deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Desepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von K jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet * wird. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eineß größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt unk, wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ver Vücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . ——.—.——— ———— . magdalene von y. Paulde Roct. Ins Deutſche uͤbertragen von Erſter Theil. e gedruckt und verlegt bei Friedrich Schumann ₰ 1835 . — ——— Capitel 1. Das est von St. Cloud. Das Feſt von St. Cloud wurde gefeiert, ich werde es Dir, lieber Leſer, nicht beſchreiben, weil Du ohne Zweifel da geweſen biſt, und es eben ſo gut kennſt, als ich; und wenn Du auch nicht in Paris wohnſt, oder von Deinen Geſchaͤften bisher abgehalten, dieſes alljaͤhrlich drei Sonntag hinter⸗ einander dauernde Volksfeſt in einem der ſchoͤnſten Parks bei Parts, noch nicht kennen gelernt haben ſolteſt, ſo werde ich Dir doch kein Bild davon ent⸗ werfen; denn man hat dies ſchon oſt gethan, und ich wiederhole nicht gern, was Andere geſagt haben. Es war der letzte Sonntag, mit welchem das Feſt ſchließt, und welchen man, glaube ich, den ſchoͤnen Sonntag nennt; das Wetter war herrlich, eine ungeheure Menſchenmenge erfuͤllte den Park, und kaum konnte man durch das Gitter hinein ge⸗ langen, ſo groß war das Gedraͤnge; Melonenhaͤnd⸗ ler hatten ihre Fruͤchte in allen Groͤßen und gewal⸗ tigen Maſſen aufgeſchichtet; die Fuhrleute der oͤf⸗ fentlichen Waͤgen draͤngten ſich uͤberall hinzu, ihre Plaͤtze auszubieten, und wenn es einem gelang, allem dieſem zu entgehen, und in den Park vorzu⸗ dringen, ſo ſah man ſich zwiſchen Spatziergaͤngern eingedraͤngt, welche einen bald rechts bald links hinſtießen; bald wurde man gezwungen, vor einer Pfefferkuchen⸗Bude ſtehen zu bleiben, vald wider Willen zu den Waſſerkunſten hingetrieben, man mußte Staub nach Moͤglichkeit verſchlucken, und den unaufhoͤrlichen Laͤrmen der Trommeln und Pfei⸗ fen aushalten. Das iſt doch wohl ein artiges Ver⸗ gnuͤgen!* . Um ſich bei ſolch' einem laͤndlichen Feſte zu amuͤſiren, bedarf es dreier Dinge: erſtens einer eräftigen Geſundheit. Du wirſt vielleicht ſagen, Ge⸗ ſundheit ſei zu jedem Vergnuͤgen unumgaͤnglich nothwendig; darauf antworte ich aber, daß es ſtillere, geräuſchloſere Vergnuͤgungen giebt, welche nicht ermuͤden, während es bei ſolchem Volksfeſte unerlaͤßlich, iſt, immer auf den Beinen zu ſein. Es gehoͤrt alſo zuerſt eine gute Geſundheit dazu, zunaͤchſt aber Geld vollauf, und endlich kein ver⸗ liebtes Herz. 3 Dieſe letzte Bedingung wird Dir auch noch ſon⸗ derbar vorkommen, aber wenn Du reiflicher dar⸗ uͤber nachdenkſt, glaube ich, wirſt du meiner Mei⸗ nung Kin. Iſt man verliebt, und hat ſeine Aus⸗ erwaͤhlte am Arm, ſo iſt man nicht gern unter vielen Menſchen. Wie kann man ſich nach Gefallen anblicken? wie ſeine Seele durch das Spiel der 2 Augen verrathen, wenn unbekannte Menſchen uns umgeben, uns dreiſt und mit großen Augen an⸗ ſehen, als wenn unſere Angelegenheiten ſie etwas angingen? Verliebte ziehen einſame Promenaden vor, und ſie haben Recht. Wenn ein Verliebter ohne ſeine Geliebte da iſt, haben weder der Lärm, das Menſchengewuͤhl, die niedlichen Dirnen von Paris noch die runden Land⸗ maͤdchen Reiz fuͤr ihn; Geiſt und Herz ſind ander⸗ warts. Die Maulaffen langweilen ihn, die Ba⸗ jaszo's bringen ihn nicht zum Lachen, die Ausbruͤ⸗ che der Froͤhlichkeit ſind ihm zuwider, und ſein lebhafteſter Wunſch iſt, aus dieſer Menge zu kom⸗ men, die ihn anekelk, und verhindert, ſeinen Gedanken nachzuhaͤngen. Ich moͤchte nun noch hinzufuͤgen, daß, ohne „ verliebt zu ſein, man ſich dennoch auf den Feſten von St. Cloud ſowohl als andern der Art, lang⸗ weilen kann; nicht jedermann liebt den Laärm, das Geſchret, das Volksgewuͤhl; dieſe Munterkeit, wel⸗ che dem Streite gleicht, dieſe Muſik, welche die Ohren zerreißt, und dieſe Mittagstiſche, wö man ſeht theuer bezahlt und ſchlecht bewirthet iſt. Alles das macht uns vielleicht bei zwanzig Jahren noch„ Spaß, langweilt uns aber bei dreißig. Warum ſollten wir in unſerm Geſchmacke beſtändig ſein, wenn wir es doch in unſern Herzensangelegenheiten nicht ſind? Aber es handelt ſich um zwei Perſonen, welche ſo eben aus dem Schnellwagen ſteigen, und den Vorſatz haben, ſich in St. Cloud zu amuͤſiren, denn ſie haben, was ich dazu nothig finde: Ge⸗ ſundheit, Geld und keine verliebten Herzen. 5 Es ſind zwei wohlgekleidetè Maͤnner, ohne Pre⸗ tentiyn und Abgeſchmacktheit im Außern: der eine kann etwa ſechs bis ſieben und zwanzig Jahre alt ſein, iſt von mittelmaͤßiger Statur, braun, et⸗ was blaß, hat ſchoͤne Augen, eine ausgezeichnete Haltung und eine ſehr angenehme Phyſiognomie; der andere iſt vielleicht fuͤnf bis ſechs Jahre älter, nicht ganz ſo groß, etwas finſter, von kräftigeren Zügen? hat dunklere Geſichtsfarbe, lebhaftere, = 3 8 muntere Augen und ganz das Anſehen eines Lebe⸗ mannes. Dieſe beiden Herren kommen uͤber den Platz, wo ſich der Reſtaurateur„zum Mohrenkopf“ befin⸗ det, und wollen in den Park gehen; an dem Eingange beſinden ſie ſich jedoch im dichteſten Ge⸗ draͤnge. Nehmen wir unſere Taſchentuͤcher in Acht, ſagt der Aitere, ſeine Taſchen bewachend; hier moͤchte es wohl Leute geben, die Luſt dazu hütten: Ich daͤchte, zuerſt muͤſſen wir an unſere Uh⸗ ren denken, erwiedert der Juͤngere laͤchelnd. Wie, haſt du deine Uhr mitgenommen 2— Nun freilich.— ch laſſe ſie bei dergleichen Fe⸗ ſten, bei ſolchem Gedraͤnge jedesmal zu JHauſe. — Aber wie machſt du es denn, wenn du wiſſen willſt, wann es Zeit iſt, zu eſſen oder nach Hauſe zu gehen?— Sch richte mich nach meinem Appe⸗ tit, oder frage; das ziehe ich dem moͤglichen Ver⸗ luſt meiner Uhr vor.. ich wuͤrde mich gewaltig „ 1 * „ = 9 285 aͤrgern, wenn ich beſtohlen wuͤrde. Ein Kuͤnſtler“ ein Maler!..... kann ſich nicht alle Tage neue Uhren kaufen!..— Du wuͤrdeſt ein Bild mehr malen, und damit waͤre es abgemacht. S6. das kannſt du leicht ſagen, mein lieber Victor. Man kann bald ein Bild malen, aber es verkaufen, das iſt ein anderes Ding!.. be⸗ ſonders jetzt, wo die reichen Leute ſo geizig und ſpeculativ werden; wo ſie nicht ſchamroth werden, mit dem Talent zu handeln.. Aber laſſen wir die Malerei bei Seite, wir ſind hergekommen, um uns zu amuͤſiren. Sie gehen im Park auf und nieder, betrach⸗ ten die Buden, die Seltenheiten, lorgnettiren die huͤbſchen Geſichter, wo ſie welche entdecken, ſehen ſich an und lachen uͤber einen wunderlichen Kopf, eine laͤcherliche Geſtalt; kurz, ſie ſind munterer Laune und im beſten Zuge, aus Allem ſich ein Vergnuͤgen zu bereiten. 10 S8 Sie laufen indeſſen ſchon drei Stunden umher, und haben viel Lacherliches geſehen; aber deshalb braucht man nicht nach St. Cloud zu kommen. Endlich ſagt Victor(dies iſt der Juͤngere) zu ſei⸗ nem Gefährten: Mein lieber Dufour, ich fange an des Guten genug zu haben; es iſt eben kein Vergnuͤgen, ſo hin und her geſtoßen, von haͤß⸗ lichen Bauermaͤdchen auf die Füße getreten zu wer⸗ den, und ſeine Zeit damit zu vertreiben, ſeine Bekannten, denen man hier Rendezvous gegeben, aufzuſuchen?...— Ach! du haſt dir ein Ren⸗ dezvous hier im Park beſtellt!... Du haätteſt doch wenigſtens einen Ort bezeichnen muͤſſen.— Ich habe gerade kein Rendezvous beſtellt, aber meh⸗ rere Damen von Parts.... und einige ſehr lie⸗ benswuͤrdige, haben mir in der Woche geſagt: Sonntag werden wir nach St. Elvud gehen, Sie kommen doch auch hin? aber hier ſoll man ſchon Jemand finden!....— Nun, dann wirſt du ehne deine Damen fertig werden.. Haſt du etwa — 7— eine eine Herzensdame hier finden wollen?— O, nein!„deshalb bin ich fuͤr den Augenblick ganz ruhig... aber das iſt's eben, was mich langweilt: mein Herz muß immer Nahrung ha⸗ ben.— Ja, ja, bald dieſe, bald jene, ſogar manchmal mehrere zugleich, nicht wahr?— Du ſpotteſt, Dufour! Aber haſt du nicht auch ſchon geliebt, und das mehrere zu gleicher Zeit?— Meh⸗ rere! Meiner Treu, das wuͤßte ich nicht.— Viel⸗ leicht haſt du nicht einmal Eine wahrhaft geliebt? — O! doch. ich habe geliebt, ja leidenſchaft⸗ lich geliebt... aber das durfte mich nicht von meinen Studien, von der Arbeit abhalten, denn ein Kuͤnſtler muß ſeine Kunſt, ſeine Zukunſt nicht vergeſſen.— Das heißt, du gedenkſt deiner Liebe, wenn du SZeit haſt, wenn's dich nicht genirt?— O! ich habe genug daran gedacht Einmal quälte und beunruhigte es mich ſogar ſehr.. Frei⸗ lich war ich damals erſt zwanzig Jahre alt. Ich hatte ein allerliebſtes munteres und kokettes Frau⸗ = 12 8 chen zur Geliebten. Eines Tages ſagt ſie mir, ich ſollte den naͤchſten Abend nicht zu ihr kommen, weil ſie eine Verwandte erwarte. Die Sache iſt abgemacht. Den andern Tag weiß ich nicht, was mir durch den Kopf faͤhrt. ich ſage zu mir: komiſch, daß ſie heut den Beſuch einer Verwand⸗ ten erhaͤlt, von der ich niemals gehoͤrt habe; wenn dieſe Verwandte— ein Mann, ein Neben⸗ buhler waͤre!.. Kurz, ich werfe meine Pinſel hin, und gehe den Abend nach der Wohnung met⸗ ner Schoͤnen. Ich ſehe Licht im Zimmer, ſteige hinauf, es war kein Portier im Hauſe, und ich kannte alle Schliche. Vor ihret Thuͤr trete ich ganz leiſe auf, halte den Athem an, und druͤcke das Ohr an's Schluſſelloch. Meine Schö hatte nur ein einziges Zimmer, fololich war die Geſell⸗ ſchaſt nicht weit von mir; ich hoͤre ſprechen, la⸗ chen; ich finde, daß die Ausbrüche der Freude fuͤr eine Verwandte ſehr mannlich klingen. Ich horche, ich bleibe lange auf der Lauer. 5 oft — ———— ——— = 15 25 höre ich faſt gar nichts. Endlich, als ich laͤnger als eine Stunde ſo auf der Flur geſtanden, und muͤde werde.. So kannſt du dich nicht länger halten, ſtoßt die Thuͤr ein? Nein, ganz und gar nicht; ich denke: Mei⸗ netwegen auch, es mag nun eine Verwandte, ein Onkel, oder wer ſonſt, ſein.. ich habe ge⸗ nug!.... ich druͤcke den Hut auf den Kopf, und kehre zu meinen Studien zuruͤck. Das iſt das einzige Mal, daß mich die Liebe gequaͤlt hat. Ei! Ei! der Ame Dufour! das nennt er verliebt ſein! Und doch biſt du ſehr mißtrauiſch! ich wundere mich, daß du dir nicht wenigſtens die igzeugung verſchafft haſt, ob man dich be⸗ trog.—— Joͤre nur, man muß calculiren: Die kleine Frau ſagte mir zu; ſie koſtete mich nichts, und ich dachte, menn ich Mit ihr breche, ſo muß ich mir eine andere Bekanntſchaft ſuchen; und in der 2 war ich damgls ſehr mit meinen Studien beſchäftigt, das wurde mich derangirt haben. Man wird nur betrogen, wenn man es zu ſein fuͤrchtet, aber von dem Augenblicke an, wo man ſich ſagt: ich bin auf glles gefaßt, es iſt mir gleich, nenne ich das nicht mehr betrogen werden.— Es iſt ſehr ſchoͤn, wenn man die Sachen ſo betrachten kann; ich, wenn ich liebe, bin eiferſuͤchtig.— PVielleicht ſogar auch, wenn du nicht liebſt.— Das iſt moͤglich. Und doch bin ich redlich: wenn ich etner Frau ſage, daß ich ſie liebe, ſo liebe ich ſie auch wirklich. Bin ich auch leichtſinnig, ſo habe ich doch auch ſehr viel Gefuͤhl, bei meinen leichteſten Bekanntſchaften verlange ich eine gewiſſe Herzens⸗ neigung— Ja, ſo wie mit dem Muskatge⸗ ruch, den liebſt du auch uͤberall.— Ich glaube, daß das beſſer iſt, gls ihn nirgends haben. Ach Dufour, ohne Liebe ware das Leben ſehr einfoͤr⸗ Ne ſoll ich zwiſchen 30000 Li⸗ vres Renten ohne Liebe und einer ewigen Leidenſchaft ohne Geld wählen, ich verſichere dich, ne — = 15 25 nicht zweifelhaft ſein.— Du wuͤrdeſt es bereuen— Ich glaube nicht, weil.... Bollah! nehmt Euch doch in Acht... Der Tolpel ſetzt ſeinen eiſenbe⸗ ſchlagenen Schuh auf meine Stiefel. Da ſehe einer. das ſtößt jedermann, ohne um Verzeih⸗ ung zu bitten. O! uͤber den plumpen Kerl, man ſollte ihn auf ſeinen Viehhof zuruͤckbringen.. Der Bauer, welcher Dufour geſtoßen hatte, hielt eine Baͤuerin unterm Arm, welche von der anderen Seite von einem großen Einfaltspinſel ge⸗ fuͤhrt wurde, dieſer zog eine dicke Mama hinter ſich her, und letztere ſchleppte wieder drei große Schlin⸗ gel und zwei junge Maͤdchen mit ſich fort. Alles das hielt ſich feſt, und ließ ſich nicht los, alles das ſchleifte ſich durch die Menge, kreiſchte laut auf und theilte rechts und links Ellbogenſtoͤße aus, um ſich Luft zu machen. Dieſe Art und Weiſe zu zehn oder zwoͤlf in einer Reihe ſpatzieren zu gehen, iſt von den Landleuten bei dergleichen Feſten ſehr ge⸗ bräuchlich. = 16 85 Das iſt eine luſtige Bande, ſagte Vietor la⸗ chend.— Ja! eine Bauern⸗Lawine, wenn man ſich da nicht in Acht nimmt, wird man zermalmt! Hol' der Teufel dein Feſt von St. Cloud; hier bom⸗ me ich niemals wieder her.— Lieber Freund, das ſagt man alle Jahre, und doch kommt man wieder, um zu ſehen, ob es amuͤſanter ſein wird Nun! und deine Liebe mit ſechs und dreißig Frauen, bleibt das nicht auch immer daſſelbe?— O Du⸗ four! welche Laͤſterung! Kein Weib gleicht dem an⸗ dern, ich meine nicht koͤrperlich, ſondern geiſtig. Da giebt es ſo viele Verſchiedenheiten im Tempe⸗ rament, im Gemuͤth, es iſt ſo unterhaltend da zu ſtudiren.— Aha! du liebſt, um zu ſtudiren.— Ja, um die Sitten beſſer kennen zu lernen.— Et ſieh doch! auf ſolchem Wege lernſt du die Sitten kennen. He! da fährt mir einer mit ſeinem Stock“ ins Auge. Laß uns gehen, wir wollen Mittag eſen nicht?— Es ſei vorwaͤrts zu Tiſche. £„„ —— Unſere Freunde verlaſſen den Park, und gehen nach dem Mohrenkopf. Aber bei'm Feſte in St. Cloud findet man nicht ſo leicht ſein Mittags⸗ mahl. Die Küͤche des Reſtaurateurs iſt geſtopft voll von Menſchen. Die Kuͤchenjungen und ihr Herr wiſſen nicht mehr, wohin ſich zuerſt wenden; die Aufwärter ſchreien, und die guten Buͤrger von Paris ſtreiten ſich um ein Stuͤck Hammel⸗ braten oder Kalbsbruſt. Wenn Einer eine Schuͤſ⸗ ſel erhaſcht hat, laͤuft er triumphirend damit fort, und begießt ſich mit der Sauce; das iſt noch eine von den tauſend Annehmlichkeiten, welche das Feſt von St. Cloud darbietet. Sollen wir uns um unſer Nittagsbrod boren? ſagt Dufour zu Vietor. Meinetwegen, wenn es ſein muß, ich habe Kräſte genug, um eine Schuͤſſel mit Sturm zu nehmen. Aber laß uns erſt hinauf gehen; vielleicht gelingt es uns, uns bedienen zu laſſen. Während unſere Herren verſuchen aus der Küche zu kommen, wo man noch gedraͤngter als im Part aſter Theil. 2 13 1 war, ſehen ſie, wie eine große magere Frau, mit weißer Haube und wuͤthenden Augen den Rand einer Schuͤſſel mit Ragout ergreift, welche ein Herr ſo eben hinauftragen will. Der Herr iſt ſchon einige Stufen hinauf, als die Frau ihn zuruͤck⸗ haͤlt, auf die Schuͤſſel zufaͤhrt, und ſchreit: Die gehoͤrt mir, her damit!... Seit einer Stunde habe ich darauf gelauert. Sowie wir nach St. Cloud kamen, ſind wir hier eingekehrt. Meine vier Kinder ſind oben, und ſterben vor Hunger Bis jetzt haben wir nur noch erſt Teller, Salz, Pfeffer und eine Karaffe mit Waſ⸗ ſer erhalten koͤnnen. Mein Herr, laſſen Sie doch die Schuͤſſel, ſie iſt mein! Der Herr, dem der Schweiß von der Stirn laͤuft, iſt keinesweges geneigt, nachzugeben; im Gegentheile zieht er die Schuͤſſel mit Gewalt nach ſich. Warum, ſagt er, gehoͤrte ſie denn Ihnen, Madame? Habe ich nicht ſchon Ungluͤck genug, nur dies Ragout ſtatt des gebratenen Huhns zu er⸗ — —— —— = 19 S5 langen, das man mir ſeit einer Stunde verſpro⸗ chen hat, und welches mir Andere fortgeſchleppt haben? Wie kommen Sie mir denn vor, meine Schuͤſſel zu verlangen? Laſſen Sie doch los, Mada⸗ me!— Nein, mein Herr, ich muß ſie haben, ſie war fur mich beſtimmt! Dieſer Streit fand gerade uͤber dem Kopfe Du⸗ four's ſtatt, welcher ſo eben die Treppe erreicht hatte. Er bemerkt die Schuͤſſel uͤber ſeinem Hute nicht, aber der Herr verhindert ihn hinaufzuſtei⸗ gen, und die lange Frau wirft ſich auf ihn, um das Ragout feſtzuhalten. Dufour, aͤrgerlich, nicht von der Stelle zu koͤnnen, draͤngt heftig gegen die Frau mit der Haube und den Herrn auf der Trep⸗ pe. Die beiden Streiter laſſen ihre Beute fahren, die Schuͤſſel faͤllt auf den Kopf Dufour's, und ein Theil ihres Inhalts uͤberſchuͤttet ſeinen Rock. Victor lacht bis zu Thraͤnen, weniger noch uͤber die überraſchung ſeines Freundes, als uͤber die Verzweiflung der großen Frau, wie ſie ihr 2* = 20 S Ragout auf der Treppe erblickt. Dufour entſchließt ſich auch zu lachen, und Beide begeben ſich in den Saal des erſten Stockwerkes, wo viele Men⸗ ſchen, an Tiſchen placirt, auf Spetſe lauern, und indem ſie Dufour erblicken, ausruſen: Daf der Herr iſt gluͤcklich geweſen, er hat doch wenigſtens etwas erwiſcht! Karaffen mit Waſſer ſind am leichteſten zu er⸗ halten; Dufour wäſcht ſeinen Jock und ſeinen Hut, und beide Freunde nehmen am Ende einer Tafel Platz, denn allein einen Tiſch zu bekommen, daran war nicht zu denken. Von ſechzig Perſonen, welche umher ſaßen, aß vielleicht nur der dritte Theil, die Andern warteten, indem ſie mit nei⸗ diſchen Augen auf ihre gluͤcklicheren Nachbarn ſchauten. Ein Theil des Tiſches, an welchem unſere Gäſte Platz genommen haben, iſt noch mit fuͤnf Perſouen beſetzt: zwei jungen Maͤdchen von vierzehn und ſechzehn Jahren, zwei juͤngeren Knaben und einem = 21 85 alten gepuderten Herrn in einem rehfarbenen Rocke, Beinkleidern mit Schnallen und geſtreiften Struͤmp⸗ ſen; alle ſitzen vor einem Stoß leerer Teller, ei⸗ nem Salzfaſſe und Waſſerflaſchen. In Ermange⸗ lung des Beſſern ſcheint unſer kleiner Alter geneigt, ſeinen Stockknopf zu verzehren, welchen er unauf⸗ hoͤrlich von der Naſe zum Munde fuͤhrt. Ein ſchoͤnes Familiengemälde! ſagt Vietor leiſe zu Dufour.— Ja, ein Familiengemaͤlde, welches nach St. Cloud gekommen iſt, um ſich zu amüſi⸗ ren. Ich wurde daruͤber lachen, wenn ich nicht wie ſie ausgehungert ware! Bald geſellt ſich eine ſechſte Perſon zur Fami⸗ lie. Duſour erkennt ſie; es iſt die lange Frau, welche um das Ragout gekaͤmpft hatte. Wie eine Furie tritt ſie in den Saal, die Haube von der Seite, das Geſicht verzogen, und die Naſe mit Taback angefuͤllt; ſie wirſt ſich vor dem kleinen gepuderten Mann auf einen Stuhl und ſchreit: Das iſt wahrhaft unwuͤrdig!..... ich bin außer . —— ——————— —— — S= 22 8 mir„die Herren kennen jetzt weder Anſtand noch Galanterie mehr! Iſt man dir unhoͤflich begegnet, mein Puͤpp⸗ chen? erwiedert der Alte, indem er beſturzt ſeinen Stockknopf betrachtet.— Ja, mein Herr, ja! man hat mich ſchwer beleidigt... mir meine Schuͤſſel abzuſtreiten! einer Dame ich hatte ſie doch ſchon in den Händen, und gewiß, ich wuͤrde ſie nicht losgelaſſen haben, wenn ſich nicht ſo ein gro⸗ ber Toͤlpel zwiſchen uns geſchoben hätte!.. Alles fiel auf die Treppe. Dufour begnuͤgt ſich Viector laͤchelnd anzuſehen; er fährt fort, ſeinen Hut abzutrocknen, aber die Frau iſt zu exaltirt, um ihn zu bemerken. Du bringſt alſo noch nichts, Mama? ſagen die Knaben in weinerlichem Tone— Nichts, gar nichts; und euer Vater ſitzt da, und ruͤckt nicht von der Stelle, um uns etwas zu ſchaffen!— Aber, mein Puͤppchen, du wollteſt ja, ich ſollte auf die Kinder Acht geben. Willſt du, daß ich jetzt in die 15 RKüche gehe?— Ja, mein Herr, ja, und das gleichz was mich betrifft, ich habe genug... ich bleibe hier... Ach Gott, euer St. Cloud habe ich ſatt! Fuͤr die Maͤdchen bin ich hergekommen, aber zum zweiten Male ſieht mich hier Niemand wieder. Eſſen muß ich aber, anders bringt mich Keiner hier wieder aus dem Saale! Die beiden Maͤdchen ſaßen da, gans gerade mit niedergeſchlagenen Augen, und wagten weder zu murren noch zu klagen, oboleich ſie lieber im Park geweſen waͤren, als hier die ſchoͤnſten Stun⸗ den des Tages vor dem leeren Tiſche zu ver⸗ lieren. Der kleine gepuderte Herr hatte ſich aufgemacht, den Stock in der Hand, obgleich nichts in ſeiner Perſon darauf ſchließen ließ, daß er ſich deſſelben fuͤr ſeinen Zweck auf feindliche Weiſe bedienen wuͤrde. Die Mama brummte, betrachtete die uͤb⸗ rigen Tiſche, und ſchien Luſt zu pabei⸗ mit de⸗ ² nen, welche aßen, Streit anzufangen; die Knn⸗ —— ———————————— ben miſchten das Sals unter den Pfeffer, und vertrieben ſich ſo die Zeit. Viector war es gelungen, einen Garcon zu er⸗ langen; er druͤckt ihm ein Fuͤnffrankenſtuͤck in die Hand, und dieſer verſpricht, ihn ſofort zu be⸗ dienen. Dufour trocknet noch immer ſein Kleid mit dem Taſchentuch, und ſieht von Zeit zu Zeit auf Puͤppchen, die er vor ſein Leben gern croquirt hätte.* So vergehen zehn Minuten. Man macht ſich uͤber uns luſtig, ſagt Dufour, der Gargon hat dein Geld genommen, denn die Garcons in den Reſtaurationen nehmen gern, aber ich wette, er denkt nicht mehr an uns.— Und die armen Maͤd⸗ chen dort, bemerkt Victor, laͤnger als wir ſitzen ſie da, und wagen ſich nicht zu beklagen..... ſie thun mir wahrlich leid.— Mir floßt die Mama Furcht ein, ich glaube, daß ſie in mir den gro⸗ ben Tölpel erkennt, der ſie um ihre Schüſſel ge⸗ bracht hat.. 64 —= 25 S5 In dieſem Augenblicke kommt der alte Herr zuruͤck, etwas vor ſich her tragend. Ach, da kommt Papa! rufen die Knaben, und endlich bringt er etwas. Und in der That, der kleine Mann bringt Glaͤſer, Meſſer und Gabel, ſtellt alles auf den Tiſch, und ſagt: Nur dies habe ich erſt erlangen koͤnnen... aber man hat mir verſprochen, ich wuͤr⸗ do vielleicht Fiſche bekommen, man iſt zum Fi⸗ ſchen gegangen. es iſt gleich da drüben wir ſind nahe am Strom... Mouron, ruft ſeine Frau, Ihr laßt Euch wie ein Kind anführen, wo Ihr Euch nur ſehen labt, und nun ſeid Ihr gar noch ſo klug, uns Meſſer zu bringen. was ſollen wir damit, nun ſagt doch, wenn's gefällig iſt?— Zum Schneiden, wenn wir etwas bekommen werden.— Zum Schnei⸗ den, zum Schneiden; gch ich ſehe, wir werden hier den ganzen Abend zubringen.— Aber mein Püppchen, haͤtteſt Du denn gewollt, ich ſollte ſelbſt —————— ————— 26 85 ſiſchen gehen, dann wuͤrde es..— Ach ſchweigt, Ihr jammert mich! Mouron ſchweigt, er ſetzt ſich wieder vor ſeinen Tellerſtoß, und fängt von neuem an, ſeinen Stockknopf zu belecken. Die Maͤdchen ſagen nichts, aber ſie ſehen ſich an, die Worte der Mutter: wir werden den ganzen Abend hier zubringen! haben ſie mit Schrecken erfuͤllt; ſie ſchielen von der Seite nach dem Park hinuͤber, wo ſo viel Leben iſt, und wo ſie ſo gern ihren Sonntagsſtaat zeigen moͤchten, und traurig blicken ſie dann wie⸗ der auf den Tiſch, vor dem ſie nun ſchon zwei Stunden ſich langweilen. Victor beobachtet das alles, er beklagt die beiden Maͤdchen, und in der That, das Intereſſe, welches ihre Qual ihm erregt, iſt rein und unparthetiſch, denn die Mam⸗ ſels Mouron ſind nicht huͤbſch, ſie gleichen ihrer Mutter. Der Gareon kommt endlich mit zwei Schüſſeln zugleich; ſeine Ankunft bringt eine allgemeine 6 = 27 S Bewegung hervor, ein Jeder blickt ihn ängſtlich an man will wiſſen, zu welchem Tiſche er das bringen wird. Vor Victor und Dufour werden beide Schuͤſſeln hingeſetzt, ſo wie auch Weißbrod, und eine Flaſche Wein. Madame Mouron ſpringt auf, um alles in Beſchlag zu nehmen, aber wie vernichtet faͤllt ſie auf ihren Stuhl zuruͤck. Die beiden Maͤdchen ſind verbluͤfft, die Knaben wei⸗ nen, und Herr Mouron bohrt ſeinen Stockknopf ganz in den Mund hinein. In der That, ſagt Victor, das laͤßt ſich nicht laͤnger mit anſehen, Dufour; ich? bin uͤberzeugt, du wirſt es billigen! Und ohne deſſen Antwort abzuwarten, ſetzt der jun⸗ ge Mann alles, was der Aufwaͤrter gebracht hat, vor die Familie Mouron, mit den Worten: Er⸗ lauben Sie, Madame. ſchon zu lange wartet Ihre Familie ich undzmein Freund, wir haben noch Zeit. Madame Mouron weiß nicht, wie ihr geſchieht; ſie ſieht bald die Schuͤſſeln, bald Victor an; = 23 8 ſie iſt ſo ergriffen, daß ſie nicht antworten kann. Die beiden Toͤchter danken mit den Augen, die beinahe ſchoͤn vor Freude geworden ſind; Herr Mouron hat den Stockknopf aus dem Munde ge⸗ nommen und erhebt ſich, um Victor ehrerbietig zu danken. Dieſem aber giebt Dufour einen Stoß mit dem Fuß, und raunt ihm zu: Was ſoll denn das heißen, was machſt du denn, unſer Mit⸗ tagsbrod fortzugeben!.... Ach, mein Herr, ſagt Madame Mouron, nachdem ſie endlich wieder zu Worten kommen kann, was Sie ſuͤr uns thun, iſt von einer Galanterie.. einer Zuvorkommenheit ohne Gleichen.... aber wenn Sie Theil am Eſſen nehmen wollten?— Nein, Madame, nein, ich danke recht ſehr; Sie haben fur ſechs Perſonen ſchwerlich genug, und fuͤr acht reicht es noch weniger aus; wir koͤnnen noch war⸗ ten..„ Nicht wahr, Dufour, du haſt keine Eile? 6 = 29 S5 O nein, ich habe Zeit, erwiedert Dufour mit verdrießlicher Miene, uͤbrigens iſt es ganz in der Ordnung, daß ich mein Mittageſſen Ma⸗ dame überlaſſe, da ich der große Toͤlpel bin, der das ihrige auf die Erde geworſen hat. Madame Mouron beißt ſich in die Lippen, ſie iſt verlegen; ihr Mann erwiedert mit Treuherzig⸗ teit: Mein Herr, Sie muͤſſen ſich daruͤber nicht aͤrgern. Mein Püppchen hat das zu Ihnen geſagt, wie ſie es zu mir geſagt haben wuͤrde, ſie nennt mich ſelten anders!.....— Es hat mich auch keinesweges geaͤrgert, Herr Mouron; ſpeiſen Sie nur, ich bitte, ſo wie ihre liebe Familie; was mich betrifft, ich habe ein Ragout uͤber den Hals bekommen, und ich glaube, ich werde hier wohl nichts weiter genießen. Jetzt treten zwei neue Gäſte in den Saal, es ſind zwei feine Herrchen: der eine, noch ſehr jung, ruſt Victor entgegen, ſo wie er ihn erblickt: Ei, Herr Victor Dalmer; gluͤckliches Zuſammen⸗ = 30 8 treffen Alſo auch Sie ſind in St. Cloud? Während Vietor den Gruß erwiedert, muſtert Dufour die Angekommenen. Der, welcher Victor die Hand druͤckt, iſt ſehr ſauber gekleidet; er iſt hochſtens zwanzig Jahr alt, ein huͤbſcher Junge, ſeine Haltung iſt ausgezeichnet, und ſeine Phyſiognomie ausdrucksvoll; ſeine feurigen Augen verrathen hitziges Blut, Leidenſchaſtlichkeit, und mehr Leichtſinn als Klugheit. Der andere Herr ſcheint geſetzter, er nähert ſich den Dreißigen, iſt huͤbſch, wohlgeſtaltet, und in dem Ausdrucke ſeiner Phyſiognomie liegt etwas Aſſectirtes und Studirtes; man moͤchte ſagen, er giebt ſich Muͤhe, ſich ein vornehmes Anſehen zu geben, und fuͤrchtet, es moͤchte ihm nicht gelingen. Sein Anzug iſt nicht mehr ganz nach der Mode: bei einem neuen Frack und einer friſchen Weſte traͤgt er Eiopeiſener, welche freilich wohl ſein huͤbſches Bein beſſer herausheben, aber ſchon ſeit langer Zeit getragen zu ſein ſcheinen. 4= 31 8 Der Herr wirft ſich uͤbrigens mit einer Ver⸗ meſſenheit und Unverſchaͤmtheit in die Bruſt, daß man glauben moͤchte, die Zeit der Tricotbeinklei⸗ der ſei wieder da. Er wirft verächtliche Blicke in dem Saale umher, und ſagt endlich zu ſeinem Be⸗ gleiter: mein lieber Marquis de Bréville, hier koͤnnen wir nicht zu Mittag ſpeiſen.. es iſt zu gemiſcht zu plebejiſch heute. Wir wollen zu Legriel gehen, da ſieht es doch eher einer Reſtau⸗ ration aͤhnlich, da iſt man eher zu Hauſe— Ha⸗ ben Sie ſchon geſpeiſt, meine Herren? fragt der Juͤngere Duſour und Victor.— Noch nicht, wir worten und hoffen noch immer!...— Nun, ſo kommen Sie mit uns zu Legriel, wir wollen zuſam⸗ men ſpeiſen und froͤhlich ſein.— Was meinſt du, Dufour?— Ich ich bin es zufrie⸗ den! Bei dieſem Traiteur bin ich eben nicht gluͤcklich geweſen; ich bin neugierig zu erfah⸗ ren, wie es mir bei dem andern gehen wird. = 32 S Unſere Freunde erheben ſich, und ſind bereit, den beiden Andern zu folgen. Victor kehrt um, um die Familie Mouron zu gruͤßen, und dieſe ver⸗ neigt ſich ehrerbietigſt. Auf ein Zeichen ſeiner Frau zieht Herr Mouron einige geſtochene Adreſſen aus der Taſche und uͤberreicht ſie Victor, während Puͤppchen zu ihm ſagt: Mein Mann iſt Meſſer⸗ ſchmidt, mein Herr, und wenn wir jemals Ihnen in Paris geféllig ſein koͤnnen, ſo werden wir ge⸗ wiß nicht vergeſſen, was Sie heute fuͤr uns gethan haben. Vietor verneigt ſich, ſteckt die Adreſſe zu ſich, und eilt, ſeiner Geſellſchaft zu folgen. — * Capitel II. Einige Details. Wer ſind dieſe Herren? fragt Dufour, indem er Victor's Arm ergreift, und in einiger Entfer⸗ nung denen folgt, welche ihnen den Wechſel der Traiteurs in Vorſchlag gebracht haben; ich mag gern wiſſen, mit wem ich zu thun habe. Der Juͤngere iſt Armand de Breville, der Sohn des Marquis de Bréville, welcher aus er⸗ ſter Ehe eine Tochter und den Sohn, den wir vor uns haben, hinterlietß. Nachdem er ſeine erſte Gemahlin ſehr jung verloren hatte, verheirathete er ſich wieder mit einem ſehr huͤbſchen, aber ar⸗ men Fraͤulein. Herr de Bréville genoß die Selig⸗ keit dieſer Ehe nur ein Jahr; er ſtarb in Folge eines Sturzes vom Pferde, kaum vierzig Jahre aſter Theil. 3 5 — 34 S8 alt, auf ſeinem Landgute Bréville nahe bei Laon in der Picardie, wo er mit ſeiner Familie wohnte. Seine beiden Kinder blieben unter der Vormund⸗ ſchaft ihrer Stiefmutter; aber gegen die Gewohn⸗ heit, oder wenigſtens der vorgefaßten Meinung zum Trotz, welche eine Stiefmutter ſo oft einflobt, hatte Frau v. Breville eine wahre ungeheuchelte Zuneigung fuͤr die Kinder ihres Mannes, ſie be⸗ trachtete ſie ganz wie die ihrigen, freilich hatte ihr der Himmel eigene verſagt; ſie trug die groͤß⸗ te Sorgfalt fuͤr ſie, und widmete ſich gans ihrer Erziehung. Da ſie das Gut Bréville nie verließ, wo ſie ihren Gemahl verloren hatte, nur wenige Nachbarn bei ſich ſah, wenig oder gar nicht mit der Welt verkehrte, ſo kannte ſie kein anderes Gluͤck, als die Kinder ihres verſtorbenen Mannes Armand hat mir dies alles erzaͤhlt, denn ich habe ſonſt Niemand von der Familie gekannt; aber er ſpricht nur mit Ruͤhrüng von ſeiner Stiefmutter, und das gereicht ſeinem Herzen zur Ehre. —2 ———— *. = 55 8 Iſt dieſe ſeltene Stiefmutter auch todt?— J. Sie ſtarb etwa acht Jahre nach ihrem Gemahl. Ein entfernter Verwandter wurde Vormund der Kinder. Armand kam in's Gymnaſium, und ſeine Schweſter in eine Penſion. Aber ſeit einigen Monaten iſt der junge Mann majorenn, Herr ſei⸗ nes Vermoͤgens, und aus dem Joche ſeines Vor⸗ mundes befreit. Er hat einen großen Hang zum Vergnuͤgen.. Man ſieht, daß er ſich der Zerſtreuung mit Leidenſchaft hingiebt, und ſich fuͤr das ſtille und ordentliche Leben, welches ſein Vormund ihn fuͤhren ließ, entſchaͤdigen will. Aber bei ein und zwanzig Jahren liebt man das Vergnuͤ⸗ gen. 2 Es iſt das Feuer der Jugend es wird ſchon nachlaſſen.— Iſt er ſehr reich?— 8ch glaube, Herr de Breville hatte 20,000 Livres Renten, und da er in zweiter Ehe keine Kinder hatte, ſo haben nur Armand und ſeine Schweſter ſich darein zu theilen. Zehntauſend Livres Renten, das iſt immer recht angenehm fuͤr einen jungen 3 5 Mann.— O ja, das waͤre auch ganz huͤbſch fuͤr einen Mann von ſechs und dreißig Jahren. Ich, der ich vier und dreißig alt bin, ich wuͤrde mich fuͤr ſo reich als den Großmogul halten, wenn ich 10,000 Livres Renten haͤtte, weil ich Ordnung und Sparſamkeit liebe, und wenn ich auch ein Freund der Froͤhlichkeit bin, doch nie mehr aus⸗ gebe, als ich einnehme. Es hat mich manchen Pinſelſtrich gekoſtet, um die 2200 Livres Renten zu erlangen, die ich jetzt habe, und damit genie⸗ be ich doch mein Leben anz angenihm, ohne ei⸗ nen Sou Schulden zu machen, und doch giebt es ſo viel Menſchen, die mit 10 000 Livres Renten nicht auskommen koͤnnen, uͤberall ſchuldig ſind, und zuletzt oft in's Gefaͤngniß wandern muͤſſen. Ich hoffe, daß es Armand nicht ſo machen wird: es iſt ein guter Junge.— Woher kennſt du ihn denn?— Bei meiner Tante, wohin ihn ſein Vormund einige Mal brachte, haben wir uns im vergangnen Jahre kennen gelernt. Man hat nicht viel Spaß bei meiner Tante, da wird ganz ernſthaft Vingt et un geſpielt, und bei'm Boſton darf man auch nicht ſprechen. Armand zog es vor, mit mir zu plaudern, meine Unterhal⸗ tung geſiel ihm, und da nannte er mich bald ſei⸗ nen Freund... Du weißt, im ein und zwanzig⸗ ſten Jahre iſt man verſchwenderiſch mit dieſem Ti⸗ tel, und baut auf Freundſchaſt wie auf die Liebe. — Ja, das iſt das Alter der Täuſchungen.— Seit einiger Zeit ſehe ich ihn jedoch viel ſeltener; ich mache ihm keine Vorwurſe deshalb. In den Stru⸗ del der Vergnuͤgungen hineingezogen, bleibt ihm kein Augenblick uͤbrig!— Und ſeine Schweſter? iſt ſie hübſch?— Ich kenne ſie nicht; ſie iſt zwei Jahre älter, als ihr Bruder, und ſchon ſeit fuͤnf Jahren an einen Edelmann, Herrn von Noir⸗ mont, verheirathet. Es ſcheint, ſie wohnen in der Provinz, wohin Armand ſie zu beſuchen nicht beſonders Luſt bezeigt. — Nun zu der andern Perſonnage. Wer iſt der ßeine Herr in Breville's Geſellſchaft, iſt es auch ein Marquis? ZJedenfalls ſcheint er mir als Edel⸗ mann Kontrebande zu ſein. Ungeachtet ſeines Be⸗ ſtrebens, ſich ein Anſehen zu geben, und feines Benehmens, als ſuche er umher, wem er wohl eine Ohrfeige geben moͤchte, bemerkt man dahin⸗ ter rohe Manieren und Wirthshausgewohnheiten. Es iſt ein huͤbſcher Junge; aber er gleicht den Figuren, denen ich kein Geld leihen moͤchte.— O, du mißtrauſt Jedermann!.. 35 kenne den Herrn wenig mehr als du, ich habe ihn nur eini⸗ ge Mal mit Armand angetroffen, ich weiß nur, daß er ſich Saint⸗Elme nennt, und ſehr reich iſt, wie mir naͤmlich der junge de Bréville geſagt hat. — Ei!. ſuͤr einen reichen Herrn, der ſo vor⸗ nehm thut, traͤgt er wenigſtens ſehr unmodiſche Pantalons Wenn ich ſolche Beinkleider trage, üch als Kuͤnſtler, Maler, ſo laſſe ich mir das ge⸗ fallen, das bemerkt Niemand, da ich uͤberdies = 39 S mit meinen Manieren fuͤr die Menge paſſe,.. aber ſo ein feiner Herr!.. der nicht im Moh⸗ renkopf ſpeiſen kann!.... das iſt drollig!... übri⸗ gens iſt er huͤbſch von Geſtalt, er hat ſchoͤne Knie; ich bin ein David, ich lege einen Werth auf ſchoͤne Knie. Aber ſein Geſicht iſt mir nicht unbekannt, es koͤmmt mir vor, als haͤtte ich ihn ſchon irgend wo geſehen Ich glaube in einem Speiſehauſe zu 22 Sols, wo ich vor ſechs bis ſieben Jahren meinen Mittagstiſch hatte... denn damals koſteten mich meine Studien und Modelle viel, und da mußte ich wieder auf andere Weiſe ſparen.— Ein junger Maler, ein armer Teufel, mag fuͤr 22 Sols zu Mittag eſſen, das mag ſein; es giebt uͤbrigens ganz honette Leute, welche gar nicht zu Mittag eſſen. aber wie kannſt du verlangen, daß ein zunger reicher Mann, wie Herr v. Saint⸗Elme, da eſſen ſoll.— O damals ſpielte er auch nicht den Vornehmen, und nennte ſich auch nicht Saint⸗ Elme; es giebt Leute, die für jedes Stadtviertel 40 85 einen andern Namen haben. Nun, ich kann mich irren; aber da ſind wir ja bei Legriel, nun wollen wir ſehen was zu bekommen iſt, noch gerade ver⸗ langt mich danach. Die Herren langen ſo eben bei dem faſchionable⸗ ſten Reſtaurateur in St. Cloud an. Es ſind auch hier viel Menſchen, aber doch nicht ſolche, welche ſich um eine Cotelette oder einen Fiſch boxen; es ſtehen Equipagen vor der Thuͤr und auf dem Hofe. Hier findet ſich nur die feine Velt ein; ich bitte darauf zu achten, daß ich die feine, unb nicht die gute Welt ſage, weil naͤmlich zur ſchoͤnen Welt auch die galanten Frauen gehoͤren; aber Eleganz, feiner Takt, verfuͤhreriſche Formen ſind da, und das iſt ſchon etwas. Wenn ein Stoff huͤbſch iſt, ſo gefällt er mir, und ich habe nicht immer noͤthig zu ſehen was dahinter ſteckt; man wird mir ſa⸗ gen, daß ich unter einer groben Huͤlle einen ehr galanten Mann finden kann; ich wrill es nicht bezweifeln, aber ich ziehe es doch vor, ihn auch unter angenehmen Formen anzu⸗ treffen. Herr v. Saint⸗Elme tritt zuerſt bei dem Trai⸗ teur ein: Laſſen Sie mich nur machen, ſagt er, ich ſtehe dafur, daß wir unſer Zimmer bekommen. Ich habe die Garcons hier am Zuͤgel... ich habe hier ſo oft geſpeiſt. Legriel hat wenigſtens ſchon 1000 Thlr. von mir gezogen!— Wenn er hier ſchon 1000 Thlr. verzehrt hat, ſo iſt es doch wohl nicht derſelbe, den ich in meinem Speiſehauſe zu 22 Sols geſthen. Herr v. Saint⸗Elme ruft die Marqueurs bei ihrem Taufnamen; er ſchreit, ſchilt, verlangt ein beſonderes Zimmer zu jedem Preiſe; er laͤßt den Wirth kommen; dieſer erſcheint ſogleich, und glaubt, ein Prinz ſei bei ihm abgetreten, denn er ſetzt voraus, daß nur ein Prinz ſo einen Laͤrmen machen kann.— Wie, lieber Freund, ſagt Herr v. Saint⸗El⸗ me, Ihre Leute ſagen, ſie hätten kein beſonderes Zimmer; mir das zu ſagen, mir, der ich woͤchent⸗ lich bei Ihnen ein enormes Geld verzehre? Gehen Sie, das iſt nicht moͤglich! Der Reſtaurateur betrachtet den vornehmen Herrn wie Jemanden, deſſen man ſich vergeblich zu erin⸗ nern ſucht; aber da Unverſchaͤmtheit, namentlich bei den Traiteurs, immer einigen Eindruck macht, ſo wird Alles in Bewegung geſetzt, und es gelingt, ein kleines Zimmer fuͤr unſere vier Gaͤſte einzu⸗ richten. Sehen Sie, meine Herren, ſagt der junge de Breéville, indem ſie Platz nehmen, wir brauchten nur Saint-Elme zu folgen... Ich weiß nicht, wie er es macht, aber Niemand kann ihm widerſtehen, alles gelingt ihm, was er will! O, das iſt die Gewohnheit in ſolchen Haͤuſern! antwortet der große Herr, ſich auf ſeinem Stuhle wie⸗ gend. Aber, meine Herren, wenn Sie erſt, wie ich, 20 bis 30000 Fr. werden ausgegeben haben, ſo werden Sie nicht mehr verlegen ſein, ſich bedienen zu laſſen. *. . Ich ſtehe dafür, daß ich ſie nicht ausgeben wer⸗ de, denkt Dufour. Teufel, der ſpricht von 100000 Franes, wie ich von einer Rolle Solsſtuͤcke! 5 Der Maler nimmt die Speiſekarte, und runzelt die Stirn bei den Preiſen; aber Saint⸗Elme hat ſchon ſeine Befehle ertheilt, und es bedarf der Karte gar nicht. Ich glaube, mit dem Herrn werden wir etwas los werden, ſagt Dufour leiſe zu Victor. J nun, lieber Freund, das wird ja nicht das Leben koſten!— Das iſt wahr, ſterben werde ich nicht davon; aber wenigſtens mochte ich doch nach Gefallen ſpeiſen. Die feinſten Weine, die ausgeſuchteſten Speiſen werden aufgetragen. Dufour ergiebt ſich gans den Freuden der Tafel, doch ſagt er ſich, indem er ein volles Glas Beaune beſter Sorte an die Lippen ſetzt: das Mittagsmahl wird einmal etwas koſten. Der Herr lebt gut: Wie manchen Pinſelſtrich werde ich thun muͤſſen, um den Schaden wieder auszuwetzen! — Das Mahl iſt ſehr munter. Der junge Broville lebt ganz dem Vergnuͤgen; er hat mehre Intriguen im Zuge; er hofft am Abend auf dem Balle im Park eine der ſchoͤnſten Frauen von der Chauſſee d' Antin anzutreffen, welche ihm verſprochen hat, um ſeinetwillen einen Englaͤnder aufzugeben, wel⸗ cher ſie zwar mit Geſchenken uͤberhaͤuft, aber von dem ſie den Spleen bekoͤmmt. Vietor laͤchelt über den Liebeswunſch Armand's; obgleich noch jung, kennt Victor auch das ſchoͤne Geſchlecht, aber er ſpricht nie von ſeinen Triumphen und Eroberungen; er iſt kein Freund von galanten Frauen, ſie moͤgen noch ſo ſehr nach der Mode ſein; er weiß wohl. daß wenn man auch das Vergnuͤgen bet die⸗ ſen Damen findet, doch nur ſelten Liebe mit im Spiele iſt. Aber er will Armand uͤber das Gefuͤhl, welches er mehren galanten Frauen eingefloͤßt zu haben glaubt, nicht enttaͤuſchen; er denkt, die Zeit wird dieſe Sorge ſchon uͤber⸗ nehmen. * = 45 8 Binr ſpricht wenig; er ſieht, daß ihm das Mahl etwas koſten wird, und ſo will er denn doch wenigſtens fuͤr ſein Geld nach Möglichkeit genieben. Er ißt und hoͤrt zu. Saint⸗Elme ſpricht beinahe allein, er fuͤhrt die Unterhaltung, er laͤßt ſie nie in's Stocken gerathen, er weiß alles, er iſt ͤber⸗ all geweſen. Malerei, Muſik, Dichtkunſt, Bota⸗ nik, Aſtronomie, Geſchichte, Philoſophie, Zau⸗ berkuͤnſte, uͤber alles ſpricht er mit einer Leichtig⸗ keit und Sicherheit, daß man erſtaunt, und da er in ſeine Rede immer mit Gewandtheit die tech⸗ niſchen und Kunſtausdrucke einflicht, ſo werden ſine Zuhoter voͤllig geblendet. Er iſt in der That ſehr liebenswuͤrdig und un⸗ terrichtet, ſagt Viector leiſe zu Dufour.— Oder er hat wenigſtens gewaltig viel Takt und Verſchla⸗ genheit, erwiedert der Kuͤnſtler. Indem er von den Wiſſenſchaften, ſchoͤnen Kuͤn⸗ ſten und Moden redet, weiß Saint⸗Elme auch immer von ſich zu ſprechen. Iſt die Rede von einer * huͤbſchen Schauſpielerin, ſo iſt er ganz vertraut mit ihr geweſen; wird ein neues Gedicht erwaͤhnt, ſo kennt er den Autor genau, hat ihm haͤuflg Rath bei ſeiner Arbeit ertheilt, viele Verſe darin ſind 3 ſogar von ihm ſelbſt; ſpricht man von einem vor⸗ nehmen Staatsmann, ſo iſt es ein alter Bekann⸗ ter von ihm; er geht unangemeldet zu den Mini⸗ ſtern; er disponirt uͤber Stellen und Umter, nur fuͤr ſich ſelbſt verlangt er nie etwas. Der junge Bröville hoͤrt auf alles das, wie die alten Frauen auf den Apotheker. Victor läͤßt Suint⸗Eime reden; er laͤchelt manchmal, aber ohne Spott. Dufour zeigt nicht eben ſo viel Leicht⸗ glaͤubigkeit; er durchforſcht Saiut⸗Elme mit ironi⸗ ſcher Miene, und murmelt zwiſchen den Zaͤhnen: Haͤlt uns der Herr fuͤr Schwachkoͤpfe? Plotzlich ruft Armand, indem er aus dem Fenſter ſieht, vor dem der Park liegt: da geht Montelair mit einer ſehr huͤbſchen Frau!... — Ach ja, die kenn' ich ſehr gut! ſagt Saint⸗ Elme mit ſchlauer Miene: das iſt ein recht huͤb⸗ ſches leidenſchaftliches Weibchen bei einem téte— atéte, aber nichts weiter, kein Geiſt, kein feines Weſen. ich war ſehr bald befriedigt. Montelair hat einen ſehr netten Frack an, der ihn ſehr gut kleidet, bemerkt Breéville, ihn mit den Blicken verfolgend. Ja, erwiedert Saint-Elme, ich habe ihm meinen Schneider verſchafft, dem ich oft neue Ideen in Betreff der Farben oder des Schnittes gebe. Dann haben Sie ihm auch ohne Zweifel die Idee zu Ihren Pantalons gegeben, ſaht Du⸗ four kaltbluͤtig, indem er ſich zum zweiten Male von den Charlotte aux confitures bedient. Der feine Herr beißt ſich auf die Lippen, und ſcheint einen Augenblick betroffen, doch ſehr bald hat er ſich geſammelt, und er erwiedert leicht hin: In ich will die Tricot⸗Pantalons wieder in Mode bringen; ich finde ſie ſehr zweckmaͤßig wenn man wohl gebaut iſt, kleiden ſie ſehr gut. Ich wuͤrde mich ſehr freuen, wenn ſie wieder Mode wuͤrden; vor neun Jahren etwa hatte ich ein Paar, das den Ihrigen ſehr aͤhnlich ſah,.. wenn es nicht von den Maͤuſen zerfreſſen iſt, wer⸗ de ich ſie dieſen Winter wieder hervorſuchen... Saint⸗Elme bemuͤht ſich, das Geſpraͤch auf et⸗ was Anderes zu bringen; bald darauf verlangt er Champagner. Champagner? ſagt Dufour, der muß aber hier ſehr theuer ſein.— Was ſchadet das, meint Saint⸗Elme, wenn er nur gut iſt!— Meine Herten, mir kann das eben nicht gleichguͤltig ſein . ich bin kein Millionair!. ich bin ein beſcheidener Kuͤnſtler, ein Landſchaftsmaler; ich vin zwar auch ein Freund vom Wohlleben„aber den großen Herren kann ich es nicht gleich thun! Mein Herr, ſagt Armand de Bréville, indem et ſich mit Artigkeit an Dufour wendet; ich hoffe, 49 8 daß Sie ſowohl als Victor es mir erlauben werden, heut Ihr Amphitryon zu ſein: ich habe Sie von da, wo Sie waren, fortgefuͤhrt, und es iſt wohl nicht mehr als recht und billig, daß Sie hier meine Gäſte ſind. Mein Herr, erwiedert der Maler verbindlich: ich bin Ihnen fuͤr Ihre Hoͤflichkeit ſehr dankbar, aber ich kann mich nur von Bekannten bewirthen laſſen, und ich habe noch nicht die Ehre, mich zu Ihren Freunden zu zaͤhlen.— Ich hoffe, daß Sie es recht bald ſein werden, mein Herr.— Sie erzeigen mir viel Ehre, aber nur dann erſt kann ich Ihre Einladungen annehmen.— O, mein Herr Duſour... ich bitte dringendſt. Mein lieber Bréville, unterbricht Vietor den jungen Mann, Ihre Bitten ſind vergeblich, Sie kennen Dufour noch nicht; er iſt von Herzen gut, aber ſehr delicat, beſonders wenn er ſeine Leute noch nicht kennt. Ich bin diesmal ſeiner Met⸗ nung. Mogen Sie uns bei Sich zum Frühſtück, iſter Theil. 4 = 50 zu Mittag, ſo oft Sie wollen, einladen, ſo iſt das recht ſchoͤn, aber bei ſolcher Parthie und am oͤſſentlichen Orte, da muß ein Jeder bezahlen, man iſt dann ungenirter und froͤhlicher. Waͤhrend dieſer Unterhaltung hat Saint⸗Elme Zahnſtocher verlangt, und iſt uͤberhaupt mit ſeinem Munde ſehr beſchaͤftigt geweſen. Man bringt Champagner; er ſchenkt ein, und unterrichtet die Herren, wie man den Pfropfen am beſten ſpringen laſſen kann. Jetzt verlangt man die Karte; ſie belaͤuft ſich auf 66 Francs. Victor und ſein Freund werfen jeder 17 Francs auf den Tiſch, und Dufour be⸗ merkt, daß der feine Herr nichts giebt, eiligſt aufſteht, und den jungen Bréville die Rechnung berichtigen laͤßt. Es faͤngt an dunkel zu werden; die Herren keh⸗ ren in den Park zuruͤck. Sie gehen zum Tanz⸗ platz, wo der Ball laͤngſt begonnen hat. Eine große Menge von Taͤnzern iſt dort, und die Ge⸗ 6 — 6 ſellſchaft ſehr gemiſcht. Erſt, wenn der Abend etwas vorruckt, werden dergleichen laͤndliche Bälle angenehm, weil ſie dann nur noch aus Theilneh⸗ mern der naͤchſten Umgegend oder ſolchen, die zu Wagen gekommen ſind, beſtehen. Armand ſucht die huͤbſche Frau, welche ihm ein Rendezvous verſprochen hat. Der ſchoͤne Saint⸗El⸗ me bemuͤht ſich, ſich geltend zu machen. Er zieht Breville durch die Menge mit ſich fort, draͤngt ganze Gruppen aus einander, geht mitten durch die Quadrillen, und bittet niemals um Entſchul⸗ digung. Mein lieber Victor, ſagt Dufour, nachdem ver einige Zeit den Ball gemuſtert hat: willſt du noch hier bleiben?— Keinesweges!— Ich meines Theils geſtehe, daß es mir keinen Spaß laͤnger macht, der Trabant Saint⸗Elme's zu ſein. Ich bin nach St. Cloud gekommen, um froh zu ſein. Laſſen wir die Herren gehen, ſchlendern wir noch etwas im Park umher. Der Juͤngere denkt nur an 4 ſeine Liebesabentheuer, und was der andere denkt, iſt, glaube ich, ſchwer zu errathen.— Herr von Saint⸗Elme gefaͤllt dir nicht?— Veil ich finde, daß ſein Benehmen, ſeine Duͤnkelhaftigkeit an Un⸗ verſchaͤmtheit grenzt.— Er hat Verſtand.— Ja⸗ wenigſtens kann er ſchwatzen, und hat Gedächtniß, was ganz und gar nicht daſſelbe iſt. Wie oſt habe ich nicht in der Welt Geiſt und Verſtand von Leu⸗ ten ruͤhmen hoͤren, die nur zu plaudern verſtanden, ſich die Sprache der Geſellſchaft zu eigen gemacht hatten, hinter der man nur Leere entdeckte, wenn man weiter nachforſchte!— Du wirſt doch wenig⸗ ſtens zugeben, daß er ſehr unterrichtet iſt, und recht huͤbſche Kenntniſſe beſitzt.— Kenntniſſe!. weil er uͤber Alles ſpricht, ſich geſchickt techniſcher Ausdruͤcke bedient, die Sprache der Kuͤnſtler ken⸗ net?. Das beweiſt noch nichts. Diejenigen, welche wahrhaft unterrichtet ſind, haben nicht die Gewohnheit, dir ihre Gelehrſamkeit gleichſam an den Kopf zu werfen, die behalten ſie füͤr ſich. Aber viele Menſchen lernen Alles oberflaͤchlich, koͤnnen uͤber Alles reden, ſpielen die Kenner, und machen ſich bei der Menge geltend, welche den Schwaͤtzern immer Geiſt und Kenntniſſe zu⸗ geſteht, während es gerade diejenigen ſind, wel⸗ chen man am wenigſten trauen darf, weil ſie in der Regel nur Luͤgner ſind. Ich ſage nicht, daß Saint⸗Elme nicht ein Mann von Geiſt ſet, und daß er nicht vielleicht wirklich was gelernt habe, ich kenne ihn noch zu wenig, um daruͤber urthei⸗ len zu koͤnnen. Ich finde nur, daß er zu ſehr uͤber Alles ſchwatzt, Einen nicht aushoͤrt und un⸗ terbricht, um Dinge vorzubringen, die er eben erſt erfunden zu haben ſcheint. Du, du hoͤrſt das Alles mit unglaublicher Ruhe an, und ſcheinſt Alles fuͤr wahr zu halten, was man dir ſagt. Und doch, lieber Dufour, bin ich nicht leicht⸗ glaͤubiger als du; aber was willſt du, die Ge⸗ wohnheit, Einen zu unterbrechen, iſt ſo gewoͤhn⸗ lich in der Welt!... Es giebt ſo viele Menſchen, —— 3 ———— ——— die ſich einbilden, nur ſie allein ſpraͤchen gut, nur ſie koͤnne man anhoͤren.... Viele thun es ohne Abſicht, ohne ihren Mangel an Lebensart zu be⸗ merken; was du ihnen erzählſt, iſt niemals ſo viel werth, als du von ihnen hoͤren wirſt. Wenn du ihnen von einer Begebenheit ſprichſt, die dir begegnet iſt, ſo erinnern ſie ſich auf der Stelle weit intereſſanterer Faͤlle, und laſſen dich deine Erzaͤhlung nicht beendigen. Ach, mein armer Dufvur, wenn man ſich uͤber alles das aͤrgern ſollte, ſo haͤtte man viel zu thun“ Ich, der ich kein Schwaͤtzer bin, laſſe Andere reden, und was das beſte iſt, thue als wenn ich ihnen glaubte. Das macht ihnen ſo viel Vergnuͤgen, und mir ſo wenig Muͤhe!..— Ich habe nicht deine Ge⸗ duld, ich ſpreche nicht viel, aber wenn ich rede, will ich, daß man mich endigen laͤßt.— Ah ſo, unter Verliebten iſt es wohl nur erlaubt, ſich zu unterbrechen, weil es beweiſt, daß man ſich viel zu ſagen hat.— Das iſt wahr, Eheleute unter⸗ brechen ſich niemals. Während dieſes Geſpraͤchs haben Victor und Dufour ſich vom Balle entfernt. Die große Allee faͤngt an, weniger gedraͤngt zu ſein. Die Bewoh⸗ ner der Straßen St. Denis und St. Martin, wel⸗ che den andern Morgen ihre Laͤden früh oͤffnen muͤſſen, ſind ſchon auf dem Wege nach Paris; viele Paͤrchen wollen das Feſt in weniger beſuchten Theilen des Parks beſchließen; nur die laute Fröh⸗ lichkeit in Jacke und unter Muͤtze laͤuft noch zu 10 bis 12 in einer Reihe auf und nieder, dann die zungen Leute, welche ihre Spaͤßchen anheben, die leichten Dirnen, welche Abentheuer aufſuchen, Handwerksburſche, welche im Chor ſingen, und endlich die friedlichen Leute, welche friſche Luft ſchoͤpfen wollen, nachdem ſie nur Staub einge⸗ ſchluct haben. Veißt du wohl, Bietor, daß ich heut ſchon 20 Francs ausgegeben habe? ſagt Du⸗ ſour, indem er in die Taſche greift: 17 fuͤr das 56 S Mittagsbrod, 2 Franes für den Wagen, und 20 Sols fuͤr Macaronen— und haſt du nicht fuͤr dein Geld Vergnugen gehabt 2— Das will ich gerade nicht laͤugnen; aber 20 Francs, und wir ſind noch nicht zu Hauſe!. Du biſt reich, du haſt einen Vater mit 8000 Franes Renten. du biſt der einzige Sohn!.. da kannſt du ſchon la⸗ chen!— Gottlob! mein Vater, obgleich 60 Jah⸗ re alt, iſt immer noch wohl auf, und ich hoffe chn recht lange noch nicht zu beerben!— Das glau⸗ be ich, ich kenne dein Herz, ich weiß, daß du deinen Vater zärtlich liebſt; aber ich meine, daß Herr Dalmer, welcher auf ſeinem Gute bei Or⸗ leans ganz eingezogen lebt, nicht den vierten Theil ſeiner Einnahme gebraucht, und dir Geld ſchickt, wenn du es wilſt.— O ho, wenn ich will, das will viel ſagen!.. Mein Vater iſt nicht zufrieden mit mir, weil ich ein reiches Maͤdchen nicht habe heirathen wollen, das er fuͤr mich be⸗ ſtimmt hatte. Sie war ſo uͤbel nicht, aber 57 6 etwas linkiſch, und von gewaltigen Anſpruchen, das konnte mir nicht behagen. übrigens habe ich auch noch Zeit zum Heirathen... Sieh'mal da, die beiden Maͤdchen vor uns; ihre Haltung ſcheint ganz nett.— Nun, nun, das ſind leichte Dirn⸗ chen, und vielleicht noch weniger.— Eilen wir, um ihr Geſicht zu ſehen! Beide Freunde gehen raſcher, um vor den bei⸗ den Maͤdchen in Strohhuͤten und ziemlich anſtaͤndig gekleidet, vorbei zu kommen, welche umher ſchlen⸗ derten, vor den Buden ſtehen blieben, und ziemlich laut ſprachen, um in der Entfernung gehoͤrt wer⸗ den zu koͤnnen. Es iſt ſchon ganz finſter, die Buden allein er⸗ hellen noch die Promenade, und es iſt nicht leicht, die Zuͤge unter einem Hut zu unterſcheiden. Sie ſind haͤßlich, ſagt Dufour.— Nein, ſie ſind ganz huͤbſch, meint Vietor.— Zwei Maͤdchen, die ſich um 10 Uhr Abends im Park von St. Cloud ohne Begleiter umhertreiben, da kann nicht viel — 55— daran ſein.— Das kann uns gleich ſein, wir wol⸗ len ſie ja nicht zu unſeren Geliebten machen, ſon⸗ dern nur einen Augenblick mit ihnen lachen.— Um einen Augenblick zu lachen, mag's ſein!. ich werde bald genug haben.— Bleiben wir ihnen zur Seite, da koͤnnen wir ſie ſprechen hoͤren. Liſa, wir muͤſſen bald gehen, ich glaube, es iſt ſchon ſpat.— O, wir haben noch Zeit; wenn man'mal nach St. Cloud kommt, muß man ſich Zeit nehmen.. Schlimm genug, um 6 Uhr gingen wir von Hauſe fort, und kommen erſt halb 8 Uhr hier an, kaum daß wir noch etwas geſehen haben!. O warte, ich will mir noch einen Pfefferkuchen kaufen.— Du haſt ja ſchon zwei ge⸗ geſſen.— Ich muß noch mehr eſſen, wenn auch Mademoiſelle Liſa kauft einen großen Pfeffer⸗ kuchen, und verzehrt ihn im Gehen. Waͤhrend ſie ihren Einkauf gemacht, hat Victor ent Tüte Ma⸗ caronen und Dufour eine kleine Floͤte gekauft. Nun, haſt du ſie geſehen, ſast Victor; ſie ſind nicht haͤblich.— Aber auch nicht huͤbſch!— Wer wird ſo viel Umſtaͤnde machen.— Du machſt niemals genug.— Nun ja, dafuͤr, was ich vor⸗ habe.... Still, hoͤren wir, man ſpricht. Wie der Herr im Wagen galant gegen mich war, ich bin gewiß, dab es ein feiner Herr war, er roch ſo nach Moſchus!— Ach, was beweiſt das? mein Vetter, der Friſeur, riecht immer nach Vanille und Jasmin, und doch ſchlägt er Frau und Kinder, und iſt ein Verſchwender.— O, meine Liebe, dein Vetter riecht auch nicht nach Moſchus, das iſt zweierlet. Wenn du nicht ſo einſilbig mit dem Freunde des Herrn ge⸗ weſen wäreſt, gewiß, dieſe Herren hätten uns heut Abend noch viel Vergnuͤgen verſchafft.— Ja doch: ſchon verbunden!.. Der war artig; der Freund. 5 ſeine Haͤnde waren ſo ſchwarz wie ein Keſſel.. Wenn ich eine neue Bekanntſchaft ma⸗ che, verlange ich, daß ſie Handſchuh träͤgt, das = 60 S ſieht gleich nach etwas aus!— Ach, Eſtelle, du ſpielſt die Feine, mit dir kann man ſich niemals amuͤſiren.. Gott, wie der Pfefferkuchen Appe⸗ tit macht, ich habe immer noch Hunget; ich muß noch einen kaufen.— Du wirſt dir Schaden thun. — Wenn auch. Lieber Victor, ſagt Dufour ganz leiſe, ich ver⸗ ſichere dir, daß ich der die Cour nicht machen werde, die ſo viel Pfefferkuchen ißt... das reizt mich keinesweges.— Still, ſie bemerken, daß wir ſie im Auge haben.— O, du kannſt ihnen deine Macaronen anbieten; ich bin gewiß, daß du gut aufgenommen wirſt; ich werde mit ihnen von Muſik ſprechen. Die beiden Maͤdchen gehen weiter, ſprechen aber diesmal etwas leiſer. Dufour blaͤſt:„Ein Maͤdchen oder Weibchen“ auf ſeiner Floͤte, und Vietor beißt in ſeine Macaronen und ruft aus: Welch delicates Zucker⸗ brod! Gott, welch ein ſchoͤner Abend heute! ſagt Mamſell Liſa, indem ſie zur Seite ſchielt.— Ja⸗ gber ich muß nach Hauſe... Morgen werden wir wieder zu ſpaͤt auſſtehen, und dann ſchilt Ma⸗ dame. 6 Das ſind Dienſtmaͤdchen! ſagt Dufour. Bah, erwiedert die Andere mit dem Pfefferku⸗ chen, wir ſind immer die Erſten im Laden. Aha, dann faſſen ſie Schuhe ein, ſagt der Maler, und blaͤſt:„Juͤngling, wenn ich dich von fern erblicke.“ übrigens, ſagt Mamſell Liſa, kann man ja wohl mal etwas ſpaͤter kommen!... Es iſt er⸗ ſtaunlich, ich habe immer noch Hunger... Ma⸗ dame findet ſie nicht dutzendweis wie mich, die ſo in allen Ecken von Paris mit den Cartons herum⸗ trabt! Aha, das ſind Putzmacherinnen! ſagt Vietor. — Dann iſt es ein anderes Lied.... dann bla⸗ ſe ich: Bei Dir, wo man ſich ſelbſt ver⸗ gißt. ———— 3 — ———— = 62 8 Wer iſt denn der Floͤtenblaͤſer, der uns da ewig verfolgt? ſagt Mamſell Eſtelle.— Meine Liebe, das ſind ſehr anſtaͤndige Herren; ſeit meinem drit⸗ ten Pfefferkuchen ſind ſie hinter uns her. wir haben ihre Eroberung gemacht halte dich doch gerade wenn ſie uns zu Wagen nach Hauſe braͤchten!— Ach, ich fuͤrchte mich vor Maͤnnern des Abends!— Ach, wie dumm! iſt ein Mann bei Abend anders, als bei Tage? Waährend dieſes Geſpraͤchs hat Vietor ſeine Tuͤte geoͤffnet, bietet ſie der Mamſell Liſa dar, und ſagt: Moͤchten Sie wohl einige annehmen, Mademoiſelle, ich habe ſie fuͤr Sie gekauft. Mamſell Liſa macht einige Umſtaͤnde, aber end⸗ lich greift ſie zu; ihre Freundin macht es eben ſo, und bald iſt die Bekanntſchaft gemacht. Waͤhrend Victor mit den beiden Maͤdchen ſich unterhaͤlt, bleibt Dufour immer etwas zuruͤck, und blaͤſt auf ſeiner Floͤte, obgleich ſein Freund ihm SZeichen macht, naͤher zu kommen. = 65= Sind Sie allein in St. Cloud, meine Damen? fragt Victor.— Ja, mein Herr, zufaͤllig ſind wir allein; wir ſollten noch neun Perſonen aus unſerem Geſchaͤft hier finden, aber wahrſcheinlich ſind ſie zuruͤckgehalten worden.— Sie ſind in einer Hand⸗ lung, meine Damen?— Ja, mein Herr, wir ſind Ausſchneiderinnen.— Ei, ei, Sie ſilhouetti⸗ ren.— Ach, der iſt einmal dumm! ſagt Mamſell Eſtelle; aber ihre Gefaͤhrtin giebt ihr einen Stoß mit dem Ellbogen, und erwiedert: Wir ſchneiden Shawl⸗Borduͤren aus, mein Herr, und Sie⸗ was haben Sie fuͤr ein Geſchaͤft?— Ich, ich thue nichts.— Das iſt ein ganz angenehmer Stand; gehoͤrt der Herr zu Ihnen, der da die Floͤte bläͤſt? — Ja, das iſt ein Muſikus der Oper er muß ewig muſiciren. Dufour komm doch, und biete der Mamſell deinen Arm an wrir wiſſen, daß du ein ausgezeichneter Muſicus biſt, aber du mußt dich doch nicht ſo ermuͤden!— Ja, ja, es iſt gewiß, wenn der Herr ſo fortfaͤhrt, ſo hat er keine Luft mehr, wenn er nach Paris kommt! Dufour faßt den Entſchluß, ſich der Mamſell Eſtelle zu naͤhern, und ſie anzureden aber bald ſagt er Victor in's Ohr: Ach, lieber Freund, die Kleine riecht nach Zwiebeln, das iſt nicht aus⸗ zuhalten!— Was thut das? am Abend.— Abends? der Geruch bleibt immer derſelbe.— Wir wollen ihnen ein Glaͤschen Liqueur anbieten, das wird ſchon helfen.— Ich moͤchte lieber ſogleich von ihnen befreit ſein.— Nein, nein, die werden uns unterweges noch Spaß machen.— Ich hoffe doch, daß du nicht mit dieſen Beiden wirſt die Sitten ſtudiren wollen? Man war ſo eben vor dem Caffee⸗Hauſe ange⸗ langt. Victor bittet ſie, an einem Tiſche davor Platz zu nehmen, und bietet ihnen Punſch an, aber Liſa zieht Bier vor, weil ſie vor Durſt um⸗ komme. Beide Maͤdchen fallen uͤber den Korb mit Gebackenem her, und Liſa ruft mit vollem 4 50 — Munde: Schade, daß man hier keine Pfefferku⸗ chen hat; das ſchmeckt ſo gut zum Biere! Vietor antwortet nichts, aber er verlaͤßt den Tiſch, und kommt in einigen Minuten mit einem ungeheuern Packt Pfefferkuchen zuruͤck, welchen er der Mamſell Liſa zum Geſchenke macht; dieſe, um zu zeigen, wie ſehr ſie die Galanterie zu ſchätzen weiß, bricht ihn ſogleich an, und Dufour ſagt leiſe zu Victor: Du laͤßt ſie zu viel eſſen ⸗ du wirſt ſehen, das nimmt ein ſchlechtes Ende! Die Unterhaltung wird lebhafter; Vietor laͤßt die Maͤdchen nach Herzensluſt plaudern. Das lte⸗ ſte haͤlt den Mund nicht ſtill, das andere iſt weni⸗ ger geſchwaͤtig, aber das Wenige, was ſie ſagt, kuͤndigt mehr als Einfalt an. Dumm wie eine Gans und Zwiebelgeruch, das iſt erfreulich! ſagt Dufour;.... ein ſchoͤ⸗ nes Vergnuͤgen, die nach Paris zu begleiten; viel lieber gaͤbe ich Madame Mouron den Arm! iſter Theil. 5 2 = 66 Die Daͤmchen verweigern das Glas Liqueur nicht, um das Bier hinunter zu ſpuͤlen, und ſe⸗ tzen den Punſch auf den Liqueur; bei alle dem aber verſchwindet der Packt Pfefferkuchen nach und nach, und Mamſell Liſa fordert vom Marqueur noch Sahnentoͤrtchen, aber leider ſind die nicht zu haben. Sieh' doch, was es an der Zeit iſt, ſagt Du⸗ four; wenn wir vielleicht keinen Wagen mehr be⸗ kommen!— Ach, ſo laſſen Sie uns eilen! bittet Mamſell Eſtelle. Liſa verlaͤßt ungern den Tiſch, und Victor bie⸗ tet ihr den Arm an. Demoiſelle Eſtelle ſteht un⸗ beweglich vor Dufour, welcher in den Bart mur⸗ melt, und Victor zu allen Teufeln wuͤnſcht; end⸗ lich faßt er ein Herz, ergreift den Arm der Mam⸗ ſell, und geht im verdoppelten Schritt mit ihr durch den Park. Es iſt 11 Uhr vorbei, der letzte Wagen faͤhrt « eben ab, als die Geſellſchaft auf den Platz an⸗ ——— N 6— 67 langt; nur Privatwagen ſtehen noch da, welche ihre Herrſchaften erwarten. Dufour flucht wie ein Beſeſſener; Victor lacht, und Mamſell Eſtelle ſagt weinend: Da biſt du daran ſchuld. du konnteſt ja nicht genug kriegen!— Na, was iſt denn dabei... wie dumm du biſt!. ſie weint ſogar... dann gehen wir, es iſt ſchoͤn Wetter, das wird uns ganz gut bekommen. Hol' dich der Teufel mit deinem Abentheuer! ſagt Dufour zu Victor; ich moͤchte auch weinen. — Nun, wrillſt du denn hier bleiben?— Nicht wahr, mit den Schneiderinnen? das fehlte noch. Nein, lieber vorwaͤrts, weil es nicht zu aͤndern iſt; kann ich aber unterweges noch irgend einen Platz im Wagen attrapiren, ſo ſchlage ich ihn nicht aus.— Und dann wuͤrdeſt du mich verlaſſen, nicht wahr ich glaube, du waͤrſt es im Stande! Waͤhrend beide Freunde dies ſprechen, hat Mamſell Liſa ihrer Freundin etwas in's Ohr geſagt, und ſie nach einer Seite hingefuͤhrt, wo der Mond 1. 5* — —— ———————— ———— = 63 S nicht ſcheint. Dufour wendet ſich um, und da er die Dirnen nicht ſieht, ruft er freudig: Sie ſind fort. Freund, wir wollen ſie nicht weiter er⸗ warten, vorwaͤrts!— Aber das waͤre doch ſchlecht, ſie ſo zu verlaſſen!— Nun wahrhaftig, ſind ſie doch ohne uns gekommen; friſch auf den Weg! Und Dufour ſchlaͤgt den Weg nach Paris ein; Victor folgt ihm, will ihn aber doch immer noch zurüͤckhalten. Aber kaum haben ſie drei Hundert Schritte gemacht, ſo hoͤren ſie hinter ſich her ru⸗ fen: Eilen Sie doch nicht ſo; wir kommen ſchon! Dufour verdoppelt ſeine Schritte; vergebens, diꝰ Minchen erreichen ihn. Wie, Sie waren hin⸗ ter uns, meine Damen? ſagt der Maler, ich glaubte, Sie waͤren ſchon voraus, und wir liefen Ihnen nach. Eſtelle fuͤhlte ſich nicht ganz wohl.— Nein, du warſt es, Liſa!— Du auch!— Sie muſſen Sich daräber nicht ſreiten, meine Damen, ſagt Vietor, es iſt ja nicht verboten, ſich unwohl zu ſi weite d mun Myr M tor, die was ſinge mir Mn wöh cho u ſi ten, ohl = 69 8 zu fühlen: Aber hier iſt mein Arm und nun weiter! Die Dirnen haͤngen ſich an den Arm, und man verfolgt den Weg; Dufour, verdrießlich⸗ Mamſell Eſtelle fuhren zu muͤſſen, laͤßt ſie nach Moͤglichkeit ausſchreiten. Wenn du uns noch etwas vorblieſeſt, ſagt Vie⸗ tor, das würde unſere Reiſe verſchoͤnern.— Nein, die Luſt iſt voruͤber.— Dann ſollten Sie uns et⸗ was ſingen, meine Damen.— Ach, ich mag nicht ſingen; ich weiß nicht, der Pfefferkuchen macht mir eine drollige Wirkung!.. Und du, Eſtelle? — Mich hat der Punſch ganz verdreht gemacht. Wenn man an dergleichen ſtarke Sachen nicht ge⸗ woͤhnt iſt! Es kommt mir vor, als wuͤrden wir eine ſchone Promenade machen! ſagt Dufour leiſe. In Boulogne wollen die Maͤdchen anhalten, um euſt zu ſchöpſen. Man ſeht ſi, und plisuch ſind ſie verſchwunden; da läuft Dufour, ungeach⸗ 70 6S tet der Bitten Vietor's, wieder davon; dieſer folgt jedoch. Aber bald haben die Maädchen ſie wie⸗ der eingeholt. Im Boulogner Holzchen, dieſelbe Station, entwiſchen die Mädchen abermals, Du⸗ four flieht von neuem, aber wird wieder eingeholt. Aber warum gehen Sie denn immer ohne uns weiter? ſagt Mamſell Liſa.— In der That, ich glaube, ich habe Erſcheinungen heut Abend. Immer bilde ich mir ein, Sie vor mir her laufen zu ſehen... nicht wahr, Victor?— Ja, ja, es iſt mir auch ſo vorgekommen! In den elyſaͤiſchen Feldern wollen die Dirnen noch einmal anhalten. Aber dies Mal ſetzt ſich Dufour, ſo wie ſie ſich entfernt haben, in Trab, und Vietor macht es eben ſo. Ohne Luft zu ſchoͤp⸗ ſen, erreichen ſie den Revolutionsplatz. Endlich ſind wir gerettet! ruft Dufour: Ach, laß uns ein wenig Athem holen, nun ſollen ſie uns nicht wieder einholen!— O, die armen Madchen! ſie in den elyſaͤiſchen Feldern um deſe Zeit ſo allein ieſer = 71 25 zu laſſen:.— Wenn ſie uns nicht angetroffen haͤtten, waͤren ſie nicht ebenfalls allein gegangen? Bei meiner Treue, man wird ſie nicht entfuͤhren, und wenn's geſchähe, waͤren ſie gewiß ſehr gluͤck⸗ lich daruͤber.— Das iſt ein Schuͤlerſtreich, den wir ihnen da ſpielen!— Da werden ſie lernen, ſich kuͤnftig mit Pfefferkuchen beſſer in Acht zu nehmen. übrigens geſtehe, Victor, die Maͤdchen waren nicht fuͤr uns!— Glaubſt du denn, ich haͤtte mit ihnen näher bekannt werden wollen?— Ach mit deiner Sucht, die Sitten zu ſtudiren.. du willſt zu viel beobachten!— Du irrſt, Du⸗ four; wir haben nicht Unrecht gehabt, mit den Maͤdchen unſern Spaß zu treiben, und weiter ging meine Abſicht nicht. Ahme nicht jene ſtren⸗ gen Sittenrichter, jene Tartuſes der Sitten nach, die uͤber die kleinſten Spaͤße losziehen, in allen der Art Lüderlichkeit und Ausſchweifung ſehen, und gleich mit dem Titel„Taugenichts“ bei der Hand ſind. In der Regel ſind dieſe ſtrengen Herren weniger werth als diejenigen, uͤber die ſie ſcanda⸗ liſiren. Der Mann, der ſeine Neigungen hinter der Maske der Heuchelei verbirgt, der ſeine Ver⸗ fuhrungen berechnet, die Frau ſchont, welche ihm widerſteht, und die laͤſtert, welche er nicht mehr mag, der Mann iſt nach meiner Mei⸗ nung der eigentliche Taugenichts! Aber, lieber Vietor, argere dich nur nicht, ich will keinesweges dein Mentor ſein. bin ich denn beſſer als Andere, wer weiß, wenn die kleinen Ausſchneiderinnen huͤbſch geweſen wa⸗ ren? Glücklicher Weiſe waren ſie es nicht! Nun, Adieu; da iſt dein Weg, hier der meinige. Die beiden Freunde trennen ſich. Victor kommt nach Hauſe, und beim Ausziehen fallen mehre Karten aus ſeinem Frack; ah, die Adreſſen des Herrn Mouron! Er lieſt: Zum Raſirmeſſer, das allein ſchnei⸗ det, Mouron, Meſſerſchmidt, empfiehlt ſeine 75=5 Waagren in neueſter Form und zu den illigſten Preiſen, und ſo weiter. Dieſe Adreſſe werde ich wohl ſo leicht nicht brauchen, ſagt Victor, indem er ſich niederlegt, aber man kann nicht wiſſen, legen wir eine bet Seite. Ich habe der Familie einen großen Dienſt erwieſen, und es heißt ja in jener Oper: Eine Wohlthat iſt niemals verloren. — Capitel III. Eine Berren⸗ Gesellschatt. Mehre Monate waren ſeit dem Feſte von St. Cloud verfloſſen. Der Winter hatte Bälle, Abend⸗ aſſembleen und Spiel wieder herbei gefuͤhrt, koſt⸗ ſpieligere und ungeſundere Vergnuͤgungen als die, nelche man auf gruͤnem Raſen und im Schatten eines duftenden Gehoͤlzes findet; aber giebt es Vergnuͤgungen fuͤr jedes Alter, ſo muß es deren auch fuͤr jeden Geſchmack geben; es giebt Menſchen, welche ſich Winter und Sommer mit den kleinen Kartenblaͤttchen die Zeit vertreiben, welche zur Zerſtreuung Koͤnig Carl's VI. erfunden wurden, und ſolche finden teinen Genuß beim Anblick einer ſchoͤnen Landſchaft oder des Sonnenaufgangs. Victor und Dufour ſehen ſich oft, aber doch nicht ſo haͤufig als im Sommer. Victor Dalmer — iſt Herr ſeiner Seit, und kommt viel in Geſell⸗ ſchaften, beſucht Baͤlle und Theater; Dufour da⸗ gegen iſt älter, und hat nichts von Hauſe zu er⸗ warten; er arbeitet fleißig fuͤr ſeinen Beruf und die Verbeſſerung ſeiner finanziellen Lage. Aufrich⸗ tige Freundſchaft feſſelt ihn an Victor, und wenn auch ihre verſchiedene Lebensweiſe ſie von einander entfernt, ſo iſt es ihnen immer ein neues Ver⸗ gnuͤgen, ſich wieder zu finden. Die Perſo⸗ nen, die man am haͤufigſten ſieht, ſind gerade — nicht immer diejenigen, welche man am meiſten ſchatzt. Waͤhrend des Carnevals beſucht Viector eines Morgens Dufour in ſeinem Atelier. Nun, mein lieber Dufour, wie geht's dieſen Carneval? machen wir uns brav Vergnuͤgen? ——— WMeiner Treu,. wie du ſiehſt, ich amuͤſire mich, mein Gemaͤlde zu beendigen... es iſt ein Blick auf die Landſchaft bei Moret hinter Fontai⸗ nebleau... neben einer Muͤhle... ich werde —— ————————— ——— = 76 S da einige Figuren anbringen ein Knabe, der eine Kuh bewacht, ein junges Maͤdchen, das Waſſer ſchoͤpft.— Mir waͤre ein Paͤrchen lieber, das ſich umarmt.— Da haben wir's, im⸗ mer Poſſen!.. Das weiß ich wohl, daß du ſo etwas lieber haͤtteſt als eine Kuh... Du biſt und bleibſt ein Libertin!— Schon gut! aber ſage, willſt du einmal deine Staffelet und deine Palette verlaſſen, und dir einen frohen Tag ma⸗ chen?— Nun, was giebt's denn?— Geſtern beſuchte mich Armand de Bréville..— Ach. der junge Mann von St. Cloud iſt er immer noch ſo vergnuͤgungsſuͤchtig?— Mehr als je!... Ich habe ihn dieſen Winter nicht oft geſehen, aber ich weiß, daß er den erſten Modedamen die Cour macht er kann ſein Vermoͤgen bald los wer⸗ den.— Um ſo leichter als er nur, wie du ſagſt, 10,000 Livres Renten hat, damit kann man nicht den Sultan ſpielen!— Er hält ſich ein Cabriolet! — Uund ſein Freund, der feine Herr, der ſo ſchön = 77 S5 ein Mittagsbrod anzuordnen verſteht, ſo ſchulge⸗ maͤß die Champagnerflaſchen entkorkt der Herr Saint⸗Elme oder von Saint⸗Elme?— Der ver⸗ laͤßt Armand nicht, ſie ſind unzertrennlich.. doch zum Zwecke meines Beſuchs: Armand giebt Donnerſtag eine Abendgeſellſchaft; indem er mich dazu einlud, erinnerte er ſich deiner, und meinte, du wuͤrdeſt ihm ein großes Vergnuͤgen machen, wenn du auch kaͤmeſt.— Gut, ich werde kommen. In der That, der junge Mann iſt ſehr hoͤflich, er hat mir nur Artigkeiten erwieſen. Wir haben ihn damals in St. Cloud ein Wenig kurzweg ver⸗ laſſen, und ich moͤchte darum ſeine Einladung nicht ablehnen.. Aber ſag' mal, iſt es auch wahr, hat er mich auch wirklich eingeladen? du nimmſt das doch nicht auf deine Kuppe?— Das dacht ich wohl, daß du zweifeln wuͤrdeſt!... Da, hier iſt die ſchriftliche Einladung!— Das laſſ' ich mir gefallen, ſo iſt's mir lieber; es iſt doch mehr in der Ordnung! Giebt er einen — = 73 S Ball?— Nein, eine Herrengeſellſchaft ohne Um⸗ ſtaͤnde; zwei oder drei Damen werden vielleicht da ſein. aber nicht ſolche, die viel Ceremonie verlangen.— Deſto beſſer, denn ich bin mit der großen Welt nicht ſehr vertraut, ich beſchraͤnke mich auf meine Palette, und komme ſelten in Geſellſchaft. Ich werde mir etwas linkiſch und verlegen vorkommen, aber wenn auch!. Ich werde dich Donnerſtag abholen, um acht Uhr, nicht wahr?— Das iſt zu fruͤh!... um halb zehn Uhr.— So ſpaͤt!... Das wird alſo eine Nacht koſten— Verſteht ſich; bei einer Herren⸗ Geſellſchaft bleibt man immer die ganze Nacht. Was Teufel, wie kommſt du mir denn vor?— Alſo dann wird zu Abend gegeſſen?— Sei ohne Sorgen, nichts wird fehlen, ich bin uͤberzeugt.— Die Sache iſt alſo abgemacht, Donnerſtag um neun Uhr bin ich bei dir. gur beſtimmten Stunde geht Dufour zu Victor, der ſeine Toilette noch nicht gemacht, 4 * = 79 S und ſich dazu noch viel Zeit zu nehmen beab⸗ ſichtigt. Du ſagſt, es ſei eine Geſellſchaft ohne Umſtaͤnde, ſagt der Kuͤnſtler: und du machſt foͤrmlich Toilet⸗ te?— Ein ganz einfacher Anzug.. Du ſiehſt, ich ziehe Stiefeln an.— Ich ſehe, daß du um halb zehn Uhr nicht fertig ſein wirſt; du denkſt, du willſt mich um 11 Uhr in Geſellſchaft fuͤhren; aber du irrſt dich: ich gehe wieder nach Hauſe und in's Bett, aber nicht zu deinen jungen Herren. Wenn ich mit der Froͤhlichkeit im Zuge bin, da mag es ſpaͤt werden, das iſt mir gleich; aber ich habe nicht den Muth, das Vergnuͤgen aufzuſuchen, wenn ich ſchon ſchlaͤfrig werde, und es iſt mir ſchon eher paſſirt, daß ich, anſtatt auf einen Ball zu gehen, der erſt ſpaͤt anfing, mich ruhig in's Bett legte, wenn gleich ich Beinkleider und ſei⸗ dene Struͤmpfe ſchon aus dem Schranke ge⸗ nommen hatte.— Beruhige dich, du ſollſt dies⸗ mu nicht zeitig zu Bett gehen; da bin ich 30 S* fertig 3 ESin Fiacker erwartet uns, alſo fort! Armand de Bréville hat eine ſehr elegante Woh⸗ nung in der Straße Mont⸗Blanc. Ein Bedienter meldet die Herren an. Dufour hat ſchon das Vorzimmer und den Eßſaal gemuſtert, und ſagt leiſe zu Victor: Das iſt ja vollkommen eingerich⸗ tet hier„fuͤr einen Junggeſellen. Er wird wohl heirathen? Victor laͤchelt und fuͤhrt ſeinen Freund in einen ſehr huͤbſchen Salon in achteckiger Form, welcher von mattgeſchliffenen Glasreverberen erleuchtet iſt. Nur einige junge Herren ſind erſt hier, welche ſich, auf Stuͤhlen ſitzend, unterhalten. Armand koͤmmt aus einem brillant erleuchteten gimmer daneben, und empfaͤngt die angekomme⸗ nen Gaͤſte. Er druͤckt Victor die Hand, und dankt Dufour verbindlichſt, ſeine Einladung an⸗ genommen zu haben, und nachdem er noch einige Complimente gewechſelt hat, fuͤgt er hinzu: Meine = 31 S Herren, Sie ſind hier wie zu Hauſe; thun Sie, was Ihnen beliebt. Nach dieſen Worten kehrt er in das Nebenzimmer zuruͤck. Was macht er denn da drinnen? fragt der Ma⸗ ler Vietor.— Ich weiß es nicht.. ſieh ſelbſt zu man kann überall hingehen.— Das werde ich auch gleich thun... und wer ſind denn die zungen Herren hier?— Kenne ich ſie beſſer als du? kaum zwei oder drei, die ich irgend wo ſchon angetroffen habe. Weißt du wohl, Du⸗ four, daß du mit deinen Fragen ſehr originell biſt? du biſt gewaltig neugierig.— Das iſt ja keine Neugierde, ich will mich nur unterrich⸗ ten. Es iſt ſehr elegant, ſehr fein hier„Aber dein junger Bréville hat ſich recht veraͤndert!. Was Teufel hat er denn in den fuͤnf Monaten ge⸗ trieben, waͤhrend ich ihn nicht geſehen habe! er iſt blaß, mager geworden die Augen ſind eingefallen.— Das hat die Liebe gethan.— Ich vin auch manchmal verliebt geweſen, aber ſo hatte iſier Fheil. 6 32 8 es mich doch nicht veraͤndert!— Du haſt nach Gefallen geliebt.— Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat, aber wenn er nach demſelben Recept fortfaͤhrt, ſo wird er nicht weit kommen. Es iſt Schade, es iſt ein netter junger Mann, und man ſieht, daß er eine gute Erziehung gehabt hat. Aha, da hoͤre ich laut ſprechen; ich erkenne die Stimme... das iſt mein Freund mit den Tri⸗ cotbeinkleidern... Ei tauſend, heut ſind wir praͤchtig! Herr Saint⸗Elme tritt ſo eben in den Saal; ſein Anzug iſt ſehr elegant. Diesmal war Alles in übereinſtimmung in ſeiner Toilette, Alles von ſehr feinem Geſchmack. Nachdem er die Geſellſchaft begruͤßt hat, ſo wie es unter Maͤnnern uͤblich iſt, die ſehr vertraut ſind, naͤhert er ſich Dufour, und begruͤßt ihn, als wenn er uͤbergluͤcklich waͤre, ihn wieder zu ſehen. Ah, da iſt Herr Dufour, mit dem ich das Vergnügen hatte in St. Cloud zu ſpeiſen?— Ich — bin es, mein Herr.— Ach, wie freue ich mich, Sie wieder zu ſehen... Das will ich meinen. Ich war geſtern bei einem unſerer erſten Banqui⸗ ers. es waren mehre Liebhaber von Gemaͤlden dort, da wurde viel von Ihnen geſprochen, Herr Dufour.— Wie, man haͤtte von mir geſprochen? — Von Ihnen, von Ihren Arbeiten, und allen Lobes wie Sie es verdienen. Hatten Sie nicht auf der letzten Ausſtellung ein kleines Gemaͤlde?— Es waren mehre von mir da.— Ja, ja! ich will aber nur von einem ſprechen; Sie werden wohl wiſſen es hatte ſo einen herrlichen Lichteffect. — Aha, eine Ausſicht auf den Wald von Com⸗ pirgne?— Richtig, der Wald von Compiegne 4 Ein wunderhuͤbſches Bild ein ſchoͤnes Staffe⸗ leibild!— Staffeleibild?... Ei, wiſſen Sie, daß es zwei Fuß hoch und zwei und einen halben Fuß breit iſt?— O ja, es hat eine angenehme Groͤße. und eine Wahrheit in den Farben... eine Sauberkeit in der Ausfuͤhrung; Luft, Staf⸗ 6* 34 8 fage„Alles o, man war ſehr entzuckt dar⸗ uͤber.— Ja ſehen Sie, und doch habe ich es noch nicht verkaufen koͤnnen!— Sie haben es noch?— Man bot mir nicht genug; fuͤr funfzig Thaler konnte ich es doch nicht hingeben.— Funfzig Tha⸗ ler fuͤr ſolches Kunſtwerk! Herr Dufour, ich bitte, es fuͤr mich zuruͤck zu ſtellen, und ich ſchwoͤre Ih⸗ nen, ich werde nicht handeln.— In der That, Sie wollen es kaufen?— Laſſen Sie es morgen fruͤh zu mir bringen. Straße St. Lazare No. 41. — Sehr gern, und ich denke, wenn ich 500 Francs dafuͤr verlange, ſo iſt das nicht zu viel.— 500 Franes! o, das waͤre zu wenig; 1000 Franes, das iſt mein Preis... und ſo viel iſt es werth. überlegen Sie, ob Ihnen das convenirt, Herr Dufour!— Es iſt kein Zweifel, daß der Preis mir convenirt, da ich nur 500 Franes gefordert habe. „Aber ich will nicht, daß.— Genug, der Handel iſt gemacht, Herr Dufour, laſſen wir die Sache jetzt. Aler wo iſt denn der Herr vom Hauſe? 43 L5 17— 1 —= 35 8 Saint ⸗Elme geht in's andere Zimmer, und Dufour denkt: Ein ſcharmanter Mann, dieſer Saint⸗Elme... ich weiß nicht, was ich letzt ge⸗ gen ihn hatte; er ſpricht ganz nett von der Male⸗ rei— und er kauft mein Bild. Gewiß iſt es nicht der, der damals zu 22 Sols mit mir zu Mittag aß. Aber wir wollen doch ſehen, wie es in dem andern Zimmer hergeht. Dies iſt ein ſehr elegant decorirtes Gemach. Armand ſitzt auf dem Sopha neben einer ſehr huͤbſchen Bruͤnette; ſie iſt ſehr ſchoͤn gebaut, wie zu einem Ball geputzt, wirft ihrem Nachbar von Zeit zu Zeit ausdrucksvolle Blicke zu, und lacht bis zu Thraͤnen uͤber den unbedeutendſten Scherz, der vorgebracht wird. Schade, daß alsdann ihre etwas ſtarke und gemeine Stimme den Reiz ihrer Phyſiognomie etwas mindert; aber wenn ſie ihr Organ und die Ausbruͤche ihrer Froͤhlichkeit etwas maͤßigt, iſt ſie in der That eine ſehr intereſſante Erſcheinung. Auf einem Armſtuhl, etwas dabon entfernt, ſaß eine junge Dame, deren etwas abgenutzte Toilette von derjenigen der Dame auf dem Sopha auffallend abſtach. Ein ſchwarzes, etwas zu langes und weites Kreppkleid, welches nicht fuͤr ſie gemacht zu ſein ſchten, konnte einer etwas gelben Haut keinen beſondern Reiz verleihen; große Augen und ſehr ſchwarzes Haar waren die einzigen Vorzuͤge dieſer Dame, welche fortwaͤhrend mit offenem Mun⸗ de da ſaß, und ʒůhne blicken ließ, die fuͤr einen Mann zu lang geweſen waͤren. Wer iſt denn die Dame auf dem Sopha? fragt Dufour.— Man nennt ſie Madame Flock, erwie⸗ dert Victor. Sie iſt gegenwaͤrtig Armands Gelieb⸗ te; eine galante, ſehr muntere Frau, und lacht ſehr gern.— Und die andere, die mit ſo einfaͤlti⸗ ger Miene auf alles horcht, was die andere ſagt, und auf den Augenblick zu lauern ſcheint, wenn man lachen muß, wie Bajazzo, wenn ſein Ge⸗ vatter ſpricht?— Das iſt ihre Freundin. Der⸗ 15 * = 37 2 gleichen galante Frauen haben beinahe immer eine Freundin, die ſie uͤberall mit hinnehmen.. eine junge Perſon, fuͤr die ſie ſorgen... Sie fuͤhren ſie in Geſellſchaften ein, aber ſie ſorgen dafuͤr, daß ſie haͤhlich iſt, damit ihre Schönheit deſto beſſer hervortritt. Sie laſſen ſie ihre abgeſetzten Kleider und Huͤte tragen, und zum Preiſe fuͤr alle dieſe Wohlthaten muß ſie ihnen als Geſellſchafterin, Kammerzofe, als Folie und Deckmantel dienen. Und in der That, wenn die huͤbſche Bruͤnette zu lachen anfing, ſo war die Freundin ſogleich das echo. Wenn Erſtere ſich die Seiten hielt, ſich ausſchutten wollte vor Lachen, ſo drehte und bog die Andere ſich auf dem Stuhle umher, und aus Galanterie ſtimmten die Herren mit ein. Nur Dufour blieb ernſthaft, da er nach ſeiner Meinung nichts Lächerliches gehoͤrt hatte, und um nicht auf⸗ zufallen, ging er in den Salon zuruͤck. Die Geſellſchaft vermehrt ſich. Bald ſind beide Zimmer von Maͤnnern angefult, welche alle der = 33— Madame Flock ihre Huldigungen darbringen, und dann der Freundin mit herablaſſender Miene einen Gruß zuwerfen; einige Minren ſogar ihr Kinn, woruͤber ſie entzuckt zu ſein ſcheint. Die Spieltiſche ſind bereitet; man ſpielt Bouil⸗ lotte und Ecarté; Saint⸗Elme macht die Par⸗ thieen, laͤßt Erfriſchungen bringen, ertheilt den Bedienten Befehle; er ſcheint der Herr des Feſtes zu ſein. Armand uͤberlaͤßt es ihm, die Honneurs zu machen; er iſt mit ſeiner Bruͤnette zu ſehr beſchaͤftigt, aber dieſe ſetzt ſich auch zum Spiel. Bald ſind die Tiſche mit Gold bedeckt. Teufel! ſagt Dufour, wenn man ſo anfaͤngt, wie wird man dann enden!... Schon Gold auf den Tiſchen! und ich hatte halbe und viertel Franesſtuͤcke zum Spiele zu mir geſteckt; ich werde zum Teufel meine 10 Solsſtuͤcke nicht neben dieſen Goldſtuͤcken zeigen? ich werde mich begnügen zuzuſehen. Er nahert ſich dem Tiſche, woran die huͤhſche 6 = 39 Brunette ſpielt; ſie hat ſchon zweimal gewonnen, und zieht die Thaler mit einer Begierde ein, die eben nicht den feinſten Ton verrteth. Auf thren Treffer ſich verlaſſend, birgt ſie ein Paroli; aber der Koͤnig, den ihr Gegner umſchlaͤgt 5 laͤßt ſie verlieren. Verflucht! ruft der zarte Mund: der Herr ſoll mir kommen!.. Das iſt ſehr ungalant, Koͤnig gegen eine Dame umzuwenden! Der Gewinner iſt ein langer trockener Mann mit olivenfarbenem Teint; er entgegnet, daß er in Verzweiflung ſei, ſeinem huͤbſchen visàvis ſo bös mitgeſpielt zu haben. Die huͤbſche Bruͤnette ſteht auf, und ſetzt ſich uͤbler Laune neben ihre Freundin, die nicht ſpielt, aber ihr drittes Glas Punſch in der Hand hat. Dufour, der von der et— was plebejiſchen Außerung der Dame ganz frappirt iſt, ſtellt ſich hinter beide Damen, um ſie ſprechen zu hoͤren. Du ſpielſt nicht, meine Gute? ach, du haſt Recht! es iſt recht dumm, zu ſpielen.— — —————— ————— —— S— S S— —Ü— = 20 S5 Ja, ich habe ſehr Recht vollkommen Recht, und es wuͤrde mir auch ſchwer werden, zu ſpielen ich habe kein Geld!— Ich patte vierzig Franes gewonnen, und mit einem Zuge habe ich ſie gegen den v. Gelben wieder verloren! O, mit dem ſpiele ich nicht mehr, ich wette, er verſteht die Volte zu ſchlagen... Celanire, ſieh' doch, ob mein Kleid hinten gut ſitzt.— Ja, ſehr gut.— Und die Urmel?— Sehr gut.— Meine Haare ſind doch nicht in Unordnung?— Nein, ganz und gar nicht.— Du trinkſt Punſch, du?— Ja, ich muß doch etwas thun!— Du biſt ſehr nett heut Abend, mein Kleid ſteht dir ſehr gut.— Ach, nicht zu gut, ich verliere mich darin.— Na, morgen wollen wir es aufnaͤhen. Hoͤre doch, die kleine Liline iſt heut da geweſen. Ihr Vornehmer hat ſie verlaſſen, und hat ihr, bis auf die Fußdecke, Al⸗ les wieder genommen, was er ihr geſchenkt hatte. Es giebt doch recht ſchlechte Männer! tne trug immer abſcheuliche Hüte.— Ja, die ſie ſich ——— ſelbſt fabricirte.— Sie kam, verlangte zwanzig Francs von mir, und bot mir ihre Freundſchaft an; ich ſagte aber, ich hatte es verſchworen, an meine Freunde Geld zu leihen, das gaͤbe nur boͤſes Blut, aber meine Freundſchaft habe ſie fuͤr's ganze Leben. Da nannte ſie mich einen ſchmutzigen Geiz⸗ hals, und ging davon, indem ſie rechts und links um ſich ſtieß. Ich habe lange nicht ſo viel gelacht! . Aber ich will doch wieder ſpielen... ich muß mein Gluͤck noch'mal verſuchen.. Sag''mal, haſt du den Herrn neben uns bemerkt?„ Ha, ha, der gleicht einem großen. Beide Damen ſehen dabei Dufour an. Da ſie jetzt leiſer ſprachen, konnte er nicht hoͤren, mit wem er Ahnlichkeit habe; aber ſie hoͤren nicht auf zu kickern und zu lachen, und der Maler geht in's andere Zimmer und ſagt: ich gleiche einem großen einem großen... nun was denn? Das kleine muntere Ding hat den Teuſel im Leibe. Was die andere anbelangt, iſt ſie nur die Vertraute der „ .. * = 92 S8 Madame Flock, ſo fuhrt ſie wenigſtens ihre Rolle bei den Erfriſchungen ſehr gut durch!— Sie ſpie⸗ len nicht, Herr Dufour? fragt Armand, indem er ſich Dufour naͤhert.— Ich bitte um Vergebung ich habe im andern Zimmer geſpielt; aber ich bin kein beſonderer Liebhaber vom Spiel.— Sie ziehen ohne Zweifel die Vergnügungen der ſchoͤnen Jahreszeit vor?— O ja, ich liebe das Land ſehr, und mache uͤberdies auch auf dem Lande meine Studien.— Ei, meiner Treu, da muͤſſen Sie dieſen Sommer auf einige Zeit auf mein Gut Breville in der Picardie kommen. O, es giebt wunderhuͤbſche Blicke dort, reizende Gehoͤlze bet Samoncey und Liſſonne; es iſt eine wahrhaft ma⸗ leriſche Gegend. Mein Gut liegt zwiſchen Laon und Liſſonne.— Ich kenne die Gegend nicht, und ich geſtehe, es wuͤrde mir nicht unlieb ſein, mal eine Tour dahin zu machen.— Nun dann, es bleibt dabet, Sie kommen dieſen Sommer; Victor wird Sie beglei⸗ ten; ſchon lange hat er mir ſeinen Beſuch verſprochen. = 95 85 Wovon iſt die Rede? fragt Vietor, ſich naͤhernd. — gch lade ſo eben Herrn Dufour ein, dieſen Som⸗ mer einige Zeit auf meinem Gute zuzubringen, Sie verſprechen es mir doch, meine Herren?— Mit dem groͤßten Vergnuͤgen; aber, lieber Ar⸗ mand, Sie ſind niemals dort.— Es iſt wahr, ich mache mir nicht viel aus dem Landleben, aber den naͤchſten Sommer muß ich hin; meine Schweſter iſt mit ihrem Gemahl, Herrn v. Noirmont, ſchon dort. Meine Schweſter wuͤnſchte ſo ſehr, unſer Gut Bréville wieder zu ſehen. Wir haben da un⸗ ſere Kinderjahre bei unſerer Stiefmutter zugebracht, die uns ſo liebte! Es iſt moͤglich, ja ſogar wahr⸗ ſcheinlich, daß ich mein Gut an Herrn v. Noir⸗ mont verkaufe. Er wird dann beſtandig dort woh⸗ nen es behagt ihnen mehr als mir. Inzwi⸗ ſchen wollen wir uns noch gut dort amuͤſiren; wir ſind alſo einverſtanden.— Ja, ja, wir wollen ein⸗ mal wieder mit huͤbſchen Landmaͤdchen tanzen!— Und ich.. ich werde ſie malen. ₰ 3 94 S Armand verlaͤßt die Herren, um eine Dame zu begruͤßen, die ſo eben ankommt, obgleich es beinahe Mitternacht iſt. Der neue Gaſt iſt eine Blondine, die niemals huͤbſch geweſen ſein muß; ſie hat nur noch einige Spuren von Schoͤnheit, welche durch die Toilette hervorgehoben werden. Ihr Begletter iſt ein ganz junges Buͤrſchchen. Bet der Ankunft der blonden Dame werfen Madame Flock und Celanire ſich bedeutungsvolle Blicke zu, und Erſtere ſagt mit halber Stimme zu ihrer Freundin: Sieh', da iſt die Hirſcheuberg, und Ceélanire lacht laut auf. Die Blondine begruͤßt Madame Flock, und dieſe erwiedert freundlich: Ah, Sie ſind es! Wie freue ich mich, Sie zu ſehen! Setzen Sie Sich doch zu mir, Sie werden mir Gluͤck bringen, ich verliere ſchon 200 Franes; es iſt ordentlich lächerlich, ſo zu verlieren, nicht wahr? Sie haben ja da ein ſchoͤnes Cache⸗ mir⸗Tuch... Wer iſt denn der junge Menſch, der mit Ihnen gekommen iſt?— Es iſt der Sohn = 95 85 eines Deputirten.— Er hat eine ſehr ſchoͤne bril⸗ lantene Bruſtnadel! Dufour ſucht Victor auf, um ſich nach der blonden Dame zu erkundigen, aber Victor ſpielt. Die Parthie iſt ſehr bewegt. Der junge Armand hat ſchon mehre Male einen ſaubern Seeretair ge⸗ oͤffnet, Gold daraus genommen, theils um es ei⸗ nigen ſeiner Freunde zu leihen, theils um die eige⸗ nen Verluſte zu decken. Dufour hat in einer Ecke hinter Mamſell Eélanire Platz genommen. Er giebt auf Alles Acht, und macht ſeine Bemerkungen. Der junge Mann wirthſchaftet ſchlecht! eine theure Wohnung, Mätreſſen, Equipage, hohes Spiel.. Fm, bei 10000 Livres Renten kann man eine ſolche Wirthſchaft nicht lange treiben... Aber wer wird ihm guten Rath ertheilen, wer wird ihn im Strudel zuruͤckhalten? Ich bin nicht bekannt genug mit ihm, um es wagen zu koͤnnen Er hat keine Verwandten in Paris er richtet ſich nur nach Saint⸗Elme und ich ——————— glaube nicht, daß der ihm ſehr weiſe Rathſchlaͤge giebt... Na, wenn er mir nur mein Gemaͤlde bezahlt! Madame Flock verlaͤßt ſehr vergnuͤgt den Spiel⸗ tiſch, denn ſie hat gewonnen; ſie ſucht ihre Freun⸗ din auf, die ſehr traurig iſt, weil keiner der Her⸗ ren ſich um ſie bekuͤmmert. Nun, meine Liebe, was machſt du denn ſo allein? amuͤſirſt du dich, die Zaͤhne zu ſtochern? — Kann ich doch nicht ſpielen, da ich kein Geld habe, und Niemand leiht mir ja etwas! Mamſell Célanire blickt umher, in der Hoſff⸗ nung, irgend Jemand werde ihr Geld anbteten; aber mehre Herren, die ſich der Madame Flock genaͤhert hatten, ziehen ſich darauf eiligſt zuruͤck. Hoͤr' mal, Célanire, ich glaube, Madame Hirſcheuberg hat jetzt eine Erziehungzanſtult Der Herr, welchen ſie mitgebracht hat, iſt hoͤchſtens 16 bis 18 Zahre alt.— Das ſchadet nichts, er. iſt 6 ſehr nett, und trägt feine Wäſche.— Ze⸗ ———— * ige de ——— — 97 8* denfalls iſt er noch beſſer als der, mit dem ſie vor einiger Zeit umherzog.. Erinnerſt du dich noch des langen Skeletts, der wenigſtens ſechs Tu⸗ cher uͤber einander band, um ſich einen Hals zu machen; mit dem abgeſchabten Rocke? Die Leute haben alle komiſche Namen, denkt Dußfour: Herr v. Gelben, Madame Hirſcheuberg; die Frau iſt gewiß deutſchen Urſprunges. Jetzt naͤhert ſich Saint⸗Elme der Madame Flock mit den Worten: Nun, immer munter, immer ausgelaſſen, immer liebenswuͤrdig! Und Sie immer zuvorkommend, immer galant, immer geiſtreich! Seh' einer, ſagt Dufour, die koͤnnen— weit bringen, die werfen ſich ja die Complimente zu, wie einen Federball. Mein kleiner Saint⸗Elme, ſagt Madame Flock, indem ſie ihn am Rockzipfel feſthaͤlt, was macht denn die alte Hirſcheuberg hier? ich hoffe doch⸗ dab ſie mir meinen Armand nicht ſtreitig machen iſter Theil. 7 2 93 8 wird.. Ach, mein Armand iſt das ganze Gluͤck meines Lebens; ich glaube, ich konnte ſie auf Piſtolen fordern, wenn ſie Abſichten auf ihn haͤtte O, ich verſtehe mich auf Piſtolen! zweimal habe ich ſchon beim Piſtolenſpiel die kleine Puppe herunter geſchoſſen; o, das iſt kein Scherz, fra⸗ gen Sie Célanire. Célanire entgegnet wie Lazarille auf der Stel⸗ le: Gewiß, gewiß, ſie ſchieht wie ein Mann! Nun, nun, ſchoͤne Amazone, weg mit dieſen kriegeriſchen Gedanken; wie koͤnnen Sie glauben, daß Bréville, der ſo ganz Ihren Werth zu ſchaͤtzen weiß, an eine Andere denken koͤnnte, und welche Andere eine Frau, deren Retze erloſchen ſind. — O, ich weiß ſehr wohl, daß ich viel juͤnger und huͤbſcher bin als ſie.. ſie iſt verbluht, ver⸗ altet, das iſt keine Frage... aber vaen Sie; die Maͤnner haben manchmal ganz merkwuͤr⸗ dige Capricen, und ich bin gewiß, daß die Hirſch⸗ euberg ſich auf die Hinterfuͤße ſetzte, um mich aus ——— dem Sattel zu heben, ich kenne das; ich bitte, ſorgen Sie dafuͤr, daß ſie vet Tiſche nicht etwa neben Armand ihren Platz bekommt, ſonſt ſpiele ich ihr einen Streich, daß ſie ſich verwundern ſoll! Beruhigen Sie Sich, Brauſekoͤpfchen! ich wer⸗ de ſchon dafür Sorge tragen.— Dann bin ich zufrieden! Aber, Herr Dufour, Sie ſpielen nicht! ſagt Saint⸗Elme zu dem Maler. 5 Erlauben Sie, ich habe im andern Zimmer ge⸗ ſpielt.— Meine Damen, ich ſtelle Ihnen hier Herrn Dufour, einen unſerer erſten Maler, vor. Ei, der Herr iſt Maler!.'s iſt drollig, der Herr ſieht gar nicht wie ein Kuͤnſtler aus. nicht wahr, Célanire? Nun ſo wuͤnſchte ich wohl zu wiſſen, wem ich aͤhnlich ſehe, ſagt Dufour, indem er die Damen begrußt. O, mein Herr, ich liebe die Kuͤnſtler ſehr, be⸗ ſonders die Maler; ſie ſind beinah immer liebens⸗ 7* 100 S8 wuͤrdig Was ſuͤr ein Genre malen Sie, mein Herr?— Landſchaften, Madame.— Ach, wie ſchoͤn was kann man da fuͤr ſchoͤne Gruppen malen! Ja, man kann ſich badend in einer Landſchaft vorſtellen laſſen, ſagt Celanire; das muͤßte ſehr huͤbſch ſein!— Schweig' doch, Celanire! ſie moͤchte immer als Badende gemalt ſein, aus Ei⸗ telkeit, weil ſie hubſch gewachſen iſt... Ach, mein Herr, da Sie Maler ſind, ſo werden Sie mir et⸗ was fuͤr mein Album machen ich habe ein Album angefangen; o, es ſind ſchon recht niedli⸗ che Sachen darin. Nicht wahr, Sie verſpre⸗ chen mir eine kleine Zeichnung?„ ich werde Armand bitten, Sie daran zu erinnern. Dufour verneigt ſich, indem er einige Höoͤflich⸗ keitsworte murmelt, und aͤußert zu Victor: In der That, die Dame iſt ohne Umſtande. es iſt das erſte Mal, daß ſie mich ſieht, und gleich verlangt ſie etwas von mir!.. komiſche Men⸗ e = 101 S ſchen hier!. Eleganter als die kleinen Pfeffer⸗ kucheneſſer in St. Clond, aber im Grunde wenig beſſer! Lieber Dufour, man muß Alles mitmachen. Mache der großen Blondine etwas die Cour; ich bin uͤberzeugt, ſie wird nicht grauſam ſein.— Nein, das laſſe ich wohl bleiben„ich traue allen den Damen hier nicht ich fange ſogar an zu fuͤrchten, daß mein Gemälde noch nicht ver⸗ kauft iſt... aber auf Kredit gebe ich es nicht aus den Haͤnden. 8 Man kuͤndigt das Abendeſſen an. Armand er⸗ ſucht die Spielenden, auf einige Zeit ihre Parthie zu verlaſſen; er reicht der Madame Flock die Hand, und geht mit ihr in das Speiſesimmer, wo eine große Tafel mit eben ſo viel Geſchmack als Eleganz ſervirt iſt. Aufſaͤtze, Armleuchter, Blumenvaſen umgeben die ausgeſuchteſten Speiſen auf die ge⸗ ſchmackvollſte Weiſe. Der Tiſch bildet einen Wald von Blumen und Lichtern. Dufour entzuͤckt der Anblick, und er ſagt zu Vietor: So wahr! wun⸗ derſchoͤn!. Die verſchwenderiſchen Mahle Lueull's waren, ich wette, nicht ſo vollkommen ſervirt . Aber, Freund, Lucullus warf ungeheure Summen fuͤr eine Mahlzeit hin, und wenn Ar⸗ mand nicht mehr als 10000 Livres Renten hat, ſo wird er bald darum kommen! Koͤnnte man ihm nicht einen Wink geben?— Willſt du ſchweigen, Dufour! ein ſchoͤner Augenblick, um Moral zu predigen!. Wie das liebenswuͤrdig ſein wuͤrde, Jemandem, der Einem ein ſchoͤnes Souper vorſetzt, zu ſagen: Mein Herr, Sie machen mir Sorgen, Sie werden Sich ruiniten!— Du haſt Recht, jetzt iſt nicht der Augenblick; ſo wollen wir uns denn an den Tiſch ſetzen. Dufour bekommt ſeinen Platz neben der blonden Dame. Dieſe, unzufrieden, daß ſie vom Herrn des Hauſes ſo weit placirt iſt, fluſtert mit ihrem Nachbar, und blickt Madame Flock an. Dufour mochte gern hoͤren, was ſie ſagt, aber indem er Un⸗ 6 105 85 ſeinen Kopf dahin neigt, hat er ſchon ein paar Mal ihren Hut beruͤhrt, woruͤber ſie ſehr ungehal⸗ ten ſcheint. Das Souper bringt bald die ganze Geſellſchaft in Froͤhlichkeit, ſie ſcheint eine Verei⸗ nigung der vertrauteſten Freunde. Nur Dufour's Nachbarin bleibt ernſthaft. Um eine Unterhaltung anzuknuͤpfen, und ſich bei ihr ein Wenig geltend zu machen, ergreift er eine Flaſche Malaga, und ſagt, indem er ſich an ſie wendet: Madame Hirſch⸗ cuberg, darf ich Ihnen ein Glas anbieten? Die große Blondine ſieht Dufour mit zornigen Blicken an: Wie ſagen Sie, mein Herr?— Ich habe Sie gefragt, Madame, ob ich Ihnen ein Glas Malaga eingießen darf?— Das mein' ch nicht, wie haben Sie mich genannt, wenn ich bitten darf?— Nun bei Ihrem Namen, Ma⸗ dame! heißen Sie nicht Hirſcheuberg? Madame Flock, die Dufour's Rede hoͤrt, bricht in ein lautes Lachen aus, das fuͤnf Minuten dau⸗ ert; Mamſell Celanire thut daſſelbe, und der grö⸗ 2 104 88 bere Theil der jungen Herren ahmt ihnen nach; aber die blonde Dame lacht nicht; ſie wirft wuͤ⸗ thende Blicke um ſich, und wendet ſich an Dufour, der gans betroffen iſt, weil er es nicht begreifen kann, daß ihr Name einen ſolchen Eindruck auf die ganze Geſellſchaft hervorbringt. Hirſcheuberg, ruft ſie, man muß recht unge⸗ zogen ſein, um ſich ſolche Spaͤße zu erlauben. Wer hat Ihnen geſagt, daß ich ſo heiße?— Ma⸗ dame ich bitte um Verzeihung, aber ich glaubte gehoͤrt zu haben...— Ach, ich errathe, mein Herr, ich errathe, woher das kommt! Er⸗ fahren Sie, mein Herr, das ich mich Madame Roſeville nenne.. Anatole, geben Sie mir weinen Shawl; ich will gehen. Aber, meine ſchoͤne Frau, bittet Saint⸗Elme, wollen Sie um ein Mißverſtaͤndniß boͤſe werden.. um eine Namenverwechſelung? Armand ſteht auf, und will ebenfalls die blonde Dame beruhigen; aber dieſe hoͤrt nichts, ſie ſchilt ———— = 105 S8 immer fort: ich weiß, woher das kommt; man ſoll es mir entgelten! Der junge Anatole hat den Shawl gebracht, ſie wirft ihn um, ergreift den Arm des Juͤnglings, und zieht ihn mit ſich fort, waͤhrend Madame Flock unter unaufhorlichem Lachen ſagt: Laſſen Sie ſie doch gehen, dann kann ich erſt nach Herzensluſt lachen.. O, mein Herr Dufour, was haben Sie mir für eine Freude ge⸗ macht, wie ſehr bin ich Ihnen verbunden!— Wenn ich dieſe Dame ſo genannt habe, ſo geſchah es nur, weil, wenn ich nicht irte, Sie ſelbſt.. — Allerdings, mit Celanire nenn' ich ſie nie an⸗ ders, weil ich finde, daß ſie einer großen Hirſch⸗ kuh ſo aͤhnlich ſieht; ich habe ſo die Gewohnheit, allen Leuten Ekelnamen zu geben... Ach, was⸗ habe ich gelacht, ich kann nicht mehr! Dieſer Vorfall iſt auf einige Zeit der Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung. Da ſie der Madame Flock ſo viel Vergnuͤgen macht, ſo bemuht ſich ein Je⸗ der uͤber den Namen Hirſchcuberg ſeinen Scherz 106 S anzubringen. Dufour iſt ganz ſtill und mit dem Eſſen beſchaftigt. Bald darauf ſpricht man vom Spiel, und von denen, die am mehrſten Ungluͤck gehabt haben; und Saint ⸗Elme wendet ſich mit den Worten an Dufour:— Sch glaube, ich habe Sie nicht ſpielen ſehen, Herr Dufour.— Entſchul⸗ digen Sie— ich habe ſogar 5 Napoleonsd'vr beim Wetten verloren— Gegen wen denn?— Gegen ihren Nachbar, Herrn v. Gelben. Dufour ſaß gerade dem Herrn, den er bezeich⸗ nete, gegenuͤber. Beim Namen, Gelben, bricht dieſer zornig in den Worten aus: Mein Herr, es iſt in der That auffallend, daß Sie ſich ſolcher Beinamen erlauben und ſich uͤber meinen Teint luſtig machen!....— So habe ich wohl noch einen dummen Streich gemacht, erwiedert Dufour, und er iſt bald davon überzengt, als er Madame Flock und Célanire ſich die Seiten halten ſieht; beide Damen lachen ſo unaufhaltſam, daß ſie genoͤthigt ſind„die Tafel zu verlaſſen. Victor und Armand * icht = 107 ₰ gelingt es endlich, wenn gleich nicht ohne Muͤhe, den Zorn des volivenfarbenen Herrn zu beſaͤnftigen. Man kehrt zu den Spieltiſchen zuruͤck, und Du⸗ ſour benutzt dieſe Gelegenheit, und macht ſich da⸗ von:— Ich habe genug, ſagt er zu ſich, wenn ich noch bliebe, wer weiß, was noch paſſirte und ich habe nicht Luſt, ein Duell zu bekommen, weil Madame Flock es liebt, aller Welt Ekelnamen zu geben„ Am anderen Morgen laͤbt Dufour einen Kom⸗ miſſionait kommen, giebt ihm ſeinen Wald von Compiogne, ſo wie die Adreſſe Saint⸗Elmes, und ſchaͤrft ihm ein, das Bild, ohne den Preis dafür empfangen zu haben, nicht aus den Händen zu laſſen Der Kommiſſivnair geht, kommt aber nach Verlauf einer Stunde mit dem Bilde unterm Arme zuruͤck. Wie? will er es nicht haben, ſchreit der Maler. — Das nicht, mein Herr.— Na, warum bringt ihr es denn zuruͤck?— Weil Herr Saint⸗Elme ℳ 1038 S ſeit drei Wochen nicht mehr da wohnt, und die Adreſſe ſeiner neuen Wohnung nicht zuruͤck gelaſſen hat. Da habe ich mich'mal wie ein Kind anfuͤhren laſſen, ſchilt Dufour auf ſich, und muß den Kom⸗ miſſionair noch bezahlen.. Schon recht! ich habs verdient.. Der Saint ⸗Elme iſt ohne Zweifel ein Intriguant, ein Induſtrie-Ritter, und jetzt wette ich mein Gemaͤlde, daß er es iſt, der dg⸗ mals mit mir zu 22 Sols zu Mittag gegeſſen hat. Dies Ereigniß macht Dufour noch mißtrnut⸗ ſcher; ſeit mehreren Wochen bemuͤht ſich Viotor — vergebens, ihn zum Ausgehen zu bewegen, der Maler will ſein Atelter nicht verlaſſen. Aber die ſchoͤne Jahreszeit kehrt zuruͤck; der junge Bräville hat ſchon mehrere Male Victor an ſein Verſprechen erinnert, mit Dufour auf einige Zeit ſein Gut zu beſuchen, und Vietor dringt unaufhoörlich in Du⸗ ſour, mit ihm die Reiſe zu machen. Endlich reiſt „ — = 109 ₰ Armand nach Breville ab, nachdem ihm Pietor verſprochen hat, ihm bald zu folgen. Eine Gegend kennen zu lernen, die man ihm als ſehr maleriſch angekuͤndigt hat, neue Fernblicke aufzunehmen, iſt fuͤr einen Maler ſehr verfuͤh⸗ reriſch⸗ Aber wenn ich wieder Sottiſen anbringe bei deinem Marquis, daß die Leute ſich uͤber mich luſtig machen?— Fuͤrchte nichts, mein Freund, wir gehen ja nicht zu jungen Narren und galanten Damen, wir ſollen bei Armand ſeine Schweſter und ihren Mann finden; das iſt eine ernſthaftere Geſellſchaft,. wer weiß, vielleicht langweilig, denn, nach dem, was mir Armand geſagt hat, ſind Herr und Frau v. Noirmont eben nicht ſehr munter; aber haben wir Langeweile, ſo gehen wir auf's Feld, in den Wald.— Und Saint⸗Elme, wird er auch da ſein?— Armand iſt vor einigen Ta⸗ gen abgereiſt.., ich weiß nicht, ob ſein Freund ihn begleitet hat..., aber, wenn auch, wir ge⸗ 110 S hen ſo nicht zu ihm....— g9ch ware uͤbrigens neugierig, zu erfahren, was er mir in Betreff meines Bildes ſagen wird..... Nun ich bin's zufrieden; wir reiſen...., ich werde mich zur Reiſe vorbereiten, in drei Tagen bin ich bereit... — Schoͤn, ſchoͤn!... hch weiß nicht, wie es zu⸗ geht, aber der Gedanke an dieſe Reiſe macht mir das Herz klopfen... Ach, lieber Dufvur, wenn es ein Vorgefuͤhl waͤre, wenn die Liebe mir einen ſ Streich ſpielen ſollte!— Meiner Treu, es waͤre noch mehr zu bewundern, wenn ſie dich endlich vernuͤnftig machte!.... Aber was wird's ſein, nichts Neues!... Brillant ⸗Feuer, die erſt blen⸗ den, und nachher ſo ſchnell verloͤſchen, als ſie entzundet wurden. — Capitel IV. Der Mann mit der Sense. Viretr und Dufour haben die Reiſe bis Laon mit dem Schnellwagen zuruͤckgelegt: von da bis zum Orte ihrer Beſtimmung ſind es nur noch drei Stunden Weges, wie ien Armand geſagt hat, und ſie wollen dieſe zu Fuß machen. Auf der Poſt von Laon laſſen ſie ihre Mantelſaͤcke zuruͤck, um ſie nachher von Bréville aus abholen zu laſſen, und der eine, mit einem leichten Stoͤckchen in der Hand, der andere ſein Zeichnen⸗Buch unterm Arm, ſchlagen ſie munter den Weg ein, den man ihnen bezeichnet hat. Man iſt in den erſten Tagen des Juni; das Laub der Baͤume faͤngt ſchon an dicht zu werden, =. 112 S8 und kuͤhlende Schatten zu gewaͤhren; die Acacien ſind in ihrer ganzen Schoͤnheit und verbreiten ihren. zarten Duft, waͤhrend die langſamen Eichen nur noch feines Laub haben, und die Sonnenſtrahlen durchlaſſen. Aber alles Gruͤn iſt friſch und glaͤnzt in den heiterſten Farben; kein Blatt hat noch ſei⸗ nen Zweig verlaſſen. Moͤgen Andere die ſchoͤnen Lichteffecte, die verſchiedenen Farbentoͤne des Herb⸗ ſtes bewundern! unſtreitig verſpricht wenigſtens der Fruͤhling längeren Genuß; er iſt Gegenwart und Zukunft zugleich. Dufour ſteht oft ſtill, um eine ſchoͤne Baum⸗ gruppe, eine liebliche Ausſicht zu betrachten, und ruft aus: Wie herrlich iſt das, wie viel Freude macht es mir, dieſe Gegenden kennen zu lernen Geſtehe Victor, daß man in Gottes freier Natur einen hoͤheren Genuß hat, als mit all' dei⸗ nen Hirſcheubergs, Celanirés und ſelbſt deinen Mädchen von St. Cloud?..— Ich behaupte nicht das Gegentheil, gber du wirſt doch zugeben, daß ien len len nzt d m⸗ und de en ier ei⸗ es ganz angenehm ware, ſich unter dieſem Laub⸗ dach, auf dieſen Fußwegen mit einem huͤbſchen, gemuͤthlichen Maͤdchen zu ergehen, deren Zunei⸗ gung man beſitzt. Das iſt moͤglich! ich ziehe es vor, in einer ſchoͤnen Gegend nicht verliebt zu ſein das wuͤr⸗ de mich von der Arbeit abhalten... O! ſieh doch den herrlichen Baum! o warte, den muß ich zeich⸗ nen. Dufour ergreift ſeine Reißfeder, ſein Skizzen⸗ buch und ſetzt ſich zum Zeichnen nieder. Unterdeſſen wirft ſich Victor auf den Raſen, denkt an ſeine Schoͤnen, die er in Paris zuruͤckgelaſſen hat, und iſt es auch ohne Herzenskummer geſchehen, ſo moͤchte er doch hier eine neben ſich auf der Raſen⸗ decke umfangen, ſie wuͤrde ihm hier noch hundert⸗ mal ſchoͤner erſcheinen! So kann oſt die Veraͤn⸗ derung des Orts dem Gegenſtande, den wir auf⸗ gegeben haben, wieder neuen Reiz verleihen. Dufour hat ſeinen Baum fertig; aber etwas iſter Theil. 8 —— 114 ₰8 weiter hin zeigt ſich wieder eine Perſpective, die er durchaus eroquiren muß. Mein lieber Freund, ſagt Victor, wenn du alles aufnehmen willſt, was dir auf unſerem We⸗ ge gefaͤllt, ſo koͤnnen wir vor der Nacht nicht an⸗ kommen, und wir laufen Gefahr, uns in dieſer fremden Gegend zu verirren, ich glaube ſogar, du haſt uns ſchon vom rechten Weg gebracht. Du haſt Recht ich habe ja zu dem allem noch Zeit; es iſt nur, wenn man einen huͤbſchen Blick vor ſich hat, ſo glaubt man immer, ihn ſo nicht wieder zu finden... Alſo! vorwaͤrts marſch! Man hat uns geſagt, wir muͤßten erſt durch das Dorf Samoncey. welches mit⸗ ten im Holze liegt. Siehſt du das Dorf viel⸗ leicht ſchon?— Wie willſt du, daß ich es ſehe, wenn es vom Walde umgeben iſt? Nur immer Unſere beiden Reiſenden befanden ſich jetzt in einem ſehr unebenen Terrain, bald mußten ſie = 115 S bergauf, bald bergab ſteigen, große Krautbuͤſche, junge Eichen, Espen und Birkenbaͤume gaben der Landſchaft einen wahrhaft maleriſchen Anſtrich. Das Bergeſteigen greife zuletzt an, meint Du⸗ four, wie es ſcheint, ſind wir auf keiner gebahn⸗ ten Straße.— Man hat uns ja geſagt, daß wir keine beruͤhren wuͤrden, und wir, um nach Sa⸗ moncey zu kommen, nur gerade durch das Gehoͤlz gehen ſollten.— Ja, da war doch aber vorher ein Weg, den die Landleute nahmen ſo eben ha⸗ ben wir ihn ja noch gehabt..— Wenn du nicht rechts und links gegangen waͤrſt, um zu zeich⸗ nen, ſo waͤren wir vielleicht noch darauf.. Uebrigens ſind wir ja nicht in Aegyptens Wuͤſten, nicht'mal in den Heiden von Bordeaur, wir wer⸗ den uns ſchon wieder zurecht finden.— Aber es wird ſchon dunkel, und bei Nacht iſt es ſchwer, den rechten Weg zu halten.... Wir wollen doch mal ſehen, wie es an der Zeit iſt...— Und du haſt es gewagt, deine Uhr mitzunehmen?.— 8* 116 88 Meiner Treu, ich wußte wohl, daß ich hier nicht ſo ins Gedraͤnge kommen wuͤrde, als in St. Cloud.. Jich will zwar nicht ſagen, daß wir hier nichts zu fuͤrchten haͤtten... wir kennen die Gegend nicht, wer weiß, ob ſich hier nicht boſes Geſindel, Raubvolk, umher treibt.... Haſt du Piſtolen bei dir?— Nein, ich habe ſie im Man⸗ telſack gelaſſen....aber ich habe meinen Stock. — Nun ja doch, wenn man uns anfiele, haͤtten wir ein Spazierſtoͤckchen und einen Bleiſtift, um uns zu vertheidigen!.... Weißt du, daß ich 150 Franes bei mir habe? jetzt aͤrgert's mich, ſo viel Geld zu mir geſteckt zu haben aber wenn man einige Zeit an einem Orte bleiben will, und ſich zu amuͤſiren gedenkt.— Nun meiner Treu! mach' mit deinen 50 Thalern nicht ſo viel Aufhe⸗ bens ich habe 1200 Francs Gold in der Boͤrſe. Zwůlfhundert Franecs!. welche Thorheit!.. zwoͤlfhundert Francs mitzunehmen. Das iſt ein huͤbſcher Zehrpfennig! ruft eine Stimme aus einem dicken Gebüſch; beinahe in demſelben Augenblick biegen ſich die Zweige aus⸗ einander, und eine Geſtalt tritt unſeren Reiſen⸗ den entgegen. Es war ein Mann von vorgeruͤcktem Alter, aber ſtark, unterſetzt, und von kräftigem Knochenbau; ſeine grauen, unter dicken Brauen tiefliegenden Au⸗ gen, waren lebhaft und eindringend; ſeine duͤnnen Lippen ſchienen einen Ausdruck von Spott zu ver⸗ rathen; eine lange gebogene Naſe, und ſtark her⸗ vortretende, rothe Backenknochen trugen dasu bei, ſeiner Phyſiognomie ein eigenthuͤmliches Gepraͤge zu geben. Er war mit einer grauen Blouſe beklei⸗ det, in Holzſchuhen und einer buntwollenen Muͤtze, und trug eine gewaltige Senſe auf der Schulter. Dufour bleibt beſtuͤrzt ſtehen, und ſelbſt Vi⸗ ctor iſt einen Augenblick uͤber die vlotzliche Erſchei⸗ nung dieſes Mannes, welcher ihretwegen aus dem Gebuͤſch hervorgeſprungen zu ſein ſcheint, erſtaunt; * und dieſer wiederholt, indem er ſie mit pruͤfendem Auge betrachtet: Ja, ja! das iſt ein ſchoͤner Zehr⸗ pfennig. So! findet ihr das.... ſagt Victor, indem er den Blouſenmann dreiſt anſieht. Das will ich meinen!.....— ghr habt uns alſo behorcht? Es war nicht nöthig, auf⸗ merkſam zu horchen, um Euch zu verſtehen.. Ihr ſpracht ziemlich laut,. und wenn auch, Fatales Zuſammentreffen! murmelt Dufour; der Kerl hat einen charakteriſtiſchen Kopf, ſchoͤn zum Malen, aber hier nicht.... vorwaͤrts, vor⸗ waͤrts gegen die Senſe wuͤrde dein Stoͤckchen nicht viel ausrichten.— Das iſt ein Maͤher, ein Tagelohner, der von der Arbeit kommt.— Ich mochte es gern glauben, aber.... wir ſind doch recht unverſtaͤndig, es ſo laut auszupoſaunen, daß wir Geld, ja Gold in den Taſchen haben. Das iſt eine Unbeſonnenheit, die ich mir niemals ver⸗ 119 S geben werde. Es iſt wahr, ich hätte ſchwoͤren wol⸗ len, wir waͤren allein, aber der Kerl brach ja her⸗ vor, wie ein Champignon. Die Reiſenden ſetzen ihren Weg auf einem ſchmalen Fußſteig fort, und der Bauer folgt ihnen. Dufour betrachtet ihn oͤfters von der Seite, und ſagt zu ſeinem Freunde: ich wuͤnſchte, er ginge vor uns, wir wollen ihn vorbei laſſen.— Du haſt Un⸗ recht, Verdacht in den Bauer zu ſetzen. er wird uns im Gegentheil noch von Nutzen ſein. Victor ſteht ſtill, und redet den Fremden an: Koͤnntet Ihr uns vielleicht ſagen, ob wir noch weit vom Dorfe Samoncey ſind?— Ob ich es Ihnen ſagen kann! Freilich!... das wäre traurig, wenn ich hier nicht Beſcheid wuͤßte. Nein! Sie ſind gar nicht weit von Samoncey.. hoͤchſtens eine halbe Stunde..— Und ſind wir auf dem rechten Wege?— O! durchs Holz, oder uͤber Feld, uͤberall kommt man hin.... Uebrigens, ich gehe 2= 120 S auch hin, und wenn Sie mir Geſellſchaft leiſten wollen, ſo werde ich Ihnen den Weg zeigen. Ich mache mir ganz und gar nichts aus ſeiner Geſellſchaft, ſagt der Maler.— Und warum das? Wegen der verteufelten Senſe..... wenn er uns fuͤr Luzerne hielte..— Du biſt ein Narr! mit ihm ſinden wir ſicherer unſeren Weg.— Nun es ſei! empfehlen wir uns der Vorſehung; aber er muß voran gehen. Ihr ſeid hier aus der Gegend, guter Mann?— Ja, aus Güzy, eine halbe Stunde von Lamoncey von hier jenſeit.— Es iſt ein ſchoͤnes Land; und es ſcheint reich und gut bebaut?— Es geht wohl an, einige Striche ſind ziemlich gut.— Ihr ſeid ein Ackersmann?— Neink ich bin nur Tage⸗ löhner. Und Ihr, was ſeid Ihr denn? Die beiden Reiſenden läͤcheln uber dieſe, obwohl ganz natür⸗ liche Frage. Aber die Städter finden nichts daran, die Landleute auszufragen; wundern ſich aber dar⸗ „ 3 121 8 „ uͤber, wenn dieſe das Vergeltungsrecht uͤben. Vi⸗ ctor erwiedert dem Bauer jedoch: Wir kommen von Paris.. Mein Freund iſt Kuͤnſtler— Kuͤnſtler? was iſt das fuͤr ein Hand⸗ wert?— Ich bin ein Maler, ein Zeichner, vielleicht kennt Ihr das eher.— Ach, ein Maler, o ja, ich verſtehe, Ihr macht Bilder, ſo wie man ſie auf den Spinnrocken ſieht, die in Laon zu kau⸗ fen ſind. der ewige Jude,. Blaubart!.. Ach! der Vandale! ruft Dufour, öffnet ſein Zeichnenbuch und zeigt ihm eine von den Skizzen, die er ſo eben entworfen hatte: Da ſeht, was ich arbeite Erkennt ihr's wohl?.„ Der Bauer ſchaut hinein, und Dufour ſucht Ueberraſchung und Bewunderung in ſeinen Blicken, aber der Bauer regt ſich nicht, und antwortet mit gleichgultigem Geſicht: O ja! das ſind Baume, Straͤucher, nur Schade, daß alles ſchwarz iſt, die bunten Bilder liebe ich mehr, das iſt doch huͤb⸗ ſcher. S 122 ₰ Mit ſolchen Leuten iſt nichts anzufangen, murrt Dufour, indem er ſein Buch wieder zu ſich ſteckt, die ſind gefuͤhllos wie ein Stock! Aber, warum willſt du auch über Malerei mit ihm ſprechen?— Warum erlaubt er ſich zu fragen, wer wir ſind!— Sprich mit ihm vom Ackerbau, von Saat und Getraide, das verſteht er, da wird er dir keine Antwort ſchuldig bleiben.— Na, wenn er uns nur keine Irrwege fuͤhrt, das iſt alles, was ich verlange Er laͤßt uns verteufelt viel Umwege machen, und es iſt gleich Nacht.... Alter Freund, ſind wir bald im Dorfe?— Wir werden ſchon hin⸗ kommen, nur Geduld! Indem der Blouſenmann dies ſagt, ſchlaͤgt er einen Fußweg ein, der von beiden Seiten mit dichtem Geſtraͤuch begrenzt, und von Eichenzweigen uͤberdeckt iſt, ſo daß er einem Laubengange gleicht; da der Abend ſchon ſehr vorgeruͤckt war, ſo konnte man hier kaum noch etwas ſehen. Die Zweige be⸗ ruͤhrten beinahe die Koͤpfe der Wanderer und nur i ſir det we fiu bel ke t 1 = 125 S8 Einer hinter dem Andern konnten ſie gehen, ſo ſchmal war der Weg. Was fur einen Weg führt er uns denn hier? ſagt Dufour zu Victor. Bei hellem Sonnenſcheine mag er ganz angenehm ſein; aber da es beinahe ſchon ſtockfinſter iſt, waͤr' es nicht nothig, uns ei⸗ nen Weg zu zeigen, wo jeden Augenblick die Zwei⸗ ge uns um unſere Augen bringen koͤnnen. Fm, hm, ich traue dem Teufelskerl nicht,„ und noch zu ſagen, daß wir unſere Waffen, das heißt deine Waſſen, im Mantelſack gelaſſen haben! Nun ſieh' doch, was macht er denn jetzt? Der Fuͤhrer unſerer Freunde hat die Senſe von der rechten Schulter in die rechte Hand genommen, wendet ſich dabei um, und ſieht Beide an; Du⸗ ſour aber bleibt bei dieſer Bewegung des Bauers betroffen ſtehen. Nun, meine Herren, will's denn nicht mehr recht vorwaͤrts?— Doch, doch! ſagt Victor, wel⸗ cher der Letzte iſt. Vorwärts doch, Dufour, was e 124 machſt du denn?— Ich„ich halte nur ein We⸗ nig an, ich bin muͤde.... Werden wir denn nicht bald aus dieſem Fußweg kommen, Kamerad? O ja, bald! Und indem er ſeine Senſe be⸗ trachtet, fuͤgt er hinzu:'s iſt doch eine ſchoͤne Senſe, ein ſchoͤner Schnitt darin.... Wenn ſie ſolche bei der Armee haͤtten, und ſich ihrer bedienen koͤnnten wie ich, Wetter! das waͤre beſſer als ihre Saͤbel! halbdutzendweis koͤnnte man damit die Menſchen'runter ſaͤbeln! Verwünſchte Spaͤße! ſagt Dufour leiſe zu Vi⸗ ctor. Dieſer aber treibt ihn vorwaͤrts und ruft: Bau endli Iber hie Wan ſch reic tief Det u irg Na, guter Freund, eilen wir, wenn's gefaͤllig iſt, ſonſt koͤnnen wir vor der Nacht nicht an Ort und Stelle ſein!— Mein' Seel', Ihr zogert ja ſo; ich gehe ſchon! Man ſetzt ſich wieder in Marſch; Dufour, in⸗ dem er die Augen immer auf die ſchreckliche Senſe gerichtet hat, iſt bei der erſten Bewegung des Fuͤh⸗ rers bereit, in das Dickicht zu ſpringen. Der iin in We⸗ n nicht dz nſe be⸗ ſchine enn ſie dienen ſ ihte it die zu Vi⸗ niſt: efilig nOrt gett ji in⸗ Eenſe Füh⸗ Der = 125 28 Bauer aber geht ſtarken Schrittes vorwaͤrts, und endlich erreicht man das Ende des engen Fußweges. Aber man iſt immer noch im Holze, und obgleich pier das Laubwerk nicht mehr ſo dicht iſt, ſo kann man doch nicht weit vor ſich ſehen, ſo finſter iſt es ſchon. Das Dorf Samoncey iſt verteufelt ſchwer zu er⸗ reichen! ſagt Dufour, Victor anblickend, mit einem tiefen Seufzer, der dieſem ein Lacheln abnoͤthigt. Der Bauer ſchreitet immer vorwaͤrts, indem er quer durch's Gehoͤlz ſeine Richtung nimmt, ohne irgend einem betretenen Wege zu folgen. Endlich kommt man auf einen etwas freien Faum, auf den mehre Fußſteige zulaufen. Der Bauer haͤlt hier an, ſetzt ſeine Senſe auf die Er⸗ de, ſtutzt ſich darauf, wie auf eine Hellebarde, und blickt rechts und links um ſich, als ob er auf einem der Fußwege irgend Menſchen erwartete. Nun, guter Freund, warum machen wir hier Halt? fragt Vietor.— Ach, ich ſehe nur, ob ich = 126 S nicht irgendwo vielleicht Jemand erblicke, der mich der Muͤhe uͤberhebt, nach Samoncey zu gehen! Das ſind ſeine Helfershelfer, die er ſucht! ſagt Dufour leiſe; laſſ' uns die übrigen der Bande nicht abwarten; glaube mir, Victor! Wir wollen den erſten beſten Weg einſchlagen, und laufen, was wir koͤnnen.... Es iſt laͤcherlich, hier den Tap⸗ ſern gegen eine ganze Bande Raͤuber ſpielen zu wollen, beſonders wenn man unbewaffnet iſt! Victor iſt einen Augenblick unentſchloſſen; end⸗ lich ſagt er zum Bauer, der ſich immer noch um⸗ ſchaut: Wenn Ihr nicht weiter gehen wollt, ſo zeigt uns wenigſtens unſeren Weg; wir haben keine Zeit zu verlieren, denn in Samoncey ſind wir auch noch nicht am Ziele unſerer Reiſe, da wir auf das Gut des Herrn v. Bréville wollen. Wie, zu Herrn v. Bréville wollen Sie? ruft der Landmann mit troniſchem Laͤcheln aus.— Nun, was iſt denn dabei ſo Komiſches? erwiedert Dufour in aͤngſtlichem Tone, und murmelt in den Bart: 3. S„ 5 der mich chen! ht! ſagt Bande ir wollen fen, was den Tay⸗ jelen öu 1 nz end⸗ och um⸗ olt, ſo en keine vir uch zuf das e nit — Nun, Dufour Bit: 127 88 Der Kerl faͤngt an, mich gewaltig in Schweiß zu ſetzen! Verzeihen Sie, meine Herren, wenn ich lache; aber wenn Sie mir das gleich geſagt haͤtten, ſo wuͤrde ich Sie nicht den unnützen Weg gefuͤhrt ha⸗ ben, dann waͤren Sie jetzt ſchon da. Um zu dem Herrn Marquis zu kommen, brauchen Sie nicht durch Samoncey zu gehen, das iſt ein bedeutender Umweg.— Aber in Laon hat man uns dieſen Weg bezeichnet.— O, ich kenne die Gegend beſſer als irgend Jemand; ich bin hier geboren! Hier iſt kein Baum, deſſen Alter ich nicht kenne, kein Weg, den ich nicht hundertmal des Jahres betrete, und das Gut des Herrn v. Bréville, das weiß Gott, da bin ich oft genug geweſen, um mich hinzufinden.. Die Frau Marquiſe gab mir Arbeit, und brauchte mich auch ſonſt oft genug.... Wenn Sie dahin wollen, ſo muͤſſen Sie hier lang gehen; es iſt un⸗ noͤthig, daß Sie mit mir nach Samoncey gehen, das wuͤrde noch mehr Zeit koſten. Hier, nehmen 128— Sie dieſen Weg, vu ſchlagen Sie den erſten Weg rechts ein, den verfolgen Sie, bis Sie da ſind. Adieu, meine Herren, gluͤckliche Reiſe, und laſſen Sie Sich unterweges nicht beſtehlen, das waͤre Schade! Ohne eine Antwort abzuwarten, nimmt der Blouſenmann ſeine Senſe auf die Schulter, und verſchwindet im Gehoͤlz. Die beiden Reiſenden ſehen ihm nach, und blicken ſich dann gegenſei⸗ tig an. Wollen wir den Weg nehmen, den er uns ge⸗ wieſen hat? fragt Dufour endlich.— Warum nicht?— Weil er ſo eine vervichtige Miene mach⸗ te, als er uns verließ. Haſt du wohl den ſpoͤtti⸗ ſchen Ton bemerkt, als er uns rieth, uns nicht ſe zu laſſen?— Dufour, kennſt du denn die nicht, ſie nehmen beinahe immer „ einen ſpoͤttiſchen Ton an, wenn ſie mit Staͤdtern zu thun haben; darin liegt ihr ganzer Verſtand. 5** glaube, du Unrecht gehabt, an der „ nd. en e er nd 129 S Ehrlichteit dieſes Mannes Iu zweifeln; du ſiehſ, er hat uns verlaſſen, ohne uns wie Lucerne zu be⸗ handeln.— Ja, aber ich weiß nur, daß er uns lange im Walde hin und her gezogen, daß es ſchien, als erwarte er immer Jemand; und daß er uns endlich hier in der Wildniß verlaͤßt, wo wir ſo gut wie verloren ſind.— In der That, mißtraui⸗ ſche Menſchen ſind doch recht ungluͤcklich! Und doch biſt du kein Poltron, denn ich habe dich ſchon man⸗ chem Gegner die Spitze bieten ſehen.— Gewiß! und wenn wir jetzt angegriffen wuͤrden, koͤnnte ich mich wie ein Loͤwe vertheidigen; aber leider ſehe ich, daß das unnuͤtz waͤre, und ich denke die Klug⸗ heit iſt manchmal der Bravour vorzuziehen.— So laſſ' uns inzwiſchen den Weg verfolgen, den er uns bezeichnet hat, weg mit der Furcht; es iſt beſſer, an gar keine Gefahr denken, als ſich vor der Zeit damit beunruhigen.— Und ich denke, es iſt beſſer, alles vorher zu uͤberlegen, um Gefahr zu vermeiden, wenn es moͤglich iſt.— Wir haben nicht dieſelben iſter Lhei. 9 34 = 130 S Anſichten, mein lieber Dufour; aber ich glaube, die meinige iſt zutraͤglicher.— Und ich behaupte, die meinige wird mir ein laͤngeres Leben er⸗ halten. Bei dieſem Geſpraͤch, gehen unſere Freunde weiter, aber ſo ſehr ſie ſich auch beeilen, ſo iſt die Nacht doch ſchneller als ſie. Bald konnten ſie die Hand nicht mehr vor Augen ſehen, und ſind ge⸗ noͤthigt, langſamer zu gehen, um ſich nicht jeden, Augenblick zu ſtoßen oder zu ſtolpern. Dufour fängt wieder an zu fluchen, und Vietor zu lachen. Ich dachte es wohl, dieſer Schelm wuͤrde uns verirren!— Iſt denn der Bauer daran ſch Weg inden?..... Nur immer zu! wird uns „daß die Dunkelheit uns verhindert, unſeren Laune ſchneller zu Armand bringen 2. Sag' mal, Dufour, ich glaube es regnet?..— den Teufel ja! noch dazu kommen.. = 151 8 Dieſe großen Tropfen kuͤndigen ein heftiges Gewit⸗ ter an, und ich habe einen neuen Hut auf,„ um den iſt es geſchehen..— So nimm ihn un⸗ ter'm Rock.— Ja doch, und dann geh' chapeau- pas, nicht wahr? O der hoͤlliſche Wald. Au weh! ein Stoß an die Naſe! werden wir denn nicht endlich einmal hier hinaus kommen?.. — Muth, Muth, mein armer Dufour!— Nun was giebt's?— Ein Licht! ſieh doch da unten..— Wirklich! ei, was macht ſo ein Licht fuͤr eine Freude, wenn man ſich verirrt hat In Romanen habe ich das oft geleſen, aber niemals ſelbſt erfahren.. Wenn das nur kein Irrlicht iſt, oder von einem Leuchtwurm herruͤhrt. O nein, dazu iſt es nicht warm genug. Nur vor⸗ waͤrts, denn der Regen wird heftiger. Die Reiſenden gehen auf das Licht zu; es flieht nicht vor ihnen, weil es kein boͤſer Geiſt ſcheinen läht, ſondern ganz einfach die unteren Zimmer ₰ 9* ——— — —-————————— 132 ₰5 eines Hauſes erleuchtet, das mitten im Holze liegt. Das iſt ein Gebaͤude, ſagt Victor— Ja! und ſo viel ich ſehen kann, ein ziemlich gro⸗ ßes. Wenn man uns nur aufnehmen wird Vielleicht haͤlt man uns fuͤr Diebe — Zum Teufel mit deinem Argwohn Klopfen wir an!. — Capitel V. Das Uirthshaus im Waldr. Man hat beiden Reiſenden die Thur geoͤffnet, ohne erſt nach ihrem Begehr zu fragen⸗ Ein gro⸗ ßer junger Mann in Weſte, Holzſchuhen und baum⸗ wollener Mütze ſtellt ſich auf die Seite, um ſie durchzulaſſen. Victor bleibt jedoch auf der Schwelle mit den Worten ſtehen: Entſchuldigen Sie, wir ſind vielleicht unbeſcheiden, aber es regnet ſehr ſtark, und wir haben uns verirrt.— Nur herein, nur herein! ruft eine ſtarke Stimme aus dem In⸗ nern des Hauſes: Eh, potz Fiſchchen, braucht's ſo vieler Umſtaͤnde, um bei uns einzukehren? Bei dieſer etwas derben Einladung treten unſere beiden Freunde ein. Sie befinden ſich in einem großen, traurigen und unheimlichen Gemach, deſſen 154 8 Waͤnde die rohe Mauer bilden, und deſſen Decke ſchwarz und eingeraͤuchert iſt. Ein ungeheuerer Ka⸗ min iſt der Thuͤr gegenuͤber. An den Seiten des Zimmers ſtehen Tiſche von hoͤlzernen Baͤnken um⸗ geben. Ein großer Schrank und einige Schemel iſt der ganze Hausrath des Zimmers, welches nicht einmal gedielt iſt, da deſſen Fußboden nur aus Lehm beſteht, ſo wie es in den Haͤuſern der Land⸗ leute Gebrauch iſt. Ein einziges Licht auf dem Tiſche verbreitet ein ſpaͤrliches Licht. Eine Frau von reifem Alter und baͤueriſch gebleidet, ſitzt vor dem Lichte und naͤhet, und nicht weit von ihr ſttzt ſich ein ſtarker be⸗ leibter Mann, von etwa funßzig Jahren und fri⸗ ſcher Geſichtsfarbe, vor einem fayencenen Topfe und einem Glaſe auf ſeine Ellbogen. Niemand verlaͤßt bei Ankunft der Fremden ſeinen Platz. Der große Mann, welcher der Herr des Hauſes zu ſein ſcheint, nickt mit dem Kopfe, ſetzt das Glas an die Lippen und ſagt: Zur Geſundheit, meine Her⸗ = 155 ren!.. Nun Babolein, ſetz' den Herren Wein vor; ſie haben gewiß Luſt, einen Schluck zu neh⸗ men. Gieb volles Maaß; wenn man weit gewan⸗ dert iſt, hat man Durſt! Es ſcheint, wir ſind in einem Wirthshauſe, ſagt Duſour, indem er die Augen uͤberall umher wirft: Ein Wirthshaus mitten im Walde, das kommt mir bedenklich vor!— Da haben wir doch wenig⸗ ſtens den Vortheil, ſo lange bleiben zu koͤnnen, als wir wollen, ohne Jemand zu geniren! erwie⸗ dert Vietor ſich ſetzend, und legt ſeinen Hut auf den Tiſch, waͤhrend Dufour den ſeinigen in einen Winkel des Zimmers ausſchwenkt, und abzutrocknen ſucht. Es ſcheint, Ihr handelt mit Wein, redet Vietor den Wirth an.— Ja, mein Herr; Vetter, auf dem Lande thut man was man kann, um ſein Brod zu verdienen!— Wenn Ihr nur nicht wenig⸗ ſtens allen Verdienſt durch die Gurgel ſchicktet! ſagt mit hohniſcher, unfreundlicher Stimme die * 156 S Frau beim Naͤhzeug.— Nun, nun, Frau Grand⸗ pierre, werden die Herren nicht glauben, ich ſei ein Trunkenbold?— Meiner Treu, wenn ſie Euch näher kennten, wuͤrden ſie ſchon wiſſen, woran ſie ſind.— Ich verſtehe, Jaequeline! du willſt mich ärgern, gber du weißt wohl, daß das ſchwer hält. Schreie, zanke nur zu, das iſt mir gleich, da mache ich mir ſo viel daraus, als aus einer leeren Flaſche! Der junge Menſch, welcher in ein Nebenzimmer gegangen war, kommt zuruͤck, und ſetzt eine Kanne Wein und Glaͤſer auf den Tiſch. Dufour, welcher mit Abtrockenen fertig iſt, ſetzt ſich zu Victor mit den Worten: Das werden wir doch in unſerem Le⸗ ben nicht austrinken:— Schadet nichts, wir muͤſſen das Unterkommen damtt bezahlen. Er ſchenkt beide Glaſer voll; der Wirth erhebt ſich mit dem Glaſe in der Hand, und ſtoßt mit ſeinen Gäſten an, die, um dieſe Hoͤflichkeit zu er⸗ wiedern, den Wein, oder vielmehr den ſauern Kraͤtzer, in einem Zuge und ohne beſonders viel Geſichterſchneiden hinunter ſchicken. Die Herren ſind nicht aus der Gegend? fragt der Bauet, nach⸗ dem er getrunken hat.— Nein, wir kommen von Paris, und gehen zu Herrn v. Bréville.... Kennt Ihr ihn?— S ja, meine Herren das heißt, ich kenne ſein Landgut, denn was den jungen Mar⸗ quis anbelangt, ſo iſt er uns ſeit dem Tode ſeiner Stiefmutter ganz fremd geworden; er und ſeine Schweſter haben das Gut verlaſſen, und waren ſeit⸗ dem noch nicht wieder dort: aber ſeit einigen Ta⸗ gen, habe ich gehoͤrt, iſt der junge Herr wieder angekommen, und ſeine Schweſter und deren Mann ſollen auch da ſein. Ich weiß nicht, ob ſie lange bleiben werden.... Aber die Herren ſind ohne Zweifel von ihrer Bekanntſchaft, da Sie zu dem Herrn Marquis wollen?— Ja⸗ wir ſind Armand's Freunde, wir wollen ihn beſuchen; wir haben den Wagen in Laon zuruͤckgelaſſen, und ſind quer durch's Holz hierher gegangen; wir glaubten noch vor der ———— = 153— Nacht dort zu ſein, aber wenn man den Weg nicht kennt. Ja, und wenn man boſe Rencontres hat! ſagt Dufour. Wie, Ihr habt boͤſe Rencontres im Walde ge⸗ habt? ruft der Bauer. Nein, mein Freund ſcherzt nur, entgegnet Vietor, er meint das Gewitter. 4 Ja, ja, es iſt wahr, Ihr ſeid ſehr dunchſäßt. Sollen wir Feuer anmachen, daß Ihr Euch trocknen konnt? wenn's auch nicht kalt iſt, ſo iſt der Regen auf dem Leibe doch empfindlich.— In der Thn, h glaube, Ihr habt Recht, das Feuer wird uns ſchneller trocknen, und nenis Euch nicht zu viel Muhe macht...— Keinesweges! Es muß uͤbri⸗ gens doch Feuer angemacht werden, um Euch das Abendbrod zu bereiten... Friſch, Babolein, thu' was, ſtatt daß du da wie ein großer Faulen⸗ zer im Winkel ſitzeſt!— So iſts Recht, ſagt mur⸗ riſch die Frau: immer muß es Babolein entgelten, ſcht i9t der ſoll Alles thun!... Warum ruft Ihr nicht Magdalene? warum kommt ſie nicht herunter? ſchlaft das faule Mädchen etwa ſchon? Haltet Ihr ſie fuͤr zu vornehm, um Feuer anzumachen? Gott, was muß man hier fuͤr Geduld haben! Mein Gott! ſo aͤrgert Euch doch nicht, Mutter! ſagt der junge Bauer, indem er Hols zum Kamin traͤgt, laßt Magdalene doch ſich ausruhen; dieſen Worgen war ſie krünk, Ihr wißt wohl, daß ſie nicht die Staͤrkſte iſt, und daß das Geringſte ſie ſchon angreift... guter Wille fehlt ihr gewiß micht.— O ja guter Wille, ſchöne Worte... Re⸗ densarten damit laͤßt ſich die Wirthſchaft nicht fuͤhren aber man ſchmeichelt den Maͤnnern, und laͤßt ſich pflegen!— So mußt du denn immer ſchelten und keifen, Frau? Nun, nach Gefallen! ſchelte, wenn's dir Spaß macht!.. Auf Ihre Geſundheit, meine Herren! Nachdem der junge Bauer Feuer angemacht hat, ſetzen Victor und Dufour ſich vor den Kamin. — 140 S Der Virth nimmt ſeinen platz wieder ein, und ſein Sohn ſetzt ſich in einem Winkel des Zimmers, die Frau hoͤrt bei ihrer Arbeit aber nicht auf zu brummen. Der Regen fallt noch in Strömen, man kann ihn gegen die Fenſter ſchlagen hoͤren. Wir koͤnnen von Gluͤck ſagen, dies Haus gefun⸗ den zu haben, ſagt Ve zdas Wetter wird aͤrger, und ich weiß nicht, was aus un Mrden ware! Lnn. aber⸗ wenn das ſo fortfährt, nerdet Ihr uns wohl die Nacht beherbergen ufn Das⸗ pirht nur von Ihnen 4 Seten, nir können Sie ſchon nn Adi er Thit, i Breville auch noch eine pab⸗ Meue von hier, und der Regen muß die Wege ſehr gemacht haben. t Na! dann werden wir wohl fur dieſe Nacht Eure Gäſte ſein: was meinſt du, Dufour? Dufour unterſucht ſo eben mit den Augen alle Winkel des Zimmers, und ſeine Blicke fallen auf eine Vertiefung unterhalb einer Treppe, die er noch und nrt, f zu man 141 8 nicht bemerkt hatte, und worin zwei Gewehre und ein großes Jagdmeſſer haͤngen. Nun Dufour! Du antworteſt nicht! ich frage, ob du Luſt haſt, hier über Nacht zu bleiben?. — Je nun! vielleicht... ich will gerade nicht Nein ſagen, aber wenn man uns heut noch in Breville erwartet?... Man erwartet uns weder heute noch mohgen!... Hoͤrſt du den Regen nr Solen wir uns im Walde den Hals t und wie werden wir in finſtrer Nacht den Veg imet⸗ da wir uns bei Tage ſchon verirrt hä en?.— Verirrt..„him! da ſind wir nicht daran Schud man hat uns abſicht⸗ lich den Weg verfehlen laſſen... Die letzten Worte ſagt Dufour mit leiſer Stim⸗ me, aber Vietor hoͤrt nicht darauf; er ſetzt ſich vor's Feuer. Dufour ſchielt immer von der Seite nach jener Vertiefung; endlich redet er den Wirth an: Es ſcheint, Ihr ſeid ein Jaͤger?— Jäger.. 142 S meiner Treu nein! Warum das?— VPeil ich da Gewehre haͤngen ſehe.— Ja, ſeht nur! wenn man ſo mitten im Walde, entfernt von aller menſchlichen Wohnung lebt, da iſt es gut, Waffen zu haben. Ich will gerade nicht ſagen, daß es hier Gefahr haͤtte, aber es kann doch manchmal boͤſes Geſindel bei uns einkehren; und da kann es Pruͤgelei geben, da kann man un ſein Leben kom⸗ men, ohne daß 90 Zemand etnas pa erfährt. — D n ſhe&eſchch— ſo* trinkt voch, mein v ch hube keinen Durſt mehr.— Sie„n aber vch, Abendbrot eſſen?— Ich habe auch knen Hun⸗ 2 Ich moͤchte aber gern etwas eſſen. 8 Marſch hat mir Appetit gemacht, ſagt Victor; uͤbrigens haben wir ſeit vier Stunden nichts genoſſen, ſeht doch! es iſt beinahe neun Uhr. Vietor hat dabei ſeine Uhr aus der Taſche ge⸗ nommen, und der junge Bauer hat ſich Vietor mit 4 gſen daß mal nes om⸗ hrt. ſ doh un⸗ iſch ens ſeht 145 88 den Worten genaͤhert: Ol ſehet doch Vater, die ſchoͤne Uhr, wie praͤchtig! wie wunderſchoͤn gearbei⸗ das iſt Gold, nicht wahr, mein Herr?— Freilich! O, das iſt noch ſehr die Frage, ſagt Dufour, indem er ihm verſtohlne Winke giebt.— Wie! das waͤre die Frage! ich glaube, du ſcherzeſt; ſie hat mich Geld genug gekoſtet.— Viel Geld? nun ja doch, wlupe ſind ja jetzt ſo wohlfeil. 2 So eine(ne Uhr werde ich mein Lebtage nicht pt ſagt der junge Bauer mit einem Seuf⸗ cer· N Vielleicht doch, mein Junge; ha, ha! man kann 7 nicht wiſſen, wie es noch kommen kann, und indem der Wirth dies ſagt, ſchickt er ein volles Glas hin⸗ unter. Ich glaube, es regnet nicht mehr, meint Du⸗ four, ſich dem Fenſter naͤhernd. O mein Herr, im Gegentheil, der Regen wird ſtäͤrker, ſagt Babolein. Der Himmel iſt ganz 144 S5 ſchwarz, das hoͤrt die Se Nacht nicht auf.. damit iſt's vorbei, gehen koͤnnt' Ihr nicht mehr. Dufour untwortet nichts und ſetzt ſich zu Victor; er ſchweigt, untetückt manchen Seufzer und be⸗ gnuͤgt ſich damit, argwohniſch umher zu vnen und bei der geringſten Bewegung der Hausbenv⸗ ner, ſich raſch hier und dahin iu wenden. Na, wenn die Herren befimmt hier ſchlafen, ſo wollen wir ihnen auch die Ban bereiten. das Zimmer. ſagt die 4½ S— Sou ich es beſorgen, Mutter?. ₰.£ Wn. nein!. 4 aber das Maͤdchen kommt ja gar nicht herunter„ Magdalene!.. Magdalene!... K⸗ 1 Hier bin ich, antwortet eine n Sinn und in demſelben Augenblick erſcheint ein une Nid⸗ chen auf der Treppe, die aus dem Zimmer nach der oberen Etage fuͤhrt. Victor wendet ſich raſch um, das Mädchen zu ſehen. Es iſt ſehr klein und mager, kraͤnklich und blaß ausſehend; die ziemlich kleinen Augen haͤlt ſie „ hr. ctor; he⸗ icken, woh⸗ fen, und d⸗ il nd ſe — beinahe immer niedergeſchſagen, der Mund iſt groß, die Naſe klein, die Haare ſind einfach aufgebunden; nichts iſt beim erſten Inblick des junden Maͤdchens anziehend, und Victor dreht ſich auch raſch zu Du⸗ ſour um und ſagt: Sie iſt nicht huͤbſch!— Was geht das mich an, erwiedert der Maler muͤr⸗ riſch. Die Kleine pruͤft die Reiſenden, und ſcheint da⸗ bei weder linkiſch noch verlegen; dem alten Grand⸗ 5 pierre, der ih zunickt, lächelt ſie an, und naͤhert ſich dann ſchuchtern der alten Baͤuerin, welche mit hartem Tone gegen ſie losfährt:— Ich hoffe, nun wirſt du genug geruht haben.. das weiß Gott! Seit Mittag haſt du dich nicht wieder ſehen laſſen 4 Biſ du denn hier zu nichts weiter nuͤtze, als zum Schlafen? Verzeihen Sie, ich hatte gewaltiges Kopfweh ... eine Art Migraine. O ja! Migraine!.. ſag' lieber die Faul⸗ heit„ Wo kommt ein Maͤdchen von 18 Jah⸗ 10 146 8 ren zur Migraine!„ Habe ich je in meinem Leben ſo etwas gehabt?. aber wenn man dir glau⸗ ben wollte dir fehlt alle Tage etwas. Nun! Jacqueline, wirſt du bald aufhoͤren! ſagt Meiſter Grandpierre mit drohendem Tone, keife mit mir ſo viel es dir gefaͤllt, mir iſt's gleich, ich hoͤre nicht darauf; aber laſſe mir Magdalene in Ruhe; . du machſt ihr Kummer, und das iſt ſchlecht. Geh', Magdalene, geh' mein Kind, und bringe das Zimmer am Ende des Corridörs und zwei Betten fuͤr die Herren in Ordnung; ſie werden hier blei⸗ ben. Spude dich; und dann komm zum Abendbrod wieder herunter. Das junge Mädchen antwortet mit einer Ver⸗ neigung des Kopfes, nimmt ein Licht und ſteigt ſchnell die Treppe wieder hinauf. Der lange Babolein hat das Madchen mit den Augen nicht verlaſſen, ſo lange es im Zimmer war, er verfolgt es mit den Augen, und heftet mit vffenem Munde und vorgeſtrecktem Halſe ſeine nem lau⸗ ſigt nit höre uhe cht. ten lei⸗ brod er⸗ eigt den ner tet ine 147 8 Blicke lange noch auf den oberen Theil der Treppe, wo es verſchwand. Iſt das Ihre Tochter? fragt Vietor die Baͤue⸗ rin. Nein, mein Herr, antwortet ſie verdrießlich, es iſt nicht meine Tochter. So iſt es wohl Ihre Nichte? meint Dufour. O, mir iſt es lieber, daß ſie nicht meine Schwe⸗ ſter iſt, ſagt der junge Bauer mit einfältiger Miene. Sehe mal einer! faͤhrt ihn die Alte an, du moͤchteſt wohl gar, daß es deine Frau waͤre? gro⸗ ßer Dummkopf...„das fehlte noch. Heda! ruhig, gebietet der Herr des Hauſes. Zanke, wenn Niemand hier iſt, aber jetzt beſorge das Abendbrod, hoͤrſt du? Wenn es weder ihre Tochter noch ihre Nichte iſt, ſagt Dufour leiſe zu Victor, ſo iſt es wohl nur ein Dienſtmaͤdchen... Aber der Wirth ſcheint es mit vieler Guͤte, ja ſogar mit Ruͤckſichten zu be⸗ handeln; ich moͤchte wohl wiſſen, wer die kleine 10* 143 85 Magdalene iſt, warum ſie ſo traurig ausſieht„„ ſo blaß iſt, warum.. Nun, jetzt ſei einmal wieder neugierig! Du biſt nur nicht neugierig, weil das junge Maͤdchen nicht huͤbſch iſt, wenn das waͤre, haͤtteſt du ſchon tauſend Fragen gethan.— Das iſt wohl moͤglich. Magdalene koͤmmt bald wieder zuruͤck. Ohne ein Wort zu ſprechen, hilft ſie der Alten bei der Zubereitung des Abendbrodes. Flink und gewandt hat ſie in zwei Minuten den Tiſch gedeckt. Der große Babolein verfolgt ſie mit den Augen, aber Magdalene haͤlt die Augen niedergeſchlagen, und richtet ſie weder auf die Fremden, noch auf die Hausbewohner. Victor iſt vor dem Feuer ſitzen geblieben und denkt nur daran, ſeine Stiefeln zu trocknen, aber Dufour giebt auf Alles Acht, und bemerkt, daß das junge Maͤdchen Alles mit ganz beſonderer Ge⸗ ſchicklichkeit verrichtet; fuͤr ein Dienſtmaͤdchen in = 149 S ſolch' einem Wirthshauſe ſcheint ihm das ſehr ſon⸗ derbar. Magdalene, ſagt Grandpierre bald darauf, die Herren gehen nach Breville zu dem Herrn Mar⸗ quis... das Gewitter hat ſie nur zuruͤck gehalten. Nach Breville, ruft das junge Maͤdchen, und zum erſten Male richtet es ſeine Augen auf Victor und ſeinen Begleiter; eine leichte Roͤthe uͤberfliegt ihr Geſicht und ihre Blicke werden lebhaft, aber bald verſchwindet dieſer Ausdruck wieder, um einem Gefuͤhl der Melancholie Platz zu machen, und Nag⸗ dalene fluͤſtert, gleich einem Seufzer, indem ſie die Augen wieder niederſchlaͤßt: Ach! dieſe Herren ge⸗ hen zu dem Herrn Marquis. Man ſollte glauben, daß ſie das intereſſirt, ſagt Dufour ganz leiſe zu Viector: Findeſt du das nicht auffallend?— Ach! Dufour, was biſt du mit all' deinen Vermuthungen langweilig!... Wenn es mir aber doch ſo vorkommt, als wäre hier im Hauſe nicht Alles recht richtig... Gott gebe, 150 ₰ daß mein Argwohn nicht gegruͤndet iſt, das iſt alles, was ich wuͤnſche!... Eine alte boͤſe Frau, zwei Kerls, die wenihſtens ſechs Fuß hoch ſind, und ein junges Maͤdchen, das Niemand gerade an⸗ ſehen kann, das iſt ziemlich verdaͤchtig... Sage doch, Victor, erinnerſt du dich eines Romans aus dem Engliſchen von Lowis..„Der Moͤnch.“ Haſt du ihn geleſen? he?— Natuͤrlich, und was weiter?. Wenn ich an den Mann denke, ſchaudert mir die Haut, Es koͤmmt eine Raͤuberſcene in einem Wal⸗ de darin vor... Gewiß! unſere Lage hat viel Ahnlichkeit damit!... Ach, ſo geh'! ich glaube, du biſt naͤrriſch! Zu Tiſche, meine Herren; ſagt der Herr des Hauſes aufſtehend. Wir bieten Ihnen an, was wir haben. So ſpaͤt Abends kann man nichts Beſ⸗ ſeres mehr ſchaffen!— Sehr gut, ſehr gut! auf der Reiſe laͤht man den Appetit ſorgen; uͤbrigens iſt Euer Tiſch ja recht huͤbſch beſetzt. — 151 Victor ſett ſich, und Dufour nimmt neben ihm Platz. Alle Bewohner des Hauſes ſetzen ſich gleichfalls, ohne weitere Umſtaͤnde. Das junge Maͤdchen iſt den Fremden gegenuber, hebt von Zeit zu Zeit die Augen, um ſie zu betrachten, ſchlaͤgt ſie aber immer ſogleich wieder nieder, ſo wie ſie glaubt, beobachtet zu ſein. Aus Gemüſen und Eiern beſteht das Mahl; Victor macht ihm alle Ehre; Dufour aber ißt nur wenig, und das erſt, nachdem er ſeine Wirthsleute hat eſſen ſehen. Magdalene nimmt beinahe gar nichts zu ſich, und ſpricht keine Silbe; die Alte ſchilt auf Magdalene, dab ſie nichts ißt, auf ihren Sohn, daß er zu viel ißt, und auf ihren Mann, daß er nicht aufhoͤrt zu trinken. Dufour bemerkt Alles. Die Blicke, welche Magdalene verſtohlen auf ihn und ſeinen Freund wirft, beunruhigen ihn am meiſten. Man ſitzt noch bei Tiſche, als plotzlich ein hef⸗ eiger Schlag an der Hausthür erſchallt. S 132—8 Da kommt ja noch recht ſpaͤt Beſuch! ſagt Vietor.— Ja, und bei ſehr ſchlechtem Wetter! ſetzt Dufout hinzu. Aha! ich wette, ich weiß wer es iſt! erwiedert Meiſter Grandpierre mit bedeutungsvollem Lacheln. Heda, wer klopft? Nun, zum Teufel, ich bin's; wollt Ihr mich denn bei dem heftigen Regen nicht einlaſſen? er⸗ wiedert eine rauhe Stimme, die unſeren beiden Reiſenden nicht unbekannt zu ſein ſcheint. Ich dachte es wohl, ruft Grandpierre, es iſt Jacob! Der junge Bauer oͤffnet die Thuͤr, und der Mann mit der Senſe tritt, ſein Arbeitsgeraͤth immer noch im Arme, in's Zimmer. Dufour fährt vom Stuhl auf, druͤckt ſeinem Nachbar das Knie, indem er murmelt: Gott, das iſt der Mann aus dem Walde!— Nun, das ſehe ich wohl. — Und dir faͤllt es nicht auf, daß er uns hier her folgt?— Warum ſoll er nicht eben ſo gut hier einkehren koͤnnen, wie wir?— Du merkſt nicht, nich e⸗ en daß er uns den Weg hier her nur darum gezeigt hat, weil er ſicher war, daß wir genoͤthigt ſein wuͤrden, hier Obdach zu ſuchen; und das junge Maͤdchen, das uns immer von der Seite anſchielt? ich glaube, es hat Luſt, uns Zeichen zu geben.— Nicht wahr, weil ſie in dich verliebt iſt?— Nun, wir werden ja ſehen, ob es immer zum Lachen bleibt! Nachdem Jacob ſeine Senſe gegen die Wand ge⸗ lehnt hat, naͤhert er ſich dem Tiſche, und die bei⸗ den Reiſenden gewahr werdend, ruſt er mit ſeinem ihm eigenthuͤmlichen ironiſchen Laͤcheln: Ah ſieh da, meine Herren, alſo ſo uͤbernachten wir in Breéville? Ich hatte Ihnen doch den richtigen Weg gezeigt? — Ja, ein ſchoͤner Weg⸗ Euer Weg! Hundertmal waren wir in Gefahr, den Hals zu brechen! Wie, Jacob, du kennſt meine Gaͤſte? fragt der Wirth, ihm die Hand reichend. Ei freilich! ich habe das Vergnugen gehabt, ſie im Walde anzutreffen.... Ha ha, ich könnte dir = 16 85 ſogar ſagen, wie viel ein jeder der Herren in ſeiner Boͤrſe hat, he he! Na, dacht' ich's doch! ſagt Dufour: es iſt klar, daß er die beiden Grandpierre's im Holze erwartete, und da ſie nicht kamen, hat er uns zu chnen hier her geſchickt; es iſt keine Frage. Jacob, ſetze dich; du wirſt doch wohl gern ein Glas mit uns trinken?— Recht gern! Guten Abend, Frau Grandpierre; guten Abend, Babo⸗ lein; guten Abend, meine kleine Magdalene! Mutter und Sohn hat Jacob nur mit einem einfachen Kopfnicken gegruͤßt; aber indem er ſich an Magdalene wendet, veraͤndert ſich ſeine Stimme, ſie wird ſanfter, ſeine Manieren werden hoͤflicher, und wenn gleich er die Hand des Maͤdchens ergreift, ſo ſchüttelt er ſie nicht auf derbe Weiſe, ſondern drückt ſie mit einem Ausdruck des Gefühls und der Zuneigung. 4ℳ iner klar, tete, hier —= 155 S8 Magdalene hat ihrer Seits ihm einen freundli⸗ chen guten Abend geſagt, ſo daß man ſehen kann, ſeine Gegenwart ſei ihr angenehm. Du kommſt noch recht ſpät, Jacob?— Ja! Was wollt Ihr, ich bin erſt ſpaͤt von Vater Tho⸗ mas ſortgekommen, dann hatte ich in Samoncey zu thun, man hatte mir Arbeit verſprochen. Alles das hat mich aufgehalten; und nun dieſer Regen. Ich habe gedacht: anſtatt noch nach Gizy zu gehen, willſt du bei Grandpierre die Nacht bleiben;.. ich mache nicht viel Umſtände!... ich ſchlafe, wo ich gerade bin.— Du haſt Recht, Alter; und da wollen wir ein Glaͤschen mehr trinken! Zur Geſundheit, meine Herren! Victor hat nicht mehr Luſt, es zu erwiedern; er gaͤhnt und macht ſeinem Freunde den Vorſchlag, * zu Bett zu gehen. Noch einen Augenblick: etwiedert dieſer, und füͤgt leiſe hinzu: Wer weis, ob man nicht auf unſeren Schlaf wartet, um uns uͤber die Seite zu 156 ₰ ſchaffen? Dieſer Jacob, der uns hier aufſucht, der hier die Nacht bleiben will, und die Kleine, ſieh' doch, wie ſie uns betrachtet, und welchen be⸗ ſonderen Ausdruck im Geſicht.. Ich bitte dich, Vietor; ſchlafe nicht ein! Nun, meine kleine Magdalene, und wir ſind ganz ſtill? ſagt Jgcob, nachdem er mit ſeinem Freunde angeſtoßen hat: Wr ſehen heut Abend ja ſehr traurig aus, mein Kind?— Erräthſt du denn nicht die Urſache? erwiedert Grandpierre: Magdalene iſt ſo, ſeit... Hier ſpricht der Bauer leiſer zu Jacob, ſo daß Dufour ihn nicht weiter verſtehen kann, und ſich nur bemuͤht, in ſeiner Phyſiognomie zu leſen, wo⸗ von die Rede iſt. Beide Freunde ſprechen noch eine Weile heimlich zuſammen, und Dufour bemerkt, daß ſie dabei mehre Male ihn und Victor anblicken, als gaͤlte ihnen die Unterredung; er fuͤhlt ſich da⸗ durch ſehr unangenehm angeregt; er blickt immer argwöhniſch umher. Vietor iſt beinahe eingeſchla⸗ —— — aufficht, Kleine, ſchen be⸗ itte dich, wir ſind ſeinem bend ja hſt du wietre: ſo deß nſch „we⸗ h eine merkt. icken, nmer = 157 S fen; mit der alten Frau iſt es eben ſo; das junge Maͤdchen hat die Augen niedergeſchlagen, und eine unverkennbare Traurigkeit druͤckt ſich auf ihrem Geſichte aus; der große Babolein heftet, einer Statue aͤhnlich, ſeine Augen auf Magdalene, und ſein halb geoͤffneter Mund giebt ſeinen ſchon ein⸗ faͤltigen Geſichtszuͤgen das Gepräge der entſchieden⸗ ſten Dummheit. Am Ende des Tiſches ſprechen Grandpierre und Jacob immer noch leiſe mit ein⸗ ander; die Lampe, welche vor unſeren Gaͤſten ſteht, verbreitet nur noch ein ſchwaches Licht, und laͤßt den uͤbrigen Theil des Zimmers beinahe in volliger Dunkelheit. Auch der Laͤrm des Regens in den Baͤumen und gegen die Fenſter ſcheint das Unheim⸗ liche und Traurige dieſes Gemaoͤldes zu erhoͤhen. X Ein Schrei Vietor's verndert plotzlich den Stand der Dinge Er hatte ſich, einſchlafend, auf ſeinem Stuhl gewiegt, und oͤffnet die Augen wieder, als er hinten uͤber zu fallen glaubt. = 153 S Was giebt's! ſagt Frau Grandpierre, ſich die Augen reibend. Nichts, nichts, gute Frau, erwiedert Vietor lachend; es thut mir leid, Euch erſchreckt zu haben aber ich bin, wie Ihr, eingeſchlafen, und es fehlte nicht viel, ſo lag ich unter'm Tiſch.... Ich daͤchte, um zu ſchlafen, waͤren wir im Bett beſſer... Alſo komm Dufour.... biſt du denn nch nicht mit Eſſen fertig?— Du ſcheinſt ſehr eilig, laß mich doch eſſen.. Nun, nach Gefallen, Freund! bleib' bei Tiſche, ſo lange du willſt; ich werde mich niederlegen. Herr Wirth, ſeien Sie ſo gut, mir mein Zimmer anzuweiſen. Victor ſteht auf, und Dufour thut murrend daſſelbe. Magdalene hat ſich beeilt, ein Licht zu ergreifen, und will die Reiſenden fuͤhren; aber Grandpierre nimmt ihr das Licht mit den Worten aus der Hand:„Bleib nur. bzt ich werde die Ehre haben, die Herren ſelbſt zu begleiten⸗“ ſch die Vieto haben „1nd 1Bett denn ſehr Liche⸗ rlegen⸗ imme urrend cht 3 aber yrten e die — 159 ₰2 Die Kleine gehorcht; doch ſcheint ſie es ungern zu thun. Duſour bemerkt es, und ſtoͤßt, ſeinen Freund folgend, einen tiefen Seufzer aus. Gute Nacht, meine Herren, ſagt Jacob mit ſei⸗ nem ironiſchen Laͤcheln; vielleicht habe ich nicht das Vergnuͤgen, Sie wieder zu ſehen, aber ich denke, morgen werden Sie wohl meiner nicht mehr beduͤr⸗ fen, um den Weg nach Breville zu finden!— Ich hoffe es, entgegnet Victor, Dufour aber erwiedert nichts; und wirft noch einen Blick auf Magdalene. Die Kleine hat in dieſem Augenblick die Augen mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck auf ihn und Victor geheſtet. Beide Freunde folgen dem Wirth zur Treppe, und das junge Mädchen begleitet ſie mit den Augen, ſo lange ſie kann. Meiſter Grandpierre geht voran, er geleitet un⸗ ſere Reiſenden durch einen kleinen, ſehr engen Gang, welcher zu einer anderen Treppe fuͤhrt; auf einem Abſatz derſelben tritt er in einen Corridor, und ruft: Nun hier herern! meine Herren. = 160 ₰= Wo Teufel, wird er uns denn hinbringen? ſpricht Dufour; dies Haus iſt ziemlich groß fuͤr eine Dorfſchenke.. Wie knarrt der Fußboden unter unſeren Tritten es iſt als ob man auf Fallthuͤren geht.... k*. Grandpierte offnet eine Thur, und laßt die Rei⸗ ſenden in ein ziemlich großes Zimmer treten, wor⸗ in ſich zwei Betten befinden. * Hier iſt Ihr Zimmer, meine Herren, ich denke, hier werden Sie ſchlafen, ohne aufzuwachen. Das denke ich auch zu thun, ſagt Victor. Ich habe einen ſehr leiſen Schlaf, bemerkt Du⸗ four, uſ iche aue Augenblicke in der Nacht auf; aber ich habe ein Buch bei mir, und werde mir die Zeit mit Leſen vertreiben.* Des Nachts leſen, mein Herr, erwiedert der Wirth, indem er das Licht auf den Kamin ſetzt, ich daͤchte doch, es waͤre beſſer zu ſchlafen; alles hat ſeine Zeit, und Sie muͤſſen doch ſehr muͤde en? ſͤr den guf Kei⸗ or⸗ e, uf; de tt⸗ les de Nun, ich werde thun, was mir gefaͤllt, ich denke doch, das wird mir Niemand wehren... O, das iſt gewiß; nun! wie es beliebt. Gute Nacht, meine Herren. Der Wirth will gehen, aber Dufour, der mit den Augen das Schlafzimmer ſchon unterſucht hat, ruft ihn mit den Worten zurůc: Ach! Herr Grandpierre, verzeiht, noch eine Frage. Was iſt denn das da?. und be⸗ zeichnet dabei eine Thuͤr, den Betten gegenuͤber, welche auf dieſer Seite weder Schloß noch Riegel hat. Das da! meiner Treu! das iſt eine Thuͤr, er⸗ wiedert der Wirth lachend.— Ich ſehe wohl, daß es eine Thuͤre iſt, aber wie iſt ſie denn verſchloſ⸗ ſen? Je nun, mit einem Schluͤſſel.... von der an⸗ deren Seite, aber ſie wird nie aufgemacht; ſie iſt ſchon lange nicht mehr im Gebrauch, und jetzt ganz unnüh. ich weiß ſelbſt nicht einmal mehr, iſter Theil.„ 11 1 z 3 = 162= wo der Schluͤſſel iſt.... übrigens denke ich doch, die Herren werden unbekuͤmmert ſein, und bei mir keine Furcht vor Raͤubern haben. Nein, gewiß nicht, Herr Wirth... aber wenn Ihr auf meinen Freund hoͤren wolltet; der iſt ſo neugierig, und kann nicht aufhoͤren zu fragen.... er moͤchte gern alles wiſſen. Es wundert mich, daß er Euch nicht ſchon gefragt hat, warum Euer Haus hier im Walde liegt... Ich denke doch, es iſt keinesweges unbeſcheiden, wenn ich mich erkundige, wohin die Thuͤr fuͤhrt, entgegnet Dufour mit Laune; ich mag nicht gern geſtört ſein... wenn ich leſe.. und in der Regel laſſen ſich doch die Thuͤren der Zimmer von innen verſchließen, aber es ſcheint, hier iſt es nicht, wie uͤberall! Sein Sie unbeſorgt, mein Herr; es wird Sie hier Niemand ſtoͤren. Gute Nacht mein Freund Jacob wartet.. Der Wirth verlaͤßt das Zimmer und macht die n el e 165 8 Thuͤr hinter ſich zu; man hoͤrt ſeine ſchweren Tritte auf dem Fußboden des Corridors, aber das Geraͤuſch wird ſchwaͤcher, und bald ſcheint die groͤßte Stille im Hauſe zu herrſchen. Victor entkleidet ſich, und iſt Willens ſich nie⸗ derzulegen; da verſucht es Dufour, ihn mit den Worten daran zu hindern: Und du willſt wirklich zu Bette gehen?..— Nun, und warum nicht?— Du erraͤthſt alſo nicht, wo wir ſind?..— Zum Teufel, wir ſind in einem Gaſthauſe, in der Mitte des Waldes... ſo ſanft werden wir nicht gebettet ſein, als bei de Breville, aber eine Nacht iſt bald vergangen! Ach! das alles waͤre gar nichts, wenn wir nur bei rechtlichen Leuten waͤren, aber ich bin vom Gegen⸗ theil nur zu ſehr uͤberzeugt.... Du, du ißt, trinkſt, ſchlaͤfſt und bemerkſt nichts!— Weil mir hier durchaus nichts aufgefallen iſt.— Mein lie⸗ ber Victor, fuͤr einen Mann von Geiſt haſt du in der That wenig Scharfſinn; wir ſind in einer Raͤu⸗ = 164 5 berhohle, und dieſe Nacht wird man uns ermor⸗ den, um uns zu berauben, denn dieſer Boͤſewicht, dieſer Jacob, wird nicht ermangelt haben, es zu verrathen, daß du 1200 Francs bei dir haſt. — Was iſt das fuͤr tolles Zeug, du traͤumſt nur von Riubern und Mordern!... Weißt du, daß mit dir ſchlecht reiſen iſt. Ich rathe dir, nicht zu heirathen, denn jede Nacht wuͤrdeſt du traͤumen, daß du Hahnrey biſt.— Es iſt jetzt nicht Zeit zum Spaßen. daß ich kein Poltron bin, iſt dir bekannt; aber ich finde es laͤcherlich, ſich ſo in der Falle fangen zu laſſen, ohne ſich vertheidigen zu wollen.— Und woher glaubſt du denn, daß wir bei Spitbuben ſind?— Nach allem, was ich ſehe... Erſtens dies Haus mitten im Walde.. dieſer Grandpierre und ſein Sohn, welche beide ſechs Fuß hoch ſind die Waffen, welche ich hinter der Thür bemerkt habe. dieſer Jacob, der uns hierher ſchickt, und nachher ſich ſelbſt ein⸗ ſindet, obgleich er geſagt hatte, im Dorf⸗ Samon⸗ —— = 165 ₰= cey zu thun zu haben; endlich, und das rechtfer⸗ tigt unſeren Verdacht beſonders, das Betragen der or⸗ ht, . Magdalene, die weder Magd, noch wer weiß was, im Hauſe iſt.. O, wenn du das junge Maͤd⸗ chen, ſo wie ich, beobachtet haͤtteſt, du wuͤrdeſt u errathen haben, daß hier im Hauſe etwas Außer⸗ 3 ordentliches vorgeht.... die Kleine iſt traurig, 6 bleich; ſchlaͤgt die Augen nicht auf... Iſt das u die Haltung und Manier einer Baͤuerin? Bei i Tiſche, wenn ſie glaubte, die Vausbewohner be⸗ n merkten es nicht, dann firirte ſie uns, verſchlang uns mit den Augen; das iſt das wahre Wort . Die arme Kleine!. ich bin uͤberzeugt, ſie kennt . das Schickſal, das uns erwartet, und wollte uns retten, uns davon zuvor Kenntniß geben. Als wir die Wirthsſtube verlaſſen wollten, war ſie ſo⸗ gleich bereit, uns zu leuchten, aber ihr Herr riß ihr das Licht aus den Händen, und befahl ihr un⸗ ten zu bleiben: er fuͤrchtete, ſie koͤnnte uns mit den uns drohenden Gefahren bekannt machen. Wenn „* .— F% 166 ₰ du es geſehen haͤtteſt, wie das arme Kind uns mit den Augen verfolgte, bis wir das Zimmer ver⸗ laſſen hatten.... Ach! ſie iſt nicht hubſch, die Kleine, aber in dem Augenblick, glaube es mir, war ſie ſchoͤn. ſo viel Ausdruck hatten ihre Au⸗ gen!... Und jetzt ſieh das Zimmer, wohin man uns gebracht hat, iſt das duͤſter, iſt das unheimlich und dieſe Thuͤr, die man von dieſer Seite nicht verſchließen, von der anderen Seite aber nach Gefallen oͤffnen kann.du wirſt mir doch eingeſtehen, daß das alles bedenklich iſt, und daß man in keinem anderen Wirthshauſe ſolche Thuͤren findet. Victor hat Dufour mit Aufmerkſamkeit zuge⸗ hoͤrt, aber als dieſer geendigt hat, fährt er ruhig fort ſich auszukleiden. Wie! du willſt noch immer zu Bett gehen?— Mein lieber Dufour, ſind wir bei Raͤubern, ſo iſt keine Ausſicht mehr, uns zu retten, und ſn wir bei ehrlichen Leuten, ſo haben deine Vermuthungen = 167 S8 keine geſunde Vernunft. In dem einen oder ande⸗ ren Falle, denke ich, thue ich am beſten, mich niederzulegen. Wenn der Tod uns im Schlaf uber⸗ raſcht, ſo vertauſchen wir nur einen Schlaf mit dem andern. Ich habe eben keine Eile, dieſen Schlaf zu ko⸗ ſten. Warum ſoll man nicht verſuchen, ſich zu ret⸗ ten? Pielleicht koͤnnten wir es noch.. Sieh hier das Fenſter... Dufour offnet das Fenſter, welches auf einen eleinen Hof fuͤhrt; aber es war ſtockfinſter, und unmoͤglich, mit den Augen die Hoͤhe bis zum Erdboden zu meſſen. Nache das Fenſter nur wieder zu, mein Freund, ich habe nicht Luſt, mir das Genick zu brechen, um einer eingebildeten Gefahr zu entgehen. Ich habe keinesweges die überzeugung, daß unſere Wirthleute ſchlechte Menſchen ſind.... Dieſer Granöpierre hat im Gegentheile viel Offenheit in ſeinem Veſen und Betragen.— Trunkenheit willſt 5,= 163 ₰ du ſagen.— Daß e und ſein Sohn ſechs Fuß groß ſind, darin finde ich keinen Grund, ihre Recht⸗ lichkeit zu bezweifeln; und wenn das Maͤdchen dir Zeichen gemacht, und dich, wie du meinſt, mit den Augen verſchlungen hat, ſo haſt du ihr wahr⸗ ſcheinlich eine beſondere Zuneigung eingefloͤßt, du wirſt ihre Eroberung gemacht haben.. ganz ge⸗ wiß du biſt am liebenswürdigſten, wenn du es am wenigſten denkſt.— Victor, du haſt ſehr Unrecht, mir nicht zu glauben!— Na, ich gehe zu Bett, und rathe dir, es eben ſo zu machen. Wir haben heut einen tuͤchtigen Marſch gemacht, und du wirſt ſo gut müde ſein, als ichnz Gute Nacht, Dufour.... Morgen wirſt du herr⸗ liche Studien im Walde machen, und wenn die kleine Magdalene dir morgen auch noch zunickt, ſo kannſt du vielleicht auch mit ihr einige Studien vornehmen. 2 Victor hat ſich, trotz der Gegenvorſtellungen ſeines Freundes, niedergelegt; dieſer iſt unent⸗ — groß cht⸗ dir mit ghr⸗ du . = 169 ₰ ſchloſſen, was er thun ſoll. Er geht im Zimmer auf und nieder, bleibt ſtehen, horcht an beiden Thuͤren. Bald bemerkt Dufour, daß ſein Reiſe⸗ gefaͤhrte eingeſchlafen iſt; die Ruhe, welche Victor genießt, macht ihm Luſt, ihm nachzuahmen; un⸗ geachtet ſeiner Unruhe fuͤhlt er, daß der Schlaf ihn befaͤllt; aber bevor er ſich niederlegt, will er noch eine genaue Reviſion des Zimmers anſtellen, um ſich zu uͤberzeugen, daß ſich nirgend eine Fall⸗ thuͤre oder ſonſt ein Ausgang, außer jenen beiden Thuͤren, vorfindet. Er nimmt das Licht, und beginnt ſeine Inſpe⸗ etion; er befuͤhlt die Waͤnde, ſieht unter die Moͤ⸗ bel; er entdeckt nichts Verdächtiges; auch exami⸗ nirt er die Thuͤr, welche ihn ſo beſorgt macht, von oben bis unten; ſie iſt ſchon alt, und hat an mehren Stellen breite Spalten; indem er dieſe betrachtet, glaubt er ein ſchwaches Licht zu bemer⸗ ken; er ſetzt ſogleich ſein Licht in einen Winkel des Zimmers, und ſieht noch einmal emſig durch eine 170 ₰ der Spalten. Das Licht nimmt zu, und ein leich⸗ tes Geraͤuſch laͤßt ſich yören. Dufour iſt ganz Ohr, und ſperrt die Augen nach Moͤglichkeit auf, um beſſer zu ſehen. Das Geräuſch naͤhert ſich; es ſind Schritte; zwei Perſonen kommen den Corridor ent⸗ lang, welcher ohne Zweifel hinter der Thuͤr iſt. Die eine der beiden Perſonen loͤſcht ein Licht aus. Dufour erkennt Magdalene, und an ihrer Seite den Mann, der ſie durch den Wald geführt hat. Zacob ſpricht zu dem jungen Maͤdchen; etwa vier Schritt von der Thuͤr entfernt bleiben ſie ſte⸗ hen, und jetzt kann Dufour ſie verſtehen. Das junge Mädchen weint, und der Blouſenmann er⸗ greift ihre Hand. Tröſte dich, Magdalene, troſte dich; die Thranen helfen zu nichts. Ich weiß wohl, daß die Weiber immer ihre Zuflucht dazu nehmen!... haben ſie Kummer, ſo muͤſſen es die Augen entgelten.. Aber du mußt auch nicht gar zu troſtlos ſein; man kann ja nicht wiſſen, wie es noch kommen kann! eich⸗ Ohr, ſid ent⸗ iſt. gls. eite N = 171 S Ach, mein lieber Jacob, Ihr verſucht es ver⸗ gebens, mich zu troͤſten, ich ſehe wohl, daß es vorbei iſt, daß es keine Hoffnung mehr giebt; ver⸗ gebens ſpreche ich mir Muth zu: ich hatte mich an meine Lage gewoͤhnt, ich ertrug ſie, ohne mich zu beklagen; aber jetzt, jetzt, fuͤhle ich, ſoll ich noch ungluͤcklicher werden! Ich ſage dir, du biſt ein Kind, daß du ſo weinſt, und woruͤber? mein Gott, uͤber Men⸗ ſchen, die es nicht werth ſind, die deinen Kum⸗ mer nicht verdienen! O, der Boͤſewicht, der Gauner! ſeufzt Dufour: er ſpricht von uns, ich bin meiner Sache gewiß; er findet, daß wir die Theilnahme Anderer nicht verdienen.... Ah, Schurke, wenn ich ein Piſtol haͤtte, wie wollte ich dich hier durch dieſe Offnung niederſchmettern! Nach einigen Augenblicken, waͤhrend ſie ſich die Augen getrocknet hat, hebt Magdalene wieder an: Ihr findet, daß ſie meine Theilnahme nicht ——————— = 172 8 verdienen? Ach, Jacob, Ihr koͤnnt nicht ſo fuͤhlen wie ich! Ich hoffte, es ſollte anders kommen jetzt ſehe ich wohl, daß ich auf ein Gluͤck, wie ich es mir geſchmeichelt hatte, Verzicht leiſten muß. Aber nun hier bleiben.. dieſer Babolein und Frau Grandpierre!... Ach, ich lebe in einer ewigen Qual! Ja, ja, ich kann es mir wohl denken! Arme Magdalene, es ſollte Alles anders ſein!... Mehr als jeder Andere beklage ich dich!— Ihr, Jacob? — Ja, ich!... aber leider kann dir das nicht viel helfen! Geh' nun, Magdalene, und ſtärke dich durch einen ruhigen Schlaf; ich wiederhole es, ver⸗ gieße fuͤr Leute, die es nicht verdienen, keine Thränen mehr!— Das iſt leicht geſagt, aber ich habe es nicht gelernt, meinem Herzen Gewalt an⸗ zuthun! Jacob druͤckt des jungen Maͤdchens Hand, und entfernt ſich durch den Corridor; Magdalene oͤffnet eine Thuͤr, und verſchwindet mit dem Lichte. fühlen mmen Glüch leiſen bolein einer Anme Mehr acbb? icht dich „ver⸗ eine e ich lt au⸗ Und ifnt = 173 25 Was ich ſo eben gehoͤrt habe, ſcheint mir ziem⸗ ich klar, ſagt Dufour, indem er die Thuͤr ver⸗ laͤßt: Dies junge Maͤdchen intereſſirt ſich lebhaft fur uns, ſie moͤchte uns retten, und iſt untroͤſtlich, weil ſie ſieht, daß es unmoͤglich iſt.. Dieſer elende Jacob wird uns mit ſeiner Senſe wie Tau⸗ ben abſchlachten! Ach, wenn Viector dieſe Unter⸗ redung gehoͤrt hätte!... aber er ſchläft, als waͤre er zu Hauſe.... Was nun anfangen? Wenn ich Magdalene riefe... dann wuͤrden mich die Ande⸗ ren aber auch hoͤren, und um ſo ſchneller herbei⸗ eilen. Niemals habe ich mich in einer ähnlichen Lage befunden! Dufour laͤuſt im Zimmer auf und nieder, horcht an den Thüren, aber Alles iſt ſtil. Die Muͤdig⸗ keit uͤberwältigt bald nin Unruhe, die Augen ſal⸗ len ihm wider Willen zu. Er beſchließt, ſich, wie Victor, niederzulegen, und ſein Schickſal abzuwar⸗ ten. Er legt ſeufzend ſeine Uhr auf den Tiſch, er glaubt ſie aber da nicht ſicher; er ſteckt ſie unter 174 B5 das Kopſfkiſſen, und ſpricht: Nur mit meinem Leben ſoll man ſie haben!. ich will lieber ſter⸗ ben, als gepluͤndert werden!... Sie moͤgen kom⸗ men, ich habe zwar keine Waffen, aber Muth er⸗ ſetzt ſie oft zehnfach.... Alles kann mir uͤbrigens dazu dienen, Alles, ſogar.., ja, ja, meiner Treu... damit kann man einem ſchon einen tuͤch⸗ tigen Schlag verſezen, und augenblicks betauben! ich werde ihn auch verſtecken! Bei dieſen Worten ergreift er das Nachtgeſchirr, und verbirgt es im Bette zwiſchen dem Stroh und der Matratze. Nach allen dieſen Vorſichtsmaßre⸗ geln legt er ſich nieder. Er hat den Vorſatz, wach zu bleiben; aber lange kann er dem Schlafe nicht widerſtehen, er empſfiehlt der Vorſehung die Sorge, die drohenden Gefahren von ihm abzuwenden, und die Vorſehung wiegt ihn in einen ſeſten Schlaf..„ Das iſt oft das Beſte, was ſie fuͤr das Gluͤck der Menſchen thun kann. — ——— —— —— 5 Capitel VI. Das Erwachen. en iner . Die Sonne ſcheint bereits in's Zimmer, als Dufour die Augen oͤffnet. itr, Er kann ſich nicht ſogleich auf die Begebenheiten 1 des Abends beſinnen, jedoch nach und nach kehrt „ ſein Gedaͤchtniß zuruͤck; ganz erſtaunt, ſich noch lebend zu finden, ſieht er furchtſam um ſich; er K ſch erblickt Victor noch im feſten Schlafe. Die Kleider liegen auf derſelben Stelle, wo ſie hingelegt worden „. ſind, nichts iſt im Zimmer veraͤndert, das, von der Sonne erleuchtet, unſerm Reiſenden ein ganz an⸗ deres zu ſein ſcheint. Es hat nicht mehr dieſes duͤſtre, geheimnißvolle Anſehen, welches den Abend vorher ihm ſo mißfiel; es iſt ein geraͤumiges, vier⸗ „ = 176 ₰ eckiges Gemach, mit einer blumigen Tapete von heiteren Farben, und durch das Fenſter erblickt man die Baͤume des Waldes, deren Laub, vom Regen erfriſcht, im lebhafteſten Gruͤn erglaͤnzt. Dufour reibt ſich die Augen; er fuͤhlt ſich ſo zufrieden und erheitert; er faͤhrt mit der Hand un⸗ ter das Kopfkiſſen, und indem er ſeine Uhr beruͤhrt, kann er nicht umhin, uͤber ſeine Furcht am Abend zu laͤcheln. Er ſieht nach der Uhr, und ruft ver⸗ wundert aus: Acht Uhr!... ſchon acht Uhr vor⸗ bei! In der That, das heißt gut geſchlafen! Wollah, Victor, friſch auf, Faulpels! es iſt acht 1 Uhr; wirſt du nicht endlich aus den Federn kommen? Alſo ſind wir doch nicht gemordet? ſagt Victor, ſeine Glieder ſtreckend. 0 dachte, wir waͤren in einer Raͤuberhohle. du weiht doch noch, Dufour? — Nun meinetwegen, ſchilt mich aus, mache dich über mich luſtig, mir iſt es gleich; ich bin dieſen Morgen ganz anderen Sinnes! Ich hatte Unrecht, ich gebe es zu, ich bin dieſen rechtlichen Leuten zu = 177 S5 e von nahe getreten. Indeſſen Geheimniſſe giebt's hier im tmen Hauſe, denn waͤhrend du ſchliefeſt, habe ich von egen der kleinen Magdalene ganz ſonderbare Sachen ge⸗ hoͤrt.— Das haſt du getraͤumt.— Nein, nein, ſch ſo es war kein Traum; aber, in der That, es ſcheint, dur⸗ als geht es uns nichts an, und das iſt die Haupt⸗ uiht ſache.... Ach, und einen Appetit habe ich heutet ich werde mich fuͤr meine Mäßigkeit von geſtern Abend . entſchoͤdigen, ich werde fruͤhſtuͤcken, es ſoll eine vor⸗ Freude ſein!... Auweh... he, Teufel! mein laftnl Gott, ich bin verwundet! ect Indem Dufour ſich dem Gedanken an ein gutes. 8. Fruͤhſtuͤck hingab, ſprang er im Bette hoch auf; et, er hatte es vergeſſen, daß er am Abend in ſeiner 1 en in Herzensangſt etwas zwiſchen der Matratze und dem Strohe verſteckt hatte; bei der heftigen Bewegung . hatte er es entzwei geſchlagen, und ein ſpitziger 3 Scherben ihn irgendwo verletzt. „ Waos Teufel haſt du denn? fragt Victor: zer⸗ „ brichſt du Teller in deinem Bett?— Ach, es ſind n z iſter Theil. 12 173 ₰5 keine Teller ich hatte es nur vergeſſen, daß ich geſtern Abend aus Vorſicht, und in Ermangelung von Waffen, etwas unter die Matratze geſteckt hatte. O lieber Victor, ich bitte dich, ſieh' nach, ob ich nicht vielleicht gefahrlich verwundet bin!— Ei, ei Dufour, du wollteſt dich vertheidigen mit einem...2 — Laß' gut ſein, er haͤtte wohl immer einen Dolch⸗ ſtich abgehalten.— Das iſt eine neue Art von Schild, woran Don Quichotte nicht einmal gedacht hat.— Ich bin ſchwer verwundet, nicht wahr?— Nun ja, eine leichte Verletzung, ich wuͤnſchte, daß dich das von deinem ewigen Mißtrauen heilte.— Ich werde Mehl darauf legen.— Ja, ja! du ſoll⸗ teſt die kleine Magdalene bitten, dich zu verbinden. — Schon gut, ſchon gut! wenn ſie huͤbſcher wäre, hätteſt du ſie dir ſchon ganz anders verbunden, nicht wahr? übrigens werde ich mit dem jungen Mädchen heute Morgen ein Wenig zu plaudern verſuchen, ich muß wiſſen, warum ſie uns geſtern ſo oft anſah und ſeufzte, dennich bin meiner Sache gewiß, ſie hat geſeuftt. —— diß lung tte. ich „ki, lch⸗ von ſcht doß 179 5 Victor hat ſich angekleidet; er offnet das Fenſter, und entdeckt hinter dem Hofe einen kleinen Garten. Auch Duſour tritt an's Fenſter, nachdem es ihm endlich gelungen iſt, ſich zu erheben. Eine aller⸗ liebſte Ausſicht; dieſer Hof, dort der Garten, die Blumen und endlich das Gehoͤlz, welches das Ge⸗ maͤlde umſchließt! Das muß ich zeichnen!— Ge⸗ ſtern, ſchien es mir, fandeſt du dieſen Aufenthalt ſehr traurig.— Geſtern war es auch dunkel; ſieh, lieber Freund, nichts kann ein Gemaͤlde ſo verſcho⸗ nern, als die Wirkung des Lichts. In dieſem Augenblicke klopft es an die Thuͤr, und unſere Freunde erkennen die Stimme des Wir⸗ thes, welcher um Erlaubniß bittet, einzutreten. Nur herein, nur herein, mein lieber Herr Wirth! ſchreit Dufour, indem er die Thuͤr oͤffnet, und Grandpierre mit Herzlichkeit die Hand druͤckt. Ich komme nur, um mich zu erkundigen, ob die Herren gut geſchlafen haben, und ob ſie zu fruͤh⸗ ſtuͤcken wuͤnſchen?— Ja, ja, Herr Wirth, wir —.— ——— ——— —————— * = 180 ₰ fruͤhſtuͤcken! Nicht wahr, Victor, wir fruͤhſtuͤcken doch mit unſerm freundlichen Wirthe?— Sehr gern!— Und was unſeren Schlaf anbelangt: ich bin nicht einmal aufgewacht, ich habe ſehr gut geſchlafen.— Das freut mich, meine Herren.— Iſt man bei ehrlichen Leuten nicht immer gut auf⸗ gehoben? Der gute Grandpierre, was er fuͤr ein einnehmendes Geſicht hat; nicht wahr, Victor, unſer Wirth ſieht recht offen und rechtſchaffen aus? Ich muß Euch malen, mein lieber Grandpierre!— O, der Herr iſt zu guͤtig!— Ja, gewiß, wenn wir in Breéville ſein werden, komm ich her, Euer Por⸗ trait zu machen.... Und Euer Freund Jacob, werden wir ihn heut noch ſehen?— Nein, mein Herr! Jacob iſt mit Anbruch des Tages ſchon zur Arbeit gegangen.. Teufel auch, er iſt nicht reich! Vor vier Jahren braunte ihm ſein Haus, ſeine Erndte ab; er verlor das Wenige, was er be⸗ ſaß, und war genoͤthigt, bei Anderen Arbeit zu ſuchen; aber das hat ſeiner frohen Laune nichts ge⸗ 131 8* ſchadet, und nichts deſto weniger behielt er ſeine alte ſchwaͤchliche Tante in der Pflege. O, Jacob iſt ein rechtſchaffener Mann; ein Bischen rauh, ungehobelt, wie man hier zu Lande ſagt, aber von Jedermann wegen ſeiner Redlichkeit geachtet. Ja, ja, mein lieber Grandpierre, was Ihr da ſagt, wundert mich gar nicht; dieſer Jacob hat eine ganz eigenthuͤmliche Phyſiognomie, ſie druͤckt ſo et⸗ was aus, was ſogleich fur ihn einnimmt, beſon⸗ ders wenn man ihn lange betrachtet... Nicht wahr, Victor? Victor kann das Lachen nicht laͤnger unterdrük⸗ ken, und geht hinaus. Ich werde mir, ſagt er, den Garten beſehen, waͤhrend man das Fruͤhſtuͤck bereitet. Der junge Mann geht durch den engen Corri⸗ dor, die Treppe hinunter, und befindet ſich auf dem Hof, hinter dem der Garten liegt. Er iſt ein klei⸗ ner eingeſchloſſener Fleck, in dem ſich Fruͤchte, Ge⸗ muͤſe und allerhand Krautgewächſe, ſo wie man SS 182 ₰ ſie zur Wirthſchaft braucht, durch einander vorfinden. Jedes Fleckchen iſt benutzt. Salat waͤchſt unter den Kirſchbaͤumen, Kohl und Johannisbeerſtraͤucher ſind dicht an einander gepreßt, und das ſpitze ge⸗ zaͤhnte Blatt der Mohrruͤbe iſt mit dem breiten und dunkeln Kraut der weißen Ruͤbe gemiſcht; nur ganz ſchmale Wege geſtatten, einen Fuß vor den an⸗ dern zu ſetzen. Am Ende dieſes Gemuͤſegartens bemerkt Vietor ein ſorgfältig gepflaſtertes und mit verſchiedenen Blumen bepflanstes Fleckchen. Ein junges Madchen ſitzt an der einen Seite deſſelben unter einer Je län⸗ ger je lieber Laube; es hat die Augen auf einen Ro⸗ ſenſtock zu ihren Fuͤßen gerichtet; aber aus der Trau⸗ rigkeit und Unbeweglichkeit laͤßt ſich ſchließen, daß es in dieſem Augenblicke nicht mit den Blumen be⸗ ſchaͤftigt iſt. 5 Victor naͤhert ſich Magdalenen, die er ſogleich erkannt hat, ob gleich ſie den Kopf nicht aufrich⸗ tet, ſetzt ſich zu ihr und ſpricht: Das ſind ja recht den. den cher R⸗ iten nur an⸗ tor en chen lin⸗ tich ſch⸗ cht = 133 2* ſchoͤne Blumen. Ihr ſeid wohl eine große Freundin davon, nicht wahr? Das junge Madchen erroͤthet gans erſchrocken und erwiedert aufſtehend: Verzeihung, mein Herr, ich hatte Sie nicht kommen ſehen! Nun, nun, ich will nicht, daß Ihr Euern Garten verlaßt, denn ich wette, dies iſt Euer Gaͤrtchen? ſagt Victor, indem er ſie bei der Hand zurüͤckhͤlt, und Magdalene entgegnet, indem ſie ſich etwas verwirrt wieder niederſetzt: Ja, mein Herr, dies iſt in der That mein kleines Gaͤrtchen; Herr Grandpierre iſt ſo gut geweſen, mir dies Fleckchen zu uͤberlaſſen.. ich habe Blumen dar⸗ auf gepflanzt und pflege ſie!— O, das iſt auch recht ſchoͤn; Ihr liebt die Blumen. ſpäͤterhin werdet Ihr noch etwas Anderes lieben, denn das Herz muß immer Beſchäͤftigung haben, beſonders bei jungen Mädchen, und in dieſer Beziehung bin ich ihnen ähnlich. Aber da wir jetzt ſo allein ſind⸗ můbt Ihr mir Euer Benehmen von geſtern Abend 134 erklären, das meinen Reiſegefaͤhrten ſehr beunru⸗ higt hat; er wird in der That leicht von etwas an⸗ geregt. Er behauptet, Ihr haͤttet uns oft mit geheimnißvollen, melancholiſchen Blicken betrachtet, es habe geſchienen, als haͤttet Ihr uns etwas im Geheimen zu vertrauen. Hat mein Freund das alles nur getraͤumt, oder habt Ihr uns wirklich etwas zu ſagen oder zu fragen? Nun, ſo antwortet doch! Die Kleine erroͤthet noch mehr, und zerpfluͤckt eine Roſe, die ſie ſo eben abgebrochen hat, um ihre Verwirrung zu verbergen. Sie ſchlagt die Au⸗ gen nicht anf und wagt nicht zu antworten. Victor, um ihr Muth zu machen, naͤhert ſich ihr, um⸗ faßt ſie und giebt ihr, obgleich ſie nicht huͤbſch und er nicht verliebt iſt, ein Kuͤßchen. Magdalene weicht heftig bis zum anderen Ende der Bank zu⸗ ruͤck; Vietor ſieht ſie an, und in ihren Blicken, ihren Zugen malt ſich ein Ausdruck von Stolz, von Unzufriedenheit, der ſie ungemein verſchoͤnert und — nru⸗ qn⸗ mit et, im les was tet ict M⸗ tor, m ud ent en, 0 ————————— —— 135 S5 ihn in Erſtaunen ſetzt. Er will ihre Hand erfaſ⸗ ſen, aber ſie zieht ſie raſch zuruͤck. Ich habe Euch boſe gemacht? Mein Gott, ich bin untroͤſtlich daruͤber; es war durchaus nicht meine Abſicht. ich glaubte, Euch ein Kuͤßchen zu geben, wäre kein Verbrechen.. Argern ſich denn hier zu Lande die jungen Mädchen daruͤber, wenn man ſie kuͤßt?. Mein Herr, an ſolche Manieren bin ich nicht gewoͤhnt, und..— Und Euer Ausbruch des Zorns ſtand Euch praͤchtig, o! er wurde einer Prin⸗ zeſſin Ehre gemacht haben!... Wißt Ihr wohl, liebes Kind, daß Ihr für ein Dienſtmädchen in einem Wirthshauſe ſehr boͤſe ſeid?.. Nun ja! nun wird ſie weinen.... ich habe ihr nochmals wehe gethan!.. In der That, ich begehe eine Weint Ihr vielleicht, weil ich Euch Dienſtmagd genannt ha⸗ be?. ich verſichere Euch, ich habe Euch nicht damit kraͤnken wollen.. Wenn Ihr mich beſſer Thorheit uͤber die andere heute. —.————————— ———— F ₰ —— X = 136 6 kenntet, ſo würdet Ihr wiſſen, daß ich den Frauen zu gut bin, um ſie vorſaͤtzlich zu kränken Nun, Magdalene, gebt mir die Hand, wir wollen Frieden machen.. ich verſpreche Euch, Euch nicht wieder zu kuͤſſen.... ich weiß nicht einmal, wie das zugegangen iſt.... Aber da iſt der Narr, der Dufour, der verſicherte mich, Ihr haͤttet uns immer angeſehen, Ihr haͤttet ihm immer heimlich Blicke zugeworfen.. Na, nun ſeid Ihr nicht mehr boͤſe, nicht wahr? Victor hat ſo eine herzliche, offene Sprache, welche ſogleich Vertrauen einfloͤht; Magdalene hat ihm die Hand gelaſſen und ſagt in einem milderen, ſanfteren Ton: Nein, mein Herr, ich bin nicht mehr erzurnt und uͤbrigens hatte ich auch kein Recht dazu . Ich bin wirklich nur Magd im Hauſe, aber Herr Grandpierre behandelt mich mit ſo vieler Güte, und obgleich ſeine Frau manchmal mit mir ſchilt, ſo ſieht man mich doch nicht ganz fuͤr eine ₰ * 7½4 = 167 S auen Dienſtmagd an, weil ſonſt.... Ach! ich war ſo gluͤcklich... len Arme Kleine! ich verſtehe!.... Eure Eltern uch waren in guten Umſtaͤnden, und Ungluͤck hat Euch mal, gezwungen, in den Dienſt zu gehen. Meine Eltern!.... die habe ich nie gekannt. n Sie ſtarben, als ich noch in der Wiege lag, ſo wie lich man mir ſagt, aber eine ſehr gute, wohlwollende cht Dame hatte Mitleid mit mir; ſie nahm mich zu ſich, ließ mich erziehen, und behandelte mich, he, rie ein eigenes Kind: Dieſe Dame war die Mar⸗ hat quiſe von Bréville. en, Die Marquiſe von Bréville, die Stiefmutter von Armand?— Ja, mein Herr! Ach, wie gut ut war ſie! Als ihr Mann ſtarb, nahm ſie mich zu ſich.. ich war, glaube ich, kaum drei Jahr alt. e Da fand ich Armand und Erneſtine, die beiden Kinder, welche der Marquis aus erſter Ehe hatte, * und welche meine Wohlthäͤterin, obgleich nur ihre Stiefmutter, ſehr liebte. Armand war drei Jahr ——— — = 183 S und Erneſtine 5 Jahr aͤlter, als ich, ach! und ſie waren mir auch ſo gut; wir ſpielten zuſammen, immer waren wir bei einander... Lch, wie gluͤcklich war ich damals! ſie ſahen mich fur ihre 1 Schweſter an, ich nahm Theil an ihrem Unter⸗ richt, an ihren Beſchaͤftigungen... ich dachte nicht daran, daß ich nur eine arme Waiſe ſet! wie konnte ich es vorherſehen, daß ſich mein Schickſal ſo aͤndern wuͤrde. Ich war jung ich ſpielte und ſang, war frohen Muths... Lch! damals ſeufzte ich niemals! Arme Magdalene! ich begreife Eure Empfin⸗ dungen ich wundere mich jetzt nicht mehr uͤber Euer feines und ausgeſuchtes Benehmen... uͤber Alles, was mir an Euch ſo auffiel. Aber ſahrt fort, ich bite. Gott! mein Herr, mein Gluͤck dauerte bis zum Tode der Frau v. Bréville. Ich war beinahe 11 Jahr alt, als dies Ungluͤck eintraf... Meine Wohlthäterin ſtarb in wenigen Tagen; o! N —. * . und men, wie ihre nter⸗ chte ſii! mein Ach! pfin⸗ über her zum 1 eine = 189 2 ich kann Euch den Schmerz nicht beſchreiben, den ich empfand, in jenen ſchrecklichen Tagen war ſie es nur, die ich beweinte, an mein Schickſal, an meine Zukunſt dachte ich nicht. Ich beweinte ſie als Mutter; Armand und Erneſtine weinten mit mir, denn auch ſie waren untroͤſtlich; aber nach einigen Tagen kamen Fremde, Verwandte.. ſie nahmen Armand und Erneſtine mit ſich fort, und mir wies man die Thuͤr, denn ich war nichts im Hauſe.... mit meiner Wohlthäterin hatte ich alles verloren! Frau von Bréville hatte ohne Zweifel nicht Zeit gehabt, Euere Zukunft zu ſichern? Aber Euch ſo zu verlaſſen... o! das iſt abſcheulich das muͤſſen recht hartherzige Menſchen geweſen ſein. Warum nahm Euch Armand's Schweſter nicht mit?— O, ihre Schuld war es nicht: man wollte es nicht. Ich wußte nicht, was aus mir werden ſollte, als Jacob mir erſchien. Er ergriff meine Hand, troͤſtete mich, ſagte manches, was * —— ——————— ————— ——— 190—8 ich nicht verſtand, und nahm mich mit in ſeine Wohnung, wo er ſchon fuͤr ſeine alte Tante zu ſorgen hatte.... Ach! Jacob iſt ein ſehr bra⸗ ver Mann.. drei Jahre blieb ich bei chm. Da kam ein neues Ungluͤck: Das Feuer verſchlang ſein Hab' und Gut. er wurde ein armer Mann; und ich durſte ihm nun nicht laͤnger zur Laſt fallen... Gluͤcklicher Weiſe hatte Herr Grandpierre Mitleid mit mir, und nahm mich zu ſich... Vier Jahre bin ich nun hier. Herr Grandpierre behandelt mich guͤtig; ſeine Frau iſt manchmal boͤſe gegen mich, aber noch gerade gewöhnte ich mich an meine Lage, als ich vor einigen Tagen erfuhr, daß Armand v. Bréville, daß ſeine Schweſter wieder auf dem Schloſſe ſeien, da konnte ich nicht umhin, mir neue Hoffnungen zu machen.... Ich glaubte, ja, ich ſchmeichelte mir mit dem Gedanken, daß die, welche mich wie ihre Schweſter betrachtet hat⸗ ten, deren Vergnuͤgungen ich ſo lange getheilt hat⸗ te, ſich der kleinen Magdalene erinnern wuͤrden, * „ g ſein und . Ritleid Jahre wich nich, Lage, mand dem mir aubte, dß tha⸗ hat⸗ den, = 191 ₰5 wenigſtens einmal hierher kommen wuͤrden, mich wieder zu ſehen. o! ich verlange ja nicht ihre Wohlthaten, nur auf ihre Freundſchaft bin ich eiferſuͤchtig... Frau von Breéville nannte Armand und Erneſtine ihre Kinder, und ich liebte ſie, wie die Kinder meiner Wohlthaͤterin!— Nun und jetzt, mein Herr! ich habe ſie nicht geſehen; noch haben ſie mir nicht ſagen laſſen, daß ich nach Breé⸗ ville kommen moͤchte.... Ach! das macht mir den groͤßten Kummer.... denn ich ſehne mich ſo ſehr, ſie wieder zu ſehen, ſie zu umarmen.... Ach! wie beneide ich diejenigen, die zu ihnen ge⸗ hen, wie gern moͤchte ich an ihrer Stelle ſein! Sehen Sie, mein Herr, darum habe ich Sie ſo oft heimlich angeblickt, als ich erfuhr, daß Sie zu den Gefährten meiner Kindheit gehen wuͤrden 2ch! ich haͤtte Ihnen tauſend Dinge an ſie auſtragen moͤgen, obgleich ſie nicht mehr an mich denken;.. aber ich wagte es nicht.. und ich kann es mir denken, daß ich Ihnen ſonderbar vor⸗ ₰ 192— gekommen ſein muß,„und vielleicht unver⸗ ſchaͤmt, daß ich Sie ſo oft anblickte. Die Erzählung Magdalenens hat Victor lebhaft intereſſirt; er verſpricht ihr mit Armam und ſei⸗ ner Schweſter ihrethalben zu ſprechen, er macht ihr begreiflich, daß ihre Jugendfreunde den kleinen Schuͤtzling der Frau von Bréville nichts deſto weni⸗ ger noch in freundlichem Andenken behalten haben werden, daß ſie aber von ihrer Naͤhe wahrſchein⸗ lich keine Kunde haben, weil ſie ſelbſt zugeſtehe, daß weder Jacob noch irgend Jemand von Grand⸗ pierre's in Breéville geweſen ſei, ſeit der junge Marquis zuruͤckgekommen. Magdalene ſchöpft neue Hoffnungen, ihre Augen glaͤnzen vor Freude: ſie dankt Victor. In der Freude ihres Herzens druͤckt ſie ihm zaͤrtlich die Hand, aber dieſe Zeichen der Erkenntlichkeit athmen nur die reinſte Unſchuld, der junge Mann ſieht das ſehr wohl; auch will er Magdalenens Freude nicht zu einem neuen Kuß benutzen. Magdalene iſt ja uͤberdies nicht hubſch. unver⸗ ebhaft d ſei⸗ macht kleinen wen⸗ haben ſchein⸗ eſtehe, Hrand⸗ junge t neue ſe prückt en der ſchuld, wil Kuß So eben hoͤrt man die Stimme der Mad. Grand⸗ pierre, wie ſie das junge Maͤdchen ruft. O, mein Gott! erſchrickt dieſes; jetzt werde ich wieder ge⸗ ſcholten werden!... Ihre Unterhaltung hat mich das Fruͤhſtuͤck vergeſſen laſſen, aber mag es ſein Sie haben mir auf Armand's und Erneſtinens Freundſchaft neue Hoffnungen gemacht, und für dieſen Preis laſſe ich mich gern ausſchelten. Magdalene will ſich entfernen, wendet ſich aber nochmals beſtuͤrzt zu Victor mit den Worten: Ver⸗ zeihen Sie, ich ſage Armand und Erneſtine, in⸗ dem ich von dem Herrn Marquis, ihrem Freund und ſeiner Schweſter ſpreche, die Erinnerungen aus der Kindheit ſind daran Schuld... ich weiß wohl, daß ich ſie nicht mehr ſo nennen darf, und ſollte ich ſie wiederſehen, ſo werde ich die Achtung, die ich ihnen ſchuldig bin, gewiß nicht aus den Augen ſetzen... wenn ſie mir nur erlauben, ſie wie ehemals zu lieben. iſter Thtit. 13 10 ½ 25 Das junge Maͤdchen gruͤßt Victor nochmals und ſpringt uͤber Mohrruͤben und Kohl leichtfertig davon. Victor ſieht ihr nach und ſagt: Kleine hat Geiſt, Gemuͤthteee ne Zartgefuͤhl, Schade, daß ſie nicht huͤbſch iſt... und wer weiß, vielleicht iſt es gut fuͤr ſie, ſie iſt ſo der Ver⸗ fuͤhrung weniger ausgeſetzt. Victor verlaͤßt den Garten und begiebt ſich in das Gaſtzimmer. Hier findet er Dufour vor einem Tiſche ſitzend und beſchaͤftigt, Mad. Grandpierre und Babolein abzuzeichnen. Die Alte ſitzt mit komi⸗ ſcher Wuͤrde unbeweglich vor ihm, und dreht den Kopf nur weg, um Magdalene zu ſchelten, nimmt ihre Stellung aber jedesmal ſchnell wieder ein. Der große Babolein veraͤndert ſein dummes und plum⸗ pes Geſicht nicht einen Augenblick. Ich zeichne unſere braven Wirthsleute, ſagt Dufour zu Vietor, Mad. Grandpierre hat eine herr⸗ liche Phyſiognomie, recht charakteriſtiſche Zuge. ihren Sohn zur Seite, das wird einen ſehr ſchoͤnen — Effekt machen o! bewegen Sie Sich nicht, Mad. Grandpierre— ich bitte... ich habe nur noch einige Striche zu machen. Ich haͤtte unſeren Wirth auch noch gern gezeichnet, aber das ein andermal. Ich werde deshalb ſchon wiederkommen, o! ich wer⸗ de oft einſprechen, um mit Mad. Grandpierre zu plaudern ich liebe dieſe guten Leute!. Ei der Tauſend, muß ich doch auch unſeren Freund Jacob zeichnen, mit ſeinem Blouſenhemd, ſeiner Muͤtze, o, das ſoll ein huͤbſches Bild werden! Ich rathe dir, ihm auch die Senſe in die Hand zu geben, ſagt Vietor laͤchelnd; du weißt, das giebt ihm ein gewiſſes martialiſches Anſehen. Schon gut, ſchon gut! erwiedert jener empfind⸗ lich; ich werde ihn zeichnen, wie es mir beliebt! Mad. Grandpierre, Sie koͤnnen jetzt aufſtehen, Sie ſind fertig. Dufour reicht ſein Bildchen hin. Die Baͤuerin haͤlt ihren Kopf und den Baboleins anfangs fuͤr eine und dieſelbe Figur, aber es gelingt endlich, ſie ihr 13* 1— 196 ₰ Profil erkennen zu laſſen, ſie findet es erſtaunlich aͤhnlich, denn die Haube iſt ſehr genau copirt. Das Fruͤhſtuͤck iſt aufgetragen. Man ſetzt ſich zu Tiſch. Dufvur ißt fuͤr Vier, und ganz mit Eſſen beſchaͤftigt, ſtoßt er mit Grandpierre oͤfters an, klopft dem Sohne auf die Backen, und ſchneidet der Mad. Grandpierre Brot ab. Diesmal iſt es Victor, der die Mahlzeit beeilt; er will nicht den ganzen Tag bei dieſen Landleuten zubringen. End⸗ lich ſteht Dufour auf, umarmt Mad. Grandpierre und Babolein, klopft ſeinem Wirth auf den Bauch und entfernt ſich, als wenn er ſeine naͤchſten Ver⸗ wandten verließe. Viector hat inzwiſchen die Zeche bezahlt, und Magdalenen, welche ſich ihm ſchůch⸗ tern genaͤhert, die troͤſtlichen Worte zugefluſtert: Ich werde Euch nicht vergeſſen, bald, hoffe ich, werdet Ihr Neues von Euren Jugendgeſpielen erfahren. —— nich mit al, idet Capitel VII. Die Geseilschatt von Breville. Auf dem Wege zum jungen Bréville theilt Vi⸗ ctor ſeinem Freunde die mit Magdalenen gehabte Unterredung mit, und endigt ſeine Erzaͤhlung in folgenden Worten: Du ſiehſt jetzt, aus welchem Grunde das junge Maͤdchen uns ſeufzend betrachtete, und ſo viel Luſt bezeigte, mit uns zu ſprechen.. nur um ſich mit uns von ihren Jugendgeſpielen zu unterhalten; was du fuͤr ſo geheimntbvoll und au⸗ herordentlich in ihrem Betragen hielteſt, erklaͤrt ſich ganz einfach. nur einiger Worte bedurfte es deshalb; wenn du meinem Rathe folgen willſt, Du⸗ four, ſo laͤßt du dich kuͤnftig weniger von deinem Argwohn und beſonders von jenem Mibtrauen ver⸗ leiten, das dir ewig nur Ungluͤck und Dinge pro⸗ ——— —— ——— ——— 8= 193 S phezeit, die gar nicht exiſtiren.— Sehr wohl, mein Herr Vietor, ich bin dir fuͤr deine Ermah⸗ nungen ſehr dankbgr; das Benehmen des jungen Mädchens wäre aufgeklaͤrt... ſchon recht... aber wiſſen wir denn ſchon, wer die kleine Magdalene iſt? Sie kennt ihre Eltern nicht!... und die Marquiſe hat Sorge fuͤr ſie getragen, hat ſie wie eine Tochter behandelt, und nach ihrem Tode ware ſie Hungers geſtorben, wenn Landleute ſich ihrer nicht angenommen haͤtten.... Findeſt du das alles auch ſo klar? Dann biſt du in der That leicht zu⸗ frieden zu ſtellen. Klar oder nicht klar! was geht das uns an? . Darauf kann es jetzt nicht mehr ankommen. Nun, und was weißt du denn davon? Du ta⸗ delſt das Betragen Armand's und ſeiner Schweſter, daß ſie die Kleine verlaſſen haben, aber wer weiß, ob ſie nicht ihre Gruͤnde dazu hatten? Dieſe Mag⸗ dalene iſt vielleicht ein Kind der Liebe, und ehe man ſich fur ſie intereſſirt, ehe man mit den Be⸗ = 199 8= wohnern von Bréville daruͤber ſpricht, ſollte man vohl, nah⸗ voch überlegen, ob es nicht vielleicht unbeſcheiden gen iſt, wenn e Duſour, du jammerſt mich mit deiner Vorſicht! 3 man iſt niemals unbeſcheiden, wenn man eine gnute ve Handlung zum Zwecke hat, und es iſt jedenfalls ni ein gutes Verk, ſich des armen Maͤdchens anzuneh⸗ vitt men, welches, nachdem es im überſluß erzogen wor⸗ 6 den iſt, den Unterricht gebildeter Staͤnde genoſſen ue hat, gezwungen iſt, in einer Landſchenke zu dienen. * Gewiß, ich bin nicht beſſer als Andere, begehe ſo manche Thorheiten, aber wenn ich Jemandem nutz⸗ lich ſein kann, ſo werde ich nicht erſt ängſtlich be⸗ an* rechnen, ob mich das auch nicht compromittiren kann; und ich bin ſehr erfreut, daß das junge Maͤochen ⸗ nicht huͤbſch iſt, denn ſo wird man diesmal doch wenigſtens meinem Betragen nicht Liebe und Eigen⸗ tiß, nutz zum Grunde legen. 8 3 Nicht hubſch, nicht huͤbſch! murmelt Dufvur. 1 Nun, ein Ungeheuer iſt es nicht; es giebt noch 200 ₰8 viel Haͤßlichere und ich moͤchte nicht ſchworen, daß. Ah, das iſt gewiß Armand's Landhaus! Teufel, das iſt ganz elegant, das!.. Und du ſagſt, er habe nur 10,000 Livres Renten? Vietor geht voran; er antwortet dem Naler nicht, und dieſer fährt fort: Wenn dieſer Herr v. Saint⸗Elme da iſt, ſo werden wir ja hoͤren, war⸗ um er meinen Wald von Compiegne in den April geſchickt hat.... Und das Botenlohn, das ich habe bezahlen müſſen... O, ſo viel iſt gewiß, der ſchoͤne Herr iſt mir gewaltig verdaͤchtig. Es kann kein Anderer ſein als der, mit dem ich zu 22 Sols geſpeiſt habe. Unſere Reiſenden ſind ſo eben vor einem ſehr ſchoͤnen an der Straße gelegenen Landhauſe ange⸗ kommen. Eine weite Ebene breitet ſich davor aus, auf der man die Dörfer Gizy, Samoncey und ei⸗ nige andere Landſitze erblickt, wo die Be⸗ wohner von Laon und die ſchoͤne ʒahrezett zubringen. 5 — vren, haus! ddu Naler err b. wal⸗ April ſchr nge⸗ aus, i⸗ Ve⸗ eit — = 201 85 Victor geht uͤber den Hof, und tritt, ohne ſich an irgend Jemand zu wenden, in's Haus. Dufour naͤhert ſich der Wohnung des Hauswarts, indem er ſagt: Dieſer Victor iſt merkwuͤrdig, er tritt hier ein, wie bei ſich zu Hauſe. 3 Man kennt uns doch nicht; wie leicht koͤnnte man glau⸗ ben... He, Hollah! iſt denn hier Niemand Portier? Endlich bemerkt er ein dickes Landmädchen mit einem Kinde auf dem Arm, das ſie zu fuͤttern beſchaͤftigt iſt. Ich komme, Herrn Armand v. Breéville einen Beſuch zu machen, ſagt Dufour: Ich hoffe doch⸗ er iſt zu Hauſe, denn er hat mich und meinen Freund eingeladen, der ſchon voraus iſt. Ja, mein Herr, Herr v. Bréville iſt zu Hauſe! Sie werden die ganze Geſellſchaft d'rinnen finden; ich glaube, man ſpielt Billard. Ah, ein Billard iſt hier; deſto beſſer... Und die ganze Geſellſchaft iſt zu Hauſe? Iit ſie groß? 202 ₰ Nun, Wetter, wie gewoͤhnlich!.. Herr Ar⸗ mand, Herr Saint⸗Elme.— O, o, den kenn' ich!— Madame de Noirmont mit ihrem Mann und noch zwet Nachbarn.... Nun, nun, mein Puttchen, willſt nun nicht mehr?— So nehmt Euch doch in Acht, Ihr fahrt ihm ja mit der Suppe in die Naſe! Iſt denn das Euer, das kleine Kerlchen?— O nein, mein Herr, es iſt mein kleiner Bruder.— Ich dacht' es gleich; Ihr ſeid noch zu jung, um ſchon ſo einen kleinen Ben⸗ gel zu haben..... Wie alt ſeid Ihr denn?— Funfzehn Jahre, mein Herr.— Der Tauſend, wie rund und voll, welche geſunde Farbe! und bei funfzehn Jahren ſeid Ihr ſchon Hauswart?— O ja doch, mit der Mutter; aber die iſt jetzt in der Kuͤche.— Ah, ich verſtehe, ſie ſteht mehren Ge⸗ ſchaͤften vor. Aber ich ſchwatze da hy ſagt, im Billardzimmer werde ich ſie finden?.. Wo iſt denn aber das Billard?— Gehen Sie nur auf dem Flur die Treppe ganz hinauf, und oben 9 t Ar⸗ den hrem nun, 6 it das 9hr ben 205 5 eonnen Sie nicht mehr fehlen.— Schoͤn Dank⸗ mein Kind! Nehmt nur Euern kleinen Bruder in Acht; Ihr gebt ihm zu viel auf ein Maol. Dufour tritt in's Haus, beſieht ſich den Flur, der mit Flieſen gepflaſtert iſt, wirft einen Blick in den Speiſeſaal, deſſen Thuͤr offen ſteht, dann ſteigt er die Treppe hinauf, und denkt ſich: Das iſt alles ſehr huͤbſch hier... wenn Acker und Wieſe dazu gehoͤrt, ſo iſt das eine hubſche Beſitzung. Jetzt iſt er oben. Er befindet ſich in einem gro⸗ ßen Saale, wie ein Zelt decorirt, und von hier gus, wo auch das Billard ſteht⸗ hat man eine herrliche Ausſicht auf die ganze Umgegend. Herr von Saint⸗Elme iſt ſo eben im beſten Zuge, mit einem großen, ziemlich gut gewachſenen Herrn zu ſpielen, deſſen Geſichtszuge jedoch Kaͤlte, Stolz und wenig Liebenswuͤrdigkeit verrathen: ein anderer, etwas jüngerer Herr hat ein Queue in der Hand, und ſcheint ſeine Tour abzuwarten. Es iſt eine huͤbſche, kleine, kugelrunde Geſtalt, ein dickes, — 204 ₰ friſches, aber nichtsſagendes Geſicht, man mochte ihn einem Puſtengel vergleichen. Vietor ſpricht mit Armand; dieſer geht Dufour entgegen, und richtet an ihn die uͤblichen Hoͤflich⸗ keitsqͤußerungen. Waͤhrend dieſer ſeine Erwiederun⸗ gen macht, ſtuͤrzt Herr v. St. Elme herbei, er⸗ greift Dufour's Hand, und überhäuft ihn mit Freundſchaftsverſicherungen. Dufour ſucht ſich los⸗ zumachen, und erwiedert die Zuvorkommenheit des feinen Herrchens ziemlich kalt. Aber der lange Herr hat ſchon zweimal mit Ungeduld gerufen:„Herr v. St. Elme, Sie ſind am Stoß!“.— Ja, Sie ſind dran, ſagt der junge Mann, denn Herr v. Noirmont hat nicht carambolirt.— Ich habe es auch nicht gewollt, ich habe meinen Gegner nur an die Bande ſetzen wollen, und glaube, es iſt mir ziemlich gut gelungen.. Nun, Sie ſind am Stoß, Herr v. St. Elme... Verzethung, meine Herren, ich komme ſogleich. Es macht mir nur ſo unendliches Vergnügen, met⸗ michte ufour öſich⸗ derun⸗ e nmit hſos⸗ t des Hert „Herr Jo, Herr habe egner e it ſind lich. mel⸗ = 205 S nen Freund Dufour wieder zu ſehen. Meine Herren, wuͤnſchen wir uns Gluͤck, wir beſitzen jetzt hier im Hauſe einen der erſten Kuͤnſtler der Haupt⸗ ſtadt. Der große Herr, welcher wenig Sinn fuͤr alles, was Kunſt betrifft, zu haben ſcheint, begnugt ſich damit, Dufour eine leichte Verbeugung zu ma⸗ chen, indem er wiederholt: Sie ſind am Stob, da. 8 dort an der Bande..— O! das iſt mir gleich, ich ſpiele doch eben ſo ſicher. Und in der That, St. Elme ſtoͤßt zu, ohne kaum viſirt zu haben, und blockirt den Ball ſeines Gegners, ſo daß dieſer einen leichten Fluch nicht unterdruͤcken kann, waͤhrend das dicke Herrchen ausruft: Ein wundervoller Stoß, das iſt eine Blockade in mei⸗ ner Manier, wenn ich dran bin.. geben Sie nur Acht, meine Herren!... St. Elme kehrt zu Dufour zuruͤck, welcher die ſchoͤne Ausſicht bewundert, klopft ihm auf den Arm und ſagt: Aber* propos, ich bin boͤſe auf 206 S2 Sie, Herr Dufour, in der That, ich habe mich uͤber Sie zu beklagen! über mich, mein Herr? erwiedert der Maler, indem er ihn uͤberraſcht anſieht. Wetter, das iſt ſtark! im Gegentheil ſcheint es mir, daß ich Ur⸗ ſach haͤtte....— Erlauben Sie, mein lieber Dufour; hatte ich Sie nicht erſucht, mir zu jedem beliebigen Preiſe ein herrliches Bild, den Wald von Compiegne, abzulaſſen?— Eben daran dachte ich...— Nun, mein Lieber, und ich warte im⸗ mer noch auf das Gemaͤlde?.... Warum haben Sie es mir denn nicht geſchickt?— Nun, weiß Gott, das iſt zu arg! ich habe es Ihnen allerdings zugeſchickt, aber Sie geben mir eine Adreſſe, wo Sie nicht mehr wohnen.... Es iſt ſehr verdrieß⸗ lich, mit einem Gemaͤlde ſo umher ziehen zu muͤſ⸗ ſen.— Was ſagen Sie mir da?.. Wo iſt man denn damit geweſen?— Straße St. Lazare, wie Sie mir es bezeichnet hatten...— Straße St. Lazare? Potz! Leichtſinn ohne Gleichen!. — e mich Naler, dys iſt ich Ur⸗ licber jedem Wyld dachte te im⸗ haben „weiß erdins „w wieß⸗ miſ⸗ W iſt bazon rute „ „ — 207 ₰S Aber ſeit ewigen Zeiten wohne ich ja nicht mehr da— Das hat man auch dem Boten ge⸗ ſagt.— Ach! mein lieber Dufour, ich bin untroͤſt⸗ lich uͤber dieſen dummen Streich, aber ſo wie ich nach Paris komme, werde ich das ſogleich wieder gut machen. Alles, was ich weiß, iſt, daß die 100 Franken in Gold, welche fuͤr Sie beſtimmt waren, noch in einem Winkel meines Secretairs liegen, und ſeitdem nicht von der Stelle gekommen ſend— Sie ſind dran, Herr v. St. Elme.— Ich bitte um Entſchuldigung, aber ich hatte mich nur mit Herrn Dufour zu verſtaͤndigen. Dufour weiß nicht mehr, was er glauben ſoll, und ſagt zu ſich: Jedenfalls hat dieſer Schelm eine Art und Weiſe, einen Takt, der einen verbluͤfft!— Laſſen wir die Herren nach Gefallen ſpielen, ſpricht Armand zu Victor und Dufour, kommen Sie, ich will Ihnen meinen kleinen Park zeigen, ich denke, da werden wir wohl die Damen finden, und ich wuͤnſche, Sie meiner Schweſter vorzuſtellen. 203 ₰8 Unſere Freunde folgen Armand, welcher, indem er ſie in den Garten fuͤhrt, ihnen von neuem ſeine Freude uͤber ihre Ankunft bezeigt. Ich fuͤrchte nur, daß Sie Langeweile haben wer⸗ den; wenn man an die Vergnuͤgungen von Paris gewoͤhnt iſt, erſcheint Auſenthalt und Geſellſchaft in der Provinz ziemlich einfoͤrmig.... I„ch, ich geſtehe, verliere ſchon beinahe die Geduld, und waͤren Sie nicht gekommen, ich waͤre ſchon wieder abgereiſt. Das Landleben langweilt mich keinesweges, er⸗ wiedert Victor, ich liebe die Ruhe, die da herrſcht, da ruht man ein wenig von dem Pariſer Laͤrmen aus.— Und ich, wenn ich nur Baͤume und Blät⸗ ter zu copiren finde, bin ich zufrieden.— Ach, meine Herren, wie gluͤcklich ſind Ste, mit ſo We⸗ nigem ſich zu begnügen! ich bedarf der lebhaſteren Unterhaltung, mehr Leben, und beſonders der Lie⸗ be.— Aber, mein lieber Armand, glauben Sie denn, daß die Liebe auf dem Lande nicht eben ſo indem ſeine nwer⸗ Poris lſchſt h, ich „und wieder 6= 200 gut Nahrung findet, als in Paris?— Nun, und mit wem denn, hier iſt Niemand.... Niemand in der ganzen Umgegend verdient unſere Huldigun⸗ gen. Wenigſtens bei den Nachbarfamilien, die wir bis jetzt geſehen haben, habe ich auch noch nicht ein einziges huͤbſches Geſicht entdeckt.— Und die Landmädchen?— O, pfui doch! haͤßlich, plump, ſchmuzig!.... Gewiß! wenn man hier eine nied⸗ liche Schaͤferin haben will, ſo muß man ſie ſich von der Straße Richelien kommen laſſen. Nun genug! wir ſind einmal hier und wollen uns zu amuͤſiren ſuchen; wir gehen auf die Jagd, reiten gus und bleiben lange bei Tiſch, das iſt das Beſte, was man auf dem Lande thun kann.— Mir wird es hier ſehr gefallen, ſagt Dufour, aber wer ſind die Herren, die wir da oben beim Billard mit Herrn v. St. Elme zuruͤckgelaſſen haben?— Der Eine iſt mein Schwager, Herr v. Noirmont. — Das iſt der Juͤngere ohne Zweifel?— Nein, der junge iſt ein Herr aus der Nachbarſchaft, iſter Theil. S= 210 8 Herr Montréſor, welcher mit ſeiner Frau ein ſehr huͤbſches Landhaus, drei Flintenſchuͤſſe von hier, bewohnt. Er war fruͤher Kaufmann, und hatte wenig Vermoͤgen und Ausſichten; aber eine reiche Wittwe von Laon hat ſich in ihn vergafft, die friſchen runden Backen des jungen Herrn haben die Dame angezogen, ſie hat ihm ihre Hand ange⸗ boten, und Montréſor hat ſeine Freiheit gegen 25000 Livres Renten vertauſcht. Fuͤr dieſen Preis wuͤrde ich eine Negerin heira⸗ then, meint Dufour, verſteht ſich, die Vorfah⸗ ren muͤßte ich kennen.— Und ich wuͤrde niemals eine Frau heirathen, wenn ich ſie nicht lieben kann, entgegnet Victor, und boͤte ſie mir auch eine Million!— Schweig doch nur, Vietor; wenn die Million nur wirklich da waͤre, du wuͤrdeſt bald anderen Sinnes werden...— Niemals... — Noch einige Jahre und du ſprichſt anders.— Das glaube ich nicht.— Iſt Madame Montréſor buͤbſch?— Sie werden ſie ſehen, ſie iſt mit mei⸗ u ein e von und r eine rhaft, haben ange⸗ gegen heita⸗ orfah⸗ emals lieben auch wenn bald ner Schweſter im Garten; Sie ſollen ſelbſt urthei⸗ len, ob der arme Montréſor ſein Vermoͤgen nicht etwas theuer bezahlt... Erſteus iſt ſeine Frau nahe an den Vierzigern, und er iſt erſt 24; dann macht ſie gewaltige Pretentionen, und iſt von einer wahrhaft laͤcherlichen Koketterie!.... niemals huͤbſch geweſen.... und eiferſuͤchtig!.... O! ihr Mann darf ſich nicht mit einer Dame unterhal⸗ ten, oder einem jungen Madchen hoͤflich begegnen, wenn er nicht einen Auftritt von ſeiner Frau, die aͤrgſten Vorwuͤrfe haben will.... Ja! und wer weiß es, vielleicht geht es noch weiter... Ich habe ſchon Gelegenheit gehabt, meine Bemerkun⸗ gen zu machen.. Auf dem Lande hat man nicht viel zu thun, da muß man ſich ſchon mit dem be⸗ ſchaͤftigen, was Andere thun. Ja, ja! und das macht Spaß, ſagt Dufour; man muß uͤbrigens auch wiſſen, mit wem man zu thun hat. Was meinen Schwager anbetrifft, den Sie da 1* — 212 ₰8 oben geſehen haben, ſo iſt er erſt 38 Jahr alt, ob⸗ gleich er aͤlter zu ſein ſcheint. Das iſt vielleicht fuͤr den Mann Erneſtinens ſchon genug, da ſie erſt im 23ſten Jahre iſt; aber Herr Noirmont macht meine Schweſter ſehr gluͤcklich; er iſt etwas an⸗ maßend, ceremoniel, etwas ſtolz auf ſeine Geburt, eitel auf ſein Vermoͤgen, aber von Grund des Herzens, ein rechtſchaffener Mann, von guten Eigenſchaften, auch ein ſehr guter Jaͤger und Schach⸗ ſpieler: ſein groͤßter Fehler iſt, zu glauben, daß er alles recht macht, und ſich nie irren kann. übri⸗ gens lebt Erneſtine gluͤcklich mit ihm; aber meine Schweſter iſt auch ſehr ſanft, und von immer gleich⸗ maͤßigem Charakter!... Nicht kokett, liebt nicht große Geſellſchaften und laͤrmende Vergnügungen! gerade das Gegentheil von mir, und von ſehr ſtrengen Grundſätzen!.. ſehr tugendhaft..— ner Treu! Ja!... Lch! meine Herren, wurden wir wohl ſo ein vergnügtes Leben führen, wenn = 215 2 t, ob⸗ alle Frauen meiner Schweſter glichen?.... Aber elleicht ſtill, da kommt ſie ſo eben mit Madame Montré⸗ ſie erſt ſor die Allee herauf. Wenn Mad. Montréſor hier macht iſt, ſo verlaͤßt ſie meine Schweſter beinahe gar g an⸗ nicht; ohne Zweifel fuͤrchtet ſie, ihr Mann mochte eburt, Erneſtinen die Cour machen... O! die arme d des Frau... Meine Herren, ich habe nicht noͤthig, guten Ihnen zu ſagen, welche von beiden meine Schwe⸗ e6⸗ ſter iſt. doß Zwei Damen kommen unſeren Herren entgegen; ſbti⸗ die eine groß, trocken, von gelbem Teint und in einem mit Blumen und Bandſchleifen uͤberladenen eine Hut; wedet der Hut, welcher unter dem Kinn mit nt einem Gozebande zierlich zugebunden it, noch alle nuu ie übrigen Spitzen und Kanten ihrer Toilette koͤn⸗ n nen das verlebte Geſicht verſchoͤnern, worin alles 5. groß iſt, nur die Augen nicht; und die Wichtigkeit, N mit der ſie den Kopf auf dem langen Halſe wiegt, hebt das ihrer Figur noch mehr hervor. hn Die Andei iſt von etwas mehr als mittler . 25 8 = 214 Groͤße; ihre Bewegungen ſind einfach, aber ein⸗ nehmend, ihre Geſichtszuͤge haben nichts, was im erſten Augenblicke beſonders anzieht; braunes Haar, braͤunliche Augen, nicht ſehr groß, einen huͤbſchen aber nicht zu kleinen Mund, eine ſchoͤne Stirn, blaſſe, leicht bewegte Geſichtsfarbe, mit einem Worte: nichts Ausgezeichnetes in ihrem Außeren; es iſt weder ein griechiſcher Kopf, noch ein antiques Profil, aber eine von den Frauen, von denen man ſagt: Sie iſt hubſch! welche man Aufangs mit Gleichgultigkeit betrachtet, ſpaͤter mit Vergnugen beobachtet, und die man oft zuletzt mit den Augen gar nicht verlaſſen mochte. Zu dieſer Letztern wendet ſich jetzt Armand: 3 Meine liebe Erneſtine, ſpricht er, hier ſtelle ich dir Herrn Viethr Dalmer, einen meiner beſten Freunde, von dem ich mit dir mehrmals geſprochen habe und Herrn Dufour, einen ſehr ausge⸗ zeichneten Maler, vor. Die Herren wollen uns „ 4 215 ₰8 gern einige Zeit ſchenken... ich weiß ihnen ſehr vielen Dant dafur, Paris verlaſſen zu haben, und ſich mit uns hier in der Picardie zu vergraben. Ich ſchmeichle mir, du wirſt dich mit mir verei⸗ nigen, um ihnen den Aufenthalt hier ſo wenig lang⸗ weilig als moͤglich zu machen.— Es wird nicht von mir abhaͤngen, daß die Herren ſich in Bré⸗ ville gefallen, lieber Bruder, aber was ich dazu beitragen kann, ſoll gewiß geſchehen. Dieſe Antwort iſt von einem liebenswuͤrdigen Laͤcheln begleitet, und unſere Herren erwiedern ſie mit einer tiefen Verbeugung; darauf ſagt Du⸗ four ſeinem Freunde in's Ohr: Die Schweſter iſt pubſch, aber keine Schönheit.... Sie iſt erſt 23 ahr es ſcheint ſo.. Aber ſie ſieht blaß aus iſt ſie krank geweſen? Herr von Brépille, kreiſcht Mapame Montréſor, nachdem ſie den Fremden zwei ſteife Knire gemacht hat: wo iſt denn Chéri? wo tieckt er denn? = 216 ₰ Wer iſt denn das, Chert? ſagt Dufour leiſe, ein kleiner Hund? Das iſt ihr Mann! antwortet Armand laͤchelnd, und erwiedert der großen Dame: Ihr Herr Ge⸗ mahl iſt mit Herrn v. Noirmont und St. Elme auf dem Billard. Mein Gott, was iſt das jetzt fuͤr eine Sucht zum Billardſpiel, eine wahre Leidenſchaft; den ganzen Tag bringen ſie dabei zu!. Es iſt wahr, Cheri ſpielt wie ein Engel; zwar, er macht alles gut!.. Aber ich glaubte, es waͤre von einem Spaziergange in der Umgegend dieſen Morgen die Rede geweſen? Madame, erwiedert Armand: erlauben Sie uns, dieſe Parthie aufzuſchieben; dieſe Herren kommen ſo eben an, und muͤſſen muͤde ſein.— O, keines⸗ weges!„ wir ſollten geſtern Abend ſchon hier ſein, aber wir hatten uns im Walde verirrt, es wurde Nacht, und da waren wir endlich noch ſehr 6 —— = 217 8 glucklich, bei Landleuten ein Unterkommen zu finden. — Wirklich? Ja, ſagt Dufour; und in dem Hauſe, wo wir geſchlafen haben, war eine„„ Victor unterbricht Dufour plotzlich, druͤckt ihm die Hand, und ſagt ihm leiſe in's Ohr: Thue mir den einzigen Gefallen, und ſchweig! dann faͤhrt er lauter fort: Das iſt eine weitlaͤuſige Geſchichte, die ich mir die Ehre geben werde, Ihnen ſpäter vorzutragen... Was Ihren Spaziergang betrifft, ſo bin ich ſehr gern bereit, Sie zu begleiten.“ Nein, nein, heut Morgen nicht, ſagt Armand: Sie muͤſſen Sich erſt ausruhen, und mein Eigen⸗ thum hier naͤher kennen lernen. Ich werde die Zimmer fuͤr die Herren einrichten laſſen, bemerkt Frau v. Noirmont: denn ich bin gewiß, daß mein lieber Bruder daran noch nicht gedacht hat.— In der That, du haſt Recht, liebe Schweſter, es iſt mir noch nicht eingeſallen!— 216 ₰ Und ich werde ſehen, ob Chert noch auf dem Bil⸗ lard iſt. 5 Die Damen entfernen ſich. Armand fuͤhrt ſeine Gäſte in dem Garten umher, welcher ſeiner Groͤße nach für einen kleinen Park gelten kann. Victor und Dufour bewundern die ſchoͤnen Parthien; ein ſchoner Teich, kleine Geholze, eine Grotte, reizende Gebuͤſche nehmen ihre Blicke in Anſpruch. Aber Armand betrachtet alles mit Gleichguͤltigkeit, und bei jedem Ausrufe der Bewunderung ſeiner Freunde bemerkt er: Ja, der Aufenthalt hier iſt freundlich genug, aber ſehr kalt und einfoͤrmig gegen Paris. Sie mochten hier einige Madame Flocks haben, um die Landſchaft zu beleben.— O, die intereſſirt mich nicht mehr, ich liebe die Veränderung. 3 ich habe jetzt eine reizende Blondine; eine Zeit lang war ſie Figurantin bei der Oper, aber ein ruſſiſcher Fuͤrſt hat ſie vom Theater genommen.— Und Sie haben ſie dem Fuͤrſten genommen? O, dis war ſchon geſchehen!.... Ein ſehr unterhal⸗ % — 219 S5 tendes Maͤdchen; ſie hat die Gewohnheit beibehal⸗ ten, Pirouetten, Entrechats und Pliées zu machen, gerade wenn man es am weniſten erwartet: ſo, daß ſie zum Beiſpiel, anſcheinend im Plaudern ver⸗ tieſt, mit einem Male aufſpringt, Battemens macht, und waͤhrend man ihr eine Liebeserklaͤrung haͤlt, einem ihre Fußſpitze auf die Schulter legt. — Der Tauſend, das muß ganz allerliebſt ſein! meint Dufour: ſo ein Spielzeug moͤchte ich auch ſchon haben, wenn es nicht zu theuer waͤre.— Das iſt es eben, was mir St. Elme auch immer ſagt, denn er nimmt ſich mein Intereſſe ſehr zu Herzen, er will, ich ſoll meine Taͤnzerin aufgeben, er will nicht, daß ich mich ruinire!— Ja, ja, ſagt Dufour: er will, Sie ſollen Sich nicht mit der Taͤnzerin ruiniren; ich verſtehe ſchon. Iſt er reich, dieſer Herr v. St. Elme?— Ja, er iſt ſehr reich, er hat viel Guͤter... Wo liegen ſie doch, ich glaube, er hat es mir geſagt, ich erinnere mich nicht mehr. O, er hat auch Weinberge in 220 ₰ der Bretagne.— Weinberge in der Bretagne? In dem Lande iſt der Wein nicht beſonders.— Wirk⸗ lich, ich werde St. Elme's Rathe folgen, ich werde meiner kleinen Taͤnzerin den Abſchied geben. O, ich liebe die Veraͤnderung.... Ich habe ſchon et⸗ was Neues auf dem Korne, aber ich muß nur erſt wieder in Paris ſein, denn ich wiederhole es, meine Herren, hier iſt nichts, was feſſeln kann. Sie ken⸗ nen nur erſt Madame Montréſor.— Die, geſtehe ich, thut wohl, nur an ihren Mann zu denken!— Sie werden die andern Damen aus der Nachbab⸗ ſchaft auch ſehen; ach, ſo ſteif, geſchnörkelt und ge⸗ pregelt; und dann ſprechen Sie mir nicht von Frau⸗ enumgang auf dem Lande, wenn man an den leich⸗ ten pariſer Ton gewoͤhnt iſt. Wenn man Abends noch wenigſtens ſpielte, ich geſtehe, ich liebe das Spiel, das regt an, bringt das Blut in Bebegun — Wie, hier wird nicht geſpielt?— O ja, aber Sie werden nicht rathen, was fuͤr in Sjiet Ma⸗ dame Montréſor naͤrriſch liebt, und in mehren . — 221 Haͤuſern der Umgegend eingefuͤhrt hat.— Das Gaͤnſeſpiel vielleicht?— Schlimmer als das!.. das Lotterieſpiel!— Lotterieſpiel! ſagt Vietor la⸗ chend.— Ja, das Lotterieſpiel; und merken Sie wohl, Niemand darf ſprechen, waͤhrend die Num⸗ mern gezogen werden; bei Strafe, ſie drei bis vier Mal aufrufen zu hoͤren. Einmal ſind wir, St. Elme und ich, dabei geweſen, aber wir haben ge⸗ ſchworen, es war das letzte Mal. Nun, ich, meine Herren, ſagt Dufour, ich geſtehe, ich bin kein Feind vom Lotterieſpiel; da⸗ bei kann man ſich nicht erhitzen, und nicht mehr verlieren, als man will. Ich werde recht gern mit Madame Montréſor ſpielen.— O, dann wird ſie Sie anbeten. Vietor und Dufour ſind jeder in ein freundli⸗ ches Zimmer eingefuͤhrt. Armand verlaͤßt ſeine Gäſte mit den Worten: Meine Herren, ich habe nicht noͤthih, Sie daran zu erinnern, daß auf dem Lande vollkommene Freiheit herrſcht; Jeder 222 S5 thut, was ihm gefaͤllt: wenn man ſich nur bei Tiſche einfindet, das iſt alles, was verlangt wird. Auf Wiederſehen! ich habe mit meinem Schwager noch Geſchäfte. Es iſt ein ſehr wuͤrdiger Mann, der Herr v. Noirmont! aber ich wuͤrde ihn noch liebenswuͤrdiger finden, wenn er mir mein Land⸗ gut abkaufen wollte, oder wenigſtens Geld darauf liehe, damit ich meine Schulden bezahlen kann! Armand geht, und Dufour ſagt zu PVictor: Wie, er hat ſchon Schulden?— Wie es ſcheint! Warum leiht ihm denn ſein lieber Freund St. Elme, mit ſeinen Weinbergen in der Bretagne, kein Geld? Hm, dieſer St. Elme hat in der That ein Weſen, ein air de grandeur, das in Erſtaunen ſetzt!... Er nennt mich ſeinen lieben Dufour, ſeinen Freund! beinahe haͤtte er mir bewieſen, daß ich mit dem Bilde Unrecht haͤtte! Na, er ſpielt uͤbrigens ſehr ſchoͤn Billard, wie ich geſehen habe.... A propos! warum haſt du noch nicht von deiner kleinen Mag⸗ = 225 8 dalene geſprochen? warum fielſt du mir in die Rede, als ich davon anfangen wollte? Weil es nicht der rechte Augenblick war. Wie? kaum im Hauſe hier angekommen, wo wir nur erſt noch Armand kennen, ſoll ich ſchon gleich von ſo einem zarten Gegenſtande anfangen? Laſſ' mich nur, ich werde das junge Maͤdchen nicht vergeſſen, ich werde erſt die Empfindungen der Madame de Noirmont fuͤr ſie naͤher kennen zu lernen ſuchen. Wenn Magdalene von den Gefaͤhrten ihrer Jugend ſollte ſchlecht empfangen werden, waͤre es dann nicht beſſer, ihr dieſen Kummer zu erſparen? Ich denke jedoch, ſo wird es nicht werden; aber ich bitte, miſche dich nicht in die Sache, du můrdeſt alles verderben.— Sehr verbunden!— Wenn die Geſellſchaft hier ſo langweilig iſt, wie Armand be⸗ hauptet, ſo denke ich auch, werden wir ſo lange nicht hier bleiben!...— Nun ja, nun wirſt du auch ſchon anfangen, dich nach deinem Paris und deinen Schoͤnen zuruͤck zu ſehnen!..— Ich 224 S habe eben nichts da zuruͤckgelaſſen, was ich hier vermiſſe, aber du weißt, lieber Dufour, ich kann ohne Beſchaͤftigung fuͤr mein Herz und meine Phan⸗ taſie nicht lange leben.— Dein Herz!... him, was hat dein Herz damit zu ſchaffen..— Aber ſei nur ruhig, du wirſt ſchon irgend eine Schůͤferin oder Bäuerin zur Unterhaltung finden.... der kleine Armand muß freilich Taͤnzerinnen haben, die ihm zugleich Pirouetten vormachen!... du machſt dir ja nichts aus dergleichen galanten Frau⸗ en, auf den Feldern und Pachthoͤfen findeſt du hier die unbeſcholtene Natur und friſche Milch, und da⸗ mit, glaube ich, wirſt du es ſchon ein Weilchen aushalten. Mir ſoll es hier ganz gut gefallen, und gewiß, ſüt einige Tage bloß habe ich die Reiſe nicht gemacht!... Das iſt ein praͤchtiges Zimmer zum Malen, und im Garten habe ich ſchon einige ganz herrliche Anſichten entdeckt... Ach! wir wollen doch nicht vergeſſen, unſere Mantelſüce von Laon holen zu laſſen.* — iet nn an⸗ im, ber rin der en, du ier da⸗ hen nd iſe ner ige wi on = 225 ℳ „ Victor kehrt zur Geſellſchaft zuruͤck, und der Maler unterſucht ſein Zimmer; er ſieht in alle Winkel, oͤffnet jedes Spind, zaͤhlt die Kiſſen ſei⸗ nes Bettes und die Nadeln des Nadelkiſſens auf dem Kamin. Nach der genaueſten Inſpection ſeiner neuen Wohnung will er ſich in das Geſellſchaftszim⸗ mer begeben; er tritt auf den Flur, und hoͤrt neben der Treppe unter ſich lebhaft ſprechen; er bleibt ſtehen, denn Andere zu behorchen, iſt ihm Beduͤrfniß. Sehr bald hat er die Stimme der Madame Montréſor und ihres Mannes erkannt. Du haſt ſchon lange das Billard verlaſſen.— Nein, liebe Sophie, ich verſichere dich...— Ich ſage dir, es iſt ſchon lange her, daß du her⸗ unter kamſt, und im Hofe hinter dem dicken Maͤdchen herſchlicheſt!— Ach, Sophie, wie kannſt du glauben...— Nun ſprich, was machteſt du denn bei dem Maͤdchen?— Ich ſahe nur zu, wie ſie ihrem kleinen Bruder die Suppe gab.— Wie das intereſſant iſt, dieſem Fleiſchklumpen ein iſter Theil. 15 5 226 ₰ Kind fuͤttern zu ſehen! Ein Mann, wie du, wirft ſeine Blicke auf eine Bauerdirne?— Aber, Sophie, die feinen Damen ſoll ich ja auch nicht anſehen.— Nein, gewiß, das will ich auch, du haſt nach Keiner zu ſehen; Du biſt ein Liber⸗ tin, ein Courmacher!. wenn ich das ſo mit anſaͤhe, das wuͤrde gut werden!— In der That, meine liebe Sophie, ich weiß nicht, wie ich dir Veranlaſſung gegeben habe..— Schon gut, ſchon gut, mein Herr, ich habe meine Augen!.. Wir wollen jetzt hinein gehen! Aber heut Abend beim Spazierengehen denke daran, daß du Frau v. Noirmont nicht fuͤhren darfſt!— Aber es erfor⸗ dert doch die Hoͤflichkeit, die Galanterie„— Es iſt nicht noͤthig, daß du galant biſt! Fuͤr An⸗ dere habe ich dich nicht geheirathet! Eine verheira⸗ thete Frau giebt ihrem Manne den Arm, das ſchickt ſich beſſer:.. Jetzt komm! Hier hatte die Untertedung ein Ende; Dufour geht die Treppe hinunter und ſagt: Noch gerade c ſet t, dir 16 end au n⸗ te⸗ 6 de ſcheint es mir, als bezahlt der junge Mamn ſein Vermoͤgen etwas theuer... ein einfaͤltiger Tropf! ach, wie wollte ich ſeiner Sophie den Kopf zurecht ſetzen. Die ganze Geſellſchaft iſt unten im Salon ver⸗ ſammelt. Sie hat ſich um zwei Perſonen vermehrt: einen Herrn von etwa vierzig Jahren mit gepuder⸗ tem Tituskopfe, einem hohen Toupet, gleich einem Zuckerhut, ſo daß er den Hut nicht aufſetzen kann. Unter dieſem gepuderten Kegel iſt ein Geſicht, welches nichtsſagend ſein wuͤrde, wenn es ſich nicht immer den Schein der Wichtigkeit und des Nach⸗ denkens gaͤbe. Die beiden kleinen grauen Augen bleiben immer lange Zeit auf einen und denſelben Gegenſtand geheftet, denn ſieht man lange Zeit ein und denſelben Gegenſtand an, ſo ſcheint man nachzudenken, und wenn man nachdenkt, ſo ver⸗ räth man Geiſt; das iſt nehmlich die Anſicht des Herrn Pomard; ſo heißt der Herr mit dem Zuk⸗ kerhut. Fuͤgt dieſem Portrait noch Baumwolle in 15* 223 S8 den Ohren und einen Hemdkragen, der bis an die Augen reicht, hinzu, und Ihr habt einen Begriff von der Figur, auf deren Biſitenkarten die Worte geſtochen ſind: Pomard, waͤhlbarer Grundbeſitzer. Die andere Perſon iſt ein nicht eben huͤbſches, aber friſches und wohlbeleibtes Maͤdchen, deſſen Geſichtszuͤßſe und Manieren Heiterkeit und frohe Laune verrathen, und das eben dadurch an Schon⸗ heit gewinnt, weil es ein Geſicht hat, das Me⸗ lancholie nicht kleiden wuͤrde. Nach ſeiner Gewohnheit erkundigt ſich Dufour ſogleich bei St. Elme nach den Neuangekommenen, und dieſer erwiedert in ſeinem ihm eigenen hoffaͤhr⸗ tigen Tone: JI nun, es ſind ganz gute Leute, Bruder und Schweſter... Herr Pomard war in der Steuerverwaltung angeſtellt; jetzt lebt er von ſeinen Renten, und thut nichts. Seine Schweſter, Mamſell Clara, iſt noch zu haben, obgleich ſie nahe an den Dreißigen iſt... es ſcheint, ſie hat in juͤngeren Jahren etwas gewaͤhlt, und jetzt wird — ( — n die egrif Porte ſitzer. ſches, deſſen ftohe ſchön⸗ es ihr ſchwer werden, unter die Haube zu kommen. Sie wohnen in Gizy, hier nahe bei... Fuͤr unſere feinen Geſellſchaften in Paris iſt es ein ſchlechter Erſatz; aber auf dem Lande, was will man machen? Dufour bemerkt, daß Madame Montréſor ihren Mann und Mamſell Pomard nicht aus den Augen verliert. Man kuͤndigt das Mittagseſſen an, und Sophie haͤngt ſich an den Arm ihres Mannes, da⸗ mit er nicht Anderen ſeine Hand anbieten kann. Die ganze Geſellſchaft iſt ſchon im Speiſeſaale, und Herr Pomard iſt noch im Salon, die Augen auf einen Wandleuchter gerichtet; man iſt zweimal genoͤthigt, ihn zu rufen; endlich kommt er und ſagt: Ach, entſchuldigen Sie, ich uͤberlegte nur ſo eben. Sei es nun Zufall oder abſichtlich, Chéri iſt neben die Mamſell Clara placirt; aber kaum iſt man mit der Suppe ſertig, ſo ſteht Madame Montréſor, welche bis dahin wie auf Nadeln ge⸗ 230 8 ſeſſen hat, auf, und ſagt zu ihrem Manne: Chért, ich bitte, gieb mir deinen Platz; ich ſitze hier ſo im Zug, ich fuͤrchte, mich zu erkaͤlten; ich habe dieſe Nacht ohnehin Zahnweh gehabt. Chért muß Folge leiſten, und Madame Mon⸗ tréſor, welche ganz andere Dinge, als eine Erkaͤl⸗ tung, fuͤrchtet, ſetzt ſich neben Mamſell Clara, und hat keine Zahnſchmerzen mehr. Herr v. Noirmont und St. Elme fuͤhren beinahe allein das Tiſchgeſpraͤch. Der Erſtere wuͤrde beſſer ſprechen, wenn er weniger auf ſich hoͤrte, und nicht uberzeugt zu ſein ſchien, daß man ihn gern hoͤrt. St. Elme iſt weit unterhaltender; aber bei ſeinem feinen Takt, ſich immer im vortheilhaften Lichte zu zeigen, billigt und lobt er alles, was Herr v. Noirmont vorbringt. Fuͤr dieſe zůcſichten gewinnt er ſich manches Beifalllaͤcheln von ſeinem Freunde Armand. 5 Viector unterhaͤlt ſich mit einer Muſterung der Damen; ſeine Augen verweilen nicht auf Madame heti, er ſo habe Mon⸗ rkl⸗ Uhrg, nahe eſer und gern hei ſten wa chten inem der 251 ₰ Montréſor, etwas laͤnger aber ruhen ſie auf der Mamſell Pomard, doch ſchweigt ſein Herz dazu⸗ Dann betrachtet er die Schweſter Armand's, und empfindet ſchon mehr dabei; aber dieſe iſt nichts weniger als kokett; ſie ſpricht wenig, begnugt ſich damit, zuzuhoͤren, dann und wann zu laͤcheln, und auf den Tiſch Acht zu haben. Die Mahlöeit endet ſo friedlich, als ſie ange⸗ fangen hat. Chéri mault, Armand ſcheint in Gedanken vertieft, Dufour hat tuͤchtig gegeſſen; Herr Pomard aber hat, weil er eine Waſſerflaſche ſtier angeſehen, Spinat auf die Weſte fallen laſ⸗ ſen, und als ſeine Schweſter ihn darauf auf⸗ merkſam macht, ganz ruhig geantwortet: Das iſt aͤrgerlich... aber ich uͤberlegte nur ſo eben„ Nach dem Eſſen wird eine Promenade im Gar⸗ ten unternommen. Man giebt ſich nicht den Arm, Jeder geht ungenirt, nur Madame Montréſor laͤßt ihren Mann nicht von der Seite. 232 ₰ Es wird dunkel, und die Gäͤſte aus der Nach⸗ barſchaſt wollen aufbrechen. Madame Montreſor bringt eine Parthie Lotterie bei ſich in Vorſchlag; aber das Anerbieten findet kein Gehoͤr. St. Elme fordert Herrn v. Noirmont zum Billardſpiel auf, und die Pomard's erklaͤren, in fuͤnf Tagen 39 Sols verloren zu haben, ſie ſaͤßen zu ſehr im Ungluͤck, und wollten die ganze Woche nicht ſpielen. Man begleitet Herrn und Madame Montreſor bis zu ihrer Wohnung, die nur wenig entfernt iſt. Herr Pomard und ſeine Schweſter ſind bald in Gi⸗ zy, zwei Flintenſchüſſe von Brébille, und die Be⸗ wohner von Bréville gehen in's Haus zuruͤck. Die Herren ſteigen noch zum Billard hinauf, und Frau v. Noirmont zieht ſich in ihr Zimmer zuruͤck. Noch einigen Parthieen laſſen Victor und Dufour die anderen beiden Herten ſpielen und gehen zu Bett. Hier wird ein ordentliches Leben gefuͤhrt, das freut mich, ſagt Dufour: um zehn Uhr ſucht Je⸗ der die Ruhe; ein ſolches Leben liebe ich!— Ich, ich wuͤrde es ein Bischen zu vernuͤnftig jinden, ſollte es lange ſo dauern. Gute Nacht, Dufour! — Gute Nacht!... Nun, und Magdalene? Du haſt noch nicht davon geſprochen:— Konnte ich es denn vor all' den Fremden? Morgen werde ich ſchon Gelegenheit finden.— O, Vocativus, wenn ſie hubſch waͤre, laͤngſt waͤre es geſchehen! Capitel VIII. Ein gut angewendeter Tag. Vietor iſt früß aufgeſtanden; das gehoͤrt ja zu den Vergnuͤgungen des Landlebens; er geht hin⸗ unter, und begegnet Herrn v. Noirmont und St. Elme auf dem Hausflur in Jagdkleidern, Flinte und Jagdtaſche uͤber den Schultern.*8 Wir wollen mit Haſen und Rebhuͤhnern Krieg fuͤhren, ſagt St. Elme; gehen Sie mit uns, Herr Dalmer?— Nein, meine Herren, ich bin kein Jaͤger.— Da entbehren Sie ein großes Vergnügen! erwiedert Herr v. Noirmont, indem er den Hahn ſeines Gewehres verſucht.— Da ich es weder kenne noch wuͤnſche, ſo glaube ich auch nichts zu entbeh⸗ ren.— Nun vorwaͤrts, Herr v. Noirmont; Sie — in⸗ S inte wiſſen, ich habe mit Ihnen gewettet, wer heut die meiſten Stuͤck erlegt.— Oho, ich halte die Wette!— Gluͤckliche Jagd, meine Herren! Armand's Schwager gruͤßt Victor ziemlich kalt; Jemand, der die Jagd nicht liebt, ſcheint bei ihm allen Werth verloren zu haben; unſerm Vi⸗ ctor kommt dies wenigſtens ſo vor, und es giebt ihm eben keine hohe Meinung von dem Geiſte des Herrn v. Noirmont. Victor iſt erfreut, mit Armand und ſeiner Schweſter allein zu bleiben; er hofft nun Gelegen⸗ heit zu finden, mit ihnen wegen Magdalenen zu ſprechen; aber es iſt noch zu fruͤh, um ſchon dar⸗ an zu denken. Die große Nanette, die Tochter des Hauswarts, hat ihm geſagt, daß Armand vor neun Uhr nicht aufzuſtehen pflege; um bis dahin ſich die Zeit zu vertreiben, geht er in den Garten hinunter. Es iſt in der That eine huͤbſche Beſitzung! wie⸗ derholt er mehremale, indem er die ſchattigen „ Gäͤnge durchlaͤuft: aber hier im Hauſe fehlt doch etwas, Alles iſt hier ſo kalt, es fehlt Leben, Seele. Armand langweilt ſich, er ſcheint unruhig, von irgend etwas eingenommen zu ſein. Ich glau⸗ er hat in Paris mehr als Erinnerungen zuruͤck⸗ gelaſſen, und wahrſcheinlich iſt er nun hier, um ſich Geld zu verſchaffen. Frau v. Noirmont iſt ſanft und ſtill, liebt ihren Mann; aber das kann nur eine vernuͤnftige, kalte Liebe ſein, er iſt ja funfzehn Jahre aͤlter als ſie.. dieſe Verſchieden⸗ heit der Jahre ginge noch an, wenn Herr v. Noir⸗ mont nur einiges Zartgefuͤhl, mehr Zuneigung ver⸗ riethe, denn ein gefuͤhlvolles Herz bleibt laͤnger jung. Aber dieſe Leute ſind alle von einer Ruhe. hier muͤßte Liebe walten, ſie wuͤrde Alles verſchö⸗ nern. Aber wo ſie finden? Bei Madame Mon⸗ tréſor moͤchte ich ſie nicht ſuchen; Mamſell Pomard iſt ganz angenehm, aber ſie laͤßt kalt.... Wo Nahrung fuͤr mein Herz finden? Ich werde met⸗ nem Vater zu Gefallen am Ende doch heirathen ⸗ nd o 237 S muſſen. Ja, die ich dereinſt heirathen ſoll, muß ich lieben, anbeten.. ich will. Aber wer iſt denn das junge Maͤdchen dort druͤben?.. Iſt's moͤglich?...ich irre mich nicht, es iſt Magdalene! Victor befindet ſich ſo eben auf einer kleinen Anhoͤhe an der Gartenmauer, von wo aus man weit das Feld uͤberſehen kann. Da bemerkt er ein junges Maͤdchen neben einem Landmanne auf der Wieſe ſitzen. Es ſind Magdalene und Jacob; ſie plaudern mit einander, indem ſie oft nach dem Landhauſe Armand's blicken. Victor verläßt eilig ſeine Anhoͤhe, laͤuft durch den Garten, uͤber den Hof, und iſt ſehr bald bei dem jungen Maͤdchen und ihrem Begleiter. So wie Magdalene den jungen Reiſenden erblickt, ruft ſie erroͤthend aus: Ach, ſeht doch, Jacob, der Herr hat mich doch nicht vergeſſen, er kommt mir entgegen! Euch vergeſſen! und warum glaubt Ihr, — = 258 ₰ daß ich Euch vergeſſen wuͤrde? ſo wenig Vertrauen ſetzt Ihr in mein Verſprechen? Mein Ferr, ich nicht, nur Jacob meinte.. Nun mein Gott, ja! faͤkt der Bauer ein: ſo vieler Umſtaͤnde bedarf es nicht, um zu ſagen, was man denkt. Sie haben Magdalenen verſprochen, ſich ihrer anzunehmen, mit ihren alten Freunden zu reden; da wir aber geſtern den ganzen Tag nichts von Ihnen gehoͤrt haben, ſo mubte ich glau⸗ ben, es ſei Alles vergeſſen. Ich weiß, die Herren Pariſer haben ſo Manches im Kopfe; ein kleines Maͤdchen, das man kaum kennt, konnte wohl leicht wieder aus den Gedanken kommen. Aus Mit⸗ leid fuͤr die Kleine, die die Zeit nicht erwarten kann, ihre Jugendgeſpielen wieder zu ſehen, habe ich ſie heute ganz fruͤh abgeholt. Ich habe ihr ge⸗ ſagt: Komm, wir wollen um die Wohnung deiner Kindheit herumſchleichen, vielleicht begegnen wir irgend Jemand, der dich einladet, einzutreten. Sie ſehnt ſich ja ſo darnach, ſie wieder zu ſehen.. . uen was en, den ka9 au⸗ nes ohl it⸗ ten be g ner wir (M. 259 ₰ Es iſt ſo natuͤrlich; bis zum elften Jahre hat ſie in dieſem Garten umhergeſpielt; die Herrin des Hauſes liebte ſie eben ſo ſehr wie ihre Stiefkinder, ja, ich glaube ſogar, ſie zog Magdalenen noch vor; ſie kußte ſie oftmals, wenn ſie ſich allein glaubte. Kurz, obgleich alle dieſe Freuden ſchon mit elf Jahren aufhoͤrten, ſo lebt die Erinnerung daran bei Magdalenen noch fort; gluͤckliche Tage ent⸗ ſchwinden dem Gedächtniſſe nicht ſo leicht, wenn deren keine weiter nachfolgen. Nachdem Victor ihnen begreiflich gemacht hat, warum er des jungen Maͤdchens noch nicht erwaͤhnt, fuͤgt er hinzu: Ich bin hoch erfreut, Euch hier zu finden; der Augenblick iſt guͤnſtig, um Euch Eu⸗ ern alten Freunden vorzuſtellen. Kommt, ich fuͤhre Euch in den Garten, und da warten wir, bis Armand und ſeine Schweſter aufgeſtanden ſein wer⸗ den; ich werde ſie auf Eure Gegenwart vor⸗ bereiten. ich bin gewiß, Alles wird gut gehen. = 240 S5 Magdalene wird bald blaß, bald roth; der Gedanke, n wieder zu betreten, wo ſie ihre Jugendzeit vetebt har, macht ihr eine ſolche Ge⸗ ihr die Knie brechen moͤch⸗ tef Sie ſtürzt ſich auf Jacob und fragt ihn: Darf ich dem Herrn folgen, mein Freund? Ja, ohne Zweifel, antwortet dieſer, da der Herr ſich deiner annimmt. Geh, meine kleine Magdalene, kehre in die Wohnung deiner Wohl⸗ thaͤterin zuruͤck, da biſt du beſſer an deinem Platze als in Grandpierre's Schenke! Jacob druͤckt dabei herzlich die Hand des jungen Maͤdchens, ſein Geſicht hat allen Ausdruck von Spott verloren, und erſcheint beinahe ruͤhrend. Nun ſo kommt, ſagt Vietor, indem er Magda⸗ lenens Hand ergreift: die Zeit vergeht!. Ich will mit ihnen ſprechen, ehe ſie Euch ſehen. — Und Ihr, Jacob, kommt Ihr nicht mit?— Ich? o, das iſt unnuͤtz.. da bin ich oͤberfluſ⸗ ſig!.. übrigens muß ich zur Arbeit.... Adieu, 4 g der kleine ungen bon rend. goda⸗ ſehen⸗ t— diel⸗ 6= 241 8 Magdalene!.. So zittre doch ni ſo, mein armes Kind! 6 Jacob thut einige Schritte, um ſich zu entfer⸗ nen, wendet ſich aber nochmals zu Victor, druckt ihm kraͤftig die Hand und ſpricht: In jedem Fale, mein Herr, bedenken Sie, daß man ſich der ar⸗ men Magdalene nicht aus bloſem Mitleiden anneh⸗ men ſoll.... Wenn die, welche ſie liebt, ſie nur mit Käͤlte behandeln, ſo bitte ich, mein Herr, bringen Sie ſie mir wieder zuruͤck; will ſie dann nicht wieder zu Grandpierre's, wo die Liebe Babo⸗ lein's und das Schelten ſeiner Mutter ihr Langweile macht, ſo kommt ſie wieder zu mir, und Jacob wird ſtolz darauf ſein, auch ferner noch fuͤr ſie zu ſorgen. Mit dieſen Worten entfernt ſich der Landmann. Dieſer brave Mann will Euch ſehr wohl! ſagt Vi⸗ ctor.— Ach ja, mein Herr, er iſt mein beſter Freund!— Ich hoffe, ſeine Befuͤrchtungen wer⸗ den nicht in Erfuͤllung gehen, und bin gewiß, Eure = 242 8 Gegenwart wird Armand und ſeiner Schweſter das oroͤßte Vergnuͤgen machen.— Ach, wenn es wahr waͤre, wie gluͤcklich wuͤrde ich ſein.— Nun ſo kommt, gebt mir den Arm, ſtutzt Euch auf mich. — Ach, wie gut ſind Sie, mein Herr! Aber der Gedanke, daß ich die Wohnung meiner Wohl⸗ thaͤterin wieder ſehen ſoll, die mir Mutter war, verurſacht mir eine Gemuͤthsbewegung, die ſtaͤrker iſt als ich. Es iſt Freude, die ich empfinde, und doch mochte ich weinen.— Seid Ihr denn waͤhrend der Abweſenheit der Herrſchaft niemals hier im Garten ſpazieren gegangen?— Nein, mein Hert, niemals: Der Hauswart war ein harter Mann; man haͤtte ihn um Erlaubniß bitten müſſen, und dann meinte Jacob immer, was ich denn hier wollte? verließe ich den Garten wieder, muͤßte ich doch zu Grandpierre's zuruͤck, und dann wuͤrde ich nur noch mehr Kummer und Wehmuth empfin⸗ den; es ſei beſſer, das Vergangene zu vergeſ⸗ ſen. Ich befolgte zwar Jacob's Rath, habe ds wahr n ſo mich. Aber Wohl⸗ wor, irker und rend Herl, annz und hier eich ich yiin⸗ yiſ⸗ ube 243 S aber das Vergangene deſſenungeachtet nicht ver⸗ geſſen. Jetzt iſt man am Thore des Hauſes; Niemand iſt im Hofe. Beide gehen raſch hindurch und ſo⸗ gleich in den Garten. Magdalene athmet kaum, als ſie ſich nach ſieben Jahren an den Orten wieder findet, wo ſie die ſchoͤnſten Tage ihres Lebens zu⸗ gebracht hat; ſie kann nicht genug auf ein Mal ſehen; ihre Augen moͤchten alle die ihr ſo bekann⸗ ten Spielplaͤtze ſo raſch verſchlingen, als ihr Ge⸗ dächtniß ſie durchlaͤuft. Die Erinnerungen aus ihrer Kindheit ſind bei dem Gedanken an ihre gegenwaͤr⸗ tige Lage mit Bitterkeit gemiſcht, und doch bricht ſie bei jedem neuen Gegenſtande, den ſie erblickt, in laute Freude aus. Von Gefuhlen uͤberwaltigt iſt ſie genothigt, ſtille zu ſtehen. Victor laͤßt das junge Maͤdchen auf eine Raſen⸗ bank ſich niederſetzen, und bittet ſie, ſich zu be⸗ ruhigen.— Ach, mein Herr, wie gluͤcklich bin ich! Hier in dieſer Allee liefen wir alle Drei umher; 16* = 244. dort, hinter jener Hecke, verbarg ich mich oft mit Erneſtinen/ wenn ihr Bruder uns ſuchen ſollte.„. Es kommt mir vor, als waͤre es heute. Ach, Alles iſt noch wie damals... da, dieſe Baͤume erkenne ich alle wieder, ich mächte ſie kuſſen! Magdalene betrachtet Alles mit inniger Ruͤhrung, und Victor meint: In der That, Dufour hat Recht, ſie iſt huͤbſch in dieſem Augenblicke; das Mädchen hat ein gefuͤhlvolles Herz!... ſie wird nicht im⸗ mer gluͤcklich ſein! Magdalene ſteht wieder auf, und ſie fahren ſort, den Garten zu durchlaufen. Bei einem freundlichen Gebuͤſch, nah' am Leiche, ſtößt ſie einen Schrei aus, und ihre Augen fuͤllen ſich mit Thraͤnen. Was habt Ihr? fragt Vietor. 22ch, mein Herr, hier bei dieſem Gebuͤſch, in dieſer Laube war der Platz meiner Wohlthaͤterin, hier ſaß ſie alle Tage, hier hat ſie mich zum letten Male umarmt! Magdalene ſchluchzt; bald darauf entfernt ſie ft mit Ales rkenne Kung, Recht, dehen im⸗ ſort, lichen chrei , in kerin, ezten ſie 245 5 ſich, geht in's Gebuͤſch, wirft ſich auf die Knie, und betet mit Inbrunſt. Der junge Mann wartet in ernſter Ruͤhrung, bis ſie ihr Gebet beendigt hat; in der Handlung des jungen Maͤdchens liegt ſo viel Zartheit und Edelſinn, daß er ſich außergewoͤhnlich ergriffen fuhlt. Magdalene tritt wieder hervor, und weint nicht mehr. Man geht weiter, und ſie findet bei andenn Erinnerungen ein heiteres Laͤcheln wieder. Bei 18 Jahren ſind ſich Lachen und Weinen ja ſo nahe. Bei der Wendung einer Allee, die bis zum Hauſe fuͤhrt, ruft Victor ploͤtzlich aus: Da ſind ſie, ſie kommen hier her!— Wer denn?— Ar⸗ mand und ſeine Schweſter.— Was?..„der Herr, die große Dame, das ſind meine Jugendgefährten? Wie haben ſie ſich verändert!... Ach, wenn auch, mein Herz erkennt ſie doch!.. Ich laufe hin, ſie zu umarmen!— Nein, nein! ſie duͤr⸗ ſen Euch noch nicht ſehen.... Da hier, tretet in dies kleine Luſthaus und wartet, bis ich Euch = 246 S ein Seichen gebe.— Ach, mein Herr, laſſen Sie mich nur nicht zu lange warten, darum bitte ich! Nicht ohne Muͤhe hat Victor das junge Maͤd⸗ chen dahin gebracht, in das Luſthaus zu treten; endlich verbirgt ſie ſich darin, und nun geht er Armand und ſeiner Schweſter entgegen. Wir ſuchten Sie, mein lieber Dalmer, ruft ihm Armand ſchon entgegen. Man ſagte uns, Sie waͤren fruͤh aufgeſtanden, und gingen im Garten ſchon lange ſpazieren. Teufel, Sie lieben das fruͤhe Aufſtehen! Aber du biſt auch ein gar zu arger Langſchlaͤfer, tieber Bruder! Mir iſt es lieb, Ihnen ſagen zu können, daß ich ſchon lange auf bin. Ich glaubte Sie mit meinem Bruder auf der Jagd, ſonſt haͤtte ich Ihnen Geſellſchaft geleiſtet. O, meine gnaͤdige Frau! auf dem Lande iſt das wohl nicht gebraͤuchlich, ich bitte ja, ſich meinet⸗ wegen nicht zu incommodiren; das iſt das einzige Mittel, mich lange hier zu behalten. Schön, mein n Eit ich! Nid⸗ reten; eht er nſt „Sie arten ſtühe liſtr, en zu aubte hitte ſt d einet⸗ nihe mein 247 82 Herr, ich werde mich daran erinnern.— Auch habe ich das Gluck, mich allein niemals zu lang⸗ weilen.— Da ſind Sie ſehr zu beneiden, ich ge⸗ ſtehe, daß ich oft Langeweile habe. Bei dieſen Worten kann Frau Noirmont einen leichten Seufzer nicht unterdruͤcken.— Wetter! mich wundert's gar nicht, daß du dich langweiſſt, ſagt Armand. Seit den 5 Jahren, daß du verhei⸗ rathet biſt, lebſt du ja ſo verlaſſen in der Provins u wohnſt in Mortagne, in der Landſchaft Per⸗ che. Eine junge nette Frau, wie du, in Perche vergraben zu ſein, wie vertraͤgt ſich das mit der geſunden Vernunſt?.. Man ſagt zu ſeinem Mann: Ich will in Paris leben, da kann man ſeine Zeit beſſer anwenden. Ich verſichere dich, Armand, ich habe gar kein Perlangen nach Paris.. Die Geſellſchaften, Bäl⸗ le, alle die Vergnügungen, wovon du ſo bezaubert biſt, ziehen mich nicht an. Wenn ich mich dann und wann langweile... ſo iſt's... weil ich oft 248 ₰ allein bin... Mein Mann liebt die Jagd ſo ſehr! man muß oft mit laͤcherlichen Leuten umge⸗ hen, die nichts Geſcheutes hervorbringen koͤnnen. ... O! dann geht es mir oft wie Ihnen, dann moͤchte ich lieber allein ſein.... Aber, wenn mein Mann ſich entſchließt, dies Gut zu kaufen, werde ich keine Langeweile mehr haben.... Hier gefaͤllt es mir ſehr!. wie gern bliebe ich im⸗ mer hier. Dein Mann wird ſich wohl dazu entſchließen muͤſſen, ſonſt verkaufe ich es an einen anderen, ich habe durchaus Geld noͤthig.— Armand, was ſagſt du da! dies Gut an Fremde verkaufen?... wir ſollten uns in dieſen Gaͤrten nicht mehr erge⸗ hen koͤnnen.... o! ich bitte, das thue nicht.— Ja! wenn dein Mann es mir abkauft, und es mir beſonders gleich baar bezahlt Er ſagt im⸗ mer: Wir werden ſehen, das wird ſich machen laſſen, aber mit den Worten iſt mir nicht geholfen! — Mein Gott! Armand, glaubſt du, Herr v. Noir⸗ N = 249 S ſe mont werde nicht halten, was er verſpricht?— umge⸗ Nein, liebe Schweſter, ich weiß ſehr wohl, er iſt nnen. ein ſehr redlicher Mann!... aber du verſtehſt donn mich nicht: wenn er mir heut einen Theil der wenn Summe giebt, die ich verlange, und ich dann in guſtn, einem Monate oder ſechs Wochen den Reſt verlange, hir ſo wird er mich fragen, was ich mit dem Gelde anfange, ſich wundern, daß das ſchon ausgegeben im⸗ iſt, was ich erhielt, da muß ich dann ſeinen Rath, iehen ſeine Ermahnungen anhoͤren„. und das iſt es, i was ich nicht will... Ich liebe den Rath Ande⸗ was rer nicht, ich bin jetzt mein eigener Herr, ich wuͤnſche zu handeln, wie mir es beliebt, ohne „ Jemandem Rechenſchaft daruͤber zu geben. — Erneſtine ſchuttelt betruͤbt den Kopf, und erwie⸗ nn dert ihrem Bruder: Gott gebe, daß du es mie⸗ mals bereuen moͤgeſt, die Rathſchläge meines Mau— 6 nes zuruͤckzuweiſen. Waährend dieſer Unterredung hat Victor die Ge⸗ ſchwiſter bis nahe zum Luſthauſe gefuͤhrt. Der Gar⸗ = 250 ₰5 ten iſt in der That wunderhuͤbſch, ſagt er, indem er ſich auf eine, von Fliederbuͤſchen beſchattete Bank niedergeſetzt hat.. Es iſt leicht zu begreifen, Gnaädige Frau, daß Sie ſich hier geſallen. Nicht wahr, mein Herr! erwiedert Erneſtine, indem ſie ſich zu ihm ſetzt, aber es wird Ihnen noch mehr einleuchten, wenn ich ihnen ſage, daß ich hier geboren bin, hier die erſten ſchoͤnen Jahre meines Lebens zubrachte, hier die ſuͤßeſten Erinne⸗ rungen ſich meinem Herzen aufdringen!... Das wußte ich ſchon, Gnaͤdige Frau; Armand hat mir von einer Stiefmutter erzaͤhlt, die ſie ſo liebte.— Ach! mein Herr, wie gut, wie lie⸗ benswuͤrdig, wie ſchoͤn war ſie. Kaum 30 Jahr alt, mußte ſie ſchon hinuͤber.... Nicht wahr, Armand, wir liebten ſie mit Innigkeit?— Ja! gewiß!— Und das junge Maͤdchen, das ſie zu ſich genommen hatte, Magdalene, ach, meine indem Bant Keifen, nſtine, 9hnen daß gahre inne⸗ mund ſie ſo e lie⸗ = 251 S2 arme Magdalene, der ich ſo gut war, was mag aus dir geworden ſein? Wie gern moͤchte ich dich Hier öffnet ſich halb die Thuͤr des Luſthaͤuschens, Magdalene ſteckt den Kopf hervor, ihre Augen glaͤnzen vor Freude; ſie will aus ihrem Verſteck hervoreilen, aber Vietor giebt ihr ein Zeichen, noch zu warten. Armand, faͤhrt Frau v. Noirmont fort, haſt du dich denn niemals nach Magdalenen erkundigt? — Und bei wem ſollte ich Erkundigungen einziehen? in Paris mochte ich wohl ſchwerlich etwas von ihr erfahren haben...— Aber ſeitdem du hier biſt? — Nun, wahrhaſtig! ich habe mit meinen eignen Angelegenheiten genug zu thun. uͤbrigens glau⸗ ve ich gehort zu haben, daß ſie die Gegend verlaſ⸗ ſen hat. Nun, gnaͤdige Frau, ich, der ich nur erſt ganz kurze Zeit hier bin, kann Ihnen Nachrichten von dem Maͤdchen geben, wovon Sie ſprechen.. 252 ₰ð Wär' es moͤglich.. Sie wuͤßten?— Ich weiß alles, was dieſe junge Waiſe betrifft. Ich ſagte Ihnen doch, daß wir vorgeſtern Abend genoͤthigt wurden, in einer Schenke mitten im Walde, eine halbe Meile von hier, zu uͤbernach⸗ ten da fanden wir ein junges Mädchen, das jene Landleute ſeit einigen Jahren zu ſich genom⸗ men hatten. Als es erfuhr, daß ich zu Ihnen ge⸗ hen wuͤrde, ſchien es von den lebhafteſten Empfin⸗ dungen angeregt, denn es brannte vor Verlangen, diejenigen wiederzuſehen, die es wie ihre Schwe⸗ ſter behandelt hatten... Ach, mein Herr! und Sie haben es nicht gleich mitgebracht?.... Erneſtine hat dieſe Worte noch nicht beendigt, ſo ſpringt Magdalene, die ſich nicht mehr linger zu halten vermag, aus ihrem Hinterhalt hervor, läuft zur Bant, wirft ſich in die Arme der Frau E etrift. Ahend en im emſch⸗ „da enom⸗ en ge⸗ npfin⸗ ugen, öchwe⸗ gleich ndigt, inger, erbl⸗ Fral —= 253 5 v. Noirmont und ruft: Hier bin ich dort war ich verſteckt, ach! wie gluͤcklich bin ich! endlich ſehe ich Sie wieder. Erneſtine druͤckt Magdalenen an ſich, ihre Au⸗ gen ſind von Thraͤnen erfullt, mehrere Minuten lang koͤnnen Beide kein Wort vorbringen... Nun, und ich, Magdalene? ſagt Armand, indem er dem jungen Maͤdchen ſeine Arme öffnet. Sie verlaͤht Erneſtine, und will dem Marquis um den Hals fallen, aber plotzlich haͤlt ſie inne, und ſagt ſchuͤchtern— ach nein! das geht nicht, Sie ſind ſo groß geworden.— Nun, und was thut das, Mag⸗ dalene? ich bleibe deswegen immer Armand, dein Spielkamerad.— O ja, ich erkenne Sie wohl... Da beſiegt Magdalene ihre Schuͤchternheit, und wirft ſich in die Arme des Marquis; bald folgen ſich Fragen auf Fragen; ſieht man Jemand zum erſten Male wieder, den man liebt, ſo moͤchte man in einem Augenblick gern Alles wiſſen, was er gethan, gedacht, erlebt hat. = 254 ₰5 Magdalene hat mit wenigen Worten ihre Ge⸗ ſchichte etzaͤhlt; und Erneſtine ruft aus: Armes Kind!.. Mitleid hat dir den Hunger geſtillt! Aber warum ſchriebſt du nicht an mich!— Ich wußte ja nicht Ihren Wohnort...— Kuͤnftig ſollſt du mich nicht mehr verlaſſen, du bleibſt nun bei mir du willſt es doch auch gern? nicht wahr? Magdalene antwortet nur durch neue Umarmun⸗ gen. Mein Herr, wendet ſie ſich dann zu Viector, Ihnen danke ich mein Gluͤck; ich werde das nie vergeſſen!— Ihr ſeht, es handelte ſich nur dar⸗ um, Euch vorzuſtellen.— Aber ohne Sie yaͤtte ich es niemals gewagt. Erneſtine dankt Vietor ebenfalls, ihr eine ſo liebe Freundin wiedergegeben zu haben. Es wird beſchloſſen, Magdalene ſoll in Bréville bleiben. Sie iſt entzuͤckt daruͤber, aber halt es fuͤr nöthig, die Familie Grandpierre davon zu unterrichten. O! wir wollen zuſammen zu ihnen gehen, ich mun⸗ ictor, s nie dar⸗ hitte wird iben. ſhih, ich 255 S muß den Leuten auch meinen Dank abſtatten, die meine kleine Magdalene gepflegt haben. Ich hoffe, auch deinen Jacob kennen zu lernen,. Jacob.. es ſcheint mir, als haͤtte ich den Namen ſchon ge⸗ hoͤrt; kam er nicht oft zu unſerer guten Mutter? — Ja, ja! bemerkt Armand, er arbeitete im Gar⸗ ten oder verrichtete ſonſt kleine Auſtraͤge. Er hatte ein originelles Geſicht, eine drollige Phy⸗ ſiognomie.. ich mochte ihn nicht beſonders lei⸗ den! aber da er ſich ſo gut gegen Magdalene benommen hat, ſo werde ich dafuͤr erkenntlich ſein. — Ach! ich bin gewiß, Jacob verlangt dafuͤr nichts; obgleich arm, beſitzt er Stolz.. Es ge⸗ nuͤgt ihm, wenn er erfaͤhrt, daß Sie mich nicht vergeſſen haben. Erneſtine macht mit Magdalenen Plaͤne fuͤr die Zukunſt! Pictor freut ſich uͤber das Gluͤck, das er vorbereitet hat; Armand ſelbſt ſcheint zufriede⸗ ner, weniger mit Paris beſchaͤftigt, und die kleine Geſellſchaft bemerkt es nicht, wie die Zeit ver⸗ — — 256 2 gangen iſt, als die Stimme Dufour's ſich hoͤren laͤßt.. Ich mache allen mein Compliment, ſagt er, indem er naͤher kommt, und habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß das Fruͤhſtuͤck ſchon lange auf Sie wartet... wie mir die dicke Nanette geſagt hat. Es iſt wahr! wir denken ja gar nicht an's Früh⸗ ſtuͤt!. erwiedert Erneſtine... verzeihen Sie nur, meine Herten, aber ſeit langer Zeit bin ich nicht ſo gluͤcklich geweſen!.... Ei der Tauſend! da iſt ja Mamſell Magdalene, ruft Duſour, das junge Maͤdchen aus dem Walde! Ich ſehe, Vietor hat ſeinen Auſtrag ausgerichtet. — Ja, mein Herr, Ihr Freund iſt ſo gut. — Er iſt immer gut fuͤr junge viesmal hat er mehr Verdienſt, weil Ihr ticht. 3 Dufour beißt ſich auf die Lippen und ſchweigt, denn er fuͤhlt, daß er ſo eben eine Sottiſe ſagen wollte. Huſtend faͤhrt er fort: weil Ihr nicht wie die jungen Pariſerinnen ſeid„ hotn agt er, Ihnen uf Sie hat. s Früh⸗ en Sie hin ich galene, Paln! erichtet⸗ „bet chweiyt t ſugen cht vie 257 ₰ Man giebt auf dieſe wunderliche Wendung der Rede nicht Acht; Erneſtine ergreift Magdalenens Arm und fuhrt ſie mit ſich fort. Dem Fruͤhſtuͤck macht man wenig Ehre. Große Freude, wie großer Schmerz ſchaden dem Appetit; man eilt fertig zu werden, um zu Grandpierre's zu gehen, und noch zeitig genug wieder zuruͤck zu ſein. Dufour allein findet, daß das Fruͤhſtuͤck zu ſchnell beendigt wird, wagt es aber doch nicht, ſeine Begleitung abzuſchlagen. Man geht. Erneſtine bleibt Magdalenen zur Seite. Victor bemerkt mit Vergnuͤgen, wie Frau v. Nojrmont nicht erroͤthet, mit einem Maͤdchen, deſſen Anzug beinahe dem einer Baͤuerin gleicht, Arm in Arm zu gehen. Er denkt, daß ihr Gemahl es nicht eben ſo machen moͤchte, und fuͤrchtet bei ihm fuͤr Magdalene einen weniger guten Empfang. Da iſt es! ſagt Magdalene, indem ſie auf das Haus zeigt, das ihr ſo lange als gufluchtsort ge⸗ dient hat.— Dies Haus? aͤußert Erneſtine traurig. iſter Theil. 17 = 253 Armes Kind! ich war reich, mir fehlte nichts, und du haſt vielleicht tauſend Dinge entbehren muͤſſen! O! nur Ihre Gegenwart entbehrte ich. Man tritt in die Schenke, und gluͤcklicherweiſe iſt gerade kein Gaſt im Zimmer. Die Familie Grandpierre uͤberbietet ſich in Hoͤflichkeiten, und weiß nicht, nie ſie einer ſo vornehmen Geſellſchaft genug Ehre erweiſen ſoll. Erneſtine macht ſie mit der Veranlaſſung ihres Beſuchs bekannt. Wir wollen Magdalene bei uns behalten, ſagt ſie. Sie kommt, ſo wie wir, Euch fuͤr Alles, was Ihr für ſie gethan habt, zu danken; ſie hat ihre Jugendgeſpielin wiedergefunden. Die, welche Frau v. Breville ihre Kinder nannte, ahndeten nicht, daß ihre junge Freundin ihnen ſo nahe wohne. Ich hoffe die guten Abſichten meiner Mutter zu erfuͤllen, wenn ich mich nicht mehr von Magdalenen trenne. Grandpierre wuͤnſcht ihr uͤber die Veränderung ihrer Lage Gluͤck. Es thut mir leid, ſagt er, in⸗ dem er ſie zaͤrtlich kuͤßt, dich, mein gutes Kind, , und üſſenl erweiſe mile „und lſchaſt ſe mit ſaot wo t ihe Fral nicht, 90 füllen trenne. derun , i⸗ Kind, * = 259 SB zu verlieren, und doch freue ich mich daruͤber; denn, wie auch Jacob immer ſagt, du wareſt hier nicht an deinem Platze. Die Erziehung, welche du bis in's elfte Jahr erhielteſt, konnteſt du nicht ver⸗ leugnen, und da genirte es mich immer, wenn ich von dir etwas fordern ſollte. Ja, ja, faͤllt die alte gacqueline ein, Mag⸗ dalene wird uͤberall beſſer ſein, als bei uns... Sie erwiederte nie etwas, wenn ich ſie ſchalt, und das ärgerte mich; ich will, daß man mir antwor⸗ tet; da habe ich Gelegenheit, mich auszutoben. Der große Babolein ſagt kein Wort. Bei den erſten Worten der Frau v. Noirmont hat er ſich in einem Winkel niedergeſetzt, und der Geſellſchaft den Rücken zugekehrt; und als Magdalene ſich ihm naͤhert, um ihm Lebewohl zu ſagen, fängt er an, wie ein Kalb zu heulen, und ſich den Kopf gegen die Mauer zu ſtoßen. Troͤſtet Euch, Babolein, ſagt Magdalene, Ihr erzeigt mir zu viel Guͤte, uͤber meinen Abſchied 18 3 * 260 ₰8 zu weinen; ich gehe ja nicht weit, und wir wer⸗ den uns wohl noch manchmal ſehen. Ach, das verlohnt der Muͤhe nicht, erwiedert der große Bengel ſchluchzend: wenn Ihr uns ein⸗ mal verlaſſen wollt, ſo iſt es beſſer, wir ſehen uns gar nicht wieder, aber ich weiß wohl, daß ich mich niemals troͤſten werde! Um die wehmüthige Stimmung zu unterbrechen, welche die ganze Familie zu ergreifen ſcheint, ruft Dufour mit einem Male: Nun, wie iſt's denn, Madame Grandpierre, haben einige Eurer Freunde Euer Bild geſehen? iſt man damit zufrieden ge⸗ weſen? O ja, antuyrtet Grandpierre, Alle, die es ge⸗ ſehen haben, fanden es allerliebſt, nur haben ſie Alle ihr Bild fuͤr das des Herrn Pfarrer ge⸗ halten. Da verſchwende Einer ſein Talent fuͤr ſolche Bauern! ſagt Dufour leiſe: das heißt den Eſeln Perlen vorwerfen!— Wir werden Euch Eure Sa⸗ vir wer wiebert uns ein⸗ hen unt ich mich threchen, t, niſt denn, Freunde ieden g ſe es Me⸗ aben ſi mer 9 ir ſiche n Eſell nt Sſ⸗ 261 ₰ chen durch Jacob zuſchicken! bemerkt die Wirthin, die, uͤber den Schmerz ihres Sohnes ungeduldig, den Abſchied Magdalenens zu beſchleunigen wuͤnſcht, ind auch die Geſellſchaft hat nicht beſondere Luſt, ihren Aufenthalt in der Schenke zu verlaͤngern. Man ſagt der Familie Lebewohl und geht. In Broville wieder angekommen, fuͤhrt Frau v. Noirmont Magdalenen ſogleich auf ihr Zimmer; aber noch vor Tiſche erſcheint ſie mit ihr wieder; aber ganz veraͤndert iſt dieſe: es iſt nicht mehr die junge Bäuerin, ſie traͤgt ein einfaches weißes Kleid, das ihr ſehr gut ſteht, und in welchem ſie zwar furchtſam, aber nicht linkiſch und verlegen erſcheint. Magdalene wollte die Kleider nicht wech⸗ ſeln, ſagt Frau v. Noirmont zu ihrem Bruder: und meinte, ſie koͤnne nur hier ſein, um mich zu bedienen. Gewiß, das will ich nicht. Die, wel⸗ che unſere Mutter ſo liebte, kann nicht meine Die⸗ nerin ſein. Sie ſoll mit mir arbeiten, mir in der Wirthſchaft helfen, aber ich werde ſie nie wie „* 262 ₰5 eine Dienſtmagd behandeln.— Du haſt Recht, liebe Schweſter, auch ich bin Magdalenen gut, als wenn ich ihr Bruder waͤre. Und bei dieſen Wor⸗ ten herzt und kuͤßt er Magdalenen, ihren Kopf mit beiden Haͤnden faſſend; Dufour laͤchelt, hu⸗ ſtet und ſtoͤßt Victor mit dem Fuße, der aber dieſe Zeichen nicht verſtehen will. Ein großer Laͤrm von Stimmen, Hunden und Waffen kuͤndigt jetzt die Ruͤckkehr der Jäger an. Die Herren v. Noirmont und St. Elme treten mit Herrn Pomard in's Zimmer, der auch in Jagd⸗ kleidung iſt, unb deſſen Muͤtze, wahrſcheinlich um das Toupet zu ſchonen, die Groͤße eines Dragoner⸗ casquets hat. B Da iſt der Sieger! ruft St. Elme, auf Herrn v. Noirmont zeigend: Ihm gebuͤhrt die Ehre... er hat zwei Stuͤck Wildpret mehr als ich geſchoſſen und ich hatte gewiß ein ſchoͤnes Blutbad ange⸗ richtet! Sehen Sie nur, meine Damen! St. Elme zeigt ſeine Jagd, und Erneſtinen's icht Mann ſagt, ſich den Schweiß abtrocknend: Ja, ut, als Sie ſchießen nicht uͤbel, aber ich habe Sie doch W⸗ uͤbertroffen! en Koyf Wie, Herr Pomard war mit Ihnen? fragt lt, hu⸗ Armand. er dieſe Ich ſeh' die Herren vorbei gehen, ich putzte ſo eben meine Doppelflinte, da bin ich ihnen nachge⸗ den und laufen.... Ich bin ein großer Freund von der ger n. Zaod! en nit Und wo iſt denn das Wild, das Sie geſchoſſen n haben? ſch un Nun, deshalb wuͤrde Herr Pomard in Verlegen⸗ un heit kommen! erwiedert St. Elme lachend: wenig⸗ ſtens zehn Haſen habe, ich ihm aus Gefälligkeit zu⸗ Herrn gejagt, aber Herr Pomard hat ſie ſich ruhig durch die Beine laufen laſſen! 5 Ach ja, Haſen! ich uͤberlegte nur ſo eben... . ein Rebhuhn, das ich geſehen hatte. Zwei praͤchtige haben Sie verfehlt, zehn Schritt n 8 3 . nur von Ihne Das iſt wahr, aber als ich ſinent 264 8 ſchoß, uͤberlegte ich ſo eben...— Und es ſcheint, Ihr Gewehr uͤberlegte wie Sie! Bald iſt die Aufmerkſamkeit dieſer Herren auf Magdalene gerichtet, welche ſich bei ihrer Ankunft in einen Winkel des Saales zuruͤckgezogen hatte, und noch nicht bemerkt worden war. St. Elme befragt Armand, Herr Pomard wendet ſich an Du⸗ four und Herr v. Noirmont an ſeine Frau. Es iſt meine alte Freundin, ſagt Erneſtine, die junge Perſon, vie ich dir ſchon oͤfters erwaͤhnt habe. Ich erinnere mich nicht! erwiedert Herr v. Noir⸗ mont mit kaltem Tone. Seine Frau fuͤhrt ihn in den Garten, wo ſie ihn über Magdalene und Nas⸗ jenige, was ſie fuͤr ſie zu thun Willens iſt, un⸗ terrichtet. Bei den erſten Worten, die Armand St. Elme geſagt, betrachtet dieſer das junge Maͤdchen mit einer ziemlich impertinenten Protectormiene, noch hat ſein Freund m geendet, ſo faͤllt er ſchon — ſchein, en auf nfunft halte, Eime n Dl⸗ die wihut Noir⸗ hn in Ns⸗ Eln mit un ſchon — 265 28 ein: Gut, gut, ich verſtehe! Eine Waiſe, deren man ſich annehmen will.... Das iſt herrlich„o, das iſt maleriſch!... aber dergleichen Schuͤtzlinge ſollten immer huͤbſch ſein, damit ſie die Mittel haͤtten, ihre Schulden abzutragen. Ich rathe dir, mein lieber Armand, dieſe Laſt deiner Schweſter zu uͤberlaſſen.... Was Teuſel willſt du aus einem häͤlichen Madchen machen?— Eine Freundin! er⸗ wiedert Armand.— O, mein Lieber, unter jun⸗ gen Leuten verſchiedenen Geſchlechts giebt es keine Freundſchaft!— St. Elme, du betrachteſt die Din⸗ ge immer aus einem Geſichtspunkte.— Der der richtige iſt!... Ich habe Erfahrungen. Glaube mir, anſtatt hier fur Landmädchen zu ſorgen, die dir nicht die geringſte Zerſtreuung gewaͤhren koͤnnen, verkaufe dein Gut, und kehre mit mir raſch nach Paris zuruͤck, wo uns tauſend Schoͤnheiten erwar⸗ ten! Kannſt du denn mit dem Schwager immer noch nicht zu Stande kommen?— Er meint, er 6 habe die nöthigen Fonds jetzt nicht, und bietet mir = 266 S etwas auf Abſchlag.— Pfui doch, da muͤßte man alle Augenblicke nach der Picardie reiſen, um Geld zu holen. Was mich betrifft, ſo gehoͤrt in der That viel Freundſchaft dazu, hier vor nichtsſagen⸗ den Geſichtern und beim Lotterieſpiel der Madame Montréſor zu verſaͤumen—. Mein lieber St. Elme, ich bin dir dafuͤr ſehr viel Dank ſchuldig.— Das iſt gans gut; aber treibe nur deinen Schwager, ich habe die Guͤte, mein Licht unter den Scheffel zu ſtecken, um ihn brilliren zu laſſen; ich laſſe ihn im Billard gewinnen, bei der Jagd Sieger ſein... Ich hoffe, daß das liebenswuͤrdig iſt! aber dafuͤr ſoll er es auch gegen dich ſein. Wie viel verlangſt du fuͤr dies Landhaus?— Sechziy Tauſend Franes. — Das iſt ja gar nichts.— Er will ſie znt auch geben; aber ich ſoll nur die Renten davon beziehen. Francs ab, aber nur baar..... Das gewin⸗ nen wir in Paris beim Trente-et un zehnſach wieder. te mn Geld in der ſagen⸗ dame Elme, Das t, ich 2 = 267 S5 Eine andere Unterredung fand etwas weiter hin ſtatt. Herr Pomard ſagt zu Dufour: Das iſt alſo ein junges Maͤdchen, die nicht aus der Gegend iſt? ich habe ſie noch nirgends angetroffen.— Sie iſt zwar aus der Gegend, aber ſie kam niemals in Geſellſchaften! erwiedert der Maler. Das iſt eine lange Geſchichte..... Eine Waiſe, welche die Marquiſe v. Bréville in Schutz nahm, aber bei ihrem Tode noch von Gluͤck ſagen konnte, von Landleuten aufgenommen zu werden. Hoͤren Sie mich auch, Herr Pomard?— S ja, fahren Sie nur fort!— Ich glaubte nur, weil Sie ſo auf⸗ merkſam nach dem Fenſter ſahen.— Ich uͤberlegte nur ſo eben, was Sie mir erzaͤhlen. Es iſt eine Waiſe 6 von wem iſt ſie Waiſe?— Nun, von ihren Eltern, ohne Zweifel.— Ja! aber wer war ihr Vater, ihre Mutter?— Das weiß ich eben ſo wenig als Sie; ſo wie es heißt, hat ſie ſie miemals gekannt.— Ei, das iſt ſonderbar! Sie hat weder Vater, noch Mutter? —— = 266 S5 Und Herr Pomard fixirt einen Knopf am Stock Dufours; dieſer aber fragt nach einigen Augenbli⸗ cken: Haben Sie Sich ſchon malen laſſen, Herr Pomard?— Schon drei Mal.— Sie muͤſſen recht getroffen ſein, denn Sie koͤnnen dazu ſitzen, wie eine Statue. Die, welche uͤberall der Gegenſtand des Ge⸗ ſpraͤches iſt, ſitzt in einer Fenſtervertiefung. Vietor ſetzt ſich zu ihr, und leiſtet ihr Geſellſchaft. Mag⸗ dalene, welche die fremden Perſonen nicht anzublik⸗ ken wagt, deren Augen mehr Neugierde als Theil⸗ nahme verrathen, ſpricht um ſo lieber mit ihm, als ſie in ihm ſchon einen Freund ſieht. Die Unterredung zwiſchen Herrn und Frau v. Noirmont hat etwas lange endlich kom⸗ men ſie aus dem Garten zuruͤck. Viector bemerkt, daß die junge Frau rothe Augen hat, und ihr Ge⸗ mahl uͤbler Laune zu ſein ſcheint; er fuͤrchtet, die Urſache davon zu errathen. * Bei Tiſche hat Erneſtine Magdalenen neben ſich 2069 ₰ geſetzt, und das ſcheint Herrn v. Noirmont auch zu mißfallen, denn er ſpricht nicht ein Wort mit dem jungen Maͤdchen. Aber Victor, von der andern Seite neben ihr, laͤßt die Herren von der Politique oder Jagd plaudern, und unterhaͤlt ſich mit Mag⸗ dalenen, woruͤber dieſe, wie Erneſtine, ihm viel Dank wiſſen. Am Abend kommt Madame Montréſor und ihr Gemahl. Als ſie im Salon eine ihr unbekannte Dame erblickt, weicht ſie zwei Schritte zuruͤck, und ſieht Cheri an, um in ſeinen Augen zu leſen, ob die Fremde einen Eindruck auf ihn macht. Cheri ſcheint unbekuͤmmert; und als Madame Montréſor ſich Magdalenen naͤhert, wird ſie auch ruhiger, und lächelt ſogar, als Erneſtine ſie ihr vorſtellt. Um mit der Unterhaltung des Abends einmal zu wechſeln, ſchlaͤgt St. Elme eine Parthie Bouillotte vor. Herr v. Noirmont, Armand, Herr Pomard und Madame Montréſor nehmen ſie an; Dufour aber liebt Bouillotte nicht, er behauptet, es ſei ein ————— — „ 270 ₰8 langweiliges Spiel, das man nur aufhoͤren koͤnne, wenn man verliert; er will Ecarté mit Herrn Montreſor ſpielen. Erneſtine iſt entzuͤckt, ſich ganz ungenirt mit Magdalenen unterhalten zu koͤnnen, und dieſe, welche die ernſte Miene des Herrn v. Noirmont bemerkt hat, ſagt zu ihrer Freundin: Sie wollen, daß ich bei Ihnen bleiben, Sie nicht wieder peilnſen ſo das wuͤrde mich ſehr glůͤcklich machen!.. aber wenn meine Ge⸗ genwart hier mißfaͤllig waͤre, wenn Ihr Herr Ge⸗ mahl es ungern ſähe, taß Sie mich hier behalten. LQch, ich moͤchte um keinen Preis Veranlaſ⸗ ſung zu dem geringſten Streite geben! Laſſen Sie mich wieder fort, Madame; ich gehe wieder.. nicht zu Grandpierre's, zu Jacob; ich werde nun nicht mehr ungluͤcklich ſein, weil ich jetzt weiß, daß Sie mich lieben, an mich denken, und wie gern werde ich Sie beſuchen, wenn Herr v. Noirmont es erlaubt = 271 8 Nein, Magdalene, du bleibſt bei mir; du ur⸗ theilſt unrichtig uͤber meinen Mann, er iſt nicht ſchlecht, und wenn er dich erſt naͤher kennen gelernt haben wird, wirſt du von ihm auch mit mehr Freund⸗ lichkeit behandelt werden.— Nun, ſo erlauben Sie mir wenigſtens, Madame, in meinem Zimmer zu bleiben, wenn Geſellſchaft hier iſt... mein Platz iſt nicht im Geſellſchaftszimmer!— Vergißt du, Magdalene, daß meine Mutter gar keinen Un⸗ terſchied zwiſchen uns kannte? Warum nennſt du mich denn immer noch Madate? bin ich nicht mehr Erneſtine, deine liebe Freundin von damals?— O, ich liebe Sie immer noch eben ſo ſehr, aber ich kann, ich darf Sie nicht Erneſtine nennen.... Ich fuͤhle wohl, daß das der Welt nicht gefallen wuͤrde; als ich Sie ſo nannte, war ich noch Kind. — Nagdalene, ich verlange, daß du dich kuͤnftig von mir leiten laͤßt; ich verſichere dich, dies Kleid ſteht dir ſehr gut, und du benimmſt dich ſehr gut in Geſellſchaft.— Wenn auch, ich moͤchte doch nur = 272 S mit Ihnen und mit dem Herrn... Victor zuſam⸗ men ſein; Victor heißt er ja wohl, nicht wahr?— Ja, Herr Victor Dalmer.— Was er fuͤr mich gethan hat, werde ich nie vergeſſen. Mit ihm, ich weiß nicht, wie es zugeht, bin ich gar nicht verlegen.. Er ſieht ſo gut aus, mit ihm iſt man gleich vertraut..... Er iſt ja wohl der Freund des Herrn— Ja! einer ſeiner Freunde, denn mein Bruder hat deren viele in Paris.. Ich kenne den Herrn auch erſt ſeit ge⸗ ſtern... als er ankam, glaubte ich, er würde den anderen Freunden nlhe Bruders gleichen.. die ich nicht leiden mag. aber Gott ſei Dank, ſo iſt es nicht. es iſt das erſte Mal, daß er mir Jemand vorſtellt, deſſen Geſellſchaft ich angenehm finde.— Wird er lange hier bleiben?— Ich weiß es nicht, ſo lange es ihm gefallen wird. Aber komm, ich will dich in dein Zimmer einfuͤhren. Wahrend St. Elme, der beim Spiel nicht ſo gefallig, wie bei der Jagd iſt, alle Augenblicke 6 ſo mir ehm Ab licke = 275 88 Vatout ruft, und Herrn v. Noirmont das Geld abgewinnt, hat Dufour gegen Herrn Montréſor zum zwoͤlften Male verloren. Der Maler ſchreit unaufhoͤrlich:... Sie haben ſchon wieder vier Points das iſt doch drollig, ich daͤchte, es waͤren nur drei... Wo kommen denn die vier her?— Et, wie wollen Sie denn, daß ich das jedesmal behalten ſoll?.. Wenn ſie marquirt ſind, ſo werde ich ſie auch wohl haben.— Nun gut! meinetwegen. Wetter, ſchon wieder den Koͤnig!.... es iſt nun ſchon zum ſechſten Male, daß Sie den Koͤnig umſchlagen! Schon wieder verioren!... das geht zu weit... ich verliere 12 Franks... Ich hoͤre auf, ich ſpiele nicht mehr Ecarté. Und ich nicht mehr Bouillotte, ſagt Herr Po⸗ mard aufſtehend, dreimal habe ich in die Boͤrſe Aber, Herr Pomard, wie wollen Sie auch beim Bouillotte gewinnen, ſagt St. Elme lachend; uſter Theil. 18 274 Sie paſſen ja immer. Ich glaube, wenn Sie Ihre Karten anſehen, denken Sie immer an ganz an⸗ dere Dinge. Das Lotterie⸗Spiel liebe ich mehr, ſagt Du⸗ ſour, das iſt ein ruhiges Spiel, dabei wird man nicht hitzig. Sie lieben das Lotterie⸗Spiel, mein Herr? wendet ſich Madame Montréſor mit einem zarten Lächeln zum Maler dann hoffe ich, werden Sie es, ſo wie auch Herr Dalmer, bei mir einige Mal ſpielen. Ich habe ein ganz neues Spiel, mit kleinen Glas⸗Marken; es iſt ſehr huͤbſch, nicht wahr, Chéri? mein Lotterie⸗Spiel iſt gewiß eben ſo ſauber, wie das der Madame Bonnifoux, wovon dieſe ſo viel Aufhebens macht!.. Nun, ſo antworte doch. Was haſt du denn Cheri? Du ſprichſt ja gar nicht heut Abend, biſt du krank, was fehlt dir denn?..— Ich! mir fehlt nichts, ich zähle nur meinen Gewinn..— Teufel, Sie haben mir 12 Franks abgenommen, ſagt Dufour, hr Dl⸗ nan en? ten den mir piel, bſch, ewiß vur⸗ ſun, Du tan⸗ ſchtö, 275 S2 12 Partien zu 20 Sols, niemals habe ich ſo hoch geſpielt. Wir muͤſſen jetzt gehen, Chert; es iſt ſpaͤt: Wir haben ſo einen ſehr dunklen Weg„an einer Stelle bin ich immer nicht ſicher, ob.. Ich, Madame, ich wuͤrde gern dunkle Wege mit Ihnen gehen, ſagt St. Elme, halb galant, halb ironiſch, was Madame Montréſor jedoch von der guten Seite nimmt. Wuͤnſchen Sie Begleitung? fragt Armand. O! ich danke ergebenſt, Herr Pomard iſt ja bei uns, der bringt uns bis vor die Thuͤr. Und ich habe ja meine Doppelflinte.. Nun! rechnen Sie nicht zu ſehr auf das Gewehr des Herrn Pomard, faͤllt St. Elme ein, da er ſehr zerſtreut iſt, mochte er vielleicht auf den Mond zielen, waͤhrend Raͤuber Sie anfallen! Herr Pomard ſcheint uͤber dieſen Witz empfind⸗ lich, er druckt ſich die Muͤtze tief in die Augen und erwiedert dem munteren Patron im trocknen 18 4 276 ₰8 Tone: Mein Herr, wenn ich auf Sie hinhalte, moͤchte ich nicht zerſtreuet ſein.— O! dann ver⸗ wandle ich mich in einen Haſen, Herr Pomard.— Das mag wohl Ihre Gewohnheit ſein. St. Elme dreht ſich auf dem Abſatz herum, und Dufour ſagt leiſe zu Vietor: Herr Pomard iſt doch nicht ſo dumm, als er ausſiht: Die Geſellſchaft zieht ſich zuruͤck. Dufour folgt Victor'n, indem er auf das Kartenſpiel ſchimpft, und mehrmals ausruft: Zwoͤlf Franken zu verlie⸗ ren, und das auf dem Lande, iſt da wohl Men⸗ ſchenverſtand drin... Aber dieſer Montréſor hat auch ein unverſchaͤmtes Gluͤck!— Wenn er Gluͤck hat, ſo hat er wenigſtens auch viel Geduld; ich würde dir die Karten ins Geſicht geworfen haben, bei deinen Aeußerungen!— So! alſo man ſoll verlieren und kein Wort reden.— Man muß nicht thun, als glaubte man betrogen zu werden... Ich hoffe doch, du wirſt in die Ehrlichkeit des Herrn keinen Zweifel ſetzen..— Nein, gewiß te, nicht aber— Wenn du mit St. Elme geſpielt haͤtteſt, ſo wuͤrdeſt du geglaubt haben, er ſchlage die Volte.— Das iſt wohl moͤglich.— Alſo ein ehrlicher Mann muß ſich huͤten, mit mißtraui⸗ ſchen Leuten zu ſpielen, wenn er Gluͤck hat!... Na! laſſen wir das. Nun iſt ja die kleine Magda⸗ lene hier eingefuͤhrt, es freut mich um ihretwillen Aber ich ſehe ſchon, was geſchehen wird.— Nun! was wird geſchehen?— Du erräthſt es nicht?— Nein! ich bin nicht ſo fein und boͤswil⸗ lig, als du.— Das junge Maͤdchen iſt in Armand, ihren Jugendfreund verliebt, dieſe Liebe quälte ſie ſo, hier wieder her zu kommen; und jetzt wird nun Armand ſie aus alter Freundſchaft wieder et⸗ was lieben, ſie wird ſich ergeben, und ſo weiter. — Wahrhaftig, allerliebſte Vermuthungen, das Mädchen ſoll in Armand verliebt ſein, und war eilf Jahr alt, als ſie getrennt wurden... uͤber⸗ lege das!— Nun, nun! von eilf Jahren, ein kleiner Spielkamerad, mit dem man tählich zu— = 273 ₰ ſammen geweſen iſt, das iſt ſchon vorgekommen; manche Maͤdchen ſind fruͤh ausgebildet.. Ich habe eine Couſine gehabt, die, drei Jahr alt, vor Eiferſucht ſtarb, und auf wen war ſie eiferſuͤchtig? auf eine Katze, die mehr geliebkoſt wurde, als ſie.— Dufour, ich bin uͤberzeugt, du irrſt dich. Magdalene mag jetzt anfangen, etwas fur Armand zu fuͤhlen, und das waͤre traurig fuͤr ſie. Aber, daß ſie ſchon damals etwas anderes, als Freund⸗ ſchaft fuͤr ihn empfunden haben ſollte.... o! geh doch. ſie waren ja noch Kinder.— Gerade deshalb! Erinnere dich nur des Liedes: Schalk Amor iſt ein Kind des Truges.. nond ber, und⸗ geh erade cholt Capitel K. WMie es antkängt. Mehrere Tage ſind verfloſſen, ſeit Magdalene im Hauſe wohnt. Herr v. Noirmont behandelt ſie mit weniger Kaͤlte, als fruͤher, und, ohne ihr ge⸗ rade Freundſchaft zu bezeigen, ſieht man ihn doch jetzt weniger unzufrieden daruͤber, daß ſeine Frau ſie förmlich zu ſich genommen hat. Aber Magda⸗ lene bemuͤht ſich auch, ohne jene niedrige Schmei⸗ chelei und unterwuͤrfige Zuvorkommenheit, womit Menſchen ſich manchmal beliebt machen wollen, nutzlich und gefaͤllig zu ſein, ſo daß ſie von Jedem gern geſehen iſt. Mit Jedermann freundlich, von einnehmender Sanftmuth und immer gleicher Lau⸗ ne, iſt Magdalene von der Natur mit einem Ge⸗ fuͤhl des Schicklichen begabt, das ihr den Mangel 230 ₰ der Erziehung erſetzt. Iſt Geſellſchaft da, ſo bleibt ſie beſcheiden im Hintergrunde; man muß ſie erſt auffordern, ſich anzuſchließen, und obgleich ſie furchtſam iſt, ſo wird man ſie doch nie verlegen und linkiſch ſehen, wenn ſie am Geſpraͤch Theil zu nehmen genoͤthigt iſt. Sie geht in der Beſchei⸗ denheit ſo weit, daß ſie ſich ſelbſt Erneſtinen nicht nähern wuͤrde, wenn dieſe mit Jemandem im Ge⸗ ſpraͤch begriffen iſt. Sie iſt zufrieden, mit denen zu leben, die ſie liebt und verehit, und beſchaͤftigt ſich nur mit ihnen, niemals mit ſich ſelbſt. Die Maänner beachten ſie wenig, weil ſie nicht huͤbſch iſt, aber die Frauen ſind ihre Lobredner. Vietor faͤngt an, ſich in Bréville zu gefallen; er hat ſich an das anmahende Weſen des Herrn v. Noirmont gewoͤhnt, welcher von ſeiner Seite noch gerade zu bemerken ſcheint, daß man, ohne Jaͤ⸗ ger zu ſein, doch auch Verdienſte haben koͤnne. übrigens iſt Victor im Schachſpiel ſehr gewandt, und Armand's Schwager deshalb ſehr willkommen. eibt erſt ſie legen heil chei⸗ nicht Ge⸗ nen tigt Die bſch 231 S8 Die kleinen Scenen, welche Madame Montréſor ihrem Manne ſpielt, die Zerſtreutheit des Herrn Pomard, die Frohlichkeit ſeiner Schweſter, die Gegenwart Magdalenens, alles macht ihm Ver⸗ gnuͤgen. Die Umgegend erſcheint ihm ſogar jetzt noch reizender. Mit einem Worte, die erſten Tage bei Armand ſchienen ihm zu lang, und jetzt ver⸗ gehen ſie ihm zu raſch. Sollte dieſe Veraͤnderung ohne Urſache ſein? Vielleicht hegt er Empfindun⸗ gen, woruͤber er ſich noch keine Rechenſchaft zu geben vermag. Es giebt Gefuͤhle, die ſich unſeter wiſſenlos bemaͤchtigen, und wir ſind erſtaunt, daß ſie uns oft ſchon beherrſchen, ehe wir ſie noch ahnden. Seitdem Vietor Magdalenen und Erneſtinen wie⸗ der vereinigt hat, beſteht zwiſchen ihm und Ar⸗ mands Schweſter eine zarte Vertraulichkeit. Er hat aufgehoͤrt, in ihren Augen nur eine bloße Be⸗ kanntſchaft ihres Bruders zu ſein. Erneſtine beob⸗ achtet gegen Victor nicht mehr jene kalte Hoͤflich⸗ 232 S keit, die ſich oft lange Zeit, ja manchmal immer zwiſchen Bekannten erhaͤlt. Auch Vietor findet Frau v. Noirmont jetzt viel liebenswuͤrdiger, als anfangs. Beide haben ſich zwar noch nicht mehr geſagt, als fruͤher, aber es bedarf der Complimente nicht, um zu wiſſen, daß man ſich gefaͤllt; das ſagt ſich mit den Augen, und die ſind oft offenherziger, als der Mund. 5 Während Herr v. Noirmont mit St. Elme auf der Jagd iſt, Armand ſchlaͤft und Dufour zeichnet, geht Victor mit Erneſtinen und Magdalenen ſpazie⸗ ren. Bald nach dem Fruͤhſtuͤck macht man ſich auf. Ohne ein beſtimmtes Ziel geht man fort; ohne manchmal ſich um den Weg zu bekuͤmmern, den man einſchlägt, kennt man doch keine Langeweile. Man laͤuft durch die Wieſen, vertieft ſich ins Ge⸗ „hi⸗ erklettert felſige Anhoͤhen, und iſt immer heiterer Laune. Keiner von unſeren drei Spazier⸗ gaͤngern beklagt ſich uͤber Müdigket und ſehnt ſich nach Hauſe zuruͤck. Nur ungern tritt man den mmer findet „als mehr nente ſigt iger, uf huet, ie⸗ uf. ohne den ile Gl⸗ nmer jſe⸗ ſch den = 235 S Ruͤckweg an, aber iſt man zu Hauſe, ſo verab⸗ redet man, morgen noch weiter zu gehen. Alle drei empfinden eine geheime Freude, bei⸗ ſammen zu ſein, aber nur ſie drei allein, denn der Spaziergang hat weit weniger Reiz fuͤr ſie, wenn noch gemand ſie begleitet, dann wird man eher muͤde und kommt fruͤher nach Hauſe. Bei dieſen langen Promenaden unterhaͤlt man ſich jedoch nur von der ſchoͤnen Gegend, den Orten, die man vor ſich ſieht, oder beruͤhrt, niemals betrifft die Unterhaltung Gegenſtaͤnde, die auf eine beſondere Gedanken⸗Richtung ſchließen ließen, aber dem Verſtande zum Trotz, ſpricht doch das Herz mit⸗ unter. Iſt man eine Zeitlang getrennt gegangen, ſo bietet Victor Erneſtinen und Magdalenen den Arm. Es iſt ihm ein angenehmes Gefuͤhl, wenn Erneſtinens Arm auf dem ſeinigen ruht. Faſt drůct er ihn leichthin, drum preßt er ihn zaͤrtlicher an ſich, und dabei klopft ſein Herz lebhafter, während 234 5 ſie über ſeine innere Bewegung die Augen nieder⸗ ſchlaͤgt. Victor begreift es jetzt, warum ihm der Auf⸗ enthalt auf dem Lande angenehmer erſcheint. Frau v. Noirmont gefaͤllt ihm; er geſteht's ſich zwar noch nicht, dabß er in ſie verliebt iſt, aber er wie⸗ derholt es ſich oft, daß er dieſe Frau wohl lieben koͤnnte, und ſolche Geſtaͤndniſſe ſind die beſte Nah⸗ rung fuͤr ſein Herz. Aber wozu wuͤrde es nutzen, ſie zu lieben, ſagt Vietor ſich wohl, Erneſtine iſt zu ſehr von ihren Pflichten durchdrungen! und da waͤre mir immer nicht geholfen. Ich will wohl glauben, daß ich ihr nicht mißfalle, aber von da bis zur Liebe iſt noch weit. Ich wuͤrde ſehr gluͤcklich ſein, wenn ſie mich lieben koͤnnte!... ich glaube, es würde mir genügen... Was ich fur ſie empfinde, iſt ein gans anderes Gefuͤhl, als ich bisher kannte, und ich fange an, zu glauben, daß reine Liebe ſüßer iſ, als bloße Begierde. ſeder⸗ Auf⸗ Frau zwar wie⸗ ſieben Nah⸗ ſagt ihren umet ihr noch nſi mir ei und 4 2835 B5 Auch Erneſtine empfindet eine Veraͤnderung, von der ſie ſich nicht Rechenſchafſt zu geben vermag, ihren Augen erſcheint jetzt alles anders; ſie iſt ent⸗ zuͤckt, keine Langeweile mehr zu haben, ſie bewegt ſich in einer ganz neuen Eyiſtenz, in der ihr die ſonſt ſo langen Tage jetzt unglaublich ſchnell dahin ſchwinden. Mit einem Gefuͤhl beſchaͤftigt, deſſen Gefahr ſie noch nicht einſieht, das ihr aber ſo ſuͤß erſcheint, fragt ſie ſich oft, was in ihr vorgehe, was denn geſchehen ſei, daß jetzt alles ſo veraͤndert iſt. Erneſtine hat bis jetzt die Liebe nicht gekannt; von achtzehn Jahren auf Veranlaſſung der Vormuͤn⸗ der verheirathet, hatte ſie Herr v. Noirmont erſt zweimal geſehen, als er ſchon ihr Gemahl wurde, und dieſer gehoͤrt nicht zu den Leuten, welche eine plotzliche Leidenſchaft einfloͤßen. übrigens war es ihm ſehr gleichguͤltig, in dem Herzen derjenigen, die er zur Frau nahm, Gefuͤhle der Zértlichkeit zu erwecken. Es war ihm genug, daß ſie von guter Geburt und wohl erzogen ſei, und es ſiel ihm nicht 2836 ₰ ein, daß zu ſeinem Gluͤcke und dem ſeiner Frau noch etwas mehr gehoͤre. Freilich wohl giebt es Frauen, die eine Convenienz⸗Heirath gluͤcklich macht, und deren Herz ein Gefuͤhl nicht begreifen kann, das Qualen verurſacht. Gluͤcklich ſind die Maͤnner, welche ſolche Frauen haben, aber gluͤck⸗ licher noch ſind diejenigen, deren Frauen ein ge⸗ fuhlvolles Herz haben, und welche dies ganz zu feſſeln wiſſen. Erneſtine iſt weit entſernt zu glauben, daß ſie Liebe fuͤr Herrn Dalmer empfinde; ſeine Geſell⸗ ſchaft macht ihr Vergnuͤgen, aber ſie findet das ganz natuͤrlich, weil Victor liebenswuͤrdig iſt, we⸗ der wie ein Stutzer ſchwatzt, noch die Anmaßung hat, gefallen zu wollen. Erneſtine ſieht alſo kein Unrecht darin, ſeine Geſellſchaft der der andern vorzuziehen; wenn ſie glauben koͤnnte, daß Gefahr damit für ſie verknuͤpft ſei, ſie wuͤrde Victor flie⸗ hen, aber eine Frau von ihren Grundſaͤtzen glaubt nicht, daß man aufhoͤren koͤnne, tugendhaft zu Fran ebt es ickich greifen nd die glüc⸗ in e⸗ iß ſie Grſell⸗ et di „we⸗ ahun kein andeln Gefih fi⸗ gubt ſt 237 ₰8 ſein, und ſieht keine Gefahr. Dieſes große Ver⸗ trauen auf die eignen Kraͤfte hat ſchon manche Frau ungluͤcklich gemacht; man giebt ſich dem ſuͤ⸗ ßen Gefuͤhl hin, das uns fortreißt, man ſucht nicht einmal ſein Herz daruͤber zu befragen; und wenn man es endlich thut, iſt die Wunde ſchon geſchla⸗ gen, und oft nicht mehr Zeit ſie zu heilen. Aber wie iſt es mit Magdalenen, der Victor nicht den Arm druͤckt, die nicht ſo zaͤrtlich von ihm angeſehen wird, deren Blicke er nicht erſpaͤht; iſt es nur Freundſchaft fuͤr Erneſtine, Erkenntlichkeit fuͤr Victor, was ſie in ihrer Geſellſchaft ſo zufrie⸗ den, ſo gluͤcklich macht? Sie laͤchelt, wenn ſie Dal⸗ mer nur erblickt, ſie erroͤthet, wenn er ihren Arm ergreifſt. Arme Magdalene! du biſt nicht huͤbſch, aber wirſt du deshalb weniger die Liebe empfinden? Ein Ehemann, der oft auf die Jagd geht, und ſeine Frau in Geſellſchaft junger Maͤnner zuruͤck⸗ laͤßt, ſchenkt ihr ohne Zweifel ein großes Ver⸗ trauen; dann aber moͤge er ſich wohl huͤten, es zu 233 85 mißbrauchen, denn jedenfalls iſt es unüberlegt, ſie der Verfuͤhrung eines Gefuͤhls ausgeſetzt zu laſſen, das er ſie nicht kennen gelehrt hat. Es giebt Maͤn⸗ ner, die ihre Frauen uͤber viele Dinge in Unwiſ⸗ ſenheit laſſen wollen, weil ſie ſich einbilden, ſie werden weniger Geſchmack an etwas finden, wovon ſie das Vergnugen nicht kennen; das iſt jedoch ſehr unuͤberlegt; und uͤbrigens haben die Frauen auch ein geheimes Gefuͤhl, das zu errathen, was ſie noch nicht wiſſen. Abends, wenn die Geſellſchaſt beiſammen iſt, gefallen Erneſtine und Vietor ſich weniger. Sie ſprechen dann weniger mit einander, und ſehen ſich kaum an, denn vor der Welt iſt man mit denen oft am wenigſten beſchaͤftigt, die man am mehrſten ſchaͤtzt. Wenn Herr v. Noirmont zufaͤllig nicht auf die Jagd geht, ſo iſt es Viector gleichguͤltig, die Felder zu durchſtreifen, da es alsdann nicht mit Erneſtinen geſchehen kann; dann bringt er den Tag im Garten ſ, ſie laſſen, Nin⸗ nwiſ⸗ „ſie voton ſchr auch s ſie niſt. Sie ſich enen iſten f die elder inen ten 239 ₰ zu, ein Buch in der Hand, aber beinahe immer ohne darin zu leſen. Er ſetzt ſich an den Lieblings⸗ orten der Frau v. Noirmont nieder, hofft auf ſie, und nicht ſelten wird ſein Wunſch erfuͤllt; man wechſelt dann nur einige oft ſehr gleichguͤltige Wor⸗ te, aber Ton und Ausdruck geben ihnen Bedeu⸗ tung. Und wenn ſie ſich nach kurzer Unterhaltung wieder entfernt und er ſie mit den Augen verfolgt, wiederholt er ſeufzend die Worte:—„O wie konnte ich ſie lieben!“ und wenn er dann ſich umwendend Magdalene erblickt, welche der Zufall, ohne Zwei⸗ fel, immer dahin fuͤhrt, wo der junge Mann liegt, dann ſetzt er ſich zu ihr und kann Stunden lang mit ihr plaudern, da ſie immer nur von Erneſti⸗ nen ſpricht. Ich glaube, wir haben jetzt keine Langeweile mehr hier? ſagt eines Morgens Dufour zu ſeinem Freund.— Nein, je laͤnger ich hier wohne, je mehr gefaͤllt es mir... In den erſten Tagen war mir die ruhige Epiſtenz hier furchtbar, jetzt iſter Theil. 19 = 290 8 gefällt ſie mir, ich glaube, ich koͤnnte mein ganzes Leben hier zubringen.— Oho! das ganze Leben du uͤbertreibſt immer gleich! Ich bin hier auch zufrieden, ich mache gute Studien! Was du eigentlich ſtudirſt, weiß ich nicht, wenn nicht Du gehſt oft mit Frau v. Noirmont ſpazieren.— Ja, mit ihr und Magdalenen. — O ja! ich weiß wohl, Magdalene iſt auch dabet Sie nebt die Promenaden ſehr, die Da⸗ me— Nun, und was iſt dabei, daß man auf dem Lande Promenaden liebt?— O, gewibß nichts, . aber ihr Mann liebt die Jagd gewaltig?— Dufour, ich hoffe, du wirſt mich mit deinen bos⸗ haften Vermuthungen verſchonen ſie waͤren hier ganz am unrechten Orte.— O, aͤrgere dich nur nicht, ich ſpaße, und das iſt alles.— Es giebt Dinge, woruͤber man nicht ſpaßen darf!— Ich verſtehe ſchon, weil ſie ernſthaft ſind.— Frau v. Noirmont iſt die Tugend ſelbſt, und ich wuͤrde es nicht leiden, daß..— Das iſt das erſtemal, ——,, anzes eben bin wenn mont enen. auch Da⸗ auſ ichtö, hot⸗ iten ich gibt Fral irde mal, = 291 85 es iſt mir ſchon recht!... übrigens gefalle ich mir auch hier... Ich laſſe den ſchoͤnen St. Elme ſchwatzen, brilliren, auſſchneiden!.. und Herrn v. Noirmont alle Augenblicke wiederholen, daß er niemals betrogen worden ſei. Das will viel ſagen! die armen Ehemaͤnner!— Ach! Dufour, du biſt langweilig.— Aber ſag''mal, was haſt du denn heute? ich habe dich niemals ſo ehrfurchtsvoll fur das eheliche Verhaͤltniß geſehen; und doch bin ich deiner Meinung weil... am Ende bin ich 34 Jahre alt, und ich koͤnnte wohl dann denken .— Du vrllſt dich verheirathen?— Nun! ohne es gerade zu wollen, aber wenn ich eine paſ⸗ ſende Partie finde... Sag' mal, wie findeſt du denn Mamſell Clara Pomard?— Nicht uͤbel... ein gutes, rundes, heiteres Geſicht!— Nun, nun! ein rundes, heiteres Geſicht!.... Du thuſt, als ſprichſt du von einem Bachus!.. Sie hat eine ſehr feine Naſe, ſehr huͤbſch geformt.— Willſt du 19* 292 ₰8 ſie der Naſe wegen heirathen?— Hch ſage noch nicht, daß ich ſie heirathen will;... aber wenn die Parthie ſonſt vortheilhaft iſt... es ließe ſich maͤchen... das Alter paßte ſchon.. ſie iſt 29 Jahr alt; ſie ſcheint auch die Wirthſchaft zu ver⸗ ſtehen... Ich ſage, es ſcheint... weil der Schein doch manchmal truͤgt... Suche doch.. ſo wie von ungefaͤhr... zu erfahren, was ſie wohl Mit⸗ gift hat.. Aber vor allen Dingen... keine Un⸗ beſcheidenheit... Ich bin nicht der Mann, der die Katze im Sacke kauft. Wenn ich hetrathe, will ich genau wiſſen, mit wem ich zu thun habe.. Aber ſtill! da kommt Armand. Der junge Bréville kuͤndigt ſeinen Freunden an, daß ein Brief, den er ſo eben bekommen, ihn zwingt, auf einige Tage nach Paris zu gehen. Ich hoffe, Sie werden ſo gefällig ſein und meine Ruck⸗ kunſt hier abwarten, ſetzt er hinzu. Ja, gewiß! erwiedert Dufour, ich habe noch noch wehn ſch ſt²9 ber⸗ chein wit 205 S V manche Studien vor, und Victor meinte ſo eben auch, daß er hier ſehr viel Vergnuͤgen habe. Aber wir ſind vielleicht unbeſcheiden, hier zu bleiben, ſagt Victor zoͤgernd. Unbeſcheiden! Wahrhaftig, Sie ſpaßen. Sie ſind ja hier bei mir, denn mein Schwager bringt nichts zu Stande!.... Gluͤcklicherweiſe habe ich anderweit Geld gefunden: aber ich wiederhole es, alles wird jedenfalls gluͤcklich daruͤber ſein, wenn Sie hier bleiben, meine Schweſter und ihr Mann ſtuͤrben ja ohne Sie vor Langeweile, wenigſtens glaube ich das.. Sobald als moͤglich bin ich wieder zuruͤck. Laſſen Sie uns Herrn St. Elme hier? Nein, er geht mit mir.— Aber warum neh⸗ men Sie ihn denn mit!— Er hat nicht Ihren Muth; er ennuyirt ſich hier, aber wir kommen zuſammen zuruͤck. Victor ſchweigt und ſcheint verſtimmt, Dufour = 294 S5 aber denkt: Was Teufel, warum haͤlt Dalmer jetzt ſo viel von St. Elme!... Beim Fruͤhſtuͤck macht Armand ſeine Abreiſe bekannt. Erneſtine ſchlaͤgt die Augen nieder und Magdalene ſieht ängſtlich guf Armand und Viector. Beruhigen Sie ſich, meine Damen, faͤhrt Ar⸗ mand fort, ich nehme nicht alle Ihre Cavaliere mit fort. Dalmer und Dufvur wollen Ihnen gern ferner noch Geſellſchaft leiſten. Das iſt ſehr guͤtig von den Herren, bemerkt Erneſtine, indem ſie nur Dufour dabei anſieht. Magdalene ſagt nichts, gber ihre Wangen verfaͤrben ſich und bald zeigt ſie wieder ihre gewoͤhnliche Ruhe. Gewiß! ſagt Herr v. Noirmont, wir ſind den Herren viel Dank ſchuldig, daß ſie uns nicht auch verlaſſen wollen, nur Schade, daß ſie beide keine Jaͤger ſind. Und Sie muͤſſen auch fort, Herr v. St. Elme? Ach! dringende Geſchaͤfte, ich muß mit dem Kriegsminiſter wegen eines meiner Vettern ſpre⸗ jttt teiſe und ctor. Ar⸗ liere gen lerkt ſeht. ben 295— chen, der nur Capitain iſt, und dem ich gern fort⸗ pelfen will.. Ich habe auch vom Miniſter des Innern eine Audienz zu verlangen, wegen eines Projects, woruͤber ich mit ihm auf dem letzten Hofball nur oberflaͤchlich ſprechen konnte. Hier raͤuspert ſich Dufour, indem er ſeinen Kaffee trinkt, als wenn er erſticken wollte, dies un⸗ terbricht St. Elme einen Augenblick, er fährt je⸗ doch bald darauf fort: Aber ich werde das alles moͤglichſt beeilen, um ſo ſchnell als moͤglich mit meinem Freund wieder hier zu ſein. Ja! und bei meiner Ruͤckkunſt, ſagt Armand, hoffe ich, mein lieber Noirmont, werden Sie uͤber dieſe Beſitzung, die ich Ihnen ſo billig laſſen will⸗ entſchieden ſein. Eben, weil Sie ſie mir ſo wohlfeil laſſen wol⸗ len, zoͤgere ich, ſie zu kaufen.— Sie ſind wun⸗ derlich, wenn ich dies Landgut verkaufen will, iſt es nicht beſſer, daß Sie, als jeder andere, von die⸗ ſer Gelegenheit Vortheil ziehen?— Aber wenn ich 296 ₰ nun, anſtatt dies Eigenthum ſelbſt fur 60,000 Franken zu kaufen, was es, wegen ſeines Pachts, ſeiner Lage, ſeines Grund und Bodens vollkommen werth iſt.... Nun?— Wenn ich es Ihnen nun 15 bis 20000 Franken theurer verkaufte?— Fch geſtehe, das waͤre ſehr angenehm, und waͤre es moͤglich, ſo wil⸗ lige ich ſehr gern darein. Es ginge vielleicht, wenn Sie nur mit dem Verkauf nicht ſolche Eile hätten; vor zwei Jahren etwa lernte ich einen ſehr reichen und ausgezeich⸗ neten Mann, den Grafen v. Tergenne kennen. Den Grafen v. Tergenne! ruft St. Elme plotz⸗ lich und verfaͤrbt ſich. 3 Ja! der Graf v. Tergenne. Kennen Ste ihn? — Erlauben Sie doch.. ich glaube, ich dachte. 3 Nein! nein.. das iſt es nicht, ich kenne ihn doth nicht.. ach! ich kenne ja ſo viele Grafen und Barone!... Du erinnerſt dich doch noch des Herrn, Erne⸗ * 000 hti nen 000 das wil⸗ it⸗ n h d 297 S ſtine? Er blieb einige Zeit in Mortagne, wir ſa⸗ hen ihn mehrere Male beim Sous ⸗Praͤfecten. Ich erſuchte ihn, mich zu beſuchen, und er machte mir das Vergnugen.— Ja, jal mein Freund, ich erin⸗ nere mich. Ein Mann von reifem Alter, aber ſehr liebenswuͤrdig. Aber! lieber Schwager, wirft Armand mit Ungeduld ein, wollen Sie mir nicht ſagen, in wel⸗ cher Beziehung er mit dieſem Landgute ſteht?— Sehr gern: Der Herr hatte lange Zeit in England gelebt, und kam endlich zuruͤck, um ſich in Frank⸗ reich, ſeinem Vaterlande, nieder zu laſſen. Er ſuchte nach einem Landgute, und wuͤnſchte beſon⸗ ders, daß es in dieſer Gegend der Picardie gelegen ſei. Ich ſagte ihm, mein Schwager beſäße das kleine Gut Breéville, und ich erinnere mich noch, wie er ſogleich ausrief:— Ach, mein Herr! wenn er das verkaufen wollte, ich wuͤrde ihm geben, was er verlangte! Das iſt doch ſonderbar!..— Weil ich da⸗ 298 5 mals nicht wußte, daß Sie jemals Luſt haben wur⸗ den, dies Gut, was Sie von Ihrem Vater haben, zu verkaufen, ſo konnte ich uͤber den Vorſchlag des Grafen nur laͤcheln, und die Sache hatte weiter keine Folgen.— Nun, und wo iſt der Graf jetzt? fragt St. Elme mit gezwungener Gleichguͤltigkeit. — Er wollte die Schweiz bereiſen, wie man mir ſagte. Genug, er verließ Mortagne und ich weiß nicht, wo er ſich jetzt aufhaͤlt; aber wenn Sie et⸗ was warten wollen, vielleicht.. das Leben iſt zu eurz, um es mit Warten hinzubringen!.. IYhr Graf v. Tergenne hat oh⸗ ne Zweifel andere Landguͤter gefunden.— Das iſt ſehr wahrſcheinlich, ſagt St. Elme.— Alſo, mein lieber Noirmont, Sie koͤnnen das meinige ohne Skrupel nehmen;... und ich bitte mir nun ſofort Ihre Entſcheidung daruͤber aus. St. Elme, bis Laon wollen wir reiten, und von da gehen wir mit Ertrapoſt nach Paris.— Mit Eytrapoſt das laſſe ich mir gefallen, denn anders reiſe ich niemals. vüt⸗ aben, de eiter ſett? gkeit. mir weiß e et⸗ arten toh⸗ s it nein ohne ofort his mit das lals⸗ 299 S8 Armand und St. Elme nehmen Abſchied und reiſen ab. Ohne einen Jagdgefaͤhrten hat Herr v. Noirmont nicht mehr Luſt durch Feld und Wald zu wandern; er bietet Vietor eine Partie Schach an. Dieſer nimmt ſie ſeufzend an, indem er einen Blick auf Erneſtine wirft, waͤhrend Magdalene ihm leiſe zufluͤſtert:— Wie Schade! Nun koͤnnen wir nicht mehr ſpazieren gehn! Acht erwiedert Victor, meine Schuld iſt es nicht! im! ſagt Dufour, indem er ſeine Lein⸗ wand und ſeinen Farbenkaſten herbet bringt, jetzt weiß ich, warum Victor ſo lebhaft wuͤnſchte, St. Elme moͤchte hier bleiben. Capitel X. Rine Partie Lotterit. Herr v. Noirmont faͤhrt fort, ſeiner Frau Geſellſchaft zu leiſten, denn ungeachtet ſeiner Vor⸗ liebe fuͤr die Jagd, macht ſie ihm doch weniger Vergnuͤgen, wenn Niemand Zeuge ſeiner Geſchick⸗ lichkeit als Jäger iſt. Die Spaziergaͤnge Erneſti⸗ nens und Magdalenens finden nicht mehr ſtatt. Vietor wird traurig, ungeduldig, moͤrriſch. Alle Morgen ſagt er zu Dufour: Geh' doch mit Herrn v. Noirmont auf die Jagd, und der Maler ant⸗ wortet dann jedesmal: Thue es doch ſelbſt, ich waͤre untroͤſtlich einen armen Haſen zu toͤdten.. und wenn's ein Sperling waͤre, wuͤrde es mir Herze⸗ leid machen.— Deshalb könnteſt du immer mit⸗ Frau Por⸗ iger hic⸗ neſti⸗ ſtatt. Ale errn ant⸗ vi und tt⸗ ni⸗ 301 ₰8 gehen, du wuͤrdeſt doch nichts ſchießen.— Sehr verbunden, das waͤre amuͤſant. Vietor geht, um ſich ſeine Melancholie im Gar⸗ ten zu vertreiben; ſo wie er Magdalene erblickt, laͤuft er zu ihr, ſetzt ſich neben ſie, und nachdem er einige Worte gewechſelt, ſitzt er lange Zeit ſtumm, aber ſeufzend da; das junge Maͤdchen, dem das Herz gewaltig ſchlaͤgt, wenn Victor zu ihr kommt, blickt ihn verſtohlen an und ſeufst ebenfalls, wahr⸗ ſcheinlich, um es wie er zu machen. Eines Morgens, als der junge Mann noch tief⸗ ſinniger, als gewoͤhnlich zu ſein ſcheint, fragt Mag⸗ dalene ihn: Gefallen Sie ſich nicht mehr hier, Herr Viector?— Warum das, Magdalene?— Weil Sie nicht mehr ſo heiter ſind, als vor eini⸗ gen Tagen.— Ich habe grade keine Langeweile, aber ich bin verdrießlich. unſere Promena⸗ den waren ſo angenehm; ſeit Armand's Abreiſe haben ſie aufgehoͤrt.— Das iſt wahr, aber Herr v. Breville wird ja mit Herrn v. St. Elme zuruͤck⸗ 302 82 kommen, dann gehen die Herren wieder auf die Jagd, und meine liebe Freundin wird wieder mit uns ſpazieren gehen koͤnnen.— Aber ich kann ja doch nicht immer hier bleiben!... Warum denn das nicht? ſagt Magdalene lebhaft und ihn weh⸗ muͤthig anblickend. Weil das den Bewohnern des Hauſes hier nicht lieb ſein wuͤrde.— Ach, mein Herr! was fuͤr ein Gedanke koͤnnten Sie wohl hier irgend Jemand laͤſtig werden, ſind Sie nicht von Jedermann hier geliebt?..— Von Jedermann? ach! wenn das wahr waͤre!„. Vietor ſeufzt abermals; Magdalene erroͤthet und wagt nichts weiter zu aͤußern. Endlich ergreift der junge Mann Magdalenens Hand, druͤckt ſie mit Heftigkeit und ſagt, indem er ſie verlaͤßt: Ach! Magdalene, es giebt ein Gefuͤhl, das Ihr noch nicht kennt! Die Kleine bleibt ſitzen; ſie verfolgt Victor mit den Augen; ſein melancholiſches Weſen, ſeine Seuf⸗ ſicht and hier und der mit ch nch nit uf⸗ = 303 8 der, die Worte, die ſie ſo eben gehoͤrt, alles ttaͤgt dazu bei, das Herz des armen Maͤdchens zu ver⸗ wirren. Sie fuͤhlt ſich ſo gluͤcklich, ſo zufrieden, ſie kehrt nach dem Hauſe zuruͤck, und wiederholt ſich Victors letzte Worte, deren Sinn ſie zu verſte⸗ hen glaubt, ſie ſpringt und tanzt durch den Garten, wie ein Kind, das ſeine Freude und Empfindungen nicht zu verbergen weiß. Herr und Madame Montréſor ſind ſo eben an⸗ gekommen, um die Geſellſchaft mit großer Ceremo⸗ nie zu einer Partie Lotterie fuͤr den Abend bei ſich einzuladen. Herr Pomard, ſeine Schweſter und noch andere Freunde der Nachbarſchaft werden auch kommen. Da Armand und St. Elme nicht mehr anweſend ſind, um das Lottoſpiel zuruͤckzuweiſen, wird die Einladung gern angenommen; uͤberdies iſt es auf dem Lande immer eine ſchoͤne Sache, wenn man ſeinen Abend angebracht weiß. Bald nach dem Mittagsbrod macht man ſich auf den Weg. Pictor hat nicht unterlaſſen, der Frau = 304 S v. Noirmont ſeinen Arm anzubieten. Dufour be⸗ gleitet Herrn v. Noirmont; Magdalene bleibt zu⸗ ruͤck, ſie geht ungern in Geſellſchaft, und macht ſich eine Freude daraus, inswiſchen dem Hauſe vor⸗ zuſtehen; ſie iſt zu gluͤcklich, um die Einſamkeit zu fuͤrchten. Viector wagt es nicht, irgend ein Wort von Be⸗ deutung an Erneſtine zu richten, man koͤnnte es hoͤren. Aber er geht langſamer, um nachzufolgen, und druͤckt den Arm ſeiner Begleiterin mit Heftig⸗ keit an ſich. Waͤhrend Dufour den Herrn v. Noir⸗ mont von Malerei unterhaͤlt und ihm den Vorſchlag macht, ihn als Jaͤger zu malen, ſagt Vietor zur jungen Frau: Endlich bin ich doch einen Augen⸗ blick allein mit Ihnen, welche Pein, ſeit acht Ta⸗ gen nicht ein Woͤrtchen mit Ihnen ſprechen zu koͤn⸗ nen! Aber ich daͤchte, nichts haͤtte Sie verhindert, mit mir zu ſprechen, da wir uns beinahe den gan⸗ zen Tag ſehen, erwiedert Erneſtine läͤchelnd. be⸗ t zl macht e vor⸗ eit zu nBe⸗ nte e olgen, eſtig⸗ Noil⸗ ſchlo or il lugen = 305 ₰8 O, gewiß! vor aller Welt Augen kann man mit Ihnen ſprechen, aber es giebt Dinge, die man nicht ſagen mag, wenn Andere es hoͤren, und ich fähte Nicht wahr, Victor, obgleich es nicht mein Genre iſt, ſo male ich doch Portraits ſehr gut und ſehr aͤhnlich? ſagt Dufour, indem er ſtill ſteht, und nach Vietor zuruͤckblickt. Ja, ja! ſprechend aͤhnlich, antwortet Victor mit Ungeduld und wuͤthendem Blick dem Maler. Sehen Sie, gnaͤdige Frau, kann man wohl ungeſtoͤrt mit Ihnen ſich unterhalten?.— Aber mein Gott, Herr Dalmer, was haben Sie denn heut Abend? — Sch glaube, es macht Sie uͤbler Laune, eine Partie Lotterie bei unſeren Nachbarn zu machen.. Sie gehen nur aus Gefaͤlligkeit mit; ich bin Ih⸗ nen dafür ſehr verbunden.— übler Laune, mit Ihnen zu gehen, da zu ſein, wo Sie ſind? o, beſte Frau, wie koͤnnen Sie ſo etwas ſagen, es nur vor⸗ ausſetzen? Ich druͤcke mich alſo wohl ganz ſchlecht aſter Theil. 20 ₰ = 306 S aus, meine Augen ſagen Ihnen alſo nicht, welches Vergnuͤgen Victor, ich werde Herrn v. Noirmont als Jäger malen, unterbricht Dufour ihn, indem er ſich noch⸗ mals umwendet. Nicht wahr, das iſt ein guter Gedanke? Eine herrliche Idee! erwiedert der junge Mann, indem er ſeinen Freund zu allen Teufeln wuͤnſcht, und ihm Zeichen giebt, die dieſer aber nicht ver⸗ ſtehen will. Morgen, ſagt Dufour, werde ich nach der Stadt gehen und Leinwand kaufen, oder beſtellen, um in Oel zu malen. Ich werde mich auf's Portraitma⸗ len legen; o! man denkt, ich bin nur Landſchafts⸗ maler; ich werde mich ſelbſt uͤbertreffen, alle Por⸗ traitmaler ſollen ſich wundern. Vietor antwortet nicht, er ſpricht gar nicht mehr; aber man koͤmmt ſo eben an den Ort, den Mada⸗ me Montreſor fuͤrchtet, wenn ſie Abends nach Hauſe geht, und er ergreift die Hand unter ſeinem rechten velches Maln, ünſcht, be⸗ Stadt um in itma⸗ hofts⸗ Por⸗ mehli Ndn huſt chten 307 Arm, druͤckt ſie mit Zaͤrtlichkeit, und man hat nicht die Kraſt, ſie zuruͤckzuziehen; dies macht ihn ſo gluͤcklich, wie es Magdalene am Morgen war, als er ihre Hand ergriff. O! ſage man noch, daß es kein Gluͤck auf Erden giebt! Seht nur dieſe bei⸗ den Perſonen, die ein einfacher Haͤndedruck auf den hoͤchſten Gipfel des Gluͤcks erhebt! Endlich, aber zu fruͤh fuͤr Victor, und vielleicht auch für Erneſtinen, die uͤber thren unternehmen⸗ den Cavalier noch ganz verwirrt iſt, koͤmmt man bei Montréſor's an. Die Geſellſchaft ſitzt ſchon vor zwei neben einander geſchobenen Tiſchen und darauf ſind die Lotterie⸗Karten ausgebreitet, wel⸗ che die Spieler nicht einen Augenblick aus den Au⸗ gen verlieren. Außer den Wirthen und den Pomard's iſt die Geſellſchaft noch durch einen Herrn, eine Dame und ein kleines Maͤdchen berechnet. Die Dame, welche wohl ſechzig Jahre alt iſt, braucht fuͤr ſich allein den Raum fuͤr Drei. Sie hat eine gewal⸗ 20 tige Haube auf, woruͤber ein gruͤnſeidener Augen⸗ ſchirm angebracht iſt, welcher jedoch nicht verhin⸗ dert, daß ſie eine Brille traͤgt. Wenn man hier⸗ zu noch ſehr groteske Geſichtszuͤge rechnet, ſo iſt es im erſten Augenblick ſchwer zu unterſcheiden, ob man einen Mann oder eine Frau vor ſich hat. Der Herr ſieht einem alten Abbé aͤhnlich; er iſt vor ſeinen Karten halb eingeſchlafen, und in dem Augenblick, als die Geſellſchaft ankommt, reibt er ſich raſch die Augen, um zu gruͤßen. Das kleine Maͤdchen, von etwa 12 Jahren, hat ein verſchlagenes Geſicht, und bildet gerade den Ge⸗ genſatz von der Dame mit dem Augenſchirm. Wir fangen ſo eben an... haben erſt eine Par⸗ tie geſpielt, ſagt Mad. Montréſor, indem ſie bit⸗ tet, Platz zu nehmen. Ach! das iſt ſchoͤn, erwiedert Dufour, ſetzt ſich neben Demoiſelle Pomard, und faͤngt ſein Geſpraͤch mit dieſer ſogleich mit der Frage an: Wer iſt denn die Dame dort, die einem Apothe⸗ lugen⸗ erhin hier⸗ ſo iſ eideh, h hat hz e und in mmt, Das at tin n Ge⸗ ePa⸗ ſe bit „ſi t ſin n wuche⸗ ker ſo ähnlich ſieht?— Das iſt Madame Bonni⸗ ſour, eine Frau, die von ihren Renten lebt, und nur drei Dinge in der Welt kennt, ihre Suppen, ihre Klyſtierſpritze und das Lotterieſpiel. Geben Sie nur Acht, Sie werden ſie von nichts anderem ſprechen hoͤren.— Das muß ja ſehr amuͤſant ſein, und der Herr?— Das iſt Herr Courtois, ein ſehr guter Mann, der aber beinahe immer ſchlaͤft Das kleine Maͤdchen iſt ſeine Nichte. Gut, nun weiß ich Beſcheid. Setzen Sie ſich doch, Frau v. Noirmont, bit⸗ tet Madame Montréſor, indem ſie ihrem Mann ein Zeichen giebt, ihr zur Seite zu bleiben. Der arme Cheri bekoͤmmt ſeinen Platz zwiſchen ſeiner Frau und der Madame Bonnifoup. Erneſtine nimmt neben Herrn Courtois Platz⸗ und Victor ſetzt ſich raſch neben ſie. Eine Partie Lotterie bei Madame Montréſor wäre eine zu harte Strafe ohne eine liebe Nachbarin. Herr v. Noir⸗ mont nimmt den erſten beſten Platz ein und brum⸗ —= 310 S met: Lottoſpiel! hum! da ſpiele ich„Taubenflie⸗ gen“ eben ſo gern! Nun! wie wird denn geſpielt? fragt Dufour.— Auf die erſte Quine... Jeder ſetzt zwei Sols und bekoͤmmt drei Karten...— Ah ſo! das iſt à la poule! Das iſt beim Lotto das intereſſanteſte Spiel, ſagt Madame Bonnifoux. Seit vierzig Jahren, wo ich es beinahe alle Abend ſpiele, habe ich es genau ſtudirt. Die erſte Quine iſt unſtreitig das angenehmſte Spiel; aber es erfordert viel Auf⸗ merkſamkeit, und beſonders große Stille!— Teu⸗ ſel! da werden wir viel Vergnuͤgen haben!.. Hat Jedermann Karten? fragt Madame Mon⸗ tréſor.— Ich, ich moͤchte meine gern wechſeln, ſagt das kleine Maͤdchen.— Nein, Mamſell Lucie, es iſt beſtimmt worden, Niemand darf wechſeln .. Nicht wahr, Madame Bonnifour?— Das verſteht ſich! das wuͤrde zu angreifend werden, man würde nicht zwei Nummern im Kopf behal⸗ on⸗ ſeln, Ueie, hſeln Dis den, hal⸗ ten koͤnnen;... das wäre eine ewige Arbeit... es iſt doch komiſch... es repetirt mir noch meine Suppe, ſie muß zu ſett geweſen ſein... Ich ſage der Koͤchin doch jedesmal, ſie ſolle vom Fleiſch fleißig das Fett abnehmen... Ach, was habe ich fuͤr einen ſauern Geſchmack heut Abend!; Nun, iſt alles fertig? hebt Madame Montréſor wieder an, wiſſen Sie, daß 22 Sols im Pot ſind? Ei! das iſt ganz huͤbſch, ſagt Herr Pomard.— Ach! wenn ich den Pot gewinnen koͤnnte, ruft die kleine Lucie, in die Hoͤhe ſpringend.— Ruhig, Mamſell Lucie, oder man laͤßt dich nicht wieder mitſpielen... Chéri, an dir iſt die Reihe zu ziehen... Alles iſt fertig?...— Ich bin es ſeit einer Stunde, ſagt Herr Courtois, indem er das eine Auge aufmacht.— Aber nur nicht zu raſch, Herr Montréſor, fällt Madame Bonni four ein, das iſt immer Ihr Fehler... das geht immer mit Eptrapoſt... Mein Gott! was mich = 312 die Suppe quaͤlt!.. Ich werde mich vor dem Schlafengehen meiner Kleinen bedienen muͤſſen.— Wer iſt denn die Kleine? fragt Dufoursſeine Nach⸗ barin.— Das iſt ihre Klyſtierſpritze, die Madame Bonnifoux ſo nennt, weil es anſtaͤndiger klingt.— Die Frau hat wunderliche Gedanken...— Ach⸗ tung gegeben, Mamſell Clara, es faͤngt an, vor⸗ waͤrts Cheéri! Acht und dreißig, ruft Chéri, indem er eine Nummer aus einem gewaltigen Serge⸗Beutel zieht. k Ich habe ſie zweimal, ruft das kleine Maͤd⸗ chen vor Freude. Ich habe ſie nicht, bemerkt Madame Mon⸗ tréſor verdrießlich. 6 Hat man angefangen? fragt Herr Pomard, welcher ſeit 5 Minuten die Augen gegen den Pla⸗ fond gerichtet hatte.— Freilich iſt angefangen worden.— Verzeihung, ich uͤberlegte nur. ich habe nicht recht gehoͤrt... Sie haben geſagt? dem n.— Noch⸗ dame N.— Ach⸗ bol⸗ eine utel Nid⸗ Mon⸗ mald, Pl nge 313 — Lcht und dreißig.— Schoͤn! ſchon!... fahren Sie nur gefaͤlligſt ſort.. Herr Pomard, wir werden doch aufs Spiel Acht haben muͤſſen, ſagt Madame Bonnifoux, in⸗ dem ſie den Augenſchirm in die Hoͤhe ſchiebt.— Madame, man kann wohl einmal zerſtreut ſein. Ja! Sie ſind es nur zu oft... Neun, zwei und vierzig..— Jetzt faͤllt mir's ein, die Koͤ⸗ chin hat Kohl in die Suppe gethan... vielleicht iſt der Kohl daran Schuld, daß ich ſo ſchlecht ver⸗ dauet habe...— Siebenzehn.— O! einen Au⸗ genblick, mein Herr!... wie haben Sie geſagt 2 — Siebenzehn und dann vier und zwanzig... — Vier und zwanzig!.. Ach, mein Gott!. ich komme nicht mit.... da waren noch andere Nummern vorher? Wollen Ste ſie mir wohl alle noch'mal ſagen... Chéri, der au dies Vergnuͤgen gewoͤhnt iſt, wie⸗ derholt die Nummern fuͤr Madame Bonnifouy. Wird das oft ſo kommen? fragt Dufour ſeine 314 ₰ Nachbarin.— Beinahe bei jeder Partie laͤßt Ma⸗ dame Bonnifoux zwei oder drei Mal wieder von vorn anfangen. Und dann, wenn man gewinnt, muͤſſen die Nummern noch einmal durchgenommen werden, o! und wenn ſie ſelbſt zieht, und man giebt nicht Achtung, ſo wirft ſie die Nummern, die ſie nicht belegen kann, raſch wieder in den Beutel.— Teufel auch!. das iſt eine angenehme Spielerin, ich werde Sorge tragen, nicht zu oft mit ihr zu ſpielen, gluͤcklicherweiſe bin ich durch meine Nachbarſchaft entſchaͤdigt. Sie ha⸗ ben eine echt antique Naſe, Mademoiſelle.— Ha, ha, ha! ich habe eine antique Naſe, ich!... Ich verſtehe darunter eine Modell⸗Naſe, eine von den huͤbſchen Naſen, die der Typus des wah⸗ ren Schoͤnen iſt.. Ich moͤchte Ihre Naſe wohl malen..— Ha, ha, ha! ich habe ſchon oͤfters ein Auge in einem Gewoͤlk geſehen, aber es muͤßte drollig ſein, wenn man auch einmal eine Naſe ſo malte!— Das waͤre ſo uͤbel nicht.— Ha, ha, ha! von nnt, men man tern, den hme Mamſell Clara, es iſt nicht moͤglich die Num⸗ mern zu hoͤren, ſagt Madame Bonnifoux. Sie lachen zu viel; bei dem Spiel muß man durchaus aufmerkſam ſein. Welche Nummer war es, Herr Montréſor?— Neun und dreißig.— Und vorher? — Zehn.— Und vorher?— Dann kann ich lieber ganz von vorn wieder anfangen.— O ja! fangen Sie wieder von vorn an, ich bitte, denn ich bin uͤberzeugt, zwei oder drei uͤberhoͤrt zu haben... Ach! wenn ſie mir jemals wieder Kohl in die Suppe thut... das hat mir vor zwei Monaten ſchon mal Schaden gethan... Wenn ich nur Lein⸗ ſaamen im Hauſe habe... Ich glaube, ich habe vorgeſtern das Letzte verbraucht... und mein Maͤd⸗ chen denkt ja an nichts!... und doch empfehle ich es ihr ſo oft, wie oft ſag' ich: ein fuͤr alle Mal, Roſe, ſorge dafuͤr, daß Leinſaamen vorräthig iſt... Wie war die letzte Nummer, Herr Mon⸗ tréſor? Sieben und ſiebenzehn, Madame.— Danke 316 S% beſtens. o! nur immer weiter ich habe zwei Quaternen!— Ich habe noch keine, ſagt Mada⸗ me Montréſor traurig. O, Chéri, du ſorgſt gar nicht fuͤr mich, das iſt nicht gut. Ich ſtecke ja nicht im Beutel, und habe die Augen ja nicht an den Fingern!... Ich warte auf die Neunzig und die Sechsehn, ſagt Madame Bonnifoux. Ol ich habe auch eine Quaterne, ruft das kleine Maädchen. Es iſt ſonderbar, bemerkt Herr Cvurtvis auf⸗ wachend, und ſich die Augen reibend, ich habe noch nicht eine Nummer belegen koͤnnen, ich muß recht ſchlechte Karten haben, aber es wundert mich nicht, ich habe ein unglaubliches Ungluͤck in dieſem Spiel!. ich gewinne niemals! Das will ich gern glauben, flͤſtert Dufour ſeiner Nachbarin zu, der Here moͤchte wohl ſchwer⸗ lich jemals einen Pot ziehen. Vietor und Erneſtine ſind ganz ſtill. Sie ſchei⸗ e zwei Mada⸗ ſt gar be die chiehn, leine sauf⸗ habe undett ück in uftu chwel⸗ ſchl⸗ 317 S nen mit ihrem Spiel beſchäftigt zu ſein, iſt es aber wohl das Lottoſpiel? Der junge Mann ſitzt ihr ganz nahe geruͤckt, es iſt aber auch natuͤrlich, es iſt ſo eng am Tiſch, man ſitzt etwas genirt; warum erroͤthet denn Erneſtine ſo oft? warum faͤhrt ſie manchmal ſo auf, als wollte ſie ihren Stuhl von dem ihres Nachbars zuruͤckziehen? Gluͤck⸗ licherweiſe giebt Niemand darauf Acht. Gott! was habe ich fuͤr herrliche Karten, ſagt Madame Bonnifouy; ſie ſind ganz mit Quaternen bedeckt! ich denke wohl, die Neunzig wird mir die Quine bringen... die Nummer liebe ich.. Ach, Herr Montréſor, Sie laſſen mich recht lange ſchmachten! Neun und achtzig, ruft Chért, eine neue Num⸗ mer ziehend. Gott! nahe bei, wie foltern Sie mich. Sie ſind recht boshaft! Madame Montréſor, Ihr Mann iſt ein recht boͤſer Menſch!— O, das weiß ich, = 313 8 ich ſag's ihm alle Tage!... Ziehe doch für mich, Chéri!.. Cheért ſcheint auf die Bitten ſeiner Frau gar nicht zu hoͤren, mit dem Phlegma eines öͤffentli⸗ chen Austufers faͤhrt er fort: Drei und dreißig... Drei und dreißig, ſagt Herr Courtois, indem ¹ er von Neuem aus dem Schlafe auffährt, warten Sie doch! halten Sie ein! Haben Sie gewonnen? fragt Madame Mon⸗ 1 tréſor aͤngſtlich.— Nein, ober ich habe ſie 3 zweimal, und ſie macht mir zwei Amben. Ach! welchen Schreck haben Sie mir gemacht, ſtohnt Madame Bonnifoux; ich glaubte ſchon, Herr 1 Courtois habe eine Quine. O! thun Sie das nicht wieder, Herr Courtois, Sie, da Sie ſonſt ſo ruhig beim Spiel ſind.. Wo ſind wir denn ſtehen f geblieben? Herr Montréſor, die letzten Nummern habe ich nicht gehoͤrt. ſi Aber, Madame, wenn Sie ſprechen, iſt das nicht meine Schuld.— Ich habe nicht geſprochen, mich gar entli⸗ ndem aten Mon⸗ he ſi ncht Hert nicht ſi ſ ſehen mer t di chen, 319 ₰5 ſondern Herr Courtois nicht wahr, Madame, hat Herr Courtois nicht„halten Sie an“ gerufen? Das fehlte noch, mir vorzuwerfen, daß ich beim Lotterieſpiel ſpreche... Wie war die letzte Num⸗ mer?— Zwei und gchtzig.— Das iſt wieder ganz nahe bei, ich habe eine Angſt...— Sieben und dreißig!... Einen Augenblick einen Au⸗ genblick, ich bitte, ich habe keine Marken mehr Mamſell Lucie haͤuft ſie alle vor ſich auf.— Ich Madame! da ſehen Sie nur, was ich vor mir habe...— Weil du dir ein Vergnuͤgen daraus machſt, Sie auf die Erde zu werfen.. Wer giebt mir denn Marken, ich kann doch nicht ſo bleiben.. Mein Herr, ziehen Sie nicht weiter, ich bitte. Wenn Sie auf engliſche Art marquirten, ſagt Herr Pomard, ſo wuͤrden Sie nicht ſo viel Mar⸗ ken gebrauchen.— O, ich liebe dieſe Manier nicht, ich mag nichts Engliſches, ich ſehe gern die Num⸗ mern, die mir noch fehlen, man ruft ſie, man —— 320 ₰5 erwartet ſie, man glaubt ſie hu hoͤren das macht ſo viel Vergnuͤgen.. Einmal habe ich eine Qui⸗ ne im Umſehen bekommen, alle fuͤnf Nummern hinter einander...! ich habe geweint, wie ein Kind.. Ziehen Sie nur, Herr Montréſor, jetzt habe ich Marken... Ach, was habe ich fuͤr Schmerzen im Unterleib, es iſt ſonderbar, ich habe mich doch nicht erhitzt!— Vier und vier⸗ zig!„ Ich hab's, ich hab's! ſchreit die kleine Lucie, mit den Haͤnden klatſchend, ich habe eine Quine, ich habe den Pot gewonnen! Und ich hatte fuͤnf Quaternen, ſagt Madame Bonnifoux; es iſt doch zu toll, mit fuͤnf Qua⸗ ternen zu verlieren, aber nur einen Augenblick Geduld, wir muͤſſen ſehen, ob die Nummern ſtimmen. Man verificirt die Quine des kleinen Maͤdchens, und zum groͤßten Urger der Madame Bonnifoux, iſt ſie richtig. Dufour zieht ſeine Uhr und ſagt macht Qii⸗ nmeln ie ein , jett ch ſir , ich d vier⸗ Lucie, Quine adame u genbli mel dhen niſolh n ſig 321 leiſe zu Mamſell Pomard: die Partie hat uͤber eine halbe Stunde gedauert.— O, das geht noch an, manchmal dauert's noch viel laͤnger. Jetzt, meine Herren und Damen, Ihre zwei Sols, bittet Madame Montréſor, indem ſie einen kleinen Korb herumgehen läßt... Madame Bon⸗ nifoux, Sie ſind am Ziehen.. Ich bin bereit! Einen Augenblick, ſagt Dufour, wollen wir nicht erſt nachſehen, ob der Pot richtig iſt? alles muß ſeine Ordnung haben.— Ganz recht, ſagt Cheri, und zaͤhlt das Geld im Koͤrbchen, findet aber nur 20 Sols darin. Wer hat nicht geſetzt? fragt er. Ein Jeder behauptet, geſetzt zu haben. Es fehlen doch aber 2 Sols!— Ganz gewiß, die kleine Lucie, bemerkt Madame Bonnifoup, ſie wird den ganzen Pot gezogen haben, ohne den neuen Einſatz zuruͤck zu laſſen.— Ich bitte recht ſehr, Madame! ich habe meine 2 Sols an Herrn uſter Theil. 21 Pomard gegeben, und der hat ſie in den Korb gethan?— Ja, ja! o, ich glaube es gern! Aber Sie ſind manchmal ſo zerſtreut, Herr Pomard?— Madame! ich bin es niemals, wenn es auf rich⸗ tige Rechnung ankommt, erwiedert dieſer mit be⸗ leidigtem Ton.. Was mich betrifft, ich war eine der Erſten, die geſett hat, ſagt Madame Bonnifour, ihren Augenſchirm zurechtruͤckend, ich moͤchte lieber zwei⸗ fuͤr eins ſetzen... Madame Montréſor, ver⸗ ſteht Ihre Koͤchin Suppe von geroͤſteter Brodrinde gut zu machen?— O ja! Madame, ſehr gut ſo⸗ gar.— Ach, dann werde ich ſo frei ſein, Ihnen Roſe zuzuſchicken, damit ſie ſie unterrichtet.. dieſe Suppe liebe ich ſehr; ich habe ſie erſt kuͤrz⸗ lich beim Matre gegeſſen, aber ſie war nur etwas zu ſehr gebrannt. Aber zur Sache, es fehlen 2 Sols am Pot, und ich verlange um ſo mehr, daß die Sache auf⸗ geblärt werde, ſagt Herr Pomard, als mich Ma⸗ 325 ₰ dame der Zerſtreuung angeklagt hat, denn wenn es Geldſachen betrifft, beleidigt mich ſolche Vor⸗ ausſetzung.— Mein Gott! Herr Pomard, ſie fangen ja Feuer, wie Phosphor, ich meine nur ſo.„ dch! ich habe einen Schmerz in der Seite ich weiß nicht, ob ich Anis bei mir habe.— Es handelt ſich hier nicht um Anis, ſondern um das Fehlende, das erſetzt werden muß.. Wictor, welcher fuͤrchtet, daß die 2 Sols einen Streit herbeifuͤhren moͤchten, beeilt ſich zu ſagen, er habe wahrſcheinlich noch nicht geſetzt, legt noch 2 Sols in den Pot und die Ruhe iſt wieder her⸗ geſtellt. Jetzt Achtung! ich fange an, ruft Madame Bonnifoux mit einer Stentorſtimme. Die Ein und zwanzig! ich habe ſie.. Die Dreißig. ich habe ſie nicht.. Die Vier! ich habe ſie. Iſt das nothig, daß ſie uns jedesmal ſagt, ob ſie die Nummer hat oder nicht, bemerkt Dufour 24 = 524 S ungeduldig, was geht's mich an, was ſie hat oder nicht hat?... Aber Madame Bonnifoux faͤhrt fort, einer jeden Nummer eine Bemerkung anzuhaͤngen: Die Zwei und dreißig, geſtern hatte ich ſie dreimal auf meinen Karten... die Neunzig! Lch! Spitzbube von Neunzig, wie habe ich auf dich gelauert!. nun koͤmmſt du zu ſpaͤt, na, wenn auch! ich muß dich doch belegen... ach! wenn du in der vorigen Partie herausgekommen waͤreſt... O, wie prickelts mir im Hacken es iſt drollig, als wenn man mich mit Nadeln ſticht.. Aber Madame, ſpielen wir denn mit Ihrem Hak⸗ ken? ſagt Dufour ganz kaltblutig.— Mein Herr, es beunruhigt mich nur, man ſagt, es ſei ein Zeichen der Gicht; und ich fuͤrchte die Gicht wie's Feuer!. Ich hatte zwei Freundinnen, die. — Madame Bonnifoux, wir warten auf Num⸗ mern, faͤllt Madame Montréſor ein.— Ganz recht! gleich, gleich! O, ich werde heut Abend durchaus meine Kleine gebrauchen müſſen.. Eilf! ich habe ſie... Zwanzig!.. die habe ich nicht. Das iſt doch ſonderbar... ich glaubte doch gewiß, ich haͤtte ſie die Neunzehn! das macht mir eine kleine Ambe. Ach, Madame Mon⸗ tröſor, haben Sie ſchon von einer neuen Erfin⸗ dung ſprechen hoͤren, die man Klyſſpir nennt?— O ja, Madame.— Spricht man Gutes davon? — O ja, man lobt es..— Vier und zwanzig! ich habe ſie nicht.. Ich wuͤnſchte wohl einer meiner Bekannten haͤtte Gebrauch davon gemacht. Fuͤnf und vierzig.. ich habe ſie.. Und doch bin ich ſo ſehr an meine Kleine gewoͤhnt, daß ich ungern wechſeln moͤchte. Die Achtzig„ich habe ſie die Achtzehn!... Mein Herr, Sie haben die Achtzig und legen ſie nicht an, ſagt die kleine Lucie zu Victor, die neben ihm ſitzt. Der junge Mann ſieht auf ſeine Nummern, wie Herr Pomard, indem er an ganz andere Dinge denkt. Aber Kinder geben auf Alles 326 ₰ Acht, und Frau v. Noirmont erroͤthet bei der Be⸗ merkung der Kleinen. Lucie, du ſiehſt alſo auf die Karten des Nach⸗ bars, ſagt Madame Bonnifoux, das muß man nicht thun, das heißt betruͤgen. Wie, Madame, iſt das Betruͤgen, wenn ich den Herrn darauf aufmerkſam mache, eine Num⸗ mer nicht marquirt zu haben?— Allerdings, du haſt dich nur um dein Spiel zu bekuͤmmern... Und Madame Bonnifouy fuͤgt mit heller Stim⸗ me hinzu: Ich ſpiele ungern mit dem kleinen Maͤd⸗ chen da.. Ihr Onkel iſt zu gutmüthig. darf ein Maͤdchen von zwoͤlf Jahren ſchon Lotterie ſpie⸗ len? das ſollte huͤbſch ſtricken oder ſpinnen! aber der Onkel laͤßt ſich von ihr auf der Naſe ſpielen ich glaube, er wird ſchon kindiſch!.. Um Madame Bonnifour ganz ungluͤcklich zu machen, muß die kleine Lucie nochmals den Pot gewinnen. Die Alte macht einen Satz auf dem Stuhl, daß er zerbrechen moͤchte. — —— = 327— — Der Beutel geht aus den Haͤnden der Madame Bonnifoux in die des Herrn Pomard, welcher aus Zerſtreuung die Achtzehn fuͤr die Ein und achtsig und die Sechzehn fuͤr die Ein und ſechzig ausruft, ſo daß dadurch noch eine ſehr lebhafte Scene zwi⸗ ſchen ihm und der alten Dame herbeigefuͤhrt wird. Mit jedem verlornen Pot wird ſie uͤblerer Laune, veklagt ſich uͤber Bitterkeiten im Halſe, uͤber ihre Koͤchin, und laͤßt alle Augenblicke die gezogenen Nummern wiederholen, Madame Montréſor ſtoöhnt Ach und Weh bei jeder Nummer, die der gewuͤnſch⸗ ten nahe iſt, Herr v. Noirmont moͤchte Herrn Courtois gern nachahmen, und Dufour giebt ge⸗ nau Achtung, daß die gezogenen Nummern auch richtig gerufen werden. Herr v. Noirmont meint, es ſei Zeit aufzu⸗ brechen.— Ich habe ja abed noch nicht einmal Pot gezogen, ſagt Madame Bonnifour, ich muß doch wenigſtens einen gewinnen.— Sie haben heut Abend öͤfters bemerkt, daß Sie unwohl ſeien, 6 „ 328 S Madame, und da moͤchte Sie das lange Spiel zu ſehr angreifen.— O, mein Herr, ich liebe das Lotto ſo ſehr, dab ich alles daruͤber vergeſſe; das iſt aber auch meine einzige Leidenſchaft. Es iſt ja noch nicht ſpaͤt, ſagt Victor, ich daͤchte noch einige Partien.— Wie, Herr Dalmer, Sie bekommen Geſchmack am Lotterie⸗Spiel, da gratulire ich.— Mir macht alles Vergnuͤgen, was andern gefaͤllt. Der junge Mann iſt ſehr galant! bleibt er lange in unſerer Gegend? fragt. Madame Bonni⸗ foux Herrn Montréſor, ohne eine Antwort zu be⸗ kommen. Nun, Chéri, giebſt du keine Antwort? Was haſt du denn heut Abend, wo biſt du denn mit deinen Gedanken.— Ach, entſchuldigen Sie.. ich hatte nicht gehoͤrt, Madame.— Seit einiger Zeit horſt du auch nicht, was ich ſage..— Wie, ich hoͤrte nicht nach dir? Schon gut, ſchon gut! * el be , da a er ſi⸗ — 329 S Na! jetzt iſt die Reihe an mir, zu ziehen, und das ſoll einmal ordentlich gehen, ſagt Dufour, und wirklich, er bringt die alte Dame ganz aus der Faſſung: bei der ſechſten Nummer iſt ſie außer ſich, und verliert den Kopf, vergebens erſucht ſie den Maler eine Nummer zu wiederholen, er läßt ſich nicht ſtören, und ruft immer zwei, drei ſchnell hinter einander. Madame Bonnifoux ſtoͤßt ihren Stuhl zuruͤck und verlaͤßt den Tiſch mit den Wor⸗ ten:„Da will ich lieber gar nicht ſpielen, das iſt ſo gut, als nimmt man mir 2 Sols aus der Ta⸗ ſche.. Es iſt mir unmoͤglich, dem Herrn zu folgen.— Aber, Madame, ich habe doch die Nummern ſo oft wiederholt, als Sie es nur ver⸗ langt haben.— Das iſt ganz gleich, ich kann doch nicht folgen, Sie jagen ja auf eine Weiſe mir iſt der Kopf noch ganz warm.. Ich nehme meinen Einſatz zuruͤck, dieſe Partie ſpiele ich nicht mit. Bei der nächſten Partie findet Madame Bonni⸗ 350 ₰8 foup ihre ganze frohe Laune wieder. Sie ruft: Endlich habe ich ſie!... die Fuͤnf gewinnt mir die Quine. Quaterne und Quine folgten dicht auf einander. Wie das Spiel doch ſeine Nieten hat.. auf die Funfzehn warte ich ſchon lange, um die Quine zu bekommen, und nun muͤſſen Sie mir Nummern bringen, an die ich gar nicht gedacht habe.. O! wie piquant iſt doch das Spiel!... Waͤhrend Madame Bonnifour ihre Bemerkun⸗ gen macht, erhebt ſich die ganze Geſellſchaft, um nach Hauſe zu gehen. Herr Courtvis ſteckt ſeine Laterne an, Herr Pomard nimmt von der einen Seite ſeine Schweſter, und von der andern ſeinen langen, mit einer eiſernen Spitze verſehenen Stock; Madame Bonnifoux ſchlaͤgt ſich das Kleid auf, nimmt den Augenſchirm ab, ſteckt die Brille in die Taſche, und bittet Herrn Courtois auf ſie zu warten, da er ſie ja immer bis vor die Thuͤr brin⸗ ge.— Ja Madame!— Adieu, lieben Freunde. Das Spiel iſt heute recht boͤſe geweſen; ohne den letzten S — 551 S8 Treffer haͤtte ich 18 Sols verloren.. 2A propos! Madame Montréſor, ich ſchicke Roſe zu Ihnen, damit ſie von ihrer Koͤchin die Brodſuppe lernt... Ich habe immer noch etwas Leibſchneiden, aber das malitioͤſe Spiel ſetzt einem auch ſo zu; und doch habe ich ſeit einiger Zeit immer Ungluͤck... Wenn ich nur Leinſaamen im Hauſe habe. Herr Courtois, ich bin bereit. Herr Courtois hat den Arm der Madame Bonnifoux genommen, die kleine Lueie die Laterne, und ein Zeder erreicht gluͤcklich ſeine Wohnung, die Geſellſchaft von Breéville na⸗ tuͤrlich in derſelben Ordnung, wie ſie gekommen war, Victor geht mit Erneſtinen und Dufour ne⸗ ben ihrem Mann. Die Nacht iſt finſter, Dufour dreht ſich mehr⸗ mals um, aber vergebens, er kann nicht unterſchei⸗ den, ob Victor nichts anderes, als den Arm der Frau von Noirmont an ſich drückt. Capitel XI. Die alte Eichr. Seitdem Magdalene wieder in Breéville wohnt, kommt Jacob oͤfters am fruͤhen Morgen und geht in der Ebene von dem Hauſe des Marquis auf und nieder. So wie Magdalene ihn aus ihrem Fenſter erblickt, eilt ſie hinunter, um ihrem alten Freund, welcher vor der Arbeit noch ſo gern mit ihr plau⸗ dern mag, einige Augenblicke zu ſchenken. Am anderen Morgen, nach dem Lotterie⸗Spiel, iſt Magdalene, die das Fruͤhauſſtehen noch nicht verlernt hat, bei Anbruch des Tages am Fenſter, und erblickt ihn in ſeinem Blouſenhemde, die Hacke auf der Schulter, ein großes Stuͤck Brod unterm Arm, wie er vorbeigeht, haͤufig aber nach ihrem — iel, cht er, e m = 555 S Fenſter hinaufſieht. In drei Minuten iſt ſie unten, und an ſeiner Seite. Guten Morgen, Magdalene, ſagt der Bauer, ihr die Hand reichend. Guten Morgen, mein lieber Jacob Es iſt recht huͤbſch von Euch, daß ihr hier vorbei kommt, da kann ich Euch doch einen Augenblick ſehen.— Meine gute Magdalene, es macht Euch alſo doch keine Langeweile mit mir zu plaudern?„ich fuͤrchte immer, zu oft zu kommen.. BAber, wenn ich hier auch vorbeigehe ſo braucht Ihr deshalb ja nicht immer herunter zu kommen. Wenn ich Euch oben am Fenſter ſehe, und Ihr mir ein kleines SZeichen mit dem Kopfe gebt, zum Beweiſe, daß Ihr Euern alten Freund geſehen habt.. fo bin ich ſchon zufrieden, mein Kind.— Ach, Ja⸗ cob, wie koͤnnt Ihr glauben, daß Eure Gegen⸗ wart kein Vergnuͤgen fuͤr mich ſei! Seid Ihr nicht mein Freund? Waret Ihr nicht der Erſte, der die arme Waiſe aufnahm und beſchuͤtzte?.— Ich 354 S8 habe nach meinem Herzen gehandelt, und ſo wuͤrde ich es auch ferner thun wenn Magdalene. denn ich liebe Euch, wie meine Tochter; aber laſſen wir das.. Sagt doch, ſeid Ihr noch im⸗ mer zufrieden, ſeitdem Ihr hier im Hauſe wohnt? wie begegnet man Euch?..O, ſehr, ſehr gut! Zedermann iſt guͤtig gegen mich. Erneſtine iſt wie ehemals;. und der Herr, der mich hier zu⸗ erſt einfuͤhrte, ihr wißt wohl, Herr Dalmer, ob⸗ gleich er von Paris iſt, behandelt mich ſehr freund⸗ lich, ſpricht oft mit mir. Er iſt nicht ſo, wie Herr v. St. Elme, der Freund Armands der ſieht mich kaum an, oder wenn es geſchieht, mit einer Manier, als müßte man ſich gluͤcklich fuhlen, von ihm bemerkt zu werden. Herr Victor dagegen iſt ganz anders, ſo einfach das heißt ſo liebens⸗ wuͤrdig.. Und Ihr ſagt, Frau v. Noirmont bezeige Euch fortdauernd die zaͤrtlichſte Freundſchaft?— Jal o, ſie wiederholt es mir ſehr oft, daß ſie ſehr zufrieden üede ber im⸗ nt gut! eiſt ob⸗ md⸗ zert ſeht iner 535 ſei, mich bei ſich zu haben.. daß ich ſie niemals wieder verlaſſen ſolle... Sie will mich manchmal mit in Geſellſchaft nehmen, aber ich bleibe dann lieber zu Hauſe... Nur wenn wir ſpazieren ge⸗ hen, da bin ich immer gern dabei, und beſonders, da auch gewoͤhnlich Herr Vietor mit geht. Er fuͤhrt dann meine Freundin, aber er fuͤhrt mich auch oft;. er laͤuft, er ſpielt und lacht mit mir ſo gut, wie mit Erneſtinen... O, wir machen oft gans herrliche Promenaden! Herr Victor iſt ſehr munter. manchmal freilich... Recht ſchoͤn, ſagt Jacob etwas ungeduldig, aber das iſt nicht das Wichtigſte. Herr v. Noirmont, wie behandelt Euch der? Ihr ſagtet mir doch, daß er anfangs kaum mit Euch geſprochen habe. Das iſt wahr, aber ſeit einiger Zeit ſcheint Herr v. Noirmont viel freundlicher gegen mich zu ſein.. Er wird geſehen haben, daß alle meine Wuͤnſche nur darin beſtehen, mir ſeine Achtung zu erwerben, da er der Mann derjenigen iſt, die ich ——— —= 556 ₰5 wie eine Schweſter liebe... Auch ſcheint er mich nicht mehr wie ein armes Maͤdchen zu betrachten, die man aus Mitleid aufgenommen hat. Vielleicht iſt er von ſeinem Vorurtheil zuruͤckgekommen, weil er ſieht, daß Herr Vietor mich mit einiger Auf⸗ merkſamkeit behandelt... denn, wenn ich in einer Ecke des Salons ſitze, ſo ſetzt ſich Herr Victor oft zu mir, wenn auch andere Damen zugegen ſind, ſpricht mit mir, ganz ſo, als ob ich zur Geſellſchaft gehorte O, das iſt ſehr nett von ihm, und be⸗ ſonders da er mich als Magd bei Grandpierre's ge⸗ kannt hat... Nicht wahr, lieber Freund, daß iſt ſehr huͤbſch von ihm? Jacob antwortet nichts; ſeine Stirn zieht ſich in Falten; ſeine Augen firiren die des jungen Mad⸗ chens, es ſcheint, als wolle er Magdalenens Seele ſich enthuͤllen; ſeine Augen haben einen ſlchen Ausdruck, daß Magdalene bald die ihrigen erro⸗ thend uni gleichſam, als ſollten ihre Au⸗ * v — ich ten, icht weil luf⸗ ner ſt ind, „ 5 2= 357 8 genlieder einen Schleier zwiſchen Jacobs Blicken und ihrem Herzen bilden. Nach einigen Augenblicken nimmt Jacob wieder das Wort:— Ihr ſagt mir ja nichts von dem Mar⸗ quis, Eurem Jugendgeſpielen. Sonſt ſpracht Ihr mir immer nur von ihm und ſeiner Schweſter,.. er beſaß Eure ganze Zuneigung... es war ſo na⸗ tuͤrlich. mit ihm erzogen; Frau von Breville machte ja keinen Unterſchied in dem Benehmen ge⸗ gen Euch!. denkt Ihr nicht mehr daran, Mag⸗ dalene?. Aber mein Gott, Jacob, wie koͤnnt Ihr ſo et⸗ was nur vorausſetzen?.. O, ich liebe die Gefaͤhr⸗ ten meiner Kindheit, die, welche meine Wohlthaͤ⸗ terin ihre Kinder nannte, immer noch, wie damals Erneſtine, Armand, es giebt nichts, was ich nicht fuͤr ſie thun moͤchte, um ihnen meine Freund⸗ ſchaft zu beweiſen.. Aber ach! die arme Mag⸗ dalene wird wohl niemals Gelegenheit finden, ihnen iſter Theil. 22 5 — —— 6= 553 8 in irgend etwas nuͤtzlich zu ſein... Sie ſind reich, ich bin arm..— Ja, hhr ſeid arm, Magda⸗ lene, und wahrſcheinlich werdet Ihr es immer blgi⸗ ben, denn ich glaube nicht ach nein!.. es iſt nicht denkbar, daß Eure Lage ſich jemals än⸗ Lteber Freund, was ſchadet es, arm zu ſein, wenn man nur gluͤcklich iſt... und ich bin es, da ich jetzt mit den Kindern der Frau v. Breéville zu⸗ ſammen leben kann. Freilich wohl, Armuth iſt nicht immer ein Unglück... Oſt ſwiz ſie vor manchen Geſahren, von denen junge Mädchen in den Hinſern der Rei⸗ chen umgeben ſind; aber Ihr, Magdalene, die ihr, arm und ohne Namen, jetzt mit Leuten aus der großen Velt zuſammen lebt, Ihr mußt uemals Eure Lage vergeſſen. O ZJaccl! auh Iht denn, ich könnte ſtolz wer⸗ — * da U⸗ in , h, et 16 .— = 350 8 den, weil ich jetzt im Hauſe des Marquis wohne? Ach, das iſt recht boͤſe, ſo etwas nur zu denken. Ei, mein liebes Kind, das iſt es nicht, was ich ſagen wollte, und doch weiß ich recht gut, was ich ſagen moͤchte.... Iſt es, weil ich Euch erzählt habe, daß Herr Pictor mit mir plaudert, und mir ſo gut, als meiner Freundin den Arm bietet.. O, das macht mich nicht ſtolz... das freut mich nur.. übrigens muß ich auch wohl für den Herrn ein wenig Freundſchaſt empfinden, da er ſich meiner ſo angenommen hat... ich wäre undankbar, wenn ich anders dächte, wenn ich Herrn Wietor vergeſſen konnte„ Magdalene, unterbricht ſie Jacob, Ihr ſeid, weiß's Gott, nicht undankbar! ich fuͤrchte im Gegentheil, Ihr moͤchtet zu erkenntlich ſein. Wie! was wollt Ihr danz ſagen? fragt Mag⸗ dalene etwas verwirrt. Kann man zu erkenntlich ſein? 1. 22* 340 82 Wetter, das waͤre wohl moͤglich.. Seht mein Kind, ich liebe die Umwege nicht, ich will Euch ſagen, was ich denke; ich liebe Euch zu ſehr, um nicht offenherzig zu ſein. Mein Gott! Jacob, was habe ich denn gethan, woruͤber Ihr boͤſe ſein koͤnntet!.. Nichts... noch nichts! aber ſeitdem ich mit Euch plaudere, ſeitdem ich Euch befrage, habe ich wohl bemerkt, daß Ihr nur eine Sache im Kopfe habt, daß nur eins Euren Geiſt beſchaͤftigt, und daß Ihr immer wieder darauf zuruͤckkommt, und dieſe Sache, mein Kind, iſt Herr Vietor, der jun⸗ ge Mann aus Paris Magdalene wird roth, wie eine Kirſche, und ihr Herz ſchlaͤgt ſo gewaltig, daß man es an den Bewegungen ihres Tuchs bemerkt. Endlich erwie⸗ dert ſie mit zitternder Stimme: Wie! ich haͤtte nur von Victor geſprochen. ohbr irrt, Jachb; ich habe von ihm geredet, *. — 341 88 wie von allen Perſonen, die im Hauſe wohnen. Was Herrn Armand betrifft, ſo iſt er jetzt mit Herrn v. St. Elme in Paris; darum gehen wir jetzt weniger aus, und..— Ja, ich weiß, daß der Marquis nach Paris iſt, davon will ich nicht reden, mein Kind, ſondern von dem jungen Mann, der, ich geſtehe es, Euch als Freund gedient hat, aber darum noch nicht Eure ausſchließliche Zunei⸗ gung verdient.— Ich verſtehe Euch nicht, Jacob. Und doch ſeid Ihr ſo roth geworden, o! man erroͤthet nur, wenn man verſteht... Potz Fiſchchen, ich bin ein alter Vogel, ſo leicht hintergeht man mich nicht!... Nun, nun! beruhigt Euch, Mag⸗ dalene, es wird ſo gefaͤhrlich noch nicht ſein, aber ich mußte Euch doch aufmerkſam machen, denn ich denke, man vermeidet ein Ungluͤck beſſer, wenn man vorbereitet iſt. Und uͤberdies, habe ich Un⸗ recht, und ihr fuͤhlt im innerſten Grunde Eures Herzens noch keine Neigung füg den jungen Mann⸗ S 342 ₰5 nun, ſo lacht uͤber meine Vermuthungen, aber iſt es anders, ſo hoͤrt auf den guten Rath Eures alten Jacob: Eine arme Waiſe ohne Namen, ohne Stand, ohne Vermoͤgen, welche vom Tiſch der Reichen lebt, auf den man ohnehin nicht zu ſicher rechnen darf, ſoll nicht einen jungen Herrn aus der Stadt li en, denn ſolche Liebe fuͤhrt nur zu dummen Streichen Und Wetter, meine Magdalene ſoll deren nicht begehen, ihr ganzer Reichthum beſteht in ihrer Tu⸗ gend, und darum muß ſie dieſen Schatz wohl ver⸗ wahren. Aber Jacob, habe ich Euch denn geſagt, daß ich an Victor anders, als an Jemand, der mir einen Dienſt erwieſen hat, denke? Nein, Ihr habt mir das gerade nicht geſagt, aber ich hab' es errathen.. wenn ich auch nur ein ſchlichter Arbeitsmann bin, ſo verſtehe ich mich doch recht gut auf das Geſicht der Menſchen, um 345 S5 danach zu errathen, was im Herzen vorgeht. Das iſt gleichſam eine Gewohnheit bei mir geworden, ſeit ich denken kann, und ich wuͤnſchte nicht, daß meine kleine Magdalene die Liebe nur kennen lernen ſollte, um unglücklich zu werden. Be Liebe! o, Ihr irrt, Jacob, die kenn ich gar nicht, ich weiß nicht, was das iſt. Ich glaub's wohl, von Babolein habt Ihr ſie nicht kennen gelernt..., aber jetzt, jetzt ſeid Ihr von Geſahren umgeben, von ſchoͤnen jungen Herren, die ſo verſühreriſch ſind, und geſchickter, als Va⸗ bolein. Ach nein, Jacob, Niemand denkt an die arme Magdalene! Gottlob, ich habe nichts, was die Blicke auf mich ziehen könute, ich bin nicht hubſch, ich weiß es wohl... wenn man manchmal mit mir ſpricht, ſo geſchteht es nur aus Güte, aus Mit⸗ leid vielleicht, aber Niemand wird mich jemals lie⸗ ben koͤnnen.. 344 S5 Das junge Mädchen ſchluchzt bei dieſen Worten, ihre Augen haben ſich mit Thraͤnen gefuͤllt, und ſie moͤchte es gern hinter der Schuͤrze verbergen. Nun ja, ſchon wieder Thraͤnen! das kommt von dem verwuͤnſchten Zartgefuͤhl der Weiber! Warum weint Ihr, Magdalene, ſollte ich mich wirklich ge⸗ irrt haben, und Victor Euch nicht mehr intereſſi⸗ ren, als ein anderer? Ach! ich dachte nur ſo, daß es doch recht trau⸗ rig iſt, von Niemandem geliebt werden zu koͤn⸗ n. Und ich, Magdalene, der Euch ſo herzlich liebt der Euch nicht aus den Augen verloren hat, ſeit Ihr auf der Welt ſeid, und Eure Jugendge⸗ fährten, deren Freundſchaft Ihr wieder gefunden habt, iſt das Niemand? O ja! aber...— Aber das genügt Euch nicht, nicht wahr!..— Das will ich gerade nicht ſa⸗ — 345 ₰ gen, ich habe nur niemals ſo, wie in dieſem Au⸗ genblick, an meine traurige Lage gedacht Es iſt ſonderbar... Sonſt war es mir gleich, keinen anderen Namen, als Magdalene zu haben ich dachte gar nicht an Eltern, ich beweinte nur meine Wohlthäterin, weil ich ſie nur kannte... aber mein Gott, Jacob, wie geht es denn zu, daß ich keine Eltern habe? daß Frau v. Bréville mit mir nie von ihnen geſprochen hat?... wo hat ſie mich denn eigentlich gefunden, aus weſſen Haͤnden bin ich denn zu ihr gekommen?.. Ach, Jacob! jetzt moͤchte ich das Alles wiſſen. da Ihr mich ſo klein gekannt habt, ſo werdet Ihr vielleicht auch von meinem Vater haben ſprechen hoͤren, von mei⸗ ner Mutter, warum hoͤre ich niemals von Euch ein Wort uͤber meine Eltern? Weil es ohne Zweifel unnütz war, davon mit Euch zu ſprechen, antwortet Jacob ſeufzend, dann verlaͤßt er den Ort, wo ſie ſtanden, und giebt Magdalenen ein Zeichen, ihm zu folgen. 346 5 An dem einen Ende der Ebene, nach Gizy zu, ſtand eine ungeheure Eiche, welche ſchon mehrere Jahrhunderte erlebt zu haben ſchien, und deren ge⸗ waltige Krone ſich ausdehnte, als beſtände ſie aus mehreren Bäumen. Dieſe Eiche war von Birken⸗ gebuͤſchen dicht umgeben, welche gleichſam unter der Eiche Schutz ſuchten, ſo daß man unter derſelben rund umher vor jedem Späherauge geſchuͤtzt war. Hierher wurde Magdalene von Jacob gefuͤhrt, unter dem Baum ſteht er ſtill, betrachtet einige Augenblicke ſchweigend dieſen einſamen Platz und das dichte Laub, das ihn umgiebt. Magdalene war niemals weiter, als bis zu den Birken gekommen, es ſuͤhrte hier kein Weg durch, man multe ſich erſt einen ſchaffen, um hindurch zu kommen. Als Mag⸗ dalene ſich hier im dunklen Schatten des ehrwuͤrdi⸗ gen Baumes, und von allen Seiten hinter den Bir⸗ ken, welche eine dichte Wand um dieſen kuͤhlen 6 = 347 2 und geheimnißvollen Ort bilden, verborgen ſieht, fuͤhlt ſie ſich bewegt, und harrt aͤngſtlich auf eine Erklaͤrung Jacobs. Der Bauer ſcheint von lebhaften Erinnerungen angeregt. Endlich ruft er aus: Ach, Magdalene! wenn dieſe Eiche ſprechen koͤnnte, ſie wuͤrde Euch das ganze Geheimniß Eurer Geburt enthuͤllen! Woher wißt Ihr das, Ihr, Jacob? Woher? och, ich kann ſchon etwas davon wiſſen.. aber von mir iſt hier nicht die Rede Eure Mutter, mein Kind, kam ſehr oſt hier⸗ her, um unter dieſem Baume auszuruhen. Meine Mutter! Jacob, Ihr habt meine Mut⸗ ter gekaunt!... wer war ſie denn und warum hat ſie mich verlaſſen?... Bah, habe ich denn geſagt, daß ich Eure Mut⸗ ter kannte? antwortet Jacob, den Kopf erhebend⸗ 343 2 und als ſchien er aͤrgerlich, zu viel geſagt zu haben. Wenn Ihr doch wißt, daß ſie oft hierher kam? — Ja, ja! ich weiß es aber.. ſeht Magda⸗ lene, alles das hilft Euch doch nichts!.. Und wenn ich auch Eure Mutter gekannt habe, wenn ich weiß, wer ſie war... ſo wuͤrde Euch das doch zu nichts nuͤtzen, leider iſt dem ſo.. Was ich weiß, weiß ich nur allein in der Welt... und Ihr koͤnnt glauben, wenn ich Euch damit dienen koͤnnte, mein Geheimniß auszuplaudern.... alle Wetter, ich bliebe gewiß nicht ſtumm; aber da ich, wenn ich ſpreche, Euch vielleicht mehr Schaden, als Vor⸗ theil pie ſo ſchweige ich lieber, und ſelbſt zu Euch. Ja Magdalene, ſelbſt zu Euch; denn das hieße Euch nur tauſend traurige Gedanken in den Kopf ſetzen. Alſo, mein Kind, laßt uns dieſen Gegenſtand nie wieder beruͤhren; denn, ich wie⸗ derhole es, mehr werdet Ihr doch nicht von mir = 349 S erfahren. Alles, was ich Euch ſagen kann, iſt, daß die Liebe Eure Mutter ungluͤcklich gemacht hat, und ich moͤchte nicht, daß ihre Tochter das⸗ ſelbe Schickſal haͤtte. Meine arme Mutter! ſie war ungluͤcklich Ach! hier werde ich oft herkommen, nun ich weiß, daß ſie dieſen Platz oft beſucht hat! Ich habe vielleicht Unrecht gethan, Euch das zu ſagen wozu wollt Ihr Euch mit Gedanken beſchäftigen, die zu nichts helfen koͤnnen.. Und mein Vater, Jacob, von dem ſprecht Ihr gar nicht, habt Ihr den auch gekannt? Der Landmann macht eine bedenkliche Miene, nimmt ſeine Hacke auf die Schulter und ſchickt ſich zum Gehen an; Magdalene aber ergreift ſeine Hand und haͤlt ihn mit den Worten zuruͤck: Aus Barm⸗ herzigkeit, Jacob, antwortet mir und mein Pater.. — 350 ₰8 Aber Potztauſend, was ſoll ich Euch denn da ſagen?.. Euren Vater!... den werdet Ihr auch wohl ſchwerlich kennen lernen, wenn nicht vielleicht, doch nein..., das iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich... doch genug! Magdalene, die Zeit vergeht, ich muß gehen und fuͤr's liebe Brod arbei⸗ ten, fuͤr die alte Tante ſorgen ſie kann nicht mehr arbeiten, die arme Frau! und ich ſtehe hier und ſchwatze. Adieu, mein Kind! Ach, Jacob, wenn ich reich waͤre, Ihr ſolltet gewiß nicht mehr arbeiten, Euch nicht mehr ſo anſtrengen!... Ei Wetter, die Arbeit ſürchte ich nicht.. ich bin daran gewoͤhnt, im Gegentheil, ſie gehoͤrt zu meinem Leben, wenn ich nichts thäte, wuͤrde ich krank werden!.. ſorgt alſo nicht meinetwegen.. Geht zur Frau v. Noͤirmont zuruͤck, und erinnert Euch meines guten Raths.die Liebe wuͤrde Erch ungluͤcklich machen... Hoͤrt nicht auf dichenigen, die Euer Herz beſtricken wollen. Ihr ſeid achtzehn da hr ſicht ahr⸗ Zlit bei⸗ aun = 351 8 Jahr alt in dem Alter muß ein Maͤdchen auf der Hut ſein.. Nein.. Jacob! nein, ich denke nicht an Lie⸗ be ⸗ Es iſt wahr, der Herr PVictor ſieht gut und rechtſchaffen aus; aber alles das iſt eben noch ge⸗ fährlicher, damit laſſen junge Maͤdchen ſich noch leichter fangen. Folgt meinem Rath, plaudert mit ihm vor der Welt, ſo viel Ihr wollt, aber meidet es, mit ihm unter vier Augen zu ſein. Adieu, mein Kind, auf Wiederſehn! Jacob kuͤßt ſie auf die Stirn und verläͤßt ſie bei einer kleinen Thuͤr, die in den Garten führt. Mag⸗ dalene geht hinein und ſchlendert in der Nähe des Teichs auf und nieder. Sie bedenkt, was ſie ſo eben von ihrem alten Freund gehoͤrt; ſie kann es ſich nicht verhehlen, daß er das Junere chres Her⸗ zens richtig erkannt hat. Sie denkt nur an Victor, beſchäſtigt ſich nur mit dem liebeuswuͤrdigen jungen Mann, der ihr ſo viel Auun beweiſt und tiauch 352 ₰ mehr Zuneigung zu ihr zu gewinnen ſcheint. Aber bis jetzt hatte Magdalene nicht geglaubt, daß es unrecht ſei, unaufhoͤrlich ſo an Jemand zu denken; Jacob hat ſie erſt mit ihrem Herzen bekannt ge⸗ macht und ihr zu verſtehen gegeben, daß dies Lie⸗ be ſei. Liebe, wiederholt Magdalene, indem ſie lang⸗ ſam den Weg entlang geht, wo ſie ſo oft ſich mit Vickor fand; Liebe! fuͤr ihn, den ich erſt ſeit ſo kurzer Zeit kenne. O, das iſt nicht moglich, Jacob irrt ſich... Weiß er, was Liebe iſt? und doch zitterte ich, als er mit mir von Herrn Dal⸗ mer ſprach. Er hatte es errathen, daß er mich unaufhoͤrlich beſchaͤftigt.. ſieht man mir denn das an den Augen an?.. O mein Gott!. wenn er mir das anſaͤhe, ich koͤnnte ihn nicht wie⸗ der anblicken.. Und doch bin ich ſo gluͤcklich in ſeiner Geſellſchaft, wenn er mit mir ſpricht o! ich koͤnnte ihm den ganzen Tag zuhoͤren. Wenn das Liebe iſt, ſo begreife ich nicht, wie mich das .— rS = 353 85 ungluͤcklich machen ſoll; im Gegentheil... ich weiß wohl, daß Victor nicht an mich denkt. und ſuche ich ihn denn auf?.. er koͤmmt zu mir und dann ſeufzt er. iſt traurig und ich weiß nicht, wenn er ſeufzt, zittre ich beinahe jedes⸗ mal vor innerem Vergnuͤgen... und das ſoll alles aufhoͤren?.. weil ich eine Waiſe bin, weil Va⸗ ter und Mutter mich verlaſſen haben, ſoll ich Nie⸗ mand lieben, mir ſcheint es aber, gerade, weil ich von Niemand abhaͤnge, kann ich frei uͤber mein Herz gebieten, denn es geht mich ja nur allein an. Das vernuͤnftigſte Maͤdchen findet immer Gruͤn⸗ de fuͤr ihres Herzens Wuͤnſche, und Magdalene fand eben die triftigſten dafuͤr auf, Victor kuͤnftig nicht zu fliehen, als dieſer ſo eben vor ihr er⸗ ſchien. Sein plotzliches Erſcheinen, ſeine Gegenwart bringt Magdalenen gerade jetzt in die lebhafteſte Verwirrung: ſie bildet ſich ein, Victor muͤſſe auf uſter Theil.. 23 3554 8. ihrem Geſichte ihre Gedanken leſen: ſie erröthet, ſchlaͤgt die Augen nieder, ſtammelt einige unver⸗ ſtaͤndliche Worte auf ſeinen Morgengruß und ſpringt verwirrt und ohne ſich Umzuwenden, davon. Und doch koſtet es ihr viel, ſo zu handeln, denn ſie hat die überzeugung, der junge Mann habe ſie aufgeſucht. Arme Magdalene! du wareſt es nicht, die Vi⸗ etor im Garten ſuchte. 7 Ende des erſten Theils. ——— . 3 *— 1 — —— Cap. 1. — M. — I — VI. — V. — 1. —. Inhalt. Das Feſt von St. Cloud. Seite Einige Detaits— Eine Herren⸗Geſellſchüft— Der Mann mit der Senſe— Das Wirthshaus im Walde— Das Erwachen Die Geſellſchaft von Breville— Ein gut angewendeter Tag. 5— i Eine Partie Lotierie— Se ei 5. 35. 74. 111. 155. 175. 197. 254. r8 Srey Gontrol Ghart Magenta vellow Sed