Frühling 1488. Er verließ dieſe Stadt am fünften Junt mit einem Streithaufen von viertauſend Pferden und vierzehntauſend Fußgängern. Der Marquis von Cadir führte die Vorhuth und ihm folgte der Adelantado von Murcien. Das Heer betrat die Manriſche Grenze von der See⸗ küſte her, verbreitete Schrecken durch das Land, und wo es ſich zeigte, übergaben ſich die Städte ohne den gering⸗ ſten Widerſtand, ſo groß war die Furcht, die Uebel zu erfahren, welche die andere Grenze verwüſtet hatten. Auf dieſe Weiſe fügten ſich Vera, Velez El Rubico, Velez El Blanco und viele Städte geringeren Rangs, etwa ſechzig, dem erſten Aufgebot. Erſt als es ſich Almeria näherte, fand das Heer eini⸗ gen Widerſtand. Dieſe wichtige Stadt ward vom Für⸗ ſten Selim, einem Verwandten El Zagal's, befehligt. Er führte voll Muth ſeine Mauren dem Feind entgegen, und ſcharmutzirte tapfer mit der Vorhuth in den Gärten um die Stadt. König Ferdinand kam mit der Haupt⸗ macht heran, und rief ſeine Truppen aus dem Gefecht. Er ſah, es würde fruchtlos ſeyn, mit ſeiner damali⸗ gen Macht den Ort anzugreifen; ſo zog er ſich, nachdem er die Stadt und ihre Umgebungen für einen künftigen Feldzug erforſcht hatte, mit ſeinem Heer zurück und ging auf Baza. Der greiſe Krieger El Zagal befand ſich ſelbſt mit ei⸗ ner maͤchtigen Beſatzung in Baza. Er vertraute der Fe⸗ ſtigkeit der Stadt, und freute ſich, als er vernahm, der chriſtliche König ziehe heran. In dem Thal vor Baza dehnte ſich gleich einem fort⸗ geſetzten Luſthain eine große Reihe Gärten hin, die von Kanälen und Bächen durchſchnitten waren. Hierhin legte er einen ſtarken Hinterhalt von Muſketiren und Bogen⸗ ſchützen. Die Vorhuth des Chriſtenheers zog fröhlich, mit gro⸗ ßem Lärm der Trommeln und Trompeten und von dem Marquis von Cadix und dem Adelantado von Murcien geführt, dem Thal herauf. Als ſie nahe gekommen, machte El Zagal mit Roß und Mann einen Ausfall, und griff ſie eine Zeit lang mit großer Heftigkeit an. Dann allmählig zurückgehend, als dränge ihn ihre überlegene Macht, lockte er die frohlockenden Chriſten in die Gärten. Plötzlich brachen die Mauren im Hinterhalt aus ihrem — 134— Verſteck hervor und eröffneten ein ſo furchtbares Feuer auf ihrer Seite und in ihrem Rücken, daß viele Chri⸗ ſten erſchlagen und die übrigen in wirre Flucht getrieben wurden. König Ferdinand kam gerade noch zur rechten Zeit, um die unheilvolle Lage ſeiner Streitkräfte mit an⸗ zuſehen, und gab der Vorhuth das Zeichen zum Rückzug. Doch ließ El Zagal den Feind nicht unbeläſtigt ab⸗ ziehn. Friſche Schaaren vorführend, fiel er mit lautem, triumphirendem Geſchrei auf den Nachtrab der fliehenden Streitmacht, und trieb ſie mit furchtbarem Getöſe vor ſich her. Das alte Kriegsgeſchrei:«El Zagal! El Zagal!o ertönte wieder in den Reihen der Mauren, und ward mit Begeiſterung von den Wällen der Stadt aus beant⸗ wortet. Die Chriſten befanden ſich für einige Zeit in der dro⸗ henden Gefahr einer vollſtändigen Niederlage; als glück⸗ licher Weiſe der Adelantado von Murcien ſich mit einem großen Haufen von Mann und Roß zwiſchen die Verfol⸗ ger und Verfolgten warf, den Rückzug dieſer deckte und ihnen Zeit verſchaffte, ſich zu ſammeln. Die Mauren wurden jetzt ihrerſeits ſo heftig angegriffen, daß ſie den ungleichen Kampf aufgaben, und ſich langſam in die Stadt zogen. Viele tapfre Ritter wurden in dem Scharmützel er⸗ ſchlagen; unter ihnen Don Philipp von Arragonien, Or⸗ densmeiſter der Ritterſchaft von St. Georg von Monte⸗ ſor. Er war ein natürlicher Sohn von des Königs Halb⸗ bruder Don Carlos und ſein Tod wurde von Ferdinand — 135— ſehr beklagt. Er war früher Erzbiſchof von Palermo ge⸗ weſen, hatte aber den Prieſterrock mit dem Küraß ver⸗ tauſcht, und ſo, nach Bruder Antonio Agapida, durch ſeinen Fall in dieſem heiligen Krieg die glorreiche Krone des Märtyrerthums erlangt. Der heiße Empfang ſeiner Vorhuth von Seiten des greiſen Kriegers El Zagal brachte den König Ferdinand zu einer Pauſe. Er lagerte auf den Ufern des nahen Guadalentin, und begann zu überlegen, ob es weiſe ge⸗ handelt ſey, mit ſeinen gegenwärtigen Streitkräften dieſen Feldzug zu unternehmen. Seine früheren Erfolge hatten ihn wohl zu vertrauens⸗ voll gemacht; El Zagal aber ihn nochmals zu ſeiner ge⸗ wohnten Vorſicht zurückgeführt. Er ſah, der alte Krie⸗ ger habe ſich zu furchtbar in Baza eingeniſtet, um an⸗ ders als durch ein mächtiges Heer und durch Belagerungs⸗ geſchütz daraus vertrieben werden zu können; er fürchtete, es möchte, wenn er in ſeinem Einbruche beharrte, ein Unglück ſein Heer befallen, ſey es nun durch eine Unter⸗ nehmung des Feindes oder durch die Peſt, die ſich in ver⸗ ſchiednen Theilen des Landes zeigte. Ferdinand zog ſich daher von Baza zurück, wie er bei einer früheren Gelegenheit von Lora ſich zurückgezogen hatte, reicher um eine wichtige Lehre in der Kriegskunſt, aber keineswegs denen verbunden, die ſie ihm gegeben hatten; jedoch mit dem ſeſten Entſchluß, Rache an ſeinen Lehrmeiſtern zu nehmen. Er traf jetzt Vorkehrungen zur Sicherung der in die⸗ — 136— ſem Feldzug genommenen Plätze; er legte ſtarke Beſatzun⸗ gen, wohl bewaffnet und mit Vorräthen wohl verſehen, in ſie hinein, und ſchärfte ihren Alcayden ein, wachſam auf ihrem Poſten zu ſeyn, und dem Feind keine Ruhe zu laſſen. Die ganze Grenze wurde unter den Oberbefehl des tapfern Luis Fernandez Puerto Carrero geſtellt. Da man nach dem kriegeriſchen Sinn El Zagal's vermuthen konnte, daß ſich reichliche Gelegenheit zu thätigem Dienſt und zu harten Kämpfen darbieten würden, blieben viele Hidalgo und junge Ritter, die ſich auszuzeichnen wünſch⸗ ten, bei Puerto Carrero. Nachdem alle dieſe Anordnungen gemacht waren, been⸗ digte König Ferdinand den zweifelhaften Feldzug dieſes Jahrs, nicht wie gewöhnlich, indem er im Triumph an der Spitze ſeines Heers in eine wichtige Stadt ſeines Gebietes einzog, ſondern er entließ die Truppen. und pil⸗ gerte zum Gebet vor dem Kreuze von Caravaca. Drei und zwanzigſtes Kapitel. Wie die Mauren verſchiedne Züge gegen die Chriſten unter⸗ nahmen. „Während der fromme König Ferdinand,» bemerkt Bruder Antonio Agapida, aſich vor dem Kreuz demü⸗ — 137— thigte, und brünſtig um Vernichtung ſeiner Feinde flehte, verfolgte jener ſtolze Heide El Zagal, allein ſeinen irdi⸗ ſchen Waffen, ſeinem fleiſchlichen Arm und ſtählernem Schwerte vertrauend, ſeine teufliſchen Pläne gegen die Chriſten. Nicht ſobald war das Angriffsheer entlaſſen, als El Zagal ſchon aus ſeinem Bollwerk hervorbrach, und Feuer und Schwert in alle jene Ländertheile trug, die dem Spaniſchen Joche unterworfen worden. Das feſte Schloß Nirar, das ſorglos bewacht ward, wurde überfallen, ge⸗ nommen und ſeine Beſatzung durch's Schwert hingerich⸗ tet. Der alte Krieger wüthete mit blutigem Grimm an der ganzen Grenze hin, griff die Zufuhren an, erſchlug, verwundete, machte Gefangene und kam unverſehens über die Chriſten, wo immer ſie nicht auf ihrer Huth waren. Der Alcayde der Feſte Callar, voll Vertrauen auf die Stärke ihrer Wälle und Thürme und auf ihre be⸗ ſchwerdenreiche Lage, da ſie auf dem Gipfel eines hohen Hügels erbaut war und von Abgründen umzingelt wurde, wagte ſich von ſeinem Poſten zu entfernen. Der wach⸗ ſame El Zagal ſtand plötzlich vor ihr mit mächtigen Streit⸗ kräften. Er ſtürmte die Stadt mit dem Schwert in der Hand, ſchlug die Chriſten von Straße zu Straße, und trieb ſie mit großem Verluſt in die Burg. Hier übernahm ein greiſer Hauptmann, Namens Juan de Avalos, ein graugelockter Krieger, von vielen Schlach⸗ ten mit Narben bedeckt, den Oberbefehl, und leiſtete hartnäckigen Widerſtand. Weder die Menge der Feinde noch die Wildheit ihrer Angriffe, obgleich der ſchreckliche El Zagal ſie ſelbſt führte, konnte den Muth dieſes abge⸗ härteten, greiſen Kriegers erſchüttern. Die Mauren untergruben die Auſſenwälle und einen der Thürme der Feſte, und drangen ſo in den äußern Hof vor. Da bemannte der Alcayde die Zinnen ſeiner Thürme, goß geſchmolzenes Pech herab, und überſchüt⸗ tete die Angreifenden mit Schauern von Wurſſpießen, Pfeilen, Steinen und allen Arten von Geſchoſſen. Die Mauren wurden aus dem Hof vertrieben, aber durch friſche Truppen verſtärkt, kehrten ſie wiederholt zum An⸗ griff zurück. Fünf Tage hindurch wurde der Kampf unterhalten. Die Chriſten waren beinahe erſchöpft, aber ſie wurden aufgerichtet durch die ermuthigenden Worte ihres ſtand⸗ haften, alten Alcayden, auch erwarteten ſie von dem grau⸗ ſamen El Zagal bei einer Uebergabe nur unmittelbaren Tod. Endlich befreite ſie die Ankunft einer mächtigen Trup⸗ penabtheilung unter Puerto Carrero aus dieſer furchtba⸗ ren Gefahr; El Zagal gab den Sturm auf, legte aber in ſeiner Wuth über die getäuſchten Erwartungen Feuer an die Stadt, und zog ſich dann in ſeine Feſte Guadir zurück. 4 El Zagal's Beiſpiel trieb ſeine Anhänger zur Thätig⸗ keit an. Zwei kühne Mauriſche Alcayden, Ali Altar und Yza Altar, welche in den Feſten Alhenden und Salo⸗ brenna den Oberbefehl führten, verwüſteten das Land von — 139— Boabdil's Unterthanen, und die Orte, welche ſich kürz⸗ lich den Chriſten unterworfen hatten. Sie trieben das Vieh weg, ſchleppten Gefangene mit ſich fort, und beun⸗ uhigten die ganze eben erſt gewonnene Grenze. Auch die Mauren von Almeria und Tavernas und Purchena machten Einfälle nach Murcien, und trugen Feuer und Schwert auf ſeine fruchtbarſten Gefilde, wäh⸗ rend auf der entgegengeſetzten Seite in den wilden Thä⸗ lern und rauhen Bergſchluchten der Sierra Bermeja oder der rothen Gebirge viele von den Mauren, die ſich kürz⸗ lich unterworfen, wieder zu den Waffen eilten. Der Marquis von Cadir unterdrückte durch ſeine Wachſamkeit zur rechten Zeit die Empörung der Berg⸗ ſtadt Gauſen, welche auf einer hohen Felſenſpitze faſt in den Wolken liegt; aber andre Mauren befeſtigten ſich in den felſengebauten Thürmen und Schlöſſern, die nur von Soldaten bewohnt waren, und führten von da aus einen beſtändigen Streif⸗ und Vernichtungskrieg; ſie ſtürzten plötzlich herab in die Thäler und führten Vieh⸗ und Schafheerden und alle Arten Beute in dieſe Adlerneſter, wohin es gefährlich oder fruchtlos war, ſie zu verfolgen. Der würdige Bruder Antonio Agapida ſchließt ſeine Geſchichte dieſes wenig Ausbeute gewährenden Jahrs mit Sätzen, die ganz verſchieden von jenen triumphirenden Perioden ſind, womit er ſonſt wohl die ſiegreichen Feld⸗ züge der Könige aufzuſtutzen pflegt. «Groß und mächtig, ſagt dieſer ehrwürdige Chroniſt, «waren die Fluthen und Stürme, welche ſich über das — 120— ganze Königreich Caſtilien und Arragonien um dieſe Zeit verbreiteten. Es ſchien, als ob die Fenſter des Himmels nochmals aufgethan wären, und eine zweite Sündfluth die ganze Natur bedeckte. Die Wolken entluden ſich wie in Catarakten über die Erde, Ströme brachen aus Ber⸗ gen hervor und überflutheten die Thäler. Bäche ſchwol⸗ len zu wilden Flüſſen, Häuſer wurden untergraben, Müh⸗ len von ihren eignen Waſſern weggeſchwemmt.⸗ «„Die beſtürzten Schäfer ſahen ihre Heerden mitten auf der Weide ertränkt, und waren noch froh, eine Zu⸗ fucht für ihr Leben in Thürmen und hoch gelegenen Or⸗ ten zu finden. Der Guadalquivir ward für einige Zeit eine brauſende, ſtürmende See, überſchwemmte die weite Ebene von Tablada und erfüllte die ſchöne Stadt Se⸗ villa mit Angſt und Schrecken.» «Eine weite ſchwarze Wolke zog ſich von Orkanen und Erdbeben begleitet über das Land. Häuſer wurden abgedeckt; die Wälle und Schanzen der Feſtungen er⸗ ſchüttert, und hohe Thürme bis in ihre Grundfeſten zer⸗ trümmert. Vor Anker liegende Schiffe ſtrandeten, oder wurden von den Waſſern verſchlungen; andre, die unter Segel waren, wurden von berghohen Wellen hin⸗ und hergeworfen und an die Küſten getrieben, wo der Wir⸗ belwind ſie in Stücken zerriß, und ihre Trümmer in die Luft zerſtreute.» 1 „Schrecklich war die Verheerung und groß der Schrek⸗ ken, wo dieſes unheilſchwangere Gewölk vorüberzog; es ließ weite Spuren von Verwüſtung auf Land und Meer.⸗ — 141— «Einige der Furchtſamen, ſchließt Antonio Agapida, „ſahen in dieſem Aufruhr der Elemente einen wunderba⸗ ren Vorgang gegen den Lauf der Natur. In ihrer angſt⸗ vollen Schwäche ſetzten ſie dieſe Vorfälle mit jenen Un⸗ ruhen in Verbindung, die an verſchiednen Orten vorfie⸗ len, und betrachteten ſie als eine Vorbedeutung irgend eines großen Unglücks, das bald die Wildheit des bluti⸗ gen El Zagal und ſeiner ſtolzen Anhänger über ſie brin⸗ gen würde.⸗ Vier und zwanzigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand ſich zur Belagerung der Stadt Baza . rüſtete, und welche Vorkehrungen die Stadt zu ihrer Vertheidigung traf. Der ſtürmiſche Winter war vorübergegangen und der Frühling von 1489 nahte; aber die häufigen Regen hat⸗ ten die Straßen zerriſſen, die Bergbäche waren zu rei⸗ ßenden Strömen angeſchwollen, und die vorher ſeichten, ruhigen Flüſſe waren tief, wild und gefährlich. Die chriſtlichen Truppen waren aufgeboten worden, ſich in den erſten Tagen des Frühlings auf der Grenze von Jaen zu ſammeln; aber ſie kamen langſam auf der bezeichneten Stelle an. Sie verwickelten ſich in den mo⸗ raſtigen Bergpäſſen, oder zogen ungeduldig an den Ufern nicht zu durchſchreitender Flüſſe hin. — 142— Erſt ſpät im Monat Mai waren ſlie in hinlänglicher Menge beiſammen, um den beſchloſſenen Einbruch wagen zu können; da endlich zog ein ſtarkes Heer von dreizehn tauſend Pferden und vierzig tauſend Fußgängern fröhlich und mit kühnen Erwartungen über die Grenze.— Die Königin blieb in Jaen; bei ihr befanden ſich der Kronprinz und die Prinzeſſinnen, ihre Kinder, und in ihrem Gefolge waren der ehrwürdige Cardinal von Spa⸗ nien und jene hohen Prälaten, die von ihr bei allen Be⸗ rathungen in dieſem heiligen Krieg zugezogen wurden. Der Plan des Königs Ferdinand ging dahin, die Stadt Baza, den Schlüſſel der den Mauren noch übri⸗ gen Beſitzungen zu belagern; wenn dieſe wichtige Feſte genommen war, mußte der Fall von Guadix und Al⸗ meria bald folgen, und dann hatte El Zagal's Macht ihr Ende erreicht. Bei ſeinem Vorrücken mußte der ka⸗ tholiſche König vorerſt ſich verſchiedner Burgen und Fe⸗ ſten in der Rähe von Baza verſichern, da dieſe ſonſt das Heer beunruhigen konnten. Einige von dieſen leiſteten hartnäckigen Widerſtand, beſonders die Stadt Cuxar. Die Chriſten griffen die Wälle mit verſchiednen Maſchinen an, um ſie zu unter⸗ graben und niederzuwerfen. Der tapfre Alcayde Hubee Adalgar ſetzte Gewalt der Gewalt und Maſchinen den Maſchinen entgegen. Er bemannte ſeine Thürme mit ſei⸗ nen tapferſten Kriegern, welche eiſerne Schauer über den Feind ergoſſen; er band große Keſſel mit ſtarken Ketten zuſammen, und überſchüttete aus ihnen die hölzernen — 143— Werkzeuge der Angreifenden mit Fener, ſo ſie, und dieje⸗ nigen, welche ſie in Bewegung ſetzten, verbrennend. Die Belagerung dauerte mehrere Tage lang. Die Tapferkeit des Alcayden konnte die Feſte vor einem über⸗ mächtigen Feind nicht ſchützen, aber ſie gewann ihr ehren⸗ volle Bedingungen. Ferdinand verſtattete der Beſatzung und den Einwohnern ſich mit ihren Habſeligkeiten nach Baza zu begeben und auch der kräftige Hubec Adalgar zog mit ſeinen noch übrigen Streitkräften aus, und nahm ſeinen Weg nach jener zum Angriff erſehenen Stadt. Die Verzögerungen, welche für das Angriffsheer aus allen dieſen verſchiednen Umſtänden entſtanden waren, hatte der greiſe Maure Er Zagal eifrigſt benutzt; er ſah ein, daß es jetzt den letzten Kampf für ſein Reich gälte, daß dieſer Feldzug entſcheiden würde, ob er als König fortbeſtehen könne, oder zu einem abhäugigen Lehnsträ⸗ ger herabſinken müſſe. El Zagal befand ſich nur wenige Meilen von Baza in der Stadt Guadix. Dieß war der wichtigſte Punkt in ſeinem, ihm noch übrigen Gebiet, da er als eine Art Bollwerk zwiſchen ihm und dem feindlichen Grauada an⸗ geſehn werden mußte, das der Sitz von ſeines Neffen Herrſchaft war. Ob er daher auch von der Kriegsfluth⸗ hörte, die ſich ſammelte, und gegen die Stadt Baza an⸗ drang, wagte er doch nicht in eigner Perſon zu ihrem Beiſtand herbeizueilen. Er fürchtete, wenn er Guadir verlaſſe, möchte Boabdil ihn im Rücken angreifen, während er mit dem chriſtlichen Heer vor ſich ſtreite und kämpfe. — 144— El Zagal vertraute, die große Feſtigkeit Baza's werde jedem auch noch ſo gewaltigem Angriff trotzen, und er be⸗ nutzte das Zögern des Chriſtenheers, um dieſe Stadt mit allen möglichen Vertheidigungsmitteln zu verſehn. Er ſandte alle Truppen dahin, die er von ſeiner Beſatzung in Guadiyx entbehren konnte, und ſchickte Eilboten in ſei⸗ nem ganzen Gebiete einher, welche alle wahre Moſlim aufbieten ſollten, nach Baza zu eilen, und Widerſtand bis in den Tod in Vertheidigung ihrer Heimath, ihrer Freiheiten und ihrer Religion zu leiſten.. Die Städte Tavernas und Purchena, ſowie die um⸗ liegenden Höhen und Thäler entſprachen ſeinem Aufruf und ſandten ihre Streiter in's Feld. Die felſigen Feſt⸗ höhen der Alpurarres ertönten vom Geräuſch der Waf⸗ fen. Reitertruppen und Abtheilungen von Fußſoldaten ſah man ſich den rauhen Bergſpitzen und Engpäſſen die⸗ ſer Marmorberge hinabwinden, und auf Baza znueilen. Auch viele tapfre Ritter von Granada verließen, müde der Ruhe und Sicherheit des chriſtlichen Vaſallenthums, heimlich die Stadt, und vereinten ſich voll Eifer mit ih⸗ ren fechtenden Landsleuten. Doch verließ ſich El Zagal am meiſten auf die Tapferkeit und Zuneigung ſeines Nef⸗ fen und Schwagers Cidi Nahye Alnazar Aben Zelim, der Alcayde von Almeria und ein Ritter war, erfahren in der Kriegskunſt und furchtbar im Feld. Er ſchrieb ihm, Almeria zu verlaſſen, und in aller Eile, an der Spitze ſeiner Truppen ſich nach Baza zu begeben. Cidi Nahye zog alsbald mit zehntauſend der tapfer⸗ ſten Mauren des Reichs dahin ab. Es waren dieß größ⸗ tentheils kühne Bergwohner, gewöhnt an Sonne und Sturm, erprobt in manchem Kampf. Keine Krieger thaten es ihnen in einem Ausfall oder Scharmützel gleich. Sie waren geſchickt in Ausführung von tauſend Kriegsliſten, im Hin⸗ terhaltlegen und in Erſinnung von mancherlei Kreuz⸗ und Querzügen. Wild in ihrem Angriff, aber ſelbſt in der äußerſten Wuth durch ein Wort, ein Zeichen von ihrem Befehlshaber beherrſcht, vermochten ſie ſich bei'm erſten Trompetenſtoß mitten in ihrem Lauf einzuhalten, ſich wegzu⸗ ſchwenken und zu zerſtreuen, und bei'm zweiten Trompeten⸗ ſchall ſich wieder eben ſo plötzlich zu ſammeln und zum An⸗ griff zurückzukehren. Sie kamen über den Feind, wenn er es am wenigſten erwartete; ſie brachen gleich einem Windſtoß über ihn herein, und verbreiteten Unordnung und Beſtürzung, während ſie im nächſten Augenblick auf und davon wa⸗ ren; ſo daß wenn die Feinde ſich von dem Stoß erholt hatten, und um ſich ſchauten, ſiehe! nichts mehr zu ſe⸗ hen, nichts mehr zu hören war von dieſem Kriegsſturm, als eine Wolke von Staub und das Geklapper der flie⸗ henden Truppe. Als Cidi Yahye ſeinen Haufen von zehntauſend tapfern Kriegern in die Thore von Baza einführte, ertönte die Stadt von jauchzendem Zuruf; und eine Zeitlang hielten ſich die Einwohner für geſichert. Auch El Zagal fühlte Vertrauen, obgleich er ſelbſt ſich nicht in der Stadt befand. Cidi Yahye,» ſagte er, Irving's Granada. 4— 6. 10 — 146— ciſt mein Neffe und Schwager, mir verwandt durch die Bande des Bluts und durch Verſchwägerung, er iſt mein andres Selbſt, glücklich der Fürſt, der ſeinen Verwand⸗ ten den Oberbefehl über ſeine Heere anvertrauen kann!“ Durch dieſe Verſtärkungen alle belief ſich die Beſatzrag von Baza weit über zwanzigtauſend Mann. Es waren damals drei Hauptbefehlshaber in der Stadt; Muhamed Ben Haſſan, der Veteran zubenannt, welcher militäriſcher Gouverneur oder Alcayde war, ein alter Maure von großer Erfahrung und Klugheit. Der zweite war Ha⸗ met Abu Hali, der Hauptmann der in der Stadt liegen⸗ den Truppen, und der dritte war Hubee Adalgar, der kräftige Alcayde von Cuxar, welcher ſich hierher mit den Ueberreſten ſeiner Beſatzung begeben hatte. Ueber alle dieſe übte Cidi Nahye eine unumſchränkte Herrſchaft aus, da er von königlichem Geblüte war, und in ganz beſondrem Grade das Vertrauen Muley Abdal⸗ lah's El Zagal beſaß. Er war beredt und voll Feuer im Rath, und liebte ſchlagende, glänzende Kriegsthaten; aber er ließ ſich etwas zu leicht von der Erregung des Augenblicks und der Macht ſeiner Einbildungskraft mit⸗ fortreißen. Daher wurden auch dieſe Befehlshaber häu⸗ figer in dem Kriegsrath von den Anſichten des alten Al⸗ Hayden Muhamed Ben Haſſan gelenkt, für deſſen Liſt, Vorſicht und Erfahrung ſelbſt Cidi Nahye die größte Ach⸗ tung bewies. Die Stadt Baza lag in einem geräumigen Thal, das acht Meilen in der Länge und drei in der Breite hatte, — 147— und Hoya oder Becken von Baza genannt ward. Es wurde von einer Bergkette umgeben, die Sierra Pabal⸗ cohol hieß, und deren Bäche in zwei Flüſſe geſammelt, das Land bewäſſerten und fruchtbar machten. Die Stadt ſelbſt war in die Ebene gebaut, aber ein Theil von ihr wurde durch felſige Abhänge und eine mächtige Citadelle geſchützt, der andere Theil durch ſtarke Wälle vertheidigt, die mit ungeheuren Thürmen verſehen waren. Sie hatte nach der Ebene zu durch Erdwälle unvoll⸗ kommen geſchirmte Vorſtädte. Vor dieſen dehnte ſich eine Reihe von Obſtwäldern und Gärten hin, die faſt eine Meile in der Länge einnahmen, und ſo dicht mit Bäumen beſetzt waren, daß ſie einem fortgeſetzken Luſt⸗ hain glichen. Hier hatte jeder Bürger, der es ſich verſchaffen konnte, ſeine kleine Plantage, und ſeinen Obſt⸗, Blumen⸗ und Gemüß⸗Garten, der von Kanälen und Bächen bewäſſert, und von einem kleinen Thurm beherrſcht wurde, welcher zur Erquickung oder Vertheidigung diente. Dieſe weite Ebene voll Hainen und Gärten, überall von Kanälen und kleinen Waſſern durchſchnitten, und von mehr als tau⸗ ſend kleinen Thürmen überragt, bildete für dieſe Seite der Stadt eine Art von Vertheidigung, die alle Annähe⸗ rung auſſerordentlich ſchwierig und mühſam machte, und den Gegnern überall Schutz und Schirm darbot. Während das chriſtliche Heer vor den Grenzpoſten war aufgehalten worden, hatte die Stadt Baza das Schau⸗ ſpiel eiliger, unabläſſiger Zurüſtung jeder Art dargeboten. 10* — 148— Alles Getreide in dem umliegenden Thal, obgleich noch unreif, ward eiligſt abgemäht und in die Stadt gebracht, um zu verhindern, daß der Feind daraus Unterhalt zöge. Das Land ward all ſeiner Habe beraubt. Vieh⸗ und Schafheerden wurden weggetrieben, und zogen blökend und brüllend in die Stadtthore ein. Lange Züge von Laſtthieren, einige mit Nahrungsmitteln, andere mit Lau⸗ zen, Speeren und Waffen aller Art beladen, flutheten in die Stadt. Schon waren Vorräthe genug für eine Belagerung von fünfzehn Monden geſammelt, aber den⸗ noch fuhr man immer eifriger und haſtiger mit den Vor⸗ kehrungen fort, als man endlich Ferdinands Heer anſich⸗ tig wurde.. Auf der einen Seite konnte man zerſtreute Haufen von Reitern und Fußgängern ſehen, wie ſie eiligſt auf die Thore zuſprengten, wie Maulthiertreiber ängſtlich ihre beladenen Thiere vorwärts drängten, wie alle beſorgt wa⸗ ren, vor dem ſich ſammelnden Unwetter in Sicherheit zu kommen. Auf der andern Seite kamen die Kriegsſtürme in das Thal herabgezogen; das Rollen der Trommeln, die Töne der Trompeten ſchallten gelegentlich aus ihrem tiefen Schoos herauf, oder das glänzende Strahlen der Waffen brach aus ihren Maſſen gleich dem hellleuchten⸗ den Blitze. König Ferdinand ſchlug ſeine Zelte in dem Thal an dem grünen Labyrinth der Gärten auf. Er ſchickte ſeine Herolde ab, die Stadt zur Uebergabe aufzubieten, und verſprach die günſtigſten Bedingungen für den Fall eines — 149— unverzüglichen Willfahrens; aber er äuſſerte auch in den feierlichſten Ausdrücken ſeinen Entſchluß, nie die Belage⸗ rung aufzugeben, ehe er ſich nicht in Beſitz des Platzes geſetzt. Nach Empfang dieſes Aufgebots hielten die Mauri⸗ ſchen Befehlshaber einen Kriegsrath. Der Fürſt Cidi Nahye, unwillig über die Drohung des Königs, war da⸗ für, man ſolle ſie durch die Erklärung erwiedern, daß die Beſatzung ſich nie übergeben, ſondern fechten würde, bis die Trümmer ihrer Wälle ſie begrüben. «Von welchem Nutzen,» ſagte der greiſe Muhamed, «iſt eine ſolche Erklärung, die wir beſſer durch unſre Thaten geben mögen? Laßt uns nicht drohen, was, wie wir wiſſen, wir ausführen können, laßt uns vielmehr ſtreben, mehr auszuführen, als wir drohen.» Dieſem Rathe Muhamed's Ben Haſſan gemäß, wurde nan eine lakoniſche Entgegnung an den chriſtlichen König geſandt, worin man ihm für ſeine angebotenen günſtigen Bedingungen dankte, aber ihn benachrichtigte, daß ſie in die Stadt geſetzt worden, ſie zu vertheidigen, nicht ſio zu übergeben. —— Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. Die Schlacht in den Gärten vor Baza. Als die Erwiederung der Mauriſchen Befehlshaber vor König Ferdinand gebracht ward, traf er Vorkehrungen, die Belagerung mit der größten Anſtrengung zu betrei⸗ ben. Da er fand, daß das Lager zu weit von der Stadt entfernt ſey, und daß die dazwiſchenliegenden Obſtwälder den Mauren bei ihren Ausfällen Schutz gewährten, be⸗ ſchloß er, ſeine Zelte über die Gärten hinaus, in den Raum zwiſchen dieſen und den Vorſtädten zu verlegen, wo ſeine Geſchützreihen offnes Spiel auf die Stadt hätten. Eine Truppenabtheilung ward vorausgeſandt, um ſich in Beſitz der Gärten zu ſetzen, und die Vorſtädte im Zaum zu halten, indem ſie jeden Ausfall verhinderten, während man das Lager abſteckte und befeſtigte. Die verſchiednen Befehlshaber drangen auf verſchied⸗ nen Punkten in die Obſtgärten ein. Die jungen Ritter zogen furchtlos vorwärts, aber die erfahrenen Alten ſahen unendliche Gefahr in den Irrgängen dieſes grünenden La⸗ byrinths voraus. Der Ordensmeiſter von St. Jago, als er ſeine Truppen in den Mittelpunkt der Gärten führte, ermahnte ſie, ſich zuſammenzuhalten, und aller Schwie⸗ rigkeit und Gefahr trotzend vorwärts zu dringen; er ver⸗ — 151— ſicherte ſie, Gott werde ihnen den Sieg verleihen, wenn ſie kühn angriffen und entſchloſſen ausharrten. Kaum waren ſie über die Grenzſcheide der Obſtgär⸗ ten vorgeſchritten, als ein Getös von Trommeln und Trompeten, mit Kriegsgeſchrei vermiſcht, ihnen aus den Vorſtädten entgegenſchallte, und ein Haufe Mauriſcher Krieger zu Fuß gegen ſie hervorfluthete. Sie wurden geführt von dem Fürſten Cidi Yahye. Er ſah die drohende Gefahr der Stadt, wenn die Chri⸗ ſten den Beſit der Obſtwälder gewönnen.„Soldaten,» rief er,«wir fechten für Leben und Freiheit, für unſre Familien, unſer Vaterland, unſre Religion; nichts bleibt uns übrig, um darauf zu bauen, als die Stärke unſrer Arme, der Muth unſrer Herzen und der Schutz des all⸗ mächtigen Allah!» Die Mauren antworteten ihm mit Kriegsgeſchrei und ſtürzten hervor in das Treffen. Die beiden Heere kamen auf einander mitten in den Gärten. Ein Handgemenge erfolgte; mit Lanzen, Muſketen, Armbrüſten und Säbeln wurde geſtritten. Die ſchwierige Beſchaffenheit des Bo⸗ dens, der von Kanälen und Bächen durchbrochen und durchſchnitten war, die dichte Stellung der Bäume, die Menge von Thürmen und kleinen Gebäuden gaben den Mauren, die zu Fuß waren, große Vortheile über die Chriſten, welche zu Pferde kämpften. Auch kannten die Mauren den Boden, ſie kannten alle Allee'n und Päſſe, und waren dadurch in den Stand geſetzt, aufzupaſſen, — 152— hervorzuſpringen, anzugreifen und ſich zurückzuziehn, ſaſt ohne den geringſten Schaden zu erleiden. Die chriſtlichen Befehlshaber geboten, ſobald ſie dieß „bemerkten, vielen von den Reitern abzuſteigen und zu Fuß zu fechten. Die Schlacht ward nun wild und blutig; jeder gab ſein eignes Leben Preis, vorausgeſetzt, daß er ſeinen Feind erſchlagen konnte. Es war nicht ſowohl eine allgemeine Schlacht, als vielmehr eine Menge kleiner Kaͤmpfe, denn jeder Obſtgarten, jedes Feld hatte ſeinen beſondern Streit. Niemand konnte mehr als den kleinen Schauplatz von Wuth und Mord überſehen, der ſich zunächſt um ihn auf⸗ that; niemand wußte, wie es mit der allgemeinen Schlacht ſich verhielt. Vergebens ſtrengten die Hauptleute ihre Stimmen an, vergebens ſchmetterten die Trompeten Zei⸗ chen und Befehle, alles war wirr und unhörbar in dem allgemeinen Lärm und Aufruhr; keiner hielt ſich zu ſei⸗ ner Fahne, ſondern focht, wie ſeine eigne Wuth oder Fnrcht ihn antrieb. An einer Stelle hatten die Chriſten die Oberhand, an einer andern die Mauren. Oft traf ein ſiegreicher Haufe, indem er die Beſtiegten verfolgte, auf eine überlegene und triumphirende Streitmacht des Feindes, und dann wand⸗ ten die Flüchtlinge ſich um gegen ſie in überwältigendem Audrang. Einige zerſtreute Ueberreſte flohen in ihrem Schreck, in ihrer Verwirrung vor ihren eignen Landsleu⸗ ten, und ſuchten Schutz bei ihren Feinden, da ſie in der — 153— Dunkelheit der Fruchthaine, Freund und Feind nicht zu unterſcheiden vermochten. Die Mauren waren geſchickter zu dieſen wilden Schar⸗ mützeln; ſie beſaßen größere Gewandtheit, Biegſamkeit und Leichtigkeit, und konnten mit Blitzesſchnelle ſich zer⸗ ſtreuen, ſammeln und wieder zu ihrem Angriff zurück⸗ kehren. Der heißeſte Kampf entſpann ſich in der Nähe der kleinen Gartenthürme und Barkone, die zu eben ſo vie⸗ len kleinen Feſten wurden. Jeder Theil nahm ſie abwech⸗ ſelnd, vertheidigte ſie tapfer und wurde dann wieder dar⸗ aus vertrieben. Viele Thürme wurden in Flammen ge⸗ ſetzt, und vermehrten die Schrecken des Gefechts durch die Rauch⸗ und Feuermaſſen, in welche ſie die Haine hüll⸗ ten, und durch das Geſchrei derer, die verbrannten. Mehrere von den chriſtlichen Rittern, entſetzt über den Aufruhr, über die Verwirrung, das Blutvergießen, das ſich überall ihren Blicken darſtellte, hätten wohl ihre Mannſchaft aus dem Treffen weggeführt, aber verwickelt in die Irrgärten, wußten ſie nicht, auf welchem Weg ſſe ſich zurückziehn ſollten. Während ſie ſich in dieſer Noth befanden, ward dem Fahnenträger eines der Geſchwader des Großcardinals der Arm von einer Geſchützkugel weggeriſſen; das Ban⸗ ner war nahe daran, in die Hände des Feinds zu fallen, als Rodrigo de Mendoza, ein unerſchrockner Jüngling und natürlicher Sohn des Großcardinals, durch einen Schauer von Kugeln, Lanzen und Pfeilen zu ſeiner Ret⸗ — 154— tung herbeieilte, es hoch in die Höhe hielt, und mit ihm, von ſeinen jubelnden Soldaten begleitet, in den Kampf eilte, wo er am heißeſten wüthete. König Ferdinand, der an der Gränze des Obſtwaldes zurückgeblieben, war in der äuſſerſten Angſt. Man konnte nicht viel von der Schlacht ſehen, denn die Menge der Bäume und Thürme und die Rauchwolken verhüllten alles; die aber, welche geſchlagen hinausgetrieben worden, oder verwundet und erſchöpft ſich herausſchleppten, gaben widerſprechende Nachrichten über den Stand der einzelnen Gefechte, in die ſie ſich verwickelt hatten. Ferdinand machte alle mögliche Anſtrengungen, ſeine Truppen zu dieſem blindlings Fechten anzufeuern und zu ermuthigen, und ſandte. Verſtärkungen an Mann und Roß auf die Punkte, wo die Schlacht am blutigſten und unentſchie⸗ denſten war. Unter denen, welche tödlich verwundet herausgebracht wurden, befand ſich auch Don Juan de Lara, ein Jüng⸗ ling von ungewöhnlichen Eigenſchaften, der von dem Kö⸗ nige ſehr geſchätzt, bei dem Heer ſehr beliebt war, und kürzlich erſt mit Donna Catalina de Urrea, einer jungen Dame von ausgezeichneter Schöͤnheit, vermählt worden. Sie legten ihn an den Fuß eines Baumes, und mühten ſich, mit einer Schärpe, die die Braut ihm gewirkt, ſeine Wunden zu ſtillen und zu verbinden; aber ſein Blut floß zu reichlich, und während ein heiliger Bruder ihm noch den letzten Weihſegen der Kirche mittheilte, ſtarb er faſt zu den Füßen ſeines Königs. 5 — 155— Andrerſeits hatte der greiſe Alcayde, Muhamed Ben Haſſan, von einem kleinen Haufen Häuptlinge umgeben, mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit von den Wällen der Stadt aus ſein Auge auf den Kampfplatz gerichtet. Nahe an zwölf Stunden hatte die Schlacht ohne Unterbrechung ge⸗ wüthet. Die Dichte des Blätterwerks verbarg ihren Blicken alle Einzelnheiten des Treffens, aber ſie konnten das Blitzen der Schwerter, den Glanz der Helme unter den Bäumen gewahren. Rauchſäulen erhoben ſich nach jeder Richtung zu, während der Klang der Waffen, das Donnern der Feldſchlangen und Muſketen, der Lärm und das Geſchrei der Streitenden, das Stöhnen und Flehen der Verwundeten verrieth, tödlich blutiger Kampf woge im Schoos des Fruchthains hin und her. Sie wurden auch durch das Schreien und Jammern der Mauriſchen Weiber und Kinder, als deren verwun⸗ deten Verwandten blutend vom Wahlfeld weggetragen wurden, gequält, und waren wie betäubt von einem all⸗ gemeinen Wehruf auf der Seite ihrer Streiter, als die Leiche Redoun Zalfarga's, eines abtrünnigen Chriſten und eines der tapferſten ihrer Feldherrn, leblos in die Stadt getragen wurde. Endlich kam das Getöſe der Schlacht dem Rande der Obſtgärten näher. Sie ſahen ihre Krieger durch neue feindliche Schaaren aus den Fruchthainen herausgetrie⸗ ben; und nachdem ſie jeden Fußbreit Land ſtreitig ge⸗ macht, genöthigt, ſich an eine Stelle zwiſchen den Obſt⸗ 2— 156— wäldern und den Vorſtädten, welche mit Palliſaden be⸗ feſtigt waren, zurüͤckzuziehn. Die Chriſten richteten alsbald auch ihrerſeits Palliſa⸗ den auf, und ſtellten ſtarke Vorpoſten au den Zufluchts⸗ ort der Mauren; während König Ferdinand ſein Lager innerhalb der ſchwer errungenen Obſtwälder aufſchla⸗ gen ließ. 4 Muhamed Ben Haſſan machte zur Unterſtützung des Fürſten Cidi Nahye einen Ausfall und verſuchte verzweifelnd alles, um den Feind aus dieſer furchtbaren Stellung zu vertreiben; aber die Nacht war hereingebrochen, und die Finſterniß machte es unmöglich, irgend etwas Bedeutendes auszuführen. Doch ſetzten die Mauren ihre beſtändige An⸗ fälle und ihr Kriegsgetös die ganze Nacht durch fort, und den müden Chriſten, erſchöpft von den Mühen und Leiden des Tags, ward nicht ein Augenblick Ruhe ver⸗ goͤnnt. Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Belagerung Baza's; Verlegenheiten des Heers. Die Morgenſonne erhob ſich über einer traurigen Scene vor Baza's Wällen. Die chriſtlichen Vorpoſten, die ganze Nacht beunruhigt, waren blaß und abgehärmt; während die Menge der Erſchlagenen, die vor ihren Be⸗ — 157— feſtigungen lagen, die wilden Angriffe andeutete, die ſie ausgehalten, und die Tapferkeit, mit der ſie ſich ver⸗ theidigt. Hinter ihnen dehnten ſich die Luſthaine und Gärten Baza's hin, einſt der Lieblingsaufenthalt derer, welche Erquickung und Vergnügung ſuchten, jetzt der Schauplatz des Schreckens und der Zerſtörung. Die Thürme und Altane waren rauchende Trümmer; die Kanäle und Waſ⸗ ſer hatten ſich von Blut gefärbt und ſtauchten ſich durch die Leichen der Erſchlagenen. Hier und da zeigte der Boden, tief aufgewühlt von den Tritten der Pferde und Kämpfer, und überſchüͤttet und ſchlüpfrig von Blut, wo ein wildes, tödliches Rin⸗ gen vorgefallen, während die Leichen der Mauren und Chriſten, gräßlich in den Zügen des Todes, halbverſteckt unter mordbenetzten, zertretenen Büſchen, Blumen und Kräutern dalagen. Unter den blutigen Bildern des Kriegs erhoben ſich die chriſtlichen Zelte, die eilig am Abend vorher in den Gaͤrten aufgeſchlagen worden. Die Erfahrungen der ver⸗ floſſenen Nacht aber, und der düſtre Anblick aller Gegen⸗ ſtände am Morgen überzeugten König Ferdinand von den Gefahren und Mühen, denen ſein Lager in ſeinem gegen⸗ wärtigen Zuſtande ausgeſetzt ſeyn müßte; und nach einer Berathung mit den vornehmſten Rittern entſchloß er ſich, die Obſtgärten zu verlaſſen. Es war eine gefährliche Bewegung auszuführen; er mußte ſein Heer vor den Augen eines ſo lebendigen, küh⸗ — 158— nen Feindes aus ſolch' einer verwickelten Stellung heraus⸗ winden. Eine trotzige Fronte wurde daher gegen die Stadt aufgeſtellt, Verſtärkungstruppen an die Vorpoſten ausgeſandt und Vertheidigungswerke begonnen, als wenn man ein feſtes Lager vorbereite. Nicht ein Zelt ward in den Gärten abgebrochen, aber mittlerweile machte man die eifrigſten und unabläſſigſten Anſtrengungen, um alles Gepäck, alle Vorräthe des Lagers an ihren früheren Stand zurückzubringen. Den ganzen Tag über ſahen die Mauren die furcht⸗ bare Darlegung der Kriegsrüſtungen, die man vor den Gärten erkünſtelte, während dahinter die Spitzen der chriſtlichen Zelte, die Fahnen der verſchiednen Befehlsha⸗ ber über die Fruchthaine hinausragten. Plötzlich am Abend ſanken die Zelte und verſchwanden, die Vorpoſten brachen aus ihren Stellungen auf und zogen ab, und das ganze Trugbild einer Lagerung wich vor ihren Augen dahin. Der Maure gewahrte zu ſpät die feine Veranſtaltung Königs Ferdinand. Cidi Yahye brach nochmals hervor; mit einer ſtarken Streitmacht von Reitern und Fußgän⸗ gern drang er wüthend auf die Chriſten ein, aber dieſe, erfahren in den Mauriſchen Angriffen, zogen ſich in ge⸗ ſchloſſener Ordnung zurück; wandten ſich manchmal um gegen den Feind, trieben ihn in ſeine Verſchanzungen zurück und ſetzten dann ihren Rückzug wieder ſort. Auf dieſe Weiſe wand ſich das Heer ohne weitern Verluſt aus dem gefährlichen Irrſal der Gärten. — 159— Das Lager war jetzt außer Gefahr, aber es war auch außer der Schußweite, es war von der Stadt zu weit entfernt, um ihr zu ſchaden; dagegen konnten die Mau⸗ ren Ausfälle machen, und ohne Hinderniß ſich zuruͤck⸗ ziehen. Der König berief einen Kriegsrath, um in Betracht zu ziehen, auf welche Weiſe man weiter verfahren ſolle. Der Marquis von Cadir war für jetzt für die Aufhebung der Belagerung; die Stadt ſey zu feſt, zu wohl mit Be⸗ ſatzung und Vorräthen verſehen und zu ausgedehnt, um entweder durch Sturm oder durch Hunger weggenommen oder mit ihren geringen Streitkräften berennt werden zu können; dagegen würde, wenn es ſich vor ihr aufhielte, das Heer den Krankheiten und Leiden ausgeſetzt ſeyn, welche gewöhnlich Belagerungstruppen treffen, und wenn die Regenzeit herangekommen, könnten ſie durch das Schwellen der beiden Flüſſe gänzlich abgeſchnitten wer⸗ den. Er ſchlug dagegen vor, der König ſolle Beſatzungen von Reitern und Fußgängern in alle die in der Nähe weggenommenen Städte werfen, und ſie einen Plünde⸗ rungskrieg gegen Baza unterhalten laſſen, während er das ganze Land überzöge und verwüſtete; ſo daß im folgen⸗ den Jahr Almeria und Guadir, wenn ihnen alle ihre unterwürfigen Städte und ihr Gebiet entriſſen worden, leicht durch Aushungerung zur Unterwerfung gebracht werden könnten. Don Gutiere de Cardenas, älteſter Befehlshaber von Lara, behauptete dagegen, die Aufhebung der Belage⸗ — 160— rung würde ihnen vom Feind als Schwäche und Unent⸗ ſchloſſenheit ausgelegt werden; es würden dadurch El Za⸗ gal's Anhänger neuen Muth bekommen, ja viele der ſchwankenden Unterthanen Boabdil's könnten ſich dann wieder unter jenes Fahne begeben, wenn nicht vielleicht gar die unverläſſige Volksmenge von Granada dadurch zu einer offnen Empörung ermuthigt würde. Er rieth daher, man ſolle die Belagerung mit Kraft fortſetzen. Ferdinand's Stolz ſprach zu Gunſten der letztern An⸗ ſicht; denn es würde doppelt erniedrigend ſeyn, nochtralker von einem Feldzug in dieſem Theil des Mauriſchen Reichs⸗ 3 zurückzukehren, ohne einen Streich gethan zu haben. Aber wenn er an all das dachte, was ſein Heer erlitten hatte, an alles, was es noch erdulden mußte, wenn die Belagerung fortgeſetzt würde, beſonders da es ſo ſchwie: rig war, regelmäßige Zufuhren von Mundvorrath für ſo zahlreiche Mannſchaft über eine ſo weite Strecke rauhen Berglandes zu erhalten, wenn er dieß alles bedachte, dann kam er doch wieder zu dem Entſchluß, die Sicher⸗ heit ſeines Volks im Auge zu behalten und des Mar⸗ quis von Cadix Rath zu folgen. Als die Soldaten hörten, der König ſey im Begriff die Belagerung aufzugeben nur aus Rückſicht auf ihre Leiden, wurden ſie mit edler Begeiſterung erfüllt; ſie baten ihn, wie mit einer Stimme, man möge die Bela⸗ gerung nie aufheben, als bis die Stadt übergeben worden. In Verlegenheit geſetzt durch dieſe widerſtreitenden Rathſchläge, ſchickte der König Boten nach Jaen an die ———— — 161— Konigin ab, und erbat ſich ihren Rath. Es waren auf der ganzen Strecke zwiſchen ihnen Poſten ſo aufgeſtellt worden, daß eine Botſchaft aus dem Lager die Königin binnen zehen Stunden erreichen konnte. Iſabelle ſandte alsbald ihre Antwort; ſie überließ die Raͤthlichkeit der Aufhebung oder Fortſetzung der Belage⸗ rung dem Gutachten des Königs und ſeiner Hauptleute, machte ſich aber, ſollten ſie ſich für das Bleiben beſtim⸗ men, verbindlich, mit Gotteshülfe ihnen Mannſchaft, Geld, 8 Nundoorrath und alle andre Erforderniſſe zu verſchaffen, ſbis die Stadt genommen worden. 3 Die Antwort der Königin beſtimmte Ferdinand zum Ausdauern; und als ſein Entſchluß dem Heer kund ward, wurde er mit eben ſolcher Freude aufgenommen, als wenn es eine Siegesbotſchaft geweſen. —— Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Fortſetzung der Belagerung Baza's. Wie König Ferdinand die Stadt vollſtändig einſchloß, Der Mauriſche Fürſt Cidi Yahye hatte Nachricht von den Zweifeln und Berathungen in dem chriſtlichen Lager bekommen und ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, das Belagerungsheer werde bald, an allem Erfolg verzwei⸗ Irving's Granada. 4— 6. 11 — 162—— 4 felnd, abziehn; aber der erfahrene Alcayde Muhamed ſchüttelte voll Unglauben bei der Nachricht den Kopf. Eine plötzliche Bewegung im chriſtlichen Lager am nächſten Morgen ſchien die ſanguiniſchen Hoffnungen des Fürſten zu beſtätigen. Die Zelte wurden abgebrochen, das Geſchütz, das Gepäck weggefahren und Heeresabthei⸗ lungen begannen längſt dem Thale hinzuziehn. Doch verzog ſich das vorübergehende Trugbild von Triumph bald. Der katholiſche König hatte ſein Heer nur in zwei Lagerungen getheilt, um die Stadt deſto kräftiger zu be⸗ drängen. Die eine, welche viertauſend Pferde und acht⸗ tauſend Fußgänger mit dem ganzen Geſchütz und allen Belagerungsmaſchinen begriff, nahm ihre Stellung auf der Seite der Stadt nach den Gebirgen zu. Sie ward von dem kräftigen Marquis von Cadir befehligt, bei wel⸗ chem Don Alonzo de Aguilar, Luis Fernandez Puerto Carrero und viele andre ausgezeichnete Ritter waren. Das andre Lager leitete der König. Er hatte ſechs⸗ tauſend Pferde und eine große Streitmacht von Fußſol⸗ daten, die kühnen Bergwohner aus Biſcaya, Guipuzeva, Gallizien und Aſturien. Unter den Rittern, die mit dem Könige waren, bemerkte man den tapfern Grafen de Ten⸗ dilla, Don Rodrigo de Mendoza und Don Alonzo, de Cardenas, den Ordensmeiſter von St. Jago. Die beiden Lager waren weit von einander, auf den entgegengeſetzten Seiten der Stadt, und zwiſchen ihnen lag das dichte Buſchwerk der Obſtwälder. Beide Lager — 163— wurden daher durch tiefe Verhaue, Bruſtwerke und Pal⸗ liſaden geſchützt. Als der erfahrene Muhamed dieſe zwei furchtbaren Lagerungen auf jeder Seite der Stadt erglänzen, und die wohl bekannten Banner der berühmten Führer über ihnen flattern ſah, tröſtete er immer noch ſeine Gefähr⸗ ten.„Dieſe Lager,» ſagte er,«ſind zu gegenſeitiger Hülfe und Mitwirkung zu weit von einander entfernt; und der Wald der Obſtgärten liegt wie ein Abgrund zwi⸗ ſchen ihnen.» Dieſe Troſtmittel hielten nicht lange an. Kaum wa⸗ ren die chriſtlichen Lager befeſtigt, als die Ohren der Mauriſchen Beſatzung von den Schlägen unzähliger Aexte, und dem Getös der fallenden Bäume erfüllt wurden. Sie ſchauten mit Angſt von ihren höchſten Thürmen herab, und ſiehe! ihre geliebten Luſthaine ſanken unter den kräf⸗ tigen Armen der chriſtlichen Schanzgräber. Die Mauren brachen mit wildem Eifer hervor, ihre anmuthigen Gärten zu ſchützen, jene Obſtwälder, an de⸗ nen ſie ſich ſo ſehr ergötzten. Die Chriſten wurden je⸗ doch zu wohl unterſtützt, um von ihrer vernichtenden Ar⸗ beit vertrieben werden zu können. Täglich waren die Gärten der Schauplatz unabläſſi⸗ ger, blutiger Scharmützel, aber immer ging die Verwü⸗ ſtung der Haine fort, denn König Ferdinand ſah zu wohl die Nothwendigkeit ein, dieſen Waldſchirm wegzuſchaffen, um nicht alle ſeine Kräfte bei dieſer Unternehmung auf⸗ zubieten. 11* — 164— „ Indeß war es ein gigantiſches Werk; eine Arbeit voll Anſtrengung und Mühſeligkeit. Die Bäume waren von ſolcher Stärke und ſtanden ſo dicht beiſammen, breiteten ſich über eine ſo weite Strecke hin, daß obgleich viertau⸗ ſend Mann beſchäftigt waren, ſie dennoch kaum ein Stück zehen Schritte breit in einem Tag frei machen konnten, und die Unterbrechungen durch die unabläſſigen Angriffe der Mauren ſielen ſo häufig vor, daß ſie volle vierzig Tage brauchten, um die Obſtgärten gänzlich dem Boden gleich zu machen. Die dem Untergang geweihte Stadt Baza lag nun ihrer reizenden Umgebung von Hainen und Gärten, die einſt ihr Schmuck, ihre Luſt, ihr Schutz geweſen, beraubt da. Die Belagerer rückten bangſam aber ſicher, mit faſt unglaublichen Anſtrengungen vor und quälten und iſolir⸗ ten die Stadt. Sie verbanden ihre Lager durch einen tiefen Graben über die Ebene hin, der eine Meile lang war, und in welchen ſie die Waſſer der Bergſtröme lei⸗ teten. Sie ſchützten dieſen Graben durch Palliſaden und befeſtigten ihn durch fünfzehn in regelrechten Entfernun⸗ gen aufgeworfene Feſten. Sie gruben auch einen tiefen Graben, zwei Meilen in der Länge über das Gebirg im Rücken der Stadt, der von Lager zu Lager reichte, und befeſtigten ihn auf jeder Seite mit Wällen von Erde, Stein und Holz. So waren die Mauren auf allen Seiten durch Gräben, Palli⸗ ſaden, Wälle und Feſten eingeſchloſſen, und konnten auf keine Weiſe über dieſe große Schrankenreihe vordringen, — ——;— — 165— oder irgend eine Streitmacht zu ihrer Unterſtützung in die Stadt bringen. Ferdinand machte auch einen Verſuch, der Stadt den Zufluß von Waſſer abzuſchneiden;«denn Waſſer,» be⸗ merkt der würdige Agapida,«iſt den Ungläubigen noth⸗ wendiger als Brod, da ſie daſſelbe zu den täglichen, wie⸗ derholten Reinigungen gebrauchen, welche ihnen durch ihre verdammenswürdige Religion aufgelegt werden, ſo wie auch zu den Bädern und zu tauſend andern eitlen, un⸗ ſinnigen Dingen, von welchen wir Spanier und Chriſten nur wenig halten.» Es war eine herrliche Quelle lautern, reinen Waſſers vor allen andern berühmt, die am Fuß des Hügels Al⸗ bohacin, gerade hinter der Stadt aus den Felſen hervor⸗ ſprudelte. Die Mauren hatten eine faſt abergläubiſche Vorliebe für dieſe Quelle, und verdankten ihr täglich al⸗ len Zufluß von Waſſer. Sie erhielten durch einige Ue⸗ berläufer Nachricht von dem Plane Königs Ferdinand, ſich in Beſitz dieſer koſtbaren Quelle zu ſetzen, und war⸗ fen daher auf dem anliegenden Hügel ſo mächtige Ver⸗ theidigungswerke auf, daß ſie allen ferneren Verſuchen der chriſtlichen Angreifer Trotz bieten konnten. Acht und zwanzigſtes Kapitel. Kriegsthaten Hernando's Peres del Pulgar und andrer Ritter. Wenn auch die Belagerung Baza's die Geſchicklichkeit und Wiſſenſchaft der chriſtlichen Befehlshaber in all ihrer Glorie darlegte, gab ſie doch den jungen Spaniſchen Rit⸗ tern nur wenig Gelegenheit, ihren Abentheurermuth und ihre ſtolze Tapferkeit zu zeigen. Sie langweilten ſich bei der verdrießlichen Einförmigkeit und dumpfen Sicherheit ihres Lagers, und verlangten nach einer ſeelenerhebenden Kriegsthat voll Schwierigkeit und Gefahr. Zwei der muthigſten dieſer jugendlichen Ritter waren Franciſco de Bazan und Antonio de Cueva, dieſer der Sohn des Herzogs von Albuquerque. Als ſie eines Tags auf den Schanzen des Lagers ſaßen, und ihrer Ungeduld über dieß Leben voll Unthätigkeit Luft machten, hörte ſie ein alter Adalide, einer jener Spionen oder Führer, welche mit allen Theilen des Landes vertraut waren. «c Senhoren,» ſagte er,«wenn ihr Kriegsarbeit voll Gefahr und Lohn wünſcht, wenn ihr den ſtolzen alten Mauren bei'm Bart nehmen wollt, kann ich euch an ei⸗ nen Ort führen, wo ihr euern Muth erproben mögt⸗ Hart an Guadix liegen einige beutereiche Weiler, ich kann euch einen Weg führen, wo ihr unverſehens über ſie her⸗ — 167— einbrechen könnt, und wenn ihr eben ſo kaltbedächtig im Kopf als heiß und wacker mit den Spornen ſeyd, dann könnt ihr euern Raub vor den Augen des alten El Zagal ſelbſt wegführen.» Die Ausſicht, auf dieſe Art Beute vor den Thoren von Guadir ſelbſt zu machen, gefiel den muthvollen Jüng⸗ lingen ſehr; dieſe Raubzüge waren zur damaligen Zeit häufig, und die Mauren aus Padul, Alhenden, und an⸗ dern Städten der Alpurarra hatten kürzlich erſt das chriſtliche Gebiet mit Unternehmungen ſolcher Art beun⸗ ruhigt. Franciſco de Bazan und Antonio de Cueva fanden bald noch andre junge Ritter ihres Alters, die bereit waren, ſich mit ihnen zu dieſem Abentheuer zu verbin⸗ den, und in kurzer Zeit hatten ſie nahe an dreihundert Pferde und zweihundert Fußgänger, die ſertig und bereit waren zu dieſem Ausfall. Ihren Plan geheim haltend, zogen ſie einſt bei'm Ein⸗ bruch des Abends aus dem Lager, und nahmen von dem Adaliden geführt, bei'm Sternenlicht ihren Weg durch die geheimſten Bergpfade. Auf dieſen zogen ſie eiligſt Tag und Nacht fort, bis früh an einen Morgen vor dem Hahnenruf ſie plötzlich über die Weiler herfielen, die Einwohner zu Gefangenen machten, die Häuſer zerſtör⸗ ten, die Felder verwüſteten und über die Wieſen hin⸗ ſchwärmend alle Vieh⸗ und Schafheerden zuſammentrie⸗ ben. Ohne ſich Zeit zur Ruhe zu laſſen, begaben ſie ſich auf den Rückweg, und machten ſich mit aller Eile nach — 168— den Gebirgen auf, ehe Lärm würde, und das Land ge⸗ gen ſie aufſtünde. Einige der Hirten aber waren nach Guadix geflohen, und brachten El Zagal'n Nachricht von der Verwüſtung. Der Bart des alten Muley bewegte ſich vor Wuth. Er ſandte alsbald ſechshundert ſeiner auserwählteſten Reiter und Fußgänger mit dem Befehl aus, die Beute wieder zu nehmen, und die unverſchämten Herumſtreicher gefan⸗ gen in Guadirx einzubringen. Die chriſtlichen Ritter trieben ihren Zug von Vieh und Schafen einem Berg ſo ſchnell hinauf, als ihre ei⸗ gene Müdigkeit erlauben wollte, da gewahrten ſie beiom Umſchauen eine große Staubwolke ſich erheben, und unter⸗ ſchieden bald das beturbante Heer, welches ihnen nahe und heiß auf den Ferſen war. Sie ſahen, die Mauren ſeyen ihnen an Zahl ſehr überlegen; ſie waren auch, Mann und Roß, friſch und unermüdet, während ſie und ihre Pferde durch zwei Tage und zwei Nächte eines beſchwerlichen Zugs abgemattet und entkräftet waren. Mehrere von den Reitern um⸗ ringten daher die Befehlshaber und ſchlugen vor, die Beute zurückzulaſſen, und ſich durch die Flucht zu retten. Die Hauptleute Franciſco de Bazan und Antonio de Cueva wießen ſo feigen Rath mit Verachtung zurück, «Was!, riefen ſie,«unſern Raub aufgeben, ohne einen Streich zu führen! und noch dazu unſre Fußſoldaten in der Enge zu laſſen, die alsdann von dem Feinde erdrückt werden! Wer einen ſolchen Rath aus Furcht gibt, der — 169— irrt ſich in den Mitteln der Sicherheit, denn es liegt weniger Gefahr darin, dem Feinde kühn die Stirn zu 4 bieten, als ihm furchtſam den Rücken zu wenden; und wenigere werden bei tapferm Vordringen als bei ehrloſer Flucht getödet.» Einige der Ritter wurden durch dieſe Worte bewegt, und erklärten, ſie würden den Fußſoldaten als treue Waf⸗ fengefährte beiſtehen. Der große Haufe aber des Streif⸗ trupps waren bloße Freiwillige, die durch Zufall ſich zu⸗ ſammengefunden, die keinen Sold empfingen noch irgend ein gemeinſames Band hatten, das ſie zur Zeit der Ge⸗ fahr zuſammenhielt. Da die Freuden des Zugs vorüber waren, dachte jeder jetzt an ſeine eigne Sicherheit, unbe⸗ 2 kümmert um ſeine Gefährten. Als der Feind herankam, vermehrte ſich noch die wilde Meinungsverſchiedenheit, und alles war in Verwirrung. Die Hauptleute, dem Zwieſpalt ein Ende zu machen, hie⸗ ßen den Fahnenträger gegen die Mauren vorſchreiten, da ſie wohl wußten, daß kein wahrer Ritter zögern würde, der Standarte zu folgen und ſie zu vertheidigen. Aber der Fahnenjunker ſelbſt zauderte und die Truppen waren im Begriff, die Flucht zu ergreifen. Da ritt ein Krieger aus der königlichen Garde, Na⸗ mens Hernando Perez del Pulgar, der Alcayde der Feſte Salar, vor die Fronte. Er nahm ein Tuch, welches er nach Andaluſiſcher Sitte um den Kopf gebunden trug, ab, band es an das Ende ſeiner Lanze, und rief, es hoch in die Luft haltend:«Ritter, wozu nehmt ihr Waffen in — 170— die Hand, wenn ihr eure Sicherheit euern Beinen anver⸗ traut? Dieſer Tag wird entſcheiden, wer der tapfre Mann, wer der Feigling iſt. Wer zu fechten geneigt iſt, braucht wegen einer Fahne nicht verlegen zu ſeyn; er folge dieſem Tuche!» So ſagend ſchwenkte er ſein Banner und draug kühn in die Mauren ein. Sein Beiſpiel beſchämte die einen, und erfüllte andre mit edler Nacheiferung. Alle wandten einſtimmig um, und fielen, dem tapfern Pulgar folgend, mit Geſchrei über den Feind her. Die Mauren warteten kaum den Stoß dieſes Zuſam⸗ mentreffens ab, ergriffen von einem plötzlichen paniſchen Schrecken, nahmen ſie die Flucht, und wurden auf eine weite Strecke hin mit großem Verluſte verfolgt. Dreihundert von ihnen bedeckten todt die Straße, und wurden von den Siegern geplündert und beraubt; viele wurden zu Gefangenen gemacht, und die chriſtlichen Rit⸗ ter kehrten im Triumph in's Lager zurück, einen langen Zug von Schafen und Vieh und Maulthieren mit Beute beladen vor ſich hertreibend; das ſeltſame Banner, das ſte zum Sieg geführt, wurde von ihnen vorausgetragen. Als König Ferdinand von der tapfern That Hernan⸗ do's Perez del Pulgar Nachricht erhielt, verlieh er ihm alsbald die Ehre der Ritterſchaft, und befahl, er ſolle zum Andenken an ſeine That als Wappen eine Lanze mit einem Tuch, nebſt einer Burg und zwölf Löwen führen. Dieß iſt nur eine der vielen kühnen Heldenthaten, die dieſer tapfre Ritter in den Kriegen gegen die Mauren .— ,— 4171— ansführte, und durch welche er großen Ruhm, und den ausgezeichneten Beinamen El de las Hazanas(der Mann der Kriegsthaten) ſich erwarb.*) Neun und zwanzigſtes Kapitel. Fortſetzung der Belagerung Baza's. Der alte Mauren⸗König El Zagal beſtieg einen Thurm und ſpähte eifrig, um des Genuſſes ſich zu erfreuen, die chriſtlichen Herumſtreicher gefangen in die Thore Baza's einbringen zu ſehen; aber ſein Muth ſank, als er ſeine eignen Truppen gewahrte, wie ſie ſich in der Dämmerung des Abends in gebrochenen, zerſtreuten Haufen nach der Stadt zurückſtahlen. Das Kriegsglück war dem greiſen Fürſten ſehr abhold. Sein Gemüth ward durch die traurigen Nachrichten, die jeden Tag von Baza einliefen, ſehr erſchüttert, immer ſchlimmer lautete die Kunde von den Leiden der Einwoh⸗ *) Hernando del Pulgar, der Geſchichtſchreiber und Sekre⸗ tair der Königin Iſabelle, wird mit dieſem Ritter von einigen Schriftſtellern verwechſelt. Jener war auch bei der Belagerung von Baza zugegen und erzählte dieſe Kriegsthat in ſeiner Chronik der katholiſchen Könige, Serdinand und Jaabelle. — 172— ner und der großen Menge von Erſchlagenen, die die Be⸗ ſatzung in den häufigen Scharmützeln zählte. Er wagte nicht, in eigner Perſon dem Orte zu Hülfe zu eilen, denn ſeine Gegenwart war in Guadir nöthig, um ſeinen Neffen in Granada im Zaum zu halten; er bemühte ſich, Verſtärkungen und Unterſtützung zu ſchicken, aber dieſe wurden aufgefangen, und entweder abgeſchnit⸗ ten oder zurückgetrieben. Dennoch war ſeine Lage in gewiſſer Hinſicht der ſei⸗ nes Neffen Boabdil vorzuziehen. Der alte Fürſt kämpfte als ein wackrer Krieger auf der letzten Stufe ſeines Throns. El Chico blieb, gleichſam ein abgefundener Va⸗ ſall, in dem üppigen Wohnſitz des Alhambra. Der rit⸗ terliche Theil der Bewohner von Granada konnte nicht anders, er mußte den hochherzigen Widerſtand, welchen die Helden von Baza für ihr Land und ihren Glauben leiſteten, mit ſeiner eignen, ſich in die Zeit ſchickenden Un⸗ terwerfung unter das Joch eines Ungläubigen vergleichen. Jede Nachricht, die ſie von den Kriegen vor Baza er⸗ hielten, ſchlug ihre Herzen mit Beſchämung, jede Nach⸗ richt von den Kriegsthaten ſeiner verzweifelnden Verthei⸗ diger trieb das Blut in ihre Waungen. Viele ſtahlen ſich heimlich mit ihren Waffen weg, und eilten, ſich mit den Belagerten zu vereinen, und die Anhänger El Zagal's reizten ſo lange die Vaterlands⸗ liebe und die Leidenſchaften der übrigen auf, bis eine neue jener Verſchwörungen ſich bildete, die beſtändig den wankenden Thron von Granada erſchütterten. Die Ver⸗ — 173— ſchwörer kamen überein, plötzlich den Alhambra anzufal⸗ len, Boapbdil'n zu erſchlagen, alle Truppen zu verſam⸗ meln und nach Guadix zu ziehen, wo, von der Beſatzung dieſes Ortes verſtärkt und von dem greiſen Kriegermo⸗ narchen angeführt, ſie mit überwältigender Macht auf das Chriſtenheer vor Baza herfallen könnten. Zum Glück entdeckte Boabdil noch zu rechter Zeit das Complott und ließ den Haupträͤthelsführern die Köpfe ab⸗ ſchlagen und auf den Mauern des Alhambra ausſtellen; ein Akt der Strenge, der bei dieſem milden, ſchwanken⸗ den Fürſten ungewöhnlich war, die Unzufriedenen mit Schrecken erfüllte und eine Art dumpfer Ruhe in der gan⸗ zen Stadt verbreitete. König Ferdinand erhielt von allen dieſen Vorgängen und Maßregeln zur Unterſtützung Baza's genaue Nach⸗ richt, und traf bei Zeiten Vorkehrungen, ſie unſchädlich zu machen. Reiterhaufen hielten in den Bergpäſſen Wache, alle Zufuhren und alle hochherzige Freiwillige, die aus Granada kommen könnten, abzuhalten; auch wur⸗ den Wachtthürme aufgebaut und Kundſchafter auf je⸗ der vorſpringenden Höhe aufgeſtellt, um bei dem erſten Anblick eines feindlichen Turbans ſogleich Lärm zu machen. Der Fürſt Cidi Nahye und ſeine tapferen Waffenge⸗ fährten wurden ſo gleichſam nach und nach von der übri⸗ gen Welt abgeſchnitten; eine Kette von Thürmen, deren Zinnen von Truppen erglänzten, umgürtete die Stadt; und hinter den dazwiſchen beſindlichen Bollwerken und Palliſaden zogen beſtändig Truppenabtheilungen auf und ab⸗ — 172— Woche nach Woche, Monden vergingen, aber Ferdi⸗ nand wartete immer noch vergebens, daß die Beſatzung eingeſchüchtert, oder durch Hungersnoth zur Uebergabe gezwungen würde. Jeden Tag machten ſie Ausfälle mit dem Muth und der Freudigkeit von Truppen, die gut ge⸗ nährt und voll Vertrauen ſind. 4 «Der chriſtliche König,» ſagte der alte Muhamed Ben Haſſan,«baut ſeine Hoffnung darauf, daß wir ſchrwach und muthlos werden; wir müſſen ungewöhnliche Kraft und Freudigkeit darlegen. Was allzu große Raſch⸗ heit in jedem andern Dienſt ſeyn würde, wird Klugheit bei uns.„ Der Fürſt Cidi Nahye ſtimmte ihm hierin bei; und brach mit ſeinen Truppen zu allen Arten kühner, hals⸗ brechender Züge hervor. Sie legten Hinterhalt, erdach⸗ ten Ueberfälle und machten die verzweifeltſten Angriffe. Die große Ausdehnung der chriſtlichen Werke machte ſie an manchen Stellen ſchwach. Gegen dieſe richteten die Mauren ihre Anfälle, brachen plötzlich durch, verwüſteten ſchnell alles und führten im Triumph ihre Beute in die Stadt. Oft brachen ſie durch die Päſſe und Bergſpalten in den hinteren Theil der Stadt, der ſchwer zu bewachen war, und trieben nun, indem ſie ſchnell in die Ebne hin⸗ abeilten, alle Vieh⸗ und Schafheerden weg, die nahe an den Vorſtädten graſten, oder nahmen alle vom Lager ſich entfernende Herumſtreicher gefangen. Dieſe theilweiſen Ausfälle veranlaßten diele harte, 7 — 175— blutige Treffen, in welchen ſich Don Alonzo de Aguilar und der Alcayde der Donzelen ſehr auszeichneten. In einem dieſer heißen Scharmützel, das an dem Fuß des Gebirgs im Zwielicht vorfiel, gewahrte ein tapfrer Rit⸗ ter, Namens Martin Galindo, einen mächtigen Mauren tödliche Streiche rings um ſich austheilen, und große Niederlage unter den Chriſten anrichten.— Galindo drängte ſich vor, und rief ihn zum Zwei⸗ kampf auf. Der Maure, welcher aus dem tapfern Stamm der Abencerragen war, willfahrte alsbald der Herausfor⸗ derung. Sie legten ihre Lanzen ein, und rannen wüthend gegen einander an. Bei dem erſten Stoß ward der Maure im Antlitz verwundet und aus dem Sattel gehoben. Ehe Galindo ſein Roß zum Stehen bringen, und von ſeinem Umlauf zurückkehren konnte, ſprang der Maure ſchon auf ſeine Füße, erlangte ſeine Lanze wieder, ſtürzte auf ihn zu und verwundete ihn am Haupt und Arm. Obgleich Galindo zu Pferde, und der Maure zu Fuß war, war doch die Schnelligkeit und Behendigkeit des letztern ſo groß, daß der chriſtliche Ritter, deſſen Arm zum Kampf unfähig war, ſich in der äuſſerſten Gefahr befand, als ſeine Gefährten zu ſeinem Beiſtand herbei⸗ eilten. Bei ihrer Annäherung zog ſich der tapfre Heide langſam den Felſen hinauf, und hielt ſie in Entfernung, bis er ſich unter ſeinen Gefährten befand. Mehrere von den jungen Spaniſchen Rittern, ange⸗ feuert durch den Triumph dieſes Muſelmänniſchen Rit⸗ ters, würden andre Mauren zum Zweikampf herausgefor⸗ — 176— dert haben, aber Koͤnig Ferdinand verhinderte alle prah⸗ leriſche Vorfälle dieſer Art. Er verbot auch ſeinen Trup⸗ pen, Scharmützel zu veranlaſſen, da er wohl wußte, die Mauren ſeyen geſchickter als die meiſten andern, in dieſer ungeregelten Art zu fechten, und beſſer mit dem Boden bekannt. Dreißigſtes Kapitel. Wie zwei Mönche im Lager anlangten, die aus dem heiligen Lande kamen⸗ — „Während das heilige, chriſtliche Heer,» ſagt Bru⸗ der Antonio Agapida,«auf dieſe Weiſe die ungläubige Stadt Baza belagerte, ritten eines Tags zwei ehrwür⸗ dige Mönche von dem Orden des h. Franziſkus in's La⸗ ger ein. Der eine war von ſchlanker Geſtalt und gebie⸗ tendem Anſehn. Er ritt ein ſtattliches, wohl gehaltenes, gut aufgezäumtes Roß; während ſein Gefährte hinter ihm auf einer ſchlechten, ärmlich behangenen Mähre ein⸗ hertrabte; und wie er ſo ritt, erhob er kaum die Augen vom Boden, ſondern ſah immer ſanft und demüthig darein.. Die Ankunft der beiden Mönche im Lager war keine ſehr auffallende Begebenheit, denn in dieſen heiligen Krie⸗ — 177— gen miſchte ſich beſtändig die zu Feld ziehende Kirche in den Streit, und Helm und Kutte wurden immer beiſam⸗ men geſehen; aber man entdeckte bald, daß dieſe würdi⸗ gen, irrenden Heiligen aus einem fernen Lande kamen und auf einer Sendung von großer Wichtigkeit begriffen waren. 4 Sie langten wirklich eben erſt aus dem heiligen Land an, und waren zwei von den geweihten Männern, die über das Grabmahl unſers gebenedeiten Herrn zu Je⸗ ruſalem Wache hielten. Der eine von der ſchlanken, an⸗ ſehnlichen Geſtalt und dem gebietenden Aeuſſern war Bru⸗ der Antonio Millan, Prior des Franziskaner⸗Kloſters in der heiligen Stadt. Er hatte ein volles, blühendes Geſicht, eine volltönende Stimme und war rund und flie⸗ ßend und füllreich in ſeinen Perioden, wie einer, der ge⸗ wohnt iſt zu reden und mit Ehrerbietung angehört zu werden. Sein Gefährte war dünn und hager von Geſtalt, blaß von Geſicht und ſanft, fein und faſt liſpelnd in ſei⸗ ner Sprache.«Er hatte,» ſagt Agapida,«einen demü⸗ thigen, gebückten Gang und beugte ſelbſt das Haupt mehr, als es ſonſt bei Leuten ſeines Standes der Fall iſt. Doch war er einer der thätigſten, eifrigſten und einflußreichſten Brüder des Kloſters; und wenn er ſein kleines, ſchwar⸗ zes Auge vom Boden erhob, erglänzte ein heller Blitz aus dem Winkel, welcher zeigte, daß obwohl ohne Falſch wie die Taube, er dennoch klug war wie die Schlange. Dieſe heiligen Männer waren mit einer wichtigen Bot⸗ Irving's Granada. 4— 6. 12 46 N2— 178— ſchaft gekommen; der Großſultan von Aegypten, oder wie Agapida ihn in der damaligen Sprache nennt, der Sultan von Babylon ſchickte ſie. Der Bund, welcher zwiſchen jenem Gewalthaber und ſeinem Erzfeind, dem Großtürken Bajazet II. geſchloſſen worden, ihre Waffen zur Rettung Granada's zu vereinigen, wie wir in einem früheren Kapitel dieſer Chronik erzählt haben, war zu Nichts geworden. Die ungläubigen Fürſten hatten noch⸗ mals die Waffen wider einander ergriffen, und waren in ihre alte Feindſchaft zurück verfallen. Dennoch hielt ſich der Großſultan, als Haupt der ganzen Moſlemitiſchen Sekte, für verpflichtet, das Kö⸗ nigreich Granada vor der Eroberung der Ungläubigen zu bewahren. Er ſandte daher dieſe zwei heiligen Brüder mit Briefen an die Caſtiliſchen Könige ſowohl, als auch an den Pabſt und den König von Neapel, worin er gegen die den Mauren vom Königreich Granada, die ſeine Glaubens⸗ und Stammverwandte ſeyen, zugefügten Uebel Vorſtellungen machte und zugleich daran erinnerte, wie es allgemein bekannt ſey, daß in ſeinem Gebiet eine große Anzahl Chriſten zugelaſſen und im vollen Genuß ihres Eigenthums, ihrer Freiheit und ihres Glaubens geſchützt würden. 3 So drang er denn darauf, dieſer Krieg ſolle aufhören, und die Mauren von Granada in das ihnen entriſſene Gebiet wieder eingeſetzt werden, ſonſt drohte er, alle Chriſten unter ſeinem Scepter zu töden, ihre Klöſter und Tempel zu vernichten und das heilige Grab zu zerſtören. Die furchtbare Drohung hatte Beſtürzung unter den Chriſten von Paläſtina verbreitet, und als der uner⸗ ſchrockne Bruder Antonio Millan und ſein demüthiger Ge⸗ fährte auf ihre Sendung auszogen, wurden ſie weit vor Jeruſalem's Thore durch einen angſtvollen Schwarm von Brüdern und Schülern begleitet, welche ihnen mit thrä⸗ nenden Augen nachſehend ſtehen blieben, als ſie über die Ebnen von Judäa gingen. Dieſe heiligen Geſandten wurden von König Ferdi⸗ nand mit großer Auszeichnung empfangen, denn Leute in ihrem Gewand fanden immer hohe Ehre und Auszeichnung an ſeinem Hof. Er hatte lange, häufige Unterredungen mit ihnen über das heilige Land, den Zuſtand der chriſt⸗ lichen Kirche in den Beſitzungen des Großſultans und über die Politik und das Benehmen dieſes Erzheiden gegen ſie. 3 Der ſtattliche Prior des Franziſkaner⸗Kloſters war füllreich, rund und beredt in ſeinen Antworten, und der König zeigte ſich ſehr zufrieden über die reichen Perioden, aber man bemerkte doch, daß der ſtaatskluge Fürſt ein noch aufmerkſameres und geneigteres Ohr der liſpelnden Stimme ſeines demüthigen Gefährten lieh,«deſſen Rede,„ bemerkt Agapida, zobgleich beſcheiden und leiſe, doch klar und fließend und voll liſtiger Weisheit war.» Dieſe heiligen Brüder hatten auf ihrer Reiſe Rom beſucht, wo ſie das Schreiben des Sultans an das Kir⸗ chenhaupt abgegeben. Seine Heiligkeit hatte durch ſie au die Caſtiliſchen Könige geſchrieben, und ſie darin erſucht, 12 4 — 180— ihn wiſſen zu laſſen, welche Antwort ſie auf dieſes Ver⸗ langen des Morgenländiſchen Machthabers zu geben hätten. Der König von Neapel ſchrieb auch an ſie über die⸗ ſen Gegenſtand, aber in vorſichtigen Ausdrücken. Er er⸗ kundigte ſich nach dem Gang dieſes Kriegs mit den Mau⸗ ren von Granada und äuſſerte ſein großes Erſtaunen über die Vorfälle;«als wenn,» ſagt Agapida, anicht beides weltbekannt durch die ganze Chriſtenheit geweſen.» «Ja,» fährt der würdige Bruder mit gebührendem Unwillen fort,«er ſprach Meinungen aus, die wenig beſ⸗ ſer als verdammenswerthe Ketzereien waren; denn er be⸗ merkte, daß obwohl die Mauren von einer verſchiednen Sekte ſeyen, ſie doch nicht ohne gerechte Urſache mißhan⸗ delt werden dürften; und gab zu verſtehen, wenn die Caſtiliſcher Fürſten keine ſchreiende Beleidigungen von den Mauren erlitten, es höchſt unpaſſend ſeyn würde, etwas zu thun, was den Chriſten großen Schaden bringen könnte; als wenn, da einmal das Schwert des Glaubens gezogen war, es je in die Scheide hätte geſteckt werden dürfen, bevor dieſer Abſchaum des Heidenthums gänzlich vernichtet und aus dem Lande getrieben worden.» 1 „Aber dieſer Monarch,» fährt er fort,«war freund⸗ licher gegen die Ungläubigen geſtimmt, als für einen chriſt⸗ lichen Fürſten ehrenvoll und recht war, und befand ſich gerade damals im Bündniß mit dem Sultan gegen ihren gemeinſamen Feind den Großtürken.» Dieſe frommen Ausſprüche des rein und wahrhaft ka⸗ tholiſchen Agavida finden in des Paters Mariana Ge⸗ 8 — 181— ſchichte einen Nachhall, aber der würdige Chroniſt Pedro Abarca ſchreibt die Einmiſchung des Königs von Neapel nicht einem Mangel an Rechtgläubigkeit in der Religion zu, ſondern einem Uebermaß an Weltklugheit; er be⸗ ſorgte, Ferdinand möge, wenn er die Mauren von Gra⸗ nada unterjocht, Zeit und Mittel gewinnen, die An⸗ ſprüche des Hauſes von Arragon auf die Krone von Nea⸗ pel geltend zu machen. «König Ferdinand,» fährt der ehrwürdige Pater Pe⸗ dro Abarca fort,«war nicht weniger Meiſter in der Verſtellung als ſein Vetter in Neapel; ſo antwortete er ihm denn mit der größten Artigkeit, ging in eine genaue und geduldige Rechtfertigung des Kriegs ein, und gab dem Anſchein nach ſich große Mühe, ihn über Dinge zu belehren, die alle Welt wußte, deren aber jener unkun⸗ dig zu ſeyn vorgab.» Zu gleicher Zeit ſänftigte er ſeine Beſorgniſſe über das Schickſal der Chriſten im Reiche des Großſultans, und verſicherte ihn, die großen, ihnen unter dem Namen von Abgaben und Zöllen erpreßten Einkünfte, würden ih⸗ nen ein feſter Schirm gegen die gedrohte Gewaltthat ſeyn. An den Pabſt ſchickte er die gewöhnliche Rechtferti⸗ gung des Kriegs; er ſey unternommen worden zur Wie⸗ dererlangung des alten von den Manren ſich angemaßten Gebiets und zur Strafe für die Kriege und Gewalttha⸗ ten, mit denen ſie die Chriſten gequält hätten; es ſey — 182— ein heiliger Kreuzzug zur Ehre und zum Gedeihen der Kirche.. „Es war ein wahrhaft erbauender Anblick, ſagt Aga⸗ pida,«dieſe Mönche zu ſehen, wie ſie, nachdem ſie Ge⸗ hör bei'm Könige erhalten, im Lager herumgingen, im⸗ mer von Edlen und Rittern von hohem, kriegeriſchem Ruhme umgeben. Dieſe waren unerſchöpflich in ihren Fragen über das heilige Land, über den Zuſtand des Gra⸗ bes unſers Herrn, über die Leiden jener ſich aufopfernden Brüder, die es bewachten, und über die Behandlung der frommen Pilger, die dorthin wanderten, ihre Gelübde zu erfüllen.» „Da ſtand denn der ſtattliche Prior des Kloſters mit hohem, glänzenden Antlitz mitten unter dieſen eiſernen Kriegern, und verbreitete ſich mit weithin tönender Be⸗ redſamkeit über die Geſchichte des Grabes, aber der de⸗ müthigere Bruder ſeufzte wohl manchmal tief auf, und brachte in leiſen Tönen eine Erzählung von Leiden und Gewaltſamkeiten vor, bei deren Anhörung ſeine ſtahlbe⸗ waffneten Zuhörer an das Heft ihrer Schwerter griffen, und zwiſchen den kuirſchenden Zähnen Gebete für einen zweiten Kreuzzug murmelten.“ 3 Die frommen Mönche begaben ſich, nachdem ſie ſich ihrer Botſchaft an den König entledigt hatten, und mit aller gebührenden Auszeichnung behandelt worden waren, auf die Rückreiſe, und nahmen ihren Weg über Jaen, der allerkatholiſchſten unter den Königen einen Beſuch ab⸗ zuſtatten. x — 183— Iſabelle, deren Herz der Sitz der Frömmigkeit war, empfing ſie als heilige Männer, die mit mehr als menſch⸗ licher Würde bekleidet ſind. Während ihres Aufenthalts zu Jaen, befanden ſie ſich beſtändig um die Königin; der verehrungswürdige Prior des Kloſters, rührte und bewegte die Damen des Hofs durch ſeine blühende Be⸗ redſamkeit, aber ſein demüthiger Gefährte hatte, wie jedermann bemerken konnte, beſtändig ſich des geneigten Gehörs der Königin zu erfreuen. «Jener heilige und lieblich redende Bote,„ ſagt Aga⸗ pida,«empfing den Lohn ſeiner Demuth; denn die Kö⸗ nigin, gerührt durch ſeine wiederholten Vorſtellungen, ſetzte in aller Demuth und Beſcheidenheit ihres Herzens eine Summe von tauſend Goldducaten aus, welche auf ewige Zeiten jährlich zur Unterhaltung der Mönche des Kloſters zum heiligen Grabe ausgezahlt werden ſollte. Außerdem übergab dieſen heiligen Abgeſandten bei ih⸗ rer Abreiſe die edle, allerkatholiſchſte Fürſtin einen Schleier, den ſie ſelbſt in ihrem frommem Sinn mit ih⸗ ren eignen königlichen Händen mit Stickereien und Ver⸗ brämungen verſehen hatte, und wollte, daß er über das heilige Grab gebreitet würde. Ein koſtbares, unſchätzba⸗ res Geſchenk, das dem ſtattlichen Prior die beredteſten Danksergießungen abnöthigte, aber ſeinem demüthigen Be⸗ gleiter Thränen in die Augen brachte.*) *) Es möchte nicht undienlich ſeyn, hier den Erfolg dieſer Sendung der beiden Mönche noch zu erwähnen, den aber Ein und dreißigſtes Kapitel. Wie die Königin Iſabelle Mittel fand, dem Heer Lebensmittel zuzuführen. Man pflegt gewöhnlich das geſchickte Verfahren und die Klugheit des Königs Ferdinand in dieſem ſo ſehr be⸗ ſchwerlichen und langwierigen Kriege zu preißen, aber der weiſe Agapida zeigt ſich geneigter den Rathſchlägen und Maßregeln der Königin die Ehre zu geben, welche, wie der würdige Agapida mitzutheilen unterlaſſen hat. Später⸗ hin ſchickten die katholiſchen Könige den ausgezeichneten Geſchichtſchreiber Pietro Martyr von Angleria als Ge⸗ ſandten an den Großſultan. Dieſer erfahrene, geſchickte Unterhändler beſänftigte durch ſeine Vorſtellungen voll⸗ kommen den morgenländiſchen Gewalthaber; er erhielt ſogar von ihm die Aufhebung vieler Ervreſſungen und Bedrückungen, die man ſich bisher gegen die chriſtlichen Pilgrime auf ihren Wanderungen nach dem heiligen Grabe erlaubt hatte, und welche, wie man vermuther, dem Herrſcher durch den demüthigen Bruder beſcheiden, aber dringend dargelegt worden. Pietro Martyr ſchrieb eine Geſchichte ſeiner Geſandtſchaft an den Großſultan; ein Werk, das von den Gelehrten ſehr geſchätzt wird, und viel ſeltſames und merkwürdiges enthält. Das Buch führt den Titel: De Legatione Babylonica. 8 * — 185— er verſichert, obgleich weniger bemerkbar in ihrem Handeln, doch eigentlich die Seele, das belebende Princip dieſer großen Unternehmung geweſen. Während König Ferdinand in ſeinem Lager beſchäftigt war, und mit ſeiner tapfern Ritterſchaft glänzenden Staat machte, erdachte ſie, von ihren heiligen Rathgebern um⸗ ringt, in dem biſchöflichen Palaſte von Jaen Mittel und Wege, den König und ſein Heer in Stand zu ſetzen, das Leben ſich zu friſten. Sie hatte ſich verbindlich gemacht, Zuſchüſſe an Mannſchaft, Geld und Lebensmitteln her⸗ beizuſchaffen, bis die Stadt genommen worden. Die Mühſeligkeiten der Belagerung verurſachten eine große Sterblichkeit unter den Truppen; aber die Zuſen⸗ dung von Menſchen war der am wenigſten ſchwierige Theil ihres Unternehmens. Die Königin war bei der Spani⸗ ſchen Ritterſchaft ſo beliebt, daß auf ihr Aufgebot an ſie zum Beiſtand nicht ein einziger Grand oder Ritter, der noch zu Hauſe ſäumte, unthätig blieb, ſondern entweder in eigner Perſon im Lager erſchien oder Truppen ſandte. Die alten, kriegeriſchen Familien wetteiferten mit ein⸗ ander, ihre Lehnsleute herbeizuführen; und ſo ſahen die belagerten Mauren täglich neue Truppen vor ihrer Stadt ankommen, ſahen neue Fahnen und Banner Wappen ent⸗ falten, die den älteren Kämpfern wohl bekaunt waren. Doch die ſchwierigſte Aufgabe war, regelmäßig Zufuh⸗ ren an Lebensmitteln herbeizuſchaffen. Nicht das Heer allein mußte unterhalten werden, ſondern auch die erober⸗ ten Städte und deren Beſatzungen; denn das ganze Land — 186— war um ſie verwüſtet worden und die Eroberer befanden ſich in Gefahr, mitten in dem Land, das ſie verheert, vor Hunger umzukommen. Herbeizuſchaffen, was täglich für ſo ungeheure Maſſen erfordert wurde, war ein gigan⸗ tiſches Unternehmen in einem Land, wo weder Wege zu Waſſer, noch Straßen für Fuhrwerke ſich vorfanden. Al⸗ les mußte auf Laſtthieren auf rauhen, brüchigen Bergpfa⸗ den und durch gefährliche Engpäſſe herbeigetragen werden, wo man beſtändigen Angriffen und Plünderungen von Seiten der Mauren ausgeſetzt war. Die vorſichtigen, berechnenden Kauflente, die ſonſt wohl das Heer verſahen, ſchracken vor allen Unterneh⸗ mungen auf ihre eigne Gefahr in einem ſo gewagten Falle zurück. Daher miethete denn die Königin vierzehntauſend Laſtthiere, und ließ alle Weizen⸗ und Gerſtevorräthe in Andaluſten und den Beſitzungen der Ritter von dem St. Jago⸗ und Calatrava⸗Orden aufkaufen. Sie ertheilte die Aufſicht über dieſe Zufuhren geſchickten, Vertrauen verdienenden Männern. Einige wurden dazu gebraucht, das Getreide zuſam⸗ menzuſchaffen, andre es in die Mühlen zu bringen, andre die Oberaufſicht über das Mahlen und Ablieſern zu füh⸗ ren und andre es in's Lager zu geleiten. Immer zwei hundert Thieren ward ein Aufſeher beigegeben, ſie auf der Reiſe in Obhuth zu nehmen. So waren große Reihen von Zufuhren in beſtändiger Bewegung; ſie überſchritten die Berge hin und her und wurden von ſtarken Truppenabtheilungen begleitet, um —— — 187— ſte vor den herumſtreichenden Maurenhaufen zu ſchützen. Nicht eine Unterbrechung von einem einzigen Tag ward vergönnt, denn das Beſtehen des Heers hing von der beſtändigen Ankunft dieſer Zufuhren des täglichen Unter⸗ halts ab. Das in's Lager eingebrachte Getreide ward in einer geräumigen Scheune niédergelegt und dem Heer zu einem beſtimmten Preiſe verkauft, der nie weder er⸗ höht noch herabgeſetzt ward. Unglaublich groß waren die Ausgaben, welche bei die⸗ ſem Geſchäft gemacht wurden, aber die Königin hatte geiſtliche Räthe, die außerordentlich erfahren in der Kunſt waren, an die Hülfsquellen eines Landes zu kommen. Viele würdige Prälaten thaten die tiefen Sparbüchſen der Kirche auf, und boten Darleihen aus den Einkünften ihrer Kirchſprengeln und Klöſter dar; und ihre frommen Beiträge wurden buchſtäblich von der Vorſehung hundert⸗ fältig vergolten. Kaufleute und andre reiche Männer, voll Vertrauen auf die pünktliche Gewiſſenhaftigkeit der Königin, ſchoſſen ihr große Summen ohne alle andre Sicherheit als ihr Wort vor, viele edle Familien liehen ihr Silbergeräth ohne zu warten, bis ſie darum erſucht würden. Die Kö⸗ nigin verkaufte auch gewiſſe jährliche, erbliche Renten mit großem Verluſt und wieß die Einkünfte von Schlöſſern und Städten zur Bezahlung an. Als ſich alles dieß als unzureichend zeigte, die unge⸗ heuern Ausgaben zu decken, ſandte ſie ihr Gold und ihr Geſchirr und alle ihre Juwelen in die Städte Valencia . — 188— und Barcelona, wo ſie für eine große Summe Geldes verſetzt wurden, das alsbald dazu verwandt ward, den Bedürfniſſen des Heers abzuhelfen. So wurde durch die wunderbare Thätigkeit, Umſicht und Kraft dieſer heldenmüthigen, hochherzigen Frau ein großes Heer, das in dem Herzen eines kriegeriſchen Lan⸗ des gelagert war und zu dem nur auf Bergpfaden ein Zugang ſich darbot, in beſtändigem Ueberfluß an Lebens⸗ mitteln erhalten. Ja, es wurde nicht nur mit den noth⸗ wendigſten Bedürfniſſen und Bequemlichkeiten des Lebens verſehen, ſondern die ſtark vertheidigten Zuſuhren zogen auch Kaufleute und Künſtler von allen Seiten an, die wie in Karavanen zu dieſem großen kriegeriſchen Markte eilten. In kurzer Zeit war das Lager voll Handelsleuten und Künſtlern jeder Art, die der Prachtliebe und dem Prunke der jungen Ritterſchaft dienten. Hier konnte man geſchickte Stahlarbeiter bemerken, vollendete Waffen⸗ ſchmiede, welche jene herrlichen und koſtbaren Helme und reich vergoldeten, eingelegten und mit erhabener Arbeit verſehenen Küraſſe verfertigten, woran die Spaniſchen Ritter ſo großes Wohlgefallen hatten; auch Sattler und Gürtler und Pferdeverzierer, deren Zelte von verſchwen⸗ deriſchen Decken und von Zaumwerk erglänzten, hatten ſich eingefunden. Die Kaufleute hingen ihre koſtbaren Seidenſtoffe aus, ihre reichen Gewänder, ihr Brocad, feines Leinen und ihre Teppiche. Die Zelte des Adels waren verſchwende⸗ — 2— — 2— I — 189— riſch mit allen Arten der reicheſten Zeuge geſchmückt, und vergnügten das Auge durch ihre Pracht; und die ernſten Blicke und Reden Königs Ferdinand konnten ſeine ju⸗ gendlichen Ritter nicht davon abbringen, mit einander in dem Glanz ihrer Kleider und ihres Pferdeſchmucks bei allen Paraden und Feſtlichkeiten zu wetteifern. Zwei und dreißigſtes Kapitel. Von den unfällen, welche über das Heer hereinbrachen. Während das chriſtliche Lager auf dieſe Weiſe fröh⸗ lich und prächtig gleich einer Feiertagsbeluſtigung vor den Wällen Baza's ſich hindehnte; während man einen lan⸗ gen Zug von Laſtthieren, mit Vorräthen und Bequem⸗ lichkeiten beladen von Morgen bis in die Nacht in das Thal herabſteigen und über das Lager einen nie verſie⸗ genden Strom von Ueberfluß ausgießen ſah; gewahrte die unglückliche Beſatzung mit Schrecken, wie ihre Hülfs⸗ quellen ſchnell ſich erſchöpften, und Hungersnoth ſchon den friedlicheren Theil der Stadt zu quälen begann. 3 Cidi NYahye hatte ſich mit großem Muthe, mit unge⸗ wöhnlicher Kraft benommen, ſo lange noch einige Aus⸗ ſicht auf Erfolg da war; aber er verlor jetzt allmählig ſein gewohntes Feuer und ſeine Unerſchrockenheit, und — 190— man ſah ihn mit nachdenkender Miene auf den Wällen Baza's hin und herſchreiten, und manchen gedankenvollen Blick auf das chriſtliche Lager werfen, und dann wieder in tiefes Nachdenken und Hinbrüten verſinken. Der alte Alcayde Muhamed Ben Haſſan bemerkte dieſe niedergeſchlagne Stimmung und mühte ſich den Muth des Fürſten wieder aufzuregen.«Die Regenzeit iſt nahe,» pflegte er auszurufen,«die Fluthen werden bald von den Gebirgen herabſchießen; die Flüſſe ihre Ufer überſchreiten und die Thäler überſchwemmen. Der Chri⸗ ſtenkönig beginnt ſchon zu ſchwanken, er darf nicht zau⸗ dern und von ſolch einer Jahrszeit in einer von Bächen und Kanälen durchſchnittenen Ebene ſich überraſchen laſ⸗ ſen. Ein einziger winterlicher Sturm aus unſern Gebir⸗ gen nürde ſeine linnene Stadt wegwaſchen und jeue fröh⸗ lichen Zelte, gleich einem Schneegeſtöber vor'm Winde, vor ſich hertreiben.» Ddeer Fürſt Cidi Nahye faßte bei dieſen Worten Muth, und zählte die Tage, wie ſie vorübergingen, bis die ſtür⸗ miſche Jahrszeit hereinbrechen würde. Als er ſo das chriſtliche Lager durchſpähte, ſah er es eines Morgens in allgemeiner Bewegung. Ein ungewöhn⸗ liches Getös von Hämmern ſchallte ihm von jeder Seite entgegen, gleich als wenn neue Kriegswerkzeuge gebaut wärden. Endlich begannen zu ſeinem größten Erſtaunen die Mauern und Dächer von Häuſern über die Bollwerke hinauszuragen. In kurzer Zeit waren mehr als tauſend Gebäude von Holz und Giys errichtet, mit den Ziegel⸗ 4 —— — 191— ſteinen gedeckt, die man von den zerſtörten Thürmen der Obſtgärten genommen hatte, und von den Bannern der verſchiednen Befehlshaber und Ritter umflattert; während die gemeinen Soldaten Hütten aus Lehm und Baum⸗ zweigen erbauten, und ſie mit Stroh bedeckten. So verſchwanden, zum Schrecken der Mauren, bin⸗ nen vier Tagen die leichten Zelte und fröhlichen Gemä⸗ cher, die ihre Hügel und Ebenen mit ſchillerndem Glanze bedeckt hatten, gleich Sommerwolken von ihren Stellen, und das unſtätige Lager bekam den feſten Anblick einer Stadt, die ſich in Straßen und freien Plätzen hindehnte. In der Mitte erhob ſich ein geräumiges Gebäude, das über das Ganze hinausragte, und die königliche Stan⸗ darte von Arragonien und Caſtilien, die ſtolz über es hiaflatterte, zeigte, daß es der Pallaſt des Königs ſey. Ferdinand hatte den plötzlichen Entſchluß, ſo ſein La⸗ ger in eine Stadt zu verwandeln, theils deswegen gefaßt, um ſich gegen die herannahende Jahreszeit vorzuſehn, theils aber auch, um die Mauren von ſeinem unabänder⸗ lichen Vorhaben zu überzeugen, die Belagerung fort⸗ zuſetzen. 1 Allein in ihrer Eile, ſich Wohnungen zu bauen, hat⸗ ten die Spaniſchen Ritter die Natur des Clima's nicht gehörig berückſichtigt. Den größern Theil des Jahrs hin⸗ durch fällt kaum ein Tropfen Regen auf Andaluſiens dur⸗ ſtigen Boden; die Rambla oder trocknen Flußbette, blei⸗ ben tiefe, unfruchtbare Schlünde und Spalten in den Seiten der Gebirge. Die beſtändigen Ströme ſchrum⸗ 3 — 192— pfen zu bloßen Waſſerfäden zuſammen, welche den tiefen Barranca oder Schluchten hinabrieſelnd kaum die Bäche der Thäler unterhalten und vor dem Vertrocknen bewah⸗ 2 ren können. Die Flüſſe, faſt verloren in ihren weiten, nackten ufern, gleichen durſtigen Bächen, welche in Schlangen⸗ krümmungen ſich durch Wüſten von Sand und Stein- durchwinden; alle ſo ſeicht und ruhig in ihrem Lauf, daß ſte ſicher an allen Orten durchwadet werden können. Aber ein einziger herbſtlicher Regenſturm verändert. den ganzen Anblick der Natur. Die Wolken brechen in Fluthen auf die weiten, zuſammengehäuften Berge herab. Die Rambla ſind plötzlich mit ſtürmiſchen Waſſern er⸗ füllt, die rieſelnden Bäche ſchwellen zu donneraden Berg⸗ ſtrömen an, welche brüllend von den Gebirgen herabkom⸗ men, und große Felſenmaſſen in ihrem ſchäumenden Lauf mit fort reißen. Der eben noch verſiegende Fluß breitet ſich weit über ſein vorher nacktes Bett hin, peitſcht ſeine Wellen gegen die Ufer und ſtürzt, gleich einer weiten, ſchaumbedeckten Ueberſchwemmung durch das Thal. Kaum hatten die Chriſten ihre leichtgebauten Woh⸗ nungen vollendet, als ein Herbſtſturm dieſer Art von den Gebirgen herabſaußte. Das Lager war alsbald über⸗ ſchwemmt, viele Häuſer, von den Fluthen untergraben oder vom Regen zerſchlagen, wichen auseinander und fie⸗* len zur Erde, Menſchen und Thiere unter ihren Trüm⸗ mern begrabend. Viele, deren Leben für das Heer vom höchſten Wer⸗ * — 193— the geweſen, kamen um; auch verlor man eine große An⸗ zahl von Pferden und andern Thieren. Die Noth und Verwirrung im Lager noch zu erhöhen, hörten nun auch plötzlich die täglichen Zufuhren von Lebensmitteln auf, der Regen hatte die Straßen unterbrochen und die Flüſſe unzugänglich gemacht. Ein paniſcher Schrecken kam über das Heer, denn die Unterbrechung der Zufuh⸗ ren auch nur für einen einzigen Tag brachte Theuerung des Brodes und des übrigen Mundvorraths. Glücklicher Weiſe war der Regen nur vorübergehend; die Gießbäche ſchoſſen vorbei und verſchwanden, die Flüſſe ſchrumpften wieder in ihr ſeichtes Bett zurück, und die Proviantzüge, die an ihren Ufern aufgehalten worden, kamen ungefährdet im Lager an. Nicht ſobald hörte die Königin Iſabelle von dieſer Unterbrechung ihrer Zufuhren, als ſie ſchon mit ihrer ge⸗ wohnten Sorgfalt und Thätigkeit gegen ähnliche Vorfälle Maßregeln traf. Sie ſandte ſechstauſend Fußſoldaten un⸗ ter dem Oberbefehl erfahrener Offiziere ab, die Wege auszubeſſern und ſieben Spaniſche Meilen weit⸗ Straßen und Brücken anzulegen. Auch machten die Truppen, welche von dem König in den Gebirgen aufgeſtellt worden, um die Engpäſſe zu be⸗ wachen, zwei Wege, einen für die Fuhren, welche in's Lager gingen, und den andern für die zurückkehrenden, damit ſie nicht auf einander träfen, und ſich hinderten. Die Wohnungen, die durch die früheren Fluthen zerſtört Irving's Granada. 4— 6. 13 8 worden, wurden auf eine feſtere Weiſe wieder aufgebaut, und Vorſichtsmaßregeln getroffen, das Lager gegen künf⸗ tige Ueberſchwemmungen zu ſchützen. ——— Drei und dreißigſtes Kapitel. Treffen zwiſchen den Chriſten und Mauren vor Baza; auf⸗ opfernde Topferkeit der Einwohner bei Vertheidigung ih⸗ rer Stadt. Als König Ferdinand die Verwüſtung und Verwirrung gewahrte, die ein einziger Herbſtſturm hervorgebracht hatte, als er ſich all der Leiden und Krankheiten erinnerte, de⸗ nen ein Belagerungsheer in ranhen Jahrszeiten ausgeſetzt iſt, begann ſich Mitleid mit dem duldenden Volk von Buza in ſeiner Bruſt zu regen, und er fühlte in ſich eine Neigung, ihnen günſtigere Bedingungen zu gewähren. Daher ſandte er mehrere Boten an den Alcayden Mu⸗ hamed Ben Haſſan, und bot den Einwohnern Freiheit ih⸗ rer Perſon und Sicherheit des Eigenthums, ſowie auch ihm ſelbſt große Belohnungen, wenn er die Stadt über⸗ geben wollte. Der alte, erfahrene Muhamed war nicht der Mann, der leicht durch die glänzenden Anerbietun⸗ gen des Königs verführt worden wäre. Er hatte von dem Schaden, der dem Chriſtenlager durch den eben hereingebrochenen Sturm zugefügt worden, und von dem —.,— — 195— Leiden und Mißvergnügen des Heers in Folge der vor⸗ übergehenden Unterbrechung der Zufuhren übertriebene „ Nachrichten erhalten. Er betrachtete die Eröffnungen Fer⸗ dinands als Beweiſe von dem verzweifelten Zuſtand ſei⸗ — ner Angelegenheiten. 4 3«Noch ein wenig Geduld,» ſagte der liſtige, greiſe 2 Krieger,«und wir werden dieſen Haufen Chriſtenheu⸗ ſchrecken vor den Winterſtürmen wegtreiben ſehen. Wenn ſte uns einmal den Rücken wenden, dann kommt unſer 3 Geſchaͤft darauf zu ſchlagen, und mit Allah's Hülfe ſoll der Streich entſcheidend ſeyn.⸗» Er ſandte eine entſchloſſene, wiewohl höfliche Weige⸗ rung dem chriſtlichen Fürſten, und reizte zu gleicher Zeit „ ſeine Waffengefährten zu Ausfällen an, ſie ſollten mit mehr als gewöhnlichem Muthe die Spaniſchen Vorpoſten und die Arbeiter an den Schanzgräben angreifen. Die Folge davon waren beinahe tägliche, ſehr gewagte und blutige Scharmützel, die vielen der tapferſten und kühn⸗ „ ſten Ritter auf beiden Seiten das Leben koſteten. Bei einem dieſer Ausfälle erſtiegen nahe an dreihun⸗ dert Pferde und zweitauſend Fußgänger die Hühen hinter 1¼ der Stadt, um die Chriſten wegzufangen, die mit ihren Vertheidigungswerken beſchäftigt waren. Sie überfielen unverſehens eine Abtheilung der Garden, Lehnsträger des 5 Grafen de Urena; ſie tödeten einige, ſchlugen die übrigen in die Flucht und verfolgten ſie dem Gebirg hinab, bis ſie eine kleine Streitmacht unter dem Grafen de Tendilla und Gonſalvo von Cordova anſichtig wurden. 13*⁸½ 3— 196— Die Mauren kamen mit ſolcher Wuth herangeſtürzt, daß viele von den Leuten des Grafen de Tendilla die Flucht ergriffen. Der tapfre Graf hielt es für weniger gefährlich zu ſechten als zu fliehen. Er nahm daher ſei⸗ nen Schild an den Arm, ergriff ſeine treue Waffe und behauptete feinen Stand mit ſeiner gewohnten Tapferkeit. Gonſalvo von Cordova ſtellte ſich ihm zur Seite, und die Truppen, welche noch bei ihnen geblieben, vorfüh⸗ rend, boten ſie den Mauren eine feſte, tapfre Fronte. Die Ungläubigen drängten ſie hart, und waren ſchon im Vortheil, als Alonzo de Aguilar, der die Gefahr ſeines Bruders Gonſalvo gehört, zu ſeinem Beiſtaud eilte, und dabei von dem Grafen von Urena und einem Theil ihrer Truppen unterſtützt wurde. 1 Ein heißer Kampf entſpann ſich von Klippe zu Klippe, von Schlucht zu Schlucht. Die Mauren waren geringer an Anzahl, aber ſie zeichneten ſich aus durch die Geſchick⸗ lichkeit und Leichtigkeit, welche nöthig iſt bei dieſen klet⸗ ternden Scharmützeln. Sie wurden endlich aus dem ge⸗ wonnenen Terrain wieder vertrieben und von Alonzo de Aguilar und ſeinem Bruder Gonſalvo bis in die Vor⸗ ſtädte der Stadt verfolgt; ſie hatten viele der tapferſten ihrer Leute auf dem Wahlfeld zurückgelaſſen. Dieß war eins von den unzähligen rauhen Treffen, welche täglich vorſielen, und worin viele tapfre Ritter ohne irgend einen ſichtbaren Vortheil für einen der beiden Theile erſchlagen wurden. Die Mauren fuhren trotz der wiederholten Niederlagen und Verluſte fort, täglich mit — 1492— erſtaunendem Muthe und großer Kraft Ausfälle zu ma⸗ chen; ja die Hartnäckigkeit ihrer Vertheidigung ſchien mit ihren Leiden zu ſteigen. Der Fürſt Cidi Yahye war immer voran in dieſen Ausfällen, aber er verzweifelte täglich mehr an einem Er⸗ folg. Alles Geld in der Kriegskaſſe war ausgegeben und man hatte ferner nicht mehr, womit man die gemietheten Soldaten bezahlen ſollte. Doch unternahm es der greiſe Muhamed Ben Haſſan, in dieſer Noth Hülfe zu ſchaffen. Er berief die vornehm⸗ ſten Einwohner, er ſtellte die Nothwendigkeit einer Kraft⸗ anſtrengung und Aufopferung von ihrer Seite ihnen vor, m die Vertheidigung der Stadt fortzuſetzen. «Der Feind,» ſagte er,«fürchtet die Annäherung des Winters, und unſre Ausdauer bringt ihn in Ver⸗ zweiflung. Noch eine kurze Weile, und er wird euch im ruhigen Genuß eurer Landgüter, Thürme und eures Fa⸗ milienglücks laſſen. Aber unſre Truppen müſſen bezahlt werden, um ſie gutes Muths zu erhalten. Unſere Geld⸗ mittel ſind erſchöpft; alle unſere Zufuhren ſind abgeſchnit⸗ ten. Es iſt uns unmöglich, unſere Vertheidigung ohne eure Mitwirkung fortzuſetzen.» Auf dieſes berathſchlagten die Bürger mit einander; und ſie ſammelten alle ihre Gefäße von Gold und Sie ber und brachten ſie Muhamed Ben Haſſan. «Nimm dieſe,» ſagten ſie, aund vermünze ſie, oder verkaufe oder verſetze ſie für Geld, um damit die Trup⸗ pen zu bezahlen.» — 198— ferung ergriffen.«Sollen wir uns,» ſagten ſie,«mit prächtigem Schmuck bedecken, während unſer Land in Noth iſt und ſeine Vertheidiger des Brodes ermangeln?⸗ So nahmen ſie ihre Halsketten und Armſpangen und Ringe und andere Zierrathen von Gold und alle ihre Iuwelen und legten ſie in die Hände des greiſen Alcayden. «Nimm dieſen über unſere Eitelkeit gewonnenen Raub,⸗ ſagten ſie,«und laß ihn zur Vertheidigung unſerer Hei⸗ math und unſerer Familien beitragen. Iſt Baza befreit, dann bedürfen wir der Juwelen nicht, unſere Luſt zu er⸗ höhen, und wenn Baza fällt, was nutzt der Schmuck den Gefangenen?⸗ 4 Durch dieſe Beiträge ward Muhamed in Stand ge⸗ ſetzt, die Soldaten zu bezahlen und die Vertheidigung der Stadt mit ungeſchwächtem Muthe fortzuführen. Schnell erhielt König Ferdinand von dieſer edelmüthigen Aufopferung von Seiten des Volks von Baza, und von der Hoffnung Kunde, welche die Mauriſchen Befehlshaber den Einwohnern machten, das chriſtliche Heer werde bald, an allem Erfolg verzweifelnd, die Belagerung aufgeben. Sie ſollen einen überzeugenden Beweis von der Falſch⸗ heit ihrer Hoffnungen haben, ſagte der ſtaatskluge Fürſt, und ſchrieb alsbald an die Königin Iſabelle und bat ſie, in Gepräng mit all ihrem Gefolge und ihrer Begleitung in's Lager zu kommen, und ihre Wohnung darin öffent⸗ lich für den Winter über zu nehmen. Durch dieſes Mit⸗ tel würden die Mauren von dem fſeſtſtehenden Beſchluß Auch die Weiber von Baza wurden von edler Nachei⸗ V — 199— der Koͤnige überzeugt werden, in der Belagerung zu be⸗ harren, bis ſich die Stadt übergeben würde; und er hätte das Vertrauen, ſie möchte zu ſchneller Uebergabe gebracht werden können. Vier und dreißigſtes Kapitel. Wie die Königin Iſabelle im Lager anlangt, und von den Folgen ihrer Ankunft, Muhamed Ben Haſſan ermuthigte immer noch ſeine Gefährten mit der Hoffnung, das königliche Heer würde bald die Belagerung aufheben; als ſie eines Tags Freu⸗ dengeſchrei aus dem chriſtlichen Lager herübertönen hörten, und donnernde Salven aus den Belagerungsgeſchützen ver⸗ nahmen. Zu gleicher Zeit kam die Kunde von den Wachen aus den Warten, daß ein chriſtliches Heer durch das Thal heranziehe. Muhamed und ſeine Mitbefehlshaber beſtiegen einen der höchſten Thürme der Wälle und gewahrten in der That eine zahlreiche Streitmacht in glänzendem Prunke den Hügeln herabſteigen, und hörten den fernen Klang der Trompeten und den hinſterbenden Aufſchwung trium⸗ phirender Muſik. 4 Als das Heer näher kam, unterſchieden ſie eine ſatt⸗ liche Dame, prächtig geſchmückt, die ſie bald als die Koͤ⸗ * nigin erkannten. Sie ritt auf einem Maulthier, deſſen koſtbare Aufzäumung von Gold erglänzte und deſſen Dek⸗ ken bis zur Erde reichten. Zu ihrer Rechten ritt ihre rahter die Prinzeſſin Iſabelle, gleichfalls ſehr prächtig in ihrem Aufzug, zu ihrer Linken war der ehrwürdige Großcardinal von Spanien. Ein verzen der Zug von Da⸗ men und Rittern folgte ihr, auſſerdem Pagen und Be⸗ reiter und eine zahlreiche Wache von Hidalgo von hohem Rang, die in herrlicher Rüſtung erglänzten. Als der greiſe Muhamed Ben Haſſan gewahrte, daß dieß die Königin Iſabelle war, welche in Gepränge an⸗ kam, um ihre Wohnung im Lager zu nehmen, da ver⸗ ließ ihn ſein Muth. Er ſchüttelte traurig ſein Haupt und ſagte zu ſeinen Hauptleuten gewandt: Ritter, Baza's Loos iſt entſchieden!⸗— Die Mauriſchen Befehlshaber ſtanden ſtaunend; ein gemiſchtes Gefühl von Trauer und Bewunderung erfüllte ſie beim Anblick dieſes prächtigen Aufzugs, der den Fall ihrer Stadt vorausverkündete. Ein Theil der Truppen hätte gern zu einem ihrer verzweifelten Scharmützeln ei⸗ nen Ausfall gemacht, ſie wünſchten die königliche Garde anzufallen, aber der Fürſt Cidi Yahye hielt ſie zurück; er wollte ſelbſt nicht zugeben, daß ein einziges Geſchütz abgefenert oder irgend eine Beſchwerde und Verletzung verſucht würde, denn Iſabellens Charakter ward ſelbſt von den Mauren verehrt, und die meiſten der Anführer beſaßen jene hohe, ritterliche Höflichkeit, die Heldenge⸗ — 201— müthern zukömmt; denn ſie gehörten zu den edelſten und tapferſten Rittern des Mauriſchen Volks. Die Einwohner von Baza, als ſie hörten, die chriſt⸗ liche Königin nähere ſich dem Lager, ſuchten eifrigſt jede Anhöhe zu erklimmen, von wo man eine Ausſicht auf die Ebene haben konnte, und jede Schanze, jeder Thurm, jede Moſchee war von beturbanten Häuptern erfüllt, welche nach dem glorreichen Auftritte hinſpähten. Sie ſahen den König Ferdinand in fürſtlichem Staat ausziehen, begleitet von dem Marquis von Cadix, dem Ordensmeiſter von St. Jago, dem Herzog von Alva, dem Admiral von Caſtilien, und vielen andern Edlen von hohem Ruhm; während die ganze Ritterſchaft des La⸗ gers, prächtig aufgeputzt, in ihrem Gefolge ſich befand, und das Volk bei'm Anblick der hochherzigen Königin die Luft mit Freudengeſchrei erfüllte. Nachdem ſich die beiden Könige entgegen gekommen und ſich umarmt hatten, vereinigten ſich die beiden Heere und zogen mit kriegeriſchem Gepränge in's Lager. Die Augen der ungläubigen Zuſchauer wurden von dem Blitzen der Waffenrüſtungen, dem Glanz der goldnen Aufzäu⸗ mung, dem prächtigen Putze von Seide, Brocad und Sammet, von nickenden Federbüſchen und flatternden Fah⸗ nen geblendet, ergötzt und erſchreckt. Zu gleicher Zeit vernahm man ein triumphirendes Ge⸗ toͤs von Trommeln und Trompeten, von Clarinetten und Poſaunen, in das ſich der ſanfte Ton des Hakebrets miſchte, und welches in ſchwellenden, harmoniſchen Accor⸗ 7 — 202— den, die bis zu den Himmeln ſich zu erheben ſchienen, zu ihnen herüberdrang. «Mit der Ankunft der Königin,v ſagt der Geſchicht⸗ ſchreiber Hernando del Pulgar, der damals zugegen war, awar es wunderbar zu bemerken, wie auf einmal die Wildheit und Wuth des Kriegs ſich ſänftigte, und der Sturm der Leidenſchaften ruhiger ward. Das Schwert ging zurück in ſeine Scheide, die Armbruſt ſchleuderte ferner nicht ihre tödtlichen Bolzen, und die Geſchütze, die bisher ein unaufhörliches Getös und Feuer unterhal⸗ ten hatten, ſtellten jetzt ihre Donner ein.» „Auf beiden Seiten wurde noch ſtrenge Wachſamkeit beobachtet; die Wachen machten mit ihren Lanzen die Wälle Baza's erglänzen, und Streifhaufen hielten ihre Umgänge um das chriſtliche Lager; aber man unternahm keinen Ausfall, kein Scharmützel, keine übermüthige Ge⸗ waltthat, veranlaßte kein unnöthiges Blutvergießen.» Fürſt Cidi Nahye erkannte an der Ankunft der Königin, die Chriſten ſeyen entſchloſſen, die Belagerung fortzuſetzen, und er wußte, die Stadt werde ſich ergeben müſſen. Er war mit dem Leben ſeiner Soldaten ſo lange verſchwen⸗ deriſch geweſen, als er dachte, er könne durch dieſe Auf⸗ opferung Kriegsvortheile gewinnen; aber als ſeine Ange⸗ legenheiten verzweifelt und ohne alle Hoffnung ſich ihm darſtellten, war er ſparſam mit dem Blut ſeiner Unter⸗ gebenen und hütete ſich wohl, den Feind durch eine hart⸗ näckige, hoffnungsloſe Vertheidigung aufzubringen und zu erboßen. f .— Vu— —— — 203— Auf Verlangen des Fürſten Eidi Nahye ward eine Un⸗ terredung bewilligt, und der Oberbefehlshaber von Leon, Don Gutiere de Cardenas, dazu auserſehen, mit dem tapfern Alcayden Muhamed zu unterhandeln. Sie tra⸗ fen ſich an einer beſtimmten Stelle im Angeſicht des La⸗ gers und der Stadt, und wurden ehrenvoll von Rittern aus dem beiderſeitigen Heer dahin geleitet. Ihre Zuſammenkunft war außerordentlich höflich, denn ſte hatten durch das rauhe Aufeinandertreffen im Feld je⸗ der des andern Tapferkeit zu bewundern gelernt. Der Befehlshaber von Leon wieß in einer ernſten Rede auf die gänzliche Hoffnungsloſigkeit jeder weitern Vertheidi⸗ gung hin, und warnte Muhamed vor den Uebeln, welche Malaga durch ſeine Hartnäckigkeit ſich zugezogen. asch verſpreche in dem Namen meines Königs,“ ſagte er, sdaß, wenn ihr euch unverzüglich ergebet, die Einwoh⸗ ner als Unterthanen behandelt, und in ihrem Eigenthum, ihrer Freiheit und Religion geſchützt werden ſollen. Wenn ihr euch weigert, moͤchtet ihr, jetzt als ein geſchickter, kluger Befehlshaber berühmt, verantwortlich gemacht werden, für die Gütereinziehungen, Gefangennehmung und Hinrichtungen, welche das Volk von Baza erleiden könnte.. Der Befehlshaber ſchwieg und Muhamed kehrte in die Stadt zurück, ſich mit ſeinen Gefährten zu berathſchla⸗ gen. Es war offenbar, aller fernere Widerſtand war hoff⸗ nungslos, aber die Mauriſchen Führer fürchteten, ein Schatten möge auf ihre Namen fallen, wenn ſie nach'ih⸗ — 204— rem eignen Gutdünken einen ſo wichtigen Ort übergäben, ohue daß er einen Sturm ausgehalten. Daher bat denn der Fürſt Cidi Nahye um Erlaubniß, einen Boten nach Guadix mit einem Schreiben an den greiſen Fürſten El Zagal zu ſchicken und darin ſich mit ihm über die Uebergabe zu beſprechen. Die Bitte ward gewährt, dem Geſandten ſichres Geleit verheißen und der alte Alcayde Muhamed Ben Haſſan unterzog ſich ſelbſt dieſer wichtigen Sendung. Fuͤnf und dreißigſt es Kapitel. Uebergabe von Baza. — Der greiſe Kriegerkönig ſaß in einem inneren Gemache des Schloſſes Guadix; ſein Muth war gebrochen, er brü⸗ tete über ſeinem unglücklichen Geſchick, als ihm ein Bote von Baza angeſagt ward, und der alte Alcayde Muha⸗ med vor ihm ſtand. El Zagal las unſelige Nachrichten in ſeinen Zügen. «Wie geht es mit Baza?» ſagte er, nachdem er Faſ⸗ ſung genug zu dieſer Frage gewonnen. Mag dieß dir antworten„ entgegnete Muhamed und übergab ſeinen Händen das Schreiben von dem Fürſten Cidi Nahye. ——— Dieſer Brief ſprach von der verzweifelten Lage Ba⸗ za's, von der Unmöglichkeit ſich länger zu halten ohne El Zagal's Beiſtand und von den günſtigen Bedingungen, die die Caſtiliſchen Könige angeboten. Wäre er von ei⸗ ner andern Hand geſchrieben geweſen, El Zagal hätte ihn mit Mißtrauen und Unwillen aufgenommen, aber er ver⸗ traute Cidi Nahye wie ſeinem anderen Selbſt, und die Worte des Schreibens drangen ihm tief zu Herzen.. Als er geleſen, ſeufzte er tief auf, und blieb kange Zeit in Gedanken verloren. Das Haupt fiel ihm herab auf die Bruſt. Dann ſich erholend, rief er die Faki zu⸗ ſammen, und die Greiſe von Guadir, theilte ihnen die Kunde von Baza mit, und verlangte ihren Rath. Es war ein Zeichen von großer Rathloſigkeit und Nie⸗ dergeſchlagenheit des Geiſtes, wenn El Zagal die Mei⸗ nungen andrer befragte, aber ſein wilder Muth war ge⸗ ſänftigt, denn er ſah das Ende ſeiner Macht herannahen. Die Faki und Greiſe vermehrten nur noch durch die Mannigfaltigkeit ihrer Rathſchläge, von denen keiner der Betrachtung werth erſchien, die Ungewißheit unde Unent⸗ ſchloſſenheit ſeines Geiſtes, denn, kam man Baza nicht zu Hülfe, ſo war es unmöglich, es konnte ſich nicht län⸗ ger halten, und jeder Verſuch, ihm zu Hülfe zu kommen, war ohne Erfolg geblieben. El Zagal verzweifelte; er entließ den Rath und be⸗ ſchied den greiſen Muhamed vor ſich. Allah achbar!⸗ rief er,»Gott iſt groß; es iſt nur ein Gott und Mu⸗ hamed iſt ſein Prophet! Kehr' zu meinem Neffen Cidi Yahye zurück, ſag' ihm, es ſtehe nicht in meiner Ge⸗ walt ihm zu helfen; er muß handeln, wie es ihm am be⸗ ſten erſcheint. Das Volk von Baza hat Thaten voll⸗ führt, die würdig ſind unſterblichen Ruhms; ich kann ſle nicht heißen, ferneren Uebeln und Gefahren zu trotzen, und hoffnungslos in ihrer Vertheidigung zu beharren.⸗ Die Entgegnung El Zagal's entſchied das Loos der Stadt. Cidi NYahye und ſeine Mitbefehlshaber überga⸗ ben ſich alsbald und erhielten die günſtigſten Bedingun⸗ gen. Den Rittern und Soldaten, die aus andern Ge⸗ genden gekommen, um den Ort zu vertheidigen, ward freier Abzug mit ihren Waffen, Pferden und Habſelig⸗ keiten vergönnt. Den Einwohnern blieb die Wahl, mit ihrem Eigenthum abzuziehn oder in den Vorſtädten im Genuß ihrer Religion und Geſetze zu wohnen, wenn ſie den Königen den Unterthanen⸗Eid ſchwüren und dieſel⸗ ben Abgaben bezahlten, die die Mauriſchen Könige von ihnen erhalten. Die Stadt und Citadelle ſollte in ſechs Tagen über⸗ liefert werden, binnen welcher Zeit die Einwohner alle ihre Habſeligkeiten wegzuſchaffen hätten; zugleich ſollten ſie fünfzehn Mauriſche Jünglinge, Söhne der vornehm⸗ ſten Einwohner den Händen des Befehlshabers von Leon als Geiſeln überliefern. Als Cidi Yahye und der Alcayde Muhamed heran⸗ kam, die Geiſeln zu übergeben, unter welchen die Söhne des letztern ſich befanden, brachten ſie ihre Huldigung dem König und der Königin dar. Sie wurden von ih⸗ . 4 — nen mit der größten Höflichkeit und Güte aufgenommen, und auf ihren Befehl ſie, ſo wie auch die andern Mau⸗ riſchen Ritter, reichlich beſchenkt. Sie erbielten Geld, Kleider, Pferde und andre Dinge von hohem Werth. Der Fürſt Cidi Yahye ward ſo ſehr von der Gnade, der Würde und dem Edelmuth Iſabellens und dem fürſt⸗ lich höflichen Benehmen Ferdinands gefeſſelt, daß er ge⸗ lobte, nie mehr ſein Schwert gegen ſo hochherzige Koͤ⸗ nige zu ziehen. Die Königin, erfreut uͤber ſein einnehmendes Betra⸗ gen und ſeine lebhaften Verſicherungen von Ergebenheit, eröffnete ihm, daß, da ſie ihn jetzt auf ihrer Seite habe, ſie den Krieg, der das Reich Granada verwüſtet, ſchon für beendigt erachtete. Kraͤftig und unwiderſtehlich ſind Worte des Preiſes ¹von den Lippen der Färſten. Cidi Nahye ward durch dieſe ſchönen Reden der verherrlichten Königin ihr gänz⸗ lich ergeben. Sein Herz entbrannte von einer plötzlichen Flamme der Unterwürfigkeit gegen die Könige. Er bat, man möge ihn unter die ergebenſten ihrer Unterthanen aufnehmen, und machte ſich in dem Feuer ſeines plötzlichen Eifers verbindlich, nicht nur ſein Schwert ihrem Dienſte zu weihen, ſondern auch all ſeinen Einfluß, der bei Mu⸗ ley Abdallah El Zagal groß ſey, aufzubieten, um ihn zu überreden, die Städte Guadix und Almeria auszulie⸗ fern und alle fernere Feindſeligkeiten aufzugeben. 8 Ja die durch ſeine Unterredungen mit den Königen auf ſein Gemüth hervorgebrachte Wirkung war ſo mächtig, — 208— daß ſie ſich ſelbſt bis auf ſeine Religion ausdehnte. Er ward plötzlich über die heidniſchen Greuel der niedrigen Sekte Muhameds aufgeklärt und von den Wahrheiten des Chriſtenthums, die ihm von ſo mächtigen Fürſten er⸗ läutert wurden, heftig ergriffen. Er gab daher auch ſeine Einwilligung, ſich taufen zu laſſen, und ließ ſich in den Schoß der chriſtlichen Kirche aufnehmen. Der fromme Aaapida überläßt ſich triumphirenden Ausdrücken der Freude über die plötzliche, erſtaunliche Bekehrung des ungläubigen Fürſten. Er betrachtet ſie als eine der größten Thaten der katholiſchen Fürſten, als eine in der That wunderbare Begebenheit in dieſem hei⸗ ligen Krieg. „Aber es iſt heiligen, frommen Fürſten gegeben, ſagt er,„Wunder für die Sache des Glaubens zu wirken; und dieß that der allerkatholiſchſte König Ferdinand bei der Bekehrung des Fürſten Cidi Nahye.» Einige der Arabiſchen Schriftſteller haben das Erſtaun⸗ liche dieſes Wunders zu mindern geſucht, indem ſie auf die großen Einkünfte hindeuteten, welche dem Fürſten und ſeinen Erben von den Caſtiliſchen Königen angewieſen, wurden; ſo wie ſie auch eines Gebiets in Marchena mit Städten, Ländereien und Lehnsleuten erwähnen. Aber darin,» ſagt Agapida,«ſehen wir nur eine weiſe Vor⸗ ſichtsmaßregel Königs Ferdinand, die Bekehrung ſeines Proſelyten zu befeſtigen und zu ſichern.» Die Staatsklugheit des katholiſchen Königs war zu allen Zeiten ſeiner Frömmigkeit gleich. Statt alſo ſich 1 — 209— . dieſer großen Bekehrung zu rühmen, und öffentlich mit dem Eintritt des Fürſten in die Kirche zu prangen, be⸗ fahl König Ferdinand, die Taufe ſolle im Geheimen voll⸗ zogen, und ein tiefes Schweigen darüber beobachtet wer⸗ den. Er fürchtete, Cidi NYahye möchte ſonſt als ein Ab⸗ trünniger angeklagt, und von den Mauren verabſcheut und verlaſſen werden und ſo ſein Einfluß, durch den er den Krieg zu einem ſchnellen Ende bringen wollte, verlo⸗ ren gehen.. Der greiſe Muhamed Ben Haſſan wurde ebenfalls durch die Großmuth und Freigebigkeit der Caſtiliſchen Könige gewonnen und bat, ſie möchten ihn in ihre Dienſte aufnehmen; ſeinem Beiſpiel folgten viele andre Mau⸗ riſche Ritter, deren Dienſtanerbietungen gnädig aufge⸗ nommen und reichlich belohnt wurden. So übergab ſich nach einer Belagerung von ſechs Mo⸗ naten und zwanzig Tagen die Stadt Baza, am 4. Dez. 1489, am Feſt der glorreichen heiligen Barbara, welche, wie der katholiſche Kalender beſagt, dem Donner und Blitz, dem Feuer und Schießpulver und allen Arten von flammenden Exploſionen vorſteht. Der König und die Königin hielten ihren feierlichen, triumphirenden Einzug am folgenden Tage, und die all⸗ gemeine Frende ward noch durch den Anblick von mehr als fünfhundert Chriſtengefangenen, Männer, Weiber und Kinder, erhöht, die aus den Mauriſchen Kerkern be⸗ freit wurden. 3 Der Verluſt der Chriſten während dieſer Belagernng Irving's Granada. 4— 6. 14 belief ſich auf zwanzigtauſend Mann, von denen ſieben zehntauſend an Krankheiten ſtarben und nicht wenige durch Kälte umkamen; c«eine Todesart,„ ſagt der Geſchicht⸗ ſchreiber Mariana,«die ganz beſonders unangenehm iſt.⸗ «Aber„ fährt der ehrwürdige Jeſuit fort,«da dieſe letz⸗ tern hauptſächlich Leute von niederm Range waren, Pack⸗ fuhrleute und dergleichen, ſo war der Verluſt nicht von großer Bedentung.» Der Uebergabe von Baza folgte die von Almunecar, Tavernas und den meiſten Jeſten der Alpurarragebirge. Die Einwohner hofften durch ſchuelle, freiwillige Unter⸗ werfung ſich gleich vortheilhafte Zugeſtändniſſe zu ſichern, wie die waren, welche der eroberten Stadt zugeſtanden worden; und die Alcayden erwarteten ähnliche Beloh⸗ nungen wie die zu empfangen, welche den andern Befehls⸗ haber zu Theil geworden; auch wurden weder die einen noch die andern in ihren Erwartungen getäuſcht. Den Einwohnern ward vergönnt, als Mudcharen im ruhigen Genuß ihres Eigenthums und in ungehinderter Uebung ihrer Religton zurückzubleiben, und die Alcayden wurden, wenn ſie in's Lager kamen, ihre Befehlshaber⸗ ſtellen niederzulegen, von Ferdinand mit ausgezeichneten Gunſtbezeugungen empfangen, und nach der Wichtigkeit der Orte, die ſie befehligt, mit Geſchenken an Geld belohnt. Doch trug der ſtaatskluge Fürſt Sorge, ihren Stolz nicht zu verwunden, oder ihrem Zartſinn zu nahe zu tre⸗ ten; und alle dieſe Summen wurden unter dem Namen —, 211— von Rückſtänden ausbezahlt, die ihnen die frühere Regie⸗ rung für ihre Dienſte noch ſchuldig ſey. Ferdinand hatte während des erſten Theils des Kriegs durch die Schärfe ſeines Schwerts bezwungen; aber in dieſem Feldzug von Baza fand er, daß Gold ſo mächtig als Stahl ſey. Mit mehreren dieſer käuflichen Häuptlinge kam ein gewiſſer Ali Aben Fahar, ein erprobter Krieger, der viele ſehr wichtige Feldherrnſtellen bekleidet hatte. Er war ein Manre von einem hochfahrenden, ernſten, traurigen Aeuß⸗ ren; er ſtand ſchweigend bei Seite, während ſeine Ge⸗ fährten ihre verſchiednen Feſten in Ferdinands Händen übergaben, und mit Schätzen beladen abtraten. Als an ihn die Reihe zu reden kam, ſprach er zu den Königen mit der Freimüthigkeit eines Soldaten, aber in einem Ton der Niedergeſchlagenheit und Verzweiflung. «Ich bin ein Maure,» ſagte er,«und von Mauri⸗ ſcher Abkunft; ich bin Alcayde der ſchönen Städte und Feſten Purchena und Paterna. Sie wurden mir zur Vertheidigung anvertraut, aber die, welche mir hätten beiſtehn ſollen, haben alle Kraft, allen Muth verloren, und ſtreben nur nach ihrer eignen Sicherheit. Dieſe Fe⸗ ſten alſo, mächtigſte Könige, müſſen euer werden, ſobald ihr hinſchicken wollt, Beſitz von ihnen zu nehmen.» Sogleich befahl Ferdinand dem Alcayden zur Beloh⸗ nung für eine ſo wichtige Uebergabe große Summen Gel⸗ des in Gold einzuhändigen. Aber der Maure wieß mit feſter, hoher Haltung das Geſchenk zurück. Ich komme nicht,» ſagte er,«um zu verkaufen, was . 44* nicht mein iſt, ſondern um zu übergeben, was das Schick⸗ ſal in eure Hände gebracht hat. Eure Majeſtäten köͤn⸗ nen ſich verſichert halten, daß, wäre ich gehörig unter⸗ ſtützt worden, der Tod der Preis geweſen, um welchen ich meine Feſten verkauft hätte, und nicht das Gold, das ihr mir bietet.“» Die katholiſchen Fürſten erſtaunten über den hohen, edeln Sinn des Mauren, und wünſchten einen Mann von ſolcher Treue in ihre Dienſte zu nehmen; aber der ſtolze Moſlim konnte nicht bewogen werden, den Feinden ſeines Volks und Glaubens zu dienen. «Gibt es denn alſv nichts,„ ſagte die Köuigin Iſa⸗ belle, ⸗das wir thun können, dich zu verbinden und dir unſre Achtung zu beweiſen 25«Ja„„ erwiederte Ali Aben Fahar, aich laſſe in den Feſten und Thälern, die ich übergeben, viele unglückliche Landsleute mit ihren Weibern und Kindern, die ſich nicht losreißen können von der Stätte ihrer Geburt. Gebt mir euer könig⸗ liches Wort, daß ſie geſchützt werden ſollen in der ruhi⸗ gen Uebung ihrer Religion, in dem ungeſtörten Beſitz ih⸗ res Eigenthums und ihrer Heimath.»«Wir verſprechen es„ ſagte Iſabelle, eſie ſollen in Friede und Sicherheit wohnen. Aber für dich, was forderſt du für dich?“ Nichts„ entgegnete All,«als freien, ungehinderten Ab⸗ zug mit Pferden und Beſitzthum nach Afrikg. Die Caſtiliſchen Fürſten hätten ihm gern Gold und Silber und ſtolze, reich aufgezäumte Roſſe aufgedrungen, nicht als Belohnung ſondern als Zeichen ihrer perſön⸗ 2 — 213— lichen Hochſchätzung, aber Ali Aben Fahar lehnte alle Geſchenke und Auszeichnungen ab, als hielte er es für ein Verbrechen, in einer Zeit allgemeiner Noth allein zu glänzen; er verabſcheute jedes Glück, das aus den Trüm⸗ mern der Herrſchaft ſeines Vaterlands zu erwachſen ſchien. Nachdem er einen königlichen Paß erhalten, brachte er ſeine Pferde und Diener, ſeine Rüſtung und ſeine Waf⸗ fen, und alle ſeine übrigen Kriegsgeräthſchaften zuſam⸗ men, bot ſeinen weinenden Landsleuten mit gramumwölk⸗ ter Stirn, aber ohne eine Thräne zu vergießen, Lebewohl, beſtieg ſein Berberroß, wandte den anmuthigen Thälern ſeines unterworſenen Vaterlandes den Rücken, und trat ſeinen trauererfüllten Zug an, um in Afrika's brennenden Sandwüſten das Glück eines Soldaten zu verfolgen. Sechs und dreißigſtes Kapitel. Unterwerfung El Zagal's unter die Herrſchaft der Caſtili⸗ ſchen Könige. 4 Unglücksbotſchaften verfehlen nie ihren Weg aus Man⸗ gel an Boten. Sie werden fortgetragen auf den Flügeln des Windes, ja die Vögel der Luft bringen ſie zum Ohr des Unglücklichen. Der greiſe König El Zagal vergrub ſich in die Ein⸗ „ — 214— ſambeit ſeines Schloſſes, ſich zu bergen vor dem Licht des Tages, das ferner nicht günſtig auf ihn herableuch⸗ tete, aber jede Stunde brachte Nachrichten, die lärmend an das Thor der Burg mit der Erzählung eines neuen uUnfalls anſchlugen. Feſte auf Feſte hatte ihre Schlüſſel zu den Füßen der chriſtlichen Könige gelegt, ein Stück nach dem andern war abgeriſſen worden von dem ſteilen Kriegergebirg, von dem grünen fruchtbaren Thal und von ſeinem Gebiete abgetrennt und den Beſitzungen der Exo⸗ berer zugefügt worden. Kaum noch ein Reſt blieb ihm, kaum noch ein Strich von den Alpurarras und die edeln Städte Guadix und Almeria. Niemand fürchtete ſerner den ſtolzen, greiſen Fürſten; die Schrecken ſeiner Stirn waren gewichen wie ſeine Macht; er hatte die Stufe von Unglück erreicht, wo des Bedrängten Freunde Muth gewinnen, ihm harte Wahr⸗ heiten zu ſagen, wo ſie ihm unerträgliche Rathſchläge geben, und ſein Geiſt ſo gebeugt iſt, daß er Ae ruhig, ja ſogar mit Güte anhört. El Zagal ſaß auf ſeinem Divan, ſein Geiſt ganz ver⸗ loren im Hinbrüten über die Vergänglichkeit irdiſchen Ruhms, als ſein Verwandter und Schwager, der Fürſt Cidi Yahye, ihm angeſagt ward. Dieſer vornehme, zum wahren Glauben bekehrte Ungläubige, der auſſer der Religion auch die Sache der Eroberer ſeines Vater⸗ landes zu der ſeinen gemacht hatte, war mit allem Feuer eines neugeworbenen Proſelyten nach Guadirx geeilt, voll Verlangen, ſeinen Eifer für den Dienſt des Himmels und der Caſtiliſchen Fürſten dadurch zu beweiſen, daß er den greiſen Herrſcher beredete, ſeinen Glauben 3bzuſchmren und ſeine Beſitzungen zu übergeben. Cidi Nahye wahrte immer noch das Aenſſere eines Moſlim; denn ſeine Bekehrung war bis jetzt noch ein Ge⸗ heimniß. El Zagal's gebeugtes, finſtres Gemüth helite ſich auf, als er in dieſer Stunde der Noth das Antlitz eines Verwandten erſchaute. Er ſchloß ſeinen Neffen in ſeine Arme, an ſeinen Buſen, und dankte und prieß Al⸗ lah, daß in all ſeiner Bedrängniß er ihm noch ei⸗ nen Freund und Rathgeber gelaſſen, auf den er bauen, dem er vertrauen konnte. Cidi Nahye kam bald zum eigentlichen Zweck ſeiner Sendung. Er ſtellte El Zagal'n den verzweifelten Zu⸗ ſtand ſeiner Angelegenheiten und den unabwendbaren Fall der Mauriſchen Macht im Königreich Granada vor. „Das Geſchick,» fagte er,«iſt gegen unſere Waffen; unſer Stuͤrz iſt von den Himmeln beſtimmt. Erinnere dich der Weiſſagung der Sterndenter bei der Geburt dei⸗ nes Neffen Boabdil. Wir hatten gehofft, ihre Ver rhei⸗ ßung ſey erfüllt worden durch ſeine Gefangennehmung zu Lucena, aber es iſt jetzt offenbar, daß die Sterne nicht ein vorübergehendes, kurzes Unglück, ſondern einen voll⸗ ſtaͤndigen, endlichen Verfall des Reichs verkündeten. Die ununterbrochene Reihe von Unfällen, die unſere Anſtren⸗ gungen betroffen haben, zeigen, daß Granada's Scepter übergehen ſoll in die Hände der chriſtlichen Könige. So,„ ſchloß der Fürſt mit Begeiſterung und mit einem from⸗ — 216— men Verbeugen,«ſo will's der Rathſchluß des allmäch⸗ tigen Gottes!⸗ El Zagal hörte auf dieſe Worte mit ſtummer Auf⸗ merkſamkeit, ohne auch nur eine Muſkel in ſeinem Ge⸗ ſicht zu verziehen oder ein Angenlied zu bewegen. Als der Fürſt geendet hatte, blieb er eine lange Zeit ſchwei⸗ gend und gedankenvoll. Endlich, tief aus dem Innerſten ſeines Herzens aufſeufzend, rief er: Alahuma ſubahaua hu! der Wille des Herrn geſchehe! Ja, mein Vetter, es iſt nur zu offenbar, daß dieſes der Wille Allah's iſt; und was er will, deſſen Vollbringung entgeht vhmn nicht. Hätte er nicht Granada's-Fall beſchloſſen, dieſer Arm, dieſer Säbel hätte ihn aufgehalten!» «Was bleibt dann aber übrig,v» ſagte Cidi Yahye, als den größtmöglichſten, Vortheil aus dem Wrack von Reich zu ziehen, das euch noch gelaſſen worden? In ei⸗ nem Krieg beharren, heißt vollſtändige Vernichtung über das Land hereinbringen, heißt in Tod und Untergang euere getreuen Unterthanen mit fortreißen. Seyd ihr ge⸗ neigt, die euch noch übrigen Städte euerem Neffen El Chico zu überliefern, damit ſie ſeine Macht vermehren und durch ſeine Verbindung mit den chriſtlichen Königen Schut er⸗ langen?» El Zagal's Auge blitzte in Feuer bei dieſer Vorſtel⸗ lung. Er griff nach dem Hefte ſeines Säbels und tnirſthle vor Wuth mit den Zähnen. Nie,» rief er,«nie will ich Verträge eingehen mit jenem Verworfenen, mit jenem Sklaven! Eher wollte — — — 217— ich die Banner der chriſtlichen Könige auf meinen Wäl⸗ len flattern ſeben, als daß ſie die Beſitzungen des Lehns⸗ trägers Boabdil vergrößern ſollten!» Cidi Nahy hielt alsbald dieſen Gedanken feſt, und drängte El Zagal'n zu einer freien, gänzlichen Unterwer⸗ fung.«Vertrau,» ſagte er,«der Großmuth der Caſti⸗ liſchen Könige. Sie werden dir ſicher edle, ehrenvolle Bedingungen gewähren. Es iſt beſſer, ihnen als Freunden zu überlaſſen, was ſie ohnfehlbar und in kurzem dir als Feinde entreißen müſſen; denn dieß, mein Vetter, iſt des allmächtigen Gottes Wille!» «Alahuma ſubahana hu!» wiederholte El Zagal; ader Wille des Herrn geſchehe!“ So beugte der greiſe Herr⸗ ſcher den ſtolzen Nacken, und willigte ein, lieber ſeine Beſitzungen den Feinden ſeines Glaubens zu übergeben, als zuzulaſſen, daß ſie die Mauriſche Macht unter ſeines Neffen Scepter vermehrten. Cidi Nahye kehrte jetzt nach Baza zurück, von El Zagal bevollmächtigt, für ihn mit den chriſtlichen Köni⸗ gen zu unterhandeln. Der Fürſt fühlte einen gewiſſen freudigen Stolz, als er ſich über die reichen Ueberreſte von ſeines Vetters Herrſchaft ausließ, die er zu überge⸗ ben bevollmächtigt worden. Sie beſtanden aus einem großen Theil jener Gebirgskette, die ſich von der Haupt⸗ ſtadt bis an's Mittländiſche Meer hindehnt, mit ihren Reihen von reizenden, grünen Thälern, den koſtba⸗ ren Schmaragden vergleichbar, welche in eine goldene Kette gefaßt worden. Vor allen aber waren Guadir und — 4— 218— Almeria zwei der unſchätzbarſten Juwelen in der Krone von Granada. Für dieſe Beſitzungen und für den Anſpruch, welchen El Zagal auf den übrigen Theil des Königreichs machte, nahmen die Könige ihn in ihre Freundſchaft und ihren Bund auf, und gaben ihm zum beſtändigen Beſitz das Gebiet von Alhamia in den Alpurarra mit der Hälſte der Salinen oder Salzgruben von Maleha. Er ſollte den Titel König von Andaraxa führen und zweitauſend Mudcharen oder unterworfene Mauren zu Un⸗ terthanen haben. Seine Einkünfte ſollten bis zur Summe von vier Millionen Maravedi erhöht werden, alles dieß aber von ihm als Lehnsmann der Caſtiliſchen Krone be⸗ ſeſſen werden. Nachdem dieſe Anordnungen getroffen worden, kehrte Cidi Nahye mit ihnen zu Muley Abdallah zurück; und man kam überein, die Feierlichkeit dee Uebergabe und Huldigung ſolle in der Stadt Almeria vor ſich gehen. Am 17. Dezember zog König Ferdinand mit einem Theil ſeines Heers von Baza ab, und die Königin folgte bald mit den übrigen Truppen. Ferdinand ging im Triumph durch mehrere der neu erlangten Städte voll Freuden über die Trophäen, die ihm nicht ſowohl ſeine Tapferkeit als ſeine Liſt gewonnen. Als er ſich Almeria näherte, zog der Mauriſche Kö⸗ nig aus, ihm entgegen, und ward von dem Fürſten Cidi Yahye und einer großen Menge der vornehmſten Einwoh⸗ ner zu Pferde begleitet. Die ſtolze Stirn El Zagal's „ — ———ᷣᷣᷣᷣ— V — war von einer erzwungenen Demuth überſchattet, aber man bemerkte ein ungeduldiges Kräuſeln um die Lippe, dann und wann ein Schwellen ſeiner Bruſt und ein un⸗ williges Ausſchnaufen aus ſeinen Naſenlöchern. Es war offenbar, er betrachtete ſich als bezwungen nicht von menſchlicher Macht, ſondern von der Hand des Himmels; und während er ſich vor den Beſchlüſſen des Schickſals beugte, reizte es ſeinen ſtolzen Geiſt, ſich vor drie ſtert lichem Werkzeug demüthigen zu müſſen. Als er ſich dem chriſtlichen Könige näherte, ſtieg er von ſeinem Pferde und trat vor, ſeine Hand, zum Zei⸗ chen der Haldigung, zu küſſen. Aber Ferdinand achtete den königlichen Titel, den der Maure beibehalten und wollte dieſes Huldigungszeichen nicht zulaſſen, ſondern beugte ſich von ſeinem Sattel herab, umarmte ihn huld⸗ voll und bat ihn, wieder auf ſein Roß zu ſteigen. Verſchiedene höfliche Reden wurden zwiſchen ihnen ge⸗ wechſelt, und die Feſte und Stadt Almeria und das ganze übrige Gebiet von El Zagal in aller Form übergeben. Als alles vorüber war, ging der greiſe Mauriſche Fürſt mit einer Handvoll Anhänger in die Gebirge, dort ſein kleines Gebiet von Andgrara aufzuſuchen, ſeine Demi⸗ thigung vor der Welt zu bergen und ſich mit dem Titel eines Schattenkönigs zu tröſten. —— Sieben und dreißigſtes Kapitel. Begebenheiten zu Granada nach der Unterwerfung El Zagal's. Wer kann ſagen, wann er ſich freuen darf in dieſer unbeſtändigen Welt? Jede Glückswelle hat ihre gegen⸗ wirkende Woge und oft werden wir gerade durch die Fluth überwältigt, auf der wir in den Hafen unſerer Hoffnungen zu treiben gedachten. Als Juſef Aben Commixa, Boahbdil's Vezier, in den königlichen Saal des Alhambra trat, und El Zagal's Uebergabe verkündete, hüpfte das Herz des jungen Kö⸗ nigs vor Freude. Sein großer Wunſch war erfüllt; ſein Oheim war geſchlagen und entthront, und er herrſchte jetzt ohne Nebenbuhler, alleiniger König von Granada. Endlich ſollte er die Früchte ſeiner Erniedrigung, ſeines Vaſallenthums genießen. Er ſah ſeinen Thron durch die Freundſchaft, durch das Bündniß des Caſtiliſchen Königs beſeſtigt, ſeine Sicherheit und Vortdauer konnte alſp fer⸗ ner nicht zweiſelhaft ſeyn. «Allah achbar!» rief er, Gott iſt groß! Freue dich mit mir, o Juſef, die Sterne verfolgen uns ferner nicht; künf⸗ tig nenne keiner mich mehr El Zogoybi!(der Unglückliche.)⸗ In dem erſten Augenblick ſeines Entzückens hätte Bo⸗ aldil wohl gar öffentliche Luſtbarkeiten geboten, aber der —————ᷓ —— — 221— liſtige Juſef ſchüttelte den Kopf.„Der Sturm,» ſagte er,«hat von einer Himmelsgegend aufgehört, aber er 3 kann von einer andern zu wüthen beginnen. Wir haben unter uns ein unruhiges Meer, und ſind von Felſen und Sandbänken umgeben; möge mein Gebieter„der König, öffentliche Luſtbarkeiten bis zur Zeit aufſchieben, wo alles zur Ruhe gebracht iſt.» Doch konnte Boaddil an dieſem Tag der Freude nicht ruhig bleiben. Er ließ ſein Roß prächtig aufzäumen, ritt aus dem Thor des Alhambra und zog mit einem glän⸗ zenden Gefolge durch die Anlagen voll herrlicher Bäume und Brunnen in die Stadt hinab, den huldigenden Zu⸗ ruf des Volks zu empfangen. Als er auf den großen, freien Platz des Vivarrambla gekommen, ſah er Haufen von Volk in heftiger Bewe⸗ gung, aber wie groß war ſein Erſtaunen, als, näher ge⸗ kommen, er nur Seufzen, Murren und Verwünſchungen vernahm. Die Kunde hatte ſich ſchnell durch Granada verbreitet, Muley Abdallah El Zagal ſey gezwungen wor⸗ den, ſich zu ergeben, und daß ſein ganzes Gebiet den Chriſten in die Hände gefallen. Niemand hatte nach den einzelnen Umſtänden gefragt, ſondern ganz Granada war in eine Gährung voll Jammer und Unwillen verſetzt worden. 3 In der Aufwallung des Augenblicks wurde der alte Muley als ein patriotiſcher Fürſt, der bis auf das Aeuſ⸗ ſerſte für die Rettung des Landes gefochten, bis in den Himmel erhoben; er wurde als ein Spiegel der Fürſten dargeſtellt, da er verſchmäht hatte, die Wuͤrde ſeiner Krone durch irgend einen Huldigungsakt zu gefährden. Boabdil dagegen hatte frohlockend dem hoffunngsloſen, aber doch heldenmäßigen Ringen ſeines Oheims mit zu⸗ geſehen; er hatte ſich gefreut über die Niederlage des Gläubigen und den Triumph der Ungläubigen. Er hatte zur Zerſplitterung, zum Untergang des Reichs mitgewirkt. Jetzt, als ſie ihn in prunkendem Zug an einem Tag, den ſie als einen Tag der Erniedrigung für jeden wahren Moflim betrachteten, ausreiten ſahen, konnten ſie ihre Wuth nicht zurückhalten, und unter dem Geſchrei, wel⸗ ches ſich erhob, hörte Boabdil mehr als ein Mal ſeinen Namen mit den Beiwörtern von Verräther und Abtrün⸗ niger zuſammengeſtellt. Beſtürzt und unmuthig, zog ſich der junge Fürſt ver⸗ wirrt und niedergeſchlagen in den Alhambra zurück. Er ſchloß ſich in ſeine innerſten Höfe ein, und blieb gleich⸗ ſam ein freiwilliger Gefangener, bis die erſten Ausbrüche der Gefühle des Volks ſich gelegt. Er hoffte, dieſe Erregung werde bald vorübergehen; das Volk werde die Annehmlichkeiten des Friedens zu ſehr liebgewonnen ha⸗ ben, um den Preis zu bereuen, um welchen ſie erkauft worden, jeden Falls vertrante er der feſten Freundſchaft der chriſtlichen Könige, die ihn ſelbſt gegen die Partheiun⸗ gen unter ſeinen eignen Unterthanen ſichern würden. Die erſten Nachrichten von dem ſtaatsklugen Ferdi⸗ nand zeigten Boabdil'en den Werth von ſeiner Freund⸗ ſchaft. —j— — 223— Der katholiſche König erinnerte ihn an einen Vertrag, den er mit ihm gemacht, als er in der Stadt Lora ge⸗ fangen worden. Durch dieſen hatte er ſich verbindlich ge⸗ macht, er wolle, im Fall die katholiſchen Fürſten die Städte Guadix, Baza und Almeria einnähmen, Gra⸗ nada binnen einer beſtimmten Zeit ihren Händen überlie⸗ fern, und dafür gewiſſe Mauriſche Städte annehmen, die von ihm als ihr Lehnsmann beherrſcht werden ſollten. Ferdinand benachrichtigte ihn jetzt, Guadix, Baza und Almeria ſeyen gefallen, und forderte ihn auf, ſeine Verbindlichkeiten zu erfüllen. Wenn auch der unglückliche Boabdil den Willen gehabt, er hätte die Macht nicht be⸗ ſeſſen, dieſe Forderung zu bewilligen. Er war in den Alhambra eingeſchloſſen, während ein Sturm der Volks⸗ wuth auſſen ſich regte.— Granada war voll von Flüchtlingen aus den einge⸗ nommenen Städten, von denen viele entlaſſene Soldaten waren; andere herabgekommene Bürger, die durch ihr Unglück wild geworden und zu verzwetfelten Anſchlägen reif waren; alle höhnten Boabdil, als die wahre Urſache ihrer Leiden. Wie hätte er wagen mögen, ſich ſolch ei⸗ nem Sturm auszuſetzen? Beſonders aber, wie hätte er zu ſolchen Leuten von Uebergabe zu ſprechen ſich getrant? In ſeiner Antwort an Ferdinand ſtellte er daher die Schwierigkeiten ſeiner Lage vor; daß er weit entfernt ſey, auch nur des geringſten Einfluſſes über ſeine Unter⸗ thanen lich rüͤhmen zu können, ja daß ſein eignes Leben vor ihrer Wuth in Gefahr ſchwebe. Er erſuchte deßwe⸗ gen den König, ſich für jetzt mit ſeinen eben gemachten Eroberungen zu begnügen, verſprach ihm aber, wenn es ihm gelingen ſollte, wieder die volle Herrſchaft über ſeine Hauptſtadt und ihre Einwohner zu gewinnen, dieß nur geſchehen ſollte, um als Lehnsträger der Caſtiliſchen Krone über ſie zu herrſchen. Ferdinand war mit ſolch einer Antwort nicht zu be⸗ friedigen, die Zeit war gekommen, wo er ſein liſtiges Spiel zu Ende bringen, und ſeine Eroberung dadurch, daß er ſich auf den Thron des Alhambra ſetzte, vollſtän⸗ dig machen wollte. Er gab ſich den Anſchein, Boabdil'n als einen treulo⸗ ſen Verbündeten zu betrachten, der ſein gegebenes Wort gebrochen, und entzog ihm ſeine Freundſchaft. Er erließ 4 ein zweites Schreiben, aber nicht an jenen Fürſten, ſon⸗ dern an die Beſehlshaber und den Rath der Stadt. Er forderte eine vollſtändige Uebergabe des Ortes mit allen Waffen, die im Beſitz der Bürger oder andrer wären, welche kürzlich in ihren Mauern eine Zuflucht gefunden, und verſprach ihnen, wenn die Einwohner alsbald dieſem ſeinem Aufruf willfahrten, dieſelben nachſichtigen Bediu⸗ gungen und Zugeſtändniſſe, welche Baza, Guadix und Almeria bewilligt worden; ſollten ſie ſich aber weigern, dann drohe ihnen Malaga's Schickſal. Die Botſchaft des katholiſchen Fürſten brachte die größte Bewegung in der Stadt hervor. Die Bewohner der Alcaceria, jenes geſchäftigen Handelsviertels der Stadt und alle andre, welche während des kürzlich eingetretenenn Ben Abil Gazan. — 225— Aufhörens der Feindſeligkeiten die Süßigkeiten eines ge⸗ winnvollen Handels gekoſtet hatten, waren dafür, ihre goldnen Vortheile durch eine zeitige Unterwerſung ſich zu ſehern; andere, die Weib und Kind hatten, ſahen auf ſte mit Zärtlichkeit und Sorgfalt, und fürchteten, durth Widerſtand die Schrecken der Sklaverei über ſie zu bringen. Aber auf der andern Seite war Granada auch voll von Leuten, die von allen Seiten herbeigeſtrömt waren, die der Krieg in’s Elend gebracht hatte, die von ihren Leiden gereizt und wild geworden und nur nach Rache verlangten; andre waren unter Feindſeligkeiten aufgezo⸗ 44 gen worden, hatten von ihrem Schwerte gelebt, und ſa⸗ hen ſich bei der Rückkehr des Friedens ohne Haus und ohne alle Hoffnung. Andre noch fauden ſich, nicht weniger wild und krie⸗ geriſch von Gemüthe, aber von einem höheren Geiſte be⸗ lebt; es waren dieß die tapfern, ſtolzen Rittern, aus alten, edlen Geſchlechtern, die einen tödlichen Haß gegen die Chriſten von einer langen Reihe kriegeriſcher Vorfah⸗ ren her geerbt hatten, und denen der Gedanke, Gra⸗ nada, die herrliche Granada, ſeit Jahrhunderten der Sitz der Manriſchen Größe und Luſt, ſollle die Wohnnng der Ungläubigen werden, unerträglicher als ſelbſt der Tod erſchien.. Unter dieſen Rittern war der ausgezeichnetſte Muza ( Er war von königlichem Geſchlechte, von ſtolzem, edlem Charakter und von einer Geſtalt, die mannliche Kraft mit hoher Schönheit vereinte. Niemand Irving's Granada. 4— 6. 15 — 226— konnte ihn in der Lenkung der Roſſe und im geſchickten Gebrauch der Waffen aller Art übertreffen. Seine An⸗ muth, ſeine Geſchicklichkeit in Turnier war der Gegen⸗ ſtand des unerſchöpflichſten Preiſes unter den Mauriſchen Damen, und ſeine Tapferkeit im Feld hatte ihn zum Schrecken des Feindes gemacht. Er hatte ſich ſeit langem über die furchtſame Politik Boabdil's erbost und ſich bemüht, ihren entnervenden Wirkungen entgegen zu arbeiten, und den kriegeriſchen Geiſt Granada's lebendig zu erhalten. Aus dieſer Ur⸗ ſache hatte er Turniere und Lanzenbrechen und alle jene andere Arten öffentlicher Spiele, welche das Abbild des Kriegs ſind, begünſtigt. Er bemühte ſich auch, ſeinen Waffengefährten die hohen ritterlichen Geſinnungen ein⸗ zuprägen, welche zu tapfern, hochherzigen Thaten führen, die aber leicht mit der Unabhängigkeit eines Volks zu ver⸗ ſchwinden pflegen. Muza's hochherzige Bemühungen waren in hohem Grade erfolgreich geweſen; er war der Abgott der jungen Ritter, ſie betrachteten ihn als den Spiegel der Ritter⸗ ſchaft und mühten ſich, ſeine hohen Heldentugenden nach⸗ zuahmen. Als Muza Ferdinand's Verlangen vernahm, ſie ſoll⸗ ten ihre Waffen ausliefern, blitzte ſein Auge Feuer. «Meint der chriſtliche König,» ſagte er,«wir ſeyen alte, abgelebte Männer, und Wanderſtäbe reichten für uns hin? Oder hält er uns für Weiber und denkt, wir könnten mit Spinnrocken zufrieden geſtellt werden? Er — 227— möge wiſſen, daß der Maure zum Speer und Säbel ge⸗ boren iſt, daß er lebt, das Roß zu bändigen, den Bo⸗ gen zu ſpannen und die Lanze zu werfen, beraubt ihn deſſen, und ihr raubt ihm ſein ganzes Weſen. Wenn der chriſtliche König unſere Waffen verlangt, mag er kommen und ſie ſich erringen, aber laßt ſie ihn theuer erringen. Mir, mir wär⸗ ein Grab an Granada's Wäl⸗ len, anf der Stelle, die zu vertheidigen ich geſtorben, ſüßer als das reichſte Gemach in ihren Palläſten, das ich durch Unterwürfigkeit unter die Ungläubigen erkauft!» Muza's Worte wurden mit begeiſtertem Zuruf von dem kriegeriſchen Theil der Bevölkerung empfangen. Gra⸗ nada erwachte nochmals gleich dem Krieger, der ſchändli⸗ chen Schlaf von ſich ſchüttelt. Die Befehlshaber, der Rath theilten die allgemeine Erregung, und ſchickten eine Entgegnung an die chriſtlichen Könige, worin ſie erklär⸗ ten, ſie würden eher den Tod leiden, als ihre Stadt uͤbergeben. Acht und dreißigſtes Kapitet. Wie König Ferdinand ſeine Feindſeligkeiten gegen die Stadt Granada wandte. Als König Ferdinand die Herausforderung der Mau⸗ ren empfing, traf er Vorkehrungen zu den ernſthafteſten 3 4 15* 4 Feindſeligkeiten. Die Winterzeit ließ keinen unverzüg⸗ lichen Feldzug zu; er begnügte ſich daher, ſtarke Beſatzun⸗ gen in alle ſeine Städte und Feſten in der Nähe Grana⸗ da's zu werfen und gab den Oberbefehl über die ganze Grenze von Jaen dem Grafen de Tendilla, Inigo Lopez de Mendoza, welcher ſo auſſerordentliche Wachſamkeit und Geſchicklichkeit in Vertheidigung des wichtigen und gefährlichen Poſtens Alhama bewieſen hatte. Dieſer berühmte Feldherr verlegte ſein Hauptquartier in die Bergſtadt Alcala la Real, acht Meilen von der Stadt Granada, an einem Ort, der die wichtigſten Päſſe dieſer rauhen, bergichten Grenze beherrſchte. Mittlerweile ertönte Granada vom Rüſtlärm des Kriegs. Die Ritterſchaft des Volkes nahm nochmals ihre Zuflucht zu ſeiner Entſcheidung und der übrige Haufe, nachdem er wiederum die Waffen ergriffen, war eifrigſt darauf bedacht, die Schande ſeiner früheren leidenden Un⸗ terwerfung durch ausgezeichnete, kühne Kriegsthaten aus⸗ zulöſchen. Muza Ben Abil Gazan war die Seele der ganzen Erregung. Er befehligte die Reiterei, die er mit unge⸗ wöhnlicher Geſchicklichkeit hergeſtelt hatte. Er war von den edelſten Jünglingen Granada's umringt, von denen jeder von ſeinem edeln, kriegeriſchen Feuer ergriffen wor⸗ den, und mit heißem Verlangen nach dem Feld ſich ſehnte; während die gemeinen Krieger, voll Anhänglichkeit gegen ihn, bereit waren, ihm in die verzweifeltſten Unterneh⸗ mungen zu folgen. Er ließ ihren Muth nicht aus Mangel an Thätigkeit erkalten. Granada's Thore goſſen nochmals Schaaren leichter Streifreiterei aus, welche das Land bis an die Mauern der chriſtlichen Feſten durchzogen und Viehheer⸗ den und Schafe mit ſich fortführten. Muza's Name ward furchtbar auf der ganzen Grenze; er hatte viele Treffen mit dem Feind in den rauhen Bergengen, wo die größere Leichtigkeit und Geſchicklichkeit ſeiner Reiterei ihm im⸗ mer das Uebergewicht gaben. Der Anblick ſeiner gliz⸗ zernden Schaar, wenn ſie über die Vega mit langen Beu⸗ tezügen heimkehrte, ward immer von den Mauren als ein Wiederaufleben ihrer alten Triumphe geprießen, aber wenn ſie chriſtliche Banner in ihre Thore als Trophäen einbringen ſahen, dann überſtieg die Freude. des leicht⸗ müthigen Volks alle Gränzen. Der Winter ging vorüber, der Frühling rückte heran, dennoch zögerte Ferdinand in's Feld zu ziehn. Er wußte, daß Granada zzu feſt und bevölkert war, um durch Sturm genommen werden zu können; daß es aber auch zu reichlich mit Mundvorrath verſehen worden, um durch eine Belagerung ſogleich erobert zu werden. „Wir müſſen Geduld und Ausdauer haben,v ſagte der ſtaatskluge Fürſt; indem wir das Land dieſes Jahr verwüſten, werden wir für das nächſte Mangel hervor⸗ bringen, und dann mag die St adt mit Erfolg berennt werden.“ Eine ſo lange Zwiſchenzeit von Ruhe und Frieden zuſammen mit der ſchnellen Vegetation eines ergiebigen .— 230— Bodens und glücklichen Himmelsſtrichs hatte der Vega all ihre Fülle und Schönheit wieder gegeben. Die grü⸗ nen Weiden an den Ufern des Xenil waren mit Schafen und Heerden bedeckt. Die blühenden Obſtgärten gaben Hoffnung auf reichliche Ernte und die freie Ebene wogte von reifendem Getreide. Die Zeit war nahe, die Sichel zur Hand zu nehmen, und die goldnen Saaten zu ern⸗ ten, als plötzlich ein reißender Kriegsſtrom von den Ge⸗ birgen wild herabkam, und Ferdinand mit einem Heer von fünftauſend Pferden und zwanzigtanſend Fußgängern vor Granada's Wällen erſchien. Er hatte die Königin und Prinzeſſin in der Feſte Moclin gelaſſen und kam begleitet von dem Herzog von Medina Sidonia, dem Marquis von Cadix, dem Mar⸗ uis von Villena, den Grafen von Urena und Cabras, Don Alonzo de Aquilar und andern geprießnen Rittern. Bei dieſer Gelegenheit führte König Ferdinand zum erſten Male ſeinen Sohn, Prinz Juan, in das Feld und vertieh ihm die Ritterwürde. Gleichſam um ihn zu gro⸗ Fen Kriegsthaten anzuſpornen, geſchah die Feierlichkeit auf den Ufern des großen Kanals, faſt an den berenn⸗ ten Mauern jener kriegeriſchen Stadt, der Gegenſtand ſo vieler kühnen Unternehmungen, und in der⸗Mitte jener geprießnen Vega, die der Schauplatz ſo mancher ritter⸗ lichen Heldenthat geweſen. Hoch über ihnen erglänzten die gliternden rothen Thürme des Alhambra, die ſich mit⸗ ten ches anmuthigen Hainen erhoben und auf denen die — 231— — Standarte Mahomeds den chriſtlichen Waffen Herausſar derung und Trotz zuflatterte. Der Herzog von Medina Sidonia nund der tapfre Rodrigo Ponce de Leon, Marquis von Cadir, waren die Pathen und die ganze Ritterſchaft des Lagers hatte ſich zu dieſer Feierlichkeit verſammelt. Nachdem der Prinz zum Ritter geſchlagen worden, verlieh er dieſelbe Ehre mehreren jungen Cavalieren von hohem Rang, die gerade wie er damals die Laufbahn der Waffen betraten. Ferdinand zögerte nicht, ſeine Verwüſtungsplane in Ausführung zu bringen. Er ſchickte Abtheilungen nach jeder Richtung aus, das Land zu durchſtreifen. Die Dör⸗ fer wurden geplündert, verbrannt und zerſtört; und die liebliche Vega ward nochmals durch Feuer und Schwert zur Wüſte gemacht. Die Verheerung ward ſo nahe an Granada's Mauern ausgedehnt, daß die Stadt eingehüllt ward in den Rauch ihrer brennenden Werler und Gärten. Die traurigen Wolken zogen den Hügel hinauf, und hingen ſich an die Thürme des Alhambra, wo immer noch der unglückliche Boabdil ſich barg und einſchloß vor dem Unwillen ſeiner Unterthanen. Der unberathene Fürſt zerſchlug ſi ſich die Bruſt, als er herabſah von ſeinem Bergſitz auf die Verwüſtungen, die ſein ehemaliger Verbündeter anrichtete. Er durfte ſich ſelbſt nicht in Waffen dem Volkshaufen zeigen; denn ſte fluchten ihm als der Urſache der Leiden die nochmals ihre Schwellen umlagerten. 232— Indeß ließen die Mauren die Chriſten nicht unbelä⸗ ſtigt, wie in früheren Jahren ihre Verwuſtungen trei⸗ ben. Muza reizte ſie zu unabläſſigen Ausfällen. Er theilte ſeine Reiterei in kleine Rotten, von denen jede einen kühnen Befehlshaber an ihrer Spitze hatte. Er wieß ſie an, um das Chriſtenlager herumzuſchwärmen, es von verſchiednen und entgegengeſetzten Seiten zu beunru⸗ higen, ihm alle Zufuhren und Nachzügler abzuſchneiden, dem Heer in ſeinen Verwüſtungszügen Hinterhalt zu le⸗ gen, ihm unter Felſen und Bergpäſſen aufzulauern, ſich in Höhlen und Dickichten der Ebene zu verbergen, und tauſendfache Kriegsliſt und Ueberfälle auszuführen. Das chriſtliche Heer hatte ſich eines Tags etwas zu unbedachtſam auf ſeinen Raubzügen in der Vega gar weit ausgedehnt. Als die von dem Marquis von Villena be⸗ fehligten Truppen ſich dem Fuße der Gebirge näherten, gewahrten ſie eine Menge Mauriſchen Bauern, die haſtig eine Heerde Vieh in eine enge Schlucht eintrieben. Die Soldaten, gierig nach Beute, drangen heftig ſie verfolgend auf ſie ein. Kaum waren ſie in der Schlucht, als auf jeder Seite ſich Geſchrei erhob, und ſie wüthend von ei⸗ nem Hinterhalt aus Roß und Mann angegriffen wurden. Die Mauren hatten die vortheilhaftere Stellung. Ei⸗ nige ſchleuderten Speere und Pfeile von den Felsſpalten, andre fochten Mann gegen Mann auf der Ebene, wäh⸗ rend ihre Reiterei, ſchnell wie der Blitz in ihren Bewe⸗ gungen, Lärm und Verwirrung mitten in die ahriſtlichen Streitkräfte brachten. — 233— Der Marquis von Villena mit ſeinem Bruder Don Alonzo de Pacheco ſpornte bei'm erſten Angriff der Mau⸗ ren ſein Roß in den Kampf, wo er am heißeſten wüthete. Sie waren kaum eingedrungen, als Don Alonzo leblos vor den Augen ſeines Bruders vom Pferde geworfen ward. Eſtevan de Suzon, ein tapfrer Hauptmann, fiel, tapfer fechtend an der Seite des Marquis, der mit ſei⸗ nem Kämmerer Solier und einer Handvoll Ritter vom Feinde umringt blieb. Mehrere Reiter aus andern Theilen des Heers eilten zu ihrem Beiſtande, als König Ferdinand, welcher ſah, daß die Mauren den Vortheil des Bodens hatten und daß die Chriſten ſchwer litten, das Zeichen zum Rückzug gab. Der Marquis gehorchte langſam und widerſtrebend, deun ſein Herz war erfüllt von Gram und Wuth über den Tod ſeines Bruders. Als er ſich zurückzog, ſah er ſeinen treuen Kämmerer Solier, der ſich tapfer gegen ſechs Mauren vertheidigte. Der Maxduis wandte um, und eilte zu ſeiner Hülfe. Er tödtete zwei der Feinde mit eigner Hand, und trieb die uͤbrigen zur Flucht. Einer der Mauren aber erhob ſich, während er ſloh, in ſeinen Steigbügeln und, ſeine Lanze auf den Marquis losſchleudernd, verwundete er ihn in den rechten Arm und verſtümmelte ihn für ſein ganzes Leben. In Folge dieſer Wunde war der Marquis hernach immer genöthigt, ſeine Unterſchrift mit der linken Hand — 234— zu zeichnen, obwohl er auch ferner noch fähig war, ſeine Lanze mit der Rechten zu führen. Die Königin fragte ihn eines Tags, warum er ſein Leben für das eines Dieners gewagt.«Denkt eure Ma⸗ jeſtät nicht,„ ſagte er, ⸗daß ich ein Leben für den wa⸗ gen mußte, der drei für mich gewagt hätte, wenn er ſte beſeſſen?“ Die Königin war erfreut über die Hochherzig⸗ keit der Antwort und führte oft den Marquis als ein Muſter des Heldenmuths für die Ritterſchaft der dama⸗ ligen Zeit an. Dieß war eine von den mancherlei Weglagerungen, die Muza erſann, auch zauderte er nicht, zu Zeiten den chriſtlichen Streitkräften kühn die Stirne zu bieten, und ſie in's offene Feld herauszufordern. Aber König Ferdi⸗ nand bemerkte bald, daß die Mauren ſelten eine Schlacht anboten, ohne den Vortheil der Stellnng zu haben, und daß, obgleich die Chriſten gemeiniglich den Sieg davon zu tragen ſchienen, ſie doch den größeren Verluſt erlit⸗ ten; denn der Rückzug war ein Theil des Mauriſchen Kriegsſyſtems, wodurch ſie ihre Verfolger in Verwirrung brachten und dann mit einem heftigeren und mehr Unglück bringenden Angriff ſich wieder gegen ſie wandten. So hieß er denn ſeine Hauptleute alle Heransforde⸗ rungen zu Plänkeleien ablehnen, und ein beſtimmtes Ver⸗ fahren zur Vernichtung der Feinde verfolgen; ſie ſollten nur das Land verwüſten, und mit geringer Gekahr für ſie ſelbſt dem Feind allen möglichen Schaden zufügen. Neun und dreißi gſtes gaxier. Schickſal der Feſte Roma⸗ Gegen zwei Meilen von Granada, auf einer Anhöhe, die eine weite Ausſicht über die Vega beherrſcht, ſtand das feſte Maurenſchloß Roma, ein wichtiger Ort für Zu⸗ flucht und Sicherheit. Hierhin trieb ä umliegende Land⸗ ſchaft ihre Schafe und Heerden, hierhin eilten die Ein⸗ wohner mit ihrer koſtbarſten Habe bei'm Einbruch der chriſtlichen Streitkräfte, und jeder Streifzug, jeder plün⸗ dernde Haufe von Granada, wenn er auf ſeiner Rückkehr abgeſchnitten wurde, warf ſich nach Roma, bemannte deſſen befeſtigte Thürme und trotzte dem Feind. Die Beſatzung war daran gewöhnt, daß ihr Schud auf dieſe Art plötzlich in Anſpruch genommen wurde; es war für ſie nichts ſeltues, daß Haufen von Mauren auf ihre Thore heranſauſten, und oft ſo heiß verfolgt wur⸗ den, daß nur noch Zeit blieb, den Eingang ſchnell auf⸗ zureißen, ſie einzulaſſen, und ihre Verfolger auszuſchlie⸗ ßen, ſo daß die chriſtlichen Ritter gar oft ihre ſchnau⸗ benden Roſſe bis an den Eintritt in die Auſſenwerke vorgeſpornt hatten, und doch wieder unter Verwünſchun⸗ gen gegen die feſten Wälle Roma's, die ſie ihrer Beute beraubten, abziehen mußten. Die eben hereingebrochenen Verwuͤſtungen Ferdinands und die beſtändigen Scharmützel auf der Vega hatten die Wachſamkeit der Feſte erhöht. Eines Morgens in der Fruͤhe, als die Wachen auf den Schanzen auf⸗ und abſchritten, gewahrten ſie eine Staubwolke, die ſchnell aus der Ferne heranzog. Turbaue und Mauriſche Waffen wurden ihnen bald anſichtig, und als das Ganze in der Nähe war, unterſchieden ſie eine Heerde Vieh, die in großer Eile herangetrieben und von hundert und vierzig Mauren bedeckt ward, die auch zwei CEhriſtengefangene in Ketten mit ſich fortſchleppten. 3 Als der Haufe bei dem Schloß angekommen, ritt ein Mauriſcher Reiter von edlem, herrſchendem Aeußren und glänzender Rüſtung an den Thurm heran, und bat um Einlaß. Er verſicherte, ſie kehrten mit reicher Beute von einem Einfall in das Land der Chriſten zurück, aber der Feind ſey ihnen auf den Ferſen, und ſie fürchteten eingeholt zu werden, ehe ſie Granada erreichen könnten. Die Wachen eilten in aller Haſt hinab und riſſen die Thore auf. Der lange Zug rückte in die Höfe des Schloſ⸗ ſes ein, das bald erfüllt war mit brüllenden Viehheer⸗ den, blökenden Schafen, wiehernden, ſtampfenden Roſſen und mit ſtolzblickenden Mauren von den Gebirgen. Der Reiter, welcher am Aufnahme gebeten, war das Haupt des Streiſzugs; er war ſchon etwas vorgerückt an Jah⸗ ren, und von hoher, ſtattlicher Haltung; er hatte noch einen Sohn bei ſich, einen jungen Mann von großem Muth und Feuer. Dicht hinter ihnen folgten die zwei * — 237— Ehriſtengefangenen, mit niebergeſchlagenen⸗ troſtloſen Blicken 8 Die Soldaten der Beſatung hatten ſch ihdem Schlaf 3 entwunden, und waren eifrigſt damit beſchäftigt, die Viehheerden zu beſorgen, die die Höfe erfüllten; während der Streifhaufen ſich im Lager herum vertheilte, Erfri⸗ ſchungen oder Ruhe zu ſuchen. Plötlich ertönte ein Ruf, der von den Vorhöfen, von jeder Halle, jeder Schanze wiederholt ward. Die Be⸗ ſatzung erſtaunt und verwirrt, wäre zu ihren Waffen geeilt, aber ſie fand ſich, faſt ehe ſie den geringſten Wi⸗ derſtand leiſten konnte, vollſtändig in der Gewalt eines unerwarteten Feindes. Der angebliche Streifhaufen beſtand aus Mudcharen, den Chriſten zinsbaren Mauren, und die Befeblshaber waren der Fürſt Cidi Nahye und ſein Sohn Alnayer. Sie waren von den Gebirgen mit dieſer geringen Streit⸗ macht herabgeeilt, um die katholiſchen Könige während des Sommerfeldzugs zu unterſtützen, und hatten den Plan gefaßt, dieſe wichtige Feſte zu überfallen und ſie dem Kö⸗ nige Ferdinand als ein Pfand ihrer Treue, als die Erſt⸗ linge ihrer Anhänglichkeit zu übergeben. Der ſtaatskluge Fürſt überhäufte ſeine Neubekehrten und Verbündeten für dieſe wichtige Erwerbung mit Gunſt⸗ bezeigungen und Auszeichnung, aber er trug Sorge, eine ſtarke Macht von langgedienten Truppen und ächte chriſt⸗ liche Soldaten abzuſenden, das Schloß zu beſetzen. In Betreff der Mauren, die zuerſt die Beſatzung der 8 Feſte gebildet hatten, erinnerte ſich Eidi Nahye, daß ſie ſeine Landsleute ſeyen, und konnte es nicht über ſich ge⸗ winnen, ſie in chriſtliche Abhängigkeit zu bringen. Er ſetzte ſie in Freiheit, und erlaubte ihnen, nach Gra⸗ nada ſich zu begeben,«ein Beweis,» ſagt der froenme Agapida, adaß ſeine Bekehrung nicht ganz vollſtändig war, und daß noch einige Ueberreſte von dem Ungläubi⸗ gen in ſeinem Hereen zurückgeblieben.“ Seine Gelindheit verſchaffte ihm jedoch ganz und gar keine Nachſicht bei ſeinen Landsleuten; im Gegentheil als die Bewohner Granada's von der freigelaſſenen Be⸗ ſatzung die Kriegsliſt hörten, durch welche Roma wegge⸗ nommen worden, verfluchten ſie Eidi Yahye als einen Verräther und die Beſatzung vereinte ſich mit ihnen in⸗ Verwünſchungen gegen den Abtrünnigen. Aber der Unwille des Volks von Granada ſollte zu noch zehn Mal größrer Heftigkeit geſteigert werden. Der alte Krieger, Muͤley Abdallah El Zagal, hatte ſich in ſein kleines Berggebiet zurückgezogen, und ſich kurze Zeit lang mit ſeinem unbedeutendem Titel König von Anda⸗ raxa zu tröſten geſucht. Aber bald ward er überdrüſſig der Ruhe und Unthätigkeit ſeines Theaterkönigreichs. Sein wilder Geiſt erhitzte ſich, daß er eingeſchloſſen wor⸗ den in ſo beengende Grenzen und ſein Haß ſtieg zur ei⸗ gentlichſten Wuth gegen Boabdil, den er als die Urſache ſeines Falls betrachtete. Nachricht ward ihm gebracht, König Ferdinand ver⸗ wüſte die Vega, und ſchnell war ſein Entſchluß gefaßt. — 239— Er verſammelte die ganze Macht ſeines Königthums, über die er verfügen konnte, und welche ſich nur auf zwei⸗ hundert Mann belief, ſtieg den Alpuxarra hinab und ſuchte das chriſtliche Lager auf, zufrieden, als Lehnsträ⸗ ger dem Feinde ſeines Glaubens und Volkes zu dienen, wenn er nur Granada dem Seepter ſeines Neffen ent⸗ riſſen ſähe. In ſeiner blinden Leidenſchaft verſchlimmerte der alte grimme Herrſcher ſeine eigne Sache, und begünſtigte und befeſtigte die ſeines Gegners. Die Mauren in Granada hatten laut ſein Lob ausgerufen, ihn als ein Opfer ſei⸗ ner Vaterlandsliebe erhoben, und allen Nachrichten von ſeinem Vertrag mit den Chriſten keinen Glauben ſchen⸗ ken wollen; aber als ſie von den Mauern der Stadt ſein Banner mit den Bannern der Ungläubigen vereinigt ſa⸗ hen, und ihn in Schlachtordnung erblickten gegen ſeine früheren Unterthanen und gegen die Hauptſtadt, worin er geboten, brachen ſie in Verwünſchungen und in Hohn aus, und häuften alle Arten von Schmach über ſeinen Namen. Ihre nächſte Erregung war zu Gunſten Boabdil's. Sie ſammelten ſich unter den Wällen des Alhambra, und prieſen ihn als ihre einzige Hoffnung, als die einzige Stütze des Landes. Boabdil konnte kaum ſeinen Sin⸗ nen trauen, als er ſeinen Namen mit Preis und Lod gepaart und mit Zuruf begrüßt hörte. Ermuthigt durch dieſen unerwarteten Strahl von Volksgunſt, wagte er ſich aus ſeinem Zufluchtsort her⸗ — 240— vor und ward mit Begeiſterung empfangen. Alle ſeine früheren Verirrungen wurden ſeinem feindlichen Geſchick und dem Thronraub ſeines tyranniſchen Oheims zuge⸗ ſchrieben, und aller Athem, den das Ausſtoßen von Ver⸗ wünſchungen gegen El Zagal dem Volkshaufen noch übrig gelaſſen hatte, wurde jetzt zum Frendengeſchrei zu Ehren El Chicy's verbraucht. Vierzigſtes Kapitel. Wie Boabdil El Chico in's Feld rückte, und einen Zug gegen 3 Alhendin unternahm. — Schon dreißig Tage war die Vega von chriſtlichen Streitkräften überſchwemmt geweſen, und jene große Flur, eben noch ſo üppig und reizend, war zum weiten Schau⸗ platz der Verheerung und des Mordes geworden; da ging das verwüſtende Heer, das ſeine Aufgabe vollbracht hatte, über die Brücke von Pinos und wand ſich in's Gebirge hinein, auf dem Weg nach Cordova. Es führte mit ſich den Raub der Städte und Dörfer, und trieb in langen Staubſäulen Schafe und Viehheerden fort. Der Ton der letzten chriſtlichen Trompete ſtarb längſt dem Gebirge von Elvira hin, und nicht eine einzige feindliche Rotte erglänzte mehr auf den traurigen Geſilden der Vega. 4 4— 241— Boabdil's El Chico Augen wurden endlich über die eigentliche Politik Königs Ferdinand geöffnet; er ſah, er könne ſich ferner nur auf die Kraft ſeines Armes ver⸗ laſſen. Es war keine Zeit zu verlieren, man mußte ei⸗ len, den Wirkungen der letzten Verwüſtung der Chriſten zu begegnen und den Zufuhren aus der Ferne einen Weg nach Granada zu eröffnen. Kaum war die zurückkehrende Rotte Ferdinands in den Gebirgen verſchwunden, als Boabdil die Rüſtung umſchnallte, aus dem Alhambra hervorzog und ſich in's Feld zu ziehn anſchickte. Als das Volk ihn nun wirklich in den Waffen gegen ſeiuen fruͤheren Verbündeten erblickte, drängten ſich beide Partheien mit Eifer zu ſeinen Fahnen. Auch die kühnen Bewohner der Sierra Nevada oder der ſchneebedeckten Gebirgskette, die ſich über Granada erhebt, ſtiegen von ihren Höhen herab, und eilten in die Stadtthore, ihrem jugendlichen König ihre Hülfe anzubieten. Der große freie Platz des Vivarrambla erglänzte von der ſtolzen Rüſtung der Reiterrotten, die mit den Farben und Ab⸗ zeichen der älteſten Mauriſchen Familien bedeckt waren, und von dem heldenmüthigen Muza vorgeführt wurden, dem König in die Schlacht zu folgen. Am 15. Juni zog Boabdil nochmals aus Granada's Thoren zu einer Kriegsunternehmung aus. Wenige Mei⸗ len von der Stadt, ganz im Angeſicht vor ihr und bei dem Eintritt in die Alpurarra Gebirge ſtand das mäch⸗ tige Schloß Alhendin. Es war auf einer Anhöhe erbaut, Irving's Granada. 4— 6. 16 7 — 242— die ſich mitten in einer kleinen Feſte erhob, und einen großen Theil der Vega und die Hauptſtraße nach den reichen Thälern der Alpurarra beherrſchte. Das Schloß ward von einem tapfern chriſtlichen Rit⸗ ter, Nameus Mendo de Quexada beſehligt, und hatte eine Beſatzung von zweihundert und fünfzig Mann, alle erprobte, erfahrene Krieger. Es war ein beſtändiger Dorn in den Seiten Granada's. Die Landleute der Vega wurden durch ſeine kühnen Soldaten von ihren Feldern weggeriſſen, und die Zufuhren in den Bergpäſſen abgeſchnit⸗ ten; da ferner die Beſatzung genau die Thore der Stadt vor Augen hatte, konnte ſich kein Zug von Kaufleuten auf ihre nothgedrungenen Reiſen wagen, ohne von den Kriegs⸗ geiern des Alhendin weggeſchleppt zu werden. Gegen dieſe wichtige Feſte führte Boabdil zuerſt ſeine Truppen. Sechs Tage und ſechs Nächte ward die Burg eng belagert; der Alcayde und ſeine krieggewohute Be⸗ ſatzung vertheidigten ſich tapfer; aber ſie wurden erſchöpft. durch beſtändige Anſtrengung und Wachſamkeit; denn die Mauren, die beſtändig von friſchen Truppen aus Gra⸗ nada abgelöſt wurden, unterhielten einen unabläſſigen, kräftigen Angriff. Zwei Mal wurden die Vorhöͤfe errungen und zwei Mal die Angreifer halsüberkopf mit außerordentli⸗ chem Verluſt zurückgetrieben. Doch war die Beſatzung durch die Menge der Verwundeten und Getödteten ſehr an Anzahl geſchwächt, und es waren nicht mehr hitläng⸗ lich Streiter da, um die Wälle und Thorwege zu be⸗ 4 — 243— ſetzen. Der tapfre Alcayde war genoͤthigt mit ſeiner noch übrigen Streitmacht in das Innere der Burg ſich zurück⸗ zuziehn, wo er fortfuhr, verzweifelten Widarſtand zu leiſten. Die Mauren näherten ſi ſich jetzt dem guß des Thurms unter dem Schutz von hölzernen Sturmdächern, die mit naſſen Häuten bedeckt waren, um Geſchoſſe und Brenu⸗ ſtoffe abzuhalten. Sie arbeiteten kräftig an der Unter⸗ grabung des Thurms, und ſchlugen Pfropfen von Holz in die Grundſäulen, um ſie dann anzuzünden, und Zeit zu gewinnen, ſich zurüͤckzuziehn, ehe das Gebünde ein⸗ ſtürzte. Eiinige der Mauren ſpannten ihte Armbrüſte und Muſketen, um die Arbeiter zu vertheidigen und die Chri⸗ ſten von den Wällen wegzutreiben, doch dieſe ſchleuderten Steine und Wurſſpieße auf die Angreifer, und goſſen ge⸗ ſchmolzenes Pech und flammende Brennſtoffe auf die Mi⸗ nirer herab. Der tapfre Mendo de Querada hatte manchen ängſt⸗ lichen Blick über die Vega geworfen, in der Hoffnung, eine chriſtliche Streitmacht zu ſeiner Hülfe herbeieilen zu ſehen. Nicht ein einziger Strahl von einem Helm oder Speer war zu entdecken, denn niemand hätte ſich dieſen plöblichen Einbruch der Mauren gedacht. Der Alcayde ſah ſeine tapferſten Leute todt oder verwundet um ſich liegen, während die übrigen vor Ermattung und unun⸗ terbrochener Wachſamkeit und Auſtrengung dahin ſanken. Trotz alles Widerſtandes hatten die Mauren ihre 16 — 244— Mine vollendet; das Feuer trug man ſchon vor die Wälle, und wollte es an die Holzpfropfen legen, im Fall die Beſatzung in ihrer Vertheidigung beharrte; in kurzer Zeit mußte die Burg unter ihr zuſammenſtürzen, zerriſſen werden und in Trümmern auf die Ebene herabrollen. In dem letzten Augenblicke und erſt dann gab der tapfre Al⸗ cayde das Zeichen der Uebergabe. Er zog mit den Ue⸗ berreſten ſeiner im Kampf gealterten Beſatzung aus und wurde mit ihnen kriegsgefangen. Unmittelbar darauf ließ Boabdil die Mauern der Feſte dem Boden gleich machen und Feuer an die Holz pfropfen legen, damit der Ort nie mehr ein Haltpunkt für die Chriſten und eine Geiſel für Granada werden möchte. Der Alcayde und ſeine Mitgefangenen ſchritten in nie: dergeſchlagnem Zug über die Vega, als ſie ein furchtba⸗ res Getös hinter ſich hörten. Sie wandten ſich um, ſa⸗ hen nach ihrer fruͤheren Feſte und gewahrren nichts mehr als einen Haufen zuſammenſtürzender Trümmer, und eine ungeheure Maſſe von Rauch und Staub an der Stelle, wo einſtens der ſtattliche Thurm des Alhendin geſtanden hatte. 4 Ein und vierzigſtes Kapitel. Heldenthat des Grafen de Tendilla. Boabdil El Chieo verfolgte ſein Glück, indem er die beiden Feſten Marchena und Bulduy wegnahm; er ſandte ſeine Faki nach allen Richtungen hin, einen heiligen Krieg anzuſagen, und alle wahre Moſtim von Stadt und Feſte, von Berg und Thal aufzurufen, ihre Roſſe zu ſatteln, die Rüſtung umzuſchnallen und unter die Fahne des Glau⸗ bens zu eilen. Die Kunde, Boabdil El Chico ſey nochmals zu Felde gezogen, und ſey ſiegreich, verbreitete ſich weit und breit. Die Mauren an verſchiednen Orten eilten, gelockt von dieſem Strahl von Erfolg, ihre geſchworne Unterwürfig⸗ keit unter die Caſtiliſche Krone zu brechen, und Boab⸗ dibs Fahne aufzurichten; der jugendliche Fürſt ſchmei⸗ chelte ſich, das ganze Reich werde bald unter ſein Scep⸗ er zurückkehren. Die ſtolzen Ritter von Granada verlangten ſehr, jene Einbrüche in die chriſtlichen Länder zu erneuern, woran ſie früher ſo ſehr ſich ergötzt hatten. Eine Anzahl von ihnen erdachte daher einen Einfall gegen Norden in das Gebiet von Jaen, um das Land in der Gegend von OQuezada zu beunruhigen. Sie hatten von einem reichen 7 — 246— Zug von Kaufleuten und begüterten Reiſenden gehört, welcher ſich auf dem Weg nach Baeza befand; und ſle ſahen ſchon in der Gefangennehmung dieſer Caravane ein glorreiches Gegenſtück zu ihrem fräheren Streifzug. Sie ſammelten eine Anzahl leicht bewaffneter, ſchnell berittener Reiter und hundert Fußſoldaten, und zogen dann voll kühnen Muths bei Nacht aus Granada aus, nahmen in der größten Stille ihren Weg durch die Berg⸗ päſſe, gingen ohne Widerſtand über die Grenze, und er⸗ ſchienen plötzlich, wie von den Wolken gefallen, mitten in dem Chriſtenlande. Die bergige Grenze, welche Granada von Jaen ſchei⸗ det, ſtand damals unter dem Grafen de Tendilla, dem⸗ ſelben kriegserfahrenen Greiſe, welcher ſich durch ſeine Wachſamkeit und Klugheit ausgezeichnet hatte, als er die Feſte Alhama befehligte. Er hatte ſein Hauptquartier bei der Stadt Alcala la Real, in ihrer unerſteiglichen Feſte, welche hoch auf den Gebirgen hing, etwa ſechs Meilen von Granada entfernt war und die ganze Grenze beherrſchte.. Aus dieſem wolkengekrönten Bollwerk mitten unter Fel⸗ ſen warf er ſein Falkenauge auf Granada und hatte ſeine Kundſchafter und Lauerer an allen Orten, ſo daß eine Krähe ohne ſein Wiſſen nicht über die Grenze fliegen konnte. 3 Seine Feſte war ein Zufluchtsort für die Chriſtenge⸗ fangenen, welche bei Nacht aus den Mauriſchen Kerkern von Granada entrannen. Oft jedoch verfehlten ſie in den — 247— Bergpaͤſſen ihren Weg, und wirr und planlos herumwan⸗ dernd, kamen ſie entweder durch einen Irrthum in eine Mauriſche Stadt oder wurden vom Feind bei Anbruch des Tags erkannt und wieder feſtgenommen. Dieſen Zufällen vorzubengen, hatte der Graf auf ſeine eignen Unkoſten auf der Spitze von einer der Höhen bei Alcala, welche eine Ausſicht auf die Vega und das Land ringsum darbot, einen Thurm erbauen laſſen. Hier un⸗ terhielt er eine ſprühende Leuchte die ganze Nacht hin⸗ durch, die allen chriſtlichen Flüchtlingen zum Pharus die⸗ nen und ſie an einen Ort der Sicherheit leiten ſollte. Der Graf ward einſt bei Nacht aus ſeiner Ruhe durch Lärm und Geſchrei aufgeſchreckt, welches aus der Stadt herauftönte, und bis zu den Burgwällen drang. Zu den Waffen! zu den Waffen! der Manre iſt über der Grenze!» war der Ruf. Ein chriſtlicher Soldat, blaß und abgezehrt, der noch die Spuren der Manriſchen Ketten an ſech trug, ward vor den Grafen gebracht. Er war von den Mauriſchen Rittern, die aus Granada den Ausfall gemacht, zum Führer gebraucht worden; war ihnen aber auf den Ge⸗ birgen entkommen, und hatte nach vielem Herumirren durch das Signalſeuer den Weg nach Alcala gefunden. Trotz des Geräuſches und der Erregung des Augen⸗ blicks hörte doch der Graf de Tendilla ruhig und auf⸗ merkſam auf die Nachricht des Flüchtlings, und befragte ihn genau über die Zeit des Auszugs der Mauren, und die Richtung und Schnelligkeit ihres Zugs. Er ſah, es ſey zu ſpät, ihren Einfällen und Verheerungen zu begeg⸗ nen, aber er beſchloß, ſie zu erwarten und ihnen bei ih⸗ rer Rückkehr einen warmen Empfang zu bereiten. Seine Soldaten waren immer auf der Lauer, und be⸗ reit, jeden Augenblick auf den erſten Befehl in's Feld zu rücken. Er erwählte hundert und fünfzig Lanzenträger, kühne, tapfre Männer, die an Kriegszucht wohl gewöhnt und in langen Kämpſen erprobt worden, wie denn dieß bei allen ſeinen Truppen der Fall war, rückte in der größ⸗ ten Stille vor Tagesanbruch aus, ſtieg durch die Berg⸗ päſſe hinab und legte ſeine kleine Streitmacht in einer tiefen Barranca, dem trocknen Bette eines Bergſtroms in den Hinterhalt. Es war dieß nahe bei Barzina, nur drei Meilen von Granada, auf der Straße, auf welcher die Streifzügler zurückkehren mußten. Mittlerweile ſandte er Kundſchafter aus, die ſich auf die verſchiednen Höhen ſtellen und auf die Annäherung des Feindes Acht haben ſollten. Den ganzen Tag über und einen großen Theil der folgenden Nacht blieben ſie in der Bergſchlucht verſteckt; doch war nicht ein einziger Turban zu ſehen, nur dann und wann ein Landmann, welcher von ſeiner Arbeit heim⸗ kehrte, oder ein einzelner Maulthiertreiber, der auf Gra⸗ nada zueilte. Die Ritter des Grafen begannen unruhig und unge⸗ duldig zu werden; ſie fürchteten, der Feind möchte eine andre Richtung eingeſchlagen, oder Nachricht von ihrem Hinterhalt bekommen haben, und drangen daher in ihn, — 249— die Unternehmung aufzugeben und nach Alcala zurück⸗ zukehren. «Wir ſind hier„ ſagten ſie,«faſt vor den Thoren der Mauriſchen Hauptſtadt; unſre Bewegungen könnten entdeckt worden ſeyn, und ehe wir es uns denken, kann 1 Graugda ſeine Haufen leichter Reiterei ausſtrömen und aus mit einer überwältigenden Macht erdrücken.“ Der Graf de Tendilla aber beſtand darauf zu bleiben, bis ſeine Kundſchafter herankämen. 3 Etwa zwe: Stunden vor Tagesanbruch waren Sig⸗ nalfener auf gewiſſen Mauriſchen Wachtthürmen in den Gebirgen. Während ſie dieſe voll Angſt betrachteten, eilten die Kundſchafter in aller Haſt in die Schlucht her⸗ ein.«„Die Mauren nahen,» ſagten ſie,«wir haben ſie ganz in der Nähe ausgeſpäht; ſie ſind gegen ein bis zweihundert Mann ſtark, aber beläſtigt durch viele Ge⸗ fangene und große Beute.» Die chriſtlichen Ritter legten die Ohren an den Bo⸗ den und hörten das ferne Pferdegetrampel und den Tritt ————.,— der Fußſoldaten. Sie beſtiegen ihre Pferde, nahmen die Schilde, legten ihre Lanzen ein, und zogen ſich nahe an den Eingang der Schlucht, wo ſie ſich auf die Straße zu öffnete. — fallen des chriſtlichen Waarenzugs auf ſeinem Weg nach Baeza glücklich geweſen. Sie hatten eine große Anzahl Gefangene, Männer und Weiber, nebſt einer großen Menge Gold und Juwelen u und mit reichen Waaren beladener Die Mauren waren in dem Wegelagern und Ueber⸗ — 250— Laſtthieren gemacht. Mit dieſen hatten ſie ihren Zug über die gefährlichen Stellen der Gebirge beſchleunigt, aber jetzt, da ſie Granada ſo nahe waren, glaubten ſie ſich in vollkommner Sicherheit. Sie ſäumten auf dem Weg, zogen langſam und ungeregelt dahin; einige ſan⸗ gen, andre lachten und frohlockten, daß ſie auf dieſe Weiſe die ſo ſehr geprieſene Wachſamkeit des Grafen de Tendilla hintergangen. Darunter miſchte ſich von Zeit zu Zeit die Klage einer Gefangnen, welche die ihrer Ehre dro⸗ hende Gefahr beklagte; auch hörte man das ſchwere Auf⸗ ſeufzen des Kaufmanns, der ſein Eigenthum in den Fän⸗ gen mitleidsloſer Räuber gewahrte. Der Graf de Tendilla wartete bis ein Theil der Be⸗ deckung an der Schlucht vorüber war, dann gab er das Zeichen zum Angriff und ſeine Ritter erhoben lautes Ge⸗ ſchrei und Rufen und. drangen wüthend mitten in den Feind. Die Dunkelheit des Ortes und die frühe Stunde erhöhten noch die Schrecken des Ueberfalls. Die Manren wurden in Verwirrung gebracht; einige ſammelten ſich, fochten verzweifelnd und fielen mit Wun⸗ den bedeckt. Sechs und dreißig wurden getödtet und fünf und fünfzig zu Gefangenen gemacht; die übrigen be⸗ werkſtelligten unter dem Schutze der Finſterniß ihre Flucht unter die Felſen und Bergpäſſe. Der gute Graf entfeſſelte die Gefangenen und erfreute die Herzen der Kaufleute, indem er ihnen ihre Waaren zurückgab; auch die gefangenen Frauen erhielten die Ju-⸗ welen wieder, deren ſie beraubt worden, nur die ausge⸗ — — 251— nommen, welche unrettbar verloren gegangen. Fünf und vierzig Sattelpferde, von der koſtbarſten Berber⸗Raſſe und viele reiche Waffenrüſtungen und ſonſtige Beute aller Art blieben, als den Mauren abgenommener Raub, der Lohn der Sieger.. Nachdem er ſchnell alles zuſammengebracht und ſeinen Beutezug geordnet hatte, trieb der Graf mit aller Eile auf Alcala la Real zu, aus Furcht, er möchte von den Mauren in Granada verfolgt und eingeholt werden. Als er dem ſteilen Abhang dieſer Bergſtadt ſich hinaufwand, eilten die Einwohner heraus, und kamen ihm mit Freu⸗ dengeſchrei entgegen. Dieſer Triumph ward für ihn doppelt reizend da⸗ durch, daß er an den Thoren der Stadt von ſeiner Ge⸗ mahlin, der Tochter des Marquis von Villena, einer Dame von ſeltnen Eigenſchaften, empfangen wurde. Er hatte ſie ſeit zwei Jahren nicht geſehen, da er durch die ſchweren Verpflichtungen dieſer hartnäckigen, eiſernen Kriege von ſeiner Heimath entfernt gehalten worden. N d0 Sr 2 — Zwei und vierzigſtes Kapitel. Boaldil's El Chicp Zug gegen Salobrena. Kriegsthat Her⸗ nando's Perez del Pulgar. König Boabdil ſah ein, ſein vermindertes Gebiet ſey zu eng von den chriſtlichen Feſten, wie Alcala la Real, überſchattet und bewacht, und zu genau von wachſamen Alcayden, wie der Graf de Tendilla, in Zaume gehal⸗ ten, um im Stande zu ſeyn, ſich durch Hülfsquellen im Innern zu erhalten. Seine Streifzüge wurden gar zu leicht aufgefangen und vernichtet, während die Ver⸗ wüſtung der Vega alles weggenommen hatte, worauf die Stadt zu ihrer Unterhaltung für die Zukunft baute. Er fühlte den Mangel eines Seehafens, durch welchen er, wie früher, Verbindungen mit Afrika anknüpfen und of⸗ fen erhalten, und ſich Verſtärkungen und Zufuhren über die See her verſchaffen könnte. Alle Anfahrten und Häfen waren in den Händen der Chriſten, und Granada und ſein Ueberreſt von abhängi⸗ gem Gebiet vollkommen vom Land aus eingeſchloſſen. In dieſer Lage ward Boabdil's Aufmerkſamkeit durch Umſtände auf den Seehafen von Salobrena gerichtet. Dieſe furchtbare Feſte iſt ſchon in unſrer Chronik als ein von den Mauren für unerſteiglich gehaltener Ort er⸗ wähnt worden; weßwegen auch ihre Könige zur Zeit der Gefahr ihre Schätze in ſeiner Citadelle aufzubewahren pflegten. Dieſer Ort lag auf einem hohen felſigen Hü⸗ gel, welcher eine jener reichen, kleinen Vega oder Ebenen durchſchnitt, die offen am Mittländiſchen Meere ſich hindeh⸗ nen, aber auch gleich tiefen, grünen Meerbuſen ſich in den rauhen Schoos der Gebirge einſchlänglen. Die Vega war von aumuthigem Gewächsreichthum überkleidet; mit Reis und Baumwollenſträuchern, mit Hainen von Orangen, Citronen, Feigen und Maulbeer⸗ bäumen und mit Gärten, die umringt waren von Zäu⸗ nen von Rohr, von Aloe und von Indiſchen Feigen. Rieſelnde Bäche von lautrem, friſchen Waſſer, die dem Schnee der Sierra Nevada ihre Quelle verdankten, hiel⸗ ten dieß reizende Thal in beſtändiger Friſche und Grüne, während es von den Bergſchranken und hohen Vorgebir⸗ gen, die ſich weit in die See erſtreckten, ſaſt ganz ver⸗ ſchloſſen ward. Durch die Mitte dieſer reichen Vega zog der Fels von Salobrena ſeinen rauhen Bergrücken, trennte die Ebene in faſt gleiche Theile, und reckte ſich bis an den Rand der See hin; ein Streif von einer ſandigen Bay lag zu ſeinen Füßen, und ward von den blauen Wellen des Mittländiſchen Meers beſpühlt. Die Stadt bedeckte die Firſte und die Seiten des fel⸗ ſigen Hügels, und war von feſten Wällen und Thürmen geſchützt, während auf dem höchſten und wichtigſten Punkte die Citadelle ſtand, ein hohes Schloß, das einen Theil — 254— des lebendigen Felſens auszumachen ſchien. Seine unge⸗ heuren Trümmer erregen noch heut zu Tage die Bewun⸗ derung des Reiſenden, wenn er weit unten ſeiner Straße, die durch die Vega führt, ſich hinwindet. Dieſe wichtige Feſte war dem Oberbefehl Don Fran⸗ ciſcv's Ramirez de Madrid, des Hauptbefehlshabers der Geſchütze und des kundigſten und erfahrenſten aller Spa⸗ niſchen Führer, anvertraut worden. Dieſer kluge, im Kriege gealterte Feldherr war aber bei dem König zu Cordova, und hatte einen tapfern Ritter als Alcayden der Feſte zurückgelaſſen. Boabdil El Chico war genau von dem Zuſtand der Feſte und der Abweſenheit ihres Befehlshabers benachrich⸗ tigt. Er ſetzte ſich daher an die Spitze einer ſtarken Streitmacht, zog aus Granada aus, und eilte ſchnellen Zugs durch die Gebirge; er hoffte durch dieſe plötzliche Bewegung über Salobrena herzufallen, ehe König Ferdi⸗ nand zum Beiſtand des Ortes herbeikommen könnte. Die Einwohner von Salobrena waren Mudcharen oder Mauren, welche den Chriſten Unterwürfigkeit ge⸗ ſchworen hatten. Doch als ſie den Schall der Mauri⸗ ſchen Trommeln, den Klang der vaterländiſchen Trompe⸗ ten vernahmen und die Schaaren ihrer Landsleute über die Vega heranziehen ſahen, da verlangten ihre Herzen nach der Fahne ihres Volkes, ihres Glaubens. Ein Auf⸗ ruhr erhob ſich in der Stadt; das Volk rief den Namen Boabdil's El Chico, riß die Thore auf, und ließ den angeſtammten König in die Mauern ein. um ihm den Beſitz der Stadt ſtreitig zu machen. Sie zubenannt, derſelbe, der ſich bei einem Streifzug ausge⸗ — 255— Die chriſtliche Beſatzung war zu gering an Anzahl, zog ſich in die Citadelle zurück, und ſchloß ſich in die feſten Mauern ein, die als unbezwingbar betrachtet wur⸗ den. Hier leiſteten ſte verzweifelten Widerſtand, hoffend, ſie möchten ſich halten, bis Hülfe aus den nahen Feſten herbeikäme. Die Kunde, Salobrena ſey von dem Maurenköoͤnig berennt, verbreitete ſich längſt der Seeküſte und erfüllte die Chriſten mit Schrecken. Don Franciſco Enriguez, Oheim des Königs, beſahl in der Stadt Velez Malaga, die gegen zwölf Meilen entfernt war, aber durch Reihen jener ungehenern Felsgebirge davongeſchieden ward, welche längſt dem Mittländiſchen Meer aufgehäuft ſind, und in 4 ſteilen Vorgebirgen und abſchüſſigen Berghängen über ſeine Wellen hinausragen.- Don Franciſco rief die Alcayden ſeines Bezirks auf, mit ihm zur Entſetzung dieſer wichtigen Feſte herbeizuei⸗ len. Eine Anzahl Ritter und ihr Gefolge hörten auf ſeinen Ruf; unter ihnen befand ſich Fernando Perez del Pulgar, El de las Hazanas(der von den Kriegsthaten) zeichnet, indem er ein Tuch an einer Lanze ſtatt eines Banners emporhielt, und ſeine entmuthigten Waffenge⸗ fährten zum Siege führte. Sobald Don Franciſco einen kleinen Haufen um ſich beiſammen ſah, eilte er mit aller Haſt auf Salobrena zu, Der Weg war rauh und ſchwierig; er klimmte un⸗* d0 256— 7 geheuren Bergen hinauf, ſchoß dann wieder herab, und wand ſich manchmal längſt dem Rande tiefer Abgründe hin, in denen weit unten die Fluthen des Meerrs rauſchten. Als Don Franeiſco mit ſeinem Gefolge an dem hohen Vorgebirg anlangte, das ſich an der Seite der kleinen Vega von Salobrena hindehnte, ſah er mit Kummer und Angſt auf ein Maurenheer von großer Stärke herab, das am Fuß der Feſte lagerte, während Mauriſche Banner auf verſchiednen Seiten der Wälle bewieſen, daß die Stadt ſchon im Beſitz der Ungläubigen ſey. Eine ein⸗ ſame chriſtliche Fahne flatterte allein auf dem Gipfel der Burg, und deutete an, die tapfre Beſatzung ſey einge⸗ ſchloſſen in ihrer felſengebauten Citadelle. Don Franeiſco ſah, es ſey unmöglich, mit ſeiner ge⸗ ringen Streitmacht einigen Eindruck auf das Mauriſche Lager zu machen, oder bis zur Entſetzung des Schloſſes vorzudringen. Er ſtellte ſeinen kleinen Haufen auf eine felſige Höhe nahe der See, wo er vor den Augriffen des Feindes ſicher war. Der Anblick ſeines befreundeten Ban⸗ ners, das in der Nähe flatterte, ermuthigte die Herzen der Beſatzung, und gab ihnen die Verſicherung einer ſchnellen Hülfe von Seiten des Königs. Mittlerweile bemerkte Fernando Perez del Pulgar, der immer brannte, durch kühne, in die Augen fallende Waffenthaten auf einem Streifzuge längſt den Grenzen des Mauriſchen Lagers ſich auszuzeichnen, ein Thor der 7/ — 257— Burg, das anf den ſteilen Theil des felſigen Hügels führte, der nach dem Gebirg zu lag. 83 Ein Gedanke durchfuhr mit Blitzesſchnelle Pulgar's kühnen Sinn.«Wer will meiner Fahne folgen,» ſagte er, zund einen Verſuch auf jenes Thor mit mir machen 2⸗ Einem kühnen Anſchlag im Krieg gebrechen nie mu⸗ thige Geiſter, ihn auszuführen. Siebzig entſchloſſene Männer traten alshald vor, Pulgar ſetzte ſich an ihre Spitze. Sie ſchlugen ſich ſchnell durch einen ſchwachen Theil des Belagerungsheers durch, fochten ſich bis an das Thor, das ſchnell aufgeriſſen ward, ſie aufzunehmen, und gelangten glücklich in die Feſte, ehe noch die Kunde von ihrem Verſuch ſich im Manriſchen Heer verbreitet hatte⸗ Die Beſatzung hekam neuen Muth durch dieſe uner⸗ wartete Verſtärkung, und ward in den Stand geſetzt, kräftigeren Widerſtand zu leiſten. Doch erhiekten die Mauren Nachricht, es ſey großer Mangel aun Waſſer in der Feſte, und ſie frohlockten ſchon bei dem Gedanken, daß dieſe hinzugekommene Anzahl von Kriegern bald die Ciſternen erſchöpfen und die Belagerten zur Uebergabe zwingen würden. Als Pulgar von dieſer vom Feind ge⸗ hegten Hoffnung hörte, ließ er einen Schlauch Waſſer von den Schanzen herablaſſen, und warf den Mauren zum Hohn einen ſubernen Becher zu. 9— Die Lage der Beſatzung ward indeß von Tag zu Tag mehr und mehr angſtvoll und gefährlich. Sie kitten ſehr von Durſt, während, um Tantalus QOnalen zu ihrem Leiden hinzuzufügen, lautere Bäche, die in Fülle ſich durch Irving's Granada. 4— 6. 17 die grüne Ebene unter ihnen hinſchlängelten, ſich ihren Blicken darboten. H St 4 1 Sie ſingen an, der Furcht Raum zu geben, alle Hülfe möchte zu ſpät anlangen, als ſie eines Tags ein kleines Geſchwader von Schiffen fern in der See gewahr⸗ ten, das aber raſch auf die Küſte losfuhr. Sie waren anfangs noch etwas in Zweifel, ob es nicht eine feindliche Armada aus Afrika ſeyn könnte; aber als es ſich näherte, unterſchieden ſie zu ihrer größten Freude das Banner von Caſtilien. 3 Es war eine Verſtäͤrkung, die in aller Eile von dem Beherrſcher der Feſte, Don Franeiſco Ramirez, herbei⸗ gebracht wurde. Das Geſchwader landete an einem ſtei⸗ len Felſeneiland, welches ſich gerade an dem Rand der ſeichten, ſandigen Bai in gerader Richtung vor dem Fel⸗ ſen von Salobrena erhebt, und ſich in die See hindehnt. Auf dieſes Eiland ſetzte Ramirez ſeine Mannſchaft aus, und ſeine Stellung war nicht weniger feſt, als wenn er ſich in einem Bergſchloß beſunden. Seine Streitmacht war zu gering, um eine Schlacht zu verſuchen; aber er trug dazu bei, die Belagerer zu beläſtigen und ihre Aufmerkſamkeit zu theilen. So oft König Boabdil einen Anfall auf die Feſte machte, ward ſein Lager auf der einen Seite von den Truppen unter Ramirez, die von ihrem Eiland an die Küſte kamen, und auf der andern Seite von denen Don Franeiſco's Euriquez angegriffen, der von ſeinem Felſen herunterſturzte; während Fernando del Pulgar einen tapferen Widerſtand auf jedem Thurm, auf jeder Schanze der Feſte unterhielt. Des Mauren⸗Königs Aufmerkſamkeit wurde auch für einige Zeit durch einen erfolgloſen Verſuch getheilt, den kleinen Hafen von Adra zu entſetzen, welcher vor kurzem ſich für ihn erklärt hatte, aber den Chriſten durch Cidi Yahye und ſeinen Sohn Alnayer wieder erworben worden. So verlor der unglückliche Boabdil, auf jeder Seite beunruhigt, alle die Vortheile, die er durch ſeinen be⸗ ſchleunigten Zug von Granada aus gewonnen hatte. Wäh⸗ rend er noch die hartnäckig widerſtrebende Citadelle be⸗ lagerte, ward ihm die Nachricht gebracht, König Ferdi⸗ nand nahe in eiligem Zug mit einer ſtarken Heeresmacht zu ihrem Beiſtand. Jetzt war keine Zeit mehr zu ferne⸗ rem Zögern. Er machte einen wüthenden Angriff mit all ſeinen Streitkräften auf die Feſte, wurde aber nochmals von Pulgar und ſeinen Mitſtreitern zurückgetrieben; da verzweifelte er, gab die Belagerung auf, und zog ſich mit ſeinem Heer zurück, damit nicht Ferdinand zwiſchen ihn und ſeine Hauptſtadt ihm in den Rücken kommen möchte. Auf ſeinem Weg zurück nach Granada tröſtete er ſich indeß gewiſſermaßen für ſeine eben erſt getäuſchten Hoff⸗ nungen, indem er einen Theil des Gebiets und der Be⸗ ſthungen, die kürzlich ſeinem Oheim El Zagal und Eidi Jahye angewieſen worden, überzog. Er ſchlug die Alcay⸗ den, zerſtörte mehrere ihrer Feſten, verbrannte ihre Dör⸗ fer und ließ das Land rauchend und brennend, voll Spu⸗ 17* — 260— ren von ſeiner Rache hinter ſich; er aber kehrte m.t an⸗ ſehnlicher Beute nach Granada zurück, dort auszuruhen von ſeinen Anſtrengungen in den anmuthsvollen Mauern des Alhambra. Drei und vierzigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand das Volk von Guadix behandelte, und El Zagal ſeine königliche Laufbahn beſchloß. Kaum hatte Boabdil ſich in ſeine Hauptſtadt verſteckte als König Ferdinand an der Spitze von ſiebentauſend Pfe den und zwanzigtauſend Fußvölkern wieder in der Vega erſchien. Er war in aller Eile von Cordova aus⸗ gezogen, Salobrena zu entſetzen, aber da er auf ſeinem Zuge vernahm, die Belagerung ſey aufgehoben, wandte er mit ſeinem Heere um, einen zweiten Verwüſtungszug um die Wälle der dem Untergang geweihten Granada zu machen. 8 Sein gegenwärtiger Streifzug dauerte fünfzehn Tage, während deſſen alles, was ſeinem früheren verwüſtenden Beſuch entgangen, ſo gänzlich zerſtört ward, daß kaum etwas grünes oder ein lebendes Thier auf der ganzen Strecke des Landes übrig gelaſſen wurde. Die Mauren brachen häufig hervor, und fochten verzweifelnd zur Ver⸗ theidigung ihrer Felder, aber das Werk der Verheerung ward vollendet und Granada, einſt die Koͤnigin der Gär⸗ ten, blieb von einer Wuͤſte umringt. Von hier zog Ferdinand weg, eine Verſchwörung nie⸗ derzuſchlagen, welche ſich kürzlich in den Städten Gua⸗ dir, Baza und Aimeria gezeigt hatte. Dieſe eben erſt eroberten Orte waren in geheimen Briefwechſel mit Boab⸗ dil getreten, und hatten ihn eingeladen, vor ihre Thore zu ziehen, dann wüuͤrden ſie, hatten ſie verſprochen, ſich gegen die chriſtlichen Beſatzungen auſlehnen, die Citadel⸗ len wegnehmen und ſie ſeiner Macht überliefern. Der Marquis von Villena hatte Kenntniß von dieſer Verſchwoͤrung erlangt, und ſich plötzlich mit einer großen Streitmacht nach Guadix geworfen. Unter dem Vor⸗ wand, uͤber die Einwohner Heerſchau zu halten, ließ er ſte in die Felder vor der Stadt ausrücken. Als die ganze waffenfähige Mauriſche Bevölkerung ſo auſſerhalb der Wälle war, ließ er die Thore ſchließen. Dann erlaubte er ihnen zwei und zwei oder drei und drei wieder hinein zu gehen, und ihre Weiber und Kinder und ihre Habſe⸗ ligkeiten zu holen. Die hausloſen Mauren waren noch zufrieden, ſich für kurze Zeit Schoppen in die Gaͤrten und Obſthaine rings um die Stadt machen zu dürfen. Sie waren laut in ihren Klagen, ſo aus ihrer Heimath ausgeſchloſſen zu ſeyn, aber man ſagte ihnen, ſie müßten geduldig abwarten, bis die gegen ſie eingegangenen Klagen unter⸗ ſucht werden koͤnnten, und der Wille des Königs bekannt geworden ſey. — 202— Als Ferdinand in Guadir ankam, fand er die ungluͤck⸗ lichen Mauren in ihren Hütten in den Obſtgärten. Sie beklagten ſich bitter über den Betrug, den man ſich gegen ſie erlaubt, und ſlehten um Erlaubniß, in die Stadt zu⸗ rückzukehren und ſriedlich in ihren Wohnungen leben zu dürfen, wie ihnen in deu einzelnen Sätzen ihrer Ueber⸗ gabe verſprochen worden. Koͤnig Ferdinand hörte gnädig auf ihre Klagen. Meine Freunde, ſagte er ihnen erwiedernd,«man hat mich be⸗ nachrichtigt, es habe eine Verſchwörung unter euch ſtatt⸗ gefunden, meinen Alcayden und meine Beſatzung zu er⸗ morden, und mit meinem Feinde, dem Könige von Gra⸗ nada, gemeinſame Sache zu machen. Ich werde eine ge⸗ naue Unterſuchung dieſer Verſchwörung anſtellen. Die unter euch, welche als unſchuldig erfunden werden, werden in ihre Wohnungen wieder eingeſetzt werden, aber die Schuldigen ſollen die Strafe ihrer Vergehungen erleiden.⸗ «Da ich jedoch eben ſo ſehr mit Milde als mit Ge⸗ rechtigkeit zu verfahren wünſche, laß ich euch jetzt die Wahl, eutweder alle zuſammen abzuziehn, ohne weitere Unterſuchung, und hinzugehn, wo es jedem gefällt, und mit euch euere Familien und euere Habe zu nehmen, und voller Sicherheit zu genießen, oder die auszuliefern, welche ſchuldig ſind, von denen alsdann keiner, ich gebe euch mein Wort, ſeiner Strafe entgehen ſoll.⸗» Als das Volk von Guadir dieſes hörte, hielten ſte eine Berathung mit einander,«und da die meiſten von ihnen, ſagt der würdige Agapida,«entweder ſtrafbar 2 — 263— waren oder als ſolche angeſehn zu werden fürchteten, nah⸗ men ſie die gebotene Wahl an, und zogen trauernd, ſie und ihre Weiber und ihre Kleinen aus ihrer Vater⸗ ſtadt ab.» So,» um uns der Worte jenes ausgezeichneten und gleichzeitigen Geſchichtsſchreibers Andres Bernaldes zu bedienen, der gewöhnlich Curate dellos Palacios(Auf⸗ ſeher der Pallaͤſte) genannt wird;«ſo befreite der König Guadix aus den Händen der Feinde unſeres heiligen Glau⸗ beus nach einem Zeitraum von ſiebenhundert und ſiebzig Jahren, während welcher es immer ſeit der Zeit Rode⸗ rich's des Gothen in ihrem Beſitz geweſen; und dieß war eins von den tiefen, unerforſchlichen Geheimniſſen unſe⸗ res Herrn, der nicht zugeben wollte, daß dieſe Stadt länger in der Macht der Mauren bleiben ſollte.» Eine fromme und weiſe Bemerkung, die mit ganz be⸗ ſonderer Billigung von dem würdigen Agapida angeführt wird. König Ferdinand bot ähnliche Alternativen den Man⸗ ren von Baza, Almeria und andern Städten, die des Antheils an dieſer Verſchwörung angeklagt wurden. Im Allgemeinen zogen ſie alle vor, ihre Heimath zu verlaf⸗ ſen, als ſich der Gefahr einer Unterſuchung auszuſetzen. Die meiſten von ihnen verließen Spanien, ein Land, wo ſie nicht länger in Sicherheit und Unabhängigkeit le⸗ ben könnten, und zogen mit ihren Familien nach Afrifa; die, welche zurückblieben, durften in Dörfern und Wei⸗ lern und andern unvertheidigten Orten wohnen. 204— Während Ferdinand auf dieſe Weiſe in Guadir be⸗ ſchäftigt war, Gerechtigkeit und Gnade zu üben, und dafür Städte in ſeine Gewalt zu nehmen, erſchien der alte Herrſcher, Muley Abdallay, El Zagal zugenannt, vor ihm. Er war abgezehrt von Sorgen und faſt zerrüttet von ſeinen Leidenſchaften. Er hatte ſein kleines Gebiet Andaraxa und ſeine zweitauſend Unterthanen eben ſo ſchwierig zu beherrſchen geſunden, als dieß mit dem be⸗ unruhigten Reiche Granada der Fall geweſen. Der Zau⸗ ber, der die Mauren an ihn gebunden, war zerſtört wor⸗ den, als er bewaffnet unter der Fahne Ferdinand's er⸗ ſchien. Er war von ſeinem wenig glorreichen Feldzug mit ſeinem kleinen Heer von zweihundert Mann, von der Ver⸗ wünſchungen des Volks in Granada, und dem heimlichen Spott derer, die er in's Feld geführt, verfolgt zurück⸗ gekehrt.. Nicht ſobald hatten ſeine Unterthanen von den Erſol⸗ gen Boabdil's El Chico gehört, als ſie auch ſchon die Waffen ergriffen, ſich im Tumult verſammelten, für den jungen König ſich erklärten, und El Zagal's Leben be⸗ drohten. Der unglückliche Fürſt war mit Mühe ihrer Wuth entgangen, und dieſe letzte Lection ſchien ihn gänz⸗ lich von ſeiner Leidenſchaft, zu herrſchen, geheilt zu haben. Er flehte jetzt zu König Ferdinand, ihm die Städte und Feſten und andere Beſitzungen, die ihm verliehen worden, abzukaufen; er bot ſie zu einem geringen Preiſe aus, und bat um ſicheren, ungehinderten Abzug für ſich und ſein Gefolge nach Afrika. König Ferdinand gewährte — 265— gnädigſt ſeine Wünſche. Er kaufte dreiundzwanzig Feſten und Dörfer in den Thälern von Andarara und Alhauren von ihm, und gab ihm dafür fünf Millionen Maravedi. Sein Recht auf die eine Hälfte der Salinen oder Salz⸗ gruben von Maleha gab El Zagal zu Gunſten ſeines Schwagers Cidi Nahye auf. Nachdem er ſo über ſein kleines Reich und ſeine Beſttzungen verfügt hatte, packte er alle ſeine Schätze ein, die ſich auf eine hohe Summe beliefen, und ging, von vielen Mauriſchen Familien be⸗. gleitet, nach Afrika über. Und hier wollen wir einen Blick über die eigentliche Zeit unſerer Chronik hinauswerfen, und den noch übri⸗ gen Theil der Laufbahn El Zagal's hinzeichnen. Seine kurze, unruhige Regierung und trauriges, unglückſeliges Ende, könnte ungeregelter Ehrbegier eine heilſame Lehre geben, wäre nicht jeder Ehrgeiz der Art vom Schickſal ſchon mit Blindheit gegen Lehre und Beiſpiel umnachtet. Als er in Afrika anlangte, ward er, ſtatt daß man ihm mit Güte und Mitleid begegnete, ergriffen und vom König von Fez, als wenn er deſſen Lehnstraͤger geweſen, in's Gefäͤngniß geworfen. Er wurde beſchuldigt, er ſey die Urſache der Uneinigkeiten, des Verfalls des Reichs von Granada, und da die Anklage zur Zufriedenheit des Königs von Fez bewieſen ward, verurtheilte dieſer den unglücklichen Fürſten zu ewigem Dunkel. Ein Becken geſchmolzenen Kupfers ward ihm vor die Augen gehalten, und ſeine Sehkraft für immer zerſtoͤrt. Sein Reichthum, der wahrſcheinlich die geheime Ur⸗ — 266— ſache dieſer grauſamen Maßregeln geweſen, ward zum Beſten der Staatskaſſe eingezogen, und von ſeinem Drän⸗ ger ſich zugeeignet; El Zagal aber blind, hülflos und verlaſſen in die Welt hinausgeſtoßen. In dieſer jam⸗ mernswerthen Lage taſtete ſich der ehemalige Mauren⸗ König ſeinen Weg durch die Landſchaften von Tigitana, bis er die Stadt Velez de Gomera erreichte. Der König von Velez war früher ſein Verbündeter geweſen, und fühlte einiges Mitleid mit ſeiner gegenwär⸗ tigen traurigen Lage. Er gab ihm Nahrung und Klei⸗ dung, und ließ ihn ungeſtört in ſeinem Gebiet wohnen. Der Tod, der ſo oft den Glücklichen und Reichen mitten aus ungenoſſenen Freuden wegführt, verſchont dagegen den Bedrängten, damit er den letzten Tropfen aus dem Kelch der Bitterkeit leere. El Zagal ſchleppte ſein trau⸗ riges Daſeyn noch viele Jahre in der Stadt Velez hin. Er wanderte umher, blind und troſtlos, ein Gegenſtand beides, des Haſſes und des Mitleids, und trug an ſei⸗ nem Gewand ein Pergament, worauf arabiſch die Worte ſtanden: Dieß iſt der unglückliche König von Anda⸗ luſien.» Vier und vierzigſtes Kapitel. Vorkehrungen in Granada zu einem verzweiſelten Widerſtand. „ Wie iſt deine Stärke geſchwunden, o Granada! wie iſt deine Schönheit erblichen und verfallen, o Stadt der Haine und Brunnen! Der Handel, der einſt ſich in deinen Straßen drängte, iſt zu Eude, der Kaufmann eilt ferner nicht in deine Thore mit dem Prunk und den Freuden ferner Länder. Die Städte, die einſt dir Zins bezahlten, ſind deinem Scepter entriſſen; die Ritterſchaft, die deine Vivarrambla mit der verſchwenderiſchen Pracht des Kriegs erfüllte, iſt in Kämpfen und Schlachten ge⸗ fallen.» „ Der Alhambra erhebt noch ſeine rothen Thürme mit⸗ ten aus Fruchthainen, aber Trauer herrſcht in ſeinen Marmorhallen, und der Fuͤrſt ſieht von ſeinen hohen Söl⸗ lern auf eine nackte Wüſte herab, wo einſt ſich ausge⸗ dehnt hatten der blühende Ruhm, der ſüße Stolz der Vega.⸗ So ertoͤnt die Klage der Manriſchen Geſchichtſchrei⸗ der über den bejammernswerthen Zuſtand Granada's, das nur noch ein Trugbild blieb von ſeiner früheren Größe. Die beiden Verwüſtungen der Vega, die ſo — 268— ſchnell auf einander folgten, hatten die ganze Ernte des Jahrs weggenommen, und die Landbauer hatten ferner nicht Muth, das Feld zu beſtelleu, da ſie ſahen, daß der reifende Segen nur den Plünderer ihnen vor die Thür brachte. Während des Winters machte König Ferdinand eif⸗ rige Vorkehrungen zu dem letzten Feldzug, der Grana⸗ da's Schickſal entſcheiden ſollte. Da dieſer Krieg nur zur Ausbreitung des chriſtlichen Glaubens geführt ward, hielt er es für ſehr paſſend, daß deſſen Feinde die Unkoſten dafür trügen. Er erhob daher eine allgemeine Beſteurung von allen Juden durch das ganze Reich, nach Synagogen und Sprengeln, und nöthigte ſie, den Er⸗ krag davon in der Stadt Sevilla abzugeben. Am eilften April zogen Ferdinand und Jſabelle nach der Mauriſchen Grenze mit dem feierlichen Entſchluß aus, Granada eng zu umlagern, und nie ſeine Mauern zu verlaſſen, bevor ſie nicht die Fahne des Glaubens auf den Thürmen des Alhambra aufgepflanzt. Viele Edle des Reichs, beſonders die aus den, dem Schauplatz der Handlung ferneren, Gegenden, die über⸗ drüſſig waren der Mühen des Kriegs, und vorausſahen, es werde dieß eine verdrießliche Belagerung abgeben, die mehr Geduld und Wachſamkeit als kühne Waffenthaten in Anſpruch naͤhme, begnügten ſich, ihre Lehnsleute zu ſchicken, während ſle ſelbſt daheim blieben, ihre Beſttun⸗ gen zu verwalten. Viele Städte lieferten Soldaten auf ihre eignen Koſten, und der König rückte mit einem Heer — 2609— von vierzigtaunſend Mann Fußvolk und zehntauſend Rei⸗ tern in's Feld.— 86. Die vornehmſten Führer, die ihm in dieſen Feldzug folgten, waren Roderigo Ponce de Leon, der Marquis von Cadix, der Ordensmeiſter von St. Jago, der Mar⸗ quis von Villena, die Grafen von Tendilla, Cifuentes, Cabra und Urena und Don Alonzo de Aguilar. Die Koͤnigin Iſabelle, von ihrem Sohn, dem Prin⸗ zen Juan und den Prinzeſſinnen Juana, Maria und Cathalina, ihren Töchtern begleitet, zog nach Alcala la Real, der Bergfeſte und dem Bollwerk des Grafen de Tendilla, Hier blieb ſie, Zufuhren dem Heer zuzuſchaf⸗ fen, und fertig zu ſeyn, ſelbſt, im Lager zu erſcheinen, wenn ihre Gegenwart verlangt werden ſollte. Ferdinands Heer ergoß ſich über die Vega durch ver⸗ ſchiedne Bergpäſſe, und am drei und zwanzigſten April wurde das königliche Zelt an einem Dorfe Los Ojos de Hueſcar, etwa anderthalb Meilen von Granada aufge⸗ ſchlagen. Bei der Annäherung dieſer furchtbaren Streit⸗ wacht erblaßten die beſtürzten Einwohner und ſelbſt viele der Krieger erzitterten, denn ſie fühlten, das letzte ver⸗ zweifelte Ringen nahe heran. Boabdil El Chico verſammelte ſeinen Rath im Al⸗ 3 hambra, von deſſen Fenſtern aus ſie die chriſtlichen Heer⸗ ſchaaren gewahren konnten, wie ſie durch Wolken von Staub durchglänzten, als ſie die Vega überſchwemmten. Die außerſte Verwirrung und Beſtürzung herrſchte im Rath. Viele der berathenden Mitglieder, entſetzt uͤber — 270— die Schrecken, die über ihre Familien hereinzubrechen drohten, wieſen Boabdil'n an, ſich der Großmüth des chriſtlichen Königs anheim zu ſtellen, ja einige der Tap⸗ ferſten deuteten ſelbſt auf die Möglichkeit hin, ehrenvolle Bedingungen zu erhalten. Der Wazir der Stadt, Abul Caſim Abdelmelia wurde aufgefordert, den Zuſtand der Mittel des Staats zu ſei⸗ nem Unterhalt und ſeiner Vertheidigung darzulegen. Es wäre hinlänglicher Mundvorrath da, ſagte er, ſich ei⸗ nige Monden damit zu erhalten, die Vorräthe unge⸗ rechnet, welche ſich bei Kaufleuten und andern reichen Einwohnern finden könnten.«Aber was helfen uns,» ſagte er,«Nahrungsmittel auf kurze Zeit gegen die Be⸗ lagerungen des Caſtiliſchen Fürſten, die ohne Ende ſind.» Er brachte auch die Liſten der Waffenfähigen Mann⸗ ſchaft vor. ⸗Die Anzahl,» ſagte er,«iſt groß, aber was kann man von bloſen Bürgerſoldaten erwarten? Sie prahlen und drohen zur Zeit der Sicherheit; niemand iſt ſo übermüthig, wenn der Feind in der Ferne iſt; aber wenn der Kriegslärm an ihre Thore donnert, daun ber⸗ gen ſie ſich voll Schrecken.» Als Muza dieſe Worte hörte, erhob er ſich mit ed⸗ lem Feuer.«Welche Urſache haben wir,» ſagte er, zu verzweifeln? Das Blut jener verherrlichten Mauren, der akten Eroberer Spaniens, fließt noch in unſern Adern. Laßt uns ſelbſt treu ſeyn, und das Glück wird ſich wieder zu uns wenden. Wir haben eine erprobte Streitmacht, beides Pferde und Fußgänger; wir haben die Blüthe der Ritterſchaft, die erzogen worden im Krieg, die von tau⸗ ſend Schlachten mit Narben bedeckt iſt.„ „Die Menge unſrer Bürger, von der ſo leichthin ge⸗ ſprochen worden,— warum ſollten wir an ihrer Tapfer⸗ keit zweifeln? Es ſind zwanzigtauſend junge Männer, in dem Feuer der Iugend, für die ich einſtehe, daß in Vertheidigung ihrer Heimath ſie wetteifern werden mit den kühnſten, in Kämpfen gealterten Streitern!⸗ 1 aFehlt uns Mundvorrath? Unſre Roſſe ſind flüchtig, unſre Reiter kühn auf Streifzügen. Mögen ſie herum⸗ ſtreichen und das Land jener abtrünnigen Moſlim brand⸗ ſchatzen, die ſich den Chriſten ergeben. Sie mögen Ein⸗ fälle machen in die Länder unſrer Feinde. Bald werden wir ſie dann in unſre Thoxe mit Beuteheerden zurückkeh⸗ ren fehen; und einem Soldaten iſt kein Biſſen ſo ſüß, als der, welcher durch hartes Gefecht dem Feinde abge⸗ rungen worden!»— Boabdil El Chico, wenn er auch des feſten, ausdauern⸗ den Muthes entbehrte, ward doch leicht zu plötzlichen tapfern Waffenthaten aufgeregt. Er nahm einen Strahl von Entſchloſſenheit von dem edeln Feuer Muza's. „Verkügt, was noth thut,» ſagte er ſeinen Befehls⸗ habern: zeuren Händen vertraue ich die Wohlfahrt des Staats. Ihr ſeyd die Schützer des Reichs, und werdet mit Allah's Hülfe die Beleidigungen unſrer Religion, den Tyd unſrer Freunde und Verwandten, die Trauer und die Leiden, die auf unſer Land gehäuft worden, rächen.» Jedem ward nun ſein beſonderes Amt augewieſen. Der 8 Wazir hatte die Aufſicht über die Waffen und Vorräthe und die Werbungen unter dem Volk. Muza ſollte die Reiterei beſehligen, die Thore vertheidigen und die Füh⸗ rung übernehmen in allen Ausfällen und Scharmützeln.⸗ Naim Rednan und Mnhamed Aben Zayda waren ſeine Beigeordneten. Abel Kerim Zegri und die andern Hanptleute ſollten die Wälle bewachen; und die Alcay⸗ den der Aleazaba und der rothen Thurme hatte den Oberbefehl über die Feſten. Nichts hoͤrte man jetzt als das Getös der Waffen und den Lärm der Rüſtung und Vorkehrungen. Der Manu⸗ riſche Sinn, der leicht Feuer fängt, war alsbald in Flam⸗ men; und der gemeine Haufen achtete in der Erregung des Augenblicks die Macht de. Chriſten fur Nichts. Muza war auf allen Seiten der Stadt und flößte ſeinen eignen hochherzigen Eifer den Gemüthern der Sol⸗ daten ein. Die jungen Ritter ſammelten ſich um ihn, als um ihr Vorbild, die greiſen Krieger betrachteten ihn mit ſoldatiſcher Bewunderung und Staunen, das gemeine Volk verfolgte ihn mit Jubel und Zuruf und der hülfloſe Theil der Einwohner, die Greiſe und die Weiber, prie⸗ ßen und überhäuften ihn mit Segensſprüchen alz ihren Beſchützer. Bei dem erſten Erſcheinen des chriſtlichen Heers wa⸗ ren die Hauptthore der Stadt geſchloſſen, und durch Ei⸗ ſenſtangen, Riegel und ſchwere Ketten geſichert worden. Muza befahl jetzt, ſie offen zu laſſen. Mir und meinen — 273— Rittern, ſagte er, aiſt die Vertheidigung der Thore an⸗ vertraut, unſre Leiber ſollen ihre Schutzwehren ſeyn.» Er ſtellte an jedes Thor eine ſtarke Wache, die aus ſeinen tapferſten Leuten auserleſen worden. Seine Rei⸗ ter waren immer vollſtändig bewaffnet, und bereit jeden Augenblick bei'm erſten Aufgebot aufzuſitzen. Ihre Roſſe ſtanden geſattelt und aufgezäumt in den Ställen, Lanze und Schild lagen neben ihnen. Bei der geringſten An⸗ naͤherung des Feindes ſammelte ſich ein Haufen Reiter innerhalb der Thore, und hielt ſich fertig, hervorzuſchie⸗ ßen gleich dem Donner aus der Gewitterwolke. Muza machte keine hochfahrende Drohungen, keine leere Parade mit ſeiner Tapferkeit, er war ſchrecklicher in ſeinen Thaten als in ſeinen Worten, und führte kühne Seeldenthaten aus, die ſelbſt die Prahlerei der Eitelruhm⸗ redigen überſtiegen. Dieß war gegenwärtig der Schutzengel der Mauren. Häͤtten ſie viele folcher Krieger beſeſſen, oder wäre Muza in einer früheren Periode des Kriegs zu Macht und An⸗ ſehn gelangt, das Schickſal Granada's hätte hinausge⸗ ſchoben werden mögen, und der Maure noch für lange Zeit ſeinen Thron in den Mauern des Alhambra auf⸗ recht erhalten können. 1 Irving’s Granada. 4— 6. — 274— Fuͤnf und vierzigſtes Kayitel. Wie König Ferdinand die Belagerung vorſichtig fortführte und die Königin Iſabelle im Lager anlangte. 6 Obgleich Granada ſeiner Glorie entkleidet und bei⸗ nahe von aller Hülfe von auſſen abseſchnitten war, ſchie⸗ nen doch ſeine mächtigen Feſten und ſtarken Bollwerke jedem Angriff Trotz bieten zu können. Da es der letzte eonhtsut der Mauriſchen Macht war, hatte es inner⸗ halb ſeiner Mauern die Ueberbleibſel der Heere verſam⸗ melt, die jeden Fußbreit Land den eindringenden Kriegs⸗ ſchaaren in ihrer allmähligen Eroberung des Reiches ſtrei⸗ tig gemacht hatten. Alles was dem Könige anhing und Liebe zum Va⸗ terland beſaß, ward durch die gemeinſame Gefahr zur Thätigkeit aufgeregt; und Granada, das ſo lange durch eitle Hoffnungen der Sicherheit in Unthätigkeit eingelullt worden, nahm jetzt in der Stunde ſeiner Verzweiflung einen Furcht einflößenden Anblick an. Ferdinand ſah, jeder Verſuch die Stadt durch Ge⸗ walt zu unterjochen, würde ſehr gefährlich ſeyn und viel Blut koſten. Vorſichtig in ſeiner Politik und geneigt, mehr durch Liſt als Tapferkeit Eroberungen zu machen, nahm er zu dem Plan ſeine Zuflucht, welcher ſo erfolg⸗ — 275— reich bei Baza geweſen, und entſchloß ſich, den Ort durch Hunger in ſeine Gewalt zu bringen. Zu dieſem Zweck drangen ſeine Heere bis mitten in die Alpurarra ein; verwüſteten die Thäler, und plünder⸗ ten und verbrannten die Städte, auf welche die Haupt⸗ ſtadt für ihre Zufuhren angewieſen war. Auch durchſtreif⸗ ten Streichhaufen die Gebirge hinter Granada und nah⸗ men jeden etwaigen Zug von Vorräthen weg.. Die Mauren wurden kühner, je hoffnungsloſer ihre Lage wurde. Nie hatte Ferdinand ſo kräftige Ausfäͤlle und Angriffe erfahren. Muza beunruhigte an der Spitze ſeiner Reiterei die Grenzen des Lagers und drang felbſt in das Innere ein, plötzlich Beute machen', alles ver⸗ wüſtend, und ſeinen Weg mit Verwundeten und Er⸗ ſchlagnen bezeichnend. 135 Sein Lager vor dieſen Anfallen zu ſchuͤtzen, befeſtigte Ferdinand daſſelbe mit tiefen Gräben und feſten Schanzen. Es war von viereckiger Geſtalt, und in Straßen, wie eine Stadt eingetheilt; die Truppen waren in Zelte und in Hütten untergebracht, welche aus Büſchen und Baum⸗ äſten gebaut worden. Als es fertig war, kam Iſabelle in Gepränge mit ih⸗ rem ganzen Hof und dem Prinzen und den Prinzeſſin⸗ nen, um bei der Belagerung zugegen zu ſeyn. Dieß⸗ zweckte dahin, wie bei früheren Gelegenheiten, die Bela⸗ gerten zur Verzweiflung zu bringen, indem man ihnen den Entſchluß der Könige dadurch kund that, in dem La⸗ ger zu wohnen, bis die Stadt ſich übergeben würde. 18* — 276— Unmittelbar nach ihrer Ankunft ritt die Königin aus, das Lager und ſeine Umgebungen zu überſehen; wo im⸗ mer ſie hinging, wurde ſie von einem glänzenden Gefolge geleitet, und alle Befehlshaber wetteiferten mit einander in dem Prunk und der Feierlichkeit, mit der ſie ſie em⸗ pfingen. Nichts ward von Morgen bis Abend vernom⸗ men, als Jauchzen und Zuruf und Ausbrüche kriegeriſcher Muſik, ſo daß es den Mauren ſchien, als ob immerwäh⸗ rende Feſte und Triumphe in dem chriſtlichen Lager ge⸗ feiert würden. Die Ankunft der Königin indeß, und die gedrohte Hartnäckigkeit der Belagerung hatte nicht die geringſte Kraft, das Feuer der Mauriſchen Ritterſchaft zu däm⸗ pfen. Muza ermuthigte die jngendlichen Streiter durch den höchſten, allem entſagenden Heldenmuth.«Uns bleibt nichts mehr übrig,» ſagte er,«wofür wir fechten ſollten, als der Boden, worauf wir ſtehn; wenn dieſer verloren gegangen, haben wir ferner kein WBaterland, keinen Na. men mehr.) Da er ſah, daß der chriſtliche König ſich hütete, ei⸗ nen Angriff zu machen, reizte Muza ſeine Ritter an, die junge Ritterſchaft des Chriſtenheers zu Zweikämpfen oder beſondern Scharmützeln herauszufordern. Kaum ein Tag ging ohne ein heißes Treffen der Art im Augeſicht der Stadt und des Lagers vorüber. Die Streiter wetteifer⸗ ten mit einander im Glanz ihrer Waffen und ihrer Rü⸗ ſtungen ſowohl, als in der Tapferkeit ihrer Thaten. Ihre Kämpfe glichen mehr ſtattlichen Feierlichkeiten des Lan⸗ 4 — 277— zenbrechens und des Turniers, als den rohen Gefechten des Wahlfelds. Ferdinand bemerkte bald, daß dieſe Wettſtreite die ſtolzen Mauren mit neuem Eifer und Muth belebten, wiährend ſie vielen ſeiner tapferſten Ritter das Leben ko⸗ ſteten; er verbot daher nochmals die Annahme aller be⸗ ſondern Herausforderungen, und befahl, alle einzelne Tref⸗ jen ſollten vermieden werden. 3 Die kalte, ernſte Politik des katholiſchen Fürſten kam dem Heldenmuthe beider Theils ſehr hart an, reizte aber ganz beſonders den Unwillen der Manren, als ſie ſahen, daß man ſie auf ſo wenig ruhmvolle Weiſe unterjochen wollte.. 3 «Wozu,» ſagten ſie, aiſt Ritterſchaft und Helden⸗ kraft nütze? der liſtige Chriſtenfürſt hat keinen Edelmuth in ſeinem Kriegführen; er ſucht uns durch Schwächung und Entkräftung unſrer Leibeskräfte zu unterwerfen, ſcheut ſich aber, dem Muth unſrer Seelen zu begegneu.⸗ — 278— Sechs und vierzigſtes Kapitel. Bon der unverſchämten Herausforderung des Mauren Larfe, und der kühnen Waffenthat Fernando's Perez del Pulgar. Als die Mauriſchen Ritter ſahen, alle hoͤfliche Her⸗ ausforderungen wären erfolglos, verſuchten ſie verſchiedne Mittel, die chriſtlichen Krieger in's Feld herauszulocken. Oftmals ſprengte wohl ein Haufen von ihnen, leicht be⸗ waffnet und beritten bis an den Rand des Lagers heran, und verſuchte, wer ſeine Lanze am weiteſten in ſeine Ab⸗ grenzung hineinſchleudern könnte. Sie hatten ihre Na⸗ men auf dieſe Wurfſpeere geſchrieben, oder auch ein Stück Blech daran befeſtigt, das eine beleidigende Herausfor⸗ derung enthielt. Dieſe prahlenden Spielereien verurſach⸗ ten große Erregung, aber dennoch wurden die Spaniſchen Krieger durch das Verbot ihres Königs zurückgehalten. Unter den Mauriſchen Rittern war einer, Namens Tarfe, berühmt wegen ſeiner großen Stärke und ſeines kühnen Muthes; ſeine Tapferkeit aber glich der ſtolzen Kühnheit mehr als dem ritterlichen Heldenſinne. In ei⸗ nem dieſer Ausfälle, als ſte um das chriſtliche Lager her⸗ umſchwärmten, ließ dieſer ſtolze Maure ſeine Gefährten binter ſich, ſprengte über die Schranken, jagte gerade auf die königlichen Quartiere los, und ſchleuderte ſeine Lanze — 279— ſo weit hinein, daß ſte dicht bei den Zelten der Könige. zitternd in der Erde ſtecken blieb. Die königlichen Wachen eilten ſchnell zur Verfolgung herbei; aber die Mauriſchen Reiter waren ſchon über das Lager hinaus, und ſetzten in einer Staubwolke auf die Stadt zu. Als man die Lanze aus dem Boden heraus⸗ riß, fand ſich ein Angehänge an ihr, woraus man erſah, daß ſie für die Königin beſtimmt geweſen. Nichts konnte dem Unwillen der chriſtlichen Krieger über die Unverſchämtheit dieſer kühnen Herausforderung gleich kommen, als ſie hörten, wem die unhöfliche Ver⸗ höhnung gegolten. Fernando Perez del Pulgar,«der von den Kriegsthaten» zubenannt, war zugegen, und beſchloß, durch dieſen kühnen Ungläubigen ſich nicht an Trotz überbieten zu laſſen. 8 «Wer will,v ſagte er, ain einer Unternehmung voll verzweifelter Gefahr mir zur Seite ſtehen 2 5 Die chriſtlichen Ritter kannten ſehr wohl die halsbre⸗ chende Tapferkeit del Pulgar's, doch zögerte nicht ein einziger hervorzutreten. Er wählte ſich fünfzehn Gefähr⸗ ten, alles Leute von kräftigem Arm und nnerſchrockenem Muth. In der Todesſtille der Nacht führte er ſie aus dem Lager, und näherte ſich vorſichtig der Stadt, bis er an ein Pförtchen kam, das auf den Darro zu ging und von Fußſoldaten bewacht wurde. Die Wachen, die einen ſolchen ungewohnten, theil⸗ weiſen Angriff wenig vermutheten, waren größtentheils — 280— ſchlafen. Das Thor ward geſprengt und ein wirres Hand⸗ gemeng erfolgte. Fernando del Pulgar hielt ſich nicht damit auf, Theil an dem Gefecht tzu nehmen; er gab ſeinem Roſſe die Sporn und ſprengte wüthend durch die Straßen, Feuer G bei jedem Sat aus den Steinen ſchlagend. An der Haupt⸗ moſchee angekommen, ſprang er vom Pferde, kniete an dem Haupteingang nieder, und nahm von dem Gebäude als einer chriſtlichen Kapelle Beſttz, ſie der gebenedeiten Inugfrau weihend.. Zum Zeugniß dieſer Feierlichkeit nahm er ein Blech, das er mit ſich gebracht hatte, und worauf in großen Buchſtaben«Ave Maria“ geſchrieben war, und nagelte des mit ſeinem Dolch an die Thüre der Moſchee. Dieß geſchehen, ſtieg er wieder auf ſein Pferd und ſprengte nach dem Thore zurück. 4 Es war Lärm geworden; die Stadt war im Aufruhr, Soldaten kamen von allen Seiten zuſammen. Sie wa⸗ ren erſtaunt, als ſie einen chriſtlichen Krieger aus dem Innerſten der Stadt hereilen ſahen. Fernando del Pul⸗ gar ritt die einen um, hieb andere nieder und kam wie⸗ der zu ſeinen Gefährten, die immer noch durch kühnes Fechten ſich im Beſitz des Thores erhielten, worauf ſie denn alle ihren Rückzug in das Lager bewerkſtelligten. Die Mauren waren in Verlegenheit, ſich den Sinn und Zweck dieſes wilden, dem Anſchein nach fruchtloſen Angriffs zu erklären, aber wie groß war ihre Erbitte⸗ rung, als ſie am folgenden Tag die Trophäe der Tapfer⸗ X von Granada, daß man ſich nur eines allgemeinen lleber⸗ — 281— keit und Beherztheit, das Ave Maria 5 mitten in der Stadt angeheftet und erhöht ſahen. Die Moſchee, welche ſo kühn von Fernando del Pulgar geweiht worden, wurde auch wirklich nach Granada's Eroberung in eine Cathe⸗ drale verwandelt. Zum Gedächtniß an dieſe kühne That verlieh der Kai⸗ ſer Karl V. in ſpätern Jahren Pulgar'n und ſeinen Nach⸗ kommen das Recht, ſich in dieſer Kirche begraben zu laſ⸗ ſen und den Vorzug, im Chor während der hohen Meſſe zu ſitzen. Dieſer Fernando Perez del Pulgar war eben ſowohl ein Mann von Wiſſenſchaft, als ein Mann der Waffen, und widmete Karl'n V. eine gedrängte Erzäͤh⸗ lung von den Thaten Gonſalvo's von Cordova, der der große Capitain zugenannt ward und einer ſeiner Waffen⸗ gefährten geweſen war. Er wird oft mit Fernando del Pulgar, dem Geſchichtſchreiber und Sekretair der Köni⸗ gin Iſabelle, verwechſelt. — 4 Sieben und vierzigſtes Kapitel. Wie die Königin Iſabelle die Stadt Granada zu überſchauen verlangte, und wie ihre Neugier vielen Chriſten und Mauren das Leben koſtete,— Das konigliche Lager ſtand in einer ſolchen Entfernung 1 — 282— blicks über die Stadt erfreuen konnte, wie ſie ſich reizend von der Vega aus erhob und die Seiten der Hügel mit Palläſten und Thürmen bedeckte. Die Königin Iſabelle hatte ihr großes Verlangen geäußert, mehr in der Nähe einen Ort zu überſehen, deſſen Anmuth und Schönheit in der ganzen Welt ſo auſſerordentlich berühmt war; und der Marquis von Cadirx rüſtete mit ſeiner gewohnten Höf⸗ lichkeit eine große kriegeriſche Bedeckung und Wache aus, um ſeine Gebieterin und die Damen vom Hof zu ſchützen, während ſie dieſe gefährliche Luſt genöſſen. Am Morgen, der auf den im vorigen Kapitel erzaͤhl⸗ ten Vorfall folgte, zog ein prächtiger, ſtarker Zug aus dem chriſtlichen Lager. Die Vorhuth beſtand aus 1 ſchwerbewaffneten Reiterſchaaren, die wie bewegliche Maſ⸗ ſen hellpolirten Stahls anzuſehen waren. Dann kam der König und die Königin mit dem Prinzen und Prinzeſ⸗ ſinnen und den Damen des Hofs, umgeben von der kö⸗ niglichen Leibgarde, welche prächtig aufgeputzt war, und aus den Söhnen der berühmteſten Spaniſchen Häuſer be- ſtand. Nach dieſen zog die Nachhuth, aus einer ſtarken Streitmacht von Roß und Mann beſtehend; denn die Blüthe des Heers rückte an dieſem Tage aus. Die Mauren ſtaunten mit furchtſamer Bewunderung auf dieſen gloxreichen Anfzug, welcher den Prunk des Hofs mit den Schrecken des Lagers einte. Er bewegte ſich nach dem melodiſchen Getöſe kriegeriſcher Muſtk in einem ſtrahlenden Strich über die Vega, während Ban⸗ ner, Hutfedern, ſeidene Schärpen und reiche Brocade — 283— dem grimmen Anſchein des eiſernen Kriegs, der darunter durchſchien, einen fröhlichen, aufgeputzten Anſtrich gaben. Das Heer zog auf den Weiler Zubia zu, der an den Grenzen des Gebirgs Granada zur Linken erbaut war, und eine Ausſicht auf den Alhambra und den ſühönſten Theil der Stadt darbot.. Als ſie ſich dem Weiler näherten, zogen der Marauis von Villena, der Graf Urena und Don Alonzo de Agui⸗ lar mit ihren Streitſchaaren vorüber, und wurden bald längſt der Seite des Gebirgs über dem Dorfe in der Morgenſonne erglänzen geſehen. Zu gleicher Zeit ſtellten der Marquis von Cadix, der Graf de Tendilla, der Graf de Cabra und Don Alonzo Fernandez, Senior von Al⸗ candrete und Montemayor, ihre Streitkräfte auf der Ebene unter dem Weiler in Slachtordnung, und bildeten eine lebendige Sehranke, aus ergebenen Rittern beſtehend, zwiſchen den Königen und der Stadt. Auf dieſe Weiſe ſicher bewacht, ſtieg der königliche Zug ab, trat in eines der Häuſer des Weilers, welches zu ſeinem Empfang vorgerichtet worden, und genoß von ſeinem Terraſſendache einen deutlichen Ueberblick über die Stadt. Die Damen vom Hof ſahen mit Luſt auf die rothen Thürme des Alhambra, wie ſie mitten aus ſchat⸗ tigen Fruchthainen ſich erhoben, und dachten ſich ſchon im Voraus die Zeit, wo die katholiſchen Könige in ſeine Mauern eingeſetzt werden würden, und ſeine Höfe erglän⸗ zen ſollten von der prunkenden Pracht der Spaniſchen Ritterſchaft. — 284— «Die ehrwürdigen Praͤlaten und heiligen Moͤuche, welche immer die Königin umgaben, ſahen mit heiterer Luſt,» ſagt Bruder Antonio Agapida,«auf dieſes neue Babylon; ſie freuten ſich ſchon des Triumphs, der ihrer wartete, wenn dieſe Moſchee'n und Minarets in Kirchen verwandelt und ſtattliche Prieſter und Biſchöfe den un⸗ gläubigen Faki in ihrem Erbe folgen würden. Als die Mauren die Chriſten ſo in voller Schlacht⸗ orduung in der Ebene gewahrten, kamen ſie auf die Ver⸗ muthung, es geſchähe dieß, um ihnen ein Gefecht anzu⸗ dieten, und ſie zauderten nicht, es anzunehmen. In kur⸗ zer Zeit ſah die Königin einen Haufen Mauriſcher Reite⸗ rei, der in die Vega hereinfluthete; die flüchtigen, ſtol⸗ zen Roſſe wurden mit bewundernswürdiger Geſchicklich⸗ keit von den Reitern gelenkt. Sie waren reich bewaff⸗ net und in die glänzendſten Farben gekleidet, und ihre Pferde erglühten von Gold und Verbrämung. Es war dieß Muza's Leibgeſchwader, das aus der Blüthe der jugendlichen Ritter Granada's beſtand; ihnen folgten andere, theils ſchwer, theils à la genete bewaff⸗ net, und nur mit Lanze und Schild verſehen; zuletzt ka⸗ men die Schaaren Fußſoldaten, mit Muſquete, Armbruſt, Speer und Säbel. Als die Königin das Heer aus der Stadt hervor⸗ ruͤcken ſah, ſandte ſie an den Marquis von Cadir, und verbot ihm jeden Angriff auf den Feind oder die An. nahme einer Herausforderung zu einem Scharmützel, denn — 285— es beängſtigte ſie ſehr, daß ihre Neugierde einem menſch⸗ lichen Weſen das Leben koſten ſollte. Der Marguis verſprach zu gehorchen, obgleich gegen ſeinen Willen; auch kränkte es den Muth der Spaniſchen Ritter, ſich gezwungen zu ſehn, das Schwert in der Scheide zu laſſen, während ſte vom Feinde umſchweift und gleichſam am Barte genommen wurden. Die Mauren konnten den Sinn dieſer Unthätigkeit der Chriſten nicht begreifen, nachdem ſie doch offenbar ſelbſt zur Schlacht aufgefordert hätten. Sie ſprengten zu wiederholten Ma⸗ len aus ihren Reihen hervor, und kamen nahe genug, um ihre Pfeile abzuſchießen, aber die Chriſten blieben unbe⸗ weglich. Viele Mauriſche Reiter ritten ganz nahe an die chriſt⸗ lichen Schlachtreihen, ſchwangen ihre Lanzen und Schwer⸗ ter, und riefen verſchiedene Ritter zum Zweikampf auf, aber König Ferdinand hatte jeden Streit dieſer Art ſtreng verboten, und ſie wagten nicht, ſeine Befehle unter ſei⸗ nen Augen zu überſchreiten. Während dieſe ernſte, widerſtrebende Unbeweglichkeit in den chriſtlichen Schlachtlinien herrſchte, erhob ſich ein wirres Gelärm und ſchallendes Gelächter vom Stadt⸗ thore her. Ein Mauriſcher Reiter, an allen Enden be⸗ waffnet, zog aus, von einem Pöbelhaufen begleitet, der ſich zurückzog, als der Ritter auf dem Schauplatz der Gefahr anlangte. Der Maure war kräftiger und korpu⸗ lenter, als dieß gewöhnlich bei ſeinen Landsleuten der Fall iſt; ſein Viſir war heruntergelaſſen, er trug einen — 286— großen Schild und eine gewichtige Lanze; ſein Schwert war von Damaſcener Stahl, und ſeinen reich verzierten Dolch hatte ein Künſtler von Fez gearbeiter. Man erkannte ihn an ſeinem Abzeichen für Tarfe, den unverſchämteſten, aber auch tapferſten aller Moſlemi⸗ tiſchen Krieger; es war derſelbe, der ſeine an die Köni⸗ gin überſchriebene Lanze in das königliche Lager geſchleu. dert hatte. Als er langſam längſt der Fronte des Heers hinritt, ſchien ſogar ſein Roß, das mit ſtolzen Augen und aufgeblaſenen Rüſtern hinparadirte, den Chriſten Trotz und Herausforderung zuzuathmen. Aber wie groß war der Unwille der Spaniſchen Ritter, als ſie die näm⸗ liche Inſchrift Abe Maria, welche Fernando Perez del Pulgar an das Thor der Moſchee geheftet hatte, an dem Schweif des Mauriſchen Roſſes angebunden, und im Koth herumziehen ſahen! Ein Ausbruch des Entſetzens und der Wuth ward durch das ganze Heer vernommen. Fernando del Pulgar war nicht in der Nähe, ſeine frühere Waffenthat auch ferner noch zu ehren und vor Verunglimpfung zu ſchützen, aber einer ſeiner jugendli⸗ chen Waffengeſährten, Garcilaſſo de la Vega mit Namen, gab ſeinem Roſſe die Sporn, ſprengte in den Weiler Zu⸗ bia, warf ſich vor dem Könige auf die Knie nieder und flehte um die Erlaubniß, die Herausforderung dieſes un⸗ verſchämten Ungläubigen annehmen und die Unſerer gebe⸗ nedeiten Frauen angethane Beleidigung rächen zu dürfen. Die Bitte war zu fromm, um verweigert werden zu können; Garcilaſſo ſtieg wieder auf ſein Roß, er ſchloß — 287— ſeinen Helm, der von vier ſchwarzen Federn geſchmuͤckt ward, ergriff ſeinen Schild von Flammländiſcher Arbeit, und ſeine Lanze von unvergleichlicher Härtung, und for⸗ derte den ſtolzen Mauren mitten in ſeinem höhnenden Umzug heraus. Ein Zweikampf fand im Angeſicht der beiden Heere und des Caſtiliſchen Hofes ſtatt. Der Maure war kräfe tig in Führung ſeiner Waffen und geſchickt im Bändigen ſeines Roſſes. Er war von höherer Geſtalt als Garci⸗ laſſo, und vollkommner bewaffnet, und die Chriſten zit⸗ terten für ihren Ritter. Der Stoß ihres Aufeinander⸗ treffens war furchtbar; ihre Lanzen zerſplitterten und fuhren in Trümmern in die Luft. Garcilaſſo wurde in ſeinen Sattel zurückgeworfen und ſein Roß machte einen weiten Kreis, ehe er ſeine Haltung wieder erlangen, die Zügel wieder erfaſſen und zum Kampf zurückkehren konnte. Sie gingen jetzt mit den Schwertern an einander; der Maure umkreiſte ſeinen Gegner, wie ein Habicht ſeine Kreiſe zieht, wenn er im Begriff iſt, auf ſeinen Raub herabzuſchießen; ſein Arabiſches Roß gehorchte ſei⸗ nem Reiter mit unvergleichlicher Behendigkeit; bei jedem Angriff des Ungläubigen ſchien es, als wenn der chriſt⸗ liche Ritter unter ſeinem blitzenden Säbel zu Boden ſin⸗ ken müßte. Aber wenn ihm Garcilaſſo an Kraft nach⸗ ſtand, übertraf er ihn an Leichtigkeit in ſeinen Bewegun⸗ gen; viele ſeiner Hiebe fing er auf, andere ließ er auf ſein Flammländiſches Schild fallen, das erprobt war gegen jeden Damaſcener Stahl. — 288— Das Blut floß aus zahtreichen Wunden, die jeder Krieger dem andern beigebracht. Der Maure, als er ſeinen Gegner erſchöpft ſah, machte von ſeiner überlege⸗ nen Stärke Gebrauch, und ſuchte, ſich an ihn anklam⸗ mernd, ihn vom Sattel zu reißen. Sie fielen beide zu Boden; der Manre ſetzte ſeinem Opfer das Knie auf die Bruſt, ſchwang ſeinen Dolch, und richtete einen Stoß auf ſeines Feindes Kehle. Die chriſtlichen Krieger ſtie⸗ ßen einen Schrei der Verzweiflung aus, da ſahen ſle plötz⸗ lich den Mauren leblos im Staub rollen! Garcilaſſo hatte ſein Schwert zurückgezogen, und als ſein Gegner mit dem Arm ausholte, um ihm einen Streich zu verſetzen, dem Mauren das Herz durchbohrt. «Es war ein ſeltſamer, wunderbarer Sieg,» ſagt Bruder Antonio Agapida, aber der chriſtliche Ritter war mit der Heiligkeit ſeiner Sache bewaffnet, und die gebenedeite Jungfrau gab ihm Stärke, wie ein zweiter David dieſen rieſenmäßigen Vorkanpfer der Heiden zu erſchlagen.» Die Geſetze des Ritterthums wurden während des ganzen Kampfes beobachtet; keiner miſchte ſich auf beiden Seiten ein. Garcilaſſo plünderte jetzt ſeinen Gegner, dann nahm er die heilige Inſchrift Ave Maria von der erniedrigenden Stelle weg, erhob ſie an der Spitze ſeines Schwertes, und trug ſie als ein Triumphzeichen mitten unter dem begeiſterten Zuruf des chriſtlichen Heeres davon. Die Sonne hatte jetzt die Mittagslinie erreicht, und das heiße Blut der Mauren wurde durch ihre Strahlen — 289— und durch den Anblick der Niederlage ihres Kämpen in Flammen geſetzt. Muza ließ zwei Geſchützſtücke ihr Feuer auf die Chriſten eröffnen. Eine Verwirrung ward in ei⸗ nem Theil ihrer Reihen dadurch hervorgebracht. Muza rief die Hauptleute des Heers:«Laßt uns nicht längere Zeit mit leeren Herausforderungen verlieren; laßt uns einen Angriff auf den Feind machen; wer an⸗ greift, hat immer Vortheile in dem Kampf.» So ſagend, ſtürzte er vor; ihm folgte eine große Streitmacht von Reitern und Fußvolk; mit dieſen drang er ſo wild auf die Vorhuth der Chriſten ein, daß er ſie auf die Schlachtreihen des Marquis von Cadix zurückwarf. Der tapfre Marquis betrachtete ſich jetzt als des ferneren Gehorſams gegen die Befehle der Königin entbunden. Er gab das Zeichen zum Angriff.«St. Jago,w» ſchallte es längſt der Schlachtlinie, und er drang mit ſeiner Streit⸗ macht von zwölfhundert Lanzen hervor in das Treffen. Die andern Ritter folgten ſeinem Beiſpiel, und die Schlacht ward alsbald allgemein. Als der König und die Königin die Heere ſo in den Kampf ſtürzen ſahen, warfen ſie ſich auf die Knie, und flehten zur heiligen Jungfrau, ihre getreuen Krieger zu ſchützen. Der Prinz und die Prinzeſſin, die Damen vom Hof und die Prälaten und Mönche, welche zugegen wa⸗ ren, thaten daſſelbe; und die Wirkung der Gebete dieſer bohen, heiligen Herrſchaften ward alsbald ſichtbar. Die Wildheit, womit die Mauren zum Angriff heran⸗ geſtürzt waren, nahm plötzlich ab; ſie waren kühn und Irving's Granada, 4— 6. 19 — 290— 4 geſchickt zu einem Scharmützel, aber den megkealtenen Spaniern im offenen Feld nicht gewachſen. Ein paniſcher Schreck ergriff die Fußſoldaten, ſie wandten den Rücken und ergriffen die Flucht. Muza und ſeine Ritter bemüh⸗ ten ſich vergebens, ſie zu ſammeln. Einige ſuchten eine Zuflucht in den Gebirgen, aber der größere Theil floh auf die Stadt zu, und dieß in ſolcher Verwirrung, daß ſie einander umwarfen und zer⸗ traten. Die Chriſten verfolgten ſie bis an die Thore. Mehr als zweitauſend wurden getödet, verwundet, oder gefangen genommen, und die zwei Geſchützſtücke als Siegs⸗ trophäen weggeführt. Nicht eine chriſtliche Lanze fand ſich, die nicht an dieſem Tag in das Blut eines Ungläu⸗ bigen getaucht worden. 1 Dieß war das kurze, aber blutige Treffen, das bei den chriſtlichen Streitern unter dem Namen«der Köni⸗ gin Scharmützel» bekannt iſt; denn als der Marquis von Cadirx Ihrer Majeſtät ſeine Aufwartung machte, um ſich wegen Ueberſchreitung ihrer Befehle zu entſchuldigen, ſchrieb er den Sieg ganz allein ihrer Gegenwart zu. Die Königin aber behauptete, alles ſey ihren Truppen zu ver⸗ danken, die von einem ſo tapfern Befehlshaber geführt worden. Ihre Majeſtät hatte ſich noch nicht von ihrer Bewe⸗ gung erholt, mit der ſie einen ſo furchtbaren Auftritt des Blutvergießens mit angeſehen hatte, obgleich gewiſſe alte Kriegshelden, die zugegen waren, es das fröhlichſte, lieblichſte Gefecht nennen, von dem ſie je Zeugen geweſen. — 291— Zum Gedaͤchtniß an dieſen Sieg errichtete die Koni⸗ gin ſpäterhin ein Kloſter in dem Dorfe Zubia, das dem h. Franziskus geweiht wurde. Es beſteht noch jetzt und in ſeinem Garten findet ſich ein Lorbeer, den Ihre Ma⸗ jeſtaͤt mit ihren eignen Händen gepflanzt hat. Das Haus, wo der König und die Königin die Schlacht mit anſchanten, iſt gleichfalls noch bis auf den heutigen Tag zu ſehen. Es ſteht in der erſten Straße rechts, wenn man von der Vega in das Dorf eintritt, und das königliche Wappen iſt an das Täfelwerk ange⸗ malt. Es wird von einem würdigen Pachter, Franciſco Garcia, bewohnt, der, wenn er das Haus zeigt, mit 3 ächtem Spaniſchen Stolze alle Geſchenke ausſchlägt, im Gegentheil dem Fremden noch die Gaſtfreundſchaft ſeiner Wohnung bietet. Seine Kinder ſind ſehr bewandert in den alten Spaniſchen Balladen von den Waffenthaten Fernando's Perez del Pulgar und Garcilaſſo de la Vega. Acht und vierzigſtes Kapitel. Brand im Chriſtenlager. — Die Verwüſtungen des Kriegs hatten bis jetzt noch einen kleinen Theil der Vega von Granada verſchont. Ein grüner Gürtel von Gärten und Obſthainen blühte 19 ½ — 292— noch um die Stadt, und dehnte ſich längſt den Ufern des Penil und Darro hin. Sie waren der Troſt, die Luſt der Einwohner in ihren glücklicheren Tagen geweſen, und trugen in dieſer Zeit des Mangels zu ihrem Unter⸗ halt bei. Ferdinand beſchloß, eine endliche, alles vertilgende Verwüſtung bis vor die Wälle der Stadt felbſt zu füh⸗ ren, ſo daß nichts Grünes übrig bleibe zum Unterhalt für Menſchen und Vieh, Der Abend eines heißen Julitags ließ ſich in rothem Glanze auf das chriſtliche Lager herab, welches von Ruͤſt⸗ lkärm für den Dienſt des folgenden Tages angefüͤllt war; denn man erwartete verzweifelten Widerſtand von Sei⸗ ten der Mauren. Das Lager bot in der untergehenden Sonne einen herrlichen Anblick. Die Zelte der königli⸗ chen Familie und der Edlen in ihrem Gefolge waren mit reichem Gehänge geſchmückt, mit prächtigen Abzeichen be⸗ deckt und mit koſtbarem Geräthe erfüllt; ſie bildeten gleichſam eine kleine Stadt von Seide und Brocad, wo die Zeltſpitzen von mancherlei fröhlichen Farben, mit flat ternden Fahnen und Bannern überragt, den Domen und Minarets der Hauptſtadt, die ſie belagerten, den Preis ſtreitig machen konnten. Mitten in dieſer luſtigen Stadt ragte das hohe Zelt der Königin über die übrigen gleich einem ſtattlichen Pal⸗ kaſte hinaus. Der Marquis von Cadix hatte höflicher Weiſe ſein eignes Zelt der Königin überlaſſen. Es war das reichlichſt verſehene und glänzendſte in der ganzen — 293— Chriſtenheit, und er hatte es während des ganzen Kriegs ſich nachbringen laſſen. 3 In ſeiner Mitte erhob ſich eine ſtattliche Alfaneka, ein kleines Zelt im morgenländiſchen Geſchmack, deſſen reiche Zeuge durch Lanzenſäulen gehalten wurden, die mit kriegeriſchen Deviſen geſchmückt waren. Dieſes Mit⸗ telzelt oder dieſer ſeidne Thurm vielmehr, war von an⸗ dern Gemaͤchern umgeben, einige von bemalter Leinewand, die mit Seide eingefaßt war, und alle von einander durch Vorhänge getrennt. Es war einer von jenen Lagerpalläſten, die in einem Augenblick, gleich der linnenen Stadt, die ſie umgibt, aufgerichtet und niedergeriſſen werden. Als der Abend vorrückte, legte ſich der Lärm im La⸗ ger. Jeder ſuchte Ruhe und Schlaf, ſich zu erquicken für die Arbeit und Mühen des folgenden Tages. Der König zog ſich frühzeitig zurück, um bei dem erſten Hah⸗ nenſchrei aufzuſeyn, damit er das Verwüſterheer in eig⸗ ner Perſon führen möge. Aller Laͤrm der kriegeriſchen Zurüſtungen hatte in den königlichen Quartieren geſchwie⸗ gen; ſelbſt der Sang der Minſtrels war verſtummt, und auch nicht das Klimpern einer Guitarre ward aus den Zelten der ſchönen Hofdamen vernommen. Die Königin hatte ſich in den innerſten Theil ihres Zeltes begeben, wo ſie vor einem beſondern Altar ihre Gebete verrichtete. Vielleicht hatte die Gefahr, welcher der König in dem Streifzug am ſolgenden Tag ausge⸗ ſetzt ſeyn könnte, ſie mit mehr als gewöhnlicher Andacht erfüllt. Während ſie ſo in ihren Gebeten vertieft war, ward ſle plötzlich durch einen Lichtglanz und erſtickende Rauch⸗ ſäulen aufgeſchreckt. In einem Augenblick war das ganze Zelt in einer Gluth, ein ſtarker, heftiger Wind erhob ſich, und trieb die leichten Flammen von Zelt zu Zelk, und hüllte ſie ſchnell alle in einen gemeinſamen Brand. Iſabelle hatte nur noch Zeit, ſich durch ſchnelle Flucht zu retten. Ihr erſter Gedanke, als ſie ſich ihrem Zelt entwunden, war die Rettung des Königs. Sie eilte zu ſeinem Zelte, aber der wachſame Ferdinand ſtand ſchon am Eingange. Von ſeinem Bette bei'm erſten Lärm auf⸗ ſpringend, und in der Meinung, es ſey dieß ein Angrif des Feindes, hatte er Schwert und Schild ergriffen und war unangekleidet, mit ſeinem Küraß auf dem Arm, hervorgeeilt.— Das eben noch ſo prächtige Lager war jetzt der Schan⸗ Platz wilder Verwirrung. Die Flammen verbreiteten ſich von einem Zelte zum andern und glänzten auf der reichen Rüſtung und den goldnen und ſilbernen Gefäßen, welche in der glühenden Hitze ſchmolzen. Viele Soldaten hatten ſich Schoppen und Lauben von Baumäſten errichtet, welche, dürr und trocken, praſ⸗ ſelten und ſprühten und den ſchnellen Brand noch mehr⸗ ten. Die Damen des Hofſs flohen ſchreiend und halb⸗ gekleidet aus ihren Zelten. Ein Larm von Trommeln und Trompeten, ein wirres Geräuſch der halbbewaffne: ten Mannſchaft im Lager erfüllte alles. Der Prinz Juan war von einem Diener aus ſeinem Bette geriſſen, und in die Lagerungen des Grafen de Ca⸗ bra gebracht worden, welche ſich am Eingange befanden. Der ergebene, treue Graf rief alsbald ſein Volk und die Truppen ſeines Vetters, Don Alonzo de Montemayor auf, und bildete eine Wache um das Zelt, in welches der Prinz geborgen worden. Der Gedanke, dieß ſey eine Kriegsliſt der Mauren geweſen, ward bald aufgegeben, aber man fürchtete, ſie möchten ſich den Unfall zu Nutze machen, und einen An⸗ griff verſuchen. Der Marquis von Cadix rückte daher mit dreitauſend Pferden aus, jede Annäherung von feind⸗ lichen Schaaren aus der Stadt her aufzuhalten. Als ſie auszogen, gewahrten ſie überall nur einen Auftritt von Beſtürzung und Eile; einige ſtürzten auf den Ruf der Trompete und Trommel auf ihre Poſten zu, andre ſuch⸗ ten reiche Stoffe und glitzernde Waſſenrüſtungen zu ret⸗ ten, andre zogen mit Gewalt erſchreckte, widerſpenſtige Roſſe mit ſich fort. Als ſie aus dem Lager herauswaren, fanden ſie den ganzen Himmel erleuchtet. Die Flammen wirbelten ſich in langen leichten Säulen in die Höhe und die Luft war mit Funken und Aſche erfüllt. Ein glänzender Schein war über die Stadt hin verbreitet, der jede Schanze, jeden Thurm zeigte. Beturbante Köpfe ſah man von jedem Dache herüberſtaunen, und Waffenrüſtungen längſt den Wällen hin erglänzen, doch wagte ſich nicht ein ein⸗ ziger Krieger aus den Stadtthoren. Die Mauren argwöhnten eine Kriegsliſt von Seiten — 296— der Chriſten, und hielten ſich ruhig innerhalb ihrer Waͤlle. Allmaͤhlig erſtarben die Flammen, die Stadt entſchwand wieder den Blicken, alles ward nochmals finſter und ru⸗ hig und der Marquis von Cadix kehrte mit ſeiner Reite⸗ rei in das Lager zurück. 7 Neun und vierzigſtes Kapitel. Letzter Verwüſtungszug vor Granada. Als der Tag über das chriſtliche Lager herandäm⸗ merte, zeigte ſich's, daß nichts übrig geblieben von jener reizenden Menge ſtattlicher Zelte als Haufen dampfender Trümmer, nebſt Helmen, Reitjacken und anderm Kriegs⸗ geräth, und Maſſen geſchmolzenen Goldes und Silbers, das unter der Aſche glitzerte. Die Garderobe der Könizin war gänzlich vernichtet worden, und auſſerdem hatten die üppigen Edlen einen ungeheuern Verluſt an Geſchirren, Juwelen, koſtbaren Stoffen und prächtigen Waffenruſtungen erlitten. Anfangs hatte man den Brand der Bosheit und Ver⸗ rätherei Schuld gegeben, aber bei näherer Unterſuchung fand ſich, daß er ganz und gar zufällig ſeine Entſtehung genommen. Die Königin, als ſie ſich zu ihren Gebeten zurückzog, hatte der Dame, die die Aufwartung bei ihr 2 — 297— hatte, geboten, ein Licht, das nahe an ihrem Lager brannte, wegzunehmen, damit es ſie nicht am Schlafen hindere. Aus Unachtſamkeit wurde die Kerze in einen andern Theil des Zelts nahe an die Zeuge geſtellt, welche, von einem Windſtoß an ſie hingetrieben, alsbald Feuer fingen.. Der kluge Ferdinand kannte die ſanguiniſche Gemüths⸗ art der Mauren und beeilte ſich, zu verhindern, daß ſie aus dem Unfall in der Nacht neuen Muth und neue Hoffnungen ſchöpften. Bei Tagesanbruch riefen die Trommeln und Trompe⸗ ten zu den Waffen, und das chriſtliche Heer rückte aus den rauchenden Trümmern ſeines Lagers in glänzenden Reihen, mit flatternden Fahnen und unter Tönen krie⸗ geriſcher Muſik aus, gleich als ſey die vorige Nacht eine Zeit hoher Feſtlichkeit und nicht eine Nacht voll Schrek⸗ ken geweſen. Die Mauren hatten den Brand mit Verwunderung und in Verlegenheit mitangeſehn; als der Tag anbrach, und ſie nach dem chriſtlichen Lager ſpähten, erſchauten ſie nichts als eine dunkle, rauchende Maſſe. Ihre Kund⸗ ſchafter langten mit der freudigen Nachricht an, das ganze Lager ſey nur ein Haufen Trümmer. Kaum hatte dieſe Nachricht ſich durch die ganze Stadt verbreitet, als ſie das chriſtliche Heer auf ihre Wälle her⸗ anziehen ſahen. Sie betrachteten dieß als eine Finte, ihre verzweifelte Lage zu verbergen, und ſich auf den Rückzug vorzubereiten. Boabdil hatte einen ſeiner An⸗ — 298— fälle von Muth und Kraft; er beſchloß, in eigner Per⸗ ſon in's Feld zu rücken, und den ausgezeichneten Streich zu benutzen und zu verfolgen, den Allah dem Feinde bei⸗ gebracht. Das chriſtliche Heer rückte dicht an die Stadt heran, und war mit der Verwüſtung der Gärten und Obſthaine beſchäftigt, als Boabdil, umgeben von allem, was von der Blüthe und Ritterſchaft Granada's noch übrig war, einen Ausfall machte. Es gibt einen Ort, wo ſelbſt der Feigling tapfer wird; dieß iſt die geheiligte Stelle der Heimath. Wie groß muß aber erſt die Tapferkeit der Mauren geweſen ſeyn, eines Volks, immer ſo feurigen Muths, wenn der Krieg ihnen ſo bis an die Schwelle gebracht ward! Sie foch⸗ ten auf dem Schauplatz ihrer Luſt, ihrer Vergnügungen; auf dem Schauplatz ihrer Kindheit und in dem Heilig⸗ thum ihrer Heimath. Sie fochten unter den Augen ih⸗ rer Weiber und Kinder, ihrer Greiſe und Jungfrauen, unter den Augen alles deſſen, was hülflos und ihnen theuer war; denn ganz Granada erfüllte die Thürme und Schanzen, und beobachtete mit zitterndem Herzen den Ausſchlag dieſes ergebnißreichen Tages. Es war nicht ſowohl Eine Schlacht als eine ganze Reihe von Schlachten. Jeder Garten, jeder Obſthain ward der Schauplatz eines tödtlichen Ringens; jeder Fuß⸗ breit Land wurde von den Mauren mit einem Todes⸗ kampf voll Verzweiflung und Kraft ſtreitig gemacht. Je⸗ den Fußbreit Land, den die Chriſten gewannen, behaup⸗ — 299— teten ſie tapfer, aber niemals rückten ſie durch härtere Kämpfe, mit größerem Blutverluſt vor. Muza's Reiterei war auf allen Seiten des Wahlſelds. Wo immer ſtie hinkam, gab ſie dem Gefecht neue Wuth. Der Mauriſche Soldat, erſchöpft durch Hitze, Ermüdung und Wunden, ward durch Muza's Ankunft zu neuem Le⸗ ben aufgeregt; und ſelbſt der, welcher krampfhaft zuſam⸗ mengewunden in den letzten Kämpfen des Todes lag, wandte ſein Geſicht ihm zu, und rief noch ſchwach Er⸗ muthigung und Segnungen wenn er vorüberging. Die Chriſten hatten ſich um dieſe Zeit in den Beſitz mehrerer Thürme nahe der Stadt geſetzt, von wo ſie durch Armbrüſte und Muſketen ſehr beläſtigt und beun⸗ ruhigt worden waren. Die Mauren, in verſchiednen Treffen zerſtreut, wurden hart gedrängt. Boabdil an der Spitze der Reiter ſeiner Garde bewieß die größte Tapferkeit, miſchte ſich in das Gefecht an verſchiednen Seiten des Schlachtfelds, und bemühte ſich die Fußſol⸗ daten zum Ausdauern in der Schlacht zu ermuthigen. Aber auf die Mauriſchen Fußtruppen war ſich nie zu ver⸗ laſſen. In der Hitze der Schlacht ergriff ſie ein pani⸗ ſcher Schrecken. Sie flohen, ließen ihren König aller Ge⸗ fahr ausgeſetzt, ließen ihn zurück mit einer Handvoll Rei⸗ ter, einem alles überwältigenden, erdrüͤckenden Feinde ge⸗ genüber. Boabdil war auf dem Punkte, den Chriſten in die Hände zu fallen, als mit dem Gefolge ſich umſchwenkend, ſte ihren flüchtigen Roſſen die Zügel ſchießen ließen, und — 300— unter klatterndem Hufſchlag ihrer Pferde eine Zuflucht innerhalb der Mauern der Stadt ſuchten. Muza mühte ſich, das Unglück in der Schlacht wie⸗ der gut zu machen; er warf ſich vor die fliehenden Fuß⸗ völker, rief ihnen zu, umzuwenden und für ihre Heimath, ihre Familien, für alles, was ihnen heilig und theuer war, zu fechten. Es war alles umſonſt. Ihr Muth war gänzlich gebrochen und verwirrt, ſie flohen in Unordnung auf die Thore zu. Muza hätte gerne mit ſeiner Reiterei das Feld be⸗ hauptet, aber dieſe treue Heerſchaar, nachdem ſie die ganze Hitze des Streits während dieſes verzweifelten Feld⸗ zugs beſtanden, war furchtbar an Anzahl geſchwächt, und viele der Ueberlebenden waren verſtümmelt und durch ihre Wunden kraftlos und hinfällig. Langſam und wi⸗ derſtrebend zog er ſich in die Stadt zurück, ſeine Bruſt ſchwellend vor Unwille und Verzweiflung. Als er in die Thore einzog, hieß er ſie ſchließen und mit Riegeln und Eiſenſtangen verwahren; denn er wollte ferner nicht den Bogenſchützen und Muſketieren ver⸗ trauen, die aufgeſtellt worden, ſie zu vertheidigen; auch gelobte er ſich's, nie mehr mit Fußſoldaten in das Feld auszurücken. Mittlerweile donnerten die Geſchütze von den Waͤl⸗ len, und hemmten alles weitre Vorrücken der Chriſten. König Ferdinand rief daher ſeine Streitkräfte zurück und kehrte im Triumph zu den Trümmern ſeines Lagers; die reizende Granada aber ließ er eingehüllt in die Rauch⸗ — 301— wolken von ihren Feldern und Gaärten, und umlagert von den Leichen ihrer hingeſchlachteten Kinder. So verlief der letzte Ausfall, den die Mauren zur Vertheidigung ihrer geliebten Stadt verſuchten. Der Franzöſiſche Geſandte, der Zeuge davon war, wurde bei'm Anblick der Tapferkeit, der Behendigkeit, des kühnen Muthes der Moflim mit Bewunderung erfüllt. Wirk⸗ lich, dieſer ganze Krieg war ein in der Geſchichte denk⸗ würdiges Beiſpiel der ausdauerndſten Entſchloſſenheit. Nahe an zehen Jahre hatte der Krieg gedauert, und mit einer beinahe ununterbrochenen Reihe von Unfällen die Mauriſchen Waffen begleitet; ihre Städte waren ge⸗ nommen worden, eine nach der andern, ihre Brüder ge⸗ fangen weggeführt oder erſchlagen. Dennoch machten ſie jeden Ort ſtreitig, jede Stadt, jede Burg, jede Feſte; la, jeden Fels ſelbſt, als hätte der Sieg ſie begeiſtert. Wo immer ihr Fuß einen Halt finden konnte zum Ge⸗ fecht, wo eine Mauer, eine Klippe ſtand, einen Pfeil da⸗ von herabzuſchießen, machten ſie ihr geliebtes Vaterland dem Feinde ſtreitig; und jetzt, da ihrer Hauptſtadt alle Hülfe abgeſchnitten war, da ein ganzes Volk an ihre Thore donnerte, auch jetzt noch beharrten ſie in ihrer Vertheidigung, als hofften ſie auf ein Wunder, das zu ihren Gunſten eintreten ſollte. „Ihr hartnäckiger Widerſtand,» ſagt ein alter Chro⸗ niſt,«zeigt ihren Gram, ihr Widerſtreben, womit die Maunren ihre Vega dem Feind überließen, die für ſie ein Paradies, ein Himmel war. Alle Kraft ihrer Arme auf — 302— bietend, umarmten ſte, hielten ſie gleichſam feſt dieſen theuerſten Boden, von dem weder Wunden, noch Nieder⸗ lagen, noch der Tod ſelbſt ſie trennen konnte. Sie ſtan⸗ den feſt, kämpften für ihn mit der Kraft, die Liebe und Gram im Verein gaben, und zogen nie den Fuß zuruͤck, ſo lange ſie noch Hände hatten, um zu fechten, ſo lange ſte vom Geſchick nur noch hoffen konnten, daß es hhen lächle.» Fuͤnfzigſtes Kapitel. Erbauung der Stadt Santa Fe. Verzweiflung der Mauren, Ddie Mauren verſchloſſen ſich jetzt finſter in ihre Wälle. Ferner ſielen kühne Ausbrüche aus ihren Thoren nicht mehr vor; und ſelbſt der kriegeriſche Klang der Trom⸗ pete, der Schall der Trommel, der ſonſt ohne Un⸗ terlaß in dieſer Kriegerſtadt ertönt hatte, ward jetzt nur noch ſelten von ihren Schanzen aus vernommen. Einige Zeit lang ſchmeichelten ſie ſich mit der Hoff⸗ nung, der Brand in dem Lager kürzlich würde die Be⸗ lagerer entmuthigen; wie in früheren Jahren würde der Einfall mit dem Sommer endigen und ſie ſich vor den Herbſtregen nochmals zurückziehn. Ferdinands und Iſa⸗ bellens Maßregeln zerſchlugen bald dieſe Hoffnungen. 1 — 303— Befehle wurden gegeben, eine regelmäͤßige Stadt auf der Stelle des jetzigen Lagers zu erbauen, um die Mau⸗ ren zu überzeugen, daß die Belagerung dauern würde bis zu Granada's Uebergabe. Neun der vornehmſten Städte Spaniens wurden mit dieſer ungeheuern Unter⸗ nehmung beauftragt und ſie wetteiferten mit einander in Anſtrengungen, die der Sache, der ſie galten, würdig waren. «Es ſchien in der That,» ſagt Bruder Antonio Aga⸗ dida,«als wenn irgend ein Wunder zur Förderung die⸗ ſes frommen Werkes mitwirkte; ſo ſchnell erhob ſich da eine furchtbare Stadt mit feſten Gebäuden, ſtarken Wäl⸗ len und mächtigen Thürmen, wo eben noch nichts zu ſehen geweſen als Zelte und leichte, linnene Gemächer. Die Stadt wurde von zwei Hauptſtraßen in der Geſtalt ei⸗ nes Kreuzes durchſchnitten; dieſe liefen nach vier Thoren aus, nach den vier Weltgegenden, und in der Mitte war ein geräumiger freier Platz, wo das ganze Heer ſich auf⸗ ſtellen konnte.⸗ «Man ſchlug vor, dieſer Stadt den Namen JIſabella zu geben, ein Name der dem Heer und Volke ſo theuer war, aber jene fromme Prinzeſſin,v fährt Antonio Agapida fort, werinnerte ſich der heiligen Sache, um deretwillen die Stadt errichtet worden, und gab ihr den Namen Santa Fe, die Stadt des heiligen Glaubens. Sie beſteht bis auf dieſen Tag, ein Denkmal der Frömmigkeit und des Ruhms der katholiſchen Könige.» Bald begaben ſich die Kaufleute von allen Seiten hier⸗ — 304— her; lange Züge von Maulthieren ſah man jeden Tag einziehen, und den Thoren wieder entſtrömen; die Stra⸗ ßen waren erfüllt von Vorrathshäuſern, voll aller Arten koſtbarer Waaren des Luxus; überall zeigte ſich das Trei⸗ ben eines geſchäftigen, glücklichen Handels, überall ge⸗ wahrte man Spuren ver Freude, des Glücks, während die bedrängte Granada eingeſchloſſen blieb und verlaſſen. Indeß begann die belagerte Stadt die Schrecken der Hungersnoth zu erfahren. Alle ihre Zufuhren waren ab⸗ geſchnitten. Ein langer Zug von Schafen und Viehheer⸗ den und Maulthiere, mit Geld beladen, der aus den Alpuxarragebirgen der Stadt zur Unterſtützung kam, wurde von dem Marquis von Cadix weggenommen, und im Angeſicht der leidenden Mauren im Triumph in's La⸗ ger gebracht. Der Herbſt kam, aber die Ernte war weithin im Lande vertilgt worden, ein harter Winter nahte, und die Stadt war faſt völlig entblößt von allen Vorräthen. Das Volk verſank in tiefe Niedergeſchlagenheit. Sie riefen ſich in's Andenken zurück, was von Sterndeutern bei der Geburt ihres übelberathenen Herrſchers voraus⸗ geſagt worden, ſie erinnerten ſich alles deſſen, was man zur Zeit von Zahara's Wegnahme über Granada's Schick⸗ ſal vorherverkündigt hatte. Boabdil entſetzte ſich über die Gefahren, die von Auf⸗ ſen her ſich aufhäuften, er entſetzte ſich bei dem Geſchrei ſeines hungernden Volkes. Er berief eine Verſammlung, ſich zu berathen mit den vornehmſten Dienern ſelnes Heers, — 305— mit den Alcayden der Feſten, mit den Pequen oder Wei⸗ ſen der Stadt, mit den Faki oder Schriftgelehrten. Dieſe ſammelten ſich in dem großen Hörſale des Al⸗ hambra und Verzweiflung malte ſich in ihren Zügen. Boabdil befragte ſie, was geſchehen müſſe in der gegen⸗ wärtigen Noth, und ihre Antwort war:«Uebergabe.“» Der ehrwürdige Abal Cazim Abdelmelik, Befehlsha⸗ ber der Stadt, legte ihren traurigen Zuſtand dar.«Un⸗ ſere Vorrathskammern ſind beinahe erſchöpft,⸗ ſagte er, und keine ferneren Zufuhren mehr zu erwarten. Die Nahrung ſür die Kriegerroſſe wird zum Unterhalt fuͤr die Soldaten in Anſpruch genommen, die Pferde ſelbſt wer⸗ den des Fleiſches wegen geſchlachtet. Von ſiebentauſend Roſſen, die einſt in's Feld geſchickt werden konnten, ſind nur dreihundert äbrig. Unſere Stadt enthält zweihun⸗ derttauſend Einwohner, alt und jung, und jeder Mund ſchreit erbarmenerregend um Brod.» Die Nequen und vornehmſten Einwohner erklärten, das Volk könne nicht länger die Mühen und Leiden der Vertheidigung ertragen:«Und von welchem Nutzen iſt auch unſer Widerſtand,» ſagten ſie,„da der Feind ent⸗ ſchloſſen iſt, auf der Belagerung zu beſtehen? Welche andere Wahl bleibt uns als Uebergabe pder Tod? Boabdil's Herz ward durch dieſe Anrede gerührt, und er beobachtete ein finſteres Schweigen. Er hatte noch ſchwache Hoffnung gehegt, daß ihm Unterſtützung vom Sultan von Aegypten oder den Mächten in der Berberei kommen würde, aber auch dieſe war jetzt zu Ende und Irving's Granada. 4— 6. 20 geſchwunden. Selbſt wenn ein ſolcher Beiſtand geſchickt werden ſollte, fo hatte er ja ferner keinen Seehafen mehr, wo dieſer einlaufen konnte. Die Räͤthe ſahen, die Ent⸗ ſchloſſenheit des Königs war erſchüttert, und ſie verein⸗ ten ihre Stimmen, ihn zur Uebergabe zu drängen. Der kräftige Muza allein erhob ſich noch mit Wider⸗ ſpruch:«Es iſt noch zu früh,» fagte er,«um von Ue⸗ vergabe zu ſprechen. Unſere Mittel ſind nicht erſchöpft; uns bleibt noch eine Quelle der Kraft, die, furchtbar in ihren Wirkungen, oft den ausgezeichnetſten Sieg davon getragen hat. Dieß iſt unſere Verzweiflung! Laßt uns in Maſſe das Volk aufregen, laßt uns ihm Waffen in die Hände geben; laßt uns den Feind bis auf's Aeuſſerſte bekämpfen, bis fechtend wir in die Spitzen ſeiner Lanzen ſtürzen. Ich bin bereit, voranzugehn in das gedraͤngteſte Dickicht ſeiner Schaaren, und viel lieber möchte ich ge⸗ zählt werden unter die, welche in Granada's Vertheidi⸗ gung ſielen, als unter jene, die überlebten, um über ſeine Uebergabe zu unterhandeln!o Muza's Worte blieben ohne Wirkung, denn ſie wa⸗ ren gerichtet an herzloſe Männer, deren Muth gebrochen worden, oder an ſolche vielleicht, welche traurige Erfah⸗ rung Vorſicht und Fügung gelehrt hatte. Sie waren zu der Stufe von allgemeiner Niedergeſchlagenheit und Auf⸗ gebung herabgeſunken, wo Helden und Heldenmuth ferner nicht beachtet werden, wo Greiſe und ihr Rath an Ein⸗ druck und Wichtigkeit gewinnen. „Boabdil El Chico ließ von der allgemeinen Stimme — 397— ſich mit fortreißen; es ward beſchloſſen, mit den chriſt⸗ lichen Königen zu unterhandeln, und der ehrwürdige Abal Cazim Abdelmelik wurde in's Lager geſchickt, bepolimäch⸗ tigt, Bedingungen abzuſchließen. Ein und füͤnfzigſtes Kapltel. Uebergabe Grananda's. Der alte Befehlshaber Abal 1 Eoim Abdelmelik ward mt großer Auszeichnung von Ferdinand und Jſabellen einpfangen. Sie wießen ihn an Gonſalvo von Cordova uid Fernando de Zafra, Sekretair des Königs, um mit Wnen zu unterhandeln. Ganz Granada erwarkete mit Augſt und Zittern das Ergebniß dieſer Unterredungen. Nach wiederholten Zu⸗ ſammenkünften kehrte der Maure zuletzt mit den endlichen Bedingungen der katholiſchen Fürſten in die Stadt zue rück. Sie bewilligten, während ſiebzig Tagen alle An⸗ griffe einzuſtellen, wenn aber nach Verlanf dieſer Zeit dem Mauren⸗Könige keine Hülfe angelangt wäre, follte die Stadt Granada überliefert werden. 8 Alle chriſtliche Gefangene müßten ohne Löſegeld.h. gegeben werden.“ Boabdil und ſeine vornehmſten Ritter ſollten ee S 6 .— 308— ſtiliſchen Krone den Huldignngseid leiſten, und gewiſſe werthvolle Beſitzungen in den Alpuxarragebirgen dem Mauriſchen Herrſcher zum Unterhalt angewieſen werden. Die Mauren von Granada wurden Unterthanen der Spaniſchen Fürſten, ſie behielten ihre Beſitzungen, ihre Waffen und Pferde, und lieferten nichts aus als ihr Ge⸗ ſchüt.z. Man wollte ſie ſchützen in der Ausübung ihrer Religion und nach ihren eignen Geſetzen ſie beherrſchen; ſie ſollten unter Cadi ihres eignen Glaubens ſtehn, dieſe aber von Verwalteru beaufſichtigt werden, welche die Kö⸗ nige einſetzen würden. Sie ſollten drei Jahre lang von allem Tribut frei ſeyn, nach dieſer Zeit aber dieſelben Abgaben bezahlen, welche ihre angeſtammten Herrſcher von ihnen beizutreiben gewohnt geweſen. Die, welche binnen drei Jahren nach Afrika. üherzue gehen vorzögen, ſollten mit Mitteln zu ihrer Ueberfahrt für ſich und ihre Habe koſtenfrei verſehen werden, aus welchem Hafen ſie auch immer ausſchiffen wollten. Zur Sicherung der Vollziehung dieſer einzelnen Sätze wurden vierhundert Geiſeln aus den vornehmſten Fami⸗ lien noch vor der Uebergabe verlangt; ſie ſollten aber ſpäterhin wieder zurückgegeben werden. Den Sohn des Koͤnigs von Granada und alle andre Geiſeln im Beſitz der Caſtiliſchen Fürſten verſprach man zur ſelben Zeit freizulaſſen. Dieß waren die Be dingungen, welche der Wazir Abat Cazim als die vortheithafteſten, die man von dem bela⸗ — 309— gernden Feinde erlangen könnte, dem Rath von Granada vorlegte. Als die Mitglieder des Raths ſahen, der jſchrectiche Augenblick ſey gekommen, wo ſie das verheißene Schickſal ihres Reichs zu unterzeichnen und zu beſtegeln hätten, wo ſie ſich durch einen Federzug aus der Reihe der Völ⸗ ker ausſtreichen ſollten, da verließ ſie alle Feſtigkeit, und viele gaben ihren Thränen freien Lauf. Muza allein be⸗ wahrte ungeändert und ungetrübt Blick und Miene. «Ueberlaßt, Herren,» rief er,„dieß eitle Klagen Männer, wir haben Herzen, nicht zärtliche Thränen, ſon⸗ dern Blut zu vergießen. Ich ſehe den Muth des Volks ſo gebrochen und niedergeſchlagen, daß es unmöglich iſt, das Reich zu retten. Doch bleibt edlen Gemüthern noch eeine Wahl,— ein glorreicher Tod. Laßt uns fallen in Vertheidigung unſerer Freiheit, und Rache nehmen für die Leiden Granada's. Mutter Erde wird ſanft ihre ihren Schooß betten, oder ſollte einer des Grabmals ent⸗ behren, um ſeine Ueberreſte zu bergen, ihm wird ſicher der Himmel nicht mangeln, der ihm zur Decke diene. Allah verhüte, daß man ſagen ſollte, Granada's Edle fürchteten fur ſeine Vertheidigung zu ſterben.» Muza ſchwieg und eine Todesſtille herrſchte in der Verſammlung. Boabdil El Chico ſah ſich ängſtlich huͤlfloſen, unberathnen Weibern und Kindern. Wir ſind Kinder, ſicher vor Feſſeln und Druck der Eroberer in um, nnd erforſchte jedes Antlitz; aber er entdeckte bei allen die Beſoörgniß von Leiden aufgeriebener Maͤnner, — — 310— in deren Herzen der Heldenſinn erſtorben, die fuͤhleos ge⸗ worden für jeden Aufruf zu ritterlichen Anſtrengungen. „Allah achbar! Gott iſt groß! rief er,«es iſt kein Gott als Gott, und Muhamed iſt ſein Prophet! Es iſt unnütz, gegen den Willen des Himmels zu ringen! Zu klar ſtand es geſchrieben im Buche des Schickſals, daß ich unglücklich ſeyn, daß das Reich verfallen ſollte unter meiner Herrſchaft!⸗ „Allah achbar! Gott iſt groß!» wiederhokten wie im Nachhall die Veziere und Faki; ader Wille Gottes ge⸗ ſchehel⸗* So ſtimmten ſie alle mit dem Koͤnige uͤberein, dieee Uebel ſeyen vorausbeſtimmt geweſen; es ſey hoffnungslos und vergeblich, ſich gegen ſie anzuſtemmen, und die von den Caſtiliſchen Königen gebotenen Bedingungen ſeyen ſo günſtig, als man nur erwarten könnte. Als Muza ſie im Begriffe ſah, den Vertrag der Ue⸗ bergabe zu unterzeichnen, erhob er ſich voll wilden Un⸗ willens. Betrügt euch nicht,» rief er, glaubt micht, die Chriſten würden ihren Verſprechungen treu bleiben, oder ihr König ſo hochherzig nach der Eroberung ſeyn, als er ſtegreich im Kampfe war. Der Tod iſt das wenigſte, was wir zu fürchten haben; zurückſchrecken müſſen wir vor der Plünderung und Verheerung unſerer Stadt, der Entweihung unſerer Moſchee'n, der Zertrümmerung un⸗ 5 ſerer Häuſer, der Schändung unſerer Weiber und Töͤch⸗ ter; zurückſchrecken vor granſamem Drucke, bigotter Un⸗ * — A ward, aus der Stadt durch das Thor von Elvira aus⸗ — 311— 4 duldſamkeit, vor Schlägen und Ketten; der Kerker, das Reiſerbündel, der Brandpfahl wartet unſer; dieß ſind die Leiden und Unwürdigkeiten, die wir ſehen und erdulden werden; wenigſtens jene kriechenden Seelen werden ſie ſehen, die jetzt vor einem ehrenvollen Tode zurückbeben. Ich, bei Allah, ich werde nie Zenge davon ſeyn!» Mit dieſen Worten verließ er das Berathungszimmer und ſchritt finſter über den Löwenhof und die Auſſenhal⸗ len des Alhambra, ohne einen der geſchmeidigen Höſlinge, die in ihnen die Aufwartung hatten, eines Wortes zu würdigen. Er ging in ſeine Wohnung zurück, bewaffnete ſich an allen Enden, beſtieg ſein Lieblingsſtreitroß, und gezogen, nie mehr geſehn, auch nichts mehr von ihm gehört. So erzählen die Arabiſchen Geſchichtſchreiber den Tod Muza's Ben Abal Gazan; aber der ehrwürdige Bruder Antonio Agapida bemüht ſich, das Dunkel, das über ſeinem Schickſale liegt, aufzuhellen. Noch an demſelben Abend ritt ein Haufen Andaluſt⸗ ſcher Reiter, etwas mehr als ein halbes Schock Lanzen, läugſt der Ufer des Xenil hin, wo er ſich durch die Vega windet. Sie ſahen im Zwielicht einen Mauriſchen Krie⸗ ger ſich nähern, der feſt verpanzert war vom Kopf bis zur Fußzehe. Sein Viſir war heruntergelaſſen, ſeine Lanze eingelegt, ſein mächtiger Renner erglänzte, wie er, in Stahl. Die Chriſten waren leicht bewaffnet, mit Neinjate — 312— Helm und Tartſche: denn während des Waffenſtillſtandes fürchteten ſie keinen Angriff. Als ſie jedoch den unbe⸗ kannten Krieger auf dieſe feindliche Weiſe herankommen ſahen, riefen ſie ihn an, zu ſtehen und ſich zu erkennen u geben. Der Moſlim antwortete nicht; ſondern ſtürzte mitten unter ſie, durchbohrte einen Ritter mit ſeiner Lanze und warf ihn aus dem Sattel zur Erde. Sich herumſchwen⸗ kend, griff er die andern mit ſeinem Säbel an. Seine Streiche waren wüthend und tödlich; er ſchien ſorglos um die Wunden, die er ſelbſt erhielt, wenn er nur de⸗ ren verſetzen konnte. Er focht offenbar nicht des Ruhms, ſondern der Rache wegen; er verlangte eifrig den Tod zu bringen, war aber unbekümmert darum, ob er überlebte, um ſich ſeines Siegs zu freuen. Beinahe die Hälfte der Ritter fiel unter ſeinem Schwert, ehe er eine gefährliche Wunde erhielt, ſo vollſtändig war er eingehäuſt in erprobter Rüſtung. Endlich wurde er tödlich verwundet, und ſein Roß, von einer Lauze durch⸗ bohrt, fiel zu Boden. Die Chriſten, voll Bewunderung über die Tapferkeit des Mauren, würden ſein Leben geſchont haben, aber er fuhr fort, auf ſeinen Knie'n zu fechten, indem er einen glänzenden Dolch aus Fez ſchwang. Als er zuletzt ſah, daß er nicht länger kämpfen könne, und da er entſchloſ⸗ ſen war, ſich nicht gefangen nehmen zu laſſen, ſtürzte er ſich, mit einer letzten Anſtrengung ſeiner Kräfte, in den ’ — 313— 8 Penil, und ſeine Waffenrüſtung zog ihn auf den Grund des Fluſſes. 3 Dieſen unbekannten Krieger hält der würdige Agapida für Muza Ben Abel Gazan, und verſichert, ſein Roß ſey von einigen bekehrten Mauren im chriſtlichen Lager erkannt worden; indeß iſt die Sache immer zweifelhaft geblieben. 3 Zwei und fuͤnfzigſtes Kapitel. Bewegungen in Granada. Die Bedingungen der Uebergabe von Granada wur⸗ den am 25. November 1491 unterzeichnet und brachten ein plötzliches Aufhören aller jener Feindſeligkeiten her⸗ 3 vor, welche ſeit ſo vielen Jahren fortgewüthet hatten. Chriſten und Mauren konnte man jetz friedlich und freundlich an den Ufern des Kenil und Darra unterein⸗ ander erblicken, wo, wenn ſie wenige Tage vorher zu⸗ ſammengetroffen, dieß Veranlaſſung zu den blutigſten Kämpfen gegeben hätte. Da jedoch die Mauren nochmals plötzlich zur Ver⸗ theidigung aufgerufen werden konnten, wenn innerhalb der zugeſtandenen Friſt von ſtebzig Tagen Hülfe von Au⸗ ßen ankommen ſollte, und da ſie überhaupt zu jeder Zeit — 314— ein raſches, Feuer fangendes Volk waren, ſo behielt der vorſichtige Ferdinand die Stadt ſtets wachſam im Auge, und ließ keine Vorräthe, von welcher Art ſie auch ſeyn mochten, ein. Seine Beſatzungen in den Seehäfen und ſeine Krenzer in der Meerenge von Gibraltar erhielten ebenfalls den Befehl, gegen jeden Vorſchub von dem Großſultan von Aegypten oder den Fürſten der Berber ei auf ihrer Huth zu ſeyn. Solcher Vorkehrungen und Vorſichtsmaßregeln brauchte es gar nicht. Dieſe Mächte waren entweder zu ſehr durch ihre eignen Kriege beengt, oder von den Erfolgen der Spaniſchen Waffen zu ſehr eingeſchüchtert, um eine ſo verzweifelte Sache zu der ihren zu machen, und ſo wurden die unglücklichen Mauren in Grauada ihrem Schickſal überlaſſen. Der Monat Dezember war faſt vorübergegangen; die Hungersnoth erreichte ihren höchſten Grad, und es zeigte ſich keine Hoffnung zu irgend einem günſtigen Ereigniß innerhalb der in der Uebergabe feſtgeſetzten Zeit. Boab⸗ dil ſah, auszuhalten bis zu Ende der zugeſtandnen Friſt würde nur die Leiden ſeines Volkes verlängern und er⸗ höhen. Mit Beiſtimmung ſeines Naths beſchloß er, die Stadt am 6. Januar zu übergeben. Am 30. Dezember ſandte er ſeinen Großdezier Inſef Aben Comira mit den vierhundert Geiſeln an König Ferdinand, ihm ſeinen Entſchluß kund zu thun. Zugleich brachte dieſer als Geſchenk einen prächtigen Säbel und zwei Arabiſche, reich aufgezäumte Roſſe. — 315— Der unglüͤckliche Boabdil war vom Schickſal dazu auserſehen, Schwierigkeiten und Unruhe bis an's Ende feiner Laufbahn anzutreffen. Gleich den nächſten Tag zeigte ſich auf einmal der Santon oder Derwiſch Hamet Aben Zarah, derſelbe, der bei früheren Gelegenheiten Prophezeihungen ausgeſprochen und Unruhen und Bewe⸗ gungen unter dem Volke veranlaßt hatte. Woher er kam, wußte niemand; man flüſterte ſich zu, er ſey in den Alpurarragebirgen und auf der Küſte der Berberei gewe⸗ ſen, emſig bemüht, die Moſlim zur Entſetzung Grana⸗ da's aufzuregen. Er war zu einem Gerippe zuſammen⸗ geſchrumpft; ſeine Augen glühten in ihren Höhlen gleich Kohlen, und ſeine Rede war wenig beſſer als wahnſinni⸗ ges Raſen. Er ſprach zu den Volkshanfen in den Straßen und öffentlichen Plaͤtzen; er tadelte die Uebergabe, klagte den König und die Edlen an, ſie ſeyen nur dem Namen nach Moſlim, und rief das Volk auf, gegen die Ungläubigen hervorzubrechen und einen Ausfall zu wagen, denn Allah habe ihnen einen ausgezeichneten Sieg verheißen. Mehr als zwanzigtauſend aus dem gemeinen Volk er⸗ griffen die Waffen, und zogen mit Geſchrei und Läarm durch die Straßen. Die Buden und Häuſer wurden verſchloſſen; der König ſelbſt wagte ſich nicht hervor, ſondern blieb gleichſam gefangen in dem Alhambra. Die wilde Menge fuhr fort herumzurennen und zu ſchreien und den ganzen Tag und einen Theil der Nacht die Stadt zu durchziehen. Der Hunger und ein Win⸗ — 316— terſturm zähmte ihre Wuth; und als der Morgen kam, war der Schwärmer, der ſie geführt hatte, verſchwun⸗ den. Ob er durch Ausgeſandte des Kön zs oder durch die Vorſteher der Stadt abgethan worden, iſt nicht be⸗ kannt, ſein Verſchwinden blieb ein Geheimniß. Der Maurenkönig zog jetzt von ſeinen vornehmſten Edlen begleitet aus dem Alhambra, und ſprach zum Volk. Er ſetzte die Nothwendigkeit auseinander, die Ue⸗ bergabe zu vollziehn; er ſtellte ihnen die Hungersnoth vor, die in der Stadt herrſchte, und das Unnütze jedes Widerſtands; er erinnerte ſie, daß ja auch die Geiſeln den Händen der Belagerer ſchon überliefert worden. In ſeinem Unmuth, in ſeiner Niedergeſchlagenheit gab ſich der unglückliche Boabdil allein all die Leiden ſeines Landes Schuld. Mein Verbrechen„» ſagte er trauernd,«als ich durch Empörung gegen meinen Vater den Thron beſtieg, hat dieß Unglück über das Reich ge⸗ bracht, aber Allah hat ſtreng und furchtbar meine Sün⸗ den auf mein Haupt zurückfallen laſſen. Um euretwillen, mein Volk, hab' ich jetzt dieſen Vertrag geſchloſſen, um euch vor dem Schwerte, eure Kinder vor dem Hunger, eure Weiber und Töchter vor den Mißhandlungen des Kriegs zu bewahren; euch zu ſichern in dem Genuß eu⸗ res Eigenthums, eurer Freiheiten, eurer Geſetze, eurer Religion, unter einem Fürſten von einem glücklicheren Geſchick, als der unglückliche, übelberathene Boabdil!⸗ Die bewegliche Volksmenge wurde durch die Demu⸗ thigung ihres Fürſten gerührt; ſie kamen alle überein, ———— 4 — 317— der Uebergabe ſich zu fügen, man hörte ſelbſt einen ſchwa⸗ ichen Schrei„Lange lebe Boabdil der Unglückliche!“ wor⸗ auf ſte alle in vollkommner Ruhe in ihre Heimath zu⸗ rückkehrten. Boabdil ſandte alsbald Boten an König Ferdinand, die ihn von dieſen Vorgängen in Kenntniß ſetzten und ihm zugleich die Beſoraniß äußerten, es könnte fernerer Verzug neue Unordnungen erzeugen. Er ſchlug daher vor, die Stadt am folgenden Tag zu übergeben. Die Caſtiliſchen Könige gaben mit zroßer Bereitwilligkeit ihre Beiſtimmung, und im Lager und in der Stadt wurden Vorkehrungen zu dieſem wichtigen Begebniß gemacht, das Granada's Schickſal beſtegeln ſollte. 3 3 Es war eine Nacht voll trauriger Klagen in den Mauern des Alhambra; denn Boabdil's Hofhaltung ſchickte ſich au, Abſchied für immer aus dieſem reizenden Wohnort zu nehmen. Alle köͤnigliche Schähe und die koſtbarſten Geräthſchaften des Alhambra wurden haſtig auf Maulthiere geladen und die prächtigen Gemächer von ihren eignen Bewohnern unter Thränen und Wehklagen alles Schmuckes entkleidet. Ehe der Tag dämmerte, be⸗ wegte ſich ein trauernder Zug heimlich aus einem Neben⸗ thore des Alhambra hervor und zog durch einen der ab⸗ gelegenſten Theile der Stadt ab. Er beſtand aus der Familie des unglücklichen Boabdil; er ſandte ſie ſo heim⸗ lich weg, damit ſie nicht ausgeſetzt ſey den Augen der Spötter, oder dem Frohlocken des Feindes. Boabdil's Mutter, die Sultana Ayra la Horra ritt in niedergeſchlagner, jedoch würdiger Haltung dahin, waͤh⸗ rend ſein Weib Zorayma und alle Frauen ſeiner Hofhal⸗ tung lauten Klagen freien Lauf ließen, als ſie einen letz⸗ ten Blick auf ihren geliebten Wohnort warfen, der jetzt nur noch als eine Maſſe dunkler Thürme ihnen in der Ferne erſchien. Sie wurden von den alten Dienern des Hauſes und einer kleinen Wache alter Mauren geleitet, die dem gefallnen Fürſten treu anhingen und ihr Lebeu in Vertheidigung ſeiner Familie theuer verkauft haben würden. Die Stadt war noch, als ſie durch die ſtillen Stra⸗ Fen ſchritten, in tiefen Schlaf vergraben. Die Wachen am Thor vergoſſen Thränen, als ſie es zu ihrem Abzug öffueten. Sie zögerten nicht, ſondern ſchritten auf dem Weg, der in die Alpuxrarra führt, läͤngſt den Ufern des Wenil fort, bis ſte an einem Weiler anlangten, in eini⸗ ger Entfernung von der Stadt, wo ſie Halt mach⸗ ten, und warteten, bis s Konig, Boabdil bei ihnen einge⸗ troffen. Drei und fuͤnfzigſtes Kapitel. Auslieferung Granada's, Die Sonne hatte kaum ihre Strahlen auf die Gip⸗ fel der Schneegebirge, welche über Granada ſich erheben, herabzuſchießen begonnen, als das chriſtliche Lager ſchon in Bewegung war. Eine Abtheilung von Pferden und Fußgängern, angeführt von ausgezeichneten Rittern und begleitet von Hernando de Talavera, Biſchof von Avila, rückte aus, Beſitz zu nehmen vom Alhambra und ſeinen Thürmen. Es war in der Uebergabe feſtgeſetzt worden, daß die zu, dieſem Zweck geſandte Abtheilung nicht durch die Straßen der Stadt ziehen ſollte. Deß⸗ wegen war ein Weg auſſerhalb der Wälle zugerichtet worden, welcher durch die Puerta de los Molinos(das Mühlenthor) auf den Gipfel des Märtyrerhügels führte, und über dieſen Hügel zu einem Nebanthor des Al⸗ hambra Als die Abtheilung auf dem Gipfel bes Oügels au⸗ langte, kam der Maurenkönig, von einigen Rittern be⸗ gleitet aus dem Thore heraus, und ließ ſeinen Vezier Juſef Aben Comixa zurück, den Pallaſt zu übergeben. 1 ⸗Geht, Senhor,» ſagte er zum Befehlshaber der Ab⸗ theilung, geht und nehmt Beſitz von jeuen Feſten, die — 320— Allah eurem mächtigen Herrn zur Beſtrafung der Sün⸗ den der Mauren überliefert hat!“ Er ſagte nichts weiter, ſondern ritt trauernd fort auf demſelben Wege, auf dem die Spaniſchen Ritter gekom⸗ men, und lenkte in die Vega hinab, den katholiſchen Kö⸗ nigen entgegen. Die Truppen zogen in den Alhambra ein, deſſen Thore weit offen, deſſen glänzende Höfe und Hallen alle ſchweigend waren und verlaſſen. Mittlerweile ſtrömte der chriſtliche Hof und das Heer aus der Stadt Santa Fe hervor und zog über die Vega. Der König und die Königin mit dem Prinzen und der Prinzeſſin und den Würdeträgern und Damen des Hofs waren an der Spitze. Sie wurden begleitet von den verſchiednen Mönchsorden und Brüderſchaften, und waren von den prächtig aufgeputzten königlichen Garden umge⸗ ben. Der Zus bewegte ſich langſam vorwärts und machte an dem Dorfe Armilla, in der Entfernung von einer hat ben) Meile von der Stadt, Halt. 1 zue Die Könige warteten hier mit Ungeduld, ihre Augen auf den hohen Thurm des Ailhambra gerichtet, auf das üͤbereisgekommene Zeichen der Beſitznahme. Die Zeit, die ſeit dem Auszug der Abtheilung verfloſſen, ſchien ih⸗ nen mehr als hinlänglich zu dieſem Zweck; und der aͤngſt⸗ liche Sinn Ferdinands begann ſchon ſich tauſend Zweifeln und Beſorgniſſen über eine Bewegung inn ndet Stadt hii zugeben. 6. Endlich ſahen ſie das Sulbertrez die große Stan⸗ darte des Krenzzugs auf dem Torre de la Vela oder — 321— großen Wachtthurme erhöht und in den Sonnenſtrahlen erglänzen. Dieß geſchah durch Hernando de Talavera, Biſchof von Avila. Neben ihm wurde das Banner des glorreichen Apoſtels St. Jakob aufgepflanzt, und ein gro⸗ ßes Geſchrei«St. Jago, St. Jago!“ erhob ſich durch das ganze Heer. Zuletzt ward das königliche Banner von dem Wappenherold mit dem Geſchrei«Caſtilien! Caſtilien! König Ferdinand und Königin Iſabelle!⸗ aufgerichtet. Die Worte wurden von dem ganzen Heer mit Zuruf wiederholt, der über die Vega herübertönte. Bei dem Anblick dieſer Zeichen der Beſitznahme fielen die Könige auf die Kniee und dankten Gott für dieſen großen Triumph. Die ganze verſammelte Streitmacht folgte ihrem Beiſpiel und die Chorſänger der königlichen Kapelle ſangen den feierlichen Lobgeſang Te Deum lau- damus. Der Zug ſetzte jetzt mit lauter Fröhlichkeit unter dem Getöſe triumphirender Muſik ſeinen Weg weiter fort, bis er an einer kleinen Moſchee, nahe den Ufern des Xenil und nicht weit vom Fuße des Märtyrerhügels anlangte. Dieſes Gebäude beſteht noch bis auf den heutigen Tag, als die Klauſe des h. Sebaſtian. Hier kam den Königen der unglückliche Boabdil ent⸗ gegen, begleitet von etwa fünfzig Rittern und Dienern. Als er nahte, würde er zum Zeichen ſeiner Huldi⸗ gung abgeſtiegen ſeyn, aber Ferdinand ließ es nicht zu. Er ſuchte dann des Königs Hand zu küſſen, doch dieß Zeichen des Vaſallenthums wurde gleichfalls verhin⸗ Irving's Granada. 4— 6, 21 dert, worauf, um nicht an Großmuth übertroffen zu wer⸗ den, er ſich vorlehnte, und den rechten Arm Ferdinands küßte. Auch die Königin Iſabelle weigerte ſich dieſe Ce⸗ remonien der Huldigung anzunehmen, und um ihn in ſeinem Unglück zu tröſten, übergab ſie ihm ſeinen Sohn, der immer ſeit Boabdils Befreiung aus der Gefangen⸗ ſchaft als Geiſel zurückgeblieben. Der Mauriſche Fürſt drückte init zärtlicher Bewegung ſein Kind an die Bruſt und ſie ſchienen gegenſeitig einander theurer geworden durch ihr Unglück. Er übergab dann dem König Ferdinand die Schlüſſel der Stadt; in ſeiner Haltung dabei miſchte ſich Trauer und Entſagung. «Dieſe Schlüſſel„ ſagte er,«ſind die letzten Ueber⸗ bleibſel der Arabiſchen Herrſchaft in Spanien. Dein, o König, werden unſre Trophäen, unſer Königreich, ja ſelbſt unſre eigne Perſon. So iſt es der Wille Gottes! Em⸗ pfange ſie mit der Guade, die du verſprochen haſt, und die wir von deinen Händen erwarten.» König Ferdinand barg ſein Frohlocken und engte es in einen Anſchein heitrer Großmuth zurück. Zweifle nicht,⸗ erwiederte er,«an unſern Verſprechungen; du ſollſt von unſrer Freundſchaft das Glück wiedererlangen, deſſen das Geſchick des Kriegs dich beraubt yat.» Als er die Schlüſſel empfing, übergab ſie Koͤnig Fer⸗ dinand der Königin, ſie, ihrer Seits, gab ſie ihrem Sohn, dem Prinzen Juan, welcher ſie dem Grafen de Tendilla überlieferte. Dieſer tapfre, ergebne Ritter war — 323— nämlich zum Alcayden der Stadt und Generalkapitain des Königreichs Granada beſtimmt. Nachdem er das letzte Zeichen von Gewalt ausgehän⸗ digt, ſetzte der unglückliche Boabdil ſeinen Weg nach den Alpurarra fort, damit er nicht mit anſchauen möchte, wie die Chriſten in ſeine Hauptſtadt einzögen. Sein getreuer, ergebener Reiterhaufen folgte ihm in finſterm Schweigen, aber ſchwere Seufzer drangen aus jedes Bruſt, wenn Freudengeſchrei und die Töne der Triumphmuſik von den Winden zu ihnen von dem ſiegreichen Heere her herüber⸗ getragen wurden. Nachdem er ſeine Familie eingeholt, machte ſich Boab⸗ dil mit ſchwerem Herzen nach ſeinem angewieſenen Aufent⸗ haltsort in dem Thale Porchena auf. In einer Entfer⸗ nung von zwei Meilen wand ſich der Zug in die Gren⸗ zen des Alpurarragebirgs ein, und hatte eine Anhöhe zu erſteigen, die einen letzten Ueberblick über Granada ge⸗ währte. Als ſie an dieſe Stelle kamen, hielten die Mau⸗ ren unwillkührlich, um einen letzten Abſchiedsblick auf ihre geliebte Stadt zu werfen, die, einige Schritte weiter, ihren Augen für immer entzogen werden ſollte. Niemals hatte ſie ſich ihren Blicken ſo lieblich darge⸗ ſtellt. Der in jenem heitern, reinen Clima ſo glänzende Sonnenſtrahl erleuchtete jeden Thurm, jeden Gipfel, und ruhte glorreich auf den bekrönten Zinnen des Alhambra; während die Vega ihren Schmelz, ihren Schooß voll Grüne und Friſche unter ihm ausdehnte und von den Sil⸗ berwindungen des Nenil erglaͤnzte. .. 21* — 324— Die Mauriſchen Reiter ſtaunten in ſchweigendem Kampf von Zärtlichkeit und Trauer auf jenen anmuthsvollen Aufenthalt, den Schauplatz ihrer Liebe, ihrer Luſt. Wäh⸗ rend ſie noch hinſahen, brach eine leichte Rauchwolke aus der Citadelle hervor, und alsbald verkündete ein ſchwach gehörtes Geſchützgetös, daß die Stadt in Beſitz genom⸗ men worden, und der Thron der Moſlemitiſchen Könige für immer verloren gegangen. Boabdil's Herz, durch Un⸗ glück geſänftigt und mit Trauer überladen, konnte ſeinen Schmerz nicht mehr faſſen. ⸗Allah achbar! Gott iſt groß!» ſagte er; aber die Worte der Entſagung erſtar⸗ ben auf ſeinen Lippen und er brach in eine Fluth von Thränen aus. Seine Mutter, die unerſchrockne Sultane Ayra la Horra, ward unwillig über ſeine Schwäche. Du thuſt wohl,» ſagte ſie, agleich einem Weibe um das zu wei⸗ nen, was als ein Mann zu vertheidigen du unterließeſt!⸗ Der Vezier Aben Comira bemühte ſich, ſeinen könig⸗ lichen Herrn zu tröſten. Bedenkt, Sire,» ſagte er, daß die größten Unfälle oft die Menſchen eben ſo be⸗ rühmt machen, als die glücklichſten Waffenthaten, voraus⸗ geſetzt, daß ſie ſie mit Heldenſinn und Standhaftigkeit ertragen.“ Der unglückliche Herrſcher aber war nicht zu tröſten. Seine Thränen floſſen fort.„Allah achbar!⸗ rief er,«wann kamen Unfälle je den, meinen gleich!⸗ Von dieſem Umſtand bekam der Hügel, der nicht weit von Padul iſt, den Namen Fez Allah achbar; aber die Spitze, von wo man die Ausſicht hat, von wo man zum „ — 325— leßten Male Granada überſieht, iſt bei d den Spaniern 5 unter dem Namen«El ultimo ſuſpiro del Moro, der legte Seufzer des Mauren, bekannt.. Vier und fuͤnfzigſtes Kapitel. Wie die Caſtiliſchen Könige Beſitz von Granada nahmen⸗ Nachdem die Caſtiliſchen Fürſten die Schlüſſel Gra⸗ nada's aus Boabdil El Chicv's Händen empfangen hat⸗ ten, ſetzte das königliche Heer ſeinen triumphirenden Zug wieder fort. Als er ſich in allem Prunk eines ritterlichen Hofaufzugs den Thoren der Stadt näherte, kam ihm ein andrer von ganz verſchiedner Art entgegen. Dieſer be⸗ ſtand aus mehr als fünfhundert Chriſtengefangnen, von denen viele Jahre lang in Mauriſchen Kerkern geſchmach⸗ tet hatten. Blaß und abgezehrt kamen ſie, mit ihren Ketten raſſelnd und Freudethränen vergießend, heran. Sie wurden mit zarter Güte von den Fürſten empfangen. Der König prieß ſie als gute Spanier, als ergebene, tapfre Männer, als Märtyrer der heiligen Sache. Die Koͤni⸗ gin theilte ihnen mit eigner Hand reichliche Unterſtützung aus, und ſie gingen vor den Schaaren des Heers, Jubel⸗ lieder ſingend, her. Die Könige betraten die Stadt an dieſem Tag ihrer Uebergabe nicht, ſondern warteten, bis ſie vollſtändig von — 326— ihren Truppen beſetzt wäre, und die öffentliche Ruhe ge⸗ ſichert worden. Der Marquis de Villena und der Graf de Tendilla mit dreitauſend Reitern und eben ſo vielen Fußgängern zogen ein und nahmen Beſitz von der Stadt. Sie wurden begleitet von dem übergegangenen Fürſten Cidi Yahie, der jetzt unter dem chriſtlichen Namen Don Pedro de Granada bekannt, und zum Hauptgualzil der Stadt ernannt worden war, und die Mauriſchen Einwoh⸗ ner unter ſich hatte. Bei dieſem war auch ſein Sohn, der ehemalige Prinz Alnayer, jetzt Don Alonzo de Gra⸗ nada, welcher Admiral der Flotten geworden war. In kurzer Zeit erglänzte jede Schanze von chriſtlichen Helmen und Speeren, die Fahne des Glaubens und Reichs flatterte von jedem Thurm, und die donneru⸗ den Salven aus dem Geſchütze verkündeten, daß die Unterwerfung der Stadt vollendet ſey. Die Granden und Ritter knieten nieder und küßten dem König, der Königin und dem Prinzen Juan die Hände, und wünſchten ihnen Glück zur Erwerbung eines ſo großen Reichs; worauf der königliche Zug mit Ge⸗ pränge nach Santa Fe zurückkehrte. Am ſechsten Januar, dem h. Dreikönigstag, auf das Feſt Epiphanias zogen nun endlich die Fürſten triumphi⸗ rend in die Stadt ein. Der König und die Königin,“ ſagt der würdige Bruder Antonio Agapida, hatten bei dieſer Gelegenheit nicht den Anſchein von bloßen Sterb⸗ lichen. Die ehrwürdigen Geiſtlichen, deren Anweiſung und Eifer man dieſe ruhmvolle Eroberung groͤßtentheils — — 327— zu verdanken hatte, ſchritten dahin, die Herzen ſchwel⸗ lend von heiligem Entzücken, aber die Blicke voll reiner, erbauender Demuth zur Erde gewandt, während die küh⸗ nen Krieger in nickenden Federbüſchen und glänzendem Stahl von wilder Freude aufgeregt ſchienen, als ſie ſich endlich im Beſitz dieſes Gegenſtandes ſo vieler Arbeiten und Gefahren ſahen.» „ Als die Straßen ertönten von dem Hufſchlage der Roſſe, von den ſchwellenden Accorden kriegeriſcher Muſik, bargen ſich die Mauren in die tieſſten Schlupfwinkel ihrer Wohnungen. Dort beklagten ſie im Geheim den geſun⸗ kenen Ruhm ihres Geſchlechts, unterdrückten aber Seuf⸗ zer und Thränen, damit ſie nicht bemerkt würden von ihren Feinden und ihren Triumph erhöhten.» Des Bruders Antonio Worte ſind faſt nur der Nach⸗ hall von den beredten, ſeierlichen Sätzen des würdigen Jeſuiten Pater Mariana. Der königliche Zug richtete ſich nach der Hauptmoſchee hin, die zur Cathedrale eingeweiht worden. Hier brach⸗ ten die Fürſten ihre Gebete und Dankgelübde dar, und der Chor der königlichen Kapelle ſang ein triumphirendes Loblied, welches alle Hofleute und Ritter mitſangen. „Nichts,» ſagt Bruder Antonio Agapida,«konnte des frommen Königs Ferdinand Dankbarkeit gegen Gott gleichkommen, daß er ihn in den Stand geſetzt, die Herr⸗ ſchaft und den Namen jener verfuchten heidniſchen Raſſe auszurotten und das Krenz in eben der Stadt zu erhö⸗ hen, worin die gottloſen Lehren Muhamed's ſo lange be⸗ — 328— günſtigt und beliebt geweſen. Mit Inbrunſt der Seele flehte er den Himmel um Fortſetzung ſeiner Gnade, flehte, daß dieſer glorreiche Triumph ihm ungeſchwächt und un⸗ getrübt erhalten werden möchte.» Das Gebet des frommen Fürſten wurde vom Volke wiederholt, und ſelbſt ſeine Feinde überzeugten ſich für einen Augenblick von ſeiner Lauterkeit und Aufrichtigkeit. Als die religiöſen Feierlichkeiten beendet waren, ſtieg der Hof zum ſtattlichen Schloſſe des Alhambra auf, und betrat es dunch das große Thor der Gerechtigkeit. Die Hallen, vorher beſetzt von beturbanten Ungläubigen, wur⸗ den jetzt von chriſtlichen Höflingen und prächtigen Damen durchſtrichen, welche mit eifriger Neugier dieſen weitbe⸗ rühmten Pallaſt durchwanderten, ſeine grünenden Höfe und ſprudelnden Brunnen bewunderten, ſeine Säle mit prächtigen Arabeſten geſchmückt und mit Inſchriften über⸗ laden, anſtaunten, und die Pracht ſeines vergoldeten und reizend bemalten Täfelwerks nicht genug betrachten konnten. Es war eine letzte Bitte des unglücklichen Boabdil ge⸗ weſen, eine Bitte, welche zeigte, wie tief er die Veraͤn⸗ derung und Umwandlung ſeines Glückes fühlte, die Bitte, niemand ſolle ferner mehr den Alhambra durch das Thor betreten oder verlaſſen, durch welches er ſelbſt ausgezo⸗ gen war, um die Hauptſtadt zu übergeben. Sein Be⸗ gehren ward gewährt; das Thor ward vermauert und blieb ſo bis auf den heutigen Tag, ein ſtummes Zeugniß des Vorgefallenen. Das Daſeyn dieſer Pforte und die damit derbundene v — 329— Geſcicte ſind vielleicht wenigen bekaunt, aber man hat ſie in den zur Beglaubigung unſerer Erzählung augeſtell⸗ ten Unterſuchungen als richtig beſunden. Das Thor fin⸗ det ſich an dem Fuße eines groß een Thurms, in einiger Entfernung von dem Haupttheil des Alhambra. Der Thurm wurde zur Zeit, als die Feſte von den Franzoſen geraͤumt ward, durch Pulver geſprengt und vernichtet. Große Trümmer liegen ringsum, halb von Reben und Feigenbäumen bedeckt. Ein armer Mann, Namens Mat⸗ teo imenes, der in einer der Höhlen unter den Trüm⸗ mern des Alhambra wohnt, wo ſeine Familie viele Ge⸗ ſchlechter hindurch gelebt hat, wieß den Thorweg, der noch von Steinen ausgefüllt war. Er erinnerte ſich, er habe ſeinen Vater und Großvater ſagen hören, er ſey immer vermauert geweſen, und durch ihn Boabdil gezd⸗ 3 gen, als er Granada übergab. Den Weg des unglücklichen Fuͤrſten kann man von hieraus durch den Garten des Kloſters Los Martyres und einer Anhöhe hinab durch eine Straße von Zigeuner⸗ hoͤhlen und Schlünden an dem Thor Los Molinos vorbei, und ſo weiter nach der Klauſe des h. Sebaſtian verfol⸗ gen. Doch nur ein Alterthumsforſcher würde im Stande ſeyn, den Weg zu zeichnen, es ſey denn, daß man ſich der Unterſtützung des demüthigen, überſehenen Geſchichts⸗ ſchrecbers dieſes Ortes, des würdigen Mattev Pimenes zu erfreuen hätte. Die Spaniſchen Könige ſchlugen in dem Audienzzim⸗ mer des Pallaſtes, der ſo lange der Sitz des Mauriſchen — 330— Königthums geweſen, ihren Thron auf. Hierher begaben ſich die vornehmſten Einwohner von Granada, ihre Hul⸗ digung ihnen darzubringen, und zum Zeichen ihres Va⸗ ſallenthums ihnen die Hände zu küſſen. Ihr Beiſpiel ward durch Abgeordnete von allen Städten und Feſten der Alpuxarragebirge nachgeahmt, die ſich bis jetzt noch nicht unterworfen hatten. 3 So endete der Krieg um Granada, nach zehn Jah⸗ ren unabläſſtgen Gefechts; er iſt,» ſagt Bruder Anto⸗ nio Agapida,«durch Dauer und Ende, wie auch durch die Art der Eroberung der weltberühmten Belagerung von Troja zu vergleichen.» So endete auch die Herrſchaft der Mauren in Spa⸗ nien, nachdem ſie ſtebenhundert und acht und ſiebzig Jahre, von der denkwürdigen Niederlage Roderichs, des letzten der Gothen, an den Ufern des Guadalete an, gedauert hatte. Der genaue, werthvolle Agapida iſt ganz beſonders und ſeltſam weitläuftig in Beſtimmung der eigentlichen Zeit dieſer Begebenheit. Der große Trinmph unſeres heiligen, katholiſchen Glaubens,» behauptet er nach ſei⸗ ner Rechnung, aſiel in den Anfang des Januarius, im Jahr unſers Herrn 1492, als welches 3655 Jahre ſeit der Bevölkerung Spaniens durch den Erzvater Tubal waren, 3797 Jahre aber ſeit der allgemeinen Sündfluth, 5453 ſeit Erſchaffung der Welt, nach der hebräiſchen Rech⸗ nung; dieſe Begebenheit ſiel ferner in den Monat Rabic, in das 897⸗ Jahr der Hegira oder Flucht Muhamed's, den Gott verwerfe!» ſagt der fromme Agapida. — Anhang. Fernere Schickſale Boabdil's El Chico. Ddie Chronik der Eroberung Granada's iſt zu Ende; 3 aber der Leſer möchte vielleicht die ferneren Schickſale einiger der Hauptperſonen noch zu erfahren wünſchen. Der unglückliche Boabdil zog ſich in das Thal Por⸗ chena zurück, wo ein kleines aber fruchtbares Gebiet ihm angewieſen worden. Es begriff mehrere Städte mit allen ihren Rechten und Einkünften. Große Beſitzungen waren gleichfalls ſeinem Vezier, Joſef Aben Comixa, und ſeinem tapfern Verwandten und Freund, Joſef Vanegas 3 zugetheilt worden; beide wohnten ihm ganz nahe. Wäre es dem Herzen eines Menſcheu verliehen, im 6 Genuſſe des Hinlänglichen der Gegenwart vergangenen Glanz und Herrlichkeit zu vergeſſen, Boabdil hätte end⸗ lich noch glücklich ſeyn mögen. Er wohnte in dem Schsoße eines anmuthigen Thals, er war umringt von gehorſa⸗ men Lehnsleuten, ergebnen Freunden und einer liebenden 15 Familie, er hätte auf ſeine frühere Laufbahn wie auf ei⸗ nen unruhigen, furchtbaren Traum zurückblicken und ſei⸗ nen Sternen danken können, daß er endlich erwacht zu füßer, ruhiger Sicherheit. Aber der entthronte Fürſt konnte nimmer vergeſſen, daß er einſt Herrſcher geweſen, * und die Rückerinnerung an den königlichen Glanz in Granada machte alle jetzige Gemaͤchlichkeiten verächtlich in ſeinen Augen. Keine Bemühungen wurden von Ferdinand und Iſa⸗ bellen geſpart, ihn zu vermögen, den katholiſchen Glau⸗ ben anzunehmen, aber er blieb treu der Religion ſeiner Väter, und es erhöhte nicht wenig ſeine Demüthigung, als Lehnsträͤger unter chriſtlichen Fürſten leben zu müſſen. Es iſt wahrſcheinlich, daß ſein Aufenthalt im Reich dem ſtaatsklugen Ferdinand gleich läſtig war; er konnte ſich in feinen neuerlangten Beſitzungen nicht ganz geſichert glauben, ſo lange noch jemand innerhalb ihrer Grenzen lebte, der Anſprüche auf den Thron wieder in Anregung bringen konnte. Es wurde daher im Jahr 1496 ein be⸗ ſondrer Handel zwiſchen Ferdinand und Joſef Aben Co⸗ mira abgeſchloſſen, nach welchem dieſer als Vezier von Boabdil über ſeines Herrn geringes Gebiet um die Sunme von achtzigtauſend Goldducaten zu verfügen wagte. Dieß geſchah, wie man verſichert, ohne Boabdil's Wiſſen und Willen, aber der Vezier dachte wahrſchein⸗ lich, es ſey ſo am beſten gethan. Der liſtige Ferdinand ſcheint nicht nach dem Recht und der Vollmacht des Ve⸗ ziers, einen ſolchen Kauf abzuſchließen, gefragt zu haben, ſondern zahlte das Geld mit geheimem Frohlocken aus. Joſef Aben Comira lud den Schatz auf Maulthiere, und machte ſich fröhlich damit nach den Alpuxarragebir gen auf. Er breitete triumphirend das Geld vor Boab⸗ — 333— dil hin.«Senhor,» ſagte er, cich habe bemerkt, daß, ſo lang ihr hier lebt, ihr beſtändiger Gefahr ausgeſetzt ſeyd. Die Mauren ſind raſch und reizbar. Sie können ſich ploͤtzlich empören, eure Fahne als einen Vorwand aufrichten, und ſo euch und eure Freunde in gänzliches Verderben mit hinabziehn. „Ich hab' auch bemerkt, daß Ihr vor Gram Euch ab⸗ zehrt und dahinſchwindet, weil ihr beſtändig in dieſem Land von allem erinnert werdet, daß ihr einſt ſein Herr⸗ ſcher waret, aber nun nie mehr hoffen könnt zu regieren. Ich habe dieſen Uebeln ein Ende gemacht. Euer Gebiet iſt verkauft. Seht, da liegt der Preis. Für dieß Gold könnt ihr weit größre Beſitzungen in Afrika erkaufen, wo ihr mit Ehre und Sicherheit leben mögt.» Als Boabdil dieſe Worte hörte, brach er in einen ploͤtzlichen Anfall von Wuth aus, und den Säbel gezo⸗ gen, würde er den dienſtfertigen Inſef auf der Stelle niedergehauen und hingeopfert haben, hätten ſich nicht die Umſtehenden in's Mittel geſchlagen, und den Vezier eiligſt von ihm weg und zur Thüre hinausgebracht. Boaldil war nicht rachgierigen Gemüths, und ſeine Wuth ging bald vorüber. Er ſah, daß das Uebel geſche⸗ hen war, und kannte den Geiſt des ſtaatsklugen Ferdi⸗ nands zu wohl, um der Hoffnung Raum zu geben, er würde den Handel ſich zurückziehen laſſen. Er ſtrich alſo das Geld zuſammen, nahm alle ſeine Juwelen und Koſt⸗ barkeiten dazu, und zog mit feiner Familie und ſeiner Hofhaltung nach einem Hafen ab, wo mit aller möglichen — 334— Sorgfalt von dem Caſtiliſchen Könige ein Schiff zuge⸗ rüſtet worden, das ſie nach Afrika überſetzen ſollte. Ein Haufen ſeiner früheren Unterthanen war Zeuge von ſeiner Einſchiffung. Als die Segel ſich entfalteten und im Winde anſchwollen, und das Schiff vom Lande abſtieß, da hätten gerne die Zuſchauer ihm einen freudi⸗ gen Abſchiedsruf mit auf den Weg gegeben, doch der ge⸗ demüthigte, niedre Zuſtand ihres einſt ſtolzen Herrſchers drang ſich ihren Gemüthern auf, und der verhängniß⸗ volle Beiname ſeiner Kindheit kam ihnen unwillkührlich auf die Zunge. «Leb' wohl, Boabdil! Leb' wohl! Allah ſchütz' dich, El Zogoybi!“" ertönte wie von ſelbſt von ihren Lippen. Die unſelige Zubenennung drang dem hausloſen Fürſten ſehr zu Herzen, und Thränen glänzten in ſeinen Augen, als Granada's ſchneeige Berggipfel mehr und mehr er⸗ blichen, und ſeinen Blicken ſich entzogen. Er ward mit Willkomm am Hofe ſeines Verwandten Muley Achmed, des Königs von Fez aufgenommen und wohnte viele Jahre in ſeinem Gebiet. Wie er ſein Leben hinbrachte, ob in Sehnen nach ſeiner vergangenen Größe oder in kühner Entſagung, das erwaͤhnt die Geſchichte nicht. Das letzte, was wir von ihm erzählt finden, fällt in das Jahr 1536, vier und vierzig Jahre nach der Ueber⸗ gabe Granada's. Damals folgte er dem Könige von Fez in das Feld, um die Empörung von zwei Brüdern, die Perife hießen, zu dämpfen. Die Heere kamen ſich —— gung eines fremden Reichs umkam, nachdem es ihm an — 335— einander an den Ufern des Guadiſwed an der Furth von Bacuba zu Geſicht. Der Fluß war tief, die Ufern hoch und ſteil. Drei Tage lang fuhren die Heere fort über den Strom aufeinander zu feuern, und kein Theil wagte die gefährliche Furth zu verſuchen. Endlich theilte der König von Fez ſein Heer in drei Schlachtreihen, von denen die erſte von ſeinem Sohn und von Boabdil El Chico angeführt wurde. Sie dran⸗ gen kühn durch die Furth, kletterten dem gegenüberlie⸗ genden Ufer hinauf, und verſuchten den Feind zu beſchäf⸗ tigen, bis die andern Schlachthaufen Zeit hätten, her⸗ überzukommen. Das Aufrührerheer griff ſie aber mit ſolcher Wuth an, daß der Sohn des Königs von Fez und mehrere der tapferſten Alcayden auf der Stelle er⸗ ſchlagen wurden, und eine große Menge in den Fluß zu⸗ rückgetrieben ward, der ſchon ganz voll von durchgehen⸗ den Truppen war.. Eine furchtbare Verwirrung entſtand, die Pferde zer⸗ traten die Fußgänger, der Feind drängte ſie mit ſchreck⸗ lichem Morden; die, welche dem Schwert entgingen, ka⸗ men im Strome um. Der Fluß ſtauchte ſich von den Leichen von Mann und Roß, und von dem zerſtreuten Gepäcke des Heers. In dieſem Auftritt des ſchreckbaren Mordens ſiel Boab⸗ dil, mit Recht El Zogoybi oder der Unglückliche ge⸗ nannt;«ein Beiſpiel, ſagt der alte Chroniſt,«von der ſtrengen Laune des Geſchicks. Da er in der Vertheidi⸗ — 336— Muth gebrochen, in Vertheidigang ſeines eignen zu ſterben.» Das Bildniß Boabdil's El Chico iſt in der Gemaͤl⸗ deſammlung von Generalife zu ſehen. Er iſt dargeſtellt mit einem milden, ſchönen Antlitz, einer hübſchen Ge⸗ ſtalt und mit blondem Haar. Seine Kleidung beſteht aus gelbem Brocad mit ſchwarzem Sammt beſetzt, auch trägt er eine ſchwarze Sammtmütze, mit einer Krone oben. In der Waffenſammlung von Madrid ſind zwei Waffenrüſtungen, die, wie man ſagt, ihm angehört ba⸗ ben; eine darunter von bloſem Stahl, mit ſehr wenig Verzierung und die Sturmhaube verſchloſſen. Nach den Verhältniſſen dieſer Waffenanzüge zu ſchließen, muß er von hohem Wuchs und kräftigem Bau geweſen ſeyn. Der Tod des Marquis von Cadix. Der berühmte Roderigo Ponce de Leon, Marquis und Herzog von Cadix war unſtreitig durch ſeinen Eifer, ſeinen Unternehmungsgeiſt und Heldenmuth während des großen Kreuzzugs gegen Granada der ausgezeichnetſte unter den Spaniſchen Rittern. Er begann den Krieg durch die Einnahme von Alhama; er war ſaſt bei jedem Einfall, bei jeder Belagerung von einiger Wichtigkeit wähfend der ganzen Dauer des Streits beſchäͤftigt; und 2 —— 337— befand ſich auch bei der Uebergabe der Hauptſtadt, wel⸗ ches die Schlußſcene der ganzen Eroberung war. Der Ruhm, den er dadurch gewann, ward durch ſei⸗ nen Tod in dem acht und vierzigſten Jahre ſeines Alters beſiegelt. Er ſtarb faſt unmittelbar nach dem Schluß ſeiner Triumphe, und ehe noch ein Blatt von ſeinen Lorbeern Zeit gehabt zu verwelken. Er ſtarb in ſeinem Pallaſt in der Stadt Sevilla am ſieben und zwanzigſten Auguſt 1492, nur wenige Monate nach Granada's Uebergabe, an einer Krankheit, welche die Folge war von den Au⸗ ſtrengungen und Gefahren, denen er ſich in dieſem tha⸗ tenreichen Krieg ausgeſetzt hatte. Jener ehrliche Chroniſt, Andres Bernaldes, der Auf⸗ ſehe: der Palläſte, welcher ein Zeitgenoſſe des Marquis war, entwirft uns nach ſeiner perſönlichen Bekannt⸗ ſchaft mit ihm und nach den Beobachtungen, die ihm ſeine Lage zu machen geſtattete, ein treues Bild von ihm. aDer Marquis,» ſagte er, awurde allgemein als das vollkommenſte Muſter ritterlicher Eigenſchaften in jener Zeit angeführt. Er war beſonnen, rein und ſtreng an⸗ dächtig, ein liebevoller Befehlshaber, ein kräftiger Ver⸗ theidiger ſeiner Vaſallen, und großer Freund der Gerech⸗ tigkeit und ein Feind aller Schmeichler, Lügner, Räuber, Varräther und Feigherzigen. Sein Ehrgeiz war hoher Art, er ſuchte ſich und ſeine Familie durch heldenmüthige und weithin berühmte Thaten auszuzeichnen und das Erbe ſeiner Vorfahren durch den Erwerb von Feſten, Irving's Granada. 4— 6. 22 3 6 8 — 338— Domänen, Vaſallen und andern fürſtlichen Beſltzunger. zu vermehren.» aSeine-⸗Vergnügungen waren alle kriegeriſcher Art; er ergötzte ſich an der Meßkunſt, in ſo fern ſie auf Be⸗ feſtigungen angewandt wird, und verwandte viel Zeit und Geld auf Errichtung und Ausbeſſerung von Feſten. Er liebte Muſik, aber die militäriſche, den Klang des Kla⸗ rin und der Poſaune, der Trommel und Trompete.» „Als ein ächter Ritter war er Beſchützer des ſchönen Geſchlechts bei allen Gelegenheiten, und bedrängte Frauen wandten ſich nie vergebens um Hülfe an ihn. Seine Tapferkeit und ſein höfliches Benehmen gegen die Schö⸗ nen war ſo allgemein bekannt, daß die Damen vom Hof, wenn ſie die Königin in die Kriege begleiteten, ſich im⸗ mer freuten, unter ſeinem Schutz zu ſtehen, denn wo immer ſein Banner ſich entſaltete, fürchteten die Mauren u nahen.⸗ Er war ein treuer, ergebener Frennd, aber ein furcht⸗ barer Feind, er war langſam im Vergeben und ſeine Rache war ausdauernd und ſchrecklich.» Der Tod dieſes tapfern Ritters verbreitete Trauer und Klage durch alle Volksklaſſen; denn er war allge⸗ mein geehrt und beliebt. Seine Bekannten, ſein Gefolge und ſeine Waffengefährten legten wegen ſeines Verluſtes Trauer an, und ihre Anzahl war ſo groß, daß halb Se⸗ villa in Schwarz gekleidet ging. Doch beweinte niemand ſeinen Tod mehr und aufrichtiger als ſein Freund und liebſter Gefährte Don Alonzo de Aguilar. 8 Das Leichengepraͤnge war von der feierlichſten und brächtigſten Art. Die Leiche des Marquis wurde in ein koſtbares Gewand, in eine Jacke von Brocad, in ein Sayo oder langes Obergewand von ſchwarzem Sammt, in eine Marlota oder Mauriſches Kleid von Broead, das bis auf die Füße reichte, und in Scharlachſtrümpfe ge⸗ kleidet. Sein prächtig vergoldetes Schwert war ihm um die Lenden gegürtet, ſo wie er es zu tragen pflegte, wenn er im Feld war. Der herrlich aufgeputzte Leichnam wurde in einen Sarg eingeſchloſſen, welcher mit ſchwarzem Sammt bedeckt, und mit einem Kreuz von weißem Da⸗ maſt verziert war. Er ward alsdann mitten in der gro⸗ Hen Halle des Pallaſtes auf eine prachtvolle Bahre geſetzt. Hier üͤberließ ſich die Herzogin lauten Klagen über dem Leichnam ihres Herrn und Gemahls, in welche ihr Gefolge von Damen und Begleiterinnen ſowohl, ats auch thre Pagen und Bereiter und die zahlloſen Lehusleute des Marquis miteinſtimmten. Bei'm Herannahen des Abends, gerade vor dem Ave Maria ging der Leichenzug aus dem Pallaſte aus. Zehn Banner wurden um die Bahre herum getragen, beſon⸗ dere Trophäen des Marquis, die er den Mauren in ei⸗ genen Unternehmungen durch ſeine Tapſerkeit abgenom⸗ men hatte, ehe noch König Ferdinand den Krieg um Granada begonnen. Der Zug ward durch eine unendliche Menge von Biſchöfen, Prieſtern und Mönchen von verſchiednen Or⸗ den, ſowie auch von den Civil⸗ und Militärbehörden und 4 22* — 340— der ganzen Ritterſchaft von Sevilla vergrößert. An ih⸗ rer Spitze ging der Graf von Cifuentes, damals Inten⸗ dant oder Befehlshaber der Stadt. Dieß Gefolge be⸗ wegte ſich langſam und ſeierlich durch die Straßen, und hielt öfters ſtill und ſang Litaneien und Zwiegeſänge. Zweihundert und vierzig Wachskerzen verbreiteten eine Helle gleich dem Tageslicht um die Bahre. Die Söller und Fenſter waren mit Damen erfüllt, welche Thränen vergoſſen, als das Leichengepränge vorüberging; während die Weiber der niedern Klaſſen ſehr laut waren in ihren Klagen, als beweinten ſie den Verluſt eines Vaters oder Bruders,. Als man ſich dem Kloſter des h. Auguſtin näherte, kamen die Mönche mit dem Kreuz und mit Kerzen und acht Rauchfäͤſſern heraus, und geleiteten die Leiche in die Kirche, wo ſie in vollem Staate blieb, bis alle die Vigilien von den verſchiednen Orden verrichtet waren, worauf ſie dann in die Familiengruft der Ponce in eben jener Kirche gebracht ward, und die zehen Fahnen aber das Grabmahl aufgehängt wurden. Sein Grab mit den Bannern, die über ihm moder⸗ ten, beſtand viele Zeitalter hindurch, ein Gegenſtand der Verehrung fuür alle, welche von ſeinen Tugenden und Kriegsthaten laſen oder hörten. Im Jahr 1810 aber wurde die Kapelle von den Franzoſen zerſtört, ihre Al⸗ täre umgeworfen und die Leichenmahle der Familie der Ponce in Stücken zerſchlagen. Die jetzige Herzogin von Benavente, der würdige 2 — 341— Sprößling aus dieſer verherrlichten Heldenlinie, hat ſeit⸗ dem die Aſche ihrer Vorfahren fromm geſammelt, den Altar wieder hergeſtellt, und die Kapelle ausgebeſſert. Die Graͤber jedoch waren ganz und gar zerſtört worden, und eine Inſchrift mit goldnen Buchſtaben an der Mauer der Kapelle, rechts von dem Altar, iſt jetzt alles, was die Stelle bezeichnet, wo der tapfre Roderigo Ponce de Leon ruht.. Die Sage von dem Tode Don Alonzo's de 4 Aguilar. 3 1 Denen, welche einiges Intereſſe an den Schickſalen des tapfern Don Alonzo de Aguilar, des erprobten Freundes und Waffengefährten Ponce's de Leon, Marquis von Ca⸗ dir und eines der ausgezeichnetſten Helden des Kriegs von Granada nehmen, denen werden einige beſondre Nachrichten von ſeinem merkwürdigen Geſchicke nicht un⸗ villkommen ſeyn. Sie finden ſich unter den Handſchrif⸗ a des würdigen Paters Bruder Antonio Agapida, und ſcheinen ſeiner Chronik angehängt geweſen zu ſeyn. nada blieb das Land wie im Fieber und unruhig. Die eifrigen Bemühungen der katholiſchen Geiſtlichkeit, die Mehrere Jahre noch nach der Eroberung von Gra⸗ — 32— Bekehrung der Ungläubigen herbeizuführen, und der fromme Zwang, der zu dem Ende von der Regierung angewandt ward, erbitterten die halsſtarrigen Mauren auf den Gebirgen. Viele eifrige Miſſionäre wurden mißhandelt, und in der Stadt Dayrie ihrer zwei ſogar ergriſſen und unter vielen Drohungen ermahnt, den Moſlemitiſchen Glauben anzunehmen. Auf ihre ſtandhafte Weigerung wurden ſte mit Knitteln und Steinen von den Mauriſchen Weibern und Kindern getödtet und ihre Leichname verbrannt. Dieſer Vorfälle wegen ſammelte ſich eine Schaar chriſtlicher Ritter in Andaluſten, an der Zahl achthun⸗ dert, und rächten, ohne die Befehle ihres Königs abzu⸗ warten, den Tod dieſer Märtyrer durch Plünderung und Verwüſtung der Mauriſchen Städte und Dörfer. Die Mauren flohen in die Gebirge und viele aus ihrem Volke, welche dieſe rauhen Gegenden bewohnten, nahmen ſich ihrer Sache an. Das Unwetter der Empörung begann ſich anzuhäufen, und ſeine Donner in den Alpurarra ver⸗ nehmen zu laſſen. Sie hallten wider in der Serrania von Ronda, welche immer zur Empörung reif war, aber den feſteſten Halt fanden die Aufrührer in der Sierra Vermeja oder der Kette von rother Gebirgen, welch. nahe an der See ſich hindehnen, und deren wilde Felles⸗ und Abhänge von Gibraltar aus ſichtbar ſind. Als König Ferdinand von dieſen Unruhen hörte, er⸗ ließ er eine Proklamation, worin er allen Mauren ge⸗ bot, binnen zehen Tagen dieſe aufrühreriſchen Gegenden 3 — 343— zu verlaſſen und ſich nach Caſtilien zu begeben; doch gab er geheime Verhaltungsbefehle, wonach man die, welche freiwillig das Chriſtenthum annehmen würden, dort woh⸗ nen laſſen ſollte. Zu gleicher Zeit beorderte er Don Alonzo de Aguilar und die Graſen Urena und Cifuentes gegen dieſe Empörer. Don Alonzo de Agnilar war zu Cordova, als er des Koͤnigs Befehle erhielt.«Wie ſtark iſt die uns zu die⸗ ſer Unternehmung angewieſene Streitmacht?» fragte er. Als man es ihm beantwortete, bemerkte er, daß die An⸗ zahl der Truppen noch weit unter der Anzahl der Feinde war. Wenn jemand geſtorben iſt„» ſprach er, ſchicken wir vier Mann in ſein Haus, die Leiche herauszuholen. Wir werden jetzt geſchickt, jene Mauren zu züchtigen, welche lebendig, kräftig, in offnem Aufſtand und in ihre Feſten verſteckt ſind, und doch geben ſie uns nicht ein⸗ mal Mann gegen Mann.“»— Dieſe Worte des tapfern Alonzo de Aguilar wurden ſpäter oft angeführt, aber ob er gleich die verzweifelte Beſchaffenheit ſeiner Unternehmung gewahrte, zögerte er doch nicht, ſich ihr zu unterziehn. Don Alonzo war zur damaligen Zeit in dem ein und fünfzigſten Jahr ſeines Alters. Er war ein im Krieg ergranter Soldat, in welchem das Feuer der Jugend noch nicht erloſchen, obgleich durch Erfahrung gemäßigt war. Der größre Theil ſeines Lebens war ihm im La⸗ ger und Feld vorübergegangen, bis die Gefahr gleichſam zu ſeinem natürlichen Element geworden. Sein Muſkel⸗ — 344— bau hatte die Zeſtigkeit des Eiſens ohne die Starrheit des Alters erlangt. Seine Rüſtung, ſeine Waffen ſchie⸗ nen ein Theil ſeines Leibes auszumachen, und er ſaß gleich einem Manune von Stahl auf ſeinem mächtigen Streitroß. Er nahm auf dieſen Zug ſeinen Sohn Don Pedro de Cordova mit ſich, einen Jüngling von kühnem, edlen Geiſte, in der Friſche ſeiner Tage, und bewaffnet und gerüſtet mit aller Tapferkeit eines jungen Spaniſchen Ritters. 3 Als das Volk von Cordova den greiſen Vater, den Krieger von tauſend Schlachten ſeinen jugendlichen Sohn hinaus in das Feld führen ſah, da erinnerte es ſich der Familienbenennung*).«Seht,p ſchrie'n alle, aden Ad⸗ ler, wie er ſein Junges fliegen lehrt! Langes Leben der kräftigen Linie der Aguilar!⸗ 1 3 Die Tapferkeit Don Alonzo's und ſeiner Waffenge⸗ fährten war durch alle Mauriſche Städte berühmt. Bei ihrer Annäherung unterwarf ſich daher ein großer Theil der Mauren und eilte nach Ronda, das Chriſtenthum anzunehmen.— Unter den Bergwohnern aber befanden ſich auch viele von den Gandulen, einem wilden Afrikaniſchen Stamm, die zu ſtolzen Muthes waren, um ihren Nacken dem Joche zu beugen. An ihrer Spitze ſtand ein Manre, — 3 *) Aguilar, das ſpaniſche Wort für aldler. 1 — 345— Namens El Feri von Ben Eſtepar, weithin berühmt durch ſeine Starke und ſeinen Muth. Auf ſein Betrieb brachte ſein Gefolge ihre Familien und koſtbarſten Hab⸗ ſeligkeiten zuſammen, ſetzten ſie auf Maulthiere, und ver⸗ ließen, ihre Schafe und Viehheerden vor ſich hertreibend, ihre Thäler, und zogen ſich in die zackigen Bergpäſſe der Sierra Vermeja zurück.— Auf der Höhe dieſer Gebirge war eine fruchtbare Ebene, von Felſen und Abhängen umgeben, welche eine natürliche Feſte bildeten. Hier brachte El Feri alle Wei⸗ ber und Kinder und alle Habſeligkeiten hin. Auf ſeinen Befehl häuften ſeine Anhaͤnger große Steine auf die Fel⸗ ſen und Klippen auf, welche die Bergengen und Päſſe und die ſteile Seite des Gebirgs beherrſchten, und ſchick⸗ ten ſich an, jeden Hohlweg zu vertheidigen, der zu ih⸗ rem Zufluchtsort führte. 3 Die chriſtlichen Befehlshaber kamen an, und ſchlugen ihr Lager vor der Stadt Monardo auf, welches ein un⸗ zugänglicher, ſeltſam befeſtigter Platz war, und am Fuße des höchſten Theils der Sierra Vermeja lag. Hier blie⸗ ben ſie mehrere Tage lang und waren nicht im Stande eine Uebergabe zu erzwingen. Sie wurden durch eine tiefe Barranka oder Schlucht von dem Fuße des Gebirgs getrennt, und in dieſer Schlucht floß ein kleiner Bach. Die Mauren, von El Feri befehligt, kamen von ihrer Berghöhe herunter, und ſtellten ſich an der entgegenge⸗ ſetzten Seite des Baches auf, um einen Paß zu verthei⸗ digen, welcher hinauf zu ihrem Bollwerk führte. — 346— Eines Nachmittags ergriff eine Anzahl chriſtlicher Sot⸗ daten, blos um ihren Muth zu zeigen, ein Banner, ſchritt über das Waſſer, klomm dem entgegengeſetzten Uſer hin⸗ auf, und machte einen Anfall auf die Mauren. Ihnen folgten viele von ihren Waffengefährten, theils um ſie zu unterſtützen, theils aus Nacheiferung, die meiſten aber in der Hoffnung auf Beute. 3 Ein hitziges Gefecht entſpann ſich auf der Firſte des Bergs. Die Mauren waren an Anzahl weit überlegen, und hatten den Vortheil des Bodens für ſich. Als die Grafen von Urena und Cifuentes das Scharmützel wahr⸗ nahmen, fragten ſie Don Alonzo de Aguilar um ſeine Meinung. „Meine Meinung,» ſagte er,«hab' ich ſchon zu Cor⸗ dova abgegeben, und ſie bleibt auch jetzt noch dieſelbe. Es iſt dieß eine verzweifelte Unternehmung; indeß die Mauren ſind uſſs nahe, und wenn ſie an uns Schwaͤche bemerken, wird dieß nur ihren Muth und unſere Gefahr erhöhen. Vorwärts alſo zum Angriff, ich vertraue zu Gott, wir werden einen Sieg davontragen. So ſa⸗ gend führte er ſeine Streitkräfte in die Schlacht. Am Fuße des Gebirgs waren mehrere ebene Stellen, gleich Terraſſen. Hier bedrängten die Chriſten kraͤftig die Mauren, und hatten den. Vortheil, aber dieſe zogen ſich auf die ſteilen, zackigen Höhen zuruͤck, von wo ſte Speere und Felſen auf die Angreifer herabſchoſſen. Sie vertheidigten ihre Bergengen und Schluchten mit wilder Tapferkeit, aber ſte wurden von Höhe zu Höhe getrieben, bis ſle die Ebene erreichten, welche ſich auf dem Gipfel des Gebirgs befand, und wo ſie ihre Weiber und Kin⸗ der geborgen hatten. Hier würden ſie Halt gemacht haben, aber Alonzo de Aguilar und ſein Sohn Don Pedro griffen ſie an der Spitze von dreihnndert Mann heftig an, und ſchlugen ſie mit furchtbarem Verluſte in die Flucht. Während ſie den fliehenden Feind verfolgten, zerſtreute ſich der uͤbrige Theil des Heers, in der Meinung, der Sieg ſey ent⸗ ſchieden, über die kleine Ebene hin, und ſuchte nach Beute. Sie verfolgten die jammernden Frauen, riſſen ihnen die Halsketten, die Armſpangen und goldnen Reife ab, und fanden ſo große Schätze mancherlei Art auf dieſe Stelle zuſammengetragen, daß ſie ihre Rüſtungen und Waffen wegwarfen, um ſich nur mit ihrer Beute zu beladen. Der Abend brach herein; die Chriſten, auf den Ranb bedacht, hatten in ihrer Verfolgung gegen die Mauren abgelaſſen, und dieſe wurden durch das Geſchrei ihrer Weiber und Kinder auf ihrer Flucht zum Stehen bewo⸗ gen. Ihr ſtolzer Anfuͤhrer, El Feri, warf ſich ihnen in den Weg.„Freunde, Soldaten,» rief er,«wohin flieht ihr? wo köͤnnt ihr eine Zuflucht aufſuchen, wohin der Feind euch nicht folgen möchte? Eure Weiber, eure Kin⸗ der ſind hinter euch; wendet um, vertheidigt ſie; ihr habt keine Ausſicht auf Rettung als durch die Waffen, die ihr in eurer Hand führt.» Die Mauren wandten auf ſeine Worts um. Sie ſa⸗ — 348— hen die Chriſten auf der Ebene herum zerſtreut, viele von ihnen ohne Rüſtung und alle beladen mit Raub. „Nun iſt's Zeit,» rief El Feri; afallt über ſie her, während ſte mit eurem Raube beladen ſind. Ich will euch eine Gaſſe öffnen!.) Er ſtürzte zum Angriff heran; die Mauren mit Lärm und Geſchrei, das durch die Berge widerhallte, ihm nach. Die zerſtreuten Chriſten wurden von einem paniſchen Schrecken ergriffen, und begannen, ihre Beute wegwer⸗ fend, nach allen Richtungen hin zu fliehen. Don Alonzo de Aguilar ließ ſein Banner vortragen, und mühte ſich ſie zuſammenzuhalten. Da er ſein Roß auf dieſen felſigen Höhen hinderlich und unnütz fand, ſtieg er ab, und hieß ſeine Leute daſſelbe thun. Er hatte ei⸗ nen kleinen Haufen erprobter Begleiter um ſich, mit de⸗ nen er den Mauren kühn die Stirne bot, und immer dabei den zerſtreuten Truppen zurief, ſich hinter ſeinem Rücken zu ſammeln. Die Nacht war vollſtändig herangekommen. Sie hin⸗ derte die Mauren, die⸗ geringe Anzahl der Streitkraͤfte zu bemerken, mit welchen ſie ſtritten, und Don Alonzo und ſeine Ritter theilten ihre Streiche ſo kräftig aus, daß, von der Dunkelheit unterſtützt, ſie ſich zu zehnmal größrer Menge zu vervielfältigen ſchienen. Unglücklicher Weiſe fuhr eine kleine Pulverkiſte nahe bei der Scene des Kampfs in die Luft. Sie verbreitete ein augenblickliches aber glänzendes Licht über die ganze Ebene, über jeden Felſen, jede Bergzacke. Die Mauren — 349— gewahrten mit Erſtaunen, daß ihnen nur eine Handvoll Feinde gegenüberſtanden, und daß der groͤßere Theil der Chriſten von dem Wahlfeld floh. Sie ſtießen lautes Trinmphgeſchrei aus. Während einige mit verdoppelter Kraft den Kampf fortſetzten, verfolgten andere die Flüchtlinge, wälzten Steine, ſchleuderten Wurfſpieße hinter ihnen her, und ſchoſſen Schauer von Pfeilen ab. Viele der Chriſten ſtuͤrzten ſich in ihrem Schrecken, in ihrer Unbekanntſchaft mit den Gebirgen kopfüber vom Rand der Abhänge hinab, und zerſchlugen in Stücken. Don Alonzo de Aguilar behanptete noch ſeine Stel⸗ lung; aber während ein Theil der Mauren ihn im An⸗ geſicht angriffen, beläſtigten ihn andere mit allen Arten von Geſchoſſen von den herüͤberhängenden Bergzacken herab. Einige der Ritter⸗ ſchlugen bei'm Anblick des hoff⸗ nungsloſen Kampfes vor, die Höhe zu verlaſſen und ſich dem Berg abwärts zurückzuziehn. «Nein,» ſagte Don Alonzo ſtolz,«nie zog das Ban⸗ ner des Hauſes Aguilar einen Fußbreit ſich zurück von dem Felde des Schlachtraums!»— Er hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als ſein Sohn Don Pedro zu ſeinen Füßen hingeſtreckt ward. Ein Stein, von einer Bergſpitze herabgeworfen, hatte ihm zwei Zaͤhne ausgeſchlagen, und eine Lanze war ihm fau⸗ ßend und zitternd durch den Schenkel gedrungen. Der Jüng⸗ ling verſuchte ſich zu erheben, und mit einem Knie auf dem Boden an der Seite ſeines Vaters zu fechten, der ſelbſt — 350— auch verwundet war, und in ihn drang, das Wahlfeld zu verlaſſen. „Flieh', mein Sohn,» ſagte Don Alonzo. Laß uns nicht alles einem Zufall, einem Spiel des Glücks anheimſtellen; benimm dich als ein guter Chriſt und lebe zum Troſt und zur Ehre deiner Mutter.⸗ Don Pedro weigerte ſich noch, ihn zu verkaſſen; wor⸗ auf Don Alonzo einigen von ſeinem Gefolge befahl, ihn unt Gewalt wegzubringen. Sein Freund, Don Fran⸗ ciſco Alvarez von Cordova, nahm ihn in ſeine Arme, und brachte ihn zu den Zelten des Grafen von Urena, der auf den Höhen Halt gemacht hatte, und in einiger Entfernung von dem Schlachtfeld die Flüchtlinge ſammelte und ſchützte. Faſt zu gleicher Zeit ſah der Graf ſeinen eignen Sohn Don Pedro Giron, gräßlich verwundet ein⸗ bringen. Mittlerweile ſetzte Don Alonzo mit ſeinen zweihun⸗ dert Rittern den ungleichen Kampf fort. Von Feinden umringt, fielen ſie einer nach dem andern, gleich edlen Hirſchen, die von Jägern umzingelt worden. Don Alonzo war der bis zuletzt Ueberlebende. Er war ohne Pferd, und faſt ohne Rüſtung; ſein Bruſtſtück war aufgeriſſen, umd ſein Bufen voll klaffender Wunden. Dennoch bot er immer noch dem Feinde tapfer die Spitze, und verthei⸗ digte ſich, zwiſchen zwei Felſen zurückgezogen, mit ſolcher Tapferkeit, daß die Erſchlagenen in Haufen vor ihm lagen. Er wurde in dieſem Zufluchtsort von einem Mauren von übermäßiger Stärke und Wildheit angegriffen. Der — 351— Kampf war für einige Zeit zweifelhaft, aber Don Atonzo empfing eine Wunde an dem Haupt und eine andere auf die Bruſt, die ihn wanken machte, Er ergriff, er klam⸗ merte ſich an ſeinen Feind; es entſtand ein tödliches Rin⸗ gen, bis der chriſtliche Ritter, von ſeinen Wunden er⸗ ſchöpft, auf den Rücken ſiel. Doch hielt er immer noch ſeinen Feind mit ſtarker Fauſt. „Denk' nicht,» ſagte er, a du habeſt einen leichten Fang; wiſſe, daß ich Don Alonzo, der von Aguilar bin!l⸗ „Wenn du Don Alonzo biſt,» entgegnete der Maure, eſo wiſſe, daß ich El Feri von Beu Eſtepar heiße!» Sie ſetzten ihr verzweifeltes Ningen fort und beide zo⸗ gen die Dolche; aber Don Alonzo war durch ſieben klaf⸗ fende Wunden erſchöpft. Während er noch rang, verließ ſeine Heldeuſeele den Leib, und er ſtarb unter den Haͤn⸗ den des Mauren. So ſiel Alonzo de Aguilar, der Spiegel der Andalu⸗ Fſchen Ritterſchaft; einer der mächtigſten Granden Spo⸗ niens, durch ſeine Perſon, ſeine Abkunft, ſeine Beſitzun⸗ gen und feine Würden. Vierzig Jahre kang hatte er er⸗ folgreiche Kriege gegen die Mauren geführt, in ſeiner Kindheit durch ſeinen Anhang und ſein Gefolge, in ſei⸗ uem männlichen Alter durch die Tapferkeit ſeines Arms und die Weisheit und Kraft ſeines Geiſtes. Sein Ban⸗ ner war immer voran geweſen in jeder Gefahr, er hatte als General an der Spitze von Armee'n geſtanden, und war Vicekönig von Andaluſten und Betreiber vieler glor⸗ reichen Unternehmungen geweſen, worin Köünige beſtegt — — 352— und mächtige Alcayden und Krieger zerſchlagen wurden. Er hatte mit eigner Hand viele Moſlemitiſche Häuptlinge getödet, und unter andern den berühmten Ali Atar von Lora, als ſte beide, Mann gegen Mann, an den Ufern des Penil fochten. Seine Urtheilskraft, Beſonnenheit, Groß⸗ muth und Gerechtigkeit kamen ſeiner Tapferkeit gleich; er war der fünfte Held aus ſeinem kriegeriſchen Hauſe, der in dem Kampfe mit den Mauren fiel. «Seine Seele,» bemerkt Pater Abarca,«ſtieg, wie man glauben muß, gen Himmel, die Belohnung eines ſo chriſtlichen Hauptmanns zu empfangen; denn eben an je⸗ nem Tage hatte er ſich mit den Sakramenten der Beichte und Communion bewaffnet.) Die Mauren, ſtolz auf ihren Erfolg, verfolgten die flüchtigen Chriſten den Engyäſſen und Bergwänden hinab. Mit der äuſſerſten Noth kounte der Graf von Urena ei⸗ nen Reſt ſeiner Streitkräfte aus dieſer unſeligen Höhe herauswinden. Zum Glück trafen ſie auf der niederen Abdachung des Gebirgs die Nachhuth des Heers, welches von dem Grafen de Cifuentes angeführt ward, der den Bach überſchritten und ſich durch die Schlucht gewagt hatte, zu ihrem Beiſtand herbeizueilen. Als die Geſchlagenen flüchtig in wirrer Furcht den Berg herabkamen, hatte der Graf alle Mühe, ſeine eig⸗ nen Truppen vor einem paniſchen Schrecken zu bewahren. und ſie abzuhalten, ſich in Verwirrung über den Bach zurückzuziehn. Doch gelang es ihm, Ordnung zu erhal⸗ ten, die Fliebenden zu ſammeln und der Wuth der Mau⸗ * — ꝗ ꝗᷣMůwohn—— — ———— — 353— ren einen Damm entgegenzuſetzen. Alsdaun nahm er ſeine Stellung auf einer felſigen Anhöhe, und behauptete ſeinen Poſten bis zum Morgen, manchmal heftige Anfälle zurückſchlagend, dann ſelbſt wieder vorrückend und den Feind angreifend. Als der Morgen dämmerte, ließen die Mauren vom Kampfe ab, und zogen ſich dem Gebirg hinauf. Da erſt konnten die Chriſten Athem ſchöpfen und ſich über den traurigen Verluſt Gewißheit verſchaffen, der ſie betroffen hatte. Unter den vielen tapfern Rittern, welche gefallen waren, befand ſich auch Don Franciſeo Ramirez von Madrid, welcher Oberbefehlshaber von dem Geſchütz während des ganzen Kriegs von Granada geweſen war, und durch ſeine Tapferkeit und Geſchicklichkeit ſehr viel zu jener merkwürdigen Eroberung beigetragen hatte. Aber alle andere Noth, alle andere Sorgen wurden über der Angſt wegen Don Alonzo de Aguilar's Schick⸗ ſal vergeſſen. Sein Sohn Don Pedro de Cordova war mit vielen Beſchwerden aus der Schlacht gerettet worden, und lebte ſpäterhin unter dem Namen Marquis von Priego; aber von Don Alonzo war nichts bekannt, auſ⸗ ſer daß er mit einer Handvoll Ritter zurückgelaſſen worden, immer noch im Kampf mit einer überwältigenden feind⸗ lichen Streitmacht. Als die aufgehende Sonne auf die rothen Zacken der Gebirge ſchien, ſpähten die Soldaten mit ängſtlichen Blicken umher, ob ſie vielleicht ſein Banner von einem Abhange oder einem Bergpaß her flattern ſehen möchten, Irving's Granada. 4— 6.. 23 — 354— aber nichts der Art war zu erblicken. In die Trompete ward zu wiederholten Malen geſtoßen, aber leerer Wider⸗ hall allein antwortete. Es herrſchte eine Stille um die Berggipfel, welche zeigte, daß das tödliche Ringen vor⸗ uͤber ſey. Dann und wann kam ein verwundeter Krie⸗ ger und zog ſeine ſchwachen Schritte über Felszacken und Felſen hin, aber wenn man ihn fragte, ſchüttelte er trau⸗ ernd mit dem Kopf, und vermochte nichts zu ſagen von dem Schickſal ſeines Befehlshabers. Die Kunde von dieſer unſeligen Niederlage und dem gefaͤhrlichen Zuſtande der Ueberlebenden erreichte König Ferdinand zu Granada. Er zog alsbald an der Spitze der ganzen Ritterſchaft ſeines Hofes auf die Gebirge von Ronda zu. Seine Gegenwart mit einer ſtarken Streit⸗ macht ſetzte bald der Empörung ein Ziel. Einem Theil der Mauxen ward vergönnt, ſich loszukaufen und nach Afrika überzuſchiffen; andere bewog man das Chriſten⸗ thum anzunehmen, und die Einwohner der Stadt, wo die chriſtlichen Miſſionäre erſchlagen worden, wurden als Sklaven verkauft. Von den beſiegten Mauren erhielt man ſichere Kunde über das traurige, aber heldenmüthige Ende Don Alon⸗ zo's de Aguilar. Am Morgen nach der Schlacht, als die Mauren herankamen, die Toden zu plündern und zu begraben, ward die Leiche Don Alonzo's unter denen von mehr als zweihundert andern ſeines Geſolges gefun⸗ den, unter welchen viele Alcayden und Nitter von Aus⸗ eichnung waren. Obgleich das Aeuſſere Don Alonzo's 6 3 — 355— den Mauren wohl bekannt war, da er ſich unter ihnen im Krieg und Frieden ſo ſehr ausgezeichnet hatte, war er doch von ſeinen Wunden ſo bedeckt und entſtellt, daß er nur mit vielen Schwierigkeiten von ihnen erkannt wer⸗ den konnte. Sie hoben die Leiche ſorgſam auf, und uͤber⸗ lieferten ſie, als ſie ſich unterwarfen, dem Könige Ferdi⸗ nand. Sie ward unter vielen Thränen und Klagen von ganz Andaluſien mit großem Pomp nach Cordova ge⸗ bracht. Als der Leichenzug in Cordova eintrat, und die Ein⸗ wohner den Sarg ſahen, welcher die Ueberreſte ihres Lieb⸗ lingshelden enthielt, als ſie das Schlachtroß erſchauten, das in der Traueraufzäumung dahin geführt ward, und auf welchem ſie ihn eben noch aus ihren Thoren ausziehn geſehen, da brach die ganze Stadt in ein allgemeines Klaggeſchrei und Jammern aus. Der Leichnam wurde in großer Pracht und mit aller Feierlichkeit in der Kirche des h. Hypolit beigeſetzt. Viele Jahre nachher ließ ſeine Enkelin, Donna Catalina von Aguilar und Cordova, Markgräfin von Priego, ſein Grabmahl verändern. Als man den Leichnam unterſuchte, fand ſich die Spitze einer Lanze mitten unter den Gebeinen. Er hatte ſie ohne Zweifel mit einer der verſchiednen Wunden in ſeinem letz⸗ ten Todeskampfe bekommen. Der Name dieſes vollkommnen, chriſtlichen Ritters iſt immer ein Lieblingsgegenſtand des Chroniſten und Dich⸗ ters geblieben, und dem Andenken des Volks durch viele hiſtoriſche Balladen und paterländiſche Geſänge lieb 23 — 356— und werth. Lange Zeit noch war das Volk von Cordova über den tapfern Grafen de Urena unwillig, der, wie ſie meinten, Don Alonzo in ſeiner Noth verlaſſen hatte; aber der Caſtiliſche König ſprach ihn von jeder Anklage der Art frei, und behielt ihn immer in Amt und Ehre. Es wurde bewieſen, daß weder er noch ſein Volk Don Alonzo unterſtützen, oder auch nur wegen der dunkeln Nacht etwas von ſeiner Gefahr wiſſen konnte. Es gibt noch eine kleine Spaniſche Trauerballade oder Romanze, welche die allgemeine Betrübniß bei dieſer Ge⸗ legenheit athmet, und als der Graf von Urena nach Cor⸗ dova zurückkehrte, verfolgte ihn das Volk mit einem der klagenden, vorwurfsvollen Verſen dieſes Liedes: Sag uns Graf, o Graf Urena, Sag uns, wo blieb Don Alonzo? (Decid Conde de Urena Don Alonzo donde queda.) Anmerkung. An mehreren Stellen iſt der Titel des Spaniſchen Ge⸗ ſchichtsſchreibers Andres Bernaldes oder Bernal, Cura de los Palacios irrthümlich mit Aufſeher der Palläſte überſetzt, was aber Pfarrer von Los Pallacios heißen muß.. d. U. — aInhal t. . Erſtes Kapitel. Wie König Ferdinand Velez Malaga belagerte..... Zweites Kapitel. Wie König Ferdinand und ſein Heer ſich großer Gefahr vor Velez Malaga ausſetzten........ Drittes Kapitel. Folgen des Verſuchs El Za⸗ gal's, den König Ferdinand zu überfallen. Viertes Kapitel. Wie das Volk in Granada die Tapferkeit El Zagal's belohnte.. Fünftes Kapitel. Uebergabe von Velez Ma⸗ laga und von anderen Orten... Sechſtes Kapitel. Von der Stadt Malaga und ihren Bewohnern..... Siebentes Kapitel. Zug König Ferdinands gegen Malaga.„..... Achtes Kapitel. Belagerung Malagg's.. Neuntes Kapitel. Kortſetzung der Belagerung Malaga's. Hartnäckiger Widerſtand Hamet El Zegri. 4...... Zehntes Kapitel. Angriff des Marquis von Cadix auf Gibralfard..... Eilftes Kapitel. Fortſetzung der Belagerung Malaga's. Kriegsliſten verſchiedner Art.. Zwölftes Kapitel. Leiden der Einwohner von Malaga....... Dreizehntes Kapitel. Wie ein Mauriſcher Santon die Stadt Malaga aus der Gewalt ih⸗ rer Feinde zu befreien unternahm„ Vierzehntes Kapitel. Wie Hamet El Zegri. in ſeinem hartnäckigen Widerſtand durch die Künſte eines Mauriſchen Sterndeuters beſtärkt wir.... Fünfzehntes Kapitel. Fortſetzung der Bela⸗ gerung Malagas. Zerſtörung eines Thurms durch Franciſco Ramirez de Madrid.... Sechszehntes Kapitel. Wie das Volk von Malaga Hamet El Zegri Vorſtellungen machte Siebenzehutes Kapitel. Wie Hamet El Zegri mit dem heiligen Banner einen Ausfall machte, das chriſtliche Lager anzugreifen... Achrzehntes Kapitel. Wie ſich die Stadt Malagg übergab..... Neunzehntes Kapitel. Erfüllung der Verhei⸗ Fung des Derwiſches. Schickſal Hamet El Zegri Zwanzigſtes Kapitel. Wie die Caſtiliſchen Fürſten Beſitz von Malaga nahmen, und der Koͤ⸗ nig Ferdinand ſich durch ſein geſchicktes Handeln „anszeichnete....... Ein und zwanzigſtes Kapitel. Wie Kö⸗ nig Ferdinand ſich rüſtete, den Krieg in einen anderen Theil des Mauriſchen Gebiets zu ſpielen Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Wie Kö⸗ nig Ferdinand in den Oſten des Königreichs Gra⸗ nada eindrang, und wie er von El Zagal em⸗ pfängen wird Drei und zwanzigſtes Kapitel. Wie die Mauren verſchiedene Züge gegen die Chriſten un⸗ ternahmen.„..... Vier und zwanzigſtes Kapitel. Wie Kö⸗ nig Ferdinand ſich zur Belagerung der Stadt Baza rüſtete, und welche Vorkehrungen die Stadt zu ihrer Vertheidigung traf. 8.. Fünf und zwanzigſtes Kapitel. Die Schlacht in den Garten vor Baza... Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Belage⸗ rung Baza's. Verlegenheiten des Heeres Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Fort⸗ ſetzung der Belagerung Baza's. Wie König Fer⸗ dinand die Stadt vollſtändig einſchloß.. . Seite 111 115 1²24 130 82 —— Acht und zwanzigſtes Kapitel. Kriegsthaten Hernando's Perez del Pulgar und andrer Ritter Neun und zwanzigſtes Kapitel. Fort⸗ ſetzung der Belagerung Ba a's.„ Dreißigſtes Kapitel. ie zwei Mönche im Lager anlangten, die aus dem heiligen Lande kamen...... Ein und dreißigſtes Kapitel. Wie die Kö⸗ nigin Iſabelle Mittel fand, dem Heer Lebens⸗ mittel zuzuführen..... Zwei und dreißigſtes Kapitel. Von den Unfäͤllen, welche über das Heer hereinbrachen. D rei und dreißigſtes Kapitel. Treffen vor Baza. Tapferkeit der Einwohner. Vier und dreißigſtes Kapitel. Wie die Kö⸗ nigin Iſabelle im Lager anlangte, und von den Folgen ihrer Ankunft—. 8.. Fünf und dreißigſtes Kapitel. Uebergabe von Baza....... Sechs und dreißigſtes Kapitel. Unterwer⸗ fung El Zagal's...... Sieben und dreißigſtes Kapitel. Begebeu⸗ heiten zu Granada nach der Unterwerfung E. Zagals.... Acht und dreißigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand ſeine Feindſeligkeiten gegen die Stadt Granada wandte..... Neun und dreißigſtes Kapitel. Schickſal Wie Boabdil El Chico der Feſte Roma. Vierzigſtes Kapitel. einen Zug gegen Alhendin unternahm.. Ein und vierzigſtes Kapitel. Heldenthat des Grafen de Tendilla... Zwei und vierzigſtes Kapitel. Boabdils El Chico Zug gegen Salobrena. Kriegsthat Hernando's Perez del Pulgar..... Drei und vierzigſtes Kapitel. Wie König 189 199 204 3 Seite Ferdinand das Volk von Guadir behandelte, und El Zagal ſeine königliche Laufbahn beſchloß 260 Vier und vierzigſtes Kapitel. Vorkehrun- gen in Granada zu einem verzweifelten Wider⸗ ſtand........ 267 Fünf und vierzigſtes Kapitel. Wie König Ferdinand die Belagerung vorſichtig fortführte, und die. Königin Iſabelle im Lager anlangte 274 Sechs und vierzigſtes Kapitel. Von der unverſchämten Herausforderung des Mauren Tarfe, und der kühnen Waffenthat Fernando's Perez del Pulgar.... 27478 Sieben und vierzigſtes Kapitel. Wie die Königin Iſabelle die Stadt Granada zu über⸗ ſchauen verlangte, und wie ihre Neugier vielen Chriſten und Mauren das Leben koſtete.. 281 Acht und vierzigſtes Kapitel. Brand im Chriſtenlager....... 291 Neun und vierzigſtes Kapitel. VLetzter Ver⸗ wüſtungszug vor Granada.... Fünfzigſtes Kapitel. Erbauung der Stadt Santa Fe. Verzweiflung der Mauren.. 302 Ein und fünfzigſtes Kapitel. Uebergabe Granadas.... 307 Zwei und fünfzigſtes Kapitel. Bewegun⸗ gen in Granada. 313 Drei und fünfzigſtes Kapitel. Ausliefe⸗ rung Granada's 4...319 Vier und fünfzigſtes Kapitel. Wie die Caſtiliſchen Könige Beſitz von Granada nahmen 325 Anhan g. Fernere Schickſale Boabdils El Chico... 331 Der Tod des Marquis von Cadix. Die Sage von dem Tode Don Alonzo's de Aguilar 347 ffffffffffffffff 14 15 16 17 18 8 5 4 L 4 12