Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 eih- und Ceſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von — E den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 7 beträgt: für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ 6 2 5„ n 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet: 7 Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. & —— 7 Carotin. Roman pAUL DE KO6kK. Motto: Nur nach Fruchtbäumen wirft man Steine. Deutſch von Anguſt Schrader. Dritter Band. Leipzig, 1846. Berger's Buchhandlung. 27. Das Vertrauen. Alles iſt vorbereitet, um das Portrait des Grei⸗ ſes anzufangen. Mit dem Schlage zehn tritt er ein. Die militairiſche Pünktlichkeit ſollten ſich die Bür⸗ ger zum Muſter nehmen. †ch weiſe meinem Invaliden den Platz an und ſetze mich zur Arbeit. Indem ich jetzt die Züge des Greiſes nach mei⸗ nem Gefallen betrachten kann, erinnern ſie mich an eine andere Perſon. Mir iſt, als ob ich dieſe Züge, den Ausdruck der Augen nicht zum aen Male vor mir hätte. Ein geheimer Kummer, der auf Augenblicke be⸗ ſiegt wird, aber bald zurückkehrt, iſt darin zu leſen. Als Maler verſuche ich mein Mobell aufzuheitern und beginne ein Geſpräch. „Wohnen Sie in Paris, mein Herr?“ „Nein, mein Herr. Ich kenne dieſe Stadt zwar, aber ich wohne in der Provinz— in der S. Comté.“ „Sö“ Carotin. III. 1 2 „Ich bin aus einem kleinen Dorfe bei Lureil.“ Der Greis iſt alſo Roſa's Landsmann. Des⸗ halb hat er mir vielleicht ſo gefallen. Er fährt fort: „Ich habe eine lange Reiſe gemacht! Ich habe Meere durchſchifft und komme von Philadelphia. Es ſind beinahe vier Jahre, daß ich abweſend war. In Paris bin ich erſt ſeit acht Tagen.“ „Was hat Sie veranlaſſen können, ſich ſo lange von Ihrer Familie zu entfernen?“ „Eine Erbſchaft, die ich in Empfang nehmen wollte. Ich hatte nichts, ſeitdem ich in den Ruhe⸗ ſtand verſetzt bin— Sie errathen wohl, daß ich ge⸗ dient habe.“ „Das ſieht man auf der Stelle.“ „Ich hatte die Ehre, unter Napoleon zu dienen, in ſeinem Dienſte habe ich ein Bein verloren, und ich ſchwöre Ihnen, daß ich es nicht bedauere! „Kurz, ich hatte mich in meine Heimath zurück⸗ gezogen, wo ich mit Mühe und Noth meine Familie erzog, als man mir ſchrieb, daß einer meiner Vet⸗ tern in Philadelphia geſtorben ſei und außer mir keinen Verwandten hinterlaſſe. Dies war eine Fü⸗ gung des Himmels. „Aber die Erbſchaft war in der größten Ver⸗ wirrung, man mußte dort ſein, um ſie in's Klare zu bringen. „Es handelte ſich um die Zukunft, um das Glück meiner Familie, und ich ſtand keinen Augenblick an, abzureiſen. Aber man regulirt nicht Pflanzungen 3 und Felder in einem Tage— mit einem Worte, ich bin zum Zweck gelangt, habe Alles beendet und bring⸗ achtzig Tauſend Franes mit.— Das iſt ſchon etwas, mein Herr!“ ₰ „Ich mache Ihnen mein Compliment.“ „So reich glaubte ich nicht zu werden, als ich abreiste.“ „Haben Sie Ihre Familie nach Ihrer Rückkunft nicht wiedergeſehen?“ „Nein, mein Herr. Meine Familie iſt leider nicht ſtark— ich habe meine Frau nicht mehr, meine arme, gute Thereſe, die mich ſo herzlich liebte ſie konnte unſer Glück nicht e genießen.“ Der Greis brach ab und hielt ſein Taſchentuch vor die Augen. Nach kurzer Zeit fährt er fort: „Wenn ih an meine Frau denke, muß ich wie ein zind weinen! Doch, man muß ſich fügen und mit der Erinnerung zufrieden ſein.“ „Was iſt der Grund Ihres Aufenthaltes in Paris?“ „Der Wunſch, meine geliebte Tochter in meine Arme zu ſchließen. Es find nun zwei Jahre, daß ſie keine Nachrichten von mir empfing. Der Untergang eines Schiffes, worauf man mich vermuthet hatte, war der Grund, daß man mein Kind nach Paris ſchickte. Man hatte Recht, denn es bot ſich eine gün⸗ ſtige Gelegenheit dar, ſie vortheilhaft zu placiren— ich kann es nicht tadeln, denn es war zu ihrem 1* * Beſten. Man hat ſie in ein Leinwands⸗Magazin ge⸗ bracht.—“ „In ein Leinwands⸗Magazin?“ „Ja, mein Herr, in ein ſehr ſchönes Magazin, und was das Beſte dabei iſt, in ein höchſt anſtändi⸗ ges Haus in der Straße du Bac.“ „Straße du Bac— Ach, mein Gott! Wie iſt der Name Ihrer Mamſell Tochter?“ „Roſa, Roſa Meunier.“ „Roſa! Iſt es möglich!“ „Kennen Sie meine Tochter, mein Herr?“ „Ja, ja, ich kenne ſie! Ich kaufte einige Male Hemden in dem Magazine, wo ſte—— war— ich ſah Mamſell Roſa, und das iſt ſehr natürlich, denn ſie iſt ſchön.“ „Wie, Sie haben meine Tochter geſehen?—“ Der Greis ſteht auf und reicht mir treuherzig die Hand. Dann fährt er mit gerührter Stimme fort: „Sie haben ſie geſehen und Gefallen an ihr gefunden, weil ſie ein anſtändiges, beſcheidenes We⸗ ſen beſitzt— nicht wahr, mein Herr? Bei Gott, ſie iſt in guten Grundſätzen erzogen, denn ich halte darauf; mit mir iſt in Ehrenſachen nicht zu ſpaßen.“ Ich weiß nicht mehr, was ich antworten ſoll. Die Worte dieſes achtbaren Mannes brechen mir das Herz. Er kennt das Betragen ſeiner Tochter nicht, iſt auch weit entfernt, es zu ahnen. Ach, ich werde ihm nichts darüber ſagen. 5 Stockend antworte ich ihm: „Ja, mein Herr, Ihre Tochter hat ein anſtän⸗ diges, beſcheidenes Weſen. Es iſt ſchwer, ſie anzu⸗ ſehen, ohne für ſie— das lebhafteſte Intereſſe zu empfinden.“ „Sie machen mich glücklich durch Ihre Worte— Ach, meine arme, kleine Roſa! Ich ſage klein— ſie iſt gewiß ſeit drei und einem halben Jahre, daß ich fie nicht geſehen habe, bedeutend größer geworden. Nehmen Sie meinen Dank, mein Herr, vielleicht werde ich noch ganz glücklich! „Sie können ſich wohl denken, daß ich unmit⸗ telbar nach meiner Ankunft in Paris in das Maga⸗ zin ging, wo meine Tochter arbeitete. Ich gebe mich zu erkennen und frage nach meinem Kinde. Man ſagt mir, daß Roſa bereits ſeit zwei Monaten das Magazin verlaſſen habe, um als Ladenmamſell bei einem Krämer auf dem Voulevard Saint⸗Martin Dienſte zu nehmen. „Ich frage nach der Haus⸗Nummer; man weiß ſie nicht mehr. „Ich eile auf den angezeigten Boulevard, gehe in jeden Kramladen und frage nach meiner Tochter. Man ſieht mich erſtaunt an und niemand weiß, was ich will. „Ich kehre in das Magazin zurück, das Roſa verlaſſen hatte, und frage nach andern Kennzeichen; man kann mir aber nichts weiter ſagen. 6 „Meine Tochter hatte geäußert, daß ſie einen vortheilhaften Platz bei einer Krämerin auf dem Boulevard Saint-Martin gefunden habe, und ſie, nämlich die Herrin des Magazins, habe geglaubt, keinen Grund zu haben, ſie weiter zu fragen. Und das iſt in der Ordnung, meinem Kinde kann man auf's Wort glauben. „Hieraus können Sie ſchließen, mein Herr, daß ich nie Arges von meiner Tochter gedacht habe. Da⸗ rum halte ich es für wahrſcheinlich, daß ſie ihre Adreſſe hinterlaſſen hat und daß die Madame in dem Ma⸗ gazine ſie entweder nicht gehört oder vergeſſen hat. „Aber wenn Sie meine Tochter noch vor Kurzem geſehen haben, ſo wiſſen Sie, wo ſie iſt— ich bitte Sie, mein Herr, führen Sie mich zu ihr!“ „Herr Meunier, ich bin untröſtlich, Ihrem Wun⸗ ſche nicht Genüge leiſten zu können; denn als ich Ihre Mamſell Tochter das letzte Mal ſah, war ſie noch in der Straße du Bac— ſeit dieſer Zeit habe ich ſie nicht wiedergeſ ehen.“ „Ach, mein Gott, welch ein Unglück! Ich weiß, daß meine Tochter in Paris iſt, und kann ſie nicht in meine Arme ſchließen, nicht an mein Herz drücken! Ueber ihr Betragen bin ich ruhig; ich bin überzeugt, daß ſie bei anſtändigen Leuten iſt. Würde ſich mein Kind vergeſſen, es hätte nie Verzeihung von mir zu erwarten! „Die Ehre, mein Herr, geht einem alten Sol⸗ 7 daten über Alles. Vater Meunier iſt in dieſem Punkte nie geſtrauchelt. Wenn ich einmal erröthen müßte,— ich würde ſterben! Das fühle ich.“ In des Greiſes Augen glänzen Thränen— er bedeckt ſie mit ſeiner Hand. Mir fehlt der Muth, weiter zu reden. Ich will ihn tröſten, finde aber keine Worte. Sein Schmerz erſchüttert mich tief, ſo daß ich fürchte, er gewahrt meine Bewegung. Glücklicherweiſe faßt ſich der arme Vater und nimmt lächelnd wieder das Wort: „Bin ich nicht ein Thor, mich ſo zu ängſtigen? Nein, meine Roſa iſt nicht im Stande, je ihre Pflich⸗ ten zu vergeſſen. Es handelt ſich nur darum, ihre Adreſſe ausfindig zu machen.“ „Unglücklicherweiſe iſt Paris ſehr groß!“ „Doch gleichviel— man erkundigt ſich überall. Und Sie, mein Herr, haben wohl die Güte, Ihre Lokalkenntniß in Paris zu meinen Gunſten anzu⸗ wenden und ſich auch nach meiner Tochter zu erkundi⸗ gen— Sie leiſten mir damit einen Dienſt, den ich Ihnen nie vergelten kann.“ „Herr Meunier, Sie können auf mich zählen; ich verſpreche Ihnen, Sie in Ihren Nachforſchungen zu unterſtützen. Auch glaube ich, Sie verſichern zu können, wir werden ſie wiederfinden!“ „Ach, mein Herr, ich danke Ihnen für Ihre große Güte. Die Vorſehung hat mich zu Ihnen geführt!“ Der Greis drückt von Neuem meine Hände und 8 weiß nicht, wie er ſeine Erkenntlichkeit an den Tag legen ſoll. Er ahnt nicht, daß er durch meine Schuld ſeine Tochter nicht wiederfindet, daß ich es bin, der ſie aus dem Magazine vertrieben hat; denn ohne mein Er⸗ ſcheinen würde Roſa nicht fortgeſchickt, auch wahr⸗ ſcheinlich Fpurnichon nicht anheim gefallen ſein. Die Gegenwart ihres Vaters hätte ſie auf beſſere Gedanken gebracht, und ihre Aufführung würde tadel⸗ los geworden ſein. Ich bin die Urſache von allem Unglück, das ihr begegnet. Dieſer Gedanke bringt mich zur Verzweiflung, bricht mir das Herz; und um das Maaß meiner Qual zu füllen, muß ich noch die Aeußerungen un⸗ begrenzter Erkenntlichkeit dieſes Greiſes hören. Ich ſtehe auf und gehe mit großen Schritten durch mein Atelier. Was ich dieſem Ehrenmanne auf ſeinen Dank erwiedern ſoll, weiß ich nicht; aber ich ſinne ſchon auf Mittel, Roſa's Aufenthaltsort zu entdecken. Jetzt tritt Jemand ein, der Sitzung hat. „Ich verlaſſe Sie; aber Morgen, wie verabredet, venken Sie daran— „Mein Wort darauf, Herr Meunier.“ Er entfernt ſich. 28. Jupiter und Junv. Welch eine Pein! Ich muß das Portrait der eben angelangten Perſon malen; aber ich weiß nicht, was ich arbeite, ich bin nur mit Roſa und ihrem Vater beſchäftigt. Glücklicherweiſe habe ich mit einer kleinen, ſehr koketten Frauensperſon zu thun, die, während ich ſie male, nur daran denkt, einen kleinen Mund und ein graziöſes Lächeln hervorzubringen. Nach beendigter, nicht langer Sitzung gehe ich zu Carotin. Ich muß ihn ſehen, ihm erzählen, was mir begegnet und daß ich Roſa's Vater kenne. Caro⸗ tin iſt ein Windbeutel, aber von Herzen gut; wenn ich ihm den Grund mittheile, der mich Roſa auf⸗ ſuchen läßt, ich bin feſt überzeugt, er hilft mir— er wird auch wiſſen, wo ſie iſt. Seit langer Zeit habe ich Carotin nicht beſucht; er wechſelt zwar jeden Monat ſeine Wohnung, ich weiß aber, daß er für den Augenblick in der Straße de Malte wohnt. Ich finde ſein Haus. Der Portier ſagt mir: „Steigen Sie ſoviel Treppen hinauf, mein Herr, als vorhanden ſind, dann ſtehen Sie der Thür gegen⸗ über.“ Ich ſteige, oder richtiger geſagt, ich klettere. Faſt glaube ich, Carotin wohnt in dem Monde— der achte Stock muß es wenigſtens ſein. Endlich iſt keine Treppe mehr vorhanden; ich höre die Arie aus„Robert dem Teufel“ trillern: „Gnade, Gnade!“ Ich bin verſucht, mit einzuſtimmen, denn ich kann nicht mehr weiter; aber ich öffne die Thür, worin ich den Schlüſſel ſehe, und trete in Carotins Zimmer. Ueberraſcht bleibe ich auf der Thürſchwelle ſtehen, denn ein ſo kleines Zimmer habe ich noch nie geſehen. Das Fenſter iſt der Thür gegenüber. Rechts ſteht ein winzig kleines Bettchen, deſſen Ende das Fenſter berührt; links eine Art Tiſch, und zwiſchen dem Bettchen und dem Tiſche iſt kaum ſoviel Platz, daß man einen Stuhl ſtellen kann; wenigſtens iſt es rein unmöglich, ihn umzudrehen. Von einem Ofen oder ſonſt einem Heizungs⸗Apparate iſt keine Rede. Das iſt Carotins Wohnung. Als ich eintrete, ſehe ich ihn nicht und glaube, ich habe mich geirrt. Ich will zurückgehen, plötzlich höre ich aber die Stimme meines Freundes: „Nun, warum trittſt Du nicht ein? Flößt Dir mein Zimmer Ehrfurcht ein? Tritt ein in das Heilig⸗ thum der Künſte! Der Gott, der es bewohnt, erlaubt es Dir.“ 11 Ich ſuche den Gott dieſer wirklich himmliſchen Räume. Endlich entdecke ich Carotin; er iſt auf ſei⸗ nen Tiſch geſtiegen und ſitzt wie ein Schneider mit dem Rücken an die Wand gelehnt. In dieſer Poſition malt er. Aber wo iſt ſein Modell? Es iſt Niemand mehr im Zimmer. Ich blicke umher und bemerke, daß Ca⸗ rotin durch das geöffnete Fenſter nach einem andern Fenſter ſieht, das ebenfalls geöffnet und dem ſeinigen gegenüber iſt. Durch dieſe beiden Fenſter ſieht man in ein armſelig möblirtes Zimmer, worin ein Mann und eine Frau bei Tiſche fitzen und ihr Mittagbrod verzehren. Das Auffallendſte bei der Sache iſt aber der Um⸗ ſtand, daß beide Perſonen ganz nackt ſind. Dies ſcheint ſie nicht im Geringſten zu incommodiren. „Freund,“ ſpricht Carotin,„Du ſtaunſt meine Modells an, den Bäckergeſellen und ſeine Ehehälfte, nach denen ich Jupiter und Juno male. „Ja, dieſe guten Leute haben nicht Zeit, zu mir zu kommen und hier zu ſitzen, oder ich müßte ihnen den Tag bezahlen, und das würde mich ein wenig in Verlegenheit ſetzen. Da habe ich denn zu ihnen geſagt: „— Meine lieben Nachbarn, wollt Ihr mir einen Gefallen thun? Setzt Euch wie Adam und Evanzu Tiſche, wenn Ihr Eure Mahlzeiten einnehmt und laßt Euer Fenſter offen; in dem Stockwerke, wo wir wohnen, kann es ohne Anſtoß geſchehen, denn außer den Sperlingen ſieht uns Niemand. Ihr verpflichtet mich zu großer Dankbarkeit und Euch macht es keine Koſten. Wenn mein Bild fertig iſt, zahle ich eine Flaſche Cognae.“ Mein Vorſchlag ward vangenom⸗ men, und Du ſiehſt dort Jupiter und Juno, wie beidi ihre Zwiebelſuppe verzehren. „Ah, Juno hat Dich geſehen!— Sapperment, ſie ſchließt das Fenſter— Danke, liebe Nachbarin, Morgen mehr! „Was ſagſt Du zu meiner Reſidenz? Ich habe Alles gleich bei der Hand. Auf den erſten Blick ſieht ſie etwas klein aus, aber man gewöhnt ſich daran— „Setz Dich auf mein Bett, génire Dich nicht— es vertritt die Stelle meines Divans. Welcher gün⸗ ſtige Umſtand führt denn Oreſt zu Phlades?“ Ich erzähle Carotin meine Unterhaltung mit dem Greiſe, deſſen Portrait ich male. „Wie, der ſchöne Alte, den Du mir nicht borgen wollteſt, iſt Roſa's Vater?“ „So iſt's, Carotin. Ein ehrwürdiger Greis, dem der Schmerz über die Verirrungen ſeiner Tochter das Herz bricht.“ „In dem Leinwand⸗Magazine iſt ihm alſo geſagt, daß Mamſell Roſa zu einer Krämerin gezogen ſei?“ „Begreifſt Du denn nicht— man hat dem Vater nicht ſagen wollen: Ihre Tochter hat ſich ſchlecht betragen— Ein junger Mann hat ſie in unſerer Gegenwart blamirt und wir haben ſie fortgejagt!“ „Nein, nein, das konnte man ihm nicht ſagen, 13 denn das hätte ihn zur Verzweiflung gebracht, viel⸗ leicht ſeinen Tod herbeigeführt. „Siehſt Du, Carotin, wir müſſen Roſa auf⸗ ſuchen, damit wir ihr ſagen können: „— Ihr Vater iſt zurückgekehrt— er ſucht Sie und glaubt Sie ſeiner Vaterliebe noch würdig. Laſſen Sie ab von Ihren Thorheiten und kehren Sie zu Ihrem Vater zurück. Er bringt Ihnen ein Vermögen mit, das Sie in den Stand ſetzt, anſtändig zu leben. Sie werden ihn zwiefach beglücken, indem Sie ihm ſeine Tochter und ſeine Ehre zurückbringen.“ „So, und Du glaubſt wirklich, daß das junge Mädchen auf uns hören wird!— Sie wird die Polka tanzen und uns Küſſe zuwerfen.“ „Nein, Carotin, das glaube ich nimmermehr! Roſa wird ihren Vater nicht der Verzweiflung Preis geben. Sie wird ſich ändern.“ „Du ſiehſt dieſes Frauenzimmer jeden Tag an⸗ ders!“ „Du haſt aber noch nicht geſehen, was ſie werden kann:— Ich habe ihr Unglück herbeigeführt, ich muß es wieder gut machen.“ „Wie, Du haſt ihr Unglück herbeigeführt? Wie geſchah das?“ „Weil ich die Urſache bin, daß Roſa aus ihrem Magazine verjagt iſt.“ „Alter Nicodemus, hat ſie es nicht immer ſchon verlaſſen wollen, weil ſie entſchloſſen war, Fourni⸗ chons Anträge anzunehmen?“ 14 „Das iſt nicht gewiß! Alſo kurz, willſt Du mir helfen oder nicht?“ „Ich will immer! Zu Fuß, zu Pferde, zu Wa⸗ gen, ſelbſt im Omnibus, wenn es die Freundſchaft erfordert!“ „Gut, ſo müſſen wir Roſa aufſuchen!“ „Abgemacht! Wir wollen ganz Paris durch⸗ ſuchen, wenn es nöthig iſt. Ich habe Dir zwar meine Meinung über dies Frauenzimmer geſagt; aber ich ſtehe dennoch zu Deinen Dienſten.— Teufel! Juno hat Furcht gehabt, daß Du ihren Vollmond ſiehſt! Wenn ſie noch roth werden könnte, würde ich das begreifen— aber ſie wird ſchon lange nicht mehr roth. „Xpropos, haſt Du Nachricht von Deiner Katze? Kratzt ſie noch? Hat Papa Mimi noch immer leichten Gang?“ „Carotin, ich denke jetzt nur an Roſa. Wenn Du Fournichon ſiehſt, laß ihn nicht entwiſchen. Iſt ſie bei ihm, muß er uns ihre Adreſſe geben.“ „Alſo aufgepaßt auf Fournichon! Sehe ich ihn, ſtürze ich auf ihn los; ich klammere mich an ihn, wühle mich in ſeine Kleider und zerreiße ihn in Stücken, wenn er mir entfliehen will; führt ihn der Zufall in einem Tilbury mir entgegen, erklimme ich den Sitz und laſſe den flüchtigen Fahrer halten!“ „Armer Vater Meunier! Könnten wir dir doch recht bald deine Tochter zurückgeben!“ „Wir werden ſie ihm zurückgeben— wenn ſie 15⁵ nämlich mit uns zurückkehren will. Doch, Colin, wie gefällt Dir mein Zimmer— machſt Du mir nicht Dein Kompliment?“ „Wenn Dich zwei Perſonen beſuchen, wohin placirſt Du ſie?“ „Die Männer auf das Bett, die Frauen in das Bett. Kommen fremde, angeſehene Perſonen, ſo empfange ich ſie auf dem Vorſaal und ſage ihnen, daß es im Zimmer rauche.“ „Carotin, dieſe Wohnung macht Dir Ehre. Du wohnſt ſo armſelig und willſt von Papa Lebergevis die ſechs Hundert Franes nicht annehmen— das iſt viel!“ „Ach, laß mich in Ruhe! Wie kann ich ſechs Hundert Franes für ein Kameel nehmen, das ich in zwei Stunden zuſammengeſchmiert habe, während jener alte Maler in einem Augenblicke gerechter Indi⸗ gnation die Frucht einer langen und gewiſſenhaften Arbeit verloren hat? Sprechen wir nicht mehr davon. Bezahlſt Du ein Mittagbrod?“ „Wenn Du willſt.“ „Ich will immer. Ein Menſch, der kein Mittag⸗ brod im Leibe hat, iſt wie ein Pferd, das nicht be⸗ ſchlagen iſt— beide können nicht weit gehen. „Adieu, Juno Nachbarin Morgen giebt's was für die Kehle!— Jupiter, theurer Freund, behandelt mir die Göttin gut und bedenkt, daß ſte noch andere Dinge zu beſorgen hat!“ Nachdem Carotin ſeinen Nachbarn dies zugerufen 16 hat, ſchließt er das Fenſter, nimmt dann ſeinen Hut und begleitet mich. Wir gehen in eine Boulevards⸗ Reſtauration. Aengſtlich ſehe ich unterwegs auf alle Perſonen, die uns begegnen. Mehr als ein Mal laſſe ich Carotins Arm fahren und laufe einer Frau nach, in deren Geſtalt und Gang ich Roſa zu erkennen glaube. Mit einem Male ſehe ich einen Mann quer über die Straße gehen, der mir wie Fournichon ausſieht. Ich laufe, ergreife ſeinen Arm und rufe: „Ah, Sie entwiſchen mir nicht!“ Der Mann ſieht ſich erſchreckt um, und ich ſehe das Geſicht eines Menſchen, das mir völlig unbe⸗ kannt iſt. Verwirrt entſchuldige ich mein Verſehen und gehe zu Carotin zurück, der mir ſagt: „Wenn Du Dich auf der Promenade ſo beträgſt, wie in dieſem Augenblicke, werde ich nicht mehr mit Dir ausgehen. Den Frauenzimmern ſiehſt Du unter die Naſe und die Männer hältſt Du von hinten bei den Röcken feſt. Wahrſcheinlich machſt Du hinter⸗ liſtige Geſchäfte.“ „Ach, mein Gott, man findet nicht immer, was man ſucht. Wenn Du mir einen Gefallen thun willſt, ſo ſperre Deine Augen beſſer auf und verhalte Dich ruhig; denn in dem Augenblicke, wo man es am wenigſten vermuthet, können Roſa und Fournichon an uns vorbeigehen.“ „Ich bin nicht Deiner Anſicht, Carotin; ich 17 glaube vielmehr, daß man ſich Mühe geben muß, um ſeinen Zweck zu erreichen. Weißt Du nicht, was die heilige Schrift ſagt: Suchet, ſo werdet ihr finden.“ „Was die heilige Schrift ſagt, habe ich zwar nicht gewußt; aber ſeitdem ich mannbar bin, ſuche ich unausgeſetzt ein treues Weib— ich verſichere Dich, ich habe noch keines gefunden!“ 29. Fournichons Unglücksfälle. Der Abend vergeht, ohne daß ich irgend eine Entdeckung mache. Vor jedem Kramladen ſtehe ich ſtill und prüfe aufmerkſam alle Perſonen, die ſich darin befinden. Carotin zieht mich öfter am Arme fort und ſpricht: „Wenn Du nicht bald aufhörſt, um die Läden herumzuſchleichen, wird man uns noch für Diebe halten.“ Einmal bleibe ich bei zwei Perſonen ſtehen, die, wie mir ſcheint, in ihrem Geſpräche den Namen Roſa nennen; ich gehe leiſe hinter ihnen her, um ihre Converſation zu belauſchen; mache aber die Be⸗ merkung, daß dieſe Leute einen Laden ſuchen, um Roſen zu kaufen. Carotin zieht mich mit den Worten fort: Carotin, III. 2 18 „Jetzt ſehen wir aus wie Polizei⸗Spione— Das iſt allerliebſt! Deine Art und Weiſe, Jemanden auf⸗ zuſuchen, bietet ſehr viel Unannehmlichkeiten dar. Du thuſt am beſten, wenn Du allein ſuchſt; ich werde meiner Wege gehen.“ Den folgenden Morgen ſtehe ich ſehr früh auf. Da ich erſt um zehn Uhr Beſuch erwarte, gehe ich aus. Ich durchſtreiche auf gut Glück mehrere Stadt⸗ theile und gehe in eine Menge Häuſer mit der Frage: „Wohnt hier Herr Fournichon?“ Oder:„Mamſell Roſa Meunier?“ Und überall erhalte ich die Antwort: „Mir unbekannt!“ Ich muß, ohne meinem Ziele um einen Schritt näher gekommen zu ſein, nach Hauſe zurückkehren. Um zehn Uhr kommt Roſa's Vater. Der brave Greis reicht mir wie einem alten Freunde die Hand. „Nun, noch keine Nachricht?“ „Noch nichts— und Sie?“ „Ich bin nicht glücklicher, als Sie.“ „Nur Geduld, Paris iſt ſehr groß, und wenn Ihre Tochter in der Stadt iſt, was ſich wohl an⸗ nehmen läßt, ſo verſichere ich Sie, daß wir ſie finden.“ Der Greis ſeufzt und ſchüttelt traurig den Kopf. Dann ſetzt er ſich und ich arbeite. Während des Arbeitens rede ich mit ihm von Roſa, und alles, was er ſpricht, wenn ich ſchweige, bezieht ſich auf Roſa. 19 So bleiben wir drei Stunden zuſammen, und unter dem Geſpräche, das ſich nur um ſie dreht, ent⸗ ſchwindet uns raſch die Zeit. Inzwiſchen kommt Beſuch und der Ingalide muß mich verlaſſen. Als er fortgeht, ruft er mir zu: „Auf Morgen!“ Acht Tage ſind nun wieder verfloſſen, und in unſern Nachforſchungen hat ſich noch kein Reſultat herausgeſtellt. Vater Meunier iſt der Verzweiflung nahe. Eines Tages ſagt er zu mir: „Ich glaube, daß unſere Bemühungen vergebens ſind, ich werde meine Tochter wohl nie wiederſehen. Vielleicht will es der liebe Gott, will mir dadurch eine verdiente Strafe auferlegen?“ „Womit könnteu Sie das verdient haben, Herr Meunier? Sie lieben Ihre Tochter— iſt das etwas Schlechtes? Sollte ein Vater ſtrafbar ſein, wenn er ſeine Kinder liebt?“ „Wenn aber die Liebe zu dem Einen zur Un⸗ gerechtigkeit gegen die Andern wird? Und das iſt bei mir der Fall, Herr Bergeval. Ich habe meine Roſa zu ſehr geliebt, und dies machte mich ungerecht, hart ſelbſt gegen ein anderes Kind. „Es iſt allerdings wahr, ich hatte einen Grund dazu; indeß war er nicht hinreichend, ſo zu handeln, wie ich gethan. Aber wir haben ja Alle unſere Schwächen, und jetzt ſcheint es mir, als ob der Him⸗ mel mich dafür ſtrafen wolle.“ 2„ 20 Der Greis trocknete ſeine Augen. Ich wagte nicht, ihn ferner zu fragen, weil ich fürchtete, ſeinen Schmerz zu vermehren. Daß Roſa ſich der beſondern Vorliebe ihres Vaters zu erfreuen hat, iſt mir klar, und ich finde darin gar nichts Beſonderes. Auch ich hatte ſchon faſt alle Hoffnung aufge⸗ geben, als eines Morgens, kurz nachdem Vater Meu⸗ nier in gewohnter Weiſe zu mir gekommen war, Carotin außer Athem mit den Worten in mein Ate⸗ lier ſtürzt: „Wir haben ihn! Komm raſch— wir haben ihn!“ „Wen?“ „Fournichon!“ „Iſt es möglich— Wo iſt er?“ „Im Café Türe, wo er frühſtückt. Noch hatte er nicht begonnen, als ich fortging, ſondern erſt be⸗ ſtellt; während dieſer Zeit kannſt du Colin— Caſi⸗ mir holen, dachte ich, und bin hierher geeilt.“ „Mein Gott! Wenn er aber das Kaffeehaus ſchon wieder hat?“ „Nein, nein! Ich habe mich ſchnell entfernt, als en ſein Frühſtück beſtellte— ehe es nun gebracht wird und Fournichon es verzehrt— der alte Räuber hat ein ſchlechtes Gebiß— können wir dort ſein!“ Ich nehme eilig meinen Hut, ziehe meinen Rock an, ſtürze die Treppe hinab und komme in demſelben Augenblicke vor dem Kaffehauſe an, als Fournichon heraustritt. 21 Als er mich ſieht, macht er eine Bewegung des Schreckens— er will mir ausweichen, ich halte ihn aber am Arme feſt. „Herr Fournichon, nur zwei Worte, wenn ich bitten darf—“ „Ich habe keine Zeit, mein Herr; laſſen Sie mich, ich bitte. Außerdem will ich auch mit keinem Maler in Berührung kommen! O, die Maler!— Leute, die den Kopf nach unten hängen laſſen— Adieu, mein Herr!“ Er will entwiſchen; Carotin vertritt ihm aber mit den Worten den Weg: „So kommt man nicht davon!“ Fournichon wird bleich, ſeine Kniee zittern. Aengſtlich ſpricht er: „Meine Herren, ich ſehe, daß Sie noch Abſichten mit mir haben— aber es gehen hier viel Menſchen vorbei— nicht weit von hier ſteht eine Schildwache — ich werde mich nicht wieder auf eine Leiter binden laſſen— das ſage ich Ihnen vorher—“ „Herr Fyurnichon, beruhigen Sie ſich! Wir haben keineswegs eine ſ chlechte Abſicht, und ich wieder⸗ hole Ihnen, daß das, was Ihnen im Atelier geſ chehen iſt, uns mit Reue und Schmerz erfüllt.“ „Was denn?“ ſpricht Carotin.„ Spaß, Kinde⸗ reien Man lacht mit uns, und Du ärgerſt Dich!— Ach, Herr Fvurnichon, Sie bereiten mir viel Ver⸗ druß!“ „Meine Herrn, ich gehe.“ 22 „Einen Augenblick, mein Herr. Wenn ich Sie beläſtige, geſchieht es deshalb, um ein junges Mäd⸗ chen zu ſprechen, das Sie kennen— Mamſell Roſa. Ihr Vater iſt in Paris. Der höchſt anſtändige, aber ſtrenge Mann ſucht ſein Kind überall. Er iſt ein alter Soldat, der im Punkte der Ehre nicht mit ſich ſpaßen läßt. Da ich ihm die Aufführung ſeiner Tochter verſchwiegen, will er ſie wiederſehen. Mein Herr, dieſes Mädchen, das er ſucht, iſt bei Ihnen. Wir haben ſie mit Ihnen in einem Tilbury geſehen. Wo wohnt ſie, mein Herr? Sie müſſen uns ihre Adreſſe geben, hören Sie? Im Namen ihres Vaters verlange ich ſie von Ihnen, Sie können und dürfen ſie uns nicht verweigern. Außerdem, mein Herr, gebe ich Ihnen die Verſicherung, daß Sie ohne Ant⸗ wort nicht von hinnen kommen.“ Dieſe Rede, in einem befehlenden Tone gehalten, imponirte Herrn Fournichon. Zitternd ſtottert er: „Herr Bergeval, es iſt wahr, ich habe Mamſell Roſa gekannt. Ach Gott, Sie reißen meine Wunden wieder auf! Wenn ich noch daran denke— o die Liebe, die Liebe! Ich ſchwöre, es ſoll mir nie mehr begegnen!“ „Mein Herr, wo haben Sie Roſa unterge⸗ bracht?“ „Ach, das weiß ich nicht!“ „Was ſoll das heißen? Sie müſſen ſich deut⸗ licher erklären!“ „Herr Fournichon,“ ſpricht Carotin mit einer 23 mitleidigen Miene,„ich beklage Sie, der Vater iſt ein alter Starrkopf, der keine Vernunft annimmt. Da heißt's vom Leder ziehen— die alten Invaliden ſchlagen eine gute Klinge. Ich fürchte für Ihre Haut! „Das ſind die Folgen, wenn man Ladenmamſells entführt und ſie ohne die Einwilligung der Ver⸗ wandten in ein Zimmer miethet und in einem Til⸗ burh ſpazieren fährt. Herr Fvurnichon, Richelieu und Buckingham waren gegen Sie nur Stümper!“ Fournichon wird bleich und roth. Er ſchlägt ſich vor die Stirn und ſpricht: „Wie, meine Herrn, ich muß mich jetzt mit dem Vater ſchlagen? Aber ich habe ja Niemanden ent⸗ führt— Bei der ganzen Sache bin ich der Ange⸗ führte. „Hören Sie, meine Herrn, wie ſich Alles zuge⸗ tragen hat: „Es iſt wahr, ich habe der hübſchen Ladenmamſell den Hof gemacht. Ich habe ſie nach Mabille geführt, wo ich den Punſch bezahlte und Andere mit ihr tanzten— das iſt auch wahr. Meine Mamſell war immer grauſam. Ich bot ihr ein kleines, gut möblir⸗ tes Zimmer an; ſie antwortete:„Wir wollen ſehen.“ Ich ward dringend und man nahm es an. „Kurz, es ſind jetzt beinahe zwei und einen hal⸗ ben Monat, daß ich ſie in eine hübſche Wohnung, die an dem Ufer des Kanals liegt, einführte. Ich hatte ſie in ihrem Namen gemiethet und in ihrem Namen möblirt. Von allen Lieferanten überreichte 24 ich ihr die quittirten Rechnungen. Damals war es nun, wo ſie ſich herabließ, zwei oder drei Mal in einem Tilburh mit mir auszufahren und in einer Reſtauration mit mir zu ſpeiſen— der Spaß koſtete mich 25 Francs. „Eines Morgens, es war gerade ſehr ſchönes Wetter, und der ſechste Tag, daß ſie in meinem Quartier wohnte, will ich ſie beſuchen,— da ſchlägt man mir die Thür vor der Naſt e zu und ich muß die Worte hören: — Sie brauchen nicht wiederzukommen, Sie ſind nit läſtig— ich mag nichts mehr von Ihnen wiſſen— „Denken Sie ſich, meine Herrn, meine Ueber⸗ raſchung! Anfangs glaubte ich, meine Schöne ſcherze und will zu ihr eintreten; ſie verweigert es aber mit den Worten: „— Haben Sie denn nicht gehört, was ich ſo eben geſagt habe? Ich verbiete Ihnen, meine Schwelle zu betreten!“ „Da verläugnete ich meinen Charakter und fing an zu donnern und zu wettern. Plötzlich erſcheint ein großer, junger Mann, den ich bis dahin noch nicht geſehen hatte, nimmt mich bei den Schultern und wirft mich die Treppe hinab, indem er ruft: „— Wenn Sie ſich noch ein einziges Mal unter⸗ ſtehen, hierher zu kommen, werfe ich Sie in den Kanal!“ „Sie können ſich wohl denken, meine Herrn, 25 daß ich nach einer ſolchen Propoſition nicht mehr hinging.“ „Wie, Herr Fournichon, ſo hat ſich Roſa gegen Sie benommen?“ „Ja, meine Herrn, das habe ich für meine Mö⸗ bel, für mein Mittageſſen und für meine Tilburh's— es iſt ſo gut, als ob ich ſie nie gehabt habe, auch niemals etwas davon wieder bekommen werde.“ „Carotin lacht und ſpricht: „Was, Herr Fournichon, ſo iſt Ihre Zärtlich⸗ keit belohnt?“ „Belohnt? Gott bewahre, durch nicht das Ge⸗ ringſte bin ich belohnt. Sie ſagte immer:„Morgen, wenn Sie recht artig ſind,“ und ſo ging es von einem Tage zum andern, bis man mich die Treppe hinunter warf.“ „Ihre Adreſſe, Herr Fournichon, ihre Adreſſe?“ „Sie werden Niemanden mehr finden. Nach Verlauf von acht Tagen war ſie ſammt den Möbeln ausgezogen— das heißt, nachdem ſie die Möbel wieder verkauft hatte. Aus Neugierde habe ich mich danach erkundigt. „Uebrigens können Sie ſich ſelbſt davon über⸗ zeugen. Gehen Sie nach dem Quai Valmh, Nro. 9 — dort hat die Undankbare gewohnt!— Ja, die Undankbare, denn ich betete ſie an, und wenn ich nicht irre, habe ich ſie auch geliebt, liebe ſie immer noch, obgleich ſie mich aus der Thür geworfen hat.“ Ich verlaſſe Fournichon und gehe mit Carotin 26 nach dem bezeichneten Orte. Dort wird mir alles beſtätigt, daß Roſa vierzehn Tage in dieſem Hauſe gewohnt hat, und nachdem ſie ihre Möbel verkauft, ausgezogen iſt, ohne ihre Adreſſe zu hinterlaſſen. „Armer Vater!“ rufe ich aus, indem ich Carotin anſehe. „Und Du, armer Junge,“ antwortet Carotin, „der ſo gut iſt und ſein Leben mit dem Aufſuchen eines Mädchens hinbringt! Begreifſt Du nun, wa⸗ rum ſie über Deine Seufzer gelacht und Deine pla⸗ toniſche Liebe verhöhnt hat?“ Ich antworte nichts; aber ich muß mir einge⸗ ſtehen, daß ſich Alles vereinigt, um mir darzuthun, daß ich mich in Mamſell Roſa gewaltig getäuſcht habe. 30. Das Zimmer eines jungen Mädchens. I„ch nahm mich wohl in Acht, Herrn Meunier etwas von dem, was ich über ſeine Tochter erfahren hatte, zu erzählen. Als er mich wieder ſieht, lieſt er wahrſcheinlich meine Traurigkeit und meine Ent⸗ muthigung in meinen Augen, denn er ſagt: „Herr Bergeval, ich ſehe, es geht Ihnen wie mir; Sie verlieren den Muth. Ach, ich wage nicht, Ihnen 27 Alles zu ſagen, was ich denke— und doch— Sie hegen vielleicht dieſelben Gedanken. Ein junges Mädchen, das ein anſtändiges Magazin verläßt, um in ein anderes Geſchäft zu gehen, und wenn ich es auch nicht weiß— müßte ſich längſt wiedergefunden haben, denn ich habe überall nachgeforſcht. „Wenn ein junges, hübſches Mädchen auf dieſe Weiſe verſchwindet— Hum! das kündet nichts Gutes an; und dann iſt Paris für junge Mädchen eine höchſt gefährliche Stadt, zumal wenn ſie keine Eltern haben, die über ſie wachen. Mir iſt jetzt mehr als je bange. Roſa iſt hübſch, nicht wahr?“ „Reizend— von auffallender Schönheit!“ „Dieſe Schönheit wird vielleicht ihr Unglück ſein. In Paris giebt es ſoviel Verführer— und ſoviel Wittel, den jungen Mädchen die Köpfe zu verdrehen. „Ach, wenn ich mein Kind unter jenen verlornen Frauenzimmern wiederfinden ſollte, die weder Grund⸗ ſätze noch Sitten haben, dann, Herr Bergeval, mögte ich lieber, daß ich ſie nie wiederſehe— ich wüßte nicht, wozu ich fähig wäre! Oh, ich könnte ſie mor⸗ den! Nein, nein! Dann will ich ſie nicht wieder⸗ ſehen!“ Ich zittere bei den Worten des Greiſes, denn wie leicht iſt es möglich, daß er ſeiner Tochter be⸗ gegnet und die Wahrheit erfährt. Ich ſuche ihn in⸗ deß auf beſſere Gedanken zu bringen. „Haben Sie noch mehr Kinder?“ „Eine Tochter, das iſt iſt Alles!“ 28 „Und lieben Sie dieſe andere Tochter nicht eben ſo zärtlich, als Roſa?“ „Meine ganze Zärtlichkeit gehörte Rofa— wäh⸗ rend die arme Roſina, ſo heißt nämlich dieſe Tochter, nicht einmal eine Erwiderung ihrer Liebkoſungen zu erwarten hatte. Ich entfremdete ſie mir, und ſtieß ſie hart zurück, wenn ſie ſich mit kindlicher Liebe mir nähern wollte. O, das war ſchlecht, ich fühle es jetzt. „Wenn mir die Erbſchaft unſers Oheims wün⸗ ſchenswerth erſchien, war es nur, umRoſa eine Mit⸗ gift geben zu können; aber ich ſehe wohl, es wird nicht ſo werden. Das Kind meiner Vorliebe iſt für mich verloren! Ich will in meine Heimath, zu Roſine zurückkehren, ſie wird gewiß mit Sehnſucht meiner harren. Bei ihr werde ich zu vergeſſen ſuchen, daß ich noch eine andere Tochter hatte. Ja, ich glaube, es wird das Beſte ſein, Paris zu verlaſſen; außerdem bleiben Sie ja hier, Herr Bergeval, wenn Sie etwas von meiner Roſa erfahren, werden Sie es mir mit⸗ theilen— nicht wahr?“ „Gewiß, Herr Meunier, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.“ Jeden Tag äußert der Greis ſeinen Entſchluß, in die Heimath zurückzukehren; aber er reiſt nicht ab. Sein Portrait iſt lange ſchon vollendet und über⸗ aus ähnlich. Der Invalide nahm es, betrachtete es einige Zeit und ſprach dann ſeufzend: „Ich hoffte, Roſa ein Geſchenk damit zu machen 29 — jetzt wird es ihre Schweſter erhalten; ich will es ihr bringen.“ Es verſtrich abermals eine geraume Zeit, und Vater Meunier blieb immer noch in Paris; mit⸗ jedem Tage hoffte er glücklicher zu ſein, und zu er⸗ fahren, wo ſeine geliebte Tochter ſich aufhalte. Es ſind nun ſechs Wochen her, daß ich mit Four⸗ nichon die Unterredung hatte. Seitdem ich ihn nicht mehr ſuche, begegne ich ihm ſehr oft. Er flieht mich zwar nicht mehr, wenn ich mich ihm nähere; aber es ſcheint, als ob er mich fürchtet. Der arme Fournichon! Jetzt, da ich weiß, daß er von Roſa nichts erlangt hat, grolle ich ihm nicht mehr; ich bin ſogar verſucht, ihn ein wenig zu be⸗ klagen. Ich habe auch mitunter das Glück, der Familie Chamouillé zu begegnen. Wenn man mich in der Entfernung bemerkt, ſehe ich Ariane mit ihrem Manne reden, wahrſcheinlich um ihm zu verbieten, mich zu grüßen, denn der arme Papa Mimi weiß nicht mehr, wohin er ſeine Blicke wenden ſoll und ſcheint in der größten Verlegenheit zu ſein. Der kleine Alphons wirft mir ſeinen Kreiſel oder ſeinen Ball zwiſchen die Beine, oder läuft mir zur Seite in den Rinnſtein und ſpringt dergeſtalt neben mir her, daß ich mit Koth beſpritzt werde— und das Alles auf Befehl ſeiner Mutter. Die tugendhafte Ariane ſchleudert im Vorbei⸗ geben einen Blick auf mich herab, der halb verächt⸗ malmen ſoll; mitunter fügt ſie ihm auch noch eine Exclamation hinzu, als:„Puah!“ oder:„welch ein Scheuſal!“ Eines Abends komme ich aus einer Geſellſchaft und gehe durch die Straße Bouchrat, um bald in meine Straße zu gelangen, als ich wenige Schritte von mir ein Frauenzimmer gewahre, das ſich gegen einen Herrn wehrt, der 3 mit Gewalt ihres Armes bemächtigen will. lich, halb mitleidig iſt und mich wahrſcheinlich zer⸗ »* Mir iſt zwar klar, 16 man einem Frauenzimmer nachſtellt, und, wenn ſie uns gefällt, ſich auch Mühe giebt, ihre Bekanntſchaft zu machen; aber das will mir nicht einleuchten, daß man Gewalt gebraucht, um Gefallen und Neigung hervorzubringen. Ich trete auf den Herrn zu, und ſtoße ihn, der ſich erlaubt, eine Dame auf der Straße zu inſultiren, ziemlich unſanft zurück. Er aber kommt auf mich zurück und ſchreit mit wüthender Geberde: „Was miſchen Sie ſich in meine Angelegenheit? — Das finde ich ſehr kühn! Wiſſen Sie auch, mit wem Sie zu thun haben?— Ich werde es Ihnen zeigen— Morgen müſſen Sie mir Genugthuung geben— Ihre Adreſſe, mein Herr, Ihre Adreſſe!“ Während er redet, ſehe ich dem Herrn näher in's Geſicht und erkenne den Lion aus dem Theater de la Gaité und de Mabille, Herrn Arthur Nicanor, derſelbe, der ſich immer mit mir ſchlagen will und niemals kommt, oder ſeine Adreſſe ohne Hausnummer 31 abgiebt. Ich laſſe ihn ruhig ſchreien, wie er in der Regel zu thun pflegt, um die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden auf ſich zu richten. Als er aber eine Zuſammenkunft von mir verlangt, gebe ich ihm einen ſo derben Fußtritt auf den Allerwertheſten, daß er einen Satz, mindeſtens ſechs Fuß weit, macht. Dann ſage ich ihm: „Dabei erinnern Sie ſich gefälligſt an meine Adreſſe, die ich Ihnen ſchon einmal gegeben habe, Herr Nicanor, und nehmen Sie es als Angeld, da⸗ mit ich dies Mal beſtimmt auf Sie rechnen kann.“ Mein Fußtritt hatte eine magiſche Wirkung; ohne auch nur ein Wort zu erwidern flog der Lion wie ein Pfeil davon. Die Dame bleibt ſtehen; dann nähert ſie ſich mir und will einige Worte des Dankes ſtottern— ſie ſieht mich an und ſtockt— ich ſtoße einen Schrei der Ueberraſchung aus. Es iſt Roſa, die vor mir ſteht, Roſa, einfach und beſcheiden gekleidet und auf dem Kopfe einen kleinen, ſchwarzen Hut, der einen Theil des Geſichts verdeckt. Aber ſie iſt immer noch ſchön, immer noch verführeriſch, und in dieſem Augenblicke um ſo mehr, da ſie faſt ſo vor mir ſteht, wie ich ſie das erſte Mal geſehen habe. Ich bin ſo bewegt, als ich mich dem jungen Mädchen gegenüber ſehe, daß ich kaum die Worte ſprechen kann: „Wie— Sie, Mademoiſelle?“ 32 „Ja, mein Herr— nehmen Sie meinen verbind⸗ lichſten Dank, daß Sie mich vor der Zudringlichkeit dieſes Menſchen geſchützt haben, der mich ſchon ſeit langer Zeit verfolgt.“ „Ich danke dem Zufalle, der mich Ihnen ent⸗ gegengeführt, denn ſeit zwei Monaten ſuche ich Sie vergebens in Paris—“ „Sie ſuchen mich, mein Herr?“ „Ja, Sie, Mademviſelle! Ich habe Ihnen viel zu ſagen, ich bringe Ihnen Nachrichten von einer Perſon, die Sie intereſſirt— aber ich will Sie ſo ſpät nicht auf der Straße zurückhalten; darf ich Sie Morgen beſuchen?— Wenn Sie Gründe haben, Ihre Adreſſe zu verheimlichen, ſo gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihr Geheimniß nicht ver⸗ rathen werde.“ Roſa ſieht mich einen Augenblick an und ſcheint zu ſchwanken— endlich antwortet ſie: „Mein Herr, da Sie mit mir zu reden haben— ſo kommen Sie— ich wohne dort— in jenem Hauſe — im vierten Stock; fragen Sie nach Demviſelle Meunier.“ Sie bezeichnet mir bei dieſen Worten ein Haus, das kaum zehn Schritte von uns entfernt iſt; ſie wohnt alſo in der Straße Boucherat, dicht neben mir an, und ich laufe vergebens durch ganz Paris, um ſie zu ſuchen. Roſa grüßt und tritt in ihr Haus. Ich folge ihr mit den Augen und denke: 33 Welch ein beſcheidener Ton, welch' ein anſtändi⸗ ges Benehmen Das iſt unmöglich dieſelbe Perſon, die ich mit Fournichon im Tilburh geſehen und mir und Carotin die Zunge entgegengeſtreckt hat. Dieſes junge Mädchen exiſtirt doppelt! Denn es iſt wohl nicht gut anzunehmen, daß ſie nur in Fournichons Geſellſchaft ſich ſo beträgt und daß ſie nur mir gegen⸗ über ein decentes Betragen erheuchelt. Mit dem Wunſche, daß es ſchon wieder Morgen wäre, kehre ich in meine Wohnung zurück. Ich weiß nicht, wie ich mich am geeigneteſten dabei benehmen ſoll, wenn ich ihr ſage, daß ihr Vater in Paris iſt. Es iſt am beſten, daß ich offen mit ihr rede, und ſie vor Allem wegen meines Betragens in dem Magazine um Verzeihung bitte. Die ganze Nacht hindurch kommt mir kein Schlaf in die Augen. Schon früh ſtehe ich wieder auf— aber um ſieben Uhr Morgens kann ich doch Roſa keinen Be⸗ ſuch abſtatten, das wäre ja unſchicklich. Ich will arbeiten— es iſt aber nicht möglich. Ich würde zu Carotin gehen, aber ich weiß im Voraus, daß er meiner Bewegung ſpottet und ſie in's Lächerliche zieht; und doch kann ich mir im Grunde der Seele nicht verbergen, daß ich Roſa immer noch liebe, daß ich trotz der Fehler, die man ihr votwirft, ſie nicht aus meinem Herzen verbannen kann. Seitdem ich das Portrait des guten Herrn Meu⸗ nier vollendet habe, kommt er nur Nachmittags zu Carvtin 11I. 3 34 mir, ich habe alſo Zeit, ſeine Tochter zu beſuchen; und dann beſitze ich ja ſeine Adreſſe— wenn ich Roſa beſucht habe, kann ich zu ihm gehen. Um acht und ein halb Uhr gehe ich in ein Kaffe⸗ haus. Um neun Uhr bin ich meiner Ungeduld nicht länger Herr, ich begebe mich zu der Tochter des In⸗ validen. Ich komme an und klopfe zitternd an die bezeich⸗ nete Thür. Roſa öffnet. Ihr Anzug iſt reinlich und anſtän⸗ dig; ihr Haar ſorgfältig, aber einfach geordnet; das Halstuch ſchließt ſich dicht dem Halſe an, und ihr Blick iſt ſchüchtern und ſanft; dies alles kündet die fleißige, ſittſame Arbeiterin an; ſo habe ich ſie das erſte Mal geſehen! Sie grüßt mich ſehr artig, und fordert mich auf, einzutreten. Nachdem ich ein kleines Zimmer durchſchritten, das außer einem Ofen und einem Waſſerfaſſe kein Geräth enthielt, trete ich in ein etwas größeres, das mit einem Bette, einer Komode, einem Tiſche und einigen Stühlen verſehen war. Alles iſt von Nuß⸗ baumholz, gut erhalten und von auffallender Rein⸗ lichkeit. Ein Spiegel und zwei Blumenvaſen, die auf dem Kamine ſtehen, vollenden das Meublement. Ob Fournichon dieſe Sachen gekauft hat? Wie käme ſte aber dazu, ſo einfache zu wählen? Das junge Mädchen bietet mir einen Stuhl an, 35 dann ſetzt es ſich zur Arbeit, und ſcheint den Grund meines Beſuchs erfahren zu wollen. Ich kann nicht umhin, Roſa einige Augenblicke ſchweigend zu betrachten. Endlich beginnt ſie das Geſpräch: „Mein Herr, Sie ſagten mir geſtern Abend, daß Sie mit mir über eine Sache zu ſprechen hätten, die mich intereſſirt.“ „So iſt es, Mademviſelle. Doch zuvor erlauben Sie mir, Ihnen das Unrecht abzubitten, das ich Ihnen in Ihrem Magzine zugefügt— Ach, ich weiß nicht mehr, was ich ſagte,— aber es war ſchlecht, ſehr ſchlecht, denn ich bin der Grund, daß man Sie — fortgeſchickt—“ „Sprechen wir nicht mehr davon, mein Herr, früher oder ſpäter wäre es doch geſchehen.“ „Wie, Sie wollten wohl nicht länger in dem Magazine bleiben— hatten Sie andere Ausſichten? Der Vorſchlag des Herrn Fvurichon iſt Ihnen alſo recht geweſen— das wundert mich— Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich es bis jetzt habe nicht glauben wollen.“ Roſa ſieht mich an; ihr Blick hat einen ganz eigenthümlichen Ausdruck— aber ſie antwortet nicht. Ich fahre fort: „Mademoiſelle, verzeihen Sie meiner Freiheit ich weiß recht gut, daß ich nicht das Recht habe, Ihnen Rathſchläge zu ertheilen— mich überhaupt in Ihre Angelegenheiten zu miſchen; aber ich kann es 3* 36 nicht über das Herz bringen ſeit ich Sie zum erſten Male geſehen, liebe ich Sie!“ Roſa erröthet, ſie ſenkt die Augen, und eine reizende Verwirrung verbreitet ſich über ihr Geſicht— ſie ſchweigt und ſieht mich nicht an. Ich nähere mich ihr ein wenig und ſpreche zu ihr: „Wenn Sie wüßten, Mademviſelle, was ich für Sie empfinde! Ich habe Ihnen an jenem Tage, wo ich Ihnen begegnete, das Geſtändniß abgelegt— aber Sie haben es wohl wieder vergeſſen?“ „Nein, mein Herr, ich erinnere mich noch daran —aber wie damals, ſo auch heute: denken Sie nicht mehr an mich.“ „Iſt mir denn das möglich?— Nein, ich kann Ihr Bild nicht aus meinem Herzen verbannen! Ach, was habe ich gelitten, als ich Sie mit den drei jungen Leuten im Theater geſehen, wovon der eine Ihnen zu gefallen ſchien, und noch mehr, als ich Sie mit Herrn Fvurnichon auf dem Balle Mabille wiederſah und als Sie mir zuletzt in einem Tilbury mit ihm begegneten. „Was mich aber am meiſten überraſcht, iſt das, daß Sie von dieſem Manne ein Mobiliar annehmen und ihn dann zur Thür hinauswerfen; in Ihren Jahren kann man wohl ausgelaſſen ſein und die Ver⸗ gnügungen lieben— aber eine ſolche Handlung—“ Roſa ſieht mich ſtolz an, dann ruft ſie in einem Tone, der bis in mein Innerſtes dringt: „Sie konnten alſo glauben, daß ich eines ſol⸗ 37 chen Betragens fähig ſei! O, wie unglücklich bin ich—“ Der Ausdruck dieſer Worte, die ihr unwillkühr⸗ lich entſchlüpft zu ſein ſchienen, verwirrte alle meine Gedanken; ich ſpringe auf, ftürze zu ihren Füßen und ergreife ihre Hand mit den Worten: „Nein, nein, das haben Sie nicht gethan, das konnten Sie nicht thun, nicht wahr? O, ich glaube es nicht— ich konnte es niemals glauben! Es iſt Täuſchung— eine Andere führte Ihren Namen und ſieht Ihnen täuſchend ähnlich— aber dieſe reine Stirn, dieſer unſchuldige Blick fehlt ihr! Nicht wahr, Sie haben nicht auf dem Balle Mabille getanzt, Sie ſind nicht in Fournichons Geſellſchaft geweſen? Konnten Sie dieſen Mann lieben? Konnte das leidige Intereſſe Ihre Seele verführen, die ſo ſchön, als Ihr Blick ſein muß?— Ach, ich wußte es wohl, Sie haben meine Liebe ſtets verdient!“ Roſa antwortet nichts; aber ſie ſcheint entzückt auf meine Worte zu hören; ein leiſes Lächeln zuckt um ihren Mund, ihre Hand erwidert leiſe den Druck der meinigen. Ich bin trunken vor Wonne und Glück, ich küſſe ihre Hand und rufe: „Ach, wie glücklich kann ich ihn jetzt machen, der Sie ſo lange ſchon überall ſucht und Sie gern an ſein Herz drücken mögte!“ „Wer?“ fragt das junge Mädchen erſtaunt. 38 „Ihr Vater, der brave Herr Meunier— er iſt hier in Paris— ſeit zwei Monaten ſchon!“ Roſa wird roth und bleich, Thränen treten in ihre Augen und ängſtlich ſtotternd ſpricht ſie: „Wie, mein Herr, täuſchen Sie ſich auch nicht? — Mein Vater wäre in Paris?“ „Ja, Mademviſelle! Ein achtbarer Greis, der einen Stelzfuß trägt! Er kommt von Philadelphia, wo er eine Erbſchaft erhoben hat; ſie beträgt achtzig Tauſend Franes, mit denen er Ihr Glück zu ſichern gedenkt. Nachdem er in Paris angekommen, war ſeine erſte Sorge, Sie aufzuſuchen.“ „Er ſucht mich?“ „Iſt das nicht natürlich? Er iſt in Ihrem Ma⸗ gazine geweſen, wo man ihm geſagt hat, daß Sie es verlaſſen, um in das Geſchäft einer Krämerin zu treten. Seit dieſem Tage durchſucht er ganz Paris, um Sie aufzufinden. Ich unterſtützte ſeine Nach⸗ forſchungen, und, ich kann es Ihnen geſtehen, man iſt immer noch der Meinung, Sie mit Herrn Four⸗ nichon geſehen zu haben. Die Aehnlichkeit muß in der That auffallend ſein, auch muß die Perſon Ihren Namen angenommen haben. Sie nennt ſich Roſa und arbeitete in einem Leinwandsladen in der Straße du Bac. Ich fürchtete, daß Ihr Vater, der mir im Punkte der Ehre ein ſehr ſtrenger Mann zu ſein ſcheint, Ihr leichtes Betragen nicht billigen wird— Aber Sie ſind ſeiner und ſeiner Liebe immer würdig 39 geweſen. Jetzt eile ich zu ihm und führe ihn in Ihre Arme!“ Roſa, deren Aengſtlichkeit ſich mit jedem Augen⸗ blicke zu vergrößern ſcheint, hält mich indeß zurück und ſpricht: „Sie haben ſich nicht getäuſcht, mein Herr— dieſes junge Mädchen, das Sie leichtſinnig und ver⸗ blendet bei Mabille geſehen— mit jenem Herrn, deſſen Vorſchläge ſie angenommen hat— bin ich!“ Ueberraſcht bleibe ich ſtehen und ſehe Roſa an, die bei dieſem Geſtändniß den Blick zu Boden ſenkt. „Sie waren es!— Aber ſagten Sie mir vorhin nicht das Gegentheil?“ „Ich that es, weil— weil ich fürchtete, vor Ihnen erröthen zu müſſen; aber ich will Niemanden mehr täuſchen— ſelbſt mein Vater ſoll die Wahrheit wiſſen!“ „So gehe ich, Mademoiſelle, um ihm zu ſagen, daß ich ſeine, von ihm ſo zärtlich geliebte Tochter wiedergefunden habe, dieſe Roſa, von der er mir alle Tage erzählte.“ „Nein, mein Herr, ſagen Sie ihm nichts. Heute noch werde ich mich zu den Füßen meines Vaters werfen und ihm mein begangenes Unrecht einge⸗ ſtehen.“ „Wie, das wollen Sie wagen? Aber fürchten Sie nicht, ſeinen Zorn zu erregen? Was veranlaßt Sie zu dieſem Geſtändniß? Was mich anbetrifft, 40 ſo haben Sie nicht die geringſte Indiseretion zu fürchten.“ „Ich muß mich anklagen, damit nicht der Ver⸗ dacht auf eine Andere falle. Noch heute werde ich meinem Vater Alles bekennen. Geben Sie mir ſeine Adreſſe.“ „Straße Albouh, Nro. 6. „Ich danke Ihnen, und jetzt leben Sie wohl, Herr Bergeval. Vergeſſen Sie mich, denn Sie ſehen wohl, daß Sie mich nicht lieben können.“ Roſa verbeugt ſich und deutet damit an, daß ich gehen ſoll. Mit wundem Herzen entferne ich mich und denke Ihr Betragen iſt ohne Zweifel ſehr tadelns⸗ werth; wenn ſie es aber fühlt und ernſtlich bereuet, warum ſollte man ihr nicht verzeihen? Der Magdalene ward verziehen, die noch mehr gethan als Roſa. Und wieviel noch ſchlechtere Frauen giebt es nicht in der Welt, an die man zärtliche Blicke und Bewunderung verſchwendet, weil ſie das einzige Talent beſitzen, ihre Sittenverderbniß zu verdecken. 31. Eine doppelte Roſa. Unter dieſen Betrachtungen ſchlage ich den Weg zu Roſas Vater ein, anſtatt in meine Wohnung zurückzukehren. 41 Sie will nicht, daß ich von ihr ſpreche; alſo werde ich ſchweigen. Ich kann aber dem Wunſche nicht widerſtehen, meinen alten Freund zu beſuchen, und, da ſie ſich heute noch zu ſeinen Füßen werfen will, ſeinem Herzen einige Hoffnung einzuflößen. Ich gelange in Herrn Meunier's Wohnung an, und frage den Portier, ob der Greis zu Hauſe iſt. Er antwortet mir, daß er ſo eben zurückgekehrt ſei. Der arme Invalide iſt ſchon früh ausgegangen. Die Hoffnung, ſeine Tochter wiederzufinden, erhält ihn in ſteter Bewegung, verkürzt ihm ſogar die Stun⸗ den ſeiner Ruhe. Ich ſteige in den dritten Stock; in der bezeich⸗ neten Thür ſteckt ein Schlüſſel. Ich klopfe— man antwortet nicht, ich aber trete ein. In dem erſten Zimmer befindet ſich niemand. Ich gehe in das zweite, und mein Blick gewahrt ein Schauſpiel, das ich nicht erwartet hatte und mich mit Schreck und Schmerz erfüllt. Roſa's Vater ſitzt auf dem Boden des Zimmers; ſein Haar iſt verwirrt, das Geſicht bleich und die Augen blicken ſtier gen Himmel. Seine Verfaſſung verräth die höchſte Verzweiflung. Die eine ſeiner Hände ruht auf ſeinem Knie, aber die andere hält ein geladenes Piſtol. O mein Gott, ich glaube ſeine Abſicht zu erra⸗ then! Ich ſtürze auf ihn zu und entreiße ihm in dem⸗ ſelben Augenblicke die verhängnißvolle Waffe, als er ſie an ſeine Stirn ſetzen will. 42 Der Greis erkennt mich, verbirgt ſein Geſicht mit den Händen und ſpricht dumpf vor ſich hin: „O, mein Freund, warum haben Sie mich nicht ſterben laſſen?“ „Was bedeutet dieſe Verzweiflung? Wie— Sie, ein alter Soldat, wollen Sich um das Leben brin⸗ gen? Sollte Ihnen der Muth fehlen, Unglück zu er⸗ tragen?“ „Ich würde Elend, Mangel, ſelbſt den Tod er⸗ leiden— aber Entehrung kann ich nicht ertragen!“ „Entehrung!— Was heißt das?“ „Daß ich Roſa wiedergefunden habe, meine Tochter, die ich ſo zärtlich liebte— aber ich habe ſie entehrt, infam— ja, mein Herr, infam— wieder⸗ gefunden. Sie bemüheten ſich vergebens, ihre Fehler mir zu verſchweigen— jetzt weiß ich Alles, Alles was ſie gethan hat!—“ „Wie— Sie hätten entdeckt—2 Nun denn, auch mir führte der Zufall ſie geſtern Abend entge⸗ gen— die, welche wir ſo lange ſuchten, habe ich geſprochen. Ach, Herr Meunier, wenn Ihre Tochter ſchuldig iſt, wird ſie es ſicher bereuen— wenn ſie weint und ſich reumüthig zu Ihren Füßen wirft, können Sie ihr verzeihen?“ „Sie bereuet? Sie weint? Aber Sie ſind im Irrthum, mein Freund! Weit entfernt zu bereuen, verfolgt ſie die Bahn des Laſters, tritt Zucht und Schaam mit Füßen und ſieht mit frechem Auge die Thränen ihres Vaters.“ 43 „Das iſt unmöglich!— Sie wußte noch nicht, daß Sie in Paris waren. Ich habe es ihr vor einem Augenblicke erſt geſagt.—“ „Sie!— Aber ich verlaſſe ſie ſo eben.—“ „Roſa?“ „Ja, Roſa!“ Wir ſehen uns einige Augenblicke an, denn es muß hier etwas Unerklärliches obwalten. Endlich erkünſtele ich Ruhe und ſpreche zu meinem alten Freunde: „Erzählen Sie mir doch, wo und wann Sie Ihre Mamſell Tochter geſehen haben, dann werde ich Ihnen berichten, was mir begegnet. Vielleicht können wir uns verſtändigen.“ Der Invalide giebt durch ein Zeichen ſeine Ein⸗ willigung. Ich nehme einen Stuhl, und ſetze mich ihm ge⸗ genüber, um kein Wort ſeiner Erzählung zu verlieren. „Sie wiſſen, mein Freund, daß mich die Hoff⸗ nung, meine Tochter wiederzufinden, in Paris noch zurück hielt. Jeden Tag ging ich am frühen Morgen aus, beſuchte bald dieſen, bald jenen Stadttheil, fragte und forſchte überall. Ich nahm mein Mittags⸗ eſſen bei dem erſten, beſten Reſtaurateur ein, der ſich auf meinem Wege mir darbot und unterbrach nur dann meine Nachſuchungen, wenn ich Sie be⸗ ſuchte, um zu erfahren, ob Sie glücklicher geweſen ſeien, als ich. „Geſtern, gegen ſieben Uhr Abends, befinde ich 44 mich in einem neuen Stadttheile von Paris, den ich nur ſehr wenig kenne; ich war in der Straße Notre⸗ Dame de Loretto. Müde von den Anſtrengungen des Weges trete ich in das erſte, beſte Kaffeehaus, das ich bemerke. „Ich ſetze mich an einen Tiſch, der in der Nähe des Schenktiſches ſteht. Es war nur wenig Geſell⸗ ſchaft in dieſem Kaffeehauſe. Als ich einige Zeit dort geſeſſen, tritt ein junges Dienſtmädchen, oder eine Kammerfrau ein— man konnte ſie für Beides halten, denn ſie war äußerſt kokett gekleidet. Sie tritt zu der Dame, die hinter dem Schenktiſche ſitzt und ſpricht: „— Wollten Sie wohl Demoiſelle Floreſtan vier Taſſen Kaffee nebſt Zubehör ſenden?“ „— Für Demoiſelle Floreſtan!“ antwortet die Wirthin des Kaffeehauſes, indem ſie ein mürriſches Geſicht zieht.„Ich weiß nicht, Mademoiſelle, ob ich Ihnen noch etwas geben kann. Ihre Herrin läßt ſo⸗ viel holen und hat bisjetzt noch kein Geld geſchickt. Mehrere Male habe ich ihr ſchon die Rechnung über⸗ ſendet, und immer hat man geantwortet, man würde kommen, um zu zahlen; man iſt aber bis jetzt nicht gekommen. „Ich weiß recht gut, was ich von dem größten Theile der Damen zu halten habe, die in dieſem Stadttheile wohnen; man kann mir nicht verargen, wenn ich Mißtrauen hege, ich bin ſchon zu oft an⸗ geführt.“ 45 „Das Kammermädchen lacht und antwortet:“ „— Madame, meinetwegen thun Sie, was Ih⸗ nen beliebt. Man hat mir geſagt:„Gehen Sie und beſorgen Sie Kaffee;“ ich habe meinen Auftrag ausgerichtet, das Uebrige kümmert mich nicht.“ „— Das iſt recht, Mademviſelle, an Sie würde ich mich der Bezahlung wegen auch nicht halten; Sie könnten mir aber über Demoiſelle Floreſtan einige Auskunft geben, damit ich weiß, ob ich ihr noch ferner ereditiren kann. Iſt dieſe Dame ver⸗ heirathet?“ „— Verheirathet,“ antwortete laut auflachend das Mädchen:„o ja, das wäre eine ſchöne Haus⸗ frau! Meine Gebieterin iſt zwar ſehr ſchön; aber ſie beſitzt für keinen Sou Ordnung. Es iſt wirklich zu bewundern. So eine kleine Leinwandsladen⸗Mam⸗ ſell läuft aus ihrem Magazine, und will nun die große Dame ſpielen.“ „In dieſem Augenblicke, mein lieber Bergeval, fing mein Herz heftig an zu ſchlagen, und ein eige⸗ nes Gefühl ſagte mir, daß es ſich hier um meine Tochter handele. Ich wartete bis das Mädchen hin⸗ ausging, dann folgte ich ihm, hielt einen Napolevn⸗ d'or hin und ſprach: „— Nehmen Sie dies, und antworten Sie mir auf eine Frage.“ „Ohne zu zögern nahm ſie das dargebotene mit den Worten: „Ich ſah Sie kommen, alter Stelzſuß: Sie ſind 46 in meine Herrin verliebt und wollen, daß ich Ihnen eine Zuſammenkunft bewerkſtellige. Es iſt freilich ſchwer; aber nicht unmöglich. Meine kleine Herr⸗ ſchaft hat für den Augenblick ein Verhältniß; aber ich glaube nicht, daß ſie lange Stich hält. Außer⸗ dem fehlt es uns auch an Geld; was aus dem Ver⸗ kaufe der Möbel jenes alten Gimpels gelöſt worden, iſt längſt aufgezehrt, und wenn Sie viel ſolcher Füchſe haben, würde man die Augen bei ihrer Holzwade zudrücken.“ „Ich hatte Mühe, meine Indignation zu verber⸗ gen; ſtammelnd frage ich: — „— Seit wie lange hat Ihre Herrin das Ma⸗ gazin verlaſſen?“ „— Das weiß ich nicht genau— drei Monate mögen es aber ſein.“ / Name?“ „— Nein, ſie hat ihn nur angenommen.“ „— Wie nannte ſie ſich zuvor?“ „— Mamſell Roſa, denn die Herrn, die ſie be⸗ ſuchen nennen ſie jetzt noch„reizende Roſa.“ „Es war keinem Zweifel mehr unterworfen. — Iſt der Name Floreſtan ihr wirflicher Das Kammermädchen ging in ein Haus, das ich mir genau anſah; dann entfernte ich mich wie ein Geiſtesſchwacher. Bevor ich zu meiner Tochter ging, wollte ich verſuchen, mich zu beruhigen und zu mäßi⸗ gen. Die ganze Nacht hindurch ſagte ich zu mir: ſie war allein in Paris und hatte keine Erfahrung. 47 Wenn ſie über ihr Vergehen erröthet, wenn ſie mir verſpricht, durch eine muſterhafte Aufführung das Geſchehene vergeſſen zu machen und mit mir auf der Stelle Paris verläßt, werde ich ihr verzeihen. „Mit dieſen Gedanken gehe ich heute Morgen zu ihr. Ich frage„wohnt hier Mamſell Flore⸗ ſtan?“—„Sie iſt nicht zu ſprechen,“ antwortet der Portier. Ich ſteige aber dennoch die Treppe hinauf. „Das Kammermädchen öffnet mir und erkennt mich wieder. „Meine Herrin iſt noch nicht aufgeſtanden,“ ſpricht ſie,„dieſen Morgen nimmt ſie keine Be⸗ ſuche an.“ „Ich nehme einen Stuhl und antworte: „Sie wird meinen Beſuch aber annehmen. Gehen Sie und ſagen Sie Ihrer Gebieterin, daß ihr Vater da ſei.“ „Als dieſe Perſon das Wort„Vater“ hört, ſtößt ſie einen Schrei der Ueberraſchung aus und läuft daonn. Ich warte einige Augenblicke, dann er⸗ ſcheint Roſa. „Ach, mein Freund, wie ſchien ſie mir verändert! Ihre Züge ſind zwar immer noch ſchön, aber ſie tra⸗ gen nicht mehr das Gepräge der Beſcheidenheit und Anmuth. Ich glaubte, daß Roſa das Gefühl ihrer Schande übermannen würde, wenn ſie mich erblickt, daß ſie ſich weinend zu meinen Füßen ftürzen und mich um Verzeihung bitten würde. Aber wie täuſchte ich mich Lachend und mit froher Miene eilt Roſa mit den Worten auf mich zu: „Wie, ſind Sie ſchon wieder zurück, mein Va⸗ ter? Wahrhaftig, ich hatte Sie nicht erwartet. Ich glaubte ſchon, Sie würden für immer in Amerika bleiben. Haben Sie geerbt?— Bringen Sie mir viel Geld mit? das wäre recht liebenswürdig von Ihnen— In Paris kann man Geld gebrauchen! Ich habe meinen Leinwands⸗Laden verlaſſen, denn es war entſetzlich langweilig darin— In einer Bou⸗ tique zu vegetiren— welch ein Leben! Ich lebe jetzt für mich allein, will Handelsſpeculativnen auf meine eigene Rechnung unternehmen— ich habe ſehr ſ chöne Bekanntſchaften, und wenn Sie mir Gelder geben wollen—— „Meine Geduld war zu Ende, ich konnte ſie nicht länger mehr anhören; ich ſchwang meinen Stock über die Unglückliche und rief: „— Sie ſind eine Elende!— Sie führen einen Namen, der nicht mehr der Ihrige iſt; Sie wandeln auf dem Wege des Laſters und treten die Schaam mit Füßen— Wie— finken Sie bei dem Anblicke Ihres Vaters nicht in die Erde?— O, Sie beugen ſeine Stirn, die ich bis heute frei und ſtolz erhe⸗ ben konnte, Sie verkürzen mein Alter durch Schmerz, Gram und Gewiſſensbiſſe, denn ich habe Ihnen Ihre Zwillings⸗Schweſter, die arme Roſine geopfert; ich war ſelbſt ſo barbariſch gegen ſie, ſie für den Tod ihrer Mutter verantwortlich zu machen.“ 49 „Armes Kind! Iſt es Deine Schuld, wenn Deine gute Mutter, die Dir das Leben giebt, einige Augenblicke nach der Geburt der Ungeſchicklichkeit eines unwiſſenden Accvucheurs zum Opfer fällt?— „Aber Sie, Roſa, Sie beſaßen meine ganze Zärtlichkeit, und ſo belohnen Sie mich!“ „Wiſſen Sie, mein Freund, was meine Tochter that, während ich ſo redete? Sie ſpielte mit einer Katze und ſah gar nicht aus, als ob ſie auf mich hörte. „— Sie werden dieſe Wohnung verlaſſen, fuhr ich fort, werden das leichtſinnige Leben aufgeben und mich in die Franche⸗Comté begleiten. Dort können Sie durch Reue und ſortgeſetzte gute Füh⸗ rung erwarten, daß ich Ihnen dereinſt verzeihe. „Roſa gab die entſcheidende Antwort: „—Ich habe durchaus keine Luſt, mich in ein Dorf zu vergraben; ich bleibe in Paris, weil es mir hier gefällt. Werden Sie mich zwingen, Ihnen zu folgen, thun Sie unrecht, denn es wird nicht lange dauern, verlaſſe ich Sie auf's Neue. Ich habe keine Luſt mehr, Ihnen zu gehorchen, und wenn ich mich nicht mehr amüſiren kann, lebe ich auch nicht mehr! Das Vergnügen iſt mein Leben! Auf einem Dorfe giebt es kein Vergnügen, alſo kann ich auch dort nicht leben!“ „Ich trat einen Schritt auf ſie zu, die ſich nicht entblödete, ſo zu reden; ich wollte ſie ſchlagen— dies hätte ihre Schande aber nicht verlöſcht; ſie ent⸗ Carotin. III. 4 50 floh und ich entfernte mich mit zerriſſenem Herzen. Ich begab mich in meine Wohnung, und als Sie zu mir in das Zimmer traten, war ich im Begriff, mir den Tod zu geben.“ Ich hatte aufmerkſam die Erzählung des Grei⸗ ſes angehört; ich konnte kaum zu mir ſelbſt kom⸗ men, ſo bewegt war mein Herz, denn ich errieth die ganze Wahrheit, und konnte mir das Geheimniß er⸗ klären, das ſeit einiger Zeit die Qual meines Lebens geweſen war. Als Herr Meunier aufgehört hatte zu reden, ſchließe ich ihn in meine Arme und ſpreche: „Sie wollten ſterben, und haben noch eine an⸗ dere Tochter, einen wahren Engel! Ja, mir ſagt eine innere Stimme, daß dieſe durch ihre Tugenden die Fehler ihrer Schweſter vergeſſen läßt. Iſt denn die Aehnlichkeit zwiſchen Beiden ſo groß?“ „Sie iſt ſo groß, daß ich meine Töchter verſchie⸗ den kleiden mußte, um ſie zu erkennen. Die Ge⸗ ſichtszüge find dieſelben, das Haar iſt daſſelbe, der Wuchs— mit einem Worte, alles iſt daſſelbe. Sie haben ſogar beide auf der rechten Wange ein Mahl, das durchaus ähnlich iſt. Sie ſind Zwillingsſchwe⸗ ſtern, aber noch nie hat die Natur eine größere Aehnlichkeit unter zwei Menſchen hervorgebracht.“ Während mir mein alter Freund dies Alles erzählt, laufe und ſpringe ich durch das Zimmer, mache tauſend Thorheiten und kann an keinem Orte ruhig ſtehen bleiben. Ich weiß nicht, was für Er⸗ 51 clamationen mir entſchlüpfen, aber der Greis ſieht mich erſtaunt an und fragt: „Was haben Sie denn, Herr Bergeval? Sie ſind ſo vergnügt, während ich——“ „O, Sie werden es auch ſein, denn Ihnen iſt ein ſüßer Troſt geblieben, ich errathe jetzt Alles; ich begreife jetzt auch ihr bewunderungswürdiges Betra⸗ gen. Armes, junges Mädchen Alſo für die Schwe⸗ ſter opferſt Du Dich auf!“ „Was meinen Sie damit?“ Ich liefere Herrn Meunier nun einen genauen Bericht über meine Vorfälle mit ſeinen beiden Töch⸗ tern. Ich vergeſſe nichts, verſchweige ihm auch mei⸗ nen Beſuch von dieſen Morgen bei der züchtigen, arbeitſamen Roſine nicht, die ein kleines Zimmer in meinem Stadttheile bewohnt. Der Alte hört mich an, ſcheint mir aber kaum glauben zu wollen. „Sie hat auch den Namen Roſa angenommen!“ ruft er; aber warum das? In welcher Abſicht?“ „Um alle Thorheiten und Vergehen ihrer Schwe⸗ ſter auf ihre eigene Rechnung zu nehmen. Denn ſie wußte, daß jene Ihre ganze Liebe beſaß, und dachte, daß Sie ſehr unglücklich ſein würden, wenn Sie ihr Betragen erführen.“ „Wie! Soviel Heldenmuth, ſoviel Ergebung für ihre Schweſter!— Ach, mein Freund, wenn das wahr wäre!“ 4* 52 In dieſem Augenblicke öffnet ſich leiſe die Thüre des Vorſaals, und eine Stimme flüſtert: „Darf man eintreten?“ „Sie iſt es,“ ſage ich mit leiſer Stimme,„es iſt Ihre andere Tochter. Sie muß nicht wiſſen, daß ich Sie von ihrer Ankunft unterrichtet habe— ſagen Sie ihr auch nicht, daß Sie die Schweſter wieder⸗ gefunden haben; dann können Sie ſehen, wozu Ro⸗ ſine fähig iſt.“ Ich verſtecke mich raſch in ein Cabinet, das durch eine Glasthür geſchieden iſt, von wo aus ich Alles hören und ſehen kann. Es wahr hohe Zeit, denn in demſelben Augen⸗ blicke, als ich hinausgehe, öffnet man die Thür des Zimmers. Es iſt Roſine— ich weiß nämlich jetzt, daß ſie nicht Roſa heißt— ach, ich kann ſie nun bewundern und anbeten, ohne zu erröthen. Das junge Mädchen tritt zitternd ein. Der Greis betrachtet ſie; er iſt tief ergriffen; man kann bemer⸗ ken, daß auch er von der außerordentlichen Aehnlich⸗ keit betroffen iſt, die unter ſeinen beiden Kindern herrſcht; man ſieht ihm die Furcht an, das Spiel⸗ werk eines Irrthums zu werden, ſeine Stirn iſt fin⸗ ſtet und ernſt geworden, denn er hat geglaubt, Roſa ſteht vor ihm. Das junge Mädchen ſchlägt die Augen auf und richtet ſie auf ihren Vater, dann beugt ſie ſich vor ihm und flüſtert: — 53 „Mein Vater, ich bin es— Roſine, wollen Sie mich wiedererkennen?“ „Roſine— ach ja, ja, es iſt Roſine,“ antwor⸗ tet der Greis und ſieht prüfend ſeine Tochter an. „Jetzt bin ich davon überzeugt— aber ich wußte nicht, daß Du in Paris warſt— wie geht es Dir?“ „Mein Vater, ich will Ihnen Alles mittheilen. „Es iſt nun ein Jahr, daß mir meine Heimath nicht mehr gefiel, wo ich meine Schweſter nicht mehr hatte, und ich den Entſchluß faßte, ſie in Paris auf⸗ zuſuchen. Ich theilte meinen Wunſch der Perſon mit, die Roſa bereits in Paris placirt hatte; ſie hatte die Güte, auch für mich zu ſorgen. Es war ihr nicht möglich, mir in demſelben Magazine eine An⸗ ſtellung zu verſchaffen, worin Roſa arbeitete, was ich ſehr gern gehabt hätte; aber ſie verſchaffte mir eine ähnliche Stelle in einer Leinwands⸗Handlung in der Straße du Bac. „Und warum führſt Du den Nauen Roſa, wie Deine Schweſier?“ Das junge Mädchen erröthet und ſcheint verle⸗ gen; der Greis fährt fort, indem er ſeinem Redetone eine unbeugſame Strenge giebt: „Madmviſelle, ich wußte nicht, daß Sie in Pa⸗ ris waren, und ſo lange ich hier bin, ſuchte ich nur Roſa und erkundigte mich unaufhörlich nach ihr. Und ſomit habe ich von ihrer Aufführung Kunde erlangt. Was ich aber erfahren habe, hat mein Herz verwundet, denn wenn ich den Gerüchten, die bis zu 54 mir gedrungen ſind, Glauben ſchenken kann, ſo hat Roſa ihre Pflichten verletzt. Sie vernachläſſigt ihre Arbeit, denkt nur an Vergnügungen und läuft in die Theater und auf die Bälle. Sie hört die galan⸗ ten Redensarten, die man an ſie richtet und erröthet nicht, ſie zu erwidern; mit einem Worte, ſie iſt aus dem anſtändigen Hauſe, wohin man ſie gebracht, verwieſen, ſie hat ihren Namen gewechſelt und lebt jetzt in dem Range jener Frauenzimmer, die man Loretten nennt. „Antworten Sie mir— wen ſoll ich jetzt für ſtrafbar halten, Sie oder Ihre Schweſter?“ Roſine wirft ſich vor ihrem Vater auf die Kniee nieder und ruft weinend aus: „Mich, mein Vater, mich allein! Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich es bin, die Alles das begangen hat, was zu Ihren Ohren gelangt iſt. Die Aehnlichkeit, die zwiſchen mir und meiner Schweſter herrſcht— und dann ihr Name, den ich angenommen,— konnte leicht zu Irrthümern verleiten. „Man hat Roſa der Unanſtändigkeit, des Leicht⸗ ſinns angeklagt; es iſt aber nicht ſo, ich verſichere es, mein Vater! Meine Schweſter, Ihr geliebtes Kind, iſt Ihrer Liebe immer noch würdig. Man hat Sie getäuſcht, wenn man ſie als ſtrafbar bezeichnet. Noch einmal, mein Vater, ich allein bin es, die Ih⸗ ren ganzen Zorn verdient hat. Lieben Sie immer⸗ hin meine Schweſter; Alles, was ich von Ihnen be⸗ gehre iſt fluchen Sie mir nicht!“ —— 55 Der Greis kann ſich nicht länger halten, er hebt Roſine auf, öffnet ſeine Arme und preßt ſie an ſein Herz, indem er ausruft: „Ich Dir fluchen, geliebtes Kind, Dir, die Du allein mein Stolz, mein einziger Troſt biſt!— Dir, die ſich für eine Schweſter opfern wollte! Ach, ich will Dich jetzt mehr noch lieben, als ich die undank⸗ bare Roſa nur immer lieben konnte!“ Bei dieſen Worten bedeckt der brave Meunier ſein Kind mit Küſſen, ich verlaſſe mein Verſteck, ſchleiche mich an Roſine heran, ergreife eine ihrer Hände und drücke ehrfurchtsvoll einen Kuß darauf, denn es iſt mehr, als Liebe, was ich jetzt für die em⸗ pfinde, die den Namen Roſa angenommen hat. Das arme Mädchen kann ſich unſere Liebkoſun⸗ gen nicht erklären, denn während ihr Vater ſie mit Ausdrücken der Zärtlichkeit überhäuft, ruft ſie noch: „Sie täuſchen ſich, mein Vater; nicht mir, mei⸗ ner Schweſter beweiſen Sie Ihre Güte. Herr Ber⸗ geval, was haben Sie alles von mir erzählt? Sie haben den Irrthum meines Vaters veranlaßt!“ „Verſuche es nicht länger, mich zu täuſchen, Roſine, ſpricht der Alte in einem ernſten Tone, es iſt unnütz, daß Du Dich jetzt noch für Deine Schwe⸗ ſter opfern willſt. „Ich ſelbſt habe ſie heute früh geſehen, die ich von jetzt an nicht mehr meine Tochter nennen will; ich habe ſie geſehen im Schvoße jener Vergnügun⸗ gen und jener Ausſchweifung, die jetzt ihr Leben 56 bilden. Aber glaube nicht, daß ſie ihr Betragen zu bemänteln geſucht hat— Nicht nur weit entfernt davon; ſchien ſie ſogar einen Ruhm in ihre Schande zu ſetzen. „Ich habe ihr meine Verzeihung angeboten, wenn ſie ihr Leben änderte, wenn ſie dieſe Stadt verläßt, worin ihr Untergang ſicher iſt, und in un⸗ ſerm Dorfe ihr begangenes Unrecht beweinen würde — Sie hat mir Gehorſam verweigert und meiner Thränen gelacht Meine Verzeihung, die ich ihr an⸗ getragen, hat ſie abgelehnt! Und für dieſe wollteſt Du Dich opfern, mein liebes Kind, für dieſe, wegen derer ich Dich verkannt, ich Dich vernachläſſigt habe! Ach, vergeſſen wir, meine gute Roſine, daß ich eine Tochter hatte, und Du eine Schweſier. Der Him⸗ mel iſt mir noch gnädig, denn er hat mir kund ge⸗ than, was ich an Dir beſitze; er wird mir auch Kraft geben, mein Unrecht gegen Dich wieder gut zu machen!“ Roſine wirft ſich in die Arme ihres Vaters, ſie verſucht noch, zu Gunſten ihrer Schweſtern zu re⸗ den; der Greis aber gebietet in einem ernſten Tone Stillſchweigen, und unterſagt ihr, je den Namen Roſa in ſeiner Gegenwart auszuſprechen. Ich hatte nun keinen Grund mehr, meine Liebe zu dem reizenden Mädchen zu verbergen, ich ergreife die Hand des Invaliden, preſſe ſie in die meinige und deute mit den Worten auf Roſine: „Mein würdiger Freund, ich habe ſie immer an⸗ 57 gebetet— Sie müſſen es wohl ſchon errathen ha⸗ ben. Urtheilen Sie nun, ob ich ſie jetzt nicht noch mehr lieben muß, da ich alle ihre Tugenden kenne. „Wollen Sie mich zum Glücklichſten der Sterb⸗ lichen machen?— Geben Sie mir die Hand Ihrer Rofine; ich beſitze noch kein Vermögen; aber ich habe Talent und den lebhafteſten Wunſch, mir Geld und Gut zu erwerben. Nennen Sie mich Ihren Sohn, wenn Sie mich für würdig halten, einen ſol⸗ chen Schatz zu befitzen, und Mademviſelle mir er⸗ laubt, ihr mein ganzes Leben zu weihen.“ Roſine's Vater ſchüttelt mir kräftig die Hand; mit Freudeſtrahlenden Augen ruft er aus: „Ich habe Sie ſchon immer geliebt, als ob Sie mein Sohn wären, und mit Freuden vertraue ich Ihnen das Glück meines geliebten Kindes an. Aber auch ſie muß einwilligen, denn Sie begreifen wohl, daß ich der Neigung meiner Rofine nicht entgegen ſein kann. „Meine Tochter, entſcheide Du ſelbſt über Herrn Bergeval's Antrag.“ Statt aller Antwort reicht mir das wundernied⸗ liche Mädchen die Hand, ihre Blicke ſenken ſich zu Boden, während das liebenswürdigſte Lächeln ihre Züge belebt; ich ergreife die dargebotene Hand, be⸗ decke ſie mit Küſſen und der Greis ſpricht mit be⸗ wegter Stimme: 58 „Das nenne ich eine Liebe, die man eingeſtehen kann, und die man nicht nöthig hat, ſeinem Vater zu verbergen.“ 32. Das Glückflieht, wenn man glaubt, es zu haben. Jetzt, da mein Glück entſchieden iſt, und kein Hinderniß ſich mir entgegenſtellt, die zu heirathen, die ich anbete, bitte ich den guten Meunier, mir zu erlauben, den Augenblick zu beſtimmen, wo ich Roſa mein Weib nennen darf. Der Greis willigt ein und ſpricht: „Beſchleunigt den Augenblick eurer Verbindung; ich wünſche nichts ſehnlicher, meine Kinder, als Paris zu verlaſſen und mich auf immer von einer Stadt zu entfernen, in der ich fürchten muß, in jedem Augen⸗ blicke einer Perſon zu begegnen, deren Anblick mir das Blut in das Geſicht treibt. „Ich werde ſo lange in Paris bleiben, bis ihr verbunden ſeid, denn ich ſelbſt will meine Roſine zum Altar führen. Den nächſten Tag aber reiſe ich ab, meine Kinder; ich werde in mein Dorf zurück⸗ kehren, um es nie mehr zu verlaſſen. Aber ich hoffe, daß ihr ſehr oft kommt, um mich zu beſuchen.“ Rofine und ich— wir ſuchen den Entſchluß des —. 59 Greiſes zu ändern und ihn zu beſtimmen, für immer bei uns zu bleiben; er widerſteht aber unſern Bit⸗ ten, und wir hören auf, ihn zu beſtürmen, weil wir einſehen, daß der Augenblick noch nicht gekommen iſt, ihn zur Aenderung ſeines Planes zu bewegen; der Kummer, den er empfindet, iſt noch zu neu, um den Verſuch zu wagen, ihn aus ſeinem Gedächtniſſe zu verſcheuchen. Unſere kleinen Einrichtungen ſind bald getroffen. Es iſt beſchloſſen, daß Vater Meunier bei Rofine wohnen, und ſie vor ſeiner Abreiſe nicht mehr ver⸗ laſſen ſoll. Glücklicherweiſe bietet ſich auf demſelben Vor⸗ ſaale, wo Rofine wohnt, ein freies Zimmer dar. Es wird noch denſelben Tag gemiethet. Ich erbitte mir und erhalte die Erlaubniß, täg⸗ lich mit meiner Braut und ihrem Vater ſpeiſen zu dürfen. Auf dieſe Weiſe ſind wir immer beiſammen, wenn ich nicht an meine Arbeit gefeſſelt bin. Dieſe Pläne ſollen von heute an ausgeführt werden. Der alte Soldat führt ſeine Tochter am Arme in ihre Wohnung. Ich verlaſſe ſie, um zu meiner Arbeit zurückzu⸗ kehren, und Roſine ruft ein zärtliches:„auf baldi⸗ ges Wiederſehen,“ nach. Singend und tanzend trete ich in mein Zimmer. Ich bin ſo glücklich, daß ich die ganze Welt gern eben ſo fröhlich ſähe, als mich, und ich kann nicht 60 begreifen, wie meine Thürſteherin ihre Katze prügeln kann, wenn ich das Mädchen meiner Liebe heirathen will. Ich ſpringe Carotin an den Hals und ſage zu ihm: „Freund, ich heirathe; Du gehſt mit zur Hoch⸗ zeit Alle meine Freunde ſollen bei meiner Vermäh⸗ lung zugegen ſein.“ Carvotin ſieht mich ängſtlich an, denn er fürchtet wahrſcheinlich, daß ich nicht bei Sinnen bin. Ich wundere mich über ſeine Theilnahmloſigkeit — jetzt erinnere ich mich aber, daß er noch nicht weiß, was vorgegangen iſt. Ich laſſe ihn Platz neh⸗ men, ſetze mich vor ihn und liefere ihm eine aus⸗ führliche Erzählung von allem, was ſeit geſtern Abend vorgegangen iſt. Carotin hört mich ruhig an; als ich zu Ende bin ſpricht er: „Alſo Du willſt Dich verheirathen!“ „Ja, mein Freund, ſobald die dazu gehörigen Formalitäten abgemacht ſind.“ „Roſa— Roſine—“ „Ja, Rofine.“ „Aber biſt Du auch gewiß, daß es nicht Roſa iſt?“ „Carotin, Du biſt närriſch!“ f „Bei Gott, die Aehnlichkeit iſt zu täuſchend! Ich an Deiner Stelle könnte nicht eher ruhig ſein, bis ich beide Schweſtern zuſammen geſehen hätte.“ „Ich werde Dich meiner Rofine vorſtellen, und 61 bin dann feſt überzeugt, daß Du die Beſcheidenheit nicht mit der Frechheit, die Ordnungsliebe nicht mit der Ausſchweifung verwechſelſt.“ „Du haſt Dich hierin aber ſchon ſehr oft ge⸗ täuſcht!“ „Weil ich nie länger als nur einige Augenblicke bei der Einen oder der Andern zugebracht habe; aber deſſen ungeachtet fühle ich, daß ich mich hierin nun nicht mehr irren werde. Und doch, Carotin— ich geſtehe Dir, daß ich Roſa auch ſehen mögte—“ „Die eigentliche Roſa! Aber wie dazu gelangen?“ „Wenn wir doch ein Mittel finden könnten, das ſie das Verächtliche und Strafbare ihres Betragens fühlen ließe und ſie veranlaßte, ein Leben aufzuge⸗ ben, das ſelten ſo fröhlich endet, als es begonnen — dann wäre Vater Meunier ganz glücklich, und Roſine würde mich noch mehr lieben.“ „Das wird nicht ſo leicht ſein. Wenn nicht ein beſonderer Umſtand die Ausführung unſeres Planes unterſtützt, glaube ich nicht, daß wir ein ſo ausge⸗ laſſenes Schaaf in den Stall zurückführen können. „Uebrigens verlaſſe Dich auf mich, ich werde über die zweite Ausgabe Deiner Liebe wachen und Dir Alles mittheilen, was ich in Erfahrung bringe.“ „Ach mein guter Carotin, wenn Du doch ein Mittel finden könnteſt, meiner Roſine die Schweſter und dem ehrwürdigen Greiſe die Tochter zurückzu⸗ führen, meine Erkenntlichkeit ſollte ohne Grenzen ſein.“ 62 „Ich antworte, wie jener große Mann:„Wenn es nicht unmöglich iſt, ſo wird es geſchehen!“ Ver⸗ laß Dich nur auf mich; vielleicht entſpringt meiner Hirnſchale eine Original⸗Idee— wer weiß—2“ „A propos, wo wohnt denn dieſe Roſa?— Du haſt es mir noch nicht geſagt.“ „In der Straße Notre⸗Dame de Lorette, das iſt Alles, was ich von ihrem Vater erfahren habe, und ich muß Dir offen geſtehen, daß ich nicht wage, ihn ferner darum zu fragen, denn wenn er vermuthet, daß man von der Tochter ſprechen will, die ihn ent⸗ ehrt hat, verfinſtert ſich die Stirn dieſes alten Sol⸗ daten, und mir erſtirbt das Wort im Munde.“ „Der Name der Straße iſt mir genug; ich werde den Schlupfwinkel dieſes gefallenen Engels ſchon entdecken.“ „Und wirſt ihn mir dann mittheilen, hörſt Du, Carotin? denn auch ich will Roſa ſehen und alle meine Kräfte aufbieten, um beſſere Grundſätze in ihr zu erwecken.“ Carotin hat mich verlaſſen. Mit Ungeduld erwarte ich die Stunde, die mich zu meiner Roſine führt. Ich verlaſſe mein Atelier und eile in das kleine Stübchen meiner geliebten Braut. Man hat mich erwartet; ich bin nicht mehr ge⸗ fürchtet, ſondern mein Erſcheinen wird gewünſcht, denn die bräutliche Röthe im Antlitz und die darge⸗ 63 botene Hand, die ich mit Küſſen bedecke, verkünden es mir. Der alte Soldat hat ſich in dem Zimmer, das neben dem ſeiner Tochter iſt, bereits eingerichtet. Er zeigt mir ſein Quartier, dann kehren wir zu Rofine zurück. Wir nehmen zuſammen das Mittagseſſen ein, und ich muß geſtehen, daß noch keine Mahlzeit mir ſchöner und angenehmer geweſen wäre, als dieſe, wenn ich von Zeit zu Zeit nicht Thränen in den Au⸗ gen des Vaters bemerkt hätte, der Alles aufbietet, ſeinen Gram zu verdecken. Roſine erräth, was in der Seele ihres Vaters vorgeht, und jedesmal, daß er in ſeine Träumerei verſinkt, daß er ſich abwendet, um uns einen Seuf⸗ zer zu verbergen, der ſeiner Bruſi entquillt, eilt ſie zu ihm, ſchließt ihn in die Arme und verſucht ihn zu tröſten; der Invalide läßt ſie aber nicht zu Worte kommen, er drückt ſie an ſein Herz und ſpricht: „Schweig, meine Tochter, ſchweig! Du weißt, daß eine Perſon lebt, von der ich nichts hören will, und daß Du mir nicht ungehorſam ſein darfſt.“ Dann ſchweigt das liebenswürdige Mädchen, ſeufzend nimmt es ſeinen Platz wieder ein, und ich ſuche die Aufmerkſamkeit auf einen andern Gegen⸗ ſtand zu lenken, um Vater und Tochter zu zerſtreuen. Zwölf Tage ſind verfloſſen, für mich mit un⸗ glaublicher Schnelligkeit, denn, die Stunden aus⸗ 64 genommen, die ich bei meinen MWodells zubringen muß, iſt meine ganze Zeit Rofinen gewidmet. Noch acht Tage, und wir können auf immer ver⸗ einigt ſein. Wir bilden ſchon Plane für die Zukunft, ord⸗ nen bis auf die größte Kleinigkeit unſern Hausſtand und in allen unſern Einrichtungen herrſcht zwiſchen meiner geliebten Braut und mir ſtets die vollſte Uebereinſtimmung. Der brave Meunier hört zu und lächelt zu un⸗ ſerm Geſchwätz über ökonomiſche Pläne. Aber dieſem Lächeln folgt bald ein unterdrückter Seufzer. Der arme Vater! Er kann nicht vergeſſen, daß er noch eine Tochter hat. Wenn der Greis von ſeinem Spaziergange noch nicht zurückgekehrt iſt, und ich mit Roſine allein bin, dann beeilen wir uns, von der Schweſter zu ſprechen. Das gute Mädchen fürchtet nicht mehr, mich in ihrer Seele leſen und den Zweck erkennen zu laſſen, der es nach Paris geführt hat. Einſt ſpricht ſie zu mir: „Ich wäre vielleicht für immer in unſerm kleinen Dorfe in der Franche⸗Comté geblieben, hätte meine Schweſter nicht aufgehört, von Zeit zu Zeit mir Nachricht von ſich mitzutheilen. Dann erfuhr ich auch von Jemandem, der aus Paris kam, daß Roſa's Aufführung ſehr leichtſinnig ſei, und das Mißfallen unſers Vaters erregen würde. Da entſchloß ich mich, zu reiſen und mich mit meiner Schweſter zu vereinigen, 6⁵ denn ich hoffte, daß meine Gegenwart ſie zu beſſern Grundſätzen und zu einem geregelten Lebenswandel zurückführen würde. „Aber kaum bin ich in Paris angekommen, als ich überall für meine Schweſter gehalten wurde; meine Aehnlichkeit mit ihr war ſo groß, daß ſie je⸗ den Augenblick Anlaß zu Irrthümern herbeiführte. Endlich erhielt ich in einem Magazine Arbeit, das in derſelben Straße gelegen war, worin Roſa's Ma⸗ gazin ſich befand, und damals faßte ich auch den Gedanken, mich ebenfalls Roſa zu nennen, um einen Theil der Thorheiten und Vergehen meiner Schwe⸗ ſter auf mich nehmen zu können. „Ich dachte nämlich ſo: Kommt mein Vater zu⸗ rück, werde ich ſeinen ganzen Zorn auf mich ziehen, und er erfährt dann das Betragen ſeines geliebten Kindes nicht.“ „Wußte Ihre Schweſter das? Kannte ſie Ihr großmüthiges Unternehmen?“ „Ach, ich ſah ſie ſehr ſelten! Einmal begegnete 8.. ſie mir und machte mir den Vorſchlag, mit ihr und noch einigen andern Perſonen in den Umgebungen von Paris zu promeniren und mich zu beluſtigen. „Ich antwortete ihr aber, daß man mich in mei⸗ nem Magazine erwartete, und daß es meine Pflicht wäre, zur Arbeit zurückzukehren. Ich rieth ihr, ein Gleiches zu thun. Aber ſie lachte über mich, ſchalt mich ein dummes Ding— und ſeitdem habe ich ſe nicht wieder geſehen. 6rotin. 11. 5 „Ich lebte immer in der Hoffnung, daß mein Vater ihren Leichtſinn nie erfahren würde. „Sie wiſſen, mein lieber Freund, was das Re⸗ ſultat von dem Allen geweſen und wie der Zufall alle meine Plane zerſtörte.“ „Ich weiß es,“ antworte ich Roſine, indem ich ihre Hand an meine Lippen drücke,„und weiß auch, wie unglücklich mich dies Qui pro quo auf lange Zeit gemacht hatte; denn nachdem ich Sie einmal geſehen, glaubte ich Sie in einer andern Perſon ſtets wieder zu erblicken. Ach, ich erröthe noch, wenn ich daran denke, was ich Ihnen damals ſagte, Ihnen, die Sie meiner Liebe und Achtung ſo würdig ſind.“ „Sprechen wir nicht mehr davon,“ ruft Roſine, „beſchäftigen wir uns vielmehr mit meinem Vater.„ Noch liebt er meine Schweſter, wenigſtens denkt er immer noch an ſie, obgleich er mir verbietet, von ihr zu reden. „Wäre es denn nicht möglich, Roſa zu ihrer Pflicht zurückzuführen? Mein Vater leidet viel, ich ſehe es wohl; täglich wird er trauriger, obgleich er ſich alle Mühe giebt, mir ſeine Pein zu verbergen. Daran iſt nur meine Schweſter Schuld. Mein Gott Wie kann ſie nur glücklich ſein, da ſie unſerm Vater ſoviel Kummer bereitet? Wahr⸗ ſcheinlich weiß ſie es nicht; denn wenn ſie es wüßte, würde ſie ſicher zu uns zurückkehren. „Herr Bergeval, wenn ich einmal zu Roſa ginge, und ſie mit Thränen bäte, zu unſerm Vater zurück⸗ 67 zukehren— ob ſie wohl meinen Bitten und Thränen widerſtehen könnte?“ Ich weiß nicht, was ich Roſine darauf antworten ſoll. Jetzt fürchte ich für ſie, wenn ſie die Schweſter wiederſteht. Obgleich ich weiß, daß ein ſchlechtes Beiſpiel ohne Gefahr für ſie iſt, ſcheint es mir doch gerathener, daß ein ſo beſcheidenes und anſtändiges junges Mädchen eine Demoiſelle meidet, die öffent⸗ liche Bälle beſucht und mit Herrn Fournichon in ei⸗ nem Tilburh fährt. Während ich noch um eine Antwort in Verle⸗ genheit bin, tritt Roſine's Vater ein. Der Greis iſt bleich, wie gewöhnlich, ſeine Züge ſind ſinſter und ſehr aufgeregt; ein nerveuſes Zittern hat ſich ſeiner bemächtigt. Er ſinkt lautlos auf einen Stuhl, anſtatt, wie er gewohnt iſt, die Stirn ſeiner Tochter zu küſſen. Erſchreckt über den Zuſtand, in welchem ſich der Vater befindet, eilt die Tochter zu ihm und ruft: „Ach mein Gott, mein Gott! Was iſt Ihnen denn? Was iſt Ihnen begegnet? Sind Sie krank, mein Vater?“ Anſtatt zu antworten, bedeckt der Greis ſein Geſicht mit beiden Händen und wir bemerken, wie er Lergebens den Strom ſeiner Thränen zu verbergen ſucht. Ich errathe die Urſach ſeines Kummers. Er iſt Roſa begegnet, ſie hat bei ſeinem Anblicke die Au⸗ 5* gen abgewendet und die, welche er nicht mehr ſeine Tochter nennen will, hat ſeinen Gram von neuem erweckt. Nach einigen Augenblicken erhebt der arme Va⸗ ter ſein Haupt, legt die Hand auf ſeine Tochter und verſucht uns anzulächeln, indem er ſpricht „Ich bin ſehr ſchwach, nicht wahr? Findet ihr nicht, daß ich ſehr wenig Feſtigkeit und Energie beſitze?— „Ihr errathet wohl, daß ich von einem uner⸗ warteten Zuſammentreffen rede— Als ſie mich er⸗ blickt, erbleicht ſie zwar; aber ich entfernte mich ſchnell,— Denn bei ihrem Anblicke wird mir nicht wohl. „Aber für die Zukunft werde ich mich derglei⸗ chen Begegnungen nicht ausſetzen— ich werde nicht mehr ausgehen.“ „Wie, mein Vater?“ „Nein, Roſine! Eine ſolche Erſchütterung wirkt zu nachtheilig auf mich— Ich werde mich dem nicht mehr ausſetzen. Ich bleibe entweder bei Dir, mein Kind, oder in meinem Zimmer dort, bis ich Paris verlaſſe. Mein Entſchluß iſt gefaßt! „Alſo, meine Kinder, beſchleunigt eure Verbin⸗ dung, wenn ihr nicht wollt, daß ich allzulange euer Gefangener bin.“ Herr Meunier umarmt Roſine und giebt ſich alle nur mögliche Mühe, ſeine Heiterkeit wieder zu ge⸗ winnen. Aber ſeine Anſtrengungen ſind vergebens, 69 der arme Greis iſt im Herzen verwundet, und dieſe Wunden heilen nicht ſobald, wenn man nicht mehr jung iſt. Jedoch iſt es auch wahr, daß man bei vor⸗ gerücktem Alter weniger verwundbar iſt. 33. Vaterſchmerzen. Drei Tage nach dieſem Vorfalle ſagt mir Roſine im Vertrauen, daß ihr der Vater immer bleicher und veränderter vorkäme, und daß ſie fürchtete, wenn er nicht bald das Zimmer verlaſſe und ein thätiges, reges Leben führe, er falle in eine ſchwere Krankheit. Sie bittet mich, Alles aufzubieten, um den Va⸗ ter zum Ausgehen zu bewegen. Ich verſpreche, ihrem Wunſche zu genügen, obgleich ich voraus ſehe, daß mein Bemühen ohne Erfolg ſein wird. Und in der That, der alte Soldat ſchüttelt ſein Haupt, wenn ich ihm rathe, ein wenig friſche Luft zu ſchöpfen; er lehnt es entſchieden ab. „Wenn aber Ihre Geſundheit darunter leidet, lieber Vater, ſpricht Roſine mit bittender Stimme, werden Sie deshalb unſern Vitten nicht nachgeben?“ „Mein Kind,“ antwortet der Greis,„der An⸗ blick jener Perſon— wie mir vor einigen Tagen begegnet— hat mein Uebel herbeigeführt, und Du 70 kannſt doch unmöglich wollen, daß ich mich dem aufs Neue ausſetze?“ Als wir alle Mittel erfolglos angewendet, ſchwei⸗ gen wir.. Die gute Tochter ging nur dann aus, wenn ſie die nöthigſten Einkäufe zu beſorgen hatte, um ihrem Vater ſtets Geſellſchaft leiſten zu können und immer bei der Hand zu ſein, wenn er etwas verlangte. Ich tadele Roſine's kindliche Zärtlichkeit nicht, denn es iſt ja ganz natürlich, daß ſie ihrem Vater die Sorgfalt und Achtung widmet, die ihm andererſeits abgeht. Aber ich fürchte, daß Alles dies unangenehme Folgen haben wird und daß ſich der von mir ſo heiß erſehnte Augenblick, der mich mit meiner Roſine auf ewig verbinden ſoll, dadurch verzögert. Und ſo war es. Den folgenden Tag, als ich zu Roſine gehen will, begegnet ſie mir auf der Treppe, ſie iſt bewegt und niedergeſchlagen. „Mein Vater iſt krank,“ ſpricht ſie,„er liegt zu Bette und hat Fieber. Ich bin im Begriffe, zn Ihnen zu gehen und Sie zu bitten, einen Arzt zu holen. Er behauptet, er ſei nur erſchöpft, und will durchaus nicht, daß ich einen Arzt kommen laſſe; wenn es ſich aber um ſeine Geſundheit handelt, glaube ich das Recht zu haben, ihm ungehorſam zu ſein. „Gehen Sie, mein Freund, führen Sie Jeman⸗ den herbei, der meinen Vater heile, und Sie werden 71 auch mir das Leben zurückgeben, denn mir iſt, als ob auch ich ſeine Leiden erdulde— auch ich empfinde Fieberfroſt.“ Ich beeile mich, Rofine's Wunſch zu erfüllen, und gehe zu dem zunächſt wohnenden Arzte. Der Doctor iſt glücklicherweiſe zu Hauſe. Er iſt bereit, mir auf der Stelle zu folgen und unſerm Kranken einen Beſuch abzuſtatten. Als der alte Soldat mich mit einem Fremden eintreten ſieht, zieht er die Stirn in Falten und ſpricht zu Roſine, die neben ſeinem Bette ſitzt: „Wer iſt der Herr? Was will er? „Mein würdiger Freund,“ ſpreche ich zu dem Greiſe, indem ich mich ihm nähere, zürnen Sie Ihrer Mamſell Tochter nicht, ich bin es, da ich Sie geſtern leidend verließ, der die Idee gehabt hat, Ihnen heute einen Arzt herbeizuholen; und, wie es ſcheint, habe ich nicht unrecht gethan, da Sie an das Bett gefeſ⸗ ſelt find.“ „Sie haben allerdings unrecht gethan,“ ant⸗ wortet auffahrend der Greis,„ich bin nicht krank, mithin bedarf ich keines Arztes— überhaupt kann mich ein Arzt nicht heilen.“ Glücklicherweiſe läßt ſich unſer Arzt durch die üble Laune des Kranken nicht abſchrecken; er tritt an das Bett und fragt mit einſchmeichelnder, ſanfter Stimme: „Wenn Sie nicht krank ſind, mein Herr, ſo grollen Sie nicht mit Ihren Freunden und mit Ihrer 72 Mamſell Tochter, die für Ihre Geſundheit fürchteten, denn es beweiſt ihre Sorgfalt und Liebe für Sie.“ Der weiche und gefühlvolle Ton des Doctors beruhigt den Kranken; er geſtattet ſogar, daß der Arzt den Puls unterſucht. Nachdem er den Greis ziemlich lange Zeit erami⸗ nirt hat, ſchreibt unſer Aesculap ein Recept und ent⸗ fernt ſich mit den Worten, die er an den alten Meu⸗ nier richtet: „Ich komme nur zurück, wenn Sie es geſtatten, aber ſorgen Sie auch dafür, daß Ihre Mamſell Toch⸗ ter beruhigt werde. „Thun Sie, wie es Ihnen beliebt.“ Der Arzt entfernt ſich und ſpricht leiſe zu mir: Der gute Mann ſcheint ſehr abgeſpannt, ſehr traurig zu ſein. Sein Zuſtand muß eine moraliſche Urſach haben?“ „So iſt's, mein Herr, einen tiefen Kummer, den wir nicht zu verbannen wiſſen, weil die Urſach deſ⸗ ſelben in unſerer Nähe iſt. Eine ſeiner Töchter iſt die Urheberin ſeines Kummers.“ „Ich hatte es wohl gedacht, daß eine derartige Sache der Krankheit zum Grunde liegt. Demnach fürchte ich, daß er die Wahrheit geſprochen, die Aerzte werden ihn nicht heilen. Suchen Sie ihn zu zer⸗ ſtreuen— oder noch beſſer, wenn er ſeiner Tochter zürnt, ſuchen Sie ihn zu bewegen, daß er ihr ver⸗ zeihet, daß ſie kommt und ihn bittet, ihr begangenes 73 Unrecht zu vergeſſen. Dies wird beſſer ſein als alle Arzeneien.“ „Ich glaube Ihnen, lieber Doctor, aber dies Alles wird ſchwer auszuführen ſein!—“ „Nun, ſo werde ich wiederkommen!“ Der Arzt geht und läßt uns mit unſerm Kran⸗ ken allein, der ſein Möglichſtes thut, um uns glau⸗ ben zu machen, daß er nicht krank ſei. Aber ſeine Bemühungen ſind vergebens ſeine bleichen Züge, ſeine Augen, die fieberhaft glänzen, ſelbſt der Ton ſeiner Stimme— alles verräth nur zu deutlich ſeinen Zuſtand. Um uns aufzuheitern ſpricht der alte Soldat nur von unſerer bevorſtehenden Heirath, während Ro⸗ ſine und ich nicht wagen, da wir ihn ſo leidend ſehen, uns von unſerer Liebe zu unterhalten. Den folgenden Tag iſt der gute Meunier nicht beſſer; im Gegentheil er iſt abgeſpannter, da ihn das Fieber nicht verlaſſen hat. Roſine iſt ängſtlich und niedergeſchlagen, ob⸗ gleich ihr Vater faſt jeden Augenblick mit ſchwacher Stimme zu ihr ſpricht: „Veruhige Dich, mein Kind, ich bin nicht krank, es geht wieder vorüber. Der Gedanke an Dein Glück wird mich heilen.“ „Mein Glück!“ ſpricht die gute Tochter leiſe zu mir„wie kann ich wohl daran denken, glücklich zu ſein, wenn ich meinen Vater krank darnieder liegen 74 ſehe, wie ihn das Fieber verzehrt? Ach nein, nein, das iſt unmöglich!“ Dann fügt ſie hinzu, indem ſie mir die Hand reicht: „Nicht wahr mein Freund, Sie hätten gewiß eine ſchlechte Meinung von mir, wenn ich in dieſem Augenblicke daran dächte, Ihre Frau zu werden? Ehe wir an uns denken, muß mein Vater wieder hergeſtellt ſein— nicht wahr?“ Ich kann Roſines Empfindungen nicht tadeln, aber ich grolle mit dem Schickſal, denn alle Forma⸗ litäten ſind beſeitigt. Die zur Bekanntmachung un⸗ ſerer Heirath nöthigen Papiere habe ich herbeige⸗ ſchaft, die Trauung kann vollzogen werden. Roſine wäre bereits meine Frau, wenn die Krankheit ihres Vaters nicht dazwiſchen gekommen wäre und alle unſere Glückspläne zerſtört hätte. Der Arzt beſucht den Kranken; ſindet ihn aber um nichts beſſer. „Seine Kräfte ſchwinden,“ ſpricht er heimlich zu mir,„und wenn nicht eine glückliche Criſe ihn wiederbelebt, wenn die Hoffnung ſein Herz nicht er⸗ wärmt und der Seele Muth und Glück zurückbringt, ſo fürchte ich eine gänzliche S und er er⸗ liſcht in Ihren Armen. „Vor einigen Tagen ſagte ich Ihnen, laſſen Sie ihn ausgehen; aber jetzt iſt es nicht mehr möglich. „Ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen bereits geſagt habe: ſuchen Sie den Kummer zu verbannen, der ibn verzehrt und ſein Herz bedrückt — Alles übrige wird ſchnell verſchwinden.“ Meiner Roſine darf ich die Anſicht des Doctors über die Krankheit ihres Vaters nicht mittheilen. Ob⸗ gleich ich ihr meine Unruhe zu verbergen ſuche, iſt die ihrige nicht weniger groß, denn täglich verſchlim⸗ mert ſich der Zuſtand des Greiſes. Trotzdem redet er immer von unſerer nahen Ver⸗ bindung und fragt, warum ſie nicht ſchon vollzogen iſt. „Bald, mein Vater,“ antwortet Roſine,„ſo wie Sie geneſen find; wollen Sie denn, daß Ihre Toch⸗ ter von einem Andern zum Altare geführt werde? Seien Sie nicht mehr traurig, nehmen Sie Ihre Kräfte zuſammen, daß Sie ſchnell geneſen und meine Heirath ſoll ſogleich vollzogen werden.“ Der Greis ſchweigt und ſeufzt. Roſine ſpricht leiſe zu mir: „Es genügt nicht, daß wir ihm nur ſagen, er ſolle nicht mehr traurig ſein, wir müſſen die Urſach ſeines Kummers zu verſcheuchen ſuchen, und deshalb muß er meine Schweſter Roſa ſehen. „Mein geliebter Freund, ich beſchwöre Sie, ſu⸗ chen Sie den Aufenthalt meiner Schweſter zu ent⸗ decken und theilen Sie ihn mir dann mit, damit ich zu ihr gehen und ſie kniend bitten kann, meinem Va⸗ ter die Geſundheit zurückzugeben.“ „Ich gebe mir bereits Mühe, Ihre Schweſter aufzufinden,“ antworte ich Roſine,„einer meiner Freunde muß ihre Adreſſe ſchon wiſſen. Seit meh⸗ 76 reren Tagen habe ich ihn aber nicht geſehen, das be⸗ fremdet mich. „Ich war ſelbſt in der Straße Nortre⸗Dame de Lorette, um mich nach Madame Floreſtan zu er⸗ kundigen, dies iſt nämlich der Name, den ſie jetzt führt— aber ich habe nichts entdeckt. Man ſagte mir, daß dieſe Dame den Stadtheil verlaſſen habe und man wiſſe nicht, wohin ſie gezogen ſei.“ „Ach, wenn ich wagte, meinen Vater zu fragen!“ „Er wird Ihnen auch nicht mehr ſagen können, als ich, weil ſie ihre Wohnung in der Straße Notre⸗ Dame de Lorette verlaſſen hat „Und wenn wir ſie wiederfinden, wird ſie unſern Schmerz verſtehen? Wird ſie zu den Füßen des Va⸗ ters eilen, und ſeine Verzeihung erbitten? „Hoffen wir, meine geliebte Roſine, geben Sie ſich nicht der Verzweiflung hin. Erhalten Sie ſich denen, die Sie lieben, deſſen einziges Glück Sie ſind.“ Roſine reicht mir die Hand und antwortet mit den Blicken. Ach, ſchon war der Augenblick da, daß ich den Inbegriff ſo vieler Reize und Tugend auf ewig mein nennen ſollte, und jetzt muß ich ſehen, wie ſich dies Glück, vielleicht noch auf lange Zeit Lon mir ent⸗ fernt! Das iſt mehr, als grauſam! Vom Grunde meiner Seele verwünſche ich Mamſell Roſa, deren Leichtfinn dies Alles bewirkt hat. So gequält bedarf ich der Tröſtung und Hülfe 77 eines Freundes— Carotin beſucht mich nicht mehr, er verläßt mich, ohne mir zu ſagen, wo ich ihn wie⸗ derfinde. Ein ſolches Betragen iſt eines Mannes unwürdig, und ich begreife nicht, wie Jemand ſo handeln kann, der gegen den alten Vater Lebergevis ſo großmüthig und edel war. 34. Eine Veränderung. Es iſt zwei Uhr Nachmittags; ich habe ſo eben eine Sitzung beendigt, und ſchicke mich an, zu Roſine zu gehen,— denn der Zuſtand ihres Vaters wird täglich bedenklicher,— als ſich mit Ungeſtüm die Thür öffnet und Carotin vor mir ſteht. Ich habe Luſt, ihm meine Meinung über ſein Betragen zu ſagen, aber er läßt mir nicht Zeit dazu. Er ſtellt ſich auf ein Bein, macht eine Attitüde und ruft: „Nun, da bin ich!“ „Ja, da ſind Sie! Sie benehmen ſich ſchön ge⸗ gen einen alten Freund!“ „Zuvörderſt mögte ich wiſſen, ſeit wann Achill den Patroclus nicht mehr„Du“ nennt?“ „Seit drei Wochen, daß Patroclus nichts mehr von ſich hören läßt; ſeit der Zeit, daß er ſeinen Freund in Noth weiß und ihm nicht nütlich zu ſein 78 ſucht: denn, wenn meine Heirath noch nicht vollzogen iſt, kannſt Du Dir wohl denken, daß es einen Grund hat. „Und dieſer Grund iſt immer noch Mamſell Roſa; ihr Vater iſt dem Tode nah, denn der Schmerz über die ſchlechte Aufführung ſeiner Tochter nagt an ſeinem Leben, und mehr noch, daß ſie ihn nicht mehr liebt, nicht mehr an ihn denkt!“ „Meine Roſine will nicht eher an das Heirathen denken, als bis ihr Vater auf dem Wege der Beſſe⸗ rung iſt— und Du giebſt kein Lebenszeichen von Dir, Du verſchwindeſt, anſtatt zu mir zu kommen und mich zu tröſten! Du ſchlenderſt durch die Stra⸗ ßen und gehſt Deinen Vergnügungen nach!“ „So! Glaubſt Du? Ah, mein Herr, was Sie nicht Alles wiſſen! Bevor man Jemanden anklagt, muß man auch wiſſen, ob er Etwas verbrochen hat! Und Du, Caſimir, thuſt unrecht, wenn Du mich an⸗ klagſt, denn ich habe bis jetzt nur in Deinem Intereſſe gehandelt; aber ich wollte mich früher bei Dir nicht wieder ſehen laſſen, bis ich Dir gute Nachricht mit⸗ bringen konnte.“ „Wie! Iſtsmöglich? Ach, mein lieber Carotin, verzeihe mir!“ „Wenn Du Deine Entſchuldigungen auspackſt, werde ich weinen, wie eine Hirſchkuh!“ „Alſo rede— rede!“ „Ich habe die wirkliche Roſa ausgeſpürt, habe Madame Floreſtan aufgefunden.“ 79 „Vortrefflich— Was macht ſie?“ „Nur keine Uebereilung! Laß mich ruhig er⸗ zählen, was ich Alles gethan habe. Dieſe Dame, da ſie doch einmal Dame iſt, wohnt nicht mehr in der Straße Notre⸗Dame⸗de⸗Lorette; wahrſcheinlich hat der Beſuch ihres Vaters, den ſie wiederzuſehen fürch⸗ tet, ſie veranlaßt, die Wohnung zu verändern. „Sie hat einen gewiſſen Saint⸗Lucas zum Ge⸗ liebten, der ſich für einen Spanier ausgiebt. Ich kenne ſein Vaterland nicht, aber der Zufall hat es gefügt, daß ich ihn kennen gelernt habe. Er iſt ein junger Menſch, aber ein ſchlechtes Subjekt, im höch⸗ ſten Grade in ſeine kleine Perſon vernartt, ungeheuer dumm, Spieler von Profeſſion und ein großer Ver⸗ ſchwender. „Wir haben einige Male Parthien zuſammen gemacht, wobei er bezahlte; ich habe aber noch nie Luſt gehabt, ſeine gemachten Auslagen ihm zu er⸗ ſtatten. Uebrigens hat er Vermögen, wie er ſagt. Man muß dieſen Herrn ſich ruiniren laſſen, denn man thut ſehr unrecht, einen Narren daran zu hin⸗ dern; ſolche Leute ſind zu dumm, wenn ſie reich ſind.“ „Nicht ſo weitſchweifig, lieber Carotin!“ 1„Unterbrich mich nicht.“ Ich komme auf Saint⸗Lucas— oder San Lucas zurück— ich weiß nicht mehr, ob man Saint oder San ſagt— Ich werde Saint ſagen. Alſo: er be⸗ gegnet mir, Madame Floreſtan am Arm, ſich brüſtend und den Angenehmen ſpielend. 80 „Er würdigt mich eines Grußes, Roſa eines feinen Lächelns— ſie lacht nämlich ſehr leicht. Roſa iſt ſehr eiegant gekleidet. Ich ſehe ſie zu Hamel ein⸗ treten, wo ſie ihr Mittagsmahl einnehmen wollen. Da denke ich: wenn man mit einem neuen Liebhaber zu Tiſche geht, iſt man nicht bei Laune, eine Moral⸗ predigt anzuhören. „Nun ſpitze Deine Ohren und höre, was ich that. „Ich kenne eine recht hübſche Lorette, der ich einmal den Hof gemacht babe; ſie wollte aber nichts von mir wiſſen, weil ſie vorgab, ich hätte eine zu ſpitze Naſe. Wahrſcheinlich fürchtet fie, daß ich ſie bei dem Umarmen ſteche!— Doch gleichviel, ich habe mich nicht darüber geärgert. Mein Verſtand war beſſer, als meine Naſe. „Ich ſuche alſo Stephanie auf— dies iſt näm⸗ lich der Name meiner grauſamen Schönen— Sie iſt ein ſüperbes Weib, brünett mit ſchwarzen, ſtechenden Augen; kennſt Du denn Stephanie nicht? Sie hat einmal als Clytemneſtra geſeſſen, das heißt nur ihr Kopf.“ „Nein, ich kenne ſie nicht; doch weiter.“ „Ich gehe alſo zu Stephanie und ſpreche zu ihr: „„Schöne Stephanie, ich kenne eine Frau, die hat geſagt, Sie ſeien häßlich; ich aber habe gewettet, Sie wären ſchöner, als jene, und könnten ſogar, wenn Sie wollten, ihr den Liebhaber wegkapern— dieſer Liebhaber iſt der junge Saint⸗Lucas, der eine Nillion zu verzehren hat.““ 81 „Stephanie ruft laut, daß ſie die Wette halte, denn ihre Eitelkeit iſt verletzt. Das hatte ich auch erwartet! Hierauf bewirthet ſie mich mit einem appetitlichen Frühſtück, während deſſen wir eine Zu⸗ ſammenkunft verabreden. Jetzt, dachte ich, mußt Du Saint⸗Lucar aufſuchen. „Dies war freilich nicht leicht, denn er wohnte bei Roſa und dort konnte ich ihn doch nicht ſprechen. Ich lauere ihm alſo auf, und treffe ihn, eine Cigarre rauchend, auf dem Boulevard. „— Nun, redet er mich an, wie hat Ihnen die Dame gefallen, mit der Sie mich geſehen haben— ſie iſt ſchön, nicht wahr? Ich bin ein überglücklicher Menſch!“ „Ich ſchüttle den Kopf und antworte: „Die Perſon, mit der ich Sie geſehen habe, iſt nicht übel; aber ich kenne eine noch viel ſchönere, als die. Unglücklicherweiſe iſt ſie aber ein Frauenzimmer, das ſich Niemandem beugt. „Es find nun ſchon ſechs Mongte, daß ich ihr unermüdlich den Hof mache, ich bin aber noch um nichts vorgerückt. Sie begleitet mich zwar in das Theater und auf die Promenade, aber das iſt auch Alles. Wenn ich bei ihr zu keinem Zwecke gelange, bin ich feſt überzeugt, daß ein anderer Mann gar kein Glück bei ihr macht. „Saint⸗Lucar ſieht mich mit einem ſpöttiſchen Lächeln an, das ich erwartet hatte; dann ſpricht er: „— Ich bin ſehr neugierig, Ihre Schöne kennen Carotin. III. 6 82 zu lernen, und wenn ſie ſo ſchön iſt, als Sie ſagen, gehe ich mit Ihnen eine Wette ein, daß ich ſiege.“ „Es wird nicht ſchwer ſein, antwortete ich, Ihnen Gelegenheit zu verſchaffen, daß Sie ſie ſehen können; heute noch muß ich ſie in die Läden de la ville de Paris führen, nicht etwa, um ihr Etwas zu kaufen, das iſt meine Sache nicht, aber um die neuen Stoffe anzuſehen. Seien Sie in einer Stunde dort, ich halte die Wette— ein Auſternfrühſtück auf Dis⸗ cretion. „— Es gilt, der Beſtegte muß zahlen. „Nein Man muß nicht alles Unglück auf ein⸗ mal haben Der Sieger wird zahlen! „Saint⸗Lucar nimmt es an; ich eile zu Ste⸗ phanie. In einem reizenden, eleganten Anzuge führe ich ſie nach dem Orte, den ich Saint⸗Lucar bezeichnet. Er kommt an, findet meine Dame reizend und iſt be⸗ geiſtert; ſie ſpielt die Spröde, wie eine afrikaniſche Tigerkatze. Kurz, Dank meiner kleinen Combinations⸗ gabe, zwei Tage nachher bezahlt Saint⸗Lucar die Auſtern. Ich habe zweiunddreißig Dutzend gegeſſen. Aber das Schönſte bei der Sache iſt, daß er Roſa verlaſſen hat, um ſich Stephanie ganz hinzu⸗ geben. Dahin wollte ich es bringen!“ „Aber ich ſehe noch nicht ein, wozu uns dies nützen kann! Da Roſa einen Geliebten hatte, iſt es ganz gleichgültig, ob es dieſer oder ein anderer iſt.“ „Das merkſt Du nicht? Dieſer war reich, be⸗ friedigte alle Launen Roſa's, deren ſie nicht wenig 83 hatte, und man muß nicht glauben, daß ſolche Lieb⸗ haber zu bekommen ſind, wenn man es nur wünſcht. Der Beweis liegt vor ſeit drei Wochen, daß Saint⸗ Lucar ſie verlaſſen hat, hat Madame Floreſtan noch keine andere Bekanntſchaft machen können, ſtatt deſſen macht ſie aber Schulden, viel Schulden, und weit entfernt, ſich einzuſchränken, will ſie fortwährend glänzen und Vergnügungen haben. Kurz, da ſolche gefällige Lieferanten nicht immer zu haben ſind, hat die ſchöne Roſa Alles verkaufen müſſen, was ſie be⸗ ſaß, und bewohnt jetzt ein höchſt armſeliges Stüb⸗ chen in der fünften Etage; ſie iſt ſehr demüthig ge⸗ worden, und ſpricht ſchon ſogar davon, daß ſie wieder Arbeit in einem Leinwandsmagazin ſuchen will.“ „Wirklich! Sollte ſie Reue fühlen?“ „Gott bewahre, die fühlt ſie noch nicht; ſie be⸗ dauert nur, daß ſie das luſtige und glänzende Leben nicht fortführen kann, zu dem ſie einen ſo ernſten Beruf hat. Jetzt handelt es ſich darum, die Gelegen⸗ heit zu nützen. „O, ich war damit noch nicht zufrieden, ich ging weiter. „Roſa iſt mit einem ſehr guten Mädchen meiner Bekanntſchaft auf das innigſte befreundet— ſie heißt Julie Großpied und wohnt in demſelben Hauſe, Roſa's Thür gegenüber. „Ich gehe zu Julie Großpied und treffe dort Roſa an! Wie ſieht ſie aus! Sie iſt lange nicht mehr ſo friſch und hübſch, als ſie früher war! Bei 6* 84 ſolchen Damen ſchwindet Geſundheit und Schönheit ſehr bald. Wir plauderten. Ich ſprach von Dir. Roſa ſchien bewegt— Ich glaube, ſie hat eine ge⸗ heime Neigung zu Dir gefaßt, eine ſtille Liebe.“ „Welche Thorheit! Als ich ſie für Roſine hielt, habe ich einmal von meiner Liebe zu ihr geredet, ſie lachte Das iſt Alles.“ „Mit einer ſehr komiſchen Miene ſpricht ſie: „Ah, der junge Maler iſt wohl Ihr Freund? Er war einmal mein Liebhaber, und hat mir auf dem Balle Mabille beim Tanzen eines Galopps in aller Form eine Erklärung gemacht.— Ich weiß nicht warum, aber ich habe ihn nicht wieder geſehen.“ „Wollen Sie ihn wieder ſehen? antworte ich; mein Freund Bergeval iſt äußerſt ſentimental. Es iſt wahrſcheinlich, daß er Sie noch anbetet. Ich ſchlug auf Morgen ein Mittageſſen unter uns Vieren vor; verſteht ſich von ſelbſt, daß mein Freund und ich das Nöthige beſorgen. „Mein Vorſchlag ward von den beiden Damen einſtimmig angenommen. Dies Morgen fällt nun auf heute folglich bin ich gekommen, um Dir zu ſagen, daß wir heute mit Roſa und ihrer Freundin Julie Großpied zu Mittag ſpeiſen. Julie Großpied iſt Haubenmacherin und wohnt in der Straße Meuve- dAngouléme, dicht am Kanal; es iſt nicht weit von hier.“ Eine merkwürdige Bewegung bemächtigt ſich mei⸗ mer, als ich höre, daß ich Roſa wieder ſehen ſoll. 85⁵ Noch begreife ich nicht, zu welchem Ende dies Alles führen ſoll und welche Hoffnungen Carotin auf dieſe Zuſammenkunft gründet. Er läßt mir kaum zum Ueberlegen Zeit. „Mach' Deine Toilette; mach Dich recht ſchön! Du mußt Roſa gefallen, damit es ihr recht leid thut, Dich zu verlieren— und dies ſoll ihr Nachtiſch ſein — Doch, Du verſtehſt mich noch nicht; aber ſei nur ruhig, es wird ſchon gehen. Ich habe auch noch ein anderes Mittel, das Herz dieſer jungen Dame wieder zu erweichen— denn ich glaube, daß ſie eines hat. Den Hang zum Vergnügen hat ſie verloren, auch glaube ich nicht, daß ſie für beſſere und edlere Gefühle unempfänglich iſt. „Wir ſehen ſie heute wieder, und wenn mein Plan nicht gelingt, ſo glaube ich, iſt alle Hoffnung verloren.“ Meine Toilette iſt beendet. Aber ich will nicht zu dieſem Mittageſſen gehen, ohne meine Roſine davon zu benachrichtigen, die mich erwartet und ängſtlich werden wird, wenn ich nicht komme. Außerdem will ich auch wiſſen, wie es ihrem Vater geht. „Nimm mich mit Dir,“ ſpricht Carotin.„Ich mögte gern Deine Roſine einmal ſehen, um über die außergewöhnliche Aehnlichkeit mit ihrer Schweſter urtheilen zu können. „Doch beeilen wir uns; wir haben keine Zeit zu 86 verlieren, denn wir müſſen noch das Mittagbrod be⸗ ſtellen, und es zu den beiden Damen ſchicken. „Ich habe wohl nicht nöthig, Dir zu ſagen, daß Du zahlen mußt, denn ich bin ſo trocken, wie eine Mandel.“ 35. Carotins Kur. Wir machen uns auf den Weg. Ich gehe ſo raſch. daß Carotin mir nicht folgen kann, obgleich er weit längere Beine hat, als ich. Keuchend trabt er hinter mir her und ruft: „Ich kenne viel Hirſche, die nicht ſo laufen können, wie Du. Wenn Du nicht mehr malen kannſt, kannſt Du Schnelläufer werden. „Von den Hirſchen auf Deine Katze zu kommen— was fängſt Du damit an? Läßt ſie Dich in Ruhe?— Das wäre erſtaunlich! Neulich begegnete mir Papa Mimi mit ſeinem Freunde Civet: als fie mich erblicken, greifen ſie beide mit den Händen nach dem Bauche. „Ich grüßte ſie würdevoll und ſprach dabei einige engliſche Worte; ſie ſahen aus, als ob ihnen das ſchmeichelte.“ Ich antworte Carotin nicht, ich denke nur an Ro⸗ ſine und an ihre Schweſter, mit der ich nun bald zu⸗ 87 ſammentreffen werde. Ich mögte wohl wiſſen, was das Reſultat von dieſem Mittageſſen bei Roſa's Freundin ſein wird. Carotin, der wahrſcheinlich die Unruhe in meinen Augen lieſt, ſetzt mir ſeine Abſicht auseinander und theilt mir den entworfenen Plan mit: ich ſchöpfe wieder Hoffnung. Wir kommen bei Herrn Meunier an. Roſine öffnet uns die Thür. Carotin ſtößt einen Schrei aus, als er ſie erblickt, er glaubt Roſa zu ſehen. Bevor ich meinen Freund vorſtelle, frage ich nach dem Befinden des Kranken. „In dieſem Augenblicke ſchläft er ein wenig; aber leider geht es ihm noch nicht beſſer,“ antwortet Ro⸗ ſine unter Thränen.„Er ſpricht beinahe nicht mehr und ſcheint noch ſchwächer geworden zu ſein. Nur mit Mühe kann ich ihn bewegen, Etwas zu ſich zu nehmen; er antwortet immer, daß er nichts bedürfe. Ach, mein Freund, wenn ich meinen Vater verlieren muß!“ „Verlieren Sie den Muth nicht, meine Geliebte. Mein Freund, den ich Ihnen hiermit vorſtelle, hat die Adreſſe Ihrer Schweſter ermittelt, und ich ſtehe im Begriffe, ſie aufzuſuchen.“ „Ach, welch ein Glück, wenn Sie uns Roſa zurück⸗ führen könnten!“ „Wir haben Hoffnung. Carotin hat einen Plan entworfen, der gelingen kann— alsdann wird Ihr Vater geneſen.“ „Was gedenken Sie zu thun?“ „Vertrauen Sie uns, liebe Rofine. Ich ſehe Sie 88 dieſen Abend wieder, und kann Ihnen dann mehr ſagen.“ Ich küſſe Rofina's Hand, Carotin grüßt ehr⸗ furchtsvoll, und ſomit entfernen wir uns eilig. „Jetzt aber,“ ſpricht Carotin,„keine Seufzer und keine traurige Miene mehr! Mit ſolchen Sachen kön⸗ nen wir unſere Täubchen nicht fangen. Ich vor allen Dingen muß ein ausgemachter Lump ſein— ich hoffe, es ſoll mir gelingen.“ In der nächſten Reſtauration der Straße Neuve- dAngouléme beſtelle ich ein gewähltes Mittageſſen, und bald gelangen wir an die Thür des Locals, das Demviſelle Julie Großpied beherrſcht. Carotin zieht an einem Kaninchenſchwanz, der an einer Klingelſchnur befeſtigt iſt, und gleich darauf wird die Thüre durch ein Frauenzimmer von fünf⸗ bis ſiebenundzwanzig Jahren vor uns aufgethan. Dies Frauenzimmer iſt kurz und dick, aber ihr Ge⸗ ſicht iſt noch recht friſch und angenehm. In ihren blauen Augen liegt ein gutmüthiger, freundlicher Ausdruck, der einen glücklichen Charakter anzudeuten ſcheint. Mademoiſelle Julie ruft uns mit einem liebens⸗ würdigen Lächeln entgegen: „Ah, das iſt ſchön von Ihnen, daß Sie nicht auf ſich warten laſſen! Das nenne ich pünktliche Herren! Es iſt ſo dumm, wenn man auf ſich warten läßt! Und dann kann man es auch nehmen, wofür man will!“ ——— 89 „Man muß ſich ſtets beeilen, Sie zu ſehen, ſchöne Julie, denn Sie ſind ſo ſchön und duftig, wie ein rothwangiger Apfel!“ „Ach, Herr Carotin, wollen Sie ſich ſchon wieder über mich luſtig machen? Treten Sie doch näher, meine Herrn!“ „Wir bewundern den Knopf an Ihrer Klingel⸗ ſchnure— einen Kaninchenſchwanz Daran kann man gleich eine gute Hausfrau erkennen! Sie wird ein Kaninchen gegeſſen haben, und aus dem Schwanze bildet ſie einen Knopf für ihre Klingelſchnur! Für die Frauen geht doch nichts verloren.“ „Mir gefällt er; früher hatte ich einen Kork daran, der war aber nicht ſo bequem zum Ziehen.“ „Sie haben recht gethan, dieſe Veränderung vor⸗ zunehmen, ein Kork hätte Anlaß zu ärgerlichen Ge⸗ danken über Sie geben können! Verſtehen Sie mich? Eine Frau, die einen Kork an ihre Thür macht! Die böſen Zungen würden ſicher geſagt haben Sieh! Wenn man zu Mamſell Julie gehen will, muß man den Kork ziehen!— Aber bei dieſem Kaninchen⸗ ſchwanz kann Niemand Arges denken—“ „Treten Sie doch ein, meine Herrn!“ Durch einen ſchmalen Gang gelangen wir in ein kleines, armſelig möblirtes Zimmer. Eine Komode, ein Schrank, ein Tiſch und acht Stühle ſtehen auf dem Boden; einige ſchlechte Lithographien in ſchlech⸗ ten Rahmen hangen an den Wänden, außerdem ſind 9⁰ Portraits von Schauſpielern und Schauſpielerinnen im Koſtüm mit Stecknadeln daran befeſtigt; über dem Kamine hängt ein kleiner Spiegel, daneben ſtehen zwei kupferne Leuchter und zwei Gläſer mit Hha⸗ einthenzwiebeln das iſt das ganze Appartement der Demviſelle Großpied; ſie ſcheint aber vollkommen zu⸗ frieden damit zu ſein, denn bei unſerm Eintritte ruft ſie uns zu: „Iſt mein Zimmer nicht nett, Herr Carotin?“ „Sehr nett! Wo ſchlafen Sie? Ich ſehe ja kein Bett dient Ihnen vielleicht eine Schieblade in Ihrer Komvode dazu?“ „Das wäre nicht übel! Es iſt in einem Schranke verborgen.“ „Wie, Sie ſchlafen in einem Schranke?“ „Nein, ich mache es jeden Abend; denn ich finde, daß ein Zimmer ohne Bett reinlicher ausſieht.“ „Es iſt dann kein Vergleich möglich, und dies hat das Recht, für einen Salon zu gelten. Doch zur Sache: ich ſtelle Ihnen hier meinen Freund Caſimir Bergeval vor, einen ausgezeichneten Maler.“ „Malt der Herr in Oel, wie Sie?“ „O ja, Zulie, der Herr malt auch in Oel und würde Sie ſelbſt in Weineſſig malen, wenn Sie recht artig ſind.“ „Wirklich? Würde der Herr ſo liebenswürdig ſein und mein Portrait malen?“ „Wir ſprechen ſpäter darüber! Dieſe jungen Mädchen können keinen Maler anſehen, ohne ihm zu 91 ſagen: Ach, machen Sie doch mein Portrait! Aber wo iſt denn Ihre Nachbarin, Mamſell Floreſtan⸗ Roſa?“ „Sie wird kommen, wahrſcheinlich hat ſie ihre Joilette noch nicht vollendet, denn ſie iſt ſehr kokett! Sie muß ſich aber einſchränken, das Silber iſt knapp, wie man zu ſagen pflegt.“ „Wir kennen das!“ „Wer braucht denn immer Silber, um zu leben! Ich würde ſchon etwas Anderes finden.“ „Man hat etwas Anderes gefunden, theure Freun⸗ din, o, es iſt gefunden!“ „Was denn?“ „Kupfer, für Kupfer kann man kaufen, was man will, man muß nur viel davon haben.“ „Herr Carotin, Sie ſind ein Farceur! Gehen Sie!“ „Doch decken Sie den Tiſch; daß Eſſen muß gleich ankommen.“ „Ah, das iſt herrlich! Helfen Sie mir ein wenig, junger Carotin?“ „Gern, ſchöne Julie!“ Die Ankunft Roſa's unterbricht dieſe Unter⸗ haltung. Ihr Anblick macht einen tiefen Eindruck auf mich, denn mir iſt es immer noch, als ob Rofine bei mir wäre. Als ich aber Roſa aufmerkſam betrachte, ſehe ich, daß ich mich jetzt nicht mehr irren würde. Die Züge ſind ähnlich, aber Roſa's Züge ſind matt; das 92 Geſicht iſt bleich und mager, und in dem Klange ihret Stimme, ſowie in dem Ausdrucke der Augen liegt eine große Verſchiedenheit. Roſa trägt ein ſeidenes Kleid, das an verſchiede⸗ denen Orten beſchmutzt und befleckt iſt; um den Hals trägt ſie ein kleines, wollenes Tuch, das einem Ca⸗ chemire ähnlich ſieht, und auf dem Kopfe eine Mütze, welche einmal ſehr elegant geweſen ſein muß, jetzt iſt ſie aber alt und geſchmacklos mit Blumen überladen. Roſa's ganze Erſcheinung läßt auf Geldmangel ſchließen. Fröhlich ſingend iſt ſie eingetteten. Traurig betrachte ich ſie, denn es macht einen ſchlechten Eindruck auf mich, dies junge Mädchen lachen und ſingen zu ſehen, während ihr Vater vor Gram ſtirbt, den es ihm bereitet hat. Doch ich erinnere mich an Carotins Worte— ich ſoll mir nicht merken laſſen daß ich ihre Lebens⸗ geſchichte kenne. Als mich Mamſell Roſa bemerkt, nimmt ſie eine graciöſe, wirklich einnehmende Miene an ich muß an Rofine denken, um mich dadurch nicht verführen zu laſſen. Sie kommt zu mir und ruft: „Ah, guten Tag, mein Herr! Wir haben uns ja lange nicht geſehen. Ich glaube, auf dem Ball Ma⸗ bille war es das letzte Mal.“ „Entſchuldigen Sie, Mademviſelle, ich bin Ihnen noch einmal begegnet; Sie ſaßen in einem Tilburh—“ 93 „Ah, ganz recht, mit einem alten Specht!“ Roſa ſieht mich an und ſcheint ſich zu wundern, daß ich nicht den galanten Ton eines Liebhabers, wie früher, gegen ſie bevbachte. Sie ſpielt die liebenswürdige Unbefangene, lacht und trillert unaufhörlich. Ich kann nicht glauben, daß ſie mich zu erobern ſucht, denn nur aus Eitelkeit will ſie mich zwingen, ihren Reizen zu huldigen. Ich begnüge mich damit, ſie anzuſehen und zu ſeufzen; dies ſcheint ſie in Verlegenheit zu ſetzen. Man ruft zum Eſſen. „Zu Tiſche!“ ſpricht Carotin. „Ja, ja,“ ruft die dicke Inlie. „Caſimir, reich doch der ſchönen Roſa Deine Hand. Du biſt ja ſo in Bewunderung vor ihr ver⸗ ſunken, als ob Du verknöchert wärſt!“ „Es iſt auch wahr, bis jetzt hat er ſehr wenig mit mir geſprochen!“ ruft Roſa und ergreift ſelbſt meine Hand.„Wir wollen hoffen, daß das Eſſen ihm die Zunge löſt.“ „Wie man Ihnen das Schnürband aufmacht?“ ſpricht Mamſell Julie, indem ſie ſich zu Tiſche ſetzt. „O, Julie, geliebte Freundin,“ ruft Carotin, und ſetzt ſich auch zu Tiſche,„noch nicht; wenn wir jetzt ſo beginnen, was werden wir beim Champagner ſagen? „Nehmen Sie ſich in Acht, wenn Sie mit Malern eſſen, dies ſind die ſchamhafteſten Leute auf allen vier Welttheilen!“ 94 „Mein Gott! Was habe ich denn ſo Schlechtes geſagt?“ antwortet erröthend das dicke Mädchen. „Eſſen wir! Ich werde ſerviren— ich verſtehe es aus dem Grunde.“ Ich ſitze, wie natürlich, zwiſchen Roſa und Julie. Dieſe denkt nur an das Eſſen; Roſinen's Schwe⸗ ſter aber iſt noch immer erſtaunt, daß ich ihr den Hof nicht mache, und fährt fort, mich zu necken, zu lachen, überhaupt alle Mittel anzuwenden, die die Frauen ſo gut kennen, um mich zu verführen. Es kommen Augenblicke, wo ich Roſa umarmen will, denn mir iſt, als ob die neben mir ſitzt, welche ich liebe. Aber dieſe Illuſion dauert nicht lange. Ich erinnere mich, daß Roſine in dieſem Augen⸗ blicke voll Gram an dem Bette ihres kranken Vaters ſitzt. Roſa kann mich anſehen und lachen, ſoviel ſie will, ſie kommt mir nicht mehr ſo ſchön vor. „Sie eſſen ja wie ein Wolf!“ ſpricht Julie zu Carotin;„kaum habe ich Etwas auf Ihren Teller ge⸗ legt, und— Pſtſt— iſt es verſchwunden!“ „Ah, Sie bedienen ſehr gut, das iſt wahr; aber. nur ſich ſelbſt!“ „Mein Gott, wie dunkel es wird! Wir ſehen nichts mehr, ich will Licht anzünden.“ „Kinder, welch ein ſchreckliches Wetter! Man jagt keine Katze hinaus!“ 95 „Was kümmert uns das? Wir ſind im Trocknen. Ich habe das Unwetter gern, wenn ich bei Tiſche bin. „Wir wollen trinken, damit wir heiter werden! Mir ſcheint, Colin ſpricht nichts!“ „Ich weiß nicht, was ich von Ihnen denken ſoll,“ ſpricht Roſa in einem ſpitzen Tone,„Sie ſcheinen ſich bei uns nicht zu gefallen.“ „Sie täuſchen ſich, Mademoiſelle; ich bin immer hoch erfteut, wenn ich Sie ſehe.“ „Heute mögte ich daran zweifeln.“ „Aber je mehr ich Sie betrachte—“ „Nun, mein Herr, warum fahren Sie nicht fort, wo Sie ſtehen geblieben ſind? Sie finden mich ver⸗ indert? Ich war ein wenig krank— und dann glaube ich, ſteht mir dieſe Mütze nicht gut— ach, will auch keine mehr tragen!“ Bei dieſen Worten nimmt Roſa raſch die Mütze ab und wirft ſie in die Kammer. Ohne Mütze ſieht ſie weit hübſcher aus, denn ſie ſieht ihrer Schweſter noch ähnlicher. Sie bemerkt, daß ich ſie wohlgefällig betrachte— lächelnd ſpricht ſie zu mir: „Finden Sie mich ſo hübſcher?“ „O, viel hübſcher.“ „Danke,“ ſagt die dicke Julie, indem ſie ſich mit einem Truthahnflügel verfieht,„wenn Du deshalb ſo mit Deinen Mützen umgehſt! „Geben Sie mir von dem Volnah, wenn ſich bitten darf, Herr Carotin, ich kenne dieſen Wein noch 96 nicht, mögte aber gern ſeine Bekanntſchaft machen; er ſoll nicht übel ſein.“ „OJulie, welch eine liebenswürdige Geſellſchaf⸗ terin ſind Sie!— Trinken Sie Eſſen Sie! Sie ſind ja zum Leben geboren; aber Mamſell Roſa folgt Ihrem Beiſpiele nicht.“ Roſa iſt ernſter geworden; überhaupt habe ich die Bemerkung gemacht, daß ihre Fröhlichkeit eine erkünſtelte geweſen. Sie kam mir wie eine Frau vor, die ſich betäuben wollte, um ihre Lage zu vergeſſen. Indem ſie Carotins Glas berührt, antwortet ſie: „Sie haben recht; ich weiß nicht, was ich denke. Die ernſte Miene Ihres Freundes hat ſich auch meiner bemächtigt. Doch das ſoll nichts ſchaden Aber Herr Bergeval, wenn dies der Name des Herrn iſt, war auf dem Balle Mabille weit artiger!“ „Verzeihen Sie, Mademoiſelle, ich muß Ihnen geſtehen, daß ich damals in einem Irrthum befangen war.“ „Irrthum! Wie ſo? Was wollen Sie damit ſagen?“ „Colin, erkläre Dich näher! Du haſt mir wohl hundert Mal erzählt, daß Du in Mamſell bis zum Tollwerden verliebt ſeieſt. Auf Ihr Wohl, wohlbe⸗, leibte Julie!“ „In der That, das habe ich geſagt— weil— weil ich glaubte— doch ein Vorfall hat mich dieſen Morgen belehrt, daß ich im Irrthum war. 4 Roſa erbleicht und flüſtert: — 97 „Was für ein Vorfall?“ „Mir begegnete eine Perſon, die Ihnen auf das Frappanteſte ähnlich ſieht; nur hat ſie einen andern Gang und ein anderes Benehmen als Sie. Sie wohnt bei ihrem Vater, einem alten, invaliden Soldaten. Sind dieſe Leute vielleicht mit Ihnen verwandt?“ „Allerdings,“ ruft die dicke Julie,„es iſt ihre Schweſter, und der Invalide iſt ihr Vater.— Sie hat mir alles erzählt. Papa iſt gekommen, um ſie wieder mit auf das Dorf zu nehmen— danke ſchön! Wenn man einmal Paris gekoſtet hat, faßt man da⸗ rin Wurzel, wie das Quekengras.“ „Wie! der Vater hat die Kühnheit gehabt, ſo etwas zu verlangen?“ ruft Carotin.„Das wäre nicht übel! Wofür hält er uns?“ Roſa antwortet nichts; ſie ſcheint verlegen. Indeß, nach einiger Zeit ſpricht ſie: „Ah, ſo war es wohl meine Schweſter, in die Sie verliebt ſind?“ „Ja, Mademviſelle, denn ich habe in ihr die An⸗ muth und die Beſcheidenheit wiedergefunden, die mich bei ihrem erſten Anblicke im Theater gefeſſelt hat.“ „Aber ſind Sie mir nicht im Theater des Va- riétés begegnet— Ich entſinne mich deſſen noch ſehr gut; ich weiß auch noch, daß ich eine Eroberung an Ihnen gemacht, denn Sie ſahen unaufhörlich zu mir herüber.“ „Dies kam daher, daß ich Sie für Ihre Schwe⸗ Carotin III. 7 98 ſter hielt, die ich einige Zeit zuvor im Orcheſter des Theaters de la Gaité geſehen hatte.“ Roſa biß ſich in die Lippen. Ich fahre fort: „Ich zog Erkundigungen über ſie ein, und alle ſielen zu ihrem Vortheile aus. Ihr Betragen war ſtets anſtändig, untadelhaft, obgleich ihre große Aehn⸗ lichkeit mit Ihnen oft ſehr unangenehme Verwechſe⸗ lungen herbeiführte— nämlich für die Schweſter. „Zum Beiſpiel glaubte ich, daß ich ſie in Four⸗ nichons Geſellſchaft geſehen hätte, während Sie es waren. Dann glaubte ich wieder, ſie auf dem Ball Mabille tanzen zu ſehen— und Sie waren es.“ „Mein Gott, ja, ich war es, und verberge es auch nicht,“ ſagte Roſa, eine ſpöttiſche Miene affec⸗ tirend. „Wenn ich nicht irre,“ fällt Carotin ein,„kenne ich dieſe Schweſter auch, von der Colin ſo enthuſias⸗ mirt iſt. Heißt ſie nicht Roſine?“ „Ganz recht,“ ſpricht Roſa;„aber vor einiger Zeit nannte ſie ſich Roſa, wie ich: ich weiß nicht, warum ſie meinen Namen angenommen hatte.“ „Wahrſcheinlich, um Dir Deine Liebhaber weg⸗ zuſchnappen, meine Theure,“ ſagt Julie,„und Du ſiehſt, daß es ihr gelungen iſt.“ „O, ich kenne ſie,“ verſetzte Carotin,„ſie iſt ein feines Püppchen, ein niedlicher Schnapphahn.“ „Carotin,“ antworte ich mit zornigem Geſicht, „ 99 „ſprich von einem jungen Mädchen nicht ſchlecht, das Deine ganze Achtung verdient.“ „Ah, meine Achtung Ich mag ein Weib nicht leiden, das man achten muß. Dabei iſt kein Vergnü⸗ gen. Reden Sie, Julie, und Sie, Roſa! Das ſind liebenswürdige Perſonen!— Fröhlich, muthwillig, lachluſtig und machen durchaus keine Anſprüche auf Achtung.“ „Herr Carotin, ich glaube, Sie vernachläſſigen mich,“ ſpricht lachend die dicke Julie.„Gießen Sie mir noch einmal Champagner ein— aber mouſſiren muß er— oder er wird nicht bezahlt.“ Roſa verſucht zu ſingen und zu trillern; es will ihr aber nicht gelingen. Nachdem Carotin Champagner eingegoſſen, fährt er fort: „Dieſe Roſine iſt alſo Ihre Schweſter! Wahr⸗ haftig, die Aehnlichkeit überſteigt alle Begriffe— doch nein— Sie, Roſa, ſind beſſer. Sie haben ein freies, kühnes Geſicht! Sapperment, hätte ich doch gewufßt, daß dieſer Stelzfuß Ihr Vater iſt, ich hätte Ihnen Nachricht von ihm geben können. Ich kenne Jeman⸗ den, der mit ihm in einem Hauſe wohnt.“ „Sie kennen ja die halbe Welt— wo wohnter?“ „Bei Ihrer Schweſter in der Straße Saintonge, nicht weit von hier.“ „Ach, das iſt köſtlich!“ ruft Julie—„Roſa, Du ziehſt aus der Straße Notre-Dame-de Lorette weg, um Deinem Vater auszuweichen, und nun wohnſt 100 Du dicht neben ihm— das nenne ich eine vortheil⸗ hafte Ortsveränderung!“ „Fürchten Sie ſich nicht, ſchöne Roſa,“ antwortet Carotin,„Ihr alter Thrann wird nicht hierher kom⸗ men, um Sie zu beläſtigen.“ „Glauben Sie, Carotin?— Ach, ich fürchte mich, er hat mir mit ſeinem Stocke gedroht.“ „Was, einem jungen, hübſchen Mädchen mit einem Stocke drohen? Das iſt abſcheulich!“ „Die Väter ſind nicht immer gutmüthiger Natur,“ ſpricht? Julie;„ich hatte einen, der mir einen Stuhl auf dem Rücken entzwei geſchlagen hat— na, ich habe ihm ergeben, eriſttodt— Gott habe den guten Mann ſelig! Ich muß aber eingeſtehen, daß ich ein wenig leicht und ungehorſam war.“ „Das macht nichts aus,“ ruft Carotin;„muß man denn immer Eltern haben, um ſich gut zu be⸗ tragen? Ich wüßte nicht, was ich mit einem ſolchen Vater anfinge Doch, ich wiederhole es Ihnen, ſchöne Roſa, Sie haben von 6 Ihrigen nichts mehr zu befürchten.“ „Was wollen Sie vi ſagen, Herr Carotin?“ „3ch will damit ſagen, daß er nicht lange mehr die Augen verdrehen wird, daß er bald ſtirbt, wenn Sie das lieber hören.“ „Sterben— mein Vater?“ ruft Roſa.„Sie wollen mich erſchrecken, Herr Carotin— es iſt nicht wahr, was Sie geſagt haben.“ „Sie erſchrecken? Im Gegentheil, ich will Sie 101 beruhigen. Sie wußten alſo nicht, daß der alte Bar⸗ bar krank iſt? Dann wiſſen Sie auch wohl nicht, daß die Schweſter ihn pflegt und bei ihm wacht? Der Arzt hat erklärt, der alte Soldat ſei im Herzen ver⸗ wundet, er werde bald den großen Parademarſch ma⸗ chen müſſen.“ Roſa antwortet nichts. Seit einigen Augenblicken hat ſich ihr Geſicht verändert, ihre Züge drücken Kummer aus. Ich ver⸗ liere ſie nicht einen Augenblick aus dem Auge, denn ich ſuche in ihrem Blicke zu leſen, was in ihrer Seele vorgeht. Mir ſcheint, daß ihr Schmerz nicht erkünſtelt iſt und daß Gewiſſensbiſſe an ihrem Herzen nagen. Ein Stück Biscuit in den Champagner tauchend erwidert die dicke Julie: „Es iſt gar nicht ſchön von Ihnen, Herr Caro⸗ tin, daß Sie ſo etwas ſagen! Man kann wohl mit ſeinem Vater geſpannt ſein; dies iſt aber immer noch kein Grund, ſeinen Tod zu wünſchen. Nein, ſo etwas muß man nicht ſagen! Nicht wahr— Roſa iſt auch meiner Meinung?“ „Schweigen Sie, Julie! Roſa iſt zu geiſtreich, um ſo zu denken, wie Sie! „Vorwärts, meine Schönen— gelacht, geſungen, getrunken Ah, ah, ah! Während dieſer Zeit wacht die andere am Krankenbett— ſie geht nicht von der Stelle— ſchläft auch nicht— ein ſchönes Vergnügen! Auf denn, ſo wollen wir vergnügt ſein! Das Leben iſt ſo kurz— man muß es gut anwenden Die Gläſer 102 zur Hand, meine Damen, der Champagner iſt er⸗ cellent!“ Anſtatt das Glas zu berühren entfernt ſich Roſa mit ihrem Stuhle vom Tiſche, der Blick haftet am Boden und Todtenbläſſe überzieht ihr Geſicht. „Nun, was iſt denn das?“ fährt Carotin fort, da werde ich wohl allein auf„die Liebe und den Wein“ trinken müſſen— Zum Teufel mit den Vä⸗ tern, die aus ihren Töchtern Betſchweſtern machen wollen!“ „Herr Carotin, Sie ſind ein ſchlechtes Subject,“ ruft Julie.„Noch einmal— ich liebe es nicht, daß man ſeiner Familie gegenüber ein ſchlechter Menſch iſt— und ich ſehe, daß Roſa meine Anſicht theilt. Seitdem Sie von Ihrem Vater ſprechen, iſt ſie ſtumm geworden.“ „Die kümmert ſich viel um ihren Vater— Soll ſie vielleicht darüber lachen, daß ihr Vater krank iſt?“ „Schweigen Sie, mein Herr, was Sie reden, iſt abſcheulich!“ ruft Roſa, indem ſie ihr Geſicht mit den Händen bedeckt.„Wollen Sie, daß ich vor Schaam ſterben ſoll?“ Carotin ſagt nichts mehr. Julie ißt und trinkt ruhig fort. Ich beobachte Roſa und ſchöpfe Hoffnung. So vergehen einige Minuten. Der Wind und der Regen ſchlägt mit Macht an die Fenſterſcheiben. „Das iſt ein Wetter, um die Kranken ausziehen 103 zu laſſen,“ brummt Carotin, indem er ſein Glas nimmt. Plötzlich ſpringt Roſa auf, wirft ſich vor mir auf beide Kniee nieder und ſpricht in einem herzlichen Tone: „Herr Bergeval, ich beſchwöre Sie, führen Sie mich zu meinem Vater— Sie wiſſen ſeine Wohnung — kennen meine Schweſter— o ſchlagen Sie es mir nicht ab; auf meinen Knieen bitte ich um dieſe Gnade!“ Ich kann nicht ſagen, was Roſa's Worte für einen Eindruck auf mich ausüben. Mit Gewalt hebe ich ſie auf und ſpreche zu ihr: „Sie wollen Ihren Vater ſehen!— Aber in welcher Abſicht?— Carotin hat Sie nicht getäuſcht; was er Ihnen erzählte, iſt Alles wahr. „Herr Meunier iſt ſehr krank; man fürchtet, daß er erliegt, denn er iſt ſehr ſchwach. Auch muß ich noch hinzufügen, daß Sie der Urheber ſeiner Leiden ſind, daß Sie ihn in das Grab bringen. Ja, der Gram über ſeine Tochter, die er in Paris als ein Mädchen antrifft, das ſich unterhalten läßt, hat ihm das Herz gebrochen. Die Art und Weiſe, in der Sie ihn nach einer ſo langen Abweſenheit empfangen ha⸗ ben, daß Sie keine Liebe mehr für ihn empfinden— dies alles vergrößert Ihr Unrecht und verdoppelt ſei⸗ nen Schmerz. „Vergebens ſucht er ſeine Liebe auf Ihre Schwe⸗ ſter zu übertragen, vergebens hat er Sie vergeſſen wollen— es iſt ihm unmöglich, er liebt Sie zu ſehr. 104 Vor einiger Zeit ſind Sie ihm auf der Straße be⸗ gegnet und haben ſich bei ſeinem Anblicke abge⸗ wendet—“ „Ach, mein Herr, ich nicht den Muth, ihn anzuſehen!“ „Seit dieſem Tage hat er das Bett nicht mehr verlaſſen, der Schmerz hat ihn darniedergeworfen und verzehrt die wenigen Kräfte, die ihm noch geblieben ſind. „Ach, mein Herr, deshalb muß ich meinen Vater ſehen— ich will ihm ſagen, daß ich ihn immer noch liebe und ihn meiner Vergehen wegen um Verzeihung bitten.“ „Roſa! Iſt das Ihr Ernſt? Sind Sie wirklich geſonnen, Ihre Lebensweiſe zu ändern? Wollen Sie Ihren alten Vater durch Ihr leichtfinniges, ſchlechtes Betragen nicht mehr kränken?— Wenn es etwas anderes wäre, wozu ſollte es dienen, dem Greiſe ein wenig Glück zu geben, das Sie in demſelben Augen⸗ blicke wieder zerſtören?“ „Ich ſchwöre Ihnen, mein Herr, ich werde mich beſſern, daß mein Vater ſeine Geſundheit wieder er⸗ hält und nicht mehr über mich zu klagen hat. Ermag mich führen, ich werde willig folgen, werde mit ihm in ſein Dorf zurücktehren und ihn nie mehr verlaſſen.“ „Wohlan, ſo kommen Sie, kommen Sie— denn dies war meine letzte Hoffnung— auch die Ihrer Schweſter— ſie erwartet Sie und nur von Ihnen hofft ſie die Rettung ihres Vaters. Jetzt will ich Ih⸗ 105 nen auch nicht länger verbergen, daß ich nur in dieſer Abſicht hierher gekommen bin. Ja, Mademviſelle, ich habe Ihr Herz nicht für unempfindlich gehalten, habe nicht geglaubt, daß die Kindesliebe in Ihrer Seele ganz erloſchen ſei, und fühle mich ſehr glücklich, daß ich mich nicht getäuſcht habe!“ Roſa wirft ſich weinend in meine Arme; ich unter⸗ ſtütze und tröſte ſie, als ob ſie meine Schweſter wäre. Gegen das Ende unſerer Unterredung weint die dicke Julie ſoviel Thränen auf ihren Teller, daß die Macaronen, die darauf liegen, faſt eingeweicht werden. Carotin fährt fort zu trinken und ſpricht „O, ich wußte es wohl, daß noch Hoffnung vor⸗ handen war— Man muß an der Empfindſamkeit einer Frau nie verzweifeln, vorzüglich wenn ſie hübſch iſt— es läßt ſich immer noch etwas mit ihr anfangen. Julie, Sie machen ja ihre Macaronen wäſſerig.“ „Glauben Sie denn, daß ich kein Herz im Leibe habe? Die arme Roſa— ſie hat recht, wenn ſie ihren Vater tröſten will— meine Herrn, geben Sie mir noch ein Glas Champagner, meine Macaronen ſind ſehr ſalzig geworden!— Aber Sie ſelbſt, Herr Ca⸗ rotin, ſind auch nicht ſo verdorben, als Sie uns vor⸗ hin glauben machen wollten.“ „Nein, Julie, ich bin nicht verdorben. Ich bin, wie Sie: von Herzen gut.“ Während Carotin und Julie am Liſche ihre Unter⸗ haltung fortſetzen, geht Roſa mit den Worten in ihr Zimmer: 106 „Erwarten Sie mich.“ Bald darauf kommt ſie zurück. Sie hat ſich in ein großes Tuch gehüllt und auf dem Kopfe trägt ſie einen einfachen Hut. „Kommen Sie, Herr Bergeval, laſſen Sie uns eilen, ſpricht Roſa. Jeder Augenblick, den wir zögern, kann die Leiden meines Vaters erhöhen und die Un⸗ ruhe meiner Schweſter vergrößern.“ „Sie haben Recht: eilen wir, Roſa.“ „Aber nehmen Sie doch wenigſtens meinen Regen⸗ ſchirm, ruft Julie,„es iſt ja ein ſchreckliches Wetter!“ Roſa hört ihre Freundin nicht mehr, denn ſchon ſteigt ſie eilig die Treppe hinab. Ich folge ihr. Wir treten auf die Straße. Das Wetter hat noch nicht nachgelaſſen, es regnet ſtark. Ich will einen Wagen holen; aber Roſa ergreift meinen Arm und zieht mich mit den Worten auf die Straße: „Es iſt nicht nöthig, wir werden auch zu Fuß dorthin gelangen— es iſt ja nicht weit— Was ſchadet ein wenig Regen?— Wir gehen raſch!“ ————— 36. S Roſine und Roſa. Und in der That, wir gehen nicht, wir laufen. Der Regen peitſcht Roſa's Geſicht; aber ſie achtet nicht darauf, ſie denkt nur an ihren Vater. Wenn 107 eine Frau einmal einen Entſchluß gefaßt hat, ſo läßt ſie alle Hinderniſſe unbeachtet, die ſich ihr bei Aus⸗ führung deſſelben entgegenſtellen. Wir kommen an. Ich klopfe: man öffnet uns die Hausthür. Ich will Roſa vor mir eintreten laſſen— da bemerke ich, daß ſie ſchwankt und daß ſie ſich an die Mauer lehnt. „Was fehlt Ihnen?“ frage ich. „Ach, Herr Vergeval— der Gedanke, daß ich jetzt vor meinen kranken Vater treten ſoll, und daß ich die Schuld an ſeiner Krankheit trage— raubt mir alle meine Kräfte—“ „Erholen Sie ſich— faſſen Sie Muth Außer⸗ dem werden Sie ja Ihre Schweſter wiederſehen, die durch Ihre Gegenwart hoch beglückt ſein wird— vor ihr können Sie ſich doch nicht fürchten.“ „Meine arme Schweſter!— Sie opfert ſich für mich— Sie wollte, daß man ihr meine Vergehen zur Laſt legen ſollte— denn ich bin überzeugt, daß ſie nur deshalb meinen Namen angenommen hat.“ „Ja, Roſa, deshalb hat ſie es gethan—“ „Gehen wir weiter— meine Kraft iſt zurück⸗ gekehrt— ich muß ſie an mein Herz drücken.“ Wir ſteigen die Treppe hinauf. Ich klopfe leiſe an die Thür, die zu der Wohnung des alten Soldaten führt, denn ich bin überzeugt, daß Rofine dort iſt. Und ſo iſt es auch— ſie öffnet mir. Noch bemerkt ſie ihre Schweſter nicht, die hinter mir im Dunkeln ſteht. Traurig ſpricht ſie zu mir: 108 „Kommen Sie allein zurück, mein Freund?“ „Nein,“ ruft eine Stimme, die bis in das tiefſte Herz des jungen Mädchens dringt—„meine Rofine, ich bin da!“ Mit dieſen Worten ſtürzt ſich Roſa in die Arme ihrer Schweſter. Roſine preßt ſie freudetrunken an ihr Herz— ich betrachte hochentzückt dieſe Gruppe. Es iſt das erſte Mal, daß ich die beiden Schwe⸗ ſtern neben einander ſehe, und bin erſtaunt über die merkwürdige Aehnlichkeit beider. Vorzüglich jetzt, da Roſa zur Erkenntniß gelangt iſt, und ihr Geſicht jenen frechen und freien Zug verloren hat, der ihre Phoſiognomie von der ihrer Schweſter unterſcheidet, indem er ihr einen andern Ausdruck giebt, jetzt, da ihr Herz der kindlichen Liebe wieder geöffnet iſt, könnte man ſie wahrlich für Roſine halten, wenn ſie ebenſo gekleidet wäre. „Wie geht es meinem Vater?“ fragt Roſa drin⸗ gend, nachdem ſie die Schweſter umarmt hat. „Es iſt leider noch nicht beſſer!— der Arzt war vorhin da; der Vater hat aber nicht mit ihm geredet, ich glaube ſogar, daß er ihn nicht einmal geſehen hat, denn er ſchien ein wenig zu ſchlafen, und wir hüteten uns wohl, ihn zu wecken.“ „Laßt mich vor ſein Bett knieen, ich will ihn um Verzeihung bitten, ihn um Gnade beſchwören. Vor Allem werde ich ihm ſagen, daß ich, ungeachtet meiner Verirrungen, nie aufgehört habe, ihn zu lieben.“ „Ach, meine Schweſter! Ich glaube wohl, daß ————— 109 der Vater glücklich ſein wird, wenn er dies vernimmt, wenn er weiß, daß Du zu ihm zurückgekehrt biſt; aber wir müſſen vorſichtig zu Werke gehen! Der Arzt fin⸗ det ihn ſo geſchwächt, daß er mir vorhin ſagte: Ver⸗ meiden Sie vor allen Dingen, daß Ihr Vater nicht heftig bewegt wird, vermeiden Sie die Erſchütterung, denn jetzt könnte ihm die Kraft fehlen, ſie zu ertragen:“ „Mein Gott! dann könnte ich mich ihm ja nicht vorſtellen— und doch— ich habe ſeine Leiden be⸗ wirkt, ich glaube, ich kann ihn heilen. Roſine, ich bitte Dich, laß mich unſern Vater ſehen!“ Roſine ſchwankt, ſie weiß nicht, wozu ſie ſich entſchließen ſoll; ſie ſieht mich an, und ſcheint von mir einen Beſchluß zu erwarten. Ich betrachte in dieſer Zeit die Köpfe der beiden Mädchen, die ſo ähnlich ſind, daß man ſie zuſammen ſehen muß, um mit Gewißheit ſagen zu können, es ſeien zwei Perſonen. Jedoch iſt mir von dem, was die beiden Schwe⸗ ſtern reden, nicht ein Wort entgangen, und auch ich ſinne nach, wie Roſa bei ihrem Vater einzuführen iſt, ohne den Kranken einer zu ſtarken Bewegung auszuſetzen. „Halt!“ rufe ich plötzlich—„dies Mittel iſt das einfachſte, die Natur ſelbſt hat es Ihnen verliehen. „Sie ſind einander ſo ähnlich, daß man ſich täu⸗ ſchen muß. Roſa zieht Roſine's Kleidung an, ſo kann ſie zu ihrem Vater gehen, der dann glauben wird, Roſine ſei immer noch um ihn. Dann muß ſie nach 110 und nach das Geſpräch auf ſich lenken, muß ihm ſ agen, daß das Herz derer, über die er zu klagen habe, ſich zur Reue bekehrt, und giebt ſich endlich dem Vater zu erkennen, wenn ſie ihn hinlänglich auf die Gegenwart ſeiner verlorenen Tochter vorbereitet hat.“ „Ach ja, Herr Bergeval, Sie haben recht!— Dies Mittel iſt gut Roſine, gieb mir ſchnell Deine Kleider, daß ich Deinen Platz bei dem Vater einneh⸗ men kann.“ „Mein Gott, ja— das will ich wohl— wenn er Dich aber wiedererkennt— ein Vater täuſcht ſich nicht ſo leicht, als Andere— unſere Sprache iſt ſich nicht ähnlich—!“ „Nein, nein, er wird nichts vermuthen— gieb mir ſchnell Deine Kleider!“ Mit dieſen Worten zieht Roſa ihre Schweſter in das Zimmer der letztern. Ich bleibe in dem kleinen Gange, der vor dem Zimmer des Kranken iſt. Ich weiß nicht warum, aber die Hoffnung auf das Gelingen meines Vorſchlags hat ſich meiner nicht allein bemächtigt, ſondern ſie iſt faſt zur Gewißheit geworden. Der Umzug iſt bald geſchehen. Nach einigen Augenblicken erſcheint Roſa in den Kleidern ihrer Schweſter. Wenn Roſine ſie nicht be⸗ gleitet hätte, würde ich geglaubt haben, der Umzug habe noch nicht Statt gefunden. „Da bin ich,“ ruft Roſa,„und jetzt kann ich zu meinem Vater gehen! Er wird glauben, Du biſt es, 111 Roſine, und wird mich dann gewiß nicht von ſich ſtoßen.“ „Ja,“ ſpricht Roſine mit einem tiefen Seufzer, „dann werde ich aber nicht mehr vor ihm erſcheinen dürfen, denn er wird unſern Betrug entdecken. Ach, mein Gott, dann werde ich ihn nicht mehr ſehen kön⸗ nen— Liebe Schweſter, ſuche recht bald ſeine Ver⸗ zeihung zu erwirken, damit ich nicht ſo lange von ihm entfernt bleiben muß!“ Roſa umarmt ihre Schweſter und geht in das Zimmer ihres Vaters; ich führe Roſine in das ihrige, wo ich ſie mit der Ausſicht auf einen glücklichen Er⸗ folg zu tröſten ſuche. Ich weile indeß nicht lange und begebe mich auch in das Zimmer des alten Soldaten. Roſa ſitzt an ſeinem Bette. Schweigend betrachtet ſie das bleiche, abgemagerte Geſicht, auf dem ein tiefer Seelenſchmerz zu leſen iſt. Große Thränen entrollen den Augen der Tochter, die reuig die Folgen ihres Betragens vor ſich ſieht. Ich ſuche nicht, ſie zu tröſten— es giebt Vergehen, über die man ſich ausweinen muß. Glücklich dann, wenn Thränen ſie verwiſchen können! Der Kranke bewegt ſich. „Wünſchen Sie Etwas, mein Vater?“ ſpricht Roſa. Der Ton dieſer Stimme ſcheint das Herz des In⸗ validen berührt zu haben, er erhebt leiſe den Kopf, ſieht ſich um, und flüſtert: 112 „Ah, Du biſt es, Roſine!— Du biſt da, mein Kind— Du biſt immer da!“ „Ja, mein Vater— iſt es nicht meine Pflicht?“ „Ja, für Dich— die Du eine gute Tochter biſt— für Dich iſt es ein Vergnügen. Es iſt ſonderbar— heute Abend— ſcheint mir Deine Stimme ſtärker zu ſein, als ſonſt—“ „Finden Sie das, mein Vater?— Sie erinnert Sie wohl an die Stimme meiner Schweſter?“ „Deine Schweſter— o ſprich nicht von Deiner Schweſter— Du weißt, daß Du niemals von ihr ſprechen ſollſt— ich habe es Dir ja verboten, mein Kind!“ Roſa wendet ſich ab und ſucht ihr Schluchzen zu erſticken. Ich trete dem Kranken näher und ſpreche: „Lieber Freund, warum wollen Sie denn nicht, daß man von Ihrer andern Tochter redet? Sie iſt ohne Zweifel ſehr ſtrafbar, aber ſie bereuet vielleicht — Wenn ſie nun käme, ſich zu Ihren Füßen wirft und um Ihre Verzeihung bittet—“ „Nein, nein,“ antwortet der Greis in einem durchdringenden Tone,„ſie hat ihren Vater ganz vergeſſen— ich würde ſie auch zurückſtoßen, denn ſie hat mich entehrt— mich, den alten Soldaten, dem die Ehre über Alles geht!“ In dieſem Aatenhli kann Roſa ihr Schluchzen nicht mehr halten. „Sehen Sie,“ ſpreche ich zu dem alten Soldaten, 113 „welchen Kummer Ihre Härte Ihrer andern Tochter bereitet.“ „Weine nicht, Rofine, weine nicht, mein Kind, um eine Schweſter, die Deiner Thränen nicht werth iſt— komm, umarme mich, mein Kind, die Du mein einziger, mein ganzer Troſt biſt.“ Roſa ſtürzt auf ihren Vater und umſchlingt ihn mit ihren Armen. Dieſer erwidert ihre Liebkoſungen mit den Worten: „Mein Kind, ich liebe Dich ja— Warum weineſt Du?“ „Ach— ich kann nicht anders!“ „Beruhige Dich— ich will verſuchen, ob ich ein wenig ſchlafen kann— dieſe Unterhaltung hat mich angegriffen. „Guten Abend, Bergeval; auf Morgen, mein Freund!“ Der Greis reicht mir die Hand; dann wendet er ſich ab und ſchließt die Augen. „Nur Muth,“ ſage ich zu Roſa, die mir mit einer herzzerreißenden Stimme antwortet: „Haben Sie es gehört, er will nicht einmal, daß von mir geſprochen wird.“ „Er verbietet es zwar; aber ich bin feſt über⸗ zeugt, daß er im Grunde des Herzens nicht böſe iſt, wenn man ſeinem Verbote trotzt.“ Auf dem keinen Vorſaale, der ſich vor dem Krankenzimmer befindet, treffe ich Roſine, die ängſtlich Carptin. III, 8 114 der Nachrichten harrt, die ich von ihrem Vater bringe und das Loos der Schweſter beneidet, daß ſie die Nacht bei ihm wachen kann. Theure Roſine! Welch' einen Schatz werde ich beſitzen Wenn ſie eine ſo gute Tochter iſt, wird ſie auch eine gute Gattin ſein. Der folgende Morgen trifft Herrn Meunier nicht mehr ſo ſchwach und angegriffen. Man ſollte glauben, daß er die Nähe Roſa's ahne. Jedesmal, wenn ſie mit ihm redet, ſcheint er unwillkührlich zuſammenzuſchaudern. Die arme Roſa hat die Nacht weinend am Bette ihres Vaters verbracht, am Morgen waren ihre Au⸗ gen roth und verweint. Obgleich ſie Alles aufbot, die Spuren der Thränen zu verwiſchen, ſieht der Greis ſeine Tochter an und ſpricht: „Was iſt Dir dieſen Morgen, Rofine? Ich glaube, Du haſt viel geweint, mein Kind!“ „O nein, lieber Vater.“ „Ich ſehe es ja— Du ſuchſt es mir vergebens zu verbergen. Warum grämſt Du Dich? Findeſt Du mich vielleicht kränker? Mir kommt es vor, als ob mir heute beſſer wäre, als geſtern— ich glaube ſogar, daß ich ein wenig ſtärker bin.“ „Es geht Ihnen beſſer, mein Vater? Ach, ich habe auch zu Gott gebetet, daß er Ihnen die Geſund⸗ heit wiederſchenke; ich habe ſo inbrünſtig gebetet, daß er mein Gebet hat erhören müſſen. 1¹5 „Warum haſt Du denn geweint? Haſt Du dich mit Deinem künftigen Gatten vielleicht ein we⸗ nig entzweit?— Das kann ich nicht glauben: Ber⸗ geval iſt ein braver Mann— er liebt Dich aufrichtig. Wenn ihr einen kleinen Streit gehabt habt, muß er ſchnell wieder beigelegt werden.“ „Durchaus nicht, mein Vater. Ich weiß, daß Bergeval ſeine Schwüre nicht verletzen wird.“ „Aus welchem Grunde aber haſt Du denn ge⸗ weint? Deine Augen ſind roth—“ „Mein Vater, wenn ich Ihnen die Urſach ſage, werden Sie mir zürnen.“ „Warum?— Rede— ich will es!“ Roſa ſtockt einen Augenblick, dan ſpricht ſie zit⸗ ternd: „Weil ich an meine Schweſter gedacht habe.“ Der Greis runzelt die Stirn und ſein Geſicht wird ernſt. Nach einigen Augenblicken antwortet er: „Woher kommt es denn, daß man ſeit geſtern ſo beharrlich von dieſer Perſon ſpricht? Du gehorch⸗ teſt mir doch früher beſſer. Warum beſchäftigen wir uns unaufhörlich mit Jemandem, der nicht einmal an uns denkt?“ „O, verzeihen Sie, mein Vater, ſie denkt wohl an Sie nnd erkundigt ſich immer nach Ihnen— Meine Schweſter iſt hier— ſie verlangt Sie zu ſehen— ſie will ſich zu Ihren Füßen werfen und 8* 116 Ihre Verzeihung erflehen— ach, ſie iſt ſehr un⸗ glücklich, weil Sie nicht einmal wollen, daß man von ihr ſpreche.—“ Bei dieſen Worten fährt der alte Soldat zu⸗ ſammen, eine lebhafte Röthe färbt ſeine abgemager⸗ ten Wangen und man ſieht, daß ſich eine ſtarke Be⸗ wegung ſeiner bemächtigt. In einem rauhen Tone antwortet er: „Sie iſt hier?— Sie bittet um Verzeihung? — Nein, nein, es iſt zu ſpät! Ich will Sie nicht ſehen! Ich will nicht mehr, daß man in meiner Ge⸗ genwart von ihr ſpreche— es macht mich unwohl!“ Dann wendet er ſich raſch ab, daß man ſein Ge⸗ ſicht nicht ſehen kann. Will er ſeinen Zorn oder ſeine Thränen verbergen? Von Schmerz überwältigt ſchweigt Roſa und weint. Still hinbrütend verbringt der Greis den größ⸗ ten Theil des Tages. Er will nichts zu ſich nehmen und ſcheint noch immer aufgebracht zu ſein Von Zeit zu Zeit indeß entquillen große Seuf⸗ zer ſeiner Bruſt und bekunden den Kampf, der in ſeinem Innern vorgeht. Roſa hat uns erzählt, was ſie dem Kranken ge⸗ ſagt hat. Ich verſpreche mir davon einen guten Er⸗ folg. Der Arzt, der eben eingetreten, iſt meiner Meinung. Rofine zittert, daß dieſe Bewegungen ihren Va⸗ 117 ter noch mehr ſchwächen; und doch wünſcht ſie auch, daßſer der Schweſter ſchon verziehen hätte. „Jetzt, ſpricht der Arzt zu Roſa,„haben Sie mit Ihrem Vater geredet; wir müſſen nun ein ent⸗ gegengeſetztes Mittel anwenden. Sprechen Sie kein Wort mehr, und warten Sie, bis er von ſelbſt auf dieſen Gegenſtand kommt.“ „Aber, mein Herr, wenn er nun nicht davon ſprechen wird?“ „Vielleicht! Die Kranken ſind wie die Kinder; ſie wollen nicht, daß man ihnen etwas vorſchlägt, aber ſie wünſchen das, was man ihnen nicht mehr anbietet.“ Der Doctor hatte recht. Gegen Abend wird der alte Soldat geſprächi⸗ ger; er redet mit ſeiner Tochter und mit mir. Zwar führt er das Geſpräch nicht auf Roſa, aber ich glaube, daß es ihm nicht unlieb ſein wird, wenn wir auf dieſen Gegenſtand zurückkommen. Wir vermeiden es jedoch. Aber ſchon ſcheint es mir, daß die Kur wirkt. Die Augen des Greiſes ſind klarer und lebhafter, er iſt bei Weitem nicht mehr ſo abgeſpannt, als Abends zuvor. Ich verlaſſe ihn, um Roſine meine Bemerkungen mitzutheilen. Ich bin feſt überzeugt, daß der Kranke nurmeine Abweſenheit erwartet, um mit der über Roſa zu reden, die er für Roſine hielt. 118 Und in der That, als der alte Soldat mit ſeiner Tochter allein iſt, ſcheint er wirklich darauf zu war⸗ ten, daß ſie ein Wort von ihrer Schweſter fallen laſſe. Als aber von ihrer Seite nichts geſchieht, be⸗ ginnt er die Unterhaltung; er winkt ihr, ſich an ſein Vett zu ſetzen und ſpricht in einem ſehr weichen Tone: „Haſt Du noch immer geweint, mein Kind? Du biſt ſo traurig.—“ „Nein, mein Vater, ich habe nicht geweint.“ „Ich fühle mich auch beſſer, und glaube, daß es es Dir Freude machen muß!“ „Ach ja, ſehr viel Freude!“ „Warum aber bleibſt Du ſo traurig? Ah, ich errathe— Du denkſt noch an Jemanden? Daran thuſt Du Unrecht— wir müſſen uns mit dieſer Per⸗ ſon nicht beſchäftigen.“ Roſa ſchlägt die Augen nieder und antwortet nicht. Dies ſcheint dem Greiſe nicht recht zu ſein; nach einigen Augenblicken fährt er fort: „Nein, wir dürfen nicht an ſie denken! Deine Schweſter verdient es nicht— wahrſcheinlich haſt Du mir geſagt, ſie ſei hier, um mir Freude zu ma⸗ chen— Aber es iſt wohl nicht wahr?— Sie denkt nicht mehr an ihren Vater!—“ „Mein, mein Vater,“ ruft Roſa,„ich habe Sie nicht belogen! Sie kommt noch jeden Tag.“ Der alte Soldat iſt ſichtlich bewegt; er ſtrengt aber alle ſeine Kräfte an, um es zu verbergen. Er antwortet: 1¹9 „Ach— ſie kommt— alle Tage Und was will ſie? Wonach fragt ſie?“ „Sie fragt nach Ihren Geſundheits⸗Umſtänden — ſie will Sie ſehen— ſich zu Ihren Füßen— Sie um Verzeihung bitten.—“ „Das will ſie?“ antwortet der Greis, indem er raſch feine Hand auf die Augen legt und thut, als ob er huſte. „Aber was könnte ihr das nützen, wenn ſie mich ſieht?— Sie fühlt ſich bei uns nicht mehr glücklich, da ſie gewohnt iſt, ein anderes Leben zu führen.—“ „Ach, mein Vater, ſie hat es lange ſchon aufge⸗ geben! Jetzt iſt ihr heißeſter Wunſch, bei uns zu leben und durch ihr Betragen ihre früheren Irrthü⸗ mer vergeſſen zu machen.“ „Hat ſie das geſagt Wirklich?“ „Sie ſind gerührt über ihre Reue— ich leſe es in Ihren Augen, mein Vater.—“ „Ob ſie auch ernſtlich bereuet? Doch nein, ich halte ſie nicht für fähig, jene Thorheiten aufzuge⸗ ben', die ihr größtes Vergnügen ausmachen. Sie würde nicht einen Tag am Bett' ihres kranken Va⸗ ters verleben können.“ Roſa hat nicht die Kraft, ſich länger zu verſtel⸗ len, ſie ſinkt vor dem Bette auf das Knie, ſtreckt ihrem Vater die Wme entgegen und ſtammelt „Seit zwei Tagen— iſt Roſa bei Ihnen— ſie hat Sie nicht verlaſſen—“ 120 „Roſa!“ ruft der Greis, indem er ſeine Blicke auf die Kniende richtet;„Roſa!— Du!— Sie! — Nein, nein, Du täuſcheſt mich— Du biſt Ro⸗ ſine— nur daß ich Deiner Schweſter verzeihe, haſt Du mir dies geſagt!“ In dieſem Augenblicke tritt Roſine mit mir hin⸗ ter die Thür; wir verlieren kein Wort von dem, was der Kranke ſpricht. Jetzt iſt der Augenblick ge⸗ kommen, ihm jeden Zweifel zu benehmen. Ich öffne die Thür und trete mit Roſine in das Zimmer. Als der Greis ſeine zweite Tochter eintreten ſieht, erlangt er die Gewißheit, daß Roſa vor ihm auf den Knien liegt; er ſtößt einen Schrei aus und ſinkt in ſein Bett zurück. Ich fürchte, daß eine ſo ſtarke Erſchütterung ihm ſchadet und eile zu ihm; aber Thränen netzen ſein Geſicht, er öffnet die Arme und ſpricht: „Meine Kinder— meine Töchter— kommt Beide zu mir, daß ich Euch an mein Herz drücke!“ Noch hat der Greis dieſe Worte nicht ausge⸗ ſprochen, als Rofine ſich in die Arme ihres Vaters ſtürzt; Roſa bleibt auf den Knien liegen, ergreift ſeine Hand und bedeckt ſte mit Küſſen und Thränen. Der Greis aber zieht ſie ſanft zu ſich empor und ſpricht: „Auch Du komm in meine Arme, nimm hier F Deinen Platz wieder ein; man liegt nicht mehr auf den Knien, wenn man ſeine Verzeihung erhalten hat.. 121 37. Etwas, was oft vorkommt. Glück und innerer Frieden ſind die beſten Arze⸗ neien. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn die Aerzte oft nicht im Stande find, uns zu heilen, denn der geſchickteſte Doctor kann nie auf das Recept ſetzen:„Alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll Glück.“ Seitdem Roſa zu ihrem Vater zurückgekehrt iſt, ſind einige Tage verfloſſen, und ſchon iſt der Greis im Stande, aufzuſtehen. Später geht er durch das Zimmer, indem er ſich auf eine von ſeinen Töchtern ſtützt und bald ſind Kraft und Geſundheit völlig zu⸗ rückgekehrt. Ich brauche wohl nicht zu ſagen, daß ich nun an die Beſchleunigung meiner Heirath denke, daß der brave Meunier meine Eile billigt und daß Rofine erröthend lächelt, wenn ich von den Einzelnheiten unſerer künftigen Wirthſchaft ſpreche. Roſa wohnt ſeit dieſer Zeit bei ihrer Schweſter, und wie ich glaube, will ſie ſich Roſine zum Muſter nehmen. Sie arbeitet fleißig und will nicht mehr aus⸗ gehen, am allerwenigſten, wenn der Vater ſie nicht führt. Wie oft noch wendet ſie ſich weinend ab und flüſtert „Ich bin nicht werth, an Ihrer Seite zu gehen; laſſen Sie mich das Haus bewachen, und führen Sie 122 meine Schweſter; auf ihren Arm können Sie ſich ſtützen, ohne zu erröthen.“ Der alte Soldat und Rofine müſſen die arme Roſa tröſten, die jetzt ſich ihres Betragens ſchämt, und willig die größten Opfer brächte, wenn ſie das Geſchehene ungeſchehen machen könnte. Feſt hat ſie der Schweſter erklärt, daß ſie am Tage der Trauung ſie nicht in die Kirche begleiten würde, weil ſie fürchte, unangenehme Störung her⸗ beizuführen, indem ſich leicht in der Menge Jemand befinden könne, der ſie von früher her kenne. Vergebens bemüht ſich Roſine, Roſa's Entſchluß zu ändern; als ſie ihren Zweck nicht erreichen kann, bittet ſie um meine Unterſtützung. „Wenn Sie bei der Trauung Ihrer Schweſter nicht zugegen ſind, werden Sie Ihren Vater betrü⸗ ben,“ ſpreche ich zu Roſa. „Denken Sie einmal, mein Herr, wenn ich von einigen in der Kirche wiedererkannt würde, die mich im Tilbury oder auf dem Balle Mabille früher ge⸗ ſehen hätten,“ antwortet Roſa ſeufzend,„denken Sie einmal, was man davon ſagen würde! Sie wiſ⸗ ſen ja, wie ſchlecht die Menſchen ſind. „Es giebt nur eins, was den böſen Zungen Schweigen gebietet und das Geſchehene vergeſſen macht wenn die Perſon, die früher Vergehen be⸗ gangen, Stand und Namen ändert. Ich aber werde nur immer Roſa ſein! Was ſoll aus einem Mäd⸗ 1²3 chen wohl werden, das ſo viel Thorheiten begangen hat?“ Ich kann Roſa nichts erwidern, denn ich fühle, daß ſie nicht Unrecht hat. Obgleich wir keine große Hochzeit machen, und nur ein Dutzend meiner Freunde an dieſem Tage bei uns ſehen wollen, wird der Greis doch nicht zufrieden ſein, wenn er ſeine beiden Töch⸗ ter nicht ſieht. Alles dies erzähle ich Carotin, mit dem ich zu einem Goldarbeiter gehe, um mein Portrait in ein Armband faſſen zu laſſen, das ich für Roſine be⸗ ſtimmt habe. Carotin hört mich ruhig an, kratzt ſich hinter den Ohren und ſpricht „Teufel, giebt es denn gar kein Mittel, die Sa⸗ che ſo zu arrangiren, daß Alles zufrieden geſtellt wird!“ „Ueberlege es, mein lieber Carotin, Du haſt ja ſchon manche gute Idee gehabt, denn die Bekehrung Roſa's verdanken wir Dir auch. Sage mir, was wir thun können, um nun auch ihre Vergangenheit gänz⸗ lich zu verlöſchen.“ „Sapperment! Das Mittel iſt ſehr einfach, wir müſſen ſie verheirathen!“ „Das wäre allerdings das Beſte. Aber wo fin⸗ den wir gleich einen Mann? Roſa hat Recht, ihre Thorheiten find zu bekannt. Sie hat aber vierzig Tauſend Franes Mitgift, denn der alte Meunier 124 hat beſchloſſen, die ererbte Summe gleichmäßig un⸗ ter ſeine beiden Töchter zu vertheilen, er will nur ſeinen Gnadengehalt für ſich behalten. In dieſer Be⸗ ziehung iſt ſein Entſchluß unwiederruflich.“ „Mit vierzig Tauſend Franes findet ein Mäd⸗ chen immer einen Mann, und wenn es die Wittwe der großen Armee wäre.“ „Wir können aber Roſa nicht an den erſten, beſten verheirathen, der da kommt, oder an einen liederlichen Menſchen, der das Ihrige verpraßt und ſie hernach wieder in's Unglück ſtürzt.“ „Das iſt es eben, weshalb ich mich nicht vor⸗ ſchlage. „Ich kenne mich, wenn ich vierzig Tauſend Francs vor mir hätte, würde ich nicht eher den Pinſel wie⸗ der berühren, bis Alles durchgebracht wäre.“ „Du haſt Recht, Carotin, Du darfſt Dich nicht verheirathen— Du haſt keinen Beruf dazu.“ „Und eine zu ſpitze Naſe.“ Wir ſetzen ſchweigend unſern Weg fort: jeder denkt an Roſa's üble Lage. Mit einem Male ergreift Carotin raſch meine Hand und ruft: „Heiliger Nepomuk! Ich hab's!“ Dann zeigt er mit dem Finger auf Jemanden, der uns entgegen kommt. Es iſt Herr Fournichon, der ſeine Farbe und Friſche verloren hat, aber immer noch unendlich fein 125 gekleidet iſt und ſeinem ganzen Weſen eine gewiſſe Melancholie zu geben ſucht. Ich verſtehe Carotin nicht, als er auf den Licht⸗ zieher zeigt, und ohne mir Zeit zum Ueberlegen zu gönnen, zieht er mich mit den Worten unſerer alten Bekanntſchaft entgegen: „Jetzt laß mich einmal machen, und begnüge Dich damit, meine Worte nicht Lügen zu ſtrafen.“ Wir nähern uns Herrn Fvurnichon, der, als er uns erblickt, fichtlich zuſammenfährt; er erholt ſich jedoch bald wieder und ſcheint für unſere Artigkei⸗ ten, womit wir ihn überhäufen, empfänglich zu ſein. „Guten Tag, Herr Fvurnichon,“ ruft ihm Ca⸗ rotin entgegen;„wie geht es mit Ihrer Geſundheit?“ „So, ſo, meine Herrn— nicht zum Beſten!“ „Sie ſind in der That etwas bleich und abge⸗ magert. Woher kommt das, Herr Fournichon?“ „Ach, man iſt nicht immer Herr ſeines Herzens — man mag raiſoniren, ſoviel man will!“ „Wem ſagen Sie das?— Wer iſt wohl Herr ſeines Herzens in dieſer Welt? Die Leute, die keines haben; und dieſe bilden den größten Theil der menſchlichen Geſellſchaft. „Nachdem, was Sie uns ſo eben ſagen, iſt Ihr Inneres verwundet. Sehen Sie meinen Freund, der iſt noch unglücklicher— er will ſich verheirathen.“ Ah, Sie verheirathen ſich, Herr Bergeval!“ antwortet Fournichon und ſieht ihn ängſtlich an. „Wenn ich nicht irre— ſo glaube ich— ſind Sie auch ein Anbeter von Mamſell Roſa geweſen— hei⸗ rathen Sie dieſe vielleicht?“ „Nein, Herr Fournichon; aber ſeit langer Zeit hat mich eine außerordentliche Aehnlichkeit, die zwi⸗ ſchen ihr und ihrer Schweſter herrſcht, getäuſcht; dieſe Letztere war es, die ich anbetete, und wenn Sie geſehen haben, daß ich gegen Roſa galant war, ſo kam es daher, weil ich ſie für Roſine hielt, die ich jetzt im Begriffe ſtehe, zu heirathen.“ Fournichon's Geſicht ward wieder freundlich, er drückt mir die Hand und ſpricht: „Ah, Sie heirathen die Schweſter— das iſt etwas Anderes! Ich mache Ihnen mein Compliment!“ „Ich nehme es an, mein Herr, denn meine künf⸗ tige Gattin iſt ein Engel von Milde und Tugend, ein wahrer Schatz, der mich hoch beglücken wird— deſſen bin ich gewiß.“ „Ja,“ ruft Carotin,„Mamſell Roſine iſt ein Engel, ſie beſitzt dazu alle Eigenſchaften; und bei Gott— wenn das ſo fort geht, wird Mamſell Roſa bald eben ſoviel werth ſein— zum Allermindeſten.“ „Mamſell Roſa,“ murmelt der Lichtzieher, in⸗ dem er ſich in die Lippen beißt;„ach, Herr Carotin, ich bitte Sie um Alles in der Welt, ſprechen Sie nicht von der— Sie ſtoßen von Neuem den Dolch in mein Herz— Ein Weib, das ich ſo liebte, daß ich jetzt bleich und abgemagert bin— handelt ſo an mir O es iſt unwürdig!“ 127 „Ich will Ihnen die Sache erklären,“ fährt Ca⸗ rotin fort;„dies kam daher, weil in dieſem Mäd⸗ chen eine gänzliche Veränderung vorgegangen iſt. Fragen Sie Bergeval, ob ich die Unwahrheit rede.“ „Mamſell Roſa hat jetzt auf alle Thorheiten und Vergnügen verzichtet. Sie iſt jetzt häuslich und ſittſam, bereuet und beweint ihre Verirrungen. Ja, mein Herr, ſie beweint ſie, und würde die Welt da⸗ rum geben, wenn ſie ihre Verirrunngen ungeſchehen machen könnte.“ Fournichon reißt die Augen auf, ſoweit ihm dies möglich iſt, ſieht mich an und ſtottert: „Was— iſt das die Wahrheit?“ „Ja, mein Herr,“ ſpreche ich mit ernſter Miene, „Roſine's Schweſter hat ihre Lebensweiſe geändert. Wundern Sie ſich nicht darüber. Ihr Vater iſt in Paris angekommen. Er iſt ein alter, braver Soldat, der vor Kummer und Gram geſtorben wäre, wenn Roſa ihrem Leichtſinne nicht abgeſchworen hätte. „Der Anblick ihres kranken Vaters hat ihr Herz gerührt, das nur verirrt war. Ich bin feſt überzeugt, daß ſie künftig nie mehr ihre Pflichten verletzen wird.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, mein Herr! In⸗ deß— ich glaube Ihnen,“ antwortet Fournichon mit bewegten Mienen. „Allen Sündern ſei vergeben,“ fährt Carotin fort,„und von dem Augenblicke ihrer Reue an iſt 128 es eben ſo gut, als ob ſie nie ſtrafbar geweſen wäre; fie ſteht ſelbſt noch im Vortheil, denn ſie hat die Er⸗ fahrung für ſich. „Wenn Mamſell Roſa ſich jetzt verheirathet, ſtehe ich dafür, daß ſie eine ausgezeichnete Hausfrau wird.“ Fvurnichon ſenkt den Blick zur Erde und ſcheint nachzudenken. Carotin fährt fort: „Herr Meunier wird leicht einen Mann für ſeine Tochter finden. Wir leben nicht mehr in dem Zeit⸗ alter der Vorurtheile und Dummheiten, wo man ein Mädchen nicht heirathen wollte, wenn ſie ein wenig leichtſinnig geweſen war. Darüber ſind wir weit hinaus, ſolche ſind jetzt Die geſuchteſten. Sapper⸗ ment, einem Weibe, das von ſich reden macht, läuft alle Welt nach und zankt ſich um ſie!“ „O, ich bin ganz Ihrer Meinung,“ antwortet Fournichon;„von Vorurtheilen können ſich nur ſolche blenden laſſen, die welche haben.“ „Sagen Sie Dummheiten, Herr Fournichon.“ „Ganz recht, Dummheiten.“ „Außerdem ſpricht auch noch ein kleiner Umſtand zu Roſa's Gunſten. Ihr Vater zahlt blank und baar vierzig Tauſend Franes als Mitgift.“ „Vierzig Tauſend Franes! ſchreit Fournichon, indem er mich anſieht, ob er Carotin auch glauben ſoll. „Ja, Herr Fournichon,“ antworte ich auf die⸗ 129 ſen Blick,„Roſa's Vater hat achtzig Tauſend Francs geerbt, und dieſe Summe will er unter ſeine beiden Töchter gleichmäßig vertheilen. Er begnügt ſich mit ſeinem Gnadengehalte.“ „Welch ein würdiger Vater Vierzig Tauſend Franes Eine hübſche Summe!“ „Mamſell Roſa wird ſchon einen Mann ſinden,“ fährt Carotin fort, zwei Stück haben ſich ihr ſchon vorgeſtellt; ſie hat ſie aber abgewieſen, was ihrem Vater gar nicht lieb war, der ſehnlichſt wünſcht, daß ſie ſich verheirathe.“ „Und weiß man, warum ſie die Anträge abge⸗ lehnt hat?“ fragt Fournichon ganz ſchüchtern. Carotin ſchnupft ſich die Naſe, räuſpert ſich, hebt die Augen gen Himmel, ſchüttelt einige Male den Kopf, und ſpricht, indem er jedes Wort betont: „O, ich errathe es— aus Liebe— und aus Gewiſſensſerupel über eine That— Sie denkt noch immer an einen Mann, der ihr Beweiſe ſeiner auf⸗ richtigen Liebe geliefert hat— ſie bedauert, ihn ſo ſchlecht belohnt zu haben! Das Bild dieſes Man⸗ nes ſchwebt beſtändig vor ihren Blicken.“ Herr Fournichon wechſelt in einer Minute vier WMal die Farbe. Endlich ergreift er Carotin's Arm und ſpricht: „Herr Carotin, ich habe einige Worte mit Ihnen zu reden, wenn Herr Bergeval einen Augenblick er⸗ laubt.—“ Carotin. III. 9 130 „Meinetwegen,“ antworte ich;, Carotin braucht mich nicht zu dem Goldſ chmidt zu begleiten; wir ſe⸗ hen uns dieſen Abend wieder.“ Ich entferne mich und laſſe Carotin mit Four⸗ nichon allein. 1 Bei meiner Rückkehr zu Roſine und ihrer Schwe⸗ ſter erwähne ich jedoch nichts von dieſem Vorfalle; ich will vor Allem erſt das Reſultat von Carotin's Unterredung erfahren. Aber kaum iſt eine halbe Stunde verfloſſen, als Carotin freudig angeſtürzt kommt. Er ſieht ſich um, ob Herr Meunier zugegen iſt; doch der alte Soldat iſt ausgegangen, um einige Einkäufe zu beſorgen. „Mademoiſelle,“ wendet ſich Carotin an Roſa, „ich komme, Ihnen einen Freier vorzuſchlagen Erſchrecken Sie nicht, ich bin es nicht; aber es iſt Jemand, der vor Luſt brennt, Sie zu heirathen.“ „Wozu dieſer Scherz, Herr Carotin?“ antwortet die beleidigte Roſa. „Es iſtkein Scherz, Mademoiſelle. Wir— näm⸗ lich Caſimir und ich— begegneten dieſen Morgen Herrn Fournichon, der ſich angelegentlich nach Ihnen erkundigte. Wir erzählten ihm frank und frei alles, was vorgefallen war. „Fomnichon hat Sie einſt geliebt und liebt Sie noch immer. Ich begreife wohl, daß ſeine Liebe Sie nicht rühren kann; aber der Lichtzieher bietet Ihnen den Titel Gattin an, und wünſcht heute noch bei h⸗ rem Vater um Ihre Hand zu werben. 131 „Bevor er jedoch dieſen Schritt thut, fand ich für rathſam, Ihre Meinung zuvörderſt zu vernehmen. Herr Fournichon iſt weder jung, noch ſchön, noch geiſtreich; aber er iſt ein braver Mann, und beſitzt ein hübſches Vermögen. „Sie kennen ihn ja, beſſer als ich, ich habe nicht nöthig, Ihnen ſein Portrait zu entwerfen. Wenn Ihnen der Vorſchlag nicht gefällt, ſo iſt die Sache abgemacht, wir reden nicht mehr davon und Ihr Zu⸗ künftiger wird ſich nicht einſtellen. Im günſtigen Falle wird er dieſen Abend kommen, um Herrn Meunier ſeine Bitte vorzutragen; er erwartet mich in einem Caffeehauſe.“ „Ich, die Frau Fournichons!“ ſpricht Roſa, die vor Ueberraſchung kaum zu ſich ſelbſt kommen kann. „Meine liebe Schweſter,“ ſagt Roſine,„wenn Du dieſen Herrn nicht liebſt, und Du glaubſt, daß dieſe Verbindung Dich nicht glücklich machen wird, ſo weiſe den Vorſchlag zurück, den man Dir ge⸗ macht hat.“ Im Gegentheil,“ ruft Roſa,„dieſe Heirath iſt für mich ein Glück, das ich nie zu hoffen gewagt. Als Gattin Fournichons kann ich mich neben Dir und meinem Vater wieder mit Ehren ſehen laſſen! Ich brauche nicht mehr zu fürchten, daß man fragt, wer ich bin. „Herr Carotin, ſagen Sie Herrn Fournichon, daß mich ſein Antrag ehrt, daß ich den Titel ſeiner 9* 132 Frau annehme, und daß meine einzige Sorge die Erfüllung meiner Pflichten als ſolche ſein wird.“ „Das wußte ich wohl,“ ruft Carotin, und giebt ſich einen Schlag auf den Allerwertheſten,„ich habe immer Glück in meinen Geſchäften. „Jetzt will ich meinen Heitaths⸗Kandidaten auf⸗ ſuchen— er muß drei Flaſchen Wein mehr bezahlen.“ Roſa kann die Wirklichkeit von dem, was mit ihr vorgeht, immer noch nicht faſſen; ſie will, daß, bevor Fvurnichon nicht ſelbſt ſeinen Antrag geſtellt hat, ihrem Vater nichts davon geſagt werde. Aber der alte Lichtzieher, der Roſa jetzt mehr, als je, liebt, läßt nicht lange auf ſich warten. Den⸗ ſelben Abend wird er durch Carotin eingeführt und vorgeſtellt. Herr Fournichon iſt in großer Toilette und hat ſich durch und durch einbalſamirt. Nachdem er ſeinen Namen und ſſeine Eigenſchaften genannt, bittet er den alten Soldaten um Roſa's Hand. Herr Meunier kann kaum die Freude unterdrü⸗ cken, die Fournichons Antrag in ihm bewirkt; in⸗ deß— er ſieht ſeine Tochter an und ſpricht: „Sie ſelbſt mag Ihnen antworten, mein Herr; ich will ihren Wünſchen und Neigungen keinen Zwang anlegen.“ Roſa reicht Fournichon ihre Hand. Dann ſpricht ſie „Mein Herr, hier iſt meine Hand; ich hoffe, 133 daß Sie mit Roſa zufrieden ſein werden, wenn ſie Ihre Gattin iſt.“ Fvurnichon ſchwebt in dem höchſten Himmel der Freude; er will ſein Entzücken ausdrücken, aber er kann den Satz nicht beendigen, den er angefan⸗ gen hat. Der alte Soldat iſt über Roſa's Heirath eben ſo entzückt, als Fournichon; es iſt ein Ereigniß, das er nicht zu hoffen wagte, und die kummervolle Ver⸗ gangenheit vergeſſen macht. In der That, eine Heirath iſt wie das Feuer; ſie reinigt Alles. Dieſe Begebenheit verzögert meine Verbindung mit Roſine noch um einige Zeit, denn ich ſehe wohl, daß beide Hochzeiten auf einen Tag gefeiert werden müſſen, um Allen Freude zu bereiten. Doch die Zeit verfließt raſch, und Fournichon hat Mittel gefunden, den Tag unſeres gemeinſchaft⸗ lichen Glückes zu beſchleunigen. Den Abend vor meinem Hochzeittage bringt mir meine Thürſteherin einen Brief. Ich hatte keinen er⸗ wartet, denn ſeit langer Zeit ſchon habe ich auf In⸗ triguen verzichtet; die Handſchrift kommt mir indeß bekannt vor. Ich öffne den Brief: er iſt von Ariane. Teufel! Das fehlte noch! Was mag ſie wollen? Es iſt ſchon über ſechs Monate, daß ich ſie nicht mehr geſehen habe. Leſen wir: 134 „„Mein Herr, ich glaube, daß ich das Unglück habe, ſeit ſechs Wochen ſchwanger zu ſein. Herr Chamvouillé, dem Civet über Ihr unwürdiges Betra⸗ gen die Augen geöffnet hat, klagt Sie als den Urhe⸗ ber dieſer Schandthat an. Obgleich ich beſſer weiß, als irgend Jemand, daß dies nicht der Fall iſt, bin ich dennoch höchſt aufgebracht über Sie. Wenn ich wirklich eine neue Frucht unter meinem Herzen trage, ſo zittern Sie Man ſagt, daß Sie ſich verheirathen! O die Unglückſelige! Wenn ſie ihren Zukünftigen ſo kennte, als ich! Doch gleichviel: ich verbiete Ih⸗ nen, ohne meine Einwilligung zu heirathen.““ Auf jeden Fall hat die arme Ariane den Kopf verloren. Ich zeige den Brief Carotin, der das Wort „Schandthat“ ganz am rechten Orte findet. Doch, ungeachtet Ariane's Verbot, bin ich Ro⸗ ſine's Gatte geworden und Fournichon hat ſeine Roſa geheirathet. Herr Fyurnichon will durchaus, daß ſeine Zu⸗ künftige am Hochzeitstage einen großen Strauß von Pommeranzenblättern tragen ſoll, und es giebt kein Mittel, ihm dieſen Gedanken auszureden. Carotin behauptet, der Mann müſſe ſich mit dieſem Strauße ſchmücken. Kurz, Alles hat ſich zum Beſten gewendet, und die beiden Schweſtern, die im Aeußern ſich ſo ähn⸗ lich ſind, ſind auch von Character ſich eben ſo ähn⸗ lich geworden. 135 Wir haben den alten Soldaten überredet, in Paris zu bleiben, und ſeine Tage abwechſelnd bei einer ſeiner Töchter zu verleben. Carotin iſt glücklich über unſer Glück. Aber er will ſich nicht verheirathen; ſein Leben ſoll nur unter Vergnügungen und Scherzen ver⸗ fließen, in die ſich mitunter auch gute Handlungen miſchen, deren er ſich aber nie rühmt, und ſo recht⸗ fertigt er das Sprüchwort: „Nur nach Fruchtbäumen wirft man Steine.“ Der 8 ꝛ — — + * — — S Novelle. —, 1. Die Ueberfahrt. Im September des Jahres 1793, Nachts gegen elf Uhr, paſſirten zwei Reiter den jähen Abhang, der von dem Dorfe Gennes nach der Lvire führt. Der Himmel war mit dichtem Nebel umzogen und ein feiner, eiskalter Regen durchdrang die dicken, koth⸗ beſpritzten Mäntel der Reiſenden. Ihre Pferde ſchie⸗ nen ſehr ermüdet zu ſein und ließen traurig die Köpfe hangen. Das Geſicht in die Falten ihrer Mäntel ge⸗ hüllt ritten die Reiter ſchweigend Einer hinter dem Andern. Nur von Zeit zu Zeit, wenn ein heftiger Windſtoß oder ein im Wege liegender großer Kie⸗ ſelſtein die Pferde ſtutzen machte, entſchlüpfte den Lip⸗ pen desjenigen, der voranritt, ein leiſes Fluchen. So durchritten ſie das Dorf. Keine gaſtliche Thůr öffnete ſich ihnen. Die Häuſer waren wie aus⸗ geſtorben, nur ein fernes Hundegebell unterbrach dann und wann die nächtliche Stille. Vor einem niedrigen, unanſehnlichen Hauſe, in deſſen Giebel der Wind ein Schild kreiſchend hin und herſchleu⸗ 140 derte, hielten die Pferde, als ob ſie ein gemeinſchaft⸗ licher Inſtinct leitete, plötzlich an. „Hier iſt der goldne Löwe,“ ſprach einer der Reiſenden in dem Augenblicke, als die Roſſe ſtill ſtanden.„Wollten der Herr Graf die Pferde hier ein wenig ruhen laſſen, während ich den Fährmann aufſuche?— Statt der Antwort gab der ſo Angeredete ſeinem Pferde die Sporen und ritt im leichten Galopp wei⸗ ter; der Andere folgte. Am Ende der Straße, welche jetzt die beiden Reiſenden hinabritten, erhob ſich ein unanſehnliches Haus— hier hielten ſie ſtill. Der Eine von ihnen ſtieg vom Pferde, warf ſei⸗ nem Gefährten den Zügel zu und klopfte mit der Fauſt an die in einem ziemlich ſchlechten Zuſtande ſich befindliche Thür. Aus dem Innern der Baracke ließ ſich zwar eine Stimme vernehmen, aber ſtatt der Antwort wünſchte ſie die Ueberläſtigen zum Teufel, die es wagten, den Schlaf zu ſtören, und die Thür blieb * verſchloſſen. „Jacob,“ rief der Reiſende, indem er ſtärker klopfte,„Jacob! Ich bin es!“ Keine Antwort. „Der Trunkenbold wird wieder eingeſchlafen ſein!“ Und ein kräftiger Fußtritt des g Reiters öffnete die verſchloſſene Thür. „He, Jacob, Faullenzer! Faſt eine halbe Stunte . 141 rufe ich ſchon,“ ſprach er weiter und trat mit dieſen Worten in das alte, verfallene Haus. Gleich darauf ſchimmerte ein Lichtſtral durch die halbgeöffnete Thür, und Jacob, halb angekleidet, näherte ſich der Schwelle. Mit Zeichen der höchſten Achtung grüßte er den ungeſtümen Gaſt, der ihn ſo unſanft aus ſeinen Schlafe riß. „Bei Gott und meiner armen Seele, Herr Graf, es iſt mir unmöglich, in dieſer fürchterlichen Nacht Sie an das jenſeitige Ufer zu bringen. Wenn ich Sie am hellen Tage bei ſolchem Wetter glücklich über⸗ ſetze, kann ich mir Glück wünſchen.“ Der Graf griff in die Taſche ſeines Reiſekleides, zog eine wohlgefüllte Börſe hervor, die er in die Hand des Fiſchers legte und ſprach in einem ent⸗ ſchiedenen und ſtolzen Tone: „Du wirſt auf der Stelle die Fähre losbinden und wirſt ſie bis an den Abhang ziehen, wo wir Dich erwarten. In einer Stunde muß ich am jenſei⸗ tigen Ufer ſein. Keine Widerrede! Ich geſtatte ſie nicht!“ Bei dieſen Worten blitzte dem erſchreckten Fiſcher der glänzende Lauf eines Piſtols entgegen. Zehn Minuten ſpäter ſtieß ein großes Boot mit drei Männern und zwei Pferden beladen vom Ufer und ſuchte langſam, indem es ſich mit Mühe den dichten Flußweiden entwand, die Mitte der Loire zu erreichen. Der Fluß bildet nämlich, wenn er über⸗ tritt, mehrere gefährliche Strömungen, die man 142 vermeiden muß, wenn man nicht mit jedem Augen⸗ blicke an einen Baumſtamm oder an einen emporra⸗ genden Felſen ſtoßen will. Nur beſchäftigt einer ſolchen Gefahr zu entge⸗ hen, wechſelten die kühnen Reiſenden kein Wort. Die Pferde— wie es ſelbſt die muthigſten auf dem Schiffe zu thun pflegen— ſtanden unbeweglich, in⸗ dem ſie die Köpfe dicht an einander hielten. Nach einigen gefahrvollen Augenblicken, wäh⸗ rend welcher die Barke, durch die ſtarke Strömung fortgeriſſen, öfter umzuſchlagen drohete, kamen ſie endlich über die letzte Reihe Bäume hinweg und ge⸗ langten glücklich in die offene Lvire. Wie ein Pfeil ſchoß das Fahrzeug dahin, das man nun nicht mehr nöthig hatte, zu leiten. Alle menſchliche Kraft wäre zu ſchwach geweſen, der Macht des Stromes zu widerſtehen. Die beiden Reiſenden legten ihre langen Ruder, mit denen ſie gearbeitet hatten, bei Seite und ſetzten ſich ſchweigend in das Vordertheil der Barke. Die Heftigkeit des Unwetters nahm zu, der Wind, der heulend aus den Bäumen und Felſen des Ufers über den Fluß ſchnob, bedeckte die Mäntel der unerſchrockenen Reiſenden mit einem feuchten Staube. Die Nacht war düſter und Unheil drohend; kein Stern glänzte am Himmel, kein Licht leuchtete am Ufer. Ein dicker Nebel lag auf dem Fluſſe, deſ⸗ ſen unruhige Wellen mit einem Klagegeheul ſich an einander brachen. 143 Nach einer halben Stunde dieſer gefahrvollen Fahrt ſtieß endlich das Voot an den Fuß des Ab⸗ hanges, der ungefähr einige hundert Schritte von Roſiers entfernt liegt. Die Reiſenden ſtiegen an das Land und ließen vorſichtig ihre Pferde folgen. „Jacob,“ ſprach der Graf, indem er die Hand des Fährmanns nahm,„es darf niemand erfahren, daß ich dieſe Nacht mit Dir über die Loire gegangen bin. Du kehrſt in Deiner Barke jetzt heim und in dem Augenblicke, wo Du an's Ufer geſtiegen biſt, überläßt Du ſie dem Strome, und gehſt ruhig in Deine Hütte. Morgen wird man glauben, daß der Sturm dieſe Nacht das Fahrzeug losgeriſſen und fortgeſchleudert habe. Bei Deinem Kopfe, ſei ver⸗ ſchwiegen! Bedenke, daß ich fern oder nah über Dich wache. Kein Wort mehr! Sei ſtumm, wie das Grab— Jetzt geh!“ Der Fiſcher, vor Froſt und Schrecken ſtarr, wagte kein Wort zu erwidern. Mit einem kräftigen Fußtritte ſchleuderte der Graf die Barke in den Strom zurück, dann ſtieg er zu Pferde und indem er die Richtung nach Roſiers einſchlug, entfernte er ſich vom Ufer, gefolgt von ſeinem hartnäckig ſchwei⸗ genden Begleiter. Es ſchlug zwölf, als die beiden Reiter in die Straßen des Marktfleckens einritten, die ſie durch⸗ eilten, ohne anzuhalten. Bei der Kirche angelangt, wendeten ſie ſich links und verſchwanden im Thale. D. Die Vermählung. Um das Jahr 1787 lebte zu Angers ein alter Negociant, der ein beträchtliches Vermögen beſaß. Er wohnte in einem ſeiner Häuſer am Place⸗Neuve und führte ein einfaches, zurückgezogenes Leben. Jacob Brillaut ging wenig aus; in der Regel nur geſchah es, wenn er ſeine Tochter in die Kirche Saint⸗Maurice zur Meſſe führte, oder wenn er ein kleines Landhaus beſuchte, das er in der Nähe der Stadt beſaß, um dort den Sommer zu verleben. Herr Brillaut hatte wenig Umgang; außer ei⸗ nigen alten Freunden, mit denen er Abends eine Partie Piquet ſpielte, betrat faſt Niemand ſein Haus. Johanna Brillaut, ein reizend ſchönes junges Mädchen, ſchien die faſt thörigte Liebe ihres Vaters zu verdienen. Ihre Züge waren voll Geiſt und An⸗ muth, und in den großen dunkelblauen Augen ſpie⸗ gelte ſich die Güte ihrer Seele und die fröhliche Un⸗ ſchuld ihres Alters. Ihre einzige Freude war, die Meſſe in Saint⸗Maurice Sonntags hören zu können und ihre einzige Zerſtreuung der Beſuch von den Freunden ihres Vaters. Seit einigen Monaten war jedoch ein junger Mann in dieſe höchſt achtbare Familie eingeführt— 145⁵ Julius Hervey, Sohn eines Aſſpeié's des Herrn Brillaut, der in jüngſter Zeit durch unglückliche Spe⸗ culationen ſich gänzlich zu Grunde gerichtet hatte. Julius Vater war kürzlich geſtorben und hatte auf dem Sterbette ſeinen Sohn Herrn Brillaut's Fürſorge anvertraut. Als Vormund des jungen Mannes hatte der alte Negociant, ſeiner bisher treu gebliebenen Ge⸗ wohnheit zuwider, Julius den Zutritt in ſein Haus geſtattet. Julius war aber dieſes auszeichnenden Vertrauens würdig, denn ſeine Erziehung ſowohl, als ſein gutes Herz erwarben ihm die Liebe und Ach⸗ tung Aller derer, die ihn kannten. Julius ſah Johanna, und es bedurfte nicht lan⸗ ger Zeit, um in ſeinem Herzen die heftigſte Leiden⸗ ſchaft für ſie zu entzünden. Er liebte ſie ohne Hoff⸗ nung, ohne Ziel, faſt ohne es ſelbſt recht zu wiſſen; er liebte ſie, wie man den geſtirnten Himmel liebt, wie man Alles liebt, was gut und ſchön iſt. Er wußte, daß Johanna reich war, und nie war in ihm der Gedanke aufgeſtiegen, daß ſie ihm einſt angehören könne. Mit Schmerz, aber auch mit Er⸗ gebung erblickte und erkannte er die große Kluft, die der Reichthum zwiſchen ihnen bildete; er war glücklich, wenn er ſie jeden Tag ſehen und ihre ſüße Stimme vernehmen konnte und bat den Him⸗ mel um nichts, als um lange Dauer dieſes friedlichen Glückes. Johanna liebte Julius, wie ſie ihren Bruder Graf v. Porteau. 10 146 geliebt haben würde. Ihre züchtige Vertraulichkeit und Fröhlichkeit in ſeiner Gegenwart, ihre Ruhe in ſeiner Abweſenheit hatten in Herrn Brillaut ſchon ſeit langer Zeit die Sorgen verbannt, die der Ge⸗ danke an die Folgen des Umgangs dieſer beiden jun⸗ gen Leute in ihm erwecken mußte. Nichts trübte den Frieden dieſer ſtillen Häus⸗ lichkeit. Wie ſchon geſagt, ging Johanna mit ihrem Vater jede Woche in die Cathedrale, um die hohe Meſſe zu hören. Eines Sonntags, als der alte Ne⸗ gociant ſpäter, wie gewöhnlich ſein Haus zu dieſem Zwecke verließ, fand er am Portal der Kirche eine große Menſchenmenge; die Zugänge waren verſperrt und es war unmöglich, in das Schiff der Kirche zu kommen. Ungeachtet Johanna's Bitten, heimzukeh⸗ ren, wollte er ſich dennoch bis zu der Bank drängen, die für ihn aufbewahrt war. Es war der Oſter⸗Sonntag; die Gläubigen waren in großen Schaaren herbeigeeilt, um einen berühmten Prediger zu hören. Mit dem Ungeſtim ſeines Charakters ſtieß der Greis diejenigen zur Seite, die ſich ihm hindernd in den Weg ſtellten, und war ein Ausweichen in dem großen Gedränge unmöglich, überhäufte er ſie mit Schimpfworten und beleidigen⸗ den Ausdrücken. Vor Angſt und Schrecken über dieſen Auftritt ward Johanna hochroth, und ſchien in dieſem Au⸗ genblicke noch tauſend Mal ſchöner als ſonſt zu ſein. 147 Der große Haufen, der die Thür umlagerte, ver⸗ gnügte ſich an der Verlegenheit und Angſt des armen Mädchens und bot alles auf, ihre peinliche Lage zu vergrößern. Herr Brillaut, bleich vor Zorn, wollte eben zum Aeußerſten ſchreiten, als ein junger Mann, in das elegante Coſtüm der Carabiniers der Königin gekleidet, die Menge theilte und den Arm des be⸗ ſtürzten jungen Mädchens mit den Worten nahm: „Platz, unverſchämtes Volk!“ und eine drohende Bewegung ſchien ſeinen Worten Nachdruck geben zu wollen, wenn ihnen nicht Folge geleiſtet würde. Murrend theilte ſich die Menge. Mehr als ein gehäſſiger Blick fiel auf den kühnen Cavalier, der ganz unbekümmert langſamen Schrittes Vater und Tochter an die Thür der Kirche geleitete. Dort an⸗ gelangt reichte er der beſtürzten Johanna das Weih⸗ waſſer, höflich und mit überaus feinem Anſtande grüßend entfernte er ſich dann und durchſchritt kühn die Menge, die ihm unter leiſen Drohungen Platz machte. Abends, in dem Augenblicke als Herr Brillaut, noch ganz bewegt von dem Auſftritte am Morgen, ſich zu Tiſche ſetzen will, tritt eine alte Magd be⸗ ſtürzt in das Zimmer und meldet ihrem Herrn, daß der Herr Graf von Porteau ſich ihm vorzuſtellen wünſche. Der Graf von Porteau war der junge Cavalier, der am Morgen Vater und Tochter durch das Ge⸗ dränge zur Kirche geleitet hatte. Mit großer Liebens⸗ 10* 148 würdigkeit erkundigte er ſich, ob das Ereigniß vor der Cathedrale ohne unangenehme Folgen für Fräu⸗ lein Brillaut geblieben ſei, bat um die Erlaubniß, ſeinen Beſuch wiederholen zu dürfen, und einen Mo⸗ nat ſpäter, als Julius von einer Reiſe nach Paris zurückkehrte, wo er ſein Eramen als doetor juris abgelegt, rief Johanna, als ſie ihn von Ferne be⸗ merkte, mit Freude ſtrahlendem Geſicht ihm ent⸗ gegen: „Julius, welch ein Glück! Ich werde Gräfin— Ich verheirathe mich!—“ Der arme junge Mann erbleichte bei dieſen fürch⸗ terlichen Worten, ein Flor umzog ſeinen Blick, er wankte— aber alle ſeine Kräfte zuſammennehmend kam er wieder zu ſich, um die grauſame, vor Freude aufjauchzende Johanna erzählen zu hören, was ihr mit dem Grafen begegnet, daß er öfter Beſuche ab⸗ geſtattet und zuletzt um ihre Hand angehalten habe. Acht Tage ſpäter führte der Graf von Porteau Johanna Brillaut vor den Altar der Cathedrale, wo er ſie aus der Hand des Prieſters zur Gattin empfing. Tags darauf ſtieg das junge Ehepaar in einen Reiſewagen und begab ſich auf das Schloß Porteau, das einige Meilen von Angers in der Gegend von Beaufort liegt. Dies war Johanna's erſter Kummer, denn ſie mußte ſich von ihrem Vater trennen, den ſie ſo zärt⸗ lich liebte, ſie mußte ihr Haus verlaſſen, in dem ſie 149 die Zeit ihrer Jugend ſo glücklich verlebt hatte, ſie konnte endlich den guten Julius nicht mehr ſehen, der ihr wie ein Bruder ergeben war. Schon ſeit ſechs Tagen hatte ſie ihn nicht geſprochen, denn ein heftiges Fieber, das er, wie Herr Brillaut meinte, auf der Reiſe nach Paris ſich zugezogen habe, feſſelte ihn an das Bett. In dem erſten Briefe, den der alte Negociant an ſeine Tochter ſchrieb, zeigte er ihr an, daß Julius plötzlich verſchwunden ſei, um Soldat zu werden. Dies war abermals eine kummervolle Nachricht für Johanna. 3. Der Verrath. Der Graf von Porteau zählte fünfundzwanzig Jahre und war einer jener lockern Geſellen der gro⸗ ßen Welt, für die das Leben kein Geheimniß mehr bietet. Er beſaß einen hochfahrenden, ſtolzen Cha⸗ rakter, war dabei ſehr albern und ausgelaſſen, ſo daß ſeine Tollheiten und ſeine übermäßige Ver⸗ ſchwendung in der Hauptſtadt viel Aufſehen erregten. Er machte einen ungeheuern Aufwand; ſeine Livreen und ſeine Pferde waren die koſtbarſten in der Reſi⸗ denz. Oft war er in ſehr entehrende Liebesgeſchich⸗ ten verwickelt, und mehr als ein Mal zog ihn ſeine 15⁰ in der That grenzenloſe Unverſchämtheit aus gefähr⸗ lichen Abenteuern. Mit einem Worte, ſeine ſcandalöſen Orgien und ſein Betragen machten ein ſolches Aufſehen, daß eine Ordre des Königs ihn vom Hofe und zu ſeinem Regimente verwies, das damals in Saumur in Garniſon lag. Mit einer zerrütteten Geſundheit und einem bis auf ein Viertheil zuſammengeſchmolzenen Vermögen war der Graf aus Paris zurückgekehrt. Er wohnte ſeit ſechs Monaten in Anjou, als der Zufall ihn Herrn Brillaut den Dienſt leiſten ließ, den wir be⸗ reits berichtet haben. Johanna's Schönheit hatte ihn mächtig ergrif⸗ fen; als er erfuhr, daß das junge Mädchen ein be⸗ trächtliches Vermögen beſitze, entſchloß er ſich, ſie zu heirathen und hielt bei dem Vater um ihre Hand an. Der gute Brillaut war durch dieſen glänzenden Antrag verblendet. Seine Tochter als Gräfin zu ſehen, hatte er ſich nicht träumen laſſen, und freudig gab er ſeine Einwilligung zu dieſer Heirath. Das Glück Johanna's war aber von kurzer Dauer. Der Rang und die Eleganz des Grafen von Porteau hatten das unſchuldige Kind verleitet. Sie kannte nur den äußern Glanz der Heirath, nur die ſichtbaren Freuden derſelben. Ihr ganzes Glück be⸗ ſtand zu jener Zeit nur in einem prächtigen Pallaſte, glänzenden Toiletten und reichen Equipagen. Außer dieſen ſah ſie nichts. Sie fühlte ſich geſchmeichelt, 151 daß der Graf ſeine Blicke auf ſie geworfen hatte, auf das beſcheidene, unbekannte junge Mädchen, da er doch ſtolzen und hochſtehenden Schönheiten ſeine Huldigungen darbringen konnte. Nit einem Worte, ſie glaubte, der Graf habe ſie ohne Intereſſe, nur aus Liebe zur Gattin gewählt. Die ſanfte, liebevolle Zärtlichkeit Johanna's, ihre Schönheit und Jugend übten einen glücklichen Cinfluß auf das zerriſſene Herz ihres Gatten aus. Er hatte ſich vorgenommen, ſie mit derſelben Zärt⸗ lichkeit zu lieben, mit der ſie ihm zugethan war. Jede andere Frau als Johanna hätte den phyſiſchen Trieb und den frivolen Geſchmack des Grafen be⸗ herrſchen können; aber Johanna war zu jung, zu unerfahren, um jene Geheimniſſe der Koketterie an⸗ zuwenden, die eine dem Erlöſchen nahe Flamme wie⸗ der anzufachen vermögen. Sie wußte nur zu lieben, und deshalb war ihr Reich nur von kurzer Dauer. Bei Gelegenheit einer Reiſe, die ſie mit ihrem Gemahl nach Saumur machte, um einem Feſte bei⸗ zuwohnen, das man dem Kaiſer Joſeph zu Ehren veranſtaltet hatte, der damals Frankreich bereiſte, ſah Johanna auch die kleine Gewalt ſchwinden, die ſie über ihren Gemahl erlangt hatte. Der Graf traf dort viele ſeiner alten Genoſſen an, und mit ihnen tauchten Gewohnheiten und Wün⸗ ſche wieder auf, die er in Johanna's Umgange ver⸗ geſſen hatte. Er widerſtand eine Zeit lang; aber nach und 152 nach trug ſein eigentlicher Charakter den Sieg da⸗ von. Seine Freunde klagten ihn des Geizes an, den er mit den Thalern ſeiner Frau ausübe— und bald kam er zu der alten Verſchwendung und zu hohem Spiele zurück. Man machte die Liebe Johanna's lächerlich und tadelte ihn, daß er ſeine Frau anbete— und bald knüpfte er kleine Liebes⸗Intriguen an. Kurz, er wurde wieder der Alte und ergab ſich auf's Neue den Ausſchweifungen der Jugend. Eine heilige Scham und eine züchtige Unkennt⸗ niß mit der Welt, in deren Mitte ſie lebte, bewahr⸗ ten Johanna's Ruhe und Frieden. Geſchäftige Hände riſſen aber die Binde von den Augen des unglücklichen Kindes: ſie lernte die Verbrechen ihres Gatten kennen. Sie wollte noch zweifeln, wollte ſich ſelbſt täu⸗ ſchen; aber von allen Seiten kamen die Beweiſe und bekundeten die Wahrheit nur zu deutlich, daß ihr nichts mehr blieb, als ihre Thränen. Sie verſuchte es, ſich zu beklagen und ihrem Manne leiſe Vorwürfe zu machen; aber er trat ihr mit Spott oder Härte entgegen. Johanna war gut und nachſichtig; aber ihre Schüchternheit war weder Schwäche noch Mangel an Character. Das Betragen ihres Mannes hatte ſie ſchwer verletzt. Nach der unſchuldigen Meinung ihres Herzens hatte ſie ihrem Gatten das Edelſte, das Beſte geweihet; ſie gefiel ſich, in ihrem Manne 153 hochherzige und ſchöne Eigenſchaften zu bewundern; ſie glaubte, ihn zu dem glücklichſten der Sterblichen gemacht zu haben. Wie groß, wie ungeheuer war jetzt der Fall aus dieſem Himmel. Eine verachtende Bitterkeit bemächtigte ſich des Herzens der verrathenen, betrogenen Frau, und mehr als Gleichgültigkeit vertrat die Stelle der Zuneigung, die für den Grafen in Johanna's Herzen gewohnt hatte. Aber zu ſtolz, um ihren Schmerz zur Schau zu tragen und unnütze Reclamationen ergehen zu laſſen, verſchloß ſie ſich ruhig in das Schloß Porteau und kümmerte ſich nicht um ihren unwürdigen Gatten, der ſich den ſchändlichſten Leidenſchaften frech ergab. 4. Das Begegnen. Es waren bereits fünf Jahre verfloſſen, daß Jo⸗ hanna in dem alten Schloſſe Porteau einen Zufluchts⸗ ort gegen ihren Schmerz geſucht. Während dieſer Zeit hatte ſich Vieles ereignet. Die Revolution, dieſe finſtere, Verderben bringende Göttin hatte ſich ſcho⸗ nungslos des alten Königreichs bemächtigt und in jenem ungleichen Kampfe den morſchen Thron der Bourbonen unter ihrem ſiegreichen Fuße zertreten. Ludwig XVI. hat die Vergehen ſeines Stammes mit ſeinem Kopfe bezahlt. Während der franzöſiſche 154 Adel prahlend ſich in Europa umhertrieb, conſtituirte ſich die Republik. Bei der Nachricht von dem Tode des Königs erhob ſich in der Vendée plötzlich ein Aufſtand, der durch einige Landedelleute im Geheimen vorbereitet war und ſich auf Intereſſen baſirte, die das Land nicht verſtand, nicht einmal die ſeinigen waren. Der Graf von Porteau war einer der Erſten, der dem Beiſpiele der franzöſiſchen Fürſten folgte und auswanderte. Seitdem Johanna ihn verlaſſen hatte, war er in ſeinen Ausſchweifungen ſo weit ge⸗ gangen, daß ein energiſches Einſchreiten des Herrn Billault erfolgen mußte, um Johanna's Vermögen nicht gänzlich in der hren Verſchwendung unter⸗ gehen zu ſehen. Uebrigens hatte der Graf durchaus nichts unter⸗ nommen, um ſich ſeiner Frau wieder zu nähern, er hatte ſogar keine Gelegenheit ungenützt vorübergehen laſſen, um ihr ſeine Gleichgültigkeit und ſeine Ver⸗ achtung an den Tag zu legen. So hatte Johanna fünf lange Jahre verlebt. IEhr Schmerz hatte den höchſten Gipfel erreicht, faſt mußte ſie unterliegen; aber mit achtzehn Jahren hat die Natur noch eigene, unbekannte Hülfsquellen, neben denen jede Kunſt ohnmächtig erſcheint. Johanna ward dem Leben zurückgegeben. Dieſe Kriſis heilte ſie voll⸗ kommen von ihrer Leidenſchaft für den Grafen. Er flößte ihr nur noch Mitleiden ein. Johanna übertrug ihre Herzensgüte auf die Un⸗ 15⁵ glücklichen, welche ſie umgaben. Die Bevölkerung des Thales von Authion wird jedes Jahr durch ein bös⸗ artiges Fieber heimgeſucht: Johanna war der Schutz und die Hülfe dieſer Unglücklichen; hier half fie mit Rath und Troſt, dort mit Geld und Lebensmitteln, je nachdem es die Umſtände erheiſchten. Unter dem Strohdache ungeſunder Hütten ſaß die gute Gräfin an dem elenden Lager todtkranker Menſchen. Durch tröſtende Worte wußte ſie den ge⸗ ſunkenen Muth wieder zu erheben und die Leiden zu mildern. Von Allen, die ſie umgaben, war ſie geliebt, ja, man könnte ſagen, angebetet. Das ſeit zehn Jahrhunderten unterjochte und im Elend lebende Volk ſtand auf, um an dem Adel, deſſen harter Bedrückung es überdrüſſig war, blutige Rache zu üben und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Johanna's Schloß aber und ſeine Bewohner waren geachtet; die ganze Landſchaft ſtand auf und vereinigte ſich, um die, gute Gräfin,“ wie man ſie allgemein nannte, zu ſchützen und zu vertheidigen. Der Aufſtand in der Vendeée hatte indeſſen um ſich gegriffen. Schon waren feindliche Truppenabthei⸗ lungen über die Lvire gegangen. Der Bund ſah ein, daß der Augenblick gekommen war, auf die zerriſſene Monarchie und ihre Anhänger einen entſcheidenden Streich zu führen und die Trup⸗ pen aus der Garniſon Mainz unter Weſtermanns und Klebers Befehl waren nach Weſten vorgerückt. 156 Es war im Juli des Jahres 1793, als die Gräfin eines Abends von einem Beſuche bei armen, kranken Leuten aus der Nachbarſchaft in ihr Schloß zurück⸗ gekehrt war. Ein furchtbares Gewitter war heran⸗ gezogen und entlud ſich in der Gegend des Schloſſes. Johanna hatte ſich hinter eines der verſchloſſenen Fenſter ihres Salons geſetzt, um dies großartige Schauſpiel des Himmels zu betrachten, der auf Augen⸗ blicke einem Feuermeere glich, als ſich plötzlich das Geräuſch von Trommeln vernehmen ließ. Eine Ab⸗ theilung Republikaner rückte in das Schloß ein und ſtellte ſich im Hofe in militairiſcher Ordnung auf. Der Officier, der dieſe Truppenabtheilung be⸗ fehligte, wandte ſich der großen Treppe zu, die zu dem Haupteingange des Schloſſes führt, und einen Augenblick ſpäter meldete ein alter Diener der Gräfin, daß der Commandant Herveh mit ihr zu ſprechen begehre. Der Officier trat ein. Er war ein junger Mann von kriegeriſchem An⸗ ſehen, trug einen langen Bart und, nach damaliger Mode, kurz geſchnittene Haare. Mit großer Höflichkeit grüßend, deren man ſich bei ihm nicht verſehen hätte, trat er der Gräfin näher. „Bürgerin,“ ſprach er ein wenig ſtockend und, wie es ſchien, eine innere Bewegung unterdrückend, „wollten Sie wohl die Dienerſchaft entfernen; was ich Ihnen zu ſagen habe, dürfen nur Sie allein hören.“ 157 Erſtaunt über die Artigkeit und die anſcheinende Bewegung des jungen Officiers, ſowie überhaupt über das edle Betragen, das in dieſem Zeitalter der Freiheit und Gleichheit ſehr ſelten und durch rohe Zügelloſigkeit verdrängt war, entläßt die Gräfin mit einer Handbewegung ihre Diener. „Reden Sie, mein Herr, ich bin bereit, Sie an⸗ zuhören,“ antwortet ſie hierauf. „Iſt es denn möglich, Madame, daß Sie mich nicht wieder erkennen! Johanna, haben Sie mich denn ganz vergeſſen?“ „Mein Herr, wer ſind Sie,“entgegnete die er⸗ ſchreckte Gräfin,„was wollen Sie von mir?“ „Selbſt meinen Namen haben Sie vergeſſen,“ fährt der junge Officier ſchmerzlich fort,„denn ich habe ihn vorhin anmelden laſſen, und Sie blieben ruhig und ſtumm, Sie reichten dem Gefährten Ihrer Jugend, dem Genoſſen Ihrer kindlichen Spiele keine Schweſterhand, Sie kennen Ihren älteſten Freund nicht mehr!“ „Julius!“ rief die Gräfin in freudiger Ueber⸗ raſchung und warf ſich weinend in die Arme des jungen Officiers, deſſen bleiche Wangen eine leichte Röthe überzog. 15⁵⁸ 5. Julius Hervey. Es war Julius Julius, der ſtille Verehrer Jo⸗ hanna's, den wir in der Officiersuniform der frei⸗ willigen Republikaner wiederfinden. Wir glauben nicht nöthig zu haben, dieſe Ver⸗ änderung näher zu berichten. Jeder wird errathen, daß der im Jahre 1787 Angeworbene, nachdem er in der königlichen Armee eine harte Lehrzeit des Soldatenhandwerks überſtanden, in der Armee der Republik bald eine Stellung hat einnehmen müſſen, die ſein Muth und ſeine Talente verdienen. Die Nachricht von Johanna's Vermählung mit dem Grafen hatte Julius Herz mit tiefem Schmerze erfüllt. Er liebte das junge Mädchen mit faſt poeti⸗ ſcher Begeiſterung. Seine ehrgeizigſten Träume ver⸗ ſtiegen ſich nicht bis zu dem Gedanken, daß er einſt ſo glücklich werden würde, Johanna als Gattin zu beſitzen. Er liebte ſie, und dieſe Liebe war ſein Glück, er wünſchte nichts mehr. Sie täglich ſehen und im Schooße dieſer Familie zu leben, die die arme Waiſe ohne Verwandte und Freunde ſo liebevoll aufge⸗ nommen, war ein ſo hohes Glück für ihn, daß er der Vorſehung dafür dankte. Wenn er mitunter Johanna's ſüße Stimme hörte, wenn er ihrem ſanften Blicke begegnete und die An⸗ 159 muth, die Schönheit von Brillauts Tochter betrach⸗ tete, dann fühlte er ſein Herz raſcher ſchlagen und das Blut heftiger durch ſeine Adern kreiſen, aber er hatte nicht den Muth, ſich zu geſtehen, daß es die Liebe war, die ihn erfüllte, und mit jenem unerſchüt⸗ terlichen Vertrauen auf das Schickſal, das alle Lie⸗ benden verblendet, ſchien er zu glauben, daß dies Glück ewig dauere; er hegte keinen andern Wunſch. Ein Wort, ein einziges Wort hatte dies ganze, ſchöne Glück zerſtört. Johanna vermählte ſich einem Andern! Er hatte nichts als ſeine Thränen, ihm blieb nichts zu wünſchen, als der Tod. Jugend und Körperkraft beſiegten die Krankheit, die ſich ſeiner bemächtigt hatte. Als er aber genas und den verzweifelten Blick um ſich ber ſchweifen ließ, ſah er ſich allein auf der großen, ſchönen Welt unglücklich und verlaſſen, denn der unerbittliche Tod hatte ihn auch ſeines Vaters beraubt. Alle ſeine Hoff⸗ nungen waren vernichtet, ſeine Liebe war verrathen, nur der Tod ſchien ihm der einzige zu erſehnende Freund zu ſein. Er bedauerte, daß das Fieber ihn verſchont und nicht von ſeinen Leiden befreit habe. Edle Grund⸗ ſätze und ein hoher Grad geiſtiger Bildung ließen ihn nicht Hand an ſich ſelbſt legen; er faßte den Ent⸗ ſchluß, in die Reihen der Armee zu treten, wo er einen ſeiner würdigen Tod zu finden hoffte. In einem Regimente, das nach Guadeloupe be⸗ ſtimmt war, nahm er Dienſte. Nachdem er Tauſen⸗ 160 den von Gefahren entgangen, nachdem er ſich oft, aber vergebens, dem Tode kühn entgegengeſtellt, kehrte er mit dem Ueberreſte ſeines Regimentes in den erſten Tagen des Jahres 1798 nach Frankreich zurück. Er nahm damals den Rang eines Sergeanten ein. Die großen Ereigniſſe jener Zeit, die wie ein Fieber die Köpfe bis zum Wahnſinn erhitzten, waren auch an ihm nicht ſpurlos vorübergegangen; mit un⸗ gewöhnlichem Feuer warf er ſich in die Mitte des Volkes und als einer der Erſten vertheidigte er die Unabhängigkeit ſeines Vaterlandes. Da bewährte ſich die Energie ſeines Charakters, ſeine hohen militairifchen Fähigkeiten ſtellten ſich ſo glänzend heraus, daß er in kurzer Zeit den Grad der Subalternen hinter ſich ließ und zu dem eines Com⸗ mandanten avanecirte. Er ward mit den Bataillonen aus Mainz in die Vendeée geſandt und von ſeinem General dazu be⸗ ſtimmt, das Schloß Porteau zu beſetzen. So kam er in das Schloß der überraſchten Johanna, die ſeiner längſt 6 mehr gedacht hatte. 6. Der Gemahl. Seit drei Monaten iſt Julius in dem Schloſſe Porteau. Die Gräfin iſt aber nicht mehr die Johanng aus alten, vergangenen Tagen; ſie iſt nicht mehr das 161 luſtige, junge Mädchen, das ſo fröhlich in die Welt eilt und ihr Herz allen ſchönen Regungen ſo bereit⸗ willig öffnet. Unglück und Erfahrung haben ihrer Schönheit einen ernſten Charakter und einen rührenden Zug von Melancholie aufgedrückt. Die Dornen des Lebens haben das arme Kind verwundet, und eine mißtraui⸗ ſche Kälte hat die kindliche Hingebung der ſo arg Verrathenen vertrieben. Ihre Freude, Julius wiederzuſinden, war groß, denn ſie hatte ſich daran gewöhnt, ihn als einen ver⸗ lornen Freund und Bruder zu bedauern. Johanna hatte keine Ahnung von Julius Liebe; ſie wußte nicht, daß ſie den Entſchluß in ihm hervor⸗ gerufen, Soldat zu werden, ſie ſchrieb ihn vielmehr ſeinem Berufe zum Kriegshandwerke zu und daß die Liebe zur Sache ſelbſt ihn zu dieſem Schritte getrie⸗ ben habe. Für ſie war der junge Commandant Her⸗ veh immer noch der junge Student, den ihr Vater gaſtlich in ſein Haus genommen hatte, immer noch der Tiſchgenoſſe im kleinen Hauſe am Place⸗neuve. In dieſer langen, ununterbrochenen Wiederver⸗ einigung war das rauhe Soldatenherz wieder weich geworden— die alte Liebe war wieder erwacht, Julius liebte Johanna mit derſelben Schwärmerei, wie frü⸗ her; aber die offene Freundſchaft, mit der ſie ihm entgegenkam, das ſchweſterliche Vertrauen, mit dem ſie ihn umfing, verſchloß den Ausdruck der Gefühle in das Herz des Commandanten, das vor der All⸗ Graf v. Porteau. 11 162 gewalt derſelben zu zerſpringen drohte. Mehr als hundert Mal ſchwebte das Geſtändiß ſeiner Liebe auf ſeinen Lippen; wenn er aber der Leidenſchaft, die in ſeiner Seele glühte, Worte verleihen, wenn er den ganzen Umfang ſeiner Pein mit brennenden Farben ſchildern wollte, ſtieß er auf den ruhigen, bedächtigen Blick der Gräfin— wie ein Wahnſinniger entfernte er ſich, ſchwer belaſtet mit dem Geheimniſſe ſeiner Liebe. An einem kalten, regnichten Novemberabend ſaßen die Gräfin und der Commandant länger, als ſonſt ihre Gewohnheit war, in dem Salon beiſammen Der Wind ſtrich heulend durch die hohen Bäume des Parks und mit eintönigem Geräuſche ſchlug der Re⸗ gen an die Scheiben der Fenſter. Traurig und miß⸗ geſtimmt in die Kiſſen eines alten, großen Lehnſtuhls dahingeſunken, der in der Nähe des Kamins ſtand, horchte Johanna auf das Geräuſch von außen. Der Commandant ſaß neben ihr und war ganz in ihrem Anſchauen verſunken. Was fehlt Ihnen, Johanna, Sie ſcheinen ſehr betrübt zu ſein?“ Erſchreckt erwachte Johanna aus ihren trüben Betrachtungen und antwortete ſehr langſam: „Ich denke eben daran, daß wir uns nun bald trennen müſſen, Julius, und daß Ihre Abreiſe eine große Leere in mein trauriges Leben bringen wird. Sen allein verdanke ich ja die wenigen glücklichen. 163 Stunden, die ich in dieſem finſtern Schloſſe verlebt habe.“ „Johanna! Wär es möglich— Sie würden an mich denken, Sie könnten ſich des armen Soldaten dereinſt erinnern?“ „Glauben Sie, daß ich plötzlich unempfindlich und grauſam geworden bin? Sie ſollte ich vergeſſen, Julius— o glauben Sie das nicht! Sie wiſſen nur zu gut, daß Ihr toller Entſchluß, Soldat zu werden, mein erſter Kummer war. Doch, da wir einmal über dieſen Gegenſtand ſprechen— Sie haben mir bis jetzt noch dnicht geſagt, was Sie zu dieſer romantiſchen Albernheit verleitet hat— vielleicht eine muthwillige Geliebte!“ fügte ſie ſcherzend hinzu. Julius ward bleich. „So hören Sie denn,“ antwortete er,„das Ge⸗ heimniß meines Lebens, das noch Niemand kennt; Sie allein ſollen es erfahren. Es iſt ſchon lange her, daß ich es in mich verſchließe und daß es mich mit tödtlichen Qualen martert. Ja, Johanna, ich liebte ein ſchönes, reines junges Mädchen; auf ſie hatte ich alle meine Hoffnungen, in ſie meine ganze Liebe, mein ganzes Lebensglück geſetzt. Sie war mein Ideal, mein Gott, meine Welt! „Um ihrer würdig zu werden, hatte ich Jahre lang mit raſtloſem Eifer gearbeitet. Schon näherte ich mich meinem Zwecke— ein glückliches, glänzendes Examen. das ich in Paris beſtand, eröffnete mir ein geehrtes, lueratives Geſchäft. Hochentzückt kehre ich heim, um 11* 164 ihr die erſte Frucht meines Strebens zu Füßen zu legen. Ich komme an, und die Nachricht von ihrer bevorſtehenden Heirath iſt der ſchwarze Engel, der mich an der Schwelle der Heimath empfängt.“ Dieſe letzten Worte ſprach der Commandant mit unbeſchreiblicher Angſt. Die Gräfin verſtand Alles, der Schleier, der bisher ihre Augen bedeckte, lag zerriſſen da. Nach einigen Augenblicken peinlichen Schweigens nahm ſie zögernd das Wort: „Und Sie haben ſie wahrſcheinlich vergeſſen?“ „O, ich liebe ſie noch immer Aber der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich ſie nicht wiederſehen wollte— Ich wollte ſterben! Doch die feindlichen Kugeln hat⸗ ten kein Mitleid mit mir. Ein Zufall, den zu ſegnen mir der Muth fehlt, führte mich abermals ihr ent⸗ gegen, und— in Ihnen, Johanna, in der Unglückli⸗ chen, ſo ſchändlich Verlaſſenen finde ich das einſt ſo heiß geliebte Mädchen wieder, finde ich die wieder, die ich jetzt noch mehr liebe, wenn nglich iſt, als ſonſt!“ Bei dieſen Worten ergriff der Sinztunt die Hand der Gräfin und ſank weinend vor ihr auf die Kniee. Die Gräfin will ihn erheben. Plötzlich öffnet ſich mit Ungeſtüm die Thür des Saales. Ein Mann, in einen Mantel gehüllt, er⸗ ſcheint auf der Schwelle. „Es ſcheint, daß ich noch zu rechter Zeit komme,“ ſpricht er in einem höhniſchen Tone, 165 „Wer ſind Sie? Was wollen Sie?“ ruft Julius entrüſtet, indem er nach ſeinem Degen greift und ſich auf den unwillkommenen Gaſt ſtürzen will. Die Gräfin, einen Schrei des Schreckens ausſtoßend, wirft ſich zwiſchen ſie und ergreift die Hand des Un⸗ bekannten. „Herr Commandant Hervey,“ſpricht ſie in größ⸗ ter Bewegung,„ich habe die Ehre, Ihnen den Herrn Grafen von Porteau vorzuſtellen.“ * 7. Reue. Bei dieſen Worten ſcheint Julius faſt zuſammen⸗ zubrechen; alle ſeine Kräfte zuſammennehmend rafft er ſich empor, wankt der Thür des Saales zu und verſchwindet. Die Gräfin, bleich, aber ruhig, nimmt ihren Platz neben dem Kamine wieder ein, durch eine Hand⸗ bewegung ladet ſie den Grafen zum Sitzen ein und mit ruhiger, feſter Stimme fügt ſie die Worte hinzu: „Darf ich wiſſen, mein Herr, welcher triftige Grund Sie hierher führt?“ Ueberraſcht und faſt mit Bewunderung ſieht ſie der Graf an, denn es war nicht mehr das ſchwache, klagende Weib, das er einſt in Saumur verlaſſen hatte; es war nicht mehr jene verrathene und be⸗ 166 trogene Geliebte, deren Augen ſchmerzliche Thränen roth geweint; es war nicht mehr jenes muthwillige Mädchen, deſſen Eiferſucht ſich durch unüberlegte Aeußerungen Luft machte; es war endlich nicht mehr jene Johanna, die weinte, durch inſtändiges Bitten beſchwor und im Aushruche des heftigſten Schmerzes ſich zu den Füßen des ungetreuen Gatten verzweiflungs⸗ voll wand. Die Schönheit der Gräfin hatte ihn mächtig ergriffen, in der Einſamkeit, von aller Welt verlaſſen hatte ſie ſich wunderbar entfaltet. Statt des kindiſchen Mädchens aus der Provinz, über das er ſich ſo oft höhnend luſtig gemacht, fand der Graf eine verſtändige und bewunderungswürdig ſchöne Frau wieder. Die edeln Manieren der Gräfin, die Grazie in ihrem Gange, ihre einfache und ge⸗ ſchmackvolle Toilette, und noch mehr als alles dies ihre tiefe Melancholie und ſanfte Ergebung, die ſich in ihrem bleichen Geſichte abſpiegelte, hatten einen tiefen Eindruck auf den Grafen hervorgebracht, den er nicht einmal zu verbergen ſuchte. Das ironiſche Lächeln, das vorhin auf ſeinen Lippen ſchwebte, war verſchwunden, mit einem Tone des zärtlichen Vorwurfs antwortet er, indem er ſich der Hand der Gräfin zu bemächtigen ſucht: „Johanna! Werde ich nach einer langen Ab⸗ weſenheit ſo in meinem Familienſchloſſe empfangen?“ Die Gräfin erröthet und antwortet nicht. Der Graf fährt fort: „Nicht ein Wort zum Willkommen, kein Aus⸗ druck der Freude Wie ein Dieb, der durch die Nacht ſchleicht, muß ich mich in mein Eigenthum ſtehlen. In dem Vorhofe meines Schloſſes halten mich Sol⸗ daten an, durchſuchen und eraminiren mich. Mit Bülfe eines erborgten Namens gelange ich endlich in dieſen Saal, finde einen Mann zu den Füßen meiner Gattin, und dieſe Gattin, die, indem ſie mich nennt, vielleicht über mein Leben entſcheidet, empfängt mich mit der Frage, was mich hierherführt, was ich hier will!“ „Mein Herr!“— antwortet die Gräfin ſtockend. „O, ich klage Sie nicht an,“ fährt der Graf in einem wahrhaft ſchmerzlichen Tone fort,„ich klage Sie nicht an! Ich habe dieſen Empfang verdient. Ach, ich habe den Schatz nicht zu würdigen gewußt, den mir der Himmel ſchenkte; ich habe ihn kaum ge⸗ kannt. Meine erſten Verirrungen gebaren neue Ver⸗ gehen. Die Stimme meines Gewiſſens, die mich un⸗ aufhörlich plagte, wollte ich im Strudel der Zer⸗ ſtreuung und des Vergnügens erſticken. Johanna, ich bin ſehr ſtrafbar und begreife Ihre Abneigung und Ihren Schrecken. Aber wenn Sie wüßten, was ich fern von Ihnen gelitten, wenn Sie wüßten, wie furchtbar ich in letzter Zeit geſtraft bin, Sie würden Mitleiden mit mir haben, würden mein Unglück nicht erhöhen, indem Sie mich zurückſtoßen und einen armen Flüchtling verwünſchen, der nicht weiß, wohin er ſein Haupt legen ſoll und ſein Leben auf das 168 Spiel ſetzt, indem er es wagt, Sie noch ein einziges, letztes Mal zu ſehen.“ Johanna hört erſtaunt den Grafen an, deſſen leidenſchaftliche Sprache ſie bisher nicht gekannt. Mit jener frommen Nachſicht, die tief im Herzen liebender Frauen ſchlummert, erhebt ſie ſich langſam und aus ihren großen, feuchten Augen ſtrahlt die Freude, die ſich ihrer in dieſem Augenblicke bemächtigt. „Sie treiben ein grauſames Spiel mit mir, denn Alles ift nur ein abſcheulicher Scherz,“ ſprach ſie, Sie wollen mich täuſchen. O, fahren Sie nicht fort, denn ich bin gewiß, daß Sie Scherz mit mir treiben.“ Ich habe dieſen Zweifel, der mich tief verletzt, verdient,“ fuhr der Graf mit Bitterkeit fort,„ich will mich nicht darüber beklagen. Wenn aber ſeit vier Jahren mein ganzes Sinnen und Trachten nur auf Sie gerichtet war, wenn die Hoffnung, mich einſt mit Ihnen auszuſöhnen und unſer früheres Ver⸗ hältniß wieder herzuſtellen alle meine Handlungen leitete, wenn ich eine unglückliche, vielbewegte Ver⸗ gangenheit verwiſchen wollte und kein anderes Stre⸗ ben hatte, als einen Ruf zu gewinnen, der dem Na⸗ men, welchen Sie führen, der uns beiden gemein⸗ ſchaftlich angehört, Ehre und Achtung verſchaffen ſollte; wenn ich, ſtolz und freudig, meinen Zweck erreicht zu haben, mich zu Ihren Füßen werfe und Ihnen ſage: „Ich war ein Verſchwender, ein ſchlechter Gatte und habe mich eines beſſern Lebenswandels beſleißigt; 169 ich habe mein Blut und mein Vermögen einer heili⸗ gen Sache zum Opfer gebracht. Frankreichs ganzer Adel hat ſich im Schooße der Vendee vereinigt, ſeine Rechte zu vertheidigen, das geopferte Königthum zu rächen und die in Gefahr ſchwebende Religion zu retten. So hören Sie denn, daß ich ein Chef dieſer großmüthigen Armee bin, daß meine treue Anhäng⸗ lichteit und mein Muth das Mißtrauen zum Schwei⸗ gen gebracht, das mein früherer Lebenswandel ſo laut zum Reden geweckt. In den Augen der Welt ſtehe ich gerechtfertigt, in meine alten Rechte wieder eingeſetzt da; nur meine Familie, nur die Frau, die allein das Verdienſt ſich aneignen kann, mich mir ſelbſt zurückgegeben zu haben, ſoll ich ungläubig und mich verachtend antreffen!“ „Ach, Johanna, Johanna!“ fuhr er mit Leiden⸗ ſchaft fort,„verkannter Engel, wenn Du wüfßteſt, mit wieviel Thränen und herber Reue ich das Recht, ſo mit Dir zu reden, wiedererkauft habe; wenn Du wüßteſt, wie innig ich Dich liebe! In meinen langen, ſchlafloſen und von Gepiſſensbiſſen beunruhigten Nächten ſah ich nur Dein bleiches Antlitz vor meinen Augen. Ein verlaſſener Engel ſchwebteſt Du mit weißen Flügeln über mir und die Thränen, die Dei⸗ nen trüben Augen entquollen, fielen brennend auf mein Herz. Johanna, ſollte Dein Herz dem Mitleiden, dem Erbarmen verſchloſſen ſein? Johanna, willſt Du, daß mich Schmerz und Reue zu Deinen Füßen tödten?“ 17⁰ Erſtaunt und vor Freude bewegt will die Gräfin antworten. Da fällt in der Richtung nach dem Schloß⸗ hofe zu ein Schuß— andere folgen. Mit Heftigkeit zieht die Gräfin eine Glocke. Ein Diener tritt ein. „Was giebt es?“ fragt ſte ihn. „Ich weiß es nicht,“ antwortet der zitternde Diener.„Man ſchlägt ſich in dem Schloßhofe und der Commandant will mit ſeinem Detaſchement ab⸗ ziehen.“ „Der Mann, der mich begleitet,“ unterbricht der Graf,„iſt ohne Zweifel da; man ſage ihm, daß er komme.“ In demſelben Augenblicke tritt der, den der Graf ſo eben bezeichnete, haſtig ein. „Herr Graf,“ ſpricht er,„die Unſern find mit einer Streifparthie in ein Scharmützel gerathen. Ich habe ſie erkannt, es ſind die Leute des kleinen Peters. Was iſt zu thun?“ „Man erwarte meine Befehle und gebe mir ſo⸗ gleich Nachricht, ſobald ſich etwas Neues ereignet!“ Das Schießen dauerte fort. „Fliehen Sie, mein Freund, fliehen Sie,“ ſprach die Gräfin,„dieſe Schüſſe kommen aus der Gegend, die die Poſten der Republikaner beſetzt halten; viel⸗ leicht iſt Ihr Leben in Gefahr— o fliehen Sie!“ „Ich ſoll fliehen, Johanna, in dem Augenblicke, den ich ſo lange erſehnt habe; ich ſoll fliehen, wenn Deine Stimme bebt, wenn Deine Augen mich liebe⸗ 171 voll anblicken, wenn Deine Hand die meinige zärtlich drückt? Eher tauſendfach den Tod!“ „Henrh, bei dem großen Gott im Himmel, bei der Liebe, von der Sie vorhin ſprachen, benutzen Sie die allgemeine Verwirrung und retten Sie ſich— retten Sie ſich vor den Kugeln Ihrer Feinde. Hören Sie— der Lärm wird größer— es iſt um Sie ge⸗ ſchehen, wenn Sie nicht eiligſt fliehen. Ein Diener ſoll Sie führen. In kurzer Zeit können Sie die Loire erreichen: Henry, wenn Sie mich lieben——“ „Wohlan, ich will fliehen,“ ſpricht der Graf, indem er mit Leidenſchaft ſeine Gattin umſchlingt, ich will fliehen, wenn Du mir folgſt, wenn Dich mein Leben voll Tod und Gefahr nicht erſchreckt, wenn Deine Liebe zu mir groß genug iſt, Dich den An⸗ nehmlichkeiten dieſes ſtillen Aufenthaltes zu entreißen. Fliehen wir!“ Die Gräfin will ſich den Armen ihres Gatten entwinden. Das Gefecht kommt immer näher— man hört das Rufen der Kämpfenden, die befehlenden Stimmen der Commandanten, das Geſtöhn und Ge⸗ heul der Verwundeten. „O, ich ſehe es wohl, Sie lieben mich nicht,“ ruft der Graf mit ſchmerzlicher Stimme,„ich habe mich getäuſcht! Ich war unfinnig, zu glauben, daß meine Reue, mein Schmerz und mein Kummer meine Vergehen ſühnen könnten!“ Im Vorzimmer ließ ſich ein Geräuſch vernehmen, 172 die Thür öffnete ſich und der Begleiter des Grafen trat wieder ein. „Peter und ſeine Leute find geſ chlagen,“ berichtete er haſtig;„aber ein neues Detachement Streiflinge, geführt von dem Repräſentanten Choudieu, ſteht im Begriffe einzurücken. Sie haben keinen Augenblick zu verlieren. Fliehen Sie eiligſt!“ „Fliehen wir, Henry, fliehen wir!“ ruft die Gräfin, indem ſie ihren Gatten mit ſich fortzuziehen ſucht. Da brechen plötzlich Soldaten in den Saal an ihrer Spitze ſteht ein Mann mit einer breiten, drei⸗ farbigen Schärpe es war der Repräſentant Chou⸗ dieu. Neben ihm erſcheint Julius mit Staub und Blut bedeckt; ſein ganzes Ausſehen kündet deutlich an, daß er lebhaften Antheil am Kampfe genommen. Durch Wort und That hält er die Soldaten zurück, die ſich mit Ungeſtüm hinter ihm her in den Saal ſtürzen. Der Repräſentant nähert ſich dem Grafen und ſpricht mit ſtarker Stimme: „Im Namen der Republik, Sie ſind mein Ge⸗ fangener!“ „Ich, antwortet ruhig der Graf—„und warum?“ „Sie find der Graf von Porteau, Chef einer Diviſion der Armee in der Vendée. Als ſolchen ver⸗ hafte ich Sie!“. „Ich ſehe, daß man mich kennt,“ fügt der Graf hinzu;„meine Herrn, ich ſtehe zu Ihrer Verfügung!“ 173 Dann wendet er ſich zu Julius „Sie treiben ein erbärmliches Handwerk, mein Herr Officier; ich wünſche, daß es Ihnen recht viel eintragen möge!“ Nachdem er dies geſagt, übergiebt er ſich den Händen der Soldaten. „Ich folge Ihnen, mein Freund,“ ruft die Gräfin, und ſtürzt ſich in ſeine Arme. Der Repräſentant giebt ein Zeichen, und der Graf, deſſen Arm Johanna feſt umklammert hält, wird fortgeführt. Indem ſie neben dem Commandanten vorbeigeht, flüſtert die Gräfin in einem ſehr verächtlichen Tone ihm in's Ohr: „Julius, dieſer Verrath iſt infam!“ Ueberraſcht und zerknirſcht ſieht ſie der Com⸗ mandant an. „Commandant Hervey,“ ſpricht jetzt Choudieu, „ich übergebe Dir die Gefangenen; Du wirſt ſie nach Angers führen! Vergiß nicht, daß Du mir mit Dei⸗ nem Kopfe für ſie verantwortlich biſt!“ Wie verſteinert blieb Julius ſtehen, nachdem Jo⸗ hanna zu ihm geſprochen hatte. Bei der Anrede des Repräſentanten macht er eine Bewegung der höchſten Verzweiflung, ein fürchterlicher Fluch entſchlüpft ſei⸗ nen Lippen und haſtig ſchließt er ſich den Soldaten an, in deren Mitte ſich die Gefangenen befinden. S. Die Auswanderung. Durch die Schlacht bei Cholet war die Armee der Vendée gänzlich aufgerieben. Verfolgt durch die Schrecken verbreitende Kolonne aus Mainz floh ſie verzweifelt durch das Land und bezeichnete ihren Weg durch Zurücklaſſung von Todten und Sterbenden. Aber dieſer unerwartete Sieg hatte der von Ord⸗ nung entwöhnten Menge weder Vertrauen, noch Disciplin, noch jene Entſchloſſenheit zurückgegeben, ohne welche ein wahrhafter Sieg unmöglich iſt. Umſonſt verdoppelten die Edelgeſinnten ihre Er⸗ mahnungen und gingen ſelbſt mit gutem Beiſpiele voran; umſonſt ſuchten die Prieſter im Namen Got⸗ tes des Barmherzigen den geſunkenen Glauben wieder zu befeſtigen. Die Tage der heiligen Begeiſterung waren dahin und nur mit düſterer Ergebung folgten die Horden der Vendée ihren Führern. Dieſe erkannten die Nothwendigkeit, einen Haupt⸗ ſtreich auszuführen, und der Angriff von Angers ward beſchloſſen. Am dritten December gegen zehn Uhr Morgens griff die rohaliſtiſche Armee die Vorſtädte Saint⸗ Samſon, Saint⸗Michel und Breſigny an. Durch ein furchtbares Kanonenfeuer ward ihr Erſcheinen an den Außenwällen begrüßt. Das Feuer 175 dauerte den ganzen Tag hindurch. Die Hauptkräfte der Stürmenden hatten ſich vorzüglich auf das Thor Saint⸗Michel gerichtet. Gegen Abend ließ das Feuer ein wenig nach. Von Strapazen erſchöpft und von einem uner⸗ warteten Widerſtande entmuthigt gaben die Truppen der Vendée ihre Angriffe auf. Es war zehn Uhr Abends. Dann und wann vernahm man noch einige Flintenſchüſſe, deren Schall wie die letzten Donnerſchläge eines im Abzuge be⸗ griffenen Gewitters ſich in der Ferne verlor. In dem Lager der Belagerer erhob ſich ein leiſes Murren. In der Stadt herrſchte eine große Thätigkeit; trotz der Nacht und vorgerückten Zeit zogen Patrouillen nach allen Richtungen aus und die Officiere viſitirten die Poſten. Proviant und Munition wurde erneuert und Alles ſchickte ſich an, den Kampf zu beginnen. In dieſem Augenblicke ſtieg ein Ober⸗Officier, der ſich während des ganzen Tages als einer der un⸗ erſchrockenſten Vertheidiger des Thores Saint⸗Aubin bemerkbar gemacht hatte, den Wall herab. Er ſchlug die Richtung nach der Straße Saint⸗Aubin ein und ſchritt über den Platz, der den Soldaten zum Sammel⸗ platze angewieſen war. Hier erhob ſich düſter und einſam die furchtbare Guillotine, deren ſcheußliches Skelet ſchauerlich in das dunkle Blau des nächtlichen Himmels ſtarrte. Der Officier wandte das Geſicht ab, als er bei dieſem ſchrecklichen Denkmgle der ausübenden Ge⸗ 176 rechtigkeit jener Zeit vorüberſchritt, dann näherte er ſich langſam der Thür, die zu den Gefängniſſen: unter den Hallen führt, und klopfte an. Er ward eingelaſſen und zeigte dem Schließer ein Papier, das er mit Zeichen der höchſten Ver⸗ wunderung las; ſich verbeugend entfernte er 6 auf einen vom Offitier gegebenen Wink. Er blieb allein, hüllte ſein Geſicht in die Falten ſeines Mantels und wartete. Der Schließer trat wieder ein; ihm folgten der Graſ und die Gräfin von Porteau. Die lange Gefangenſchaft, in der er geſchmachtet und die ſchreckliche Angſt, die ſich ſeiner während der Zeit bemächtigt hatte, hatten ſichtbare Spuren auf dem abgemagerten Geſichte des Grafen zurückgelaſſen. Johanna, noch ſchöner in ihrer Bläſſe und in ihren Thränen, trug auf ihren Zügen das Gepräge eines langen, tiefen Kummers. „Was wollen Sie von mir?“ ſprach der Graf, dem ſich die erſchreckte Johanna ängſtlich anſchloß. „Ein Befehl der Militair⸗Commiſſton giebt mir auf, Sie den Händen des Bürgers Commandanten zu überliefern,“ antwortete der Schließer, indem er de Officier bezeichnet. Dieſer, immer noch in ſeinen Mantel gehüllt, wandte ſich der Thüre zu und ſprach mit tiefer Stimme: „Folgen Sie mir!“ Sie gingen hinaus. Der Officier ſchritt voran. Der Graf und die Gräfin folgten. Schweigend durch⸗ =— ſchritten ſie mehrere Straßen. Als ſie an ein kleines Haus in der Straße Baudrière gelangten, ſtand der Officier ſtill, öffnete die Thür und gab ſeinen Ge⸗ fährten durch ein Zeichen zu verſtehen, daß ſie ihm folgen mögten. Dann führte er ſie in ein ſchwach erleuchtetes Zimmer. Hier lagen Uniformen der Nationalgarde auf Stühlen ausgebreitet. Als ſie eingetreten waren, warf der Officier ſeinen Mantel zurück. Ein Ausruf der höchſten Ueberraſchung ließ ſich vernehmen. „Julius!“ rief die Gräfin. „Commandant Hervey!“ der Graf. „Ich ſelbſt!“ erwidert dieſer.„Ich ſelbſt, den Sie beleidigt, verkannt und verachtet haben, ich komme, Sie Beide zu retten. Dort liegt die Kleidung, deren Sie ſich zu Ihrer Rettung bedienen ſollen. In einer halben Stunde rückt ein Detachement Nationalgarde aus der Stadt, um öffentliche Gelder nach Saint⸗ Georges zu bringen; Sie werden ſich der Eskorte anſchließen, ſind Sie einmal außer den Wällen, wird es Ihnen nicht ſchwer werden, zurückzubleiben und auf geeigneten Wegen die königliche Armee zu er⸗ reichen. Sie haben nur eine Viertelſtunde Zeit— beeilen Sie ſich.“ Nachdem Julius dieſe Worte geſprochen, ging er eilig aus dem Zimmer, indem er ſich mit Gewalt den Proteſtationen und Dankſagungen der beiden Gatten entzog. Eine Viertelſtunde ſpäter verſammelte ſich ein Graf v. Porteau. 12 178 Peloton Nationalgarden an der Ecke der Straße Bourgeviſe. Bald darauf erſchien der Commandant in Begleitung des Grafen und der Gräfin, beide mit der Uniform der Bürgergarde bekleidet. Die Reihen ordneten ſich. Mit einem Male fiel in der Gegend des Thores Saint⸗Michel eine furchtbare Artillerieſalve. Der Himmel ſtand in purpurrothen Flammen— Der An⸗ griff begann von Neuem. Ein Generaladjutant ſprengte im Galopp herbei, um den Abmarſch des Detachements zu beſchleunigen. Der Commandant ſtellte unſere Flüchtlinge in die letzte Reihe, und ohne ein Wort mit ihnen zu wechſeln, ließ er die Kolonne i in Marſch ſetzen. Julius blieb noch lange an dem Platze iehen indem er ſchmerzlich dem letzten Schimmer der Ko⸗ lonne nachſah, die ſich wie eine leuchtende Schlange durch die Krümmungen der Straße fortſchlängelte. „Sie ſind gerettet!“ rief er endlich aus, indem er ſich mit Gewalt aus ſeinem langen Nachſinnen emporraffte.„Jetzt kann ich ſterben!“. 9. Unglück. Der erſte Akt des großen Trauerſpiels in der Vendée ging zu Ende. Ohne Raſt durch die Kolonnen der Republikaner ———— ——— § 179 verfolgt, angegriffen und zuſammengehauen, hielt die Armee der Rohaliſten endlich bei Mans an. Was die Kugeln und Klingen verſchont hatten, ward durch eine Seuche dahingerafft. Nur ein kleiner Theil war von dieſer kühnen Armee übrig geblieben, und dieſem fehlte der Muth, irgend Etwas zu unternehmen. Die Stadt ward eiligſt in Vertheidigungszuſtand geſetzt und hielt ſich unter Angſt und Schrecken nur drei Tage. Kleber war in Eilmärſchen vorgerückt, und ungeachtet der Tapferkeit Marceau's, des com⸗ mandirenden Generals, hatte ſich doch die Gewißheit der Herzen der Vendéer bemächtigt, daß jede Ver⸗ theidigung unnütz ſei. Es war ſechs Uhr Morgens. Die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne beleuchteten die unordentliche Flucht der beſiegten Vendéer. Klebers Grenadiere machten einen Angriff auf die flüchtigen Kanoniere der königlichen Armee und richteten ein furchtbares Blutbad unter ihnen an. Die Landleute, erſchreckt über dieſe Kühnheit, verließen das Schlachtfeld und flohen in die Straßen der Stadt; die Republikaner verfolgten ſie und metzelten ſchonungslos Alles nieder. Es war ein bejammernswerthes Schauſpiel! Das Wimmern der Verwundeten, das Gepraſſel des kleinen Gewehrfeuers, das dumpfe Brüllen der Geſchütze und der jubelnde Geſang der ſiegenden Republikaner übertönten die Stimmen der comman⸗ direnden Chefs. 12* 180 Vergebens wollte La Rochejaquelein einen Augen⸗ blick an der Brücke, die an der Straße nach Laval liegt, Halt machen, um den Rückzug zu ordnen; aber die Kugeln zerſchmetterten die wenig Getreuen, die an ſeiner Seite fochten, um dem reißenden Strome der Sieger Einhalt zu thun, und er ſelbſt, vor Zorn und Verzweiflung weinend, ward durch die wilde, unordentliche Flucht ſeiner Bauern mit fortgeriſſen. Mans war in der Gewalt der Republikaner. Die Rohaliſten flohen nach Laval und ließen ihr Gepäck, ihre Weiber und ihre Munition in den Hän⸗ den der Sieger. Die Stadt bot einen gräßlichen Anblick dar. Die durch rauchenden Schutt, aufgehäufte Leichen, todte Pferde und zerbrochene Munitionswagen ver⸗ ſperrten Straßen wurden auf's Neue zum Blutgefilde. In den von Kanonenkugeln und Eiſenſtücken halb zertrümmerten und durchlöcherten Häuſern wü⸗ thete und plünderte ein zügelloſes Soldatenvolk. Berauſcht von dem Siege, ergab es ſich den unge⸗ bundenſten Ausſch weifungen. Alles, was ihm in den Weg kam, ward unbarm⸗ herzig niedergemetzelt. Weder Alter noch Geſchlecht, weder Jugend noch Unſchuld ward geſchont. Dieſes fürchterliche Schlachten läßt ſich kaum durch die Gräuel⸗ ſcenen von Souchu rechtfertigen. Wenden wir unſere Blicke ab von dieſem eutſetz⸗ lichen Schauſpiele und laſſen wir die Verantwortlich⸗ keit dieſer großen, nie wieder zu ſühnenden Verbrechen u 181 auf Denen laſten, die den Bürgerkrieg entzündeten, die durch ihre Ränke das verblendete Volk für Inte⸗ reſſen begeiſterten, welche es nicht kannte, und für Leidenſchaften empfänglich machten, die es nicht theilte. 10. Todeskampf. In einem Hauſe der kleinen Goldſtraße lag ein am Kopfe verwundeter Mann auf einer Matratze dahingeſtreckt. Trotz ſeiner Bläſſe war nicht zu ver⸗ kennen, daß er noch in voller Manneskraft und in der Blüthe ſeiner Jahre ſtand. Sein Hut war mit einem weißen Federbuſche ge⸗ ſchmückt und an der breiten, weißen Binde, die ſeinen Leib umſchloß, konnte man einen Oberofficier der königlichen Armee erkennen. Eine Frau mit aufgelöſtem Haar, bleich, aber unter ihren Thränen ſchön, knieete an ſeiner Seite und ſuchte das Blut zu ſtillen, das aus der Stirn des Verwundeten quoll. Das Zimmer war in der größten Unordnung, die Fenſter waren von Kugeln durchlöchert, Waffen lagen zerſtreut umher und große Flecken Blut, die den Boden und die Mauern roth färbten, zeigten deutlich an, daß dieſes Haus der Schauplatz eines fürchterlichen Kampfes geweſen ſein mußte, 182 Der Verwundete ſchien in einer tiefen Ohnmacht zu liegen. Weder die Liebkoſungen und Thränen der knieenden Frau, noch ihr Klageruf vermogten ihn aus ſeiner unglücklichen Lethargie zu wecken. Schon überzog Todesbl äſſe ſein Geſicht und nur convulſiviſch öffneten ſich ſeine vom Todeskampfe zuſammengepreßten zurſchen Lippen. „Henry, mein Henrh, komm zu Dir!“ rief die arme Frau in höchſter Verzweiflung.„Ich bin es, Deine Johanna, die Dich ſo zärtlich liebt!“ Der Verwundete rührte ſich nicht. „O mein Gott! Mein Gott, er hört mich nicht mehr— Henry! Mein Henry! Was ſoll ich nun beginnen? Wonmit ſoll ich ihm helfen? es iſt hier nichts vorhanden,“ ſprach die Unglückliche, indem ſie den verzweifelten Blick rings durch das Zimmer ſchweifen ließ.„Kein Stückchen Leinwand, nicht ein⸗ mal etwas Waſſer iſt zu haben, und Henry muß ohne Hülfe hier ſterben!“ Jetzt riß ſie das Tuch ab, das ihren zarten, wei⸗ ßen Hals bedeckte, verband die Stirn des Sterbenden damit, ſtürzte dann an das Fenſter und ſchrie mit dem Ausdrucke der höchſten Angſt auf die Straße hinaus: „Zu Hülfe! Zu Hülfe! Zu Hülfe!“ Auf dieſes Rufen kamen von Wein und Blut trunkene Soldaten herbei, die eben im Begriffe ſtanden, ein benachbartes Haus zu plündern, und zeigten mit —,— * 183 den Fingern auf das bleiche Antlitz Johanna's, welche ihnen durch Winken ihre Noth zu erkennen gab. Dann ſtürzten ſie taumelnd und lachend in das Zim⸗ mer, worin der Verwundete lag. 11. Arme Johanna! Die Soldaten, an die ſich Johanna in ihrer Her⸗ zensangſt gewendet hatte, gehörten zu den Horden in der Vendée, die Tureau, Roſſignol und Santerre führten, ſich aber in dieſem bedauernswürdigen Kriege mehr durch ihre Grauſamkeiten und Luſt zum Rau⸗ ben und Plündern auszeichneten, als durch Muth und Disciplin. zährend die Armee der Republik unter Kleber's und Marceau's Befehl die flichenden Vendéer in der Richtung nach Laval zu verfolgte und ihre Flucht beſchleunigte, hatten ſich dieſe Elenden in die Stadt geworfen und, Dolch und Feuerfackel in der Hand, plünderten und mordeten ſie mit der ganzen Roheit ihres Characters. Es war der Auswurf der menſchlichen Geſell— ſchaft, ihre finſtern, rohen Geſichter bekundeten dies, und wie ein ſchmutziger Schaum ſah man ſie in den Tagen der allgemeinen Volksjährung auf der Ober⸗ fläche ſchwimmen. Für ſie hatte der Krieg in der Vendée nur einen Grund, nur einen Zweck: Plün⸗ dern und Rauben. 184 Schlecht gekleidet und ſchlecht bewaffnet, ohne Führer und ohne Disciplin ſah man ſie der Armee nachziehen; wie ein Schwarm Raben folgten ſie der blutigen Spur des Krieges, fielen nach dem Kampfe auf das Schlachtfeld, plünderten Todte und Ver⸗ wundete und metzelten die Beſiegten ohne Gnade und Barmherzigkeit nieder. Sie ſchienen ſelbſt einen Stolz in Ausübung der Grauſamkeit und Rohheit zu ſuchen, denn nicht ſelten ſah man ganze Haufen unter ſich wetteifern, die größten Abſcheulichkeiten auszuüben. Auf Johanna's Rufen waren dieſe Banditen nun herbeigeeilt, denn ihr teufliſcher Inſtinkt ſchien ſie errathen zu laſſen, daß ihrer Raubluſt ſich hier Beute darbietet. Nachdem Johanna verzweiflungsvoll um Hülfe gerufen, war ſie zu dem Verwundeten wieder zurück⸗ gekehrt und bemühete ſich vergebens, den letzten Le⸗ bensfunken anzufachen, der mit jedem Augenblicke zu erlöſchen drohete. Ohne auf die gemeinen Geſichter derjenigen Rückſicht zu nehmen, die ſie als Rettung und Hülfe bringende Menſchen betrachtete, rief ſie ihnen bei ihrem Eintritte in das Zimmer in einem höchſt rührenden Tone entgegen: „Ach, meine Herrn, kommen Sie ſchnell zu Hülfe! Der Himmel ſendet Sie Retten Sie meinen Henrh, retten Sie ihn bei Allem, was Ihnen heilig iſt!“ Ein rohes Gelächter unterbrach die unglückliche Johanna. Ueberraſcht ſchwieg ſie einen Augenblick, 185 dann fuhr ſie mit noch mehr Wärme, als zuvor, fort: „Es iſt kein Feind, der Sie um Hülfe anfleht, es iſt ein beſiegter, ein ſterbender Mann, der um⸗ kommt, wenn Sie ihn nicht retten. Haben Sie Mit⸗ leid mit ihm, Erbarmen mit mir! Sie ſind Solda⸗ ten, fuhr ſie langſamer fort, indem ſie unruhig die finſtern Geſichter der fremden Retter betrachtete, die Sie um Hülfe angefleht hatte— Sie ſind Solda⸗ ten und keine Henker, Sie werden einen armen Ver⸗ wundeten nicht angreifen, der ſich nicht vertheidigen kann!“ Die Banditen antworteten nicht. Mit einer Art wilder, blödſinniger Freude betrachteten ſie das rei⸗ zende Geſicht der Gräfin von Porteau. Während ſie ſprach, flüſterten ſie unter ſich und begleiteten ihre Worte mit einem gemeinen Lächeln. Ihre lüſternen Blicke waren ſtarr auf die arme Johanna gerichtet und erinnerten ſie bald an die Unordnung ihrer Klei⸗ dung. Eine raſche Röthe überzog ihre bleichen Wan⸗ gen. Raſch kreuzte ſie ihre Hände, um züchtig ihre halbnackten Schultern zu bedecken und ſenkte ver⸗ zweiflungsvoll das Haupt, denn ihr ward in dieſem Augenblicke klar, daß ſie von dieſen Leuten weder Schonung noch Erbarmen zu erwarten hatte. 12. odt Einen Augenblick herrſchte eine tiefe Stille im Zimmer, die nur durch das Röcheln des Sterbenden und durch ein entferntes Gewehrfeuer dann und wann unterbrochen wurde. „Wer zum Teufel wird ſo lamentiren,“ ſprach einer der Frechſten aus der Bande mit roher, heiſerer Stimme.„Luſtig, Bürgerin,“ fuhr er fort, indem er näher trat,„weine doch nicht ſo; laß Deinen Liebhaber ruhig zur großen Armee defiliren. Von vielem Weinen wird man dumm. Tröſte Dich nur, für einen Verlornen findeſt Du zehn Andere wie⸗ der,—“ und ſomit zeigte er höhniſch grinſend auf ſeine würdigen Kameraden, die lachend und fluchend näher getreten waren und die Matraze umringten, auf welcher der Graf von Porteau mit dem Tode kämpfte. Johanna blieb ſtumm. Es ſchien, als ob ſie dieſe Schmähung nicht verſtanden hatte. Wie eine Statüe ſtand ſie ruhig da. Ihr Haupt ſank endlich auf ihre Kniee herab, keine Klage kam über ihre Lippen, nur ein unterdrücktes Schluchzen war vernehmbar. „Mein ſchönes Kind, glaube mir,“ fuhr derſelbe elende Kerl fort, der an Frechheit und Rohheit ſich vor ſeinen Kumpanen auszuzeichnen ſchien,„glaube mir, Du thuſt am beſten, wenn Du mit uns ziehſt, wir find alle gute und fröhliche Kerls, wir führen 187 ein Leben und denken nicht an's Sterben, wie jener dumme Teufel da! Laß das Weinen, die Thränen ſchaden Deinen ſchönen Augen und ich kann die Weiber nicht leiden, welche weinen. Vorwärts, mein Si Kind, komm mit mir!“ Bei dieſen Worten neigte ich der Bandit über die kniende Johanna, legte ſeinen Arm um ihren ſchlanken Leib und wollte ſie mit Gewalt in die Höhe heben. Johanna aber erhob ſich ſelbſt und durch eine entſchloſſene, verzweiflungsvolle Bewegung, ſtieß ſie den Banditen mit einer Kraft zurück, die man bei ihr nicht vermuthet hatte; dann ſtürzte ſie ſich über den Körper ihres Gatten und rief: „Henry, mein Hench, vertheidige mich Verthei⸗ dige mich!“ Der Verwundete, der bis hieher bei der Unver⸗ ſchämtheit dieſer Unmenſchen unempfindlich zu ſein ſchien, öffnete bei Johanna's Verzweiflung die Au⸗ gen. Sein ungewiſſer, ſtierer Blick erglänzte von einem düſtern Feuer. In dem Augenblicke, wo der durch Johanna's heftige Gegenwehr außer Faſſung gebrachte Soldat ſich auf's Neue näherte, um ſie zu ergreifen, richtete ſich der Sterbende auf und blieb in einer ſitzenden Stellung; ſeine Hand griff nach dem Degen und mit aller Kraft, die ihm noch zu Gebote ſtand, rief er: „Elender!“ 188 Dann fiel er, durch dieſe letzte, übermenſchliche An⸗ ſtrengung erſchöpft, in ſich ſelbſt zuſammen. Er war todt. Die Zuſchauer dieſer Gräuelſcene, die bis jetzt nur durch Höhnen und Lachen daran Theil genommen hat⸗ ten, traten jetzt thätig näher. Mit Gewalt riſſen ſie Jo⸗ hanna aus den Armen ihres todten Gatten und ſchlepp⸗ ten ſie, ohne auf ihr Rufen und ihre Thränen zu achten, der Thür zu. Mit einem Male ſtürzte ein Mann mitten unter ſie, ſtieß ſie heftig zurück und rief mit ſtarker, befehlender Stimme: „Zurück, elendes Banditenvolk, zurück!— Der erſte, der dieſe Frau berührt, iſt ein Mann des Toͤdes!“ 13. Julius! Julius hatte an dieſem Tage Wunder der Tapfer⸗ keit verrichtet; er war als der Erſte in die Verſchanzun⸗ gen der Royaliſten eingedrungen und ſeine Kühnheit, ſein kaltes Vlut und ſein Beiſpiel hatten nicht wenig zum Gewinnen der Schlacht beigetragen. Als die Vendéer auf der Straße nach Laval flüchte⸗ ten, hatte der Eifer, ſie zu verfolgen, Julius zu weit getrieben. In der Mitte der Landſtraße ſtieß.er auf einen ſchwer verwundeten Mann, dem die Soldaten eben das Garaus machen wollten. Er ſtürzte ſich über ihn und bildete mit ſeinem Körper einen Wall. Dann befahl er, daß man den Sterbenden in ein benachbartes Haus bringen ſolle. Dieſer aber gab Julius durch Zeichen zu verſtehen, daß er ſich zu ihm neigen möge, dann ſprach er mit brechender Stimme: „Ich danke Ihnen, Commandant— Ihre Fürſorge iſt unnütz. Ich habe da in der Bruſt eine Kugel, die mir meinen Reiſepaß giebt— ich will lieber als Sol⸗ 189 dat auf dem Schlachtfelde ſterben, als in einem Bette wie ein altes Weib. Ich will Ihnen indeß beweiſen, daß Sie keinen Undankbaren ſich verpflichtet haben. Er⸗ kennen Sie mich nicht, Commandant? Ich bin der kleine Peter! In einem Hauſe der Goldſtraße habe ich den Grafen von Porteau, verwundet, wie ich, verlaſſen; die Frau Gräfin war bei ihm— ſie wird Ihrer Hülfe bedürfen. Eilen Sie zu ihr, vielleicht ſind Sie ſo glücklich, ſie vor der Rohheit Ihrer Soldaten zu ſchützen. Für mich,“— fuhr er röchelnd fort—„für mich kann Niemand mehr etwas thun— ich habe nichts mehr nö⸗ thig.“—— Bei dieſen Worten ſank der Körper unter heftigen Zuckungen zuſammen— er war nicht mehr. Eilig begab ſich nun der Commandant in die Gold⸗ ſtraße, und trotz allen Hinderniſſen, die ſich faſt in jedem Augenblicke ſeinem raſchen Gange entgegenſtellten, kam er dennoch früh genug dort an, um die Gräfin von Porteau vor den Mißhandlungen jener Banditen zu ſchützen, denen ſie in die Hände gefallen war. Bei dem plötzlichen Dazwiſchentreten des Comman⸗ danten und durch ſein kräftiges Einſchreiten eingeſchüch⸗ tert, zogen ſich die Banditen tief in das Zimmer zurück, während Julius die in Ohnmacht geſunkene Johanna auf das Todtenbett ihres Gatten legte. Der Rückzug der elenden Banditen ſchien indeß mehr aus Ueberraſchung als aus Achtung vor Julius Range geſchehen zu ſein. Nach einem Augenblicke allgemeiner Stille ließen ſich energiſche Reklamationen vernehmen, und die Räu⸗ ber verlangten mit der Freiheit jener zügelloſen Zeit ihr gutes Recht zurüch, was man unter allen Umſtän⸗ den nur mit dem Worte Infamie bezeichnen kann. Julius entgegnete nichts darauf, er war nur damit beſchäftigt, Johanna in das Leben zurückzubringen, und verſchwendete alle Sorgfalt, welche ſeine erfinderiſche Zärtlichkeit ihm nur eingeben konnte. 190 Durch ſein Schweigen kühn gemacht, kamen die Sol⸗ daten wieder zurück, und ihre Forderungen, die erſt ſchüchtern gemacht wurden, nahmen jetzt einen dringen— den, ſogar unverſchämten Ton an. Der Commandant ſah ſie mit einem ruhigen Blicke an, dann warf er ihnen eine wohlgefüllte Börſe mit den Worten zu: „Hier iſt der Preis für eure Beute! Jetzt geht und laßt mich allein!“ Dieſes Nachgeben aber, das ſie für eine Folge ihrer Drohungen hielten, veranlaßte die Soldaten zu neuen Forderungen und der Kühnſte von ihnen ging ſelbſt ſoweit, daß er Hand an Johanna legte, um ſie als ſeine Beute fortzuſchleppen. Der Commandant ſtand ruhig auf, zog ein Piſtol aus ſeinem Gürtel, zielte mit kaltem Blute auf den Elen⸗ den und zerſchmetterte ihm den Schädel indem er rief: „Das iſt zuviel der Anmaßung und Schmach! Geht,“ ſprach er zu den Andern, die ihn zitternd anſahen, „geht, wenn ihr nicht wollt, daß ich ebenſo mit euch verfahre, wie mit dieſem!“ Die Banditen ließen ſich das nicht zwei Mal ſagen: alle drängten ſich nach der Thür und ſtürzten, wie ge— jagtes Wild, mit großer Haſt aus dem Zimmer. Julius blieb mit der vhnmächtigen Johanna bei dem Leichnam des Grafen von Porteau⸗ 14. Schluß. „An die Frau Gräfin von Porteau, im Schloſſe Porteau.“ „Verzeihung, Madame, wenn ich den Frieden Ihrer Einſamkeit ſtöre und zu Ihnen von einem Manne rede, den Sie ohne Zweifel längſt vergeſſen haben. — . „Ich habe es der mächtigen Zeit überlaſſen, Ihr verwundetes Herz zu heilen und Ihre Seele den ſchmerz⸗ lichen Verluſt vergeſſen zu machen, den Sie erlitten. „Jetzt erſt, nach fünf langen Jahren des Schwei⸗ gens und der Ergebung, wage ich es, Ihnen, Jo⸗ hanna, zu wiederholen, daß ich Sie ſeit meiner Ju⸗ gend liebe und theile Ihnen mit, daß der General von jener Armee Italien's, deren bewunderungswür⸗ dige Siege die Augen der Welt auf ſich richtet, und auf deſſen hohes Talent die Beſten unſerer Nation ihre Hoffnungen gründen, mich ehrenvoll ausgezeich⸗ net hat. Dem Siebengeſtirn der Tapfern angehörend, deſſen leuchtende Sonne er iſt, hat der General Bo⸗ naparte ſeine Blicke auf mich geworfen und mich ſei⸗ ner Achtung und Freundſchaft würdig befunden. „Aber was iſt Ihnen, hohe und edle Frau, dieſer eitle Glanz; Sie haben das Recht, ihn zu verachten, theuer erkauft, und um Sie zu rühren will ich meine Zuflucht zur Schilderung meiner Leiden und meines Schmerzes nehmen, die mir das Leben verbittert haben. „Sie erinnern ſich, Johanna, der Tage unſerer fried⸗ lichen Kindheit und innigen Verſchwiſterung; Sie haben gewiß nicht vergeſſen, mit welcher Freundſchaft wir uns damals zugethan waren und wie lebhaften Antheil ich an Ihren Freuden und Leiden nahm. Sie wiſſen auch, welcher unglückliche Zufall dieſer hohen Glückſeligkeit ein jähes Ende ſchuf, und ich will der Thränen und Qualen nicht gedenken, die än ſchlaf⸗ loſen Nächten an dem Marke meines Lebens nagten! „Verzeihen Sie mir, Johanna, wenn ich dieſe ſchmerzlichen und dennoch ſo ſüßen Erinnerungen auf's Neue erwecke, denn ſie geben mir heute, wenn auch nicht Anſprüche auf Ihre Freundſchaft, doch wenig⸗ ſtens auf Ihr Mitleiden. „In einigen Tagen geht eine auserleſene Armee zu Toulon unter Segel; mein Rang und die Freund⸗ . 192 ſchaft des Generals Bonaparte legen mir die Pflicht auf, an dieſer Erpedition Theil zu nehmen. „Ich kann aber nicht abreiſen, ohne vorher Ihre Einwilligung zu einer Verbindung erwirkt zu haben, ohne welche auf Erden kein Glück mehr für mich iſt⸗ „General Julius Hervey.“ „Paris, den 19. April 1798.“ „An den Herrn General Hervey zu Paris.“ „Mein Herr!“ „Als Vollzieher des Teſtaments der geſtern nach einer langwierigen Krankheit verblichenen Frau Gräfin von Porteau theile ich Ihnen mit, daß Sie, dem von Erblaſſerin eigenhändig verfaßten Teſtamente zu⸗ folge, zu ihrem Univerſal⸗Erben ernannt ſind.“ „Baurang, Geſchäftsführer.“ „Schloß Porteau, den 20. April 1798.“ 15. Dieſe beiden Briefe kreuzten ſich. Der von Julius kam am Beerdigungstage der Gräfin im Schloſſe Por⸗ teau an. Julius war dem General Bonaparte nach Egypten gefolgt und fand bei der Belagerung von Saint Jean dAcre upter ſeinen Augen einen ruhmvollen Tod. Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. ſſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 18 16