2 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur i vo Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und GCeſebedingungen. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uht bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jeire 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 8. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 P für wöchentlich 4 Bücher: 6 Bücher: .—,—————— auf Monat: 1 Mk.— b 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf 5 Auswärtige Wonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene', verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Carstin. Roman pAbL DE KO6kK. Motto: Nur nach Fruchtbäumen wirft man Steine. Deutſch von Auguſt Schrader. Zweiter Band. Leipzig, 1846. Berger's Buchhandlung. ———— 14. Atelier⸗Beſchwerden. Wir ſind alſo mit Herrn Fournichon auf dem Wege, der, überglücklich durch das bevorſtehende Rendez⸗Vous, nicht geht, ſondern ſpringt, bald vor uus, bald hinter uns läuft, grade wie die kleinen Hunde, die man öfter auf den Promenaden gewahrt, wenn ſie mit ihren Herren ausgehen, und drei oder vier Mal denſelben Weg machen. Wenn Sie das Innere eines Ateliers für Maler⸗ Eleven nicht kennen, ſo denken Sie ſich einen großen Saal, im höchſten Grade unreinlich, aber durch das Licht, das in der Regel von oben hereinfällt und ſich überall hin verbreitet, überaus hell. Denken Sie ſich eine Menge Staffeleien und Leinwandſtücken von allen Größen; hier eine Muſter⸗ tafel, Büſten, antike Statüen, dort ein Arm, ein Bein, weiterhin ein Fuß, ein Rumpf oder eine Hand — alles von Ghyps und ſelten unbeſchädigt. Am Boden liegen eine Maſſe Brodrinden, Ueber⸗ bleibſel von Kuchen, Wurſtſchale und Kirſchſteine, wenn ſie die Jahreszeit bringt. 6 An den Wänden ſehen Sie Zeichnungen und Gemälde aller Größen, deren Gegenſtände Ihr Schaamgefühl empören, wenn Sie noch Schaam be⸗ ſitzen. Aber was Teufel wollen Sie mit Schaamge⸗ fühl unter Leuten, die das Nackte bearbeiten und die Natur in ihren kleinſten Theilen copiren? An Möbeln finden Sie darin: Bänke, Stühle, Tabourets, Fußſchemel und Stiefelknechte. Hier verſammeln ſich nun die Zöglinge eines be⸗ rühmten Malers, und ſchlagen natürlicherweiſe den Weg ihrers Lehrers ein. Sie eignen ſich ſeine Ma⸗ nier, ſein Benehmen, ſein ganzes Weſen an und wollen ſelten in andern Zöglingen Talent erkennen. Die jungen Leute, die hierher kommen, um die Geheimniſſe einer Kunſt zu erlernen, welcher ſie ſich widmen wollen, ſind in der Regel gebildet, und ver⸗ ſtehen außer der Malerei noch andere Dinge; dies iſt immer von großem Vortheil, denn Vereinigung giebt Kraft, und alle Wiſſenſchaften, wie alle Ta⸗ lente, unterſtützen ſich gegenſeitig. Wenn nun eine große Anzahl dieſer Leute an einem Orte verſammelt iſt, ſo muß nothwendig Ueberfluß an Fröhlichkeit, witzigen Einfällen, Wort⸗ ſpielen und Späßen vorhanden ſein. Einer will den Andern überbieten, und ſind die Herren einmal im Fluß, giebt es kein Mittel, ſie aufzuhalten. Mitunter überſchreiten ihre Späße die Grenzen, und ſehr traurige Reſultate haben ſich herausgeſtellt. —,— — — Als Herr Fournichon mit Carotin und mir in den Saal tritt, iſt eben ein Zögling auf die Schul⸗ tern eines ſeiner Kameraden geſtiegen, ein Anderer hält ihn wie ein Pferd am Kopfe, und dieſe Herren promeniren ſo durch den Saal, indem ſie eine menſch⸗ liche Phramide bilden. Als die Eleven einen Frem⸗ den zu ſich eintreten ſehen, wenden ſich Alle um, ihn zu prüfen. „Meine Herren,“ ſpricht Carotin,„ich ſtelle Ihnen hier einen Schauſpieler aus der Provinz vor, einen vollendeten Tragöden, der Paris nicht hat ver⸗ laſſen wollen, ohne Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben.“ Herr Fournichon grüßt, ſich mit Grazie verbeu⸗ gend, rechts und links. Niemand erwidert ſeinen Gruß; aber Jeder ſtellt laute Betrachtungen über ihn an. „Der Herr iſt ſehr häßlich!“ „Warum kommt er mit einer falſchen Naſe hier⸗ her? Naſe weg, mein Herr!“ „Carotin, ſage Deinem Herrn, daß er die Naſe abnimmt!“ Fournichon ſieht mich an und faßt verlegen nach ſeiner Naſe. Ich gebe ihm deutlich zu verſtehen, daß dies nur ein Scherz iſt. Jetzt glaubt er laut lachen zu müſſen, um den Beweis zu liefern, daß er den Scherz verſteht. Aber die Eleven rufen: „Er verſagt uns den Reſpekt!“ 8 „Jit er hierher gekommen, um über ſeine Naſe zu lachen?“ „Ruhig dort unten!“ „Hinaus mit dem Herrn, der lacht!“ „Zeigen Sie doch wenigſtens Ihre Zähne!“ „Warum zeigt er ſeine Zähne nicht?“ „Mein Herr, wenn man lacht, muß man die Zähne zeigen!“ „Er hat keine!“ „Grund genug!“ „Laß den Herrn einmal fingen!“ „Singen Sie, mein Herr.“ „Meine Herren,“ ſpricht Fpurnichon, ſich ver⸗ beugend,„mit Vergnügen würde ich Ihrem Wunſche nachkommen, wenn ich den Geſang kultivirt hätte.“ „Sapperment, nehmen Sie Ihre Naſe ab, ſie wirft uns Schatten!“ „Halten Sie vielleicht lieber eine Rede über ein gegebenes Wort?“ „Ja, er rede, dann erzähle er uns ſeine erſte Liebe!“ Herr Fvurnichon ſieht Carotin an und ſtottert: „Was verſteht man unter Rede über ein gegebe⸗ nes Wort?“ „Kleinigkeit!“ „Man giebt Ihnen den erſten beſten Gegenſtand und Sie reden darüber. Aber man muß eine halbe Stunde lang, mit der Uhr in der Hand, reden, ohne Unterbrechung.“ — —,—— „Eine halbe Stunde— ohne Unterbrechung—“ „Nun, was iſt da weiter, bei Ihrer Leichtigkeit?“ „Thun Sie das Verlangte. Beweiſen Sie ihnen, daß Sie Ihre Zunge nicht in der Taſche haben, dann wird man Sie nicht mehr quälen.“ „Nun, es ſei!“ „Meine Herren,“ ſpricht Carotin, mein Freund Fournichon—“ „Oh, oh! Cornichon!“ „Wie, er heißt Cornichon?“ „Gut zu merken!“ „Verzeihung, meine Herren,“ nimmt Carotin das Wort wieder,„ich habe nicht Cornichon, ſon⸗ dern Fournichon geſagt— Sie verwechſeln die Begriffe.“ „Das iſt einerlei.“ „Es iſt nur eine andere Lesart.“ „Meine Herren, mein Freund wünſcht Ihnen zu beweiſen, wie gern er Ihren Wünſchen nachkommt. Er wird über einen Gegenſtand ſprechen, den Sie ihm beſtimmen werden, und zwar in der geſetzmäßi⸗ gen Zeit.“ „Bravo! Bravo!“ „Bravo, Cornichon!“ „Man ſtelle ihn auf ein Glas!“ „Der Herr muß uns amüſiren.“ „Meine Herren, er erwartet das Thema, über das er nach Ihrem Wunſche reden ſoll.“ Die Zöglinge treten zuſammen und flüſtern einen 10 Augenblick unter ſich, dann ſteigt einer von ihnen auf einen Tiſch, ſtellt eine Bank darauf und auf dieſe Bank einen Stuhl, dann ſpringt er herab, geht zu unſerm Lichtzieher, reicht ihm die Hand und ſpricht: „Komm, Ankömmling! Das Thema über wel⸗ ollen, iſt:„die Kochlöffel!““ brummt Fournichon.„Wie, über die Kochlöffel ſoll ich eine Rede halten, die eine halbe Stunde währt?“ „Sie können ſich nicht beklagen, man hat Ihnen ein unerſchöpfliches Thema gegeben, ein überaus in⸗ tereſſantes Thema, das zugleich ſehr ergiebig iſt.“ „Finden Sie das?“ „Und ſeit wann, wenn ich fragen darf?“ Bei dieſem Worte brechen die Schüler in ein lautes Lachen aus, einige ſtampfen mit den Füßen und rufen: „Bravo, bravo! Er hat Vortrag!“ „Däs amüſirt uns!“ „Fort auf die Kanzel!“ Die Schüler umringen Fournichon, heben ihn in die Höhe, laſſen ihn auf den Tiſch ſteigen, von da auf die Bank und dann auf den Stuhl. Hierauf ruft man ihm zu: „Sie haben zwei Minuten Zeit zur Vorberei⸗ tung!“ „Seht nach der Uhr, wenn er anfängt!“ „Denken Sie auch daran, daß Sie über nichts 11 anderes reden, als über das gegebene Thema, ſonſt müſſen Sie wieder von Neuem beginnen.“ „Alfred, ſteh nach der Uhr; wenn er ſtecken bleibt, gebt ihm drei Hiebe mit einer Reitgerte auf den Hintern!“ Herr Fournichon weiß nicht,*. für ein Geſicht machen ſoll, als er ſich auf den Tiſch ge⸗ hoben und von einer Menge junger Leute umgeben ſieht, die ihre Augen auf ihn richten und mit ſehr verſtändlicher Pantomime ihren Willen zu erkennen geben. Carotin geht in ein kleines anſtoßendes Zimmer, indem er zwei Schüler mit ſich nimmt; hieraus ſchließe ich, daß er einen Streich vorbereiten will. Fvurnichon befindet ſich auf dem Tiſche. Er ſetzt ſich, ſteht auf, ſetzt ſich wieder und reibt ſich die Stirn. Ich glaube, daß er in dieſem Augenblicke den Einfall verwünſcht, in das Atelier gegangen zu ſein. Wie es ſcheint, kann er keine Gedanken über den Kochlöffel finden, da kommt mit einem Male einer der Schüler und verſetzt ihm drei Hiebe mit einer Reitgerte auf den Hintern, indem er ihm zuruft: „Reden Sie!“ Der arme Fournichon entſchließt ſich anzufangen. Jetzt läßt er einige Phraſen los; aber noch hat er nicht zwei Minuten geredet, als er nichts mehr weiß. Er ſtockt, ſtammelt wieder einige Worte, wird 12 v verwirrt und iſt ſeiner kaum noch mächtig.— Um ſeine Pein noch zu erhöhen, hört er von allen Sei⸗ ten rufen; „Das Thema! Das Thema!“ „Er redet ja nicht darüber!“ „Zur Strafe!“ „Er m ieder anfangen!“ „Der nlangweilt uns— er iſt hier, uns zu amüſiren!“ Herr Fournichon dauert mich, denn von Schweiß triefend ſteht er da mit weitaufgeriſſenem Munde, ohne ein Wort zur Welt bringen zu können. Ich gehe an den Tiſch und ſpreche: „Meine Herren, der Neuangekommene iſt nur gewöhnt, auf einem Theater zu reden und zwar nach einem Souffleur. Hier fehlt ihm Beides, und das verwirrt ihn. Er läßt durch mich um die Erlaubniß bitten, aufhören zu dürfen, indem er die Buße vor⸗ zieht.“ „Ja, ja!“ ruft Fournichon, indem er von dem Tiſche ſteigt, ich werde meine Buße zahlen. Worin beſteht ſie, meine Herren?“ „Sechs Bowlen Punſch!“ Herr Fournichon klettert wieder auf den Tiſch und ſpricht: „Da will ich lieber improviſiren! Ich werde Alles ſagen, was mir in den Kopf kommt!“ Zugleich beginnt er, auf gut Glück zu reden. 13 Man verſteht nicht, was er ſagt, aber jeden Augen⸗ blick hört man das Wort:„Kochlöffel.“ Wenn ein Mann von Geiſt mitunter Mühe hat, ſieben oder acht Minuten die Aufmerkſamkeit ſeines Audotrium zu feſſeln, indem er eine Thatſache oder eine intereſſante Neuigkeit erzählt, ſo urtheilen Sie einmal über das, was ein Dummkopf eine halbe Stunde lang ununterbrochen zu Tage fördert, wenn er nicht weiß, was er ſagen will. So wird mancher oft dumm gemacht, wenn er es nicht ſchon iſt. Glauben Sie nicht, daß ich ſcherze. Eine ſolche Laſt wird in den Ateliers oft aufgebürdet, und der Betreffende ſucht ſich ſo gut als möglich herauszu⸗ winden. Mitunter dauert es ſehr lange. Offen geſtanden— finden Sie dieſes Spiel geiſt⸗ reich? Ich inde es ſehr abgeſchmackt. Ein alter Dichter ſagt: die Rede iſt das Beſte und das Schlechteſte. Wenn man ſie aber ſo anwen⸗ det, iſt es rein unmöglich, daß die Reden etwas Gutes hervorb ringen können. Als Herr Fournichon ſeine halbe Stunde abge⸗ redet hat, iſt er ganz grün, die Augen ſtehen ihm aus dem Kopfe, als ob er betrunken wäre. Die Schüler nehmen ihn auf ihre Achſeln und tragen ihn im Triumphe durch den Saal. Nach beendigter Promenade trieft Herr Furnichon 14 von Schweiß; man ladet ihn ein, ſich zu erftiſchen, und bezeichnet ihm die Thür des kleinen Zimmers, das an den Saal ſtößt. Er nimmt dankend den Erfriſchungsvorſchlag an. Jetzt begiebt er ſich an den bezeichneten Ort; aber kaum hat er die Thür geöffnet, um in das Zim⸗ mer zu gehen, als ein Eimer ſeinen Inhalt über ſein Haupt ausſchüttet, ſo daß er ausſieht wie Jemand, der völlig gekleidet in einem Schwefelbade geweſen iſt. Das tolle Gelächter, das durch den Saal tönt, kündigt Herrn Fournichon an, daß dieſe Douche für ihn vorbereitet geweſen. Er wagt nicht, ſich zu be⸗ klagen, aber er ſieht traurig aus. Carotin drängt ſich zu ihm und ſpricht: „Ah, ſind das ſchlechte Jungen! Unſern Freund Fournichon ſo einzuwäſſern Sie müſſen aber wiſſen, daß dies ſo Gebrauch iſt, es iſt die tropiſche Taufe. Jetzt gehören ſie zu uns.“ „Wenn Sie mir geſagt hätten, daß ich mich ſol⸗ chen Gebräuchen unterwerfen müßte, um zu Ihnen zu gehören— ich wäre nicht gekommen!“ antwortet Herr Fournichon, indem er ſeine triefenden Kleider beſieht. „Das iſt nichts! die Kleider trocknen wieder! Sie ſind übrigens ſehr naß, en iſt nichts ent⸗ gangen.“ „Ich habe keinen Tropfen verloren.“ „Sie müſſen ſich umkleiden— ziehen Sie Ihren Rock aus, ich werde Ihnen meine Arbeitsblouſe leihen.“ 15 „O, das iſt nicht nöthig!“ „Erlauben Sie, ich leide nicht, daß Sie ſich er⸗ kälten, ich würde mir Zeit meines Lebens Vorwürfe darüber machen.“ Carotin zieht Herrn Fournichon den Rock aus, bekleidet ihn mit einer alten Blouſe, ſetzt ihm ein Kaskett auf den Kopf und führt ihn in die Mitte des Ateliers, indem er ſpricht: „Meine Herren, ich ſtelle Ihnen hiermit einen neuen Kameraden vor: er bittet um die Umarmung.“ Fournichon hatte nichts verlangt; aber ſchon er⸗ greift man ihn, preßt ihn in die Arme und einer ſchiebt ihn dem andern zu, wie einen Gliedermann. Der Eine drückt ihm das Geſicht und läßt etwas darauf zurück, wodurch eine Reinigung nöthig wird. Der Andere macht ihn ſchwarz. Noch ein Anderer nimmt Honig, das er ihn auf die Backen ſtreicht, und ſtellt ſich, als ob er ſein Beſicht von dem Fournichon's nicht wieder abreißen kann. Dieſer pudert ihm das Haar mit Tabak, jener nieſſt im Augenblicke der Umarmung. So muß das arme Schlachtopfer durch die Hände von neun und dreißig Eleven wandern. Als er die Arme des Letzten verläßt, ſieht Herr Fournichon weder ſchwarz, weiß, noch blau aus; man kann ſeine Züge nicht mehr erkennen. Wie ein Packet fällt er auf eine Bank. Ver⸗ drießlich ruft er: 16 „Meine Herren, Ihr Betragen iſt ein unwür⸗ diges! Ich werde mich bei Ihrem Lehrer beklagen!“ Die Schüler lachen und ſchreien: „Ah! Er will den Angeber machen.“ „Er will beißen.“ „Er muß ſich beſſern.“ „Auf die Leiter mit ihm!“ Eine große Leiter wird an die Erde gelegt. Mehrere ergreifen Herrn Fournichon. Dieſer ſucht vergebens zu widerſtehen. Man hebt ihn auf, trägt ihn fort und legt ihn der Länge nach auf die Leiter. Jetzt bindet man den Kopf, den Leib und die Beine mit Stricken feſt. Als er ſo an die Leiter wohl befeſtigt iſt, hebt man ſie auf, und zwar der⸗ geſtalt, daß die Füße des unglücklichen Fournichon in der Luft ſtehen und ſein Kopf nach unten hängt. In dieſer Poſition ſchreiet Fournichon um Hülfe. Anſtatt ihm darauf zu antworten, kommen einige Schüler mit ihren Pinſeln und malen ihm einen Schnurrbart. Ich bin nie ein Freund von ſolchen Beſchäf⸗ tigungen geweſen, obgleich ſie in den Ateliers ge⸗ bräuchlich ſind. Ich finde weder etwas Geiſtreiches noch etwas Komiſches darin. Raſch trete ich hinzu und befreie Herrn Fournichon von ſeinen Stricken. Als er wieder auf ſeinen Füßen ſteht, bittet er mich, ihn weit von hier hinwegzuführen. „Einen Augenblick noch,“ ruft Cgrotin, indem 17 er den Lichtzieher auf die Achſel ſchlägt.„Beruhigen Sie ſich, theurer Freund, die Prüfung iſt vollendet. etzt können Sie Freimaurer werden, Sie werden keinen Unterſchied merken. Sie ſind angegriffen, nehmen Sie ein kleines Glas Malage: im Namen der Geſellſchaft werde ich Ihnen Beſcheid thun.“ Carotin hält auf einem Teller eine Flaſche und zwei Gläſer. Fournichon wagt nicht, es abzulehnen. Carotin füllt beide Gläſer und reicht ihm eines davon. Herr Fournichon thut einen Zug; er findet den Wein bitter; aber Carotin ſcheint den Inhalt des ſeinigen mit Wohlgefallen zu ſchlürfen. „Kommt Ihnen der Wein nicht ein wenig bitter vor,“ fragt Herr Fvurnichon, nachdem er noch ein⸗ mal gekoſtet hat. „Bitter Er iſt ſüß wie Honig. Meine Herren, ich bitte um Ihr Urtheil, koſten Sie.“ 4 Mehrere koſten den Malaga, und Jeder verſichert, er ſei ſüß. Carotin koſtet aus dem Glaſe Fournichons und ſpricht: „Es iſt nicht möglich, daß Sie dieſen Wein bitter finden können— Sie ſpotten unſeres Ver⸗ mögens.“ „Nein, wahrhaftig nicht,“ verſetzt Fvurnichon. Jetzt trinkt er noch einmal, ſchneidet aber eine fürchterliche Fratze und ſtößt das Glas zurück. 6arotin. II. 2 18 „Das iſt nicht natürlich,“ ſagt Carotin,„Sie müſſen etwas Häßliches im Munde haben, denn uns ſchmeckt der Wein ſehr angenehm. Aber, mein Gott! Wie ſehen Sie denn aus— Ihr Teint iſt blau— ſind Sie krank?— Sie ſind ja geſchwollen!“ „Wie, ich wäre geſchwollen!“ ruft Fvurnichon mit kläglicher Geberde— glauben Sie das? O, es iſt wohl nur ein Scherz!“ „Beſehen Sie ſich ſelbſt im Spiegel— auf Ehre, Sie ſehen es auf den erſten Blick.“ Carotin führt ihn vor einen Vergrößerungs⸗ ſpiegel, der alle Gegenſtände als Ungeheuere wieder⸗ giebt. Der unglückliche Fournichon ſteht ganz verblüfft; allein er findet noch einige Zweifel: er zieht die Blouſe aus, wirft das Kaskett ab und fordert mit lauter Stimme ſeinen Rock und ſeinen Hut. Man beeilt ſich, Fvurnichons Wünſchen nachzu⸗ kommen. Rock und Hut werden gebracht. Seit der Zeit, daß er beides ausgezogen, hat ein Eleve geſchickt das Innere eines jeden Aermels zuſammengenäht und die Knöpfe des Rockes zurück⸗ geſetzt, während ein Anderer Pappe in den Hut ge⸗ klebt hat. Fournichon will raſch in ſeinen Rock fahren. Er ſteckt den einen Arm in den Aermel: der Arm will nicht hinein; er verſucht den andern: daſſelbe Hin⸗ derniß. Mit der größten Mühe und indem alle 19 Nähte platzen, kommt er endlich in den Rock. Jetzt will er ihn zuknöpfen— das iſt aber nicht möglich. „Was habe ich Ihnen geſagt,“ ruft Carotin, „Sie ſind geſchwollen, als ob Sie Krebſe gegeſſen hätten—“ „In der That,“ ſpricht Herr Fournichon,„mir kommt es vor, als ob mir ſchlecht zu Muthe wäre— mich friert— Ach, mein Gott! Und mein Hut— ich kann nicht mehr mit dem Kopfe hinein— ich bin überall geſchwollen! Ach, meine Herren, Sie haben recht, ich bin ſehr krank!“ „Sie haben ein rheumatiſches Fieber— Sie müſſen ſich zu Bette legen.“ „Ja, ja, ich werde mir einen Wagen nehmen, denn ich fühle, daß ich nicht mehr gehen kann.“ „Das glaube ich wohl, Sie könnten te zuſammenſtürzen.“ Der unglückliche Fournichon befühlt Bauch, Hände und Füße, und iſt einer Ohnmacht nahe. Endlich ſammelt er alle ſeine Kräfte und entfernt ſich mit der Ueberzeugung, daß er ſehr krank ſei. Kaum hat er den Saal verlaſſen, ſo bricht ein dröhnendes Gelächter aus. In dem Augenblicke, als das Schlachtopfer der Maler⸗Eleven ſich in den Fiacre ſetzt, den es ſich ge⸗ nommen hat, ſchreiet etwas unter ihm. Es iſt eine Maus, die er erdrückt; und als er das Geſicht mit 2* 20 dem Toſchentuchentuche abtrocknen will, findet er ein großes Stück Talglicht darin. Ja, beſuche man nur ein Maler⸗Atelier! 15. Eine eiferſüchtige Geliebte. Ueber ein Monat iſt verfloſſen, ſeitdem Herr Fournichon in dem Atelier, wohin Carotin und ich ihn führten, ſoviel Leiden erduldet hat. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden iſt, denn er hat mich nicht wieder beſucht, auch bin ich ihm nicht begegnet. Wahrſcheinlich iſt er böſe auf uns, weil man ihm ſo arg mitgeſpielt hat. Ich hatte es ihm vor⸗ ausgeſagt. Aber ſo ſind die Menſchen. Sie mögen ſich wohl auf Unkoſten Anderer amüſiren; aber ſie wollen nicht, daß man ſich über ſie amüſire. Daß dieſer Scherz ein wenig zu weit getrieben war, geſtehe ich ein. Ich fürchte, Herr Fournichon hat eine Krankheit davon getragen. Meine empfindſame Ariane ſehe ich ſehr oft; aber es iſt ſelten, daß ihre Beſuche nicht Anlaß zu irgend einem Abenteuer geben. Dieſe Frau kann nicht ausgehen, ohne verfolgt zu werden— wenigſtens iſt ſie der feſten Ueberzeugung. Sie behauptet nämlich, daß ihr Mann furchtbar 21 eiferſüchtig ſei, und daß er Leute bezahle, die jeden ihrer Schritte belauſchen. Ich glaube davon nicht ein Wort. Dieſe Dame aber glaubt, daß ein Mann ſie nicht anſehen könne, ohne auf der Stelle in ihre Reize verliebt zu ſein. Geht man durch Zufall hinter ihr, ſo verfolgt man ſie; ſieht man ſie an, will man mit ihr reden; nähert man ſich ihr, will man ihr die Wange kneipen; rich⸗ tet man ein galantes Wort an ſie, will man ſie ent⸗ führen. Frauen, die immer Ereigniſſe oder Abenteuer haben, werden mit der Zeit unerträglich. Ihre Er⸗ zählung, daß ſie ſo oft Gefahr laufen, bleibt ohne irkung; wir bleiben kalt und theilnahmlos, wenn ſie berichten, daß zwanzig Nebenbuhler einen Ent⸗ führungsverſuch gewagt haben. Wir glauben nichts, was wir nicht ſehen, und ich weiß nicht, ob wir ſelbſt das glauben würden, was ſich vor unſern Augen ereignet. Ariane hat den Reiſediener zwei Mal bei mir geſehen. Er iſt mit ſeinem Portrait ſo zufrieden, daß ich bereits zum dritten Male ihne zeichnen muß. Es ſcheint, daß er gewiß iſt, ſeine Rechnung dabei zu finden. Aber meine empfindſame Freundin lebt auch der Gewißheit, daß er mich nur deshalb ſein Portrait ſo oft malen laſſe, um Gelegenheit zu haben, mit ihr zuſammenzutreffen. Deshalb verſteckt ſie ſich, ſo oft er kommt. 22 Es iſt mir ſehr gleichgültig, wenn Ariane ſich in mein Schlafzimmer verſteckt, wo ſie gezwungen iſt, mitunter zwei Stunden zu verweilen. Carotin macht eine kleine Reiſe nach der Nor⸗ mandie; er hat mir geſchworen, ſo oft er auch zu mir komme, nie mehr ohne Erlaubniß in mein Schlafzimmer zu dringen. Ich liebe indeß unnöthige Geheimniſſe nicht. Wenn Madame Chamouillé in meiner Kammer ſteckt, iſt es nicht ſelten, daß ſie in ihrer Ungeduld meine Möbel unter einander ſchiebt, und dies läßt die Perſonen, die bei mir Sitzung haben, wiſſen, daß ich Beſuch habe. Will ich verſuchen, ſie zur Vernunft zu bringen,„ dann ruft ſie: „Sie lieben mich nicht! Sie wollen mich ver⸗ derben! Wollen mich vor der ganzen Welt ent⸗ ehren!“ Was ſoll ich darauf nun autnvien Ich begnüge mich damit, ihr zu ſagen: „Theure Freundin, ich erwarte Peſuch verſtecken Sie ſich.“ Noch ganz bewegt von einer zärtlichen Unterhal⸗ tung mit Ariane, höre ich an meine Thür pochen. „Der Reiſediener!“ ruft Ariane.„Der Menſch fährt fort, ſich malen zu laſſen, weil er hofft, mich hier wiederzufinden.“ „Nein, ich erwarte ihn heute nicht.“ „ — 23 „Er iſt es, ich wette. Er iſt mir in der Straße gefolgt, und hat mich zu Ihnen gehen ſehen.“ „Mein Gott, warum wollen Sie durchaus, daß dieſer junge Mann in Sie verliebt ſei?“ „Warum? Weil es ganz klar iſt!— Sie haben nicht bemerkt, wie er mich immer betrachtet— Sie ſind zu Allem gleichgültig.“ „Er iſt Ihnen doch nur zwei Mal hier begegnet.“ „Iſt das etwa zu viel, um——“ „Ach, ich würde zehn Jahre von meinem Leben darum geben, wenn er mich bei Ihnen nie geſehen hätte— ich hätte vielleicht großes Unglück vermieden.“ „Man klopft noch einmal— Ich gehe in Deine Kammer— Ach, wie mein Herz ſchlägt!“ „Ach, Caſimir, welchen Gefahren ſetze ich mich Deinetwegen aus!“ Sie geht in meine Schlafkammer. Ich öffne— es iſt jene Dame, die ich im grie⸗ chiſchen Koſtüme gemalt habe. Ihr Portrait iſt lange ſchon vollendet, aber bereits zum dritten Male bringt ſie es mir zurück, daß ich noch etwas daran ändere. Ich finde, daß ſie dafür mich nicht theuer genug be⸗ zahlt hat. „Herr Bergeval, ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie noch einmal beläſtige.“ „Keineswegs, Madame.“ „Sie ſind ſehr gefällig.— Jeder, der mein Portrait geſehen hat, findet den Kopf vollkommen; aber eines hat man an dem reizenden Koſtüme aus⸗ 24 zuſetzen— Sie haben den Hals nicht genug entblöſt. Man ſieht nicht genug Bruſt, das iſt der allgemeine Tadel.— Da dachte ich denn: mein Maler iſt ſehr liebenswürdig, er wird ſeinen Pinſel noch einmal an meinen Buſen legen.“ „Gewiß, Madame, mit dem größten Vergnügen. Ich werde Ihnen ſoviel Buſen machen, als Sie wün⸗ ſchen; es koſtet uns ja nicht viel.“ „Ich habe mein Koſtüm mitgebracht; ich werde es anziehen. Es wird für Sie bequemer ſein, die Bruſt zu treffen.“ „Es wäre nicht nöthig; aber da Sie es einmal mitgebracht haben—“ „Kann ich mich in Ihrem Nebenzimmer an⸗ kleiden?“ Ich verhindere die Dame mit den Worten: „Das geht heute nicht— es iſt unmöglich, in das Zimmer zu gehen— Es wird eingeölt— Sie würden ſich beſchmutzen.“— „Nun, ſo werde ich mich dort in jener Ecke an⸗ kleiden— Erlauben Sie es mir?“ „O, Sie Herren Maler ſind wie die Beicht⸗ väter, man kann nichts vor Ihnen verbergen! Ich baue indeß auf Ihre Artigkeit. Sie werden ſich nicht umſehen, bevor ich fertig bin.“ „Ich verſpreche es Ihnen, Madame!“ Außerdem hätte ich noch hinzufügen können, daß mich durchaus die Luſt nicht plagt, ſie anzuſehen; 25 das wäre aber nicht galant geweſen, und in unſerm Stande iſt Galanterie ein Haupterforderniß. Mein Modell iſt im Begriffe, ſich griechiſch zu kleiden. Ob es auch einen griechiſchen Buſen mit angezogen hat, weiß ich nicht, aber es dauert ſehr lange, daß Madame in der Ecke meines Ateliers verweilt, wohin die Blicke zu ſenden ich mich wohl hüten würde, als plötzlich leiſe an die Kammerthür geklopft wird. Ariane erſcheint und ſpricht mit halber Stimme: „Ich höre nichts mehr— habe ich mich getäuſcht — biſt Du allein, mein Freund? Ach, welch ein Glück!“ Noch ehe ich antworten kann, ſieht meine Ge⸗ liebte nach der Ecke, worin ſich mein Modell ankleidet. Ein lauter Schrei entfährt Arianen, dann läuft ſie zu der Dame, die eben in ihre Tunica fah⸗ ren will. „Schrecklich! Infam! Eine Frau zieht ſich hier aus— eine Frau iſt hier im Hemde, während ich mich zitternd in der Kammer dort verborgen halte!“ „O, welch ein ſcheußlicher Verrath! Aber ich vermuthete es, ich hatte eine Ahnung davon— die⸗ ſen Morgen ſah ich eine große ſchwarze Spinne, die kündet mir ſtets Untreue! Da iſt meine Spinne— da iſt ſie!“ Die Griechin ſteht wie verſteinert, dann hüllt ſie ſich in ihre Tunica, um glauben zu machen, daß ſie einige Reize verdecke. 26 Ich ſtehe auf und gehe zu Ariane. „Meine theure Freundin, alles, was Sie ſagen, gehört durchaus nicht hierher— Madame ſteht in keiner Beziehung zu Ihrer Spinne von heute Morgen.“ „Nicht möglich!“ „Madame kleidet ſich in ein griechiſches Koſtüm, daß ich ſie darin portraitire, darin iſt durchaus nichts, das Ihre Eiferſucht vege machen könnte.“ „Schweigen Sie!— So dumm bin ich nicht, um zu glauben, daß eine anſtändige Frau hierher kommt und ſich bis auf das Hemd auszieht, wenn Sie nicht ihr Liebhaber wären— Sie ſind ein großes Ungeheuer!“ „In der That, Madame, Sie werden uner⸗ träglich! Ihr Betragen in dieſem Augenblicke iſt ſehr lächerlich, und ich leide niemals, daß man Leute, die zu mir kommen, inſultirt.“ „Sehr gut! Sie nehmen ihre Parthie— Sie vertheidigen ſie.— Ah, ich ſehe, mein Herr, meine Beſuche mißfallen Ihnen— nun wohl, Sie werden mich nicht mehr ſehen— zwiſchen uns iſt alles aus. Leben Sie wohl für das ganze Leben.— Ich ver⸗ biete Ihnen, mich jemals wieder anzublicken. Was Sie betrifft, hüten Sie ſich! Ich werde mich zu rä⸗ chen wiſſen!“ Dieſe letzten Worte, von drohenden Blicken be⸗ gleitet, ſind an die Griechin gerichtet. Ariane durch⸗ ſchreitet ſechs oder ſieben Mal das Zimmer; wahr⸗ ſcheinlich glaubt ſie, ich ſolle ſie zurückhalten; als 27 ſie aber ſteht, daß ich nichts unternehme, entſchließt ſie ſich zu gehen. Wahrhaftig, ſie entfernt ſich. Dies Weib iſt ſchön, gut gebauet, ihr Beſitz iſt ſehr angenehm; aber ihr Geiſt, ihr Charakter und ihre Laune machen den Umgang mit ihr unerträglich. Meine arme Griechin hat ſich in ihre Ecke ge⸗ kauert. Ich eile zu ihr. „Madame, ich bin untröſtlich über das, was Ihnen hier begegnet iſt— hätte ich das vorausſehen können—“ „Ach, mein Herr, ich bin noch ganz ergriffen.“— „Nehmen Sie von mir die Entſchuldigungen jener Dame, die eine Anwandlung von Eiſerſucht verwirrt gemacht.“ „Gott, welch eine Frau! Sie drohet mir und ſagt, daß ſie ſich rächen wird; ſie ſchimpft mich eine Spinne— o, unerhört!“ „Beruhigen Sie ſich. Ich kann Sie verſichern, daß ſie nicht bösartig iſt— ſie wird zuerſt erröthen vor ihren Worten.“ „Wenn Sie ſich ſetzen wollen, Madame, ich ſtehe zu Dienſten.“ „Nein, mein Herr, es iſt nicht nöthig— ich habe genug Buſen auf meinem Portrait— mich für eine Spinne zu halten!!! Wenn ich mich wieder einmal im griechiſchen Koſtüm malen laſſe, wird der Künſtler zu mir kommen, ich gehe nicht wieder zu 28 ihm. Ach, mein Herr, wie beklage ich Sie, daß Sie ſo geliebt ſind!— Welch eine Läſterzunge!“ Die Dame wechſelt raſch ihre Kleider— dann entfernt Sie ſich mit ihrem Portrait. Dies Mal bin ich ſicher, daß ſie nicht wieder kommt. Die Stene, die Ariane hier geſpielt hat, iſt doch zu etwas gut geweſen. Ich kann alſo ſpazieren gehen. Ich bin bei Kaſſe, kann mir daher Vergnügen machen; und dies iſt in Paris ſehr leicht, wo ſich ſelbſt denjenigen Vergnügen darbietet, die keinen Svous in der Taſche haben. Philoſophiſche Betrachtungen über alles, was ich auf meiner Promenade ſehe, anzuſtellen, macht mir heute überaus viel Vergnügen, und Alles er⸗ ſcheint mir in roſenrother Farbe. Dies iſt wahr⸗ ſcheinlich eine Folge meiner geſpickten Taſche: O Paris! Unbergleichliche Stadt! Wie ſchlecht gelaunt müſſen die Leute ſein, die ſchlecht von dir ſprechen!— Du biſt der Vereinigungspunkt von Allem, Du vor Allem biſt würdig, das Vaterland des Philoſophen zu ſein. Ich meine damit nicht Philoſophen von der Gat⸗ tung des Diogenes und Krates; wenn man die nach Paris brächte, müßte der eine nach Bicstre und der andere nach Charenton. Ich glaube auch, daß So⸗ erates hier wenig Schüler gehabt haben würde, daß — 29 Epiktet nichts erworben und Plato in der Wiüſte ge⸗ predigt hätte. Nach meiner Idee— ich habe nämlich jetzt Geld in der Taſche— iſt der Philoſoph Optimiſt; muth⸗ voll erträgt er ſein Mißgeſchick und ſucht ſelbſt dem größten Elende eine vortheilhafte Seite abzuge⸗ winnen. In Paris giebt es Wohnungen zu allen Preiſen, Speiſehäuſer für alle Börſen, Trödler, die für eine mäßige Summe Sie mit Röcken, Hoſen, Weſten, Stiefeln und Strümpfen verſehen; wenn auch das Alles nicht neu, ſo iſt es doch von einer präſen⸗ tablen Form. In Paris können Sie, leichter wie an jedem andern Orte, ihre ſchlechten Vermögensumſtände ver⸗ hehlen, Ihr Elend verbergen und dem Publicum imponiren. Der größte Vorzug, den Paris hat, iſt der, daß ſelbſt in dem Hauſe, das Sie bewohnen, Ihre Nachbarn Sie nicht kennen. Sie können gehen, kommen, Beſuche empfangen, eſſen oder nicht, und ſchlafen, wenn und wo Sie wollen; kein Menſch kümmert ſich darum. Eſſen Sie zu ſechs Francs oder zu zwei und dreißig Svus zu Mittag, gehen Sie in das Parterre oder in das Orcheſter des Theaters, niemand richtet ſeine Aufmerkſamkeit darauf. Und in welcher andern Stadt außer Paris finden 30 Sie ſoviel Zerſtreuungen, Vergnügen ſelbſt, die nichts koſten? Man kann das Muſeum, die Bibliotheken, das Arſenal, den botaniſchen Garten, das königliche Schloß beſuchen. Auf den Boulevards finden Sie Charlatane, Taſchenſpieler, Marionettenkaſten und Gaukler aller Art. Sie können die Kaffeehäuſer beſuchen, deren es in jedem Stadttheile unzählige giebt, können darin verweilen ohne etwas zu genießen und fünf oder ſechs Journale leſen, wenn Sie nämlich raſch leſen. Finden Sie wohl eine Stadt, wo ſolche An⸗ nehmlichkeiten ſich Ihnen darbieten? In Paris giebt es viele Laſter; aber auch die Tugenden ſind nicht ſelten. Das Gute und das Böſe halten ſo ziemlich die Balance. Kunſt und Wiſſenſchaft vereinigen ſich hier. Die Dummheit des Glückskindes und des Em⸗ porkömmlings wird durch den Griffel der Karrikatur gegeißelt, und mitten aus dem Wirbel, der unauf⸗ hörlich an Ihr Ohr ſummt, können Sie viel Nütz⸗ liches behalten, viel Gutes ſich aneignen. Es giebt keine Stadt, wo Sie freier und unge⸗ bundener leben können, als in Paris, und wenn das Glück vorzüglich in der Freiheit beſteht, ſo iſt wenig Vermögen vonnöthen, wenn man nämlich da⸗ bei ein wenig Philoſoph iſt, in Paris glücklich zu leben. —— J 31 Bei allen dieſen Betrachtungen laſſe ich die Fünf⸗Franken⸗Stücke in meiner Taſche klingen. Das Auffallendſte dabei iſt aber der Umſtand, daß ich durchaus kein Philoſoph bin, wenn ich kein Geld habe. Man kann mit Recht ſagen, daß man für Geld Alles bekommen kann, da es ſelbſt die Philoſophie nicht ausſchließt. 16. Die Tuilerien. Der alte Maler. Promenirend, reflectirend und philoſophirend— denn mir kommt es vor, als ob ich philoſophiſche Betrachtungen anſtelle— gelange ich zu den Tuilerien. Ich weiß nicht, warum ich grade hierher gegangen bin, da es noch andere Promenaden giebt, die ich dieſer vorziehe; aber da ich einmal hier bin, will ich ſie genießen. Ich wende mich in die große Allee. Da giebt es viel Menſchen, hübſche Frauen mit eleganten Toiletten, aber auch häßliche Frauen mit geſchmack⸗ loſen Tviletten. Ich beobachte als Maler und als Liebhaber. In allen dieſen Schönheiten, die an mir vorbeigehen, finde ich aber keine ſo anziehend, als— ſie! Indem ich mich dem Schloſſe nähere, bemerke 32 ich eine mir bekannte Perſon, die betrachtend vor den Statuen ſteht. Es iſt ein alter Maler, den wir im Atelier und unter uns Vater Lebergevis nennen. Er iſt ein ſtreng rechtlicher Mann und ſeine Converſation im höchſten Grade originell. Er hat Tglent, aber nie Glück gehabt. Vater Lebergvis hat ſtets gewiſſenhaft gearbeitet, hat nur der Kunſt, nie dem Geſchmacke der Zeit huldigen wollen, ebenſowenig den frivolen Ideen ſeiner Zeitgenoſſen. Solche Grundſätze ſind bei einem Künſtler ſtets geachtet; aber es iſt ſelten, daß er dabei reich wird. Herr Lebergevis iſt ein ſehr gebildeter Mann, aber er hat die Schwachheit, ſeine Bildung gern ſehen zu laſſen. Das iſt ein großer Fehler bei einem Maler. Seitdem Herr Lebergevis ſein ſechzigſtes Jahr zurückgelegt hat, malt er wenig Bilder; er beſchränkt ſich auf Unterrichtgeben. So oft ich ihn ſeit einiger Zeit geſehen, ſchien er leidend und unglücklich; er mied aller Blicke und zog ſich von Geſellſchaften zurück.. Seit einem Jahre jedoch bemerke ich mit Ver⸗ gnügen, daß er nicht mehr ſo iſt, und daß mit ſei⸗ ner Geſundheit auch ſeine gute Laune und ſeine Fröh⸗ lichkeit zurückkehrt. Ich nähere mich und berühre die Achſel des alten Malers, der ſich umwendet und lächelnd zu mir ſpricht, indem er auf die Statüen zeigt: 33 „Ihr jungen Leute bewundert ſo etwas nicht!— Es bleibt doch herrlich!“ „Verzeihen Sie, Herr Lebergevis, ich finde dieſe Gruppe ſehr ſchön; aber der Marmor iſt ſehr kalt— ein gewöhnliches Lächeln jenes jungen Mädchens, das dort vorbei geht mit ihrer ſchlanken Taille— ich muß es frei geſtehen— übt einen größern Ein⸗ druck auf mich aus, als eine Statüe.“ „Vandale!“ „Haben Sie nur Statuen bewundert, Papa Lebergevis?“ „Freundchen, ich bewundere auch die Frauen, wenn ſie bewundernswürdig find, wenn ihre Formen rein ſind, ihre Züge untadelhaft und ihr Gang edel.“ „Teufel auch! Dieſe Eigenſchaften werden Sie wohl nicht oft in einer und derſelben Perſon ver⸗ einigt finden, dann wäre ſie ja vollkommen und die Vollkommenheit iſt ſehr ſelten. Sind Sie verhei⸗ rathet, Papa Lebergevis?“ „Ja, mein Freund, ja, und dem Himmel ſei Dank, ich beſitze meine Frau noch.“ „Vereinigt Ihre Frau Gemahlin alle jenen Vor⸗ züge, die Sie verlangen, um eine Frau zu bewun⸗ dern?“ „Nein— o da fehlt noch viel! Meine Frau war einmal hübſch, das iſt Alles. Ich habe ſie nur geheirathet, um zu Hauſe meine Suppe eſſen zu können und nicht in eine Reſtauration gehen zu müſſen.“ Carotin. M. 3 34 „Haben Sie ſich in Ihrer Häuslichkeit nicht glücklich gefühlt?“ „O, ich bitte um Entſchuldigung! Meine arme Margarethe iſt eine ſehr gute Hausfrau.— Ich hatte das Unglück, ſie vor einiger Zeit beinahe zu verlieren, und Gott weiß, welchen Gram ich erduldet habe.“ „Glauben Sie, daß Sie mit einer Frau glück⸗ licher geweſen wären, die reine Formen, untadel⸗ hafte Züge und einen edeln Gang gehabt hätte?— Sie hätte vielleicht nicht einmal eine Suppe zu kochen gewußt.“ Der alte Maler ſchüttelt das Haupt, dann ant⸗ wortet er lachend: „Sie haben recht. Man kann eine Frau bewun⸗ dern und lieben, ſelbſt wenn ſie nicht vollkommen iſt. Sie können beſſer raiſonniren, als ich dachte.“ „Sie haben wohl bis jetzt geglaubt, ich ſei ein dummer Teufel?“ „Nein, o nein! Aber es giebt ſehr viel Leute, die nicht grade dumme Teufel ſind, und doch über Nichts ſprechen können.“ „Papa Lebergevis, laſſen Sie einen Augenblick Ihre Statüen und gehen Sie mit mir ſpazieren.“ „Gern.“ Wir gehen die Teraſſe des Feuillants entlang. Indem wir immer fortſchreiten, ſpricht mein Be⸗ gleiter: „Kennen Sie dieſen Garten?“ „Ob ich die Tuilerien kenne! Ich glaube ja.“ 35 „Wiſſen Sie auch, woher der Name Tuilerien kommt?“ Ich reibe mir die Stirn und antworte ganz offen: „Nein!“ Der alte Maler nimmt eine Prieſe, ſchnäuzt ſich und ſpricht: „Zu Anfang des ſechszehnten Jahrhunderts be⸗ ſaß ein Herr Nicolas de Neuville ein Haus und einen Garten in der Nähe einer Ziegelſcheune(fabrique de tuiles), die damals la Sablonnidre genannt wurde. Franz l. kaufte das Haus und den Garten und machte ſeiner Schweſter Louiſe von Savoyen ein Geſchenk damit. „Später verließ Katharine von Medicis das Hölel des Tournelles, wählte das Haus bei der Ziegel⸗ ſcheune zu ihrer Wohnung, kaufte das daran gren⸗ zende Terrain und bauete ein neues Schloß dahin. „Unter der Regierung Heinrichs IW. ward dieſes Schloß durch bedeutende Bauten vergrößert. „Gegen das Ende der Regierung Ludwig Xlll. waren in dem Hofe der Ziegelei(des Tuileries) noch Brennöfen und große Holzſchichten zu der Ziegel⸗ fabrikation vorhanden und der Garten war vom Schloß durch eine Mauer geſchieden. „Ludwig XIV. vollendete das Schloß der Tui⸗ lerien, er hielt ſich aber wenig darin auf, denn er zog Verſailles vor, woſelbſt er mit ſeinem Hofſtaate faſt immer verweilte. „Seine Nachfolger ahmten ihm nach, nur 3* 36 Ludwig WWI. ſchlug im Jahre 1789 ſeinen feſter Wohnſitz in den Tuilerien auf. „Im Jahre 1793 hielt der Staatsrath ſeine Sitzungen daſelbſt. „Später machte es Napoleon zu ſeiner bleiben⸗ den Reſidenz, und ſeit der Zeit dieſes großen Er⸗ oberers ſind die Tuilerien der Haupt⸗Aufenthaltsort des Hofes geblieben.“ Der alte Maler ſtand einen Augenblick ſtill, um Athem zu ſchöpfen, dann ſah er mich an, als ob er ſagen wollte: „Nun, das haben Sie wohl noch nicht gewußt, armer, unwiſſender Mann?“ Ich bin aber in dieſem Augenblicke mit einer Dame beſchäftigt, die ich in den Garten gehen ſehe, und ihren Weg der Teraſſe zu nimmt. Wenn ich nicht irre, ſo iſt es mein hübſches Mädchen aus dem Theater de la Gaité und des Va- riétés. Allein die auffallende Tvilette erinnert mich mehr an das junge, tolle Ding im Theater des Va- riétés, als an das beſcheidene, liebliche Mädchen, das ich im andern Theater geſehen. Mein Begleiter fährt fort: „Der Garten, welcher 370 Klafter lang und 70 Klafter breit iſt, iſt die Lieblings⸗Promenade jenes Theils der Einwohner von Paris geworden, die in der Chauſſée dAntin und in den Vorſtädten Saint⸗Germain und Saint⸗Honoré wohnen. „Daß der Garten ſehr ſchön iſt, geſtehen Sie 37 doch ein? Die herrlichen Kaſtanienbäume ſchmücken ihn zuerſt mit ihrem Grün, und laden uns ein, in ihrem Schatten zu luſtwandeln. Ueberhaupt ſind dieſe Bäume die erſten in Paris, die zu grünen beginnen. „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu ſagen, daß die große Allee durch dieſe ſchönen Bäume gebildet wird. Die Allee iſt ſtets mit Stühlen beſetzt und iſt der Vereinigungs⸗Punkt der Spaziergänger. „Man ſieht dort die neueſten Moden; jeder, der einen Rock nach dem letzten Geſchmacke zuge⸗ ſchnitten trägt, eilt dorthin, um Parade damit zu machen. „Sonntags hält es mitunter ſchwer, einen freien Stuhl zu finden und ſich frei in der ſchönen Allee zu ergehen, denn die Menſchenmenge iſt ſehr be⸗ trächtlich. Dies kommt aber daher, weil an die⸗ ſem Tage nicht nur die Bewohner der nächſten Stadttheile ſich hier einfinden, ſondern faſt aus allen Theilen der Hauptſtadt ſtrömen die Spaziergänger herbei. „Haben Sie dies auch ſchon bemerkt, mein beſter Freund? Man kommt aus Marais, aus der Vor⸗ ſtadt Saint⸗Denis, aus der Straße Saint⸗Antoine. „Die Kommercianten, die Krämer und Schnei⸗ der geben ſich hier Rendez⸗Vous. Die Frau des Paketträgers, des Krämers, des Chocoladen⸗Fabri⸗ kanten, die Näherin, die Modiſtin und die Kauf⸗ mannsftau— alle dieſe Leute erſcheinen in Cachemir⸗ 38 Shawls, wenn ſie welche haben, und mit Gold⸗ ſchmuck, ſelbſt wenn ſie keinen haben— im letztern Falle wird das Fehlende gemiethet. „Die armen Thoren! Wie oft macht mancher von ihnen den nächſten Tag Bankerott; aber gleich⸗ viel, wenn man Abends zuvor nur geglänzt hat. „Nun Freundchen, warum laufen Sie denn ſo?“ Ich halte mich nicht mehr, denn ich ſehe die Dame wieder, die mich an meine wunderbare Unbe⸗ kannte erinnert. Ich laſſe den alten Maler und laufe der Dame nach. Ich hole ſie ein, gehe an ihr vorbei und bleibe Lor ihr ſtehen— ich habe mich getäuſcht, es iſt nicht die Perſon, die ich vermuthete. Verwirrt und betroffen bleibe ich ſtehen. Die Dame, die meinen Schnelllauf geſehen, ſieht mich mit einem Blicke an, der zu fragen ſcheint, was ich von ihr will und warum ich ihr nachlaufe? Ich kenne wenig Lagen, in denen man ein ſo dummes und betroffenes Geſicht ſchneiden könnte. Die Dame lächelt, denn ſie hat wohl geſehen, daß ich mich geirrt habe; dann geht ſie langſam weiter. Ich wette, daß ſie Jemandem ein Rendez⸗Vous zu geben gedenkt, der ſich verſpätet hat. Auf dieſe Weiſe habe ich ihr durch mein Laufen eine vergebliche Freude gemacht. Beſchämt trete ich meinen Rückweg nach dem Orte an, wo ich meinen alten Begleiter zurückgelaſſen. 39 Er iſt noch an demſelben Platze; mit einer ſpöt⸗ tiſchen Miene ſieht er mich an und ſpricht: „Haben Sie ſie getroffen?“ „Nein, ich habe mich getäuſcht. Es war nicht die Perſon, die ich vermuthete.“ „Parbleu! Das verlohnte ſich der Mühe, wie ein Narr zu laufen! Und ich, der ich zu Ihnen ſprach— ich wette, daß Sie nicht ein Wort gehört haben.“ „Bitte um Entſchuldigung, Papa Lebergevis. Als Beweis, daß ich Sie verſtanden, diene meine Antwort: ich bin ganz Ihrer Meinung. Sonntags muß man die Promenade in dieſem Garten nicht wählen. Man tritt Sie auf die Füße, und Sie kön⸗ nen nicht ſicher darauf rechnen, daß Sie einen Stuhl finden, um ſich ſetzen zu können. „Aber in der Woche haben die Tuilerien viel Angenehmes. Da iſt die Geſellſchaft weniger zahl⸗ reich, aber gewählter. Sie ſehen überall, wiez. B. in dieſem Augenblicke dort, hübſche Frauen unter einem Baume ſitzen, den Rücken den Spaziergängern zugewendet, zwar ſchon etwas reif, aber faſt immer elegant und mit Geſchmack gekleidet, ohne daß ihre Toilette jene lächerliche Anmaßung hat, wie die bei den Sonntags⸗Spaziergängern.“ „Vortrefflich, mein junger Künſtler, Sie gehen in meine Ideen ein. Ich würde noch hinzufügen, daß dies der Sammelplatz der jungen Familien⸗Mütter iſt, die ſich in den weiten Zwiſchenraum ſetzen, der 40 zwiſchen den Kaſtanienbäumen und der Teraſſe des Feuillants liegt, um ihre Kinder ſpielen zu laſſen; und in der That, ſie konnten keinen beſſern Ort wäh⸗ len, der mehr Freiheit und durchaus keine Gefahr bietet. „Sehen Sie überall die friſchen, geſunden Kin⸗ der, geſchmackvoll, ſelbſt gewählt gekleidet, denn in dieſem Stadttheile will Alles reich ſein, oder wenig⸗ ſtens ſo ſcheinen. Sehen Sie, wie ſie hinter einem Reife herlaufen, Ball ſpielen, über eine Leine ſprin⸗ gen und ſich hinter ihren Wärterinnen verſtecken, die oft ihre Spiele theilen— „Und dort jener Knabe mit dem muthwilligen Geſicht, der höchſtens fünf bis ſechs Jahre alt zu ſein ſcheint, wie er Krieg ſpielt und den Komman⸗ danten vorſtellen will! „Sehen Sie die Mädchen, welche den Knaben nachlaufen? Die Mütter kümmern ſich nicht darum, denn ihre Kinder find in dem glücklichen Alter, in dem die Gedanken noch unſchuldig ſind daher iſt ihre Luſt ſo rein und ihr Vergnügen ſo wahr. „In der bedeckten Allee ſind die Spaziergänger ſeltener, die Perſonen ſitzen zerſtreuter. „Wir ſehen dort alte Militärs, Officiere höhern Ranges, die hier friſche Luft ſchöpfen, ſich erholen, plaudern oder Journale leſen. 13„Dort unten, die Teraſſe des Feuillants, iſt in der Regel der Ort, wo ſich Perſonen Rendez⸗Vous geben, die keinen Grund haben, ſich zu verbergen. 41 Aber die Teraſſe am Waſſer, die einſamer liegt, und auf ihren äußern Enden dichtes Gehölz und einige Bänke darbietet, die durch Hecken vor Wind und Wetter geſchützt ſind, wird von ſolchen Perſonen lieber gewählt, die nicht wollen, daß man ſie ſehen kann. „Dort am Ende jenes Platzes, auf dem die Kin⸗ der ſpielen, ſehen wir Greiſe, alte Soldaten, die hier zuſammenkommen, um ſich in der Sonne zu wärmen, wenn ſie ſcheint, und ſich ihrer Schlachten und Waffenthaten durch gegenſeitige Erzählung zu erinnern. „So findet ein Jeder in dieſem Garten Ver⸗ gnügungen für ſeinen Geſchmack und für ſein Alter. Die Kindheit genießt die Gegenwart, das Alter er⸗ innert ſich durch Erzählungen der Vergangenheit, die reifern Männer raiſonniren über die Zukunft, und die Jugend freuet ſich der Liebe.“ Ich ſtehe ſtill, um mich umzuſehen; der alte Maler ſagt mit ſpöttiſcher Miene: „Wollen Sie ſchon wieder einer Dame nachlau⸗ fen? Ich wünſche Ihnen mehr Glück, als vorhin: wollen Sie ſich noch einmal täuſchen?“ „Nein, ich ſehe nicht nach einer Dame— ſon⸗ dern ich glaube, daß Carotin dort geht.“ „Carotin? Sie haben Carotin geſehen?“ rief mein alter Begleiter, blieb ſtehen und ſah ſich mit bewegter Miene nach allen Seiten um. 42 „Wo iſt er? Von wo kommt er? Ich bemerke ihn noch nicht.“ „Ich habe mich getäuſcht, er iſt es nicht, ich ſehe heute Alles verkehrt.“ „Aber was haben Sie denn, Herr Lebergevis? Seit der Zeit, daß ich den Namen Carotin genannt, ſind Sie ſo bewegt. Hat er Ihnen vielleicht einmal einen muthwilligen Streich geſpielt, weswegen Sie ihm noch grollen? Mein Gott! da müſſen Sie ihm verzeihen. Sie wiſſen ja, daß er nur ſeine Zeit da⸗ mit hinbringt, Späße und muthwillige Streiche aus⸗ zuüben; aber vom Herzen iſt er ein ſehr guter Junge.“ Herr Lebergevis nimmt meinen Arm, drückt ihn an ſich und ſpricht: „Ich kenne Carotin eben ſo gut, als Sie, viel⸗ leicht noch beſſer, und will Sie ſelbſt urtheilen laſſen, was er werth iſt.— Hören Sie mich an: „Es iſt ungefähr ein Jahr her, daß meine Frau krank darnieder lag. Der Arbeit bot ſich wenig dar, und um für meine Frau ſorgen zu können, war ich des Geldes ſehr bedürftig. Meine Lage war drückend. „Ich hatte indeß ein Bild vollendet, das ein reicher Kaufmann mir aufgetragen hatte und mit neun Hundert Franes bezahlt werden ſollte. Damit glaubte ich mich wieder flott zu machen. „Mein Bild iſt fertig, ich trage es in die Woh⸗ nung des reichen Kauzes, der, wie ich glaube, ein alter Lohgerber war, und von ſeinem frühern Stande 43 her die Gewohnheit conſervirt hatte, bei jeder Ge⸗ legenheit zu gerben. „Man läßt mich mit meinem Bilde lange im Vorzimmer warten; Sie wiſſen ja, daß die jäm⸗ merlichen Emporkömmlinge glauben, Unhöflichkeit erhöhet ihr Anſehen. „Endlich erſcheint mein Mann, in Pantoffeln und Schlafrock; er grüßt mich kaum. Dieſe Weſen betrachten einen Künſtler, der für ſie arbeitet, wie einen Schneider, der ihnen einen Rock macht; ja, einen Schneider achten ſie höher. „Ah, der Herr Maler! ſagt der Lohgerber, in⸗ dem er mit einer großartigen Protector⸗Miene ſein erhabenes Haupt ein wenig neigt. Sie haben mich geſtört, ich war ſo eben beim Frühſtück. Sie kommen immer, wenn man ißt!— Sie haben eine gute Naſe! „Laſſen Sie einmal meine Beſtellung ſehen, Herr Maler, damit ich weiß, in welchem Sthle Sie gearbeitet haben! Ja, das ſage ich Ihnen gleich, ich verſtehe mich darauf!— Ich kenne die ſchönen Künſte! „Wenn ich gemalt habe, dann habe ich immer ſehr große Bilder gemacht— o! viel größer, als das da! Ich kann nicht begreifen, wie man Vergnü⸗ gen daran finden kann, auf kleinen Stücken Lein⸗ wand zu malen: wenn man viel Leinwand hat, wa⸗ rum ſoll man nicht viel gebrauchen?— Zeigen Sie einmal Ihre Arbeit, lieber Mann! 44 „Sie können ſich denken, lieber Herr Bergeval, daß ich meine Geduld mit aller Gewalt halten mußte, als der Mann ſo zu mir ſprach. Ich mußte hören, wie ein Rindvieh über Malerei ſprach und den Ken⸗ ner ſpielte! Aber ich war des Geldes zu bedürftig, und mußte ſchweigen. „Ich holte alſo mein Bild, das ich an ein Mö⸗ bel geſtellt hatte. „Es war eine Leinwand von vier und zwanzig Quadrat⸗Zoll Größe und enthielt die Hochzeit zu Cana in Galiläa. Der Mann ſelbſt hatte dieſen Gegenſtand verlangt, indem er mir ſagte machen Sie mir die Hochzeit zu Cana; dieſe Mahlzeit, wo man Waſſer in Wein verwandelt hat, muß ſehr luſtig ſein! Ich überreiche ihm mein Bild, das ich mit der größten Sorgfalt gemalt hatte, und das— ich kann es verſichern— gut komponirt und mehr als den bedungenen Preis werth war.“ „Ich zweifle nicht daran, mein alter Freund, denn ich weiß, mit welcher Gewiſſenhaftigkeit Sie arbeiten.“ „Man kann nie gewiſſenhaft genug ſein! Wa⸗ rum es ſich auch immer handle, man muß ſtets ſein Möglichſtes zu thun ſtreben: der Schuhmacher wie der erſte Künſtler iſt ein unredlicher Mann, wenn er Arbeiten abliefert, von denen er weiß, daß ſie ſchlecht ſind, denn er betrügt die Perſon, die ihm Geld dafür zahlt. „Ich überreiche alſo mein Gemälde. Der Loh⸗ gerber ſieht es einige Augenblicke an, hält es vor, hält es zurück und macht mit ſeiner hohlen Hand eine Lorgnette— dann runzelt er die Stirn und ſpricht: —„Nein, das iſt nichts— gar nichts! Da ſind Sie auf einem ganz verkehrten Wege, mein armer Mann! Es iſt erſtaunlich! Ich habe Ihnen doch geſagt, was ich will, und da machen Sie mir nun lauter Dummheiten! „Mir ſtieg die Galle— ich antwortete dem Gerber: —„Sie haben die Hochzeit zu Cana verlangt, und ich habe ſie gemalt. Sie haben viel Figuren gewünſcht, und es ſind mehr als dreißig Perſonen auf dem Bilde. Was haben Sie noch an meiner Arbeit auszuſetzen? Reden Sie, ich bin bereit Ihre Meinung zu hören, aber äußern Sie ſich auf eine ſchickliche Art. „Mein ehemaliger Lederhändler rief: —„Was ich daran auszuſetzen habe! Dreißig Perſonen ſind auf dem Bilde, das iſt wahr, und alle recht geſund— aber ſie find nicht größer, wie mein Daumen! Das iſt viel zu klein! In der Malerei kann man ſich ausbreiten— man muß ſich ausbreiten. — Wiſſen Sie, daß man für die Summe von neun Hundert Franes, über die ich mit Ihnen einig ge⸗ worden bin, Perſonen in Lebensgröße verlangen kann? —„Aber, mein Herr, wie wollen Sie auf 46 einer Leinwand von dieſer Größe dreißig Perſonen in Lebensgröße plaeiren? —„Das geht mich nichts an! Das iſt Ihre Sache— Sie ſind Künſtler, wenn Sie Ihr Hand⸗ werk nicht verſtehen, iſt es ſchlimm!— Köpfe wie auf Stecknadeln— danke ſchön— das wäre mir meine Hochzeit von Canaan! Und wie haben Sie die Perſonen gekleidet! Nein, nein, das iſt nichts! —„Es iſt das Koſtüm, was man zu jener Zeit trug und uns die Geſchichte beſchreibt. —„Was Geſchichte! Man muß ſich kleiden, wie es anſtändigen Leuten zukommt. Wie kann man barfuß auf eine Hochzeit gehen, das iſt ſehr unan⸗ ſtändig! Auch ſehe ich keine Thiere auf Ihrem Bilde; für neun Hundert Franes kann ich auch Thiere ver⸗ langen. Ich liebe die Thiere, ich könnte mit ihnen leben. „Was ſollte ich einem ſolchen Manne nun ant⸗ worten? Ich ſchwieg und dachte an meine arme Frau, die krank in ihrem Bette lag und tauſend Sachen bedürftig war. „Der Lohgerber merkte, daß er mich beleidigt hatte, und fuhr fort: — Sehen Sie, ich bin ein guter Menſch, ich habe ſelbſt gearbeitet und weiß, daß man nicht gern arbeitet, wenn man nichts davon hat. Warten Sie ein wenig— machen Sie mir in die Ecken des Ge⸗ mäldes ein Pferd und ein Kalb— wenn man auch nur den Kopf ſieht, das iſt mir einerlei— aber in 47 Lebensgröße, das wird Ihre Hochzeit von Canaan heiter machen! Und dann machen Sie in meinen Speiſeſaal einen Hammelskopf, der wird ſich da gut ausnehmen. Ah, ah, ah! Sie ſehen, daß ich immer gute Ideen habe. —„Mein Herr, antworte ich, was Sie von mir verlangen, iſt eine Unmöglichkeit! Ich kann neben den Figuren von drei Zoll Größe keinen Pferdekopf in natürlicher Größe malen. Was ſollte man dazu ſagen? Was von mir denken? Das wäre ſehr abgeſchmackt! Ich kann es nicht machen! For⸗ dern Sie von mir ausführbare Sachen, die ſich mit dem geſunden Menſchenverſtande vertragen, und ich genüge Ihrer Forderung auf der Stelle. „Wenn Sie durchaus Thiere in das Bild haben wollen, werde ich einige im Hintergrunde anbringen, aber in verhältnißmäßiger Größe. —„Und die ſollen nicht größer werden, als die Leute, welche eſſen? —„Sie werden ſogar noch kleiner werden, weil ſie in der Perſpective ſtehen. —„Danke ergebenſt! Die mag ich nicht. Mit Ihren Stecknadel⸗Köpfen! Ich wiederhole Ihnen, daß ich dort in die linke Ecke einen Pferdekopf, und dort in die rechte einen Hammel⸗ oder Ochſenkopf haben will— ganz nach Ihrer Wahl. —„Und ich, mein Herr, wiederhole Ihnen, daß dies angeht. „Aber wenn doch Platz da iſt, können Sie 4⁸ ſich entfalten— es iſt erſtaunlich— Sie verſtehen Ihre Profeſſion nicht! „Außerdem zahle ich, und wenn ich zahle, kann ich fordern was ich will, es muß geſchehen! —„Nein, mein Herr, ich habe nicht Luſt, um Ihnen zu gefallen, meinen Ruf zu verlieren und für einen Eſel zu gelten. Ein ſolches Verſehen werde ich nie begehen; noch einmal, es iſt unmöglich! —„O Sie halsſtarriger Menſch! Es iſt gut. Warten Sie ein wenig, ich komme gleich zurück. „Mit dieſen Worten nimmt der Gerber das Bild und geht haſtig aus dem Zimmer, worin ich mich befand. Ich wußte nicht, was er damit begin⸗ nen wollte, aber ich war erſtaunt, daß er mir mein Bild nicht zurückgab. „Ich dachte, er wird wahrſcheinlich dein Bild andern Perſonen zeigen, und alle können doch nicht ſo dumm ſein, wie er; meine Kompoſition iſt gut, und ich hatte ſchon in Gedanken die Gewißheit, daß man dem Lohgerber ſein Unrecht begreiflich machen würde. „So blieb ich zwei Stunden allein, ohne daß Jemand zurückkam. „Sie können ſich wohl denken, daß mich das langweilte. Ich ſtand auf dem Punkte, mich zu entfernen, als ſich endlich eine Thür öffnete, und der Gerber mit meinem Bilde in der Hand, ward wieder ſichtbar. Mein Bild hielt er ſo, daß ich es nicht ſehen konnte. 49 „Mit einer höchſt ſelbſtgefälligen Miene nähert er ſich mir und ſpricht: —„Nun, alter Pinſel, ich habe einen geſchick⸗ tern Burſchen gefunden, als Sie ſind. Dieſer Mann hat mir früher einmal ein prächtiges Schild gemacht! Ich erinnerte mich, daß er hier nebenan wohnt, und da ließ ich ihn kommen. Sehen Sie her, der hat bald gethan, was ich wollte. „Gleichviel, ich zahle daſſelbe; die Hauptſache iſt, daß ich zufrieden geſtellt bin.“ „Indem er dies ſagt, wendet er die Leinwand um, und läßt mich mein Bild ſehen. „Ich ſtoße einen Schrei des Schreckens und Ent⸗ ſetzens aus. In jeder Ecke des Gemäldes war ein Pferdekvpf und ein Kalbskopf. Mehrere meiner Fi⸗ guren waren durch dieſe ſcheußlichen Köpfe verdeckt. „Vor Zorn ward mir unwohl!“ „Das iſt wirklich entſetzlich, mein armer Papa Lebergevis!“ „Ich beſann mich nicht lange während der bor⸗ nirte Lohgerber triumphirend jeden der Köpfe be⸗ trachtete, verſetze ich meinem Bilde einen tüchtigen Fußtritt, daß es in mehrere Stücken zerplatzte. „Der Gerber ſtand verblüfft. Endlich ſtam⸗ melte er: —„Wie, Sie treten neun Hundert Franken mit Füßen?!— Es iſt Ihr eigenes Geld, das Sie ver⸗ nichten. —„Ja, mein Herr, antworte ich. Ich gebrauche Carotin. II. 4 50 dieſe Summe ſehr nothwendig; aber ich will lieber im Elend leben, als entehrt ſein. „Und ſomit entfernte ich mich und ließ den Fle⸗ gel ſtehen, der meine Handlungsweiſe nicht begreifen konnte.“ „Auch ich hätte ſo gehandelt, Papa Lebergevis; ich hätte das Bild ebenfalls vernichtet.“ „Ja, aber ich hatte eine kranke Frau und war ohne Geld. „Traurig und niedergeſchlagen, wie Sie wohl denken können, kehre ich in meine Wohnung zurück; verbarg aber meiner Frau, was vorgefallen. „Ich nahm meine Zuflucht zu den wenigen Effec⸗ ten, die ich beſaß, aber dieſe reichten kaum hin—“ „Warum ſind Sie aber nicht zu mir gekommen? Ah, das war nicht recht, Herr Lebergeois; denken Sie, daß ich nicht Alles aufgeboten hätte, um Ihnen zu dienen?“ „Mein lieber Freund, ich denke, man muß kein Geld borgen, wenn man nicht weiß, daß man es wiederbezahlen kann; und, wenn ich unglücklich bin, fliehe ich meine Freunde, anſtatt ſie aufzuſuchen, weil ich fürchte, daß ſie mein Elend errathen.“ „Sie haben Unrecht. Es iſt keine Kunſt, Freunde zu haben, wenn ſie niemals Beweiſe ihrer Freund⸗ ſchaft ablegen müſſen.“ „Mein guter Bergeval, die Freundſchaft iſt nicht wie die Liebe, die wächſt, durch das, was ſie giebt. „Ein kluger Mann muß es mit ſeinen Freunden 51 ſo machen, wie mit ſeiner Frau: ihre Tugend nie auf die Probe ſtellen. „Mit einem Worte, es ging mir ſehr ſchlecht. Da will ich eines Tages in das Leihhaus gehen, um meinen letzten Rock hinzubringen, als mir Carotin unterwegs begegnet. —„Wohin mit dieſem Paket, Papa Lebergevis,“ redet er mich an und hält mich auf. „Ich wollte meinen Weg fortſetzen, ohne ihm zu antworten, er hielt mich aber am Arme feſt, und mir— glaube ich— rollten die Thränen aus den Augen. „Hören Sie, Freund, man iſt nicht immer ſtark genug, ſeinen Schmerz zu tragen, und wenn das Elend mit dem Alter kommt, findet es uns ohne Muth und ohne Hoffnung. „Carotin öffnet mein Paket, ſieht meine Thrä⸗ nen und ruft: —„Ah, Sie tragen dies Paket zu meiner Tante— Ich kenne das, ich mache ihr ſehr oft Beſuche; aber Sie, Papa Lebergevis, ein Veteran, wie kommt es denn, daß Sie auf ſolchen Wegen wandeln müſſen?“ „Ich erzähle Carotin hierauf die Geſchichte mei⸗ nes Bildes mit dem Lohgerber, dann die Krankheit meiner Frau. „Carotin hört aufmerkſam zu. „Als ich aufgehört zu erzählen, ſagt er: —„Tragen Sie den Rock nicht dorthin; Sie 4* 52 würden doch nicht ſoviel erhalten, daß Sie aus Ihrer Verlegenheit kommen. Sie müſſen eine runde Summe haben, mit der Sie ſich helfen und abwarten können, bis ſich Ihr Loos ändert. „Ich habe eine Idee. Gehen Sie in Ihre Woh⸗ nung zurück und erwarten Sie mich. Ehe zwei Stun⸗ den vergehen, ſehen Sie mich wieder.“ „Ich will Carotin noch fragen, er läßt mir aber nicht Zeit dazu. Ich muß den Rückweg in meine Wohnung einſchlagen, und er verläßt mich mit den Worten: —„Auf Wiederſehen!“ „Zwei Stunden war ich ſchon in meiner Woh⸗ nung, und beginne ſchon meinen armen Rock, den ich über einen Stuhl gehangen hatte, von der Seite anzuſehen. Schon dachte ich, daß ich beſſer gethan hätte, ihn nicht wieder mitzubringen, als Carotin voll Schweiß, aber mit freudigem Geſicht eintritt. In der Hand hielt er einen Beutel mit Geld. Den Beutel legt er auf meine Kniee und ſpricht: —„Hier, Papa Lebergevis, dies gehört Ihnen. Sechs Hundert Franes ſind in dem Beutel.“ —„Sechshundert Franes!“ rief ich;„aber woher kommt dieſe Summe?“ —„Von Ihrem Lohgerber. Hören Sie die Geſchichte: „Ich hatte zu Hauſe ein altes Gemälde, das einen Türken auf einem Kameele ſitzend vorſtellt, der Räucherkerzen verkauft. 53 „Ich verfüge mich mit dieſer alten Schwarte zu dem Gerber und ſage ihm, daß es das Portrait Abd⸗el⸗Kaders ſei, den ich nach der Natur gezeichnet habe. Ich ſage ihm ferner, ſein Ruf als Kenner der Malerei ſei bis zu mir gedrungen, und es würde mich hochbeglücken, wenn er mein Gemälde an ſich kaufe. „Der Gerber iſt über dieſes Compliment und über mein Kameel hocherfreut. Er fragt nach dem Preiſe. „Ich fordere Tauſend Franecs. „Er ſchreit, daß er ſoviel Geld für ein Gemälde nicht ausgeben könne, obgleich das Kameel nach ſeinem Geſchmack ſei. Endlich bietet er mir ſechs Hundert Franes, jedoch mit der Bedingung, daß ich ihm noch einen Eſel von derſelben Größe mache. „Ich verſpreche es und gebe mein Wort darauf. „Er zahlt mir ſechs Hundert Franes für das Kameel, das kaum zehn werth iſt. Jetzt werde ich ihm noch einen Eſel zu demſelben Preiſe malen, macht zuſammen: zwanzig Francs. „Das nenne ich eine lange Rübe, die ich aus dieſem harten Boden geriſſen; aber er verdient es nicht beſſer für ſein Betragen gegen Sie.“ „Ich konnte mich von meiner Ueberraſchung nicht erholen. „Die ſechs Hundert Franes wollte ich nicht an⸗ nehmen, weil ſie Carotin gehörten. „Ich ſagte zu ihm 54 —„Behalten Sie wenigſtens die Hälfte!“ Aber er will nichts davon hören; ich muß Alles behalten und er entfernt ſich, ohne meinen Dank anzunehmen. —„Das iſt ſchön, ſehr ſchön! Ich freue mich, daß er bei allen ſeinen tollen Streichen ſein gutes Herz bewahrt.“ „Carotin's Geld brachte mir Glück. „Meine Frau ward geſund, die Schüler kamen von allen Seiten und ich machte einige Bilder, die ich gut verkaufte. Seit dieſer Zeit blieb mir das Glück fortwährend hold. „Sie können ſich wohl denken, daß ich nun auch daran dachte, Geld bei Seite zu legen, um Carotin die Summe zurückzuzahlen, die er mir geliehen hatte. Als ich ſie beiſammen hatte, wollte ich ſie ihm zu⸗ rückzahlen; es war mir aber unmöglich, ihn zur An⸗ nahme derſelben zu bewegen. Er will durchaus, daß ich ſie ihm aufbewahre, und geht ſogar ſo weit, daß er behauptet, das Geld gehöre mehr mir als ihm. „Mit einem Worte, Carotin meidet, mich zu ſehen, weil er fürchtet, ich ſpreche von meiner Schuld. „Dieſen Menſchen, mein lieber Freund, nennen die Leute nun einen Schlemmer, einen Herumtreiber, einen Taugenichts ich aber nenne ihn meinen Retter. „Dies beweiſ't, wie oft man falſch urtheilt, wenn man nur nach dem Scheine geht; daß es Leute giebt, die ihre Fehler zur Schau tragen und ihre guten Eigenſchaften verbergen; daß es aber auch 55 Andere giebt, die der Welt gute Eigenſchaften zei⸗ gen, um ihre Laſter zu verbergen. „Doch es iſt Zeit zum Mittageſſen, meine Frau wird mich erwarten. „Adieu, mein Freund! Jetzt kennen Sie Caro⸗ tin und die Tuilerien wohl beſſer— nicht wahr? Ich denke, Sie ſind nicht böſe darüber.“ Der alte Maler drückt mir die Hand und ent⸗ fernt ſich. Ich denke über den Herrn nach, der den Kunſt⸗ kenner ſpielt, und nachdem er das Gemälde des Papa Lebergevis für ſchlecht befunden, ein altes Kameel für ſechs Hundert Franes von Carvtin kauft. Nachdem ich die Tuilerien in Augenſchein ge⸗ nommen, wandelt mich die Luſt an, mein Mittags⸗ mahl einzunehmen. Nach Tiſche kommt mir auch die Luſt an, in das Odeon zu gehen. Es giebt Tage, wo man zu Allem fähig iſt. Aber ich denke, daß ich dort meiner ſchönen Unbekannten nicht in den Weg kommen möchte und wende mich nach dem rechten Ufer der Seine. 17. Ein Leinwandsladen. Ich komme vor einem Laden vorbei, in welchem fertige Artikel von Leinwand feil gehalten werden. Da ſteigt der Gedanke in mir auf: Du ſollſt Dir Hemden kaufen, weil Du eben bei Kaſſe biſt; denn die Philoſophie darf nicht bis zur Verachtung der Bemden gehen. Dies muß man den Tartaren und Koſaken überlaſſen. Ich öffne die Thür und trete in den Laden. Er iſt ein wenig finſter, aber vollſtändig decorirt. Die Ladentiſche zu beiden Seiten ſind ſo ſchön polirt, daß man ſich darin ſpiegeln kann. Die Muſtercharten ſind von oben bis unten mit den ſchönſten Waaren garnirt, und daher kommt es, daß es nicht ganz hell iſt. Außer den Spiegeln, die hinter den Laden⸗ tiſchen angebracht ſind, bemerke ich im Hintergrunde des Ladens eine prachtvolle Pſyche. Dies Alles kündigt mir an, daß ich in ein Ma⸗ gazin der beſſern Gattung getreten bin. Man kauft hier vielleicht etwas theuer, aber auch gut und ſchön, und wenn man die Mittel hat, ſechs Hemden auf ein Mal zu kaufen, ſo muß man es nicht ſo genau nehmen. Gleich ſechs Hemden! Ich kaufe jetzt ſechs Hem⸗ den, der ich ſonſt nur eins, höchſtens zwei Stück auf ein Mal gekauft habe! Sie können ſich wohl denken, daß ich mit jenem Gewicht in den Laden trete, den das Vermögen verleiht. Wenn man ſechs Hemden kaufen will, ſo glaube ich, würde man un⸗ erſchrocken zu einem Könige eintreten. Sichern Blicks durchſchaue ich die Räume. Hinter einem der Ladentiſche ſehe ich eine ſchon 57 etwas bejahrte Dame, die einmal hübſch geweſen ſein muß, mit ſchöner Haltung und ernſten Blicken, die gewohnt ſind, zu herrſchen. Dies muß die Herrin des Magazins ſein. Zu ihrer Linken bemerke ich eine Demoiſelle von ungefähr zwanzig Jahren, ſehr bleich von Geſicht, aber ſchön geformt, äußerſt decent gekleidet, mit hochanſchließendem Kleide und kreuzweis gebundenem Halstuche. Etwas entfernter ein kleines Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren, das die Augen nicht aufzu⸗ ſchlagen wagt, ſo lange ein Mann im Laden iſt. Ich wende meinen Blick nach der andern Seite. Zunächſt bemerke ich eine bejahrte Dame von reſpectabelm Anſehen. Dann eine junge Perſon—— Weiter kann ich meine Betrachtungen nicht fort⸗ ſetzen, denn ich erkenne meine ſchöne Unbekannte aus dem Orcheſter des Theaters de la Gaité, ich finde dieſelbe wieder, die ich damals ſah, das heißt ein beſcheiden gekleidetes Mädchen, mit ſchüchternem an⸗ ſtändigem Weſen— kurz dieſelbe, die mich damals auf den erſten Blick bezaubert. Beſtürzt und unbe⸗ weglich bleibe ich ſtehen. Ich muß ungeheuer dumm ausgeſehen haben, denn die Herrin des Magazins redet mich mit den Worten an: „Darf ich wiſſen, was der Herr wünſcht?“ „Verzeihung, Madame— ich ſuche Elfenbein— das jetzt am beliebteſten iſt.“ „Elfenbein— damit können wir nicht dienen.“ 58 „Habe ich Elfenbein geſagt, Madame?— Mein Gott, dann habe ich mich geirrt,— ich wollte Hem⸗ den ſagen.“ „Ah, das iſt etwas Anderes,“ antwortete Ma⸗ vame lächelnd— die werde ich Ihnen vorlegen.“ Welch ein Unglück! Ich muß nach dem andern Ladentiſche gehen. Aber während der Zeit, daß ich die Hemden be⸗ ſehe, blicke ich ſehr oft nach der andern Seite hinüber. Ja, wahrhaftig, ſie iſt es— da ſitzt das kleine Mal auf der Wange, das ich im Theater des Va- rietés geſehen— das iſt ihr ganzes Geſicht. Aber heute iſt ſie weit entfernt, zu lachen oder die Kokette zu ſpielen, ſie iſt nur mit ihrer Arbeit beſchäftigt. Wer ſollte jetzt nicht glauben, daß ſie die Unſchuld ſelbſt wäre? In der That, das junge Mädchen hat ein großes Talent, ſeiner Phyſiognomie jeden beliebigen Aus⸗ druck zu geben. „Wie finden Sie dies, mein Herr?— Und dies?— Iſt dieſe Facon nach Ihrem Geſchmacke?“ Auf Alles, was Madame fragt, antworte ich: „Sehr gut, Madame, das iſt vortrefflich— ganz charmant!“ „Wie viel Dutzend nehmen Sie von jedem?“ Dieſe Frage brachte mich wieder zur Beſinnung. Ich bin ein wenig überraſcht, als man von Dutzenden redet, denn ich glaubte ſehr reich zu ſein, weil ich ſechs Stück Hemden mit einem Male kaufen . 7 —— 59 kann; jetzt begreife ich aber, daß ich noch lange kein Kapitaliſt bin, und, ein wenig verlegen, antworte ich der Herrin des Magazins: „Nur ein halbes Dutzend, Madame, ich will zuvor ſehen, ob ſie mir paſſen.“ „Wenn ſie nicht paſſen, mein Herr, erhalten Sie andere.“ „Gut, Madame; ich werde zunächſt ein halbes Dutzend auswählen.“ „Wie es Ihnen gefällig iſt, mein Herr.“ Ich wähle, oder vielmehr ich nehme auf gut Glück aus, denn ich bin ſo verwirrt, ſeitdem ich meine ſchöne Unbekannte aus dem Theater wieder⸗ gefunden habe, daß ich meiner nicht mehr mächtig bin. Man giebt mir den Preis an— ich wage aber nicht zu handeln, obgleich er mir ein wenig theuer ſcheint. Ob die Herrin des Magazins bemerkt, daß ich nach der hübſchen Laden⸗Mamſell ſchiele, weiß ich nicht; aber ſie wiederholt unaufhörlich: „Ihre Adreſſe, mein Herr— man wird Ihnen das Gekaufte ſenden, ſogleich, oder morgen, wenn es Ihnen lieber iſt.“ „Wie Sie wollen, Madame— morgen, mor⸗ gen iſt mir lieber, denn ich bin jetzt nicht zu Hauſe.“ Dieſe meine Antwort bringt Madame zum La⸗ chen, auch ſehe ich, daß die beiden andern jungen Mädchen die Lippen zuſammenbeißen, um das Lachen zu unterdrücken. 60 Die Herrin antwortet raſch und ſehr artig: „Ihre Adreſſe, wenn ich bitten darf, mein Herr.“ „Hier iſt ſie, Madame.“ Ich überreiche der Dame eine meiner Karten, die ſie beſieht; dann ſpricht ſie zu mir: „Morgen früh zehn Uhr wird man bei Ihnen ſein, mein Herr; iſt es Ihnen zu früh?“ „O nein, Madame, man kann noch früher kom⸗ men, wenn man will— ſpäter habe ich mitunter Sitzung.“ Es war mir nicht unangenehm, beiläufig erwähnt zu haben, daß ich Maler bin. Ich weiß aber nicht, ob ſie mich gehört hat, denn ſie ſchlägt die Augen nicht auf von ihrer Arbeit. Es iſt rein unmöglich, ſich beſſer zu verſtellen, als dieſes junge Mädchen. Auch jene Alte, die neben ihr iſt, erkenne ich jetzt wieder; ſie war ihre Beglei⸗ terin im Theater de la Gaité. Sie könnte mir wohl dafür ihren Dank abſtat⸗ ten, daß ich ihr einen Wagen geſucht habe; aber ſie ſcheint mich nicht wieder zu erkennen. Die Beherrſcherin der Leinwands⸗Räume muß eben keine Plaudertaſche ſein, oder es ganz in der Ordnung finden, daß man nach ihren Ladenmam⸗ ſells ſchielt, denn ſie wiederholt mir unaufhörlich: „Morgen, mein Herr, erhalten Sie Ihre Hem⸗ den, man wird nicht verfehlen, ſie Ihnen zuzu⸗ ſtellen.“ Ich verſtehe, was ſie damit ſagen will: † 61 „Jetzt können Sie gehen, mein Herr, denn Sie haben hier nichts mehr zu thun.“ Ich entſchließe mich endlich dazu. Sehr artig grüße ich die Herrin, die mit vieler Grazie meinen Gruß erwiedert; ich grüße die Mam⸗ ſells— die aber wenden keinen Blick von ihrer Ar⸗ beit— dann verlaſſe ich den Laden. Als ich mitten auf der Straße du Bac bin, denn dort wohnt die Leinwandhändlerin, wo man ſich ſechs Hemden gekauft hat, frage ich mich: haſt Du Dich auch nicht geirrt in der jungen Perſon, die in ihrem Laden ſo ernſt und gemeſſen ausſieht, wenn Du ſie für dieſelbe hältſt, die Du in der Loge des Theaters des Variétés ſo frei und kokett geſehen haſt? Ich gehe zu Tiſche. Mein Appetit iſt aber in dem Magazin geblieben, denn ich kann faſt gar nichts eſſen. Immer noch ſteht das junge Mädchen vor mir, zu der ich von Neuem in Liebe entbrenne. Die ſon⸗ derbarſten Vermuthungen ſteigen in mir auf. Ich frage mich, ob es möglich iſt, daß in einem WMagazin, welches nur von anſtändigen Leuten be⸗ ſucht zu werden, und deſſen Inhaberin ſehr ſtreng zu ſein ſcheint, ein junges Mädchen geduldet werden kann, das mit mehrern jungen Leuten in's Theater geht, mit einem jungen Manne allein in einen Wa⸗ gen ſteigt und auf ſo auffallende Weiſe lacht. Wenn es aber die Beſitzerin des Magazins nicht weiß, oder wenn dies junge Mädchen ſo vortrefflich arbeitet, daß man ihr dergleichen kleine Stitenſprünge 62 nachſieht? Doch gleichviel— mir iſt die ganze Sache nicht klar. Ich habe in früherer Zeit einmal einen Roman von Charles Nodies geleſen unter dem Titel„Jean Sbogar“, worin der Held eine Doppelperſon iſt, den man bald als einen jungen vornehmen Herrn, bald als einen Banditen⸗Chef agiren ſieht. Faſt fange ich an zu glauben, daß dieſes junge reizende Mädchen ein weiblicher Jean Sbogar iſt, das bald in dieſer, bald in jener Geſtalt erſ cheint. Wenn man ſie morgen mit meinen Hemden zu mir ſchickte Doch nein, man wird ſie nicht ſchicken. Wenn ich nicht irre, hat Madame gelächelt, als ſie meine Aufmerkſamkeit für ihre reizende Schülerin pemerkte. Man wird ſie alſo auf keinen Fall zu mir ſchicken. Ich wollte, es wäre ſchon morgen. Was ſoll ich dieſen Abend beginnen? O wir armen Thoren Eines Rendez⸗Vous oder eines Vergnügens wegen, wollen wir ſchnell älter werden und beklagen uns über die langſame Zeit. Als ich in mein Zimmer trete, giebt mir meine Thürſteherin einen Brief. Ich erkenne die Handſchrift, der Madame Chamouillé. Sie hat die unglückſelige Gewohnheit, ſich ſo blaſſer Dinte zu bedienen, daß man die Buchſtaben kaum unterſcheiden kann. Ich werde ihr wohl ein Geſchenk mit einer guten Flaſche Dinte machen müſſen. —— — —— —— 63 Ich erbreche den Brief, ſtelle mich an das Fenſter und leſe: „Du, den ich wie mein Leben liebe—(Wenn ich nicht irre, giebt es eine Romanze, die ſo an⸗ fängt.) „Sie ſind ein unwürdiger Mann— aber Künſtler vom Fach, und deshalb verzeihe ich Ihnen. Ich kann ohne Sie nicht leben, Sie ſind der Stern meines Lebens, die Sonne meines Schickſals—“ Warum macht ſie mich nicht gleich zu ihrem Kometen? Dieſe Dame liebt die großen Phraſen— doch weiter: „Ich will Ihr Atelier nicht wieder betreten, wo ich Sachen ſehe, die zwar an und für ſich un⸗ ſchuldig ſein mögen, mir aber den Tod geben werden. Ich will, daß Sie zu mir kommen. Allem, was daraus entſtehen mag, biete ich Trotz. „Meinem Gemahl habe ich angekündigt, daß ich einen Maler erwarte, von dem ich mir mein Portrait machen laſſen werde. Kommen Sie morgen und bringen Sie Ihren Farbekaſten mit; vergeſſen Sie ja keine Farbe! „Meinen Kleinen foll die Bonne in den Thier⸗ garten führen; wenn er bei den Affen iſt, kehrt er ſobald nicht zurück. „Gegen Mittag erwartet Dich Deine ewig treue Ariane!“ „P. S. Komm Komm! Komm!“ Ich drücke den Brief zuſammen und ſtecke ihn in meine Taſche, ohne mich weiter darum zu kümmern. Meine Ariane hat wieder einen Anfall von Eifer⸗ ſucht. Daß ſie mein Atelier nicht wieder beſuchen will, iſt ſehr gut; daß ich aber zu ihr kommen ſoll, halte ich für unnöthig. Nir ſcheint gerathener, jeder bleibt, wo er iſt. Mit dem Gedanken an die Leinwandsladen⸗ Mamſell lege ich mich ſchlafen, und da ich mich der Erinnerung an den Abend im Theater des Variétés nicht erwehren kann, ſuche ich ihr freies Betragen zu entſchuldigen; ich ſage mir, daß es durchaus nicht auffallend iſt, wenn man bei luſtigen Stücken im Theater lacht, und daß jener junge Mann, mit dem ſie in den Wagen ſtieg, vielleicht ihr Anver⸗ wandter geweſen ſein kann. Nit einem Worte, ich wende Alles an, das junge Mädchen aus dem Theater des variélés mir ſo ſtraflos als möglich hinzuſtellen, damit ich die noch ferner anbeten kann, die ich im Leinwandsladen wie⸗ der gefunden habe.— Ich ſchlafe ein wenig und ſtehe bei guter Zeit wieder auf. Dann ſetze ich mich zur Arbeit; dies iſt das beſte Mittel, ſich vor langer Weile zu ſchützen. Drei Viertel zehn Uhr wird zwei Mal leiſe an meine Thür geklopft— mein Herz klopft auch— wenn ſie es wäre! Ich öffne. Man ſchickt mir wohl meine Hemden, wie ich mir gedacht, aber nicht durch das hübſche junge Mädchen. Die Perſon, die in mein Zimmer tritt, hatte ich geſtern an dem hintern Ladentiſche geſehen; ihr Geſicht dient ihrer Tugend als Panzer. „Hier ſind ſechs Hemden, mein Herr.“ „Ah, ſehr gut, Mademviſelle— wollen Sie die Güte haben, Sie dorthin zu legen.“ „Hier iſt auch die kleine Rechnung— quittirt—“ „Geben Sie, Mademviſelle.“ Ich nehme die kleine Rechnung, die ſechs und neunzig Franes beträgt— finde aber nicht, daß ſie ſo klein iſt, wie die Ueberbringerin ſagt. Ohne mir merken zu laſſen, daß mir die Summe groß erſcheint, gehe ich an mein Pult, worin mein Geld liegt. Während ich meine Hundert⸗Sous⸗Stücke auf⸗ zähle, verſuche ich, die Mamſell zum Sprechen zu bringen; ſie ſcheint aber keine Luſt zu haben.— Vielleicht treffe ich ihre empfindſame Seite, und das iſt bei einem jungen Mädchen ſehr leicht, vorausge⸗ ſetzt, daß ſie eine hat. „Sie ſind, in einem ſehr ſchönen Magazin, Ma⸗ demviſelle— „O ja, mein Berr. 4 „Kommt es oft vor, daß Sie ausgehen?“ „Nein, mein Herr.“ „Sie müſſen eine ausgebreitete Kundſchaft haben.“ „O ja, mein Herr.“ „Gehen Sie mitunter in das Theater, Made⸗ moiſelle?“ Carotin. II. 5 66 „Nein, mein Herr.“ Es ſcheint, daß ich ihre empfindſame Seite noch nicht gefunden habe, wenigſtens beweiſen dies die lakoniſchen Antworten. Ich beginne alſo meine Inquifition noch einmal: „Mademviſelle, ich weiß nicht, ob ich mich täuſche, aber mir iſt, als ob ich jenes junge Mäd⸗ chen kennen ſollte, das in Ihrem Alter zu ſein ſcheint und an dem Ladentiſch Ihnen vis-Mvis arbeitet? „War ſie nicht früher in der Straße Vivienne in einem Magazine? Iſt ſie nicht eine Engländerin und heißt Marie?“ „Nein, mein Herr, Sie irren ſich. Dieſe Mam⸗ ſell heißt Roſa und iſt keine Engländerin, ihr Va⸗ terland iſt die Franche⸗Comté. In der Straße Vi⸗ vienne kann ſie nicht gearbeitet haben, denn als ſie in unſer Geſchäft trat, war ſie erſt aus ihrem Vater⸗ lande hier angekommen, wenigſtens hat ſie uns dies geſagt.— Es iſt übrigens möglich, daß ſie die Wahrheit verſchwiegen hat. „Madame hat übrigens ſchon einige Male be⸗ merkt, daß Mamſell Roſa gelogen hat— mit ihrem Heiligen⸗Geſichte— es eirkuliren merkwürdige Ge⸗ rüchte über ſie— und wenn Madame noch ein ein⸗ ziges Mal etwas von ihr hört, daß man ſie zum Beiſpiel an Orten trifft, die von anſtändiger Ge⸗ ſellſchaft nicht beſucht werden, ich bin feſt überzeugt, daß ſie Mamſell Roſa wieder fortſchickt, weil in unſerm Magazin nur Ladenmamſ ells geduldet werden, 67 von denen nicht das kleinſte nachtheilige Wort geſagt werden kann. „Uebrigens will ich von Mamſell Roſa nichts Schlechtes geſagt haben, obgleich man ſich mancher⸗ lei erzählt— denn die Welt iſt jetzt ſo ſchlecht— aber wenn man ſich keinen Vorwurf zu machen hat, hat man auch nicht nöthig, den ganzen Tag zu ſeuf⸗ zen und die Augen nach der Decke zu richten. „Doch Verzeihung, mein Herr, ich plaudere hier und meine Zeit iſt abgemeſſen— Madame weiß, daß ich nicht gewohnt bin, mich zu amüſiren, wenn ich ausgeſchickt werde.“ „Hier iſt Ihr Geld, Mademviſelle.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ Die Ladenmamſell iſt fort, und ihre empfind⸗ ſame Seite ſcheint mir der Neid zu ſein; als ich ſie anſchlug, wußte ich, was ich wiſſen wollte. Das hübſche Mädchen heißt Roſa, iſt aus der Franche⸗Comté und über ihre Aufführung courſiren verſchiedene Gerüchte. Parbleu! Ich glaube es wohl, wenn man ſie mit drei jungen Leuten geſehen hat! Aber ſie ſeufzt den ganzen Tag und richtet ihre Blicke zur Decke empor— das wundert mich wahr⸗ ſcheinlich hat ſie in ihrem Magazine Langeweile. Der Name Roſa hat mich frappirt— mir iſt, als ob ich ihn vor nicht langer Zeit habe nennen hören. Ah, jetzt beſinne ich mich! Dies iſt der Name von Herrn Fournichon's Paſſion. 68 Wahrhaftig Hat er nicht auch geſagz, daß es eine Leinwands⸗Ladenmamſell wäre? Hat Carotin mir nicht erzählt, daß ihn Fournichon in die Straße du Bac geführt habe? Es iſt klar Das junge liebenswürdige Mädchen, das meine Ruhe geſtört, iſt dieſelbe, in die Herr Fournichon verliebt iſt, iſt dieſelbe, die auf dem VBall Mabille die Polka tanzt! Es iſt auch dieſelbe, die in ihrem Magazine den ganzen Tag ſeufzt, und im Theater ſo laut lacht. Es wäre bei Gott nicht zu glauben, wenn man es nicht geſehen hätte! —„ Ich kann die Idee nicht faſſen, daß Herr Four⸗ nichon mein Rival iſt, und vielleicht ein glücklicher Rival, denn Manſell Roſa hat ihm ein Rendez⸗ Vous gegeben. Ich muß mir durchaus Licht in der Sache verſchaffen. Aber auf welchem Wege? Ich weiß nicht, wo der Lichtzieher wohnt. Er hat mir ſeine Wohnung geſagt, aber ich habe ſie wieder vergeſſen. Hätte ich denn denken können, daß ich je hätte zu ihm gehen, oder von ſeiner Adreſſe Notiz nehmen müſſen? Albends gehe ich in der Straße du Bar vor dem Magazine, worin die reizende Roſa arbeitet, ſpazieren. Aber die Vorhänge geſtatten keinen Blick in den —— Laden, ſie ſind ſo dicht, daß es eine reine Unmög⸗ lichkeit iſt, durch die Fenſterſcheiben zu ſehen. Wie lächerlich, einen Laden mit Vorhängen zu verſehen, in welchem ſich hübſche Geſichter befinden! Dieſe Leinwandhändlerin iſt gar nicht auf ihren Vortheil * — 69 bedacht. Die, welche ich ſehen möchte, kommt nicht heraus. Ich will alſo in der Straße Schildwache ſtehen. Den folgenden Tag beginne ich, ebenſo erfolg⸗ los, meine Promenade von Neuem. Hätte ich doch noch Mittel, Hemden zu kaufen! Meine Erſparniſſe ſind bereits ausgegeben. Es würde mir ſelbſt unmöglich ſein, ein Paar Vater⸗ mörder zu erſtehen! In der Liebe wie im Spiele wagt man dennoch, wenn auch die Taſchen leer ſind. 18. Das Haus Chamuuillé. Eines Abends, als ich im Begriffe ſtehe, meine Hausthür zu öffnen, fühle ich mich plötzlich von zwei Armen umſchlungen, die mich convulſiviſch zuſam⸗ menpreſſen und dann auf meine Achſeln finken, als ob man ſie fallen ließe.. Es iſt Ariane, die mich erwartet und ſich dann auf mich geſtürzt hat, beinahe wie die junge Hunde, die, um ihre Freude an den Tag zu legen, wenn ſie ihren Herrn wieder erblicken, mit den Pfoten ihn betaſten oder ſich zwiſchen ſeine Füße werfen und ihre Purzelbäume ſchlagen. Glücklicherweiſe widerſtehe ich dem erſten Anlauf. Ich nehme die Dame in meine Arme und rufe: 70 „Wie, Sie ſind es?“ „Ja, ich bin es, ich, die an Sie geſchrieben hat und die Sie nicht einmal einer Antwort gewür⸗ digt haben, ich, die Sie anbetet, und die Sie ſchon vergeſſen haben, weil Sie ein ſchlechter Menſch ſind, der nur die Veränderung liebt— oder vielmehr nicht weiß, was Liebe iſt. „Ach, warum hat das Geſchick Sie mir ent⸗ gegengeführt, um all mein Glück zu zerſtören? Was ich in Ihnen zu finden geglaubt, Gefühl, Delicateſſe und Anmuth——“ „Theure Freundin, wenn Sie eine lange Rede halten wollen, erlauben Sie, daß ich Sie auf eine Bank ſetze, denn ich fürchte, ich werde Sie fallen laſſen, nicht etwa, weil Sie zu ſchwer find, ſondern weil dieſe Poſition auf die Länge der Zeit zu an⸗ ſtrengend wird.“ Ariane zieht ſich zurück und verſetzt in einem iro⸗ niſchen Tone: „Der Herr hat wohl nicht die Kraft, mich zu tragen?“ „Sie haben ein Embonpoint, das man merkt.“ „Sie lieben wohl jetzt die magern Frauen?“ „Mein Gott, das will ich nicht geſagt haben; ich laſſe Ihren Reizen vollkommen Gerechtigkeit an⸗ gedeihen.“ „Ach ja, es iſt erſtaunlich, wie Sie den Reizen Gerechtigkeit angedeihen laſſen! Reden Sie, Unge⸗ heuer warum ſind Sie nicht zu mir gekommen; ich 71 habe Ihnen geſchrieben, daß ich Sie erwarte— meinen Alphons hatte ich zu den Affen geſchickt. Seit vier Tagen erwarte ich Sie vergeblich, und der Kleine hat es bereits ſatt, die Affen zu ſehen.“ „Sie ſind mitunter ſo eiferſüchtig, dachte——“ „Was? Vollende! Du willſt mich nicht mehr ſehen, Du liebſt mich nicht mehr, das iſt es, was Du denkſt. Du willſt mich los ſein.— Ja, es ſoll geſchehen! Mein Schickſal iſt beſtimmt, ich ſterbe für Dich!“ Ariane zog einen kleinen Taſchendolch unter ihrem Halstuche hervor, deſſen Klinge hell erglänzte, und wollte ihn in ihre Bruſt ſtoßen. Ich aber ergriff ihren Arm, entwand ihr ohne Mühe den Dolch und ſteckte ihn mit den Worten in die Taſche: „Sie haben mich wohl deshalb hier in der Straße erwartet, um mir dieſe Scene vorzuſpielen? Das iſt recht liebenswürdig von Ihnen.“ „Geben Sie mir meinen Dolch zurück, mein Herr, ich will es, er gehört mir— geben Sie ihn mir zurück!“ „Wenn wir ſo auf der Straße ſtehen bleiben, laufen wir Gefahr von einer Patrouille arretirt zu werden. Wollen Sie mit mir in mein Zimmer gehen?“ „Nein, ich will nicht mit Ihnen gehen, ich will meinen Dolch haben!“ „Heute Abend gebe ich Ihnen den Dolch nicht 72 zurück; aber morgen werde ich die Ehre haben, Ihnen denſelben in Ihre Wohnung zu bringen.“ „Morgen— Sie wollen kommen? Iſt es auch wahr?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ Sie wirft ſich hocherfreut in meine Arme. Eine ſonderbare Frau, die vom Zorn ſo leicht zur Zärt⸗ lichkeit, von der höchſten Wuth zur Liebe übergeht. Ich ſchlage ihr abermals vor, mit mir in mein Zimmer zu gehen und ſich zu erholen. „Ach nein, es iſt zu ſpät, mein Freund; ich bin heimlich entwiſcht— ach, ich hatte den Kopf verloren. „Mein Mann wunderte ſich, daß ich noch ſo ſpät ausgehen wollte; er ſagte zu mir: —„Wohin gehſt Du, meine theure Freundin?“ „Ich gab ihm zur Antwort, daß ich ungeheure Zahnſchmerzen habe, und mir den Schmerz verur⸗ ſachenden Zahn ausreißen laſſen wollte. „Führen Sie mich zurück— aber in einem Wa⸗ gen, denn ich fühle mich ſehr ſchwach. O Gott, meine Nerven!“ Ich nehme den Arm meiner Dame; ſie ſtützt ſich dergeſtalt auf mich, als wollte ſie ſich tragen laſſen. Wir kommen auf einen Platz, wo Wagen halten; es find nur zwei Kabriolets vorhanden. Das iſt ärgerlich, die Wagen ſind angenehmer; Ariane ſcheint aber ſo ermattet, daß ich ihr vor⸗ ſchlage, in ein Kabriolet zu ſteigen. 73 Sie hängt das Mäulchen und zieht mich weiter fort, indem ſie ſpricht: „Ach, ein Kabriolet! Das wäre nicht übel! Laſſen Sie uns ein wenig weiter gehen, wir finden wohl noch einen verſchloſſenen Wagen.“ Ariane hat vergeſſen, daß ſie vorhin zu ſchwach war, um ſich aufrecht zu erhalten, denn ſie geht jetzt ſo ſchön, als ob ſie tanzte. Aber wir ſuchen vergebens einen Wagen, und ich muß Ariane zu Fuß nach Hauſe führen. Dies kommt mir ſehr gelegen, denn ich muß ge⸗ ſtehen, daß ich in dieſem Augenblicke nicht bei Kaſſe bin. Auf dem Rückwege prüfe ich den kleinen Dolch, der in meiner Taſche geblieben iſt. Es iſt ein recht niedliches Kinderſpielzeug. Der Griff iſt aus Perlmutter gearbeitet, aber die Klinge keineswegs ſo eingerichtet, daß man ſich damit durch⸗ ſtoßen kann, wenigſtens gehört eine große Portion Eigenſinn dazu. Uebrigens war es unnütz, die ganze Sache für Ernſt zu halten, denn Ariane ſelbſt hatte keine Luſt, ſich auch nur ritzen zu wollen. Es war eine von jenen kleinen tragiſchen Scenen, die ſie ſehr oft ſpielt. Den folgenden Tag, Nachmittags zwei Uhr, be⸗ begebe ich mich nach der Straße de Treviſe, in das Haus meiner eiferſüchtigen Freundin. Ich frage den Portier: „Madame Chamvuillé?“ 74 „In der vierten Etage, im zweiten Zwiſchenſtock.“ „Alſo in der ſechſten Etage?“ „Nein, mein Herr, die beiden Zwiſchenſtock⸗ werke gelten nicht für Etagen.“ Bei dem Hinaufſteigen der Treppe beſinne ich mich, daß Ariane mir geſagt hat, ſie wohne im zwei⸗ ten Stock. Auf jeden Fall hat die Frau nicht ſagen wollen, wie ſich die Sache wirklich verhält. Ich komme an und läute. Eine ſchmutzige Magd, mit aufgeſtreiften Hemds⸗ ärmeln und ſeifebeſchmierten Händen öffnet mir die Thür. Sie hat kaum die Thür geöffnet, als ſie ſich wieder entfernt, ohne mich zu fragen, was ich will. Statt deſſen höre ich ſie ſagen: „Meinetwegen! Wenn ich bei der Wäſche bin, muß ich auch noch jedem Straßenjungen die Thür aufmachen! Was ich hier nicht Alles thun muß! Welch eine Bude!“ Der Empfang verſpricht viel. Ich bleibe alſo in einem ziemlich dunkeln Gange ſtehen, der wahr⸗ ſcheinlich als Vorſaal benützt wird, und als die Magd murrend und knurrend verſchwunden iſt, weiß ich nicht, ob ich rechts oder links gehen ſoll. Plötz⸗ lich erſcheint ein kleiner Knabe in dem Gange, wirft mir eine Kreiſel zwiſchen die Füße und ruft: „Aufgepaßt, Papa Mimi, mein Kreiſel kommt!“ Der Knabe läuft dem Kreiſel nach, um ihn wie⸗ der aufzuheben. Jetzt ſieht er mich an und ſpricht: 75 „Ach nein, es iſt Papa Mimi nicht— Mama! Fanchette— hier iſt Jemand— kommt ſchnell her⸗ bei! Hier iſt ein fremder Mann, vielleicht ein Räu⸗ ber! Er trägt einen großen Kaſten! Kommt ſchnell! Kommt ſchnell!“ Aus einem benachbarten Zimmer ertönt die Stimme der Bonne: „Du willſt mich dumm machen!— Laß mich in Ruhe! Und wenn der Teufel kommt, ich bleibe bei meiner Wäſche!“ Dieſer Empfang kommt mir äußerſt merkwürdig vor, denn, daß man mich für einen Räuber hält, kann mir doch unmöglich ſchmeichelhaft ſein. Der Knabe ſchickte ſich eben an, ſeinen Kreiſel noch einmal zwiſchen meine Beine zu ſenden, als Ariane ſichtbar wird. „Wie, Sie ſind es, Herr Bergeval? Warum hat man mir nichts gemeldet?— Haben Sie die Güte, hier herein zu treten. Ach, das iſt recht ſchön von Ihnen, daß Sie gekommen ſind.“ Ich ſchreite in dem Gange vorwärts, ſtolpere aber einige Male über einen Kegel, einen Ball oder ſonſt über ein Spielzeug des jungen Chamouillé, das in dem Zimmer wie ausgeſäet herumlag. Endlich gelange ich in ein Zimmer, das zwar hell, aber in einer grenzenloſen Unordnung iſt: die Möbel ſtehen wie Kraut und Rüben unter einander, auf dem Boden liegt ein Beſen, nicht weit davon ein Scheuerlappen und Strohwiſche, dort eine große — 76 Pfütze Milch und in der Mitte des Zimmers eine zerbrochene Taſſe. Ich weiß nicht, wohin ich meinen Fuß ſetzen ſoll und bleibe ſuchend ſtehen; Ariane aber zieht mich bei der Hand durch das Zimmer und ſpricht: „In dieſem Zimmer bleiben wir nicht, es iſt noch nicht gereinigt. Ich kann nicht begreifen, wie das heute früh hier zugeht— es iſt noch nichts ge⸗ than. Meine Bonne iſt ein Faulpelz, aber ich be⸗ halte ſie, denn ſie iſt eine gute Köchin, ſie kocht wie ein Engel, weil ſie bei einem Miniſter gedient hat. Kommen Sie in mein Schlafzimmer.“ Wir treten in das Schlafzimmer. Es iſt aber auch nicht viel beſſer in Ordnung, als das Zimmer, das wir ſo eben verlaſſen, wenig⸗ ſtens find keine Milchpfützen darin. Ich ſetze mich auf einen kleinen Sopha, deſſen Ueberzug wohl verdient, einen Theil von Franchette's Wäſche zu bilden; Ariane ſetzt ſich an meine Seite und ſpricht mit leiſer Stimme: „Es iſt recht ärgerlich, daß ich heute kein Mittel finden kann, den Kleinen fortzuſchicken; er will die Affen nicht mehr ſehen— er will zu Hauſe bleiben und die Bonne auch. Wenn ſie hier ſind und Sie kneipen mir einmal mit den Fingern in die Wange, würde es mein Mann auf der Stelle erfahren.“ „Dann werde ich Sie nicht kneipen, theure Freundin.“ „Oh, ich glaube wohl, daß Sie ſich deſſen ent⸗ —,— 3 halten können— doch, übermorgen habe ich einen Grund, ſie ausgehen zu laſſen. Ich ſchicke Alphons zu ſeinem Pathen, deſſen Geburtstag iſt, um ihm zu gratuliren.— Heute beginnen Sie mein Por⸗ trait, nicht wahr?“ „Gern; Sie ſehen ja, daß ich meinen Farbe⸗ kaſten mitgebracht habe. 3 „Ah, wie liebenswürdig Sie ſind— und mein Dolch?“ „Hier iſt er. Ich gebe Ihnen denſelben zurück, weil ich vorausſetze, daß er nicht mehr gefährlich iſt.“ „Aber er könnte doch noch viel Unheil anrichten.“ Während ich mich zum Malen anſchicke, kommt Alphons herbeigelaufen. Er ſchlägt einige Purzel⸗ bäume durch das Zimmer, dann tritt er vor ſeine Mutter und indem er mit dem Finger auf mich deu⸗ tet, ſpricht er: „Wer iſt denn das?“ „Der Herr iſt ein Maler, ein ausgezeichneter Künſtler und wird mein Portrait machen.“ s iſt das, ein Portrait?“ „Es iſt mein Geſicht, mein Ebenbild, das der Herr machen wird. Du wirſt Dich doch freuen, das Portrait Deiner Mutter zu haben, nicht wahr? Wirſt es küſſen, wenn ich nicht da ſein werde?“ „Ah ſo! Der Herr macht Ebenbilder— mit Farbe?“ „Ja, mein Kind.“ 7 Herr Alphons kommt zu mir, beſieht meine Pa⸗ lette und ſagt: „Willſt Du mir ein Steckenpferd machen?“ „Schweig, Phonschen, laß den Herrn in Ruhe, oder ich ſage es Deinem Papa!“§ „Was geht mich Papa an! Ich will ein Stecken⸗ pferd haben!“ „Alphons, wenn Du nicht artig biſt, wirſt Du trocknes Brod zu Mittag eſſen!“ „Ich will aber ein Steckenpferd haben!“ Um den kleinen Knaben zufrieden zu ſtellen, ver⸗ ſpreche ich ihm, nach der Sitzung ein Steckenpferd zu machen. Madame Chamuuillé nimmt Platz und ich be⸗ ginne ihr Portrait. Es iſt nicht leicht in einem Zim⸗ mer zu arbeiten, in das Alphons Zutritt hat. Jeden Augenblick ſchreiet der Knabe und ver⸗ langt etwas von ſeiner Mutter; dieſe ſchickt ihn zu der Bonne, und da die Bonne ihn wahrſcheinlich auch wieder fortſchickt, kommt er heulend und ſchreiend zu uns zurück. 3 Ich halte indeß eine gute Sitzung ab. Nach Beendigung derſelben male ich auf ein Stück Papier ein hübſches Steckenpferd und gebe es dem hocher⸗ freuten Knaben. Ich will mich eben entfernen, als Herr Cha⸗ mouillé anlangt. Madame ſtellt mich mit folgenden Worten ihrem Gatten vor: „Herr Bergeval, ein berühmter Künſtler, von 79 dem ich Ihnen ſchon erzählt; derſelbe, der die Güte hatte, mich aus dem Theater nach Hauſe zu führen.“ „Ah, ich erinnere mich recht gut, mein Herr— bin hocherfreuet, Sie hier zu ſehen— habe es ſchon lange gewünſcht—“* „Herr Bergeval will mein Portrait machen, wir haben ſo eben eine Sitzung beendigt.“* „Ein Portrait habe ich mir ſchon lange ge⸗ wünſcht— außerdem—“ „Sie werden es ſehen, wenn es vollendet iſt, es iſt noch nicht weit genug vorgerückt.“ „Papa! Papa! Er hat mir ein Steckenpferd gemacht!“ Herr Alphons zeigt ſeinem Vater das Stecken⸗ pferd, das ich ihm gemacht habe. Berr Chamvuillé ſcheint ſich über das Stecken⸗ pferd zu freuen, weiß aber nicht, ob er eine Phraſe des Dankes zur Welt fördern ſoll, weil ſeine Gat⸗ tin ihn nie vollenden läßt, was er beginnt. Als ich jedoch meinen Hut nehme, wendet ſich dieſer achtbare Beamtete mit den Worten zu mir: „Wollen Sie uns nicht die Ehre erzeigen, das Mittagsmal bei uns einzunehmen? Ich habe eine Melone mitgebracht—“ „Sie ſind ſehr gütig, mein Herr; aber es iſt mir unmöglich, weil ich erwartet werde.“ „Mein Freund, wir werden Herrn Bergeval ein anderes Mal zu Tiſche bei uns ſehen; heute ſind unſere Domeſtiken mit etwas anderem beſchäftigt 80 geweſen, und wir würden dem Herrn keinen würdi⸗ gen Tiſch bieten können.“ „Madame, das iſt es nicht, was mich abhält, Ihre Einladung anzunehmen, Sie hegen zu viel Güte für mich; aber in der That— ich bin heute nicht frei.“ Ich beurlaube mich. Alphons läuft bald hinter bald vor mir und ſchreiet: „Ein Steckenpferd, Papa, ein Steckenpferd!“ Hierbei fällt mir unwillkührlich der Lohgerber ein, der durchaus ein Pferd und ein Kalb auf ſein Bild haben wollte. Der kleine Knabe verräth die⸗ ſelbe Leidenſchaft für Thiere. Herr Chamouillé überhäuft mich mit Hände⸗ drücken, Madame mit graciöſen Verbeugungen. Ich bin alſo Hausfreund. Es iſt doch ſonderbar, daß man überall dieſen Weg einſchlagen muß, um eine ſolche Stellung zu erlangen. Als ich aus dem Hauſe des Beamteten trete, ſtoße ich auf der Straße auf einen Herrn, der mich ſtark von der Seite anſteht. Es iſt Herr Fournichon. Hocherfreut, meinen Rivalen zu treffen, oder doch einen von denen, die, wie ich, für die reizende Roſa ſeufzen und ſchmachten, will ich dem Herrn recht herzlich die Hand drücken. Bei meinem Anblicke verfinſtert ſich aber ſein 81 Geſicht, ſelbſt Schrecken iſt in ſeinem Auge zu leſen. Er zieht ſeine Hand zurück, die ich erfaßt, und ant⸗ wortet ganz trocken: „Guten Tag, mein Herr!“ „Ich habe Sie lange nicht geſehen, Herr Four⸗ nichon.“ „Es iſt wahr, mein Herr, ich hatte die Ehre—“ „Mich verlangte indeß, Sie wiederzuſehen.“ „Sie ſind ſehr gütig— habe die Ehre——“ „Hätte ich Ihre Adreſſe nicht vergeſſen, würde ich mir erlaubt haben, Ihnen einen Beſuch abzu⸗ ſtatten.“ „Das iſt unnütz, mein Herr, ich bin nie zu Hauſe.“ „Mein Gott, Herr Fournichon, was haben Sie gegen mich, gegen Ihren Maler?“ „Eben deshalb, mein Herr, weil Sie Maler ſind, habe ich nicht Luſt, ferner mit Ihnen in einem Verhältniſſe zu ſtehen.— Ich habe an den Malern genug! So lange ich lebe, werde ich an die Maler denken! Einen Mann, wie ich bin, ſo zu behan⸗ deln!— Mich glauben zu machen, ich ſei krank— faſt hätte ich eine Krankheit davon getragen, denn mir war in der That nicht wohl.“ „Alſo hatten wir Sie doch nicht getäuſcht?“ „Die Maler, o die Maler! So oft ich einen ſehe, wird mir übel!“ „Es war doch nur Scherz, Herr Fyurnichon!“ „Wie, einen Menſchen ſo auf eine Leiter binden, Carotin. M. 6 „ daß der Kopf nach unten hängt, das nennen Sie einen Scherz?!“ „Habe ich Sie nicht losgebunden?“ „Aber Sie ſind Maler, mein Herr, und allen Malern habe ich ewigen Haß geſchworen—“ 5 „Aber Herr Fyurnichon—“ „Guten Tag, mein Herr— ich werde nie wie⸗ der bei Ihnen frühſtücken— empfehle mich Ihnen!“ Er entfernt ſich eiligſt und ſchleunigſt. Wüßte ich nur etwas Näheres von ſeinem Liebeshandel! Das iſt das Aergerlichſte bei der Sache.“ Der Abend findet mich in der Straße du Bat vor dem Magazine meiner Ladenmamſell. Die Vor⸗ hänge ſind hermetiſch geſchloſſen, und niemand tritt aus dem Laden hervor. Die fröhliche und lachluſtige Roſa aus dem Theater des Variétés muß wohl ſeuf⸗ zen und ſich entſetzlich langweilen hinter ihrem La⸗ dentiſche. 19. Die zweite Sitzung. Herr Civet. Den folgenden Tag erhalte ich drei neue Be⸗ ſtellungen. Drei Portraits! Portraits, um deren Preis man nicht feilſcht. Für das eine verlange ich fünfzig Thaler— 83 man iſt zufrieden. Für das andere fordere ich zwei Hundert Franes— man genehmigt es. Da ich nur zu fordern brauche, um zu erhalten, verlange ich für das dritte Portrait zwei Hundert und fünfzig Franes, und man ſcheint den Preis nicht zu hoch zu inden. Wahrhaftig, ich bin auf dem beſten Wege, reich zu werden! Schon kommen neue Gedanken an neue Beſtellungen in dem Leinwandsladen. Meine neuen Beſtellungen feſſeln mich bis drei Uhr Nachmittags an mein Zimmer, und ich kann erſt dann, um meinem Verſprechen nachzukommen, zu Ariane gehen. Jetzt bin ich frei, und ich begebe mich eiligſt in. die Straße de Treviſe. Dies Mal öffnete Ariane mir die Thür. Als ſie mich erblickt, ruft ſie: „So ſpät zu kommen! Und ich bin allein und erwarte Sie ſeit Mittag.“ „Theure Freundin, ich bin mit Arbeiten und Aufträgen überhäuft. Ich kann doch die Portraits nicht von der Hand weiſen, die man bei mir beſtellt; ſchon drei Sitzungen habe ich heute gegeben.“ „Wahrſcheinlich Frauen, die ſich als Griechinnen malen laſſen und in Ihrem Zimmer ſich auskleiden. Solche Sitzungen dauern immer lange. „Kommen Sie in mein Schlafzimmer, das Wohn⸗ zimmer iſt noch nicht in Ordnung gebracht; ich habe die Vonne in aller Eile fortgeſchickt. Hätte ich gewußt, 6* daß Sie ſo ſpät kommen, hätte ich ſie die Zimmer zuvor ordnen laſſen.“ Wie mir ſcheint, ordnet die Bonne die Zimmer nicht alle Tage, denn der Staub liegt fingerdick auf den Möbeln. Dieſe Anſicht laſſe ich jedoch nicht laut werden. Ich folge Ariane in das Schlafzimmer, wo es nur halb Tag iſt, alſo nicht ganz zum Malen geeig⸗ net. Dies läßt mich folgern, daß mein Modell Luſt hat, ſich außer ſeinem Portrait auch noch mit andern Dingen zu beſchäftigen. Jeder Zweifel in dieſer Beziehung wurde indeß gehoben— wenn ich nämlich noch Zweifel gehabt hätte— als Ariane nach unſerm Eintritte in das * Schlafzimmer einen kleinen Riegel vor die Thür ſchob und ſagte: „Die Bonne hat ihren Schlüſſel, und ich habe nicht gern, daß man in mein Zimmer kommt, wenn ich deſſen nicht verſehe; ich fürchte mich zwar nicht— aber es iſt doch auf jeden Fall ſehr unan⸗ genehm. 2 Ich verlangte durchaus keine Erklärung, weil meinetwegen Ariane's Vorſicht nicht nöthig war; indeß die Damen geben gern ihrer Schamhaftigkeit eine Hülle, und das darf man nicht tadeln. Wir hatten ſchon ziemlich lange geplaudert und wollten uns nur noch etwas ſagen, als mit einem — Male eine wohlbekannte Stimme in der Wohnſtube ſich vernehmen läßt. 85 Es iſt die des Herrn Chamouillé. Wir hören ihn rufen: „Nun, iſt denn Alles ausgegangen?— Man geht aus und läßt die Thür des Vorſaals offen— da kann man ja beſtohlen werden!“ „Mein Gott, da iſt mein Mann!“ flüſtert Ariane, „wir haben vergeſſen, die Thür zu verſchließen, als Sie gekommen ſind.“ „Das iſt möglich!“ „Jetzt wird das Donner⸗Wetter losgehen!“ In demſelben Augenblicke bewegt ſich der Drücker an dem Schloſſe der Thür, um in das Zimmer zu dringen, worin wir uns befinden; aber glücklicher⸗ weiſe iſt der Riegel vorgeſchoben. Als Herr Cha⸗ mouillé nicht öffnen kann, ruft er: „Biſt Du da, Ariane— haſt Du den Riegel vorgeſchoben— ich kann nicht hinein—“ „Ja, mein Freund, ich habe ihn vorgeſchoben — nur einen Augenblick noch, und ich werde ihn wieder zurückſchieben— ich ſitze jetzt, und will nicht jeden Augenblick geſtört ſein.“ „Mußt Du vielleicht in dieſem Augenblicke ſtill halten, damit Dein Portrait gemacht werden kann?“ „Man macht es mir in dieſem Augenblicke.“ „Ach, das möchte ich wohl ſehen.“ „Nein, nein! Es iſt noch nicht weit genug vor⸗ gerückt. Geh! Geh!“ „Wenn ich es ſehen könnte, würde ich Herrn 86 Bergeval meine Anſicht mittheilen— Betrachtungen können nie ſchaden. „Wenn Du gar zu neugierig biſt, muß ich Dir wohl öffnen.“ Während dieſer Unterredung hatte ich Zeit, mei⸗ nen Farbekaſten zu öffnen und Alles ſo vorzuberei⸗ ten, daß man wirklich hätte glauben mögen, ich be⸗ ſchäftige mich mit Malen. Als Ariane ihrem Manne die Thür öffnet, iſt das Zimmer ſo arrangirt, daß man wirklich zu glau⸗ ben veranlaßt war, es habe hier eine Sitzung Statt gehabt. Der vollen Wahrheit fehlt indeß nur etwas ſehr weſentliches: nämlich, das Licht. Wir hatten vergeſſen, die Vorhänge zurückzuziehen. Madame Chamouillé ſchiebt den Riegel zurück, läßt ihren Gatten eintreten und ſetzt ſich vor mich hin; ich halte den Pinſel und Portrait. Der theure Gatte, der aus dem vollen Sonnen⸗ ſchein kommt, ſtößt mit dem Fuße an ein Möbel, in⸗ dem er in ein Zimmer tritt, wo man kaum ſehen kann. „O weh! Ich bin auf ein Möbel geſtoßen,“ ruft Herr Chamouillé.„Aber wie iſt das möglich, daß Sie hier malen können? Hier herrſcht ja eine egyp⸗ tiſche Finſterniß.“ — „Die iſt mit Abſicht bewirkt, mein Herr,“ ent⸗ gegne ich ihm, indem ich, auf die Gefahr, das Por⸗ trait zu verderben, mit meinem Pinſel über das El⸗ fenbein fahre.„Jeder Maler hat ſeine Methode; es 4 87 giebt deren, die das volle Licht lieben; ich aber kann nur in ſtarker Dämmerung malen, ſelbſt das Halb⸗ dunkel übt auf die Augen einen nachtheiligen Ein⸗ druck aus.“ „Das iſt merkwürdig. Ich begreife, das hängt wohl vom Auge ab.“ „Nur vom Auge.“ „Erlauben Sie, daß ich einmal ſehe.—“ Bei dieſen Worten tritt Herr Chamouillé näher und verſucht meine Arbeit zu unterſcheiden; ich hatte die Naſe ſeiner Frau beſchmiert, daß ſie ausſah, als ob ſie eine Prieſe genommen hätte. Den wackern Beamteten des Innern mache ich aber glauben, es ſeien Linien, die verſchwänden, wenn das Portrait fertig ſei. Der liebe Mann glaubt Alles, was man will, es iſt bei Gott kein Verdienſt, ihn zu täuſchen. Ma⸗ dame öffnet die Gardinen und erklärt, daß ſie nicht mehr ſitzen wolle. Dies Mal verdoppelt Herr Chamouillé ſeine Beharrlichkeit, mich zum Eſſen feſtzuhalten; Ma⸗ dame flüſtert mir in's Ohr: „Nehmen Sie Sich in Acht Wenn er Verdacht geſchöpft hat, hat er vielleicht die Abſicht, uns Beide zu vergiften.“ Ich theile die Befürchtung Arianes nicht. Der gute Chamouillé ſieht nicht aus wie ein Giftmiſcher— ich nehme die Einladung an. „Ich habe auch Eivet geſagt, daß er eine Suppe 88 mit uns einnimmt,“ fährt der gute Gemahl fort; „das trifft ſich heute recht gut.“ „O ja,“ antwortet Ariane indem ſie ein Ge⸗ ſicht ſchneidet,„Ihr Freund Civet iſt ein recht ange⸗ nehmer Geſellſchafter; er kommt, ſetzt ſich, ißt, hört und geht wieder, ohne zwei Worte geſprochen zu haben.“ „Er ſpricht wenig, weil er eine etwas ſchwere Zunge hat; er iſt aber ein ſehr kluger Mann.“ „Das ſollte man nicht vermuthen!“ Auch Alphons iſt jetzt mit ſeiner Bonne zurück⸗ gekehrt. Ich muß ihm durchaus einen Eſel machen, während man den Tiſch deckt. Die Magd kommt und geht mit einem brummi⸗ gen Geſichte, woraus ich ſchließe, daß ſie ſchlechter Laune iſt, weil Jemand zum Eſſen eingeladen iſt. Vielleicht hat die Herrſchaft die löbliche Gewohnheit, ſie um Erlaubniß zu bitten. Gegen halb ſechs Uhr erſcheint Herr Civet. Er iſt ein Mann von fünfzig Jahren, hat eine ſehr kurze Taille aber einen unverhältnißmäßig lan⸗ gen Hals, der in einen ungeheuer dicken Kopf aus⸗ läuft, welcher Kopf mit dem übrigen Theile ſeines Trägers im größten Mißverhältniſſe ſteht. Er ſieht aus wie ein Menſch, der auf einen Maskenball geht, und ſtatt aller Verkleidung nur einen enormen Kopf aufgeſetzt hat. Berr Civet grüßt uns mit hoher Achtung; er 89 grüßt ſogar den kleinen Alphons, der ſeinen Gruß mit den Worten erwidert: „Guten Tag, Civet; Mama hat geſagt, Du hät⸗ teſt einen Ochſenkopf!“ Ariane lacht laut auf. Dem Herrn Civet entſchlüpfen einige verweiſende Töne, die auf die Vermuthung bringen, er habe den Schlucken; es ſcheint jedoch, daß dies ſeine Art zu lachen iſt. Nachdem Herr Chamouillé die Hand ſeines Freundes recht innig gedrückt, ſagt er zu ihm„die⸗ ſer Herr macht meine Frau en miniature, faſt ohne etwas dabei zu ſehen!“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Chamouillé,“ antworte ich lachend,„der Herr könnte dies für einen Calembour nehmen.“ Aber Herr Civet begnügt ſich damit, ſeinen gro⸗ ßen Kopf hin und her zu wiegen und flüſtert: „Ah, ah— Ohne— Ah, ah! „Ich will damit ſagen, daß der Herr, anſtatt bei Lichte zu malen, Gardinen und Vorhänge ſchließt, um ſitzen zu laſſen; ich habe ihn vorhin mit meiner Frau ſo angetroffen, als er eben pinſelte— faſt mögte ich ſagen fühlte.“ „Oh, oh, oh!— Fühlte!— Oh, oh, oh!“ „Was ich ſehen konnte, war frappant ähnlich.“ „Frappant— ah, ah!— Oh! Oh!—“ Dieſe intereſſante Unterhaltung ward durch den Domeſtiken unterbrochen, der knurrend ankündigte, daß das Eſſen aufgetragen ſei. Ich biete der Herrin vom Hauſe die Hand, die, während ich ſie in das Speiſezimmer führe, leiſe zu mir ſpricht: „Ich bin ſehr unruhig Wenn Chamouillé Arg⸗ wohn geſchöpft! Mich quälen Ahnungen— achten Sie auf das, was Sie eſſen!“ Ich achte nicht weiter auf Ariane's Reden, denn ich werde ihren Gatten nie für einen hinterliſtigen Menſchen halten, und eſſe mit dem größten Ver⸗ trauen alles, was mir Madame Chamouillé bietet. Ich muß aber geſtehen, daß dies nicht beſonders iſt. Die Suppe iſt matt, welche die Bonne ſervirt; eine Ente iſt dermaßen geſalzen, daß man ſie hätte für Schinken eſſen können; das Gemüſe iſt nicht gar gekocht und die Zwiſchenſpeiſen ſind angebrannt. Ariane entſchuldigt ihre Köchin mit den Worten: „Sie hat das Mittageſſen ein wenig vernach⸗ läſſigt, weil ſie den Kleinen zu ſeinem Pathen ge⸗ führt hat; in der Regel iſt es ſehr gut zubereitet.“ Mir kommt es vor, als ob das Mittagseſſen durchaus vernachläſſigt iſt; übrigens ſervirt die Kö⸗ chin jede Schüſſel mit einer Miene, als ob ſie ſagen wollte: „Es iſt mir ſehr gleichgültig, ob Ihr zufrieden ſeid oder nicht.“ Herr Civet ſcheint nicht ſehr difficil zu ſein, denn er fordert von Allem mehrere Male. Außer den Worten oh, oh! Wundervoll! ah, ah! Sehr gut! vernimmt man während der Mahl⸗ 91 zeit keinen Ton von ihm. Zum Ruhme muß ich ihm nachſagen, daß er ſeine Oh! und Ah! mit unendli⸗ cher Intelligenz verwendet. Beim Nachtiſch erhebt ſich Herr Chamouillé und verläßt den Tiſch. Nach einigen Minuten kommt er mit einer ver⸗ ſiegelten und mit edelm Staub bedeckten Flaſche zurück. „Hier iſt etwas, womit ich Herrn Bergeval re⸗ galiren will,“ ſpricht Herr Chamouillé, indem er ſich wieder an den Tiſch geſetzt.„Es iſt ein ſpani⸗ ſcher Wein, ſehr alt und von ſeltener Qualität.“ „Teufel, davon bin ich ein großer Liebhaber.“ „Und Du, Civet, liebſt Du den ſpaniſchen Wein — er iſt verſüßt?“ Verſüßt— oh, oh!— Nein, nein! Ah, ah— Nein!“ „Wie, Sie haben ſpaniſchen Wein im Keller?“ ſpricht Ariane ganz erſtaunt zu ihrem Manne.„Das iſt ſonderbar, ich weiß nicht ein Wort davon.“ „Dann haſt Du es vergeſſen— ja, ja, ich habe ſpaniſchen Wein, das heißt, dieſe einzige Flaſche. Mein Onkel hat ſie mir ſchon vor langer Zeit ge⸗ ſchenkt.“ .„Ich entſinne mich deſſen nicht.“ Hert Chamvuillé gießt mir und ſeiner Gattin ein. „Nun, und Sie,“ rede ich meinen Wirth an, „wollen Sie von Ihrem koſtbaren Weine nichts trinken?“ 92 „Nie Dieſe Weine ſind m mir zu ſtark, ich werde gleich davon betäubt.“ Ich will das Glas an meine Lippen ſetzen, als meine Nachbarin ihren Fuß auf den meinigen ſetzt und mir durch Winke mit den Augen zu verſtehen giebt, daß ich nicht trinken ſoll; ich achte aber nicht darauf und verſchlucke den ſpaniſchen Wein. Auch Ariane ergreift ihr Glas und flüſtert mir in's Ohr: „Ich will mit Dir ſterben!“ „Wie finden Sie ihn,“ fragt Herr Chamuuillé. „Sehr gut.“ „Aber mir kommt er bitter vor,“ ruft Ariane und ſchneidet ein Geſicht, als ob ſie ſich vergiftet glaubte. „Madame, die ſpaniſchen Weine ſind immer et⸗ was bitter, vorzüglich, wenn ſie alt ſind.“ „Glauben Sie, mein Herr? Sind Sie davon überzeugt?“ „Ich will auch verſüßten Wein, ruft Alphons und ſteigt auf ſeinen Stuhl. Papa Mimi, gieb mir welchen.“ „Nein, mein Kind, er macht Dich krank. Dieſer Wein iſt für Kinder nicht gut.“ „Ich will ſpaniſchen Wein!“ „Mein Sohn, ich wiederhole Dir, daß Du kei⸗ nen erhältſt; außerdem iſt er auch bitter.“ „Er verweigert ihn ſeinem Sohne!“ flüſtert Ariane und drückt mich mit dem Fuße.„Es iſt 93 außer Zweifel, wir ſind verloren!— O welche Grau⸗ ſamkeit unter dem Mantel der Gutherzigkeit!“ Statt der Antwort ergreife ich das Glas und trinke noch einmal von dem Gifte. Als Ariane ſieht, daß ich ihre Angſt nicht theile, ergreift auch ſie ihr Glas und ſchlürft den ſpaniſchen Wein; einige Minuten darauf verlangt ſie noch ein⸗ mal davon. Wie es ſcheint, will ſie ſich an das Gift gewöhnen. Nach Tiſche erzählt Herr Chamouillé von einem ſeiner Collegen, daß er Abends auf den Ball Ma⸗ bille gehen wolle, um den Cancan und die Polka tanzen zu ſehen. Ariane ruft: „Ach, wie lange habe ich mir gewünſcht, dieſen Ort kennen zu lernen! Man verſichert mich, daß es ſehr angenehm ſei, zuzuſehen, und daß ganz anſtän⸗ dige Geſellſchaft ſich zu dieſem Zwecke dort einfände. Iſt das wahr, Herr Vergeval?“ „Ja, Madame.“ „Wahrhaftig, tanzen mag ich dort nicht; aber zuſehen mögte ich einmal. „Außerdem hat uns Alphonschen ſchon lange gequält, die Polka tanzen zu ſehen. „Meine Herrn, gehen wir dieſen Abend auf den Ball in der Mlée-desVeuves?“ Einſtimmig wird Madam Chmouillé's Vorſchlag angenommen. uns an, den Ball Mabille zu beſuchen. 94 Man ſchickt nach einem Wagen, und wir ſchicken 20. Der Ball Mabille. Als wir auf den Ball Mabille kommen, iſt es faſt neun Uhr und völlig Nacht. Der Tanz iſt bereits in vollem Gange, der Gar⸗ ten glänzend beleuchtet, die Bosquets ſind faſt alle beſetzt und die Spaziergänger haben ſich zahlreich eingefunden. Dieſe eilen zum Tanze, Jene entfernen ſich aus den belebten Alleen und ziehen einſame, dunkle Orte vor. Hier lacht man, nicht weit davon ſeufzt man— überall ſucht man Vergnügen. Wer iſt wohl in diefer Welt, der es nicht ſucht? Jeder hat nur ſeine einigne Weiſe, es zu genießen. Ich gebe Ariane, die von Zeit zu Zeit ſeufzt, in⸗ dem ſie die Bosquets betrachtet, meinen Arm. Lachend frage ich ſie, ob ſie ſich noch vergiftet wähnt? Sie antwortet mir, daß ſie noch nichts veß ſpürt, daß wir vielleicht ein langſames Gift genom⸗ men haben können. Der kleine Knabe giebt eine Hand ſeinem Va⸗ ter, die andere Herrn Cibet. Der letztere ſtößt 95 manches Oh! aus, als er die hübſchen buſenent⸗ blößten Mädchen zum Tanze eilen ſieht, und man⸗ ches ah, ah! indem wir an den beſetzten Bosquets vorbeigehen. Nachdem wir einige Zeit ſpaziren gegangen, nä⸗ hern wir uns einer Quadrille, zu der ſich eine Menge Menſchen drängt. Es ſcheint, daß dieſe Tänzerinnen die beliebteſten ſind. Herr Chamouillé muß ſeinen Sohn tragen, denn er ſchreit wie ein Eſel, daß er tanzen will. Ariane ſagt zu ihrem Gatten, er möge ſich ein wenig entfernen und mit Alphons und Herrn Civet tanzen; aber dieſe Herrn find nicht von der Qua⸗ drille fort zu bringen, mit Luſt ſtrahlenden Geſich⸗ tern ſehen ſie dem Tanze einer ſehr hübſchen Frau zu, die den lauten Beifall der Menge erweckt. Alles will dieſe Tänzerin ſehen— auch ich dränge mich heran, erblicke ſie und erkenne Roſa, die niedliche Ladenmamſell; Roſa, die in ihrem Ma⸗ gazine mit züchtigen, verſchämten Mienen daſitzt und hier ſich allen Thorheiten ungebunden hingiebt, die ſeit einiger Zeit erfunden ſind— ja, Roſa tanzt den Cancan. Wie feſtgebannt bleibe ich ſtehen. Das liebliche Mädchen in dieſer Umgebung zu ſehen, muß bei dem erſten Blicke einen großen Ein⸗ druck auf mich gemacht haben, denn Ariane ſpricht zu mir: „Was haben Sie denn?“ 96 „Ich— o nichts.“ „Warum ſtehen Sie ſo merklich überraſcht?“ „Glauben Sie, daß ich überraſcht bin?“ „Ah, das iſt köſtlich! Ich ſoll glauben, ich, die ich alle ihre Bewegungen kenne.“ „Das Muſikſtück, das man jetzt ſpielt, gefällt mir und erregt in mir die Luſt zu tanzen.“ „Die Muſik reißt Ihnen die Augen nicht auf, wie ein Paar Wagenthüren— Sie lügen, Caſimir, — Antworten Sie, mein Herr, ich fordre es— „Kennen Sie eine der Frauen, die dort tan⸗ zen?— „Caſimir, ſage mir, daß Du keine davon kennſt — ſchwöre es mir, oder ich ſterbe vor Deinen Au⸗ Ich weiß nicht, was ich antworte; aber, wenn ich die Dame, die ich am Arme führe, jetzt los wäre, ich würde alles in der Welt darum geben. Wäre ich allein, ſo könnte ich mich Roſa nähern, mit ihr ſprechen und beim Tanze ihre Bekanntſ chaft machen. O wie ärgerlich— Ariane zwickt mich. „Gewiß, Caſimir, Sie haben etwas— Sollte vielleicht der ſpaniſche Wein auf ihre Nerven wir⸗ ken?— Sie bekommen ja Zuckungen.“ „Nein, Madame, ich habe nichts und bekomme nichts. Man kann faſt keine Bewegung machen, der Sie nicht einen Grund unterſchieben.“ 3 „O ich leſe es in Ihren Augen, Sie kennen 3 97 eine von den Damen, die dort den unanſtändigen Tanz ausführen— Wenn ich das wüßte!—“ „Aber wo iſt Ihr Mann?“ „Wie, Sie ſuchen meinen Mann— das iſt al⸗ lerliebſt!“ „Sie ſagen, daß er ſehr eiferſüchtig iſt.—“ „Das kümmert mich jetzt nicht; ich biete Allem Trotz. Kommen Sie, ich habe genug an dieſem ent⸗ ſetzlichen Tanze, wir wollen in einer dunkeln Allee ein wenig promeniren.“ „Warum?“ „Das iſt eine impertinente Frage. Früher haben Sie mich doch nicht darum gefragt; Sie waren der Erſte, der mich in ein Vosquet zog, um dort ein Liebes⸗Capitel zu verhandeln. O, wie veränderlich ſind die Männer! Und doch heißt es immer, die Frauen find leicht!— Neben Ihnen ſind ſie Blei!“ Ich antworte meiner empfindſamen Freundin nichts, bemerke aber hinter dem Orcheſter, daß Herr Chamouillé und ſein Freund Civet den kleinen Al⸗ phons die Polka tanzen laſſen. Ich führe meine Dame auf einem Umwege in die Mitte dieſer drei Tänzer. Ariane zwickt mich und flüſtert mir in's Ohr: „Das haben Sie abſichtlich gethan; Sie wuß⸗ ten, daß dieſe hier ſind. Welch eine Inſolenz!“ „Sieh doch,“ ſpricht Herr Chamouillé,„wie Phonschen die Polka tanzt, er hat die Pas auf der Stelle gelernt; er macht ſie, ohne daß es ihn ge⸗ nirt— Tanze, Alphons, tanze, mein Kind!“ Carotin. IM. 7 98 Herr Alphons beginnt zu ſpringen. Herr Civet folgt ihm nach, indem er vergebens ſich Mühe giebt, denſelben Pas zu machen; jetzt kommt Herr Chamouillé, der ausſieht, als ob er ſeinen Freund Civet verfolge, um ihm Fußtritte auf die Waden zu geben. Das Ganze bildet ein überaus amüſantes Ta⸗ bleau. „Kommen Sie,“ flüſtert Ariane,„laſſen Sie die Herrn mit dem Kleinen polken— Kommen Sie!“ Anſtatt zu antworten, laſſe ich Ariane's Arm fahren, und ſage zu Herrn Chamouillé: „Ich übergebe Ihnen auf einen Augenblick meine Dame; ich habe eine mir bekannte Perſon bemerkt, die ich durchaus ſprechen muß.“ Und ohne Antwort abzuwarten, eile ich dem In⸗ nern des Gartes zu. Ich höre nur Herrn Chamouil⸗ lé's Stimme, der mir nachruft: „Wir erwarten Sie im Cafs!“ Ich bin feſt überzeugt, daß Ariane wüthend iſt; aber ich lache darüber. Roſa iſt mein einziger Ge⸗ danke— ich muß ſie ſehen, mit ihr ſprechen. Der Tanz hat aufgehört. Ich ſuche und blicke nach allen Seiten. Jetzt höre ich ein lautes Lachen, das aus einem Bousquet kommt; wenn ich nicht irre, iſt es dieſelbe Stimme, die im Theater des Variétés ſo überlaut lachte. Ich trete näher, ſehe durch die Blätter und 99 gewahre Roſa, die mit Herrn Fvurnichon Punſch trinkt. Betroffen ſtehe ich ſtill, und es wandelt mich ſo⸗ gar die Luſt an, in das Bosquet zu treten und mit dem alten Lichtzieher Händel zu ſuchen. Ich bin wüthend, daß dieſer einfältige und lächerliche Menſch glücklicher iſt, als ich. Es iſt unmöglich, daß die reizende Ladenmam⸗ ſell dieſen Menſchen lieben kann. Ich lauſche; kann aber nicht verſtehen, was ge⸗ ſprochen wird; nur das Lachen des jungen Mädchens ſchlägt deutlich an mein Ohr. Plötzlich ſteht ſie auf und ich höre ſie rufen: „Lieber Freund, Sie täuſchen ſich— ich bin hierhergekommen, um mich zu amüſiren und will jetzt tanzen.“ In demſelben Augenblicke tritt ſie aus dem Bos⸗ quet, ſpringt an mir vorbei und ſchlägt den Weg nach dem Orte ein, wo getanzt wird. Ich ſehe, wie ſie bald von mehrern Frauen und jungen Leuten umgeben iſt, mit denen ſie ſehr bekannt zu ſein ſcheint. Ich will ſie zum Tanz engagiren. Aber während ich noch überlege, ob ich es thun ſoll oder nicht, iſt mir ein Anderer zuvorgekommen und Roſa tritt zum Tanz an. Ich ſtelle mich hinter ſie und ſetze mich den Fußtritten ihres Tänzers aus. Aber eine neue Ueberraſchung erwartet mich; ich er⸗ kenne nämlich in dem Cavalier der hübſchen Laden⸗ p.— 100 mamſell den Herrn mit dem großen ſchwarzen Barte, der bei dem Hinausgehen aus dem Theater de la Gaité Arianen nachſtellte und auf der Straße mit mir Händel ſuchte. Ob dieſer Herr mich wiedererkennt, weiß ich nicht, tümmert mich auch ſehr wenig. Meine Blicke ſind nur auf Roſa gerichtet, die, meine Aufmerkſamkeit bemerkend, mit der ich ſie betrachte, höchſt liebens⸗ würdig mich anlächelt. Wahrſcheinlich hat ſie mich wiedererkannt. Ich ſehe nicht ein, warum ich nicht mit ihr reden ſoll— ich benutze alſo einen Augenblick, wo ſie nicht tanzt, und ſpreche zu ihr: „Es ſcheint, Mamſell Roſa, daß Sie ſich hier beſſer gefallen, als in Ihrem Magazine.“ Sie lächelt und antwortet: „Kennen Sie mich denn?“ „Ganz gewiß— Kann man Sie vergeſſen, wenn man einmal das Vergnügen gehabt hat, Sie zu ſehen?“ „Sie ſind ſehr gütig!“ „Hierher, ſchöner Engel, zu mir!“ ruft Roſas Cavalier, indem er ſeine Arme ausſtreckt und mit ihr davon galoppirt. Ich finde, daß dieſer Herr ſehr frei zu Werke geht, indem er das junge Mädchen ſeinen ſchönen Engel nennt Ah! Alle dieſe Herrn ſind ſehr frei gegen Mamſell Roſa, nur ich meide die Vertrau⸗ lichkeit. 101 Dieſe Tanztour kommt mir ſehr lang vor. Der Herr mit dem großen Barte macht Pas und Stellungen, die mich unter andern Umſtänden wür⸗ den lachen gemacht haben, aber jetzt finde ich ſie ſehr unanſtändig. Faſt mögte ich mit ihm Händel an⸗ fangen. Endlich iſt die Tour zu Ende. Ich trete der reizenden Tänzerin näher. „Haben Sie mich nicht wiedererkannt?“ „Mir iſt, als ob ich Sie ſchon geſehen habe; ich weiß aber nicht mehr, wo.“ „Einmal im Theater, dann in ihrem Magazine, Straße du Bac. Vor nicht langer Zeit habe ich dort Hemden gekauft.“ „Das iſt wohl möglich; es kommen ſehr viel Leute zu uns. Außerdem habe ich ein ſchwaches Ge⸗ dächtniß. Ich werde übrigens mein Magazin bald verlaſſen, es gefällt mir nicht mehr!“ „Wollen Sie ein anderes Engagement anneh⸗ men?“ „In einen andern Laden?— Daß ich eine När⸗ rin wäre! Ich nehme mir mein eignes Zimmer. Wiſ⸗ ſen Sie wohl, das Leben iſt kurz; man muß es ge⸗ nießen, ſo lange man jung iſt.“ „Kommen Sie, ſüße Schöne, hierher Sie plau⸗ dern beſtändig! Sie find gar nicht bei dem Contre⸗ Tanz—“ „Kann der Herr Sie nicht ſo lange in Ruhe laſſen? Das iſt ſehr langweilig!“ 102 „Schweigen Sie, Arthur, wenn Sie mit Ihrem Barte nicht allein tanzen wollen.“ Roſa tritt wieder zum Tanze. Was ich aber empfinde, kann ich nicht beſchreiben. Die Sprache dieſes jungen Mädchens hat einen übeln Eindruck auf mich ausgeübt. Sie iſt eine von jenen Frauen, die nur ihrem Vergnügen nachhangen und die Ge⸗ ſetze der Schicklichkeit und des Anſtandes mit Füßen treten. Ein ſo hübſches Geſichtchen, und wenn ſie will, auch ein anſtändiges, züchtiges! O, über die Frauen! Sie ſind um nicht ein Haar beſſer, als wir! Im Ge⸗ gentheil, wenn ſie ſich einmal vorgenommen haben, lüderlich zu werden, ſind wir nur Kinder gegen ſte. Es kommt mir vor, als ob ich Roſa nicht mehr liebe. Ich bin ſogar erſtaunt, daß ich die Thorheit begangen habe, mich ſo lange mit ihr zu beſchäf⸗ tigen. Der Contre⸗Tanz iſt zu Ende und ich höre Roſa zu ihrem Cavalier ſagen: „Jetzt will ich meinen alten Pflaſtertreter wieder aufſuchen; aber dann mache ich noch einen oder zwei Tänze.“ „Mit mir?“ „Warum nicht? Stets ſind Dir die Freunde nah!“ Sie entfernt ſich, nachdem ſie mir einen Blick zugeworfen, der mich einzuladen ſcheint, die ange⸗ 103 fangene Bekanntſchaft fortzuſetzen. Ich laſſe ſie aber Was habe ich nun davon? Ich habe ein Weib zeliebt, die geneigt iſt, die ganze Welt zu lieben. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich die arme Ariane verlaſſen habe, und will mich eben auf den Weg machen, meine Geſellſchaft wieder aufzuſuchen, als mit einem Male Roſa, Arm in Arm mit Herrn Fournichon, an mir vorbeigeht. Der Lichtzieher iſt um ſechs Zoll länger gewor⸗ den, er bläht und brüſtet ſich, als ob er eine Her⸗ zogin am Arm führe. Dieſe Herzogin aber lächelt nach rechts und links, winkt bald dieſem, und bald jenem mit den Augen und ſcheint ſehr wenig auf das zu achten, was ihr Cavalier zu ihr ſpricht. I=ch bleibe dicht vor ihnen ſtehen. Als Herr Fournichon mich bemerkt, wird er bleich und fängt an zu zittern. Wie es ſcheint, will er raſch ſeine Eroberung entführen; aber das Orcheſter beginnt das Ritour⸗ nelle der Quadrille. Ich weiß nicht, was mich un⸗ willkührlich forttrieb; aber ich eile auf Roſa zu, er⸗ greife ihre Hand und ſpreche zu ihr: „Kommen Sie— Sie wiſſen doch, daß wir zu⸗ ſammen tanzen?“ „Wie, ich tanze mit Ihnen?— Wenn mir recht iſt, war noch ein anderer da.——“ „Nein, nein, mit mir tanzen Sie jetzt!“ „Meinetwegen— ich habe es ſogar gern.“ 104 Und Roſa nimmt meinen Arm; ich führe ſie zum Tanz, ohne darauf zu achten, was der arme Fournichon für ein Geſicht ſchneidet. Wir ſtehen am Platze. Das Orcheſter giebt das Zeichen und wir fliegen im Galopp davon. Mein⸗ Tänzerin electrifirt mich und ich überlaſſe mich allen Bockſprüngen, wozu meine Beine fähig ſind. Lachend ſpricht Roſa zu mir: „Halt Sie tanzen ſo raſch, daß Sie kaum den Boden berühren.“ „Sie begeiſtern mich!— Doch, fürchten Sie nicht, Herrn Fyurnichon zu beleidigen, indem Sie mit mir tanzen?“ „Ah! Sie kennen meinen alten Talgkaſten auch!“ „Gewiß. Ich hatte das Vergnügen, ſein Por⸗ trait zu malen.“ „Sein Portrait! Denken Sie ſich, er hatte die Frechheit, es mir anzubieten. Wahrſcheinlich glaubt er, ich amüſire mich, ſein Bild zu betrachten. Ich habe ſchon genug, wenn ich das Original ſehe! Of⸗ fen geſtanden, es iſt nicht ähnlich. Sie haben ihn zu ſchön gemacht, Fournichon iſt es durchaus nicht.“ „Wenn Ihnen Herr Fyurnichon aber nicht ge⸗ fällt, warum gehen Sie mit ihm um?“ „Sie richten da eine ſehr unſchuldige Frage an mich, theurer Freund: das kommt daher, weil jener Strohkopf mir ein Zimmer mit Möbeln anbietet, und dies verdient meine Aufmerkſamkeit; Sie wür⸗ 105 den mir vielleicht ſoviel nicht geben, der Sie nur Thiere malen!“ Roſa erröthete bei dem Geſtändniß nicht, daß ſie ſich aus Intereſſe hingiebt, und daß man bei ihr nur durch Anerbietungen reüſſiren kann. Ich finde keine Antwort auf das, was ſie mir ſo eben geſagt, komme ſogar in die Verſuchung, ein ſolches Betra⸗ gen laut zu tadeln. In dieſem Augenblicke tritt plötzlich ein Herr vor mich hin und ſchreiet in einem wüthenden Tone: „Sie werden nicht weiter tanzen mit der Dame, ich habe ſie engagirt, und ich leide nicht, daß ſie mit einem Andern tanzt!“ Es iſt mein Lion mit dem großen ſchwarzen Barte. Ich ſtoße ihn ein wenig unſanft zurück und zwinge ihn, ſich in die Stühle zurückzuziehen, indem ich ihm ſage: „Nur nicht unverſchämt, darum muß ich bitten! Das geht Sie nichts an.“ „Was iſt das?— Haben Sie es gehört? ſchreit der Löwe und tritt auf mich zurück. „Keinen Streit, meine Herrn,“ ſpricht Roſa, ich habe Unrecht— ich habe vergeſſen, daß ich en⸗ gagirt war— ich werde hernach mit Ihnen tanzen, ſchöner Arthur.“ „Nein, nein,“ ſchreit der Löwe laut, um Aller Blicke auf ſich zu ziehen,„ich dulde nicht, daß man mich zurückſetzt. Der Herr wird Sie verlaſſen, oder mir Genugthuung geben!“ 106 „Genugthuung! Ihnen?“ ſage ich lachend.„Sie hätten mich ſchon einmal umbringen müſſen— ich hatte Ihnen meine Adreſſe gegeben und habe Sie vergebens erwartet. Es ſcheint, daß Ihr Zorn den nächſten Morgen nicht erlebt, mein Herr!“ Der ſchöne Arthur wird ein wenig verwirrt, aber ſchnell beginnt er ſein Geſchrei von Neuem. „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen; aber Sie haben die Sache mit mir abzumachen! Was, Sie nehmen mir meine Tänzerin? Ihre Adreſſe, mein Herr!“ „Iſt nicht nöthig, ich habe Sie Ihnen bereits gegeben, und Sie ſind nicht gekommen.“ „Dann muß ich ſie verloren haben.“ „Geben Sie mir die Ihrige, mein Herr, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß ich ſie nicht verlieren werde und daß Sie morgen früh einen Beſuch von mir erhalten.“ „Wohlan, ich rechne darauf— hier iſt meine Karte!“ Der Lion giebt mir eine Karte, die ich zu mir ſtecke; dann entfernt er ſich, und die Menge durch⸗ ſchreitend ruft er laut: „Ja, ja, morgen werde ich mit dem kleinen Mann die Sache abmachen; ſechs Zoll Klinge in den Leib — anders gehe ich nicht ab.“ „Ich hoffe, Sie werden ſich einer Dummheit wegen nicht ſchlagen,“ ſpricht Roſa, als der Löwe ſich entfernt hat. 107 „Man ſchlägt ſich oft ſehr geringfügiger Sachen wegen; doch beruhigen Sie ſich nur, wer ſoviel ſchreit, als dieſer Herr, hat in der Regel wenig Luſt, ſich zu ſchlagen. Er iſt mir ſchon einmal eines Duelles wegen ausgewichen, er wird es morgen auch nicht anders machen.“ „Es würde mir ſehr leid thun, wenn meine Un⸗ beſonnenheit Folgen hätte.“ „Kennen Sie den Herrn?“ „Mein Gott, ich kenne ihn nur davon, daß ich ihn hier geſehen und öfters mit ihm getanzt habe, das iſt Alles.“ „Laſſen Sie ſich in ihrem Tanze dadurch nicht ſtören.“ „Ach, wenn Ihnen ein Unglück begegnete, ich würde untröſtlich ſein. Ich bin zwar ſehr leichtſinnig, aber doch nicht wie jene Frauen, die es gern haben, wenn man ſich ihretwegen ſchlägt.“ Dieſe Worte ſprach ſie faſt mit Empfindung; ihre Stimme war nicht mehr dieſelbe. Ich bin ganz bewegt, und mir ſcheint, daß ich das junge Mädchen wiedergefunden habe, das mir ſo oft gefallen hat. Ich erfaſſe ihre Hand, drücke ſie zärtlich in die meinige und ſpreche ſeufzend: „Iſt es denn wahr, daß Sie Antheil an mir nehmen? Ach, wenn das wäre, würde ich ſehr glück⸗ lich ſein— denn ich liebe Sie, ich bete Sie an—“ „Mein Himmel, was machen Sie für ein ſenti⸗ mentales Geſicht Farceur von Maler, gehen Sie.—“ 108 Bei dieſen Worten bricht ſie in ein helles Lachen aus. Ich falle aus meinem Himmel, in den ich ver⸗ ſetzt war. Wenn ich die Quadrille nicht austanzen müßte, ich würde auf der Stelle Manſell Roſa Ler⸗ laſſen. Voll Zorn beginne ich den Tanz, ſchneide Fratzen wie ein Affe und ſpringe wie ein Bock, ich weiß nicht mehr, was ich thue. Plötzlich höre ich dicht neben mir einen Schrei und gleich darauf die Worte: „Das Ungeheuer! Dieſes Weibes wegen verläßt er mich! Welch ein Verrath, und ich habe meinen Dolch nicht! O hätten meine Blicke die Kraft des Blitzes, ich würde ihn zerſchmettern!“ Ich erkenne ſogleich Ariane's Stimme; ver⸗ zweiflungsvoll ſetze ich aber den Tanz fort, bis mich jemand am Rocke zieht. Ich ſehe mich um und ge⸗ wahre Herrn Chamuuillé, der zu mir ſpricht: „Kommen Sie uns doch zu Hülfe; meine Frau befindet ſich nicht wohl, Alphons weint und Civet iſt in Verzweiflung, weil man ihm ſein Schnupftuch geſtohlen hat. Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht.“ Die Quadrille iſt aus. „Gehen Sie, gehen Sie,“ ſpricht Roſa. Ich entſchließe mich kurz und folge Herrn Cha⸗ mouillé. Wir ſtoßen bald auf Freund Civet; er iſt bleich und verwirrt. 3 109 „Nun, was haben Sie mit meiner Frau ge⸗ macht?“ redet ihn Herr Chamouillé an. „Ich habe es ſchon überall vergebens geſucht— ach, mein Gott, er war ſo ſchön mit Blau gezeichnet — das iſt höchſt ſolide— und nun iſt mein ganz neues Dutzend unvollſtändig— achwie unangenehm!“ „Aber meine Frau!“ „Die liegt dort hinten, rechts, noch in Ohnmacht.“ „Mein lieber Herr Bergeval, wenn Sie die Güte hätten und uns einen Wagen beſorgten— ich glaube, dies wird das Klügſte ſein.“ „Sehr gern. Ich werde einen Wagen nehmen und Sie an der Thür erwarten.“ Hierauf verlaſſe ich Herrn Chamuuillé, gehe aus dem Garten und bemächtige mich eines Fiacres, den ich dort vorfinde. Ich ſteige hinein und bleibe zwei Schritte vor dem Ausgange mit meinem Wagen halten. Ich warte. Zehn Minuten ſind verfloſſen. Schon viele ſin hinausgegangen, aber keiner hat mich aufgeſucht. Ich werde ungeduldig, ſteige aus dem Wagen, gehe in den Garten nach dem Orte zurück, wo ich Herrn Chamouillé verlaſſen habe, bemerke ihn aber nicht. Ich ſuche überall, ſehe aber weder Weib noch Kind, ſelbſt Freund Civet nicht. Ich gehe hin, wo man tanzt— auch Roſa iſt nicht mehr da. Meinetwegen mögen alle dieſe Leute ſein, wo ſie 10 wollen, ich will mich nicht mehr darum kümmern. Es iſt ſpät, ich will nun zu Hauſe gehen und eine Frau zu vergeſſen ſuchen, die will, daß ich ſie liebe, und eine andere, die ich nicht mehr lieben will. 21. Champagner⸗Wirkung. Als ich den folgenden Morgen aufwache, fällt mir der Streit vom vergangenen Abend ein und die Karte, die mir der Lion gegeben. Ich greife in die Taſche meines Rockes, finde die Karte und leſe Arthur Nicanor, rue SaintPenis. Die Hausnummer iſt rein wegradirt. Dies ſcheint mir eine neue Mhſtification. Jetzt ſuche man einen Herrn in der Straße Saint⸗ Denis, die eine halbe Meile lang iſt, wenn man die Nummer des Hauſes nicht weiß, das er bewohnt. Herr Arthur Nicanor iſt ein ſchlechter Spaß⸗ macher; aber wenn ich ihm noch einmal begegne, möchte ich ihm nicht rathen, mir ein drittes Duell vorzuſchlagen. Ariane muß recht böſe auf mich ſein; wir find geſpannt, und Mamſell Roſa iſt die Urſache davon. Deſſen ungeachtet will mir dies junge Mädchen 111 nicht aus dem Kopfe; ich ſehe ſie ſchon, wie ſie durch Berrn Fournichon unterhalten wird. Dieſer Gedanke macht mich mißgeſtimmt. Glücklicherweiſe kommt Carotin, um mich zu zer⸗ ſtreuen und aufzuheitern. „Guten Morgen, Appelles! Guten Morgen, großer Mann! Bis in mein Vaterland iſt die Kunde gedrungen, daß Du ein großer Mann geworden biſt!“ „Guten Morgen, lieber Carotin, Du kommſt aus Deiner Norwandie zurück?“ „Ganz recht! Dies iſt das Land, wo ich das Licht der Welt erblickt! Und ich achte und ehre dies Land. Aber ich bin doch froh, daß ich es wieder im Rücken habe, man trinkt dort zuviel Apfelwein.— Wie gehen Deine Geſchäfte?“ „Oh, ich verdiene ſoviel Geld, als ich nur immer verlangen kann!“ „Iſt es möglich! Dann kannſt Du mir woh fünfzig Franes leihen?“ „Recht gern!“ „O Du wahrer Freund! Du biſt dieſes Titels würdig, denn Du verpumpſt Dein Geld, ohne eine Miene zu verziehen. Wie kann ich Dir das vergelten?“ „Du bezahlſt mich—“ „Parbleu! das weiß ich wohl! O dieſe Dumm⸗ eit „Laß mich ausreden: Du bezahlſt mich dafür mit einem Gegendienſte— Du hilfſt mir ein Weib vergeſſen, die zu lieben ich vor mir ſelbſt erröthe.“ 112 „Ah bah! Wenn es weiter nichts iſt Dieſe Art, Schulden zu bezahlen mag ich wohl leiden! Ich bin Dein, getreuer Colin! Erzähle mir Deine Pein— Hat Deine Katze Dich verrathen? Hat ſie Dich viel⸗ leicht auch gekratzt?“ „Von der iſt nicht die Rede.“ „Ich bin doch recht dumm! Sechs Monate war ich abweſend und kann noch glauben, daß es dieſelbe iſt! Man merkt wohl, daß ich in der Apfelwein⸗ Gegend geweſen bin— nicht wahr?“ „Carotin, vernimm etwas, das Du wohl nicht geahnt haſt—“ „Wenn ich es nicht ahnen konnte, wirſt Du ſehr wohl thun, es mir zu ſagen. Alſo, heraus mit der Sprache!“ „Ich bin Herrn Fournichons Nebenbuhler. 4 „Nicht möglich!“ „Du weißt doch, daß er in eine kleine Laden⸗ mamſell verliebt iſt, wegen deren Du ein Fenſter ein⸗ geworfen haſt—“ „lm ein Billet⸗dour zu befördern— Straße du Bac— ich erinnere mich.“ „Jenes junge Mädchen, wovon ich Dir erzählte, daß ich es zuerſt im Orcheſter des Theaters de la Gaité geſehen habe, und deſſen Anmuth mir den Kopf verdreht hat—“ „Und für die Du auch trotz Wind und Wetter einen Wagen ſuchteſt—“ „Iſt Roſa, die niedliche Mamſell im Leinwands⸗ 113 laden, für die Herr Fournichon ſein Portrait hat malen laſſen.“ „Ach, das iſt ja charmant, das iſt ja prächtig! Und was Dich vorzüglich gereizt hat, war ja wohl ihr beſcheidenes, anſtändiges und züchtiges Weſen?“ „Ah, ah Manſell Roſa iſt ſchön beſcheiden und züchtig! Haſt Du ſie geſehen?“ „Nein, ich kenne ſie nur aus Deiner Beſchrei⸗ bung! Du haſt ſie ſpäter im Theater des Variétés wiedergeſehen, und zwar ganz anders als das erſte Mal— Kannſt Du Dich denn darüber wundern? Ich habe Dir ja verſchiedene Beiſpiele von der Ver⸗ ſtellungskunſt der Weiber erzählt— erinnerſt Du Dich noch meiner Handſchuhmacherin und meines Blumenmädchens?“ „Ich täuſche mich doch nicht, wenn ich annehme, daß Du dem alten Fournichon das junge Mädchen weggekapert haſt, und darin finde ich nichts, das Dir Seufzer erpreſſen könnte.“ „Mein Gott, nein, ich ſeufze auch nicht. Höre mich ant ich fand Roſa mit Fournichon auf dem Balle Mabille, und bat um einen Tanz—“ „Fournichon?“ „Carotin, Du biſt unerträglich!“ „Nun, hat ſie Dir den Tanz verweigert?“ „Nein, im Gegentheil, ſie hat ihn gern ange⸗ nommen.“ „Parbleu Das glaube ich wohl— und im Ga⸗ Carotin 1I. 8 11¹4 lopp ward die Erklärung gemacht, das Rendez⸗vous beſtellt und die ganze Sache abgemacht?“ „O nein, im Gegentheil! Obgleich das Wieder⸗ ſehen des jungen Mädchens mich im höchſten Grade aufregte, und ich fühle, daß es mir immer noch ge⸗ fällt, ſo muß ich Dir doch geſtehen, daß ich aus — Schüchternheit nicht wagte, um ein Rendez⸗vous zu bitten. Mir war es immer, als ob das anſtändige Ladenmädchen vor mir ſtände, die meine Kühnheit beleidigen würde.“ „O armer Bergeval, Du biſt in dieſem Augen⸗ blicke Colin der Schäfer— ich könnte ſelbſt noch mehr ſagen!“ „Mein Gott, ſind wir denn dem ſchönen Ge⸗ ſchlechte gegenüber wieder an das Gängelband ge⸗ rathen? Du, ein Maler, wie ich—“ „Höre mich an, mein Freund: wenn Du bei Roſa nicht für einen Nicodemus gelten willſt, ſo rathe ich Dir, mache dem Dinge ein Ende. Die Kleine gefällt Dir, man kann ſogar ſagen, Du biſt in ſie verliebt, weil Du immer an ſie denkſt— Mein Gott, wenn Deinem Feuer Genüge geleiſtet, iſt es auch wahrſcheinlich, daß es gelöſcht ſein wird.“ „Ich glaube, daß es keines Fehdehandſchuhes bedarf, um ſich der Schönen des Herrn Fvurnichon zu erklären, und wenn Du ſie ihm nicht wegſchnappſt, biſt Du ein großer Thor.“ „Wahrhaftig, Du haſt recht, Carotin. Mamſell Roſa ſah mich auf eine Weiſe an, die wahrlich die 115 Abſicht nicht verrieth, ſehr grauſam zu ſein— ich habe mich ſehr dumm benommen.“ „Wenn ich ſie jetzt wiederſehe, bin ich feſt ent⸗ ſchloſſen, ganz anders zu handeln und zu reden. Warum ſoll ich auch überhaupt gegen ein Mädchen ſo zurückhaltend ſein, das mir rund heraus erklärt hat, es wolle ſich unterhalten laſſen?“ „Carotin, wir eſſen zuſammen! Ja, es ſteht feſt, ich will dies Abenteuer ſiegreich beſtehen! Wir wollen luſtig ſein und tüchtig lachen! Warum bin ich ſo thörigt und quäle mich mit Sorgen?— Ich werde es von jetzt an nicht mehr!“ „Bravv, bravo! Jetzt haſt Du Dich wieder⸗ gefunden! Jetzt erkenne ich Dich wieder! Wohlan, eſſen wir zuſammen! Aber wir trinken keinen Apfel⸗ wein!“ Ich mache Toilette. Carotin durchſucht meine Garderobe, dann legt er eine meiner Cravatten an, bedient ſich einer meiner Weſten, verſucht ſogar meinen neuen Rock, der ihm aber zu klein iſt; und alles dies geſchieht, weil er nicht Zeit hat, nach Hauſe zu gehen und die Kleider zu wechſeln. Carotin behauptet, unter Freunden müſſe durch⸗ aus Gemeinſchaft herrſchen, und dieſe Gemeinſchaft dehnt er bis auf die Stiefeln aus. Wenn ich ihn gewähren ließe, würde er auch meinen Hut nehmen, der, wie er ſagt, ihm beſſer ſtände als mir. Wir ſchicken uns zum Ausgehen an und ſind 8* ſchon die Treppe hinabgeſtiegen, als uns Herr Cha⸗ mouillé begegnet, der in das Haus tritt. Als er mich bemerkt, jauchzt er freudig auf und Carotin flüſtert mir in's Ohr: „Was iſt denn das für ein Beſteck?“ „Ariane's Mann.“ „Danach ſieht er auch aus.“ „Ah, mein lieber Herr Bergeval, wie freue ich mich, daß ich Sie treffe— meine Frau iſt krank!“ ſpricht Herr Chamuuillé, indem er mir näher kommt. „Wie! Hat ſich ihre Frau Gemahlin von der geſtrigen Indispoſition noch nicht wieder erholt?“ „Ach, eine Ohnmacht folgt der andern, mein lieber Freund. Ich habe die ganze Nacht gewacht und ihr Thee mit Rhum gegeben.“ „Dann iſt der Thee dem Punſche ähnlich.“ „Das wohl, aber ſie trinkt ihn nicht anders, wenn ihr das Mittagsbrod nicht gut bekommen iſt. „Da hat ſie mich denn gebeten, zu Ihnen zu gehen, weil ſie behauptet, Sie wären im Beſitze eines Receptes für ihre ſchwachen Nerven; zu unſerm Arzte hat ſie kein Vertrauen, obgleich ihn mein Freund Civet beſorgt hat, und Civet iſt ein ſehr kluger Mann. Hätten Sie wohl die Güte und beſuchten mein Frau oder ſchrieben mir wenigſtens Ihr Recept auf, was für Abgeſpanntheit gut iſt.“ Ich antworte nicht. Carotin ruft: „Mein Freund wird dieſen Abend zu Ihrer Frau 117 Gemahlin kommen, und im Falle er nicht kommt, werde ich erſcheinen, das wird daſſelbe ſein.“ „Sie, mein Herr? Sind Sie vielleicht zufällig der Arzt des Herrn Vergeval?“ „Ganz recht, ich bin ſein Doktor! Fragen Sie ihn einmal, wie ich ihn behandle— Ich werde Ihre Frau Gemahlin von ihrem Nerven⸗Uebel heilen— Sie können Sich feſt darauf verlaſſen, ich verſtehe meine Sache.“ „Ach, Doktor, leiſten Sie uns dieſen Dienſt, denn wenn ſie ihre Kriſen hat, zerbricht und zer⸗ ſchmeißt ſie Alles, was ihr in die Hände geräth, und das wird denn doch ſehr koſtſpielig; ſie droht ſelbſt, mich zu zerbrechen!“ „Das iſt leicht möglich! Die Weiber ſind ſehr ſtark, wenn ſie Nervenverzuckungen haben.“ „Ich darf alſo hoffen, daß Sie uns dieſen Abend beſuchen?“ „Ja, ja, zählen Sie darauf.“ „Wenn Herr Bergeval Sie nicht begleiten ſollte, giebt er Ihnen wohl unſere Adreſſe.“ „Soll geſchehen!“ „Auf Wiederſehen, meine Herren!“ „Viel Vergnügen, Herr Chamouille!“ Ariane's Ehegatte entfernt ſich. Wirſchlagen den Weg nach dem Palais⸗Rohal ein. „Aber biſt Du denn toll, daß Du Dich für einen Arzt ausgiebſt?“ „Sei ohne Sorgen! Ich werde ein eben ſo guter 118 Doktor ſein, wie ein anderer. Ein jeder iſt mehr oder weniger Arzt, man kurirt, ſoviel in ſeinen Kräf⸗ ten ſteht.— War Madame Chamouillé nicht die Katze, die ich in Deinem Schlafzimmer antraf?“ „Ganz recht.“ „Biſt Du noch ihr Liebhaber?“ „Nein Wenn Du es doch werden könnteſt, daß ſie mich in Frieden ließe, Du würdeſt mir einen weſentlichen Dienſt leiſten.“ „Zähle auf mich— das iſt bald geſchehen.“ „Das wird nicht ſo leicht ſein, als Du denkſt! Ariane iſt ſtarrköpfig. Sie iſt einer von jenen Cha⸗ rakteren, die ſich nicht ſo leicht abſchrecken laſſen. Bei Tiſche werde ich ihn Dich näher kennen lehren.“ Wir gehen zu einem der beſten Reſtaurateurs des Palais⸗Rohal, und laſſen uns ein ausgeſuchtes Mahl auftiſchen. Carotin verſteht es, die Karte zu machen; auch der Wein wird nicht geſchont. Ich bin nun feſt entſchloſſen, Roſa Herrn Four⸗ nichon wegzukapern; Carotin übernimmt es, mich von Ariane frei zu machen. Bei Tiſche erzähle ich von den romantiſchen und bizarren Ideen der Ma⸗ dame Chamouillé. Carotin hört aufmerkſam zu und ſcheint ſeinen Plan zu überlegen. Um ſich für den genoſſenen Apfelwein zu entſchädigen, ſpricht mein Gaſt dem Champagner dermaßen zu, daß ſeine Augen allmäh⸗ lig kleiner werden und ſeine Zunge an Gewicht zu⸗ nimmt. Er weiß nicht mehr, was er ſpricht. 119 Ich war klüger geweſen, ich wollte mir nur ein wenig den Kopf verdrehen und hatte einen kleinen Spitz. Kurz, als wir aus der Reſtauration treten, iſt Carotin ſeiner Beine nicht mehr mächtig, er iſt nicht im Stande, ſich aufrecht zu erhalten. Ich, der ich nur ein wenig betäubt bin, reiche ihm die Hand und entferne mich wie ein Blitz mit den Worten: „Ich will dieſen Abend durchaus mit Roſa ſpre⸗ chen.“ Raſch ſchreite ich vorwärts und habe aufmeinem Wege vielleicht manche Petſon umgerannt; ich weiß aber nichts davon, und mein Schnell⸗Lauf iſt dadurch nicht unterbrochen worden. Ich bin in einer ſolchen Verfaſſung, wo man an nichts zweifelt, wo man ſehr gefährliche, ſelbſt un⸗ mögliche Sachen unternimmt. Ich trete in die Straße du Bac. Es muß beinahe neun Uhr Abends ſein, denn wir haben lange zu Tiſche geſeſſen. Das Wetter iſt ſchon kalt und es fällt ein feiner, durchdringender Regen. Obgleich wir noch nicht Ende September hatten, glaubte man ſich doch ſchon im Winter. Die in der Regel ſehr belebte Straße du Bae traf ich ziemlich menſchenleer an. Ich ſteuere auf das Magazin meiner Ladenmanſell los, bin aber noch nicht im Klaren, was ich dort be⸗ ginnen will; nur ſoviel weiß ich, daß ich Roſa ſehen 120 oder erfahren will, ob ſie noch bei ihrer Madame iſt, oder nicht. Ungefähr zehn Schritte bin ich noch von dem Magazine entfernt, als jemand heraustritt: es iſt ein weibliches Weſen. An dem ſchönen Wuchſe und dem leichten Gange erkenne ich ſie wieder: es iſt Roſa, aber nicht mehr im BVallanzuge, ſondern in ihrem einfachen, beſchei⸗ denen Kleide, das ſie gewöhnlich in ihrem Laden trägt. In der einen Hand hält ſie eine Pappſchachtel, in der andern einen Regenſchirm. Sie geht über die Straße und entfernt ſich raſch auf der mir entgegen⸗ geſetzten Seite. Ich aber eile ihr nach und bin hoch erfreut, daß ſich mir eine Gelegenheit darbietet, ſie ohne Zeugen zu ſprechen. Bald erreiche ich das junge Mädchen, obgleich es ſehr raſch geht. Ich nähere mich ihr, bis unter den Regenſchirm, und rede ſie mit den Worten an: „Wohin ſo eilig? Sie ſind wohl ſehr preſſirt, Mamſell Roſa?“ Sie wendet ſich um, ſieht mich an und anwortet mit einer faſt zitternden Stimme: „Mein Gott, mein Herr, wie haben Sie mich erſchreckt!“ „Das war nicht meine Abſicht; ich ſah Sie aber aus ihrem Magazin treten und wollte dieſe günſtige Gelegenheit benutzen, denn ich muß durchaus mit Ihnen reden.“ 12¹ „Mit mir, mein Herr?“ „Ganz gewiß, mit Ihnen! Erkennen Sie mich nicht wieder?“ „Verzeihung, mein Herr, ich erkenne Sie aller⸗ dings wieder; aber ich kann nicht glauben, daß Sie mir etwas zu ſagen haben.“ „In welchem Tone ſagen Sie mir das Alles? Wahrhaftig, Sie ſind ſehr ſonderbar. „Meine liebe Freundin, wir ſind nicht in Ihrem Magazine; es verlohnt ſich nicht der Mühe, Ihr Näschen ſo hoch zu tragen, am allerwenigſten gegen mich, der ich Sie kenne.“ Bei dieſen Worten nehme ich den Arm des jun⸗ gen Mädchens in den meinigen, ſie aber reißt ſich raſch los und verdoppelt ihre Schritte, indem ſie zu mir ſpricht: „Mein Herr, laſſen Sie mich! Ich bitte Sie, folgen Sie mir nicht, ich will Sie nicht hören!“ „Mamſell, Sie müſſen mich hören! Ah, Sie ſind jetzt nicht ſo wild, als geſtern auf dem BValle Mabille. Wollen Sie vielleicht dem alten Eſel, dem Fournichon treu bleiben, daß Sie jetzt ſo ſpröde ſind? Außerdem habe ich Sie im Theater des Va— riétés mit drei jungen Leuten geſehen! Mit einem von dieſen ſind Sie in einen Wagen geſtiegen, es war gewiß Ihr Liebhaber? Dies läßt ſich wenigſtens aus dem Blicke ſchließen, mit dem Sie ihn betrachteten. „Sie ſehen, ſchöne Roſa, daß ich Sie kenne!“ Sie antwortet nicht. 122 Ich ſtrecke meinen Kopf vor um ſie anzuſehen und gewahre Thränen in ihren Augen. Gerührt ſpreche ich zu ihr: „Mein Gott, es war durchaus nicht meine Ab⸗ ſicht, Sie zu kränken. Nach dem, was Sie mir geſtern beim Tanz ſagten, konnte ich nicht anders glauben, daß Ihre Abſicht, das Magazin zu verlaſſen, kein Geheimniß mehr ſei. Ich begreife Ihre Thränen nicht— erklären Sie ſich, warum weinen Sie?“ „Mein Herr, laſſen Sie mich, ich bitte Sie! Ich gehe in dieſes Gewölbe, warten Sie nicht auf mich, denn ich muß ſchnell in mein Magazin zurück⸗ kehren. Veharren Sie nicht, mich zu verfolgen— es iſt unnütz.“ Sie tritt wirklich in ein großes Modewaaren⸗ Magazin, das uns gegenüber iſt, ich bleibe in der Straße ſtehen und kann mir das junge Mädchen mit ſeinen Thränen und ſeiner Art und Weiſe zu ant⸗ worten nicht erklären. Wie iſt ſie heute ganz anders, als geſtern! Faſt bin ich verſucht, zu glauben, daß es nicht dieſelbe iſt, mit der ich geſtern getanzt habe. Ich weiß wohl, daß ich ſehr vergnügt bin, daß mein Kopf nicht ruhig iſt, und daß ich mit Carotin viel Champagner getrunken habe; aber dies Alles giebt mir keine Aufklärung über Roſa's Betragen. Sie muß ſich durchaus erklären, ich will es! Und menn ich mich zufällig getäuſcht hätte, wenn es nicht dieſelbe wäre, die geſtern bei Fournichon war, ſo iſt dieſe Aehnlichkeit etwas Ungewöhnliches. Aber der 123 Name iſt derſelbe, das Magazin und die Straße— ſie muß doch wohl dieſelbe ſein! Ich will warten, bis ſie wieder heraustritt. Es dauert nicht lange, als Roſa erſcheint. Sie öffnet ihren Regenſchirm und tritt eiligen Schritts den Rückweg in ihr Magazin an. Ich laufe ihr nach und hole ſie ſchnell ein. „Mamſell, hören Sie mich, ich bitte Sie— ich muß mich durchaus mit Ihnen verſtändigen.“ „Mein Gott, mein Herr, ich habe Sie doch ge⸗ beten, nicht auf mich zu warten.“ „Nur zwei Worte! „Ihre Reden und Ihre Manieren ſind heute Abend ſo verſchieden von geſtern, daß ich glanben muß, es waltet hier ein Irrthum ob. Ich bitte, be⸗ antworten Sie mir die Fragen: „Waren Sie es, die ich im Theater des Variétés geſehen? Sind Sie es, die den Ball Mabille beſucht und geſtern in Herrn Fournichons Geſellſchaft war?“ Sie läßt mich einen Augenblick auf Antwort warten, dann höre ich ſie flüſtern: „Ja, mein Herr, ich bin es.“ „Dann kann ich mir Ihr heutiges Betragen nicht erkären.“ „Warum nicht, mein Herr?“ „Weil es von geſtern zu verſchieden iſt. Reizende Roſa, jetzt muß ich Ihnen ſagen, was ich empfinde, muß Ihnen geſtehen, was in meinem Herzen vorge⸗ gangen, ſeit ich Sie zum erſten Male im Theater de la Gaits geſehen— aber ich ſpreche von einer ſchon vergangenen Zeit. „Sie haben wahrſcheinlich unſer Zuſammen⸗ treffen von damals vergeſſen?“ * „O nein, mein Herr, ich erinnere mich deſſen noch recht gut. Als das Gewitter uns verhinderte— nämlich mich und die gute Mamſell Dubvis, die mich begleitete— das Theater zu verlaſſen, hatten Sie die Güte, uns einen Wagen anzubieten; Sie verließen uns, um ihn zu holen.“ „Wie, Sie erinnern ſich noch daran?“ „Ja, mein Herr! Als der Regen etwas nachließ, und wir noch ziemlich lange Zeit gewartet hatten, Ihnen zu danken, gingen wir.“ „Nun, liebliche Roſa, ſeit dieſem Abende hege ich für Sie das lebhafteſte, zärtlichſte Gefühl— Ihr liebes Geſicht hat mir den Kopf verwirrt, und, ich muß es Ihnen geſtehen, Ihr beſcheidenes, anſtändiges Weſen hat mich ſo ergriffen, daß ich nur an Sie dachte, nur von Ihnen träumte. Sie wiederzuſehen war mein einziger, mein heißeſter Wunſch, Ihr liebes Bild verfolgte mich wachend und im Traume. Ach, mir kam es vor, als ob nur von Ihnen allein meine Zukunft, mein ganzes Glück abhinge!“ Jetzt bemerke ich, daß das junge Mädchen nicht mehr ſo raſch geht, daß ſie öfter langſam das Köpf⸗ chen dreht und mich bewegt anſieht; mir kommt es ſogar vor, als ob ich ſie ſeufzen höre. Ich verſchlinge ſie faſt mit den Augen und fahre noch feuriger fort: 125 „Ja, ich betete Sie an— als ich Sie aber ſpäter im Theater des variétés wiederſah— ich verhehle es Ihnen nicht— war ich aus meinem Himmel geſtürzt. „Sie waren damals ſchon ganz anders, als das erſte Mal, daß ich Sie geſehen hatte. Eine Dame allein kommt mit drei jungen Leuten in eine Loge! Noch ſchlägt Ihr helles Lachen an mein Ohr! Bald neigten Sie ſich zu dem Einen, bald zu dem Andern — Ach, wenn Sie wüßten, was ich da gelitten habe! Ich komme Ihnen wohl recht lächerlich vor, nicht wahr? Aber dieſen Abend will ich Ihnen Alles ge⸗ ſtehen, was ich empfinde, ſeitdem ich Sie kenne. „Ich dachte Sie mir als ein Muſter von Tugend und Sittſamkeit, und ſo ſeh' ich Sie in allen meinen Träumen, denn in dieſer Geſtalt hatten Sie ſich mei⸗ nes Herzens bemächtigt— aber in jener verwünſchten Loge war es anders! Ich folgte Ihnen, als Sie das Theater verließen, ich ſah Sie mit einem von Ihren Kavalieren in den Wagen ſteigen, mit einem nur— dies traf mich wie ein Dolchſtich; aber ich entfernte mich und ſchwor mir, nicht mehr an Sie zu denken. „Ich dachte aber immer noch an Sie; Sie ſind ſo ſchön, daß es unmöglich iſt, Ihr Bild aus dem Herzen zu verbannen! „Der Zufall führte mich in Ihr Magazin. Hier finde ich Sie wieder einfach und beſcheiden, wie Sie im Theater de la Gaité waren— Ich fühlte, daß ich Sie noch liebte, wie am erſten Tage unſeres Be⸗ gegnens.* 126 „Aber geſtern führt mir der Zufall auf dem Balle Mabille Sie abermals entgegen; Sie tanzten und gaben ſich tauſend Tollheiten hin. Sie ſprachen mit mir und gaben mir Ihre Abſicht zu erkennen, daß Sie das Magazin verlaſſen und das Anerbieten Fournichons annehmen wollten. Dies brachte einen ſchlechten Eindruck auf mich hervor. Aber deſſe⸗ eachtet liebe ich Sie noch, ich fühle, daß ich Iht Bild nie aus meinem Herzen reißen kann; und ob⸗ gleich Sie die nicht ſind, die in meinen Träumen lebte, ſo ſind Sie doch nicht weniger ſchön. „Sie können einen Fpurnichon lieben— iſt das möglich!— Sie haben es mir geſtern geſagt.— Roſa, ſei die Meine, ſei meine Geliebte! Ich werde nie von Ihren begangenen Thorheiten reden! Ih werde Sie lieben und Ihnen alle Vergnügungen, alle Zerſtreuungen gewähren, denen Sie mit ſo biel Eifer nachzuhangen ſcheinen. Lieben Sie mich nur ein wenig!— Ich weiß wohl, daß ich nie dahin ge⸗ langen werde, Ihr Herz auf lange Zeit zu feſſeln; aber lieben Sie mich nur einen Monat— nur vier⸗ zehn Tage— nur eine Woche— die Erinnerung an dies Glück wird nie verlöſchen! Roſa, antworten Sie mir, ſagen Sie mir, daß Sie es wolléen——“ Statt der Antwort zeigt mir Roſa ihr Magazin,“ das nur einige Schritte von uns entfernt iſt; dann ſpricht ſie: „Ich bin am Ziele, mein Herr! Vergeſſen Sie mich, dies iſt die einzige Antwort, die ich Ihnen 127 geben kann— vergeſſen Sie mich, es wird Ihnen leicht ſein, denn Sie haben aufgehört, mich zu achten, und Liebe, die ſich nicht auf Achtung gründet, kann nicht lange dauern. „Leben Sie wohl, mein Herr!“ Sie geht in ihr Magazin zurück. Der ernſte, faſt traurige Ton, in dem ſie die letzten Worte ſagte, hat mich ſo ergriffen, daß ich unbeweglich ſtehen ibe. Ich habe ſie gehen laſſen, habe nicht einmal verfucht, ſie zurückzuhalten. 22. Pu nſch Wirku ng. Nachdem ich einige Augenblicke beſtürzt ſtehen geblieben, fahre ich mit der Hand über meine Stirn, dann ſetze ich mich in Bewegung und ſage zu mir ſelbſt: „Ah bah Was iſt da weiter? Das junge Mäd⸗ chen will nichts von mir wiſſen, das iſt die ganze Geſchichte! Sie iſt auf jeden Fall dieſelbe, die geſtern mit Fournichon auf dem Balle war und dort eine liederliche Polka tanzte, und heute ziert ſie ſich, wie die liebe Unſchuld ſelbſt; ich glaube gar, ſie will mir die Moral predigen Sapperment, das iſt zu arg! 128 „Freund Bergeval, Carotin hat Recht, du biſt ein großer Narr— Roſa macht ſich über mich luſtig, das iſt klar. Ich gefalle ihr nicht— man kann doch nicht allen Leuten gefallen. Aber dann hätte ſie doch wohl mit ihrer eigenthümlichen Unbefangenheit mir ſagen müſſen: „Mein Herr, Sie langweilen mich, ich will Sie Liebhaber haben, und wenn ich Fvurnichon den Vorzug gebe, ſo geht das Sie nichts an, ich kann thun und laſſen, was ich will.“ „Das hätte ſie mir ſagen müſſen, anſtatt zu ſeufzen und tragiſche Reden zu halten— ich glaube ſogar, daß ſie geweint hat.— Ja, ja, ich glaube— aber nichts mehr! Kann ich denn nicht ordentlich ſehen, daß ich nicht bemerke, wie man mich bei der Naſe herumführt? Die wird auf meine Koſten ſchön lachen. Ah, herrei ich muß Revanche haben!“ Ich trete in ein Kaffeehaus, vor deſſen Thür ich ſtehe. Ich verlange Punſch. Mit ſüßem Geſicht kommt der Kellner und fragt, ob ich eine Bowle oder ein Glas wünſche. „Das iſt mir gleich,“ antworte ich ihm, und ich glaube, der Kerl bringt eine Bowle für mich allein. Dieſer Kellner ſcheint die Conſumtion erhöhen zu wollen. Ich ſetze mich alſo zum Punſch und trinke. Dabei denke ich an Roſa, und finne auf Mittel, wie ich mich an dieſem jungen Mädchen rächen kann, das 129 dieſe ſonderbare Komödie, faſt möchte ich ſagen, dies Drama mit mir ſpielt. Jetzt fällt mir auch ein, daß ich von der Cancan⸗ tanzenden Roſa mich„Farceur von Maler“ habe nennen hören— ich kann nicht begreifen, warum ich ſie habe gehen laſſen. Ich hätte ſie unter den Arm faſſen und mit nach Hauſe nehmen ſollen, das wäre das rechte Betragen gegen ſolche Mamſells geweſen. Aber was ſoll ich jetzt thun? Ich will trinken, um meine Ideen zu läutern, oder neue zu bekommen. Statt deſſen verwirren ſie ſich aber immer mehr. Ich trinke fort und verſchlucke meinen Punſch, als ob es leichtes Bier wäre. Schon bin ich meiner Bowle auf den Grund gekommen, und noch weiß ich nicht, was ich beginnen ſoll. Ich rufe den Kellner, bezahle ihn, verlaſſe das Kaffeehaus und ſteuere auf Roſa's Magazin los. Da ſtehe ich abermals vor dem Leinwands⸗Laden. Was ſoll ich ſprechen? Was verlangen? Ich weiß wahrhaftig nichts. Aber iſt das junge Mädchen auch darin, das ſich von dem Lichtzieher unterhalten laſſen will? Sie muß jetzt über mich lachen, denn ſie hat alle meine Liebesanträge gehört. Wohlan denn, ſie muß wiſſen, daß ich kein Gimpel bin. Und ſomit öffne ich die Glasthür und trete in das Magazin. Jedes ſitzt an ſeinem gewohnten Platze, 3 Roſa, die Augen auf ihre Arbeit Carotin. II. 130 Wie mir ſcheint, entfärbt ſie ſich, als ſie mich eintreten ſieht. Ich muß geſtehen, daß ſich meine Sinne ein wenig verwirren, als ich mich in der Mitte dieſer Frauen ſehe, und daß in mir die Luſt erwacht, ſo chnell wieder ſort zu gehen, als ich gekommen bin. Dieſe Luſt verſchwand aber wieder, und meine Feſtig⸗ keit kommt zurück, oder beſſer geſagt, mein Verſtand kommt nicht zurück. Die Herrin des Magazins erkennt mich wieder. Nit vielem Anſtande grüßt ſie mich, und fragt: „Wollen Sie uns mit Aufträgen beehren, mein Herr? Ich hoffe, daß Sie mit Ihren Hemden zufrie⸗ den geweſen ſind.“ Stammelnd antworte ich:. „Ja, Madame, ſehr zufrieden. Ich wünſche noch ſechs andere zu haben.“ „Von denſelben, mein Herr?“ „Bon denſelben oder nicht— das iſt mir gleich.“ Dann wende ich mich zu dem Ladentiſche, wo Roſa arbeitet, und fahre in einem ſpöttiſchen Tone fort: „Wenn Mamſell Roſa mir die Hemden bringen will, könnte ſie vielleicht ihren Freund Fournichon bei mir antreffen und die Unterhaltung mit ihm fort⸗ ſetzen, die geſtern auf dem Balle Mabille begonnen wurde, wo Manſell ſo viel Grazie entwickelte. Ah⸗ Mamſell tanzt den Cancan mit bewunderungswürdi⸗ ger Leichtigkeit“ 131 Ich erwarte, daß man mich Lügner ſchelten und meine Worte als Unwahrheit bezeichnen würde; ſtatt deſſen antwortet ſie keine Silbe, ſie bückt ſich tiefer noch auf ihre Arbeit und wie mir ſcheint, rollen Thränen ihre Wangen herab. Dies Schweigen ſchlägt mich gänzlich darnieder und wie eingewurzelt bleibe ich ſtehen. Ich laſſe meine Blicke durch das Magazin ſchweifen. Die beiden andern jungen Mädchen und die ältere Dame haben ihre Blicke feſt auf Roſa gerichtet, als ob auch ſie erwarteten, was ſie ſagen würde. Die Herrin des Magazins ſchleudert einen fürchterlichen, ſtrengen Blick zu ihr hinüber; ſie aber ſagt nicht ein Wort zu ihrer Vertheidigung, ich ſtehe beſchämt da und weiß nicht, was ich beginnen ſoll. Dieſe Lage iſt mir ſo drückend, daß ich ſie nicht länger aushalten kann. Ich öffne die Thür des Ma⸗ gazins und entferne mich ebenſo, als ich eingetre⸗ ten bin. Ich kann mir von dem, was in mir vorgeht, keine Rechenſchaft ablegen, aber das fühle ich, daß ich ſehr unzufrieden mit mir bin. Eine Stimme in meinem Innern ſagt mir, daß ich eine niederträchtige Handlung begangen habe, daß ich vielleicht ein junges Mädchen in's Unglück ſtürze, die mir nichts zu Leide gethan, und daß mein Betragen eines geſitteten Mannes unwürdig iſt. Mit großen Schritten ſchreite ich durch die Straßen. 9* 132 Ich erreiche meine Wohnung mit wüſtem Kopfe und krankem Herzen. Außer Stande, Ueberlegungen anzuſtellen, lege ich mich eiligſt zu Bette in der Hoff⸗ nung, daß ein wohlthätiger Schlaf die Begebenheiten dieſes Tages mich vergeſſen läßt. Aber man ſchläft ſchlecht, wenn man zu viel Champagner und Punſch getrunken hat. Tauſend Gedanken durchkreuzen meinen Kopf. Roſa ſteht beſtändig vor meinen Blicken, und jetzt ſehe ich ſie einfach und beſcheiden, wie ſie mich bittet, ihr nicht zu folgen, wie ſie Thränen vergießt, ohne mir zu antworten, als ich vor dem ganzen Magazin⸗ Perſonale ihr Betragen enthülle. Den folgenden Morgen ſtehe ich auf, verwünſche mich und den ganzen Vorfall. Wenn ich bei Verſtande geweſen wäre, ich hätte nimmer eine ſolche Scene herbeiführen können. Was wird die Folge davon ſein? Ach, ich fürchte, daß ich ſie errathe. Ich ſehe nach meiner Uhr. Wahrſcheinlich wird man mir die beſtellten Hemden ſchicken. Aber viel⸗ leicht hat man auch meinen Zuſtand bemerkt, ſo daß eine neue Beſtellung von meiner Seite wird erfolgen müſſen. Ach, ich kann unmöglich noch einmal in das Magazin gehen, die Scham würde mich umbringen. Indeß— habe ich nicht die Wahrheit geſagt? Roſa ſelbſt hat mir geſtanden, daß ſie auf dem Balle Mabille geweſen iſt. Warum ſoll ich mir eines Mädchens wegen Vorwürfe machen, das ſich von 133 einem Fournichon unterhalten laſſen will? Doch gleichviel, ich habe unrecht gehandelt. Wenn man in dem Magazine ihr Betragen nicht kennt, iſt es meine Sache nicht, es zu enthüllen. Gegen zehn Uhr klopft es an meine Thür. Ich öffne. Es iſt dieſelbe Mamſell, die mir ſchon einmal Hemden gebracht hat. Während ſie ihr Paket öffnet, ſpreche ich haſtig zu ihr: „Mamſell, geſtern Abend erlaubte ich mir in Ihrem Magazine Mamſell Roſa ungeziemende Sachen zu ſagen— Ich weiß nicht, wo ich meinen Verſtand hatte— ich hatte in der Stadt zu Mittag gegeſſen, und war ein wenig betäubt— man hat es wohl merken müſſen— Ich konnte demnach nur Sachen. reden, die nichts weiter bedeuten— heute früh ſchäme ich mich deſſen— Hätten Sie wohl die Güte, Ihrer Collegin— ſowie Ihrer Madame meine Entſchuldi⸗ gung zu bringen und ſie zu bitten, Alles, was ich geſagt, zu vergeſſen?“ Betrübt antwortet die Mamſell: „Es wird ſchwer ſein, Ihren Auftrag bei Mam⸗ ſell Roſa auszurichten, denn ſie iſt nicht mehr bei uns.“ „Wie Sie hat Ihr Magazin verlaſſen?“ „Verlaſſen? O nein— Madame hat ſie fort⸗ geſchickt, oder vielmehr fortgejagt; ſie ſagte ihr, daß ſie ſolche Mamſells nicht duldete, die den Ball Ma⸗ bille beſuchten.“ 134 „Wie Weil ich das geſagt habe? Aber ich habe gelogen, Mamſell— ich wußte geſtern Abend nicht, was ich ſagte, denn ich war angetrunken—“ „Das ſagen Sie jetzt, mein Herr; aber Madame iſt von der Wahrheit überzeugt. Auch hat es Roſa nicht geläugnet. Denſelben Abend hat ſie um Urlaub gebeten, um, wie ſie vorgab, eine Verwandte zu be⸗ ſuchen! Madame hat ſchon lange etwas vermuthet, denn im Betreff Roſa's trug man ſich mit ſo man⸗ chen Gerüchten. So hat man ihr unter andern ge⸗ ſagt: „Sie haben ein junges Mädchen in Ihrem Ma⸗ gazine, das man oft an ſehr unanſtändigen Orten ſieht.“ „Was Sie geſtern Abend geſagt haben, mein Herr, iſt vollkommen gegründet. Sobald Sie fort⸗ gegangen waren, hat unſere Madame Roſa ange⸗ deutet, daß ſie heute ihr Magazin verlaſſen ſolle. Heute früh hat ſie auch ihr Bündel geſchnürt und iſt davongegangen. „Der Abſchied iſt mir nahe gegangen, denn ſie weinte, als ſie uns verließ. Ich tröſte mich aber mit dem Gedanken, daß dem, der den Cancan tanzen kann, Bekanntſchaften und Freunde nicht fehlen können!“ „Fortgeſchickt— Und ich trage die Schuld— Wohin iſt ſie gegangen?“ „Ich weiß es nicht, mein Herr. Da ich nicht Luſt habe, die Bekanntſchaft einer Mamſell fortzuſetzen, — 135 die den Ball Mabille beſucht, habe ich auch nicht ge⸗ fragt, wohin ſie geht, noch was ſie zu thun beab⸗ ſichtigt. „Hier iſt Ihre Rechnung, mein Herr.“ Ich bezahle dieſe Mamſell, deren leeres Herz ſich in ihrem ſtörriſchen Geſichte ſpiegelt, und ſinke auf einen Stuhl. „Fortgeſchickt— Fortgejagt aus ihrem Maga⸗ zine! Und ich trage die Schuld— O, ich habe ſehr ſchlecht gehandelt! Arme Roſa!— Ich ſchwöre mir einen heiligen Eid, mich künftig nie mehr zu berauſchen. 23. Der Doktor Very-Good. Ich ſuche mich durch eifriges Arbeiten zu zer⸗ ſtreuen; aber die Erinnerung an Roſa kann ich nicht verſcheuchen. Es iſt unmöglich, mich über das Ge⸗ ſchehene zu beruhigen. Carotins Ankunft reißt mich aus meinen trüben Gedanken. In ſeiner Geſellſchaft iſt es unmöglich, der Melancholie anheim zu fallen. Die Polka tanzend tritt er in mein Zimmer. Er will mir einen neuen Pas zeigen; ich wehre es aber mit den Worten ab: 136 „Laß mich in Ruhe; ich habe Kummer.“ Dann erzähle ich ihm, was ich gethan habe und was daraus entſtanden ift. Ich erwartete von Carotin, daß er meinen Schm theilen würde; ſtatt deſſen bricht er in ein helles Le⸗ chen aus und ſagt: „Du armer Caſtmir! Hol' mich der Teufel! Fournichon iſt ſtärker bei den Weibern, als Du. Der verſteht ſeinen Zweck zu erreichen— er verſpricht eine Wohnung mit Möbeln, man hört und erhört ihn. „Du aber ſpielſt den Gefühlvollen und machſt mit einem Weibe große Umſtände, das nur an Ver⸗ gnügen denkt. Um ſich ein wenig zu amüſiren, neckt ſie Dich, ſpielt einen Roman, weint auch vielleicht ein wenig, das heißt ſcheinbar. Es giebt übrigens auch Weiber, die gern weinen. Ueberhaupt merke Dir das die Weiber können mit ihrem Geſichte machen, was ſie wollen.— Liebe, Eiferſucht, Ver⸗ achtung, Schmerz, Freude, Verzweiflung, Glück— mit allem können ſie dienen. Ich wette mit Dir, daß eine Frau in fünf Minuten alle dieſe Gefühle in ihrer Phyſiognomie ganz naturgetreu ausdrückt, ſo daß Du glauben ſollſt, ſie empfinde ſie wirklich. Du meinſt, Mamſell Roſa hat gezittert, als Du ſie an die Taille faſſen wollteſt: hätteſt Du ſie wo anders hin gefaßt, ſte hätte gelächelt!“ „Schweig, Carotin! Wenn ich Dein ſchönes Betragen gegen Papa Lebergois nicht wüßte, ich glaube, ich würde Dich verabſcheuen!“ 137 „Was willſt Du mit meinem ſchönen Betragen? Ich verſtehe Dich nicht—“ „Spiele nur den Verſchwiegenen, ich weiß Alles! Und Dein Kameel?“ „Von welchem Kameel ſprichſt Du? Ich kenne deren viele. Aber jetzt iſt nicht die Rede von mir; kommen wir auf das wieder zurück, was ich ſagte;“ „Ich widerſpreche Dir, weil Du im Grunde Deines Herzens fühlſt, daß ich Recht habe. Die Kleine verſtellte ſich in ihrem Magazin, das iſt mög⸗ lich, weil Fournichon ſeine Verſprechungen vielleicht noch nicht realiſirt hat; aber ich wette, ehe drei Tage vergehen, begegnen wir ihr mit ihm oder mit einem andern.“ „Rede nicht mehr von Roſa, alles, was Du mir ſagſt, wird mich nicht abhalten, mein Betragen gegen ſie zu bereuen.“ „Bereue Du, wenn es Dir Spaß macht; aber ſchneide nicht mehr ſo ein finſteres Geſicht. Wer wird denn eines Mädchens wegen verzweifeln!“ „Carotin, nun höre auf, oder ich ärgere mich.“ „Gut! Geſtern machte ich ſtatt Deiner den Dok⸗ tor, und in dieſer Eigenſchaft habe ich Dinge geſehen — es iſt doch nicht immer angenehm, Arzt zu ſein.“ „Was haſt Du bei Ariane gemacht?“ „Höre, Undankbarer, und danke den Göttern, daß ſie in mir einen Patroklus, einen Caſtor geſendet haben, mit einem Worte, einen würdigen Freund in dieſer fabelhaften Zeit: 138 „Geſtern, gegen ſieben Uhr Abends, begebe ich mich, nach der Adreſſe, die Du mir angezeigt, zu Herrn Chamvuillé. Zuerſt traf ich dort eine Bonne an, die ich nur vermittelſt einer Feuerzange berühren würde, und wenn ſie die Köchin des Hauſes iſt, würde mich keine Macht der Erde vermögen, bei den Leuten eine Mahlzeit einzunehmen; dann einen kleinen Kna⸗ ben, den ich beim Eintritt nicht ſah, weil er mir ſeinen Ball auf die Naſe warf, und ſchrie: „Da kommt Freund Civet!“ „Ich war zwar Freund Eivet nicht; aber nichts deſto weniger erhielt ich den Ball in das Geſicht. „Ich durchſchritt zwei Zimmer, die mir aber ſehr wenig geordnet zu ſein ſchienen; dies führte mich zu der Bemerkung, daß die empfindſamen Frauen über⸗ haupt wenig Sorgfalt auf ihren Haushalt verwen⸗ den, daß ſie ihre Kinder vernachläſſigen, ihre Küche und ihre Strümpfe; ſie ſehen immer aus, als ob ſie ſagen wollten: Mag es kommen, wie es will, ich kümmere mich nicht darum. Biſt Du nicht meiner Meinung?“ „Es giebt Ausnahmen.“ „Die Ausnahme beweiſt die Regel. Alſo weiter: „Herr Chamouillé ſah aus wie ein Jude, der den Meſſtas erwartet; als er mich erblickt, ruft er aus: „Da iſt er, da iſt er! Welch ein Glück— wir ſind gerettet!“ „Ich denke bei mir: ſeine Gattin muß wirklich krank ſein, das wird bedenklich! und bleibe ſtehen. —— ———— 139 „Aber der Gemahl nimmt mich bei der Hand und zieht mich mit den Worten in ein Zimmer: „Kommen Sie, Doktor, Sie ſollen die Kranke ſehen!“ „Ich folge meinem Führer und trete in eine Art von Schlafzimmer. Ich ſage eine Art, weil es auch ein Boudvir oder ein Toilettenzimmer ſein konnte. „Die Kranke liegt halb angekleidet, halb aus⸗ gezogen auf einem Divan; ſie war das eine oder das andere. Der Gatte ſpricht zu ihr: „Hier iſt der Arzt des Herrn Bergeval, der zu gleicher Zeit auch ſein Freund iſt; er kommt, um Dich zu heilen, mein liebes Weibchen.“ „Aber Ariane hat doch in Dir den Herrn wieder⸗ erkennen müſſen, den ſie bei mir einmal gekratzt hat?“ „Glaubſt Du, ich kann mein Geſicht nicht ver⸗ ändern, wenn ich will? Ich runzele meine Stirn, ziehe die Augenbraunen zuſammen, als ob ich fünfzig Jahre alt wäre; dann hatte ich einen Vatermörder eingeſteckt, der mir bis an die Augen ging. „Kurz, ich trete näher und ſehe eine Frau, die nicht im Geringſten krank zu ſein ſcheint. Mit matter Stimme ſpricht ſie zu mir: „Sie ſind der Arzt des Herrn Bergeval?“ „Ja, Madame, ſein Leibarzt, der Doktor Verh⸗ Good— „Du kannſt wohl denken, daß ich meinen Namen nicht ſagen wollte, da er ihr hätte wieder einfallen 140 können und außerdem nichts Impoſantes hat, wäh⸗ rend ein fremder Name ſeine Wirkung nicht verfehlt. „Sie antwortet mir: „Sind Sie ein Deutſcher?“ „Nein, Madame, ich bin ein Schotte, der Enkel jenes Häuptlings, der den berüchtigten Rob⸗Roh ſchlug. „Dieſe Worte brachten eine wunderbare Wirkung hervor. Herr Chamouillé bückte ſich bis zur Erde und ſeine Gattin ſchrie: „Dann muß ich Sie im Geheimen ſprechen!“ „Ich verbeugte mich; Madame gab ihrem Gatten ein Zeichen, daß er ſich entfernen ſollte. Dieſer ging auch mit den Worten hinaus: „Ich laſſe Sie bei ihr— Die Damen haben hundert kleine Sachen, über die ſie mit ihrem Arzte gern allein reden. Später werde ich Sie zu Rathe ziehen, Herr Doktor Very⸗Croute; ich bin indispo⸗ nirt, und Alphons bedarf Ihres Rathes auch.“ „Er ging; ich bin mit Madame allein. „Deine Ariane, deren Stimme nicht mehr ſchwach iſt, beginnt nun zu reden: „Doktor, ich werde mich vor Ihnen ganz ent⸗ hüllen, will Ihnen nichts verdecken.“ „Ich denke, das läßt ſich hören, die Dame iſt ſehr gefällig; aber es war nur eine Redensart. „Die Dame fährt fort: 406 „Die Aerzte haben Mitleiden mit den menſch⸗ lichen Schwachheiten und ſind verſchwiegen.“ 141 „Das iſt ihre Pflicht,“ antwortete ich durch die Naſe, um mir ein gelehrtes Anſehen zu geben.„Fah⸗ ren Sie fort, Madame, enthüllen Sie ſich ganz und geniren Sie ſich durchaus nicht.“ „Nun, Doktor, ich bin nur vor Liebe krank. Die Liebe iſt es, die an mir nagt, mich verzehrt— mich tödtet!“ „Wie,“ antwortete ich,„ſollte Ihr Gatte ſo ausſchweifend ſein? Sollte er flüchtig umherirren, während er eine ſo liebenswürdige Gattin beſitzt? „Sie giebt ihre Ungeduld zu erkennen und fährt fort: „Es iſt hier nicht von Herrn Chamouillé die Rede, der iſt ein Mann, der meine Liebe nicht ver⸗ dient. Ich habe ihm fünfzigtauſend Franes als Mit⸗ gift zugebracht, und noch iſt er, was er ſchon vor achtzehn Jahren war, ein gewöhnlicher Secretair! Es hat ſich meiner eine Leidenſchaft für ihren Freund, Herrn Bergeval, bemächtigt— das iſt nicht recht— aber ich bin ſehr empfindſam—“ „Madame,“ antworte ich, indem ich ihrem Divan näher rücke,„die Leidenſchaft iſt eine Schwachheit, und die Schwachheiten liegen in der Natur, denn jeder Menſch hat mehr oder weniger! Fangen wir bei unſerer erſten Mutter an, die war ſchwach mit der Schlange; haben wir nicht Betſaba, die ſchwach mit dem heiligen König David, und Abraham, der ſchwach mit ſeinen Mägden war? Maria Stuart, Eliſabeth, Catharine von Rußland, alle dieſe Köni⸗ 142 ginnen, die den Ruf als ſtarke Frauen hinterlaſſen haben, waren ſie in Herzensangelegenheiten nicht ſehr ſchwach? Hat nicht Helena's Schwachheit den trojaniſchen Krieg hervorgebracht? „Ich würde nie zu Ende kommen, wenn ich Ihnen die Geſchichte von den menſchlichen Schwachheiten erzählen wollte! Wer ſich in meiner Gegenwart rühmte, nie ſchwach geweſen zu ſein, dem würde ich frei und offen antworten: Sie lügen! Dieſer Vortrag gefiel Deiner Ariane dermaßen, daß ſie mir die Hand reichte und ſagte: „Sie verſtehen mich!“ „Ich rücke meinen Stuhl abermals näher, und nehme ihren Arm, um zu ſehen, ob ſie Fieber hat; dann lege ich meine Hand auf ihren Buſen, um das Pulſiren ihres Herzens kennen zu lernen.“ „Carotin, Sie ſind ein Spitzbube! Das iſt un⸗ anſtändig!“ „Die Aerzte befühlen noch ganz andere Sachen, und man hat doch unendliche Achtung vor ihnen. Während ich alſo Ariane befühle, ſpricht ſie: „Herr Bergeval iſt ein Ungeheuer, der mich ver⸗ räth! Laſſen Sie ihn ſein Unrecht einſehen, führen Sie ihn zu meinen Füßen zurück, und meine Dank⸗ barkeit ſoll ohne Grenzen ſein. Giebt es nicht einen Trank, der Liebe erweckt?— Ach Doktor, geben Sie mir einen ſolchen! Doktor, geben Sie mir etwas.“ „Während dieſe Dame zu mir redet, ſetze ich mein Betaſten fort und rücke meinen Stuhl dem 143 Divan immer näher. Ich war entweder ſehr ſchwer, oder ich bewegte mich zuviel— kurz, ich breche mit einem Male den Deckel des kleinen Möbels zuſammen, auf das ich mich geſetzt und für einen Stuhl gehalten hatte. Es war allerdings ein Stuhl, aber kein ge⸗ wöhnlicher, weil er einen Deckel hatte. „Die Kranke lacht laut auf, als ſie den Einbruch in meinen Stuhl ſieht. Herr Chamouillé, ſein Sohn und die Vonne kommen herbeigelaufen, und der junge Alphons ſchreit laut auf, als er mich in dieſer Stel⸗ lung erblickt. „Ich verließ die Kranke, nachdem ich ihr Madera und Trüffeln verordnet hatte. „Herr Chamuuillé folgte mir in ein anderes Zimmer. Hier zeigte er mir ein Nachtgeſchirr, und ich ſollte aus dem Beſehen deſſen, was es enthielt, durchaus wiſſen, warum er ſich dieſes Geſchirres ſo oft bedienen müſſe. Dann mußte ich den Bauch des kleinen Alphons befühlen, und zum Schluß wollte mir die Bonne noch ein Blutgeſchwür zeigen⸗ das ſie am Sitzen hindere. „Eine furchtbare Lage! „Ich ſchrieb alſo ein General⸗Recept: zehn Un⸗ zen Manna in Milch aufgelöſt. „Ich ſprach zu Herrn Chamouillé: „Trinken Sie alle Tage Morgens und Abends davon; laſſen Sie Ihren Sohn und Ihre Bonne davon trinken, und Ihr ganzes Haus wird vollkom⸗ men geſund werden.“ 144 gungsmittel—“ „Das kann ihnen nicht ſchaden, es iſt ſehr ge⸗ lind. Das Beſte bei der Sache iſt, daß man mich fragte, wie viel ich für die Viſite nähme. Und dies war noch obendrein der Mann, der mir die Frage in's Ohr flüſterte. „Ich antwortete ihm, daß ich als engliſcher Arzt nicht weniger als eine Guinee für den Beſuch neh⸗ men könne.“ „Carotin, weißt Du, daß dies gegen zwanzig Franes beträgt?“ „Ich weiß es wohl; man hat mich aber auch unter vielen Verbeugungen über den Vorſaal ge⸗ leitet, weil man immer bei den Leuten ein großes Talent vermuthet, die ſich tüchtig bezahlen laſſen. „Morgen werde ich mich von der Wirkung mei⸗ nes Receptes überzeugen und Deiner Ariane einen Liebestrank mitnehmen: ein wenig Anis mit ge⸗ ſtoßener weißer Rübe; ich will ihr vorſchlagen, es bei mir zu verſuchen. Sie wird einwilligen, um zu ſehen, ob es verliebt macht, und den Ausgang kannſt Du Dir denken.“ „Carotin, ich fürchte, Du richteſt mit Deinen Thorheiten in der Familie Chamouillé Unheil an. 4 „Biſt Du närriſch? Manna in Milch giebt man „Aber Unglücklicher, Du haſt ihnen ein Reini⸗ Kindern von ſechs Wochen. Ich werde Dich von dem Reſultate unterrichten. Nun, wie geht es mit Deiner Malerei, mit Deinem Vermögen? 145 „Ganz gut— ich habe Ueberfluß an Aufträ⸗ gen. Man zahlt, was ich verlange.“ „Wie— und biſt nicht zufrieden? Kannſt noch ſeufzen?“ „Es iſt der Schmerz, daß ich es mit einer Frau, die mich liebt, nicht theilen kann.“ „Mein Gott, Du wirſt eine Menge Frauen fin⸗ den, die Dich lieben! Du kannſt ſogar deren finden, die neben Dir noch andere lieben— das iſt Ge⸗ wohnheit. Sie machen es wie wir; warum ſollen ſie uns nicht nachahmen?“ „Weil ſie Frauen ſind und mehr Tugend, als wir, beſitzen ſollen.“ „Sie beſitzen auch mehr, als wir; aber die Ko⸗ ketterie verdirbt ſie alle. Suche mir ein Weib, das nicht kokett iſt? Das iſt ſeltener, als eine weiße Am⸗ ſel. Wie, Du ſeufzeſt noch? Sapperment, ich muß Dich aufheitern!“ „Du haſt Recht, Carotin; weißt Du was? Wir gehen dieſen Abend auf den Ball Mabille.“ „Auf den Ball Mabille! Ah, Du denkſt Deine Roſa dort wieder anzutreffen! Doch gleichviel, ich wünſche ſelbſt, daß wir Deine Schöne wiederfinden, und glaubſt Du dann noch an ihre Sittſamkeit und Tugend, halte ich Dich für den größten Gimpel von Frankreich und Ravarra.“ Carotin II. 10 Die Strohhütte. Carotin ſpeist mit mir zu Mittag. Dies Mal bleibe ich aber nüchtern, trotz dem mein Freund es ſich angelegen ſein läßt, mir zuzutrinken und mich zu betäuben. Ich laſſe ihn allein die Wirkung des Weines verſpüren; ſein Humor bleibt aber derſelbe. Nach Tiſche machen wir uns auf, um den Ball zu beſu⸗ chen. Da die Jahreszeit ſchon vorgerückt iſt, nahen ſich auch die ländlichen Bälle ihrem Ende. „Es wird heute voll ſein,“ ſagt Carotin,„denn ich glaube, heute iſt der letzte Ball in dieſer Saiſon. Man will heute von den beliebten Schönheiten, von den Königinnen der Polka und des Cancan Abſchied nehmen, ſowie von den beiden Frauen, die dies Jahr in Mabille und in der„Strohhütte“ das Seep⸗ ter behauptet haben. „Ich würde ſie Dir nennen; aber Du kennſt weder den Namen Clara F..., noch die Perſon, der man den Beinamen„die Königin Pomare“ ge⸗ geben hat. Dir macht Deine lächerliche Paſſton zu⸗ viel zu ſchaffen, als daß Du Dich um etwas anderes bekümmern könnteſt. Aber der Teufel ſoll mich ho⸗ len, wenn ich Dich dieſen Abend nicht heile, oder ich will mein Latein verlieren, das ich niemals gewußt habe.“ 147 Ich höre nicht auf Carotin. Mabille liegt vor uns. WMächtig pocht mein ince, als ich in den Garten trete. In jeder Frauengeſtalt, die an mir vorbeigeht, glaube ich Roſa zu erkennen, und aus jeder Laube, worin ein Pärchen ſitzt, ſcheint mir ihre Stimme entgegen zu ſchallen. Ich ſehe ſie jedoch nirgend. Carotin zieht mich nach dem Tanze hin. Auf⸗ merkſam betrachte ich alle Tänzerinnen. Aber unter allen Frauen, die ſich den Freuden des Tanzes hin⸗ geben, unter allen Geſichtern, ſchön oder häßlich, er⸗ blicke ich keine Roſa. „Sie iſt nicht da,“ ſagt Carotin;„das ver⸗ ſtimmt Dich wohl. Weißt Du was, um Dich zu zer⸗ ſtreuen, wollen wir tanzen. Fordern wir die beiden Brünetten, die ſoeben ankommen, zum Tanz auf. Das iſt etwas für unſern Schnabel. Sie ſind elegant gekleidet, und tragen vor allen Dingen weiße Strüm⸗ pfe— ich halte viel darauf. „Ich kenne ſie— es ſind Blumenmacherinnen— o, ſie haben viel Talent. Die Eine liefert vorzüglich ſchöne Arbeit in Nelken, und die Andere in jenen kleinen Blumen die den Beinamen:„Maler⸗Ver⸗ zweiflung“ führen. Die Große hat dieſes Jahr einen Preis erhalten, das heißt keinen Tugendpreis, ſon⸗ dern einen Büchſenpreis; ſie zielt mit ihrer Büchſe wie ein Engel und macht die Schützen von Mont⸗ formeil und Villeneuve⸗Saint⸗George zu Schanden. Anſtatt nämlich Blumen zu machen, beſucht ſie die 10* 148 Scheibenſchießen in den nächſten Umgebungen von Paris. „Komm ich will Dich vorſtellen. Ich werde ſa⸗ gen, daß Du Dich Schütze nennſt, das wird ſie gleich zu Deinen Gunſten ſtimmen.“ Carotin kann mich indeß nicht beſtimmen, die⸗ ſen beiden Damen den Hof zu machen. Als ich zu der Ueberzeugung gelangt bin, daß Roſa nicht hier iſt, kommt mir die Luſt an, nach der Strohhütte zu gehen, weil ich vermuthe, ſie dort anzutreffen. Ich mache meinem Freunde den Vorſchlag; die⸗ ſer ſpricht: „Jetzt willſt Du nach der Strohhütte gehen?! Biſt Du ein Ballgänger Das iſt ein wenig weit von hier; indeß, mit einem Kabriolet kommt man raſch hin. Die Geſellſchaft wird beinahe dieſelbe ſein, die wir hier haben, weniger Studenten, aber eben ſoviel Loretten und ein wenig mehr Griſetten. „Du hoffſt, daß Roſa dort ſein wird— leicht möglich. Sie will vielleicht aus Fournichon einen Studenten machen. Ich begleite Dich nach der Stroh⸗ hütte; aber unter der Bedingung, daß wir dort etwas zu uns nehmen.“ Wir machen uns auf den Weg. Ein Kabriolet hat uns bald nach dem Lieblings⸗ Balle der Studenten und der Griſetten transportirt. Eine Maſſe von Menſchen wogt in der Strohhütte. Wieviel glänzehde Tanzſäle ſind in Paris nicht untergegangen, wovon kaum noch eine Erinnerung 149 lebt; die Strohhütte bleibt dieſelbe. Nicht allein, daß ihre Beliebtheit nicht abnimmt; ſie ſcheint im⸗ mer mehr noch in Aufnahme zu kommen. Leute vom beſten Ton machen ſich ein Feſt daraus, bei dem Wirthe der Strohhütte in einem Gartenzimmer, das nach dem Tanzplatze hinausgeht, ihr Mittagsmal einzunehmen, ſo daß ſie während der Mahlzeit Stu⸗ denten und Griſetten im Galopp vorbeiſchweben ſehen. Fügt man dem noch hinzu, daß der Wirth gut und nicht zu theuer iſt, ſo kommt es nicht überraſcht, wenn dieſe Zimmer ſo geſucht ſind, daß man vorher Beſtellungen machen muß, um eins zu erhalten. Carotin kennt faſt alle Tänzerinnen, und wäh⸗ rend meine Blicke vergebens Roſa ſuchen, ſpricht er zu mir: „Ah, da iſt ja die blonde Feodora— ſie hat die niedlichſten Beine auf dem ganzen Balle; des⸗ halb trägt ſie auch eben ſo kurze Kleider, wie die Schweizermädchen. Sie iſt eine Schnürleibmacherin und beſitzt eine beſondere Virtuoſität, das Fiſchbein gut hineinzuſtecken. „Siehſt Du dort das breitgedrückte Geſicht mit dem breitgedrückten Buſen und einem dergleichen Kleide? Dies Geſicht gehört einer Modiſtin. Sie hat weder etwas Hübſches in ihrem Geſichte noch in ihrer Geſtalt, und dennoch hat ſie immer eine Menge Männer, die ihr den Hof machen. Warum? Sie verſteht ein gutes Balancé zu machen. ——— 15⁰ „Die Frauen haben Recht, wenn ſie den Tanz lieben, denn es iſt oft nur ein kleiner Pas genügend, eine graziöſe Haltung oder eine wollüſtige Stellung, um Eroberungen zu machen. Und doch thut man Unrecht, eine Frau nach dem Tanze zu beurtheilen, der Tanz täuſcht gewaltig. Ich habe in dieſem Fache meine Studien gemacht, die ich nächſtens zur Beleh⸗ rung meiner Zeitgenoſſen veröffentlichen werde. „Die lange, blonde Frauensperſon, die ſo träge tanzt und unaufhörlich bald rechts, bald links ſieht, aber nie nach ihrem vis-avis, dient in einem Poſa⸗ mentirgeſchäft und beſitzt eine ungeheure Gefräßig⸗ keit. Für eine Portion Milchreis kannſt Du ihr Lieb⸗ haber werden; ſie iſt nicht ſchön, aber auch nicht theuer.“ Größtentheils haben dieſe Damen unter den Studenten ihre Liebhaber; diejenigen, die keinen haben, kommen hierher, um einen zu bekommen, dies iſt das Bequemſte.§ „Willſt Du Dir eine ausſuchen? Ich werde die Freundin nehmen, wenn ſie eine hat, um Dir gefäl⸗ lig zu ſein; ich thue Alles, was man verlangt, denn ich bin ſehr gefällig.“ „Carotin, ich werde mich wieder entfernen, denn Roſa iſt nicht hier!“ „Getreuer Colin, Du jammerſt mich. Ich will tanzen, will Bekanntſchaften machen. Wenn ich an einem und demſelben Abende nach Mabille und der 15¹ Strohhütte gehe, ſoll ich allein nach Hauſe gehen? Pfui, das wäre entehrend 4 Carotin verläßt mich, nimmt eine dicke, fiedele Weibsperſon und führt ſie zum Tanze. Ich laſſe ihn nach ſeinem Gefallen ſich amüſiren. Wenn man verdrießlich iſt, wird die Fröhlichkeit Anderer läſtig. Ich verlaſſe die Strohütte, wo ich mich ſchon ſo oft zerſtreut habe, und dieſen Abend nicht das geringſte Vergnügen finden kann— wer weiß, ob ich es je⸗ mals wiederfinden werde— 25. Der Tilbury. Drei Tage ſind verfloſſen, ſeit ich den tanzenden Carotin in der Strohhütte verlaſſen habe. Roſa habe ich bis jetzt nicht wiedergeſehen, obgleich ich je⸗ den Abend in das Theater gehe. Wäre mir Four⸗ nichon begegnet, ich hätte ihn angeredet, ſelbſt, wenn ich ihn wüthend oder flüchtig gemacht hätte. Ich glaube, er weicht mir aus, wenn er mich von Weitem ſieht. Um mich zu zerſtreuen, liege ich der Arbeit fleißig ob. Der Erfolg ermuthigt mich, und ich merke, daß der Ruhm eine ſchöne, und das Vermögen eine gute Sache iſt. Um einer andern Leidenſchaft fröhnen zu tönnen, wünſcht man beides zu gewinnen; kann man ich Gefühle, bei ihr wollte ich Deine Stelle vertre⸗ ten, wozu ſie mich ſelbſt aufforderte.—“ doch Du wollteſt nicht hören.“ 152 nun nach ſeiner Willkühr dieſer andern Leidenſchaft genügen, iſt man immer noch nicht zufrieden, man will immer mehr. O, wir armen Menſchen, wann ſind wir doch zufrieden? Ich hatte ſo eben meine letzte Sitzung beendigt, und ſchicke mich an, auszugehen, als Carotin bleich und verſtört eintritt. Sorgfältig macht er die Thür wieder zu, nach⸗ dem er eingetreten, dann ſetzt er ſich auf meinen Di⸗ van, der jetzt nicht mehr mit Sägeſpänen ausgeſtopft iſt, ſeitdem ich Geld verdiene, und ruft: „Ah Sapriſti Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich je wieder den Doector mache! „Was iſt Deine Chamouillé für ein Weib Die iſt furchtbar, wenn ſie zornig wird! Gott, wie häß⸗ lich find doch wüthende Weiber! Wenn ſie ſich in ihrer Wuth nur einmal ſehen könnten, ich glaube, ſie würden ſich beſſern. Und für dieſe Dame hege „Nun, was iſt Dir denn begegnet? Ich wußte wohl, daß Deine Idee, den Doktor zu ſpielen, ſchlechte Folgen haben würde; ich habe es Dir vvrausgeſagt, „Ach, mein Gott, ohne den Schuft von Four⸗ nichon wäre alles gut gegangen: hätteſt Du mir nur geſagt, daß er die Chamouillé kennt, und daß er dort ein⸗ und ausginge.“ 153 „Wahrhaftig, das habe ich vergeſſen, zumal, da er mir nie dort begegnet iſt. „Aber erzähle doch! Du haſt Fyurnichon ge⸗ ſehen?“ „Ja, leider Höre die Geſchichte: „Geſtern ſtattete ich Deiner eiferſüchtigen Ariane wieder einen Beſuch ab. Ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mich nach der Wirkung meines Receptes zu erkundigen, meine große Tänzerin aus der Stroh⸗ hütte hatte mich ſo lange in Anſpruch genommen— Du weißt, ſie iſt eine luſtige Schweſter— ſie wollte durchaus als Bachantin ſitzen, das wäre freilich ſehr liebenswürdig geweſen; aber unglücklicherweiſe hat ſie Kniee, die von innen nach außen ſtehen, und eine Bachantin mit——“ „Ach, Carotin, laß Dein Modell!“ „Ich gehe alſo geſtern in die Straße de Trevise. Mein brauner Rock, der beinahe ſchwarz ausſieht, weil er ſo abgetragen iſt, und Vatermörder bis an die Ohren gaben mir das würdige Anſehen eines Doctors. „Die Bonne läßt mich mit den Worten ein: „— Ach, mein Herr Doctor, Ihr Recept hat eine furchtbare Wirkung auf den Herrn hervorge⸗ bracht, er kann einen gewiſſen Ort gar nicht mehr verlaſſen! Auch dem Kleinen geht es ſo— beide ſind ſchon ganz gelb! „— Deſto beſſer! Das kommt daher, weil ſie 154 viel Galle haben; ſie müſſen ſo lange fortfahren bis ſie nicht mehr gelb ſind. „Ich trete in Arianes Zimmer. Als ſie mich erblickt, verwandelt ſich ihre ſchwache Stimme nach und nach in einen furchtbaren Contra⸗Alt. Ich hatte große Luſt, ihr zu ſagen: „— Geben Sie ſich keine Mühe, eine kranke Stimme zu erkünſteln! Oder ſind Sie ſchon daran gewöhnt?“ Aber ich hatte Furcht, ſie zu beleidigen. „Die Dame empfängt mich ſehr artig, und bie⸗ tet mir einen Stuhl. Dies Mal war das Zimmer arrangirt, was mir unendlich ſchmeichelte. Ich ſetzte mich zu ihr. „Nach einigen einleitenden Worten beginne ich, ihren Buſen zu befühlen— nur um zu wiſſen, wie ihr Herz ſchlägt.— Sie ſpricht: „— Haben Sie an meinen Trank gedacht?“ „— Joa, ſchöne Dame, ich habe etwas in meiner Taſche, das ein ganzes Landwehr⸗Regiment verliebt macht, ſelbſt wenn es zum dritten Aufgebot gehört. „Dann überreiche ich ihr einen kleinen Topf. „Ich muß Dir ſagen, daß ich aus weißen Rü⸗ ben, recht weich gekocht und mit Anis⸗Oel gemiſcht, eine Art Paſtete bereitet und mit H... angefeuchtet hatte. Auf Ehre, es war köſtlich! „Ich überreiche ihr alſo meinen kleinen Sahnen⸗ topf mit dem Worten: „— Hiermit hat Clevpatra den Antonius ge⸗ feſſelt und Ninon de Lenelos hat bis in ihr neun⸗ 155 zigſtes Jahr Eroberungen damit gemacht. Als ich in Egypten das Innere einer Phramide beſuchte, habe ich dies Recept entdeckt. Nehmen Sie, eſſen Sie ein wenig davon und das erſte Mal, das Bergeval Ihnen begegnet wird er an Ihren Hals oder zu Ihren Fü⸗ ßen fallen. „Ariane nimmt den Topf, riecht daran und ſpricht: „— Das riecht nach Anis!“ „Wundert Sie das? der Anis beſitzt Eigenſchaf⸗ ten, die auf die Liebe einen beſondern Einfluß aus⸗ üben. Außerdem enthält dieſes Töpſchen aber eine Menge anderer Sachen, die wir Aerzte nur ſolchen Perſonen mittheilen, die wir in beſondere Affection genommen haben. „Ariane drückt mir die Hand. „Ich preſſe mein Knie an das ihrige und ſpreche „— Als Belohnung erbitte ich mir eine Gunſt von Ihnen verſuchen Sie die Kraft des Trankes an mir; ich bin in meinen Leben noch nicht verliebt ge⸗ weſen. Ich will mich kaſtriren laſſen, und wette, daß Sie mir mit Hülfe dieſes Balſams den Kopf wieder zurecht ſetzen. „Lächelnd reicht ſie mir die Hand und ſpricht: „— Kommen Sie morgen, ich werde Sie er⸗ warten und allein ſein.“ „Vergnügt entferne ich mich, ohne in das Zim⸗ mer Chamouillé's zu gehen, aus Furcht, daß er mir unangenehme Sachen unter die Augen bringt. 156 „Heute, um die feſtgeſetzte Stunde, begebe ich mich alſo zu der empfindſamen Ariane. „Die Vonne öffnet mir, ſich den Bauch haltend, die Thüre; ich frage nicht nach dem Grunde, aber ſie ſagt: „— Madame befindet ſich heute früh nicht wohl; eben ſo auch ich, das iſt komiſch! Treten Sie nur ein— ein Verwandter iſt bei ihr, wird aber nicht lange bleiben.“ „Ich trete in das Zimmer der Madam Chamouillé, und wen treffe ich bei ihr? Fournichon, der, als er mich ſieht, aufſpringt und eiligſt ſeinen Hut ergreift. „— Kennen Sie den ſchottiſchen Doktor Verg⸗ Good?“ fragt Ariane. „— Wie, der Herr wäre ein Doktor?“ ſchreit Fournichon;„nein, er iſt Maler! O er iſt nur zu ſehr Maler— ich erinnere mich noch ſehr gut da⸗ ran! Er hat mich genug zum Beſten gehabt!—“ „— Wie, Herr Verh⸗Good?“ „— Wie ich Ihnen ſage, der Herr iſt der Maler Carotin, der aller Welt etwas aufbürdet.“ „Bei dem Namen Carotin ſieht mich Ariane an, ſtößt einen Schrei aus und ruft: „— Ach, mein Gott, wo hatte ich denn die Au⸗ gen?— In der That, er iſt derſelbe, der einſt die Kühnheit hatte— Ja, er iſt ein Maler, und führt ſich hier als ſchottiſcher Arzt ein. Welch ein ſchreck⸗ liches Gewebe Und uns allen hat er Mediein gege⸗ ben Mein Mann, mein Sohn— die Bonne ſogar 157 iſt unwohl. Und ich habe die Dummheit begangen, von ſeinem Tranke zu genießen— mir liegt es jetzt wie Blei im Leibe.“ „Sein Freund Bergeval wird ihn geſchickt ha⸗ ben, uns alle zu vergiften. Herr Fournichon, ich fühle, daß ich ſterben muß— laſſen Sie dieſen Menſchen verhaften— er iſt ein Nachfolger der Brinvilliers und des Chevalier's von Sainte⸗Croir!“ „Ich will die Dame beruhigen und ihr begreif⸗ lich machen, daß es ſich hier um einen Scherz han⸗ dele, aber wahrſcheinlich mogte ihr die unglückliche Paſtete Schmerz verurſachen— ſie ſchneidet ein ent⸗ ſetzliches Geſicht, fällt auf den Divan und ſchleudert mir einen Leuchter nach dem Kopfe, den ſie in den Händen hat. Glücklicherweiſe empfängt ihn Four⸗ nichon. „Dieſer fängt nun an zu ſchreien Wache Wache! Die Bonne, mit einem Beſen bewaffnet, eilt herbei, ebenſo der kleine Knabe mit einer Unterhoſe in der Hand. „Ariane ruft unaufhörlich: — Hier iſt ein falſcher Doktor, er hat uns alle getödtet!“ „Die Bonne will mich ſchlagen, das Kind weint und Herr Fournichon verſteckt ſich. „In dieſem furchtbaren Gewirr erreiche ich die Thür, gewinne das Freie und ſchwöre mir, nie meht Doktor zu ſpielen.“ „Das Alles hatte ich Dir vorhergeſagt.“ 15⁵8 „Zum Teufel auch, wer hätte denn denken kön⸗ nen, daß eine Frau ſo dumm ſein wird und glau⸗ ben, man wolle ihr Böſes zufügen, wenn es ſich um einen Scherz handelt. Ich bin überzeugt, daß Ariane im Grunde ihrer Seele an eine Vergiftung nicht glaubt.“ „Aber ſie iſt ein Weib, das gern ſchreiet, gern Aufſehen macht und die Leute in Bewegung ſetzt. Bei dem geringſten Ereigniß, das ihr begegnet, iſt ſie hoch erfreut, weil ſie ein großes, wichtiges Aben⸗ teuer daraus macht!“ „Biſt Du denn Ariane's Liebhaber nicht mehr?“ „Gott ſoll mich bewahren!— Ein Weib iſt in meinen Augen nicht mehr liebenswürdig, wenn ſie wie eine Furie die Augen im Kopfe rollt. Ich habe an Deinen Bürgerinnen und anſtändigen Frauen genug. „Alle jene Weiber, die ihre Männer betrügen, werden für anſtändige, brave Frauen gehalten und ſehen mit verächtlichen Blicken auf Schauſpielerinnen, Loretten und Griſetten! Dieſe aber machen aus ihrem Vergnügen durchaus kein Geheimniß; ſie wollen auch einem Manne die Augen nicht auskratzen, wenn er ihnen einmal untreu wird, ſie begnügen ſich damit, ebenſo zu handeln, wie er, lieben ihn öfter auch noch, wenn ſich die Gelegenheit dazu dar⸗ bietet. Du ſiehſt, daß alle Vortheile auf ihrer Seite ſind. 159 „Alles, was ich bereue, iſt, daß Du Fournichon nicht gefragt haſt—“ „Um was?“ „Um ſeine Adreſſe.“ „Um Nachricht über Roſa zu erhalten, nicht wahr?“ „Vielleicht.“ „Frage einmal einen Menſchen, der bei Deinem Anblicke zittert und ſich vor Angſt verſteckt, um ſeine Adreſſe, er wird ſie Dir ſchon angeben.“ „Du haſt Recht; er würde ſie Dir nicht geſagt haben.“ Ich gehe mit Carotin aus, und um ihm ſeine gute Laune wieder zurückzugeben, ſchlage ich ihm ein Mittageſſen in den Champs⸗eliſées vor. Wir machen uns auf den Weg. Alles will den ſchönen Herbſttag genießen. Zahlreiche Fußgänger und glänzende Equipagen bedecken die Wege. Wir nehmen Alles in Augenſchein. Carotin hat ſein Mißgeſchick mit Ariane bereits vergeſſen, und muſtert die Damen, die in eleganten zweirädrigen Wagen an uns vorbeirollen. Plötzlich ſteht er ſtill, ſtößt mich mit dem Ellen⸗ bogen und ſpricht: „Sieh!“ „Was?“ „Den Tilburh, der dort fährt. Kennſt Du die Perſonen, die darin ſitzen?“ 160 „Ach, mein Gott! Roſa und Fournichon! Iſt es denn möglich?“ „Es iſt dergeſtalt möglich, daß ſie auf uns zu⸗ kommen. Fvurnichon hat uns geſehen— er erbleicht und peitſcht auf ſein Pferd— ich glaube, der iſt im Stande und nimmt ihm das Gebiß aus den Zähnen, um uns zu entkommen— aber Roſa— ſie dreht ſich um, uns zu ſehen. Ah— charmant! Köſtlich— Sie ſtreckt uns die Zunge entgegen!“ Wie verſteinert bleibe ich ſtehen. Der Tilburh hat ſich ſchon weit entfernt. Carotin lacht, daß ihm die Thränen in die Augen treten und ruft: „Dieſe Roſa iſt auf jeden Fall ein geiſtreiches Mädchen! Was ſie ſo eben that, iſt ein klarer Be⸗ weis dafür.“ „Eine andere, die in einem eleganten Tilbury zwei jungen Leuten vorbeifährt, die ſie als eine ge⸗ wöhnliche Ladenmamſell kennen, hätte ſich gewiß in die Bruſt geworfen, aber dieſe wendet ſich, ſieht uns lächelnd an und ſteckt hinter dem Rücken ihres alten Eſels die Zunge aus. Dieſe Pantomime giebt deut⸗ lich zu erkennen, was ſie von ihm denkt.“ „Ich muß Dir offen geſtehen, lieber Freund, wenn Du bis jetzt der Liebhaber dieſer Perſon nicht geweſen biſt, haſt Du es nur nicht gewollt.“ Raſch ziehe ich Carotin in eine Reſtauration und ſage zu ihm: „Ich bitte Dich um Alles in der Welt, ſprich 161 nicht mehr von dieſem Weibe, laß nie mehr unter uns die Rede davon ſein.“ „Das will ich wohl. Aber ich wette Tauſend gegen Eins, daß Du früher noch von ihr wieder ſprichſt, ehe wir an das Deſſert kommen.“ 26. Der Invalide. Der Kluge ſagt: man gewöhnt ſich an Alles. Und ſo iſt es auch. Man gewöhnt ſich zuletzt an eine Menge Sachen, die man nimmer ertragen zu können geglaubt. So gewöhnt man ſich z. B. an die Häßlichkeit eines Menſchen, an das Unbequeme einer Wohnung, an die üble Laune ſeiner Frau, an die Lächerlichkei⸗ ten ſeiner Freunde, an die Fehler ſeiner Domeſtiken, an einen Rock, der ſchlecht ſitzt. Aber nie kann man ſich an Täuſchung und Ver⸗ rath in ſeinen zärtlichſten Gefühlen gewöhnen. So oft ein ſolcher Fall eintritt, empfängt das Herz einen neuen Dolchſtich. Der hierdurch Schmerz macht un⸗ ſere Ueberlegung rege, und vergeht nur, um bei der erſten Gelegenheit wieder geboren zu werden. Mamſell Roſa hat mir durchaus weder ein Verſprechen gegeben, noch ein Geſtändniß gethan, Carotin. II. 11 162 und ich würde unrecht thun, wenn ich ſagen wollte, daß dies junge Mädchen mich verrathen hat; aber meinem Herzen iſt es dafſelbe. ½ Ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, daß ſie anſtändig und beſcheiden iſt, ich habe ſie ſogar angebetet, und indem ich ſie jetzt als die Geliebte eines Andern ſehe, finde ich mich in den Gedanken, die mich beſeelen, getäuſcht, und wenn man ſich auch nur in Gedanken getäuſcht fühlt, iſt man doch be⸗ trübt. Sechs Wochen ſind verfloſſen, und ich habe we⸗ der Fournichon noch Roſa wiedergeſehen. Ich biete alles nur Erdenkliche auf, um die hübſche Laden⸗ mamſell zu vergeſſen; aber es gelingt mir nicht. Iſt eine ſolche Beharrlichkeit für eine Frau, die man kaum kennt, nicht etwas Seltenes? Wie oft fehlt ſie bei ſolchen, die man genau kennt. Von Roſa höre ich nichts, dafür aber deſto häufiger von Madame Chamvuillé. Sie wendet ganz beſondere Mittel an, ſich in meinem Andenken zu erhalten. Dieſe Mittel beſtehen in anonymen Briefen, die Dummheiten, Grobheiten, ſogar Be⸗ leidigungen enthalten. Wenn ſolchen Briefen auch die Unterſchrift fehlt, man erräth dennoch den Ver⸗ faſſer; es iſt irgend eine Phraſe darin, die ihn leicht zu erkennen giebt; und aus den Briefen, die ich em⸗ pfange, ſpricht die Wuth verſchmähter Liebe. Grobheiten, die durch anonyme Briefe mir zu⸗ gefügt werden, beleidigen mich nicht, ich muß ſogar 163 darüber lachen. Wenn ich aber bedenke, daß ein ſol⸗ cher Brief nicht drei Sous werth iſt, thue ich am beſten, alle Briefe zurückgehen zu laſſen, die nicht frankirt ſind. Meine Freunde habe ich von dieſer Maaßregel in Kenntniß geſetzt; diejenigen, die mir etwas mit⸗ zutheilen haben, werden ihre Zuſchriften frankiren. Ariane kehrt ſich aber nicht daran. Oft finde ich, wenn ich Abends heimkehre, den Drücker an der Hausthür mit Sachen beſchmiert, die man nicht gern anrührt. Später finde ich mein Schlüſſelloch, als ich den Schlüſſel hineinſtecken will, mit Koth angefüllt. Ich frage die Thürſteherin, ob ſie geſehen, wer die Treppe hinaufgegangen ſei; aber meine Thürſteherin hat mehr zu thun als nachzuſehen, wer die Treppen paſſirt; ſie hat die Zimmer mehrerer Hausbewohner in Ordnung zu halten, und das iſt ihr Haupt⸗ geſchäft. Ariane, die das weiß, kann ſehr gut Jemanden ſchicken, der mein Schlüſſelloch verſtopft. Eines Morgens finde ich mit großen Buchſtaben an meine Thür geſchrieben: „Hier wohnt ein Gaſſenjunge!“ Ein anderes Mal: „Deine Schlechtigkeiten ſind bekannt, Du wirſt niemanden mehr betrügen.“ Dann leſe ich wieder an der Thür eines gewiſſen 11* 164 Ortes, der von allen Hausbewohnern gemeinſchaft⸗ lich benützt wird, mit Kreide angeſchrieben: „Die Frauen, welche hier hineingehen, kommen nur entehrt wieder heraus.“ Wahrſcheinlich aus Furcht, auf friſcher That er⸗ tappt zu werden, hatte der Thäter in der Eile die erſte, beſte Thür genommen. Dies Qui pro quo be⸗ wirkte einen förmlichen Aufſtand im Hauſe. Den ganzen Vormittag ſieht man ſämmtliche Miethsleute ängſtlich zu der Thürſteherin laufen und fragen, was für Geheimniſſe an dem Orte der Bequemlich⸗ keit, wohinein Niemand zu dringen wagt, ſich er⸗ eignen. Viele werden dadurch in die größte Verle⸗ genheit geſetzt. An einem ſchönen Wintermorgen male ich einen wunderhübſchen Kinderkopf, den die Mutter recht bald zu beſitzen wünſcht. Man öffnet die Thür mei⸗ nes Atelier's, und ich ſehe einen Greis mit einem Holzbeine, und das Band der Ehrenlegion im Knopf⸗ loch, obgleich er die Uniform der alten Soldaten nicht trug, zu mir eintreten. Der Anblick des Invaliden erfüllt mich mit Ach⸗ tung, denn es war eine von jenen wirklich ſchönen Geſtalten, die durch ihr bloßes Erſcheinen imponiren. Er iſt ein Mann von einigen ſechzig Jahren, groß und ſchlank und hält ſich kerzengerade. Nur an ſeinem Gange erkennt man den alten Militair. Seine Haare ſind ſchneeweiß, ſeine ſtark ausgepräg⸗ 165 ten Züge müſſen einmal ſchön, obgleich ein wenig ernſt geweſen ſein; das Auge iſt ſchwarz und feurig, und ſtrahlt noch die Kraft des Jünglings, die ſtets bereit iſt, erlittene Beleidigung zu rächen. Die Kleidung des Invaliden iſt einfach, aber anſtändig. Er trägt einen langen, blauen Ueberrock, der bis an den Hals zugeknöpft iſt, eine ſchwarze Cravatte, die einen weißen Halskragen ſehen läßt, und in der Hand einen runden Hut. Der Greis grüßt mit ein wenig verlegener Miene; ich eile, ihm einen Stuhl anzubieten und zu fragen, worin ich ihm dienen kann. Er ſetzt ſich und antwortet mit einem leichten Lächeln: „Es muß Ihnen in der That ſeltſam erſcheinen, mein Herr, wenn ein Mann in meinen Jahren ſich en miniature malen laſſen will, denn ich komme in der Abſicht, von Ihnen⸗mein Portrait fertigen zu laſſen.“ „Sie irren ſich, mein Herr, wenn Sie glauben, daß nur junge Leute ſich malen laſſen. In jedem Alter macht das Geſchenk ſeines Portraits großes Vergnügen. Giebt es für Kinder ein ſchöneres Ge⸗ ſchenk als das Vild des Vaters?“ Meine Antwort ſchien dem Invaliden zu ge⸗ fallen. Bewegt ſieht er mich an und ſpricht: „Mein Herr, ich bin hoch erfreut, daß Sie meine ⸗ 166 Abſicht billigen, denn es iſt meine Tochter, der ich mein Portrait machen laſſen will. „Bei Gelegenheit einer Promenade im Palais⸗ Rohal habe ich Bilder von Ihnen geſehen; der Aus⸗ druck Ihrer Miniatur⸗Gemälde hat mich überraſcht, da dachte ich, ein ſolches muß wohl ähnlich ſein. Ich las Ihre Adreſſe und bin nun hier.“ „Mein Herr, Ihr Zutrauen ſchmeichelt mir, und ich werde mir Mühe geben, daſſelbe durch meine Ar⸗ beit zu verdienen. Die Aehnlichkeit geht Ihnen wohl über Alles?“ „Gewiß, mein Herr, ſie iſt für mich die Haupt⸗ ſache. In meinem Alter ſtrebt man nicht mehr da⸗ nach, geſchmeichelt zu werden; außerdem iſt es auch für meine Tochter. Welchen Preis würden Sie mir ſtellen?“ „O laſſen Sie ſich den Preis nicht kümmern, wir werden ſchon einig werden.“ Eine leichte Röthe überzieht die Wangen des Greiſes, und in einem faſt pikirten Tone antwor⸗ tet er:. „Mein Herr, ich beſitze Mittel, daß ich zahlen kann und werde Sie nicht arbeiten laſſen, ohne den bei Ihnen üblichen Preis zu zahlen.“ Ich merke, daß ich den Stolz des Invaliden be⸗ leidigt habe, der mir aber nichts weniger als ein Kapitaliſt zu ſein ſcheint. Welchen Preis ſoll ich von ihm fordern? denn ich ſehe, daß ich mit einem 167 ſehr empfindlichen Manne zu thun habe und fürchte, entweder zu viel oder zu wenig zu verlangen.— Endlich ſpreche ich zu ihm: „Siebzig Franes. Finden Sie das zu theuer?“ „Nein, mein Herr, der Preis iſt annehmbar. Wann können wir anfangen?“ „Morgen, wenn Sie wollen. Sie mögten wohl recht bald das Portrait beſitzen.— Sind Sie preſſirt?“ „Unglücklicherweiſe, nein! Aber ich mögte es ſein— Wenn ich gefunden habe, was ich in Paris ſuche, reiſe ich wieder ab. Für den Augenblick weiß ich nicht, wann? Doch, fangen wir morgen immer an. Um welche Stunde?“ „Zehn Uhr Morgens. Iſt es Ihnen recht?“ „Vollkommen; ich bin immer frei. Alſo mor⸗ genfrüh zehn Uhr. Ich werde mich pünktlich ein⸗ ſtellen.“ „Ich werde Sie erwarten, mein Herr.“ Der Greis grüßt und entfernt ſich. Ich weiß nicht, warum dieſer Mann mich inte⸗ reſſirt. Er iſt für mich keiner von den gewöhnlichen Leuten, die wir malen und dann nicht wiederſehen. Dieſer Mann erregt in mir den Wunſch, ſeine Be⸗ kanntſchaft zu machen. Es wird mir ein Vergnügen ſein, ihn zu malen, denn er hat einen ſchönen Kopf und außerdem etwas, was mich anzieht— ich kann es aber nicht ausſprechen. 168 Denſelben Abend ſehe ich Carotin. Ich erzähle ihm von meinem neuen Portrait. Als ich mich in Lobeserhebungen über den ſchönen Kopf des Grei⸗ ſes ergieße, ſpricht er: „Frage ihn doch, ob er mir nicht zum Modell dienen will. Ich habe einen Jupiter auf das eines Tabakshändlers zu malen. 1„Begreifſt Du das Geiſtreiche meines Scildes Um zu beweiſen, daß man zu allen Zeiten geraucht hat, male ich Papa Jupiter in eine Wolke und laſſe ihn eine prächtige Cigarre für ſieben Sous rauchen. „Zu ſeinen Füßen ſitzt Junv und raucht eine Damen⸗Cigarre, der alte Vulcan kauet Tabak und Ganimed ſtopft ſich eine Pfeife. Was ſagſt Du zu der Allegorie? „Leihe mir Deinen Greis, die Modellſteher ſind verdammt theuer. Der alte Fignour, der uns in der Regel als Modell dient, ſtiehlt uns unſer Geld ab, 1 er ſitzt nicht einen Augenblick ruhig; bald kratzt er ſich, bald ſchnupft er die Naſe, bald nimmt er eine 1 Prieſe oder legt jeden Augenblick ein Stück Holz in den Ofen. Die Modells, die man nicht bezahlt, ſitzen beſſer.“ „Carotin, ich male einen höchſt achtbaren Inva⸗ liden⸗ der Dir nicht zum Modell dienen wird.“ „Warum nicht?“ „Weil er nicht nöthig hat, ein Gewerbe daraus zu machen, um leben zu können.“ — 169 „Habe ich denn ſchon geſagt, daß ich ihn bezah⸗ len will? O pfui! Das würde ich mir niemals er⸗ lauben. Es ſollte nur aus Freundſchaft geſchehen, nur, um mich zu verpflichten. Aber ſo ſind die Freunde! Haben ſie einen ſchönen Kopf zu machen, wollen ſie ihn einem Andern nicht leihen. Behalte Deinen Invaliden, ich kenne einen alten Bäckerge⸗ ſellen, der wird einen prächtigen Jupiter abgeben. 6 Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. ſſiſſſſiſſſſſſſiſſſſſſſiſſſtſſeiſtſſ 12 4 15 16 17 9 10 11 13 1