— — * * 5206 Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 6 Eduard Okimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſe jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ₰ den angenymmen. ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. 4. Aonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Biücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——.————— e auf 1 Monat. 1 M— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 M— Pf. 2„— 5 Auwärtige Ahonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentkich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 4 2 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 3 — ——. aͤußerſten Ende deſſelben, da wo der letzte Garten 1. Jean⸗Marie. Luxeil iſt ein reizend gelegenes Dorf in Burgund. Schon von weitem lachen dem Reiſenden die hellgrauen Schiefer⸗ dächer der reinlichen Haͤuſer mit ihren weißen Schornſteinen entgegen, die ſich glaͤnzend aus dem dunkeln Gruͤn der hohen Eichen und Buchen erheben. Eine breite, mit „ ſchlanken Pappeln und Sbſtbaͤumen bekränzte Chauſſte laͤuft laͤngs dieſem freundlichen Dorfe hin und bidet einem dichten Zaune begrenzt iſt, einen Bogen, um den Reiſenden gleichſam auch an der andern Halbſeite des Dorfes vorbeizufuͤhren. Links von der durchaus ebenen Fahrſtraße 3 wird das Gebuͤſch licht und läßt auf einen ziemlich großen Dorfplatz ſehen. Ein weißer Schenkgiebel mit einem Schilde, worauf —ein goldner Hirſch prangt, nimmt faſt die ganze rechte Seite dieſes Platzes ein. Links, der Schenke gegenuber, Der Burgund. Poſtillon. 1 2 Der Burgundiſche Poſtillon. ſteht ein großer Stall, an deſſen breiter Eingangsthur Pferde⸗ geſchirr an großen hölzernen Haken aufgehangen iſt. Hier wechſeln die Poſten die Pferde, denn der Be⸗ ſitzer des Dorfwirthshauſes zu Luxeil hat zu gleicher Zeit die Poſthalterei. Vater Chaillou, ein alter gedienter Soldat, verlebt hier den Reſt ſeiner Tage und hat ſich dabei die Aufgabe ge⸗ ſtellt, die Reiſenden durch Speiſe und Trank zu erquicken und weiter zu befordern, naturlich wenn ſie Beides ver⸗ langen und bezahlen. — Eine Epheu⸗Laube, worin ſich Tiſche und Stuͤhle be⸗ finden, ſchuͤtzt die Gaͤſte, wenn ſie anders nicht das Haus vorziehen, vor den Sonnenſtrahlen und, wenn ein Gewitter nicht gar zu arg wird, auch vor dem Regen, denn die Blätter ſind ſo dicht um das Gitterwerk gewachſen, daß das Eindringen von beiden, wenn auch nicht durchaus ver⸗ hindert, doch ziemlich lange hingehalten wird. Das Ganze hat mehr das Anſehen eines Gartens als eines Poſthofes. Es iſt zwar noch fruͤh am Tage; aber die Sonne hat bereits den Thau von den Blattern geleckt, die ſchon beginnen ſich welk zu ſenken. Aus der geoͤffneten Thur des Poſtſtalles tritt ein junger Mann hervor, in dem der Stallknecht nicht zu verkennen iſt. Der Burgundiſche Poſtillon. 3 Stoͤhnend und von Schweiß triefend tritt er in den Hoftaum und ruft laut aus: „Endlich iſt die Pferde⸗Toilette beendet! Ein Dutzend Pferde habe ich beinahe kreuzlahm geſtriegelt, und ich bin das dabei ſelbſt geworden! „Jetzt ſoll mir Jemand ſagen, daß ich faul bin! Es iſt wahr, wenn ich fuͤnf Minuten gearbeitet habe, muß ich* eine halbe Stunde ruhen; aber meine Arbeit iſt doch„ gethan. 5 „Wenn ich nicht irre, ſtellt ſich mit dieſem Augenblick wieder ſo eine halbe Stunde ein— die will ich aber auch benutzen, um dort in der Schenke ein Glas Branntwein zu trinken. Ach! ich liebe den Branntwein zaͤrtlich!“. Bei den letzten Worten ſchreitet der junge Mann ℳ träͤg uͤber den Platz, nähert ſich der Hausthüt der Schenke und ruft hinein: „Mamſell xapotte En Glas Branntwein!“ Dann ſinkt er auf eine Bank, die nebſt einem Tiſche vor dem Hauſe ſteht und von dem dichten Laube einer Buche beſchattet wird. Ein kraftiges, geſundes Bauermaͤdchen mit hoch aufge⸗ S ſtreiften Hemdeaͤrmeln tritt aus der Thuͤr der Schenke. Ihr Geſicht gleicht einem Borsdorfer Apfel, nur mit dem Unterſchiede. daß jener einen Stiel hat. dieſe icht Der Burgundiſche Poſtillon. Das weiße, aͤußerſt reinliche Hemd läßt einen Arm ſehen, der manchem Manne ſchon gefaͤhrlich geweſen— nicht etwa durch ſeine phyſiſche Kraft, ſondern dadurch, daß er Anlaß zu philoſophiſchen Betrachtungen gegeben hat. Kraft und Leben ſtrahlt aus dem Antlitz dieſer laͤnd⸗ lichen Jungfrau, die eine Flaſche mit geiſtgebendem Brannt⸗ wein und ein Glas in den Haͤnden tragt. Als der Stallknecht das Maͤdchen ſieht, nimmt ſein Geſicht folgende Geſtalt an: Das etwas borſtige Haar legt ſich nach hinten. Jede von den Falten, die er an der Stirn hat, bildet einen flachen Bogen. Die ſtarken dunkeln Augenbrauen folgen dieſem Bei⸗ ßiet. Die Augen ſelbſt ſind nicht mehr ſichtbar, ſondern bilden mur noch zwei ſchwarze Striche, die bei der Naſe an⸗ fangen und an den Schlaͤfen endigen. Die Naſenlöcher ziehen ſich nach außen in die Hoͤhe. Der Mund wird rieſengroß und laͤßt ſchneeweiße, aber ungeheure Zaͤhne ſehen. Aus dieſer Oeffnung ſchallt dem Maͤdchen ein dem Wiehern des Pferdes aͤhnliches Gelaͤchter entgegen. Wenn der Ausſtoßer deſſelben nicht auch durch Worte Der Burgundiſche Poſtillon. 5 ſeinen Gefuͤhlen Luft gemacht haͤtte, dies Lachen wuͤrde wahrlich auf etwas Andres haben ſchließen laſſen. Aeußerſt galant fullt das Madchen das Glas mit Branntwein und ſpricht: — Ah, Sie ſind es, Herr Galopin! Man darf ſich uber dieſe Anrede eines Landmaͤdchens nicht wundern, denn die Burgunderinnen gehen mit den Burgundern nicht anders um. — Ja, ich bin es, liebe Tapotte, antwortet Herr Ga⸗ lopin,— ich, der Sie liebt! In dieſem Augenblcke ſieht er, daß das Glas nicht ganz voll iſt; zaͤrtlich, wie zuvor, und ſo gut es ihm mög⸗ lich iſt, faͤhrt er fort: — Ganz voll! — Nein, nein, Sie duͤrfen nicht ſoviel ltrinken, damit Sie bei Verſtande bleiben und Ihre Thiere gehoͤrig ver⸗ ſorgen koͤnnen. — Tapotte, ich ſchmeichle mir, meine Thiere immer gut zu verſorgen; wer es nicht glauben will, kann Sie nur fragen— nicht wahr, Sie wiſſen es? — Ich weiß auch, daß Ihr Herr in einem Fihre funfzehn Pferde verloren hat. — Aber nicht durch meine Schuld! Das Viehzeug hat den Schnupfen gehabt! Haͤtte man den Pferden 6 Der Burgundiſche Poſtillon. Eſelsmilch zu trinken gegeben, wie ich ſagte, ſie lebten heute noch! — Auf Ihre Geſundheit, Mamſell Tapotte! Galopin trinkt, macht ein Geſicht, als ob er Gift ge⸗ noſſen haͤtte, und ſpricht: — Ah, Ihr Branntwein iſt gut— er riecht vortrefflich nach Kartoffeln! — Sie erhalten aber nicht mehr! — Sh — Ich muß auch i in meine Wirthſchaft. — Oh! — Ich bin heute allein und habe noch ſehr viel zu thun. — Noch ein Wort, Tapotte! Wiſſen Sie, daß wir eine recht huͤbſche Wirthſchaft fuͤhren werden, wenn wir einmal beiſammen ſind? — Ich glaube es, mit einem ſolchen Faullenzer! — Um ſo mehr Grund! Da Sie die Arbeit lieben, werden wir nie in Streit gerathen, wer von uns Beiden ſie thun ſoll— Sie ſollen Herrin ſein, koͤnnen thun, was Sie wollen. — Danke! Ich will aber keinen Mann, der kein Geſchaͤft hat! — Wie? Habe ich ujt ein Geſchaͤft? Bin ich Shee 5 Der Burgundiſche Poſtillon. 7 nicht ſchon ſeit zwei Jahren Stallknecht und mitunter auch Poſtillon, wenn gerade einer fehlt? — Ein ſchoͤner Poſtillon! Sie ſind noch nicht ein einziges Mal ausgefahren, ohne umgeworfen zu haben. — Das iſt wahr. Ich habe einmal einen Reiſenden umgeworfen, einen Engländer; er wohnt ja noch bei unſerm Herrn. Er iſt aber gluͤcklich davongekommen. — Wie— der Englaͤnder waͤre gluͤcklich davonge⸗ kommen? — Ganz gewiß! Er hat ja nur den Arm gebrochen; haͤtte er nicht ebenſo gut den Hals brechen koͤnnen? — Da muß er Ihnen am Ende noch ein gutes Trinkgeld geben, nicht wahr? — Ich habe nichts verlangt! — Jean⸗Marie wuͤrde ein ſolches Ungluͤck he an⸗ gerichtet haben— den nenne ich mir einen Poſilen, der ſeine Sache verſteht! — Das iſt wohl wahr, Mamſell; ich habe ihn auch zu meinem Lehrmeiſter genommen. Er giebt mir jetzt Un⸗ terricht, und ich verſpreche Ihnen, ihm nachzugaloppiren, und wenn das Blut durch die Hoſen kommt! Dann, liebe Tapotte, wird Sie mein Leiden doch ruͤhren? — Wollen einmal ſehen— vielleicht, wenn Sie Der Burgundiſche Poſtillon. etwas vor ſich gebracht haben und nicht mehr ſo ein un⸗ geſchickter Teufel ſind. In dieſem Augenblicke ſchallt ein froͤhliches Lied aus dem Dorfe heruͤber, das immer naͤher kommt. Tapotte ſpricht: — Iſt das nicht die Stimme Jean⸗Marie's? Galopin antwortet: — O ja, den hört man immer ſchon von weitem! Herr Gott, hat der eine ſchone Stimme fur einen, der zu Pferde ſteigt! — Auf Wiederſehen, Herr Galopin! Gehen Sie an Ihre Arbeit, ich werde an die meinige gehen. Ach, Mamſell Tapotte, einen einzigen Kuß— 2 ich bitte— es iſt nur, um mir Muth und Luſt zur Arbeit zu machen— nur einen ganz kleinen! — Nein, nein, ich zahle nichts im voraus! Bei den letzten Worten läuft ſie wie ein fluchtiges Reh, wenn auch nicht ganz ſo leichtfuͤßig, in das Wirths⸗ haus zuruͤck. Gaolopin, mit ausgeſtreckten Haͤnden, ſtarrt ihr nach. Aus ſeinen Geſichtszuͤgen iſt aber nicht deutlich zu erkennen, ob er die Flaſche oder das Maͤdchen lieber zuruͤckbehalten haͤtte. Waͤhrend unſer Galopin mit waͤßrigem Munde nach —— Der Burgundiſche Poſtillon. dem Wirthshauſe ſchaut, tritt ein junger Mann, mit einer Blouſe angethan, hinter der großen Laube hervor. Schon ſein Gang bekundet einen raſchen, gewandten jungen Mann. Obgleich auf dem Lande geboren und er⸗ zogen, hat ſeine ganze Erſcheinung dennoch ſo etwas Edles, daß man einen feingebildeten Staͤdter unter der Blouſe ver⸗ muthen ſollte. Ueber ſeine Geſichtsfarbe laͤßt ſich nichts ſagen, denn das Geſicht iſt von der Sonne ſo verbrannt, daß ſie für den Augenblick braunroth iſt. Soviel laͤßt ſich aber bemerken, daß ſeine Zuͤge nicht haͤßlich ſind. Da er raſch und ohne zu ſingen hinter der Laube hervorgetreten iſt, ſteht er dicht hinter dem nach dem Hauſe hinſtarrenden Galopin. Ein derber Schlag auf die Achſei weckt dieſen aus ſeinen Betrachtungen, falls er ſolche an⸗ geſtellt hat, und eine kraͤftige friſche Stimme ruft ihm zu; — Galopin! Du ſtehſt ja da wie ein Meilenzeiget! Warteſt Du auf Tapotte, Duckmaͤuſer? Mit der einen Hand nach der geſchlagenen Achſel grei⸗ fend, wendet ſich der Stallknecht um, und mit vrilh Miene ſpricht er: — Sie war ſo eben hier. Ich wollte mit ihr ein we⸗ nig plaudern, wie Du wohl mit Mamſell Deniſe zu thun 10 Der Burgundiſche Poſtillon. pflegſt; aber ſie wollte mich nicht anhoͤren, weil ſie vorgab, ich ſei ein Faullenzer und ein ungeſchickter Menſch! Siehſt Du, ſeitdem ich den Englaͤnder umgewor⸗ fen habe, ſagen alle, daß ich nie ein ordentlicher Poſtillon werden wuͤrde. Jean⸗Marie, wenn Du Dich meiner nun nicht annimmſt und mir Unterricht giebſt, bleibe ich ein elender Stallknecht Zeit meines Lebens! — Troͤſte Dich, armer Junge, antwortet Jean⸗Marie; ich will Dich ſchon in die Hoͤhe bringen! — Thue das; bringe mich ſo hoch, als es Dir nur immer moͤglich iſt. Weißt Du was, da wir gerade unter uns Zweien ſind, koͤnnteſt Du mir eine kleine Lection geben — wie waͤre es? Gut, gieb mir meine Peitſche und ſperre Deine Ohren auf! Der Stallknecht geht nach den Haken, wo das Pferde⸗ geſchirr haͤngt, holt eine Peitſche herab und bringt ſie dem Poſtillon mit den Worten: — Meine beiden Ohren ſind offen; haͤtte ich deren noch mehr, ich wuͤrde ſie alle offnen! Jean⸗Marie wirft ſich in die Bruſt, faͤhrt mit der Peitſche einige Male durch die Luft, daß von dem dadurch verurſachten Knallen der Poſthof wiederhallt, und beginnt mit einer wahren Dortor⸗Würde: —— Der Burgundiſche Poſtillon. 1¹ — Zwei unerlaͤßliche Eigenſchaften eines Poſtillons ſind: Ein gutes Augenmaß und ein guter Peitſchenhieb. Das Augenmaß, um richtig, und der Peitſchenhieb, um ſchnell von der Stelle zu kommen. — Das iſt mir klar! — Jetzt kommen die Hauptregeln, die ein guter Poſtillon zu befolgen hat. Wenn ein Wagen anlangt, ſo haſt Du Dich bei dem ankommenden Poſtillon zu erkun⸗ digen, wieviel Trinkgeld er erhalten hat. Dies muß Dein erſtes Geſchaͤft ſein! Hat er drei Francs fuͤr die Station erhalten, ſo faͤhrſt Du Galoppz; hat er vierzig Sous er⸗ halten, ſo faͤhrſt Du Trab; ſind es weniger als dreißig Sous, ſo fährſt Du nur Schritt! — Alſo das ſind die Hauptregeln. — Jetzt denke Dir, Du habeſt einen Reiſenden, der weniger als dreißig Sous Trinkgeld bezahlt hat. Du ſitzeſt im Sattel und faͤhrſt langſam die Chauſſee hinab. Hopp, hopp— hopp! Der Reiſende fordert Dich auf, raſcher zu fahren— Du antworteſt nicht. Es geht langſam hopp— hopp weiter! Der Reiſende bittet— Du hoͤrſt nicht; er ſchreit— Du hoͤrſt nicht; er aͤrgert ſich und ſchreit wieder— Du bleibſt ruhig im Schritte. 42 Der Burgundiſ che Poſtillon. „— Sie ſchlafen wahrſcheinlich, ruft er aus dem Wagenfenſter; die Straße iſt ſchoͤn, und Sie fahren ſo langſam.“ Dann wendeſt Du den Kopf langſam um und antworteſt ihm in einem ſehr artigen Tone: — Ich dachte, Sie haͤtten nicht ſo eilig. „— Im Gegentheil, ich bin auf einer Geſchaͤfts⸗ Reiſe begriffen und habe durchaus keine Zeit zu verlieren.“ — Ah, dann bitte ich um Verzeihung, mein Herr — der Weg iſt ſchlecht, und ich wollte meine Pferde nicht unnuͤtzerweiſe anſtrengen. — Dann giebſt Du den Pferden einen leichten Peitſchenhieb mit der einen Hand, mit der andern aber haltſt Du ſie zuruͤck, daß ſie nicht traben, und faͤhrſt wieder ebenſo langſam als zuvor. Er bittet von neuem, er ſchreit, er flucht— Du horſt nicht. Wenn er Dir aber droht, Dich bei der Poſt⸗ adminiſtration anzuzeigen, daß Du beſtraft werdeſt, vielleicht Deine Stelle verlieren ſollſt, dann gehſt Du vom Schritt in den groͤßten Galopp uͤber. Du faͤhrſt uͤber Stock und Stein; liegen keine Steine im Wege, ſo faͤhrſt Du hin, wo welche liegen— mit einem Worte, Du ſuchſt die ſchlech⸗ teſten Wege. Der Burgundiſche Poſtillon. 13 Der Reiſende zittert in ſeinem Wagen und ruft: Sie werfen mich um! Du antworteſt ganz ruhig: Sie haben mir ja geſagt, daß Sie Eile haͤtten! Kommſt Du nun in die Naͤhe eines Drtes⸗ wo ein Stellmacher wohnt, dann ſuchſt Du Dir irgend ein Loch oder einen großen Stein, faͤhrſt im Galopp daruͤber hinweg, und krack— liegt die Achſe zerbrochen! Das iſt ein Ungluͤck, welches ſchon haͤufig vorge⸗ kommen iſt. Der Stellmacher, der den Wagen ausbeſſert, druckt heimlich dem Poſtillon ein Trinkgeld in die Hand— der Reiſende iſt wuͤthend— aber was thut's? Der Herr will raſch fahren, aber kein Trinkgeld n z das iſt nicht gut moͤglich! Jetzt praͤge meine Lection Deinem Gedaͤchtniſſe ein, befolge ſie, und Du kannſt noch ein guter Poſtillon werden. — Gut, das will ich thun, antwortet Galopin ver⸗ gnuͤgt; man laſſe mich nur fahren, ich will ſchon dafoͤr ſorgen, daß die Achſe zum Teufel geht. — Jetzt, Galopin, entferne Dich; ich habe mit Deniſe zu reden. Heute Abend ſprechen wir uns wieder, dann nehmen wir die Regeln noch einmal durch. 14 Der Burgundiſche Poſtillon. — Ach, das iſt nicht noͤthig! Ich weiß ſchon, wie man einen Wagen umwirft. Wenn mir jetzt einer unter die Haͤnde kaͤme, der nur dreifig Sous bezahlt— ich wollte ihn ſchon fahren! Galopin geht bei den letzten Worten in den Poſtſtall und Jean⸗Marie geht dem Wirthshauſe zu. Ehe er noch die Thuͤr erreicht, erſcheint Deniſe in der⸗ ſelben, die Adoptiv⸗Tochter des Poſthalters Chaillou. Das wunderhubſche Maͤdchen, ungefaͤhr achtzehn Jahre alt, nähert ſich dem Poſtillon mit freundlichen Worten. — Guten Morgen, Jean⸗Marie, ſpricht ſie; ich habe Sie reden hoͤren— deshalb komme ich heraus. — Ach, wie gut ſind Sie, Mamſell Deniſe! Ihre Liebe macht mich unendlich Kluͤckich! — Sie verdienen meine Liebe, weil Sie ein wackrer junger Mann, ein tuͤchtiger Arbeiter ſind, der nicht in die Wirthshaͤuſer geht, wie ſo viele Andre. — Das iſt meine Pflicht. Wenn Jemand nur ſeine Pflcht erfuͤllt, ſo hat er kein Verdienſt. — und ſind Sie meinem Pflegevater nicht mit kind⸗ licher Zaͤrtlichkeit zugethan? — Ach ja— wrer ſollte auch den guten Herrn Chaillou nicht lieben! Als er die Armee verlaſſen und auf dem Schlachtfelde bei Waterloo meinen braven Vater hatte — — Der Burgundiſche Poſtillon. 15 ſterben ſehen, hat er ſich des armen verwaiſ'ten Knaben nicht angenommen, hat er mich nicht erzogen und mich ſeinem Stande gewidmet? Macht er mich nicht jetzt zum glͤcklichſten aller Menſchen, da er mir die Hand ſeiner lie⸗ benswuͤrdigen Adoptiv⸗Tochter geben will? Wenn ich ihn fuͤr dieſe Guͤte nicht lieben wollte, muͤßte ich ja kein Herz in der Bruſt haben— und, dem Himmel ſei Dank! dem Jean⸗Marie hat das nie gefehlt. Bei dieſen Worten gluͤhen die Augen des jungen Poſtillons; der Ton ſeiner Stimme iſt zwar bewegt und eine Thräne rollt ſeine braune Wange herab— aber es iſt die Freude, die Dankbarkeit, die ihn bewegt, denn Leiden preſſen dem Manne keine Thränen aus; er traͤgt ſie muthvoll, wie es einem Manne geziemt! Auch in dem Auge des jungen Madchens erglänzt eine Thraͤne der Freude, als es Jean⸗Marie ſo ſprechen hoͤrt. Geruͤhrt ergreift Deniſe ſeine Hand und ſpricht: — Auch wenn wir verheirathet ſind, werden wir unſern guten Vater nie verlaſſen. — Ihn verlaſſen!— entgegnet der Poſtillon.— Nimmermehr! Wir ſorgen fuͤr ihn und pflegen ihn; und wenn er einmal recht alt iſt und ihm das Gehen ſchwer faͤllt, ergreifen wir Beide ſeine Arme, fuhren ihn und dienen 16 Der Burgundiſche Poſtillon. ihm zur Stuͤtze. Wenn ein alter Vater ſich auf ſeine Kinder ſtutzt, kann er noch weit gehen! — Ach, Jean⸗Marie, Sie denken ebenſo wie ich. Wir werden gewiß ſehr glucklich werden! — Guten Morgen, Mamſell Deniſe! unterbricht Je⸗ mand freundlich grußend das Geſpraͤch. 2 Graf Clarendon. Ein zwar ſchon bejahrter, aber noch in voller Kraft ſtehender Mann erſcheint plotzlich neben Jean⸗Marie und Deniſe. Ein leichtes, zwar elegantes, aber bereits abgetra⸗ genes Sommerkleid von heller Farbe und ein Strohhut mit breiter Kraͤmpe, beides von nicht landesuͤblicher Form, laͤßt auf den erſten Blick den Auslaͤnder und einem geuͤbten Auge den Englaͤnder erkennen. Seine ſchlanke kraͤftige Geſtalt und ſein freundliches Geſicht, das in dieſem Augenblicke die Hitze gerothet hat, ließe auf einen noch jungen Mann ſchließen, wenn nicht ſein Haupthaar bereits zu bleichen anfinge und mindeſtens funf⸗ zig Jahre ſeines Alters verriethe. Der Burgundiſche Poſtillon. 17 Die rechte Hand dieſes Englaͤnders, deſſen Sprache durchaus keinen Zweifel uͤber ſeine Abkunft uͤbrig laͤßt, trägt ein dickes ſpaniſches Rohr mit goldenem Knopfe, die linke aber ruht in einer ſchwarzen ſeidenen Binde. — Gehorſame Dienerin, Herr Graf, N antwortet, ſich ſehr artig verbeugend, Deniſe.— Wie befinden Sie ſich heute, wenn ich fragen darf? — Ganz wohl, vollkommen wohl! Ich bin aber ſehr muͤde! Ich habe ſchon vier Meilen heute Morgen gemacht und bin noch ganz nuchtern, habe noch nichts genoſſen! — Wie, zwei Poſtſtationen haben Sie nuͤchtern zu⸗ ruckgelegt? fragt der Poſtillon. — Yes! 60 — Da haben Sie eine doppelte Portion Hafer ver⸗ dient! Freundlich reicht der Britte Mamſell Deniſen die Hand, wohlgefaͤlig ruht ſein Auge auf den ſchoͤnen Formen der Adoptiv⸗Tochter des Poſtmeiſters und nur Jean⸗Marie's Gegenwart ſcheint ihn abzuhalten, ſeinen zärtlichen Luft zu machen. — Sie ſind heute noch ſchoͤner als Sie ſonſt ſi in, ſpricht er endlich, nachdem er das huͤbſche Madchen einen Augenblick ſchweigend betrachtet hat. Deniſe aber ſcheint die Worte nicht verſtehen zu wollen, Der Burgund. Poſtillon. 2 18 Der Burgundiſche Poſtillon. obgleich ſie ziemlich laut geſprochen wurden, und verſucht das zuerſt begonnene Geſpraͤch fortzuſetzen. — Wie, vier Meilen haben Sie zu Fuß zuruͤckgelegt, und Ihr Arm iſt kaum geheilt? — O yes, er iſt geheilt, ſpricht der Englaͤnder und reißt die ſchwarze Binde ab, in welcher ſein Arm ruht. Er iſt ganz geheilt, und das hat Ihre zaͤrtliche Sorgfalt be⸗ wirkt. Oh, liebenswuͤrdiges Maͤdchen, nie werde ich ver⸗ geſſen, was ich Ihnen zu danken habe. — Aber, Herr Graf, mir haben Sie durchaus nichts zu danken. Iſt es nicht meine Pflicht, fuͤr die Reiſenden Sorge zu tragen? Des Poſtillons Augen blitzen bei dieſen Worten; un⸗ willig wendet er ſich ab, und es iſt deutlich zu erkennen, daß ihm die Beſchaͤftigung ſeiner Braut, fuͤr Reiſende zu ſorgen, nicht angenehm iſt. „O ves, Mamſoll,“ faͤhrt der Engländer fort,„es iſt Ihre Pflicht; aber alle jungen Mädchen in den Hotels koͤnnen nicht ſo ſchon ihre Pflichten gegen die Reiſenden er⸗ fuͤllen als Sie. Ich bin viel gereiſt, habe viel geſehen in der Welt— ich weiß ſehr wohl zu unterſcheiden, ob ein junges Maͤdchen nur fuͤr Geld d ihre Pflicht erfullt oder ob ſie ihren eignen Gefuͤhlen folgt— und Sie folgen Ihren eignen Gefuhlen, ſchone Mademoiſelle Deniſe!“ Der Burgundiſche Poſtillon. 19 — O ja, das iſt wahr, brummt Jean⸗Marie ver⸗ drießlich in den Bart; ich wollte aber, es waͤre nicht der Fall. — Es war um ſo mehr meine Pflicht, faͤhrt Deniſe fort, als durch die Schuld eines unſter Leute Ihnen das Ungluͤck geſchehen iſt. — Yes, der kleine Galopin iſt ein ſehr ungeſchickter—, Poſtion 6 In dieſem Augenblicke laͤßt ſich das Geraͤuſch eines ankommenden Wagens auf der Landſtraße vernehmen. Jean⸗ Marie entfernt ſich einige Schritte, um zu ſehen was ſich auf der Straße der Poſthalterei naͤhert, dann kehrt er zuruͤck und ſpricht zu Deniſe und Clarendon: — Ein Wagen haͤlt vor der Thuͤr des Gaſthauſes; ich muß mich zur Abfahrt vorbereiten. Auf Wiederſehen, Mamſell Deniſe! Wenn Sie einmal unſer Dorf verlaſſen, Herr Clarendon, fahre ich Sie, dann koͤnnen Sie ganz ruhig ſein— ich werfe Sie gewiß nicht um!— Bei dieſen Worten geht er auf den Stall zu und verſchwindet in der Thuͤr deſſelben. Zartlich ſieht ihm Deniſe nach; dann wendet ſie ſich zu dem Englaͤnder und ſpricht: — Herr Graf, machen Sie kuͤnftig dergleichen lange W 20 Der Burgundiſche Poſtillon. Fußtouren nicht wieder. Sie koͤnnen mir glauben, fuͤr einen Reconvalescenten ſind ſie aͤußerſt gefaͤhrlich. — Im Gegentheil, antwortet der Britte, ſie ſind aͤußerſt ungefaͤhrlich, denn ſie geben einen guten Appetit. — Sie hätten ſich lieber einen Wagen oder ein Pferd zum Reiten nehmen ſollen. — No, no! Kein Pferd! Dann hätte das Pferd Appetit bekommen und nicht ich. — Bei einer ſolchen Anſicht beduͤrfte man keines Vermoͤgens. — Vermogen! Was iſt Vermögen? Es nuͤtzt zu nichts, und ſchon oft habe ich mir gewuͤnſcht, keines zu beſizen. Das Vermoͤgen iſt eine Krankheit, denn man kann ſich damit alle Vergnügungen erſchaffen, die man Luſt hat zu genießen und ſo oft man Luſt hat zu genießen. Man wird blaſirt und hat zuletzt kein Verlangen mehr. Ein reicher Mann kommt mir vor wie ein Gaſt, der bei einem Feſte zur Tafel ſitzt; er ißt von der erſten Schuͤſſel ſoviel, daß er bei der zweiten keinen Appetit mehr hat. — Reichthuͤmer gewaͤhren aber dann ein großes Ver⸗ gnuͤgen, wenn man ſie mit einer Perſon theilen kann, die man liebt und die uns wieder liebt! — Dies iſt auch wohl der Grund, weshalb Sie auf Ihrer Reiſe in Frankreich nicht einen einzigen Diener Der Burgundiſche Poſtillon. 21 ſich haben und zu Ihren Mahlzeiten die allergewöhnlichſten Gerichte wahlen? — Yes, ſo iſt es, Sie haben es getroffen. Ich will naͤmlich prüfen, wie es bei meiner Ruͤckkehr nach London thut, wenn ich von einer Armee Bedienten, nach einer Zeit der Entbehrung, bedient werde, und will die Freuden einer wohlbeſetzten Tafel empfinden, nachdem ich ſo 1 ußerſt einfach gelebt habe. — Mamſell Deniſe, Mamſell Deniſe! tönt es plotzlich durch den Hof, und des Englaͤnders Vortrag wird dadurch unterbrochen. Mit einem„Goddam“ wendet er ſich um, und Galopin, ganz außer Athem, ſteht vor ihm. — Was giebt es? fragt Deniſe. — Ach, Mamſell Deniſe, die Dame, die ſo eben in dem Wagen angekommen iſt, wunſcht Sie zu ſprechen. — Gut, ich werde kommen! Freundlich wendet ſich Deniſe zu Clarendon: — Befehlen der Herr Graf, daß das Fruͤhſtuͤck auf⸗ getragen werde? — Yes, ich habe Hunger!. — Im Augenblicke wird es bereit ſein. Deniſe huͤpft dem Gaſthauſe zu; der Graf ſieht ihr entzuckt nach und ſpricht zu ſich ſelbſt: Ich ſage es nochmals, ſie iſt heute ſchoͤner als ſie ſonſt 2 Der Burgundiſche Poſtillon. iſt— ſie iſt ein ſehr ſchoͤnes junges Maͤdchen und dabei ſehr gut. Das findet man jetzt ſehr ſelten vereint.“ — Galopin, iſt kein Brief fuͤr mich angekommen? — Nein, Herr Englaͤnder, ſpricht Galopin, ich habe noch keinen geſehen! Der Graf ſteckt beide Haͤnde in die Taſchen ſeines Rockes, geht einige Schritte ſeitwaͤrts und ſpricht halb laut mit ſich ſelbſt: — Madam Deville hat meinen Brief noch nicht be⸗ antwortet? Sollte die liebenswuͤrdige franzoſiſche Artiſtin boͤſe auf mich geworden ſein? — Herr Englaͤnder, ruft Galopin, der immer hinter ihm hergeht, wenn Sie wollen, will ich in die Stadt gehen und auf der Briefpoſt nachfragen, ob keine Briefe fur Sie angekommen ſind. — Nein— iſt unnuͤtz! Der Englaͤnder faͤhrt in ſeinem halblauten Selbſtge⸗ ſpraͤche fort: — Es iſt wahr, ich habe die Dame ſehr heftig verlaſſen — ich habe ſie in Baden⸗Baden ganz allein gelaſſen; aber warum war ſie kokett? Sie hat mir ein ſehr großes Un⸗ recht gethan! Ich liebe ſie immer noch, obgleich ſie ſehr kokett iſt! Eine Magd tritt aus dem Hauſe, ſetzt das Fruhſtuͤck Der Burgundiſche Poſtillon. 23 des Englaͤnders auf einen Tiſch und geht in das Haus zuruͤck. Galopin nähert ſich dem Tiſche, ſieht mit gierigen Augen das Fruͤhſtuͤck an und ruft: — Lieber Herr Englaͤnder, Sie koͤnnen eſſen, wenn Sie wollen und wenn Sie Appetit haben— hier iſt Ihr Fruͤh⸗ ſtuͤck— Jeannette hat es gebracht! Haben Sie noch etwas zu befehlen? He, Jeanette! — Laß ſie gehen, ich brauche ſie nicht— ich habe ſie nicht nothig! Der Britte ſetzt ſich, legt ſich die Serviette vor und beginnt zu fruͤhſtuͤcken. Galopin ſieht, daß er ſich in ſeinen Hoffnungen ge⸗ taͤuſcht, denn er hat erwartet, daß der Englaͤnder keinen Appetit habe und ihm aus engliſcher Großmuth das Früh⸗ ſtuck uͤberlaſſen werde. Die Haͤnde auf den Ruͤcken ge⸗ legt, den Mund ſo weit offen als es ſein betraͤchtlicher Um⸗ fang erlaubt, und mit einem Geſichte, das einen ungeheuern Appetit verraͤth, umſchleicht er den Tiſch, waͤhrend der Englaͤnder ruhig ſein Fruhſtuͤck verzehrt. Als er ſieht, daß der Eſſende keine Notiz von ihm nimmt, beginnt er folgen⸗ des Geſpraͤch: — Wollen Sie ſich bei Tiſche ſelbſt bedienen? — Yes, das will ich. Dann habe ich nicht nothig, 24 Der Burgundiſche Poſtillon. mich uͤber die Ungeſchicklichkeit meiner Bedienten zu beklagen — denn es giebt mitunter ſehr dumme Teufel unter ihnen — vorzuͤglich unter den Poſtillonen, wenn ſie Reiſende fahren. Sie ſind oft ſo dumm, daß ſie dem Reiſenden Arm und Beine brechen laſſen! — So! Soll das vielleicht mir gelten, Herr Englaͤnder? — Das iſt ſehr leicht möglich. Uebrigens begehre ich nichts weiter von Ihnen. — Auch ich will von Ihnen nichts, mein lieber Herr Englaͤnder. 8 — Mein Unfall hat mir Gelegenheit gegeben, dieſe Gegend kennen zu lernen; die Berge, Thäler und Abgrunde haben mir gefallen— vorzuglich aber die Tochter hier aus dem Wirthshauſe. — Im vorigen Jahre waren auch zwei Reiſende hier, die ſind dort im Schnee in jener großen Schlucht um⸗ gekommen. — Ah! Das iſt ein koſtbares Land! Doch ſagen Sie mir, mein kleiner Galopin, Mamſell Deniſe iſt alſo nicht die Tochter des Poſthalters? — Nein, lieber Herr Englaͤnder, die iſt die Tochter von keinem Menſchen auf der Welt, ſie iſt eine Waiſe, die Herr Chaillou an Kindes Statt aufgenommen hat. — Wer waren die Eitern dieſer ſchönen Waiſe? Der Burgundiſche Poſtillon. 25 — Das waren ſehr brave Landleute. Ein großer Brand hat ihr Bauerngut vernichtet, das ſie beſaßen, und aus Kummer uͤber den Verluſt ſind ſie geſtorben— die kleine Deniſe blieb huͤlflos in der Welt zuruͤck. — Und Chaillou hat ſie adoptirt— das iſt ſehr ſchoͤn von ihm, das iſt ein guter Zug! Die Magd, die das Fruͤhſtuck gebracht hat, tritt jetzt wieder aus dem Hauſe und uͤberreicht dem Britten einen Brief; dann entfernt ſie ſich wieder. Galopin ruft dem Englaͤnder zu: — Ach, mein Gott, bald haͤtte ich vergeſſen die Pferde zu ſatteln, welche die ſchoͤne Dame, die vorhin angekommen iſt, beſtellt hat. Es iſt doch zu arg, man kann nicht ein⸗ mal ein halbes Stuͤndchen ſchwatzen, wenn man Luſt dazu hat. Adieu, Englaͤnder! Galopin iſt in den Poſtſtall gegangen, hat auf dem Wege dahin die Magd in ihren dicken rothen Arm ge⸗ kniffen und ſteckt noch einmal grinſend ſeinen Kopf aus der Thuͤr, um ſich uͤber dieſen witzigen Streich zu freuen. Jeder Menſch macht auf ſeine eigne Art und Weiſe witzige Streiche, wenigſtens haͤlt er ſie fuͤr witzig. Der eine erzaͤhlt Anekdoten und macht witzige Bemerkungen dazu; ein zweiter macht die Gebrechen ſeiner Nebenmenſchen laͤcher⸗ lich und glaubt, er habe einen Witz gemacht; ein dritter 26 Der Burgundiſche Poſtillon. dreht die Worte und Säatze um und giebt das, was nun zufaͤllig daraus entſteht, fuͤr einen Wit aus: einen ſolchen Mann nennen die Leute dann„einen Humoriſten“; macht er recht unverſchaͤmte und dumme Wortverdrehungen, nennt man ihn„einen liebenswuͤrdigen Humoriſten“, und macht er Zoten, einen„geiſtreichen“; ein vierter ſchreibt Luſtſpiele und Poſſen: hierin kneift er das Publikum nun bei ſeiner ſchwächſten Seite, kitzelt es auf das unverſchaͤmteſte, und lacht das Publicum nun, das gute, liebe Publicum, dann hat der Luſtſpieldichter Witze geriſſen— mitunter auch nur der Schauſpieler. Unſer Galopin hat Jeannetten in den dicken Arm gekniffen— ſie lacht aber nicht, ſondern ſchnei⸗ det ihm ein ſchiefes Geſicht entgegen; haͤtte er einen andern Theil ihres Koͤrpers gekniffen, vielleicht den, welchen die Hu⸗ moriſten und Luſtſpieldichter zu kneifen pflegen,— die ver⸗ ſtehen das Kneifen— Jeannette haͤtte gewiß gelacht. Unſer Englaͤnder hat alſo einen Brief erhalten. Er lieft die Adreſſe und erkennt ſogleich die Hand ſeines Ge⸗ ſchaͤftstraͤgers in Paris. Der Brief iſt folgenden Inhalts: „Herr Graf! Mein eiftigſtes Bemuͤhen, Nachrichten „uͤber den franʒſiſchen Soldãten Rodert der Ihneñ her „Schlacht bei Waterloo däs Lebeñ vtiete, ncheñ iſt „bis jetzt ohne Erfolg geblieben. Ich Zlaube, daß és äin Der Burgundiſche Poſtillon. 27 „gerathenſten ſein wird, uns der Preſſe zu bedienen, und „erlaube mir, den Artikel beizufuͤgen, den ich in die Jour⸗ „nale inſeriren zu laſſen vorſchlage: „Ein Grenadier der kaiſerlichen Garde hat in der „Schlacht bei Waterloo dem engliſchen General Grafen „von Clarendon das Leben gerettet. Dieſer brave Soldat „wird hiermit dringend aufgefordert, ſich an die beigefugte „Adreſſe zu wenden, damit der General ſeine Schuld ihm vabtragen koͤnne.“ — Nein, nein! ruft der Britte unmuthig aus, der General wird ſeine Schuld dem Soldaten nie abtragen koͤnnen, denn er wird nur im Stande ſein ihm Gold zu geben. Muth und Tapferkeit läßt ſich nicht mit Gold auf⸗ wiegen! Der General wird ewig der Schuldner des Sol⸗ daten bleiben! Aus der Thuͤr des Wirthehauſes tritt eine Dame in Reiſekleidern. Ihr ganzer Anzug iſt ſehr elegant, aber ſehr auffallend. Ein kleiner ſchwarzer Hut, mit einem koſtbaren weißen Blondenſchleier geziert, der uͤber den Ruͤcken herab⸗ wallt und faſt die Erde beruͤhrt, bedeckt einen ſchwarzen Lockenkopf. Das Geſicht der Dame iſt blaß. Ihte großen blauen Augen ſpruͤhen Feuer und contraſtiren mit dem bleichen, faſt leidenden, aber hubſchen Geſichte. Die erſten Jungfrauenjahre ſcheint ſie bereits uͤberſchritten zu haben 28 Der Burgundiſche Poſtillon. und in einem Alter von vielleicht achtundzwanzig bis dreißig Jahren zu ſtehen. Ihre Geſtalt iſt ſchlank und edel, ihr Gang graziös; ihr ganzes Weſen bekundet aber eine aus⸗ gemachte Kokette. Wenn man. auf den erſten Blick eine Schauſpielerin in ihr vermuthet, ſo hat man Grund genug dazu. 3. Die Kokette. Der Britte wendet ſich, um in das Haus zu treten, bleibt aber uͤberraſcht ſtehen, als ſein Blick auf Madam Deville faͤllt. „Sie hiet, Madame?“ — Ja, Herr Graf ich ſelbſt! Ueberraſcht Sie mein Erſcheinen? Haben Sie mir nicht geſchrieben, daß Sie Baden verlaſſen haͤtten, um nach Paris zu gehen, daß Ihr Wagen in dieſem Dorfe umgeſtuͤrzt ſei und daß Sie einen Arm gebrochen hätten?— Ich komme, um mich nach Ihrem Geſundheitszuſtande zu erkundigen. — Ich danke, Madame, antwortet kalt der Graf— ich bin geheilt. Aber ich hatte durchaus nicht gehofft, Sie Der Burgundiſche Poſtillon. 29 wiederzuſehen, da ich glaube Ihnen geſchrieben zu haben, daß ich auf dieſes Vergnuͤgen fuͤr immer Verzicht leiſte. — Das iſt allerdings wahr, Herr Graf; aber ich beſite e einen Geiſt des Widerſpruchs und W⸗ gern das, was man mir verbietet. — Eine ſehr gute Eigenſchaft! — Finden Sie, daß ich nicht das Recht dazu habe? — Au contraire— es ſcheint in Frankreich das Privilegium aller ſchoͤnen Frauen zu ſein. — Und in England ſcheint es das Privilegium der Herren zu ſein. — Wie meinen Sie das? — Kann ich das Betragen, das Sie gegen mich be⸗ obachtet haben, mit einem andern Ausdruck, als caprice bezeichnen? Meine Liebe zur Malerei hatte mich in die Pyrenaͤen getrieben. Dort fuͤhrte mich mein Weg Ihnen entgegen. Unſte gemeinſchaftliche Sympathie fuͤr Natur⸗ ſchoͤnheiten brachte uns einander naͤher. Ihr Geiſt, Ihre Originalitãt gefielen mir, und ich empfing Sie ſehr gern als meinen Riſcgefhtten Wiele Amäherung liegt wahr⸗ lich kein Intereſſe von meiner Seite zum Grunde, denn mein Vermoͤgen, ohne eben betraͤchtlich zu ſein, iſt hin⸗ reichend, daß ich meiner Luſt an Kunſt und Wiſſenſchaft frohnen kann, und ſichert vollkommen meine Unabhaͤngigkeit. 30 Der Burgundiſche Poſtillon. Nach Ihrer Gewohnheit, als ein wirklicher Touriſt, reiſ ten Sie ohne Gefolge, ſelbſt ohne irgend einen Bedienten, und die Kleidung, die Sie damals trugen und welche, wenn ich nicht irre, heute noch dieſelbe iſt, war in der That nicht geeignet in Ihnen den General Grafen von Clarendon an⸗ zukuͤndigen. Mit einem Worte, wir durchreiſten in der lie⸗ benswuͤrdigſten, unſchuldigſten Unbefangenheit einen Theil Frankreichs, und nach einer ſechsmonatlichen wirklich ange⸗ nehmen Verbindung— wenigſtens fuͤr mich— verlaͤßt mich der Herr in einer ganz fremden Stadt. Bei Gott! Ein ſolches Verfahren iſt ein unwuͤrdiges, und ich muß Ihnen geſtehen, daß ich mich in Ihnen gewaltig getaͤuſcht habe. — Dann haͤtten wir uns beide getaͤuſcht, faͤhrt der Graf ruhig fort; denn ich hoffte in Ihnen eine fuͤr Liebe empfaͤngliche Perſon zu finden, traf aber nur ein Weib an, das ſich uͤber mich und meine Liebesplagen luſtig machte. Als ich ſah, daß meine Liebe nicht erwiedert wurde und ein längeres Beiſammenſein mit Ihnen nur Wuͤnſche erzeugte, Le. nict beficigen lauteWabe ð mi auf und da⸗ vongemacht. — Die Eiferſucht hat Sie wohl ein wenig verwirrt gemacht, entgegnet die Schoͤne mit einem feinen Laͤcheln. Vielleicht macht der kleine Vicomte in den carrirten Hoſen Der Burgundiſche Poſtillon. 3¹ Ihnen zu ſchaffen! Es iſt wahr, ich taͤndle und lache gern; Sie muͤſſen aber bei dem kleinſten Scherze nicht gleich ſo exaltirt werden! — O ja, ich weiß, daß die Franzoͤſinnen Alles, was die Liebe betrifft, Scherz nennen; wir Engländer behan⸗ deln dies Capitel aber ernſthafter. Wer kann mir beweiſen, daß Sie mich nicht betrogen haben? — Dieſe Aeußerung koͤnnte mich beleidigen; da Sie aber Ihres Verſtandes nicht maͤchtig ſind, verzeihe ich Ihnen. — Ich aber, Madame, verzeihe nicht. Ich habe mir die Sache reiflich uͤberlegt. Ich will nur eine Frau lieben, die mit der Liebe keine Spielereien treibt. — Steht dieſer Entſchluß feſt? — Unwiderruflich— der Beweis ſei, daß ich mich verheirathe. Madame Devilles Redefluß geraͤth bei den letzten Worten des Englaͤnders in's Stocken. Sie ſteht da wie Jemand, dem ein Lieblingsplan plötzich zerſtört iſt. Nach einem Augenblick faßt ſie ſi aber wieder, ohne jedoch ihre Ueberraſchung ganz verbergen zu koͤnnen, und fragt in einem ſpottiſchen Tone: — Wie, Sie wollen ſich verheirathen? — Ja, Madame, das will ich! war die ruhige Ant⸗ wort des Engländers. 32 Der Burgundiſche Poſtillon. Außer ſich uͤber die Ruhe des Grafen und mit einem vor Zorn gluͤhenden Geſicht geht Madame Deville dem auf⸗ und abgehenden Englaͤnder einige Schritte nach und mit aller Kraft, die ihr zu Gebote ſteht, ruft ſie ihm zu: — Mein Herr, das haͤtten Sie mir gleich ſagen ſollen! Dann ruft ſie in den Hof: — Pferde vor meinen Wagen! Galopin ſteckt ſeinen Kopf aus einem kleinen Fenſter des Pferdeſtalles und ruft hinaus: — Gleich, ſchone Dame— es ſoll Ihnen ſogleich vorgelegt werden! Der Graf geht auf der einen Seite des Hofes ſpa⸗ zieren, Madame Deville auf der andern. Die Ruhe des Englaͤnders bringt die Franzöſin faſt zur Verzweiflung. Nachdem ſie einige Zeit den Hof durchſchritten, naͤhert ſie ſich dem Gegenſtande ihrer Aufwallung wiedet. Sehr artig und mit unterdruͤcktem Zorne redet ſie ihn an: — Darf man fragen, Herr Graf, wer die Gluͤckliche iſt, die Sie zu heirathen gedenken? Wahrſcheinlich eine große Dame, eine reiche Lady aus den drei Koͤnigreichen? — Durchaus keine Lady, antwortet der Grafz es iſt nur eine Baͤuerin. — Wie, eine Baͤuerin?! Der Burgundiſche Poſtillon. 33 — Das junge Maͤdchen, welches Sie in dieſem Wirths⸗ hauſe bedient hat. — Wie, der General Graf von Clarendon heirathet eine Kellnerin? Das iſt nicht moͤglich, das kann Ihr Ernſt nicht ſein. Denken Sie doch an Ihren Adel! — Das junge Maͤdchen beſitzt gute Eigenſchaften. — Sie hat aber weder Namen noch Vermoͤgen. — Ihre Tugend wiegt Alles auf. — Was wird man von Ihnen ſagen, wenn Sie Ihren Rang vergeſſen? — Man wird ſagen, daß ich das Talent beſitze, Tiefen auszufuͤllen und Berge eben zu machen; und ich werde ſagen, daß dieſe kleine Kellnerin waͤhrend meiner Krankheit ſo fuͤr mich geſorgt hat, wie nur eine Schweſter fur ihren Bruder oder eine Tochter fuͤr ihren Vater ſorgen kann. — Ah, ich begreife! Dieſe Heirath geſchieht alſo aus Erkenntlichkeit. Empfangen Sie meine beſten Gluckwunſche. Madame, es iſt angeſpannt! unterbricht ploötzich Jean⸗ Marie. Madame Deville ſieht ſich um und erblickt in voller Poſtillonsuniform, die Peitſche in der Hand, einen ſchoͤnen jungen Mann. Jean⸗Marie beſaß aber auch in der That in phyſiſcher Beziehung alle Eigenſchaften, eine Poſtillons⸗ Der Burgund. Poſtillon. 3 34 Der Burgundiſche Poſtillon. uniform ſo vollkommen auszufullen, daß der gute Reiter, dem man ſich ſorglos anvertrauen kann, ſogleich in's Auge fiel. Es konnte nicht fehlen, daß auch Madame Deville dieſe Bemerkung machte. — Gleich, mein Freund! antwortet ſie uͤberaus freund⸗ lich dem jungen Reiter mit ſeinen Kanonenſtiefeln und ſeiner langen Peitſche. Dann wendet ſie ſich wieder zu dem Grafen, der, immer noch auf⸗ und abgehend, freilich einen großen Contraſt mit dem huͤbſchen, kraͤftigen Poſtillon bildete. — Leben Sie wohl, Herr Graf! — Adieu, Madame! — Ich reiſe ab, Herr Graf. — Gluͤckliche Reiſe. — Meine Wuͤnſche fuͤr Ihr haͤusliches Gluck bleiben zuruͤck. — Danke! Wenn Ihre Wuͤnſche in Erfullung gehen, werden wir Beide zufrieden geſtellt ſein. Madame Deville folgt Jean⸗Marie durch das Hofthor. Gleich darauf hoͤrt man das Knallen der Poſtillonspeitſche und das Rollen eines Wagens, das ſich nach und nach in der Ferne verliert. Der Graf unterbricht plotzich ſeinen Spaziergang, als er Madame Devilles Abfahrt vernimmt. Einen Augenblick Der Burgundiſche Pvoſtillon. 35 lauſcht er dem ſich immer mehr entfernenden Wagengeraſſel, dann aber beginnt er ruhig ſeine Promenade wieder. — Sie iſt fort, murmelt Graf Clarendon vor ſich hin, fort fuͤr immer; ich werde ſie nicht wiederſehen. Um ſo beſſer! Ihr Anblick koͤnnte meinen Vorſatz wieder aͤn⸗ dern. Die Undankbare! Ich habe ſie wirklich geliebt und liebe ſie noch; aber ihr leichtſinniger Charakter wird mich ungluͤcklich machen: darum will ich ſie vergeſſen! Unſer Graf war ein echter Englaͤnder; man darf ſich alſo nicht wundern, wenn er ein echt engliſches Mittel wählt, ſeine undankbare Geliebte zu vergeſſen. Was werden in der Welt nicht fuͤr Mittel angewendet, namentlich von den Maͤnnern, um eine ungluckliche Liebe aus dem Herzen zu verbannen. Der Eine ergiebt ſich dem Trunke und lebt in einem ewigen Rauſche. Dieſes Mittel iſt nur fuͤr den Augenblick wirkſam; denn iſt der Rauſch verflogen, ſo tritt die alte Krankheit wieder ein und hat noch eine zweite im Gefolge, naͤmlich den Katzenjammer— er muͤßte ſonſt ein Trinker von Profeſſion ſein. Ein Andrer geht auf Reiſen— natuͤrlich wenn er Geld hat. Ein Dritter reitet Pferde zu Tode, ſchießt Rehböcke oder mordet ſonſt auf eine elegante Weiſe was ihm unter die Haͤnde geraͤth. Noch Andre ergeben ſich dem Spiele oder ſonſtigen 3* 36 Der Burgundiſche Poſtillon. Leidenſchaften, von denen ſie Zerſtreuung und ilung ihrer Schmerzen erwarten. Unſer Englaͤnder waͤhlte aber keines von allen den uͤblichen Mitteln. Er vertrieb Gift durch Gift. Einige Augenblicke ſann er noch nach, dann war er mit ſeinem Recepte im Klaren. Mit großen Schritten ging er auf das Wirthshaus zu und verſchwand in der Thuͤr deſſelben. 4. Der alte Poſthalter. Vater Chaillou war, wie ſchon geſagt, ein alter ge⸗ dienter Soldat und Poſthalter in dem Burgundiſchen Dorfe Lureil. Ein faſt uͤbertriebenes Ehrgefuhl war ein Hauptzug ſeines geraden, ſchlichten Charakters und ſein weißes Haupt und einige ſchlecht geheilte Wunden der einzige Lohn ſeiner langjaͤhrigen Dienſtzeit. Ein Kummer mochte ihm am Herzen nagen, denn gebeugten Hauptes trat er in den Poſthof. Galopin, der Stallknecht, ſah aus einem kleinen Fenſter des Pferdeſtalles und war in voller Beſchaͤftigung, einem ungeheuern Stuͤcke Brod Eingang in ſeinen Magen zu Der Burgundiſche Poſtillon. 37 verſchaffen. Als er ſeinen Herrn, den Poſthalter, erblickt, zieht er raſch ſeinen Kopf in das Fenſterchen zuruͤck und eine Minute ſpäter ſieht man ihn aus der Thuͤr in den Hof treten. — Herr Poſthalter, ich habe ſchon lange auf Sie ge⸗ wartet. Ich muß unſern Pferden zu freſſen geben; es iſt aber weder Heu noch Hafer vorhanden, Stroh iſt auch nicht mehr da! — Wie, entgegnet verwundert der Greis, hat der Pachter Joſeph noch nichts geſchickt? — Geſchickt hat er nichts, aber er iſt ſelbſt hier ge⸗ weſen, um mit Ihnen zu ſprechen; als er Sie nicht fand, hat er mir aufgetragen, Ihnen zu ſagen, daß er nichts Neues ſenden wuͤrde, bevor das Alte nicht bezahlt ſei. Schmerzlich betroffen wendet ſich der Greis ab und ſpricht leiſe vor ſich hin: — Auch er, ein vierzehnjähriger Freund, verlaßt mich! Troſtlos blickt er gen Himmel, als ob er Rath in ſeiner bedraͤngten Lage von ihm erwarte, denn die Menſchen ſchien er aufgegeben zu haben. Eiligen Schrittes tritt jetzt ſeine niedliche Adoptiv⸗ Tochter Deniſe aus dem Hauſe und unterbricht freundlich grußend das duͤſtere Schweigen ihres alten Vaters. — Lieber Vater! 38 Der Burgundiſ che Poſtillon. Chaillou wendet ſich um, erblickt ſeine Tochter und umarmt ſie mit den Worten: — Gruͤß' Dich Gott, mein Kind! — Ich habe mit Ihnen zu reden, mein Vater, faͤhrt ſie munter fort. Aber was ſeh' ich? Sie ſind betruͤbt— was iſt vorgefallen? — Alles verlaͤßt mich, antwortet der Greis, Alles wendet mir den Ruͤcken zu; ſogar mein alter, langjaͤhriger Freund Joſeph verweigert mir neuen Vorſchuß. — Iſt es moͤglich? Ihnen, ſeinem Freunde, ſchlägt er dieſe kleine Gefalligkeit ab? — O, das iſt noch nicht Alles! Du weißt, mein Kind, daß ich in der Stadt war, um die funfzehn ver⸗ lorenen Pferde wieder zu erſetzen, die zur Verwaltung meines Dienſtes unumgaͤnglich noͤthig ſind— — Ganz recht, mein Vater. Nun? — Ueberall hat man mir Credit verſagt! — Mein Gott! — Laut ſpricht man ſchon in der Stadt, daß ich gezwungen ſei, meinen Poſten aufzugeben, weil ich meinen Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen koͤnne! Das iſt zu viel! Das uͤberlebe ich nicht! Ein alter Soldat des Faiſerreichs kann nicht mehr leben, wenn er ſeine Ehre ver⸗ loren hat! Der Burgundiſche Poſtillon. 39 Schmerzlich bewegt, mit Thraͤnen in den Augen, ſteht Deniſe da. Ihre Bewegung verraͤth einen innern Kampf, deſſen raſche Entſcheidung das Ungluͤck ihres Vaters aber herbeizufuhren ſcheint; dann plotzich faͤhrt ſie aus ihrem Nachſinnen empor und ſieht ſich um, ob auch Niemand zugegen ſei, der das, was ſie dem Greiſe ſagen will, horen koͤnne. Sie erblickt Galopin, der eben das letzte Stuͤck ſeines großen Brodes ſorglos in den Mund ſchiebt. — Galopin, ſpricht bittend das liebliche Maͤdchen, zieht Euch ein wenig zuruͤck, mein guter Freund, ich habe mit meinem Vater zu reden. — Gern, Mamſell Deniſe, antwortet grinſend und kaͤuend der Stallknecht. Dann ſtellt er ſich hinter einen Baum und kehrt, als Vater und Tochter das Geſpraͤch be⸗ gonnen, neugierig lauſchend, wieder zuruͤck. Deniſe ergreift freudig bewegt die Hand ihres Vaters und ſpricht: — Voater, ſeien Sie nicht mehr traurig! Wenn Sie wollen, kann ſich Ihre Lage plotzlich umgeſtalten, Ihre Schulden werden alle bezahlt und Sie koͤnnen mit Ehren Ihren Poſten behalten. — Wie, Deniſe— erklaͤre Dich naͤher! — Es iſt nichts weiter noͤthig, als daß Sie zu mir ſagen: 40 Der Burgundiſche Poſtillon. „— Deniſe, heirathe Herrn Clarendon!“ — Wie, antwortet uͤberraſcht der Greis, Herrn Cla⸗ rendon! — Ja, mein guter Vater, er hat mir erlaubt, fuͤr Sie Alles zu thun, was nur eine Tochter fuͤr ihren Vater thun kann, wenn ich ihm meine Hand reiche und ſeine Gattin werde. Galopin hat das Geſprach mit angehoͤrt. Nicht allein ſein Geſicht druckt die Ueberraſchung aus, die das Gehoͤrte bei ihm bewirkt, ſondern auch Haͤnde und Fuͤße geben da⸗ von Zeugniß. Um unbemerkt das ganze Geſpraͤch belauſchen zu koͤnnen, greift er mit ſeinen beiden langen Armen nach dem unterſten Aſte des Baumes, hält ihn mit den Haͤnden feſt und laͤßt den übrigen Kötper lang herunter haͤngen, damit er duͤnner wird, denn der Baumſtamm iſt nicht dick genug, den ſtehenden Galopin Vater und Tochter zu ver⸗ bergen, wenn ſie ſich zufallig umſehen ſollten. Der Stall⸗ knecht hatte ganz richtig berechnet, daß ſein Koͤrper duͤnner wird, wenn er ausgeſtreckt an einem Aſte haͤngt, und daß der Stamm des Baumes dann dick genug ſei, ſeinen Leich⸗ nam zu verdecken. — Und was haſt Du ihm darauf geantwortet? fragte der Vater. — Der Antrag uͤberraſchte mich dergeſtalt, daß ich Der Burgundiſche Poſtillon. 41 im erſten Augenblicke nicht antworten konnte. Dann verließ mich der Graf, um mir Zeit zum Ueberlegen zu goͤnnen. E Aber, mein Kind, fuhr bewegt der Vater fort, Du liebſt doch Herrn Clarendon nicht! — Sie haben Recht, lieber Vater, ich liebe Jean⸗ Marie, er beſitzt laͤngſt ſchon mein Herz; aber Sie ſind mein Vater und erliegen dem Ungluͤcke. Ich will eher meine Liebe zu vergeſſen ſuchen, als undankbar gegen mei⸗ nen Wohlthaͤter handeln! Nur wenn Sie gluͤcklich ſind, mein Vater, kann auch ich gluͤcklich ſein. Wuͤrde ich das Gluͤck der Liebe vollkommen genießen koͤnnen, wenn ich Sie in Elend und Noth wuͤßte? Was waͤre aus mir gewor⸗ den, wenn Sie ſich meiner nicht angenommen haͤtten? — Nein, mein liebes Kind, das gluͤckliche Loos, das Du mir bieteſt, wurde auch ich nicht genießen koͤnnen, wenn ich wuͤßte, daß es durch Dein und Jean-Marie's Ungluͤck erkauft waͤre! Der arme junge Mann liebt Dich herzlich, ich weiß es, und ihn eines Gluͤckes berauben, das ich ihm ſelbſt verſprochen habe und das er ſo ſehnlich wuͤnſcht, hieße den braven Mann toͤdten! Nein, nein! Lieber will ich elend werden, als daß ich das zugebe. Du heiratheſt Deinen Jean⸗Marie! Ich habe Euch Beide an Kindes Statt angenommen und erzogen, und ein Vater, der ſeine Kinder liebt, kann das Ungluͤck derſelben nicht wollen. 42 Der Burgundiſche Poſtillon. Jetzt kann ſich Deniſe vor Freude nicht mehr halten, ſie wirft ſich ihrem greiſen Vater an den Hals und ruft: — O, mein Vater! Sie werden gewiß niemals un⸗ gluckich werden! Ich habe Muth und mein Jean⸗Marie auch; wir wollen Beide ſo fleißig arbeiten, daß ſich Ihr Loos guͤnſtig geſtalten muß! — So iſt es Recht, ſpricht Chaillou, kuͤßt ſeiner Tochter Stirn und ſchließt ſie in ſeine Arme; ſo iſt es recht, damit bin ich einverſtanden; weder von Herrn Cla⸗ rendon noch von ſeinem Vermoͤgen ſoll je wieder die Rede unter uns ſein, und damit wir nicht in die Verſuchung ge⸗ rathen, unſern Entſchluß zu aͤndern, will ich auf der Stelle den Notar unſtes Dorfes beſtellen und meinen Poſten nebſt allem Zubehoͤr zum Kauf ausbieten laſſen. Folge mir in das Haus, mein Kind, und hilf mir das Inventarium mei⸗ ner Mobilien anfertigen. Deniſe ergreift den Arm ihres Vaters und fuͤhrt ihn in das Wohnhaus. Kaum haben Vater und Tochter ſich entfernt, ſo fallt der Stallknecht Galopin, dem die Arme lahm werden, wie ein Mehlſack zur Erde. Iſt es Zufall oder eigne Geſchicklichkeit des Hartbedraͤngten— kurz, er faͤllt auf einen Theil ſeines Körpers, der eigentlich zum Sitzen eingerichtet iſt, und jetzt empfindet er erſt, welchen Eindruck das Geſpraͤch auf ihn gemacht hat. Die Freude Der Burgundiſche Poſtillon. 43 muß wohl einen ſolchen Knalleffect bei ihm hervorgebracht haben, denn ſitzend ruft er aus: — Das iſt ſchoͤn von unſerm Vater Chaillou, das iſt brav! Ja, Vater Chaillou, Du biſt ein dreifach braver Mann und beſitzeſt meine ganze Achtung! Dos nenne ich einen Zug! Doch, jetzt will ich in den Stall gehen und andre Kleider anziehen, ſo kann ich nicht bleiben! Bei den letzten Worten tritt Jean⸗Marie in das Thor, der von ſeiner Fahrt heimkehrt. — Haſt Du ein gutes Trinkgeld erhalten? ruft ihm Galopin entgegen. — Das will ich meinen, antwortet Jean⸗Marie. Und außerdem Liebkoſungen, Schmeicheleien und Verlockun⸗ gen, die gar nicht enden wollten. — Das wundert mich nicht, faͤhrt der Stallknecht fort, Du biſt auch gar zu hubſch in Deinen gekollerten Reit⸗ hoſen! Bei mir iſt das etwas Andres; ich habe zwar ein hubſches Geſicht, das iſt wahr, aber meine Beine ſind zu lang. Ich habe von meinem Vater nur Beine und weder Waden noch Schenkel geerbt, aus dem einfachen Grunde, weil er auch keine hatte. Na, was nicht iſt, kann noch werdenz. die Stellen dazu ſind. vorhanden. 2 — Als wir die Pferde wechſelten, nimmt Jean⸗Marie wieder das Wort, fragte ſie mich, ob ich verheirathet ſei. 44 Der Vurgundiſche Poſtillon. — Nein, gab ich ihr zur Antwort, aber ich ſtehe im Begriffe, Mamſell Deniſe zu heirathen. — Mamſell Deniſe? Lieben Sie dieſe auch? — Ob ich ſie liebe! antwortete ich ihr. — Wenn Sie nun von ihr hintergangen wuͤrden, wuͤrde Ihnen das Kummer verurſachen? — Ich wuͤrde ſterben! — Nun denn, fuͤgte ſie mit einem hoͤchſt liebens⸗ wuͤrdigen Lacheln hinzu, wenn Ihnen dies Ungluͤck einmal zuſtoßen ſollte, ſo ſterben Sie nicht, ſondern kommen Sie nach Paris in das hötel des Ambassadeurs, fragen Sie dort nach Madame Doville, und Sie werden Ihre Reiſe nicht zu bereuen haben. Verſprechen Sie mir das? — O ja, Madame, das verſpreche ich Ihnen; ſobald Deniſe untreu wird, komme ich nach Paris. Doch damit hat es keine Gefahr.— Dann ſtieg ſie in den Wagen, und fort ging's nach Paris. — Soll ich Dir ſagen, was das fuͤr eine Dame war? fragt der Stallknecht mit großen Augen. — Nun? — Das war eine Dame, die in Dich bis zum Wahn⸗ ſinn verliebt iſt. — Du biſt ein Narr! Wie wird ſich wohl eine vornehme Dame in einen Poſtillon verlieben? Der Burgundiſche Poſtillon. 45 — Warum nicht? Nicht alle Leute haben ſo gute Schenkel wie die Poſtillons; das wiſſen die vornehmen Damen ſehr gut. Warum ſoll eine vornehme Dame nicht einen Poſtillon lieben, iſt doch der Graf Clarendon bis uͤber die Ohren in Mamſell Deniſe verliebt. — Was ſagſt du? ſtottert der Poſtillon. — Ich ſage, daß der Englaͤnder um ihre Hand an⸗ gehalten hat, und daß er ihr das Verſprechen gegeben, wenn ſie ihn heirathet, Vater Chaillou's Vermoͤgensumſtaͤnde zu verbeſſern. — Das iſt moͤglich; doch glaube ich es kaum. — Ich habe aber eine Unterredung zwiſchen Mamſell Deniſe und unſerm Vater Chaillou belauſcht; da habe ich mit meinen eignen Ohren gehoͤrt, daß der alte Poſthalter ſagte: Und wenn ich noch ſo unglͤcklich werde, Du wirſt Jean⸗Marie's Gattin; wenn Du einen Andern heiratheſt, wird der arme junge Mann vor Gram ſterben. — Wie, fragt uͤberraſcht der Poſtillon, das hat Vater Chaillou geantwortet? — Ja, das hat er geantwortet; außerdem hat er noch hinzugefuͤgt: Ich habe Euch Beide an Kindes Statt angenommen und erzogen, und ein Vater, der ſeine Kinder liebt, kann das Ungluck derſelben nicht wollen. 46 Der Burgundiſche Pvoſtillon. — O der brave, edle Mann! ruft Jean⸗Marie in hoͤchſter Ruͤhrung aus. — Es iſt um ſo achtungswerther von ihm, daß er dieſe Partie fuͤr Mamſell Deniſe ausſchlagt, weil er durch dieſe Heirath ſeine Vermogensumſtände wiederherſtellen koͤnnte und ohne ſie ruinirt iſt. — Wie, ruinirt? — Man ſpricht ſogar in der ganzen Gegend, daß ſein ganzes Vermoͤgen nicht hinreicht, ſeine Schulden zu bezahlen, und daß man ihm eine freie Wohnung anweiſen wuͤrde, fuͤr die er zwar keinen Miethzins zu zahlen habe, die aber dafur ſtockfinſter ſei. Wuͤthend vor Zorn ergreift der junge Poſtillon den Stallknecht bei beiden Schultern und ruft ihm mit ſtarker Stimme in's Geſicht: — Wo ſind die Elenden, die ein ſolches Geruͤcht zu verbreiten wagen? Ein alter Soldat, der die Ehre und Rechtſchaffenheit ſolbſt iſt, wird keinen ſeiner Glaͤubiger be⸗ vortheilen. Er wird ſie bezahlen, ſage ich, bis auf den letzten Sou! Galopin buͤckt ſich und entwindet ſich, ein ſcheußliches Geſicht ſchneidend, den kraͤftigen Faͤuſten des erbitterten jun⸗ gen Mannes, mit den Worten: Der Burgundiſche Poſtillon. 47 — Au weh! Ich behaupte auch das Gegentheil! Ich habe das Geruͤcht nicht ausgeſprengt! — Aber Du wiederholſt es, feiger Menſch! Du wuͤr⸗ deſt beſſer thun, wenn Du den Pferden, die ich zuruͤckbringe, Hafer vorlegteſt. — Hafer? Ach, du lieber Himmel! Nicht ſo viel, als ich in meinen Mund nehmen kann, iſt vorhanden. Ich habe dieſen Mangel Vater Chaillou ſchon angezeigt; es ſcheint aber, daß er kein Geld hat, Futter zu kaufen. Wie niedergeſchmettert ſteht der Poſtillon da. Die truͤbſelige Lage ſeines Wohlthaͤters ſtand jetzt in ihrem gan⸗ zen Umfange vor ſeiner Seele. Ploͤtzlich ſpricht er: — Hier ſind zehn Francs— geh und kaufe Hafer. Es iſt Alles, was ich beſitze. Beeile dich, die Pferde muͤſ⸗ ſen freſſen! — Gleich, gleich! Der Stallknecht Galopin ſchleppt ſich langſam dem Hofthore zu. Noch hat er es nicht erreicht, ſo kehrt er um, geht wieder zu Jean⸗Marie, der in Gedanken verſunken noch daſteht, und ſpricht zu ihm: — Hoͤre, Jean⸗Marie, was ich Dir ſo eben erzaͤhlt habe, erzaͤhle ja keinem Andern; auch dem Vater Chaillou nicht, damit er ſich auf ſeine alten Tage nicht noch zu Tode graͤme! 48 Der Burgundiſche Poſtillon. — Vorwaͤrts, beeile Dich, Schwaͤtzer, ſpricht der Poſtillon, und verſetzt ihm ein paar derbe Peitſchenhiebe vor den Allerwertheſten, die den Stallknecht an ſeine unan⸗ genehme Lage hinter dem Baume erinnern. Galopin hat ſich entfernt. Des Poſtillons kindliches, noch unverdorbenes Gemuͤth iſt tief ergriffen. Der Gedanke, daß ſein Wohlthaͤter Elend, vielleicht Schande auf ſich laden will, um ſein Gluͤck nicht zu zerſtören, hat ihn in tiefe Ruͤhrung verſetzt. — Mein Gott! mein Gott! ruft er verzweiflungsvoll aus, wie ſoll ich ihm dies großmuthige Benehmen jemals vergelten?! Erſchoͤpft, mehr von dem was er ſo eben gehoͤrt und von dem Kampfe in ſeinem Innern, als von der Reiſe die er zuruͤckgelegt, ſinkt er auf eine Bank nieder. Tauſend Plaͤne, ſeinen Wohlthäter zu retten, durchkreuzen ſeine Ge⸗ danken, doch alle ſcheinen ihm nicht ausfuͤhrbar. Nach einigen Augenblicken finſtern Nachſinnens ſpringt er ploͤtzlich auf und ſpricht leiſe vor ſich hin: — Wie, Jean⸗Marie, Du kannſt noch waͤhlen? Geht der Greis Dir nicht mit edelm Beiſpiele voran? Nein, nicht er ſoll das Opfer werden, ich will es ſein! Ich werde mich fuͤr ihn opfern! Aber Deniſe— Deniſe, die mich ſp zaͤrtlich liebt—! Doch es gilt die Rettung ihres und Der Burgundiſche Poſtillon. 49 meines Wohlthäters, den muß ſie mehr lieben als mich. Man muͤßte mich ja verachten, wenn ich das jemals zu⸗ gaͤbe. Nein, nein, es muß ſein! Arme Deniſe, vergieb mir! — Werde ich aber auch den Muth haben, fuhr er leiſer fort, vor Deniſe hinzutreten und ihr zu ſagen: Ich liebe Dich nicht mehr, ich will Dich nicht heirathen, weil— weil Du arm biſt?— O nein, nein! Mein Herz wuͤrde mich verrathen; ich werde es ihr ſchreiben, das wird beſſer ſein! — Holla! Tapotte! ruft er mit lauter Stimme nach der Schenke zu. Die Magd mit den dicken Armen, die Anlaß zu philo⸗ ſophiſchen Betrachtungen giebt und dem armen Galopin den Kopf verdreht hat, tritt raſch aus der Thuͤr des Wirths⸗ hauſes in den Hof. — Was wuͤnſchen Sie, Herr Jean⸗Marie? — Kannſt Du mir wohl Schreibzeug und Papier bringen? — Warum nicht? Auch mit Federn kann ich die⸗ nenz es giebt ja Vogelvieh genug in unſerm Dorfe. Nach einigen Augenblicken tritt der dienſtbare Schenk⸗ geiſt wieder aus dem Hauſe und uberreicht dem Poſtillon Schreibzeug, Papier und Feder mit den Worten: — Hier iſt das Verlangte und eine vorzuglich gute Der Vurgund. Poſtillon. 4 50 Der Burgundiſ che Poſiun. Feder; unſer Schulmeiſter hat ſie mir vor einem Jahre geſchnitten. — Danke! — Wollen Sie vielleicht einen Brief an Ihre Ge⸗ liebte ſchreiben? — Was kuͤmmert Dich das? antwortet n Jean⸗Marie. — Nun, ich meine bloß— Jean⸗Marie hat ſich an einen Tiſch geſetzt und will zu ſchreiben beginnen. Als er ſieht, daß die neugierige Koͤchin hinter ihm ſtehen bleibt, ergreift er ſeine Peitſche und treibt bis an die Hausthuͤr die Laſtige, die eiligſt und ſchleunigſt im Hauſe verſchwindet. Jean⸗Marie kehrt zu ſeinem Tiſche zuruͤck und ſchreibt folgenden Brief: „Ich richte dieſe Zeilen an Sie, um mich nach Ihrem „Geſundheitszuſtande zu erkundigen und Ihnen anzuzeigen, „daß es mit den Vermoͤgensumſtaͤnden unſers Wohlthaͤters „ſehr ſchlecht ſteht. Er kann uns zu unſter Einrichtung „nichts geben, und deshalb wird unſte Verbindung eine „hoͤchſt ungluͤckliche werden. Dies Alles erwaͤgend, habe ich „mich entſchloſſen, Ihnen auf ewig Lebewohl zu ſagen und „meine Wuͤnſche fuͤr Ihr Gluͤck zum Himmel zu ſenden. „Jean⸗Marie Robert.“ Nachdem der Poſtillon dieſen Brief vollendet hat, legt Der Zihiſce Poſtillon. 51 er ihn zuſammen und ſchreibt die Adreſſe. Ein Strom von Thraͤnen faͤllt auf das Papier. Seinen ganzen Muth zuſammennehmend ſteht er endlich auf und ruft eine Magd, die in dieſem Augenblicke uͤber den Hof geht. — Jeannette, ſpricht er, ubergieb dieſen Brief Mamſell Deniſen. — Gleich, antwortet die Gefaͤllige; ich werde ihn zur Nachbarin Nichon tragen; dort befindet ſich Mamſell Deniſe in dieſem Augenblicke. Jean⸗Marie hatte den Plan entworfen, ohne von irgend Jemandem Abſchied zu nehmen, das Dorf zu ver⸗ laſſen; denn er fuͤrchtete, daß der Anblick und die Thraͤnen ſeines geliebten Maͤdchens ſeinen Entſchluß wankend machen wuͤrde. Der Gedanke an das Ungluͤck ſeines Wohlthaͤters und daß durch ſeine Entſagung die Ehre des alten Soldaten gerettet werden wuͤrde, ließ ihn auf ſeinem Vorſatze beharren. Die Pflicht der Dankbarkeit ging ihm uͤber Alles. Unſer Poſtillon traute ſich dennoch aber nicht Kraft genug zu, im Falle Deniſe eine Erklaͤrung von ihm ver⸗ langen ſollte, ihrer Ueberredung zu widerſtehen. Der Wein ſollte ihm Muth geben, Allem zu widerſtehen. Er wußte, daß Deniſe die Trunkenbolde vom Grunde ihrer Seele haßte und verabſcheuete, daß ſie ihn ſogar verachten wuͤrde, wenn ſie ihn in einem trunkenen Zuſtande erblickte: ihm war in 4* 52 Der Burgundiſche Poſtillon. dieſem Augenblicke aber jedes Mittel recht, das ihn zu ſei⸗ nem Ziele fuhrte. Er ließ Wein kommen. — Wenn mich Deniſe verachten muß, dachte er, bin ich wenigſtens gewiß, daß ſie mich nicht bedauern wird. Einen Haferſack auf dem Ruͤcken tragend, tritt Ga⸗ Lopin keuchend in das Hofthor. — Hier ſind Futterkorner fur unſte Voͤgel! ruft er aus. — Beeile Dich, Galopin, ſpricht der Poſtillon, futtere die Pferde ab, dann komm zuruͤck und trink mit mir ich mag nicht allein trinken! — Was haſt Du denn zu trinken? Wein? O, da werde ich Dich nicht lange warten laſſen und die Pferde auch nicht! Mit Rieſenſchritten geht der durſtige Knecht in den Stall. — Tapotte! Tapotte! ruft Jean⸗Marie, noch eine Flaſche und ein Glas!. — Hier iſt Wein, Herr Jean⸗Marie, ſpricht Tapotte, Wein und Glas auf den Tiſch ſetzend. 5— Iſt er gut? — Das will ich meinen! Ich kann dafur einſtehen, unſer Herr Chaillou hat ihn ſelbſt gezogen. Der Burgundiſche Poſtillon. 53 — Erwarten Sie noch Jemanden, fragt die Neugie⸗ rige, daß Sie zwei Glaͤſer gebrauchen? — Ja, Tapotte. Doch jetzt geh; wenn ich Deiner bedarf, werde ich rufen. — Rufen Sie nur, antwortet laͤchelnd va le Madchen; Ihnen ſtehe ich immer zu Dienſten⸗ S mögen verlangen. n3 Sie wollen-— F4 Tapotte hat ſich entfernt. Der Poſtillon greift zum Glaſe, um ſeinen Schmerz und ſeine Angſt durch Wein zu verſcheuchen. Er wußte, daß ſein Brief jetzt in Deniſe's Haͤnden ſein mußte, daß ſie den Inhalt deſſelben vielleicht ſchon geleſen und Thraͤnen uͤber die Untreue ihres Verlobten vergoſſen habe. — Galopin! ruft er dem Knechte entgegen, der jetzt aus dem Stalle zuruͤckkehrt, nimm Dein Glas! — Ich fuͤhle in der That das Beduͤrfniß nach Feuch⸗ tigkeit, denn der Durſt bringt mich faſt um. Mit dieſen Worten greift Galopin nach dem Glaſe und trinkt. — Jetzt ſetze Dich zu mir! — Ich kann nicht; Papa Chaillou hat mir aufge⸗ tragen, den Notar von Lureil zu rufen, um den Verkauf ſeines Poſtens bekannt zu machen. Jean⸗Marie fuhr bei dieſen Worten zuſammen. Die 54 Der Burgundiſche Poſtillon. Ehre ſeines Wohlthäters zu retten und den zerrutteten Zu⸗ ſtand ſeines Vermoͤgens der Welt zu verbergen, hatte er ſich einmal vorgenommen und mit Aufopferung ſeines Gluͤckes bereits den erſten Schritt dazu gethan; er mußte alſo zu verhindern ſuchen, daß dem Notar der Verkauf uͤbertragen wurde. Er ſuchte deshalb Galopin au d WVollziehung ſei⸗ nes Auftrages zu hindern. — Noch ein Glas, Galopin; auf einem Fuße kannſt Du nicht gehen, Du muͤßteſt ſonſt hinken. — Wahrhaftig, das iſt wahr, ſpricht Galopin, indem er mit luͤſternen Blicken die Weinflaſchen anſieht; ich muß raſch gehen, daß ich fuͤr unſern Herrn den Notar beſtelle. Der Poſtillon hat das Glas gefuͤllt, der Knecht ergreift es, und indem er es aufhebt, ſpricht er: — Auf Dein Wohl, Jean⸗Marie, und vor Allem auf Deine Liebe! — Trink, und ſprich nicht von ſolchen Sachen. — Wie, Du willſt nicht, daß man auf Deine Liebe trinke? Auch gut, da will ich auf die meinige trinken. O Tapotte! Tapotte! — Du willſt auf Deine Liebe trinken und haſt nichts mehr in Deinem Glaſe? — Ah wahrhaftig, es iſt ſchon wieder leer! — Jetzt trink! ſpricht, das Glas fuͤllend, Jean⸗ ——— Der Burgundiſche Poſtillon. 55 Marie. Dann nimmt er das ſeinige, wendet ſich ab und ſpricht leiſe: — Armer Vater Chaillou! Es iſt keine Zeit mehr zu verlieren, denn morgen vielleicht ſchon vertreibt man Dich aus deinem Eigenthume.. Galopin hat in der Zeit ſein Glas abermals geleert und ſcheint dann von einem Gedanken beſchaͤftigt zu werden. — Hoͤre, Jean⸗Marie, ſpricht er plotzlich, ich habe ſo eben eine Bemerkung gemacht. Jetzt ſtehe ich auf drei Beinen, da wuͤrde ich ja gar nicht von der Stelle kommen, und Papa Chaillou hat mir Eile anempfohlen. — So nimm Dir noch ein viertes Bein, dann haſt Du zwei Paar, antwortet der Poſtillon und fuͤllt zum vier⸗ ten Male Galopin's Glas. — Bei Gott, Du haſt recht, dann kann ich um ſo beſſer laufen, und fuͤr meinen Papa Chaillou laufe ich durch Feuer und Waſſer. Haſtig leert Galopin das gefullte Glas. — Da Du jetzt raſcher laufen kannſt, haſt Du auch noch ſo viel Zeit, die zweite Flaſche mit mir zu leeren. Setze dich! — Das iſt wahr! Es iſt auch meine Pflicht, Dir gefaͤllig zu ſein, antwortet Galopin und ſetzt ſich behaglich auf die Bank. 56 Der Burgundiſche Poſtillon. — Doch halt! Es iſt nichts mehr drin, ſpricht Jean⸗ Marie, die Flaſche anſehend. — Dann will ich gehen, ich habe Eile! — Noch einen Augenblick! Ein Reiterſchluck kann nicht ſchaden. — Ja, wenn noch ein Reiterſchluck genoſſen werden ſoll, will ich noch warten, der ſtaͤrkt fur die ganze Reiſe. — Holla, Tapotte! Noch eine Flaſche vom aͤlteſten und beſten! ruft der Poſtillon dem Hauſe zu. — Höre, Jean⸗Marie, Du bereiteſt mir eine ange⸗ nehme Ueberraſchung: ich habe Dich noch nie ſo vergnuͤgt und noch nie ſo durſtig geſehen. Sieh, das macht mir Freude. Ich freue mich immer, wenn ich andre Leute vergnugt ſehe, denn das iſt ein Zeichen, daß es ihnen wohl geht. — Es iſt nur ſo eine Idee, die mir in den Kopf gefahren iſt; ich will heute den alten Backofen einmal recht heiß machen, will mir einen kleinen Spitz antrinken. Biſt Du dabei? — Ach mein Gott, antwortet ſeufzend der Knecht, wenn ich nur nicht ſo große Eile haͤtte! Ich liebe die Spitze vom Grunde meiner Seele! Ach; da kommt Ta⸗ potte! O Tapotte, in dieſem Augenblicke beſitzeſt Du Alles, um mir den Kopf zu verdrehen! Der Burgundiſche Poſtillon. 57 Die Hebe naht, eine Flaſche in der Hand tragend; Galopin ſieht Beide zaͤrtlich an und vergißt daruber ſeinen eiligen Auftrag. — Hier iſt der verlangte alte Wein, ſpricht Tapotte; dieſe Flaſche iſt ſieben Jahre alt. — Sieben Jahre? verſetzt Galopin. Geliebte Freun⸗ din, da muß ich Ihnen bemerken, daß ſie fur ihr Alter noch ſehr klein iſt. Tapotte fullt die Glaͤſer und reicht eins davon dem Stallknechte. — Hier, mein lieber Galopin! — Ja, meine gottliche Tapotte! Ich werde mir jetzt die Kehle reinigen und bitte dann um den Kuß, den Sie mir heute fruͤh verſprochen haben. — Ich habe Ihnen nichts verſprochen. Der begeiſterte Stallknecht ſteht auf, ſchlingt ſeinen Arm um die ziemlich dicke Taille der Landſchoͤnheit und will ihr mit Gewalt einen Kuß auf die braunrothen Lippen drucken. — Was man mir einmal verſprochen hat, muß ich erhalten! Tapotte regt ihre dicken Arme und ſtößt den armen Stallknecht, der in dieſem Augenblicke auf ſchwachen Fuͤßen ſteht, mit ungeheurer Kraft von ſich ab. Da der Stall⸗ 58 Der Burgundiſche Poſtillon. knecht Miene macht, einen Griff auszufüͤhren, der ſie wahr⸗ ſcheinlich beſiegt haben wuͤrde, ergreift die zarte Jungfrau die Flucht; der verliebte Galopin verfolgt ſie, wird aber durch irgend etwas im Laufen gehindert, ſo daß die Fluͤch⸗ tige das Wirthshaus zuerſt gewinnt und ihrem Verfolger die Thuͤr deſſelben dicht vor der Naſe zuſchlaͤgt. Beſturzt greift er nach ſeiner Naſe, die wahrſcheinlich mit der Thuͤr in eine unſanfte Beruͤhrung gerathen iſt, und ruft laut aus: — O Liebe, Liebe! Belohnſt du mich ſo? Jetzt will er zu dem Tiſche zuruͤckkehren, an dem Jean⸗Marie ſitzt, die Fuße verſagen ihm aber den Dienſt, er ſchwankt hin und her. — Hoͤre, Jean⸗Marie, ich habe jetzt ſo viel Beine und kann doch nicht laufen; vorzuglich das eine hindert mich hartnaͤckig am Gehen! — Setz' Dich wieder zu mir, wir wollen noch trinken. — Ja, ſtammelt der Liebegeſchwaͤngerte, wir wollen noch trinken, und wenn ich auch hundert Beine erhalte! Weißt Du was, Jean⸗Marie, da wir einmal ſo froͤhlich ſind, ſinge mir das ſchoͤne Lied vor, das ich erſt ein einziges Mal gehoͤrt habe; ich will es lernen! Auch auf den Poſtillon hatte der Wein ſeine Wirkung nicht verfehlt. Schon von Natur heiter und zur Froͤhlich⸗ keit geneigt, war der arme Jean⸗Marie ſo aufgeregt, daß Der Burgundiſche Poſtillon. 59 er dem Wunſche ſeines Trinkgenoſſen nachzukommen beſchloß. Mit gluhendem Auge ergriff er ſein Glas, ſtand von der Bank auf und ſang: Wo hoch auf den Bergen Die Rebe erglüht, Nur Freiheit und Freude Im Sonnenſtrahl blüht: Drum ziehen erwärmend Beim perlenden Wein Die Freude, der Frohſinn In's Menſchenherz ein. Es wohnt in dem Nektar Die göttliche Kraft, Zu ſtärken, was Thränen Und Leiden erſchlafft: Drum ſchlafen im Buſen Beim perlenden Wein Die Sorgen und Plagen Des Menſchen auch ein. Doch ſchlummert die Freude, Die himmliſche, ein, Dann weckt ſie zum Leben Der perlende Wein: Drum greife zum Glaſe Wen Leiden umſtrickt, Der Wein iſt der Tröſter, Der Alles erquickt! — Ein praͤchtiges Lied, ſtammelt Galopin und trinkt den Reſt ſeines Glaſes aus; wenn man das ſingen hort, 60 Der Burgundiſche Poſtillon. ſollte man glauben, es gabe gar keine Sorgen auf der Welt, es gaͤbe lauter Wein! Jean⸗Marie, gieb mir noch ein Glas von dem Troſter, denn ich brauche viel Troſt, weil ich ſehr viel Leiden habe! In dieſem Augenblicke tritt Deniſe, des Poſthalters Pflegetochter, einen Brief in der Hand haltend, weinend in das Thor ein, das zu dem Dorfe fuͤhrt. Der Poſtillon bemerkt ſie, thut aber, als ob er ſie nicht ſieht. Haſtig fuͤllt er die Glaͤſer von neuem, ergreift das ſeinige und ruft: — Es lebe die Freude! Es lebe der Wein! Zum Teufel mit der Heirath, zum Teufel mit allen Weibern! Erſchreckt fahrt die arme Deniſe zuſammen, als ſie den Toaſt ihres Verlobten hoͤrt. Vor Schrecken feſtgebannt bleibt ſie ſtehen, und ein neuer Thraͤnenſtrom entſturzt ihren ſchoͤnen Augen. — O, mein Gott, wie hat er mich betrogen! ruft ſie in Verzweiflung aus. Die Trinker aber laſſen ſich nicht ſtören, ſie leeren ein Glas nach dem andern und wiederholen den letzten Vers ihres Liedes. Nach Beendigung deſſelben ſinkt Galopin mit dem Kopfe auf den Tiſch und ſchlaft ein. Die arme be⸗ trogene Deniſe iſt auf einen Gartenſtuhl geſunken, haͤlt ihr Schuͤrzchen vor die Augen und weint bitterlich. Um Jean⸗Marie's peinliche Lage noch zu vergrößern, Der Burgundiſche Poſtillon. 61 oͤffnet ſich die Thuͤr des Gaſthauſes und der Poſthalter Chaillou, in einem Geſpraͤche mit dem Grafen Clarendon begriffen, tritt in den Hof. — Noch einmal, Herr Graf, ſpricht der Poſthalter, Deniſe hat zu entſcheiden! Als Deniſe ihren Vater und den Englaͤnder kommen ſieht, erhebt ſie ſich raſch, trocknet ihre Thraͤnen und tritt ſo ruhig, als es ihr moͤglich iſt, den beiden Maͤnnern ent⸗ gegen. — Mamſell Deniſe, redet ſie der Englaͤnder an, woll⸗ ten Sie die Guͤte haben und mir Ihren Entſchluß mit⸗ theilen. Einen Augenblick ſchweigt Deniſe, dann wirft ſie einen bedeutungsvollen Blick auf Jean⸗Marie, der ſich ſtellt, als ob er die Gegenwart der beiden Maͤnner und Deniſe nicht bemerkte, und ſpricht mit lauter, feſter Stimme: — Herr Graf, ich fuͤhle mich durch Ihren Antrag hochgeehrt, und da mein Vater mich zur Herrin meines Willens gemacht, ſo erklaͤre ich hiermit, daß ich Ihren An⸗ trag annehme. — Wie? ruft erſtaunt der alte Poſthalter, was muß ich hoͤren! Entzuckt ergreift der Graf des ſchoͤnen Madchens Hand, 62 Der Burgundiſche Poſtillon. das mit hochrothem Angeſicht und verweinten Augen da⸗ ſteht, druͤckt einen Kuß darauf und ſpricht: — Sie nehmen meinen Antrag an? O, Mamſell, Sie geben mir die Heiterkeit meines Lebens zuruͤck! Mit Thraͤnen in den Augen, aber zuftieden, daß ſein Plan gelungen iſt, ſteht Jean⸗Marie von ſeiner Bank auf und nähert ſich dem greiſen Poſthalter. — Herr Chaillou, ſpricht er, nehmen Sie meinen herzlichſten Dank fuͤr Alles, was Sie an mir gethan haben, und zugleich die Verſicherung, daß ich Ihre Wohlthaten nie vergeſſen werde. und nun leben Sie wohl— ich muß Sie verlaſſen. — Wie, ſpricht der alte Chaillou, Du willſt uns verlaſſen? — Ich habe in Paris einen vortheilhaften Platz ge⸗ funden, antwortet der junge Poſtillon, dorthin will ich reiſen. — Aber, mein Gott, was bedeutet das Alles? — Dieſer Brief wird es Ihnen erklaͤren, unterbricht Deniſe und uͤberreicht ihrem Vater Jean⸗Marie's Brief. Der Greis durchlieſ't den Brief und blickt dann traurig auf den Poſtillon. — Leben Sie wohl, Mamſell Deniſe! — Leben Sie wohl, antwortet kalt Deniſe. Jean⸗Marie kann ſeine Thraͤnen nicht mehr zuruͤck⸗ Der Burgundiſche Poſtillon. 63 halten; um ſie aber den Anweſenden zu verbergen, geht er an den Tiſch, ſetzt haſtig ſeinen Hut auf und ſtuͤrzt zum Hofthore hinaus. Der Graf fuͤhrt Vater und Tochter in das Haus zuruͤck. Jetzt erwacht Galopin. Er ſieht ſich rings um, und als er Niemand mehr ſieht, ruft er aus:„Ich habe Eile!“ und ſtuͤrzt ebenfalls zum Thore hinaus. 5. Lhötel des Ambassadeurs. Madame Deville, hoͤchſt entruͤſtet uͤber ihren alten Reiſegefaͤhrten, nahm ihren Weg direct nach Paris. Der Poſtillon Jean⸗Marie fuhr ihren Wagen bis zur erſten Sta⸗ tion, und da er ſich ſehnte, recht bald wieder bei ſeiner ge⸗ liebten Deniſe zu ſein, beeilte er ſich, das Ziel ſeiner Reiſe zu erreichen. Madame Deville hatte den gutmuͤthigen, aͤußerſt ſchwachen Charakter des Grafen Clarendon zu gut kennen gelernt, als daß ſie an die wirkliche Vollziehung ſeiner Hei⸗ rath mit der kleinen Baͤuerin glauben konnte. Sie hielt 64 Der Burgundiſche Poſtillon. die ganze Sache fuͤr eine Rache, die der Graf dafuͤr an ihr ausuͤben wollte, weil ihre Koketterie in Baden ihm An⸗ laß zur Eiferſucht gegeben hatte. Sie konnte ſich hingegen auch nicht verbergen, daß Deniſe, wenn auch aus dem Bauernſtande, doch Eigenſchaften in ſich vereinige, die ihr bei der Denkungsart des Grafen leicht gefährlich werden konnten; ſie ſann deshalb auf Mittel, dieſen Knoten zu loͤſen und den Grafen recht bald zu einer Erklärung zu zwingen, oder, im Falle es ihm wirklich Ernſt ſei, die Poſt⸗ halters⸗Tochter zur Graͤfin zu machen, ihm das Lächerliche dieſer Heirath recht deutlich vor Augen zu fuͤhren. Ein kurzes Geſpräch mit Deniſe ſelbſt hatte ſie belehrt, daß der Poſtillon Jean⸗Marie der vom Voater erwaͤhlte Braͤutigam ſei. Der geringe Stand des Erwaͤhlten ließ ſie ſchließen, daß der Eitelkeit des jungen Maͤdchens durch den Antrag des Grafen geſchmeichelt werden muͤſſe und daß der Titel„Graͤfin/ die Braut leicht verleiten koͤnne, ihr Ver⸗ hältniß mit Jean⸗Marie zu löͤſen und dem Britten die Hand zu reichen. Den wahren Grund, der Deniſe bereits dazu veranlaßt hatte, kannte ſie nicht. „Wenn ich ihn mit denſelben Waffen bekaͤmpfte, mit denen er mich angegriffen hat?“ Dieſer Gedanke beſchaftigte unſte Schoͤne, als ſie einſam in ihrem Reiſewagen die ganze Begebenheit ſich noch — — Der Burgundiſche Poſtillon. 65 einmal wiederholte. Daß ſie nicht ſäumen durfte, etwas gegen den Plan des Grafen zu unternehmen, war ihr klar, doch welches Mittel ſie ergreifen ſollte, wußte ſie nicht. Sie ſah durch das Fenſter ihres Wagens den ſchmucken, kraͤftigen Poſtillon die raſchen Pferde mit einer Leichtigkeit baͤndigen, daß der junge Mann, der außerdem ihr Intereſſe ſchon rege gemacht hatte, weil er Deniſe's erwaͤhlter Braͤuti⸗ gam war, auch in dieſer Hinſicht e Aufmerkſamkeit auf ſich lenkte. Die Poſtſtation war erreicht, und Jean⸗Marie ſtieg vom Pferde, um ſeine Thiere auszuſpannen und nach Luxeil zuruckzukehren. — Mein Freund! rief die Dame. Ehrerbietig, ſeinen Hut in der Hand, trat der Poſtillon an den Wagen. — Sind Sie verheirathet? fragt Madame Devill. — Nein, Madame, bis jetzt noch nicht; ich ſtehe aber im Begriff, die Pflegetochter meines Poſthalters zu heirathen. — Sie lieben wohl Ihre Braut recht ſehr? — Ob ich ſie liebe, Madame! Sie iſt ja das ſchoͤnſte Mädchen im ganzen Dorfe, im ganzen Departement moͤchte ich ſagen. Außerdem hat unſer Vater Chaillou ſchon lange den Plan entworfen, ein Paar aus uns zu machen. — Sind Sie der Treue Ihrer Braut 6 gewiß? Der Burgund. Poſtillon. Der Burgundiſche Poſtillon. — Wie? fragt uͤberraſcht der Poſtillon, den dieſe Frage zu befremden ſcheint. — Wenn zum Beiſpiel der Fall eintrate, ihe Ma⸗ dame Deville fort, daß Ihre Braut Sie hinterginge und einen Andern heirathete, Sie wůrden ſich wohl recht ſehr daruͤber graͤmen? — Ach, Madame, ſpricht Jean⸗Marie faſt mit Thraͤ⸗ nen in den Augen, ich muͤßte ſterben! Mit einem aͤußerſt liebenswurdigen Lacheln reicht Ma⸗ dame Deville ihr kleines weiches Haͤndchen aus dem Wagen⸗ giebt dem Poſtillon ein gutes Trinkgeld und ſpricht: — Wenn Ihnen dieſes Ungluͤck wirklich zuſtoßen ſollte, mein junger Freund, ſo ſterben Sie nicht, kommen Sie vielmehr nach Paris in das hötel des Ambassadeurs und fragen Sie dort nach Madame Deville. — Der Fall wird wohl nicht eintreten, Madame, meine Deniſe liebt mich herzlich, davon bin ich uͤberzengt. — Nun, man kann nichts vorausbeſtimmen! uebri⸗ gens kraͤnken Sie ſich nicht daruͤber, Sie ſind ein junger, ſchmucker Mann, beſitzen Eigenſchaften und Votzuge, die mancher Andre nicht beſitzt und die den ſchaͤtzens⸗ werth ſind— — Ach, Madame, Sie treiben Ihren Scherz mit mir— — Der Burgundiſche Poſtillon. 67 — Es iſt mein voller Ernſt, mein junger Freund. Auch ich gehoͤre zu denen, die Sie zu ſchätzen wiſſen. Sollte Ihnen Ihre Braut untreu werden, ſo kommen Sie nach Paris, ſuchen Sie mich auf und Sie werden Ihre Reiſe nicht zu bereuen haben. Wollen Sie mir dies ver⸗ ſprechen? — In dieſem Falle gebe ich Ihnen mein Wort dar⸗ auf. Doch, faͤhrt der Poſtillon fort, mit der Untreue hat es keine Gefahr, ich kenne meine Deniſe zu gut. — Ich habe alſo Ihr Wort, fragt laͤchelnd die Dame noch einmal, Sie kommen nach Paris, ſobald Ihre Braut einen Andern zum Gatten waͤhlt. — Meine Hand darauf, ich komme! Indeß waren ftiſche Pferde angeſpannt. Die Dame fuhr nach Paris und der junge Poſtillon kehrte in ſein Dorf zuruͤck. Was ſich in ſeiner Abweſenheit dort zugetragen, haben wir bereits erzahlt; wir berichten nur noch, daß Jean⸗Marie den großmuͤthigen Entſchluß, Deniſen zu Gunſten ſeines Wohlthäters zu entſagen, auch wirklich ausfuͤhrte, ſich des Verſprechens, nach Paris zu kommen, erinnerte und ſofort dahin abreiſte. Galopin, um gleichfalls ſein Gluck bei den Pariſer Damen zu verſuchen, begleitete unſern jungen Abenteurer. 68 Der Burgundiſche Poſtillon. Ihre Reiſe nach Paris bot nichts Erhebliches dar, weshalb wir ſie mit Stillſchweigen uͤbergehen. Madame Deville iſt kaum in Paris angekommen und hat das hötel des Ambassadeurs bezogen, als ihr eines Abends zu ihrer nicht geringen Ueberraſchung Jean⸗Marie aus Luxeil angemeldet wird. Wir ſagen: zu ihrer nicht geringen Ueberraſchung, denn aus der Abreiſe des Poſtillons ſchloß ſie, daß der Graf Clarendon ſein Heirathsproject aus⸗ zufuͤhren ernſtlich geſonnen ſei. Freundlich nahm ſie die beiden jungen Leute auf, ließ ſie mit ſtaͤdtiſcher, moderner Kleidung verſehen und ihnen ein Zimmer in dem Hotel an⸗ weiſen. Die Neugierde, was eigentlich die Dame mit ihm be⸗ ginnen wuͤrde, ließ den Poſtillon die ganze Nacht kein Auge ſchließen; Galopin indeß ſchlief in dem weichen Bette wie ein Murmelthier. Kaum begann der Tag zu grauen, ſo verließen Beide ihre Betten und pruͤften die ihnen ge⸗ brachten Kleider. Da die Hitze ſchon am fruͤhen Morgen zu groß war, bedienten ſie ſich nur der neuen Beinkleider und gingen in Hemdeaͤrmeln in den praͤchtigen Garten des Hotels. Trotzdem daß die Sonne ſchon ziemlich hoch am Himmel ſtand, trafen unſte beiden Landleute in ſtäͤdtiſchen, eng an⸗ liegenden Hoſen noch Niemanden in dem großen Garten an, Der Burgundiſche Poſtillon. 69 ſelbſt die Bedienung nicht; Alles lag noch in den Armen des Schlafes.. — Holla! Kellner! rief Jean⸗Marie und ſchlug mit einem Stocke auf einen Gartentiſch, der vor dem Hauſe ſtand; ſind dieſe Pariſer nicht Faullenzer! — Wirthshaus! ſchrie Galopin, den der Hunger und der Durſt plagte; die Kerls ſchlafen wie die Murmelthiere. — Dort kommt Einer, der ſich noch die Augen reibt, als ob es Mitternacht waͤre. Treten Sie naͤher, lieber Freund, man wird Ihnen Licht anzuͤnden! Gaͤhnend tritt ein Kellner aus dem Hauſe und fragt muͤrriſch: — Was giebt es? Iſt Feuer im Hotel? Ah, Sie, meine Herrn— ſchon aufgeſtanden? — Schon aufgeſtanden! antwortet Jean⸗Marie. Wir promeniren ſchon lange durch Ihren Garten! — Haben aber nicht eine einzige Pflaume gefunden, um unſern Durſt zu loͤſchen, faͤhrt Galopin fort. — Wie, Fruchtbaͤume in einem Luſtgarten? ſpricht verwundert der Kellner. Das waͤre nicht uͤbel! Das iſt ja ein abſcheulicher Geſchmack. — Wachſen etwa auf den Akazien und Kaſtanien⸗ baͤumen, die in dieſem ſogenannten Luſtgarten ſtehen, Bon⸗ 70 Der Burgundiſche Poſtillon. bons?— Gehen Sie, beſorgen Sie uns zum Fruͤhſtuͤck eine Flaſche Weißen— aber von der beſten Sorte! — Ja, von der beſten Sorte, wiederholt grinſend Galopin. — Alſo wegen einer Flaſche Wein machen Sie dieſen Mordlaͤrm und wecken das ganze Hotel auf! — Warum nicht? faͤhrt Jean⸗Marie lachend fort; wenn das Hotel einmal wach iſt, kann es auch aufſtehen. — Meine Herren, im hötel des Ampassadeurs zu Paris pflegt man nicht ſo zeitig aufzuſtehen! — Zeitig? Es iſt ja bald ſechs uhr! — Um dieſe Zeit hatte ich ſchon zehn Pferde geſtrie⸗ gelt, ſpricht ſich vergeſſend Galopin. Jean⸗Marie verſetzt ihm heimlich einen derben Rippen⸗ ſtoß und ruft ihm leiſe zu: — Halt das Maul! Galopin will ſein Verſehen wieder gut machen und faͤhrt fort: — Ja, da hatte ich ſchon zehn Pferde geſtriegelt im Stalle ſtehen, das heißt: meine Leute hatten ſie geſtriegelt, denn fur mich haͤtte ſich das nicht geſchickt. Kopfſchuͤttelnd entfernt ſich der Kellner, der aus dieſen Leuten nicht klug werden kann, und ſpricht. Ich werde die Herren ſogleich bedienen! Der Burgundiſche Poſtillon. 7¹ — Nun, Galopin, was ſagſt Du zu der ganzen Ge⸗ ſchichte? Iſt es Dir leid, Deinen Poſten bei Papa Chaillou verlaſſen zu haben und mir in die Hauptſtadt gefolgt zu ſein? — O, im Gegentheil, antwortet Galopin ſich in die Bruſt werfend, ich bin erfreut und hoch entzuͤckt! — Das glaube ich wohl! Die neuen Kleider, die Gabelfruͤhſtuͤcke mit Wein von der beſten Sorte und nichts zu thun, das Alles gefaͤllt Dir wohl? — Ich will es Dir nur eingeſtehen, Jean⸗Marie, dies iſt mein Geſchmack, und Du haſt ganz wohl gethan, der Aufforderung der großen Dame nachzukommen und ſie in dieſem Hotel aufzuſuchen. — Ach ja, antwortet traurig Jean⸗Marie, fuͤr Dich iſt dies Abenteuer wohl angenehm; ich muß aber dieſe große Dame heirathen, waͤhrend mir Deniſe immer noch nicht aus dem Kopfe will. — Sie muß Dir aber aus dem Kopfe gehen, weil ſie Madame Clarendon wird. — Meine Herren, unterbricht der Kellner das Geſpraͤch, indem er eine Flaſche Wein und zwei Glaͤſer auf den Tiſch ſetzt, hier iſt das Verlangte. — Danke, mein Freund, ſpricht Ser Mn. Willſt Du mit uns trinken? 72 Der Burgundiſche Poſtillon. — Ich muß gehorſamſt danken, meine Herren; des Morgens pflege ich nur Kaffee mit Milch zu trinken, ant⸗ wortet der Kellner und geht, ſich verbeugend, in das Hotel zuruͤck. — Faffee mit Milch! Was iſt das fuͤr ein Kerl, der Kaffee mit Milch trinkt? — Wahrſcheinlich ein altes Weib, antwortet Galopin. Beide ſetzen ſich jetzt an den Tiſch und trinken. — Sieh einmal, Galopin, die Glaͤſer haben merk⸗ wuͤrdige Fuͤße. — Es trinkt ſich ganz gut daraus; der einzige Fehler, den ſie haben, iſt der, daß ſie zu klein ſind. — Halt! Da kommt meine Zukuͤnftige. Jetzt nimm Dich ein wenig zuſammen, damit ſie ſieht, was an uns iſt. In einem reizenden Morgen⸗Negligee tritt Madame Deville aus einem Pavillon, der unfern dem Tiſche, woran die beiden Trinker ſitzen, im Gebuͤſche ſteht. — Ah, Sie ſchon hier, meine Herren! Was machen Sie hier? fragt die Dame. — Madame, wir erwarteten Ihr Erwachen— — Indem wir einer Flaſche den Hals brechen— — Sie nehmen ſchon das Fruhſtuͤck ein? — O nein, Madame, dies iſt das Fruͤhſtuͤck noch Der Burgundiſche Pvoſtillon. 73 nicht; wir trinken nur, um uns den Mund ein wenig aus⸗ zuſpuͤlen. — Ich habe darauf gerechnet, daß wir das Fruͤhſtuͤck zuſammen einnehmen. Jean⸗Marie verbeugt ſich tief, zum Zeichen, daß er die Einladung annimmt. Galopin aber, der ebenfalls der Dame ſeine Bereit⸗ willigkeit zu erkennen geben will, antwortet: — Ich werde den ganzen Tag fruͤhſtuͤcken, wenn Sie es wollen. — Wir wollen hier im Garten fruͤhſtucken, faͤhrt Madame Deville fort; man iſt hier viel freier als in dem Hotel. Ich habe Thee beſtellt. — Thee!— ſpricht Galopin leiſe zu Jean⸗Marie; was iſt das fuͤr ein Eſſen? — Wie, Du kennſt den Thee nicht? Thee iſt ein Fiſch, der mit Senf gegeſſen wird; er ſoll nicht uͤbel ſchmecken. Das Benehmen der beiden jungen Leute machte der Dame Vergnuͤgen. Laͤchelnd hoͤrte ſie Jean⸗Marie's Er⸗ klaͤrung uͤber den Thee mit an, die ſie fuͤr einen Beweis ſeiner lieben Unſchuld hielt; denn wenn Jemand noch keinen Thee getrunken hat, muß er wohl ſehr unerfahren ſein, da der Thee jetzt uberall getrunken wird, in der Stadt ſowohl 74 Der Burgundiſche Poſtillon. wie auf dem Lande. Die modernen, eng anliegenden Hoſen ließen des Poſtillons kraftige, uͤppige Formen recht ſehr her⸗ vortreten; jede ſeiner Muskelbewegungen war ſichtbar. Be⸗ kanntlich wird durch das Reiten die Schenkelkraft ausgebildet, und Madame Deville mußte um ſo mehr Vergnuͤgen an dem ganzen Benehmen des jungen Poſtillons haben, da er ihr auf der Reiſe von Luxeil nach Paris Beweiſe davon geliefert hatte. Den Namen Jean⸗Marie hatte Madame in Sainte⸗ Marie umgewandelt, wahrſcheinlich deshalb, weil ihr Jean zu gewoͤhnlich klang. — Sainte⸗Marie, hören Sie mich einen Augenblick an, ich bitte! — Reden Sie, Madame, antwortet Sainte⸗Marie; ich werde Ihnen eine ganze Stunde zuhoͤren. — Sie haben mir verſprochen, mein lieber Freund, ſich anſtaͤndige Manieren anzueignen zu ſuchen und auf Gewohnheiten Verzicht zu leiſten, die ſich mit Ihrer neuen Stellung nicht vereinbaren laſſen. — Das iſt richtig, Madame, das habe ich Ihnen ver⸗ ſprochen. — Nun, warum ſind Sie hier nur halb angekleidet 2 Wos ſoll man davon denken? Der Burgundiſche Poſtillon. 75 — O, Madame hat nur zu befehlen, faͤllt Galopin ein, dann ziehen wir aus und an, was Sie wuͤnſchen! Trotzdem daß Madame Deville dieſe Ausſtellung an Jean⸗Marie zu machen hat, ſo ruht doch ihr Auge mit Wohl⸗ gefallen auf ihm, denn eben dieſer Anzug war ganz dazu geeignet, die Luſternheit der Dame zu befriedigen. Haͤtte Papſt Pius VI. den Poſtillon geſehen, er haͤtte ihn zum Cardinal gemacht, warum ſollte Madame Deville nicht in die Verſuchung kommen, einen ſolchen Mann ſich zum Gatten zu nehmen? Doch warum wuͤrde Jean⸗Marie, weil er moderne Hoſen und ein weißes Hemd trug, zum Cardinal ernannt werden? Sind denn dieſe Kleidungsſtuͤcke zu dieſer Wuͤrde unumgaͤnglich noͤthig? Unter der Regierung Pius' VI. aing Alles, was die Perſon eines roͤmiſchen Oberhirten an⸗ geht, erhaͤlt immer den Beinamen„allerheiligſt“ So ſagt man zum Beiſpiel: die allerheiligſte Mittagstafel, der aller⸗ heiligſte Stuhl, das allerheiligſte Bett, die allerheiligſten Hoſen, das allerheiligſte Hemd. Dieſer Papſt war bekanntlich ſehr eitel und hielt vor⸗ zuͤglich darauf, daß die allerheiligſten Hoſen ſehr gut ſaßen. Brachte ihm ſein Kammerdiener Hoſen, die nicht paßten oder ſchmuzig waren, erhielt er einen allerheiligſten Fauſt⸗ 76 Der Burgundiſche Poſtillon. ſchlag in das Geſicht und wurde bei wiederholtem Verſehen entlaſſen. Aber er hielt nicht allein viel auf ſeine eignen Hoſen, er ſah auch auf andre, und dieſe Leidenſchaft waͤre unſerm Jean⸗Marie zu Statten gekommen. Hatte Pius bei der Wahl der Perſonen, denen er Stellen gab, nicht ein beſondres Intereſſe, ſo beſtimmte ihn gewöhnlich die Figur und vor Allem die Hoſen; die Hoſen. gaben ſeinem Urtheile immer den Ausſchlag. Jemand, deſſen Hoſen ihm gefielen, konnte ſicher darauf rechnen, alle Arten Gnaden⸗ bezeigungen von ihm zu erhalten. Dies nur zum Beweiſe, daß die Hoſen ſtets, ſelbſt bei den chriſtlichen Oberhirten, eine bedeutende Rolle geſpielt haben. Madame Doville alſo ſchien ungehalten, daß ſie am fruͤhen Morgen die beiden jungen Leute in Hemdeaͤrmeln erblicken mußte. Auf die Antwort Jean⸗Marie's, daß er furchtete, ſeinen Rock zu beſchmuzen und deshalb ſo er⸗ ſchienen ſei, antwortete ſie hochſt leutſelig: — Nun, fuͤr dieſes Mal verzeihe ich Ihnen! Der Kellner hat einen Tiſch gedeckt und Thee ſervirt. Auf die Einladung der Dame nehmen Alle am Tiſche Platz. Neugierig blicken Jean⸗Marie und Galopin auf den Präſentirteller, auf welchem der Thee ſich befindet. Beide konnten ſich nicht erklaͤren, warum der Kellner auch Taſſen Der Burgundiſche Poſtillon. 77 mitgebracht hatte und keine Teller. Leiſe ſpricht der Poſtillon zum Hausknecht:. — Es ſcheint, daß dies Gericht aus Taſſen gegeſſen wird. — Aber ich ſehe noch keinen Senf, antwortet Ga⸗ lopin. Mit einem reizenden Anſtande macht Madame Deville die Hausfrau; ſie füllt die Taſſen mit Thee und fragt mit unendlicher Grazie: — Trinken Sie Sahne zum Thee, meine Herren? — Sahne? antwortet Jean⸗Marie; ich moͤchte lieber etwas Salz dazu haben. — Nicht doch! Thee muß mit Zucker getrunken werden. — Ah, ganz recht, mit Zucker; ich bin doch recht dumm! Siehſt Du, Galopin, ich ſagte es ja gleich, daß der Thee mit Zucker getrunken werden muͤſſe. So trink doch! und thut einen tichtigen Zug. Der Thee war aber noch zu heiß, um ihn ohne weiteres hinunterzuſtuͤrzen„ und der durſtige Hausknecht hatte ſich tuͤchtig den Mund verbrannt. — O weh, o wehl ſchrie et; warum haſt Du mir denn nicht auch geſagt, daß dieſes Gericht brennt? 78 Der Burgundiſche Poſtillon. — Nehmen Sie Kuchen, meine Herren; er ſchmeckt zum Thee ſehr gut. Wie gefallen Sie ſich in Paris? Amuͤſiren Sie ſich bei uns? — O ja, Madame, antwortet Jean⸗Marie, ganz gut. Nur will mir das Theater nicht gefallen, wohin Sie uns geſtern ſchickten und worin man nichts weiter thut als ſingen. — Das iſt das italiäniſche Opernhaus— die Saͤnger ſind geborene Italianer. — Ah, deshalb verſtand ich auch von ihrem Kauder⸗ waͤlſch nichts. Nun wundre ich mich nicht mehr daruͤber! Da lobe ich mir Franconi, der ſpielt eine intereſſante Ko⸗ moͤdie! Da ſieht man doch wenigſtens Pferde. Wenn ſie die königliche Poſt machen— ah, das iſt ſchoͤn! Da erinnre ich mich immer meiner alten guten Zeit. — Und die Damen mit ihren goldnen Unterrocken, fahrt Galopin eiftig fort— ach, ſehen die einmal ſchoͤn aus! Dieſe Unterrocke gehen kaum bis an das Knie. ich mochte nur wiſſen=——* — Noch eine Taſſe? unterbricht Madamie Deville. Galopin's Redefluß, weil ſie wahrſcheinlich eine neugierige— Frage vermuthet, die ſie nicht beantworten kann. — Nein, ich danke, antwortet Jean⸗Matie und ſteht vom Tiſche auf. Der Burgundiſche Poſtillon. 79 Galopin folgt ihm. — Iſt denn das Fruͤhſtuͤck ſchon zu Ende? fragt der Stallknecht den Poſtillon; ich habe einen furchtbaren Hunger. — Sainte⸗Marie, ſpricht Madame Deville, wie ich Ihnen bereits geſagt, habe ich einen Onkel, von dem mein Schickſal abhaͤngt. Ich habe an ihn geſchrieben und ihm mein Heiraths⸗Project mitgetheilt; noch heute erwarte ich ihn in Paris. Ich werde Sie ihm vorſtellen; bereiten Sie ſich darauf vor. — O ja, Madame, das iſt mir ganz recht; ich werde mich ankleiden. Komm, Galopin, wir wollen uns in Wichs werfen! — Hore, ſpricht Galopin halbleiſe zu Jean⸗Marie, werden wir auch noch einmal fruͤhſtuͤcken? Von dem heißen Waſſer wird man ja nicht ſatt; das verbrennt nur die Kehle. — Mur ruhig, wir wollen noch eine tuͤchtige Portion Mit einer tiefen Verbeugung wendet ſich der galante WPoſtillon zu Madame Deville, kußt ihr ſehr artig die Hand und ſpricht: — Auf Wiederſchen, Madame! Ich eile, Ihren Befehl zu vollziehen. 80 Der Burgundiſche Poſtillon. — Leben Sie wohl, Madame! Wir kommen bald wieder! — Auf Wiederſehen, meine Herten! Madame Deville war eine von jenen Damen, fur die das Leben der großen Welt kelu Geheimniß mehr bietet. Seit dem Tode ihres erſten Mannes hatte ſie ſich allen Zerſtreuungen deſſelben hingegeben, und da ſie in dem Be⸗ ſite eines ziemlich bedeutenden Vermoͤgens war, konnte die junge reizende Wittwe ſich fuͤr die Jahre ihrer eben nicht gluͤcklichen Ehe entſchaͤdigen. Ein gewiſſer Hang zum Ro⸗ mantiſchen fuͤhrte ſie in die Pyrenaͤen, wo ſie den ebenfalls romantiſch geſinnten Grafen von Clarendon kennen lernte. Das Benehmen Clarendon's hatte mehr ihren Stolz als ihre Ehre beleidigt; ſie konnte den Gedanken nicht er⸗ tragen, daß ein einfaches Bauermadchen den Sieg uͤber ſie davontragen ſollte. Haͤtte ſie den wahren Grund gekannt, der Deniſen zu dieſer Heirath beſtimmte, ſie haͤtte ein an⸗ dres Mittel waͤhlen konnen, des Grafen Plan zu vereiteln. In ihrer Unkenntniß der eigentlichen Sachlage hatte ſie das Abenteuer mit dem Poſtillon eingeleitet ſie mußte es nun auch beſtehen.. Madame Devllle war eine Mode⸗Dame im ſtrengſten Sinne des Wortes. Sie hatte nach der Mode gelebt, das heißt nach der Mode gegeſſen, getanzt, geſprochen, geleſen, — — Der Burgundiſche Poſtillon. 81 geſchrieben, ſich gekleidet, gewacht und geſchlafen, mit einem Worte, unſte Dame hatte ſich ſtets der Herrſchaft dieſer maͤchtigen Gottin gebeugt; doch war es nicht ein Gehorſam, der aus Furcht vor Strafe entſprang; nein, es war ein williger, freudiger Gehorſam. Aufopfernder Gehorſam ließ ſie in Spinnewebenkleidung frieren oder, im engen Stahl⸗ und Fiſchbein⸗Panzer ſeufzend, jetzige oder kuͤnftige Mutter⸗ pflichten vergeſſen, und Reſpiration, Efßluſt und Geſundheit hatte ſie an ihrem Altare zum Opfer gebracht. Die Mode war der maͤchtige Hebel, der ſie in die Pyrenaͤen trieb, dann aber auch das Beduͤrſ5, die durch die Mode zer⸗ ſtorte Geſundheit auf Reiſen wiederherzuſtellen. Die Göttin iſt dafuͤr aber auch dankbar. Vor allen Dingen geſchaͤftig iſt ihre jeden Makel kunſtlich tigende und jeden ſchwindenden Reiz wohlthatig reſtaurirende Hand für ihre weiblichen Lieblinge. Alle Reiche der Natur ſetzt ſie zu deren Beſtem in Bewegung; aus den Gruͤften der Erde und aus den Tiefen des Meeres, aus Afrika's brennender Wuͤſte und Sibiriens beſchneiten Steppen, aus der Retorte des Chemikers und von der Palette des Malers holt ſie den Schmuck, der Reize geben, erhohen oder erſetzen ſoll. Nur in ihren Treibhaͤuſern perennirt die Schönheitsblume, die zwar— wie der Tejeſche Saͤnger ſchon— alle Der Burgund. Poſtillon. 82 Der Burgundiſche Poſtillon. Macht uͤberbietet, aber ohne ihre Huͤlfe nur zu da⸗ hinwelkt. Iſt es nicht dieſe Goͤttin, welche die Runzel glttet, die Zahnluͤcke fullt, das Haar faͤrbt, Lederfarbe in Incarnat verwandelt, das erloͤſchende Augenfeuer wieder anſchuͤrt, Er⸗ hohungen an einer unrechten Stelle wieder ausgleicht und ſie dahin ſetzt, wo ſie fehlen. Hemiſphaͤren, die das Wochen⸗ bett oder der zu fruͤh kommende Nachſommer ſinken ließ, hebt ſie mit wohlthaͤtiger Hand in die Hohe oder ſchafft Surrogate, die das Auge des Kenners taͤuſchen. Aber auch des Mannes nimmt ſie liebevoll ſich an, wenn er ihrer Huͤlfe bedarf. Sie ſchuͤtzt durch den Haar⸗ kunſtler ſeinen Scheitel gegen des Tropfenfalles nachtheilige Wirkungen; mit Seidenwatten wolbt ſie die eingefallene Bruſt, rundet den Arm, die Schenkel und Waden und er⸗ ſetzt aus ihren muͤtterlichen Haͤnden, was entweder die ſtief⸗ muͤtterliche Natur verſagte oder das savoir vivre zu fruͤh ihm raubte. Mit einem Worte, ein Therſit wird unter ihren ſchoͤpferiſchen Haͤnden zum Endymion und eine Me⸗ gaͤre zur Hebe. War es nun ein Wunder, wenn dieſe Prieſterin der Mode alle ihre Netze ausſpannte, den gutmuͤthigen Britten zu fangen? Madame Deville wußte, daß eine Zeit kommt, wo Kunſt die Natur nicht mehr erſetzen kann. Der Burgundiſche Poſtillon. 83 Auch dieſen Morgen hatte ſie das Magazin der Mode erſchoͤpft, denn nach ihrer Berechnung mußte der Graf mit jeder Stunde eintreffen. Unter einem aͤußerſt feinen Mor⸗ gennegligee wogte ein äppiget Buſeu, ob kuͤnſtlicher oder ngtürlicher, hatte Jean⸗Marie nicht bemerkt, auch wir halten uns nicht verpflichtet hieruͤber Bericht zu erſtatten, was nur dem Gotte Hymen allein erlauht iſt. Clarendon ſchien auch nicht daruͤber im Klaren zu ſein. Ein wuͤrziger Duft ſtieg mit jedem Wellenſchlage daraus empor und ſchien den ſtaunenden Lauſcher betaͤuben zu wollen. Das Wangen⸗ paar war von der Morgenfriſche gerothet, vielleicht auch von etwas Andrem. — Ich irre mich nicht, ſprach ſie laͤchelnd vor ſich hin, heute muß der Graf ankommen! Jetzt zieht ſie einen Brief aus ihrem Buſen und durchlieſ't ihn mit freudeſtrahlenden Augen. Der Brief war folgenden Inhalts: „Madame! „Ich vernehme mit Vergnuͤgen, daß Sie meinem Bei⸗ „ſpiele folgen und ſich einen Ihrer wuͤrdigen Gemahl neh⸗ „men wollen. Nur kann ich nicht begreifen, inwiefern es „Ihnen angenehm und wuͤnſchenswerth erſcheinen kann, daß „Ihre Vermaͤhlung mit der meinigen in einer und derſelben „Zeit veroffentlicht und vollzogen werden ſoll; da es aber 6 84 Der Burgundiſche Poſtillon. „Ihr lebhafteſter Wunſch iſt und ich einen Nachtheil fur „mich daraus nicht erwachſen ſehe, willige ich gern ein. Ich „werde mich am vierten September im hötel des Am- „bassadeurs zu Paris einfinden, und da es Ihnen Ver⸗ „gnuͤgen macht, koͤnnen beide Ehecontracte an einem und. „demſelben Tage vollzogen und unterzeichnet werden. „Graf von Clarendon.“ — O nein, Herr Graf, fährt die Schoͤne in ihrem Selbſigeſpräche fort, ich hoffe im Gegentheil, daß beide Contracte nicht unterzeichnet werden, ſondern daß das Lacher⸗ liche meiner Heirath Ihnen die Augen oͤffnen wird, denn dies iſt nur der Grund, weshalb ich Jean⸗Marie zu meinem Manne mir auserſehen habe! In dieſem Augenblicke laͤßt ſich das Geraͤuſch eines ankommenden Wagens vernehmen. Madame Deville faͤhrt aus ihrem Nachſinnen empor und ſieht geſpannt nach der Thuͤr des Hotels. Sie hatte ſich nicht geirrt, der Graf hielt Wort. Be⸗ gleitet von dem Poſthalter Chaillou, ſeiner Tochter Deniſe und Tapotte, welche die Stelle des Kammermaͤdchens bei der graͤflichen Braut vertrat, kam er nach Paris, um dem Wunſche ſeiner fruͤher Geliebten nachzukommen und ſich an einem Tage mit ihr zu vermaͤhlen. — Ah, mein eiferſuchtiger Britte kommt in den Der Burgundiſche Poſtillon. 85 Garten! Ich will doch zugleich pruͤfen, ob ich meine ganze Hertſchaft uͤber ſein Herz verloren habe. O, uͤber den Un⸗ dankbaren, den ich trotz der Beleidigungen, die er mir zuge⸗ fugt, dennoch liebe! Doch Faſſung, er kommt!. Der Graf tritt gruͤßend naͤher. — Madame!— — Herr Graf!— e Der wogende Buſen und ſein v auf de— Grafen ihre Wirkung nicht zu verfehlen, denn mit Muhn ſucht er ſeine Faſſung zu erhalten— nämlich der Graf. S, — Ich bin Ihnen zu hohem Danke verpflichtet, Herr Graf, daß Sie puͤnktlich Wort halten. — Wundert Sie das, Madame? Habe ich mich nicht ſtets Ihrem Willen gefuͤgt? — O, dieſe Regel hat haͤufig, ja ſehr haͤufig Aus⸗ nahmen erlitten. Doch, ich bemerke Ihre Verlobte nicht!2 — Ich werde das Vergnuͤgen haben ſie Ihnen vor⸗ zuſtellen. Wo iſt aber Ihr Verlobter? — Er wird kommen, Herr Graf. In dieſem Augen⸗ blicke iſt er mit ſeiner Toilette beſchaͤftigt. — Ich verſtehe! Ihr kuͤnftiger Gemahl iſt ohne Zweifel ein junger Dandy, ein Lion, einer von jenen Mirli⸗ flors, die Sie taglich umſchwaͤrmen? — Durchaus nicht, Herr Graf. Weder in einem 86 Der Burgundiſche Poſtillon. Salon noch in Baden habe ich meinen kuͤnftigen Gatten gefunden— ſondern in einem Dorfe. — In einem Dorfe! — Spricht man nicht allgemein, daß die Tugenden aus den Staͤdten vertrieben und nur noch auf dem Lande zu finden ſind? — Jetzt verſtehe ich: Madame heirgthet wohl einen reichen Landbeſitzer — Das noch weniger, Herr Graf. — Vielleicht einen fetten Pachter? — Auch das nicht— mein Braͤutigam iſt ein Poſtillon. — Ein Poſtillon! O, Madame, Sie ſcherzen. Eine Dame wie Sie koͤnnte einen ſolchen Mißgriff thun!— Das iſt nicht moglich! — Und warum nicht, mein Herr? Wenn der Ge⸗ neral Graf von Clarendon eine Bäuerin heirathet, die Pflege⸗ tochter eines Poſthalters, ſo kann ich, die ich weder Graäfin noch Baronin bin, doch wohl einen Poſtillon heirathen. Einen Augenblick ſchweigt der Graf betroffen ſtill, denn er fuͤhlt das Richtige dieſer Bemerkung; dann wendet er ſich mit den Worten zu Madame Deville: — Dann iſt dies wohl ein Band, das rein durch Liebe geſchloſſen wird? Der Burgundiſche Poſtillon. 87 — Ganz recht, Herr Graf, ein Band der Liebe, wie das Ihrige mit Mamſell Deniſe.. — Jetzt, Madame, habe ich nichts mhe zu ſagen, denn die Liebe gleicht alle Tiefen aus und läßt jede Ent⸗ fernung ſchwinden. — Soollten nicht heute nſn Contracte unterʒeichnet werden, Mylord? — So iſt's, Madame. Ihrem Wunſche nachzu⸗ kommen, habe ich bereits den Notar davon in Kenntniß ſetzen laſſen— ich erwarte ihn. Ueberraſcht wendet ſich Madame Deville ab; denn daß er die Heirath ſo beſchleunigen wuͤrde, hatte ſie doch nicht geglaubt. Dem Grafen entging die Bewegung ſeiner alten Reiſegefaͤhrtin nicht und gern benutzte er die zufaͤllige Ankunft Deniſe's, ihre peinliche Lage noch zu erhohen. Mit engliſcher Galanterie ging er ſeiner Braut entgegen, bot ihr die Hand, fuͤhrte ſie zu Madame Deville und ſprach in einem faſt hoͤhniſchen Tone: — Hier iſt meine Braut! Madame Deville grußt verlegen, aber ſehr artig. Jetzt bemerkt ſie, daß Jean⸗Marie und Galopin in den Garten treten. Der Poſtillon träͤgt einen eleganten, wodernen Frack, ſchwarze Atlas⸗Weſte und die bereits erwaͤhnten Hoſen. Sein Erſcheinen iſt in der That uͤberraſchend, denn obgleich an 88 Der Burgundiſche Poſtillon. eine ſolche Tracht nicht gewöhnt, ſo kommt ihm ſein na⸗ turlicher Anſtand, den wir Eingangs bereits geprieſen haben, ſo zu Statten, daß der Poſtknecht durch die modiſche Huͤlle nicht zu erkennen iſt. Galopin hingegen bleibt auch in der ſtaͤdtiſchen, neuen Kleidung ein Stallknecht. Er träͤgt weite carrirte Panta⸗ lons, einen neuen Regenrock von gruͤner Farbe und einen Strohhut mit breiter Kraͤmpe und einem roſenrothen Bande. Madame Deville hatte nicht geglaubt, daß Jean⸗Marie in ſeinen neuen Kleidern ſo ſtattlich ausſehen wuͤrde; freudig uͤberraſcht tritt ſie ihm einige Schritte entgegen, ergreift ſeine Hand und fuͤhrt ihn mit den Worten dem Grafen Clarendon zu: — Hier iſt mein Brautigam! — Ach, mein Gott, da iſt Deniſe, rief ſchmerzlich der Poſtillon, als er das liebliche Maͤdchen erblickte, das bei ſeinem Erſcheinen hoch errothend daſtand und ihren Augen nicht zu glauben ſchien. — Treten Sie naͤher, mein Freund, ſpricht Madame Deville, die ſich an der Ueberraſchung des Britten weidet, treten Sie naͤher, ich will Sie meinem Onkel vorſtellen! — Herr Gott, fluͤſtert Galopin ſeinem Begleiter zu, der Englaͤnder iſt unſer Onkel! — Aber, Madame, ich begreife nicht— ——— ———— Der Burgundiſche Poſtillon. 89 — Der Convenienz wegen muͤſſen Sie heute einmal fuͤr meinen Onkel gelten! Jetzt wendet ſie ſich zu Jean⸗Marie uib ſagt halb leiſe: — So machen Sie dem Onkel doch Ihr Compliment! Treuherzig naͤhert ſich der Poſtillon dem Grafen, er⸗ greift die Hand deſſelben, ſchoͤttelt ſie kraͤftig und ſpricht: — Ich gruße Sie, Herr Onkel, und mache Ihnen mein Compliment! Madame Deville bemerkt das Unangenehme der Lage, worin ſich der Graf befindet. Um ihre Rache ganz an ihm zu kuͤhlen, fluͤſtert ſie dem Poſtillon zu: — So umarmen Sie doch Ihren Orkel! — Muß denn das geſchehen? antwortet zoͤgernd Jean⸗ Marie. — Gewiß! — Ich haͤtte lieber meine Tante umarmt. — Das Eine wird durch das Andre nicht verhindert. — Mit Erlaubniß, Herr Onkel! ſpricht jetzt Jean⸗ Marie und ſchließt den Englaͤnder recht innig in ſeine Arme. — Das ſcheint dem Englaͤnder zu gefallen, ſpricht Galopin zu Madame Deville, indem er mit dem Finger auf die Gruppe zeigt— ſehen Sie einmal, was er fuͤr eine Fratze ſchneidet. 90 Der Burgundiſche Poſtillon. Jetzt naͤhert ſich Jean⸗ Marie Deniſen, die neben dem Englaͤnder ſteht. — Erlauben Sie, liebe Tante! Zitternd umarmt er das Maͤdchen und fluͤſtert ihr da⸗ bei in's Ohr: — Glauben Sie mir, Mamſell, ich umarme Sie nur weil ich muß. — Dann geht es Ihnen wie mir, antwortet leiſe Deniſe. — Jetzt kommt die Reihe an mich, ruft Galopin, breitet ſeine Arme aus und ſchreitet auf den Englaͤnder zuz der aber ſtoßt ihn mit einem derben Fauſtſchlag zuruͤck und ruft entruͤſtet aus: — Nein, jetzt iſt es aber genug! Komme mir Nie⸗ mand mehr zu nahe! — Onkel meines Freundes, ruft taumelnd Galopin, glauben Sie denn, daß ich Sie in die Naſe gebiſſen hätte? — Madame, ſpricht der Graf Sie ſich uͤber mich luſtig zu machen! — Und Ihnen ſcheint die offene deric dieſet guten Leute nicht zu gefallen, antwortet Madame. — Im Gegentheil, Madame, dieſe Leute gefallen mir ungemein; ich mache Ihnen wegen Ihrer Heirath mein Compliment! Der Burgundiſche Pvoſtillon. 91 — Empfangen Sie wegen der Ihrigen auch das meine, Mylord. — So eben iſt der Notar angelangt, meldet ein Kellner. — Geſtatten Sie, daß man ihn in Ihre Zimmer fuͤhre, Madame? — Gern, Mylord! Man fuͤhre ihn in meine Zimmer! — Wie eilig! fluͤſtert Madame vor ſich hin; ſollte ich meinen Zweck verfehlt haben? — Unmoͤglich! ſpricht der Grafz dieſen Poſtknecht kann Madame Doville nicht heirathen! — Der Notar wartet, ſpricht Madame zum Grafen, giebt dem Poſtillon ihren Arm und tritt in den Pavillon. Der Graf reicht Deniſe ſeinen Arm und folgt ihnen. Da Galopin nicht eingeladen iſt, in den Salon zu treten, bleibt er ſtehen und ſieht den beiden Paaren nach. Unſer Stallknecht iſt einer von jenen Menſchen, der ſeinen Gedanken immer Worte verleiht, wenn er allein iſt; durch lautes Reden knuͤpft er foͤrmlich eine Unterhaltung mit ſich ſelbſt an, vorzuͤglich wenn es ſich um Sachen handelt, die entweder ſein Gefuͤhl anregen oder ſein Nachdenken ſtark in Anſpruch nehmen. Als der Pavillon die Brautleute aufgenommen hat, beginnt er folgenden Monolog: 92 Der Burgundiſche Poſtillon. — Jean⸗Marie waͤre nun geborgen, der hat ſeinen Theil; hoffentlich werde auch ich nun an die Reihe kommen. Ich habe immer ſagen hoͤren, daß ein junger Mann, der ſchoͤn gewachſen iſt und ein angenehmes Geſicht beſitzt, ſicher darauf rechnen koͤnne, in Paris ſein Gluck zu machen. Das giebt mir Muth und Hoffnung, denn ich darf mir ſchmeicheln, ſchoͤn gebaut zu ſein und ein angenehmes Ge⸗ ſicht zu beſitzen; wenigſtens glaube ich, daß nichts Unange⸗ nehmes darin liegt. Auch bin ich nicht habgierig und ſtolz, ich verlange weder eine Herzogin noch eine Prinzeſſin, ich bin ſchon zuftieden, wenn mir eine reiche Kaufmannswittwe oder die Tochter eines Millionaͤrs ihre Hand reicht. Dabei komme ich auf jeden Fall beſſer weg, als wenn ich Tapotte heirathe, die nichts weiter beſitzt als ein Paar dicke Arme und tuͤchtige Fäuſte. Von hier an belauſcht Tapotte den Stallknechts⸗Mo⸗ nolog, die Galopin vom Fenſter herab erkannt hat und jetzt aus der Thuͤr des Hotels getreten iſt. Unbemerkt bleibt ſie neben einer Laube ſtehen und horcht. — Wahrhaftig, es iſt Galopin, ich habe mich nicht getaͤuſcht, ſpricht ſie. Warum mag er ſich aber verkleidet haben? — Dieſe Tapotte, faͤhrt Galopin in ſeinem Selbſtge⸗ ſpraͤche fort, beſitzt auch gar nichts was mich reizen koͤnnte. Der Burgundiſche Poſtillon. 93 — Er ſpricht von mir! — Faſt glaube ich, daß ſie mehr Mann als Weib iſt. — Das ware nicht uͤbel! — und dabei hat ſie Augen, wovon das eine kleiner iſt als das andre. 3½ — 4 — und eine aufgeſtuͤlpte Naſe! — Waͤrs moglich? ruft leiſe die Schone und 3 ſich an die Naſe. — Außerdem iſt ſie ſanft und weich wie ein Reib⸗ eiſen. Seitdem ich ihr den Hof mache, hat ſie mir we⸗ nigſtens ſchon ein Dutzend Ohrfeigen gegeben. Wenn ſie mich als Braut ſchon mit Ohrfeigen tractirt, nimmt ſie als Frau auf jeden Fall den Stock. Nein, die heirathe ich auf keinen Fall! Bei dieſen Worten tritt Tapotte entruͤſtet naͤher und verſett ihm eine ſo derbe Ohrfeige, daß der Garten davon widerhallt. — Du Spitzbube! — Stapperment, ruft Galopin, ohne ſich umzuſehen, die hat Aehnlichkeit mit Tapottes Ohrfeigen! Wie, das eine meiner Augen waͤre kleiner als das andre? — Nein, im Gegentheil! Ich wollte ſagen, daß das — 94 Der Burzundiſche Poſtillon. eine Ihrer Augen größer als das andre iſt. Aber was wollen Sie denn hier? Sind Sie vielleicht gekommen mir eine Uebetraſchung zu bereiten? — Das nun eben nicht, verſetzt die Schoͤne; ich bin mit Herrn Chaillou und Mamſell Deniſe hierher gekommen. Mamſell Deniſe brauchte eine Kammerzofe, da hat man mir den Poſten angetragen und ich habe ihn angenommen. Tapotte's Ohrfeige mußte wohl mit ziemlich feſter Hand gefuͤhrt ſein, denn Galopin's Backe war hochroth angelaufen. Sich den geſchlagenen Theil mit der Hand ſtreichend rief er ſchluchzend: — Ach, Tapotte, Sie haben mir ſchon oft Ihre An⸗ haͤnglichkeit und Liebe bewieſen, daß ich mich gar nicht wundre, wenn Sie meinetwegen auch noch Kammerzofe werden. — Und Sie— was machen Sie hier in Ihren ganz neuen Koſakenhoſen? Was ſoll das bedeuten? — Das ſoll bedeuten, daß ich auf dem Punkte ſtehe eine reiche Kaufmanns⸗Witwe zu heirathen, die ſich in mich verliebt hat. — So! Das muß ein ſehr ſchlechte Topf ſein, der keinen beſſern Deckel finden kann. — Bitte recht ſehr! Meine Zukuͤnftige iſt kein ſchlechter Topf und ich bin ein ſehr guter Deckel! Wenn Der Burgundiſche Poſtillon. 95 ſie das waͤre, haͤtte ſie mir nicht dieſe ſchoͤnen Kleidungs⸗ ſtucke geſchickt und eine Locke von ihrem Haar, die in der Seitentaſche ſteckte. Nicht wahr, ich ſehe huͤbſch darin aus? Was meinen Sie zu meiner Taille? — Sie ſehen aus wie eine Leberwurſt. Auf dem Lande waren Sie nicht halb ſo dick als jetzt. — Ich will Ihnen ſagen, woher das kommt: die geſchenkten Kleider waren ein wenig weit, und deshalb habe ich meine alten Sachen darunter angezogen, damit ſie mir paſſen ſollten. Nicht wahr, ich ſehe recht corpulent aus? — Galopin! Galopin! ruft Jean⸗Marie in dieſem Augenblicke, der eilig aus dem Pavillon kommt. Du mußt auf der Stelle Deine Kleider wieder ausziehen! — Wie, die Kleider ausziehen? Ich habe ſie ja ſo eben erſt angezogen; warum ſchon wieder ausziehen? — Um ſie Madame Deville zuruͤckzugeben. Auch ich werde ihr zuruͤckgeben was ſie mir geſchenkt hat. — Mein Gott! Was iſt denn vorgefallen? — Der Englaͤnder hat mir in's Ohr gefluͤſtert, daß er nicht der Onkel meiner Zukuͤnftigen ſei, und dabei habe ich mir nun gedacht, daß er etwas Andres ſein muͤſſe. Ich heirathe nicht! — Das iſt Vorurtheil! Sie hat Dir doch geſagt, 96 Der Burgundiſche Poſtillon. daß ſie Wittwe ſei— dummes Zeug! Das kommt Alles auf Eins heraus! — Du haſt ganz recht, Galopin. Daß ich einen Phoͤnir heirathe, habe ich mir auch nicht eingebildet, und die Witwe eines Mannes zu heirathen, waͤre mir ganz recht geweſen, denn das iſt eine Sache, die oft vorkommt; aber die Wittwe von fuͤnf oder ſechs Maͤnnern will ich nicht heirathen. Jetzt komm und zieh Deine Kleider wie⸗ der an. — Ich achte und ſchaͤtze dieſe Frau; warum ſoll ich ihr denn die Kleider zuruͤckgeben? — Weil ich es will! antwortet Jean⸗Marie in einem befehlenden Tone. — Wie? ſpricht lachend Tapotte; ich denke, eine Kauf⸗ manns⸗Wittwe hat Ihnen dieſe Kleider geſchenkt? — Das nenne ich eine Erniedrigung! — Sie hier, Tapotte! Sie ſind wohl mit Mamſell Deniſen gekommen, oder vielmehr mit Madame Clarendon, denn jetzt muß der Contract ſchon unterzeichnet ſein. — Zu dienen, Herr Jean⸗Marie, ſpricht ſich verbeu⸗ gend Tapotte, ich habe die Ehre ihre Kammerfrau zu ſein. — Tapotte, ſpricht wehmuͤthig der Poſtillon, ich bitte Sie um eine Gefaͤlligkeit. 5 — Reden Sie, Herr Jean⸗Marie! Der Burgundiſche Poſtillon. 97 — Sagen Sie Ihrer Herrin, daß ich nie aufgehört habe, ſie zu lieben, und daß mich gewichtige Gruͤnde und umſtaͤnde—“ Thraͤnen unterbrachen ſeine Worte, er konnte nicht weiter reden. Um ſeine Bewegung zu verbergen, ergriff er Galopin's Hand und zog ihn mit ſich fort. — Ach, mein Anzug ſteht mir ſo gut; jetzt ſoll ich ihn wieder abgeben! Die beiden Männer waren in das Hotel gegangen. Tapotte ſah ihnen wehmuͤthig nach. Auch auf die derbe Natur der Landſchoͤnen hatten Galopin's neue, moderne Kleidungsſtuͤcke ihren Einfluß ausgeubt, denn ſie konnte ſich nicht verbergen, daß er ihr in ſeinen weiten Hoſen beſſer gefallen habe als in ſeinen ſchmuzigen Stallhoſen zu Luxeil; ſie bedauerte nur, daß ſie zu weit waren und ihm nicht genau paßten. Um ſich die Zeit bis zur Ruͤckkehr ihrer Herrſchaft zu verkurzen, ſtellte ſie noch Betrachtungen uͤber dieſes Capitel an, die wir aber nicht mittheilen koͤnnen, da Tapotte die Gewohnheit nicht hat wie Galopin, laut mit ſich ſelbſt zu reden. Wahrſcheinlich hat dies ſeinen Grund in weiblicher Schuͤchternheit. Der Burgund. Poſtillon. 7 98 Der Burgundiſche Poſtillon. 6. Die Entdeckung. Noch ehe man zur Unterzeichnung der Ehecontracte ſchritt, fluſterte Graf Clarendon dem Poſtillon heimlich in's Ohr: — Junger Freund! Ich bin nicht der Onkel Ihrer Zukuͤnftigen; man hat Sie getaͤuſcht! Wenn er nicht ihr Onkel iſt, dachte Jean⸗Marie, wer mag er denn ſein? War es dem Poſtillon zu verdenken, wenn er mehr als die Geliebte des Grafen in Madame Deville vermuthete? Eine Dame, die ohne weiteres einen Poſtknecht heirathen will, nur weil er ein Poſtknecht iſt, kann es mit der Moral wohl nicht ſo genau genommen haben. Außerdem konnte Jean⸗Marie auch, einen Vergleich anſtellen zwiſchen Deniſe und Madame Deville, die zufuͤllig neben einander Platz genommen hatten. Madame war von großer Geſtalt, edlem majeſtaͤtiſchem Wuchs und etwas ſtolzem gebietendem Weſen. Ihr Ge⸗ ſicht, mußte man es gleich ſchon nennen, trug das Gepräge der höchſten Coquetterie, wodurch der gute Eindruck zum Nachtheil ihrer Schoͤnheit bedeutend geſchmaͤlert wurde. Eine aufgeblühte Roſe, deren friſche Farbe die heiße Mit⸗ tagsſonne gebleicht hat, ſaß ſie neben der im Aufbluͤhen Der Burgundiſche Poſtillon. 99 begriffenen Knospe, neben Deniſe. Noch unberuhrt vom Strahle der Sonne lag der friſche Morgenhauch auf dem wuͤrzigen Knöspchen, und wie die aufgebluͤhte Roſe, die ihre ganze Pracht entfaltend durch ſtolze Schoͤnheit ſich aus⸗ zeichnet, ruͤhrte es durch beſcheidene Anmuth und feſſelte nicht allein den Blick durch die Friſche ſeiner Farben, ſondern auch das Gefuͤhl durch das Anſpruchloſe ſeiner Schoͤnheit. Traurig ſaß Deniſe da und ſchien dem Poſtillon in dieſer Verfaſſung noch tauſendmal ſchoner zu ſein als in ihrer Unbefangenheit und fröhlichen Laune zu Luxeil. Mit der ihm eignen Offenheit erklaͤrte Jean⸗Marie dem Notar, daß er Madame Deville nicht heirathen, ſondern auf dieſes Gluͤck fuͤr immer Verzicht leiſten wolle; dann ſtuͤrzte er aus dem Pavillon in den Garten, wo er Tapotte und Ga⸗ lopin antraf, wie wir bereits erzählt haben. — In der That, das iſt köſtlich! rief Madame De⸗ ville mit erkunſtelter Fröhlichkeit aus, um ihren Aerger zu verbergen. Der Poſtillon lehnt die Ehre ab mein Gemahl zu werden. Doch plotzlich ſtieg in ihr der Gedanke auf, daß viel⸗ leicht der Graf dieſe Erklärung Jean⸗Marie's herbeigefuhrt habe; ſie hielt es fur ein gutes Zeichen, und um ihren Zweck ſo raſch als möglich zu erreichen, nahm ſie ſich vor, N 100 Der Burgundiſche Poſtillon. dem Britten denſelben Dienſt bei ſeiner Braut zu leiſten. Noch ungewiß, wie ſie dies beginnen ſollte, verließ ſie den Pavillon und trat in den Garten. Hier traf ſie Tapotte, die auf ihre Herrſchaft wartete. Da ſie wußte, daß das Bauermaͤdchen die Begleiterin Deniſe's war, hoffte ſie etwas Näheres von ihr zu erfahren und ließ ſich in ein Geſpraͤch mit ihr ein. — Wen erwarteſt Du, mein Kind? — Meine Herrin, Mamſell Deniſe. — Ah, die Braut des Herrn Clarendon. Deine Herrin iſt wohl recht gluͤcklich? — Guͤcklich? Daß ich nicht wußte. Seitdem dieſe Verbindung beſchloſſen iſt, war ſie ſtets traurig. — So! Das iſt aber merkwuͤrdig. Wie kann ein junges Mädchen traurig ſein, wenn es einen reichen Englän⸗ der heirathen ſoll! Liebt ſie denn einen Andern? — Ei freilich! Unſer ganzes Dorf weiß nichts An⸗ dres, als daß ſie den Poſtillon Jean-Marie liebt und daß ſie den heirathen wuͤrde. — Hoͤre, mein Kind, ich intereſſire mich fuͤr Deine Hertin; die arme Kleine iſt liebeskrank! Das iſt in Paris etwas Seltenes. Der Gegenſtand ihrer Liebe iſt in dieſem Hotel— — Jean⸗Marie! Ich weiß es, ich habe ihn vor Der Burgundiſche Poſtillon. 101 nicht langer Zeit geſehen; aber er will fort von hie denn er hat Abſchied von mir genommen. — Man muß ihn nicht reiſen laſſen, ohne daß er mit Deiner Herrin geſprochen hat; eine Unterredung mit ihm wird ihr gewiß eine große Freude gewaͤhren! — Das glaube ich auch— ich bin ſogar davon uͤberzeugt. Aber wie ſoll man ſie zuſammenbringen? De⸗ niſe wird nicht zuerſt zu ihm gehen wollen und Jean⸗Marie nicht zu Deniſen. — Mein liebes Kind, es giebt tauſend Mittel, Leute, die ſich lieben, zuſammenzufuͤhren. Hoͤre mich an und fuͤhre Alles genau ſo aus, wie ich es Dir jetzt vorſchreibe: Du gehſt zu Deiner Gebieterin und benachrichtigſt ſie, daß Jean⸗ Marie um eine Unterredung bitte, von der das Gluͤck ſeines Lebens abhaͤnge— ſie wird gewiß einwilligen. Zu Jean⸗ Marie ſprichſt Du, daß Mamſell Deniſe ihn durchaus zu ſprechen wuͤnſche, und daß ſie ihn vor dieſem Pavillon er⸗ warte— auch er wird kommen. So wird es moͤglich ſein, Beide zuſammenzufuͤhren. — Herrlich! rief Tapotte freudig aus, Sie verſtehen es, ein Rendez⸗vous zu veranſtalten! Ja, da ſieht man gleich, daß die vornehmen Damen daran gewoͤhnt ſind. Madame Deville zieht eine Borſe hervor und uberreicht ſie Tapotte mit den Worten: 102 Der Burgundiſche Poſtillon. — Hier, nimm dieſe Borſe! Das Bauermaͤdchen laͤßt ſich das nicht zweimal ſagen, es greift raſch nach derſelben und ſteckt ſie in ihre Taſche. Madame, darf ich Ihre Borſe aber auch nehmen? ſpricht ſie, nachdem ſie bereits verſchwunden iſt. — Du darfſt es; aber vergiß nichts von dem, was ich dir geſagt habe. — O, ſeien Sie ohne Sorgen, ſpricht Tapotte, ich habe ein ſehr gutes Gedaͤchtniß. Sehen Sie, dort kommt Deniſe— Herr Clarendon mit ihr. — Ich werde den General zuruckzuhalten ſuchen; waͤhrend dieſer Zeit rede Du mit Deiner Hertſchaft. Madame Deville tritt in den Pavillon, knuͤpft mit Clarendon ein Geſpräch an, der im Begriffe ſteht Deniſen in den Garten zu begleiten, und entfernt ihn auf eine feine Weiſe von der Poſthalterstochter. Als Tapotte die Dame nicht mehr bemerkt, zieht ſie die geſchenkte Boͤrſe aus ihrer Taſche, um zu zaͤhlen, wie viel ſie enthaͤlt. Fuͤnfundzwanzig Francs! ruft ſie uͤberraſcht aus; o, ich habe meine Sache nicht ſchlecht gemacht. Ein herrlicher Poſten ſo eine Kammerzofenſtelle! — Ah, Du hier, Tapotte! ruft Deniſe, die aus dem Pavillon tritt. Iſt mein Vater noch nicht zuruckgekehrt? — Nein, Mamſell, ich habe ihn noch nicht geſehen⸗ Der Burgundiſche Poſtillon. 103 — Er bleibt lange bei dem Banguier des Herrn Cla⸗ rendon! In dieſem Augenblicke ſieht Tapotte der armen De⸗ niſe ins Geſicht und faährt erſchreckt zuruͤck, denn eine wahre Todtenblaͤſſe uͤberzieht ihr hubſches Geſichtchen. — Mein Gott, Mamſell Deniſe, wie ſehen Sie aus? — Ach, mein Leiden iſt furchterlich! antwortet in Thranen ausbrechend des Generals Clarendon Braut. Liſtig tritt die läͤndliche Kammerzofe, durch die Börſe der Madame Deville zu Allem faͤhig gemacht, der Weinen⸗ den näher und mit betrubtem Geſichte ſpricht ſie zu ihr: — Ich kenne auch Jemanden, der ſehr krank iſt und der behauptet, daß Ihr Anblick allein ihn heilen koͤnne. — Von wem redeſt Du, Tapotte? — Nun von wem ſonſt als von Jean⸗Marie? — Wie? Jean⸗Marie— hat er Dir es ſelbſt geſagt? — Er hat mir geſagt, daß er vor Gram ſterben wuͤrde, wenn er Sie nicht noch einmal ſehen konnte. — Ihn ſehen? Nein, niemals! Sein Betragen iſt zu unwuͤrdig, als daß ich ihm dies geſtatten konnte. Was ſollte er mir auch zu ſagen haben? Entſchuldigen kann er 104 Der Burgundiſche Poſtillon. Mit einer wahren Kammetzofen⸗Virtuoſitat in Aus⸗ druck und Geberden faͤhrt das dicke Bauermädchen fort: — Ach, Mamſell Deniſe, haͤtten Sie nur den armen Jungen geſehen, in welchem Zuſtande er ſich befindet, Sie haͤtten wahrlich den Muth nicht, ihm ſeine Bitte abzu⸗ ſchlagen. — O nein, nein, Tapotte, ich darf, ich kann ihm nichts gewähren! Hat er Dir geſagt, wohin er kommen wird? — Hier, vor den Pavillon. Da Sie einmal hier ſind, bleiben Sie auch ſo lange, bis er kommt. Uebrigens ſind Sie ja ſeinetwegen nicht gekommen. — Ganz gewiß, Tapotte, ſeinetwegen bin ich nicht gekommen! Höre, Tapotte, ſage ihm aber nicht, daß ich ihn erwarte; hoͤrſt Du? — O nein, Mamſell, furchten Sie nichts; ich werde meine Sache als eine getreue Kammerzofe ſchon machen! Raſch tritt Tapotte in das Hotel und läßt Deniſen allein. Deniſe hatte nie aufgehoͤrt, Jean⸗Marie zu lieben, trobdem daß ſie ihn ſeiner plotzlichen Abreiſe wegen fuͤr ſehr ſtrafbar hielt. Sie war der feſten Meinung, der Poſtillon habe ſie deshalb verlaſſen, weil er Kunde von den zerruͤtte⸗ ten Vermogensumſtänden ihres Pflegevaters erhalten habe. Der Burgundiſche Poſtillon. 105 Bei dem Gedanken, daß ſie jetzt mit dem undankbaren Manne reden ſollte, fuͤhlte ſie eine Beklemmung, zugleich aber auch eine Freude, daß ſie ſich die ganze Abſcheulichkeit ſeines Betragens wiederholen mußte, um nicht laut aufzu⸗ jauchzen oder in lautes Weinen auszubrechen. Sie wollte in den Pavillon zuruͤckkehren, um ihn nicht zu ſehen, und doch blieb ſie; eine unſichtbare Gewalt feſſelte ſie an den Ort, wohin der ungetreue Jean⸗Marie kommen wollte.„Ich werde bleiben, ſprach ſie zu ſich ſelbſt, nur um ihm zu ſagen, daß ich ihn haſſe, daß ich ihn verabſcheue!“ Jetzt ward ſie ruhiger, da ſie ihrem Bleiben dieſe Abſicht zum Grunde gelegt hatte; erſchöpft ſank ſie auf eine Gartenbank, die vor dem Pavillon ſtand, und bereitete ſich vor, den un⸗ getreuen, undankbaren Poſtillon zu empfangen. Auch bei Jean⸗Marie hatte Tapotte den Auftrag Madame Deville's getreulich ausgerichtet. Welchen Ein⸗ druck der Wunſch Deniſe's, ihn zu ſprechen, auf den lieben⸗ den jungen Mann machen mufßte, laßt ſich wohl denken; ihm fehlte nur der Muth, dieſem Wunſche nachzukommen, ſonſt waͤre er zu Deniſen geeilt und hätte ihr Alles bekannt. Aber der Gedanke, daß durch den Bruch mit dem Grafen das Ungluͤck ſeines Wohlthaͤters vollendet ſei, hielt ihn von jeder Erklaͤrung ab. Sie nur noch einmal ſehen und dann fuͤr immer fliehen, war ſein einziger Wunſch, und da auch⸗ 106 Der Burgundiſche Poſtillon. ſeiner Meinung nach, Deniſe denſelben Wunſch hegte, glaubte er, ſich denſelben nicht verſagen zu duͤrfen. Fuͤr Madame Deville hatte ſich die tiefſte Verachtung ſeines Herzens bemaͤchtigt, und um ſie ihr an den Tag zu legen, hatte er ſeine Poſtillons⸗Kleider wieder angezogen und die zum Geſchenk erhaltenen zuruͤckgeſandt. Galopin war ſchwer zu bewegen geweſen, die neuen Kleider wieder abzu⸗ legen, denn durch ſie glaubte er in Paris ſein Gluͤck zu machen und eine reiche Frau zu erhalten. Nur als Jean⸗ Marie Gewalt anzuwenden drohte, packte er ſeufzend ſeine weiten Hoſen, Rock, Weſte und Hut zuſammen, um ſie an die Geberin zuruͤckzuſenden. — Dort iſt Mamſell Deniſe. Vorwaͤrts, Herr Jean⸗ Marie! ſprach Tapotte und ſtieß den verwirrten Poſtillon faſt zur Thuͤr des Hotels hinaus. — Mir fehlt der Muth— — Noch einmal wiederhole ich Ihnen, daß ſie mit Ihnen zu reden wuͤnſcht. — Sie hat Dich alſo beauftragt, mir zu ſagen— — Ei freilich, ſie hat es mir ausdruͤcklich geſagt. Nur vorwaͤrts! Ohne Furcht! Unter dieſem Geſpraͤche, das mit leiſer Stimme gefuͤhrt wurde, hatte Tapotte den unſchluͤſſigen Jean-Marie bis zu der Stelle gezogen, wo Deniſe in tiefem Nachdenken ſaß. Der Burgundiſche Poſtillon. 107 guftieden, daß ihr Plan gelungen war, klatſchte ſie freudig in die Haͤnde und lief in das Hotel zuruͤck, um die beiden Liebenden allein zu laſſen. Deniſe erwachte aus ihrem Nachſinnen, ſah auf und fuhr bei dem Anblicke des Poſtillons von ihrem Sitze em⸗ por. Keins von Beiden hatte den Muth, die unterredung zu beginnen; wie Bildſäulen ſtanden ſie einander gegenuͤber. Nach einigen Augenblicken peinlichen Schweigens nahm endlich Jean⸗Marie das Wort und ſprach mit bebender Stimme: — Madame— Tapotte hat mir geſagt, daß Sie mich zu ſprechen verlangt— hier bin ich⸗ — Wie, ich, mein Herr? Sie haben eine Unterre⸗ dung mit mir gewuͤnſcht. — So hat man Sie belogen! rief der Poſtillon; denn ich, fuhr er ſanfter fort, wurde mir eine ſolche Bitte nicht erlaubt haben. — Dann ſind wir Beide belogen! Das iſt ſchlimm! Demnach iſt es unnuͤtz, daß wir noch laͤnger beiſammen bleiben— ich ziehe mich zuruͤck. Schuͤchtern tritt Jean⸗Marie naͤher und ſpricht mit ſanfter Stimme: — Wenn es Ihnen recht iſt— mir iſt es lieber, wenn Sie bleiben, denn ich muß geſtehen, daß es mir wohl thut, Sie zu ſehen. 108 Burgundiſche Poſtillon. — Und ich muß Ihnen geſtehen, mein Herr, daß ich ein ſolches Betragen von Ihnen nicht erwartet hätte. — Ach, mein Betragen mußte Ihnen wohl als ein hoͤchſt unwüͤrdiges erſcheinen, nicht wahr? Und doch, hatten Sie meine Gruͤnde gekannt, die mich dazu beſtimmten—— — O, ich kenne dieſe Gruͤnde, mein Herr! — Wie, fragte uͤberraſcht der Poſtillon, Sie kennen ſie? — Ja, ich kenne ſie! Sie haben eine kindliche Freundſchaft verrathen und ein feierlich gegebenes Verſprechen gebrochen, weil Sie meinen Wohlthaͤter zu Grunde gerichtet und ihn nicht mehr in dem Stande glaubten, mir ſoviel zur Ausſteuer zu geben, als er mir verſprochen hatte! — Ja, das mußten Sie glauben, Deniſe! fuhr der Poſtillon ſchmerzlich fort. Doch jetzt, da Sie die Gattin eines Andern ſind, ſollen Sie die Wahrheit erfahren; jetzt kann ich Ihnen Alles ſagen! In dieſem Augenblicke oͤffnet ſich ein Fenſter in dem Pavillon; der Graf Clarendon und Madame Deville werden ſichtbar. Freude ſtrahlt aus ihren Augen, als ſie die beiden jungen Leute, in einem Geſpraͤche begriffen, erblicken. Da die Unterredung vor dem Pavillon ſtattfand, entging den beiden Lauſchern kein Wort. — So ecklaͤren Sie ſich, ſprach Deniſe zu Jean⸗Marie. — Deniſe, hob Jean⸗Marie an, haben Sie meinen Der Burgundiſche Poſtillon. 109 Worten denn wirklich Glauben ſchenken koͤnnen, wenn ich Ihnen ſagte, ich liebte Sie nicht?— O es war eine Luge, eine abſcheuliche Luge, die mich viel, ſehr viel gekoſtet hat; da aber durch Ihre Verbindung mit dem Grafen Clarendon nur allein die Vermogens⸗Umſtaͤnde unſers Vaters Chaillou wieder gehoben werden konnten, habe ich meine Liebe und Dankbarkeit zum Opfer gebracht! Deniſe ſchien ihren eignen Ohren nicht trauen zu wollen, als fie dieſe Erklaͤrung hoͤrte, die Jean⸗Marie in einem Tone abgab, der Zeugniß war, wie gern er ſich ſchon lange dieſes peinlichen Geheimniſſes entaͤußert haͤtte. Nach⸗ dem ſie ihn einige Augenblicke angeſtarrt, rief ſie: — Jean⸗Marie, iſt das wahr? — Leider iſt es wahr, fuhr der Poſtillon fort. Ich wußte, daß Elend und Entehrung unſern Wohlthäter be⸗ drohten; um ihm ein gluckliches Loos zu ſchaffen und ſein altes Haupt vor Schande zu bewahren, ſchrieb ich Ihnen den Brief, deſſen Inhalt mir das Herz brach. Dieſes Ge⸗ ſtaͤndniß mußte ich Ihnen ablegen, denn mit Ihrer Hand auch Ihre Achtung zu verlieren, waͤre ein Schmerz geweſen, dem ich unterlegen waͤre! Und nun leben Sie wohl, Frau Graͤfin! Mit Thraͤnen in den Augen will ſich der brave junge Mann entfernen, als ihm plotzlich Vater Chaillou entgegen⸗ 11¹0 Der Burgundiſche Poſtillon. tritt, ſeine Hand ergreift und ihn mit den Worten zu Deniſen zuruckfuͤhrt: — Nein, mein Sohn, Du ſollſt weder das Eine noch das Andre verlieren! — Mein Vater! ruft Deniſe und ſturzt ſich in ſeine Arme. — Sie hier, Herr Chaillou! rief beſtuͤrzt der Poſtillon. — Ja, ich war hier, antwortet der wuͤrdige Greis, und habe Alles gehort. Mein Sohn, mein guter Sohn, umarme mich! Mit dem Ausrufe:„Mein Vater!“ ſturzt ſich Jean⸗Marie in die Arme des greiſen Poſthalters, und Beide halten ſich einen Augenblick feſt umſchlungen. Clarendon und Madame Deville ſehen bewegt auf die Gruppe herab; des Generals Augen leuchten und ein Entſchluß ſcheint in ihm plotzlich zur Reife gediehen zu ſein, denn er ergreift die Hand der Dame und entfernt ſich mit ihr vom Fenſter. — Und wir konnten ihn anklagen! unterbricht die vor Freude ſchluchzende Deniſe. — Weißt Du auch, ſpricht der Greis in einem ſanft verweiſenden Tone, daß Du ſehr unrecht gehandelt haſt, mein Sohn? Dieſer Gelbſchnabel will ſich fuͤr einen alten Schnurbart opfern! Als ob ein alter Soldat von Moskau und Waterloo nicht im Stande waͤre, Ungemach zu ertragen! Der Burgundiſche Poſtillon. 111 — Ihre Glaͤubiger werden Sie jetzt verfolgen— — Meine Glaͤubiger ſollen Alles haben, was ich be⸗ ſitze. Was koͤnnen ſie dann ſagen? — Aber was bleibt dann Ihnen? Sollen Sie auf Ihre alten Tage noch ungluͤcklich ſein und im Elend leben? — Deshalb ſeid außer Sorgen, meine Kinder; mir bleibt noch ein großes, praͤchtiges Haus. — Wie, fragen erſtaunt die beiden jungen Leute, ein praͤchtiges Haus? 8 — Ja, verſetzt der Greis, das Invaliden⸗Haus! Zwei Lanzenſtiche und eine Kugel verſchaffen mir ſchon Auf⸗ nahme. — Aber Herr Chaillou— unterbricht Jean⸗Marie. — Kein Wort mehr, mein Entſchluß ſteht feſt. Dort kommt Herr Clarendon, ich werde ihm auf der Stelle Alles erklären! Arm in Arm mit Madame Deville tritt der Graf Clarendon aus dem Pavillon in den Garten. Der alte Poſthalter zieht ſeinen Hut und tritt ihm beſcheiden entgegen. — Herr Clarendon, redet er ihn an, Sie ſind ein braver, wuͤrdiger Britte; ich achte und liebe Sie vom Grunde meiner Seele, aber meine Tochter kann ich Ihnen nicht geben. Dieſe beiden jungen Leute ſind ſchon ſeit langer Zeit fur einander beſtimmt geweſen, und wenn De⸗ 112 Der Burgundiſche Poſtillon. niſe eingewilligt hat, Ihre Gattin zu werden, ſo geſchah es nur——. — Weil ſie Jean⸗Marie untreu glaubte, fiel laͤchelnd der Britte ein, waͤhrend er doch nur dankbar war. — Wie, Sie wiſſen es ſchon? In dieſem Falle, Herr Graf, koͤnnen Sie nicht weiter in mich dringen. Außerdem iſt dieſer junge Mann der Sohn meines Kame⸗ raden; ſein Vater ſtarb an meiner Seite auf dem Schlacht⸗ felde bei Waterloo.„Nimm Dich väterlich meines Sohnes an,“ waren ſeine letzten Worte. Armer Robert! Noch immer glaube ich dieſe Worte zu hoͤren. — Robert, ſagten Sie? rief plotzlich der Graf. — Ja, Robert war der Name meines unglucklichen Kameraden! Im Begriff, einem General von Ihrer Na⸗ tion das Leben zu retten, traf ſeine Bruſt eine Kugel. Er ſtuͤrzte— ich wollte ihn aufheben; doch er ſprach:„Danke, mein alter Freund, Deine Huͤlfe wird mir nichts mehr nutzen; bewahre ſie aber fuͤr einen Andern auf, der ihrer bedarf, fuͤr meinen Sohn— verſprich mir, meine Stelle bei ihm zu vertreten.“ Feierlich und mit Thraͤnen in den Augen gelobte ich dies in ſeine ſterbende Hand. Als er mich weinen ſah, fuͤgte er mit ſeiner letzten Kraftanſtrengung hinzu:„Lebe wohl, mein Freund! Trockne Deine Thraͤnen und beklage mich nicht, denn vor meinem Tode habe ich Der Burgundiſche Poſtillon. 113 einem unbewaffneten Feinde das Leben gerettet. Ich kann in Frieden von hinnen ſcheiden und habe den Tod nicht zu füchten; das Bewußtſein, eine gute That vollbracht zu haben, wird mich in jene Welt begleiten!“ Der Graf Clarendon vermochte ſich bei der Erzäh⸗ lung des greiſen Invaliden kaum zu halten, denn es war nichts gewiſſer, als daß der Vater Jean⸗Marie's ſein Lebens⸗ retter geweſen war. Der alte Chaillou zog ein Portefeuille aus ſeiner Taſche und uͤbergab es dem Englaͤnder mit den Worten: — Jetzt, Herr Graf, bleibt mir nichts weiter uͤbrig, als Ihnen fuͤr das, was Sie an mir thun wollten, zu danken und Ihnen die funfzigtauſend Francs zurückzu⸗ geben, die ſich in dieſem Portefeuille befinden. — Nicht mir, Herr Chaillou, ſprach der Graf be⸗ wegt, haben Sie dieſe Summe zurückzugeben. — Und wem denn? — Jean⸗Marie— ihm gehört ſie! — Wie, Herr Graf, antwortet uberraſcht der Poſtillon, mir gehorte dieſe Summe? Wie iſt das moglich? — Ja, junger Mann, fuhr der Graf fort, dieſe Summe iſt die Erbſchaft, welche Ihnen Ihr Vater hinter⸗ läßt, indem er dem General Grafen von Clarendon das Leben rettete! Der Burgund. Poſtillon. 3 114 Der Burgundiſche Poſtillon. — Wire es moͤglich? Ihnen, Herr Graf, hätte mein Vater das Leben gerettet? Doch gleichviel— eine gute Handlung kann man nicht mit Geld belohnen, und wenn ich Ihr Geſchenk annahme, könnte mich mein PVater dort oben tadeln. — Junger Mann, fiel zuͤrnend der Englaͤnder ein, wenn Sie noch ein Wort ſagen, ſchenke ich Ihnen hundert⸗ tauſend Francs! — Aber, Herr Graf—— — Jetzt werden es zweimalhunderttauſend Francs! — Wohlan denn, ich nehme es an, ſprach endlich Jean⸗Marie, als er kein Mittel fand, des Grafen Anerbieten abzulehnen. Jetzt fuͤhrte der großmuthige Britte die vor Freuden weinende Deniſe dem jungen Poſtillon zu und ſprach: — Machen Sie dieſes junge Maͤdchen gluͤcklich; ich kehre nach England zurück und Madame begleitet mich, wenn ſie ſonſt Graͤfin von Clarendon werden will! Freudig legte Mabame Deville ihre Hand in die dar⸗ gebotene Rechte des glucklichen Englaͤnders und mit einem Lächeln, das die Befriedigung ihres heißeſten Wunſches ver⸗ rieth, ſprach ſie: — Theurer Graf, ich kann den ſchoͤnen Titel Ihrer Der Burgundiſche Poſtillon. 115 Gattin annehmen, denn nie im Leben habe ich aufgehört ihn zu verdienen! Die beiden Brautpaare gingen in den Pavillon zuruͤck, wo der Notar noch beſchaͤftigt war die Ehecontracte zu fertigen. Nachdem eine Aenderung der Namen vorgenommen, das heißt, nachdem die beiden Bräute ihre Mlaͤtze gegen einander vertauſcht hatten, wurden beide Contracte noch in derſelben Stunde unterzeichnet, und ein heiteres be⸗ ſchloß die zwiefache Verſoͤhnung. Den naͤchſten Morgen trennten ſich die glucklichen Paare. Der Graf reiſ'te mit ſeiner Verlobten nach Eng⸗ land zuruͤck und der Poſtillon mit ſeiner uͤbergluͤcklichen Deniſe nach Luxeil, wo ſie in der freundlichen Dorfkirche des Prieſters Segen fuͤr immer vereinte. Vater Chaillou ging nun nicht in das Invalidenhaus, ſondern uͤbergab Jean⸗Marie ſeine Poſthalterei und erwartete, gepflegt von ſeinen Kindern, in Luxeil das Ende ſeiner Tage. Galopin avancirte vom Stallknecht zum Poſtillon und führte dann ſeine Tapotte als Gattin heim, da er ſah, daß er ein ſteinalter Junggeſelle werden wurde, wenn er auf eine Pariſer Kaufmanns⸗Wittwe warten wollte. Herrn von Künchhauſen, wohlweiſen Bürgermeiſters zu Schilda, höchſteigne Biographie. Nouvelle Edition. Der große Herr Buͤrgermeiſter Cicero, oder wer ſonſt der Heide geweſen ſein mag, der zuerſt den Spruch erdachte: „Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verſtand,“ war gewiß ein kluger Mann. Mein Vater, aufſchnei⸗ deriſchen Andenkens, ſagte mir oft mit ſeiner gewoͤhnlichen Offenherzigkeit in's Geſicht, ich ſei ein dummer Junge, und ſeine guten Freunde und Bekannten behaupteten, dies ſei die einzige Wahrheit, welche er in ſeinem ganzen Leben uͤber die Zunge gebracht habe. Allein kaum war ich achtzehn Jahre alt, als ſich meine Talente entwickelten. Ich kam auf eine Univerſität, wo ſchon meine adliche Geburt mir ein gar grimmiges Anſehen verſchaffte. Man kann leicht denken, daß ich eine ſehr wichtige Rolle während meiner akademiſchen Laufbahn ſpielte. Ich lernte Bank machen, Parolis kneipen, reiten, Fenſter einwerfen und noch mehr andre Dinge, welche einem Jungen von Adel zu wiſſen ſehr 120 Münchhauſens Biographie. nutzlich und nothwendig ſind. Um das Studiren bekum⸗ merte ich mich ſehr wenig, da ich von meinem Stand rich⸗ tige Begriffe hatte und wußte, daß dieſer durch Wiſſen⸗ ſchaften entehrt werden wurde und daß mir eine Verſorgung doch nicht fehlen koͤnne, ſintemalen nach eines gewiſſen Herrn von Arnim's feiner Bemerkung Buͤrgerliche nur im Noth⸗ fall zu Staatsbedienungen gelaſſen werden ſollen. Deſſenun⸗ geachtet nahm mich ein Profeſſor in eine von ihm neuer⸗ dings geſtiftete gelehrte Geſellſchaft der Moral, ſchönen Kuͤnſte und Wiſſenſchaften auf, und ich wurde darin einſtimmig zum Präſidenten erkoren. Dieſe Stelle hatte ich haupt⸗ ſächlich dem Umſtande zu danken, daß der Praͤſident nach den Statuten der Geſellſchaft wenigſtens ſechzehn Jahre alt ſein mußte und ungluͤcklicherweiſe unter allen Mitgliedern auch nicht ein einziges, außer mir, dieſes Alter erreicht hatte. Magiſter Cerfulus, mein Hofmeiſter, verfertigte bei Gelegenheit meiner Präſidentenwahl eine herzbrechende Ode, die ich nachher Herrn Voß als Beitrag zu ſeinem Mu⸗ ſenalmanach uͤberſchickte, aber leider! keine Antwort und kein Gehor erhielt, obgleich mein Gedicht an Werth wohl mit den Kriegsliedern eines gewiſſen Magdeburgiſchen Edel⸗ mannes in Parallele ſtehen mochte. Inzwiſchen hatte ich doch das Vergnügen, daß der Profeſſor Humaniorum meine Arbeit in ſeiner Aeſthetik als Muſter einer erhabenen Ode Münchhauſens Biographie. 1207 aufſtellte und die akademiſche gelehrte Zeitung eine weitlaͤuf⸗ tige Recenſion daruber aufnahm. Endlich, um meine akademiſche Laufbahn zu krönen⸗ vertheidigte ich öffentlich eine von eben dieſem Profeſſor Hu⸗ maniorum verfertigte Disputation, in welcher die Wahrheit der Geſchichte von Simſon's Eſelskinnbacken aus den neueſten Zeitbegebenheiten erwieſen wurde, und kehrte mit Ruhm und Ehre uͤberladen in mein Vaterland zuruck. Reiſen und Amtsantritt. Mein Vater hielt es fur ſehr noͤthig, mich eine Reiſe antreten zu laſſen, wie denn die jungen Patrizier einer großen Reichsſtadt auf gemeiner Stadt Koſten zu thun pflegen. Wenn ich gewohnt waͤre, ſo ſehr neben der Wahrheit vorbeizu⸗ ſpazieren wie mein Herr Papa, ſo koͤnnte ich einen ganzen Band voll Abenteuer erdichten, um das ehrſame Publicum damit zu beluſtigen. Allein das ſei fern von mir. Alles was ich anfuhren will, iſt ſo unbedeutend als das theatra⸗ lſche Potpourri des Herrn Siegmund Gruͤner. In Wien ſpeiſ'te ich gebackene Rebhaͤndl, in Berlin beſuchte ich Kroll und kaufte mir im Buchladen Hengſtenberg's Schrift uͤber ſymboliſche Buͤcher; in Prag ſah ich den heiligen Nepomuck, in Warſchau faßte ich bei Proto Potocki ſolide Handlungs⸗ 122 Münchhauſens Viographie. grundſätze, in Danzig lernte ich bei Benzmann und Reyher das Wohl des Vaterlandes beherzigen, in Dresden verfeinerte ich meinen Ton bei Perini und ſtudirte die Einrichtung einer kunftig in Schilda einzufuͤhrenden Cenſur, in Leipzig erkundigte ich mich bei Herrn Wigand nach der Speculation beim Buchhandel, in Deſſau las ich die vortreffliche höchſt unterhaltende Beſchreibung von Worlitz, nahm Unterricht in der angenehmen und orthodoxen Declamation und war kaum wieder wegzubringen, weil man beim Herrn Kellermeiſter im Ringe unvergleichlich gut ſpeiſ't; in Coburg ſtudirte ich Ar⸗ chitektur, in Nuͤrnberg Finanzwiſſenſchaft, in Regensburg geſchwinde Betreibung der Geſchaͤfte, in Muͤnchen Aufklä⸗ rung u. ſ. w. Magiſter Cerfulus, mein Hofmeiſter, ließ ſich unterwe⸗ gens alle Kataloge geben, deren er habhaft werden konnte, um daraus ein wichtiges Werk zur Bibliothekengeſchichte Deutſchlands zuſammenzuflicken. Hauptſächlich war der Zweck ſeiner Reiſe auf Kunſtkenntniß gerichtet, worin er ſehr ſtark war, wie einige Opera, die er hernach aws Tages⸗ licht geſtellet, deutlich beweiſen. Wie glänzend ſeine Ver⸗ dienſte in dieſer Hinſicht waren, mag ein Geſpraͤch, das er mit dem Aufſeher einer beruͤhmten Galerie hielt, darthun. Der Aufſeher. Sehen Sie einmal dieſen Vespaſian! Was halten Sie davon? Münchhauſens Biographie. 123 Mag. Cerfulus. Epcellent! Das Colorit unnachahm⸗ lich, die Zeichnung richtig, die Haltung unuͤbertrefflich. Ol! Vespaſian war doch ein großer Maler! Der Aufſeher. Und von wem glauben Sie wohl daß dieſer Chriſtus hier iſt? Mag. Cerfulus. Sie ſcherzen. Wenn ich das auch nicht ohnedem beim erſten Anblick erriethe, ſo ſteht ja hier klar und deutlich der Name Inri. Es iſt wohl natuͤrlich, daß ich, von einem ſolchen Mann gefuͤhrt, ſchleunigere Fortſchritte in der Kenntniß des Schoͤnen machen mußte als ein beruͤhmter Magiſter zu Erlangen, der wie ein Pilz in einer Nacht aufwuchs und jetzt als Kunſtkenner und als Recenſent im Fach der ſchoͤnen Wiſſenſchaften im deutſchen Boͤotien eine gleich große Rolle ſpielt. So kam ich endlich als ein vollkommener junger Cavalier zuruck, und es waͤhrte nicht lange, ſo erſcholl meiner Weisheit Ruf laut durch Deutſchland, ſintemalen ein kluger Edelmann, als ein ſeltener Vogel, gar leichtlich hochberuͤhmt wird. Mein Herr Papa, der bekanntermaßen den Mund voll zu nehmen pflegte, trompetete nicht wenig zu meinen Gunſten; und ſo geſchah es denn, daß in kurzer Zeit die ihrer Klugheit und guten Regierung wegen weltbekannte Stadt Schilda, welche ſeit ihrer erſchrecklichen Zerſtoͤrung 124 Münchhauſens Biographie. durch den Maͤuſehund wieder taliter qualiter aufgebaut worden war, mir den Ruf zu dem hochwichtigen Amte eines Buͤrgermeiſters daſelbſt zuſandte. Daß ich dieſen willig annahm, laͤßt ſich denken. 2 Wichtige Thaten des neuen Buͤrgermeiſters. Atbald, da ich in Schida ankam, hatte ich Gele⸗ genheit meine Weisheit ebenſo auffallend an den Tag zu legen als der beruͤhmte Salomo, der bekanntermaßn die Entſcheidung eines Proceſſes zwiſchen zwei H Va ſeine großen Kenntniſſe der weiblichen Natur gleich vor ganz Iſtael zeigte, Kenntniſſe, die er in ſeinem ſtarken Serail ſich freilich leichter als ein andrer Privatmann zu erwerben Gelegenheit hatte. Es wurde mir naͤmlich eine Bittſchrift folgenden Inhalts uͤberreicht: Hochwohlgeborner Herr! Wohlweiſer Herr Buͤrgermeiſter! Ew. Wohlweiſen iſt zur Genuͤge bekannt, weswegen der hieſige Buͤrger und Wagnermeiſter, Johann Schnell⸗ Münchhauſens Biographie. 125 finger, ſich ſo weit vergangen, einen bei hieſiger Stadt vor⸗ beireiſenden Fremden gewaltſam anzufallen und zu berauben, weshalb dann auch beſagtem Schnellfinger von einer hoch⸗ löblichen Obrigkeit die Strafe des Todes zuerkannt worden. Wenn nun aber gegenwaͤrtig zu Schilda bisher nur dieſer einzige Wagnermeiſter anſäſſig geweſen und folglich durch deſſen Hinrichtung die Stadt eines unentbehrlichen Hand⸗ werkers beraubt werden wuͤrde; ſo ergehet an Ew. Wohl⸗ weiſen unſte unterthaͤnigſte Bitte: entweder den Delinquenten mit der Strafe zu ver⸗ ſchonen oder ſonſt eine andre Auskunft zu treffen, um die Stadt nicht ohne Wagnermeiſter zu laſſen. Die. Gewaͤhr ſolch einer Bitte wird, wo moͤglich, die Vetehrung noch verſtaͤrken, mit welcher wir uns nennen Ew. Hochwohlgeborn und Wohlweiſen unterthaͤnige Buͤrger zu Schild a. „ Nun galt es wahrlich Kopfbrechens. Ich ſah aber gleich ein, daß das ganze Stratagem eine Falle war, welche mir die verteufelten Jacobiner im Staͤdtchen gelegt hatten, auf daß ſie mich fingen! Aber gehorſamer Diener! Ich bin nicht auf den Kopf gefallen und habe das Ge⸗ 126 Münchhauſens Biographie. ſchmeiß von Aufklaͤrern auf meinen Reiſen kennen lernen. Ex ungue leonem, dachte ich. Flugs reſolvirte ich, wie folget: „Da nach dem Uns zugekommenen unterthaͤnigen Be⸗ richt nur ein Wagnermeiſter im Stadtchen iſt, hin⸗ gegen wohl an zwoͤlf Schneidermeiſter dahier exiſti⸗ ren, welche aus Mangel an hinlaͤnglicher Arbeit ohnedem kaum beſtehen koͤnnen; ſo befehlen wir, daß ſtatt des Delinquenten Johann Schnellfinger's, Buͤrgers und Wagnermeiſters dahier, lieber einer von den zwoͤlf Schneidern durch das Rad vom Leben zum Tode gebracht werden ſoll.“ Da ſtanden die Herren wie Butter an der Sonne! Solche Weisheit war in Schilda noch nicht gefunden wor⸗ den bis auf dieſen Tag. Alles Volk entſetzte ſich und rief: Hoch lebe die Krone aller Buͤrgermeiſter! Polizei⸗Anſtalten. Sowie gewoͤhnlich die erhabenſten Tugenden großer Regenten ſich am auffallendſten die erſten Tage nach ihrem Regierungsantritt zu aͤußern pflegen; ſo war es auch bei mit der Fall. Wachſim wie weiland der bekannte Sartine Münchhanſens Biographie. 127 richtete ich mein Augenmerk auf alle Kleinigkeiten, verbeſſerte, baute, ſorgte und ließ es an nichts fehlen, um den glaͤnzen⸗ den Namen eines Vaters des Vaterlandes zu verdienen. Die Erfahrung lehrt zwar, daß dieſer Titel bei Lebzeiten ſo leicht zu erhalten ſteht als eine Oberſtallmeiſterſtelle bei dem ehemals zu Wilhermsdorf im Frankenlande regierenden Grafen von Limburg⸗Styrum, soidisant Herzog von Hol⸗ ſtein⸗Brenkhorſt. Selbſt Nero blutgierigen Andenkens hat jenen erhabenen Namen wohl von mehr als einem Poeten hören muͤſſen; aber es iſt bekannt, daß die Nachwelt dieſe dichteriſchen Epitheten ſehr zu corrigiren pflegt, weil nach einem deutſchen Kernſprichwort der Hund nicht mehr beißt, wenn er todt iſt. Mir war es hingegen nicht um den leeren Titel ſondern um die Sache ſelbſt zu thun, wie folgende Anſtalten zeigen werden. Erſtens naͤmlich ſah ich am Rathhaus eine Sonnenuhr, welche durch den Regen außerordentlich viel litt. Ich fiel daher auf ein ebenſo adaͤquates Mittel als diejenigen ſind, welche man nach den Vorſchläͤgen der Herren H. H⸗ H. bei dem Sonnenzeizer der Aufklärung anwenden ſoll, um die falſche Richtung deſſelben zu hemmen. Sowie naͤmlich dieſe Herren vorſchlagen die Aufklaͤrung unter die unmittelbare Protection der Jeſuiten zu ſtellen, ſo ließ ich auch die Sonnenuhr, ne respublien quid detrimenti capiat, 128 Münchhauſens Biographie. durch ein von Rathswegen daruber errichtetes Dach vor weitern Beſchaͤdigungen ſichern. Zweitens uewahrte ich einen Pulverthurm, der vielleicht durch einen ungluͤcklichen Zufall einmal hätte in die Luft fliegen koͤnnen. Zur dienlichen Vorſorge ließ ich deshalb mit großen Koſten auf dem oberſten Theile des Thurms ein Baſſin mit Waſſer anbringen. Nicht weniger Weisheit zeigte ich bei Gelegenheit einer Beſchwerde gegen die Fleiſcher des Städtchens, welche ange⸗ klagt wurden viel verdorbenes Fleiſch zu verkaufen. Dieſem unfug vorzubauen, erließ ich ein Reſcript an die löbliche Fleiſcherzunft, vermoge deſſen von Dato an künftig die Ochſen nur halb geſchlachtet werden ſollten. Die Jacobiner im Staͤdtchen mochten ſich uͤber alle dieſe Proben meines durchdringenden Verſtandes ärgern und beſchloſſen ſich grimmig an mir zu rächen. Es entſtand eine Feuersbrunſt. 3 Nun war Holland in Nöthen. Es muß doch wahr⸗ haftig einem regierenden neuerwaͤhlten Buͤrgermeiſter ſo unangenehm ſein, wenn die Stadt abbrennt, in der er erſt angefangen hat ſein Weſen zu treiben, als einem Füͤrſten, wenn ſeine Truppen geſchlagen werden, waͤhrend er wegen 1 Münchhauſens Biographie. 129 eines kleinen gewonnenen Scharmuͤtzels noch das Tedeum ſingen läßt. Ja der Fuͤrſt iſt noch beſſer daran, denn ſeine Generale haben dann wenigſtens zu einem meiſterhaften unſterblichen Ruͤckzug und zu vortrefflichen Proclamationen Gelegenheit, und man weiß wohl, daß darin nach der neueſten Theorie das Kriterium großer Feldherren beſteht. Gleich ſetzte ich mich in hochſteigner Perſon an die Spitze der Löſchenden, und wiewohl ſonſt große Herren bei dergleichen Gelegenheiten alles ſo in Unordnung zu bringen pflegen, daß niemand weiß wer Koch oder Kellner iſt; ſo gelang es mir doch nach vieler Muͤhe das Feuer zu ſtillen. Erſt verſuchte ich es mit magiſchen Zetteln. Dies half aber in dieſen freigeiſteriſchen Zeiten nichts, wo die Wirk⸗ ſamkeit der meiſten ſympathetiſchen Mittel mit dem Glauben daran, der da ehedem Berge verſetzen konnte, perloren ge⸗ gangen iſt. Nothgedrungen mußte ich hierauf zu den Spritzen meine Zuflucht nehmen. Aber es war ein Gluͤck fuͤr mich und die Stadt, daß auch aus der Nachbarſchaft Spritzen zu Huͤlfe herbeigeeilt waren, denn die Schildaer taugten auch nicht das geringſte. Sobald die Gefahr voruͤber war, dachte ich darauf⸗ ihr kuͤnftig vorzubauen, und erließ folgendes Reſcript: Wir Buͤrgermeiſter und Rath der wohlweiſen Stadt Schilda fuͤgen allen, denen daran gelegen, zu wiſſen, daß, Muͤnchhauſens Biographie. 1430 Münchhauſens Biographie. nachdem bei dem neulich ſich ereigneten Unglucksfall ſich die Untauglichkeit unſter Spritzen ſattſam an den Tag geleget, wir fuͤr die Zukunft zu befehlen fur gut finden: „Daß die Feuerſpritzen gemeiner Stadt jedesmal drei Tage vor einem entſtehenden Brande auf dem hie⸗ ſigen Markte ſorgfaͤltig unterſucht und probiret wer⸗ den ſollen.“ Wornach ſich zu achten. Gegeben im Rath zu Schilda. (S. P. L. in fidem. Stubenrauch, Actuarius mpp. 3. Theater zu Schilda. Man muß aus dieſen Verordnungen nicht etwa ſchließen⸗ daß ich ein Tyrann geweſen ſei, welcher den Schildbuͤrgern gar kein Vergnůgen gegonnt habe. Panem et Circenses! Mit dem erſten Artikel ſah's freilich in Schilda noch ſo ſo aus, aber die Circenſes durften nicht fehlen. Ich ließ einen alten Pferdeſtall zum Schauſpielhaus einrichten, die Pferdeſtände zur Gatde⸗ robe machen, ſo daß ſich nun uͤber jeder ſich anziehenden Schau⸗ ſpielerin der Name eines ehemals da geſtandenen Pferdes 3 Münchhauſens Biographie. 13¹ präſentirte, und erlaubte Herrn Sebaſtian Schikaneder, dem Bruder des weltberuͤhmten Verfaſſers der Zauberflote, ſein Weſen nach Herzensluſt in Schilda zu treiben. Da kamen lächerliche Trauerſpiele und weinerliche Luſtſpiele, Ritterſtuͤcke im Baniſenton ꝛc. ꝛc. nach dem Dutzend zum Vorſchein. Stuͤcke, deren Auffuͤhrung ich durchaus unterſagte. Das politiſche Journal oder der Schlaftrunk. Poſſe in drei Acten. NB. Verurſachte bei der Probe theils Erbrechen, theils widernatuͤrlichen Schlaf. Die allgemeine Bewaffnung. Farce in drei Auf⸗ zuͤgen. Zeitungsſiege. Ein Luſtſpiel in fuͤnf Aufzugen, wovon der letzte traurig ausgeht. Der Patriotismus oder die freiwilligen Bei⸗ traͤge. Trauerſpiel in zwei Aufzugen. Die Aufklaͤrung auf dem Thron⸗ Ein Sommer⸗ nachtstraum. Sie ſollen nicht knien oder das Blendwerk. Ein Luſtſpiel. Aus dem Polniſchen. 9* 132 Münchhauſens Biographie. Die Eklektiker. Heroiſch⸗komiſches Schauſpiel in einem Act. Das Tedeum. Nachſpiel in einem Act. 4. Grundſätze bei Befoͤrderungen zu Aemtern. J wohl iſt es ſchwer den Staat zu regieren. Das habe ich armer geplagter Buͤrgermeiſter gar oft erfahren, zumal ſeit der Zeit, als der Philoſophenbund aufzukommen begann. Aber tu contra audentior ito! das war mein Wahlſpruch, und dieſem gemäß habe ich den Volksverfuͤhrern immer trotzig und unverzagt die Stirne geboten. Auch bei Beſetzung der Aemter habe ich mich nie durch die neumodiſchen Grundſätze, daß man auf Verdienſte und Kenntniſſe ſehen ſolle, und dergleichen Zeug mehr, blenden laſſen, ſondern bin immer dem alten Schlendrian gefolgt. Ich will dem geneigten Leſer ein paar Scenen, die ich bei ſolchen Gelegenheiten auszuhalten hatte, zum Beſten geben. Dar⸗ aus wird er einen deutlichen Begriff eisle angefuͤhrten Methode erhalten, und dis Wieder Menſchen⸗ freunde werden nicht ermangeln den naͤmlichen Weg allen — Münchhauſens Biographie. 133 und jeden treufleißig anzuempfehlen, welche etwa Dienſte zu vergeben haben moͤchten. 1. Scene. Ich und Secretaͤr Ypſilon. Secr. Ypſ iton. Alſo ich hätte durchaus keine Hoff⸗ nung die erledigte Stelle zu erhalten? Ich F(nmit einem bedentenden Achſelzucken)⸗ Schwerlich, ſehr ſchwerlich, lieber Herr Secretar. Secr. Ppſilon. Bedenken aber Ew. Wohlweisheit— Ich(fromm). Wenn's auf mich ankäme! Aber, aber —— Ich dringe nicht durch, ich habe Connerionen zu bekaͤmpfen, Ruͤckſichten zu nehmen. Secr. Ppſilon. Und doch, dacht' ich, verdiente auch ich einige Ruͤckſicht. Zehn Jahre hab' ich bei aͤußerſt ge⸗ ringer Beſoldung der Stadt treu und ehrlich gedient. Ich. Alles wahr, aber Verdienſte werden heut zu Tage leider nicht immer erkannt Gnit einer Bewegung der Hand nach der Thüre zu). Secr. Ppſilon(ehend). Ich habe eine Frau und ſechs Ich. Herr! wer heißt Sie ſo fruͤh heirathen⸗ Adieu! 14134 Münchhauſens Biographie. 2. Scene. Licentiat Dickkopf. Ich. Licent. Dickk.(verlegen und furchtſam). Ew. Wohl⸗ weisheit—— vergeben—— die hohe Gnade—— Ew. Wohlweisheit— Ich. Nur kurz und gut, ich liebe die Weitläuftig⸗ keiten nicht. Licent. D. Daß ich mich unterſtehe— Ew. Wohl⸗ weisheit—— in tiefer Unterthaͤnigkeit—— dies zu Hochdero Fuͤßen— zu legen(legt mir ein Gedicht vor die Füßc). Ich. Heben Sie nur auf! Sie nehmen alles, wie ich merke, ziemlich woͤrtlich. Licent. D.(hebt es wieder auf und weiß nicht, wie er es anfangen ſoll, um mir's in die Hände zu ſpielem⸗ Es iſt —— es ſind— Ich. Verſe, das ſeh' ich wohl. Ich liebe ſie nicht. Aber was wollen Sie denn eigentlich? Licent. D. Ich wollte—— ich wuͤnſche—— die Stadtſchreiberſtelle, Ew. Wohlweisheit. Ich. Sind Sie denn faͤhig zu dem Amte? Licent. D. O ja, Ew. Wohlweisheit, warum denn Münchhauſens Biographie. 135 das nicht? Ich bin Licentiatus Juris und Titularhofturke bei dem benachbarten Hofe. Ich. Wie lange waren Sie auf der Akademie? Licent. D. Licentiatus Juris. Ich. Nun wohl, das hor ich⸗ Ich frage aber, wie lange Sie auf der Akademie waren. Licent. D. Licentiatus Juris, Ew. Wohlweisheit. Ich. Herr, Sie ſind nicht klug. Haben Sie Collegia gehoͤrt? Litet S J Nein ein ganzes Jahr! Ich. Und was fuͤr Collegia? Licent. D. Jetzt hab' ich keine Collegen. Aber ich werde ihrer ja wohl bekommen. Ich. Quelle péte! Was fur Collegia? frag ich⸗ Licent. D. Zu Hauſe hab' ich ſie im Schrank. Eine ganze Menge Hefte. Der Famulus des Profeſſors, der ſie mit dem Hauſe gekauft hatte, ſchrieb mir ſie ab. Ich. Adieu, Herr Licentiat! Wir paſſen nicht zu⸗ ſammen, merk' ich wohl. Licent. D. Noch etwas, Ew. Wohlweisheit! Zieht eine Börſe voll Ducaten aus der Taſche). Ich habe geſtern dieſe vortrefflich geſtickte Borſe aus Paris erhalten, und weil ich 136 Münchhauſens Biographie. gehoͤrt habe, daß Ew. Wohlweisheit ein Liebhaber von beſonders kuͤnſtlicher Arbeit ſind, ſo unterſteh' ich mich— Ich. Scharmant, Herr Licentiat! Ihr Gedicht iſt ercellent. Die Stadtſchreiberſtelle ſollen Sie erhalten. Man kann leicht denken, wie ſehr ich bei dieſen weiſen Regierungsgrundſaͤtzen von Alt und Jung in Schilda geſchätzt und verehrt wurde. Mit dem naͤmlichen Herzen, mit welchem ehedem der Franzos ſein Vive le Roi rief, erſchallte auch mir von allen Seiten ein Vivat. Hiernaͤchſt dachte ich auch an gute Armeneinrichtungen. Ich ließ das Betteln bei hoher Strafe verbieten und ſetzte den Actuarius Stubenrauch zum Aufſeher uͤber ein zum Beſten der Armen geſtiftetes Inſtitut. Hier war die Regel angenommen, daß jeder Arme, der es immer verlangte, einen Groſchen Almoſen, aber auch fuͤnf und zwanzig Pruͤ⸗ gel aus dem Salze bekam. Wollte er nun die letzten nicht haben, ſo mußte er auch auf den Groſchen Verzicht thun, wodurch das Betteln merklich nachließ. Beſagter Stuben⸗ rauch nahm bei einem beruͤhmten Scharfrichter ausdruͤck⸗ lich Unterricht im Pruͤgeln und ſoll, wie ich aus Brie⸗ fen neuerdings erſehen habe, an einer Theorie der Stock⸗ ſchlage arbeiten, einem der gruͤndlichſten Werke, welche noch Münchhauſens Biographie. 137 in dieſem Jahrhundert erſchienen ſind. Seine Bittſchrift um die Stelle lautete folgendergeſtalt: „Nachdem mich der liebe Gott mit einer unbeſchreib⸗ lichen Hartherzigkeit begnadigt hat, ſo ſchmeichle ich mir, daß Ew. k. keinem Andern als mir die Auf⸗ ſeherſtelle uber das neue Armenhaus uͤbertragen wer⸗ den“„. Als in Schilda eine Allee Schaden litt, ließ ich eine Tafel aushaͤngen, worauf folgende Worte zu leſen waren: „Wer dieſe Baͤume beſchädigt, echalt 50 Prügel zur Belohnung; die Hälfte davon bekommt der An⸗ geber.“ Auf ein ſo kraͤftiges Mittel fallen gewiß alle Akade⸗ mien in Deutſchland nicht! Aber dafur traf auch, wie oben ſchon geſagt, bei mir das Sprichwort ein: Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verſtand! In einem Fluſſe bei Schilda, welcher jaͤhrlich einmal ſehr hoch anzuſchwellen pflegte, ließ ich eine Saͤule mit der Inſchrift errichten:„Wenn man dieſe Saͤule nicht mehr ſieht, ſo iſt es gefaͤhrlich hindurch zu paſſiren,“ und legte dadurch meine Sorgfalt fuͤr Reiſende an den Tag. Kurz, jeder Tag meiner Regierung war mit irgend einer herrlichen zum Beſten der Stadt gereichenden That bezeichnet. ———————— 138 Münchhauſens Biographie. t Empfang eines tuͤrkiſchen Geſandten. Ein benachbarter Monarch erwartete bald nach dem Antritt meiner Regierung einen tuͤrkiſchen Geſandten. Er ließ, da ihm an der Freundſchaft der hohen Pforte gelegen zu ſein ſchien, den Magiſtrat von Schilda, wo der Ge⸗ ſandted urchreiſen mußte, bitten, den Tuͤrken gut und ehren⸗ voll aufzunehmen. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß dieſe Bitte eines erlauchten Hauptes die Vorſteher der Schild⸗ buͤrger⸗Republik nicht minder kitzelte als den heiligen Vater ehedem die jaͤhrliche Zelter-Ambaſſade eines ſehr andaͤchtigen Konigs. Wir beſchloſſen alſo dem Geſandten ſo viel Ehre zu erzeigen, daß er unſer Staͤdtchen bei dem Großſultan zu ruhmen in Verſuchung kommen ſollte. Aber wie war der Geſandte auf eine recht auffallende Art zu empfangen?— Wie wir uns gegen Fuͤrſten zu ver⸗ halten hatten, das wußten wir wohl, aber kein Titular- und Complimentirbuch enthielt ein Capitel, welches das turkiſche Ceremoniel geſchildert haͤtte. Wir ſchlugen eine Menge Reiſebeſchreibungen nach, von den allgemeinen Reiſen zu Waſſer und zu Lande an bis auf die Hammer's und fanden zwar Erzaͤhlungen von Audienzen beim Großſultan und ſelbſt beim Großmogul genug, aber nirgends Regeln uͤber den Em⸗ Münchhauſens Biographie. 430 pfang eines Geſandten, der durch eine Stadt in Deutſchland reiſ't. Endlich beſann ich mich auf einen Schloſſer, der ehedem in der Tuͤrkei geweſen war. Der muß doch wohl wiſſen, dacht' ich, was in Conſtantinopel Sitte iſt, und alſo wurde dieſer flugs in ein geheimes dieſer Angelegenheit wegen angeordnetes Conſeil gerufen. Nach einer langen Berathſchlagung, die ebenſo inter⸗ eſſant war als manche an deutſchen Hofen uͤber die wich⸗ tige Frage, ob der fuͤrſtliche accreirte Waſchbeckenausputzers⸗ Subſtitut vor dem furſtlichen Vicehundejungens⸗Acceſſiſten den Vorrang prätendiren könne, fand ſich der Schloſſer be⸗ reitwillig dazu die Hauptrolle bei dieſem Empfang zu uͤber⸗ nehmen. Er ſollte alſo eine turkiſche Kleidung, die er von ſeinen Reiſen mitgebracht hatte, anziehen und wie der An⸗ fuͤhrer einer Reihe Schneegaͤnſe vor den Deputatis eines ehrſamen Rathes hergehen. Dieſe machten ſich verbindlich bloß die Statiſten zu ſpielen und dem Anfuͤhrer in allen Geberden auf das genauſte zu folgen, weil er doch das Coſtuͤm am beſten zu treffen wiſſen müſſe. Zugleich uͤbernahm ich⸗ der Buͤrgermeiſter, das Geſchaft, dem Geſandten Geſchenke, aus Landesproducten beſtehend, zu uberreichen. Dieſer Vortrag wurde im Rathe zu Schilda angenom⸗ men und einſtimmig decretirt⸗ 440 Münchhauſens Biographie. Ankunft des Geſandten. Der Schloſſer. Allah. ieſbaſed Iſmailenow buſa⸗ webob iſkiaderoſſamene bulikan,(d. h.) Gott zum Gruß, Ihro turkiſche Hoheit! Willkommen hier zu Lande in Schilda! (Der Schloſſer legte hierbei die Haͤnde kreuzweis uber die Bruſt, und der geſammte Rath folgte ihm in allen Stellungen ge⸗ treulich nach.) Der Geſandte. Gaur mamelucki(d. h. Verdamm⸗ ter abgefallener Hund)! Der Schloſſer. Iſboledecki mahomada il Allio oaratobala iſkoſa, d. h. Ihre tuͤrkiſche Hoheit geruhen von einem ehrſamen Rath die Geſchenke unſter Stadt zu em⸗ pfangen. Ich naͤherte mich und uͤberreichte in einem Korbe ein ſehr ſchoͤnes Spanferkel nebſt einigen Flaſchen Wein. Der Geſandte ſpie mir mit der aͤußerſten Wuth in's Geſicht. Ich wiſchte mich ab, in der Meinung, dies ſei eine Art von turkiſcher Dankſagungsceremonie. Der Geſandte(im äußerſten Zorn). Allah vogis⸗ kala buſawedok Mamelucki bulikan daratabola*) iſboſedeh *) Das Türkiſche hätte ohnmaßgeblich wegbleiben können, um den Platz zu erſparen, glauben vielleicht manche Leſer. Aber gehorſamer Diener, man muß ſein Licht nicht unter den Scheffel ſtellen. Je mehr fremde Sprachen in einem Werke vorkommen, deſto beſſer. Giebt es ja ſogar Romane, welche vollkommene franzöſiſche Exerecitien enthalten. —— Münchhauſens Biographie. 141 mamaluckiſchkade, d. h. der Himmel verfluche dich abgefalle⸗ nen Hund und alle dieſe von ungläubigen Betzen geborne Einwohner einer verdammten Stadt bis in den tiefſten Ab⸗ grund der unterſten Hölle! O, daß ich euch hier nicht ſpießen laſſen kann!— Was ſpottet ihr meiner durch dieſe unreinen Geſchenke? Der Schloſſer. uſkaldi! d. h. Ew⸗ turkiſche Hoheit irren ſich. Der Geſandte(bekommt vor Wuth faſt den Jammer). Oloikah iſtahwe—— me— obalddo, d. h. Hund, den Gott verdammen wolle! Der Schloſſer. No io Turko iſdah, d. h. ich war wirklich nie ein Tuͤrke. Der Geſandte. Joſboh Uſdah, d. h. Du luͤgſt. Der Wortwechſel wurde immer hitziger. Der Geſandte ſtand naͤmlich, wie unſte Leſer laͤngſt werden gemerkt haben, in dem falſchen Wahn, der Schloſſer ſei ein zur chriſtlichen Religion uͤbergetretener Turke, der den Propheten durch dieſen Aufzug verſpotten wolle. Umſonſt wandte der arme Schloſſer alles an, Se. türkiſche Hoheit vom Gegentheil zu über⸗ fuͤhren. Endlich befahl der Geſandte ſeinen Leuten, Mahomed den Propheten an dem Abgefallenen zu rächen. Man weiß daß mit Orthodoren jeder Religion nicht zu ſcherzen iſt 1 Münchhauſens Biographie. und ſo kann man es auch wohl dem armen Schloſſer nicht uͤbel nehmen, daß ihn Todesangſt uͤberfiel, als er die Zeloten auf ſich eindringen ſah. Der Geſandte(vweiß nicht, ob er lachen oder ſich ärgern ſoll). Allah iffachi loſba bote Gaur, d. h. der Herr hat den Verſtand dieſer Unbeſchnittenen verwirrt(ſteigt in die Kutſche und fährt weiter)⸗ Ich kann wohl keine beſſere Gelegenheit ergreifen, um die Irrthuͤmer des Boͤſewichts zu berichtigen, welcher in der empfindſamen Reiſe nach Schilda den Empfang eines durch dieſe Stadt reiſenden Furſten aͤußerſt mangelhaft und un⸗ vollſtändig beſchrieben hat, wahrſcheinlich um die Stadt in das Gerede zu bringen als verſtaͤnde ſie keine Lebensart. Ich muß alſo hier zuvoͤrderſt bemerken, daß, ſobald von der Ankunft Sr. Durchlaucht nach Schilda Nachricht kam, der hieſige Stadt⸗Cantor von Seiten ehrſamen Raths beor⸗ dert wurde, auf den hoͤchſten Stadtthurm ein Clavichord bringen zu laſſen und darauf, ſobald der Fuͤrſt ſich auf eine Meile der Stadt naͤhern wurde, ein vortreffliches Tedeum zu ſpielen; die Tochter des Cantors accompagnirte auf der Harfe. Wir wiſſen, daß die Muſik bei hohen Haͤuptern vorzuglich gute Wirkung hervorbringt. Schon David mufßte ——— Münchhauſens Biographie. vor dem Konig Saul auf der Harfe ſpielen.— Ein hoher Thurm iſt aber dem Vorſpieler bei ſolchen Gelegenheiten gar nützlich und erſprießlich, denn man weiß, große Herren haben Launen und werfen zu Zeiten nach den Virtuoſen gar den Spieß. Heut zu Tage ſpielen manche hohe Haͤupter ſelbſt, und dieſe Muſik wirkt nun umgekehrt mit magiſcher Kraft; denn nun werden die Zuhoͤrer oft davon toll. Hierauf wurde der Capitaͤn einer zu neuer⸗ richteten Compagnie Soldaten beordert, ſoche auf dem Markte aufmarſchiren zu laſſen und nach dem Rath eines alten in der Stadt privatiſirenden Invalidenhauptmanns drei Mann hoch zu ſtellen. Leider! aber reuſſirte dieſer Verſuch nicht ganz nach Wunſche. Denn zwei Mann konnte der Capitän wohl auf einander ſtellen, der dritte purzelte aber allezeit herunter und nahm gewoͤhnlich den zweiten mit ſich. Zum Lohn fuͤr den Ahitophelsrath wurde der alte Invalide geſteinigt, und es blieb bei zwei Mann. 6. Akademie der Wiſſen ſchaften und Kuͤnſte in Schilda. Der Daͤmon, genannt Ruhmſucht, war einmal ſo in mein Herz gefahren, daß ich an weiter nichts dachte als 144 Münchhauſens Biographie. meinen Namen groß zu machen vor allem Volk. Ich erinnerte mich daher an die Akademie, deren Mitglied ich in meinen Studentenjahren geweſen war, und beſchloß nach ihrem Muſter die ſchon ehedem in Schilda beſtehende Aka⸗ demie zu reformiren. Herr Martin Ballhorn und mein Oherpfarrer unter⸗ ſtutzten mich dabei treulich, und ſo kam das ganze Geſchaͤft gluͤcklich zu Stande. Der Herr Oberpfarrer wurde zum Praͤſidenten dabei ernannt und hatte nebenbei auch den Vortheil, ſeine polemiſchen Werke wenigſtens zum Theil an den Mann zu bringen; denn es wurde zur ausdruͤcklichen Bedingung der Aufnahme gemacht, daß jeder Candidat einen Ballen um den doppelten Maculatur⸗Preis annehmen mußte. Zwei und zwanzig Paſtoren in der Nachbarſchaft erhielten das Diplom als Ehrenmitglieder; einige funfzig Schuͤler des Stadt⸗Gymnaſiums wurden zu wirklichen Mitgliedern erkoren und alle vier Wochen war Sitzungstag. Bei dem Stiftungs⸗ feſt wurde folgende Proceſſion angeordnet: 1) Kamen die zwei Buͤttel der Stadt in einigen geborgten und zu einer roͤmiſchen Toga aptirten Schlafroͤcken, blau und roth aufgeſchlagen, mit zwei vergoldeten Staͤbchen in der Hand, an deren Spitze ein Eſelskopf prangte, den die Geſellſchaft, wie gleich erzählt werden wird, ihrem Symbol erkoren hatte. Münchhauſens Biographie. 145 2) Dieſe Buͤttel trugen nachher, als die Mitglieder ihre Sitze eingenommen hatten, dieſes Symbol und Wappen der Akademie mit der Umſchrift:„ Sind wir nicht deine Eſel, auf welchen du geritten biſt dein Lebelang?“ auf einen eine Art von Altar vorſtellenden Tiſch⸗ Dies ſinn⸗ reiche Wappen hatte der Herr Oberpfatrer gewaͤhlt, weil ſtinem Syſtem nach der Eſelſinn fur das echte Symptom eines wahren Glaͤubigen galt. 3) Hierauf folgte der Herr Oberpfarrer als Praͤſident der 5 Geſellſchaſt. Er war mit einem rothen goldbordirten Tuchlappen geziert, den er Pallium nannte, weil er immer gar zu gern eine Art von Biſchof ſpielen wollte. Der Name Oberhirt, Prieſter, geiſtlicher Herr war ſeinen Ohren uͤberaus ſchmeichelhaft; zumal hatte er eine ganz gewaltige Inclination zu dem Hirtenweſen, weil ihm nichts lieber war, als ſeine Gemeinde unter dem Bilde einer Heerde geduldiger Schafe zu denken. 4) Der Herr Actuarius Stubenrauch folgte hierauf und ſtellte den Teufel vor, wie er Unkraut unter den Waizen zu ſen bemuht iſt. Dies ſollte die Mitglieder der Aka⸗ demie daran erinnern, daß der Verfuhrer nie ſchlaͤft. 5) Alle Mitgleder, nach der Größe wie die Orgelpfeifen geordnet, machten Paar und Paar den Beſchluß, Cha⸗ peau⸗bas und mit Staatsdegen an der Seite. Muͤnchhauſens Biographie. 10 146 Münchhauſens Biographie. Sobald dieſer Zug den akademiſchen Horſaal erreicht hatte, ſchmetterten Trompeten und Pauken gar gewaltiglich. Der Herr Praͤſident hielt eine erbauliche Rede und dann verlaſen einige Mitglieder ſelbſtverfertigte Oden und Abhand⸗ lungen, deren einige in die Wiener Zeitſchrift eingeruckt worden ſind. Die fuͤr's erſte Jahr aufgegebenen Preisfragen waren folgende: 4) War Bileam kluͤger als ein Eſel, oder der Eſel kluͤger als Bileam? 2) Welches ſind die Mittel die geſunde Vernunft auszurotten? 3) Tanzte Koͤnig David vor der Bundeslade eine Anglaiſe oder eine Polonaiſe? 4) Welchen Nutzen koͤnnen Aerzte in Anſehung der Heil⸗ mittel bei der Hirnwuth aus der Wiener Zeitſchrift ziehen? Die hierauf eingegangenen Abhandlungen konnten bisher nicht gedruckt werden, weil ſich kein Buchhaͤndler fand, der ſie haͤtte drucken wollen; naͤchſtens aber wird wohl der Ver⸗ leger der Lindamnie, Herr Riedel zu Schweinfurt, das Publicum damit beſchenken, welches ich hiermit zum voraus ankuͤndige — Münchhauſens Biographie. 147 Man wird ſich wundern, bloß von meiner Fuͤrſorge fur die Wiſſenſchaften Beweiſe gefunden zu haben, und vielleicht gar auf den Wahn fallen, ich hätte die Kuͤnſte vergeſſen. Aber da wuͤrde man ſich gewaltig irren. Auch fur dieſe ſorgte ich väterlich und pflegte ſie treufleißig. Ich ließ mir bei meinen Lebzeiten eine Statue errichten mit der beſcheidenen Inſchrift: Dem großen Muͤnchhauſen, dem Vater des Vaterlandes, die dankbaren Schildaer Buͤrger. Ich ließ mein Bild in die Kirche hängen und mit Trophaͤen umgeben, ob ich gleich in meinem Leben keinen Feind mit Augen geſehen hatte. Einige Antiken von ziemlichem Werth, welche ſich nach Schilda verirrt hatten, wurden auf meine Veranſtaltung ſauber vergoldet; ein Altarblatt von Van Dyck ließ ich mit grellen Engelsköpfen vermehren und ein Meiſter⸗ ſtuͤck der Bildhauerkunſt in einem Sack an der Decke der Kirche aufhaͤngen, damit es durch den Staub keinen Schaden leiden mochte. Junge geſchickte Kuͤnſtler ſuchte ich auf alle Art zu ermuntern. Alle Jahre einmal hatten ſie Erlaubniß ſich nach meinen Antiken eine Viertelſtunde lang im Zeichnen zu uͤben. Demnach lebte man zu Schilda der gewiſſen Hoffnung, die Zöglnge würden bald Graff, Loſanava und Heckert weit ubertreffen ⸗ 10* 148 Münchhauſens Biographie. Auch fremden Kuͤnſtlern war es alle drei Jahre einmal einen Tag lang vergoͤnnt, Schilda's Schaͤtze im Kunſtfach zu bewundern und zu benutzen. Jedoch ſetzte ich nie die gehoͤrige Vorſicht dabei aus den Augen. Ein junger fremder Landſchaftsmaler bat eines Tages um Erlaubniß, einige ſchoͤne Gegenden um Schilda auf⸗ nehmen zu duͤrfen. Nun war zwar weit und breit nichts zu ſehen, was einer Feſtung ähmich geweſen waͤre, man muͤßte denn ein paar alte verfallene Mauern, die noch aus der Zeit des Schwedenkriegs da ſtanden, dafuͤr haben nehmen wollen. Indeß hielt ich doch fuͤr noͤthig folgende Reſolution darauf zu erlaſſen: Dem Maler Ke wird zwar die gebetene Erlaubniß, einige Gegenden um hieſige Stadt abzuzeichnen, keineswegs verweigert; jedoch hat ſich derſelbe die nothige Einſchraͤnkung gefallen zu laſſen, daß er bei ſeiner Zeichnung keinen Berg, kein Thal, keinen Fluß und keinen Wald anzubringen ſich unterfange, weil ſonſt ſein Riß im Fall eines entſtehenden Kriegs in feindliche Haͤnde gerathen und gemißbraucht wer⸗ den koͤnnte. Außer dieſen Ausnahmen kann er ab⸗ zeichnen was er immer will. Ich kann jedoch nicht ſagen, ob der junge Mann von meiner Erlaubniß Gebrauch gemacht habe. Ich glaube Münchhauſens Biographie. 149 kaum; denn er beging nachher die Frechheit, ſich in Journalen über die beigefugten wenigen Einſchränkungen in einem ſpottiſchen Tone zu beſchweren; weswegen ich auch von Stund an allen Journalen den Eingang nach Schilda ſo ſchnell verſagte, als gewiſſe Buͤchercommiſſionen in Anſehung des Schl. J thaten. ————— ſ Zeitung und Wochenblatt zu Schilda. Hätte man nicht glauben ſollen, dieſe Wunderdinge muͤßten in der ganzen Welt Aufſehen erregen?— Dennoch blieb alles ſtill und außer dem Weichbild der Stadt wußte kein Menſch etwas davon. Die Schildaer Akademie der Wiſſenſchaften war ganz Europa ſo unbekannt als die Exiſtenz einer Blumen⸗ oder Roſen⸗Geſellſchaft in Nürnberg. Keine gelehrte Zeitung zeigte unſte Schildaer gelehrten Unter⸗ nehmungen an. Das war mir zu bunt! Endlich bei Leſung der Wiener Zeitung ging mir ein Licht auf. Um alſo auch die Schildaer Anſtalten nicht in Vergeſſenheit gerathen zu laſſen, mußte ich ſchon in den ſauern Apfel beißen eine Art von Wochenſchrift in Schilda zu erlauben, jedoch cum grano salis und unter der genaueſten Aufſicht einer hohen Obrigkeit. Ich laſſe hier ein Blatt dieſer 15⁰ Münchhauſens Biographie. Wochenſchrift mit den Anmerkungen des Cenſors abdrucken, um andern Obrigkeiten Winke zu geben, wie ſie ſich in aͤhn⸗ lichen Faͤllen zu benehmen haben moͤchten. Schildaer politiſche und gelehrte Merkwürdigkeiten. Schilda den tſten.. S. Wohlweisheit der regie⸗ rende Herr Buͤrgermeiſter geruhten heute in dem Waͤldchen vor Schilda friſche Luft zu ſchoͤpfen, wohin Ihro Hochwohl⸗ geboren, Hochdero Frau Schweſter, um halb 11 Uhr nach⸗ folgten. Abends ſpeiſ'ten Beide etwas kalten Braten mit Salat. Anmerkung des Cenſors. Nachher Butter und Kaͤſe, ſo der Redacteur, wahrſcheinlich aus boͤſen Abſichten, vergeſſen hat. Den 2. S. Wohlweisheit der regierende Herr Buͤr⸗ germeiſter geruhten heute fruͤh den Stadtpfeifer zu ſich kom⸗ men und ſich von demſelben das geiſtreiche Lied:„Wenn's immer, wenn's immer, wenn's immer ſo waͤr“ auf der Quer⸗ pfeife vorſpielen zu laſſen. Hochdieſelben ließen ſich noch am naͤmlichen Abend in einem bei ſich angeſtellten Privat⸗Con⸗ Münchhauſens Biographie. 151¹ certe horen und ſangen die vortreffliche Weiſe:„Das lange Lied, das lange Lied!“ 7 Den 3. Heute Morgens war in einer benachbarten Dorf⸗Schule ein oͤffentliches Examen, welchem auch der Hert Oberpfarter huldreichſt beizuwohnen die Guͤte hatten, um ſich von der Rechtgläubigkeit der Kinder in eigner hoher Perſon zu uͤberzeugen. Die Kinder waren aber ſo ungezo⸗ gen dieſen Beſuch mit Steinen zu bewillkommnen. Ihro Hochwurden hatten die Abſicht einen benachbarten Schul⸗ meiſter einzufuhren, welche aber dadurch vereitelt wurde, daß alle Bauern gemeinſchaftlich proteſtirten, weil der Herr Schul⸗ meiſter in puncto Sexti gar uͤbel berufen waren. Anm. des Cenſors. Dieſer Artikel kann nicht paſſiren. Den 4. Heute exercirten vier hieſige Recruten vor dem Thore und bekamen jeder fuͤf und zwanzig Pruͤgel. Anm. des Cenſors. Dieſer Artikel muß erſt einem hohen Kriegs⸗Collegio, dann einem hohen Sadt⸗ Magiſtrat und endlich auch einer verehrlichen Buͤcher⸗ „ Commiſſſon zur Approbation vorgelegt werden. Den 5. Heute marſchirten 400 Mann fremde Trup⸗ pen nahe bei der Stadt vorbei. Anm. des Cen ſors. Dies iſt fuͤr's Erſte ein Staats⸗ — geheimniß und der Redacteur kann dieſen Artikel Münchhauſens Biographie. erſt dann einruͤcken, wenn er eine ausdruckliche Er⸗ laubniß der fremden Maͤchte, nicht minder die Con⸗ ceſſion eines hohen Kriegs⸗Collegii beigebracht hat. Den 6. Ihro Wohlweisheit der regierende Herr Buͤrgermeiſter geruhten heute die hieſige Buͤrgerſchule in hohen Augenſchein zu nehmen. Anm. des Cenſors. Buͤrgerſchule ſowie uberhaupt jedes Wort, worin etwas von Buͤrgern vorkommt, iſt ein hochſt anſtoßiger Ausdruck und der Redacteur hat deshalb noch eine ſchwere Verant⸗ wortung zu erwarten. Dieſer Artikel kann nicht paſſiren. Den 7. Die hieſigen Officiere fuͤhrten ſich heute im Schauſpielhauſe ſo unartig auf, daß Ihro Hochweisheit der Herr Buͤrgermeiſter zu wiederholten Malen Ruhe gebieten mußten. ————— — Anm. des Cenſors. Ob die unartige Auffuͤhrung der Officire gleich etwas Gewoͤhnliches iſt, ſo haben 2 ſie doch einmal fuͤr allemal das Recht dazu, und Trotz ſei dem Redacteur geboten, wenn er noch ein⸗ mal ein Wort daruͤber drucken laͤßt. Uebrigens was unterſteht ſich der Bengel den regierenden Herrn Buͤrgermeiſter„Ihro Hochweisheit“ zu nennen, da Münchhauſens Biographie. 153 ihm doch„Wohlweisheit“ gebuhrt? Dieſes Verſehen ſoll er ſogleich mit 50 Thaler Strafe bußen. Gelehrte Anzeigen. Haben die Hunde, welche die Koͤnigin Jeſebel fraßen, bei dem Kopf oder bei den Fuͤßen an⸗ gefangen? Eine hiſtoriſch⸗politiſch⸗ moraliſch⸗polemiſche unterſuchung von Altmann, Oberpfarrer zu Schilda. 1892 Seiten in 4. Auf hohen Befehl iſt dieſes grundliche Werk in allen Schildaiſchen Schulen eingefuhrt worden, und jeder Candidat, der eine Verſorgung haben will, muß beweiſen konnen, daß er zwanzig Exemplare fur ſeine Rechnung gekauft habe. 8. Durchmarſch einiger Regimenter durch Schilda. Ein in der Naͤhe von Schilda entſtandener Krieg verſchaffte der Stadt das Vergnuͤgen mehrere Regimenter Soldaten durch ihr Weichbild marſchiren zu ſehen. Wie ſorgfaͤttig ich auch in dieſem Stucke war, um es ja mit kei⸗ ner benachbarten Macht zu verderben, mag folgendes an 154 Münchhauſens Biographie. den dieſe Truppen commandirenden Officier von mir erlaſ⸗ ſenes Schreiben beweiſen. Es lautete folgendergeſtalt: Hochgeborner Graf, Gnaͤdiger Herr! Ew. Hochgraͤfliche Excellenz haben uns mittelſt eines verehrlichen Schreibens ddo— zu wiſſen gethan daß ein Theil der Koͤniglich⸗— iſchen Truppen unter Ew. Excellenz hoher Anfuͤhrung uns die Ehre erzeigen werde, durch unſte Stadt zu marſchiren. So willkommen uns nun dieſe vor⸗ trefflichen und durch ihre Disciplin ausgezeichneten Truppen ſein werden, ſo ſehr haben wir doch Urſache zu befurchten, daß die in hieſiger Gegend herumſtreifende zwolf Mann ſtarke Raͤuberbande die guten Krieger angreifen moͤchte. Wir wer⸗ den dahero am— als am Tage des Einmarſches, die beiden Stadtbuͤttel zu Bedeckung Hoͤchſtdero Corps abſenden, und verhoffen, daß Ew. Hochgraͤfliche Excellenz ſothane unſte Attention bei Ihro Koͤnigl. Majeſtät beſtens anzuruͤhmen nicht unterlaſſen werden. Die wir verehrungsvoll verharren Ew. Hochgraͤflichen Excellenz gehorſamſt ergebenſte Buͤrgermeiſter und Rath zu Schilda. „— — Münchhauſens Biographie. 155 Man kann leicht denken, wie gut dieſer Beweis unſter Aufmerkſamkeit aufgenommen wurde. Inzwiſchen hatte unſer Herr Oberpfarrer von einem Ofſicier dieſes Truppen⸗ Corps eine harte Kraͤnkung auszuſtehen. Dieſer Officier war verwegen genug geweſen, auf dem mit Obſtbaͤumen ge⸗ zierten Kirchhof in Geſellſchaft eines Frauenzimmers am hellen lichten Tage ſpazieren zu gehen, und der Herr Paſtor, er⸗ zurnt uͤber dieſe Ruchloſigkeit, fand fuͤr gut den armen Krieger am naͤchſten Sonntag von der Kanzel zu werfen und das Frauenzimmer mit der Delila zu vergleichen. Der beleidigte Officier merkte ſich dies und ſchickte dem Herrn Oberpfarrer am folgenden Tage nachſtehendes Schreiben zu: Tantaene animis coelestibus jrae! Ew. Wohlehrwurden haben fur gut gefunden, mir durch Dero ſonntagige Predigt einen neuen Beweis zu geben, daß viele Mitglieder Ihres Standes keineswegs die Lehren auszuuͤben pflegen, welche ſie Andern verkuͤnden. Sie lehren andern Leuten: Richtet nicht, ſo werdet auch ihr nicht ge⸗ richtet! und deſſenungeachtet erlauben Sie ſich ſelbſt liebloſe urtheile, die Sie im Prieſterornat dem ganzen Volke vor⸗ tragen. Inzwiſchen ſei es fern von mir, Ihnen eine mora⸗ liſche Abhandlung halten zu wollen; da ich aber mich durch Ihren ſinnreichen Vergleich in den bethoͤrten Simſon 156 Münchhauſens Biographie. verwandelt ſehen muß, ſo ſehe ich mich bewogen, dereinſt, wenn Ihre Gebeine auf dem von mir entheiligten Gottes⸗ acker ruhen werden, mir Ihren Kinnbacken vom Todtengraͤber auszubitten. Simſon erſchlug mit einem aͤhnlichen Kinn⸗ backen tauſend Philiſter; vielleicht kann ich nach ſeinem Bei⸗ ſpiel die Erde von tauſend Zeloten und Verleumdern ſaͤubern. Ich hoffe Ihnen alſo ein Mittel angegeben zu haben, wo⸗ durch Sie wenigſtens nach Ihrem Tode der Welt noch nuͤtz⸗ lich werden koͤnnen, erwarte Ihre vollkommene Genehmigung und verharre ꝛ. Der Herr Oberpfarrer raͤchte ſich dadurch, daß er den Officier ercommunicirte. Ob aber der Bannfluch einige richt geben. 9. Ich ſteige ſehr hoch. In der Nachbarſchaft von Schilda wohnte ein Graf, dem ein Koͤnig aus Verſehen einmal den Titel mon prince beigelegt hatte. Voll naͤmlich des Geiſtes der Monarcho⸗ Wirkung gehabt habe, daruͤber kann ich leider! keine Nach⸗ manie erhoben ſich Se. Graͤfl. Erlaucht ſo ſchnell zum Münchhauſens Biographie. 457 Herzog in partibus als ein bekannter Schriftſteller unſrer Tage ſich zum Marquis umformte. Hingegen die Thor⸗ heit des Grafen von Hermsdorf hatte viel wichtigere Folgen in einer gewiſſen Sphaͤre. Denn von nun an zeigten ſich in beſagtem Doͤrfchen gar ſonderbare Phänomene. Wie durch den Schlag einer Zauberruthe verwandelte ſich jeder Gaſthof in ein Hotel, jede Scheune in ein Magazin, jeder Kirmſentanz in einen Hofball. Es entſtand eine italiäniſche Oper, Maitreſſen und Miniſter ſchwangen ſich empor und fielen wieder, Hofjunker, Regierungs⸗ und Kammerraͤthe wuchſen wie Pilze nach einem warmen Regen in einer Nacht aus der Erde, und bald hatte man zu Hermsdorf auch eine Huſſaren⸗Schwadron, einen Adreß⸗Kalender, und einen Ritterorden zum blauen Krebs. Die Speculation Sr. Durchlaucht war inzwiſchen eben nicht ubel berechnet, denn ſie grundete ſich auf die Eitel⸗ keit und Thorheit der Menſchen. Bekanntermaßen giebt es Pinſel genug, die ſich um einen laͤcherlichen Titel, um das Woͤrtchen von, um ein paar Ellen blaues Band die Haut vom Leibe ziehen ließen, und auch um dieſen kleinen Hof verſammelten ſich Thoren dieſer Art, wie die Adler wo ein Aas iſt. Se. Herzogl. Durchlaucht theilten Titel aus, wie man ſie nur wůnſchen konnte, ſchufen Edelleute aus dem Nichts(eine Schoͤpfung, die alſo, wie taͤgliche Beiſpiele 158 Münchhauſens Biographie. lehren, keineswegs ſo ſchwer iſt als man waͤhnen ſollte) und decorirten mit dem blauen Krebsorden nach Herzensluſt — verſteht ſich, alles gegen baare Bezahlung. Die Taxen richteten ſich nach dem jedesmaligen Geldbeduͤrfniß des Fuͤrſten. Auch auf mich wirkte dieſes neue Meteor, das unweit des Schildaiſchen Horizonts aufging. Gleich und gleich findet und ſucht ſich. Dies iſt ein altes Sprichwort, welches bei dem Fuͤrſten und mir eintraf. Se. Herzogl. Durchlaucht gewannen mich ſo lieb, daß ſie mich zum Staatsminiſter in Hochſtdero Herzogthum Mondhorſt erwaͤhlten, einem Strich Landes, wo niemand von Ihren Anſpruͤchen etwas wußte; ja ich wurde in kurzer Zeit Hofmeiſter des blauen Krebs⸗ Ordens und durfte in dieſer Qualitaͤt zu jeder Zeit unge⸗ hindert vor die Perſon des Fuͤrſten treten— was eben nicht leicht war, da Hoͤchſtdieſelben zur Bewachung Ihres zahlreichen Serails ein Dutzend wilde Koͤter auf dem Schloßhofe herum⸗ laufen ließen, die jeden Fremden zum groͤßten Vergnuͤgen des Herzogs anfielen und wuͤrgten. Mir ſchwoll der Kamm bei ſo vieler Ehre nicht wenig. Der Orden zum blauen Krebs kam nicht mehr von meiner Seite und ich ließ ihn ſorgfaͤltig einem Gemaͤlde anmalen, wo ich als fuͤnfjaͤhriges Kind abgebildet war. Auf die Windeln in dieſem Gemaͤlde, da ſonſt nirgends dafuͤr Raum war, ſetzte ich das Stadtwappen von Schilda. 159 Münchhauſens Biographie. — Inzwiſchen war ich gegen meinen Durchl. Goͤnner keineswegs unerkenntlich. Nicht nur mein eignes, ſondern auch das Stadtvermoͤgen wanderte allmaͤhlich in die fuͤrſt⸗ lichen Kaſſen, um die Hunde, das Serail, die Oper und den Krebs⸗Orden davon zu unterhalten. Allein nach dem Sprichwort laͤßt ſich auch der tieſſte Brunnen ausſchoͤpfen. So geſchah es denn, daß der Fuͤrſt bald mit ſeinen Finanzen ſo brouillirt war, daß weder Titel noch Ordens⸗Verkauf mehr anſchlagen wollten. Nachdem Sie ihr Laͤndchen an den Rand des Verderbens gebracht hatten, ſchlichen Sie ſich bei Nacht und Nebel davon, zufolge des Grundſatzes daß Ehre uͤber alles gehe, und uͤberließen Hunde und Oper Ihren Glaͤubigern. 10. Ich falle. Aber ach! ich litt gar viel bei dieſer Kriſis! So lange das Hofleben dauerte, war es mir zu klein mich um das Gerede der Crapule im Stadtchen zu bekümmern. Frei⸗ ₰ ch gab es naſeweiſe Burſchen welche der Meinung waren: 160 Münchhauſens Biographie. der Krebs⸗Orden an meiner Bruſt nuͤtze dem gemeinen Weſen nichts und ich wurde beſſer thun, mich um mein Buͤrgermeiſteramt zu bekuͤmmern als an dem Höſchen zu prunken; aber man kann leicht denken, daß ich reden ließ, wer da reden wollte, und mich damit begnuͤgte Altmann und Ballhorn, meine beiden Zionswaͤchter, durch gnädige Cabinetsbefehle zu geſchaͤrfter Wachſamkeit aufzumuntern. „Mein lieber Altmann!“ ſchrieb ich ihm zu wiederholten Malen,„da ich durchaus dem Unweſen der Neologen und „Aufklarer nicht laͤnger zuſehen will; ſo befehle ich Euch und „der löblichen Buͤchercommiſſion, ja recht ſorgfaͤltig dieſem „Geſchmeiß auf die Finger zu ſehen und nunmehr ernſtlich „mit Caſſation zu verfahren.“ Inzwiſchen das alles half nur ſo lange ich als Hofmeiſter glänzte. Sobald aber mein Durchlauchtiger Goͤnner wie die Katze vom Taubenſchlage geſchlichen war, ach! da fand ich durch die Erfahrung, wie eitel alle menſchliche Ehre iſt. Ein Trupp Jacobiner⸗Geſindel im Staͤdtchen war frech ge⸗ nug, den ungeheuern, alle burgerliche und moraliſche Grund⸗ feſten erſchuͤtternden Satz aufzuſtellen,„der Magiſtrat müſſſe von der Verwaltung der oͤffentlichen Gelder einer loblichen Buͤrgerſchaft Rechnung ablegen, und es ſei nicht genug daß man behaupte, dieſe oder jene Summe ſei ausgegeben, Münchhauſens Biographie. ſondern gemeine Stadt habe allerdings das Recht, zu wiſſen, warum und zu welchem Ende ihr Geld verwendet worden ſei. Daß ich mit meinen treuen Anhangern alles Möglche that um die Abſcheulichkeit dieſer Grundſaͤtze in's Licht zu ſtellen, kann man wohl denken. Aber die Kinder des Satans hatten ſchon einmal zu viel Terrain gewonnen, als daß ſie zu üͤberwältigen geweſen wären, woraus ſich alle Obrigkeiten der Welt die gar wichtige und nuͤtzliche Lehre ziehen koͤnnen, daß man die Belialsbrut bei Zeiten auf die Finger klopfen muß. In der nächſten Rathsſitzung ſtand der großte Theil der Rathsherren in Maſſe auf und fiel uber mich her, wie der Pariſer Convent uͤber weiland Robes⸗ pierte. Ballhorrn und Altmann zitterten, ich erbleichte und verſprach, des andern Tages dem Verlangen einer ehrſamen Buͤrgerſchaft nachzugeben.„ Nun war güter Rath theuer. Der geneigte Leſer wird ſchon lange gemerkt haben, daß ich durch dieſe Zu⸗ muthungen ſo ſehr in Verlegenheit kam, als die Pattizier einer beruͤhmten Reichsſtadt durch eine aͤhnliche. In meinen Kaſſen war auch nicht ein Heller, und ich ſah zum voraus daß die ſchimpflichſte Abſetzung mein Loos ſein wuͤrde. Als ein kluger Mann nahm ich daher meine Partie ſchnell, packte meine Hubſel ligkeiten in aller Eile zuſammen, hinterließ der Stadt den leeren Kaſten und verſchwand, ohne jedoch Muͤnchhauſens Biographie. 11 162 Mnchhauſens Biographie. den Krebs⸗Orden zu vergeſſen, um Mitternacht, um bei den Truppen des weltberuͤhmten Kaiſers Iſmael Mulai von Mato mein Heil in einem Kriege zu verſuchen, den Ihro Marokka⸗ niſche Majeſtaͤt mit einigen auftuͤhriſchen Provinzen fuͤhrten. ,, — ———— — —— , %. —— 0 Dru von Friedrich Nies in Leipzig. . . ——— ſſnnnin ſ 7 8 9 10 11 12 13 18 1