Leipbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und geſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 6. 3* „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird.. b 4. Abonnement. Daſſelbe imnuß voraus bezahlt werden und eträgt: 2 für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.———— auf 1 Monat: 1 Wi.— Pf 1 M 50 Pf 2 W P. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, ver⸗ lorene over defecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpſlichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß vas eiterverleihen der Bücher nicht ſnen darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir gekiehen, auch dafür zu ſtehen haben. derkes, ſo iſt —,—— MMagdalene vbn Ch. Paul de Roct. Ins Deutſche uͤbertragen von L. Friede.* Zweiter Theil. er gedruckt und verlegt bei Friedrich Schumann 1 3 5 5. 0 — 1 = „ [E. —— — ℳ Capitel I. Ein Geständniss. In der Liebe muß man zu Ende kommen, hat man einmal angefangen, und ſollte das Ende auch nicht ſo glücklich ſein, als man es hoffte; aber nach all' den halben Geſtaͤndniſſen, gluͤhenden Blicken, dem verſtohlenen Händedruͤcken und all' den Kunſt⸗ griffen, welche die Leidenſchaft erfindet, um ſich dem angebeteten Gegenſtande verſtaͤndlich zu machen, ruht man nicht eher, als bis man ſich oder der Zufall uns, ein téte à teéte verſchafft hat, das uns ſagt, woran wir ſind und was wir zu hoffen haben. Und doch, behauptet man, dieſes Erwarten des Gluͤckes, dieſes Hoffen, deſſen Ende man fuͤrch⸗ tet, dieſe Liebe, die ſich nur noch durch tauſend Kleinigkeiten zu erkennen giebt, dieſe Befangen⸗ heit, dieſe Unruhe, welche man in Gegenwart des geliebten Gegenſtandes empfindet, alles dieſes ſei der ſuͤßeſte Zuſtand der Liebe.... Warum beeilt man ſich denn ſo, ihn abzukuͤrzen? warum ſehnt man ſich nach einem Ende, das nur zu oft Lange⸗ weile, Gleichguͤltigkeit und Unbeſtaͤndigkeit herbei⸗ führt? Beſonders beklagen ſich die Damen darüber, daß die Maͤnner nie in ihren Wuͤnſchen zufrieden ſind, immer weiter gehen. Ich wuͤrde ihnen ant⸗ worten: Seid offenherzig und geſteht, daß Ihr im Grunde des Herzens Unbehagen empfändet, wenn Euer Geliebter nie den Wunſch hegte und dahin trachtete, jenes Ende zu erreichen, ja, daß Ihr anders eine ſonderbare Meinung von ihm bekom⸗ men wuͤrdet. Nach dem Lotterie⸗Abend bei Madame Mon⸗ tréſor, brennt Victor vor Begierde, Erneſtinen kllein zu ſprechen, um ihr das Innere ſeines Her⸗ zens auszuſchuͤtten, und ſelbſt dann, wenn dieſe — — — Erklärung Frau v. Noirmont boͤſe machen ſonte, iſt er entſchloſſen, ſie zu thun, aber er hofft ja, man werde ihm ſeine Kuͤhnheit verzeihen. Nur im Garten kann er die gewünſchte Gele⸗ genheit finden, und darum durchlaͤuft er ſchon am fruͤhen Morgen alle Gaͤnge und Gebuͤſche; er bringt beinahe den ganzen Tag damit zu, und kehrt end⸗ lich ſehr uͤbler Laune ins Haus zuruͤck, denn Frau v. Noirmont verlaͤßt ihr Zimmer, oder das ihres Gemahls nicht einen Augenblick. Seit dem Abend bei Montréſor's fürchtet Er⸗ neſtine mit Vietor allein zu ſein. Der junge Rann bemerkt dieſe Zuruͤckhaltung, und wird traurig und einſylbig. Abends, wenn alles ſich im Salon ver⸗ ſammelt, ſetzt er ſich in einen Winkel, und ruͤckt nicht von der Stelle; Dufour ſagt dann zu ihm: Victor, gewiß willſt du Herrn Pomard copiren? halbe Stunden lang ſitzeſt du da, die Augen nach der Decke gerichtet! niemals ſaßeſt du ſo ſtill, g5 ich dich malte. 6 8 Frau v. Noirmont ſieht die Traurigkeit Vi⸗ etor's, aber laͤßt ſich nichts merken. Magdalene glaubt die Urſache ſeiner Melancholie zu kennen, und betrachtet ihn oft mit Zaͤrtlichkeit, aber Victor verſteht ihre Blicke nicht, und beachtet weder ihre Verlegenheit, noch die Roͤthe ihrer Wangen, wenn ſie in ſeiner Naͤhe iſt; er hoͤrt ihre Seufzer nicht, und ſieht ſie kaum im Garten, wenn er nach Er⸗ neſtinen darin ſucht. Die gnaͤdige Frau lieben die Spaziergaͤnge im Garten nicht mehr? redet Vietor ſie eines Abends an.— Ei, ich bitte recht ſehr, ſind wir nicht alle Abende im Garten?— O ja! in großer Geſell⸗ ſchaft.... das iſt freilich ſehr angenehm.... und Morgens beſuchen Sie ihn ja gar nicht mehr? — Ich habe zu wenig Zeit..— Sonſt fehlte es doch daran nicht! Erneſtine erwiedert nichts weiter darauf, und blickt unverwandt auf ihre Arbeit. Dieſe Arbeit ſcheint Sie ſehr zu beſchaͤftigen, 5 gnaͤdige Frau, da Sie ſie nicht mit den Augen verlaſſen.— Aber, mein Herr, wenn ich um⸗ herblickte, wuͤrde ich nicht von der Stelle kommen. — O, freilich wohl! und uͤbrigens verlohnt es auch nicht der Muhe, einen Blick auf mich zu werfen. Victor entfernt ſich und zerknittert ein Jour⸗ nal, was er zum Schein ergriffen hatte.— Ei, ei! Herr Dalmer, ruft Herr v. Noirmont, was machen Sie denn? Sie zerreißen ja meinen Con— Stitutionel.— Ach! ich bitte um Verzeihung, mein Herr, ich dachte nur.... Spg' ich doch, ruft Dufour, er iſt das Eben⸗ bild von Herrn Pomard geworden, und ſeinem Freunde raunt er ins Ohr: Ich weiß wohl, wor⸗ an du denkſt... Und die arme Magdalene, die unaufhoͤrlich ſeufzt, weil ihr Armand nicht zuruͤck⸗ kommt... He!... was hatte ich dir geſagt, wer hatte Recht?.— Es iſt möglich Na! ich werde Herrn v. Noirmont als Jäger 3 8 malen, und waͤhrend der Sitzungen einige Erkun⸗ digungen uͤber Mamſell Clara Pomard einziehen Ich habe gerade noch keine beſtimmte Abſich⸗ ten, aber man kann doch nicht wiſſen. Herr v. Noirmont hat darein gewilligt, ſich in ganzer Figur und in ſeiner Jagdkleidung malen zu laſſen: Dufour will ſich alle Muͤhe geben, nicht ſowohl um ſeinen Kuͤnſtlerruhm zu vermehren, als auch, um ſich ſeinen Wirthsleuten dankbar zu be⸗ zeigen. Die Sitzungen fangen nach dem Frůhſtück an; Dufour verlaͤngert ſie manchmal bis zur Mittags⸗ zeit, denn er will nicht nur etwas ganz Vorzuͤgli⸗ ches liefern, ſondern er verplaudert guch oft die Häaͤlfte der Zeit, anſtatt ſich mit ſeinem Modell zu beſchaͤftigen. Wäaͤhrend dieſer Zeit haͤtte man die herrlichſte Gelegenheit, neue Promenaden durch Jeld und Wald zu machen; aber Erneſtine faͤngt nicht davon an, und Victor mag es auch nicht in Vorſchlag bringen. Magdalene iſt untröſtlich und 2 kann das Benehmen der Frau v. Noirmont und die Laune Victors nicht begreifen. Und doch koſtete es Erneſtinen viel, ſo zu han⸗ deln; der Abend beim Lotto war noch in gutem Andenken; er hatte zwar viel Anztehendes fuͤr ſie gehabt, aber die junge Frau hatte uͤber die ſie be⸗ drohenden Gefahren die Augen geoͤffnet, und fuhlte wohl, es ſei Zeit, ſie zu vermeiden. Aber man kann ja nicht immer auf ſeiner Hut ſein, und dann giebt es auch Augenblicke, wo man ſich ſtaͤrker glaubt, wo man uͤber Gefahren lacht, ſie fuͤr eingebildet haͤlt, und dann... und das war wohl der entſcheidendſte Beweggrund: Herr Dalmer iſt nicht mehr ſo traurig, er ſchein den Entſchluß gefaßt zu haben, ſich Erneſtine nicht mehr anzunaͤhern, ſich nicht mehr mit ihr zu beſchaͤftigen, und eine Frau will nicht, daß man ſich ihrer Macht entziehe, die kluͤgſte und ver⸗ 10 8= nuͤnftigſte ſieht es gern, wenn man ihr den Hof macht, und ſelbſt, wenn ſie nichts zu erwiedern beabſichtigt. Alle dieſe Gruͤnde beſtimmen ſie eines Mor⸗ gens den Salon zu verlaſſen und ſich in die ſchoͤn⸗ ſten Gaͤnge des Gartens zu vertiefen. Sie geht hier einige Zeit auf und nieder, ohne Jemandem zu begegnen: es wundert ſie, ſie iſt verdrießlich uͤber ihre Einſamkeit, und ſetzt ſich endlich mit ihrer Arbeit in einer Laube nieder; aber beim kleinſten Geraͤuſch der Blaͤtter hebt ſie den Kopf und blickt um ſich. Endlich erſcheint Vietor; ſogleich iſt ſie wieder mit der Arbeit beſchaͤftigt, und zwar ſo eifrig, daß Victor ſich zu ihr ſetzt, und ſie es nicht einmal bemerkt. Wie, gnaͤdige Frau! Sie hier? Sie arbeiten im Garten?— Wie Sie ſehen, mein Herr, war⸗ um das nicht?— Es iſt ſo etwas Ungewoͤhnliches, Sie ohne ſtarke Bedeckung außerhalb des Salons zu erblicken!.... Ich hatte Kopfweh heute fruͤh * . 11 285 und ſehnte mich nach friſcher Luft.— Da bin ich dieſem Kopfweh ſehr viel Dank ſchuldig, denn es verſchafft mir die Gelegenheit, Sie einen Augenblick ohne laͤſtige Zeugen zu ſehen.— Ich ſehe gar nicht ein, in wiefern Zeugen Ihnen laͤſtig ſein koͤnnen..— O! Sie ſehen gar nichts ein, gnaͤdige Frau!— Soll das ein Compliment ſein?— Ich verſtehe mich nicht auf Complimente, ich ſage nur, was ich empfinde.— Und vielleicht auch, was Sie nicht empfinden.— Ei, mein Gott! warum ſoll man denn luͤgen, wenn man es nicht noͤthig hat!... Wenn ich zum Beiſpiel zu Ihnen, gnaͤdige Frau, ſagte, daß ich Sie liebe, daß ich Sie anbete, daß ich nur an Sie denke, gewiß, ſo wuͤrde das keine Luge ſein. Victor hat alles das mit ſo vielem Feuer ge⸗ ſagt, daß es ſchwer geweſen ſein wuͤrde, ſeine Rede aufzuhalten. Erneſtine ſieht noch emſiger auf ihre Arbeit, um ihre innere Bewegung zu verber⸗ gen. Sie begnuͤgt ſich mit anſcheinend ernſtem Ton * 12 25 zu erwiedern:— Aber, mein Herr, darf man dergleichen Dinge zu Jemandem ſagen, der nicht mehr frei iſt?.... das iſt ſehr Unrecht von Ih⸗ nen!— Ach, gnaͤdige Frau, thut man denn im⸗ mer, was man ſoll?. Die Welt waͤre zu voll⸗ kommen, handelte ein Jeder nur immer nach ſei⸗ ner Pflicht. Warum iſt unſere Leidenſchaft oft ſtaͤrker, als die Vernunft? warum muͤſſen wir Jemandem begegnen, der uns ein unbeſiegbares, unuͤberſteigliches Gefuͤhl einfloößt?.— Ja, ja! ſolches, wie alle Maͤnner es empfinden!— Nein, nein!.. es iſt die reinſte Liebe, die mich fuͤr Sie erfüͤut nicht jenes eitle, leichtſinnige Gefuͤhl O gewiß! niemals habe ich empfunden, was Ihre Gegenwart in mir erweckt!— Wie oft haben Sie daſſelbe ſchon Anderen geſagt, mein Herr?— O, wie grauſam Sie ſind. Wie habe ich ſo etwas ſchon Anderen ſagen koͤnnen, da ich zum erſtenmale ſo fuͤhle. Sie lachen daruͤber?. Sie ſind ſehr gluͤcklich, daß Sie uͤber die Qualen Anderer lachen = 15 8 eönnen!.— Ich denke, ſie werden leicht zu verſchmerzen ſein.— Aber, gnaͤdige Frau, wenn ich Sie nicht liebe, wer zwingt mich dann, es Ihnen zu geſtehen, um ſo mehr, da ich ſehe, daß Sie nicht an mich denken, mich nicht leiden koͤn⸗ nen!. denn Gott ſei es geklagt, das laſſen Sie mich genug fuͤhlen. Seit jenem Abend bei der Madame Montréſor, wo ich es mir erlaubte, Ihre Hand zu druͤcken, verlaſſen Sie ja den Salon nicht mehr, geſtatten Sie mir ja keine Unterredung un⸗ ter vier Augen mehr.— Und was wuͤrde Ihnen das helfen?.... Sie werden doch nicht glauben, daß ich meine Pflichten vergeſſen, Ihnen Hoffnun⸗ gen machen koͤnnte?— Mein Gott, gnaͤdige Frau, ich denke, ich hoffe nichts, aber ich liebe Sie, weil weil ich Sie liebe; und ich glaube nicht, daß dies Gefuͤhl ſich nach Gefallen lenken und unter⸗ druͤcken laͤßt. Iſt es denn meine Schuld, wenn Sie mir Liebe einfloͤßen? Wahrlich, ich habe es mir nicht vorgenommen, Sie zu lieben das hat = 14 85 ſich gefunden, ohne daß ich mir Rechenſchaft dar⸗ uͤber geben kann, und doch hat der erſte Augen⸗ blick, wo ich Sie ſah, uͤber mich entſchieden. Es it, als wenn uns etwas unwillkuͤhrlich zu dem We⸗ ſen hinzoͤge, dem wir unſer Herz oͤffnen ſollen.— Sie muͤſſen dergleichen Hinneigungen oft empfun⸗ den haben, ich weiß von meinem Bruder, daß Sie in Paris nicht gerade fuͤr den Weiſeſten galten.— O, ich will nicht beſſer ſcheinen, als ich bin... ich bin ſehr offenherzig!. ja, gnädige Frau, ſehr oſſenherzig, ſelbſt gegen die Damen, denen ich den Hof mache. Niemals haͤtte ich das Wort Liebe mißbrauchen koͤnnen, wenn ich nur eine Caprice empfand, niemals mit Schwuͤren ewiger Liebe ſpie⸗ len koͤnnen, wenn ich mit einer Kokette zu thun hatte. Aber Sie, gnaͤdige Frau, Sie! o, welch' ein Unterſchied!... o, wie gluͤcklich haͤtte ich ſein koͤnnen, wenn Sie mir nur ein klein wenig Ge⸗ genliebe geſchenkt haͤtten. Wenn eine ſchwache Frau einer heftigen Lei⸗ — — 15 8 denſchaft nicht widerſtehen kann, ſo glaube ich, iſt ſie nicht Herrin genug uͤber ſich, nur ein we⸗ nig zu lieben, ſie muß dann leidenſchaftlich lieben, und findet eben darin ihre Strafe.— Ihre Strafe? wie ſo das?— Weil ſie dann bald nur allein liebt Und was bleibt ihr dann? eine Liebe, die ihr zur Folter wird, und Gewiſſensbiſſe, die nichts beſaͤnftigen kann.— Ach! gnaͤdige Frau, koͤnnen Sie glauben, daß man aufhoͤren koͤnnte, Sie zu lieben?— Warum ſollte ich die einzige Ausnahme machen; ich habe nicht Eigenliebe genug, um dies zu glauben; ich kenne mich und finde mich nicht huͤbſch genug, um eine ewige Leidenſchaft zu er⸗ wecken; ich finde ſelbſt nichts an mir, was Je⸗ mand anziehen kann, der gewohnt iſt, der Schoͤn⸗ heit ſeine Huldigungen darzubringen. Ja, wenn man mir eine Liebeserklarung macht, moͤchte ich vielmehr glauben, daß man uͤber mich ſpottet.— O, wie falſch beurtheilen Sie ſich.— Nein, nein! ich finde mich keinesweges huͤbſch.— Glauben Sie denn, daß man, um zu gefallen, nur die regelmä⸗ higen Zuͤge eines Models haben duͤrfe. Nach mei⸗ nem Geſchmack vermag die Phylognomie alles. Freilich darf dieſe nicht aus unfreundlichen Zuͤgen hervorgehen, aber findet man in einem Geſicht, in den Augen ein gewiſſes Etwas, das uns gefaͤllt, uns feſſelt, o! gnaͤdige Frau, dann unterſucht man nicht mehr, was hier oder da vielleicht noch Re⸗ gelmaͤßigeres fehlen moͤchte; man liebt, und die Frau, die uns gefaͤllt, unſer Herz in Anſpruch nimmt, iſt jederzeit fuͤr uns die Schoͤnſte.— Das iſt moͤglich„aber.— Nun, aber?— Eine rechtliche Frau ſoll nur ihren Mann lieben.— Ich weiß, man ſoll ſeinen Mann lieben; gewiß, ich ſinde das ganz in der Ordnung!. aber manch⸗ mal.. wenn Verſchiedenheit des Alters. Lau⸗ ne. es unterſtuͤtt... Man heirathet ja nicht immer aus Liebe.— Das iſt immer noch kein Grund, um ſeinen Pflichten zu entſagen.. Vietor erwiedert nichts; er begnuͤgt ſich nur — — — ſeufzen und mit ſeinem Stoͤckchen Figuren in den Sand zu zeichnen. Erneſtine arbeitet emſig fort, ohne aufiublicen Beide beobachten ein langes Stillſchweigen, ohne ſich anzuſehen. Erneſtine bricht es zuerſt. Ich glaube, ſagt ſie, es iſt noch gerade Zeit, däß mein Bruder zuruͤcktommt.— Warum das, guůdige Frau?— Weil die Geſellſchaft metnes Mannes und die meinige nicht genügen können, Sie ſn bei uns zu feſſeln, und ich geſtehe, daß unſer Umgang eben auch nicht viel unterhaltender iſt.— Ich muß vielmehr glauben, daß Sie dies zußern, weil meine Gegenwart Sie langweilt und Sie meine Abreiſe wuͤnſchen... Nun gut, Ihr Wunſch ſoll erfullt werden, ich werde ſelbſt nicht auf Dufour warten, er mag das Bild des Herrn v. Noirmont beendigen, ich werde morgen abreiſen, um Sie von meiner Gegenwart zu befreien.... — In der That, mein Herr, Sie haben einen recht ſtörriſchen Kopf; alles, mas man ſagt, neh⸗ 2ter Theil. 2 = 16 8 men Ste von der falſchen Seite.. Wenn ich vorausſetze, daß Sie ſich bei uns langweilen, ſo geſchieht dies, weil ich es fürchte... Habe ich Ihnen jemals bewieſen, daß Ihre Gegenwart mir nicht angenehm waͤre 2 Aber, gnadige Frau, wie koͤnnen Sie auch nur vermuthen, daß ich bei Ihnen Langeweile ha⸗ be?.... bei Ihnen. die ich keinen Augenblick verlaſſen moͤchte.. ol ich kann den Gedanken nicht faſſen, Sie verlaſſen zu muͤſſen, Sie nicht mehr zu ſehen. Ach, es ſcheint mir vielmehr, als muͤß⸗ ten wir jetzt immer beiſammen bleiben... nur in Ihrer Naͤhe fuͤhle ich mich gluͤcklich.. Und Victor hat ſich Erneſtinen genaͤhert, und ſanft ſeinen Arm unter den ihrigen geſchoben.. Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr, Sie werden machen, daß ich mich ſteche...— Mein Gott! gnädige Frau, iſt denn die Arbeit ſo drin⸗ gend, daß ſie nicht einen Augenblick ruhen kann? — Warum ſoll ich ſie unterbrechen? kann ich nd — 19 2* denn nicht arbeiten und ſprechen zugleich?— Aber ich kann ja Ihre Augen nicht einen Augenblick ſe⸗ hen Ihre Augen„die ich ſo innig liebe.. koſtet es Sie denn ſo viel überwindung, ſie dann und wann zu mir aufzuheben? Erneſtine antwortet nicht, aber ſie hoͤrt auf, nur auf die Nadel zu blicken; es iſt ja kein ſo großes Unrecht, ſeine Augen ſehen zu laſſen, die, Vietors aber, haben einen Ausdruck, daß ſie da⸗ von ganz verwirrt wird; ſie legt ihre Arbeit zu⸗ ſammen und aͤußert den Wunſch, hinein zu ge⸗ hen.— Wie, ſchon?— Nur zu lange bin ich ja ſchon hier.— Sie finden es lange, und mich duͤnkt, erſt eine Minute ſei mir in Ihrer Naͤhe verſtrichen.— Veielleicht waͤre es beſſer geweſen, gar nicht hierher gekommen zu ſein.— Sie be⸗ reuen es wohl gar, mir dieſen gluͤcklichen Augen⸗ blick verſchafft zu haben. Sie ſind boͤſe uͤber meine offene Sprache!..— Wozu wuͤrde das alles nuͤtzen. Waͤre Ihre Liebe aufrichtig, ſo muͤßte 2* 20 S ſie Ihnen nur Kummer verurſachen, Sie ſehen alſo, es iſt beſſer, wir behandeln alles nur wie einen Scherz.— Ach, gnädige Frau, fuͤhlten Sie, wie ich, Sie koͤnnten ſo nicht ſprechen. Ich finde, der traurige Zuſtand in der Welt iſt Gleichguͤltig⸗ keit Iſt das Herz ohne lebhafte Neigung, dann beſchaͤftigt, dann intereſſirt uns nichts, alles lañgweilt uns, alles iſt uns gleichguͤltig; man biete uns eine Promenade, ſonſt ein Vergnuͤgen an, alles nehmen wir mit derſelben Ruhe hin! .. Wir haben nichts zu wuͤnſchen, nichts zu hoffen. Daſſelbe Gefuͤhl begleitet uns heut wie morgen, wir leben am Morgen, wie den Abend vorher;. aber heißt das Leben! iſt das nicht vielmehr ein bloßes Vegetiren? Aber die Liebe feſſele unſer Herz, und glles iſt mit einem Male anders; alles erſcheint uns in einem heiteren Lich⸗ te; in den gewoͤhnlichſten Lebensbeſchaͤftigungen finden wir Vergnuͤgen, denn wir verbinden damit den Gedanken an unſere Liebe, an den Gegenſtand = 21 85 unſerer Verehrung. Iſt er in unſerer Naͤhe, ſo eilt die Zeit auf Fluͤgeln dahin, erwarten wir ihn, ſo zaͤhlen wir die Minuten, iſt er abweſend, ſo denken wir nur an ihn, und wollen errathen, wo⸗ mit er ſich beſchaͤftigt. Ein volles Herz kennt keine Langeweile. Ja, und verurſacht uns unſere Liebe auch Schmerzen, ſo ſind dieſe mit einem unend⸗ lichen Reiz verbunden, den man um keinen Preis mit dem Gleichmuth vertauſchen moͤchte; nein, gnaͤdige Frau, wenn man wahrhaft liebt und wie⸗ der geliebt iſt, ſo kann man niemals ganz un⸗ gluͤcklich ſein. Ach! Sie koͤnnen das nicht begrei⸗ ſen, denn Ihre Seele iſt kalt, gefuhllos. Und doch war Erneſtine in dieſem Augenllick weder kalt noch gefuͤhllos; ſie war bewegt, erweicht; ſie hatte Muͤhe, ihre Verwirrung zu verbergen. Vietor bemerkte es wohl, aber er war ſchlau ge⸗ nug, dies nicht blicken zu laſſen. Endlich macht Frau v. Noirmont eine Bewegung, um aufzuſte⸗ hen, Wictor aber hält ſie zuruͤck: 2 22 8 Aus Barmherzigkeit, noch einen Augenblick! ich habe ja ſo ſelten das Gluͤck, mit Ihnen allein zu ſein.— Nein, es iſt ſchon Unrecht genug, Sie angehoͤrt zu haben.— Wie? ſollte ich denn nicht von meinem Kummer mit Ihnen reden duͤrfen, mit Ihnen, die ihn verurſacht?— Sie ſagen mir Dinge, die ich nicht hoͤren darf. Noch einmal, mein Herr, wenn ich ſo ſchwach waͤre, Ihnen zu glauben Sie zu lieben.. wohin ſollte das fuͤhren?— Zu allem, wenn Sie nur wollen.— Nein, mein Herr... ſelbſt wenn ich. wenn ich Freundſchaft fuͤr Sie hege ſo werde ich doch niemals vergeſſen, was ich mir ſchuldig bin, nein, niemals!.. 5 Bei dieſen Worten windet Erneſtine ihre Hand aus der Victors, entfernt ſich ſchnell und läßt ihn in der Laube zuruͤck. Sie ſagt, niemals! ſtammelt Victor, indem er die junge Frau dem Hauſe zueilen ſieht. = 25 2* Und doch ſcheint er nicht unzufrieden mit der ſo eben gehabten Unterredung; er kehrt vergnuͤg⸗ ter in den Salon zuruͤck. Wahrſcheinlich hatte er die Schatzgraͤber geſehen, und erinnerte ſich der Worte Geront's: Niemals muß man„niemals“ ſagen, wer kann in die Zukunft blicken. Capitel I. Wie es endigt. Erneſtine hatte wohl Recht es war ſchon zu viel, ihn angehoͤrt zu haben. Man ſagt, das Ohr iſt der Weg zum Herzen, und wird dies von den Augen gut unterſtützt, ſo iſt der Weg ſchnell zu⸗ ruͤckgelegt. Arme Frauen, man tadelt Euch, wenn Ihr unterliegt! Aber ſetze man ſich doch an Eure Stelle; denke man ſich Jemand, der für gewoͤhn⸗ lich nur Suppe und Fleiſch auf ſeinem Tiſch ſieht; die Suppe moͤge noch ſo kraftig, das Fleiſch noch ſo zart und ſchmackhaft ſein, er wird ſich doch von dem Anblick eines neuen, gut zubereiteten, Ge⸗ ſchmack und Geruch ſchmeichelnden Leckerbiſſen wun⸗ derbar angezogen fuͤhlen. Ich will damit zwar nicht ſagen, daß alle Ehemanner nur gewoͤhnliche Haus⸗ u „ — 6 „ — = 25 8 mannskoſt ſeyen! Es giebt deren, welche recht liebenswurdig ſein können, und ihren Frauen noch, gleich Verliebten, den Hof machen, aber apparent rari nantes in gurgite vasto!(Ich bin uͤberzeugt, die Damen werden dies uͤberſetzen, oh⸗ ne Lateiniſch zu verſtehen.) Dufour arbeitet fleißig am Gemaͤlde des Herrn v. Noirmont; er braucht viel Zeit dazu, weil er ein Meiſterſtück ſchaffen will, und waͤhrend der Sitzungen plaudert er mit ſeinem Modell von der Familie Pomard. Unterdeſſen, daß der Mann da ſitzt, hat die Frau die beſte Zeit, auszugehen, oder im Garten zu arbeiten, aber dies geſchieht nur in Geſellſchaft Magdalenens, denn ſie hat es ſich vorgenommen, mit Vietor ein jedes tsteà— tte zu vermeiden. Freilich mit Magdalenen war es der Frau von Noirmont nicht moͤglich, ſich zu zerſtreuen und ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben: denn jene ſpricht nur von Victor, wiederholt alles, 26 was er geſagt, erinnert ſich alles, was er gemacht hat, findet ein Vergnuͤgen darin, ihn mit ande⸗ ren Maͤnnern zu vergleichen, welche nach Bréville kommen, und endigt ihre Betrachtungen jederzeit mit den Worten: Nicht wahr, liebe Freundin, er iſt der beſte und liebenswuͤrdigſte Mann, der noch je hier geweſen? In der That, erwiedert Erneſtine eines Mor⸗ gens etwas ungeduldig, du biſt langweilig, Mag⸗ dalene, du ſprichſt immer nur von Herrn Dalmer! als wenn du nichts anderes wuͤßteſt. Magdalene errothet und erwiedert, ich glaubte, es ſei nichts Boͤſes, ich ſchwatzte nur ſo von dem Herrn, man muß doch von irgend etwas plaudern ich wollte Sie zerſtreuen, denn es ſcheint mir, als wären Sie ſeit einiger Zeit ſo nachdenkend; alles aͤndert ſich jetzt hier.. So anch Herr W⸗ ctor! es giebt Tage, wo er ſo ſonderbar iſt... O! aber ich werde nicht mehr von ihm ſprechen, weil Sie das aͤrgert. —= 27 2* Ich aͤrgere mich gerade nicht daruͤber Aber es iſt nur, wenn der Herr es einmal zufaͤllig hoͤrte, ſo koͤnnte er glauben, unſere Knlen beſchaͤftigten ſich nur mit ihm, und da hätte er doch ſehr Un⸗ recht Magdalene ſeufzt tief auf, Erneſtine bemerkt es aber nicht, weil ſie bemuͤht iſt, ihre Seufzer zu unterdruͤcken. Nach einigen Augenblicken ſagt Magdalene: das Bild des Herrn v. Noirmont muß ſchon weit vorgeſchritten ſein. ich habe mir noch nicht die Erlaubniß genommen, es zu betrachten: iſt es ſehr ähnlich? O ja, ich glaube, es wird aͤhnlich werden. Herr Dufour giebt ſich viel Muͤhe; und obgleich es nicht ſein Genre iſt, und Herr Victor ſich oft uͤber ihn luſtig macht, ſo glaube ich doch, daß es ein ſchoͤnes Bild wird! Wird er Sie auch malen, liebe Freundin?— O, warum das freilich mein Mann wuͤnſcht es und Herr Victor meint, es wuͤrde Herrn Dufour kraͤnken, wenn ich ſein Anerbieten nicht annaͤhme..— Es muß ſehr angenehm ſein, das Bild von Jemand ig beſitzen, den man liebt.— O ja, es iſt ein Troſt, wenn man nicht mehr bei⸗ ſammen iſt... denn man trennt ſich oͤfters... Wie lange nur mein Bruder ausbleibt, er kann ſich aus ſeinem verwuͤnſchten Paris gar⸗ nicht los⸗ reißen!... Ich fuͤrchte nur, die Herren haben hier Langeweile.. Herr Dalmer, der die Jagd nicht liebt, muß wenig Unterhaltung darin finden, alle Abend beim Billard oder vor dem Schachbret Herrn v. Noirmont gegenuͤber zu ſein. Ich bin gewiß, er ſpielt nur aus Gefalligkeit... er thut ja alles, was man will 1... Aber es kommt doch manchmal Geſellſchaft — Ja, ſchöne Geſellſchaft!... Madame Montré⸗ ſor und ihr Mann, den ſie nie verlaͤßt, aus Furcht, er moͤchte ihr entfuͤhrt werden... arme Frau!.. ſie kann ruhig ſein... an ihrem Cheéri denkt Nie⸗ mand.. und die Pomards! die Schweſter lacht rel bin hut 1* 29 S veſtaͤndig; es iſt ordentlich widerlich.. Herr Vi⸗ ctor kann nicht viel Vergnuͤgen in ihrer Geſellſchaft finden, er, der an die feinen Cirkel von Paris gewoͤhnt iſt, denn ich weiß es, in Paris kommt er viel in Geſellſchaften, auf Bälle, in die Theater... In ſeinem Alter es iſt ſo natuͤrlich— Man tept alſo in Paris das Vergnugen ſehr?— Ohne Zweifel... und wenn man liebenswuͤrdig iſt!... Es giebt ja ſo kokette Frauen in Paris! — dch! kokette Frauen giebt es da!.. kennt er ſolche?..— Ich habe nicht danach ge⸗ fragt. 3. Hat Herr Dalmer mir daruͤber Rechen⸗ Phaſt zu geben?— O, das meine ich nicht, aber manchmal im Plaudern 6.— Du ſiehſt wohl, daß Herr Dalmer keinen Werth mehr darauf legt, ſich mit uns zu unterhalten. er ſetzt ſich nicht meht zu uns, wenn wir hier arbeiten.— Das iſt wahr aber warum denn liebe Freun⸗ din? iſt er boͤſe?— Boͤſe? weshalb denn!... ich weiß nicht, was er hat. aber es iſt mir auch 4 30 8 ſehr gleichgultig, und du weißt, Magdalene, daß ich dich gebeten habe, nicht immer ſo oft von dem Herrn zu ſprechen.— O ja, liebe Freundin, ich werde gehorchen. Und Magdalene findet den Gehorſam nicht mehr ſo beſchwerlich, weil ſie bemerkt, daß, wenn ſie nicht von Victor ſpricht, Erneſtine bemůht iſt, ihre Stelle zu erſetzen. Wird Erneſtine von Vietor auch nicht aufge⸗ ſucht, wenn Geſellſchaft da iſt, ſo weiß er ſie doch ſehr gut aufzufinden, wenn ſie allein iſt, ſei es in einem Zimmer, durch welches ſie geht, ſei es in einer Allee des Gartens; und wohnt man unter demſelben Dach, ſo iſt es natuͤrlich, daß dergleichen Gelegenheiten ſich haͤufig darbieten. Frei⸗ lich ſind ſolche Zuſammentreffen ſehr kurz; oft hat man kaum Zeit, zwei Worte mit einander zu wech⸗ ſeln; aber Victor hat es ſich angewoͤhnt, ſogleich die Hand zu ergreifen und zu druͤcken, die man ſchwach iſt zu verweigern. Ein anderes Mal 51 8 umſchlingt er auch wohl eine zarte und elegante Taille; man ſtraͤubt ſich, man bittet abzulaſſen, und doch hoͤrt er immer nur erſt auf, wenn Schrit⸗ te nahen; manchmal beruͤhrt er auch wohl mit ſeinen Lippen gluͤhende Roſenwangen. Mein Herr, ich werde boͤſe werden, ich werde ſehr ernſtlich boͤſe werden, ſagt Erneſtine dann in großer Aufregung. Victor ſcheint betreten, untroͤſtlich, aber bei der erſten Gelegenheit faͤngt er daſſelbe Spiel wie⸗ der an, ja er treibt die Verwegenheit ſogar ſo weit, daß er auf Erneſtinens Lippen die feurigſten Kuͤſſe druckt. F Das iſt abſcheulich! das iſt unwuͤrdig!.. ruft die junge Frau dann abwehrend und entfernt ſich mit zornigen Blicken; aber, man bewundere nur den Zauber der Anziehungskraft, am naͤchſten Morgen findet Erneſtine tauſend Gruͤnde, ſich hier und da im Hauſe etwas zu ſchaffen zu machen; ohne Zweifel will ſie den jungen Mann nur ſchelten⸗ der es ſich erlgubt hat, ſie zu kuͤſſen. 32 8 Solche Augenblicke des Gluͤcks koͤnnen die Wuͤn⸗ ſche eines Liebhabers nur ſteigern. Victor bittet, beſchwoͤrt Erneſtinen, ihm einen Augenblick unter vier Augen zu ſchenken und verſpricht heilig und feſt, ernſt und vernuͤnftig zu ſein; aber man traut ſeinen Verſprechungen nicht, und man hat Recht. Ich darf mit Ihnen nicht mehr allein ſein, ſagt Erneſtine, es war ſchon ſchlecht genug von mir, Sie einmal angehoͤrt zu haben. In dieſen Worten liegt beinahe ſchon das Ge⸗ ſtändniß, daß man das Gefuͤhl theile, was man einfloͤßt; und wirklich iſt Frau v. Noirmont nicht mehr dieſelbe; immer in zarte Traͤumereien ver⸗ tieft, in Geſellſchaft zerſtreut, ganz damit be⸗ ſchaͤftigt, immer nur einem zuzuhoͤren, ſeußst, erroͤthet und zittert ſie bei der unbedeutendſten Ver⸗ anlaſſung. Oſt ſchilt ſie auf ſich ſelbſt. Sch werde mich ungluͤcklich machen, wiederholt ſie dann oft. Und doch iſt ihr Zuſtand nicht ohne Reiz. Sie fühlt = 55 8 ſchon die Wahrheit der Worte Vietor's; ſie kennt keine Langeweile mehr. Herrn v. Noirmont's Bild iſt fertig. Dufour ſnet es laͤcherlich aͤhnlich. Herr v. Noirmont iſt ſehr ufnden damit, weil man im Hintergrunde der Landſchaft einen Rehbock erblickt, der, gerade vor die Stirn getroffen, ſo eben verendet. Damit wollt' ich beweiſen, ſagt der Maler, daß das Original des Gemaldes ein geſchickter, tuchtiger Figer iſt. Gewiß, es moͤchte ſchwer ſein, beſſer zu zieen WMein Ber v. Noirmont, ich bitte Sie, laden Sie alle 2hre Nachbarn ein, Ihr Bild zu ſehen, es wuͤrde mi uet ſein, das Ur⸗ theil eines jeden Eintelnen in hören. Um Herrn Dufour gefaͤllig zu ſein, macht Herr v. Noirmont es uͤberall bekannt, daß ſein Bild veendigt iſt, und eines Nachmittags ſieht man Herrn und Madame Montréſor, die Pomard's und Madame Bonnifour mit ihrem Augenſchirm, ihrer 2ter Theñ. 4 3 = 54 8 Brille und ihrem Lottoſpiel unterm Arm, in Bre⸗ — ville ankommen. Wir kommen, um das Portrait des Herrn v. Noirmont zu ſehen und den Abend bei Ihnen zu⸗ zubringen, ſagt Madame Montréſor. Madame Bonnifour hat unſeren Bitten nachgegeben und uns begleitet. Sie fuͤrchtete unbeſcheiden zu ſein aber auf dem Lande und unter Freunden.. Madame erzeigt uns das groͤßte Vergnügen, erwiedert Erneſtine, indem ſie beim Anblick der Lottoſchachtel ein Laͤcheln unterdruͤckt. Im Vertrauen auf Ihre Guͤte, habe ich es gewagt, entgegnet Madame Bonnifour mit einer tiefen Verbeugung, es iſt ſo angenehm des Abends zuſammen zu kommen und ein Partiechen zu ma⸗ chen! Sie ſehen, ich habe meine Maßregeln danach genommen. Sie haben vielleicht kein Lotterieſpiel und da habe ich das meinige mitgebracht. Die Nummern ſind ſehr deutlich geſchrieben!.. e⸗ ſe — ——— 2 35 5 Ich moͤchte wohl wiſſen, ob ſie auch ihre Klei⸗ ne mitgebracht hat, ſagt Dufour leiſe. Nun wahrhaftig, poltert Herr v. Noirmont, das iſt doch etwas ſtark, ſicherlich werde ich von der Freiheit des Landlebens Gebrauch machen, und nicht von der Partie ſein! Ich habe vom letzten Male noch genug. Aber ich glaubte, man waͤre Ihres Bildes we⸗ gen gekommen, ſagt Dufour.— Ja gewiß, aber wir werden doch nicht den ganzen Abend vor Ihrer Arbeit zubringen, und ich habe den Muth nicht, mit Mabame Bonnifour noch einmal à ha poule zu ſpielen. Herr v. Noirmont ſagt ſeiner Frau, er werde ſpazieren gehen, und wenn er zuruͤckkomme, ſich ſofort niederlegen, in ſofern die Geſellſchaft noch da ſein ſollte, dieſer aber giebt er mit Bedauern zu erkennen, daß ein Geſchaͤft ihn noͤthige, noch denſelben Abend nach Laon zu reiten, macht Allen ſeine Verbeugung und entfernt ſich. ⸗ 3* 36 88 Herr v. Noirmont hat heut Abend Abhaltung o, wie ſchade! ſagt Madame Montréſor. Ja, bemerkt Madame Bonnifoux, nun iſt eine Perſon weniger beim Spiel.. Aber er kommt doch gewiß zeitig zuruͤck?— Nein, Madame, erwiedert Erneſtine, mein Mann wird die Nacht uͤber in Laon bleiben. Ich waͤre gern mit Herrn v. Noirmont gegan⸗ gen, ſagt Chéri; ich habe auch Jemand in Laon zu ſprechen.— Schon gut! ſchon gut! du gehſt mit mir hin, wirft Madame Montréſor ein, was ſind denn das jetzt fuͤr Vagabonden ⸗Gedanken mit dir Meine vorlette Koͤchin war von Laon, ſagt Madame Bonnifour, Reis mit Milch verſtand ſie wie ein Engel zu kochen, aber ſie weichte ihn auch ſchon Abends vorher ein!.. Ich glaubte, man wuͤnſche das Bild des Herrn v. Noirmont zu ſehen? erinnert Dufour. 37 8 Ja, gewiß! erwiedert Herr Pomard; ich ver⸗ ſtehe etwas von der Malerei und werde mir erlau⸗ ben, Ihnen mein Urtheil zu ſagen. „Gerade das iſt's, was ich wuͤnſche O, ich gehoͤre nicht zu den Malern, die keinen Rath an⸗ nehmen wollen, den leichteſten Tadel nicht ertra⸗ gen koͤnnen; ich wuͤnſche, daß man ganz offen ſeine Meinung ſagt, und es iſt mir recht lieb, daß Herr v. Noirmont abweſend iſt, weil ſeine Gegen⸗ wart Ihnen bei der Beurtheilung ſeines Gemaͤldes vielleicht einigen Zwang auferlegt haͤtte. Erneſtine fuͤhrt die Geſellſchaft in das Zimmer, worin ſich das Bild befindet. Dufour iſt neugierig auf den Eindruck, den ſeine Arbeit bei Jedem ma⸗ chen wird; er findet es ſchon auffallend, daß man nicht ſogleich in laute Ausrufungen des Beifalls ausbricht; aber er wird kirſchbraun vor Arger, als Madame Bonnifour fragt: Soll denn das da der Herr ſein? Die Frage ſetzt mich in Erſtaunen, Madame, 33 85 erwiedert der Maler, ich glaubte, hier koͤnne kein Zweifel obwalten, und es genuͤge, Herrn v. Noir⸗ mont einmal geſehen zu haben, um ihn ſogleich zu erkennen.— O ja, mein Herr!... jetzt erken⸗ ne ich ihn auch vollkommen, da man mir ſagt, daß er es ſein ſoll. Ja, ja! er iſt ſehr aͤhnlich. ein ſchoͤner Mann!. aber warum haben Sie ihm ein Gewehr in die Hand gegeben? Ich liebe die Gewehre nicht.— Ich dächte, Madame, das pabte ſich gerade fuͤr einen Jäger.. Ich konnte ihn doch keine Lottokarte halten laſſen.— Das iſt richtig; aber das Gewehr floͤßt mit Furcht ein Ich bin gewiß, eine Klyſtierſpritze haͤtte ſie lie⸗ ber in ſeiner Hand geſehen, ſagt Dufour Victorn ins Ohr. Ich finde das Bild ſehr getroffen, nur ein we⸗ nig zu alt, ſagt Madame Montréſor. Zu alt! Ich haͤtte Herrn v. Noirmont zu alt gemacht?— Ja, etwas— Aber Madame, er möchte vielmehr zu jung ſein!... Sie ſehen ihn nur nicht aus dem rechten Lichte.. Treten Sie hierher... ſo... Nun, iſt er noch zu alt? Ich ſinde ſeine Naſe etwas zu lang, bemerkt Mamſell Clara.— O! mein Fraͤulein, die Naſe des Herrn v. Noirmont iſt etwas groß, ich habe ſie ſogar noch etwas verfeinert, denn in der Male⸗ rei muß man immer etwas ſchmeicheln; aber ge⸗ wiß, es iſt ganz ſeine Naſe, ja, es iſt, als hätte man ſie ihm abgeriſſen und dort angeklebt... Scheint Ihnen ſein linker Arm nicht ein we⸗ nig zu kurz zu ſein? fragt Chert. Sein linker Arm kurz!... Sehen Sie nicht, daß der Vorderarm in der Verkuͤrzung gezeichnet iſt? Ei freilich; aber... deſſenungeachtet..— O mein Herr Montréſor, ich glaube, Sie verſte⸗ hen ſich nur wenig auf die Regeln der Verkuͤrzung, ſonſt haͤtten Sie dieſe Bemerkung nicht gemacht. Nein, mein Cherit, du verſtehſt nichts von Verkuͤrzungen; du ſollſt davon auch nichts verſte⸗ 2 40 2 hen! ruft Madame Montréſor, waͤhrend Cheri da⸗ bei bleibt, dem ſei, wie ihm wolle, der Arm ſei doch zu kurz. Herr Pomard hat noch nicht eine Syolbe geſagt, aber ſeit ſeinem Eintritt ins Zimmer, ſteht er un⸗ beweglich vor dem Bilde. Der Kuͤnſtler, welcher annimmt, daß dieſe Unbeweglichkeit nur eine Folge ſeiner Bewunderung iſt, naͤhert ſich endlich dem Herrn Pomard und ſagt: Nun, Sie ſcheinen zu⸗ frieden mit dem Bilde? Das macht mir Vergnu⸗ gen, weil Sie ein Kenner ſind. Ich dachte— Daß es ſprechend aͤhnlich iſt, nicht wahr?— Nein, das war es nicht, was ich dachte. Dieſer Rehbock da ſtört mich!— Der Reh⸗ bock ſtört Sie?.. Wie, begreifen Sie denn nicht, daß Herr v. Noirmont ihn ſo eben geſchoſ⸗ ſen hat? er hat ja noch die Waffe in der Hand.. Ich ſehe wohl, daß Herr v. Noirmont auf der Zagd iſt;.. aber den Rehbock hat die Kugel ge⸗ rade vor die Stirn getroffen, und das iſt ſonderbar⸗ gt n⸗ her Age 41 85 gewoͤhnlich flieht das Wild vor dem Jager, und dann, daͤchte ich, kann man es nicht vor den Kopf treffen. Dufour war auf dieſe Bemerkung, die Viector nicht wenig zu lachen giebt, nicht gefaßt, endlich erwiedert er doch: Wenn Sie eben ſo geſchickte Jaͤ⸗ ger waͤren, meine Herren, als Herr v. Noirmont, ſo wuͤrden Sie dieſen Schuß leicht begreifen Der Beweis der Moglichkeie liegt darin, daß ich ihn gemacht habe.— Das heißt, Sie haben ihn gemalt.— Kann ein Wild, in der Wuth verfolgt zu werden, ſich nicht umdrehen, und auf den Jaͤ⸗ ger Rlaufen? das hat man tauſend Mal geſehen. übrigens denke ich, meine Herren, iſt es nicht der Rehbock, der Sie vorzugsweiſe in meinem Bilde beſchaftigen ſoll.„ Man bemerkt, daß der Kuͤnſtler, welcher eines Jeden Urtheil hoͤren wollte, durch die kleinen Be⸗ merkungen der Geſellſchaft doch ſehr verſtimmt wor⸗ den iſt, und man bemüht ſich daher, das Bild im 42 8 allgemeinen nichts deſto weniger ſehr aͤhnlich und meiſterhaft ausgeführt zu finden. Da erheitert ſich Dufour's Geſicht wieder und man kehrt in den Sa⸗ lon zuruͤck. Wir werden einen ſehr langweiligen Abend ha⸗ ben, ſagt Erneſtine zu Vietor, aber wenn ich auch den Pflichten der Geſelligkeit ein Opfer bringen muß, ſo ſind Sie dazu keinesweges gezwungen, und Sie koͤnnen daher dem Beiſpiele meines Mannes folgen.— Erlauben Sie mir nur, in Ihrer Nähe zu ſein, gnaͤdige Frau, und es wird mir ſehr gleich⸗ gultig ſein, was man thun wird. Mit einem beifaͤlligen Lächeln iſt ihm de Er⸗ laubniß ertheilt. Madame Bonnifour holt aus ih⸗ rer Schachtel die Karten, Marken und Lotterie⸗ Nummern hervor und bemuͤht ſich, jeder Kalte einen beſonderen Werth beizulegen. Mahdalene, 1 welche in einem Winkel des Salons mit ihrer Ar⸗ veit beſchäftigt war, legt dieſe zuſammen und mill ſich entfernen, aber Erneſtine halt ſie zuruͤck. um tt ſch E h⸗ auch ingen und nnes dihe tich⸗ Er⸗ ih rie⸗ te e, M M 45 8 Warum willſt du gehen, Magdalene und nicht am Spiel Antheil nehmen?— O, ich darf nicht in Geſellſchaft dieſer Damen ſpielen.— Wenn ich es dir aber erlaube.— Ach, Sie ſind ſo gut.— Es wird gewiß Niemand ungern ſehen.— Aber ich wuͤrde mich genirt finden... und uͤberdies bin ich etwas angegriffen, erlauben Sie alſo, daß ich mich zuruͤckziehe.— Aber was haſt du denn, Mag⸗ dalene, biſt du krank?— Ich denke nicht, liebe Freundin.— Seit einigen Tagen finde ich dich ſo traurig.— Das iſt wahr.— Aber warum denn? — Ich weiß es nicht— Ich will doch hoffen, daß du keinen Kummer haſt, Magdalene? Jetzt, da ich dich wiedergefunden habe, moͤchte ich dich gern ganz gluͤcklich und zufrieden ſehen.— Ach, Sie ſind nur zu gütig gegen mich!.. Magdalene entfernt ſich mit einem Blick auf Pictor, ſie hofft, er ſolle es bemerken, aber dem iſt nicht ſo, und mit zerriſſenem Herzen verlaͤßt ſie das Zimmer. * 44 Alles iſt bereit, ſagt Madame Bonnifoux, die ſich enblich ihre Karten ausgewählt pat, ich denke, 3 wir koͤnnen Platz nehmen... Aber, warum iſt denn die Kleine fortgegangen? kennt ſie etwa die * Nummern noch nicht?— Verzethen Sie, ſie iſt nicht ganz wohl. und uͤbrigens ſpielt ſie niemals. .— Das Lotto iſt ein Spiel, das man jungen Maͤd⸗ chen erlauben kann, es lͤuft weder gegen die Mo⸗ ral noch den Anſtand Es iſt nicht, wie mit dem Ecarté, wovon der Name mich ſchon errothen laͤßt, und wo es immer heißt: paßt der Herr oft ia, manchmal fuͤnf, ſechs Mal. Gott, in was fur einer Zeit leben wir! Ich bitte, Madame Mon⸗ tréſor, verwechſeln Sie mir nicht meine Karten; Sie wuͤrden mir keinen Gefallen thun. Frau v. Noirmont ſetzt ſich mit einem Blick auf Vietor, und dieſer iſt augenblicklich an ihrer Seite. Dufour nimmt neben Mamſell Clara Platz, *) Unüberſetzbarer Calembvurg. 45 8* nenn gleich er noch ein wenig mit ihr grollt, daß duke, ſie Herrn v. Noirmont's Naſe zu lang gefunden m iſt hak. Das Spiel faͤngt an, eine Partie folgt der g die anderen, und eine Jede iſt mit den Bemerkungen ſe it der Madame Bonnifour, den Klagen der Madame nals. Montréſor und dem unterdruͤckten Gaͤhnen Cheri's Rid gewuͤrzt. Erneſtine und Victor ſagen nichts, aber Pyo⸗ verſtehen ſich, wahrſcheinlich aber nichts von dem mit Geſchwaͤtz der Geſellſchaft, was ein doppelter Vor⸗ chen theil fuͤr ſie iſt. 6 Endlich um halb zehn Uhr ſcheint Madame Bonnifour, welche ſich ſchon mehrere Male uͤber 8 Bitterkeiten und übelkeiten beklagt hat, mit dem n; Zuckerwaſſer, was man ihr vorgeſett hat, nicht mehr zufrieden zu ſein; man weiß noch nicht, was zi ſie verlangen wird, als Madame Montréſor, ver⸗ hur drießlich über ihr Unglück und das Gähnen ihres Mannes, erklart, daß es Zeit ſei, aufzubrechen, 6 1 Frau v. Noirmont huͤtet ſich wohl, durch Zu⸗ reden die Partie zu verlaͤngern. * 46 Schade, daß wir ſchon aufhoren, ſagt Madame Bonnifour; ich ſaß im Gluͤck, und doch bin ich nicht ganz wohl; ich gebe es den gruͤnen Erbſen Schuld, die mir die Kochin in die Suppe gethan hat, ſie waren etwas dick, haben mir aber doch gut geſchmeckt. Man antwortet darauf nichts, denn man fuͤrch⸗ tet, die gruͤnen Erbſen mochten andere, noch unin⸗ tereſſantere Details herbeifuͤhren. Beim Abſchiede ſagt Chéri zu Erneſtinen: der Abend iſt ſo ſchoͤn; nach einem heißen Tage, waͤre eine Promenade ſehr erquickend; Sie ſollten uns etwas begleiten. Vietor unterſtuͤtt dieſen Vorſchlag, und da Erne⸗ ſtine glaubt, Dufour werde von der Partie ſein, nimmt ſie ihn an und ſetzt eilig ein Strohhuͤtchen auf, waͤhrend Madame Montréſor ihren Mann bei Seite zieht und mit Vorwürfen uͤberhaͤuft: Kannſt du denn nicht mehr ohne Frau v. Noirmont fertig werden! ſchilt ſie ihn gus. Nicht genug, daß wir hier ſind, nun muß ſie uns auch noch nach Hauſe ame nich bſen than doch ch⸗ nin⸗ iede in; — 17 25 begleiten. Chéri, wenn das ſo fortgeht, ſo kommen wir nie wieder hierher.. Hier bekoͤmmt man nur Vapeurs und verliert ſein Geld.. ein ſchoͤnes Vergnuͤgen jetzt deinen Arm— Aber wir ſind ja noch im Salon!— Du giebſt mir den Arm. und das ohne Umſtaͤnde! Man geht; ſtatt der Geſellſchaft zu folgen, er⸗ greift Dufour aber ein Licht und will ſich auf ſein Zimmer begeben. Wie denn, Herr Dufour, Sie wollen nicht mit uns gehen? fragt Erneſtine mit Lebhaftigkeit. — Nein, gnadige Frau, ich bin ſehr ermuͤdet, mein Bild hat mir viel zu ſchaffen gemacht. Ich werde mich niederlegen.— Wie? ſchon?— Ich habe die Ehre, mich allerſeits zu empfehlen. Und Dufour ſteigt die Treppe hinauf. Ihm ſtecken die lange Naſe, der kurze Arm und glle die uͤbrigen Bemerkungen, die man uͤber ſein Bild gemacht hat, noch im Kopfe. Nun, gnaͤdige Frau, dann gehen wir ohne 2= 46 Dufour, und ich denke, fur einen ſo kurzen Weg wird ein Cavalier ſchon mal genuͤgen, ſagt Vietor, indem er Erneſtinen ſeinen Arm anbietet. Dieſe fuͤhlt wohl, daß eine Zuruͤckweiſung jetzt läͤcherlich oder Veranlaſſung zu manchen Vermuthun⸗ gen ſein wuͤrde, und nimmt daher das Anerbieten Viector's zitternd an. Man iſt im Monat July, der Abend iſt herr⸗ lich; ein Spaziergang üͤber Feld iſt jetzt um zehn Uhr Abends einer Promenade bei Tage bei weitem vorzuziehen. Herr Pomard fuͤhrt ſeine Schweſter, ſie gehen neben Erneſtinen und Victor, dahinter folgen die Montréſor's und Madame Bonnifoux mit ihrer Lot⸗ toſchachtel. Es iſt eine wahre Qual, bei ſolchem Wetter ſchon zu Bette zu gehen, ſagt Mamſell Clara; wenn du Luſt haſt, lieber Bruder, ſo gehen wir noch durch das Thal, um Leuchtwuͤrmer zu ſuchen; da muß es welche geben. Weg tör, jett eten herr⸗ ehn tem chen die Lot⸗ tter r wir * 49 2 Ach ja! ich moͤchte auch wohl gern mit Ihnen Leuchtwuͤrmer ſuchen, ruft Chéri, indem er ſeine beiden Damen mit Gewalt nach ſich zieht, und beſonders Madame Bonnifoux, die immer um ei⸗ nen Schritt zuruͤck iſt. Du wirſt keine Leuchtwurmer ſuchen, ſagt So⸗ phie, ihren Mann in den Arm eneipend, Mamſell Pomard wird ſchon ohne dich fertig werden; ich verlange nach Hauſe und nach dem Bett' Ich werde naͤchſtens'mal eines Morgens Mouſ⸗ ſerons im Thale ſuchen, ſagt Madame Bonnifoux; man behauptet, ſie ſollen delicat ſein, ich fuͤrchte nur, mich zu verirren, und ſtatt der Mouſſerons ſchlechte Champignons zu ſammeln.. Herr Mon⸗ tréſor, Sie gehen zu raſch; ich bekomme Sei⸗ tenſtiche. Es iſt wahr, Chéri, du bringſt uns ja foͤrmlich in Galopp.. Wir brauchen der Frau v. Noir⸗ mont ja nicht auf der Taſche zu ſitzen. 2ter Theil. 4 — 530 Aber nichts deſto weniger zieht Cheri die alte Dame immer fleißig mit ſich fort, dieſe aber, in⸗ dem ſie ihr Kleid aufnehmen will, laͤßt die Lotto⸗ ſchachtel fallen, und ſtoͤßt bei dieſem Ungluͤck einen Schrei aus, daß das Echo von Berg und Wald wiederhallen moͤchte. Was giebt's denn? eine Schlange? fragt Herr Pomard.— Sind Sie gefallen? ruft Erneſtine. Ach, mein Gott, nein... Meine Lottoſchach⸗ tel habe ich fallen laſſen, ſie iſt aufgegangen, und alle Nummern liegen zerſtreut umher. Da ſind Sie daran Schuld, Herr Montréſor, warum eilen Sie ſo! Madame Bonnifour moͤchte weinen. Um ſie zu beruhigen, wirft ſich die ganze Geſellſchaft im Graſe auf die Knie und ſucht nach den Nummern, aber ein Ungluͤck koͤmmt nie allein, und der offne Beutel iſt mit den Nummern ins hohe Gras ge⸗ lte to⸗ ſen id err ud ind ſen ſie , ſue fallen, denn der Weg fuͤhrt uͤber eine Wieſe und man iſt genothigt, auf die Gefahr ſich zu ſtechen und zu reißen, im dicen Graſe umher zu ſuchen. Madame Bonnifouy hat ſich niedergeſetzt und erklaͤrt, ſie ruͤcke nicht eher von der Stelle, bis die Zahl ihrer Nummern richtig ſei. Ein ſchoͤnes Vergnuͤgen, murtt Mamſell Clara, ſtatt der Leuchtwuͤrmer nach Lottonummern ſuchen zu muͤſſen!— Chert! herrſcht Sophie ihrem Manne zu, welcher Luſt hatte, ſich der Mamſell Pomard zu nähern, ſuche hier an meiner Seite, unter den Fuͤßen der Mamſell Pomard ſind keine zu finden. Aber Sophie, man kann doch nicht wiſſen. Ich weiß nur, daß du da nichts zu ſuchen haſt, und damit gut. Es fehlen noch vierzehn, jammert Madame Bonnifour, nachdem ſie ihre Findlinge gezaͤhlt hat, und faͤngt bitterlich an zu weinen. 4 = 52 2 Wir konnten ja Morgen fruͤh wiederkommen, ſchlaͤgt Victor vor.— Ach, mein Herr, dann ſind ſie geſtohlen!— Aber was ſoll man denn damit machen, Madame?— Wie, mein Herr? ſo ſchoͤn gearbeitete Nummern, die ich beſonders beſtellt habe!. O, gewiß, wer ſie findet, giebt ſie mir nicht wieder. Da ſind ſie„ein ganzes Neſt ruft Herr Pomard, ich halte die Hand auf ſechs mit einem Male, da, Madame..— Ach, mein Herr, wie abſcheulich! was bringen Sie mir da? das ſind ja meine Nummern nicht. Pfui, mein Herr. wie koͤnnen Sie ſo etwas aufheben.. — Wie, habe ich mich vielleicht geirrt..— Neh⸗ men Sie ſich in Acht, Herr Pomard, hier weiden Ziegen, ſagt Chert lachend.— Der Tauſend, dar⸗ an dachte ich nicht! Nach einer guten Viertelſtunde iſt man endlich ſo glücklich, den Beutel wieder vollzaͤhlig zu haben. Madame Bonniſoux erhebt ſich, und die Geſellſchaft ſetzt ſich, ziemlich verdruͤßlich uͤber den Aufenthalt, wieder in Marſch; aber bald hat man Gizy er⸗ reicht, wo man Abſchied nimmt und ZJeder ſich nach ſeiner Wohnung begiebt. Vietor iſt jetzt allein mit Erneſtinen: mit wel⸗ cher Ungeduld hat er dieſen Augenblick erwartet! Allein, auf freiem Felde, Abends, mit einer Frau, die man liebt, vor Begierde brennt, zu beſitzen; wenn jetzt ſeine Wuͤnſche nicht gekroͤnt werden, muß er alle Hoffnung aufgeben. Anfangs ſchweigt man: das Uebermaß von Lie⸗ be bringt nicht ſelten Furcht hervor. Erneſtine will ihre Schritte verdoppeln, Victor ſucht ſie aber dar⸗ an zu hindern. Nichts treibt uns ja, gnaͤdige Frau, ſagt er endlich, goͤnnen Sie mir doch einige Augenblicke laͤnger das Vergnuͤgen, mit Ihnen allein zu ſein. Ich wuͤnſchte bald zu Hauſe zu ſein.— Und doch, ſo eben, mit Ihren Freunden ſchienen Sie gar nicht ſo eilig zu ſein!.. Wie grauſam ſind = 54 S 3 Sie doch gegen mich Sie verweigern mir al⸗ les!... weil ich Sie liebe, bin ich wohl ſehr ſtraf⸗ 3 bar in Ihren Augen!..— Ich bitte, ſprechen wir nicht von ſolchen Dingen,„nichts mehr da⸗ von.. Ich moͤchte zu Hauſe ſein, ich fuͤrchte, daß mein Mann mich erwartet. er wuͤrde ſich wun⸗ dern, daß. Ihr Herr Gemahl hat ſich niedergelegt und ſchlaͤft; Sie wiſſen das ſehr wohl, denn er hat es Ihnen ja in meiner Gegenwart geſagt. Aber Sie ſehnen ſich nach Hauſe, weil es Ihnen ein Opfer koſtet, mir die kleinſte Gunſt zu bezeigen, weil Sie mich verabſcheuen, und es Ihnen mißfaͤllt, mit mir einen Augenblick allein zu ſein.— Nicht, weil ich ſie verabſcheue. ich verabſcheue Nie⸗ mand..— Sie betrachten mich alſo, wie jeden Andern?.. O! wie das ſchmeichelhaft, wie das liebenswuͤrdig iſt.— Aber was wollen Sie denn, das ich ſagen ſoll?. O, nichts, Sie haben mir ſchon genug geſagt. Aber mein Gott! es ſcheint, Sie zittern.— Ja, ich zittere, denn ich habe Furcht vor Ihnen.— Furcht, bei mir, der ich Sie ſo innig liebe?— Eben darum vielleicht.— Ach, gnaͤdige Frau, wie ungluͤcklich bin ich, wenn ich Ihnen nur Furcht erwecke!... O, ich möchte wuͤnſchen, Sie nicht mehr lieben zu koͤnnen!. Ja, ich wuͤrde alles in der Welt hingeben, um Sie vergeſſen zu koͤnnen; denn ich ſehe wohl, meine Liebe langweilt und belaͤſtigt Sie! Aber ich kann es ja nicht, ich werde es in meinem Leben nicht koͤnnen ich liebe Sie ganz anders, als ich je⸗ mals geliebt habe. Jetzt habe ich den Unterſchied zwiſchen wahrer reiner Liebe und dem Gefuͤhl, was man ſonſt wohl mit dieſem Namen belegt, kennen gelernt— So beweiſen Sie es mir dadurch, daß Sie nichts Pflichtwidriges von mir verlangen. Ich daͤchte doch, ich waͤre vernuͤnſtig genug.. — Ja, es iſt zum Erſtaunen!— Iſt es meine Schuld, weun ich in Ihrer Nähe meine Wuͤnſche 56 S nicht zu maͤßigen vermag? Ach empfaͤnden Sie nur ein wenig von dem, was in mir ſich regt!— O, machen wir, daß wir nach Hauſe kommen, ich bitte Sie.. Sie thun mir weh ich erſticke A.ach, was muß ich leiden!...— Mein Gott, und ich waͤre die Urſach davon!— Ja, Sie werden mich ungluͤcklich machen. Erneſtinens Stimme iſt bewegt; ſie nimmt das Schnupftuch vor die Augen. Vietor will ſie um⸗ faſſen; ſie macht ſich los und verdoppelt ihre Schritte; er erreicht ſie bald wieder und ergreift ihre Hand, ſie aber ſucht ſich loszuwinden. Wie? auch Ihre Hand wollen Sie mir nicht erlauben?. Laſſen Sie mich los!... Nein, nein, ich laſſe Sie nicht, ich liebe Sie zu ſehr. Iſt es ein Verbrechen, ſo will ich allein der Schuldige ſein Nur einmal laſſen Sie mich Sie umar⸗ men.— Nein, nein! Vietor hoͤrt nicht auf die Bitten Erneſtinens, er umfaßt ſie und bedeckt ſie mit Kuͤſſen; ſie wehrt 37 25 ſich, beſchwoͤrt ihn, aber mit jedem Augenblick mid ihre Stimme ſchwaͤcher und Victor dreiſter. O, mein Gott, ich bin verloren, ſtottert ͤber⸗ waͤltigt noch die junge Frau, aber ihr Geliebter port nichts mehr. Es giebt Augenblicke, wo der zuckende Blitz, der rollende Donner uͤber unſerm Kopf uns in unſerm Beſtreben nicht aufzuhalten vermoͤgen, und Victor befand ſich in ſolch einem Augenblick. n 3l — Capitel III. Arme magdalene. Man behauptet, bei allen Dingen ſei der erſte Schritt der ſchwerſte; ich habe jedoch geſehen, daß auf Theatern der zweite Schritt oft eben ſo viel Mühe koſtete, als der erſte. In dieſem Bereich der Intrigue, der Falſchheit und des Neides hat der Autor, der nichts als ſein Talent beſitzt, beim zwei⸗ ten, ſechſten und zehnten Schritt ſo viel Wider⸗ waͤrtigkeiten, als beim erſten; oft verlaͤßt er eine Carriere, zu der er berufen war, weil er mit dem Talent, ein Stuck zu ſchreiben, das Talent es zur Auffüͤhrung zu bringen, nicht verband, gerade ein höchſt wichtiger Gegenſtand; doch laſſen wir jetzt das Theater, wir werden ſchon einmal wieder dar⸗ l = 59 25 auf zurückkommen, und die Materialien dazu ſollen uns nicht fehlen. In der Liebe, kann man uͤberzeugt ſein, iſt der erſte Schritt jederzeit der ſchwierigſte. Da iſt man nicht nur fuͤr einmal verwegen und kuͤhn, denn man denkt, da der Fehltritt immer derſelbe bleibt, ſo kommt es nicht auf die Zahl an. Wie hätte Er⸗ neſtine nach jenem verhaͤngnißvollen Abend nicht auch ferner noch ſtrafbar ſein ſollen? Ihr Fehl⸗ tritt verurſacht ihr die heftigſte Gewiſſensangſt, dieſe fuͤhrt Thränen herbei, und doch war Niemand im Stande, ihren Kummer zu beſaͤnftigen, ihre Thraͤ⸗ nen zu ſtillen, ſie uͤber ihre Lage zu troſten, als Victor, und man kennt die Mittel, die ein Lieb⸗ haber bei ſolchen Gelegenheiten anzuwenden verſteht. Indeſſen muß Erneſtine die wenigen Augenblicke des Glͤcks theuer bezahlen: zitternd und beunru⸗ higt in der Naͤhe ihres Mannes, bildet ſie ſich bei dem kleinſten Gewoͤlk, welches die Stirn ihres Ge⸗ mahls umzieht, ein, er habe ihre Untreue entdeckt; 60 in den gleichgultigſten Worten ſucht ſie eine Bezie⸗ hung auf ihr Betragen, eine directe Anſpielung 1 auf ihr Verhaͤltniß zu Vietor; alles beunruhigt, alles erſchreckt ſie, ſie genießt beinahe keinen Au⸗ 1 genblick der Ruhe mehr. Arme Frau! ſie war nicht fuͤr die Intrigue geboren, ſie vermag weder mit 1 Dreiſtigkeit zu luͤgen, noch ihren Mann heiteren Geſichts anzulaͤcheln. Aber ſie liebt mit Leiden⸗ ſchaftlichkeit und Hingebung, und das Feuer, was gegenwaͤrtig in ihrem Herzen lodert, hat ihr Mann 1 nicht zu entzuͤnden vermocht oder verſtanden. Waͤhrend Erneſtine bald ſtrafbar, bald reue⸗ muͤthig ihrem Geliebten ſich hingiebt und nichts deſto weniger ſich unaufhoͤrlich verſpricht, ihr Betra⸗ gen zu ändern, empfindet eine andere Perſon gleich⸗ ½ falls allen Kummer, den die Liebe verurſacht, ohne jedoch ihre Freuden zu genießen. Magdalene wird mit jedem Tage ſchwermuͤthi⸗ ger; ihr Außeres, wie ihre Laune verändern ſich; ihre Augen haben ihre Lebhaftigkeit verloren, und ie⸗ n9 ot, 61 8 ihre Lippen vermoͤgen nicht mehr zu laͤcheln; ſie verbirgt ſich ſelbſt die Urſache ihres übels nicht mehr; ſie liebt, und zwar mit ganzer Kraft ihrer Seele, mit all' der Zartheit und Vergoͤtterung, die ein Maͤdchen von 18 Jahren fuͤr den erſten Gelieb⸗ ten ihres Herzens nur zu bewahren vermag. Eine Zeitlang hatte ſie ſich geſchmeichelt, daß dies Ge⸗ fuͤhl, was gegenwaͤrtig ihr ſo viele Schmerzen ver⸗ urſacht, getheilt werde, daß Victor ſie nicht mit Gleichgultigkeit betrachte; man taͤuſcht ſich ja ſo leicht uͤber ſeine Wuͤnſche, und nur mit Wehmuth entſagt man ſeinen ſuͤßen Taͤuſchungen; ſeit einiger Zeit aber hat ſie ihren Irrthum erkannt; ſie be⸗ merkt, daß Victor ſie nicht mehr aufſucht, daß, wenn ſie zuſammentreffen, er ihr kaum antwortet; daß er zerſtreut, von fremden Gedanken erfuͤllt iſt, daß er ſie ſogleich verlaͤßt, ſobald er Frau v. Noir⸗ mont gewahr wird; ja, daß er weder ihre Schwer⸗ muth noch die Veraͤnderung in ihrem Geſichte be⸗ merkt. 62 8 Ach nein! er denkt nicht an mich, ſagt ſich das junge Maͤdchen, in den dunkelſten Gaͤngen des Gartens ſpazieren gehend; nie anders, als aus Mit⸗ ieid hat er meiner gedacht, ich habe nichts, was gefallen kann ich bin haͤßlich. ich habe we⸗ der Geiſt noch Talent;.. wie kann er mich auch lieben.. und ſelbſt weder Namen noch Vermoͤgen beſitze ich, wie Jacob ſagt, ich weiß es wohl... aber iſt es denn das nur allein, was Liebe erweckt. Sollte ich es wohl wünſchen, daß er Liebe fuͤr mich empfaͤnde? was wuͤrde die Folge davon ſein? nur ein Ungluͤck ohne Zweifel, ja, und doch wurde es mich ſo gluͤcklich gemacht haben!. ich werde ihn ewig lieben; ja, ich kann ja uͤber mein Herz gebieten... Herr Victor ſoll es niemals wiſſen, das es nur ihm gehoͤrt; aber wenn er nur wenig⸗ ſtens hier bliebe und ich ihn täglich ſehen koͤnnte, o, dann wollte ich mich ſchon gluͤcklich ſchaͤz⸗ zen! Magdalene hat zwar bemerkt, daß Vietor nicht ſch des it⸗ 65 ₰ an ſie denkt, aber nicht errathen, daß ſein Herz fuͤr eine Andere ſchlaͤgt; ſie ſieht zwar, daß er gern in Frau v. Noirmont's Geſellſchaft iſt, ſie uͤberall aufſucht, aber hat auch nicht den mindeſten Ver⸗ dacht, daß ſie ſich verſtehen; denn das junge Maͤd⸗ chen hat den hoͤchſten Begriff von Erneſtinens Tu⸗ gend, und uͤberdies ſcheint es ihr unmoͤglich, daß eine verheirathete Frau einen Andern, als ihren Mann lieben koͤnne; arme Magdalene! Eines Morgens naͤhert ſich Herr v. Noirmont ſeiner Frau mit ſorgenvoller und unzufriedener Mie⸗ ne, und giebt ihr ein Zeichen, ihm in den Garten zu folgen: Wir koͤnnen, meint er, dort nach Ge⸗ fallen plaudern, und ich habe dringend mit dir zu ſprechen. Erneſtine folgt zitternd ihrem Gemahl, ein kal⸗ ter Schweiß bedeckt ihre Stirn; ſie iſt uͤberzeugt, daß er ihr Betragen entdeckt hat, ſie ſieht ſich ſchon verloren, entehrt, und ohne die Augen aufzu⸗ ſchlagen, wartet ſie auf ſeine Erklaͤrung. Ich erhalte ſo eben Briefe aus Paris, ſagt er. — Nun, lieber Mann?..— Nun! dieſe Briefe machen mir wenig Vergnügen, ſie enthalten ſehr beunruhigende Dinge.— Beunruhigend für dich? — Ja, in Beziehung auf deinen Bruder. Erneſtine ſchoͤpft wieder Athem, und mit feſte⸗ rer Stimme antwortet ſie: Ach! es betrifft meinen Bruder..— Ohne Zweifel, von wem ſollte es ſonſt ſein?— Ja, ja! es war nur... ich dachte nicht gleich daran.. Nun, und was haſt du denn uͤber ihn erfahren?— Erſtens, iſt da ein Brief von Armand, worin er von Neuem Geld verlangt; von dem, was er geliehen hat, iſt nichts mehr da; er will durchaus, daß ich in Be⸗ treff dieſes Guts eine Entſcheidung nehme, ſonſt verkauft er es an Andere, und gleichgultig iſt es ihm, was er daran verliert!... Der junge Mann macht ſchlechte Rechnung!... Ich hätte ihm gern dieſe Beſitzung ſicher geſtellt, damit er dereinſt noch einen beſſeren Nutzen davon ziehen koͤnnte; aber efe thr * nein; er verlangt Geld und will ſich fur jeden Preis welches verſchaffen! Dieſer andere Brief iſt von einem meiner Freunde aus Paris; ich hatte ihn erſucht, uͤber das Leben deines Bruders Er⸗ kundigungen einzuziehen; was er mir ſchreibt, ⸗ ſtaͤtigt meine Vermuthungen. Herr Armand ſpielt den Marquis, den großen Herrn; er ſpielt, un⸗ terhaͤlt Maitreſſen kurz, er betraͤgt ſich wie ein Thor, oder wie ein Mann, der ſich mit Ge⸗ walt ruiniten will Mein armer Bruder! mein Gott! warum iſt er nicht bei uns geblieben!— Man ſchreibt mir, daß ſein Freund St. Elme ihn nicht verlaͤht, daß er bei allen ſeinen Orgien gegenwaͤrtig iſt, alle ſeine Thorheiken unterſtützt.. g9ch geſtehe dir, daß die gute Meinung, die ich von dieſem St. El⸗ me hatte, ſehr verloren hat. O, ich habe mich niemals von dem brillanten Ton, den hochtrabenden Manieren dieſes Menſchen blenden laſſen. Prahler floͤßen mir kein Vertrauen 2ter Theil. 5 ein, und das iſt er im hoͤchſten Grade.— Ja, das iſt wahr aber dieſer St. Elme kannte alles, wußte alles; man hätte ihm doch die Erfahrung zutrauen ſollen, daß er ſeinem lieben Freund Ar⸗ mand, wie er ihn nennt, nicht behulflich ſein wůrde, mit Betrügern und Maͤdchen ſein ganzes Vermoͤgen zu vergeuden.— Ach, wenn mein Bru⸗ der niemals andere Freunde kennen gelernt haͤtte, als.— Als Herrn Dalmer und Herrn Dufour . Ja, die ſind vernuͤnftig, rangirt das laſſe ich mir gefallen, das ſind Leute, die nicht daran denken, ſich zu ruiniren... Ich geſtehe ſelbſt, daß ſie ſolider ſind, als ich; denn es gehoͤrt etwas dazu, mit der Madame Bonnifoux Lotterie zu ſpielen.. Aber wieder auf deinen Bruder zu kommen.. Weil er es durchaus will, ſo werde ich dies Gut annehmen.. Ich werde ihm 35,000 Francs auf Abſchlag ſchicken, und denke, daß er mir fuͤr den Reſt noch einige Wochen Anſtand ge⸗ ben wird.. Aber ſchreibe an ihn, Erneſtine, das les, un A⸗ ein ze tte, du biſt ſeine Schweſter und aͤlter, als er; deinen Rath wird er vielleicht freundlicher annehmen, als den meinigen..— Ach, ich fuͤrchte nur, mein Bruder wird auf meine Ermahnungen auch nicht hoͤren!...— Man muß es wenigſtens verſuchen; Armand iſt noch jung, unmoglich kann er ſchon taub fuͤr die wohlgemeinten Rathſchlaͤge der Freund⸗ ſchaft ſein. Schreibe ihm, waͤhrend ich nach Siſſon⸗ ne gehe, um mir die noͤthigen Fonds zu ver⸗ ſchaffen. Ich werde ſehr bald wieder zuruͤck ſein. 3 Herr v. Noirmont giebt ſeiner Frau einen Ab⸗ ſchiedskuß und macht ſich ſofort nach der kleinen, nur% Meilen von Bréville gelegenen Stadt Siſſon⸗ ne, auf den Weg. Erneſtine bleibt allein im Gar⸗ ten zuruͤck und denkt nur an die Angſt, die ſie em⸗ pfunden, an die Furcht, welche die erſten Worte ihres Mannes ihr eingejagt haben⸗ Alſo das wird kuͤnftig mein Schickſal ſein, ſagt ſie zu ſich, nie ſoll ich wieder ganz gluͤcklich 5* —= 63 2 werden nie mehr den Frieden meiner Seele empfinden. und in Gegenwart Anderer immer nur fuͤrchten.. erroͤthen.. zittern. Erneſtine iſt in ihren Gedanken vertieft, als Victor auf ſie zukommt und ſie um die Urſach ihrer Traurigkeit befragt. Sie erzaͤhlt ihm, was vorge⸗ gangen iſt, und macht ihm mit dem Schrecken be⸗ kannt, von dem ſie ergriffen geweſen. Seitdem ich ſtrafbar bin, lebe ich nicht mehr, ſagt ſie; jeder Augenblick des Tages fuͤhrt neue Sorgen und Foltern fuͤr mich herbei... Iſt Ihr Gemahl eiferſuͤchtig?. Manchmal . hat er wohl einige Anfaͤlle von Eiferſucht. Ach, —— . wenn er meine Untreue entdeckte, er wuͤrde wuͤ⸗ . thend werden, vorzugsweiſe, ſich betrogen zu ſehen aus Liebe zu mir weniger, als aus Eitelkeit! — Unterdruͤcken Sie ſolche Gedanken, die voͤllig ungegruͤndet ſind...— Ich kann es nicht 1 ich habe den Kopf verloren...— Sie lie⸗ ben mich alſo nicht mehr?— Ach! das fehlt noch, „ ele ler = 65 2 das von Ihnen zu hoͤren. dieſe Liebe eben iſt es, die mich untroͤſtlich macht o, mein Gott, warum haben Sie mich mit einem Gefuͤhl bekannt gemacht, was ohne Sie mir fremd geblieben wa⸗ re..— See ſind alſo wohl ſehr irgerlich dar⸗ uͤber, daß Sie mich lieben?— Nein, aber daß ich ſtrafbar bin... Ich moͤchte es geſtehen, aller Welt verkuͤndigen duͤrfen, daß ich Sie liebe, und muß es ſo aͤngſtlich verbergen..— Liebe Erne⸗ ſtine, was man verbirgt, hat, ſagt man, noch gro⸗ ßeren Reiz... Koͤnnten wir uns ohne Gefahr lieben, waͤre unſere Liebe vielleicht ſchwücher.— Ach, ich glaube es nicht. Und finden Sie darin auch einen Reiz, daß ich vor den Leuten Sie kaum anzuſehen wage, aus Furcht, man konne unſer Geheimniß auf meinem Geſichte leſen?.. ach, ich verſtehe es nur ſchlecht, mich zu verſtellen. Ich kann Sie nicht mit Gleichguͤltigkeit anſehen Wenn Ihre Augen ſich auf die meinigen hef⸗ ten, ſo ſcheint es mir, als ginge meine Steie in — 70 S die Ihrige uͤber.. Kann man ſo etwas ſicher verheimlichen?„ Vietor giebt ſich alle Muͤhe, ſeine Geliebte zu beruhigen, er druͤckt ſie an ſeine Bruſt, unterbricht ihre Rede mit ſeinen Kuͤſſen.— D, mein Gott! ſagt Erneſtine, warum muß ſo viel Gluͤck mich zur Verbrecherin machen?.. Ach! warum bin ich ſo ſchwach!.. In dieſem Augenblick laͤßt ſich ein leichtes Ge⸗ raͤuſch hinter der nahen Hecke vernehmen. Erne⸗ ſtine ſtoͤht Victor an: Haben Sie gehort? fragt ſie.— Ja, aber ich glaube, es iſt nur der Wind, der mit den Blaͤttern ſpielt..— Nein, nein! ich glaube Schritte gehoͤrt zu haben.— Sie irren ſich;. Sie ſehen ja wohl, es iſt Niemand da.— Dem ſei, wie ihm wolle, ich kann nicht langer hier bleiben.. Ich ſterbe vor Angſt... Laſſen Sie mich, mein Freund.— Noch einen Augenblick!— Rein, ich muß an meinen Bruder ſchteiben, ich bitte, halten Sie mich nicht laͤnger e d t 2 74 2* zuruͤck,. ſehen Sie nur, wie ich zittere. ich werde allein ins Haus gehen, und Sie folgen mir ſpaͤter nach... Die junge Frau widerſteht den Bitten Victors, ſie entſchluͤpft ihm und erreicht in aller Eil das Haus, wohin ſich ſpaͤter auch Victor, aber auf einem anderen Wege begiebt. Der Larm, welchen Erneſtine gehört hat, ruͤhr⸗ te nicht vom Winde her. Der Zufall hatte Mag⸗ dalenen hinter die Hecke gefuͤhrt, auf deren ande⸗ ren Seite Victor und Frau v. Noirmont ſtanden. Zwei wohlbekannte Stimmen hatten das Ohr des jungen Maͤdchens erreicht. Sie wollte nicht horchen, gber ein unwiderſtehliches Gefuͤhl feſſelte ſie an die Stelle, von wo aus ſie die Sprechenden nicht nur hoͤren, ſondern auch ſehen konnte. Bei jedem Wort, das ihr Ohr traf, fuͤhlte die arme Kleine ihr Herz ſich umwenden, ihre Knie ſich beugen. Was Er⸗ neſtine gerade zu PVietor ſprach, konnte ſie uͤber den Bund ihrer Herzen nicht in Zweiſel laſſen, und * 72 8 ſie empfand Qualen, deren Mäoͤglichkeit ſie bisher nie geahndet. Bis jetzt wußte ſie nur, daß Victor ſie nicht liebe, aber fremd war ihr der Gedanke, daß er ſein Herz einer Andern geſchenkt. Als ſie Erneſtinen in ſeinen Armen ſieht, bemaͤchtigen ſich ihret die heftigſten Qualen der Eiferſucht; ſie ſtuͤtz ſich gegen einen Baum, um nicht niederzufallen; ein Schleier bedeckt ihre Augen; ſie ſieht nichts mehr, aber hoͤrt noch.. In dieſem Augenblick dringt das Geraͤuſch eines Kuſſes bis in das Inner⸗ ſte ihres Herzens. Da iſt es ihr nicht moͤglich, den Foltern und Schmerzen, die ſie peinigen, noch laͤnger zu widerſtehen; ſie entfernt ſich in muoͤglich⸗ ſter Haſt, auf die Gefahr hin, durch den Lärm ihrer Schritte ſich zu verrathen. Magdalene durchlaͤuft den Garten, wie Jemand, der verfolgt wird; ſie oͤffnet eine kleine Thüre, die aufs Feld fuͤhrt und laͤuft hinaus. ſie laͤuft, und laͤuft immer zu, ohne zu wiſſen, wohin, und unter anhaltendem Schluchzen, bis ſie endlich, da = 75 28 ſie umzuſinken waͤhnt, unter einem Baum ſtill ſteht, ſich auf ihn ſtutzt und in lautes Weinen altsbricht. Die Zeit vergeht und Magdalene iſt immer noch da. Sie weint immer fort, denn das erleich⸗ tert ihre Seele, aber keine Klage kommt über ihre Lippen; ſie beſchuldigt Niemand, ſie weint ber ſich ſelbſt, weil ſie ſich ſo ungluͤcklich fuͤhlt, und man bei gchtzehn Jahren noch nicht Kraft ge⸗ nug hat, den Qualen des Herzens zu wider⸗ ſtehen. Es faͤngt an, dunkel zu werden, und Magda⸗ lene hat den Baum noch nicht verlaſſen, an deſſen Fuß ſie ſich niedergeſetzt hat. Ihre Thraͤnen haben aufgehört zu fließen. denn alles findet mit der Zeit ein Ende; und ſchwere Seufzer erſetzen ſie. Eine Stimme laͤßt ſich in der Entfernung hoͤ⸗ ren, ein Lieblingsgeſang der Landleute in dortiger Gegend. Die Stimme naͤhert ſich; Magdalene bleibt unbeweglich und hoͤrt nichts, denn andere Klaͤnge hallen noch in ihrem Herzen wieder. 74 ₰ Es iſt Jacob, der von der Arbeit kommt; er kommt immer naͤher, jetzt iſt er ganz nahe bei dem jungen Mädchen, ſie ſieht ihn nicht, aber endlich reißt die ſtarke Stimme des Landmannes ſie aus ihret Traͤumerei. Ei, der Tauſend, Magdalene, wie kommt Ihr denn hierher? Ach, Ihr ſeid es, Jacob; ich ſah' Euch nicht Aber ich habe Euch wohl geſehen, obgleich Ihr durch den Baum verſteckt waret.. Wenn ich hier an dieſem Ort voruͤbergehe, ſehe ich immer viel umher denn hier habe ich ſchon manches entdeckt, und da mochte ich denn immer noch mehr entdecken. Magdalene ſieht ſich um und bemerkt jetzt erſt, dab ſie ſich unter der alten Eiche befindet, unter welcher ihre ungluͤckliche Mutter ſo oft geſeſſen. Ach, mein Gott! unter dieſem Baume.. auf dem Platz meiner Mutter.— Wie, Mag⸗ dalene, das wußtet Ihr nicht?. ich dachte, bloß um Euch mit ihr zu beſchaͤftigen, waͤret Ihr her⸗ gekommen.. Was iſt Euch denn, mein Kind? Eure Augen ſind roth... Yhr habt geweint. Ihr habt Kummer macht mich damit bekannt bedenkt, daß ich Euer erſter, Euer beſter Freund bin Nun, meine gute Magdalene, ſagt mir, woruͤber Ihr geweint habt. Das junge Maͤdchen wirft ſich in die Arme des Landmanns, legt den Kopf an ſeine Bruſt und faͤngt von neuem an zu weinen. Ja, ſtammelt ſie halblaut, mein lieber Jacob, ich habe viel Kummer: Und wer hat ihn Euch denn bereitet?— Nie⸗ mand, Jacob, ich mir allein, weil. Nun, ſo fahrt doch fort, mein Kind! Ach, lieber Freund, Ihr hattet wohl Recht, als Ihr mir letzthin ſagtet, ich muͤſſe nicht ſo viel mit Herrn Dalmer ſprechen, ſo viel an ihn denken; damals glaubte ich nicht, daß mir das ſo viel Kum⸗ nicht an und eben daruͤber habe ich ſo viel 76 L mer machen wuͤrde ich kannte ja die Liebe noch nicht. Liebe! und die koſtet Euch Thraͤnen? Arme Kleine! ich dachte es wohl.. und ſagte es Euch vorher. Und hier unter dieſer Eiche ver⸗ gißt ſie ihre Thraͤnen, wie ihre Mutter! der alte Baum iſt alſo dazu beſtimmt, auch ihre Seufzer zu empfangen— Nun, Magdalene, ſeid aufrichtig gegen mich: der Herr Victor hat Euch beſchwatzt, hat Euch geſagt, daß er Euch ewig lieben wuͤrde? O nein, Jacob, nichts von dem allen hat er mir geſagt.. Im Gegentheil, denkt er gar nicht an mich, ſpricht kaum mit mir, ſieht mich gar Herzeleid!.. Wie, Magdalene, Ihr ſeid unglucklich daruͤber, daß der junge Mann Euch nicht betruͤgt? daß er rechtſchaffen iſt?.. Mein Gott ja! ich glaube, daß mich das 6 = 77 2 ſchmerzt, ach! ich waͤre ſo gluͤcklich geweſen, wenn er mich betrogen haͤtte!.. Magdalene ſpricht dieſe Worte mit ſo vieler Unbefangenheit, daß Jacob nicht die Kraft hat, ihr deshalb Vorwuͤrfe zu machen. Er begnugt ſich damit, die Achſeln zu zucken: Him, ſagt er,.. die Weiber ſind ſich doch alle gleich!.. Haben ſie die Liebe im Kopfe, ſo ſehen ſie die Gefahren nicht, denen ſie ſich ausſetzen; ſie fordern ſie gleichſam heraus! Ich glaube, ſie gingen durchs Feuer, ohne zu bemerken, daß es heiß iſt! Kommt zu Euch, Magdalene, und uͤberlegt mit kaltem Blute, o, Ihr werdet uͤber Eure Thorheit erro⸗ then„ Ich habe alles uͤberlegt, Jacob; ja, ich fühle, daß ich Unrecht habe... daß ich fuͤr Jemand kei⸗ ne Liebe bewahren ſoll, der.. der mich nicht wieder liebt... Ich habe auch mein Theil ergrif⸗ = 73 8 fen: ich will fort von Bréville,.. Frau v. Noir⸗ mont verlaſſen.. damit ich Herrn Victor nie wieder ſehe... Ich komme wieder zu Euch in Eure Huͤtte ich will arbeiten; o, ich werde Eure alte Tante ſchon pflegen und mich uͤber mein 2 Schickſal nicht beklagen... Ach, ich bitte Euch,. Jacob, nehmt mich ſogleich mit! Magdalene hat ſich beinahe vor dem Alten auf die Knie niedergelaſſen; dieſer hebt ſie auf und betrachtet ſie einige Augenblicke mit Ernſt. Magdalene, habt Ihr mir auch wohl die Wahr⸗ heit geſagt? Herr Vietor haͤtte Euch niemals von Liebe etwas vorgeſpiegelt? Nein, niemals.— Und habt Ihr ſonſt nicht uͤber die Gefaͤhrten Eurer Jugend Euch zu bekla⸗ gen, ſeitdem Ihr wieder bei ihnen ſeid?— Nein, lieber Freund..— Frau v. Noirmont iſt viel⸗ ₰ dir⸗ nie in erde nein uch, auf nd ſ. on * 79 28 leicht nicht mehr dieſelbe, bezeigt Euch nicht mehr dieſelbe Freundſchaft und Guͤte?— O, gewiß nicht, ſie hat ſich durchaus nicht geaͤndert.— Alſo, Eure alten Spielkameraden haben Euch wieder ge⸗ funden, mit Freuden wieder aufgenommen, Frau v. Noirmont behandelt Euch, wie eine Schweſter, Ihr habt es mir hundertmal geſagt, und zum Lohn fuͤr dieſe Aufnahme, fuͤr all' dieſe Freund⸗ ſchaft und Guͤte wollt Ihr ſie verlaſſen?. das Haus fliehen, worin Ihr erzogen ſeid, weil eine thoͤrichte Liebe Euch den Kopf verdreht!. um eines unvernuͤnftigen Gefüͤhls willen, wollt Ihr undankbar gegen Eure Wohlthaͤter werden!.. Wet⸗ ter! das iſt nicht recht, Magdalene; ſo ſolltet Ihr die Liebe, welche die ſelige Frau Marquiſe fuͤr Euch hegte, nicht vergelten!... Meine Huͤtte ſteht Euch jederzeit offen, Ihr wuͤßt es aber ich wuͤrde Euch lieber unglůͤcklich, als des Undanks ſchuldig darin aufnehmen.* 6 Magdalene hat Jacob aufmerkſam zugehoͤrt; 2 30 8 und ſcheint von ſeinen Ermahnungen betroffen. Der Muth ſcheint ſie wieder zu beleben; ſie trock⸗ 8 net die Augen, erhebt den Kopf, reicht dem Land⸗ mann die Hand und erwiedert ihm mit feſterer Stimme: Ihr habt Recht, beſter Freund, ich hatte Un⸗ recht, ſehr Unrecht. die Kinder meiner Wohl⸗ thäterin verlaſſen zu wollen, denn Frau v. Noir⸗ mont und Armand ſind ja ſo gut, wie ihre Kinder. Nein, ſo ſoll ich ihr Wohlwollen nicht lohnen. Ich war eine Thoͤrin, eine Unbeſonnene. Ver⸗ gebt es mir, Jacob ich verſpriche, kunftig ver⸗ nůnftiger zu ſein, ich werde zur Frau v. Noirmont zuruͤckkehren und verſichere, mein Leben ſoll kuͤnf⸗ tig nur der Erkenntlichkeit fuͤr alle Wohlthaten, die ich genoſſen habe, gewidmet ſein. Ach, ſo erkenne ich meine kleine Magdalene wieder! ich weiß wohl, Ihr habt ein gutes Herz! Gebt mir einen Kuß und traut Eurem Freund Jacob; Euer heutiger Kummer wird aufhoͤren, und ſen. rock⸗ and⸗ jerer hl⸗ ir⸗ der. ger⸗ ber⸗ nont nf⸗ ſene en und und 31 2 uͤberdies wird Herr Victor ja nicht immer in Bré⸗ ville bleiben, ich hoffe es; aber Ihr, Ihr ſollt da bleiben... denn Ihr ſeid dort beſſer an Eurem Platz, als anderwaͤrts. Jacob fuͤhrt die Kleine bis zu der Gartenthuͤr und verlaͤßt ſie hier, ihr nochmals Muth und Fe⸗ ſtigkeit anempfehlend. n Magdalene zwingt ſich ihn anzulächeln und ver⸗ ſpricht Wort zu halten. ater Theil. 6 Capitel IW. Ein Rachmittag. Her v. Notrmont war von Siſſonne zurück⸗ gekommen, und die Montréſor's und Pomard's mach⸗ ten einen Beſuch in Breéville. Die Geſellſchaſt befand ſich im Salon. Erneſtine beunruhigte ſich wegen Magdalenen, da ſie ſeit dem Morgen ver⸗ ſchwunden war und man ſie vergebens im Hauſe und Garten geſucht hatte. Victor und Dufour wollten ſo eben gehen, um neue Nachforſchungen in der Umgegend anzuſtellen, als ſie endlich in der Thuͤr des Salons erſchien. Ach! da iſt ſie, ruft Erneſtine und läuft ihr entgegen, da ſie noch auf der Schwelle ſtehen bleibt. Nur herein, nur herein, Mamſell, ich bin recht boͤſe Gewiß, es iſt nicht pubſch, uns ſolche Un⸗ rich⸗ ach⸗ huſt ſch ver⸗ uſt our gen der — euhe zu machen!.. ich habe mich ſehr um dich geaͤngſtigt, Magdalene. Ja, ja! wir wollten Sie ſo eben in Berg und Thal aufſuchen, ſagt Dufour. Erneſtine hat Magdalenen bei der Hand herein⸗ geführt und laͤßt ſie neben ſich niederſetzen. Die Hand des jungen Maͤdchens zittert in der ihri⸗ gen. Was haſt du denn? du zitterſt ja! ach wie kalt du biſt, ſagt Frau v. Noirmont. Biſt du krank? Nein, liebe Freundin. Wie kann man heut auch frieren, bemerkt Chéri, wir haben ja zwei und zwanzig Grad. Aber warum zittert ſie denn? fragt Mamſell Clara ihren Bruder.— Ja, ich überlegte ſo eben 557. wie? ſie züttert? erwiedert Herr Pomard, in⸗ dem er ſeine Schuhſpitze betrachtet. Nun endlich Mamſell, fragt Herr v. Noir⸗ mont mit ernſtem Ton, wo ſind Sie geweſen und 6* „ 34 85 was haben Sie den Tag uͤber, ſeit meine Frau Sie ſucht, gemacht? Mein Herr, ich bin nur ſpazieren gegangen, antwortet Magdalene mit niedergeſchlagenen Augen. Spazieren. ſeit heute Morgen! und haben nicht daran gedacht, zum Mittageſſen wieder hier zu ſein? Ich habe keinen Hunger, mein Herr. Das ſcheint mir etwas verdaͤchtig, ſagt Du⸗ four zur Mamſell Clara, ſie hat keinen Hunger, das iſt nicht richtig. Ja, ich uberlege auch, brummt Herr Pomard. Gewiß, ſagt Madame Montréſor, das Be⸗ tragen der Mamſell ſcheint mir mindeſtens ſehr ſon⸗ derbar.. Nicht wahr, Cheri?— Was?— Nun, daß das Betragen des jungen Maͤdchens ſonderbar iſt.— O ja!...— Him, o ja? was iſt das fuͤr eine Manier zu antworten, ſo kurz, ich weiß nicht, was du dir jetzt angewoͤhnſt, Cheri, du haſt dich ſehr geaͤndert, und durchaus nicht zu deinem Frau oen, ugen. ben hier Di⸗ er, 35 2 Vortheil!... Waͤhrend Sophie ihren Mann aus⸗ ſchilt, drückt Frau v. Noirmont Magdalenen freund⸗ lich die Hand. Du biſt alſo, ſagt ſie, ſehr weit geweſen und haſt nicht daran gedacht, daß deine Abweſenheit mich beunruhigen koͤnnte. O, das iſt recht böſe, liebe Magdalene, du weißt, daß ich nicht mehr daran gewoͤhnt bin, einen Tag ohne dich zu leben..— Ach! Sie ſind zu gut.— Nein, nein! ich liebe dich und trage Sorge fuͤr dich. Nun, und welchen Weg hatten Sie denn ge⸗ nommen, Mamſell? ſragt Herr v. Noirmont. Mein Herr ich war dort unten, auf der anderen Seite der Ebene unter der alten Eiche.. So nahe bei? da koͤnnen Sie doch nicht bis jetzt verweilt haben? Ja, gewiß!— Der Srt muß alſo viel An⸗ ziehendes fuͤr Sie haben, da Sie einen ganzen Tag dort zubringen koͤnnen!— Ja, er hat einen gro⸗ ßen Werth für mich, da man mir geſagt hat, daß = 36 2 Mutter!.. ich glaubte, Sie hätten Ihre Eltern nie gekannt?... Ach! hätteſt du vielleicht etwas uͤber deine Fa⸗ milie erfahten? ruft Frau v. Noirmont, die Waiſe mit Herzlichkeit betrachtend.— Nein, beſte Frau Sie wiſſen, daß die Frau Marquiſe mich in einem zu zarten Alter bei ſich aufnahm, als daß ich mich irgend etwas erinnern koͤnnte, aber Jacob hat mir von meiner Mutter erzaͤhlt. Wer iſt dieſer Jacob? fragt Herr v. Noirmont. Ein ſehr braver Mann, ein Arbeitsmann, der in Gizy wohnt, antwortet Erneſtine; er arbeitete damals hier im Garten. Ja, wir kennen ihn, ſagt Dufour, er diente uns als Führer auf unſerem Wege hierher. Es iſt ein ſchlauer Fuchs, mit einem charakteriſtiſchen Geſichte, ich habe immer die Abſicht gehabt, ihn zu malen, mit ſeinem Blouſenhemd und ſeiner Senſe auf der Schulter. meine Mutter dort oft ausgeruht hat.— Ihre. Ihre Elten ne F⸗ Waiſe Frau ſich in ſs daß Jacob mont. n, der beitete diente Et iſ iſchen „ihn ſiner * 37 8 Ach! jetzt weis ich, wen Sie meinen, wirſt Madame Montréſor ein, es iſt ein Tagelohner.. Aber er iſt ſehr grob, Ihr Jacob; ich hatte ihn gebeteu, meinen Wein und meine Pfirſichen zu verſchneiden, es waͤre die Arbeit von einem halben Tag geweſen, ich bot ihm 15 Sols dafuͤr, das war doch ganz annehmlich, aber er ſchlug es mir rund ab! Ja, ſagt Cheri laͤchelnd, er nannte dich noch wurmſtichig!...— Schon gut, Chéri, ſchweig nur, ſolche Dinge wiederholt man nicht, und uͤbrigens hätteſt du ihm damals huͤbſch zeigen ſol. len, wie er mir mit mehr Hochachtung zu begeg⸗ nen habe— Nun ja doch! Um eines Wortes willen haͤtte ich mich wohl mit dem Bauer herum⸗ ſchlagen ſollen... Solche Leute ſagen ſo etwas aus bloßer Gewohnheit;.. und ſollte ich jedesmal Partei nehmen, wenn du zankſt, ſo muͤßte ich ewig den Stock in der Hand haben.— Es iſt wficht eines Ehemannes, ſich ſur ſeine Frau zu 33 ſchlagen.— Aber es iſt nicht die Pflicht einer Frau, ihrem Mann alle Tage Veranlaſſung zum Schlagen zu geben. Der Jacob hat alſo Ihre Mutter gekannt 2 hebt Herr v. Noirmont wieder an, dann wird er Ihnen auch geſagt haben, wer Ihre Eltern ſind.„ Ich habe ihn ſehr oft darum gebeten, aber jedesmal meinte er, er wiſſe es nicht und wollte uͤbri⸗ gens auch nicht mehr ſagen, weil es beſſer fuͤr mich ſei, wenn ich den Namen meiner Mutter gar nicht erfuͤhre. Das iſt doch ſonderbar, ſagt Dufour. Ach, nein, das erklaͤrt ſich von ſelbſt, ſagt Madame Montréſor ganz leiſe, die Kleine iſt das Kind irgend einer Baͤuerin, die es nachher ver⸗ laſſen hat, und wer weiß, ob Jacob ſelbſt nicht der Vater iſt?..— Ja, ja! wirklich.— Ja, wenn ich ſie recht betrachte, finde ich, daß ſie ihm ahnlich ſieht, beſtätigt Cheri.— Nachher wird der Bauer das Kind der Frau v. Bréville ge⸗ —— Frau, lagen unt? der ober bri⸗ nich icht ſot — — „ pracht, und dieſe deſſen Pflege uͤbernommen haben; das iſt keine Frage.. Leider wohne ich nur erſt ſeit 12 Jahren hier in der Gegend, ſonſt wuͤrde ich die Geſchichte haarklein erzaͤhlen koͤnnen, die Frau v. Noirmont nicht hat errathen wollen. Herr Pomard, ſind Sie denn damals nicht ſchon hier geweſen? Zu welcher Zeit? Madame, faͤhrt Herr Po⸗ mard aus ſeiner Starrſucht auf. Nun, als Frau von Breéville das kleine Maͤd⸗ chen zu ſich nahm. Welch' kleines Maͤdchen?. Ha, ha, ha, was fuͤr ein Vergnuͤgen, mit meinem Bruder ſich zu unterhalten! ruſt Mamſell Clara, bis zu Thraͤnen lachend; er weiß niemals, wovon die Rede iſt... Wenn ich ihn frage, was er zum Mittag haben will, ſo heißt es: ein jun⸗ ges Maͤdchen muß nicht von Politik ſchwatzen, ha, ha, ha! Dieſe Unterhaltung wurde nur unter Dufours — 90 ₰ Nachbarn gefuͤhrt. Vietor naͤhert ſich Magdalenen. Armes Kind, ſagt er, es iſt recht traurig, ſeine Mutter nicht gekannt zu haben, und will dabei ihre Hand ergreifen, aber ſie zieht ſie raſch zu⸗ ruͤck, als wuͤrde ſie ſich die Finger verbrennen. Herr v. Noirmont geht im Salon auf und nieder und brummt: Him, him! Ich muß den Jacob ſprechen, um von ihm mehr zu erfahren Die Gäſte empfehlen ſich. Als Magdalene der Frau v. Noirmont gute Nacht ſagen will, umarmt dieſe ſie. Eine ſolche Herzlichkeit macht anfangs einen unfreundlichen Eindruck auf das junge Maͤd⸗ chen, aber gleich darauf ergreift es mit Heftig⸗ keit Erneſtinens Hand, bedeckt ſie mit Kuͤſſen und eilt dann raſch davon, um ihren Thraͤnenſtrom nicht blicken zu laſſen. Die Kleine iſt recht romanhaft, recht ſchwer⸗ müthig, ſagt Herr v. Noirmont, ich liebe ſo enen. ſeine dobei h zu⸗ ieder acob it⸗ ſo 21 2 etwas nicht. Ich daͤchte, bei ihrem Alter, wenn man ſich gut auffuhrt, muͤßte man heiterer ſein, und ſie ſollte ſich doch hier ſehr gluͤcklich fuͤhlen. Ach, lieber Mann, ſie denkt daran, daß ſie eine Waiſe iſt! Sie hat heut ſo viel von ihrer Mutter ſprechen hören, wie ſoll ſie da nicht trau⸗ rig ſein? Was ſie heut gemacht hat, iſt mir noch nicht recht klar; es kommt mir etwas ſonderbar vor, daß ſie den ganzen Tag allein, oder mit Jacob unter einem Baume zugebracht haben will. Kurs, liebe Frau, ich wuͤnſche, daß du dereinſt deine Guͤte fur das Maͤdchen nicht zu bereuen haben mö⸗ geſt. So viel iſt gewiß, ſagt Dufour, indem er ein Licht nimmt, um auf ſein Zimmer zu gehen, die junge Perſon zeichnet ſich auf eine eigene Weiſe vor andern aus.. IYhr Benehmen hat den An⸗ ſtrich des Geheimnißvollen. Heut Abend beſonders, als ſie in der Thuͤr des Salons erſchien. war 92 8 ihre Phyſiognomie wahrhaft phantaſtiſch; ihre Au⸗ gen hatten einen Ausdruck. Ich yaͤtte ſie in dem Augenblick malen moͤgen. Ach, du mochteſt alle Welt malen, ruft Vi⸗ ctor. Aber, à propos Herr v. Noirmont, haben Sie keine Briefe von Armand? Ja, heut fruͤh erhielt ich einen, aber er war wenig befriedigend. Mein Schwager ruinirt ſich in Paris; ſieht ſchlechte Geſellſchaften.. ich fuͤrchte, er ſpielt.„ es iſt ſehr beunruhi⸗ gend!. Ja, meine Herten, nicht alle jungen Leute ſind Ihnen aͤhnlich!... ſie wiſſen nicht alle, ſich in ordentlicher Geſellſchaft zu gefallen, mit den einfachen Vergnuͤgungen auf dem Lande ſich zu begnuͤgen. O, ich bin immer ein Freund eines ruhigeren Lebens geweſen; aber Viector, ich geſtehe, es fällt mir auf, daß er jetzt ſo ſolide iſt,.. denn in Paris— So ſchweig doch. wir brauchen deine Geſchichten nicht... Ich denke nur an den tin Pi⸗ aben wor inirt ren ilt en el 4= 25 25 armen Armand;.. er hatte uns doch verſprochen, ſo bald wieder zu kommen.— Er hat von neuem Geld von mir verlangt, und um ihm ge⸗ fällig zu ſein, habe ich mich entſchloſſen, ihm dies Gut abzukaufen.— Dann ſind wir alſo jetzt Ihre Gaͤſte, mein Herr, ſagt Vietor mit einiger Verlegenheit. Ich hoffe, meine Herren, das wird ein Grund mehr ſein, bei uns zu bleiben; Sie werden doch Armand und St. Elme nicht nachahmen wollen, denen unſere Geſellſchaft nicht gefallen hat? Aber Sie verlangen doch nicht, daß wir gleich⸗ ſam Ihre Penſionaire werden? 5 Je laͤnger, je lieber! Landleute ſtellt man am leichteſten zufrieden, wenn man ihnen treu iſt. Erneſtine, vereinige doch deine Bitten mit den meinigen, und da du jetzt Herrin vom Hauſe biſt, ſo iſt es deine Sache, dafuͤr zu ſorgen, daß unſere Gaͤſte bis zum Herbſt bei uns bleiben. Frau v. Noirmont that, gls habe ſie im Zim⸗ 94 mer etwas aufzuraͤumen, indeſſen beeilt ſie ſich, zu ſagen: Ich hoffe, die Herren werden nicht zweifeln, daß ſie uns ein großes Vergnuͤgen machen, noch laͤnger hier zu bleiben und nicht daran denken, uns zu verlaſſen. überdies glaube ich, bemerkt Herr v. Noirmont mit einem ſarkaſtiſchen Laͤcheln, einer von Ihnen moͤchte wohl ſeine Gruͤnde haben, noch laͤnger in unſerer Gegend zu bleiben Eine heimliche Neigung. Dinge, die ſich nicht ausſprechen laſſen, aber die man erraͤth. Erneſtine erblaßt und ſtutzt ſich auf das Sopha. OPiotor ſucht ſeine Betroffenheit zu verbergen, und ſagt mit anſcheinend gleichguͤltiger Miene: Wie denn! was meinen Sie damit? ich verſtehe nicht.. O, ich wette, Herr Dufour hat mich verſtan⸗ den.— Wohl moͤhlich, erwiedert der Maler la⸗ chend. Und warum ſoll ich es leugnen, Mamſell Pomard koͤnnte mir ſchon gefallen, wenn gleſch ſie 95 3* ſich, und ihr Bruder wenig von der Malerei verſtehen! Aber wenn auch! iſt genuͤgendes Vermoͤgen da, wie Sie mir geſagt haben, meiner Treu, ſo werde eifeln, 6 ich ſehen, dahinter her zu ſein, jedoch immer unz mit Klugheit, denn bei der Wahl einer Frau muß man vorſichtig ſein.. unt Ei, ei! Sie denken an Mamſell Pomard, Herr hun Dufour, ſagt Erneſtine laͤchelnd.— Gnaͤdige Frau! ich denke daran, ja, ſo, ſo, aber ich habe ibe mich noch nicht ernſtlich ausgeſprochen; ich moͤch⸗ te ſie noch naͤher kennen lernen; mit einer Heirath iſt es ein eigenes, kitzliches Ding Ich mochte nicht gern angefuͤhrt werden. Sie . verſtehen mich wohl.. 0 Ja, ja! ſagt Herr v. Noirmont lachend, ich verſtehe ſchon. Aber mein Gott, beruhigen Sie — ſich dariwer, alle Ehemaͤnner ſind es ja nicht! Gluuben Sie?— Wie? ob ich es gaube?.. ℳ Nein, nein! ich meine nur, Mamſell Elara „ nird doch nicht zu kokett ſein ſe 2 96 25 Lieber Mann, es iſt ſchon ſpaͤt, du wirſt muͤ⸗ de ſein, da du in Siſſonne geweſen biſt. Die Her⸗ ren wiſſen ja, auf dem Lande genirt man ſich nicht. Und Frau v. Noirmont ergreift den Arm ihres Mannes, um ihn mit ſich fortzufuͤhren, aber Du⸗ four haͤlt ihn zuruͤck. Herr v. Noirmont, finden Sie nicht, daß Mam⸗ ſell Pomard ſehr viel lacht?— Ja, in der That ſie iſt etwas munter..— Him, eine mun⸗ tere Frau, das iſt gefaͤhrlich.. Na, Dufour, wirſt du endlich kommen, ruft Victor mit Ungeduld. Aber mein Gott! noch eine Minute; ich folge dir gleich... Ja, lachende Frauen ſind wohl zu fuͤrchten Aber den ernſten Frauen iſt eben auch nicht ſehr zu trauen... Man ſollte es nicht glau⸗ ben, wie das manchmal truͤgt.. Ich habe eine Frau gekannt, die wie eine Heilige ausſah, ja und doch. n Lieber Mann, wenn du nicht kommſt, ſo gehe ſt mi⸗ e Her⸗ nicht. nihres Di⸗ Nam⸗ Thot n⸗ 2 97 8 ich voran, ſagt Erneſtine, ihren Mann loslaſſend, ich habe etwas Kopfweh und bedarf der Ruhe.— Ja, in der That, du ſiehſt blaß aus, liebe Frau. Ich fuͤhle mich wirklich unwohl.— Nun denn, gute Nacht, meine Hertren.— Beiderſeits wohl zu ſchlafen. Herr v. Noirmont entfernt ſich mit ſeiner Frau, und Victor folgt Dufour bis zur Thuͤr ſeines Zim⸗ mers, hier aber faͤhrt er ihn mit den Worten an: Hol' der Teufel dich und deine Mamſell Pomard! Ein andermal behalte deine dummen Feflexionen fuͤr dich und bedenke, daß es mindeſtens ſehr lin⸗ kiſch iſt, vor einem Ehemanne von... von Din⸗ gen zu ſchwatzen, wie du es ſo eben gethan haſt. Du haſt Recht, ſagt Dufour, es war dumm von mir; aber, was willſt du, wenn man Luſt hat, ſich zu verheirathen, ſo gehen einem dergleichen Dinge durch den Kopf.. übrigens werde ich noch reiflicher uͤberlegen. Ich habe mich noch nicht erklaͤrt.. Mamſell Pomard iſt 29 Jahr 2ter Theil. 7 296 35 alt, und eine Unſchuld von 29 Jahren iſt ein eigen Ding, was meinſt Du? Victor iſt ſchon auf ſein Zimmer gegangen; als Dufour ſich allein auf dem Corridor ſieht, ent⸗ ſchließt er ſich, es eben ſo zu machen, faͤhrt aber in ſeinen Betrachtungen fort. Ich muß durchaus ein Mittel ausfindig machen, um hinter die Ge⸗ danken der Mamſell Pomard zu kommen ſie nimmt meine Auszeichnungen ſehr gut auf.. ja, es ſcheint mir, als naͤhme ſie ſie zu gut auf; das iſt mir verdaͤchtig. eigen augen; „ent⸗ aber chaus e Ge⸗ „ſe jt ds Capitel V. Ain Streich von Dutour. Die Zuvorkommenheiten Dufour's wurden in der That mit der groͤßten Freundlichkeit und Aner⸗ kennung von Mamſell Pomard aufgenommen. Wenn man nahe an den Dreißigen und noch ledig iſt, ſo ermangelt man nicht vor der Welt zu ſagen: Ich will mich nicht verheirathen; ich wäte unglücktich, wenn ich heirathen muͤßte, aber ſobald ſich ein Ga⸗ lan findet, der das Anſehn eines Freiers hat, ſo wird daſſelbe Maͤdchen, das in ſeinem Leben nicht heirathen wollte, nichts unverſucht laſſen, ihn zu feſſeln. ℳ Dufour iſt gerade kein ſchoͤner Mann, aber ſein Geſicht iſt nicht unangenehm, er iſt noch jung; 7* = 100 ₰ ein Künſtler, ausgezeichneter Landſchaftsmaler; und Mamſell Pomard hoͤrt nicht auf, die Kuͤnſtler her⸗ auszuſtreichen, und beſonders die Maler alle fuͤr ſehr klug und geiſtreich zu halten. Herr Pomard, der Zeit genug gehabt hat, ſei⸗ ne Schweſter unter die Haube zu bringen, dem es aber immer noch nicht hat glücken wollen, über⸗ ſchuͤttet den Maler mit Artigkeiten; er ladet ihn ein, ſeine kleine Beſitzung kennen zu lernen, und Dufour hat ſchon mehrere Male Herrn Pomard be⸗ ſucht, der aber alsdann jedesmal einen Vorwand findet, ihn mit ſeiner Schweſter allein zu laſſen, damit er Gelegenheit finde, ſich zu erklaͤren. Aber die Bemuͤhungen, ſich bei den Leuten be⸗ liebt zu machen, haben oft gerade den entgegenge⸗ ſetzten Erfolg; es giebt Perſonen, deren Hoͤflich⸗ keiten uns laͤſtig ſind, deren Complimente uns lang⸗ weilen, deren Aufmerkſamkeiten uns ungeduldig machen; wir ſind wirklich drollige Geſchoͤpfe! um uns zu gekallen, muß man ſich uns nicht mit aller und ther⸗ e für ſei⸗ mes ber⸗ t ihn und dbe⸗ wid uſen, nbe⸗ enge⸗ ſich lang⸗ udih Um aller Gewalt zum Freunde machen wollen; ſoll uns die Geſellſchaft Jemandes angenehm ſein, ſo darf er uns nicht immer auf den Ferſen ſein. Nur die Liebe und die wahre Freundſchaft werden niemals uͤberlaͤſtig, und doch muß man ſich auch hier vor überſaͤttigung huͤten. Herr und Mamſell Pomard, die den Charakter Dufours nicht ſtudirt haben, denken ihre Sache veſonders zu fordern, wenn ſie ihn recht oft zu ſich einladen und ihm den Wunſch blicken laſſen, wie gern ſie mit ihm noch enger verbunden wuͤrden; aber Dufour, der aller Welt mißtraut, ſelbſt den Perſonen, die ihm gefallen, faͤngt an, es ſonder⸗ bar zu finden, daß Bruder und Schweſter ſich ihm gleichſam an den Hals werſen, und die Gefuͤhle ſür Mamſell Clara kuͤhlen ſich in dem Grade ab, als ihre Augen ihn zaͤrtlicher anblicken. Herr v. Noirmont, der nur erſt kurze Zeit in Bréville wohm, hat Duſour uͤber die Familie Po⸗ mard nur unbedeutende Details geben koͤnnen; er 102 S hat ihm jedoch mitgetheilt, daß Mamſell Clara 1500 Franken Renten hat, und eine ſchoͤne Aus⸗ ſteuer bekommen wird, denn das hat ihr Bruder uͤberall erzaͤhlt, wo er nur zweimal im Hauſe ge⸗ weſen iſt. 1500 Franken Renten, 29 Jahre, eine frohe Laune und eine antique Naſe, alles das gefaͤllt mir ganz gut, ſagt Dufour; aber ich moͤchte nur wiſ⸗ ſen, ob ſie nicht vielleicht ſchon eine Intrique ge⸗ habt hat. Ich mag nicht betrogen ſein; ich ſehe es lieber, wenn ſie mir frank und frei geſteht, woran ich mit ihr bin, als wenn ich glaube, eine Jung⸗ frau zu hetrathen und es iſt nachher anders, und die Leute lachen mich aus.. Wie kann ich aber hinter die Wahrheit kommen? Es iſt eine delicate Sache! Den Bruder kann ich nicht danach frazen Bei aller ſeiner Originalität und ſeiner Zer⸗ ſtreutheit iſt er ſehr reizbar;. er waͤre im Stan⸗ de, boͤſe zu werden. Seine Schweſter danach zu fragen, geht noch weniger!... Die Frauen ge⸗ Clara Als⸗ ruder ſe ge⸗ ſtohe t mir iſ e ge⸗ ſe es oron Jung⸗ und aber icate en gel⸗ tan⸗ R⸗ 4— = 105 S5 ſichen ſo etwas niemals; es iſt nicht ſo, wie bei uns; wir leugnen es niemals, vor der Heirath unſere geheimen Liebſchaften gehabt zu haben.. Wir Mäͤnner ſind darin ſehr offenherzig... Es iſt eine traurige Sache mit dem Garcon⸗ leben, ſagt manchmal Herr Pomard, ſeinen neuen Freund bedeutungsvoll anſehend.— Ja, es wird zuletzt langeilig, antwortet Dufour; aber warum heirathen Sie denn nicht, mein Herr Pomard?— Ich habe ſchon oſt daran gedacht, aber ſo lange meine Schweſter noch keinen Mann gefunden hat⸗ kann ich mich nicht entſchließen, ſie zu verlaſſen und ich wuͤrde es in der That gern ſehen, wenn ſie einen braven und feinen Mann fuͤr ſich gewaͤnne, denn ich bin uͤberzeugt, ſie wurde ihn ſehr gluck⸗ lich machen. Bei dieſen Worten ſteht Herr Pomard dicht vor Dufour und fixirt ſeine Naſe; dieſer läßt ſie * 104 ₰ ſich lange Zeit betrachten und antwortet endlich mit gleichgůltiger Miene: Ja, nun begreife ich es, warum Sie ſich nicht verheirathen. 3 Spricht der Maler mit Mamſell Clara, ſo kommt dieſe noch ſchneller zum Ziele.— Haben Sie in Paris einige Inelinationen zuruͤckgelaſſen? fragt ſie Dufour lachend.— Nein, mein Fräulein, keine.— O, das iſt zum Erſtaunen, man ver⸗ ſichert, daß die Kuͤnſtler ſehr leichtfertig ſind!— Da ſchmeichelt man ihnen, mein Fraͤulein; es giebt ſehr ſolide, und zu denen rechne ich mich.— O, das hatte mich gerade nicht verhindert, einen Kuͤnſt⸗ ler zu lieben im Gegentheil... ich glaube als die Frau eines Mannes von Talent, emes aus⸗ gezeichneten Malers, wäre ich ſehr zufrieden gewe⸗ ſen... Es iſt wohl hubſch, hier und da zu hoͤren: ſieh, das iſt die Frau von dem Herrn N. N., der ſo herrliche Gemälde liefert; ja, ja! das muß ſehr nett ſein. ch mit ich es, g, ſo Gaben aſen? julein, ber⸗ d— giebt O, dinſt⸗ laube aus⸗ gewe⸗ ten: der ſihr 4S 105 S8 Die Menſchen ziehen mich ja foͤrmlich bei den Haaren heran, ſagt Dufour, die Geſchwiſter ver⸗ laſſend. Mißtrauen ſteigert ſich noch, als er vemerkt. daß Herr Pomard ihn alle Augenblicke mit ſeiner Schweſter téte-Ntéte laͤßt. Will er, daß ich einen dummen Streich begehen ſoll, um nachher gezwungen zu ſein, ſeine Schweſter zu hei⸗ rathen? o, wartet nur, ich werde ſie heira⸗ then, wenn's mir gefallt; ich laſſe mich nicht an⸗ fuͤhren. Endlich, eines Morgens, wie er nach Gizy koͤmmt und unvermuthet in den Salon tritt, ſieht er, wie Mamſell Clara ſo eben dabei iſt, ſich das Schnurleib anzulegen; ſchnell macht er die Thur wieder zu und laͤuft, was er kann, davon, denn er iſt uͤberzeugt, man habe ihm dieſen Streich geſpielt, damit er endlich der Verſuchung erliegen ſolle. Nach dieſem Beſuch laͤßt Dufour ſich die ganze Woche nicht bei ihnen ſehen, und die Geſchwiſter wiſſen gar nicht, was ſie denken ſollen. „ = 106 ₰ Um ſich von ſeinen Heitrathsprojecten zu zer⸗ ſtreuen, hat Dufour das Portrait der Frau v. Noir⸗ mont angefangen. Erneſtine hat nur ungern nach⸗ gegeben, ſich malen zu laſſen, denn ſie erraͤth, daß ſie einen großen Theil des Tages mit den Sitzungen wird zubringen müſſen, und gerade nur zu dieſer Zeit koͤnnte ſie ſich mit Victor allein treffen. Herr v. Noirmont geht nicht mehr auf die Jagd und bleibt auch des Abends zu Hauſe; obgleich er nicht gerade eiferſuͤchtig iſt, ſo ſcheint es doch, als be⸗ obachte er das Betragen ſeiner Frau jetzt ſorgfaͤlti⸗ ger; vielleicht hat er eine Veraͤnderung in ihrer Laune bemerkt und er mochte die Urſache davon ergrunden. Kurz, die Augenblicke, ſich zu ſehen, iind jetzt ſeltener und man weiß es ja, Hinderniſſe verdoppeln die Wuͤnſche. Das iſt's denn auch, was Erneſtine und Victor empfinden, und was ihre Au⸗ gen ſich geſtehen, da ſie anders ſich nicht ſprechen können. Aber Herr v. Noirmont ſieht es gern, daß zu zer⸗ v. Noir⸗ n nch⸗ ſth, da itungen dieſer 1. Herr id und er nicht als be⸗ fili⸗ nihrt daton ſchen, erniſe „wo te A⸗ nichen daß 107 25 ſeine Frau gemalt wird, und da muß man ſchon nachgeben und die ſchoͤne Zeit an der Stafelei hin⸗ bringen, die man beſſer haͤtte benutzen koͤnnen. Auch beklagt ſich der Maler uͤber die ernſten Zuͤge ſeines Modells, und um Erneſtine ganz ungluͤcklich zu machen, wiederholt Herr v. Noirmont dem Kuͤnſt⸗ ler ſehr oft: Nehmen Sie ſich nur bei ihrer Arbeit gehoͤrig Zeit, es eilt nicht; meine Frau wird Ihnen ſo oft ſitzen, als Sie es wuͤnſchen. Da Herr Pomard und ſeine Schweſter gar kei⸗ nen Beſuch mehr von Dufour bekommen, ſo ent⸗ ſchließen ſie ſich endlich, nach Bréville zu gehen. Bei ihrer Ankunft iſt Herr v. Noirmont mit Vi⸗ etor auf dem Billard und Dufour allein bei den Damen; er iſt in Verlegenheit, wie er Mamſell Clara erblickt. Erneſtine iſt nachdenkend und die Zuͤge Magdalenens drůcken ſeit einigen Tagen die tiefſte Schwermuth aus. Herr Pomard grußt mit ſeiner gewohnlichen Gemeſſenheit und geht nach dem Billard hinauf, S 108 ₰5 indem er Dufour's zuvorkommenden Gruß nur trok⸗ ken erwiedert. Aber Mamſell Clara hat nicht die Feſtigkeit ihres Bruders; vergebens will ſie die Be⸗ leidigte ſpielen; ein Wort, eine Bewegung bringt ſie zum Lachen. Sie hat ſich mit Dufour wieder ausgeſoͤhnt und bald haben ſie die ſchoͤnſte Zeit zum Plaudern, denn Erneſtine verlaͤßt mit Magdalenen den Salon: Ich erſticke hier, ſagt ſie zur letzteren, laßt uns in den Garten gehen. Beide Freundinnen gehen lange neben einander, ohne zu ſprechen. Hat man viel zu denken, iſt Schweigen oft eine Wohlthat; nur Thoren und Schwaͤtzer kennen eine ſolche Wohlthat nicht. Aber Magdalene ſeufzt, und Erneſtine ſieht ſie fragend an: WVoruͤber ſeufzeſt du denn, Magda⸗ lene?— Ich? o, mein Gott, uͤber nichts, man kann wohl manchmal ſeufzen, ohne zu wiſſen, war⸗ um.— Und doch, ſeit einigen Tagen, ja, ſeitdem du den Tag unter deiner alten Eiche zugebracht haſt, ſcheinſt du mir nicht mehr dieſelbe., du biſt ok⸗ die Be⸗ not der um nen en, er, . 109 S8 traurig, du lachſt nicht mehr... ich finde dich ganz veraͤndert;.. Magdalene, wenn du Kummer haſt, wäre es ſehr Unrecht, ihn mir nicht zu ver⸗ trauen.— Nein, beſte Frau, ich verſichere Sie, ich habe nichts.— Und warum nennſt du mich jetzt Frau, bin ich nicht mehr deine Freundin? O, gewiß, Sie ſind meine gute, meine beſte Freundin!.— Nun, ſo ſei doch nicht mehr ſo traurig!.. Wer kann dir denn etwas zu Leide thun? Ach! Magdalene, ich hoffte, du ſollteſt gluck⸗ lich werden, gluͤcklicher, als. Frau v. Noirmont endigt ihre Rede 8 ſie neigt den Kopf und ſcheint ganz in Gedanken ver⸗ tieft; nach einigen Augenblicken bemuͤht ſie ſich, ſich ihrer Traumerei zu entziehen und ſagt: Ich weiß nicht, ich habe Langeweile heute das lange Sitzen vor dem Herrn Dufour. ach, das greift mich gewaltig an.— Es iſt ſehr langweilig, ſich von Ihnen malen zu laſſen, mein lieber Herr Duſour!.. Es ſcheint, die Herren bleiben heut 110— den ganzen Abend auf dem Billard, wie das amu⸗ ſant iſt! Mein Mann mißbraucht wirklich die Ge⸗ fälligkeit des Herrn Vietor!... Ach, was habe ich heute fur eine Unruhe. Komm, laß' uns wieder hineingehen.. ſelbſt im Garten gefaͤllt es mir nicht.. Ich bin mir uͤberall zur Laſt. Das verwuͤnſchte Gemaͤlde macht mich noch krank. Als ſie wieder im Salon ſind, kommt endlich Victor vom Billard und nimmt neben ihnen Platz. aber bald iſt Mamſell Pomard auch bei ihnen und auch ihr Bruder und Herr v. Noirmont kommen herunter. Die Unterhaltung wird allgemein. Mag⸗ dalene allein hat die Frecheit zu ſchweigen; ſie iſt in dieſem Augenblick gluͤcklicher, als Erneſtine, welche am Geſpraͤch Theil nehmen und ſich den An⸗ ſchein geben muß, als mache es ihr Vergnügen. Den Abend begleitet Dufour, deſſen Herz von neuem fuͤr Mamſell Clara ſchlaͤgt, die Geſchwiſter nach ihrer Wohnung, und auf dem Wege iſt er ſo⸗ gar ſo unternehmend, ſeiner Schoͤnen die Hand zu ² mi⸗ habe uns tes Das ich ſatz kuͤſſen, wähpend Herr Pomard nach den Sternen ſchaut. Das neubegonnene Gemaͤlde hat es ſehr natuͤrlich erklaͤrt, warum er ſie die ganze Woche nicht beſucht hat und nach dem Verſprechen, recht bald wieder zu kommen, verlaͤßt er beide. Beim Hineingehen ruft Mamſell Clara huͤpfend: er hat mir die Hand gekuͤßt; und gewiß lieber Bruder, waͤreſt du nicht zugegen geweſen, er haͤtte noch mehr gethan.— Nun denn, ſagt Herr Po⸗ mard, ſo will ich morgen nach Laon zu meinem Schneider und mir einen Jock zu deiner Hochzeit beſtellen. Am andern Morgen, nachdem Dufour zur Freude Erneſtinens ihre Sitzung diesmal ſehr abge⸗ eärzt hat, macht er ſich ſofort wieder auf den Weg nach Gizy und geht unterweges nochmals mit ſich zu Rathe: Ja, ich werde Mamſell Clara heirathen Nein! in der That, ich glaube, ich thue doch beſſer, mit meinen Galanterien nicht weiter zu gehen. Nun, ich werde ja ſehen, was ſie mir — 2. 112 ₰8 heute antworten wird Aber, wer giebt mir die Gewibheit, daß ſie nicht lůͤgt? Ich glau⸗ be, ich thue Unrecht, mich zu verheirathen.. ja, und doch pabt ſie gerade fuͤr mich. In dieſer Ungewißheit gelangt er bis zur Woh⸗ nung Pomard's; er geht hinein, ohne noch recht zu wiſſen, wie er ſich benehmen wird. Herr und Mamſell Pomard ſind ausgegangen, ſagt Gertrud, ſie machen der Madame Bonnifouy einen Beſuch, welche dieſe Nacht unwohl geweſen iſt, aber ſie werden ſehr bald wieder zuruͤck ſein.— So werde ich ſie erwarten, erwiedert Dufour, ich werde ſo lange im Garten ſpazieren gehen Geht nur an Euer Geſchaͤft, Gertrud, und bekuͤmmert Euch nicht um mich. Das Madchen geht zuruͤck nach einem kleinen Bach, um ihre Wäſche zu ſpuͤlen; Dufour durch⸗ läuft einige Zeit den Garten und geht dann ins Haus, um auszuruhen. Auf ebener Erde befindet ſich in der Mitte das Eßzimmer, welches von der v . lau⸗ j, boh⸗ echt ſn ſch⸗ in det der 113 8 einen Seite nach dem Wohnzimmer und von der anderen nach dem Zimmer der Mamſell Clara fuhrt. Das letztere ſteht offen. Dufour ſteckt den Kopf hinein und erlaubt ſich endlich, dies Heiligthum zu betreten. Er betrachtet die Stuͤhle, die Waſchtoi⸗ lette, das Bett im Hintergrunde eines Alkovens. Ach, ſagt er, wenn das hier alles ſprechen koͤnnte ich wuͤrde vielleicht manche Dinge erfahren. Es iſt drollig, was ſo ein Zimmer eines Maͤdchens ₰ fur leichtfertige Gedanken herbeifuͤhrt!.. und ei⸗ nes Maͤdchens von 29 Jahren, von 30 vielleicht, und von ſo poſſierlichem Weſen... Soll ich ſie hetrathen?.. Was das dumm iſt, ſo unſchluſſig zu ſein! O gewiß! ich waͤre es nicht mehr, wenn ich genau wuͤßte, woran ich bin, und was Clara von mir denkt.. Sie kommen nicht zu⸗ ruͤckh; die Magd iſt auch weggegangen, wie es ſcheint;. ch habe Luſt, auch wieder abzugehen. 6 Plötzlich faͤhrt ihm ein Gedanke durch den Kopf. Er denkt, wenn er ſich im Zimmer der Mamſel atet Theil. 8 * 1„ x 4 114 88 Pomard verbirgt, ſo kann es ihm nicht fehlen, die Meinung der Geſchwiſter Pomard uͤber ihn zu erfah⸗ ren. Dieſer Plan ſcheint ihm herrlich, entzuͤckt ihn. Er denkt, Mamſell Clara wird nicht immer in ih⸗ rem Zimmer bleiben und er leicht Gelegenheit fin⸗ den, wieder zu entſchluͤpfen; macht man die Thuͤr zu, ſo ſpringt er aus dem Fenſter, das nach dem Garten fuͤhrt. Man wird keinen Verdacht haben, denn Gertrud wird glauben, er ſei wieder fortge⸗ gangen, und kein Menſch wird ſich einbilden, daß er ſich im Hauſe verſteckt habe. Waͤhrend er ſo mit ſeinem Vorhaben beſchäͤftigt iſt, hoͤrt er plotzlich ſprechen, Schritte auf dem Hof und erkennt die Stimmen der Geſchwiſter Po⸗ mard. Sogleich, und ohne weiter nachzudenken, kriecht er unter das Bett der Mamſell Clarg und druͤckt ſich ſo nahe als moͤglich an die Wand. Herr Pomard laͤuft in den Garten und ſucht Herrn Dufour; Clara geht in's Eßzimmer, ſieht in den Solon und ruft überall nach dem Maler, ſtigt dem w ken, und ſcht icht ler, 4= 115 8 aber dieſer huͤtet ſich wohl zu antworten: endlich laͤtt man das Maͤdchen kommen. Gertrud, du ſagſt, Herr Dufour ſei hier? Wetter, ja, Mamſell, er war hier, aber wahr⸗ ſcheinlich hat ihn das Warten gelangweilt und er wird wieder davon gegangen ſein.— Du hatteſt mich von Madame Bonnifoux abrufen ſollen. Ja, der Herr wollte nicht, daß man Sie ſtoͤ⸗ re, und ſagte, geht nur wieder an Eure Arbeit, ich habe Zeit. War er ſchwarz gekleidet? fragt Herr Pomard. Fuͤrwahr, mein Herr, das weiß ich nicht ſo genau er hatte, glaube ich, einen blauen über⸗ rock an, wie gewoͤhnlich, aber er wird gewiß wie⸗ derkommen. Das Dienſtmaͤdchen entfernt ſich. Mamſell Clara tritt ins Zimmer. Dufour empfindet einen Fieberſchauer, beſonders, als er des Bruders Tritte hoͤrt, welcher ſeiner Schweſter gefolgt iſt und ſich auf einen, nahe vor dem Bett ſtehenden Stuhl ge⸗ 8 „. = 116 S worfen hat. Da faͤngt der Kuͤnſtler an, ſein Un⸗ ternehmen zu bereuen; er fuͤrchtet tauſend Wider⸗ waͤrtigkeiten, welche die Folge davon ſein können; aber jetzt iſt keine Moͤglichkeit mehr umzukehren; er druͤckt ſich, ſo viel als es gehen will, gegen die Hinterwand und athmet ſo leiſe, als ein Vogel. Es iſt recht unangenehm, daß Herr Dufour uns nicht getroffen hat, ſagt Mamſell Clara, nimmt eine Arbeit und ſetzt ſich ans Fenſter. Aber war⸗ um fragteſt du denn, ob er ſchwarz gekleidet ſei, lieber Bruder?— Weil es mir ſcheint, daß, wenn man einen Heirathsantrag machen will, man ſeine Toilette danach einrichten muß, und nachdem, was, wie du mir ſagſt, geſtern zwiſchen dir und ihm vorgegangen, darf ich vorausſetzen, daß er ſich er⸗ klaren wird..— Ach! lieber Bruder, wenn man einem jungen Madchen die Hand kuͤßt, iſt das noch kein Beweis.. Wenn ich mich jedesmal verhei⸗ rathet hätte, daß man mir die Hand, die Wange gekußt, in den Arm und ins Knie gekniffen hat.. ider⸗ nen; en; die four mit wal⸗ ſei, Mnn ſun wab, ihm e⸗ man nch hei⸗ nhe = 117 und ach, mein Gott, wie viel Männer muͤßte ich da ſchon haben!. Das faͤngt nicht ſchlecht an, denkt Dufour, ich glaube, ich bin ganz vernuͤnftig geweſen, mich unter dem Bett zu verſtecken. Liebe Schweſter, eben weil du nur zu oft ſchwach und unbeſonnen geweſen biſt, wuͤnſchte ich, daß das nun endlich ein Ende naͤhme. Damals, als ich noch bei der Grenz⸗Gensd'armerie ſtand und genoͤthigt war, den ganzen Tag auf der Landſtraße zu liegen, da konnte ich deine Unſchuld nicht ſo bewahren; jetzt iſt das etwas anderes! Meine Unſchuld!. Bruder, wie dumm du biſt! iſt es meine Schuld, wenn ich ſie ver⸗ loren habe meine arme Unſchuld! das danke ich dem Ungeheuer, dem Bénard, jenem Drago⸗ nerlieutenant! wie unwuͤrdig hat mich der an⸗ gefuͤhrt!.. Es iſt ſchade, er war ein hubſcher Mann, ſehr liebenswurdig ach, wie eonnte er intereſſant ſein, der ſchlanke Dragoner! x. = 113 8 Gott, was fuͤr ein kluger Streich, mich hier verſteckt zu haben! ſagt Dufour, die Luſt zum Nie⸗ ſen erſtickend. Wenn ich damals gegenwaͤrtig geweſen waͤre, Clara, ſo haͤtte die Sache nicht ſolch' ein Ende ge⸗ nommen, aber du geſtandeſt mir deinen Fehltritt erſt, als das Regiment ſchon wieder abmarſchirt war. O, ich mag den Maͤnnern keine Gelegenheit zu Haͤndeln geben! ich bin nicht, wie Madame Mon⸗ treſor... übrigens will ich auch nicht, daß man mich gezwungen heirathet, und wenn mein Kind leben geblieben waͤre, hatte ich gewiß nicht wieder ans Heirathen gedacht. Gott, alſo ſchon ein Kind.. o, Vorſehung, wie danke ich dir! fluſtert Dufour. Aber was hilft's, faͤngt Mamſell Clarg wieder an, da mein Kleiner todt iſt und ich Bénard wohl niemals wiederſehen werde, ſo iſt alles wie ein Traum... Zehn Jahr ſind ſeitdem verfloſſen, es hier ſie⸗ ite, ge⸗ itt hitt zu on⸗ mn find der = 119 S5 lohnt nicht mehr der Muͤhe, daran zu denken. es kommt mir gerade ſo vor, als waͤre gar nichts paſſirt. Darum, Schweſter, verlange ich jetzt die großte Strenge in Worten und Sitten von dir! Nun ja, aber man kann doch wohl lachen.. ich bin gern munter, und ich mag den Dufour gern, weil er ſo drollig und amuͤſant iſt und mit Geiſt Spaß treibt! Im Grunde iſt es ein gutmuͤthiges Ding, ſagt der Maler, den Athem anhaltend; ſchade nur, daß ſie ſchon was Kleines gehabt! Ich glaube, wir wuͤrden ganz gut zuſammen paſſen„ Herr Dufour iſt noch jung... ich auch... Ich bin nicht ſo übel„ habe eine antique Naſe, wie er ſagt, und er iſt recht huͤbſch gewachſen friſch und rund ja ein ſchoͤner Mann, der Taille nach! Sie iſt wirklich liebenswuͤrdig, ſagt Dufour; und wenn man's nimmt ihr Kleiner iſt todt, 120 ₰8 10 Jahre ſind ſeitdem vergangen, ſie hat wirk⸗ lich Recht... ſo was vergißt ſich. Ja, es iſt keine ſchlechte Partie, bemerkt Po⸗ mard, er hat, wie er ſagt, 2200 Libres Jenten! Wenn das nicht waͤre, moͤchte ich ihn freilich nicht zum Schwager, denn unter uns geſagt, von ſeinem Talent halte ich nicht viel; ich finde, daß das Bild vom Herrn v. Noirmont ganz verfehlt iſt. Verfehlt! das Bild vom Herrn v. Noirmont, ach, das iſt ſtark! brummt Dufour, die Haͤnde krampfhaft zuſammenballend. Böͤre, lieber Bruder, Portraitmaleret iſt nicht ſein Genre, das hat er uns ja ſelbſt geſagt.— Dann miſcht man ſich nicht in Dinge, die man nicht verſteht, und hat nicht die Anmaßung, ſo etwas fuͤr ein Meiſterſtuͤck auszugeben! Findeſt du denn Herrn v. Noirmont aͤhnlich?— O, nein! es faͤllt mir nicht ein; er hat ja einen Mann don 60 Jahren daraus gemacht; wenn man mich ſo hinſudelte, gewiß ich naͤhme mein Bild gar nicht. irk⸗ w en! icht em bild nt, de icht 121 2 Hinſudeln! ſie ſpricht von Sudeln, wuͤ⸗ thet Dufour. Ach! wenn ich dich in meinem Leben heirathe, ſo will ich ein Sudler ſein! Mamſell Clara. das Wort kommt Ihnen theuer zu ſte⸗ hen!.. Alſo, Sie geben ſich mit Dragonern ab, wollen ſich einen Mann fiſchen und üͤber Ma⸗ lerei urtheilen! dumme, impertinente Gans!. Was bin ich froh, mich hier verſteckt zu haben. Dufour iſt genothigt, das Schnupftuch vor den Mund zu nehmen, um ſein Athmen zu unterdrük⸗ ken, das Wort Sudeln hat ihn dem Erſticken nahe gebracht, und kaum kann er ſich noch in ſeiner Lage erhalten; er hat foͤrmlich Zuckungen, und faͤhrt mit den Knien gegen die Gurtriemen des Bettes; gluͤck⸗ licherweiſe verhindert Jemandes Ankunft, daß man ihn hoͤrt. Es iſt Madame Bonnifour, die in Clara's gimmer tritt: Guten Tag, liebe Rachbarn, ſagt ſie, ich komme, Ihnen meinen Gegenbeſuch zu ma⸗ chen. Es geht beſſer, mein Unwohlſein iſt 122 88 voruber dreimal habe ich die Kleine genom⸗ men und etwas heiß... das iſt mir gut be⸗ kommen... Ich komme, Sie zu fragen, liebe Clara, wie Sie die Penade machen, vor acht Ta⸗ gen habe ich ſie bei Ihnen gegeſſen, und ſie war delicat; meine Koͤchin verſteht ſich nicht beſonders auf Penaden⸗Suppen... In der That iſt es auch ſchwieriger, ſie zu kochen, als man denkt... Herr Pomard, dem nichts daran gelegen iſt, Unterricht im Penadenkochen zu nehmen, ſagt, er wolle verſuchen, Herrn Dufour in der Umgegend aufzufinden, und geht hinaus. Thue das, lieber Bruder, du bringſt ihn uns wieder, nicht wahr? Madame Bonnifour hat ſich in einen Lehnſtuhl gepflanzt und behandelt mit Mamſell Clara den Ar⸗ tikel, Penade. Dufour, der anfaͤngt, unter dem Bette Langeweile zu haben, und der übrigens alles weiß, was er wiſſen will, fuͤhlt eine Unruhe in den Beinen, Schmerzen in den Seiten, und wuͤnſcht nom⸗ t be⸗ liebe La⸗ war ders ſt es iſt, „er god 123 8 Madame Bonnifour zu allen Teufeln; aber eine Unterhaltung uͤber alle moͤgliche Suppen muß noth⸗ wendig lange dauern. Madame Bonnifour ſpricht ſchon langer, als eine halbe Stunde; ſie hat ſchon alle Bruͤh⸗, Reis⸗, Brod⸗ und Gries⸗Suppen durchgenommen. Dufour ſagt jeden Augenblick: Wie, noch nicht die letzte! ſie erfindet wohl immer neue, die verwuͤnſchte Alte!.. Endlich faͤngt Madame Bonnifour ein neues Thema an: Apropos, liebe Nachbarin, ſagt ſie, Ihr Bruder ſprach ja wohl ſo eben von Herrn Du⸗ four?— Sie haben ſich nicht geirrt, Madame, wir erwarten ihn. Er hatte uns beſuchen wollen, wohrend wir bei Ihnen waren, er wird wohl wie⸗ derkommen. 8 Nun, liebes Kind, wie weit ſind Sie denn mit ihm?. denn nach einigen, Ihnen ent⸗ ſchläpften Worten, muß ich glauben, daß er ernſte Abſichten hat.— Ja, liebe Madame Bonnifour, es iſt kein Geheimniß mehr, Herr Dufour liebt 2 124 8 mich und das ſo heftig. nach einigen Worten, die er mir geſtern Abend zugefiͤſtert hat, muß ich glauben, daß er heute bei meinem Bruder ſeinen Antrag machen wird. Ach! liebe Nachbarin, was freue ich mich, das zu hoͤren;. erlauben Sie, daß ich Sie darauf umarme, empfangen Sie meinen beſten Gluͤckwunſch Na, alſo Sie werden nun hetrathen!. Sie werden doch einen tuͤchtigen Hochzeitſchmaus geben, nicht wahr, mein Kind? Gemiß, Madame, und verſteht ſich, daß Sie dabei ſein muͤſſen.— All⸗ zu gůtig, beſte Freundin... da ich nicht tanze, werde ich mein Lotterieſpiel mitbringen dazu giebt es immer Liebhaber. S, ich werde mal Staat machen, ich ziehe mein Smaragdgrunes Kleid an. Wenn du es nur bei der Hochzeit traͤgſt, ſo wirſt du es nicht abnutzen, alte Schwaͤtzerin, ſagt Dufour, indem er ſich umzudrehen verſucht. Haben Sie denn ſchon den Kuchenzettel fuͤr Dorten, uß ich ſeinen h, das darauf wunſch Sie eben, und Al⸗ tanzt⸗ dazu mal ines ſo ſot = 125 ₰5 den Tag gemacht?— Nein, noch nicht.— Liebes Kind, da muͤſſen Sie vor alcn Dingen daran den⸗ ken, das iſt keine Kleinigkeit, ſo ein Hochzeitmahl Wenn Sie es erlauben, ſo gebe ich Ihnen mei⸗ nen Rath und meine Koͤchin.— Sehr gern.— Wir wollen doch gleich mal ein wenig überlegen.. Mein Gott! ich muß hier bis zum Abend aus⸗ halten, murrt Dufour. Nun wollen ſie gar noch den Kuͤchenzettel zu meiner Hochzeit machen. Ich mochte ihnen zurufen, daß es vergebliche Muͤhe iſt. aber nein! Teufel.. ich darf mich nicht zeigen... Wollt' ich ſie hetrathen, ſo wuͤrde man mir mein Verſteckenſpielen leicht verzeihen, aber ſo moͤchte es wohl anders ſein: alſo ausgehalten. Madame Bonnifoux iſt noch beim erſten Gang, als ſie ſich unterbricht: es iſt ſonderbar, ſagt ſie ich befinde mich nicht mehr ſo wohl. Was iſt Ihnen denn, Madame Bonnifvur? Sie werden wirklich blaß.— Liebe Freundin.. ich glaubte, es waͤre alles vorͤber.. Gott! wie 126 ₰8 unwohl iſt mir! Ich kann unmoͤglich noch bis nach Hauſe kommen..— Beruhigen Sie ſich, liebe Nachbarin, in meinem Zimmer finden Sie alles, was Sie nur wuͤnſchen konnen ein Kabinet à Tanßlaise neben dem Alkoven Sch laſſe Sie allein Thun Sie, als waͤren Sie bei ſich zu Hauſe,. ich werde Ihnen indeſſen etwas Thee be⸗ reiten. Mademoiſelle Clara geht hinaus und Madame Bonniſoux läuft im Simmer umher, haͤlt ſich den Leib, ſtöhnt einmal uͤber das andere und ſucht das kleine Kabinet. Dufour iſt auf der Folter; er ſtößt ſich den Kopf gegen die Bettſtelle und ſchimpft: was muß ich da fur grauſame Prufungen beſtehen Ich werde mehr hoͤren, als ich gewollt habe? Lch, mein Gott! Madame Bonnifoux wird mir was Schoͤnes beſcheeren! Die Alte hat endlich das Kabinet gefunden, aber ſie kann den Druͤcker der Thuͤr nicht umdre⸗ hen. Sie iſt in Verzweiflung, und ſtöhnt: Per⸗ nch liebe lles, binet ESie h iu e be⸗ dime den das ſüßt nſt: hen abe! mir den⸗ dre⸗ er⸗ 4= 127 8 wuͤnſchter Druͤcker!... das geht nicht auf ich kann nicht hinein, und ich habe keinen Augenblick zu verlieren!. Gegen große übel helfen nur große Mittel. Ma⸗ dame Bonnifoux entſchließt ſich zu einem anderen Verfahren. Sie ſucht den Nachttiſch; aber das kleine Meubel iſt von den Vorhaͤngen bedeckt, und in ihrer Angſt kann ſie ihn nicht finden; ſie hofft unterm Bette zu finden, was ſie braucht, legt ſich auf die Knie, buͤckt den Kopf.. und erhebt ein gewaltiges Geſchrei. Bei dieſem Laͤrmen treten Mamſell Clara, die Theekanne in der Hand und Herr Pomard mit ſei⸗ ner Doppelflinte ins Zimmer. Sie ſehen die alte Nachbarin vom Schreck uͤberwaͤltigt auf dem Fuß⸗ boden liegen, und Dufour, der ſich entdeckt ſieht und ſich retten will, ſtoßt mit ſeinem Kopf Waſch⸗ geraͤth und andere Dinge um, ſteckt dabei aber noch zur Hälfte in ſeinem Schlupfwinkel. 123 ₰ Was giebt es? ruft Pomard, ein Mann unter dem Bette meiner Schweſter! Und ſchon legt er auf Dufvur an: als ſeine Schweſter ſchreit: Bruder, halt' ein!. es iſt Herr Dufour!„ Ja, ich bin's, ſagt der Maler, dem es endlich gelungen iſt, ganz hervorzukommen. Ich bitte tau⸗ ſend Mal um Verzeihung, wegen des Schadens, den ich angerichtet habe.. Ich werde alles be⸗ zahlen, wenn Sie es verlangen Aber ich muß friſche Luft ſchoͤpfen. ich haͤbe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.. Dufour will ſich zu druͤcken ſuchen, aber Zert Pomard verſperrt ihm den Weg. Herr Dufour, was ſoll das bedeuten? was haben Sie unter dem Bett meiner Schweſter zu ſuchen?.. Was war Ihre Abſicht? O, lieber Bruder, es war gewiß ein Scherz, ſagt Mamſell Clara Hert Dufour hat wahr⸗ ſcheinlich lachen wollen. unter ſeine Herr lich tau⸗ den, s he⸗ muß mich Hert vis tu 129 S5 Ja, Mademoiſelle, ich wollte nur lachen, nichts anderes Ich habe die Ehre. Aber, Herr Dufour, nach ſolch' einem Scherz iſt es doch nothig, ſich auszuſprechen, ich hoffe, es iſt nicht Ihre Abſicht geweſen, meine Schweſter zu compromittiren, und wenn man ſich unter dem Bett einer jungen Dame verſteckt, ſo hat man ſeine di⸗ recten Abſichten.— Nein, nein! ich ſchwöre es, ich hatte keine directen Abſichten. keine Abſichten auf Mademoiſelle.. Erlauben Sie alſo, mich zu entfernen. Wetter, das iſt zu ſtark! ſchreit Herr Pomard und ſtoßt mit dem Flintenkolben auf den Fußbo⸗ den: Sie haben keine Abſichten auf meine Schwe⸗ ſter? Sie haben keine„ Sie wollen ſich nicht er⸗ klaͤren? fäͤllt Mamſell Clara ein, ohne zu lachen. Warum haben Sie ſich denn unter mein Bett ver⸗ ſteckt; denn ſolche Späße erlaubt man ſich nur mit einer Dame, die man wie ſeine Braut betrachtet. 2ter Theil. 9 130— Ja, mein Herr, was hatten Sie unter dem Bett meiner Schweſter zu ſchaffen, wenn Sie ſie nicht heirathen wollen?.. Sie muͤſſen ſich dar⸗ uͤber erklaͤren, oder ich verlange Satisfaction! Herr Pomard nimmt ſein Gewehr in den Arm, als wenn er exerciren wollte, und ſieht Herrn Du⸗ four mit drohender Miene an. Sie wollen alſo Gründe haben, mein Herr, und Sie, mein Frauletn! erwiedert Dufour, indem er auch ſeiner Seits ſich in die Bruſt wirft, und Bruder und Schweſter nach dem Fenſter zieht. ich will Ihnen meine Gründe ins Ohr ſagen, aus Delicateſſe haͤtte ich geſchwiegen; aber da Sie mich zwingen ch mag Ihre Fraͤulein Schwe⸗ ſter nicht heirathen, weil ich nicht der Nachfolger des Herrn Benard, wohlbeſtallten Dragoner⸗Lieu⸗ tenants ſein will... von dem Sie, nun Sie wiſ⸗ ſen ſchon. Ich geſtehe, ich habe das durch ein etwas dreiſtes Mittel erfahren aber ich wollte voch die Kate nicht im Sacke kaufen, und ich bin — ter dem Sie ſi ſich dar⸗ n! nAm, n Du⸗ Hetn, indem „und eht.. Sie chwe⸗ ſohe Lien⸗ niſ⸗ ein wolle bin entzuͤckt uͤber meinen klugen Einfall. Ich ſchwoͤre Ihnen jetzt auf meine Ehre, daß nicht ein Wort davon uͤber meine Lippen kommen ſoll... und was die Nachbarin betrifft, ſo iſt die ſo vom Schreck ergriffen, daß Sie ihr glauben laſſen koͤnnen, was Sie wollen; ich bin Ihr ergebener Diener. Diesmal denkt Pomard nicht mehr daran, Herrn Dufour aufzuhalten; er iſt zerknirſcht, und nach⸗ dem er Gewehr bei Fuß genommen, bleibt er un⸗ beweglich ſtehen, die Augen auf den Fußboden ge⸗ richtet; Mamſell Clara beißt ſich in die Lippen und iſt blutroth, Madame Bonnifoup aber hat ſich nicht von der Stelle geruͤckt, und ohne Zweifel ihre Gruͤnde dazu gehabt. Capitel V. DBer verlorne Briet. Wenn man ſich tiebt und es ſich nicht ſo oft ſagen kann, als man wohl moͤchte, ſo ſchreibt man ſich. Ein Brief des geliebten Gegenſtandes gewährt ja ſo viel Vergnuͤgen Hffnet man ihn, ſo ſieht man vor allen Dingen, ob er recht lang iſt; man iſt weit zufriedener, wenn glle Seiten recht eng beſchrieben ſind; die Freude des Leſens dauert dann laͤnger; man will ſich Zeit nehmen mit dem Leſen, um mit dem Vergnuͤgen zu geizen; aber es geht nicht, man verſchlingt die geliebten Schrift⸗ zäge und palt nicht einen Augenblick an, erſt wenn man zu Ende iſt, lieſt man bedaͤchtiger ihn noch einmal und wiederholt ſich die Stellen, die uns am mehrſten zuſagen, unſirem Herzen beſonders ent⸗ ſprechen. = 135 22 Und doch bleibt es immer eine Unbeſonnenheit, zu ſchreiben, beſonders, wenn man in Erneſtinens Lage iſt. Die Rede verklingt! Geſchriebenes bleibt. Ich weiß wohl, man verſpricht jedesmal, die lie⸗ ben Brieſchen zu verbrennen; aber glaubt daran nur nicht, meine Damen, die Ihr ſo gut, ſo zaͤrt⸗ lich ſchreibt, die Ihr, wenn Ihr Euch liebend hin⸗ gebet, zugleich einen ſo ieit, ein ſo zartes Gefuͤhl blicken laſſet!... Eure Briefe verbren⸗ nen... o, wo naͤhme man den Much dazu her: ch, es kommen ſo manche Tage der Lange⸗ weile, des Kummers, wo man fern von Euch i ja, wo Ihr uns nicht mehr liebt, wo keine Freund⸗ ſchaft uns troͤſtet, o! wenn man dann Eure Briefe nachlieſt, ſchafft man ſich neue Wonne. Wire es denn alſo ein Verbrechen, ſie aufzubewahrep wenn ſie uns, ſogar von Euch verlaſſen, noch gluͤck⸗ lich machen? Die Sitzungen bei Dufour, die beinahe fort⸗ währende Gegenwart Herrn v. Roitmonts, erlaub⸗ 1534 S ten Vietor und Erneſtine nur ſehr ſelten, ſich zu ſprechen, da fing man an, ſich zu ſchreiben, denn ſelbſt in Geſellſchaft findet man ſo leicht Mittel, ein Papier, ein Brieſchen in die Hand desjenigen gleiten zu laſſen, der immer bereit iſt, es zu em⸗ pfangen. Vietor ging dann an die entfernteſten und einſamſten Orte des Gartens, um dieſe lieben, ihm fuͤr ſo manchen Zwang Troſt bringenden Zeilen zu leſen. Man befahl ihm, ſie zu verbrennen, aber Victor hatte eben ſo wenig den Muth dazu; er bewahrte ſie, trug ſie beſtaͤndig auf ſeinem Her⸗ zen und ſagte: Wer moͤchte mir ſie da wohl neh⸗ men, wenn ſie es nicht ſelbſt iſt, und gewiß, wenn ſie ſie da fände, wuͤrde ſie mir verzeihen. Aber Magdalene, die unaufhoͤrlich litt, und ſo gern ihren Kummer verbergen wollte, ſuchte auch oͤfters die einſamſten Orte des Gartens auf; ſie folgte Vietor nicht, wenigſtens glaubte ſie das, und doch befand ſie ſich oft an den Orten, wo er eben geweſen war; ſie verweilte unter den Gebü⸗ t⸗ h nn = 135 88 ſchen, wo er geſtanden hatte, ſie ruhte auf der Bank aus, wo er geſeſſen hatte, aber nahm ſich wohl in Acht, daß er es bemerkte. Sie betrach⸗ tete ihn von weitem, hinter dem Laube verſteckt, ſie ſah ihn, ohne daß er es nur ahndete; das war ja ihr einziges Vergnuͤgen, und ſie hatte nicht den Muth, es ſich zu verſagen. Mehrere Male bemerkte ſie, wie Vietor Briefe las, die er vorher oͤfters gekußt hatte, und das nahm dann alle ihre Gedanken in Anſpruch; manchmal laͤchelte er, oͤfter aber noch ſeufte er und ſtarrte nachdenkend oder traͤumend auf das Papier; bald errieth Magdalene, von wem dieſe Briefe kamen; ja mehr als einmal hatte ſie ſie geben und empfan⸗ gen ſehen. Die gluͤckliche Liebe iſt unvorſichtig; aber der Ungluckliche ſieht alles, oft mehr, als er wuͤnſcht. Wie er ſie liebt! ſagt ſie, wenn er Erneſtinens Briefe mit Inbrunſt an die Lippen druͤckt; wie gluͤcklich muß ſie ſein! und doch ſeufzt ſie und 136 S8 beklagt ſich. aber ich vergeſſe, daß ſie ſtrafbar iſt. ſehr ſtrafbar!... und doch muß es Ver⸗ gnuͤgen gewaͤhren, aus Liebe ſtrafbar zu ſein, und ſich tauſend Gefahren auszuſetzen; ach! ich glaube, ich waͤre gern an ihrer Stelle. Jacob hat wohl Recht. Wenn eine Frau wahrhaft liebt, dann ſcheut ſie keine Gefaht. Eines Morgens ging Magdalene, nach ihrer Gewohnheit in einer dunklen Allee ſpazieren, die Vietor oft beſucht. Sie ſieht ihn aus einem Lau⸗ bengang treten, und nach dem Hauſe zuruͤckkehren, und richtet nun ihre Schritte nach dem Ort, den er ſo eben verlaſſen hat. Indem ſie ſich auf eine Raſenbank niederſetzen will, wird ſie ein Papier an der Erde gewahr; ſie hebt es auf: es iſt ein ofte⸗ ner, aber zuſammengefalteter Brief. Er hat keine Aufſchriſt, aber Magdalene zweifelt nicht, daß er Vietor gehört: gewiß hat er ihn fallen laſſen, als er ihn in die Taſche ſtecken wollte. Magdalene tritt aus dem Laubengang hervor, ſieht überau 157 88 umher, aber er iſt nicht mehr da.. ſie iſt ganz gllein, und haͤlt einen von den Briefen in der Hand, die Victor immer ſo emſig lieſt, mit ſei⸗ nen Kuͤſſen bedeckt.. Sie wagt ihn nicht anzu⸗ ſehen. ſie zittert. ſie verbirgt ihn raſch un⸗ ter ihr Buſentuch.. Aber er brennt wie Feuer, an der Stelle kann ſie ihn nicht ertragen, ſie nimmt ihn wieder hervor. er iſt offen, und ihre Augen richten ſich auf die wohlbekannten Schrift⸗ zuge. Gott! ich darf ihn wohl nicht leſen, ſagt ſie; aber es wuͤrden üͤbernatuͤrliche Kraͤfte dazu gehoͤren, meinem Verlangen zu widerſtehen... Ja⸗ ich muß wiſſen, was man ſich ſagt, wenn man ſich liebt!.. Niemals wuͤrde ich ſo viel daruͤber ſchreiben koͤnnen! % Nachdem ſie ſich nochmals überzeugt hat, daß Niemand kommt, zieht ſie ſich in den Hinter⸗ „ 158 S grund des Gebuſches zuruͤck und ſieſt, kaum Athem ſchoͤpfend: „Endlich bin ich allein und kann an dich ſchrei⸗ „ben; mein einziges Gluͤck, wenn ich nicht bei dir »bin; aber ich fuͤrchte nur, meine Briefe machen „dir Langeweile.. ich ſage dir immer daſſelbe!.. „aß ich mit mir unzufrieden bin, daß ich nicht »den Muth habe, dir zu entſagen, meinen Pflich⸗ „ten zu leben! Statt deſſen ſind meine Ge⸗ „danken immer bei dir; wenn ich es mir nur noch enbilden knnte, daß du mich eben ſo liebſ! „aber was du mir auch ſagen magſt, mir ſcheint „es, als beſaͤße ich nichts, was dich feſſeln kann; vich bin nicht huͤbſch genug! Mein Gott! ſage mir „lieber, daß ich Unrecht thue, dir anzuhaͤngen.. dab ich bedenke, was ich mir ſchuldig bin „daß, wenn man meine Untreue entdeckt, ich von „aller Welt verachtet, ungluͤcklich fuͤrs ganze Le⸗ ben ſein wuͤrde! O, gieb mir doch Rath, du, der du alles uͤber mich vermagſt; ſei mein Freund, = 159 S „mein aufrichtiger Freund, dir will ich folgen.. „Wenn ich daran denke, daß wir uns einſt trennen „müſſen, dann glaube ich, es ſei unmoͤglich! Ach! „warum muß ich dich kennen gelernt haben? Sich „zitternd nur ſprechen zu koͤnnen immer in „FJurcht ſein, keinen Entſchluß faſſen konnen... „das iſt mein Schickſal! und du denkſt nur an das „Vergnuͤgen des Augenblicks und nicht an die Reue, „die uns befaͤllt, wenn wir Unrecht thun, Schmer⸗ „zen, die man ertraͤgt, wenn man ſich geliebt „glaubt, die uns aber todten, wenn vi Taͤuſchung „aufhoͤrt. Vergieb mir, aber wenn ich dich lachen, „heiter ſehe. dann glaube ich immer, du denkſt nicht mehr an mich.. dann werde ich böſe. „verdrießlich.. Wenn ich glauben wollte, was man „von dir ſagt, dann haͤtte ich bald deine Gleich⸗ „gültigkeit zu fuͤrchten, deine Liebe zur Veraͤnde⸗ „rung! Ach Gott! ich verfalle wieder in meinen „Truͤbſinn, meine Zweifel!... Nein! du wirſt „nie aufhoͤren, mich zu lieben, nicht wahr? du 140 ₰5 wirſt mich nicht verachten? du haſt es mir ge⸗ „ſchworen, ich will daran glauben, das iſt ja gllein, „was mich erhaͤlt! Arme Erneſtine! ſagt Magdalene, nachdem ſie den Brief geendigt hat, warum fuͤrchtet ſie denn, daß er aufhoͤren werde, ſie zu lieben, daß er ſie verachten koͤnne. Ach! welch' ein erbaͤrmlicher Menſch mußte das ſein, der die Frau verachten kann, die ihm ſeine Ruhe opfert.. Sie nicht mehr lie⸗ ben, das iſt moͤglich, die Maͤnner ſind ja nicht be⸗ ſtandig, wie man ſagt. Arme Erneſtine!. O, wie unglucklich wird ſie dann erſt ſein! Aber wie ſoll ich dieſen Brief Vietor wieder zuſtellen, er iſt offen, er wuͤrde es errathen, daß ich ihn geleſen habe und ich kann doch nicht lugen.. und doch muß ich ihn zuruͤckgeben Was wird er für Unruhe empfinden, wenn er bemerkt, daß er ihn verloren hat, und furchten muß, Herr v. Noirmont habe ihn gefunden... O, mein Gott! ich ſchaudere, wenn ich daran nur denke. = 141 85 Ich will verſuchen, Herrn Victor allein anzutref⸗ fen.. Ich hoͤre Schritte. gewiß iſt er's, der zuruckkoͤmmt, den Brief zu ſuchen. Magdalene tritt aus dem Gebuͤſch, den Brief noch in der Hand. Es ſind Herr und Frau von Noirmont, die eine Allee entlang kommen. Sie wird blaß und zittert; ſie will haſtig das Papier unter dem Buſentuch verbergen, aber ſie hat es nicht ſchnell genug thun koͤnnen; Herr v. Noirmont hat es bemerkt. Du biſt es, Magdalene, ſagt Erneſtine, das zunge Mädchen anlaͤchelnd, immer gehſt du allein, man moͤchte glauben, daß du uns flieheſt das iſt nicht huͤbſch von dir. O nein, beſte Frau, ich war nur dort bei dem Raſenplatz auf und nieder gegangen;. ich will wieder hinein gehen.„ Einen Augenblick;... bleibe doch lieber bei uns.. Komm, gieb mir den Arm.— Aber — Aber, aber, ich verlange es man wird = 142 ₰ am Ende noch Ernſt brauchen muͤſſen, um die Mamſell bei ſich zuruͤckzuhalten. Magdalene wagt es nicht, laͤnger zu widerſte⸗ hen; ſie laͤßt ſich von Erneſtinen fuͤhren. Herr v. Noirmont ſchweigt noch, aber er hat nicht aufge⸗ hoͤrt, das junge Maͤdchen mit forſchendem Auge zu betrachten, und ſein Ernſt ſteigert ihre Verwir⸗ rung. Nach einigen Schritten fragt Erneſtine: was machteſt du denn da in der Laube, Magdalene? du haſt doch deine Arbeit nicht bei dir, wie ich ſehe.— Ich hatte mich einen Augenblick ausge⸗ ruht. ich that nichts. Sie thaten nichts da? ſagt Herr v. Noirmont, mit ironiſcher Miene, aber mir ſchien es doch, als haͤtten Sie geleſen.. Maodalene ſchlaͤgt die Augen nieder und zittert. Laſeſt du wirklich, Magdalene? fragt Erneſtine, aber du haſt ja kein Buch bei dir. Man kann auch andere Dinge leſen, bemerkt . 145 ₰ Herr v. Noirmont: zum Beiſpiel ein Papier, einen Brief„— Einen Brief! ſagt Erneſtine. O! Magdalene bekoͤmmt keine Briefe, wer ſollte wohl an ſie ſchreiben? Das arme Kind hat keine Verwandte.. und ich glaube, ihr guter Freund Jacob kann weder leſen noch ſchreiben! Man kann auch von anderen Perſonen Briefe erhalten. nicht wahr, Mamſell? Mein Herr, ich habe keine Briefe bekommen, ſagt Magdalene ſtotternd. Mamſell, ich kann Luͤgen nicht leiden! ich ver⸗ lange nicht zu wiſſen, wer an Sie ſchreibt das iſt Ihre Sache aber Sie werden es doch nicht leugnen, daß Sie ein Papier in der Hand hielten und es bei unſerem Anblick raſch verbargen. Magdalene ſchweigt, aber große Schweißtro⸗ pfen traͤufeln von ihrer Stirn auf die von Schrek⸗ ken gebleichten Wangen.— Iſt es wahr, Magda⸗ lene? wendet ſich Erneſtine zu ihr, und da ſie nicht antwortet, faͤhrt ſie fort: Nun, ſo zeige uns doch 5 144 das Papier, das du ſo geheimnibvoll verſteckteſt! . Ich wette, es iſt eine Spielerei, die nicht werth iſt, daß man ſich damit beſchaͤftigt. Nun, gi es hen ℳ Magdalene laͤßt Erneſtinen mit Heftigkeit los, kreuzt die Arme uͤber ihrer Bruſt und ſtammielt mit bewegter Stimme: Nein, nein! ich kann Ih⸗ nen das Papier nicht zeigen, es iſt unmoͤglich! Ich beſchwoͤre Sie, verlangen Sie es nicht von —. Erneſtine iſt ganz betroffen von dem Schrecken Magvalenens und Herr v. Noirmont ſagt ihr leiſe ins Ohr:— Was habe ich dir geſagt? das Maͤdchen iſt voll Intriquen, aber du willſt mir niemals glauben. mir! Erneſtine ſieht Magdalenen einige Zeit an, dann ſpricht ſie mit aller Sanftmuth zu ihr.— Meine liebe Freundin, ich glaubte nicht, daß du Geheimniſſe fuͤr uns picieſt, beſonders fuͤr mich; aber in dieſem Augenblick iſt deine Hartnäk⸗ 4= 145 ₰ eigkeit laͤcherlich; eine unbedeutende Sache behan⸗ delſt du, ich bin gewiß, mit zu vieler Wichtigkeit. Was iſt es für ein Papier, das du ſo fuͤrchteſt, uns zu zeigen? was enthaͤlt esg kurz, von wem haſt du es?.. Magdalene antwortet nicht, aber die eine Hand hält ſie immer auf der Bruſt, als fuͤrchte ſie, man moͤchte das Papier ihr entreißen. 4 In demſelben Augenblick tritt Victor aus einer Allee hervor. Sein Geſicht iſt eben ſo blaß, ſeine Zuͤge eben ſo bewegt, als die Magdalenens, denn er hat ſeinen Verluſt bemerkt und ſchaudert vor den Folgen ſeiner Unvorſichtigkeit; er iſt in den Garten zuruͤckgekehrt, und ſucht, ſeinen Leichtſinn verwuͤnſchend, Erneſtinens Brief uberall auf dem Sande und dem Raſen. Ach! da iſt Herr Dalmer, ruft Herr v. Noir⸗ mont ihn anblickend.. Vietor bemuͤht ſich, ſeine Unruhe zu verber⸗ gen. Der freundliche Ton ſeines Wirths beruhigt ater Theil.“ 10 = 146 ₰8 ihn etwas, denn hatte er den Brief gefunden, koͤnn⸗ te er ihm ſo nicht begegnen. Viector naͤhert ſich der Geſellſchaft, aber im Geſpraͤch wendet er ſeine Au⸗ gen mit Angſt bald rechts, bald links, und er be⸗ merkt es nicht, daß Magdalene ſich alle Mühe giebt, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, und ihm verſtohlene Zeichen zu geben. Wo haben Sie denn Ihren Freund Dufour gelaſſen? fragt Herr v. Noirmont, ich habe ihn ja heut Morgen noch gar nicht geſehen... Er ſpricht mir ja gar nicht mehr von Mamſell Pomard.. Ich glaube, ſeine Liebe hat nachgelaſſen. Un⸗ ſere Nachbarn haben uns auch ſeit einigen Tagen nicht beſucht.. Hat Dufour Ihnen nichts geſagt? Victor iſt ſo mit ſich beſchaͤftigt, daß er Herrn v. Noirmont's Frage nicht gehoͤrt hat, und dieſer iſt genoͤthigt, ſie ihm zu wiederholen. Nein, mein Herr, nein.. Dufour iſt nicht im Salon. antwortet Vietor, der kaum weiß, wovon die Rede iſt. Herr v. Noirmont betrachtet un⸗ der M⸗ ebt, hin ern ſer t 147 88 den jungen Mann.— In der That, Herr Dal⸗ mer, entgegnet er ihm, Sie ſcheinen mir in die⸗ ſem Augenblick auch etwas befangen, zerſtreut zu ſein.— Ich? mein Herr! o nein ich denke an gar nichts, an nichts Wichtiges, ich verſiche⸗ re Sie.— Ich glaubte, es ginge Ihnen, wie Mag⸗ dalenen, und haͤtten auch irgend ein Geheimniß auf dem Herzen.— Ein Geheimniß!.. O, ich wuͤßte nicht, woruͤber ich ein Geheimniß haben ſollte.. Victor hebt jetzt die Augen auf. Magdalene, die etwas hinter Herrn v. Noirmont geht, giebt ihm einen Wink, den er jedoch nicht verſteht. Aber Erneſtine hat die Bewegung des jungen Maͤdchens bemerkt und ſogleich ſteigt ihr das Blut ins Ge⸗ ſicht, ihre Augen beleben ſich, und ſie ſagt in einem ziemlich kurzen Ton zu ihrem Mann: Thue mir den Gefallen und entferne dich einen Augenblick mit Herrn Dalmer ich will mit Magdalenen ſprechen ich muß die Sache auf⸗ 10* = 148 8 elaͤren, die uns ſo eben beſchaͤftigte. Deine Ge⸗ genwart und die des jungen Dalmer verhindern ſie ohne Zweifel aufrichtig gegen mich zu ſein, aber bin ich mit ihr allein, ſo wird ſie ſich doch erklä⸗ ren muͤſſen. Wie du willſt, liebes Kind, erwiedert Herr v. Noirmont, wir laſſen dich allein. Herr Dal⸗ mer, kommen Sie, laſſen Sie uns eine Partie Billard machen, das wird Sie zerſtreuen. denn Site haben Ihre truͤbe Stimmung, was meine Frau ihr Nervenuͤbel nennt... und ſeit einiger Zeit iſt ſie dem oft unterworfen. Victor wagt es nicht, den Vorſchlag zurͤck⸗ zuweiſen, und laͤßt ſich von Herrn v. Noirmont beim Arme nach dem Hauſe hin, fortziehen. Jetzt ſind wir allein, Mamſell, ſagt Erneſtine mit einem Tone, den ſie niemals gegen Magdalene gebraucht; ich hoffe, jetzt wirſt du mir Rede ſte⸗ hen, und ſagen, was das für ein Brief iſt, den du in deinem Buſentuch verſteckteſt... von wem e⸗ ſie her li⸗ au kit ſc⸗ ont = 149 er iſt, und mit einem Wort, du wirſt ihn mir zeigen, denn wenn du auch einen Fehler begangen haſt, ſo darfſt du mir ihn doch nicht verheimlichen. Gnädige Frau, ich bitte Sie, ſagt Magda⸗ lene, die Haͤnde faltend, dringen Sie nicht länger in mich ich kann Ihnen den Brief nicht zei⸗ gen nein, nein! ich kann es nicht. Alſo geſtehſt du doch, daß es ein Brief iſt?... Sie, die Sie ſo gut gegen mich ſind, moͤchten Sie mir wohl Schmerzen verurſachen?... Wenn ich Unrecht habe, Ihnen dies Papier zu verber⸗ gen, nun ſo legen Sie mir eine Strafe auf, ent⸗ fernen Sie mich aus Ihrer Gegenwart.. aber ich bitte inſtaͤndigſt, verlangen Sie nicht, es zu ſehen. Ja, Mamſell, ich bin Ihnen gut, vielleicht nur zu ſehr, noch gerade glaube ich P. Faber ich will doch auch nicht, daß man mir auf der Naſe ſpielt... Ich habe ſo eben Ihre Winke mit Herrn PVietor geſehen, ich errathe jetzt alles 150 ₰8 der Brief iſt von ihm... du zeigſt ihn mir jetzt gleich auf der Stelle.. ich will es ha⸗ ben! Nein, Madame o! nein, ich beſchwoͤre Sie! Magdalene wirft ſich vor Erneſtinen auf die Knie und erhebt ihre Arme gegen ſie; aber in die⸗ ſer Stellung ragt etwas von dem Briefe, der vorn in ihrem Buſen ſteckt, hervor; Erneſtine erblickt ihn, und bemaͤchtigt ſich ſeiner mit Blitzesſchnelle; Magdalene ſtoͤßt einen Schrei aus und will Frau v. Noirmont noch zuruͤckhalten; aber dieſe hat den Brief ſchon geoͤffnet, ſie erkennt ihre eigenen Schrift⸗ zuͤge und nur noch die Worte: Ungluͤckliche, mein Brief, ſtammelnd, fällt ſie vor dem jungen Maͤd⸗ chen bewußtlos nieder!... Magdalene umarmt ſie, ruft ſie aber Frau v. Noirmont hat die Augen geſchloſſen und eine Todtenblaͤſſe bedeckt ihr Geſicht. Magdalene erin⸗ nert ſich, daß der Teich nahe bei iſt; ſie lauft bin, hat jedoch vorher noch die Vorſicht, den fa⸗ ir ⸗ in d⸗ uu ine in ft fa⸗ — 151 S2 talen Brief, der Erneſtinens Haͤnden eutfallen war, in ihre Schurze zu ſtecken. Sie taucht ihr Taſchentuch ins Waſſer, kommt zuruͤck und feuchtet damit Erneſtinens Stirn und Schlaͤſe an; ihre Bemuͤhung iſt nicht vergebens, Erneſtine kommt wieder zur Beſinnung; als ſie aber Magdalenen vor ſich auf den Knien ſieht, verbirgt ſie das Geſicht mit den Haͤnden, im hoͤch⸗ ſten Gefuͤhl des Schmerzes: O, mein Gott!.. und ich konnte ſie anklagen!... Beſte Frau, meine liebe Wohlthaͤterin, bittet Magdalene, ihre Hand ergreiſend und ſie mit Kuͤſ⸗ ſen bedeckend, wollen Sie mich nicht mehr anſe⸗ hen? mich, die ich Sie ſo innig liebe, die ich mein Leben fuͤr Sie laſſen moͤchte!... dieſen Brief.. ich habe ihn nicht geleſen.. Doch, Magdalene, doch.. du haſt ihn gele⸗ ſen.. ſonſt wuͤrdeſt du ihn mir nicht verweigert haben... Ach! jetzt erkenne ich ganz die Große deiner Seele... du ließeſt dich beargwöhnen, um 152 88 mich nicht zu demuͤthigen!— O, beſte Frau.— Ja, mich nicht zu demuͤthigen... denn ich bin ſehr ſtrafbar... und du haſt jetzt das Recht, mich zu verachten.— Sie verachten?... O, das fuͤrch⸗ ten Sie nicht in meinen Augen koͤnnen Sie nie ſtrafbar ſein... O!.. meinen Sie nicht. Wenn Sie wuͤßten, wie Ihre Thraͤnen mir wehe thun!— Ach! ich bin ſchon hart geſtraft!... aber wo iſt denn der Brief?.. Hier iſt er. Waͤhrend Ihrer Ohnmacht ſteckte ich ihn zu mir...— Niemand hat mich geſe⸗ hen?.. Herr v. Noirmont.— Nein, Nie⸗ mand iſt hier geweſen...— Du ſiehſt, welchen Gefahren man ſich ausſetzt, wenn man den rechten Weg verlaͤßt! Wo fandeſt du ihn denn?— Dort unten, neben dem Gebuͤſch... Herr Pictor war dort geweſen... ich ſuchte ihn nachher, aber ich konnte ihn nicht erreichen...— O! jetzt kann ich mir die Urſache ſeiner Verwirrung, ſeiner Un⸗ ruhe erklaͤren! — hin ſich ie ehe 155 85 Erneſtine verbirgt den Brief, reicht dem jungen Maͤdchen die Hand: Vergieb mir, ſagt ſie, dich in Verdacht gehabt zu haben... O Gott! die ungluckliche Leidenſchaft meines Herzens, ließ mich ungerecht ſein. Oi Magdalene, mochteſt du niemals ein Gefüͤhl kennen lernen, welches ſo mächtig auf das Leben einer Frau einwirkt!.. jetzt muß ich meine Augen trocknen, meine Thraͤnen verbergen! Wenn mein Mann bemerkte, daß ich geweint habe o! welch' ein Zwang!.. Ich werde ihm ſa⸗ gen,. daß du mir das Papier gezeigt, daß es nichts geweſen ſei. kleine Erinnerungen.. ein Gedicht, das du gemacht habeſt, dab du gefürchtet, man wurde ſich uͤber dich aufhalten... ich muß ja lüͤgen.. o! immer und immer lůͤ⸗ gen; hat man'mal den Anfang gemacht!„ Magdalene, biſt du mir noch gut? Statt aller Antwort wirft Magdalene ſich in ihre Arme und druckt ſie lange und mit Heftigkeit an ihre Bruſt. Capitel vII. Mas sie noch thut. Seit dem Tage, der fuͤr Frau v. Noirmont ſo verhaͤngnißvoll zu werden ſchien, verdoppelt Magdalene ihre Sorgfalt, Zuvorkommenheit und Hochachtung fuͤr ſie; ſie bemuͤht ſich, es ſie durch ihr Betragen und ihre Ergebenheit vergeſſen zu laſſen, daß ſie ihr Geheimniß kennt, und ihr zu beweiſen, daß ſie auf ihre vollkommenſte Ver⸗ ſchwiegenheit rechnen kann. Herr v. Noirmont hat es geglaubt, oder giebt ſich wenigſtens den Schein zu glauben, was ſeine Frau ihm uͤber das Papier Magdalenens erzaͤhlt hat, aber er beobachtet ſeit⸗ dem einen kalten und ſtrengen Ton gegen Letztere, und ſpricht kein Wort mehr mit ihr. . * „ 1 . * = 155 ₰8 Erneſtine hat Vietor von Magdalenens Beueh⸗ men unterrichtet. Er hat es nicht gewagt, dieſer daruͤber ſeine Dankbarkeit zu bezeigen, um nicht einen Gegenſtand von ſo delicater Art zu beruͤhren, aber wenn er ihr auch nicht ſagen kann, was er denkt, ſo behandelt er ſie doch nicht mehr, wie Jemand, der unſerem Herzen ganz gleichguͤltig iſt; er iſt freundlicher, aufmerkſamer gegen ſie, und ihre Augen begegnen ſich niemals, ohne daß Magdalene nicht den Ausdruck der groͤßten Erkennt⸗ lichkeit in den ſeinigen laͤſe. Das Betragen Vi⸗ ctor's entſchaͤdigt ſie vollkommen fuͤr die uͤble Lau⸗ ne des Herrn v. Noirmont. Seitdem Magdalene unwillkuͤhrlich die Ver⸗ traute der beiden Liebenden geworden, wagen dieſe es jedoch nicht mehr, ſich zu ſprechen und anzu⸗ naͤhern; ſie wiſſen zwar ſehr wohl, dat ſie das junge Maͤdchen nicht zu fuͤrchten haben, welche, weit entfernt, ihren Handlungen nachzuſpaͤhen, es vielmehr fuͤrchtet, mit ihnen zuſammen zu ſein; — = 166 S aber ſo ſtrafbar oft auch der Menſch iſt, wenn er ſeine Fehler ungekannt weiß, ſo ſehr huͤtet er ſich oft, ſie zu begehen, wenn ſie kein Geheimniß mehr ſind. So viel Widerwaͤrtigkeiten und Sorgen ſollten die Liebe erkalten; aber dem iſt nicht ſo. Sie iſt ein Gefuͤhl, welches im ſchlimmſten Wetter Wur⸗ zel ſchlaͤgt und gedeiht, bei einer fortdauernd ru⸗ higen Temperatur aber erſterben wuͤrde. Dufour hat endlich zur groͤßten Freude Erne⸗ ſtinens, ihr Bild beendigt; aber Herr v. Noir⸗ mont verlaͤßt jetzt nur ſehr ſelten das Haus, das nunmehr ſein eigenes iſt. Nit einem anderen Au⸗ ge ſieht er es jetzt an. Er macht ſchon Pläne über Veraͤnderungen in der Wohnung, den Anbau — 2 eines neuen Flügels, uͤber Anpflanzungen und Ver⸗ beſſerungen; damit beſchaͤftigt, durchlaͤuft er den * Ta uͤber Haus und Garten, und es iſt daher unmoͤglich, ohne zu viel Gefahr, ein Rendez⸗ vous zu verabreden. Am Abend bleibt er, müde in er ſich miß Uten e iſt Wun⸗ d rl⸗ ene⸗ Noi⸗ da A⸗ äne nbau Pel⸗ den iher ndei⸗ nüde 157 85 von ſeinen Strapazen, im Salon, und ſeine Frau iſt genoͤthigt, ihm Geſellſchaft zu leiſten.— Die Pomard's ſind ſeit Dufour's Apeuiu nicht wieder in Bréville geweſen. Der Maler hat zwar ſein Verſprechen gehalten, und nicht ein Wort daruͤber fallen laſſen; aber wie kann man ſich ent⸗ ſchließen, in der Geſellſchaft eines Mannes zu ſein, der ſo delicate Dinge entdeckt hat. Mamſell Pomard hat zwar ihren Bruder verſichert, daß ſie Herrn Dufour ohne Verlegenheit wiederſehen wuͤrde; aber Herr Pomard hat nicht dieſelbe See⸗ lenſtärke, und uͤberlegt den ganzen Tag, wie er ſich benehmen ſoll, wenn er ihn zum erſten Male antrifft. 5 ½ Herr und Madame Montréſor allein kommen noch nach Bréville, weil auch Madame Bonnifour mit der Art und Weiſe, wie man ihr Lottoſpiel aufgenommen, nicht eben ſo zufrieden geweſen iſt. Aber Sophie wird jeden Tag eiferſuͤchtiger auf ihren Mann, und dieſer immer uͤbelgelaunter ge⸗ X „ = 166 2 gen ſie; ſo daß ihre und Vietor hoͤchſtens nur einige Augenbli e der Frei⸗ heit goͤnnt, Dufour aber, der ohne zu malen nicht leben kann, hat Magdalenens Bild ange⸗ fangen, weſche anfangs zwar ſich dieſer Ehre wei⸗ gerte, auf dringendes Zureden Erneſtinens jedoch endlich nachgegeben hat. Ein Brief von Armand unterbricht endlich das einfoͤrmige Leben in Bréville; der junge Marquis bittet ſeinen Bruder um den überreſt des Kauf⸗ geldes fuͤr ſein Gut, der Brief iſt kurz und eilig, und enthaͤlt uͤbrigens weder ein Wort fuͤr ſeine Freunde, noch einen Gruß an ſeine Schweſter. Man ſieht, daß der junge Mann, von ſeinen Lei⸗ denſchaften und Bekanntſchaften in Paris beherrſcht, Freunde und Verwandte in Bréville vollkommen vergeſſen hat. Der Brief iſt Nachmittags eingetroffen. Nach⸗ dem Herr v. Noirmont ihn geleſen hat, ſchuͤttelt er bedenklich den Kopf und ſagt: der junge Mann und i alen e⸗ vei⸗ och das is uf⸗ uig, eine ſter. Lei⸗ cht. nen 3 159—% ſturzt ſich ins Ungluͤck!... dann reicht er ihn Vi⸗ ctor und Duſour mit den Worten hin: da, leſen Sie, welch' ein liebenswuͤrdiger Styl.. wie kann man ſo an einen Schwager ſchreiben!. er braucht Geld, und es kuͤmmert ihn nicht, ob es mich vielleicht in dieſem Augenblick genirt, ihm den Reſt ſeiner Forderung zu uͤberſchicken.. Er verlangt ihn auf der Stelle... Nun gut!. er ſoll ihn haben.. aber was wird der Ungluckliche anfangen, wenn auch das noch mit ſeinen elenden Geſellſchaften durchgebracht iſt?. denn ich weiß, er hat ſchon ſeine Zinſen verſetzt, all' ſein Ver⸗ moͤgen verſpielt und verloren. Mein armer Bruder! ruft Erneſtine, mein Gott, wie kann man ihn denn vom weiteren Ver⸗ derben abhalten? Magdalene ſchweigt, aber ſie beweint das Un⸗ gluͤck ihres Jugendgeſpielen. Es ſcheint, bemerkt Dufour, daß der ſchoͤne St. Elme ſeinen Freund eben nicht gut anleitet. 160 S In dem Mann habe ich mich recht betrogen, ſagt Herr v. Noirmont.— Ich nicht, ich habe ihm immer nicht getraut.— Wenn mein Schwa⸗ ger nur irgend einen wahren Freund um ſich hatte, der ihm rathen, ihn warnen koͤnnte.. vielleicht kehrte er noch um... Ich wuͤrde auf der Stelle nach Paris reiſen, wenn ich glauben koͤnnte, daß er meinen Rath annimmt.. aber ich weiß.. die Reiſe waͤre unnuͤtz.. denn Armand hat meine Vorſtellungen immer ſehr ſchlecht nuſtenmmitz. Er denkt, ich will mit ihm den Mentor oder Vor⸗ mund ſpielen.. und hoͤrt mich nur mit Ungeduld an. Es muͤßte Jemand ſein, der ſein ganzes Ver⸗ trauen, ſeine volle Freundſchaft beſitzt. Bei dieſen Worten ſieht Herr v. Noirmont auf Victor; dieſer verſteht ihn und ruft ſogleich: ich errathe Ihre Gedanken; ich bin bereit zu Ar⸗ mand nach Paris zu gehen. Ich hatte es nicht gewagt, Sie darum zu bitten, aber, in der That, ich dachte daran, denn rogen, habe öchwe⸗ hitte, eicht Stelle „d mine umen. Por⸗ gedud Ver⸗ rmont geich: u N. in zu denn 161 S8 nur dies eine Mittel ſehe ich, um ihn zu retten, o! Sie wuͤrden uns einen ſehr großen Dienſt er⸗ weiſen. Ja, ſagt Erneſtine, die ſich etwas verfäͤrbt hat, ihre innere Regung aber doch zu bekaͤmpfen weiß, ja, mein Mann hat Recht.. Mein Bru⸗ der hegt viel Freundſchaft fur Sie. er wird auf Sie hoͤren, hoffe ich, und Sie werden ihn mit zuruͤckbringen denn wenn Sie ihn in Pa⸗ ris laſſen, werden wir auf beſſere PVorſaͤtze von ihm nicht rechnen koͤnnen. Ich hoffe noch immer, Herr Dalmer wird mit ihm zuruͤckkommen, ſagt Herr v. Noirmont, was den Herrn St. Elme vetrift, ſo dispenſire ich ihn davon! Soll ich dich begleiten? fragt Dufour.— Nein, nein, erwiedert Herr v. Noirmont, Sie pleiben bei uns.. In jedem Falle kommt Herr Dalmer zuruͤck, und das, ſobald als moglich. Aber, ſagt Vietor, wenn Armand nicht mit 2ter Theil. 11 162 S will, wäre es am Ende nicht nothwendig, daß ich zuruͤckkomme... Doch, doch, und gewiß, nur unter dieſer Be⸗ dingung laſſe ich Sie fort. Wir ſind erſt im An⸗ fang des Auguſt; und das iſt der ſchoͤnſte Mo⸗ nat auf dem Lande. Wenn uͤbrigens Herr Dalmer nicht zu viel Langeweile bei uns hat, bemerkt Erneſtine, ſo. O! gnaͤdige Frau, fallt Victor ein, ich hoffe, Sie werden das nicht glauben. Ich komme ſehr gern zuruͤck, da Sie es mir erlauben Du wirſt mir zwei Paar Nankin⸗Pantalons mitbringen, ſagt Dufour, welche meine Waſcherin beim Portier abgegeben haben wird, ich gebe dir ein Zettelchen mit. Da wir einig ſind, ſo werde ich nun dafuͤr ſorgen, das Geld anzuſchaffen, welches Sie ſo gü⸗ tig ſein werden, mitzunehmen; denn, bevor ich meinen Schwager einlade, zuruͤck zu kommen und mit uns zu leben, moͤchte ich doch meine Schuld viel ſi⸗ hr ons rin dir = 165 S8 abtragen, denn ſonſt koͤnnte er glauben, ich ſchicke ihm einen Geſandten, bloß um ihn nicht bezahlen zu wollen.— O!l lieber Freund, welch' ein Ge⸗ danke!...— Liebe Frau, Armand hat mir im⸗ mer ſo wenig Vertrauen bewieſen, daß ich ihn einer ſolchen Anſicht wohl faͤhig halte.. übrigens mag ich gern mit ihm auseinander ſein, um ihn weiterer Geſuche um Geld zu uͤberheben. um ſo mehr, als ſie in einem ſo wenig liebenswuͤrdi⸗ gen Ton abgefaßt ſind!... Ich reiſe auf der Stelle nach Laon und werde dort uͤber Nacht bleiben. Mor⸗ gen mache ich alles mit dem Notar ab, und bin zum Mittag wieder zuruͤck. Dann erhaͤlt Herr Dal⸗ mer die nothige Summe und kann ſogleich nach Paris abreiſen. Ich habe keine Zeit zu verlieren Ich hole die noͤthigen Papiere, laſſe meine kleine Stute ſatteln und mache mich auf den Weg. Viector fuͤhlt ſein Herz heftig ſchlagen, wie er hoͤrt, daß Herr v. Noirmont die Nacht in Laon vleiben wird. Auf dem Punct, ſich auf einige * 164 Zeit von ſeiner Geliebten zu entfernen, muß er den lebhafteſten Wunſch haben, Erneſtine noch ein⸗ mal allein zu ſehen. Dieſe erroͤthet und ſchlaͤgt die Augen nieder; ein einziger Blick Victor's laͤßt ſie ſeine Gedanken errathen. Herr v. Noirmont iſt reiſefertig, nimmt Ab⸗ ſchied, beſteigt ſein Pferd und verſpricht ſich ſo einzurichten, daß er ſpaͤteſtens zum Mittage nieder da iſt. 4 Man hat ihn bis an's Gehoͤlz begleitet, da giebt er ſeinem Pferd die Spornen und man ver⸗ liert ihn aus den Augen. Auf dem Ruͤckwege fuͤhrt Victor Erneſtinen, Magdalene folgt allein nach, denn ſie haͤlt ſich immer in einiger Entfernung, um ihr Geſpraͤch nicht zu hoͤren, und Dufour bleibt alle Augenblicke ſtehen, um den ſchoͤnen Sonnen⸗ untergang zu bewundern. Vietor ſpricht mit vieler Lebhaftigkeit zur Frau v. Noirmont. Man ſieht, wie er ſie bittet, drin⸗ gend wird, und daß dieſe nur mit Mühe ſeinen et ein⸗ die tſie Ab⸗ ſt eder ihrt ſch, eibt en⸗ ſa in⸗ = 165 28 Bitten widerſteht. Dicht am Hauſe hoͤrt Magda⸗ lene die Worte: Es iſt unmöglich! worauf Victor antwortet: dann komme ich nicht wieder zu⸗ ruͤck. Was verweigert ſie ihm denn? denkt Magda⸗ lene; er ſcheint verdrießlich, und ſagt, er wolle nicht wieder kommen... ach, ich fühle es, mi iſt es lieber, ich ſehe ihn mit einer anderen be⸗ ſchůſtiat, als gar nicht mehr übrigens iſt kr mir jetzt doch auch ein wenig gut;.. er nennt mich ſeine Freundin o! Freundſchaft iſt auch ſchon etwas werth, und man ſagt, ſie iſt dauer⸗ hafter, als die Liebe. Der Abend vergeht ziemlich traurig. Victor ſchmollt in einem Winkel des Salons. Erneſtine iſt nachdenkend, aufgeregt; oft ſieht ſie Viector an, und wenn er den Kopf erhebt, blickt ſie ſchnell anderwaͤrts hin. Dufour entwirft eine Skizze von der dicken Nanette, um ſie hernach abzumalen. Magdalene arbeitet nach ihrer Gewohnheit, ohne „ 166 ₰ ein Wort zu ſprechen ſie muͤßte denn angeredet werden. Wir ſehen ja unſere Nachbaren, Herrn und Mamſell Pomard gar nicht mehr, ſagt Erneſtine plotzlich, um die Unterhaltung wieder etwas zu beleben. Sehnen Sie ſich nach ihrer Geſellſchaft? fragt Viector mit etwas ironiſchem Lacheln. O, nein! mein Herr uͤbrigens wiſſen Sie ja, daß ich jetzt keine Langeweile mehr habe; ich furchte nur, daß es mit Herrn Dufour nicht das⸗ ſelbe iſt... Er liebte die Froͤhlichkeit der Mam⸗ ſell Clara ſo ſehr... O ja ſie iſt recht munter, in der That, ſagt Dufour, ohne von ſeiner Arbeit aufzuſehen; die junge Dame lacht gern, und wenn ich ſie wie⸗ derſehe, werde ich gewiß wieder mit ihr lachen, wenn ſie nichts dagegen hat— Aber Sie gehen ja nicht mehr hin, Herr Du⸗ four! et u 9t e 167 2 Nein, gnadige Frau,. nein.. ich habe vemerkt, daß man mich ſchon fuͤr einen Freier hielt... und alles wohl uͤberlegt.. ich werde Mamſell Clara nicht heirathen. Alſo, du biſt jetzt entſchieden, ſpricht Victor. — Ganz entſchieden.— Ich glaube, du wirſt ſchwer⸗ lich heirathen, lieber Dufour; du biſt ſo miß⸗ trauiſch!...— Zch bin lieber mibtrauiſch, als Hah„. Ach, mein Gott! gnaͤdige Frau, ich bitte tauſend Mal um Verzeihung.. Ich denke immer, ich bin unter Kuͤnſtlern; ich finde indeſ⸗ ſen nicht, daß das Wort an ſich unanſtaͤndig iſt ich bin wie Boileau, ich nenne eine Katze, eine Katze. Nun, Mamſell Magdalene, Sie ſagen ja gar nichts„ Sie ſind ſo nachden⸗ kend?. O! Magdalene iſt heut nicht ſehr redeluſtig, ſpricht Erneſtine, entzuͤckt, der Unterhaltung eine andere Wendung geben zu können.— Wobon ſoll ich auch ſprechen? beſte Freundin..— Nun, S 168 ₰ wobon du willſt.— Von Ihrem Freund Jacob zum Beiſpiel ich habe ihn lange nicht mehr geſehen, wie gehts ihm denn?— Seit einigen Tagen habe ich ihn auch nicht geſehen.— Glau⸗ ben Sie wohl, daß er mir ſitzt, wenn ich ihn malen moͤchte?— In der That ich weiß es nicht, mein Herr; Jacob hat ſo wenig Zeit.. und des Abends malen Sie nicht.— Denken Sie nur, was er fuͤr eine Freude haben wuͤrde, ſein Bild zu beſitzen, frappant aͤhnlich, in Lebens⸗ groͤße in ſeiner Blouſe... mit wollener Muͤte . das wird originell werden.— Dufour, noch iſt der Gärtner und die Koͤchin im Hauſe, wirſt du die nicht auch malen?— Victor, die Bemer⸗ kung iſt ſehr unpaſſend, ja, ſelbſt laͤcherlich.. aber ich aͤrgere mich nicht... dafuͤr habe ich zu viel Talent.— Weil ich das weiß, lieber Freund, ſo kann ich mit ſchon ſolchen Spaß erlauben.— Das laſſe ich mir gefallen, das klingt beſſer.. Vietor hat ſchon mehrere Male nach der Uhr 169 8 geſehen, und hoͤrt nicht auf zu ſagen: es iſt ſchon ſpoͤt... Zeit, ſchlafen zu gehen.— Wie du heut Abend liebenswuͤrdig biſt! Die Damen haben nur uns zur Geſellſchaſt, und du ſprichſt vom Schla⸗ fengehen... Bringe doch von Paris feinere Le⸗ bensart mit... und vergiß nicht meine Nankin⸗ Pantalons und meine ſechs Halsbinden. Die oͤfteren Erinnerungen Vietor's, daß es ſpaͤt ſei, haben Erneſtinen endlich bewogen, auf⸗ zuſtehen. Ja, ſagt ſie, es iſt noch gerade Zeit, ſich zuruͤckzuziehen.. Ein Jeder nimmt ein Licht. PVictor wuͤnſcht der Frau v. Noirmont eine gute Nacht, ſieht ſie aber dabei auch mit beſonderer Bedeutung an; ſie wendet den Kopf weg; er macht eine Bewegung des Verdruſſes und läuft zornent⸗ brannt raſch die Treppe hinauf, auf ſein Zimmer, ohne auf Dufour zu hoͤren, der ihm nachruft: So warte doch!.. Was Teufel haſt du denn heut für Eil, zu Bett zu gehen?.. Magdalene wuͤnſcht Erneſtinen wohl zu ſchlafen, 170 S und ſteigt nach ihrem kleinen Zimmer hinauf, wel⸗ ches ſich im dritten Stock, unterm Dach beſindet, und gerade uͤber dem Vietor's gelegen iſt. Frau v. Noirmont ſchlaͤft im erſten. Sie geht auf ihr Zimmer; ihre Augen ſind thraͤnenfeucht, und mit halb erſtickter Stimme flüſtert ſie: Nein.. ich konnte nicht einwilligen;. aber er droht, er werde nicht wiederkommen.. Magdalene ſchlaͤft ſchlecht; ſie iſt ſo unruhig, aufgeregt, ohne ſich eigentlich Rechenſchaft geben zu koͤnnen, was ſie quaͤlt; ſie denkt an Victor, an Erneſtine. Beim Anbruch des Tages iſt es ihr unmoͤglich, laͤnger liegen zu bleiben; ſie ſteht auſ, zieht ſich an und oͤffnet das Fenſter. Die Morgen⸗ nebel ſind noch nicht ganz verſchwunden, aber al⸗ les verſpricht einen ſchoͤnen Tag; ſie verlaͤßt ihr Zimmer, geht nach der Treppe, jedoch ganz leiſe, um Niemand im Hauſe aufzuwecken. Kaum iſt ſie auf der zweiten Stufe, ſo hoͤrt ſie unter ſich ein leiſes Geraͤuſch... Es ſind Tritte —= 171 S und dann das Rauſchen eines Kleides. Man ſteigt die Treppe hinauf. und iſt ſehr eilig. Magdalene erſchrickt beinahe, ſie denkt, wer kann ſo fruͤh ſchon auf ſein. Sie bleibt, ohne ſich zu bewegen, ſtehen.. Man iſt bis zur zweiten Eta⸗ ge gelangt, und ſteigt nicht hoͤher hinauf, man geht den Corridor entlang; Magdalene beugt ſich etwas vor. Es iſt Erneſtine.. bald darauf wird eine Thüre vorſichtig zugemacht, und alles iſt wier der ſtill. Magdalene ſteht noch immer unbeweglich obeu auf der Treppe, ganz erſtaunt uͤber das, was ſie ſo eben geſehen. Aber noch zweifelnd ſagt ſie: Sie iſt es vielleicht nicht geweſen; ich habe nur das Kleid ſehen koͤnnen... Es iſt ja noch halb dunkel... Aber ſoll ich jett hinunter gehen? o nein! ſie koͤnnte mir begegnen, ſie konnte glauben, daß ich ſie belauere. Geſchwind in mein Zimmer, und ich verlaſſe es nicht eher wie⸗ der, als bis alles im Hauſe munter iſt. = 172 ₰5 Sie geht in ihr Zimmer zuruͤck, legt die Thuͤr an und denkt nach... was geht ihr nicht jetzt al⸗ les durch den Kopf, und in Gedanken vertieft, horcht ſie immer, ob Vietor's Zimmer ſich nicht wieder oͤffnet. Beinahe eine Stunde iſt vetgangenʒ Niemand, als der Gärtner iſt noch im Hauſe auf⸗ geſtanden. Um ſich zu zerſtreuen, ſetzt Magdalene ſich ans Fenſter. Kaum iſt ſie hier einige Minu⸗ ten, ſo hoͤrt ſie den Hufſchlag eines Pferdes; ſie kann nicht auf die Landſtraße, aber wohl in den Hof ſehen. Der Laͤrmen kommt naͤher, und bald darauf 2 ſieht Magdalene, wie Herr v. Noirmont vom Pfer⸗ de ſteigt, ſein Pferd dem Gaͤrtner uͤbergtebt und ins Haus tritt. Magdalene fuͤhlt ſich erſtarren; der Athem vergeht ihr; ein fürchterlicher Gedanke fährt ihr durch den Kopf, und ihr Schreck iſt ſo ſtark, daß ſie fuͤr einige Augenblicke die Beſinnung verliert; ſie weiß nicht, was ſie thun ſoll, ſie glaubt, ſie * 175 ₰ koͤnne Erneſtinen im falſchen Verdacht haben, ſie wagt nicht hinunter zu gehen. ſie ſchwankt... — Und wenn ſie dennoch da waͤre, ſagt ſie, Herr v. Noirmont iſt ohne Zweifel auf ſein Zimmer ge⸗ gangen. Wenn er ſeine Frau nicht findet; wenn er zu Herrn Victor geht, o mein Gott! Endlich faßt ſie einen Entſchluß; ſie laͤuft raſch hinunter, klopft an Victor's Thuͤr und ruft mit halb erſtickter Stimme: Offnen Sie geſchwind, ich bitte. ich bin es, Herr v. Noirmont iſt zurück⸗ gekommen.. Ach! ich hoͤre ihn unten; er fragt den Gaͤrtner, ob Frau v. Noirmont ſchon hinaus⸗ gegangen ſei; er kommt:... O, ſo oͤffnen Sie Man oͤffnet. Magdalene geht hinein, oder fällt vielmehr in die Arme Victor's, welcher raſch die Thuͤr wieder abſchließt. . Sie hat ſich nicht geirrt. Erneſtine iſt das zit⸗ ternd bis auf den Tod, über die unerwartete Rück⸗ kehr ihres, Rannes erſchreckt. Sie kann nicht ſpre⸗ . chen, aber ihre Augen befragen aͤngſtlich das junge Maͤdchen. Victor ſchaudert uͤber Erneſtinens Lage, aber behaͤlt noch einige Gegenwart des Geiſtes, er zieht Magdalenen bei Seite und fragt leiſe: Iſt es wahr? Herr v. Noirmont...— Iſt hier! ich habe ihn geſehn.— Gott! ſo bin ich verloren und ich habe es verdient, ſpricht Erneſtine mit ſterbender Stimme⸗ Hat ſie noch Zeit, hinunter zu kommen? fragt Pictor.— Nein. da. hoͤren Sie ſeine Tritte; er ſteigt die Treppe herauf ohne Zwei⸗ fel kommt er her..— Ach, mein Gott! was iſt zu thun.— Hören Sie.. Da! das Spinde, worauf der Mantelſack liegt, darin kann ſie ſich verbergen..— Aber, wenn man ſie hier verbor⸗ gen findet?.. Nein. wenn er keinen Argwohn hat, ſo wird er auch nicht weiter nachforſchen.. und er wird es nicht thun, ich weiß, daß er.. Man klopft an die Thuͤr, und Herrn v. Noir⸗ mont's Stimme ruſt: Herr Dalmer, ich bin es 175 8S . Entſchuldigen Sie, daß ich Sie ſo fruh wecke aber ich habe alles beſorgt; und habe fuͤr Sie einen Platz in der Diligence von Laon genommen Sie werden nicht zu viel Zeit uͤbrig haben.. Hffnen Sie gefaͤlligſt, ich werde Ihnen alles er⸗ zaͤhlen. Die drei Perſonen im Zimmer ſehen ſich mit Schrecken gegenſeitig an, endlich antwortrt Vietor: Gleich, gleich, mein Herr ich ſtehe ſchon auf — Magdalene und Victor verbergen Erneſtinen, die ſich kaum aufrecht erhalten kann, im Schrank. Um ſie nicht der Luft zu berauben, laͤßt man den⸗ ſelben ein wenig geoͤffnet, und gluͤcklicherweiſe iſt er etwas von den Vorhaͤngen des Bettes maskirt. Und Sie Sie? Magdalene? fragt Victor. — O, ſorgen Sie nicht meinethalben, bald werden Sie mich beſſer verſtehen. Bei dieſen Worten ſetzt ſie ſich auf's Bett, ʒieht Jetzt oͤffnen die Vorhaͤnge ganz zu und fͤſtert: „S 176 ₰8 Vietor oͤffnet die Thuͤr. Er iſt in Pantalon und Weſte Ich habe Sie derangirt, ſagt Herr v. Noirmont eintretend Sie ſchliefen noch.. Ja. ich ſchlief. das heißt, ich wollte ſo eben aufſtehen, antwortet Victor, indem er ſich bemuͤht, ſeine Verwirrung zu uͤberwaͤltigen; aber ſeine Angſt ſteigert ſich, als er bemerkt, daß Herr v. Noirmont, nachdem er die Augen auf das Bett geworfen hat, mit einem Mal ernſt und finſter geworden iſt. Sie ſind zeitig zuruͤckgekommen!.— Ja zeitiger, als ich glaubte.. Schon geſtern Abend erhielt ich die noͤthigen Fonds 5Sch dachte, je fruͤher ich wieder hier bin, deſto fruͤher werden ſie bei Armand ſein können.. Zch habe Sie daher ſogleich einſchreiben laſſen, und da die Diligence um 9 Uhr abfährt, ſo habe ich noch vor Tagesanbruch Laon verlaſſen, damit Sie zur rechten Zeit fertig ſein koͤnnen.. Bis zur Stadt nehmen Sie mein Pferd und ſchicken es mir von 2 mm = 177 S8 da zuruͤck. Ich denke, Sie werden mit meinem Arrangement zufrieden ſein?. Ja, mein Herr, o ja! gewiß. Nun, dann machen Sie ſich reiſefertig aber ich wuͤnſchte, daß Sie vorher noch fruͤhſtuͤcken koͤn⸗ nen Ich wollte zu meiner Frau gehen, aber ſie war nicht mehr in ihrem Zimmer.— Das Wet⸗ ter iſt ſo ſchoͤn!.. wahrſcheinlich iſt ſie ſchon im Garten...— Ja, das habe ich auch gedacht. Bei dieſem Geſpraͤch hat Herr v. Noirmont den zungen Mann, deſſen Gemuthsbewegung unver⸗ kennbar iſt, mit forſchenden Blicken betrachtet, und ſeine Augen dann und wann nach dem Bette hin⸗ gewendet. Er ſcheint unruhig, zweifelhaft, und Viector weiß nicht mehr, was er ſagen ſoll. End⸗ lich faͤngt Herr v. Noirmont wieder an: Es iſt ſonderbar.. ſo eben, als ich an Ihre Thuͤr klopfte, ſchien es mir, als waͤre Jemand bei Ihnen„ als haͤtten Sie zu Jemand geſpro⸗ * 5 178 ₰ Nein, mein Herr Sie ſehen, daß Sie ſch geirrt haben.. Herr v. Noirmont ſchweigt, ſieht aber immer nach dem Bette, mit einem Male bewegt ſich die Gardine: Nein, nein, im Gegentheil ſehe ich, daß ich mich nicht geirrt habe, erwiedert Herr v. Noirmont jetzt. Und in demſelben Augenblick hat er die Vor⸗ haͤnge zuruͤckgeſchlagen. Da ſieht er Magdalenen, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, die Haͤnde gefal⸗ tet, wie eine Verbrecherin, die ihr Urtheil erwar⸗ tet, auf dem Rand des Bettes ſitzen. Herr v. Noirmont iſt von Erſtaunen ergriffen, aber ſein Geſicht ſcheint nicht mehr ſo finſter, ſeine überraſchung mit einer geheimen Freude gemiſcht zu ſein.. Pietor iſt beſtuͤrzt, er blickt auf Mag⸗ dalenen, und kann kein Wort hervorbringen. So, Mamſell! ruft Herr v. Noirmont endlich. Sie hier aber, nach gllem, konnte ich gar micht daran zweifeln.. ol⸗ n, ⸗ N = 179 8 Magdalene wirft ſich vor Herrn v. Noirmont auf die Knie und flehet: Ja, ich bin ſehr ſtrafbar, gnaͤdiger Herr, ich weiß es, beſtrafen Sie mich, ich werde mich nicht beklagen. Nein, mein Herr, nein, faͤllt Victor ein, ſie iſt nicht ſchuldig, glauben Sie es mir, ich bin es allein, ich verdiene allein Ihre Vorwuͤrfe. Ste handelten gleichfalls Unrecht..., aber lange nicht in dem Grade, als die Mamſell hier junge Maͤnner ſuchen uͤberall zu gefallen, aber die Frauen muͤſſen ihren Nachſtellungen zu wider⸗ ſtehen wiſſen... ein junges Maͤdchen, das man aus Mitleid hier aufgenommen hat, das meine Frau wie eine Freundin behandelt! O, es iſt nichts⸗ wuͤrdig!.. Mein Herr, ich bitte Sie inſtndigſt, ſchonen Sie ihrer... Kommen Sie. kommen Sie, o1 ich bitte... laſſen Sie ſie ſich ſammeln,. beruhigen. 6= 180 S 9n, Sie haben Recht;: ſpäter werde ich„ weiter mit ihr reden⸗— Herr v. Noirmont laͤßt ſich von Viector aus dem Zimmer ziehen, und dieſer fuͤhrt ihn in den Garten, und iſt bemuͤht, ihn ſo weit als moͤglich 8 vom Hauſe zu entfernen.* 6 Mein Herr, ich bin ſehr ſtrafbar, beſchwört Vietor ihn jetzt, ich bin ſehr ſtrafbar, aber gewiß nicht ſo ſehr, als Sie glauben. Magdalene tſt Ih⸗ 3 rer Guͤte, ſo wie der Freundſchaft Ihrer Frau Ge⸗. mahlin noch vollkommen wuͤrdig. 3 Gut, gut, Herr Dalmer, Sie entſchuldigen Mugdalenen, das iſt natürlich. jn ſogar Ihre. Pficht; aber ich weiß dennoch, was ich davon zu denken habe.. Ein Maädchen, das zu einem jungen Mann auf's Zimmer geht.. Oho! wenn ſie nicht ganz verloren iſt, ſo iſts, weil Sie es nicht gewollt haben, und alsdann bin ich Ihnen, 2 und nicht ihr, dafuͤr verbunden. Ich verſichere Sie heilig und feſt, mein Herr, ch s en ſch , — 181 35 ſie hat keinen anderen Fehler begangen, als daß ſie einen Augenblick zu mir kam, um mich zu ſpre⸗ chen.— Sie ſprechen, während Sie ſchlaſen!. Schon gut! aber ich wiederhole es Ihnen, Sie ſind bei mir entſchuldigt, und wenn Sie wirklich von ihrem Entgegenkommen keinen Vortheil gezo⸗ gen haben, ſo verdienen Sie alle Achtung. aber Magdalene iſt nichts deſto weniger ſtrafbar.— Mein Herr...— Nun genug davon, ich bitte Laſſen wir die Sache, um an Ihre Abreiſe zu denken, die bei Weitem wichtiger iſt; denn es pandelt ſich darum, einen jungen Mann auf den Weg der Ehre wieder zuruͤckzufuͤhren, und ihn zu verhindern, den Namen ſeines Vaters zu beſchim⸗ pſen. Aber wir haben uns ſehr vom Hauſe ent⸗ ſernt, kehren wir um... Es iſt bald ſieben Uhr Wenn ſie nur um halb 8 Uhr wegreiten, ſo Lönnen Sie mit meinem Pferde doch vor 9 Uhr in Laon ſein 1. Wo Teufel iſt denn meine Frau? Ach, da iſt ſie a! 132 88 Erneſtine trat ſo eben aus einer Allee und ſchien nach dem Hauſe zuruͤckgehen zu wollen. Herr von Noirmont geht ihr entgegen, kuͤßt ſie auf die Stirn und ſpricht: Endlich finde ich dich. Pch bin in dei⸗ nem Zimmer geweſen, aber du wareſt nicht mehr da.— Ja, ich bin die ganze Nacht unwohl ge⸗ weſen, und, da ich nicht ſchlafen konnte, ſo wollte ich ein bischen friſche Luft ſchoͤpfen.— Du ſiehſt in der That leidend aus du ſiehſt, ich habe meine Geſchaͤfte raſch beendigt.. Aber Herr Dal⸗ mer iſt in der Diligence von Lahn eingeſchrieben; um 9 Uhr muß er dort ſein.. Laß' uns das Fruͤh⸗ ſtück bringen, und Sie, Herr Dalmer, ziehen Sie ſich fertig an, und verſehen ſich mit allem, was Sie zur Reiſe brauchen. Mein Pferd wird gefuͤt⸗ tert und wird ſehr bald wieder friſche Kriſte haben. Vietor geht, ohne Erneſtinen anzuſehen. Herr v. Noirmont ſpricht nicht ein Wort mit ihr uͤber Magdalenen, und erſtere kann nach ſeiner Meinung ien von tirn dei⸗ ehr llte zer ber un = 185 nichts von ihr wiſſen, da er glauben muß, ſie kom⸗ me aus dem Garten. Victor eſcheint reiſefertig; auch Dufour iſt ſchon herunter gekommen. Herr v. Noirmont zwingt erſteren zu fruͤhſtuͤcken, dann giebt er die fuͤr Ar⸗ mand beſtimmte Summe, und ſagt: Nun laſſen Sie es ſich angelegen ſein, den jungen Taugenichts zu retten, und ihn ſeiner Familie wieder zuzufuͤh⸗ ren, wenn es noch moͤglich iſt. Er nimmt Abſchied. Kaum wagt er es, ſeine Augen auf Erneſtinen zu richten. Er ſucht Magda⸗ lenen; ſie iſt nicht herunter gekommen; aber er muß abreiſen, Herr v. Noirmont treibt ihn, und das Pferd ſteht im Hof. Adieu, Herr Dalmer, ruft Erneſtine ihm nach. Moͤchten Sie uns meinen armen Bruder recht bald zuruͤckbringen! Bevor er ſich in den Sattel ſchwingt, bittet er nochmals Herrn v. Noirmont dringend, Magda⸗ 184 8 lenen zu verzeihen.— Laſſen Sie das, quälen Sie ſich nicht um das junge Mädchen, ich, meiner Seits, finde, daß es ſich nicht der Muͤhe verlohnt. Viotor will antworten, aber Herr v. Noirmont hat ſich ſchon einige Schritte entfernt, er ſteigt alſo auf und jagt davon, waͤhrend ihm Dufour noch zuruft: Vor allen Dingen vergiß nicht meine Auf⸗ traͤge! Herr v. Noirmont und Dufour ſtehen noch vor der Thuͤr, als ſie in der Entfernung auf der Ehene einen Bauer bemerken, welcher immer ungeduldig, nach den Fenſtern des Hauſes hinauf blickt und ſich dabei mit dem rechten Arm auf ſein Gewehr ſtuͤtzt. Ach! da iſt Freund Jacob! ruft Dufour. Jacob, das wäre der Mann, der ſich ſo für Magdalenen intereſſirt?— Ja, ja, das iſt er, o! ich habe ihn gleich erkannt, obgleich er heut wie ein Jäger ausſieht. Aber Wetter, warum traͤgt er denn ein Gewehr? was ſoll denn das bedeu⸗ ten? 185 8 Erlauben Sie, Herr Dufour, ich habe mit dem Manne zu ſprechen..— O, geniren Sie ſich nicht, ich mache indeſſen eine kleine Tour durch's Feld. Dufour entfernt ſich und Herr v. Noirmont geht auf Jacob zu, der jetzt freundlicher ausſieht, nachdem er mehrere Male nach dem Fenſter hinauf mit dem Kopf genickt hat. Der Bauer ſieht Herrn v. Noirmont auf ſich zukommen, und bewegt ſich nicht von der Stelle. Ihr nennt Euch Jacob? fragt Erneſtinens Ge⸗ mahl den Bauer mit vornehmem Tone.— So heiße ich, und was weiter?— Ihr ſeid der Freund eines jungen Maͤdchens, das meine Frau zu ſich genommen hat?— Von Magdalenen, ja, ich bin ihr beſter Freund, ich liebe ſie, wie ein eigenes Kind. Da die arme Kleine keine Ettern und Ver⸗ wandte hat, ſo muß ſie doch wenigſtens Freunde haben.— Ihr habt ja wohl die Mutter des Mäd⸗ chens gekannt?— Und wenn ich ſie gekannt habe 136 ₰5 da ſie todt iſt..— Das iſt vielleicht ein Gluck fuͤr ſie, denn ſie braucht wenigſtens uͤber das Betragen ihrer Tochter nicht zu erroͤthen. Erröthen!.. Um Magdalenen ſoll Jemand erroͤthen!... Jgcob ſieht Herrn v. Noirmont mit drohender Miene an und faͤhrt fort: Wetter! mein Herr, Sie werden mir beweiſen, was Sie da eben ſagen, ſonſt.. Fragt ſie ſelbſt, erwiedert Herr v. Noirmont, welcher Magdalenen ſo eben mit einem Päckchen unterm Arm, aus dem Hauſe treten ſieht. Da koͤmmt ſie... mit ihren Effecten... ſie hat mei⸗ ne Abſicht errathen. Jacob laͤuft dem jungen Maͤdchen entgegen, er⸗ greiſt ihren Arm und ſpricht mit lauter Stimme: Magdalene!... der Herr behauptet, deine Mut⸗ ter wurde deinethalben errothen, wenn ſie noch leb⸗ te... Wos haſt du gethan, daß man ſich erlau⸗ ben kann, dich ſo zu behandeln 2,.. Magdalene ſchlägt die Angen nieder und ſchweigt. — ein ind nit ein ben el⸗ ut⸗ h 1 187 88 Ihr ſeht es, ſie ſchweigt und leugnet meine Aus⸗ ſage nicht. Jacob, es thut mir leid, Euch Euren Schuͤtzling zuruͤckgeben zu muͤſſen, aber ich kann ein junges Madchen nicht laͤnger in meinem Hauſe in Geſellſchaft meiner Frau behalten, die Nachts auf das Zimmer eines Mannes geht. Jacob wird blaß, daun hebt er die Hand ge⸗ gen Herrn v. Noirmont auf und ruft: Donner Wetter, Herr! Sie lüg.. Nein, nein! ſchreit Magdalene, ſeinen Arm aufhaltend und zu ſeinen Fuͤßen niederfallend, der gnaͤdige Herr hat die Wahrheit geſagt, ich bin ſtrafbar! O, vergeben Sie Jacob, er hat Sie nicht beleidigen wollen.. Der Landmann ſteht wie niedergeſchmettert da; er wendet den Kopf weg, und bedeckt mit der Hand ſein Geſicht. Herr v. Noirmont ſieht ihn ſpoͤttiſch an, wirft einen Blick der Verachtung auf Magdalenen, und geht langſam nach dem Hauſe zuruͤck. „* — = 138 35 Einige Augenblicke vergehen, und Magdalene liegt noch immer auf den Knien; ſie ſieht nicht flehend zu Jacob empor, ſondern ſtarrt traurig zur Erde nieder. Der Bauer wendet ſich endlich zu ihr, betrachtet ſie einige Augenblicke, richtet ſie auf und ſagt dann mit rauhem Tone:; So kommt denn, ſchuldig oder nicht, Ihr ſoll't dennoch im⸗ mer einen Zufluchtsort bei Eurem Jaeob finden. ene icht im⸗ Capitel VIII. Yergeblicher Versuch. Herr v. Noirmont geht ſogleich zu ſeiner Frau. Ste iſt allein; er fuͤhlt, es ſei der Augenblick, ſie von dem Geſchehenen zu unterrichten, und doch nimmt er noch Anſtand; er ſieht voraus, daß ſein Entſchluß ihr Kummer machen wird. Erneſtine, welche Magdalenen nicht wieder geſehen, iſt uͤber ſie in Unruhe, und doch wagt ſie es nicht, mit ihrem Mann davon zu ſprechen. Endlich entſchließt ſich dieſer, anzufangen. Liebe Frau, haſt du Magdalenen heut Morgen ſchon geſehen?— Nein, lieber Mann, es wundert mich, ſonſt kommt ſie immer vor dem Fruͤhſtuͤck ſchon herunter.— Du wirſt ſie auch vergebens erwarten..— Was wilſſt du damit ſagen?... 190— — Höre nur: ich kam heut Morgen, wie vu weißt, viel fruͤher nach Hauſe, als man es erwartete. Da ich dich nicht auf deinem Zimmer fand, ſo ging ich hinauf zu Herrn Dalmer... Rathe, wen ich in ſeinem Zimmer, hinter den Vorhängen ſeines Bet⸗ tes verſteckt fand... Aber du kannſt es nicht erra⸗ then, du, die du immer von dem vorzuglichen Be⸗ tragel deines Pfleglings ſo uͤberzeugt biſt... Nun, ſie ſelbſt fand ich da.— Magdalenen!...— Ja, liebe Frau, Magdalenen, welche Herrn Dalmer bei Anbruch des Tages auf ſeinem Zimmer aufge⸗ ſucht hatte ja, wer weiß, hatte ſie nicht die ganze Nacht bei ihm zugebracht.— Acht beſter Mann..— Wetter enn eine Frau zu einem jungen Mann auf' Zimmer geht, da kommt es auf ein Paar Stunden fruͤher oder ſpater nicht an. — Aber, lieber Mann, wodurch biſt du denn ſo uͤberzengt, daß Magdalene wirklich ſtraffaͤllig iſt? konnte ſie nicht mit Victor irgend etwas zu ſprechen haben?... *. Nun, ga, mer ufge⸗ die eſter nem 191—5 Na, wahrhaftig Frau, du willſt mich wohl quaͤlen? hältſt du mich fuͤr einen dummen Jungen, oder den alten Caſſander, dem man dergleichen Dinge weiß machen kann? Ich kenne die Frauen die Welt!... mich ſoll man nicht hinterge⸗ hen. Wenn das Maͤdchen mit Herrn Dalmer zu ſprechen hatte, ſieht ſie ihn nicht hundert Mal des Tages? Kann ſie ihn nicht oft genug im Giten allein finden, wenn ſie ihm heimlich etwas zu ſa⸗ gen hat? Ich berufe mich auf dich, liebe Frau, wenn du irgend etwas Wichtiges mit ihm abzureden haͤtteſt, wuͤrdeſt du ihn deshalb in ſeinem Zimmer aufſuchen? Erneſtine nimmt das Sunſtuch vor's Geſicht und ſchweigt, und Herr v. Noirmont fährt ſort:— Ja, Magdalene iſt nicht zu entſchuldigen, und wenn Herr Dalmer von ihrem Betragen nicht profitirt hat, ſo iſt das ſehr großmuͤthig von ihm... Er hat es mir beſchworen... ich will es glauben, aber das Madchen iſt darum nicht weniger veraͤchtlich!.. *= 192 8 Vericheich: ach! lieber Mann, ſage das nicht. Arme Magdalene, wie behandelt man dich!— Und wie kann ich ein junges Maͤd⸗ chen anders nennen, die junge Maͤnner in ihren Betten aufſucht? ja, ja, im Bette!„Heut iſt es Herr Victor, morgen wird es ein anderer huͤbſcher Junge ſein, der uns beſucht Iſt man erſt mal auf ſolchem Wege, ſo bleibt man nicht ſtehen!.. Ach Gott! Barmherzigkeit!.— Du weinſt, liebe Frau, du biſt zu gut.. das Betragen der Kleinen wundert mich weniger, als das deinige.. Ein Maͤdchen, das, wer weiß woher gekommen, in eine Schenke aufgenommen geweſen iſt. wo Teufel ſoll das feſte Grundſaͤtze hernehmen? Du vergißt, daß ſie mit meinem Bruder und mir erzogen worden iſt, daß meine Stiefmutter ſie wie ihre Tochter behandelte.. O, du beur⸗ theilſt das Herz Magdglenens ſehr ungerecht.. es giebt wenig ſo ſchoͤne edle Seelen. — * ſahe man Rid⸗ hren Heut erer mon nicht inſt, det men, *0 = 195— Ich weiß nicht, ob ihre Seele ſchoͤn iſt, aber ihr Herz find' ich zu gefuͤhlvoll, und da ich der⸗ gleichen Abentheuer in meinem Hauſe nicht oͤfters haben will, ſo habe ich Mamſell Magdalenen fort⸗ geſchickt. Erneſtine ſteht auf und ruft mit Lebhaftigkeit: — Was ſagſt du.. du haſt Magdalenen fortge⸗ ſchickt?— Ja, ja! Frau, ich traf gerade, hier nahe bei, ihren Beſchuͤtzer, den Jacob, der ſo viel aus ihr macht; ich habe von ihm verlangt, das Maͤdchen zuruͤck zu nehmen, und ihm die Urſache nicht vorenthalten, warum ich es nicht laͤnger in meinem Hauſe dulden kann. Fortgejagt!.. ſie aus dem Hauſe gejagt,. entehrt!... o, es waͤre abſcheulich!... Nein, das haſt du nicht gethan es iſt unmoͤglich!.. Aber, mein Gott! liebe Frau, warum denn dieſe Verzweiflung? ich habe gethan, was ich mußte.. mein Verfahren ſcheint mir ganz natuͤrlich. Ach, es iſt unwuͤrdig!— Frau! ℳ 2ter Theil. 13 — — — 194 — Magdalenen fortjagen!.. die ich liebe, auf⸗ genommen habe, fuͤr die ich zu ſorgen verſprochen hatte, die meine gute Mutter ſo liebte!— Sie hat deine Wohlthaten ſchlecht vergolten.— Du wirſt Mitleid mit meinen Thraͤnen haben; du wirſt mir Magdalenen wiedergeben, ſie iſt nicht ſtraf⸗ bar ich bin deſſen gewiß, ein Augenblick der Unbeſonnenheit darf nicht ſo grauſam beſtraft wer⸗ den.— Ach! du nennſt das eine Unbeſonnenheit! deine Guͤte fuͤr das junge Mädchen geht zu weit und verhindert dich, ein richtiges Urtheil zu fällen Ich bin nicht ſo blind und kann ihr Betragen beſſer abwaͤgen.— Sage lieber, daß du Magda⸗ lenen niemals haſt leiden konnen, und du ſehr froh biſt, die einzige Freundin, die ich habe, von mir zu entfernen.— So ſind die Frauen! immer un⸗ gerecht, wenn man ihren Neigungen zuwider han⸗ delt!..— Arme Kleine! wie viel mußt du dulden! aus dieſem Hauſe fortgejagt zu werden! o, mein Gott! mein Gott!.. auf⸗ chen 195—8 Erneſtine vergießt heiße Thraͤnen und Herr v. Noirmont entfernt ſich, um dieſer Scene ein En⸗ de zu machen, und nicht laͤnger Zeuge von den Schmerzen ſeiner Frau zu ſein. Dieſe kann indeſſen den Gedanken nicht ertra⸗ gen, Magdalenen um ein Vergehen, das ſie nicht begangen hat, entfernt und ungluͤcklich zu wiſſen. Sie entſchließt ſich, zu Jacob zu gehen; ſie moͤch⸗ te Magdalenen wieder zuruͤckbringen, wagt es jedoch nicht, ſie neuen Vorwuͤrfen ihres Mannes auszu⸗ ſetzen. Sie geht in den Salon; Herr v. Noirmont lieſt die Journale und auch Dufour kommt ſo eben herein:— Wo iſt denn heut mein Modell, ruft er, Mamſell Magdalene?... Ich ſuche und rufe ſie uͤberall vergebens... und es iſt gerade ſo ein ſchoͤnes heiteres Wetter zum Malen. Herr v. Noirmont thut, als hoͤrte er nicht und Erneſtine verbirgt das Geſicht hinter dem Ta⸗ ſchentuch. Dufour ſieht bald den Einen, bald den „ 13* 196 Anderen an: Him!. hier iſt etwas Außerordent⸗ liches vorgegangen;.. man ſcheint verſtimmt... Wird das ſo bis zu Victor's Zurückkunft dauern! Meiner Treu, ſo werde ich unterdeſſen die große Nanette und ihren kleinen Bruder vorneh⸗ men; es iſt immer eine neue Studie. Mann und Frau ſind wieder allein. Beinahe eine Stunde iſt verfloſſen und ſie haben kein Wort geſprochen; das Stilſchweigen wird nur von dem Schluchzen Erneſtinens unterbrochen, die ſich nicht zufrieden geben kann. Herr v. Noirmont ſteht end⸗ lich auf und ruft:... Das iſt nicht zum Aus⸗ halten!. Hoͤre mich an, Frau! ich bin kein Tyrann... ich will dir beweiſen, daß ich es nicht bin; weil du doch ohne Magdalenen nicht fer⸗ tig werden kannſt, weil deine Liebe zu ihr großer iſt, als die Achtung, die du dem Anſtande ſchuldig viſt.. ſo yoͤre meinen Vorſchlag: laſſe ſie zuruͤck⸗ kommen, aber ſie muß in dem Theil des kleinen Hauſes druͤben, auf der anderen Seite des Hofes kt⸗ he ort emn ſcht d lu⸗ hin fer⸗ ihe ldi nen ofes 197 wohnen, der jetzt leer ſteht; da wird ſie wenigſtens allein ſein. Das Gebaͤude ſteht mit unſerer Woh⸗ nung nicht in Verbindung. Sie wird allein eſſen denn anſtaͤndiger Weiſe, liebe Frau, darf ſie ſich nicht mehr an unſerem Tiſche zeigen; endlich darf ſie ſich aber auch nicht erlauben, hier im Sa⸗ lon oder uͤberhaupt in dieſem Theil des Hauſes zu erſcheinen. Unter dieſen Bedingungen mag ſie wie⸗ der kommen, und ich will vergeſſen, was geſchehen iſt; aber ſie komme mir nicht vor die Augen und bleibe in ihrem Zimmer... das iſt alles, was ich thun kann.. und ich glaube, daß das ſchon viel iſt.— Nun dann, ich werde Magdalenen aufſuchen. Die Bedingungen, die du ihr machſt, ſind ſehr erniedrigend;... aber mir zu Liebe, wird ſie zuruͤckkommen, ich werde ſie recht ſehr bit⸗ ten.. O! ich hoffe, ſie wird einwilligen. Erneſtine ſetzt einen Hut auf, nimmt ihren Shawl und geht nach dem Dorfe Gizy, wo Ja⸗ cob wohnen ſoll, wie ſie gehoͤrt hat. Hier fragt —— = 193 ſie nach der Wohnung des Landmanns; man be⸗ zeichnet ihr ein kleines Gaͤßchen am aͤußerſten Ende des Dorfs, in welchem ſich das Haus, oder viel⸗ mehr die Huͤtte Jacobs befindet, denn ſeit jener Feuersbrunſt ſchlief der arme Tageloͤhner unter dem elendeſten Dache des Dorfes. Erneſtine ſteht vor der ihr bezeichneten Woh⸗ nung, deren Waͤnde den Einſturz drohen; ſie ſtoͤßt die Thuͤr auf, die nur anliegt, und tritt in ein kleines Gemach, worin glles die groͤßte Duͤrftig⸗ keit ankuͤndigt. Im Jintergrunde des Zimmers fuͤhrt eine Thuͤr nach einem kleinen, von wilden Maulbeerſtraͤuchern ſchlecht umgebenen Garten. Er⸗ neſtine geht hinein, und bemerkt hier eine Baͤu⸗ erin, mit einem Kinde an der Bruſt.— Iſt hier die Wohnung Jacob's? fragt ſie.— Freilich, Ma⸗ dame, antwortet die junge Frau; das heißt, vor acht Tagen war ſie es noch; ſeitdem aber iſt Jacob zum Waldwaͤrter ernannt, und gewiß, Jedermann he⸗ ide iel⸗ ner em den it⸗ hier No⸗ bol cob FRtM N 199 85 hatte die groͤßte Freude daruͤber, denn Jacob iſt ein ſehr rechtſchaffener Mann; er hat ſeine alte Tante gepflegt, bis ſie vor einem Monat etwa ſtarb.— Aber wo wohnt er denn jetzt?— Wet⸗ ter, hat man's Euch denn nicht geſagt?.. Was ſind ſie doch dumm im Dorfe!... Ihr fragt nach ſeiner Wohnung und man ſchickt Euch hier⸗ her!... Sie haben wohl geglaubt, Ihr wolltet hier mit den alten Waͤnden reden... Ach! was ſind ſie dumm, die Menſchen.— Nun, und Ja⸗ cob wohnt jetzt....— J freilich, ich habe es Euch noch eben ſo wenig geſagt.. ich bin auch nicht viel beſſer, als die Andern... Na, er hat jetzt ein ſehr nettes Haͤuschen im Gehoͤlz von Sis⸗ ſonne: die Waͤrterwohnung, und braucht keine Miethe dafuͤr zu bezahlen... Aber, von welcher Seite?...— O, nicht weit von hier, etwa eine kleine halbe Meile; Ihr braucht nur das Gaͤßchen hier zu verfolgen; es fuͤhrt Euch auf den Weg von Siſſonne; dann geht Ihr links in das 200 ₰% Geholz hinein, und kommt an einen Kreuzgang, wo ſich das Waldwärterhaus befindet. Erneſtine dankt der Baͤuerin, und ohne aus⸗ zuruhen, ohne den Schweiß zu trocknen, der ihr die Stirn bedeckt, ſchlaͤgt ſie den ihr bezeichneten Weg ein. Nachdem ſie eine halbe Stunde gegan⸗ gen, oder vielmehr gelaufen iſt, gelangt ſie zu ei⸗ nem freundlichen Haͤuschen, uͤber deſſen Thur mit großen Buchſtaben die Worte ſtehen: Haus des Waldwärters. Sie will eben hineingehen, als ſie einige Schritte davon Magdalenen unter einem Baume ſitzen ſieht. Sie iſt in Gedanken vertieſt, aber ihre Zuge ſind nicht veraͤndert, und druͤcken vielmehr Ergebung als Schmerz aus.— Sie weint nicht, ſagt Erneſtine, ſie betrachtend, ſie hat ſich nichts vorzuwerfen... ſie muß ſtolz darauf ſein, was ſie gethan hat. Magoalene erhebt die Augen und ſchon iſt Er⸗ neſtine bei ihr, druͤckt ſie an ihre Bruſt und be⸗ ang, als⸗ ihr eten gan⸗ ei⸗ mit des nige ume ihre nehr ſcht. „——* 201 88 netzt ſie mit ihren Thraͤnen.— Sie hier, gnaͤdige Frau!— Denkſt du denn, Magdalene, daß ich dich, nachdem, was du fuͤr mich gethan haſt, ver⸗ laſſen koͤnnte? Herr v. Noirmont hat dich fortge⸗ ſchickt. bei Jacob dich verklagt. O! wenn ich gegenwaͤrtig geweſen waͤre, ich hätte es nicht gelitten; lieber hätte ich mich als die Schuldige bekannt!— Großer Gott, was ſagen Sie.. Sie wollten ſich ſchuldig bekennen! bedenken Sie auch, welch' ein Ungluͤck daraus entſtanden waͤre? Beſte Frau, Sie haben eine Familie, Per⸗ ſonen, die ſie lieben; Ihr Ungluck wuͤrde auch dieſe unglucklich gemacht haben! Aber ich, allein auf der Welt, ohne Namen, ohne Verwandte; wem ſchadet es, wenn ich Fehler begehe!.. ich brauche von meinem Betragen nur dem Rechenſchaſt zu geben, der alles ſieht; und der wird mich nicht tadeln!— Und Jacob!— Jacob kann nicht glau⸗ ben, daß ich ſchuldig bin. Er liebt mich immer noch und hat mir verziehen.— Du haſt ihm ge⸗ 202 ₰8 ſagt, daß man dich faͤlſchlich beſchuldigt?— Nein, gnaͤdige Frau, das habe ich nicht gethan, ſonſt wuͤrde er auf Herrn v. Noirmont boͤſe ſein... O! beſte Freundin, beklagen Sie mich nicht;. ich bin gluͤcklich.. ja, ſehr gluͤcklich, Ihnen mei⸗ ne ganze Freundſchaft beweiſen zu koͤnnen.— Gott ſei es gedankt, mein Mann hat eingeſehen, daß er zu weit gegangen iſt... ich komme, um dich abzuholen, Magdalene; du mußt mit mir zuruͤck⸗ kommen.— Mit Ihnen nach Breéville zuruͤckge⸗ hen? O nein! beſte Frau, meine Gegenwart wuͤr⸗ de Herrn v. Noirmont immer unangenehm ſein.. und uͤbrigens hat er mich ja fortgeſchickt.— Niemals wird er das Geſchehene wieder beruͤhren Magdalene, du ſollſt in dem kleinen Gebaͤude auf dem Hofe wohnen; da wirſt du allein ſein, da wirſt du die Geſellſchaft, die du ſchon immer flie⸗ hen wollteſt, nicht mehr ſehen aber ich werde bei dir ſein, und jeden freien Augenblick, den ich habe, in deiner Geſellſchaft zubringen;.. ich wer⸗ 1 ß 203 S5 de mein Herz in das deinige ausſchuͤtten, von ihm mit dir ſprechen konnen.. von ihm, fuͤr den ich ſtrafbar bin, und den ich zu vergeſſen die Kraft nicht habe. O! du allein kannſt mich begreifen! du haſt Mitleid mit meiner Schwaͤche, du weißt, daß ich eine große Suͤnderin bin, aber du verachteſt mich nicht! Magdalene hat Muͤhe, den Bitten Erneſtinens zu widerſtehen; der Gedanke, Vietor wiederzuſe⸗ hen, macht ihr das Herz klopfen. In dieſem Augen⸗ blick erſcheint Jacob; er naͤhert ſich den beiden Frauen mit Unfreundlichkeit, macht kaum eine Be⸗ wegung des Kopfes gegen Frau v. Noirmont, und ſcheint zu erwarten, daß Magdalene ihn von der Veranlaſſung ihres Beſuchs in Kenntniß ſetzt. Lieber Freund, ſagt Magdalene etwas furcht⸗ ſam: Es iſt die Schweſter Armand's von Bréville, meine geliebte Jugendgeſpielin. Ich kenne die gnaͤdige Frau, antwortet Jacob kurz. 204 88 Sie kommt, um... mich abzuholen.. mich wieder mit nach Bréville zu nehmen. Dich wieder dahin zuruͤckzunehmen, von wo man dich ſo unwuͤrdig vertrieben hat? ruft Jacob zornig! ich hoffe, du wirſt der Frau v. Noirmont geantwortet haben, was du dir ſchuldig warſt! Glauben die Leute aus der großen Welt, daß ſie uns wie armen Teufeln mitſpielen koͤnnen!.. Weil ſie einer armen Waiſe Obdach geben, glau⸗ ben ſie, deshalb ein Recht zu haben, ſie zu be⸗ ſchimpfen, ſie wie eine Elende zu behandeln!.. Und wenn die Capriee voruͤber iſt, ſie zuruͤckzuho⸗ len, um ſie nochmals zu rerſpotten?.. Denn ſehen Sie, gnaͤdige Frau, Magdalene mag zehn Mal behaupten, ſie ſei ſtraffaͤllig, ſo glaube ich es doch nicht, ich, der ich ſie kenne, der ich ſie ſeit ihrer Geburt nicht aus den Augen verloren habe; und ich habe meine Gruͤnde dafuͤr. Sie kann an Jemand denken, ihn anhoͤren, ihm glauben... aber auf ſein Zimmer.. ihrer eigenen Schande entgegen gehen! nein, nein, das liegt nicht in Magdalenens Charakter. das hat ſie nicht gethan, davon bin ich uͤberzeugt. Erneſtine wird abwechſelnd blaß und roth, und antwortet Jacob mit zitternder Stimme: Lieber Freund, mein Mann iſt im Irrthum Ich habe eben ſo wenig jemals an Magdalenens Unſchuld gezweifelt;.. ſie weiß, wie ſehr ich ſie liebe.. Soll ich laͤnger ihrer Gegenwart, ihrer zarten Sorgfalt fuͤr mich beraubt ſein?. und da Herr v. Noirmont ſelbſt mich zu ihr ſchickt und wuͤnſcht, daß alles vergeſſen ſei! Daß alles vergeſſen ſein ſoll!... Oho, das geht nicht ſo leicht Wetter! was die Ehre angreift, vergißt ſich nicht ſo leicht.. Sie hat nichts als dieſe, und d'rum ſollte man mehr Ach⸗ tung dafuͤr haben.. Sie wird nicht wieder nach Bréville zuruͤckkehren; ſie wird bei ihrem Jacob bleiben.. der wird ſie niemals verſtoßen, ja, er iſt ſtols darauf, ihr einen ſicheren Zufluchtsort ge⸗ = 206 ₰5 waͤhren zu koͤnnen.. Gott ſei es gedankt! das Gluͤck iſt mir guͤnſtig geweſen! ich habe die Waldwaͤrterſtelle bekommen.. ich habe jetzt das nette Haͤuschen... Magdalene ſoll keinen Mangel bei mir leiden... Man gewoͤhnt ſich an eine einfache Nahrung, an ein einſames Leben, aber nicht an Beſchimpfungen! Nicht wahr? Magdalene, du wirſt mich nicht verlaſſen? Das junge Maͤdchen zeigt auf Erneſtinen, die in neuen Thraͤnen ausbricht und ſpricht: Mein Gott! wer wird ſie alsdann troͤſten... Jacob, ich habe kein Gedaͤchtniß fuͤr das Unrecht, was man mir gethan.. überdies.. wenn ich einen Feh⸗ ler.. eine Unvorſichtigkeit begangen habe.. Schweig, Magdalene; ich will und kann dir nicht glauben.. Aber Herr v. Noirmont hat dich verſtoßen, in meiner Gegenwart ſchimpflich behan⸗ delt; will er, daß du nach Bréville zuruͤckkehrſt, ſo mag er dich auch holen... ſo mag er zuvor vor mir erklaͤren, daß es ihm leid ſet, was er ge⸗ = 207 85 than, daß er dir Unrecht gethan habe; nur dann kannſt du ſein Haus wieder betreten.. denn be⸗ denke wohl, daß du jetzt bei ihm ſein wuͤrdeſt; er hat das Gut ſeinem Schwager abgekauft, du haſt es mir ſelbſt geſagt; darum kannſt du dahin nicht wieder zuruͤckkehren, als wenn er dich ſelbſt darum bittet. Erneſtine wirft ſich Magdalenen in die Arme und ſagt mit leiſer Stimme: Warum hat dieſer Mann uͤber dein Schickſal zu gebieten? Er iſt dir ja nicht verwandt ich liebe dich ja ſo ſehr, als er! Magdalene du haſt ſchon ſo viel fuͤr mich gethan. Kannſt du mich jetzt verlaſſen, da ich ſo ungluͤcklich bin? Magdalene wendet ſich zu Jacob und fleht ihn an: Lieber Freund!. erlaube, daß ich zur Ge⸗ ſpielin meiner Jugend zuruͤckkehre. Jacob zieht die Augenbrauen zuſammen und erwiedert traurig und ohne Zorn: Magdalene, du biſt Herrin deines Willens, und wenn ich dir mei⸗ = 208 S nen Nath gebe, ſo geſchieht es, weil ich glaube, ein Recht dazu zu haben. Ich habe deine Mutter gekannt!... Einige Zeit vor ihrem Tode ließ ſie mich zu ſich kommen. Jacob, ſagte ſie, Ihr kennt mein Geheimniß; wachet uͤber Magdalenen, ſeid ihr Freund, ihr Beſchutzer; erſetzet ihr die „: Stelle ihrer Eltern. Damals glaubte die ungluͤck⸗ liche Frau nicht, daß ihre Tochter jemals ins Elend 6 kommen wuͤrde; ſie wollte ihr ein kleines Vermoͤ⸗ gen ſichern; aber es gebrach ihr an Zeit dazu, ſie ſtarb, ohne ihren Vorſatz ausgefuͤhrt zu haben. Was mich betrifft, ſo glaube ich, habe ich ihre Abſichten treulich erfuͤllt. Als mein Haus in Flam⸗ men aufging und ich dich zu Grandpierre's brachte, geſchah dies, weil ich ſie als rechtſchaffene Leute kannte und weil mir kaum ſo viel uͤbrig blieb, meine alte Tante zu ernaͤhren. Und auch heute noch glaube ich ganz nach den Anſichten deiner Mutter zu handeln, wenn ich dich bitte, nicht in ein Haus zuruͤckzukehren, aus welchem man die . „ — 209 ₰8 Grauſamkeit gehabt hat, dich zu verſtoßen. Thue jetzt, was du willſt!.. du biſt frei. ich ſpreche kein Wort mehr. Jacob! ich bleibe bei Euch, antwortet Magdalene, nachdem ſie einige Augenblicke nach⸗ gedacht. Die Stirn des Bauers erheitert ſich; er drückt das junge Maͤdchen in ſeine Arme: Gut gut, mein liebes Kind, vielleicht wird dir dereinſt der Lohn nicht ausbleiben, meinen guten Rath befolgt zu haben. Erneſtine fühlt, daß es unnütz iſt, noch weite in ſie zu dringen, ſie umarmt Magdalenen„ ſagt mit thraͤnenvollem Blick: So lebe denn wohl, ſo muß ich denn ohne dich nach Bréville zuruck⸗ kehren.. Aber Ihr werdet mich doch beſuchen, nicht wahr?— Ja gewiß, Magdalene, das wird mein einziger Troſt ſein. 2ter Theil. 14 . Capitel IX. Traurige Rückkehr. Herr v. Noirmont ſpricht kein Wort, als er ſeine Frau allein zuruͤckkommen ſieht, aber er em⸗ pfindet eine geheime Freude. Immer gegen Mag⸗ dalenen eingenommen, haͤtte er ſie nur ungern wie⸗ der in ſeiner Naͤhe gewußt. Auch Erneſtine ſpricht nicht von der Waiſe, denn ſie weiß wohl, er würde ſich nie dazu verſtehen, Magdalenen ſelbſt um die Ruckkehr in ſein Haus zu bitten. Sie ertraͤgt den neuen Kummer, wie eine gerechte Strafe fuͤr ihr Vergehen, aber alle Tage, wenn irgend die Um⸗ ſtaͤnde es geſtatten, geht ſie hinunter zur Waldwar⸗ terwohnung. Magdalene kommt ihr dann auf hal⸗ bem Wege entgegen; ſie ſetzen ſich unter einen Baum, Erneſtine ſpricht von den Qualen ihres Herzens; = 211 88 das junge Maͤdchen bedauert, troͤſtet ſie, und ſo vergeht die Zeit ſehr raſch. Vietor iſt immer der Gegenſtand ihrer Unterhaltung und darum wird die Eine nie muͤde zu ſprechen, die Andere nicht, zu⸗ zuhoͤren. Magdalene begleitet Erneſtinen gewoͤhnlich bis zum Ausgange des Holzes zuruͤck, von wo aus man Breéville liegen ſieht. Weiter geht ſie nie mit. Er⸗ neſtine nimmt dann zaͤrtlichen Abſchied und vertroͤ⸗ ſtet auf morgen. Dufour hat nochmals gefragt, was denn aus Magdalenen geworden ſei; man hat ſich dann im⸗ mer begnuͤgt, ihm zu antworten, daß ſie zu ihrem Jacob habe zuruͤckkehren wollen; er aber hat dem niemals getraut. Mit Ungeduld erwartet man Nachrichten von Victor. Der Aufenthalt in Bréville iſt hoͤchſt trau⸗ rig geworden. Erneſtine ſpricht kaum und hoͤrt nicht auf zu ſeufzen. Herr v. Noirmont iſt verdrießlich, daß er Niemand zum Jagen oder Spielen hat. 14* = 212 8 Nach acht Tagen langt endlich ein Brief von Victor an. Herr v. Notrmont beeilt ſich, Whn ſei⸗ ner Frau und Dufour vorzuleſen.„ „Wenn ich nicht fruͤher geſchrieben habe, ſo , es, um Ihnen guͤnſtigere Nachrichten mit⸗ pehten zu koͤnnen. Nicht ohne Muͤhe habe ich end⸗ „lich Armand angetroffen. Er bringt ſeine Tage „und oft auch ſeine Naͤchte außer dem Hauſe zu⸗. „Endlich fand ich ihn, und nachdem ich ihm das „Geld uͤbergeben hatte, erlaubte ich mir, ihm im „Namen ſeiner Familie, meinen freundlichen Rath „zu ertheilen; aber er hat ihn ſehr ſchlecht aufge⸗ „nommen; ich habe nicht mehr in ihm jenen zwar leichtſinnigen, aber doch liebenswuͤrdigen jungen „Mann erkannt, den ich fruͤher meinen Freund „nannte. Ich gebe jedoch noch nicht g Sofuuns „auf, ihn ſeiner Familte wieder zuzufuͤhren. „Ich werde neue Verſuche machen, vielleicht bin „ann gluͤcklicher. Vietor Dalmer. n Dein Bruder will nur nach ſeinem Kopf han⸗ i⸗ deln, ſagt Herr v. Noirmont, er wird nicht wie⸗ derkommen. ſo Unglͤckſeliger Aufenthalt von Paris! ſeufst it⸗ Erneſtine, mein Bruder wird darin unterge⸗ d⸗ hen!. ne überall geht man unter, liebe Frau, wenn man u ſeine Leidenſchaften nicht zu beherrſchen weiß!... a5 Und er ſchreibt gar nichts von meinen Panta⸗ m lons, brummt Dufour, das iſt ſonderbar! ſollte mein Portier ſie verſchleppt haben?.. 5 Dieſer Brief ſtellt in Bréville die frohe Laune a nicht wieder her. Herr v. Noirmont beunruhigt . ſich uͤber die Zukunft, Erneſtine uͤber das Betra⸗ „ gen Armands, und der Verdruß der Letzteren wird 5 durch die Abweſenheit Victors noch vermehrt. Sie furchtet, daß ſie ſich noch weithin verzoͤgern koͤnne, Dufour dagegen beklagt nur ſeine Pantalons. Nit eben ſo viel allgemeiner Freude als Erſtaunen ſieht man daher eines Morgens, etwa ſechs Tage nach = 214 Empfang des Briefes, Victor unerwartet eintref⸗ fen. Alles laͤuft ihm entgegen, umgiebt ihn. Sie kommen allein zuruͤck? fragt Erneſtine. Ja, gnaͤdige Frau, antwortet Dalmer mit traurigen Blicen. Nach meinem Briefe durften Sie mich freilich nicht ſo bald erwarten; aber ſeit drei Tagen endlich, fand ich Gelegenheit, Herrn v. Breéville wieder zu ſehen, und nur zu bald uͤber⸗ zeugte ich mich, daß alle meine Bemuͤhungen ver⸗ geblich ſein wuͤrden, und ſo habe ich denn Paris wieder verlaſſen. Ich verſtehe Sie, mein lieber Herr Dalmer, ſagt Herr v. Noirmont, ſeine Hand mit Herzlich⸗ keit druͤckend, und ich bin Ihnen fuͤr Ihre Freund⸗ ſchaft darum nicht weniger Dank ſchuldig. Armand ſetzt ſein tolles Leben fort, nicht wahr? und das empfangene Geld wird gleichfalls noch in den ſchlech⸗ ten Geſellſchaften, die er der unſrigen vorzieht, verpraßt werden. nit ten ſeit m er⸗ nis ler, Victor nickt mit dem Kopfe, ohne zu antwor⸗ ten.— Und meine und Herr St. Elme? fragt Dufvur, der das Wort nicht auszuſprechen wagt, als er den ernſten Blick ſeines Freundes ge⸗ wahr wird. Herrn St. Elme habe ich nur einmal geſehen; er gab ſich das Anſehen, meine Anſichten zu unter⸗ ſtuͤtzen, ſchwor mir, daß er alle Tage Armand zu überreden ſuche, zu ſeiner Schweſter zuruͤckzukehren; ich habe mich von ſeinen Lugen jedoch nicht taͤu⸗ ſchen, ihn vielmehr blicken laſſen, was ich von ſeinem Betragen halte; aber dieſer Menſch hat eine eiſerne Stirn! wenn man ihm die empfind⸗ lichſten Dinge ſagt, ſo verdoppelt er die Verſiche⸗ rungen ſeiner Ergebenheit, die Betheuerungen ſei⸗ ner Freundſchaft. Er gehoͤrt zu den Menſchen, die man aus der Thuͤr wirſt, die aber nichts deſto we⸗ niger zum Fenſter wieder herein kommen! In den Salon eintretend, ſucht Victor Magda⸗ lenen mit den Augen, aber er wagt es nicht, ihren 216 S8 Namen auszuſprechen. Endlich findet er Gelegen⸗ heit, ſich Erneſtinen zu naͤhern und ſich nach dem jungen Maͤdchen zu erkundigen. Sie erzaͤhlt ihm, was vorgegangen iſt. Vietor iſt untroͤſtlich, denn er fuͤhlt wohl, daß er die erſte Veranlaſſung aller dieſer Begebenheiten iſt. Er nimmt es ſich vor, ſobald als moͤglich ſich nach dem Hauſe des Wald⸗ wäͤrters zu begeben. Allein mit Dufour, ſagt er dieſem: Alles, was ich uͤber Armand weiß, habe ich unmoͤglich Herrn und Frau v. Noirmont mittheilen moͤgen, aus Furcht, ſie mochten erroͤthen. Das Betragen des jungen Mannes iſt nichtswuͤrdig; er ruinirt ſich in den gemeinſten Tanz⸗ und Spielhauſern und gehe mit den verworfenſten Menſchen um. Ich habe es vorher geſagt!.. Erinnerſt du dich, was ich dir geſagt habe?... Haſt du mei⸗ ne Auftraͤge ausgerichtet 2 Furt, Armand hat es gewagt, 30,000 Fran⸗ ken auf dies Grundſtück aufzunehmen, das nicht en⸗ em hn, enn ller vor, ld⸗ les, lich Rn, gen nirt nd ei⸗ M⸗ cht 217 85 mehr ſein iſt, indem er ſich nach wie vor als deſſen Eigenthuͤmer ausgiebt. Teufel! wirſt du.. das wird eine ſehr boͤſe Geſchichte!. aber, biſt du nicht bei meinem Por⸗ tier geweſen?..— Hoͤre nur, wie ich das erfah⸗ ren habe. Ich war gerade bei Armand, als die Perſon, die ihm die Summe geliehen, zu ihm ein⸗ trat, ein braver Mann, der nicht den mindeſten Verdacht ſchoͤpfte. Als er erfuhr, daß ich von Bré⸗ ville komme, verlangte er einiges Naͤhere üͤber die⸗ ſes Gut, indem er ſagte: Der Herr Marquls ſcheint Luſt zu haben, es zu verkaufen, und wenn er vielleicht genirt iſt, mir meine 30,000 Franken zuruͤckzuzahlen, ſo waͤre ich nicht abgeneigt, mich uͤber den Kauf des Guts mit ihm zu arrangiren Das iſt bequem!... und der Schwager!.. du haſt gieich geſagt, daß der es ſchon gekauft hat, und dann haſt du doch von meinen...— Konnte ich Armand ins Ungluͤck ſtuͤrzen, ihn entehren?.. Ich ſchwieg ſtill, aber als der Gläubiger fort war, 4 213 fragte ich ihn, was er nun zu thun gedenke. Er ſchwor mir, daß er mit dem Gelde des Herrn v. Noirmont einen Theil der Schuld abtragen, und wegen des Reſtes ſeine Einrichtungen treffen wolle. Ich verließ ihn, beobachtete aber ſeine Schritte: An demſelben Abend noch verſpielte er die ganze Summe, die ich ihm gebracht hatte!. Das iſt niederträͤchtig!. das iſt abſcheulich! Aber endlich thue mir den Gefallen und ſtehe mir Rede bringſt du mir meine Pantalons mit?— Ei, zum Teufel; ich hatte wohl andere Dinge im Kopfe, als deine Hoſen!— ach ſo! das iſt freundſchaftlich gedacht! Wenn Berr Armand ſich ruinirt, ſo thut mir das leid, — aber ich glaube nicht, daß ich darum bet der gro⸗ ßen Hitze immer mit ein und denſelben Tuch⸗Pan⸗ talons zu gehen brauche, wenn ich Nankin⸗Bein⸗ kleider in Paris habe. Wenn ſie nur mein Portier nicht trigt, das iſts, us ich fürchte. Und Magdalene hat alſo das Haus verlaſſen? = 219 2 fragt Victor, Dufour ſcharf anſehend, um zu er⸗ fahren, ob er vielleicht hinter die Wahrheit ge⸗ kommen. Ja, die Kleine hat wieder zu ihrem Jacob zu⸗ ruͤckkehren wollen, wie man hier ſagt; aber du kannſt wohl glauben, daß ich nicht daran denke. Ich gehoͤre nicht zu den Leuten, die alles glauben, ich. HBerr v. Noirmont wird wohl irgend eine Intrique entdeckt haben!— Was fuͤr eine Intri⸗ que?— Weiß ich's; aber gewiß, die Kleine ſteckt voll Intriquen. Während ſie mir zum Malen ſaß, hoͤrte ſie nie auf zu ſeufzen,.. und wenn ein junges Maͤdchen ſeufzt ſo weiß man, was das ſagen will. Da biſt du'mal wieder mit deinen ewigen Muthmaßungen. Erſt iſt Magdalene in Armand verliebt; und jetzt ſteckt ſie voll Intrieuen! und mit wem?— Ach, mit wem ich waͤre eben nicht abgeneigt, zu glauben, daß Herr Chert Mon⸗ treſor Heh? er machte ſich immer etwas = 220 ₰ um Magdalenen zu ſchaffen wenn ſeine Frau nicht Acht gab.— Du biſt ein Narr, Dufour.— Oho! mit nichten, ich glaube, daß man die Kleine fort⸗ geſchickt hat, weil es die höchſte Zeit war... Beim Malen ſchien es mir manchmal, als ob ihre Taille him!. Dufour, das iſt abſcheulich, was du da ſagſt! Wenn ich nicht Mitleid mit dir haͤtte, ſo wuͤr⸗ de ich es dir zeigen, ſolche Bemerkungen zu ma⸗ chen!...— Ei! mein Gott, was iſt dir denn „für ſo ein hingeworfenes Wort.. erzürnſt du, wirfſt dich zum Ritter Magdalenens auf!... Biſt du etwa auch in ſie verliebt?— Ich thue noch mehr, ich bewundere, ich verehre ſie!... Dufour, kein beleidigendes Wort mehr uͤber ſie, oder du haſt es ernſtlich mit mir zu thun. Viector verlaͤßt Dufour ſehr kurz angebunden, und dieſer ſagt: er bewundert, er verehrt ſie! da⸗ hinter ſteckt etwas, denn es iſt eben nicht ſeine Ge⸗ wohnheit, die jungen Mädchen zu verehren. gſil ir⸗ na⸗ n dh, Biſ u, jiſt 221 88 Victor geht aus dem Hauſe. Obgleich noch etwas ermudet von der Reiſe und der Promenade von Laon nach Bréville, will er doch den Tag nicht vergehen laſſen, ohne Magdalenen geſehen zu haben. Erneſtine hat ihm den Weg zur Waldwärterwohnung bezeichnet und haͤtte ihn ſehr gern begleitet; aber es iſt unmoͤglich, denn jetzt, nun er wieder zuruͤck iſt, wagt ſie es nicht anders, das junge Mädchen zu beſuchen, als wenn ſie Victor in Geſellſchaft ihres Mannes weiß; ſie fuͤhlt wohl, daß der kleinſte Argwohn eines Einverſtaͤndniſſes zwiſchen ihr und Dalmer, jenen auf die Spur der Wahrheit leiten wuͤrde. 8 Victor hat ſchnell Feld und Wald durchſchrit⸗ ten; er erblickt die Wohnung Jacobs, klopft an und Magdalene iſt's, die ihm oͤffnet; Staunen ergreift ſie bei ſeinem Anblick; ein lebhaftes In⸗ carnat faͤrbt ihre Wangen, ihre Augen leuchten vor Freude und kaum kann ſie die Worte hervor⸗ ſtammeln: 222 ₰8 Wie! Sie ſind es, Herr Victor!— ZJa, Magdalene, ich bin's Heut fruͤh bin ich von Paris wieder angekommen, und ſogleich laufe ich hierher... Ich konnte die Zeit nicht erwarten, Euch wieder zu ſehen, Euch alles zu ſagen, was ich denke.— Wie! um meinethalben ſind Sie her⸗ gekommen! um mich zu ſehen!. O! nun wird meine liebe Freundin nicht mehr ſagen, daß ich ungluͤcklich bin..— Kann ich nicht eintreten, Magdalene, um mit Euch zu plaudern?..— Ach! mein Gott!... Jacob iſt da; er ſchlaͤft ein wenig; ach, wenn er Sie ſaͤhe..— Ihr habt Recht; er muß mich haſſen, mich verach⸗ ten, denn ich bin der Urheber aller Eurer Leiden — Gehen Sie ins Gehoͤlz, da unten, linker Hand;. ich werde Ihnen gleich nachfolgen, und dann koͤnnen wir mit einander ſprechen, ohne Ja⸗ cob zu fuͤrchten. WVictor geht nach der Seite hin, die Magdalene ihm bezeichnet hat, ſetzt ſich auf einen Baumſtamm = 223 2 und erwartet das junge Mädchen. Sie bleibt nicht N, un lange aus: ein einfaches blaues Kleid, ein ſchwar⸗ zer Guͤrtel, ein kleines ſeidenes Tuch um den Hals, 6 ein Strohhut mit breiter Kraͤmpe, von dem die 6 Baͤnder auf die Schultern herabflattern; das iſt die ganze Toilette Magdalenens. Aber in dieſem nun Augenblick drucken ihre Augen ſo viel freudige Ver⸗ F wirrung aus, ihr Teint iſt ſo roſig, ihr Lächeln & ſo ſanft, ihr Gang ſo leicht, daß Magdalene wirk⸗ lich huͤbſch und Victor ganz verwundert iſt, dies lift zum erſten Male zu bemerken. 3 Da bin ich, ſagt ſie, indem ſie ſich neben . Victor ſetzt, es thut mij recht leid, Sie nicht im Hauſe empfangen zu koͤnnen.— Ach! Magda⸗ lene, habt Ihr mir Entſchuldigungen zu machen, da ich all' Euren Kummer verurſache; wenn Ihr . wuͤßtet, was ich empfunden habe, als ich Euch I⸗ nicht mehr in Bréville fand und erfuhr, daß Herr v. Noirmont Euch fortgeſchickt hat!— Vergeſſen wir das, Herr Dalmer Ich fuͤhle mich jetzt = 224 8 ſo glůcuch,. o, ich bin für das, mas ich gethan habe, ſehr belohnt worden.— ch netde t ver⸗ geſſen, wie viel Dank ich Euch ſchuldig bin. Gute Magdalene! es giebt gewiß wenig S ſo wie Ihr gehandelt hätten. Vielleicht habe ich nicht ſo viel Verdienſt dabei, als Sie glauben! — 6 Koͤnnte man in den Herzen der Menſchen leſen, das, was man ihre ſchoͤnſten Handlungen nennt, wuͤrde oft ganz natuͤrlich krſcheinen⸗ Soll man für diejenigen nichts thun, dis man liebt?. und ich 6 liebe die Geſpielin meiner Kindheit ſo n+ Aber mich, Magdalene, mich, der urheber alles Ungluͤcks, das Euch ſeit einiger Zeit betroffen hat, mich muͤßt Ihr haſſen... Sie haſſen? ruft Magdalene mit Ausdruck, faͤhrt aber ſogleich in gemeſſenerem Tone und mit nie⸗ 6 dergeſchlagenen Augen fort: O nein! Herr Dalmer, das iſt unmöglich!... ſind Sie es nicht, der mich wieder zu meiner lieben Erneſtine gebracht hat? — Mußte ich das thun, um hernach wieder ethan er⸗ Gutt ſo e ich lbenl leſen, ennt, für dich ales at fihrt ni⸗ mer nich hat 7 ieder 6„ 4 225 2 die Veranlaſſung zu Ihrer Trennung zu geben?— Ich bitte, Hert Victor, ſprechen wir nicht mehr da⸗ von„ Erneſtine beſucht mich oft, und ſpricht mir dann von„von allem, was ſie intereſſirt .. Ich bin hier durchaus nicht zu beklagen; ich habe alles, was ich brauche, und wenn Sie auch noch die Guͤte haben, an mich zu denken, herzu⸗ kommen, mir dann und wann Neues von Bréville mitzubringen.. O! ich verſichere Sie, dann werde ich ganz gluͤcklich ſein Ja, Magdalene, ich werde ſo oft als moͤgich kommen, manchmal werde ich es auch zu bewirken ſuchen, daß Erneſtine mich begleitet. Ach ja, erwiedert Magdalene erblaſſend; ja Sie kommen mit ihr, das iſt beſſer. der Weg wird Ihnen nicht ſo lang vorkommen. und dann moͤchte es Sie auch langweilen, immer nur mit mir zu ſprechen, die ſo ſchlecht zu unterhalten ver⸗ ſht! Was ſagt Ihr, Magdalene? hat man Lange⸗ zter Tyeil⸗ 15 — — —— ** 8 226 ₰ weile bei denen, die man ept, und von nun an liebe ich Euch, wie meine Schweſter; ſeht mich fur einen Bruder an.. und behandelt mich auch ſo.. Moͤchte ich dereinſt dieſen Titel verdienen, und indem ich Euch Eure Zukunft ſicher ſtelle, das übel wieder gut machen, was ich gethan habe! Ihr muͤßt einen Mann gluͤcklich machen; ich nuß Euch mit Jemand verbunden ſehen, der Eure ſchoͤ⸗ ne Seele zu ſchazen weiß und Eurer wütdig iſt, der. 5* Magdalene, welche Victor mit Ungeduld zuge⸗ hoͤrt, unterbricht ihn raſch: Nein, nein! Herr Dalmer, ſagt ſie, ich bitte Sie, daran denken Sie niemals... Magdalene will und darf ſich nicht verhetrathen; ohne Verwandte, ohne Na⸗ men wird ſie bleiben, was ſie iſt... ch bitte nochmals, ſprechen Sie niemals wieder davon, Sie wurden mir wehe thun. Magdalene wendet den Kopf weg, um ihre Thränen zu verbergen, Vietor ergreift ihre Hand an nich uch ſenen, das obe! mß ſch it, zuge⸗ Her enken ſch hitte hte hand 227 S5 und ſagt: Verzeihet, ich wollte Euch nicht u thun aber verweigert Ihr mir auch alles, was ich fuͤr Euch thun moͤchte, ſo werdet Ihr doch we⸗ nigſtens meine aufrichtige Freundſchaft nicht zuruͤck⸗ weiſen. Ihre Freundſchaft, gewiß nicht, Herr Dal⸗ mer. Und Ihr werdet mir die Eurige ſchenken?.. Sie beſitzen ſie ſchon lange, und was ich ein⸗ mal vhehed habe, nehme ich nicht wieder zurüc. In dieſem Augenblick laͤßt ſich die Stimme Jacobs hoͤren, der Magdalenen ruft. Er iſt erwacht, ſagt ſie aufſtehend; ich laufe geſchwind hinein, da⸗ mit er nicht hierher koͤmmt. Adieu, adieu! Herr Victor, denken Sie manchmal an Magdalenen und ſie wird nicht ungluͤcklich ſein. Bei dieſen Worten druͤckt ſie leiſe die Hand, welche die Ihrige noch hielt und ſpringt raſch da⸗ von, als fuͤrchte ſie die Roͤthe ihres Geſichts ſehen zu laſſen. PVictor entfernt ſich auch, kehrt nach 15* 226 S Breville zuruͤck und bemuͤht ſich unterweges die Ur⸗ ſache der Thraͤnen aufzufinden, welche er in Mag⸗ dalenens Augen geſehen hat. Vierzehn Tage ſind vergangen, Victor hat mit Billard und Schachſpiel Herrn v. Noirmont wieder die Zeit vertrieben; Erneſtine iſt etwas heiterer geworden; aber Dufour, der Niemand mehr fin⸗ det, der ihm ſitzen will, ſpricht manchmal ſchon von der nückehr nach Paris; dann aͤrgert ſich Er⸗ neſtine und erklaͤrt ihm, er ſei bis zu Ende des Sommers ihr Gefangener. Herr und Madame Mon⸗ trſor kommen noch manchmal nach Bréville, aber die Pomard's laſſen ſich nicht ſehen. Victor hat Magdalenen wieder einen Beſuch machen wollen, aber Jacob war gerade da und er durſte es alſo nicht wagen, mit dem jungen Maͤd⸗ chen zu ſprechen. Sobald Hert v. Noirmont es ihm nur geſtattet, ſucht er ſich ſeine andere Unter⸗ haltung. Man giebt der Liebe immer eher Gehor, als der Freundſchaſt, und man hat Recht. Die eUr⸗ Moo t mit rieder iterer tfin⸗ ſchon E edes Mon⸗ aber Beſuch und er Nid nt e Unter⸗ ehör, di ——— 4 229 8 Eine hat nicht immer Zeit, die andete aber kann warten. Eines Nachmittags, waͤhrend eines heftigen Gewitters, das jeden Spaziergang verbietet, ſitzt Dufour an einem Fenſter des Salons, das auf die Landſtraße geht, betrachtet den ſtarken Regen und uͤberlegt, wie in der Malerei ein ſolcher Efekt wohl darzuſtellen ſein moͤchte, als er ploͤtzlich einen Ausruf der überraſchung hoͤren laͤßt, und Erneſtine ihn erſchreckt fragt, was er habe. Gnadige Frau, ich ſehe da unten auf der Land⸗ ſtraße zwei Reiſende, und man moͤchte ſchwoͤren, ja wahrhaftig. es iſt Ihr Bruder und ſein Freund St. Elme. Mein Bruder! ruft Erneſtine.— Armand! fährt Herr v. Noirmont auf und verlaͤßt ſein Schach⸗ bret. Alles laͤuft an das Fenſter, und man ſieht wirklich zwei Reiſende, die von Breéville her auf das Haus zukommen; Erneſtine indeſſen ſagt bald: O nein, das iſt mein Bruder nicht, zu 250 Juß, in ſolchem Wetter. das kann Armand nicht ſein. In den beiden Fußgaͤngern, welche gegen Sturm und Regen ankaͤmpfen, um das Haus zu erreichen, war es in der That ſchwer, dieſelben Männer zu erkennen, die einige Zeit vorher erſt Bréville ver⸗ laſſen hatten Und doch waren es der junge Mar⸗ quis und ſein alltaglicher Begleiter wirklich, man konnte nicht mehr zweifeln. Ja, ja, er iſts!. mein armer Bruder! Bei dieſen Worten verlaͤßt Erneſtine das Fenſter und laͤuft hinaus auf die Flur, ihrem Bruder ent⸗ gegen, waͤhrend Herr v. Noirmont ſchilt: Und er bringt uns den St. Elme wieder mit, fuͤrwahr! das geht uͤber die Erlaubniß... Aber jetzt gehoͤrt mir das Haus, und ich werde dem Herrn meine Mei⸗ nung nicht vorenthalten; ich hoffe, er ſoll nicht lange hier bleiben. Da kommen ſie ſo eben in den Hof, uſt Dufour, Vietor anſtoßend. Him! wie ſieht Ar⸗ der! enſter ent⸗ nd er das tmit Mi⸗ nicht u Ar⸗ 4E 251 25 mand veraͤndert aus!... und der ſchoͤne St. Elme! Teufel! in ſolchem Aufzuge ſieht er nicht ſo elegant aus.. Und deſſenungeachtet.. da! ſieh! es iſt noch immer derſelbe Gang... dieſelbe Sicherheit;... und obgleich er durchweicht wie ein Schwamm ankommt, giebt er ſich doch das Anſe⸗ hen, als ſtiege er aus einer Equipage mit acht Pferden. Die Reiſenden treten bald darauf in den Sa⸗ lon. Armand iſt kaum wieder zu erkennen, obgleich es nur noch kurze Zeit her iſt, daß er den väter⸗ lichen Boden verlaſſen hat. Er ſcheint mehrere Jahre älter geworden zu ſein; er iſt abgemagert, todt⸗ pleich, hat rothe, tiefliegende Augen, und haͤlt ſie beinahe immer zur Erde geſenkt; ſeine Augen⸗ brauen haben beim naͤchtlichen Spiel die Gewohn⸗ heit angenommen, zu blinzeln, und ſeine Stirne hat davon einen Ausdruck des Verdruſſes und der Sorge zurüͤckbehalten. Sein Anzug iſt derſelbe, den er ſonſt gewoͤhnlich auf dem Lande trug, nur die 232 ₰5 ſonſt ſo ſchneeweiße, nett gefaltete Cravatte, kuͤn⸗ digt jetzt die groͤßte Nachlaͤſſigkeit und Unſauber⸗ keit an. St. Elme trgt ein Paar abgeſchabte Panta⸗ ons, die zwar immer noch ſein zierliches Bein eng umſchließen, aber bis an das Knie beſchmuzt ſind. Sein blauer Frack iſt bis zum Kinn dicht zu⸗ geknoͤpft, und läßt eine ſchwarze militairiſche Hals⸗ binde, aber nichts von einem Hemdkragen ſehen. Eine Reitgerte in der Hand, iſt er beſchäͤftigt mit einem Foulard ſeinen durchnäßten Hut abzuwiſchen. Da ſind wir, ruft St. Elme eintretend, mit derſelben lachenden Miene, womit er das Haus verlaſſen hatte, ich bringe Ihnen den verlornen Sohn wieder: ol ich dachte wohl, dab es mir ge⸗ lingen wuͤrde.. Wenn ich'mal etwas durchſetzen will, ſo ruhe ich nicht eher... Guten Abend, Herr v. Noirmont, Sie tuͤchtiger, beherzter Jä⸗ gep. Vie wollen wir jetzt wieder wetten, wer das mehrſte erlegt... Meinen beſten Gruß, Herr lün⸗ bet⸗ nta⸗ Bein muzt t zu⸗ bals⸗ hen. mit ſchen⸗ — 235 82 Dalmer. Sie ſehen, lieber Freund, ich halte, was ich verſprochen habe; ich bringe Armand ſei⸗ ner Familie zuruͤck Ol wo findet er auch ſolch' eine Familie! man empfindet das am beſten, wenn man davon entfernt iſt.. Ach! da iſt ja auch unſer Maler! Guten Abend, Dufour.. Vorgeſtern war ich noch bei einem Deputirten, der ganz vernarrt in Ihre Bilder iſt... Als ich ihm ſagte, daß ich Sie kenne, beneidete er mein Gluck, er hätte mir moͤgen in die Taſche eriechen. Zch freue mich ungemein, die ganze Geſellſchaſt ſo wohl zu finden„. Verwuͤnſchter Weg ver⸗ teufeltes Gewitter, das uns uͤberraſcht hat ich wollte Pferde abwarten... einen Wagen; aber Armand eilte ſo ſehr, ſeine Verwandte und Freun⸗ de wieder zu ſehen es iſt ſo naturlich. und da ſind wir denn durch und durch naß geworden. Waͤhrend St. Elme ſeiner Unverſchmtheit freien Lauf laͤßt, iſt Armand ſeinem Schwager entgegen gegangen, und dieſer reicht ihm die Hand mit 4 254 ₰5 einer mehr betruͤbten, als verwrießlichen Miene. Den jungen Dalmer hat er nur verlegen gegrußt; man ſieht, daß er einige Scham empfindet. End⸗ lich wirft er ſich mit den Worten auf einen Stuhl: Ja, da bin ich! Ich haͤtte gewuͤnſcht, Sie wären fruͤher ge. kommen; aber jedenfalls freue ich mich uͤber Ihre Zuruͤckkunft; was mich nur aͤrgert, iſt. Herr v. Noirmont endigt, auf St. Elme zei⸗ gend, leiſe ſeine Rede, und Armand antwortet ihm mit etwas empfindlichem Ton: Ich verſichere Sie, daß Sie ihn falſch beurtheilen!... Es iſt nicht ſeine Schuld, wenn ich in Paris unglucklich geweſen bin, wenn mich mein Geſchick daſelbſt auf eine grauſame Weiſe verfolgt hat.. Man hat St. Elme bei Ihnen verläͤumdet... Er hat mir nicht helfen koͤnnen; er hat auch große Unfaͤlle erlitten;... aber er iſt mir zugethan, und ihn ſchlecht aufnehmen, das hieße auch uͤber meine Ge⸗ genwart Mißfallen zeigen iene. üt; End⸗ uh: ⸗ 9hle ei⸗ itet chere it dlch auf ht i nſil Ge⸗ 255 2 So ſind Sie denn in Ihren epaltirten Anſich⸗ ten immer noch derſelbe... Späterhin werden Sie dieſen aufrichtigen Freund wohl beſſer beurthei⸗ len lernen... Ynzwiſchen will ich, Ihnen zu ge⸗ fallen, ihm noch nicht ſagen, was ich denke, ob⸗ gleich es mir lieber geweſen wäre, Sie allein wie⸗ der zu ſehen. Waäͤhrend dieſer Unterredung hat St. Elme nicht aufgehoͤrt, ſeinen Hut abzutrocknen; dann ſtellt er ſich vor einen Spiegel, fährt mit der Hand in die Haare und ſagt: Es iſt wirklich toll, ſo anzukommen. zu Fuß und bei ſolchem Wetter. Wer uns nicht kennt, füͤr wen moͤchte der uns wohl halten. Es ſcheint, Frau v. Noirmont iſt etwas ſtärker geworden; es gereicht Ihnen zu beſonderem Vortheil. Erneſtine erwiedert nichts auf dies Compliment, wuͤrdigt St. Elme kaum eines Blicks und nähert ſich Armand. 256 ₰2 Aber ſich ſolch' einem Wetter auszuſetzen, ſagt ſie, du ſiehſt krank, leidend aus.— Sch! o nein! mir fehlt nichts. Ich verſichere Sie, ſchoͤne Frau, daß wir uns ſehr wohl befinden, fallt St. Elme ein, aber Armand hat immer ein etwas delikates Anſehen ge⸗ habt und dann haben wir in Paris etwas den Libertin... den Unuͤberwindlichen geſpielt. Erneſtine faͤhrt fort mit ihrem Bruder zu ſpre⸗ chen, ohne St. Elme zu antworten: Es wird noͤthig ſein, daß du die Kleider wech⸗ ſelſt.— Was ich vor allem wuͤnſche, iſt, auszu⸗ ruhen; denn dieſer Weg im Regen hat mich ge⸗ waltig angegriffen... Iſt meine Stube noch un⸗ beſetzt?— Allerdings, ſie erwartet dich.— So gehe ich hinauf. Ach! ich bin ſehr muͤde, morgen plandern wir weiter. St. Elme, gehſt du nicht auch auf dein Zimmer? Nein, lieber Freund, ich habe noch Zeit und mochte ungern eine Geſellſchaft ſchon ſo bald wieder ot in 237 ₰ verlaſſen, die ich wieder zu ſehen, die Zeit nicht erwarten konnte.. Und uͤberdies hat mich der Weg hungrig gemacht; wir haben zwar ſehr fein zu Mittag gegeſſen;.. aber wenn auch', ich glaube, ein Abendbrod wuͤrde ich ſehr gern zu mir nehmen, obgleich ich niemals zu Abend eſſe. Nun dann, wie dir's gefaͤllt. Armand empfiehlt ſich darauf der Geſellſchaft mit einer leichten Verbeugung und verlaͤßt den Sa⸗ lon, nachdem er jedoch noch an Victor vorbei ge⸗ gangen und ihm ins Ohr geſagt hat: Ich rechne, mein Herr, auf Ihre Verſchwiegenheit, und dieſer es mit einer Bewegung des Kopfes bejahet hat. Iſt das noch mein Bruder? fragt bedenklich Erneſtine ihm nachſehend. Er, der ſonſt ſo heiter, ſo liebenswuͤrdig war! ach! ich erkenne ihn nicht wieder. St. Eime iſt im Salon zuruͤckgeblieben; er geht darin auf und nieder und begafft ſich mit eben der Keckheit und Arroganz, als er es vor der Pa⸗ 4 238 ₰8 riſer Reiſe gethan, und Dufour hoͤrt nicht auf, ſei⸗ nen ſicheren und dreiſten Ton zu bewundern, der ihn verhindert, die Kaͤlte ſeines Empfanges ent⸗ weder zu bemerken, oder zu Herzen zu nehmen. Herr v. Noirmont ſagt zu Victor: Fahren wir in unſerer Partie Schach weiter fort.. die Gegen⸗ wart des Herrn darf uns nicht weiter derangiren. Nun, mein lieber Dufour, redet St. Elme ihn an, indem er ihn auf die Schulter klopft; ſeit meiner Abreiſe müſſen wir hier recht fleißig Portraits gemalt haben! he?... nun ich hoffe doch, ich komme auch an die Reihe.— An die Reihe, wie das? Nun, um gemalt zu werden Man malt jetzt die Perſonen in ganzer Figur, aber klein;.. das iſt viel gracieuſer, ſo wuͤnſchte ich auch gemalt zu ſein..— Ach ja! um als Pendant zu meinem Wald von Compiegne zu die⸗ nen Gewiß, gewiß! Und Ihre freundlichen Nach⸗ baren, die liebenswuͤrdigen Montréſor's, was ma⸗ nt⸗ en. M ie⸗ 2 259 ₰ chen die denn, Herr v. Noirmont? und der ſpaßhafte Herr Pomard, iſt er fleißig mit Ih⸗ nen auf der Jagd geweſen? Erlauben Sie, Herr St. Elme, ich bin mit meinem Spiel beſchaͤftigt.— Ach! verſteht ſich ich bitte um Entſchuldigung... Ein ſchoͤnes Spiel, das Schachſpiel! ich wuͤrde es gewiß ſehr gut ſpielen, aber es macht mir Kopfweh... Ich wette, unſer Kuͤnſtler iſt auch immer noch ein let⸗ denſchaftlicher Lotterieſpieler.. Sagen Sie'mal, Dufour, haben Sie's in meiner Abweſenheit oft geſpielt? es muß Ihnen gewaltig viel Spaß machen, wenn Sie eine Quine gewinnen!... Ich glaube, es wuͤrde Ihnen in dieſem Au⸗ genblick auch ſehr zu ſtatten kommen, Hert v. St. Elme! antwortet Dufour mit ſpitzfindigem Laͤcheln. O Wetter! ohne Zweifel!.. ich habe in die⸗ ſem Sommier ſchreckliche Verluſte erlitten; mehr als 200,000 Franken verloren..— Am Pha⸗ rgotiſch?..— Nein, durch Falliſſements,. = 240 ₰ ich geſtehe, daß mich das etwas genirt hat.— Und Ihre Weinberge in der Bretagne?— Die ſind auch drauf gegangen... Nichts iſt verrätheriſcher, als Weinberge.. Im Grunde mache ich mir aus alle dem nicht gar zu viel, da ich eine Tante mit 20,000 Franken Renten zu beerben habe, die mich anbetet.. es iſt, als haͤtte ich ſie ſchon aber es hat mich nur wegen Armand truͤbe Stunden gekoſtet... er hat ja ſo manche Thorhei⸗ ten begangen! Thorheiten! ruft Herr v. Noirmont, der nicht laͤnger an ſich halten kann; Sie ſind ſehr beſchei⸗ den.. Ein junger Menſch, der in weniger als achtzehn Monaten ſein ganzes Vermoͤgen durchbringt, der, waͤhrend ſeines letzten Auſenthalts in Paris, den Preis dieſes Guts, ſeine letzten Huͤlfsquellen, in die Spielhaͤuſer traͤht.. das ſind mehr als Thorheiten, mein Hert! und ich hätte es wohl erwartet, daß Sie, der Sie ſich der Freund Ar⸗ mands nennen, und ohne Zweifel manche Erfahrun⸗ cht i⸗ alt ot it, en, a oh A⸗ un⸗ 241 8 gen gemacht haben, ihn auf dem Wege des Laſters zuruͤckgehalten, als ihm bei ſeinem Ruin geholfen haͤtten. Herr v. Noirmont hat mit Lebhaftigkeit ge⸗ ſprochen, ſeine Stirn iſt ernſt, ſein Blick richtet ſich fragend und durchdringend auf St. Elme; aber dieſer, ohne irgend aus der Faſſung zu kommen, laͤchelt und erwiedert im Tone der Gemüthlichkeit: Ich erwartete, das von Ihnen zu hoͤren.. ja, ich war meiner Sache gewiß... Unterweges ſagte ich noch zu Armand: Dein Schwager wird auf mich boͤſe ſein;... er wird glauben, daß ich dir ſchlechten Rath ertheilt... und im Grunde... ich bin aufrichtig... an Ihrer Stelle wuͤrde ich es auch geglaubt haben. Indeſſen kann ich es Ih⸗ nen ſchwoͤren, daß mir Armand's Ungluͤck minde⸗ ſtens eben ſo leid thut, als Ihnen. Haͤtte er mei⸗ nen Rath befolgt, ſo wuͤrde er ſein Geld nicht im Spiel, beſonders im Ruulette verloren haben ein erbaͤrmliches Spiel, wo aller Vortheil ater Theil. 16 242 auf der Seite des Banquiers iſt.. das trente— et un geht noch an, da haben beide Theile ziem⸗ lich gleiche Rechte... Und was das ſchoͤne Ge⸗ ſchlecht betrifft. O! ich wollte ihm ſehr vortheil⸗ hafte Bekanntſchaften... ausgezeichnete Damen, mit denen er ſein Gluͤck auf eine ehrenvolle Weiſe haͤtte machen koͤnnen, zuweiſen,.. aber er iſt ja ein Thor!... Hatten ihm zwei ſchoͤne Augen den Kopf verruͤckt, ſo war ihm kein Opfer zu groß, um ſie nach Gefallen bewundern zu koͤnnen Ich habe mehrere Male mit ihm ſehr heftige Auftritte gehabt... ja ernſthaſte Wortwechſel, wir waren ſelbſt auf dem Punet, uns zu ſchlagen; aber, dachte ich: der junge Menſch hat kein ſchlechtes Herz, bringe ich ihm eine Wunde bei, ſo wird ihn das auch nicht beſſern!... Seine achtbaren Verwandten haben ihn mir anvertraut, und ich darf mit ihm nicht brechen... Und das iſt der Grund, warum ich ihn nicht verlaſſen habe. Er iſt ſelbſt Schuld daran, daß ich meine eigenen ſel, en, ein ei, int ut, di he. en 245 S Geſchaͤfte vernachlaͤſſigt habe Streng genom⸗ men, kann ich behaupten, daß er mich ſehr viel Geld gekoſtet hat;.. aber ich bin zu delicat, um jemals daruͤber gegen ihn ein Wort zu verlieren. Herr v. Noirmont antwortet darauf nichts, und es war in der That das Beſte, was er thun konnte. überdies hat St. Elme eine Art und Weiſe, ſeine Sache zu vertheidigen, die, wenn ſie auch nicht uͤberzeugt, doch fuͤr den Augenblick blendet. Nach einiger Zeit hebt St. Elme wieder an: Aber ich habe ja die kleine Magdalene nicht geſehen, die Pflegbefohlene von Frau v. Noirmont? Haben Sie ſie vielleicht in unſerer Abweſenheit verheirathet? Nein, mein Herr, antwortet Erneſtine tro⸗ cken, ſie iſt nicht verheirathet, aber ſie wohnt nicht mehr hier. Sie wohnt nicht mehr hier!„oh! ſo, ſo! ich verſtehe. die kleine Waiſe hat irgend eine VAventuͤre, einen ſchwachen Augenblick gehabt... Wirklich, ſie war etwas ſentimental, die Kleine. 16 S 244 ₰ Herr St. Elme, ruft Victor, vom Spiel auf⸗ ſtehend: ſprechen Sie mit mehr Schonung von dem jungen Maͤdchen!... Sie erlauben ſich ohne Zwei⸗ fel jetzt dergleichen Außerungen uͤber Magdalene, weil Sie ſie ohne Beſchuͤtzer glauben; aber ich be⸗ vorworte Ihnen, daß ich das nicht leiden werde, und. Ei, mein Gott, Herr Dalmer!... was fällt Ihnen ein?... In Wahrheit, ich begreife nicht, was hier vorgegangen iſt; aber ein Jeder aͤrgert und erzuͤrnt ſich um Kleinigkeiten. Werfen Sie ſich meinetwegen immer zum Ritter fuͤr Mamſell Mag⸗ dalene auf, es iſt Ihre Sache. Was ihre Tugend betrifft, ſo kann ich ſie nicht angreifen, denn ich kenne ſie nicht, aber man kann ſich ja wohl einen leichten Scherz erlauben. Nein, mein Herr; wenn es ſich um ein armes Madchen handelt, die von aller Welt verlaſſen iſt, ſo ſind ſolche Scherze ſehr unzeitig. Irs gefällig, Herr Victor, wollen wir nicht uf⸗ dem 3wei⸗ Mene, be ede, rmes ni 4= 245 85 die Partie beendigen? ruft Herr v. Noirmont. Vietor ſetzt ſich wieder, und St. Elme fluͤſtert Du⸗ four, ſich ihm naͤhernd, in's Ohr: Mein lieber Künſtler, Sie muͤſſen mir das erzaͤhlen, Viector wird ſich mit der Kleinen eingelaſſen haben, und will darum nicht, daß man ſich einen Spaß uͤber ſie erlaube... Ah! ah! Sie antworten nicht? Ich wette hundert Louisd'or, daß ich Recht habe. — Ich halte die Wette, wenn Sie ſie ſetzen. Nach beendigter Partie beeilt ſich ein ZJeder, ſich auf ſein Zimmer zu begeben. St. Elme allein geht vorher noch in das Eßzimmer, wo er, trotz des feinen Mittagsbrodes, noch eine tuͤchtige Abend⸗ mahlzeit haͤlt. Herr v. Noirmont hofft, daß ſein Schwager von der Summe, die er ihm durch Dalmer uͤber⸗ ſchickt hat, noch etwas eruͤbrigt haben wird. Als er ihn am andern Morgen im Garten antrifft, be⸗ eilt er ſich, das Geſprach auf dieſen Gegenſtand zu bringen. 246 ₰ Sch habe nichts mehr, antwortet ihm Armand in einem truͤben Tone: ich habe Alles verloren, ja, durchaus Alles, und von einigen Glaͤubigern verfolgt, habe ich ihnen ſogar meine Mobilien, alles, was ich beſaß, uͤberlaſſen muͤſſen.. Ungluͤcklicher junger Mann!... was denken Sie jetzt zu thun?— Ich weiß es nicht; aber ich bitte Sie, Herr Schwager, keine Vorwuͤrfe, Ermahnungen... alles das wuͤrde jetzt unnütz ſein, und ich bin nicht aufgelegt, ſie anzuhoͤren.. Wenn Ihnen mein Aufenthalt hier mißfällt, ſo ha⸗ ben Sie nur ein Wort zu ſagen, und..— Herr v. Bréville, ich werde niemals vergeſſen, daß Sie der Bruder meiner Frau ſind, Sie werden bei mir immer gern geſehen ſein. Wenn Sie ruhiger gewor⸗ den ſein werden, und mich anhoͤren koͤnnen, wollen wir uns daruͤber berathen, was noch zu thun iſt. St. Elme, der die Unterredung von weitem mit angehoͤrt hat, naͤhert ſich Armand, nachdem Herr v. Noirmont ihn verlaſſen hat: Ich wette, ſagt er, and j, lgt, wo ſten aber ſrft, ein, benr Sie nir vol⸗ llen wit er er, 247 ₰ ich wette, daß dein Schwager dir eine Stelle von 1200 Franken in der Steuer⸗Parthie vorſchlagen wird, um dich wieder auf die Beine zu bringen, um dir das Leben zu friſten.. Ein Marquis, Steu⸗ eraufſeher zu Pferde; ha, ha, ha! das muͤßte drol⸗ lig ſein! Ach, St. Elme, du kannſt noch ſcherzen? ich habe den Muth nicht mehr dazu, erwiedert Armand, mit großen Schritten die Alleen des Gartens durch⸗ laufend. Ei, lieber Freund, man muß doch zu einem Entſchluß kommen... Ich glaube, der Schwager wird nicht mehr ſo liebenswuͤrdig ſein, wenn er er⸗ faͤhrt, daß du noch 30000 Franken auf dies Grund⸗ ſtuͤck ſchuldig biſt! ah, ah! Wenn deine Glaͤubiger kommen, ſich das Gut zu beſehen, wird die Sache noch ſchlimmer werden. Ja, ich habe mein ganzes Erbtheil durchge⸗ bracht, dieſe Beſitzung, wo ich geboren, erzogen wurde, gehoͤrt mir nicht mehr. Sich in weniger — 248 85 als zwei Jahren an den Bettelſtab bringen! o, es iſt abſcheulich ich verachte, ich verfluche mich! Pfui doch! ſoll man in deinem Alter ſo ſpre⸗ chen? Alle Menſchen begehen Thorheiten... Man faͤllt, aber man ſteht wieder auf!— Und wovon ſoll ich die 30000 Franken bezahlen, die ich ſchul⸗ dig bin?— Mache es wie Figaro, der ſagt: Wenn man ſchuldig iſt, und bezahlt nicht, ſo iſt's, als wäre man nicht ſchuldig.— Aber ſoll ich den Reſt meines Lebens hier, ſern von jedem Vergnuͤgen, zubringen?.. Könnte ich nicht vielleicht wieder nach Paris zuruͤck, wo mir vielleicht das Gluck kuͤnf⸗ tig guͤnſtiger waͤre? ja, haͤtte ich nur etwas, wo⸗ mit ich es nochmals verſuchen koͤnnte.... Ja, ja, das iſt eben der Teufel; denn immer kann ſich Fortung nicht gegen dich verſchworen, mal muß ſie dir doch lächeln, aber dazu gehoͤrt friſches Gold.... Wenn dein Schwager dir nur'was bor⸗ gen wollte.— O, niemals wuͤrde ich es wagen an on ul⸗ n 6 249 und uͤberdies wuͤrde er glauben, ſehr viel zu thun, wenn er mir vielleicht nur mit Wenigem hilft;... er wuͤrde mir Bedingungen machen, und die nehme ich nicht an.— Nun dann, ſo warten wir's ab, der Zufall iſt uns vielleicht guͤnſtig! Man muß nie⸗ mals verzweifeln; das iſt der ſchlechteſte Ausweg. Armand hat keine Hoffnungen; er verläßt in⸗ deſſen St. Elme, um das junge Maͤdchen aufzuſu⸗ chen, das bei ſeiner Abreiſe in Bréville war; er erinnert ſich, daß Magdalene ihn aufrichtig liebt, und in ungluͤcklichen Tagen denkt man an die, die uns lieben. Er erkundigt ſich bei ſeiner Schwe⸗ ſter nach ihr. Magdalene wohnt nicht mehr hier, unterrichtet ihn Erneſtine verlegen; ſie iſt zu ihrem Jacob zuruͤck⸗ gekehrt.— Wie, Schweſter, du haſt die Kleine wie⸗ der von dir gelaſſen, welche du ſo zu lieben ſchienſt? O, ich liebe ſie immer noch eben ſo ſehr, aber mein Mann. hat etwas mit ihr vorgehabt, und. — Ich verſtehe.... Armes Kind! Ich werde zu ihr gehen, ich glaube, ihr Anblick wird mir Freude machen; er wird mich an jene Zeit erinnern, die ſo ſchnell vergeht, und niemals zuruͤckkehrt. Armand laͤßt ſich Jacob's Wohnung bezeichnen. St. Elme, der ſich eben nicht zu ſehr in einem Hauſe amuͤſirt, wo Jeder ihm ausweicht, laͤuft ihm nach und holt ihn auf dem Felde ein. Wo gehſt du hin? fragt er.— Eine Perſon be⸗ ſuchen, die ich liebe, und deren Gegenwart vielleicht meinen Kummer etwas mildert... ich gehe zu Magdalenen, die von meinem Schwager gezwungen worden iſt, das Haus zu verlaſſen.— Sieh' doch! du beſuchſt die kleine Waiſe.. Teufel! das iſt romantiſch:— Begleite mich nicht, St. Elme; du haſt von ſolch' einer bruͤderlichen Freundſchaft fuͤr die Geſpielin unſerer Kindheit keinen Begriff, du wuͤrdeſt bei ihr Langeweile haben.— Aber, was Teufel! willſt du, das ich bei deinem Schwager anfangen ſoll? wenn er mich anſieht, bläht er ſich zu Me ſ en. = 251 S auf wie ein Froſch; deine Schweſter macht ſich da⸗ von, ſo wie ſie mich kommen ſieht; der kleine Dal⸗ mer giebt ſich auch ein Anſehen mit mir, und der lange Dufour malt des Gaͤrtners Tochter... das iſt ja, um aus langer Weile zu ſterben; die anzie⸗ hende runde Pomard mit ihrem laͤcherlichen Bruder ſieht man auch nicht mehr. Ich begleite dich.... O, fuͤrchte nichts, ich werde dich ſchwatzen, ja ſelbſt weinen laſſen mit deiner Gefaͤhrtin aus den Kin⸗ derſchuhen.... Wer weiß, ich weine am Ende ſelbſt noch mit... Auf dem Lande muß man doch et⸗ was thun. Armand ſetzt ſeinen Weg ſort, und laͤßt St. Elme ſeinen Willen. Er iſt traurig, nachdenkend, und hoͤrt nicht weiter auf die Bemerkungen ſeines Begleiters.— Sie langen vor der Wohnung an. Magdalene ſitzt am Fenſter ihres Zimmers und arbeitet. Als ſie die Augen aufſchlagt, ſteht Ar⸗ mand unmittelbar vor dem Fenſter. 252 ₰8 Magdalene ſtoͤßt einen Schrei der Freude aus und wirft die Arbeit bei Seite: Armand!. Herr Marquis! ruft ſie, laͤuft hinaus und wirft ſich in die Arme ihres alten Freundes. Ja, Magdalene, es iſt Armand, dein Freund! Ah! ſo ſind Sie doch endlich zurückgekommen. Wie wird man ſich in Bréville freuen!... Sie ſind wieder da! man erwartete Sie mit ſo vieler Ungeduld! Armand erwiedert darauf nichts, aber St. Elme beeilt ſich, zu ſagen: O ja! man iſt entzuͤckt gewe⸗ ſen, uns wieder zu ſehen!... es iſt eine ſo allge⸗ meine Freude!.. Aber treten Sie doch naͤher, ruhen Sie ſich aus, nehmen Sie einige Erfriſchungen. Jacob iſt nicht da, aber es wird ihm gewiß eine große Ehre ſein, wenn Sie ſich's bei ihm gefallen laſſen. Ehre! Ach, meine arme Magdalene!... es iſt Freundſchaft;... um einen Augenblick met⸗ nen Kummer zu vergeſſen, komme ich zu dir. 4 233 S 5 In, gentß, nur Frennſchaft, reine Freund—⸗ n ſchaft;... aber dabei koͤnnen wir immer einige n friſche Eier zu uns nehmen... man kann doch plaudern, und das giebt mir ein Bischen Beſchaͤf⸗ d tigung. 5 Armand folgt Magdalenen überal im Hauſe; ſie bietet ihren Gaͤſten friſche Milch, Eier und Fruͤchte an. Armand nimmt nichts und ſetzt ſich an's Fenſter, aber St. Elme an den Tiſch, macht ſich Brodſchnittchen, um damit die weichen Eier zu ſtippen, und ruft: Wie im Bivouac!... Es iſt erſtaunlich, wie ich mich in das Landleben ſchicke. Magdalene ſieht wohl, daß der junge Marquis traurig und unruhig iſt; aber ſie wagt es doch nicht, ihn deshalb zu befragen. Dieſer geſteht ihr einen Theil ſeiner Fehler; ihr kann er ſein Unrecht nicht verſchweigen; er klagt ſich an, und das junge Mäd⸗ chen beklagt und troͤſtet ihn; ihre freundſchaftlichen Worte ſind ſo ſanft, ſo uͤberredend, daß Armand ſich weniger ungluͤcklich füͤhlt. 254 Ach! NMagdalene, ich glaube, wenn ich dich immer bei mir gehabt haͤtte, wuͤrde mich mein boͤ⸗ ſer Genius nicht ſo verfolgt haben. Du ſprichſt von Frau v. Bréville, meiner zweiten Mutter, die mich wie ihren eigenen Sohn liebte. Hoͤre ich dir zu, ſo glaube ich, ſie ſpricht mit mir.... Magdalene, ich werde recht oft zu dir kommen, bei dir finde ich mich weniger ſtrafbar! Ja, ja, wir werden öfters kommen! faͤllt St. Elme ein; Ihr Wein iſt zwar etwas herbe, aber Ihre Eier ſind friſch. In dieſem Augenblicke tritt Jacob, das Ge⸗ wehr uͤber der Schulter haͤngend, in's Zimmer, und begrüßt die Fremden. St. Eime laͤbt ſich in ſeiner Beſchaͤftigung nicht ſtoͤren. Herr Marquis v. Bréville, welcher mir die Ehre erzeigt, mich zu beſuchen, ſagt Magdalene; er koͤmmt von Paris zuruͤck. O! Herrn v. Bréville habe ich ſogleich erkannt, erwiedert Jacob, Armand begruͤßend; jedesmal, 255 6 wenn er uns mit ſeinem Beſuch beehren wird, wer⸗ den wir ihn nach beſten Kraͤften aufnehmen. Die Freunde Magdalenens ſind jederzeit die meinigen. Ach! haͤtte ich das Gut meines Vaters nicht verkauft, wuͤrde Magdalene es niemals verlaſſen ha⸗ ben. Warum bin ich nach Paris gegangen.. Un⸗ gluͤckſelige Reiſe! Ei, lieber Freund! was geſchehen iſt, iſt ge⸗ ſchehen, ſagt St. Elme: man muß nicht immer wieder darauf zuruͤckkommen!... Herr Waldwaͤrter, wir werden Euch oͤfters beſuchen;.. ich werde hier im Reviere Jagd machen.— Dazu gehoͤrt ein Er⸗ laubnißſchein.— O, den will ich ſchon bekommen; mit dem Eigenthuͤmer der Waldung hier bin ich ſehr vertraut; es iſt Herr.. Herr von.. von.. ich kann jetzt nicht auf den Namen kommen; aber gleichviel. Ich werde mit ihm von Euch reden, braver Jacob; ich kann Euch nuͤtzlich werden.— Mein Herr, ich habe, was ich fuͤr mich und Mag⸗ dalenen brauche; jett verlange ich nichts weiter, als = 256 ₰5 ſie nur glucklich zu ſehen.— Sehr gut, ſehr gut, Ihr ſeid ein rechtſchaffner Mann, und habt meine ganze Achtung.... Schade, daß Ihr keine Pereuſ⸗ ſionsflinte habt; aber Ihr ſollt eine haben, ich habe deren fuͤnf oder ſechs.... Vorwaͤrts, Marquis, ich glaube, es iſt Zeit, zum Schwager zuruͤck zu kehren. Armand druͤckt Magdalenens Hand, ſagt Jacob Adieu, und entfernt ſich mit St. Elme, der dem Waldwärter und dem jungen Maͤdchen den Gruß eines vornehmen Herrn und Beſitzers zuwirft. eine relſ⸗ habe ich en. acöb dem ub Capitel X. Die Fremden. CEs ſind bereits mehrere Tage, daß Armand und ſein Freund wieder in Bréville ſind; aber anſtatt daß dadurch der Frohſinn daſelbſt wieder eingekehrt waͤre, hat ihre Gegenwart vielmehr Gluͤck und Freu⸗ de gaͤnzlich verbannt. Statt abzunehmen, vergro⸗ ßert ſich Armand's Traurigkeit mit jedem Tage, und mit ihr verbindet ſich noch die Langeweile, ein ihm fremd gewordenes ruhiges Leben fuͤhren zu muͤſſen. Er flieht die Geſellſchaft, bringt den gan⸗ zen Tag im Walde zu, und ſeine einzigen Zerſtreu⸗ ungen ſind die Beſuche bei Magdalenen; aber oft bleibt er ſtundenlang bei ihr ſitzen, ohne ein Wort zu ſprechen, während St. Elme das Haus des Wald⸗ waͤrters von oben bis unten durchſucht, Eier ißt, WPein trinkt, aber nikmals bezahlt. 2ter Theil. 17 = 258 ₰8 St. Elme ſieht wohl, daß ſeine Gegenwart Herrn und Frau v. Noirmont nicht ſehr angenehm iſt; aber da er ſehr in Verlegenheit kommen wuͤrde, anderwaͤrts auf eigene Koſten zu leben, ſo ſtellt er ſich, als bemerke er die Kälte ſeiner Wirthsleute nicht. Erneſtine und Victor koͤnnen ſich keinen Au⸗ genblick mehr allein ſprechen, denn St. Elme hat nichts zu thun, und ſcheint ſein einziges Vergnuͤgen darin zu finden, die Andern zu beobachten. Herr v. Noirmont endlich beunruhigt ſich uͤber die Lage und Zukunft ſeines Schwagers, und iſt im Grunde ſeines Herzens auch keinesweges uͤber ſeinen und ſeines vertrauten Freundes Aufenthalt iu Bréville erfreut, um ſo mehr, da gar keine Ausſicht vor⸗ handen iſt, wie er Beide wieder los werden ſoll. Eines Morgens, beim Frühſtück, läßt Herr v. Noirmont eine lebhafte Freude uͤber einen Brief blicken, den er ſo eben erhalten hat. Sieh' da! Herr v. Noirmont beköͤmmt gute Nachrichten, ruft St. Elme: ihm geht's beſſer wie art hm irde, t er eute Au⸗ hat gen zerr a9e de und ile bol⸗ if ute wie mir; ich warte auch auf gute Brieſe, erhalte aber noch immer keine. Ja, das iſt in der That ein Brief, der mir große Freude macht... denn er giebt mir Hoff⸗ nung, Armand nutzlich zu werden. Liebe Erneſtine, wir werden ein großes Opfer bringen muͤſſen, aber um deinem Bruder einen Dienſt zu leiſten, glaube ich, wirſt du auch nicht Anſtand nehmen. Was iſt es denn? fragt Erneſtine, waͤhrend ein Jeder Herrn v. Noirmont neugierig anſieht, und mit Ungeduld auf ſeine naͤhere Erklaͤrung hartt. So hoͤret: Sie erinnern ſich, Armand, daß ich vor Ihrer Abreiſe nach Paris, als Sie ſo ſehr in mich drangen, Ihnen dies Gut fuͤr 60000 Franken abzukaufen, mit Ihnen von einem gewiſſen Grafen von Tergenne ſprach, der ſo ſehr wuͤnſchte, ſich in dieſer Gegend ansukaufen. Ich erinnere mich, ſagt Armand. Ja, ja! wir erinnern uns, murmelt St. El⸗ me, der bei dem Namen des Grafen ſich bei⸗ 7 „ 260 ₰ nahe ſeine Taſſe Thee üͤber die Beinkleider gegoſſen haͤtte. Nun! ich hatte einen Freund in Mortagne be⸗ auftragt, fuͤr den Fall, daß Herr v. Tergenne da⸗ hin zuruͤck kommen ſollte, ihm zu erkennen zu ge⸗ ben, wie ſehr ein Beſuch von ihm mir zur Freude gereichen wuͤrde. Dieſer Freund ſchreibt mir nun, daß mein Wunſch bald in Erfullung gehen ſoll... Da, ſeine eigenen Worte uͤber dieſen Gegenſtand: „Herr Graf v. Tergenne iſt mit ſeiner Nichte hier; er iſt im Begriff, nach dortiger Gegend zu „reiſen, um ſich dort niederzulaſſen. Ich habe ihn „mit ihrem Wunſche, ihn bei ſich zu ſehen, bekannt „gemacht. Er ſchien uͤber Ihr Andenken und Ihre „Einladung ſehr erfreut, und hat mich beauftragt, „Sie zu unterrichten, daß er von Ihrer Erlaubniß „ſehr gern Gebrauch machen werde. Heut Abend reiſt er ab, und wird alſo ſehr bald dort ein⸗ treffen.⸗ Ich weib nicht, wie ſein Beſuch füͤr mich von oſen ſ be⸗ e d⸗ ge⸗ telde nun, d ichte d zu ihn znnt hre raot buiß bend 261 S= Intereſſe ſein kann, ſagt Armand, waͤhrend St. Elme, in großer Verlegenheit, ſich bald rechts bald links etwas zu ſchaffen macht. Hoͤren Sie mich an, Armand; ich habe Ih⸗ nen 60000 Franken fuͤr dieſe Beſitzung gezahlt; ich konnte nicht mehr geben, aber ich glaube, daß ſie mehr werth iſt, und wenn Herr v. Tergenne noch wie damals denkt, ſo zweifle ich nicht, daß er 75000, ja vielleicht 80000 Franken dafuͤr giebt. Dann trete ich ſie ihm ab, und Sie koͤnnen wohl denken, daß ich auf Ihre Koſten darauf nichts ge⸗ winnen will; ich nehme dann mein Kaufgeld zu⸗ ruͤck, und Sie erhalten die Differenz.... Ich denke alſo, Ihnen 15 bis 20000 Franken dadurch zu verſchaffen.. Erneſtine, du wirſt dich ungern von hier trennen, ich ſehe es voraus; aber biſt du nicht dennoch mit meinem Plane einverſtanden? Ja, lieber Mann, da es ſich darum handelt, meinem Bruder nuͤtzlich zu ſein, ſo werde ich mich darin finden. Freilich wird es mir wehe thun, 262 5 dieſen Aufenthalt zu verlaſſen.. aber ich kann deinen Willen nur ehren. Liebe Schweſter, gräme dich nicht ſchon im Voraus; ich weiß das uneigennuͤtzige Anerbieten des Herrn v. Noirmont gewiß ſehr zu ſchätzen, aber ich zweifle ſehr, daß Herr v. Tergenne jetzt noch beſondere Luſt zu dieſem Gute haben moͤchte. Wahr⸗ ſcheinlich war es damals nur eine augenblickliche Laune von ihm; er denkt gewiß nicht mehr daran. Ein Beweis, daß er immer noch dieſelben Ab⸗ ſichten hat, ſagt Herr v. Noirmont, iſt, daß er in dieſe Gegend kommt, und hier wohnen will. Ich geſtehe, daß 20000 Franken mir angenehm waͤren.. obgleich ich mit dieſer Summe.. Ja, wirklich, um ein Paar Tauſend Franken ver⸗ lohnt es nicht der Muͤhe, meiner Schweſter Kum⸗ mer zu bereiten. Armand, uͤberlaſſe mir die Sorge. Was bei der Sache außer Zweifel zu ſein ſcheint, bemerkt Dufour, iſt, daß wir den Herrn Grafen kann nim ieten aber noch Dohr⸗ kliche irn. Ab⸗ er in nehm e ber⸗ tum⸗ eint, afen = 265 S und ſeine Nichte bald werden ankommen ſehen.— Ja, faͤllt Victor ein, und ich glaube, wir werden am beſten thun, unſere Wirthe nun nicht mehr laͤn⸗ ger zu belaͤſtigen. Da ſie nun nicht mehr allein ſein werden, koͤnnen wir abreiſen; du, Dufour, nach Paris, und ich zu meinem Vater, der ja noch im⸗ mer Luſt hat, mich zu verheirathen. Sie verheirathen, ſagt Erneſtine, und darum ſind Sie ſo eilig, zu Ihrem Vater zu kommen?— O nein! gnaͤdige Frau, aber...— Aber ich wuͤnſchte nicht, daß die Ankunft des Herrn v. Ter⸗ genne Sie von uns trennte; im Gegentheile wer⸗ den Sie uns behuͤlflich ſein, meine Herren, ihm den hieſigen Aufenthalt angenehm zu machen, und verkaufe ich ihm das Gut, nun, ſo verlaſſen wir es Alle zuſammen. Dann gehen wir nach Paris? ſagt Erneſtine lebhaft.— Nein, liebe Frau, dann kehren wir nach Montagne zuruͤck. Inzwiſchen richte Alles zur An⸗ kunft unſerer neuen Gaͤſte ein.... Ich kenne die = 264 ₰ Nichte ves Grafen nicht, vor zwei Zahren hatte er ſie nicht bei ſich; aber er iſt ein ſehr angenehmer, liebenswürdiger Mann, der in ſeiner Jugend der Liebling der Damen geweſen ſein muß; er iſt ſelbſt jetzt noch huͤbſch zu nennen. Ich werde ihn malen, ſagt Dufour.— Und ich mit ihm Billard ſpielen.... Er iſt ein ausge⸗ zeichneter Billardſpieler.. ich glaube, daß er Herrn St. Elme noch uͤbertrißt. Ah! Sie glauben? antwortet dieſer mit ge⸗ zwungenem Laͤcheln: Nun, das werden wir ja ſehen, ich werde mich mit dem Herrn Grafen meſſen. Alles erhebt ſich. Erneſtine geht, um die nöͤ⸗ thigen Befehle zur Einrichtung von zwei Zimmern zu geben, aber ſie iſt traurig und beaͤngſtigt; die Ankunft der Fremden wird ihre Unterhaltungen mit Victor noch ſeltener machen, und der Gedanke, vielleicht bald ihren Geburtsort verlaſſen zu muͤſſen, vermehrt ihren Kummer. Victor verfolgt ſie mit den Augen, und bemüht ſich, durch Blicke ſie zu tröſten. te er mer, ddet ſelbſ Und sge⸗ ß er ge hen, nü⸗ nzu uft ctor icht hit el, = 265 S Armand denkt an den Plan ſeines Schwagers und das Geld, was er dadurch gewinnen kann; ſchon ſieht er ſich wieder in Paris, ſein Vermoͤgen ſich dort wieder herſtellen; aber wenn es ihm ein⸗ fäͤllt, daß er noch 30,000 Franken ſchuldig iſt, ſo ſchwinden ſeine Hoffnungen, ſeine Verzweiflung be⸗ kommt wieder Nahrung, er ſtampft mit dem Fuß auf die Erde und ruft! O niemals, niemals wer⸗ de ich mich aus dieſer ungluckſeligen Lage reißen! Er ſucht St. Elme, er will mit ihm, fuͤr den Fall, daß der Plan ſeines Schwagers gelingt, Ruͤck⸗ ſprache nehmen; aber St. Elme iſt ſchon den gan⸗ zen Tag nicht aufzufinden geweſen. Nur die dicke Nanette hat den Herrn nach dem ʒrühſtuc mit Gewehr und Jagdtaſche das Haus verlaſſen ſe⸗ hen. Auch zur Mittagszeit iſt St. Elme noch nicht wieder da. Man ſetzt ſich zu Tiſche. Der Herr des Hauſes kuͤmmert ſich wenig darum, was aus ihm geworden iſt. Armand allein ruft von Zeit zu *= 266 35 Zeit: Es iſt doch ſonderbar die Jagd muß ihn ſehr weit entfernt haben. Endlich, gegen die Mitte der Mahlzeit erſcheint St. Elme, aber man iſt genoͤthigt, ihn lange an⸗ zuſehen, um ihn zu erkennen. Um den Kopf traͤgt er eine Binde von ſchwarzem Taffet, welche ihm das eine Auge und einen Theil der Naſe bedeckt, und auf das Kinn und die eine Backe ſind mehrere Streiſen engliſch Pflaſter geklebt; er geht nur mit Muͤhe und ſcheint ſehr leidend. Mein Gott! wie ſiehſt du aus! Wo Ceufel kommſt du her, und wer hat dich in einen ſolchen Zuſtand verſetzt? fragt Armand. St. Elme gelangt inzwiſchen bis zum Tiſch, ſetzt ſich und ſpricht: Ach!.. gch habe nicht ge⸗ glaubt, noch einmal wieder das Vergnuͤgen zu ha⸗ ben, mit meinen lieben Wirehsleuten zu ſpei⸗ en Aber was iſt Ihnen denn geſchehen? fragt Herr v. Noirmont. ſ ihn ſcheint e an⸗ triht ihm edeckt, ehrere mit eufel chen iſch ge⸗ ho ſyei⸗ ſtaht 267 ₰S5 Ich waͤre beinahe getodtet... öerriſſen wor⸗ den. Zerriſſen?— Weiß Gott, es fehlte nicht viel. Ouf! ich bin ganz erſchoͤpft... Ich ging mit der Flinte hinaus, um einige Haſen zu ſchießen.. Ich wollte Jacob Unterricht geben, er verſteht noch nicht zu ſchießen.. der brave Mann... Ich vertiefe mich in den Wald.. nach Samoncey.. oder Siſſonne zu... ich weiß nicht mehr genau wo, und befinde mich gerade in einer ganz engen Paſſage, als mit einem Male ein Wolf vor mir ſteht Ein Wolf?— Und das ein ganz gewaltiger, ausgewachſener Wolf! Ich war auf ſolches Zuſam⸗ mentreffen nicht vorbereitet, und ich geſtehe, daß ich keinen kleinen Schreck bekam. ndeſſen erholte ich mich bald wieder und wollte das Thier toͤdten; ich ſchoß darauf... Wie, Sie hofften mit kleinem Schrot einen Wolf zu tödten?— Ja, freilich wohl, im erſten = 263 S8 Augenblick überlegt man nicht... Ich ſchoß alſo wie ein Unbeſonnener... und traf ihn ins rechte Auge. Jetzt wurde der Wolf wuͤthend und ſprang auf mich los!.. da warf ich das Gewehr bei Seite und erwartete ihn. Es wär' beſſer geweſen, das Gewehr zu behal⸗ ten, ſagt Victor.— Beſſer war es, Sie liefen davon, bemerkt Dufour. Meine Herren, alles das iſt ſehr bald geſagt; zum Nachdenken hatte ich keine Zeit. Ich ſollte mit ihm handgemein werden.. Der Wolf kam und ich packte ihn mit beiden Armen; er gab mir mehrere Hiebe mit ſeinen Laͤuften, beſonders einem, der mir das eine Auge zerfleiſchte.. Glucklicherweiſe wich ich ſeinen Biſſen aur.. Kurz, wir kaͤmpften ſo wohl drei Minuten mit einander, da ſiel er mit einem Male wie erſtickt auf den Ruͤcken, und ich machte mich eilig davon, ohne abzuwarten, daß er wieder zu ſich kaͤme.. Ich trat bei Landleuten ein.. man wuſch meine Wun⸗ 269 S den aus und bevor ich mich Ihnen vorſtellte, habe ich ſie auf meinem Zimmer noch beſſer ver⸗ bunden, denn, auf Ehre, ich war nicht zum An⸗ ſehen, ich ſah abſcheulich aus. Du ſiehſt noch nicht viel beſſer aus, ſagt Ar⸗ mand, waͤhrend die uͤbrige Geſellſchaft ſich, an⸗ ſcheinend mit wenig Vertrauen in die Erzaͤhlung St. Elme's, befremdend anſieht. Es iſt ſonderbar, ſpricht Dufour, ich habe wohl gehoͤrt, daß man ſich zuweilen mit Baͤren auf ſolche Weiſe herumſchlaͤgt, aber daß auch ein Wolf ſolche Hiebe austheilt, habe ich nicht geglaubt. Wenn ein Thier ſich von einem kraͤftigen Geg⸗ ner ſo an der Gurgel gepackt ſieht, was Teufel ſoll er denn anders machen? Ich weiß wohl, daß ſich manchmal Woͤlfe hier in der Gegend zeigen, hebt Herr v. Noirmont an, aber ſobald einer ſich ſehen laͤht, werden wir in der Regel von den Foͤrſtern und Bauern davon in Kenntniß geſett, um unſere Vorſichtsmaßregeln 270 ₰8 danach zu nehmen.— Es ſcheint, daß ſie alſo dieſen noch nicht entdeckt hatten. Erneſtine, obgleich ſie auch an der Wahrheit des erzaͤhlten Zweikampfes zweifelt, wendet ſich in ihrer angebornen Guͤte zu Herrn St. Elme. Mein Herr, ſagt ſie, wenn Ihnen Ihre Wunden noch ſehr ſchmerzen, ſo duͤrfte Ruhe Ihnen ſehr noͤthig ſein; ich werde Sorge tragen, daß Ihnen nichts fehlt, und nach Laon ſchicken, um einen Wund⸗ arzt herbei zu holen. Sie ſind tauſend Mal zu guͤtig, gnädige Frau. O! keinen Arzt! ich brauche niemals einen Arst! Ich kann mich ſehr gut ſelbſt abwarten, ſelbſt anordnen, was mir dienlich iſt.. ich habe einige eliniſche Curſus durchgemacht, ſelbſt einiges uͤber Medicin geſchrieben, ſogar einige Preiſe gewonnen; .. kurz, ich brauche Niemand. überdies habe ich eine eiſerne Geſundheit Aber das kann vielleicht lange dauern, ehe es heilt, werden Sie mich wohl ſo um ſich leiden, ich begreiſe, dab ich 271 8S8 ſehr haͤßlich ausſehen muß, aber Sie werden wohl die außerordentliche Guͤte haben, mich gar nicht anzublicken. Da es der Geſellſchaft ziemlich gleich iſt, ob St. Elme ſich durch einen Fall in einen Graben, oder auf irgend eine andere Weiſe verwundet hat, ſo ſpricht man bald nicht mehr von dieſem Aben⸗ theuer, und der Sieger des Wolfs ſpeiſt mit einem Appetit, der vermuthen laͤßt, daß ſeine Wunden eben nicht ſehr gefaͤhrlich ſind. Man ſpricht noch viel von den zu erwartenden Fremden, aber der Abend vergeht und ſie kommen noch nicht. Bevor Erneſtine auf ihr Zimmer geht, findet ſie noch Gelegenheit, Viector zuzufluͤſtern: Ich weiß nicht, wie es zugeht, aber es ahndet mir, daß, wenn die Fremden erſt hier ſind, Sie ganz aufhoͤren werden, an mich zu denken.— Pelcher Gedanke, und wie kommen Sie dazu?— Ich weiß es nicht, ich bin ſo traurig, o! das Herz hat ein Vorgefuͤhl. 272 85 Am anderen Tage faͤhrt ein Reiſewagen vor das Haus. Ein Hirr mit mehreren Ordensbaͤn⸗ vern ſteigt aus, und giebt einer jungen, 16 bis 18 Jahr alten Dame, die ſich ihm leicht in die Arme wirft, die Hand. Die Fremden treten in den Salon. Herr v. Tergenne hat ſehr ſchoͤne, ausdrucksvolle Geſichts⸗ zuͤge; ſein Laͤcheln iſt mild und voll Grazie; ſeine grauen Haare allein verrathen es, daß er nicht mehr jung iſt. Seine Richte iſt groß und regelma⸗ ßig gebaut; ſie hat ſchoͤne blonde Haare, große blaue Augen, einen zierlichen Mund und zwei Rei⸗ hen Zaͤhne, wie Perlen. Mit dieſem allen kann man vielleicht doch nur eine ganz gewoͤhnliche Schoͤn⸗ heit ſein, aber wenn ſich dazu noch eine ausdrucks⸗ volle, liebenswuͤrdige Phyſiognomie, elegante und reizende Manieren und eine wohlklingende Sprache geſellt, ſo iſt man im hochſten Grade anziehend und verfuͤhreriſch, und ſo war dies denn auch die junge Emma, die Nichte des Grafen v. Tergenne. or bit die ⸗ ine he end die Re. 275 S Bei ſeinem Eintritt in den Salon haben Vietor und Dufour das Fenſter verlaſſen, um die Neuan⸗ gekommenen zu begruͤßen. St. Elme iſt aufgeſtan⸗ den, hat eine tiefe Verbeugung gemacht, ohne je⸗ doch aus der Ecke des Zimmers, in der er ſich be⸗ fand, hervorzutreten. Herr v. Noirmont bezit dem Grafen uͤber deſſen Ankunft ſeine Freude, und auch Erneſtine empfaͤngt die Fremden mit der ihr eigen⸗ thuͤmlichen Liebenswuͤrdigkeit; doch hat ſie, nach⸗ dem ſie Emma naͤher betrachtet, ihre Blicke aͤngſt⸗ lich auf Victor geworfen, und Dufour raunt dieſem in's Ohr: Ach! mein Freund, welch ſchoͤnes Maͤd⸗ chen, wie reizend, haſt du je etwas Verfuͤhreriſches geſehen? Ja, die Dame iſt ſehr nett! antwortet Vietor. Sehr nett!... und das ſagſt du ſo kalt? O, dieſer Kopf iſt einer von den ſeltenen ealen; ſieh nur die feinen regelmaͤßigen Zuͤge! Gluͤcklicher Weiſe habe ich noch eine Leinwand; ich werde ſie malen, und dann ſollſt du Wunder ſehen. ater Theil. 18 = 274 8 Gewiß, ſagt Herr v. Tergenne, nachdem er zwiſchen Herrn v. Noirmont und ſeiner Frau Platz genommen, ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie ſehr viel Vergnüͤgen mir Ihr freundlicher Empfang macht; es iſt dem gleich, welches ich uͤber Ihre Einladung empfand. Auch ſeh Sie, daß ich mich beeilt habe, ihr entgegen zu kommen... Es iſt freilich ein Wenig unbeſcheiden, daß ich auch noch das große Kind da mitbringe; aber es blieb mir nichts anderes uͤbrig; meine arme Emma hat in ei⸗ nem Jahre Vater und Mutter verloren, ſie hat jetzt nur mich alten Knaben, der in der Welt Niemand hatte, dem er die Hand druͤcken, ein Kußchen geben, auch dann und wann'mal ſchelten kann, und der jetzt ſehr gluͤcklich iſt, ſie um ſich zu haben. Seit 18 Monaten ſind wir viel gereiſt, denn ich wollte ſie bei ihrem Kummer zerſtreuen. Aber doch habe ich dies Land hier nicht vergeſſen; ich habe hier vor laͤngeren Jahren ſo gluͤckliche Tage verlebt.. Zarte Erinnerungen umfangen mich hier! — = 275 S Mein Vorhaben iſt es immer noch, mich hier anzu⸗ kaufen. Sie haben alſo hier in der Gegend noch nichts gekauft, Herr Graf?— Nein, aber da Sie mich doch einige Tage bei ſich dulden wollen, ſo denke ich, wollen wir zuſammẽ etwas ſuchen, und es wuͤrde mir die groͤßte Freude machen, Ihr Nachbar zu werden. Ja, Herr Graf, ich hoffe, etwas fuͤr Sie auf⸗ zufinden. Wir wollen ſpaͤter darauf zuruͤckkommen. Inzwiſchen erlauben Sie mir, Ihnen die Perſonen vorzuſtellen, die in unſerer Geſellſchaft die Vergnuͤ⸗ gungen von Paris vergeſſen wollen; Herr Victor Dalmer, Herr Dufour, ein geſchickter Maler. Waͤhrend Victor und Dufour ſich mit dem Gra⸗ fen begruͤßen, blickt Herr v. Noirmont im Salon umher, und nimmt Anſtand, die noch vorhandene Perſon vorzuſtellen; indeſſen entſchließt er ſich doch dazu und ſagt: Das iſt Herr St. Elme, ein Freund meines Schwagers. 18* 276 S5 Der Graf hatte ihn in ſeinem Winkel noch nicht bemerkt. Ohne jedoch weiter Notiz von ihm zu neh⸗ men, gruͤßt er ihn jetzt, und St. Elme ſetzt ſich darauf ſchnell wieder nieder. Aber haben Sie nicht einen Bruder? wendet ſich der Graf an Erneſtine. Ja, Herr Graf, er wohnt jetzt hier; ohne Zwei⸗ fel hat er noch nichts von Ihrer Ankunft erfahren. Vielleicht macht er einen Spaziergang im Gehoölz. Mein Bruder iſt mit mir nicht gleicher Meinung, er liebt das Landleben nicht;... aber Ihre und Ihrer liebenswuͤrdigen Nichte Anweſenheit werden ihn gewiß ſehr bald Paris vergeſſen laſſen. Nun, liebe Emma, mache deine Bekanntſchaft mit Frau v. Noirmont; ſie iſt gut und freundlich, wird fuͤr deine kleinen Fehler Nachſicht haben, und wird dir ihre Freundſchaft nicht vorenthalten. Da! ich verſtehe mich auf Sympathie; ich wette, daß du dich von deiner liebenswurdigen Wirthin ſchon angezogen fuͤhlſt? wei⸗ ren. üli. wo, und men choſt 1 ſch, und Dul hon — 277 S8 O, ja! lieber Onkel, antwortet Emma, Erne⸗ ſtinens Hand ergreifend: und ich werde mein Moͤg⸗ lichſtes thun, daß ſie mir auch ein Wenig gut wird. Emma ſagt das auf eine ſo offene, herzliche Weiſe, daß Erneſtine nicht umhin kann, ihr dafuͤr einen Kuß zu geben; aber ſogleich wendet ſie den Kopf, um zu ſehen, auf welche von ihnen Beiden Victor hinblickt. Armand erſcheint. Erneſtine macht ihn mit dem Grafen bekannt, und dieſer betrachtet ihn mit In⸗ tereſſe. Armand bemuͤht ſich, die Artigkeiten des Herrn v. Tergenne zu erwiedern, und uͤberhaupt lie⸗ benswuͤrdig zu ſein; aber der Kummer, der ihn ver⸗ zehrt, die Unruhe, die ihn unaufhoͤrlich verfolgt, ſind durch einiges Laͤchein von ſeinem Geſichte nicht ganz zu verdraͤngen. Herr von Tergenne bemerkt es, und ſagt leiſe zu Erneſtine: Ihr Bruder ſcheint ge⸗ heimen Kummer zu haben?— Wie ich Ihnen ſage, er langweilt ſich auf dem Lande.— Vielleicht hat er ſuße Erinnerungen in Paris zuruͤck gelaſſen. O, das 273 ₰% erraͤth ſich leicht, er iſt noch im Alter der Leiden⸗ ſchaften, der Liebe ich kenne das. Der Graf ſeufzt; dann ſieht er mit ſchwermuͤ⸗ thigem Blicke umher, und ſagt: So bin ich alſo nun hier in Breéville! Apropos, Herr Graf! ſpricht Herr v. Noirmont: Sie kannten alſo dies Gut ſchon, da Sie ſo grobße Luſt hatten, es zu kaufen? Ich habe es nur kennen gelernt, als ich hier in der Gegend wohnte; aber ich bin niemals weder hier im Hauſe, noch im Garten geweſen.— Ah! Sie haben alſo hier in der Gegend gewohnt?— ga! es ſind wenigſtens neunzehn Jahre her!— Wo wohnten Sie denn damals?— Bei meinem Freunde, eine Viertelmeile von hier, nahe beim Dorſe Samoncey. Haben Sie vielleicht meinen PVater gekannt? fragt Erneſtine.— Nein, gnädige Frau, ich hatte nicht die Ehre!.. Ich glaube, damals war Herr v. Bréville Wittwer. Nachher ſoll er ſich mit einem Fräulein Jenny de Lucey aus hieſiger Gegend wieder 279 S8 verheirathet haben.— Ja, das war der Name der⸗ jenigen, die unſere zweite Mutter wurde, als wir noch ganz kleine Kinder waren.— Ich hatte einige Male Gelegenheit, Fraͤulein v. Lucey zu ſehen, in Geſellſchaft anzutreffen.— Sie haben unſere gute Stiefmutter gekannt?— Ja, gnaͤdige Frau!— Ach, iſt es nicht wahr, war ſie nicht ſo gut, ſo liebens⸗ wuͤrdig, ſo huͤbſch?— Ja, ſie gefiel allgemein;. aber damals war ſie nicht gluͤcklich; ihr Vater mach⸗ te Bankerott; Herr v. Lucey, der, wie man ſagt, niemals ſehr liebevoll war, wurde es nach ſeinem Ungluͤcke noch weniger, und ſeine Tochter hatte von ſeiner boͤſen Laune viel zu dulden.— Arme Fraut Ach, wie gut war es, daß mein Vater ſie heirathete, und wie ſchade, daß er nicht laͤnger gelebt hat; ſie wuͤrde ihn ſo gluͤcklich gemacht haben! Sie bewohnte dies Haus?— Ja, ſeit ihrer Verheirathung hatte ſie es nicht wieder verlaſſen.. und hier haben wir ſie auch verloren! O, Herr Graf! da Sie meine Stiefmutter gekannt haben, ſo 2830 S8 5 werden Sie gern öfters mit uns von ihr ſprechen, nicht wahr? es macht mir ſo viel Vergnuͤgen!— Ja, gnaͤ⸗ dige Frau, recht voft wollen wir von ihr uns unter⸗ halten, und es wird mir gewiß nicht weniger Ver⸗ gnuͤgen machen, als Ihnen. Der Graf iſt nachdenkend geworden; um ihn zu zerſtreuen, fuͤhrt Herr v. Noirmont ihn auf das, fuͤr ihn beſtimmte Zimmer. Erneſtine geht mit Emma ebenfalls hinaus, und waͤhrend die neuen Gäſte et⸗ was der Ruhe pflegen, unterhalten die uͤbrigen Be⸗ wohner Bréville's ſich über die Fremden. Dufour iſt entzuͤckt uͤber die Nichte des Grafen. Sie iſt recht huͤbſch! ſagt Armand.— Ja, recht huͤbſch! beſtaͤtigt Erneſtine, die ſo eben zuruͤckkommt. ₰ Sie iſt ganz angenehm! bemerkt St. Elme, der, ſeitdem der Graf nicht mehr im Salon iſt, ſeinen Winkel verlaſſen hat: aber es giebt tauſend Mäd⸗ chen, die eben ſo huͤbſch ſind.. ich habe weit ſchonere gekannt! Das glaube ich nicht, erwiedert Dufour: es iſt t iſt — = 231 S ein reizender Kopf! übrigens haben Sie ſie nicht ſo gut ſehen koͤnnen, wie ich; Sie ſind ja da hinten nicht von Ihrem Platze geruͤckt, ſo lange ſie im Zim⸗ mer war; Sie ſaßen ja da, wie auf der Armen⸗ ſuͤnderbank... aber ich errathe, weshalb! Wie ſo? ruft St. Elme, Dufour durchdringend anſehend. Potz Wetter, daß Sie ſo angefuͤhrt ſind, Sie, ein ſo ſchoͤnes Herrchen, ſo ein feiner Damenheld, vor einer ſo ſchoͤnen Dame mit verbundenem und bepflaſtertem Kopfe erſcheinen zu muͤſſen! Ah! meiner Treu, es iſt wahr, ich will es nicht laͤugnen. ich hatte lieber gar nicht zum Vorſchein kommen moͤgen.— Und da hätten Sie Unrecht; die ſchwarze Binde giebt Ihnen einen ſehr intereſſanten Anſtrich, den Anſtrich eines verunglückten Liebesrit⸗ ters!.. Nicht wahr, Victor?.. Aber woran denkſt du denn, Victor? Ich wette, er iſt ſchon ver⸗ liebt in die ſchöne Emma! Das waäre wohl moglich, ſagt Erneſtine mit ge⸗ 232 ₰ zwungenem Laͤcheln: Man ſagt, Herr Dalmer fängt leicht Feuer und das Fraͤulein waͤre wohl im Stande, ihn zu feſſeln! Dufour, du biſt mit deinen Muthmaßungen ſehr langweilig!... Wie, gnädige Frau, Sie koͤn⸗ nen ihn anhoͤren? Weil ich glaube, daß er nicht Unrecht hat, ant⸗ wortet Erneſtine mit halber Stimme, denn ſeit der Ankunft der jungen Emma ſind Sie ſo verlegen, ſo zerſtreut; während ſie hier war, konnten Sie ja gar keine rechte Haltung gewinnen.... Die Ruͤckkunft des Herrn v. Noirmont und ſei⸗ ner Gaͤſte unterbricht dieſe Unterhaltung. Diesmal kann ſich St. Elme nicht wieder in ſeinen Winkel ſetzen, das wuͤrde zu ſehr auffallen; er geht daher mit Armand plaudernd auf und nieder. Der Graf v. Tergenne hat einen ſo feinen Takt, ein ſo liebenswuͤrdiges Benehmen, daß es Jedermann in ſeiner Naͤhe bald wohl iſt. Nach einigen Minu⸗ ten ſcheint es, als ſei er ſchon ein alter Hausgenoſſe. ſei⸗ mal nel er ann nu⸗ ſſe. —= 235 S Er weiß die Unterhaltung allgemein zu machen, will nicht ſelbſt brilliren, ſondern braucht ſeinen Verſtand nur, um den der Andern herauszufordern. Nachdem er einige Zeit mit Victor und Dufour geſprochen hat, wendet er ſich zu St. Elme, der einige Schritte von ihm entfernt iſt. Sie ſind kuͤrzlich verwundet worden? fragt er ihn im Tone der Theilnahme. St. Elme wird etwas verlegen, da er ſich von dem Grafen angeredet ſieht; endlich antwortet er mit etwas verſtellter Stimme: Ja, Herr Graf, ich habe mich auf der Jagd verwundet Geſtern ich habe mit ei⸗ nem Wolfe gekaͤmpft. Mit einem Wolfe!.. Alſo giebt es Woͤlfe hier in der Gegend? O, es iſt ſehr ſelten! bemerkt Herr v. Noirmont. — Sie werden doch nicht etwa das Auge verlieren? fragt der Graf weiter.— Nein, o nein! das denke ich nicht, aber die Heilung wird doch etwas lange dauern. 234 ₰ Aber hat Ihre Wunde auch die Stimme ange⸗ ˙ griffen? es kommt mir vor, als ſpraͤchen Sie nicht wie gewoͤhnlich, fragt Dufour. O, entſchuldigen Sie.. vielleicht die Entzuͤn⸗ dung, der Schreck; denn ich geſtehe, es war kein kleiner Schreck! Herr v. Tergenne, der anfangs St. Elme wie jemand betrachtete, den er zum erſten Male ſieht, ſcheint ploͤtzlich von einer Erinnerung ergriffen zu ſein; ſein Geſicht wird ernſter, ſeine Augen fixiren St. Elme; er betrachtet ihn genauer, und bemuͤht ſich, in dem einen Auge, welches der junge Mann ſehen laͤßt, zu leſen; aber dieſer rollt ſeinen Augap⸗ fel umher, ohne ihn nur einmal auf den Grafen zu richten, der jedoch bald, als wenn er ſich ſeines Eyamens und ſeiner Gedanken ſchaͤmte, im freund⸗ lichen Tone die Unterhaltung fortſetzt. In der That, ſagt er zu St. Elme: ſo etwas könnte mir den Ge⸗ ſchmack fuͤr die Jagd benehmen, denn es ſcheint, Sie ſind ſehr mitgenommen worden.— Ja, Herr ge⸗ ſcht zün⸗ kein wie eht. zu teu üht ann ap⸗ gfen ines und⸗ Gi⸗ int, 285—8 Graf, ja! es ſind viel Verletzungen, und im Geſicht, das iſt unangenehm! Wahrhaftig, ſagt Dufour leiſe: er will wie auf der Maskerade ſprechen; vielleicht denkt er, das kleide ihn beſſer, und hofft, mit der Stimme we⸗ nigſtens die Aufmerkſamkeit der ſchoͤnen Emma auf ſich zu ziehen! Herr v. Tergenne geht mit ſeinem Wirthe in den Garten, den er kennen zu lernen wuͤnſcht; Er⸗ neſtine fuͤhrt Emma auch in den Garten, und Vi⸗ ctor folgt den Damen, woruͤber Dufour wieder ſeine Bemerkungen macht. St. Elme und Armand gehen allein ſpasieren. Das Mittagsmahl vereinigt die ganze Geſell⸗ ſchaft wieder. Herr v. Tergenne iſt dabei zuvorkom⸗ mend wie am Morgen; er findet den Aufenthalt in Broéville reizend; Herr v. Noirmont freut ſich daruͤber ungemein, will jedoch noch einige Tage ver⸗ gehen laſſen, ehe er mit ſeinem Anerbieten hervor⸗ tritt. Die Nichte des Grafen beſitzt die unbefangene 206 ₰ Froͤhlichkeit ihres Alters, nicht jene Koketterie, die ſo oft die gluͤcklichſten Anlagen verdirbt. Dufour unterhaͤlt ſich mit dem Grafen viel uͤber ſeine Kunſt. Viector moͤchte liebenswuͤrdig ſein, iſt es aber weni⸗ ger als gewoͤhnlich, jedesmal aber verlegen, wenn Erneſtine ihn anſieht. Was St. Elme betrifft, ſo ißt er ſehr viel, ſpricht aber nicht ein Wort, ſo daß Dufour beim Aufſtehen vom Tiſche zu Victor ſagt: Wenn die Wunde St. Elme's ihm auch nicht in den Magen gefahren iſt, ſo glaube ich doch, hat ſie ſeine geiſtigen Kraͤfte erſchuͤttert.... Er, der ſonſt unaufhoͤrliche Schwaͤtzer, kaum, daß er noch vier Worte hervorbringt, und dann geſchieht es ſo⸗ gar noch immer durch's Falſet! Der Abend vergeht raſch. Herr v. Tergenne iſt viel gereiſt, und man hoͤrt ihn gern erzaͤhlen, weil es ohne alle Anmaßung geſchieht. Seine Nichte iſt muſicaliſch; man findet eine alte Guitarre im Hau⸗ ſe, aber uͤber die ſchoͤne Stimme vergißt man das ſchlechte Inſtrument. Man hoͤrt ihr entzuͤckt zu; die ſohr unſt eni⸗ enn „ſo dß iot icht hot der nch ſo⸗ eit weil tit ⸗ das 237 S man lacht und unterhaͤlt ſich mit ihrem SOnkel, und man iſt ganz erſtaunt, als die Uhr ploͤtzlich elf ſchlaͤgt. Es iſt die hoͤchſte Zeit fuͤr die muͤden Reiſenden, zur Ruhe zu kommen, und man wuͤnſcht ſich eine gute Nacht; St. Elme verſchwindet zuerſt mit ſei⸗ nem Lichte. Er iſt bei der Abendunterhaltung ſo ſchweigſam geweſen, wie bet Tiſche, und Dufour hoͤrt nicht auf, ſich zu wundern, und wiederholt, auf ſein Zimmer gehend: Es iſt zum Erſtaunen, wie der Menſch ſich veraͤndert hat, ſeitdem er den Wolf geſehen! — — — 7 Capitel XI. Pin Zusammentretten.— Pest bei Madame Wontresor.— Getahren des WMalzers. Am andern Morgen ſteht der Graf v. Tergenne ſehr fruh auf, verläßt in der Vorausſetzung, daß ſeine Wirthsleute noch im tiefen Schlafe liegen, ſein Zimmer, das Haus, und geht auf's Feld hinaus. Er geht langſam und ſieht viel umher. Seine Au⸗ gen ſcheinen das fruͤher Geſehene wieder erkennen zu wollen. Sein Geſicht iſt ernſt und nachdenkend ge⸗ worden. Endlich ſteht er ſtill und ruft: Ja, ja! hier iſt es. Er befindet ſich vor der alten Eiche, unter wel⸗ cher Jacob vor einiger Zeit Magdalenen angetroffen hatte. bei 299 ₰ Der Graf tritt unter den alten Baum, betrach⸗ tet lange Zeit den Raſen unter ſeinen Fuͤßen, das ſchattige Laub uͤber ſeinem Kopfe; ſeine Augen wer⸗ den Thraͤnenſeucht, er ſetzt ſich endlich am Stamme des Baumes nieder und ſpricht: Nichts hat ſich an dieſem Orte veraͤndert... nur ſie iſt nicht mehr hier, ich komme allein zurüͤck.... Arme Jenny! hier empfing ſie meine letzte Umarmung.„O! wie hat ſie ſeitdem mich verdammen muͤſſen.. ich habe ihre Liebe damit belohnt, daß ich ſie feig verließ!. Damals kannte ich nur das Vergnů⸗ gen, und ich kuͤmmerte mich wenig um die Thraͤnen, die meinethalben vergoſſen wurden... Und doch, als ich erfuhr, daß ſie den Marquis von Brébille geheirathet hatte, bewieſen mir Schmerz und Reue nur zu ſehr, daß ich Jenny gans anders geliebt hatte, als alle die, welche fruͤher von mir betrogen wurden! da war es aber nicht mehr 80b. ſie gehoͤrte einem Andern... mich hatte ſie ver⸗ geſſen vielleicht der Wille ihres Vaters, der atet Lpeit. 19 — — 1 3 3 6 3 k. i 4 6 —— — — 290 ₰8 Wunſch, ſeine alten Tage zu verſchönern denn ich eann es in der That nicht glauben, daß ſie mich vergeſſen hatte. und doch hatte ſie ein Recht da⸗ zu. Ach, ja! ich habe mir manches Unrecht vorzuwerfen. Der Graf ſenkt den Kopf auf die Bruſt, und bleibt ſo lange, in ſeinen Betrachtungen vertieft, unbeweglich ſitzen. Ein leichtes Geraͤuſch im nahen Geſträuch weckt ihn daraus auf; er hebt den Kopf, und ſieht ein junges Madchen, welches aus den Zweigen hervortritt und auf den Ort zugeht, wo er ſitzt. 4 Magdalene kann, als ſie einen Fremden auf ihrem gewohnten Plaͤtzchen erblickt, einen leichten Schrei nicht zuruͤckhalten. WVas habt Ihr, mein Kind? ich will doch nicht hoffen, daß ich Euch in Furcht fetze? Nein, mein Herr, nur die überraſchung; ich ernattete nicht, hier Zemand zu finden, da ſonſt Niemand hierher kommt. Verzeihen Sie, mein Herr! * . 5 = 291 S denn Magdalene verneigt ſich, und will ſich entfernen; nih der Graf aber ſteht auf, und bittet ſie, zu bleiben. t ⸗ Ihr ſollt nicht vor mir fliehen.. Ihr kommt echt vielleicht hierher, um irgend Jemand zu erwarten, nicht wahr?— O nein, mein Herr! ich erwarte und Niemand!— In Euerm Alter iſt das wohl erlaubt. niſt Vor Zeiten habe ich hier auch oft Jemand erwartet, hen und es war niemals umſonſt. Der Graf hat die yſ, letzten Worte mit halb erſtickter Stimme und nie⸗ den dergeſchlagenen Augen geſagt; Magdalene betrachtet m ihn mit Verwunderung, und weiß nicht, ob ſie ge⸗ hen oder bleiben ſoll. in Seid Ihr hier aus der Gegend, mein Kind?— un Ja, mein Herr.— Wer ſind Eure Eltern?— Sie leben nicht mehr.— Armes Kind!... Wenn Ihr uicht oͤfter herkommt, um unter dieſer alten Eiche auszu⸗ ruhen, ſo werden wir wohl näher bekannt werden; ich werde oſt hierher kommen.— Sie, mein Herr? 6— Ja, ich, denn ich liebe dieſen Platz ſehr. Adieu, meine Kleine, adien! 292 8 Der Graf geht und kehrt nach Bréville zuruͤck; Magdalene aber verfolgt ihn mit den Augen und ſagt: Warum mag er denn wohl auch ſo gern hier verweilen? Hert v. Tergenne ſagt zu ſeinen Wirthen nichts von ſeiner Morgenpromenade. Vietor hat ſich von ſeiner geſtrigen Unruhe erholt, und Geiſt und Mun⸗ terkeit wiedergefunden. Die Unterhaltung und Ma⸗ nieren des Herrn Dalmer gefallen dem Graſen; er findet in dem jungen Manne eine große Ahnlichkeit mit ſich ſelbſt, als er noch in ſeinem Alter war; aber er unterhält ſich auch gern mit Dufour, deſſen originelle Laune ihn oft zum Lachen bringt, und uͤber⸗ dies iſt er ein großer Kunſtfreund; aber mit St. Elme ſpricht er weniger; es ſcheint, als bemaͤchtige ſich ſeiner jedesmal eine unangenehme Erinnerung, wenn er den Verwundeten anſieht, und ihn naher prufend, fragt er Herrn v. Noirmont: Alſo dieſer verbundene Herr nennt ſich St. Elme, und iſt ein Freund Ihres Schwagers? 2*„ — — 295 S zurüc; Herr v. Noirmont antwortet bejahend, und der en und Graf hoͤrt auf zu fragen⸗ in hier Die huͤbſche Emma macht ihre Grazie, ihren ſanften Charakter und ihre liebenswuͤrdige nichts Froͤhlichkeit die Eroberung aller Bewohner Bré⸗ 4 ch von ville's.. Nun⸗ Ich heirathe ſie mit verbundenen Augen! ruft 3 M⸗ Dufour.— Das will ich gern glauben! ſagt Herr n e v. Noirmont: wiſſen Sie, daß ſie die Erbin ihres ¹ chleit Onkels iſt, der wenigſtens 40,000 Franken Renten 3 un hat? Ja, wenn mein Schwager ſich nicht ruinirt, uſin ſich beſſer auſgefuͤhrt haͤtte, wer weiß„ Aber. iben ſehen Sie uur, iſt er ſeit der Ankunft des allerlieb⸗ 1 it G. ſten Mädchen wphl anders in ſeinem Betragen?. uh kaum, daß er ſich ſehen laͤßt! mn Pictor iſt nicht ſehr geſprächig zu Emma, aber in obgleich er nicht glaubt, ihr die Cour zu machen, n iſt er doch unaufhorlich bemuͤht, ihr gefaͤllig und 6 ſin; er ſet ſich beſtändig neben ſie, lacht uͤber ihre Außerungen, und miſcht ſich in ihre = 294 S Spiele, denn die junge Emma laͤuft und ſpielt noch wie ein Kind. Pietor denkt, er ſei nur galant; aber Jemand ſieht ihn, beobachtet alle ſeine Hand⸗ lungen, lieſt beſſer in ſeinem Herzen, als er ſelbſt, und erräth das Gefühl, das in ſeinem Herzen fur die Nichte des Grafen aufkeimt. Nach dreitägiger Anweſenheit des Herrn v. Ter⸗ genne in Bréville ſagt dieſer, im Garten ſpazieren gehend, zu Herrn v. Noirmont: Mein lieber Herr Wirth, Ihre Beſitzung hier iſt ſehr reizend, aber ich darf daruͤber nicht vergeſſen, daß ich mich auch hier in der Gegend ankaufen will. Seien Sie mir doch dazu behuͤlflich; da ich doch nicht immer Ihr Gaſt bleiben kann, ſo moͤchte ich gern Ihr Nachbar werden. n Herr v. Noitmont fühlt, daß der günſtigſte Angenblick gekommen iſt, ſeinen Plan zur Reife zu bringen, und antwortet: Was würden Sie ſagen, wenn ich Ihnen dieſes Gut ſelbſt anboͤte? Ah, dann wuͤrde ich glauben, daß Sie ſich ——— 295 einen Spaß mit mir machen wollen. Dies Gut zu beſitzen wurde ich allerdings fur das großte Gluͤck meines Lebens betrachten!— Nun dann! Herr Graf, es ſoll in der That nur von Ihnen abhängen, ſein Eigenthuͤmer zu werden. Ss gehorte meinem Schwa⸗ ger; er wollte es los ſein, und ich kaufte es ihm ab; aber ich habe Grunde, es wieder aufzugeben, und ich geſtehe, ich habe nicht ohne Urſache Sie mit Allem bekannt gemacht, was es betrifft. Es iſt kein Schloß, und obgleich man es mit dem Titel „Gut“ beehrt, ſo iſt es doch eigentlich nur ein huͤb⸗ ſches Landhaus. Nun, Sie. kennen es ja, Sie wiſ⸗ ſen, was es eintraͤgt.— Ich wiederhole es Ihnen, ich waͤre entzuckt, wenn dieſe Beſitzung mein Eigen⸗ thum wuͤrde.... Beſtimmen Sie den Preis⸗ Herr v. Noirmont, und ich werde mich jederzeit fur Ihren Schuldner halten.— Nun, Herr Graf, was mei⸗ nen Sie, wenn ich 80,000 Franken forderte?— O, das iſt wohl zu wenig!— Nein, mehr iſt es nicht werth! Alſo 80,000 Franken.— Nun dann, 296 ₰5 der Handel iſt gemacht und wenn Sie wuͤßten, was Sie mir damit fuͤr eine Freude machen! Alſo es iſt beſchloſſen, Herr Graf, und Sie ſind jetzt auf Ihrem Grund und Boden.— Nein! das nicht, ſo lange ich Ihr Schuldner bin. In eini⸗ gen Tagen denke ich, nach Paris zu gehen, um da einige Gelder einzuztehen... Ich muß auch nach Crepy, nach Moncornet, und wenn ſch zurück⸗ komme, zahle ich Ihnen Ihre 80,000 Franken, denn ich liebe, meine Geſchäſte ſchnell abzumachen.. Aber doch nur unter einer Bedingung.— Und wel⸗ che iſt dieſe?— Daß Sie ſich hier immer noch als bei ſich zu Hauſe anſehen, und auf lange Zeit nicht mich zu verlaſſen denken. Der Graf iſt auf dem Gipfel des Gluͤcks; er geht zu ſeiner Nichte, und macht ſie mit ſeiner Acquiſition bekannt. Herr v. Noirmont iſt auch ſehr zufrieden, ſeinem Schwager 20,000 Franken anbie⸗ ten zu koͤnnen. Für ihn hat Bréville keinen größern Werth, als jedes andere Landgut von gleicher Lage 297 S8 und Groͤße. Aber Erneſtine theilt nicht die Freude ihres Mannes; ſie zwingt ſich jedoch, ihren Kum⸗ mer daruͤber zu verbergen. Armand empfaͤngt die Nachricht vom Verkaufe ſeines väͤterlichen Gutes mit Gleichgůltigkeit. Sie bekommen 20,000 Franken, ſagt ihm Herr v. Noirmont: wenn Sie damit ordentlich wirthſchaf⸗ ten, ſo koͤnnen Sie beſſere Zeiten, vielleicht eine ehrenvolle und ergiebige Anſtellung, ruhig abwarten. Sie haben eine gute Erziehung genoſſen, und darum muͤſſen Sie Ihre Jugend nicht in unwuͤrdiger Mu⸗ higkeit hinbringen. n Ein bitter ſpottiſches Läͤcheln iſt die ganze Ant⸗ wort des jungen Mannes; er wendet ſeinem Schma⸗ ger den Ruͤcken und ſucht ſeinen lieben St. El⸗ me auf. An demſelben Abende kommen Herr und Ma⸗ dame Montréſor nach Bréville; ſie hatten den Gra⸗ fen und ſeine Nichte noch nicht geſehen. Als So⸗ phie die reizende Eima erblickt, macht ſie eine ruck⸗ „ 298 88 gängige Bewegung; ſie kneipt Chéri in den Arm, als er ſich zu dem ſchoͤnen Maͤdchen ſetzt. Indeſſen verſcheuchen die Liebenswuͤrdigkeit des Herrn v. Ter⸗ genne und die beſcheidene Heiterkeit ſeiner Nichte den Unmuth bald wieder von ihrer Stirn, und als ſie hoͤrt, daß der Fremde ein ſehr reicher Mann iſt, und in ihrer Gegend bleiben wird, giebt ſie ſich alle moͤgliche Mühe, auch liebenswuͤrdig zu erſcheinen. Wir haben eine kleine Bitte an unſere lieben Nach⸗ barn, ſagt Sophie; einige Freunde Chéri's haben uns beſucht, und wir haben die Abſicht, eine kleine Fete, einen kleinen Ball zu arrangiren; es iſt eine überraſchung. Es muß aber ſchon morgen ſein, denn die Freunde Chöéri's ſind genoͤthigt, ſehr bald wieder abzureiſen. Ja, ſagt Chéri, es ſind Geſchaftsleute, die für Handlungshaͤuſer reiſen. O, es ſind ſehr reiche Kaufleute! unterbricht Sophie ihren Mann: es ſoll uͤbrigens ohne alle Um⸗ ſtände hergehen, und wir ſchmeicheln uns, daß Sie 299 ₰ unſere kleine Geſellſchaſt mit Ihrer Gegenwart be⸗ ehren werden, und daß auch der Herr Graf und Fraͤulein Nichte ſo guͤtig ſein wollen. Herr v. Tergenne und alle andern Bewohner Bröville's nehmen die Einladung an, und St. Elme, der, da er den Grafen taͤglich ſieht, wieder etwas mehr Sicherheit in ſeinem Benehmen zeigt, fragt Madame Montréſor, wenn gleich immer noch mit verſtellter Stimme, ob ſie ihn auch wohl mit ſei⸗ nem verhüllten Kopf aufnehmen wuͤrde?— Sie weiden mir jederzeit willkommen ſein, Herr v. St. Elme; aber was iſt Ihnen denn geſchehen?— Ein Volf, den ich ſchlecht getroffen hatte, hat mich ſo zugerichtet.— Ach, mein Gott! es giebt Woͤlfe in unſerer Gegend? Cheri, du darfſt nicht mehr ausgehen!— Das wäre ſpaßhaft!„ Ihre Wunden wollen doch gar nicht heilen? wendet ſich Dufour zu dem feinen Herrn.— Nein, ſie ſind noch immer in demſelben Zuſtande.— Ihre Stimme iſt auch noch nicht wieder hergeſtellt! 500 S8 — Das macht, weil das verwuͤnſchte Thier mir bei⸗ nahe die Gurgel zugeſchnuͤrt hatte.* Herr und Mamſell Pomard werden auch bei uns ſein, faͤngt Sophie wieder an: ich denke doch, Frau v. Noirmont, daß Ihnen das nicht unangenehm ſein wird? Warum denn das, Madame? Ich begreife nicht, warum Herr Pomard und ſeine Schweſter uns nicht mehr beſuchen; ich habe durchaus nichts gegen ſie. Apropos! ruft Chéri; ich ſehe ja die junge Waiſe, die kleine Magdalene, nicht mehr bei Ihnen? Ja, das iſt wahr, faͤllt Sophie ein: was iſt denn aus ihr geworden? ſie war nicht hübſch, aber nicht unintereſſant; ich hatte ſie immer recht lieb.. Ja, Sophie liebt die haͤßlichen Frauenzimmer ſehr! ſpricht Cheri mit etwas hoͤhniſchem Lächeln. Magdalene wohnt nicht mehr hier, antwortet Erueſtine ſeufzend.— Wie, ſie hat Sie verlaſſen, n 4 301 2 ſie, die mit ſo vieler Güte von Ihnen behandelt wurde? Ja, ja! thue man den Leuten nur Gutes, reiße ſie aus dem Elende, man wird nur mit Un⸗ dank belohnt!— Sie irren, Madame, Magdalene iſt weit entfernt, undankbar zu ſein; aber beſondere Gruͤnde. Sie wohnt jetzt bei ihrem alten Freund Jacob, der die Waldwaͤrterſtelle bekommen hat, und ich beſuche ſie ſo oft als moͤglich. Was Sie ſagen! dieſer Toͤlpel, dieſer unge⸗ ſchlachte Menſch iſt Waldwaͤrter geworden? Ach⸗ ich mag den Kerl nicht leiden! Jacob! ſagt Herr v. Tergenne, der ſeit einiger geit zuhoͤrte, ohne zu ſprechen: Jacob! der Name iſt mir nicht fremd. Ah, ja, ich erinnere mich ein Arbeitsmann er wohnte ja wohl in Gizy.. Der Herr Graf ſind alſo ſchon in unſerem Orte geweſen? fragt Sophie. Ja, Madame, aber es iſt lange her... Dieſer Iueob hatte ein originelles Geſicht; er war etwas 302 ₰ roh, aber doch ein ehrlichet Mann.— O, dann iſt es gewiß derſelbe, Herr Graf! ſagt Erneſtine.— Und wo wohnt er jetzt?— Drei Viertel Meilen von hier, im Walde, wenn man nach Lisſonne ge⸗ hen will, in der Waldwaͤrterwohnung.— Ich bin Ihnen verbunden. Ich werde ihn beſuchen.— Wenn Sie Jacob ſchon geſehen haben, ſo werden Sie ihn leicht wieder erkennen, denn er hat eines von den Geſichtern, die ſich nicht veraͤndern, und worauf das Alter keinen Einfluß hat.— O, ich werde ihn ſchon wieder erkennen, aber ich zweifle, daß er mich erkennt. Ich moͤchte wohl wiſſen, ſagt Dufour leiſe zu Victor: in welcher Beziehung der Graf mit unſerem Senſenmanne ſteht.— Was geht denn das dich an? — Nichts! aber ich moͤchte es doch gern wiſſen. Die junge Emma, die den Tanz naͤrriſch liebt, verſpricht ſich vom naͤchſten Tage ſehr viel Vergnuͤ⸗ gen. Dufour macht es zu ſchaffen, daß er mit Mamſell Clara wieder zuſammentreffen ſoll. Pietor iſt len Ke⸗ in den nes nd ch ft, ſen 305 S8 nimmt ſich vor, ſleißig mit der ſchoͤnen Nichte zu tanzen; er ſieht ſie alle Augenblicke an, und ſobald er zur überlegung kommt, richtet er einige Worte an Erneſtine, die uͤber das, was er ſagt, zu laͤcheln ſcheint, aber gleich darauf den Kopf abwendet, um eine Thraͤne zu zerdruͤcken. Um den Abend auszufuͤllen, bietet Herr v. Noirmont eine Partie Ecarté an. Der Graf nimmt Platz, und bald macht man auch St. Elme den Vor⸗ ſchlag, von der Partie zu ſein. Nein, ich danke! ſagt der Bleſſirte: ich bin in der That jetzt zu ungluͤcklich in dem Spiele;. ich habe mir vorgenommen, es nicht wieder zu ſpielen. Ich habe es auch lange Zeit nicht ſpielen mögen, ſpricht Herr v. Tergenne: ein Streich, der mir im Bade zu Bagneres geſpielt wurde, hatte mich ganz dagegen eingenommen. O, das muͤſſen Sie uns erzaͤhlen, Herr Gtaf⸗ bittet Erueſtine: Sie wiſſen, wie gern wir Ihnen 7* = 504 35 zuhoͤren!...— Sie ſind zu gütig, gnädige Fraut Man unterbricht das Spiel und Alles drängt ſich um den Grafen, nur St. Elme allein bleibt in eini⸗ ger Entfernung hinter demſelben ſtehen. Ich befand mich in Bagneres de Bigorre. es ſind vielleicht acht Jahre her... Man gebraucht daſelbſt nicht bloß die Baͤder, ſondern man ſpielt auch viel und das ſehr hoch. Es waren viele Fremde da, und man hatte mich darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, den ſogenannten Gluͤcksrittern mog⸗ lichſt aus dem Wege zu gehen, die man ſehr haͤu⸗ ſig dort auf den Spielſälen antrifft; aber ich bin nicht ſehr mißtrauiſch; um an Ungluͤck zu glauben, muß ich erſt Beweiſe davon haben. Ich fand da⸗ ſelbſt einen huͤbſchen jungen Mann, der ſich Sou⸗ vrac nannte; er hatte ein ſehr einnehmendes We⸗ ſen, wußte von Allem mit ſehr vieler Leichtigkeit zu ſprechen. Kurz, er richtete es ſo ein⸗ immer mit mir zu ſpielen, und n mir viel Geld ab; „ * 305— ich ſchrieb meine Verluſte dem Zufall zu, als eines ige Abends, wo dieſer Souvrac mich unmerklich, mehr ſ als gewoͤhnlich, in das Spiel hinein verlockt hatte, in ſich meiner unwillkuͤhrlich ein Argwohn bemaͤchtigte, und ich meinen Gegner aufmerkſamer beobachtete. Er ſetzte bei mir durchaus kein Mißtrauen voraus, 6 und es wurde mir nicht ſchwer, bald Beweiſe ſei⸗ u ner Betruͤgereien zu erlangen. Um kein Aufſehen zu machen, beherrſchte ich mich, brach aber das Spiel auf eine Weiſe ab, die ihm errathen ließ, * daß ich hinter ſeine Schliche gekommen ſei. Aber 6 die Unverſchaͤmtheit dieſes Souvrac war grenzenlos. * Am andern Morgen kundigt er ſeine Abreiſe an; 6 ich hatte kein Wort mehr mit ihm gewechſelt, aber bun er findet ſich bei mir ein, um Abſchied zu nehmen. Ich ging in ein zweites gimmer und befahl mei⸗ „ nem Bedienten, ihm zu ſagen, daß ich nicht zu Be Hauſe ſei; Souvrac wirft ſich aber auf einen Stuhl und kuͤndigt ihm an, daß er mich erwarten werde. 3 Der Diener verläßt ihn, und Souvrae entdeckt a;„ 2ter Theil. 2 5 0 5306 8 jetzt auf dem Kamine eine ſehr ſchoͤne brillantene Tuchnadel, welche ich den Abend vorher auf ein Nadelkiſen geſteckt hatte. Mein nichtswuͤrdiger Patron nimmt ſie raſch fort, ſteckt ſie ins Hemd, knoͤpft ſich den Rock zu und will ſich davon machen; aber ein Spiegel in dem Zimmer, worin ich mich befand, erlaubte mir, alles mit anzuſehen. Ich laufe dem Spitzbuben nach, hole ihn ein, oͤffne ihm das Kleid, nehme ihm die Tuchnadel wieder ab, laſſe ihn entſpringen, und ruſe ihm nach: Laßt Euch wo anders haͤngen, Hundsfott, aber kommt mir nicht wieder unter die Augen! Sie koͤnnen wohl denken, daß er mich nicht ausreden ließ; auf der Stelle verließ er Bagneres, und ſeit⸗ dem habe ich ihn nicht wieder geſehen. Das war in der That ein unverſchaͤmter Gau⸗ ner! ruft Herr v. Noirmont.— Ja, ſagt St. Elme in ſeinem Hinterhalt, wirklich ein kecker Burſche!... Ich wurde nicht ſo nachſichtig, wie der Herr Graf geweſen ſein, bemerkt Duſour; ich — 307 S8 ten hatte ihn auf der Stelle grretiren laſſen.— Ei, ein mein Gott, Herr Dufour, bedenken Sie nur, daß digen ich zu meinem Vergnuͤgen in Bagneres war, und em, dab dergleichen Dinge ſehr weitlaͤufige und langwei⸗ hen; lige Demarchen herbeifuͤhren.— Herr Graf, ſehr mich viel Menſchen handeln ſo, wie Sie es gemacht ha⸗ ben, aber ſie haben in der That Unrecht. Man ſagt fn⸗ dem Spitzbuben, den man auf der That ertappt: n Geh', laß' dich anderwaͤrts hängen, aber er betrügt ch eund beſtiehlt dann noch viel Andere, bevor es zum zbet Haͤngen kommt. gi Glüͤcklicher Weiſe, ſagt Chéri: wird man doch höchſtens nur bei dergleichen Gelegenheiten mit ſol⸗ eden „ chen Spitzbuben zuſammentreffen.— O nein, Herr, das iſt nicht ſo ſelten, als man denkt; wer in der u⸗ Welt verkehrt, beſonders in der großen Welt, der 6 halt dergleichen Abentheuer durchaus nicht fuͤr un⸗ ut gewoͤhnlich. In buͤrgerliche Zirkel wagen ſich ſolche ni tiſtige Betrüger nicht, da würden ſie zu bald ent⸗ 6 larvt werden, weil ſich ein Jeder da kennt. Aber + 20* 303 ₰8 in Geſellſchaften, wo zwei bis drei Hundert Men⸗ ſchen ſich in den Zimmern einher bewegen und drängen, wie kann man da nur bekannte Geſichter finden? Die Herren vom Hauſe laden zu ſolchen Verſammlungen viel zu leicht ein, und geſtatten noch uͤberdies, daß man ihnen Leute mitbringe, die ſie in ihrem Leben nicht geſehen haben. Iſt man nur nach der Mode gekleidet, hat feinen Ton und beſonders eine gewiſſe Sicherheit im Benehmen, ſo iſt man willkommen, und ungluͤcklicher Weiſe ſind es immer die Betruger, welche dieſe drei Be⸗ dingungen in ſich vereinigen. Die Unterhaltung dauert noch einige Zeit über dieſen Gegenſtand fort, bis enplich Chöri und ſeine Frau Abſchied nehmen, und dabei fuͤr den andern Tag ihre Einladung erneuern.. Seit der Ankunft des Grafen und ſeiner Nichte hat Erneſtine noch nicht einen Augenblick Zeit ge⸗ habt, Magdalenen zu beſuchen; aber am an⸗ dern Morgen ſteht ſie recht ſehr fruͤh auf und * — — nach M Ks G ds Pelt ucht i Fer Eeſ iue 6 6ht 9 lid lih dert Men⸗ wegen und te Geſchter zu ſolchen d geſtatten mitbringe⸗ ſohen J ſinen Lin Benehmen her Weiſe ſe wi v⸗ zet in i un ſti iun Niche it af un 309 S8 macht ſich zu ihrer treuen Freundin auf den Weg. S.* Magdalene ſitzt ſchon vor dem Hauſe und naht, as Erneſtine ſich ihr in die Arme wirft. Ach, was freue ich mich, Sie zu ſehen! ſagt das junge Maͤdchen; ich glaubte ſchon, daß alle Pelt mich verlaſſen habe! Recht lange ſind Sie nicht hier geweſen! Ach, Magdalene, das iſt nicht meine Schuld, ich bin ja keinen Augenblick frei geweſen; es ſind Fremde angekommen, und ich habe ihnen muͤſſen Geſellſchaft leiſten. O, wie oft habe ich es da be⸗ uert, daß du nicht mehr bei mir biſt, du, der ſch Alles ſagen kann, was in meinem Herzen vor⸗ geht; du, die deſſen verbrecheriſche Schwache kennt! Ach, Magdalene, beſonders wenn man ſtrafbar und leidend iſt, bedarf man einer Freundin, die uns eit x liebt, beklagt und troͤſtet! Mein Gott, ſollten Sie neuen Kummer ge⸗ habt haben?... Sie weinen)a!— Ach, ich * * 310 85 werde von nun an immer weinen!— Immer!.. dann liebt er Sie wohl nicht mehr? Erneſtine ſieht das junge Maͤdchen lange mit ſchweigender Traurigkeit an; nur ihre Augen beant⸗ worten Magdalenens Frage. Es iſt ein Herr mit ſeiner Nichte nach Breéville gekommen; dieſe Nichte iſt huͤbſch, ach ja, ſie iſt ſehr huͤbſch, und ſein Herz hat ſich ihr zugewendet. Du kannſt wohl denken, daß er es nicht ſagt; aber ich ſehe es, o, ich habe es im erſten Augenblicke, wo er ſie erblickte, ſogleich erkannt. Meine Augen, mein Herz koͤnnen mich nicht truͤgen!.. Wenn du wüßteſt, was ich dabei leide!— ch weiß es, ich verſtehe, ich errathe Ihre Leiden. Nicht mehr geliebt ſein, muß ſchmerzhaft ſein; aber Sie irren ſich vielleicht.— O nein! meine Magdalene, wenn die Liebe anfaͤngt, irrt man ſich wohl, aber nicht, wenn ſie aufhoͤrt! So veraͤnderlich ſein,.. Ihnen Kummer verurſachen!. o, das iſt recht ſchlecht!.. Und 4 3 mer!.. lange mit gen bemnt⸗ Bröbile ju, ſe iſ wenendet. igt; ober ugenblict, ne Augen⸗ Venn 5 weiß e ſt mehr Sie inen ent, nen er nicht Kummt un —= 311 8 haben Sie ihm denn ſeine Veraͤnderlichkeit nicht vorgeworfen? Vorwuͤrfe! habe ich ein Recht, ihm welche zu machen? Bin ich treu geweſen? O nein! ich ver⸗ diene dieſe herbe Strafe! Kann ich, meinen Eiden untreu, verlangen, daß man mir ſie halt?... und doch iſt ers, der mich verleitete, ohne ihn waͤre ich niemals ſchlecht geweſen.... Ach, die Maͤnner haben gar kein Mitleiden mit uns. Und was meine Leiden noch vermehrt, iſt, daß ich nun bald das Haus, worin ich geboren bin, das ich ſo liebe, verlaſſen muß. Was ſagen Sie, beſte Frau? Mein Mann hat Bréville an den Fremden, den Onkel der jungen Emma, verkauft. Ach, mein Gott!.. Sie werden Bréville, ja, vielleicht die Gegend verlaſſen, und ich bleibe allein hier zurück! 3ch ſel Site nicht mehr ſe— hen!— Ja, ich muß fort, weit fort... ich werde keine Freundin, nichts auf der Welt mehr 312 ₰ haben, als meine Thraͤnen und ein boſes Ge⸗ wiſſen! 6 Erneſtine weint ſich am Buſen ihrer Freundin aus, und findet ſich dadurch etwas erleichtert. Hier im Gehoͤlze, allein mit ihr, kann ſie ohne Zwang ihrem Herzen Luft machen; aber ſie muß nach Bré⸗ ville zuruͤck, ihre rothen Augen zu verbergen ſuchen. Sie ſteht auf und umarmt das junge Mädchen. Auf Wiederſehen, liebe Magdalene. So bald werde ich wohl Bréville nicht verlaſſen, ich glaube es we⸗ nigſtens. Mein einziges Gluͤck wird jetzt darin be⸗ ſtehen, dich zu beſuchen.... Wenn du ihn zufäl⸗ lig ſehen ſollteſt, wenn er vielleicht zu dir käme, o, dann ſage ihm ja nichts von meinen Thränen; er ſoll den Schmerz nicht erfahren, den er mir macht! Nicht wahr, du wirſt ſchweigen?— Za, ich ver⸗ ſpreche es Ihnen. Arme Frau! denkt Magdalene, ſie mit den Augen verfolgend: War es nicht ſchon genug, daß mein Herz ein unheilbares übel empfindet, muß e⸗ din ier n be⸗ il⸗ o, ho = 315 88 nun auch noch das ihrige alle die Leiden tragen, die uns bereitet werden, wenn der Freund unſeres Herzens eine Andere liebt? Erneſtine iſt zu ihren Gäͤſten zuruͤckgegangen; ſie bemuͤht ſich, ihren Kummer zu verbergen, ein freundliches Geſicht zu machen, und vorzuͤglich Vi⸗ etor nicht die Eiferſucht ſehen zu laſſen, die ihr Herz zerreißt. Sie iſt ſanft und freundlich zu Emma, denn, was ſie auch leidet, ſo verhindert ſie das nicht, der Nichte des Grafen Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, und weit entfernt, den Frau⸗ en zu gleichen, die an ihren Nebenbuhlerinnen nur Fehler ſehen, denkt ſie vielmehr: Wie ſoll ſie ihm auch nicht gefallen? ſie iſt ſo reizend, o, ſie iſt viel hubſcher als ich, und ſie kann ihn lieben, ohne unrecht zu handeln. Ihr Geſicht iſt immer gluͤck⸗ lich, heiter und lachend, waͤhrend ich unaufhoͤrlich traurig und unruhig war! Ja, er hat Recht, un⸗ beſtändig zu ſein, ich allein hatte Unrecht, ihn zu lieben. 314 5 Der Graf aͤußert noch mehrmals den Wunſch, Jacob aufzuſuchen, aber er will es bis nach ſeiner Ruͤckkehr von Poris verſchteben. Eifrig, mit Herrn v. Noirmont abzuſchließen und uͤberhaupt alle ſeine Geſchaͤfte zu beendigen, um nachher ungeſtort auf ſeinem neuen Eigenthume wohnen zu koͤnnen, hat Herr v. Tergenne beſchloſſen, ſchon am andern Morgen abzureiſen; aber er laͤßt ſeine Nichte in Breéville, woruͤber dieſe ſehr erfreut zu ſein ſcheint. Die Stunde, ſich zu Montréſors zu begeben, ruͤckt heran. Die ganze Geſellſchaft macht ſich auf den Weg. Der Graf bietet ſeinen Arm der Frau v. Noirmont, und ſo hat Viector den ſeinigen der ſchoͤnen Emma anbieten koͤnnen. Herr v. Noirmont, Dufour und St. Elme ſolgen hinter ihnen her. Armand hat es abgelehnt, dem Feſte der Montre⸗ ſors beizuwohnen, ſo ſehr ihm auch St. Elme zu⸗ geredet hat, ſich dadurch zu zerſtreuen; er kann ſich nicht einbilden, daß ein Abend bei Madame Mon⸗ tréſor irgend ein Vergnuͤgen gewähren könne, und 315 88 laͤuft daher dem Walde zu, während die Geſellſchaft nach Gizy zu ihren Weg nimmt. Als man vor Im Hauſe, wo das Feſt ſtatt finden ſoll, ankommt, wundert ſich Emma, den Ton der Geigen und Clarinetten noch nicht zu hoͤ⸗ ren, und als man hineintritt, verdoppelt ſich das Erſtaunen der Geſellſchaft. Auf der Hausflur laͤßt ſich Niemand blicken, nur eine Magd geht aus ei⸗ nem Zimmer in ein anderes, und trocknet Glaͤſer aus. Sollten wir zu fruh gekommen ſein? ſagt der Graf laͤchelnd.— Aber wo ſind denn hier Anſtal⸗ ten zu einem Balle? fragt Herr v. Noirmont.— Im Garten, mein Herr, antwortet die Magd. Sie werden da ſchon mehr Geſellſchaft finden. Man geht in den Garten und durchlaͤuft mehre Gaͤnge, ohne Jemand anzutreffen; endlich erblickt man etwa zwoͤlf Perſonen auf einem Raſenflecke verſammelt. Das iſt wahrſcheinlich der Kern der Geſellſchaft, ſagt Dufour: Aber was Teufel macht man denn da? 316 8 Man naͤhert ſich der Verſammlung; ſie beſteht aus drei Handlungsreiſenden, Chéri's Freunden, aus Herrn und Mamſell Pomard, Madame Bon⸗ nifoux, Herrn Couttois und ſeiner Nichte und aus zwet Nachbarinnen von vorgeruͤcktem Alter. Einer der Handlungscommis iſt ſo eben im Begriff, ſeine Koͤrperkraft zu zeigen, indem er mit ausgeſtrecktem Arme eine Bank in die Höhe hebt. Sophie empfaͤngt ihre Gaͤſte; ſie fuͤhrt die Da⸗ men zu den Baͤnken, die um einen mit Sand be⸗ ſtreuten Platz aufgeſtellt ſind. Mehre Lampen und Laternen an den Baͤumen umher kuͤndigen an, daß man ſich auf dem Balllocale befindet. Aber mit wem ſollen wir denn hier tanzen? fragt Dufour: glauben ſie, daß ich Madame Bon⸗ nifoux auffordern werde? Was Mamſell Clara an⸗ belangt, ſo werde ich es auch nicht risquiren koͤnnen, denn Herr Pomard wurde kirſchbraun, ſo wie er mich erblickte. Die Damen ſetzen ſich um den Tanzplat Der 317 S5 Handlungsdiener faͤhrt in ſeinen Kraftuͤbungen fort; er hebt jetzt einen Stuhl mit den Zaͤhnen auf, dann wettet er mit einem ſeiner Freunde, wer am wei⸗ teſten ſpringen kann, und endlich ziehen Beide die Roͤcke aus und fangen an, mit einander zu ringen und einander zur Erde zu werfen. Madame Mon⸗ troſor ruft einmal uͤber's andere: O, wie liebens⸗ wuͤrdig, wie drollig ſie ſind! ſie waͤren im Stande, uns ſo den ganzen Abend zu unterhalten! Die Bewohner von Bréville ſehen ſich an, ohne ein Wort zu ſprechen; nur Dufour brummt zwiſchen den Zaͤhnen: Haͤtten ſie uns vorhergeſagt, daß wir hier nur Nordens Herkules bewundern ſollen, haͤtte ich mich nicht in meinen Ballſtaat geworfen. Wo iſt denn Herr Montréſor? fragt Herr v. Noirmont.— Er wird ſogleich kommen, er holt nur die Muſik, denn wir rechnen darauf, tuͤchtig zu tanzen O, was wollen wir tanzen! Wie waͤr' es, wenn wir indeſſen ein Partiechen Lotterie ſpielten? ſagt Madame Bonnifoux.— 318 ₰8 Nein, nein, Madame Bonnifour, noch nicht... Ach ſehen Sie doch, jetzt ſteht Herr Groſſillot auf dem Kopfe, jetzt geht er auf den Haͤnden.. Nein, wie amuͤſant ſind die Herten doch! Und wirklich laͤuft Herr Groſſillot, den Kopf unten, einher. Seine beiden Kameraden wollen es ihm noch zuvor thun; der eine laͤuft ebenfalls auf den Haͤnden und will den andern auf den Fuͤßen forttragen; dieſer aber verliert das Gleichgewicht, und faͤllt mit dem Geſicht auf die Erde. Der Fall war nicht ſanft, aber nichts deſtoweniger ſteht er raſch wieder auf, ruft: es thut nichts! obgleich die Naſe ihm dick aufgelaufen iſt, und beſteht darauf, ſeine gymnaſtiſche übung fortzuſetzen. Herr Pomard hat ſich eine Linde zum Geſichtspunkt ausgewählt, und ſcheint entſchloſſen, den ganzen Abend eine Statue abzugeben, waͤhrend ſeine Schweſter wie toll üͤber jeden neuen Bockſprung der Herren lacht, die mit Gewalt die Geſellſchaft unterhalten wollen. Die Ankunft einiger Perſonen dient den Gäſten = 319 8 von Bréville zum Vorwande, aufzuſtehen und einen Spaziergang im Garten zu machen, denn die Toll⸗ heiten der drei Herren langweilen Erneſtinen und Emma ungemein. Endlich kommt Chéri; ein ſtarker Burſche, bei⸗ nahe eben ſo rund und dick, wie Herr Montréſor, folgt ihm. Letzterer, in Weſte und Hemdaͤrmeln, hat nichts in den Haͤnden, und dennoch ruft Ma⸗ dame Montréſor: Ah, da kommt ja die Muſik, nun koͤnnen wir tanzen! Wo Teufel ſieht ſie denn die Muſiker und In⸗ ſtrumente? denkt Dufour; die Frau vom Hauſe naͤhert ſich aber den Damen mit ſcherzhafter Miene und ſagt: Gewiß werden Sie fragen, wo die Vio⸗ linen bleiben? aber, in der That, ich habe keine; faſt war ich daruͤber gewaltig ungehalten, denn ich rechnete beſtimmt auf die beiden Geiger, die wir im Dorfe haben; aber der eine hat ein Geſchwuͤr an der linken Hand, und der andere arbeitet bei einem arteſiſchen Brunnen, welchen ein Ingenieur — 320 8 von Lisſonne in ſeinem Garten graben laͤßt. Ich war untröſtlich; wie ſchade, ſagte icht nun werden wir nicht tanzen tnnẽni Aber Madame Bonnifour hat mir einen Ausweg gezeigt, womit wir die Vio⸗ liniſten wohl erſetzen werden. Sehen Sie da den großen Schelm, den Chöri mitgebracht hat? er iſt der Sohn unſerer Milchfrau, und pfeift wie ein Engel; alle Sonntage tanzen ſeine Freunde und Be⸗ kanntſchaften nach ſeinen Contretaänzen. Roſe, das Maͤdchen von Madame Bonnifoux, iſt ſchon mehre Male dabei geweſen, und verſichert, es ſei erſtaun⸗ lich, wie er pfeift, und er iſt unermůdlich: Geſchwind habe ich alſo Benoit holen laſſen, der entzuckt iſt, auch einmal zum Tans ſo vornehmer Geſellſchaft zu pfeifen. 4 Ach, wir werden alſo nach der Pfeife tanzen? ſagt Dufour.— Ich verſichere Sie, mein Herr, bemerkt eine der Nachbarinnen: auf meiner Hoch⸗ zeit hat er die ganze Nacht gepfiſſen, und wir be⸗ fanden uns Alle ſehr wohl dabet. — Ich eiden four Vir⸗ den t ie ein Be⸗ das tehre ian⸗ „ der hm nzen hen, huch⸗ be⸗ 321 S Das iſt ein Ball auf eine ganz neue Manier, ſagt St. Elme, ich bin doch ſehr neugierig auf das Orcheſter!*„ Benoit kann uns zwar, waͤhrend er pfeift, die Touren nicht zurufen; aber wir kennen ſie ja, es ſind ja immer dieſelben. Nun, Benvit, wenn's gefaͤllig iſt, mein Sohn! Meine Herren, engagi⸗ ren Sie ſich; Chert, du weißt, daß du mit Herrn Courtois Nichte tansſt! Der große Benoit ſtellt ſich auf einen Stuhl und faͤngt eine Polonaiſe an zu pfeifen. Die Ge⸗ ſellſchaft kann ihr Lachen kaum unterdruͤcken, ſtellt ſich jedoch an. Victor hat Emma aufgefordert, und Erneſtine hat das Anerbieten des Grafen nicht ab⸗ zulehnen gewagt, der der Seltenheit wegen auch einmal nach der Pfeife tanzen will. Unſer Muſikus hat eine ungeheure Lunge; er pfeift eine ganze Quadrille, ohne auszuruhen. An⸗ fangs iſt den Taͤnzern die Muſik etwas peinlich; aber mit etwas gutem Willen laßt ſich's ja auch ſogar gter Theil. 21„ 322 88 nach einer Bockpfeife tanzen. Bald vermehren noch einige Familien aus Gizy die Zahl der Tanzenden. Um das Orcheſter zu vervollkommnen, ſchlaͤgt einer der Handlungsreiſenden das Tambourin auf ſeinem Hut dazu, und ein anderet ahmt einige Toͤne der Clarinette auf Fliederblaͤttern nach. Der Graf, der nur aus Artigkeit am Tanze Antheil genommen, geht darauf mit Herrn v. Noir⸗ mont im Garten ſpazieren. Erneſtine nimmt ihren Platz wieder ein, will aber nicht mehr tanzen. So⸗ gar Vietor bekoͤmmt einen Korb. Tanzen Sie nur mit Emma, ſagt ſie ihm mit Sanftmuth, aber ohne einen tiefen Seußzer unterdruͤcken zu koͤnnen: ſie wird mich wohl erſetzen; ſchon lange nimmt ſie eine Stelle ein, die ich laͤnger zu behaupten glaub⸗ te.— Was wollen Sie damit ſagen? fragt Vietor, indem er ſeine Verlegenheit zu verbergen ſucht. B Nichts, nichts! verzeihen Sie dieſe Außerung, ſie iſt mir in der That wider Willen entſchluͤpft. Ich bitte Sie, tanzen Sie mit ihr. Sehen Sie, ſie wartet ſchon. noch den. einer inem der — 325 85 Und wirklich machte es Emma weit mehr Ver⸗ gnügen, mit Vietor als mit den uͤbrigen Herren zu tanzen, denen es allen an feineren Manieren ge⸗ brach. überdies war ſie ſeit ihrer Ankunft in Bré⸗ ville ſchon daran gewöhnt, Victor immer um ſich zu ſehen, und wat er nicht bei ihr, ſo ſuchte ſie ihn mit den Augen. Obgleich die Worte Erneſtinens Vietor lebhaft ergriffen hatten, ſo kehrt er doch zu Emma zuruͤck. Er iſt traurig und zufrieden zugleich; er iſt gluͤcklich, mit der Nichte des Grafen tanzen zu koͤnnen, aber betruͤbt uͤber die wehmůthige Stimmung, die er in den Augen Erneſtinens erkannt hat, und fuͤr deren Urheber er ſich halten muß. Es bleibt immer eine peinliche Lage eines Mannes, wenn er ſich zweien Frauen gegenuͤber ſieht, wovon er die eine noch nicht ganz aufgehoͤrt hat zu lieben, die andere aber mit Heftigkeit zu lieben anfaͤngt. Ungeachtet des Wunſches, die Eine zu ſchonen, traͤgt die Andere doch immer den Sieg davon. 2¹ 324 ₰ Dufour hat es endlich gewagt, Mamſell Clara aufzufordern, und dieſe hat ſeine Einladung mit der moͤglichſten Grazie hen; bald huͤpfen und drehen ſich Beide in vollkommenſter Einigkeit und ungezwungenſter Hingebung im Kreiſe, und Nie⸗ mand wuͤrde es glauben, daß Dufour drei Stunden unter dem Bett ſeiner Taͤnzerin zugebracht hat. Jetzt erſt hoͤrt Herr Pomard auf, die Linde anzu⸗ ſtarren. Cheri laͤßt Erfriſchungen und Punſch herumrei⸗ chen; einige Freunde aus Paris haben Letzteren ge⸗ macht, und der Rum iſt darin nicht geſchont. Be⸗ noit hat ſchon ſechs Contretaͤnze gepfiffen. Da er den Taͤnzern zwiſchen den Quadrillen nur ſehr we⸗ nig Zeit lßt, ſo ſind dieſe von der Hitze aufgelöſt, und man faͤllt uͤber den Punſch her, weil er bei dern Erhitzung beſonders zutraͤglich iſt. Cheri bietet ſeiner Frau alle Augenblicke ein Glas an, und Dufour fluͤ⸗ ſtert der Mamſell Clara zu: Herr Montréſor will ſeine Frau etwas benebeln, um nachher freier Spiel zu haben. 6 * lara liſt der iner eine hen. 325 St. Elme tanzt nicht, aber er hat ſchon mehre Glaͤſer Punſch getrunken. Nach und nach laͤßt er ſich mehr gehen. Er ſieht ſich von lauter Leuten umgeben, die nach ſeiner Meinung ihm weit nach⸗ ſtehen, faͤngt an, Schoͤnredner, Spaßmacher, ſelbſt Spoͤtter zu werden, theilt impertinente Compli⸗ mente an die Damen aus, lacht Jedermann in's Geſicht und ruft einmal uͤber's andere: Das iſt herrlich! das iſt herrlich! Eine delicieuſe Partie! Wenn ich auf meine Guͤter komme, ſollen alle meine Bauern wie dieſer Vocativus pfeifen lernen. Ploͤtzlich, mitten in einer großen Chaine, ſtockt der Tanz, denn die Muſik hat aufgehoͤrt; Benoit quolt ſich und ſpitzt auf jede moͤgliche Weiſe den Mund... er bringt keinen Ton mehr heraus. Ach, mein Gott! ruft Sophie: was iſt denn das, was habt Ihr denn mit einem Male? wir poren keinen Ton mehr... das wird doch nicht ſo bleiben? O Gott, Benoit, was meint Ihr, wer⸗ det Ihr wieder in den Gang kommen? 326 85 Wartet nur! wartet! ſchreit Herr Groſſillot: ich werde ihm ſchon wieder Luft machen. Da, mein Freund, da, ſchluckt das hinunter, und ich wette, Ihr werdet bald wieder pfeifen, trotz der beſten Klapperſchlange! und dabei bietet er unſerem Or⸗ cheſter ein großes Glas Punſch an; Benoit ergreift es, aber bei dem Eifer, ſeine Virtuoſitaͤt wieder zu erlangen, kommt ihm der Punſch in die unrechte Kehle; weit entfernt, wieder pfeifen zu koͤnnen, moͤchte er jetzt erſticken und bekoͤmmt einen gewalti⸗ gen, anhaltenden Huſten; man iſt genoͤthigt, Waſ⸗ ſer zu holen; der Ball iſt, zum großen Verdruß der Taͤnzer, aufgehoben, und die Handelsreiſenden ſind bereit, ihre equilibriſtiſchen Kuͤnſte wieder an⸗ zufangen. Der arme Pfeifer hat jedoch ſo viel Waſ⸗ ſer getrunken, daß der Huſten nachlaͤßt; man faͤngt wieder zu tanzen an, aber es will nicht mehr ſo wie fruͤher gehen. Benoit unterbricht ſich faſt alle Augenblicke, um zu huſten, und nein ette, ſten Or⸗ eiſt eder chte ſti⸗ P⸗ uß den aſ⸗ un icht cht und 327 2 die Tanzenden kommen eben ſo oft aus dem Takte. Um Benvit etwas Ruhe zu goͤnnen, erbietet ſich Herr Groſſillot, einen Walzer zu ſingen, den ſeine Freunde auf Hut und Fliederblaͤttern begleiten ſollen. Der Vorſchlag wird angenommen. Zufaͤllig vefindet ſich unter den Bewohnern von Giözy eine ausgezeichnete Walzerin, und St. Elme, der ſich einbildet, im Walzen eine ganz vorzugliche Geſchick⸗ lichkeit zu beſitzen, und die Leichtigkeit der jungen Tänzerin bemerkt hat, mit der Chéri ſich verge⸗ bens abmuͤht, in den Takt zu kommen, waͤhrend ſeine Frau Kuchen vorſchneidet, kann der Verſu⸗ chung nicht widerſtehen, ſich bewundern zu laſſen; er hält das Paar auf, bemächtigt ſich der Walzerin und ſagt: Herr Montréſor, Sie koͤnnen nicht wal⸗ zen, obgleich Mademoiſelle ſich alle Muͤhe giebt, Ihnen fortzuhelfen. Geben Sie mal Achtung, wie ich es mache, da koͤnnen Sie etwas lernen! Und 328 St. Elme umfaͤngt ſeine geſchickte Taͤnzerin und fliegt dahin, leicht ſich mit ihr im Kreiſe drehend. Jedermann bewundert den Anſtand und die Leich⸗ tigkeit des Tänzers, welcher, ungeachtet der Binde, die ſeinen Kopf umgiebt, ſeine Dame ſo ſicher und gewandt zu fuͤhren verſteht. Er hoͤrt die Lobſprüche, die man ihm ſpendet, und will ſein ganzes Talent ſehen laſſen; er bleibt nicht mehr auf dem Tanz⸗ platze, ſondern tanzt mit ſeiner Tänzerin um ein Gebuͤſch herum, umwalzt eine dicke Baumgruppe, und erſcheint immer wieder auf dem Ballplatze, oh⸗ ne irgend Jemand zu beruͤhren; der Beifüh der Zuſchauer vermehrt ſich, und Madame Bonnifour ruft: Es iſt zum Erſtaunen; der Herr wuͤrde auf einer Lottonummer walzen! Aber als er ſo eben unter einem Kaſtanien⸗ baume durchwalzen will, buͤckt er den Kopf nicht genug; ein Zweig ſtreift ihm durch's Haar und reißt ihm die Binde vom Kopſe. Er yalt augen⸗ blicklich an, laͤuft zum Baume zuruͤck, aber Du⸗ und eid. ich⸗ nde, und che, lent m⸗ ein e, der vur zuf 329 S2 four hat ſie ſchon von demſelben genommen, um ſie dem jungen Herrn zuzuſtellen. Was ſehe ich? ruft er: wie es ſcheint, ſind Sie vollkommen ge⸗ heilt! Was Teufel, warum tragen Sie denn noch die Binde? auf Ihrem Geſicht iſt ja auch keine Spur von einer Narbe mehr. O, entſchuldigen Sie, entſchuldigen Sie, doch, doch... antwortet St. Elme, indem er ſich be⸗ eilt, die Binde wieder umzunehmen: ich leide noch ſehr, 2 beſonders kann mein Auge das Licht noch nicht vertragen. % demſelben Augenblicke aber erblickt er den Grafen v. Tergenne, der nicht weit davon ſteht, und ihn mit bedeutungsvollen Blicken ſixirt. Der ſchoͤne Taͤnzer hat die Luſt verloren, ſeine Geſchick⸗ lichteit bewundern zu laſſen; er fuͤhrt ſeine Taͤnze⸗ rin zu einer Bank und zieht ſich in einen entfern⸗ ten Winkel zurͤck. Da Benoit ohne Unterbrechungen ſeines Hu⸗ ſtens nicht mehr pfeifen kann, ſo hat das Feſt fru⸗ 350 ₰8 her, als man geglaubt, ſein Ende erreicht. Um elf Uhr geht die Geſelſchaft aus einander, und un⸗ ſere Freunde kehren nach Bréville zurück. Hier plaudert man noch etwas uͤber den ſeltſamen Ball, und ſagt ſich dann gegenſeitig: Gute Nacht! Herr v. Tergenne thut, als wolle er in den Korridor gehen, der zu ſeinem Zimmer fuͤhrt; aber ſofort kehrt er wieder um, ſteigt die Treppe hinauf, und holt St. Elme in demſelben Augenblicke ein, wo dieſer im Begriff iſt, ſein Schlafgemach zu be⸗ treten. Einen Augenblick, mein Herr! ſagt der Graf. indem er Jenem den Weg vertritt: ich habe mit Ihnen zu ſprechen! Der Ton des Grafen iſt mehr als ernſt; St. Elme bemuͤht ſich, ſeine Verwirrung uber das plöt⸗ liche Erſcheinen des Graſen zu verbergen, und er⸗ wiedert mit ſußlicher Miene: Wie, Herr Graf, Sie wůnſchen mit mir zu ſprechen? es macht mich auberor⸗ dentlich glücklich! kann ich Ihnen irgend worin nützen? —— — Um dun⸗ Hier Ball, den ber nauß ein, he⸗ Graf, mit St plöt⸗ der⸗ E nor⸗ en 351 S8 Verſtellen Sie Ihre Stimme nicht weiter ich laſſe mich dadurch nicht mehr irre fuͤhren; nehmen Sie nur Ihre gewoͤhnliche Sprache wieder an; ich habe Sie erkannt, Sie ſind Souvrac!— Souvrac? was wollen Sie damit ſagen?— Ich wiederhole es Ihnen, Sie ſind der Souvrac, der mich in Bag⸗ neres beſtohlen hat; dieſe Binde kann Ihnen jetzt nichts mehr helfen! und bei dieſen Worten reißt er ihm den ſchwarzen Taft vom Kopfe. Der ſchoͤne Herr ſteht betroffen und wie verſteinert da; der Graf fährt fort: Aus Juͤckſichten fuͤr den jungen Armand, der Sie ſeinen Freund nennt, und die uͤbrigen Bewoh⸗ ner des Hauſes, die Sie ſo unwuͤrdig hintergangen haben, will ich die Sache nicht laut werden laſſen. Morgen früh reiſe vich auf einige Tage fort; ich mache es aber zur Bedingung, daß, wenn ich zuruͤck komme, ich Sie nicht mehr im Schooße einer rechtlichen Familie antreffe, die vor Schaam vergehen wuͤrde, wenn ſie wußte, 352—8 welchem nichtswuͤrdigen Gauner ſie Obdach ge⸗ geben! St. Elme hat ſein Taſchentuch hervorgezogen, die Augen verdreht, den Mund zu einer klaͤglichen Miene verzogen, und erwiedert jetzt in weinerlichem Tone: Herr Graf, ich will mich nicht weiter ver⸗ ſtellen; aber glauben Sie, daß ich ſeit acht Jahren durch ein vorwurfsfreies Betragen bemüht geweſen bin, einige Jugendverirrungen wieder gut zu ma⸗ chen, und daß ich.. Genug! Sie haben mich verſtanden; bei mei⸗ ner Ruͤckkehr finde ich Sie nicht mehr hier; die Be⸗ wohner von Bréville duͤrfen nichts mehr von Ihnen hoͤren, oder ich laſſe Sie arretiren! Der Graf entfernt ſich, und St. Elme ſteht einige Augenblicke verblufft da; dann aber geht er in ſein Zimmer und ſagt: Warte nur, du ſollſt mir dieſe verwunſchte Erkennungsſcene theuer bezahlen! oen, ichen chem ver⸗ ghren veſen ma⸗ mei⸗ hnen ſeht ſter mi ſn Capitel XII. Der Diebstahl. Der Graf iſt am fruͤhen Morgen abgereiſt; er denkt, nur acht Tage abweſend zu ſein, und die Summe mitzubringen, die ihn zum Eigenthuͤmer von Bré⸗ ville machen ſoll. Dufour ſagt zu Victor: ich glau⸗ be, Freund, wir werden uns bald auf den Weg nach Paris machen muͤſſen; wir ſind nun ſchon mehr als zu lange hier geweſen.— Ach, ſeufst dieſer: warum haben wir Broville nicht ſchon fruher ver⸗ laſſen? Juͤnf Tage nach der Abreiſe des Grafen kuͤndigt St. Elme, der jetzt wieder ohne Binde erſcheint, der Geſellſchaft an, daß eine dringende Geſchaͤfts⸗ reiſe ihn noͤthige, ſchon des andern Tages abzurei⸗ ſen. Ein Jeder, mit Ausnahme Armand's, em⸗ = 354 ₰8 pfaͤngt dieſe Nachricht mit innerer Freude, und ſucht ſelbſt ſie nicht einmal zu verbergen. Was? St. Elme, du willſt mich verlaſſen? fragt Erneſtinens Bruder mit überraſchung: kannſt du nicht noch einige Tage warten? dann bleibe ich ſelbſt nicht laͤnger mehr hier, da Herr v. Tergenne Eigenthuͤmer des Guts wird; dann gehen wir zu⸗ ſammen nach Paris. Nach Paris? ruft Herr v. Noirmont: wie, Armand, Sie denken wieder nach Parts zuruͤckzu⸗ kehren? Mein lieber Armand, ſagt St. Elme in einem ſchmeichleriſchen Tone: willſt du meinen Rath be⸗ folgen, ſo verlaͤßt du deine liebe Familie nicht!. Ich bereue es nur zu ſehr, die meinige ſchon ſo lange vernachlaͤſſigt zu haben. Ich habe meine Ge⸗ ſchaͤfte hinten angeſetzt, Geld verloren; jetzt will ich aber anders leben, und ich rathe dir, ebenfalls ſolider zu werden! Armand antwortet nicht; er verlaͤßt den Salon 4 6 3 und ſen annſt e ich genne r zu⸗ wie, cku⸗ X 3535 S äbler Laune. St. Elme folgt ihm, holt ihn im Garten ein und ſagt lachend: Nun, fuͤhlſt du dich durch meine Ermahnungen erbaut?— O, ich habe es wohl bemerkt, daß du meiner ſpotteſt.— Vor deiner Familie mußte ich ſo ſprechen.— Deine Abreiſe..— Iſt unabaͤn⸗ derlich! übrigens macht es mir Langeweile, laͤnger bei Leuten zu bleiben, die kaum mit mir ſprechen; ohne dich waͤre ich laͤngſt fort.— Aber noch einige Tage gieb zu!— Komm, komm in's Gehoͤlz, da koͤnnen wir ungenirter mit einander ſprechen; ich habe dir viel zu ſagen. St. Elme faßt Armand unter den Arm, und zieht ihn mit ſich fort, aus dem Garten und in das nahe Gehoͤlz. An einem recht belaubten, weit vom Wege entfernten Orte ſteht er ſtill und hebt wieder an: Hier laſſ' uns ſprechen, berathſchlagen; was haſt du fuͤr Plaͤne? was denkſt du mit den 20,000 Franken anzufangen, welche du von deinem Schwa⸗ ger erhalten wirſt?— Ich weiß es nicht, aber das = 356 S kannſt du dir wohl denken, daß ich nicht hier blei⸗ ben werde.— Das muͤßte auch in der That huͤbſch ſein, wenn du in deinem Alter dein Leben ſchon en Famille hinbringen wollteſt! wir muͤſſen nach Paris zuruͤck, das iſt der Ort für Leute von unſe⸗ rem Schlage.— Aber ich bin ja 30,000 Franken dort ſchuldig; man kann mich arretiren, ſo wie ich ankomme.— Ich weiß das alles; o, ſeit einigen Tagen habe ich ernſtlich uͤber deine Lage nachge⸗ vacht. Es iſt unmoͤglich, daß du mit 20,000 Fran⸗ ken aus der Patſche kommſt.— Gott! ja, der Ge⸗ danke quaͤlt mich, macht mich untroͤſtlich!— Pfut doch! ſollen Leute von Geiſt jemals den Muth ver⸗ lieren? und, Gott ſei Dank! Kopf haben wir, mehr als die ganze Familie! Weißt du, was dir noͤthig waͤre? die ganzen 80,000 Franken, die der liebenswuͤrdige Graf jetzt herbeiholt.— Ohne Zwei⸗ fel, mit dieſer Summe koͤnnte ich mich wieder ſe⸗ hen laſſen, meinen Glaͤubiger bezahlen; denn habe ich 50,000 Franken in den Haͤnden, ſo iſt es un⸗ hlei⸗ ibch ſchn nch unſe⸗ anken ie ich inigen he⸗ ran⸗ Ge⸗ pfti ber⸗ vil, 6 dir e der 3wei⸗ ſ⸗ habe e 337 8 moͤglich, daß ich nicht einmal einen Treffer haben ſollte.— Unmoͤglich! und du wuͤrdeſt ihn haben. Nun, Freund, da dieſe 80,000 Franken dich retten, dich der Welt, dem Vergnuͤgen wieder geben koͤnnen, ſo muͤſſen wir ſie uns zu verſchaffen ſuchen.— Ver⸗ ſchaffen? wie das? wer Teufel wird ſie mir denn geben?— Man muß ſie ſich zu verſchaffen ſuchen, ſage ich dir.. Wenn der Zufall, ein Wenig Ge⸗ ſchicklichkeit uns die Brieftaſche ſinden ließe, die der Graf mitbringen wird.— Finden!.— Ja, ja! in ſeiner Taſche finden.— Ach, St. Elme, was ſagſt du da? ich wage es nicht, dich zu verſtehen. — Weil du die Sache nicht aus dem rechten Ge⸗ ſichtspunkte betrachteſt; denn zu welchem Zwecke holt der Graf die 80,000 Franken? um dein Grundſtuͤck damit zu bezahlen; alſo gehoͤren ſie eigentlich auch dir.— Aber das Gut gehoͤrt ja jetzt meinem Schwa⸗ ger.— Pah! weil endir einige Tauſend Franken darauf vorgeſchoſſen hat; unter Verwandten macht man ſich wohl ſolche Geſchenke. Ich verſichere dich, 2ter Theil. 22 * 558 ₰ die 80,000 Franken ſind, ſtreng genommen, dein Ei⸗ genthum. Aber da die Leutchen dieſe meine richtige Schlubfolge vielleicht nicht begreifen moͤchten, ſo kommt es darauf an, zu der Summe ohne ihr Wiſ⸗ ſen zu gelangen. Ich uͤbernehme das, wenn du mich nur ein Wenig unterſtuͤtzeſt. O, wenn ich allein handeln koͤnnte, ſo wuͤrde ich deine Meinung gar nicht abwarten.— St. Elme, du machſt mich ſchau⸗ dern.— Schaudern! Alles das ſind Worte!. Willſt du die 80,000 Franken haben, oder nicht?— Ich moͤchte ſie wohl, aber auf rechtlichem Wege.— Den ſuche dir, wenn du kannſt!— um auf welche Weiſe hoffſt du denn, dazu zu gelangen?— Ich nehme morgen Abſchied; anſtatt aber abzureiſen, ſuche ich bei irgend einem Bauer hier herum unter⸗ zukommen; nicht bei Jacob, da koͤnnte man mich auffinden; aber von der andern Seite, da, bei dem Holzhauer dort unten, der am Ausgange dieſes We⸗ ges wohnt.— Ich kleide mich als Bauersmann, in einer Blouſe, einem grobkrůmpigen Hut, o, ich will nEi⸗ chtige 1, ſ Viß mich gllein 9 90 ſchau⸗ = 359 S mich ſchon verſtellen! Für dich ſchaffe ich eine aͤhn⸗ liche Kleidung an. Du kommſt und ſagſt mir, auf welchen Tag der Graf ſeine Ruͤckkunft angemeldet hat. Er will nach Montcornet gehen, wo er Gelder zu he⸗ ben hat. O, ich habe ſehr wohl behalten, was er ſagte. Dann geht er nach Lisſonne, und von da kommt er zu Fuß nach Bréville zuruͤck. Du haſt weiter nichts zu thun, als mir Nachricht zu geben. — Nein, St. Elme, nein, ich errathe dich! Ein Diebſtahl, ein Raub, wie abſcheulich da werde ich nie einwilligen!— Nein, kein Diebſtahl, eine überraſchung nur, einen kleinen Auftritt, den ich be⸗ abſichtige; ich ſchwoͤre dir, dem Grafen ſoll nichts zu Leide geſchehen ein blinder Schuß. Jeden⸗ falls ſollſt du nur der Form wegen da ſein, ich will ſchon allein handeln.— Nein, ſage ich dir, niemals! — Nun, dann geh' zum Teuſel mit deiner Ingſt⸗ lichkeit, und hoffe nicht, wieder zu erhalten, was du verloren haſt! Das hat man davon, wenn man Leu⸗ ten gefaͤllig ſein will! Das Kaufheld fuͤr das eigene 22 340 ₰ Haus nicht nehmen, es dem Schwager laſſen zu wollen, welche Thorheit! Genau genommen laͤßt du ihm ja auch das Gut, und der Graf verliert alſo nichts; ſondern bloß dein Schwager verliert 60,000 Franken. Er iſt reich genug, um ſo eine Kleinig⸗ keit mal an's Bein zu binden.— Ach, laſſ' mich; ich habe deinem Rathe nur ſchon zu oft gefolgt! Armand geht nach Bréville zuruͤck; St. Elme folgt ihm, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. Am andern Morgen nimmt er Abſchied vom Hauſe; er empfiehlt ſich den Damen, die ihm nicht antworten, will Herrn v. Noirmont's Hand ergreifen, der ſie aber zuruͤckzieht, und klopft Dufour mit den Wor⸗ ten auf die Schulter: Heben Sie mir nur ja Ihr kleines Gemälde auf, darum bitte ich; es ſollte mich aͤrgern, wenn es ein Anderer bekaͤme! Endlich geht er ab und bemerkt nur noch, daß er von Laon aus mit der Diligence reiſen werde; Armand die Hand druͤckend, fluͤſtert er ihm noch in's Ohr, daß er nicht weit gehe, er ihn im Ge⸗ 3541 S polz an der Stelle, wo ſie geſtern die Unterhaltung gehabt, finden wuͤrde, und daß er hoffe, ihn jeden⸗ falls dort zu ſehen. Herr v. Noirmont verbirgt das Vergnügen nicht, welches die Abreiſe St. Elme's ihm verurſacht. Er benutzt den Augenblick, um ſeinem Schwager in Bezug auf St. Elme eine gute Lehre zu geben, aber dieſer ſcheint gar nicht auf ihn zu hoͤren. Mit fin⸗ ſterer Miene, den Blick zur Erde gewandt, ſcheinen ſeine Gedanken mit ganz andern Dingen beſchaͤftigt; plotzlich ruft er: Wann ſoll der Graf v. Tergenne zuruͤckkommen? In dieſen Tagen, denke ich.— Mein Onkel hat mir verſprochen, mir von Montcornet aus zu ſchreiben, ſagt Emma: das iſt nicht weit von hier; von Paris aus geht er dorthin.— Es ſind hoͤchſtens neun Meiten von hier, faͤhrt Herr v. Noirmont fort: und da giebt es Wagen, die bis Lisſonne fah⸗ ren; wir koͤnnen dann Ihrem Onkel entgegen gehen. — O, er wird es gerade nicht gern ſehen; aber = 342 8 gleichviel. Wenn Frau v. Noirmont mitgeht, ſo waͤre es wohl huͤbſch. Sie kommen doch auch mit, Herr Dalmer? Vietor verneigt ſich, ohne zu antworten. Erne⸗ ſtine ſieht Beide an und antwortet: Ja, ja, wir wollen Ihrem Onkel entgegen gehen; ich bleibe ja nur noch ſo kurze Zeit hier in der Gegend, und da mag ich ſie noch fleißig durchſtreifen, das wird mich an meine Promenaden von dieſem Sommer erin⸗ ueyn„ Ei, beſte Frau, wie koͤnnen Sie ſagen, nur noch kurze Zeit hier bleiben zu wollen? Wollen Sie uns denn verlaſſen? O, das waͤre ſehr unrecht.. gewiß, mein Onkel wird es nicht leiden. Herr v. Noirmont, nicht wahr, Sie denken noch ſo bald nicht daran, uns zu verlaſſen? Geſchaͤfte erfordern meine Gegenwart in Mor⸗ tagne; aber wenn meine Frau wuͤnſcht, noch einige Wochen bei Ihnen zuzubringen, ſo bin ich weit ent⸗ fernt, mich dem zu widerſetzen. ſ, ſo h mit, Erne⸗ „wir ibt j nd do mich trin⸗ nur n Sie 1— er. bald Mol⸗ ini 345 85 Ah, beſte Frau v. Noirmont, Sie bleiben alſo noch hier?— Nein, Fraͤulein, nein; ſo viel Ver⸗ gnuͤgen mir auch Ihre Geſellſchaft machen wuͤrde, ſo werde ich doch mit meinem Manne zugleich ab⸗ reiſen. Da ich doch einmal dies Haus verlaſſen ſoll, ſo glaube ich, iſt es je fruͤher, deſto beſſer. Emma wagt nicht, weiter zuzureden; ſie ſieht Erneſtinen ſo traurig, daß ſie furchtet, die Unter⸗ haltung koͤnne ihr ſchmerzhaft ſein. PVictor ſchweigt, er leidet auch, denn er wirſt ſich den Kummer vor, den er einer Frau bereitet hat, welche ohne ihn ihre fruͤhere ruhige und heitere Epiſtenz nie aufge⸗ geben haben wuͤrde; er fuhlt nur zu lebhaft, daß die Männer oſt zu leichtſinnig mit der Ruhe und Zufriedenheit derjenigen ſpielen, welche das Ungluͤck gehabt haben, ihnen zu gefallen, und daß ſie nur zu oft da Thränen zurücklaſſen, wo ſie das Vergnu⸗ gen aufgeſucht haben. Armand hat den Saal verlaſſen, um in den entſernteſten Theilen des Gartens ſich zu berathen. 344 85 Er iſt in großer innerer Bewegung; er laͤuft mehr als er geht; er moͤchte ſich den Gedanken entziehen, die ihn gefeſſelt halten. Hfters ſteht er ſtill, fäͤhrt mit der Hand uͤber die Stirn und murmelt: Aber wie ſoll ich es machen? was ſoll aus mir werden? Das Leben hier iſt mir unertraͤglich... und doch werde ich niemals meine Einwilligung dazu geben. O, der Plan St. Elme's iſt abſcheulich! Aber er wird ihn auch nicht ausfuͤhren, das iſt ja un⸗ moͤglich! Der junge Mann geht auf ſein Zimmer. St. Elme's Anſchlag geht ihm unaufhoͤrlich im Kopfe herum. Die ganze Nacht genießt er nicht einen Augenblick der Ruhe. Den andern Morgen geht er zu Jacob, in der Hoffnung, bet dem jungen Maͤd⸗ chen etwas Seelenruhe zu finden; aber er verſucht es vergebens, ſich zu zerſtreuen; ſelbſt bei Magdale⸗ nen verfolgt ihn der Gedanke an jene 80,000 Fran⸗ ken; er denkt, er traͤumt nur von dem Golde, das doch ſo ſchnell in ſeinen Haͤnden ſchmilzt. mehr ſehen, fihtt Aber en? ddoch geben. ber er ⸗ Kryft eilen eht er Mi⸗ ſucht odnlt⸗ Frul⸗ das 545 S5 Magdalene betrachtet den jungen Marquis mit Unruhe. Was iſt Ihnen denn, Herr Armand? fragt ſie: Sie kommen mir trauriger, als gewoͤhnlich, vor. — Nichts, nichts! wie immer.— Doch, doch! Sie ſind verdrießlicher als je; aber ich errathe die Urſa⸗ che, Ihre Schweſter hat mir ſie geſagt.— Wie? was hat meine Schweſter Euch geſagt?— Daß Ihr Gut an einen Fremden verkauft werden ſoll. Das Haus, worin man geboren iſt, zu verkaufen, o, das muß wirklich betruͤbend ſein.— Ja, Magdalene, ge⸗ wiß, dieſer Verkauf laͤßt mir keinen Augenblick Ru⸗ he.— Mein Gott, warum bin ich nicht reich! Ich moͤchte Sie ſo gern gluͤcklich ſehen. Ja, ich liebe Sie aufrichtig, und ich errothe nicht uber dieſe Lie⸗ be, ſie iſt ja ſo anſpruchlos! Ach, Sie glauben mir vielleicht nicht! aber ſicherlich, die arme Magdalene mochte ihr Leben fuͤr Sie und Ihre Schweſter hin⸗ geben.— Gutes Maädchen, ich will Euch glauben, aber Ihr koͤnnt in meinem Geſchick doch nichts än⸗ dern. Adieu, Magdalene, adieu! 5346 88 Armand verlaͤßt Magdalenen, und begiebt ſich nach dem Ort im Walde, wo er den Abend vorher mit St. Elme geſeſſen hatte. Ein ſchlecht gekleideter Mann ſitzt daſelbſt auf einem Baumſtamme, und Armand will voruͤber gehen; Jener aber ruft ihn an. Es iſt St. Elme, der ſich das Geſicht geſchwaͤrzt, einen Theil ſeiner Augenbraunen wegraſirt, und ſich ſo unkenntlich gemacht hat, daß Armand einige Au⸗ genblicke ganz betroffen ſtehen bleibt. Wie findeſt du mich ſo? fragt ihn St. Elme.— Es iſt unglaublich!— Ich habe oͤfters Komoͤdie ge⸗ ſpielt; ich verſtehe, mich zu verſtellen; und wenn ich nur gewollt haͤtte, der Graf haͤtte mich bei Euch nicht erkennen ſollen.— Wie?— Na, mag ſein! Wenn kommt denn dein Kaͤufer?— Ich weiß es nicht. Ich denke doch, du wirſt dein Project aufge⸗ geben haben?— Nein, mein Lieber, ich will dir wider deinen Willen nuͤtzlich ſein.— Du hoffſt das vergebens; man will dem Grafen entgegen gehen, ſobald er nur ſeine Ruͤckkunft angekuͤndigt hat. 347 8 t ſch St. Elme ſtampft wuͤthend mit dem Fuße auf vorher die Erde; dann uͤberlegt er eine Weile und ſagt: ideter Wenn du mir beiſtehen willſt, ſo ſoll die Sache doch um noch gelingen. Du oͤffneſt mir eine der Gartenthuͤ⸗ t ihn ren, deren Schluſſel du ja immer bei dir traͤgſt; virit ich ſchluͤpfe in dein Zimmer und verberge mich da; ſch alsdann „An⸗ Nein, nein! ſage ich dir, daraus wird nichts! Adieu; ich will von dir nichts weiter hoͤren! Armand eilt durch den Wald davon; er fuͤhlt ie g⸗ ſeine Schwaͤche, und fuͤrchtet die Unterredung deſſen, nen der ihn ſchon zu ſo vielen Fehlern verleitet hat, und 6uc der ihn nun auch zum Verbrecher machen will. Er ſn nimmt es ſich vor, St. Elme gar nicht wieder zu n ſehen. Er geht nach Hauſe, verſchließt ſich in ſein Zimmer, und ibe es den ganzen Tag nicht am wieder. 1„ Den andern Tag laͤßt er ſich erſt zu Mittag ſehen, und erfaͤhrt nun, daß man einen Brief vom Grafen erhalten habe, daß er in Monteornet ſei, = 343 8 und am naͤchſten Morgen zuruͤck zu kommen ge⸗ denke. Alſo, ſagt die junge Emma, morgen fruͤh gehen wir meinem Onkel entgegen, nicht wahr, Frau v. Roirmont? da er in Liſſonne die Diligence verläßt. — Ja, erwiedert Erneſtine: ſogleich nach dem Fruͤhſtuͤck machen wir uns auf den Weg. Armand fuͤhlt bei der Nachricht, daß der Graf nicht zur Nachtzeit durch den Wald von Lisſonne zu⸗ ruͤckkommen werde, ſein Herz erleichtert; er geht hinaus, und nimmt jetzt keinen Anſtand, nach dem Orte hinzugehen, wo St. Elme ſich aufhalt. Man iſt im Monat September; die Tage ſind kurz, die Naͤchte werden ſchon friſch; es faͤngt ſchon an, dunkel zu werden, als Armand ſeinen Freund antrifft. Er zeigt ihm die Rüͤckkehr des Grafen am andern Morgen und das Vorhaben der Damen, ihm entgegen zu gehen, an. Nun, ſo denken wir nicht weiter an die Sache! ſagt St. Elme; ich wollte dir gefaͤllig ſein, du willſt u ⸗ gehen au b. libt. dem ſchon Feund en in ihn 349 S es nicht. ſo iſt denn die Sache abgemacht. He⸗ be deine 20,000 Franken. Morgen gehe ich nach Laon; vor allen Dingen befreie ich mich wieder von dieſer Toilette, und dann erwarte ich dich, um mit nach Paris zu reiſen; ich will nur wuͤnſchen, daß du da deinem Glaͤubiger entgeheſt. Armand macht verſchiedene Plaͤne in Betreff ſeiner Ruͤckkehr nach Paris. Im Geſoraͤch ſind die beiden Freunde, ohne darauf zu merken, quer durch den Wald gegangen. Mit einem Male bleibt St. Elme ſtehen und ruft: Da ſind wir ja ganz nahe bei dem Hauſe des Waldwaͤrters!... O, ich gehe nicht hinein; Jacob darf mich in dieſem Coſtäme nicht ſehen. Einmal iſt er mir im Walde begegnet; er blickte mich ſcharf an, erkannte mich aber doch nicht. Armand iſt ſchon in Begriff, umzukehren, als St. Elme ihn beim Arm zuruckhaͤlt und leiſe ſpricht: Warte, warte! Sieh' nur, wer geht denn da zum Waldwärter ins Haus? O, alle Wetter, den fuͤhrt = 350 88 uns unſer Glückſtern in's Garn. Sieh' doch nur, ſieh' — Großer Gott, es iſt der Graf!— Jetzt weiche ich nicht mehr von der Stelle... Der Graf bei Jacob! ohne Zweifel will er nur einen Augenblick ausruhen, und in einigen Minuten iſt es finſter!— Ach, St. Elme! koͤnnteſt du noch daran denken?— Ruhig, und nicht von der Stelle geruͤckt! Es iſt in der That der Graf, der, nachdem er eine Weile das Haus betrachtet hat, zu Jacob ein⸗ tritt, und ihn mit Magdalenen unten im Zimmer antrifft. Kann man wohl einige Augenblicke bei Euch ausruhen? fragt er, auf der Thuͤrſchwelle ſtehen blei⸗ vend.— O ja, mein Herr, ſo viel es Ihnen ge⸗ faͤlt; es ſtehen Ihnen auch einige Erfriſchungen zu Gebote.— Ich danke Euch, ich wuͤnſchte nur, ein Wenig auszuruhen.— So nehmen Sie Platz. Mag⸗ dalene, gieb uns Licht; es iſt ja ſchon ganz jinſter. — Ja, lieber Freund! Das junge Maͤdchen koͤmmt alsbald mit einem 351 S8 Lichte wieder zuruͤck; da ruft der Graf mit einem 6 Male: Ich irre mich nicht, das iſt ja das junge ſtu. Maͤdchen, das ich vor einigen Tagen in der Ebene ubli von Gizy unter der alten Eiche angetroffen habe.— Ja, mein Herr, das bin ich, ich erkenne Sie auch — wieder. Der Graf ſieht darauf den Jacob lange Zeit aufmerkſam an, ſo daß dieſer mit ſeiner gewoͤhnli⸗ e. chen rauhen Manier endlich ruft: Nun, erkennt der Herr mich auch etwa?— W Das waͤre wohl moͤglich.— Ich kenne den Herrn nicht.— Das will ich glauben. Ihr ſeid aber Ja⸗ cob, der alte Tageloͤhner aus Gizy?— Der bin ich, iſ und der Herr?— Ich bin ein guter Freund des u Herrn v. Noirmont, und habe ihm das Gut Bre⸗ ville abgekauft. Ah, das iſt der Herr, der die ſchoͤne Nichte vu hat! ruft Magdalene, ſchlaͤgt aber ſogleich die Augen nieder, als ſchaͤme ſie ſich ihrer Auße⸗ rung. einem 352 88 Der Graf ſieht ſie lächelnd an und antwortet: Ja, mein Kind, ich habe eine recht hubſche Nichte; aber woher wißt Ihr denn das? Frau v. Noirmont hat es mir geſagt.— Ihr kennt alſo Frau v. Noirmont?— Ja, mein Herr! Magdalene ſagt nichts weiter; ſie ſetzt ſich und arbeitet Der Graf wirft ſeine Blicke von neuem auf Jacob, und empfindet eine geheinie Freude, den Bauer vor ſich zu ſehen, deſſen ſtarke Zuge von der Zeit wenig gelitten haben. Kommt der Herr jetzt von Brébille? fragt Ja⸗ cob nach einigen Augenblicken.— Nein; ich will im Gegentheile dahin zuruͤck. Ich bin einige Tage in Paris geweſen, und hatte auch in Montcornet und Lisſonne zu thun. Man erwartet mich erſt morgen bei Herrn v. Noirmont; ich werde ſie heut noch uͤberraſchen.— Und der Herr will alſo Eigenthuͤmer vom Gute des ſeligen Herrn von Bréville werden? — Ja, mein Freund. Jacob ſeufit, und Magdalene macht es eben ſo. — wortet: Nichte; — ht Hen ſich und neuen de, den von der ogt M nil in tage in met n nmorgen ut uch nthine unn eben ſo. Der Graf ſieht Beide an und ſagt: Das ſcheint Euch nicht angenehm zu ſein.— Wetter! mein Herr, es thut Einem jedesmal wehe, wenn ein Gut ſeinen Herrn wechſelt.— Ihr habt den Marquis b. Bréville gekannt?— Ihn nicht ſo genau, wie ſeine Frau; ſie that Jedermann Gutes in der ganzen Ge⸗ gend.— Jatte der Marquis nicht ein Fraͤulein Jen⸗ ny de Lucey geheirathet?— Die meine ich eben die gute, die ſanfte Jenny. Hat der Herr ſie ge⸗ kannt?— Nein, aber eine Verwandte hier aus der Gegend hat mir oft ſehr viel Rlhmliches von ihr erzaͤhlt; und ſie heirathete den Marquis aus Nei⸗ gung?— O, das gerade nicht; das arme Fraͤulein hatte einen Andern im Herzen, aber ungluͤcklicher Weiſe einen Taugenichts; Sie wiſſen ſchon, einen von den feinen Herrchen aus der großen Welt, de⸗ nen es weniger verſchlaͤgt, ein Maͤdchen zu verfuh⸗ ren, als mir, ein Glas Wein zu trinken! Ich war dahinter gekommen. Wenn man ſo auf dem Feld zu thun hat, kann man allerlei Bemerkungen ma⸗ ater Theil. 23 — 354 8 chen, und dann mußte ich auch immer die kleinen Kommiſſionen fuͤr Fraͤulein genny verrichten.... Kurz, das junge Herrchen machte ſich auf und da⸗ von, und man hat ihn nicht wieder geſehen. Fraäu⸗ lein Jenny beweinte ihn lange Zeit. Ich will gerade nicht ſagen, daß ſie ſich gar nichts vorzuwerfen hatte. Na, endlich bekam ſie den Befehl von ihrem Va⸗ ter, den Herrn v. Bréville zu heirathen, und ſie gehorchte. Der Graf hat dem Waldwaͤrter mit zur Erde gerichteten Augen zugehoͤrt, macht nachher aber im⸗ mer neue Fragen uͤber Jenny. Jacob ſpricht gern von der ſeligen Marquiſe; er geht auf tauſend Klei⸗ nigkeiten ein, die ihm die vergangene Zeit in's Ge⸗ daͤchtniß zuruͤckrufen. Herr v. Tergenne wird nicht muͤde, ihm zuzuhoͤren, und Jucob fühlt ſich geſchmei⸗ chelt, daß der Fremde ſeinen Erzaͤhlungen ſo viel Aufmerkſamkeit ſchenkt. Die Unterhaltung nimmt gar kein Ende. Mag⸗ dalene ſieht den Fremden mehrmals an und wundert kleinen und da⸗ Fräl⸗ gerade hotte. em Po⸗ und ſie ——— 3555 S8 ſich, daß Jacob's Erzaͤhlung ihn ſo zu intereſſiren ſcheint. Dies junge Maͤdchen wohnt bei Euch? fragt endlich der Graf: ich erinnere mich, von der Klei⸗ nen gehoͤrt zu haben, daß ſie elternlos iſt. Ihr habt ſie aufgenommen; das macht Euch alle Ehre, Freund Jacob.— Ja, mein Herr, Magdalene iſt eine Wai⸗ ſe, und will gern bei ihrem alten Freunde leben, der ſich gluͤcklich ſchaͤtzt, ihr einigermaßen das zu er⸗ ſetzen, was ſie verloren hat. Aber, mein Herr, Sie muͤſſen doch eine kleine Erfriſchung zu ſich nehmen. Der Waldwaͤrter hat Wein und Gläſer herbei⸗ geholt, und der Graf kann es ihm nicht abſchlagen, mit ihm zu trinken. Beim Glaſe faͤngt Jacob von neuem zu erzaͤhlen an, und der Gaſt verliert nicht eines ſeiner Worte. So iſt der Abend vergangen, und keine der drei Perſonen hat es bemerkt. Jacob hoͤrt auf, von der ſchoͤnen und jungen Jenny zu ſprechen; der Graf ſcheint in ſeinen Gedanken vertieft; Jener wagt es 33* = 356 5 nicht, ihn in ſeinen Traͤumereien zu ſtoͤren; er ſieht Magdalenen an, und Beide ſcheinen ſich zu fragen, was denn den Fremden wohl ſo ſehr beſchäftigen moge. Endlich kommt der Graf zu ſich, ſieht nach der Uhr und ruft: Bald zehn Uhr! mir iſt's, als wäre ich ſo eben erſt gekommen! Da ſind aber Eure Er⸗ zaͤhlungen daran Schuld, die haben mit ſo viel Ver⸗ gnuͤgen gemacht, braver Jacob!— Und ich habe auch gern von der alten Zeit geſprochen; aber Sie nerdeg jit ſehr ſpaͤt nach Btéville kommen.— Das iſt waht! Iſt es auch ſicher bei Euch im Walde? Ich frage, weil ich eine bedeutende Summe Geldes in meiner Brieftaſche habe.— Ei Wetter! mein Herr, hier paſſirt ſo leicht nichts; aber ſeit einigen Tagen habe ich hier in der Umgegend einen Kerl herumſchleichen ſehen, der⸗mir ſonderbar vorkam; wenn ich ihn noch einmal antreſſe, muß ich wiſſen, was er hier zu ſuchen hat. Damit Sie uͤbrigens nichts zu fuͤrchten haben, werde ich Sie bis Bréville ſiht tagen, ftigen h der vite e Et⸗ Ver⸗ habe Sie Das alde Feldes mein inihen Kun rlami wiſſ⸗ eihens ville 557 ₰8 begleiten.— O, danke, danke! da wurdet Ihr erſt ſehr ſpaͤt wieder zu Sauſe ſein. Ich denke eben, man mochte vielleicht ſchon ſchlafen, wenn ich nach Bré⸗ ville komme; ich wuͤrde das ganze Haus wieder mun⸗ ter machen. Wie wäre es, wenn ich bei Euch die Nacht bliebe, wäre das nicht vielleicht beſſer? und morgen früh kann ich dann ganz nach Gefallen nach Breville zuruckkehren.— Potz Wetter! das ginge ganz bequem, mein Herr; ich habe hier oben ein Zimmer und ein Bett fur dergleichen Faͤlle.— Und es wuͤrde Euch nicht geniren?— Gant und gar nicht, mein Herr!— Nun, dann nehme ich Eure Gaſlfreundſchaft an. Ja, es ſoll mir ein beſonderes Vergnügen machen, eine Nacht unter Eurem Dache zu ſchlafen, mein lieber Jacob.— Zu viel Ehre fuͤr mich; aber es iſt drollig, Sie kommen mir auch wie ein alter Bekannter vor.— Ich hoffe, in eini⸗ gen Tagen werdet Ihr mich auf meiner neuen Be⸗ ſitzung beſuchen, und dann wollen wir ganz und gar wieder mit einander bekannt werden⸗ Aber es iſt 353 ₰ ſpaͤt, ich will Euch nicht laͤnger in Eurer Ruhe ſto⸗ ren; und in der That bin ich auch ſelbſt mude. Mein liebes Kind, ſeid ſo gut, und weiſt mir mein Zimmer an.— Ich werde Sie fuͤhren, mein Hert. — Nun denn, guf morgen..— Ja, wer weiß, ob Sie mich morgen noch im Hauſe finden, wenn Sie aufwachen.— Nun wenn auch, dann ſehen wir uns ſpaͤter gewiß wieder! Der Graf druͤckt Jacob herzlich die Hand, und dieſer iſt von der Herablaſſung und Theilnahme ſei⸗ nes Gaſtes ganz geruͤhrt. Magdalene theilt die in⸗ nere Bewegung Jacob's, ohne ſich den Grund davon erklaͤren zu koͤnnen. Sie fuͤhrt Herrn v. Tergenne eine Treppe hinauf, in ein kleines Zimmer, laͤßt ihm das Licht zuruͤck, und wuͤnſcht ihm eine gute Nacht. Als ſie wieder zu Jacob koͤmmt, ſagt ſie: Das ſcheint ein recht liebenswuͤrdiger Herr zu ſein. Es war auffallend, mit welchem beſondern Vergnuͤgen er Euch von meiner Wohlthaͤterin erzaͤhlen hoͤrte. Schon darum koͤnnte ich ihm recht gut ſein!— Nun, ſi⸗ ſide. nein ert. „ob Sie uns igen te. un⸗ 359 5 Magdalene, geh' zu Bett, der Herr iſt Schuld, daß wir laͤnger als gewohnlich aufgeblieben ſind; ich werde es eben ſo machen. Die groͤßte Stille herrſcht jetzt im Hauſe des Waldwaͤrters, denn ein Jeder pflegt endlich der Ruhe, als Magdalene durch ein plotzliches Geraͤuſch aufge⸗ weckt wird. Sie wendet ſich im Bette um, hoͤrt aber nichts weiter, und ſchlaͤft bald wieder ein. Nach ei⸗ nigen Minuten wird ſie von einem abermaligen Ge⸗ räuſch erweckt; es kommt ihr vor, als hoͤre ſie Fuß⸗ tritte in ihrem Zimmer; ſie wagt es nicht, ſich zu vewegen, oͤffnet aber die Augen; das Fenſter iſt ge⸗ oöffnet, und ein Mann lehnt dagegen; ſie will ſo eben einen Schrei des. Schreckens ausſtoßen, als er ſich um⸗ wendet, der Mond ihm in's Geſicht ſcheint, und ſie den jungen Marquis von Breéville erkennt. Magdalene weiß nicht, was ſie denken, was ſie chun ſoll; bald laſſen ſich noch Schritte hoͤren, und ein Anderer ſchleicht zu Armand und ſagt ihm: Es iſt geſchehen, Alles ging gans leicht, der Schluͤſſel 360 ₰ ſteckte an der Thuͤr, ich dachte es wohl.. nun vorwaͤrts auf den Weg! 1 Man ſpringt aus dem Fenſter, macht Fenſter und Fenſterladen leiſe zu, und jedes Geraͤuſch iſt laͤngſt voruͤber, als Magdalene noch immer horcht und zittert. Das war Armand, ſagt ſie: gewiß er war es; aber was hat er denn hier gemacht, in der Nacht und mit noch Jemandem? Mein Gott! was hat das zu bedeuten? * Sie ſteht auf, geht an's Fenſter, das nur ange⸗ kehnt iſt; ſie erinnert ſich, daß ſie am Abend die Fenſter nicht feſt eingehakt hatte, eine Vorſicht, die ſie oft vernachläſſigte, da ſie nie Furcht vor Raubern kannte; mit Leichtigkeit konnte man alſo das ſchlecht verwahrte Fenſter oͤffnen. Magdalene ſchließt Fenſterladen und Fenſter feſt zu, und ſetzt ſich dann im Zimmer nieder; ſie zit⸗ tert noch immer an Haͤnden und Füßen, und lauſcht mit der groͤßten Auſtrengung; ſie iſt in Begriff, Jacob zu wecken, aber gleich darauf ſagt ſie: Es nun nſter h it ocht ß er „in tt! nge⸗ die „die bern lecht = 361 2 war ja aber Armand, ich habe ihn ſehr gut. aber was er nur gewollt hat? Mein Gott, ich haͤtte ihn danach fragen ſollen! Das junge Madchen bringt den überreſt der Nacht in der groͤßten Unruhe zu; ſie wirft ſich auf*s Bett, kann aber den Schlaf nicht wieder finden; tauſend Gedanken gehen ihr durch den Kopf, aber keinen haͤlt ſie feſt; ſie füͤhlt ſich von einem graͤßli⸗ chen Vorgefuhle gleichſam erdruckt. Es wird Tag; Jacob ſteht auf, kommt herun⸗ ter, nimmt ſeine Flinte und geht. Unſer Gaſt ſchlaͤft noch, ſagt er zu Magdalenen auf der Schwelle der Hausthuͤr: wecke ihn nicht auf, ich will indeſſen meine Ronde im Revier machen. Magdalene iſt noch immer gans betroffen von dem, was ſie in der Nacht geſehen und gehoͤrt hat; ſie ſetzt ſich zur Arbeit, und huͤtet ſich wohl, den Fremden zu ſtoͤren. Dieſer kommt jedoch bald darauf herunter. Gu⸗ ten Morgen, mein Kind! ſagt Herr v. Tergenne 362 ₰8 eintretend: Ich wette, Jacob iſt ſchon fort.— Za, mein Herr.— Meiner Treu, ich habe in ſeinem Hauſe köſtlich geſchlafen.— Ah, Sie ſind alſo nicht wach geweſen, mein Herr?— 9ch habe lange nicht ſo ſeſt geſchlaſen. Aber Ihr, meine Kleine, ſolltet Ihr Euch heut fruͤh nicht wohl beſinden? Eure Züge ſcheinen etwas veraͤndert, Ihr ſehet blaß aus!— Ach, das iſt nichts; ich hatte nur Angſt, es möchte Ihnen oben etwas zugeſtoßen ſein.— Wie ſo? was denn? Ich wiederhole es Euch noch einmal, es iſt mir gans gut ergangen. Adieu, meine kleine Mag⸗ dalene; jetzt muß ich gehen; wer weiß, vielleicht kommt man mir entgegen. Sagt Jacob meinen herzlichen Dank fuͤr ſeine Gaſtfreundſchaft, und ich hoffte, ihn recht bald bei mir zu ſehen. Der Graf verläßt die Waldwärterwohnung; Magdalene verfolgt ihn mit den Augen, aber ſie ſuͤhlt ihr Herz erleichtert, nachdem ſie erfahren, daß nichts ſeinen Schlummet geſtört hat. Jo, inem nicht nicht olltet gihe — ichte was zit Mah lecht inen dich Capitel XIII. Immer noch WMagdalene. Die Bewohner Breville's verſammeln ſich zum Fruͤhſtuͤck. Die Damen ſind ſchon zur beabſichtig⸗ ten Promenade angekleidet. Armand erſcheint im Salon; ſein Geſicht bedeckt eine furchtbare Bläͤſſe, ſeine Augen druͤcken Angſt und Schrecken aus. Da biſt du ja, lieber Bruder! ſagt Erneſtine: man hat dich ja ſeit geſtern Mittag nicht geſehen.— Nein, ich war ausgegangen ich befand mich unwohl, und bin darum früh zu Bett gegangen.— Du ſiehſt aber auch wirklich krank aus.— Ja, es iſt mir auch gar nicht recht zu Muthe. Die Promenade wird Ihnen gut ſein, Herr v. 564 ₰2 Bréville! ſagt Emma: Sie muͤſſen mit uns dem Onkel entgegen gehen. Bevor noch Armand antwortet, ruft Dufour ploͤtzlich: Mit der Promenade iſt's nichts; da tritt der Herr Graf ſo eben in den Hof!— Wirklich! Ach, wie grauſam mein Onkel iſt, uns nicht ein⸗ mal ſo viel Zeit zu laſſen, ihm eutgegen zu gehen! Bald darauf begruͤßt er die Hausbewohner im Salon. Wir hatten uns vorgenommen, Sie foͤrm⸗ lich einzuholen, ſagt Herr v. Noirmont.— Und ich habe Ihnen dieſe Muͤhe erſparen wollen; übrigens wuͤrden Sie mich auch da nicht geſucht haben, wo ich war; ich habe die Nacht in Ihrer Nachbarſchaft zugebracht.— Wo denn das?— Bei dem Wald⸗ wäͤrter Jacob.— Wie liebenswuͤrdig mein Onkel iſt, anſtatt ſo bald als möglich wieder bei uns zu ſein, ſchlaͤft er die Nacht bei den Bauerv.— Meine liebe Emma, es hat mir ſehr viel Vergnuͤgen gemacht, mit dieſem Jacob zu plaudern. Du ſiehſt die Grün⸗ de davon nicht ein. Nun, kurz um, er hat mich z dem ufbur tritt rklich! t ein⸗ gehen! er in füem⸗ ich rigens 1 w ſchaft Puld⸗ el iſ⸗ ſein, libe nicht⸗ Nün⸗ mich „ = 365 88 die Nacht beherbergt.— Sie muͤſſen ein junges Maͤdchen bei ihm gefunden haben? bemerkt Erne⸗ ſtine.— Ja, gnädige Frau, eine junge Perſon, die Magdalene heißt, und die recht intereſſant zu ſein ſcheint; aber ich weiß nicht, was ihr heute fruͤh fehlte, ſie ſchien mir ſo unruhig; ſie mußte etwas auf dem Herzen haben. Na, da bin ich alſo wie⸗ der. Gott ſei Dank, alle meine Geſchaͤfte ſind be⸗ endigt! Herr v. Noirmont, wir wollen ſogleich un⸗ ſere Rechnung machen; ich habe hier Ihre 80,000 Franken.— Die brauchen Sie mir ja erſt bein Notar gegen übernahme des Kaufkontrakts zu geben. Das iſt ja gleich, beim Notar oder hier; es iſt mir lieb, wenn ich das Geld los bin. Der Graf greift in die Taſche, und zieht ſein Porteſeuille hervor. Armand ſitzt an einem Fen⸗ ſter und thut, als wenn er auf's Feld hinaus ſaͤhe. Herr v. Tergenne oͤffnet die Brieftaſche und ſagt: Wiſſen Sie wohl, wenn man mich im Walde be⸗ ſtohlen haͤtte, man kein ſchlechtes Geſchaͤft gemacht 566 S8 haben wuͤrde? und wenn.. aber.. wie. was iſt denn das nun.. Aber was haben Sie denn, Herr Graf? Sie werden blaß! ruft Herr v. Noirmont. Das iſt doch ſonderbar, ich finde meine Bank⸗ noten nicht!— Mein Gott!— Ich mag ſuchen wie ich will; da ſind die drei Briefe, die ich in der Brieftaſche hatte, aber die 80,000 Franken finde ich nicht.— Großer Gott! Sollte man Sie beſtoh⸗ len haben? Sehen Sie doch in allen Taſchen nach! Der Graf durchſucht ſeine Taſchen; Alles um⸗ giebt ihn, man wartet mit Angſt auf den Erfolg ſeiner Nachforſchungen; Armand allein iſt am Fen⸗ ſter ſtehen geblieben; aber Alles iſt vergebens; er findet ſeine Bankbillets nicht wieder. Die Beſtür⸗ zung malt ſich auf allen Geſichtern, als der Graf plötzlich ruft: Erlauben Sie doch; ich erinnere mich! geſtern Abend, bei Jacob, als ich allein in meinem Zimmer war, durchſuchte ich mehre Papiere in mei⸗ ner Taſche, da hatte ich meine 80,000 Franken noch, ie. f? Sie Bant⸗ hen wie in der n finde beſoh⸗ 1 nach! les un⸗ Erfelh m her⸗ ersz e Beſtr⸗ Gref fe nic! nenen in mei⸗ n nch 367 6S das weiß ich gewiß, denn ich zaͤhlte die Billets noch nach, ob nicht etwa eines abhanden gekommen ſei. Wahrſcheinlich habe ich ſie, ſtatt ſie wieder in die Brieftaſche zu ſtecken, auf dem Tiſche liegen laſſen. So iſt es unbedingt geſchehen, denn heut fruͤh ſteckte ich die Brieftaſche ein, ohne mich weiter umzuſehen. Ach, ich ſchoͤpfe wieder Athem, ſagt Erneſtine: dann, Herr Graf, haben Sie nichts zu fuͤrchten, dann iſt Ihr Geld in Sicherheit. Gewiß! ſagt Herr v. Noirmont: da Hert v. Tergenne ſeine Bankbillets noch geſtern bei Jucoh nachgezaͤhlt hat, ſo muͤſſen ſie noch da liegen, oder ſie ſind ihm da geſtohlen worden. Geſtohlen! lieber Mann, welch' ein Gedanke. und von wem denn?— Nein; ohne Zweifel, fällt der Graf ein: iſt meine Unvorſichtigkeit nur daran Schuld;.. denn die Bankbillets ohne die Brief⸗ taſche zu nehmen, Sie muͤſſen geſtehen, da muͤßte der Dieb entweder ſehr fein oder ſehr ungeſchickt ge⸗ weſen ſein. = 366 S5 Jetzt geſchwind zu Jacob, treibt Herr v. Noir⸗ mont: ich gehe mit Ihnen!— Ich auch, ſagt Du⸗* ſour: denn die Geſchichte iſt mir hoͤlliſch in die Glieder gefahren!— Ich bin in der That untroſt⸗ lich, meine Herren, uͤber die Unruhe, die ich Ihnen „ 1 verurſache, aber. Ach, mein Gott! Herr Armand iſt krank! ruft Emma ploͤtzlich. Und in der That, Herr v. Bréville war auf dem Stuhl hinten uͤbergeſunken, und aus ſeinem herabhaͤngenden Kopfe ſchien alles Leben entfſohen. Die Damen und Victor umgeben ihn. Er war heut Morgen ſchon unwohl, ſagt Erne⸗ ſtine; der Verluſt ihrer Bankbillets hat wahrſchein⸗ lich einen ſo heftigen Eindruck auf ihn gemacht. Ei freilich, bemerkt Dufour: hat es mich weß auch nicht wenig ergriffen. ₰ Gehen Sie nur, gehen Sie nur zu Jacob, meine Herren, wir werden fuͤr Armand ſchon ½ 3e tragen. Herr Victor wird uns helfen, ihn au ſeit * . „* „ Wir⸗ D⸗ ndie träſ⸗ hnen riſt auf inem ſchen⸗ Erne⸗ ſchein⸗ t. dö qub 6 ſeit = 365 25 Zimmer zu bringen.— 3 ja! vin zum Wald⸗ waͤrter! Der Graf macht ſich mit Dufour und Herrn v. Noirmont auf den Weg. Sie laufen raſch, und ſind ſehr bald vor ſeiner Wohnung. Magdalene ſitzt vor der Thuͤr, den Kopf in die Hand geſtuͤtt und ſo in Gedanken Wtell⸗ daß ſie Niemand kommen hoͤrt. Da iſt ja das junge Mädchen, zc der Graf.— Ja, das iſt Magdalene, erwiedert Herr v. Noirmontt 8. ich kenne ſie.— Wir kennen ſie Alle ſehr gut, ſpricht Dufour: aber ſie ſcheint ſehr nachdenkend zu ſein, ſie bemerkt uns nicht einmal. Der Graf klopft der Kleinen leiſe auf die Schul⸗ ter und ſagt; Da bin ich ſchon wieder, mein Kind. Magdalene hebt den Kopf auf, und ſo wie ſie ih⸗ — ren Gaſt mit Herrn v. Noirmont und Dufour er⸗ plickt, fährt ſie vor Schreck zuſammen. Nein liebes *. ſagt der Graf: ich habe heut Morgen etwas pe Lech liegen laſſen, habt Ihr nichts gelunden? ater Theil. 24 370 5 Nein, mein Hert, nichts] antwortet das Maͤd⸗ chen mit bewegter Stimme.— Ohr ſeid vielleicht noch nicht oben in dem Zimmer geweſen, worin ich geſchlafen habe?— Verzethen Sie, mein Herr; ich habe ſchon Alles wieder im Hauſe in Ordnung ge⸗ bracht, wie es meine Gewohnheit iſt. Das iſt doch ſonderbar! Iſt Jacob hier?— Nein; noch ehe Sie aufſtanden, ging er fort, und iſt noch nicht wieder nach Hauſe gekommen.— Er⸗ laubt dann, daß ich ſelbſt in meinem Schlafzimmer nachſuche.— Ja, ja, gehen wir ſogleich ſagt Herr v. Noirmont. Die Herren ſteigen hinauf und Magdalene folgt ihnen. Sie ſuchen uͤberall umher, aber vergebens, die Bankbillets ſind nirgends zu finden. Was haben Sie denn verloren, mein Herr? fragt endlich Magdalene.— Achtzig Tauſend Fran⸗ ken in Bankbillets, die ich in meiner Brieftaſche hatte.— O Himmel!— a, ja! beſtätigt Herr v. Noirmont, indem er das junge Mädchen ſtreng firirt: Rd leicht nich ich E wet uf! olot ens, r ran⸗ ſch ſrt: 4 371 und geſtern Abend hatte ſie der Graf noch hier, vor dem Niederlegen hat er ſie noch mal nachgezaͤhlt.— Ach, mein Gott! iſt vielleicht.. Magdalene en⸗ digt ihre Rede nicht; ſie zittert, und kann ſich kaum auf den Beinen erhalten. Iſt ſonſt Jemand hier geweſen, heut Morgen? fragt der Graf.— Nein, Niemand. Hatten Sie geſtern Abend Ihr Schlafzimmer verſchloſen? fragt Herr v. Noirmont den Grafen.— Daran habe ich nicht gedacht. Ich bin nicht miß · trauſch. Was Jatte ich auch zu fürchten? O, ich kenne Jacob, das iſt ein rechtſchaffener Mann. Jacob, das iſt möglich; aber er wohnt nicht allein im Hauſe.— Ach, Hrrr v. Noirmont, was denken Sie!.. Beruhiget Euch, Kleine, ich will Euch nicht gernde beſchuldigent.. Aber ſehen Sie nur, wie ſie zittert.— Ja, ja, ich ſehe es wohl, ſchon ſeit unſerer Ankunſt ſcheint ſie ein geheimer Schrecken ergriffen zu haben. Herr Dufour⸗ haben Sie es nicht auch bemerkt?— Freilich wohl, ant⸗ — 24*ℳ 372 S. mortet Dufour: Ich geſtehe, es iſt mir aufgefanen. Ich dachte gleich, das junge Mädchen mir ſonderbar vor. Jat und Sie ſelbſt, de enf. patten es heut fruͤh bemerkt, als Sie ſie verlieben; Sie ſagten es noch gleich in Bréville.— Meine Herten, das iſt moglich, aber alles das beweiſt nichts. Arme Klei⸗ en, beruhigt Euch nur. Sie hat nicht die Kraft, zu ſprechen S Berr Graf, fängt Herr v. Noirmont wieder an: patten Sie geſtern vielleicht hier von dem Gelde ge⸗ ſprochen, das Sie bet ſich hatten?— a, ich die mich deſſen zu erinnern; ich ertundigte mich, ob es hier im Walde auch wohl ſicher wäre, ich ſagte.. aber noch einmal, wo wollen Sie damit hinaus?— Ihnen wieder zu Ihrem Gelde verhelfen! Die Haupt⸗ ſache iſt, daß Sie es geſtern Abend hier noch hat⸗ ten, und heut früh nicht mehr in Ihrer Brieftaſche warz Sie müſſen es alſo hier gelaſſen, oder man mub es Ihnen geſtohlen haben? n 7 * 1* len. mit heut en es iſt Klei⸗ nſt, e ge⸗ aube, unt⸗ hu⸗ ſiht m = 375 S. Das iſt ſo klar, wie zwei mal zwei vter! ruſt Dufou. Mamſell muß die Bankbillets haben⸗ oder ſie hat jemand in's Haus kommen ſehen, der ſie genommen hat; ſie geſteht jedoch ſelbſt, daß nie⸗ mand hier geweſen iſt wer anders, als ſie ſelbſt * kann die Summe alſo entwendet haben? Daher! ohne Umſtaͤnde, Magdalene, gebt dem Herren Grafen zurͤck, was Ihr in ſeinem Zimmer gefunden habt⸗ und er wird Euch verzeihen, obgleich an ſeiner Stel⸗ le..— Ich habe nichts gefunden, gewiß nichts; ich t. es! antwortet Magdalene, ſich auf die Nnie niederwerfend: Ach⸗ Sie koͤnnen mich durch⸗ ſuchen!— Ei, Mamſell, ich glaube wohl, daß Ihr die Summe nicht mehr bei Euch tragt; Ihr werdet ſie verſteckt, ohne Zweifel ſehr gut verſteckt haben; aber man wird Euch ſchon zum Bekenntniß brin⸗ gen!.. Vhr folgt uns ſogleich mit nach Bréville! Herr v. Noirmont, ſagt der Graf: Ich weiß wrirklich nicht, ob ich dazu meine Einwilligung geben 374 8 ſoll; nichts beweiſt, daß das junge Madchen ſchuldig iſt.— Nir iſt aber der Beweis klar. Wenn ſie un⸗ ſchuldig iſt, wird ſie ſich rechtfertigen. Aber geben Sie Acht, wir finden Ihre Bantbiets. Wir wollen jetzt gehen, und die Thuͤr des Hauſes verſchließen, damit niemand herein kann. Wir geben der Mamſell den Schlüſſel, die ihn ſelbſt dem Waldwärter über⸗ liefert. Herr Dufour, Sie werden die Gefaͤlligkeit haben, hier vor der Thür den Jacob abzuwarten, ihn mit der ganzen Sache bekannt machen, und chn erſuchen, auf der Stelle ebenfalls nach xruu zu kommen.... Kommt, Mamſelll— Ach, mein Herr, fůͤrcheen Sie nicht, daß ich irgend mich wi⸗ derſetzen werde! Ich werde folgen, und bin weit entfernt, zu entfliehen. Ungeachtet der Gegenworſtellungen des Grafen, handelt man nach dem Willen des Herrn v. Noir⸗ mont. Man geht hinaus, verſchließt mit Sorgfalt die Hausthur und übergiebt Magdalenen den Schlüſ⸗ ſel. Dufour bleibt zurüͤck, um Jacob von allem zu — ————— —— uldig tun⸗ geben ollen eßen, mſell über⸗ geit rten, ihn ſe zu mein wi⸗ weit fen, wir⸗ ſilt liſ⸗ 13 = 375 S unterrichten. Die arme Magdalene geht zitternd zwi⸗ ſchen dem Grafen und Herrn v. Noirmont; aber Jener hat Mitleid mit ihren Leiden; er zwingt ſie, ſeinen Arm zu nehmen und ſagt: Stuͤtzt Euch auf mich und zittert nicht ſo, mein Kind, wenn Ihr unſchuldig ſeid, ſo habt Ihr nichts zu fuͤrchten, und ſeid Ihr ſchuldig, ſo werde ich Sorge tragen, daß Ihr unbeſtraft bleibt. Man koͤmmt in Bréville an; Magdalene weint nicht mehr, ſie ſcheint ihren Muth wiedergefunden zu haben; man laͤßt ſie in den Salon auf ebener Erde eintreten, wo Armand, der wieder zur Beſin⸗ nung gekommen iſt, ſo wie die Damen und Victor ſich befinden. Erneſtine, ſo wie ſie Magdalenen erblickt, laͤuft ihr entgegen, um ſie zu umarmen; aber Herr v. Noirmont holt ſie mit den Worten zuruͤck: Halt! liebe Frau, ſpare noch veine Freundſchaftsbezeigun⸗ gen bald wirſt du erfahren, ob Mamſell ſie noch verdient.. Der Graf hat die Summe nicht wieder = 376 8 gefunden, die er bei Jacob zurückgelaſſen hat... Magdalene nur allein kann das Geld gefunden ha⸗ ben Die Suche iſt unläͤugbar, aber ſie mill es nicht geſtehen. Ach! lieber Mann, was ſagſt du? nunutnen einer ſolchen niedrigen That vchuntent Nein; ich kenne die Groͤße ihrer Seele; ſie iſt unſchuldig, und ich werde immer ihre Freundin bleiben! Bei dieſen Worten ſint ſie auf Magdalenen los ak druͤckt ſie zaͤrtlich in nihre Arme. PVietor hat ſich ihr auch genaͤhert, ergreift ihre Hand und betheu⸗ ert: Ja, auch ich bin von ihrer inſtun iuetugt ich ven⸗ chr vetcheiiger ſein! Magdalene erwiedert auf dieſe Freundſchaftser⸗ gießungen nichts; ſie iſt nur mit Armand beſchůf⸗ tigt, welchen ſi ie im Bintergrunde des Salons er⸗ blickt, und deſſen ſtilles Hinbrüten mit dem Antheil und der Aufregung aller uͤbrigen verſunen im auf⸗ . Widerſpruche ſteht. nädige Frau, ſagt der Graf Erneſtinen: ho⸗ les enen zich um lo ſch heu⸗ uht. = 377 22 ich klage keinesweges das junge Midchen an, ich habe nur den Wünſchen Ihres Herrn Gemahls nach⸗ gegeben; aber ich hoſſe gewiß, alles wird ſich guk⸗ klären. ch, Herr Graf! wendet ſich Herr v. Noirmont zu ihm: ich laſſe mich von dem Enthuſiasmus der Freundſchaft weder leiten noch blenden; ich ſehe auf. die Sache: wenn Mamſell ihre Bankbillets nicht ge⸗ nommen hat, ſo muß ſie den Dieb geſehen haben. Habt Ihr Jemand geſehen? ſagt es frei, dann wird man weiter nachforſchen.— Nein„o nein, mein Zerr, ich habe Niemand geſchen! antwortet Mag⸗ dalene, die Augen von Armand wegwendend. Es ſcheint mir, Herr v. Noirmont, faͤngt Vickor an: daß Sie vor allen Dingen Jacob erwarten muͤß⸗ ten; vielleicht hat er das Geld gefunden und es zu ſich geſteckt, um es dem Herrn Grafen zu überbringen. — Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß er das gethan hat, da er das Haus früher als der Graf verlaſſen; ubrigens würde er Magdalenen davon unterrichtet N 4= 373 2 haben, damit dieſe ihren Gaſt beruhtgen konnte; aber wir werden das ſogleich ſehen, denn dort kommt Jacob mit Dufour ſo eben an. Beide traten wirklich in dieſem Augenblicke in den Hof; der Schweiß lief ihnen von der Stirn. Der Maler läuft zuerſt in den Salon und ruft: Da iſt der Waldwaͤrter! er gerieth bei meiner Nachricht gewaltig in Zorn; aber als ich ihm den Namen des Graſen nannte, wurde er roth, gelb, gruͤn, kurz wechſelte alle Farben, ſchlug die Thure des Hauſes ein, holte etwas heraus, was er mitnehmen wollte, Gott weiß, was, und folgte mir, in einem fort uchend. und von Dingen ſprechend, die jch nicht verſtanden habe. Da iſt er! 6 Jacob tritt ein, und ohne ſich um die anderen im Salon verſammelten Perſonen zu bekümmern, lauft er auf Magdalenen zu, druͤckt ſie in ſeine Ar⸗ me und tröſtet ſie Arme Kleine, man hat Verdacht gegen dich, man klagt dich an.. dich aber ſet ruhig, mein Kind, ich bin jett hier! — ne; dort eren em, A ſcht ber — 379 ₰2 Ich habe mich getrrt, wenn Ihr die Bankbillets zuruͤckbringt! ſagt Herr v. Noirmont: Ihr habt ſie alſo aus Vorſicht zu Euch geſteckt? dann hattet Ihr ſie aber davon unterrichten ſollen. Gehen Sie zum Teufel mit Ihren Bankbillets! davon kann zetzt gar nicht die Rede ſein. Ach⸗ ja! das iſt der Herr Graf Friedrich v. Tergenne; jetzt erkenne ich ihn... Herr Graf, ſchon lange habe ich es gewuͤnſcht, Sie anzutreffen;„aber noch gerade hatte ich jede Hoffnung aufgegeben! Ich habe mit Ihnen zu ſprechen.. aber mit Ihnen allein! Meine Herren und Damen, Sie hoͤren meinen Wunſch; auch du, meine liebe Maodalene, gehe. aber zit⸗ tere nicht mehr es wird von dir die Rede ſein! Der ſonderbare Ton des Bauers, die Art und Veiſe, mit der er den Grafen betrachtet, die Si⸗ cherheit und Freude, welche in ſeinen Augen gläͤnzen, machen Eindruck auf die Geſellſchaft; ſie zieht ſich ſchweigend zuruͤck, und läßt den Graſen mit dem Waldwaͤrter allein. Herr Graf, fängt gaeob jett an, wenn ich Sie geſtern gleich erkannt haͤtte, als ich mit Ihnen von der armen Jenny und ihrem Verfuͤhrer ſprach, ſo hätte ich Ihnen noch weit mehr ſagen koͤnnen. Sie ſind vieſer Friedrich, neſchen Jen anbetete? Ja, Jacob, und ich verdiene ur die Vorwürfe, welche Ihr mir geſtern machtet, ohne mich zu ken⸗ nen. Ich verließ diejenige, welche ich verführt hat⸗ te; mein Betragen war abſcheulich! Ach, Sie waren noch ſrafbarer, als Sie es viel⸗ leicht glauben.— Was wollt Ihr damit ſwent— Sie glaubten, nur ein kerſührte Maͤdchen nnj laſſen, Sie verießen aber eio Mutter mit ihrem Kinde!— Großer Gott! was ſagt Ihr, Jacob?— Wenige Zeit nach Ihrem Verſchwinden fuͤhlte die unglůckliche Jenny die Folgen ihrer Schwüche es gelang ihr, ihrem Vater ihren 3uſtand zu verbergen⸗ und ſie gebar endlich eine Tochter, nche von einer meiner Schweſtern in Samoncey genaͤhrt wurde; als ſic nachher von Vater hnangibe. ſich . 2 351* zu verheirathen, nahm ſie die kleine Magdalene zu ſich, und erzog ſie ſelbſt.— Magdalene! ach, Ja⸗ cob, ware es moͤglich?— Hier, Herr Graf, leſen Sie dieſen Brief der ſeligen Frau v. Breville; ſie uͤbergab ihn mir ſterbend ſuͤr Sie, wenn ich dereinſt ſo glůcklich ſein ſuute, Sie aufzufinden. Der Graf nimmt den Brief, und mit un⸗ terdruͤcktem Athem: „Magdalene iſt meine und Ihre Tochter, Friedrich; „wenn jemals Jacob Sie wiederſieht, und Ihnen „ieſe Zeilen uͤbergiebt, haben Sie dann mehr Mit⸗ „leid fuͤr ſie, als Sie fuͤr ihre 6 Mutter „gehabt—„ Jenny. Der Graf bedeckt den Brief mit ſeinen Thraͤnen und ſtammelt: Arme Jenny!. ich war Vater, und glaubte mich verlaſſen in der WVelt! und das iſt dieſe Magdalene! Ach, es ſprach ſchon etwas für ſie in meinem Herzen!. Ich muzß ſie ſehen, ich muß! Er thut einige Schritte, bleibt dann aber yltlch 332 5 wie betroffen ſtehen, ſchlaͤgt ſich vor die Stirn, zau⸗ dert einen Augenblick, geht dann nach der Thuͤr und ruft: Dem ſet, wie ihm wolle! es iſt meine Tochter: Jacob, der den Grafen aufmerkſam betrachtet hat, haͤlt ihn zuruͤck. Erlauben Sie, Hert Graf, ſut er: erſt noch eine Frage; nachdem ich achtzehn Zahre uͤber Ihre Tochter gewacht habe, glaube ich ein Recht dazu zu haben. Was haben Sie für Abſich⸗ ten auf Magdalenen?— Sie öſſentlich anzuerken⸗ nen, ſie meine Tochter zu nennen— Dann iſt es gut, antwortet Jacob, des Grafen Hand ergrei⸗ fend: das gleicht alles frühere Unrecht wieder aus! Aber ich moͤchte nicht, daß Ihr Gluͤck durch den un⸗ würdigen Verdacht getrübt ware, welchen man hier gegen ſie hegt. Ich habe es in Ihren Augen geleſen, der Argwohn gegen Magdalenen thut Ihnen wehe.— O, ich halte ſie nicht fuͤr ſchulvig!— Nein, gewiß iſt ſie es nicht; aber es genügt nicht, daß wir Beide davon uͤberzeugt ſind, die unſchuld Magdalenens muß aller Welt bewieſen werden; dann erſt erklären Sie — —— — 535 ſie fuͤr Ihre Cochter. Ich bitte Sie, Herr Graf⸗ warten Sie nur noch einige Stunden, ja, vielleicht noch einige Tage. ich hoffe, Ihren Dieb aufzu⸗ ſinden.— Wie?— Zett habe ich nicht Zeit, mich naͤher zu erklären, ich darf keine Minute verlieren; ich gehe wieder; aber ich beſchwoͤre Sie, warten Sie, bis ich zuruͤckkomme; ich brauche nicht hinzu⸗ zufuͤgen, wie ſehr ich eilen werde es handelt ſich um das Gluͤck, um die Ehre Magdalenens; Wet⸗ ter! dieſer Gedanke wird mein: Kraͤfte verdoppeln! Jacob hort jetzt nicht mehr auf den Grafen, er verläßt den Salon, draͤngt ſich in möglichſter Haſt durch alle Perſonen, welche ſich im Vorzimmer be⸗ finden, und laͤuft, ſelbſt ohne Magdalenen anzuſehen, noch ſchneller davon, als er gekommen war. Man ſieht ſich mit Verwunderung gegenſeitig an, und Magdalene iſt uͤber das eilige Fortſtuͤrzen ihres Freundes in heftigſter Unruhe und Betruͤbmß. Was ſoll das bedeuten? fragt Dufour.— Nichts Gutes! antwortet Herr v. Noirmont: dieſer Jacob 334 ₰5 laͤuft davon, ve einmal mit ſeiner xſegbefohlnen zu ſprechen; man wird ſich uͤberzeugen, daß 8 Recht habe. Der Graf e in der Chůr des Salons. Die Bewegung auf feinem 8, die Thrinen⸗ die in ſeinen Augen glänzen, as e ch natnen nähert, die ſonderbare Art,*— ſie betrachtet, veſtirken Herrn v. Noirmont in ſeinem Verachte. Berr v. Tergenne ſetzt ſich zu dem jungen Mädchen, ergreift ihre Sand und rrüct ſie an ſich. waralene iſt geruhrt, erweicht. Zeder— tnf ſpre⸗ chen werde; aber er beopchu ein anhatendes Schwei⸗ gen, und ſcheint ſi ſich um die uͤbrige Geſellſchaft nicht mehr zu kuͤmmern; er lebt nur ſeinen Erinnerungen. Die Zeit vergeht. Herr v. Neirmont nähert ſich Armand, welcher ſich entfernt hält, n ſagt leiſe: Der Graf ſcheint Nngdalenen venegen zu wollen, indem er ſie mit Güte ietpuſt, ren Fehler zu geſtehen; aber es nn un ut nungen Das —— 535 88 keit; aber die Sache muß ein Ende nehmen. Wenn Herr v. Tergenne zu ſchwach iſt, um zu ſtrafen, ſo darf ich es nicht ſein; ich werde nach Laon gehen, und die Behorde in Kenntniß ſetzen.— Ach! was wollen Sie thun, Herr v. Noirmont? fragt Armand mit důſterem Tone.— Meine Pflicht!— Nun, ſo laſſen Sie mich an Ihrer Stelle nach Laon gehen.— Sie, Armand? nein, Sie ſind unwohl.— Ich fuͤhle mich jetzt beſſer, und es iſt meine Sache, die Aufklaͤrung herbeizuführen.— Nun, wenn Sie es wollen, ſo bin ich es zufrieden; aber machen Sie ſich ſogleich auf den Weg.— Ja ja, Alles ſoll ſehr bald aufgeklaͤrt ſein! Armand ſteht auf, wirft einen Blick auf Magdale⸗ nen, einen andern guf Erneſtinen, und eilt aus dem Zimmer. Einige Augenblicke vergehen; der Graf, welcher noch immer Magdalenens Hand in der ſeinigen hält, bemerkt endlich die Traurigkeit, die um ihn her herrſcht, die Unruhe, welche ſich auf den Geſichtern Erneſtinens, Vietors und ſeiner Nichte malt, und ſagt 3 2ter Theil. 25 386 ₰5 lächelnd: Aber mein Gott. welche duͤſtre Wolken la⸗ gern ſich auf jeder Stirn? Ich kann Sie indeſſen verſichern, daß Jacob mir keine unangenehme Nach⸗ richt gebracht hat; im Gegentheil. Du, liebe Mag⸗ dalene, trage keine Sorge mehr; noch einige Stun⸗ den, und du wirſt ſehen, daß, weit entfernt, dein Richter zu ſein, ich dein beſter Freund bin. Sollten Sie Beweiſe von der Unſchuld Magda⸗ lenens haben? ruft Herr v. Noirmont: dann häͤtten Sie uns beruhigen, ſie uns mittheilen ſollen 6 9 ſb würde dann meinen Schwager nicht nach Laon ge⸗ ſchickt haben.— Und warum haben Sie das gethan? — Da Sie ſchwiegen, hielt ich es fuͤr meine Pflicht, dem Gericht von dem Vorfall Kenntniß zu geben. Der Graf ſteht auf, umfaßt Magdalenen mit beiden Armen und ruſt: Was, Herr? Sie wagen es, Magdalenen anzuklagen? Sie wollen ſie meinen Ar⸗ men entreißen? O Gott! laufen Sie, holen Sie Ihren Schwager ein, verhindern Sie ihn, ein Wort laut werden zu laſſen; es handelt ſich um meine * 3 — Ehre, um mein Leben!— Aber, Herr Graf.— Nun dann, ſo werde ich ihn ſelbſt einholen, und auf der Stelle! Der Graf thut einige Schritte nach der Thuͤr; da haͤlt ein plözlicher Knall ihn auf, der Schuß eines Feuergewehres. Alles ſteht betroffen. Das ſcheint aus dem Zimmer Armands zu kommen! ruft endlich Dufour. Solite meinem Bruder ein Unglůck wiederfah⸗ ren ſein!— Laufen wir! ſagt der Graf: Gott ſet es gedankt, er iſt vielleicht noch nicht fort! Der Graf, Herr v. Noirmont, Vietor und Du⸗ four draͤngen ſich nach dem Zimmer des jungen Bré⸗ ville hinauf; Erneſtine folgt ihnen. Der Pulver⸗ dampf, der ſich vermehrt, ſo wie ſie ſich dem Zim⸗ mer Armands nähern, üͤberzeugt ſie nur zu bald, daß darin wirklich der Schuß gefallen iſt. Der Graf tritt zuerſt ein; aber von Schrecken ergriffen, faͤhrt er zuruͤck, und hält Erneſtinen mit beiden Armen feſt. Ein furchtbarer Anblick hat 25* = 333 S ſeine Augen getroffen: Armand liegt, das Gehirn zerſprengt, leblos auf dem Fußboden ausgeſtreckt da; an ſeiner Seite ein offenes Billet. Viector er⸗ greift es und lieſt: 6 1 „Ich muß ſterben, ich hatte mich entehrt. Ich und „St. Elme haben ie 80,000 pranken geſtohlen. Der „Elende, welcher mich zu dem furchtbaren Verbre⸗ „chen verlockt hat, iſt im Beſitz der Summe. Sez⸗ et ihm nach,— mich in dem kleinen „Dorfe Montaigu. Adieu; vergebet min nn Erneſtine iſt in Dynmacht gefallen; Herr v. Noirmont bedeckt ſich das Geſicht mit den Haͤnden; aber Victor denkt nur an Magdalenen. Zett kann man ſie nicht mehr beſchuldigen! ſagt er, und ſo wie er ſie ſieht, laͤuft er ihr entgegen, und drůckt ſie herzlich an ſich. Zetzt kommt auch der Graf, um⸗ armt und küßt ſie mit Innigkeit, und ruft: So kann ich dich doch jett meine Tuchter nennen! 2 Ihre Tochter? ſtottert Magdalene, den Grafen ingilich anblicem. n n — 1 irn e⸗ e⸗ en 339 ₰ ga, du biſt meine Tochter, von der ich bis heute nichts wußte; du biſt die Frucht meiner zaͤrtlichſten Liebe; Jacob allein kennt dies Geheimniß. Armes Kind, ſo viele Jahre haſt du in der Armuth ge⸗ ſchmachtet, vergebens nach dem Namen deiner Eltern gefragt. Ach, komm, komm an mein Herz! Durch alle meine Liepkoſungen, meine Pflege, werde ich dich doch niemais fuͤr achtzehn Jahre gaͤnzlicher Verlaſſenheit entſchaͤdigen können! Der Graf preßt ſie von neuem an ſein Herz. Emma theilt die Freude ihres Onkels; ſie kuͤßt Magdalenen mit Ruhrung und ruft: Ich werde dich wie eine Schweſter lieben! Magdalene wagt es kaum, an ihr Gluck zu glau⸗ ben; aber bei aller Freude ihres Herzens iſt ſie uͤber den Tod Armands nicht gleichgültig; ſie entwindet ſich den Armen des Grafen und bittet: Erlauben Sie nur, daß ich die Thraͤnen ſeiner armen Schwe⸗ ſter trocknen darf. Aus Achtung ſuͤr den Schmerz der Frau v. Noir⸗ mont můͤßigt Herr v. Tergenne die Ausbrůche ſeiner Freude. Er verſucht es, Herrn v. Noirmont zu troſten; er ſchwört ihm die volltommenſte Verſchwie⸗ genheit über den ſtattgefundenen Diebſtahl, und will ſelbſt St. Elme, in der Furcht, daß deſſen Arteti⸗ rung einige Kunde uͤber ſeinen Mitſchuldigen herbei⸗ führen koͤnne, nicht gerichtlich einziehen laſſen; aber Herr v. Noirmont, obgleich von der oͤffentlichen Schande, die die Familie ſeiner Frau treffen kann, ebyaft ergriffen, will den Schuldigen feſtnehmen laſſen, um dem Grafen wieder zu der ihm geraubten Summe zu verhelfen; er will ſofort St. Eime auf⸗ ſuchen; Vietor erbietet ſich, ihn zu begleiten, und Beide eilen, trotz der Bitten des Grafen, davon. Die Nachricht, daß Magdalene die Tochter des Grafen v. Tergenne iſt, erleichtert einigermaßen Er⸗ neſtinens Schmerz über das furchtbare Ende ihres Bruders. Du wirſt nun künſtig glücklich ſein! redet ſie ſie an: dein Vater wird ſein groͤßtes Gluͤck darin finden, deine kleinſten Wünſche zu erfüͤllen.. Liebe ver ie⸗ ill ti⸗ ei⸗ = 301 5 Magdalene, dieſer Gedanke wird in etwas den Schmerz uͤber unſere Trennung mildern! Aber warum ſollen wir uns trennen, beſte Freundin? mein Vater hat mir ſchon geſagt, daß dieſe Beſitung mir gehoͤren ſolle, daß er ſie mir zum Geſchenk mache... Nun, warum wollten Sie, die Sie hier geboren ſind, ſie denn verlaſſen?.. plelben Sie doch hier bei mir, o, dann würde ich erſt ganz gluͤcklich ſein!— Nein, Magdalene; mein Mann mochte ſchwerlich hier bleiben nollen, und ich muß ihm folgen. Durch mein kuͤnftiges Benehmen gegen ihn will ich meine Vergehen wie⸗ der gut zu machen ſuchen. Fuͤr mich giebt es kein Gluͤck, kein Vergnuͤgen mehr in der Welt!.. Be⸗ ſonders habe ich für immer denjenigen zu flehen, der mich zum Unrecht verleitete. Er hat mich ſchon vergeſſen; aber ich! ach, Magdalene, der Himmel entzieht uns bei den Qualen des Gewiſſens unſere Liebe nicht, wahrſcheinlich, um unſere Strafe zu erhoͤhen! ½ —— — Tage ſind bereits verſloſſen, ſeitdem v. enn und Vietor fort ſind. Sie waren nur kurz fuͤr den Grafen, der ſeine Tochter nicht ver⸗ laßt. Emma, neit entfernt, über die Zärtlichteit chres Onkels fuͤr Magdalenen eiferſuͤchtig zu ſein, empfindet vielmehr die herzlichſte Freundſchaſt für ſi ie, und Dufour, ſeitdem er weiß, daß die Kleine die Lochter des Grafen v. Tergenne iſt, ſpitzt den Mund und ſagt: Bätte ich das errathen können, ich ihr die cu ne wollen! ich hätte ſie als Diana gemalt. ſ dn Am Abend des kommen Herr v. Noirmont und Vietor nach Bréville zurück. Sie ſind von ihren Strapazen erſchopft, und haben St. Elme nicht auffinden können. Erſterer iſt until· lich, und will am andern Morgen ſchon wieder fort; aber bei Anbruch des Tages werden die Bewohner von Bréville durch Jacob aufgeweckt, der, kaum in den Hof getreten, aus vollem Halſe ſchreit: Ich wußt' es wohl, daß er der Raͤuber . 2 395 25 war!„ Oho! auf mien! N Man umgiebt den Watdnirter, der damit an⸗ faͤngt, die Bankbillets aus der Taſche zu ziehen und dem Grafen zu dberpeten Die Summe iſt noch unverkurzt⸗ ſagt er: der Spitzbube hat noch nicht die Zeit gehabt, ſie anzu⸗ greifen. Er begegnete mir am Abend vor dem Diebſtahl im Walde; ſein Geſicht ſiel mir aufz am andern Tage ſehe ich chn hinter einem Graben her⸗ vorkommen, ich gehe auf ihn zu und frage: Sie ſind ja wohl Herr St. Elme? Er aber macht ſich aus dem Staube, ohne zu antworten. Alles das kam mir verdaͤchtig vor, und als ich erfuhr, daß Sie beſtohlen worden, zweifelte ich nicht mehr dar⸗ an, daß der feine junge Herr mit im Spiele ſei. Ich lief ihm nach, endlich erwiſchte ich ihn, aber erſt geſtern„ er war zu Pferde, und Wetter, er holte nicht ſchlecht aus, ich hätte ihn wahrſcheinlich nicht eingeholt. Ich lief indeſſen, was ich konnte, ** 504 82 und ſhrie ihm zu, anzuhalten; auf mein Geſe dreht er den Kopf um, und ſo wie er mich erkennt, will er noch aͤrger galoppiren; glůͤcklicher Weiſe lie⸗ gen einige abgehauene Bäume quer über dem Weg, er will darüber fortſetzen, giebt ſeinem Pferde die Spren, es baͤumt ſich, und jagt mit ihm wie der Wind davon; aber Blitz! mit einem Male ſehe ich das Pferd oyne Reiter, und dieſen auf dem Wege ich laufe zu ihm hin; der Birnſchůdel war prengt, venn ver Kyf war mit aller Hef⸗ tigkeit gegen einen Baumſtamm gefuhren. So mie er mich erblickte, hatte er noch die Kraft, in die Taſche zu greifen und mir mit den Worten die Bank⸗ billets zu geben: Da iſt, was Ihr ſucht, bringt es dem Grafen v. Tergene. Mehr konnte er u hervorbringen; man trug ihn zu einem Pachter, wo er ſchon bei der Ankunft ſeinen Geiſt aufgab. Der Tod St. Elme's betrübt Niemand. Jacob ſieht, daß der Graf ſeine Tochter ſchon anerkannt hat, und ruft, ihr einen herzlichen Kuß gebend: Nun habt * = 395 S Ihr einen Vater, nun ſeid Ihr glucklich! Jetzt iſt mein Auftrag erfüͤllt, aber gleich viel, ich werde Euch doch immer noch, wie früher, zugethan ſein! Herr v. Noirmont wollte nur das Verkaufsge⸗ ſchaͤft beendigt ſehen, um Bréville zu verlaſſen. Er trifft ſofort ſeine Einrichtungen, und kundigt dem Grafen ſeine Abreiſe an, und dieſer verſucht es vergebens, ihn zuruͤckzuhalten Nein, Herr Graf, wir können nicht lnger hier vleiben, ſagt er: in vieſem auentia kann der Auf⸗ enthalt hier, meiner Frau ſo wie mir, nur peinlich ſein; ſpaͤterhin, hoffe ich, kommen wir wieder! Nein, flͤſtert Erneſtine Viector'n zu: dieſer Ork iſt Zeuge von dem Verbrechen des Bruders und dem Fehltritt der Schueſer: hierher werden wir niemals zuruͤckkommen. Herr und Frau v. Noirmont pn Breéville verlaſſen. Victor und Dufour kuͤndigen ebenfalls ihre nahe Abreiſe an; Magdalene aber hat den Truͤbſinn des Erſteren und die Unzufriedenheit Em⸗ — mu·emettt; ſie idet Gelegenheit, enen Auet blick allein mit Vietor zu ſein, und ihn; Warum wollen Sie abreiſen? u Ach, Madalene, was nu nc e ich empfinde ſchon Reue genug, hergetommen zu ſein. Ich habe Erneſtinen ſo manche Thräne gekoſtet, und ich wünſche nicht, daß hier noch mehr vergoſſen netden.— Sie lieben Emma, nicht wahr?— O! n u bte ſie an, und wm e muß ſon, dem ilh knn nicht hoffen, d Guf mir ſun Me bett 4 hab ihn von Engagemente, von Antragen ſprechen hoͤren. Adieu, Magdalene, ich darf nicht laͤnger bleiben!— Warten Sie noch, ich bittes 1 nw— Maodalene geht zu ihrem Sie haben mir verſprochen, ſagt ſie: mir nichts zu verweigern; ich habe nur eine Vitte, es ſoll die einzige, die lette ſein.— Was wünſcheſt du, meine Tochter?— Das Sie Emma und Pietor veteintgen, ſie lieben ſich gegenſeitig, und Sie machen Beide gluͤcklich! E ——— — 397 S 6 Der Graf denkt einen Augenblick nach, Ajnn umarmt er Maadalenen und erwiedert: Ich hatte andere Plaͤne, aber du wuͤnſcht es, und ich kann dir nichts abſchlagen! Magdalene laͤuft, den beiden Liebenden dieſe Botſchaft zu pringen. Emma und Vietor ſchließen ſie in ihre Arme, Dufour aber trocknet ſich die Au⸗ gen und ſagt: Ich utte in der That Unrecht, der Vleinen zu mibtrauen! 6 So ſol ich denn Ihnen mein ganzes Lebens⸗ gluͤck zu verdanken haben? ſagt Victor zu Magda⸗ lenen.— Ja, ich will Sie zwingen, Ihre Freund⸗ ſchaft fur mich nie zu vergeſſen! 2 Der Graf bleibt nicht lange aus, die Nachricht ſeiner Tochter zu beſtätigen. Emma und Victor ſind auf dem Gipfel des Gluͤcks; ihre Vereinigung wird auf den naͤchſten Fruͤhling feſtgeſetzt. Inzwiſchen hat Vietor genügend Zeit, ſeinen Vater nach Bréville zu bringen, und Dufour, nach Paris zurückzukehren, um ſeine Pantalons zu holen. —— Madalene iſt froh und ufrieden iwe das Gluͤck ihrer Umgebung; aber mnn doch ent⸗ ſchluͤpft ihr ein Seufzer. Der Graf fragt dann wohl: Nun, und dieſer Seußßet? fehlt dir noch etwas, haſt du vielleicht noch einen Wunſch auf dem Herzen? Nein, beſter Vater! antwortet Magdalene dann laͤchelnd: denn was in meinen Kräften ſtand, ia um ale die zu machen, „ Ende des zweiten und letzten Theils S nhalt. Cap. i. Ein Geſtändniß„ — IM. Wie es endigt„ — I11. Arme Magdalene. — MW. Ein Nachmittag — v. eEin Streich von Dufour — V. Der verlorne Brief — vn. Was ſie noch thut — VII. Vergeblicher Verſuch. — M. Traurige Rückkehr. — X. Die Fremden„ — RI. Ein Zuſammentreffen.— dame Montréſor.— Waliers„ — XIM. Der Diebſtnh„„ — XIII. Immer noch Magdalene Seit 3 — 2. e. — 160. — 169. Feſt bei Ma⸗ Gefahren des ½— 288. ..— 355. — 565. OoOur& Grey Sorro Snart Green Vellow ———